. 970—’—.--—.-—=— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jebam Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret ſe wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſt heträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6. Bücher: — ——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Af. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. 3 2 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, iſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſie der Aeſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Deſunden darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ d ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——ͤͤ und Zurückſendung — 8* 7 Viex und ſechzigſtes Baͤndchen. — Stuttgart, bei A. F. Maclot. 1 82 B. Inhallrt. Der Friedhof zu Wüſtenbräac... (Die Fortſetzung im nächſten Bändchen.) Der Friedhof zu WMuͤſtenbruͤck. Die junge Steineiche. Der Kirchhof zu Wuͤſtenbruͤck war durch die Un⸗ achtſamkeit der Vorfahren in einer ſo niedrigen Ge⸗ gend angelegt, daß er bei irgend hohem Waſſer⸗ ſtande ſogleich der Ueberſchwemmung ausgeſetzt war; die Regierung genehmigte endlich nach vielfach wie⸗ derholter Bitte der Intereſſenten deſſen Verlegung auf einen hoͤher gelegenen Platz, und ertheilte dem dortigen Hegemeiſter Wallenrodt den Auftrag, die⸗ ſen in dem, dem Dorfe zunaͤchſt belegenen Forſt⸗ lande auszuſuchen, und der Gemeinde in zweckge⸗ mäaͤßem Zuſtande zu uͤberweiſen. Dieſer Verfuͤgung zu Folge ward, unter Zuſtim⸗ mung der Commune, im nahen Laubwalde, ein, dem ungefaͤhren Beduͤrfniſſe angemeſſener Platz ab⸗ geſteckt, der Gemeinde uͤbereignet, und von dem dar⸗ auf befindlichen Ober⸗ und Unterholze gereiniget. Bei der Anordnung und Leitung dieſes letztern Geſchaͤfts, begleitete an einem ſchoͤnen October⸗ Nachmittage, Mutter Wallenrodt mit ihrem, von der Univerſitaͤt eben heimgekehrten Sohne, den Va⸗ ter; alle Dreie ſahen dem Fällen der breitaͤſtigen 1* —— — 4— Eichen und Buchen zu, und bei jedem ſchoͤnen gro⸗ ßen Stamme, der unter donnerndem Gepraſſel nie⸗ derſchlug, barmte Vater Wallenrodt obhalber der graͤulichen Verwuͤſtung unter dem noch lange nicht ſchlagbaren Holze. Die feine, ſanfte Frau aber ſagte ernſt:„laß die Art nur gewaͤhren, es ſoll ja das große Ruhebette werden, auf dem auch wir ſchlum⸗ mern werden, wenn wir des Lebens Muͤhen uͤber⸗ ſtanden; der Platz iſt gar herrlich gewaͤhlt, ſchattig rund um, und kuͤhl, friedlich und ſtill.“ In die⸗ ſem Augenblicke naͤherte ſich einer der Holzfaͤller der jungen ſchlanken Steineiche, neben der die Familie ſtand, und wollte ausholen, um ſie mit Einem Hieve vom Leben zum Kode zu befördern.„Die nicht, die nicht,“ rief bittend die Mutter, und er⸗ faßte die hochgeſchwungene Art,„ein ſo wunder⸗ ſchöner kraͤftiger Baum in der Bluͤthe ſeines fri⸗ ſchen Lebens! es wäre ja ewig Schade.“„Frauchen,“ ſagte Wallenrodt laͤchelnd, und ergoͤtzte ſich im Stil⸗ len, daß in ihren Adern auch aͤchtes Forſtblut walle, das Freude habe an Gottes heiliger Waldpracht, „wohl iſt es Schade um das junge Kron⸗Gut! aber holzrein ſoll der Platz werden; hier ſtehen bleiben darf daher das liebe Ding nicht.“ 4 „Nun ſo laß den ſchönen jungen Stamm mit der Wurzel ausroden und verſetzen,“ erwiederte die Mutter, und ihr ſeelenvolles ſchwarzes Feuerauge flog von dem bedrohten ſchlanken Baume mit zar⸗ ter Bangigkeit auf Emil, ihren ſchoͤnen, friſch auf⸗ geſchoſſenen und kraͤftig erbluͤhenden Sohn, und von dieſem, freundlich bittend, auf den Gatten. N& 8& 8N K A K — 5— „Zum Verſetzen iſt der Burſche viel zu groß ſchon,“ entgegnete, den zarten Sinn der Mutter verſtehend, der Vater:„auch iſt zu ſolcher Transplan⸗ tirung die Jahreszeit gegenwaͤrtig nicht guͤnſtig. Doch thue ich Dir gern den Willen; ob er hier faͤllt auf Einen Hieb, oder anderwaͤrts langſam abſtirbt, kommt am Ende auf Eins heraus. Wo willſt Du ihn hin haben?“ „Nahe, moͤglichſt nahe vor unſer Haus,“ ver⸗ ſetzte die Mutter mit herzlichem Danke,„da will ich des Baumes wohl pflegen, daß er nicht einge⸗ hen, ſondern leben ſoll, uns Allen zur Freude.“ Und er ließ geſchehen, wie ſie gewuͤnſcht hatte. Der räthſelhafte Blick. Der Vater legte, unter fortwaͤhrendem Kopf⸗ ſchuͤtteln, den zweimal durchleſenen Brief zuſam⸗ men, ſchloß ihn in ſein Pult, warf einen ganz ei⸗ genen Blick auf Emil, und dann durch das Fenſter in den truͤben Herbſthimmel, ging, die Haͤnde auf dem Ruͤcken, und das Auge zur Erde geſenkt, eini⸗ ge Male im Zimmer auf und ab, pfiff dem im Hofe beſchaͤftigten Jaͤgerburſchen Kurt, gab ihm mit einer Miene, als wolle er ſich die boͤſen Grillen ver⸗ reiten, den Befehl, den Braunen zu ſatteln, und ritt in raſchem Trabe dem heraufdaͤmmernden Abend entgegen, hinaus in den dunkelnden Forſt. Der Brief mußte Emil betreffen. Etwas Gu⸗ tes konnte er nicht enthalten, denn der Vater war ſichtbar verſtimmt; aber boͤſe konnte man den Blick nicht nennen, mit dem er ihn vorhin uͤberſtreift — 3 — 6— hatte; im Flammenblitz des ſinſtern Auges hatte wohl eine ernſte Mißbilligung gelegen, aber dieſe hatte, wie Emil die Sache ſich ausdeutelte, nicht auf ihn Bezug, ſondern auf andere— Theilnah⸗ me, Mitleid— doch was ſieht und glaubt man nicht gleich Alles, wenn man im Finſtern tappt!— Am Ende hatte ſich Emil getaͤuſcht! Wer ſollte uͤber ihn geſchrieben haben! Intereſſirte ſich fuͤr den un⸗ bedeutenden jungen Burſchen doch kein Menſch in der ganzen Welt; kannte ihn bis dahin doch Kei⸗ ner, als die Profeſſoren, ſeine bisherigen Lehrer, und einige Univerſitats⸗Freunde; jene waren be⸗ zahlt, dieſe aber bekuͤmmerten ſich um den Geſchie⸗ denen weiter nicht— alſo— alſo mußte etwas An⸗ ders dem Vater durch den Kopf gefahren ſeyn, und der ſchneidende Blick, der den Sohn ſo ſonderbar getroffen, war blos zufaͤllig geweſen. Das Treibiagen. Die Mutter wußte beſtimmt ein Naͤheres. Der erſte Phyſiognom haͤtte, ihrem heutigen Geſichte ge⸗ genuͤber, bekennen muͤſſen, ſein Wiſſen ſey Stuͤck⸗ werk, denn aus dem etwas Zuverlaͤßiges heraus⸗ zuleſen, war rein unmoͤglich. Freude und Schmerz, Hoffnung und bangesZagen, Alles war in ihrem blaſ⸗ ſen, verweinten, wehmuͤthig freundlichen, ſchmerz⸗ lich laͤchelnden Geſichte zu leſen. Emil fragte mit ſorglicher Theilnahme, was dem Vater fehle, der ihm, als er weggeritten, ſehr verſtimmt geſchie⸗ nen; aber die Mutter ließ ſich auf keine Eroͤrte⸗ rungen ein.„Du weißt ja,“ ſagte ſie, und haͤngte — der ge⸗ ck⸗ 18⸗ rz⸗ aſ⸗ rz⸗ nit der die⸗ te⸗ gte — 7— die goldgeſtickte Parade⸗Uniform, und das reiche blankgeputzte Bandelier uͤber die Stuhllehne,„Du weißt ja, wie der Vater iſt, wenn ihm irgend ein Geſchaͤft unerwartet kommt; da ſoll morgen großes Treibjagen druͤben in Rehhagen ſeyn; nun muß er in aller Geſchwindigkeit die Treiber und die Kup⸗ peln aus den umliegenden Dorfſchaften und Muͤh⸗ len zuſammen holen laſſen, und die Lappen aus den Zeugſcheunen ſchaffen, und noch dieſen Abend zum Oberforſtmeiſter; da iſt ihm der Kopf ein we⸗ nig warm; er weiß nicht, was er zuerſt machen ſoll, und daruͤber iſt er ein bischen verdruͤßlich.“ „Und die Staats⸗Uniform?“ fragte Emil, weil fonſt zwanzig Treibjagen ſtattgefunden, ohne daß der Vater das gute Zeug aufgelegt hatte, und er ſich nicht zuſammen reimen konnte, warum der Va⸗ ter gerade diesmal ſo en gala erſcheinen ſolle. „Der Herr Oberlandjaͤgermeiſter Excellenz kommt morgen fruͤh ſelbſt nach Rehhagen,“ erwiederte die Mutter, und glaͤttete die weißen Stiefelmanſchet⸗ ten des Vaters mit den Haͤnden auseinander. „Nun deswegen!“ fiel ihr Emil in das Wort, und wollte hinzuſetzen, daß Se. Excellenz ſchon oft aus der Reſidenz hier in die Gegend gekommen waͤren und gejagt haͤtten, ohne daß der Vater ſich in ſolchen Wichs geſetzt.— „Und der Prinz Treumund,“ ſetzte ſie mit ge⸗ dämpfter Stimme hinzu, und hauchte auf die ſchwe⸗ ren ſilbernen Sporen, die ſie eben aus der Kom⸗ mode geholt hatte, und wiſchte den Hauch ihres — 8— Athems von der Politur des Silbers, und wieder⸗ holte dies Spiel einige Male, und heftete den dun⸗ keln Blick feſt darauf, als druͤcke ihr Etwas auf die Augenlieder, daß ſie nicht aufſehen koͤnne. „Da moͤchte ich morgen faſt ſelbſt hinuͤber nach Rehhagen,“ unterbrach ſie Emil, von der Nachricht, daß der Prinz druͤben ſey, angenehm uͤberraſcht; „Treumund! das iſt der reich apanagirte Bruder unſers allergnaͤdigſten Herrn? Das ſoll ein wacke⸗ rer Biedermann ſeyn; den habe ich ſchon lange ein⸗ mal gern ſehen moͤgen.“ „Das kannſt Du thun,“ entgegnete ſie und wen⸗ dete ſich abwaͤrts, als uͤberwalle ſie eine ſonderbare Verlegenheit, die Emil nicht bemerken ſolle; dieſer achtete aber darauf nicht weiter, und ging mit Schulmeiſters Liſetten, die eben kam, und ihn quaͤlte, ihr noch bei ſpaͤtem Abend, im Garten, ein Koͤrbchen Kornelius⸗Kirſchen leſen zu helfen. Der Oberlandjägermeiſter. Faſt gegen Mitternacht traf der Vater wieder ein. „Der Herr Oberlandjaͤgermeiſter Hochfreiherr⸗ liche Excellenz wuͤnſchen Dich kennen zu lernen,“ ſagte er, als ihn Kurt entkleidet und ſich entfernt hatte,„reite alſo morgen fruͤh nach dem Kaffee hin⸗ uͤber; Du kannſt den Rappen nehmen. Ich werde ſchon druͤben ſeyn, wenn Du kommſt; frage nur nach mir, daß ich Dich Sr. Hochfreiherrlichen Ex⸗ cellenz gleich vorſtellen kann.“ „Der Oberlandjaͤgermeiſter?“ fragte Emil be⸗ troffen,„was ſoll ich bei dem?“ —— —— Der Vater zuͤndete ſich ſeine Pfeife an, um, wie er ſagte, noch ein Paar Zuͤge vor Schlafengehen zu thun, erwiederte auf die Frage ein kaltes„ich weiß nicht,“ und ſetzte nach einer kleinen Weile mit einer Art von Gezwungenheit hinzu, daß Emil eine ſolche Aufforderung hoffentlich mit Dank an⸗ nehmen werde; daß tauſend junge Leute ſeiner Lage ſich gluͤcklich ſchaͤtzen wuͤrden, wenn ſich ihnen eine gleiche Gelegenheit darboͤte, dem vertrauteſten Guͤnſt⸗ linge des Fuͤrſten ſich naͤhern zu duͤrfen; daß das Gluͤck einer ſolchen Bekanntſchaft oft fuͤr das ganze Leben von wichtigen Folgen ſeyn koͤnne, und daß er ſich daher morgen recht zuſammen nehmen ſolle, um ihm und ſeiner Erziehung keine Schande zu machen. „Vor Allem,“ fuhr er fort und zuͤndete ſich die Pfeife von Neuem an, denn ſie war ihm im Feuereifer ſeiner Rede ausgegangen,„vor Allem nimm Dein Mundwerk in den Zuͤgel. Ihr jungen Leute ſchwatzt heut zu Tage in das Blaue, und laßt das Zuͤngel⸗ chen durchgehen, daß es nicht zu halten iſt. Unter uns ſchadet ſo Etwas nicht; in unſern Kreiſen iſt ein ſcharfes Wort hoͤchſtens ein Muͤckenſtich; bei Leu⸗ ten ſolchen Standes kann es ein Todſchlag werden. Sagſt Du z. B. zu mir oder zu Deines Gleichen, daß unſer guter Forſtrath ein alter Eſel ſey, der vom Forſt⸗ und Jagdweſen nicht mehr verſtehe, als ſein Mopps, ſo geben wir Dir lachend Recht, und der Wind weht das raſche Wort in die Luͤfte; vor Sr. Hochfreiherrlichen Excellenz aber ausgeſprochen, kann es den alten Mann um Brod und Amt bringen.“ 7— 2 „Aber, lieber Vater,“ unterbrach ihn Emil, „wie kannſt Du denken, daß ich—“ „unbeſonnen genug ſeyn wuͤrde, mir, einem Manne ſolchen Ranges gegenüͤber, ein Urtheil die⸗ ſer Arr uͤber den Dritten zu erlauben?“ fiel er dem Sohne in die Rede.„Mein lieber Emil, ich haͤtte laͤngſt einen ganz andern Poſten, und ſaͤße nicht hier in unſerer tiefen Wald⸗Einſiedelei, wenn ich nicht auf aͤhnliche Weiſe, von einem dummen, nichtsnutzigen Jaͤgerburſchen bei unſerm vorigen Oberlandjägermeiſter, als ein harter unbiegſamer Mann verklatſcht worden waͤre. Die groͤßten Maͤn⸗ ner haben unter manchen kleinen Schwaͤchen oft die, gern ſcheinen zu wollen, als wuͤßten ſie Alles; es iſt ihnen darum lieb, wenn ihre naͤchſten Umge⸗ bungen ihnen von Allem und Jedem erzaͤhlen; un⸗ ter hundert geringfuͤgigen gleichguͤltigen Dingen fin⸗ det ſich dann doch einmal eins, was ihnen wichtig iſt, oder wenigſtens ſcheint; ſie kokettiren dann bei vorkommender Gelegenheit am dritten Orte, mit dem weiten Umfange ihrer Kunde, mit ihrem Ein⸗ dringen in die kleinſten Details, und freuen ſich heimlich, wenn die Leute darob ſtaunen, und ſich die oft ſehr truͤgeriſche Schlußfrage hinwerfen, wie der liebe gnaͤdige Herr, wenn er das Kleine, oder vielmehr das Kleinliche ſo genau inne habe, erſt im Ueberblicke, im Auffaſſen des Großen bewandert ſeyn muͤſſe. Die nächſten Umgebungen, nach Be⸗ finden der Umſtaͤnde, Sekretaͤre, Kammerdiener, Kanzleidiener, die Frau Gemahlin, zuweilen, be⸗ * ſonders wenn man von gewiſſen Paſſionen noch nicht ganz frei iſt, auch wohl das Kammermaͤdchen der gnaͤdigen Frau, oder eine andere Vertraute— das Alles ſind, mein lieber Sohn, ſehr reſpektable Men⸗ ſchen! Wer lebensklug iſt, nimmt auf die Klaſſe in der Regel mehr Ruͤckſicht, als auf den Herrn ſelber. Der Bruder unſers ſeligen Kriegsminiſters, der Geheime Hofrath, ein werthloſer Alltagsmenſch, ging, als ich vor zwanzig Jahren zum Letztenmal in der Reſidenz war, vor mir die Schloßſtraße hin⸗ ab. Auf einmal riß er den Hut vom Kopfe, und buͤckte ſich vor einem jungen Manne, daß ihm der Haarbeutel vorn uͤberſchlug, und eine ganze Weile zwiſchen den weit ausgeſpreitzten Beinen baumelte; er trat hierauf naͤher, behielt den Hut in der Hand, und unterhielt ſich einige Minuten mit dem jun⸗ gen Herrn, immer aber ſo kriechend hoͤflich, daß ich, nach dieſer eminenten Devotion zu ſchließen, den jungen Herrn fuͤr einen reichen Grafen, oder fuͤr den Sohn eines einflußreichen Großen halten mußte; ſpaͤterhin lernte ich ihn kennen; ein Gehei⸗ mer Sekretaͤr war es; er hatte die Tochter des Hof⸗ kuͤchenſchreibers zur Frau; dieſer aber hatte den Tafeldecker des Ordens⸗Kammer⸗Praͤſidenten zum Schwager; der Präſident hatte bei der jaͤhrlichen Vertheilung der Orden eine Hauptſtimme; der Ta⸗ feldecker war bei Sr. Excellenz dem Herrn Praͤſi⸗ denten ſo, was man zu ſagen pflegt, Alles in Al⸗ lem; dabei hielt er auf den Schwager Hofkuͤchen⸗ meiſter gewaltig viel, mit dieſem konnte aber die 3— Tochter machen, was ſie wollte, und dieſe war in ihren Geheimen Sekretär dermaßen verliebt, daß ſie ihm keinen Wunſch verſagen konnte. Alle dieſe Verhaͤltniſſe kannte der Kriecher, der Geheime Hof⸗ rath, bis auf das Daus. Sein einziges Dichten und Trachten ging auf einen Orden. Er hatte in der Kriegszeit einmal, als die feindlichen Truppen im Anzuge auf die Reſidenz waren, und die beſten Koſtbarkeiten des Hofes gefluͤchtet wurden, ſeine Pferde zur Fortſchaffung des landesherrlichen Muͤnz⸗ kabinets, drei Meilen weit, unentgeldlich hergege⸗ ben. Auf dieſe vorgeblich patriotiſche Großthat ſtuͤtzte er ſeine Anſpruͤche auf den Orden. Neun Jahre lang hatte er unablaͤßig gebohrt, und ge⸗ bohrt, und nichts erſchurfen koͤnnen. Sein Bruder und die Leute hoͤhern Standes lachten ihn mit ſei⸗ ner Muͤnzfuhr und ſeinen darauf geſtützten Ordens⸗ Anſpruͤchen aus; die kleinen Leute wohl auch; al⸗ lein dieſe kalkulirten wieder, daß ſie den Mann, wenn ſie fuͤr ſich oder fuͤr die Ihrigen einmal et⸗ was beim Kriegsminiſter ſuchten, doch auch wohl brauchen koͤnnten; uͤbrigens truͤge ja ſo Mancher in der Welt einen Orden, ohne ſelbſt zu wiſſen, wo⸗ fuͤr; ob es alſo einen ſolchen mehr oder weniger gebe, darauf werde es am Ende nicht ſehr ankom⸗ men; endlich kitzelte es die kleinen Leutchen, den Tafeldecker und den Hofkuͤchenſchreiber, daß ein Mann von gewiſſem Range, ein Geheimer Hofrath, der Bruder einer Excellenz, ihre Verwendung ſuche, und um ihm zu zeigen, daß ſie auch etwas durch⸗ — 15— ſetzen koͤnnten, ſprach der Tafeldecker die ganzen neun Jahre ſo oft und ſo nachdruͤcklich fuͤr ihn, daß der Ordenskammer⸗Praͤſident, um des Schwä⸗ tzers nur einmal los zu werden, deſſen Schuͤtzling, den Geheimen Hofratb, wirklich zum Ordens⸗Rit⸗ ter vorſchlug; des Praͤſidenten Vorſchlaͤge wurden in der Regel genehmigt, und ſo hatte der Geheime Hofrath richtig ſeinen Willen durchgeſetzt, und das einzig und allein durch Menſchen, die im erſten Augenblick Jedem, der mit dem Hof⸗ und Welt⸗ leben nicht genauer bekannt iſt, ganz unbedeutend ſcheinen muͤſſen.“ Die letzte Nacht im Vaterhauſe⸗ Emil hatte auf die weitlaͤuftige Geſchichte nur mit halbem Ohr gehoͤrt; was ging ihn die ganze Hofwelt mit ihren Kuͤchenſchreibern und Ordens⸗ Praͤſidenten an. Der Vater mußte das gleichguͤltig nichts ſagende Geſicht, das Emil zu ſeiner Geheimen Hofraths⸗ Hiſtorie gemacht haben mochte, fuͤr ein ſchlaͤfriges angeſehen haben, denn er ſah nach der Wanduhr, brach kurz ab, und ſagte:„Jetzt geh' und mach', daß Du zu Bette kommſt, damit Du morgen huͤbſch friſch und munter ausſiehſt, wenn Du vor Sr. Ex⸗ cellenz, dem Herrn Oberlandjaͤgermeiſter erſcheinſt, damit die Leute nicht denken, Du habeſt bei mir gehungert, oder es ſey Dir ſonſt hier ſchlecht ge⸗ gangen.— Gute Nacht, Emil,“ ſetzte er mit wei⸗ cher Stimme hinzu, und reichte ihm die Hand, „gute Nacht, es iſt vielleicht die letzte, die Du un⸗ ter meinem Dache ſchlaͤfſt.“ „Die letzte?“ fragte Emil geſpannt, und ſetzte das Licht, das er genommen, um auf ſein Zimmer zu gehen, wieder hin, und ſah dem Vater in die Augen, in denen er zum erſten Male in ſeinem Leben eine helle Thraͤne ſchwimmen ſah. „Ja,“ erwiederte der Alte mit einer Art von Verdruß uͤber ſich ſelbſt, daß er ſich von ſeinem Ge⸗ fuͤhl ſo unmaͤnnlich habe uͤberraſchen laſſen, und lenkte ein, als habe er mehr geſagt, denn er von Haus aus gewollt;„welcher Sterbliche weiß denn, was ihm ſein Schickſal beſchieden! Wenn Du nun Sr. Excellenz gefällſt, wenn Du mit in die Reſi⸗ denz ſollſt—— Emil laͤchelte. Die Idee ſprach ihn wohlgefällig an; von der Hauptſtadt des Reichs, und von dem Leben und dem Getuͤmmel dort, machte er ſich wohl eine recht erfreuliche Vorſtellung, aber was ſollte der Oberlandjaͤgermeiſter mit einem jungen Juri⸗ ſten dort anfangen! Was hatte die luſtige Jaͤgerei mit der wackern Jurisprudenz zu ſchaffen! Zur Wahrnehmung des bischen Jagdrechts, was in ſein Fach ſchlug, bedurfte er beſtimmt keines beſondern Rechtsverſtaͤndigen. „Mir waͤre,“ fuhr der Vater in ſeiner ernſt ge⸗ wordenen Stimmung fort,„eigentlich lieber gewe⸗ ſen, wenn Du in Deiner Sphäͤre hätteſt bleiben koͤnnen, Du taugſt mit Deinem graden, ehrlichen Weſen platterdings nicht an den Hof; auch habe — 15— ich Dich fuͤr dieſen nicht erzogen; es lag fruͤher auch nie im Plane, Dich fuͤr das Leben da oben zu be⸗ ſtimmen. Wer Kopf und Herz auf dem rechten Fleck, und ſein Kind lieb hat, kann und wird es gewiß nicht gern der nutzloſen Schlaraffen⸗Nichts⸗ thuerei opfern, noch es auf dem kaltgruͤndigen Bo⸗ den Wurzel faſſen laſſen, wo namentlich unter der kleinern Dienerſchaft Alles beſtaͤndig maskirt iſt, wo eins mit dem andern Komoͤdie ſpielt, wo kein Menſch ſelbſtſtandig iſt, wo die hoͤheren, z. B. die Ober⸗ hofmeiſterin, der Groß⸗Ceremonienmeiſter, der Oberſtallmeiſter oder dergleichen, drei, vier kleinere Hoͤfchen um ſich bilden, und wo oft der Kluͤgſte unter den Klugen nicht weiß, zu welcher Partei er ſich ſchlagen ſoll, und wo, weil die Mehrzahl des untern Hoſperſonals aus Leuten beſteht, deren ein⸗ zige Nahrungsquelle die Hofſtaats⸗Kaſſe iſt, die ſich mit Hand und Kopf keinen Kreuzer verdienen koͤn⸗ nen, und die daher ſich zu einer ſclaviſchen Abhaͤn⸗ gigkeit haben gewöhnen muͤſſen, Selbſtſtändigkeit, Freiſinnigkeit, Großherzigkeit, kurz, alle die Tu⸗ genden ungekannt ſeyn muͤſſen, die nur in der Bruſt des Mannes heimiſch ſind, der durch ſeinen Fleiß und ſein Talent, in jeder Zone, und in jedem Verhaͤltniß, ſein auskoͤmmliches Brod ſich zu erwer⸗ ben im Stande iſt. Doch, ich komme in das Plan⸗ dern, und wir wollen, wir muͤſſen ſchlafen, denn wir ſollen morgen fruͤh bei Zeiten heraus; alſo— gute Nacht, mein lieber Emil, gute Nacht.“ 1 Der Mutter Scheidewort. Die Mutter ſchlang ſich, als Emil den folgen⸗ den Morgen abreiten wollte, ihm um den Hals und weinte, als ſollten ſie ſich im Leben nicht wieder ſehen. Sie ſchien, auf der einen Seite, die Tren⸗ nung vom einzigen Kinde nicht uͤberleben zu koͤn⸗ nen, auf der andern ſah ſie mit einem gewiſſen Stolze die Ausſichten, die, nach ihrem Wahne, die Zukunft ihm boͤte, im roſigſten Lichte, und betheuer⸗ te, um den Preis ſeines Gluͤcks, den herben Schmerz des Abſchiedes gern tragen zu wollen; ſie nannte des Vaters hartes Urtheil uͤber das Hofleben, uͤber⸗ trieben, einſeitig, und gefaͤllt in einem truͤben MMo⸗ ment ſeiner gewoͤhnlichen Mißlaune, und wollte, nachdem ſich die muͤtterliche Sorgfalt in hundert gute Lehren fuͤr des Sohnes koͤrperliches und gei⸗ ſtiges Wohl ergoſſen hatte, immer noch etwas hin⸗ zufuͤgen, ohne, wie es ſchien, recht zu wiſſen, wie ſie es anzufangen habe, dem gepreßten Herzen Luft zu machen; endlich hob ſie mit ſcheuem Blicke, den ſie von der Erde kaum zu heben vermochte, halb leiſe an:„und endlich, mein lieber, lieber Emil, bitte ich Dich, Niemand zu verurtheilen, ehe Du ihn gehoͤrt, ehe Du ihn ſelbſt gehoͤrt haſt.“ Sie ſagte das mit ſo bedeutſamer Betonung, und mit ſo ſichtbarer Muͤhe, jedem ihrer Worte ſein volles Gewicht zu geben, daß Emil, um vielleicht nahern Aufſchluß uͤber die ſonderbare Weiſe zu er⸗ halten, mit der ſie ihm ihre letzte gute Lehre, oder, wie ſie es nannte, ihre letzte Bitte an das Herz legte, etwas ihn i nigſte fes, wiß it kuͤnfte erthei 4 ſchen! te, w zu en ſetzte ten A der Re. brechen die lie kaum ſich eit hoͤren, koſtet chen, dammt auf de zu neh mit we uͤber J Fehltri beeifer wie wi L.XI — 47— legte, und halb und halb in dem Wahne, ſie wiſſe etwas Beſtimmteres um ſeine Zukunft, und ſehe ihn im Geiſte ſchon an der Spitze, oder doch we⸗ nigſtens im Gremio eines bedeuten den Gerichtsho⸗ fes, ſie fragte, ob ſie ihre muͤtterliche, von ihm ge⸗ wiß immer im Auge zu behaltende gute Lehre, dem kuͤnftigen Richter, dem Menſchen oder dem Sohne ertheilt habe. „Dem Richter,“ antwortete ſie,„dem Men⸗ ſchen und— ihre Stimme brach ihr, und man hoͤr⸗ te, welche Gewalt ſie ſich anthat, des Weinens ſich zu enthalten—„und dem Sohne! Du wirſt,“ ſetzte ſie nach kleiner Pauſe, mit zur Erde geſenk⸗ ten Augen hinzu:„Du wirſt in den flachen Zirkeln der Reſidenzwelt, uͤber den Dritten manchen Stab brechen ſehen; Du wirſt ihn verurtheilen hoͤren auf die liebloſeſte, unmenſchlichſte Weiſe. Du wirſt da kaum begreifen, wie es moͤglich iſt, daß Leute, die ſich einbilden, zu den gebildetern Staͤnden zu ge⸗ hoͤren, und deren Erziehung eine Maſſe Geldes ge⸗ koſtet hat, ſo ſchonungslos ihr Schuldig ausſpre⸗ chen, ohne die Beweggruͤnde des von ihnen Ver⸗ dammten im Allerentfernteſten zu beleuchten, ohne auf deſſen Entſchuldigungen die mindeſte Ruͤckſicht zu nehmen. Es iſt herzzerreißend, mit anzuſehen, mit welcher teufliſchen Schadenfreude die Menſchen uͤber Jeden, der ſich, nach ihrer Meinung, eines Fehltritts ſchuldig gemacht, herfallen, wie ſie ſich beeifern, das Geruͤcht ſeines Falles zu verbreiten; wie willkommen ihnen die Gelegenheit iſt, ihren LXIV. 2 — 18— Stachelwitz ſpielen zu laſſen; mit welcher Keckheit ſie Zuſaͤtze, Vergroͤßerungen und Entſtellungen hin⸗ zulugen, und wie auch nicht Einer unter ihnen iſt⸗ der ſich des vom großen Haufen, ungehoͤrt Gerich⸗ teten, wohlwollend annehme. Emil, meide ſolche menſchliche Ungeheuer. Es ſind Ungeheuer, und wenn ſie auch in Palaͤſten wohnten, und zu den Klaſſen der hoͤhern Welt gehoͤrten. Sitze nicht im Rathe ſolcher Blutrichter! Erfuͤlle gegen den Ange⸗ griffenen die Pflicht der Menſchlichkeit wenigſtens in ſo weit, daß Du ihn, ihn ſelbſt hoͤreſt, ehe Du ihn verdammſt, und daß Du Dein Urtheil ſo lange ausſetzeſt, bis Du ihn gehoͤrt habeſt. Und haſt Du ſeine Unſchuld erkannt, oder haſt Du, wenn er nicht ganz ſchuldlos iſt, doch wenigſtens Gruͤnde aufge⸗ funden, die ihn entſchuldigen, ſo ſey barmherzig, Emil, und nimm Dich ſeiner an. Du haſt in ſolchen Fällen beim großen Haufen leichtes Spiel. Du darfſt den Boͤſewichtern nur mit feſter Derbheit durch den Sinn fahren, und ſie auf die Unziemlichkeit ihres kannibaliſchen Verfahrens, mit recht ſtechenden Wor⸗ ten aufmerkſam machen, ſo gehen ſie bald in ſich, und ſchweigen, denn ſie fuͤhlen, daß Du Recht haſt.“ Emil verſtand den Sinn ihrer Rede, die am Schluſſe etwas lebendig, faſt heftig zu werden an⸗ fing, wohl; aber er konnte ſich, wie er ihr auch of⸗ fen bekannte, nicht entraͤthſeln, wie ſie, gerade ſie Veranlaſſung habe, uͤber die Verlaͤumdungsſucht der Menſchen zu klagen, da alle Nachbarn hier in der ganzen Umgegend nie anders, als mit der aus⸗ 2 — „— —,—,„—-— „— — 19— gezeichnetſten Achtung von ihr ſpraͤchen, und ſie ih⸗ rer ſanften Weiſe, ihres unbeſcholtenen Wandels, ihrer feinen Bildung, und ihres werkthaͤtigen Wohl⸗ thaͤtigkeitsſinnes halber, von Allen herzlich geliebt werde.„Hier,“ antwortete ſie mit einem Tone, als wenn ſie dies zwar, ſoweit die Rede von ihren hieſigen Umgebungen ſey, nicht in Abrede ſtellen koͤnne, dagegen aber ſich uͤber die Menſchen ander⸗ waͤrts, zu beklagen habe. „L'offensore obblia, ma non l'offeso i rice- vati oltraggi*)“ ſagte ſie halb leiſe vor ſich hin, draͤngte mit ſicht⸗ barer Anſtrengung die Thraͤnen zuruͤck, die ihr in die Augen ſchoßen, und ſchwieg. „Noch etwas,“ fuhr die Mutter nach einer klei⸗ nen Pauſe, in der ſie ſich geſammelt, ruhiger fort, und ſchien ſich nach paſſenden Worten zur moͤg⸗ lichſt delikaten Behandlung des zarten Gegenſtan⸗ des umzuſehen,„noch etwas habe ich auf dem Her⸗ zen; etwas, woruͤber ich lange mit Dir habe ſpre⸗ chen wollen; es hat mir aber bis jetzt dazu an Ge⸗ legenheit gefehlt; nun, da wir uns wahrſcheinlich nicht ſobald wieder ſehen, muß ich ſie mir ſelbſt nehmen. Ich habe mich gefreut, Emil, Dich, hin⸗ ſichtlich Deiner Sittenreinhei., von der Univerſitaͤt ſo zuruͤckkommen zu ſehen, wie Du hingegangen biſt; unverdorben, ſchuldlos, unbefleckt; Du biſt an *) Bekanntlich eine Sentenz Metaſtaſto's, ihres Lieb⸗ lingsdichters; zu Deutſch:„Der Beleidiger vergißt, doch der Gekränkte nie die einſt erfahrne Unbild.“ — 20— Leib und Seele geſund geblieben, Du haſt die Ge⸗ lage der Laſterhaften und die Schwelgereien der Zucht⸗ loſen geflohen, und darum die zarte Achtung, die jeder rechtliche Mann den Wurdigern unſers Ge⸗ ſchlechts gern zollt, im Herzen bewahrt. Es hat mir wohl gethan, zu ſehen, wie Dir um Dei⸗ nes froͤhlichen Sinnes, um Deines feinen Anſtan⸗ des, und vielleicht wohl auch um Deines Aeußern willen, die Maͤdchen und Frauen freundlich zuge⸗ than ſind. Werde darum nicht eitel, gib Dich dar⸗ um nicht dem Wahne hin, daß Du mit Frauenher⸗ zen nach Gefallen ſpielen kannſt. Es iſt in der Welt nichts ſtrafbarer, als das Lebensgluͤck eines ſchuldloſen Maͤdchens, dem Rauſche einiger Minu⸗ ten auf ewig zu opfern. Die Geſetze aller Staa⸗ ten ſind gegen Verbrecher dieſer Art viel zu gelinde, weil Maͤnner die Geſetzgeber waren, Maͤnner, die viel zu wenig Phantaſie hatten, um das tau⸗ ſendfache Elend, die namenloſen Kraͤnkungen, die bittere Verzweiflung zu ermeſſen, welche die Be⸗ trogene, oft bis zur letzten Stunde ihres gebro⸗ chenen Lebens, heimlich quaͤlen. Bleibe ein Ehren⸗ mann, Emil! Dies der Mutter letztes Wort dem ſcheidenden Sohne.“— Das Jagdſchloß Rehhagen. Kaum graute der Tag, ſo beſtieg Emil ſeinen Rappen, und trabte gen Rehhagen. Nach dem, was Vater und Mutter geaußert, hing von oieſem Ritte ſein Schickſal ab; ihm ward dei dem Gedanken ſo ſchwer, ſo eng um die Braſt, -— —— ½——— — dAd &— t, 3 , daß er langſam reiten mußte. Er bereitete ſich, da einmal von einer Anſtellung die Rede ſeyn ſollte, auf ein tuͤchtiges Examen vor; ohne Pruͤfung war ſeine Aufnahme in den landesherrlichen Dienſt um ſo undenkbarer, als kein Menſch ihn und ſein Wiß ſen kannte; gewiß, meinte er, hatte der Oberland⸗ jaͤgermeiſter einen recht gediegenen Juriſten zur Seite, der ihm erſt auf den Zahn fuͤhlen ſollte. Er mag nur kommen, dachte Emil, und durch⸗ flog in Gedanken ſeine Hefte, und fuͤhlte ſich uͤber⸗ all, wie auf ſeinem Rappen, ſattelrecht; doch als er mit ſeiner Stegreif Repetition auf das Kanoni⸗ ſche und auf das Wechſel⸗Recht kam, wollte er ei⸗ nige Schwaͤchen und Luͤcken verſpuͤren; indeſſen, ſollte denn das Ungluͤck wollen, daß der Pruͤfer ge⸗ rade in dieſe Felder gerathen mußte! Er wollte die Schuld auf die Profeſſoren wälzen, die uͤber beide gedachte Gegenſtaͤnde geleſen hatten, und unter al⸗ len ſeinen Lehrern die trockenſten geweſen waren; aber, je naͤher er dem verhaͤngnißvollen Rehhagen kam, je lauter ſagte ihm eine innere Stimme, daß die Schuld zum groͤßten Theile an ihm gelegen, daß er vom Aufange an gegen beide Rechtsbranchen lauer geweſen ſey, als gegen alle andere, und daß ſeine Strafe dafuͤr nicht ausbleiben werde. Bei den verſchiedenen kirchlichen Verhältniſſen des Lan⸗ des, ſey das Studium des kanoniſchen Rechts ein unerläͤßliches, und da in der Reſidenz der Handel und Wandel immer mehr aufbluͤhe, ſo ſey ein Rechtsgelehrter, ohne ganz genaue Keuntuiß des Wechſel⸗Rechts, eine reine Null, ein wahres Un⸗ ding; auf jeden Fall werde und muͤſſe darum im bevorſtehenden Examen, die Frage auf beide Ge⸗ genſtaͤnde hauptſaͤchlich kommen, und beſtehe er in dieſen ſchlecht, ſo falle er ohne Gnade durch. Er hatte das letzte Wort ſeines Angſt⸗Monologs noch nicht ausgeſprochen, als er um die Waldecke bog, und das alte Jagdſchloß Rehhagen dicht vor ihm lag.. Nun konnte er das Verſaͤumte in der Geſchwin⸗ digkeit doch nicht mehr nachholen. G „Wie der Himmel will,“ ſagte er, ſich aus ſei⸗ ner Kleinlautigkeit aufrichtend, und ritt im beſchei⸗ denen Schritte uͤber die morſche halbverfallene Schloßbruͤcke durch das mit einem maͤchtig großen Hirſchgehoͤrne verzierte Thor in den Hof. Der Willkommen. Eins der anſprechendſten Rechte iſt das Gaſt⸗ recht; der landesherrliche Reitknecht, der vor dem Stalle ſaß, hatte ſich deſſen aber ſo wenig befliſſen, wie Emil ſeines Kanoniſchen; ſtatt aufzuſpringen, ihm beim Abſteigen den Buͤgel zu halten, und ihm das Pferd abzunehmen, blieb er ganz ruhig ſitzen, beinelte ein Bischen zum Zeitvertreibe, ſpielte mit einem Paar gejackten Hunden, die vor ihm auf der Erde lagen, und rauchte ungeſtoͤrt ſein Pfeiſchen in behaglicher Ruhe. „Haucht dich,“ dachte Emil im feindſeligen Aer⸗ ger uͤber ſein Mißgeſchick, das er morgen uͤber ſich ſchon losbrechen ſah,„haucht dich morgen dein Exg⸗ 4 8 8—, ASIAS=S2ͤ—„ minator an, wenn er dich im cambials und in dem canonico auf dem faulen Pferde findet, kannſt du den, im Studio des Gaſtrechts gar ſehr zuruͤck⸗ gebliebenen Reitknecht auch anhauchen; Wurſt wie⸗ der Wurſt; ſchlägſt du meinen Juden, ſchlag ich deinen, hier hilft mir doch Alles nichts.“ Er ſtieg, uͤber den ungeſchliffenen Musje, der ihm auf ſei⸗ nen Gruß nicht einmal gedankt hatte, ſehr verdruͤß⸗ lich, ab, ging mit ſeinem Pferde auf ihn zu, und redete ihn alſo an:„Nehm' Er ſeine Muͤtze ab, wenn ich mit Ihm ſpreche. Waͤre Er in meinem Dienſte, ſo jagte ich Ihn auf dem Flecke aus dem Hauſe. Kommt auf meinen Hof ein Fremder, ſo eilen ihm alle meine Leute entgegen, und ſind ihm behuͤlflich, wo ſie können. So verlangt es das Gaſt⸗ recht. Er thut gerade das Gegentheil, und Er hat es ſich daher ſelbſt beizumeſſen, wenn man Ihn als einen ausgemachten Grobian behandelt. Hier nehme Er mir mein Pferd ab, und ſage Er mir, wo ich Se. Excellenz den Herrn Oberlandjaͤgermeiſter fnde.“ Ein verſteinerter Seehund kann nicht verbluͤffter ausſehen, als der landesherrliche Reitknecht. Aus dem Tone hatte wahrſcheinlich noch Keiner mit ihm geſprochen. Er wußte platterdings nicht, was er aus dem Fremden machen ſollte. Sein ſilberbe⸗ troddeltes Muͤtzchen hatte er gleich bei dem erſten Worte der ſonderbaren Begruͤßung vom Kopfe ge⸗ riſſen; er blinzelte, als ſey er vom heftigſten Ble⸗ pharospasmus oder Augenliederkrampfe befallen, und getraute ſich gar nicht, dem ſonderbaren Gaſte — 24— gerade in das Geſicht zu ſehen. Ohne ſich im Min⸗ deſten vertheidigen zu wollen, ſchloß ihm das Gefuͤhl ſeiner Schuld den Mund; er nahm Emil das Pferd ab, und entgegnete ſehr beſcheiden und hoͤflich, daß Se. Excellenz im Garten fruͤhſtuͤckten, und links in der Weinlaube zu finden ſeyn wuͤrden. Der Garten war groß, der Weg bis zur Wein⸗ laube lang, und daher hatte Emil Zeit genug, von ſeiner Aufwallung wieder zu ſich ſelbſt zu kommen⸗ Noch keine zwoͤlf Stunden war es, daß der Va⸗ ter ihm die weiſeſten Regeln der Lebensklugheit fuͤr ſein neues Verhaͤltniß mit auf den Weg gege⸗ ben hatte, und wie hatte er ſie befolgt! Nichts als ein verſaͤuerter Reſt von Burſchen⸗Tic war ſeine Empfindlichkeit uͤber des Reitknechts großbrodige Nonchalance geweſen; der Student, der in ſeinem gluͤcklichen Duͤnkel der Herr der Welt iſt, hatte ſich in ſeiner, uͤber das bevorſtehende Rigoroſum einmal rege gewordenen Mißſtimmung, von dem Servier nicht gehoͤrig beachtet geglaubt, und deſſen Impertinenz, ſtatt ſie, wie es dem Manne von feinem Tone geziemt haͤtte, zu ignoriren, mit einer drei⸗ mal derbern erwiedert. Wenn nun der Menſch ein Liebling Sr. Excellenz, oder gar des Furſten ſelbſt war!— und das war er wahrſcheinlich, denn ſonſt häͤtte er nicht gar ſo aufgeblaſen ſeyn koͤnnen,— ſo ſtellte er dem Herrn Emil heute noch ein Bein, und dieſer ſtolperte aus ſeiner Gluͤckskarriere hin⸗ aus, noch ehe er ſie einmal recht betreten hatte. 2 ——— — 25— Die Gelegenheit dazu hatte Emil ihm recht hand⸗ greiflich gegeben; der Reitknecht durfte nur erzaͤh⸗ len, wie auffahrend und trotzig er ſich gegen ihn genommen, ſo mußte ſich ja ein Kind, geſchweige denn Se. Excellenz der Herr Oberlandjaͤgermeiſter ſagen, daß er fuͤr den Hofton in keiner Weiſe tau⸗ ge, und Emil hatte ſeinen Laufpaß in die weite Welt. Die Weinlaube. Hoͤchſt unzufrieden mit ſich ſelbſt, und faſt auf dem Wege, umzukehren, und ſeinen dummen Streich durch irgend eine, dem verwuͤnſchten Reitknecht zu erweiſende Höflichkeit wieder gut zu machen, ſchlich er den bezeichneten Weg, zwiſchen Aſtern und Geor⸗ ginen hin, ſah ſich zuweilen ruͤckwaͤrts um, und ſchielte in die Seitengänge, ob etwa die gruͤne Er⸗ cellenz irgendwo zu erſpaͤhen; aber in dem großen weiten Garten war Alles federſtill und lautlos; es ruͤhrte ſich kein Blatt, kein Luͤftchen; einige Spaͤt⸗ linge von Tagfaltern flatterten durch die bunten Herbſtblumen, und zwei kleine Fontainen ſchoßen ihre Waſſerſtrahlen mannshoch gen Himmel, das war das ganze Leben im weiten Garten.— Jetzt, ungefähr zwanzig Schritte vor ihm links, ſtand die hohe Weinlaube; war es ihm doch, als hinge ſich die ganze Traubenlaſt, unter der ſie prangte, ihm an den Hals, da er ſie erblickte. Da drinnen ſaß alſo der Mann und fruͤhſtuͤckte, in deſſen Hand ſein zeitliches Schickſal lag! Emil holte friſchen Athem in die gepreßte Bruſt; Clauren Schr. LXIV. 3 —. 26— er haͤtte die Atmoſphaͤre des ganzen Parks einſau⸗ gen moͤgen, ſo ſehr bedurfte er erfriſchender Staͤrke. Er ſtand einen Augenblick ſtill und lauſchte; Se. Excellenz mußten ganz allein ſeyn, denn es war Al⸗ les maͤuschenſtill, es— doch halt— jetzt erklang es, als treffe Glas auf Porzellain; wahrſcheinlich machten Seine Excellenz ein Superintendentchen, hatten eben einen Schluck Madera oder dergleichen Erguicklichkeiten getrunken, und beim Niederſetzen des Glaſes den vor ſich habenden Fruͤhſtuͤcksteller beruͤhrt. Das waren zwei Gluͤckszufälle— allein, und beim Eſſen und Trinken. Emil konnte ihn ohne laͤſtige Zeugen ſprechen, und beim Genuß der Gottesgabe iſt der Menſch, in der Regel, willig und freundlich. Alſo vorwaͤrts— der Augenblick war guͤnſtig. Emil zog, nur noch drei Schritte bis zur Laube, den Hut, und wollte durch Huſten oder Räuſpern in beſcheidener Ferne kund geben, daß Jemand kom⸗ me, damit Se. Excellenz nicht etwa glauben moͤch⸗ ten, man habe Hoͤchſtdieſelben beſchleichen wollen; aber er konnte— weiß der Himmel, was ihm in der Kehle ſtack, nicht recht dazu kommen; er ſchwenkte alſo ſtumm und devoteſt links ein, ſtand jetzt vor dem Mittelpunkt der Laube, und Se. Excellenz, der alte Herr Oberlandjaͤgermeiſter, waren nicht da, fruͤhſtuͤckten auch nicht darin, ſondern zwei wun⸗ derniebliche Mädchen ſaßen im Hintergrunde der köſtlichen Wein⸗Halle, waren, die eine im Leſen eines Buches, die andre in der Beſchäftigung mit — 27— einer feinen weiblichen Arbeit vertieft, und ſchra⸗ ken ſichtbar auf, als ſie auf einmal den ſteinfrem⸗ den Menſchen gewahrten. Emil aber war noch verlegener, als ſie, denn ſie konnten ſich kaum des Lachens enthalten, als er zehn⸗ mal anfing, ihnen auseinanderzuſetzen, daß er Se. Excellenz hier geſucht habe, und am Ende, beſon⸗ ders da er ſah, daß ſie ſich an ſeiner Verwirrung ergotzten, immer wieder von vorn anfing, und im⸗ mer nicht weiter kam, als zu der Verſicherung, daß er gar nicht die Abſicht gehabt haͤtte, ſie ſtoͤren zu wollen. Eigentlich waren ſie daran, daß er im erſten Augenblick ſo uͤber und uͤber perpler war, haupt⸗ ſaͤchlich ſelbſt Schuld. Emil hatte in ſeinem Leben wohl manches huͤbſche Kind geſehen, allein ſo et⸗ was ausgeſucht Liebliches war ihm noch nie vorge⸗ kommen; war es der himmliſche Morgen, der ihre Reize ſo zauberiſch gekraͤftiget, oder war es das Idolliſche ihres Sitzes in der blumen⸗ und trau⸗ bengeſchmuͤckten Laube, das ihnen ſo etwas unbe⸗ ſchreiblich Grazienhaftes verlieh, vder war es der Schnee und die Superfeine ihres hoͤchſt eleganten Negligees, die ſie in Emils Augen zu reinen Aether⸗ geſtalten erhoben; aber je laͤnger er die beiden hol⸗ den Himmelskinder anſtaunte, je mehr fuͤhlte er ſich verſucht, ſie fuͤr uͤberirdiſche Weſen zu halten, denn ſo Etwas hatte die armſelige Waldwildniß der ganzen Umgegend nicht aufzuweiſen. Hatte ihn ihr Aeußeres ſchon zu dem Wahne 5* — 25— verlockt, ihre Heimath in hoͤhern Sphaͤren zu ver⸗ muthen, ſo mußten ihn ihre Engels⸗Freundlichkeit, ihr feiner Takt, ihr ganzer Anſtand, in demſelben noch mehr beſtaͤrken. Nachdem er endlich mit vieler Muͤhe herausge⸗ bracht hatte, daß er den Herrn Oberlandjäaͤgermei⸗ ſter hier in der Laube geſucht und vermuthet, und nicht gefunden haͤtte, und nachdem ſie ihm entgeg⸗ net, daß dieſer mit dem Prinzen bereits auf die Jagd geritten, daß er hoffentlich nicht zu lange ausbleiben werde, und daß Emil daher am beſten thue, ihn hier zu erwarten, ſpann ſich das Ge⸗ ſpraͤch von ſelbſt fort, und ward immer lebendiger, und ungebundener. Emil merkte, daß ſie gern wiſſen wollten, wer er ſey; warum ſollte er ihnen den Gefallen nicht thun, ihnen ihre kleine Neugierde zu befriedigen; gewann er doch dafuͤr das Recht, ſich auch nach ih⸗ nen naͤher erkundigen zu duͤrfen; doch, die kleinen Schlauköpfchen waren weniger offenherzig, als er. Der auffallenden Eleganz ihrer Kleidung nach zu urtheilen, waren ſie beſtimmt aus der Reſidenz; ſie benahmen ihm dieſe Vorausſetzung aber bald durch die Entgegnung, daß ſie in Kohlenrode zu Hauſe ſeyen. Einen ſchreiendern Gegenſatz, als dieſe beiden ſchneeweißen Engel und das rußige Koͤhlerdorf Koh⸗ lenrode, gibt es nicht;„dann habe ich,“ hob Emil freudig uͤberraſcht an,„beſtimmt das Vergnuͤgen, die Mamſell Toͤchter des Herrn Forſtverwalters—⸗ „„..—“ Die Maͤdchen verneigten ſich freundlich bejahend, und ſahen wieder einmal aus, als ob ſie ſich heimlich halb todt lachen wollten; wahrſcheinlich, weil Emil doch am Ende richtig herauspunktirt hatte, wer und woher ſie waͤren. „O dann habe ich,“ fuhr er froͤhlich fort,„das Gluͤck, mit Ihnen halb und halb verwandt zu ſeyn.“ „Verwandt?“ fragte die roſige Bruͤnette, und ſtutzte; die Blondine aber fädelte ſich zu ihrer Fein⸗Stickerei einen friſchen Faden ein, blinzelte ihn durch das Nadeloͤhr an, und ſagte mit muͤhſam verhaltenem Lachen:„da irren Sie ſich doch wohl!“ Emil aber demonſtrirte ihnen, daß ihr Sträu⸗ ben platterdings nichts huͤlfe; daß ihre Verwandt⸗ ſchaft dreifach ſey, und daß ſie daher nolens volens ſeine Couſinchen waͤren. „Dreifach?“ fragte das ſchwarzgelockte Forſtver⸗ walter⸗Kind, und laͤchelte zweifelnd; Emil aber ſetzte ihnen dies des Breitern auseinander:„ erſtlich,“ entgegnete er,„ſindet zwiſchen uns unläͤugbar eine Kunſtverwandtſchaft ſtatt; der Hegemeiſter und der Forſtverwalter— Beide ſind Prieſter Dianens, Beide gehoͤren zur froͤhlichen Weidmanns⸗Sipp⸗ ſchaft, und, wenn die Vaͤter mit einander befreun⸗ det ſind, ſo ſind ihre Deſcendenten, das folgt ja von ſelbſt, auch untereinander Vettern und Muh⸗ men— zweitens ſind wir durch die Bande des Bluts verwandt.“ „Von Adam und Eva her,“ ſiel ihm Blondchen in die Rede, und that ordentlich, als ob ſie ſich — 30— fuͤr dieſe Bande zu gut duͤnkte; die ſchwarze Ringel⸗ locken⸗Schoͤne aber fand an ſeinen genealogiſchen Kurioſttaͤten Gefallen, lachte mit anmuthiger Schalk⸗ heit halb laut vor ſich hin, und meinte, daß ſie doch begierig waͤre, zu hoͤren, wie er dieſe Ver⸗ wandtſchaft herausbuchſtabiren werde. „Die iſt ja ganz nahe,“ rief Emil, und begriff nicht, daß ſie nicht ſelbſt darauf kamen.„Meines Vaters Bruder, der Zeugſchreiber in Falkenwerder, hat doch eine geborne Muhsſtollen zur Frau, nicht wahr 2 1 Beide Maͤdchen nickten bejahend, aber Beide wa⸗ ren drauf und dran, in helles Lachen auszuplatzen; doch ohne ſich weiter daran zu kehren, fuhr Emil. fort:„nun ſehen Sie, die Schweſter meiner Tante, der Zeugſchreiberin, war Ihre ſelige Frau Mutter, folglich—— „Sehr richtig,“ rief Schwarzkoͤpfchen unter ſchlauem Lachen,„alſo waͤren Sie wirklich unſer Herr Couſin! und durch die Muhsſtollens ein ſo ganz naher Blutsfreund? aber guter Herr Vetter, wie ſteht es denn nun mit Ihrer dritten Ver⸗ wandtſchaft?“ „Mit der?“ entgegnete Emil,„das will ich Ih⸗ nen gleich ſagen, Couſinchen; das iſt eigentlich eine chemiſche, oder eine ſogenannte Wahlverwandt⸗ ſchaft. Schuͤtten Sie ein Gemiſch von Schwefel⸗ ſaͤure und Mineralalkali zu einem Gemiſch von Kalkerde und Salzſaͤure, ſo trennen ſich die bis da⸗ hin beſtandenen Verbindungen, und es bilden ſich 3 — 51— neue. Die Salzſaure ſcheidet nämlich von der Kalk⸗ erde; die Schwefelſaͤure aber von dem Mineralalkali. Beides, das Mineralalkali und die Salzſaͤure, ver⸗ binden ſich zu Kochſalz; die Schwefelſaͤure aber ver⸗ bindet ſich mit der Kalkerde, und aus beiden ent⸗ ſteht Gyps.“ 3 „Pipps,“ fiel hier Couſine Schwarzkoͤpfchen ein, und tippte muthwillig laͤchelnd bei dem Worte, mit dem rechten Zeigefinger auf den Tiſch;„die Ge⸗ ſchichte iſt mir zu gelehrt; die mit der Muhsſtolle vorhin war klarer; Sie machen uns in Ihren che⸗ miſchen Bildern am Ende zu Saͤuren und ſich zum Gyps, Pipps, Fipps oder Schnipps.“ Das blonde Schweſterlein ſchien dem kleinen muthwilligen Unbande einen mißbilligenden Ver⸗ weis geben zu wollen; es mußte aber ſelbſt lachen, und konnte es zu weiter nichts bringen, als zu ei⸗ nem halb boöſen Geſichtchen, in dem ungefaͤhr lag: ich weiß gar nicht, wie du mir vorkommſt! Haſt den jungen Menſchen in deinem Leben nicht geſe⸗ hen und biſt mit ihm, als waͤret ihr alte vertraute Bekannte; was muß er von dir denken! Was muͤß⸗ te jeder Dritte von dir denken, wenn er das mit auſaͤhe. Das Alles ſchien Blaukukchen ſagen zu wollen; aber hatte es das froͤhliche Kind zu lieb, oder hatte es, wie Emil faſt ſcheinen wollte, eine Art von Re⸗ ſpect vor der juͤngern Schweſter; kurz, es getraute ſich nicht, ihr den kleinen Tadel laut werden zu laſſen, den es auf der Zunge hatte. — 32— Emil that, als merke er dies Alles nicht, und lenkte das Geſpraͤch, um ſeine Behauptung von der Wahlverwandtſchaft weiter durchzuführen, auf das Geſetz der Wahlanziehung, ſprang dann zu dem Satz uͤber, daß, wenn die Tochter von den Eltern ſcheide, und mit dem, dem ſie ſich durch Wahlan⸗ ziehung angeeignet hätte, enger verbinde, zwiſchen beiden Liebenden eine reine Wahl⸗Verwandtſchaft entſtehe, und hatte die Freude zu bemerken, daß beide Maͤdchen, als er auf dies Kapitel kam, mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhoͤrten, und ſtillfreund⸗ lich lauſchten, wo er eigentlich mit ſeiner Abſchwei⸗ fung aus dem Felde der Chemie in die Roſengaͤr⸗ ten der Liebe hinauswolle.. „Hat nicht,“ hob die juͤngere Schweſter, wahr⸗ ſcheinlich um ihn aus den labyrinthiſchen Gaͤngen dieſer Unterhaltung, in die er ſich jetzt verlieren zu wollen, ihr ſcheinen mochte, wieder auf das alte Geleis, aus dem er zufaͤllig gebrochen, zuruͤckzuho⸗ len,„hat nicht Berthollet in ſeinem Essai de sta- tique chemique, die Wahlverwandtſchafts⸗Lehre be⸗ handelt?“ Emil ſchlug die Augen groß auf, und ſtaunte das Maͤdchen an. Was wußte die Kohlenroder Forſt⸗ verwalter⸗Mamſell vom Pariſer Scheidekuͤnſtler Ber⸗ thollet! Er konnte ſich nicht enthalten, ihr ſeine Verwunderung daruͤber bemerklich zu machen. Sie meinte aber, in ihrer kurrigen Manier, ob nicht hinter'm Berge auch Leute wohnen koͤnnten, geſtand dann jedoch ganz ehrlich, daß ſie das Werk des ge⸗ 8 — 33— lehrten Herrn nicht ſelbſt geleſen, ſondern nur da⸗ von gehoͤrt habe; ſie wollte noch mehr ſagen, aber auf einmal warf ſie zufaͤllig aus der Laube einen Blick in den langen Aſtern⸗ und Georginengang nach dem Schloſſe zu, und der Athem war ihr wie abgeſchnitten; ſie ſtockte, ward feuerroth, laͤchelte halb muthwillig, halb uͤberraſcht ihrer Schweſter zu, als wolle ſie dieſer ſagen, daß ſte nun im Tintchen faßen, ſchien raſch einen kuͤhnen Entſchluß zu faf⸗ ſen, und war in zwei Saͤtzen zur Laube hinaus. Die Frau Oberhofmeiſterin. Emil ſtand ſchnell auf, und ſah ihr nach; ſie ſchwebte oder flog vielmehr mit unbeſchreiblicher An⸗ muth den beſagten Gang hinab, einer dicken Dame entgegen, die aus der Gegend des Schloſſes herge⸗ watſchelt kam, kirſchroth geſchminkt, unter'm lin⸗ ken Arm einen in ſeinem Fette faſt erſtickenden Mopps, in der Rechten aber einen ausgeſpannten bleu⸗ mourant⸗farbigen Sonnenſchirm, dicht hin⸗ ter ihr folgten zwei Bedienten in Hof⸗Livree; der eine trug eine geſtickte Fußbank und einen Arbeits⸗ korb, der andere einen wattirten Mantel, einen Shawl und den noͤthigen Apparat zu Zuckerwaſſer. „Die Frau Oberhofmeiſterin Excellenz,“ ſagte die Blondine ehrerbietig aufſtehend, und machte ein ſo ernſthaftes abgemeſſenes Geſicht, daß man das vorige luſtige darin gar nicht wieder finden konnte. Auch die juͤngere Mamſell Forſtverwalterin ſah jetzt ganz anders aus, als vorhin. Taͤuſchte ihre Pantomime nicht, ſo hatte ſie die Excellenz um et⸗ — 3½— was gebeten, was dieſe aber unter ſtrengen Ver⸗ weiſen nicht gewaͤhren zu koͤnnen oder nicht zu wol⸗ len ſchien; denn Emil hoͤrte, daß ſie ſeine kleine dreifache Couſine ein wenig abkapitelte, und ihr, aller von dieſer bittweiſe gemachten Gegeneinwen⸗ dungen ungeachtet, ſehr beſtimmt erklaͤrte, daß das— (was, wußte er nicht—) auf dem Flecke redreſſirt werden muͤſſe. „Was wollen Sie hier? Wo kommen Sie her? Wer ſind Sie?“ fragte ſie beim Eintritt in die Traubenlaube, mit ernſtem Oberhofmeiſterlichen Blick, und ſetzte den fetten Mopps auf den Tiſch. „Prinzeſſin Adeline,“ fuhr ſie fort, und ſenkte ſa⸗ lutirend den ſterbendblauen Sonnenſchirm gegen das ſchwarzgelockte vermeintliche Forſtverwalterkind, „hat ſich zu einer kleinen Badinage mit Ihnen con⸗ deſcendirt; fuͤr erlauchte Perſonen indeſſen iſt der⸗ gleichen im vis-àA- vis ihrer Unterthanen nicht com⸗ patibel, und ich eile daher, die Mepriſe ſogleich zu redreſſiren. Unſer durchlauchtigſter Herr muß die⸗ ſen Moment von der Jagd retourniren; Hoͤchſtdie⸗ ſelben wuͤrden beſtimmt ſehr unangenehm fuͤrprenirt ſeyn, Sie hier zu finden; ich erwarte daher von Ihnen, daß Sie ſo viel Eiraumſpection, ſo viel Re⸗ gard fuͤr uns haben, und ſich ſofort abſentiren werden.“ 3 „Ew. Excellenz verehrlichem Befehle gemaͤß,“ erwiederte Emil mit erzwungener Ruhe, die er hin⸗ ter die feinſte Artigkeit zu verſtecken ſuchte,„werde ich mich augenblicklich entfernen; indeſſen bin ich Ihnen auf drei Fragen noch drei Antworten ſchul⸗ dig, und es wuͤrde der Ihnen gebuͤhrenden Achtung entgegen ſeyn, davon zu gehen, ohne Ew. Excellenz ſehr gegruͤndetem Rechte, ſich nach dem genauer zu erkundigen, der das Gluͤck hatte, ſich der, Ihrer weiſen Oberaufſicht anvertrauten hoͤchſt liebenswuͤr⸗ digen Fuͤrſtentochter naͤhern zu duͤrfen, vollkommen genuͤgt zu haben. Ich bin der Sohn des Hegemei⸗ ſters Wallenrodt aus Wuͤſtenbruͤck hier in der Nahe, heiße Emil, und erwarte die Befehle des Herrn Oberlandjaͤgermeiſters Excellenz, die mich hieher be⸗ ſchieden haben. Der Zufall fuͤhrte mich in Garten und Laube, der Einfall, die beiden jungen Damen hier, fuͤr Bewohnerinnen der hieſigen Gegend an⸗ zuſehen, kam von mir; Ihre Durchlaucht hatten durchaus keinen weitern Antheil daran, als daß Sie mich fuͤr den erſten Augenblick in meinem Irr⸗ thum ließen; ich habe die Schranken der Ehrerbie⸗ tung, die der Mann von Erziehung jeder Dame ſchnldig iſt— er nahm bei den Worten den Mopps vom Tiſche, auf dem das Fruͤhſtuͤck der Prinzeſſin ſtand, und ſetzte ihn behutſam auf die Erde— nicht außer Acht gelaſſen, und ſo iſt platterdings nichts⸗ geſchehen, wodurch die durchlauchtige Prinzeſſin ſich den geringſten Vorwurf von irgend einer Seite zu⸗ gezogen haben koͤnnte; im Gegentheil, Ihre Durch⸗ laucht haben, wenn das anders moͤglich iſt, in der Huldigung, die Ihr gewiß von Jedem gezollt wird, der Sie nur einen Augenblick geſprochen, durch den Vorfall gewonnen; denn ich ſah mit unbefangenem Auge, nicht die Prinzeſſin, ſondern die junge wohl erzogene, wohl unterrichtete Dame vor mir, und begruͤndete mit jedem Augenblick der Unterhaltung immer mehr und mehr die Ehrfurcht fuͤr die hohe Meiſterin, welcher, dieſen Geiſt, dieſes Gemuͤth bis zu dem Grade der Vollkommenheit zu bilden, ſo beiſpiellos gluͤcklich gelungen iſt. Jetzt, da ich die Lage der Dinge genauer kenne, entſchuldige ich gern den Ausfall Ihrer zarten ſchuͤtzenden Liebe zu dem, Ihrer Obhut anvertrauten theuren Weſen, mit dem Ew. Excellenz im erſten Aufwallen, die ſchuldloſe Durchlaucht, ohne vorgängige Pruͤfung, eines Verſehens zu zeihen, im Begriff waren.“ Emil hatte bei den Worten ſeinen Hut genommen, und wollte ſich beurlauben; allein die Excellenz konnte ihn, in ihrem heimlichen Zorne uͤber die ihm entſchluͤpfte Vermeſſenheit, ihr die vorſchnelle Ver⸗ urtheilung der armen unſchuldigen Prinzeſſin vor⸗ zuwerfen, nicht gehen laſſen, ohne ihm ihren Un⸗ willen mit auf den Weg zu geben. „Erſt Zufall,“ ſagte ſie mit einem ffinſtern Sei⸗ tenblick uͤber die Achſel, nerſt Zufall, dann Einfall, und am Ende gar Ausfall! Ein Fall, ein eas iſt es allerdings, und ein recht ſingulairer, ein recht ſehr ſingulairer, aber—“ ſie wollte weiter ſprechen, doch eben kam der Oberlandjaͤgermeiſter mit Emils Va⸗ ter und einem fremden Herrn, vom Schloſſe her, den Garten herauf; ſie verbiß daher ihren Groll, und machte Emil ein Geſicht, als wollte ſie ſagen, daß ſie ſich vorbehalte, bei naͤchſt er Gelegenheit wei⸗ ter uͤber die Sache zu ſprechen. wohl und tung hohe nuͤt! den, a ich e ich de zu ſen, die ung, n.-“ ien, lenz ihm Ver⸗ vor⸗ Un⸗ — 37— Prinz Treumund. „Emil,“ ſagte der Vater zum Oberlandjaͤger⸗ meiſter, und bezeichnete ihn dabei mit ſeinem Hute, auf dem zum Ehrenzeichen, daß jagdbare Hirſche erlegt worden, friſcher Bruch zierlich prangte. „Ach, ſieh da,“ entgegnete hierauf die gruͤne Excellenz freundlich, und maß Emil vom Kopfe bis zum Fuß,„das ſcheint ja ein recht jagdgerechter Revierkundiger zu ſeyn.“ Der andere Herr aber weilte mit wohlwollen⸗ dem Blicke lange auf Emil, hoͤrte dem Geſpraͤche, was der Oberlandjaͤgermeiſter mit ihm anknuͤpfte, theilnehmend zu, und wendete ſich, als Emil, auf der Excellenz Frage uͤber ſeinen kuͤnftigen Lebens⸗ plan, antwortete, daß er vor Allem eine baldige kleine Anſtellung wuͤnſche, um ſeinen Eltern nicht länger zur Laſt fallen zu muͤſſen, ſeitwaͤrts, und wiſchte ſich unbemerkt eine Thraͤne aus den Augen, die ihm lange ſchon an den Wimpern gezittert hatte. Prinzeſſin Adeline eilte auf den Herrn zu, und fragte mit zarter Theilnahme:„was iſt Dir, mein Vaͤterchen?“ Emil ſtand alſo vor dem Prinzen Treumund. Was mußte das in ſeiner fruͤhern Jugend fuͤr ein bildſchoͤner Mann geweſen ſeyn! Auf ſeiner Bruſt prangte keine Dekoration, kein Stern, kein Orden, und doch fand man in dieſer ſtolzen Figur den Fuͤr⸗ ſten, in dieſer vornehmen Haltung den Mann vom höchſten Range, in dieſen milden ernſten Zuͤgen den Adel ſeiner Seele. Er beugte ſich zu dem hol⸗ — 38— den Toͤchterlein herab, kuͤßte es freundlich auf die Stirn, und wollte auf deſſen Frage wahrſcheinlich antworten, daß ihm nichts fehle, aber das Waſſer, das ihm aus den geheimſten Tiefen des ſchwer ge⸗ troffenen Herzens unaufhaltſam heraufſchoß, wollte ſich eben den Augen entgießen, und dieſe brennen⸗ den Thraͤnen wollte er nicht fallen laſſen auf die bimmelreine Stirne des ſchuldloſen Kindes, darum wendete er ſich ſchnell abwaͤrts, und ſagte mit recht muͤhſelig erpreßtem Laͤcheln zum Oberlandjaͤgermei⸗ ſter:„der fatale Aſt, ich haͤtte bei einem Haar das ganze Auge einbuͤßen koͤnnen.