1 — — — Röömö— — 2 2 ÜA 2— —--—-.,—-,—õ-'.—.,— Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und S Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von fedan Tag 5 Pf. Weyl Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bi Bücher: —,———— auf 1 Monat: 1 M. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. „.3 6„ 4„—„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Väc r auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und deftcte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Thei leines größeren Wertes ſo iſt der eſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß d as Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———=——— — H. Clauren. Ein und ſechzigſtes Baͤndchen. Stuttgart, bei A. F. Macklot. 1 6 2 8. — E 8 52 „8 — 2. = 2 5 2 2 2 — — — 2 2 Lieschen ☚ s chen. 1. Es war am gruͤnen Donnerſtage, als von Herrn Fuͤrchtegott Ephraim Heydinger, wohlberuͤhmten Kauf⸗ und Handelsherrn zu Elleben, beim Kantor Lehnin, ein unfrankirtes Schreiben einlief, des In⸗ halts, daß nunmehr deſſen lieber Sohn ſeine Lehr⸗ jahre gluͤcklich uͤberſtanden habe, und in Kurzem bei den verehrten Eltern eintreffen werde, wo es nun an dieſen ſey, fuͤr des jungen Menſchen fer⸗ neres Fortkommen zu ſorgen. Eine wohlgeſetzte Lob⸗ rede ließ den Tugenden des bazherigen Zoͤglings alle Gerechtigkeit widerfahren, auch war die Erwähnung der eigenen Verdienſte um deſſen kaufmaͤnniſche Ausbildung nicht vergeſſen, und den Beſchluß machte ein Laus Deo uͤber mehrere kleine Auslagen, mit der dienſtlichen Bitte um baldigſte Berichtigung des Betrages. 2. „Soll ſein Geld haben,“ ſagte der Kantor, und legte das Schreiben, mit einem ſtillen Seufzer uͤber das ſchwere Porto, das es gekoſtet, in die alten 1* — Bruͤche.„Beim Gregorins⸗Singen muß ſo viel ein⸗ kommen, daß wir dieſen Baͤren losbinden können. Sieh, Frauchen, wie unuͤberſehbar doch die Raͤder des Schickſals, die Faͤden der Fuͤgung ſind! Den Griechen, den alten Griechen hat unſer Herr Hey⸗ dinger zu danken, daß er ſein Geld diesmal ſo bald bekömmt. In den aͤlteſten Zeiten feierte man in Athen die Panathenäen; das waren dreitaͤgige Fe⸗ ſte; am erſten gab es im Ceramicus großes Wett⸗ rennen; am zweiten Luſtgefechte mit Schiffen, und allerlei gymnaſtiſches Gaukelwerk, und am dritten muſiſche Wettkämpfe im Singen, Muſiciren, De⸗ klamiren und Komödien⸗Spiel. Geſaugene, ſo leich⸗ ter Vergehungen halber ſaßen, wurden losgelaſſen, und verdienſtlichen Maͤnnern uͤberreichte das Volk goldene Kronen. Eine herrliche Zeit! War ich da⸗ mals Kantor zu Athen, mein Kroͤnchen haͤtte mir nicht entgehen ſollen, und damit haͤtten hundert Heydinger'ſche Rechnungen bezahlt werden koͤnnen. Was bei den Griechen die Panathenaͤen, das war ſpa⸗ ter bei den Römern das Minervenfeſt; dieſes ſtand bei dem Volke ſo hoch in Ehren, daß man, als die Roͤmer zum Chriſtenthum uͤbergetreten waren, ſich nicht getraute, daſſelbe mit einemmale abzuſchaffen. Papſt Gregor der Vierte, ein gewitzigtes Maͤnnchen, taufte es daher um, und naunte es, weil Geſang und Muſik Hauptgegenſtände der Feier waren, zu Ehren ſeines Vorgaͤngers, Gregor des Erſten, der die allererſte Sing⸗Akademie zu Rom errichtet hatte, das Gregorins⸗Feſt. Von da an, alſo aus dem — ½&Q⏑———8———— ⏑△& 2 — ⏑— ͤͤ„r 12——— — 5— ten Jahrhunderte, ſchreibt ſich unſer Gregorius⸗ Singen her, bei dem ich diesmal ſo viel einzuneh⸗ men gedenke, daß Herr Fuͤrchtegott Ephraim Hey⸗ dinger von Heller zu Pfennig bezablt werden ſoll. Alfo— waͤr' Minerva, und die beiden Paͤpſte hei⸗ ligen Andenkens nicht geweſen, moͤchte Freund Hey⸗ dinger ſehen, wo er einen Kreuzer herbekaͤm', denn das Firum iſt knapp, wie leider Gottes bei faſt al⸗ len Schulſtellen im ganzen Lande.“ „Aber, wie Du nun biſt,“ hob die Frau, fröh⸗ lich bewegt an. Statt Dich uͤber den Brief, und uͤber das Lob, und uͤber die Hoffnung des baldigen Wiederſehens zu freuen, ſchwatzeſt Du von Deinen Griechen und Roͤmern, und haſt nichts im Kopfe, als die beigeſchloſſene Auslage⸗Rechnung.“ „Die Ehre geht uͤber Leib und Leben,“ entgeg⸗ nete der Kantor eifernd.„Die Bezahlung der li⸗ quidirten Summe iſt Ehren⸗Sache. Der Mann iſt honnet geweſen, er brauchte die Auslage nicht zu machen. Er konnte ſchreiben, Freund Kantor, ſo und ſo viel ſchickt mir allerbaldigſt, denn das muß Euer Sohn, vor ſeinem Abgange, hier noch bezah⸗ len, und Freund Kantor waͤre in einer ganz ver⸗ dammten Verlegenheit geweſen, denn wenn man ihn auf den Kopf geſtellt, kein Dreier waͤr' ihm aus der Taſche gefallen. Nun aber meine Panathe⸗ naͤen, meine Gregorius⸗Umgaͤnge ſo nahe vor der Thuͤr ſind, will ich mir ſchon Muͤhe geben, die Paar Thaler zuſammen zu bringen.— Der Brief ſelbſt— nein, der hat mir keine Freude gemacht, — — 6— gar keine. Vierzehn Groſchen Porto— es iſt ein Suͤndengeld. Musje Fuͤrchtegott Ephraim haͤtte ihn wohl frankiren koͤnnen, denn das hat ihm unſer Fritz durch ſeine Treue und Ehrlichkeit gewiß ſchon zehnmal eingebracht. Das Lob?— waͤre Fritz nicht brav, ich drehte ihm den Hals um, denn ein unge⸗ rathener Sohn iſt tauſendmal ſchlimmer, als gar keiner, alſo, das Lob verſtand ſich von ſelbſt. Fritz iſt gewiß noch viel beſſer, als ſein ſogenanntes Lob ſagt, denn Herzens⸗Hilaritas, es iſt dein Sohn!— Das Wiederſehen? Ja, Frau, darauf freue ich mich. Es kribbelt mir in der Naſe, daß ich weinen moͤchte, ſo freue ich mich, den Kerl an mein Herz zu druͤ⸗ cken; aber ich darf die Freude nicht laut werden laſſen; die Sorge ſchlaͤgt ſie gleich auf das Maul. Die Sorge, wo mit dem Jungen nun hin!— Kaufmann ſollte und mußte er werden. Nun iſt er es. Ging's nach ſeinem Kopfe, ward er Gaͤrt⸗ ner. Von Jugend auf hat er der Gartenkunſt mit Liebe und ausgezeichnetem Gluͤcke obgelegen, und darin hatte er Recht; denn der Gartenbau war das erſte Gewerbe der Welt, und wir wäͤren wahrſchein⸗ lich Alle nichts anders geworden, als gluͤckliche Gaͤrtner, und unſer ganzer Erdball waͤre jetzt ein Paradies, haͤtte Adam nicht den dummen Streich geſpielt und ſich von ſeiner Frau anfuͤhren laſſen. Die Griechen und Roͤmer hatten ihre Gartengoͤt⸗ ter; Pomona, Ceres, Vertumnus, Sylvan, Flora und Pales, was waren ſie anders, als Beſchuͤtzer und Freundinnen des Gaͤrtners? Und von den Gaͤr⸗ , o—ͤõSUO-gzͤ ten der Perſer, die Penophon luſtige Plaͤtze nennt, und von dem Garten der Heſperiden am Fuße des hyperboreiſchen Atlas, und vom Parke des Akinoos, koͤnnte ich Dir, zum Beweiſe, daß die Alten ſchon die Gartenkunſt ehrten, ein Breites erzaͤhlen.— Ging's nach meinem Kopfe, wäͤr' Fritz Kanutor geworden. Ein hungriger Kantor— das iſt in der Ordnung, da ſpricht kein Menſch darüber; aber ein hungriger Kaufmann iſt ein gar armſeliges Thier. Hier in Luͤnenſcheid, wo das Geld nur Dreier⸗ weiſe einkoͤmmt, koͤnnen unſere beiden Kräͤmer kaum beſtehen; wovon ſollte ein Dritter leben? auch fehlt es zum erſten Etabliſſement am Beſten. Alſo wo⸗ bin nun mit dem Jungen? Dienern?— Nun ja, es iſt das einzige Mittel, ihm das Kummerleben zu friſten, aber wer nimmt den Jungen? ein ein⸗ ziges Faͤhnchen auf dem Leibe, keinen Groſchen in der Taſche!“ „Ich wuͤßte wohl,“ erwiederte Hilaritas,„wo ich ihn hinwuͤnſchte! Sein Herr Pathe— „Ich bitte Dich,“ fiel ihr der Kantor mißbilli⸗ gend in das Wort.„Sein Herr Pathe! Wie Ihr Weiber nun gleich ſeyd! Weil der Mann vor ein und zwanzig Jahren zufällig bei ſeinem Vetter, dem ſeligen Ober⸗Steuer⸗Rath hier, zum Beſuch war, mußten wir ihn, ich moͤchte ſagen, mehr aus Scherz als aus Ernſt— denn der alte Ober⸗Steuer⸗Rath wollte ſeinen Spaß mit ihm haben, zu Gevatter bit⸗ ten. Der Mann war damals ſchon einer der reich⸗ ſten Kaufleute in Silberſtein, jetzt ſoll er ein Mil⸗ — 6— lionar ſeyn. Er hat ſich ſeit dem Tauftage um un⸗ ſern Jungen nicht bekuͤmmert, und nun— „Wir waren,“ fuhr Hilaritas fort,„damals ſo arm, als jetzt. Der gute alte Ober⸗Steuer Rath hatte uns bei dem Geratterſcherze wahrſcheinlich ein recht ergiebiges Eingebinde zugedacht; ich hatte mich im Stillen darauf gefreut; ich wollte es mei⸗ nem Fritz aufheben, und es austhun und Zins auf Zins dazu legen, daß, wenn der Junge groß wuͤrde, er ein Kapitaͤlchen habe, mit dem er etwas anfangen koͤnne; aber, ich mochte das Taufbettchen um und um wenden,— der Herr Gevatter Reichhart hatte nichts hineingelegt. Der Junge ward jaͤhrig. Jetzt meinte ich, muͤßte der Herr Pathe ſchicken. Aber der Herr Pathe ſchickte nichts.“—„Nun aber Frau,“ unterbrach ſie der Kantor halb unwillig,„wie konn⸗ teſt Du auf ſo etwas nur im Entfernteſten rech⸗ nen? Die Griechen und Roͤmer hatten gar keine Pathen, und wurden doch groß gezogen und kamen glücklich durch die Welt. Herr Reichhart, das kannſt Du Dir doch an den Fingern abzaͤhlen, wird Jahr aus Jahr ein vielleicht ſeine zehn⸗, zwanzigmal zu Gevatter gebeten; wenn er alle ſeine Pathen ſo be⸗ denken ſollte, wie Du es ſcheinſt haben zu wollen, fraͤßen ihm die Rangen die Haare vom Kopfe. Er hat die ganze Gevatterſchaft laͤngſt vergeſſen, und denkt an den Jungen mit keiner Sylbe.“ „Darum meinte ich eben,“ entgegnete Hilari⸗ tas,„ob es nicht raͤthlich geweſen, den Jungen bei dem Herrn Gevatter Reichhart in Erinnerung zu — u — 9— bringen; vielleicht haͤtte Fritz das Gluͤck, bei ihm auf das Comtoir zu kommen, oder—“ „Nein, Ihr Weiber ſeyd doch, eins wie das an⸗ dere,“ ſchalt der Kantor verdruͤßlich.„Da ſchwatzt Ihr, wie Euch der Schnabel gewachſen, in das Blaue hinaus, von Dingen, von denen Ihr kein Wort verſteht; wer Dich ſo reden hoͤrte, Hilaritas, muͤßte bei meiner Treu denken, es gehe Dir, wie wir La⸗ teiner zu ſagen pflegen, das Granum salis, die Ur⸗ theilskraft, ab. Was ſoll denn der, beim Klein⸗ kraͤmer Fuͤrchtegott Ephraim Heydinger angelernte Fritz, bei dem Bankier Herrn Reichh art? Der kann den Dutten⸗Dreher nicht brauchen; er muß Leute haben von ſpekulativem Kopf, auf den großen Weltmaͤrkten bewandert, der neueren Sprachen maͤchtig, und im kaufmaͤnniſchen Rechnungsweſen zu Hauſe.“ „Freilich,“ ſagte Frau Hilaritas faſt ein wenig ſpoͤttelnd,„koͤnnen wir Frauen das Alles in unſe⸗ rer Einfalt nicht ſo klar uͤberſehen, wie ihr klugen Maͤnner; indeſſen die blinde Henne findet doch auch zuweilen ihr Koͤruchen. Neulich, es mag wohl ſchon einen Monat her ſeyn, begegnete ich Ober⸗Steuer⸗ Raths Viktorinchen; wir kamen in's Schwatzen; ein Wort gab das andere. Zufaͤllig fragte ſie unter andern auch nach Fritz. In dem Augenblicke fiel mir ihr Vetter, unſer Herr Gevatter Reichhart ein; ich meinte gerade hin, daß der fuͤr ſeinen Pathen noch gar nichts gethan, und daß es wohl huͤbſch waͤre, wenn er ihn nun, da er ausgelernt, in ſeine Handlung nehmen koͤnnte. Viktorinchen, das gute Kind, hat nichts Eiligeres zu thun, als ihm da⸗ von zu ſchreiben, und hier iſt ſeine Antwort.“ 5. Sie holte bei den Worten, aus der altfraͤnki⸗ ſchen Nußbaum⸗Kommode, den Brief, und uͤber⸗ reichte ihn mit kaum zu unterdruͤckendem Triumph⸗ Laͤcheln, und der ehrliche Kantor las darin zu ſei⸗ nem Staunen, daß Fritz, nachdem uͤber ihn in El⸗ leben die genaueſte Nachricht eingezogen, und dieſe in jedem Betracht hoͤchſt empfehlend gelautet, gleich nach Oſtern gen Silberſtein kommen, und im Reich⸗ hart'ſchen Comtoir angeſtellt werden ſolle, wo, wenn Fritz ſo wacker bleibe, als er jetzt mehrſeitig ge⸗ ſchildert worden, und ſich in das Geſchaͤft gut ein⸗ ſchieße, der Herr Pathe fuͤr ihn weiter ſorgen wer⸗ e, wie der Vater fuͤr ſeinen Sohn.„Noch bin ich,“ hieß es am Schluſſe des Schreibens,„dem armen Jungen das Pathengeſchenk ſchuldig; indeſſen boffe ich, ihm hierunter gerecht zu werden. Ich war naͤmlich zu der Zeit, als der Knabe geboren ward, bei Euch in Luͤnenſcheid, um dort ein nicht ganz unbedeutendes Geſchaͤftchen zu machen. Auf Veranlaſſung Deines Vaters, ward ich zu des Kin⸗ des Tauffeſte eingeladen; an dem naͤmlichen Tage ſollte das beabſichtigte Geſchäft zum Abſchluß kom⸗ men; ich gelobte mir im Stillen, meinem kleinen Pathen zehn Procent vom reinen Gewinne, als Eingebinde zu beſtimmen Ward mir aus meiner Unternehmung, um des frommen Gelubdes wegen, & S — 2 ein ſo reichlicher Segen, oder lag dieſer aus an⸗ dern Urſachen auf dem Geſchaͤft, kurz es rentirte weit hoͤher, als ich anfänglich kalkulirt hatte; doch hielt ich mein mir einmal gegebenes Wort ehrlich, und ſchrieb, nachdem die Entrepriſe völlig ausge⸗ fuͤhrt war, und ich meine desfallſige Schlußrechnung angelegt hatte, meinem Pathchen an 1200 Rthlr. gut; dieſe haben ſich ſeitdem, durch die unterdeſſen aufgekommenen, und ihm gleichfalls kreditirten Zinſen, mehr denn verdopelt, und ſo hat der junge Menſch, den Du als ganz mittellos ſchilderſt, bei ſeinem Eintritt in die Welt, gleich ein kleines Ka⸗ pital, uͤber das ihm die Diſpoſttion durchaus frei ſteht.“ 4. Der Kantor ſah ſtarr auf das Blatt und traute ſeinen Augen kaum. Sein Fritz, Herr eines Ka⸗ pitals von drittehalb tauſend Thalern! das uͤber⸗ ſtieg faſt die Grenzen ſeines Faſſungs⸗Vermoͤgens. „Mein Gott und Herr,“ rief er in freudiger Ruͤh⸗ rung:„dann iſt ja der Junge viel reicher als ſein Vater. Ich mag hier kantoriren ein halbes Jahr⸗ hundert, und noch laͤnger, das Suͤmmchen bringe ich doch immer nicht zuſammen; und nun auch noch beim Herrn Pathen auf das Comtoir! Hilaritas, gib Acht! Fritz— das Gluͤck will ihm wohl, das ſieht ja ein Blinder— Fritz wird einmal ein großer reicher Kaufmann! ein Bankier, ein Millionaͤr, am Ende gar noch Geheimer Commerzienrath.“ „Und wer hat ihm denn dazu den Weg ge⸗ bahnt?“ fragte Hilaritas, den Großſprecher beſchä⸗ mend,„Eins von den einfaͤltigen Dingern, die von Sachen, die ſie nicht verſtehen, in das Blaue binausſchwatzen, wie ihnen der Schnabel gewach⸗ ſen. Herr Gevatter Reichhart muß den Duͤtchen⸗ Dreher auf ſeinem Comtoir doch; wohl brauchen koͤnnen; ſonſt haͤtte er ihn nicht zu ſich berufen. Sieh, lieber Mann! der Franen Weiſe iſt, nicht L. vor der Zeit zu reden, ſondern erſt zu handeln,“ und dann zu ſprechen. Die Herren Maͤnner aber, die gewoͤhnlich Alles beſſer wiſſen wollen, reden im⸗ mer gern vorher, und reden immer gern nachher, und thun, als wollten ſie ſich vor lauter Arbeit— zerreißen, und wenn man, was ſie gethan, bei Lichte anſteht, ſo iſt es eitel wenig, oder gar nichts.“ „Na, laß gut ſeyn, Hilaritas,“ entgegnete der Kantor,„ich will ja gern zugeben, daß Ihr auch einmal einen geſcheidten Einfall haben koͤnnt.— Aber ſieh, wie die Tugend anſteckt! Fritz hat 2500 mal mehr als ich, und koͤnnte die Heydinger'ſche Auslage⸗Rechnung wohl aus eigenen Mitteln be⸗ richtigen; aber hat Herr Reichhart ſein ſich gege⸗ benes Wort gehalten, will ich das meinige auch nicht brechen. Ich will meinen Gregorius⸗Umgang, der mich immer tief heruntergedruͤckt hat, weil das Ding einer Bettelei ſo aͤhnlich ſieht, wie ein Ei dem andern, diesmal mit Luſt und Freuden hal⸗ ten. Singe ich doch fuͤr meinen Jungen. Und gibt ihm Gott ferneres Gluͤck mit auf den Weg, und — 1. 88 macht er ihn zum reichen Kroͤſus von Lydien, nun ſo werden von dem Goldſande ſeines Paktolus dem alten Vater auch wohl ein Paar Koͤrncheu abfal⸗ len, daß er nicht mehr noͤthig habe, vor den Thuͤ⸗ ren der loͤblichen Buͤrgerſchaft und der Honoratio⸗ —ren auf den umliegenden Villen, ſein kaͤrgliches Brod zuſammen zu fiſtuliren. Wie ſo ganz anders ſtand ehedem die Kunſt des Geſanges und die Muſik uͤberhaupt in Ehren. Zu Davids Zeiten war Che⸗ nanja, der Oberſte der Leviten, koͤniglicher Sang⸗ meiſter, und hatte ein Corps von 4000 Saͤngern und Kammer⸗Muſicis unter ſich. Das war doch noch ein General⸗Muſſk⸗Direktor, der ſich ſehen laſſen konnte. Salomo hatte bei der Einweihung ſeines Tempels eine Kapelle von 40,000 Harfeni⸗ ſten, 200,000 Trompetern und 200,000 Saͤngern. An der Spitze der griechiſchen Saͤnger⸗Schulen ſtan⸗ den Orpheus, Heſiodus und Homer. Clemens der Roͤmer, ein Gefaͤhrte des Apoſtel Paulus, fuhrte die erſten Kantoren, unter dem Titel der Pfalmen⸗ Vorſaͤnger, ein. Der heilige Theodoſius war ein ſolcher Kantor, und Primicerius hieß der Ober⸗ Kantor, der die Pſalmiſten zu unterrichten und einzuuͤben hatte; Gregor der Große erhob in der Regel die beſten ſolcher Saͤnger zu paͤpſtlichen Kaͤm⸗ merlingen; der weltbekannte Harfner, Koͤnig Al⸗ fred, befoͤrderte den Geſang⸗Unterricht in Großbri⸗ tannien; Kaiſer Karl der Große deſſelbigen glei⸗ chen in Deutſchland und Frankreich; in ſeiner Hoß⸗ Singſchule gab Se. Kaiferl. Majeſtaͤt Allerhoͤchſt⸗ — 14— felbſt Unterricht; und die Minne⸗Sänger, was wa⸗ ren ſie in jenen goldenen Tagen der feinen Hof⸗ ſitte, bis auf die barbariſche Zeit, wo ſie durch die Hofnarren aus dem Kreiſe der Fuͤrſten und Her⸗ ren verbannt wurden, urſpruͤnglich anders, als un⸗ ſere heutigen Kantoren? Nur, daß ſich ſelbſt Kai⸗ ſer und Koͤnige unter jenen aufnehmen ließen! Da⸗ mals galten noch die vier gekroͤnten Töne, Muͤg⸗ ling, Frauenlob, Marner und Regenbogen, die heut zu Tage kein Menſch mehr kennt, und—“ „Und da Dein gelehrtes Wiſchiwaſchi,“ fiel Hi⸗ laritas ihm in das Wort,„keinem Menſchen viel frommen moͤchte, ſo wirſt Du am beſten thun, ſtatt der unnuͤtzen Salbaderei, Deine Jungen vorzuneh⸗ men, und ihnen neue Motetten und andere gute Singſtuͤcke tuͤchtig einzuuͤben, damit Du mit Dei⸗ nem Chor, beim Gregorius⸗Umgang, Ehre einle⸗ geſt, wo denn die reichlichen Ehren⸗Geſchenke Eu⸗ rer Zuhoͤrer nicht ausbleiben werden.“ „Ehren⸗Geſchenke,“ brummte der Kantor vor ſich hin,„wie die Menſchen doch erfinderiſch ſind, ihre Blöͤße zu bedecken. Nenne das Ding doch beim rechten Namen. Almoſen iſt es, das man uns zu⸗ wirft, und weiter nichts. Die gute Stadt Eiſenach war die Erſte, welche die leidige Mode aufbrachte, daß die Schuͤler, auf den Straßen herumziehend, Figural⸗Geſaͤnge vortrugen. Die Zuhörer, von dem Talente der Kunſtfertigen entzuͤckt, druͤckten ihnen, in ihrer Erbauung, im Voruͤbergehen eine kleine Vergnuͤglichkeit in die Hand; darum fand die Ein⸗ A 3 82 S S8o¼ &&*G& en, ine kin⸗ richtung, an der Dr. Luther, ein tuͤchtiger Sang⸗ meiſter, wohl den Hauptantheil gehabt haben mochte, auch in andern Staͤdten Eingang, und was ehe⸗ dem eine Liebhaberei war, ward ſpaͤterhin ein Muß, ein Joch; denn, Hilaritas, das magſt Du wohl glauben, das einzige Weidenwalde ausgenom⸗ men, wo der wackere Oberamtmann, ſelbſt Muſik⸗ freund und Meneſtrel, den Schulmann wie den Saͤnger zu achten weiß, ſind uͤberall meine herrli⸗ chen Motetten und Cantaten von Haͤndel, Bach und Graun, reine, den Saͤuen vorgeworfene Per⸗ len; denn, wo man, mit Anſtrengung aller Lebens⸗ kraft, ſich vor unverſtaͤndigen, boͤrunfahigen Ohren, die Bruſt wund ſchreien muß, da iſt das Singen eine Laſt, aber keine Luſt.“ 5. Zu Weidenwalde ſtand vor dem Amthofe, auf dem im Fruͤhlingsgruͤn prangenden Baumanger, eine hochſtaͤmmige Ulme. Unter dieſer fand ſich der alte Oberamtmann, um dem verdienſtlichen Kan⸗ tor das demuͤthigende Singen vor ſeiner und ſei⸗ ner Bauern Thuͤren zu erſparen, mit ſeiner Fa⸗ milie gewoͤhnlich ein, wenn Freund Lehnin, an der Spitze ſeiner tuͤchtigſten Currendaner, zum Gre⸗ sorius⸗Umgang anmarſchirt kam. Auch diesmal be⸗ willkommnete er hier den Meiſter mit deſſen Wan⸗ der⸗Saͤngern, und erquickte die Durſtigen mit einem Trunke friſchen Weins, und gebot nun, da der Kantor die Notenblaͤtter vertheilte, den Bau⸗ ern, die zum Ohrenſchmauſe mit Frau und Kind — 16— aus dem Dorfe herbeigeeilt waren, und um Ulme, Oberamtmann und Currende einen faſt zu engen Kreis geſchloſſen hatten, Ruhe und Stille, denn er war ein leidenſchaftlicher Liebhaber der Kunſt, und hatte in fruͤher Jugend ſelbſt den Baßpommer und das Cymbal, zu deutſch Hackbrett mit ſeltener Fer⸗ tigkeit gehandhabt.„Nun, Kantorchen,“ rief er in froͤhlicher Erwartung,„zum Anfang eine recht tuͤchtige zehn⸗ zwoͤlfſtimmige Fuge, wo der Dux und der Comes, und das Contra-Subject und die re⸗ percussio, und die Zwiſchenharmonie, recht ſcharf geſchnitten, heraustreten; wenn Alles dann ſo recht wild du⸗cheinander geht, und Alles doch zu ſammen klingt und zuſammen klappt, und der Comes und das Contra-Subject ſich einander in den Haaren liegen, und der Dux immer ſeinen Gang feſt und kraͤftig fortgeht, und die hartnaͤckige, biſſige re⸗ percussio den Hader immer wieder von Friſchem anfaͤngt, und endlich die Zwiſchenharmonie, als ver⸗ ſöhnende Vermittlerin dazwiſchen tritt, und Alles ſich in Frieden und Freuden aufloͤſet, o mein alter Lehnin, dann lacht mir das Herz im Leibe, und wenn ich mir, uͤber die Hartleibigkeit eines Hoch⸗ preislichen Finanz⸗Departements, oder uͤber die Stoͤrrigkeit meiner lieben Herren Bauern, oder uͤber das ſchreiende Mißverhaͤltniß des Kornwerths zu den Schmied⸗ und Stellmacher⸗Rechnungen, die Kaldaunen auch noch ſo voll geaͤrgert habe, und es koͤmmt mir recht ſeelenergreifende Muſik vor die Ohren, ſo verſchwindet alle Galle und Bosheit, die i ſeine gerol dem durd der harn liche wollt komr noͤth N als e um das mach ruͤcks ſche, ihm gem ganz⸗ ner amtn Weit L — 17— und es gehet mir, wie Saulo, wenn David die Harfe nahm und ſie ſpielte mit ſeiner Hand, da erquickte ſich Saul, und ward beſſer mit ihm, und der boͤſe Geiſt wich von ihm.“ — 6. Jetzt aber hob der Kantor, mit ernſtem Blicke, die im Halbzirkel aufgeſtellte Currende uͤberfliegend, ſeinen muſikaliſchen Marſchallſtab, das zuſammen⸗ gerollte Notenblatt, gebieteriſch in die Hoͤhe, und in dem Nu, daß er damit die milde Fruͤhlingsluft durchſchnitt, begann die Motette, und der Dux und der Comes und die Repercuſſion und die Zwiſchen⸗ harmonie, Alles fugirte in einander, und der ehr⸗ liche Lehnin taktirte mit Haͤnden und Fuͤßen, und wollten die Gregorius⸗Schreihaͤlſe aus dem Geleiſe kommen, und durchgehen, ſo warf er ſich, wo es noͤthig war, dazwiſchen, und bruͤllte aͤrger, als Alle. Mitten aber im muſtkaliſchen Direktions⸗Eifer, als er eben beide Haͤnde hoch ausgeſpreitet hatte, um die Comites, die rein toll werden wollten, und das ganze Tonwerk um und um zu werfen Miene machten, zu beſchwichtigen, ſchluͤpfte ihm hinter⸗ ruͤcks, unter die Arme, ein ſchlanker feiner Bur⸗ ſche, ein Raͤnzel auf dem Nacken, und warf ſich ihm an die Bruſt und umſchlang ihn mit freudi⸗ gem Entzuͤcken.„Kantors Fritz,“ rief Alles im ganzen Kreiſe, und der Vater und die Currenda⸗ ner verloren den Ton im Munde, und der Ober⸗ amtmann hieß ihn herzlich willkommen. Schon von Weitem hatte Fritz des Vaters Stentor Stimme LXI. 5 — 18— erkannt, und ſo muͤrbe ihn die weite Wanderung auch gemacht, er hatte alle Muͤdigkeit vergeſſen, und war von der Landſtraße abgebogen, und auf den Fluͤgeln der Kindesliebe herangeeilt. 7. Renate, des Oberamtmanns Juͤngſte, kredenzte jetzt, auf blankem zinnernen Teller, dem Kantor und dem Fritz, friſche Honigſemmeln und alten Franzwein. Zweimal hatte ihr der Vater heißen muͤſſen, den Gaͤſten ihre wirthliche Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Ein ihr ganz fremdes Gefuͤhl, eine Art jungfraͤulicher Scheue hatte ſich ihrer ſo ſon⸗ derbar bemeiſtert, daß es ihr ſchwer anging, dem Fritz unter die Augen zu treten. In fruͤheſter Kind⸗ heit hatten ſie mit einander gar luſtig geſpielt und getollt. Man hatte ſie ſonſt immer die Wilde ge⸗ ſcholten, und darum mochte Fritz, der damals auch ein ſehr munterer Geſell geweſen, ſie vor allen an— dern Kindern am liebſten haben leiden moͤgen. Fritz war wohl fuͤuf, ſechs Jahre aͤlter als ſie, aber deſ⸗ ſen ungeachtet war er ihr doch immer der liebſte Spielkamerad im ganzen Staͤdtchen geweſen. Jetzt — hatte er ſie doch noch gar nicht eines Blicks ge⸗ wuͤrdigt, gar nicht gethan, als waͤre eine Renate in der Welt. In Elleben mochten wohl huͤbſchere Maͤdchen geweſen ſeyn; wo hatte er da an die wilde Renate gedacht! Nun, ſo ausgelaſſen, wie ehedem, war ſie jetzt auch nicht mehr, und— ſie war ge⸗ wiß recht beſcheiden, und bildete ſich auf ihr Laͤrv⸗ chen nichts ein, aber uͤbertrieben haͤßlich hatte ſie noch zum len t und bieten D — chen, und Herze aus! als e nahn gerich kame mit an d reize nem 2 ſchul zu ſt freut verle ner die die i kam me mit ren rung ſſen, auf denzte antor alten heißen imkeit „eine o ſon⸗ „ dem Kind⸗ lt und lde ge⸗ ls auch len an⸗ . Fritz ver deſ⸗ liebſte . Jetzt icks ge⸗ Renate üͤbſchere ie wilde ehedem, war ge⸗ or Laͤrv⸗ hatte ſie — 19— noch Niemand geſchimpft.— Doch der Vater winkte zum dritten Male. Sie mußte ihm ſchon den Wil⸗ len thun und dem hochverehrten Herrn Kantor und ſeinem blinden Fritz die Erfriſchungen an⸗ bieten. Der Kantor nannte ſie ſein zuckerſuͤßes Renat⸗ chen, lobte nippend den dunkelgoldigen Franzwein, und trank ſpaßhafter Weiſe auf das Wohl ihres Herzallerliebſten; Fritz, dem eben drei Baſſiſten aus der Zwiſchenharmonie, ehemalige Quartaner, als er aus Prima abging, das Raͤnzel vom Ruͤcken nahmen, griff, den Blick auf den Praͤſentirteller gerichtet, und im lebhaften Geſpraͤch mit den Schul⸗ kameraden begriffen, nach dem Glaſe und trank, mit dem Oberamtmann anſtoßend, dem Andenken an die hier froh verlebten Jugendtage, aber die reizende Hebe, die niedliche Renate, ſah er mit kei⸗ nem Auge an. Der bitterſte Unmuth uͤberwallte des Maͤdchens ſchuldloſes Herz.„Er trinkt,“ ſagte ſie ſchmollend zu ſich ſelbſt,„in dem Weine, den du ihm gaſt⸗ freundlich reichſt, dem Andenken an die hier froh verlebten Jugendtage, und denkt deiner mit kei⸗ ner Sylbe; was hat ihm denn nun eigeutlch hier die Tage ſo froh gemacht? Eine Schuͤrze voll Aepfel, die ihm die ſelige Mutter entgegenbrachte, wann er kam? Oder das Gluͤck, die alte Lieſe in die Schwem⸗ me zu reiten? Oder die Seligkeit, bei der Ernte mit den vier gehoͤrnten Porzellain⸗Schecken einfah⸗ ren zu helfen?“ Sie wendete ſich von ihm ab, und — 20— aͤrgerte ſich, daß ſie ſich des Wiederſehens ſo ge⸗ freut hatte, und daß er ſo huͤbſch war, und daß ſie ihm faſt wider Willen gut ſeyn muͤßte, und nahm ſich vor, ihn nun auch gar nicht mehr anzuſehen. Da hob Fritz, zum Oberamtmann gewendet, mit weicher Stimme an, wie ſich in ſo kurzer Zeit ſo viel doch anders geſtalten koͤnne.„Ihre gute herr⸗ liche Frau iſt ſchlafen gegangen, und Ihre lieben, lieben Kinder— ſind alle von hiunen gezogen. Der ehrliche Peter ſchon Hauptmann; Chriſtelchen ſchon Mutter; Franz ein wackerer Bruder Studio, und Renatchen? Ihr niedliches Neſthaͤkchen, mein wildes Kaͤlbchen, wo iſt denn das hingekommen?“ „Nun, Freund,“ entgegnete der alte Oberamt⸗ mann, und nahm Renate, die eben neben ihm ſtand, lachend bei der Hand,„iſt denn das Mäd⸗ chen Ihnen ganz aus dem Gedaͤchtniß gewachſen?“ Und die roſige Jungfrau ergluͤhte unter ſchalkhaf⸗ tem Lächeln, und konnte das Feuerauge nicht auf⸗ ſchlagen, denn Fritz verſchlang ſie mit ſeinem Blick, und wollte kaum glauben, daß das runde, dralle Ding von ehedem, die vor ihm ſtehende uͤppig ſchlanke Geſtalt ſeyn koͤnne; er wollte ſeiner Ver⸗ wunderung Worte geben, allein der Oberamt⸗ mann ließ ihn dazu nicht kommen, ſchenkte von Neuem die Glaͤſer voll und trank auf die Freude des glücklichen Wiederſehens, und als Renate und Fritz mit einander anſtießen, begegneten ſich ihre Blicke, und die Knoſpe der Kinderfreundſchaft be⸗ gann, mwie es Fritzen bedünken wollte, ſich zur Roſe fuͤhlte in die in ih daß F moͤge ihr d ſchiel pfeilf Fran gen ihrig dete, ſie, nen T rende gorin der l tet h gekon tette aͤchte vorn Dure götzt wand Dorf weit daru o ge⸗ aß ſie nahm en. mit eit ſo herr⸗ eben, Igen. lchen udio, mein en 774 amt⸗ ihm Naͤd⸗ 2n 2⸗ khaf⸗ auf⸗ Blick, ralle ppig Ver⸗ amt⸗ von eude und ihre t be⸗ zur — 21— 8 Roſe der ſchuldloſen Liebe zu entfalten. Renate fuͤhlte waͤhrend des Trinkens, wie ihr alles Blut in die Wangen trat, ſie ſenkte verſchaͤmt das Auge in ihr Glas, und hatte nur den einzigen Wunſch, daß Fritz ihr dummes Rothwerden nicht bemerken moͤge, weil der ſonſt denken koͤnnte, wunder, was ihr die Feuergluth auf das Geſicht gegoſſen; ſie ſchielte nur mit einem Achtelblick ſeitwaͤrts, aber pfeilſchnell wendete ſie wieder das Auge auf ihre Franzwein Neige im Glaſe, denn Fritzens Wan⸗ gen waren akkurat ſo dunkel uͤberpurpurt, als die ihrigen, nur daß der Musje, wie ſie ſich einbil⸗ dete, beim Trinken ſehr ſchelmiſch gelaͤchelt, wozu ſie, in ihrer ſonderbaren Beklommenheit, um kei⸗ nen Preis haͤtte kommen koͤnnen. Der Oberamtmann rief jetzt die zerſtreuten Eur⸗ rendaner zuſammen, ſtellte das unterbrochene Gre⸗ gorius Feſt wieder her, und bat zur großen Freude der loͤblichen Bauerngemeine, die bereits gefuͤrch⸗ tet hatte, um das diesmalige Gregorius⸗Singen gekommen zu ſeyn, den Kantor, die herrliche Mo⸗ tette, in der Fritz unvermutheter Weiſe, als eine aͤchte Zwiſchenharmonie mitfügirt hatte, wieder von vorn anzufangen, und waͤhrend das muſſkaliſche Durcheinander die werthen Zuhoͤrer maͤnniglich er⸗ götzte, zogen ſich Fritz und Renate ſeitwärts, und wanderten, Arm in Arm, laͤngs den Zaͤunen der Dorfgaͤrten hin. Wohl mochte es in der Runde weit und breit kein huͤbſcheres Paͤrchen geben, und darum ſahen ihn en, uͤber die niedrigen Flechtzaͤune auch alle Frauen und Maͤdchen nach, die in den Gaͤrten arbeiteten, und Renatens kleiner Eitelkeit that es wohl, in den beifaͤlligen Aeußerungen der Doͤrflerinnen, Fritzens einſtimmiges Lob hinter ſich herziehen zu hoͤren. Beide ſchwatzten in traulicher Unſchuld von den Freuden der Vergangenheit; jedes Plaͤtzchen gab ihnen Stoff zu den lebendigſten Erinnerungen. Hier unter den Linden hatten ſie Haſchens geſpielt; dort lief der Weg in den Laubwald, wo ſie des Morgens immer in die Dohnen gegangen; da un⸗ ten im Thale ſchlaͤngelte ſich das Fließ hin, in dem, zum oroßen Gaudium der Kinder, im Juni gewoͤhnlich die Schaafe geſchwemmt worden waren. Hier der ſcharfkantige Granitſtein am Fußſteige— „beſinnen Sie ſich noch,“ fragte Renate, und blickte ihm mit freundlicher Herzlichkeit in das Auge,„wie Sie hier einmal mein Wunder⸗Doktor wurden?“ Fritz ſann vergeblich und geſtand, daß ihm die Geſchichte entfallen; da erzählte Renate, wie ſie hier mit mehreren Kindern zuſammen viel tolles Zeug getrieben, und unter andern einen Kreis mit den Geſichtern nach außen gebildet haͤtten; das Muͤl⸗ lermaͤdchen, Renatens Nachbarin, hatte im ſchnell⸗ ſten Drehen losgelaſſen, und Renate waͤre dadurch heftig aus dem Kreiſe geſchleudert worden, und mit der Stirne gerade auf die ſcharfe Kante des Gra⸗ nitſteins gefallen.„Ich ſchrie,“ fuhr ſie zwiſchen Lachen und Ruͤhrung fort,„als ſtaͤck' ich am Spieße, denn das Blut ſpritzte mir in weitem Bogen aus der W weil S in der Blut der S heilte man 0 772 Weiſe erinn⸗ auf d Schre ſen, gen E ten, ren er Blitz Rena ſtrahl lichen nahm dieſer was, wohl geſche 2 zu un legen ſichtb keln n den telkeit en der ter ſich n den n gab ngen. pielt; je des da un⸗ Juni paren. eige— blickte „wie den?“ m die ie hier Zeug it den Muͤl⸗ chnell⸗ adurch nd mit Gra⸗ diſchen pieße, n aus — 23— der Wunde; da ſprangen Sie herbei und ſogen, weil Sie irgendwo geleſen haben wollten, daß dies in derlei Faͤllen das ſchnellſte Heilmittel ſey, das Blut auf; das that mir augenblicklich ſo gut, und der Schmerz legte ſich alſobald, und die Wunde heilte allmaͤhlig ſo gluͤcklich wieder zuſammen, daß man jetzt kaum noch eine Spur davon ſieht.“ „Ja, ja,“ entgegnete Fritz, von der ſanften Weiſe, mit der ſich Renate des kleinen Begebniſſes erinnerte, ſeltſam bewegt,„wahrhaftig hier, hier auf dieſer Stelle war es! Gott, welchen toͤdtlichen Schreck hatten wir damals! Die Augen geſchloſ⸗ ſen, leichenblaß, ſtumm und faſt ohne Athem la⸗ gen Sie mir in den Armen, und als Sie erwach⸗ ten, und zu unſerer unausſprechlichen Freude, Ih⸗ ren erſten Blick,“ war ihm doch, als floͤge ihm ein Blitz uͤber die Zunge, und riß ihm das Wort weg; Renate ſah zu ihm auf, und, eben wie damals, ſtrahlte ihm das Feuer ihres Blickes ihren freund⸗ lichen Dank entgegen, fuͤr die werkthätige Theil⸗ nahme, fuͤr die rettende Huͤlfe; nur lag jetzt in dieſem ſchmachtenden Gluͤhen ein unnennbares Et⸗ was, was ihn mitten in das Herz traf, daß ihm wohl und wehe ward, und er nicht wußte, wie ihm geſchehen. „Und noch jetzt,“ fragte er, nur um die Pauſe zu unterbrechen, in der ihn eine ganz eigene Ver⸗ legenheit uͤberfiel,„ſollten Spuren jener Wunde ſichtbar ſeyn?“ Da ſtrich Renate laͤchelnd die dun⸗ keln Ringellocken von der ſchoͤnen Stirn, und oben ſſſ 5 ‧ſſſ— links im Winkel verlief ſich eine kleine kaum zu bemerkende Narbe in das vordere Haupthaar, und wie damals der Knabe das Kind, ſo umſchlang jetzt der Juͤngling die Jungfrau, und druͤckte die Lippen auf die Stelle, auf die, um ſie ihm naͤher zu be⸗ zeichnen, Renate mit dem Mittelfinger ihrer klei⸗ nen Rechten getippt hatte, und Renate ließ ihn ge⸗ waͤhren; war ihr doch, als brenne ihr die Wunde von Neuem, und ſeyen ihr des liebenden Juͤng⸗ lings zarte Kuͤſſe ein heilender Balſam. Doch, wie hienieden Freude ſelten von langer Dauer, in dem Augenblicke rief Annemarie, eine Geſandtin des Amtshofs, von weitem ihnen zu, daß ſie unge⸗ ſäumt heim kommen moͤchten, weil der Herr Kan⸗ tor ſammt der Currende bereits im Aufbruch be⸗ griffen, und der Herr Oberamtmann geſonnen ſev⸗ ihnen bis zum Hahnrei⸗Bruckchen das Geleite zu geben. 6. Waͤrve Fritz doch ein Paar Minuten ſpäͤter ge⸗ kommen! Er traf mit Renaten eben auf dem Baum⸗ anger ein, als der Vater von den Gemeine⸗Mit⸗ gliedern die Gregorius⸗Spende einſammelte, und die aus Brod⸗Kruͤmmeln und Tabaksbläͤttern muh⸗ ſam zuſammen geſuchten Kupferdreier und Silber⸗ ſechfer beiſteckte; um das Maaß ſeiner Beſchaͤmung voll zu machen, druͤckte der Oberamtmann, der ſeit 20 Jahren in der Regel fuͤr den Gregorius⸗Sing⸗ ſang jedesmal einen Thaler gegeben hatte, dies mal dem Vater ein Goldſtuͤck in die Haͤnde, und dieſer ſenkte gaben auf ſ ſen, entbe V ſeine das ſchlut ſich 84 Hein tape Aber ihne und Maͤt und Ohr des Klu men amt ſchei Lied deri um zu r, und ng jetzt Lippen zu be⸗ er klei⸗ ihn ge⸗ Wunde Juͤng⸗ och, wie in dem tin des unge⸗ er Kan⸗ uch be⸗ ien ſey, leite zu iter ge⸗ Baum⸗ e⸗Mit⸗ te, und in muͤh⸗ Silber⸗ hmung der ſeit ⸗Sing⸗ diesmal d dieſer — 25— ſenkte es mit einem Geſicht zu den uͤbrigen Opfer⸗ gaben, in dem das widrige Gefuͤhl zu leſen war, auf ſolche erniedrigende Weiſe annehmen zu muͤſ⸗ ſen, was zur lieben Nahrung und Nothdurft un⸗ entbehrlich. Wie konnte jetzt Fritz zur Tochter deſſen, der ſeinem Vater mit einer Art vornehmer Dickthuerei das goldfuchſige Almoſen hinwarf, aufblicken! Er ſchlug die Augen tief zur Erde nieder und wendete ſich abwaͤrts. Paar und Paar zogen die Currendaner auf dem Heimwege uͤber die unabſehbare, mit neuem Gruͤn tapezirte Wieſe, und ſangen das alte Gellertſche Abendlied:„Herr, der Du mir das Leben ꝛc.“ ihnen folgte der Kantor und der Oberamtmann, und den Beſchluß machten Fritz und Renate. Das Maͤdchen hatte noch tauſend Sachen zu erzaͤhlen und zu fragen, aber Fritz hoͤrte nur mit halbem Ohr; denn des Oberamtmanns Prahlgeſchenk, und des Vaters ſerviler Dank hatten ihm die Groͤße der Kluft verſinnlicht, die zwiſchen ihm, dem bettelar⸗ men Kantorsſohne, und Renaten, der reichen Ober⸗ amtmanns⸗Tochter, lag. Die Schuͤler ſangen der ſcheidenden Sonne entgegen den letzten Vers des Liedes decreſcendo, und Fritz, den Kopf voll wun⸗ derlicher Gedanken, ſang halblaut mit: Mein Leben und mein Ende Iſt Dein, in Deine Hände Befehl ich, Mädchen, meinen Geiſt. Clauren Schr. I.XI. Da fragte Renate, die das Lied wohl kannte und uͤber Fritzens arge Zerſtreuung faſt hell auflachen mußte, freundlich, was ihm fehle?„Eine Million,“ ſagte er halb verdruͤßlich und halb lachend, und Renate ſprach uͤber den Werth des Geldes, wie alle im Wohlleben Geborene und Erzogene, das heißt, ganz außerordentlich vernuͤnftig; ſie that, als habe Geld und Gut fuͤr ſie gar keinen Reiz, weil ſie den Druck des Mangels nicht kannte, und von den hundert Entſagungen, und von den tau⸗ ſend Demuͤthigungen, an die ſich der Arme gewoͤh⸗ nen muß, gar keine Ahnung hatte. Fritz lauſchte auf jedes ihrer Worte mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit; er uͤberſah nicht mit beſtimmter Klar⸗ heit, warum es ihm Freude machte, das reiche Maͤd⸗ chen von dem Werthe zeitlicher Guͤter mit ſolcher Gleichguͤltigkeit ſprechen zu hoͤren; aber in der ge⸗ heimſten Tiefe ſeines Herzens leuchtete ihm das behagliche Gefuͤhl auf, daß das Maͤdchen, dem Reich⸗ thum ſo gar nichts gelte, den Mittelloſen, blos um deſſen Armuth willen, nicht gering achten koͤn⸗ ne, und daß er darum vielleicht— ſie hatten eben das Hahnrei⸗Bruͤckchen erreicht. Der Oberamtmann verabſchiedete ſich vom Kantor, und kehrte mit Re⸗ naten zuruͤck. Dieſe bat mit herzlicher Gaſtlich⸗ keit, daß Fritz, ehe er von Luͤnenſcheid abreiſe, noch einmal nach Weidenwalde kommen moͤge, und warf ihm, kaum dreißig Schritte heimwärts gegangen, einen recht freundlichen Scheideblick, und ehe ſie in die Dorfſtraße einbog, einen zweiten zu. 2 phen Was kein Deu ſcher war ihres kele Amn Entz und was E er tr und er ſi⸗ koͤnn laufe von scrip tur⸗2 Erge. der 2 Geſaꝛ hart webe te, wi ate und flachen llion,“ „ und 3, wie „ das that, Reiz, , und n tau⸗ gewoͤh⸗ auſchte Auf⸗ Klar⸗ Maͤd⸗ ſolcher der ge⸗ i das Reich⸗ blos n koͤn⸗ neben mann t Re⸗ ſtlich⸗ „noch warf ngen, ſie in 9. Die Liebe ſchreibt in Lapidarſchrift ihre Hierogly⸗ phen; kurz, und nur dem Eingeweihten verſtaͤndlich. Was Renate geſprochen, und wie ſie es geſprochen, kein Horapollo, kein Zoëga hatte koͤnnen mit der Deutung der raͤthſelhafteſten Charaktere aͤgypti⸗ ſcher Vorzeit, ſchneller fertig ſeyn, als Fritz es war mit der ihrer Worte, ihres Tons, ihres Blicks, ihres ganzen Benehmens, und wo irgend eine dun⸗ kele Stelle vorkam, da war gleich die wohlbekannte Amme der jungen Lieben, die Eitelkeit mit ihrem Entzifferungsſchluͤſſel bei der Hand, ſo, daß er flink und ohne Anſtoß las, was geſchrieben und vielleicht was nicht geſchrieben ſtand. Er hatte ſo viel zu ſinnen und zu gruͤbeln, und er trug ſich aus ſeinem geheimen Studium ſo viele und ſo wichtige Aufſchluͤſſe zuſammen, daß, haͤtte er ſie in der Geſchwindigkeit zu Papier bringen koͤnnen, die ſich ungefaͤhr auf b0 Quartbaͤnde be⸗ laufenden gediegenen Werke der, im Jahre 1663, von Colbert geſtifteten Pariſer Académie; des In- scriptions, dagegen nichts, als gehaltloſe Makula⸗ tur⸗Bogen geweſen waͤren. Eben wollte er jetzt das Ergebniß ſeiner Forſchungen zuſammenſtellen, als der Vater, der bis dahin ſeine Currende uͤber die Geſang⸗Schnitzer, die ſie in Weidenwalde gemacht, hart heruntergeſchlingelt hatte, in das zarte Ge⸗ webe ſeiner Liebestraͤumereien mit der Frage plump⸗ te, wie ihm Renatchen gefalle. Fritz vermeinte ſchier, 3* —ß ö ——— — — . — —õ ge——yy — 285— eine Lackſchildlaus, zu deutſch Cochenille, uͤberlaufe ihm das ganze Geſicht, ſo roth ward er mit einem⸗ mal vom Kinngruͤbchen bis zum oberſten Stirn⸗ rande; von ſo etwas hatte der Vater noch nie mit ihm geſprochen, und nun ſollte er ihm, vor der ganzen löͤblichen Currende unter freiem Himmel ſa⸗ gen, wie ihm das Maͤdchen gefallen, deſſen Bild ſeine ganze Seele fuͤllte; zum Gluͤck wartete der ehrſame Kantor, der in das Abendgold der ſchei⸗ denden Sonne blinzelte, und daruͤm das Gluͤhroth auf den Wangen ſeines Sohnes nicht bemerkte, deſſen Antwort nicht ab, ſondern fuhr fort zu er⸗ zaͤhlen, wie ihn das gute liebe Kind von Herzen dauere.„Du beſinnſt Dich,“ ſagte er und legte den angezuͤndeten Schwamm in ſeinen Ulmer Pfei⸗ fenkopf, um den Polack vom Hinwege auszurau⸗ chen, und verpeſtete, ohne die Marter zu ahnen, die ſeine Rede in das tiefſte Innere des Eingebor⸗ nen goß, mit den Wolken⸗Ringeln ſeines ſengeri⸗ gen Hauptwachen⸗Knaſters, die abendliche Fruͤh⸗ lingsluft.„Du beſinnſt Dich auf Bartels Moritz; der Vater hat in der letzten Zeit mit einem gluͤck⸗ lichen Holzhandel ein enormes Geld zuſammen ge⸗ ſchlagen, auch, wie man ſagt, in der Hamburger Stadtlotterie ein ſchoͤnes Suͤmmchen gewonnen, vor Kurzem das ſchoͤne Gut Wollbeck gekauft, und den Kaufſchilling in blankem purem Golde auf einem Brette gezahlt. Moritz iſt das einzige Kind; Woll⸗ beck ſeine ſechszig, ſiebenzig tauſend Thaler werth, Nun iſt fuͤr die Gutspaͤchtee nichts heilbringender, laufe nem⸗ tirn⸗ 2 mit r der tel ſa⸗ Bild e der ſchei⸗ hroth erkle, u er⸗ erzen legte Pfei⸗ urau⸗ hnen, gebor⸗ ngeri⸗ Fruͤh⸗ koritz; gluͤck⸗ en ge⸗ zurger n, vor d den einem Wolle verth. ender, — 29— als neben dem Pachtgute, moͤglichſt in der Naͤhe ein eigenes zu haben, um dieſes mit jenem zu me⸗ lioriren. Der Oberamtmann kann Wollbeck— der alte Bartel pfeift bereits auf dem letzten Lochel⸗ chen— fuͤr ſein Eigenthum anſehen, wenn Renat⸗ chen dem Moritz ihre Hand gibt. Dann duͤngt der feine Kalkulator, der Herr Oberamtmann, der Kin⸗ der Wollbeck, mit der landesherrlichen Domaine Weidenwalde; die fetten jungen Kuͤhe, die complet veredelten Schafe, die ſchoͤnſten Obſtbaͤume, Alles ſpaziert heimlich hinuͤber nach Wollbeck, und die magerſten Motſchchen, die erbaͤrmlichſten grobwol⸗ ligſten Haideſchnucken, die verkruͤppeltſten Zwerg⸗ bäumchen, Alles wandert dafuͤr, nur daß am In⸗ ventario die Stuͤckzahl nicht fehle, von dort wie⸗ der heruͤber nach Weidenwalde.“ Fritz hoͤrte von allen den Meliorations⸗Kniffen des alten Oberamtmanns keine Sylbe! Die kaum hervorgekeimte Saat ſeiner Liebes⸗Hoffnungen war mit einemmale vergelbt, als haͤtte ein eisſchwangerer Nordwind ſie bis auf die Wurzel durchfroſtet. Wie weit, wie furchtbar weit war er im Fibelſtudium ſeiner geruͤhmten Hieroglyphen⸗Sprache zuruͤck, der ſchlechteſte ABC⸗Schuͤtze haͤtte kein Glas Bier mit ihm getrunken. Was hatte er nicht Alles aus Re⸗ natens einzeln hingeworfenen Aeußerungen, aus ihrer Betonung manchen Wortes, aus ihrem Lä⸗ cheln, aus ihrem Blick herausgeleſen—! und jetzt — war es doch, als waͤre ihm der Vater mit ſei⸗ nem verwuͤnſchten Moritz Bartel, ein zweiter Gro⸗ — 30— tefend, der ihm zur richtigern Loͤſung des Raͤthſel⸗ hafteſten aller Myſterien, des weiblichen Herzens, das rechte Licht aufgeſteckt, ihm die einzig wahre Lesart an die Hand gegeben. Wie hatte ſich das Maͤdchen verſtellen koͤnnen! Wie war es moͤglich, daß die raſche lebenskraͤftige Renate, an dem Schlum⸗ merkopfe, an dem Moritz Bartel haͤtte Gefallen fin⸗ den koͤnnen, den ewig ſchlaͤferte und der fruͤher in der Schule mit ſeiner perpetuirlichen Gaͤhnſucht die ganze Klaſſe immer angeſteckt hatte, der oft ſchon in den erſten Morgenſtunden ſich des Schlafs nicht hatte erwehren koͤnnen, der von ſeinen Spielkame⸗ raden unaufhöͤrlich mit dem, bekanntlich den Schlaf befoͤrdernden Roſenſchwamm, den er unter dem Kopfkiſſen haben muͤſſe, und mit dem Schlaf⸗Mi⸗ thridat, den ihm die Mama alle Abende einruͤhre, aufgezogen worden war, und der, wegen ſeiner Vor⸗ liebe zum Bette, in der ganzen Umgegend, das Murmelthier, der Siebenſchlaͤfer, die Haſelmaus oder die Schlafratze hieß; was hatte das Maͤdchen davon gehabt, ihm die kalte Veraͤchtlichkeit gegen Geld und alles zeitliche Gut ſo luͤgenhaft vorzufa⸗ buliren? Was hatte es damit bezweckt? Die Eitel⸗ keit, die ihm vorhin ſo ſchoͤn buchſtabiren geholfen, ſchaͤrfte jetzt, ſchwer beleidigt, alle dieſe Fragen, und vergiftete damit ſeine Mißſtimmung nur noch mehr, und ſo wirrten ſich der reiche Moritz Bar⸗ tel und die perſonificirte Verſtellung, Renate, und die Schnucken ſammt den Merinos, und die mage⸗ ren Kuͤhe mit dem fetten Jungvieh, in ſeinem hſel⸗ Kopfe ſo bunt durcheinander, daß er die Freude, ens, ſeine geliebte Mutter, die er auf dem Ehrenplatze ahre deutſcher Hausfrauen, in ihrer Kuͤche uͤberraſchte, das wieder zu ſehen, daruͤber nur halb genoß. lich, 10. um⸗ fin⸗ Nach den erſten Begruͤßungen, in denen das Ent⸗ r in zuͤcken, den ehrlichen Fritz ſo bluͤhend geſund, und die ſo ſchlank und ſtark, und ſo friſch und kraͤftig, an ſchon das treue Mutterherz wieder druͤcken zu koͤnnen, ſich nicht laut ausgeſprochen, kam das Geſpräch auch auf den ame⸗ beutigen Nachmittag in Weidenwalde, und der chlaf Mutter Frage, was er denn zu Oberamtmanns Re⸗ dem natchen geſagt, durchſchnitt ihm das Herz wie mit Mi⸗ einer haarfeinen Uhrfederſaͤge. Er haͤtte ſie gern ihre, eine boshafte Schlange geſcholten, aber die Mutter Vor⸗ lobte ſie mit ſo lautem Enthuſtasmus, daß er ſei⸗ das nen Unmuth ſchon zuͤgeln mußte, und in ſein kur⸗ naus zes„recht gut,“ womit er ihre Frage beantwortete, schen die hoͤchſtmoͤglichſte Gleichguͤltigkeit legte.„Das egen arme Kind iſt jetzt auch recht ſchlimm daran,“ zufa⸗* fuhr die Mutter theilnehmend fort,„der Vater Eitel⸗ will, daß ſie abſolut den Moritz, Du kennſt ja lfen, die Schlafmuͤtze, den jungen Bartel, heirathen ſoll, agen, 5 und der Menſch iſt ihr mit all' ſeinem Reichthum noch in den Tod zuwider; ſie will platterdings nicht.“ Bar⸗—„Sie will nicht?“ fuhr Fritz raſch auf, und bat und Renaten die tauſend Verwuͤnſchungen ab, die ſeit nage⸗ der Trennung auf dem Hahnrei⸗Bruͤckchen ſeinen inem Lippen lautlos entſchluͤpft waren, und verſtand nun — 22— ihre ſcharfen Aeußerungen uͤber die Erbaͤrmlichkeit der Menſchen, die einzig und allein das Heil der Welt und alles Lebensgluͤck im Geldkaſten ſuchten. „Das waͤr' ſo eine Mariage fuͤr Dich,“ ſagte, mit der Thuͤre in das Haus fallend, der Kantor! „Huͤbſch iſt die Renate, das muß ihr der Neid laſſen; die Viſage wie Milch und Blut, am gan⸗ zen Koͤrper kein Unthaͤtchen, wohl etwas wild und kaͤlbrig noch, indeſſen, das legt ſich mit den Jah⸗ ren, und, wenn auch mehrere Kinder da ſind; der Alte hat, als der Scheffel Korn ſeinen Louisd'or galt, und die Englaͤnder die Wolle mit Goldbar⸗ ren aufwogen, ein tuͤchtiges Stuͤck Geld zuſammen geſchlagen und alles auf die hohe Kante gelegt; ihre zwanzig, dreißig tauſend Gulden bekommt Re⸗ nate beſtimmt einmal auf ihr Theil, und damit laͤßt ſich in der Welt ſchon etwas anfangen. Zu⸗ dem iſt es eine Jugendgeſpielin von Dir, und, wie an ihrer Freude des Wiederſehens heute abzuneh⸗ men war, Dir nicht abhold, auch ſchien der Alte an Dir ſein Wohlgefallen zu finden, denn er ſprach, bis zum Hahnrei⸗Bruͤckchen, von nichts, als von Dir, Deiner Zukunft und dereinſtigen Beſtimmung; ſichtlich war ihm anzumerken, daß die Wahl Dei⸗ nes Standes ihm nicht zuſage, und ſattelteſt Du noch um, und gingeſt, ſtatt auf Comtoir, Boͤrſe und Packhof, hinaus auf Feld und Wieſe, und ver⸗ tauſchteſt den Kaufmann mit dem Landmanne, ich moͤchte faſt wetten, er ſchluͤge Dir ſein Renatchen nicht gb.“ ichkeit il der chten. 2, mit antor! Neid gan⸗ d und Jah⸗ d; der isd'or ldbar⸗ mmen elegt; at Re⸗ damit Zu⸗ , wie zuneh⸗ c Alte prach, s von nung; Dei⸗ ſt Du Boͤrſe id ver⸗ e, ich atchen — 35— Als waͤre Fritz in ein Feuer⸗Meer gekaucht, ſo gluͤhten ihm bei dieſer unerwarteten Rede, Stirn und Wange; das ſchaamhafte Auge war er nicht zu heben im Stande, und die Lippe wollte laͤcheln und konnte nicht. Sein allerheiligſtes Geheimniß, def⸗ ſen Beſitz er bis dahin noch ſelbſt nicht recht ge⸗ kannt hatte, ſeine Liebe zu Renaten, war ihm aus dem tiefſten Innern ſeiner Seele herausgeriſſen und auf den Martkt geſtellt. „Wie magſt Du,“ hob Hilaritas zum Manne gewendet, freundlich ſchonend an,„den Fritz ſo in Verlegenheit ſetzen! Wie darf der aus ſeiner Ar⸗ muth und aus ſeinem Nichts, den Blick aufheben zur reichen vornehmen Oberamtmannstochter; in ſeinem Alter ſchon an das Heirathen denken; laß ihn erſt etwas Tuͤchtiges lernen und ſich ſeinen Grund bauen, und dann mag er freien, nach eige⸗ ner Wahl. Die Eltern ſollen fuͤr die Kinder nicht Brautwerber ſeyn; uns gebuͤhrt nur, den Kindern, wenn wir Gruͤnde haben, ihre Wahl zu mißbilli⸗ gen, dieſe mit Ruhe und Liebe auseinander zu ſe⸗ tzen, und, wenn wir glauben, daß blos voruͤber⸗ gehender Sinnenrauſch das Buͤndniß begründet habe, Entfernung oder Aufſchub zu bewirken. In ein Weiteres aber ſollen wir uns, ſobald der ge⸗ liebte Gegenſtand von unbeſcholtenem Ruf und Wandel iſt, und die jungen Leute ihr auskoͤmmliches Brod haben, nicht miſchen; Du aber willſt den Fritz aus ſeiner Bahn zu treten bereden, und ihm Dinge in den Kopf ſetzen, die ihm vielleicht unter zehn Jahren noch nicht hineingehoͤren.“ „Aus ſeiner Bahn zu treten,“ entgegnete der Vater lebhaft,„ja von Anbeginn an bin ich gegen die Wahl dieſer Lebensbahn geweſen; nichts iſt dem Wechſel der Veraͤnderlichkeit mehr unterworfen, als der leidige Kaufmannsſtand. Vor drittehalb tau⸗ ſend Jahren bluͤhte in Athen ein Handel, von dem wir hier in unſerem Luͤnenſcheid keine Idee ha⸗ ben; die reichſten Handelspläͤtze waren in Thracien; heute nennt man das Land Rum⸗Jli, und von den Milliarden, die in der alten Zeit den Volkshan⸗ del belebten, iſt dort kein Kreuzer mehr vorhanden, Alles verſtiebt und verſtaubt. Die Roͤmer—“ „Ach laß uns mit Deinen Griechen und Roͤ⸗ mern,“ fiel ihm Hilaritas in das Wort;„Fritz hat ſich ſeinen Stand freiwillig gewaͤhlt, und nichts iſt im Leben gefaͤhrlicher, als das Umſatteln, nichts unwiederbringlicher, als verlorene Zeit. Wir wollen auf Gott und den Herrn Pathen vertrauen, und unſeres Weges getroſt fuͤrbaß gehen.“ „Will auch nicht ſtoͤren,“ erwiederte der Kan⸗ tor etwas verſtimmt,„nur lag mir die Moͤglich⸗ keit, Fritzens Gluͤck zu machen, in Weidenwalde naͤher, als auf dem Reichhart'ſchen Comtoir. Du haͤtteſt nur Renatchen ſehen, und den Vater hoͤren ſollen, da waͤre Dir gewiß auch ſo ein Quergedanke durch den Kopf geflogen, wie huͤbſch es ſeyn muͤßte, wenn der Oberamtmann den Jungen zu ſich naͤhme, ihn zum Landmann umſtutzte, und ihm am Ende zehu 2 der gegen dem ,, als tau⸗ dem e ha⸗ cien; n den shan⸗ nden, 77 „ Roͤ⸗ tz hat ts iſt nichts vollen „ und Kan⸗ oglich⸗ walde Du hoͤren danke quͤßte, aͤhme, Ende das Maͤdchen gaͤbe; wir fuͤhren dann, Sonntags Nachmittags nach der Kirche, hinaus zu den Kin⸗ dern, und beim Schlachten und Kuchenbacken, beim Pflaumenſchuͤtteln, Nußſchlagen, Honigzeideln, Fi⸗ ſchen, Weinleſen, und andern laͤndlichen Feſten, traͤufelte dann fuͤr die Eltern immer etwas mit ab; ein recht delikates Blut⸗, Brat⸗ oder Leberwuͤrſt⸗ chen, ein hochgelber Oſterfladen, ein uͤderzimmet⸗ zuckertes Pflaumenkuͤchelchen, ein Korb friſcher noch ſchaͤlbarer Nuͤſſe, eine recht zarte ungeſeimte Ho⸗ nigwabe, ein tuͤchtiger Zwoͤlfpfuͤnder von Karpfen, und ein Glas Moſt dazu— der Mund kann einem waͤſſern, wenn man ſich das Alles recht lebendig denkt, wie aller Augenblicke bald eine Einladung kommt, dergleichen Gottesgut draußen in Weiden⸗ walde mit verzehren zu helfen, bald ganze Ladun⸗ gen von derlei Herrlichkeiten und andere Productio⸗ nen des landwirthſchaftlichen Kunſtfleißes von den Weidenwaldern braven Kindern abgefertiget, in un⸗ ſer kleines Kantorhaus einpaſſiren.“ Fritz mußte zu des Vaters Traumleiter, die bis an deſſen Himmel hinauf mit lauter Schinken und Speckſeiten, Fruͤchten und Kuchen, Honigſcheiben, Fiſch⸗, und Moſt⸗Faͤſſern belaſtet war, hell aufla⸗ chen. Ihm war der Gedanke an Renate der Haupt⸗ hebel ſeines, den vaͤterlichen Anſichten geſchenkten Beifalls. Die ſtille Comtoirſtube mit dem freien lauten Landleben zu vertauſchen, und unter des erfahrenen Oberamtmanns Leitung in Kurzem ein tuͤchtiger Wirthſchaftsverſtändiger zu werden, ſollte ihm, dem ehemaligen Garten⸗Dilertanten, nicht ſchwer fallen; Renatens Liebe zu gewinnen, hielt er fuͤr noch leichter, und hatte er ſich erſt den Vater⸗ ſegen errungen, ſo machte ſich die Erfuͤllung des Wurſt⸗, Kuchen⸗, Obſt⸗, Honig⸗, Fiſch⸗ und Moſt⸗ Traumes von ſelbſt wahr. 11. Die Mutter aber aͤrgerte ſich im Stillen uͤber des Vaters unverantwortliche Weiſe; blos um ei⸗ niger nichtiger Leckereien willen vergaß er ſich ſo weit, die Richtung des Sohnes voͤllig verſchieben zu wollen. Hätte ſie nur reden gedurft, ſo waͤre es ihr ein Leichtes geweſen, dem Vater begreiflich zu machen, daß, wenn ihre weiter greifende Plane ver⸗ wirklicht wuͤrden, er ſich zu ſeinem kuͤnftigen Schla⸗ raffenleben, einen ganz anderen Leiſten ſchneiden konnte, als den aͤrmlichen Weidenwalder. Nur ein einzigesmal hatte Steuerraths Victorinchen von Reichharts Luischen erzaͤhlt, aber der umſichtigen Mutter war dabei ein reiches Saatfeld von Moͤg⸗ lichkeiten aufgeſchloſſen worden, die, als ihr die muͤtterliche Eitelkeit das Fernrohr vor das Auge hielt, gar bald ſich in Wahrſcheinlichkeiten verwar⸗ delten, und, ihrem unerklaͤrbaren Gefuͤhle nach, am Ende zu lauter Gewißheiten wurden. In zehn Romanen hatte ſie geleſen, wie ganz arme Schlucker von Kaufmannsdienern die Toͤchter ihrer reichen Prinzipale weggefiſcht hatten, und entweder Com⸗ pagnons der ſchwiegervaͤterlichen Handlung gewor⸗ X den der 2 gruͤn predi nen daue lehrr han, ter d meit einit mis⸗ Luis war ſten und ihn erke kon daz⸗ ne me ſchr gen feſt kla⸗ ihr tes an in ticht jielt ater⸗ des koſt⸗ den waren, oder, mit dem namhaften Vermoͤgen der Frau ein eigenes ſehr reſpectables Haus be⸗ gruͤndet hatten, und konnte— wie der Herr Fruͤh⸗ prediger am letzten Sonntage noch in ſeiner ſchoͤ— nen Predigt uͤber die chriſtlichen Pflichten der Aus⸗ dauer in Durchfuͤhrung frommer Vorſaͤtze, ſehr lehrreich auseinander geſetzt hatte— Jacob bei La⸗ han, dem Sohne Nahors zu Haran, um deſſen Toch⸗ ter Rahel willen ſieben lange Jahre dienen, ſo, meinte ſie, werde Fritz auch nicht ſterben, wenn er einige Jahre auf Herrn Reichharts Comtoir Com⸗ mis⸗Geſchaͤfte verſehe, um ſein zeitliches Gluͤck durch Luischens Millionen⸗Hand zu erheirathen. Fritz war, nach ihrer Ueberzeugung, einer der huͤbſche⸗ ſten Jungen im Ort, dabei ehrlich, geſund, fromm und fleißig; fuͤr einen tuͤchtigen Kaufmann hatte ihn Herr Fuͤrchtegott Ephraim Heydinger ſelbſt an⸗ erkannt, was wollte alſo Herr Reichhart mehr! Er konnte ſich keinen beſſeren Eidam wuͤnſchen, und dazu war Fritz ſein Pathe!— Aber das ganze ſchoͤ⸗ ne Kartenhaus, das freilich kein anderes Funda⸗ ment hatte, als Victoriuchens bezaubernde Be⸗ ſchreibung von Luiſen, Herrn Reichharts dereinſti⸗ gen alleinigen Erbin, ſah Hilaritas in ſeinen Grund⸗ feſten bereits erſchuͤttert, denn Fritzens ſichtliche Ver⸗ lärung, als Renatens Name genaunt ward, war ihr eine untruͤgliche Ankerboje, ein ganz beſtimm⸗ tes Zeichen, daß hier mehr, als alte Auhaͤnglichkeit an der Jugendfreundin im Spiele war, daß wahre, in vollem Jugendfeuer ergluͤhende Liebe zu Rena⸗ d ten in ſeinem Herzen Anker geworfen hatte. Mit geheimer Angſt theilte ſie ihrem Manne, als ſie den folgenden Tag allein waren, dieſe ihre Beſorg⸗ niß mit, ohne jedoch ihre geheime Abſichten auf das reiche Luischen merken zu laſſen; allein dieſer lachte und ſagte:„lange ſchon vor der Bluͤthezeit der Griechen und Roͤmer kannte man den Anker. Anacharſis, der Scythe, erfand, wie Plinius erzaͤhlt, die Kunſt, ihn mit Widerhaken zu verſehen. Aber noch uraͤlter iſt der Anker der Liebe; wo dieſer ein⸗ mal Grund gefaßt hat, da laͤßt er nicht los, und die vernuͤnftigſten Vorſtellungen ſind in der Regel zu ſchwach, ihn wieder herauszuwuchten. Auch ſeh' ich nicht ab, was wir uns füͤr Muͤhe darum ge⸗ ben ſollen. Wird aus Beiden einmal ein Paar; ſo iſt es Gottes Wille, wir werden es dann nicht hindern können.“ 12. Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs war Fritz ausgegan⸗ gen, um mehrere befreundete Familien zu beſuchen. Er hatte kurz zuvor mit dem Vater eine geheime lange Unterredung gehabt, und in dieſer ihm be⸗ kaunt, daß er durch alles das, was geſtern zwi⸗ ſchen den Eltern uͤber die Veraͤnderung ſeines Le⸗ bensplaus verhandelt worden, aufmerkſam gemacht, ſich mit aller Strenge gepruͤft, und in dieſer Nacht die Sache, wie man zu ſagen pflege, beſchlafen habe. Recht ehrlich geſtanden, habe er den Kauf⸗ mannsſtand lediglich um der Roſinen und Man⸗ deln! erzaͤh koͤnne dertn den auf ben, ſten Kauf und zur Uebe er zu rei, dels! laut und dank erler er n inne wor Her mit mer Feld lein ruͤck wor feld Nit ſie rg⸗ auf ſer zeit ker. hlt, ber ein⸗ und egel ſeh' ge⸗ gar; nicht gan⸗ hen. eime a be⸗ zwi⸗ 8 Le⸗ nacht, Nacht lafen Kauf⸗ — 39— deln willen gewaͤhlt, von denen man ihm als Kind erzaͤhlt, daß er davon als Ladenburſche ſo viel eſſen könne, als er wolle. Er ſey als kleiner Knabe hun⸗ dertmal gefragt worden, was er dereinſt zu wer⸗ den wuͤnſche, und hundertmal habe er, das Auge auf die zuckerpapierblau angeſtrichenen, mit Zibe⸗ ben, Korinthen und ſuͤßen Mandeln gefuͤllten Ka⸗ ſten im benachbarten Kraͤmerladen gerichtet,„ein Kaufmann,“ geantwortet; dadurch ſey im Hauſe und bei der ganzen Sippſchaft ſeine Standeswahl zur firen Idee geworden; ſpaͤter, als er reifere Ueberlegung gewonnen, habe er wohl gefuͤhlt, daß er zur Landwirthſchaft und eigentlich zur Gaͤrtne⸗ rei, viel mehr Neigung habe, als zum lieben Han⸗ delsweſen; indeß habe er Anſtand genommen, ſie laut werden zu laſſen, weil die Eltern, die Freunde und ganz Luͤnenſcheid ſeit Jahren ſchon an den Ge⸗ danken gewöhnt geweſen, daß er die Handlung zu erlernen geſonnen ſey; auch habe ihn, das konne er nicht laͤugnen, ſeine Wahl, als er erſt mit dem innern Weſen des Kaufmannſtandes vertrauter ge⸗ worden, nicht gereut, und darum ſey er auch, wie Herr Heydinger jederzeit werde bezeugen koͤnnen, mit Luſt und Liebe an das Werk gegangen und im⸗ mer bemuht geweſen, ſich in dieſem weitlaͤuftigen Felde des Wiſſens nach Kraͤften auszubilden; al⸗ lein hier, dem ſtillen Landleben einmal wieder zu⸗ ruͤckgegeben, ſey die alte Neigung wieder wach ge⸗ worden; in Weidenwalde, die unabſehbaren Saat⸗ felder und Wieſen, und hier, im Kantorei⸗Gaͤrt⸗ chen, die friſch umgegrabenen Beete und das lu⸗ ſtige Blumenwerk— das alles ziehe ihn wie mit ehernen Ketten zu dem Berufe der erſten Para⸗ dies⸗Menſchen, und wenn er denke, daß er nun fort ſolle, in das todtenſtille Comtoir des Herrn Reichhart, in dem er nichts hoͤre, als das Kritzeln der Federn, und nichts ſehe, als Strazze, Memo⸗ rial, Journal, Hauptbuch, Briefe, Wechſel, hun⸗ derterlei Staatspapiere und Geld und Silberklum⸗ pen, ſo ſey ihm, als habe man ihn zum Bauge⸗ fangenen verurtheilt, und fuͤhre ihn jetzt zur Fe⸗ ſtung ab, um ihn in die Eiſen zu ſchmieden. Der Vater, der hier mit offenem Auge ſah, daß dem ſchlauen Fritz nicht die Landwirthſchaft, nicht die laͤngſt vergeſſene Gaͤrtner⸗Liebhaberei, ſondern Oberamtmanns Renatchen am Herzen liege, und der von Anfang an gegen das ganze Kaufmanns⸗ werden geeifert hatte, war bei dieſer vertraulichen Mittheilung ſehr aufmerkſam geweſen, und hatte mit vaͤterlicher Theilnahme verſichert, daß er, falls Fritz auf ſeinem Umſattelungs⸗Entſchluſſe feſt be⸗ harre, ihm keinen Zwang anthun, und beim Hrn. Oberamtmann ſich gern dahin verwenden wolle, daß dieſer den Fritz, zur praktiſchen Erlernung der Land⸗ wirthſchaft, auf einige Jahre nach Weidenwalde zu ſich nehme, wo denn, wie Beide, Vater und Sohn, im Stillen meinten, das Uebrige ſich von ſelbſt fiuden werde. Darum hatte auch der Kantor gut lachen ge⸗ habt, als Hilaritas mit ihrer Anker⸗Beſorgniß ange⸗ — 41— 8 lu⸗ ſtiegen gekommen war. Vor Allem kitzelte es ihn, mit daß er einmal ſeine Hilaritas üͤberfluͤgelt hatte. Para⸗ Sie hatte in der Regel immer Recht, und darum nun 3 hatte er ſeit Jahren gelernt, ſich, wenn zuweilen zerrn auch nach einigem Straͤuben und Widerreden, am itzeln Ende doch immer in ihre Anſichten zu fuͤgen. Ge⸗ eilio⸗ gen Fritzens, von ihr ſehr beguͤnſtigte Kaufmanns⸗ hun⸗ wahl, hatte er von Anfang an zwar auch viel ge⸗ lut⸗ eifert, indeſſen hatte er ſich zuletzt doch in die Lau⸗ auge⸗ nen der Frau ſchicken muͤſſen; nun hatte er doch r Fe⸗ endlich einmal Recht. Fritz ſelbſt ging zu ihm uͤber; mit dieſem Huͤlfscorps wollte er Hilaritas „daß totaliter auf das Haupt ſchlagen und ihr zu ver⸗ nicht ſtehen geben, daß er nicht ſo kurzſichtig ſey, als ſie gewoͤhnlich zu glauben ſcheine; und daß er da⸗ ider her bitte, ſeine Gruͤnde in kuͤnftigen aͤhnlichen Faͤl⸗ un 4 len, einer achtungsvollern Beruͤckſichtigung zu wuͤr⸗ anns, digen. Er verfolgte ſeinen Angriffsplan um ſo le⸗ lichen bendiger, als ihm durch Renatens dereinſtige Ver⸗ hatte bindung mit ſeinem Fritz neue Olympiaden auf⸗ falls gingen. Er wollte in Weidenwalde ein Goͤtterleben eſt be⸗ fuͤhren. Die Sonntage brachte er unausbleiblich Hrn, dort zu; im Sommer alle Abende hinaus; der kuͤhle e, daß Molkenkeller mit ſeiner friſchen Milch und Butter; Land⸗ der Muhlbach mit ſeinen koͤſtlichen Krebſen, der de zu Wald mit ſeinem Wildpret, der Hof mit ſeinem Sohn, Federvieh, der Garten mit ſeinem Obſt und Ge⸗ ſelbſt muͤſe, Alles ſollte ihm zinsbar ſeyn; auf der Kegel⸗ en ger bahn follte ihm ſein kraͤftiger Arm das noͤthige Ta⸗ ſchengeld erſchieben. Zur ergoͤtzlichen Unterhaltung 3 ange⸗ LXI.. 4 — 5 8— ööööö 5 3— 8— 4— des Hauſes und der Umgegend, wollte er, nach ſei⸗ ner Griechen Weiſe, den Wettkampf im Laufen, Reiten, Fahren und Ringen, den Fauſtkampf, das Diskus⸗Werfen und dergleichen gymnaſtiſche Uebun⸗ gen, den Weidenwalder Bauerjungen beibringen, und ſolchergeſtalt alle Sonntage, auf daſigem Baum⸗ Anger, olympiſche Spiele geben, die jaͤhrlich, wie in Athen, den ꝛ1ten des Monats Hekatombaͤon, alſo Mitte Juli beginnen ſollten, und weil zu Piſa und Elis alle Frauen, welche ſich etwa beikommen ließen, dieſe Feſtlichkeiten mit anzuſehen, von ei⸗ nem Felſen herabgeſtuͤrzt wurden, ſo ſollte, da kein paßlicher Felſen in der Naͤhe, der dicht beim Baum⸗ Anger befindliche Gemeinde⸗Backofen, fuͤr die vor⸗ witzigen Weidenwalderinnen dieſen Schreckensberg abgeben. Die Winter⸗Sonntage aber gedachte er in gemuͤthlicher Ruhe zu genießen. Gleich nach der Vormittags⸗Kirche, zu Fuß hinaus; die Motion machte Appetit. Am reichen Mittagstiſche bis faſt zum Uebermaße geſaͤttigt, ſollte das Pfeifchen zum dampfenden Kaffee recht behaglich ſchmecken. Das Deputatholz koſtete nichts, alſo wollte er einkacheln laſſen, daß die Stube wedeln ſollte, und wann denn die allgemeinen Welthaͤndel, ſammt der Luͤnenſchei⸗ der Stadtgeſchichten, und den kuͤrzer abzumachen⸗ den kleinen Weidenwalder Tagsbegebniſſen gehoͤrig beſchwatzt worden, und die Winternacht das trau⸗ liche Zwielicht verdunkelt, dann wollte er ſich aus dem Polſterſtuhle, in dem er bis dahin alle Vier von ſich geſtreckt, und der Verdauung gepflegt, er⸗ ſei⸗ fen, das bun⸗ gen, aum⸗ wie on, Piſa men n ei⸗ kein num⸗ vor⸗ berg te er der tion faſt zum Das cheln denn ſchei⸗ chen⸗ oͤrig rrau⸗ aus Vier „ er⸗ —— heben, Licht bringen laſſen, und nun ſollte, zum Be⸗ ſten ſeines Taſchengeld⸗Fonds, im kleinen Fami⸗ lienkreiſe und mit dem Verwalter oder Schuͤtzen, Schafkopf oder deutſch⸗Solo geſpielt; wenn aber Fremde hoͤhern Ranges, der Landrichter, der Kreis⸗ Phyſikus, der Steuer⸗Reviſor oder dergleichen, das Haus mit ihrem Beſuche beehrten, geſtoßen oder gegrobhaͤuſert werden; er rieb ſich aus heimlicher Freude, wie er zwei Groſchen Inviſis bieten, und mit zwei Groſchen nachſtoßen, und ſo den Mitſpie⸗ lenden die blanken Zweigroſchenſtuͤcke, ohne Gnade und Erbarmen, aus den Taſchen herausſtoßen wollte, die Haͤnde, und wollte, in der ſeligen Vorempfin⸗ dung der kuͤnftigen Weidenwalder Praſſer⸗Schlem⸗ merei, laut aufjauchzen, da trat Fritz blaß und ver⸗ ſtoͤrt ein. 13. Der Kantor ſah vor lauter Paͤmpeln und Schar⸗ wenzeln, die ihm aus ſeinen Grobhaͤuſer Karten eben in die Augen lachten, das Jammergeſicht ſei⸗ nes Sohnes nicht, und rief ihm lachend entgegen, daß er dieſen Augenblick beſchloſſen, morgenden Ta⸗ ges zum Oberamtmann hinaus zu gehen, und die Sache wegen des Unterrichts in der Landwirthſchaft, in Richtigkeit zu bringen; doch Fritz ſchuͤttelte mit ſehr truͤbſeliger Pantomime den Kopf, und bat die Mutter, die eben in das Zimmer trat, die weni⸗ gen Habſeligkeiten, die er mit nach Silberſtein neh⸗ men ſolle, baldmoͤglichſt zu ordnen, weil er je eher je lieber dahin abzugehen gedenke. Er ſagte das ſo weich und kleinlaut, daß Hilaritas, welche ver⸗ meinte, daß ihm der nahe bevorſtehende Abſchied vom Vaterhauſe ſo ſehr zu Herzen gehe, nach zar⸗ ter Mutterweiſe, ſofort die Augen voll Waſſer be⸗ kam, zu ſeiner Bitte ſchweigend nickte, und ihm die bleichen Wangen liebkoſend ſtreichelte. Der Vater aber fuͤrchtete vom Ohrweitzel befal⸗ len zu ſeyn und nicht recht gehoͤrt zu haben. Vor einer halben Stunde erſt, dem ganzen Kaufmanns⸗ ſtande feierlich abzuſchwoͤren, und vom Weidenwal⸗ der Landleben zu ſprechen, wie ein Gesner'ſcher Idyl⸗ len⸗Schaͤfer, und jetzt, als er eben in ſein Luftſchloß den luſtigen Spieltiſch geſchoben hatte, jenen gan⸗ zen Plan mit einem Male aufzugeben, und der Handels⸗Kaſte, von der die Griechen und Roͤmer nie recht viel gehalten, ſich wieder auf ewig hinge⸗ ben zu wollen, das war mehr, als er mit einem Male zu faſſen vermochte. Er konnte nicht umhin, ſeine Verwunderung darob laut werden zu laſſen; doch der raͤthſelhafte Fritz ging, ohne ſich weiter daruͤber auszulaſſen, aus dem Zimmer, denn das Herz war ihm gebrochen; er konnte nicht ſprechen. 14. Fröhlich und wohlgemuth war er gegangen, um dieſe und jene alte Bekannte freundlich zu begruͤ⸗ ßen, unter andern auch zu Poſtmeiſters. Er haͤtte können die große Hauptſtraße gehen, aber, um Zeit zu gewinnen, bog er in das Purzelbaum⸗Gaͤßchen as ſo ver⸗ ſchied zar⸗ er be⸗ ihm befal⸗ Vor anns⸗ nwal⸗ Idyl⸗ ſchloß. gan⸗ id der doͤmer hinge⸗ einem mhin, aſſen; weiter in das chen. n, um begruͤ⸗ haͤtte m Zeit aͤßchen — 45— ein. Da ſtand Renate mit einem jungen ſchlank⸗ gewachſenen Menſchen, und Beide plauderten ſo vertraulich mit einander, und waren in ihr Ge⸗ ſpraͤch ſo vertieft, daß ſie von der ganzen übrigen Außenwelt nichts ſahen, nichts hoͤrten. Der Schreck war ihm ſo heftig in die Kniekehle gefahren, daß er im erſten Augenblick keinen Schritt gehen konnte; er wollte umkehren, um die treuloſe Leichtſinnige mit keinem Auge wieder zu ſehen, aber als zoͤgen ihn tauſend Schlangen durch das enggekruͤmmte Purzelbaum⸗Gaͤßchen, er mußte vorbei, er mußte— ein grimmiger Schmerz riß ihm das Herz blutig von einander— er mußte ſehen, wer der junge Menſch ſey, fuͤr den Renate nur Auge und Ohr zu haben ſchien, in deſſen Hand die ihrige ruhte, dem ſie, waͤhrend des ſehr lebhaften Geſpraͤchs, ſo engelfreundlich zulaͤchelte, und mit dem ſie ſo un⸗ erträglich viel zu ſchwatzen hatte. Der Herr Poſtſekretaͤr Pudewitz waren der gluͤck⸗ liche Sterbliche— und— Renate— Gott im Himmel, wie konnte ſie das, wie grenzenlos flat⸗ terhaft ſind doch die Maͤdchen— und Renate wirft dem armen durch und durch erbebten Fritz, mit der unbegreiflichſten Unbefangenheit ihren guten Morgen entgegen, fragte, wie es ſich in der Vater⸗ ſtadt zum erſtenmale wieder geſchlafen habe, und bezeigte uͤber den Ungluͤcksfall, in ihrer geheimen Zuſammenkunft mit dem liebwerthen Herrn Poſt⸗ ſekretaͤr, gerade von Fritz ſo fatal uͤberraſcht zu ſeyn, nicht die mindeſte Verlegenheit. Sie ſchien — ——— Q 9A.nõ—— — 46— ihn mit in das Geſpraͤch ziehen zu wollen, allein hier auf dieſer, fuͤr ſein Liebesgluͤck ewig unver⸗ geßlichen Marterſtelle, nur eine Viertel⸗Secunde zu verweilen, waͤre ihm eine Höoͤllenpein geweſen; er eilte von dannen, ließ, bis zum hoͤchſten Unmu⸗ the verſtimmt, Poſtmeiſters und alle uͤbrige Be⸗ kannte unbeſucht, und ſtuͤrmte hinaus in das Freie, um der beklommenen Bruſt Luft, der zuſammenge⸗ ſchnuͤrten Kehle Athem zu holen. Je mehr er ging, deſto mehr kam er zur Beſinnung; er nannte ſich, kaum daß er das Hirtenthor hinter ſich hatte, ei⸗ nen dummen Kerl, und noch war er nicht bei der letzten Scheune draußen, ſo war er mit dem Maͤd⸗ chen ſchon ganz wieder ausgeſoͤhnt. Was hatte es denn gethan, gar nichts. Renate war— wie hatte ihm das ſo ganz und gar entfallen koͤnnen— mit Ulrich, dem zeitigen Herrn Poſtſekretaͤr Pudewitz, aufgewachſen. Ulrichs Vater, der alte Ingenieur⸗ Hauptmann Pudewitz— Gott, nun ſiel ihm ja Al⸗ les bei, und der Oberamtmann, das waren Spe⸗ cialiſſimi, die hatten, wie er wohl zehnmal erzaͤh⸗ len gehoͤrt, ſchon im Kartoffelkriege miteinander Knippkuͤgelchen geſpielt; als der alte Hauptmann auf Penſion war geſetzt worden, hatte er ſich in Weidenwalde niedergelaſſen, und er wie Ulrich, wa⸗ ren im Hauſe des Oberamtmanns das taͤgliche Brod geweſen. Auch ſpaͤterhin, als der Vater Pudewitz zum jenſeitigen eigentlichen Genie⸗Corps abberu⸗ fen worden war, hatte Papa Oberamtmann ſich des armen Ulrich, der außer der Uniform, den Degen⸗ Kop ruh ob — 47— ein Reißzeug und eine tuͤchtige Grundlage in der Mathematik, nichts weiter geerbt, freundvaͤterlich angenommen. Die Beiden, der Ulrich und die Re⸗ nate, waren daher ja gleichſam wie Bruder und Schweſter anzuſehen, und darin, daß er ſie bei der Hand genommen, und daß ſie Beide mit einander geplaudert, und daß ſie freundlich gelaͤchelt, lag nichts, gar nichts, wirklich ganz und gar nichts. Haͤtten ſie irgend Urſache gehabt, ihr Zuſammen⸗ ſeyn zu verheimlichen, ſo wuͤrde Renate ihn nicht ſo unbefangen gegruͤßt, ihn nicht mit ſo offener Dreiſtigkeit in das Geſpraͤch zu ziehen geſucht ha⸗ ben. Wie hatte er nur gleich ſo mißtrauiſch, ſo uͤbelnehmiſch, ſo— eiferſuͤchtig ſeyn koͤnnen! Ei⸗ ferſuͤchtig!— Das Wort kam ihm zum erſtenmale in ſeinem Leben in die Seele; wußte er doch nun auch, was Eiferſucht war, und ein unendlich beru⸗ higendes Gefuͤhl uͤberſtroͤmte ſein Herz durch die Ueberzeugung, daß er ſich geirrt habe. Hoͤchlich ver⸗ gnuͤgt, und mit einer Art heimlichen Stolzes, daß er mit der lieblichen Renate in einer naͤhern Be⸗ ziehung ſtand, als Freund Ulrich, und jeder Dritte, machte er Kehrt, und ſpazierte wieder in die Stadt zuruͤck, um ſeine ſo einfaͤltiger Weiſe unterbrochenen Beſuche wieder fortzuſetzen; ſein Weg fuͤhrte ihn bei der Poſt vorbei. Ein recht alberner Gedanke durchflog ihm den Kopf. Er verſicherte ſich, nicht im Mindeſten un⸗ ruhig zu ſeyn, aber— er wollte doch gern ſehen, ob Musie Ulrich in ſeinem vergitterten Expedi⸗ — — — — tions⸗Kaͤfig ſitze, oder noch hinten im Purzelbaum⸗ Gaͤßchen mit Renatchen konverſire. Er ſagte ſich zwar im Voraus, daß wenn der Herr Poſtſekretär auch wirklich noch nicht an ihr Fenſterchen zuruͤckge⸗ kehrt ſeyn ſollten, das ganz und gar nichts auf ſich habe, allein er wollte nur aus bloßer Neugierde— es trieb ihn, als druͤcke und draͤnge ihn ein Sturm⸗ wind in das Haus. Die Frau Poſtmeiſterin ſammt ihren beiden Maͤdchen empfing den Eintretenden mit lauter Freude. Hundert Fragen jagten ſich ein⸗ ander, und das dritte Wort war immer ein theil⸗ nehmender Ausruf, wie geſund— groß und ſtark Herr Lehnin geworden, und die Maͤdchen, die den Jugendfreund noch Fritz nennen wollten, erhielten von der zierlichen Mutter ſcherzhafte Schelte, daß ſolches ſich jetzt nicht mehr ſchicke. Fritz hoͤrte auf das Alles nur halb, und blieb auf zwei Drittel der Fragen die Antwort ſchuldig. Im Zimmer befand ſich ehedem, wie das in Poſthaͤuſern kleinerer Staͤdte wohl der Fall zu ſeyn pflegt, ein verſchließbarer Gitterverſchlag, in welchem der Poſtſekretär zu ar⸗ beiten pflegt. Der Verſchlag ſtand wohl auf der⸗ ſelben Stelle, auf der er bei Fritzens Abreiſe ge⸗ ſtanden; aber der Vogel, Musje Ulrich, war aus⸗ geflogen. Von dem Augenblick, daß er die Beiden in dem vermaledeiten Purzelbaum⸗Gaͤßchen verlaß⸗ ſen, bis jetzt waren wenigſtens drei Viertelſtun⸗ den verfloſſen, und Ulrich war noch nicht wieder da! ſtand noch dort! plauderte noch mit ihr!—— Die verderbliche Flamme, die Fritz kaum ge⸗ — 49— loͤſcht zu haben meinte, brach mit verdoppelter Kraft hervor; er war auf ſich, auf ſeine Kurzſichtigkeit, auf Renatens betruͤgliches Spiel, auf Ulrich, auf die ganze Welt bitterboͤſe. Eine ganz ſonderbare Vernichtungswuth bemaͤchtigte ſich ſeiner; was haͤtte er darum gegeben, wenn er das eiſerne Expeditions⸗ Gitter mit den Faͤuſten haͤtte ergreifen und nieder⸗ reißen, und in tauſend kleine Stuͤcke zertreten duͤr⸗ fen! Was haͤtte er darum gegeben, wenn ihm die Wolluſt geworden wäͤre, den Ulrich bei der Gurgel zu packen, in den Sand zu werfen, und in die an⸗ dere Welt zu ſpediren; und er ſollte freundlich aus⸗ ſehen, ſich nichts merken laſſen, und eine Unterhal⸗ tung fortfuͤhren, die ſich um die gleichguͤltigſten Dinge herumdrehte! „Der Herr Poſtſekretaͤr iſt wohl nicht zu Hauſe? 22⸗ fragte er endlich, weil er ſeinen Unmuth nicht laͤn⸗ ger halten konnte, und freute ſich, in der Verſtel⸗ lungskunſt den Meiſtergrad errungen zu haben, denn er hatte nach dem Menſchen, den er in das Pfefferland wuͤnſchte, mit ſo vielem Antheile ge⸗ fragt, daß die Poſtmeiſterin ihn mit der Verſiche⸗ rung troͤſten zu muͤſſen glaubte, daß er nur ein wenig ausgegangen ſey, aber gleich wieder kommen muͤſſe, denn die Uhr weiſe auf eilfe, die Elleben⸗ ſche Reitpoſt muͤſſe mit jedem Augenblicke eintref⸗ fen, und dieſe muͤſſe hoͤchſtens in fuͤuf Minuten expedirt ſeyn. Sie hatte noch nicht ausgeſprochen, als der Poſtknecht, der die Ellebenſche brachte, an⸗ getrabt kam. Ciauren Sche. YXI. 5 Er ſprang vom Pferde und reichte den Stun⸗ denzettel zum Expeditions⸗Fenſterchen herein. Ulrich war nicht da. Fritz krallte alle zehn Finger in den Hut. „Ruf doch den Poſtſekretaͤr,“ ſagte die Mutter etwas unwillig, und Kamilla, die juüngſte Mamſell Poſtmeiſterin, gab, während ſie die Zeit der An⸗ kunft in den Stundenzettel eintrug, dem Poſtillon auf, daß er einmal blaſen ſolle, damit Herr Pude⸗ witz höre, daß die Poſt da ſey. Der Poſtillon blies mit vollen Backen in ſeinen Fuͤnfwinder, aber Herr Pudewitz kam nicht. Fritz haͤtte die Erde bis zu den Antipoden durch⸗ treten moͤgen, und— o die Hoͤllenqual!— kein Menſch ſollte das Toben ſeiner Wuth wahrnehmen; er durfte uͤber Ulrichs unverantwortliches pflicht⸗ und dienſtvergeſſenes Ausbleiben nicht ein Wort fallen laſſen! Was ging das ihn an! Ober⸗Land⸗ Poſtmeiſter haͤtte er jetzt ſeyn moͤgen! In Ketten und Banden haͤtte er den gewiſſenloſen Musje Poſt⸗ ſekretär werfen laſſen!— Doch er raffte ſich zuſammen! Er hielt die Maske des Indifferenten feſt, und ward ſeines Ingrimms ſo vollſtaͤndig Herr, daß er mit laͤchelndem Munde Poſt⸗Kamillchen recht viel Artiges uͤber die Flink⸗ heit ſagen konnte, mit der ſie das Felleiſen oͤffnete, die in demſelden befindlichen Briefbeutel control⸗ lirte, die nach Luͤnenſcheid beſtimmten herausnahm, die vom Orte aus abgehenden Briefbeutel in das Felleiſen that, dies wieder verſiegelte, und dem Stun⸗ rutter amſell r An⸗ ſtillon Pude⸗ einen durch⸗ kein dmen; flicht⸗ Wort Land⸗ ketten Poſt⸗ Naske imms Runde Flink⸗ ffnete, ntrol⸗ nahm, n das dem — 51— Poſtillon uͤberantwortete; noch waren die zur Er⸗ pedition verguͤnſtigten fuͤnf Minuten nicht verſtri⸗ chen, als Kamillchen die Abgangszeit im Stunden⸗ zettel wieder bemerkte, dieſen dem abreitenden Po⸗ ſtillon zuſtellte, und das Fenſterchen ſchloß. „Aber das geht denn doch ein wenig zu weit mit dem Musje Pudewitz,“ ſagte die Mutter un⸗ willig, zu Kamilla gewendet,„wenn Du die Poſt erpediren ſollſt, braucht der Vater keinen Sekretaͤr zu bezahlen.“„Wo wird er ſtecken!“ erwiederte das niedliche Poſtkind lachend,„beſtimmt iſt die heute in der Stadt; irre ich nicht, ſo fuhr vorhin ihr Wagen vorbei; Er mußte ihn auch ſpitz gekriegt haben, denn er ſchoß wie ein Pfeil zum Hauſe hinaus.“ In dem Augenblick trat t ulrich athemlos in das Zimmer.„Schon fort?“ fragte er in Bezug auf die Reit⸗Poſt, und„wird auf Sie warten,“ ent⸗ gegnete Mama Poſtmeiſterin mit ſchneidender Schaͤrfe. Fritz hielt es nicht fuͤr paſſend, das Donnerwet⸗ terchen abzuwarten, was mit allem Fug und Reckt jetzt uͤber den gottvergeſſenen Herrn Poſtſekretaͤr ausbrechen ſollte; auch war ihm unmöglich, den Menſchen ohne Widerwillen anzuſehen; er mußte ſeiner Eigenliebe den Gnadenſtoß, und dem erneuer⸗ ten Argwohne Raum geben, daß, ſo ſehr er ſich vor wenig Minuten das Alles wegraiſonnirt hatte, z i⸗ ſchen Beiden doch eine Art von Einverſtaͤndniß Statt finde; denn in Kamillchens Miene, mit der ſie von * Beiden geſprochen, lag unlaͤugbar eine vollſtaͤndige Denunciation, und Ulrichs groͤbliche Hintenanſe⸗ tung des landesherrlichen Poſtdienſtes, die Athem⸗ ſoſigkeit ſeiner, wahrſcheinlich in lauter Liebeſelig⸗ eit uͤberſtroͤmenden Bruſt, und das ſcheue Auge, das ſich zu den Umſtehenden gar nicht aufzuheben wagte, ſteigerten den Verdacht faſt bis zur unum⸗ ſtoͤßlichen Gewißheit. Was ſollte Fritz alſo hier! Er brach ſeinen Be⸗ ſuch kurz ab, und ging. 15. Vor dem Poſthauſe rannte ihm ein alter Be⸗ kannter, der Vice⸗Kaͤmmerei⸗Schreiber Jedermann, unter die Arme, druͤckte ihn preßhaft an ſein hoch⸗ erfreutes Herz, und hieß ihn unter lautem Halloh froͤhlich willkommen.„In der ganzen Stadt,“ ſchrie er, daß man es von einem Thor⸗Ende bis zu dem andern hoͤren konnte,„in der ganzen Stadt ſchon iſt es herum, daß Du altes ehrliches Freudenpferd wieder da biſt; zwanzig huͤbſche Maͤdchen, die Dich hinter ihren Vorhangen im Vorbeigehen heimlich belauſcht, haben mir ſchon von Dir erzaͤhlt, und ſtatt bei dem alten Schulkumpan, dem kreuzfidelen Jedermann, der ſich uͤber die Ehre eines ſolchen Beſuchs ganz ochſig gefreut haben wuͤrde, ſchwaͤn⸗ zelt der angenehme Tauſend Sappermenter hier bei den Schönen des Orts umher. Hier par Exeni- pel, im Poſthauſe— Bruͤderchen! Hand von der Butter! nichts fuͤrn ungnut! sub Rosa! Kamillchen —&——9 ͤ—-„„ taͤndige enanſe⸗ Athem⸗ beſelig⸗ Auge, uheben unum⸗ den Be⸗ ter Be⸗ rmann, in hoch⸗ Halloh ſchrie zu dem dt ſchon enpferd hie Dich zeimlich t, und zfidelen ſolchen ſchwaͤn⸗ er bier Exeni- von der millchen — 53— und ich— wir zwei Beide ſelbander— Du verſtehſt mich; mit dem alten Kaͤmmerei⸗Schreiber iſt es Matthaͤi am letzten. Von Fruͤh bis Abends iſt er ſtetig halb ſieben. Der Wein greift, ſeitdem er bei dem Landſturm gedient, nicht mehr, und iſt zu theuer. Schnapps muß es ſeyn. Wir haben das bischen Verſtand totaliter vertrunken, und tor⸗ keln unaufhaltſam dem Grabe zu. So bald alſo die alte Kriegs⸗Gurgel das Zeitliche geſegnet, ruͤcke ich in ſeinen Poſten: heute machen ſie mich zum Kaͤmmerei⸗Schreiber, und wupp dich, morgen ſtief'le ich als Freiersmann in das Poſthaus. So viel, Bruͤderchen, zur Notiz, wornach ſich zu achten! Wer mir in mein Gehege kommt, dem ſchlage ich die Beine entzwei. Nichts fuͤr ungut! Fritz— er wußte ja, er wußte ja, wie brennend der Argwohn ſchmerzt— beruhigte den alten Schul⸗ kameraden durch die gleichguͤltigſte Kaͤlte, mit der er ſich uͤber beide Poſtmamſells aͤußerte, und log, um ihm allen Verdacht zu benehmen, hinzu, daß er lediglich gekommen ſey, um ihren gemeinſchaft⸗ lichen Freund Pudewitz zu beſuchen. „Pudewitzelchen?“ ſchrie Jedermann erfreut, daß dieſem und nicht ſeiner Herzallerliebſten Fri⸗ tzens Beſuch gegolten.„O Herztrautes Freuden⸗ pferd! Euch kann ich es ſagen, doch Alles sub Rosa, denn noch weiß in der ganzen Stadt kein Menſch davon, als der Poſtmeiſter und ich, ſelbiger Ulri⸗ cus Pudewitzius alſo, laͤuft gegenwaͤrtig Gefahr, vor Freude verruckt zu werden. Seit Jahren ſchon —— d iſt er um Oberamtmanns Renatchen herum gegan⸗ gen, wie das Käͤtzlein um den Brei; qua pauper Schluckerus hat er nicht die Courage gehabt, mit der Sprache rein heraus zu gehen. Jetzt aber iſt die Sache zum Durchbruch gekommen. Renatchen hat mit felſenartiger Granit⸗Feſtigkeit erklaͤrt, die⸗ ſer oder Keiner. Der Vater iſt anfaͤnglich mit Ruͤckſicht auf Pudewitzii kirchenmauſiges Vermögen gewaltig obſtinat und borſtig geweſen, und hat der ſtörrigen Tochter, durch Freunde und Gevattern, wohl zwanzig heirathbare mit zeitlichen Guͤtern be⸗ gabte Mannsbilder vorfuͤhren laſſen; da ſolches Al⸗ les indeſſen lediglich in den Wind gehandelt gewe⸗ ſen, und Renate, der von allen Seiten hart zuge⸗ ſetzt worden, maͤnniglich und rund herausgeſagt, daß der arme Ulrich ihr lieber ſey, als alle die ihr bereits angemeldeten oder noch anzumeldenden Brautwerber, Ulricus Pudewitzius aber rund um, als ein mordbraver Burſche bekannt, auch der Sohn eines alten Jugendfreundes vom Oberamtmann iſt; ſo hat dieſer denn zuletzt eingewilligt; Ulricus legt den Poſt⸗Zepter nieder, und widmet ſich fortan dem Landbau. Der Oberamtmann, der in Kurzem mit dem Hochpreißlichen Finanz⸗Collegio ſeinen Pacht⸗ Contract erneuern wird, nimmt darin den Ulrich als Mitpächter auf, und auf dieſe kameraliſtiſche Operation folgt dann, hoffentlich noch vor der Heu⸗ Ernte, die Feier des Beilagers. Da, Du altes treues Freudenpferd, wird es in Weidenwalde ein⸗ mal pichhoch hergehen. Da mußt Du hier, und da⸗ bei ſeyn.“ gan⸗ iper mit riſt chen die⸗ mit gen der tern, n be⸗ 3Al⸗ ewe⸗ uge⸗ ſagt, ihr nden um, Sohn iſt; legt dem mit hacht⸗ llrich tiſche Heu⸗ altes ein⸗ d da⸗ „Verſteht ſich,“ verſetzte Fritz zwiſchen den Zaͤh⸗ nen murmelnd, und hielt ſich an dem Gartenge⸗ länder feſt, vor dem ſie eben vorbei gingen, denn ihm ſchwanden alle fuͤnf Sinne. Alſo das war ſeine erſte Liebe geweſen! Sie ſollte auch ſeine letzte, gewiß und wahrhaftig, ſeine allerletzte in dieſem Leben ſeyn. Was hatte ihm der Vater nicht alles von der Renate vorgefabelt! Dieſer wollte, als Fritz auf dem Baum⸗Anger erſchienen, eine ganz eigene jung⸗ fraͤuliche Verſchaͤmtheit an ihr bemerkt haben; ſie ſollte empfindlich geweſen ſeyn, daß er ſie nicht gleich in das Auge gefaßt.— Was hatte ihm ſeine verwuͤnſchte Eigenliebe nicht alles vorgewindbeu⸗ telt! Ihr Erroͤthen, als ſie auf froͤhliches Wieder⸗ ſehen getrunken, ihre Freude, als die Maͤdchen und Frauen, uͤber die Garten⸗Zaͤune, ſich hinſicht⸗ lich ſeiner belobend geäͤußert; ihr jungfraͤuliches Laͤ⸗ cheln, als er ſie auf die kleine Narbe unter dem Stirn⸗Haar gekuͤßt hatte; ihr trauliches Plaudern auf dem Wege bis zum Hahnrei⸗Bruͤckchen; ihre gaſtliche Bitte, recht bald wieder zu kommen; ihr zaͤrtlicher, ihr unvergeßlicher Scheideblick, den ſie ihm vor ihrem Verſchwinden hinter die Dorfgaͤr⸗ ten noch zuruͤckgeworfen—— das Alles— das Alles hatte er fuͤr untruͤgliche Zeichen der Liebe hingenommen, und es war, wie er, ſeine verdammte Kurzſichtigkeit verwuͤnſchend, nun wohl einſah, nichts, als die letzte Gabe freundlicher Erinnerung an die fruͤhere Kinderzeit geweſen! Jetzt— ach jetzt — 56— verſtand er ihre vortrefflichen Tiraden uͤber die Nich⸗ tigkeit des Goldes. Bis dahin hatte ſein Tert zu die⸗ ſer ihm lieblich toͤnenden Melodie alſo gelautet: lie⸗ ber Fritz, aͤngſtige Dich ob Deiner Armuth nicht. Ich liebe Dich! was Du nicht haſt, das hat und gibt mein Vater, der reiche Oberamtmann in Weiden⸗ walde; wir werden daher nicht verhungern, ſondern vielmehr im Gegentheil in Frieden und Freuden leben. Amen. Das heißt: es werde wahr! Jetzt, nach dem Lichte, das ihm der unausſtehliche Jeder⸗ mann angeſteckt hatte, klang die Variante ganz an⸗ ders. Statt des lieben Fritz ſtand der geliebte Ul⸗ rich da. Wenn dieſes Maͤdchen, das er fuͤr das treuherzigſte, zuverlaͤſſigſte Weſen in der Welt ge⸗ halten, ihn ſo ungeheuer hatte taͤuſchen koͤnnen, welchem ſollte er noch trauen!— Boͤſe auf ſich, auf Ulrich, auf Reuaten und auf den lieben Herr Gott, der die falſche Frauen⸗Seele hinter dieſem viel zu ehrlichen Geſichte verſteckt habe, kam er heim, und erſtickte faſt vor Unmuth, als der Vater auf die alte Idee zuruͤckkam, ihn in Weidenwalde die Land⸗ wirthſchaft ſtudiren zu laſſen!— Wie im menſch⸗ lichen Leben eine Minute doch Alles um und um⸗ drehen kann! Heute Morgen haͤtte ihn die Ausfuͤh⸗ rung dieſes Plans zum ſeligſten Sterblichen erho⸗ ben, und jetzt waͤre ſie ſein Tod geweſen. Fort, fort von hier, war jetzt ſein einziges Dichten und Trachten. Er ging, ſtand und ſaß hier uͤberall auf gluͤhenden Nadeln. Er ſprach von Silberſtein, als von einem Paradieſe, ſehnte ſich nach dem Reich⸗ Nich⸗ die⸗ lie⸗ Ich gibt den⸗ dern uden Fetzt, eder⸗ 3z an⸗ ee Ul⸗ das lt ge⸗ anen, „ auf Gott, tel zu und f die Land⸗ enſch⸗ dum⸗ sfuͤh⸗ erho⸗ Fort, n und all auf n, als Reich⸗ — 57— hartſchen Comtoir, wie nach einer Geliebten, und erhob den Kaufmann uͤber alle Staͤnde der Welt. Der Vater zweifelte alles Ernſtes an ſeinem Ver⸗ ſtande, denn er ſprach gerade das Gegentheil von Allem dem, was er heute Morgen daruͤber geäußert hatte. Mit Beſorgniß uͤber den Geſundheits⸗Zu⸗ ſtand ſeiner Seele hielt er ihm die ſchreienden Wi⸗ derſprüche zwiſchen heute fruͤh und jetzt erufthaft vor, allein ſeine Befuͤrchtung, daß Fritz unterwei⸗ len an Geiſtesſchwaͤche leiden muͤſſe, ward nur um ſo beſtaͤrkter, denn dieſer antwortete mit nichts, als mit einem lang gezogenen Seufzer, mit einem ſchwer⸗ muͤthigen, gen Himmel gehobenen Blick, und mit einem an Troſt und Hoffnung verzagenden Kopf⸗ ſchütteln. Hilaritas bingegen ſah in Fritzens ſtuͤr⸗ miſchem Treiben nach dem neuen Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung, mit heimlicher Freude das Wirken einer hoͤhern Fuͤgung. Es mußte ja Alles ſo kommen, wenn die ſchoͤnen Traͤume wahr werden ſollten, mit denen ſie ſich ſchon tauſendmal die Zukunft des geliebten Soh⸗ nes ausgemalt hatte. Sie betrieb daher, ſelbſt mit Aufopferung des Genuſſes, den wackern Jungen laͤnger um ſich zu haben, ſeine Abreiſe mit moͤglich⸗ ſter Eile, und legte auf die Bitte: den Brief, den ihm Oberſteuerraths Viktorinchen an Mamſell Reich⸗ hart mitgebe, ja ihr, unter den ſchoͤnſten Compli⸗ menten von Viktorinchen, ſelbſt einzuhaͤndigen, einen ſo wichtigen Ton, daß ein Dritter wahr⸗ ——ü ͤͤͤͤͤͤö— — ͤͤͤö ———— — 56— haftig haͤtte denken ſollen, die Depeſche enthalte das Schickſal einer halben Welt. 16. Voulez vous, Monsieur, hob ſein kleiner duͤrrer Nachbar in der Eilkutſche an, und präſentirte ihm ein Prischen. Fritz dankte verneinend, richtete aber ſeine Aufmerkſamkeit auf den Deckel der Doſe, auf dem ein maͤnnliches, nicht uͤbel gelungenes Portrait ſich befand. Connoissez vous, Monsieur, fragte der Poſt⸗Freund, rieb den genommenen Tabat zwiſchen den Fingern, und ſtopfte ſich damit die breitge⸗ ſchlitzten Nuͤſtern. Fritz ſchuͤttelte verneinend den Kopf, und ſah unverwandten Auges auf das Bild, deſſen Zuͤge ihn wohlgefaͤllig anſprachen. „C'est un homme d'honneur, ein Ehrenmann, fuhr der Kleine fort, ſort riche, ſehr reich, et fort brave, und ſehr brav; Monsieur Reichhart à Silberstein, marchand très renommé par ville et pays, wohlbekannt durch Stadt und Land.“ Fritz wollte uͤber das grausliche Franzoͤſiſch la⸗ chen, mit dem ſich der Duͤrre plagte, aber die un⸗ vermuthete Bekanntſchaft mit ſeinem Herrn Pa⸗ then, in deſſen Haͤnden ſein Schickſal, ſeine Zukunft jetzt lagen, uͤberraſchte ihn ſo, daß er ſich an die poſ⸗ ſirliche Eigenheit des Reiſegefaͤhrten bald gewoͤhnte, und ihm mit dem lebhafteſten Antheil zuhoͤrte. Als Kammerdiener eines polniſchen Großen hatte Herr Pirtzel die halbe Welt durchwandelt, und ſprach alte nach ſeiner Verſicherung, das Engliſche, Italieni⸗ ſche, Polniſche und Ruſſiſche, eben ſo gelaͤufig wie das Franzöſiſche. Nach zwanzigjährigem Herum⸗ ſchwaͤrmen kehrte der Sarmate in ſeine Heimath zu⸗ ruck, um auf dem vaͤterlichen Erbgute, in tiefer Einſamkeit, die Schulden zu bereuen, die er auf ſeiner luſtigen Pilgerſchaft gemacht hatte. In jenes verſchrieene Wolfs⸗Paradies ihm zu folgen, hatte Herr Pirtzel keine Luſt; er bat daher um ſeinen, ſeit einem Decennio ruͤckſtaͤndigen Sold, und um ſeinen Abſchied. Letzteres fand keine Schwie⸗ rigkeit; was aber erſtern betraf, ſo fehlte es fuͤr den Augenblick an Fonds; indeſſen ſollte die Klei⸗ nigkeit von Hauſe aus ungeſaͤumt erfolgen. In Sil⸗ berſtein trennte ſich der Herr vom Diener; die Klei⸗ nigkeit erfolgte, dringender Mahnbriefe ungeachtet, nicht, und Herr Pirtzel ſah ſich, wie er ſich aus⸗ druͤckte, vis-à-vis de rien.„Doch,“ fuhr er in ſeiner Erzaͤhlung fort:„Gott verlaͤßt keinen ehrli⸗ chen Deutſchen; ich präſentirte mich, als mir das Meſſer an die Kehle kam, und ich nicht mehr wußte, wo ein noch aus, bei Herrn Reichhart, bei dem ich ſonſt fuͤr Rechnung meines Herrn manch ſchoͤnes Tauſend Gulden geholt hatte, ſprach ihn franzoͤſiſch an, erzaͤhlte ihm meine Fata, und bat bis zum Eingange meines zu verhoffenden Lohns, um einen kleinen Vorſchuß. Herr Reichhart aber ſchnautzte mich unbarmherzig an, verſicherte, nicht die Ehre zu haben, mich zu kennen, lachte mir uͤber meine Hoffnung hinſichtlich des ruͤckſtaͤndigen Lohns, in —— — 60— das Geſicht, und ſtellte mich ſeinem Bedienten, der zufaͤllig eben durch das Zimmer ging, als ein ab⸗ ſchreckendes Beiſpiel fuͤr Alle dar, die nichts weiter gelernt haͤtten, als Schuhe putzen. Monsieur, ce me passoit par l'ame, Herr, das ging mir durch die Seele. Daß er mich nicht kennen, daß er mir nichts borgen wollte, daß er mir alle und jede Hoffnung nahm, von meinem ehemaligen Herrn mein Geld zu bekommen, das Alles verzieh ich ihm; aber— das Souliers- nettoyer, das Schuh⸗ Putzen, und daß ich nichts weiter gelernt haben ſollte, c'étoit trop fort, das war zu ſtark. Und was das groͤßte Un⸗ gluͤck war, ich konnte ihn nicht Luͤgen ſtrafen, er hatte Recht. Ne plait- il?„nicht gefällig?“ fragte er, und reichte Fritz die Doſe; dieſer dankte wie⸗ derholentlich, und fing an fuͤr ſeine Zukunft ſehr beſorgt zu werden, denn wenn der Mann, der Herr Reichhart, ſo harthoͤrig bei des armen Pirtzels Bitten geweſen, wie mochte er erſt gegen ſeine Un⸗ tergebenen ſeyn! Er dankte fuͤr den Tabak zum zweiten Male, und ſah wieder auf den Deckel und ſchaͤmte ſich ſeiner ſtumperhaften Pyyſiognomik. In dem Geſicht lag— er konnte ſich uicht helfen— die gutmuͤthigſte Biederkeit ſelbſt, und doch— doch ſollten ſie luͤgen, dieſe ſprechenden Zuͤge des men⸗ ſchenfreundlichſten Wohlwollens, der ehrlichſten Treu⸗ herzigkeil. „OQue ce que dit, zieh Hoſen an, parlez vous ge Struͤmpfe,“ ſagte Herr Pirtzel, die Kummerge⸗ ſchichte ſeiner Vorzeit jetzt behaglich belachend, nahm daß trop Un⸗ „zer agte wie⸗ ſehr Herr etzels Un⸗ zum und Jn — die doch men⸗ Treu⸗ vo us „ 192 lerge⸗ nahm — 61— zwei Priſen, und fuhr dann fort:„Kammerdie⸗ nern mocht' ich nicht mehr, zu betteln ſchaͤmte ich mich; zu irgend einer Unternehmung, die ihren Mann zu ernaͤhren im Stande geweſen waͤre, fehlte es mir an Capital. Connoissez-vous cette situa- tion, Monsieur? Sie war zum Verzweifeln; mais je ne perdois pas la téte, ich verlor den Kopf nicht. Auf meiner Reiſe durch Frankreich hatte ich, na⸗ mentlich in der Picardie, mehrere hundert Men⸗ ſchen gefunden, die vom verwahrloſeſten Gewaͤchs des Erdbodens, von der Brennneſſel lebten. Ich hatte, da wir uns faſt ein Jahr in jenen Gegen⸗ den aufhielten, Gelegenheit gehabt, die Verarbei⸗ tung dieſer hier werthloſen Pflanze bis zum ſoge⸗ nanunten Neſſeltuche genau kennen zu lernen, und machte mich jetzt friſch an die Arbeit. Ich⸗hatte von meinen Lehrern, vor den Picardiſten das vor⸗ aus, daß ich die Quelle meines karglichen Erwerbs, die Neſſeln, die ſie dort durch Duͤngen, Pfluͤgen, Eggen und Saͤen, muͤhſam anbauen mußten, hier an allen Zaͤunen und Manern, auf allen Feld⸗Rai⸗ nen und in allen Gartenwinkeln, im Ueberfluſſe vorfand. Ich machte im Auguſt des erſten Jahres, in der ganzen Umgegend ſo reiche Ernten, daß ich zur Roͤſtung, zum Brechen und Spinnen und zur weitern Verarbeitung meines Materials, mehrere Franen und Mädchen annehmen mußte, die, menſch⸗ licher als Herr Reichbart, mit der Bezahlung ihres Lohns, mir gern bis zum Verkauf meines Neſſeb⸗ tuchs Zeit ließen. Ich verkaufte mein Fabrikat za —— gutem Preiſe, bezahlte ſäͤmmtliche ruͤckſtaͤndige Ar⸗ beitsloͤhne, und behielt ſo viel übrig, daß ich bis zur naͤchſten Ernte knapp, aber doch anſtaͤndig aus⸗ kommen konnte. Jetzt kehrte der Auguſt wieder, und mit ihm die Zeit, meine Neſſeln zu ſchneiden. Millionen Blaſen und Blaͤschen hatte ich beſonders im Anfange bei dieſer heilloſen Arbeit in beiden Haͤnden; kein Teufel wollte mir dabei helfen, folg⸗ lich mußte ich das Geſchaͤft des Einſammelns allein verrichten, das in den heißen Auguſt⸗Tagen, au⸗ ßer den brennenden Hoͤllenſchmerzen, wohl man⸗ chen ſchoͤnen Tropfen Schweiß koſtete. Mein Nach⸗ bar, ein armer Sandfuhrmann, hatte mir ſeinen dunden Braunen ſammt Wagen geliehen; mit dem fuhr ich eines Abends die Frucht meines eſſigſau⸗ ern Tages, ein berghohes Fuder ſchoͤner Brenn⸗ neſſeln, nach Hauſe. Mein brauner Blinder, der mit ſeinem Herrn den ganzen Tag Sand zur Stadt gefahren hatte, war muͤde, und ruhte ein Weil⸗ chen; ich war auch muͤde und ſetzte mich in's Gras, und ſang einen franzoͤſiſchen Chanſon. Da kam Herr Reichhart mit ſeinem Töoͤchterlein, einem klei⸗ nen, damals kaum ſechsjaͤhrigen Maͤdchen, ſpazieren gegangen; ich war, als ich ihn erblickte, und an den Morgen dachte, wo er meine Vorſchußbitte kurz weg abſchlng, ſo ergrimmt, daß ich ihn gar nicht anſehen mochte; auch war mir es, als ſchaͤme ich mich, daß er den ehemaligen eleganten Kammerdiener bier beim armſeligen Brennneſſel⸗Fuͤderchen finde, das der bliude Braune nicht von der Stelle brin⸗ Ar⸗ ) bis aus⸗ eder, iden. nders eiden folg⸗ allein „ au⸗ man⸗ Nach⸗ ſeinen it dem ſigſa u⸗ Brenn⸗ r, der Stadt Weil⸗ Gras, Da kam em klei⸗ bazieren und an tte kurz ar nicht ich mich, erdiener en finde, elle brin — 63— gen konnte. Jetzt kannte mich Herr Reichhart auf den erſten Blick; er rief mir einen freundlichen guten Abend zu, ſagte, daß er von meinem Fleiß und meiner Sparſamkeit und meinem Streben, auf ehrliche Art mein Brod zu verdienen, uͤberall viel Gutes gehoͤrt, klopfte mir auf die Achſeln, troͤſtete mich mit dem alten Sprichworte, daß aller Anfang ſchwer ſey, und gut Ding Weile haben wolle,— erkundigte ſich nach dem Gange und Ertrage mei⸗ nes hier fruͤher ganz unbekannten Gewerbes ſehr umſtaͤndlich, und fragte zuletzt— ich traute meinen Ohren kaum— ob er mir etwa mit einer Unterſtuͤ⸗ tzung dienlich ſeyn koͤnne? Sein Lob, ſein Beifall hatten mich ſo hoch gehoben, daß ich von meiner Höͤhe unmöglich herunterſteigen, und mich vor ihm klein machen konnte; ich dankte ihm alſo fuͤr ſeine Guͤte, ſo hart es mir auch anging, keinen Gebrauch davon machen zu ſollen, ſagte, daß ich jetzt ſchon hoffen duͤrfe, fremder Huͤlfe entbehren zu koͤn⸗ nen, und daß— etwas mußte er doch von mir ab⸗ kriegen— und daß es mir ſehr erfreulich gewe⸗ ſen, daß der gegenwärtige Neſſeltuch⸗Fabrikant Pirtzel, die Ehre des ehemaligen Schuhputzers habe retten koͤnnen; Herr Reichhart blinzelte mich ſchmun⸗ zelnd an, druͤckte mir die millionenmal verbrannte Hand, und ſagte mit herzlichen Worten, daß er den Hieb nicht verdiene; haͤtte er damals dem zum Nichts⸗ tbun verwoͤhnten Herrn Kammerdiener den erbete⸗ nen Vorſchuß bewilliget, ſo waͤre dies Geld jetzt verpo⸗ ſamentirt, der Herr Kammerdiener haͤtte bis die⸗ ſen Augenblick die Haͤnde muͤßig in den Schooß ge: mit legt, die ſchoͤne Gotteszeit verlulleyt, und ſtaͤke ge⸗ De genwaͤrtig bis uͤber die Ohren in Schulden. Ei⸗ Ich nem induſtrioͤſen Gewerbsmann, einem ſtetigen Wa Arbeiter aber auf die Beine zu helfen, und ihn Ert darauf zu erhalten, mache ihm Freude, und daher faͤn koͤnnte ich kommen, ſo oft ich wollte, ich wuͤrde Fel immer offene Thuͤr zu gutem Rath, und offene an, Kaſſe zur guten That finden. Wir ſchieden als die Her beſten Freunde; ſein kleines Lieschen mußte dem bra⸗ zuze ven Manne, wie er mich nannte, zur guten Nacht hab das weiße zarte Patſchchen geben, und mein Blin⸗ zu der, der unterdeſſen ſich voͤllig erholt hatte, zog wie Nac eine Schraube. Denſelben Abend ſandte er mir 300 gege Thlr. mit der kurzen Ueberſchrift: Zinsfrei zur ge- Gne legentlichen Zuruͤckzahlung. Als ich den folgenden te, Morgen zu ihm eilte, um ihm zu danken, ließ er nes ſich in ein ausfuͤhrliches Geſpraͤch mit mir ein, ſchien cken gern zu hoͤren, daß ich waͤhrend meines laͤngern Sie Aufenthalts in Forchheim und Erfurt, im Oeſtreich⸗. ſchen und in den Niederlanden, mich mit dem An⸗ Tro bau der Tuchkarde*), des Krapps**) und des Wer Waus*—r) genau bekannt gemacht hatte; verwen⸗ Her. dete ſich auf der Stelle bei umliegenden Gutsbe⸗ noch ſitzern wegen Ueberweiſung des, zum Betriebe dieſer dere Kultur noͤthigen Ackerlandes fuͤr mich, und verſprach bere⸗ Eor *) Dipsacus Fullonum. vn **) Rubia tinctorum.„ ***⁴) Reseda Luteola. ß ge⸗ e ge⸗ Ei⸗ tigen ihu daher zuͤrde ffene s die nbra⸗ Nacht Blin⸗ g wie r 300 ur ge⸗ enden eß er ſchien ngern treich⸗ n An⸗ d des rwen⸗ utsbe⸗ dieſer ſprach mir werkthaͤtigen Beiſtand nach ſeinen Kraͤften.— Der Himmel hat ſeitdem mein Bemuͤhen geſegnet. Ich habe Jahre erlebt, wo ich, namentlich bei'm Wau⸗ und Kardenbau, vom Morgen einen reinen Ertrag von 120 bis 180 Thaler gehabt habe; an⸗ faͤnglich pachtete ich rund um Silberſtein mehrere Felder; ſpaͤter kaufte ich mich zehn Meilen von hier an, und jetzt fahre ich nach Silberſtein, um dem Herrn Reichhart die letzten Tauſend Thaler zuruͤck zuzahlen, die ich von ihm vor acht Jahren geborgt habe, und um ſein Toͤchterchen, Mamſell Lieschen, zu Gevatter zu bitten; die Tochter meines ehrlichen Nachbars, des armen Sandfuhrmanns naͤmlich, iſt gegenwaͤrtig mein Weib, und ich bin durch Gottes Gnade, Herrn Reichharts menſchenfreundliche Guͤ⸗ te, meiner Frauen Fleiß und Ordnung, und mei⸗ nes braven Schwiegervaters erſte Huͤlfe, im Tro⸗ ckenen. Que ditez vous à tout cela? Was ſagen Sie zu dem Allen? „Daß Sie mir mit Ihrer Mittheilung einen Troſt und eine Beruhigung gegeben haben, deren Werth Sie nicht ahnen,“ entgegnete Fritz leichtern Herzens, und ſah ſch das Bild auf der Doſe jetzt noch einmal an, und freute ſich, daß ihn dies bie⸗ dere Ehrengeſicht nicht getaͤuſcht hatte. Er konnte berechnen, Herrn Pirtzel auf dem Reichhartſchen Comtoir zu ſehen, und fand es daher gerathen⸗ ihm zu eroͤffnen, daß er auf daſſelbe kommen werde. „Ah maintenant s'éléève moi une lumière ⸗ jetzt geht mir ein Licht auf,“ ſagte Herr Pirtzel, und I.XI. 6 — 66— legte ſeine Rechte dem Nachbar Fritz vertraulich auf das Knie,„unſer guter Herr Reichhart ſchrieb mir naͤmlich vor Kurzem, daß er hoffe, dieſen Sommer ſeinen Ruheſitz, Friedenau, mehr zu genießen als ſonſt, indem er einen jungen Mann in ſein Ge⸗ ſchaͤft bekomme, dem er einen großen Theil deſſel⸗ ben werde anvertrauen koͤnnen; certainement ötes- vous ce jeune homme, gewiß ſind Sie der jeune homme, und ich freue mich, Ihnen und Herrn Reichhart dazu Gluͤck wuͤnſchen zu koͤnnen. Gibt ſich die Gelegenheit, fuͤr mich zu wirken, ſo ver⸗ geſſen Sie nicht Ihren ehrlichen Poſtnachbar; ich brauche kein Geld, denn, wie geſagt, ich bin ein fait homme, ein gemachter Mann. Mais der Kauf⸗ mann hat tauſend Gelegenheiten, dem Producenten nuͤtzlich zu ſeyn; hoͤren Sie alſo vom Steigen der Wau⸗, Krapp⸗ und Karden⸗Preiſe, ſo avertiren Sie mich; auch baue ich jetzt Anis, Hopfen, Ta⸗ bak, Kamillen, Waid, Koriander und Safran. Vor Allem aber koͤnnen Sie mir einen großen Ge⸗ fallen thun, wenn Sie es bewirken helfen, daß Mamſell Lieschen die Einladung annimmt, und in Perſon meinen Jungen aus der Taufe hebt. Ich habe da connoissez-vous ein Plänchen!! Sehen Sie — doch dies entre nous! Aber Sie gehöͤren jetzt ſchon ſo gut, wie zum Hauſe; ich darf alſo gegen Sie ganz franchement ſprechen! Sie werden, wenn Sie nach Silberſtein kommen, einen jungen Grafen von Windlingsfelde kennen lernen, einen elegan⸗ ten bon vivant, Rittmeiſter in der leichten Garde, — ι &— HO˖—— 2 ——= S 8 H auf 1 mir mer als Ge⸗ ſſel⸗ les- une erru Gibt ver⸗ ich ein auf⸗ ein Maͤnnchen von Welt, und in den erſten Zirkeln wohl geliten. Seine Equipage iſt die glaͤnzendſte in der ganzen Stadt. Die kleinen Feten, die er zuweilen gibt, uͤberbieten ſich an Pracht und Ge⸗ ſchmack, und in ſeinem Hauſe hat er ſich eingerich⸗ tet, wie ein Fuͤrſt. Connoissez-vous blauen Dunſt? Seine Prachtliebe, ſeine heimliche Spielwuth und ſeine zahlloſen Amourſchaften haben ihm eine Schul⸗ denlaſt auf den Hals gebuͤrdet, daß er zu Grunde gehen muß, ohne Gnade und Barmherzigkeit. An zehn Creditoren hat er Leib, Leben und Ehre ver⸗ pfandet; zwanzig Loͤcher macht er auf, um das ein und zwanzigſte zuzuſtopfen; er friſtet ſein ſcheinba⸗ res Götterleben von einem Vierteljahr zum an⸗ dern, und weiß ſich ſo kuͤnſtlich hinzuhalten, daß, wer ſeine Lage nicht ganz genau kennt, denken ſollte, er ſaͤße in Gold und Ueberfluß bis uͤber die Ohren. Rien de tout, Nichts von Allem dem? Ohne Wunder Gottes iſt er nicht zu retten; ein Engel muß vom Himmel kommen, wenn ihm ge⸗ bolfen ſeyn ſoll, und dieſen Engel meint er in Lies⸗ chen gefunden zu haben. Er legt ſeine Grafenkro⸗ ne, ſein Familienwappen und die lange Reihe ſei⸗ ner Ahnen in die eine Schaale, und ſie ſoll die Million, die ſie einmal nach des Vaters Tode ihr nennen kann, in die andre legen. Mama Reich⸗ hart hat er ſchon ziemlich herum. Der kuͤßt er auf der Promenade die Hand, nennt ſie ſein liebes Ein⸗ ziges Muͤtterchen, zeichnet ſie in großen Geſell⸗ ſchaften vor allen andern Frauen aus, und thut 1 —* — 8 — ———õ — 66— nichts, ohne ſie vorher um Rath gefragt zu ha⸗ ben! Mama Reichhart, ſagt man, ob es wahr iſt, weiß ich nicht, Mama Reichhart ſieht ihr Lieschen ſchon als gnaͤdigſte Comteſſe in des Grafen Tau⸗ ſend⸗Dukaten⸗Wagen, auf dem bei großen Galla⸗ Feſten ein Leibhuſar und zwei reich betreßte Lakaien haͤngen, und vor dem ein Paar Pferde paradiren, die ihre vier, fuͤnf hundert Stuͤck Louisd'or un⸗ ter Bruͤdern werth ſind; ſie hat von allen Damen der erſten Geſellſchaftskreiſe tauſendmal ſagen hoͤ⸗ ren, daß der Graf einer der liebenswuͤrdigſten Men⸗ ſchen in der Welt iſt, und ſie glaubt es nun ſelbſt gern, deun in der Kindlichkeit, mit der er ihr öf⸗ fentlich, wie unter vier Angen, unausgeſetzt begeg⸗ net, liegt eine ſo zarte Verehrung, daß ſie eine Madame Thomas von Stein und Eiſen ſeyn muͤßte, wenn ſie an die Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnungen nicht glauben wollte. Der Eifer, mit dem er uͤber das Laſter des Spiels ſpricht, und uͤber den Leicht⸗ ſinn unſers jungen Mannsvolks im Umgange mit dem ſchoͤnen Geſchlechte, beſtaͤrkt die gute Frau in ihrer Ueberzeugung von ſeiner Tugend immer mehr, und die Schilderung, die er von der Seligkeit des haͤuslichen Gluͤcks macht, und von dem Werthe des einfachen Familienlebens, ruͤhren ſie ſo, daß ſte auf die Gewißheit, ihr Lieschen nur mit dem Grafen und mit keinem Andern gluͤcklich vermaͤhlt zu ſe⸗ hen, wie auf ein Evangelium baut.— Papa Reich⸗ hart— connoissez-vous einen alten Fuchs?— Papa ſieht zwar klarer, aber der Graf hat ſein Spi Sac kan! Pech ſagt und Erf und daß nan gan ihr ſte ĩ ſtaͤn mit ten. Rec mit nich Pap den Rei all des der drit ein! kuͤn wei tes — 69— Spiel doch ſo fein eingefädelt, daß der Alte der Sache nirgends ganz bis auf den Grund kommen kann. Seinen Haupt⸗Glaͤubigern hat der Graf ein Pechpflaſter auf den Mund gelegt; er hat ihnen ge⸗ ſagt, daß er Lieschen Reichhart zur Graͤfin machen, und von ihrem Gelde ſeine Schulden bezahlen werde. Erfuͤhre der alte Herr, der ein guter Wirth ſey, und daher das Schuldenmachen nicht leiden könne, daß der kuͤnftige Herr Schwiegerſohn mit ſeinen Fi⸗ nanzen ſo broullirt ſey, ſo ſey das Zuruͤckgehen der ganzen Heirath mehr als zu gewiß; wenn ſie alſo ihr eigenes Intereſſe im Auge haͤtten, ſo muͤßten ſte den Schleier, den er uͤber ſeine Vermoͤgens⸗Um⸗ ſtaͤnde geworfen, recht feſt zuzuhalten ſuchen, da⸗ mit es keinem Menſchen moͤglich werde, ihn zu luͤf⸗ ten. Natuͤrlich fuͤhlen die Creditoren, daß der Graf Recht hat; ihre Forderungen ſind fuͤr den ganz mittelloſen Grafen enorm, wenn der Graf Lieschen nicht bekoͤmmt; im gegentheiligen Fall aber ein Pappenſtiel; die erſte Folge daher iſt, daß ſie alle den guten charmanten Herrn Grafen, um den alten Reichhart immer mehr fuͤr ihn zu gewinnen, uͤber⸗ all nach Kraͤften ruͤhmen und loben; die zweite, daß des Grafen guter Name dadurch in allen Zirkeln der ganzen Stadt immer mehr befeſtigt wird; die dritte, daß ſelbſt der alte Reichhart, wenn ihm auch einmal ein nicht ganz guͤnſtiges Wort uͤber den kuͤnfrigen Herrn Schwiegerſohn zu Ohren koͤmmt, weil die Mehrzahl der Menſchen aller Staͤnde Gu⸗ tes von ihm ſagt, das Boͤſe nicht glaubt und der⸗ —-— 70— gleichen nachtheilige Aeußerungen fuͤr Ausbruͤche des Leides und der Mißgunſt häͤlt, und die vierte, daß der Graf, den nur ſehr wenige Menſchen von der morſchen Seite kennen, uͤberall einen ungemeſſe⸗ nen Credit findet. Dabei iſt er ſchlau genug, ge⸗ gen den alten Herrn den Ehrlichen zu ſpielen; er hat ſich ſehr richtig berechnet, daß dieſer durch ſeine kaufmaͤnniſche Verbindungen mit der ganzen Welt eine wenigſtens oberflaͤchliche Ueberſicht von ſeinen Vermöͤgens⸗Umſtaͤnden haben kann; ihm weis zu machen, daß er ein reicher Mann ſey, waͤre un⸗ klug; er laͤßt daher zuweilen fallen, daß er dem Himmel danke, nur ſo viel Einkommen zu haben, um als rechtlicher Mann, ſeinem Stande gemäß,⸗ leben zu koͤnnen; zieht ſich wohl auch ſelbſt mit ſei⸗ nen kleinen Schulden auf, die ſich, aller Wirthlich⸗ keit ungeachtet, doch manchmal einſchlichen, und bearbeitet den Alten durch dieſe verſchmitzte Weiſe dergeſtalt, daß, wenn der auch wirklich einmal vom Schuldenweſen des Grafen hier und da ein Wort fallen hoͤrt, ſolches recht gut deuten zu kͤnnen glaubt; hat ihm der Graf ja doch ſelbſt vertraut, daß er zuweilen kleine Rechnungen unbezahlt laſſen muͤſſe; und weiß er doch aus eigener Erfahrung, wie leicht die Menſchen gewohnt ſind, aus der Muͤ⸗ cke einen Elephanten zu machen.“ „Nun, und Mamſell Reichhart?“ fragte Fritz, dem das Maͤdchen anfing, leid zu thun, das der Graf um Herz, Liebe und Lebensglück fuͤr immer und ewig zu betruͤgen im Begriff ſtand; denn ſo viel er e lich bekt Gli alle tzel, „iſt abe es; ſcho zu! er im chen Lier lich Ba Va ſoll des non ner eine den Mi Me Ba des daß der eſſe⸗ ge⸗ er eine Velt nen 3 zu un⸗ dem ben, naß, ſei⸗ lich⸗ und Veiſe vom Vort anen raut, aſſen ung, Muͤ⸗ Fritz, 3 der nmer un ſo viel ſah er wohl ab, daß der Windlingsfelde, wenn er einmal im Beſitz der Reichhart'ſchen Million war, lich um die buͤrgerliche Kaufmannstochter nicht viel bekuͤmmern, und Luiſe an ſeiner Seite, das ſelige Gluͤck, geliebt zu ſeyn, nie kennen lernen und mit allem ihrem Golde ſich nie erkaufen werde. „Connoissez-vous Kalbfleiſch?“ fragte Herr Pir⸗ tzel,„das ganze Ding,“ fuhr er theilnehmend fort, „iſt noch ein Kind, ein purer Kiek in die Welt; aber es waͤre Schade um das arme Lieschen, wenn es zu weiter nichts gut ſeyn ſollte, als mit ſeinem ſchoͤnen Vermoͤgen die Schulden des Herrn Grafen zu bezahlen. Nun ſehen Sie, da habe ich denn— er ruͤckte dichter, und ſprach, ob ſie gleich Beide im Poſtwagen allein ſaßen, heimlicher— ein Plaͤn⸗ chen, und das ſollen Sie mir helfen ausfuͤhren zu Lieschens und unſer Aller Beſtem. Wir haben naͤm⸗ lich bei uns einen huͤbſchen jungen Menſchen, einen Baron. Sein Urgroßvater, ſein Großvater und ſein Vater— Alle haben mehr ausgegeben, als ſie ge⸗ ſollt haben; nun ſteckt der arme Junge, der nach des Vaters Tode jetzt ſein ſchoͤnes Erbgut uͤber⸗ nommen, in tiefer Geldnoth, und muß trotz ſei⸗ ner weitlaͤuftigen Beſitzungen, die an Flaͤcheninhalt eine kleine Grafſchaft ausmachen, halb verhungern, denn die Glaͤubiger nehmen ihm Alles vor dem Munde weg. Den wollen wir wieder flott machen! Meine Frau hat ihn ſchon ausgehorcht. Aus ſeinem Baronweſen macht er ſich nicht ſo viel; Geld, meint er, ſey die Hauptſache, er will ſich alſo uͤber den 1 4 8 1 —-— 72— Punkt des Anſtoßes, daß Lieschen eine Buͤrgerliche nu iſt, wegſetzen, und ihr ſeine Hand bieten. Nach in Silberſtein aber zu reiſen, und dort ſtandesgemäß Se aufzutreten, koſtet barbariſche Summen, und am ſar Ende, wer ſteht ihm dafuͤr, ob das Mäͤdchen oder 93 6 die Eltern, die den Grafen im Kopfe haben, ihn bel nicht unverrichteter Sache wieder abziehen laſſen, dal dann waͤren die ganzen, auf die Brautſchau ver⸗ Lu. wandten ſchweren Gelder, um die Ecke; am pfiffig⸗ het ſten alſo, wir laſſen Mamſell Lieschen zu uns kommen, M und ſehen Sie, dazu bringe ich ihr den Gevatter⸗ Vi brief. Connoissez vous Schach? Iſt das nicht ein fein Si verdecktes Spiel, das ich ſpiele? Iſt das nicht ein etn Kapital⸗Zug? Einmal bindet Lieschen, wenn es ſb⸗ kommt und mein Kind aus der Taufe ſelbſt hebt, 833 eine tuͤchtige Handvoll Goldſtuͤcke in das Wickel⸗ u5 bett, und dann hat mir unſer Baron, wenn er wit bei ſeiner Mamſell Mitgevatter reuͤſſirt, frei Raff⸗ au und Leſeholz in ſeinen Forſten, und die Gratisbe⸗ un nutzung ſeiner ſaͤmmtlichen Brachfelder fuͤr meinen der Handelskraͤuter⸗Bau, zugeſichert auf Lebenszeit. Ha Connoissez-vous einen ungeheuern Schlag ma⸗ ein chen? Und den mach ich, einen ganz horribeln Fr Schlag mach' ich, wenn unſer Spekulatioͤnchen ruͤ zu Stande kommt. Der Varon erhaͤlt ſeiner Fa⸗ gat milie ihren uralten Stammſitz, Lieschen wird Ba⸗ Da ronneſſe, und hat an ihrem Gemahl eine gute, eine ſeh herrliche Haut; eine vernuͤnftige Frau kann den ſia Mann um den Finger wickeln; dabei iſt er ein tuͤch⸗ letz tiger Feld⸗ und Stall⸗Wirth, und wird, wenn er M. — 25— nur erſt Wind unter die Fluͤgel, das heißt, Geld in die Haͤnde bekoͤmmt, ſich wohl heraufrappeln. Sehen Sie, liebſter Herr Reiſe⸗Kumpan, ſo iſt un⸗ ſer Plan. Connoissez-vous die Générosité? die laſſen Sie unſere Sorge ſeyn; wenn Sie ſo zum Beiſpiel thun, als waͤren Sie bei mir zu Hauſe bekannt, und loben unſere Gegend und den Weg dahin, ſo, daß Mamſell Lieschen, verſtehen Sie, Luſt kriegt, uns zu beſuchen, ſo muß die Sache ge⸗ hen, denn der Alte kann ihr nichts abſchlagen; das Maͤdchen iſt ſein Herzblatt, ſein Ein und ſein Alles. Vielleicht koͤnnen Sie dann ſo thun, als kennten Sie unſern Baron, und wollen Sie zu ſeinem Lobe etwas Empfehlendes ſagen, alles peu à peu und ſo, was man ſagt, quantsweiſe, ſo praͤparirt das Mamſell Lieschen immer allmählig vor; ſie wird dem Baron gut, ehe ſie ihn ſieht, und wir ma⸗ noͤvriren ihr ihn in das Herz hinein, daß ſie nicht wiſſen ſoll, wie. Und Ihnen, Maͤnnchen, ſoll dar⸗ aus auch kein Schade erwachſen. Wirken Sie fuͤr unſere Zwecke, ſo wird ſich wieder Gelegenheit fin⸗ den, Ihnen dienlich zu ſeyn; connoissez-vous, eine Hand waͤſcht die andere?“—„Connoissez-vous eine gemeine Beſtie? eine Spitzbuben⸗Welt?“ haͤtte Fritz, uͤber die Niedrigkeit des ſchlechten Pirtzel ent⸗ ruͤſtet, gern geantwortet. Dem Manne, der ſein ganzes Lebensgluͤck gemacht hatte, wollte er zum Danke die Tochter, fuͤr ein bischen Raff⸗ und Le⸗ ſeholz und fuͤr ein Paar Morgen Brachaͤcker, an ei⸗ nen ſchuldenbelaſteten Baron verjuͤdeln! Er zog ſich wie die Schnecke, der man die Fuͤhlſpieen ver⸗ letzt, in ihr Haus, finſter verduͤſtert in ſeinen Mantel zuruͤck, und mochte von Pirtzel und deſſen Clauren Schr. J.XI. 7 ſeelenverkaͤuferſchen Plaͤnen nichts weiter hoͤren; und doch luͤftete er unmerklich den Kragen, als Pirtzel in ſeiner breiten Redſeligkeit unaufgefor⸗ dert von Lieschen ein Weiteres ſprach, und ſie in ſeiner Weiſe ſo verfuͤhreriſch reizend ſchilderte, daß Fritz unwillkuͤhrlich jedesmal ein eſſigſaueres Geſicht ſchnitt, wenn er zufallig an den leichten Garde⸗ Rittmeiſter dachte, und ſich zuſammen traͤumte, wie uͤbergluͤcklich der Menſch in dem Gedanken ſeyn muͤſſe, ein ſolches liebreizendes Mädchen heimzu⸗ fuͤhren, blos wegen der neun großen runden Per⸗ jen auf der Krone ſeines Wappens; denn war der Windlingsfelde nicht Graf, ſo durfte er gar nichk daran denken, dies liebenswerthe Kind je ſein zu nennen. 17. Das war Alles ganz anders, als es ſich Frißz ge⸗ dacht hatte. Der Herr Pathe wuͤrde, hatte er ſich in ſeiner kleinbürgerlichen Einfachheit eingebildet, ihn ſeiner Frau und Tochter vorſtellen, und alle Drei wuͤrden ihn freundlich willkommen heißen, ſich nach den Eltern und nach Oberſteuerraths Victorinchen erkundigen, mit ihm traulich von dem und jenem ſchwatzen, ihn in ihren Familienkreis aufnehmen und mit ihm leben, wie mit einem treuen Freunde, denn das ſollte und wollte er ja ſeyn; er ſollte und wollte ja des Herrn Pathen Haab und Gut ehrlich und treuz verwalten helfen, und ihm mit ſeinem beſten Wiſſen und ſeinen friſchen Kraͤften nuͤtzen und dienen nach Herzensluſt. Aber ſchon die Pracht der ganzen Einrichtung des Hauſes, der uͤberall ſichtbare Reichtha m, der verſchwenderiſche Lurus und der allgemeine Takt, von Herrn Reichhart an bis en; als for⸗ e in daß ſicht arde⸗ mte, ſeyn mzu⸗ Per⸗ r der nicht in zu iß ge⸗ ſich in t, ihn Drei ch nach einchen jenem tehmen reunde, Ute und ehrlich ſeinem nuͤtzen Prachk uͤberall rus und an bis — 75— zum letzten Markthelfer, und von Madam Reich⸗ hart bis zur niedrigſten Kuͤchenmagd— das war Alles, Alles ſo angethan, daß nach ſeiner Anſicht von Herz und Herzlichkeit hier gar keine Rede ſeyn konnte. Fritz kam mit dem kindlichſten Vertrauen, ohne alle Furcht und Befangenheit; Herr Pirtzel hatte ihm durch ſeine Mittheilungen den beſten Muth gemacht; aber ſchon der Anblick des koloſſalen Pa⸗ laſtes, der ihm auf dem großen Schloßplatze in al⸗ ler Herrlichkeit entgegenprangte, ſchlug ihn, er wußte ſelbſt nicht recht, warum, gewaltig nieder. Die Fenſter des untern Stockes alle mit ſtarkem, aber ſehr geſchmackvoll gearbeiteten, reich broncir⸗ tem Gitterwerk verſehen! Das waren gewiß die Comtoir⸗ und Kaſſen⸗Zimmer, wo die Gold⸗, Sil⸗ ber⸗ und Papier⸗Schaäͤtze lagen. Oben in der Belle⸗ Etage die hohen blanken Spiegelſcheiben, in denen ſich das ganze Schloß und die lange, endloſe Prin⸗ zen⸗Straße präſentirten; uͤber dem Haupt⸗Portale der ſtolze Balkon mit friſchen Blumen in weißen Porzellain⸗Toͤpfen, und mit einem ganzen Orange⸗ rie⸗Waͤldchen beſetzt, und mitten in dem duftigen Gruͤn— ſchlug ihm denn ein Blitz die Augenlieder nieder?— er haͤtte ſie um keinen Preis wieder heben und hinauf blicken koͤnnen— kaum eine halbe Ach⸗ tel⸗Sekunde hatte er hinaufgeſehen, aber, das war ganz gewiß Mamſell Reichhart geweſen.— Tauſend Sapperment, die war huͤbſch! die war ganz erſtau⸗ nend huͤbſch. Eine wunderherrliche Geſtalt, etwas ſehr Edles, Anmuthiges in der ganzen Haltung, und eine ſo geſchmackvolle Toilette, wie ihm in Elleben und Luͤnenſcheid noch nie vorgekommen. Sie hatte eine kleine blitzende Gießkanne, beſtimmt von gediegenem Silber, in der Hand, und ſah, als er kam, uͤber das zierliche Bronce⸗Gitter des Balkons auf ihn herab.„Wenn das Luischen Reichhart iſt!—“ ſagte er über ſich ſelbſt laͤchelnd, denn er hatte in das Haus noch keinen Fuß geſetzt, und war ſchon im Begriffe, den Kopf zu verlieren, doch die⸗ ſer kleine Flammen⸗Rauſch war auch das einzige, was ihm die Seele auf einen Augenblick froh ma⸗ chen ſollte; denn von nun an ſchien es, als ſollte ihm des Erfreulichen nicht viel geboten werden. Dicht vor ihm ſtand im Portale ein unfoͤrmlich dicker, breitſchultriger, wohl genaͤhrter Mann, den er, wegen der ploͤtzlich niedergebruͤckten Augen⸗ fruͤ⸗ her nicht hatte ſehen koͤnnen; dieſer fragte ihn⸗ was ſein Begehr ſey, und an dem, mit handbrei⸗ ten Goldtreſſen beſetzten Schultergehaͤnge, und an dem halbellenlangen Silberknopfe ſeines Stockes und den darum gewundenen bunten Schnuͤren und Quaſten, erkannte er im Fragenden einen Por⸗ tier;— den erſten, den er in ſeinem Leben zu ſehen bekam, denn Luͤnenſcheid und Elleben hatten der⸗ gleichen vornehmes Diener⸗Perſonale nicht aufzu⸗ weiſen. Der Herr Portier wies, ohne einen Laut zu antworten, nach einer eiſernen Thuͤr, uͤber wel⸗ cher in großen goldenen Buchſtaben die Inſchrift „Comtoir“ prangte. Sechs, Acht Herren, alle ſehr ſauber und ele⸗ gant gekleidet, ſaßen hier in Gitterverſchlaͤgen, und ſchrieben, und rechneten, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen. Ein Burſche, hinter einem großen Copier⸗Buche, zeigte, als Fritz nach Herrn Reichart fragte, ſchwei⸗ gend auf das offene Nebenzimmer. In dieſem die⸗ ⁸ mt er ous art er war die⸗ zige, ma⸗ ollte den. nlich den fruͤ⸗ ihn, dbrei⸗ ad an tockes n und Por⸗ ſehen n der⸗ aufzu⸗ a Laut eer wel⸗ iſchrift nd ele⸗ en, und laſſen. Buche, ſchwei⸗ ſem die⸗ 8 — 77— ſelbe tiefe Stille, derſelbe Fleiß; im dritten Zim⸗ mer, in das man ihn ebenfalls, ohne ein Wort zu reden, wies, mußte die Kaſſe ſeyn; drei große ei⸗ ſerne Geldkaſten mit ungeheuern Schloͤſſern, ganze Berge von Geldſaͤcken, und auf mehreren, mit Gitterwerke verſehenen Tiſchen, Mulden mit Du⸗ katen und Louisd'ors und allerlei andern Gold⸗ muͤnzen bis an den Rand gefuͤllt. Eine ſolche Maſſe Geld hatte er noch nie beiſammen geſehen, und Mamſell Luischen— wie kam ihm nur hier der dumme Gedanke in die Seele— Mamſell Luis⸗ chen war Herrn Reichharts einziges Kind. Im vierten Zimmer endlich, was eher einem Prunkgemache, als einer Schreibſtube ahnlich ſah, ſaß Herr Reichhart. Einer der Kaſſen⸗Commis, welcher Fritz nach dem Namen gefragt, und ihn zu Herrn Reichhart gefuͤhrt hatte, meldete ihn jetzt dieſem, und entfernte ſich wieder. Fritz blieb an der Thuͤr ſtehen; Herr Reichhart ſaß und ſchrieb, und that nicht, als ob Fritz in der Welt, geſchweige denn hinter ihm, in ſeiner Stube waͤre. An den Waͤnden hingen in goldenen reichen Rah⸗ men die Portraits der beruͤhmteſten engliſchen, frau⸗ zoͤſiſchen, niederlaͤndiſchen, ruſſiſchen und deutſchen Bankiers und Handelsherren der gegenwaͤrtigen Zeit, von Meiſterhand in Oel gemalt; unter jedem ſtand der Name auf einer Goldplatte emaillirt. Fritz entſann ſich, von allen den Herren Mehreres in den Zeitungen geleſen zu haben, auch hatte ihm Herr Fuͤrchtegott Ephraim Heydinger, von dieſem und jenem, mit einer Art von Ehrerbietung, man⸗ che große Dinge erzaͤhlt, Unwillkuͤhrlich draͤngte ſich ————————— 4 ————— — —— ihm die Idee auf, daß es gar nicht uͤbe! ausſehen müßte, wenn in zehn bis fuͤnfzehn Jahren ſein werthes Konterfey hier auch hinge. Hatte ihm doch ſein Herr Heydinger verſchiedene der Dausmaͤnner, die er hier zum erſtenmale von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht kennen lernte, genannt, die in ihrer Jugend eben ſo arm geweſen waren, als er, und die ſich durch Fleiß und Geſchaͤftsgewandtheit, oder durch eine reiche Partie ein unermeßliches Vermoͤgen, und in der Kaufmannswelt einen hoch gefeierten Namen erworben hatten. Warum ſollte er nicht auch einmal— wenn ihm z. B. Herr Reichhart ſein Luischen— aber wie kam ihm dies wieder in die Seele!— Der Balkon mit den Blumen und den Orangerie⸗Kuͤbeln, und die herrliche Frauengeſtalt— er konnte das Bild nicht los werden. Das war be⸗ ſtimmt Luischen geweſen.— Zwei dieſer Portraits waren mit ſchwarzem Kreppflor umhangen. Die darunter befindlichen Email⸗Namen bezeichneten die Chefs zweier geachteter, vor Kurzem aber gebroche⸗ ner Haͤuſer. Herr Heydinger hatte bei jedem von ihnen auch ein Paar hundert Thaler verloren. Fritz kannte ſie und ihre Ungluͤcksgeſchichte recht gut. Beide hatten ihren Fall durchaus nicht verſchuldet; der Sturz auswärtiger Handlungen war die einzige Urſache ihres Kaſſenbruchs geweſen. Herr Reich⸗ hart mochte vielleicht mehr bei ihnen eingebuͤßt, ha⸗ ben, als Herr Heydinger, und doch goͤnnte er ih⸗ nen noch einen Platz unter ihren uͤbrigen Genoſſen. Der Trauerflor uͤber die Gemälde war ein recht ſprechendes Zeichen ſeiner achtungsvollen Theilnah⸗ me an ihrem harten Mißgeſchick. Die milde Scho⸗ nung, die in dieſem Zuge lag— der Herr Pathe ein och ier, ige⸗ end ſich irch en, ten icht ſein die den t— be⸗ aits Die die ſche⸗ von Fritz gzut. det; zige eich⸗ ha⸗ ih⸗ ſen. echt nah⸗ Scho⸗ konnte kein arter Mann ſeyn; denn ein ſolcher haͤtte die Portraits der beiden Maͤnner, bei denen er vielleicht um mehrere Tauſende gekommen, ver⸗ nichtet, oder wenigſtens ſich aus den Augen ge⸗ ſchafft.