“ Das umſtehende Hofperſonale wußte, daß er ſich an dem vorgeblichen Aſte nicht verletzt hatte, aber ſie thaten Alle, als glaubten ſie ſeine kleine Noth⸗ lüͤge buchſtaͤblich, und die Jagd⸗Excellenz trieb den Hofdienſteifer ſo weit, daß ſie gleich aus dem Steg⸗ reife eine Geſchichte zuſammen fabelte, wie der Prinz in geſtreckter Carriere einem jagdbaren Hirſche nach⸗ geſetzt, und in der Hitze der Jagdluſt einem duͤr⸗ ren Eichen⸗Aſte zu nahe gekommen ſey, der, hätte er nur eine Linie tiefer gehangen, beiden Augen to⸗ tal gefaͤhrlich haͤtte werden koͤnnen. Die Oberhofmeiſterin jammerte, daß unter den elenden Feldſcherern hier auf dem Lande kein Ein⸗ ziger ein Wort von der Ophtalmotherapie verſtehe, rieth, um moͤglicher Phlogeſis zu begegnen, zu ei⸗ ner ſchleunigen Phlebotomie, und rühmte, als der Prinz, ihren hochgelehrten Wort⸗Salm den Umſte⸗ henden auf feine Weiſe verdeutſchend, verſicherte, uf die einlich Zaſſer, er ge⸗ wollte nnen⸗ uf die darum recht ermei⸗ r das er ſich „aber Noth⸗ b den teg⸗ Prinz nach⸗ duͤr⸗ haͤtte en to⸗ r den Ein⸗ ſtehe, zu ei⸗ s der lmſte⸗ herte, — 39— daß von einer öͤrtlichen Entzuͤndung gar keine Rede ſey, daß daher ein Aderlaß nicht vonnöthen, und daß ſein Uebel auch ohne Augenarzt voruͤber gehen werde, die Force des gnaͤdigſten Herrn in Ertra⸗ gung inevitablen Malheurs. Adeline aber beſchaͤmte Alle; ſie war zum nahen Baſſin der oben erwaͤhnten kleinen Fontaine ge⸗ ſprungen, hatte den Zipfel ihres battiſtenen Ta⸗ ſchentuches eingetaucht, kam halb athemlos zuruͤck, und bat den Vater mitr kindlicher Theilnahme, den waſſergetränkten Zipfel auf das Auge zu legen; dies kuͤhle und lindere am beſten den Schmerz. Den Prinzen durchkrampfte es gichteriſch, daß gerade Adeline es war, die ihm ſeine Thraͤnen trock⸗ nen, die ihm die alte, Jahre lang feſt vernarbte, und jetzt auf einmal wieder ſchmerzlich aufgeriſſene Wunde heilen wollte. Er ſammelte ſich mit Gewalt. Er mußte eine gute Schule im Herr⸗werden uͤber den, im In⸗ nern aufbrauſenden Sturm der Gefuͤhle, gehabt ha⸗ ben; ſah man ihm doch kaum an, wie ſauer es ihm ward, ſeinem ſuͤßen Kinde, das, ohne es zu ahnen, in ihm ein tief durchſaͤuertes Giftmeer aufgeruͤhrt hatte, freundlich zuzulaͤcheln, wie ſchwer ihm die Verſicherung, daß die Sache nichts auf ſich habe, uͤber die Lippen ging. Waͤhrend die Oberhofmeiſterin, die, wider ihre eigene Ueberzeugung, ſich und Allen weis machen wollte, daß der Prinz wirklich am Augenſchmerz leide, alle moͤgliche Arten von Augenkrankheiten — 40— durchging, und das arme Fraͤulein von Zeſen, die junge Hofdame, die Emil vorhin auch fuͤr eine Forſt⸗ verwalters⸗Mamſell gehalten hatte, mit ihren ge⸗ lehrten Auseinanderſetzungen langweilte, trat der Prinz naͤher zu Emil, und ſagte ihm mit einfachen herzlichen Worten, daß ihm uͤber ſeine Talente, uͤber ſeinen Fleiß, uͤber ſeinen moraliſchen Wandel und uͤber den Umfang ſeines Wiſſens, von ſeinen aka⸗ demiſchen Lehrern einſtimmig die vortheilhafte⸗ ſten Zeugniſſe zugekommen waͤren; daß er ſeinem Vater fuͤr fruͤhere wichtige Dienſte manche Verbind⸗ lichkeit habe, daß er, um einen Theil ſeiner Schuld ihm abzutragen, ihm die Sorge fuͤr Emils ferne⸗ res Fortkommen abnehmen werde, und daß es ihm Pflicht und Freude ſeyn ſolle, deſſen Gluͤck zu ma⸗ chen. Er reichte Emil mit den Worten die Hand, ſchuͤttelte ſie treuherzig, und ſagte— die Oberhofmei⸗ ſterin hielt mitten in ihrer mediciniſchen Vorleſung inne, ſie traute Ohr und Auge nicht, als ſie hoͤrte und ſah, was eben vorging—„Du ſollſt, mein lieber Emil, immer in meiner Naͤhe ſeyn. Ein jun⸗ ger Menſch muß vom Morgen bis Abend beſchaͤf⸗ tigt ſeyn; ich will Dir mehrere Stellen geben: Erſt⸗ lich wirſt Du meine Dienſt⸗ und Privat⸗Korreſpon⸗ denz fuͤhren; Zweitens uͤbergebe ich Dir die Ober⸗ aufſicht uͤber mein Kaſſen⸗ und Rechnungsweſen; Drittens ernenne ich Dich— ich hoͤre, daß Du ein tuͤchtiger Reiter biſt, und daß Du— er fuͤgte das ſcherzend hinzu— einen guten Pferdeverſtand haſt; zudem iſt mir mein Stalmeiſter invalide gewor⸗ die korſt⸗ a ge⸗ der nchen uͤber und aka⸗ afte⸗ nem ind⸗ huld rne⸗ ihm ma⸗ and, mei⸗ ung oͤrte nein jun⸗ haͤf⸗ Erſt⸗ von⸗ ber⸗ ſen; ein das aſt; vor⸗ — 44— den; daher ernenne ich Dich Drittens zu ſeinem Nachfolger, und damit Du in der Welt und in unſern Kreiſen, unter einer beſtimmten Firma auf⸗ treten kannſt, habe ich Dir das Patent als Oberlieu⸗ tenant, und als Adjutant im Leib⸗Huſaren⸗Regi⸗ mente ausgewirkt; um Dir aber auch in meinem kleinen Hofſtaate Deinen Platz anzuweiſen, ſollſt Du der Ehren⸗Kavalier meiner Tochter ſeyn. Bitte ſie,“ ſagte er lächelnd,„um naͤhere Dienſtinſtruc⸗ tion, und empfiehl Dich ihrem Wohlwollen.“ Emil fiel ſtufenweiſe aus den Wolken! Mit je⸗ der Phraſe des Prinzen, einige tauſend Meilen; bei der letzten ſtand er, von dem entſetzlichen Fallen und von der Ueberraſchung faſt betaͤubt, mit halb gekruͤmmtem Ruͤcken, und wollte ſprechen, aber Ade⸗ line nahm das Wort. „Iſt ſchon empfohlen,“ ſagte ſie, und warf ſich, ihre Autoritaͤt parodirend, in die Bruſt:„aber, mein Vaͤterchen, in unſer Hofleben paßt er nicht; dazu iſt er viel zu gerade und viel zu offen.“ „Wir werden uns eine Reparation d'honneur von der Prinzeſſin ausbitten muͤſſen,“ fiel ihr die Ober⸗ hofmeiſterin in die Rede, und es ſollte klingen, wie Scherz, aber es klang faſt, wie gereizte Empfind⸗ lichkeit. Doch Prinzeſſin Adeline ſchien abſichtlich darauf nicht hoͤren zu wollen, ſondern fuhr halb gegen Emil, halb zu dem Vater gewendet fort:„Aber zu thun will ich ihm wohl geben; der Onkel ſetzt mich, wie die Schrift ſagt, nach und nach uͤben LXIV. 4 Mehreres, und da ſoll mir ſeine Huͤlfe recht will⸗ kommen ſeyn.“ 4 Der Prinz erlaͤuterte dieſe Aeußerung dahin, daß der regierende Herr, ſein Bruder, Adelinens mild⸗ thaͤtiger Hand die Vertheilung ſeiner Chatoullen⸗ Almoſen uͤbertragen habe, und daß zur Ermitte⸗ lung der wirklichen Huͤlfswuͤrdigkeit der Bittenden, und zur Rechnungslegung uͤber die verausgabten Gelder, Emils Beiſtand zu Adelinens Erleichterung in der Fuͤhrung des immer weitlaͤuftiger werden⸗ den Geſchaͤfts, gewiß weſentlich beitragen werde. Emil ſagte, was man bei ſolchen Gelegenheiten wohl zu ſagen pflegt, dankte dem Prinzen fuͤr das ihm bereitete unverdiente Gluͤck, bat um guͤtige Nachſicht fuͤr den Anfang in der Verwaltung ſei⸗ ner neuen Poſten, gelobte Eifer und Treue, und wendete ſich nun zu Prinzeſſin Adelinen, und wollte ihr— was— vergaß er, denn er ſah ihr in das große ſprechende Auge, und vermeinte, in das Al⸗ lerheiligſte ihrer fleckenloſen Seele, in den Himmel ſelbſt zu ſehen; ſie nickte ihm— es wurden eben Fremde gemeldet, die ihre Aufwartung machen woll⸗ ten, und ſie ging mit dem Vater, dem Oberland⸗ jaͤgermeiſter und der Hofdame, um ſie im Schloſſe zu empfangen— im Abgehen freundlich zu, und fagte, uͤber ihre Amtswuͤrde gleichſam mit ſich ſelbſt ſcherzend:„bei Tiſche ſprechen wir weiter von un⸗ ſern Angelegenheiten; ich habe große Plaͤne im Ko⸗ pfe, und wenn Sie mir die alle recht ſchoͤn zu Tage fördern helfen, ſo werde ich Ihre Bemuhungen fuͤr — 45— wahre Liebesdienſte anſehen.“ Dieſe Worte beglei⸗ tete ſie mit einem hoͤchſtgracieuſen Handgruß, und ging leicht dahin ſchwebend, am Arme des Vaters, durch die Spaͤtblumen⸗Rabatten, nach dem Schloſſe. Verloren in ſich ſelbſt und verwirrt in die bunt⸗ gedrehten Faͤden des Schickſals, ſtarrte er dem feen⸗ haften Kinde lange nach, und war in dieſem ſchwer⸗ gewichtigen Angenblicke außer der Welt. Vor einer Viertelſtunde nichts, und jetzt Verwal⸗ ter ſo vieler, und ſo fremdartiger Aemter, daß er, im engſten Verſtande des Worts, nicht wußte, wo ihm der Kopf ſtand, wenn er daran dachte, wie er im Stande ſeyn werde, all' den neu uͤbernomme⸗ nen Verpflichtungen zu genuͤgen, zumal unter den neuen Poſten einige waren, von welchen er bis jetzt noch keine Sylbe verſtand. Privat⸗ und amtlicher Sekretaͤr des Prinzen? Gut! dazu kam ihm ſeine akademiſche Bildung recht ſehr zu ſtatten. Ober⸗Kaſſen⸗ und Rechnungs⸗Neviſor? Recht viel hatte er davon wohl nicht weg, indeſſen das Fehlende werde ſich, meinte er, mit der Zeit ja wohl finden. Oberſtallmeiſter! Schoͤn. Das Reiten war bis jetzt ſein Lieblingsfach, und— faſt erſchrak er uͤber den raſchen Wandel ſeiner Verhaͤltniſſe; der grobe Reitknecht ward ſein Untergebener. Im Gefuͤhl ſeiner neuen Groͤße empfand er, wie ſuͤs es einem Monarchen ſeyn muß, einen General Pardon, eine allgemeine Amneſtie unterzeichnen zu koͤnnen; er hatte fuͤr des groben Reitknechts Impertinenz kein Gedaͤchtniß mehr; er hatte ihm verziehen. Huſarenlieutenant und Adjutant! Er glaubte ſich faſt ſelbſt nicht, daß er das war.— Meine ſchö⸗ nen Pandekten, rief er halb im Scherze, halb im Erunſte, meine herrlichen Inſtitutionen, meine Kri⸗ minale, Alles, Alles ſollte alſo vergeblich ſtudirt ſeyn? Die ſtillen Naͤchte, die ich uͤber Buͤcher und Hefte geſeſſen, ſie ſollten fruchtlos durchwacht ſeyn? Die Liebe, die ich fuͤr die alte, ehrwuͤrdige Brod⸗ wiſſenſchaft gewonnen, ich ſollte ſie auf immer und ewig aufgeben! Das Richterſchwert follte ich mit dem Huſarenſäbel vertauſchen?— Ueberdies iſt der Dienſt mir voͤllig fremd. Die druͤckende Empfin⸗ dung, durch meinen Einſchub vielleicht dem oder jenem weit verdientern Officier in ſeinem Avan⸗ cement hinderlich zu ſeyn, und dadurch das kame⸗ radſchaftliche Verhaͤltniß gleich beim erſten Eintritt auf unangenehme Weiſe geſtoͤrt zu ſehen— endlich aber auch das beſchaͤmende Gefuͤhl, etwas zu ſchei⸗ nen, und nicht zu ſeyn! denn, bei der gänzlichen Unkunde in dieſer neuen Sphaͤre, kann ich mir na⸗ tuͤrlich nur immer als ein bloßer Schein⸗Offigier, und nicht als ein wirklicher vorkommen. Err hatte ſich wohl den Troſt zufliſtern koͤnnen, daß er dies demuͤthigende Gefuhl mit manchem Be⸗ amten in der Reſidenz theile, der, aus Eitelkeit oder aus Luͤſternheit auf großes Gehalt, oder aus⸗ übertriebenem Selbſtvertrauen ſich zu Stellen draͤngt, denen er mit ſeinen Kenntniſſen, Erfahrungen und ͤ— ‿—— 90ͤ e —. + 2 o ceͤ= ͤ—ͤ— — 45— Kraͤften nicht gewachſen iſt; allein der Troſt haͤtte doch nicht lange vorgehalten; denn alle dergleichen Draͤngelanten fuͤhlen ſich, wenn ſie im Beſitz der errungenen Stellen und der damit verbundenen Einfluß⸗, Rangs⸗ und Gehalts⸗Annehmlichkeiten endlich ſind, doch nicht gluͤcklich, weil alle ihre qua⸗ liſicirteren und unterrichtetern Kollegen, und meh⸗ rere der ihnen untergeordneten Subaltern⸗Beam⸗ ten, ſie Jahre lang, und bei vorkommenden Gele⸗ genheiten noch laͤnger, taͤglich merken laſſen, daß kein Sprichwort unwahrer ſey, als das: wem der liebe Gott ein Amt gebe, dem gebe er auch den Verſtand dazu.⸗ Das ſah Emil ſchon im Voraus; es ging ihm in ſeiner Lieutenants Qualitaͤt auch ſo, und darum machte ihm der Huſarenpelz ſchon warm, noch ehe er ihn anhatte.— Adelinens Ehren⸗Kavalier?— Was war das fuͤr ein Poſten? Er zitterte heimlich vor Freude uͤber die Zuweiſung dieſes Amts, ohne deſſen Umfang zu kennen, ohne zu wiſſen, welche Pflichten ihm da⸗ bei obliegen wuͤrden, ohne zu uͤberſehen, welche Vor⸗ oder Nachtheile ſeiner dabei warteten. Doch, was ging ihn das Alles an! Er ſollte ihr dienen duͤr⸗ fen, ſie ſollte ſeine Herrin ſeyn; das war die Hauplſache; er gehoͤrte ihr ſchon mit ganzer Seele und ganzem Herzen. Hoffentlich ſah er ſie von nun an taͤglich, und dann— wer war denn glüͤcklicher, wer ſeliger, als er! — 46— Die erſte Lection in Lancasterſcher Manier. r Mitten in dieſen ſtillen Selbſtbetrachtungen fuͤhl⸗ te Emil ein Zupfen am Ellnbogen ſeines rechten Arms, und die gute Oberhofmeiſterin ſtand ihm zur Seite, und betheuerte, dreimal ihn angeredet, und zur Zeit noch keine Antwort bekommen zu ha⸗ 4 ben.„Wahrhaftig,“ ſagte ſie bedeutſam lächelnd, „man konnte an Ihnen die Phonurgie, die Wieder⸗ hallkunde ſtudiren, denn Ihr ganzes Ich, wie Sie hier ſäulenartig da ſtehen, und weder ſehen noch hoͤren, iſt der akkordreichſte Wiederhall alles deſſen, was Ihnen unſer gnaͤdigſter Herr ſo eben eroͤffnet bat. Sterben Sie nur nicht an der Phyſeſis, an der Aufblaͤhungsſucht.— Aber ich geſtehe Ihnen, ich bin ſelbſt akkurat ſo conſternirt, wie Sie. Erſt die Augen voll Waſſers, dann der Haͤndedruck, und zuletzt ein ganzes Regi⸗ ſter von Groß⸗Dignitaͤten— ſagen Sie, beſter Herr Wallenrodt, wie kommen Sie zu dem Allem? Was ſind das fuͤr Obligo's gegen Ihren Vater, von de⸗ nen der gnaͤdigſte Herr ſprachen? Wodurch ſind Sie ihm ſo genau bekannt geworden? Woher wiſſen Se. Durchlaucht, daß Sie zu all' dieſen diverſen Funk⸗ tionen capable ſind? daß Sie zu allen die noͤthigen Qualitaͤten und Meriten haben?“ 3 Emil entgegnete achſelzuckend, daß er die Quel⸗ len ſeines Gluͤcks ſelbſt nicht kenne, und daß ihm ſelbſt Alles noch wie ein Traum ſey. „Sekretiren Sie mir nichts,“ rief ſie, ſeine Un⸗ 1—— — 47— wiſſenheit fuͤr feine Verſtellung haltend,„machen Sie kein Geheimniß aus der Sache, ich habe keine Epikauma, kein Geſchwuͤr auf den Augenſternen, ich bin nicht blind, ich ſehe Alles, und was ich nicht gleich vor meine Diopter, vor meine Schauritze bringen kann, das perſequire, das perveſtigire ich auf den heimlichſten Ecoutes, auf den verſteckteſten Horchgaͤngen ſo lange, bis ich es heraus habe. Ha⸗ ben Sie Confidence zu mir; wir alle hier ſind auf die Echemythie, auf die Stummhoͤrkunſt laͤngſt ein⸗ exercirt. Den Sekretär, den Kalkulatur⸗Control⸗ leur, den Lieutenant, den Ecuyer— das Alles wollte ich noch paſſiren laſſen; aber der Chapeau d'honneur der Prinzeſſin— ſehen Sie, mon Ami, das kann mich bis zum Ebranlement, bis zur aller⸗ ſtaͤrkſten Erſchuͤtterung ergreifen! Wenn ſonſt ein junger Mann der Prinzeſſin nur auf zehn Schritte ſich zu naͤhern erkuͤhnte, uͤberflog ſchon vor innerer Unruhe, und vor geheimer Desapprobation der un⸗ geziemenden Dreiſtigkeit, ein enkauſtiſches Ecarlate, ein brennmaleriſches Scharlachroth die ganze Stirn⸗ haut des durchlauchtigen Vaters— und jetzt ſollen Sie unſer Ehren⸗Kavalier ſeyn. Sie ſollen taͤgli⸗ chen Zutritt haben, Sie ſollen beim Lever der Prin⸗ zeſſin ſich praͤſentiren duͤrfen; ſich, wenn ſie oͤffent⸗ lich erſcheint, in ihrer Suite befinden; ihre Par⸗ tieen, ihre menus plaisirs arrangiren; bei ihren Soirées den Dienſt haben— ich verſtehe den durch⸗ lauchtigſten Herrn nicht! Er iſt mir mit ſeiner Um⸗ wandlung ein Enigma, ein complettes Raͤthſel!— — 48— Aber Sie, beſter Herr Wallenrodt, Sie haben ſich enfiliren laſſen, das iſt eine ſehr pointillieuſe, eine ſehr wunderliche Promotion! Man hat Sie auf ei⸗ nen Punkt, auf ein Tuͤpfchen geſtellt, das ſo hoch, ſo ſpitz und ſo glatt iſt, daß Sie nur einen Achtel⸗ Faux⸗Pas zu machen brauchen, und Sie brechen irrevocabel den Hals— ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, es gehen keine acht Tage in das Land, und Sie den⸗ ken mit der ſchwermüthigſten Noſtalgie au Ihr lie⸗ bes Wuͤſtenbruͤck zuruͤck.“ „Gnaͤdigſte Frau,“ erwiederte Emil, und gab ſich Muͤhe, den Schmerz, den ihm ihre heimlichen Hiebwunden verurſachten, ihr nicht merken zu laſ⸗ ſeu,„Ihre Aeußerungen ſchlagen mich doppelt nie⸗ der; Einmal enthalten ſie eine ſcharfe Kritik des Prinzen, Ihres Brodherrn; wie weit es aber paſ⸗ ſend ſey, einem in ſein neues Verhaͤltniß eben ein⸗ tretenden Novizen, ein ſolches Beiſpiel von unbe⸗ fugtem Raiſonnement zu geben, muß ich der Be⸗ urtheilung Ihres eigenen Zartgefuͤhls uͤberlaſſen; und dann entmuthigen Sie mich, indem Sie mir von Haus aus alle Faͤhigkeit, dem, mir ohne mein Suchen, ubertragenen Poſten vorzuſtehen, fuͤr im⸗ mer abſprechen. Ich hatte geträumt, in Ew. Ex⸗ cellenz eine wohlwollende, umſichtige, erfahrene Rathgeberin zu finden, und ich muß leider wahr⸗ nehmen, daß Sie mich nicht einmal der Ehre Ih⸗ rer Beachtung werth zu halten ſcheinen.“ Das Wort„Brodherr“ mußte ſie am meiſten verſchnupft haben, mehr, als der Vorwurf uͤber ihre Taktloſig⸗ — 49— keit, und mehr als die andern Anzuͤglichkeiten, denn ſie warf die dicken blauen Lippen verächtlich auf, und brummte hoͤhniſch„Brodherr“ vor ſich hin, und erwiederte belehrend, daß dieſes Ausdrucks ſich bei Perſonen ihres Standes zu bedienen, eigentlich eine Unſchicklichkeit ſey, die ſie nur ſeinem ſichtli⸗ chen Mangel an Lebensart verzeihe.„Doch, ohne Emportement,“ ſagte ſie, ſich von ihrer aufwallen⸗ den Entruͤſtung ſammelnd,„um das Bischen mer⸗ cenaͤren Brodes willen bin ich nicht hier, denn ſo viel, als ich zum Leben brauche, habe ich, Gott ſey es gedankt, auch ohne den Prinzen. Aber die Ehre, die mit der Stelle verbunden iſt, der Rang, und,“ ſetzte ſie mit heuchleriſcher Selbſtzufriedenheit hinzu,„das Pflichtgefuͤhl, das eigentliche Devoir, 3 die mutterloſe junge Prinzeſſin zu bematriſiren, das hat mich determinirt, aus der Detreſſe eine Tugend zu machen, und mich zu dem Emploi herzugeben.— Ich bin,“ ſie ward bei den Worten um ½ Elle hoͤ⸗ her,„ich bin im Hofſtaate der Prinzeſſin die Erſte; Sie ſind, Herr Wallenrodt, als ihr Chapeau d'hon⸗ neur, mir quaſi ſubordinirt. Sie wuͤnſchen, ſagen Sie, von mir guten Rath, gute Regeln; bon, ſie ſollen Ihnen werden, die guten Regeln, in Abon⸗ dance ſollen ſie Ihnen werden; und bei dem erſten Male, daß Sie ſich beikommen laſſen, den, meinem Supremate gebuͤhrenden Reſpect außer Augen zu ſetzen, ſo werde ich Sie die Praͤponderanz meiner . Autoritaͤt fuͤhlen laſſen. Ich ſage Ihnen dies à des- sein im Voraus; damit Sie einen Praͤguſtus, einen Vorſchmack von dem bekommen, was Ihrer hier bei der erſten Faute, die Sie ſich zu Schulden kommen laſſen, wartet. Wollen Sie ſich hier halten, ſower⸗ 3 Clauren Schr. L.XIV. 5 — 50— den Sie wohl thun, wenn Sie ſich ein etwas cal⸗ mirteres Blut anſchaffen; deſpumiren Sie ſich; ſchaͤu⸗ men Sie ſich ab; bedienen Sie ſich kuͤhlender Emul⸗ ſionen, und“— ſie hob die Stimme, als wolle ſie in das, was ſie jetzt ſagen werde, eine vorzugsweiſe Bedeutung legen—„und denken Sie daran, daß Sie in der Atmoſphaͤre der Prinzeſſin immer auf einer Mine ſtehen. Die kleinſte Deviation, nur ein unrechter Blick, und die pulvergefuͤllte Spreng⸗ grube unter Ihren Fuͤßen explodirt, und Sie flie⸗ gen ſtuͤckweiſe in die Luͤfte.— Ich muß Ihnen das ſagen; die Manier der Prinzeſſin zwingt mich ſelbſt dazu. Ich fungire hier als Oberhofmeiſterin erſt ſeit Kurzem; ihre Edukation iſt das Chef d'oeuvre meiner Anteceſſoria, einer bornirten kleinbuͤrgerlichen Pruͤnelle, einer ſuͤßlichen Pflaume ohne Kern. Die Prinzeſſin hat von der Hoheit ihres Standes keine Idee. Sie vergißt ſich daher alle Momente, und verſinkt in eine Kordialitaͤt, die bei Maͤdchen nie⸗ derer Extraktion recht aimabel ſeyn kann, hier aber durchaus nicht adaͤquat iſt. Dazu gibt ſie ſich einer Petulanz hin, einer Petulanz, daß mir oft angſt und bange wird, wenn ich denke, wie das werden ſoll, wenn ſie dieſen Winter in unſere Hofzirkel und in unſere feineren erquiſiteren Cotterieen eingefuͤhrt wird. Mit einem Coup de Force iſt hier nichts zu machen; ich muß peu à peu gehen, ich darf nur aͤußerſt zarte Delinimente brauchen; aber ich rechne darauf, daß Sie, wenn die Prinzeſſin in ihrer Ausgelaſſenheit Ihnen die Herausforderung zukom⸗ men laſſen ſollte, mit in ihre Escapaden einzuge⸗ hen, Sie die noͤthigen Dehors nicht außer Augen laſſen, und Ihren Standpunkt nicht vergeſſen wer⸗ — 51— den. Uebrigens, ich haſſe alle Espionage, aber lieb wird es mir ſeyn, wenn Sie mir von dergleichen kleinen Etourderieen der Prinzeſſin jedesmal gleich Nachricht geben.“ Di e zweite ection. Sie hatte noch nicht ausgeſprochen, als ihn der Oberlandjaͤgermeiſter rufen ließ. „Ich ſoll Ihnen,“ begann dieſer in ſeiner bie⸗ dern weidmänniſchen Manier,„vom Prinzen beauf⸗ tragt, das Naͤhere uͤber Ihre Aeßung ſagen. Sie haben, außer voͤllig freier Station, 3000 fl. Gehalt; das iſt, werden Sie denken, viel; aber darum wer⸗ den die Geldrollen bei Ihnen doch nicht angehen, nicht blau werden. Sie werden in Ihrem neuen Beritt kaum damit reichen. Sie kommen jetzt in ein geſchloſſenes Dickigt, in dem die Intrigue die dominirende Holzart iſt. Durchſchalmen Sie ſich möoͤglichſt bald ſo viel Linien, als Sie koͤnnen, und durchſchlagen Sie ſie dann, um von einem Punkt zum andern ſehen zu koͤnnen; Sie werden in Ih⸗ rem Reviere viele Raͤumden und Bloͤßen bemerken; ſchonen Sie ſolche ein, und bringen Sie edle Hoͤl⸗ zer darauf, daß Ihnen da keine Dornen wachſen. Vorzuͤglich halten Sie guten Forſtſchutz uͤber Ihr Herz. Das muß hier ſo eiſenfeſt ſeyn, wie die beſte Stieleiche, wie der kernigſte Hartriegel, genannt cornus sanguinea; befaſſen Sie ſich nicht mit dem Kollerbuſch, id est, mit dem verkruͤppelten und ver⸗ biſſenen Wuchſe der kleinen Hofdienerſchaft; Ihr gan⸗ zes Augenmerk gebuͤhre einzig und allein der ſchlan⸗ ken Ceder auf der Sonnenhoͤhe Libanon! Verhaͤgen, verſtrohwiſchen Sie den heiligen Platz, auf dem dieſe herrliche junge Ceder thront, gegen allen unziem⸗ 5* — 52—. lichen Angriff, und— ich warne Sie ernſtlich, jun⸗ ger Freund, ſich ſelbſt huͤten Sie vor allem Forſt⸗ frevel. Dem Prinzen iſt dieſer ſchöne, friſch aufge⸗ ſchoſſene Stamm, der Baum des Lebens. Wahren Sie ihn, und wahren Sie ſich.— Sie werden mich verſtehen, und ſich darnach richten.— Jetzt,“ fuhr er nach kleiner Pauſe, nachdem ihm Emil gelobt, gern Alles thun zu wollen, was in ſeinen Kraͤften ſtehe, um des Prinzen und ſeine Zufriedenheit zu erwerben, fort,„jetzt ſoll ich Ihnen Ihre Unterge⸗ benen, das Stallperſonale, ſo viel davon mit hier iſt, vorſtellen.“ Er oͤffnete das Nebenzimmer, wo die Stallbedienten bereits verſammelt waren. Der Oberlandjaͤgermeiſter ſtellte ihnen Emil als ihren nunmehrigen Vorgeſetzten vor, und empfahl ihnen die puͤnktlichſte Befolgung ſeiner Anordnungen. Der Reitknecht Ulrich hatte ſich dieſen ganzen Morgen uͤber den jungen Fremden erbost, der ſich unterſtanden, ihm, einem Prinzlichen Diener, ſo ſchnöde zu begegnen. Wie unmanierlich er gegen den Fremden geweſen, ſchien er vergeſſen zu haben, aber alle ſeine Suͤnden fielen ihm jetzt bei, denn Emil ſtand als der Stellvertreter ſeines Herrn vor ihm: Ulrich verkroch ſich, halb todt vor Schre⸗ cken, hinter die Andern in den äußerſten Winkel; als aber der Futtermarſchall, welcher hier den Groß⸗ Ceremonienmeiſter repraͤſentirte, die ſaͤmmtlichen Leute perſönlich vorfuͤhrte und namentlich bezeichne⸗ te, mußte auch Ulrich aus ſeinem Verſteck. Er hoͤrte ſchon im Geiſte, wie Emil, im Gefuͤhl ſeiner neuen Amtswürde, uber ihn ſeinen Zorn ausſchuͤtten werde, und das Gefuͤhl der Schuld, und die Schaam, vor den Kameraden als ein grober, ungeſchliffener Menſch —————————— — 55— an den Pranger geſtellt zu werden, druͤckten ihm die Augenlieder nieder; allein Emil that, als ſaͤhe er den Menſchen zum erſtenmal in ſeinem Leben; er beruͤhrte in den wenigen Worten, die er zu den Leuten ſprach, im Allgemeinen unter andern auch die ihnen, als Prinzlichen Dienern obliegende Pflicht zuvorkommender Hoͤllichkeit gegen Jedermann, und ſtreifte dabei mit ſeinem Blicke einigemal unver⸗ merkt an dem Ulrich voruͤber; aber weiter ſtellte er ihn nicht blos, und dieſe feine, ſchonende Behand⸗ lung gewann ihm den jungen Menſchen ſo, daß die⸗ ſer in der Folge ſein Treuanhaͤnglichſter unter der ganzen Dienerſchaft ward. Fragen in das Dunkele. Des Oberlandjaͤgermeiſters zu ihm geſprochene Forſtrede hatte er wohl verſtanden, aber ſie war nicht geeignet, ihm zu ſeiner neuen Laufbahn viel Muth zu machen. Was war ſeit noch nicht 24 Stunden, uͤber das liebe Leben bei Hofe, nicht alles in ihm eingeredet worden! Erſt der Vater, dann die Mutter, dann die Oberhofmeiſterin, dann der Landjaͤgermeiſter. Je⸗ des hatte auf ſeine Weiſe geſprochen. Jedes hatte ihn vor Fehltritten gewarnt, aber Niemand hatte ihm Mittel und Wege an die Hand gegeben, das rechte Geleis zu finden, und ſich in dieſem zu er⸗ halten. Nur ehrlich vorwaͤrts, dachte Emil, ſich ermu⸗ thigend, es wird ja gehen. Es hatte ihm, offen ge⸗ ſtanden, zur Zeit in ſeinem neuen Verhaͤltniß noch keinen Augenblick gefallen, und er waͤre, wenn nicht der ausdruͤckliche Wunſch des Vaters—— der — 54— Vater— wo war der? Vorhin— dieſen Morgen — im Garten war er noch geweſen— Unter dem Vorwande, die zu ſeinem Reſſort ge⸗ hoͤrigen Prinzlichen Pferde ſich zu beſehen, ging er in den Stall. Sein Rappe, auf dem er gekommen, war nicht mehr da; nach eingezogener Erkundigung hatte ihn der Vater mitgenommen. Alſo war dieſer fort! ohne Abſchied! ohne ein letztes Wort des vaͤ⸗ terlichen Wohlwollens! ohne ſeinen Segen für den Austritt aus dem friedlichen Vaterhauſe in das Treiben der fremden Welt! ohne den Scheidegruß an die geliebte Mutter mitzunehmen! Der Vater hatte wohl manche wunderliche Art, und Emil war von Jugend auf gewoͤhnt worden, ſich in ſeine ſtoͤrrige Kaͤlte und in ſeine finſtere Ver⸗ ſchloſſenheit zu finden; aber wenn Faͤlle vorgekom⸗ men waren, wo ſonſt der Vater in der Regel gern Veranlaſſung nimmt, mit dem Sohne ein ernſtes, herzlich gemeintes Wort zu ſprechen, und ihm eine eindringliche Mahnung an ſich ſelbſt zukommen zu laſſen, da hatte der Vater Wallenrodt nie ver⸗ ſaͤumt, dem wackern Sohne, aus dem reichen Schatze bewaͤhrter Erfahrungen und lebenskluger Anſichten mitzutheilen, was ihm eben vonnoͤthen geſchienen, und jetzt in dem wichtigſten Momente, bei Emils Uebertreten aus dem Vorbereitungs⸗ und Studien⸗ Leben in das praktiſche, ritt er davon, ſelbſt ohne nur einmal Lebewohl zu ſagen? Das Mittagsmahl. Ein Lakai erſuchte mit hoͤflicher Verbeugung den Herrn Adlutanten, zur Tafel zu kommen. Adeline, die bei Tiſche gewöhnlich ihren Platz dem Vater gegenuͤber hatte, tippte, den einladen⸗ rgen t ge⸗ g er nen, gung ieſer 3 vaͤ⸗ den das gruß Art, ſich Ver⸗ kom⸗ gern ſtes, eine a zu ver⸗ hatze yten nen, mils dien⸗ ohne den Platz den⸗ — 55— den freundlichen Blick auf Emil gerichtet, mit ih⸗ rer Rechten auf die Lehne des neben ihr ſtehenden Stuhls, und erhob Emil damit ſtillſchweigend zu ihrem Tiſch⸗Nachbar. Frau von Soulavie aber, die Oberhofmeiſterin, die das bemerkt haben mußte, winkte ihm kopfſchuͤttelnd, ſich neben Fraͤulein von Zeſen zu ſetzen. 3 Emil, ſchon im Begriff, Adelinens Aufforderung zu genuͤgen, prallte, von dem oberhofmeiſterlichen, mißbilligenden Kopfſchuͤtteln eingeſchuͤchtert, ſeit⸗ waͤrts, dem Fräulein von Zeſen zu, und trat einem einbeinigen Major, der ſeine kleine Penſion im wohlfeilen Rehhagen verzehrte, heute vom Prinzen zur Tafel geladen war, und ſtramm gerichtet, hin⸗ ter ſeinem Stuhle ſtand, dermaßen auf die Spitzen der vier kleinern Zehen ſeines rechten Fußes, daß dieſer, faſt laut aufſchreiend, einen retrograden Bo⸗ genſatz machte, und hinterruͤcks dem Bedienten, der die große Suppenterrine brachte, einen enormen Seitenſtoß verſetzte. Ein Viertel der Suppe ſchwapp⸗ te uͤber, und verbruͤhete dem Bedienten Jabot und Magen; er geberdete ſich, vom Schmerze uberraſcht, faſt unſinnig, und haͤtte die Terrine unfehlbar fal⸗ len laſſen, wenn ſie nicht Emil raſch aus den Haͤn⸗ den genommen, oder eigentlicher aufgefangen haͤtte. Die poſſirlichen Grimaſſen des getretenen Majors und des verbrannten Bedienten, Emils komiſche Be⸗ hendigkeit, und die Blitzſchnelle, mit der die Sup⸗ penterrine in ſeine Haͤnde geflogen war, und ſeine Verlegenheit, mit dem großen ſchweren Silbernapfe nicht zu wiſſen, wohin, wirkten auf das Zwergfell der ganzen Geſellſchaft; Alles lachte laut, nur Ade⸗ line bedauerte mit ihrer natuͤrlichen Gutmuͤthigkeit — — 56 den armen Major und Bedienten, obhalber ihrer kleinen Unglücksfaͤlle, und wies dem interimiſti⸗ ſchen Truchſes Emil, um ihn nicht gar zu lange unter ſeiner ungewohnten Laſt ſeufzen zu laſſen, den Platz, auf den er die Terrine ſetzen ſolle, und Prinz Treumund ſagte halb launig halb boͤſe zur Frau von Soulavie:„An allem dem Unheil iſt kein Menſch Schuld, als Sie; haͤtten Sie den Emil ſich ruhig auf den ihm zugewieſenen Stuhl ſetzen laſſen, ſo haͤtte der arme Major ſeine Huͤhneraugen unge⸗ trübt erhalten, und Anton, der weder ſeinen Ja⸗ bot noch ſeinen Bauch in der Feuer⸗Kaſſe verſichert hat, waͤre unverbrannt geblieben.“ Frau von Soulavie aber entgegnete, daß die De⸗ bors nicht laͤdirt werden duͤrften, und ſagte mit einem beiſſenden Seitenblick auf Emil:„ſeiner ei⸗ genen Decenz muͤſſen wir vertrauen, daß er keinen ſolchen Prochronismus ſich zu Schulden kommen laſſen werde; wenn er einmal General⸗Lieutenant iſt, kann er auf den Platz neben der Prinzeſſin vielleicht Anſpruch machen; dem Lieutenant duͤrfte ſolches nicht geziemen.“ Eine minutenlange Pauſe an der ganzen Tafel heurkundete das Gewicht, was die, von Adelinens Oheim, dem regierenden Herrn, der Prinzeſſin bei⸗ gegebene Oberhofmeiſterin wog. Alle waren ſtill; Keins widerſprach, und haͤtte die Geſtrenge den ar⸗ men Emil jetzt aufmerkſamer bhetrachtet, ſie haͤtte ihn, in ihrer umfaſſenden Kenntniß aller alten und neuen Krankheitsnamen, beſtimmt fuͤr einen Blep⸗ karoplegie⸗Patienten gehalten, denn auf ſeinen Au⸗ genliedern lagen siſerne Centner. Er konnte ſie nicht aufheben, ſo hatte die ſirenge Prieſterin der Hof⸗ — 57— 4 rikette ihn gedemuͤthigt vor der ganzen Geſell⸗ ſchaft, vor Adelinen ſelbſt. Die Frau, das fuͤhlte er wohl, die Frau hatte Recht; ihm armen Herrn von Habenichts gebuͤhrte der Ehrenplatz an Adeli⸗ nens Seite nicht; aber er haͤtte doch vor ſein Leben gern neben ihr geſeſſen; und ſo ganz und gar un⸗ ſchicklich konnte es doch auch nicht ſeyn; ſonſt haͤtte der Vater der Frau von Soulavie ihre Dazwiſchen⸗ kunft nicht getadelt. In der Reſidenz, das gab er zu, konnte die Etikette vielleicht ſtrenger genommen werden; aber hier auf dem Lande, auf der Jagd⸗ wäre es gewiß kein Ungluͤck geweſen, wenn er ein⸗ mal neben dem Fuͤrſtenkinde geſeſſen. Beſtimmt hatte, davon war er feſt uͤberzeugt, an der ganzen Tafel Niemand ein zarteres Schicklichkeitsgefuͤhl in der Bruſt, als Adeline; und ſie— ſie ſelbſt hatte ihn zur Tiſchnachbarſchaft aufgefordert. Unwillkuͤhr⸗ lich ſchlug er bei dem Gedanken an das wunderholde Fuͤrſtenkind das ſcheue Auge halb zu der Liebrei⸗ zenden auf, aber ſchneller als der Blitz zuckte es wieder nieder, denn Adeline hatte ihm gerade hin⸗ ein gefehen. Keine Viertelſekunde hatte dieſer Wech⸗ felblick gedauert, und doch hatte Emil ein ganzes Buch in den himmelklaren Zauberſpiegeln ihres en⸗ gelgleichen Gemuͤths geleſen.„Nimm nicht uͤbel,“ ſo lautete, was er ſich aus dieſer eigentlichen allge⸗ meinen Weltſprache, aus der Augenſprache, in der Geſchwindigkeit zuſammen buchſtabirt hatte,„nimm nicht uͤbel, daß Du nicht neben mir ſitzen kannſt. Die gute Soulavie hat Recht und Unrecht. Ich habe Dich in Verlegenheit geſetzt; das thut mir wehe; ſey darum nur nicht boͤſe auf mich, ich will es ja bei Gelegenheit wieder gut zu machen ſuchen.“— — 586— Manche der Anweſenden, namentlich einige jun⸗ ge Jagd⸗Pagen, ergoͤtzten ſich daran, daß der fremde Musfe im ſchlichten blauen Frack, der im Hofwefen ſo fremd, wie im erſten beſten boͤhmiſchen Dorfe, ganz kecklicher Weiſe nach dem Platz neben der Prin⸗ zeſſin gelaufen, herunter gemußt hatte zum Fraͤu⸗ lein von Zeſen; ſie ziſchelten heimlich zuſammen und ſtießen ſich einander mit den Ellnbogen, und aͤußer⸗ ten ihre Beifaͤlligkeit zu Emils oberhofmeiſterlicher Zurechtweiſung ziemlich bemerkbar, dieſer aber ach⸗ tete auf den Hohn ihrer Schadenfrende nicht; hatte Adeline ihn doch durch den einzigen Blick hoͤher als ſie Alle geſtellt. Auch dem Prinzen mußten der Jagd⸗ Pagen und ihrer Genoſſen heimliche Beſpoͤtteleien nicht entgan⸗ gen ſeyn; ſein Feuerauge ſtreifte an ihnen nur ein⸗ mal voruͤber, aber es traf ſie Alle mit dem Vor⸗ wurfe, daß den Fremden an ſeiner Tafel zum Gegen⸗ ſtand ihres flachen Witzes zu machen, eine ihn ſelbſt mit treffende Unartigkeit ſey. Doch das ſchien ihm noch nicht genug zu ſeyn; ein feineres und ein ſcharfſchneidigeres Racheſchwert ſpielte er ſeinem fungen Gaſte ſelbſt in die Hand, und dieſer hatte gluͤcklicher Weiſe Takt genug, den Wink zu verſte⸗ hen, und ihn beſtens zu benutzen. Das Geſpraͤch des Tages drehte ſich zu der Zeit eben, in den hoͤhern Zirkeln, wie in denen des Mittelſtandes, um die Frage, welches Verfahren in Kriminal⸗Sachen den Vorzug verdiene, das Fran⸗ zoͤſiſche oͤffentliche, oder das in Deutſchland gewoͤhn⸗ lich uͤbliche. Der Prinz wußte mit der ihm eige⸗ nen Gewandtheit die Unterhaltung auf dieſen Ge⸗ —ͤ————D—+ O&Aeo—— jun⸗ mde eſen orfe, rin⸗ raͤu⸗ und ßer⸗ icher ach⸗ atte her und gan⸗ ein⸗ Vor⸗ gen⸗ lbſt ihm ein em atte ſte⸗ Zeit des ren an⸗ hn⸗ ige⸗ Ze⸗ genſtand zu bringen, und verflocht den jungen Wal⸗ lenrodt unvermerkt mit in den kleinen Diſput, der ſich unter den Gebildeten der Geſellſchaft daruͤber entſpann. Zu des Prinzen ſichtlicher Freude nahm Emil bald lebhaften Antheil an dem Geſpraͤch, und entwickelte in deſſen Laufe ſo gediegene gruͤndliche Kenntniſſe ſeines Faches, und trug ſeine Anſichten mit ſo klarer Feſtigkeit, und mit einer, ſelbſt die Theilnahme der Laien und ſogar der Damen, ſo anregenden Weiſe vor, und beobachtete in der Ver⸗ fechtung ſeiner Meinung gegen den mit anweſen⸗ den Kreisgerichts⸗Director, die Schranken des An⸗ ſtandes, und der dem Manne und der Geſellſchaft gebuͤhrenden Achtung, in ſo zarter Beſcheidenheit, daß der Prinz ſich nicht enthalten konnte, die faden Spießgeſellen mit einem zweiten Blicke zu uͤberrei⸗ fen, in dem ſie einmuͤthiglich die Frage zu finden vermeinen mochten, ob einer unter ihnen ſich mit dem jungen Fremden, hinſichtlich des Wiſſens, zu meſſen vermoͤge, und ob ſie ſich jetzt nicht ſchäm⸗ ren, über den geſpoͤttelt zu haben, der zehnmal mehr gelernt habe, und daher auch zehnmal brauch⸗ barer ſey, als ſie Alle zuſammen. Emil mochte die Verlegenheit auf ihren Geſich⸗ tern entdeckt, und das Wohlgefällige in Adelinens Zuͤgen bemerkt haben, die den Debatten mit gro⸗ ßem Intereſſe zugehoͤrt, und beſonders das, was Emil von der Pflicht des Richters, das Ehr⸗ und Zartgefuͤhl des Angeklagten zu ſchonen, von der un⸗ verantwortlichen Verſchleppung im Gange der Un⸗ terſuchung, von der Mangelbaftigkeit der meiſten geſetzlichen Beſtimmungen uͤber die Entſchaͤdigung des unſchuldig Verklagten, und von andern aͤhnli⸗ chen Dingen, mit großem Feuereifer verhandelt hat⸗ te, wie aus eigenem Gefuͤhl geſprochen, beherzigt zu haben ſcheinen, denn er legte die Schuͤchternheit, mit der er anfaͤnglich aufgetreten war, nach und nach ab, und ſprach darum um ſo ungebundener und anziehender. Zufällig kam er in der Leben⸗ digkeit des Geſpraͤchs auf Enalands Rechtsweſen, auf die Verwirrung ſeiner Unzahl von burgerlichen Geſetzen; auf die Barbarei ſeiner, dem Zeitgeiſte durchaus unangemeſſenen Strafßgeſetze; auf ſeine Geſchwornen⸗Gerichte, auf ſeine Gelehrten, und er ſprach uͤber Taylors zwoölf Tafeln, Hyliffs Pan⸗ dekten, und Littletons Compendium des common Law mit eben der Sicherheit und Gelaͤufigkeit, mit der er ſpaͤter, als das Geſpraͤch vom Prinzen, und beſonders vom Kreisgerichts⸗Director, immer leb⸗ hafter fortgefuͤhrt, ſich uͤber Italiens Rechtsweſen verbreitete, ſeine vertraute Bekanntſchaft mit Chri⸗ ſtotoro di Caſtiglione Beccaria, Filangieri und an⸗ dern aͤltern und juͤngern Rechtsgelehrten Italiens, darthat. Mit gleicher Gruͤndlichkeit war er im Felde der franzoͤſiſchen Geſetzgebung zu Hauſe, und feine Beleſenheit in Montesquieu's, Merlins, Bourgignon's und mehrerer gleichzeitiger Schrift⸗ ſteller klaſſiſchen Werken, ſetzte den alten Director, zu des Prinzen heimlicher Freude, in lautes Staunen. Abſichtlich nahm der Prinz, der in fruͤherer Ju⸗ gendzeit die juriſtiſche Schule wenigſtens beruͤhrt hatte, und die Gelegenheit, dies zeigen zu koͤnnen, gern zu benutzen ſchien, Veranlaſſung, einige Worte bald Franzöſiſch, bald Engliſch fallen zu laſſen, um dem jungen Polyhiſtor auf den Zahn zu fuͤhlen, und zu horchen, ob er die Schriften der Genannten in w„—— S SAS— GBAn 2 — 61— der Urſprache geleſen; aber kaum gewahrte ies Emil, als er alle Regiſter zog, und in beiden Spra chen eine ſolche Gewandtheit zeigte, daß ſelbſt die Jagdpagen einander ſtill verwundert auſahen, und einer von ihnen dem Nachbar, vor Staunen hald außer ſich, uͤber die Achſel zufliſterte: das iſt ein Teufelskerl. Die geſegmete Mahlzeit. Dem Prinzen leuchtete, als der junge Profeſſor ſich jetzt geben ließ, und mit dem alten Director, der nun lateiniſch zu peroriren anüng, auch later⸗ niſch anband, die theilnehmendſte Freude aus den Augen, aber dieſe wurden unvermerkt naß, als Adeline, die des gelehrten Krams mude ſeyn mochte, Italieniſch zu ſprechen anfing, und Emil die Un⸗ terhaltung in dieſer Sprache mit einer Gelaͤufig⸗ keit fortfuͤhrte, als haͤtte er von Kindheit auf keine andere geſprochen. In des Prinzen Seele ſtiegen Erinnerungen fruͤherer Jugendtraͤume auf; An⸗ klange laͤngſt verballter Liebestöne ſchwammen aus dem fernen Nebellande vergangener Zeiten heruͤber, und er konnte, gedruͤckt von ſo manchem deimlichen Wehe, nicht aufſehen, als Frau von Soulavie Emil fragte, wo er dieſe ſeltene Fertigkeit, und dieſe in einem deutſchen Munde noch nie gehörte Eleganz der italieniſchen Sprache, her habe, und dieſer mit einer Art kindlichen Srolzes antwortete, daß es ei⸗ gentlich gewiſſermaßen ſeine Mutterſprache ſey; daß ſeine Mutter eine geborne Italienerin, und daß er, weil dieſe, als er zu reden angefangen, faſt noch gar kein Deutſch geſprochen, das Italieniſae eher, als das Deutſche gelernt babe. War es doch, als falle jedes Wort, was Emil in ſeiner Unſchuld leicht hin ſagte, wie ſiedendes Blei in des Prinzen Seele. Ihm ſchmeckten die ſuͤßeſten Leckerbiſſen des Nachtiſches gallebitter, und der Champagner, der ihm vom Reiſe⸗Kellermeiſter am Schluſſe der Mahlzeit eingeſchenkt ward, ver⸗ ſchaͤumte ungetrunken. Noch ehe die Tafel aufgehoben ward, hatte Emil ein neues Amt weg. Adeline bat den Vater, daß ihr Emil woͤchentlich wenigſtens zwei Uebungsſtun⸗ den im IJtalieniſchen geben duͤrfe, und da Frau von Soulavie, die bei dergleichen Einrichtungen, wie billig, eine Hauptſtimme hatte, ſeine Ausſpra⸗ che ſelbſt fuͤr die beſte erklaͤrt hatte, ſo konnte ſie gegen deren Antrag nicht viel einwenden, ob ihr gleich die Gefaͤhrlichkeit eines ſo jungen ſehr huͤb⸗ ſchen Sprachmeiſters nicht entging. Der Vater nick⸗ te beifaͤllig; lernte Adeline ſo vollkommen ſchoͤn Ita⸗ lieniſch ſprechen, als Emil, ſo war ſie ihm beſtimmt noch einmal ſo lieb und theuer. Bei kleinen Leuten reicht man ſich, zur geſegne⸗ ten Mahlzeit, wenn der volle Bauch das Herz hebt, und die Menſchen ſich froͤhlich gegeſſen und luſtig getrunken haben, herzlich die Hand; Andere ſchma⸗ tzen ſich wohl noch dabei ab; das ſchickt ſich in den gemeſſenern Kreiſen der Großen nicht; kaum daß man dem Nachbar zur Rechten und Linken, das Auge immer auf den Erſten in der Geſellſchaft ge⸗ richtet, eine halbe Seitenverbeugung macht, und dann die Dame, neben der man geſeſſen, in das Zimmer zu begleiten pflegt, in dem gewoͤhnlich der Kaffee genoſſen wird. Der Kreisgerichts⸗Director aber, im Verkehre des Hof⸗ und Reſidenzlebens fremd, ließ ſich in ſeiner kleinbürgerlichen Sitte or nicht ſtͤren; er ging zum Prinzen, buͤckte ſich vor dieſem tief, und dankte fuͤr die genoſſene Ehre; ſo⸗ dann wendete er ſich zur Prinzeſſin, ergriff in zier⸗ lichen Tempo's deren Rechte, und ſcharrte, indem er auf dieſe einen Kuß applicirte, mit dem rechten Fuße devoteſt hinten aus. Jetzt ſollte daſſelbe Ma⸗ noeuvre bei Frau von Soulavie wiederholt werden; da dieſe indeſſen ihre Handſchuhe bereits angezo⸗ gen, und der Director kein beſonderer Freund von Ziegenleder zu ſeyn ſchien; ſo nahm er ihre Hand in ſeine Linke, und legte die drei erſten Finger ſeiner Rechten auf ſeinen Mund, klatſchte dann einige Male auf ihren Handſchuh, und ſteckte ihr ſomit einige gar manierliche Pußpatſchchen bei; Emil aber bekam einen Schmatz, und die Verſiche⸗ rung, daß ihm nichts mehr leid thue, als daß Emil nicht in ſeinem Kreisgericht als Acceſſiſt an⸗ geſtellt ſey; doch, rief er, Emils Carriere wohl ah⸗ nend, mit lautem Beifallslachen:„Utcumque est ventus, exin velum vertitur*), ſagt Plautus; dem jungen Herrn iſt Hoͤheres beſchieden,⸗ denn ein Ac⸗ ceſſiſten⸗Pläͤtzchen in meinem Gerichte; darum Gluͤck auf zur Fahrt auf die hohe See. Immer zu, jun⸗ ger Freund, raſch vorwaͤrts! Quisquam, vivere cum sciat moratur?*) meinte Martial, ſchon vor 1700 Jahren, und der alte Epigrammatiſt hat heute noch Recht.“—— Die Jagd⸗Pagen und Conſorten wollten uͤber den alten Herrn wieder lachen, aber Adeline, der es wohl that, daß der, von der ganzen Umgegend, *) Wie der Wind ſteht, richtet man das Segel. **½) Wer ſaumt noch, wenn er weiß, was Leben heißt? — 64 wegen ſeiner Rechtlichkeit allgemein geſchaͤtzte, und ſelbſt bei Hofe von der vortheilhafteſten Seite be⸗ kannte Kreisgerichts⸗Director, den jungen huͤbſchen Emil ſeiner beſondern Auszeichnung werth hielt, ſuchte die Flanke des Vorlauteſten unter ihnen zu gewinnen, und ſagte, mit dem ganzen Stolze ih⸗ res Ranges, halb uͤber die Achſel zu ihm:„Herr v. Stoll, wiſſen Sie, wen man in der Regel an vielem Lachen zu erkennen pflegt?— Der alte Mann, der in einer Stunde mehr Geſcheidtes ſpricht, als mancher Andere in einem ganzen Jahre, iſt der Gaſt meines Vaters; jede Unart gegen ihn koͤnnte der Prinz fuͤr eine ihn ſelbſt treffende Beleidigung aufnehmen, wenn ſie nicht aus einer Quelle flöße, die viel zu tief unter dem Prinzen ſprudelt, als daß er ſie beachten koͤnnte.“ Frau von Soulavie, die jedes Wort vernahm, datte vor Schreck uͤber dieſe unerwartete kurze, aber buͤndige Strafpredigt faſt den Tod; ſie trat raſch zwiſchen Adelinen und den Herrn v. Stoll, und fragte dieſen, um den ganz unpaſſenden Zweiſprach nur ſchnell abzubrechen, und die Aufmerkſamkeit der hoch aufhorchende Unmſtehenden auf etwas An⸗ deres zu leuken, ob ſein Brauner beim geſtrigen Sturz auf der Sauhetze weiter keinen Schaden ge⸗ nommen? Aber dieſer war von Adelinens heftigen Aeußerungen, und von dem bitterboͤſen Geſichtchen, das ſte dazu gemacht, ſo durchbebt, daß er die Frage wahrſcheinlich nur halb gehoͤrt haben mußte, denn er antwortete mit kurzem tiefem Büͤckling ſehr zer⸗ ſtreut:„danke unterthaͤnigſt fuͤr die gnaͤdige Nach⸗ frage; indeſſen iſt es nicht von Bedeutung: blos die linke Hand ein wenig verſtaucht, und das Kinn etwas aufgeſchlagen.“ — 65— Der alte Gerichts⸗Director, der nicht Adelinens Zorngericht, wohl aber der Oberhofmeiſterin Frage, und Stolls Antwort gehoͤrt hatte, lachte in ſeiner frohen Weinlaune laut auf, daß der dicke Bauch in zehn Spiegeln rund um ſich ſchuͤtternd praͤſen⸗ tirte; Adelinen aber, die ſich, ſie wußte ſelbſt nicht, wie das gekommen, uͤber Stolls fade Flachheit ſo geaͤrgert hatte, daß ſie am ganzen Koͤrper heimlich zitterte, that die kleine Rache wohl, zu ſehen, daß der Herr v. Stoll, der mit ſeinen Genoſſen vorhin den armen Emil zum Zielpunkt ſeines erbaͤrmlichen Witzes gemacht hatte, durch ſeine Quer⸗Antwort jetzt der Gegenſtand allgemeinen Spottgelaͤchters geworden war. Wieder eine ection. Wie ſo verſchieden es dieſen Abend im Herzen und im Kopfe dieſer und jener Perſonen ausſah! Frau v. Soulavie gab ſich alle erdenkliche Muͤhe, der kleinen Prinzeſſin auseinander zu ſetzen, daß ſie heute gefehlt habe.„Was intereſſirte uns,“ ſagte ſie, ihre Unzufriedenheit nach Kraͤften maͤßi⸗ gend,„der Pinguin? Der alte Mann, der Kreisge⸗ richts⸗Director— die Manier des Herrn v. Stoll iſt an ſich nicht zu pardoniren, das gebe ich zu; allein komiſch iſt die kleine Fettgans⸗Figur, der Di⸗ rector, das koͤnnen Sie nicht laͤugnen; ſtellen Sie ſein Konterfei in die erſte beſte Pinakothek, und jeder Menſch wird bei deſſen Anblick lachen muͤſſen; warum piquiren Sie ſich denn auf einmal ſo auf⸗ fallend, die Serieuſe zu ſpielen, da Sie doch ſonſt die Force haben, aus Allem das Ridienle heraus⸗ zufinden? Hatte ſich der Herr v. Stoll einer Inſo⸗ lenz uldig gemacht, ſo war es an dem Durchlauch⸗ I. XIV. 6 — 66— tigſten Herrn, ihm deshalb die erforderliche Repri⸗ mande zukommen zu laſſen; in unſer Departement ſchlaͤgt es gewiß nicht, die jungen Herren Mores zu lehren; Sie wiſſen, wie dieſe heut zu Tage ſind. Beſtimmt zerbricht ſich heute Herr v. Stoll den Kopf uͤber die Motive Ihrer Extravaganz. Gott weiß, welchen Grund er am Ende herausfindet, warum Sie des kleinen dicken Kreis⸗Directors De⸗ fenſion mit ſo vehementer Vivacité uͤbernommen: aber er findet gewiß einen, wenn auch noch ſo fal⸗ ſchen heraus, und wird dann nicht faͤumen, ihn in das Publikum zu bringen, um ſich damit gegen die, welche ihn, wegen der von Ihnen erhaltenen Cor⸗ rection, vielleicht aufziehen moͤchten, gewiſſermaßen zu excuſtren, und zugleich heimlicher Weiſe ſich ge⸗ gen Sie zu revangiren.“ Sie wollte noch weiter reden, aber ihre Anfälle von Covalgie, wie ſie ihr altes Uebel, eine Art Huͤftweh nannte, und die ſie immer bekam, wenn ſie viel ſprach, hemmten den Lauf ihrer ſonſt un⸗ erſchoͤpflichen Redefertigkeit. Sie ging, den getreuen Mopps unterm Arm, in ihre Gemaͤcher. Selbſtbeſchauung. Prinzeßchen war verdrußlich, Frau v. Soulavie hatte Recht; und daß ſie das hatte, war es eben, was Adelinen am meiſten aͤrgerte. Sie fuͤhlte recht gut, daß es beſſer geweſen waͤre, wenn ſie ihren Unwillen gegen Herrn v. Stoll nicht hätte laut werden laſſen. Aber wegen des guten alten Directors— ſie konnte ſich eines kleinen Lä⸗ chelus nicht enthalten— wie konnte Frau v. Sou⸗ — 67— lavie nur im Entfernteſten denken, daß der Angriff auf dieſen ſie ſo in Harniſch gebracht habe. „Nun aber, was denn,“ wollte ſie ſich fragen, aber konnte denn die kleine Schuldbewußte, die Naive gegen ſich ſelbſt ſpielen? Sie wußte recht gut, wer an all' dem Unheil Schuld war; ſie wollte dar⸗ um ſogar boͤſe auf ihn werden, aber es war ihr damit nicht Ernſt. Stolls und ſeines Gelichters Spottlächeln heute Mittag, als ſie dem jungen Fremden, durch ihre Bitte, ſich neben ſie zu ſetzen, ein Zeichen ihres ehrenden Wohlwollens hatte geben wollen, hatte ſie tief verletzt, gerade, weil ſie ihren Unmuth nicht durch Worte laut werden laſſen, weil ſie ihn nicht einmal durch einen Blick bemerkbar machen konnte, griff ſein Gift ihr Innerſtes an: bei der Raſchheit ihres Bluts kam dies heimlich gahrende Gift leicht zum Sieden, und es lief uͤber, als Herr v. Stoll den alten ehrlichen Kreisgerichts⸗Director belachte, den grundgelehrten rechtlichen Mann, der vor we⸗ nig Minuten, mit den ſchmeichelhafteſten Lobes⸗ erhebungen ihren Emil— Adeline blieb erſchrocken mitten im Zimmer ſtehen;„meinen Emil?“ fragte ſie ſich, und wollte laͤcheln, und wollte ſcher⸗ zend ſich ſelbſt aufziehen; aber das Scherzen wollte ihr nicht gelingen.— Eine halbe Welt haͤtte ſie darum gegeben, wenn ſie jetzt eine Vertraute ge⸗ habt haͤtte, mit der ſie ſich uͤber ſich ſelbſt, und uber ihn recht von Grund des Herzens häͤtte ausplau⸗ dern koͤnnen— aber„Maͤdchen unſers Standes,“ ſagte ſie lautlos, ohne Worte, zu ſich ſelbſt, und legte die Haͤndchen auf die gepreßte Bruſt,„haben keine Freundinnen, ſollen, duͤrfen keine haben. — 665— Selbſt eine recht ſtrenge Vertraute, nur muͤßte ſie meines Alters ſeyn, und mit mir gleich fuͤhlen, ſollte mir willkommen ſeyn; ſo muͤßte ſie mir z. B. recht deutlich auseinander ſetzen, daß und warum ich eine Thoͤrin waͤre, wenn ich einem jungen Man⸗ ne, in den erſten acht Stunden der Bekanntſchaft, eine üͤberwiegende Zuneigung—“ das war das rechte Wort nicht; ſie lachte verſchaͤmt vor ſich hin, die ſtrenge Freundin ſtand in Gedanken ihr gegen⸗ uͤber; die nannte mißbilligend das Ding beim rech⸗ ten Namen; ſie nannte es Liebe, und Adeline druͤckte das Köpfchen tief auf den entfeſſelten Buſen nie⸗ der, und huſchte, ſich verhuͤllend in den weichen ſeidenen Nachtmantel, denn das Wort, das zum erſten Male in ihrem Innern laut geworden, wer hatte es geſprochen? Wer hatte es ihr uͤber die leiſe bebenden Lippen gebracht?— Nein, die Freundin, die Unſichtbare, war nicht ſtreng genug; ſie war viel zu ſchwach— das gefaͤhrliche Wort— ſie mußte es gar nicht laut werden laſſen; am wenigſten hier in dem ſturmbewegten Herzen der fuͤrſtlichen Jung⸗ frau—— 8 Sie ſprach wohl von der Sonderbarkeit— nein, nein, nur gerade heraus mit der Wahrheit, ſie, die ſtrenge Unſichtbare naͤmlich, ſprach wohl von der Unerhoͤrtheit des Einfalls, ſein Herz einem jungen Manne, tief unter allen Rangverhaͤltniſſen, zu ſchenken; aber Adeline belegte ihre Behauptung, daß ſie nicht die Erſte ihres Standes waͤre, die fuͤr die Empfindungen des Herzens kein Rangreglement gekannt, durch Prinzeſſin Honoria, Schweſter Va⸗ kentins des Dritten, und durch zwanzig andere Bei⸗ ſpiele aus der allgemeinen Weltgeſchichte aͤlterer und — 69— neuerer Zeit, und ergaͤnzte die am halben Schocke noch fehlenden zeyn Fälle durch erbauliche Beiträͤge aus der geheimen Familien⸗Hiſtorie ihres eigenen Hauſes, woruͤber in den landesherrlichen Archiven freilich keine Dokumente vorhanden ſeyn mochten. „Zugegeben,“ ſagte die ſtrenge Buſenfreundin, „aber warum ſoll und muß es gerade dieſer junge Fremde ſeyn, von dem wir eigentlich noch nichts, noch gar nichts wiſſen, und ihn alſo nach ſeinem Aeußern nur beurtheilen koͤnnen; ſoll dieſes aber der Maaßſtab ſein er Liebenswuͤrdigkeiten ſeyn, ſo wird Adeline doch wahrhaftig geſtehen muͤſſen, daß es an unſerm Hofe und in der Reſidenz noch hun⸗ dert junge Maͤnner gibt, die— „Huͤbſcher ſind?“ fragte Adeline raſch einfallend, und freute ſich, ihr zweites Ich auf dieſes Kapitel gebracht zu ſehen, denn jetzt hatte ſie volles Ober⸗ waſſer—„huͤbſcher?“ wiederholte ſie ſpoͤttiſch, „nun da moͤchte ich doch wahrhaftig wiſſen, wer ſich in unſern geruͤhmten Hofcotterien, in unſern Aſ⸗ ſembleen, auf unſern Baͤllen, in unſern Umgangs⸗ Zirkeln, mit ihm in dieſem, gerade in dieſem Punkte, meſſen koͤnnte. Die ſtolze ſchöne Figur, die edle Haltung, das regelrechte Verhaͤltniß des Gliederbaues, die Grazie ſeiner Bewegungen, die friſche Kraͤftigkeit, die jugendliche Maͤnnlichkeit ſei⸗ nes ganzen Weſens— doch das ſind alles Neben⸗ ſachen; ſaͤhe ich auf das Aeußere, ſo wuͤrde mir kein Menſch, der nur eine halbe Idee vom Ideal maͤnn⸗ licher Schönheit hat, daruͤber einen Vorwurf ma⸗ chen, daß dieſer pythiſche Apollo vor Allem mein Wohlgefallen erworben; aber das iſt es nicht, we⸗ nigſtens nicht ausſchließlich, nicht hauptſaͤchlich, was — — 70— mich ihm geneigt macht; der reiche Schatz ſeines Wiſſens, die hohe Sittenreinheit ſeines Herzens, der milde Ernſt in ſeinen Zuͤgen, das Laͤcheln des heitern Frohſinnes in ſeinem freundlichen Blicke, die liebenswuͤrdige Schalkheit im Schelmengruͤbchen der blaubartigen Wange, die ſtumme brennende Liebe in dem gluͤhenden Feuerauge, und Etwas, was ich nicht zu nennen weiß, was mich mit heili⸗ gem nie gekanntem Zauber umſtrickt— das, das ſind die Faͤden zu dem magiſchen Bande, das mir das Herz zuſammen ſchnuͤrt, daß ich vor ſuͤßem Schmerz kaum athmen kann. Zehnmal habe ich ge⸗ leſen und gehoͤrt, daß die Menſchen, wenn ſie et⸗ was nicht thun ſollen, und es, faſt mit der Ueber⸗ zeugung ihres Unrechts, doch thun, ſich mit der myſtiſchen Aeußerung entſchuldigen, daß man es ih⸗ nen angethan habe. Zehnmal habe ich dieſe Aus⸗ flucht eine alberne genannt, und daruͤber gelacht. Aber jetzt faͤllt mir helles Licht in dieſes geheim⸗ ſinnige Raͤthſel. Auch mir hat es der Apoll vom Wuͤſtenbruͤcker Belvedere angethan, denn ſonſt kann ich mir den ganz kurioſen, den unbeſchreiblichen, den allgewaltigen Eindruck nicht erklaͤren, den der junge Menſch, gewiß ohne ſein Wollen und Wiſſen, auf mich gemacht hat.“— „Aber Adeline,“ entgegnete das zweite ſtren⸗ gere Ich, uͤber die Sorgloſigkeit, mit der die kleine Prinzeſſin die Jahrelang behutſam gebauten, und umſichtig befeſtigten Damme der Convenienz von dem reißenden Sturzbache der Leidenſchaft durch⸗ brechen ließ, und uͤber die Entdeckung, daß der Schaden ſchon ſo tief gerathen, und faſt unverbeſ⸗ ſerlich ſcheinen wollte, hoͤchlich erſchrocken,„haſt 2 bh dee. Seee e — 71— Du denn ganz und gar Deinen Standpunkt, Deine Stellung, und die ungeheure, die ewige Kluft ver⸗ geſſen, die zwiſchen Dir und dem—„Befiehl“ fiel ihr Adeline raſch in das Wort,„befiehl dem Feuer, nicht zu brennen, befiehl dem Strome, ruͤckwaͤrts zu ſtrömen. Beide werden Deines Wor⸗ tes nicht achten, weil ſie es nicht koͤnnen. Und vom armen Herzen, welches ſchwächer iſt, denn beide Elemente, willſt Du das Unmoͤgliche verlangen? Legt ihr dem kleinen, hoͤchſtens 10 Unzen ſchweren Dinge, mit eurer bleiernen Convenienz, mit eu⸗ rem Koloß von Schicklichkeits⸗Regeln, mit eurem gigantiſchen Chaos von poſitiven Hoheits⸗Geſetzen, und mit eurem Miſchimaſchi von eiſenſchwerer Eti⸗ kette und eiskalten Anſtands⸗Ruͤckſichten, nicht ſchon unertraͤgliche Laſten auf, die es alle zu ertragen kaum Kraft hat? Und nun wollt ihr ihm auch das ſeligſte Gluͤck des Menſchen, das Gluck der Liebe rauben? Was gebt ihr mir denn fuͤr Erſatz gegen die Einbuße dieſes rein menſchlichen Vorrechts? Be⸗ haltet Eure Diademe, Euern Purpur; das aͤrmſte Hirtenmaͤdchen im Lande darf ſein Auge erheben zum Juͤngling ſeines Gleichen, wie zum erſten Prin⸗ zen der Welt; es darf Beide lieben; und mir, der in tauſend andern armſeligen Dingen Bevorrechte⸗ ten, wollt ihr die Grenzen des, jeder Evenstochter angeborenen heiligen Rechts der Liebeswahl enger ſtecken? Aber ihr, ihr alle um mich herum verſteht meine Klage nicht, oder ihr duͤrft mir nicht darauf antworten, /weil es ſich nach dem Coder eures Ce⸗ remoniels nicht ſchickt, von der durch die Natur dem menſchlichen Herzen gegebenen Freiheits⸗Ur⸗ kunde laut zu ſprechen. Unter den hundert Frauen, —— — 22— die bei glaͤnzenden Hof⸗Feſten mich mit den Pfauen⸗ ſchweifen ihrer ſchweren ſeidenen Roben umrau⸗ ſchen, ſind vielleicht kaum Dreie, die nach freier Wahl ihre Hand haben verſchenken duͤrfen. Auch ſie hat der Zwang der Ebenbuͤrtigkeit, die Ruͤckſicht auf Rang und Vermoͤgen eingezwaͤngt in den Noth⸗ ſtand der Ehe; ſie haben ſich fuͤgen gelernt, weil man ſie von Jugend auf fuͤr den Hof, fuͤr den Zwin⸗ ger erzogen, indem, nicht nach dem Willen der ed⸗ len freien Fuͤrſten ſelbſt, ſondern nach den feinen Plaͤnen ihrer Umgebungen Niemand Menſch ſeyn, Niemand menſchlich fühlen, ſondern Alles mario⸗ nettenartig nach ihren eigenſuͤchtigen Privatabſich⸗ ten handeln ſoll. Das will ich nicht; das werde ich nicht. Ich bin freigeborene Herrin! ſie ſind Soͤld⸗ linge, Lohnmenſchen, die, aller Selbſtſtaͤndigkeit bar, keinen andern Stuͤtzpunkt haben, als den Hof, und die daher gleich ruͤcklings uͤberpurzeln, wenn irgend ein Mißgeſchick ſie von dieſem entfernt. Ich weiß oft nicht, ob ich lachen oder weinen ſoll, wenn ich bei großen Gallakonzerten oder dergleichen öffentlichen Hoffeſten, z. B. den alten Kammerherrn, den ehrlichen Baron von Duͤmmfling hinter un⸗ ſern Stuͤhlen ſitzen ſehe; wie er verzweifeln will, drei Stunden und laͤnger auf den Beinen ſeyn zu muͤſſen, und nicht ſtehen zu duͤrfen; wie er bei ſtar⸗ ker Kaͤlte, trotz der Lederſtrumpfe, die er unter den ſeidenen trägt, friert und klappert, daß man ihm Geld und Schluͤſſel in der Weſtentaſche klim⸗ pern hoͤrt. Zehnmal habe ich ihn ſchon bei ſolchen Gelegenheiren gebeten, ruhig zu Hauſe zu gehen, und ſich im Schlafrock und Pelzſtiefeln guͤtlich zu thun; aber, als ginge die Welt unter, weun er 82 auen⸗ rau⸗ reier Auch kſicht koth⸗ weil win⸗ r ed⸗ inen ſeyn, ario⸗ bſich⸗ de ich Soͤld⸗ gkeit den zeln, ernt. ſoll, ichen errn, un⸗ will, n zu ſcar⸗ inter man lim⸗ lchen hen, h zu n er 7— ₰ꝙ hinter unſern Sitzen nicht trippelte, er häͤlt aus, und ſollte er auf dem Platze ſterben; der Onkel nennt das Attachement, Dienſteifer.— Oſtenta⸗ tion iſt es, und Hunger.— Der alte Herr wilt ſich als dienſtthnender Kammerherr dem Publikum zeigen, er haͤlt ſich fuͤr einen Stern erſter Groͤße am Himmelszelte unſers Hoffirmaments, und da er nichts weiter gelernt hat, als kammerdienern, ſo wuͤrde er im naͤchſten Monate verhungern, wenn die Oberhofſtaats⸗Kaſſe mit der Gagezahlung im Ruͤckſtand bliebe. Da lobe ich mir den Emil; der kommt auf hundert Wegen durch die Welt, weil er hundert Mtttel in ſich hat, ſein Brod zu verdienen; aber ſolche freiſtehende, ſich auf ſich ſelbſt verlaſ⸗ ſende, und darum freiſinnige, unabhängige Men⸗ ſchen koͤnnen wir auch nicht brauchen; der gaͤnge, wenn er froͤre, ungebeten zu Hauſe, und kaͤme, wenn ihm, wie wahrſcheinlich, das Aufwarten nicht gefallen, im Leben nicht wieder; dafuͤr wiegt aber auch ſo ein einziger Emil zehn ſolche, zum Krie⸗ chen geborene, und ewig von Anderer Willen und Launen abhaͤngige Dümmflings auf; und ich ſoll den Emil, den der Vater ſelbſt lobt, dem der Ober⸗ landjaͤgermeiſter alle Gerechtigkeit widerfahren laͤßt, und den der Kreisgerichts Director bis in den Him⸗ mel erhebt, nicht lieben duͤrf—?—„was war das—“ es rauſchte etwas draußen im Vorzimmer. Adeline ſtand wie angewurzelt! das Blut ſtockte ihr in allen Pulſen; ein Blick auf die große Uhr unter dem Spiegel ſagte ihr, daß es tiefe Mitter⸗ nacht ſey. Sie hielt den Athem an ſich, huͤllte ſich dichter in den weichen Ternaux⸗Kachemir⸗ Shawl, und horchte. Clauren Schr. LXIV. 7 Ja, es war etwas draußen im Vorzimmer; irrte ſie ſich nicht ganz, ſo machte Jemand den Fenſter⸗ fluͤgel zu. Emil wird doch nicht—!— Fremd, unbekannt im Schloſſe— wie leicht, daß er ſich in den laby⸗ rinthiſchen Irrgaͤngen des weitlaͤuftigen Gebaͤudes verirrt haben konnte— ſie hatte den Gedanken noch nicht halb ausgedacht, als ſie mit unterdruͤcktem Lachen uͤber den verwuͤnſchten Zufall die Thuͤre raſch oͤffnete, und— nein, Emil hatte ſich nicht hieher verirrt;„mein Gott, Laurette, wo kommſt Du ſo ſpaͤt noch her?“ fragte Adeline, faſt verſtimmt, daß ſie ſich getäuſcht hatte; als aber dieſe beſcheiden ent⸗ gegnete, daß ſie ja nie eher ſich zu entfernen pflege, als bis die Prinzeſſin ſich zur Ruhe begeben, und ſie beurlaubt habe, da that Adelinen das niedliche Maͤdchen, das ihrer argen Zerſtreuung und ihrem endloſen Selbſtgeſpraͤche den halben Nachtſchlaf zum Opfer gebracht hatte, leid, und ſie ſagte mit der freundlichen Gutmuͤthigkeit, die ſie in dem Herzen eines Jeden, der ſie in ſolchen Augenblicken ſah und hörte, zum lebendigen Engel der Liebe erhob,„ar⸗ mes Kind, Du biſt wohl boͤſe auf mich? Ehrlich geſtanden, ich hatte Dich vergeſſen; ich hatte gar nicht an Dich gedacht gich hatte da etwas im Kopfe, und das hat mich doch auch ſo beſchäftigt, daß—— „Meine himmliſche Prinzeß,“ erwiederte das fein fuͤhlende Mädchen, und zog deren kleine Hand au ihre Lippen,„den moͤchte ich wohl kennen ler⸗ nen, der auf meine hohe Herrin koͤnnte—— boͤſe ſeyn; will mir doch das Wort kaum über die Lip⸗ pen!— natuͤrlich, weil der Gedanke in meiner Seele nicht Platz faſſen kann. Wir alle gaͤben ja mit tau⸗ ſend Freuden unſer Leben Preis, wenn wir Ihnen dafuͤr einen frohen Tag ſchaffen koͤnnten.“— Ade⸗ line ſtreichelte dem huͤbſchen Kinde gutmuͤthig die Wange, und ſann, womit ſie ihm fuͤr die treue Anhaͤnglichkeit ihre Dankbarkeit bethaͤtigen koͤnne. „Uebrigens,“ ſetzte Laurette, noch in der Erinne⸗ rung des gehabten Genuſſes entzuͤckt, hinzu,„iſt das kleine Opfer einiger Stunden Schlafs mir dies⸗ mal nicht ſchwer geworden; ich bin für die unbe⸗ deutende Entſagung der Ruhe zehnfach entſchädigt worden. Der junge Fremde, der heute Morgen an⸗ gekommen, und druͤben im Cavalierhauſe einquar⸗ tirt iſt, hat faſt den ganzen Abend auf der Floͤte geblaſen, und das ſo meiſterhaft, ſo hinreißend ſchoͤn, daß ich bis morgen fruͤh haͤtte zuhoͤren moͤgen.“ „Der junge Fremde?“ wiederholte Adeline, als wiſſe ſie nicht, von wem die Rede ſey, und freute ſich, heute Abend ſo ſpaͤt noch, und ſo unerwartet von ihm zu hoͤren, und doch war es ihr wieder, als empfinde ſie eine Art von Unannehmlichkeit, daß Laurette mit gar ſo ſehr lebhaftem Antheil von der Vortrefflichkeit ſeines Floͤtenſpiels geſprochen. „Der junge ſchoͤne Mann aus Wuͤſtenbruͤck,“ ſagte Laurette erlaͤuternd, und in ihrem Auge glaͤnz⸗ te, wie Adeline mit heimlicher Unruhe bemerken wollte, ein ganz eigenes Feuer von Verklaͤrung, „der heute fruͤh zu Pferde ankam, und der, wie ich hoͤre, bei uns bleiben ſoll. Dieſen Abend kamen ſeine Sachen an. Das Erſte, was er, wie Friedrich ſagt, ausgepackt hat, iſt ſeine Flote geweſen. Der arme Menſch,“ ſetzte ſie, nach einer kleinen Pauſe, waͤhrend Adeline am Fenſter ſtand, und durch die Scheiben ſchweigend und unverwandten Blickes hin⸗ X 7 — 76— uͤber nach dem Cavalierhauſe ſah, mit dem Tone der Bedauerung hinzu,„hat gewiß dieſen Abend keinen Biſſen Brod, keinen Trunk Waſſer bekom⸗ men; die Frau Bettmeiſterin ſoll die Aufwartung der Fremden druͤben beſorgen; aber ſie laͤßt es ge⸗ woͤhnlich ſehr an ſich kommen; ich will nur morgen früh gleich bei Zeiten hinuͤber, und ein Bischen nach dem Rechten ſehen.“ „Nun,“ fiel ihr Adeline in die Rede,„fuͤr Dich wuͤrde ſich das nicht ſchicken, und ich koͤnnte der al⸗ ten Bettmeiſterin nicht verdenken, wenn ſie eine ſolche unbefugte Controle ſehr uͤbel naͤhme; aber es iſt gut, daß Du mir das von der Bettmeiſterin ſagſt; der Varer will, daß die Fremden bei ihm gut auf⸗ gehoben ſeyn ſollen, und wenn die Frau wirklich ſo unachtſam und nachlaͤßig in Wahrnehmung ihrer Dienſtpflicht iſt, als Du ſagſt, ſo muͤſſen hierunter abhelfliche Maaßregeln getroffen werden.“ Adeline hatte ſich zwar alle moͤgliche Muͤhe ge⸗ geben, ihren geheimen Aerger uͤber Laurettens vor⸗ laute Fuͤrſorge zu verbergen, aber wäare Laurette nur etwas weniger mit Emils Bilde, und mit idem Zauber ſeines Floͤrenſpiels beſchaͤftigt geweſen; ſo haͤtte ſie in dem dunkeln Flammenblitz des großen Feuerauges die drohende Naͤhe des ſchweren Gewit⸗ ters ahnen, und in der Bitterkeit des Tons die furchtbare Schaͤrfe wahrnehmen muͤſſen, die in Adelinens Worten lag.. In dem Augenblicke— Adeline riß das Feuſter mit einer Haſt auf, als ſtehe das ganze alte Jagd⸗ ſchloß in Feuer— Emil hatte ſeine Floͤte wieder an den Lippen, und praludirte einen leichten Laufer. „Blaͤst er nicht goͤttlich?“ wiſperte Lanrette, * dne nd m⸗ ing ge⸗ gen hen HDich al⸗ eine r es gſt; auf⸗ h ſo hrer nter ge⸗ vor⸗ rette dem ; ſo oßen wit⸗ die ie in uſter Jagd⸗ ieder ufer. ette⸗ & hinter Adelinen zickelnd, dieſe aber warf ein un⸗ williges„ſtille doch“ zuruͤck, und legte ſich weit aus dem Fenſter, um keinen der Toͤne zu verlieren. Das Flötenſtändchen. Wußte Emil, daß die fuͤrſtliche Jungfrau ſei⸗ nem Meiſterſpiele lauſchte? Ihm war die Bruſt ſo eng! das Herz ſo voll!— Adeline!— in dieſem einzigen Worte lag ſein Him⸗ mel, ſeine Seligkeit.— Ihre Huld, ihre Freund⸗ lichkeit!— So wohlwollend, ſo auszeichnend, ſo bedeutſam, als ihn, hatte ſie— das wollte, als die Vernunft ihm zuredete, ſich ſolch tolles Zeug nicht in den Kopf zu ſetzen, ſeine Eitelkeit mit tauſend Eiden beſchwoͤren— bei der Tafel Keinen angeſehen.— Ihr erſter Empfang in der Wein⸗ laube; ihre Bitte, bei ihnen zu bleiben, bis der Oberlandjaͤgermeiſter komme; der Muthwille, mit dem ſie ſeine Auseinanderſetzung wegen ihrer gegen⸗ ſeitigen Verwandtſchaft aufnahm; ihr beifaͤlliges Nicken, mit dem ſie hoͤrte, daß er ihr Ehren⸗Cava⸗ lier ſeyn ſolle; ihre Einladung, ſich neben ſie zu ſetzen; die Demuͤthigung, mit der ſie die ſpott⸗ ſuͤchtigen Jagdpagen zur Ruhe verwieſen hatte!— Wenn das Alles keine Beweiſe von Zuneigung, von ganz beſonderer Theilnahme waren, ſo verzweifelte er an ſeiner Logik!— In lichten Augenblicken ſei⸗ nes Verſtandes nannte er wohl das Gefuͤhl, das ihm in der Bruſt ſtuͤrmte, reine Tollheit, vollen⸗ deten Wahnſinn; aber konnte er denn das Herz bandigen? Er durchflog die geheime Geſchichte ſo mancher Hoͤfe Europa's in fruͤherer Vorzeit, und trat bis auf das Mark durchſchauert drei Schritte zuruͤck, denn die Koͤpfe der gluͤcklichen Ungluͤckli⸗ — — 78— chen, welche von dem niedern Standpunkte ihrer Geburt aus, ihre Augen zu kronfaͤhigen oder gar gekroͤnten Holdinnen erhoben, rollten ihm blut⸗ rauchend vor die Fuͤße; aber auf der andern Seite luͤftete auch wieder dieſelbe Geſchichte den Vorhang, und zeigte ihm auf der großen Weltbuͤhne ein hal⸗ bes Hundert ſolcher Guͤnſtlinge, wie ſie von Stufe zu Stufe geſtiegen waren, bis zu den hoͤchſten Eh⸗ renplätzen, und wie ſie gewirkt hatten in weiten Kreiſen, und maͤchtig und groß geworden waren, und ſich einen Namen gemacht hatten im Gedaͤcht⸗ niß ihres Volkes. In ſtolze, hochfliegende Plaͤne verlor ſich ſein Geiſt, und wenn ſeine ſchwunghafte Phantaſie den hoͤchſten Gipfel ſeines kuͤhnen Rie⸗ ſenſtrebens erklimmt hatte, ſtand vor dem ſcheuen Auge der rothbemaͤntelte Nachrichter, und verlang⸗ te, im Namen der beleidigten Dynaſtie, den gluth⸗ erhitzten Kopf des wahnwitzigen Majeſtaͤts⸗Verbre⸗ chers! Die zweiſchneidige Rede der ergrimmten Soulavie gellte ihm im Ohre, und das ehrlich ge⸗ meinte Wort des biederherzigen Weidmanns bohrte ihm das Herz von einander— dazu das raͤthſelhafte Benehmen des Prinzen Treumund, die ſonderba⸗ ren Aeußerungen des Vaters, und der ihm groͤßten⸗ theils unerklaͤrliche Scheide⸗Nachruf der ſchwer be⸗ kuͤmmerten Mutter— war es ein Wunder, wenn Emil faſt an ſeinem Verſtande verzweifelte? Bis dahin hatte unter den hundert Maͤdchen, die er im Leben geſehen, auch noch nicht eins ſein Herz mehr beſchaͤftigt, als das andere. Jetzt flammte das Feuer der erſten Liebe in ihm auf, mit einer Macht, mit einer Gewalt, die er nie gekannt, nie geahnt hatte. Er haͤtte der ganzen Welt erzaͤhlen ter ar at⸗ ite ig, al⸗ ife eh⸗ ten en, ht⸗ ne fte ie⸗ gen ng⸗ th⸗ re⸗ ten ge⸗ rte fte ba⸗ en⸗ be⸗ enn hen, ſein mte ner nie hlen moͤgen, daß er Adelinen anbete, und doch that es ihm auf der andern Seite wieder wohl, daß kein Menſch auf dem ganzen Erdenrunde darum wiſſen durfte, daß Leben und Tod auf dieſem Geheimniſſe ſtand; getraute er ſich doch kaum, mit ſich ſelbſt daruͤber zu ſprechen. So weh und ſo wohl war ihm noch nie geweſen. Jetzt erſt verſtand er den Werth des Lebens, und doch fand er eine Gluͤckſeligkeit in dem Gedanken, fuͤr Adelinen ſterben zu koͤnnen. Haͤtte er dieſen Augenblick etwas erſinnen koͤnnen, um ſich Adelinens ausſchließlicher Huld fuͤr immer zu vergewiſſern, er haͤtte es mit ſeinem Blute er⸗ kauft. Nur eine einzige vertraute Seele im wei⸗ ten Weltenkreiſe haͤtte er haben moͤgen, ihr das ſtille Leid zu klagen, daß er Adelinen ſelbſt nie, nie das Geſtaͤndniß ſeiner unermeßlichen Liebe zu Fuͤßen le⸗ gen duͤrfe; da fiel ihm ſeine viellaͤhrige Lebensge⸗ faͤhrtin, ſeine Floͤte in die Haͤnde; ſie ward heute zur Verraͤtherin ſeiner geheimſten Empfindungen. Die unbeſchreibliche Wehmuth, die in dem wei⸗ chen Moll ſeiner Toͤne heute lag, ſtimmte ihn ſelbſt immer truͤber und truͤber. Er hob einigemale Paſ⸗ ſagen aus dem, Adelinen wohl bekannten Drouet⸗ ſchen fuͤnften Konzert in D. an, aber bald verließ er die launenhaften, capricioͤſen Tonſtuͤckſtellen des großen Meiſters, und verlor ſich in ein ſo regel⸗ loſes, tief verduͤſtertes Irr⸗ und Wirrſpiel, daß Adeline, von dem Schmachten der langgezogenen Klage⸗Klaͤnge tief ergriffen, mit verhaltenem Athem hinuͤber liſpelte:„was fehlt dir, armer junger Menſch?“ Aber ſtatt der Antwort weinten ſeine Lippen in das herrliche Inſtrument ſein Leid, das für ihn noch keinen Namen hatte, das ihn ſo gluͤck⸗ — 380— lich und ſo ungluͤcklich machte, und das ihm die Bruſt mit unermeßlicher Sehnſucht fuͤllte. Wie war doch die Mitternacht ſo ſtill! Jeden Ton, auch den leiſeſten, trugen ſpielende Herbſt⸗ luͤftchen zu Adelinens lauſchendem Ohr, und jeder fand von da den Weg zu dem ſonderbar aufgereg⸗ ten Herzen. Laurette, in der Reſidenz, mittelſt der, dem Hof⸗ perſonale gewoͤhnlich zu gute kommenden uͤberzaͤh⸗ ligen Freibillets, eine fleißige Konzertgaͤngerin, wollte ihr Licht leuchten laſſen, und lobte ſeine Em⸗ bouchuͤre, die Kraͤftigkeit ſeines Gruppetto(Dop⸗ pelſchlags) und ſeine Artikulation, und meinte, daß was bei der Geige der Bogen, bei der Floͤte die Zunge ſey, und daß durch deren Bewegung die Hauptnuͤancen des Vortrags beſtimmt wurden; dieſe Bewegung nannte ſie, ſehr gelehrter Weiſe, den Zungenſchlag, ſetzte auseinander, daß ſolcher Zun⸗ genſchlaͤge zweie ſeyen, wovon der eine die Sylbe Tit, und der andere die Sylbe Dii ausdruͤcke, und wollte ſich uͤber die drei Arten der Artikulation, uͤber das Stoßen, Schleifen und Piquiren, weitlaͤuftiger auslaſſen, aber Adeline, des albernen Geſchwaͤtzes muͤde, warf ein verdruͤßliches Bſt, Bſt, uͤber die Achſel zuruͤck, und legte ſich weiter aus dem Fen⸗ ſter, um keinen Laut zu verlieren. Immer ſanfter und weicher ward ſein Vortrag, und als er ſich in ein unendlich zartes Adagio ver⸗ lor, und das fromme Lied, das von ſeinen kunſt⸗ reichen Lippen zum Ewigen emporſtieg, zum Gebet ward, und der Ton immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, und am Ende wie der Hauch eines ſanft verſchei⸗ denden Lebens⸗Muͤden, im allerleiſeſten Schlußfalle — 341— verzitternd, dahin ſchwand, da hob Adeline, von der Schwermuth, die in dieſer Sphaͤrenmuſik lag, bis in das Innerſte der Seele aufgeloͤst, das Auge zu dem unermeßlichen Nachthimmel, und die flim⸗ mernde Sternenpracht des Firmaments ſpiegelte ſich in der Thraͤne wieder, die ihr an den langen ſei⸗ denen Wimpern hing. „Ich verſtehe Dich, mein Freund,“ ſagte ſie lautlos;„iſt es doch, als ſpraͤcheſt Du, was ich tief im wunden Herzen fuͤhle, deutlich in einer Spra⸗ che aus, die von Pol zu Pol, Jedem verſtaͤndlich iſt. Schlaf wohl. Vielleicht traͤumſt Du von mir; nur in der Traumwelt und in jener uͤber dem Grabe duͤrfen wir einander gehoͤren.“ Die Thee⸗Geſellſchaft. Noch ehe Treumunds kleiner Hofſtaat in die Re⸗ ſidenz zuruͤckkehrte, hatte ſich unter der Hofwelt ſchon das Geruͤcht von Emils Engagement verbrei⸗ tet, und zu den ſeltſamſten Vermuthungen und Zuſammenſetzungen Anlaß gegeben. Namentlich ward in den Soir es der Oberkammerherrin, wo ſich gewoͤhnlich der Aushub aller Waſchfrauen des erſten Ranges mit den Neuigkeits⸗Hauſirern der Thronſtadt zuſammenfand, hoͤchſt lebhaft daruͤber verhandelt. „Kinderchen,“ ſagte die Frau vom Hauſe mit frommem Spotte,„wir wollen uͤber die ganze Ge⸗ ſchichte den Mantel chriſtlicher Liebe ziehen; wo der belobte Herr Emil hergekommen, liegt ja am Tage. Wir ſind Alle jung geweſen, und einem raſchen Prinzen wird ein Seitenſprung von der Bahn der Tugend gern von Gott und Menſchen verziehen. Der Musje Emil iſt nun herangewachſen, und huͤbſch und groß geworden; die Vaterliebe iſt aufgewacht; man will das Fruͤchtchen vorwaͤrts bringen, hoch ſtel⸗ len; wir werden ſchon zeitig genug ſehen, was aus dem lieben Emilchen nicht alles gemacht werden wird. Es ſoll huͤbſch, gewandt, unterrichtet, und wohler⸗ zogen ſeyn. Nun, da wird es dem gnaͤdigſten Papa nicht ſchwer werden, den allergnaͤdigſten Herrn Bru⸗ der fuͤr den Schuͤtzling zu gewinnen.“ „ Beſte Excellenz,“ fiel die Konſiſtorial⸗Praͤſiden⸗ tin, eine liebe ſanfte Frau, ihr in das Wort,„dieſe Anſicht muß ich in gehorſamſten Zweifel iſtellen; Emils Mutter iſt ein rechtliches, ſtrengſittliches Weſen.“— .„Eine Italienerin!“ kreiſchte der engliſirte Ba⸗ ron von Stromatz, ſie unterbrechend, hinter ihrem Stuhle,„und was eine wälſche Tugend zu bedeu⸗ ten hat, das wiſſen wir Alle. Wie ruhig und kalt liegen unſere Alpen, unſere Fichtel⸗, Jura⸗, Harz⸗ und Schleſiſch⸗Boͤhmiſchen Rieſen⸗Berge da! In Italien?— hu, wie kochen und brauſen und gluͤ⸗ hen und brennen dort der Aetna, der Veſuv. Wie die Berge, ſo die Maͤdchen. Sehen Sie Emils Mutter nur in die Augen! Noch heute iſt es, als ſaͤhe man in zwei feuerſpruͤhende Sonnen. Was muß das erſt vor 24 Jahren fuͤr ein Maͤdchen gewe⸗ ſen ſeyn! denn ſo lange mag es ſeyn, daß ſie den finſtern Griesgram, den Hegemeiſter Wallenrodt zu Wuͤſtenbruͤck, draußen in dem Wald⸗Siberien, ge⸗ heirathet.“ „Fehlgeſchoſſen,“ donnerte der dickwanſtige Ar⸗ tillerie⸗General;„mit einer ſolchen, ihm von hoher Hand zugeworfenen Frau, haͤtte ſich Wallenrodt be⸗ — 83— ſtimmt nicht befaßt; das iſt ein Kernmann, ſtreng gegen Andere, eiſern gegen ſich.“ „Nun, engliſcher General,“ hob die gelbſuͤchtige Geheime Kriminalraͤthin an,„Eiſen wird zuweilen auch weich, wie Brei, namentlich im Hochofen; und je oͤfter es geſchmolzen wird, deſto ſproͤder pflegt es zu werden. Die Geſchichte mit dem Attila ſcheint Ihnen entfallen zu ſeyn!“ „Attila? Etzel, der hunniſche Prinz?“ brummte der General im ernſten Vierundzwanzigpfuͤnder⸗ Baſſe, ſtutzend vor ſich hin. „Ach Gott, nein, der Hundiſche,“ entgegnete die Kriminaliſche,„beſinnen Sie ſich nicht auf die fameuſe Geſchichte, als Wallenrodt auf der Jagd des hochſeligen Herrn Leibhund, den großen Solo⸗ faͤnger Attila, erſchoß, und darob in die allertiefſte Ungnade fiel? Mein Mann iſt damals noch Krimi⸗ ual⸗Auditeur geweſen, und hat die Unterſuchung gefuͤhrt. Der Hochſelige wollte ja in der erſten Hitze dem Unſeligen an Leib und Leben, und iſt außer ſich geweſen, als das ganze Hochloͤbliche Kri⸗ minal⸗Gericht, weil der Schuß blos aus Verſehen geſchehen, und ein Hund kein Menſch ſey, ſtatt der erwarteten Todesſtrafe lediglich auf einen dem Wal⸗ lenrodt zu ertheilenden Verweis erkannt, und die devoteſte Meinung zu aͤußern gewagt hat, daß es noch zweifelhaft ſey, ob der vorgelegte Caſus uͤber⸗ haupt zu den Kriminalfaͤllen gehoͤre. Bei Nacht und Nebel mußte nun Wallenrodt, der ſogenannte Meuchelmoͤrder, fort, dem hochſeligen Herrn aus den Augen. Auf der Hungerleiderſtelle zu Wuͤſten⸗ bruͤck, im oͤdeſten Forſtwinkel des Reiches, empfand er, bis dahin im Wohlleben und Ueberfluſſe des — 2— Hofglanzes groß geworden, das Ungluͤck ſeiner Ver⸗ bannung auf eine furchtbare Weiſe, und in der muͤrriſchen Erſtarrung, die ihn ſeit ſeiner Verwei⸗ ſung überfiel, hätte man ihm die Großmama des Beelzebubs zur Frau geben koͤnnen, er hätte ſie dort in der menſchen leeren Wuͤſte genommen, um wie viel mehr nicht die wunderſchoͤne Chiarina, die fuͤr ein Muſter weiblicher Liebenswuͤrdigkeit, und als Inbegriff des edelſten Frauen⸗Reizes, damals in der ganzen Reſidenz bekannt war, und die von des Prinzen Tremund Guͤte eine Ausſtattung er⸗ halten haben ſoll, der ſich keine Graͤfin zu ſchaͤmen gehabt haben wuͤrde; uͤbrigens bekoͤmmt ſie auch, wie man ſagt, von ihm bis auf den heutigen Tag, ein ſehr bedeutendes Jahrgeld. „Soll“ und„wie man ſagt,“ wiederholte der ehrliche General, brummend in der Grundtiefe ſeines Baßtons, mit verhaltenem Unwillen, und es klang, als brenne eine ganze Batterie in raſchem Rollfeuer los.„Koͤnnten wir doch die Woͤrterchen „ſoll,“„und wie man ſagt,“„und es will verlau⸗ ten,“„und man munkelt“ und dergleichen, ganz aus unſerer Sprache, ganz aus unſerm Herzen bannen! Wenn an der ganzen Geſchichte mit der Chiarina und dem Prinzen nur ein halbes Wort wahr iſt, ſo laſſe ich mich heute noch in die alte lederne Schweden⸗Kanone laden, die auf unſerm Zeughaushofe ſteht. Ich habe die Chiarina gekannt, ich; an dem Tage, als ſie aus Italien kam, avan⸗ cirte ich gerade zum Major. Ich weiß Maͤnner, kraͤftig, wie die Athleten, und andere, zart, wie Adonis, und wieder andere, reich, wie Croͤſus, und wieder andere, klug, wie Salomo, und liebenswuͤr⸗ dig und angenehm, wie die Weltleute und die Lot⸗ terbuben faſt immer ſich zu ſtellen wiſſen, wenn ſie darauf ausgehen, ein ſchuldloſes Maͤdchen zu ver⸗ derben. All' dieſe Menſchen umlagerten das itali⸗ ſche Kind, wo und wie ſie nur konnten, und bo⸗ ten in ihrer Schlechtigkeit alles Erſinnliche auf, ihre ſchaͤndlichen Zwecke zu erreichen.— Aber daß doch nur ein Einziger geweſen wäre, der ſich einer allereinzigen Gunſtbezeigung haͤtte ruͤhmen koͤn⸗ nen! Wie jetzt, gab es auch damals manchen jun⸗ gen Fant, der, um ſich bei den Spießgeſellen ſei⸗ nes Gelichters geltend zu machen, verworfen genug war, ſich mit der Zuneigung, mit dem Entgegen⸗ kommen der und jener huͤbſchen Frau, dieſes und jenes intereſſanten Mädchens, zu bruͤſten— auf dem Stahlſpiegel von Chiarina's Rufe haftete kein Roſtfleck, kein Hauch!— Sie wohnte einige Zeit mir gegenuͤber. Lag ſie druͤben im Fenſter, und ich oͤffnete zufaͤllig das meinige, ſo blieb ſie wohl druͤ⸗ ben ſtehen, wenn meine Frau dabei war; kam ich aber allein, oder kam, was nicht ſelten zu geſchehen pflegte, Beſuch zu mir, um das koͤſtliche Mädchen zu belugen, ſo entzog ſie ſich augenblicklich dem Auge des unberufenen Spaͤhers; ſie ging nie in maͤnnlicher Begleitung, und nie ohne Geſellſchaft ihrer Mutter, aus; ihr einziger Gang war in die Meſſe, und in die entlegenern, weniger beſuchten Partieen des Wildgartens; kurz, es fehlte nichts, als der Schleier, ſo war die Nonne fertig, denn ab⸗ geſchldͤſſener, eingezogener, kloͤſterlicher lebte in der ganzen Reſidenz kein Maͤdchen.— Und dieſe Chia⸗ rina ſollte in einem unerlaubten Verhaͤltniß mit — 36— dem Prinzen Treumund geſtanden haben? Nun und nimmermehr!“ „Protzen Sie, werther General, Ihre alte le⸗ derne Schweden⸗Kanone nur ab,“ piepte der kleine magere Hofkammerrath von Kroͤtenwiel, der wegen ſeiner unermudlichen Spionirſucht, wegen ſeines Ueberallſeyns, und wegen ſeines unerſchoͤpflichen Reichthums an Zutraͤgereien, allen Thee⸗ und Klatſch⸗ Zirkeln unter den hoͤhern Staͤnden der Reſidenz, eine unentbehrliche Grundſäule war. Ungluͤcklicher Weiſe gab es aber auch noch außer dieſen Kreiſen mehrere Geſchaͤftsmänner von hoͤchſter Bedeutung, die gern wiſſen mochten, was in der Reſidenz paſ⸗ ſire; und es darum nicht unter ihrer Wuͤrde hiel⸗ ten, dem kleinen Hofkammerrathe bei ſich offenen Zutritt zu geſtatten; das wußten die Leute in der Stadt, und deshalb fuͤrchtete und beachtete ihn ſelbſt der beſſere Theil, denn der ſchwarzen Seele, die in dieſem verkruͤppelten Koͤrper hauſte, war es ein Leichtes, Perſonen, die weiter nicht gefehlt, ſondern blos das kleine duͤnnleibige Menſchenkind zufaͤllig einmal uͤberſehen hatten, oder ihm und ſeinen Guͤnſtlingen und ſeinen Plaͤnen im Wege waren, in ſolchen unbehorchten Conferenzen, fuͤr werthloſe, unbrauchbare, in die neuen Einrichtun⸗ gen ſchwer fuͤgſame Leute, fuͤr Raiſonneurs, fuͤr Malcontenti's, und wenn ſie irgend einmal wirk⸗ lich ein freiſinniges Wort hatten fallen laſſen, fuͤr offenbare Volksverfuͤhrer anzuſchwaͤrzen. Keiner der Verfehmten konnte ſich rechtfertigen, Keiner ſich vertheidigen, Keiner ſich frei machen von dem uͤber ihn geworfenen Verdacht; aber wer die Giftfaͤden, mit denen dieſe Curaſſav⸗Spinne, aus reiner Teu⸗ felsluſt, und aus Sucht, ſich denen, die Freude an ſolchen Geheimberichten hatten, wichtig und in⸗ tereſſant zu machen, oft die Schuldloſeſten um⸗ ſtrickte, haͤtte durchaus verfolgen koͤnnen, dem waͤre es moͤglich geworden, ſich zu erklaͤren, warum ge⸗ rade die beſten Koͤpfe, die im Gefuͤhl ihrer ſelbſt, und im Bewußtſeyn, ihren Pflichtenkreis zu erfuͤl⸗ len, den kleinen Kroͤtenwiel, mit dem ſie in gar keiner Beruͤhrung zu ſtehen glaubten, unberuͤckſich⸗ tigt ließen, bei vorkommenden Befoͤrderungs⸗Ge⸗ legenheiten von ganz gehaltloſen Menſchen verdraͤngt wurden, die, mit dem geheimen Wirkungsbereiche des Hoͤllenzwergs beſſer bekannt, Blut und Leben daran geſetzt hatten, ſich deſſen wohlwollender Ver⸗ wendung, durch Heucheln und Schmeicheln, und mancherlei Opfer und aufmerkſame Huldigungen zu erringen. „Protzen Sie Ihre alte lederne Schweden⸗Kanone nur ab,“ piepte alſo der kleine Kroͤtenwiel, und legte die knochenduͤrren langſingerigen Haͤnde auf das uͤbergeſchlagene ſpitze Knie,„Sie ſterben einen ſchoͤnen Tod, einen wahren Artillerie⸗Generalstod; aber vorher muͤſſen Sie Ihren Glauben an die ita⸗ lieniſche Tugend feierlich abſchwoͤren.— Wenn ich von Geſchichten der Art hoͤre, da ſchleiche ich in alle Winkel und horche, und ſpuͤre und combinire; und ſäß es tauſend Klaftern unter der Erde, es muß heraus, und ſonnenklar werden; dann, nur dann kann man wiſſen, was an der Sache iſt. Glauben Sie mir, guter General, eine gut organiſirte Ge⸗ ſellſchaft kann ohne geheime Polizei ſo wenig beſte⸗ hen, als ein wohl eingerichteter Staat. Ich ruͤhme mich nicht gern ſelbſt, aber das darf ich ſagen, und — 33— das werden gewiß Viele hier im verehrten Kreiſe bezeugen koͤnnen; ich habe unglaubliche Dinge aus⸗ punktirt. Kammermaͤdchen, Troͤdelweiber, Friſeurs, Lakaten, Brieftraͤger, Fiakers, Alles muß, wo ĩich mich auf die Lauer lege, beichten; es koſtet mir manchen ſchoͤnen Thaler Geld, manches freundliche Wort, man⸗ chen ſauern Gang, manche unnennbare Opfer; aber Freund, die Freude, endlich mit dem Bergmann zu reden, vor Ort zu kommen, und der Leutchen Schwaͤ⸗ chen und Fehler zu erſchuͤrfen, wiegt das Alles auf. Nun kann ich die Haͤuſer, in denen ich zu verkehren das Gluͤck habe, von Allem, was ihnen zu wiſſen noͤthig, au tait ſetzen, und jeder meiner Bekannten weiß im Geheimen, woran er mit den Subjekten, die ich der Pruͤfung unterworfen, eigentlich iſt. Von der Heilſamkeit dieſer Maaßregel, und von dem Dank, den ich mir, namentlich in unſerer Damenwelt er⸗ worben, koͤnnte ich Ihnen hundert Exempel er⸗ zaͤhlen.“ „Herr Hofkammerrath,“ entgegnete der wackere General, von den Schlangenſchlichen der Mißgeſtalt angewidert, mit einem Ernſte, deſſen Kraͤftigkeit den ganzen Kreis erſchuͤtterte,„wenn ich eine Bat⸗ terie demontiren ſoll, da gehe ich mit meinem Ge⸗ ſchuͤtz gerade aus, und ſchieße dem Feind in das Ge⸗ ſicht; das iſt ehrliche Soldaten⸗Manier. Aber Men⸗ ſchen, um die ich mich eigentlich nicht zu bekuͤm⸗ mern brauche, auf den Zehen, und mit verhalte⸗ nem Athem nachzukriechen, und nicht eher zu ruhen und zu raſten, als bis ich weiß, daß ſie gefallen, und nun rund um im Kreiſe meiner Bekannten dies Fallen, was zuweilen auch nur ein Straucheln geweſen ſeyn kann, ſchadenfroh und ſchonungslos eiſe us⸗ irs, nich hen nan⸗ nber n zu zwaͤ⸗ auf. hren iſſen nten kten, Von dank, t er⸗ er⸗ ickere eſtalt igkeit Bat⸗ n Ge⸗ 8. Ge⸗ Men⸗ ekuͤm⸗ halte⸗ ruhen allen, unten ucheln igslos auszupoſaunen; nein, Herr Kroͤtenwiel, das war vielleicht zu den Zeiten der fluchbedeckten heiligen Inquiſition, aber heute noch keines geraden Mannes Sache.“ „Ehrliche Soldaten⸗Manier,“ kraͤhte der Hof⸗ Kammerrath, von des Biedermannes ſcharfer Rede gereizt, in ſeinem Kapaunen⸗Diskant.„Was macht Ihr denn, meine Herren, wenn Ihr mit Euerm groben Geſchuͤtz vor eine Feſtung kommt, die bis an die Zaͤhne verſchanzt iſt? Ihr minirt, wie Euch Belidor und Vauban gelehrt, nach Herzensluſt. Sind Eure Gallerieen, Eure Rameaux, Eure Horch⸗ gänge, und wie alle Eure, in ein foͤrmliches Syſtem gebrachten unterirdiſchen Erfindungen heißen, denn etwas anders, als meine verdeckten Wege? Sind ſie nicht in dem furchtbaren Augenblick, daß Eure Zuͤnd⸗ wuͤrſte Feuer gefaßt, tauſendmal verheerender, als meine unſchuldigen, lediglich meine, und meiner Freunde Kurzweil bezweckende Schaͤkereien?— Ge⸗ rade ausſchießen!— das haͤtte eine allerliebſte Ge⸗ ſchichte werden koͤnnen. Nach Ihrer Anſicht, beſter General, hätte ich dem Maͤdchen gerade aus in die Augen ſagen muͤſſen:„„Kleine, du biſt die Schöne des Prinzen; geſteh ehrlich und offen, damit wir wiſſen, was wir ſchon glauben““— Den folgenden Tag waͤre ich an das fernſte Ende des Reichs ver⸗ ſetzt worden, und eine ſolche horrible Frechheit haͤtte eine ſolche horrible Strafe verdient.— Nein, Freund General, man kann Alles thun in der Welt, Alles, nur mit Manier.— Doch zur Sache: Ich will jetzt die Reſultate meiner heimlichen Ermittelungen uͤber Ihre belobte Chiarina kurz zuſammen ſtellen; die Schlußfolge ſollen Sie ſich ſelbſt herausziehen, und LXIV. 8 — ÿo,,, — 90— dann, General, mit Ihnen Marſch in die Kar⸗ touche, und hinaus in die Luft.:“ Er ergriff mit bei⸗ den langen Ouranoutang⸗Armen den Stuhl unter ſich, und trug ihn dem Theetiſch naͤher, und Alle, außer dem General, ruͤckten dichter zuſammen, und ſchloßen den Kreis enger, um von dem ſchwachſtim⸗ migen Pfeifen⸗Gegurgel des kleinen Kroͤtenwiel nichts zu verlieren. „Für das Erſte,“ fuhr der Hofkammerrath, als das Gerauſch des Stuhlzuſammenrutſchens ſich ge⸗ legt hatte, fort, druͤckte den meilenlangen Zeigefin⸗ ger der vergelbten Rechten an den trockenhaͤutigen Daumen ſeiner Linken:„wann kam der Prinz aus Italien? Eine Woche vor Signora Chiarina. Fuͤr das Zweite,“ und die beiden Zeigefinger fuhren oben in den Spitzen klappernd aneinander:„wo kam Signora Chiarina her? Aus der Gegend von Fondi, wo der Prinz ein ganzes Jahr gelebt, und in dieſem einen Jahre, ohne den mindeſten ſichtba⸗ ren Aufwand zu machen, ſo viel Geld verthan hatte, als hier nicht in zehnen. Drittens: wovon lebte Signora Chiarina hier mit ihrer Mutter? Lediglich von des Prinzen Gelde, das deſſen Geheimer Hof⸗ bankier, der alte Aaron Veitel, ihr hoͤchſteigenhaͤn⸗ dig zuſtellte. Viertens,“ und er tippte dabei, als beruͤhre er jetzt den hoͤchſt delikaten Centralpunkt der ganzen Geſchichte, pfaniſſimo auf den linken Mittelfinger:„was wollte Signora Chiarina hier?— Nichts Geringeres, als, dem erhaltenen Verſprechen gemaͤß, Frau Prinzeſſin Treumund werden!“ „Herr Hofkammerrath,“ brach der Artillerie⸗Ge⸗ neral, ſeines Unmuthes uͤber die abſcheuliche Ver⸗ laͤumdung des edeln Prinzen nicht mehr Meiſter, in voller Ladung los:„Wenn das der Prinz gewollt haͤtte, ſo brauchte er das Maͤdchen nicht erſt hieher kommen zu laſſen; er konnte ſich dort mit ihm ver⸗ maͤhlen, und es als ſeine Gemahlin herbringen;— und— ich glaube, den ehrenfeſten Herrn beſſer zu kennen, denn eins von Ihnen— hatte Prinz Treu⸗ mund dem Maͤdchen ſeine Hand gelobt, ſo blieb er ihm treu und ehrlich zugethan, und haͤtten die Leute zwiſchen Beide ganze Welten voll Hinderniſſe und Schwierigkeiten werfen wollen.“ „Sachte, ſachte, mon General,“ kickeriete Kroͤ⸗ tenwiel im dreimal geſtrichenen Fis;„ich moͤchte Sie, wo es gilt, mit Ihren reitenden Sechspfuͤn⸗ der⸗Batterieen wohl einmal vorwaͤrts gehen ſehen; dies unaufhaltſame raſche Drein⸗h'nein⸗Schießen muß ſich ganz vortrefflich machen; aber Freund, hier bleiben wir ſtill ſitzen vor klaren baaren Thatſa⸗ chen, deren Aufzaͤhlung uns am Ende fuͤhren wird, wo wir hin wollen.— Sie ſprechen von Leuten; nun ja, allerdings waren es auch Leute, welche die Roſen⸗Chauſſee, die ſich der Prinz in das Reich der Liebe hinuͤber zu bauen getraͤumt hatte, mit undurchdringlichen Dornhecken und unuͤberſteigli⸗ chen Verhauen verſehen; aber was waren es fuͤr Leute? Die Hochſelige Frau Mutter des Prinzen war es, und mehrere Großen des Reichs, und man⸗ che andere vernuͤnftige„Leute“ des hoͤchſten Ran⸗ ges in den benachbarten Grenz⸗Staaten. Die ſetzten ihm auseinander, daß der von ihm beabſichtigte Schritt durchaus unthunlich ſey, und um ſo weni⸗ ger je im Leben genehmigt werden koͤnne, als ſein aͤlterer Bruder, der gegenwaͤrtige Regent, unver⸗ heirathet zu bleiben gedenke, und daher ſeine, Treu⸗ munds, Deſcendenz, durchaus ebenbuͤrtig und re⸗ gierungsfähig erhalten werden muͤſſe. Der Prinz indeſſen, von dem Liebreiz ſeines italieniſchen Klaͤr⸗ chens uͤber alle Beſchreibung geblender, reiſte, weil zur kirchlichen Einſegnung des Paares in ganz Ita⸗ lien ſich kein Prieſter verſtehen wollte, in dem fe⸗ ſten Glauben von dort ab, daß ſeine Frau Mutter, wenn ſie das Maͤdchen nur erſt ſelbſt ſehe, und wenn er auf die dereinſtige Uebernahme der Regierung feierlich verzichte, wohl werde anderes Sinnes wer⸗ den; dieſe aber nahm die Verzichtleiſtung nicht an, und was die geprieſene Schoͤnheit, die Chiarina be⸗ traf, ſo ſagte ſie ihm gleich den erſten Tag ſeiner Ankunft, daß ſie gar kein Verlangen nach der Ehre ihrer perſoͤnlichen Bekanntſchaft trage, und daß es ihm, wenn er ſie ſo uͤber alle Maaßen liebenswuͤr⸗ dig finde, und platterdings nicht von ihr laſſen koͤnne, voͤllig frei ſtehe, mit ihr ein beliebiges Ver⸗ häaͤltniß einzugehen, wobei jedoch—“„Herr Hof⸗ kammerrath,“ rief der General gluͤhroth vor Indig⸗ nation, und hob, ſich und die umſitzende Geſell⸗ ſchaft in der Wuth vergeſſend, den Stuhl, auf deſ⸗ ſen Lehne er ſich geſtuͤtzt hatte, hoch auf und ſtauchte ihn nieder, daß auf den umſtehenden Etageren alle Taſſen klirrten.„Herr Hofkammerrath, das hat die hochſelige Frau nicht geſagt; das war eine zuͤchtige, ſittſame Prinzeſſin, die auf Fuͤrſten⸗ und Frauen⸗Ehre hielt.“ „Nein, beſter General,“ erwiederte Krötenwiel triumphirend,„geſagt hat ſie es nicht, aber ge⸗ ſchrieben, und mit ſo eindringlicher unauslöͤſchli⸗ cher Dinte, und mit Anfuͤhrung ſo buͤndiger Rechts⸗ gruͤnde und ſo klarer, unanfechtbarer Vorſchriften — 95— aus den Hausgeſetzen, daß der Prinz ſich fuͤgen, die Chiarina ſofort entfernen, und einige Zeit darauf mit ſeiner, nunmehr verſtorbenen Gemahlin, das Beilager feiern mußte.“ „Mußte,“ wiederholte der General mit der ganzen Kraft ſeines ſchreckbaren Baſſes, und das ſchwer betonte Wort ſchlug in den Kreis ein, als haͤtte eine ganze Artillerie⸗Brigade eine Lage gege⸗ ben, denn es entſtand eine ſekundenlange Pauſe, in der kein Menſch, ſelbſt Krotenwiel nicht, ein Wort ſprach. „Rechnen wir nun,“ hob endlich der Hofkam⸗ merrath, von des Artilleriſten ſonderbaren Gewitter⸗ Weiſe durch und durch erſchuͤttert, leiſe an,„rech⸗ nen wir nun, daß dieſe Gluͤckswende mit dem vor⸗ hin erwähnten toͤdtlichen Hintritte des Hochfuͤrſtli⸗ chen Leibhundes Attila, in gleicher Zeit zuſammen traf; daß die verſchmaͤhte Chiarina in ihre Vater⸗ ſtadt zuruͤckzugehen billig Bedenken trug; daß ſie die Welt mied, und die Einſamkeit, die ihr das in tie⸗ fer Waldwildniß verſteckt liegende Wuſtenbruͤck, in weitem Umfange bot, als eine troͤſtende Freundin ſuchte; daß Wallenrodt ein auf Reiſen gebildeter, und durchaus unbeſcholtener rechtlicher Mann war; ſo laͤßt ſich wohl folgern, daß ſie in des Prinzen Vorſchlag, dieſen zum Lebensgefaͤhrten zu waͤhlen, endlich einzugehen ſich genoͤthigt geſehen haben muß. Stellen wir aber das Faktum, daß die Wallenrodt'⸗ ſche Verbindung, zur Zeit eines ſtarken Rohreifs und Glatteiſes, wodurch im Wuͤſtenbruͤcker Revier, am lichten Kiefern⸗Stangenwuchſe, ein Schaden von mehreren tauſend Thalern entſtanden war, Statt fand, mit dem Umſtande gegenuͤber, daß mit Eiben⸗*) und Lerchenbaum⸗Bluͤthen⸗Gewinden das Tiſchchen geſchmuͤckt war, auf dem, bei dem erſten und letzten religioſen Feſte der Art im Wallenrodt'⸗ ſchen Hauſe, das Taufbecken prangte; daß der Ober⸗ forſtmeiſter, weil er eben zur Auerhahnpfalz in Wuſtenbruͤck war, ganz unvermuthet zur Ehre der Gevatterſchaft kam; und daß alle die forſtdienſtpflich⸗ tigen Unterthanen, welche eben zum Ausklengen der Nadelholzzapfen im Forſthauſe verſammelt wa⸗ ren, am Tauftage mit einem Feſttrunke ſtattlich bewirthet wurden; ſo werden wir, ſelbſt bei einer nur oberflächlichen Kunde der Bluͤthezeit genann⸗ ter vaterlaͤndiſchen Holzarten, und bei nur ganz ge⸗ wöhnlichen Kenntniſſen im Fache der Ornithologie, und der Forſt⸗Kultur, dem jungen Herrn Emil, faſt mit Kirchenbuch⸗Zuverlaͤßigkeit in das Geſicht ſagen koͤnnen, weß Geiſtes Kind er ſey.⸗ „Das muß man dem Hofkammerrath laſſen,“ rief die Oberkammerhberrin beifällig, und die Mehr⸗ zahl der Umſitzenden beſtaͤtigte ihre Behauptung einſtimmig:„was er ermitteln will, das bringt er aus dem tiefſten Grunde heraus. Wie iſt das Al⸗ les jetzt ſo klar und deutlich mir vor Augen, wo ich ſonſt nur immer halbes Licht hatte! Kroͤten⸗ wiel! Sie ſind und bleiben ein ganz allerliebſter Mann; ich koͤnnte Ihnen ſtundenlang zuhoͤren, ſo anſchaulich wiſſen Sie einem Alles darzuſtellen.“ „Jetzt wird mir,“ ſagte die Koönſiſtorial⸗Praͤſi⸗ dentin, durch Kroͤtenwiels Auseinanderſetzung zur Proſelytin geworden,„auch erklaͤrlich, was der Pro⸗ feſſor Lactantius, als er neulich hier war, meinem — *) Taxus baccata. =ͤ8A e—, SD 2— das ſten ndt'⸗ ber⸗ in der lich⸗ igen wa⸗ tlich iner ann⸗ 3 ge⸗ ogie, mil, eſicht en,« Nehr⸗ tung gt er 8 Al⸗ „ wo oͤten⸗ ebſter a, ſo n.“ präſi⸗ g zur Pro⸗ einem — 95— Manne von dem auffallenden Aufwande erzaͤhlte, den der junge Wallenrodt auf der Univerſitaͤt ge⸗ macht; von der Anſtaͤndigkeit ſeiner ganzen Einrich⸗ tung; von der Eleganz ſeiner Bibliothek, und von der Verſchwendung, ſobald die Rede von Engagi⸗ rung der theuerſten und beſten Privatlehrer, und von Anſchaffung der ausgeſuchteſten literariſchen Huͤlfsmittel geweſen iſt. Er hat beim Profeſſor im Hauſe gewohnt, und woͤchentlich haben mehrere Ge⸗ lehrte und gebildete Geſchaͤftsmaͤnner eingeladen werden muͤſſen, um den jungen Emil mit dem ge⸗ ſelligen Umgangston immer in vertrauter Bekannt⸗ ſchaft zu erhalten; und im Winter iſt die Profeſ⸗ ſorin veranlaßt worden, monatlich einen Ball zu ge⸗ ben, damit der theure Pflegling auch in der feinen Damenwelt nicht fremd werde; natuͤrlich Alles auf Koſten des alten Wallenrodt, und daß dieſer den Aufwand aus eigenen Mitteln nicht hat machen koͤnnen, entnehme ich aus der Erwaͤhnung der Hun⸗ gerleiderſtelle, auf die der arme Mann iſt exilirt wor⸗ den; nun hat es zwar geheißen, daß die Mutter hauptſächlich es geweſen, die zur Erziehung und Bildung des Sohnes ihr ganzes aus Italien mit⸗ gebrachtes Vermögen Preis gegeben“— „Keinen Kreuzer hat die Perſon von dort mit⸗ gebracht,“ fiel ihr Baron von Stromatz in die Rede.„Ueberhaupt weiß ich wohl, daß jaͤhrlich viele tauſendmal tauſend ſchoͤne runde Thaler in jenes ſteinreiche aber geldarme Land wandern, aber wenn ich doch nur einen einzigen Pfennig haͤtte wieder zuruͤckkehren geſehen! Auch die Chiarina kam mit leeren Taſchen; der werthe Herr Aaron Veitel aber hat ihr horrible Summen gezahlt, — 96— 8 — A. und dieſe Geldzufluͤſſe hoͤren, heißt es, heute noch nicht auf.“ „Ich bin,“ unterbrach ihn die Oberkammerher⸗ rin,„nur auf die Mooshofen neugierig; iſt der junge Mann wirklich ſo ein Ausbund von Liebens⸗ wuͤrdigkeit, wie ſein Ruf ſagt, ſo ſoll mir es einen Hauptſpaß machen, die Demarchen zu beobachten, welche die ſchlaue Kokette einſchlagen wird, um ihn ausſchließlich zu ihren Fuͤßen zu ſehen. Noch hat Keiner, der in ihre Naͤhe kam, ihr widerſtanden. Sie hat ſie Alle in ihre Feſſeln geſchmiedet; haͤlt ſie ihn ihrer Besbachtung werth, ſo ſehe ich ihn auch ſchon in ihrem Triumph⸗Geſpann paradiren. Dann aber Gottes Gnade ſeiner Haut, denn ohne zehn Duelle mit zehn eiferſuͤchtigen Liebhabern kommt er nicht weg.“ „Hat nichts zu ſagen,“ brummte der General leiſe vor ſich hin, aber ſie horchten Alle und ver⸗ meinten in der Ferne eine dumpfe Kanonade zu hoͤren.„Auf den akademiſchen Fechtſaͤlen iſt er im Hieb und Stich der erſte Schlaͤger geweſen, und ſchon als Knabe von zehn Jahren hat er eine ihm als Schußziel hingehangene Kirſche⸗ zwanzig Schritt weit, nie verfehlt; er darf nur einem Einzigen eine recht eindringliche Lection geben, ſo ſind die andern Neune kopfſcheu und laſſen ihn in Frieden; aber ſich um der ſchoͤnen Mooshofen willen in Un⸗ gelegenheiten zu ſetzen— da ſollte er mir doch leid thun, denn bei ihrem luſtigen Flatterſinn wuͤrde ſie es ihm ſchwerlich danken. — ꝑ— A ch; e, Aur, h e, — Sch r i f t e n de. ch, MWé e Sh h, e, e A ee ö ze ien v An —n⸗ V,, 22 ihn ch, t;, het— 3 4 eee. 2n. me, hält H. Clauren. nuch 5 W. Me ane eee ehn 8e umt t eral ver⸗ zu r im und ihm hritt— igen G ddie. 4 den; Fuͤnf und ſechzigſtes Baͤndchen. Un⸗ leid— uͤrde Stuttgare, bei A. F. Macklot. 1 6 2 6. Inhalt. „ Der Friedhof zu Wüſtenbrück.(Fortſetzung)& 3. 42* Der Friedhof zu Wuͤſtenbruͤck. Die Thee⸗Geſellſchaft. In dem Augenblick platzten die Fluͤgelthuͤren auf, und die Graͤfin von Mooshofen trat mit ihrer engel⸗ ſchöͤnen Tochter, Dotwina, in den Kreis ein, und Beide verneigten ſich gegen die ſie begruͤßende Ge⸗ ſellſchaft, und die Oberkammerherrin bewillkommte ſie mit lauter Freundlichkeit, und bat die Mutter, auf dem Sopha den Ehrenplatz einzunehmen. „Sie kommen wie gerufen,“ hob der General, zu Dotwina gewendet, an;„es ging eben recht ordent⸗ lich uͤber Sie her, und ich kann nicht leugnen, auch ich fuhr Ihnen ein Paar leichte Feldſtuͤcke in den Ruͤcken; Ihre Exrellenz, die Frau Oberkammerher⸗ rin, ſagten naͤmlich, daß ſie ſehr begierig waͤren, die Demarchen zu ſehen, die Sie nehmen wuͤrden— aber, beſte Excellenz, was zupfen Sie mich denn ſo gewaltig? Bei meiner Treue, waͤre die Uniform nicht von Kerntuche, beide Schoͤße muͤßten mitten von einander ſeyn. Das Zupfen hilft Ihnen alles nichts, beſte Excellenz, ich ſage der Graͤfin Dotwina darum doch Alles, was wir hier hinter ihrem Ruͤk⸗ ken von ihr geſprochen haben, damit ſie ſich verthei⸗ digen kann; ich will mit mir den Anfang machen, und Ihnen offen und ehrlich bekennen, was ich von 4 1* — 4— Ihnen geſagt habe. Ich habe Sie des Flatterſinnes beſchuldigt, und behauptet, daß, wenn ſich einer 1 um Ihrer willen einmal mit zehen Anbetern von Ihnen herumſchoͤße, Sie es ihm ſchwerlich danken würden.“ 3 „Aus meiner Seele geſprochen, beſter General,“ rief, luſtig lachend, das froͤhliche Maͤdchen;„die zehen Anbeter werden geſtrichen; ich habe nicht einen; aber, wer ſich meiner kleinen Perſon halber in ſolche plombirte Verwickeleien einlaſſen ſollte, muͤßte ein großer Thor ſeyn; auch ſind, Gott ſey Dank, heut zu Tage ſolche ritterliche Kaͤmpen gar ſelten, die fuͤr die Geliebte ihres Herzens Blut und Leben ohne Umſtaͤnde in die Schanze ſchlagen.“ „Wir ſind alſo eines Sinnes, holdes Graͤf⸗ chen, und miteinander Freunde?“ ſagte der Gene⸗ ral, und reichte ihr ſeine Rechte;„nun Excellenz,“ ſetzte er, mit dem Blick auf die Oberkammerherrin gerichtet, hinzu,„fahren Sie Ihre Batterien auf, daß wir ſehen, wer von Ihnen Beiden den letzten Schuß behaͤlt.“ „Was wollen Sie denn von mir?“ fragte die Oberkammerherrin in der allerpeinlichſten Verlegen⸗ heit, und ruͤckte den Stuhl hin und her, als ſaͤße ſie auf einem brennenden Koͤhlchen. „Daß Sie,“ entgegnete der General lachend, „daß Sie, ſo ehrlich und offen als ich, der Comteſſe in das Geſicht ſagen ſollen, was Sie vorhin uͤber ſie hinter ihrem Ruͤcken geſprochen haben. „Herr General,“ erwiederte die Oberkammerher⸗ nnes einer von inken ral,“ „die nicht alber ollte, t ſey n gar t und 7 Graͤf⸗ Gene⸗ enz,“ errin auf, etzten te die legen⸗ ſäße hend, nteſſe er ſie erher⸗ — 5— rin kreideweiß vor geheimen Aerger,„ich begreife weder Sie, noch Ihre Manfer.“ „Meine Manier, Excellenz,“ entgegnete der Ge⸗ neral, und jedes Wort klang, wie der Donnerſchlag eines ſchweren Geſchuͤtzſtuͤcks,„iſt die Manier des Ehrenmannes, und darum thut es mir leid, wenn ſie Ihnen unbegreiflich ſcheint.“ „Vor Ihrem Regimente mag ſie,“ verfetzte die Verlegene, kaum ihres Ingrimms mehr mächtig, „vortrefflich ſeyn; nur im Kreiſe der feinen Welt— in meinem Hauſe—“ „Vor der Fronte meines Regiments,“ entgeg⸗ nete der General ernſt,„vor dem Angeſichte der ganzen Welt, und vor dem Throne meines Fuͤrſten, werde ich, ſo lange ich lebe, bei der Manier blei⸗ ben, und darum hoffe ich, damit auch in Ihrem ehrenwerthen Hauſe nicht anzuſtoßen. Beſtimmt meinen Sie es doch gut und ehrlich mit Comteſſe Mooshofen, ſonſt wuͤrden Sie ihr Ihr Haus nicht oͤffnen; auch wuͤßte ich nicht, womit die Comteſſe Ihr Wohlwollen in dem Grade verſcherzt haben könnte, daß Sie es gefliſſentlich darauf anlegen ſoll⸗ ten, ihr wehe zu thun.“ „Herr General, ich verſtehe Sie nicht,“ warf die Oberkammerherrin kurz hin, und ſchoß ihm ei⸗ nen Blick des verdruͤßlichſten Unwillens zu, der aber dieſe eherne Bruſt zu treffen nicht vermochte. „Will mich verſtaͤndlich machen,“ erwiederte der General,„und das abſichtlich, um Jedem, der hier im Kreiſe, heute Abend, von Abweſenden Nachthei⸗ — 6.— liges geſprochen, die Bitte an das Herz zu legen, in meiner Gegenwart wenigſtens, ſich aͤhnlicher, mir von Kindesbeinen an unertraͤglichen Unchriſtlichkeit nicht wieder zu Schulden kommen zu laſſen; was aber unchriſtlich iſt, das iſt in unſerer civiliſirten, und alſo auch vor Allem, in unſerer Hofwelt, un⸗ menſchlich. Glauben Sie mir, es wäre eine un⸗ uͤberſehbare Maſſe von Unfrieden, Haß, Verken⸗ nung, ſchiefen und ungerechten Urtheils, Familien⸗ zwieſpalt, und hundert daraus entſtehenden unſeli⸗ gen Uebel weniger in der Welt, wenn wir die Hand⸗ lungen Anderer, die uns eigentlich nichts angehen⸗ und deren Beweggruͤnde wir nur halb, oder gar nicht kennen, unbekrittelt ließen, und wenn wir uns zur heiligen Pflicht machten, uͤber die angebli⸗ chen Fehler und Vergehungen unſerer Mitmenſchen nie anders, als in deren perſoͤnlicher Gegenwart, das Verdammungs⸗Urtheil auszuſprechen. Wieviele Millionen unnützer, ſchaͤdlicher und boͤfer Worte wuͤrden weniger geſprochen; wie umſichtiger und gerechter wuͤrden die Menſchen beurtheilt, wie viele tauſend falſche Anſichten wuͤrden vermieden, und wie manche Perſonen, denen wir in unſerer Blind⸗ heit, und mit unſern verſchrobenen Brillen ſchreien⸗ des Unrecht thun, wuͤrden uns in einem ſo klaren, fleckenloſen Lichte gezeigt werden, daß wir uns mit Freuden veranlaßt ſehen wuͤrden, ihnen unſere ach⸗ tungsvollſte Theilnahme zu zollen, ſtatt daß wir ſie jetzt vermeiden, und ſie unſerer Beachtung kaum r werth halten. So ſtehen wir, durch die Verlaͤum⸗ 1 — 7— egen, dung Anderer irre geleitet, feindſelig gegen eine „mir Menge Menſchen, die vielleicht die liebenswuͤrdig⸗ chkeit ſten ſind; aber wir gehen ihnen aus dem Wege, was weil ſie uns, durch Unbeſonnene oder Böswillige, rten, mit Fehlern belaſtet, geſchildert worden ſind, die „un⸗ man ihnen entweder lediglich angedichtet hat, oder un⸗ die, bei naͤherer Beleuchtung, hoͤchſtens zur Klaſſe erken⸗ der menſchlichen Schwaͤchen gehoren. Was ſollte, ilien⸗ was muͤßte z. B. ein Dritter, der Sie, meine holde nſeli⸗ Comteſſe, nicht naͤher kennte— und vielleicht iſt dies Hand⸗ bei Manchem der hier im Kreiſe Befindlichen der ehen, Fall— von Ihnen denken, wenn Sie, in Ihrer Ab⸗ r gar weſenheit, wo es Ihnen alſo unmoglich iſt, ſich wir rechtfertigen zu koͤnnen, von einer hochachtbaren, gebli⸗ und darum glaubwuͤrdigen Dame, eine ſchlaue Ko⸗ iſchen kette genannt werden? Können Sie es ihm denn wart, veruͤbeln, wenn er, ſo lange er lebt, Sie aus dem eviele falſchen Geſichtspunkte betrachtet, auf den man ihn Worte durch dies grundloſe, und gewiß unuͤberlegte Wort, und geſtellt hat?“ viele Seit der Fuͤrſt Rimini Sigismund Randulph und Malateſta die Mörſer erfunden, hat keine Bombe ſo Blind⸗ ſchwer eingeſchlagen, als dieſes Wort, aber ſie hatte reien⸗ auch, meinte der alte General, ihre gehoͤrige Spreng⸗ laren, ladung gehabt, war tuͤchtig und richtig tempirt ge⸗ s mit weſen, und hatte daher zur gehoͤrigen Sekunde kre⸗ re ach⸗ piren muͤſſen. Kroͤtenwiel und Stromatz bis in ß wir den Tod erſchrocken, hoben ſich, die Haͤnde auf die kaum Stuhl⸗Raͤhme geſtuͤtzt, mit lang vor ſich geſtreckten laͤum⸗ Fuͤßen, zu gleicher Zeit, von ihren Sitzen in die — 8— Hoͤhe, und riefen mißbilligend,„aber Herr Gene⸗ ral!“ Dieſer indeſſen trat vor ſie hin, und fragte mit zermalmendem Kartaͤtſchen⸗Blick, was ſie von ihm wollten, und ſie ſetzten ſich Beide wieder nieder, und muckten nicht. Die Gräfin Mooshofen aber ſtand raſch auf, und wiederholte mit einem Schmerz, als ſey ihr die vier und ſiebenzig pfuͤndige Bombe mitten im Mutterherzen zerſprungen:„mei⸗ ne Tochter eine ſchlaue Ko— wer ſagte das von Dotwina?“ „Nun, Frau Oberkammerherrin,“ rief der Ge⸗ neral, und freute ſich, Dotwina's Ehren⸗Sache ſo weit zum Spruch gebracht zu haben:„ijetzt muͤſ⸗ ſen Sie heraus auf den Kampfplatz. Sie ſind um⸗ gangen, vollſtändig uͤberfluͤgelt. Vor Ihnen, die Hauptmacht des Feindes, hinter Ihnen, die Kern⸗ Artillerie ſeines treuen Alliirten. Schuß auf Schuß ſollen Sie haben, Lage auf Lage. Der Vortheil des Terrains iſt auf unſerer Seite; wir ſtehen auf den Sonnenhoͤhen der Klarheit und Wahrheit; Sie hingegen haben ſich unten aufgeſtellt auf dem truͤg⸗ lichen Moorboden des falſchen Leumunds, und in den dunkeln Defilten der lichtſcheuen Luͤge; nichts natuͤrlicher alſo, als daß Sie, ſchon nach dem erſten Dutzend Kernſchuͤſſe, unſer Uebergewicht fuͤhlen, und um Frieden bitten werden.“ „Beſten Dank, lieber General, fuͤr das Auxiliar⸗ Corps,“ ſagte Dotwina, und ſtrengte ſich ſichtlich an, aus der Sache einen Scherz zu machen.„Excel⸗ Lenz haben das ſo nicht gemeint, und das Ihnen AX. — Bene⸗ ragte ſie ieder vofen inem adige mei⸗ von r Ge⸗ che ſo nuͤſ⸗ dum⸗ „ die Kern⸗ Schuß il des if den Sie truͤg⸗ nd in nichts erſten , und riliar⸗ chtlich Excel⸗ Ihnen ſo hart ſcheinende Wort, im rein franzoͤſiſchen Sinne genommen, bezeichnet es ja nichts anders, als was wir Maͤdchen Alle ſind, froͤhliche Weſen, denen es Freude macht, wenn ſie nicht mißfallen; und im Beiwoͤrtchen„„ſchlau““ werden Sie doch nichts Boͤſes finden?“ Sie ergriff des Generals und der Oberkammerherrin Rechte, legte ſie in einander, trällerte:„Frieden wollen wir ſtiften,“ kuͤßte der alten Frau die Hand, brachte ſo die beiden Parteien zum Schweigen, und zog ſich auf dieſe feine Weiſe mit der ihr eigenen Anmuth aus der Affaire. Die Conſiſtorial⸗Praͤſidentin hatte Takt und Geiſtesgegenwart genug, den Faden des Geſpräͤchs ſchnell aus einem andern Wocken zu ziehen, und Athem genug, das Raͤdchen der Unterhaltung aus einem andern Tone fortſchnurren zu laſſen, und ſo kam die, fuͤr einen Geſellſchafts⸗Kreis, wie dieſer hier war, allerdings nicht paſſende Streitſache, nicht weiter zur Eroͤrterung. Die Oberkammerherrin aber brauchte uͤber eine Viertelſtuude, ehe das Blut, das nach Reaumur auf achtzig geſtanden, von die⸗ ſem hoͤchſten Siedepunkt wieder wenigſtens etwas zuruͤckfiel, und ruhiger wurde. Sie konnte kein Wort ſprechen, denn die zornblauen Lippen bebten und wackelten wider ihren Willen heimlich fort und fort, ſo, daß ſie von Zeit zu Zeit das Tuch vor das Geſicht hielt, um die unbezwingliche Mundklemme nicht allgemein bemerkbar werden zu laſſen. Der General, der ſo gern ſein ſaͤmmtliches, lange ſchon ſcharf geladenes Geſchuͤtz einmal los gebrannt haͤtte, — 10— aͤrgerte ſich, daß ihm die laͤngſt erwuͤnſchte Gelegen⸗ heit, ſeinem Ingrimme uͤber das heilloſe Treiben der ſogenannten großen Welt, einmal freie Luft zu machen, und der alten Frau, die nach ſeiner An⸗ ſicht, die liebloſeſten Klatſch⸗Fabrikanten vorzugs⸗ weiſe unter ihre ſchuͤtzenden Fittiche nahm, und die in der ganzen Stadt, als die privilegirte Geheime⸗ Ober⸗Praͤſidentin im hohen Rathe der Ohrenblaͤ⸗ ſer, Zutraͤger, Schleicher und Spione, von Hohen und Niedern gehaßt war, vom Grunde ſeines Her⸗ zens einmal recht ſyſtematiſch die Wahrheit zu ſagen, durch Dotwina's unvermutheten Friedensſchluß ſo unwiberbringlich verloren gegangen war; er brumm⸗ te, aus einem Fenſterbogen in den andern gehend, zuweilen halb laut vor ſich hin; kein Menſch ver⸗ ſtand, was er ſagte, aber jeder glaubte, das Puw⸗ wern eines fernen ſchweren Gewitters zu hoͤren, was herauf gewollt hatte, kontrairen Windes we⸗ gen aber wieder umzukehren genoͤthigt worden war, und ſich nun tief unten am Horizonte ſeiner Feuer⸗ maſſen entledigte. Kroͤtenwiel haͤtte vor ſeinem Le⸗ ben gern dem ſtoͤrrigen Stoͤrenfried ganze Ladungen Impertinenzen uͤber die Ungebuͤhrlichkeit gegeben, ſolche kleinbuͤrgerliche Moral⸗Lappalien, die in ei⸗ nen Kreis vom bon ton platterdings nicht gehoͤr⸗ ten, hier, in ſo feiner Aſſemblée auf den Teppich des Theetiſches zu bringen; und der Freiherr von Stromatz hatte ſchon einen gewiß recht ſchlagenden Witz auf der Zunge; er wollte ihm naͤmlich rathen, einen Supplement⸗Band zu Knigge's Umgang mit — — 11— Menſchen herauszugeben, und in dieſen, ſeine rein chriſtlichen Artilleriſten⸗Grundſaͤtze uͤber die Pflicht, ſich alles Urtheils uͤber unſere Mitmenſchen zu ent⸗ halten, fleißiglich aufzunehmen, und als Anhang die zwei Preisfragen aufzuwerfen, erſtlich: um was nun in den Salons der eleganten Welt die Unter⸗ haltung ſich drehen ſolle, und zweitens: welches nunmehr die beſten Mittel zur Vertreibung des Schlafs und der langen Weile in den feinern Thee⸗ Zirkeln und Soirées ſeyn duͤrften; aber Beide trau⸗ ten ſich nicht an ihn, denn er hatte ſie vorhin mit einem Paſſe⸗Volante⸗*) Blick beſtrichen, bei dem ihnen gar nicht wohl zu Muthe geworden war. Die Graͤfin Mooshofen ſprach keine Sylbe, und brach bald auf. Der General freute ſich, daß ſie hier in dem druͤckenden Dunſtkreiſe der Heuchelei und Verſtellung nicht aushalten konnte, und gab ihr bei'm Abſchiede die tröͤſtliche Beruhigung auf den Heimweg, daß ſie mit Comteſſe Dotwina in Gottes Namen gehen ſolle; er werde ihren Nuͤck⸗ zug decken, und deßfalls, wie bei Arriergefechten der Artillerie vorgeſchrieben, in ſchlagfertigem Stande bleiben; er wolle, ſo bald ſie ſich zuruͤckziehe, einige Dampfkugeln werfen, er habe fuͤr den Nothfall auch einige Kartaͤtſchenſchuͤſſe aufgeſpart, und koͤnne 2400 Fuß weit, mit Beutelkartaͤtſchen von 218 Bleikugeln dienen, die dem Feinde die Luſt zum Nachſetzen wohl verſalzen ſollten. *) Ein altes Schlangengeſchütz des ſechszehnten Jahr⸗ hunderts, das einen Viſirſchuß 840 Schritte weit trieb. —„— 12— Als ſie den Ruͤcken gewendet, ſah er es gleich⸗ ſam wie eine Ehrenſache an, das Feld nicht ſobald zu raͤumen. Er ſprach zu Beider Gunſten; und ſo emſig vorhin ein Jedes ſein Wurſgeſchuͤtz bedient, und es ſcharf gerichtet hatte, wenn der gute Name eines Dritten zum Zielſcheiben⸗Punkte aufgeſtellt geweſen war; ſo vernagelt, meinte er bei ſich im Stillen triumphirend, ſaßen jetzt Alle, denn Alle hatten an den vollen Ladungen, die ſie von ihm er⸗ halten, vollkommen genug. Ehe er ging, nahm er noch einmal das Wort, und ſagte, er wiſſe recht gut, daß man ihn fuͤr einen rohen Mann halte, und daß man behaupte, er paſſe mit ſeinen gera⸗ den Arten nicht in die Zirkel der ſogenannten großen Welt, aus denen Wahrheit und Herzlichkeit von je an, und faſt uͤberall, verbannt ſeyen; auch wolle er recht gern zugeben, daß er kluͤger gethan, ihr Unweſen, was ſie hier mit den ehrlichen Namen der vertheidigungsloſen Abweſenden trieben, unberuͤhrt zu laſſen; aber er werde ſich darum auf die Paar Tage ſeines Lebens nicht aͤndern; wer ihn nicht moͤge, koͤnne ihm aus dem Wege gehen, dagegen ließe er für die unſchuldig Gekraͤnkten, wer ſte auch ſeyen, Leib und Leben. Vor Allem aber mache er es einem Jeden hier im Kreiſe zur ſtrengſten und zur uner⸗ läßlichſten Pflicht, von dem, was der Herr Hofkam⸗ merrath uͤber das Verhaͤltniß des Prinzen Treu⸗ mund zur Hegemeiſterin Wallenrodt habe fallen laſſen, keine weitere Mittheilungen zu machen, ſon⸗ dern ſolches als voͤllig ungeſprochen anzuſehen. Wer —— —+—— &— 2 & G e& — —— N V N—— 1u u u 8— —,— — 13— dieſe Bitte, die er aus gebuͤhrender Ehrfurcht fuͤr den Prinzen, und aus inniger Achtung fuͤr ſein ehemaliges ehrenwerthes Gegenuber, fuͤr die Chia⸗ rina, der Geſellſchaft an das Herz lege, unbeachtet laſſe, habe ihn zum erklaͤrten Feinde. Er that hier⸗ auf, wie er es zu nennen pflegte, den Retraitſchuß, das heißt, er verabſchiedete ſich durch eine haltungs⸗ volle Verneigung gegen den Kreis, und ging. Als wenn am ſchwulen Nachmittage ſchwarze Wetterwolken ſich am Horizonte herauf thuͤrmen, und Allen fuͤr eine gewitterſchwere Nacht bangt, und auf einmal das drohende Ungethuͤm nach ſtar⸗ kem Leuchten aus dem Geſichtskreiſe verſchwindet, und kuͤhlende Luͤftchen die Atmoſphaͤre erquicken; ſo lebte der Zirkel wieder auf, als der General aus der Mitte geſchieden. „Ein kraͤftiger Biedermann,“ ſagte die Conſi⸗ ſtorial⸗Praͤſidentin. „Ein alter wackerer Degenknopf,“ ſchnarrte Stromatz. „Ein tuͤchtiger Artilleriſt,“ quickte Kroͤtenwiel mit ſehr erzwungener Beifalls⸗Miene, und wollte ihm eine gluͤhende Witzkugel nachſchicken; aber als lege ein unſichtbarer Feuerwerker, der Reſpekt vor dem Eiſenfreſſer, die linke Hand auf das Zuͤndloch, das gewoͤhnliche Zeichen, daß nicht abgefeuert wer⸗ den ſolle, er hatte nicht den Muth, die ſchon ein⸗ geſetzte Schlagroͤhre anzubrennen, und ſo blieb ihm der Witz ſtecken. „Kann ein ſehr guter Mann ſeyn, der General,“ — 14— ſagte die Oberkammerherrin,„aber,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„mit der Mooshofen hat er doch Unrecht, die kenne ich beſſer. Ich wollte nur nicht ſtreiten; ſie mag ſeyn, wo ſie will, ſo macht ſie ſich vor allen andern Maͤdchen bemerkbar, durch auffallenden An⸗ zug, durch uͤberfreundliches Entgegenkommen, durch Feuerblicke, die wie Gluͤhblitze einſchlagen, durch das ganze Weſen, durch die ganze Weiſe. Sie iſt huͤbſch, ſie iſt ſchoͤn, ſie iſt unterrichtet, ſie hat Tour⸗ nuͤre, ſie iſt geiſtreich, und nicht talentlos; indeſ⸗ ſen das ſind andere unſerer jungen Maͤdchen mehr oder minder auch; aber, ſagen Sie ſelbſt, ob dieſe nicht Alle immer in den Hintergrund zuruͤckgedraͤngt ſtehen, wenn ſie auf die Buͤhne tritt? Meine Nichte z. B. die kleine Putenheim, und die beiden niedli⸗ chen Duͤnkelborn— was ſind das nicht fuͤr aller⸗ liebſte Kinder! Maͤdchen, wahrhaftig wie die Pup⸗ pen, und aus uralten Haͤuſern; aber ſpricht denn nur ein Faͤhnrich mit ihnen, fordert ſie denn nur ein Hofjunker zum Tanz auf, wenn die, durch ihre uͤberirdiſche Zauberreize, alle Maͤnnerherzen in rei⸗ nes Nichts aufloͤſende Comteſſe Mooshofen ſich in ihrer Naͤhe befindet? Das iſt zum Aergern; ich muͤßte keine rechtſchaffene Tante ſeyn, wenn mir der Verdruß uͤber ſchnoͤde Zuruͤckſetzungen der Art nicht mein ganzes Blut durchgaͤllen ſollte. Man muß den Tag nach ſolchen Aſſembléen und Baͤllen die ungluͤcklichen Wuͤrmer erzaͤhlen hoͤren; man muß ſie ihre ſalzigen Thraͤnen dazu weinen ſehen, wenn ſie berichten, wie die gefeierte Koͤnigin aller u A* A—&+¼ o G ³8tðt 8 8*⁵ K 1888S8ERZN & 5 — 15— Kreiſe unſerer feinen Welt, die charmante Comteſſe Mooshofen, waͤhrend ſie den ganzen Abend ſtumm wie die Oelgötzen und auf ihren Stuͤhlen gebannt geſeſſen haben, als waͤren ſie darauf feſtgeſchraubt geweſen, vor lauter Reden und Plaudern und La⸗ chen und Tanzen gar nicht zu Athem hat kommen koͤnnen; wie die Prinzen des Hauſes, und die Gra⸗ fen, und die Großen aus den erſten Familien des Landes, ſie uͤberall umſtellt, ſich uͤberall an ſie ge⸗ draͤngt, ſich mit ihr, mehrere Monate im Voraus, auf Taͤnze verſprochen, und wie Alle unter einander gewetteifert haben, ihr tauſend ſchoͤne Dinge zu ſa⸗ gen. Einen Stein in der Erde moͤchte das erbar⸗ men, und ich bin Tante. Wenn ich dem General nur die rechten Karkaſſen haͤtte ſteigen laſſen wol⸗ len, er haͤtte ſchon klares Licht mehr denn zu viel bekommen ſollen; und damit er ſie nicht, was ich ſeiner Bosheit zutraue, haͤtte loͤſchen können, um ſich und uns im Dunkeln zu laſſen, und Recht zu behalten; ſo hätte ich ihnen zwiſchen die Rippen Mordſchläge treiben wollen, daß er meinen Leucht⸗ kugeln gewiß nicht haͤtte zu nahe kommen ſollen. Oh, ich verſtehe mich, wenn es ſeyn muß, auch auf ſeine Feuerwerkerei.