— Aber auch recht feine Politik konnte es ſeyn, die den Gemaͤlden mit dem ſchwarzen Krepp, ein Stuͤckchen vom Mantel der chriſtlichen Liebe uͤbergehaͤngt hatte. Wer ſtand denn dem Herrn Reichhart dafuͤr, daß ihm über kurz oder lang nicht ein aͤhnliches Unheil widerfuhr! Waren doch in di⸗ ſen verhaͤngnißvollen Tagen, eben ſo ſolide und viel⸗ leicht noch weit groͤßere Haͤuſer in der Naͤhe und Ferne, in einander geſtuͤrzt! Erfuhr nun die Welt, wie ruͤckſichtsvoll er fruͤher verungluͤckte Handels⸗ herren behandelt, ſo durfte er auch von ſeinen Zeit⸗ genoſſen ein milderes Urtheil, eine ſchonendere Be⸗ handlung, und den Fortbeſitz ihrer Achtung erwar⸗ ten. Herr Reichhart bankrott! Ein erſchuͤtternder Gedanke! Aber dann ſtaͤnde das himmelſchoͤne Kind, das niedliche Luischen nicht mehr auf dem hohen ſtolzen Baͤlkon, ſondern ſtiege herab, und traͤte dem armen Fritz naͤher, und— doch wieder Luischen und immer Luischen! Er mußte ſich mit Gewalt von dem Gedanken los machen, denn er ſah ſchon Herrn Reichhart, der immer noch vor ihm ſaß und gar emſiglich ſchrieb, im Schuldthurm, und ſein Luischen von Gott und aller Welt verlaſſen. Auf dem Buͤreau, an dem Herr Reichhart ſchrieb, ſchlug eine wunderſchoͤne Stutzuhr, deren Zifferblatt das Rad eines antiken Siegeswagens vorſtellte, mit hellem Silberklange, Zwoͤlf. Der Wagenlenker, ein Juͤngling von goldiger Bronce, vier fluͤchtige Roſſe durch die Luͤfte jagend, ſenkte beim letzten Schlage — 80— die Peitſche, und ihre Spitze wies auf die im Pie⸗ deſtal befindliche Inſchrift: „Nur der Augenblick iſt Dein.“ Ein paſſender Zuruf fuͤr den unternehmenden Kaufmann! dachte Fritz, aber auch, ſetzte er heimlich laͤchelnd hinzu,„fuͤr die Liebe.“ Befaͤnde ſich zum Beiſpiel Luischen mit Dir auf dem Schiffe, das dort, in dem koͤſtlichen Gemaͤlde, von berghohen Eisſchol⸗ len zuſammen gedruͤckt, rettungslos untergeht, und Zu ſah'ſt den Augenblick ab, und umfaßteſt das ſchoͤne Maͤdchen, und ſetzteſt mit ihm, im kuͤhnen Sprunge, vom Bord auf das uͤber einander ge⸗ thuͤrmte Eis, und— aber mein Gott, ſpukt Dir denn ſchon wieder das Balkon⸗Kind vor den Augen! Weg, weg mit ſolchen argen Zerſtreuungen in dem wichtigſten Augenblicke Deines Lebens, wo Du Dich dem Manne vorſtellen ſollſt, von deſſen Aufnahme und Wohlwollen Dein zeitliches Gluͤck, und vielleicht Deine ganze Zukunft abhaͤngen. Warum mochte ſich der Mann aber dies ergreifende Schauerbild, das, wie er ſpaͤter erfuhr, ein Meiſterwerk des genialen Friedrich war, uͤber ſein Schreibpult ge⸗ haͤngt haben? Das verſinkende Schiff, von dem nur noch das Vordertheil aus dem empoͤrten Eismeer hervorragte; die Ungluͤcklichen am Bord! ſie ſelbſt waren nicht zu ſehen; nur ihre Haͤnde, die ſie, von der graͤßlichſten Todesangſt gemartert, in der hoͤch⸗ ſten Verzweiflung gegen die ſie erdruͤckenden Eis⸗ maſſen emporrangen, ſah man krampfhaft in ein⸗ ander gekrallt;— die furchtbare Oede auf dem un⸗ abſehbaren eisbedeckten Ocean! Es war, als hoͤre man aus den tiefen Raͤumen des zu Grunde gehen⸗ den Fahrzeuges das Jammergeſchrei der Bedraͤng⸗ ie⸗ den lich um ort, hol⸗ und das nen ge⸗ Dir en! dem HDich yme eicht chte bild, des ge⸗ nur neer elbſt von oͤch⸗ Eis⸗ ein⸗ un⸗ hoͤre hen⸗ aͤng⸗ — 361— ten, das Auseinanderkrachen des voͤn den Rieſen⸗ ſchollen zerquetſchten Schiffs, das wilde Brauſen des hineindringenden Elements, das ſchreckliche Reiben der gigantiſchen, ſich uͤbereinander ſchiebenden Eis⸗ berge— der entſetzliche Gedanke, gern helfen zu wollen und nicht zu koͤnnen, und, ſo weit das Auge reichte, nirgends— nirgends eine nur ſchwache Hoff⸗ nung moͤglicher Rettung zu erſpaͤhen, mußte das Herz des Beſchauers unwillkuͤhrlich ergreifen!— Der geiſtreiche Kuͤnſtler hatte ſich ohne Frage mit ſeiner grauſenhaften Scene an die aͤußerſte Nordſpitze der Welt gedacht, und das Schiff zwiſchen geborſtenes Polar⸗Eis geſchoben. Wahrſcheinlich wollte Herr Reichhart ſich durch dieſes unendlich wirkſame Bild, den fuͤr den Kaufmann nicht genug zu beherzigen⸗ den Satz verſinnlichen, daß, wer zu weit ſich wage, rettungslos verloren ſey. Fritzens Achtung vor der klugen Vorſicht des Herrn Reichhart ſteigerte ſich durch dieſes mercantiliſche Memento mori nur noch mehr, und Fritzens Zutrauen zu ihm ward gewiſ⸗ ſermaßen ein heiliges, als er in deſſen Mahagony⸗ Schreibtiſche den alten Spruch: Ora et labora, mit ſchwarzem Ebenholz eingelegt fand; bete und ar⸗ beite! Nur ein frommer, rechtlicher Mann konnte ſich dies zum taͤglichen Wahlſpruch machen. Aber———— was war denn das fuͤr ein allerliebſtes Miniatur-Gemaͤlde, was da dicht vor Herrn Reichhart in einer kleinen Niſche des Schreib⸗ tiſches hing? Ein niedliches Maͤdchen, einen Rechen auf der Achſel, in der Schuͤrze zwei Taͤubchen; die Tracht! ſo gingen die Landmaͤdchen der hieſigen Ge⸗ gend an Sonn⸗ und Feſttagen! der Hintergrund ſchien auf eine Partie in der Naͤhe zu deuten, — 32— denn ſolche Wolkenſtuͤrmer von Felſen, wie ſie der Kuͤnſtler hier dargeſtellt, gab es rund um Silber⸗ ſtein herum in Menge, und das ſchoͤne Landhaus im Thal— ſollte dies vielleicht das von Herrn Pirtzel geſpraͤchsweiſe erwaͤhnte, Herrn Reichhart zugehöͤ⸗ rige Landgut Friedenau ſeyn?— Beſtimmt war dann das Schelmenkind mit den Piepvoͤgelchen in der Taͤndelſchuͤrze, kein anderes, als Luischen Reich⸗ hart ſelbſt, und hatte ſeine Vermuthung Grund, ſo lag ihm in dem Gedanken, mit dieſem hoͤchſt an⸗ muthig ſcheinenden Maͤdchen, kuͤnftig unter Einem Dache zu wohnen, durchaus nichts Widriges. Er beſchied ſich zwar gern, in der Phyſiognomik kein Meiſter zu ſeyn, aber wer in dieſem Geſichtchen nicht die heiligſte Froͤmmigkeit, die jungfraͤulichſte Unſchuld, die ſchmachtendſte, die himmelreinſte Lie⸗ be, und, doch auch wieder hinter dem Allen, den durchtriebenſten Schalk, den ehrlichſten Spitzbuben hätte finden wollen, waͤre, meinte er, mit unheil⸗ barer Blindheit geſchlagen. Das koͤſtliche kaſtanien⸗ braune Haar, deſſen kraͤuſelndes Ringeln die brei⸗ ten Flechten kaum bändigen konnten; unter den ſtolz gewoͤlbten Augenbraunen die großen klaren dun⸗ keldunkelblauen Seelenſpiegel, in denen ein Him⸗ mel voll Liebe lag; die zarte Röͤthe derr friſcheſten Geſundheit auf der Lilienwange, in deren Sam⸗ metflaͤche ſich ein faſt unmerkliches, und wahrſchein⸗ lich beim Laͤcheln ſichtbar werdendes roſiges Gruͤb⸗ chen bildete; das Purpurmuͤndchen, dem man es anſah, daß es, wenn es ſich oͤffnete, das ganze Ge⸗ ſicht mit neuem noch hoͤheren Liebreiz verſchoͤnte; der wohlgeformte Alabaſterhals; die kraͤftige Fuͤlle der ganzen Geſtalt; das Verfuͤhreriſche der einfachen der ber⸗ im rtzel ehoͤ⸗ war in eich⸗ ind, au⸗ nem Er kein chen chſte Lie⸗ den ben heil⸗ ien⸗ drei⸗ den zun⸗ dim⸗ ſten am⸗ ein⸗ ruͤb⸗ es Ge⸗ nte; uͤlle chen — 33— und doch ſo geſchmackvollen laͤndlichen Tracht— was ſtand denn da unter dem anziehenden Bilde?— Fritz ſtrengte ſeine Luchsaugen an, beugte ſich ein wenig vor, blinzelte und buchſtabirte ſich den An⸗ fang des alten weltbekannten Liedes: Jungfer Lieschen, weißt du was, Komm mit mir in's grüne Gras. als Unterſchrift heraus. Alſo richtig, es war Luischen, des Herrn Reich⸗ hart einziges eheleibliches Kind!— J nun, dem, der dies Wunder⸗Maͤdchen einmal heimfuͤhrte, war des Papa's unermeßliches Vermoͤgen eine recht er⸗ quickliche Zugabe. Er ſah ſich jetzt das Maͤdchen noch einmal an. Was das infame Geld doch thut. Seit er wußte, daß dies Mamſell Reichhart ſeyn ſolle, geſiel ihm— ihm, der bis dahin auf das liebe Geld gar keinen Werth gelegt hatte, das Maͤdchen, in deſſen Hand ein Paar Millionen lagen, noch zwanzigmal beſſer. In dem Schreibzimmer, ſo ſehr geraͤumig es auch war, ward ihm, im Gefuͤhl des Beſitzes eines ſolchen in jedem Betracht wahrhaft goͤttlichen Maͤdchens, die Bruſt zu beklommen. Mit dieſem Engel hinaus— hinaus in Gottes freie ſchoͤne Natur! O mit welcher freudigen Innigkeit baͤtte er es an ſein entzuͤcktes Herz druͤcken, und ihm zufliſtern moͤgen: Jungfer Lieschen, weißt du was, Komm mit mir in's—— „Na— recht ſchoͤn, daß Sie da ſind, Herr Leh⸗ nin,“ hob Herr Reichhart an, und reichte ihm, ohne ihn anzuſehen, zwei eben beendigte Schreiben ruͤckwaͤrts uͤber die Achſel;„das hier nach Mailand wegen der Seide, das uͤberſetzen Sie einmal in das 1 —%——— 2 — — 8——— I —ſſſſſſſ — ſein Probeſtuͤck machen. — 384— Ita lieniſche, und das hier nach Mancheſter, wegen des Mule Twiſts, in das Engliſche. Draußen, Herr Wirklich, wird Ihnen Ihren Platz anweiſen; und vor Tiſche bringen Sie mir die Ueberſetzungen, denn um 5 Uhr heut Abend geht die Italieniſche, und um 6 Uhr die Engliſche Poſt.“— Das war der ganze Empfang!— Keine Frage nach Herrn Hey⸗ dinger, noch nach den Eltern, noch nach Couſine Victorinchen. Keine Einweiſung in den neuen Poſten; keine Vorſtellung bei den uͤbrigen Comtoir⸗ Genoſſen— dabei nicht unfreundlich, aber doch auch nicht entgegenkommend; Alles ſo kurz und ſo gedraͤngt! Dem armen Fritz war es, als wollte der Boden unter ihm weichen, ſo unheimlich ward ihm in der Naͤhe des kurz abgebrochenen Geſchaͤfts⸗Man⸗ nes. Wenn von dem ſein Gluͤck abhaͤngen ſollte, dann hatte er nicht viel zu hoffen! Doch jetzt war nicht viel Zeit zu weitlaͤuftigen Betrachtungen. Er ſollte, das merkte er wohl, mit den Ueberſetzungen 18. Mutter Heydinger! Sie war die Schoͤpferin ſei⸗ nes Gluͤcks. Selbſt kinderlos erſchoͤpfte ſie ſich im Gutesthun, wenn es darauf ankam, Waiſen oder andere arme Kinder zu unterſtuͤtzen. Sie war in ihrer muͤtterlichen Herzensguͤte von jeher gewohnt, den Lehrlingen ihres Mannes, wenn ſie nicht be⸗ mittelte Eltern hatten, und die ihrem einmal ge⸗ waͤhlten Stande noͤthigen Vorkenntniſſe nicht mit⸗ brachten, den erforderlichen Unterricht darin er⸗ theilen zu laſſen. Fritz war vom eifrigſten Vereb⸗ rer der Alten, vom Vater Lehnin, zum tuͤchtigen Lateiner und Griechen ausgebildet worden; die egen ßen, ſen; gen, ſche, der Hey⸗ ſine euen toir⸗ doch d ſo der ihm Nan⸗ Allte, war Er igen tſei⸗ im oder r in hut, tbe⸗ ge⸗ mit⸗ er⸗ reb⸗ igen die 35— Kenntniß der neuern ihm weit nöthigern Sprachen hingegen ermangelte ihm gaͤnzlich. Frau Heydinger ging daher mit Vergnuͤgen die beſcheidenen Forde⸗ rungen ein, die fuͤr den Unterricht im Italieni⸗ ſchen ein des Carbonarismus Verdaͤchtigkeitshalber aus Rom gefluͤchteter und ſich zufaͤllig nach Elleben verlorner Abbeé, und fuͤr den im Engliſchen, ein junger Britte machte, der, um das Deutſche zu ler⸗ nen, ſeine Nebel-Inſel verlaſſen, nach Dresden in das Herrmannſche Inſtitut gewollt, der reizenden und ihm vorzuͤglich gefallenden Gegend wegen aber Elleben zu ſeinem Wohnſitze gewaͤhlt hatte. Fritz war mit der Leidenſchaftlichkeit, mit der er Alles un⸗ ternahm, was ihn anſprach, an das Studium beider Sprachen gegangen, und hatte es in den vier letzten Jahren ſeines Aufenthalts im Heydingerſchen Hauſe, zur großen Freude ſeiner ehrenwerthen Principa⸗ lin, zu einer klaſſiſchen Fertigkeit gebracht. Beſtimmt hatte Herr Reichhart ihm auf den Zahn fuͤhlen, ihn, wenn er, wie zu vermuthen, geſtehen mußte, daß ihm die aufgetragene Arbeit, wegen Unkenntniß des Engliſchen und Italieniſchen un⸗ moͤglich, vielleicht ein wenig beſchaͤmen, und ihm recht einleuchtend machen wollen, was er Alles zu lernen habe, ehe er eigentlich der, ihm blos durch das Pathen⸗Recht gewordenen Ehre der Anſtellung auf dem Reichhartſchen Comtoir werth ſey. Aber die wackere Frau, Mutter Heydinger, hatte den armen Fritz dieſer Beſchämung uͤberhoben. Er ſeg⸗ nete ſie, waͤhrend er, beide Brieſe leſend, in das Nebenzimmer aing, wo, dem erhaltenen Winke nach, der Herr Wirtiich ſitzen ſollte, mit dankbarem Her⸗ zen, fuhlte recht tief, daß kein Geld beſſer ange⸗ ——— 88 ———— — 36— wendet ſey, als das Schulgeld, nahm ſich feſt vor, ſeine erſte Eruͤbrigung bei irgend einem armen Kinde, dem Beiſpiele der edlen Frau Heydinger gemaͤß, auf gleiche Weiſe zu verwenden, und fragte jetzt im Nebenzimmer angelangt, beſcheiden nach Herrn Wirklich. 19. Ein kleiner Mann von geſetzten Jahren, und et⸗ was ſteifem pedantiſchen Weſen, zeigte ihm, wahr⸗ ſcheinlich von der Ankunft und den Verhältniſſen des neuen Comtoir⸗Mitgliedes bereits unterrichtet, mit gleichguͤltigem Seitenblick, und ohne ein Wort dazu zu reden, einen Drehſtuhl und ein Schreib⸗ pult, und arbeitete, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen, an ſeinem Giganten⸗Buche, hinter dem er ſaß, weiter. In dem ironiſchen Laͤcheln, was ihm um beide Mundwinkel ſchwebte, lag eine gewiſſe ſpaßhafte Neugierde auf das gelehrte Ueberſetzungswerk des Ellebener Ignoranten, an die ſich die hoͤhniſche Ver⸗ wunderung anzuknuͤpfen ſchien, wo der kleinſtaͤdti⸗ ſche Duͤtchendreher die ungeheure Dreiſtigkeit her habe, ſich an eine Arbeit zu ſetzen, zu der er in ſeinem halbdöorflichen Neſte nie habe angelernt wer⸗ den koͤnnen. Indeſſen, Fritz ſaß auf ſeinem Ma⸗ roquin⸗Drehſtuhle, freute ſich der ſaubern Eleganz des ihm zugewieſenen Arbeits⸗Kabinets, fand das broncene Schreibezeug, ein wunderliebliches Gaͤrt⸗ nermadchen mit zwei Gießkannen, wovon die eine das Dinten⸗, die andere das Streuſandfaß vorſtellte, ganz allerliebſt, und die neue blanke Papierſcheere, das haarſcharfe Federmeſſer mit dem goldverzierten Perlmutter⸗Griff, das verſchließ are Mahagony⸗ Pult, die darin befindlichen ſuperſeinen Briefpa vor, men nger ragte nach d et⸗ bahr⸗ iſſen htet, Wort eib⸗ 1, an eiter. beide hafte des Ver⸗ taͤdti⸗ t her er in wer⸗ Ma⸗ eganz d das Gaͤrt⸗ eine tellte, heere, erten gony⸗ letva — 367— pier⸗Vorraͤthe und die engliſchen geſchnittenen Ma⸗ ſchinen⸗Federn, kurz, Alles ganz ausgezeichnet, und warf mit ſeiner kalligraphiſchen Gelaͤufigkeit, die beiden Ueberſetzungen, ohne ſich erſt ein Concept davon zu machen, ſo vollendet nett und ſauber hin, daß es eine Luſt war, ſie nur anzuſehen. Herr Wirklich traute ſeinen Augen nicht, als ihm Fritz, nach Verlauf weniger Minuten, die beiden Briefe ſo zierlich geſchrieben, als wenn ſie in Ku⸗ pfer geſtochen, mit der beſcheidenen Bitte uͤber⸗ reichte, ſie gefaͤllig durchzuſehen, um, falls ſich hie und da ein Fehler darin finden ſollte, dieſen, ehe ſie dem Herrn Reichhart vorgelegt wuͤrden, verbeſ⸗ ſern zu können. Aber ſein Staunen uͤberſtieg alle Grenzen, als er, bei der ſtrengſten Pruͤfung, die Ueberſetzungen nicht allein fehlerfrei, ſondern rein klaſſiſch, die Wendungen alle im Geiſte der Spra⸗ che, und ſogar die, von Herrn Reichhart abſichtlich gewaͤhlten ſchwierigen Kunſtausdruͤcke, mit der voll⸗ kommenſten Treue wiedergegeben fand. So ab⸗ ſtoßend vorhin der Ausdruck ſeines Geſichts gewe⸗ ſen war, ſo freundlich wohlwollend war er jetzt. Er, der bis dahin die Korreſpondenz in beiden Spra⸗ chen gefuͤhrt, und nun bei herannahendem Alter, um Anſtellung eines tuͤchtigen Gehuͤlfen gebeten batte, geſtand ſich heimlich, daß dieſer gefunden, daß Fritz beide Sprachen noch einmal ſo gut ver⸗ ſtehe, als er ſelbſt; und in ſeinem, waͤhrend des wiederholentlichen Leſens beider Briefe, mehrere Male unter beifaͤlligem Kopfnicken, laut werden⸗ den„brav, recht ſehr brav,“ und in dem herzli⸗ chen Haͤndedruck, mit dem er dem gluͤcklichen Frit ſeine unbedingte Zufriedenheit zu erkennen gab, — 35— und in der freudigen Haſt, mit der er aufſtand, um die Briefe Herrn Reichhart zu zeigen, fand Fritz den erſten Lohn ſeines vierjaͤhrigen angeſtreng⸗ ten Fleißes. 20.. Die umſitzenden Commis, die Herrn Wirklich's peinliche Tadelſucht, der kein Menſch etwas recht machen konnte, ſeit Jahren kannten, ſahen den uͤber alle Erwartung belobten neuen Ankoͤmmling mit großen Augen an, und Einer von ihnen, der mehrere Male in London geweſen, und ſich einbil⸗ dete, ein completter Englaͤnder geworden zu ſeyn, redete ihn, um ſich zu uͤberzeugen, ob der fremde Herr Urian denn wirklich ein ſo firmer Engliſch⸗ Mann ſer engliſch an. Fritz aber antwortete ihm ſo gelaͤufig, und fuͤhrte das Geſpraͤch mit ſo beſchei⸗ dener Unbefangenheit fort, und ſprach ein ſo ele⸗ gantes Engliſch, daß der daneben Sitzende, welcher ſeinen Plan, Italien zu bereiſen, nur bis Trieſt ausgefuͤhrt hatte, den anfaͤnglichen Vorſatz, den Musje Neuling im Italieniſchen zu verſuchen, gern aufgab. Jetzt kam Herr Wirklich zuruͤck, erquickte den auf Herrn Reichharts Aeußerungen hoͤchſt ge⸗ ſpannt geweſenen Fritz, mit der Verſicherung, daß dieſe, wie nicht anders zu erwarten, durchaus zu ſeinem Vortheil ausgefallen, und brachte ihm einen ganzen Stoß neuer meiſt kalkulatoriſcher Arbeiten mit, die Herr Reichhart noch vor Tiſche fertig zu ſehen wuͤnſchte; unter andern ſchwierigen Aufga⸗ ben befand ſich auch die Anlegung eines Conto finto uͤber den Gewinn bei einer, in Riga einzin nehmenden Schiffsladung Hanf, welche, in Rennes nd, and eng⸗ ch's echt den ling der bil⸗ eyn, mde iſch⸗ ihm chei⸗ ele⸗ cher rieſt den gern ickte t ge⸗ daß 3 zu inen riten 3 zu fga⸗ onto nz16 anes zu Noyalles rondelettes*) verarbeitet, nach Oporto verſchifft, dort gegen Portwein umgeſetzt, und die⸗ ſer nach London verladen werden ſollte. Die Ein⸗ und Verkaufspreiſe des Hanfs und Weins, ſo wie die Fabrikationskoſten des Segeltuchs, die Fracht⸗ loͤhne, Zoͤlle, Umgelder, Hafen⸗ und Lootſen⸗Ab⸗ gaben, die Proviſions⸗ und Speſenſatze u. ſ. w.., waren ihm zwar angegeben, allein die verſchiede⸗ nen Gewichte, Maaße und Muͤnzſorten, und eine Menge in Berracht zu nehmender Umſtaͤnde, mach⸗ ten dieſe Berechnung hoͤchſt muͤhſam, und zeitſpie⸗ lig. Er hatte an den Arbeiten, die ihm Herr Wirk⸗ lich als die dringlichſten vorzugsweiſe abzumachen empfohlen, ohne aufzuſehen gearbeitet; jetzt ſchlug es Drei;— wurde denn hier gar nicht gegeſſen? Er hatte einen Loͤwenhunger; ſo ſpaͤt hatte er im Le⸗ ben noch nicht Mittag gemacht; in Luͤnenſcheid und Elleben ward Punkt 12 Uhr gegeſſen, und das fand er ſehr vernuͤnftig. In der Korreſpondenz, welche uͤber ſein Engagement zwiſchen den Herren Reich⸗ hart und Heydinger gefuͤhrt worden war, hatte Erſterer ihm den Tiſch verſprochen; wenn aber die⸗ ſes bischen Mittagbrod erſt bei Sonnen⸗Untergang gereicht werden ſollte, wollte er lieber gar nichts haben. Es ward ihm, lediglich aus Hunger, einige Male ſchwarz und weiß vor den Augen; die Buch⸗ ſtaben und Zahlen fingen ihm an, vor dem Geſicht zu ſchwimmen, und er wußte am Ende bei ſeinem Conto finto oft nicht mehr, ob er Alberts⸗Tha⸗ ler, Francs, Piaſter oder Pfunde, Hanf, Noyalles *) Eine Art Segeltuch. LXI. rondelettes oder Portwein vor ſich hatte. Sein ein⸗ ziges Wunder hatte er im Stillen nur daruͤber, wie alle die jungen Leute um ihn herum ſo lange aushalten konnten, ohne nur im Mindeſten zum Aufſtehen und zum zu Tiſche gehen Miene zu machen: allein das zwiſchen 11 und 12 Uhr, beim Italiener oder beim Reſtaurateur eingenommene dejeuné dinatoire, was er freilich in ſeinem Elle⸗ ber einfachen Lebenswandel kaum dem Namen nach hatte kennen gelernt, war ſo vorhaltig geweſen, daß dieſe den Stundenſchlag fuͤnf, der im Reich⸗ hartſchen Hauſe gewoͤhnlich zur Tafel rief, wohl in Ruhe abwarten konnten, waͤhrend Fritz mitten in der Arbeit oft nicht wußte, was er mit ſeinem kleinſtaͤdtiſchen Magen anfangen ſollte, der im hoͤchſten Unwillen uͤber das unerhoͤrt lange Aus⸗ bleiben ſeiner Gebuͤhrniſſe, einige Male laut knur⸗ rend ſich vernehmen ließ. Endlich hob der Hammer der Speiſe⸗Glocke aus, und Fritz legte in dieſem Augenblicke die fertig gelieferten Arbeiten, ſammt dem ſchwierigen Hanf⸗, Segeltuch⸗ und Portwein⸗Conto finto dem Herrn Wirklich vor. Dieſer uͤberſah ſie mit fluͤch⸗ tigem Blicke, nickte beifaͤllig, und ſagte, indem er die Papiere nahm, um ſie Herrn Reichhart zu überbringen, mit einem halben Seitenblick auf Fritzens Chaussure,„nun aber machen Sie auch, daß Sie ſich anziehen, wir gehen gleich zu Tiſche; Herr Nußbaum! der Herr hier, Herr Lehnin, ſitzt neben Ihnen; zeigen Sie ihm ſein Zimmer, und wenn er ſich angekleidet hat, ſo nehmen Sie ihn mit ſich in den Speiſeſaal, und weiſen ihm ſeinen Platz an. 1 ein⸗ er, nge um zu eim ene lle⸗ ach en, ich⸗ ohl ten em im us⸗ ur⸗ ocke die gen em ich⸗ zu he; ſitzt und ihn ien 21. „Ankleiden! ankleiden!“ ſagte Fritz aͤngſtlich verlegen vor ſich ſelbſt;„mein Gott, ich bin ja an⸗ gekleidet, und ich habe ja im Blut und Leben nichts Beſſeres.“ Der Muͤllerblaue Frack, den der Vater erſt als Oberrock getragen hatte, und der nun ge⸗ wendet und zum Frack umgeſtutzt worden war, hatte in Elleben nur an Sonn⸗ und Feſttagen paradirt, und hier ſollte er nicht einmal am Wer⸗ keltage gut genug ſeyn? Die Ellebener Maͤdchen hatten ihn darin alle recht huͤbſch, recht ſehr huͤbſch gefunden, und nun ſollte der, vom ehrlichen Va⸗ ter ehrlich zuſammen geſungene Rock nicht einmal gut genug ſeyn, um darin vor Mamſell Luischen— Gott, er hatte die ganze Zeit ſeines ſchriftlichen Examens uͤber an das Maͤdchen nicht gedacht, und nun fiel es ihm jetzt ein, jetzt, da er ſich eben hatte ſagen laſſen muͤſſen, daß er in ſeinem aͤrm⸗ lichen Anzuge vor ihm nicht erſcheineu duͤrfe! Alſo ſo hoch, ſo hoch ſtand das Luischen üͤber ihm! „Kommen Sie, kommen Sie,“ rief der junge Nußbanm, der Trieſter Italiener, ihm freundlich zu, und weckte ihn aus ſeinem truͤbſinnigen Bruͤ⸗ ten, wie aus ſchwerem Traume.„Wir haben kei⸗ nen Augenblick zu verlieren.“ Wie ein alter Be⸗ kannter nahm ihn der junge Lebemann am Arm, traͤllene den praͤchtigen Flurgang entlang ein lu⸗ ſtiges Liedchen, und ſetzte beim Hinaufſteigen in. den zweiten Stock, immer bei jedem Schritte, uͤber drei Stufen zugleich. Fritz dankte ſeinem Schoͤpfer, daß er endlich wie⸗ der einmgl einen Menſchen fand, deun in den laut⸗ loſen Comtoitzimmern waren ihm die maͤuschen⸗ ſtillen Arbeiter alle wie bloße Schreibmaſchinen, wie ſtumme Oelgoͤtzen vorgekommen. Aber an der Seite dieſes jungen Elegants fuͤhlte er auch erſt recht klar, wie fehr ſein ſchlichter Anzug gegen deſ⸗ ſen Garderobe abſtach. Er wendete, um die Bloͤße ſeiner Armuth dem ihm noch faſt ganz fremden Collegen doch nicht ganz aufzudecken, vor, daß ſein Koffer erſt in einigen Tagen nachkommen wuͤrde, daß es ihm daher unmoglich ſey, ſich in dieſem Augenblicke zu koſtuͤmiren, und daß er es folglich am Gerathenſten finde, auf die Ehre der Tiſchge⸗ noſſenſchaft an der Tafel des Herrn Reichhart ſo lange zu verzichten. „Das wuͤrde ſich ſchicken!“ rief Nußbaum la⸗ chend,„Herzens⸗Ami, ich bin in Ihrer Schuld; Sie haben mir eine Rieſenarbeit abgenommen; das infame Conto finto und all' die verteufelten Dinger, die Herr Wirklich Ihnen vorhin gab, hätte ich, kamen Sie heute nicht, morgen machen muͤſſen; ich hätte mir dabei die Schwindſucht an den Hals gerechnet; Sie koͤnnen von mir verlan⸗ gen, was Sie wollen; ich laufe fuͤr unſer Haus, weiß Gott, in das Feuer, nur mit dem Rechnen muͤſſen Sie mich ungeſchoren laſſen; das habe ich dicke, bis uͤber die Ohren. Diesmal ſind Sie mein Retter geweſen, und kriege ich wieder einmal ſol⸗ che Nuͤſſe, ſo helfen Sie mir ſie knacken. Nicht wahr, Schatz? Doch ein andermal mehr davon; jetzt ziehen Sie ſich an; mein ganzer Vorrath von Kleidern und Waͤſche ſteht mit tauſend Freuden zu Dienſten, und fehlt ja hie und da etwas— die So Kleider⸗ und Modehandlung neben an zieht Sie —— ner Zit ſtill deg ger wa ihn ſchi cken ſcht chen wol ob Ar: den blich Sel jude der, vor den im Gloͤ aus die er e beka geae eine zup en⸗ , der erſt deſ⸗ öͤße den ein de, em ich ge⸗ ſo la⸗ Id; en, ten b, den an au⸗ is, nen ich ein ſol⸗ cht I. ron zu die — 1 — 93— in 5 Minuten, vom Kopfe bis zum Fuß, nach dem neuſten Geſchmack fuͤr ein Billiges an. Mit dieſen Troſtesworten oͤffnete er Fritzens Zimmer, und dieſer war uͤber deſſen Eleganz, vor ſtillem Entzücken halb außer ſich; ein ſolches Para⸗ degemach hatte Herr Fuͤrchtegott Ephraim Heydin⸗ ger, und ſelbſt der Herr Oberamtmann zu Weiden⸗ walde nicht, deſſen haͤusliche Einrichtung bis dahin ihm eine unnachahmliche, eine unerreichbare ge⸗ ſchienen hatte. Der Mahagony⸗Sekretaͤr, der de⸗ ckenhohe Spiegel, der blumige Fußteppich, die ge⸗ ſchmackvolle Tapete, das allerliebſte runde Tiſch⸗ chen, das zierlich gearbeitete Sopha— ob Luischen wohl auch zuweilen hier herauf kam, und nachſah, ob Alles in Ordnung!— Nußbaum, einen ganzen Arm voller Fracks, Weſten, Beinkleider, Halsbin⸗ den u. ſ. w., unterbrach ihn in ſeinem, beim An⸗ blick des Sophas in das Lyriſche uͤbergegangenen Selbſtbetrachtungen, legte ihm, wie ein Troͤdel⸗ jude, ſeinen bunten Kram weitlaͤuftig auseinan⸗ der, und bat, ſich nun das Beliebige auszuſuchen, vor allen Dingen aber ſich moͤglichſt zu beeilen, in⸗ dem das Zeichen, zur Tafel zu kommen, mit einem im Hofe des weitlaͤuftigen Gebaͤudes haͤngenden Gloͤckchen, in dieſer Minute werde gegeben werden. Beide von ziemlich gleicher Groͤße, paßten die ausgeſuchten Siebenſachen ſo halb und halb, nur die Schuhe, die Schuhe! Dreimal fragte Fritz, als er eines herbeigeholten ihm bis dahin gänzlich un⸗ bekannten Hausgeräths, eines Schuhanziehers un⸗ geachtet, die um zwei Stiche zu kurzen und um einen Viertel⸗Zoll zu ſchmalen Dinger kaum an⸗ zupaſſen vermochte, ob man denn durchaus, und ganz unerläßlich en escarpin erſcheinen muͤſſe? und nur Nußbaums diktatoriſches„bei Todesſtrafe,“ konnte ihn beſtimmen, ſich, in der erquicklichen Hoffnung, daß ſie ſich wohl nach und nach aus⸗ weiten wuͤrden, dem chineſiſchen Hoͤllenzwange zu unterziehen, der ihn ſchon in der erſten Sekunde um Appetit und Laune brachte. Er ging, wie auf Eiern, und waͤhrend Nußbaum ſich uͤber die ana⸗ tomiſchen Praͤparate, wie er die eingeklemmten Fuͤße nannte, an denen jedes Zehen⸗Knoͤchelchen durch das uͤbermaͤßig ausgedehnte duͤnne Leder ſichtbar war, halb todt lachen wollte, verwuͤnſchte Fritz heimlich das nun ihm ſchon ſo gut als vertagte Mittagbrod, und das ganze Leben hier, und ſehnte ſich zuruͤck nach ſeinem Herrn Heydi— doch das Eß⸗Gloͤckchen bimmelte; auf dem langen Flurgange klappten acht, neun Thuͤren zu, aus allen traten, mit Fritz und Nußbaum zugleich, mehrere Com⸗ toir⸗Gehuͤlfen, und Alles eilte die Treppe hinab, dem Speiſefaale zu. Fritz dachte nicht mehr an ſei⸗ nen Hufzwang. Er ſollte Luischen Reichhart ſehen. ——-— und fe, 74 ichen aus⸗ ge zu unde 2 auf ana⸗ Fuͤße durch ötbar Fritz tagte hnte das ange aten, Lom⸗ nab, ſei⸗ en, —————— Lieschep. 22. In denn Hochzeit hier oder Kindtaufe? wollte Fritz bei'm Eintritt in den Saal und bei'm erſten Ueber⸗ blick der ewig langen Tafel fragen, aber das Stau⸗ nen uͤber die Pracht, die ſich hier vor ihm aufthat, raubte ihm die Sprache. Er wußte vor Ueberra⸗ ſchung nicht, wo er ſeine Augen zuerſt hinwenden ſollte; zwei Stockwerke hoch war der koͤſtliche Pracht⸗ Saal; das große reiche Deckengemaͤlde— er erkannte es auf den erſten Blick! Der aͤltliche Mann mit dem langen Barte auf einem Wolkenthrone ſitzend, die linke Hand auf den Kopf der Aſchalaͤphe geſtuͤtzt, in der rechten einen Knotenſtab— zu ſeinen Fuͤßen den Feuerhund Aeſchkeleb—„das iſt das hierogly⸗ phiſche Tetragrammaton*)“ liſpelte er leiſe vor ſich hin, und gedachte der tiefgelehrten Bemerkun⸗ gen, in die ſich, bei Leſung der Alten, Vater Leh⸗ nin ſonſt ausgelaſſen; Nußbaum aber horchte hoch aufz denn von einem hieroglyphiſchen Tetragram⸗ *) Der Name des Jehovah, der im Hebräiſchen, Grie⸗ chiſchen, Lateiniſchen, und ſonderbarer Weiſe, auch im Franzöſtſchen, Deutſchen, und mehreren Sprachen, aus dier Buchſtaben beſtehs. — 4— maton war ihm in ſeiner Praris noch nichts vorge⸗ kommen; konnte er die beiden langen Woͤrter doch kaum ausſprechen; hundertmal hatte er mit den übrigen jungen Herren vom Comtoire, das Mei⸗ ſterwerk, den Plafond geſehen und bewundert, aber ſte Alle hoͤrten jetzt zum erſten Male, aus des un⸗ geſchneiten bis dahin unbeachteten Fremdlings Mun⸗ de, daß der alte Herr da oben, Aeſculap, die vier bluͤhenden Maͤdchen, deſſen Toͤchter Hygiea, Aegle, Panacé und Jaſo, und die beiden ſchoͤnen Juͤng⸗ linge, deſſen Soͤhne, die beruͤhmteſten Aerzte Tro⸗ ja's, Machaon und Podalirius, ſepen, die im Hin⸗ tergrunde liegende Stadt aber, keine andere, als Epidaurus ſeyn koͤnne, in welcher Aeſculap, der Sohn des Apollo und der theſſaliſchen Koͤnigstoch⸗ ter, Prinzeſſin Koronis, das Licht der Welt erblickt habe. Fritz merkte bald, wen er an ſeinen neuen Herren Kollegen vor ſich hatte, und ſprach nun, zu ihrer allerſeitigen Verwunderung, von den einzel⸗ nen Schoͤnheiten des Deckengemaͤldes, mit einer ſolchen archaͤologiſchen Salbung, und packte ſeine, vom Vater oft eingeblaͤuten, Alterthumskenntniſſe inſolcher Maaße aus, daß den Umſtehenden, im eng⸗ ſten Verſtande des Worts, der Mund offen ſtand; uͤber den Sinn des Kunſtwerks hier an dieſer Stelle, erlaubte er ſich ſehr beſcheidentlich die Vermuthung, daß der, welcher den Speiſeſaal damit zu zieren angeordnet, entweder, zur Ermunterung der Gaͤſte, auf das alte Sprichwort: medioo praesente, nihil nocet, habe deuten, oder, ihnen zur Warnuna, — 5— den Arzt als Drohbild aufſtellen, und daher Maͤßi⸗ gung im Genuſſe der Tafelfreuden empfehlen wol⸗ len; doch Nußba um, der, wie ſaͤmmtliche junge Her⸗ ren, vor dem grundgelehrten Kollegen einen ge⸗ waltigen Reſpekt bekam, zog deſſen Aufmerkſamkeit, vom Deckenſtuͤcke, durch die Frage ab, wie ihm die Statuen in den Niſchen druͤben gefielen, die Herr Reichhart von den erſten Meiſtern der gegenwaͤrtigen Zeit, von Rauch, Canova, Thorwaldſen, Dannecker, Doͤll, Zauner, Pozzi, Chaudet und Flarmann habe fertigen laſſen; das ganz enthuͤllte himmelſchoͤne Maͤdchen, das ſein Gewand mit der Linken uͤber das Badegefaͤß haͤlt— Fritz rief, vom Reiz der Ent⸗ zuͤckenden hingeriſſen:„die gnidiſche Venus nach Praxiteles;“ eben ſo begeiſterten ihn deſſen lachende Hetäare und die raſende Bachantin nach Skopas; die ſchelmiſche Plyntride, und dort das cypriſche Goͤt⸗ terkind, die Hierodule— war es nicht, als ſaͤhe er das naͤmliche liebholde Maͤdchen, das ihm aus dem Schreibtiſche des Herrn Reichhart ſo engelmild an⸗ gelaͤchelt hatte? Die zierliche Stellung, das Fuß⸗ ſpitzchen zum Tanz gehoben, die ſchlanke Huͤfte in verfuͤhreriſcher Bewegung des geheiligten Tanzes, beide Arme mit unausſprechlicher Anmuth entgegen ſtreckend, als wolle es den Geliebten mit der Uner⸗ meßlichkeit ſeiner ſuͤßeſten Liebesreize umfangen— das hochgeguͤrtete kurze, kaum bis an das Gruͤb⸗ chen im Knie reichende Gewand vom durchſichtigſten Syndones, zartgewebt aus egyptiſchem Byßus; das ſchwebende Fuͤßchen und der weichgerundete Arm — 6— unbekleidet; an der Sohle eine leichtgeſchnuͤrte Sandale, das ſeidenweiche Haupthaar mit aufrecht ſtehenden Blaͤttern kranzartig durchflochten— Fritz war, ſeinen Strabo im Kopfe, bei'm Anblick die⸗ ſes zephyrleichten Schmetterlingsweſens, Feuer und Flamme; in gedraͤngter Kurze erzaͤhlte er den ſtau⸗ nenden Zuhoͤrern, mit ergreifender Beredtſamkeit, daß im cappadociſchen Gebirge, im heiligen Tempel⸗ bezirk der comaniſchen Naturgöttin, Venus Urania, ſechstauſend ſolcher Tempeldienerinnen beſtellt ge⸗ weſen, daß ſie, im Phoͤniziſchen, Benoth geheißen, daß ſie, noch unentweihte Jungfrauen, als Tribut zum Tempeldienſt geliefert worden, um die Altaͤre taͤglich friſch zu bekränzen, die dazu erforderlichen Blumen zu pflegen und zu warten, die Schleier und Gewaͤnder der Goͤtterbilder zu weben und zu ſticken, bei den großen Jahresfeſten aber, den Pil⸗ grimmen und Anbetern ihrer Goͤttin, in den dazu vorgerichteten Tempelhallen und Luſthainen, ſich preis zu geben, und den Erwerb ihrer kaͤuflichen Reize zum Tempeleigenthum abzuliefern; zum Be⸗ leg ſeiner Schilderung des heilloſen Sittenwandels der damaligen Zeit, ſetzte er den lauſchenden Zuhoͤ⸗ rern auseinander, daß aus dieſer Einnahme allein, mehrere Venustempel, namentlich der praͤchtige zu Samos erbaut worden, gab ihrem kaufmaͤnniſchen Rechengeiſte manche hoͤchſt intereſſante Details zu einem ſehr verwickelten Conto finto uͤber die Auf⸗ bringung der Koſten zu dem Bau ſolcher Tempel, und ging jetzt zu der thraciſchen Göttin Cotpto uͤber, — 7— die in der vierten Niſche, im Schmucke ihrer Ju⸗ gendfriſche prangte;„gegen die,“ docirte Fritz, „war ſelbſt die ausgelaſſenſte Bachantin eine Trap⸗ piſtin; ihre naͤchtlichen Prieſter hießen Baptaͤ(Waſ⸗ ſertaucher), und ſonderbar genug, vielleicht waren ſie die erſten Taͤufer, denn ſie reinigten ſich und Alle, die mit ihnen das Feſt ihrer Goͤttin, die große Cotytia gefeiert, durch Waſſertauchen, und hielten dies nach den, bei ihrer Feſtesfeier ſtattfindenden maaß⸗ und bodenloſen Ausſchweifungen, fuͤr einen unerlaͤßlichen Religions⸗Gebr—“ 23. Da platzten die Fluͤgelthuͤren auf, und mehrere ſtattlich geputzte Damen und Herren traten, meiſt paarweiſe ein; Alle ſetzten ſich, ohne alles Ceremo⸗ niell und ohne auf die Gruͤße der ſich verbeugenden Comtoir⸗Dienerſchaft viel zu achten, an die mit dem zierlichſt gearbeiteten Tiſchgeraͤth von Kryſtall, Silber, Bronze und Porzellain, reich geſchmuͤckte Tafel; an deren unter'm Ende die Commis Poſto faßten, und ſich in Speiſe und Trank guͤtlich thaten. Fritz hatte im Stillen gefuͤrchtet, von Herrn Reich⸗ hart ſeierlich aufgerufen, und als neuer Hausge⸗ noſſe, Frau und Tochter vorgeſt—„Tochter— mein Gott, wo iſt denn,“ fragte ſich Fritz,„wo iſt denn das in hundert Traͤumen ſchon geſehene, von Freund Pirtzel zum Seraph erhobene, und auf dem Balkon, von neidiſchen Blumen mir halb verſteckt gebliebene Maͤdchen? Die Dame, die der goldgeſtickte leichte Garde⸗Rittmeiſter zur Tafel gefuͤhrt, und die druͤ⸗ — 8— ben auf jener Seite, Herrn Reichhart gegenuͤber ſitzt, das iſt beſtimmt Madame Reichhart, und ihr Nachbar, der Graf von Windlingsfelde. Aber Luis⸗ chen,“— er uͤberflog die ganze Reihe der Tiſchge⸗ noſſinnen, da war keine Einzige, die dem Minia⸗ turbilde in Herrn Reichharts Buͤreau, mit der Un⸗ terſchrift:„Jungfer Lieschen weißt Du was,“ uur im Entfernteſten geglichen haͤtte;„da unten“— fuhr er, die Tafelrunde muſternd, fort:„da unten das junge Ding mit dem Krokus⸗Kranze im Haare— i nun ja— allenfalls! aber dann iſt der Miniatur⸗ Maler doch auch der niedertraͤchtigſte Schmeichler geweſen! Im Bilde, das Muͤndchen, und hier, das Maul! Dort die idylliſche Schelmerei, hier der plumpe Muthwille! Dort der klare himmelreine, bier der verſchmitzte pfiffige Blick! Dort die from⸗ me Demuth, hier der hoffaͤrtige Geldſtolz! Dort die ländliche Einfachheit des geſchmackvollen An⸗ zugs; hier die beiſpielloſe Ueberladung von Schmuck und Edelgeſtein, und Blonden und allerlei Firle⸗ fanz, Alles, was nur auf Kopf und Koͤrper Platz gehabt, unter und uͤbereinander.— Nein, das war unmoͤglich das, bis zur halben Anbetung idealiſirte Luischen!“—— und doch! ſo eben nannte eine Dame das Maͤdchen ganz deutlich, Mamſell Reich⸗ hart, und die Mutter rief ihm, als es, im Ge⸗ ſpraͤch mit dem Tiſchnachbar begriffen, auf die An⸗ rede der Dame nicht hoͤrte, verweiſend zu„Luiſe!"— 24. Ein unnennbarer Unmuth uͤberflog Fritz— die — 9 rrem engen Schuhe wurden in dem Augenblicke noch drei⸗ mal enger; auf beiden Ballen— als ſaugten ſich an jedem eben zehn Blutigel feſt, ſo bohrte es ihm darin, und die Ferſen und die Sohlen— hatte er denn Scorpion⸗Pfriemen oder Stech⸗ Ginſter unter den Fuͤßen?— Er konnte es nicht laͤnger aushal— ten— die Schuhe mußten herunter! Ganz unbe⸗ merkt trat er das Oberleder von den Hacken nie⸗ der, zog die Fuͤße aus ihrer graͤßlichen Klemme ſachte heraus, ſchob die Schuhe vorſichtig an ſeinen Stuhl, um ſie, wenn es zum Aufſtehen kam, raſch anziehen zu koͤnnen, und athmete nun um Vieles freier; doch waͤhrte ſein Wohlſeyn nicht lange, denn peinigender noch, als vorhin die Schuhe, druͤckte ihn das Gefuͤhl, von der Mamſell Reichhart ſich doch auch eine ganz verkehrte Vorſtellung gemacht zu haben.„Sonderbar,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, und trank den alten Madera⸗Malvaſter, der eben nach einer kraͤftigen Krebsſuppe herumgegeben ward, und von dem Herr Reichhart erzaͤhlte, daß er ihn von einem Freunde aus Funchal zum Geſchenk bekom⸗ men, und daher fuͤr die Aechtheit buͤrgen koͤnne, halb in Gedanken—„ſonderbar! meine liebe Ma⸗ dame Heydinger war die Erſte, die von Luischen ſprach; ſie hob das Maͤdchen in die Wolken, be⸗ ſtimmt nicht ohne Abſicht; denn die letzten Abende meines Dortſeyns brachte ſie eine Menge Geſchich⸗ ten auf das Tapet, deren Finale immer dahin aus⸗ lief, daß armer Eltern Soͤhne in reiche Haͤuſer ge⸗ kommen waren, und ihr Gluͤck durch Heirathen ge⸗ — 10— macht hatten. Sie— Sie legte zu der albernen Idee, daß auch ich vielleicht dieſem Millionen⸗Luis⸗ chen gefallen und in ihrer Hand mein Lebensgluͤck finden koͤnnte, den erſten Grund. Sie verrieth ſich; nun ſehe ich das Alles ganz klar; ſie verrieth ſich offenbar. Kaum hoͤrte ſie zufäͤllig, daß Luischen gern tanze, als ich trotz aller Gegenrede des Herrn Heydinger, bei dem Tanzmeiſter, der gewoͤhnlich im Sommer aus der Reſidenz kam, und bei uns Un⸗ terricht in ſeiner Kunſt ertheilte, auf ihre Koſten Stunden nehmen, und in der Hitze tanzen und ſchwitzen mußte, ohne Gnade und Barmherzigkeit. Alte ehrliche Mutter Heydinger! Du haſt wahr⸗ ſcheinlich das Wunderthier, Luischen Reichhart, nie von Angeſicht zu Angeſicht geſehen! Oberamtmanns Renate riß aus meiner Seele jeden Gedanken an das Maͤdchen mit der Wurzel aus. An ihrer Seite auf dem Wege zum Hahnrei⸗Bruͤckchen dachte ich mit keiner Sylbe mehr an den laͤcherlichen Traum, den ich mir von der Moͤglichkeit, Luischen mit ihrem Nabobs⸗Reichthume einmal mein nennen zu koͤn⸗ nen, zuſammengeſchwindelt hatte— da fuͤhrte mich mein Unſtern in das Purzelbaumgaͤßchen, und ſchickt mir kurz darauf den Riepel, den Jedermann, uͤber den Hals. Weg iſt Traum und Renatchen! Nicht zwei Stunden darauf— nein, das Maͤnnerherz iſt doch das allerunzuverlaͤſſigſte Ding auf Gotteserd⸗ boden!— bis zur Verzweiflung wuͤthend uͤber das Riemchenſtecher⸗Stuͤckchen, mit dem mich Renate ge⸗ taͤuſcht, ſchwoͤre ich mir— das Frauenvolk zu flie⸗ — 11— hen, keiner zu trauen, an keine mich zu binden, und kaum ſpricht die Mutter von der bildſchoͤnen Toch⸗ ter, die, nach Victorinchens Verſicherung, Herr Reich⸗ hart haben ſoll, ſo ſchleicht ſich mir der alte Traum wieder in die Seele, und wird zur fixen Idee, als Victorinchen bei'm Abſchiede mir mit bedeutſamem Tone erzaͤhlt, daß ſie ihrer Freundin Luiſe empfoh⸗ len, ihren Landsmann recht freundlich aufzuneh⸗ men, und bringt mich faſt um mein Bischen Ver⸗ ſtand, als Musje Pirtzel von dem Dinge mit einem Entzuͤcken ſpricht, als waͤre es ein lebendiger Che⸗ rub! Ich haͤtte ja hierher gemußt, und waͤre Sil⸗ berſtein zehn tauſend Meilen weit geweſen— und nun bin ich da— und ſitze dem geprieſenen Cherub ſchraͤg gegenuͤber, und habe ein peinliches Marter⸗ thum in den Beinen, einen gallebittern Schmerz im Herzen, und ein gluͤhendes Brandmark vor dem Kopfe, daß ich vor Schaam uͤber mich ſelber kaum die Augen aufſchlagen kann.— Was iſt denn nun hier eigentlich fuͤr große Herrlichkeit!— Herr Reich⸗ hart ſollte die Tugend und Froͤmmigkeit ſelbſt ſeyn. Gleich und Gleich geſellt ſich gern. Nun wahrhaf⸗ tig, die Geſellſchaft der Hetaͤren, der Bachantinnen, der Hierodulen, die ſich da der gute Herr Reichhart aus aller Herren Laͤndern hat zuſammen meiſeln laſſen, will von ſeiner Zucht und Ehrbarkeit nicht viel Gutes verſprechen; und hat, als wir uns zu Tiſche ſetzten, trotz der ſchoͤnen Inſchrift: ora et labora, unten im Comtoir, hier wohl ein einziger Menſch an das Beten gedacht? Wie andaͤchtig ſah es aus, wenn zu Hauſe der Vater ſein Muͤtzchen abnahm, und ein frommes Dankgebet ſprach! wie ſchlicht und erbaulich, wenn in Elleben Mutter Hey⸗ dinger die Haͤnde faltete, und den Blick zu dem Geber alles Guten hob— und hier— mit Reſpekt zu ſagen, wie die Schweinchen zum Troge ſo ka⸗ men ſie zu Tiſche gerannt!— Das Eſſen“— eben ward ein Schildkroͤten Frikaſſe herumgegeben, und Herr Reichhart erzaͤhlte den umſitzenden Tellerlek⸗ kern, wie er aus Cochinchina unmittelbar, dieſe ſo⸗ genannte Tortue franche erhalten habe, daß ſie le⸗ bendig eingetroffen ſey, und bei'm Schlachten, außer einer ungeheuern Anzahl wohlſchmeckender Eier, an zweihundert Pfund des delikateſten Fleiſches gegeben habe, welches, nach der Weiſe der Weſt⸗ Chineſen, eingeſalzen, ſich mehrere Monate lang vollkommen genießbar erhalte.—„Das Eſſen— nun ja, der Wahrheit muß ihr Recht bleiben, das Eſſen iſt vortrefflich, Elleben kann Gleiches nicht aufweiſen, und das Trinken—“ Herr Reichhart empfahl eben den Cap⸗Boudot, der von Burgun⸗ der, nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung ver⸗ pflanzten Reben gewonnen, und ihm aus der Cap⸗ Stadt direkte zugeſandt worden—„ja, das Trin⸗ ken iſt fürſtlich, und dieſer gute Hoffnungsſchluck, in Luͤnenſcheid, wo bei feierlichen Gelegenheiten hoͤchſtens ein Flaͤſchchen Lieberoſer oder Calauer Ge⸗ waͤchs auf den Tiſch kam, ſogar dem Namen nach, nicht einmal bekannt. Aber— was hilft mir das Alles. Ich verwoͤhne mich nur, und wenn ich ein⸗ 32&GxGᷣ ⏑—= ☚ △ᷣ- 2₰ mal zum eigenen Heerd gelange, was doch der Ziel⸗ punkt jedes Menſchen iſt, ſo ſchmeckt mir, auf dieſe, aus allen fuͤnf Welttheilen zuſammen geholten, Lek⸗ kerbiſſen und Wein⸗Herrlichkeiten, meine einfache Hausmannskoſt und mein Trunk Bier nicht mehr. 25. Zweimal hatte ihn der Nachbar Nußbaum in die Seite geſtoßen, aber er war in ſeine Selbſtbetrach⸗ tungen ſo vertieft, daß Nußbaum den Ellnbogen zum dritten Male anſetzen mußte.„Sie eſſen nicht,“ liſpelte ihm dieſer heimlich zu,„wollen Sie ſich bei Madame inſinuiren; ſo muͤſſen Sie ſich beſſer an die Schuͤſſeln halten; ſonſt denkt ſie, es ſchmecke Ihnen nicht, und haͤlt Sie fuͤr ein zu Hauſe ver⸗ zogenes Kind, dem es kein Menſch recht machen kann. Sie haben zwei Gerichte unangeruͤhrt vor⸗ beigehen laſſen, und beide Male hat ſie heruͤber ge⸗ ſchielt; holen Sie ein, was Sie verſaͤumt haben, und wollen Sie Herrn Reichhart ſich zum Freunde erhalten, ſo ſprechen Sie Ihrer Flaſche beſſer zu. Sie haben ja wahrhaftig kaum ein Glas getrunken, waͤhrend ich mein Flaͤſchchen bereits ausgeſtochen.“ Jetzt erſt bemerkte Fritz, daß vor dem Couverte je⸗ des Tiſchgenoſſen ohne Ausnahme, in ſilbernen Eis⸗ Eimern, zwei Bouteillen ſtanden, daß an jeder ein goldenes feines Halskettchen mit einem Perlmut⸗ terſchilde hing, daß der auf dieſem befindlichen In⸗ ſchrift nach, die eine Sorte dunkelrother Proſecker Reinfall war, dem, wie er ſonſt wohl gehoͤrt zu ha⸗ ben ſich erinnerte, die große Tugend nachgeruͤhmt wird, dem Trinker Geſundheit und langes Leden zu verleihen, die andere aber hellgelber Goccio d'oro oder Tritendiner Goldtropfen; Herrn Reichharts Eiigenheit, gern zu ſehen, daß, wer an ſeinem Ti⸗ ſche ſitze, von den unterirdiſchen Schäͤtzen ſeiner reichen Keller einen klaren Begriff bekomme, ſchien ihm recht löblich; wem es Vergnuͤgen macht, An⸗ derer Herz durch das Feuer des Weins zu erwär⸗ men, koͤnne, meinte Fritz, auf einmal durch Nuß⸗ daums vertrauliche Mittheilungen fuͤr ſeine neue Lage wieder guͤnſtiger geſtimmt, kein gemuͤthloſer Menſch ſeyn; und darin, daß Herr Reichhart ſeine Geſchäftsgehuͤlfen, wie ſeine Gaͤſte, wie ſeine Freunde behandle, fand er ein ſo ehrendes Anerkenntniß ſeiner kuͤnftigen Leiſtungen, daß er ſich aus ſchul⸗ diger Dankbarkeit nun auch vornahm, dem wackern Herrn Reichhart moͤglichſt viel Freude zu machen; er ließ von nun an, ſo oft der Tafeldecker eine neue Sorte unter lauter Angabe ihres Namens, in kleinen oder groͤßern Glaͤſern praͤſentirte, keine un⸗ gekoſtet vorbei, und ſo trank er durcheinander Muscat de Lion, Johannesberger, Tein, Peterſimens, Se⸗ riſekt, Verdona, Tinto, Paſatos, Malvaſier von Napoli di Malvaſia u. m. a., und wollte bemerken, daß, wenn Herr Reichhart einmal an das untere Ende der Tafel herabſah, ſein Blick jetzt weit freund⸗ licher ſey, als bei'm Anfange des Mittagbrods; auch Madame ſchien ihm, ſeit er ſich ernſtlich zu⸗ ſammen genommen, und in den Kalbskeulen⸗Ballon mit Truͤffel⸗Sauce, und in die Rebhuͤhner⸗Timbale, — 15— und in die Aal⸗Galatine, und in die Braten, Aſ⸗ ſtetten, Salatieren, Frucht⸗Cartouchen, Gélées, Crémes fouettées und dergl. mit einer Art von ſelbſt verlaͤugnender Bravour eingehauen, heiterer, aufgeweckter; nur Mamſell Luischen ſchien von ihm keine Notiz nehmen zu wollen; er verwuͤnſchte die abſcheuliche Mode der uͤbermaͤßig breiten, und da⸗ durch die Lebhaftigkeit der Tiſchunterhaltung un⸗ beſchreiblich nachtheiligen Tafeln, die es ihm un⸗ möglich machte, von dem, was das Maͤdchen mit dem Nachbar ſprach, ein Wort zu hoͤren; indeſſen viel Geſcheidtes mochte es nicht ſeyn, denn das Ge⸗ ſicht war doch auch gar zu geiſtlos und alltaͤglich, und das Brodkuͤgelchen⸗ Bombardement, mit dem ſich Mamſell gegen Ende des Diners unter hellgel⸗ lendem Gelaͤchter zu unterhalten anfing, ſchoß allen Antheil, den er ſich fuͤr ſie erzwingen wollte, vollen ds in Grund und Boden. Mochte ſie mit all' ihrem Gelde dem Grafen Windlingsfelde, oder dem Pir⸗ zel'ſchen Baron, oder dem Kaiſer von Fez und Ma⸗ rokko zugeſchlagen werden, ihm ſollte dies, meinte er, vollkommen gleichguͤltig ſeyn. Das Mädchen mit dem Rechen auf der Achſel und den Tauben im Schuͤrzchen— was war das gegen die alberne Mam⸗ ſell Reichhart fuͤr ein geiſt⸗ und ſinnreiches Kind! und haͤtte jene noch millionenmal mehr, als ſie be⸗ reits hatte, das fromme Engelsweſen mit den veil⸗ chenblauen Schelmen⸗Augen war ihm doch zehntau⸗ ſendmal lieber!— Wer konnte nur in aller Welt dies Zauber⸗Puͤppchen ſeyn! Vielleicht war Nachbar — 16— Nußbaum im Stande, daruͤber Auskunft zu geben. Dieſer ſtutzte gewaltig. Hunderttauſendmal war er bei Herrn Reichhart in deſſen Arbeitszimmer ge⸗ weſen, das beſchriebene Miniatur⸗Portrait hatte er aber noch mit keinem Auge geſehen. Das waͤre, meinte Nußbaum, nach langem Sinnen, entweder eine eben erſt vorgelegte Probe⸗Arbeit eines jungen Malers, der ſich damit habe empfehlen wollen,„oder — oder,“ ſetzte er boshaft laͤchelnd hinzu,„es iſt eine heimliche Sponſade unſers ſcheinheiligen Herrn Reichhart, die der ſchlaue Patron abſichtlich in dies Koſtuͤm geſteckt hat, um ſie dem, welchem das Bild zufällig einmal in die Haͤnde faͤllt, deſto unkennt⸗ licher zu machen. Auf keinen Fall hat das Portrait da gehangen, daß Sie es haben ſehen ſollen.“ Fritz erſchrak uͤber dieſe unerwartete Mittheilung, und bat den freimuͤthigen Raiſonneur, den Nußbaum, durch einen verſtohlnen Seitenblick, nicht zu laut zu ſprechen. Faſt that es ihm leid, das delikate Geheimniß ſeines neuen Principals dem Unbeſon⸗ nenen ſo unklug preis gegeben zu haben. Was gin⸗ gen ihn deſſen Herzens⸗Angelegenheiten an? Dar⸗ uͤber hatte nur Madame Reichhart ein Wort zu ſpre⸗ chen; Niemand weiter. 26. Herr Reichhart— er mochte nun noch zehn Hie⸗ roduliſche Sponſaden haben— aber einen feinern Takt konnte, behauptete Fritz in ſeiner jetzt an das Uebergluͤckliche ſtreifenden Wein⸗Stimmung, kein Menſch haben;— als der Champagner den heute — 17— vorgefuͤhrten langen Wein⸗Reigen ſchloß, hob Herr Reichhart ſein Glas, nickte Fritzen wohlwollend zu, und rief ihm heruͤber:„willkommen in unſerm Hauſe.“ Zu gleicher Zeit hob auch Madame Reich⸗ hart ihr Glas, nickte eben ſo freundlich, und hob den armen Fritz durch dieſe unerwartete Artigkeit aus ſeinen Angeln. Er fuͤhlte, daß es ſchicklich ge⸗ weſen, aufzuſtehen, und zu Beiden zu gehen, und ſich ihrer Gewogenheit zu empfehlen— aber die verdammten Schuhe! konnte er denn in der Ge⸗ ſchwindigkeit hineinkommen!— Er ſuchte ſie mit den Fuͤßen— ſte waren verſchwunden. Er fuͤhlte unter dem Tiſche, ſo weit er mit den Beinen rei⸗ chen konnte; keine Spur, keine Idee von einem Paar Schuhen. Ihm verging vor Angſt der Athem. Wenn jetzt die Tafel aufgehoben werden ſollte, und das mußte er jeden Augenblick gewaͤrtigen, was ſollte er dann anfangen!— Vieleeicht hatten ſie ſich unter den Stuhl verſchoben. Er tappte, von der peinlichſten Verlegenheit gefoltert, mit den Fuͤßen unter dem Stuhl, ſo weit es ihm nur moͤglich war. Alles vergebens. Herr Reichhart rief ihm uͤber den meilenbreiten Tiſch hinuͤber, daß, wenn er gewohnt ſey, nach dem Eſſen ſich eine kleine Bewegung zu machen, er doch nach Friedenau hinauskommen ſolle. Fritz verbeugte ſich, von der ſchmeichelhaften Ein⸗⸗ ladung uͤberraſcht, ſo tief, daß er faſt mit der Na⸗ ſenſpitze in den Reſt des Apfelſinen Eiſes ſtippte, den er aus gar zu großer Ueberſaͤttigung, ungenoſ⸗ ſen auf dem Teller hatte liegen laſſen muͤſſen; er LXII. 2 1— 13— waͤre in dieſem Augenblicke der beneidenswertheſte Menſch geweſen, wenn nur nicht die infamen Schu⸗ he— jetzt ruͤckte die Frau vom Hauſe mit dem Stuhle; die ganze Geſellſchaft erhob ſich. Der ſchreckliche Moment war da. Sitzen bleiben konnte Fritz nicht. Er mußte aufſtehen. Seine einzige Hoffnung war, daß man den ganzen Unfall gar nicht bemerken werde; wer ſollte ihm gerade auf die Fuͤße ſehen! Struͤmpfe und Beinkleider waren ſchwarz; wer nicht ein recht gutes Auge hatte, ge⸗ wahrte den Mangel der Fußbekleidung kaum. Aber um das Maaß ſeiner Bedraͤngniß poll zu machen, war, wie ein verſtohlner Blick auf ſein Gehwerk ihn zu ſeinem Schrecken belehrte, die vordere Spitze der Struͤmpfe von weißer Seide angewebt. Die Noth peitſcht den menſchlichen Verſtand zu den ſinn⸗ reichſten Erfindungen. Fritz zog in einem unbewach⸗ ten Augenblick die verraͤtheriſchen weißen Strumpf⸗ ſpitzen vorn uͤber, klemmte ſie unter die Zehen, und blieb nun, wie am Boden genagelt, ſtehen. Wohl iſt es zuweilen ein Gluͤck, unbeachtet zu ſeyn. All' die Gaͤſte gingen in lebhafter Unterhaltung, und unter weinfroͤhlichem Scherz und Lachen, an ihm voruͤber in das Nebenzimmer, wo der Kaffe ſer⸗ virt ward, ohne den unbedeutenden Fritz eines Blicks zu wuͤrdigen; und ſo entging er dem gefuͤrchteten Ungluͤck, die Zielſcheibe ihres Spottes zu werden, uͤber alle Erwartung. Auch Nußbaum kam zuletzt, und wollte in das Kaffezimmer, aber Fritz hielt ihn am Rockſchooße feſt, und fluͤſterte ihm die bit⸗ — ꝛ— 8 ͤ — — terſte Klage uͤber ſeinen preßhaften Zuſtand in die Ohren. Der wollte bei'm Anblick der armen Suͤn⸗ dergeſtalt in lautes Lachen ausplatzen, doch bezwang er, aus wohlwollender Theilnahme, ſeine Lachluſt, um unter den Domeſtiken, die mit Abraͤumen der Tafel beſchaͤftigt waren, kein Aufſehen zu erregen; ſchob mit dem halben Barfuͤßer durch die erſte Sei⸗ tenthuͤr ab, und ſo gelangten Beide gluͤcklich in Friz⸗ zens Zimmer. Wo aber waren die Schuhe? Nuß⸗ baum ging in den Speiſe⸗Saal zuruͤck, und ſuchte unter dem, gegen die Bedienten geaͤußerten, Vor⸗ wande, ſeinen Hut vergeſſen zu haben, den ganzen Saal darnach aus; die Deſerteure aber waren ſpur⸗ los verſchwunden; wie und wohin— blieb Beiden unbegreiflich. Daß die vermaledeiten Dinger von einem haͤßlichen kleinen Dachshunde in das Zim⸗ mer der Demoiſelle Reichhart geſchleppt worden waren, ergab ſich mehrere Tage ſpaͤter. Vor Allem führte Nußbaum jetzt ſeinen Schutzling in die be⸗ nachbarte Kleiderhandlung, half hier Fritz ſtattlich ausſtaffiren, und erinnerte ihn nun an die Einla⸗ dung nach Friedenau, äußerte, daß Herr Reichhart gewöhnlich mit Einigen von der Tiſchgeſellſchaft, gleich nach eingenom menem Kaffe abzufahren pflege, und empfahl ihm daher, ſich möglichſt bald auf den Weg zu machen, damit er noch bei Zeiten dort ein— treffe, und die einzelnen Schoͤnheiten dieſes himm⸗ liſchen Landſitzes wenigſtens im Fluge ſehe, ehe es Nacht werde. 1 Ehe Fritz aber aus der Stadt, und dann aus der ewig langen Vorſtadt kam, war die Sonne ſchon beinahe unter. Er war daher faſt im Begriffe, wie⸗ der umzukehren, und wollte dafuür lieber ein ander⸗ mal nach Friedenau hinaus; indeſſen, Herr Reich⸗ hart hatte ihn heute einmal dazu aufgefordert; er haͤtte ſein Ausbleiben beſtimmt uͤbel aufgenommen, und übrigens war der Abend zu ſchoͤn. Alſo im⸗ mer friſch nach Friedenau hinaus! 27. Je weiter er die Chauſſé hinab ging, deſto woh⸗ ler ward ihm. Herrn Reichharts großer Saal war ſchoͤn, aber der weite Gottes⸗Saal hier, in dem er jetzt froͤh⸗ lich und wohlgemuth wandelte, doch noch viel tau⸗ ſendmal ſchoͤner. Die herrlichen Statuen, mit denen Herr Reichhart ſein Prunkgemach geſchmuͤckt— er ließ ihnen gewiß alle moͤgliche Gerechtigkeit wider⸗ fahren, was waren ſie aber gegen die ungeheuren Felsmaſſen da vor ihm in ſchwarzblauem Nebel, die der große Bildhauer gar wunderſam bald himmel⸗ hoch zuſammen gethuͤrmt, bald mit ſeiner allmaͤchti⸗ gen Hand auseinandert geſpaltet hatte. Die dam⸗ pfenden Schuͤſſeln auf der heutigen ſibaritiſchen Mit⸗ tagstafel, ſo wohlgeſaͤttigt er auch war, er ergoͤtzte ſich doch noch in der Erinnerung an den aromati⸗ ſchen Geruch, den ſie im ganzen Saal verbreitet hatten, und an die feinen Duͤfte der friſchen Brod⸗ und Mandeltorten, und an die Zauberblume all' der verſchiedenen köſtlichen Weine, die ſeine Lippen heute zum erſten Male in ſeinem Leben gekoſtet— — 21— aber was waren alle dieſe Herrlichkeiten gegen das Meer von balſamiſchen Wohlgeruͤchen, das aus den Saatfeldern zu ſeiner Rechten, und aus dem Bluͤ⸗ thenſchnee in den Obſtwaͤldern zu ſeiner Linken, und aus den thaugetraͤnkten Matten der vor ihm lie⸗ genden Thalgruͤnde, und aus den Knoſpen, Blaäͤt⸗ tern, Bluͤthen und Blumen des, jene dunkelſtillen Thaͤler begraͤnzenden, Laubwaldes emporſchwamm, und in die milde Abendluft verfloß! Er ſog ſich mit unnennbarer Behaglichkeit die wuͤrzigen Duͤfte in die Bruſt, und bog nun, der erhaltenen Weiſung gemäß, bei'm Chauſſehauſe von der Kunſtſtraße rechts ab, und ſchlug den Fußſteig uͤber die Wieſen ein, der ihn in die paradieſiſchen Gefilde von Frie⸗ denau fuͤhren ſollte. 28. Es war am Ende heute Abend doch zu ſpaͤt! Die Nacht dunkelte ſchon allmaͤhlig herauf; ziemlich nahe liegende Gegenſtaͤnde, ſelbſt den ſchmalen ſchwach betretenen Fußpfad konnte er kaum deutlich mehr erkennen, und ſo lebhaft es allenfalls noch auf der Straße geweſen war; ſo oͤde und ſtill ward es hier im Wieſenthale rund um. Er ſtand wieder ſtill, und ging mit ſich zu Rathe, ob er nicht lieber um⸗ kehren, und ein andermal der erhaltenen Einladung folgen ſolle, doch ſehr weit konnte er nicht mehr bis zum Ziele ſeines Spazierganges haben, denn die rauhen Felſen⸗Partieen, in deren Keſſel Friedenau liegen ſollte, fingen ſchon an, ſichtbar zu werden, und— er mußte kaum noch einige hundert Schritte ͤ— zu gehen haben, denn er vernahm ſchon einige Gaͤnge der Muſik, mit welcher das, auf dem Blumen⸗Platze vor dem Wohnhauſe poſtirte, Garde⸗Hautboiſten⸗ Corps, wie Nußbaum ihm erzaͤhlt hatte, an ſchoͤ⸗ nen Abenden, die Gaͤſte des Herrn Reichhart zu unterhalten pflegte. Er ſchritt mit geſpitzten Ohren raſcher vorwaͤrts, die Felskloͤtze, durch die der ſchmale, kaum erkenn⸗ bare, Weg ſich ſchlaͤngelte, wurden immer ſchwärzer und rieſenhafter; am Tage mochte der Spaziergang ſehr ſchoͤn ſeyn; jetzt, bei'm Dunkeln des ſpaten Abends— fremd in den wilden Kluͤften— ganz allein— ward es ihm in der ſonderbar bewegten Bruſt faſt mit jedem Schritte unheimlicher.— Ganz unbemerkt hatte ſich ein Begleiter zu ihm geſellt; ein kleiner geſchwaͤtziger Waldbach, der neben dem Fußſteig eilig rieſelte, und den Blumen und Moo⸗ ſen am Ufer, ſeinen Gutenachtgruß leiſe zumur⸗ melte. Dieſes heimliche Plaͤtſchern, und auf den himmelanſtarrenden Felsſpitzen, das Rauſchen in den Wipfeln der ſchlanken Edeltannen und Buchen, war Alles, was er hoͤrte. Von der Muſik, kein Laut mehr. Hatte er ſich vom Reichhaxt'ichen H Hauſe wie⸗ der mehr entfernt?— doch das war ja nicht moͤg⸗ lich! Er war ja immer gerade ausgegangen, und hatte weder links noch rechts von ſeinem Fußſteige einen Abweg bemerkt. Alſo nur immer vorwärts, er mußte endlich ja nach Friedenau kom—— was war das? Ein kurzer Akkord von tauſend Inſtru⸗ menten, ihm ganz in der Naͤhe! Sein Fußpfad, ————j-— inge latze ten⸗ ſchoͤ⸗ t zu rts, enn⸗ rzer ang aten ganz gten zunz ellt; dem Koo⸗ aur⸗ den 1 in hen, Laut wie⸗ noͤg⸗ und eige rts, was kru⸗ fad, — 25— wenn man den Weg, den vielleicht alle zehn Jahre einmal ein Menſch betreten zu haben ſchien, ſo nen⸗ nen konnte, hatte ihn eben um einen Granit⸗Vor⸗ ſprung gefuͤhrt; taͤuſchte ſein Ohr ihn nicht, ſo hatte die Muſik dicht hinter ihm ertoͤnt. Er wendete ſchnell um, und ging zuruͤck, und lauſchte mit ver⸗ haltenem Athem. Alles ſtill!— ſelbſt das Baͤchlein zu ſeinen Fuͤßen gleitete zwiſchen dicht verwachſenem Moosgewirr lautlos dahin, und die Weſtwinde ſaͤuſelten leiſer durch Forſt und Kluͤfte. 29. Nach langem Weilen wendete er, uͤber das Un⸗ begreifliche der Erſcheinung tief bruͤtend, ſich wieder nach Friedenau zu, und nahm ſich vor, nun nicht weiter ſich ſtoͤren zu laſſen. Ohne das Studium der ewig raͤthſelhaften Akuſtik ergründet zu haben, be⸗ ruhigte er ſich durch die Meinung, daß der Schall der Hautboiſten⸗Muſik, vom Friedenau'ſchen Gar⸗ ten heruͤber, ſich in dieſen wunderbar gewundenen Schluchten hier, natuͤrlich auf das Seltſamſte bre⸗ chen müſſe, und daß es daher gar nicht auffallen duͤrfe, wenn er auf der einen Stelle die große herr⸗ liche Muſik hoͤre, als ſtehe das wackere Corps dicht neben ihm, und auf der andern, kaum einige Schritte davon entfernten, keinen Ton vernehme. Er zwang ſich, uͤber ſeine einfaͤltige Befangenheit zu laͤcheln, und ſchritt— nein, er ſtand auf einmal wie ange⸗ wurzelt, denn eine Pracht⸗Ouverture brauſ'te auf, mit einer ſo ungeheuern Gewalt, mit ſo gigantiſchen Tonmaſſen, daß ihm das Herz in der Bruſt erbebte. Welche ſchauerhafte Tiefe der allmaͤchtig durchgrei⸗ fenden Baͤſſe! Die Pfeifen des groͤßten Orgelwerks waren gegen dieſe nie gehoͤrten Baß⸗Inſtrumente blos kleine Piccolo⸗Floͤtchen! Hoͤchſtens vier Takte!— und nun Alles wieder ſtill!— Fritz wagte kaum Athem zu holen. Von unten, wie aus unermeßli⸗ chen Gruͤnden herauf hatten die Toͤne geklungen!— und eine ſo wild durcheinander geworfene Melodie— und gleich darauf ſo uͤbermenſchlich groß und hehr, als thaͤten ſich am Auferſtehungsmorgen alle Graͤ⸗ ber auf! und Millionen Stimmen riefen aus dem Staube ihres tauſendjaͤhrigen Gruft⸗Moders, dem, der ſie aus dem ewigen Schlafe geweckt, ein großes Hallelujg zu.— Oder waren das die Poſaunen des juͤngſten Weltgerichts mit ihrer, die Grund⸗Angeln der Erde erſchuͤtternden Donnerkraft geweſen? oder das Sturm⸗Brauſen eines empoͤrten Orkans, der uͤber hundert Kraterſchluͤnde gefahren, wie der Hauch des Menſchen uͤber ſo viel harmoniſch geſtimmten Syringen? oder ſchweres Gewitterrollen eines Fel⸗ ſen zerreiſſenden Erdbebens?