“ „Bravo, Braviſſimo,“ ſchrie Kroͤtenwiel, und mit ihm faſt der ganze Kreis, und als ſey eine ein⸗ pfuͤndige Signal⸗Rakete, die bekanntlich 3500 Fuß hoch ſteigt, und ſechs deutſche Meilen weit leuchtet, in die Luft geflogen, um anzudeuten, daß der Feind das Feld verlaſſen, ſo ward nun Aller Mundwerk — 16— flink und ruͤhrig, und lebhafter als vorhin ging es jetzt über Dotwina und ſelbſt uͤber den General her, der wohl unſichtbar mitten im Theezirkel haͤtte ſte⸗ hen ſollen, um zu hoͤren, wie ſo gar nicht ſeine Lehren gefruchtet. Die Rückkehr aus Rehhagen. Gräfin Dotwina kannte den folgenden Morgen ſchon die Entſtehung und den Zuſammenhang des geſtrigen Auftritts; ſie fuhr bei einigen jungen Da⸗ men, die mit im Kreiſe geweſen, und von denen ſie wußte, daß ſie der Oberkammerherrin nicht abſon⸗ derlich hold waren, vor, und ließ ſich Alles haar⸗ klein erzaͤhlen. „Alſo deßwegen,“ ſagte ſie auf der Heimkehr, im Wagen laͤchelnd, zu ſich ſelbſt,„alſo deßwegen werde ich eine ſchlaue Kokette geſcholten, weil man vermuthet, ich werde den jungen Wallenrodt an meinen Triumphwagen ſpannen? Ja der alten boͤ⸗ ſen Frau zum Trotz will ich es nun thun, nota bene, wenn er ſo huͤbſch und intereſſant iſt, als man ihn ſchildert. Ihre einfaͤltigen unbehuͤlflichen Nichten, die beiden Duͤnkelborn, die Putenheim, und wie ihre verehrliche Sippſchaft weiter heißt, ſie ſollen ſich wieder einmal Alle todt uͤber mich aͤrgern; wiſſen die armen Weſen doch ohnehin nicht, wovon ſie den ganzen lieben langen Tag reden ſollen; nun es ſoll mir Spaß machen, ihnen Stoff dazu zu ge⸗ ben, und das recht reichlichen.“ In dieſem Augenblicke begegnete ihr Prinz Treu⸗ mund und deſſen ganzes Gefolge, von Rehhagen ——— te⸗ — 17— zuruͤckkehrend. Vorauf vier reitende Leibjäger mit quer uͤber den Sattel gelegten blanken Buͤchſen; dann— es ging im ſcharfen Trabe raſch an ihr vor⸗ uͤber, und alle die gruͤnen vorbeigalloppiren den Weid⸗ maͤnner des hoͤhern Ranges, und die Jagdjunker und Jagdpagen zogen vor der niedlichen Gräfin die bruchgeſchmuͤckten Huͤte, ſo, daß ſie vor lauter Ge⸗ gengruͤßen Alle unmoͤglich genau erkennen konnte— dann der Prinz Treumund im Sechsſpaͤnner, dann im zweiten ſechsſpaͤnnigen zuruͤckgeſchlagenen Wa⸗ gen, Prinzeſſin Adeline und Frau von Soulavie im Fond, Fraͤulein von Zeſen, wie billig, auf dem Ruͤck⸗ ſitz, und neben dem Wagen— der ſtolze kuͤhne Rei⸗ ter, der kraͤftig ſchoͤne junge Mann, der auf dem furchtbar wilden, bis dahin noch von keines Men⸗ ſchen Macht bezaͤhmten, arabiſchen Parade⸗Hengſt, Amru'ben Kalthun geheißen, feſt angewachſen ſaß, und zu den halsbrecheriſchen Bogenſaͤtzen des ſchaum⸗ bedeckten Rappen, mit einer Sicherheit und Ruhe laͤchelte, daß man wohl ſah, er ſey des aſiatiſchen Unbandes Meiſter— wer konnte das— ſie hatte ihm zwar nicht in das Geſicht ſehen knnen, denn dies hatte er ſeiner jungen Herrin zugewendet, aber auch dies konnte nicht ganz haͤßlich ſeyn, denn die Prinzeſſin, ſonſt die humanſte Herablaſſung ſelbſt, hatte fuͤr die Hunderte, die in der langen Straße die Fenſter oͤffneten, und fuͤr die Hunderte, die ihr rechts und links begegneten, und ſich tief und ehr⸗ erbietigſt verneigten, keine Augen; ihr beifaͤlliger Blick war einzig und allein auf den jungen Fremden LXV. 2. — 18— gerichtet, der— in dieſem Augenblicke ſtieg der Na⸗ mensvetter des, uns durch die Moallaraath bekannt gewordenen arabiſchen Dichters, kerzengerade gen Himmel! Die Prinzeſſin, ihrer Theilnahme, ihrer Angſt, nicht mehr Meiſter, ſtreckte beide Arme aus dem Wagen; alle Frauen und Maͤdchen jeglichen Standes rangen aus der Straße herauf und aus den Fenſtern herab, unter kurzem lauten Schreck⸗ ſchrei die Haͤnde dem ſichtlich Gefaͤhrdeten entgegen; der ſaß aber ſchlank wie eine Wahltanne auf dem uͤbermuͤthigen Pferde, und dieſes kam aus den Luͤf⸗ ten wieder auf die Erde herab, und ſchuͤttelte wuͤthig die Maͤhnen, und uͤberſchaͤumte vor Grimm, daß ihm die letzte Kraftanſtrengung, des ungebetenen Gaſtes ſich zu entledigen, nicht gelungen, knirſchend das ganze Gebiß. Dotwina— ſie mußte uͤber ſich ſelbſt lachen, ſie hatte, ohne es zu wiſſen, faſt mit dem ganzen Ober⸗ Koͤrper ſich aus dem Wagen gelegt, ſo daß es ihr wie ein halbes Wunder vorkam, nicht herausgefal⸗ len zu ſeyn. Der Zug bog jetzt um die Ecke, und ſie konnte von ihm nichts mehr ſehen, aber zu ihrer großen Verwunderung hoͤrte ſie noch in die⸗ ſem Augenblicke, welchen Eindruck der junge Fremde, vor deſſen Athleten⸗Kraft die Rieſenſtaͤrke des wil⸗ den Arabers ſich hatte beugen muͤſſen— auf Alle an dem Prinzlich Treumund'ſchen Hofe, von der Er⸗ ſten bis zur Letzten, von der Hoͤchſten bis zur Nie⸗ drigſten gemacht hatte; denn eben kam ein bei Jagd⸗ feſten der Art ſehr reſpektables Fuhrwerk, der Kuͤ⸗ und chenwagen, langſam nachgerumpelt, und hinten in der Schoßkelle thronte Dorothea, die bauernderbe klitſchrothe Kuͤchenmagd, den Sonnenhut zum Zei⸗ chen, daß auch ſie zum hochedeln weidgerechten Jagd⸗ gefolge gehoͤre, mit friſchem Bruch geſchmuͤckt, und ſchrie von ihrem zwiſchen Himmel und Erde ſchwe⸗ benden, wegen gaͤnzlichen Mangels an aller Elaſti⸗ zitaͤt, dem verſtockteſten Hypochondriſten als Radi⸗ kalmittel zu empfehlenden Sitze, einer ihr begeg⸗ nenden Kunſtgenoſſin zu:„Fieken, haſt Du das junge Mannsbild auf dem Kalten geſehen? das ho⸗ ben wir jetzt von der Jagd mitgebracht; das iſt—⸗ Dorothea wollte ſich des Breitern auslaſſen; der nach Hauſe eilende Wagenlenker aber ließ ſeine Viere etwas ſchaͤrfer auftreten, und augenblicklich gerieth die ungepolſterte Schoßkelle in ein dergeſtaltiges Schuͤttern, daß der Sprecherin alle zwei und dreißig Zaͤhne wackelnd im Munde klapperten, und ſie er⸗ barmungslos aus einem Winkel ihrer vierraͤdrigen Haͤngematte in den andern geworfen, kein Wort mehr uͤber die Lippen bringen konnte; ſie gab da⸗ her der Freundin durch Pantomime zu verſtehen, daß ſie ihr recht bald die Ehre ihres Beſuchs goͤnnen moͤge, um ſich des Weitern daruͤber ausplauderu zu koͤnnen. Dotwina druͤckte ſich in die weiche Tiefe ihres ſanft ſchaukelnden Wagens, und ging die eben ver⸗ lebten Augenblicke mit ruhiger Beſchauung noch einmal durch.„Ein großer Dichter,“ ſagte ſie,„hat, und ich fuͤhle jetzt, nicht mit Unrecht, irgendwo be⸗ * —— — 20— hauptet, die Popularitaͤt ſey einem poetiſchen Werke der Stempel ſeiner Vollkommenheit. Ein Buch, was von der Fuͤrſten⸗ wie von der Hirtentochter mit gleichem Intereſſe geleſen wird, kann nicht ſchlecht ſeyn, es muß ſeine entſchiedenen Vorzuͤge haben. Ein poetiſches Werk iſt“— ſie wollte mit der Sprache nicht recht heraus, denn ſie fuͤhlte die Kuͤhnheit ihres vielleicht nicht ganz paſſenden Vergleichs, und ſtockte darum ein wenig in ihrem Monologe, aber der Einfall war ihr zu uͤberraſchend, und gefiel ihr ſelbſt zu wohl, als daß ſie ſich ihn nicht in das Klare haͤtte ſetzen ſollen.„Ein poetiſches Werk der großen Schoͤpfung iſt“— hob ſie daher von neuem an— „gewiſſermaßen auch der junge Menſch, der kein Anderer ſeyn kann, als der vielbeſprochene Wallen⸗ rodt, und wenn es daher dieſem, aus dem Dunkel der kleinbuͤrgerlichen Unterwelt, ſo eben erſt, in die Sonnenbahn des Hofglanzes getretenen jungen Man⸗ ne in ſo kurzer Zeit gelungen iſt, ſich die lebhafte Theilnahme aller Stände zu gewinnen, ſo kann er nicht werthlos ſeyn. Ich bin jetzt ſehr begierig, ihn näͤher kennen zu lernen.“ „Fraͤulein ſind,“ ſagte ein Diener des Hauſes, der eben, als ſie ankam, vor der Thuͤre ſtand, und ſie mit den beiden Lakaien, die hinten aufgeſtanden hatten, aus dem Wagen hob,„naͤchſten Sonntag, nebſt der gnaͤdigſten Frau Mutter, bei Prinz Treu⸗ mund zum Ball eingeladen.“ „Wie gerufen,“ liſpelte Dotwina halb leiſe vor ſich hin, und ſchwebte leichten Ganges die Treppe hinauf. f — 21— Das Bild. Schon den naͤchſten Morgen mußte Emil, man⸗ ches gewagten Straubens ungeachtet, in die, bereits von Rehhagen aus, beſtellte Huſaren⸗Untform. Prinz Treumund empfing ihn mit ſichtbarem Wohlgefal⸗ len; er beſah den jungen bildſchoͤnen Mann, der wie in den reichen Parade⸗ Anzug gegoſſen ausſah, von oben bis unten, und von allen Seiten, und ſagte freundlich laͤchelnd,„ehe wir zu meinem Bru⸗ der fahren, muß Dich Adeline ſehen. Am Ende erkennt ſie Dich in dem neuen Koſtuͤm gar nicht; komm' mit mir.“ Der Prinz ging voraus, Emil folgte ihm, von der Nachricht, dem regierenden Herrn vorgeſtellt zu werden, nicht wenig uͤberraſcht. Was war das fuͤr ein weiter langer Weg, ehe der Vater zur Tochter kam! die vielen hohen wei⸗ ten Gemaͤcher! der glatte getaͤfelte Fußboden, die goldſtrotzenden Meubles; die thorwegweiten Fluͤgel⸗ thuͤren, mit den fuͤr einen Mann mittlerer Groͤße kaum erreichbaren Bronce⸗ Schloͤſſern; die falten⸗ reichen, alle Zimmer duͤſter verdunkelnden, ſchwer⸗ ſeidenen Vorhaͤnge! die aͤcht venetianiſchen Rieſeu⸗ fpiegel, deren keinen der Prinz voruͤber ging, ohne den Blick uͤber die Achſel hinein zu werfen, um ſei⸗ nen blanken Pracht⸗Huſaren darin zu ſehen! die meiſt dunkelfarbigen in Gold⸗ Rahmen geſpannten Tapeten! die vielgeſtaltigen, von den mit kuͤnſtlicher Stuckaturarbeit und herrlichen Plafonds verzierten, Decken herabhaͤngenden gigantiſchen Kronleuchter!— aber— wie war das Alles ſo oͤde— und ſtill! wie . Alles ſo unwohnlich und hoch und weit!— Das Einzige, was ihn haͤtte anziehen koͤnnen, und was er, bei fernerer Muße, in naͤhern Augenſchein zu nehmen beſchloß, waren die Gemaͤlde, mit denen mehrere Saͤle und Zimmer tapezirt waren, und uͤber die er jetzt im Durchfluge nur eine ſehr ober⸗ flaͤchliche Muſterung halten konnte. Hier war es auch heller und freundlicher. Dicht neben ihm an der Thuͤr, durch die der Prinz bereits in das an⸗ ſtoßende Zimmer vorausgegangen war, hing— was war das—? Emil ſtand feſt gewurzelt.— Seine Mutter gruͤßte ihn aus dem Rahmen des naͤchſten Bildes.— So hatte ſie ausgeſehen in fruͤherer Ju⸗ gend. So mußte ſie ausgeſehen haben. So hatte ſie ſich getragen. Mit freudigem Laͤcheln entſann er ſich in dieſem Augenblicke aus ſeiner Kindheit einer Scene, an die er ſeitdem nie wieder gedacht hatte, und die jetzt mit Blitzes Helle ihm vor die Seele trat. Als Kuabe von vier bis fuͤnf Jahren war er eines Tages auf das Zimmer der Mutter geſprun⸗ gen gekommen, und hatte ſie in dieſer, in dieſer naͤmlichen Tracht überraſcht; den nämlichen Korb auch hatte ſie vor ſich ſtehen gehabt, nur waren keine Trauben, ſondern Kirſchen, darin geweſen. Sie hatte Anfangs etwas unwillig geſchienen, daß er gekommen; ſie mußte ihn auch durchaus nicht er⸗ wartet haben; denn ihre erſte Anrede war geweſen, daß ſie geglaubt, er ſey mit Kurt, dem Jaͤgerbur⸗ ſchen, in die Baumſchule hinausgegangen, um ihn okuliren zu ſehen, und darauf hatte ſie gefragt, was — 25— er hier zu ſuchen; da er aber in der Freude ſeines Entzuͤckens mehr als einmal ausgerufen, daß ſie in der Tracht ſehr ſchoͤn ausſehe, und gebeten, noch ein Bischen dableiben und ſie anſehen zu duͤrfen, und in der Sprache, die ſie Beide immer mit ein⸗ ander geſprochen, in der italieniſchen verſichert habe, daß er ſchoͤn Muͤtterchen viel tauſendmal lieber ſehe, als Kurt, den Jaͤgerburſchen mit ſeinem Okulirmeſ⸗ ſer; da hatte die Mutter freundlich gelacht, und ihn auf den Schooß genommen, und ihn an ihr Herz gedruͤckt, und er hatte mit ihren Locken und mit den Blumen in ihrem Haar und mit den lan⸗ gen blinkenden Glocken im Ohr geſpielt, und mit den Quaſten auf ihrer Huͤfte, und hatte ſie gefragt, warum ſie nicht immer ſo ginge; und ſie hatte ge⸗ ſagt, daß ſich das hier nicht ſchicken wuͤrde, und daß man ſo nur in Italien ſich trage*), und darauf hatte ſie erzaͤhlt von dem paradieſiſchen Lande der Heimath, und von dem Frieden der Unſchuldswelt unter jenem ewigen Fruͤhlingshimmel, und ſie war allmaͤhlig immer wehmuͤthiger geworden, und hatte am Ende heiße Thraͤnen geweint, und laut geſchluchzt. Da hatte ihm die arme Mutter leid gethan, und er *) Man nennt dieſe Trachrt, die in Fondi, Itri und vie⸗ len Ortſchaften der Abruzzen heimiſch iſt, Cioccara, von Cioccie, der Fußbekleidung der Frauen und Mädchen, welche aus einem Stück Ziegenfell, das Rauhe inwen⸗ dig, beſteht, und gleich den Sandalen, gebunden wird. Die Bruſt⸗ und Nückenbekleidung iſt nur das Hemd; mittels Tragbänder hält ſich ein um den ganzen Kör⸗ per gewickeltes Stuck Tuch, gewöhnlich blau mit rothen Verzierungen, — 24— hatte, ohne eigentlich zu wiſſen warum, mitgeweint; und nachher harte er das Alles dem Vater erzaͤhlen wollen; der war aber damals gerade auf mehrere Wochen verreiſ't geweſen, bei deſſen endlicher Ruͤck⸗ kehr aber hatte er den ganzen Auftritt langſt wie⸗ der vergeſſen.—— Und jetzt— als ſchlage aus wei⸗ ter Ferne mehrjaͤhriger Vergangenheit das Echo je⸗ nes Schluchzens, in dem ſich der geheime Kummer der ungluͤcklichen Mutter damals ergoſſen, an ſein kindliches Herz, und ruͤttelte ihn aus ſeinem Schlum⸗ mer auf, daß er mit klarem Auge ſchauen ſolle, was um ihn vorgehe, und daß er ſehe, wie jene heiß ge⸗ weinten Zaͤhren auf die Thronſtufen des Allgerechten gefallen, der mit ſeines Armes zerſchmetternder Ge⸗ waltgekraͤnkter Unſchuld Rechte von Ewigkeit zu Ewig⸗ keit in feſten Ehren häͤlt, und Jeden, der aus Leicht⸗ ſinn oder Bosheit gar die Rechte kräͤnkt, bis an des Grabes lange Nacht verfolgt.— Die Haͤnde vor der Bruſt gefaltet, ſtand er, den Verhaͤltniſſen der Gegenwart ganzlich entruͤckt, noch immer vor dem Bilde;„guten Morgen, meine liebe, meine heilig ge⸗ liebte Mutter,“ liſpelte er ihm mit kindlicher Innig⸗ zeit zu, und die heißeſte Sehnſucht, dem goldenen Kaͤfichleben bier entſchweben, und in ihr trauliches Stuͤbchen, in ihre Arme, an ihr Mutterherz hinuͤber fliegen, und ſie fragen zu koͤnnen, warum ſie damals ſo bitter geweint, und wie ihr Bild hierher— hierher komme, draͤngte ihm alles Blut im Herzen zuſammen. In dem Augenblicke kehrte der Prinz, der ge⸗ glaubt hatte, Emil folge ihm auf dem Fuße nach, und der durch den naͤchſten Spiegel im anſtoßenden Zimmer von ſeinem Irrthum belehrt worden war, zuruͤck, um zu ſehen, wo ſein Huſar bleibe. Emils erbleichendes Geſicht, ſein raſches Wort, „das iſt meine Mutter!“— und die, dem Schuld⸗ bewußten, wie ſcharfſchneidiger Vorwurf klingende Frage:„wie kommt das Bild hierher?“ fielen wie drei ſchwere Donnerſchlaͤge in des Prinzen Gewiſſen. Er zog, am ganzen Koͤrper zitternd, Emil mit lei⸗ denſchaftlicher Heftigkeit in ſeine Arme, druͤckte den uͤberraſchten Juͤngling an ſein ſtuͤrmiſch bewegtes Herz, warf ſich in den naͤchſten Lehnſtuhl, barg ſein Geſicht in das Taſchentuch, fing, der ſichtbarſten Anſtrengung, ſich der Thraͤnen zu erwehren, unge⸗ achtet, an, laut zu weinen, und verließ in dieſem hochaufgeregten Zuſtande eilends das Zimmer. Von Emils Augen waren die Schuppen gefallen. Er wußte jetzt, auf welchem Boden er ſtand. Er zweifelte an ſeinem Verſtande; an der Kraft ſeiner Sinne, all' das Ungeheuere zu faſſen; an der Wirk⸗ lichkeit Alles deſſen, was er ſo eben mit eigenen Augen geſehen hatte. „Mutter, iſt es denn wahr?“ wollte er fragen, aber er ſah in das fromme Engelsgeſicht, aus dem ihn die reinſte Unſchuld mit der himmliſchen Ruhe der jungfraͤulichſten Argloſigkeit anlaͤchelte.„Nein, es iſt nicht moͤglich, es iſt nicht wahr,“ rief er blu⸗ tig zerriſſenen Herzens,„oder du biſt fuͤrchterlich betrogen worden.“ Es uberfiel ihn ein fieberhaftes leiſes Zittern, Clauren Schr. LXV. 3 — 26— daß er nicht aufrecht ſtehen konnte; er ſank auf den naͤmlichen Seſſel, auf dem vorhin der Prinz geſeſ⸗ ſen. Er umkrampfte mit beiden Haͤnden den Knopf ſeines, zwiſchen den Fuͤßen vor ihm ſtehenden, Saͤ⸗ bels, und lehnte ſich mit der gluͤhenden Stirne daran, und ſchloß die Augen, denn er mochte in dieſem Augenblick von der ganzen Welt nichts ſehen. Ja, es war wahr! Es mußte wahr ſeyn. Von allen Seiten draͤngte ſich ihm eine Menge von Um⸗ ſtaͤnden auf, die zuſammen genommen— er mochte ſich nun dagegen ſtraͤuben, ſo viel er wollte— mit faſt mathematiſcher Gewißheit das Reſultat feſtſtell⸗ ten, daß— er konnte es vor Schaam in ſeiner Seele, und in der Seele ſeiner unbeſchreiblich geliebten Mutter, nicht ausſprechen! Aber tauſend Dinge fielen ihm jetzt auf, die fuͤr ihn ſonſt ohne alle Bedeutung geweſen waren; der mit dem vaͤterlichen Dienſt⸗Einkommen in gar kei⸗ nem Verhaͤltniß ſtehende ſehr bedeutende Aufwand auf ſeine Erziehung; der Mutter einſiedleriſches, von der ganzen Welt und allem Umgange abge⸗ ſchiedenes, Leben; ihr uͤberſtrenger aſcetiſcher Wan⸗ del; ihr himmliſches Dulden und Schweigen bei des Vaters muͤrriſcher Erſtarrung; das auffallend ſonderbare Verhaͤltniß zwiſchen Beiden; die Achtung des einen Theils vor dem andern; des Vaters reine, faſt an Anbetung grenzende Ehrfurcht vor dieſer ſtillen Kreuztraͤgerin; ihre feſte, und nicht ſelten laut werdende, Anerkennung ſeiner Tugenden, ſei⸗ ner Pflichtmaͤßigkeit, ſeiner Rechtlichkeit, ſeiner Sit⸗ & Ne NPo—'— H— o——————-—““ tenreinheit und ſeiner verſteckten Aufmerkſamkeit auf die leiſeſten ihrer Wuͤnſche; und doch unter Bei⸗ den kein herzliches Wort, kein freundlicher Blick! Die einzige Zeit, daß ſie ſich ſahen, war die waͤh⸗ rend des Eſſens, und da ſaßen ſie oft drei, vier Mittage hintereinander ſich gegenuͤber, ohne eine Sylbe zu ſprechen, oder kam es ja zu einer Unter⸗ haltung, ſo hatte ſie ganz alltaͤgliche Dinge des hauswirthſchaftlichen Lebens zum Gegenſtande. Ei⸗ nen Haͤndedruck, einen Kuß— ſo lange Emil lebte, konnte er ſich nicht entſinnen, etwas der Art je ge⸗ ſehen zu haben. Um der möͤglichſten Sicherheit der landesherrlichen Forſtkaſſe willen, in der ſich zuwei⸗ len zehn und zwanzig tauſend Thaler befanden, ſchlief der Vater dicht neben derſelben, unten im gewoͤlbten Erdgeſchoß, und hatte alle vier Waͤnde ſeines Kaͤmmerleins mit ſcharf geladenen Piſtolen, Flinten und gezogenen Doppelbuͤchſen dekorirt. In der Naͤhe aller dieſer Schreck⸗ und Vertheidigungs⸗ Apparate aber haͤtte die zaghafte Mutter kein Auge zuthun koͤnnen. Ihr Schlaf⸗Kabinet befand ſich daher im erſten Stockwerke, und war wie das ganze Haus auf das Geſchmackvollſte eingerichtet. Vater Wallenrodt— Emil hatte ihn von Jugend auf kind⸗ lich gefuͤrchtet, und kindlich geliebt. Jetzt ſtand die⸗ ſer ſeltene Mann in ſeiner Achtung und in ſeiner Liebe noch um mehrere Stufen hoͤher. Mit wel⸗ cher zarten Gewiſſenhaftigkeit hatte er die vor der Welt angenommene Vaterrolle bis dieſen Augenblick durchgefuͤhrt! Emil durchflog die Geſchichte ſeiner 3* ganzen Jugend. Anuch nicht ein einziges Mal ent⸗ ſann er ſich, von ihm ſtiefvaͤterlich, lieblos, unge⸗ recht behandelt worden zu ſeyn. Sobald er hatte ſprechen und laufen gekonnt, hatte er immer um den Vater ſeyn muͤſſen; dieſem hatte uͤberall etwas ge⸗ fehlt, wenn Emil nicht in ſeiner Naͤhe geweſen war; wie manches ſchoͤne halbe Abendſtuͤndchen hatte er dem Vater maͤuschenſtill zwiſchen den Fuͤßen geſeſ⸗ ſen, wenn dieſer unten am Wieſenrande, oder beim Krautgarten auf den Anſtand ſich geſtellt! Als Emil zur hohen Schule abgegangen, war der Vater meh. rere Meilen mit ihm gereiſ't, hatte von Station zu Station Abſchied genommen, und ſich immer nicht von ihm trennen koͤnnen; und nach der Heim⸗ kehr hatte er zu Hauſe mehrere Monate ſtill und in ſich gekehrt geſeſſen, und ſtundenlang halb laut mit Emil geſprochen, und das Ende aller ſolcher Selbſt⸗ geſpraͤche war immer geweſen, daß er die Haͤnde in die Luft hinaus gerungen, und mit gepreßter Stimme geſeufzt hatte:„rein, kriſtallrein, iſt er von uns gegangen, wenn ſie ihn in der ſchlechten Welt nur nicht verderben!“ Haͤtte Etwas die Achtung fuͤr den wackern Wal⸗ lenrodt, welche ſich durch jahrelangen Umgang mit ihm im Herzen der ungluͤcklichen Mutter allmaͤhlig begruͤndet hatte, vermehren koͤnnen; ſo waͤre es dieſe zarte, dieſe ruͤhrende Liebe zu dem Weſen ge⸗ weſen, was gerade die Grund⸗Urſache ihres, ih⸗ ren beiderſeitigen Neigungen nicht entſprechenden, Zwangs⸗Verhaͤltniſſes war. Wie oft mochten Beide — 29— in truͤben Augenblicken ihres ewig freudenleeren Lebens ſein Daſeyn verwuͤnſcht, wie oft ſich die ro⸗ ſenen Tage ausgemalt haben, mit denen das Ge⸗ ſchick, jedes von ihnen auf ſeinem beſondern Wege, erfreut haben koͤnnte, wenn er nicht das ungluͤckſe⸗ lige Band geweſen waͤre, das Beider Erxiſtenz wider ihren Willen an einander gekettet haͤtte, um bis zum Tode einander zu gehoren, ohne Traulichkeit, ohne Herz, ohne Liebe. Ganz im Dunkeln entſann er ſich, von einem ſeiner aͤltern Mitſchuͤler aus dem Gymnaſium, die Ungluͤcksgeſchichte mit dem Attila gehoͤrt zu haben. Wahrſcheinlich, beſtimmt war die einzige Bedingung, wieder zu Gnaden aufgenom⸗ men, und irgendwo auskoͤmmlich angeſtellt zu wer⸗ den, die Verbindung mit der Mutter geweſen, die man in aller Geſchwindigkeit auf gute Manier ent⸗ fernen und verſorgt wiſſen wollte. So, ſo unge⸗ faͤhr hatten ſich die Faͤden verſchuͤrzt, die fort und fort fuͤr den ehrlichen Wallenrodt wie fuͤr die arme Mutter mit roſener Seide ſich nicht umſpannen, ſondern von der hartfingerigen Klotho aus einem ungehechelten Werg⸗Wocken gezogen wurden, ſo, daß ſich unaufhoͤrlich Schaben und ſcharfe Dornenſtacheln mit eindrehten. Wie ſo klar wurde ihm jetzt die damals ſo dunkle Abſchiedsbitte der Mutter, Niemand zu verurthei⸗ len, ehe er ihn gehört, ehe er ihn ſelbſt gehoͤrt habe! Er war, den Zweckh dieſer Bitte nicht ahnend, unzart genug geweſen, zu fragen, ob ſie dieſe muͤt⸗ terliche gute Lehre dem kuͤnftigen Richter, dem Men⸗ 1 ſchen oder dem Sohne mit auf den Weg gebe, und ſie hatte geantwortet, dem Richter, dem Menſchen, und— da war ihr die Stimme gebrochen, und ſie hatte mit ſichtbarer Anſtrengung, ſich des Weinens zu enthalten, leiſe hinzugeſetzt:„und dem Sohne.“, Was mußte es dieſem fleckenloſen, engelreinen Weſen nicht gekoſtet haben, ſeinen eigenen Sohn zu bitten, die Mutter nicht ungehoͤrt zu verdammen! „Nein,“ rief Emil, und ſprang auf, und eilte wie⸗ der zu dem Bilde hin:„ich will an dich glauben, mein Muͤtterchen, und an deine himmliſche Unſchuld ſo feſt, wie an meinen Gott, und an den Ausſpruch eines dereinſtigen Weltgerichts. Ich kann das Schul⸗ dig uͤber dich nicht ausſprechen. Ich kann dich nicht verdammen. Es iſt mein hoͤchſter Stolz, dich Mut⸗ ter nennen zu duͤrfen. Nun ich dir wieder in das klare fromme Auge ſehe, will ia, zehentauſend koͤr⸗ perliche Eide auf deine Unſchuld ſchwoͤren; und wenn mich dein milder Blick wieder anlaͤchelt, wird meine Ueberzeugung, daß— „Durchlaucht haben befohlen, daß heute nach Hofe nicht gefahren werde,“ meldete dicht hinter ihm ein goldbetreßter Lakai des Prinzen, und ging, und Emil fuhr erſchrocken zuſammen, denn er hatte den Schleicher nicht kommen gehoͤrt, und was mußte dieſer Menſch von ihm denken; irrte er ſich nicht, ſo hatte er mit dem Bilde der Mutter laut geſprochen. War es Aerger, daß er ſich von dem Bedienten hatte belauſchen laſſen, oder war ihm druͤckend, von dem Manne, der ſeiner Mutter und dem biedern — — 31— Wallenrodt das Leben bis zum letzten Seufzer ver⸗ giftet hatte, hier Befehle annehmen zu ſollen; oder war es ihm verdruͤßlich, ſich vergeblich in die ihn noch uͤberall druͤckende und zuſammen klemmende Uni⸗ form gezwaͤngt zu haben, oder war ihm ſeine ganze Rolle, ſein ganzes Leben hier eine Laſt; der Unmuth uͤberwallte ihn ſo maͤchtig, daß er Muͤtze, Saͤbel, Schaͤrpe, Handſchuh, Pelz und Huſarentaſche, mit dem heftigſten Ungeſtuͤm in den fernſten Winkel des Zimmers ſchleuderte. „Lieber Wallenrodt, was haben Sie vor?“ fragte mit ſanfter Stimme Prinzeſſin Adeline, und ſah den faſt bis zur Wuth verſtimmten Menſchen hoch verwundert an.„Es war mir vorhin, als naͤhere ſich Jemand meinem Zimmer; dem Gange nach war es der Vater; ich harre des Augenblicks, daß er die Fhuͤre oͤffnen und eintreten werde; allein es kommt Niemand; auf einmal hoͤre ich eine Weile nachher ein ganz ſonderbares Geraͤuſch; in der Vorausſez⸗ zung, daß der Vater, deſſen Naͤhe ich beſtimmt ver⸗ muthete, weil ich ihn am Gange erkannt hatte, hier etwas vornehmen laſſe, was dieſes auffallende Ge⸗ räuſch verurſache, oͤffne ich die Thuͤr, um— und ſtatt des Vaters ſtehen Sie hier, und ſchleudern ein Uniformſtuͤck nach dem andern, mit einem Unmuthe von ſich, daß der Widerwille, mit dem Sie ſich zur Anlegung dieſes Coſtuͤmes haben vermoͤgen laſſen, nur zu ſichtbar wird.— Fuͤr raſch in Wort und That habe ich Sie wohl gehalten, aber—“ ſetzte ſie mit gedaͤmpfterm Tone und mit recht freundlichem Geſicht hinzu, um den Vorwurf moͤglichſt zu mil⸗ dern,„aber einen ſolchen kleinen Hitzkopf haͤtte ich Ihnen doch nicht zugetraut.— Mein lieber Wal⸗ lenrodt, hier muͤſſen Sie Ihres Willens viel mehr Herr werden, ſonſt kommen Sie auf dieſem Boden nicht fort. Waͤren Sie ein Prinz, ſo wuͤrde man Ihre Unart, Energie, Selbſtgefuͤhl, kraͤftige Groß⸗ that nennen. Denn ein Prinz kann thun, was er will; ſeine knechtiſche Umgebung wird, zum großen Verderben ſeiner Seele, Alles ganz vortrefflich fin⸗ den. Aber Sie, mein lieber Freund!— Mein Va⸗ ter meint es gut mit Ihnen. Er liebt Sie, wie ſeinen eigenen Sohn. Er hat die beſten Plaͤne fuͤr Ihre Zukunft.— Wie wuͤrde er ſich gekraͤnkt fuͤh⸗ len, wenn er ſaͤhe, was ich geſehen.— Schonen Sie ihn um ſeiner himmliſchen Guͤte willen, und zerſtoͤ⸗ ren Sie Ihr eigenes Gluͤck nicht muthwillig. Glau⸗ ben Sie nur,“ fuhr ſie, nachdem ſie ſich umgeſehen, heimlicher fort, und freute ſich in der Tiefe ihres reinen Herzens, daß Emil, von ihrer ſanften Rede getroffen, in ſich ging, ſeine umhergeſchleuderten Sachen ſtill zuſammenholte, und gleichſam die Ket⸗ ten, die er mit ſtarker Hand zerriſſen, durch den Honig ihrer ſuͤßen Worte wieder zahm und kirr ge⸗ worden, ſich freiwillig wieder ſelbſt anlegte, und buͤckte ſich in ihrer kindlichen Gutmuͤthigkeit zur Erde, und hob ihm waͤhrend des Sprechens einen Handſchuh auf:„glauben Sie nur, daß hier Man⸗ ches iſt, was auch mich zuweilen, ich will nicht ſagen, ungluͤcklich, aber doch recht mißvergnuͤgt macht; das — 35— ewige Hofmeiſtern z. B.; das unaufhoͤrliche Vorruͤk⸗ ken meines Standes, fuͤr den ſich bald dies, bald je⸗ nes nicht ſchicken ſoll; die unausbleiblichen Straf⸗ predigten uͤber die an ſich ſchuldloſeſten Dinge; das ſtete Einzwaͤngen in ein gewiſſes ſteifes, gemuͤthlo⸗ ſes Weſen— es iſt auf die Laͤnge faſt unertraͤglich— und doch, doch muß ich mich fuͤgen. Wie oft bin ich, wenn ich meinte, daß mir wahrhaftig zu viel geſchehe, zum Vater gefluchtet, und habe ihm unter heißen Thraͤnen mein Leid geklagt, und ihm rund heraus geſagt, daß ein ſchlichtes Buͤrgermaͤdchen zehnmal gluͤcklicher ſey, als ich, daß dies auf ſeiner ſchuldloſen, ehrſamen Lebensbahn tauſend Dinge thun und laſſen duͤrfe, die mir als halbe Verbrechen wuͤrden angerechnet werden, und daß mir meine Lage ſchlimmer vorkomme, als die einer lebendig eingemauerten Nonne, denn dieſe ſehe ihrem Lei⸗ den durch den Tod doch wenigſtens ein baldiges Ende. Selbſt meinen Oheim bin ich deßhalb einmal ange⸗ treten, und habe ihm mit unumwundener Offenheit auseinandergeſetzt, daß, wenn alle Prinzeſſinnen ſo, wie ich, erzogen wuͤrden, es ein wahres Wunder⸗ werk waͤre, wenn ſie das Ziel ihrer kuͤnftigen großen Beſtimmung wirklich erreichten, das heißt, wenn ſie die ausſchließliche treue Liebe ihres Gemahls und die ungeheuchelte wahrhafte Verehrung ihres Volks gewoͤnnen; auf dem bei mir eingeſchlagenen unſe⸗ ligen Erziehungswege muͤßte Jede verzogen, und ent⸗ weder die berechnetſte Intriguantin, oder die albern⸗ ſte Drahtpuppe, oder, unter Verlaͤugnung alles rein Menſchlichen, der unertraͤglichſte Hochmuthsteufel werden; und an eine ſolche Gemahlin durch Kon⸗ ven ienz gebunden, ſey wahrhaftig keinem Prinzen zu verdenken, wenn er, ſobald fuͤr den Thron die Fuͤrſtin gewaͤhlt ſey, nun auch fuͤr ſein Herz, fuͤr die Seligkeit ſeiner Liebe, fuͤr ſeines Lebens Gluͤck ſich ein weibliches Weſen waͤhle, und keinem Volke, wenn es, einer ſolchen ihm zugefuͤhrten Fuͤrſtentoch⸗ ter, nur laue Zeichen landeskindlicher Anhaͤnglichkeit zu Theil werden laſſe. Der Vater kuͤßte mir die Thraͤnen von den Wangen, und ſuchte mich mit leeren Troſtgruͤnden zu beruhigen; er meinte, daß vielleicht nur mir all' dieſer Zwang ſo eiſenſchwer vorkomme, weil ich zuweilen wohl etwas raſchen Blutes und muthwilligen Sinnes ſey, und ſuchte mir beſonders begreiflich zu machen, daß Alles, was geſchehe, mein Beſtes bezwecke, und daß ich mich da⸗ her ſo gut als moͤglich in die kleinen unvermeidli⸗ chen Zwangsverhaͤltniſſe fuͤgen muͤßte. Der Oheim aber nahm die Sache noch leichter. Er tippte mir lachend auf die Stirn, und ſagte freundlich, daß, ſo lange das Voͤgelchen noch aus dem Tone ſänge, ihm fuͤr meinen eingemauerten Nonnen⸗Tod ſo we⸗ nig, als uͤberhaupt fuͤr den Verluſt meines morali⸗ ſchen Werths, bange ſey. Frau von Soulavie ſey eine ehrenwerthe Perſon, die ich recht lieb haben ſolle, und wenn ſie in ihrem Pflichteifer zuweilen etwas zu weit gehe, ſo ſey dies keine Pedanterie, ſondern Gewiſſensſtrenge von ihr. Ein Bischen Nimbus ſey in unſerm Verhaͤltniß unerlaͤßlich noth⸗ „— S22oS=S=S=I wve — 35— wendig. Er meine, dieſen Strahlenkrauz koͤnne der Fuͤrſt ſich nur durch die redlichſte Erfuͤllung aller Re⸗ gentenpflichten, und durch die reinſte, bis zur Selbſt⸗ verlaͤugnung geſteigerte Liebe zum Volke, erwerben, der Hof aber durch ein muſterhaftes, mit zweckdien⸗ lichen Beſchaͤftigungen gewuͤrztes, Familien⸗Leben. Haͤtte ihm Gott Kinder beſcheert, ſo haͤtte er ſeine Soͤhne, von verſtaͤndigen Fuͤhrern und Lehrern ge⸗ bildet und unterrichtet, nach dreijährigen Reiſen im Auslande, im praktiſchen Dienſte angeſtellt; ſeine Toͤchter aber haͤtten, wann ihre Erziehung vollendet, an der Spitze der Direktionen milder Stiftungen, weiblicher Erziehungs⸗Anſtalten, weiblicher Straf⸗ und Beſſerungs⸗Inſtitute und dergleichen, ihre volle Beſchaͤftigung finden ſollen. In dieſem immer regen, dem oͤffentlichen Landeswohle foͤrderlichen, Leben haͤtte er ſeines Hofes ſogenannten Nimbus finden wollen, den Andere im prunkvollen Nichts⸗ thun, Andere in raſtloſen Zerſtreuungen, und wie⸗ der Andere in kalter Entfernung vom Volke ſuch⸗ ten; und damit mir die lange Weile nicht aͤhnliche Grillen aufkommen laſſe, wolle er mir mit der Ver⸗ waltung des Almoſen⸗Fonds ſeiner Chatoulle, die er mir hiermit ubertrage, recht viel zu thun geben. Finden Sie nicht in dieſen kleinen Charakterzuͤgen, die ich Ihnen vom Vater und Oheim leicht hin ſkiz⸗ zire, zwei recht verſtaͤndige, achtungswerthe Maͤn⸗ ner? und die Naͤhe derſelben, die Ihnen in mehr⸗ facher Hinſicht nicht anders als vortheilhaft ſeyn kann, iſt Ihnen ſo druͤckend, daß Sie ſich vom Unmuthe — 36— bis zu dem Grade uberfluͤgeln laſſen? Fuͤhlen Sie nicht, daß es maͤnnlich iſt, auf der eben erſt begon⸗ nenen Bahn feſten Schrittes fortzuwandeln? Waͤren Sie vom hieſigen Terrain genauer unterichtet, ſo wuͤrde ich ſogar fragen, ob Sie nicht fuͤhlten, daß Sie verpflichtet waͤren, ruhig auszuhalten? Es iſt hier an brauchbaren, gruͤndlich unterrichteten und zuverlaͤßigen Geſchaͤftsmaͤnnern kein Ueberfluß; Sie ſind es Ihrem Vaterlande ſchuldig, auf dem Standpunkte muthig zu beharren, den Ihnen das Geſchick angewieſen hat, und von dem aus Sie Gutes wirken ſollen fuͤr Ihre Mitwelt; und Sie wollen dieſen ſchoͤnen Wirkungskreis, der ſich mit der Zeit gewiß erweitern wird, von ſich weiſen, blos, weil das Vorſchreiten auf Ihrer neuen Bahn im Anfange mit kleinen Unbequemlichkeiten verknuͤpft iſt? Ich weiß recht gut, daß, waͤre Frau von Soulavie hier, dieſe mir auf keinen Fall vergoͤnnen wuͤrde, Ihnen das Alles zu ſagen; mein Vater und mein Oheim hingegen wuͤrden jedes meiner Worte billigen, denn was ich ſage, koͤmmt ja aus reinem guten Herzen, und wurzelt es ſich feſt in dem Boden, in den ich es lege, und traͤgt es die gewuͤnſchte Frucht Ihrer Ausſoͤhnung mit der Fuͤgung Ihres Schickſals; ſo werde ich mich freuen, wieder einmal uͤber die eng gezogenen Schranken der kalten Konvenienz hinaus gegangen zu ſeyn, denn es iſt etwas Gutes damit bewirkt worden. Bei dem ausgezeichneten Wohl⸗ wollen, mit dem Ihnen mein Vater zugethan iſt, darf ich Ihnen— wie ſoll ich ſagen— mit ſchweſterlicher Zur ſie Sti koͤn hag mas ken ſtoll als Ihr rech frei rer auf ſter ihr⸗ am Tie mit Re kin hin To⸗ paß cher den geſt ver! Zuneigung naͤher treten.„Wollten Sie doch,“ ſetzte ſie freundlich lachend hinzu, und wunderte ſich im Stillen, daß ſie einmal ſo lange hatte ernſthaft ſeyn koͤnnen,„wollten Sie doch in der Weinlaube zu Reh⸗ hagen ſchon mich platterdings zu Ihrer Verwandtin machen; wiſſen Sie noch die Geſchichte mit der Fal⸗ kenwerder'ſchen Zeugſchreiberin, geborenen Muhs⸗ ſtollen? Nun, laſſen wir das gut ſeyn; konnte ich, als die Kohlenroder Forſtverwaltertochter, auch nicht Ihre Couſine ſeyn, ſo ſollen Sie doch an mir eine recht ehrliche treue Schweſter haben.“ Emil ſtuͤrzte, von ihrer Theilnahme an ſeinem, freilich ganz falſch verſtandenen, Mißbehagen, von ih⸗ rer herzigen Rede, von den in ihrer Schwanenbruſt aufleben den Ahnungen ihres gegenſeitigen Geſchwi⸗ ſterverhaͤltniſſes, und von der Engelmilde, mit der ſie ihre ernſten Auseinanderſetzungen, wie ihren Scherz am Schluſſe derſelben zu wuͤrzen verſtand, auf das Tiefſte ergriffen, zu ihren Fuͤßen nieder, zog die mit rein ſchweſterlicher Gutmuͤthigkeit gebotene kleine Rechte an ſeine Lippen, und rief, vom Zauber ihrer kindlich ſchuldloſen Traulichkeit entzuͤckt:„meine himmliſche Durchlaucht!“— Da laͤchelte Adeline zu ihm herab, und ſagte im Tone ſanften Vorwurfs:„mein bruͤderlicher Freund, paßt dieſe hoͤfelnde Anrede wohl auf meine herzli⸗ chen Mittheilungen? Hat Ihnen denn die Luft hier den heitern unbefangenen Sinn, den Sie aus Ihren geſunden froͤhlichen Forſten mitgebracht, ſchon ſo verdorben, daß Sie ſich in den Ton, den Ihnen die ——— — 38— unbefangene Natuͤrlichkeit angab, nicht finden koͤn⸗ nen, oder nicht finden wollen? und iſt es Ihnen denn durchaus unmoͤglich, fuͤr die Tochter des Mannes, der Ihnen ſo ſprechende Beweiſe vaͤterlicher Zu nei⸗ gung gegeben, eine Art bruͤderlichen Wohlwollens in Ihrem Herzen zu hegen? Soll ich denn auf die⸗ ſer Welt Niemand— ſoll ich denn keine einzige Seele haben duͤrfen, die mir, im reinſten Sinne des Worts, Freund ſey? In dieſem Wunſche kann nichts Straͤfliches liegen; ſagt doch die Schrift ſelbſt: Ein treuer Freund iſt ein Troſt des Lebens, wer Gott fuͤrchtet, dem ſchenkt er einen ſolchen Freund.“ „Dem ſchenkt er einen ſolchen Freund nicht;“ ſprach Frau von Soulavie, unvermuthet und faſt furienartig zwiſchen Beide tretend, kupferbraun vor innerem Aerger, aber ſichtbar angeſtrengt, das Auf⸗ brauſen ihres Zorns nicht merken zu laſſen.„Eine Freundin, eine vernuͤnftige, mit dem Weltlauf und mit den Foibleſſen der Menſchen vertraute Freun⸗ din, iſt Ihnen ein wahres Neceſſair; unſer gnaͤdig⸗ ſter Herr hat Ihnen dazu meine Wenigkeit deſtinirt, und wenn ich auch obhalber dieſer Fortune manche Gratulation in meinem Leben ſchon habe zu empfan⸗ gen Gelegenheit gehabt, ſo bin ich doch auf der an⸗ dern Seite genoͤthigt, mich faſt taͤglich nach Katapas⸗ ma's fuͤr die Wunden umzuſehen, die mir durch die Nonchalance meiner jungen Freundin geſchlagen werden. Jetzt z. B., ich geſtehe, der ſchmerzhafteſte Bombus, das allerheftigſte Ohrenbrauſen, hat mich uͤberfallen, Dinge hoͤren zu muͤſſen, Dinge— eine koͤn⸗ denn nes, nei⸗ lens die⸗ zige 2 des ann lbſt: wer d.“ ht;“ faſt vor Auf⸗ Eine fund eun⸗ aͤdig⸗ nirt, anche pfan⸗ r an⸗ apas⸗ ch die lagen fteſte mich eine Andere mit weniger ſtarken Nerven haͤtte davon auf dem Flecke die gefaͤhrlichſte Eſſera, das toͤdtlichſte Porzellan⸗Fieber bekommen. Doch— hier iſt nicht der Platz, ſich daruͤber weitlaͤuftiger auszulaſſen, „darf ich bitten—“ ſie verneigte ſich bei den Wor⸗ ten, als wolle ſie die Prinzeſſin zur Ruͤckkehr auf ihr Zimmer auffordern, warf dem neugebackenen Huſarenoffizier einen Blick zu, an dem Emil den ganzen Tag zu verdauen hatte, und folgte Adelinen auf dem Fuße, die, ohne uͤber die unerwartete Er⸗ ſcheinung der Frau von Soulavie beſonders erſchrok⸗ ken zu ſeyn, und ohne auf deren Auslaſſungen ein Wort zu entgegnen, ſich bei Emil durch ein freund⸗ lich wehmuͤthiges Kopfnicken verabſchiedete, und langſam in ihre Gemaͤcher zuruͤck ging. War es Emil doch, als ſaͤhe er eine entſprungene Gefangene, die aufgegriffen worden war, und wie⸗ der in ihren Kerker abgefuͤhrt wurde. Umſtuͤrmt von Allem dem, was im kurzen Zeitraume weniger Minuten an ihm voruͤber gegangen war, ſtand er faſt gedankenlos in der Thuͤr, ſah Adelinen eine lange Weile nach, ſagte, als ſie mit der Soulavie ſeinem Blicke entſchwunden war, leiſe vor ſich hin, „meine arme Schweſter,“ und ging in Gedanken verloren auf ſein Zimmer. Wußte ſie, daß er ihr Bruder war, oder wußte ſie es nicht? um dieſe Frage drehten ſich den ganzen Tag ſeine Seele und ſein Herz. Mag der freund⸗ liche Leſer ihm unterdeſſen gruͤbeln helfen. — 40— Adeline. Frau von Soulavie ſprach anderthalb Stunden in einem Zuge uͤber die Unſumme von Unſchicklich⸗ keiten, die ſich Adeline gegen den jungen Herrn Wal⸗ lenrodt habe zu Schulden kommen laſſen, machte ihrer lange aufgeſammelten Galle einmal recht or⸗ dentlich Luft, und zaͤhlte ihr, um bei der Gelegen⸗ beit alle Regiſter zu ziehen, mehrere Dutzend Faux pas her, die ſie ſeit der Bekanntſchaft mit dem jun⸗ gen Mann in der Weinlaube zu Rehhagen bis die⸗ ſen Augenblick begangen, pries des Allmächtigen Guͤte, daß ſie, alles daruͤber gehabten Chagrins un⸗ geachtet, von ihrem alten Malheur, dem Glockfeuer, zur Zeit noch frei geblieben, und ließ nicht undeut⸗ lich merken, daß ſie von dem Kniee⸗Falle des ihr ſehr verdaͤchtig vorkommenden Herrn Ehren⸗Cava⸗ liers, Vater und Oheim in Kenntniß ſetzen werde, da⸗ mit dieſe ihre Maaßregeln darnach nehmen könnten. Adeline, die bei aͤhnlichen kleinen Auftritten zwi⸗ ſchen ſich und der Frau von Soulavie, ſelbſt bei der innern Ueberzeugung, daß dieſe Unrecht habe, in ihrer reinen Kindlichkeit und aus Liebe zum Frie⸗ den, gleich mit Abbitte, mit der Verſicherung, es nicht wieder thun zu wollen, und mit dergleichen faſt an das Kindiſche grenzenden gutmuͤthigen Be⸗ ſchwichtigungen, bei der Hand zu ſeyn pflegte, ſprach diesmal kein Wort; ſie litt ja die ihr zugefuͤgte kleine Unbill um deſſen Willen, der nach den Aeuße⸗ rungen ſeines Unmuths ſich hier ſo ungluͤcklich fuͤhlte. Mochte Frau von Soulavie nur dem Vater oder nden klich⸗ Wal⸗ achte t or⸗ egen⸗ Paux jun⸗ die⸗ igen un⸗ -er, heut⸗ ihr ava⸗ „da⸗ en. zwi⸗ der „in frie⸗ „es chen Be⸗ rach igte uße⸗ lte. oder — 41— dem Oheim Alles erzaͤhlen, die dachten uͤber die Sache gewiß anders, als Frau von Soulavie; und was war denn nun eigentlich Großes geſchehen? daß der junge Menſch, der Emil, ihr zu Fuͤßen gefallen? das war doch wahrhaftig kein Ungluͤck! und etwas Boͤſes war es auch nicht! Uebrigens aber, was konnte denn ſie dafuͤr? Geheißen hatte ſie es ihm nicht; wenn alſo die gute Frau von Soulavie ihren Zorn daruͤber an Jemand haͤtte auslaſſen muͤſſen, ſo waͤre dieſer Je⸗ mand doch eigentlich Niemand anders, als er gewe⸗ ſen. Aber waͤre es nicht eine himmelſchreiende Haͤrte geweſen, ihm daruͤber nur ein boͤſes Wort zu ſagen? Was hatte ihn denn zu ihren Fuͤßen niedergedruͤckt? die reinſte menſchliche Tugend, die Dankbarkeit; hat⸗ te ſie doch erſt noch geſtern vor dem Abendgebete der Frau von Soulavie in der Schrift vorgeleſen, wie Paulus die Theſſalonicher ermahnet hatte, dankbar zu ſeyn in allen Dingen; ihr Antheil in ſeiner truͤben Mißſtimmung that ihm ſo gut; lag denn in ſeinem frommen Blick, den er, vor ihr auf ein Knie gebeugt, zu ihr aufhob, etwas anders, als: ich fuͤhlte mich hier ſo fremd, ſo verlaſſen, ſo allein; Alles um mich her war mir ſo oͤde, ſo kalt! Jetzt haſt du durch deine herzliche Theilnahme mein halb erſtarrtes Herz wie⸗ der erwaͤrmt; du haſt mir wieder neues Leben in die Seele gelaͤchelt; ich danke dir fuͤr deine freundliche Guͤte, die meinen Muth geſtarkt hat, daß ich jetzt tragen kann, und tragen will, was ſie mir auch auſ⸗ buͤrden mögen.— Iſt aber denn in allen dem nur ein Schatten von Unſchicklichkeit? Iſt denn uur das LXV. 4 — 42— Allergeringſte, daß man ein ſolch Aufhebens davon machen koͤnne?— Im Theater hatte ſie ſolche Knie⸗ beugungen oft wohl geſehen; aber ſo reizend, ſo er⸗ greifend wie dieſe, war ihr noch keine vorgekommen. In Emils ſchoͤner maͤnnlicher Haltung hatte ſo viel Anmuth, in ſeinem Blicke ſo etwas ſanft Schmach⸗ tendes, in den Zuͤgen ſeines ſprechenden Geſichts ein ſo tiefes Zartgefühl, im Glockentone ſeiner Stimme eine ſo ruͤhrende Herzlichkeit gelegen— die Scene hatte ſich ganz allerliebſt gemacht, und wenn es auf ſie angekommen waͤre, ſie haͤtte ihn gern noch ein Weilchen knieen laſſen; nur die Durchlaucht haͤtte er in dieſem traulichen Augenblicke weglaſſen ſollen; „meine himmliſche Durchlaucht,“ hatte er geſagt, und dabei ausgeſehen, als bete er ſie wie ſein Hei⸗ ligenbild an;„viel beſſer haͤtte es,“ ſagte ſie in ihrem lautloſen Selbſtgeſpraͤch, und laͤchelte in Ge⸗ danken ihm mit milder Engelfreundlichkeit in das Geſicht,„viel beſſer haͤtte es, ſollte ich meinen, ge⸗ klungen, wenn er z. B. geſagt haͤtte, Adeline, meine— nun, wenn durchaus etwas Himmliſches haͤtte da⸗ bei ſeyn muͤſſen— meine himmliſche Adeline.“— „Aber ſagen Sie,“ ſprach Frau von Soulavie, und ſtaͤrkte die Stimme nach Kraͤften, und faltete⸗ beide Elnbogen feſt an die Huͤften gedruͤckt, die Haͤnde angſtvoll in einander:„ich ſpreche mit der exorbitanteſten Vivacitaͤt ſeit anderthalb Stunden, daß ich fuͤrchte, den cyniſchen Spasmus, die Mund⸗ klemme zu bekommen, und Sie ſitzen, in Ihr Fau⸗ teuil geworfen, ſpielen die ganze Zeit mit dem ein⸗ — 2 82 avon Knie⸗ ſo er⸗ men. viel nach⸗ s ein mme Scene auf ein haͤtte llen; ſagt, Hei⸗ e in 1b Ge⸗ das „ge⸗ ne— 2 da⸗ 4 avie, tete⸗ die der den, und⸗ Fau⸗ ein⸗ — 45— geſteppten Maroquin⸗Polſter⸗Buͤſchelchen, ſehen auf Einen Fleck, als litten Sie an der Catalepſis, an der heftigſten Starrſucht, hoͤren von meinem ganzen Sermon kein Jota, und forciren— eine kom⸗ plette Gallen⸗Redundation waͤre wahrhaftig kein Wunder— und forciren die Indolenz am Ende ſo weit, daß Sie zu meinen doch wahrhaftig ſehr ern⸗ ſten Expectorationen laͤcheln— laͤcheln koͤnnen; das haben Sie,“ ſetzte die Eifernde tief gekraͤnkt hinzu,„noch nie gethan; ſo weit haben Sie ſich noch nie vergeſſen.“ Adeline ſprang aus ihrem Armſeſſel auf, flog der Frau von Soulavie an den Hals, betheuerte bei Allem, was ihr heilig ſey, nicht uͤber ihre gewiß wohlgemeinten Ermahnungen, ſondern uͤber etwas ganz Anders, was ihr zufaͤllig eben beigefallen, ge⸗ lacht zu haben, und ſchmeichelte und bat ſo lange, bis Frau von Soulavie wieder freundlich wurde, und ihr das Blondenſichuͤ zurecht ſteckte, und die bluͤhende fuͤrſtliche Jungfrau mit innigem Wohlge⸗ fallen anſah, und im Weggehen auf ihr Zimmer halb laut vor ſich hin ſagte:„es iſt doch ein gutes Kind.“ Baron von Sterneck. Emil ging, in tiefes Sinnen verduͤſtert, in ſei⸗ ner Stube auf und ab, zerdachte die eben gehabten Auftritte bis in ihre kleinſten Einzelnheiten, und war uber die Hauptfrage: ob Adeline wiſſe, daß ſie ſeine Schweſter ſey? noch lange nicht mit ſich im Rei⸗ nen. Wußte ſie es, ſo war das, was ſie geſprochen, = 44— der Erguß der herzinnigſten Schweſterliebe, und er ein unnennbar gluͤcklicher Bruder; wußte ſie es nicht—— er wiederholte in ſeinem Selbſtgeſpraͤch ganz langſam und immer bedaͤchtiger die Worte zwei⸗ mal, und behing jede Sylbe mit Zentnerlaſten von Accenten— wußte ſie es nicht, ſo— er griff ſeiner durchgehenden Eitelkeit in die Zuͤgel, aber ſie hatte den Kopf auf die Bruſt geſetzt, ſie ſtuͤrmte unauf⸗ haltſam fort, und riß ſeinen ruhigen Pruͤfungswunſch zu Boden,— wußte ſie es nicht, ſo war das, was ſie geſprochen, und der Ton, und der ſeelenvolle Liebes⸗ blick, mit dem ſie es geſprochen— er konnte das Wort nicht uͤber die Lippen bringen; die Eitelkeit war wieder da, und erbot ſich, es ihm hinuͤber zu ſchaffen, aber das Wort war zu gewagt, der Gedanke zu kühn, das Gluͤck zu groß, zu unermeßlich groß— „Gluͤck??— darf ich ſie denn wieder lieben!“⸗ rief er, und druͤckte ſich beide Haͤnde vor die Augen, daß er das unergruͤndliche Labyrinth nicht ſehe, das ſich ihm bei der Frage oͤffnete:„darf ich deun die Fuͤrſtentochter, darf ich meine Fuͤrſtenſchweſter denn wieder lieben?— Iſt denn aber auch Adeline wirk⸗ lich meine Schweſter? Wo iſt denn die mathemati⸗ ſche Gewißheit, daß meine Ahnungen, meine Ver⸗ muthungen gegruͤndet ſind? Iſt denn Niemand da, der mir Aufſchluß, der mir Licht gebe? Auf welchem Vulkane wankt mein Fuß, in welcher undurchdring⸗ lichen Finſterniß tappe ich umher? welche Seligkeit und welche Qualen warten meiner? Nein, fort, fort von hier, ehe es zu ſpaͤt wird— fort von hier?— — 45— Ach jetzt!— Adeline hat mich ihren Freund genannt— jetzt i ſt es ſchon zu ſpaͤt.— Nein, ich bin ihr Bru⸗ der nicht. So himnliſch ſuͤß iſt Schweſterliebe nicht. Die uͤberſchwaͤngliche Guͤte des Prinzen— er hat es ja ſelbſt geſagt, daß er der Schuldner meines Vaters ſey, und daß er durch das, was er an mir thue, die Zinſen jener Schuld abzutragen gedenke.— Der Auftritt vorhin bei'm Bilde— konnte dies nicht das Bild einer, der Mutter aͤhnlichen und wahrſcheinlich verſtorbenen, Geliebten des Prinzen ſeyn? Daher die Rührung, daher die Thraͤnen des Prinzen, den es tief ergriffen haben mochte, daß ich unter den hun⸗ dert Gemaͤlden, die in den durchwanderten Zimmern an allen Waͤnden haͤngen, gerade vor dieſem ſtehen geblieben, daß nur dieſes meine Aufmerkſamkeit ge⸗ feſſelt hatte. Die Gleichheit der Tracht! konnte des Prinzen Geliebte nicht auch eine Italienerin gewe⸗ ſen ſeyn! die—“ Der Adjutant des Prinzen, Major Graf Wippin⸗ gen, ſtoͤrte ihn in der Aufbauung ſeiner Trugſchluͤſſe, durch die Meldung, daß der Prinz ihn auf der Pa⸗ rade dem Kommandeur und ſaͤmmtlichem Offizier⸗ Corps ſeines Regiments habe vorſtellen wollen; daß die Unpaͤßlichkeit des Prinzen dieſen aber davon ab⸗ halte, und daß er, der Graf, daher zu gedachtem, ihm ſehr angenehmen Geſchaͤft beauftragt ſey, weß⸗ halb er den Herrn Lieutenant erſuche, ſich mit ihm unverzuͤglich auf den Paradeplatz zu verfuͤgen. Emil war zum aͤlteſten Oberlieutenant im Leib⸗ Huſarenregimente ernannt worden, und hatte durch — 46— dieſen, von ihm nicht geſuchten, Einſchub natuͤrlich alle Subalternoffiziere des ganzen Regiments gegen ſich. Die meiſten derſelben hatten ihre Unzufrieden⸗ heit uͤber dieſe unverdiente Zuruͤckſetzung laut ge⸗ aͤußert, und Alle faſt einſtimmig zu verſtehen gege⸗ ben, daß der neue Herr Lieutenant einen ſchweren Stand haben ſolle, und ſein Roͤſſelſprung⸗Avance⸗ ment wenigſtens mit einem Dutzend ſchweren Zwei⸗ kaͤmpfen, wozu die Gelegenheit ſich, ſo bald man ſie ſuche, ja wohl immer finde, werde bezahlen muͤſſen. Der alte Artillerie⸗General hatte zwar, um die Vorlauteſten der Malkontenten ein wenig behutſa⸗ mer zu machen, und unnuͤtzes Blutvergießen zu ver⸗ meiden, uͤberall zu verbreiten gewußt, wie hieb⸗, ſchuß⸗ und ſtichfertig Emil von fruͤher Jugend auf geweſen, und Einige damit ziemlich abgekuͤhlt, An⸗ dere aber, furchtloſe Raufbolde, meinten, daß, ſo groß auch die Klopffechter⸗Kuͤnſte des ihnen vorge⸗ ſchobenen Herrn Wallenrodt ſeyn moͤchten, ſie doch nicht uͤbel Luſt haͤtten, ſich mit ihm zu meſſen, und ſelbſt wenn er Schmidts Schule der Fechtkunſt aus⸗ wendig wiſſe; ſo ſolle ihm ſeine Oberlieutenants⸗ Stelle doch beſtimmt ſehr theuer zu ſtehen kommen; fuͤr das Erſte ſollten die drei vorzuͤglichſten Mata⸗ dores ihres Corps auf ihn nach und nach los gelaſ⸗ ſen werden, und wenn die ihn muͤrbe gemacht haͤt⸗ ten, wuͤrden die minder kunſtfertigen Schlaͤger ihn mohl zwingen koͤnnen. Emil wußte von dieſem, gegen ihn heimlich ge⸗ faßten kameradſchaftlichen Beſchluſſe natuͤrlich nichts; halle ſich. 2den⸗ t ge⸗ gege⸗ beren ance⸗ zwei⸗ n ſie ſſen. n die utſa⸗ ver⸗ ieb⸗, auf An⸗ , ſo orge⸗ doch und aus⸗ nts⸗ nen; ata⸗ elaſ⸗ haͤt⸗ ihn ge⸗ hts; er erſchien daher an der Seite des Grafen Wippin⸗ gen auf dem Paradeplatz mit der ihm eigenen Unbe⸗ fangenheit, und mit dem feinen Anſtande, durch den ſich der junge Mann von Bildung und ſtandesmaͤßi⸗ ger Erziehung in jeder Lebenslage vortheilhaft aus⸗ zeichnet, und erwarb ſich bei dieſem erſten Auftre⸗ ten eine wohlgefaͤllige Aufnahme von Seiten aller hier verſammelten Offtziere. Ueberall fliſterte es hin⸗ ter ihm her,„ein bildſchoͤner Menſch,“—„ein wah⸗ rer Adon,“—„er tritt auf, wie ein junger Prinz—““ und dergleichen Beifalls⸗Aeußerungen mehr. Mit gleicher Freundlichkeit empfingen ihn der Komman⸗ deur und die Stabsoffiziere und Rittmeiſter ſeines Regiments, deren Wohlwollen er ſich empfahl, und als ihn jetzt der Graf Wippingen den uͤbrigen Subal⸗ tern⸗Offizieren als ihren kuͤnftigen Kameraden vor⸗ ſtellte, trat Emil in ihre Mitte, und ſetzte ihnen unvorbereitet, aber mit Ruhe und Freimuth aus⸗ einander, daß er es ſich zwar hoch zur Ehre anrech⸗ ne, ſie als Kameraden begruͤßen zu duͤrfen, daß er aber dieſes Gluͤck weder gewuͤnſcht noch geſucht habe, indem es nie ſeine Abſicht geweſen, ſich fuͤr den Mi⸗ litärſtand zu beſtimmen;„in letzterm Umſtande hoffe ich,“ fuhr er laͤchelnd fort,„die Entſchuldigung fuͤr mein offenes Geſtaͤndniß zu finden, daß ich bis jetzt vom Dienſte noch gar nichts verſtehe; in deſſen darf ich hoffen, bei fortgeſetztem Lernfleiß und werkthaͤti⸗ ger Uebung und bei ſo muſterhaften Vorbildern bin⸗ nen Jahr und Tag meines Patents wuͤrdiger zu ſeyn, beſonders wenn Sie mich, meine Herren Kameraden, —— — 48— im Streben nach dieſem Ziele theilnehmend unter⸗ ſtuͤtzen, warum ich Sie hiermit beſtens erſuche. Ge⸗ horſam, puͤnktlicher und willenloſer Gehorſam iſt die erſte und unerlaͤßlichſte Pflicht des Soldaten; als einen Beweis, daß dieſer von mir im ganzen Umfange des Worts genuͤgt worden, bitte ich die Annahme dieſer meinen Lebensplaͤnen nicht entſpre⸗ chenden Stelle anzuſehen. Unſer allergnädigſter Herr hat mich zum aͤlteſten Oberlieutenant zu ernennen geruht. Jeder Einwand gegen dieſe verehrliche Be⸗ ſtimmung waͤre, wie Sie ſelbſt fuͤhlen werden, eine unverzeihliche Unziemlichkeit geweſen; allein der Fuürſt kann nicht wollen, daß verdientere Offiziere gegen bis jetzt ganz verdienſtloſe zuruͤckgeſetzt wer⸗ den, und in dieſem ſeinem Sinne erklaͤre ich hier⸗ mit vor Ihnen, und vor den Standarten unſers Regiments, daß ich mich nicht eher zum Rittmeiſter befoͤrdern laſſen werde, als bis der gegenwaͤrtig juͤngſte Cornet unſers Regiments zum Rittmeiſter avancirt ſeyn wird. Die Achtung, die ich meinem in Ihrer Mitte oͤffentlich ausgeſprochenen Worte und Ihren gerechten Ausſichten und Befoͤrderungs⸗ Anſpruͤchen ſchuldig bin, ſey Ihnen Buͤrge dafuͤr, daß ich dieſer meiner Erklaͤrung feſt und unver⸗ bruͤchlich nachkommen werde.“ Die umſtehenden Offiziere hoͤhern Ranges, den alten Artillerie⸗General Gruber an der Spitze, bra⸗ chen, von dieſer ſeltenen Selbſtverlaͤugnung über⸗ raſcht, in ein einſtimmiges Bravo aus, und die Kameraden wetteiferten unter einander, ihm durch * unter⸗ e. Ge⸗ am iſt daten; ganzen ich die iſpre⸗ Herr ennen de Be⸗ eine n der iziere wer⸗ hier⸗ nſers eiſter aͤrtig eiſter inem Borte ings⸗ afuͤr, aver⸗ den bra⸗ ber⸗ die urch — 49— Wort und That zu beweiſen, wie ehrenwerth und willkommen er ihnen jetzt ſey; mehrere geſtanden ihm mit ſoldatiſcher Offenheit, wie unangenehm ihnen ſein Einſchub geweſen, ſetzten aber auch gleich bieder und ehrlich hinzu, daß ſie ihm jetzt recht herz⸗ lich gut geworden waͤren, und ihn mit Freuden in den achtbaren Kreis ihrer Kameraden aufnaͤhmen. Ein Einziger, freilich der Betheiligteſte unter Al⸗ len der Freiherr von Sterneck, konnte ſein Mißbeha⸗ gen nicht unterdruͤcken. Er war der naͤchſte zum Ritt⸗ meiſter geweſen, war, hinſichtlich ſeiner laͤngſt ver⸗ abredeten Verbindung mit Fraͤulein von Zeſen, von deren Eltern bis zur Uebernahme der Schwadron vertroͤſtet worden, und ſah ſich durch Emil wieder vielleicht um mehrere Jahre von ſeinem Ziele weg⸗ gedraͤngt. Er allein konnte das Wort des Willkom⸗ mens, mit dem alle Uebrige Emil freundlich begruͤßt hatten, nicht uͤber die Lippen bringen; er grollte ſtumm vor ſich hin, und warf, als ſie auseinander gingen, einen ſo böſen tuͤckiſchen Blick auf Emil, daß dieſer, in dem Punkte ohnehin ein augenblick⸗ lich entzuͤndbarer Pulverkopf, ſich gern gleich auf dem Flecke uͤber dieſe ſeltſame Art ſich, zu verab⸗ ſchieden, naͤhere Erklaͤrung erbeten hatte; General! Gruber aber, der ſich ihm als alten Bekannten ſeiner Mutter vorſtellte, und mit ihm ſich lange unter⸗ hielt, vertrat ihm jedoch nur auf kurze Zeit den Weg, denn an demſelben Abende fanden ſich Beide bei dem Grafen Wippingen wieder, der, Emils Ein⸗ tritte in das Regiment zu Ehren, eine kleine Ge⸗ ſellſchaft eingeladen hatte, die groͤßtentheils aus deſſen nunmehrigen Kameraden beſtand⸗ Sternecks Blut war durchgaͤllt; er ſahlnun einmal Ciauren Schr. LXV. 5 — — 50— Emil als den Stoͤrer aller ſeiner Kalkuͤle, ſeines ganzen Gluͤcks an; die allgemein beifallige Theil⸗ nahme, mit der ſeit der Parade in mehreren ſeiner Kreiſe von Emil geſprochen worden war, hatte ihn nur noch mehr erbittert; denn Emil erſchien ihm bei deſſen uͤberall geruͤhmten ganz ausgezeichneten Vorzügen, Kenntniſſen und Talenten, um ſo ge⸗ faͤhrlicher; er ſah ihn im Geiſte ſchon von Stufe zu Stufe ſteigen, und der Gedanke, daß dieſer Fremde, dieſer im ganzen Regimente einzige Buͤrgerliche, durch ſein ganzes Leben, ſein Vordermann, und bei deſſen bisherigen auffallenden Beguͤnſtigungen, viel⸗ leicht gar einmal ſein Vorgeſetzter ſeyn oder werden ſolle, war ihm unertraͤglich; endlich, und dieſer Umſtand mochte der Sache wohl vor Allem den Aus⸗ ſchlag geben, endlich hatte auch die Braut, das Fraͤu⸗ lein von Zeſen, ſeit Emils erſter Erſcheinung in der Rehhagener Weinlaube bis auf den heutigen Tag von des jungen Mannes einnehmendem Aeußern, von dem Umfange ſeines Wiſſens, und von ſeiner Liebenswuͤrdigkeit im Umgange mit Frauen, fort⸗ waͤhrend, und, wie es ihm beduͤnken wollte, mit im⸗ mer ſteigendem Intereſſe ſo viel erzaͤhlt, daß— kurz er ſuchte Haͤndel, er wollte, er mußte ſich an Emil reiben. Ungluͤcklicherweiſe hatte der Wein die boͤſe Wirkung bei ihm, daß er, ſelbſt bei deſſen nicht uͤber⸗ maͤßigem Genuſſe, leicht reizbar, empfindlich, zank⸗ ſuͤchtig ward; das ganze Abendmahl uber hatte er ſich in ſcharfen Sticheleien und feinen Anzuͤglichkei⸗ ten vernehmen laſſen, die Emil wohl gehoͤrt und gefuͤhlt hat e, auf die dieſer aber nichts erwiedern konnte, weil ſie theils ſeine Perſon nicht gerade⸗ zu betrafen, theils ſo ſchlau geſtellt waren, daß ſte ſeines Theil⸗ ſeiner te ihn ihm neten o ge⸗ fe zu imde, liche, d bei viel⸗ erden dieſer Aus⸗ Fraͤu⸗ n der Tag ßern, einer fort⸗ t im⸗ kurz Emil boͤſe uͤber⸗ zank⸗ te er chkei⸗ und dern rade⸗ iß ſie — 51— auf mehrerlei Weiſe gedeutet werden konnten, und endlich auch Emil auf ſeinen gaſtlichen Wirth, den Grafen Wippingen, auf die Neuheit ſeines Verhaͤlt⸗ niſſes, und auf ſeine Abhaͤngigkeit vom Prinzen Treumund, die noͤthige Ruͤckſicht nehmen mußte. Dieſes abſichtliche Ausweichen ſah Sterneck fuͤr Feig⸗ heit an, und ward allmaͤhlig immer ſchneidiger und ſchaͤrfer, und am Ende ſo dreiſt, daß er, als Wippin⸗ gen das Glas hob, und Emils Geſundheit ausbrach⸗ te, das ſeinige unangeruͤhrt ſtehen ließ, und waͤhrend Alle, vom traulichen Geſpraͤche und von des Weines edlem Feuer erwaͤrmt, aufſtanden, und den neuen Freund und Waffenbruder mit biederherziger Froͤh⸗ lichkeit an das ehrliche Soldatenherz druͤckten, auf ſeinem Stuhle wie angepflockt ſitzen blieb. „Ich habe die Geſundheit ausgebracht, lieber Sterneck,“ begann der Graf Wippingen, den Ton des geſelligen Kreiſes noch feſthaltend, halb ſcher⸗ zend, halb ernſthaft an,„ich hoffe, Sie werden mir und meinem Gaſte, dem der Toaſt gilt, die Ehre erweiſen und mittrinken.“ „Herr Major,“ erwiederte Sterneck, und ſeine Augen funkelten, daß ſich Alle Napoleons erinner⸗ ten, als er voll heimlichen Ingrimms uͤber das ewige ihm nun kaum laͤnger ertraͤgliche Zuruͤckziehen der Ruſſen hoͤrte, daß ſie endlich ſtaͤnden, und die oft augebotene Schlacht nunmehr hoffentlich morgen annehmen wuͤrden, und daß Alle meinten, einen Leoparden zu ſehen, der auf ſeine Beute lange ge⸗ lauert, und jetzt mit Einem Satze aufſpringe, um ſie zu faſſen, und zu wuͤrgen:„Herr Major, ich bin nun einmal kein Freund von Entremets, von ſogenannten Einſchiebſeln! Den Wirth in allen Eh⸗ 5* — 52— ren, nur laſſe ich mir ſolche fremde Leibgerichte nicht gern aufdringen, die mir nicht munden, die mich an⸗ widern, und die mir allen Lebens⸗Appetit verderben.“ „Ohne Blume, wenn ich bitten darf,“ ſagte Emil, von ſeinem Stuhle aufſtehend, mit einem Ernſte, dem man es anhoͤrte, daß ein Mann ſprach, deſſen Ehrgefuͤhl in ſeinem tiefſten Wurzel⸗Keimen ver⸗ letzt mar. „Nun, ihr Herren vom Hofe,“ verſetzte Sterneck hohnlachend:„habt ja ſonſt ein ſo feines Ohr, daß Ihr jedes halb ausgeſprochene Wort ſchon verſteht; auch meinte ich, ziemlich deutlich geſprochen zu haben. Was Sie uns von Ihrer Schuldloſigkeit an dem uns Allen nachtheiligen Einſchub heute bei der Parade vorerzaͤhlt haben, muͤſſen wir glauben; am Ende kommr auch nicht viel darauf an, wer daran Schuld ſey; die Hauptſache iſt, daß Sie uns— das heißt allen Ihren Hinterleuten, im Wege ſind, und daß ſich daher der ein Verdienſt um ſeine Kameraden er⸗ wirbt, der Sie aus dem Wege ſchafft. Verſtanden?“ „Vollkommen,“ entgegnete Emil ruhig, und bat um Beſtimmung der Zeit, des Orts und der Waffe. Sterneck warf trotzig zuruͤck, daß das Sache des Geforderten ſey; da indeſſen Emil erwiederte, daß ihm jede Stunde genehm ſey, er aber nicht wiſſe, in welcher Sterneck, ſeiner Dienſtgeſchaͤfte balber, ab⸗ 8 kommen koͤnne, daß er hier ganz fremd ſey, und ei⸗ nen paſſenden Zuſammenkunft⸗Ort daher nicht an⸗ zugeben wiſſe, und daß ihm jede Waffe gleichguͤltig ſey, ſo brummte Sterneck vor ſich hin:„Morgen fruͤb acht Uhr— hinter der Scharfrichterei; und weil Sie, wie wir Alle bereits mit gebuͤhrendem Staunen gehört, ein ſo firer Schuͤtze ſeyn ſollen, aus richt han⸗ en.“* mil, nſte, ſſen ver⸗ neck daß 2ht; ben. uns rade nde zuld eißt daß er⸗ 12 bat ffe. des daß in ab⸗ 8 ei⸗ an⸗ ltig gen und em auf — 53— Piſtolen.— Fuͤnfzehn Schritte— vier Kugeln.— Doch, ich will die Freude hier laͤnger nicht ſtoͤren.— Auf Wiederſehen.“— Somit ging er, ohne ſich bei der Geſellſchaft oder bei'm Wirthe zu verabſchieden. Die ganze Tafelrunde ſah ihm ſtaunend nach; eine lange Weile ſchwieg Alles; Emil endlich unter⸗ brach die Pauſe, mit der Entſchuldigung, wie leid es ihm thue, die Veranlaſſung dieſer Stoͤrung zu ſeyn; man kam durch die allgemeine Verſicherung, daß an ihm die Urſache des ihnen Allen gleich un⸗ angenehmen Auftritts ja nicht gelegen, allmaͤhlig wieder in den Zug der Unterhaltung, und ward nach und nach ſo heiter, als ſey nicht das Mindeſte vor⸗ gefallen; am unbefangenſten unter Allen war Emil. Er hoͤrte mit beifaͤlliger Theilnahme, daß Sterneck, bis auf ſeine ungluͤckliche Reizbarkeit, ein durchaus tadelloſer Mann ſey, und die unbedingteſte Achtung des ganzen Regiments genieße, und waͤhlte unter mehreren der Anweſenden, die ſich ihm zum Sekun⸗ danten erboten, den Aelteſten. Fräulein von Zeſen. Am folgenden Morgen graute der Tag noch nicht, als Sterneck nachſtehendes Billet erhielt. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugethan. Wippingens Burſche, der geſtern Abend bei Tiſche aufgewartet, hat mein Maͤdchen, ſeine Braut, noch geſtern nach dem Souper aufgeſucht, und ihm Alles erzaͤhlt. Sterneck— wenn Sie in Ihrer Bruſt nur einen Funken von Liebe zu mir haben, ſo ſchießen Sie ſich nicht. Wallenrodt fehlt nie; er war in Reh⸗ hagen mit bei unſerm Piſtolenſchießen, die Prinzeſſin und ich verfehlten auf zehn Schritte die ganze Schei⸗ be; er auf zwanzig Schritte den Mittelpunkt der — Scheibe, der ſo groß war, wie die Kuppe meines kleinen Fingers, nie; jedes von uns hatte zwoͤlf Schuͤſſe; er ſchoß auch ſeine Zwoͤlfmal, und fehlte nie. Was kann alſo aus dieſem unſeligen Zwei⸗ kampf entſtehen! Wallenrodt hat, als der beleidigte Theil, den erſten Schuß. Sie haben fuͤnfzehn Schritte Entfernung beſtimmt. In drei Stunden ſind Sie nicht mehr. Das iſt ſo beſtimmt gewiß, als der unermeßliche Kummer, in den Sie mich und Ihre und meine Familie lebenslang ſtuͤrzen. Geben Sie der Vernunft Raum; geſtehen Sie ſich, daß Sie die fluchbedeckten Haͤndel abſichtlich geſucht haben. Han⸗ deln Sie Ihrer wuͤrdig, machen Sie gut, was Sie boͤſe gemacht haben. Thun Sie den erſten Schritt der Verſoͤhnung, und bieten Sie die Hand zum Frie⸗ den; ich ſtehe, ſo weit ich Wallenrodt kenne, dafür, er faͤllt Ihnen um den Hals, und Sie gewinnen von dem Augenblicke an einen Freund, deſſen Werth Sie mit jedem Tage mehr ſchaͤtzen lernen werden. Die Todesangſt, die mich die ganze Nacht wach erhalten hatte, trieb mich, noch ehe es Tag ward, zu meiner Prinzeſſin. Zu ihren Fuͤßen legte ich mein von den baugſten Beſorgniſſen gequaͤltes Herz nie⸗ der; ihre Beſonnenheit, ihre Umſicht nahm ich in Anſpruch; unter den heißeſten Thraͤnen beſchwor ich ſie, all' ihren wirkſamen Einfluß fuͤr die Beſeiti⸗ gung dieſes in jeder Hinſicht toͤdtlichen Zweikampfs zu verwenden. Ich mochte, von der Haſt meiner Ver⸗ zweiflung geſagt, den holden Engel, der ſo ſanft ſchlummerte, zu ſtuͤrmiſch geweckt haben; die Worte: „Wallenrodt und Duell,“ hatte ſie beſtimmt noch im halben Schlafe gehoͤrt; aber kaum, daß ich ſie ausgeſprochen, flog ſie vom Lager auf, zitterte vor eines woͤlf ehlte wei⸗ digte zehn uden als Fhre Sie 2 die Han⸗ Sie dritt frie⸗ fͤr, von Sie vach ard, rein nie⸗ in ich iti⸗ — Schreck am ganzen Koͤrper, kleidete ſich ſchnell an, klingelte nach Licht, und rief, nachdem ſie voͤllig wie⸗ der zu ſich gekommen:„nein, ſie ſchießen ſich nicht. Ich ſchreibe an Wallenrodt. Es ſteht ein Menſchen⸗ leben auf dem Spiele; da kann Frau von Soulavie nichts dagegen haben. Ich ſchreibe an Emil. Ich verbiete es ihm. Ich bin ſeine Herrin; er muß, er ſoll mir gehorchen—“ damit ſetzte ſie ſich hin, und ſchrieb mit fliegender Hand einige Zeilen. Als ſie das Billet geſiegelt hatte, fragte ich, wer es ihm bringen ſolle. „Am liebſten ich ſelbſt,“ ſagte ſie, und hatte waͤh⸗ rend des Schreibens ſo viel Ruhe gewonnen, daß ſie dazu laͤcheln konnte.„Schicken koͤnnen wir Nie⸗ mand,“ fuhr ſie ſinnend ſort,„welches Aufſehen wuͤrde es machen, welche einfaͤltige Folgerungen wuͤrde das ganze Dienſt⸗Perſonale ſich zuſammen ſetzen; was wuͤrde Frau von Soulavie ſagen, wenn ich vor Tages⸗Grauen ein Billet an Wallenrodt ſendete. Am beſten, ich gehe zum Vater. Der mag es ihm ſchicken; der ſoll den Tollkoͤpfen einen Quer⸗ ſtrich machen, daß ſie an ſolche alberne Streiche ge⸗ wiß nicht ſobald wieder deuken ſollen. Ein Bischen Arreſt kann Beiden nicht ſchaden; aber zum Balle auf den Sonntag muͤſſen ſie wieder frei ſeyn, und zum Zeichen unſerer Verzeihung tanzen wir dann mit ihnen den erſten Walzer. Biſt Du ſo mit mir zufrieden, Jettchen?“ So ſprach das Himmelskind, reichte mir die immer noch ein wenig zitternde Hand,⸗ die ich freudig dankbar an meine Lippen druͤckte, warf ſich den Shawt um, und eilte, die Kammer⸗ frau mit zwei Lichtern voran, durch die lange Reihe der Gemaͤcher, zum Prinzen; ich aber flog auf mein —— Zimmer zuruͤck, um Ihnen das Alles zu melden, damit, wenn Sie, wie ich wuͤnſche und hoffe, in dem unſinnigen Vorhaben geſtoͤrt werden, wiſſen, wem Sie die Erhaltung Ihres Lebens zu verdanken ha⸗ ben. Auf den Sonntag trete ich gern den beſagten erſten Walzer meiner angebeteten Gebieterin ab, den zweiten aber tanzt mit Ihnen Keine, als Ihre . treue Henriette. Die Seufzer⸗Allee. Argwohn und Eitelkeit! Jenes, ein furchtbares Laſter, durch das der reinſten Frauen Lebensgluͤck oft auf das grauſamſte zernichtet wird; dieſe, eine laͤcherliche, zu tauſend Folgewidrigkeiten verleitende Schwaͤche; beide herrſchten in Sternecks Charakter vor; von beiden befangen las er des ehrlichen, ihn mit zaͤrtlicher Treue liebenden Jettchens ſchnell hin⸗ geworfene Zeilen, zwei, drei, vier Mal mit einer Bedaͤchtigkeit durch, als habe er eine, von einem ganzen Miniſterrathe ſorglich entworfene, vielfaͤltig beſprochene, mehrſeitig gepruͤfte, und auf das ge⸗ naueſte erwogene Staats⸗Akte in Haͤnden. „Bei unſerm Piſtolenſchießen!“ las er zum fuͤnf⸗ ten Male; wie vertraulich, unſerm Piſtolen⸗ ſchießen! ſagte er hoͤhniſch halb laut vor ſich hin, „hat ſie doch davon noch nie erzaͤhlt; warum tritt ſie denn nun erſt mit der Erwaͤhnung dieſes aller⸗ liebſten ländlichen Feſtes hervor?“—„Er fehlt nie.“— Will ſie mir damit Angſt machen, oder druͤckt ihr das Lob ſeiner Meiſterſchaft, ſeiner be⸗ wundernswuͤrdigen Kunſtvollkommenheit, das Herz ab?— „Sie gewinnen einen Freund, deſſen Werth Sie mit da i dem an nen zen ſo n ban fein die len, ſchaͤ mit „W gan gew der kuͤn Ob das Wa zu auf riet Unt Ade Me me ten zu Aer wo ſey mit jedem Tage mehr ſchaͤtzen lernen werden.— Da— da iſt es ja heraus, das Geſtaͤndniß ihrer Liebe zu dem unvergleichlichen Herrn Wallenrodt! Sie muß an ihm auch einen Freund gewonnen, ſie muß ſei⸗ nen Werth auch mit jedem Tage immer mehr ſchaͤz⸗ zen gelernt haben, ſonſt koͤnnte ſie nicht ſo beſtimmt, ſo widerlich beſtimmt ſprechen.—„„Mein von den bangſten Beſorgniſſen gequaͤltes Herz 1⸗— wie fein auf Schrauben geſtellt? ich ſoll mir einbilden, die bangen Beſorgniſſe gelten mir! um ſeinetwil⸗ len, um des gewonnenen, um des taͤglich mehr ge⸗ ſchaͤtzten Freundes willen, quaͤlt ſich das arme Herz mit den bangſten Beſorgniſſen!— Die Worte: „Wallenrodt und Duell!“— Da haben wir es ja ganz klar! Sterneck und Duell iſt nicht die Looſung geweſen, mit ze die Prinzeſſin geweckt hat; ſon⸗ dern:„Wak. und Duell!“ natuͤrlich! Was kuͤmmerte ſte ſichſtn den armen vergeſſenen Sterneck! Ob der uͤber den Haufen geſchoſſen wird, oder nicht, das iſt ihr einzi; aber Wallenrodt!— ei freilich⸗ Wallenrodt! Angſt um ſein Leben peitſcht ſie zu Adelinens Lager!—„Ein Menſchenleben ſteht auf dem Spicke,“ hat Adeline geſagt? Wie Hen⸗ riette ihr die Sache vorgetragen, iſt Wallenrodt der Unverletzliche und ich der Grasbeißer geweſen. Wenn Adeline alſo von einem auf dem Spiele ſtehenden Menſchenleben geſprochen, ſo hat ſie meines ge⸗ meint.—„Sie will ihm das ganze Duell verbie⸗ ten;“— um mich gerettet, um mich außer Gefahr zu wiſſen? Waͤre denn der kuͤhne, durch mancherlei Aeußerungen ſchon mehrere Male in mir rege ge⸗ wordene Gedarke, daß ich ihr nicht ganz gleichguͤltig ſey, wirklich gegruͤndet?— Gezittert hat die liebe — 56— Hand, die dem Mordluſtigen das blutige Unterneh⸗ men verboten? Ach, duͤrfte ich dieſe Hand, die mich nicht untergehen laſſen will, an mein Herz druͤcken, das ihr von je an gehoͤrte!⸗⸗ „Ihr alſo, der Angebeteten, ſoll ich die Erhaltung meines Lebens zu danken haben, da ſchreibt es ja Henriette ſelbſt! Ja, ich will ihr danken; mein Le⸗ ben ſoll nur ihr, ihr allein gehoͤren, ihr will ich es weihen, bis zum letzten Hauche meiner treuen Bruſt.“ „Den erſten Walzer will Henriette der Prinzeſ⸗ ſin abtreten!— abtreten! da muß ihn doch Adeline verlangt, gefordert haben! denn ſchenken konnte ihn die Hofdame der Prinzeſſin nicht; das haͤtte ſich auf keine Weiſe geſchickt! Alſo verlangt hat ihn die Prin⸗ zeſſin! Nun, wenn darin kein Zeichen von ganz außer⸗ ordentlichem Wohlwollen, von ganz ausgezeichneter, die Schranken ihres hoben Ranges faſt uͤberſteigen⸗ der Gnade liegt; ſo— iſt es doch, als fange mir die ganze Duellgeſchichte an, fatal zu werden! Wallen⸗ rodt hat den erſten Schuß!— das laͤßt ſich nicht aͤndern— es waͤre doch infam, wenn ich, ſtatt des goͤttlichen Walzers mit Adelinen, den Todestanz in das dunkele Grab machen muͤßte!— Doch— alle Ku⸗ geln treffen nicht, iſt ein bewaͤhrtes Soldaten⸗Sprich⸗ work— die gerechte Sache iſt fuͤr mich, und wer auf dieſe pochen kann, hat in der Regel den Schutz des Gluͤcks fuͤr ſich. Alſo nur vorwaͤrts drauf! der be⸗ ſagte erſte Walzer ſoll mein Lohn ſeyn, daß ich zum Beſten aller meiner Hinterleute im Regimente, und zur ewigen Warnung vor kuͤnftige Einſchiebſel, Leib und Leben in die Schanze ſchlage.“ So ſprach Sterneck zu ſich ſelbſt, und ließ durch ſeinen Sekundanten Wallenrodt ſagen, daß ihr Zu⸗ ſamn und habe richt Seu anbe G der drun kam weie zu b und den auf Ste kraͤr wal der rneh⸗ mich icken, tung es ja n Le⸗ ich es u ſt.“ nzeſ⸗ eline ihn auf grin⸗ ißer⸗ eter, gen⸗ die Uen⸗ nicht des — 59— ſammentreffen, eingetretener Hinderniſſe halber⸗ und weil zu beſorgen, daß ſie mit ſaͤmmtlichen Theil⸗ habern aufgehoben wuͤrden, nicht hinter der Scharf⸗ richterei, ſondern im Buchenwaͤldchen am Ende der Seufzer-Allee, eine halbe Stunde vor der geſtern anberaumten Friſt ſtattfinden muͤſſe. Der Zweikampf. Emil hatte die halbe Nacht ſchlaflos zugebracht; der Gedanke, daß die erſte Frucht ſeiner ihm aufge⸗ drungenen Stellung, dieſer ihm abgezwungene Zwei⸗ kampf ſey, beſchaͤftigte ſeine Seele fortwaͤhrend. Aus⸗ weichen konnte er nicht, ohne ſeinen Namen auf ewig zu brandmarken. Bei der Sicherheit ſeiner Hand⸗ und bei der Geuͤbtheit ſeines Auges, war, wenn er den erſten Schuß hatte, Sternecks Leben nur noch auf Minuten berechnet. Aber was war ihm mit Sternecks Tode geholfen? Der Moͤrder eines ge⸗ kraͤnkten Menſchen zu ſeyn, der in der erſten Auf⸗ wallung ſich einige derbe Aeußerungen erlaubt hatte⸗ der aber bei ruhiger Auseinanderſetzung gewiß eine billigere Anſicht gewonnen haben wuͤrde; das konnte ihn nicht nur nicht gluͤᷣcklich machen, ſondern es drohte ihn, durch ſein ganzes Leben, wie ein unheilſchwan⸗ geres Geſpenſt zu verfolgen— und doch wieder auf der andern Seite— machte er den händelſuͤchtigen Sterneck nicht wenigſtens waffenunfähig; ſo lief er Gefahr, von ihm bei dem zweiten, dritten oder vier⸗ ten Kugelwechſel uͤber den Haufen geſchoſſen zu wer⸗ den, und das war ihm fuͤr den Spaß doch zu ernſt⸗ haft; er wollte die moͤglichen Faͤlle noch weiter durchgruͤbeln, aber er ward auf hoͤchſt unerwartete Weiſe vom alten General Gruber uͤberraſcht, der bei ihm eintrat, und in kurzen Worten ſagte, daß ——— — 60— er vom Major von Wippingen ſo eben die ganze Ge⸗ ſchichte ſich habe erzaͤhlen laſſen. Bei dergleichen Ehrenſachen ſey er von je an immer gern zugegen geweſen; er wiſſe, daß Emil bereits mit einem Se⸗ kundanten verſehen ſey; er erbiete ſich aber hiermit zum zweiten; habe auch, fuͤr die ſchlimmſte Moͤg⸗ lichkeit, einen Wundarzt mit den noͤthigen Erfor⸗ derniſſen auf das Rendezvous hinaus ſpedirt, und das einem oder dem andern Theile vielleicht beduͤrf⸗ tige Reiſegeld zur Flucht uͤber die Grenze mitgebracht. Emil ſagte ihm in wenig herzlichen Worten fuͤr Alles das Dank, geſtand ihm, daß er einen ſolchen Gang in ſeinem Leben noch nie gethan, daß es ihm leid thue, die unſchuldige Veranlaſſung dazu gewe⸗ ſen zu ſeyn, daß er ſich indeſſen auf ſich verlaſſen koͤnne, und darum uͤber den Ausgang der Sache keine große Beſorgniß hege. „Ruhig, nicht zu voreilig, junger Freund,“ fiel ihm der General in das Wort:„auf einen Men⸗ ſchen zu ſchießen, iſt ein ganz ander Ding, als auf eine Scheibe. Wenn Sie nicht Eis in den Adern haben, ſo wird es Ihnen ganz kurios vorkommen, wenn Sie auf den Sterneck zielen, und er Ihnen in das Auge fieht; ich habe in ſolchen ernſten Augen⸗ blicken Maͤnner zittern ſehen, die mit der kaltbluͤtig⸗ ſten Unerſchrockenheit vor meinen Augen Batterieen erſtuͤrmt haben, und wer zittert, fehlt. Einen Fehl⸗ ſchuß aber wuͤrden Sie ſchwer buͤßen muͤſſen; Ster⸗ neck iſt einer unſerer beſten Schuͤtzen.“ „Seyn Sie ganz unbeſorgt, Herr General,“ ent⸗ gegnete Emil ſehr ernſt, und in Gedanken vertieft, die ihn heimfuͤhrten zu dem wackern Vater Wallen⸗ rodt, und zu der heilig geliebten Mutter, und von — 61— da zu Adelinens Fuͤßen, um fuͤr den moͤglichen Fall ihnen das letzte Lebewohl zu ſagen. Er mußte ſich mit Gewalt los machen von den Abſchieds⸗Scenen,⸗ die ihm ſeine Phantaſie mit den ſchwaͤrzeſten Far⸗ ben vormalte, um nicht weid zu werden. Mit dem General und ſeinem Sekundanten auf dem beſtimmten Platze, am Ende der Seufzer⸗Allee, kaum angelangt, traf auch Sterneck mit ſeinem Se⸗ kundanten und mehreren Offizieren der Garniſon ein. Als man ſich gegenſeitig begruͤßt hatte, trat der General zwiſchen beide junge Maͤnner, und ſprach mit gedaͤmpfter Stimme, die aber immer noch ſo durchgreifend klang, daß die Umſtehenden Alle mein⸗ ten, das ſchwere Rollen eines fernen Gewitters zu hoͤren. „Eine der ſchrecklichſten Barbareien, die uns aus dem Zeitalter der rohen Dummheit unſerer Vorfah⸗ ren üͤbrig geblieben, iſt der Zweikampf. Nicht die Ver⸗ nunft, nicht die Billigkeit, nicht das auf beide ſich gruͤndende Geſetz, ſondern das Schwert, und, in der neuern Zeit, das Piſtol ſollen— nicht entſcheiden, wer unter den Streitenden Recht habe, nicht den Beleidigten raͤchen, nicht ihm Genugthuung ſchaf⸗ fen, ſondern, es koſte, was es wolle, den Streit ſchlichten. Ultimo ratio regium, iſt die herrliche Inſchrift der preuſſiſchen Kanonen. Es gibt keine paſſendere; denn wenn alle guͤtliche Vorſtellungen, und alle erſchoͤpfende Deduktionen, mit denen Koͤ⸗ nig und Volk ihre Rechte und Anſichten zu ver⸗ theidigen ſich bemuͤht haben, nicht mehr haften wol⸗ len, ſo muͤſſen dieſe letzten zweiraͤderigen Vernunke⸗ Gruͤnde vorgefahren werden; noch ehe das Kriegess Manifeſt aus der Preſſe kommt, heißt es: Aunk⸗ ——————————— geſeſſen! Rechts ſchwenkt! Marſch! Lun⸗ anſte ten an!— und nun in Gottes Namen vorwaͤrts. raſch Es iſt keine hoͤhere Inſtanz, kein weiterer Richter Toͤlp da, alſo muß das Kanonenrecht entſcheiden. So fuͤr nun Volk gegen Volk— aber wir einzelnen Staatses hen buͤrger, die wir unter Geſetz und Richter ſtehen, da, wir handeln Unſinnigen gleich, wenn wir uns ſelbſt der Recht nehmen wollen, und wie wollen wir es uns wen nehmen? mit dem Schwert, mit dem Piſtol in der der Fauſt. Als ob der Beleidigte nun die ihm gebuͤh: Seif rende Genugthuung erhielte, wenn ihn ſein Gegner Aug verſtuͤmmelt, oder ihm das Lebenslicht ausblaͤſ't oder befa als ob er— ich ſetze voraus, daß er ein gebildeter, ten ehrlicher, von wilder Rachgier weit entfernter, Mann ſicht ſey— als ob er die ihm gebuͤhrende Genugthuung dar⸗ hun in faͤnde, daß er ſeinen Beleidiger verſtuͤmmelt, oder welt in den Sand ſtreckt!— In den nordamerikaniſchen kaut Freiſtaaten, wo die Leute ihre Ehre, ihren guten Vat Namen auch lieb haben, weiß man faſt von keinem der, Zweikampf— warum? weil ein Geſetz da iſt, welches Fre jeden Duellanten fuͤr wahnwitzig erklaͤrt, ihn darum ſen, lebenslang in den Narrenthurm ſperrt, und ſein ge⸗ was ſammtes Vermoͤgen zum Beſten der oͤffentlichen tete Irren⸗Anſtalten in Beſchlag nimmt. Bei uns iſt der nug Begriff von Ehre der allerverworrenſte. Schulden wiſſ machen, den Glaͤubiger auf die ſchaamloſeſte Weiſe ſchl um ſein Geld bringen, oder wenigſtens ihm das dor Seinige durch truͤgeriſche Vorwaͤnde Jahre lang vor⸗ Kre enthalten; argloſe Mädchen um Unſchuld, Ruf und ſeyn Lebensgluͤck leichtſinnig bringen, und ſie dann un: Ve ba emherzig, vielleicht gar hohnlachend ihrem Schickſale her uͤberlaſſen: das haͤlt unſere junge Maͤnnerwelt nicht fuͤr ehrlos; aber wenn einer uns ſcheel uͤber die Achſel Lun⸗ vaͤrts. dichter So taats⸗ tehen, ſelbſt 3 uns in der ebuͤh⸗ egner loder deter, Nann g dar⸗ oder iſchen auten inem elches arum in ge⸗ lichen ſt der ilden Weiſe das vor⸗ und un⸗ ckſale nicht lchſel — 65— anſieht, wenn er uns in leidenſchaftlicher Hitze ein raſches, unuͤberlegtes Wort hinwirft, wenn uns ein Toͤlpel ohne Erziehung, ohne Takt, ohne Achtung fuͤr Sitte und Anſtand, auf den Fuß tritt— da ſte⸗ hen wir, aller Ehre entbloͤßt, vor unſerer Mitwelt da, und ein Menſchenleben, gleich viel, ob ſolches der Beleidiger oder der Beleidigte verliert, oder wenigſtens ein Paar Loͤffel Blut, gleich viel, ob ſolche der Beleidiger oder der Beleidigte vergießt, ſind das Seifenmittel, den Flecken abzuwaſchen, der in den Augen unſerer, von den einfaͤltigſten Vorurtheilen befangenen, Standesgenoſſen auf unſerer ſogenann⸗ ten Ehre haftet. Dieſem Gräuel von falſcher An⸗ ſicht, den vielleicht ſchon am Ende des kuͤnftigen Jahr⸗ hunderts unſere geſittetere und gebildetere Nach⸗ welt, bei den uͤbrigen Vorſchritten unſerer Kultur, kaum fuͤr moͤglich halten wird, haben Kinder ihren Vater, Frauen ihren Gatten, Schweſtern ihren Bru⸗ der, Braͤute ihren Geliebten, Eltern ihre Soͤhne, Freunde ihren Freund, als Opfer fallen ſehen muͤſ⸗ ſen, ohne Erſatz— denn der iſt nicht moͤglich— aber, was bei der Gerechtigkeitsliebe eines wohl eingerich⸗ teten Staats kaum denkbar iſt, ſelbſt ohne die Ge⸗ nugthuung, den Moͤrder des Gefallenen beſtraft zu wiſſen, denn die wenigen Monate, daß jener im ſchlimmſten Falle auf der Feſtung lebt, und es ſich dort mit ſeinen Kameraden oder andern froͤhlichen Kreiſen am Boſtontiſche und bei der Weinflaſche wohl ſeyn laͤßt, wird man fuͤr die Strafe eines ſolchen Verbrechens fuͤglich nicht anſehen koͤnnen; und da⸗ her ſind die Fuͤrſten unſerer Zeit hoch zu preiſen, die das Uebel, was aus Nachſicht gegen die Duel⸗ lanten hier und da gar ſehr uͤberhand zu nehmen anfing, mit unerbittlicher Strenge unterdruͤckt, und darum die dagegen bereits beſtehenden Geſetze in ihrem vollen Umfange gehandhabt, und nach Befin⸗ den der Umſtaͤnde verſchaͤrft wiſſen wollen. Ehren⸗ gerichte, nicht aus jugendlichen Hitzkoͤpfen, ſondern aus ruhigen, verſtaͤndigen, und wenigſtens zum dritten Theil aus geſetz⸗ und rechtskundigen Maͤn⸗ nern mit der Aufgabe zuſammengeſetzt, in kurzer Friſt den Thatbeſtand zu unterſuchen, und in Ple⸗ nar⸗Verſammlung abzuurtheilen, ſind vielleicht das wirkſamſte Mittel, und ſehen dieſe Gerichtsbehoͤr⸗ den beſonders darauf, daß die, welche aus haͤmiſcher Bosheit die Ehre ihres Mitmenſchen abſichtlich kraͤnkten, recht empfindlich beſtraft, die aber, die ſich auf Zweikampf fordern, als Wahnſinnige aufgeho⸗ ben, und mehrere Jahre lang in enger Haft auf Waſ⸗ ſer und Brod geſetzt, und endlich die, welche ihren Gegner im Duell erlegen, ohne Gnade, als Todt⸗ ſchlaͤger zum Tode verurtheilt werden; ſo ſtehe ich Ihnen dafuͤr, ſoll die Zahl der Duelle wohl merklich abnehmen, und dieſe ganze Mordluſt⸗Seuche in we⸗ nig Jahren hoffentlich voͤllig verſchwunden ſeyn. Nach Auseinanderſetzung dieſer meiner Anſicht, frage ich Sie, meine Herren, wollen, muͤſſen Sie ſich ſchießen? Ich frage Sie im Namen der geſunden Vernunft, der wir Alle unterthan, im Namen des Staates, dem Sie Ihr Leben ſchuldig ſind, und im Namen Ihrer Angehorigen, und— er hielt eine Viertelſekunde inne, und daͤmpfte die Stimme, als ob er die Frage an ihr Herz nur von ihnen Beiden allein und von keinem Dritten gehoͤrt wiſſen wollte— und im Namen Ihrer Lieben, die in Ihrem Beſitze lbr Gluͤck, in Ihrer Liebe ihrer Seligkeit finden.“ „ und tze in Befin⸗ hren⸗ ndern zum Maͤn⸗ eurzer Ple⸗ ſt das dehoͤr⸗ iſcher tlich te ſich geho⸗ Waſ⸗ ihren Todt⸗ je ich rklich we⸗ Nach ze ich 2 ſich nden des d im — 65— Beide Streiter ſenkten Piſtol und Auge; Beide ſchwiegen. Beiden war bei des alten wackern Ge⸗ nerals letzter Frage ein ſuͤßes Traumbild voruͤber ge⸗ ſchwebt, von Beiden, in der geheimen Tiefe ihres Herzens, Adeline genannt. Nach geraumer Pauſe entgegnete endlich Sterneck halb leiſe: unſere Herren Sekundanten moͤgen ent⸗ ſcheiden. 1 „Nun wohl,“ rief freudig der alte Gruber auf: „ich bin der aͤlteſte Ihrer Sekundanten; folglich wer⸗ den mir die uͤbrigen das Recht der erſten Stimme hoffentlich nicht ſtreitig machen; Sie ſchießen ſich nicht.“ Mit dieſem Worte traten die Offtziere, welche ſich als Zuſchauer um ſie verſammelt hatten, wie auf Kommando, ſaͤmmtlich mit einem Schritte naͤher, und erklaͤrten, des allgemein geſchaͤtzten Generals Rang und Anſehen beachtend, in zwar ſehr ruͤckſichts⸗ vollen, aber doch auch in ſehr beſtimmten Ausdruͤk⸗ ken, daß, ſo ſehr auch die Grundfaͤtze und Anſichten des Herrn Generals im Allgemeinen zu beherzigen ſeyn moͤchten, das vorhabende Duell doch, ſo lange von oben herab nicht wirkſamere Maaßregeln gegen den Zweikampf uͤber haupt getroffen, ſondern Verge⸗ hungen gegen das Duell⸗Mandat mit einer ſo auf⸗ fallenden Nachſicht geahndet wuͤrden, daß die In⸗ tention, ſie als unvermeidliches Uebel ſtillſchweigend vor der Hand noch dulden zu wollen, ganz unlaͤug⸗ bar daraus hervorleuchte, nicht ruͤckgaͤngig gemacht werden koͤnne, ohne den guten Namen und die mi⸗ litäriſche Ehre der beiden hier gegen einander ſte⸗ henden Herren, und mit dieſen den bis dahin hin⸗ ſichtlich der Bravour ſeiner Offiziere unbeſcholten LXV. 6 — 66— erhaltenen Ruf des ganzen Leibhuſaren⸗Regiments auf eine ſehr gefaͤhrliche Spitze zu ſtellen; Sie muͤß⸗ ten daher um ihrer willen bitten, und um des Of⸗ fizier⸗Corps der ganzen Garniſon, und ſpeziell des genannten Regiments willen darauf dringen, der Ausfuͤhrung des Vorhabens, das ſie hier verſam⸗ melt, keinen weitern Anſtand zu geben. „Nun ſo ſchießt Euch,“ rief der General unwil⸗ lig, daß er wieder einmal in den Wind geſprochen: „ich waſche meine Haͤnde in Unſchuld; Euer Blut falle auf das Haupt derer, die es verlangen. Jetzt macht, meine Herren, daß wir vom Fleck kommen.“ Von dieſem Augenblick an ſprach er kein Wort mehr, ſondern ſah nur darauf, daß die Sekundan⸗ ten, bei'm Laden der Piſtolen, bei'm Abmeſſen der Schritte, und bei den andern Formalitaͤten, ihre Schuldigkeit auf das Genaueſte thaten. Sterneck war auffallend ſtill und bleich. Von den Worten des Generals war Manches ihm ſchwer auf das Herz gefallen, und hatte ihn weich und un⸗ ſicher gemacht; vornehmlich aber brachte ihn Emils heitere Ruhe aus der Faſſung. Als Alles nun bereit und in Ordnung war, hob der General, uͤber die Fruchtloſigkeit ſeiner Vorſtel⸗ lungen ſehr verſtimmt, an: nachdem, was ich uͤber Freund Wallenrodts Schußfertigkeit von glaubwuͤr⸗ diger Perſon gehoͤrt habe, und von Freund Sternecks Meiſterſchaft im Piſtolenſchießen weiß, muß bei viermaligem Kugelwechſeln Einer von Beiden blei⸗ ben. Iſt daher fuͤr dieſe Welt noch Etwas zu beſtel⸗ len, ſo liegt es bekanntlich im Kreiſe der Sekundan⸗ ten⸗Pflicht, Auftraͤge ſolcher Art heilig zu bewahren und puͤnktlich zu erfullen. dan nige betr fuͤr tet; nich brir ich Opf dies ſte. und guͤti und trau meit mir Lebe letzte 2 ſeher um Her; bran kuͤhr Tod zwiſe Lakit ſiſche verſc den ten — 62— Sterneck wendete ſich hierauf zu ſeinen Sekun⸗ danten, und ſprach, im Vorgefuͤhl ſeines Todes, ei⸗ nige ernſte Worte mit ihnen, ſeinen letzten Willen betreffend. Emil ging zum General, dankte ihm fuͤr die auszeichnende Ehre, ihn bis hierher beglei⸗ tet zu haben, und ſprach:„ich habe auf dieſer Welt nichts mein zu nennen, als meine geliebte Mutter; bringen Sie ihr, wenn ich falle, meine letzten Gruͤße; ich habe dieſen Streit nicht geſucht; ſoll ich deſſen Opfer ſeyn, ſo ſterbe ich unſchuldig; ſagen Sie ihr dies zu meiner Rechtfertigung und zu ihrem Tro⸗ ſte. Prinzeſſin Adeline—“ ſetzte er leiſer hinzu, und ſchlug das Auge tiefer nieder—„ſie hat mir guͤtig wohlgewollt. Bringen Sie ihr,“ ſchloß er, und hob den vertrauensvollen Blick auf den ver⸗ trauenswerthen alten Freund,„bringen Sie ihr meinen Dank fuͤr die freundliche Huld, mit der ſie mir meine letzten Tage zu den gluͤcklichſten meines Lebens gemacht hat. Sie und nur Sie ſoll mein letzter Gedanke ſeyn.“ Vater Gruber haͤtte nur mit halbem Auge zu ſehen, nur mit halbem Ohr zu hoͤren gebraucht, um das heilige Feuer, was in dieſem jugendlichen Herzen rein wie eine veſtaliſche Opfer⸗Flamme brannte, zu gewahren. Er erſchrak faſt vor dem kühnen Bekenntniß; nur das Gefuͤhl des nahen Todes, nur die Ahnung, auf der Schauerbruͤcke zwiſchen Erde und Himmel zu ſtehen, wo alle Lakir⸗Baͤume des Standesunterſchiedes, alle chine⸗ ſiſche Mauern der Rangvorurtheile in ihr Nichts verſchwinden, konnte Emil den Muth gegeben haben, den ihm ſonſt ganz fremden General zum Vertrau⸗ ten eines ſolchen Geheimniſſes zu machen. Wie ein — 63— Blitz durchzuckte den alten Mann wider Willen der Gedanke, ob es nicht vielleicht am beſten, eine mit⸗ leidige Kugel durchſchlage raſch das Herz, ehe es un⸗ ter den namenloſen Qualen einer ungluͤcklichen Liebe langſam verſchmachte. Waͤhrend deſſen entſtand zwiſchen beiden Duellan⸗ ten ein ſehr edler Wettſtreit um den hoͤchſt wichti⸗ gen Punkt des erſten Schuſſes. Keiner wollte ihn thun; Sterneck behauptete, er kaͤme Emil zu, da die⸗ ſer von ihm im Hauſe des Majors von Wippingen ſchwer beleidigt ſey; Emil hingegen ſetzte ſehr buͤn⸗ dig und breit auseinander, daß nicht er, ſondern Sterneck der beleidigte Theil ſey. Sterneck vertrete das ganze Corps ihrer beiderſeitigen Hinterleute; dieſes ſey durch ſeinen Einſchub ſchwer beleidigt; daß von ſeiner Seite dieſe Beleidigung nicht abſicht⸗ lich geſchehen, daß er alſo kein böswilliger Beleidi⸗ ger, thue hier nichts zur Sache; genug, die Belei⸗ digung ſey da, und muͤſſe, nach oben vorhin ausge⸗ ſprochener Anſicht ſeiner Herren Kameraden, mit Blut abgewaſchen werden; er ſelbſt koͤnne ſich in keinem Falle als den beleidigten Theil anſehen; denn die boͤſen Worte, die Herr von Sterneck geſtern Abend geſprochen, und die man, wie er jetzt wahrnehme, als ihm zugefuͤgte Beleidigungen anſehe, waͤren nichts als Ausbruͤche gerechten Unwillens uͤber ſeinen, dem Herrn von Sterneck allerdings nachtheiligen, Einſchub geweſen, die ihm in gleicher Lage beſtimmt auch entſchluͤpft ſeyn wuͤrden; da dieſe heftigen Aeußerungen nun nicht dem Eingeſchobenen, ſon⸗ dern eigentlich dem Einſchub, oder noch eigentlicher dem Einſchiebenden gegolten, ſo koͤnne er ſich von ihm auch nicht beleidigt halten;— folglich koͤnne — der mit⸗ 3 un⸗ Liebe an⸗ ichti⸗ 2 ihn a die⸗ ngen buͤn⸗ ndern etrete eute; digt; bſicht⸗ Neidi⸗ Belei⸗ usge⸗ „ mit ch in denn Abend ehme, waͤren einen, ligen, rtimmt ftigen „ſon⸗ tlicher h von koͤnne und werde er auch nicht den erſten Schuß thun, ſondern muͤſſe dieſen dem Herrn von Sterneck in jedem Falle uͤberlaſſen. Man ſtritt daruͤber viel hin und her; Emil ſagte endlich, daß er außer den angefuͤhrten Gruͤnden auch mit deßhalb darauf beſtehen muͤſſe, daß er den zweiten Schuß habe, weil, wenn er den erſten haͤtte, Herr von Sterneck beſtimmt den zweiten nicht ha⸗ ben wuͤrde. Einige der umſtehenden Offtziere erwiederten darauf, im Innern dieſe Aeußerung faſt fuͤr Prah⸗ lerei haltend, daß man ſeiner Fertigkeit wohl ziem⸗ lich ſicher ſeyn koͤnne, indeſſen taͤuſche oft ein ſol⸗ ches Selbſtvertrauen, und ſie muͤßten daher bitten, daß er der Stimmenmehrheit nachgebe, die ihm das Recht des erſten Schuſſes zuerkenne. „Auf eine Kugel und auf einen Knopf wird es ja nicht ankommen,“ ſagte Emil, faſt im Tone leich⸗ ten Scherzes, und hob das Piſtol:„dort auf dem Zaune haͤngt eine alte Weſte; wahrſcheinlich gehort ſie dem Tagloͤhner, der da oben am Berge arbeitet; geben Sie ihm“— er legte auf einen nahen Baum⸗ ſturz ein Stuͤck Geld—„geben Sie ihm das fuͤr den oberſten Meſſingknopf.“ In dem Augenblick druͤckte er, ohne langes Zielen ab, und der oberſte Meſſingknopf war von der Weſte verſchwunden. Man ſchritt die Entfernung aus. Sie betrug ſechs und zwanzig Schritte. Der General brummte ein, dem tiefſten Stau⸗ nen abgepreßtes, Bravo, das in Sternecks Innern wiederklang, wie ein Poſaunenſtoß des letzten Welt⸗ gerichts; denn, daß Emil furchtbar wahr geſprochen, daß, wenn Emil den erſten Schuß habe, er den zwei⸗ ——— — 70— ten nicht haben wuͤrde— das ſtand vor ſeinem halb ſchon gebrochenen Auge unumſtoͤßlich gewiß. Der oberſte Meſſingknopf mußte in der Bera⸗ thung uͤber das Recht des erſten Schuſſes ein votum decisivum gehabt haben. Es widerſprach Keiner mehr, als Emil, nachdem ſein Piſtol von neuem ge⸗ laden war, ſeinen Gegner widerholentlich bat, ſich ſchußfertig zu machen. „Wenn der Herr Lieutenant nicht anders wol⸗ len,“ ſagten Sternecks Sekundanten zu dieſem, und zogen ſich zuruͤck. Der General entnahm aus Emils ganzem Benehmen, daß er im dunkeln Vorgefuͤhl der ſchmerzlichen Mißverhaͤltniſſe, die ihm aus der unſeligen Liebe entſpringen muͤßten, nicht laͤnger le⸗ ben wollte, und ſchwieg. Der Augenblick der Entſcheidung war alſo da. Emil bot die breite eherne Bruſt dem Gegner ruhig dar. Sein Auge haftete auf Sternecks Blick und Piſtol. Seine Seele war bei Adelinen. Sterneck, dem ſeit dem Weſtenſchuſſe alles Blut aus dem Geſichte gewichen war, konnte kein Glied ſtille halten. Er hätte vor Aerger uͤber das ver⸗ dammte Zittern vergehen moͤgen, aber es war ihm nicht moͤglich, des heimlichen Froſtes, der ihm am ganzen Koͤrper die Knochenhaut uͤbereiste, Meiſter zu werden. Emil hatte ihm den verwuͤnſchten Meſ⸗ ſingknopf in die Augen, in die Luftröhre, in das rechte Handgelenk geſchoſſen. Er konnte nicht ſehen, nicht Athem holen, das Piſtol nicht umfaſſen. Um nur zu ſchießen, ehe er erſtickte, druͤckte er ab. Die Kugel flog einen Zoll breit neben Emil in einen hinter dieſem ſtehenden Baum. Aus jedem Blatte deſſelben ſaͤuſelte dem nun halb ſchon entſeelten — 11— Sterneck das unausweichliche Todesurtheil entgegen. Allen Umſtehenden verſagte der Athem. Eine furchtbare Stille. „Die Herren,“ unterbrach endlich Emil die Pauſe, „ſprachen vorhin von zuweilen taͤuſchendem Selbſt⸗ vertrauen; ſie koͤnnten vielleicht meinen, mein Tref⸗ fen könne Zufall geweſen ſeyn;— es gilt jetzt dem zweiten Knopfe.“ Mit dem letzten Worte zerſtiebte ſchon der zweite Knopf der Tageloͤhner⸗Weſte in alle Luͤfte. „Keine Geringſchaͤtzung, Herr Lieutenant,“ rief Sternecks erſter Sekundant in leidenſchaftlicher Auf⸗ wallung. „Keine Beleidigung, mein Herr,“ entgegnete Emil, und der lange verhaltene Unwille uͤber das Treiben der kampfluſtigen jungen Herren uͤberhauch⸗ te ihm die Wangen mit dunkelm Karmin.„Wer hat den ganzen Streit angezettelt?— Sie Alle zu⸗ ſammen.— Wer hat den Herrn von Sterneck ſo lange gereizt, wer iſt ſo lange in ihn gedrungen, bis er den Schritt gethan, der ihm jetzt ſo unlieb iſt, als mir?— Sie Alle mit einander; Einer weniger, der Andere mehr.— Wer verhieb den Weg der Suͤhne, den Ihr vaͤterlicher Freund, der Herr Ge⸗ neral, eingeſchlagen? wer verſtopfte ſich das Ohr, daß es nicht hoͤre den Rath der Weisheit und die Bitte der Menſchlichkeit?— Sie, Sie Alle mit ein⸗ ander. Wer hielt den alten morſchen Wurzelſtamm, den Wahnbegriff von falſcher Ehre, den ein vor⸗ urtheilsloſer Verfechter der wahren Ihnen aus der Seele reißen wollte, aus Leibeskraͤften feſt? Sie, Sie Alle. Wer beſtand darauf, daß um nichtiger urſache willen unſchuldig Menſcheublut vergoſſen, —ÿ—— ein Menſchenleben auf eine Bleikugel geſetzt werden muͤſſe?— Sie, Sie Alle.— Und nun wir Ihrem barbariſchen Vorurtheil gefröhnt, und uns mit un⸗ tadeliger Ritterlichkeit Mann gegen Mann geſtellt, und mein Gegner gefehlt, und ich, ſtatt ſein Herz, ſtatt das Herz eines Mannes, den ich kaum kenne, und dem ich ſein von mir ſelbſt entſchuldigtes, un⸗ freundliches Benehmen von Grunde meiner Seele verziehen, auf das Korn zu nehmen, nach dem er⸗ ſten beſten Gegenſtande ziele, der mir in die Augen faͤllt, ſprechen Sie von Geringſchaͤtzung! Ich glaubte dem Herrn von Sterneck keinen groͤßern Beweis von Wohlwollen und Verſoͤhnungsliebe geben zu koͤn⸗ nen; wenigſtens habe ich von der einem Dritten zu bezeigenden Hochachtung, die darin beſtehen ſoll, daß ich ihn uͤber den Haufen ſchieße, keinen Begriff;— oder ſollte ich blos ſo thun, als zielte ich auf ihn, und ſollte fehlen?— das wollte ich nicht; einmal ware das mit ihm und Ihnen Komoͤdie geſpielt, und dazu habe ich fuͤr ihn und Sie zu viel Achtung! und dann ſollte er mit Ihnen Allen ſehen, daß ſein Leben in meiner Hand war, und daß ich keine Freude hatte, es ihm zu nehmen. Iſt denn in Euern Tur⸗ nirbuͤchern der neuern Zeit ein Geſetz da, welches den Streiter zwingt, ſeinen Gegner nieder zu rennen? Bin ich nicht Herr meiner Waffe? kann ich nicht ſchießen, wohin ich will? Wie nun, wenn ich mich von Ihrem Vorwurfe, daß ich Ihren aller⸗ ſeitigen Vertreter, den Herrn von Sterneck, mit Geringſchaͤtzung behandelt, ſchmerzlicher beleidigt fuͤhlte, als von allen den Vorgaͤngen, die dieſen Zweikampf herbeigefuͤhrt haben? Wie nun, wenn ich mir von Ihnen, und von jedem der uͤbrigen hier ——— verſa nugt ren, Noth Seit muͤß mein liche dern mir men Allge aller helfe erden hrem t un⸗ ſtellt, Herz, enne, „un⸗ Seele n er⸗ ugen aubte von koͤn⸗ en zu ſoll, 1.— ihn, nmal und und ſein eude Tur⸗ lches r zu kann venn ller⸗ mit digt eſen denn hier — 75— verſammelten Herren, die Ihre Anſicht theilten, Ge⸗ nugthuung ausbaͤte? Wie nun, wenn alle die Her⸗ ren, wie nach deren fruͤhern Aeußerungen uͤber die Nothwendigkeit des Duells zu erwarten, auf Ihre Seite traͤten, und ich mich nun mit Allen ſchießen muͤßte? Wie nun, wenn ich, als der beleidigte Theil, mein Recht des erſten Schuſſes, und meine gluͤck⸗ liche Schußſicherheit benutzend, einen nach dem an⸗ dern niederſchöße? Wuͤrden Sie denn, wenn ich Sie mir bis zuletzt aufhöbe, in der Mitte Ihrer zuſam⸗ men geſchoſſenen Kameraden, den Zweikampf im Allgemeinen nicht fuͤr eine Raſerei, nicht fuͤr die allerungerechteſte Art, ſich zu ſeinem Recht zu ver⸗ helfen, anſehen? wuͤrden Sie mir, wenn ich denn des Schlachtens muͤde, ſtatt auf Sie abzudruͤcken, in die Luft ſchoͤße, den Vorwurf der Geringſchaͤtzung wiederholen?“— „Antworten Sie mir, wenn ich bitten darf,“ ſagte Emil nach einer Weile, waͤhrend deren eine Tod⸗ tenſtille geherrſcht hatte, und warf einen dunkel⸗ blitzenden Feuerblick in das Auge des Vorlauten, das ſich ſcheute, dem ſeinigen zu begegnen. Der alte General ſchmunzelte beifaͤllig. Emil ſprach ihm aus der Seele; und die beiden an ſich elenden Meſſingknoͤpfe gaben der ſtrengen Rede ein ganz eigenes Gewicht. Jedes Wort hatte ſchwer eingeſchlagen, und alle Umſtehende ſahen im Geiſte ſchon den Sand unter ihren Fuͤßen mit ihrem Blute gefaͤrbt; darum waren ſie Alle ernſt, und dachten im Stillen an ihr letztes Stuͤndlein. „Nun, bin ich keiner Antwort werth?“ fragte Emil gereizt, und ſein Ton klang wie ein ſcharf⸗ ſchneidiges Schwert, und aus den ſchoͤn gewoͤlbten Clauren Schr. LXV. 7 — 7½— Braunen flog ein Flammenblitz auf den Verſtumm⸗ ten, daß dieſer augenblicklich Sprache bekam, und in unverſtaͤndlichem Murmeln verſicherte, daß er bei ſeiner Aeußerung vorhin keine beleidigende Ab⸗ ſicht gehabt habe. 1 „Nun dann wohl,“ erwiederte Emil beſaͤnftigt, „ſo laſſen Sie uns das zweite Paar Kugeln wech⸗ ſeln. Schießen Sie, Herr von Sterneck.“ Hatte Sterneck die Ahnung, daß Emils Lang⸗ muth jetzt erſchoͤpft ſey, und daß dieſer zum zweiten Male nicht wieder in die Luft ſchießen, ſondern, wenn ihm Sternecks Kugel das Leben laſſe, durch einen Meiſterſchuß dafuͤr ſorgen werde, daß es zum dritten und vierten Kugelwechſel nicht weiter kom⸗ me; oder hatte er den bittenden Blick der Umſtehen⸗ den, jetzt ſein Moͤglichſtes zu thun, und den Furcht⸗ baren, der hier noch ein blutiges Hochgericht halten zu wollen nicht uͤbel Luſt bezeigt hatte, aus dem Wege zu ſchaffen, verſtanden; er legte an. Der General und mit ihm vielleicht auch Emil und deß ſen zweiter Sekundant hatten im Geheimen der Vor⸗ ausſetzung Raum gegeben, daß Sterneck, aus Emils Hand unläugbar mit dem Leben beſchenkt, die Fort⸗ ſetzung des ganzen Zweikampfs auf ſich beruhen laſe⸗ ſen werde; aber ſie hatten ſich geirrt! Sterneck legte an; dem General, der uͤber dieſe unerwartete Wendung hoͤchlich emz oͤrt zu ſeyn ſchien, entſchluͤpfte ein brummendes„Hm.“. In der ganzen Geſellſchaft kein Athemzug. Aller Augen ſtarrten auf Emils Bruſt, um zu ſehen, wo die Kugel einſchlagen werde. Sternecks Hand war jetzt ſicher und feſt. Emils Wa gen uͤberflog eine leichte Blaͤſſe. Er ſah auf die Muͤndung von Sternecks — tumm⸗ n, und daß er de Ab⸗ nftigt, wech⸗ Lang⸗ weiten ndern, durch 's zum r kom⸗ ſtehen⸗ Furcht⸗ halten s dem Der nd deſ er Vor⸗ Emils e Fort. den laf⸗ ternec vartete hluͤpfte Aller en, wo nd war og eine ternecks —,— — 75— Piſtol; druͤckte dieſer jetzt ab, ſo traf die Kugel ihm mitten in das Herz. Der Schuß fiel. Die Kugel ſauſ'te Emils Ohr vorbei, und ſchlug wieder in den hinter ihm ſtehen⸗ den Baum. „Keine Geringſchätzung, hat Ihr Herr Sekun⸗ dant geſagt,“ hob Emil, von der Heimtuͤcke, mit der Sterneck zum Dank fuͤr das ihm geſchenkte Leben gezielt hatte, tief verletzt, an:„ich muß mir es alſo zur Ehre aurechnen, daß Herr von Sterneck es recht ernſtlich auf mich abgeſehen hatte. Eine Ehre iſt der andern werth. Stellen Sie ſich, Herr von Sterneck. Bedenken Sie, daß ein Herz wenigſtens zehnmal grö⸗ ßer iſt, als ein Weſtenknopf, und daß mein Ziel dies⸗ mal eilf Schritte, alſo mehr denn um die Haͤlfte naͤher iſt, als vorhin, und darum befehlen Sie Gott dem Herrn Ihre Seele.“ Somit hob er das Piſtol, und ſpannte den Hahn. „Ein Wort noch,“ unterbrach ihn der General, und wendete ſich zu Sterneck.„Sie ſtehen am Rande des Grabes, und haben Ihren Tod verſchuldet. Sie gaben den Einfliſterungen Anderer mehr Gehoͤr, als Ihrem eigenen Gefuͤhl, und wollten den vernich⸗ ten, der Sie durch ſeine Großherzigkeit beſchaͤmt hatte. Jetzt iſt es das Geſetz der Selbſterhaltung, was Ihren Gegner beſtimmen muß, ſich des Rechts der Nothwehr zu bedienen; er muß Sie mit der zweiten Kugel aus der Reihe der Lebendigen ſpe⸗ diren, damit Sie ihm nicht die dritte durch den Kopf jagen. Wenn er zielt, haben Sie noch zu ei Sekunden zu leben. Das ſteht mathematiſch gewiß. Alſo— bereiten Sie ſich, Sterneck, zum ernſteſten Schritte, den der Menſch thut; zum Schritte aus 7* — 76— dem ſchoͤnen Leben in das Grab. Bis zu dieſem entſetzlichen Punkte hat Sie das ſchreckliche Vorur⸗ theil von der Unumgaͤnglichkeit des Zweikampfs ge⸗ fuͤhrt. Wollte Gott, daß wir das Stuͤckchen Blei, das in wenigen Augenblicken Ihr Herz auseinander reißen, oder Ihnen den Kopf zerſchmettern wird, zum großen Inſiegel des Staatsgeſetzes verwenden koͤnnten, durch welches das verbrecheriſche Beginnen des Zweikampfs fuͤr immer und ewig auf das Streng⸗ ſte verpoͤnt wuͤrde, dann wollte ich Ihren Tod ſeg⸗ nen, denn ſeine Folgen dienten der Mit⸗ und Nach⸗ welt zum Heil und zur Beruhigung.— Doch, da leider Sie bei den verderbten Anſichten unſerer Zeit⸗ genoſſen noch lange nicht das letzte Opfer dieſes ſinnloſen Wahns ſeyn werden, ſo wollen wir wenig⸗ ſtens fuͤr Ihr ſchmerzloſes Ende, fuͤr Ihre Ruhe im Grabe, fuͤr einen milden Spruch am Morgen des großen Weltgerichts und fuͤr die Bejammernswer⸗ then beten, die Ihr toͤdtlicher Hintritt in die tiefſte Betruͤbniß verſetzen wird.— Wenn wir zu Gott unſerm Herrn ſprechen, geſchehe es mit unbedeck⸗ tem Haupte. Huͤte ab, meine Herren!“ Und Alle zogen ihre Huͤte und Czakots. Die feierliche Stille in dieſem ernſten Augenblicke war von unbeſchreiblicher Wirkung. Das heilige Rau⸗ ſchen im fernen Walde, das Saͤuſeln des alten ehr⸗ würdigen Baumes, in deſſen Schatten ſie ſtanden, und das Liſpeln frommer Lippen, die fuͤr den ret⸗ tungslos verlorenen Freund leiſe beteten— wei⸗ ter hoͤrte man nichts. Jetzt ſetzte der General ſeinen Hut wieder auf, ging zu Sterneck, zog ihn an ſein Herz, und ſagte ihm einige herzli he Worte des Abſchieds auf Leben dieſem Jorur⸗ fs ge⸗ Blei, ander wird, enden innen treng⸗ d ſeg⸗ Nach⸗ ch, da Zeit⸗ dieſes venig⸗ he im n des swer⸗ tiefſte Gott bedeck⸗ Die e war Rau⸗ n ehr⸗ nden, n ret⸗ wei⸗ eauf, ſagte Leben und Tod. Ihm wollten die uͤbrigen Offtziere fol⸗ gen, Sterneck aber rief:„macht mich nicht weich, Kameraden. Laßt mich mit der Feſtigkeit eines Soldaten ſterben. Ich nehme Eure Liebe mit in das Grab.— Schießen Sie, Herr Lieutenant!“ Emil— noch ſtand Sterneck friſch und geſund da; ein Fingerdruck, und er ſank verblutend in ein⸗ ander! Alle ſahen auf ihn; Alle wollten ſein Bild ſich fuͤr ihr ganzes Leben recht tief einpraͤgen.— Emil zoͤgerte, um Sterneck und aller Anweſenden toͤdt⸗ liche Qual nicht zu verdoppeln, nicht lange; er faßte ſein Piſtol, ſagte im uͤberraſchen den Tone gut⸗ muͤthigen Scherzes:„Aller guten Dinge ſind drei,“ und ſchoß von der Tagloͤhner-Weſte den dritten Knopf flugs und froͤhlich herunter. Da konnte Sterneck laͤnger ſich nicht halten, er warf ſein Piſtol in den Sand, eilte mit offenen Ar⸗ men zu Emil hinuͤber, ſchloß ihn au ſeine Bruſt, und rief tief geruͤhrt:„großer, edler Menſch, Du biſt mein Sieger. Wurdige mich Deiner Freund⸗ ſchaft, mein Leben iſt Dein Leben! Es ſoll Dir ewig gehoͤren.“ Der General umarmte Beide, und Emil druͤckte ſeinen neu gewonnenen Bruder Sterneck freudig au ſein Herz. Arm in Arm fragten Beide die Umſte⸗ henden, ob Jemand gegen einen von ihnen, und gegen ihre Verſoͤhnung etwas zu erinnern habe? und da Alle einſtimmig ſich mit ungeheuchelter Theil⸗ nahme beifaͤllig erklaͤrten, und Emil ſammtlich als ihren bewaͤhrten Kameraden in ihrer Mitte will⸗ kommen hießen, ſchwenkte der General leichten Her⸗ zens den Hut, kommandirte:„Protzt a af⸗“ und —, — 78— bat auf dem Heimwege die ganze Geſellſchaft auf einen der naͤchſten Tage zum Abendſchmauſe. Emil geſtand jetzt ganz offen, daß Sternecks Zielen bei'm zweiten Rennen ihn boͤſe gemacht, und daß ihn im Ueberlaufen ſeines Unwillens einen Augenblick lang die Idee ereilt habe, dem Dinge ein Ende zu machen. Das fromme Gebet aber habe ihm den Zorn gebrochen;„ſonderbar,“ ſagte er, und zog Sterneck, ſeinenneuen Freund, feſter an ſich:„als waͤhrend Euers Gebets Alles um mich her ſo ſtill war, da fielen mir, wie eine hoͤhere Eingebung, aus dem Unterrichte meiner fruͤhſten Kinder⸗Zeit, des Heilands Worte ein:— wo zween unter Euch eins werden, warum es iſt, das ſie bitten wollen, das ſoll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.— Ihr betetet Alle fuͤr Sterneck, und ich ſollte ihn morden? Um keinen Preis haͤtte ich auf ihn ſchießen koͤnnen, und haͤtte es mir auf der Stelle das Leben koſten ſollen. Hieraus aber ſeht Ihr, meine Freunde, daß das Gluͤck des Tages und der Sieg über meine Leidenſchaftlichkeit, nicht mir, ſon⸗ dern unſerm verehrten Herrn General zu verdan⸗ ken iſt; denn von ihm kam die ſegensreiche Auffor⸗ derung zum Gebete.