— Fritz bedurfte eine geraume Zeit, ehe er ſich von ſeiner Schreck⸗Erſtarrung erholen konnte. Die Angſt trieb ihn aus den unheimlichen Felsſchluchten. Er waͤre gern wieder umgekehrt, aber nach ſeiner Rech⸗ nung mußte der Weg nach Friedenau kuͤrzer ſeyn, als der nach der Stadt. Er beſchloß alſo, lieber vorwaͤrts zu ſchreiten; er konnte ja keine halbe Vier⸗ telſtunde mehr bis zum Ziele ſeiner Wallfahrt haben. — 25— War doch unterdeſſen die Dunkelheit um Vieles ge⸗ wichen, und fing es doch an immer heller und hel⸗ ler zu werden. Doch der goldige Schimmer, der vor ihm den Himmel allmaͤhlig zu durchglaͤnzen begaan, hatte beinahe neue Ahnungen ſeltſamer Ue berna⸗ tuͤrlichkeit erregt, wenn ihm nicht in Zeiten einge⸗ fallen waͤre, daß es wahrſcheinlich der Vollmond ſey, der im Aufgehen begriffen, und der den, von rieſenhohen Felsſpitzen eng begraͤnzten Horizont gar wunderſam beleuchtete. Jetzt ward die große ſchoͤne Mondſcheibe hinter den hoh en, auf den Felſen gipfeln prangenden, Schwarztannen ſichtbar, jetzt erhob ſie ſich langſam uͤber dieſe, und goß nun ihr ſanftes Silberlicht in das tiefe Thal hinab. Die Schatten, welche das Buſchwerk und die Baͤume, vom Abend⸗ winde ſanft bewegt, gegen die nackten Granitwaͤnde warfen, und die tauſendfach gebrochenen Lichter— wohl konnte es da an den wunderlichſten Geſtalten nicht fehlen, und bald fletſchte ihm daher ein koloß⸗ ſaler Hoͤllenhund aus einer dunkeln Hoͤhle die Zaͤhne entgegen, bald lag, kaum zehn Schritte von ihm, ein rieſiger Wandersmann quer uͤber den Weg; bald hockte links hinter'm Gebuͤſch ein altes Muͤt⸗ terchen mit einem großen Holzkorb auf dem Ruͤcken, bald ritt ein buckeliges Zwerglein ihm zur Seite. Doch er wollte die ſcheußlichen Frazzen⸗Formen nicht mehr ſehen, die von Schritt zu Schritt immer graͤulicher wurden, und darum heftete er ſein Auge feſten Blicks auf den herrlichen Vollmond, und rief ſich zu ſeiner Zerſtreuung, und um ſich von dem Clauren Schr. L.XII. 3 26— geſpenſteriſchen, ihm die Bruſt zuſammenſchnuͤren⸗ den, Alp nur etwas los zu machen, Alles das in die Seele zuruͤck, was ihm Vater Lehnin, bei'm Studium der Alten, von Endymion erzaͤhlt hatte, welcher zuerſt den Lauf und die Veraͤnderungen des freundlichen Erden⸗Trabanten beobachtet habe; und von Orpheus, der ſchon der Mondbewohner erwaͤhnt, und von Pherecydes, der die Umlaufszeit dieſes Planeten beſtimmte, und von Anarximander, der des Mondes Entſernung von der Erde ſchon kannte, und von Klearchus, der die Mondflecke fuͤr Meere hielt, und von— ſtill— was war das?—— Ein frommer tauſendſtimmiger Kirchengeſang, begleitet von fremden, nie gehoͤrten, Inſtrumenten, hoch oben in unermeßlicher Ferne— erſt ganz ſtark und laut, und ſo deutlich, daß er jeden Ton des Geſanges, wie der Inſtrumental⸗Begleitung her⸗ aushören konnte, dann daſſelbe Tonſtuͤck in tiefem Wiederhall, wie von einem zweiten Chor vorgetra⸗ gen, der hundert Meilen und darüber noch hoͤher ſtehe, als der erſte— dann eine kuͤrzere Wiederho⸗ lung deſſelben Satzes noch leiſer und entfernter— und zuletzt noch, nach kleiner Pauſe, die letzten Saͤtze des Tonſtuͤcks ſo leiſe, und in einer ſo un⸗ endlichen Entfernung, daß es klang, als komme die Muſik von oben herab aus jenen Lichtraͤumen des„ Ewigen ſelbſt! Dreimal— viermal wiederholte ſich dieſer Choral, immer nur in kurzen Saͤtzen und im⸗ ſi mer mit neuen Modulationen durchflochten, ſo daß Fritz jedesmal glaubte, einen neuen Chor zu hoͤren; h. v + cyjeͤ——=—-— 28 ☛2 — 27— die durchdringende Kraͤftigkeit der Bäͤſſe in den Grundtöonen, das harmoniſche Fugiren der Mittel⸗ ſtimmen, das Ueberraſchende der Melodieen, das rythmiſche Ineinandergreifen des Ganzen, die Kuͤhn⸗ heit der Gedanken, das wilde Uebereinanderſprin⸗ gen der brillanteſten Coloraturen, die Gewandtheit der ſchnellſten, von mehr als tauſend Inſtrumenten mit der ſtrengſten Praͤciſton zuſammenrollenden Lau⸗ fer, die, wie von einer Windsbraut getrieben, den Umfang aller Toͤne vom tiefſten bis zum hoͤchſten durcheilten, und dann wieder die ruͤhrende Einfach⸗ heit, die das ganze Muſikwerk zum frommen Gebet erhob— nein, das waren keine Garde⸗Hautboiſten, keine irdiſche Weſen, das waren die himmliſchen Heerſchaaren ſelbſt, die von leichten Wolken getra⸗ gen, durch die milden Fruͤhlingsluͤfte zogen, und dem Herrn der Welt ihr feierliches Hoſianna dar⸗ brachten, und nur einzelne Klänge dieſes naͤchtli⸗ chen Lobgeſangs hatten ſich aus den Regionen der Verklaͤrten verloren in den Dunſtkreis des Erdballs, und hallten wieder in den enggeſchloſſenen Fels⸗ gründen des paradieſiſchen Thals von Friedenau. 30. Fritz ging, nachdem der große Lobgeſang der Engel verklungen, und nichts mehr davon zu hoͤren war, in tiefe Gedanken verloren, weiter, und je mehr er ſich den Aufſchluß, den er ſich uͤber dieſe ihm Anfangs unbegreiſliche Sphaͤren⸗Muſik zuſammengekuͤnſtelt hatte, ausbildete, deſto andaͤchtiger ward ſeine Stim⸗ mung, deſto aufgeregter ſeine Phantaſie; vom Zwecke 3 8 — — 26.— ſeines heutigen Abendſpazierganges wußte erkin die⸗ ſem Augenblicke kein Wort mehr; die ganze Welt hatte er vergeſſen; er fuͤhlte ſich allem Irdiſchen entruͤckt, und vermeinte vor der Pforte des jenſei⸗ tigen Edens zu ſtehen, als er an eine leichte unver⸗ ſchloſſene Gikterthuͤr gelangte, durch die er in die Wohnung der Seligen zu treten glaubte. Wie ſo ſtill und friedlich war es hier! Die ſuͤße⸗ ſten Wohlgeruͤche von bluͤhendem Strauchwerke und duftenden Blumen trug ihm ein gefaͤlliger Zephyr entgegen, und mitten aus einem großen, mit ein⸗ zelnen Blumenpartieen geſchmuͤckten, Raſenplatze, ſtieg eine herrliche Fontaine himmelan, und fiel in leichten Waſſerſtaub zerſetzt, von ihrer Wolkenhoͤhe herab in ein großes ſchaumbedecktes Granit⸗Baſſin. Der Vollmond aber ſtreute auf dieſes zauberiſche Waſſerſpiel Millionen Silberblüthen, ſo daß der rieſige Waſſerſtrahl und die um dieſen rundum, in Billionen Tropfen wieder herabſtürzende, Waſſer⸗ maſſe, wie eine hohe, von oben bis unten mit bliz⸗ zenden Diamanten beſaͤete, Saͤule von gluͤhendfluͤf⸗ ſigem Silber ausſah. Keine zehn Schritte von ihm ſtand— war er denn ſeiner Sinne noch mächtig? taͤuſchte ihn kein Trug⸗ bild? doch, es war ja ſo hell, wie am Tage, und er ſah mit offenen Augen, und war ſeiner ſelbſt ſich klar bewußt— daſſelbe Maͤdchen, das er heute Mor⸗ gen bei Herrn Reichhart im Miniatur⸗Gemaͤlde er⸗ blickt, ſtand keine zehn Schritte weit von ihm, vor einem niedrigen Fliederſtrauch, vom milden Lichte —————„——„» ——& n.— ☚——,———,y——. des Vollmondes glanzumfloſſen, den Blick auf den hoͤchſten Punkt der himmelhohen Waſſerſäule gerich⸗ tet, wo der Strahl ſeine zuſammenhaltende Kraft verlor, und ſich in kraͤuſelnden Schaum aufloͤste.— Derſelbe Anzug, daſſelbe Huͤtchen, nur der Rechen und die Taͤubchen fehlten!— Wer war das reizende Kind?— Sollte der gute Herr Reichhart vielleicht hier in dieſer, jedem menſchlichen Fuße faſt unzugaͤng⸗ lichen, Wildniß— Alter ſchuͤtzt vor Thorheit nicht— jene aus den Zeiten des idylliſchen Schaͤferlebens her⸗ ruͤhrende Lockvogel⸗Unterſchrift winkte ja deutlich auf Herrn Reichharts heimliche Abſicht. Beſtimmt war das reizende Kind das arme Lieschen, das ſei⸗ nem verfuhreriſchen Goldrufe in das hier friſch und uͤppig aufſchießende gruͤne Gras gefolgt war!— Aber— Nein, nein! Das war nicht moͤglich! wie im Bilde, ſo hier in dem herrlichen Originale, die heiligſte Froͤmmigkeit, die jungfraͤulichſte Unſchuld ſelbſt! Was war das fuͤr eine Zaubergeſtalt! Und welche zarte Anmuth in jeder ihrer Bewegungen! Sie ſenkte jetzt das braungelockte Koͤpfchen zu dem Flie⸗ derſtrauche herab, umfaßte mit beiden Armen die lieblich bluͤhenden Trauben, und druͤckte in das alſo zuſammengehaltene ſanftblaue Bluͤthen⸗Meer das Geſichtchen, um unmittelbar aus den tauſend Kel⸗ chen der Duftenden, den ſuͤßgewuͤrzten Athem in die Schwanenbruſt zu ziehen, und aus dem melo⸗ diſchen„Ach,“ das, als ſie ſich wieder aufrichtete, ihren Roſenlippen entglitt, war zu entnehmen, daß ihr dieſer ſchwelgeriſche Genuß recht wohl gethan — 30— hatte. Sie pfluͤckte ſich hierauf einen Zweig, und von dem dicht daneben weiß bluͤhenden Strauch ei⸗ nen zweiten, und wendete ſich nach einem rechts ge⸗ legenen Seitengebuͤſche zu. 31. „um Verzeihung, liebes Lieschen,“ rief Fritz ſchnell hinterdrein, um dieſe holde Fuͤhrerin nicht zu verlieren, ſetzte aber einen möglichſt ſtarken Daͤm⸗ pfer auf die Stimme, um ſie nicht zu erſchrecken, „komme ich hier recht nach Friedenau?“ Das Maͤdchen erbebte, von der unvermutheten Anfrage uͤberraſcht, ſichtlich, brachte ein verzagtes und darum halb unverſtaͤndliches„das iſt hier Frie⸗ denau“ heraus, und eilte, wie ein ſchuͤchternes Reh, von dannen. „Nur ein einziges Wort, mein liebes Lieschen,“ bat Fritz freundlich, und nahm den ganzen Wohl⸗ laut ſeiner Stimme zuſammen, um ihr im Tone ſeiner Frage ſchon die beruhigende Verſicherung zu geben, daß ſie nichts von ihm zu fuͤrchten habe,„iſt Herr Reichhart ſchon hier? Er hat die Guͤte gehabt, mich aufzufordern, hier heraus zu kommen; da ich mich aber eher auf den Weg gemacht, als er, iſt es wahrſcheinlich, daß er noch nicht eingetroffen, und ich wollte daher bitten—“ Ja, ja, es war das nämliche Lieschen im Schreib⸗ Secretair des Herrn Reichhart; denn der durchtrie⸗ bene Schalk, der ihm dort aus den großen ehrlichen Augen blitzte, konnte ſich auch jetzt, trotz er ſich in das Purpurgruͤbchen der laͤchelnden Wange fluͤchtete, — 31— nicht verbergen. Die Kleine ſtand, als ſie das von Herrn Reichharts Einladung hoͤrte, etwas ermu⸗ thigter, ihm Rede, und fragte mit verhaltenem La⸗ chen, ob er vielleicht der junge Herr Lehnin ſey, der heute Morgen angekommen; und als Fritz, der ſeit dem Augenblicke, daß ſie mit ihrer Silberſtimme geſagt, daß das hier Friedenau ſey, im trunkenſten Entzuͤcken aufgeloͤſ't, ſich hier in den ſeligen Auen eines himmliſchen Friedens heimiſch fuͤhlte, mit ſtummen Kopfnicken bejahte, konnte ſie dem Lach⸗ reize nicht länger widerſtehen. Die ganze Geſell⸗ ſchaft ſey, meinte ſie, ſchon ſeit einer Viertelſtunde wieder fort; man habe ihn mehrere Stunden lang, mit jeder Minute, erwartet, und wenn er fruͤher von Hauſe gegangen, und ſeinen Weg gerade hier⸗ her genommen, ſo ſey ihr unerklaͤrlich, wie er jetzt erſt habe hier eintreffen koͤnnen; und noch unbegreif⸗ licher, wie er gerade am entgegengeſetzten Ende in den Garten gekommen, denn aus ſeiner Frage, ob er hier auf rechtem Wege nach Friedenau ſey, muͤſſe ſie ſchließen, daß er nicht die gewoͤhnliche Straße durch das Doͤrſchen— „Nein, mein ſuͤßes Kind,“ entgegnete Fritz, in den namenloſen Zauber der ſchuldloſen Klarheit, und der ſchmachtenden Liebe, die in dieſen dunkelblauen Augen laͤchelten, rein verloren, und von all den Erſcheinungen, die ihm in dem felſigen Feenlande begegnet, noch tief ergriffen,„von einem Doͤrſchen habe ich nichts geſehen.“ „Nun, dann haben Sie einen ſchoͤnen Umweg — 32— gemacht,“ hob Lieschen theilnehmend an;„dann ſind Sie den Muͤhlgraben entlang gegangen; wer hat Sie denn ſo ganz konfuſe zurecht gewieſen? und wie ſind Sie denn bei'm Baͤrenwinkel uͤber das Fluthbette gekommen, da iſt ja jetzt waͤhrend des Baues weder Steg noch Weg?“ „Nichts Muͤhlgraben, nichts Baͤrenwinkel,“ ver⸗ ſetzte Fritz, noch in einer Art von ſeliger Begelſte⸗ rung.„Waͤr' ich nicht in der geſpannteſten Stim⸗ mung meines Lebens, und koͤnnte ich ſcherzen, oder haͤtte ich getraͤumt, ſo wollte ich darauf ſchwoͤren, daß ich das Zauberland irgend einer maͤchtigen Fee, oder eine von der ganzen Umgegend nicht gekannte geheime Reſidenz eines maͤchtigen Rieſen oder eines verwuͤnſchten Prinzen betreten; aber mit wachen⸗ dem Auge habe ich geſehen, mit wachendem Ohre habe ich gehoͤrt, was den Sterblichen mit heiliger Sehnſucht nach Oben erfuͤllen muß. Noch vor wenig Minuten habe ich keinen dringenderen Wunſch in der Bruſt gehabt, als mit den himmliſchen Heer⸗ ſchaaren das Dunkel der Feiernacht zu durchfliegen, und meine Stimme in ihr frommes Halleluja zu miſchen, und nur das Gluͤck, Sie hier zu finden, haͤlt mich wieder am Irdiſchen feſt.“ Lieschen trat, von ſeinen, ihr unverſtaͤndlichen, Aeußerungen ſcheu geworden, einige Schritte zuruͤck, als traue es dem Irreredenden nicht recht, und ſchuͤt⸗ telte bedenklich das Koͤpfchen. „Ich muß aber,“ fuhr Fritz fort, ohne des Maͤd⸗ chens ſchuͤchternes Zuruͤckziehen zu bemerken,„in den — 335— Felſen⸗Koloſſen doch rein behert geweſen ſeyn, daß ich mich darin ſo habe verſpaͤten und daruͤber Herrn Reichhart verſaͤumen können.“ „Felſen⸗Koloſſen?“ wiederholte Lieschen ſin nend, und rief gleich darauf halb lachend:„mein Gott, durch den Mordgrund ſind Sie gekommen?“ „Mordgrund?“ fragte Fritz ſtutzend. „Ja, ſo nennt man,“ erlaͤuterte Lieschen,„das ſchoͤne wilde Thal, aus dem, in wunderbarem Natur⸗ Spiel, einzelne Granit⸗Zacken, in zahlloſer Menge, ſeltſam gruppirt, himmelan ſtarren, und wo rund um ungeheure hausgroße Felsbloͤcke uͤbereinander gewuͤrfelt liegen, als haͤtte der liebe Herr Gott ſeine Zuckerdoſe dort umgeſtuͤrzt. In fruͤherer Zeit war das der Niederlags⸗Platz der beruͤchtigtſten Raub⸗ moͤrderbanden, welche die Beraubten dorthin ſchlepp⸗ ten, und ſie, um von ihnen nicht verrathen zu wer⸗ den, erſchlugen; und heute noch ſucht mancher Le⸗ bensmuͤde dieſen abgelegenen, von Menſchen faſt nie betretenen, Schauderwinkel der Erde, um der Buͤrde, die ihm zu ſchwer iſt, durch eine wohlthätige Blei⸗ kugel los zu werden; vor wenig Tagen erſt hat ſich dort der Bankier Schlechtengreif erſchoſſen, weil er die Schande ſeines Bankerotts nicht uͤberleben moch⸗ te.— Wie Sie ſich aber in dieſe unzugaͤngliche Schluch⸗ ten haben verlieren, und wie Sie ſich, noch dazu in der Nacht, wieder heraus, und hieher haben finden können, iſt mir ein Raͤthſel! Beſtimmt ſind Sie vor dem Chauſſehauſe von der Straße rechts abge⸗ gangen, ſtatt daß Sie erſt uͤber dem Hauſe hinaus, haͤtten abbiegen ſollen. Nun iſt auch natuͤrlich, daß Sie jetzt erſt gegen Mitternacht, wo Alles laͤngſt fort iſt, hier eintreffen. Sie haben ja einen Weg von faſt zwei Meilen gemacht! Sie werden hungrig ſeyn. Wollen Sie ſich mit mir in das Schloß bemühen; ſo ſteht Ihnen, was noch bei ſpaͤter Nachtzeit auf⸗ zutreiben iſt, gern zu Dienſten.“ 32. Das gaſtliche Anerbieten machte es Fritzen, der vom erſten Erblicken des ſchoͤnen Maͤdchens an, nicht recht gewußt hatte, wo er es hinthun, wie er ſich gegen daſſelbe nehmen ſollte, klar, daß Mamſell Lies⸗ chen hier, außer dem zarten Verhaͤltniſſe zu dem guten Herrn Reichhart, ſo eine Art von Haushälte⸗ rin, Ausgeberin, vorſtelle; mithin war ſie gewißer⸗ maßen eine halbe Collegin von ihm; denn auch ſie mußte, wie er, das Beſte des Principals verwalten nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen; denn auch ſie ſtand, eben ſo gut, wie er, in deſſen Lohn und Brode. Dieſe Entdeckung war ihm um ſo lieber; konnte er ſich doch nun mit dem bildhuͤbſchen Kinde auf einen vertraulichern herzlichern Fuß ſetzen. „Eſſen!“ erwiederte er lachend,„nein, das waͤr' ich nicht im Stande; nach einer ſolchen ſchwelgeri⸗ ſchen Mittagstafel koͤnnte ich acht Tage hungern; aber trinken! Ein Glas Waſſer, mein engliſches Lieschen, darum bitte ich, um weiter nichts. Denken Sie,“ fuhr er, ſich ſelbſt belaͤchelnd, fort, um ihr gleich zu zeigen, daß ihm ihre geheime Stellung zu Herrn Reichhart nicht ganz fremd ſey, und dadurch ihr ſelbſt — 35— einen bedeutenden Schritt noch naͤher zu ruͤcken, „denken Sie, ich hielt Sie, als ich heute fruͤh Ihr Bild ſah, fuͤr Mamſell Reichhart; doch wurde mir bei Tiſche ſchon mein Irrthum benommen.“ „Mein Bild?— fuͤr Mamſell Reichhart,“ fragte Lieschen, und machte ein Geſicht, aus dem die hoͤch⸗ ſte Befremdung laut ſprach.— „Nun ja, das kleine Miniatur⸗Gemaͤlde, mit dem Rechen und den Taͤubchen! Die Aehnlichkeit iſt wahr⸗ haft laͤcherlich; ich erkanute Sie hier den Augen⸗ blick wieder.“ „Das Bild?— das haben Sie geſehen?“ fragte Lieschen uͤberraſcht. „Das Bild habe ich geſehen,“ betheuerte Fritz und ergoͤtzte ſich heimlich an ihrer Verlegenheit,„es hing gar ſtattlich und in blanken Rahmen gefaßt in Herrn Reichharts Schreib⸗Seeretair, an einem gel⸗ ben Meſſing⸗Haͤkchen!“ „Aber wie kann man ſo dreiſt, ſo unvorſichtig ſeyn,“ hob Lieschen erſchrocken, mehr fuͤr ſich, als fuͤr Fritzen hoͤrbar an;„wenn nun die Mama da⸗ zu gekommen ware!“ A ha— da hatte er ja klaren Wein! Mama Reichhart— i nun ja, der waͤre das Boͤſewerden wohl freilich nicht zu verargen geweſen, wenn ſie die kleine arme Suͤnderin in efligie bei'm Papa Reichhart ge⸗ funden. Nach Lieschens ſichtbarer Verwirrung zu ſchließen, war des Portrait gewiß nicht beſtimmt, im mehrbeſagtem Schreibtiſche oͤffentlich zu paradie, ren; wahrſcheinlich hatte es Herr Reichhart ſich aus ſeinem geheimen Verwahrſam nur auf einen Augen⸗ blick hervorgeholt, um ſich an den holden Engels⸗ zuͤgen heimlich zu ergötzen; darum hatte Nußbaum auch uͤber das idylliſche Goͤtterbild nicht Auskunft geben koͤnnen. „Wenn die,“ fiel Fritz ein, um nur zu ſpre⸗ chen, und zu thun, als merke er Lieschens Verlegen⸗ heit nicht, und nebenbei auch, um dem reizenden Mäadchen eine Artigkeit zu ſagen,„wenn die dazu gekommen waͤre, nun— darum waͤre die Welt auch noch nicht untergegangen; denn, daß Herr Reichhart ein ſolches Zaubergeſichtchen lieber ſteht, als z. B. die kalte nichtsſagende Viſage ſeiner lieben Jungfer Tochter, und ſich lieber Sie hat malen laſſen, als dieſe, iſt ihm wahrhaftig nicht zu verdenken! Sehen Sie, wie erbaͤrmlich die Welt iſt! Blos weil das Maͤdchen einmal eine unmenſchliche Menge Geld zu erwarten hat, macht man aus ihr einen Cherub von Schönheit; was habe ich nicht Alles von dem Luis⸗ chen Reichhart gehoͤrt, ehe ich herkam! Ich dummer einfaͤltiger Menſch, ich war in das Ding verliebt, ehe ich es ſah! Sie koͤnnen denken, wie geſpannt ich war, das hochbelobte Weſen von Angeſicht zu Angeſichk kennen zu lernen. Heute Mittag ward mir denn endlich das neidenswerthe Gluͤck! Ich gebe es um ein Billiges weg. Es kann meinetwegen ein recht gutes Maͤdchen ſeyn, aber, das muͤſſen Sie doch ſelber zugeben, etwas Unintereſſanteres, etwas Alltaͤglicheres laͤßt ſich doch kaum denken. Ein Bis⸗ chen Jugend— das iſt Alles. Waͤr' es nicht die uu die ſon Ho ten und — 37— reiche Mamſell Reichhart, es hielte ſie kein Menſch der Beachtung werth. Nein, und wenn ſie noch taw⸗ ſendmal mehr haͤtte, ich wuͤrde um ihren Beſitz Kei⸗ nen beneiden. Ich kann mich aͤrgern uͤber den Gra⸗ fen, über den Windlingsfelde! Lediglich und ein⸗ zig und allein um des leidigen Geldes willen erzeigt er ihr die Gnade, ſie heirathen zu wollen— und—⸗ „Meinen Sie?“ fiel ihm Lieschen, das waͤhrend Fritzens freimuͤthiger Herzens⸗Erleichterung, das Geſicht immer abwaͤrts auf die Rabatten des Weges, wo ſie langſamen Schrittes gingen, gewendet hatte, mit geſpanntem Antheil in das Wort. „Das koͤnnen Sie ſich an den Fingern abzaͤhlen,“⸗ erwiederte Fritz, der Unumſtoͤßlichkeit ſeiner Anſicht gewiß.„Heirathet ein Adeliger, oder gar ein Graf, eine reiche Buͤrgerliche; ſo geſchieht es allemal um der blanken Thaler willen.“ „Allemal?“ fragte Lieschen ohne aufzuſehen, and die Frage ſcharf betonend. „Allemal,“ erwiederte Fritz,„der Ausnahmen von der Regel duͤrften nur wenige ſeyn; ich kann nur die Kurzſichtigkeit der Maͤdchen nicht begreifen, die das erbaͤrmliche Geld⸗Spekulations⸗Spiel nicht gleich vom Anfange an durchſchauen, ſondern eitel zenug ſind, zu glauben, daß nicht ihre Geldſaͤcke, ſondern ihre perſoͤnlichen Liebenswuͤrdigkeiten den Hochwohl⸗ und Hochgebornen Freier zu ihren Fuͤßen gebannt haben. Tauſend ſind gegen Eins zu wer⸗ ten, daß unter fuͤnfzig ſolcher Dukaten⸗Laurer, fuͤnf und vierzig anf dem Fleck Kehrt machen, wenn man ——————— — — 33— ihnen das Vorgeben, daß es mit dem geruͤhmten Vermoͤgen der Braut nich: weit her, daß alles da⸗ von Ausgeſprengte blauer Dunſt ſey, recht glaub⸗ haft zu machen verſteht. Die auf ſolche Weiſe ge⸗ ſchloſſenen Meſalliancen taugen in der Regel alle nicht. Die Frau iſt immer die Betrogene. Der Koͤder, der ſie in das Netz lockte, der Schall„gnaͤdige Frau“ oder„erlauchte Frau Gräfin,“ haͤlt allerhoͤchſtens fuͤnf Jahre vor; dann iſt ſie an ihn gewoͤhnt, dann hat er fuͤr ſie allen Reiz verloren; die Unannehm⸗ lichkeit aber, in einen Familien⸗Kreis eingeſchmug⸗ gelt zu ſeyn, in den ſie, nach der duͤnkelhaften An⸗ ſicht namentlich der aͤltern Mitglieder, nicht gehoͤrt, der, beſonders wenn er von ihrem Vermoͤgen nicht unmittelbaren Vortheil zieht, ſie ewig uͤber die Achſel anſieht, ſie bei jeder Gelegenheit, nach Maaßgabe ſeiner Bildung, feiner oder grober Weiſe, fühlen läßt, welches unermeßliche Heil ihr durch ihre Stan⸗ deserhebung widerfahren iſt, und, wieder nach Maaß⸗ gabe ſeiner Verſittichung, verſteckter oder offener Weiſe, zeigt, daß und wie ſehr er ſich ihrer Mit⸗ gliedſchaft ſchaͤme, und das Ungluͤck, einem Manne ihre Hand gegeben zu haben, der gar nicht ſie, ſon⸗ dern blos ihr Geld haben wollte, der nun, da er in deſſen Beſitz gelangt iſt, ſie fuͤr eine laͤſtige Zulage anſieht, und in deſſen Herzen ſie von der Achtung, von der Liebe, von der Treue, die er ihr, blos ihr Geld im Auge, vor dem Traualtar vorlog, keine Spur findet—— das, das Alles bleibt ihr das ganze Leben hindurch, das nagt am tiefſten Keime ihres △σ nten da⸗ aub⸗ 2 ge⸗ alle dder, rau“ tens dann ehm⸗ nug⸗ An⸗ hoͤrt, nicht lchſel gabe hlen tan⸗ aaß⸗ ener Mit⸗ anne ſon⸗ er in llage ung, ihr keine anze hres - 39— irdiſchen Gluͤcks, das begleitet ſie bis zur Gruft, und ſie darf Keinem ihr Leid klagen, denn Jeder ſagt ihr, daß ſie es mit ihrer albernen Eitelkeit, mit ihrer er⸗ baͤrmlichen Sucht zu glaͤnzen, ſelbſt verſchuldet habe.“ „Dann dauert mich die arme Reichhart,“ ſagte Lieschen geſenkten Kopfs— durch Fritzens lebhafte Rede ſehr ernſt geworden. „Mich nicht,“ verſetzte er leicht hin,„die fuͤhlt das nicht; die wird ſich in ihrer bodenloſen Leerheit an ihren erheiratheten Stammbaum feſtklammern; die wird, in ihrem plumpen Muthwillen, der ganzen Hochgraͤflich Windlingsfeld'ſchen Familie ein Schnipp⸗ chen ſchlagen, und ſich mit ihrer tuͤchtigen Portion Kaltſinn, am Ende aus dem ganzen Grafen und ſei⸗ ner Liebe und Treue, nicht viel machen; iſt und bleibt ſie doch nun Frau Graͤfin, und hat ſie doch immer vollauf Geld, ihre Launen zu befriedigen.“ „Aber mein Gott, kennen Sie denn das Mäd⸗ chen ſo genau?“ fragte Lieschen befremdet. „Nur dieſen Mittag habe ich es geſehen,“ ent⸗ gegnete Fritz,„aber mehr braucht man auch nicht. Da iſt keine Tiefe, kein Grund; ſolch ein flaches Ding hat man ja wohl auf den erſten Blick weg. Wie un⸗ zart z. B. benahm es ſich nicht heute bei dem einfaͤlti⸗ gen Brodkuͤgelchen⸗Spiel gegen den Windlingsfelde! „So?“ unterbrach ihn Lieschen mit leicht hinge⸗ worfenem Tone, und zog eine am näͤchſten Gebuͤſche abgebrochene Fliedertraube, ohne aufzuſehen, durch. ihre kleine Hand,„den ſchenk' ich ihr; auch iſt das ganze Stadtgeſchwaͤtz von einer beabſichtigten Verbin⸗ dung zwiſchen ihr und dem Grafen, ſoviel ich wenig⸗ ſtens weiß, ohne allen Grund. Aber was ſoll nun ein Maͤdchen von Vermoͤgen machen? Nach Ihrer Auſicht thut es am beſten, ſeine Hand nie zu ver⸗ geben; denn wer ſteht ihm dafuͤr, daß es ein Bür⸗ gerlicher mit ihm ehrlicher meine, als Ihre Edel⸗ leute und Grafen? Jenen iſt am Ende das Gelb auch lieber, als das Maͤdchen, und ſo befindet ſich dieſes, bei jedem Antrage in der kränkenden Unge⸗ wißheit, ob ſeine Perſoͤnlichkeit oder ſein Vermoͤ⸗ gen———“„Sehr richtig,“ ſiel Fritz dem ver⸗ ſtändigen Lieschen in das Wort:„ein reiches Maͤd⸗ chen muß darum gar keinen Antrag abwarten, ſon⸗ dern ſelbſt waͤhlen. Findet es im Kreiſe ſeiner Be⸗ kanntſchaft einen jungen rechtlichen Mann von rei⸗ ner Sitte und unbeſcholtenem Wandel, geſund und huͤbſch, froͤhlichen Sinnes, und treuer Liebe faͤhig, ſo mache es dieſen, ohne alle Nebenruͤckſicht auf Stand, Herkunft und Vermoͤgen, mit ſeiner Hand gluͤcklich, und—“ „Geſetzt alſo,“ fiel ihm Lieschen ſchalkhaft lä⸗ chelnd in das Wort, ohne jedoch das Auge von ihrem Fliederſtrauße zu wenden,„geſetzt alſo, Mamſell Reichhart faͤnde alle dieſe geruͤhmten Tugenden in—“ „in mir etwa?“ fiel ihr Fritz hell auflachend in die Rede,„um Gotteswillen nicht; nein— nein! Fuͤr ihre Paar Thaler verkaufe ich mich nicht. Mein gutes, liebes Lieschen, Gold macht wahrhaftig nicht allein gluͤcklich, und der mittelloſe Mann, der ein Maͤdchen blos um des Vermoͤgens willen heirathet, ſtraft ſich wahrhaftig lebenslang, denn er muß be tauſend Gelegenheiten tauſendmal hoͤren, und tau⸗ ſendmal ſehen, und tauſendmal fuͤhlen, daß er ur⸗ ſpruͤnglich nichts iſt; daß er im Hauſe fuͤr eine Null gilt; daß alle Bekannte ſeines Umganges ihn für einen bloßen Appendix, die Domeſtiken aber fuͤr den Erſten ihres Gleichen anſehen; dieſe Anſicht ver⸗ breitet ſich bald weiter, und ſo geht er in Kurzem der Achtung und der Theilnahme ſeiner ganzen Mitwelt bar und verluſtig, und ſeine eignen Kinder behan⸗ deln ihn am Ende nicht wie ihren Vater, ſondern wie den Haushofmeiſter, wie den Geſchaͤfts⸗Anwalt im Eigenthum ihrer verehrten Mutter.“ „Sie geben alſo,“ ſagte Lieschen beifaͤllig lachend, „unſerer Mamſell den Korb! Im Ganzen,“ ſetzte ſte ernſter hinzu,„moͤgen Sie nicht Unrecht haben, nur thun mir dann die armen reichen Maͤdchen im Allgemeinen leid.“ „Mir nicht,“ entgegnete Fritz;„das Schickſal waͤgt mit gerechter Waage. Das reiche Maͤdchen waͤre zu gluͤcklich, und haͤtte vor dem unbemittelten zu viel voraus. Die ewige Ungewißheit, ob der per⸗ ſoͤnliche Werth, oder das liebe Geld, dem Gatten lieber geweſen, wird allerdings der Frau, ſo lange ſie lebt, ein großer Wermuthstropfen im Becher ihrer Lebensfreuden ſeyn; allein ſoll denn das arme Maͤd⸗ chen dem reichen in Allem nachſtehen? Nein, nein, das hat der liebe Herr Gott, der auch dem Veemſten mit gleicher Vaterliebe wohl will, recht gut gemacht. Die Mittelloſe hat das unbezahlbar ſtolze Gefuhl, LXII. 4 daß ſie vom Liebenden blos um ihrer ſelbſt willen gewaͤhlt worden iſt; und dieſe herzerhebende Ueber⸗ zeugung iſt ein unverſiegbar friſcher Born des rein⸗ ſten, des unerſchuͤtterlichſten Lebensgluͤcks.“ „Moͤglich— moͤglich,“ ſagte Lieschen mit einer Art von ſchmerzlicher Empfindung—„doch laſſen wir das jetzt. Was mir in dieſem Augenblick naͤher liegt, iſt unſer uͤbermorgendes Feſt, und haben Sie vorhin nicht figuͤrlich geſprochen; ſo erwarte ich auf meine Bitte nicht ein zweites Koͤrbchen.“ „Vorhin?— Figuͤrlich?“ wiederholte Fritz ſin⸗ nend, und er ſah dem wonnigen Maͤdchen in die veilchenblauen Augen, und meinte bei ſich im Stil⸗ len, daß wenn ſie verlangte, er ſolle den Mond vom Himmel holen, er nicht nein ſagen koͤnnte. „Ja,“ erwiederte Lieschen, ihn mit der Ertaſe, in der er angekommen, faſt ein wenig aufziehend, „Sie erwaͤhnten vorhin, daß Sie gewuͤnſcht haͤtten, mit den himmliſchen Heerſchaaren die Luͤfte zu durch⸗ fliegen, und Ihre Stimme in deren Halleluja zu miſchen. Singen Sie wirklich?“ „Ja, ſagen Sie, engliſches Lieschen,“ rief Fritz— „die himmliſchen Heerſchaaren!— Habe ich doch geglaubt, deren Sphaͤrengeſang, und das ganze Feen⸗ land, in dem ich geweſen, nicht zu vergeſſen, ſo lange ich lebe, und noch iſt keine halbe Stunde verfloſſen, und ſchon habe ich mit keiner Sylbe weiter an ſie gedacht. Indeſſen— Ihnen gegenuͤber! Nun, das iſt ja natuͤrlich.— Aber was war das fuͤr eine Goͤt⸗ termuſik? In jedem Falle muͤſſen Sie ſie auch gehoͤrt haben, denn das war ja ein Orcheſter, als waͤren die Kapellen des ganzen Weltalls beiſammen!“ „Dieſen Ohrenſchmaus habe ich Ihnen gegeben,“ ſagte Lieschen mit komiſchem Pathos.„In mir ſehen Sie die maͤchtige Fee dieſes Thales, auf deren Wink jenes allgewaltige Ton⸗Meer aufbrauſ'te; auf gut Deutſch iſt es aber nichts weiter, als eine ſchlichte Aeolsharfe, die Sie ſo in Entzuͤcken verſetzt hat. Vor dem Jahre um dieſe Zeit uͤberraſchte ich Madame Reichhart zu ihrem Geburtstage damit; die Saiten ſind uͤber hundert Ellen lang; die ſtärkſten, die Sie aber noch gar nicht gehoͤrt haben, denn nur bei ſehr heftigen Nordſtuͤrmen fangen ſie aus ihren ungeheu⸗ ren Tiefen zu droͤhnen an, haben einen Umfang, wie unſer Portier in der Stadt; die ganze Harfe iſt zwi⸗ ſchen den beiden hoͤchſten Fels⸗Zacken des Mordgrun⸗ des eingeſpannt; wenn der volle Wind auf ſie wirkt, kann man ſie zwei bis drei Stunden weit hoͤren.— Doch auf meine Frage wieder zuruͤckzukommen— Ihr Herr Vater gibt im Geſange Unterricht; mithin darf ich der Vermuthung wohl Raum geben, daß der Sohn”—„Singen?“ rief Fritz mit leichtem Scherz. „Beſtimmt hat der Stammvater meines Hauſes ſchon bei dem beruͤhmten Lobgeſange ſeine Partie gehabt, zu dem Mamſell Mirjam Aaron die Pauken geſchlagen, als die Kinder Iſrael durch das rothe Meer gezogen; die Vorfahren der großen Mara ſind damals auch ſchon dabei geweſen, denn in ihrer Vaterſtadt, Mara geheißen, war ja das fameuſe Bitterwaſſer, das dem Wandervolke platterdings nicht munden wollte. Seit jener uralten Vorzeit ſind meine Vorfahren insge⸗ ſammt tuͤchtige Saͤnger geweſen, und ich, ich ſollte nicht ſingen koͤnnen?“ „Herrlich,“ ſagte lachend Lieschen,„aber jetzt im Ernſte; mir iſt ein ganz fataler Streich paſſirt; ein Couſin von mir wollte vorgeſtern hier eintreffen, und in der kleinen muſikaliſchen Abendunterhaltung, die zum übermorgenden Geburtstage der Madame Reich⸗ hart gegeben werden ſoll, die Tenor⸗Partie uͤberneh⸗ men Wir haben naͤmlich einen kleinen dramatiſchen Scherz vor; dieſen Abend haben wir die zweite Probe gehabt, und darum ſehen Sie mich auch noch im Ko⸗ ſtuͤm.— Geſtern ſchreibt der Couſin, daß es ihm unmoͤglich ſey zu kommen. Als Tenoriſt iſt er un⸗ erſetzlich. Wir haben zwar hier in der Geſchwindig⸗ keit einen Stellvertreter zu werben geſucht, aber es geht mit dem guten Menſchen platterdings nicht; er verdirbt uns den ganzen Spaß. Keine Stimme, kein Spiel, keine Muſik, keinen Takt. Ach, beſter Herr Lehnin— wenn Sie—“ „Kleinigkeit,“ unterbrach ſie Fritz, ſich ſelbſt in komiſcher Windbeutelei aufziehend,„habe ich mit der Catalani und mit der liebreizenden Geſang⸗Fuͤr⸗ ſtin, mit dem Goͤtterkinde, Jettchen Sonntag, ſchon Duetts geſungen, daß den Leuten vor Entzuͤcken Hoͤ⸗ ren und Sehen vergangen, werden Ihre werthen Gaͤſte wohl auch einmal mit mir vorlieb nehmen können. Was Millico und Fachiorotti bei den Ita⸗ lienern, was Garat und Lainez bei den Franzoſen, das, meine ſuͤße Fee des zauberiſchen Felſenthals, — 45— ſehen Sie in Ihrem unterthaͤnigſten Diener. Ich ſinge von e in der kleinen Octave bis d und e in der Diskant⸗Octave; nichts von Falſet; Alles reine Bruſt⸗Stimme, und treffen kann ich, wie Wilhelm Tell. Sind Sie mit dem Nothnagel zufrieden?“ „Ein Noth⸗Engel ſind Sie, vom Himmel uns ge⸗ ſandt,“ ſagte Lieschen hoch erfreut,„wenn von dem, was Sie mir da vorfabeln, nur der zehnte Theil wahr iſt; aber bedenken Sie, die Zeit iſt kurz! Ueber⸗ morgen iſt das Feſt; unſer Publikum iſt ſtattlich; der erſte Adel der Stadt, der engere Ausſchuß unſe⸗ rer Honoratioren! Kurz vor der Auffuͤhrung ſelbſt kann nur die letzte Probe ſeyn; die uͤbrigen Mit⸗ ſpielenden ſind in ihrem Fache Meiſter. Sie haben zwei Duetts mit mir— werfen wir um, ſo—“ „Bange machen, gilt nicht,“ rief Fritz in luſti⸗ ger Laune.„Ich ſinge, und damit Punktum. Wer⸗ fen wir um, ſo ſind Sie Schuld daran; den will ich wohl ſehen, der mit Ihnen ſiagen kann, ohne den Takt zu verlieren.“ Lieschen lachte, denn er hatte ihn eigentlich ſchon verloren. Bis dahin hatte er die Sache noch auf die leichte Achſel genommen; als er aber hoͤrte, daß das eine Duett, das beliebte zwiſchen Ilo und Zelmire, „ah che quei tronchi accenti,“ aus Zelmire von Roſſini, und das zweite, das brillante:„Va! gia Variasti, indegno,“ aus dem Crociato in Egitto von Meyerbeer ſey, da ward ihm doch gewaltig ernſt⸗ baft zu Sinne, und er erklaͤrte, daß das gar kein klei⸗ ner dramatiſcher Scherz ſey, ſolche heidenſchwere, ihm ——— — 46— noch ganz fremde, Tonſtuͤcke in zweimal vier und zwanzig Stunden einzuſtudiren, und dann, ohne mehrfach wiederholte Probe, vor einem gebildeten kunſtverſtaͤndigen Auditorium zu ſingen. Lieschen aber erklaͤrte ihm kurz und rund, daß er ſich nun nicht zuruͤckziehen duͤrfe, daß ſie ihn bei'm Worte halte, und daß ſie ihm die Partie gleich mitgeben werde. „Die haben Sie hier?“ fragte Fritz mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit, und bat, als ſie geſpraͤchsweiſe fallen ließ, daß die ganze Partitur auf dem Forte⸗ piano in ihrem Zimmer liege, flehentlichſt, die bei⸗ den Duetts nur ein einziges Mal mit ihm durchzu⸗ gehen; er wollte dann die ganze Nacht ſtudiren, und die kommende Nacht wieder, und dann hoffe er, wenn die Muſik nicht gar zu ſchwierig ſey, ſie wenigſtens nicht ſtecken zu laſſen. Lieschen ſchien in der peinlichſten Verlegenheit zu ſeyn. Ohne Beſetzung der Tenor⸗Partie, war das ganze Feſt geſtoͤrt. Das ſammtliche dabei be⸗ ſchaͤftigte Singe⸗Perſonal war heute daruͤber ſchon außer ſich geweſen. Vater Reichhart hatte ſich ſehr verſtimmt in den Wagen geſetzt, und war mit der, ihm in derlei Faͤllen gleich bereiten Floskel:„das kenne ich ſchon, ich darf nur etwas anfangen, ſo ſind gleich mehr Hinderniſſe als Huͤlfsmittel da,“ nach Hauſe gefahren. An und fuͤr ſich war Fritzens Bitte nicht unbil⸗ lig; die beiden Duetts wollten geſungen ſeyn, und ohne ſie mit ihm wenigſtens nur ganz oberflaͤchlich * — 47— durchzugehen, war es keine denkbare Moͤglichkeit, ſie uͤbermorgen gluͤcklich durchzubringen. Auch hatte ſie Gelegenheit, ihn zu hoͤren, und konnte dann be⸗ urtheilen, in wie weit er mit ſeinem Singſange zu den uͤbrigen Mitgliedern ihrer Liebhabergeſellſchaft paſſe.— Endlich war auch ſeine Bereitwilligkeit, und die ſeltene Selbſtverlaͤugnung, mit der er, we⸗ gen Zeitmangel, ſogar zwei Naͤchte ſeinen Schlaf opfern wollte, aller möglichen Gegengefälligkeiten vollkommen werth.— Aber bei ſo ſpaͤtem Abende, den jungen, ihr faſt noch ſteinfremden, Menſchen auf ihr Zimmer zu nehmen— nein, das ging nicht, das ging wahrhaftig nicht. Die Briefe aus Elleben und Lunenſcheid hatten zwar ſeiner ſtrengen Sitt⸗ lichkeit und ſeines moraliſchen Wandels ausdruͤcklich erwaͤhnt; auch hatte er ein noch wirkſameres Em⸗ pfehlungsſchreiben, ſein Geſicht, mitgebracht; aus dem lachte der Unſchuld holde Anmuth dem ſchwan⸗ kenden Maͤdchen gerade in die Augen; aber— nein, es ging wirklich nicht. Was haͤtten die Menſchen im ganzen Hauſe dazu geſagt! Doch, deren ſaͤmmt⸗ liche Schlafgemaͤcher gingen auf den Garten hinaus, und Lieschen gewahrte, jetzt mit Fritz an die Gar⸗ tenthuͤre gelangt, mit einem Blicke auf die uner⸗ leuchteten Zimmer, daß die Bewohner des ganzen Hauſes bereits dem wohlthaͤtigen Gotte des Schla⸗ fes in die Arme geſunken waren. Die Kundwer⸗ dung dieſes Notorno-Impromptus war alſo nicht leicht zu befuͤrchten. Uebrigens konnten beide Duetts in hoͤchſtens einer halben Stunde geſungen ſeyn, und — 43— die Paar Minuten—, lieber Gott, die Freude und Ehre des Hauſes ſtand auf dem Spiele— die Paar Minuten konnten alſo ſelbſt dem ſtrengſten Tugend⸗ richter kein Aergerniß geben. 53. Sie oͤffnete— wie verraͤtheriſch dem lauſchenden Gefuͤhle doch die ſogenannten kleinen Züge ſind—! ſie oͤffnete ganz leiſe die knarrende Gartenthuͤr, und in dem Augenblicke war das Geheimniß mit all' ſei⸗ nem Reiz, mit all' ſeiner Macht, mit all' ſeinem bindenden Zauber fertig. Fritz ſah mit ſtiller Freude zu, wie das engelhuͤbſche Kind, die Augen unver⸗ wandt auf die Fenſter des Hauſes gerichtet, die ge⸗ ſchmackvoll gearbeitete eiſerne Draht⸗Gitterthuͤr bedaͤchtig aufmachte, auf den Zehen durchſchluͤpfte, und nnter ſichtlicher Vermeidung alles Geräuſches, leicht wie der Zephyr, uͤber den Hof weg zur naͤch ſten Hausthuͤr flog. Die kleine Schuldbewußte holte erſt wieder vollen Athem, als ſie die Treppe hinauf war; ſie machte ſich zwar weis, daß ſie im Drange der zuſammen treffenden, ganz eigenen, Umſtaͤnde nicht anders bandeln koͤnne, und daß ſie akkurat ſo und nicht anders gehandelt haben wuͤrde, wenn Papa Reich⸗ hart ſelbſt dabei geſtanden haͤtte; aber eine Stimme, die noch viel ſonorer klang als FritzensSilber⸗Tenor, fragte im Tiefſten ihres Innern, warum ſie denn, wenn ihr Wagſtuͤck wirklich ſo ganz bedentungslos ſey, als ſie es ſich vorzuſchwindeln bemuͤht ſey, da⸗ mit ſo auffallend heimlich zu Werke gehe, und der — 49— fatale Vollmond guckte ihr dabei durch die Fenſter des Vorſaales ſo impertinent in das purpur ergluͤhte Geſicht, daß ſie ſelbſt nicht wußte, wo 8½ hin ſehen ſollte. Nein, ſingen wollte ſie das Duett nicht mit Fritz; hoͤren konnte ſie Niemand, denn ihr Zimmer, das ſie eben oͤffnete, war von den uͤbrigen Bewohnern des Hauſes ziemlich entfernt; alſo darum haͤtten ganze Quintetts und Sertetts ausgefuͤhrt werden koͤnnen, geſchweige denn ſolch ein viel weniger ge⸗ raͤuſchvoller Doppelgeſang; aber die innere Aeols⸗ harfe, die ſie, ſo lange ſie lebte, bis dahin noch nie gehoͤrt, hatte ſo ernſtlich, ſo durchgreifend erklungen, daß ſie jetzt ſelbſt fuͤr raͤthlicher hielt, dieſen, ihr le⸗ diglich von der Sorge fuͤr die beſtmoͤglichſte Feier des übermorgenden Feſtes, aufgedrungenen Nacht⸗ beſuch, ſo kurz als moͤglich wieder abzufertigen. 34. Was war das fuͤr ein ſtattliches Zimmer! Sechs hohe, alabaſterweiße Wallrath⸗Kerzen, auf zwei ſchwer ſilbernen Arm⸗Leuchtern verbreiteten rund um eine freundliche Helle. An den Waͤnden waren Landſchaß⸗ ten von Claude Lorrain und Pouſſin in goldenen reichen Rahmen. Fritz ſtarrte die Mei⸗ ſterwerke ſtaunend an, waͤhrend ihm Lieschen, das ſich ſeines Kunſtſinns freute, leuchtete, und ihm die erwaͤhnten Meiſter nannte. Auf dem Tiſchchen, auf welchem die beiden Gi⸗ randolen ſtanden, befand ſich in zierlichſter Ordnung eine ſolche Menge hoͤchſt eleganter und koſtbarer Mode⸗ Clauren Schr. L. XII. — 50— Taͤndeleien, daß er Stunden lang hätte ſtehen koͤn⸗ nen, um jedes Stuͤck einzeln zu beſehen; namentlich ergoͤtzte ihn die hier im Kleinen nachgebildete, von haarfeinem Gold⸗Draht gefertigte Gartenthuͤr, durch die er dieſen Abend aus dem Felſenthale in den Gar⸗ ten getreten; die niedliche Fontaine, die er eben unten im Großen geſehen; und das dazu gehoͤrende Baſſin von Perlmutter; auf einen Federdruck, den Lieschen kaum anruͤhrte, ſprang aus des Beckens Mitte ein Strahl Eau de mille fleurs uͤber zwei Ellen hoch, und verſpritzte ſich wie das Waſſer des großen Springbrunnens in leichten Staubnebel, und fuͤllte das ganze Zimmer mit den lieblichſten Duͤften, mit der friſcheſten Kuͤhle. Die kindiſche Neugierde, mit der ſich der wißbegierige Fritz uͤber das mit den wun⸗ derherrlichen Narrenspoſſen faſt uͤberladene Tiſchchen bog, haͤtte Lieschen beinah' zu einer kleinen Ausge⸗ laſſenheit verleitet; die muthwillige Kleine wollte eben, als Fritz dicht mit der Naſe auf den umſtehen⸗ den Saͤchelchen lag, mit den Schwanen⸗Paͤtſchchen raſch durch den balſamiſchen Waſſerſtrahl fahren, und ihn tuͤchtig beſpritzen. Waͤre ein Dritter noch zugegen geweſen, ſo haͤtte ſie ſich die leichtferti ge Neckerei nicht verſagen koͤnnen; ſo aber waren ſie Beide allein; ſie band daher der ausgelaſſenen Laune in Zeiten die Fluͤgel, und ſuchte, waͤhrend er ſein Spiel mit einem halben Dutzend Wickelpuppen trieb, und ſich an der kleinen auf dem Fundamente eines Naͤhkißchens erbauten Hauptwachez von Perlmutter und Gold, vor welcher ein allerliebſter Amor, als koͤn⸗ tlich von urch Gar⸗ eben ende den kens llen bßen üllte mit mit pun⸗ chen sge⸗ ollte hen⸗ chen ren, noch tige ſie une ſein ieb, ines tter als — 51— Uhlane Schildwache ſtand, nicht ſatt ſehen konnte, und das Schilderhaus, einen Fingerhut, und die ſtatt der Lanzen aufgepflanzten Naͤhnadeln, mit dem Entzuͤcken eines dreijahrigen Knaben betrachtete, die noͤthigen Muſikalien zuſammen, und ſchob ſie ihm mit der Bitte unter den Arm, ſie, wo moͤglich heute Abend noch, wenigſtens oberflaͤchlich anzuſehen, und ſie morgen recht fleißig zu ſtudiren. Das war, meinte ſie im Stillen, ihm mit Palliſaden⸗Spitzen hinter das Ohr geſchrieben, daß er ſich nun flugs und froͤh⸗ lich empfehlen und ſich auf den Heimweg machen ſolle. Fritz aber ſetzte ſich flugs und froͤhlich vor den Fluͤgel, und ſpielte das Roſſiniſche Duett mit ge⸗ laͤufiger Fertigkeit, und trällerte und brummte die ſchwierigſten Stellen ſeiner Partie fuͤr ſich, um we⸗ nigſtens ungefaͤhr zu beurtheilen, ob er es wagen duͤrfe, ſich vor ſeinem Herrn und Gebieter, und deſſen gaſtlichem Zirkel hoͤren zu laſſen. 35. Zufällig warf er mitten in dieſem Verſuche einen Seitenblick auf das neben ihm ſtehende Lieschen, das ſeine Verwunderung uͤber die unerwartete Vir⸗ tuoſitaͤt des jungen Kuͤnſtlers, und ſeine Freude, durch ihn fuͤr das uͤbermorgende Feſt nicht nur aller Verlegenheit uͤberhoben zu ſeyn, ſondern auch den ausgebliebenen Conſin doppelt und dreifach erſetzt zu ſehen, nicht bergen konnte, und mit beifälligem Laͤcheln, unverwandten Auges auf ihm ruhete; da kam er aus dem Concepte, machte Pudel auf Pudel, und ſtuͤmperte ſo ſchuͤlerhaftig, daß Lieschen, dem 5 X —— · wegen der argen Faſeleien angſt und bange ward, dringend bat, die Stelle, in die er ſich ſchmaͤhlig ver⸗ fitzt hatte, noch einmal zu probiren; ſie half ihm ein, ſie ſang die ſchwierige Paſſage, er begleitete ſie, und ſo fuͤhrten nun Beide das Duett bis zum Ende mit einander durch. Das zweite Duett— Lieschen ſah das jetzt ſelbſt ein— es war durchaus, es war wirklich durchaus unumgaͤnglich noͤthig, dies ſchwere Tonſtuͤck wenig⸗ ſtens einmal mit ihm durchzugehen; er hatte ihr uͤber ihre Stimme, uͤber ihre Manier, uͤber ihre Feſtigkeit, uͤber die Gelaͤufigkeit ihrer Coloraturen und uͤber den ſeelenvollen Ausdruck ihres Geſanges ſo viel Schoͤnes geſagt, und das Alles mit ſolchem bochaufgeregten Entzuͤcken, daß ſie nicht zu ihm auf⸗ ſehen konnte, ſondern, vor ſeinem, wie es ſchien, nicht ohne Sachkenntniß ausgeſprochenen, ihrer klei⸗ 3 nen Eitelkeit ſchmeichelnden Urtheil erroͤthend, die Augen niederſchlug, und ihn unter komiſchem Lä⸗ cheln bat, ſie nicht zu fruͤh zu loben, damit er ſei⸗ nen guͤnſtigen Ausſpruch ſpaͤterhin nicht zuruͤckzu⸗ nehmen brauche. Sie haͤtte gern hinzugeſetzt, daß ſie ſeine Ueberlegenheit in Kunſt und Geſang wohl fuͤhle, daß ſie vom ſeltenen Umfange und der Glok⸗ kenreinheit ſeiner Stimme, und von der Lieblichkeit ſeines Tons, und von dem Effektvollen ſeiner hin⸗ reißenden Manier, rein bezaubert ſey, aber das ſchickte ſich ja nicht; ſie haͤtte lachen und weinen mögen, ſo wohl und ſo weh war es ihr um das Herz geworden, und als er im zweiten Duett, nach — 55— Vorſchrift des eingelegten Textes, die ſanfte Frage ſang: Darf ich denn Deiner Liebe trauen 2 Bleibſt Du mir ewig treu und hold 2 und als in der unausſprechlichen Weichheit ſeines Silbertons die bange Klage ſeines Leides lag, das ihn bis zur Verzweiflung niederdruͤcken wuͤrde, wenn er auf ehrliche herzliche Gegenliebe verzichten muͤßte, und ſein dunkles Feuerauge ſich ſchmachtend zu ihr aufhob, und das leiſe Zittern ſeines Arms den Sturnm verrieth, der in der Tiefe ſeines Innerſten heimlich wuͤthete, da legte ſie, in die Rolle des Feſtſtuͤcks ſich verlierend, und im ſeligen Vergeſſen ihrer Stellung zum zauberiſchen Saͤnger, in die Antwort: Auf meine Liebe ſollſt Du bauen, Mein treues Herz iſt rein wie Gold. eine ſo beruhigende Sicherheit, und eine ſo feſte Zu⸗ verſicht, und ſang die Stelle mit ſo herzinnigem Ge⸗ fuͤhl, und mit ſo zaͤrtlicher Hingebung, daß Fritz, der den Engel der Liebe ſelbſt zu hoͤren glaubte, ſich in Sehnſucht und Entzuͤcken faſt aufloͤſ'te, und dem Maͤdchen gern zu Fuͤßen gefallen waͤre, wenn er nicht gefuͤrchtet haͤtte, von ihm fuͤr einen Phanta⸗ ſten gehalten zu werden. Noch einmal ſangen ſie beide Duetts, und ſogen, ohne es ſelbſt zu wiſſen, in die liebekranke Bruſt das ſuͤße Gift einer gluͤhenden Leidenſchaft, die bis auf die feinſten Nerven verzehrend wirkte. Fritz hatte oft von der gefaͤhrlichen Macht des Geſanges geleſen; er hatte tauſendmal geſungen, — 54— und mehr denn zwanzig huͤbſche Maͤdchen und Frauen ſingen gehoͤrt, und nichts Gefaͤhrliches verſpuͤrt; hier aber ward ihm die Sache klarer. Kam es ihm doch vor, als klaͤnge ihm jeder Sphaͤren⸗Ton des Him⸗ melskindes im Herzen heimlich wieder; als haͤtte jeder ihm etwas leiſe geſagt, was nur er verſtanden, und kein Dritter. Er ſaß eine geraume Zeit vor dem Fluͤgel, und hatte die Augen mit beiden Haͤn⸗ den bedeckt, und hoͤrte und ſah nicht, denn er legte, in dem ſtillen Augenblicke, in ſeiner Innenwelt den Grundſtein ſeines kuͤnftigen Gluͤcks auf die rechte Stelle; und Lieschen mußte ahnen oder wiſſen, was in ihm vorging, denn ſie ſtand am Fenſter, und hing mit dem ſinnigen Blick am klaren Nachthim⸗ mel, und der tauſendjaͤhrige Vertraute der keuſchen Liebe, der von da oben herab die unter ihm ſchlum⸗ mernde Erde mit ſeinen ſtillflimmernden Silberbluͤ⸗ then beſtreute, ſpiegelte ſich in der Veilchenblaͤue ihres ſchmachtenden Auges wieder. 4 36. „Ich muß nun fort,“ ſagte Fritz, aus der Ver⸗ zuͤckung ſeiner Seligkeit erwachend, mit ſanfter Stimme, und mit einem Tone, dem man es an⸗ hoͤrte, daß er noch recht gern bliebe, wenn es Lies⸗ chen etwa gefaͤllig ſeyn moͤchte, ihn darum anzuſpre⸗ chen. Aber die Zeit, die unaufhaltſame, rief ihn zum Aufbruch durch ihre Herolde; fuͤnf, ſechs, ſieben Uhren ſchlugen Zwoͤlfe; erſt die große auf dem ſchlan⸗ ken Thurme des Gartenſchloſſes, dann die Stutz⸗ und Pendel⸗Uhren in den Nebenzimmern rechts und nuen hier doch dim⸗ aͤtte den, vor Haͤn⸗ egte, den echte was und him⸗ chen um⸗ bluͤ⸗ laͤue Ver⸗ fter an⸗ ies⸗ pre⸗ ihn ben lan⸗ utz⸗ links mit ihren Stahl⸗, Glas⸗, Porzellain⸗ und Silber⸗Glocken, und zuletzt das goldene Gloͤckchen in der kuͤnſtlichen Bronze⸗Uhr, die in Lieschens Stube auf deſſen Arbeitstiſche ſtand, und ihm vorhin ſchon wegen des dazu gehoͤrigen Amors aufgefallen war, der, das Koͤpſchen geſenkt, Bogen und Koͤcher an eine neben ihm ſtehende Thraͤnenweide gehangen hatte, und jetzt bei'm zwoͤlften Schlage aus dem Koͤ⸗ cher einen Pfeil nahm, und ihn in das offene Grab fallen ließ, das zu den Fußen der Trauerweide be⸗ findlich war. „Um des Himmelswillen ſo ſpaͤt ſchon,“ rief Lies⸗ chen erſchrocken, und Fritz hatte durch dieſe Aeußerung eigentlich ſeinen Laufpaß; aber konnte er denn fort von hier, wo ihn Alles anzog, Alles feſthielt? 37. „Ich bat vorhin um ein Glas Waſſer,“ ſagte er, jetzt wirklich vom heftigſten Durſte geplagt,„darf ich Sie wohl darum erſuchen? Dann will ich gleich gehen, ob ich zwar nicht weiß, wohin, denn mir iſt die Gegend fremd, und jetzt in der Nacht finde ich auf der Straße Niemand, der mich zurecht weiſ't; auch dringt ſich mir die Beſorgniß auf, daß ich, wenn mir auch das Gluͤck wohl will, und mir den rechten Weg zeigte, bei uns jetzt gar nicht in das Haus kom⸗ men werde, und daß, wenn mir auch der Portier daſſelbe oͤffnet, Herr Reichhart morgen mein ſpaͤtes Hereinkommen erfahren und mich fuͤr einen zuchtlo⸗ ſen Nachtſchwaͤrmer halten wuͤrde. Koͤnnte ich mor⸗ gen fruͤh aufbrechen, ſo kaͤme ich, ohne mich zu ver⸗ irren, in die Stadt, und ſchliche mich unbemerkt in unſer Haus;— ich wuͤrde mich dieſe, ohnehin nur kurze Nacht, daher gern hier mit einem Plaͤtzchen draußen auf der Treppe begnuͤgen, und—“ „Und morgen,“ fuhr Lieschen, ſeinen unpaſſenden Vorſchlag perſiflirend, fort,„allen Bewohnern von ganz Friedenau einen ſehr reichhaltigen Stoff zu allerlei Spottreden auf die Zunge legen.“ Letzteres, was Lieschen nur halb vor ſich hin mur⸗ melte, verſtand er kaum, denn ſie ging mit dieſen Worten in das Nebenzimmer, deſſen Thuͤr ſie offen ließ. Durch eine geoͤffnete Thuͤr zu ſehen, iſt Keinem verwehrt. Fritz ging dem Maͤdchen daher nach, und ſteckte den Kopf in die Nebenſtube, und wollte ſe⸗ hen, was es darin mache. Eine von der Decke herab haͤngende, kunſtvoll ge⸗ arbeitete Alabaſter⸗Ampel, verbreitete im niedlichen Kabinet ein magiſches Helldunkel; der ganze Fuß⸗ boden war mit einem Teppich von hollaͤndiſchem haar⸗ feinen Binſen⸗Geflechte belegt; ein kleiner Divan, ein ſechs Fuß hoher, aus einem Stuͤck gegoſſener Stell⸗ ſpiegel, eine mit allen nur erdenklichen, aus Perl⸗ mutter und Gold, kunſtvoll gearbeiteten Beduͤrfniſ⸗ ſen verſehene Toilette, einige reich geſtickte Lehnſeſſel und zwei Tiſchchen mit Lapis⸗Lazuli Platten, waren die ganzen Mobilien; und im Hintergrunde prang⸗ te, auf einer Erhoͤhung von drei Stufen, ein Bett⸗ chen, wie er ſchoͤner noch keines geſehen; die gelb⸗ ſeidene, mit weißem durchſichtigen Linon uͤberzogene kt in nur ſchen nden von f zu nur⸗ eſen ffen nem und ſe⸗ [ge⸗ chen Fuß⸗ gar⸗ dan, tell⸗ herl⸗ — 57— leichte Decke war bereits zuruͤckgeſchlagen; ein Zei⸗ chen, daß es ſchon bereit war, im kuͤhlenden Schnee ſeines hollaͤndiſchen Linnens, das reizende Lieschen aufzunehmen. Zwei in den Luͤften ſchwebende Ge⸗ nien boten ihm, wenn es zur Ruhe ſich gelegt, leicht gewundene Kraͤnze von ſchlafbringendem Mohn, und hielten in der andern Hand die, mit eingeſtickten Streublumen uͤberſaͤeten Point⸗Vorhaͤnge, die wie luftige Wolkenſchleier das verfuͤhreriſche Prachtlager verhuͤllten. Fritz brach in laute Verwunderung uͤber die ge⸗ ſchmackvolle Anordnung des Ganzen aus, trat, von dem Heimlichen, was ihn hier von allen Seiten an⸗ ſprach, unwiderſtehlich angezogen, in das lauſchige Kabinet, und ſah mit Wohlgefallen zu, mit welcher Appetitlichkeit ihm das roſige Lieschen aus Apfel⸗ ſinen, Zucker und Wein, eine herzſtaͤrkende Erfri⸗ ſchung bereitete, und ſie ihm auf einem koſtbaren Kryſtall⸗Teller mit der freundlichen Bitte um Ent⸗ ſchuldigung, daß es ihn ſo lange habe durſten laſſen, gaſtlich kredenzte. „Wer wohnt denn hier daneben?“ fragte Fritz, und wies, waͤhrend er das ihm dargebrachte Goͤtter⸗ gericht mit unſaͤglicher Behaglichkeit genoß, mit dem goldenen Loͤffelchen, das ihm mit ſervirt worden war, auf die Thuͤre des anſtoßenden Zimmers.„Da ſchlaͤft Herr Reichhart, wenn er einmal des Nachts uͤber hier draußen bleibt,“ entgegnete Lieschen ganz un⸗ befangen, und ging nach ihrem reizenden Ruhelager, und druͤckte in der Gegend der erſten Stufe, die zu — 58— demſelben fuͤhrte, an einer Feder, und eine ausge⸗ zeichnet ſchoͤne Floͤten-Uhr ſpielte das, von einem unſerer Lieblings⸗Schriftſteller gedichtete bekannte Wiegenlied:„Schlafe, Prinzeßchen, ſchlaf' ein,“ aber Fritz hoͤrte nichts mehr von den Schmeichel⸗ Lauten des kunſtvollen Uhrwerks. Die ſeltenen Reichthuͤmer des ganzen Kabinets hatten keinen Werth mehr fuͤr ihn, und die vom lieblichſten Un⸗ garwein durchzogenen Apfelſinen wurden ihm auf der Zunge gallebitter, denn jetzt hatte er mit einem Maße uͤber Lieschens Stellung im Hauſe aktenmaͤßi⸗ gen Aufſchluß. Die Thuͤr ward ihm zum Corpus delicti, zum uͤberfuͤhrenden Frevel⸗Beweis. Wie ungeheuer hatte er ſich in dem Madchen getaͤuſcht! Nun konnte er ſich Alles erklären. Die verſchwen⸗ deriſche Pracht des Meublements, die Eleganz des Anzugs, der faſt uͤbertriebene Luxus und Ueberfluß in allen Geraͤthſchaften. Wahrſcheinlich war Mam⸗ ſell Lieschen vormals eine Theaterprinzeſſin geweſen; denn ihr Anſtand hatte offenbar etwas Theatrali⸗ ſches. Die gracieuſe Tragung ihres Koͤrpers, die Anmuth ihrer Haltung, das leichte Schweben ihres Ganges, der wohlgefällige Rhythmus ihres zierli⸗ chen Schritts, das Tanzende ihres wunderniedlichen Fuͤßchens— nur eine vollkommen ausgebildete Solo⸗ Taͤnzerin konnte eine ſo reizende Mannigfaltigkeit, eine ſo idealiſche Gewandtheit in jeder ihrer Geber⸗ den entfalten. Vom Fieberfroſt der Gelbſucht durchſchauert, ſtarr⸗ te er die Thuͤr des Nebenzim ners an, dachte ſich im — 59— Stillen an die Stelle des giftig beneideten Herrn Reichhart, und konnte uͤber die Frage, wie es moͤg⸗ lich ſey, ein ſolches Muſterbild von uͤberirdiſcher Lieb⸗ lichkeit, in Friedenau ſein nennen zu duͤrfen, und vhne daſſelbe einen ſolchen himmliſchen Abend in Silberſtein zubringen zu koͤnnen, nicht wegkommen. Er wollte uͤber die Sittenverderbniß der heutigen Welt rechten, und den Scheinheiligen, den Herrn Reichhart, der ihm mit den Bajaderen, Hierodulen und Bachantinnen ſeines Speiſeſaals, gleich nicht recht kapitelfeſt vorgekommen war, und den er nun im Geiſte zwiſchen Thuͤr und Angel dieſes verfuͤhre⸗ riſchen Lauſch⸗Kabinets, im vollſtaͤndigen Armen⸗ ſuͤnder⸗Koſtuͤm ſah, als einen ganzen Hoͤllenbrand, der ewigen Verdammniß preis geben, aber die alte Adamsſchwaͤche brachte ſeine Sitten⸗Richter⸗Strenge bald zum Schweigen. Er fragte ſich, und in Gedan⸗ ken zugleich Jung und Alt ſeines Geſchlechts, was in Herrn Reichharts Haus hier in dieſem kitzlichen Caſu, er, oder ein Anderer thun wuͤrde, und ſeine Wahrheitsliebe und ſeine von Lieschens namenloſem Liebreiz bis auf den Grund durchgluͤhete Sehnſucht geſtanden ehrlich, daß er und jeder Dritte, die ver⸗ haͤngnißvolle Thuͤr auch nicht zumauern laſſen wuͤrde. Sie war nicht einmal verriegelt! Lieschen lachte ihm mit dem ſuͤßeſten Muthwillen jugendlicher Unſchuld grade in das Geſicht; aber Fritz ſpielte auch die aller⸗ kurioſeſte Figur. Wie vom Starrkrampf befallen, ſtand er, in der Linken den Kryſtall⸗Teller, in der Rechten den Loͤffel mit einem ſaftigen, von Ungar⸗ wein durchzogenen Apfelſinenſcheibchen, den Mund halb geoͤffnet, und den Blick unverwandt auf das Thuͤrſchloß des gefaͤhrlichen Nebenzimmers geheftet. „An was denken Sie denn?“ fragte Lieschen, und reichte ihm ein Glas eben friſch bereitete Limonade. „Sie ſind ja ſo von ſich, daß Sie mein zweimaliges „Nicht gefaͤllig“ beſtimmt nicht gehoͤrt haben.“ „An die Unmoͤglichkeit, heute nach Hauſe zu ge⸗ hen,“ antwortete, wie aus ſchwerem Traume erwa⸗ chend, Fritz, wohl mit beſcheidenem Tone, aber doch auch mit einer Beſtimmtheit, als ſollten ihn alle ſechszig Pferde des ganzen landesherrlichen Mar⸗ ſtalls aus dieſem Tempe nicht wegbringen koͤnnen. „Zuverſichtlich hat Herr Reichhart da druͤben in ſei⸗ uem Schlafzimmer ein Stuͤckchen Sopha, und—“ „O wohl ein ganzes,“ ſiel ihm Lieschen ſcherzend in die Rede, zog ſich raſch die Handſchuh' an, meinte unter fortwaͤhrendem Lachen, mit dem ſie auf jeden Fall ſuchte, Fritzens unziemlichem Antrage das Ge⸗ wand eines blos wunderlichen Einfalls zu geben, daß Fritz ſich durch eine ſolche ungebetene Einquar⸗ lerung bei Herrn Reichhart nicht ſonderlich inſtnui⸗ ren wuͤrde, machte eine, von einem leichten Knirchen begleitete, kleine Handbewegung, mit der ſie ihn einlud, ihr zu folgen, bat, die Muſikalien nicht zu ver⸗ geſſen, und war in zwei Saͤtzen die Treppe hinunter. 38. Nicht ſechszig Pferde!— Was fuͤr eine ungeheure Maſchinen⸗Gewalt gehoͤrte nicht dazu, um dieſer Kraft gleich zu kommen!— Maͤdchenreiz und Frauen⸗ — 61— Schlanheit— wo iſt das mechaniſche Genie, das eine Kraft erfinde, die ſtaͤrker waͤre, denn dieſe!— Der⸗ ſelbe Fritz, der vor einer halben Sekunde jeder ihn hier aus dem Felde ſchlagen wollenden Macht mit Felſenfeſtigkeit getrotzt haͤtte, ging, von Lieschens feiner Ruͤge ſeiner Unſchicklichkeit tief getroffen, ge⸗ fuͤgig und ſchmiegſam, nahm Hut und Noten, und eilte ihr nach. Sie ging wieder auf den Zehen, ſchnippte, als Paſcha, der Hofhund, den Fremden witternd, unter boͤſem Knurren aus ſeinem Huͤttenloche heraus ra⸗ ſaunte, mit den Fingern ihrer Rechten, um ihn zu beſchwichtigen, und wiſperte, den ſcheuen Blick im⸗ mer auf die Fenſter des Gartenſchloſſes gerichtet, ihm leiſe zu, daß er ſich beeilen moͤge. Die unverriegelte Nebenthuͤr auf der einen Seite, und der feine Takt in Ablehnung ſeines unziemli⸗ chen Antrags auf der andern, und dann wieder die Heimlichkeit, in der das ſtillſchweigen de Geſtaͤndniß lag, daß ſie nicht auf rechtem Wege ſey, und die himmelblaue Unſchuld im Auge, Wort und Be⸗ nehmen! Wer konnte aus dem Maͤdchen klug wer⸗ den! Fritz war mit ſeinem Bischen Menſchenkennt⸗ niß zu Ende. Er ſchaͤmte ſich ſeiner kleinſtaͤdtiſchen Einfalt, und meinte, ein junger Großſtaͤdter wuͤrde hieruͤber bald mit ſich im Reinen ſeyn. War Lies⸗ chen das, wozu die fatale Thuͤr es ſtempelte; ſo war es die allerraffinirteſte Kokette, die, meinte er, ſelbſt den erfahrenſten Weltmann haͤtte taͤuſchen koͤn⸗ nen. Mit welcher Herzlichkeit ſprach ſie jetzt, in dem — 62— ſie durch den Garten gingen, nicht von dem Druͤk⸗ kenden ſeiner Lage, hier ganz fremd, ohne Freund, fern von der geliebten Heimath zu ſeyn; mit wel⸗ cher Zartheit erwaͤhnte ſie nicht mehrere Faͤlle, wo junge Leute in dies Haus gekommen waͤren, unver⸗ dorben und ſittenrein, und durch unvorſichtig ge⸗ wählten Umgang, ſchlechtes Beiſpiel und falſche An⸗ ſichten vom Genuſſe des Lebens, nach und nach ihren ganzen innern Werth verloren haͤtten. Mir welcher binreißenden Beredtſamkeit plauderte ſie nicht uͤber die Nichtigkeit des Ueberfluſſes, uͤber die Langeweile der Sorgloſigkeit, und uͤber das tödtende Einerlei des geſellſchaftlichen Lebens in der ſogenannten gro⸗ ßen Welt, aus der ſie, wie ſie ſagte, ſich immer gern wegzuſtehlen ſuche, um in der ſtillern Eingezogen⸗ heit des ländlichen Treibens, und in den ſchwelge⸗ riſchen Reizen der ewig neuen Natur, die edleren Zwecke ihres Daſeyns, ungeſtoͤrter verfolgen zu koͤn⸗ neu. Dabei hatte ſie im Feuer des Geſprächs⸗ in Fritzens gebotenen Arm den ihrigen traulich gelegt, und luͤftete jetzt den brennend rothen Tuͤrken⸗Shawl, und bot die Schwanen⸗Pracht des jungfraͤulichen Bu⸗ ſens den kuͤhlenden Kuͤſſen des ſchaͤkernden Zephyrs dar, der mit ihren Locken und Baͤnder ſchon lange ſein taͤndelndes Spiel getrieben. Fritz, dem ein unnennbar ſuͤßes Wehe alle Ner⸗ ven durchzuckte, glaubte, mit dem Vollmonde, der den Schnee⸗Sammet dieſes Marmor⸗Halſes, dieſer Alabaſter⸗Achſeln gar freundlich ſchmunzelnd belieb⸗ aͤugelte, gleiche Rechte zu haben, und ſchielte mit he tes Lie da ein Druͤk⸗ und, wel⸗ wo nver⸗ g ge⸗ e An⸗ ihren elcher uͤber weile nerlei n gro⸗ gern ogen⸗ welge⸗ dleren u koͤn⸗ os, in gelegt, bhawl, en Bu⸗ phyrs lange e Ner⸗ de, der dieſer belieb⸗ te mit heimlich gewagtem Dreiviertels⸗Blick auf dieſe Got⸗ tesherrlichkeiten heruͤber; aber kaum gewahrte dies Lieschen, als es unter dem erlogenen Vorgeben, daß die Nachtluft auf einmal recht kuͤhl zu werden anfange, die weiche Mahomedaner⸗Huͤlle breiter aus einander faltete, und ſich bis an das roſige Gruͤb⸗ chen im Kinn ſorglich einhuſchte. 39. Bei dem duftigen Graſe der Wieſe, die ſie durch⸗ wandelten, fiel Fritz des Bildes Unterſchrift ein, und er fragte, was dieſe zu bedeuten? Da erzaͤhlte die Kleine ganz einfach, daß ſie in der Stadt, im vorigen Winter, wegen der ewigen Baͤlle und der vielen ſpaͤten Abendgeſellſchaften faſt unausgeſetzt gekraͤnkelt; daß Herr Reichhart um ihre Geſundheit aͤngſtlich beſorgt, den fuͤrſtlichen Leibarzt um Rath gefragt; daß die⸗ ſer ihm empfohlen, ſie vom erſten Frühlingstage an, imzſtillen Friedenau das Landleben recht ruhig ge⸗ nießen zu laſſen; und daß Herr Reichhart ſie mit dieſem Entſchluß eines Morgens einmal, als ſie ſich ſehr unwohl befunden, und fuͤr ihre Zukunft befkum⸗ mert geweſen, uͤberraſcht, und ſie in ſeiner herzli⸗ chen Weiſe an ſein Herz gedruͤckt, und das alte Lied⸗ chen:„Jungfer Lieschen, weißt du was, komm' mit mir in's gruͤne Gras,“ dazu getraͤllert habe. Von dem Tage an, da ſie ihren Wohnſitz hier aufge⸗ ſchlagen, habe ſie Frohſinn und Geſundheit wieder gewonnen, und zum dankbaren Andenken an jene ihr ſo ſegensreichen Worte, mit denen ſie Herr Reich⸗ hart auf's Land ſpedirt, habe er dieſelben unter das — 6— Bild ſetzen laſſen, das ihm, wie er ſich heute noch ausgedruckt, ein bleibender Zeuge von der gluͤckli⸗ chen Wirkung der Landluft ſeyn ſolle. So theilnehmend ſich auch Fritz uͤber die Roſen⸗ farbe der Geſundheit aͤußerte, die auf Lieschens Li⸗ lienwangen bluͤhete, ſo konnte er doch kaum den ge⸗ heimen Schmerz bergen, der ihm das Herz durch⸗ krampfte, als das Maͤdchen von der doch faſt gar zu zärtlichen Beſorgniß des Herrn Reichhart, und von der ihm ganz uberfluͤßig ſcheinenden ümarmung ſprach. Ein Mann, der Frau und Kind hatte, konnte, nach ſeiner Anſicht, dieſe ſo viel an ſein Herz druͤk⸗ ken, als er Luſt hatte. Um ein ſolches Engelsweſen, wie das Lieschen hier an ſeiner Seite, brauchte ſich der gute Herr Reichhart aber wahrhaftig nicht ſo erſchrecklich aͤngſtlich zu bekuͤmmern, es waͤre am Ende auch ohne ihn geſund geworden. Das Mißbehagen uͤber den lieben Herrn Reichhart, der ihm immer verdaͤchtiger zu werden anfing, bemeiſterte ſich ſeiner ſo, daß er— zwei Mal wuͤrgte er das Wort von der Zunge in die uͤbergetretene Galle zuruͤck, aber es mußte heraus— daß er, als ſie die Gutthat des Herrn Neichhart dankbar ruͤhmte, mit feiner An⸗ zuͤglichkeit meinte, die Erlaubniß des Herrn Reich⸗ hart, hier auf ſeinem Friedenau, zur Herſtellung der Geſundheit, ein Paar Wochen zubringen zu duͤr⸗ fen, muͤſſe auch nicht gar zu ſehr uͤberſchaͤtzt werden; eigentlich ſey Herr Reichhart ſchon mehr als zehn⸗ fach belohnt, denn das neidenswerthe Gluͤck, ſie an ſein Herz druͤcken zu duͤrfen—— bei dem Gedanken hol un haͤl nie fall Laͤc Si hab vor und an hab von mit die lich zwi alle den Sie den bis růck gruͤ noch ckli⸗ oſen⸗ 8 Li⸗ n ge⸗ urch⸗ r zu hvon nung ante, druͤk⸗ beſen, e ſich cht ſo Ende hagen nmer ſeiner t von ber es at des r An⸗ Reich⸗ ellung u duͤr⸗ rden; zehn⸗ ſie an anken — 65— hoben ſich unwillkuͤhrlich ſeine Arme, und haͤtte eine unſichtbare Macht ihm tauſend Centner an jeden ge⸗ haͤngt, er haͤtte ſie doch gehoben.