“ Vor zwei Stunden noch waͤre es vielleicht Man⸗ chem in der Geſellſchaft beigekommen, über Emil, haͤtte man ihn ſo erbaulich ſprechen gehoͤrt, recht fade zu witzeln, und ihn einen ſattelfeſten Bibelhuſaren zu tituliren. Die drei Weſtenknoͤpfe aber waren drei gewichtige Plomben auf dem Mundwerke der Vor⸗ witzigen, und die Beſſeren freuten ſich, je näͤher ſte Emil und ſein gediegenes, biederes Weſen kennen lernten, immer mehr der Ehre ſeiner Kameradſchaft. . ——— =. ft auf Bielen aß ihn enblick de zu n den d zog „als o ſtill bung, Zeit, Euch ollen, er im id ich ) auf Stelle Ihr, d der ſon⸗ dan⸗ ffor⸗ Nan⸗ mil, fade aren drei Vor⸗ r ſie nen aft. 2 In wenigen Stunden verbreitete ſich das Geruͤcht des ſeltenen Vorganges in der ganzen Garniſon; der General und ſaͤmmtliche Zuſchauer konnten von Emils Bravour, von ſeiner Ruhe und von der edeln Zartheit, mit der er ſich bei der ganzen Sache benommen, nicht genug Ruͤhmens machen, und je⸗ der gebildete junge Offizier ſuchte Emils Bekannt⸗ ſchaft, und fand in ſeinem Umgange den Ruf ſeiner Liebenswuͤrdigkeit und ſeiner uͤberwiegenden Vor⸗ zuͤge bewährt und beſtaͤtigt. Sterneck aber bezahlte dem Tageloͤhner die faſt ganz entknoͤpfte Weſte mit einem ſchweren Stuͤck Geld, und hob ſie zum An⸗ denken des unvergeßlichen Tages als eine ihm un⸗ ſchaͤtzbare Reliquie auf. FE e u e r. Der Vater hatte Adelinen unter großer Belo⸗ bung, daß ſie ihm von der Duellgeſchichte Nachricht gegeben, verſprochen, die beſtimmteſten Maaßregeln zu treffen, daß das gefaͤhrliche Wagſpiel unterbleibe, und gleich darauf war nach dem Adiutanten⸗ Ma⸗ jor von Wippingen, geſchickt worden; ſie war alſo den ganzen Morgen vollkommen ruhig geweſen, und hatte dem Fraͤulein von Zeſen, das um Sternecks willen in ewiger Angſt und Sorge geſchwebt, Muth zugeſprochen. Jetzt trat Frau von Soulavie kreideweiß in das Zimmer, und erzaͤhlte, was ihr durch die fuͤnfte, ſechste Hand hinterbracht worden war. Sterneck und Emil hatten ſich zehn Schritte weit auf Bar⸗ riere geſchoſſen, Beide hatten zufaͤllig zu gleicher Zeit gefeuert; Beide waren in einem Nu gefallen. Bei⸗ der Leichname waren unter einem unermeßlichen Zu⸗ ſammenlauf von Menſchen auf einem Wagen zur — 80— Stadt gebracht, drei Sekundanten landfluͤchtig, Ge⸗ neral Gruber aber ſammt dem Regimentsarzte mit ſtarker Bedeckung vorlaͤufig zum Feſtungsarreſt ab⸗ gefuͤhrt worden. Frau von Soulavie war mit ihrer graͤßlichen Ge⸗ ſchichte noch nicht zu Ende, als Adeline rechts auf das Sopha und Fraͤulein von Zeſen links in den naͤchſten Lehnſeſſel fiel; jene unter einem lauten Schreckſchrei, dieſe unter verzweiflungsvollem Haͤn⸗ deringen und leiſem Wimmern. Beiden ſchloß eine vollſtaͤndige Ohnmacht den Mund. Frau von Soulavie riß vor Schreck uͤber das Dop⸗ pel⸗Unglück an zwei Klingelſchnuren mit einer Hef⸗ tigkeit, als wolle ſie Sturm laͤuten. Das ganze prinz⸗ liche Dienſt⸗Perſonale beiderlei Geſchlechts ſtuͤrzte durch zwei Thuͤren zu gleicher Zeit herein, und der Frau von Soulavie Angſtruf nach Waſſer, um die Ohnmaͤchtigen zu beſprengen, beſtaͤrkte die herbei geſtuͤrmte Menge in dem erklingelten Wahne, daß es irgendwo im Schloſſe brenne, und ſo ertoͤnte in zehn Sekunden der Feuerruf durch das ganze Haus, und in ſo viel Minuten durch die naͤchſten Straßen der Reſidenz. Jetzt ſah man die unermeßliche Liebe, mit der die ganze Stadt Adelinen zugethan war; in jeder Fa⸗ milie war gewiß ein naͤher oder ferner verwandtes Mitglied, das ſie ſich durch irgend eine Gutthat, durch eine Verwendung, durch eine Unterſtuͤtzung oder dergleichen verpflichtet hatte, und wer auch nicht mit ihr in ſo naher Beziehung ſtand, war von ihrem aͤußern Liebreiz, von ihrer freundlichen Her⸗ ablaſſung, von ihrer himmliſchen Herzensgute und von den hundert Zuͤgen bezaubert, die er von ihrer — 81— Menſchenfreundlichkeit, von ihrer zarten Theilnah⸗ me an fremden Leiden, von ihrem edeln Beſtreben⸗ unverſchuldetes Ungluͤck nach Kraͤften zu lindern, und von der geraͤuſchloſen Stille täͤglich hoͤrte, mit der ſie die ſchoͤne Berufspflicht erfuͤllte, die wohl⸗ wollende werkthaͤtige Freundin eines treuen Vol⸗ kes zu ſeyn. Der Schreckensruf, daß im Prinzlich Treumund'⸗ ſchen Palais Feuer ausgebrochen, ſchlug kaum an die Fenſter der Einwohner, als aus allen Haͤuſern der Nachbarſchaft die Menſchen, ohne Unterſchied des Standes, Alters und Geſchlechts, in Maſſen her⸗ bei ſtuͤrzten; die Hoͤrner der Feuerwaͤchter heulten in ſcharf abgeſetzten Nothſtoͤßen das ausgebrochene Ungluͤck in alle Luͤfte; hundert Trommeln raſ'ten raſſelnd durch Straßen und Gaſſen, und wirbelten erſt piano, dann ſtaͤrker und ſtaͤrker, und ſchlugen zuletzt raſch hintereinander einzelne Angſtſchlaͤge, als ſollten die Todten aus den Graͤbern geweckt und alle Eckſteine in Waſſerquellen verwandelt werden; und von allen Thurmen herab ſtuͤrmten die eintoͤ⸗ nigen Glocken weit in das Land hinaus, daß rund⸗ um von ſaͤmmtlichen benachbarten Doͤrfern die Spriz⸗ zen herbeieilten, um der geaͤngſteten Hauptſtadt die Theilnahme ihrer Gemeinde zu bethäͤtigen. Die Liebestaufe. Adeline, nach dem erſten Tropfen Waſſer, mit dem ſie Frau von Soulavie beſprengt hatte, wieder zu ſich gekommen, war uͤber das Herbeiſtroͤmen der zahlloſen Menge Menſchen, uͤber die Loͤſchanſtalten, uͤber den toſenden Laͤrmen, uͤber den raſen den Spek⸗ takel, mit dem die Tambours, Feuerwaͤchter und Thuͤrmer immer noch mehr Volks zuſammen riefen, — 32— und uͤber den Gedanken, daß das Alles Folgen eines bloßen, gewiſſermaßen durch ſie veranlaßten Miß⸗ verſtändniſſes waren, außer ſich. Obgleich weder Rauch noch Flamme zu ſehen, wollte das Volk, von der Liebe zu ſeiner Prinzeſſin Adeline getrieben, platterdings in den Hof und in die innern Gemaͤ⸗ cher des prinzlichen Palais, um das vorgebliche Feuer, wenn es Noth thue, mit ſeinem Blute zu loͤ⸗ ſchen. Die eleganteſten Herren und Damen ſtan⸗ den mitten unter dem gemeinſten Haufen, und je⸗ des hatte, was in der Eile nur zu haben geweſen, Toͤpfe, Kannen und Kruͤge in der Hand, um das Element gewaͤltigen zu helfen, das gewagt hatte, die friedliche Wohnung des gefeierten Lieblings mit Vernichtung zu bedrohen. Daß von Ausbruch eines Feuers gar keine Rede geweſen, hielt man nicht raͤthlich, dem Volke zu ſa⸗ gen: es haͤtte ſich fuͤr geaͤfft halten muͤſſen, und die Beſorgniß, daß es ſeinen Unwillen daruͤber groͤblich wuͤrde bethaͤtigt haben, war nicht ganz ungegruͤndet; man rief ihm daher aus mehreren Fenſtern des ge⸗ gen ſein gewaltſames Eindringen durch doppelte Wachen geſchuͤtzten Palaſtes zu, daß es ruhig aus⸗ einander gehen moͤge, indem alle Gefahr voruͤber; allein das waren vergebliche Worte. Man wollte platterdings in das Haus ſelbſt, und den Brand⸗ ſchaden ſehen. Bei dem immer zunehmenden Andraͤngen des großen Haufens fuͤrchtete Frau von Soulavie, die als Ausläͤnderin von der Gutmuͤthigkeit und von der anhaͤnglichen Treue eines Volks zu ſeinem ge⸗ liebten Fuͤrſtenhauſe keine klare Idee hatte, der Poͤ⸗ bel, wie ſie die hier verſammelte Menge nannte, —— eines Miß⸗ weder „von eben, zemaͤ⸗ bliche zu loͤ⸗ ſtan⸗ nd je⸗ beſen, n das hatte, 3 mit Rede zu ſa⸗ nd die oͤblich ndet; es ge⸗ ppelte aus⸗ iber; vollte rand⸗ 1 des . die von n ge⸗ r Poͤ⸗ ante, — 85— werde, einmal beiſammen in dichte Maſſen gedraͤngt, die Schranken der Achtung uͤberſchreiten, und ſich am Ende Ausſchweifungen aller Art erlauben; ſie theilte dieſe Befuͤrchtung Adelinen mit, die dadurch ſo eingeſchuͤchtert wurde, daß ſie, auf einmal von unſaͤglicher Angſt befallen, laut rief, ob denn gar kein Mittel waͤre, die Menſchen auseinander zu bringen? Ein Hof⸗Junker, der langſt ſchon auf Ge⸗ legenheit gelauert hatte, Adelinen ſich auf eine em⸗ pfehlende Art bemerkbar zu machen, flog aus dem Zimmer in den Hof hinab, wo ſich mehrere Polizei⸗ Beamte befanden; Ehrmann, der alte Kammerdie⸗ ner des Prinzen aber, trat Adelinen mit der treu⸗ herzigen Verſicherung an, daß, wenn ſie gnaͤdigſt geruhen wollte, ſich auf dem Balkon dem Volke zu zeigen, ihm fuͤr ſeine Theilnahme zu danken, und ihm zu empfehlen, ſich, da durchaus keine Gefahr mehr zu befuͤrchten, ruhig nach Hauſe zu begeben, wohl mit Leib und Leben dafuͤr zu ſtehen ſey, daß in zehn Minuten die ganze Maſſe in Ruhe und Frieden aus einander gegangen ſeyn werde. Frau von Soulavie ſchalt den wackern Graukopf einen dummdreiſten Etourdi, meinte, eine Prinzeſ⸗ ſin ſey kein Etaignair fuͤr die revolutionairen Ex⸗ ploſionen eines Hyperpatriotiſchen Plebſes; ſein Propos, ſich vom Balkon herab, mit der Hefe der Canaille da unten in eine Converſation zu enfili⸗ ren, ſey durchaus inapplicabel und darum gaͤnzlich zu desapprouviren; und eher wolle ſie Stahl und Eiſen melaxiren, als ſolchen Janhagel mit bloßen Pbraſen calmiren. Adeline aber klopfte dem alten Ehrmann auf die Abſeln. die dieſer, in der knechti⸗ ſchen Gewohnheit grau geworden, ſeine Auſichten —yyy — 34— denen der hoͤher geſtellten Perſonen ſchweigend un⸗ terzuordnen, bis an die Ohrlaͤppchen gezogen hatte, und eilte, unter Belobung ſeines vernuͤnftigen Ein⸗ falls, auf den Balkon, ohne den Nachruf der ihrer uͤbermaͤßigen Corpulenz halber nicht ſo ſchnell folgen könnenden Frau von Soulavie, von ſich ſchicken und ſich nicht ſchicken, zu beachten, denn es war hier Ge⸗ fahr im Verzuge. Der alte Ehrmann hatte ſeine biedern Lands⸗ leute beſſer gekannt, als Frau von Soulavie. Adeline ward auf dem Balkon kaum ſichtbar, als wie mit einem Zauberſchlage ein allgemeiner uner⸗ meßlicher Jubel erſcholl. In der Naͤhe ihrer Zim⸗ mer ſollte das Feuer ausgebrochen und ſie ſelbſt von einem herabgeſtuͤrzten Gebaͤlke ſchwer verletzt ſeyn; ſo hatte das hundertzuͤngige Geruͤcht, das ſeit Jahr⸗ tauſenden die Unart hat, ſich in jeder Minute in unerhoͤrter Progreſſion zu vergroͤßern, ſo eben gelo⸗ gen, und jetzt trat ſie, geſund und wohlbehalten, freundlich und ſchoͤn wie der Engel des Morgenlichts, das ſie goldig uͤberglaͤnzte, an das zierliche Gitter des Balkons, und gruͤßte die freudig uͤberraſchte Menge; dieſe aber erwiederte den Gruß mit jauch⸗ zendem Hurrah, und ſchwenkte dazu Muͤtzen, Tuͤ⸗ cher und Huͤte, Loͤſch⸗Eimer, Kannen, Kruͤge, Toͤpfe und Toͤpfchen hoch in die Luft ihr entgegen. Adeline dankte mit bezaubernder Anmuth, und oͤffnete die Purpurlippen, um zu dem froh bewegten Volke einige verbindliche Worte fuͤr die bezeigte Theilnah⸗ me zu ſprechen, und ihm zu ſagen, daß keine Ge⸗ fahr mehr vorhanden, und daß es daher ruhig aus⸗ einander gehen moͤge. So uͤberlaut das Toben und Toſen der hier zuſammen gedraͤngten Tauſende vor ———ÿ—— 1 „——,—++ G”o un⸗ atte, Ein⸗ ihrer lgen und Ge⸗ nds⸗ als ner⸗ Zim⸗ von eyn; ahr⸗ e in gelo⸗ ten, hts, itter ſchte uch⸗ Tuͤ⸗ oͤpfe line die olke nah⸗ Ge⸗ aus⸗ und vor — 85— einem Augenblicke noch geweſen war, eine ſo mu⸗ ſterhafte Stille legte ſich in dem Nu auf die ganze Maſſe; Jedes wollte hoͤren, was das holde Fuͤrſten⸗ kind ſprechen werde, und Alles hob ſich darum hoͤher auf die Zehen, und ſtreckte den Kopf, und ſpitzte das Ohr, und ein Wolkenbruch ſtuͤrzte vom blauen Himmel herunter, und fluthete in dichten Stroͤmen auf die Menſchen nieder, denn ringsum ſchoßen, auf ein gegebenes Zeichen, zehn, zwöͤlf große Prahm⸗ ſpritzen ihre haushoh en Waſſerſtrahlen, mit einem Male, oben in der Luft in einem Zentralpunkt, in dem Zenith des treuen Volks ſo maͤchtig und nach⸗ haltig zuſammen, daß Alles unter Schreien und Kreiſchen, Fluchen und Laͤrmen auseinander ſtiebte, und ſaͤmmtliche hier Verſammelte, von den durch⸗ greifenden Spritzen unablaͤſſig verfolgt, Reißaus nahmen, und in ihre Wohnungen fluͤchteten, wo ſie, theils wuͤthend, theils weinend, Alle aber bis auf die Haut durchnaͤßt, ankamen, wie die gebadeten Maͤuslein. 3 Der Hofjunker. Ueber dieſe himmelſchreiende Behandlung war die ganze Reſidenz bis auf den hoͤchſten Grad em⸗ pört. Mehr denn zwanzig glaubwuͤrdige Zeugen hatten den Hofjunker aus den Gemaͤchern der Prin⸗ zeſſin herab kommen, und einen der hoͤhern Polizei⸗ Beamten aufſuchen, und Beide mit einander heim⸗ lich ſprechen geſehen; ſie hatten Alle gehoͤrt, wie der Hofjunker laut geſagt:„es iſt ihr ausdruͤcklicher Wunſch, ihr beſtimmter Wille.“ Und wer, von Adelinens milder Himmelsguͤte beſſer unterrichtet, dieſer einſtimmigen, ihren Charakter in den ſchwaͤr⸗ zeſten Schatten ſetzenden Ausſage, noch nicht glauben — — 36— wollte, dem wieſen uͤber vier, fuͤnf tauſend Men⸗ ſchen ihre windelweich zuſammengeſpritzten Kleider, Huͤte und Hauben, und erzaͤhlten ihm, wie fein der abſcheuliche Plan berechnet geweſen;„die Prinzeſ⸗ ſin machte,“ ſetzten ſie in ihrer grenzenloſen Erbit⸗ terung auseinander,„ſcheinbar Miene, ſprechen zu wollen; natuͤrlich draͤngten wir uns in dichtere Maſſe zuſammen, um ihre Worte zu vernehmen, und na⸗ tuͤrlich mußte uns nun der auf uns ſchuldloſe Men⸗ ſchen gerichtete Waſſerſtrom um ſo ſicherer treffen. Wir haben ja Alle geſehen, wie der Hofjunker, der unter dem Thorwege und alſo trocken ſtand, den ringsum poſtirten Spritzen das Zeichen gab. Wir ha⸗ ben ja Alle gehoͤrt, wie er zu einem der ihm zunaͤchſt ſtehenden Polizei⸗Inſpektoren ſagte, das Sturzbad werde die patriotiſche Fiebergluth des Janhagels wohl gehoͤrig abkuͤhlen; wir haben ja mit unſern eigenen Augen geſehen, wie die Prinzeſſin, kurz vor dem unſeligen Augenblick, als die Spritzen zu ope⸗ riren anfingen, wahrſcheinlich im Vorgefuͤhl des witzigen Spaſſes, den ſie bei unſerm Auseinander⸗ jagen haben werde, ſich das Lachen verbiß, und, weil ſie deſſen nicht ganz Meiſter werden konnte, es in eine Art holdſeligen Laͤchelns verwandelte, mit dem ſte auf die ihrer boshaften Laune preisgegebene Menge herabblinzelte. Unſere Kleider ſind trocken geworden, und was davon bei dieſem ſcandaloͤſen Auftritte zu Grunde gegangen, iſt ſchlimmſten Fal⸗ les zu erſetzen; aber die toͤdtlichen Folgen, die der Schreck und die heftige Erkaͤltung bei Vielen nach ſich ziehen wird, mag ſie vor Gott verantworten. Eine Strafe dafuͤr hat ſie ſchon: den Verluſt un⸗ ſerer Liebe. Sie mag vor unſern Augen zu Aſche —————— r —, o=SEe „— Nen⸗ der, der azeſ⸗ rbit⸗ n zu aſſe na⸗ Nen⸗ fen. der den ha⸗ chſt bad gels ſern vor ope⸗ des der⸗ weil 3 in dem bene cken ſen Fal⸗ der nach ten. un⸗ lſche verbrennen; wir ruͤhren gewiß keine Hand an, ihr zu helfen. Wer die reine Hingebung eines treuen Volkes mit ſolchem boshaften Hohne erwiedern kann, iſt des Diadems nicht wuͤrdig.“ So ſprachen die Verblendeten, die Voreiligen im Familienkreiſe wie auf dem Markte, auf den gemeinen Bierbaͤnken wie in den feinſten Theezir⸗ keln, und zur noch feſtern Begruͤndung des wider die unſchuldige Adeline gefaßten Vorurtheils hat⸗ ten, wahrſcheinlich durch Perſonen, die der Oberhof⸗ meiſterin abhold waren, die unpaſſenden Aeußerun⸗ gen der Frau von Soulavie, an jenem verhaͤngniß⸗ vollen Morgen, aus den Zimmern der Prinzeſſin, auch den Weg zum Publikum gefunden, und was konnte man von den Geſinnungen des fuͤrſtlichen Zoͤglings halten, wenn die Lehrerin das Volk mit dem Plebſe, mit der Canaille in gleichen Rang ſtellte. Das Verbannungs urtheil. Frau von Soulavie, die ſtrenge ſtolze Frau, und der Hofjunker, ein vorwitziger, ſich bei allen Gele⸗ genheiten uͤberhebender junger Mann, hatten ihre Feinde; dieſe verſaͤumten nicht, Adeline von dem kraͤnkenden Verdachte in Kenntniß zu ſetzen, in dem ſte bei dem Publikum ſtehe, und ihr durch ſehr be⸗ zeichnende Andeutungen klar zu machen, wem ſte dieſen, ihren Charakter von Grund aus entſtellenden falſchen Schein zu verdanken habe. Das hieß, das edle Fuͤrſtenkind bei der empfind⸗ lichſten Seite angreifen.„Abſcheulich, abſcheulich⸗“ rief ſie einmal uͤber das andere, die Getreuen, die ihr uͤber die Lage der Sache helles Licht gaben, in ihren Mittheilungen unterbrechend;„iſt es denn möglich, mich einer ſolchen empoͤrenden Handlungs⸗ ——y weiſe faͤhig zu halten? Habe ich denn in meinem Le⸗ ben nur einen einzigen Schritt gethan, der meine Mitwelt zur Faſſung eines ſo ſchmaͤhlichen Vorur⸗ theils berechtigen koͤnnte? Habe ich mir denn durch die tauſend Beweiſe, die ich von meiner herzlichen Liebe zum Volke meines Vaterlandes gegeben, kein beſſeres Zutrauen bei dieſem begruͤndet? Iſt denn nichts, gar nichts, was zu den Verblendeten fuͤr mich ſpraͤche? Kann denn ein Schein, ein bloßer falſcher Schein die beſſere Ueberzeugung, die nach meinem traͤumeriſchen Wahne Alle von der Rein⸗ heit meines Willens haben mußten, in einem Au⸗ genblicke vernichten? Sind denn die Menſchen, die, wie ſchwankendes Rohr, von jedem Lufthauche hin und her bewegt werden, ſind ſie denn der ſelbſtver⸗ leugnenden Hingebung werth, mit der ich ihnen gehoͤrte? Was ſoll ich denn thun, um die Binde von den Augen der Kurzſichtigen zu reißen? Wo ſoll ich denn Stimme hernehmen, um ihnen die Verſicherung hoͤrbar zuzurufen, daß ich an dem heil⸗ loſen Begebniß ſo unſchuldig bin, wie die Sonne am Himmel? Welches ſind denn die wirkſamen Mittel, mich zu rechtfertigen?“— Sie rang die klei⸗ nen Haͤnde zu dem Allwiſſenden, der in ihr ſchmerz⸗ lich blutendes Herz ſah, und weinte die bitterſtenn Thraͤnen. „Mittel, ſich zu rechtfertigen?“ wiederholten die Getreuen, und frohlockten im Stillen, daß end⸗ lich der verhaßten Soulavie und des fatalen Hof⸗ Junkers Stunde geſchlagen,„da iſt nur ein Einzi⸗ ges. Wenn Frau von Soulavie verabſchiedet, und der Hofjunker an das Ende des Reichs exilirt wer⸗ den koͤnnte, ſo wuͤrde das Publikum das hier und — n Le⸗ neine drur⸗ zurch ichen kein denn fuͤr oßer nach tein⸗ da ſchon unter der Hand Eingang findende Geruͤcht, daß von dieſen Beiden allein das Unglück hergeruͤhrt, beſtaͤtiget finden, und ſeinen ungerechten Verdacht mit der tiefſten Beſchaͤmung augenblicklich zuruͤck⸗ nehmen.“ „Verabſchiedet?— exilirt?“ verſetzte Adeline mit einem Blick, dem man es anſah, daß ihr der Gedanke, vor der Welt wieder gerechtfertigt da zu ſtehen, neues Leben gab.„In vier und zwanzig Stunden ſind Beide nicht mehr in der Reſidenz; ich vin dieſer alle mögliche Genugthuung ſchuldig, und Beide, Frau von Soulavie und der Hofjunker, haben ihren Fall ſelbſt herbeigefuͤhrt; ſie ſollen fuͤh⸗ len, was es heißt, die Liebe eines treuen Volks verſcherzen!— Den Wagen!— Die Zeſen ſoll mich begleiten.“ 3 1 A Die Konferenz. Der gnaͤdigſte Oheim hoͤrte mit gewohnter Um⸗ ſicht und Ruhe Adelinens ſehr lebhaften Vortrag an; ſie mußte in ſeinem Laͤcheln Beifaͤlliges leſen, denn ſie ward immer waͤrmer und leidenſchaftlicher, und hatte endlich den Muth, ihm rund heraus zu erklaͤren, daß ihre Ehre, und des Volkes begruͤnde⸗ ter Unwille, dieſe beiden Opfer verlange, und daß ſie daher ſeiner weiſen Gerechtigkeit die Ergreifung der weitern Maaßregeln vertrauensvoll auheim ſtel⸗ len duͤrfe; nur waͤre ihr, das muͤſſe ſie offen beken⸗ nen, wuͤnſchenswerth, daß, wo moͤglich⸗Inoch heute die nöthige Verabſchiedung und Exilirung erfolge, weil ein raſcher Schlag auf die Umſtimmung der oͤffentlichen Meinung um ſo erfolgreicher wirken werde. „Wie ſagteſt Du doch neulich,“ hob der Fuͤrſt LXV. 8 —— — 90— an, und that, als beſoͤnne er ſich auf das, vor eini⸗ ger Zeit mit ihr zufallig, uͤber die Zartheit des zwi⸗ ſchen Volk und Herrſcher beſtehenden Verhaͤltniſſes, gefuͤhrte Geſpraͤch;„Du ſtellteſt einen recht paſſen⸗ den Vergleich auf, und meinteſt, Fuͤrſt und Volk käme Dir vor, wie Mann und Frau, und behaup⸗ teteſt unter anderm, wie zwiſchen dieſen Beiden kein Geheimniß ſtattfinden duͤrfe, eben ſo offenkundig muͤſſe auch die Stellung des Regenten und ſeines Hauſes zum Volke ſeyn; war es nicht ſo, Adeline?“ „Ich weiß zwar nicht,“ entgegnete Adeline,„wie jenes Geſpraͤch, was ſich von zufaͤlliger Erwaͤhnung der Unzahl der in manchen Laͤndern ublichen gehei⸗ men Secretaire, Geheimen⸗Raͤthe und geheimen Staats⸗Miniſter, entſpann, auf den Gegenſtand des gegenwaͤrtigen Augenblicks Bezug haben koͤnnte⸗ allein meine Anſicht von der Sache ſelbſt war aller⸗ dings ſo, gnaͤdiger Onkel. Gegenſeitiges Vertrauen iſt zwiſchen Mann und Fran nur daun denkbar, wenn Keins vor dem andern ein Geheimniß hat. Das Band aber, das zwiſchen Volk und Herrſcher ſtattfindet, iſt, meines Beduͤnkens, zaͤrter noch und heiliger; Beide gehoͤren einander auf ewige Zeiten; Beide haben ſich gelobt Liebe und Treue bis zum Tode, und die blutgeduͤngten Wahlplätze ſind die großen Inſienel der Weltgeſchichte, mit denen ſie das Daſeyn dieſer hingebenden Liebe, dieſer unbe⸗ lohnbaren Treue beurkundet. Ein ſo enges Band aber leidet nicht gern, daß Geheimes zwiſchen beide Verbundete trete, welches ſie von einander entfer⸗ nen, welches ſie einander entfremden moͤchte; darum, meinte ich, muͤßte das Volk von Allem wahr und ehr⸗ lich unterrichtet ſeyn, was den Herrſcher und die Sei⸗ eini⸗ zwi⸗ iſſes, ſſen⸗ Volk aup⸗ kein ndig eines ne?““ „wie nung ehei⸗ men d des unte, aller⸗ auen kbar, nigen angehe, denw es iſt ja Beides eĩn Haus, eine Familie, Eins ohne das Andere nicht denkbar.“ „Sehr richtig, ſehr wahr,“ verſetzte der Oheim. Fiat applicatio, auf Deutſch, jetzt die Nutzanwen⸗ dung.„Prinzeſſin Adeline fällt vor Schreck, daß ein Huſaren⸗Lieutenant, wider ihren ausdruͤcklichen Be⸗ fehl, ſich in einen Zweikampf eingelaſſen, in Ohn⸗ macht. Ihre mutterliche Freundin ruft nach Waſ⸗ ſer. Der Mißverſtand ſchreit Feuer. Die Prinzeſ⸗ ſin, unterdeſſen zu ſich gekommen, äͤußert den Wunſch, die auf den Feuerruf herbeigeſtromte Maſſe wieder nach Hauſe gehen zu ſehen; ein ehrlicher Hoflunker faͤllt, in uͤbertriebenem Dienſt⸗Eifer, auf ein nicht ganz paſſendes, im Ganzen aber unſchaͤdliches, und den Zweck erreichendes Mittel; und nun ſoll der Oheim den Naßgewordenen Genugthuung geben, und dieſerhalb, er ſtlich, um das Volk vom wirkli⸗ chen Hergange der Sache ehrlich und wahr zu un⸗ terrichten, in einem an alle Thore und Straßen⸗ Ecken der Reſidenz anzuſchlagenden Plakate, die Geſchichte der Ohnmacht erzaͤhlen.“— „Um Gottes willen nicht,“ fiel ihm Adeline bit⸗ tend in das Wort.„Dann zweitens,“ fuhr der Oheim fort, ohne ſich unterbrechen zu laſſen,„eine verdiente, ihre Ueberſchätzung des Formellen, und ihre mit dem Zeitgeiſte nicht immer ganz vertraͤg⸗ liche Anſichten abgerechnet, muſterhaft wackere, viel⸗ jährige Dienerin des Hauſes, außer Brod ſetzen, und endlich einen talentvollen, fein erzogenen jun⸗ gen Mann aus einem der erſten Haͤufer des Landes, in deſſen fernſtem Winkel verbauern laſſen.— Kann das meine ſanſte, jedem ſo gern gerecht werdende Ade⸗ line wirklich wollen? Kann, darf ſie Beſchluͤſſe ſol⸗ cher Harte und Willkuͤhr von mir fordern?“ Adeline konnte ſeinen feſten ſie durchſchauenden Blick nicht ertragen; ſie ſchlug das brennende Auge nieder, und ſchwieg. Ganz Unrecht hatte nach ih⸗ rem Gefuͤhl der Oheim nicht, aber auch nicht ganz Recht. Es wäre zwar ihrer Geiſtesgegenwart ein Leichtes geweſen, ihm Manches zu entgegnen, was ihm vielleicht die Ueberzeugung gegeben haͤtte, daß ſo ganz und gar unbegruͤndet ihre Antraͤge auch nicht geweſen waͤren; allein der Oheim, das wußte ſie, war kein Freund von Widerlegungen, und ſie hielt es daher fuͤr um ſo gerathener, ihre Antraͤge nicht weiter zu verfolgen, als der Oheim heute ohne⸗ hin nicht recht bei Laune zu ſeyn ſchien. Sie ver⸗ beugte ſich ſchweigend, und küßte mit der Bitte, ſich beurlauben zu duͤrfen, dem Oheim die Hand. „Ein ſo kurzer Beſuch?“ fragte dieſer, uͤber das unerwartete Benehmen etwas befremdet. „Wenn ich ihn noch einen Augenblick verlaͤngern darf,“ erwiederte Adeline,„ſo benutze ich ihn, um meinem gnaͤdigſten Oheim das Geſuch zu Fuͤßen zu legen, eine Zeitlang bei der Tante Aebtiſſin in St. Marienheim zubringen zu duͤrfen. Ich kann hier nicht bleiben; von den Menſchen, die mich ſonſt ſo lieb hatten, verkannt zu werden, ihnen durch nichts beweiſen zu koͤnnen, daß ich an jenem widrigen Er⸗ eigniß ſchuldlos bin, und in ihrer Mitte zu leben, ihnen taͤglich zu begegnen, in ihrem Blicke zu leſen, wie ſehr ich ihr Herz verloren, geht uͤber meine Kraͤfte; da die, welche das Unheil verſchuldet, fol⸗ genfrei ausgehen muͤſſen, weil ich ſonſt— das ſehe ich wohl ein— auf der andern Seite durch Frau von Soulavie, die nach ihrem Falle nicht verfehlen wuͤr⸗ de, den Zufall der Ohnmacht auf entſtellende Weiſe — 93— aller Welt zu erzaͤhlen, wieder compromittirt werden wuͤrde, ſo will ich das Opfer ſeyn. Laſſen Sie mich in Frieden ziehen, mein gnaͤdigſter Oheim. Ich gehe recht gerne,“ ſetzte ſie mit faſt weinender Stimme hinzu;„waͤhrend meiner Abweſenheit ergibt ſich vielleicht meine Unſchuld, und wenn ich dann einmal wiederkehre, ſo kommt man mir mit verdoppelter Liebe entgegen, um das Wehe, was mir zugefuͤgt worden, wieder gut zu machen, und— komme ich gar nicht wieder— nun, ſo wird mir ja einmal dort Recht werden, wo die Thraͤnen der Unſchuld ihr ſchweres Gewicht gelten.“ „Du ſollſt in Frieden ziehen,“ ſagte der Oheim mit einem Tone, an dem ſie ganz irre ward, denn ſie wußte nicht, ob er ſcherze oder den hoͤchſten Un⸗ willen hinter die Schirmwand beißenden Spottes verberge, oder mit dem Ernſte ſeiner Wuͤrde die gelegentliche Veranlaſſung willkommen heiße, ihr Etwas zu ſagen, was ihm lange auf dem Herzen gelegen;„und ich will dazu auf allen Thuͤrmen die Glocken laͤuten, und rundum auf allen Waͤllen die Kanonen loͤſen laſſen, und wenn Du durch die in Parade aufgeſtellten Regimenter fährſt, und die Fahnen ſich vor Dir ſenken, und das Abſchiedslied der Feldmuſik Dir nachtoͤnt, da wird Dein wuͤrdi⸗ ger Liebling, das Volk, an des Hofjunkers Bade⸗ Anſtalt mit keiner Sylbe mehr denken; es wird Dir ſein Lebewohl mit wehmuͤthiger Freude zujauchzen, und in dem Perlenglanze ſeiner Abſchiedsthraͤnen ſollſt Du die troͤſtliche Beruhigung finden, daß Dich die Liebe und das Andenken meiner Unterthanen, auch uͤber die Markſteine der vaterlaͤndiſchen Gren⸗ zen hinaus begleiten werden.“— Adeline hob das —— —-— 94— Auge fragend auf zum Oheim, als traue ſie ihrem Ohre nicht, als habe ſie das Raͤthſel ſeiner Rede nicht verſtanden. Ohne darauf aber viel zu achten, fuhr der Oheim fort:„der Prinz Omar hat durch einen ſeiner Vertrauten bei mir anfragen laſſen, ob er ſich auf Deine Hand Rechnung machen duͤrfe. In Betracht der ſehr bedeutenden Vortheile, die aus dieſer Verbindung unſerm Hauſe wie dem Lande erwachſen, und in Betracht der, uͤber den Charakter und die perſoͤnlichen Eigenſchaften des Prinzen ein⸗ gezogenen, hoͤchſt günſtig lautenden, Nachrichten, habe ich eine beifaͤllige Antwort gegeben. In Kur⸗ zem wird, wie in Fällen der Art gewöhnlich iſt, ein außerordentlicher Geſandter hier eintreffen, um die Brautwerbung mit den herkoͤmmlichen Formalitaͤten der feierlichen Auffahrt anzubringen, und nach den mir vorlaͤufig eventuell kund gewordenen Aeußerun⸗ gen wird das Beilager ungefaͤhr zu Anfange des kom⸗ menden Jahres ſtattfinden. Fuͤr den Trouſſeau werde ich Sorge tragen, als ſtattete ich mein eignes Kiud aus.“ Adeline hatte keinen Athem, keine Luft in der Bruſt; ſie ſtand, einem Marmorbilde gkleich, kalt und weiß, vor dem Oheim, ſenkte das Auge tief nieder, und meinte ihrer Sinne, ihres Verſtandes beraubt zu ſeyn. „Was ſagt meine Adeline zu dem Vorſchlage?“ fragte der Oheim nach langer Pauſe, mit einer Art aͤngſtlicher Beſorgniß, denn das ploͤtzliche Erſtarren der Prinzeſſin ließ ihn nicht viel Gutes ahnen. „Sie haben befohlen,“ entgegnete Adeline kaum hörbar, und wehrte nicht der Thranen, die ihr, dem ihrem Rede chten, durch aſſen, pürfe. „die Lande akter ein⸗ ten, Kur⸗ „ein n die aͤten den run⸗ kom⸗ erde tiud der kalt tief des 2 Art reu um em Herzen warm entauollen, üͤber die blaſſe Wange roll⸗ ten,„ich werde, ich muß gehorchen.“ „So raſch entſchloſſen?— und warum weinen?“ fragte der Oheim gutmuͤthig, und faßte Adelinens Hand. Dieſe aber kuͤßte die gebotene Rechte, ſchwieg⸗ und ſchluchzte heftiger. „Zwingen will ich Dich nicht,“ hob der Oheim nach langem Schweigen, theilnehmend, aber mißfäl⸗ lig an;„was haſt Du gegen den Prinzen 2 „Nichts,“ entgegnete Adeline;„ich kenne ihn nicht.“* „Dann wirſt Du,“ ſagte der Onkel, und doch klang es mehr, als ſpräche der Fürſt,„dann wirſt Du mit Deiner Vernunft den Gedanken faſſen, daß Du ohne ganz unverwerfliche Gegeneinwendungen nicht zuruͤcktreten kannſt. Sein Aeußeres ſoll ſehr empfehtend ſeyn; er wird Dir gefallen, und Du wirſt ihn lieben lernen.“ in „Lieben lernen,“ wiederholte Adeline kopfſchuͤt⸗ telnd— und ſetzte kurz darauf, von der peinigend⸗ ſten Angſt gepreßt, leiſer hinzu:„mein gnaͤdigſter Onkel hat nie geliebt.“ 6 „Hat nie geliebt,“⸗ wiederholte der Oheim, und waͤre Adeline jetzt weniger mit ſich beſchaͤftigt gewe⸗ ſen, ſie haͤtte uͤber das ihrer kurzen runden Behaup⸗ tung im Stillen laut widerſprechende Geſicht lächeln muſſen, mit dem er das fagte.„Haſt Du denn ſchon geliebt?“ fragte er, mehr mit Blick, als mit Wort, und ſchien vor Verwunderung uͤber ihre, ihm ganz unerwartete Bekanntſchaft mit derlei Dingen, ſeinem Ohre nicht zu trauen; Adeline aber war uͤber die Unbeſonuenheir iörer Aeußerung hoͤchtig erſchrok⸗ ken, und beantwortete die Frage mit einem raſchen Nein; in der geheimſten Tiefe ihres ſtuͤrmiſch be⸗ wegten Herzens indeſſen ſtand eine ihr ſelbſt noch nicht ganz klare Nebelgeſtalt, die ſie dieſes Neins halber eine kleine Luͤgnerin ſchalt, und haͤtte ſie den Muth gehabt, mit dem Grubenlichte der Selbſt⸗ beſchauung hinab zu ſteigen, und dem Unbekannten in das Geſicht zu leuchten, ſo wuͤrde ſie den jungen Menſchen aus der Weinlaube in Rehhagen, den prinzlichen Stallmeiſter, ihren Almoſenier, Sprach⸗ lehrer und Ehren⸗Cavalier, den neueſten und darum blankſten Huſaren⸗Offizier im ganzen Lande, mit Einem Worte, Freund Emil erkannt haben. Sie hatte ſich eingebildet, wegen der Duellgeſchichte bit⸗ ter boͤſe auf ihn zu ſeyn, und jetzt— ſie entſetzte ſich uͤber ſich ſelbſt, wie konnte ſie, ohne ſchwindlich zu werden, von der Standeshöhe, auf die ſie der guͤnſtige Zufall geſtellt hatte, in die unermeßliche Kluft hinabblicken, in welcher der junge Menſch ein⸗ gezwaͤngt lebte— und doch— ſie haͤtte ſich das ſchwache Herz aus der Bruſt reißen moͤgen, und doch ſagte ihr eine Stimme, die ſie nicht zum Schwei⸗ gen bringen konnte, daß ihr dieſer junge Menſch naher ſtehe, als Alles in der ganzen Welt. he raſchen iſch be⸗ ſt noch Neins tte ſie Selbſt⸗ innten ungen „ den pprach⸗ darum mit Sie te bit⸗ tfetzte udlich ie der eßliche h ein⸗ y das und chwei⸗ Renſch vrhe 15* Sechs und ſechzigſtes Baͤndchen. Stuttgart, bei A. F. Maclot. 1 828. Inhalt. Der Friedhof zu Wuͤſtenbruͤck(Beſchluß). Der Wehrmann Belohnte Treue . * .. .. . . Der Friedhof zu Wuͤſtenbruͤck. 3 56 Wendel. 78 Wie doch Nebenumſtaͤnde die Anſichten des Men⸗ ſchen andern koͤnnen! Profeſſor Wendel, Emils vorzuͤglicher Goͤnner und vaͤterlicher Freund, der, ſeit deſſen Abgange von der Univerſität, einem ſehr ehrenwerthen Rufe in das Ausland gefolgt war, ſchrieb an Emil folgende nach Wuͤſtenbruͤck adreſſirte Zeilen, die ein Frem⸗ ddeer dieſen Morgen, waͤhrend Emils Abweſenheit, in deſſen Wohnung abgegeben hatte. „Der Ueberbringer dieſes Schreibens, das Ih⸗ nen beweiſen ſoll, wie theilnehmend ich Ihrer auch im Auslande denke, iſt der Herr Graf Wan⸗ gerin, einer unſerer reichſten jungen Maͤnner, ausgeſtattet mit herrlichen Kenntniſſen und vie⸗ len Talenten, wohl erzogen, und geſund an Kopf und Herzen. Er will reiſen, und ſucht einen Ge⸗ ſellſchafter ſeines Alters, der mit ihm die Freu⸗ den und Genuͤſſe theile, die ſeiner warten, und der ihm einſammeln helfe, was er auf ſeinem Wege des Aufhebens werthes finden möge. Un⸗ ter allen jungen Leuten, die ich kenne, weiß ich Kei⸗ Clauren Schr. LXVI. 1 — — 46— nen, der mir ſeinem Zwecke paſſender ſcheine, er ih als Sie, mein guter Herr Wallenrodt. Ich habe Freut dem Herrn Grafen erzaͤhlt, was ich von Ihnen H weiß; er wuͤuſchte, Sie verſönlich kennen zu ler⸗ von! nen, und da ich Sie noch in Wuſtenbrüͤck bei Ih⸗ tiſche ren lieben Eltern vermuthe, er aber auf ſeiner ſie ka Bereiſung mehrerer Reſidenzen, mit der Ihrigen laut den Anfang machen will, und der Umweg dahin die S uͤber Wuͤſtenbruͤck nicht gar zu betraͤchtlich iſt, ſo Meir wird er Sie dort aufſuchen, und Sie, wenn Sie Adeli ſich einander gefallen, bitten, ihn zu begleiten. zen h In jedem Falle wuͤnſche ich Ihnen Gluͤck dazu, Naͤth denn nach beendigter Reiſe koͤnnen Sie bei des Herrn Grafen wirkſamen Einfluſſe auf eine Ih⸗ E ren Wuͤnſchen entſprechende Anſtellung hieſelbt f Gege mit Beſtimmtheit rechnen, und dann wird die Nicht Freude, meinem neuen Vaterlande einen ſo wa⸗ ſchull ckeren, unterrichteten und zuverlaͤßigen Mann ſchaf gewonnen zu ſehen, Ihnen der ſicherſte Buͤrge ihn derjenigen beſondern Hochachtung ſeyn, mit der ten ich die Ehre habe zu ſeyn nicht Ihr druch treu ergebenſter ganz Freund und Diener geme der Geheime Staatsrath„das Wendel. den; Wie uberſchwenglich gluͤcklich haͤtte Emil dies L ich h Billet in Wuüſtenbruͤck gemacht; er waͤre dort, uͤber geme ſeine Zukunft noch ganz ungewiß, dem Grafen von ten Wangerin in die Arme geflogen, und haͤtte, wenn mit ine, habe dnen ler⸗ Ih⸗ iner igen ahin „ ſo Sie ten. azu, des Ih⸗ ſelbſt bdie wa⸗ Lann uͤrge tder ter Brath dies uͤber von venn — 5— er ihm gefallen, auf ſeine Anträͤge mit tauſend Freuden Ja geſagt. Hier? Jetzt— 2 keine Erdenmacht haͤtte ihn von hier weggebracht.— Adeline hieß das magne⸗ tiſche Wort, das ihn feſt bannte. Adeline—„nein, ſie kann meine Schweſter nicht ſeyn,“ ſagte er halb laut zu ſich ſelbſt, und legte beide Haͤnde ſich vor die Stirne,„ſo feſſelt keine Schweſter den Bruder. Mein Gefuhl— mein Herz— der Mutter Bild— Adelinens trauliches Entgegenkommen— des Prin⸗ zen huldvolle Auszeichnungen— wer loͤst mir der Raͤthſel endloſes Gewirr! Halbe Anufſchluüſſe. Eben im Begriffe, dem Grafen Wangerin die Gegenviſite zu machen, und ſich bei ihm wegen Nichtannahme ſeiner ehrenvollen Antraͤge zu ent⸗ ſchuldigen, kam Wippingen, ſchloß ihn mit leiden⸗ ſchaftlicher Heftigkeit an ſeine Bruſt, freute lich, ihn aus der Seufzer⸗Allee ſo friſch und wohlbehal⸗ ten wieder angelangt zu ſehen, und konnte ihm nicht genug erzaͤhlen, welchen ihm guͤnſtigen Ein⸗ druck die Duellgeſchichte auf das Offizier Corps der ganzen Garniſon, und auf das hublikum uͤberhaupt gemacht habe.„Ich kann wohl ſagen,“ fuhr er fort, „daß mir der Morgen unbeſchreiblich lang gewor⸗ den; ſtieß einem von Euch Beiden ein Ungluͤck zu, ich haͤtte mir Zeit meines Lebens daruͤber Vorwuͤrfe gemacht; aber ich konnte nicht anders handeln. Woll⸗ ten Sie fuͤr immer Ruhe haben, ſo mußten Sie mit dem Strome des unſeligen Vorurtheils ein⸗ * — 6— mal ſchwimmen; Sie waͤren, haͤtte ich meine Ordre buchſtäblich befolgt, Zeitlebens, und wenn Sie ſich auch noch hundertmal herumgeſchoſſen und gehauen hätten, das Stichblatt der Witzbolde geblieben, und ware es gar erſt herausgekommen— und was bleibt hier unentdeckt!— daß die Prinzeſſin dieſe Ordre aus⸗ gewirkt, man haͤtte in unſern Klatſch⸗Boutiken eine Geſchichte daraus zuſammen fabricirt, die Hand und Fuß haͤtte haben ſollen.“ „Die Prinzeſſin?“ fragte Emil behutſam, und verſtand nicht, was Freund Wippingen von dieſer, und von der Ordre, die ſie ausgewirkt haben ſollte, ihm vorſchwatzte; als aber Wippingen die Geſchichte dieſes Morgens erzäͤhlte, und der Todesangſt er⸗ waͤhnte, die Adelinen noch vor Tages Anbruch vom Lager getrieben, und ihm ſchilderte, wie ſie ſich dem Vater zu Fuͤßen geworfen, und ihn gebeten häͤtte, das Duell zu hintertreiben, da fuͤhlte er im Ge⸗ heimſten ſeines Herzens, wie der Magnet, der ihn hier feſt hielt, ſich von ſelbſt immer noch mehr ar⸗ mirte, und laͤchelnd dachte er an den guten Grafen Wangerin, der ihm jetzt die halbe Welt haͤtte bie⸗ ten koͤnnen, er waͤre nicht mit ihm gegangen; mit halbem Ohr nur, denn ſeine ganze Seele war in dieſem Augenblicke bei Adelinen, hoͤrte er noch, daß der Prinz dem Major zwar aufgegeben, Maaßre⸗ geln zu ergreifen, daß der Zweikampf nicht zu Stande komme, daß dieſe Aufgabe aber ziemlich lau geweſen, daß Wippingen abſichtlich die Gegenan⸗ ſtalten moͤglichſt ſaͤumig getroffen, und daß daher Ordre ie ſich ſhauen und bleibt eaus⸗ neine Hand „ und dieſer, ſollte, chichte zſt er⸗ h vom h dem hätte, n Ge⸗ er ihn ihr ar⸗ Brafen te bie⸗ 1; mit par in h, daß aaßre⸗ cht zu ich lau genan⸗ daher — 7— die Polizeibeamten und Gensd'armen auf dem Kampf⸗ platz erſchienen waͤren, als ihn Emil und ſein Geg⸗ ner nebſt den Sekundanten bereits verlaſſen; Emils ganze Aufmerkſamkeit feſſelte Wippingen durch die Geſchichte der Ohnmacht, und des daraus entſtan⸗ denen Feuerlaͤrmens; und das kopfloſe Benehmen des Hofjunkers, und der Soulavie empoͤrende Aeuße⸗ rungen brachten ihn um ſo ſchneller in Harniſch, als Wippingen die Nachtheile beſchrieb, die daraus in Abſicht auf die Stimmung des Publikums ge⸗ gen Adelinen entſtanden, und von den heißen Thraͤ⸗ nen des tiefſten Unwillens ſprach, die dieſe daruͤber vergoſſen. Der Rächer. Wippingen hatte ihn kaum verlaſſen, als er den Hoflunker aufſuchte; er fand ihn im Hotel de Wilna an der Table d'hote. Er ſetzte ſich ihm ge⸗ genuͤber. Adeline hatte uͤber den Menſchen geweint. Eine Thraͤne aus dieſem Auge, und der Ver⸗ werfling war fuͤr ihn vogelfrei. Die grimmigſte Wuth kochte ihm im Herzen; der Vorfall dieſes Morgens war der Mehrzahl der Gaͤſte bekannt geworden, und hatte ihm eine ſo allgemeine Achtung erworben, daß Jeder ſich beei⸗ ferte, ſie ihm auf irgend eine feine Weiſe zu be⸗ thaͤtigen. Auch der Hofjunker hatte von den drei Weſtenknoͤpfen gehoͤrt, und es fing ihm an, unheim⸗ lich zu werden, als er bemerkte, daß Emil einige Male Blicke auf ihn heruͤber ſchoß, die ihm nichts Gutes weiſſagten. — 8— Um die Zeit waren dem Reiche mehrere benach⸗ barte Provinzen zugefallen, und man ſprach ziem⸗ lich freimuͤthig uͤber die unpaſſende Wahl, die man hinſichtlich verſchiedener dorthin geſandter Verwal⸗ tungsbeamten getroffen hatte, welche in der Kunſt, das Vertrauen und das Wohlwollen der neuen Un⸗ terthanen zu gewinnen, wildfremd ſeyn, und da⸗ durch der oͤffentlichen Stimmung unbeſchreiblich ſchaden ſollten. So hatte z. B. eine Praͤſidentin im Fenſter ihrer eben bezogenen Wohnung, eines lan⸗ desherrlichen Schloſſes, geſtanden, die romantiſche Ausſicht in das umliegende Thal gelobt, und daber ganz beziehungslos geäußert, daß, wenn der große Pflaumenbaum da unten im Garten nicht ſtehe, die Ausſicht auf die dahinter verſteckten, tiefer im Grunde liegenden Wieſen und Felder noch mannig⸗ faltiger ſeyn muͤſſe;„ein Bureaubeamter des Herrn Praͤſidenten,“ fuhr der erzaͤhlende Provinzialiſt an der Gaſttafel fort,„hoͤrte das kaum, als er gleich aus dem Zimmer eilte, zwei, drei Leute mit Art und Saͤgen zuſammen holte, und den herrlichen Pflaumenbaum, der im Garten eines angeſehenen Privatmannes ſtand, und mehr denn zwei Scheffel halb reife Fruͤchte trug, aus uͤbertriebenem Dienſt⸗ Eifer niederſaͤbeln ließ. Die Praͤſtdentin, eine gar wackere, die delikate Stellung ihres Gatten in der neu acquirirten Provinz wohl wuͤrdigend, fiel, als ſie die ihr zu Ehren verfuͤgte ſinnloſe Ueberraſchung gewahrte, faſt in Ohnmacht, und verlor, wiewohl ganz unſchuldig, einen großen Theil der Achtung enach⸗ ziem⸗ man erwal⸗ dunſt, n Un⸗ d da⸗ eiblich in im 3lan⸗ tiſche dabei große tehe, er im nnig⸗ Herrn iſt an gleich t Art lichen henen heffel ienſt⸗ e gar n der als ſie hung ewohl btung — — 9— und Liebe im Publikum, die ſie ſich fruͤherhin durch ihr muſterhaftes Betragen erworben hatte.“ „Ein wuͤrdiges Seitenſtuͤck,“ hob Emil an, und ſah dabei unverwandten Auges auf den Hofjunker, „zu dem Hirnwuͤthigen, der heute Morgen, auf gleich empoͤrende Weiſe, eine Aeußerung unſerer Prinzeſſin mißverſtanden, und das Volk, das ſich, in der geglaubten Gefahr, mit ruͤhrender Treue um das gefeierte Fuͤrſtenkind verſammelte, in ſeiner bodenloſen Verſtandesbeſchraͤnktheit aus einander ſpritzen ließ. Ein ſolcher fluchwuͤrdiger Dienſt⸗Eifer kann unermeßliches Unheil anrichten, und waͤre der Jaͤmmerliche herauszufinden, Jeder, der es mit der Prinzeſſin gut meint, muͤßte es ſich zur Gewiſſens⸗ pflicht machen, ihm die noͤthige Ehrfurcht vor der Nichte ſeines Herrn und vor unſerm achtungswer⸗ then Volke beizubringen.“ Faſt die ganze Tafelrunde, die groͤßtentheils aus Stammgaͤſten des Orts beſtand, ſtieß ſich unter ver⸗ ſtohlenen, auf den Hofjunker gerichteten Seitenbli⸗ cken, einander heimlich an die Elnbogen, woraus deutlich zu entnehmen war, daß das Herausfinden des ſogenannten Jaͤmmerlichen, dem eiſenſtrengen Blutrichter Emil, falls dieſer in ihm den ungluͤck⸗ lichen Spritzen⸗Commandanten wirklich noch nicht erkannt haben ſollte, nicht ſchwer werden duͤrfte, und darum reichte, gleich nach dem Eſſen, der gute Hofjunker ſein Urlaubsgeſuch ein, in dem er au⸗ führte, daß die Aerzte ihm, wegen oͤfters ihm zu⸗ ſtoßender Krankheitszufaͤlle, einſtimmig auriethen, — 10— die Stadt mit dem geſuͤndern Landleben, wenigſtens auf eine kurze Zeit, zu vertauſchen. Er war jedoch nicht wenig uͤberraſcht, als er auf ſeine unterthä⸗ nigſte Bitte um Bewilligung eines dreimonatlichen Urlaubs, zum Beſcheid erhielt, daß ihm zur voll⸗ ſtaͤndigen Befeſtigung ſeiner Geſundheit eine drei⸗ jaͤhrige Abweſenheit verſtattet werde. Das war ei⸗ nem halben Abſchiede nicht unaͤhnlich; Emil wußte das Geruͤcht, daß dieſe Entfernung eine Strafe fuͤr die fameuſe Spritzengeſchichte ſey, ſchnell zu verbrei⸗ ten; die Beſpritzten hatten nun doch wenigſtens ei⸗ nige Genugthuung, und Adeline ſtand vor dem Publikum wieder gerechtfertigt; ſie erfuhr den Zu⸗ ſammenhang des ganzen Vorgangs gar bald, und Emil, der Einzige, der ſich ihrer werkthaͤtig an⸗ nahm, ward ihr dadurch noch werther, noch theu⸗ rer. Wer aber ſeinen Tugenden eigentlich die Strah⸗ lenkrone aufſetzte, war Fraͤulein von Zeſen; ſie hatte ſich von Sternecks Freunden und Sekundanten den ganzen Vorgang des Duells erzaͤhlen laſſen, und konnte nicht Worte genug finden, um Emils Edel⸗ ſinn, ſeine Selbſtbeherrſchung, ſeine Bravour, ſeine heldenmuͤthige Todesverachtung, und ſeine ſeltene Großmuth wuͤrdig genug zu preiſen. Adeline hoͤrte ihr theilnehmend zu, und ſchrieb ſich jedes Wort ſeines Lobes tief in das Herz. Er iſt ein lebendi⸗ ger Engel, hatte das Fraͤulein im Ueberwallen ih⸗ res dankbaren Entzuͤckens geſagt, und Adeline wie⸗ derholte, als ſie ſich längſt ſchon zur Ruhe gelegt, umdunkelt vom traulichen Schweigen der Nacht, die —ÿ— — — 11— fuͤnf Worte, und lächelte mit geſchloſſenem Auge dem lieblichſten der kleinen Traumgotter freundlich entgegen, der, wie es ihr vorkam, dem Emil doch aͤhnlich ſah, wie ein Ei dem andern, und er um⸗ huͤllte ſie mit ſeinen weichen Schleiern, kuͤßte ihr die muden Augenlieder ſchaͤkernd zu, und behing ihr das ganze Prachthimmel⸗Bettchen mit weißen und blauen Trauben, daß ſie ſchier meinte, in der Weinlaube zu Rehhagen zu ſchlummern. Ger af Wangerin. „Das ſind die 2 Zohnzimmer des Prinzen,“ ſagte in dieſem Augenblicke Emil zum Grafen Wangerin, auf dem Wege durch den Schloßhof; ſie hatten Beide zuſammen am dritten Orte geſpeist; Emil beglei⸗ tete den Grafen nach Hauſe, ſchlug den kuͤrzeſten Weg durch das Prinzliche Schloß ein, und zeigte ihm bei der Gelegenheit, im Vorbeigehen, die Ein⸗ richtung des Hauſes;„in der Mittelfronte hier ſind die Gaſtzimmer und die Salons, und hier links im Fluͤgel ſind die Gemaͤcher der Prinzeſſin; die beiden Fenſter, wo die Rouleaurx herabgelaſſen, das iſt ihr Schlafkabinet. „Das iſt ihr Schlafkabinet,“ ſprach Wangerin bedeutſam nach, und huͤllte ſich tiefer in ſeinen Mautel und laͤchelte, als Emil von Adelinens ſuͤ⸗ ßem Liebreiz und von der Engelguͤte ihres Herzens, und von der Sonnenklarheit ihres Verſtandes, und von der Kryſtall⸗Reinheit ihres Gemuͤths, mit mehr als landeskindlicher Liebe ſprach, unbemerkt vor ſich hin, und nickte dem ſchlummernden Prinzeßchen ℳ — 12— freundlich eine gute Nacht zu. Im Weitergehen er⸗ goß ſich Emil, vielleicht von den vielerlei Weinen, die ihm Wangerin beim gaſtlichen Abendmahle vor⸗ geſetzt, etwas aufgeregt, mit ſo leidenſchaftlicher Lebendigkeit im Lobe ſeines heilig angebeteten Idols, und erzaͤhlte von den kleinen Begebniſſen, die ſich ſeit jenem erſten Zuſammentreffen ereignet hatten, und aus denen der aufmerkſame Zuhoͤrer wohl ab⸗ nehmen konnte, daß Adeline dem Gluͤcklichen nicht abguͤnſtig war, mit ſo lautem Entzuͤcken, daß Wan⸗ gerin zu Emils Befremden allmaͤhlig immer ſtiller ward, und ſich zuletzt mit auffallender Kaͤlte von Emil verabſchiedete. Dieſer ſchlug ihm fuͤr den folgenden Tag meh⸗ rere Vergnügungs⸗Partieen vor, der Graf aber lehn⸗ te, unter dem Vorwande, bereits verſagt zu ſeyn, Alles ab, und ging nach kurzem Abſchied in ſein Gaſthaus. „Ein ſonderbarer Menſch,“ dachte Emil auf dem Heimwege.„Beim Abendbrod die herzlichſte Trau⸗ lichkeit! die unbefangenſte Offenheit!— Mit wel⸗ chem Feuer erzaͤhlte er z. B. nicht von ſeinem fruͤ⸗ hern Plane, mich, wenn er Alles ſo fände, wie Wen⸗ del ihm geſchildert, mit auf Reiſen nehmen, und, nach deren Beendigung, mein Gluͤck im heimathli⸗ chen Lande machen zu wollen; wie freute er ſich nicht, dieſen Plan jetzt aufgeben zu muͤſſen, weil er jetzt ſaͤhe, was er und Wendel fruͤher nicht ge⸗ wußt, daß ich hier in einer ſo guͤnſtigen Lage lebe, daß er mir bei ſich zu Hauſe keine vortheilhaftere en er⸗ einen, 2 vor⸗ licher dols, e ſich tten, ll ab⸗ nicht Wan⸗ tiller von meh⸗ lehn⸗ eyn, ſein dem rau⸗ wel⸗ — 13— bieten kͤnne. Wie viel Schmeichelhaftes ſagte er nicht hinſichtlich ſeiner Verpflichtung fuͤr Wendels Empfehlung; er habe anfaͤnglich gemeint, ſie ſolle mir von Nutzen ſeyn, jetzt ſey aber der Fall gerade umgekehrt, denn in meiner Stellung koͤnnte ich ihm hoffentlich in mancherlei Faͤllen von großem Vortheil ſeyn— und nun auf einmal dieſe ſonder⸗ bare Umwandlung— erſt ſein ganz eigenes Laͤcheln, als ich ſein Kompliment von den Vortheilen, die er aus meiner hieſigen Stellung zu ziehen hoffe, . ſo nahm, als ob er gemeint, daß ich ihm leichtern Zutritt zu mancher Reſidenzmerkwuͤrdigkeit, und, wenn er es wünſchen ſollte, auch ohne Weitlaͤuftig⸗ keiten, Vorſtellung bei Hofe bewirken koͤnne, und dann— im Schloſſe— als wir unter Adelinens Fenſter— da ward er ſtiller— und als ich von ihr ſprach— wenn er doch nur Ein Wort zu dem Al⸗ len geſagt hatte! wenn er doch—“ Emil wollte das Selbſtgeſpraͤch weiter fortfuͤhren, aber er hielt mit⸗ ten inne! Mit großer Beſchömung glaubte er den Grund dieſer auffallenden Veraͤnderung gefunden zu haben. Der Graf hatte, ſo folgerte Emil, und nun kam die Reihe des Stillwerdens an ihn— der Graf hatte die gute Meinung, die ihm Freund Wendel beigebracht, und die ſich vielleicht in den er⸗ ſten Stunden ihres perſoͤnlichen Beiſammenſeyns beſtaͤtigt und begruͤndet hatte, und die ohne Zwei⸗ fel die erſte Quelle jener Offenheit und herzlichen Traulichkeit geweſen ſeyn mochte— dieſe gute Mei⸗ nung hatte der Graf guf dem Heimgange verlo⸗ — 14— ren— und er hatte ſte verlieren muͤſſen. Das Scheidewort der Mutter— daß dies ihm auch gera⸗ de jetzt beifallen mußte! Das Zartgefuͤhl des Men⸗ ſchen ſteht unter dem Einfluſſe eines guten Gedaͤcht⸗ niſſes!„Sind dir,“ hatte die Mutter am letzten 1 Abende vor ſeiner Abreiſe aus dem Vaterhauſe ge⸗ ſagt,„ſind dir Mädchen und Frauen freundlich zu⸗ gethan, ſo werde darum nicht eitel.“ Wie uneingedenk war er dieſer goldenen Regel geweſen! Die auszeichnende Herablaſſung, mit der ihn Adeline begluͤckt hatte— was brauchte er dem fremden Grafen davon vorzuſchwatzen! Ein eitler Menſch iſt ein vollendeter Narr; fuͤr einen ſolchen Wendels Schilderung, und nach dem erſten Beiſam⸗ menſeyn, gewaͤhnt, einen Mann nach ſeinem Sinne gefunden zu haben, und jetzt auf einmal ſtand, ſtatt deſſen, ein leerer Geck vor ihm— daher ſeine ploͤtz⸗ liche Umwandelung, daher an der Stelle der fruͤhern „lauten Mittheilung mit einemmale das Verſtum⸗ men, das Stillſchweigen, die Kaͤlte! Emil mußte leicht vor ſich hin lachen, als er uͤber dieſen Punkt mit ſich im Reinen war. Die dem Grafen angeflogene Idee vom eiteln Narren, vom leeren Gecken, wollte er morgen ſchon wieder auf irgend eine feine Manier verwiſchen. Er hatte et⸗ was Schlimmeres geahnt, und war jetzt froh, zu ſehen, daß er ſich geirrt. Er hatte— wollte er doch gegen ſich ſelbſt mit der Sprache nicht rein heraus, aber der Gedanke war auch gar zu toll und mußte ihn der Graf halten. Dieſer hatte, nach —.— „— 2 8 — 15— thörig— der komiſche Zufall, daß er des Grafen Wandelung gerade unter Adelinens Fenſter be⸗ merkte, war an der Entſtehung dieſer ungereimten Idee ganz allein Schuld— er hatte im Herzen dem Argwohne Raum gegeben, daß Wangerin und Ade⸗ line— nein— er konnte ihn nicht ausdenken, den Gedanken, er kam ihm jetzt ſelbſt gar zu albern vor; aber wie der Menſch iſt, wenn er einmal dem Mißtrauen ſich hingibt; das Zuſammentreffen der Umſtände war und blieb ſonderbar. So lange Emil von tauſend und aber tauſend andern Dingen ge⸗ plaudert, war der Graf der allermunterſte, der al⸗ lerliebenswuͤrdigſte Menſch geweſen, und mit dem Augenblicke, daß Emil Adelinen genannt, hatte der Graf ſtill aufgehorcht; und je lebendiger und mit je mehr Entzuͤcken Emil von ihr geſprochen, deſto ſchweigſamer, deſto mißgeſtimmter und deſto kälter war der Graf geworden— aber, nein, nein, und noch einmal nein— wo und wie— und ſeit wann ſollte der Graf— er hatte ſie ja nie geſehen, nie gekannt— er hatte ja— Emil ſtand ſtarr und lautlos an den Boden ges wurzelt— da vorn— keine dreißig Schritte von ihm entfernt— dort unter Adelinens Fenſter!— die im Mantel tief gehullte Mannsgeſtalt— das war— ja, bei Gott, das war Graf Wangerin, und kein Anderer. Eine Tyrannin, deren Satansge⸗ walt er bis dahin nie gekannt hatte, blies ihm mit ihrem giftigen Odem ein acht kavalleriemaͤßiges Marſch, Marſch in das Ohr; er ſetzte ſich ſtracks in — 416— Galopp, fiel aus dieſem in Karrier und flog im Reiterſturm heran; je raſcher er aber herbei brauste, deſto ſchneller war Wangerin vorauf; dieſer be⸗ nutzte ſeinen Vorſprung von ungefaͤhr dreißig Schrit⸗ ten, gewann, ehe Emil herankommen konnte, das dunkle Schloßthor, und war, als Emil dorthin gelangte, rechts oder links, in die oder jene Straße, in das oder jenes Gaͤßchen verſchwunden— kurz, er war nicht zu ſehen, noch zu hoͤren. „— War es denn aber auch Graf Wangerin ge⸗ weſen?“ fragte ſich Emil, und legte athemlos beide Haͤnde auf das Herz, durch welches das Blut, mit jeder halben Sekunde pulſirend, unaufhaltſam jagte. Der Graf war ja im Gaſthauſe die Treppe hin⸗ aufgegangen, und hatte nach dem Bedienten geru⸗ fen, um ſich entkleiden zu laſſen.— Der konnte es alſo nicht geweſen ſeyn!— und wo wäͤre er in der zaubergleichen Geſchwindigkeit Emil vorgekom⸗ men?— Emil war zwar ſehr langſam gegangen, und wenn der Graf durch das Kuͤchen⸗ und durch das Sekretaͤr⸗Gaͤßchen— ja— dann waͤre es doch wohl moͤglich geweſen, daß der Graf vor Emil in den Schloßhof haͤtte kommen koͤnnen. „Narr,“ ſagte Emil zu ſich ſelbſt, und machte Kehrt.„Dahinter iſt ja leicht zu kommen; wir duͤrfen ja nur im Gaſthauſe nachfragen, ob der Pa⸗ tron zu Hauſe ſey.“ Der Patron war nicht zu Hauſe. Geier«, Eulen⸗, Hyaͤnen⸗Klauen krallten ſich Emil in die Bruſt— der graͤßliche Schmerz, der 4* — 17— ihm das Herz durchkrampfte— er hatte ihn ja noch nie gefuͤhlt; mit der ganzen Welt haͤtte er anbinden, Erd' und Himmel haͤtte er auseinander reißen mo⸗ gen!„das iſt ihr Schlafkabinet,“ hatte Wangerin geſagt— und wie hatte er es geſagt! ach! nun ver⸗ ſtand Emil die ſehnluͤchtige Gluth, die bei jedem Laute dieſer Phraſe aus dem Herzen des raͤth⸗ ſelhaften Menſchen herausgebrochen war, wie die vulkaniſchen Schwefelflammen aus den ewigen Eis⸗ decken des Cotopaxi. Was ſollte Emil jetzt thun? Hier auf dem Flecke bleiben? und aushalten? und warten, bis Wange⸗ rin zuruckkomme? oder— die Eiferſucht, das un⸗ ſeligſte aller Laſter, wuͤrdigt den ihr Verfallenen zu dem Unglaublichſten herab— oder ihm nach⸗ ſchleichen? und ſehen, wo er geblieben? oder— Da kam Wangerin ſchon ſelbſt, und ſtaunte, Freund Emil vor dem Gaſthauſe zu finden. Wegen der morgenden Vorſtellung bei Hofe, hatte er noch ſo Manches zu fragen gehabt, darum war er dem Emil noch geſchwind nachgeeilt, hatte ihn aber nicht einholen köͤnnen, und war nun umge⸗ kehrt. Konnte denn Emil die Frage, ob Wange⸗ rin der geweſen, den er unter Adelinens Fenſter von Weitem erblickt, uͤber die Lippen bringen?— Eben wegen der morgenden Vorſtellung bei Hofe wollte auch Emil wieder umgekehrt ſeyn, um die nöthige Ruͤckſprache mit ihm noch zu nehmen, und ſo belogen ſie ſich Beide einander, und Jeder glaub⸗ te vom Andern undemerkt zu lügen. — 13— Der Graf Wallenrodt von Wüſtenbrück Am folgenden Morgen ſehr früh am Tage trat ein Kabinetsbote in Emils Zimmer, und uͤberbrachte ihm unter der muͤndlichen Eroͤffnung, daß Sere⸗ niſſimus ihn heute in der Audienz erwarte, ein mit großem Siegel verſchloſſenes Paketchen in Folio, ſtattete ſeinen unterthänigſten Gluͤckwunſch iu den zierlichſten Ausdruͤcken ab, und gab recht vernehm⸗ licher Weiſe zu verſtehen, daß er von den Empfän⸗ gern aͤhnlicher Herrlichkeiten, drei, vier, auch wohl ſchon fuͤnf Louisd'or bekommen habe. Emil gab ihm ſechſe, und erbrach, als er allein war, mir der geſpannteſten Erwartung das große Siegel.— Ein duͤnnes Buch in Folio, gebunden in weißen Sammet; daran eine ſilberne runde Kap⸗ ſel an einer ſeidenen nationalfarbigen Schnur, das landesherrliche Inſtegel enthaltend— und darin⸗ nen zwei mit wunderſchoͤnen Kanzlei⸗Schnoͤrkeln verzierte Blaͤtter Pergament. Laut deren Inhalt ward Emil fuͤr ſich und ſeine Leibes⸗Erben, auf im⸗ merwaͤhrende Zeiten, zum Grafen Wallenrodt von Wuͤſtenbruͤck erhoben. Zweimal, dreimal nahm Emil das kapſelbeſchwerte Sammtbuch in die Hand, und immer legte er es wieder hin, und befuͤhlte ſich, ob er wache oder träume. Faſt war er nahe daran, ſich dem Wahne hinzugeben, daß ſich irgend einer mit ihm, im Ok⸗ tober, einen April⸗Scherz erlaubt habe; doch Wip⸗ pingen, bereits davon unterrichtet, kam, ihm Gluͤck zu wuͤnſchen; Sterneck kam, und mehrere Andere. trat achte vere⸗ mit lio, den hm⸗ faͤn⸗ vohl lein roße den dap⸗ das rin⸗ keln halt — 19— Es mußte alſo wahr ſeyn; aber die neue Grafen⸗ krone druckte ihn noch ſchwerer, als fruͤher der Hu⸗ ſaren⸗Dolman. Wohl ahnete er den Zuſammen⸗ hang, und wollte uͤber die Unverdienſtlichkeit ſeiner Perſon, und uͤber die Unmoͤglichkeit, dieſe Staatswuͤr⸗ de annehmen zu koͤnnen, ſich gegen die Umſtehenden auslaſſen, aber General Gruber kam, ihn nach Hofe abzuholen; er geleitete ihn in den Parole⸗Saal, und empfahl ihm, hier mit den üuͤbrigen darin be⸗ reits verſammelten Perſonen zu warten, bis er auf⸗ gerufen werde. Die Anudienz.— Auf dem Hinwege hatte Emil dem General ver⸗ traut, daß er bitten wolle, das Diplom wieder zu⸗ ruͤckzunehmen; der General hatte ihm auf die Ach⸗ ſel geklopft, und dazu gelacht, und gefagt, ich moͤchte Dich kuͤſſen, mein Goldſohn, aus Freude uͤber die Richtigkeit Deines Gefuͤhls, Deiner Anſichten; Du biſt Deiner Mutter Kind! Aber, wenn Du nicht wie ein Tollhaͤusler angeſehen ſeyn willſt, ſo bleib hier mit Deiner Bitte zu Hauſe. Emil gruͤbelte, während die im Saale befindli⸗ chen Perſonen eine nach der andern, von einem Ge⸗ heimen Kabinets⸗Sekretäͤr abgerufen wurden, uͤber das, was der alte General geſagt, und ſchwankte, was er thun ſolle. Die Stille in dem hohen wei⸗ ten Saale, die ſichtbare Beklommenheit der Bitt⸗ ſteler, die an den Waͤnden herum ſchweigend ſa⸗ ßen, oder leiſe auftretend, mit geſenktem Haupte und ungewiſſem Blicke auf⸗ und abgingen, und der L.XVI. — 20— Gedanke, daß Alle dieſe, vom Schickſale oder von Menſchenhaͤrte gedruͤckt, hergekommen, um am Throne ihres Fuͤrſten, als ihres hoͤchſten Beſchuͤ⸗ tzers, ihrer letzten Inſtanz unter der Sonne, Troſt und Huͤlfe zu ſuchen, machte auch ihn befangen. Er bekam hier zum erſten Male in ſeinem jungen Leben von der Majeſtaͤt eines Volks⸗Beherrſchers, und von der unbegrenzten Wichtigkeit ſeines Wir⸗ kungskreiſes, einen augenſcheinlichen Begriff. Ein Wort aus dem Munde des Regenten, und die Su⸗ chenden begleitete endloſe Verzweiflung oder jubeln⸗ de Freude aus dem Palaſte.— Er ſelbſt— er ſuchte hier nichts. Er wollte bringen; er wollte zuruͤck⸗ bringen, was man ihm geſchenkt, und doch bangte ihm vor dem nahen Augenblicke, daß er ſich ſtellen ſollte vor ſeinen Fuͤrſtlichen Herrn. Unter den Supplikanten, deren Zahl binnen ei⸗ ner halben Stunde ziemlich zuſammen geſchmolzen war, bemerkte Emil beſonders einen altteſtamenta⸗ riſchen Glaubensgenoſſen, der faſt von all' den Uebrigen im Saale, und ſelbſt von Maͤnnern mit Stern und Orden, freundlich, und hie und da ſelbſt ehrerbietig gegruͤßt worden war. Er ging einige Male im Saale auf und nieder, ſprach bald mit dem, bald mit jenem, und ſah gar nicht ſo aͤngſt⸗ lich aus, wie die Andern; er mußte, meinte Emil, hier auch nichts ſuchen. Sonderbar, jedesmal, daß er in Emils Naͤhe kam, blieb er eine Weile ſtehen, beobachtete ihn mit moͤglichſt unbemerktem Seiten⸗ blicke, lächelte freundlich vor ſich hin, nickte, als — 21— haͤtte er gefunden, was er geſucht, und ging dann ſeines Weges weiter.! Emil fragte ſeinen naͤchſten Nachbar, der mit ihm in einem Fenſterbogen ſtand, nach dem Manne, und dieſer machte ein Geſicht, als wollte er fragen, aus welchem Winkel der Erde Emil ſey, daß er dieſen Herrn nicht kenne, und zog den eng zuſammen ge⸗ klemmten Mund und die Augenbraunen hoch in die Höoͤhe und fliſterte Emil in das Ohr:„Unſer Herr Hofbankier. Ein Maͤnnchen von ein Paar Millio⸗ nen. Hier Alles in Allem. Ein General⸗Pfiffikus. Gehetzt mit allen Huͤndlein, aber— das muß ihm der Neid laſſen— rein gediegen und zuverläßig, wie ein Granitfelſen.“ „Herr Aaron Veitel,“ rief der Geheime Kabi⸗ nets⸗Sekretaͤr, und der Herr Alles in Allem, der ſogenannte Herr General⸗Pfiffikus, ging, und nickte dem Geheimen Kabinets⸗Sekretaͤr vornehm herab⸗ laſſend zu, dieſer aber oͤffnete ihm die Thuͤr und buͤckte ſich vor ihm drei Zoll tiefer, als vorhin vor dem Kreisrathe mit der Ehrenmedaille, und vor dem einarmigen Major mit den drei Orden, und vor dem Praͤſidenten mit den zwei Sternen. Das machten die Millioͤnchen. „Aaron Veite!,“ wiederholte Emil ſinnend; er erinnerte ſich, den Namen irgendwo gehoͤrt zu ha⸗ ben, doch ließ ihn der immer fort heimlich wiſ⸗ pernde Nachbar nicht zur Beſinnung kommen, denn dieſer hatte von dem, mit allen Huͤndlein Gehetz⸗ ten noch phundert Geſchichten zu erzählen; doch je mehr Emil hoͤrte, deſto mehr beſtaͤtigte ſich in ihm der Glaube an den granitfelſigen Graukopf, als an einen tuͤchtigen Geſchaͤftsmann, und werk⸗ thaͤtigen Menſchenfreund. Des Geheimen Kabinets⸗Sekretaͤrs lauter Auf⸗ ruf„Herr Graf Wallenrodt von Wuͤſtenbruͤck“ un⸗ terbrach die Unterhaltung. Faſt noch tiefer als vor dem Herrn Hofbankier buͤckte ſich der Geheime Ka⸗ binets⸗Sekretaͤr vor Emil, ſo daß dieſer jetzt erſt ſeine Wuͤrde zu ahnen anfing; doch nicht dem Gra⸗ fen galt die devote Verneigung. Viele dieſes Ran⸗ ges mußten ſich vor dem Herrn Geh. Kabinets⸗Se⸗ kretaͤr buͤcken, weil ſie ihn brauchten, und daher ließ ſich das einflußreiche Maͤnnchen in ſeinem Sub⸗ altern⸗Duͤnkel wohl zuweilen beikommen, den und jenen uͤber die Achſel anzuſehen; ſeine diesmalige Ehrerbietigkeit aber galt Emils delikatem Verhaͤlt⸗ niſſe, das der Herr Geh. Kabinets⸗Sekretaͤr viel⸗ leicht beſſer kannte, als Emil ſelbſt. In dem ihm geoͤffneten Zimmer hatte Emil den allergnaͤdigſten Herrn zu finden gehofft, allein er paſſirte erſt noch ein kleines Kabinet, in dem ihm Adeline aus einem praͤchtigen goldenen Rahmen ent⸗ gegen lachte; das herrliche, ſprechend aͤhnliche Ge⸗ maͤlde hing zwiſchen mehreren andern Bildniſſen der erlauchten Herrſcher⸗Familie; Emil hatte aber nur Auge fuͤr das Idol ſeines Herzens, das ihm im Vorbeigehen, mit ſeinem freundlichen Blick Muth und Vertrauen zuzuſprechen ſchien. Der Ge⸗ heime Kabinets⸗Sekretar oͤffnete die gegenuͤberſte⸗ — 25— hende Thuͤr, und Emil ſtand vor ſeinem hoͤchſten Herrn. Der Monarch betrachtete eine kleine Weile den jungen bildſchoͤnen Mann mit ſichtbarem Wohlgefal⸗ len. Es mochten in dieſem Augenblicke alle Begeb⸗ niſſe der fruͤheren Tage, wo es wegen der liebrei⸗ zenden Chiarina aus Fondi, zwiſchen ihm, dem Bruder und den Eltern, zu lebhaften Auftritten gekommen, ſeiner Seele vorſchweben, und wenn auch damals einige Mißſtimmungen ſtatt gefunden, die Zeit, der Tod der fuͤrſtlichen Eltern und die, ihm nur bekannte, muſterhafte und beiſpielloſe Treue, mit welcher der Prinzliche Bruder ſeinem italieni⸗ ſchen Klaͤrchen im Stillen heute noch zugethan war, hatten den Monarchen milder geſtimmt, und der Anblick des jetzt vor ihm ſtehenden, in reizvoller Befangenheit errothenden Juͤnglings, deſſen Aehn⸗ lichkeit mit deſſen Vater ihn auffallend uͤberraſchte, foͤhnte ihn vollends aus.„Meines Bruders Wun⸗ ſche gemaͤß,“ hob er, mit dem ihm eigenen, alle Herzen gewinnenden Tone an,„habe ich Dir das Grafen⸗Diplom ausfertigen laſſen; nach dem, was mir uͤber Dich bisher bekannt geworden, darf ich erwarten, daß Du dieſe, hier zu Lande ſeltene Aus⸗ zeichnung, durch That und Wandel rechtfertigen wirſt.“ „Mein allergnaͤdigſter Herr,“ entgegnete Emil ehrerbietig, und nur allmaͤhlig verlor ſich die Schuͤch⸗ ternheit, die ihm anfaͤnglich die Zunge etwas zu binden ſchien,„Auszeichnungen von ſolchem hohen Werthe muͤſſen verdient ſeyn; nur die Edelſten, nur die Tugendhafteſten im Volke, nur die, welche durch eine Reihe von Großthaten auf die Dank⸗ barkeit ihres Vaterlandes wohl begruͤndete Anſpruͤ⸗ che haben, moͤgen von der Huld ihres Fuͤrſten mit ſolchen Standes⸗Erhebungen belohnt werden. Mir gebuͤhrt ein ſolcher Vorzug nicht. Der hoͤhere Adel unſeres Landes wuͤrde mit Recht eine Verletzung ſeiner Wuͤrde darin finden, wenn ich Verdienſtloſer ihm gleich geſtellt wuͤrde. Das Loos meines Na⸗ mens iſt nach meinem Gefuͤhl, nicht, in dem Stamm⸗ baum und den Sammlungen der Wappen⸗Koͤnige zu prangen; nicht, in den Reihen des turnierfaͤhi⸗ gen Adels zu prunken; nicht, in dem Schimmer der Hofſonne zu glaͤnzen, ſondern das Licht zu ſcheuen, damit der durchſichtige, von der Zeit noch lange nicht genug gedichtete Schleier, der manche, viel⸗ leicht verzeihliche, und darum auch gewiß von Gott verziehenen Schwaͤchen ſchonend deckt, im Dunkel zuruͤckgezogener Stille unangetaſtet ruhe. Erlaſſen Sie mir daher, gnaͤdigſter Herr!— ich habe ja nichts verſchuldet— erlaſſen Sie mir das beſchaͤ⸗ mende Gefuͤhl, auf eine Stufe zu treten, auf die ich nicht gehoͤre, die durch mich, und vorzuͤglich durch die Urſache meiner Erhebung, weder geſchmuͤckt noch geehrt werden wuͤrde, und auf der, mich ſtandes⸗ maͤßig zu halten, mir die Mittel fehlen.“ „Du gibſt mir alſo mein Gnadengeſchenk zu⸗ ruck?“ ſagte der Fuͤrſt etwas betroffen, aber nicht empfindlich. „Das wagte ich nicht; ich legte weinem gnaͤdig⸗ ſten Herrn nur die Bitte zu Fuͤßen, es zuruͤckzu⸗ nehmen,“ entgegnete Emil mit gedaͤmpfter Stimme. „Und warum?“ erwiederte der Fuͤrſt, und man hörte ihm an, daß Emils Wageſtuͤck ihn befremdet, aber nicht erzuͤrnt hatte,„erſtlich, weil Du meinſt, wegen mangelnder Verdienſte in die Reihe der Gro⸗ ßen meines Landes nicht zu gehoͤren; zweitens, weil Du fuͤrchteſt, die Veranlaſſung Deiner Standes⸗ Erhebung wuͤrde das Ehrgefuͤhl der Klaſſe, zu der Du, nicht allein ohne alles eigene Verdienſt, ſon⸗ dern ſogar mit einer Art von Geburts⸗Makel er⸗ hoben wirſt, verletzen; und drittens, weil Du meinſt, ein armer Graf ſey ſchlimmer daran, als ein ar⸗ mer Buͤrgerlicher. Laß mich Deinen letzten Ein⸗ wand, welcher an ſich der gegruͤndetſte iſt, zuerſt beantworten durch die Benachrichtigung, daß Dir heute noch das Prinzlich Treumund'ſche Chatoul⸗ len-Gut Wuͤſtenbruͤck als Eigenthum uͤberwieſen werden wird, mit der Verpflichtung, die Haͤlfte der jaͤhrlichen Einkuͤnfte Deiner Mutter und dem ehr⸗ lichen Wallenrodt Lebenslaug auszuzahlen; die zwei⸗ te Dir bleibende Haͤlfte aber reicht vollkommen hin, Deinen Hausſtand auf graͤflichen Fuß einzurichten. Deinen zweiten Einwand widerlegt die Geſchichte des Adels in jedem Lande, und in jedem der letzte⸗ ren zwoͤlf Jahrhunderte, als ſo lange es uͤberhaupt Adel gibt. Die Forderungen, die Du an den Adels⸗ faͤhigen machſt, ſind ſtreng; ſie zeugen aber von Deinem Zartſinn und beſonders von der Achtung, — 26— die Du vor der Wuͤrde des Adels haſt. Wollte der Himmel, es waͤre von denen, die das wichtige Erb⸗ Adel⸗Verleihungs⸗Recht hatten, von je an immer darnach verfahren worden; aber Du magſt in die Vorzeit zuruͤckgehen, ſo weit Du willſt, immer wirſt Du finden, daß die erſten Stammvaͤter unſerer Adels⸗Geſchlechter bald der perſoͤnlichen Gunſt ih⸗ res Fuͤrſten, bald und beſonders bei unſern fruͤ⸗ heren Altvorderen, ihrer Faͤhigkeit im Spaßmachen, Trinken oder Raufen, bald ihrer Anmaßlichkeit oder ihren trotzigen Exemplifikationen auf Andere, ih⸗ nen angeblich Vorgezognen; bald, und vorzuͤglich in der juͤngeren Zeit, ihrem Gelde oder andern gehei⸗ men, von der Geſchichte gern verſchwiegenen Urſa⸗ chen, und nur ſelten ihrem Talente, ihrer Bra⸗ vour, ihrer Treue, ihrer Brauchbarkeit, ihren Kenntniſſen und andern ruͤhmlichen Eigenſchaften, ihre und ihrer Nachkommenſchaft Erhebung in den Adelſtand zu verdanken hatten. Der an ſich ach⸗ tungswerthe Adelſtand iſt daher, wie der Maurer⸗ Bund, von Alters her gewohnt, zuweilen Mitglie⸗ der unter ſich aufgenommen zu ſehen, die, ſtrenge genommen, nicht in ſeine Reihen gehoͤren. Da er aber auch wieder, wie der wuͤrdige Maurer⸗Bund, wenn dieſer tuͤchtige Obere an der Spitze hat, un⸗ ablaͤßig daran arbeitete, ſich zu veredeln, ſo hat ſich gegenwaͤrtig das erfreuliche Refultat ergeben, daß der Ahnen⸗Duͤnkel, die Unwiſſenheit, die rohe Sit⸗ tenloſigkeit, die Ueberhebung, und wie die Schwä⸗ chen und Fehler alle heißen moͤgen, durch die ſich der Erb⸗ mer die virſt ſerer tih⸗ fruͤ⸗ hen, oder ih⸗ ch in ehei⸗ rſa⸗ Bra⸗ hren ften, den ach⸗ rrer⸗ glie⸗ enge da er und, un⸗ ſich daß Sit⸗ hwä⸗ ſich — 27— Adel fruͤherer Jahrhunderte beim Volke laͤcherlich und verhaßt machte, verſchwunden, und daß an de⸗ ren Stelle wahre Bildung, vielſeitige Kenntniſſe, feine Sitte und gebuͤhrende Achtung fuͤr diezuͤbri⸗ gen Klaſſen derz Nation getreten ſind. Dieſe gluͤck⸗ liche Veraͤnderung der Dinge liegt in zwei Grund⸗ Urſachen, einmal im Beiſpiele der Fuͤrſten, an de⸗ ren Hoͤfen die ehemaligen Zeitverkuͤrzungen, als da waren Trinkgelage, wilde Jagdhetzen und unkeu⸗ ſche Zuͤgelloſigkeiten aller Art, jetzt der ernſten Be⸗ treibung wiſſenſchaftlicher Studien, der ehrenwer⸗ then Liebe zur Kunſt, dem ſtillen zuͤchtigen Fami⸗ lien⸗Leben, und dem Genuſſe der ſchuldloſeſten Er⸗ holungen, Platz gemacht haben, und zweitens in einer vom Zeitgeiſte verordneten, von den Fuͤrſten vorgenommenen, dem Adel vielleicht ſchmerzlichen, von dieſem aber groͤßtentheils mit wahrhaft edler Re⸗ ſignation geduldeten Operation, im blutigen Schnit⸗ te durch faſt alle ſeine veralteten Vorrechte. Etwas Ausſchließliches, Etwas, was jeder Andere im Volke nicht auch erlangen koͤnnte, hat heut zu Tage der Adel beinahe gar nicht mehr; ihm iſt von einer Maſſe Beguͤnſtigungen und Bevorrechtungen, mit denen ihn die Fuͤrſten des Mittelalters, im Gefuͤhl ihrer Schwaͤche lund ſeiner Unentbehrlichkeit, uͤber⸗ haͤuften, um ihn ſich zu gewinnen, faſt nichts, als ein kurzer Schall, das Woͤrtchen„von“ geblieben. Ich ſchenkte Dir alſo, wenn ich Dir, auf Veranlaſ⸗ ſung meines Bruders, die Grafenkrone verlieh, et⸗ was, was vor einem halben Jahrtauſend vielleicht Clauren Schr LXVI. 3 — 23— zehnmal mehr werth war, als heute, und daher braucht ſich Deine Beſcheidenheit gegen deſſen An⸗ nahme nicht allzuſehr zu ſtraͤuben. Wenn Du je⸗ doch,“ ſetzte der Fuͤrſt mit einer Miene hinzu, die es bezeugte, daß ihm das, was er ſagen wolle, eben erſt jetzt beifalle,„das Zeichen meines Wohlwol⸗ lens, das jetzt freilich nur auf der Erwartung Dei⸗ ner dereinſtigen Leiſtungen beruhen konnte, nicht als Geſchenk anſehen, ſondern Dir ſelbſt verdienen willſt, ſo gibt ſich die Gelegenheit dazu in dieſem Augenblick.“ Emil, der von des Monarchen faßlicher Rede und von der bezaubernden Huld, mit der dieſer ſich zu ihm, dem Allerunbedeutendſten ſeiner Untertha⸗ nen, herabgelaſſen, rein entzuͤckt war, horchte bei den letzten Worten hoch auf. Er legte beide Haͤnde auf ſein Herz und betheuerte, daß der Fuͤrſt das Höchſte, das Theuerſte, ſein Leben von ihm for dern koͤnne, er wolle gehen, wohin Er gebiete. „In Deinen Jahren, mein Sohn,“ erwiederte der Monarch beifällig lächelnd,„haͤlt man Mancher in der Welt noch hoͤher als ſein Leben, und man⸗ che Selbſtverlaͤugnung iſt da oft ſchmerzlicher als der Tod. Doch— ich will mich naͤher erklaͤren. Der Prinz Omar wirbt um Adelinens Hand“— Emil erbleichte.—„Sie hat,“ fuhr der Fuͤrſt, dies, wie es ſchien, nicht bemerkend fort,„ſie hat eine ent⸗ ſchiedene Abneigung gegen ihn, ohne ihn zu ken⸗ nen. Frau von Sonlavie, mein Bruder, ich— wir Alle haben uns erſchoͤpft in Auseinanderſetzung der — — —————.—& D.&A& 8*à 2Q́˙˙ 8⏑ Gruͤnde, welche die Verbindung meinem Hauſe, und dem Lande wuͤnſchenswerth machen, und in Ermit⸗ telung der von ihr durchaus nicht herauszubrin⸗ genden Verweigerungsurſachen. Die Untadeligkeit des Prinzen, die von dieſer Verbindung zu erwar⸗ tenden Vortheile, die bereits in der Sache gemach⸗ ten Vorſchritte, die ſehr großen Unannehmlichkei⸗ ten, die unausbleiblich zu befuͤrchten waͤren, wenn die Sache ruͤckgaͤngig wuͤrde, beſtimmen mich drin⸗ gend, nichts unverſucht zu laſſen, um Adeline un⸗ ſern Abſichten und Wuͤnſchen geneigter zu machen, ohne den ihrigen im Mindeſten Zwang und Feſſeln anzulegen. Du biſt“— er daͤmpfte die Stimme, als moͤchte er das, was er ſagen wollte, ſelbſt unter vier Augen nicht laut ausgeſprochen wiſſen—„Du biſt gewiſſermaßen als ein ſeitenverwandtſchaftli⸗ ches Mitglied unſers Hauſes anzuſehen. Adeline— er ſprach noch leiſer— achtet auf Dich und wird ich darf es vermuthen, ihre Anſichten nach den Dei⸗ nigen fuͤgen. Vermagſt Du nun durch ein ver⸗ nuͤnftiges herzliches Wort ſie aus dem Labyrinthe ihres Irrwahns herauszuwirren, daß ſie klar ſehe, was ſie zu thun habe, und daß ſie den Weg ein⸗ ſchlage, den wir ihr vorzeichnen, und den ihr die Pflicht und die Vernunft gebieten, und vermagſt Du, was wir erfolglos verſucht haben, ſo haſt Du um mich um Adelinen, und um Dein Vaterland mehr ver dient, als das Grafendiplom werth iſt, und wir Alle ſind Deine Schuldner; doch ich werde, hier haſt Du mein Fuͤrſtliches Wort darauf, meine Schuld—— 5* — 30— „Keine Verſprechungen,“ fiel ihm, die Schick⸗ lichkeitsregel, einen Hoͤheren im Sprechen nicht zu unterbrechen, auf einen Augenblick vergeſſend, der raſche Juͤngling mit einer Haſt in die Rede, als fuͤrchte er, daß, wenn er eine Sekunde verſaͤume, das Opfer ſeines, unterdeſſen im Tiefſten ſeines Innern gekaͤmpften Rieſenkampfes, die Seligkeit ſeiner Traͤume, zu den Fuͤßen ſeines Fuͤrſtlichen Herrn niederzulegen, ihn gereuen moͤge, ſeine Selbſt⸗ verlaͤugnung bis zu dem Grade geſteigert zu haben— „keine Verſprechungen! was ich thun ſoll, kann mit keiner Welt bezahlt werden. Aber ich will es thun, weil Vernunft und Pflicht mir ſagen, daß es ſo und nicht anders ſeyn kann, und darum muß es ſo ſeyn, und darum wird es ſo ſeyn.“ In Emils Adern ſtanden, als er dies ſagte, alle Pulſe ſtill, ſo durcheiſet war ihm das Blut bei dem feſten Ent⸗ ſchluſſe, jeden thoͤrichten Gedanken an Adelinen aufzugeben. Der Fuͤrſt aber, der durch Frau von Soulavie von Adelinens ausgezeichnetem Wohlwol⸗ len für Emil unterrichtet, ihn mit ſeinem Adler⸗ blick bis auf den Grund durchſchaute, und die Ge⸗ walt wahrnahm, die der junge Menſch ſich anthat, um die Unerreichbarkeit ſeiner Liebe einzuſehen, um von der Schwindelhoͤhe ſeiner unklaren Hoff⸗ nungen behutſam herabzuſteigen, klopfte ihm auf die Achſel und ſagte ernſt:„Du haſt Dich ſelbſt zum Grafen erhoben. Die Erſten dieſes Titels waren urſpruͤnglich Richter; Du haſt Dich ſelbſt gerichtet, und nur der iſt ein großer Menſch zu neunen, der ————. ͤ— — 31— den Richterſpruch der ſtrengen Vernunft gegen ſein eignes Ich ſchonungslos geltend machen kann. Geh mit Gott, mein Sohn; heut Abend ſechs Uhr laſſe ich Dich bei der Prinzeſſin melden.“ Die Brautwerbung. Du biſt, ſagte ſich Emil, als er eine Stunde nach der Audienz in ſeinem Zimmer einſam auf⸗ und abging, nahe daran geweſen, dich fuͤr das Ir⸗ renhaus reif erklaͤren zu laſſen. Der Fuͤrſt hat dich geheilk. Ein ſeitenverwandtſchaftliches Mitglied des Hauſes nannte er dich ja ſelbſt. Adeline iſt alſo deine Schweſter: und wenn ſie dies auch nicht waͤre, nur ein Narr koͤnnte die Kluft uͤberſehen, die zwi⸗ ſchen ihr und dir lag. Ein Narr aber warſt du auch, und ſie— ſie hatte dich dazu gemacht. Nein, beſchuldige den fleckenloſen Engel nicht einer That, an der er keinen Theil hat. Ihr unermeßlicher Lieb⸗ reiz hatte dich bezaubert, wie Jeden, der ſie ſah. Der Nimbus ihres Standes, und ihr ausgezeichne⸗ tes Wohlwollen, und ihre himmelreine Seelen⸗ guͤte— das war fuͤr dein bis dahin der Liebe ver⸗ ſchloſſenes Herz mit einemmale zu viel geweſen. Der Fuͤrſt hat dir den neidenswerthen Standpunkt des Bruders, des berathenden Freundes angewie⸗ ſen; dieſe Stellung willſt du behaupten. Er meinte ſo recht klug geſprochen zu haben, und ſehnte ſich nach dem Glockenſchlage ſechs, um ſich ſelbſt die Probe ſeiner Feſtigkeit ablegen zu koͤnnen. Den Prinzen Omar kannte er, dem Rufe nach, zu⸗ faͤllig ganz genau; Wuͤſtenbruͤck grenzte mit den —— — 32— Staaten ſeines Vaters; ſeit Jahren hatte daher Emil Gelegenheit gehabt, von den jenſeitigen Nach⸗ barn, mit denen Vater Wallenrodt fleißig verkehrte, uͤber Omar urtheilen zu hoͤren, und wer von ihm ſprach, war ſeines Lobes voll. Er konnte alſo mit Fug und Recht des Fuͤrſten Wuͤnſche unterſtuͤtzen. Schlag ſechs Uhr ſtand er in Adelinens Vorzim⸗ mer. Frau von Soulavie empfing ihn. Das Woͤrt⸗ chen„Graf“ hatte die, in Standesvorurtheilen er⸗ graute Frau um⸗ und umgewandelt; ſie ging ihm mit ſteifer Foͤrmlichkeit entgegen, ſtattete ihm fuͤr die laͤngſt verdiente Auszeichnung ihre feierlichen Gluͤckwuͤnſche ab, empfahl ſich ſeiner hohen Pro⸗ tektion, ziſchelte ihm, waͤhrend er, ohne auf ihr breites herzloſes Geſchwaͤtz viel zu hoͤren, in Ade⸗ linens Zimmer trat, in das Ohr:„um ſie zu kuri⸗ ren, mußte ich ſie von Allem au fait ſetzen,“ und blieb zuruͤck, um in dem Vorzimmer jedem etwai⸗ gen ſtoͤrenden Beſuche vorzubeugen. Adeline flog mit ausgebreiteten Armen, und mit dem ſchweſterlichen Ausruf:„mein Bruder,“ dem uͤbergluͤcklichen Emil an den Hals; ſie hatte roth⸗ geweinte Augen, und die Freudenthraͤnen rollten ihr uͤber die Wangen, als Emil ſie im Ungeſtuͤm ſeiner Heftigkeit umſchloß, und ſie an ſein treues Herz druͤckte und ſie ſeine Schweſter, ſeine einzige, ſeine himmliſche Adeline nannte. „Warum,“ ſagte ſie und nahm ſeine Häaͤnde in die ihrigen, und koſete mit ihm in traulicher Un⸗ ſchuld,„warum haben uns die Menſchen das ver⸗ — 355— heimlicht! Kann denn hier nichts auf offenem und geradem Wege gemacht werden? Erfahren mußten wir Beide es ja doch einmal uͤber kurz oder lang. Mein Gluͤck, daß es diesmal nicht zu ſpaͤt war. Frau von Soulavie hatte mir ſchon laͤngſt abgemerkt, daß ich Dir gut war; daß ich Dich— jetzt darf ich es ja laut ſagen— daß ich Dich liebte. Ihren Praͤ⸗ liminar⸗Einleitungen wegen des Prinzen Omar ſetzte ich einen entſchiedenen Widerwillen entgegen. Zwei konnte ich ja nicht zugleich lieben. Sie durchſchauete den Grund meiner Abneigung und kannte meine Feſtigkeit. Jetzt mußte ſie endlich mit dem lang⸗ jaͤhrigen Geheimniß heraus. Nun hat die Sache eine andere Geſtalt gewonnen. Der Oheim dringt auf meine Erklaͤrung; ich habe ſie fuͤr Dich aufge⸗ hoben, daß Du ſie ihm uͤberbringeſt.— Wie ich Dir gut geworden, und wie ich Dir noch gut bin, und Dir ewig ſeyn werde, kann ich keinem An⸗ dern ſagen. Reine Liebe kann daher meine Wahl nicht beſtimmen; wird dies Gluͤck uͤberhaupt doch ſelten einem Maͤdchen meines Standes und ſelbſt nicht immer dem Maͤdchen geringerer Abkunft zu Theil! Iſt Omar wie ſein Ruf, und ſtimmſt Du dafuͤr—“„Ich muß ja,“ rief Emil blutig zerriſſe⸗ nen Herzens dazwiſchen, und umſchlang die heiß geliebte Schweſter, und Beide gelobten ſich, einan⸗ der treu anzugehoͤren in jedem Verhaͤltniſſe. Prinz Omar. Graf Wangerin, der ſich dem Prinzen Treumund vor dem Balle hatte vorſtellen laſſen, erſchien auf — 34— dieſem kaum, als Graͤfin Dotwina, die auf einer Durchreiſe an Wangerins Hofe einer glaͤnzenden Féte beigewohnt hatte, mit heimlichem Seitenwinke auf ihn, einer ihrer Nachbarinnen zuliſpelte:„Prinz Omar.“ In zwei Minuten wußte es der ganze Saal, in der dritten, Adeline, der Oheim und ihr Vater.— Emil, Adeline war heute zu ſchoͤn, zu liebreizend, und die Unſchuld, die jugendliche Froͤh⸗ lichkeit, die freundlichſte Huld ſelbſt— Emil ſank bei der Nachricht vor Schreck faſt zu Boden. Alſo ward aus der Sache Ernſt, und ſo ſchnell Ernſt! Jetzt verſtand er das Aufflammen der Eiferſucht in der Seele des Prinzen, als er Adelinens Lob mit etwas zu leidenſchaftlicher Heftigkeit ausgeſprochen haben mochte. Jetzt— doch er war es geweſen, der den jungen Fremden als Grafen Wangerin vor⸗ geſtellt hatte; an ihm war es, ſich uͤber deſſen Per⸗ ſon beſtimmte Gewißheit zu verſchaffen. Prinz Omar hatte ſich indeſſen, als er au der Aufmerkſamkeit, mit der ihn alle Umſtehenden betrachteten, und an dem heimlichen Fliſtern hinter ſeinem Ruͤcken wahr⸗ genommen, daß ſein Inkognito verrathen, dem Fuͤrſten und dem Prinzen Treumund bereits genaͤ⸗ hert, entſchuldigte mit freimuͤthigem Anſtand ſein Auftreten unter fremdem Namen, und wußte dieſe Entſchuldigung mit ſo viel Scherz und Humor zu wuͤrzen, daß Beide ihn in ſeiner wahren Geſtalt um ſo willkommener hießen, als ſie den Zweck ſei⸗ nes anfaͤnglichen Inkognito leicht erriethen, und als daraus, daß er jetzt die Maske abzog, abzunehmen war, daß der Erfolg ſeines Plans, Adelinen meh⸗ rere Tage unbemerkt zu beobachten, und die Stimme des Publikums in ihren nähern Umgebungen uͤber ſie zu hoͤren, nicht zu Adelinens Nachtheil ausge⸗ fallen war. Adeline ſelbſt erbebte, als der Fuͤrſt ihr den Prinzen zufuͤhrte, und ihr unter froͤhlichem Lachen das geſtoͤrte Inkognito erzaͤhlte, ſo heftig⸗ daß Frau von Soulavie, die in ihrer Nähe ſtand⸗ und im Stillen ſchon den Werth der nunmehr bald und ſicher zu erwartenden Hochzeitspraͤſente berech⸗ nete, ſich zweimal nach einem Riechflaͤſchchen umſah. Adeline entſann ſich jetzt, den Prinzen im Theater, im Conzert, auf der Ausſtellung der Kunſt⸗Akademie und im Schloßgarten, wo ſie geſtern mit dem Fraͤu⸗ lein von Zeſen ſpazieren gegangen war, geſehen zu haben, ſie hatte ihn fuͤr einen Fremden gehalten, und ſich gegen Letztere geaͤußert, daß der junge Mann ſie wie ihr Schatten verfolge; jetzt ſtand er als ihr kuͤnftiger Gemahl vor ihr, und in ſeiner, vom fein⸗ ſten Weltton durchwebten Traulichkeit, lag ſeine, durch den Geſandten ſeines Hauſes, uͤber die Zu⸗ ſtimmung des Vaters und Oheims heimlich einge⸗ holte Gewißheit, die Hand des himmliſchen Fuͤr⸗ ſtenk indes zugeſprochen zu erhalten. Den Tanz, den Adeline mit Emil und Fräulein von Zeſen mit Sterneck hatte tanzen wollen, mußte ſie auf einen ſehr diktatoriſchen Wink der Frau von Soulavie, dem darum bittenden Prinzen zuſagen. Emil ſtand leichenbleich an eine Marmor⸗Saͤule gelehnt, und ſtierte kalt und regungslos in das bunte Getreibe — 36— des glanzerleuchteten Saales. Das Einzige, was er gewonnen, war das Gluͤck, unbeachtet zu ſeyn. Er hatte vor dem Balle, wo er zum Erſtenmale in ſeiner neuen, ihm aufgedrungenen Standeswuͤrde vor dem Hofadel erſcheinen ſollte, ſich Tage lang ge⸗ füͤrchtet; Alles war begierig geweſen, den in allen Theezirkeln der Reſidenz die letzte Zeit uͤber viel beſprochenen friſchgebackenen Grafen zu ſehen, und jetzt hatte der Eintritt des Prinzen Omar, deſſen Zweck im Kreiſe bald bekannt ward, die Aufmerk⸗ ſamkeit der ganzen Geſellſchaft ſo in Anſpruch ge⸗ nommen, daß auf Emil kein Menſch ſah; Dotwina entſaun ſich ihres halb abgetrotzten Vorſatzes, den ihr geruͤhmten Ausbund von Liebenswuͤrdigkeit, vor ihren Siegeswagen zu ſpannen, als ſie aber das kalkweiße Geſicht, und die dunkelbrennenden Augen, und die gebrochene Lebenskraft des jungen Mannes ſah, hielt ſie es der Muͤhe nicht werth, die Zahl ihrer Anbeter mit dieſem Ritter von der traurigen Geſtalt zu vermehren. Die Ober⸗Kammerherrin war aber ſpekulekiver. Wuͤſtenbruͤck, das wußte ſie vom Mi⸗ niſter des Forſtdepartements, brachte durch den Er⸗ trag ſeiner meilenlangen Waldungen jaͤhrlich uͤber zwoͤlf, ſechszehn tauſend Thaler ein. So lange Prinz Treumund und deſſen Bruder lebten, flogen dem Emil, das berechnete ſie ſehr richtig, alle ge⸗ wuͤnſchte Gluͤcksguͤter, wie gebratene Tauben zu. Ihre Nichten, die kleine Putenheim und die beiden niedlichen Duͤnkelborn— aus uralten Haͤuſern wa⸗ ren ſie, aber, das konnte ſie ſich nicht läugnen, reiz⸗ niſſe nicht Part didat rief arm hier ſeine der oben die Mer berr liebe vor und cher tan den wie ohr Ho nich er ger »En zu — 37— reiz⸗ und mittellos, ohne Erziehung und Kenut⸗ niſſe, und darum von dem fein gebildeten Hofadel nicht beachtet; an eine, in jeder Hinſicht genuͤgende Partie war, bei der Ueberzahl weit wuͤrdigerer Kan⸗ didatinnen, nicht zu denken.—„Stromaͤtzchen,“ rief ſie dem eben voruͤbergehenden Baron zu,⸗„der arme Menſch, der neue Graf da an der Saͤule, iſt hier ſteinfremd, und getraut ſich wahrſcheinlich in ſeiner kleinbuͤrgerlichen Beſcheidenheit nicht, eine der Damen um einen Tanz anzuſprechen; dort oben unterm Orcheſter ſitzen meine drei Nichten, die Putenheim und die beiden Duͤnkelborn; kein Menſch ſieht ſie, denn ſie haben ſich mit ihrer al⸗ bernen Bloͤdigkeit in den Winkel gedruͤckt, und das liebe Officier-Corps der halben Garniſon hat ſich vor ſie geſtellt; Baroͤnchen! thun Sie mir die Liebe, und fuͤhren Sie ihn hin, ſtellen Sie ihn den Mäd⸗ chen vor, ſagen ſie ihnen, ſie ſollten mit ihm tanzen, ich ließ es ihnen ſagen; ſo helfen Sie bei⸗ den Theilen, und thun ein chriſtliches Werk.“ Stromatz nickte und ging; er kehrte aber bald wieder und meinte, das ſey ein Menſch entweder ohne alle Lebensart, oder von einem unertraͤglichen Hochmuthe; er habe auf den ſo ehrenvollen Antrag nichts weiter erwiedert, als die Verſicherung, daß er gar nicht tanze, und ſey hierauf davon gegan⸗ gen, und habe ihn ſtehen laſſen. Fraͤulein von Zeſen gab jetzt dem verduͤſterten „Emil, Adelinens Shawl, mit der Bitte, ihn ihr zu reichen, wenn der Walzer beendigt ſey, weil ſie eben in den zweiten Saal muͤßte, um zum Cotillon anzutreten. Er haͤtte die neidenswerthe Huͤlle ih⸗ rer himmliſch ſchoͤnen Reize, den aͤchten Kaſchmir, an ſeine Lippen druͤcken moͤgen.„Ein goͤttlicher Shawl,“ hob die gelbe Geheime Kriminal⸗Naͤthin an, die Gelegenheit ſuchend, ſich Emil zu naͤhern, um beim morgenden thée dansant ein Breiteres von ihm erzaͤhlen zu koͤnnen;„erlauben Sie doch,“ fuhr ſie fort, und ſtrich behaglich uͤber das flaumen⸗ weiche zarte Gewebe.„Ja das iſt ein veritables Tibetiſches Kunſtwerk. Das iſt nichts, als reines Touz; ſo heißt, wird Ihnen bekannt ſeyn, das da⸗ zu verbrauchte feine Gehaͤr, was auf der Haut der Ziege, an den Wurzeln ihrer Wolle liegt. In den Thaͤlern zwiſchen dem Himalaya und dem Dhawa⸗ lageri wird, wie mir mein Mann noch geſtern vor⸗ geleſen, von Kaſchmir'ſchen Maͤdchen und Frauen, dieſer ſuperfeine Flaum gewonnen und geſponnen, gewebt und gefarbt, und fuͤr einen Spottpreis ver⸗ kauft; hier gilt dieſer Pracht⸗Shawl ſeine tauſend Thaler, doch freilich, ehe er durch fuͤnfzig Haͤnde bis hieher die weite Reiſe von zwei tauſend Mei⸗ len—— ᷣq 8 Emil ſprang der gelehrten Redſeligen unter den Haͤnden weg, denn Adeline trat vom Walzer ab, und ſahe ſich nach Fraͤulein von Zeſen um; ſie freuete ſich des dienſtthuenden neuen Kammerherrn, und fliſterte ihm, waͤhrend er den Alabaſter⸗Nacken mit der feinen weichen Huͤlle bedeckte, heimlich zu:„er iſt recht huͤbſch, recht angenehm, auch klug; aber mein tanze W ſeyn einan herab Die! ligſte ganze macht bald ſprach Graf ſchen⸗ ten i auf i beme nun, chen zu il Emi ihm Herz wie Schl ja it Bru 7 und Fuͤr tillon le ih⸗ hmir, tlicher aͤthin ihern, iteres doch,“ imen⸗ tables eines as da⸗ it der n den hawa⸗ vor⸗ auen, anen, 6 ver⸗ uſend Haͤnde Mei⸗ r den r ab, euete und mit „er aber — — 50— mein lieber Bruder Emil iſt er doch nicht; jetzt tanze ich den Cotillon mit Dir.“ Wie dem armen Suͤnder unter dem Hochgerichte ſeyn moͤchte, wenn die Wolken des Himmels aus einander floͤgen, und ein Engel das Wort„Gnade“ herabſpraͤche, ſo war in dieſem Augenblicke Emil. Die blaſſe Wange gluͤhte; im Auge ſunkelte das ſe⸗ ligſte Entzücken, und ausgeſöhnt mit ſich und der ganzen Welt, fuͤhlte er die uͤberm enſchliche Zauber⸗ macht, die dieſes holde Weſen uͤber ihn uͤbte. So⸗ bald ſie berechnen konnte, daß man hoͤre, was ſie ſprach, nannte ſie ihn Sie, und titulirte ihn Herr Graf, aber waͤhrend des Walzers im Cotillon⸗Kreiſe, ſchenkte ſie ihm das Schweſter⸗Du; ſie hatte mit⸗ ten im Geſpraͤch mit Omar und Anderen immer auf ihn hingeſehen und ſeine Verduͤſterung wohl bemerkt, und meinte in ihrer himmliſchen Guͤte nun, das Leid, das ihm geworden, wieder ausglei⸗ chen zu muͤſſen, und darum war ſie freundſeliger zu ihm und herzlicher, als je.„Sey ein Mann, Emil“ ſagte ſie waͤhrend des Walzens heimlich zu ihm,„hier mußt Du laͤcheln koͤnnen, wenn das Herz auch blutet. Das Schickſal walte uͤber uns, wie es wolle. Was ich war, was ich bin, Deine Schweſter, Deine treueſte Freundin, bleibe ich Dir ja immer, und Du ſollſt ſeyn und bleiben mein Bruder, mein beſter Freund in dieſer Welt.“ „Im Leben und im Tode,“ erwiederte Emil und verſchlang mit wonnetrunkenem Blick das holde Fuͤrſtenkind; Adeline aber ſchuͤttelte ſcherzend das — — 40— Koͤpfchen, ſagte:„wie kann man an den Tod bei ſolch' einem koͤſtlichen Cotillon denken,“ und druͤckte ihm, als dieſer eben endete, herzlich die Hand. Das Ehrengeleit. Wie der Fuͤrſt geweiſſagt hatte, Alles traf buch⸗ ſtaͤblich ein. Auf allen Thuͤrmen laͤuteten die Glo⸗ cken, auf allen Waͤllen donnerte das ſchwere Geſchuͤtz, und die Fahnen der paradirenden Regimenter ſenk⸗ ten ſich vor der Voruͤberfahrenden, und das Ab⸗ ſchiedslied der praͤchtigen Feld⸗Muſik toͤnte ihr nach, und das Volk rief dem unbeſchreiblich geliebten Fuüͤrſtenkinde ſein Lebewohl mit naſſen Augen zu, und aus allen Fenſtern wehten weiße thraͤnenbenetzte Tuͤcher, und die Tauſende, die Adeline ihrer Fuͤr⸗ ſprache, ihrer Unterſtuͤtzung, ihrer milden Beruͤck⸗ ſichtigung gewuͤrdigt hatte, ſchluchzten mit gefalte⸗ nen Haͤnden und beteten fuͤr das Wohl des ihnen entſchwebenden Engels; und Menſchen aller Staͤnde reichten ihr in dem zuruͤckgeſchlagenen Wagen des Fruͤhlings Erſtlinge, Krokus und Himmelſchluͤſſel, Veilchen und Tauſendſchoͤn, auch flogen ihr, den Schmerz der Trennung wie die Theilnahme am be⸗ vorſtehenden Vermaͤhlungsfeſte andeutende, mit Zy⸗ preſſen durchflochtene Myrthen⸗Kraͤnze und vielfar⸗ bige Bandgedichte in den Schoos, und Adeline, von der herzlichen Liebe und der treuen Anhaͤng⸗ lichkeit des biedern Volkes bis in das Innerſte er⸗ griffen, gruͤßte und dankte mit freundlicher Weh⸗ muth und wehrte den Thraͤnen micht⸗ die ihr uͤber die Wangen perlten. d bei uͤckte 5. buch⸗ Glo⸗ ſchuͤtz, ſenk⸗ 3 Ab⸗ nach, eebten n zu, netzte Fuͤr⸗ eruͤck⸗ falte⸗ ihnen btaͤnde n des luͤſſel, „ den am be⸗ nit Zy⸗ ielfar⸗ eline, ahaͤng⸗ ſte er⸗ Weh⸗ r uͤber — — 4à41— Emil ritt an der Spitze des Zuges; ihm war das ehrenwerthe Commando geworden, mit einem Detaſchement des Leibhuſaren⸗Regiments, die Prin⸗ zeſſin bis zur Grenze des Weichbildes der Reſidenz zu eskortiren. Zum Gluͤck ſah die gaffende Menge mehr auf den heute wieder einmal ganz unbaͤndi⸗ gen Amm ben Ralthun, der, den weißen Schaum weit um ſich werfend, bald die Erde zerſtampfen, bald durch die blauen Luͤfte in ſein arabiſches Va⸗ terland ſetzen zu wollen ſchien, als auf den Reiter, denn er mochte die Zaͤhne noch ſo viel auf einan⸗ der beißen, und den Czako noch ſo tief in die Au⸗ gen ruͤcken, immer mußte er verſtohlener Weiſe das Waſſer wegwiſchen, das ihm warm aus dem Her⸗ zen quellend in den Bart lief. „Wild, was weinſt Du?“ fragte, dicht hinter ihm, ein junger Huſar ſeinen Nebenmann, einen ſilberhaarigen, mit Wunden bedeckten Krieger, als der Zug die Stadt hinter ſich hatte. „Der Teufel moͤchte da nicht heulen, Maulaffe,“ erwiederte der alte Wild von der Frage geaͤrgert, „wenn im letzten Kriege ein Transport Bleſſirter herein kam, war ſie immer die Erſte, die ihn em⸗ pfing; ſtundenlang hat ſie taͤglich im Lazarethe ver⸗ weilt, und Troſt und Huͤlfe geſpendet; an mein Bette kam ſie jedesmal, und wenn ſie fragte:„Vaͤ⸗ terchen, wie geht es?“ dachte ich immer, einen En⸗ gel vom Himmel ſprechen zu hoͤren. Wo Du hin horſt, im Lande weit und breit, uberall hat ſie Gu⸗ tes gethan, und nun unſer Prinzeßchen von dan⸗ — 42— nen zieht, ſoll unſer Eins nicht weinen duͤrfen? Ganz andere Leute als ich, dummer Kerl, haben heute geweint; und ſelbſt der alte General Gru⸗ ber, ein Mann, hol' mich der Teufel, von Stahl und Eiſen, dem im dickſten Batkerie⸗Feuer die Pfeife nicht ausging, heute— als er vor der Fronte ſeines Regiments hielt, und wie ſie vorbei kam, das Regiment das Gewehr praͤſentirte, und er mit dem Degen ſalutirte, und ſie ihm das letzte Lebe⸗ wohl freundlich zunickte, da rollten ihm, ich habe es wohl geſehen, zwei große Thraͤnen uͤber den Schnauzbart! Aber ſolch' ein Engelskind kriegen wir auch nicht wieder; iſt's nicht wahr, mein Herr Lieutenant?“— Emil nickte ſchweigend, ohne ſich umzuſehen, denn die einfache Rede des alten Graukopfs atte das klare Waſſer ihm in die Augen getrieben. Jetzt ga⸗ ben die Wallbatterieen der Scheidenden den letzten Salutſchuß. „Vater Gruber gibt ihr ein ſchoͤnes Geleit,“ ſag⸗ te Wild beifaͤllig laͤchelnd,„er hat ſeine alten Vier und Zwanzig Pfuͤnder tuͤchtig laden laſſen,“ und der gewaltige Donner der Feuerſchluͤnde rollte weit fort in die vorliegenden blaͤulich umdufteten Gebirge, als wolle er dem harrenden Omar die Ankunft der braͤutlichen Jungfrau verkuͤnden. Dort unten am gruͤnenden Wald⸗Kranze hielt das Detaſchement Lanziers, das delinen in Em⸗ pfang nehmen, und weiter begleiten ſollte. Emil hatte ihr noch tauſend viel zu ſagen, aber kau ver deſſ zeſſe klug ſchie Em Sie und fuͤr aus imn ſchw te er jetzt Doͤr kraͤn falle Unt ten: zur men „keit liebt Adel frent Wilt und fallen L2 een? aben Gru⸗ btahl die onte am, mit Lebe⸗ habe den egen Herr denn das t ga⸗ tzten ſag⸗ Vier und weit irge, der hielt Em⸗ aber — 45— kaum, daß er an den Wagen ritt, um ſich nun zu verabſchieden, kamen ſchon die Bewohner des Dorfs, deſſen Fluren die Prinzeſſin jetzt beruͤhrte, in Pro⸗ zeſſion herangezogen, und der Sprecher, ein ſuper⸗ kluger Gerichtsſchoͤppe, ſchickte ſich an, ſeinen weit⸗ ſchichtigen Abſchieds⸗Sermon zu halten, ſo daß Emil mit Adelinen kaum ein Wort wechſeln konnte. Sie zog einen einfachen goldenen Reif vom Finger, und ſagte weinend:„dies, lieber Graf, zum Dank fuͤr Ihren letzten Liebesdienſt, fuͤr die Begleitung aus der Vaterſtadt, und zum Andenken an Ihre immer treue Freundin.“ Dabei reichte ſie ihm die ſchwanenweiße Hand; nur einen einzigen Kuß konn⸗ te er darauf druͤcken, denn ſein Araber, der an dem jetzt aufbrauſenden hundertſtimmigen Paſtorale der Dorfler, und an dem Spiele der von ihren blumenbe⸗ kraͤnzten Rechen herabflatternden Baͤnder, keinen Ge⸗ fallen zu finden ſchien, ſtieg kerzen gerade gen Himmel. Unterdeſſen reichte Frau von Soulavie mit den Wor⸗ ten:„auf Befehl der allergnaͤdigſten Prinzeſſin Braut zur Vertheilung,“ dem Wachtmeiſter des Detaſche⸗ ments einen Goldbeutel; alle Huſaren aber riefen: „kein Geld!“— nur ein Andenken von der ge⸗ liebten Fuͤrſtentochter wollten ſie haben; da zog Adeline ihren Handſchuh, und gab ihn, unter freundlichem Gruß an Frau und Kind, dem alten Wild, und Alle ſchrieen:„halb Part, Kamerad!“ und Jeder ſchmuͤckte die Bruſt mit dem ihm zuge⸗ fallenen Theile der heiligen Trophaͤe, LXVI. — 44— Das Heilmittel. Emil ritt an der Spitze ſeiner Getreuen, tief verduͤſtert in die Stadt zuruͤck; ſie kam ihm wie ein veroͤdetes Grab vor. Die Zeitungen verkuͤndeten wenige Wochen dar⸗ auf den Jubel der Nachbar⸗Reſidenz bei Adelinens Einzuge, und oie Feierlichkeiten ihres Beilagers. Jedes Wort war ihm ein Dolchſtich. Tanſend⸗ mal ſagte er ſich, daß er ein Thor ſey, daß er das Unmogliche gewuͤnſcht, und daß ihn jeder Vernuͤnf⸗ tige, wenn er ſeinen Schmerz kennte, mitleidig be⸗ laͤcheln muͤßte; aber die Qual ungluͤcklicher Liebe iſt ſtaͤrker als alle Vernunft⸗ Sein Loos ward um ſo druͤckender, als er es keiner Seele in der Welt mittheilen durfte. Sein Kleinod, der Abſchiedsring, paßte ihm auf keinen Finger; in der Kapſel deſſelben befand ſich eine kleine Haarlocke, und die Inſchrift:„dem theuren Freunde die treue Schweſter.“ „Sie iſt nicht meine Schweſter,“ rief er, das Haar an ſeine Lippen druͤckend, im ſchmerzlichſten Truͤbſinn; ſolch unermeßliche Zaubergewalt hat die Natur auf das Geſchwiſterband nicht gelegt. Sie iſt mein Leben, mein Ein und mein Alles.“ Er mied alle geſellige Zirkel, die Einſamkeit war ſeine einzige Freundin; er konnte Tage lang im verſchloſſenen Zimmer zubringen, und rief ihn die Dienſtpſticht oder der Hofzwang unter Menſchen⸗ ſo ſprach er nur, was er mußte, und fluͤchtete, ſobald er ſich los machen konnte, wieder in ſeine ſtille Klauſe zuruͤck, daß; einen — 45— „Er affektirt den Englaͤnder und will den Spleen haben,“ ſagten die Malitioͤſen;„er iſt krank,“ die Gleichguͤltigen; nur die Frauen und. Maͤdchen, die den jungen ſchoͤnen Mann in der Bluͤthe ſeiner friſchen Kraft gekannt hatten, die ihn mitten im Fruͤhling ſeiner Jugendtage ſo ſtill hinwelken ſahen, beurtheilten ihn mit milderer Schonung, doch kannte Keine den Wurm, der ihm heimlich an den Wurzelfaſern des Lebens nagte. Der alte Gruber nur, des Grußes von Adelinen beim Sterneckſchen Duell eingedenk, und von da an ein ſtiller Beobachter Emils, wenn er ihn bei Hofe in Adelinens Naͤhe traf, ahnete die Grundurſache des Uebels. Entfernung von hier, wo das taͤgliche Ge⸗ ſpräch des Hofperſonals und der erſten Geſellſchaf⸗ ten uͤber die Unvergeßliche, und wo jede Lokalitaͤt ihn immerdar und unausgeſetzt an ſie erinnern mußte, ſchien ihm das Dringendſte zu ſeyn. Sei⸗ ner wohlgemeinten Verwendung bei dem um die Geſundheit ſeines geliebten Emils tief bekuͤmmer⸗ ten Prinzen Treumund, gelang es bald, ſeinen Vorſchlag einer Zerſtreuungsreiſe nach England und Frankreich, zur Ausfuͤhrung gebracht zu ſehen. 8 Emil laͤchelte freundlich wehmuͤthig zu des wa⸗ ckern Generals ihm vorgeſpiegelten Hoffnungen von den wohlthaͤtigen Wirkungen dieſes geprieſenen Heilmittels; der alte Gruber aber redete ihm wohl⸗ meinend zu, und erwiederte auf Emils Einwand, daß zu ſolch' einer Reiſe Geld, viel Gelh gehöre, einen beifäͤlligen Haͤndedruck mit dem Bemerken, — 46— daß Freund Aaron Veitel zur Beſeitigung dieſes Hinderniſſes bereits beauftragt ſey. Denſelben Nachmittag ſchon erſchien der alte Hof⸗ Bankier. „Sie wolle fahre nach Hofe, Herr Graf,“ be⸗ gann der Eintretende, als er ſah, daß Emil in der Parade⸗Uniform, die Muͤtze in der Hand, ihm ent⸗ gegen kam.„Nur ſwei Worte; Sie habe Eil, und ich kain Seit. Hier is vorerſt ain Peppierchen, was Sie werde brauche koͤnne uf de Reiſ', ain Kre⸗ ditbrief, worauf Se ſolle hebe ſo viel Geld, als Se brauche, in alle große Handelsſtadt, wo Se wohl kenne werde de Name von de Aaron Veitel; un denn is ſweitens hier ain Brief von de Herrn Prinſen Treumund an de Frau Mama, den ich habe wieder ſuruͤckgekriegen von de Frau Mama ungeoͤffnet.“ „Wie das? fragte Emil etwas verlegen, dem ehrlichen Veitel in das gutmuͤthige Geſicht ſchauend. „Wie das? wie das? weiß ich, wie das? ent⸗ gegnete der alte Aaron Veitel, in ſeinem Gutmei⸗ nen, auf Emils Mutter ordentlich boͤſe;„was darin ſteht, im Briefe, weiß ich wohl, und habe es auch keſchrieben an die Frau Mama; aber da ſpre⸗ che ich, wie aine Stimm in der Wuͤſten; Niemand hoͤrt mich. Der Herr Prins! Kott, was'n Herr! Er hat es kemeint ſo kuht und ſo ehrlich, und hat keſpark, und keſpart, bis er hat ſuſammen kehat zne halbe Miljon,'ne kanze halbe Miljon, und (auf den Brief deutend) hier hat er keſchickt an 47 ſes vof⸗ be⸗ der ent⸗ und hen, Kre⸗ 6 Se wohl un berrn n ich dama dem uend. ent⸗ itmei⸗ „was abe es a ſpre⸗ zmand Herr! nud hat kehat „ und ickt an de Frau Mama die Verſchreibung uf die halbe Mil⸗ jon, daß ſe kann hebe das Geld, wenn ſe will, und kann mache dermit, was ſe will, und nu will ſe de halbe nich emal ufmache den Brief, und will nich habe de halbe Miljon! Habe Sie gehoͤrt ain ſweites Exempel von die Sorte? Ich bin keworden alt; aber mich is nichts Klaiches vorgekomme, ſo lange ich leb!“ „Meine Mutter muß Gruͤnde gehabt haben,“ ſagte Emil, die himmliſche Klarheit ihrer reinen Seele durchſchauend. „Kruͤnde kehabt, Kruͤnde kehabt,“ wiederholte Veitel eifernd,„das Keſchenk ainer halben Mil⸗ jon auszeſchlagen, daſu hat kai Menſch Kruͤnde. Der Herr Prins hat mir keſahlt, Jahr aus Jahr ein, die drei tauſend Dukaten, welche die Frau Mama verſchwaͤht hat, ſu nehme jahrjaͤhrlich vom Herrn Prinſen, und ich habe mache kemußt damit Geſchaͤfte, und habe ihm berechne kemußt, Zins uf Zins; und hat ſich der Herr Prins verſagt drei tauſend Verknuͤgen und drei tauſend Plaiſir, blos um ſuſammen ſu bringe jaͤhrlich die drei tauſend Dukaten, und hat ſich kefreut, wie'n Kind, wie ich habe kemacht die Rechnung, und er keſehn hat⸗ daß von de Kapital und de Zinſen ſuſammen keweſen iſt die halbe Miljon, und hat hier den Brief keſchrie⸗ ben, und daſu kewaint, kewaint, daß kefallen ſind uf das Papier die Thraͤnen, wie warmer Regen bei de Kewitter vom Himmel uf die Erd. Un daß nicht ſollte werden Eklat durch de Poſt, hab ich mache ke⸗ mußt uͤber ſein Schreiben ein Couvert mit mai — — 43— Hand und Siegel; und da hab ich kleich Kluͤck ge⸗ wunſchen ſu de halbe Miljon, und mich kefreut, und kefragt, wo ich ſoll hinſchicke das Geld, und was ſe will mache dermit. Hat ſe mer keantwort kanz kurz, daß ſe nich koͤnnte brauche das Geld, daß ſe ſehr danke dem Herrn Prinſen, aber daß das, was ſe ihm kekeben, ihre Ehre, ihr kanzes Lebens⸗Kluck, mehr werth ſey, als alle Schaͤtze der Welt. Wie fain! wie kahr fain; ihre Ehre, ihr kanzes Lebens⸗Kluͤck mehr werth als alle Schaͤtze uf de Welt! Se hat Recht, Herr Graf. Die Ehre keht uͤber's Geld. Aber ſe haͤtte nicht ſolle ſuruͤck⸗ ſchicke ungeoͤffnet den Brief. Se hat gekriegen viele tauſend Brief von dem Herrn Prinſen durch meine Hand, und hat ſe alle beantwortet: warum den nicht? warum den nicht? weil ſe keweſen iſt boͤſ' uf den Herrn Prinſen, und damit hat ſe kraus Unrecht; denn der Herr Prins hat es kemaint kut, und hat ihr mache kewollt eine recht krauße Freud mit de halbe Miljon. Nu ſoll ich kebe den Brief an den Herrn Prinſen, und ſoll ihm ſage, was ſe mer keſchrieben. Lieber Herr Graf, das kann ich nicht; ſo wahr Kott mein Herr im Himmel lebt, das kann ich nicht. Der Herr Prins hat die Frau Mama nicht kraͤnke kewollt, und ich ſoll nun den Herrn Prinſen kraͤuke, ich, den allerbeſten Herrn uf de ganze Welt. Nehme Sie den Brief, lieber Herr Graf, ſchicke Sie ihn der Frau Mama; ſchreibe Sie, bitte Sie— ſe ſoll nehmen die halbe Miljon!— Kott, es ſind ja hunderttauſend ge⸗ eut, und wort zeld, daß nzes 2 der „ihr ze uf Ehre ruͤck⸗ viele eine den boͤſ raus kut, reud Prief s ſe ich ebt, rau den errn eber ma; die end Menſchen, die das gern thäaͤte, und mit Freuden nahmen eine halbe Miljon, wenn ſie ihnen keboten wuͤrde ſo wohlfeilen Kaufs. Nehme Sie, Herr Graf! thun Sie's ſu liebe mir und dem Herrn Prinſen.“ Emil verſtand den zarten Stolz ſeiner edeln Mutter.„Geben Sie dem Prinzen ſein Geſchenk ru⸗ hig zuruͤck,“ ſagte er geſenkten Blicks zu Veitel. „Und waͤr' es auch zehn tauſendmal mehr, es woͤge doch keine Unſchuld auf.“ Er ging ſchweigend von dannen, ſetzte ſich den folgenden Morgen willenlos neben den Major von Wippingen in den Wagen, und fuhr in der fremden Welt herum, ohne Theil⸗ nahme und Lebens⸗Luſt. Die Zweckwidrigkeit ſei⸗ nes ganzen Thuns und Treibens ward ihm jetzt erſt recht klar und verbitterte ihm immer mehr und mehr ſein unſeliges Geſchick, etwas zu ſeyn, was er nicht ſeyn wollte, ſein Herz an das Unerreich⸗ bare gehangen zu haben, und von der ganzen Welt verkannt und darum mißverſtanden zu werden. Die Heimkehr. Nach zweijaͤhrigem Herumſchweifen fand er ſee⸗ lenkränker und truͤber geſtimmt, als je, eines Abends zu Zuͤrich in dem Gaſthauſe zum Schwerte, die neueſten Nummern der vaterlaͤndiſchen Zeitung, und in dieſen die Nachricht, daß Prinzeſſin Omar von einem Prinzen gluͤcklich entbunden worden, der in der heiligen Taufe den Namen Emil erhalten. Einige Sekunden darauf haͤndigte ihm der Brief⸗ traͤger ein Schreiben vom alten Wallenrodt ein, mit ——— der Bitte, daß, wenn er ſeine theure Mutter vor ihrem Tode noch einmal zu ſehen wuͤnſche, er ſei⸗ ne Ruͤckreiſe moͤglichſt beſchleunigen moͤge. In einer halben Stunde ſchon ſaß er, den Major von Wip⸗ pingen zuruͤcklaſſend, in der Courier⸗Chaiſe. Die innig geliebte Mutter im Sterben, Adeline Mut⸗ ter, und ihr Kind ſeinen Namen, dieſe drei Ge⸗ danken begleiteten ihn auf ſeinem Heimfluge mit ihrem Schmerze, mit ihrer Bitterkeit, und mit ihrer Freude.“— „Du kommſt zu ſpaͤt,“ ſagte Wallenrodt, ihn un⸗ ter heißen Thraͤnen in ſeine Arme ſchließend,„ſie ſchlaͤft ſchon draußen im ſtillen Friedensgarten;— ihr letztes Wort war ihr Emil;— ſie ſegnete Dich, neigte ihr Haupt und verſchied.— Komm mit mir zu ihrer Schlummerſtaͤtte; taͤglich verweile ich ein Stuͤndchen bei ihr, und vergeſſe, wie im Leben an ihrer Seite, die Erbaͤrmlichkeit der Welt.“ Und Emil ſchwankte, von der Nachricht des un⸗ erſetzlichen Verluſtes tief gebeugt, laut ſchluchzend, am Arme des biedern Wallenrodt hinaus auf den, mitten im Walde liegenden Gottesacker des Doͤrf⸗ chens. Bald nach Emils Abreiſe hatte ſich die Mutter dort auf derſelben Stelle, wo zu der Zeit, als der Todtengarten angelegt worden, die ſchoͤne junge Eiche geſtanden, ein einfaches Grabmal bauen laſſen, die weinumrankte Vorderfronte ihres Va⸗ terhauſes zu Fondi vorſtellend; am Eingange zwei Ruhebäaͤnke, und auf dem, mit leichtem Gitterwer⸗ ke verſehenen Vorplatze, Blumen und bluͤhendes vor ſei⸗ einer Wip⸗ Die Nut⸗ Ge⸗ mit mit un⸗ „ſie 1;— Dich, tmir Hein n an un⸗ zend, den, Doͤrf⸗ die Zeit, choͤne auen Va⸗ zwei rwer⸗ ndes — 1— Strauchwerk. Hundertjaͤhrige himmelhohe Buchen, im Wipfel oben von der ſinkenden Sonne vergol⸗ det, beſchatteten das Dach des freundlichen Hauſes, und ſein innerer Raum, in deſſen Mitte der ver⸗ ſchloſſene Sarg auf einer Erhöhung von drei Stu⸗ fen ſtand, war von den Maͤdchen und Frauen der ganzen Umgegend, welche alle in der Verklaͤrten, ihre Freundin, ihre Rathgeberin, ihre Wohlthaäͤte⸗ rin verloren hatten, und ſie wie eine Heilige ver⸗ ehrten, mit Kronen, Kraͤnzen, Gewinden und Kreu⸗ zen von Blumen und Baͤndern und Rauſchgold ge⸗ ſchmuͤckt; auf dem Sarge aber war eine meſſingene Platte mit den eingegrabenen Namen Chiarina und der Angabe des Geburts⸗ und Sterbetages befind⸗ lich, und daneben lag ein verſiegeltes Schreiben mit der Aufſchrift: An meinen Emil. „An mich? von meiner lieben, lieben Mutter?“ rief Emil, von dem Gedanken: aus dem Reiche der Todten dieſe Zuſchrift zu empfangen, bis auf die feinſten Nerven⸗Faſern durch und durch erſchuͤt⸗ tert, und benetzte das Schreiben mit ſeinen Thraͤ⸗ nen, und druͤckte es an ſeine Lippen; dann kniete er am Sarge nieder, legte ſeine gefalteten Haͤnde auf denſelben, und betete lautlos unter ſanftem Weinen fuͤr die Ruhe der Entſchlafenen. Vater Wallenrodt ermahnte ihn endlich zum Aufſtehen und Heimgehen.„Deine Geſundheit iſt ohnehin nicht die ſtaͤrkſte,“ ſagte er wohlmeinend, und betrachtete mit ſtiller Wehmuth den Juͤngling, der ſo ruͤſtig von dannen gegangen, und mit ſo zerruͤtteter Le⸗ Clauren Schr. LXVI. 5 — benskraft wieder zuruͤckgekehrt war,„die Trauer⸗ poſt hat Dich erſchuͤttert, die Courier⸗Reiſe erſchoͤpft. Jetzt dieſer Auftritt!— mein lieber Emil, Du zit⸗ terſt ja, als ſchuͤttele Dich der heftigſte Fieberfroſt. Tag und Nacht keinen Schlaf, die unertraͤgliche Hitze heute, und jetzt die Schauerkuͤhle hier;— komm mein Sohn, und pflege Dein, und morgen wollen wir wieder hergehen; da ſollſt Du leſen und bei ihr ſeyn und Dich ausweinen.“ Aber Emil wies auf ſein Papier, und bat mit weicher Stimme:„Laß mich, mein Vater. Ach, mir iſt ſo wohl und ſo weh in der Bruſt! Den ſtillen Frie⸗ den, der hier wohnt, habe ich immer geſucht und nimmer gefunden. Die ſchattige Abendkuͤhle hier thut mir unbeſchreiblich wohl. Ich will leſen das Liebes⸗Vermächtniß meiner himmliſchen Mutter, dann komme ich zu Dir, mein Vater, und ich will Dir folgen in Allem, und auch wieder heiter ſeyn; aber jetzt laß mich allein bei meiner Mutter.“ Der Alte ſchuͤttelte bedeutſam den Kopf, und ging ſchwei⸗ gend von dannen. Emil ſetzte ſich auf die Ruhebank vor dem Grab⸗ mal, und grußte freundlich die Blumen, welche die Mutter gepflanzt und gepflegt, und die Schauer des Todes uͤberflogen ihn eiſig, als er das thraͤnen⸗ge⸗ traͤnkte Papier entſiegelte, denn die goldig beleuch⸗ teten Wipfel der himmelhohen alten Buchen rings um ihn herum rauſchten, von ſanften Abendluͤft⸗ chen umſpielt, leiſe, und er vermeinte, die Frie⸗ densgruͤße der Entſchwebten aus der Hoͤhe des mit mir rie⸗ und hier das ter, will eyn; Der wei⸗ Brab⸗ e die rdes n⸗ge⸗ euch⸗ ings luͤft⸗ Frie⸗ des — 53— himmliſchen Jenſeits zu vernehmen; er hob freund⸗ lich dankend das naſſe Auge in die dunkele Blaͤue des wolkenleeren Abendhimmels, und las nun mit ſteigendem Intereſſe Folgendes: Wenn dieſe Zeilen Dir eingehaͤndiget werden, mein innigſt geliebter Sohn, ſo iſt meine Seele ihrer irdiſchen Huͤlle entledigt, und ich ſtehe vor dem Throne Gottes, vor dem nur Wahrheit und Unſchuld gelten! Einen Theil meines Lebens kennſt Du, den fruͤheren ahneſt Du, wie ich von Deinem Vater weiß. Ich danke Dir, daß Du die letzte Bitte, die ich Dir bei Deinem Scheiden auf den Weg mitgab, und die Du damals nicht verſtehen konnteſt, erfuͤllt, daß Du mich nicht verurtheilt, daß Du mir Deine Liebe und Deine Achtung er⸗ halten haſt. Nicht Alle ſind ſo milde Richter ge⸗ weſen. Wer unter Euch ohne Suͤnde iſt, der werfe den erſten Stein auf ſie, ſagte Jeſus zu den Pha⸗ riſaͤern, als ſie die Suͤnderin brachten und fragten, ob dieſe, wie die Geſetze Moſis beſtimmten, auch nach ſeiner Lehre zu ſteinigen ſey. Die Menſchen ha⸗ ben des Heilandes ſanfte Rede vergeſſen! Sie ha⸗ ben mir unermeßliches Wehe gethan. Den Gefal⸗ lenen mit Spott und Hohn noch tiefer in den Staub treten, iſt herzzerreiſſende Grauſamkeit. Ich habe ſtill geduldet. Wohl iſt mir mein Kreuz oft ſchwer geworden. Doch in den bittern Kelch, den ich bis auf die letzten Hefen leeren ſollte, troͤpfelte mir die Barmherzigkeit des Ewigen auch manchen Ho⸗ nigſeim. Du, mein Sohn, wurdeſt meine Freude 5* —— — 524— und mein Stolz, und die beiden holdeſten Engel des Menſchengeſchlechts, die treue Liebe, und die unverbruͤchlichſte Freundſchaft geleiteten mich durch mein ſtilles Leben.— Treumund und Wallenrodt. Wallenrodt, der fleckenloſeſte Menſch unter der Sonne, hat die Bedingung, unter der ich, gezwun⸗ gen durch Treumunds gegen den Sohn und gegen Wallenrodt hoch aufgereizten Vater, vor der Welt ſeine Gattin ward, mit der ehrenwertheſten Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit erfüllt. Er ſollte mein Freund im rein⸗ ſten Sinne des Worts ſeyn, und er ward es und iſt es geblieben bis an das Ende meiner Tage. Treumund— vor dem Altar, vor dem ich die drei erſten Sakramente meiner Kirche, die Taufe, das Abendmahl und vor wenigen Monaten erſt un⸗ ter der Salbung mit geweihtem Chryſam die Fir⸗ melung erhalten hatte, ſchworen wir einander treue Liebe bis zum Tode, und Treumund gelobte, auf die Rechte ſeines Standes zu verzichten, und bot mir als Gatte ſeine Hand. Das fuͤnfzehnjaͤhrige Maͤdchen kannte die Welt nicht, und nicht die Ge⸗ walt der Convenienz uͤber die Menſchen. Ich glaubte feſt an Treumund, an ſeine Schwuͤre, an ſeine Liebe. Ein unbewachter Augenblick ward die Quelle mei⸗ ner lebenslaͤnglichen Demuͤthigung. Er eilte mit mir und meiner Mutter in ſeine Heimath zuruͤck, um ſeine Verbindung mit mir zu beſchleunigen. Sie war, ſie blieb aus hoͤheren Gruͤnden, die ich ſpaͤter bei reiferer Anſicht fuͤr guͤltig anzuſehen habe lernen muͤſſen, unmoͤglich. Die Ruͤckkehr in — 55— mein Vaterland war mit meiner Ehre unvertraͤg⸗ lich. Hoͤchſten Orts drang man auf meine Entfer⸗ nung aus der Reſidenz, und verſprach dem ſchwer gekraͤnkten Treumund Verzeihung und Vergeſſen alles Vorgefallenen, wenn meine Verbindung mit dem, unverſchuldeten Zufalls halber in Ungnade ge⸗ fallenen, und darum exilirten Wallenrodt zu Stan⸗ de komme. Der Verſoͤhnung zwiſchen Eltern und Sohn brachte ich das ſchmerzliche Opfer in ſtiller Ergebung. Um der Ruhe meines, fuͤr immer ge⸗ brochenen Herzens willen, bat ich Treumund, mich nie wieder zu ſehen; er hat meine Bitte erfuͤllt bis vor wenig Tagen, wo er auf die Nachricht mei⸗ ner toͤdtlichen Krankheit kam, um mich in dieſem Le⸗ ben zum Letztenmal zu ſprechen. Geſchrieben hat er mir aber ſeit unſerer Trennung woͤchentlich ein⸗ oft auch zweimal. Von ihm weiß ich Dein Auftre⸗ ten in der Reſidenz, die gefaͤhrliche Verirrung Dei⸗ nes Herzens, und Adelinens himmelreine Neigung zu Dir. Um dieſe keine falſche Richtung nehmen zu laſſen, und um Adelinen zur Vermaͤhlung mit dem Prinzen Omar zu vermoͤgen, deſſen Hand ſie nur dann anzunehmen ſich bereit erklaͤrte, wenn Du als ihr einziger wahrer Freund, zu deſſen un⸗ parteiiſcher Anſicht in dieſer Sache ſie unbeding⸗ tes Zutrauen hatte, dafuͤr ſtimmteſt, mußte ihr ge⸗ ſagt werden, daß Du ihr Bruder ſeyeſt. Aus Dei⸗ ner Hand empfing ſie das Gluͤck, das ihr in des ed⸗ len Omar Beſitze geworden iſt. Daruͤber aber hat ſie des treuen Bruders nicht vergeſſen; faſt in je⸗ — mmmnn — 56— dem ihrer Briefe an Treumund und den Oheim, ge⸗ ſchieht Deiner die herzlichſte Erwaͤhnung, und nach Deiner Ruͤckkunft rechnet ſie mit Beſtimmtheit auf Deinen Beſuch. Doch zuruͤck zur Geſchichte meiner Tage; weiß ich ja nicht, wie lange ich noch Kraft habe, die Fe⸗ der zu fuͤhren, denn es wird Abend in meiner Seele, und vor meinen Augen dunkelt die ewige Nacht des Grabes herauf. Bald nach meiner Entfernung aus der Reſidenz, drang man in Treumund, ſich eine Ebenbuͤrtige zur Gemahlin zu waͤhlen. Drei Jahre lang lehnte er die Gewaͤhrung dieſes oft wiederholten Antrages, unter allerlei Vorwande, ab. Ich erfuhr kaum, daß des Landes Wohl von ſeiner Verbindung mit ab⸗ hange, und daß es ſeines Hauſes und mehrerer mit ihm befreundeten Familien dringender Wunſch ſey, als ich ihm ſchrieb, daß ich ihn, in Betracht dieſer, damals ganz außer unſerem Geſichts⸗Berei⸗ che gelegenen Umſtaͤnde, ſeines Geloͤbniſſes entbaͤn⸗ de und ihn ſelbſt erſuchte, ſich in die an ihn ge⸗ machten Forderungen zu fügen. Nach neuem Zoͤ⸗ gern ging er hierauf endlich, nach fremder Wahl, mit einer ſuͤdlaͤndiſchen Prinzeſſin aus einem klei⸗ nen fuͤrſtlichen Hauſe, das allgemein gewuͤnſchte Buͤndniß ein. Doch war es— Treumund betheu⸗ erte dies damals bei ſeinem Glauben an eine ewige Seligkeit mir ſchriftlich, und hier an meinem Ster⸗ bebette gab er mir den Schwur, daß er ſeine mir vor dem Hochaltar meiner Vaͤter gelobte Treue nicht — 57— gebrochen, mit in das Grab— eben ſo ein bloßes Schein⸗Verhaͤltniß, wie das zwiſchen mir und Wal⸗ lenrodt. Ein Jahr nach der Feier des Beilagers kam von einem Hofe, deſſen Sittlichkeit gegen die ſtrenge Zucht und den moraliſchen Wandel der mehrſten unſerer heutigen Regenten⸗Familien wohl etwas abſtechen mochte, ein junger, wie der Ruf ihn all⸗ gemein ſchilderte, hoͤchſt liebenswuͤrdiger Prinz in unſere Reſidenz zum Beſuche. Er war unzart ge⸗ nug, ſich ſeines Sieges gegen Vertraute zu ruͤh⸗ men. Treumunds Gemahlin ſtarb wenige Wochen nach der Entbindung. Adeline hat ihre Mutter nie gekannt. Ueber den ganzen Vorfall wurde der dich⸗ teſte Schleier der Verſchwiegenheit gehuͤllt; nur Dir ſoll ich, auf meines edlen Treumunds Geheiß, der von Dir in Hinſicht ſeines mir geſchwornen Ehrenworts nicht verkannt ſeyn will, das Geheim⸗ niß mitth— „Alſo Adeline nicht meine Schweſter!