„Nun koͤnnen Sie nicht fehlen,“ fiel Lieschen, ſeinen wahnſinnigen Ein⸗ fall wahrſcheinlich errathend, ihm, unter verſtecktem Lacheln, in die Rede.„Der Fußſteig hier fuͤhrt Sie gerade auf die Chauſſee; ſo wie Sie dieſe erreicht haben, wenden Sie ſich links, da haben Sie die Stadt vor ſich. Gute Nacht, und ſtudiren Sie huͤbſch fleißig, und morgen Abend nach zehn Uhr, erwarte ich Sie an der Gartenthuͤr, durch die ich Sie heute gefuͤhrt habe. Sagen Sie aber in der Stadt Niemand da⸗ von, ich moͤchte Herrn Reichhart uͤbermorgen gern mit unſern Duetts uͤberraſchen. Gute Nacht!“ „Aber engliſches Lieschen,“ enkgegnete Fritz, uͤber die unerwartete Einladung zu morgen Abend hoͤch⸗ lich erfreut,„Sie werden jetzt, in tiefer Mitternacht, zwiſchen Gebuͤſch und dunkeln Hochwald, doch nicht allein nach Hauſe gehen wollen? Wie köoͤnnen Sie denken, daß ich ſo etwas zugeben koͤnnte; erlauben Sie mir, daß ich Sie zuruͤck begleite; nun weiß ich den Weg, und finde mich allein wieder zurecht; nur bis an den Garten laſſen Sie mich wieder mit zu⸗ ruͤckgehen!“ Aber Lieschen nannte ſeine Sorge um ſie unbe⸗ gruͤndet, und meinte, daß ſie den Ruͤckweg, ſelbſt, wenn es ſtockdunkel waͤre, ohne die geringſte Furcht allein zurüͤcklegen koͤnnte; ſie duͤrfe nur pfeifen, und die allerbewaͤhrteſten Geſellſchafter, die ſie gegen jede Unbill vollſtaͤndig ſchuͤtzten, waͤren den Augenblick da. LXII. 6 — 66— „Pfeifen?“ fragte Fritz ſtutzend, und ſah ſich um, wo die belobten Schutzherren aus der menſchenleeren Gegend in tiefer Mitternachtsſtunde herkommen ſollten. „Sehen Sie dort,“ ſagte Lieschen, und wies auf ein niedriges, einige hundert Schritte entferntes, Gebuͤſch am Rande des ſchwarzen Tannenwaldes, „das dichte Buſchwerk? in deſſen Mitte wohnt unſer Foͤrſter. Auf dem Lande iſt es gut, wenn man ſich auf ein Nothzeichen verſteht. Zu Ihrer Beruhigung, daß ich, auch ohne Ihr guͤtiges Geleit, wohlbehalten nach Hauſe kommen werde, bedarf es nur eines Pfiffs, und ich habe die ſicherſte Eskorte!“ Sie legte bei den Worten, den laͤchelnden Blick auf Fritz ge⸗ richtet, das niedliche Zeigefingerchen ihrer Rechten, verwendet, zwiſchen die Perlen⸗Reihen ihrer blen⸗ dendweißen Zaͤhne— ein hell gellender, in den Fel⸗ ſenſchluchten ſchneidend wiederhallender Pfiff— und in dem Augenblick ſchlugen fuͤnf, ſechs Hunde, ihren tiefen Baßtönen nach zu urtheilen, von der groͤße⸗ ſten Race, an, und keine Viertel⸗Minute, ſo kamen, unter lautem Halloh, Saupacker, Wolfshunde, Bul⸗ lenbeißer, engliſche Doggen und langzottige Ruͤden, in geſtreckter Carriere, uͤber Graͤben, Zaͤune und Hecken ſetzend, die Wieſe herauf geſprengt, daß dem erſchrockenen Fritz Hoͤren und Sehen verging, und er ſich in Gedanken ſchon in tauſend Stuͤcke zerriſſen ſah. Aber ein einziges„Couche!“ aus dem Munde der Herrin, druͤckte die wilden Beſtien zu ihren Fuͤßen ſchmeichelnd nieder; alle duckten im Kreiſe um ſie G- 82 — 67— um, herum zur Erde, und wedelten ihrer Befehle har⸗ eren rend; nur Diane, das hohe ſchneeweiße Windſpiel, men nahete ſich ihr traulich, und leckte die roſigen Fiu⸗ gerſpitzen ihrer ſtreichelnden Hand. 1 auf„Nun glauben Sie doch, daß mir auf dem Heim⸗ ates, wege Niemand etwas anhaben werde?“ fragte Lies⸗ ldes, chen lachend, wuͤnſchte ihm, aus der Mitte ihrer inſer furchtbaren Ehrengarde, freundlich eine gute Nacht, ſich und ging, leicht vor ſich hintraͤllernd, die Wieſe hin⸗ ung, ab, und Fritz ſah ihr nach, bis ſie, wie eine im Nacht⸗ alten thau zerfloſſene zarte Nebelgeſtalt, ſeinem ſehnſuͤch⸗ ines tigen Blicke entſchwebt war. legte 40. 6 ge⸗ Er traͤumte ſich nach Hauſe, wo er gegen zwei bten, Uhr erſt eintraf, und legte ſich ſchnell zu Bette; aber blen⸗ er konnte keinen Schlaf finden. Immer ſah und Fel⸗ b hoͤrte er das Maͤdchen Wunderhold, das ihn mit und unwiderſtehlich magnetiſcher Gewalt anzog, und ihren dann wieder mit einem einzigen Worte, mit einem roͤße⸗ einzigen Blicke weit von ſich wegdraͤngte. men, Er hatte— ja, er geſtand es ſich jetzt ehrlich, er Bul⸗ hatte die kuͤhne Idee gehabt, ſie in ſeine Arme zu iden, ſchließen, und auf die wuͤrzigen Purpur⸗Lippen einen und Abſchieds⸗, einen Gutenacht⸗ und einen recht ſee⸗ dem lenvollen, die Gluth ſeiner jungen Liebe aushau⸗ und chenden Herzenskuß zu druͤcken,„und waͤre denn riſſen das,“ fragte er ſich, mit ſeinem Mißgeſchick und unde ihrer Bosheit ſchmollend,„ſo etwas entſetzlich Böſes üßen geweſen? Uns ſah Niemand, als Freund Vollmond, m ſie und der hat ſeit den praͤadamitiſchen Jahrtauſen den — 68— ſeiner Exiſtenz bis auf heutige Nacht, dergleichen ſchon oft geſehen; alſo den brauchten wir nicht zu ſcheuen. Ich hatte den ganzen Abend mich in ſo ſtrenger Entfernung gehalten, daß ich jedem Nach⸗ mittags⸗Prediger, ſelbſt, wenn er ſeine ſchlaͤfrigen Zuſchauer mit einer recht getreuen Schilderung der Tugend und Sittlichkeit erbauen wollte, zum Modell der zuͤchtigſten Ehrbarkeit, der entſagendſten Selbſt⸗ verlaͤugnung, haͤtte dienen koͤnnen; ſie mußte ſich alſo die Folgerung heraus reſultirt haben, daß bei einem ſchuldloſen Kuſſe von mir nichts zu fuͤrchten ſey; und ſtatt dem Beſcheidenen ſeinen Wunſch, den die ſchuͤch⸗ terne Lippe nicht auszuſprechen wagte, und den er daher nur durch die telegraphiſche Bewegung des, im ſuͤßen Vorgeſchmack der zu erwartenden Selig⸗ keit, ausgebreiteten Arms, kund zu geben ſich er⸗ kuͤhnte, huldvoll zu gewaͤhren, ſetzt ſie zwiſchen die Elfenbeinzaͤhnchen den Finger, zaubert mit einem Herz und Seele zerſchneidenden Pfiff, in einem Nu ein ganzes Rudel ungeſchlachter Rieſenhunde um ſich, und droht durch dies verwuͤnſchte Manoͤuvre, ſtillſchweigend, dich auf dem Flecke zerfleiſchen und zerreißen zu laſſen, wenn du dich nur unterſtehſt, ihr um einen Achtelzoll näher zu kommen, als das Aebtiſ⸗ ſin⸗Dekorum eines Trapiſtinnen⸗Kloſters kaum vor⸗ ſchreiben wuͤrde. Iſt das— wer hat die Raͤthſeltiefe des Frauenherzens ergruͤndet— iſt das Koketterie, oder Treue gegen Herrn Reichhart, oder aͤchte wahr⸗ hafte jungfräuliche Zuͤchtigkeit?— Nußbaum ſoll mir daruͤber Aufſchluß geben, der keunt das Maͤdchen ⏑ 2— hen zu ſo ach⸗ gen der dell lbſt⸗ alſo nem und uͤch⸗ n er des, elig⸗ her⸗ die nem Nu um iwre, und „ ihr ebtiſ⸗ vor⸗ ltiefe terie, vahr⸗ ſoll dchen laͤnger, und beſtimmt genauer. Aber ſprach ſie nicht, daß ich Niemand ſagen ſolle, daß ich bei ihr geweſen, und daß ich morgen wieder zu ihr hinaus kommen moͤchte? Nein, mit Nußbaum iſt es nichts. Die feine Naſe wuͤrde bald Witterung bekommen, und am Ende mit hinaus wollen. Nein, nein! Schwei⸗ gen iſt der Gott der Liebe und des Gluͤcks!“ Mit den Worten ſchloß Fritz ſeinen konfuſen Monolog, und ſein muͤdes Auge, und der Strahl der Morgen⸗ ſonne, der auf ſein Lager fiel, malte ihm ſein Schlaf⸗ zimmer feuerroth, und die gigantiſchen Felſen maſ⸗ ſen, und die plaͤtſchernde Silber⸗Fontaine und die kuͤhlenden Apfelſinen⸗Schnittchen, und die zaͤhneflet⸗ ſchenden Rachen der mordluſtigen Hoͤllenhunde, und das ſuͤße, von verraͤtheriſchen Pointſchleiern leicht verhuͤllte Lauſchbettchen auf der melodiſchen Reſo⸗ nanz⸗Tribuͤne, und das reizende Himmelslieschen, und tauſend ſuͤße Bilder der ſtuͤrmiſch aufgeregten Phantaſte, wirrten ſich ihm bunt durcheinander vor der liebetrunkenen Seele. 41. Nußbaum wollte ſich vor Lachen ausſchuͤtten, als es nur der angeſtrengteſten Muͤhe des Aufwaͤrters gelang, den verſchlafenen Fritz endlich zum Aufwa⸗ chen zu bringen. Die erſte Nacht gleich aus dem Hauſe zu bleiben, war ein wenig ſtark, und die entſetzliche Muͤdigkeit, mit der Fritz nach langen Muͤhen ſich dem Lager entwand, ſtempelte ihn, in Nußbaums, des eingefleiſchten Bruderluſtigs Augen, zum ausgelaſſenſten Lebemann, zumal da Fritz, durch — 70— die Fragen, wo er geſteckt, und warum er nicht nach Friedenau gekommen? ſichtbar in die peinlichſte Ver⸗ legenheit gerieth. Er durfte ja nicht ſagen, welchen Goͤtter⸗Abend er dort in reiner Engel⸗Unſchuld ver⸗ lebt hatte! Lieschen hatte ihm ja den Mund verſie⸗ gelt, und wenn ſie ihm auch kein Stillſchweigen auf⸗ erlegt haͤtte, Musje Nußbaum waͤre doch gerade der Letzte geweſen, dem er davon geſagt. Aber der ſollte ihm uͤber Lieschen Aufſchluß geben; nur fein mußte dies angefangen werden; ganz ſchlau und li⸗ ſtig, damit der ſuperkluge Herr Nußbaum nicht Lunte roͤche. „Ach, was ſollte ich in Friedenau,“ hob Fritz⸗ waͤhrend er ſich ankleidete, mit erzwungener Gleich⸗ gültigkeit an;„ich kenne da draußen ja doch keine Seele, und es war auch zum Hinausgehen viel zu ſpaͤt.“—„Hm, zu ſpaͤt wohl nicht,“ entgegnete Nußbaum leicht hin,„in einer halben Stunde wa⸗ ren Sie draußen, und der Abend war wunderherr⸗ lich, und was das Seelen kennen lernen anbelangt,“ ſetzte er, mit einem verſchmitzten Blick auf den Rouse, den er in dem Nachtſchwaͤrmer Fritz beſtimmt vor⸗ ausſetzen zu duͤrfen glaubte, hinzu,„ſo wuͤrde ſich da⸗ zu wohl auch Gelegenheit gefunden haben. Signora Riccoboni z. B., eine junge feurige Modeneſerin, wuͤrden Sie vielleicht recht bald kennen gelernt haben. Herr, das iſt ein Bild von einem Maͤdchen!“ „Riccoboni, eine Modeneſerin, wie kommt denn die nach Friedenau?“ fragte Fritz, an ſeinen Stie⸗ feln herum ſchaͤfternd, denn er mußte ſich buͤcken, nach VFer⸗ hen ver⸗ ſie⸗ auf⸗ der der fein dli⸗ inte ritz, eich⸗ eine l zu nete wa⸗ herr⸗ gt,“ oue, vor⸗ h da⸗ nora erin, lernt en!⸗⸗ denn Stie⸗ icken, — 71— daß Nußbaum den Karmin nicht ſehe, der ihm in das Geſicht geflogen war. Das himmelſchöne Maͤd⸗ chen, das ihm geſtern die Apfelſinenſchnittchen mit Ungarwein kredenzt, und ihm mit unermeßlich tief in das Herz gedrungener Zartheit zugeſungen: Auf meine Liebe ſollſt du bauen, Mein treues Herz iſt rein wie Gold— und das ſelbſt als kleiner boshafter Teufel immer noch niedlich, die beſtialiſchen Hunde auf ihn gehetzt, und zuletzt ihn, dieſe Nacht, aber leider nur im Traume, in die Pointſchleier des lauſchigen Vorhangbettchens gewickelt, unter dem Wiegenliedchen:„Schlafe, mein Prinzchen, ſchlaf' ein,“ in den Schlummer gelullt, und ſo auf den Tonſchwingen der rieſigen Aeolsharfe, durch die lauen Luͤftchen der Fruͤhlings⸗ nacht, in die Pracht des Sternenhimmels getragen, und oben im Tempel der Mondgöttin Mylitta, ei⸗ nem allerliebſten Hierodulchen, in den weichen Schooß gelegt, und unter tauſend ſuͤßen Taͤndeln und Koſen, wach gekuͤßt hatte, war keine andere, als Signora Riccoboni geweſen. „Wie die nach Friedenau koͤmmt,“ ſagte Nuß⸗ baum, den Blutſturz auf Fritzens blaubaͤrtiger Wan⸗ ge nicht gewahrend,„nennen Sie es Gutmuͤthigkeit von Seiten des Herrn Reichhart, oder Wunſch, ſei⸗ ner Tochter die letzte Vollendung im Geſang⸗Unter⸗ richte zu geben, oder vielleicht auch Verblendung von den gar nicht in Abrede zu ſtellenden Reizen des kleinen lombardiſchen Kanarienvoͤgelchens, kurz, Herr Reichhart lernte ſie auf ſeiner letzten Reiſe — 72— durch Italien, in Reggio kennen, bewunderte ihr eminentes Talent im Singen, hoͤrte von ihrer be⸗ ſchränkten Lage, und brachte ſie, unter ſehr annehm⸗ lichen Bedingungen, als Geſellſchafterin und Geſang⸗ lehrerin ſeiner Tochter, mit nach Friedenau. Dies iſt ihre ganze Geſchichte. Sie werden ſich,“ ſetzte er ſchlau lächelnd hinzu:„ſo weit ich Sie Beide zu kennen glaube, Beide einander gefallen, doch wer⸗ den Sie Weltmann genug ſeyn, ſich von Herrn Reich⸗ hart nicht in die Karte gucken zu laſſen, denn der verſteht in dergleichen heimlichem Spiel keinen Spaß. — Doch jetzt, Freund, herunter auf das Comtoir, es iſt die hoͤchſte Zeit, und unſer alter Herr Wirk⸗ lich brummt, wenn wir zu ſpaͤt kommen.“ 42. Kaum, daß ſich Fritz auf ſeinen Maroquin⸗Dreh⸗ ſtuhl geſetzt, und das auf ſeinen Platz ihm vom Herrn Wirklich bereit gelegte Arbeits⸗Penſum durchgeſe⸗ ben, ließ ihn Herr Reichhart rufen. „Warum kamen Sie geſtern nicht nach Frieden⸗ au?“ fragte dieſer, waͤhrend er, ohne aufzuſehen, mehrere vor ihm liegende Wechſel traſſirte und ac⸗ ceptirte, verſchiedene Polizen und Connoiſſements durchblaͤtterte, und eine weitlaͤuftige Retourrechnung revidirte. Fritz, der die Frage erwartet hatte, entſchuldigte ſich ziemlich unbefangen, erzaͤhlte, daß er ſich nach dem Mordgrunde verirret, ließ ſich zum Beweiſe ſeiner Angabe des Breitern uͤber die dortige merk⸗ wuͤrdige Aeolsharfe aus, und log, auf die zweite im ihr r be⸗ ehm⸗ ang⸗ Dies ſetzte de zu wer⸗ eich⸗ der paß. toir, Virk⸗ dreh⸗ errn geſe⸗ den⸗ hen, )ac⸗ ents ung igte nach veiſe lerk⸗ veite — 75— Frage, wo er die Nacht bis fruͤh zwei Uhr zugebracht, von Lieschens holdem Zauberblick aus dem Miniatur⸗ Gemaͤlde im Buͤreau⸗Verſteck, ermuthigt, ſeinem werthen Herrn Principal, mit recht gelaͤufiger Drei⸗ ſtigkeit vor, daß er, um das Haus im erſten Schlafe nicht zu ſtoͤren, bei dem Chauſſee⸗Einnehmer einge⸗ kehrt ſey, und dort bis Tages⸗Anbruch verweilt habe. Herr Reichhart lachte uͤber das kleine Abenteuer, gab ihm auf, einige Auszuͤge aus dem Facturbuche zu machen, und verſchiedene Spaccii uͤber die Trat⸗ ten und Rimeſſen der eben beendigten Meſſe zu re⸗ guliren, und ſetzte dann, als Fritz im Abgehen be⸗ griffen war, mit freundvaͤterlicher Herzlichkeit hinzu, daß er gern ſehe, wenn ſeine Hausgenoſſen vor Thor⸗ ſchluß ſich zu Hauſe einfaͤnden, daß dieſer Punkt zehn Uhr ſtattfände, daß das Nachtſchwaͤrmen fuͤr Geiſt und Koͤrper gleich nachtheilig ſey, und daß Fritz das alte Sprichwort: Zeitig zu Bette und zeitig heraus, Bringt Ehre, Gold und Geſundheit in's Haus— immer recht ſorglich beherzigen ſolle. 43. Der heutige Tag hatte bleierne Fluͤgel. Zehnmal verrechnete und verſchrieb ſich Fritz. Poſten, die in die Strazze gehoͤrten, trug er in das Reſcontrobuch ein, und bei einem Bilanz⸗Extract, auf den Herr Wirklich dringend wartete, warf er Damno und Avance und Debet und Credit ſo konfuſe unter ein⸗ ander, daß er den verlangten Auszug erſt nach drei⸗ maliger Umarbeitung vorlegen konnte. Das ver⸗ Clauren Schr. LXII. 7 — 74— wuͤnſchte Kind, die goͤttliche Riccoboni! Ueberall tanzte ſie ihm vor den Augen herum; aus der trok⸗ kenſten Agio⸗Rechnung ſchmunzelten ihm die veil⸗ chenblauen Liebesſterne entgegen, und aus dem ver⸗ wickelteſten Disconto⸗Wirrwar ertönte ihm ihr ſil⸗ berklingendes Diskant-Stimmchen, das ihm leiſe zugeſungen: Auf meine Liebe ſollſt Du bauen; Mein treues Herz iſt rein wie Gold. Er machte die Augen zu, er wollte das ſuͤße Maͤdchen, das ihn, durch ſein allgegenwaͤrtiges Erſcheinen in der Arbeit ſtoͤrend, neckte, nicht mehr ſehen. Aber da ging es ihm nur noch ſchlimmer; da ſtand es erſt in ſeinem vollen Glanze vor ihm, und ſchabte ihm auf ſeinem unbehaglichen Drehſtuhle luſtige Ruͤbchen, und erzaͤhlte ihm, wie wunderherrlich es draußen bei ihm in ſeinem wonnigen Friedenau gegen das dumpfe, ſtickige Comtoir hier ſey, und erinnerte ihn, heute ja nicht zu ſpaͤt, aber auch nicht zu zeitig zu kommen. Er entgegnete, von dem Gedanken des ſeligen Wiederſehens in neues Entzuͤcken uberſtrö⸗ mend, daß er gleich nach dem Mittageſſen ſeine ihm mitgegebenen Noten ſtudiren, und Schlag zehn Uhr ſich in Friedenau unausbleiblich einfinden werde. „Iſt Ihnen unwohl, Herr Lehnin,“ fragte Herr Wirklich, befremdet, den jungen Menſchen da ſitzen zu ſehen, geſchloſſenen Auges, und den Kopf in die linke Hand geſtuͤtzt, und brummte, als Fritz erſchrok⸗ ken auffuhr, und mit ſichtbarer Verlegenheit ver⸗ ſicherte, daß ihm nichts fehle, von den natuͤrlichen Folgen unordentlichen Nachtſchwaͤrmens, halb leiſe verdruͤßlich vor ſich hin. Fritz aber, ob dieſer, den Comtoirgenoſſen wahrſcheinlich nicht ungehört ge⸗ — — 75— bliebenen, unverdienten Anzuͤglichkeiten höchlich er⸗ ſchrocken, bat Lieschen heimlich mit flehentlichen Worten, ihn, ſo lange er auf ſeinem verdammten Drehſeſſel hier ſitze, nicht wieder zu ſtoͤren, und ver⸗ ſprach, ihr heute Abend alles Verſaͤumte doppelt und dreifach einzuholen. 44. Sollte denn heute Mittag gar nicht gegeſſen wer⸗ den? Es hatte ſchon fuͤnf Uhr geſchlagen, und noch ſchien kein Menſch an das liebe Eſſen zu denken. Fritz, vom knurrenden Magen gemahnt, zog bei Freund Nußbaum naͤhere Erkundigung ein.„Wir ſpeiſen,“ berichtete dieſer,„heute en famille draußen in Mon plaisir; das iſt ein fuͤrſtliches Luſtſchloß, mit einer vortrefflichen Reſtauration; man ißt da, das Couvert zu drei Thaler, ganz ertraͤglich; morgen iſt das Geburtsfeſt der Madame Reichhart; wir feiern es zwar in Friedenau, doch werden mehrere Vorbereitungen dazu hier im Hauſe gemacht; da⸗ mit nun Madame nichts davon gewahre, fahren wir heute weg. Morgen ſollen Sie einmal einen Jubel ſehen! Den Tag laͤßt ſich unſer Alter nicht nehmen. Da geht es hoch her; Schade! Ein Haupt⸗Spaß iſt ihm verdorben. Fraͤulein Luiſe hatte unter andern Feſtlichkeiten auch eine deklamatoriſche Unterhaltung veranſtaltet. Nun iſt der Tenoriſt, ein von außer⸗ halb verſchriebener Verwandter des Hauſes, ausge⸗ blieben, und hier kein paſſendes Surrogat⸗Subjekt in der Geſchwindigkeit aufzutreiben, und darum muß der ganze Theater⸗Spaß unterbleiben; darob iſt denn Herr Reichhart, der ſelbſt auf dergleichen Buͤhnengeſchichten viel haͤlt, und der beſonders ſei⸗ nem Goldkinde, unſerm Luischen, gern die lang be⸗ 82 7 — 76— rechnete Freude gegoͤnnt haͤtte, als Prima Donna ſo vor der gaſtlichen Verſammlung zu glaͤnzen, gewal⸗ un tig verdruͤßlich, und heute fruͤh noch, als das Ge⸗ lie ſpräch zufaͤllig darauf kam, ſagte er, daß er mit B Freuden hundert Louisd'or darum geben wollte, au wenn ihm ſein Kalkul auf das beabſichtigte Feſtſpiel ge durch den fatalen Querſtrich nicht ſo total zu Waſ⸗ So ſer geworden waͤre.“ W Fritz lachte heimlich uͤber ſeinen Surrogat⸗Tenor; ge wie ſich aber die ſchmuckloſe Mamſell Reichhart als to Prima Donna ausnehmen werde, ward ihm um ſo ſir unerklaͤrlicher, als die Riccoboni, der Engel, im E Stuͤck mit beſchaͤftigt war, die mit ihrer Giocken⸗ ex Stimme, mit ihrer aͤcht italieniſchen Geſangsmanier, ha mit ihrer bezaubernden Anmuth, und mit ihrem Ho tauſendfachen Liebesreiz, die gute Mamſell Reich⸗ de „hart, ja gleich bei'm erſten Auftreten, in Grund bu und Boden ſpielen mußte. Doch, die alte Gellert'⸗ ſche Fabel von der ſchmuckloſen Nachtigall fiel ihm W in Zeiten noch ein, und er hob alſo ſein Urtheil auf, Pr. bis er die faſt unhuͤbſche Prima Donna werde ſelbſt wi gehoͤrt haben. Es war ja moͤglich, daß ihr Geſang Cl den der Riccoboni noch uͤbertraf; auf Lampenlicht, Al Schminkbuͤchschen und Garderoben⸗Eleganz war cer auch gerechnet, und was ihr, neben dem modeneſt⸗ Re ſchen Seraph, an Talent und aͤußerm Schmuck dann vf noch abging, das erſetzten, wenigſtens in den Augen Ri der Zuſchauer⸗Geſellſchaft, ihre Tonnen Goldes ge⸗ fer wiß zehn⸗ und zwanzigfach, fri 45. tag In dem Augenblicke kam Herr Reichhart, mehrere gel Briefe in der Hand, die er an die jungen Leute unter kurzer Anfuͤhrung deſſen, was ſie darauf antworten der onna ewal⸗ Ge⸗ mit ollte, eſpiel Waſ⸗ nor: t als m ſo „im ſcken⸗ nier, hrem deich⸗ rund lert'⸗ ihm auf, ſelbſt eſang licht, war eneſi⸗ dann ugen 5 ge⸗ hrere inter arten — 77— ſollten, vertheilte; auch Fritz erhielt ſein Penſum; unter andern gab ihm Herr Reichhart auch ein ita⸗ lieniſches Schreiben nebſt Note, und ſagte:„den Brief hier von Pietro Domenico Riceoboni et Comp. aus Modena, beantworten Sie Italieniſch, und geben Sie ihnen auf, 6000 Rotoli Matzen, prima Sorte, für meine Rechnung an Philipeaux Maurepas Wittwe und Sohn in Tours zu uͤbermachen; uͤbri⸗ gens mußten von ihrem geforderten Preiſe pro Ro- tolo, drei Soldi abgehen; das Tourſer Haus avi⸗ ſiren Sie davon; berechnen Sie ihm, was es nach Empfang der Waare, mir mit 8 7⁄ Procent avance, exclusive der Frachk, Speſen und Zoͤlle, zu zahlen hat, und erſuchen Sie daſſelbe, mir die Rimeſſe in Hamburger zu machen. Die Lira corrente di Mo- dena koͤnnen Sie zu 3 Schilling ½ Pfennige Ham⸗ burger Banco annehmen.“ „Bei den eilf Piaſtern,“ fuhr er, gegen den Herrn Wirklich gewendet, fort:„die wir voriges Jahr, Ppro Rot Ardassines, in Aleppo zahlten, gewannen wir 14/5 Procent weniger; und bei den 700 Ballen Cherbaffi, die wir fruͤher von Iſpahan uͤber Bender⸗ Abaſſi und Smyrna zogen, hatten wir kaum Pro⸗ cent Proviſion.“„Als Poſtſeript,“ ſchloß Herr Reichhart, ſeine Worte wieder an Fritz wendend, „fuͤgen Sie noch hinzu, daß die Nichte von Signor Riccobont ſich bei uns recht wohl befinde, bereits fertig Deutſch ſpreche, mit ihrer hieſigen Lage zu⸗ frieden zu ſeyn ſcheine, und mir und den Meinigen taͤglich mehr Beweiſe ihres perſoͤnlichen Attachements gebe, was wir dankbar anerkennten, und ſo weiter.“ Fritz— ſchon bei'm Namen Riccoboni war er mit dem Kopfe tief auf ſein Pult niedergeſchoſſen, denn als der Laut uͤber Herrn Reichharts Lippen glitt, war es ihm, als ſchluͤge ihm ein Blitz alle vier Hirn⸗ na kammern von einander. Der Laut, von dem ſeine M ganze Seele ſo uͤberfuͤllt war, daß er ſich ſeit geſtern ba Abend vorkam, wie eine Memnons⸗Saͤule, die bei ke Sonnen⸗Auf⸗ und bei Sonnen⸗Niedergang, bald ih in freudigen, bald in wehmuͤthigen Toͤnen, immer G den Namen des heiligen Gegenſtandes wiederholte, ſa klang auf Herrn Reichharts Lippen ganz anders, als m im Geheimſten ſeines Innern. Er hatte zwar auf di die muͤndliche Angabe des Herrn Principals recht NM aufpaſſen wollen, um nach Maaßgabe derſelben den ſer Brief zu beantworten; aber Modena, des gelieb⸗ ſe ten Maͤdchens ferne Vaterſtadt, und Matzen und P. Lira, Rotoli, Hamburger Banco, Iſpahan, Procente, R Bender⸗Abaſſi, perſoͤnliches Attachement, Cherbaffi, de und das verwuͤnſchte„und ſo weiter,“ das Alles ha kreuzte und querte ſich in Fritzens Kopfe ſo bunt de durch einander, daß er uͤber das Letzte ſchon lange ſe das Erſte vergeſſen hatte, und jetzt von der ganzen de Antwort keine Sylbe mehr wußte.—„Und ſo wei⸗ vi ter,“ was hatte Herr Reichhart mit dem ominoͤſen en Ausdrucke nur in aller Welt ſagen wollen? Durfte Li Fritz eine Hermenevtik wagen, ſo klang es ihm, als Je ob Herr Reichhart damit, nicht ihm zur Aufnahme in 1 die Antwort, ſondern ſich ſelbſt zur Herzſtaͤrkung en haͤtte ſagen wollen, daß die kleine Modeneſerin ihm len recht zugethan ſey, und er ihr; daß ſie zuſammen, m in dem Lauſch⸗Kabinetchen neben ſeinem Schlafzim⸗ ka mer zu Friedenau, von der ganzen Welt ungeſehen, kei die ſeligſten Stuͤndchen vertraͤumten, und daß— ſti ach, was konnte die heimlich grollende Eiferſucht nicht die noch Alles aus dem verdammten„und ſo weiter“ bit herausgruͤbeln! Hirn⸗ ſeine ſtern te bei bald nmer polte, , als auf recht nden elieb⸗ und ente, baffi, Alles bunt ange anzen wei⸗ noͤſen urfte „als me in kung ihm men, fzim⸗ ehen, a5— nicht iter“ —-— 79— Doch, man ſprach ſchon vom baldigen Aufbruch nach Mon plaisir; vorher mußte der Brief nach Modena fertig ſeyn. Mit beſtimmter Feſtigkeit ver⸗ bannte er daher fuͤr die Zeit der Arbeit alle Gedan⸗ ken an das holde Friedenauer Lieschen, und ſobald ihm der Kopf von dieſem frei war, traten Seele und Gedaͤchtniß in die alten Rechte ihrer Kraft; er ent⸗ ſann ſich Alles deſſen, was er hatte ſchreiben ſollen, mit einemmale, wie an einem Schnuͤrchen, und warf die ganze Antwort des Herrn Reichhart in wenig Minuten buchſtaͤblich auf das Papier hin; das Poſt⸗ ſcript aber ward noch einmal ſo lang, als der Brief ſelbſt; bei der Erwaͤhnung der Nichte ging ihm die Phantaſie auf dem Flecke durch; er zog aus Herrn Reichharts Aufgabe eine Menge Aeußerungen uͤber den belobten Schuͤtzling, an die der gute Herr Reich⸗ hart mit keiner Sylbe gedacht hatte, und am Ende der langen Epiſtel hieß es:„ihr Aeußeres hat ſich ſeit ihrem Hierſeyn ſehr zu ihrem Vortheil veraͤn⸗ dert; ſie iſt ſo ſchöͤn geworden, daß SZie ſie ſelbſt vielleicht nicht wieder erkennen wuͤrden. Die Voll⸗ endung ihres innern Werths iſt mit der ihres aͤußern Liebreizes immer gleichen Schritt gegangen, ſo, daß ſie Jeden bei'm erſten Blick bezaubert,„und ſo weiter.“ Herr Reichhart las den in elegantem Italieniſch entworfenen Geſchaͤfts⸗Brief, in dem er ſeine Wil⸗ lensmeinung klar und deutlich ausgeſprochen fand, mit ſteigendem Beifall; als er aber zum Poſtſcript kam, und das bunte Wortgewirr las, von dem er keine Sylbe geſagt, ſtutzte er ſichtbar, und wendete ſtill verwundert den Blick vom Papier auf Fritz, dem dieſer, wie eine ſcharfſpitzige Sonde, durch die Augen bis in die Herzgrube ging. ——— — —— — 80— „Kennen Sie denn die Riccoboni?“ fragte der geſtrenge Herr, und laͤchelte befremdet. „Nein, ich habe nicht die Ehre,“ entgegnete Fritz in der peinlichſten Verlegenheit, und haͤtte ſein dum⸗ mes Geſicht, gegen deſſen Roſengluth der dunkelſte Zinnober ein ſchwaches Blaßroth war, in einen Eimer Eismeer⸗Waſſer ſtecken moͤgen.— „Nun, was wiſſen Sie denn von der vortheilhaf⸗ ten Veraͤnderung ihres Aeußern? und von der Voll⸗ endung ihres innern Werthes? und wer ſollen denn die ſeyn, die ſie gleich bei'm erſten Blicke bezaubert hat? und was ſoll denn das hier ſehr unpaſſende„und ſo weiter?“ was verſtehen Sie denn unter dem hier wirklich komiſchen„und ſo weiter?“ Sie köoͤnnen das doch nicht ſo aus der Luft gegriffen haben; wer hat Ihnen denn von dem Zauber der Riccoboni und ihren und ſo weiteres erzaͤhlt?“ „Ich habe mit keinem Menſchen von ihr geſpro⸗ chen,“ ſtotterte Fritz, uͤber Herrn Reichharts offen⸗ bare Eiferſuchtswuth dermaßen erſchrocken, daß ihm kein Wort aus der Kehle, keine Luft in die Kehle wollte;„Herr Nußbaum nur hat mir—— „Herr Nußbaum?“ fragte, mehr verſtimmt als befremdet, Herr Reichhart, und rief dieſen. Fritz haͤtte ſich vor Aerger uͤber ſeine Einfalt, Nußbaum genannt zu nben, die Zunge aus dem Munde reißen moͤgen. Wac das auffallende Be⸗ nehmen des Principals, Eiferſucht? oder Neugierde? oder Folge ſeines Vorſatzes, die auf ſeinem Comtoir neu Angeſtellten, hinſichtlich ihrer Wahrheitsliebe naͤher und bis auf den Grund kennen zu lernen? Nußbaum, in der Kunſt, ſeinem Herrn Princi⸗ pal nach dem Munde zu reden, und ihm ein x fuͤr — 81— ein U zu machen, ſchon geuͤbter, erzaͤhlte mit einem Geſichte, in deſſen Laͤcheln Fritz deutlich las, daß ihm daran lag, zu zeigen, daß er gar keinen beſondern Werth auf Signora Riccoboni lege, daß er ſich aus ihr gar nichts mache, daß ſie ihm hoͤchſt gleichguͤltig ſey, wie Fritz bedauert habe, um den geſtrigen Abend in Friedenau gekommen zu ſeyn; wie das Geſpraͤch auf dieſen herrlichen Landſitz weiter gekommen; wie ſich Fritz erkundigt, wer da draußen in dem weit⸗ laͤuftigen Sommer⸗Palaſte alles wohne; und wie er ihm hierauf unter andern auch die Signora genannt, und dabei ihres Geſanges belobend, und Alles deſ⸗ ſen, was Herrn Reichharts Guͤte an der verlaſſenen Waiſe gethan, mit herzlicher Theilnahme erwaͤhnt habe; und Herr Reichhart, der waͤhrend dieſer Aus⸗ ſage Fritz und den Sprecher oͤfter im Auge gehabt, ſchien mit des Letztern Auseinanderſetzung zufrieden zu ſeyn, und entließ, nachdem er im fraglichen Poſt⸗ ſeripte die Enthuſiasmus⸗Exploſionen geſtrichen, Beide mit der Ordre, ſich in dem bereit ſtehenden Wagen nun eiligſt auf den Weg nach Mon plaisir zu machen. 46. War das nicht wieder eine ewig lange Tafelei! Fritz hatte ſeine Rolle in der Taſche. Durch feines Ausfragen hatte er ermittelt, daß er auf dem naͤch⸗ ſten Wege, die Stadt links laſſend, durch Wald und Felder, bis Friedenau eine ſtarke Stunde zu gehen hatte. Gleich nach dem Eſſen wollte er fort, unter⸗ weges ſich ein ſtilles Plätzchen ausſuchen, dort, ſo lange ihm das Tageslicht das Leſen verſtatte, noch recht tuͤchtig lernen, und dann aufbrechen, um be⸗ ſprochener maßen Punkt zehn Uhr vor ſeiner liebli⸗ chen Riccoboni erſcheinen zu koͤnnen. — 32— Aber das ging ſo nicht. Herr Reichhart war in dem kleinen Kreiſe ſeiner Familie, zu der er ſeine Comtoirgehuͤlfen mitzuzaͤh⸗ len pflegte, die Herzlichkeit, die Freundſchaft ſelbſt. Er ließ aus dem mitgebrachten Flaſchen⸗Keller eine Sorte nach der andern bringen, ſchenkte ſelbſt ein, und löſ'te der Tafelrunde Herz und Zunge derge⸗ ſtalt, daß Alle in froͤhlicher Ungebundenheit plauder⸗ ten, wie die Schnaͤblein ihnen gewachſen. Nur Fritz, ſeine reizende Modeneſerin und deren unerklaͤrliche Stellung zu dem Herrn Reichhart im Kopfe, ſaß einſylbig, und zaͤhlte in Gedanken die Minuten, die er noch auf dem unter ihm glimmenden Stuhle ver⸗ bringen muͤſſe, und begriff nicht, wie man am lie⸗ ben Eſſen und an der endloſen Reihe von Schuͤſſeln ſo viel Gefallen finden koͤnne, denn er war bei'm erſten Gerichte ſchon ſatt, uͤberſatt geweſen, ihn zog es hinaus auf den Wald⸗ und Feldweg nach Frie⸗ denau; hier hatte er keine Frende, keine Ruhe. „Die lieben Ihrigen,“ ſagte, als eine Menge Geſundheiten von dem und jenem ſchon ausgebracht worden waren, Mutter Reichhart, das Glas in der Hand, zu Fritz, dem jungen hubſchen Menſchen ge⸗ wendet, der im weinwarm gewordenen Kreiſe ſo allein und ſtill da ſaß, und, wie die zartfuͤhlen de Frau vermeinte, mit den Gedanken im ſchmerzlich vermißten Vaterhauſe war. Fritz, von der Artigkeit der verehrten Herrin uͤberraſcht, dankte verbindlichſt, und wollte auf das Wohl der ehrlichen Eltern ſein Glas leeren, als Luis⸗ chen, heute ganz ungewoͤh nlich heiter, mit ſchelmi⸗ ſchem Laͤcheln fragte, was er denn Alles zu den lie⸗ ben Seinigen rechne? ſeiner zuzaͤh⸗ ſelbſt. r eine ſt ein, derge⸗ nuder⸗ Fritz, rliche „ſaß n, die e ver⸗ n lie⸗ üſſeln bei'm n zog Frie⸗ tenge racht n der n ge⸗ ſe ſo ende zlich rrin das euis⸗ lmi⸗ lie⸗ — 35— „Was das fuͤr eine Frage iſt,“ fiel Madame Reich⸗ hart ihr lachend in das Wort,„Vater, Mutter, Schweſtern, Bruͤder, wen ſonſt? „Noch lange nicht Alles,“ entgegnete Luischen mit ſchlauem Laͤcheln;„Herr Lehnin verſteht mich recht gut, ſonſt wuͤrde er nicht ſo roth werden; alſo die— lieben Ihrigen!“— Als haͤtte man mit der Quinteſſenz aller achtmal⸗ bunderttauſend Pfund Cochenille mesteque, die Mexiko jaͤhrlich nach Europa ſendet, Fritzens Geſicht uͤbergoſſen, ſo dunkelpurpur ergluͤhte dies mit einem Male; Alle lachten, und ſtießen mit ihm auf das Wohl der lieben Seinigen an, und ſelbſt Herr Reich⸗ hart trank zu Fritzens heimlichem Ergoͤtzen mit. Fritz mußte nun von der Heimath erzaͤhlen, und Mama Reichhart ſchien ſeine Kindlichkeit, mit der er von Vater und Mutter ſprach, und ſeine Liebe zur einfachen Lebensweiſe, die aus ſeiner Schilde⸗ rung des fruͤhern Stillebens hervorging, wohlgefaͤl⸗ lig zu bemerken. Klang es doch, als ob ſie das, was ſie über die laͤſtige Nothwendigkeit, ein ſoge⸗ nanntes Haus machen zu muͤſſen, auseinanderſetzte, abſichtlich ſage, um den jungen Leuten, in deren Kreiſe ſie ſaß, und die ſich alle dem Kaufmannsſtande gewidmet hatten, manche gute Lehre mit auf den Weg zu geben! In jedem Falle ſchien ſie, nach mehreren ihrer Aeußerungen, an der uͤberpraͤchtigen Einrich⸗ tung ihres Hausſtandes keinen ſonderlichen Gefallen zu finden, wenigſtens ſchenkte ſie den Anſichten des ſchlichten Kalkulatur⸗Direktors Waldmann, eines vieljaͤhrigen, unter dem Titel des alten Onkels, ein⸗ gebuͤrgerten Hausfreundes, der ſich uͤber dies Kapitel — 84— des weiteren ausließ, ihren lauten und anbedingten Beifall. „Ich will recht gern zugeben,“ ſagte unter andern, der biederherzige Alte mit verſtändigem Lächeln,„daß es gewißermaßen mit zu den nothwendigen Uebeln des kaufmaͤnniſchen Verhaͤltniſſes gehoͤren mag, ſein Haus der Welt zu oͤffnen; es iſt nach der einmal eingefuͤhrten Sitte unerlaͤßlich, den Geſchaͤftsmen⸗ ſchen, mit denen Ihr in Verbindung ſteht, durch gaſt⸗ liche Aufnahme in Eure vier Pfaͤhle zu zeigen, wie willkommen ſte Euch ſind, und wie gern Ihr Euch der Pflicht entledigt, Euer mit ihnen ſtattfin dendes Verhaͤltniß auf alle Weiſe zu ehren; aber von den hundert Unannehmlichkeiten, die damit verknuͤpft ſind, hat bei'm erſten Ueberblick faſt Niemand eine klare Idee. Wer A ſagt, muß auch B ſagen, heißt es im alten, aber ſehr wahren, Sprichwort; das A iſt bald ausgeſprochen, aber die B's, die B's, die in unabſehbarer Reihe auf das ₰ folgen, ſind un⸗ endlich ſchwer auszuſprechen, und vielen fuͤr recht klug geltenden Perſonen— von denen man alſo er⸗ warten ſollte, daß ſie nichts anfangen würden, was ſie nicht auch ausfuͤhren koͤnnten, geht am Ende der Athem aus, dieſe vertrackten B's uͤber die Lippen zu bringen. Wer Leute von dem Einfluſſe in ſei⸗ nem Hauſe ſehen will, als Ihr z. B. fuͤr Euer Geſchaͤft braucht, muß, bei dem heut zu Tage einmal eingeriſ⸗ fenen furchtbaren Luxus, die ganze Einrichtung ſeines Hauſes auf den moͤglichſt eleganteſten Fuß ſetzen, und ſie darin unterhalten; in dieſem einzigen Punkte verſchwinden jaͤhrlich Tauſende; ſie ſind unwieder⸗ bringlich verloren, denn all' der dafuͤr eingetauſchte Tand an Meubles, Tiſch⸗ und Hausgeraͤth, Gar⸗ ngten ndern, „daß lebeln I, ſein inmal zmen⸗ Hgaſt⸗ 1, wie Euch endes n den nuͤpft eine heißt das A 2 die d un⸗ recht o er⸗ was te der ppen ſei⸗ ſchaͤft geriſ⸗ eines etzen, unkte eder⸗ iſchte Gar⸗ — 385— derobe, Equipage und allerlei Flitterwerk, iſt nach wenig Jahren aus der Mode, und dann nicht den zehnten Theil des Kaufpreiſes werth. Seht Ihr nun einen ſolchen bedeutenden Geſchaͤftsfreund bei Euch, ſo iſt es nicht genug, daß Ihr ihm das Vor⸗ zuͤglichſte, was Kuͤche und Keller vermoͤgen, vorſetzet; Ihr muͤßt ihm auch eine paſſende Geſellſchaft an die Seite ſetzen; dadurch kommt Ihr mit den Familien des erſten Standes, und durch dieſe wieder, mit ei⸗ ner Menge Menſchen der hoͤhern Klaſſen in Bezie⸗ hung, die ſich alle an Euerm Tiſche gefallen, die Euch fuͤr Eure Schuͤſſeln und Flaſchen eine Menge Kompli⸗ mente und hofiſche Artigkeiten mitbringen, aber kein Herz, kein Gemuͤth. Du darfſt wenige Tage nur unpaͤßlich ſeyn, ſo laufen ſich die armen Bedienten von Raͤthen, Praͤſidenten, Miniſtern, Staabs⸗Offi⸗ zieren, Bankiers und Hofbeamten, die alle in Dei⸗ nem Hauſe verkehren, beinahe die Fuͤße ab, um ſich nach Deinem werthen Befinden zu erkundigen. Gib aber, nach Deiner Wiederherſtellung, nur ein hal⸗ bes Jahr keine Fete, ſo bekummert ſich kein Menſch um Dich. Das unertraͤgliche Viſitenweſen, das ei⸗ nen recht niederſchlagenden Beweis gibt, wie in der ſogenannten großen Welt die ſchöne Zeit ſo gar kei⸗ nen Werth hat— wie oft hat es Dich, arme Frau, um all' Deine ſchoͤne Laune gebracht! Kaum, daß die Menſchen das Bischen bei Euch genoſſene Eſſen und Trinken verdaut, kommen ſie ſchon wieder vor⸗ gefahren, und machen Viſite; will man ſich entzif⸗ fern, was ſie damit ſagen wollen, ſo heißt es, bei'm Gaſte geringern Standes: Ihr wart neulich ſo gut, mich Theil an Eurem Gaſtmahle nehmen zu laſſen; es hat mir vortrefflich geſchmeckt, und iſt mir, Gott — 36— ſey Dank, recht gut bekommen; wenn wieder etwas der Art bei Euch los iſt, ſo denkt an mich; ſeht, ich bin recht artig; ich komme ausdruͤcklich, um mich ſtillſchweigend fuͤr die angethane Ehre nochmals zu bedanken. Bei'm Gaſte hoͤhern Ranges aber: Ich habe neulich Euch die Ehre angethan, bei Euch zu eſſen. Ich bin mit Euch zufrieden; Speiſe und Trank waren gut, meiner Perſon wuͤrdig. Wieder⸗ geben kann und will ich Euch nichts; nehmt mit meinem Beſuche vorlieb. Meine Equipage haͤlt vor Eurem Hauſe; die ganze Nachbarſchaft weiß alſo, daß Ihr die Ehre meines Umgangs genießt, und das iſt mehr werth, als hundert Gegen⸗Diners, zu denen ich kein Geld, oder keine Luſt habe.— Dieſe Viſiten alſo follen der Lohn ſeyn, fuͤr das ſchoͤne runde Geld, das Eure Fete gekoſtet, fuͤr die Muͤhe und Sorgen, die auf deren Anordnung verwendet, und fuͤr den unwiederbringlich verlornen Tag, den Du und Dein Mann von Eurem Leben vergeudet. Die Unterhal⸗ tung bei ſolchen Viſiten aber dreht ſich einzig und allein um das Wetter, um die kleinen Vorfaͤlle des Hofes, um das Theater, und um werthloſe Stadt⸗ geſchichten. Iſt es kalt; iſt der kleine Prinz Bodo auf die Naſe gefallen; kann die Oper: Romeo e Giulietta, nicht gegeben werden, weil Signora Gior⸗ danelli heiſer iſt; hat in der Schloßſtraße ein Fiaker umgeworfen;— ſo hoͤrſt Du an ſolch einem Abende, wo Du Beſuch annimmſt, dreißig, vierzig Mal, daß es heute ſehr kalt iſt, daß die kleine Hoheit auf die Naſe gefallen, daß die Giordanelli heiſer iſt, oder heiſer ſeyn will, und daß mitten auf der Schloßſtraße ein Fiaker umgeworfen; Jeder erzaͤhlt das Naͤmliche, und Du mußt, namentlich bei Perſonen bedeuten⸗ den als Ner zigt nen nen ver dar ſcha anz terl ein Leu inte Wel Hei Fia jene vor, von daß aus gun beſo Naſe gewe und oder in G tiger ganz ren, etwas ht, ich mmich als zu : Ich ich zu 2 und ieder⸗ t mit lt vor alſo, d das denen iſiten Geld, rgen, r den Dein erhal⸗ z und e des Stadt⸗ Bodo 1600 G Gior⸗ Fiaker ende, „daß af die oder traße liche, uten⸗ — — 3,— 7 den Ranges, ſo will es der Anſtand, jedesmal thun, als hoͤrteſt Du etwas ganz Neues. Ich kenne nichts Nerventoͤdtenderes, als eine ſolche, dreißig- vier⸗ zigfache Marter.— Jetzt kommen Fremde aus fer⸗ nen Laͤndern, die Eurem Hauſe empfohlen. Du nennſt ſie, nicht ohne Anſtrengung, in vier, fuͤnf verſchiedenen Sprachen ihrer Heimath willkommen; darunter findet ſich manche intereſſante Bekannt⸗ ſchaft; unwillkuͤhrlich knuͤpft ſich das Geſpraͤch recht anziehend an, und ſpinnt ſich eine Weile recht un⸗ terhaltend fort, aber Du mußt es abbrechen, denn ein neu eingetretener Flachkopf faͤngt, um vor den Leuten doch auch mit der Frau vom Hauſe einige intereſſante Worte gewechſelt zu haben, wieder vom Wetter, von der Prinzlich Bodo'ſchen Naſe, von der Heiſerkeit der Giordanelli und vom umgeworfenen Fiaker an, oder ein halb ungnaͤdiger Blick der und jener Excellenz wirft Dir allen Mangel an Lebensart vor, daß Du ſie uͤber den Fremden zu vergeſſen, und von ihr keine Notiz zu nehmen ſcheinſt. Doch kaum, daß Du Dich unter Erſchoͤpfung Deiner ſchon faſt ausgehenden Unterhaltungskraft zur Beſchwichti⸗ gung der ſchmollenden Excellenz, an dieſe mit der beſorglichen Frage: ob der Fall fuͤr die prinzliche Naſe doch nicht von bleibenden Folgen ſeyn werde? gewendet, gehen ſchon wieder die Flugelthuren auf, und ein auswaͤrtiger dramatiſcher Kuͤnſtler von Ruf, oder eine gefeierte Saͤngerin des Auslandes, treten in Gefolge ihrer fruͤher ſchon überſandten mehrſei⸗ tigen Empfehlungsbriefe ein, und nehmen nun Deine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch; jener wiil gaſti⸗ ren, dieſe will ein Concert, oder noch lieber, zwei ge⸗ beu. Fuͤr jenen ſollſt Du Dich bei'm General⸗Theater⸗ 8* Intendanten verwenden, daß er gaſtiren und ſeine gewuͤnſchten Force⸗Rollen geben duͤrfe; daß er raſch expedirt werde, und ein moͤglichſt annehmliches Ho⸗ norar bekomme; dieſe wuͤnſcht in ihrem Concerte von dem und dem, und von der und der, unterſtuͤtzt zu werden. Sie iſt kaum vier und zwanzig Stun⸗ den hier im Orte, aber ſie weiß ſchon, daß Du ihr zur Erreichung ihrer Zwecke behuͤflich ſeyn kannſt; ſie iſt klug genug, zu berechnen, daß all' die Perſo⸗ nen, die Du fuͤr ihr Beſtes in Anſpruch nehmen ſollſt, die Gefaͤlligkeit, die ſie eigentlich ihr erwei⸗ ſen, als Dir geſchehen, anſehen, und von Dir fuͤr dieſe eine Gefaͤlligkeit, zwanzig andere verlangen; aber was kuͤmmert ſie ſich darum! Nach dem letzten Bogenſtrich ihres Concerts ſetzt ſie ſich in den Wa⸗ gen, und faͤhrt von dannen; Du magſt dann ſehen, wie Du mit denen, die Du um ihrer willen ange⸗ ſprochen, auf die eine oder die andere Art fertig wirſt. Sie kennt ſchon die hieſigen Recenſenten, die Tage⸗ blaͤtter und Korreſpondenten auswaͤrtiger Journale; ſie weiß ſchon, welche von ihnen Eingang in Euer Haus haben, und legt Dir naiver Weiſe die Bitte an das Herz, ſich mit ihnen bei Dir, gelegentlich zuſammen zu finden. Was iſt zu thuu? Bei'm näch⸗ ſten Diner, das Du der Saͤngerin zu Ehren gibſt, mußt Du ſchon ein Dutzend Journaliſten mit bit⸗ ten; ſie ſpricht nur von ſich und von ihrem Concert; lobt die Aufnahme, die ſie bisher uͤberall gefunden; koͤmmt immer und ewig auf den Ringelreim zuruͤck, daß man ihr da und dort geſagt, daß, wenn ſie hier⸗ her kaͤme, ſie ſich nur an Dich wenden ſolle, und dann aller Unterſtuͤtzung gewaͤrtig ſeyn koͤnne, und zum Danke fuͤr Deine hundertfaͤltigen Bemuͤhun⸗ gen emp von zig der ſind Art nes ſchlaͤ reich vier Bet pent ſind Her; Fam das Dan im 2 Dich nem freu! der b von Tagse Bew beda erſuc lante ihr t nigke Bille keine L ſeine rraſch es Ho⸗ neerte erſtuͤtzt Stun⸗ Hu ihr annſt; Perſo⸗ ehmen erwei⸗ ir fuͤr ngen; letzten Wa⸗ ſehen, ange⸗ wirſt. Tage⸗ nale; Euer Bitte ntlich naͤch⸗ gibſt⸗ t bit⸗ acert; lden; rruͤck, hier⸗ und und ihun⸗ 4— 69— gen, mußt Du, wenn ſie dem Hauſe, das ſie Euch empfohlen, nicht eine ſehr unerfreuliche Schilderung von Eurer Aufnahme machen ſolI, wenigſtens zwan⸗ zig Billets zu ihrem Concert nehmen.— Endlich iſt der ermuͤdende Abend uͤberſtanden! Herz und Seele ſind Dir wie zerſägt; gaͤnzli che Abſpannung und eine Art von Schaam uͤber den nutzloſen Ver brauch Dei⸗ nes Tages, druͤcken Dir die Augen zu; aber Du ſchlaͤgſt ſie am folgenden Morgen kaum auf, ſo uͤber⸗ reicht man Dir, wie z. B. erſt geſtern fruͤh, drei, vier Billets, in der Sprache des gemeinen Lebeus, Bettelbriefe genannt; mit dem einen ſchickt Dir eine penſtonirte Excellenz, deren Mittel ſelbſt zu beſchraͤnkt ſind, um den Aufforderungen ihres wohlthätigen Herzens folgen zu koͤnnen, eine verwandte adelige Familie, und empfiehlt ſie Deiner Beruͤckſichtigung; das zweite iſt eine vertrauliche Mittheilung einer Dame, die geſtern Abend bei Euch zwanzig Louisd'or im Boſton verloren hat, ſie nicht bezahlen kann, und Dich bittet, zur Berichtigung dieſer kleinen, in Dei⸗ nem Hauſe gemachten, Ehrenſchuld, ihr durch ein freundliches Darlehn, das die Gemuͤthliche nie wie⸗ der bezahlt, behuͤlflich zu ſeyn; im dritten wirſt Du von einer jungen Fremden, die erſt ſeit vierzehn Tagen hier iſt, und von der man ſchon eben ſo viel Beweiſe hoͤchſt jovialen Leichtſinns und taktloſer Un⸗ bedacht ſamkeit hat,„beſte Freundin,“ titulirt, und erſucht, mit ihr dieſen Morgen in verſchiedene Ga⸗ lanterie⸗ und Juwelen⸗Handlungen zu fahren, um ihr mit Deinem geregelten Geſchmacke einige Klei⸗ nigkeiten ausſuchen zu helfen; wenn man aber das Billet gegen das Licht hält, ſo lieſ't man, daß ſie keinen eigenen Wagen hat, und keine Luſt, Geld fuͤr LXII. 8 Anderer, und mit dieſem der beſte Theil Deiner einen gemietheten auszugeben, und, was die Haupt⸗ ſache, daß ſie auf Kredit kaufen will, und hofft, die⸗ ſen eher zu finden, wenn ſie mit Dir in die Kauf⸗ laͤden tritt, als wenn ſie, hier fremd, allein koͤmmt; das vierte Billet doux iſt das unleſerlichſte; eine viertel Metze Sand entfaͤllt demſelben bei'm Erbre⸗ chen; die Unterſchrift bringt der erſte Dechiffreur des Departements der auswaͤrtigen Angelegenheiten ſelbſt nicht heraus. Nach müͤhſeligem Studiren buchſtabirſt Du Dir endlich zuſammen, daß der dicke rothnaſige Geheimerath der Briefſteller iſt, der die Eigenheit hat, daß er lieber Champagner als Weiß⸗ bier, und lieber Auſtern als Kartoffeln, genießt. Er iſt Deinem Manne ſeit achtzehn Jahren dreihundert Thaler ſchuldig; er denkt nie an das Bezahlen dieſer alten Schuld, aber er ſchreibt Dir, wenn er von ei⸗ nem recht brillanten Diner hoͤrt, das in Eurem Hauſe gegeben werden ſoll, gewoͤhnlich ein Paar Zeilen, die ſich mit dem alten Spaße anfangen, daß ein guter Schuldner ſich ſelbſt mahne; dann faͤhrt er fort, daß er zu Berichtigung der reſtirenden Kleinigkeit noch immer nicht habe kommen koͤnnen, daß er aber nun naͤchſtens ernſtliche Anſtalten dazu machen werde; daß er Dich bitte, Dich bei Deinem Manne wegen guͤtiger fernerer Nachſicht zu verwenden, und daß er Euch zu der bevorſtehenden Fete, von der ihm meh⸗ rere dazu eingeladene Freunde geſagt, recht viel Vorgnügen wünſche. Du verſtehſt natuͤrlich den Maſtbaum-⸗Wink, und bitteſt ihn zu dem beſagten Diner; Du beantworteſt, denn das fordert wieder der liebe Anſtand, auch die drei andern Billets, und ſo iſt Dir der ſchoͤne Morgen wieder im Dienſte aupt⸗ die⸗ Kauf⸗ nmt; eine rbre⸗ freur eiten diren dicke r die Veiß⸗ . Er ndert dieſer in ei⸗ Hauſe , die zuter daß noch nun rde; degen aß er meh⸗ viel den igten ieder und enſte einer — 91— guten Laune verloren, und wer dankt Dir fuͤr das Alles? kein Menſch. All' die Perſonen uͤber Dei⸗ nen Rang bilden ſich ein, daß nicht Deine unerſchöpf⸗ liche Gutmuͤthigkeit, nicht Deine bodenloſe Dienſt⸗ fertigkeit, die Triebfedern Deiner Gefaͤlligkeiten ſind, ſondern daß Du fuͤhlſt, wie ſehr Du ihnen fuͤr die Herablaſſung, daß ſie Dich der Ehre ihres Umgangs wurdigen, verpflichtet biſt, und daß es ſchuldige Dankbarkeit iſt, dieſer Verpflichtung Dich durch eine Menge kleiner und groͤßerer Gefälligkeiten zu ent⸗ ledigen. Finden ſie ſich mit Dir zufaͤllig am drit⸗ ten Orte, ſo uͤberbieten ſie ſich in nichts koſtenden Artigkeiten, um Dir und den Perſonen Deiner Um⸗ gebung weis zu machen, daß auch ſie dem Zeitgeiſte zu huldigen wiſſen, daß ſie die Schlacken des alt⸗ fraͤnkiſchen Ahnenſtolzes und der Standesvorurtheile laͤngſt abgeſchut waben, und daß ſie Dich recht von Herzen, als Eine ihres Gleichen bewillkommen. Doch, Du durchſchaueſt ſie; Du machſt ein Haus, Du machſt beinah' das erſte in der Stadt. Das iſt in den Augen dieſer Klaſfe Dein ganzes Verdienſt. Es kitzelt ſie, Andern ihrer Bekanntſchaft, die in Deinem Hauſe noch nicht eingefuͤhrt ſind, zu zeigen, daß ſie mit Dir in bekanutſchaftlicher Beziehung ſte⸗ hen, und Dein koſtbares Point⸗Kleid, Dein aͤchter Tibet⸗Shawl und die Pracht Deines vier— fuͤnf⸗ tauſend Louisd'or⸗Schmucks, heben Dich zu ihnen hinauf— aber laß morgen, was Gott verhüten wolle, Freund Reichhart falliren“— die Herren Reichhart und Wirklich ſcharrten bei den Worten mit den Stuͤh⸗ len, als waͤre ein Wetterſtrahl dieſem durch Lehne, Rohr und Beine gefahren—„Niemand von allen denen haͤlt bei Euch treu aus. Keiner ſchenkt Dir im Ungluͤck ehrliche Theilnahme, Jeder zieht ſich von Dir zuruͤck; ſie ſchaͤmen ſich ihrer Schwaͤche, mit Euch umgegangen zu ſeyn, ſie vergeſſen die in Euerm Hauſe genoſſenen frohen Tage, und belaſten Euch hinter Euerm Ruͤcken mit den heilloſeſten Vorwuͤrfen uͤber Eure Prunkſucht, und uͤber Euer eitles Streben, Euch zu uͤberheben, und mit Perſonen hoͤhern Stan⸗ des zu verkehren.— Nein, liebſte Nichte, ich ver⸗ ſtehe Dich und den Vetter Reichhart nicht, wie Ihr Euch in ſolchem Weſen und Thun und Treiben ge⸗ fallen koͤnnt.— Werden Sie nicht unwillig, Vetter Reichhart, daß ich dieſe Saite beruͤhrte. Rundum ſitzen hier lauter junge Herren, die uͤber kurz oder lang ſich in der Kaufmannswelt ihren eigenen Heerd zu bauen gedenken. Die Idee, dereinſt auch einmal! ein ſolches glaͤnzendes Haus zu machen, mag man⸗ ches Lockende haben; allein beſ gmſſer, und wenn die kuͤnftigen Herren Principale hier, gewarnt von dem eiſernen Zepter unſerer ſtuͤrmiſch bewegten Zeit, in der mancher wackere Mann und mancher betruͤ⸗ geriſche Schurke wirklich oder ſcheinbar fallirt hat, ihren Hausſtand huͤbſch einfach einrichten, und ihn ſelbſt bei'm gluͤcklichſten Aufbluͤhen ihres Geſchaͤfts, in dieſer Einfachheit erhalten; ſo ſind meine gut ge⸗ meinten Worte nicht in den Wind geſprochen.“ „Ihre gute Abſicht, Herr Onkel, verkennt Nie⸗ mand⸗“ verſetzte Herr Reichhart mit einer Art von Empfindlichkeit,„nur iſt erſtlich hier, Gott ſey Dank, Ihre ſalbungsvolle Rede nicht an Ihrem Platze, denn zu der Schilderung der allerdings ſchmerzlichen Lage, unſerer Freunde ſchnoͤden Undank empfinden zu muͤſ⸗ ſen, fehlt es, der Himmel ſey dafuͤr geprieſen, in un⸗ ſern gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſen, an den erſten ich von it Euch Hauſe hinter n uͤber reben, Stan⸗ h ver⸗ ie Ihr en ge⸗ Better ndum oder Heerd inmal man⸗ wenn t von Zeit, betruͤ⸗ Grundfarben, und dann iſt auch Ihre Anſicht, als ſey bei dergleichen eintretenden traurigen Faͤllen, uͤbertriebene Pracht im Hausſtande deren Veran⸗ laſſung, nicht ganz die richtige. Ein Geſchaͤft, wie das unfrige, verlangt durchaus einen gewißen aͤußern Glanz in der Haushaltung; laſſen Sie zwanzig arme Schlucker allerlei Standes, Kuͤnſtler, junge Mili⸗ tairs, Gelehrte und dergleichen mixtum composi- lum, ſich bei einem ſolchen Diner immer ruhig ein⸗ mal ſatt eſſen; das ſind Alles nur Figuranten, Sta⸗ tiſten, Coryphaͤen. Die Hauptperſon iſt der Mann, den die Frau vom Hauſe zur Tafel fuͤhrt. Durch das mit dieſem beabſichtigte, eingeleitete oder ſchon abgeſchloſſene Geſchaͤft, wird zwanzigmal mehr ge⸗ wonnen, als dasganze liebe Mittagbrod koſtet. Ein anſtaͤndiger Aufwand unſerer Hauseinrichtung be⸗ gruͤndet den kaufmaͤnniſchen Kredit, und findet der Herr des Hauſes, daß dieſer Aufwand anfangt uͤber ſeine Kraͤfte zu gehen, ſo muß er allmaͤhlig, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, einen Pflock nach dem andern zuruͤckſtecken; faͤllt ein bis dahin als ſolide bekanntes Haus, ſo finden Sie unter Hunder⸗ ten kaum eins, das durch zu weit getriebenen Luxus in ſeinem Hausweſen dies Ungluͤck ſich zugezogen; mithin iſt die Frau, der nur Geſchaͤftsunkundige ei⸗ nen Theil der Schuld aufbuͤrden koͤnnen, von Vor⸗ wurfen dieſer Art in der Regel immer frei zu ſpre⸗ chen, und darum haben auch die Geſetzgeber aller Zei⸗ ten ihr die Rechte des Eingebrachten geſichert. Die Haupturſachen jedes kaufmaͤnniſchen Bruchs ſind da⸗ gegen gewoͤhnlich zu kecke Zuverſicht zu dem eine Zeit lang unausgeſetzt ſich guͤnſtig zeigenden Gluͤck, und zu den daraus entſpringenden kuͤhnen Spekulatio⸗ ——— nen; oder zu gutmuͤthiges Vertrauen in die kauf⸗ maͤnniſchen Einſichten, oder in die Redlichkeit unſe⸗ rer Aſſociers oder Handelsfreunde; oder Mangel an Umſicht bei Benutzung der ſich darbietenden Zeitum⸗ ſtaͤnde; oder die unſelige Schwaͤche, nicht nein ſagen zu koͤnnen, und die daraus entſtehende Sucht, ſich mit einer Menge Unternehmungen zu befaſſen, die wir ihrer Vielſeitigkeit halber nicht uͤberſehen koͤn⸗ nen, und denen unſre Kraͤfte nicht gewachſen ſind. Wollen Sie unſern jungen Herren hier eine gute Regel mit auf ihre kuͤnftige Lebensbahn geben, ſo prägen Sie ihnen ein, hierin Maaß und Ziel zu halten, und dann möogen ſie in ihrem Hauſe fetiren, ſo viel ſie koͤnnen und wollen.“ „Sollen Recht haben, Herr Vetter,“ rief der alte Kalkulatur⸗Direktor, weniger aus Ueberzeugung, als aus ihm angeſtammter Liebe zum Frieden,„aber galte meine Stimme in der Wuͤſte Eurer papiernen BVoͤrſenwelt, ſo moͤchte ich Jedem, der ſein Schäfchen in das Trockene und ſein Schiff aus dem Goldſchaume der Spekulations⸗Meere in den Hafen gebracht hat, zurufen:„Herzens⸗Freundchen, weißt Du was, komm' mit mir in's grune Gras.“ Sie ſelbſt, mein lieber Reichhart, fuͤhlen viel zu fein und viel zu rich⸗ tig, als in dem Getreibe Ihrer Kaufmanns⸗ und Ihrer großen Welt ganz gluͤcklich zu ſeyn. Wahrhaf⸗ tig, Sie haben ſich in Ihrem Leben auf Boͤrſe und Comtoir, auf Zollamt und Packhof genug herumge⸗ tummelt, und uͤber verfehlte Spekulationen und uͤber Anderer Betruͤgereien und ſonſtige ſchlechte Streiche, manche ſchlafloſe Nacht gehabt; wie groß wuͤrden Sie allen Ihren Freunden und Bekannten erſcheinen, wenn Sie Ihr ehrenwerthes Hauptbuch zumachten, auf⸗ nſe⸗ an um⸗ gen ſich die eoͤn⸗ ind. zute ſo tzu en, alte ug, ber nen hen me Jat, as, ein ich⸗ ind haf⸗ und ge⸗ ber che, Sie en, en, die Feder niederlegten, den Comtoirſtaub von Ihren Fuͤßen ſchuͤttelten, und hinaus in das gruͤne Gras gingen, um in Gottes freier ſchoͤner Luft, auf den heißen langen Tag, des Abends erquickende Kuͤhle in wohlverdienter Ruhe zu genießen. Geben Sie ſich ſelbſt und Ihrer Familie wieder, und das je eher je lieber.“ Herr Reichhart, von des ehrlichen Onkels frei⸗ muͤthiger Rede tiefer ergriffen, als er ſich ſelbſt ge⸗ ſtehen wollte, meinte mit erzwungenem Laͤcheln, daß dies leichter geſagt, als gethan ſey, und daß das Auf⸗ geben eines ſo weitlaͤuftigen und verwickelten Ge⸗ ſchaͤfts dem unternehmungsluſtigen Kaufmanne eben ſo ſchwer und faſt unmöglich ſey, als das Aufhoͤren des Virtuoſen mitten im brillanteſten Satze ſeines Concerts, und hob, ſichtbar, um dies ihm nicht recht behagende Geſpraͤch abzubrechen, zu Fritzens großer Freude die Tafel auf. 47. Fritz druͤckte ſich; ſeine Noten in der Taſche, ſchluͤpfte er aus Speiſeſaal und Schloß, und eilte an die hintere Gartenthuͤr, die, wie er durch Erkun⸗ digung bei einem Gartenarbeiter genau ermittelt hatte, auf den Weg nach Friedenau fuͤhrte. Vorhin hatte die Thuͤr ſperrangetweit aufgeſtanden; jetzt war ſie verſchloſſen! Die Mauer unuͤberſteiglich! Er mußte zuruͤck durch Schloßhof und Thor. Da ſtand Herr Reichhart, eine Taſſe Kaffée in der Hand, und fragte, wohin der Weg ſo eilig gehe, und ſetzte, als Frit, inwendig uͤber die ihm auf ſeinem Fluge nach Friedenau ewig in den Weg gelegten ſpaniſchen Reu⸗ ter, voller Gift und Galle, auswendig aber freund⸗ lich und unbefangen, entgegnete, daß er ſich die um⸗ gebungen vom ſchoͤnen Mon plaisir habe beſehen wol⸗ len, in der naͤchſten Schatten⸗Allte auf⸗ und abge⸗ hend, das Geſpraͤch fort, bezeigte ihm ſeine Zufrie⸗ denheit mit deſſen bisherigen Leiſtungen, empfahl ihm ferneren Fleiß und ſorgſame Wahrnehmung ſei⸗ nes Intereſſe, und eroͤffnete ihm dann, zu Fritzens großem Erſtaunen, daß das Reſultat ſeines mit Zins auf Zins zuruͤckgelegten Pathen⸗ Geluͤbdes, in der runden Summe, jetzt 3500 Rthlr. betrage, daß dies Geld ihm bis jetzt gutgeſchrieben ſey, daß es aber morgen ihm, als ſein Eigenthum, zur freien Diſpo⸗ ſition geſtellt, und baar ausgezahlt werden ſolle. Das war des Guten mit einem Male faſt zu viel. Fritz harte in dem Augenblick das Studiren ſeiner Teuor⸗ Partie, Friedenau, und Lieschen verg— nein, Lies⸗ chen hatte er nicht vergeſſen; im Gegentheil! Der Gedanke an das reizende Kind bekam jetzt erſt den gehoͤrigen Grund, das bis jetzt vermißte Fundament. Die halbe Welt war jetzt ſein; im kuͤhnſten Schwunge bob ſich ſeine Phantaſie pfeilſchnell himmelan, und indem er die Hand des wackern Pathen mit der kind⸗ lichſten Dankbarkeit an ſeine Lippen zog, dachte er unwillkuͤhrlich an nichts Geringeres, als an das Ver⸗ gnügen, mit ſeinem Lieschen den Herrn Reichhart auch einmal zu Gevatter zu bitten. Fritzens Erſu⸗ chen, ſein reiches Eingebinde noch laͤnger, und etwa bis zu ſeinem dereinſtigen Etabliſſement in der Hand⸗ lung zu behalten, lehnte Herr Reichhart, unter dem Vorwande, daß, einmal verſchenktes Gut, ſich in längerem Verwahrſam des Schenkgebers nicht paſſe, in den beſtimmteſten und durch eine gewiße Haſtig⸗ keit ſeines Tons, faſt auffalleaden Ausdruͤcken ab; er forderte Fritz wiederholt auf, die Summe mor⸗ gen fruͤh in jedem Falle in Empfang zu nehmen, und empfahl ihm nun ſelbſt, ſich, wenn er noch die Umgegend ein wenig durchſtreifen wolle, auf den Weg zu machen, damit ihn der Abend nicht uͤber⸗ eile, und eutließ ihn mit den ſprechendſten Zeuchen ſeines aufrichtigen Wohlwollens. 6 nwol⸗. 3 abge⸗ ch f ufrie⸗ S r 1 t e n ipfahl G ng ſei⸗ izen Zins 3 n der von ß dies aber Diſpo⸗. Das— Fritz. H. Clauren. enor⸗ Lies⸗ ch in 4 Drei und ſechzigſtes Baͤndchen. h die— Pden Stuttgare, bei A. F. Macklot. 1 8 2 3. 84 Inhalt. Lieschen(Beſchluß. Lieschenmn. 48. Frit ſchwebte mehr, als daß er ging. Die Freude lieh ihm ihre Fluͤgel. Er lachte der ſinkenden Abend⸗ ſonne in das Geſicht, und haͤtte den ganzen Himmel an ſein Herz druͤcken moͤgen. Seine Rolle— wo konnte er jetzt die ſtudiren. Er hatte ſo viel zu den⸗ ken und zu dichten, und ſich uͤber ſeine Zukunft und ſeine Plaͤne ſo viel zu fragen, und Lieschen—„Lies⸗ chen!“ wiederholte er lautlos, und ſtand auf dem Bruͤckchen, das uͤber den Wieſenhach fuͤhrte, ſtill, und ſah vor lauter Gedanken faſt gedankenlos in die rei⸗ nen Kryſtall⸗Fluthen, die unter ſeinen Fuͤßen uͤber glatte Kieſel und weiches Moos hinabglitten, mit einer Eile, als haͤtten ſie wunder was zu verſaͤumen. Er wollte ſich vorſpiegeln, daß ihn das Pathengeſchenk dem Maͤdchen um Vieles naͤher gebracht. Wie viel hundert arme Jungen hatten mit gar nichts auge⸗ fangen, und waren ſteinreiche Leute geworden. Er brachte gleich ein Kapital mit in das Haus, das durch kaufmaͤnniſche Gewandtheit ſeine zwanzig Prozent tragen mußte; hatte er 4000 Rthlr. baares Kapital, ſo hatte er fuͤr 12000 Rthlr. Kredit, beides nur zu zehen Prozent benutzt, konnte er auf eine Einnahme von 1600 Rthlr. rechnen, mit der er gut und gern ſich getraute ſeinen eigenen Heerd zu bauen. Jetzt war ihm des wackern Onkels Waldmann weitlchwelſige 1 — 4— 1 Rede, die ihn heute bei Tiſche nicht wenig gelang⸗ weilt hatte, erſt verſtändlich und wertb. Ja, ja! die hoͤchſte Einfachheit ſolltte ſeine erſte Hausgoͤttin ſeyn, fern vom ermuͤdenden Einerlei der ſogenann⸗ ten großen Welt wollte er nur ſich leben, und ſei⸗ nem Geſchaͤfte und ſeinem Lieschen— er lachte halb laut zu den Wellen hinab, die in traulich murmeln⸗ dem Geplander zu ihr, der Gefeierten ſeiner Seele, nach dem tiefer im Thale gelegenen Friedenau eil⸗ ten, und nickte ihnen freundlich zu, daß ſie ihr ſeine ſtillen Gruͤße braͤchten.— Wie war ihm die Idee in den Sinn gekommen, ſie im Heiligthum ſeines kleinen Hauſes auf den Thron der Herrin zu erhe⸗ ben? wie ihr Name auf ſeine Lippen?„Das Maͤd⸗ chen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, um durch vernuͤnftige Vorſtellungen ſein Herz vor dem Irrwege, auf den es ſich verloren, zuruͤck zu rufen,„das Mäadchen, auf deſſen Tiſche nutzloſe Spielereien ſtanden, die mehr werth waren, als deine ganze Jahres⸗E innahme, das Maͤdchen, deſſen Garderobe und Schmuckkaͤſtchen mehr betrug, als du in zehen Jahren verdienen kannſt; das Maͤdchen, das in dem eleganteſten Hauſe der Stadt an all' die feinen Lebensgenuͤſſe der Reichen und Hohen, und außer dieſem, an ein vornehmes Nichtsthun, an Geringſchaͤtzung jeder häuslichen Muͤhwaltung, und an ein unerſchoͤpfliches Jagen nach Vergnuͤgen und Zerſtreuungen gewoͤhnt iſt, kann ſich in Deinem kleinen, allen äußern Schmuck enthehrenden, auf den Umgang mit Wenigen be⸗ ſchränkten, nur durch Arbeit und ſelbſt Hand mit anlegen zu erhaltendem, und allem koſtſpieligen Zeit⸗ vertreibe feſt verſchloſſenen Hauſe unmoͤglich gefal⸗ len. Was willſt Du draußen bei ihm? Laͤſſeſt du lang⸗ 3 ja! oͤttin nann⸗ d ſei⸗ halb neln⸗ Seele, n eil⸗ ſeine Idee eines erhe⸗ Mäd⸗ ftige †den „auf mehr „das mehr anſt; e der ichen hmes ichen kagen if, muck 1 be⸗ mit Zeit⸗ gefal⸗ ſt. du — 5— von Deinem heutigen Gluͤck, was deiner Genuͤgſam⸗ keit ein Unermeßliches iſt, ermuthigt, nur eine Sylbe von Deinem kuͤhnen Wunſche fallen, ſo lacht es Dir, mit ſeinem froͤhlichen Muthwillen, in das Geſicht, und muß Dich für einen eingemachten Narren hal⸗ ten. Am beſten alſo, Du meideſt das verfuͤhreriſche Kind, gehſt mit Deinem Pathenreichthum in eine kleine Mittelſtadt, etablirſt Dich da in irgend einem auskoͤmmlichen Geſchaͤft, wozu ja hunderterlei Ge⸗ legenheit iſt, und warteſt ab, was fuͤr eine theure Ehehaͤlfte Dir der liebe Herr Gott, oder ſein Ama⸗ nuenſis, der Zufall, oder eine ehrenwerthe Frau Nachbarin, oder alle Drei mit einander im Bunde, einmal zufuͤhren. Es ſind in kleinen Staͤdten und auf dem platten Lande wohl auch recht huͤbſche, recht liebenswuͤrdige und recht geſcheidte Maͤdchen, die dem Manne die geſunde Bluͤthe ihrer Lebensfriſche, die zuverlaßige Treue ihres reinen Herzens, eine Portion ſchlichten hochehrenwerthen Hausverſtand, Sinn fuͤr Häuslichkeit, fromme Seelenheiterkeit, Wirthsſchaftskunde, und zuweilen wohl auch— was aber bei mir wahrhaftig Nebenſache iſt— ein Paar Dreier mit in das Haus bringen; es braucht juſt keine Riccoboni zu ſeyn. Die wuͤrde ſich auch— ſetzte er geſchwind hinzu, denn es war ihm, als jag⸗ ten die plauderhaften kleinen Wellen des Waldbachs jetzt ſchneller, denn vorhin, nach Friedenau hinab, um Lieschen Alles, was er ihnen eben anvertraut, von Wort zu Wort wieder vorzuſchwatzen.„Die wuͤrde ſich auch fuͤr Dich armen Schlucker ſammt Dei⸗ nem Kapitaͤlchen ſchoͤn bedanken. Die hat wohl An⸗ dere im Kopfe; reichere, viel reichere. Man macht den Maͤnnern immer zum Vorwurfe, daß ſie bei der — 6— Brautwahl vor Allem nach der Mitgift fragen; aber die Maͤdchen ſind um kein Haar beſſer, oder, wenn auch dieſe vielleicht ſelbſt nicht, ſetzte er, ihnen den harten Vorwurf abbittend hinzu, doch die Muͤtter und Tanten. Alte, widrige, verlebte, luͤderliche, bodenlos verdorbene Manner, alle finden beiem Maͤd⸗ chen und oft bei'm allerreizendſten des ganzen Um⸗ kreifes, mit ihren Heirathsantraͤgen williges Gehör, blos, weil ſie Geld haben; und je mehr der Mann Geld hat, je hoͤher kann er ſeine Forderungen ſpan⸗ nen; ich habe die kluͤgſten Mädchen, von dem Teu⸗ felsglanze dieſes elenden Metalls geblendet, ihre Hand Maͤnnern geben ſehen, mit deren Brette vor dem Kopfe man haͤtte Feſtungsthore einrennen koͤn⸗ nen; die Lieblichſten gaben ſie den Widerwaͤrtigſten, die Schoͤnſten den Haͤßlichſten, die Beſten den Schlech⸗ teſten, und wenn man, die Haͤnde vor Mitleid mit ſolchem Unweſen uͤber den Kopf zuſammmengeſchla⸗ gen, ſich hinſtellt, und fragt, wie es moͤglich gewe⸗ ſen, ein ſolches Engelsweſen ſo erbarmungslos zu opfern, ſo iſt die ganze Antwort,„der Mann hat doch ſein Brod! Darum ſollte man eigentlich,“ ſetzte er, mit ſich ſelbſt ſcherzend hinzu,„der Geliebten den Herzenstauſch anbieten, noch ehe man ſein Brod hätte; da wuͤßte man doch, daß ſie die Verbindung mit uns nicht als eine Verſorgungs⸗Anſtalt anſehe, ſondern als das Werk der reinen unverfälſchten Lie—“ Die Friedenauer Thurmglocke ſchlug in dem Au⸗ genblicke eilf. Das war ja nicht moͤglich; er hatte ſich beſtimmt verhort!— doch ſeine eigene Uhr beſtaͤtigte ſeinen Verſaͤumniß⸗Schreck. Jetzt erſt entfann er ſich, daß er in tiefe Gedanken verloren, ſich einigemal an den aber wenn n den uͤtter liche, Maͤd⸗ Um⸗ ehoͤr, kann ſpan⸗ Teu⸗ ihre vor koͤn⸗ ſten, lech⸗ mit chla⸗ ewe⸗ 3 zu hat etzte den Srod ung ehe, — /„ Au⸗ umt nen daß den — 7— Muͤhlbach geſetzt, und mit wachendem Auge den gan⸗ zen Abend vertraͤumt hatte. Eilenden Schrittes ging es nach Friedenau. Der Vollmond war ſeine Leuchte, die Liebe ſein Fuͤhrer. Im ganzen Palais Alles finſter, nur Lieschens Fenſter erleuchtet. Mit verhaltenem Athem ſchlich er ſich auf den Zehen die Treppe hinauf, die Thuͤr war unverſchloſ⸗ ſen. Er trat leiſe ein. Lieschen war nicht da. Die Seitenthuͤr des paradieſiſchen Schlafkabinets war et⸗ was geoͤffnet. Er ſteckte den Kopf hinein, und Lies⸗ chen ſchrie laut auf. Das reizende Maͤdchen— zehn⸗ mal war es im Garten geweſen, um zu ſehen, wo der Nothtenoriſt bleibe; zehnmal war es, nach ver⸗ geblichem Hoffen wieder hinaufgegangen, und hatte jedesmal die Thuͤr hinter ſich ſorglich verſchloſſen; und nur das letzte Mal war im heimlichen Aerger uͤber das wortbruͤchige Ausbleiben jene Vorſicht ver⸗ geſſen worden. Eben war die roſige Jungfau im Begriff, ihr reizendes Abend⸗Negligee abzulegen, und in des Schlafgottes ſchweigſamen Armen, die zarten Glieder auf dem friſchen Schnee des einladen⸗ den Lagers, der ſuͤßen Ruhe genießen zu laſſen. Sie wollte ſchmollen obhalber des ſpaͤten Kommens und des unangemeldeten Eintritts und des verurſachten Schrecks; aber ſie war froh, daß Fritz, von dem ſie die ganze geſtrige Nacht gar wunderſam getraͤumt, mit dem ſie den ganzen Tag in Gedanken geſprochen, und nach dem ſie ſich dieſen Abend unausſprechlich geſehnt hatte, endlich doch noch gekommen, und nun da war. Sie wollte ſich aufbinden, daß das Alles lediglich und einzig und allein wegen der Duetts ſey, ohne welche das morgende Feſt gar nicht haͤtte — 6— gefeiert werden koͤnnen; aber ein ehrliches Maͤdchen⸗ herz läßt ſich nicht irre machen; ſie geſtand ſich im Geheimſten der Seele, daß es nicht der morgende Singſang allein, ſondern noch etwas Anderes, was ſie nicht nennen konnte, war, um deſſen willen es ihr Freude machte, daß Fritz nicht ausgeblieben war. Sie bat, ihrer in der Stube zu warten, warf, die entfeſſelten Liebreize des ſchoͤnen Koͤrpers zu verhul⸗ len, ſchnell einen weichen ſchwarz ſeidenen Mantel um, kam aus dem Kabinet, und hieß ihn mit trau⸗ licher Herzlichkeit willkommen. Es waren kaum vier und zwanzig Stunden, daß ſie ſich nicht geſehen; aber Beide hatten ſich— ein Hauptreiz der ſchuld⸗ loſen wahren Liebe iſt die gegenſeitige herzinnigliche Theilnahme an jedem mehr oder minder wichtigem Ereigniſſe— Beide hatten ſich ſo viel zu fragen und zu erzaͤhlen, daß ein Stuͤͤndchen nach dem andern verſtrich, ehe an das Singen gedacht wurde. Von Wort zu Wort beichtete Fritz in froͤhlicher Geſchwaͤz⸗ zigkeit, was er den ganzen langen Tag heute Alles gethan und erlebt hatte, und als er ſich damit etwas wußte, daß er dieſen Morgen in ihren Angele⸗ genheiten an den Herrn Onkel nach Modena habe ſchreiben muͤſſen, und erzaͤhlte, wie gewaltig er ſich bei der Gelegenheit verfahren, und wie entſetzlich er erſchrocken, als Herr Reichhart gefragt, woher er Signora Riccoboni ſo genau kenne, wollte Lieschen ſich vor Lachen immer ausſchutten; nachher aber, als die Rede auf Alles das kam, was der ehrliche alte Waldmann vom uͤberpraͤchtigen Leben im Hauſe und von deſſen genußleeren Umgange mit der gemuͤthlo⸗ ſen ſogenannten großen Welt geſagt, ward das ſchoͤne Lierchen ernſter, und rief, wahrend Fritzens Arde⸗ chen⸗ h im ende was n es war. die hül⸗ intel rau⸗ vier hen; uld⸗ liche gem und dern Von baͤz⸗ lles vas ele⸗ abe ſich Her er heu der, alte ind Flo⸗ ne de, — 9— mehr als einmal aus,„Onkel Waldmann hat Recht, er hat ſehr Recht gehabt;“ und wie Fritz endlich von den ihm heute gewordenen Beweiſen der Guͤte des Herrn Reichhart erzählte, und von den Pläͤnen ſeiner Zukunft, über die er bei'm Hergange gebrü⸗ tet, und von dem einfachen Stillleben, das er ſich zu bereiten gedaͤchte, und mit gediegenem Ernſte aus⸗ einanderſetzte, daß nur in der einfachſten Lebensweiſe das reinſte Gluck, der ungetruͤbteſte Lebensgenuß denkbar ſey, daß ein ſo immerwaͤhrendes Treiben nach prunkvollen Zerſtreuungen jeden im Kopf und Herzen nicht ganz leeren Menſchen auf die Dauer anwidern muͤſſe, und daß er daher wohl den Wunſch habe, durch Fleiß und Rechtlichkeit ſich dereinſt ein⸗ mal einen gewißen Wohlſtand zu erwerben, daß aber auf große Reichthuͤmer und auf ſo glaͤnzende Verhaͤlt⸗ niſſe, als die des Reichhart'ſchen Hauſes ſeyen, ſeine Anſtrengungen nie wuͤrden gerichtet ſeyn, nickte ihm Lieschen, das ſeine vernuͤnftige Rede gern zu hoͤren ſchien, mehrere Male beifallig zu, ward aber bis unter die Locken roth, als Fritz von dieſem Zeichen der Zu⸗ ſtimmung in ſeine Anſicht, ermuthigt, in die Traͤume ſeiner Zukunft, auf ſehr zarte Weiſe, die Behaup⸗ „r tung verflocht, daß zur Volleudung ſeines idylliſchen Gluͤcks, der liebe Herr Gott ihm ein Weſen geben muͤſſe, das uͤber dieſen Punkt fuͤhle, wie er, und ihm des Lebens Mühen durch treue Liebe verſuͤße.„Sehen Sie, mein himmliſches Lieschen,“ fuhr er, ohne die peinliche Verlegenheit des Maͤdchens zu bemerken, fort,„fuͤr ſolch ein buͤrgerlich einfaches Leben paſſen Sie ſchon nicht; dafuͤr ſind Sie hier im Hauſe viel zu verwoͤhnt. Wuüßte ich ein zweites Ich von Ihnen zu finden, es muͤßte aber von Innen und Außen akku⸗ ohne recht ausdruͤckliche Ordre der Herrin erlaubte, rat ſo ſeyn, wie Sie, nur nicht bekannt mit dem Luxus unſerer Zeit, ſondern recht ſchlicht und ein⸗ fach erzogen— und lebte es tauſend Meilen von hier— ich eilte hin, und holte es heim.“ Lieschen wollte zu ſeinem Einfall laͤcheln, aber mit ihrer Gewalt uͤber ſich war es zu Ende; ſte ſaß ſtill auf dem Sopha neben ihm, ſah nieder zur Erde, und ſchwieg. „Wiſſen Sie keins?“ fragte Fritz nach einer klei⸗ nen Pauſe, im Tone gutmuͤthigen Scherzes, und beugte ſich heruͤber zu ihr, und wollte ihr in den veilchenblauen Grund ihrer flammenden Liebesſterne ſehen; die aber ſchwammen in hellem Kryſtallwaſſer. Erſchrocken fragte Fritz, was ihr fehle. Wußte es denn Lieschen ſelbſt! Sie hatte ja von der ſuͤßen Pein der erſten Liebesaufwallung, die ihr aus dem warmen Herzen die Perltropfen in die Augen getrieben, ſelbſt nur einen dunkeln Begriff. Sie wendete ſich ſeitwaͤrts, und ſchuͤttelte ſchweigend mit dem Koͤpfchen. Sie haͤtte gern alle ihre Prachtſachen und ihre ganze Habſeligkeiten darum gegeben, wenn Fritz ſte nicht weinen geſehen; aber, und wenn ihr alle Schaͤtze der Erde geboten worden waͤren, ſie haͤtte nicht ganz klar und deutlich auseinanderſez⸗ zen koͤnnen, warum ſie eigentlich geweint. „Sie ſind doch nicht boͤſe auf mich?“ fragte Fritz mit zarter Beſorgniß, und ruͤckte naͤher; Lieschen aber reichte ihm zum Zeichen, daß ſie das nicht ſey, abgewendeten Geſichts die kleine alabaſterweiße Flau⸗ men⸗Hand, und Fritz zog ſie an ſeine Lippen, und kuͤßte in die vier niedlichen Gruͤbchen, und der ſanfte Druck, den ſich das voreilige Patſchchen, vielleicht dem ein⸗ von aber e ſaß Erde, klei⸗ und den erne ſſer. von ihr igen Sie mit chen henn ihr ſie eſez⸗ Fritz hen ſey, lau⸗ und ufte icht ble, durchzuckte den gluͤcklichen Fritz bis auf die feinſten Nerven⸗Faſern, und ſagte ihm lautlos, aber doch mit aktenmaͤßiger Zuverſicht, daß Lieschen nicht boͤſe ſey. Wie es ihm bei der ziemlichen Portion Eitekeit, die ihm, gleich allen Maͤnnern, von Mutter Natur zu Theil geworden war, beduünken wollte, ſo hatte ihm der ſtille Liebesbote, der ſanfte Haͤndedruck, noch viel mehr geſagt. Kein Dechiffreur iſt ſcharfſinniger, als die Liebe, ſie lieſ't die allerſchwierigſte Geheimſchrift, gleich auf den erſten Blick, raſch weg,⸗ als waͤre Alles in Kupfer geſtochen, unbekuͤmmert, ob es woͤrtlich auch wirklich ſo laute, als ſie es ſich zuſammenbuch⸗ ſtabirt; ſo las z. B. Fritz in dieſem, dem armen Lieschen entſchluͤpften Haͤndedruck nicht weniger, als ungefahr Folgendes:„Unter uns, Freund, ich muß mich wundern, daß Du Dich nach meinem zweiten Ich erſt umſehen willſt; haſt Du doch noch nicht ge⸗ fragt, was mein eigenes erſtes, wirkliches Ich zu den Anforderungen ſagt, die Du an Deine kuͤnftige Le⸗ bensgefaͤhrtin machſt; faſt fange ich an, von Deinem Gehoͤr oder Deinem Gedaͤchtniß nicht viel zu halten, denn du mußt entweder nicht gehoͤrt, oder ſchon ver⸗ geſſen haben, wie beſtimmt ich geſtern meinen Wi⸗ derwillen gegen das, von verſchwenderiſchem Auf⸗ wand und raſtloſer Zerſtreuungsſucht durchwachſene Leben hier im Hauſe ausgeſprochen; mithin kann bei mir nicht von Verwoͤhnung, ſondern von Ueber⸗ ſättigung, die Rede ſeyn, aus der eine vernuͤnftige Sehnſucht nach der Ruͤckkehr zur geliebten Einfachheit von ſelbſt folgt. Uebrigens kann ich Dir den Vor⸗ wurf uͤbergroßer Artigkeit nicht machen, wenn Du erſt in Onkel Waldmanns verſtaͤndiges Horn bläͤßeſt, und den Leuten, die auf dem Reichhart'ſchen Fuße in den nutzloſen Tag hinein leben, alles Gemuͤth und allen Geſchmack an den reinern und edleren Freu⸗ den des Menſchen abſprichſt, und dann mir eine gleiche Verderbtheit zutrauſt, und mich nicht faͤhig haͤltſt, die hoͤheren, edleren Zwecke unſers Daſeyns zu erkennen. Thue mir nicht wehe, und bezeige mir die Achtung, die Du mir ſchuldig biſt.“ Fritz war noch lange nicht mit dem Ueberſetzen Alles deſſen fer⸗ tig, was der verraͤtheriſche Haͤndedruck in der gehei⸗ men Urſprache des Herzens geſagt hatte, aber ſchon das Wenige, was er ſo eben ſich in ſein verſtaͤndli⸗ ches Deutſch uͤbertragen hatte, reichte hin, um ſei⸗ ner Eitelkeit Brief und Siegel daruͤber zu geben, daß ihm Lieschen nicht abhold ſey, und darum ge⸗ wann er, was ſeiner natuͤrlichen Schuͤchternheit ſpaͤ⸗ ter ſelbſt als ein unbegreifliches Wunder vorkam, den Muth, Lieschen, ob er ihr gleich ſchon recht nahe ſaß, doch noch ein wenig naͤher zu rücken, ihre Hand, auf der ſeine friſchen granatbluͤthenen Lippen bis dahin in einem Kuſſe ſchwelgend ſich angeſogen hatten, an ſein ſtürmiſch bewegtes Herz zu legen, und mit mildem Laͤcheln die kuüͤhne Frage zu wagen, ob ſie, da ihr kein zweites Lieschen bekannt ſey, nicht ſein erſtes und letztes ſeyn und bleiben wol— Blitz und Schlag in Eins.. Das Wort— es war nicht einmal ganz ausge⸗ ſprochen, aber es hatte eingeſchlagen und gezuündet! Fritz fuͤhlte des Wetterſtrahls raſchen Zuck in Lies⸗ chens Fingerſpitzen wieder. Ein leiſer Seufzer war des kleinen Schreckens Feuer⸗Ruf; aber daß doch eine Seele gehoͤrt haͤtte, und zum Loͤſchen herbeigeeilt waͤre! Wer den gottloſen Kupido dem Herzen zum Volizei⸗Praͤſidenten beſtellt hat, daß er bei Feuers⸗ ſeuk arm Frit daß faßt Zwe imn nen und Freu⸗ eine faͤhig eyns mir var fer⸗ ehei⸗ ſſchon ndli⸗ ſei⸗ ben, 1 ge⸗ ſpaͤ⸗ den ſaß⸗ auf thin ten, mit ſie, ſein zge⸗ det! les⸗ var ine eilt um rs⸗ — 13— gefahr ſehe auf Ordnung und Recht, der hat es dei den Goͤttern zu verantworten;— der Schelm iſt ge⸗ meiniglich, wenn Gewitter der Art heraufkommen zu wollen drohen, weder zu ſehen noch zu hoͤren; er laßt, wenn das Wetter einſchlägt und zuͤndet, bren⸗ nen, wo und ſo viel es will; ſey doch, meint er, das getroffene Herz in der Brandverſicherungs⸗Anſtalt ſeines Freundes Hymen veraſſekurirt. Fritz, uͤber ſein Wagniß ſelbſt erſchrocken, lauſchte auf Antwort. Es erfolgte keine. Lieschen ſaß ſchweigend; das Koͤpfchen tiefer ge⸗ ſenkt; ihre Hand— das war ein gutes Zeichen, dem armen, von peinlicher Verlegenheit gemarterten, Fritz eine wahre Ankerboje, das beruhigende Signal, daß ſeines Schnellſeglers Anker noch feſten Grund faßten— ihre Hand ruhte noch in der ſeinigen. Zwei— bei ſo ſchwerem Gewitter faͤllt der Regen immer in großen Tropfen— zwei große helle Thraͤ⸗ nen fielen ihr auf den Schooß. Sie fielen mit in Fritzens Herz. „Mein Lieschen,“ ſagte er, von ihnen weich ge⸗ macht, mit ſanftem Ernſte,„ein ehrlicher Mann hat an Sie die wichtigſte Frage ſeines Lebens gethan. Haben Sie keine Antwort fuͤr ihn? Wohl mögen Sie mir vielleicht den Vorwurf allzugroßer Raſch⸗ heit machen; aber was ſoll bier bedenkliches Zau⸗ dern fruchten? wie ich heute fühle und denke, werde ich morgen und immer und ewig fuͤhlen und den⸗ ken; wie ich heute bin, werde ich morgen und uͤber⸗ morgen, und immer und ewig ſeyn. Ich werde, das din ich ſeſt uͤberzeugt, die Sicherheit unſerer beider⸗ ſeitigen buͤrgerlichen Eriſtenz, durch Fleiß und Recht⸗ lichkeit begruͤnden; Ihre beſcheidenen Anſpruͤche, ſelbſt an des Lebens Annehmlichkeiten, ſollen nicht unbefriedigt bleiben. Warum ſoll ich alſo mit der Gewinnung des Hoͤchſten, was mir je dies Leben hienieden bieten kann, zoͤgern? Darum iſt der raſche Schritt nicht Uebereilung; er iſt im Gegentheil be⸗ ſonnenes Streben, das Ziel je eher je lieber zu er⸗ reichen, das ſeit dem erſten Augenblicke, als ich Sie ſah, unverruͤckt vor meinen Augen ſteht.“ „Sie kennen mich ja noch gar nicht,“ liſpelte Lieschen kaum hoͤrbar,„ich bin Ihnen ja noch faſt ganz fremd.“ „Ich Sie nicht kennen?“ entgegnete Fritz namen⸗ los gluͤcklich; denn Sie hatte geantwortet, ſie hatte nicht Nein geſagt; er ſetzte alle Segel bei, das Schiff⸗ chen ſeiner kuͤhnen Hoffnung flog luſtig vor dem Winde.„Wer ſo himmelklar iſt, wie Sie, mein ſͤßes Engelweſen,“ fuhr er ermuthigter fort,„der iſt in der erſten halben Stunde bis auf den Grund zu durchſchauen. Das ernſte Wort, das ich heute ſprach, haͤtte ich gern ſchon geſtern geſprochen. Der liebe Herr Gott hat Ihnen ein Paar Zauberſpiegel verliehen, die den Werth Ihrer Tugenden, den Reich⸗ thum Ihres Geiſtes und die Heiligkeit Ihres Ge⸗ muͤths, bei'm erſten Einblick entſchleiern. Nein, mein herziges Lieschen,“ ſetzte er, in den Ton heite⸗ ren Scherzes abſichtlich uͤbergehend, hinzu,„die Ge⸗ faͤhrdung, Sie verkannt, mich in Ihnen geirrt zu haben, Uberlaſſen Sie mir mit all' ihren Folgen. Aber uͤber einen Punkt und zwar uͤber einen ſehr wichtigen, geben die Verraͤther Ihres Innern, Ihrs frommen Schelmenaugen, keinen Aufſchluß: ob Sis das, um was ich bitte, vergeben duͤrfen?“ Her Ve ihr lan daß faſt Fall „ni Sie Ric⸗ hole dan ruͤche, nicht it der Leben raſche eil be⸗ zu er⸗ ch Sie ſpelte ch faſt rmen⸗ hatte Schiff⸗ dem mein „der Brund heute Der piegel Reich⸗ 8 Ge⸗ Nein, heite⸗ ie Ge⸗ rrt zu olgen. n ſehr Ihrs 5b Sis — 15— „Herr Reichhart hat Vater⸗Rechte auf mein Herz,“ fliſterte Lieschen, und ſpielte in der holdeſten Verwirrung, ohne aufzuſehen, mit den Zugſchnuͤren ihres Mantels. „Vaterrechte auf Ihr Herz,“ wiederholte Friß langſam, und legte auf jedes der Worte ein Gewicht, daß ſie ihm ſelbſt ſo ſchwer wurden, daß die Laſt ihn faſt erdruͤckte.„Wenn dieſer aber, ich ſetze nun den Fall,“ fuhr Fritz mit ſeinen ſcharfen Fragen fort, „nicht waͤre, und Mama Reichhart auch nicht, und Sie ſtaͤnden hier ganz allein, und waͤren vom Onkel Riccoboni zu fern, um deſſen Zuſtimmung einzu⸗ holen; wie dann, Lieschen? engliſches Lieschen, wie dann?“ „Der Fall iſt ja, Gott ſey Dank! nicht da; alſo weiß ich auch nicht, wie ich dann thun wuͤrde,“ er⸗ wiederte das liebreizende Kind, und buͤckte ſich noch tiefer, denn des peinlichen Inquirenten peinigendes Folter⸗Fragen trieb ihr alles Herzblut in das Geſicht, „Sie verſtehen mich nicht, oder Sie wollen mich nicht verſtehen,“ entgegnete Fritz mit dem freund⸗ lichſten Tone, den er in ſeiner melodiſchen Stimme nur finden konnte;„ich meine, wenn Sje ganz Ihre eigene Herrin waͤren, ſo daß Sie Niemand zu fra⸗ gen, Niemand uͤber Ihr Thun und Laſſen Rechen⸗ ſchaft zu geben brauchten, ob Sie mir dann meine Bitte gewaͤhren wuͤrden, oder— ob Sie ſie mir viel⸗ leicht abſchlagen muͤßten, weil ich zu ſpaͤt kaͤme, weil—“ er liſpelte, was ergoch ſagen wollte, leiſer, denn ſchon der bloße Gedanke an die Moͤglichkeit lahmte ihm die Zunge—„weil Ihr Herz ſchon einem Dritten vergeben— 2 Lieschen ſchuͤttelts das Koͤpfchen, und ſchwieg. — 16— „Nun alſo,“ drang Fritz, ſeiner Sache ſchon um Vieles gewißer, ſchmeichelnd in ſie,„was wuͤrden Sie alſo—?2 „Ich wuͤrde Sie,“ unterbrach ihn Lieschen, in füße Verwirrung verloren,„recht herzlich bitten, jetzt nicht wieder davon zu ſprechen.“ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf, druͤckte ihm, unter einem lan⸗ gen ſeelenvollen Blicke ihres ehrlichen dunkelblauen Auges, recht freundlich die Hand, fluͤchtete an das Fenſter, und klagte lautlos ihre namenloſe Angſt dem ſtillen Freunde der Liebenden, der vom ſchwar⸗ zen Nachthimmel herab ihr mild zulaͤchelte, und, an dergleichen ſuͤße Maͤdchen⸗Verlegenheiten ſchon laͤngſt gewohnt, ſich in ihren Thränchen recht zergnüglich ſpiegelte. Nicht wieder davon ſprechen ſollte Fritz? Zwanzigmal in einer Sekunde zerdachte er ſich den Gedanken. Er wollte ſeinem Ohr nicht trauen; aber ſie hatte es geſagt, ſie hatte es geſagt, ſie hatte es ganz deutlich und vernehmlich geſagt! Hier auf dieſer Stelle. Zwanzig Bände hatte er uͤber die Paar Worte ſchreiben mögen; ſo inhaltſchwer und gewich⸗ tig hatten ſie ihm geklungen.— Der Blick zwar, und der Haͤndedruck— Fritz war in dieſem entſchei⸗ denden Momente zu nichts weniger aufgelegt, als ſeiner Eitelkeit zu fröhnen, aber was wahr iſt, muß ewig wahr bleiben— der Blick und der Haͤndedruck datten ihren Worten geradezu widerſprochen. Ihr Mund— er konnte es ſich nicht läugnen, ſo ſehr ſich auch ſein Gefuͤhl dagegen ſtraͤubte— ihr Mund hatte unumwunden geſagt:„Geh'!“ Ihr Auge und ihre Hand aber— ach hätten doch Tauſende die⸗ ſen Blick geſehen, haͤtten doch Tauſende dieſen Druck in um uͤrden en, in oitten, dieſen m lan⸗ blauen n das Angſt ſchwar⸗ nd, an laͤngſt zuͤglich er ſich rauen; e hatte er auf e Paar gewich⸗ zwar, utſchei⸗ gt, als t, muß dedruck EIhr ſo ſehr Mund Auge dde die⸗ Druck —-— — 17— gefuͤhlt, ſie Alle haͤtten es einſtimmig bezeugen muͤſ⸗ ſen, daß dieſe Hand und dieſes Auge nichts anders geſagt, als:„Bleibe!“ Er verwuͤnſchte ſeine gren⸗ zenloſe Unkunde des weiblichen Herzens, und haͤtte einen Freund, der ihm des Maͤdchens wahren Sinn auf der Stelle entraͤthſelt, in dieſem quaͤlenden Augen⸗ blicke mit Gold aufgewogen. Ein— zweimal ſetzte er an, um aufzuſtehen. Aber der geheime Schreck uͤber Lieschens ſchweres Gewit⸗ terwort hatte ihm das Mark in den Roͤhren krampf⸗ haft durchzuckt. Er konnte nicht. Das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckt, ſaß er eine lange Weile im Winkel des Sophas. Im ganzen Zimmer war doch eine Stille, daß man eine Muͤcke haͤtte athmen hoͤ⸗ ren koͤnnen; nur die Stutz⸗ und Pendul⸗Uhren wa⸗ ren mit ihrem leiſen Tick Tack vernehmlich. Sie ſchlugen jetzt zwoͤlf. Vor ihm, dicht vor ihm, an der geſtern von ihm bewunderten Bronze⸗Uhr auf dem Arbeitstiſchchen— da ſah er ja die ganze Lei⸗ densgeſchichte ſeiner ungluͤcklichen Liebe recht augen⸗ faͤllig dargeſtellt. Bei'm zwoͤlften Schlage ergriff Kupido aus dem Koͤcher an der Thraͤnenweide ſei⸗ nen Pfeil, und ließ ihn in das offene Grab fallen. Er hatte Fritzens Herz im Fallen blutig zerriſſen. Mit einem halb unterdruͤckten Schmerzenslaute ſprang Fritz vom Sopha auf, ergriff ſeinen Hut, nabte ſich Lieschen, das immer noch mit ernſtem Blick am ruhig vorüberwandelnden Vollmonde hing, und ſagte mit gebrochener, ſchwankender Stimme: „Gute Nacht, mein liebes, mein angebetes Lieschen. Gute Nacht auf immer und ewig.“ Da wendete ſich das Maͤdchen zu ihm, und maß ihn, vor heimlicher Befremdung kopfſchurtelnd, vom LXIII. 8 — 18— Fuße bis zum Kopfe, und als ihr ſchwimmendes Auge dem ſeinigen begegnete, fragte ſie, in lang⸗ ſam gezogenen Toͤnen, mit dem weichſten Laute ihrer Stimme:„auf immer und ewig?“ „Sie haben,“ begann Fritz, mit geſenktem Auge, und fingerte an der kleinen Schnalle ſeines Hutes, und waͤre viel tauſendmal lieber dem Maͤdchen Wun⸗ derhold zu Fuͤßen gefallen, und hätte deſſen Kniee umſchlungen, denn es ſah, durch die thraͤnenden Perlen milde laͤchelnd, aus, wie ein Gottgeſandter Engel der Verklaͤrung ſelber—„Sie haben den Wunſch geaͤußert, daß ich von dem, was mir das Theuerſte meines Lebens iſt, was mich, ſeit ich Sie fah, Tag und Nacht beſchaͤftiget hat, und was mich erſt uͤber den Zweck meines Daſeyns in das Klare gebracht, nicht wieder ſprechen ſoll— folglich—“ „Das habe ich nicht geſagt,“ entgegnete Lieschen, halb wieder von ihm abgewendet, die Verdrehung ihrer Worte ihm freundlich verweiſend;„ich habe nur gebeten, jetzt dieſen Punkt nicht wieder zu be⸗ ruͤhren. Lernen Sie mich naͤher kennen, und finden Sie mich dann Ihrer Achtung werth, und fuͤhlen Sie ſich ſtark genug, einem zwar mittelloſen, aber von Jugend auf durch die wohlthaͤtigen Fügungen ihres unverdient gluͤcklichen, faſt ubergluͤcklichen Schickſals verwoͤhnten Maͤdchen, Ihre Hand zu bie⸗ ten, und durch dieſe ihm das zu erſetzen, was es hier aufgibt, ſo— „Das Naͤherkennenlernen,“ unterbrach ſie Fritz in der roſigſten Laune von der Welt,„iſt, wie ich vorhin ſchon geſagt, uͤberfluͤßig; aber Sie, Sie wol⸗ len mich naͤher prüfen; wohl! Ich ſtelle mich in jedes Eramen, nur muß es nicht zu lange dauern; und endes lang⸗ ihrer Auge, Sutes, Wun⸗ Kniee enden ndter den r das Sie mich Klare — ℳ schen, hung habe zu be⸗ inden üͤhlen aber ngen lichen u bie⸗ 18 es Fritz ie ich wol⸗ je des und — 19— was den zweiten Punkt anbelangt— ja, ich fühle mich ſtark genug, Ihnen das zu erſetzen, was Sie hier aufgeben; nennen Sie das nicht Selbſtduͤnkel; der waͤre, bei meiner Armuth, an Tollwuth grenzen⸗ der Wahnſinn; aber nennen Sie es feſtes Vertrauen in Ihre Gediegenheit, und heilige Ueberzeugung des ewig wahren Satzes, daß des Lebens hoͤchſtes Gut treue Liebe iſt. Dieſen unverſiegbaren, Born der reinſten Lebensfreuden, und des himmliſchen Gutes, des haͤuslichen Gluͤcks, erſchuͤrfe ich dicht neben unſerm Heerde. Mein Herz und meine Arbeitskraft— mehr habe ich nicht. Aber Beides iſt, Lieschen, Ihr ewi⸗ ges Eigenthum. Fromm wollen wir leben und ge⸗ nuͤgſam, und wie bald werden wir den Flittertand hier, und den allen Genuß verekelnden Ueberfluß, fuͤr den wir Beide nicht geboren ſind, vergeſſen ler⸗ nen, um uns in unſerm freundlichen Stillleben für das Beſſere des ewigen Jenſeits zu veredeln. So mag denn Gott uns ſegnen, und dieſes Liebesbun⸗ des ernſte Stunde.“ Im Feuer ſeiner Rede hatte er ſeine Arme weit ausgebreitet, und nicht uͤbel Luſt, die bräutliche Jungfrau zu umfangen, und an ſein ſtuͤrmiſch aufgeregtes Herz zu druͤcken; dieſe aber wich, ob ſie wohl ſeinen Worten beifällig zugehort, ſeiner Umarmungsluſt doch zuͤchtiglich aus, wieder⸗ holte mit ſchuͤchterner Lippe die Bitte: jetzt— ſie betonte das Wort abſichtlich, um nicht wieder miß⸗ verſtanden zu werden— die Sache auf ſich beruhen zu laſſen, und erinnerte ihn, um dem Geſpraͤch nur eine andere Wendung zu geben, an den urſprung⸗ lichen Zweck ſeines Herkommens. „Ich kann nicht ſingen;“ hob Fritz, noch in der Seligkeit ſchwelgend, daß er das, was er ihr von ſeiner Liebe und ſeinen Plaͤnen hatte ſagen wollen, gluͤcklich vom Herzen herunter habe, an, und legte beide Haͤnde auf die, vor innigem Entzuͤcken faſt zerſpringende, Bruſt. „Ich auch nicht,“ geſtand Lieschen ſehr naiver Weife, ohne darum aefragt zu ſeyn;„aber ich wollte nur fragen,“ ſetzte ſie, uͤber ſich ſelbſt erſchrocken, ſchnell hinzu,„ob Sie Ihre kleine Partie in dem Schluß⸗Chor eingeuͤbt und Ihre Rolle gelernt, und ob ich letztere etwa einmal Ihnen uͤberhoͤren ſolle?“ „Rolle?“ fragte Fritz, wie aus ſchwerem Traum erwachend. „Nun ja,“ erwiederte Lieschen, und mußte ihm faſt in das Geſicht lachen, denn es wechſelten auf dieſem Schreck und Freude, Abeſchuͤtzen⸗Fieber und Braͤutigams⸗Paroxismus, je nachdem ſie bald von der Unerlaͤßlichkeit, die Rolle bis morgen Abend zu lernen, ſprach, bald von den Scenen, die er gerade mit Lieschen zu ſpielen hatte, bald von der Schmach, die ganz unvermeidlich ihn und ſie, die ihm die Lieb⸗ haber⸗Rolle uͤbertragen, morgen vor dem ehrſamen Publikum ihres Kreiſes, und uͤbermorgen vor der ganzen Stadt treffen muͤſſe, wenn er ſtecken bleibe, bald von dem ſchlagenden Effekt, den es dagegen auf Herrn Reichharts Wohlwollen unbedingt machen werde, weun Fritz ſeinen Platz, ihm und ihr zur Ehre, vollſtaͤndig ausfuͤlle.„Herr Reichhart,“ ſetzte ſie erlaͤuternd hinzu,„wiſſe bis dieſen Augenblick nicht anders, als daß das Feſtſpiel, das einer ſeiner aͤlteren Hausfreunde, ausdruͤcklich in Bezug auf die morgende Geburtstagsfeier gedichtet, wegen des aus⸗ gebliebenen Tenoriſten nicht gegeben werden koͤnne; fie wolle ihn alſo damit uͤberraſchen. Er ſey ein ———— —— leit ge ihn ſeit druͦ Ra rige run ſon Rei ein rief bei vern Not weſe den, dert gleie geſch arbe her Lerr verſ Jote unte Gar chen daß ein llen, legte faſt niver ollte cken, dem und e2“ aum ihm auf und von d zu rade lach, Lieb⸗ men der eibe, auf chen zur etzte blick iner f die aus⸗ ue; ein — 21— leidenſchaftlicher Liebhaber vom Theaterweſen. Ein Feſt ſeines Hauſes ohne dramatiſche Vorſtellung ſey ihm nur ein halbes; darum ſey er diesmal, wegen ſeiner zu Waſſer gewordenen Hoffnungen ſehr ver⸗ druͤßlich, und folglich durfe ſie der Vorausſetzung Raum geben, daß Fritz, wenn durch deſſen willfaͤh⸗ rige Uebernehmung der Tenor⸗Partie, die Auffüh⸗ rung des Feſtſpiels doch noch ermoͤglicht worden, be⸗ ſonders, wenn er ſeine Sache gut mache, dem Herrn Reichhart ſehr willkommen ſeyn, und ſich bei ihm einen guten Stein in das Brett ſchieben werde. „Nun aber, mein Gott, wo iſt denn die Rolle?“ rief Fritz uͤberſelig, denn Lieschens Wunſch, daß er bei Herrn Reichhart ſich liebes Kind machen möge, verrieth des Zaubermaͤdchens Geheimſtes ja deutlich. Da erzaͤhlte ihm denn Lieschen, daß die Rolle den Noten, die er geſtern mitgenommen, beigeheftet ge⸗ weſen, wunderte ſich hoͤchlich, daß er ſie nicht gefun⸗ den, und war nicht wenig verlegen, als Fritz erwie⸗ derte, daß er heute fruͤh bis zum Tode muͤde, ſich gleich nach der Heimkunft ein wenig hingelegt und geſchlummert, dann bis zum ſpaͤten Nachmittag ge⸗ arbeitet, dann gegeſſen und getrunken, dann ſich hier⸗ her auf den Weg gemacht, und mithin zum Rollen⸗ Lernen nicht eine Minute Zeit gehabt habe; Fritz verſicherte, daß alles deſſen ungeachtet morgen kein Jota daran fehlen ſolle, brach, als brenne es ihm unter den Sohlen, auf, verbat, weil er ſich gleich vom Garten aus in Schnelllaͤufertrab ſetzen wollte, Lies⸗ chenus Begleitung— wagte aber die kuͤhne Aeußerung, daß fuͤr die Nacht, die er diesmal daran geben müſſe, ein recht herzlicher Gutenacht⸗Kuß—— Aber Lieschen ließ ihn nicht ausreden; ſie legte ihm, unter ſuͤßem Straͤuben, ihre beiden Haͤndchen auf den Mund, und vertroͤſtete ihn auf morgen, wo, wenn das Stuͤck gut gegangen, und Herr und Ma⸗ dame Reichhart zugegen waͤren— doch, Fritz wollte mit einem ſo langſichtigen Wechſel ſich nicht begnuͤ⸗ gen, und machte Miene, die honigſuͤße Valuta gle ich ſtehenden Fußes einzukaſſiren; Lieschen aber ſchluͤpf⸗ te mit raſcher Gewandtheit aus ſeinen verlangen⸗ den Armen, huſchte in ihr Schlaf⸗Kabinet, riegelte die Thuͤr hinter ſich zu, empfahl ihm, leiſe fliſternd⸗ morgen Abend fuͤnf Uhr ſich zur Probe hier einzu⸗ finden, und ſchloß mit dem kurz abgebrochenen Wun⸗ ſche einer guten Nacht. 49. Nußbaum fand den armen Fritz den folgenden Morgen, als er ihn in das Comtoir abholen wollte, noch in den geſtrigen Kleidern, auf dem Stuhle vor dem Forte⸗Piano eingeſchlafen. Die ganze Nacht bis früh gegen ſechs Uhr hatte Fritz gelernt, und ſeine Singſachen, um ſeine Stu⸗ ben⸗Nachbarn nicht zu wecken, mit gedaͤmpfter Stim⸗ me eingeuͤbt. Das Lernen war ihm leicht geworden; ſpielte er, unter kleinen, nur hier und da etwas anders geſtalteten, Nebenumſtaͤnden doch ſich ſelbſt. Ein junger, mit Vermoͤgen und Kenntniſſen reich ausgeſtatteter, Kaufmann, kehrt am Geburts⸗ tage ſeiner Mutter, die ſich aus der Reſidenz auf ihren Landſitz zuruͤckgezogen, von ſeinen weiten Rei⸗ ſen in die Heimath zuruͤck. Im Doͤrſchen iſt zur Feier des Tages Alles feſtlich geſchmuͤckt. Er ſchleicht ſich, um die Koͤnigin des Feſtes, die geliebte Mut⸗ ter, zu uͤberraſchen, in den Garten; hier trifft er zufallig ein junges Bauermaͤdchen, eine fruͤhere Ge⸗ dchen 1, wo, Ma⸗ vollte egnuͤ⸗ gleich hluͤpf⸗ ngen⸗ egelte ernd, Linzu⸗ Wun⸗ enden vollte, le vor hatte Stu⸗ tim⸗ rden; twas ſelbſt. niffen urts⸗ ; auf Rei⸗ t zur leicht Mur⸗ fft er e Ge⸗ — 25— ſpielin ſeiner Jugend, den Liebling ſeiner Mutter, von dieſer erzogen und gebildet. Jeder im Dorfe rechnet es ſich zur Ehre, der angebeteten Herrin heute ein kleines Zeichen ſeiner Huldigung zu Fuͤßen legen zu duͤrfen. Das arme Kind hat in ſeiner druckenden Duͤrftigkeit nichts, als einige ſelbſt ge⸗ pflegte Blumen und ein Paar ſorglich gewartete junge Pfau⸗Taͤubchen. Des reizenden Maͤdchens An⸗ muth und Unſchuld, die bluͤhende Friſche der Jugend⸗ kraft, der fromme Sinn des himmelreinen Gemuͤths, die Einfachheit der zuͤchtigen Sitte, und der kluge Hausverſtand— Alles facht im entzuͤckten Juͤngling das Feuer der erſten Liebe wieder auf, mit der er ſchon als Knabe dem Kinde gehoͤrte, und raſch ent⸗ ſchloſſen, tritt er, das zauberiſche Mädchen an der Hand, vor die Mutter, und bringt ihr zum Geburts⸗ tags⸗Angebinde die liebholde Schnur. Fritzens Seele war von der fuͤr ihn ganz beſon⸗ ders bezugreichen Fabel des Stucks ſo durchdrungen, daß er daſſelbe, ſobald ihm am Morgen die Augen zugefallen, von Anfang bis zu Ende durchtraͤumte, und als am Schluße die Mutter dem Paͤrchen den Segen ertheilte, und der Bauern Chor mit maͤcht i⸗ gem Paukenſchlag ruͤſtig einfiel, da ſchrak Fritz aus der Seligkeit feines Traumes ſchmerzlich auf, denn das roſige Kind war ihm mit Taͤubchen, Blumen und Segen aus den Armen entſchwunden, und er hatte vorwärts gebuckt, die Naſe auf das Noten⸗ pult geſtaucht, daß Pult, Noten und Rolle zur Erde fielen, und er faſt hinterdrein. Der Paukenſchlaͤger im baͤuerlichen Finale aber war kein anderer geweſen, als Herr Nußbaum, der ſtch, als er Fritz ſchlafend fand, raſch in das Taſchen⸗ ————— 1 — 24— tuch einen großen Knoten geknüpft, und mit die⸗ ſem, um den Traͤumer, in ſeiner beliebten Schaber⸗ nacksmanier, aufzuſchrecken, etwas nachdruͤcklich auf den Reſonanzboden des Forte⸗Pianos getippt hatte. 50. Waͤhrend des Umkleidens und Fruͤhſtuͤckens plau⸗ derte Nußbaum in breiter Redſeligkeit von Nichts, als vom heutigen Feſte.„Der Hauptwitz,“ ſagte er unter Anderm,„iſt leider verloren gegangen. Seit langer Zeit buhlt der Graf von Windlingsfelde um unſers Luischens Hand. Fruͤher hat Herr Reich⸗ hart ſich ſehr beſtimmt gegen die Partie erklaͤrt, theils, weil er den lufrigen Patron kannte, theils, weil er im Stillen uͤberzeugt war, daß der Graf bei dem Heiraths⸗Antrage blos ſein Vermoͤgen im Auge habe. Der Graf indeſſen, ein berechnender Schlaukopf, hat nicht locker gelaſſen, ſon dern alle Raͤder in Bewe⸗ gung geſetzt, und alle Menſchen in Requiſttion, die irgend auf den Alten von nur einigem Einfluß wa⸗ ren. Endlich hat er den Intimus des Hauſes, den Hofrath Schnabel fuͤr ſich zu geminnen gewußt; der hat den Alten bearbeitet, und In beſonders durch die Hindeutung auf die, einem Kaufmanne ſeines Kalibers immer nuͤtzlichen, bei kleinen, in der heu⸗ tigen Handelskriſis, nicht unmoͤglichen Schlappen, oder aͤhnlichen Verlegenheiten, hoͤchſt vortheilhaften, und ihm durch Luischens Verbindung mit dem Gra⸗ fen natuͤrlich werdenden Verwandtſchafts⸗Konnexio⸗ uen mit Maͤnnern des erſten Ranges und der wirk⸗ ſamſten Beziehungen bei Hofe, und faſt in allen Miniſterien, fur die Annahme des Heirathsprojekts geneigt gemacht. Die Mutter ſchien fruͤher ſich in der Idee, einen Grafen aus dem aͤlteſten Geſchlecht des uͤbe den nes chen ad und Hal dich eine bind gefa und zule besb vom te, 1 der ſegn abge derle hat, gent einn Vett nehn t die⸗ zaber⸗ dauf atte. plau⸗ ichts, ſagte ngen. zfelde Reich⸗ heils, eil er dem habe. f, hat Bewe⸗ 1, die ß wa⸗ „ den ; der durch eines heu⸗ ppen, aften, Gra⸗ nexio⸗ wirk⸗ allen ojekts ich in hlecht — 28— des Landes Schwiegerſohn nennen zu koͤnnen, nicht uͤbel zu gefallen; jetzt, da aus der Sache Ernſt wer⸗ den ſoll, will es aber ſcheinen, als ob ſie anders Sin⸗ nes geworden, und in die Aechtheit der hochgraͤfli⸗ chen Liebe Zweifel zu ſetzen anfange; um alſo der recht ad oculos zu demonſtriren, was ſie zu thun habe, und gewiſſermaßen bei ihr mit der Thuͤr in das Haus zu fallen, hatte der Hofrath ein Feſtſpiel ge⸗ dichtet, in dem eine Mutter vorkommt, die auch zu einer, an Vermoͤgen und Stand ungleichen, Ver⸗ bindung ihren Segen gibt. Lgenn der Vorhang gefallen, ſollte der Graf mit Luischen ſie antreten, und Beide ſollten ihr ihre Wuͤnſche darbringen, und zuletzt um ihren mütterlichen Segen zu ihrem Lie⸗ besbunde bitten, und die Mutter— der Kalkul war vom Hofrath recht fein angelegt— die Mutter konn⸗ te, ohnehin vom Feſtſpiel windelweich geſtimmt, vor der ganzen Geſellſchaft unmöoͤglich Nein ſagen; ſie ſegnete alſo friſch drauf los, und die Geſchichte war abgemacht. Sela. Nun aber macht der Teufel, der bei derlei Hiſtorien ſeine Finger immer gern im Spiel hat, zwei Querſtriche durch die Rechnung, daß ei⸗ gentlich die ganze heutige Fete jetzt um die Ecke iſt, einmal naͤmlich, wie ich ſchon geſagt, ſchreibt Herr Vetter Singſangſaͤnger, der die Hauptrolle uͤber⸗ nehmen ſollte, das Kommen ab, und kein Surrogat⸗ Fiſtulant will ſich in der kurzen Friſt finden laſſen, und dann— „Nun, und dann?“ fragte Fritz ſchmunzelnd, und druͤckte, um nicht aufzuſehen, und das Laͤcheln zu verbergen, das ihm in allen Zuͤgen des Geſichts der dem Gedanken herum blitzte, daß durch ihn, ihn allein, die Auffuͤhrung des ſchon aufgegebenen Feſt⸗ Clauren Schr. LXIII. — 26— ſpiels ermoͤglicht werde, und daß es gar nicht uͤbel waͤre, wenn er den Schnabel'ſchen Ueberrumpelungs⸗ Entwurf fuͤr ſich und ſeine kleine niedliche Riccoboni benutzte, und mit dieſer, nach Beendigungdes Stuͤcks, Madame Reichhart um ihre Einwilligung, und um ihre Verwendung bei'm alten Herrn, bäte, den Loͤf⸗ fel auf den Zwieback, den er in die Taſſe gebrockt, und ſchluͤrfte den Kaffée, den er dem ſchwammig auf⸗ geweichten Zweigebaͤck entpreßt hatte, behaglich hinab. „Nun und dann,“ fuhr Nußbaum bedauerlich fort,„der zweite Querſtrich i ſt eigentlich der Haupt⸗ und Gnadenſtoß fuͤr das heutige Feſt geworden. Bis jetzt hatte Luischen den Grafen gerade nicht beſon⸗ ders ausgezeichnet, ſich aber doch ſeine Huldigun⸗ gen gefallen laſſen, und wenn ſich die Bekanntinnen ihres engern Kreiſes den Scherz erlaubten, ſie als Comteſſe von Windlingsfelde zu begräßen, keine auf⸗ fallen de Empfindlichkeit gezeigt. Ihren Aeußer un⸗ gen nach hatte er ihr fuͤr einen Mann von nicht bö⸗ ſem Herzen gegolten, der ſpaͤter einmal durch die Schule theurer Erfahrungen, oder von einer ver⸗ nuͤnftigen Frau geleitet, vielleicht noch zum Guten gelenkt werden könne. Auf dieſes eben nicht abwen⸗ dige Urtheil hatte Herr Reichhart, der wahrhaftig, als ob er ſchon die unglücksſchwangern Drohwolken, von denen ihm der Hofrath vorgefabelt hatte, am Horizonte berauf kommen ſehe, und der geprieſenen Huͤlfs⸗Konnexionen bereits morgen vedurftig ſey, die gräfliche Verbindung möoglichſt beſchleunigen zu wollen ſchien, die Vermuthung gebant, daß Luischen in ſeinen Heirathsplan ohne Weiteres eingehen wer⸗ de. Dieſen Morgen ganz in der Fruͤhe bringt Hof⸗ rath Schnabel, als ſein und des Grafen Generalbe⸗ vol mi aut Zu die dar wer thr ma ruch Hot glei ſelb gen die daß dadt Die ſchot ien uitai ige ein; halt hoͤrt ihr, gena weſe zu n Hau zogen conv werd uͤbel vollmaͤchtigter, bei ihr ſeine Worte an, und macht ſie ngs⸗ mit dem von ihm und dem Grafen gemeinſchaftlich boni ausgeheckten, und vom Vater unter Verhoffen ihrer äcks, V Zuſtimmung gebilligten Plane bekannt, daß der Graf um die Mutter um ihre Einwilligung bitten, und ſie 1 Lof⸗ dann der Geſellſchaft, als ſeine Braut, vorſtellen ockt, werde. Da zieht aber mein Luischen die ganze Macht auf⸗ ihrer Beredtſamkeit zuſammen, laͤßt gleich General⸗ nab. marſch ſchlagen, deplopirt ihre ganzen Streitmaſſen, rlich ruͤckt in Schlachtordnung vor, umgeht dem alten upt⸗ Hofrathe den linken und rechten Fluͤgel, bricht zu Bis gleicher Zeit im Centrum durch, rollt ihn uͤber ſich ſon⸗ ſelbſt auf, bringt ſeine Batterien im Nu zum Schwei⸗ zun⸗ gen, haut ſeine leichte Reiterei ohne Erbarmen in nen die Pfanne, und ſchlaͤgt ihn dergeſtalt aus dem Felde, als daß der an dieſen, ſich in eine vollſtaͤndige Deban⸗ auf⸗ dade aufloſeuden Ruͤckzug zeitlebens denken wird. un⸗ Die Munition, ſeine Vernunftgruͤnde, gaͤnzlich ver⸗ bö⸗ ſchoſſen, von ſeinen Alliirten, den Ueberredungskun⸗ die jen aller Art, totaliter im Stich gelaſſen, aller mi⸗ ver⸗ itairiſchen Ehren verluſtig, ſitzt jetzt der Feldfluͤch⸗ iten ige unten bei'm Alten im Comtoir, und ſchreit wie ven⸗ ein Zahnbrecher, daß ich im Nebenzimmer den In⸗ tig, halt ſeines Hiobs⸗Bulletius von Wort zu Wort ge⸗ ken, hoͤrt habe. So lange, hat ſie geſagt, der Graf ſich am. ihr, blos in Bezug auf geſellſchaftliches Verhaͤltniß nen genaht habe, ſo lange ſey ſie des Dafürhaltens ge⸗ ſey⸗ 4 weſen, ihm mit der aͤußerlichen Achtung begegnen zu zu muͤſſen, welche ſein Stand und die Ehre ihres hen Hauſes forderten. Jetzt aber, da er dieſen ihm ge⸗ ber⸗ zogenen Kreis, in dem ſo mancher Narr ſtehe, der Hof⸗ conventioneller Ruͤckſichten halber darin geduldet be⸗ werden muͤſſe, eigenmaͤchtig berſchreite, erklaͤre ſie 3 82 — 28— unumwunden rund heraus, daß aus mehreren, auf den moraliſchen Unwerth des Grafen bezuglichen, Gruͤnden, die mit demſelben in Antrag gebrachte Verbindung nun und nimmermehr zu Stande kom⸗ men werde. Ein Maͤdchen ihrer Lage und Verhaͤlt⸗ niſſe muͤſſe Antraͤge der Art ſich gar nicht machen laſſen, denn ſie ſeyen alle in der Regel lediglich auf die zu erwartende Mitgift, und nicht auf die Per⸗ ſon ſelbſt berechnet, ſondern es muͤſſe ſelbſt waͤhlen, und faͤnde ſich daher einmal ein junger rechtlicher Mann von reiner Sitte und unbeſcholtenem Wan⸗ del, geſund und huͤbſch, froͤhlichen Sinnes, und über⸗ haupt ihrer Liebe werth, ſo werde ſie dieſem, ohne alle Nebenruckſicht auf Stand, Vermoögen und Her⸗ kunft, ihre Hand geben, und dazu von ihren Eltern, die ja nur ihr Gluͤck wollten, die erforderliche Ein⸗ willigung hoffentlich erhalten. Nach dieſem Ulti⸗ matum hat ſie dem, bis in den Tod konſternirten Hofrathe in ſehr beſtimmten Ausdruͤcken eroͤffnet, daß, ſobald der Graf heute Abend in der Geſellſchaft, zu der er, unter uns geſagt, ſchon ſeit acht Tagen eingeladen iſt, erſcheine, ſie aus derſelben wegblei⸗ ben werde. Da indeſſen bei'm heutigen Familien⸗ feſte ihre Gegenwart den Eltern vermuthlich lieber ſeyn werde, als die des Grafen, ſo moͤge ſich der Herr Hofrath die Verlegenheit, dem Grafen ein tuͤchtiges Zahnweh oder ein anderes vorgebliches Erſcheinungs⸗ Hinderniß unter den Fuß geben zu muͤſſen, als wohl⸗ verdiente Strafe anrechnen, ſich in einen ſolchen ver⸗ daͤchtigen Handel gemiſcht, und einen Brautwerber⸗ Auftrag uͤbernommen zu haben, der mit ſeinen oft wiederholten Verſicherungen von lebhaftem Inter⸗ eſſe am Wohle des vaͤterlichen Hauſes, nicht recht ver ſag befi hoͤr gen ſicht ken! har that geſch ge, ſuch Fla Geſt hoͤrt baut uͤber ter 2 Nan Patl ſich d cipal 2 brun daß ders ſo ſo del, Geſch ner. n, auf lichen, prachte e kom⸗ erhaͤlt⸗ nachen ich auf e Per⸗ aͤhlen, tlicher Wan⸗ uͤber⸗ ohne „ Her⸗ ltern, Ein⸗ Ulti⸗ nirten ffnet, ſhaft, Tagen gblei⸗ ilien⸗ lieber Herr biges ungs⸗ wohl⸗ 1 ver⸗ rber⸗ n oft nter⸗ recht vertraͤglich ſcheine. Da ſtehen nun, mit Reſpekt zu ſagen, das hofraͤthliche alte Oechslein am Berge, und befinden ſich in der allerfatalſten Bredouille.“ Fritz hatte mit dem lebhafteſten Antheile zuge⸗ hoͤrt, und wagte wieder nicht die Augen aufzuſchla⸗ gen. Er ſchaͤmte ſich vor ſich ſelber, vor ſeiner Kurz⸗ ſichtigkeit, vor ſeinem gaͤnzlichen Mangel an Frauen⸗ kenntniß. Wie ſchmerzlich hatte er die arme Reich⸗ hart verkannt, wie ſchreiend hatte er ihr Unrecht ge⸗ than; aber— wer hätte auch dieſe ihm aus der Seele geſchriebenen klaren Anſichten von der Lage der Din⸗ ge, in dieſem geiſt⸗ und gemuͤthloſen Geſichte ge⸗ ſucht; wer dieſe eiſerne Feſtigkeit in dem flachen Flachskopfe; wer dieſe Worte, in denen er ſich im Geſpraͤch mit Lieschen faſt buchſtaͤblich ſelbſt wieder hoͤrte, auf dieſen weißen welken Lippen! Doch Nuß⸗ baum ließ ihm keine Zeit, die Vorwuͤrfe, die er ſich uͤber ſein falſches Urtheil im Geheimen machte, wei⸗ ter auszufuͤhren. Beide eilten auf das Comtoir. 51. Der alte Herr Wirklich uͤberreichte ihm hier im Namen des Herrn Reichhart das geſtern beſprochene Pathengeſchenk in einer Bankobligation, und ließ ſich daruͤber quittiren. Fritz ging, bei'm edlen Prin⸗ cipal ſich nochmals zu bedanken. Dieſer ſaß vor ſeinem Pulte verdruͤßlich, und brummte kaum verſtaͤndlich vor ſich hin in den Bart, baß ihm ſolcher Dank in leeren Worten nicht beſon⸗ ders viel werth ſey; fuͤhle ſich Fritz ihm verpflichtet, ſo ſolle er dies durch Fleiß und anſtaͤndigen Wan⸗ del, durch ehrliche Führung der ihm anvertrauten Geſchäfte, und durch offene Wahrheit in jeder ſei⸗ ner Handlungen beweiſen; das ſey ihm lieber, als — 50— alles fade Komplimenten⸗Geplaͤrr.„Wo geſtern Abend wieder geweſen?“ ſetzte er mit raſcher Weu⸗ dung hinzu, und ſchoß einen Kartäͤtſchkugelblick auf Fritz, daß diefer faſt ſeine Haltung verkoren haͤtte; doch halb und halb hatte ſich zum Gluͤck Fritz auf ein Examen der Art ſchon vorbereitet; er entgegnete alſo mit erkuͤnſteltem Freimuth:„bei einem Lands⸗ mann, der heute fruͤh abgereiſ't iſt.“ „Wahrſcheinlich hat der bei'm Chauſſte⸗Einneh⸗ mer, Ihrem Herbergsvater, logirt,“ ſagte der Alte, und gab dem darob gewaltig erſchrockenen Fritz zu verſtehen, daß er hinter die geſtrige Luge gekommen. „Ausfluͤchte der Art,“ fuhr Papa Reichhart, in ſei⸗ nen Papieren kramend, fort,„machen das Vertrauen wankend, und wo dies fehlt, kann kein dauerndes Verhaͤltniß beſtehen.“. Das hieß in reines Hochdeutſch überſetzt ſo viel, als: beluͤgſt Du mich noch einmal, ſo bleibt Dir an⸗ heimgeſtellt, Dich nach einem andern Comtoirpoſten umzuſehen.— Zu jeder Zeit, und unter jeden an⸗ dern Umſtaͤnden waͤre Fritz uͤber eine ſolche Aeuße⸗ rung ſeines Principals vor Angſt halb todt geweſen; hier aber— Herr Reichhart ſollte ja von ſeinen naͤchtlichen Singeuͤbungen nichts wiſſen; er ſollte ja mit dem ganzen Feſtſpiele uͤberraſcht werden— glaub⸗ te er die gewagten kleinen Nothluͤgen verantworten zu koͤnnen, und hoffte, heute Abend noch vor dem verehrten Herrn Principale gerechtfertigt dazuſte⸗ hen; darum nahm er die Laufpaßdrohung mit ru⸗ higem Lächeln hin, und brachte damit Herrn Reich⸗ hart, der dies fuͤr uͤbermuͤthigen Trotz auslegte, nur noch mehr auf. Wär' ihm nicht der heutige Tag und der Umſtand eingefallen, daß Madame Reich⸗ geſtern Wen⸗ ick auf haͤtte; auf ein egnete Lands⸗ inneh⸗ - Alte, ritz zu nmen. in ſei⸗ rauen erndes »viel, ir an⸗ voſten n an⸗ leuße⸗ eſen; einen Ute ja laub⸗ orten dem zuſte⸗ t ru⸗ keich⸗ nur Tag Reich⸗ 8 1 8 hart an dem jungen Mann ein ganz beſonders wohl⸗ wollendes Intereſſe genommen, er waͤre in der erſten Hitze im Stande geweſen, dem Musje Luͤgengeiſt fuͤr das ſpitzfindige Laͤcheln zu ſeinen Lebensregeln auf dem Fleck den Abſchied zu geben. 52. Nein, er hatte Luischen Reichhart wirklich Un⸗ recht gethan. Heute bei der Mittagstafel, von der wegen der bevorſtehenden großen Abendfete, diesmal alle Fremde ausgeſchloſſen waren, und wo alſo blos die Familie mit den Comtoir⸗Bedienten verſammelt war, ſaß er ihr gerade gegenuͤber. Nun er ihre ver⸗ ſtaͤndigen Anſichten uͤber die Heirathsabſichten der jungen Herren von Stande auf reiche Maͤdchen buͤr⸗ gerlicher Herkunft kannte, fand er ihre Geſichtszuͤge bei weitem nicht ſo geiſtlos, als fruͤher. Sich in ſie zu verlieben, nein, das waͤre, meinte er bei ſich im Stil⸗ len, und ſtellte ſein Engelskind draußen in Friedenau in Gedanken neben ſie, eine reine mathematiſche Un⸗ moͤglichkeit; allein ſo haͤßlich und unintereſſant werth⸗ los, als ſie ihm Anfangs vorgekommen, war ſie bei „naͤherer Beliebaͤugelung wirklich nicht. So ruͤhrig ihr beide letzte Mittage das Schnaͤbelchen geweſen war, ſo einſylbig ſaß ſie heute; war ihr der Kreis der Untergebenen des Vaters nicht genuͤgend, oder hatten die Eltern ihr ein für allemal unterſagt, ſich mit den jungen Herren Comtoir⸗Bedienten, unter denen mehrere recht annehmliche ſich befanden, viel zu unterhalten, doch— was war das?— Beſchwoͤ⸗ ren wollte er nicht, was er eben geſehen, aber auf ſein Luchsauge konnte er ſich ſonſt ſo ziemlich ver⸗ laſſen.— Mamſell Luischen ſaß neben Musje Nuß⸗ baum; als die Tafel aufgehoben werden ſollte, ſchob Mamſell Luischen unter ihre Serviette, die ſie waͤh⸗ rend des Stuͤhle⸗Ruckens auf den Tiſch neben ihren Teller gelegt, ein beſchrièbenes Blaͤttchen Papier; und Musje Nußbaum holte das Blaͤttchen, waͤhrend er ſeine Serviette dicht neben Luischen ihre legte, mit vollendeter Taſchenſpieler Gewandtheit hervor, und weg war es, Gott weiß, wohin. Nußbanm war ein ſtattlicher junger Mann, und aus einem ſehr reichen Hauſe. Ob aber Papa, der gegen das Bis⸗ chen Flunkern heute Morgen, ſo gewaltig geeifert hatte, die Servietten⸗Poſt Expedition und uͤberhaupt das ganze Verhaͤltniß billigen wuͤrde— doch, was ging das Fritz an. Hatte er doch kaum Zeit, recht daran zu denken, denn Alles eilte auf ſein Zimmer, um ſich in Gala zu werfen, und der erhaltenen Ein⸗ ladung zufolge, nach Friedenau zum Thee, Abend⸗ drod und Ball zu fahren. 33. Die Chauſſee bis dahin war mit gaſtgefuͤllten Equipagen wie bedeckt. Fritz bekam, als er, mit einigen ſeiner Comtoirgenoſſen in Friedenau ange⸗ langt, die zahlloſe Menge Herren und Damen der feinen Welt heranfahren kommen ſah, und darunter Uniformen von allen Waffengattungen, Orden und Sterne, Excellenzen und Prinzen; und Alles in der glänzendſten Hofpracht, und ſich nun erſt recht leb⸗ haft uͤberdachte, daß er den Leutchen da in einigen Stunden etwas vorſingen ſollte, doch einen kleinen Anfall von Lampen⸗ oder Manſchetten⸗Fieber. In⸗ deſſen es galt ja ſeinem Wohlthaͤter, dem Herrn— nein ehrlich, an den hatte er dabei weniger gedacht, als an ſein himmliſches Lieschen. Das hatte es gewuͤnſcht. Dem haͤtte er noch hundermal ſchwerere waͤh⸗ ihren pier; prend legte, rvor, war ſehr Bis⸗ eifert aupt was recht mer, Ein⸗ end⸗ ken mit Uge⸗ der ier und der leb⸗ gen ien In⸗ ht, es re Spfer gebracht. Da kam es, das holde Engelweſen, auf ein ihm gewordenes Signal, daß Herr Reichhart mit der Geburtstaͤgerin bald eintreffen werde, den breiten Hauptweg des Gartens, koͤniglich geſchmuͤckt, herabgeſchwebt, und begruͤßte die, der Abrede gemaͤß, am Haupt⸗Portale verſammelten, und vom alten Wirklich empfangenen, Fremden, mit einem Anſtan⸗ de, daß Fritz eine junge Fuͤrſtin vor ſich zu ſehen waͤhnte. Waren es die zwanzig tauſend Thaler⸗Dia⸗ manten, die ihr, vom Sonnenſtrahl durchſpielt, im dunkeln Haar, und auf dem Alpenſchnee des jugend⸗ lichen Buſens, am kleinen Ohr und auf dem fuͤßen Rund des uͤppig vollen Armes, in buntem Feuer blitzten; war es die ſtolze Haltung, mit der die junge Modeneſerin in den Kreis der Hohen und Vorneh⸗ men trat, hoͤher und vornehmer, denn Alle; war es die maͤdchenhafte Demuth, mit der ſie ſich vor dem Sohn des Landesherrn beugte, und ihm in ge⸗ waͤhlten Worten, ihren und des Hauſes Dank be⸗ zeigte, daß er durch ſeine Gegenwart den Tag zum Feſt erhebe; war es die holde Freundlichkeit, mit der ſie dann die lieben Gaͤſte ſammt und ſonders will⸗ kommen hieß; war es die ſeltene Fertigkeit, mit der ſie, außer dem ſchoͤnen Deutſch, das ſie mit der Mehr⸗ zahl der Anweſenden ſprach, und außer der kleinen Unterhaltung, die ſie mit dem paͤpſtlichen Legaten in ihrer Mutterſprache führte, die Geſandten Eng⸗ lands und Frankreichs in der Sprache ihres Landes unterhielt; war es die unausſprechliche Anmuth, mit der die Grazien die zauberiſche Jungfrau ver⸗ ſchwenderiſch ausgeſtattet— die ganze Verſammlung geſtand ſich untereinander laut und einſtimmig, das Maͤdchen nie ſchoͤner geſehen zu haben, und Fritz war vor innerm Entzuͤcken zur reinen Salzſäule er⸗ ſtarrt. Es wollte ihn einige Male der Mißmuth uͤberwallen, daß ſie ihn ſo ganz unbeachtet laſſe, und ihn noch nicht einmal bemerkt habe; aber er beſchied ſich bald, daß er hier— ein ganz fatales Gefuͤhl— einer der Niedrigſten und Letzten im Kreiſe ſey, und daß es geradezu auffallen muͤßte, wenn ſie kommen und ihn anreden wolle.— In dem Augenblicke aͤußerte der Erbprinz, der eben mit Lieschen ſprach, daß er von dem beabſichtigten Feſtſpiel gehoͤrt, und mit Be⸗ dauern deſſen Stoͤrung durch das Ausbleiben eines Saͤngers vernommen habe. Lieschen aber laͤchelte, und meinte, daß ſie doch noch nicht alle Hoffnung aufgegeben habe; einmal koͤnne der verſchriebene Vetter noch zu rechter Zeit kommen; und dann ſey es ja moͤglich, daß in aller Geſchwindigkeit ein Eugel vom Himmel käme, der ſie aller Verlegenheit uͤber⸗ hoͤbe, und dabei warf ſie einen ſo himmliſchfreund⸗ lichen Seitenblick auf Fritz, daß dieſer ſich in ſeiner Beſcheidenheit an dieſer ihn erhebenden Auszeich⸗ nung den ganzen Abend begnuͤgen zu koͤnnen ver⸗ meinte. 54. Madame Reichhart, die Koͤnigin des Feſtes, kam enblich angefahren, und ein dreifaches Hurrah der ſaͤmmtlchen Friedenauer Dorfbewohner, und eine Kleingewehrſalve der doͤrflichen Schuͤtzen, und der Paukenwirbel und Trompeten⸗Geſchmetter zweier Hautboiſten⸗Corps, und der Donner einer, am Ein⸗⸗ gange des Gartens, rechts und links aufgefahrenen, wohlhedienten Dreipfuͤnder⸗Batterie, begruͤßten die Gefeierte, und im lauten Wirrwar hallten das Hur⸗ rah und das Knackern der Friedenauer Buchſen, und le er⸗ nuth und chied hl— und men herte ß er Be⸗ ines elte, ung bene ſey ugel ber⸗ and: iner eich⸗ ver⸗ 1/ kam der eine der eier Ein⸗: ten, die dur⸗ und — 35— die Paukenſchlan und Trompetenſtoͤße der Feldſpie⸗ ler, und das Gewitter⸗Rollen der Feuerſchluͤnde, bunt durcheinander tief unten in den ſtillen Schluchten des Mordgrundes, und die rieſige Felſenharfe knuͤpf⸗ te die, aus dem Friedenauer Feſtgarten in ihre ſchaurige Einſamkeit einzeln heruͤberſchwimmenden, Toͤne, an ihre Stuͤckwerke von Laͤufen und Coloratu⸗ ren, und gab kurze abgeriſſene, wie von einem vor⸗ uͤberſchwebenden Todesengel in die Saiten gehauchte Mollſaͤtze, die wie Reminiſcenzen aus einem Requiem oder Trauermarſch klangen. Ein Gluͤck, daß die Frie⸗ denauer Gaͤſte, im Trubel ihrer rauſchen den Freude, von dem Allen nichts hoͤrten; nur der bewaͤhrte Freund des Hauſes, der alte Wirklich, der im All⸗ gemeinen an den großen Spektakelſtuͤcken, wie er dergleichen Feten nannte, keinen Gefallen fand, heu⸗ te, kein Menſch wußte recht warum, vorzuͤglich miß⸗ gelaunt zu ſeyn ſchien, und deßhalb, als er ſeines laͤſtigen Empfangs⸗Amtes ſich entledigt hatte, in die entlegeneren Partieen des Gartens fluͤchtete, vernahm die weiche Klage der Rieſenharfe im Mordgrunde, und er eilte zuruͤck in das ſumſende Gewuͤhl der froͤhli⸗ chen Geſellſchaft, weil er die mahnenden Trauerklaͤn⸗ ge der wehmuͤthigen Fernſprecherin, die ihm Herz und Seele zerſchnitten, nicht laͤnger mehr ertragen konnte. 55. Madame Reichhart war ſeit Jahrzehnden ge⸗ wohnt, jedesmal an dieſem Tage von der Aufmerk⸗ ſamkeit ihres liebenden Gatte auf irgend eine ſinni⸗ ge Weiſe uͤberraſcht zu werden. Es war keine kleine Aufgabe, der von Gluͤck verwoͤhnten, vom Ueberfluß uͤberſattigten Frau, jedesmal etwas Neues, ihrer Würdiges zu bieten. Nur Herrn Reichharts unver⸗ — 36— ſiegbare Geldboͤrſe, und Lieschens anerſchoͤpfliche Er⸗ ſindungs⸗Gabe gehoͤrten dazu, den Erwartungen, die ſich nicht ſowohl die beſcheidene Tageskönigin, als vielmehr die Geſellſchaft machte, zu entſprechen. Die letzte Geburtstagsgabe der Art war bekanntlich die Giganten⸗Harfe geweſen; diesmal hatte Lieschens erfinderiſches Koͤpfchen es mit einem andern Ele⸗ mente verſucht. Sie und Herr Reichhart nahmen die Gefeierte in die Mitte, ihnen folgte der Erbprinz und Mamſell Reichhart, dann die ganze Geſellſchaft Paar und Paar, und ſo wendete ſich der Feſtzug, die Muſik⸗Choͤre voran, auf den breiten Hauptgang des Gartens, der nach dem Schloſſe zuführte. Lieschen huͤpfte hier einige Schritte ſeitwaͤrts, trat auf eine, dort hinter einer kleinen Marmorſtatue des Waſſergottes be⸗ findliche, den Voruͤbergehenden nicht bemerkbare, ſtarke Schlagfeder, und im Nu ſchoßen an beiden Seiten des Ganges, aus den Blumen⸗Rabatten, mehrere tauſend Waſſerſtrahlen in hohem Bogen uͤber den Gang, ſo daß die ganze Geſellchaft unter dieſer langen Waſſer⸗Arkade wandeln konnte, ohne im Geringſten benetzt zu werden. Die erfriſchen de Kuͤhle am gluͤhend heißen Nachmittage, das endloſe Plaͤtſchern des ſchu ßſchnellen Waſſers, und vor Allem die tauſendfarbige Regenbogenpracht, in der das feeuhafte Waſſerſtrahlen⸗Gewoͤlbe vom Sonnenglan⸗ ze durchgluͤht, ſtlberblitzend flimmerte, daß es ausſah, als waͤre die ganze Arkude mit Trillionen Brillanten beſaͤet— was Wunder, daß Mutter Reichhart den Gatten und das herzige Maͤdchen mit freudigem Danke in die Arme ſchloß, und mit dem ganzen Kreiſe einſtimmig ver ſicherte, etwas ſeltſam Ueberraſchen⸗ — 37— deres nie geſehen zu haben! Doch jetzt trat die Ge⸗ ſellſchaft aus der zauberaͤhnlichen Bogenhalle, und Lieschen fuͤhrte ſie links in einen dunkeln Schwarg tannenhain, in deſſen Mitte, auf freiem, mit Blu⸗ men⸗Partieen geſchmuͤckten Raſenplatze, eine kleine Kirche ſtand. Madame Reichhart erkannte ſie augen⸗ blicklich fuͤr eine getreue Kopie des einfachen Gottes⸗ hauſes ihrer Geburtsſtadt, in dem ſie getauft, ein⸗ geſegnet, und getraut worden war. Heiße Thraͤnen ſchoßen ihr in die Augen, denn tauſend frohe und wehmuͤthige Erinnerungen der fruͤhern Jugendzeit knuͤpften ſich an den Anblick dieſes Gott geweihten Tempels; jetzt aber ertoͤnten die Glocken des Thuͤrm⸗ leins; das heimathliche Gelaͤute war taͤuſchend nach⸗ geahmt, ſo, daß die Ueberraſchte in ihrer freudigen Rührung vermeinte, die naͤmlichen Klaͤnge zu hören, die ſie ſonſt ſonntaͤglich, aus dem Vaterhauſe zur frommen Andacht, und jaͤhrlich einige Male zum Tiſche des Herrn, und zuletzt zum Braut Altar gs⸗ rufen, die ihr ſo manches kirchliche Jugendfeſt ver⸗ kuͤndet, und bei'm Begraͤbniß ſo mancher ihrer Lie⸗ ben, den langſam ſchwankenden Trauerzug zur ſtil⸗ len Ruheſtaͤtte, begleitet hatten. Mutter Reichhart fiel, als der Gatte Lieschen die alleinige Urheberin dieſer Idee nannte, dem Maͤdchen froͤhlich ſchluchzend um den Hals.„Ich verſtehe Dich und Deinen zarten Sinn, mein herziges Kind,“ ſag⸗ te ſie tief bewegt,„Du haſt mir das Heiligſte aus der fruͤhern Vorzeit meines Lebens hier aufgebaut. Hier will ich taglich mit Euch leben, hier will ich taͤglich Gott meinem Herrn fuͤr das unverdiente Gluck dan⸗ ken, mit dem er mich in ſeiner Vaterguͤte uͤberſchuͤt⸗ tet hat; hier will ich ruhen, wenn ſeine Weisheit mich aus Euern Armen ruft.“ — 38— Unterdeſſen waren die Kirchthuͤren geöffnet wor⸗ den, und das Innere des kleinen mit Blumenge⸗ winden rundum geſchmuͤckten Gotteshauſes war hoch erleuchtet, und die Orgel, wieder die namliche, wie ſie in der vaterſtaͤdtiſchen Kirche ſtand, praͤlu⸗ dirte, und ein wohlgeuͤbtes Saͤnger⸗Chor aus der Reſidenz empfing die Eintretenden mit einem geiſt⸗ lichen Liede, und vor dem Altare ſtand der naͤmliche wohlehrwuͤrdige Diener des Herrn, nun alt gewor⸗ den, und das Haupt geſchmückt mit greisgrauem Ehrenſilber, welcher Mutter Reichhart, durch das Sakrament der heiligen Taufe in den Bund der chriſtlichen Kirche aufgenommen, der ihr in der Lehre Jeſu den letzten Unterricht ertheilt, der ihr das erſte Abendmahl gereicht, und ihrem ehelichen Bunde, kraft ſeines Amts, die kirchliche Weihe gegeben. Aus weiter Ferne war der fromme Alte, auf Lieschens Bitte, gekommen, und wartete hier auf geweihter Stelle, ſeinem Taͤufling, ſeiner Schuͤlerin, ſeinem Beichtkinde, und der Jugendfreundin ſeiner nun in Gort ruhenden Gattin den Segen der Kirche zu ertheilen. 