“ rief Emil, der bis dahin das Blatt mit der geſpann⸗ teſten Theilnahme geleſen, und den Fieberfroſt und die Fiebergluth, die ihm unterdeſſen das Herzblut zerſetzt, nicht bemerkt hatte. Er ſprang haſtig auf, als treibe ihn unſäͤgliche Angſt fort, und wollte hinausſtuͤrmen in den Wald, denn hier ward es ihm zu eng in dem rund umſchloſſenen Friedhofe; aber unnennbares Weh fiel uͤber ihn, ſchwarze Nacht dunkelte ihm das Auge, ein ſtarrer Todeskrampf durchgriff ihm ſcharfkrallig das blutig zerriſſene —— Herz, und zwiſchen den Blumenbeeten der Verklaͤr⸗ ten, auf der Stelle, wo die junge Eiche gerodet, ſank er leblos nieder. Wallenrodt, von Berufsgeſchaͤften bei den Koͤh⸗ lern aufgehalten, kehrte ſpaͤt am Abend nach Hauſe. „Emil noch nicht da?“ fragte er ſtutzend den treuen Kurt, und eilte, da dieſer verneinte, nichts Gutes ahnend, hinaus auf den Gottesacker. Im milden Lichte des Vollmondes, der unterdeſ⸗ ſen hinter den hohen Buchen herauf gegangen, ſchlum⸗ merte hier Emil in der Naͤhe ſeines Muͤtterchens, gekuͤhlt vom Abend Thaue des ſtillen Waldes. Weiße Nachtviolen neigten ſich ſanft uͤber ihn hin, und ein bunter Nachtfalter ſchwebte, als Wallenrodt ſich naͤ⸗ herte, aus dem Kelche der Roſe, die zu des Ent⸗ ſchlafenen Haͤupten duftend ſchwankte, himmelwaͤrts. A⁴duρμνν Auch der junge Eichſtamm, der auf der Mutter Bitte vor das Haus verſetzt war, ging kurz dar⸗ auf ein. Der Wehrmann. Folmar kam leicht verwundet aus der blutigen Schlacht bei Wagram zuruͤck. Er hatte als junger Wehrmann fuͤr ſein Vaterland gefochten. Viele ſeiner Freunde waren neben ihm gefallen. Er hatte den Tod in ſeiner ſchrecklichſten Geſtalt kennen ge⸗ lernt. Seine Hoffnungen waren geſchwunden. Die — b ten den Folt blaß eine Ma⸗ dem ten im len Bru Als Ver ihm furch Tod der 5 im h eilte Ihm war p — 59— Gegenwart, die Zukunft machten ihn truͤbe. Seine Wunde war nicht von Bedeutung, doch war er fuͤr den Augenblick unfaͤhig, weiter zu dienen. Er war nach P... gewieſen, wo er verpflegt werden ſollte. Die Lazarethe waren uberfuͤllt. Er bekam ein Quar⸗ tierbillet auf ein Buͤrgerhaus. Er fand den Beſtiz⸗ zer am Sarge einer jungen, geliebten Gattin. Der troſtloſe Wittwer brachte den Einquartier⸗ ten in einem Wirthshauſe unter, um von dem Frem⸗ den in ſeinem Schmerze nicht geſtoͤrt zu werden. Folmar ging gern weiter, denn der Anblick der Er⸗ blaßten im Sarge hatte ihn erſchuͤttert. Sie hatte eine ſprechende Aehnlichkeit mit ſeiner Schweſter Mariane, die— heute war es ein Jahr— aus dem Kreiſe ihrer liebenden Familie auf ewig getre⸗ ten war. Auch ſie hatte heute vor einem Jahre ſo im Sarge gelegen; die Haͤnde gefaltet auf dem ſtil⸗ len Herzen; einen friſchen Strauß auf der todten Bruſt. Bruder Joſeph war ihr der liebſte geweſen. Als der unerbittliche Tod den kalten Arm um die Verbleichende ſchlang, verſprach die Schwaͤrmerin, ihm einmal in ſeinem Leben zu erſcheinen. Sie hatte furchtbar Wort gehalten. Am Jahres⸗Tage ihres Todes hatte ſie ihn, durch ihr Ebenbild im Sarge der Fremden, uͤberraſcht. Im Wirthshauſe bekam Folmar ein Stuͤbchen im hintern Hofgebaͤude; dicht unter ſeinem Fenſter eilte der Strom vorbei, der P.. durchſchneidet. Ihm gegenuͤber lag ein Nonnenkloſter. Der Abend war finſter, wie ſeine Seele; der Halbmond blinkte — 60— nur zuweilen durch den Schleier zerriſſener Wolken. Die frommen Schweſtern ſangen jenſeits des Fluſſes die Hora's. Da brach ihm das Herz. Er weinte der Vorangegangenen die innigſten Thraͤnen der Bruderliebe. Gegen eilf Uhr erſt legte er ſich zu Bette. Seiner Gewohnheit nach, knuͤpfte er die Uhr an den Stuhl vor ſeinem Lager. Lange noch hoͤrte er das einſame Picken derſelben. Endlich ſchlummerte er ein. Er mochte kaum eine Stunde geſchlafen haben, als er, noch halb im Traume, eine leiſe Beruͤhrung ſeiner Wangen fuͤhlte, und die heimlichen Worte: „Joſeph! biſt Du es?“ vernahm. Er erwachte, und ſah dicht vor ſich in ein Paar große ſchwarze Augen hinein. Unwillkuͤhrlich gab er einen Laut von ſich, da flog eine weiße weibliche Ge⸗ ſtalt, die ſich mit dem Kopfe uͤber ihn gebeugt hatte, zuruͤck, blieb in der Thuͤre ſtehen, und rang ſchmerz⸗ voll die Haͤnde gen Himmel. „Wer iſt das?“ rief er jetzt voͤllig erwacht. Mariane ſtand an der Thuͤr. Er ſprang aus dem Bette. Er warf den Stuhl mit der Uhr um. Er wollte ihn im Fallen ergreifen. In dieſem Augen⸗ blick verſchwand die Geſtalt, das ganze Haus droͤhnte von einem fuͤrchterlichen Krach. Gruftkalter Luft⸗ zug ſtrich durch das Zimmer. Die Uhr war geret⸗ tet; ſie zeigte auf Zwoͤlfe. Folmar bebte an allen Gliedern. Er hatte zwei⸗ mal eine Batterie erſtuͤrmen helfen; ſo hatte er nicht gezittert. Er war jetzt bei voͤlliger Beſinnung. V — 61— olken. Aber dieſe Erſcheinung war ihm ein Raͤthſel. Ma⸗ luſſes riane war es geweſen; das beſchwor er ſich mit dem heinte Eide der heiligſten Ueberzeugung. Die ſchlanke Ge⸗ 1 der ſtalr, das ſchwarze Lockenhaar, das ſchwarze, große Auge, der hochgewoͤlbte Buſen, der volle, zum Him⸗ deiner mel emporgeſtreckte Arm. Er hatte Alles geſehen; Stuhl das Schimmerdunkel des Halbmonds hatte ihm die ſame Pilgerin des Schattenreichs deutlich beleuchtet. Auf Jddeer Thuͤrſchwelle hatte ſie geſtanden. Er wollte hin⸗ aben, aus, ihr nach. Die Thuͤr war verſchloſſen! Da ſank grung er in das Gefuͤhl ſeiner Sterblichkeit zuruͤck. Er orte: hatte einen Geiſt ergreifen wollen. Jetzt graute ihm— ihm, der dem Tode tauſendfach in das Auge Paar geſehen hatte— uͤber die Thuͤrſchwelle zu gehen. Es ſab er lief ihm kalt uͤber den Nacken; das Ruͤckenmark er⸗ e Ge⸗ ſtarrte ihm vor Froſt. hatte, Er brauchte einige Stunden, um ſich ganz wie⸗ merz⸗ der zu ſammeln. Immer ſtand Mariane, die ge⸗ liebte Schweſter, mit den gerungenen Haͤnden vor ſeinen Augen. Nach drei Uhr legte er ſich erſt wies gaus der nieder. Ein leichter Schlummer ſchloß ihm end⸗ Gum. ich die Augenlieder. ugen⸗ Als er erwachte, war es heller Tag. Das Ganze oͤhnte var ihm, wie ein Traum. Er war jetzt ruhiger. Luft⸗ Mariane hatte ſich ihres Verſprechens, ihm zu er⸗ geret⸗ ſcheinen, entledigt. Er betete nun fuͤr die Ruhe ihrer Seele mit frommer Andacht; das feierliche Ge⸗ zwei⸗ läute des Nonnen⸗Kloſters trug ſein Gebet in die tte er Wolken. nung. Der Verband ſeiner Wunde war dieſe Nacht auf⸗ gegangen. Er hatte es nicht gemerkt; jetzt erſt ſchmerzte ſie ihn. Er ließ ſich einen Chirurgus ho⸗ len. Der Mann fragte ihn, warum er nicht in ei⸗ nem Buͤrgerhauſe einquartiert ſey? Er erzaͤhlte ihm ſeine geſtrige Einquartierung im Leichenhauſe. Zu⸗ fällig war dort der Chirurgus Arzt. Er hatte die lunge Frau genau gekannt; er erzaͤhlte viele ſchoͤne Zuͤge von ihr. Auch in Hinſicht ihres Herzens hatte ſie Marianen geaͤhnelt. „Sollte die Frau wohl wirklich todt ſeyn?“ hob Folmar mit Bedenklichkeit an, und erſchrak uͤber ſeine Frage, als ſie uͤber die Lippen war. „Wie kommen Sie auf dieſe ſonderbare Frage?“ erwiederte der erſtaunte Chirurgus. „Ich ſah ſie im Sarge,“ ſagte Folmar,„da ſchien es mir, als haͤtte ſte keine rechte Leichenfarbe. Sie ſah ſo friſch, ſo lebendig aus.“ „Ach Gott, nein, die iſt todt, ſie hat nicht lange gelitten; daher iſt ſie nicht eingefallen.“ Folmar ahnete kaum ſelbſt, was er mit ſeiner Frage gewollt hatte. Der Chirurgus ward aber doch aufmerk⸗ ſam, und ging mit auffallender Beſorglichkeit weg. Eine froͤhliche Wirthin unterhielt unſern Folmar den Vormittag. Ihre lebhafte Theilnahme an ſei⸗ nen Erzaͤhlungen von den Anſtrengungen der Wehr⸗ maͤnner in jenen heißen Tagen, machte ſie ihm werth. Er wollte immer von dem ſonderbaren Ereigniß die⸗ ſer Nacht zu ſprechen anfangen, aber die Flatterhafte, die mit Geiſtern ſich nicht gern zu befaſſen ſchien, haͤtte ihn ausgelacht. Er ſchwieg. — 63— erſt Die angenehmen Umgebungen der Stadt, die ihm s ho⸗ neu waren, beſchaͤftigten ihn des Nachmittags. Als in ei⸗ der Abend herandaͤmmerte, ward es ihm wieder eng ihm um das Herz. Vielleicht kam Mariane wieder. Er Zu⸗ ſchloß ſeine Thuͤr nicht zu. Er loͤſchte ſein Licht aus, e die unnd nahm ſich vor, nicht zu ſchlafen. Er wollte wach choͤne bleiben, und Marianen erwarten. hatte Die gefuͤrchtete Stunde, die Stunde der Geiſter, war abgelaufen; er hatte keinen Laut gehört. Es chob ſchlug druͤben auf dem Kloſterthurme Eins, er hatte üͤber nichts geſehen. Die Natur war ſtaͤrker, als ſein Wille. Er ſchlummerte ſanft ein, doch erwachte er ge?, kbald; es war ihm, als haͤtte er ſeinen Namen nennen 1 gehoͤrt. Er richtete ſich im Bette auf. Das Herz ſchien ſchlug ihm hoͤrbar; ſein Blut ſtieg ihm ſiedend heiß Sie in den Kopf; da rief es wieder:„Joſeph!“ Es war Marianens Stimme. Ein leiſer Seufzer lange aus enggepreßter Bruſt ward hierauf ihm, nach kur⸗ z3er Pauſe, vernehmbar.„Jeſus Maria!“ ſtoͤhnte Frage zuletzt die Unſichtbare in ſein dunkles Zimmer hin⸗ merk⸗ ein. Jetzt war es wieder ſtille, ſo todtenſtille, daß g. er ſeine eigenen Pulſe klopfen hoͤrte.„Mariane!“ lmar riefer nach einer ſchrecklichen Minute:„wo biſt du?“ n ſei⸗ Keine Antwort. gehr⸗„Mariane, meine Schweſter, ich fuͤrchte dich erth. nicht.— Komm,, ich erwarte dich.“ die⸗ Keine Antwort. afte,„Mariane, meine Mariane! Haſt du noch Forde⸗ hien, rungen an die Welt?— Mariane— haſt du nicht Ruhe im Grabe?“ — — 6— Kein Laut. „Meine gute Mariane! Sprich doch; nur ein einziges Wort ſprich. Erſcheine, in welcher Geſtalt du kannſt. Ich bin auf Alles gefaßt. Stille, furchtbare Grabesſtille!— Folmar ſtand auf; er konnte nicht mehr im Bette bleiben. Wie mit gluͤhender Lava uͤbergoß ihm die Angſt den ganzen Koͤrper. Er eilte an das Fenſter. Ein Kahn mit einem Sarge gleitete auf dem Strome mit den Fluthen hinab. Ihn ſchauderte. Der Mond begleitete den Todes⸗ nachen. Ein einziger Menſch ſaß hinten am Ruder. So ſtill hatte er noch Keinen begraben geſehen. Die durchſchnittenen Wellen plaͤtſcherten ein heimliches Grablied. Folmar verfolgte die ſonderbare Erſchei⸗ nung mit den Augen, ſo weit er konnte; dann legte er ſich erſchoͤpft auf das Bette, und ſchlief nach und nach ein,. Am folgenden Morgen beſuchte ihn ſein Chirur⸗ gus wieder. Jetzt fiel ihm die junge Frau im Sarge wieder ein. Der thoͤrichte Gedanke, daß dieſe viel⸗ leicht die Urſache ſeiner naͤchtlichen Schreckniſſe ſey, drängte ſich ihm von neuem auf.„Nun, lebt ſie?“ fragte er mit aͤngſtlicher Erwartung der Antwort. „Herr, wie kommen Sie auf dieſen Gedanken? Sie hatten mich geſtern wahrhaftig aufmerkſam ge⸗ macht. Ich eilte hin, und machte alle Verſuche ge⸗ gen den Scheintod. Aber leider, alle umſonſt. Sie iſt todt. Doch ihr Mann, dem ich unvorſichtiger⸗ weiſe Ihre auffallende Bemerkung mittheilte, findet * eein eſtalt r im ergoß n das e auf odes⸗ uder. Die liches eſchei⸗ legte h und birur⸗ Sarge viel⸗ e ſey, ſie?“ ort. nken? m ge⸗ he ge⸗ Sie btiger⸗ findet — 65— nun auch, was Sie gefunden haben, und hat darum das Begraͤbniß, was heute ſeyn ſollte, auf morgen aufgeſchoben. Er harrt mit jedem Augenblick, daß ſie die Augen aufſchlagen werde. Ach, ſie hat ſie auf ewig geſchloſſen.“ Folmars Einbildungskraft war erhitzt.„Nein, Herr!“ rief er freudig:„ſie lebt; ſie muß leben. Meine Ahnungen! Wie heißt der Mann mit dem Vornamen?“„Joſeph!“ antwortete der Arzt, der bei Folmars Aeußerungen ſeinen Ohren kaum traute. „Joſeph? großer, heiliger Gott! Joſeph? Um aller Seelen willen, laßt die Frau heute, morgen, uͤbermorgen noch nicht begraben. Sie lebt! Bei Gott, ſie lebt!“ Der Arzt fuͤhlte laͤchelnd dem Hoffenden an den Puls.„Sind Sie bei Sinnen, Herr?“ „Wie hieß die Frau mit Vornamen?“ „Thereſe.“ „Thereſe! Ach, darum antwortete ſie mir nicht, als ich Mariane rief. Alſo nicht du, meine Schwe⸗ ſter!— und doch ihre Stimme! und die erſte Nacht ganz ihre Geſtalt! Sonderbar!“ „Lieber Herr! was ſprechen Sie fuͤr Unſinn!⸗⸗ Folmar war im Feuer. Er hatte das Raͤthſel wenigſtens zur Hälfte geloͤſ't. Er erzaͤhlte dem Verſchwiegenen die Geſchichte ſeiner ſchrecklichen zwei Naͤchte. „Poſſen!“ rief der Chirurgus.„Sie haben Fieberhitze, glaube ich; der Kahn dieſe Nacht kam aus dem Lazarethe. Was den Tag abfäͤhrt, laſſen — 66— wir des Nachts, um Aufſehen zu vermeiden, in aller Stille auf dem Strome hinunterſchaffen, und im Sandberge begraben. Das iſt das Einzige, was Sie wirklich geſehen und gehoͤrt haben; das Uebrige iſt reine Phantaſie. Ein Gluͤck, daß Sie noch weiter Niemanden davon geſagt haben; Sie haͤtten das Haus ſo in Kredit gebracht, daß kein Reiſender mehr hier eingekehrt waͤre. Laſſen Sie meine gute Madame Lenz und Ihre liebe Schweſter ruhen! Beide ſind todt, und kehren nie wieder.“ Folmar ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf.„Ich bin kein Kind,“ ſagte er ernſthaft.„Ich habe nie an Geiſter, nie an Geſpenſter und ſolch' albernes Zeug geglaubt. Hier iſt ein hoͤheres Weſen im Spiele. Ich will auf dem heiligen Kreuze knieend ſchwoͤren, daß ich mit wachenden Augen geſehen, mit wachen⸗ den Ohren gehoͤrt habe. Laſſen Sie die Lenz lie⸗ gen; es wird ſich aufklaͤren. Entweder dieſe, oder meine Schweſter!““ „Was Sie mit Ihren Augen und Ohren vermö⸗ gen, werde ich ja mit den meinigen auch koͤnnen. Darf ich die folgende Nacht bei Ihnen bleiben? Abenteuer der Art beſtehe ich gern. Entweder ich mache Sie zum Proſelyten, oder Sie mich. Iſt Gau⸗ kelei im Spiele; ſo ſtehe ich dafuͤr, meine Piſtolen bringen die Sache auf's Reine.“ Folmar willigte halb und halb gern ein. Auf der andern Seite haͤtte er es lieber geſehen, dieſe Nacht wenigſtens noch allein zu ſeyn. Aber ihm graute, wenn er nur an den Abend dachte. Piſtolen aller d im was das Sie Sie kein Sie veſter er.“ ch bin ie an Zeug piele. oͤren, ichen⸗ z lie⸗ oder ermoͤ⸗ nnen. iben? er ich Gau⸗ ſtolen Auf dieſe ihm ſtolen und Saͤbel erlaubte er zwar mitzubringen, jedoch mußte ihm der Geiſterbanner ſein Ehrenwort geben, nur im Fall der Nothwehr Gebrauch davon machen zu wollen; denn den Schatten ſeiner Mariane oder den der jungen Lenz, die ihn jetzt ſehr intereſſirte, mit toͤdtlichen Waffen zu verfolgen, war ihm ein Gedanke, den er nicht ausdenken konnte. Der Chirurgus nahm nun Folmar mit ſich in geſellige Zirkel. Der huͤbſche junge Wehrmann ge⸗ fiel üͤberall. Sein blaſſes Geſicht, und der ſchwaͤr⸗ meriſche Zug um Mund und Auge, gewannen ihm die freundliche Annaͤherung aller Maͤdchen und Wei⸗ ber. Er ſchien ſeine beiden Schreckensnaͤchte ver⸗ geſſen zu haben. Er verdraͤngte ſelbſt den Gedanken daran. Er ward heiter und trank den Wein, mit dem ihm der Chirurgus Muth in die Seele gießen wollte, in vollen, doch nicht uͤbermaͤßigen Zuͤgen. So war der Abend herangeruͤckt. Es ſchlug zehn Uhr. Folmar gab dem Chirurgus einen Wink; ſie gingen. In dem Winke des Geiſterſehers hatte et⸗ was ſo Unheimliches gelegen, daß dem Arzte bange wurde. Er geſtand es ſich ſelbſt nicht. Er zwang ſich, unbefangen zu ſeyn; aber es gelang ihm nicht. Das Gemuͤth iſt ſtaͤrker als der Geiſt. Es bangte ihm in der Tiefe ſeines Innern. Haͤtte er jetzt auf gute Manier zuruͤckkehren koͤnnen, er waͤre gern zu Hauſe geblieben. Sie gingen erſt in das Logis des Chirurgus, wo ſich dieſer ſeine Piſtolen und ſeinen Saͤbel holte. Bei'm Laden der Piſtolen bemerkte Folmar ein leiſes LXVI. 6 — 68— Zittern ſeiner Hand. Jetzt war auch Folmars Muth im Stillen gewichen. Keiner ſprach mit dem Andern. Sie gingen Beide ſchweigend neben einander in die ſtille Geiſterwohnung. Folmar ließ ſich Licht geben, und ſo traten ſie in das verrufene Zimmer. Folmar behielt noch die meiſte Faſſung.„Ich will nun,“ ſagte er,„ein Paar Bouteillen Wein holen; wir bleiben ja doch noch einige Stunden wach.“ Er ging; das Licht ließ er dem Chirurgus. Da ſtand nun dieſer allein. Ihm ward es duͤſter vor den Augen; er ging ſtarken Schrittes im Zim⸗ mer auf und ab, um ſich Luft zu ergehen. Die Bruſt ward ihm enge.— Unterdeſſen kam Folmar die Treppe wieder her⸗ auf. Als er ſich um das Treppengelaͤnder wendete, und den langen Gang betrat, der ihn zur Thuͤre ſei⸗ nes Zimmers fuͤhrte, erblickte er am Ende des Gan⸗ ges, bei'm Fenſter, eine weiße weibliche Geſtalt. Er erſtarrte. Noch hatte er ſo viel Beſinnung, ſeine beiden Flaſchen Wein leiſe nieder zu ſetzen, und ein Paar Schritte weiter vorwaͤrts nach dem Fenſter zu gehen. Der Mond ſchien hell. Die Figur ſtand ſo, daß er ihr Profil ſah. Sie hatte die Haͤnde gefaltet vor ſich herabhängen, und den Kopf erwas geſenkt. Er trat drei Schritte naͤher. Es war Mariane. Sein ganzes Blut gerann zu Eis. Sie hob die gefalteten Haͤnde langſam hoͤher, und legte ſie auf die Bruſt. Seiner ſelbſt kaum mehr bewußt, ging Folmar wieder einige Schritte naͤher, Er ſtand jetzt faſt vor ihr. Die Figur ruͤhrte ſich nicht; die Haare ſtraͤub⸗ ten ſich ihm zu Berge. Es war Mariane. Er er⸗ kannte jeden ihrer Zuͤge. Sie war bleich wie der Tod. „Mariane!“ liſpelte er leiſe. Keine Antwort. „Mariane, kennſt du mich nicht mehr?“ Das bleiche Luftgebild ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf. „Mariane! kennſt du mich nicht mehr? Ich bin ja Joſeph! dein Joſeph!“ „Joſeph, mein Joſeph!“ rief die Geſtalt, und breitete die Arme weit auseinander. Folmar ſank ohnmaͤchtig an ihre Bruſt. Seine Pulſe ſtockten. Ihr Herz ſchlug neues Leben. In dieſem Augenblicke ſtuͤrzte der Chirurgus mit Licht und Piſtolen aus dem Zimmer. Sein Blick fiel auf die Gruppe. Da ſchrie er laut auf:„Jeſus, Madame Lenz!“ Zu gleicher Zeit trat aus einem zweiten Zimmer ein Fremder im Schlafrock. Er ſchleuderte den Gluͤck⸗ lichen aus den Armen der Blaſſen, nahm dieſe mit ſich auf ſeine Stube, die an Folmars Zimmer ſtieß, und ſchloß hinter ſich zu. Folmar und der Chirurgus waren erſchuͤttert. Sie hatten jetzt halben Aufſchluß. Sie blieben dieſe Nacht bei einander. Den folgenden Morgen ließen ſie den Nachbar im Schlafrock durch den Marqueur erſuchen, zu ihnen heruͤber zu kommen. Der Mann kam. Folmar bat ihn um Entſchul⸗ digung des geſtrigen Auftritts. Er erzaͤhlte ihm ſeine ganze Geſchichte. Sie ruͤhrte den Fremden. „Ich kann Ihnen,“ ſagte er mit weicher Stimme, „das traurige Raͤthſel loͤſen.“ „Die Unglüuͤckliche, die Sie geſtern ſahen, die Sie vorgeſtern hoͤrten, und die in der erſten Nacht an Ihrem Bette ſtand, war weder Ihre Schweſter, noch Madame Lenz; es war meine Tochter. Sie iſt wahn⸗ ſinnig. Ich bin aus L... ſie iſt mein einziges Kind. Das Gluͤck hatte mich in meinen kaufmaͤn⸗ niſchen Geſchaͤften beguͤnſtigt. Man hielt mich fuͤr den Wohlhabendſten unſers Orts. Ich war mehr. Ich war der Gluͤcklichſte, denn ich hatte ein gutes Kind. Mariane war mit dem Sohne eines benach⸗ barten Päͤchters verſprochen. Sie theilte mit ihrem Joſeph ihr Herz, ihre Liebe. Da brach der ungluͤck⸗ liche Krieg aus. Die Franzoſen brandſchatzten un⸗ ſer Staͤdtchen, und erlaubten ſich die ſchaͤndlichſten Exceſſe. Die geforderte Contribution war unauf⸗ treibbar. Joſeph er fuhr die Bedraͤngniſſe der Stadt, er faßte den heldenmuͤthigen Entſchluß, uns vom Feinde zu befreien. Mit einem Haufen geſammel⸗ ter Bauern kam er herbeigeflogen; es gelang ſeiner Tollkuͤhnheit, die Thore zu ſprengen. Der Feind ſetzte ſich in der Straße. Vor meinem Hauſe ſtießen die Erbitterten auf einander. Meine Mariane war ihrer nicht mehr maͤchtig, ſie eilte die Treppe hin⸗ unter, ſie oͤffnete die verriegelte Hausthuͤr, und in demſelben Augenblicke ſtuͤrzte Joſeph, von einer Ku⸗ gel in den Kopf getroffen, vom Pferde herab, zu ihren Fuͤßen nieder. Das rauchende Gehirn des Geliebten beſpruͤtzte die Ungluͤckliche von oben bis unten hinab. Seit dieſer ſchrecklichen Minute ſind ihre Sinne zerruͤttet. Joſephs Haufe ward uͤber⸗ waͤltiget, die Stadt mußte hart fuͤr ihn buͤßen. Ach, ich haͤtte gern Alles hingegeben, wenn mein Kind gerettet worden waͤre. Jetzt habe ich die weite Reiſe mit ihr hieher gemacht, um mich hier des Doktors S. zu bedienen, der in der Behandlung dieſer Art von Krankheit ſich einen ausgebreiteten Ruf erworben hat. Er gibt mir halbe Hoffnungen!“ Folmar fragte, ob er Marianen ſehen duͤrfe. Der Vater geſtand ihm den Wunſch gern zu. Der Dok⸗ tor S.... hatte ohnehin geaͤußert, daß die Kranke allmaͤhlig an Geſellſchaft gewoͤhnt, und vorzuͤglich mit jungen Leuten maͤnnlichen Geſchlechts bekannt gemacht werden ſollte. Der Chirurgus begleitete ſie. Beide erkannten eine ungewoͤhnliche Aehnlich⸗ keit, jener mit ſeiner Schweſter, dieſer mit Madame Lenz. Das Fehlende hatten Furcht, Schrecken und Taͤuſchung ergaͤnzt. Mariane ſchien von den drei Naͤchten nichts zu wiſſen. Sie ſprach gar nicht. Sie hatte ſich gegen die Eintretenden verbeugt. Jetzt ſetzte ſie ſich in den Fenſterbogen, und ſah ſtill vor ſich nieder. Ein einziges Mal ſchlug ſie einen lan⸗ gen Blick auf Folmar. Folmar war ſehr heiter, aber aͤußerſt anſtaͤndig. Er beſchaͤftigte ſich durchaus nicht mit Marianen; er ſah ſie zabſichtlich nicht ein⸗ mal an. Dem Vater gefiel dieſe ſchonende Auf⸗ merkſamkeit; ihm ſelbſt that Folmars geſellige Laune ——y— wohl; er bat ihn, gute Nachbarſchaft zu halten, und ihm in ſeiner Einſamkeit oͤfter Geſellſchaft zu leiſten. Als Folmar auf ſein Zimmer kam, ſiel ihm der noch einzige dunkle Umſtand bei⸗ wie ſeine ſehr huͤb⸗ ſche Nachbarin in der erſten Nacht zur Thuͤre habe herauskommen koͤnnen, da er ſie verſchloſſen gefun⸗ den hatte. Ob er den Abend zuvor die Thuͤr ver⸗ ſchloſſen hatte, wußte er nicht mehr gewiß. Er er⸗ innerte ſich dunkel, es nicht gethan zu haben. Er verſuchte das Schloß, es war ein ſogenanntes altes deutſches; die Feder taugte nicht viel. Wahrſchein⸗ lich hatte Mariane im Herauseilen die Thuͤr ſtark zugeſchlagen, und dadurch war nicht allein der kalte Luftzug im Zimmer entſtanden, fondern auch der Schloßriegel von ſich ſelbſt vorgeflogen. Bei'm naͤchſten Beſuch, den folgenden Morgen, war der Vater heiterer. Der Doktor hatte Maria⸗ nen beſſer gefunden, als je. Der Vater hatte die⸗ ſem Folmars Abenteuer erzaͤhlt, und der Seelenkun⸗ dige hatte gebeten, daß der Vater ihn einmal in Marianens Gegenwart Joſeph nennen ſolle. Dies theilte der Vater Folmarn heimlich mit. Folmar hatte ihr einen wunderſchoͤnen Blumenſtrauß mit⸗ gebracht. Sie ruͤhete ihn aber nicht an. Sie ſchuͤt⸗ telte den Kopf, ohne Folmarn anzuſehen, und ſetzte ſich wieder auf ihren Fenſterſitz. Folmar legte die Blumen unter den Spiegel. „Wo haben Sie die praͤchtigen Blumen her, Jo⸗ ſeph?“ fragte der Vater. Bei dem Worte:„Jo⸗ ſeph,“ flog Marianens Blick auf Folmar. Blitzſchnell ₰ 3 — — 5— ſchoß eine Thraͤne in das große, ſchwarze, ſchoͤne Auge, ſie ſtand auf, langte ſich den Strauß, wandte Bei⸗ den den Ruͤcken zu, und druͤckte ſchweigend die Duf⸗ tenden an ihre Lippen. Beide ſchienen es nicht zu bemerken. Aber der Vater blickte freudig in die Wolken. Es war das erſte Zeichen, das Mariane von ihrer Verſtandes⸗ kraft gab. Er haͤtte Folmarn um den Hals fallen moͤgen. Madame Lenz ward heute begraben. Folmar waͤre gern den ganzen Tag bei'm Nach⸗ bar geblieben; er war, wie an das Maͤdchen gebannt; ein ſchoͤneres hatte er nie geſehen. Er weilte oft minutenlang auf den ſuͤßen Reizen der Lieblichen. Ihr blendend weißer, runder Arm, ihre edle Geſtalt, die Fuͤlle ihrer Jugend, die Gruͤbchen in der kleinen niedlichen Hand, der zarte Fuß— ach, wenn das Ge⸗ ſicht nicht ſo todtenbleich, das himmliſche große Auge nicht ſo ſtier geweſen waͤre, es haͤtte kein reizvolleres Maͤdchen auf der Erde gegeben. Folmar kam taͤglich. Der Vater hatte ihm von ihrem Klavierſpiel erzaͤhlt. Folmar hatte, ohne vor⸗ her davon zu ſprechen, ein treffliches Fortepiano ge⸗ miethet, und ließ es auf Marianens Zimmer brin⸗ gen. Er, Meiſter auf dem Inſtrumente, ſetzte ſich hin, und griff einige wilde Akkorde. Auf einmal hielt er inne.— Marianens leiſer Seufzer fuͤllte die Pauſe. Jetzt ſpielte Folmar ein zartes Adagio. Ein einfacher Choral erweichte die Eisrinde, die ſich um Maria⸗ nens Herz gezogen hatte. Thraͤnen troͤpfelten ihr — 7— auf den Schooß. Folmar ſtand auf, Mariane ſetzte ſich ſchweigend an das Inſtrument, und ſpielte, zum ſtaunenden Entzuͤcken des Vaters und des Liebenden⸗ ein Adagio von Paer. Als ſie geendet hatte, lächelte ſie wehmuͤthig, und ging wieder auf ihren Sitz. Eines Nachmittags traf Folmar Marianen allein. Die Waͤrterin harte mehrere Gaͤnge zu thun, der Vater war auf einer Landpartie. Folmar tändelte mit dem Maͤdchen. Vergeſſen ſeiner ſelbſt, umſchlang er ihren ſchoͤnen Nacken, und druͤckte des Verlangens Feuerkuß auf ihre Lippen. Da faͤrbte zum erſten Male wieder ein zartes Roth den Schnee ihrer Wangen. Das ſtiere Grelle ihres großen Auges ſchmolz in ſee⸗ lenvolle Flammengluth uͤber.— Mit unnennbarer Hingebung ſank ſie in Folmars Arme, und barg pur⸗ purroth das Schaamgeſicht an Folmars heißer Bruſt. Ihr war, als ſey vom langen Schlafe ſie erwacht. Was Folmar ihr gethan, war ihr ſelbſt nicht entſinn⸗ lich. Sie weinte ſtille Thraͤnen, und nannte Fol⸗ mar ihren Freund, ihren Retter. Sie ſprach von dieſem Augenblicke an kein irres Wort. Fuͤr die fruͤhere Geſchichte ihres Lebens hatte ſte kein Gedaͤchtniß; es war, als traͤte ſie zum erſten Male in die Welt ein. Ihr Verſtand, ihre kindliche Vertraulichkeit, ihre zarte Weiblichkeit machten ſie unend lich liebenswuͤrdig. Da trat der Vater ein. Er ſtaunte ob des Wun⸗ ders. Doch ließ, verſtaͤndigt durch Folmars Wink, er nichts Marianen merken. Als ohne Zeugen beide Maͤnner waren, bat Folmar um des holden Engels Hand. ☛ 2 2 80d 6 ſetzte zum nden⸗ chelte lein. „der delte lang gens Nale igen. ſee⸗ darer pur⸗ ruſt. acht. inn⸗ Fol⸗ rres datte eſten liche ſie zun⸗ zink, eide gels — 75— Mariane fand Gefallen an dem jungen, huͤbſchen Wehrmann. Monate langer Umgang naͤherte ſie Beide. Der Vater veraͤußerte ſeine Beſitzungen in L..., und kaufte ſich ein ſehr ſchoͤnes Gut in der Naͤhe von P... Mariane geſtand dem gluͤcklichen Folmar ihre Liebe, und der Vater ſegnete das Paar, das heute noch, im Kreiſe geſunder Kinder, froͤhliche Tage lebt. Belohnte Treue. Im September 1806 marſchirte das erſche Regi⸗ ment aus H.. u. Mit ihm der Premier⸗Lieutenant Wilmſen. Seine Gattin rang die Haͤnde bei'm Ab⸗ ſchied; mit ſchrecklicher Gewißheit lag der Gedanke in ihrer Seele, ihn nie wieder zu ſehen. Der fuͤnf⸗ jährige Albert ſchlang die kleinen Arme um des Va⸗ ters Kniee. Wilmſen wollte troͤſten, aber er konnte nicht. Der Schmerz hat keine Sprache. Er druͤck⸗ te die verzagende Frau an die weinende Bruſt. Er hob den Kleinen in die Hohe, und preßte ihn feſt an ſich. Da wirbelte der Generalmarſch durch die Straßen. Wilmſen riß ſich mit blutendem Her⸗ zen von dem Liebſten ſeiner Welt los, und eilte in ſeine Reihen. Wilmſen war ein biederer Mann. Seiner feh⸗ lerhaften Erziehung aber mußte man die Rohheit Clauren Schr. LXVI. 7 4 — 76— zuſchreiben, die oft in die Verhaͤltniſſe zwiſchen ihm und ſeiner Frau getreten war. Er liebre ſie mit reiner Hingebung, wenn er aber ihre kleinen Feh⸗ ler, ihren Leichtſinn, ihren Hang zur feinern Koket⸗ terie, ihre Sucht, in allen Zirkeln fuͤr die Witzigſte, die Intereſſanteſte zu gelten, ruͤgte, ſo maß er ſeine Worte wohl nicht immer mit der Brabanter Elle, die bekanntlich die laͤngſte iſt, ſondern ſprach kurz und derb uͤber ſie ab. Dies verdroß oft die ſenti⸗ mentalere Eliſe. Sie nannte dann ihren Mann kalt, ungebildet, altfraͤnkiſch, und ſo entſtand all⸗ maͤhlig unter Beiden ein Mißverſtaͤndniß, das, wenn ſie laͤnger beiſammen geblieben waͤren, vielleicht zu einer gaͤnzlichen Trennung haͤtte Anlaß geben koͤn⸗ nen. Indeſſen im jetzigen Scheide⸗Augenblicke war Alles vergeſſen. Jedes fuͤhlte, daß es dem Andern Unrecht gethan hatte, und darum war der Schmerz der Trennung in Beiden aufrichtig. Wilmſens Regiment kam gleich im Anfange des Feldzugs in das Feuer. Es ſtand wie ein Granit⸗ felſen. Als aber der Ka rtaͤtſchenhagel halbe Com⸗ pagnieen mit einem Male niederſchlug, und die feindliche Cavallerie dem Ueberreſte in die Flanke ſtuͤrzte, da wich es, und von dieſem Augenblicke an verlor es ſeine Exiſtenz, ſeinen Namen. Wenige ereilten die zuruͤckfliehende Armee. Un⸗ ter dieſen Wenigen befand ſich Wilmſen nicht. Nach den Briefen, die nach und nach von den gefangenen — und in das feindliche Land abgefuͤhrten Offtzieren einliefen, war Wilmſen auch unter dieſen nicht. Ein Corporal wollte ihn, im Gefecht, an ſeiner Seite haben fallen geſehen. Eliſe war troſtlos. Sie hatte den Schmerz der Trennung nach und nach tragen gelernt, aber jetzt dieſe Ungewißheit uͤber Leben oder Tod ihres Gat⸗ ten war ihr peinigend. Sie forderte ihn in meh⸗ reren Zeitungen auf, von ſich Nachricht zu geben; ſie wendete ſich perſoͤnlich an die feindliche Militaͤr⸗ Behoͤrde, mit der Bitte, ihn unter den Gefange⸗ nen auskundſchaften zu laſſen. Aber alle Mittel blieben ohne Erfolg. Ihr Jammer grenzte an Verzweiflung, aber eben darum war er nicht von Dauer. Peinlicher ward ihre Lage in oͤkonomiſcher Hin⸗ ſicht. Ihr ganzes, nicht unbedeutendes, Vermoͤgen ſtand auf einem Gute im benachbarten Polen. Na⸗ poleon hatte verboten, Zinſen von fremden Kapi⸗ talien uͤber die Grenze zu zahlen. Sie erhielt alſo von ihrem ganzen Vermogen keinen Pfennig In⸗ tereſſen. Dieſer ſehr unangenehme Umſtand noͤthigte endlich Eliſen, mit ihrem kleinen Albert nach Po⸗ len ſelbſt zu ziehen; ſie ließ ſich in G., einem Mittelorte, nieder, weil ſie da ihrem Schuldner — 738— am naͤchſten wohnte. Dieſem war nun die Aus⸗ flucht, ihr die ruͤckſtaͤndigen und laufenden Zinſen ferner vorzuenthalten, abgeſchnitten; er zahlte den Ruͤckſtand von drei Jahren auf Einem Brette aus, und Eliſe konnte damit ihre neue Einrichtung ſich recht angenehm machen. 3 Eliſe gefiel allgemein. Den bezauberte ihr ſchö⸗ ner Koͤrper, dieſen ihr feiner Weltton, jenen ihr lebendiger Witz, Alle, ihr Vermoͤgen. Man hieß ſie bald die reiche, bald die liebenswuͤrdige Wittwe. Sie ward in die erſten Zirkel des Orts gebeten, und wenn auch die Frauen ihr nicht allen Beifall zollten, weil ſie im Stillen ihre Oberherrſchaft an⸗ erkannten, ſo lag dafuͤr unausgeſetzt ein Heer von Anbetern zu ihren Fuͤßen. Ein junger, dreiſter Menſch, der eben erſt bei einer Civil⸗Behoͤrde des Orts angeſtellt war, ver⸗ draͤngte endlich Alle. Seine Spekulation ging nicht ſowohl auf Eliſen ſelbſt(denn ſie war fuͤnf Jahre aͤlter als er), ſondern vielmehr auf ihre runden Thaler. Er hatte fruͤhere Schulden, und machte taͤglich neue dazu. Er heuchelte ihr eine unbegrenzte Liebe vor; er ſchwor ihr tauſendmal in einer Stunde, ſich in das erſte, beſte Waſſer zu ſtuͤrzen, wenn ſie ihn nicht erhoͤre. Er verſchwand ans allen Zirkeln, aus allen luͤderlichen Haͤuſern, von allen Spieltiſchen, um nur ihr zu gehoͤren. Er gab dem kleinen Albert Unterricht; dabei blaͤute —— (.¶ 8☛ aber der Unmenſch, wenn die Mutter nicht zu⸗ gegen war, den armen Jungen ſo unbarmherzig durch, daß der Kleine dieſen forcirten Unterricht kein halbes Jahr ausgehalten hätte. Dies war auch des Praͤceptors loͤbliche Abſicht; denn der Stief⸗ ſohn war ihm, in Anſehung ihres Vermoͤgens, ein Dorn im Auge. Eliſe bewohnte vor der Stadt die Haͤlfte eines ſehr freundlichen Hauſes. Das Logis in der andern Haͤlfte war jetzt offen. Der Erſtuͤrmende bezahlte ohne Handel die geforderte Miethe, und nun war er Eliſens erklaͤrter Hausfreund. Jetzt trat er mit ſeinen Wuͤnſchen deutlicher hervor. Eliſe hatte ſie laͤngſt errathen, allein ihre Hand war ja noch nicht frei. Sie hatte von Wilm⸗ ſens Tode ja keine beſtimmte Gewißheit. Lag dieſer Stein des Anſtoßes nicht im Wege, ſo haͤtte ſie ihm unbedenklich ihre Hand gegeben; denn einer ſolchen heißen Liebe war Wilmſen nie faͤhig geweſen. Jetzt, jetzt erſt fuͤhlte ſie, was es heiße, geliebt zu werden.— Armes, betrogenes Weib! Eliſe erklaͤrte ſich auf ihres Hausfreundes An⸗ traͤge in unbeſtimmten Ausdruͤcken. Sie bat ſich Bedenkzeit aus, und verſprach, wegen Wilmſen noch einmal alle Mittel zu verſuchen, um ſich von ſeinem Tode zu uͤberzeugen. — 30— Allein der Hausfreund hatte nicht viel Zeit zu verlieren; die Juden draͤngten ihn. Er hatte ſeine Glaubiger mit der Hoffnung getroͤſtet, die wohlha⸗ bende Wittwe zu heirathen. Faſt woͤchentlich kam einer, und erkundigte ſich, ob denn noch nicht ge⸗ heirathet wuͤrde. Der junge Mann geſtattete zwar die erbetene Bedenkzeit, aber nur zum Schein. In dem naͤm⸗ lichen Augenblicke legte er die Mine an, um durch verdeckten Weg in das Herz der Feſtung zu dringen. Ein ſehr ſchoͤner warmer Fruͤhlings⸗Abend beguͤn⸗ ſtigte ſeine Plaͤne. Millionen Kirſchbluͤthen dufte⸗ ten im Garten hinter'm Hauſe. Eliſe wandelte an ſeinem Arme im traulichen Dunkel, unter den wuͤr⸗ zigen Alleen. Am einſamen Ende des ſtillen Gar⸗ tens ſtand, im Gruͤn junger Maien, ein kleiner Moostempel. In dieſem opferte Eliſe ihre Selbſt⸗ ſtandigkeit, ihre Zukunft, ihr Gluͤck. Aber die Kirſchen, die jene Laube umbluͤht hat⸗ ten, ſchwollen ſpaͤter zur ſuͤßen Frucht. Eliſe fuͤhlte den druͤckenden Sommer. Sie gab dem Wieder⸗ fragenden ihr Jawort, und verſchrieb, vor Notar und Zeugen, dem Neuverlobten ihr ganzes Ver⸗ moͤgen. Den Abend des feſtlichen Tages, an dem die Akte vollzogen ward, verlebte der Braͤutigam in einer luſtigen Geſellſchaft mit alten Freunden. ———— 2,.—— — 81— Unterdeſſen arbeitete die gluͤckliche Braut daheim 3* am Kinderzeuge. Der Abend war ſchwuͤl. Der Him⸗ . mel. rundum umzogen. Am Horizonte leuchtete das 4 Wetter. Eliſe wuͤnſchte des Geliebten baldige Ruͤck⸗ 2. kehr, weil ihr allein im Gartenhauſe bangte; da klopfte es gegen zehn Uhr. Freudig oͤffnete ſie die Thuͤre. Statt des Erwarteten trat ein fremder le Mann herein. u⸗ Albert hatte eben wollen zu Bette gehen. Er 8 ch ſtand in ſeinem Hemdchen im Zimmer, als der n. Fremde eintrat, und mit dem lauten Freudenſchrei: 3„mein Vater!“ flog er ihm in die Arme. Ls un Wilmſen konnte in den erſten Augenblicken kein * Wort ſprechen. Er druͤckte Frau und Kind an die r⸗ r⸗ ſtumme Bruſt; endlich brach ſeine maͤnnliche Feſtig⸗ er keit. Er weinte die ſeligen Thräͤnen des Wieder⸗ ſt⸗ ſehens. Er hatte das Liebſte ſeiner Welt wieder in den Armen: Eliſe und ſeinen Albert. Sein Kind hatte ihn auf den erſten Blick wieder erkannt. Es at⸗ ſchmiegte ſich liebkoſend an ſein Herz, es ſtreichelte ¹ te mit beiden Haͤnden ſeine Wangen⸗ und laͤchelte in er⸗ ſeine Thraͤnen. d„Iſt es denn wahr? bäte ich Euch denn wie⸗ der?“ fragte er zehnmal lin einer Minnte, und kuͤßte Gattin und Kind im froͤhlichen Wechſel. 5 Albert ſah krank und bleich aus, der zaͤrtliche Vater fragte, was ihm fehle?„Nichts,“ erwiederts — 82— mit wehmuͤthigem Laͤcheln der Kleine.„Ich habe Dich ja nun bei mir, mein Vater, mein lieber Vater, nun werde ich wohl wieder geſund werden. Mein liebes, gutes Vaͤterchen, Du bleibſt doch nun bei uns?“ „Ja, mein einziges Kind! meine Eliſe! nichts ſoll mich nun von Euch trennen. Aber was fehlt Dir, meine reizende Eliſe, Du biſt nicht froh, macht Dir mein Wiederkommen keine Freude? Sieh' un⸗ ſer jauchzendes Kind; ſieh' mich Gluͤcklichen! Hat Dein Herz auch immer fuͤr mich geſchlagen? Eliſe ſank weinend an des Mannes Bruſt. Seine Frage ſtieg in das Innere ihrer Hoͤlle hinab. „Der Sturm der Ueberraſchung hat meine Freude ertoͤdtet,“ hob ſie mit gepreßter Bruſt an.„Noch fuͤrchte ich zu traͤumen; den Todtgeglaubten in meinen Armen. Und Du biſt ſo gut, ſo weich, ſo theilnehmend.“ „Ach Eliſe, wie viel tauſendmal habe ich meiner Haͤrte, meiner Rauhheit geflucht, mit welcher Liebe Dir in der Ferne jedes ſtrenge Wort abgebeten, das ich oft zu Dir ſprach! Ich habe im ſtillen Kreiſe guter Menſchen gelebt, und bin, glaube ich, beſſer geworden: und Du? meine ſuͤße, meine himmliſche Eliſe? und Du?“— „Auch ich will beſſer durch Dich werden,“ ſprach die Vernichtete, und barg das gluͤhende Geſicht an der Bruſt des Entzuͤckten. —.,— — 33— „Nun erzaͤhl' mir, wie es Euch geht, wie Ihr hierher kommt, was Ihr hier treibt, wie Ihr hier lebt!“ Eliſe erzaͤhlte mit kurzen Worten die Veranlaſ⸗ ſung, ſich in G... niedergelaſſen zu haben, und verſicherte, daß ſie, bis auf die Trennung von Wilm⸗ ſen, hier recht angenehm, aber eingezogen und ſtill gelebt habe. „Auch mich hat Gott in ſeine Obhut genommen,“ hob Wilmſen geruͤhrt an.„Auf dem Schlachtfelde blieb ich, am Kopf und in der rechten Schulter ſchwer bleſſirt, ohne Bewußtſeyn liegen. Erſt den zwei⸗ ten Tag nach der Schlacht erwachte ich aus meiner Betaͤubung. Als ich die Augen aufſchlug, ſtand ein Bauer neben mir, eine Schaufel in der Hand. Ich ſollte, wie ich nachher erfuhr, lebendig begraben werden. Ich bat den Menſchen um einen Schluck Waſſer. Der Gutmuͤthige reichte mir Brannte⸗ wein und ein Stuͤckchen Brod aus der Taſche. Ich kuͤßte ihm Kniee und Haͤnde dafuͤr; da ſtieg ihm das Waſſer in die Augen. Er loͤſ'te einer erſchoſſe⸗ nen Marketenderin, die nicht weit von mir lag, das Tuch vom Halſe, und wickelte es mir um den Kopf. Ich hatte meine voͤllige Beſinnung wieder, die Schul⸗ ter ſchmerzte wie hoͤlliſches Feuer.„„Bring' mich in Dein Haus, Alter,““ bat ich ihn;„„um Got⸗ tes willen in kein Lazareth; ich will lieber auf Dei⸗ nem Heuboden ſterben, als im Lazareth ein Kruͤp⸗ — 34— pel werden.““ Der Bauer beſann ſich ein Weil⸗ chen, dann ſagte er:„„Ich bin hier kommandirt, bis den Abend muß ich bleiben; leg' Er ſich dort unter jenen Strauch, Herr Ofſizier, daß man Ihn nicht gewahr wird; ſonſt wird Er gefangen. Auf den Abend will ich Ihn abholen.““ Ich kroch wim⸗ mernd zum Strauch, und harrte drei lange Stun⸗ den, bis mein Erretter kam. Sein Dorf war zwei ſtarke Meilen entfernt. Er hatte ſeinen Wagen bei ſich. Er lud mich auf. Gegen Mitternacht kamen wir auf ſein Gehoͤft. Das Dorf lag in einem gluͤck⸗ lichen Winkel, von Gebirgen umgeben; es war von Freunden und Feinden leer; ich war ſicher. Der Dorfbader nahm mich in die Kur. Ich gehorte der ganzen Gemeinde. Jeder beeiferte ſich, mir meine Leiden zu erleichtern. Die Menſchen ſchickten mir alle Mittage, reiheherum, zu eſſen. Immer ſaßen Frauen, Maͤdchen und Kinder an meinem Bette. O Eliſe, o mein Albert, dort laßt uns hinziehen, dort laßt uns leben. Ich konnte meiner Bleſſur halber nicht ſelbſt ſchreiben; der Prediger des Orts, ein gar lieber Mann, ſchrieb an Dich: aber, wie ich gleich kuͤrchtete, der Brief kam wahrſcheinlich nicht in Deine Hände. Wir wiederholten mehrere Male dieſen Verſuch; der letzte Brief, der endlich in H... u angekommen war, ward mir zuruͤckge⸗ ſandt, mit der troͤſtlichen Note vom daſigen Poſt⸗ amte:„„Empfaͤng rin iſt von hier weggezogen.““ Ich ſchrieb an mehrere unſerer Verwandten; von — geil⸗ irt, vort Ihn Auf im⸗ un⸗ wei bei nen uͤck⸗ von Der der eine mir ßen tte. zen, ſſur rts, wie alich rere blich kge⸗ Hoſt⸗ 714 74 von einem nur, vom Major v. D., erhielt ich die Ant⸗ wort, er wiſſe nicht, wo Du ſeyeſt; die andern ſchwiegen alle.“ „Nach langer Ungewißheit, die immer peinigen⸗ der wurde, beſchloß ich, Dich in oͤffentlichen Blaͤt⸗ tern zu bitten, mir Deinen Aufenthalt zu melden. Ich erſuchte den Schulhalter meines Dorfes, dieſe kleine Angelegenheit zu beſorgen. Der Dienſtfer⸗ tige verſicherte, daß er den Aufſatz zur Inſertion be⸗ foͤrdert habe; ich bat ihn um das Zeitungsblatt, in dem die Aufforderung beſindlich ſey; der zarkfuͤh⸗ lende Mann aber bat mich, das Blatt nicht zu le⸗ ſen.„„Jede Zeile,““ ſetzte er geruͤhrt hinzu, „„muß Ihnen ia ein Dolchſtich ſeyn, Herr von Wilm⸗ ſen. Nicht wahr, Suschen, Du liefſt durch die ganze Welt, Deinen Mann zu ſuchen, wenn ich Dir einmal abhanden kaͤme?““ Die liebliche Frau nickte ſchweigend, kuͤßte ihren Mann, druͤckte mir die Hand, und eilte zur Thuͤr hinaus, damit ich ihre naſſen Augen nicht ſehen ſollte. Sie hatten Recht⸗ die Menſchen: ich haͤtte jetzt das Zeitungsblatt um keinen Preis anruͤhren moͤgen! Kopf und Schulter waren geneſen. Ich wollte unter fremdem Namen fort, und Dich in H.... u aufſuchen; dort mußte ich ja doch wenigſtens Deine Spur finden: allein das ganze Dorf ließ mich nicht ziehen. Alle baten, erſt abzuwarten, ob Du Dich auf die oͤffentliche Aufforderung nicht melden wuͤrdeſt. Ich wartete — 36— von Poſttag zu Poſttag. Um nicht unterdeſſen un⸗ beſchaͤftigt zu ſeyn, gab ich den Kindern meines Dorſchens Unterricht im Zeichnen. Die dankbaren Eltern beſchenkten mich dafur mit einem vollſtaͤndi⸗ gen Anzuge und einer Kiſte voll der feinſten Waͤ⸗ ſche. Die Fortſchritte, die meine Kleinen im Zeich⸗ nen machten, erwarben mir ihre allgemeine herz⸗ liche Liebe. Ich hielt taͤglich im Schulhauſe meine Stunden, ich ward der Freund des ganzen Dorfes, und bei der letzten Gemeinde⸗Verſammlung ſetzte man mir einen Gehalt von hundert Reichsthalern und freies Logis und Tiſch aus; letzteres beides erhielt ich, auf Rechnung der Gemeinde, bei dem Pfarrer. Ich mußte ihre Gabe annehmen; denn ich waͤre ohne dieſe Huͤlfe verhungert. Aber Du und mein Albert?— Taͤglich ſah ich den Schullehrer mit ſeiner Gattin. Beide waren ſo gut, ſo ſanft gegen einander, Beide lebten ſo gluͤcklich beiſam⸗ men. Tauſendmal bereute ich, daß ich in den Jah⸗ ren unſers Beiſammenſeyns oft ſo ſtreng, ſo hart gegen Dich, Eliſe, geweſen war. Tauſendmal nahm ich mir vor, auch ſo traulich, ſo hingebend zu wer⸗ den, wenn Du wieder mein werden wuͤrdeſt. Du antworteteſt mir auf meine Briefe, auf meine oͤf⸗ fentliche Aufforderung nicht! Geld zum Reiſen hatte ich nicht. Mich bis H... u zu betteln, ſchaͤmte ich mich. Ich nahm mir vor, von meinem Gehalte zu ſparen, bis ich ſo viel zuſammen ge⸗ bracht haͤtte, daß ich die Reiſe antreten konnte, ohne ———— 8*8* u 8 ι½ * 8SAESA — 87— die Mildthaͤtigkeit der Menſchen anzuſprechen. Ich duldete muthig aus.“ „Dich und mein Kind aufzuſuchen, war mein einziger Gedanke, mein einziger Troſt. Ich ent⸗ ſagte allen Lebensgenüſſen. Jeder Thaler, den ich fuͤr meine Zeichenſtunden empfling, war mir ein Koͤnigreich werth.“ „Eines Abends ſaß ich ſehr wehmuͤthig bei mei⸗ nem Freunde, dem Schullehrer, in der bluͤhenden Kirſchlaube. Die gluͤckliche Eintracht zdes jungen Paares zerſchnitt mir das Herz. Ich konnte dieſem freundlichen Paare nicht gegenuͤber ſtehen, heute nicht. Gluͤhender hatte die Sehnſucht mir nie im Buſen gewuͤthet. Ich ſann auf alle erdenkliche Mit⸗ tel, Nachricht uͤber Dich einzuziehen; da fiel mir die alte Tante, die Landraͤthin, ein. Die weiß la Alles. Sicher wußte ſie auch von Dir. Ich begriff mich nicht, warum ich mich nicht fruher an ſie ge⸗ wendet hatte: vielleicht— Du weißt, Eliſe, ich konnte ſie mit ihrer verlaͤumderiſchen Zunge nie leiden, vielleicht hatte ich gerade ſie nicht gefragt, um nichts Nachtheiliges von ihr uber Dich zu hö⸗ ren, die ja an Gott und der ganzen Welt immer etwas zu tadeln hatte.“ „Ich ſchrieb ihr, und erhielt eine ſechs Seiten lange Antwort. Sie hatte ihre Feder in Gift ge⸗ taucht; ſie zerriß mir jeden Faden des Glaubens an Dich, ſie wuͤhlte mit der Wolfsklinge ihrer teuf⸗ ——— — 66— liſchen Verlaͤumdung mir bis auf das Roͤhrenmark. Du ſeyeſt, ſchrieb ſie, nach G. gezogen, um Dein Vermoͤgen zu retten; Du habeſt hier mich und alle Deine Pflicht vergeſſen: Du ſeyeſt, wie ſie von einem Freunde, der durch G... gereiſ't, fuͤr beſtimmt gehoͤrt habe, auf dem Punkte, einem jungen Luͤderlichen Deine Hand als Gattin zu ge⸗ ben; mein Albert ſey Dir gleichguͤltig, das Kind verhungere und verjammere unter Deinen Augen— ſo weit vermochte ich zu leſen, da knitterte ich den Brief in der krampfhaft geballten Fauſt zuſam⸗ men.— Fort, fort ſtuͤrmte es laut in mir. Ich eilte zu meinem treuen Freunde, dem Schullehrer, ich erzählte ihm mein Schrecken, und beſtimmte ihm den Tag meiner Abreiſe.“ „„Lieber Wilmſen,““ ſagte da Suschen, und zog meine Rechte an ihre ſchlagende Bruſt:„„Got⸗ tes Geleite zur Reiſe. Jetzt erſt habe ich Sie lieb. Mein Walter waͤre lange ſchon gegangen. Nicht wahr, mein ehrlicher Mann? Gewiß hat die Tante gelogen. Man kennt ja die alten Muhmen; ich habe auch ſo eine in der Stadt. Ihre Frau iſt ſchuldlos. Am Ende hat ſie unſere Zeitung gar nicht geleſen, und ſehnt und graͤmt ſich nach Ihnen zu Tode.““ „Eure Zeitung? in Eure habt Ihr meine Bitte an meine Eliſe ſetzen laſſen? warum nicht in — 8½ ‿ — 309— die Hamburger, in die Berliner? Nur dieſe konn⸗ ten in Eliſens Haͤnde kommen.“ „Jetzt— es war, als ob ich fruͤher mit Blind⸗ g e heit geſchlagen geweſen waͤre— fiel mir die Moͤg⸗ lichkeit ein, daß auch Du vielleicht mich auf demſel⸗ ben oͤffentlichen Wege geſucht haben koͤnnteſt. Wir laſen in unſerm Doͤrſchen nur die Zeitung des Landes; aber im naͤchſten Staͤdtchen wurde die Hamburger gehalten: der Prediger erhielt ſaͤmmt⸗ liche Jahrgaͤnge, von 1806 an, vom Poſtmeiſter des Staͤdtchens auf ſeine Bitte zugeſandt. Wir ſuch⸗ ten, und fanden Deine Aufforderung.“ „Ach Eliſe, das war die erſte ſchoͤne Stunde ſeik dem Ausmarſch. Ich kuͤßte Deinen Namen, ich be⸗ netzte Deine Zeilen mit meinen Thranen.„Ich kom⸗ me,“ rief ich laut aus, und jetztz war kein Haltens. Ich ging, wie ich ſtand. Meine wenigen Thaler hatte ich in der Taſche. Suschen band den gehenkelten Du⸗ katen ſich vom Halſe, gab ihn mir, und liſpelte leiſe: zum Nothpfennig.““ Sie begleitete mich mit ihrem Manne bis an die Grenze meines wohlthaͤtigen, Doͤrfchens. Ehrliche, iebende Seele! Dein Noth⸗ pfennig iſt noch mein unverſehrtes Heiligthum. Ich wanderte zu Fuß. Ich eilte, als ob ich Dich verlöre, als ob ich meinen Albert nicht wieder ſaͤhe, weun ich einen Tag zu ſpaͤt kaͤme. Im letzten Staͤdtchen hier vor G.. fragte ich nach Dir, ohne mich zu erkennen zu geben. Ein gefäͤlliger Mann, der Apo⸗ ——— — 90— theker des Orts, kannte Dich dem Namen nach: er bezeichnete mir das zweite Haus vor der Stadt, rechts, als Deine Wohnung, und ſo habe ich Dich und meinen Albert gluͤcklich gefunden. Dich und meinen Albert— ach, daß ich jetzt mitten unter Euch ſtehe, daß ich Euch Beide in meinen Armen habe!! Guter, heiliger Gott! Noch lange ſprach der Gluͤckliche, und immer hatte er zu erzaͤhlen und zu fragen. Albert ward endlich muͤde, und legte ſich zu Bette, Wilmſen ſehnte ſich allmaͤhlig auch nach Ruhe; er war heute faſt acht Meilen gegangen. Eliſe hatte fuͤr dieſe Nacht ihn in das Putzzimmer gebettet. Der Gluͤck⸗ liche zog das reizende Weib auf das Daunenlager, und ſchlummerte im Arm der Liebe ein. —— Eliſe ſtand, als dem Muͤden der Schlaf die Augenlieder geſchloſſen, auf, um dem Verlob⸗ ten, den ſie ſchon in der Ferne kommen hoͤrte, die Hausthuͤre zu oͤffnen. Vom Weine berauſcht, umfing er die ungluͤck⸗ liche Braut. Aber ein Donnerſchlag weckte ihn aus ſeinem frohen Taumel, als er von der Ankunft des Gatten hoͤrte.. Die Glaͤubiger hatten bis jetzt ruhig gewartet. Sie wußten, daß der Schuldner mit dem Vermoͤgen — 91— der Braut bezahlen werde. Machte aber jetzt Wilm⸗ ſen ſeine Rechte auf Eliſens Hand guͤltig, ſo war es dem tief Verſchuldeten teine Moͤglichkeit, ſich zu retten. Er verlor Kredit, Ehre, Braut, Vermö⸗ gen und am Ende ſeinen Poſten. Wilmſen war der einzige Stein auf dem Wege ſeiner Selbſterhaltung, ſeines Gluͤcks. Sein innerer Teufel bruͤtete nicht lange uͤber dem hölliſchen Plan. Er hatte kaum gehoͤrt, daß Wilmſen im Gaſtzimmer ſchlafe; ſo ſchlich er, von Eliſen unbemerkt, in d ie Kuͤche, holte ſich ein Licht und die Holzaxt, trat vor des gluͤcklich Traͤumenden Bette, und ſchlug ihn mit ungeheurer Kraft vor die Stirn. Eliſe hoͤrte den furchtbaren dritten, vierten Schlag, ſie ſtuͤrzte in das Zimmer. Wilmſen roͤchelte. Das Bette ſchwamm im Blute, und der Kannibale hieb mit der Art den fuͤnf⸗ ten, ſechsten, ſiebenten Schlag. Eliſe, vom Schrek⸗ ken der Sprache beraubt, konnte keinen Laut von ſich geben. Sie ſtuͤrzte dem Raſenden in die Arme. Der Erſchlagene verſchied in den graͤßlichſten Zuckun⸗ gen vor ihren Augen. „Wo Du einen Laut thuſt,“ murmelte der Schau⸗ dervolle, und hob die blut ige Axt in die Luft:„ſo biſt Du ein Kind des Todes. Neben an ſchlaͤft Albert, hoͤrt er uns, ſo ſind wir verrathen. Die⸗ ſer mußte mir aus dem Wege, ſonſt war ich ver⸗ loren. Du, mein Gluͤck, mein Alles, warſt durch dieſen fuͤr mich auf ewig dahin. Dich kann er LXVI. 3 — — 92— nicht ſchmerzen. Du hielteſt ja längſt ihn fuͤr todt. Jetzt fort mit ihm aus dem Hauſe, ehe der Mor⸗ gen graut. Kein Menſch weiß, wo er geblieben iſt, kein Menſch hat ihn hereinkommen geſehen. Unſere Leute ſchlafen, und Albert bringen wir mor⸗ gen fruͤh nach W..... auf die Schule; dort ver⸗ gißt er den Vater. Er muß morgen fruͤh mit kei⸗ nem unſerer Leute ſprechen; dafuͤr laß mich ſorgen! Jetzt nur dieſen aus dem Hauſe, es wird mir ſonſt ſelbſt unheimlich. Eliſe! geſchwind einen Sack; wir ſtecken ihn hinein, und tragen ihn hinunter an den Muͤhlenteich.“ Eliſe rang die Haͤnde! Sie— Sie war an dem Morde Schuld. Lebte das Kind des Mörders nicht unter ihrem Herzen, ſie hatte Wilmſen offen und wahr die neuangeknuͤpften Verhaͤltniſſe erzaͤhlt, hätte dieſe Verhaͤltniſſe aufgehoben, und waͤre mit Wilmſen und Albert in das gluͤckliche Doͤrſchen ge⸗ zogen. Wilmſen haͤtte ihr verziehen, denn er war ja ſo gut, ſo ſanft, ſo herzlich. Und nun lag er vor ihr mit zerſchmettertem Schaͤdel. Gehirn und Blut auf ſeinem Geſichte— noch vor wenigen Mi⸗ nuten ſelig in ihren Armen, und jetzt kein Lebens⸗ zeichen mehr in ihm. Nicht einmal weinen ſollte ſie! Das Blut preßte ſich zu ihrem Herzen, ſie ſank in die Kniee, ſie erbleichte. Die Sinne ſchwanden ihr, ſie ſtuͤrzte zu Boden, und eine wohlthaͤtige Ohnmacht uͤberhob ſie eines grauſenden Anblicks. —— — 93— Der Moͤrder holte ſich ſelbſt einen Sack, ſteckte den Verſtuͤmmelten hinein, und wollte ihn allein in den Teich tragen. Aber er vermochte es nicht. Sein Rauſch, ſeine Wuth waren verflogen, ſeine Kraͤfte waren erſchoͤpft. In der Todesangſt, vom Morgen uͤberraſcht zu werden, weckte er Eliſen aus ihrer Ohnmacht auf. Er bat, er flehte, er beſchwor ſie, ihm den Sack bis zum Teich, der nur hundert Schritte vom Hauſe entfernt war, tragen zu hel⸗ fen. Eliſe weinte laut, und betheuerte, keine Hand anzuruͤhren. „Nun ſo ſoll denn dieſe Nacht,“ hob der Sa⸗ tan mit funkelnden Augen an:„die Luſt zu mor⸗ den in mir kuͤhlen. Eliſe und Albert, Ihr Beide, wenn Du nicht hilfſt. Du, Du biſt an Deines Kindes Tode Schuld: ich nicht. Ich muß. Mein Leben endet ſonſt am Hochgericht.“ Er rannte mit der Art nach Alberts Kammer. Da rief die Ge⸗ gepeinigte:„ich will,“ Sie trugen ſchweigend die Schauderlaſt nach dem Teiche. Die Nacht war dunkel. Der Him⸗ mel ſchwarz umzogen. Dumpfer Donner rollte in der Ferne. Vom Feuer des Blitzes ſah ſich die Ungluͤckliche mit dem Erſchlagenen beleuchtet. Sie wandte jedesmal ihr Geſicht. Es war ihr, als traͤfe ſie jeder Blitz, als leuchte der höͤchſte Richter der Welt, mit dem Feuer ſeines Himmels, in die Tiefe ihres zerriſſenen Gewiſſens. —— — 94— Das Ufer des Teichs iſt an einer Stelle ziem⸗ lich hoch und ſehr ſteil. Die Heerſtraße fuͤhrt uͤber dieſe Stelle, und, um Ungluͤck zu vermeiden, iſt am Rande des Weges eine kleine Mauer, zwei Fuß hoch, aufgefuͤhrt. Auf dieſe Mauer legten ſie den Sack; ſie ſuchten große Steine zuſammen, packten ſie in den Sack, damit er gleich zu Grunde gehe, und der Moͤrder, der auf der kleinen Mauer knieete, band nun den Sack zu, und rollte ihn von der Mauer hinab. Der Sack fiel ſchnell, und zog den Möoͤrder mit ſich hinunter. Der Schreckliche ſchrie, er wollte ſich oben anklammern, aber er vermochte es nicht. Ein naher Blitz, ein heftiger Donnerſchlag! Die Flaͤche des Teichs wich ausein⸗ ander, und ſchlug uͤber die Herabkommenden zu⸗ ſammen, und Moͤrder und Gemordeter waren ver⸗ ſchwunden. Elliſe ſtierte hinab in die ſchweigende Tiefe des Waſſers, ſie bebte am ganzen Koͤrper, ſi ſie rief leiſe die Namen der Verſchlungenen, li erſtarrte vor Schreck. Ein heftiger Regenguß und das furchtba re Gepraſ⸗ ſel des Donners weckten die Ungluͤckliche. Zweimal wollte ſie nach, hinab in die raͤthſelhafte Tiefe. Nur Mutterliebe, Liebe zu ihrem Albert, ketteten ſie noch an das Leben. Sie eilte nach Haufe. Jeder Tritt in ihrer Wohnung war mit dem Blute des ſchuldlos — — 95— Gemordeten bezeichnet. Sie hatte keine Ruhe in der Marterhoͤhle, in welcher ihr treuer Gatte er⸗ ſchlagen war. Ueberall ſtand ſein Bild ihr vor der Seele; uͤberall verfolgte ſie die Schreckensgeſtal des Schaudervollen mit der blutigen Axt. Sie eilte wieder fort aus dem Hauſe. Der Morgen daͤm⸗ merte. Das Gewitter hatte ſich verzogen. Sie ging noch einmal zum Teiche. Keine Spur von den Verſchwundenen. Sie hatte keine Ruhe. Das Feuer der Hoͤlle brannte ihr in der Bruſt. Sie rang mit ſich ſelbſt. Endlich wandte ſie ſich gegen die Stadt, ging zum oberſten Richter des Orts, und gab ſich ſelbſt an. Der feinfuͤhlende Mann behandelte die Ungluͤck⸗ liche mit Theilnahme und Anſtand. Die ganze Stadt ward von dem Vorfall erſchuͤttert. Man traf augenblicklich Anſtalt, den Teich abzulaſſen. Da erklaͤrte ſich das ſonderbare Ereigniß. Der Moͤrder hatte in der Dunkelheit, in der Angſt und in der Uebereilung, den Zipfel ſeines duͤnnen Zeug⸗Oberrocks mit in den Sack gebun⸗ den. Als der Sack nun von der Mauer fiel, zog er den Moͤrder mit hinab, und letzterer ſtuͤrzte nach, weil er auf der Mauer knieete, und das Uebhe ge⸗ wicht ſeines Koͤrpers ohnehin ſich zum Teiche her⸗ abgeneigt hatte. Ich ſprach Eliſen, von ihrer Familie beauftragt, im Gefaͤngniſſe. Sie war ernſt und ergeben, und .— 96— harrte auf den Ausgang des gegen ſie eroͤffneten Criminal⸗Prozeſſes mit banger Ungeduld. Sie er⸗ zaͤhlte mir ihre traurige Geſchichte. Albert iſt der Mutter einziger Geſellſchafter. Seine Stunden haͤlt er regelmaͤßig, und dann eilt er zu der Verlaſſenen, un wankt nicht von ihrer Seite. Neulich redete ich ihm zu, ſeiner Geſund⸗ heit wegen, einen kleinen Spaziergang zu machen. Er kam mit rothgeweinten Augen zuruͤck, und legte der Mutter einen Straus Waſſerblumen in den Schooß:„Aus dem Muͤhlenteiche,“ ſchluchzte das Kind, und umſchlang den Nacken der weinenden Mutter. —yy— ——— —— * *