56. Waͤhrend des Geſanges, mit dem die Eintreten⸗ den empfangen worden, überflogen Lieschens Blicke die Verſammlung; da ſtand am letzten Pfeiler ge⸗ lehnt, Fritz in Andacht und Anbetung verſunken, ſein Auge unverwendet auf das Himmelskind ge⸗ richtet, das allen Anweſenden ein Feſt bereitet hatte, wie er im Leben noch keinem beigewohnt. Lieschen naͤherte ſich ihm, von den Anweſenden ziemlich unbemerkt, und fliſterte ihm ihre Verwun⸗ derung zu, ihn hier noch zu finden. Herr Wirklich ſey zu ſam geli paſſ zien ſoda zuge Stel und gleie kleid fertt in be fuͤhr⸗ herbe derol ſer d N tralif kreuz geſcht ſeine dies, Natit ander anklei gen, grelle durfte tollen Theil ſey von ihr erſucht worden, ihn in die Garderobe zu führen, wo er die kleine Schauſpielerbande vei⸗ fammen finden, und ſein vollſtändiges Koſtuͤm aus⸗ geliefert erhalten werde; das werde und muͤſſe ihm paſſen, da er mit dem ausgebliebenen Singevetter ziemlich von Einer Figur ſey. Die Probe werde ſodann gleich angehen, ſie ſelbſt koͤnne bel dieſer nicht zugegen ſeyn; eine Freundin werde unterdeſſen ihre Stelle vertreten. Aus der Kirche gehe es zum Thee, und nachdem dieſer eingenommen, werde ſie ſich ſo⸗ gleich von der Geſellſchaft wegſchleichen, ſich zum Um⸗ kleiden in der Garderobe einfinden, und wenn Alles fertig, die Geburtstägerin ſammt dem ganzen Kreiſe in das kleine Familien⸗Theater durch die Tante ein⸗ fuͤhren laſſen. Sie beauftragte ljetzt den heimlich herbeigewinkten Gaͤrtner, Fritz in die Buͤhnen⸗Gar⸗ derobe zu begleiten, und miſchte ſich, waͤhrend die⸗ ſer davon eilte, wieder unter die Gaͤſte. 57. Man kennt ja das bunte Leben, das in den thea⸗ traliſchen Ankleidezimmern herrſcht. Halbangezogene kreuzten ſich mit Friſeurs und Schneidern; hier ward geſchminkt, dort murmelte einer in puris naturalibus ſeine Rolle noch einmal fuͤr ſich durch. Dem fehlte dies, dem jenes; berghoch lagen die Gewaͤnder aller Nationen und Zeiten, regellos unter und uͤber ein⸗ ander, und die laute luſtige Stimmung der ſich hier ankleidenden Kunſtfreunde ſtand mit der andaͤchti⸗ gen, die Fritz aus der Kirchenfeier mitbrachte, in ſo grellem Widerſpruch, daß es mehrere Minuten be⸗ durfte, ehe Fritz uͤber ſich gewinnen konnte, an der tollen Ausgelaſſenheit der Dilettanten⸗Umgebung Theil zu nehmen. Endlich ſtanden dieſe in vollem Theater⸗Koſtuͤm da; auch Fritz hatte ſich in ſeinen Grafen⸗Staat geworfen, und kaum, daß er ſeine glänzenden Orden ſich auf die Bruſt geheftet, ſo klingelte es ſchon zur Generalprobe. 53. Bis dahin hatten die dilettirenden Kunſtgenoſ⸗ ſen den jungen Fremden nicht beachtet; als er aber auftrat, und ſeine Partie mit der, ihm vom Va⸗ ter noch, unter mancher ſtrengen Zurechtweiſung, bei⸗ gebrachten Sicherheit, mit dem gemeſſeuſten Zartge⸗ fuͤhl und mit der vollendeteſten Virtuoſitaͤt vortrug, da gewann er das Burgerrecht unter ihnen; ſie er⸗ kannten ihn einſtimmig fuͤr den erſten Saͤnger ihres kleinen Kunſtvereins an, und machten uͤber Stimme, Manier und Feſtigkeit ſo viel Aufhebens, daß er die anfaͤngliche Aengſtlichkeit, vor dem fremden Publi⸗ kum ſich hören zu laſſen, allmaͤhlig verlor. Das Lob der mitſpielenden jungen Damen, das dieſe ſich ver⸗ ſtohlener Weiſe zufliſterten, ſollte er eigentlich wohl nicht hoͤren, aber da er keine Baumwolle gleich bei der Hand hatte, um ſich das Ohr zu verſtopfen, ſo war er außer Schuld, daß er manche beifällige Aeuße rung vernommen hatte, die ihm im Geheimen recht wohl that. Er waͤre vor ſeinem Leben gern ſtehen geblieben, wo er ſtand, denn die leiſe Ziſchelnden fingen von Mamſell Reichhart zu reden an, und meinten, ihm, da dieſe nicht mitſpielten, ſetwas un⸗ verſtandlich, daß ſie ſich keinen ſchlechten Liebhaber ausgeſucht habe; aber ſie ließen ſich jetzt uͤber ihn, ſeinen Geſang und ſein Aeußeres, ſo belobend und beifäͤllig aus, und ſprachen, ſich im Eifer der Unter⸗ haltung vergeſſend, dabei ſo laut, daß er ſich in ſei⸗ ner Junglings⸗Unſchuld, wegen ſeines lauſchenden lung geſch L3 ſeinen r ſeine et, ſo genoſ⸗ er aber n Va⸗ g/ bei⸗ gartge⸗ rtrug, ſie er⸗ ihres mme, er die Publi⸗ s Lob h ver⸗ wohl ch bei n, ſo euße⸗ recht tehen nden und zun⸗ aber ihn, und iter⸗ ſei⸗ den Horchens vor ſich ſelber ſchaͤmte, und in die fernſte Couliſſe fluͤchtete, um von dem Allen nichts weiter zu hoͤren. Lieschens Stellvertreterin in den beiden Duetts war, wie einer der von ihm darum befrag⸗ ten Herren ihm mittheilte, eine junge Italienerin geweſen, die dieſer aber nicht zu nennen wußte; ſie hatte recht brav geſungen, aber ſeine holde Mode⸗ neſerin war es doch nicht. Laßt mich nur mit dem Götterkinde, mit der kleinen Riccoboni, ſingen, dachte er, da ſollen die Duettchen noch ganz anders klingen. 59. Jetzt kam das freundliche Engelsweſen auf die, vom herabgelaſſenen Vorhange, gedeckte Buͤhne, und begrüßte die kleine Kuͤnſtler⸗ Geſellſchaft; ſie hatte ſchon gehoͤrt, daß die Generalprobe ausgezeichnet gut gegangen war, und welchen Beifall Fritz ein⸗ geerntet. Scherzend nannte ſie ihn ihren Retter aus aller Noth, und mit dem leichten Worte, was ſie ſprach, ohne zu ahnen, wie wahr und gewichtig es werden ſolle, fiel ein ungeheurer Paukenſchlag, und zugleich ertönte ein gewaltiger Touche, denn die Koͤnigin des Tages, Madame Reichhart, war, von ihrer Schweſter gefuͤhrt, an Herrn Reichharts Seite, und an der Spitze des feſtlichen Zuges, in das Parterre getreten. Die Ouvertüre begann, und von Zeit zu Zeit kamen waͤhrend derſelben freund⸗ willige Ohrenblaͤſer hinter das Theater, und erzäͤhl⸗ ten, was fuͤr Augen Herr Reichhart gemacht, als er geſehen, daß, trotz ſeiner aufgegebenen Hoffnung, das Feſt doch noch mit einer dramatiſchen Vorſtel⸗ lung verherrlicht werden ſolle; und wie er ſein Miß⸗ geſchick mit den Venen Singevetter den LXIII. 4 —— ——y— — 42— Umſitzenden geklagt, und dieſe, in der Vermuthung, daß man ſich ohne ihn behelfen werde, dieſer Luͤcke wegen im Voraus um guͤtige Nachſicht gebeten. Jetzt aber flog mit dem letzten Strich der wacker durchge⸗ fuͤhrten Ouvertuͤre, der Vorhang in die Hoͤhe; und als Fritz, der Luͤckenbuͤßer, im zweiten Akt auftrat, und nach uͤberwaͤltigter Befangenheit dem Zauber ſeiner Stimme volle Macht ließ, ſteckte das ganze Parterre die Koͤpfe zuſammen, und fragte ſich, wer der bildſchoͤne junge Tenoriſt ſey? Lieschen und er, Beide entfalteten im erſten Duette eine Kunſt, eine Zartheit, und ein Gefuͤhl, daß das ganze Haus in lautes Entzuͤcken gerieth, und die beiden Wettſtrei⸗ tenden mit ſtuͤrmiſchem Beifall ehrend auszeichnete. Erkannte Herr Reichhart ſeinen jungen Lehnin doch im Anfange ſelbſt nicht, und nur, als Herr Wirk⸗ lich hinter, und ſeine Gattin neben ihm, die mit ſchaͤrferm Geſicht begabt waren, denn er, verſicher⸗ ten, daß der Graf da oben auf den Brettern, kein anderer ſey, als der juͤngſte Commis ſeines Hauſes, Fritz Lehnin aus Luͤnenſcheid, rief er, von dem gluͤck⸗ lichen Zufalle, daß, um ſeinem heutigen Feſte die Krone zu geben, dieſer kommen, und ein ſolcher Ge⸗ ſang⸗Virtuoſe ſeyn mußte, hoch erfreut, einmal uͤber das andere:„Der Blitz⸗Junge! was das fuͤr ein Solo⸗Tenor iſt! Lauter reines Glockenmetall in der Kehle! hoͤrt nur den Umfang! Alles klare, volle Bruſtſtimme, und ſein Spiel! wie anſtandig und zwanglos, als waͤre der Junge ein geborner Graf!— und Lieschen— er zieht das Maͤdchen mir zu ſich hinauf— ſo brav geſpielt, ſo ganz außerordentlich wacker geſungen, als heute, hat es noch bei keiner Vorſtellung. Der heutige Abend iſt unbezahlbar— nicht mit Gold aufzuwiegen.“ ———— ung, eucke Jetzt chge⸗ und trat, uber anze wer er, eine 3 in trei⸗ iete. doch Birk⸗ mit cher⸗ kein iſes, luͤck⸗ die Ge⸗ uͤber ein der volle und 41— ſich blich iner T— — 45— Jedes Wort brachten wieder die Zutraͤger aus dem Parterre hinter das Theater, und Lieschen und Fritz, jedes fuͤr ſich, jubelte im Geheimen uͤber die hausherrliche Zufriedenheit, und baute darauf ſeine Plaͤne der Zukunft. Fritz war jetzt abgegangen, und trat hinter eine Couliſſe, um die große Bravour⸗Arie zu hoͤren, die Lieschen eben mit hinreißender Meiſterſchaft vortrug. Neben ihm ſtand Lieschens Landsmaͤnnin, die junge Italienerin, die vorhin in der Probe Lieschens Stelle vertreten hatte. „Man mag doch nun ſagen, was man will,“ hob Fritz, im Uebermaße ſeines Entzuückens uͤber Lies⸗ chens bezaubernden Geſang, zur Nachbarin leiſe fliſternd an,„wenn vom Siugen die Rede iſt, ſo bleibt Italienerin, Italienerin, da erreicht ſie keine Deutſche.“ Die Nachbarin ſah ihn an, als verſtehe ſie ihn nicht, ob er gleich ſich in recht elegantem Italieniſch ganz richtig ausgedruͤckt hatte. „Signora Riccoboni muß aber auch,“ fuhr Fritz, mit halbem Ohre immer auf Lieschens Wunderge⸗ ſang hoͤrend,„ganz vortreffliche Schule gehabt ha⸗ ben;— wiſſen Sie vielleicht, wo ſie gelernt hat?“ Die junge itatteniſche Nachbarin glaubte, einen Irren reden zu hoͤren; ſie maß ihn mit ſcheuem Seitenblick, und fragte:„Signora Riccoboni?“ „Ja,“ ſagte Fritz mit dem Kopfe nickend, und wies mit dem Daumen ſeiner Linken, uͤber die Achſel, ruͤckwaͤrts auf Lieschen. „Das iſt Signora Riccoboni?“ fragte mit ge⸗ ſteigerter Verwunderung das Maͤdchen. „Nun, wer denn ſonſt,“ entgegnete Fritz uͤber — 44— das kurioſe Gefrage faſt empfindlich, und merkte, daß die italieniſche Schoͤne hier noch ziemlich fremd ſeyn muͤßte, da ſte nicht einmal ihre reizende Lands⸗ maͤnnin kenne. „Bis jetzt habe ich immer geglaubt,“ erwiederte ſie mit verhaltenem Lachen,„daß das Demoiſelle Reichhart ſey.“ „Bewahre,“ verſetzte Fritz lachend,„Mamſell Reichhart ſitzt unten im Parterre unter den Zu⸗ ſchauern; wenn Sie ſich ein klein wenig hier hinter der Couliſſe vorbeugen, koͤnnen Sie ſie ſitzen ſehen; dicht hinter dem dicken Herrn mit den zwei Sternen. „Sehr richtig,“ ſagte das Maͤdchen, ohne auf den angewieſenen Punkt viel hinzuſehen;„das iſt auch eine Mamſell Reichhart. Zwei Bruͤder Reich⸗ hart heiratheten zwei Schweſtern; jeder derſelben gab der Himmel eine Tochter; die Mutter von bei⸗ den Madames Reichhart hieß mit Vornamen Luiſe; dieſer zu Ehren heißen beide Mamſell Reichharts, Luiſe; die, welche da unten ſitzt, iſt mit ihrer Mut⸗ ter vor Kurzem aus der Provinz zum Beſuch ange⸗ kommen, und wohnt bei uns in der Stadt. Ich felbſt habe die Ehre,“ ſetzte ſie ſcherzend hinzu, „mich als die von Ihnen erwahnte Riccoboni zu prä⸗ ſentiren. Die Mamſell Reichhart aber, welche jetzt hier auf der Buͤhne die Arie ſingt, iſt die Tochter vom Hauſe.“ Als riße bei'm letzten Worte der Blitz vom Him⸗ mel einen ſieben fachen Schleier dicht vor ſeinen Au⸗ gen mitten von einander, ſo fuhr er zuſammen.— Das Mamſell Reichhart, die Tochter ſeines Prin⸗ cipals? das himmelſchoͤne Kind, das vorgeſtern, ge⸗ ſtern und heute gegen ihn die traulichſte Herzlichkeit gerkte, fremd kands⸗ ederte olſelle amſell n Zu⸗ hinter ehen; ernen. ne auf has iſt Reich⸗ ſelben n bei⸗ Luiſe; harts, Mut⸗ ange⸗ Ich hinzu, u praͤ⸗ e jetzt ochter Him⸗ in Au⸗ ſen.— Prin⸗ n, ge⸗ ichkeit — 45— ſelbſt geweſen war, die im ganzen Lande geruͤhmte Mamſell Reichhart, das reichſte Maͤdchen im Lande? Der reizende Engel, mit dem er, in dem Wahne, ein armes vom Mißgeſchick hieher gedraͤngtes, von den Launen Anderer abhaͤngiges Maͤdchen vor ſich zu haben, im Gefuͤhl faſt gleicher Lage und Verhaͤlt⸗ niſſe, auf dem traulichſten Fuße geſtanden; das ſeine ganze Seele fuͤllte; dem er im Geheimſten ſeines Herzens ewig treue Liebe geſchworen, das ihm ſelbſt ganz unzweideutige Beweiſe von dem ausgezeichne⸗ teſten Wohlwollen und Vertrauen, das ihm mehr als Beides, das ihm in ſeiner herzigen Natuͤrlich⸗ keit, auf die unzweifelhafteſte Weiſe, und heute fruͤh erſt noch, durch die beſtimmte Erklaͤrung gegen den Grafen und deſſen Freiwerber— frei heraus mit dem Worte— ſeine Gegenliebe verrathen hatte— das Mamſell Reichh— 2 „Fort, fort, Herr Lehnin, das Duett, das Duett,“ riefen drei, vier Perſonen hinter ihm, und draͤng⸗ ten ihn aus den Conliſſen auf die Bühne hinaus; Luischens freundlich verweiſender Blick weckte den Traͤumer aus ſeinen Fragen und Selbſtbetrachtun⸗ gen. Schon hatte durch ſein Ausbleiben eine kleine Pauſe im Spiel ſtattgefunden, die Luiſe nur durch ihre Geiſtesgegenwart dem Publikum unbemerkbar zu machen gewußt hatte. Mit der angeſtrengteſten Gewalt raffte ſich Fritz ſchnell zuſammen. Was er und Luiſe in ihren Rollen jetzt zu ſprechen hatten, war es doch, als hatte der Dichter die Worte ihres Herzens ihnen auf die Zunge gelegt; Beide ſpiel⸗ ten, ohne an Papa und Mama, an Comtoir und Principal, an das vor ihnen ſitzende liebe Publikum, und an die ganze Welt zu denken, mit einer Innig⸗ — 46— keit, mit einem Feuer, mit einer Wahrheit, daß ſie die Zuſchauer, ohne Ausnahme, zum allgemeinſten Beifall hinriß, und Herr Reichhart ſelbſt, ergriffen von dem herrlichen Spiel des Paares, in dem Augen⸗ blick vergaß, daß das ſein Commis, und deſſen Ge⸗ liebte, das Lieschen, ſeine Tochter war, und ſich die Haͤnde faſt wund llatſchte. Das war aber Alles noch nichts gegen das Furore, welches ihr Duett aus Meyerbeers Crociato in Egitto machte. Wie die Silbertoͤne ihrer Zauber⸗ Stimmen, ſo verſchwammen ihre Seelen in einan⸗ der; die gottliche Muſik trug die Gefuͤhle des einen in das Herz des andern uͤber; ihr Geſang ward zur reinen Verklaͤrung der Liebe, und als der bildhuͤb⸗ ſche Fritz das wunderſchoͤne Maͤdchen am Schluſſe des herrlichen Doppelgefanges in ſeine Arme ſchloß, und, unter hoͤchſt zarter Begleitung einer obligaten Meiſter⸗Klarinette, die ſanfte Herzensfrage ſang: Darf ich denn Deiner Liebe trauen 2 Bleioſt Du mir ewig treu und hold 2 und die reizende Luiſe, das veilchenblaue Auge ehr⸗ lich und vertrauensvoll auf den geliebten Juͤngling geheftet, mit der vollſtimmigen Muſik des ganzen Orcheſters, aus der jugendlich friſchen Bruſt, die fröhliche Antwort ſang: Auf meine Liebe ſollſt Du bauen, Mein treues Herz iſt rein wie Gold! und mit dieſen Worten, Beide hingeriſſen, vom Zau⸗ ber des Augenblicks Himmel und Erde vergeſſend, einander in die Arme ſanken, da war im ganzen Hauſe kein Haltens mehr, Alles klatſchte unter lau⸗ ten Bravo's und Braviſſimo's, und uͤbertaͤubte durch ſein ſtuͤrmiſches Beifallsroben Pauken und Trom⸗ peten, den einfallenden Chor und das ganze Orcheſter. bindu Schak cherhe mend fragen die be rechne geſun kenne ein T zu ſit Herzl die le tags⸗ lich n konnt ganze dem allein nur e Som gen uͤber Zimn ohne nicht maße —-— 47— 60. Unter dieſem grauſamlichen Spektakel aber fiel die Binde dem Herrn Reichhart von den Augen. Es gibt keine ſchlauere, keine ſcharfſichtigere Menſchen⸗ klaſſe, als die der Bankiers; ihr fortwaͤhrendes Stu dium der Perſonen, mit denen ſie in Geſchaͤftsver⸗ bindung ſtehen, erwirbt ihnen einen unbezahlbaren Schatz von Menſchenkenntniß, und eine ſeltene Si⸗ cherheit im Ueberblick aller ihnen im Leben vorkom⸗ menden Verhaͤltniſſe. Ohne Jemand darum zu be⸗ fragen, wußte Herr Reichhart jetzt, warum Fritz die beiden Abende ſo ſpaͤt ausgeblieben war; er be⸗ rechnete ſehr richtig, daß Beide ſchon mit einander geſungen, daß Beide ſchon einander ſich ſehr genau kennen gelernt haben mußten, denn ſonſt war es ein Ding der reinen Unmöglichkeit, das Duett ſo zu ſingen, und in Blick, Sprache und Spiel dieſe Herzlichkeit, dieſe Innigkeit zu legen. Luiſe war die letzten Tage her, zur Anordnung der Geburts⸗ tags⸗Feſtlichkeiten hier in Friedenau geweſen; folg⸗ lich mußte Fritz hier heraus gekommen ſeyn; dies konnte nur ſpaͤt Abends geſchehen ſeyn, denn den ganzen Tag uͤber war er, in der Stadt, nicht aus dem Hauſe gekommen. Sie mußten ſich Beide ganz allein und ohne Zeugen geſprochen haben, denn haͤtte nur eine von dem zwanzig, dreißig Perſonen, die im Sommer zu Friedenau wohnten, den fremden jun⸗ gen Menſchen gewahrt; ſo haͤtte er beſtimmt dar⸗ uͤber Nachricht erhalten. Fritz mußte auf Luiſens Zimmer geweſen ſeyn, und dort ſtand ihr Fortepiano, ohne das eine Probe zweier ſo ſchwerer Duetts gar nicht denkbar war. Er beruhigte ſich zwar einiger⸗ maßen durch die Idee, daß Kindesliebe die erſte Ver⸗ — 43— anlaſſung zu dieſer Unbeſonnenheit geweſen ſeyn möge, und daß Luiſe, auf ihren Ruf wie auf den außern Anſtand ſonſt mit faſt uͤbertriebener Strenge haltend, ſich zum Schritte uͤber das Schickliche blos durch das Beſtreben habe verleiten laſſen, ihm zur Freude, die ſchon aufgegebene Darſtellung des Feſt⸗ ſpiels doch noch zu ermöglichen, aber— aber— ſo wie heute hatte er Luiſen noch nie geſehen, noch nie gehoͤrt. Es war etwas anders mit ihr geworden, was er nicht nennen, was er ſich nicht einmal recht deutlich machen konnte. Er annte die Allgewalt der reinen wahr en Liebe aus eigener Erfahrung nicht, weil er ſich zur Wahl ſeiner Gattin Aediglich durch ihr bedeutendes Vermoͤgen hatte beſtimmen laſſen; aber er ahnte, daß Luiſe dieſer allmaͤchtigen Zaube⸗ rin erlegen ſey, denn das Maͤdchen kam ihm wie um und umgewandelt vor. Bis dahin war es ein jun⸗ ges muthwilliges Kind geweſen, jetzt— machten es die Bretter, oder die Lampen, oder die Liebesgoͤtter, die das holde Weſen unſichtbar umſpielten, jetzt ſtand eine in braͤutlicher Unſchuld erbluͤhende Jung⸗ frau vor ihm, in deren Herzen Gefuͤhle wach gewor⸗ den waren, die bis dahin unter der Roſendeckhe der jugendlichen Kindlichkeit geſchlummert hatten. Ihre heutige beſtimmte Erklärung gegen den Grafen Wind⸗ lingsfelde—!l je weiter Herr Reichhart gruͤbelte, deſto klarer ward ihm, daß hier etwas vorgegangen war, was er nicht billigen konnte; es war ihm um keinen Preis möglich, in das Jubeln der vor lauter Ent⸗ zücken rein ausgelaſſenen Gaͤſte mit einzuſtimmen; um aber den naͤchſten Nachbarn nicht aufzufallen, nickte er blos mit dem Kopfe vor ſich hin; wer in⸗ deſſen das wermuthbittere Sauerſalzgeſicht geſehen — ——— ſeyn f den rrenge blos n zur Fe ſt⸗ — ſo ich nie orden, lrecht gewalt nicht, durch aſſen; Zaube⸗ ie um jun⸗ ten es oͤtter, „jetzt Jung⸗ gewor⸗ ke der Ihre Wind⸗ „deſto war, keinen Ent⸗ imen; allen, er in⸗ 2ſehen haͤtte, das er dazu ſchnitt, haͤtte leicht abnehmen koͤn⸗ nen, daß ihm der Beifall Picht recht von Herzen gehe. Als die ſchoͤne Luiſe, notg Beendigung des Spiels, ſich umgekleidet hatte, und in die, waͤhrend der Zeit in den Salons des Schloſſes verſammelte Geſellſchaft trat, und von allen Seiten uͤber ihr Spiel, und ih⸗ ren Geſang und über die buͤhnengerechte Umſicht ihrer Regie, die freundlichſten Anerkenntniſſe ein⸗ erntete, naͤherte ſie ſich mit einer Art heimlichen Triumphs dem geliebten Vater, um in ſeinem Danke fuͤr die zauberahnliche Ueberraſchung, ſich den ehrlich verdienten Lohn ihrer mehrfachen Anſtrengungen zu holen. Doch der geliebte Vater war damit nicht ſehr ſpendabel. Er that, als ſey er in das Geſpraͤch mit dem Kriegsminiſter, das er in Bezug auf das Armen⸗Verpflegungsweſen eben, als Luiſe ihn an⸗ trat, angeknuͤpft hatte, ſehr vertieft, und fertigte die roſige Tochter, die ihm kindlich die Hand kuͤßte, und ſcherzend fragte, ob ſie ſich, ſammt ihrer Geſell⸗ ſchaft, der Zufriedenheit des Herrn General⸗Inten⸗ danten ſchmeicheln durfe, mit einem kurzen Kopf⸗ nicken ab. Fritz, der von Alt und Jung, Vornehm und Niedrig, Herren und Damen, mit den lebhaf⸗ teſten Lobſpruchen uͤberſchuttet ward, hatte von Sei⸗ ten Herrn Reichharts nicht weniger, als eine herz⸗ hafte Umarmung, und die laute Huſicherung ſeines dankbaren Wohlwollens erwartet. Hundert Louisd'or hatte ja der alte Herr füͤr einen Surrogat⸗Tenori⸗ ſten ausgeboten, und er war umſonſt zu ſeinen Dien⸗ ſten geweſen. Auf Tod und Leben hatte er ſtudirt, um ſeinem verehrten Herrn Principal die Freude nicht zu ver⸗ derben.— Und wie hatte er geſungen!— Allein der verehrte Herr Principal geruhte, ihn nicht zu umar⸗ men; er ſprach mit dem franzoͤſiſchen Geſandten ge⸗ rade von Englands diesjaͤhrigen Wollhandelsausſich⸗ ten, als Fritz kam, und beſcheidentlich um guͤtige Nach⸗ ſicht mit ſeinem gewagten Verſuch bat, und nun ſeine hundert Louisd'or werthe Embraſſade einzuholen ver⸗ meinte. Der Geſandte, ein feiner Franzmann, aͤußer⸗ Clauren Schr. LXIII. 5 te ſich uͤber die brillante und glockenreine„Taille“⸗ des jungen Mannes, außerſt beifaͤllig, und nannte ihn hinſichtlich ſeiner Manier und ſeines Spieles ei⸗ nen zweiten Elleviou, einen wahren Lainez. Herr Reichhart laͤchelte rückſichtsvoll zu der artigen Artig⸗ keit Sr. franzoͤſiſchen Excellenz, und damit war die Sache abgemacht.. Bei der Abendtafel ſaß Herr Reichhart, ſichtlich zerſtreut und verſtimmt, zwiſchen den beiden erſten Damen der Geſellſchaft, und hatte fuͤr ſein ſchweres Geld, das ihm das heutige Feſt koſtete, nicht einmal das Vergnuͤgen, vergnuͤgt ſeyn zu koͤnnen. Die Ge⸗ ſchichte zwiſchen Luiſen und Fritz, und der Umſtand, daß ſein alter Wirklich— bei haͤuslichen Feſten der Art, immer der Lauteſte, der Froͤhlichſte— heute den ganzen Tag ſtill in ſich gekehrt geweſen war, vor ihm, wenn ſich ihre Blicke zufaͤllig begegnet, allemal das Auge ſcheu niedergeſchlagen hatte, und jetzt an der Tafel gar fehlte, machten ihn unruhig; er ſah, wie gewoͤhnlich alle die ſogenannten Glucklichen, die viel zu verlieren haben, in der Regel, der Zukunft immer mit truberem, ſorglicherem Blicke entgegen, als gut und noͤthig war, und ſo zaͤhlte er ſich ſchon die unangenehmſten Auftritte, die ihm Luiſens un⸗ ſelige Neigung zu dem jungen mittelloſen Menſchen, und ihre ihm bekannte Feſtigkeit in einmal gefaßten Beſchluͤſſen, berein vuͤrden, an den Fingern ab, und ſchwankte zwiſchen der Beſorgniß, daß Wirklich, die Grundſtuͤtze ſeines Hauſes, entweder ſein Com⸗ toir zu verlaſſen, und ſich ſelbſt zu etabliren Luſt habe, oder daß irgend ein ſehr verdruͤßliches Ereig⸗ niß dem alten Menſchen auf der Seele liege, mit dem er, weil ihm heute das Feſt damit zu ſtoͤren, gar zu unverantwortlich geſchienen, morgenz herausruͤk⸗ ken werde. Heute Nachmittag— die Londoner Poſt— Wirklich hatte die Briefe, die mit derſelben einge⸗ troffen ſeyn mußten, ihm nicht mitgerheilt. Wahr⸗ ſcheinlich— gewiß— ganz beſtimmt, enthielten die⸗ ſe— er durchlief alle ſeine dortigen Verbindungen, und der Angſtſchweiß trieb ſich ihm in hellen Perlen auf die Stirn, wenn er uͤberrechnete, was dort, von ille“ nnte s ei⸗ Herr rtig⸗ r die otlich rſten veres nmal e Ge⸗ and, der ſeute „vor emal t an ſah, , die unft gen, — — 51— jener fernen Nebel⸗Inſel aus, Alles fuͤr ſchwarzes Unheil uͤber ihn hereingebrochen ſeyn koͤnne. Hun⸗ dert Thaler haͤtte er mit Freuden den Armen gelobt und gegeben, wenn er den Augenblick häͤtte aufſte⸗ hen, nach Hauſe eilen, und ſeinen alten ehrlichen Wirklich aufſuchen koͤnnen— alte ehrliche Wirklich! war der Menſch denn das auch in Wahrheit? Er hatte in der letzren Zeit ſich von der Theilnahme an den Leiden ſeiner zuruͤckgekommenen Familie zu manchen Unterſtuͤtzungen verleiten laſſen, die ſeine Kraͤfte faſt üͤberſtiegen; er hatte einige nicht unbe⸗ deutende Papiergeſchaͤfte mit ſeinen beſchraͤnkten Mit⸗ teln fuͤr eigene Rechnung gemacht, bei denen er eine ziemliche Schlappe— der Teufel hatte ihn doch nicht geblendet, daß er die ſo lange rein bewahrte Hand, zur augenblicklichen Rettung vom Untergange nach dem Gute des Principals ausgeſtreckt? Das auffal⸗ lend Aengſtliche heute, der ſchuͤchterne Blick, das Zu⸗ ruͤckziehen aus dem Kreiſe der frohen Tafelrunde— ein ungeheurer Schuß— alle Gaͤſte ſchrien laut auf, Reichhart aber ſchlug leichenbleich die Haͤnde in ein⸗ ander, und rief:„das iſt Wirklich.“ Er war es auch! Er hatte dringender Geſchaͤfte halber, mitten im Stuͤck vorhin, das Haus verlaſſen, war zur Stadt geeilt, und jetzt wiedergekehrt, und hatte— das Feuer⸗ werkern war von Jugend auf ſeine ſchwache Seite geweſen— die Dreipfuͤnder Batterie vor dem Speiſe⸗ Saal auffahren laſſen, um, wenn darinnen die Ge⸗ ſundheit des Geburtstagskindes ausgebracht werde, wie er ſeit fuͤnf und zwanzig Jahren gethan, ſo auch heute, zum Abfeuern des Geſchuͤtzes das Zeichen zu geben. Dies beſtand im Wehen mit ſeinem weißen Taſchentuche; die Artilleriſten, die das Kanon Num⸗ mer Eins bedienten, hatten darum auf Herrn Wirk⸗ lich unausgeſetzt den Blick gerichtet gehabt; dieſer war in Gedanken wieder in der Stadt und im Com⸗ toir, und bei ſeinen Büchern, geweſen. Unwillkuͤhr⸗ lich war ihm etwas Naſſes in die Augen gekommen; ohne an die vor ihm aufgepflanzten Feuerſchluͤnde mit einer Sylbe zu denken, hatte er ſich die, aus dem ſchwer bedruͤckten Herzen heim lich heraufgequol⸗ 5 b 3 4 lene Thraͤne wegwiſchen wollen, und in dem Augen⸗ blicke plautzte Num mer Eins unaufhaltſam los, und gleich darauf Nummer Zwei und Drei, und ſo fort, bis zum letzten Stuͤcke der Batterie. Schon bei'm Preiten Schuſſe merkte Herr Reichhart, daß das kein iſtolenknall geweſen; froͤhlich, ſich geirrt zu haben, und ſeinen alten Wirklich mit einer weißen Ser⸗ viette in der Hand, das Geſicht der donnerpraſſeln⸗ den Batterie zugekehrt, in der auf den Garten fuͤh⸗ renden Saalthure bemerkend, ahnete er das vor⸗ gefallene Signalverſehen, hob, um daſſelbe ſchnell zu repariren, das Glas, und brachte der gefeierten Gat⸗ tin den Ehren⸗Toaſt aus; Luiſe aber mußte ihn, ſeiner argen Zerſtreuung halber, an das Geſchenk erinnern, das er mit ihrem, bis dahin im Schreib⸗ pulte verwahrten Miniaturbilde, der Mutter dieſen Abend zu machen gedacht hatte; ſie ſteckte es ihm heimlich zu, und als er es der Geburtstaͤgerin, zu deren unausſprechlichen Freude uͤberreichte, ſetzte er den, Luiſens Zartgefuͤhle nur verſtändlichen ſcharf betonten, und von einem ſchneidenden Seitenblick auf das dadurch tief verletzte Maͤdchen, begleiteten Wunſch hinzu, daß an das Koſtuͤm des Bildes, fuͤr ſie und die Eltern, ſich nie andere als angenehme, des heutigen Feſtes würdige Erinnerungen knuͤpfen moͤchten. Fritz, unten an der Tafel, zwiſchen zwei unreife Backfiſchchen eingekeilt, die ſich in ihn ſterb⸗ lich verliebt, der franzoͤſiſchen Sprache wahrſchein⸗ lich nicht ganz maͤchtig, das, ſeinem Tenor geltende Kompliment des Geſandten Sr. Allerchriſtlichſten Majeſtaͤt in Bezug auf Fritzens Wuchs und Kleider⸗ ſchnitt genommen, und ihm daher uͤber ſeine Taille verblümter Weiſe, ſehr viel Schönes geſagt hatten, ſchlug, ohne auf das alberne Geſchwätz zu hoͤren, als das holde Bild bei der Tafelrunde die Revue paf⸗ ſirte, und mit dem von Munde zu Munde gehen⸗ den Beiſatze, daß es ein der Koͤnigin des Tages eben vom Manne dargebrachtes Feſt⸗Angebinde ſey, in ſeine Naͤhe kam, die Augen vor Schaam uͤber ſich ſelber nieder. Was hatte er ſich nicht Alles über das Mißverhaͤltniß der vermeintlichen Signora Ricto⸗ ————— — 55— boni mit Herrn Reichhart zufammen geklügelt! wie gewiß war er nicht ſeines abſcheulichen Verdachts geworden, als Luiſe ihre mißfaͤllige Verwunderung daruͤber nicht bergen konnte, daß Papa Reichhart das Gemaͤlde, mit dem die Mutter zum Geburts⸗ tage uͤberraſcht, und das alſo bis dahin von ihr nicht bemerkt werden ſollte, in ſeinen Schreib⸗Sekretaͤr ganz frank und frei aufgehaͤngt hatte. Backfiſchchen rechts, das dieſen Augen⸗Niederſchlag fuͤr blöde Schäfer Haam, uͤber ihr beiderſeits ihm in das Ge⸗ ſicht geſagtes Lob hielt, gab ihm jetzt Luiſens Portrait, ohne viel darauf zu ſehen, hin, und fliſterte im Gifte des Aergers, daß Luiſe tauſendmal hübſcher war, als ſie je zu werden hoffen durfte, die haͤmiſche Sei⸗ tenbemerkung nach, daß es doch faſt ein wenig zu grob geſchmeichelt ſey. Fritz ſtrafte die unberufene Richterin fuͤr das grundfalſche Urtheil beleidigter Eitelkeit mit einem grimmigen Seitenblicke, und verſenkte ſich nun in das Anſchauen dieſes milden Engelgeſichtchens ſo tief⸗ daß er gar nicht davon weg⸗ kommen konnte. Fuͤr ihn war in dieſem ſeligen Momente keine Geſellſchaft, keine Abendtafel, hoͤrte nicht das ſpitzfindige Gloſſiren ſeiner dewer ſen Tiſchnachbarinnen, nicht den froͤhlichen Kling⸗ klang bei dem, ſeinem verehrten Herrn Prineipale ausgebrachten Toaſte, nicht das den Vivat⸗Jubel begleitende Donnergebrull der draußen aufgefahr⸗ nen Batterie; unverwendeten Blicks ſtierte er ein⸗ zig und allein auf das, mit beiden Haͤnden umklam⸗ merte, Bild, aus dem ihm der fuͤßeſten Liebe holder Zauber in die Seele lachte; nur Er, und Keiner weiter an der ganzen Tafelrunde, verſtand den ſtil⸗ len Gruß, den ihm die geiſtvollen veilchenblauen Feuerſterne aus der geheimen Tiefe des Allerhei⸗ ligſten ihres Innern brachten; nur Er ſah um das Roſenknoſp⸗ Mundchen das Spielen der ſchalkhafte⸗ ſten Schelmerei; nur Er, und Keiner weiter, hoͤrte von dieſen würzigen Purpurlippen, im ſauft flo⸗ tendſten Nachtigallton den ehrenfeſten Weiheſchwur: Auf meine Liebe ſollſt Du bauen, Mein treues Herz iſt rein wie Gold! nur Er hoͤrte unter dem reich und geſchmackvoll ge⸗ ſtickten Miederchen, das treue Herz in dem jung⸗ fraͤulichen Marmorbuſen ſchlagen, das nur fuͤr ihn ſchlug, und fuͤr keinen And— da lachten die beiden ungaren Backfiſchchen laut auf, denn wie einem Traͤu⸗ menden hatte ihm Heinrich, der Leiblakai des Herrn Reichhart, auf deſſen Geheiß, unter der Bemerkung, daß noch mehr Leute bei Tafel waͤren, die das Ge⸗ maͤlde ſehen wollten, daſſelbe aus den Haͤnden ge⸗ nommen, und Fritz wußte nicht, wo er, ver Schaam uͤber ſeine Ruͤckſichtsloſigkeit auf die uͤbrige Geſell⸗ ſchaft, vor Aerger uͤber die Impertinenz des Bedien⸗ ten, und vor Grimm uͤber das gellende Gelaͤchter und uͤber das lange noch nachhallende Kichern der fatalen Nachbarinnen, die Augen hinthun ſollte, und wer mit einem Blicke Herrn Reichhart in der Mitte der Tafel, Luiſen am obern und Fritz am untern Ende derſelben haͤtte beobachten koͤnnen, der wuͤrde ohne Chronometer gewußt haben, was hier die Gloͤcklein geſchlagen. Was ein, vom Gefuͤhl der Grenzen ſeiner untergeordneten Stellung zum Herrn Principal, recht bis auf den Grund durchdrungener Commis war, mußte das Bild ohne allen Aufent⸗ halt, mit einer anſtaͤndigen Verbeugung vor dem Kontrefei eines Mitgliedes der verehrlichen Princi⸗ pal⸗Familie weiter geben; denn fuͤr ihn, fuͤr den am Tiſche des Herrn, bei ſolchen feierlichen Gele⸗ genheiten nur Geduldeten, war das Kunſtwerk gar nicht herumgegeben; ſo dachte Herr Reichhart in der Regel nicht, denn er hielt ſeine Arbeitsgehuͤlfen für Mitglieder ſeines Hauſes ſelbſt; ſo dachte er nur heute; und nur gegen Fritz, den er nun einmal ungluͤcklicher Weiſe auf dem Strich hatte, und durch deſſen auffallendes Benehmen er in ſeinem Verdach⸗ te bis zur beſtimmteſten Gewißheit beſtaͤrkt ward. Haäͤtten die ſcharfſpitzigen Stechblicke, die er auf Fritz ſchoß, waͤhrend dieſer ſich in ſeine ſtille Verzuͤckung uͤber das Bild immer tiefer verlor, in ihn, wie die Ohrwuͤrmer hineinkriechen, und ihm Herrn Reich⸗ harts, von Sekunde zu Sekunde ſteigenden Unwil⸗ len in Worten uͤberbringeu koͤnnen, ſo haͤtte er die⸗ — 55— ſem den Ausbruch des, ſelbſt vor den beiden neben ihm ſitzenden Damen des erſten Ranges nicht mehr zu bandigenden Unmuthes, und ſich die Domeſtiken⸗ Beſchaͤmung erſpart. Am reichhaltigſten mußte aber die Ernte des Phyſiognomen bei ſeinem Streifzuge in Luiſens Geſichtchen, ausfallen. Kindlicher Ge⸗ horfam, Achtung fuͤr die Geſellſchafts⸗Verhältniſſe, und junge, ſich eben erſt aus den Kinderſchuhen des gluͤcklichen Springinsfeld⸗Lebens entpuppte Liebe— Alles zog hier auf dem paradieſiſchen Wahlplatze gegen einander kraͤftig zu Felde. Was konnte dem Vater verſchlagen, daß Fritz das Gemälde ſo aufmerkſam, und ſo lange und mit ſo geſpanntem Antheil betrachtete? hatten es doch die ſämmtlichen Gäſte, bei denen es, vom Vater bis zu Fritz, die Revue paſſirt hatte, im lebhaften Tiſchgeſpräch be⸗ griffen, kaum eines fluͤchtigen Blicks gewürdigt; war es doch herumgegeben worden, um beſehen zu werden, war es doch ganz natuͤrlich, daß das Bild Fritz mehr als jeden Andern beſchaͤftigen mußte; vor wenig Stunden erſt war er ja der Graf, und das Mäaͤdchen da, die junge Baͤuerin geweſen, die ihm von der zarteſten Kindheit an, mit treuer Liebe und Anhaͤnglichkeit zugethan geweſen war, und die er mir ſeiner Hand begluͤckte; ſtellte ihm das Bild doch das Maͤdchen vor die Augen, das er ſo zaͤrtlich ge⸗ beten, ſein erſtes und ſein einziges Lieschen zu ſeyn. Ihm mußte ja, dies Gemaͤlde in der Hand, jedes Wort wieder beifallen, das er, in dem Wahne, die Riccoboni, ein verwaiſ'tes, ganz mittelloſes, Maͤd⸗ chen vor ſich zu haben, zu ihr geſprochen. Es waͤre ja unverantwortlich geweſen, wenn er das Bildniß ſo obenhin nur angeſehen, und dann gleich wieder weiter gegeben haͤtte; ſie fand in dem ſtummen Ent⸗ zuͤcken, mit dem ſich ſein Blick in das Kunſtwerk faſt eingewurzelt hatte, die zarteſte Huldigung, und um ihm die unverſchuldete Wehthat der Bedienten⸗Im⸗ pertinenz wieder zu verguͤten, trank ſie, als Se. Excellenz der Herr General⸗Intendant der landes⸗ herrlichen Schauſpiele, auf das Wohl und fernere Ge⸗ deihen des Friedenau'ſchen lieben Kuͤnſtlervereins, — 56— den Toaſt ausbrachte, und ſaͤmmtliche weinfrohe Gaͤſte ihr Vivat riefen, und unter herrlichem Paukenwir⸗ bel die Trompeten ihren brillanten Touche bis zur Wolkenhoͤhe hinauf ſchmetterten, und die ganze Bat⸗ terie eine Generalſalve gab, daß Gläͤſer und Fenſter klirrten, recht von Herzensgrunde ſeine Geſundheit mit. Obgleich die meilenlange Tafel mit Blumen und Vaſen aller Art reich geſchmuͤckt, und mit zier⸗ lich gearbeiteten Aufſätzen von Silber und Kriſtall, Gold und Bronce faſt uͤberladen war, die Blicke der Liebenden fanden durch den Prunk des ſchwelgeri⸗ ſchen Ueberfluſſes doch ihren Weg, und Fritz vergaß, als er ſah, daß Luiſe, die granatbluͤthenen Lippen vom weißgoͤſchtenden Schaumweine umbruͤſelt, uber das Glas weg, ihm mit verſtohlenem Laͤcheln das braune Lockenköopfchen freundlich zuneigte, Herrn Reichharts Mißbilligung, Heinrichs Grobheit, und der Nachbarinnen albernes Hohngelaͤchter, und war der Seligſte unter dem Monde. 62. Er haͤtte wohl gute Nacht ſagen können, meinte Lutſe, und warf ſich, die ſüßen Reize ihres ſchoͤnen Koͤrpers, nach dem langen Tage der Anſtrengung, aller Schnuͤren, Baͤnder, Nadeln und Hefteln los und ledig, ein weiches ſeidenes Tuch über die Ala⸗ baſter⸗Achſeln, und legte ſich in das offene Fenſter ihres Schlaß⸗Kabinets, um ſich in der erfriſchenden Kuͤhle der mondhellen Sommernacht zu erquicken. Gleich nach aufgehobener Tafel war getanzt wor⸗ den; Fritz, ein ausgeſucht guter Taͤnzer, war zwar gekommen, und hatte ſie um den Watzer, und als ſie ihm dieſen, wegen fruͤhern Engagements, hatte verſagen muͤſſen, um den Cottillon gebeten; allein auch auf dieſen war ſie wochenlang ſchon verſprochen geweſen. Dann war, wie das gewoͤhnlich zu geſche⸗ hen pflegt, die ganze Geſellſchaft mit einem Male aufgebrochen; die Wagen waren bunt durcheinander vorgefahren; Fritz war beordert worden, mit Nuß⸗ baum, der Tante und ihrer Tochter zu fahren; als deren Wagen vor der Thuͤr gehalten, war Fritz ge⸗ rufen, und recht ſchneil zu kommen, gebeten worden, Gaͤſte enwir⸗ is zur 2 Bat⸗ enſter ndheit lumen t zier⸗ riſrall, ke der elgeri⸗ ergaß, Appen über n das Herrn „ und d war teinte Hoͤnen gung, un los Ala⸗ enſter enden icken. wor⸗ zwar d als hatte allein ochen eſche⸗ Male inder Nuß⸗ ; als t ge⸗ rden, weil die Uebrigen ſich bereits eingeſetzt hätten, und ſeiner warteten, und ſo war er ihr unter den Haͤn⸗ den verſchwunden; kein vernuͤnftiges Wort hatte ſte mit ihm ſprechen koͤnnen; nicht einmal gute Nacht hatte er geſagt. Sie wollte über das Alles ſchmollen, und doch mußte ſie ihn ſelbſt entſchuldigen; aber nach allen Fuͤr und Widers, von Liebe und Billigkeit in ihrem Spruchkollegium vorgetragen, meinte ſie doch, daß ſie an ſeiner Stelle, und wenn der Vorwand dazu noch hinter dem Monde herzuholen geweſen, es moͤglich gemacht haben wuͤrde, heute noch wenigſtens ein Paar Worte uber ſo Manches zu wechſeln, heute, wo nach ihrer Anſicht, unter ihnen gerade ſo Vieles und ſo Wichtiges zu eroͤrtern war. Er hatte ſie bis dahin fuͤr die Riccoboni gehalten; daß er jetzt uͤber ihre Perſon naͤhere Aufſchluͤſſe erhalten, hatte ſie an dem ganzlich veraͤnderten Ton in ſeinem Beneh⸗ men gegen ſie, an dem unnoͤthigen ſteifen Ceremo⸗ niell, das er beobachtet, und an ſeiner unausſtehli⸗ chen Devotion, ſogleich bemerkt; aber wer ihm jenen Wahn benommen, und wann und bei welcher Ver⸗ anlaſſung er hinter die Wahrheit gekommen, das Alles haͤtte ſie ſich ſo gern von ihm erzaͤhlen laſſen, und ſtatt ihr dieſe Freude zu machen, Zuetſcht er ſich mit Nußbaum, der Tante und der Couſine in den Wagen, und faͤhrt nach Hauſe. Ihr zu Liebe haͤtte er wohl ein halbes Stundchen noch bleiben, und mit ihr ſich uͤber dies Alles und manches Andere, recht von Herzen ausplaudern koͤnnen; ſie wäre dann, ihm zu Liebe, auch wieder mit ihm gegangen, und haͤtte ihn diesmal gern bis zur Chauſſée, und noch weiter begleitet; die Nacht war ſo warm, der Mond ſchien ſo hell, der Thau hatte Flur und Wieſen ſo friſch gekuͤhlt, der kleine Spaziergang haͤtte ihr, auf den heutigen heißen Tag, meinte ſie, eine wahre Erquickung ſeyn ſol— was— wer wankte denn da unten am Gartengelaͤnder?— eine ſchlanke Manns⸗ geſtalt— Luiſens Herz ſchlug vor freudiger Ueber⸗ raſchung ſo gewaltſam, daß ſie furchtete, es moͤchte ihr die feſſelloſe Schwanenbruſt unter ihren Handen — mitten von einander ſprengen— eine ſchlanke Mannsgeſtalt oͤffnete leiſe die Gartenthuͤr, ſchlich durch, eilte auf den Zehen mit Fluͤgelſchritten uͤber den Hof, und ſtand, ehe ſie ſo viel Zeit gewinnen konnte, den ſchwarzſeidenen Mantel uͤberzuwerfen, athemlos in ihrem Kabinette. „Sind Sie von Sinnen?“ rief Luiſe, uͤber den tollen Einfall halb boͤſe; Fritz aber bat in kurz ab⸗ gebrochenen Worten— denn der Schnelllaͤufer⸗Trab, in dem er den Weg aus der Stadt gemacht, und die Angſt und der Schmerz der Trennung hatten ihm alle Luft aus der Kehle und alles Blut in das Herz gejagt— ihm nicht zu zuͤrnen, daß er heute ſo ſpaͤt noch ſtoͤre;„ich danke nur Gott,“ fuhr er fort,„daß Sie noch wach ſind, ich mußte Sie noch einmal ſe⸗ hen, Ihnen noch Lebewohl ſagen; ich ſoll Morgen ganz fruͤh mit Herrn Wirklich, der Himmel weiß auf wie lange, nach London!“—„Nach London?“ fragte Luiſe, und der Schreck jagte ihr einen leich⸗ ten Schauer uͤber den ganzen Koͤrper, daß es ſie beimlich froͤſtelte, und ſie Bruſt und Achſeln tiefer einhelte in des feinen Umſchlagetuches huſchige Weiche. 3. „Zu jeder andern Zeit,“ ſagte Fritz, ſich allmaͤh⸗ lig erholend,„haͤtte ich den Auftrag zur Reiſe in jene Reſidenz des Welthandels, mit Hand und Mund geſegnet; auch ſollte ich das Gluͤck, daß ich, gerade der Juͤngſte auf dem Comtoir, zu Herrn Wirklichs Begleiter ernannt worden, dankbar erkennen, aber jetzt— einmal glaube ich, iſt die Veranlaſſung un⸗ ſerer Reiſe, nicht die erfreulichſte; Herr Wirklich war ſchon den ganzen heutigen Nachmittag ſehr zer⸗ ſtreut und unruhig; Nußbaum und die andern Alle meinten einſtimmig, es muͤßten ihm Dinge von Bedeutung im Kopfe herum gehen; und dann jetzt, als wir heim kamen, unſer Wagen traf etwa zehen Minuten ſpaͤter als der Ihres Herrn Vaters ein, da hatte dieſem ſchon Herr Wirklich mehrere heute Nachmittag eingegangene Handelsbriefe vorgelegt, und Letzterer kam, wie mir es wenigſtens ſcheinen wollte, mit naſſen Augen heraus, und eroͤffnete mir, ſchlanke . ſchlich en uͤber winnen werfen, ber den urz ab⸗ r⸗Trab, und die en ihm s Herz ſo ſpaͤt t,„da mal ſe⸗ Norgen el weiß don?“ n leich⸗ es ſie mtiefer uſchige allmaͤh⸗ eiſe in Mund gerade rklichs 1, aber ng un⸗ girklich hr zer⸗ rn Alle ge von n jetzt, zehen s ein, heute gelegt, heinen te mir, daß er Morgen fruͤh vier Uhr nach London abreiſe, und daß ich ihn, auf Herrn Reichharts Befehl, be⸗ gleiten ſolle; ich mußte ihm darauf alle, auf unſere engliſche Woll⸗ und Zink⸗Geſchaͤfte Bezug habende Papiere aus dem Comtoir holen, und als ich in das Zimmer trat, ſtand er, die Haͤnde hoch uͤber dem Kopfe in einander gerungen, mit dem Geſicht ge⸗ gen das Fenſter. Ich fragte ihn, ob ich nicht zu Herrn Reichhart gehen ſolle, um mich zu beurlau⸗ ben;„danken Sie Gott, wenn er Sie nicht rufen laͤßt,“ antwortete er, machte ſich an das Ordnen der ihm gebrachten Schriften und Rechnungen, und entließ mich mit einem etwas unfreundlichen Hand⸗ winke. Fuͤr den Kontinent hatte ich kein dringen⸗ deres Geſchaͤft, als Sie noch ein einziges Mal zu ſprechen. Ich mußte heute Abend mit Nußbaum und der Tante ſo eilig fort, daß ich Ihnen nicht einmal gute Nacht ſagen konnte; ach, und ich hatte auf dem Herzen noch ſo viel, deſſen Beſprechung ich fuͤr eine gelegenere Zeit aufheben wollte. Mir ſind meine Minuten gezaͤhlt, und Vieles muß ich in der Bruſt mit uͤber den Kanal hinuͤber nehmen. Fuͤr jetzt komme ich nur, um mich Ihrem Wohlwollen zu em⸗ pfehlen, und Sie um die einzige Liebe zu bitten, mich, wegen meines albernen Benehmens, das le⸗ diglich aus dem Wahne entſprang, daß Sie Signora Riccoboni ſeyen, nicht falſch, nicht unguͤnſtig zu be⸗ urtheilen. Sie ſelbſt beſtaͤrkten mich in dieſem ſeli⸗ gen und unſeligen Wahne; ich kann mir wohl den⸗ ken, daß Sie mich blos aus Scherz bei meiner vor⸗ gefaßten Idee ließen, aber dieſer Scherz haͤtte,“ ſetz⸗ te er leiſer und mit gebrochener Stimme hinzu: „leicht ein recht grauſamer werden koͤnnen.“ „Ich brauchte eine Stunde, einen Tag,“ erwie⸗ derte Luiſe, mit einem Geſichte, in dem ſeines Laͤ⸗ cheln, mit Schmerz, Beſtuͤrzung und Wehmuth wech⸗ ſelten,„um Ihnen zu antworten; bei Ihrer Eile muß ich mich aber auf Minuten beſchraͤnken. Ueber Wirklichs Weiſe brauchen Sie ſich nicht zu aͤngſtigen; der alte Mann iſt immer ſo, wenn ihm unvermu⸗ thet ein wichtiges Geſchaͤft in die Haͤnde faͤllt. Vaͤter⸗ chen hat mir verſprochen, wenn die große Entre⸗ I priſe, die er im vorigen Jahre mit Wolle und Zink gemacht, ſo einſchlaͤgt, als er ſie ſich berechnet hat, die ſchoͤne hier an Friedenau grenzende Herrſchaft Lindenhorſt zu kaufen, und die Revenuͤen davon mir als Nadelgeld zu uͤberweiſen. Beſtimmt bezweckt die Reiſe nach London dies Geſchaͤft; Sie gehen alſo gewiſſermaßen mit in meinen Angelegenheiten dahin, und—““ ſetzte ſie— ſich mit komiſchem Pa⸗ thos in die Bruſt werfend, hinzu—„Sie ſollen fehen, wie Kaiferlich ich meinen Geſandten zu be⸗ lohnen wiſſen werde. Was Sie aber,“ ſchloß ſie ernſter und mit gedaͤmpfterer Stimme:„unter dem Scherze, unter dem grauſamen Scherze, verſtehen, den ich mit Ihnen getrieben haben ſoll, daruͤber muß ich um naͤhere Erklaͤrung—“„ „Die Folgen werden ſchon jetzt ſichtbar,“ fiel ihr Fritz mißmuthig in das Wort:„Ihr Herr Vater weiß davon nichts, daß ich Sie fuͤr eine Andere hielt, und daß ich Ihnen in dieſem Wahne ein Herz zu Fuͤßen legte, deſſen treue Liebe ſein ganzer Werth iſt; aber er muß das Trauliche, dem ich, immer in jener Vorausſetzung, mich arglos hingegeben hatte, bemerkt haben, und naruͤrlich hat er auch dadurch zu der Folgerung verleitet werden muͤſſen, daß ich der ruͤckſichtsloſeſte Menſch von der Welt bin, der die Raſerei ſo weit treibt, aus ſeinem bettelarmen Nichts ſein Auge zu der Tochter des reichſten, an⸗ geſehenſten Mannes im Lande zu heben, und durch die tauſend Folgewidrigkeiten, die aus einer ſolchen tollen Wagniß entſtehen muſſen, den vaͤterlichſten Wohlthater, zum Danke fuͤr ſeine ungezaͤhlten Gut⸗ thaten, in die unangenehmſten Verlegenheiten zu ſetzen. Seit wenigen Stunden habe ich ſchon drei Beweiſe ſeines tiefen Unwillens; ſeine ſtechenden Blicke heute Abend bei Tiſche; ſeine verletzende Art, mir Ihr Bild, was ich vielleicht einige Minuten laͤn⸗ ger in den Haͤnden behielt, als es ſchicklich ſeyn mochte, abfordern zu laſſen, und ſein, blos auf den Wunſch, daß ich ihm aus den Augen und Ihnen aus der Naͤhe kommen moͤge, gefaßter Beſchluß, mich einen trachte — 64.— Entre⸗ mit nach London zu ſchicken;— indeſſen Alles dies nd Zink hat nur Bezug auf meine buͤrgerliche Stellung, und net hat, iſt deren kaum gewonnenes Fundament erſchuͤttert, errſchaft oder mir gar verloren; ſo kann ich mich wenigſtens von mir mit dem Gedanken troͤſten, daß ich dies Ungluͤck bezweckt dem ſeligen Genuß der drei Tage zum Opfer bringe⸗ hen alſo die ich, mein angebetetes Fraulein, in der gluͤckli⸗ nheiten chen Taͤuſchung verlebte, mir die Bahn zum Beſitz dem Pa⸗ eines Weſens gebrochen zu haben, das—“ 1 e ſollen„Taͤuſchung?“ unterbrach ihn Luiſe, und der zu be⸗ ſchmachtende Liebesblick ihres keuſchen Auges hing hloß ſie mit ſtiller Freude an dem muthloſen Jüngling,„alſo⸗ ter dem weil Sie nun erfahren, daß ich nicht Riccoboni, rſtehen, ſondern Reichhart, heiße, und daß ich ein Paar Tha⸗ daruber ler mehr habe, als meine arme kleine Modeneſerin, halten Sie ſich fuͤr getaͤuſcht, fuͤr einen Ungluͤckli⸗ fiel ihr chen, mit dem man grauſamen Scherz treibt, fuͤr Vater einen; mit Unſegen und Bannſtrahl Geäͤchteten? e hielt, Der Scherz, zu dem Sie, oder der Zufall die erſte derz zu Veranlaſſung gegeben, hat mich unendlich gluͤcklich⸗ Werth hat mir eine namenloſe Freude gemacht, denn er 1 zmer in hat mir, unter den verſchiedenen Antraͤgen, mit hatte, deneun ich ſeit Kurzem beehrt und gequaͤlt worden dadurch bin, zum erſten und hoffentlich auch zum letzten daß ich Male, den ſicherſten Beweis geliefert, daß ich, ich n, der ſelbſt, nicht das liebe Vermoͤgen meines guten Va⸗ larmen ters der Preis war; ich unterhielt dieſen Scherz, in, an⸗ viie Sie ihn nennen, abſichtlich, weil er mir unaus⸗ ddurch vrechlich wohl that, weil ich, ganz in die Stelle des ſolchen armen Maͤdchens, das Sie zu lieben ſchienen, ver⸗ lichſten ſetzt, deſſen Seligkeit theilte, und in der Ueberzer⸗ n Gut⸗ gung, daß die mir geſchenkte Neigung, reines, von iten zu aller Spekulationsſucht entferntes, Herzenswerk en drei nar, den Grundſtein meines künftigen Lebensgluͤk⸗ henden kes fand;— und dieſer ſogenannte Scherz ſoll ein de Art, grauſamer ſeyn? Meinen Sie denn, daß ich nun, en laͤn⸗ da ich mein Incognito nicht laͤnger halten konnte, b ſeyn gemuͤthlos und gleichgultig Sie abreiſen ſehen, und uf den Alles, was zwiſchen uns Beiden vorgegangen, als en aus einen leichtſinnigen und jetzt abgemachten Spaß be⸗ „ mich trachten kann? Glauben Sie denn nicht, daß ich — -— — 62— berechnen konnte, daß dieſes Incognito nicht länger, als ſpaͤteſtens bis zum heutigen Abend zu halten war? Hielten Sie mich denn fuͤr faͤhig, Sie bei der ganzen Perſonen⸗Verwechſelung blos darum gelaſ⸗ ſen zu haben, um mich dann an Ihrer Verlegenheit zu weiden? Sie ſahen mich fuͤr ein Maͤdchen an, deſſen Vermoͤgens⸗V Verhaͤltniſſe den Ihrigen unge⸗ faͤhr gleich waren, von dem Bi⸗ alſo, hinſichtlich zeitlicher Gluͤcksguͤter, eine goldene Zukunft nicht er⸗ warten konnten. Sie lernten dies Maͤdchen naͤher kennen, und es hatte das Gluͤck, Ihre Aufmerkſam⸗ keit, Ihr Wohlwollen zu gewinnen. Sie erfreuen es mit den unzweideutigſten Beweiſen Ihrer Gegen⸗ Neigung; Sie wecken in der Bruſt des Maͤdchens die Seligkeit der erſten Liebe; Sie bieten ihm Ihre Hand; Sie wollen des Lebens Freuden und Leiden redlich mit ihm theilen, fuͤr deſſen Wohl ſich den Muͤhen unterziehen, die, nach der Schrift, von uns Sterblichen, im Schweiße des Angeſichts verrichtet werden ſollen, und Ihr ganzer Lohn ſoll die Zufrie⸗ denheit des geliebten Maͤdchens, Ihr ganzes Lebens⸗ ziel ſoll die Gruͤndung und die Bewahrung Ihres haͤuslichen Gluͤcks ſeyn. Das Maͤdchen baut ſich ſeine ſuͤßen Traͤume, zu denen Sie ihm den erſten Grund in das Herz gelegt, freudig weiter, und es vermeint im Stillen, den Freund gefunden zu haben, deſſen feſter Arm es durch das Leben hienieden ſicher fuͤh⸗ ren, und in deſſen reiner Bruſt, in deſſen klarer Seele, in deſſen gediegenem Verſtande, die Quelle irdiſchen Gluͤcks unverſiegbar fließen ſoll; es iſt des himmliſchen Segens gewiß, und will ſich, bei gele⸗ gener Zeit, den vaͤterlichen dazu erbitten, und— alle dieſe Traͤume, alle dieſe Hoffnungen, alle dieſe Ausſichten zerrinnen ihm in Nichts! ſie loͤſen ſich alle in einen bloßen Scherz auf, lediglich um ein paarmalhunderttauſend Thaler willen, die das Maͤd⸗ chen vielleicht einmal zu erwarten hat. Mit dem Augenblicke, daß dies eine zufällige Entdeckung er⸗ ibt, wird das Ganze als ein ausgeſpielter Schwank ei Seite gelegt, und der Geliebte reißt ſich aus den Armen der Liebenden, die mit all' ihren ſogenann⸗ ten He waiſ't verlore geliebt ſie, wa Gutes werth Freun vom U iſt buch jedes? nen He den al und— .„L nieder, liſche, nen S dieſen dennn auf, u „jetzt 3 SStund gebetet Lui einand ihrem ſchaͤfts. ganzen ben; 2 ihn, ſe terlicht ſaͤchlich tate de werth nig laͤc ſo wir von gle ſen Ve Nutzen Ende a — 65— ten Herrlichkeiten des Ueberfluſſes, arm und ver⸗ waiſ't ihm die Haͤnde nachringt, denn ſie hat den verloren, von dem ſie ſich, um ihrer ſelbſt willen, geliebt wußte, und dem ſie ſich einbildete, ſelbſt wenn ſie, was Gott verhuͤten wolle, all' ihres Habes und Gutes verluſtig gehen ſollte, immer gleich lieb und werth zu bleiben.— So leben Sie denn wohl, mein Freund,“ ſetzte ſie ſanft weinend hinzu,„was Sie vom Ungluͤck eines reichen Maͤdchens geſprochen, das iſt buchſtaͤblich wahr an mir geworden, und ich werde jedes Ihrer Worte lebenslang in meinem gebroche⸗ nen Herzen wiedertoͤnen fuͤhlen; ich verzichte hienie⸗ den auf das Gluͤck der Liebe fuͤr immer und ewig, un—— 44 „Luiſe,“ rief Fritz, und ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder, und umſchlang ihre Kniee,„meine himm⸗ liſche, meine heilig geliebte Luiſe, darf ich denn mei⸗ nen Sinnen trauen— ich unbedeutendes Nichts, dieſen Engel mein nennen zu duͤrfen— traͤume ich denn mit wachenden Augen?— und jetzt“— er ſprang auf, und ſchloß das reizende Kind in ſeine Arme— „jetzt fort zu muͤſſen! jetzt gerade, wo die ſchoͤnſten Stunden meines Lebens ſchlagen. Luiſe, meine an⸗ gebetete Luiſe, ſoll ich denn fort? muß ich denn?“ Luiſe, das verſtaͤndige Maͤdchen, ſetzte ihm aus⸗ einander, daß ſte die Reiſe gerade als einen Weg zu ihrem Ziele anſehe; der Vater werde ſeinen Ge⸗ ſchaͤftsgeiſt, bei dieſem wichtigen Auftrage, in ſeinem ganzen Umfange kennen zu lernen Gelegenheit ha⸗ ben; Wirklich, der bei'm Vater Alles gelte, werde ihn, ſeiner treuen ehrlichen Wahrnehmung des vä⸗ terlichen Intereſſe halber, lieb gewinnen, die haupt⸗ ſaͤchlich durch ihn mit errungenen gluͤcklichen Reſul⸗ tate der Reiſe, wuͤrden ihn dem Vater theuer und werth machen,„und wenn zuletzt,“ ſagte Luiſe ſin⸗ nig laͤchelnd,„das Kind erklaͤrt, dieſen oder keinen, ſo wird der Vater ſeine, auf einen Schwiegerſohn von gleichem Vermoͤgen oder aus einem Hauſe, deſ⸗ ſen Verbindung ihm in ſeinen Unternehmungen von Nutzen ſeyn koͤnnen, gerichteten alten Wuͤnſche, am Ende aufgeben, und unſerm Bunde ſeine Einwilli⸗ —— — 64— gung nicht verſagen. Nur Geduld und Muth, und,“ ſetzte ſie mit dem niedlichſten Droh⸗Finger im gan⸗ zen Reiche, halb im Scherz halb im Ernſt hinzu— „und in London, über die ſchoͤnen Brittinnen die arme Luiſe nicht vergeſſen—!“ 8 „Nein, nein, nein,“ rief der uͤberſelige Fritz, und ſchloß das bräutliche Maͤdchen in ſeine Arme, und drückte auf das roſige Muͤndchen den Verlo⸗ bungskuß, und Lieschen wehrte ihm nicht, denn er war la vor Gott und ihrer Liebe, ihr Erkohrener fur ihr ganzes Leben; er hatte ja um ihrer willen ſo viel Angſt und Herzeleid ausgeſtanden, und uͤber das Alles reiſ'te er ja in drei Minuten nach Lon⸗ don. Das Millionen⸗Maͤdchen ſchlang die Lilien⸗ Arme um den Neidenswerthen, gabihm redlich wie⸗ der, was ſie erhalten, und mitten im zuͤchtig ver⸗ ſchämten Brautkuße, indem ihre Purpur⸗Lippen die Küſſe ihrer hingebenden Liebe aushauchten, ſchlugen die Uhren auf den Thuͤrmen und in allen Zimmern Zwei, und Fritz mußte— er mußte ſich aus den Ar⸗ men losreißen, die ihn ſo traulich umfangen hatten, losreißen von dem treuen Herzen, das in der jung⸗ fräulichen Schwanenbruſt nur fuͤr ihn ſchlug; los⸗ reißen von dem granatbluͤthenen kleinen Munde, der ihm ewige Liebe gelobte, losreißen von dem ſchmachtenden Blicke des veilchenblauen Auges, in dem eine zarte Abſchiedsthraͤne ihm perlte, denn Punkt Drei Uhr ſollte es fortgehen, unaufhaltſam nach Albions glaͤnzender Hauptſtadt. 3. Den ganzen Weg uͤber hatte Herr Wirklich faſt kein Wort geſprochen. Das war Fritz hoͤchſt gelegen; konnte er doch um deſto ungeſtoͤrter an ſeine himmli⸗ ſche Luiſe denken. In jedem Wirthshauſe, in dem ſie ſich einige Erholung goͤnnten, ſetzte ſich Herr Wirk⸗ lich, der immer ſtiller und gedruͤckter ward, je naͤher er London kam, hin, nahm ſeine Schreibtafel her⸗ aus, und rechnete und ſchrieb, und ſchuͤttelte den Kopf, und ſeufzte; in der nächſten Ecke ſaß regel⸗ mäßig Fritz, nahm ſeine Schreibtafel heraus, und ſchrieb auf kleinen Blaͤttchen an ſeine Luiſe, und — —-— 65— ſchuͤttelte den Kopf, und ſeufzte, denn er hatte in der abſcheulichen Eile vergeſſen, mit ihr wegen Ve⸗ ſtellung ſeiner Briefe, die noͤthige Abrede zu neh⸗ men, und wußte nun nicht, wie er ihr ſeine Lebens⸗ zeichen zukommen laſſen ſollte. Die erſten Tage ihrer Ankunft in London bekam Fritz den alten Wirklich nur Früh und Abends zu ſehen. Er kam alle Abende duͤſterer nach Hauſe, legte ſich nieder, ohne zu ſchlafen, und machte, wenn er des Morgens ausging, ein Geſicht, als ging er geraden Weges zum Richtplatz. Fritz fragte jeden Morgen: ob er ihn begleiten, ob und wo er ihn erwarten, und ob er ihm nicht arbeiten helfen ſolle? Herr Wirklich ſchuͤttelte zu dem Allem verneinend den Kopf, holte in die ſchwer beklemmte Bruſt tie⸗ fen Athem, und ging. Fritz ſah ihm theinehmend nach, und bekam das erſte Vorgefuͤhl des Satzes, daß ein Menſch, der kaufmaͤnniſche Geſchaͤfte von ſehr hbedeutendem Umfange macht, ſelbſt, wenn dieſe glücklich gedeihen, ſelten ſein Bischen Leben genießt; und abſtrahirte ſich im Stillen den, vom Kaufmann, in der Regel, lange nicht genug beherzigten Grund⸗ ſatz, daß ein kleineres, geraͤuſchloſes, uͤberſehbares Geſchaͤft, mit weniger glaͤnzendem Erfolge, aushal⸗ tender, dauerhafter und ſicherer ſey, als die großen, mehrentheils die Kraͤfte der Unternehmer uͤberſtei⸗ genden Entrepriſen; dabei that ihm aber doch leid, daß Herr Wirklich ſeine Hülfsanerbietungen ſo be⸗ ſtimmt ablehnte; es galt ja, ſeinem Lieschen die Freude mit der Herrſchaft Lindenhorſt zu machen, und da haͤtte er recht gern von Fruͤh bis Abend ge⸗ arbeitet, um ſich ſagen zu koͤnnen, daß er bei der Sache auch Theil gehabt habe. Anm fuͤnften, ſechsten Tage kam der alte Wirk⸗ lich ungewoͤhnlich fruͤh, leichenbleich und verſtoͤrten Angeſichts nach Hauſe. Fritz fragte beſtuͤrzt den redlichen bewaͤhrten Freund des Hauſes, was ihm fehle? da brach er aus dem langen peinlichen Stillſchweigen in einen Strom von Thraͤnen aus, ſchwankte in Fritzens Arme, und rief ſehmnerzlich:„Es iſt zu viel für mich; ich trage 2 — 66— es nicht; die Laſt des Ungluͤcks iſt fuͤr meine ſchwa⸗ chen Schultern zu ſchwer. Gott im Himmel, der ehrliche, wackere Mann! Die liebe herrliche Frau und unſer gutes engliſches Lieschen!“ „Luiſe?“ fragte Fritz, vom Schreck durchbebt, doch Wirklich hoͤrte in dem furchtbaren Augenblicke nicht den Schmerzenston, in dem Fritz fragte, und hatte uͤber das ihm näher liegende Wohl des Hau⸗ fes, vergeſſen, daß ihm Fritz mitgegeben war, blos um ühn von Luiſen zu entfernen. Das Beduͤrfniß der Mittheilung, das dem Leidenden ſeinen Kum⸗ mer gewohulich lindert, draͤngte auch ihn, ſeinem Reiſegefaͤhrten Fritz das Schreckliche ſeiner Lage zu vertrauen, und er durfte aus der Sache um ſo we⸗ niger ein Geheilnri mehr machen, als in wenig Tagen ganz Silberſtein ja doch erfuhr, was er ſeit dem unvergeßlichen Geburtstage bis heute, in Hoff⸗ nung beſſerer Wendung des Geſchicks, ſorglich ver⸗ ſchwiegen hatte. Er erzaͤhlte alſo, mit Fritz im Zimmer auf und abgehend, und, als ob es ihm unmoöͤglich, von dem Ungluͤck laut zu reden, mit gepreßter Stimme, daß Herr Reichhart, ſeit Jahrzehnden, unter andern auch mit den Londoner Haͤuſern G.. B... und R.. in ſehr lebhafter Handelsverbindung geſtan⸗ den, die von ſo bedeutendem Umfang geweſen, daß die jaͤhrliche Geſammt⸗Summe des gegenſeitigen Verkehrs gewoͤhnlich mehrere Millionen betragen habe. Von beiden Seiten ſeyen immer die Zahlun⸗ gen auf das Prompteſte erfolgt, und ſo habe ſich durch die lange Reihe von Jahren her, ein ganz unbedingtes Vertrauen begruͤndet. „Im vorigen Jahre,“ fuhr der alte Wirklich fort,„machten uns gedachte drei Heuſer den Auf⸗ trag, fuͤr anderthalb Millionen Thaler Wolle und für ungefaͤhr 500,000 Thaler Zink zu kaufen; die preuſſiſchen und ſäͤchſiſchen Wollmaͤrkte, und die ſchle⸗ ſiſchen und polniſchen Zinkhuͤtten, lieferten das Ver⸗ langte in wenigen Tagen. Wenn gedachte drei erſte Hauſer jedes fuͤr ſich, und ohne Ruͤckſprache mit den beiden andern, und außer dieſen noch mehr, denn ſchwa⸗ „ der Frau hbebt, ablicke „ und Hau⸗ blos irfniß Kum⸗ einem ige zu ſo we⸗ wenig itigen tragen ahlun⸗ be ſich ————Vʒ—ʒ————— — 67— zehn anſehnliche Londoner Handlungen in Wolle und Zink ſolche anſehnliche Beſtellungen und durch ihre Commis, eigene Aufkäauſe machten, ſo konnte es nicht anders, als ſehr vortheilhaft erſcheinen, außer jenen Quantis, noch für unſere eigene Rech⸗ nung eine Partie aufzukaufen, nach London an ein viertes Haus zu ſenden, und den Gewinn, den die Merren Englaͤnder damit beabſichtigten, ſelbſt zu ziehen. Wir kauften daher fur beinahe eine halbe M illion Wolle, und fuͤr 500,000 Thaler Zink, und ſetzten unſerm Londoner Freund den Preis feſt⸗ un⸗ ter dem er Beides nicht verkaufen ſolle. Bei den enormen Aufkaͤufen beider Artikel auf dem Konti⸗ nent war die von Tage zu Tage immer mehr zu⸗ nehmende Steigerung des Kaufpreiſes eben ſo na⸗ türlich, als bei der Ueberſchwemmung der Londoner Maͤrkte mit Wolle und Zink das täͤgliche Fallen der Verkaufs⸗Preiſe. Viele der hieſigen Kaufleute fin⸗ gen an, damit auf unerhoͤrte Weiſe zu ſchleudern; in allen Auktionen waren Wolle und Zink die Haupt⸗ Artikel; man erhielt ſie fuͤr ein Spottgeld, weit un⸗ ter dem koſtenden Preiſe. Vom Auflagern bis zu einſtiger beſſerer Zeit, kann bei der uͤberſpannten hieſigen Lager⸗ Miethe, bei den verloren gehenden Kapitalszinſen, und bei der Zufuhr neuer Wolle von der dies⸗ und jeder kuͤnftig jaͤhrigen Schur keine Rede ſeyn. Nach funftägigem Berathen mit unſerm Kommiſſionair, und mit mehreren hieſigen unterrichteten und vertrauenswerthen Geſchäfts⸗ freunden habe ich mich zum Losſchlagen der Waare entſchließen müſſen; wir buͤßen uͤber zweimalhun⸗ derttauſend Thaler bei dieſem, für unſere Rechnung gemachten unſeligen Geſchäfte ein;— doch— dieſer Verluſt wuͤrde noch allenfalls zu verwinden ſeyn; aber der zweite Schlag iſt herber, iſt entſcheidend. Saͤmmtliche drei Haͤuſer, fuͤr deren Rechnung wir kauften, faſt die bedeutendſten auf hieſigem Platze, ſind in einander gebrochen, und ſtuͤrzen uns mit!— Wir haben mehr denn zwei Millionen baare Thaler fuͤr ſie gezahlt; die Wechſel, mit denen ſie uns dek⸗ ken wollten, bis dahin Papiere, denen in der ganzen —— — 68— Handelswelt, die ihnen gebuͤhrenden Ehren unwei⸗ gerlich erwieſen wurden, ſind aller Orten mit Pro⸗ teſt zuruckgekommen; die Waare, die uns wenig⸗ ſtens in etwas hätte ſchadlos halten koͤnnen, und die wir deßhalb mit Beſchlag belegen wollten, iſt verſchwunden— mein guter ehrlicher Reichhart! ſein Falliment iſt unvermeidlich— iſt da!“— Der alte Wirklich ſchluchzte laut, als er das ſchreckliche Wort zum erſten Male uͤber die Lippen gebracht hatte, und fuhr erſt nach langer Pauſe, waͤhrend welcher er, die Haͤnde krampfhaft in einander ge⸗ ballt, bald vor Stirn, bald vor Bruſt gedruͤckt, als drohe ihm Kopf und Herz zu zerſpringen, heimlich weinend fort, zu beſchreiben, was er bei der Geburts⸗ tagsfeier Unſäͤgliches gelitten. Mittags, kurz vor dem Eſſen, waren aus den verſchiedenen Handels⸗ plaͤtzen fuͤnf proteſtirte Wechſel mit einem Male zu⸗ ruͤckgekommen; Abends aus einer entgegengeſetzten Himmelsgegend viere, im Betrage von einer halben Million Thaler. ehe todt als lebendig,“ er⸗ zaͤhlte der tief gebeugte alte Mann, mußte ich ſchwei⸗ gen, und durfte mit keiner Miene meine namenloſe Angſt verrathen; zu redreſſiren war für den Augen⸗ blick nichts; die ungluͤckſelige Fete konnte in dem kurzen Zeirraum nicht abgeſagt werden; moͤglich war auch, daß meine Herreiſe das einbrechende Un⸗ gluͤck aufhielt oder gar abwendete; ich ſchwieg alſo, und ließ die Leute luſtig ſeyn, und half, weil Herr Reichhart ausdruͤcklich wunſchte, daß ich die Hon⸗ neurs machen ſollte, und ich mich, ohne alle ſeine Arrangements zu ſtoren, dem nicht entziehen konn⸗ te, ſie froͤhlich machen; je lebendiger ihre Freude ward, deſto ſtaͤrker ſchoß mir das Blut aus dem zer⸗ riſſenen Herzen; ich bin den Abend jede Stunde dreimal geſtorben. Endlich war denn die ſchreckliche Fete zu Ende. Wohl ſtutzte Herr Reichhart, als ich ihm Abends, nachdem wir von Friedenau nach Hauſe gekommen waren, die Hiobspoſten vorlegte; aber er verlor den Kopf nicht. Er wußte damals ſo wenig, als ich, von dem Bankerotte der drei hie⸗ ſigen Hauſer, hielt das Proteſtiren ihrer Tratten blos meit bene allen hieh hatt ſelbe kuͤnf ſens teren Sch des ſo w Stal Luiſe finde der 7 verw allm umſe wenn nate ware ſich nen man der C unfaͤ ſten men, kurze ner, fen, daher aus nen?2 gen konnt Sie i dreht wuͤrd unwei⸗ ebracht hrend er ge— et, als eimlich burts⸗ rz vor ndels⸗ ale zu⸗ eſetzten halben 85 er⸗ ſchwei⸗ nenloſe Augen⸗ n dem noͤglich de Un⸗ g alſo, l Herr Hon⸗ 2 ſeine konn⸗ Freude m zer⸗ Stunde eckliche „ als u nach rlegte; damals hei hie⸗ ratten — 69— blos fuͤr unnöͤthige, durch die gegenwaͤrtigen allge⸗ meinen Handels⸗Erſchuͤtterungen erzeugte uͤbertrie⸗ bene Aengſtlichkeit der Bezogenen, und betrieb vor allen Dingen die Beſchleunigung meiner Abreiſe hieher, um zu retten, was noch zu retten ſey. Er batte noch ſo viel Gegenwart des Geiſtes, in der⸗ ſelben Minute, in der die Wurfel ſeiner ganzen kuͤnftigen Exiſtenz auf dem Tiſche lagen, von Lui⸗ ſens ihm unbegreiflichen Herzensverirrung ein Brei⸗ teres zu erzaͤhlen, und gab Ihnen auf den Kopf Schuld, daß ſie den Morgen erſt noch, den Antrag des Grafen Windlingsfelde ausgeſchlagen. Er haͤtte, ſo wenig er ſonſt auf einen Schwiegerſohn hoͤheren Standes ſpekulirt, gerade jetzt gern geſehen, wenn Luiſe ſich zu der Partie mit dem Grafen haͤtte willig finden laſſen. Der Erbkämmerer, der Schatz⸗ und der Finanzminiſter ſtehen mit dieſem in ganz nahen verwandtſchaftlichen Verhaͤltniſſen. Durch ihren allmächtigen Einfluß bei Hofe, und durch ihre un⸗ umſchränkte Gewalt war es ihnen ein Leichtes, ihm, wenn unſere Londoner Freunde, die ſchon ſeit Mo⸗ naten mit Erfuͤllung ihres Obligo's in Ruͤckſtande waren, und daher Herrn Reichhart, wie Sie z. B. ſich aus ſeiner Weigerung, Ihr Geld laͤnger in ſei⸗ nen Buͤchern zu behalten, entſinnen werden, zu mancher vorſorglichen Vorkehrung veranlaßten, wi⸗ der Erwarten wirklich fuͤr den Augenblick zahlungs⸗ unfaͤhig ſeyn ſollten, die zur Deckung der dringend⸗ ſten auf uns laufenden Wechſel erforderlichen Sum⸗ men, aus landesherrlichen Fonds, gegen Zinſen auf kurze Zeit vorzuſchießen. Nun waren dieſe Män⸗ ner, durch Luiſens feſte Erklaͤrung gegen den Gra⸗ fen, Alle ohne Ausnahme, beleidigt, und er durfte daher gar nicht daran denken, ſie wegen Rettung aus der augenblicklichen Verlegenheit in irgend ei⸗ nen Anſpruch zu nehmen. Darum war er gereizt ge⸗ gen Luiſen, und ernſtlich boͤſe auf Sie; denn er konnte ſich den Glauben nicht nehmen, daß, hätten Sie ihr, wie er ſich ausdruͤckte, den Kopf nicht ver⸗ dreht, ſie dem Grafen ihre Hand gegeben haben wuͤrde; daher war er auch gegen Ihr Erſcheinen auf der Buͤhne, was ihm, unter andern Umſtaͤnden, die allerhoͤchſte Freude gemacht haben wuͤrde, kalt und unempfindlich. Seine Abneigung, ſein Unwille gin⸗ gen ſo weit, daß, ſelbſt, wenn ich hier die erfolg⸗ reichſten Geſchaͤfte machte, und alle unſere Forderun⸗ gen einkaſſirte, ich den Auftrag von ihm hatte, Sie zu erſuchen, ſich nach einem andern Engagement umzuſehen; jetzt, bei dem totalen Bruche unſers ungluͤcklichen Hauſes, wo wir ohnehin alle unſere Arbeiter entlaſſen, wo wir unſer ganzes Comtoir aufloͤſen muͤſſen, verbietet ſich Ihre Beibehaltung von ſelbſt. Indeß iſt es noch ein Gluͤck fuͤr Sie, daß Sie unſer Unſtern gerade hieher gefuͤhrt hat. Bei Ihren Kenntniſſen, Ihren Talenten, Ihrem Eifer, wird es Ihnen nur ein Paar Gaͤnge koſten, und Sie ſind beſtimmt in wenig Tagen anderweit wieder auf das Beſte placirt. Einen ausdruͤcklichen Wunſch des Herrn Reichhart ſoll ich Ihnen nur noch mittheilen, naͤmlich, daß Sie mir mit Hand und Mund verſprechen, mit Luiſen keinen ſchriftli⸗ chen Briefwechſel zu unterhalten. Er ſtand freilich, als er mir das an jenem verhängnißvollen Abende ſagte, noch in dem Wahne, daß hier ſeine Angele⸗ genheiten, wo nicht mit gläͤnzenden Vortheilen, doch ohne ſonderlichen Verluſt wuͤrden arrangirt werden, und ſah daher ſeine Luiſe fuͤr eines der reichſten Maͤdchen unſers Standes im ganzen Lande an. Blieb Luiſen dereinſt einmal das, was unſere General⸗Schluß⸗Bilanz des vorigen Jahres nach⸗ wies, ſo hatte ſie mehr denn anderthalb Millionen Thaler zu erwarten;— jetzt hat ſie nichts!“—— Fritz ſtand von allem dem Unerwarteten tief er⸗ ſchuͤttert mit verſchränkten Armen am Fenſter, und ſagte, nachdem Herr Wirklich ſich ausgeſprochen: „wohl hat mir Herr Reichhart mit ſeinem Ver⸗ dachte ſchmerzlich Unrecht gethan; wer kann aber heute mit ihm, dem ungluͤcklichen wackern Manne, rechten! Ich vergebe ihm von ganzer Seele. Sei⸗ nen Wunſch werde ich erfuͤllen, ſo ſchwer es mir auch wird; dagegen verſprechen Sie mir aber auch hier durch feierlichen Handſchlag, daß Sie Luiſen unſer barer und E Arme Spitz aber druͤck W Klein rungt n, die t und e gin⸗ rrfolg⸗ derun⸗ , Sie ement inſers unſere mtoir altung Sie, t hat. Ihrem koſten, erweit klichen n nur Hand oriftli⸗ reilich, lbende Ingele⸗ heilen, angirt es der Lande unſere 3 nach⸗ lionen —— rief er⸗ r, und ochen: 1 Ver⸗ n aber Nanne, Sei⸗ es mir r auch Luiſen —-— 71— in der erſten Stunde Ihrer Ruͤckkunft ſagen wollen, wie mir die Haͤnde gebunden worden. Die Pflicht der Dankbarkeit ſchmiedet mir dieſe Handfeſſeln noch enger zuſammen. Luiſe ſoll von mir nicht eher horen, als bis es Zeit iſt. Das ſagen Sie ihr, Herr Wirklich; und ſehe ich nach Jahren Luiſen, ſo wird das meine erſte Frage ſeyn, ob Sie meine Bitte er⸗ fuͤllt; und erfahre ich, daß Sie ſolche unbeachtet gelaſſen haben, ſo werden Sie mir dafuͤr verant⸗ wortlich, Sie möͤgen ſich befinden, an welchem Ende der Welt Sie wollen. Weiter gebe ich Ihnen keinen Auftrag an Luiſe. Jahrzehende und Weltmeere koͤn⸗ nen zwiſchen uns liegen, das thut nichts zur Sache. Uebrigens ſeyn Sie meiner Zukunft und meines Unterkommens halber unbeſorgt. Gott wird hel⸗ fen. Bin ich doch jung noch, und ruͤſtig, und brauche wenig. Leben Sie wohl, und grüßen Sie unſern guten armen Herrn Reichhart, deſſen dank⸗ barer Schuldner ich ewig bleibe, ſeine herrliche Frau und meine himmliſche Luiſe.“ Er ſchloß den redlichen Wirklich weinend in ſeine Arme. Dieſer wüͤnſchte ihm, ihn dereinſt an der Spitze eines recht namhaften Hauſes zu ſehen; Fritz aber ſchuͤttelte wehmuͤthig laͤchelnd mit dem Kopfe, druͤckte dem alten Manne die ehrliche Rechte, und ging. 64. Wie die Folgen einer verlorenen Schlacht, ſo im Kleinen, die eines kaufmänniſchen Falliments. Beide ſind nicht zu berechnen, beide greifen viel weiter um ſich, und viel tiefer, und wirken viel nachhalti⸗ ger, als man im erſten Schrecken gemeiniglich glaubt.— Kaum waren einige Jahre verfloſſen, und wie ſo ganz anders hatte ſich Alles geſtaltet! Das reizende Friedenau hatte der Erbprinz gekauft, der Pracht⸗Palaſt in der Stadt war ſubhaſtirt worden; das Leib⸗Huſaren⸗Regiment kaſernirte jetzt darin. Die wundervollen Meiſterwerke der Maler⸗ und Bild⸗ hauerkunſt, das ganze praͤchtige Haus; und Tiſch⸗ geraͤthe, die Bibliothek, Equipage, mit Einem Worte Alles, war auf dem ſchrecklichſten aller Veraͤuße⸗ rungswege, auf dem Wege der Auktion, fuͤr Spott⸗ — 72— preiſe theils in Liebhaber⸗, theils in Troͤdlerhande gewandert. Herr Reichhart war anfaͤnglich ver⸗ ſchwunden; erſt als er gewiſſe Ueberzeugung hatte, daß die dem alten Wirklich uͤbertragene Ausglei⸗ chung mit ſeinen Gläubigern zu Stande kommen werde, fand er ſich in der Naͤhe von Silberſtein wieder ein. Seine Gattin hatte unterdeſſen, in Gemeinſchaft mit Wirklich, unter tauſend Kraͤn⸗ kungen und bittern Thraͤnen, die Verſilberung ihres Haabes und Gutes betrieben. Ohne geſetzlich dazu gezwungen werden zu koͤnnen, hatte ſie, nach Vor⸗ behalt eines kleinen Kapitals, deſſen Zinſen hin⸗ reichten, ihre und der Ihrigen nothduͤrftige Sub⸗ ſiſtenz zu beſtreiten, ihr ganzes, dem Manne zu⸗ gebrachtes, ſehr bedeutendes Vermoͤgen, um deſſen Ehre moͤglichſt zu retten, freiwillig zum Opfer ge⸗ bracht. Bei dem ſelſenfeſten Kredite, in dem das Reichhart'ſche Haus weit und breit im Lande ſtand, war es kein Wunder geweſen, daß, wer nur irgend Gelder unterzubringen gehabt hatte, zu dem reichen Reichhart geeilt und froh geweſen war, wenn die⸗ ſer ſie nur angenommen; und ſo ſtanden in den Buchern, neben den erſten Bankiers der Welt, arme Wittwen, Landleute, Domeſtiken, Gewerbs⸗ menſchen und kleine Rentiers, die ihr muͤhſam Er⸗ worbenes, ihr langſam Erſpartes, mit unbegrenz⸗ tem Vertrauen hergetragen hatten, und nun ihr ganzes zeitliches Wohl mit Einem Schlage zertruͤm⸗ mert ſahen. Aus allen Winkeln der Stadt, aus allen Enden der Umgegend kamen die Glaͤubiger dieſer Klaſſe, und tobten und drohten, oder, was die edle Frau noch mehr ergriff, weinten und ran⸗ gen ſich unter lauten Seufzern und Klagen das Baſt von den Haͤnden. Zum Gluͤck hatte Herr Reichhart, in Beherzi⸗ gung des ſehr wahren Grundſatzes, daß eheliches Gluͤck durch das liebe Mein und Dein gar leicht gefaͤhrdet werden kann, das Vermoͤgen ſeiner Frau nie in ſeiner Handlung benutzt; es ſtand alſo, auf verſchiedene Weiſe untergebracht, ganz zu ihrer Di⸗ ſpoſition, und noch zum groͤßern Gluͤcke veichte es, 5 alle etwa zu Pf den( Quit ſer K theue des g Reſt ſie mo ſeines ſeine poſten Thale hinge koͤnnt jedesn die E verlau nem 2 ihm a Wohl! wir ni böſen meine werder graben nuten ſeiner Vo ſchen hielten alle w Ruͤcken kommt Waſſer ſchlaͤft uͤber n Clanr haͤnde h ver⸗ hatte, 1sglei⸗ mmen erſtein n, in Krän⸗ ihres ) dazu Vor⸗ n hin⸗ Sub⸗ ne zu⸗ deſſen fer ge⸗ m das ſtand, irgend reichen u die⸗ n den Welt, werbs⸗ im Er⸗ grenz⸗ un ihr rtruͤm⸗ „ aus ubiger -, was d ran⸗ en das eherzi⸗ eliches leicht r Frau o, auf er Di⸗ hte es, — 735— alle die kleinen Poſten, im Geſammtbetrage von etwa zweimalhundert tauſend Thalern, von Heller zu Pfennig zu berichtigen. Am kurz darauf folgen⸗ den Geburtstage des Gatten, ſandte ſie ihnn die Quittungen ſaͤmmtlicher befriedigten Glaͤubiger die⸗ ſer Klaſſe zum Angebinde. Sie erkaufte mit dieſem theuern Geſchenk dem geliebten Manne die Achtung des großen Haufens; ſie hob von ihm, fuͤr den Reſt ſeines Lebens, eine tauſendfache Zentnerlaſt; ſie machte ihm ſein letztes Stuͤndlein und die Erde ſeines Grabes leicht. Herr Wirklich hielt es fuͤr ſeine Schuldigkeit, ihr einige Male, wenn ſie Haupt⸗ poſten der Art berichtigen und die ſchoͤnen runden Thaler in großen Summen auf immer und ewig hingeben wollte, auseinander zu ſetzen, daß ſie mehr thue, als das Geſetz von ihr verlange, und daß, wenn dieſes ſie unter ſeinen Schutz nehme, die Gläubiger alle zuſammen ihr nichts anhaben koͤnnten; aber ſie wies ſeine wohlgemeinten Winke jedesmal mit beſtimmter Feſtigkeit zuruck.„Erſt die Ehre,“ ſagte ſie in ihrer reſigniren den Selbſt⸗ verläugnung,„dann das Leben! Habe ich mit mei⸗ nem Manne die guten Tage getheilt, will ich mit ihm auch die boͤſen theilen. Erhalten wir uns das Wohlwollen, die Achtung unſrer Mitwelt; ſo ſind wir nicht ſo arm, als wir ſcheinen. Wenn erſt die böſen Gewitterſtuͤrme alle voruͤber ſind, hoffe ich, meines Mannes und ſeiner Tugenden froher zu werden, als bis hieher, wo er, in Geſchaͤften ver⸗ graben, ſeiner Familie vom Tage kaum einige Mi⸗ nuten abmuͤßigen konnte, und ſelbſt in dieſen mit ſeiner Seele nicht immer bei uns war.“ Von allen den Hunderten, die im Reichhart'⸗ ſchen Hauſe ſo manchen Goͤttertag gelebt hatten, hielten kaum zwei, drei redlich aus; die Andern alle wendeten der armen gefallenen Familie den Ruͤcken.„Wie man's treibt, ſo geht's; Hochmuth kommt vor dem Fall; der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht; wie man ſich bettet, ſo ſchlaͤft man.“ Das waren ungefaͤhr die Themata, uͤber welche das ehrſame Publikum in exemplari⸗ Ctanren Schr. I. XIII. 7 —- 74— ſcher Gleichguͤltigkeit und Liebloſigkeit, in haͤmiſchen Witzen und ſchneidender Kalte, ſchadenfroh variir⸗ te; die Hohen ſchaͤmten ſich, mit dem Buͤrgergrob, das ſich mit unausſtehlicher Zudringlichkeit an ſie gehaͤngt, auf ſo kordialem Fuße umgegangen zu ſeyn; ſie erzaͤhlten ſich einander mehrere kleine, von erbaͤrmlichen Witzbolden ihrer Kaſte zur allge⸗ meinen Ergoͤtzlichkeit erſonnene Etourderien und Dementi's gegen den bon ton, die in dem Hauſe zur Zeit ſeines Glanzes vorgefallen ſeyn ſollten, um, ohne es gerade auszuſprechen, auf ſpaßhafte Weiſe darzuthun, daß die Populace, trotz alles ihres Geldes, doch nicht in die feine Welt gepaßt, und vergaßen uͤber das nächſte Tagesereigniß die ganze Familie mit all' ihrem ehemaligen Reich⸗ thum; die Leutchen kleineren Schlages nannten, ohne ſich im mindeſten um die wahren Urſachen des Bruchs zu bekuͤmmern, in ihrer großſtaͤdtiſchen Oberflaͤchlichkeit, den alten Reichhart, vor dem ſie ſich ſonſt tief gebuͤckt, einen dummen Kerl, einen bornirten Kopf, einen unerſattlichen Geizteufel, einen in das Blaue hinein ſpekulirenden Waghals, bedauerten im Stillen, daß die köſtlichen Feſte, bei denen Koͤniglich gegeſſen und Kaiſerlich getrunken worden, nunmehr ein Ende hatten, und raiſonir⸗ ten zur ſchuldigen Dankſagung fuͤr genoſſene Hoͤf⸗ lichkeiten recht vernehmlich laut uͤber die vornehme Madame Reichhart und die hochnaͤſige Mamſell Luiſe. Selbſt manche des zweiten Geſchlechts, das bei fremden Leiden, in der Regel, milde Theil⸗ nahme und ſchonendes Urtheil bezeigt, ließ ſich vom lange heimlich genaͤhrten Neide verleiten, die ſpitze Frage hinzuwerfen, ob Mama und Tochter ſich nun ohne Kammerfrau und Garderobemadchen wuͤrden behelfen koͤnnen, ob ihnen das zu Fußge⸗ hen nicht zu ſtrapazioͤs ſeyn werde, und wie ihnen auf die Pointkleider und Sammet⸗Roben das ein⸗ fache Gingham⸗Roͤckchen wohl ſchmecken moͤge? Unglucklicher Weiſe machten es ſich einige treu gebliebene Anhaͤnger des Hauſes, wie ſie ſagten, damit Madame Reichhart ihre Maaßregeln darnach nehm traͤger nes l aͤchten gleicht Tocht traͤgt Gefol tigkeit Menſ taͤglich niſchen variir⸗ ergrob, an ſie gen zu kleine, allge⸗ n und Hauſe ſollten, aßhafte 3 alles gepaßt, niß die Reich⸗ nten, rſachen dtiſchen dem ſie einen zteufel, aghals, ſte, bei runken niſonir⸗ ne Hoͤf⸗ rnehme Namſell ts, das Theil⸗ ieß ſich ten, die Tochter nadchen Fußge⸗ e ihnen as ein⸗ oͤge? ge treu ſagten, darnach 4 — 55— nehmen koͤnne, eigentlich aber aus angebornem Zu⸗ trager⸗Hange, und um verſtehen zu geben, daß je⸗ nes bloße Tiſchfreunde, ſie aber die wahren und aͤchen geweſen, zur unerlaͤßlichen Pflicht, all' der⸗ gleichen boshafte und alberne Reden Mutter und Tochter zu hinterbringen; das Ungluͤck ſelbſt er⸗ traͤgt der Schuldloſe wohl mit feſter Ruhe; das Gefolge deſſelben aber, die Erkenntniß der Schlech⸗ tigkeit, der Undankbarkeit, der Schadenfreude der Menſchen, thut dem Geſtuͤrzten namenlos wehe; taͤglich vorfallende Beleidigungen der Art verwun⸗ den ſein Innerſtes tief, reißen ihm das Herz blu⸗ tig auseinander, und gießen ihm eine Bitterkeit in die Seele, die ihn oft, ſelbſt gegen die ihm treu Gebliebenen, ungerecht macht. Darum iſt es ſo ſchwer, mit Ungluͤcklichen umzugehen, und darum werden ſie oft von ihren beſten Freunden zuletzt gemieden. Mutter Reichhart, von Jugend auf im Schoße des Ueberfluſſes erzogen, hatte ſo Manche ihr gleich Gluͤckliche, mit oder ohne ihre Schuld fallen geſe⸗ hen, und von ihnen gelernt, wie ſich die Menſchen das Ungluͤck erleichtern und erſchweren koͤnnen. Sie arbeitete beſonders darauf hin, Luiſen, deren Jugend noch ſo gerechte Anſpruͤche an das ſchoͤne Leben hatte, vor der herben Frucht des Ungluͤcks, vor jener Bitterkeit zu bewahren, welche alle Em⸗ pfänglichkeit fuͤr Freundſchaft, Freude und Lebens⸗ genuß, bis auf den Grund vergiftet, und hatte faſt taͤglich die Genugthuung, des Maͤdchens ſel⸗ tene Seelenſtärke zu bewundern. Das Ungluͤck iſt dem Schuldloſen wahrhaftig nicht ſo furchtbar, als es im erſten Augenblick erſcheint, es hat ſogar ſeine Freuden, ſeine Genuͤſſe, ſein Gutes; ſo zum Bei⸗ ſpiel ward der verſtaͤndigen Mutter die naͤhere Er⸗ kenntniß ihrer Luiſe eine neue Quelle der ſeligſten Freude hienieden, der Elternfreude uͤber gute, wohlgerathene Kinder. Die Ruhe, mit der Luiſe ſich allen Lebens⸗Bequemlichkeiten entaͤußert hatte, um deren willen ſie von kleinen mißguͤnſtigen See⸗ len ſo oft beneidet worden; ihre ſchnelle Gewoͤh⸗ 7 — 76— nung an die ſtille Zuruͤckgezogenheit, das taͤgliche Entſagen ohne Klage, das Dulden des lauten und leiſen Hohnes von Menſchen, die ſich mit ihren Huldigungen ſonſt an ſie gedraͤngt hatten; die Engelmilde, mit der ſie den haͤmiſchen Spott und die tauſendfachen, ihnen bald aus abſichtlicher Bosheit, bald aus dummer Unzartheit täglich zu⸗ gefuͤgten Kraͤnkungen trug, erwarben ihr bei der Mutter, wenn das moͤglich war, noch einen er⸗ hoͤhtern Grad von Liebe, und gewannen ihr eine Art von Achtung, die dem Kinde unbeſchreiblich wohl that. Luiſe fand ſich zur Freundin ihrer Mut⸗ ter erhoben, und in dieſer Erhebung eine Entſchaͤ⸗ digung fuͤr den Verluſt ihrer bisherigen ganzen Umgangswelt. Ihrer neuen Freundin wollte ſie durch ihr Beiſpiel Muth im Tragen des unzaͤhl⸗ baren, und mit jedem Tage neu uͤber ſie einbre⸗ chenden, Ungemachs verleihen, und darum machte ſie ſich immer ſtaͤrker, als ſie war. Die Mutter bemerkte recht gut die Kriegsliſt, die Luiſe im ſchwe⸗ ren Kampfe gegen das Mißgeſchick anzuwenden ſich bemuͤhete; als ſie ſich aber gegen Luiſen daruüber aͤußerte, entgegnete dieſe mit ſchmerzlichem Lächeln: „machte es Napoleon der große Feldherr zuweilen doch auch ſo, er gab ſeine Heerhaufen gewoͤhnlich weit ſtaͤrker an, als ſie in der Wirklichkeit waren, dadurch floͤßte er ſeinen Truppen Muth und Ver⸗ trauen zu ſich ſelbſt ein, und ſiegte oft mit einem kleinen Haͤuflein. So zwinge ich meinen leichten Sinn zum Plaͤnkeln, und mache ihm weis, wun⸗ der wie ſtark meine dicht hinter ihm nachmarſchi⸗ renden Kerntruppen, der Verſtand, die Ruhe, die Beſonnenheit und die Feſtigkeit, ſeyen. Im Ver⸗ trauen auf dieſe greift mein Tirailleur⸗Corps vorn raſch an, und mehrentheils gluͤckt ihm der coup de main; er rollt die feindlichen Linien auf, ehe ſie ſich ſchlagfertig entwickeln koͤnnen, und treibt ſie zu Paaren, ſo daß ich mit meiner ihm vorgeſpie⸗ gelten Haupt⸗Armee, mit der es, unter uns ge⸗ ſagt, zuweilen recht ſchwach heſtellt iſt, gar nicht heranzuruͤcken brauche.“ zugehe bei'm ſtiller wenig zur R lenz, Einla ſtens und v wollen rem n Kunſt, nen A der ſie ihr H Mehre Ungluͤc Bei de gemach manche aͤußerte ſonen Hauſes die Ver ganz a alte Ex ſich mi Silberſ auszup ladenen dern pe ganze kanntſch gliche auten h mit atten; Spott tlicher ich zu⸗ ei der en er⸗ r eine eeiblich Mut⸗ ntſchaͤ⸗ ganzen lte ſie nzaͤhl⸗ einbre⸗ machte Nutter ſchwe⸗ en ſich arüber ncheln: weilen ohnlich waren, — Ver⸗ einem eichten wun⸗ narſchi⸗ he, die Ver⸗ s vorn r coup af, ehe eibt ſie geſpie⸗ ins ge⸗ r nicht Und dennoch uͤberraſchte ſie, auch wieder, wie es dem in ihrer Taktik zum Muſterbilde genom⸗ menen großen Feldherrn ging, oft eine geringe Kleinigkeit, die ſie bis auf das Tiefſte erſchuͤtter⸗ te; ſo mußte ſte z. B., nachdem binnen zwei lan⸗ gen harten Jahren die ſchwierige Auseinanderſez⸗ zung mit den Glaͤubigern des Hauſes endlich zu Stande gekommen, und ſie nach Dornen werder ab⸗ zugehen im Begriffe war, wo Mutter und Tochter bei'm Pfarrer, einem weitlaufigen Verwandten, in ſtiller Abgezogenheit zu leben beſchloſſen hatten, wenige Tage vor ihrem Abzuge mit der Mutter zur Reiſe⸗Marſchallin, Frau von Wiſchwill Excel⸗ lenz, zum Thee. Die gute Frau mochte bei dieſer Einladung die beſte Abſicht gehabt haben, wenig⸗ ſtens ging aus Allem hervor, daß ſie der Stadt und vornehmlich den hoͤhern Zirkeln hatte zeigen wollen, mit welchem Sichgleichbleiben ſie in ih⸗ rem neugriechiſchen Freiheitsſinne, wie ſie ihre Kunſt, ſich uͤber Alles wegzuſetzen, nannte, kei⸗ nen Anſtand nehme, der Madame Reichhart, mit der ſie in guten Tagen verkehrt, auch in boͤſen ihr Haus oͤffne; allein es kam an dieſem Abend Mehreres zuſammen, was das wunde Herz der Ungluͤcklichen recht ſchmerzlich verwunden mußte. Bei der Einladung, welche die Excellenz muͤndlich gemacht hatte, war, da Mutter und Tochter unter mancherlei Ausfluͤchten ablehnten, und beſonders aͤußerten, daß ihnen das Zuſammentreffen mit Per⸗ ſonen mit denen ſie vor der Kataſtrophe ihres Hauſes in Beziehung geſtanden, jetzt peinlich ſey, die Verſicherung gegeben worden, daß ſie unter ſich ganz allein beiſammen ſeyn wuͤrden, und daß die alte Excellenz ſich blos das Vergnuͤgen machen wolle, ſich mit ihnen vor ihrem gaͤnzlichen Abzuge von Silberſtein noch einmal recht von Herzensgrunde auszuplaudern; aber kaum hatten ſich die Einge⸗ ladenen eingefunden, als ein Wagen nach dem an⸗ dern vorgefahren kam, ſo daß ſich in Kurzem der ganze Salon mit lauter Damen der fruͤhern Be⸗ kanntſchaft fuͤllte; die meiſten waren, als ſie Luiſen — 73— und deren Mutter erblickten, ſo uͤberraſcht und verlegen, als dieſe ſelbſt, denn ſie hatten bisher jede Gelegenheit abſichtlich vermieden, ſich mit der bankerotten Kaufmannsfrau und deren Tochter zu⸗ ſammen zu finden; Madame Reichhart und Luiſe aber konnten nicht umhin, Frau von Wiſchwill, ſobald ſie ein Wort mit ihr unbemerkt reden konn⸗ ten, an ihr Verſprechen zu erinnern, und ſie auf deſſen Nichterfullung aufmerkſam zu machen; doch Frau von Wiſchwill ſetzte ſich mit ihrem neugriechi⸗ ſchen Freiheitsſinn uͤber Beider Theile aͤngſtigende Verlegenheit leicht weg. Der Mutter Reichhart er⸗ zaͤhlte ſie, daß einige der hier befindlichen Damen, ſobald ſie erfahren, wer zu ihr kommen wolle, dringend gewuͤnſcht haͤtten, mit von der Partie zu ſeyn, um zu ſehen, wie ſich Frau und Tochter in ihrer neuen Lage naͤhmen; die andern aber habe ſie, da nun einmal das verſprochene Alleinſeyn durch die Zudringlichen geſtört worden, abſichtlich dazu gebeten, blos um ſie zu aͤrgern; ſie häͤtten namlich die ganze Zeit her, von ihrem unertraͤgli⸗ chen Stolze vernagelt, bei mehreren Gelegenheiten geaͤußert, daß eine fallirte Kaufmannsfrau durch⸗ aus nicht weiter geſellſchaftsfäͤhig ſey, und daß ſie daher, ſollten ſie ſie einmol wider Wunſch und Er⸗ warten in irgend einem Zirkel finden, augenblick⸗ lich dieſen meiden, und fuͤr immer meiden werden. „Ich dagegen,“ fuhr ſie heimlich fliſternd fort,„bin in dieſer Hinſicht meinem neugriechiſchen Freiheits⸗ Syſteme treu, und denke darin anders. Was kann die Frau dafuͤr, wenn der Mann bankerott wird? Kaͤme heute mein Mann, wegen Amts⸗Untreue oder anderer Verbrechen, auf die Feſtung, ich wollte doch ſehen, wer mir darum den Zutritt in die Sa⸗ lons unſerer Geſellſchaften verwehren wollte! Sie ſehen auch, was von allen den Redensarten zu hal⸗ ten. Keine einzige iſt gegangen; ſie bleiben Alle, und bitte ich ſie noch zehen Mal mit Ihnen zuſam⸗ men, ſie kommen alle zehen Maohne Frage, und denken nicht wieder an den einfäaͤltigen Trumpf, den ſie auf das Zuſammentreffen mit Ihnen geſetzt fuͤr Luise waͤre Muſe chriſt behat ein 2 77 nin den ht und bisher nit der dter zu⸗ d Luiſe ſchwill, n konn⸗ ſie auf n; doch griechi⸗ tigende hart er⸗ Damen, wolle, Partie Tochter er habe einſeyn ſichtlich haͤtten rtraͤgli⸗ nheiten durch⸗ daß ſie und Er⸗ enblick⸗ verden. t,„bin eiheits⸗ s kann wird? Intreue h wollte die Sa⸗ el Sie zu hal⸗ en Alle, zuſam⸗ ge, und rumpf, 1 geſetzt haben; alſo Frauchen, nur den Kopf oben; denken Sie, Sie waͤren Griechinnen, und mit unſerm Luis⸗ chen in Ipſara, in Scio, oder in Miſſolunghi, den Tuͤrken in die Haͤnde gefallen. Was ſind Sie noch fuͤr eine huͤbſche Frau! Und nun vollends unſer Luischen mit ſeinem Madonnengeſichtchen! Das waͤre einmal ſo etwas recht Ausgeſuchtes fuͤr den Muſelmanns⸗Geſchmack geweſen. Kinder, un⸗ chriſtlich, ganz unchriſtlich wuͤrdet ihr Beide dort behandelt werden. Gegen die Marterleiden iſt ſo ein Bischen Bankerott eine wahre Bagatelle; alſo „„immer den Kopf uͤber dem Waſſer,““ iſt bei den Halloren die erſte Schwimm⸗Regel.“ Denen Damen aber, die ſie zur Rede ſetzten, wie ſie die unpaſſenden beiden Reichharts mitbitten gekonnt, entgegnete ſie, auch wieder mit ihrem neugriechi⸗ ſchen Freiheitsſinn:„einmal iſt nicht immer; ſie muͤſſen Beide von hier fuͤr ewige Zeiten; einen Wagen zu nehmen, und mit Abſchieds⸗Karten in der Stadt herum zu fahren, iſt ihnen zu theuer; da habe ich ſie, um ihnen dies auf feine Weiſe zu ſparen, hieher gebeten; da koͤnnen ſie dem engern Ausſchuſſe ihrer alten Freundinnen ohne Koſten ihr Lebewohl ſagen, und haben obendrein noch ein Taͤß⸗ chen Thee zum Gratial.“ 4 „Sieh',“ hob die Landtags⸗Praͤſidentin, zu hrer Tochter gewendet, an, und hielt Luiſens einfaches Hauskleid zwiſchen den Fingern:„was man doch jetzt fuͤr huͤbſches Zeug in dem Genre haben kann; was unſer Hausmaͤdchen ſich auf dem letzten Jahr⸗ markte die Elle fuͤr ſechs Groſchen gekauft hatte, war in Güte und Feine dem hier faſt gleich, in arbe und Deſſein aber iſt dies hier um Vieles ge⸗ ſchmackvoller.— Es ſteht Ihnen,“ ſetzte ſie, den Blick auf die, neben das Hausmaͤdchen geſtellte, Luiſe, mit erzwungener Freundlichkeit gerichtet, hinzu,„allerliebſt; ich ſehe Sie ſo faſt lieber, als in dem Pariſer Blonden⸗Kleide, was Sie einmal vor Zeiten beisder Ober⸗Kammerherrin auf dem Balle anhatten.“* 4 „Das wiſſen Sie wohl noch gar nicht,“ fiel die 1 1 — 380— Generalin, an Luiſen ſich mit vornehmem Läͤcheln wendend, in das Geſpraͤch,„daß es neulich Ihrer wegen faſt zum blutigen Duell gekommen waͤre.“ „Duell?“ riefen außer Madame Reichhart und Luiſe, die Umſtehenden wie aus Einem Munde. „Ja, ja, bei einem Haar,“ erwiederte die Ge⸗ neralin mit ſpoͤttelndem Scherz,„der alte Kalku⸗ latur-Direktor Waldmann und der Graf Wind⸗ lingsfelde treffen ſich einander auf dem Caſino; unſer Auditeur macht ſich den Spaß, und ſetzt dem Grafen zu, den Korb, den er damals noch in der guten Zeit von Ihnen bekommen, dem Direktor, der, glaube ich, Ihr Herr Vetter iſt, zuzuſtellen⸗ und ſeine wiederholte Bitte um Ihre Hand hinein⸗ zulegen, und ſo den Herrn Waldmann zum Frei⸗ werber zu machen. Der Graf— Sie kennen ſeine Art, ſie iſt nicht immer die feinſte— der Graf wie⸗ hert hoch auf, dreht ſich auf dem Abſatz um, ſagt laut lachend:„„die ware jetzt umſonſt mir zu theuer!““ und zuͤndet ſich ſeine Cigarre an. Das nimmt denn der alte Herr Waldmann gewaltig uͤbel, und der gottloſe Auditeur, deſſen groͤßte Freude iſt, die Leute zuſammen zu hetzen, reizt den Direktor durch verſtellte Theilung ſeiner Anſich⸗ ten dermaßen, daß der Graukopf dem Grafen die ſtaͤrkſten Dinge in das Geſicht ſagt, ſo, daß dieſer, wenn es die Rangverhaͤltniſſe nur irgend haͤtten geſtatten wollen, ihn durchaus haͤtte fordern muͤſ⸗ ſen; ſo aber hat der Graf die kluͤgſte Partie genom⸗ men; er hat ſeinen Gegner lächerlich gemacht; da⸗ durch hat er die Mehrzahl der Umſtehenden auf ſeine Seite bekommen, und am Ende hat ſich das Ganze in einen luſtigen Scherz aufgeloſ't; nur der Direktor iſt brummend abgezogen.“ 4 Der Bediente, welcher, um den Thee zu praͤ⸗ ſentiren, jetzt in den Kreis trat, unterbrach die Un⸗ terhaltung, in der, von Anfang an, jedes Wort fuͤr Luiſen ein dreiſchneidiger Dolch geweſen war. Ein Blick auf das große Taſſenbrett, und ſie er⸗ bleichte, denn es war ſammt allen auf ihm paradi⸗ renden Taſſen ihr ehemaliges Eigenthum; Alles aſino; t dem n der ektor, fellen, inein⸗ Frei⸗ ſeine fwie⸗ ſagt ir zu Das paltig tradi⸗ Alles — 381— Andenken der Freundſchaft und Liebe und Erin⸗ nerungs⸗Zeichen der gluͤcklichen Vorzeit. Die Damen hatten unterdeſſeu jede ihre Taſſe genom⸗ men; ihr blieb die letzte; der Vater hatte ſie ihr an ihrem erſten Kommunion⸗Tage verehrt, auf himmelblauem Grunde ein Lilien⸗Kranz, und in dieſem Kreuz, Herz und Anker. Glaube, Liebe, Hoffnung! Siedend heiß ſchoßen ihr die lang ver⸗ haltenen Thraͤnen in die Augen. Sie dankre fuͤr den Thee, und fluͤchtete in das naͤchſte Fenſter. Unterdeſſen drehte ſich das ganze Geſpraͤch des Krei⸗ ſes um die Auktton, in der Frau von Wiſchwill vorſtehendes allerſeitig belobtes Service für einen Pappenſtiel erſtanden zu haben verſicherte; der ganze Kreis ſtimmte mit einer Unzartheit, die alle Gren⸗ zen überſtieg, in das Lob der billigen Auktions⸗ Preiſe ein, fuͤr welche die mehrſten Verſteigerungs⸗ Gegenſtaͤnde erſtanden worden ſeyen, und bedauerte nur, daß nicht oͤfter dergleichen Auktionen ſtattfaͤn⸗ den; hauptſaͤchlich aber that ihnen leid, daß der Erbprinz, und nicht der Hof⸗Traiteur das ſchoͤne Friedenau bei der Subhaſtation zugeſchlagen be⸗ kommen, welcher letztere den geſcheidten Plan ge⸗ habt, Schloß und Garten zu einem oͤffentlichen Vergnuͤgungsort zu benutzen. Luiſe bat die Mutter heimlich dringend, aufzubre⸗ chen, und nach Hauſe zu gehen; ſie konnte hier nicht laͤnger aushalten. Noch im Abgange bekamen ſie von der Gehe men Oberſteuer⸗Raͤthin Zwicker, deren Schwager die Reichhart'ſche Equipage erſtanden, die mit affektirter Theilnahme hingeworfene Hohnfrage mit auf den Weg, warum ſie ſo fruͤh ſchon nach Hauſe eilten, und ob ſie nicht wenigſtens auf den Wagen warten wollten, denn es ſey ſo naßkalt und windig draußen, daß ſie zu Fuß kaum fortkommen wuürden.. „Fort,“ fliſterte, von innerem Froſt bis auf das Mark durchſchauert, Luiſe, und draͤngte ſich, als ſie das Haus der Frau von Wiſchwill hinter ſich hatten, wie das kleine Kind, das, wenn es von Gefahr ſich bedroht glaubt, der Waͤrterin Schürze — 382— ergreift, dichter an den Arm der Mutter,„fort von hier; hinaus in den fernſten Winkel der Erde! Ich habe geglaubt, viel tragen zu koͤnnen! Das war zu ſchwer. Was haben wir den Menſchen ge⸗ than! Gegen ſie Alle ſind wir freundlich und gut geweſen; Du und der Vater, Beide habt Ihr Euch erſchoͤpft, des Lebens Freuden mit ihnen zu thei⸗ len, ihnen in Eurem Hauſe frohe Tage zu machen, und ihre Verwendungen fuͤr ihre Euch empfohlenen Schuͤtzlinge, werkthäͤtig zu beachten, und nun zum Danke fuͤr das Alles dieſe gemuͤthloſe Behandlung,⸗ dieſe eiſige Kaͤlte, dieſen giftigen Spott.“ 5. Die Mutter beſchwichtigte Luiſens edeln Unwil⸗ len mit ſanften Worten, und wies ſie auf den, der fremde Schuld am ſchmachbedeckten Kreuze mit ſei⸗ nem Leben bezahlt, und den ſchnoͤden Hohn ſeiner Peiniger, und die erbarmungsloſe Grauſamkeit ſeiner Moͤrder, mit ſolcher Selbſtverlaͤugnung ge⸗ tragen, daß er, ſchon auf das Marterholz geheftet, fuͤr ihre Verirrung, fuͤr ihr Nichtwiſſen deſſen, was ſie gethan, die göttliche Verzeihung vom Himmel erbeten. Dieſer troſtreiche Zuſpruch der frommen Mutter wirkte auf die Ruͤckkehr ſtiller Heiterkeit in Luiſens Gemuͤth; und der alte treue Diener, Balthaſar, ward der Himmelsbote, der dieſe Hei⸗ terkeit, dieſen innern Frieden auf das Feſteſte und Unerſchuͤtterlichſte begruͤndet. Er trat eben, als Luiſe mit der Mutter von dem kalten Thee der Frau von Wiſchwill heimkehr⸗ te, und in ihrem Zimmer allein war, froͤhlichen Geſichts heimlich herein, und wiſperte ihr die Frage zu, ob ſie etwa noch das Etui und das Kaͤſtchen habe, in dem der Maler ihres Bildes, der dies hier angefangen, und unvollendet mit in ſeine Heimath genommen, und daſſelbe von da aus, wohl verpackt hierher geſandt habe. Noch von all' den eben erlittenen Kraͤnkungen ſchwer verletzt, antwortete ſie ein gleichguͤltiges Nein, doch fiel ihr in demſelben Augenblicke ſchon die ei⸗ gene verſtohlene Weiſe auf, mit welcher der alte „fort Erde! Das en ge⸗ d gut Euch thei⸗ achen, Slenen n zum dlung, Inwil⸗ „ der it fei⸗ ſeiner mkeit ig ge⸗ heftet, „was mmel nmen erkeit jener, Hei⸗ 2e und r von nkehr⸗ lichen Frage ſtchen 3 hier math rpackt ngen Nein, ie ei⸗ alte b b V — 63— Menſch ſich ihr genaͤhert hatte, und ſie fragte, ohne jedoch der Frage ſelbſt einen beſtimmten Zweck un⸗ terzulegen, wozu das Etui und das Kaͤſtchen ge⸗ braucht werden ſollte. Da holte der alte Silber⸗ kopf Balthaſar ſchmunzelnd ihr Bild hervor, und ſagte in ſeiner trockenen, lakoniſchen Art:„ich wollte das da hinein packen.“— „Wie kommſt Du zu dem Bilde?“ fragte Luiſe ſchmerzlich aufgeregt, denn auch dies war, wie alles Eigenthum des Hauſes, in Proklamator⸗Haͤnde geweſen. „Ich habe es erſtanden,“ entgegnete Balthaſar, und wiſchte mit dem Zipfel ſeines Oberrockes den Staub von der daruͤber befindlichen Kriſtall⸗Decke. „Du?“ ſagte Luiſe, als traue ſie ihrem Ohre nicht, und doch wollte ihre himmliſche Gutmuͤthig⸗ keit auf der andern Seite auch wieder den Mann nicht beleidigen, der ja wohl das Gemaͤlde, das gewiß wie alles Verauktionirte, zu niedrigem Preiſe weggegangen war, und deſſen Ankauf daher ſeine ſchwachen Geldfonds nicht erſchoͤpft hatte, fuͤr ein Billiges an ſich gebracht haben konnte, um es nicht etwanigem Frevel in fremder Hand preis zu geben. „Ich,“ entgegnete der ehrliche Balthaſar trium⸗ phirend,„aber,“ ſetzte er gleich als Berichtigung hinzu,„nicht für mich, ich hatte Commiſſion. Das war einmal ein Gebiete! Erſt waren junge Her⸗ ren da, denen das Bildchen wohl anſtehen mochte, und als die mit Bieten fertig waren, und es bei⸗ nah' zum Zuſchlag kam, meldeten ſich ein Maler und ein Kunſtliebhaber, die wurden auf einander immer hitziger, und boten bis auf zwanzig Louisd'or hinauf; da ſchwiegen die Andern, und der alte Wechsler, der duͤrre Nathan bei der Hauptwache, hatte es, und winkte dem Auktionator, daß er zu⸗ ſchlagen ſollte; der rief jetzt ſchnell hintereinander, und nicht zu uͤberlaut: zwanzig Louisd'or zum er⸗ ſten, zweiten, dritten und 1—⸗ „Noch einen Louisd'or!“ rief der Adjutant Sr. Hoheit des Herrn Erbprinzen, und als ſie Alle den duͤrren Nathan, der gemeint hatte, das Gemaͤlde — 364— ſchon in ſeinen Klauen zu haben, derb auslachten⸗ beſſerte ich das Gebot um einen halben Gulden; „noch einen Louisd'or,“ rief raſch hinter mir drein der Adjutant auf den Wink des neben ihm ſtehen⸗ den Herrn Erbprinzen, und„noch einen halben Gulden,“ ſetzte ich mit eiskalter Kaltbluͤtigkeit dar⸗ auf; ſo ging das Klapp auf Klapp, wie in der Scheuer das Dreſchen, munter fort; das Publikum lachte beifaͤllig uͤber unſern Wettſtreit. Die Kunſt⸗ kenner und die Thierlettanten meinten unter ſich, der Preis uͤberſteige ſchon lange den Doppel⸗Werth der Waare, und der Prinz, dem das Ding Spaß zu machen ſchien, putſchte den Adjutanten immer mehr an. Mir ward angſt und bange, meine Ordre lau⸗ tete, das Gemaͤlde um jeden Preis zu erſtehen; aber daß ein Prinz mit ſeinem langen großen Geld⸗ beutel ſo giftig darauf verſeſſen ſeyn werde, hatte mein Herr Mandant gewiß nicht berechnet; doch ich las meinen Brief, ohne daß ich weiter Jemand hinein ſehen ließ, in der Geſchwindigkeit noch ein⸗ mal durch; da ſtand ganz deutlich geſchrieben, und zweimal unterſtrichen,„um jeden Preis,“ und ſo bot ich in Gottes Namen immer drauf los; ſo herzlich der Herr Erbprinz anfaͤnglich gelacht, und dem Herrn Adlutanten zugewinkt und mit dem Ellnbogen angeſtoßen hatte, daß er nicht locker laſ⸗ ſen ſollte, ſo ernſt und ſtill ward er auf einmal⸗ als er, nach eingezogener Erkundigung erfuhr, daß der hartnäͤckige Halbe⸗Gulden⸗Bieter im ſchlichten grauen Oberrocke Herrn Reichharts alter Balthaſar ſey; er ließ ſofort den Adjutanten aufhoͤren, mir mit ſeinen vertrackten Louisd'oren zuzuſetzen; ich blieb Meiſtbietender, und bei'm Weggehen hoͤrte ich ihn ſagen, daß, wenn er gewußt haͤtte, wer ich waͤre, und daß ich fuͤr meinen Herrn auf das Ge⸗ maͤlde boͤte—“— „Alſo fuͤr den Vater?“ fragte Luiſe in freudi⸗ ger Ruͤhrung; aber Balthaſar kniff ſchlau laͤchelnd Lippen und Augen zuſammen, daß um Beide wohl bundert Faltchen ſich bildeten, und ſchuͤttelte das ſchneeweiße Haupt, und fliſterte:„ich ſoll es wohl ſen, Kum nicht hben hanke einer 77 traul Nach ſehen jetzig ware nicht ſagen; aber es iſt ja kein Schelmenſtuͤck!— und ach du lieber Gott, als das junge Blut neulich hier war—“„hier war?“ fiel ihm Luiſe raſch in das Wort; Balthaſar hatte Fritzens Namen nicht ge⸗ nannt, aber ihr Herz hatte ihr verrathen, von wem die Rede war, und alles Blut flog ihr in das Ge⸗ ſicht, und ein froͤhlicher Lichtblitz fiel mit wohlthnen⸗ der Erwaͤrmung ihr in die noch vom Wiſchwill'ſchen Thee eiſig durchkaͤltete Marmor⸗Bruſt. „Er hatte es,“ fuhr Balthaſar ſort, und freute ſich der ſichtlichen Wirkung ſeiner heilbringenden Botſchaft.„Er hatte es nicht langer aushalten koͤnnen. Nur einmal ſehen hat er Sie wollen. Was habe ich ihm nicht zugeredet, doch gerade zu, offe⸗ nen Weges, zur Mama zu gehen, die ſich gewiß freuen werde, einen fruͤheren Bekannten des Hau⸗ ſes zu ſehen, aber dazu war er ſchlechterdings nicht zu bewegen. Er habe,“ ſagte er,„unſerm Herrn Wirklich die Hand darauf gegeben, Ihnen nicht zu ſchreiben. Sehen und ſprechen ſey aber zehen Mal mehr noch als bloßes ſchreiben. Daher ſchiene es ihm mit ſeinen Grundſaͤtzen nicht recht vertraͤglich, ohne Papachens Vorwiſſen, dem er eigentlich in Wirklichs Hand jenes Verſprechen habe geben muſ⸗ ſen, ſich Ihnen zu naͤhern. Papachen habe jetzt Kummer genug; er wolle ihm ſeinerſeits denſelben nicht vermehren; komme Zeit, komme Rath; blei⸗ ben Sie nur ſo, wie ſonſt, ſo moͤchte die ganze Erde bankerott werden, ihm ſey das Alles dann völlig einerlei.“ „Wann, wann war er denn hier?“ fragte Luiſe, und ihr ganzes Geſichtchen hatte ſich, waͤhrend des ehrlichen Balthaſars einfacher Rede, rein verklaͤrt, und all' die Bitterkeiten des herben Thee's waren vergeſſen. „Am Sonntage,“ verſetzte der Silberkopf ver⸗ traulich;„dreißig Meilen weit war er Tag und Nacht gerejſ't, um Sie ein einziges Mal nur zu ſehen. Wie er ſich, nach dem, was er von Ihrer jetzigen Lebensweiſe gehoͤrt, im Stillen berechnet, waren Sie, wann er kam, gerade in der Fruͤhfirche. — 36— Da eilte er hin, und ſetzte ſich hinter einen Pfeiler, und hat ſich einmal an Ihnen recht ſatt geſehen. Als er aus der Kirche zuruͤck kam, ſah er wohl recht freundlich aus, aber doch brachte er ein Paar rothge⸗ weinte Augen mit; meine Alte fragte ihn, was ihm fehle: da brach ihm das Herz in Stuͤcke,„„ſie ſah ſo blaß aus,““ antwortete er, und konnte vor lei⸗ ſem Schluchzen und ſchwerem Leid lange kein Wort ſprechen; nach geraumer Zeit erſt beruhigte er ſich ein wenig wieder, und erzaͤhlte nun auf unſer Be⸗ fragen, wie es ihm gehe, daß er mit Papachens Pathengeſchenk von ſeinem Jugendfreunde Pudewitz in Weidenwalde, der dort die reiche Oberamtmanns⸗ tochter geheirathet, drei große Gaͤrten um ein Bil⸗ liges gepachtet; daß er in dieſen die bedeutendſten Anlagen zum Anbau von Officinal⸗, Farbe⸗, Ge⸗ wurz⸗ und Handels⸗Pflanzen gemacht, daß er auf einem benachbarten dazu gekauften Territorio eine weitläufige Obſtbaum⸗Plantage angelegt, daß er täg⸗ lich üͤber fuͤnfzig Menſchen Arbeit und Brod gebe, und bei dieſem uͤberſehbaren und gefahrloſen Ge⸗ bebffre ruhig, zufrieden und auskoͤmmlich zu leben offe.“ 66. Luiſe hob ſich dieſe ſchlichte Mittheilung tief im Herzen auf; als Wirklich vor zwei Jahren von Lon⸗ don zuruͤckgekommen war, und ihr, als offener ehr⸗ licher Mann, den Auftritt mit Fritz wortlich be⸗ richtet hatte; da hatte ſie im Stilien nicht das Ver⸗ loͤſchen ſeiner Liebe gefuͤrchtet, denn von deren Dauer war ſie felſenfeſt uͤberzeugt, wohl aber auf die Ver⸗ wirklichung ihrer geheimen Wünſche verzichtet. Er hatte gelobt, keinen Briefwechſel mit ihr zu unter⸗ halten; folglich trug ſie bei ſo manchen andern druͤckenden Entbehrungen auch die Einbuße des, dem Liebenden fuͤr kein Gold verkäuflichen, Ver⸗ gnuͤgens der ſchriftlichen Mittheilung mit ſtiller Ergebung; aber deſſen Allem ungeachtet hatte ſie nicht die geringſte Beſorgniß, daß darum Fritz ge⸗ gen ſie erkalten, ſie vergeſſen konne. Im reinen Frauen⸗Herzen ſchlaͤgt die Liebe ihre Wurzeln tief nerer Meile feiler, ſehen. recht othge⸗ s ihm je ſah 8r lei⸗ Wort er ſich r Be⸗ ichens dewitz anns⸗ Bil⸗ ndſten „Ge⸗ er auf deine r taͤg⸗ gebe, n Ge⸗ leben ef im Lon⸗ und feſt. Fluch, dreimaliger Fluch dem, der mit leichtſinnigem Frevel ein ſolches Herz zerreißen kann, Es verblutet ihm unter den Haͤnden.„Fritz— mein Fritz iſt treu,“ ſagte Luiſe ſich taͤglich, laut, wenn ſie allein, wortlos, wenn ſie mit Andern zu⸗ ſammen war, und zufaͤllig die Rede auf die Unzu⸗ verlaͤßigkeit der Maͤnner kam. Das war Luiſens Glaubensſatz, davon war ſie ſo heilig uͤberzeugt, wie von der Unerſchuͤtterlich⸗ keit ihrer Liebe zu ihm, Tauſendmal hatte ſie waͤh⸗ rend der eiſernen zwei Jahre mit ihm in Gedanken geplauderi, von ihm getraͤumt, und ſich ihn, mit dem ewig friſchen Pinſel ihrer Phantaſie, in vieler⸗ lei Geſtalten gemalt. Ihn im Herzen, hatte ſie den gewaltigen Stuͤrmen, die unaufhaltſam uͤber ſie hereingebrochen waren, muthig Trotz geboten, und war ihr einmal die aufgelegte Laſt zu ſchwer geworden, ſo hatte ſie ſich in ihr Käͤmmerlein ge⸗ fluͤchtet, und war mit ihrer Seele bei ihm geweſen, und hatte im ſtillen Entzuͤcken ſich mit ihm wieder einmal recht herzig ausgeſprochen, und dann war ihr wohl und leicht geworden, und ſie hatte, wie⸗ der friſchgeſtärkt, in die Zukunft geſchaut, und ſo war ſie, durch ihr feſtes ſchwaͤrmeriſches Anſchließen an den Getreuen ihres Herzens, dem Kummer und allen Bürden des Lebens entruͤckt, das leibhaftige Heiligenbild der Liebe, des Glaubens und der Hoff⸗ nung ſelbſt geworden.— Jetzt— Neues hatte der redliche Balthaſar ihr nicht geſagt, aber doch wirk⸗ ten ſeine einfachen Worte mit wohlthaͤtiger Zauber⸗ kraft auf ihr Gemuͤth. Sie verließ Silberſtein und Friedenau ohne Scheidethraͤne, und ging mit feſter Ergebung in ihr Geſchick nach Dornenwerder. Sie ware eben ſo gern an das außerſte Ende von Spitz⸗ bergen gegangen; war ihr doch jetzt jeder Winkel der Erde gleich. Sie ging nach Dornenwerder, das ihr ſonſt, ſchon um des Namens willen, ein halber Verbannungsort geweſen ware, jetzt ſogar mit in⸗ nerer Behaglichkeit, denn ſie war Fritz um zwoͤlf Meilen naͤher. — 33— 67. Stiller, abgezogener, als hier in Dornenwerder, konnte kein Leben in der Welt ſeyn. Das Pfarrhaus klein und eng. Der ehrwuͤrdige Pfarrherr fuͤnf und ſiebenzig Jahre alt; die treue Haͤlfte fuͤnf Jahre juͤn⸗ ger; geſelliger Umgang im Umkreiſe mehrerer Mei⸗ len nicht zu finden; die Gegend wohl fruchtbar, aber wegen der Verheerungen, die der gewaltige Strom, der die Feldmark des armen Doͤrfchens beruührte, faſt jaͤhrlich verurſacht hatte, mit haushohen Daͤm⸗ men umzogen, die, wie eine chineſiſche Mauer, das Dornen werder'ſche Gebiet von allen kleinen doͤrflichen Nachbarſtaaten auf ewige Zeiten trennte, Ein ein⸗ ziges Plaͤtzchen, der Liebesberg, eine kleine Anhoͤhe mit einiger Ausſicht längs dem Bette des Stromes hinauf, ward Luiſens Belvedere. Sie erkannte gleich das erſte Mal, daß ſie hier war, in der Richtung nach Weidenwalde zu, im fernen blauen Nebel etwas, was rnem Gebirge ähnlich ſeyn konnte; das muß⸗ ten die Luͤnenſcheider Berge ſeyn; auf deren Gipfel hatte Fritz ſeine erſte Jugendzeit verſpielt; nicht weit davon, das wußte ſie jetzt durch emſiges Studium geographiſcher Werke, und durch genaues Befragen verſchiedener, der dortigen Gegend kundiger Perſo⸗ nen, nicht weit davon lag Weidenwalde ſelbſt. Es gibt nichts Genuͤgſameres, als die reine von allen Nebenruͤckſichten unverfaͤlſcht gebliebene Liebe; konnte Luiſe nur auf ihrem gruͤnumbuſchten Liebes⸗ berge mit ihrer Arbeit ganz allein ſitzen, ſo war ſie in ihrem Gott vergnuügt; weiter verlangte ſie nichts; ſie nickte, wenn ſie hinauf kam, ihrem Fritz durch die ſtillen Luͤfte einen froͤhlichen guten Tag zu, ſte lebte die ganze Zeit ihres Hierſeyns nur in ihm; ſie plauderte halb laut in die blaue Nebelferne zu ihm hinuͤber, und nickte ihm, wenn ſie wieder herabſtieg, ihr freundliches Lebewohl zu. Nun war ſie auch die ganze Zeit des uͤbrigen Tages, die ſie bei der Pfarrer⸗ Familie zubringen mußte, zufrieden, und ließ ſich die beiſpielloſe Einfoͤrmigkeit des Hauſes gern gefallen. War Alles das doch am Ende mit dem bunten Wirr⸗ warr ihres Silberſtein'ſchen faden Prachtlebens voͤllig verder, erhaus if und re uͤn⸗ r Mei⸗ r, aber Strom, ührte, Daͤm⸗ r, das flicheu n ein⸗ Inhoͤhe romes gleich chtung etwas, muß⸗ Gipfel ot weit udium fragen Perſo⸗ ne von Liebe; Liebes⸗ var ſie nichts; durch u, ſte m; ſie n ihm bſtieg⸗ uUch die farrer⸗ ſich die fallen. Wirr⸗ voͤllig — 39— einerlei. Von der Vortrefflichkeit der großen Gluck⸗ henne ward hier mit demſelben Intereſſe geſprochen, als in Silberſtein von dem ſeltenen Talente der Prima Donna. Der alte Brummochſe war in einem Anfall von kurriger Laune hinter die Dorf⸗Gaͤnſe hergelau⸗ fen, und hatte ſie in den Pfarrhof gejagt; und der Spaß war eben ſo herzlich belacht, als wenn der alte Komiker bei'm Silberſtein'ſchen Theater einmal ei⸗ nen ſchlechten Witz hatte von ſich gehen laſſen. Zwei und fuͤnfzig Jahre hatte hier der Pfarrherr gewaltet, im erſten Jahre fuͤr jeden Sonntag eine Predigt aus⸗ gearbeitet, und dieſe nun zwei und fuͤnfzigmal wie⸗ derholt, ſo, daß die ehrſame Pfarrfrau, ſammt den älteren Mitgliedern der Gemeinde alle auswendig konnte; aber jeden Sonntag Mittag ſprach detheure Haͤlfte des frommen Seelſorgers mit demſelben En⸗ thuſiasmus von dem werthvollen Gehalte der ein⸗ dringlichen Erbauungspredigt, die heute ihr Ehe⸗ herr gehalten, mit dem das Silberſtein'ſche Publi⸗ kum ſich uͤber das neueſte Produkt ſeiner dramati⸗ ſchen Dichter ausließ, was in der Regel auch etwas Aufgewaͤrmtes war. Die Einfoͤrmigkeit dieſes Alltagslebens, bei dem die Leute viel geſuͤnder zu bleiben, und viel alter zu werden pflegen, als bei der ſchwelgeriſchen Voͤllerei der Reichen, bekam nach Jahresfriſt ungefaͤhr, einen neuen Schwung durch den jungen Adjunktus Sachte, der vom Konſiſtorio dem alten, ſich ſelbſt uͤberleb⸗ ten, Pfarrherrn, zur Seite geſetzt ward, dieſen, ſammt Haͤlfte und Gemeinde, durch ſeine Reden, tuͤchtigen Bier⸗Baß, und einſchmeichelndes Betragen, bald zu gewinnen wußte, und, ungeachtet dreier früher buͤn⸗ diger Verpflichtungen aus den Zeiten der Schule, der Univerſttaͤt und des Kandidatenſtandes, gleich vom erſten Eintritt in die geiſtliche Huͤtte an, ſeine Augen ſo klammerfeſt auf Luiſen warf, daß er ſte von ihren bluͤhenden Liebesreizen gar nicht wieder weg⸗ bringen konnte. Er hoͤrte kaum von ihren gediegenen Kenntniſſen der franzoͤſiſchen, engliſchen und italie⸗ niſchen Sprache, von ihrem muſterhaften Klayier⸗ LXIII. 8 —— —— — 90— ſpiel, von ihrer Fertigkeit im Geſange, im Zeichnen, im Tanz und in den feinen, eigentlich mehr ſchon zum Bereich der Kunſt gehoͤrenden, weiblichen Arbei⸗ ten, als er bereits den andern Tag, Papier und Blei⸗ feder in der Hand, in Scheunen, Staͤllen und Schutt⸗ boden herum patrouillirte, um in dieſen Gebaͤuden, wo es irgend nur moͤglich war, den noͤthigen Raum zu einigen Stuben zu ermitteln. Mit Hinzunahme es Taubenbodens brachte er fuͤnf Piecen heraus, die er, nach ſeinem, dem Pfarrherrn vertrauten, Plane zu Wohnungen einrichten laſſen wollte; in dieſe ſollten dreißig bis vierzig Jungen und Maͤdchen, lauter Kinder wohlhabender Ektern, geſteckt werden. Eine„menſchenfreundliche Bildungs⸗Anſtalt“ wollte er hier anlegen; Luiſe, die zu einer Oberaufſeherin, Pflegerin, Lehrerin und Hausmutter fuͤr ſolch' ein Inſtitut, wie geboren ſep, und deren unvermuthe⸗ tes Auffinden hieſelbſt er fuͤr offenbar guͤnſtigen Wink des Himmels anſehe, wolle er ſich, wie er ſich aus⸗ druͤckte, als Frau zulegen, und außer dem Heiden⸗ gelde, das er bei dieſem ſpekulativen Unternehmen zu gewinnen hoffe, habe er noch den Vortheil, ſeine eigenen Kinder nebenbei gratis groß zu ziehen. Der alte Paſtor ruͤckte vor Staunen und Wun⸗ der uͤber den, von ſeiner Phantaſie uͤber zehntauſend Meilen weit liegenden, kuͤhnen Rieſenplan wohl zehnmal ſein Muͤtzchen hin und her, und erlaubte ſich die Frage, ob der Herr Adiunkt denn auch ſchon wiſſe, in wie fern Luischen geneigt ſeyn moͤchte, derlei Antraͤgen geneigtes Ohr zu leihen. Doch Herr Sachte lachte. Eine bankerottirte Kaufmannstochter muͤßte, meinte er, es ſich als Gluͤck anrechnen, durch eine eheliche Verbindung mit einem geiſtlichen Adjunk⸗ tus wieder zu Ehren gebracht zu werden; ſie ſey vom Schickſale, das weiter zu ſehen pflege, als das Auge des armen Sterblichen, zu einer Stelle, als er ihr ugedacht, offenbar beſtimmt, denn in ihrer vorigen age als Kaufmanns⸗Mamſell haͤtte ſie alle dieſe Firlelanzereien hoͤchſtens nur zum Staat gebraucht, ier aber ſollten ihre Kuͤnſte Fruͤchte tragen, den Kin⸗ dern in ſeiner„menſchenfreundlichen Anſtalt“ und —————⸗—⸗—xõ:˖·qy; — 91— ihm; und ſomit machte er ſich flugs und froͤhlich an das Werk, und ſchrieb an alle Bekannte und Freunde in die ganze Welt herum, daß ſie ihm Kin⸗ der ſchicken ſollten, und legte einen Proſpektus von ſeinem Inſtitute gleich mit bei, in dem Luiſe in der Qualitaͤt ſeiner kuͤnftigen Adjunkta, als die General⸗ Inſpektorin deſſelben prangte, und nebei ſo Gewal⸗ tiges verſprochen ward, daß Deſſau, Schnepfen⸗ thal, Wackerbarts⸗Ruhe, Yverduͤn, und alle ahn⸗ liche, theils ſchlafengegangene, theils noch lebende Bildungs-Anſtalten gegen die Dornenwerder'ſche reine Nullen waren, 69. B Auch in Fritzens Gegend kamen dergleichen riefe. Fritz las die Unterſchrift:„Adjunktus Sachte,“ und lachte.— Nicht aus banger Beſorgniß, daß Luiſe ſich von ihm vergeſſen glanuben, und durch zudringliches Quäͤ⸗ len und ſchlaues Umſtellen am Ende doch noch ſich bewegen laſſen wuͤrde, dem Edukations⸗Wuͤthigen die Hand zu geben, ſondern, um ſie je eher je lie⸗ ber von dem, ihr in jedem Falle laͤſtigen Hausgenoſ⸗ ſen zu befreien, und hauptſaͤchlich, um endlich das jahrelang im Auge gehabte, und mit tauſend Muͤhen beharrlich verfolgte Ziel zu erreichen, entſchloß er ſich nun, da er in der Lage war, Haus, Arme und Herz ſeinem Maͤdchen oͤffnen zu koͤnnen, das gluͤck⸗ lichſte Wort des rechtlichen Mannes:„Komm', mein Maͤdchen, und ſey mein Weib,“ raſch auszuſprechen. Er hielt ſich mit vollem Recht ſeines dem Herrn Wirk⸗ lich gegebenen Verſprechens jetzt entbunden, und ſetzte ſich noch an dem naͤmlichen Abend, als er bei einem ſeiner Bekannten den Circular⸗Brief des ſehr voreiligen Herrn Adjunkti Sachte geleſen, hin, und ſchrieb an Luiſen.—. An den Abſchied von Herrn Wirklich in London knuͤpfte er die Erzaͤhlung der ihm ſeitdem begegneten kleinen Begebniſſe, und durchzog ſie mit dem roſe⸗ nen Faden ſeiner Herzensgeſchichte, in der das Haupt⸗ Thema war, daß er naͤglich, ſtuͤndlich an Luiſen ge⸗ dacht, und daß ihr Beſitz das Hoͤchſte, das Alleinige und das Allerheiligſte ſeiner Traͤume und Wuͤnſche geweſen ſey. Nach manchem ſauern Tage, nach man⸗ cher verfehlten Hoffnung, nach mancher herben Er⸗ fahrung, ſey er jetzt, durch den Segen des vaͤterlichen Pathengeſchenks, durch die Unterſtuͤtzung ſeines Ju⸗ gendfreundes Pudewitz, durch die Unterweiſung und den guten Rath ſeines Nachbars, des Oberamtmanns, und durch Fleiß und Sparſamkeit, Umſicht und Ge⸗ ſchäftsordnung, mit ſeinen Obſtwälder⸗Anlagen, und mit ſeinen meilenlangen Pflanzungen aller moͤgli⸗ chen Officinal⸗, Handels⸗ und Faͤrbekraͤuter ſo weit Lekommen, daß er einfach aber anſtaͤndig davon leben oͤnne.— „Immer habe ich,“ ſchloß er froͤhlich,„aus der Er⸗ innerung des vaͤterlichen Bureaus den Wahlſpruch: Nur der Augenblick iſſt Dein, im Kopfe, und die goldenen Worte: Ora et labora„im Her⸗ zen gehabt. Taͤglich bete ich zum himmliſchen Vater aus der Mitte meiner Millionen Bluͤthen und Blu⸗ men, die ſeine Weisheit, ſeine Allmacht, preiſen, vom Grunde meiner Seele, und er hat mich gehoͤrt, und belohnt mir mein feſtes Vertrauen in ſeine Gute, von Tage zu Tage. Meinen Garten und mei⸗ nem kleinen Heerde fehlt jetzt nichts, als eine Her⸗ rin, und darum rufe ich, das Engelbild meiner ſuͤßen Luiſe vor mir, mit nicht laͤnger mehr zu ſtillender Sehnſucht: Jungfer Lieschen, weißt Du was, Komm' mit mir in's grüne Gras. . 70. Seit einem halben Jahrhundert hatte das Haus Reichhart mit einem ungar'ſchen Großen, wegen einer bedeutenden Schuldſumme, zu deren Sicherheit erſterem eine in Ober⸗ Ungarn belegene Grafſchaft verpfaͤndet geweſen war, im Prozeß gelegen. Bei der Verpfaͤndung waren die geſetzlichen Formen nicht gehorig beobachter warden, und daher hatte das Pfandrecht nie ſeine vollſtaͤndige Gültigkeit erhal⸗ ten koͤnnen. In der goldenen Zeit des Hauſes hatte ———õ—ÿy SSSEn be Kufigen Pflanzungen, und überall pries Fritzens man die Beendigung dieſes Rechtsſtreits langſam betrieben; waren damals doch wichtigere, eintraͤg⸗ lichere Geſchaͤfte zu beforgen geweſen. Jetzt in der Zeit der Noth und Muße war Herr Reichhart mit Onkel Waldmann ſelbſt in Wien geweſen, hatte ſich mit den Erben des Schuldners verglichen, eine nam⸗ hafte Summe ausbezahlt bekommen, mit dieſer den Reſt ſeiner Paſſiva gedeckt, und eilte nun mit Nuß⸗ baum und deſſen Gattin, der ehemaligen Couſine Luiſe Reichhart, in die Arme der Seinigen, um in ihrer Mitte, nach erſtandenen Lebensſtuͤrmen, ſei⸗ ner Tage Abend verleben. Onkel Waldmann, hohen Alters halben, mit Penſion in Ruheſtand ver⸗ ſetzt, begleitete ihn. 4 Unfern Weidenwalde liegt am Fuße der gruͤn⸗ umbuſchten Berge, dicht an der Chauſſee mitten in einem großen Fruchtgarten, ein kleines geſchmack⸗ volles Landhaus; uͤber dem Gartenthor die In⸗ ſchrift: Ora et labora.„Hier wohnt Herr Lehnin,“ fagte der Poſtillon, und ſtieß einen kurzen Akkord⸗ Schmetter in's Horn, und das Echo aus den gruͤ⸗ nen Bergen hatte dem luſtigen Poſtknecht noch nicht geantwortet, als ſchon aus allen Thuͤren des freund⸗ lichen Hauſes, Fritz und Luiſe und Mutter Reich⸗ hart, und der alte treue Balthaſar, unter lautem Jubel und froͤhlichem Willkommen, dem Vater und ſeiner Begleitung entgegen ſtuͤrzten.. Aber kaum lag Blick auf Blick, Lippe auf Lippe, Bruſt an Bruſt, da ſchlug die heilige Freude des Wiederſehens, das einzige Gefühl des Sterblichen, das ihm zum Vorſchmack jenſeitiger Seligkeit in die Seele geſenkt iſt, mit ihrem Zauberſtabe an die Herzen der frohbewegten Menſchen, und die Thraͤnen, die in dieſem ſtillen Augenblicke geweint wurden, waren ein Geſchenk des Himmels, zu lö⸗ ſchen die Schrift des Gedächtniſſes fuͤr erlittenes Ungluͤck, zu ſuͤßen das Bittere mancher Erfahrung, und zu ſtaͤrken den Muth fuͤr die Zukunft. Eng verſchlungen, Arm in Arm, ging jetzt die Wanderung durch den Obſtwald und durch die weit⸗ — raſtloſer Fleiß Gottes allmaͤchtige Guͤte; Alles ſtand in voller Bluͤthe oder in reichem Frucht⸗Segen, und als Vater Reichhart von der Ueppigkeit der ganzen Umgebung ſeinen Blick auf die bluͤhende Tochter warf, aus deren Geſichtchen die ſeligſte Zu⸗ friedenheit mit ihrem Geſchick, und die gluͤcklichſte Liebe zu ihrem ehrlichen Fritz ſprachen, ſchlang ſie ſich mit beiden Schwanen⸗Armen um des Vaters Hals, und liſpelte ihm froͤlich weinend in das Ohr: „Vater, Du haſt uns noch nicht geſegnet,“ und Fritz und Luiſe ſanken zu ſeinen Fuͤßen nieder, und der Vater legte ſeine Haͤnde auf ihr Haupt, und betete zu dem Gotte, der ihn nach harter Pruͤfung in dieſem Augenblicke unermeßlich begluͤckte, fuͤr das Wohl ſeiner Kinder; und alle Millionen Blu⸗ men rund um neigten ſich ſchweigend der frommen Gruppe zu, und in den Wipfeln der tauſend und aber kauſend Fruchtbaͤume erhob ſich ein heiliges Rauſchen. Der alte Waldmann aber hob die Geſegneten in die Höhe, und ſagte in kurz abgebrochenen Saͤtzen, denn die Ruͤhrung, von der ſein altes, im Kalkula⸗ tur⸗Zwange faſt vertrocknetes Herz, ergriffen war, hatte ihn tief erſchuͤttert, daß er bei Vetter Lehnin zu leben und zu ſterben gedenke; Frau und Kinder habe er nicht; Luiſe ſey ſeine naͤchſte Verwandte; ihr gehore nach ſeinem Tode ſein ganzes Erſpartes; „wenn es auch keine Tonnen Goldes ſind,“ fuhr er fort, und man hoͤrte am frohen Zittern ſeiner Stimme, wie wohl es ihm that, das Alles ſagen zu koͤnnen, was er auf dem Herzen hatte,„und wenn ich auch, als Vetter Reichhart im kalten Golde bis über die Ohren ſaß, nicht die Courage gehabt hätte, mit meinem Bischen Armuth die uͤberreiche Jungfer Muhme zu bedenken; ſo iſt es doch ehrlich erwor⸗ benes Geld, bei dem kein Heller unrechten Gutes ſich befindet, und darum wird Gottes Segen dar⸗ auf ruhen, immer und ewiglich. Warum ſoll ich aber mit der Freude, Euch das geben zu köoͤnnen, erſt bis nach meinem Tode warten? Fritz iſt ein wackerer Burſche, von dem die ganze Nachbarſchaft mit Achtung ſpricht, den ſeine Werke hier einſtim⸗ mig loben, und der mein Muͤhmchen zur gluͤckli⸗ chen Frau gemacht hat. Der wird das Eingebrachte ſeiner Frau beſſer benutzen können, als ich. Um⸗ ſonſt ſollt Ihr den Quark aber auch nicht haben, Kinder. Seht es als eine Art Leibrente an. Fuͤt⸗ tert mich zu Tode, und wenn ich abſegle nach dem fenſeitigen Cap der guten Hoffnung, ſo geſtattet mir hier in der ſchoͤnen Natur ein ſtilles, ruhiges Pläͤtzchen.„Hier, Luischen,“ ſagte er herzlich und froͤhlich, und holte aus der Bruſttaſche ein kleines verſiegeltes Pack Papier,„hier, Luischen, Deine Mitgift! Sechzehntauſend Thaler, Alles richtig ein⸗ gezaͤhlt. Das gib Deinem wackern Manne, der Dich arm, und alſo nicht um ſchnöden Geldes wil⸗ len gefreit hat; mir aber gib einen Schmatz, und nun ſchafft mir was zu eſſen und zu trinken, denn ich bin hungrig wie ein Löwe, und durſtig, als hätte ich ſeit acht Tagen nichts als Hering und Pöckel genoſſen.“ Alle umſchloßen jubelnd den Alten; der wollke aber von dem quatſchen Spektakel, wie er die from⸗ men Dankſagungen des jungen Pärchens und der Eltern nannte, nicht viel wiſſen, und trieb in das Haus, um zu fruͤhſtuͤcken. 71. Geſaͤttigt mit Speis und Trank, ging es nun zur Beſichtigung der innern Einrichtung des freund⸗ ichen Hauſes, deſſen muſterhafte Sauberkeit, Lui⸗ ſens ſorgliche Wirthlichkeit auf das Empfehlendſte darthat. In einem der Zimmer ſprach Luiſe auf einmal leiſer, und ging auf den Zehen; doch das Dienſtmädchen, das hier ſaß, und nähte, und dies bemerkte, ſagte laͤchelnd:„o ſie ſchläft nicht mehr, ſie hat ſich ſchon lange ihr Stuͤckchen getraͤllert.“ Den Augenblick ſchlug auch ſchon ein Kinderſtimm⸗ en an. Das iſt mein Enkelkind, mein kleines Lieschen,“ rief freudig entzuͤckt Herr Reichhart, und ſtuͤrmte, das Großvatergefuͤhl durch den ſüͤßen Laut zum er⸗ ſten Mal geweckt, unaufhaltſam in das Nebenzim⸗ — 96— mer. Da ſtreckte ihm, aus dem Lilienſchnee eines niedlichen Wiegenkorbes, das kleine Engelpuͤppchen, der liebreizenden Luiſe ganzes Ebenbild, die Haͤnd⸗ chen entgegen, und ſchlug mit den roſigen, faſt durchſichtigen Lippchen ein halb verdruͤßliches Schipp⸗ chen, und machte Miene zu weinen. „Mamſell wollen heraus,“ ſagte die Mutter zum fuͤßen Kinde taͤndelnd.„Die Kukauglein noch halb voller Schlaf, und ſchon iſt im Zimmer kein Hal⸗ tens mehr; das iſt und bleibt unſere kleine wilde Hummel.“ 4 Herr Reichhart aber lobte, nach aͤchter Großva⸗ ter⸗Verziehungsweiſe, das Enkelkind, daß es ſich ſehne nach Gottes reiner freier Luft, hob es mit fanftem Haͤtſcheln aus ſeinem Bettchen, druͤckte es an das ihm, in der Bruſt, mit neuer Jugendkraft ſchlagende Großvater⸗Herz, und jubelte, indem er es hinaus in den Garten trug, laut und froͤhlich: Jungfer Lieschen, weißt Du was, Komm’ mit mir in'’s grüne Gras. 2 2.——