iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zurm Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: —-— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkres, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — E. f. Bulwer'’s v 0 ᷣ 5 ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen. Dreiundſiebenzigſter bis ſiebenundſiebenzigſter Theil. 1 Harold, der letzte Sachſenkönig. 4 14 0= Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1848. . 8 1. 1 F Harold, der letzte Sachſenkönig. Hiſtoriſcher Roman von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. 04 Aus dem Engliſchen von Eduard Mauch. 592 Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1848. ₰ Zueignung dem hächſt ehrenwerthen C. T. d'Eyncourt, P. M. Ich widme Dir ein Werk, theuerſter Freund, das faſt ganz unter Deinem gaſtlichen Dache verfaßt wurde und wozu Deine an den für mich nöthigen Autoritäten ſo reiche Bibliothek die bedeutendſten Materialien lieferte. Der Gedanke, auf ein ſo wichtiges nationales Ereigniß, wie der normänniſche Einfall, einen hiſtoriſchen Roman zu⸗ gründen, hatte ſchon lange in mir geſchlummert, und die Chro⸗ niken jener Zeit waren mir längſt vertraut geweſen. Es liegt jedoch von jeher in meiner Gewohnheit, mich vielleicht Jahre lang mit Plan und Gegenſtand eines Werkes herumzutragen, ehe ich meine Feder anrühre, indem ich mich, wie der alte Bur⸗ ton ſagt,„otiosaque diligentia ut vitarem torporem feriandi“, mit dieſer ſpielenden Arbeit beſchäftige. Der Hauptgrund, der mich längere Zeit von der Sache abhielt, lag darin, daß ich wußte wie die gewöhnlichen Leſer mit den Charakteren, Ereigniſſen, und ſo zu ſagen mit den eigentlichen Phyſiognomien einer Periode, welche ante Agamem- nonem, d. h. vor das glänzende Zeitalter des herangereiften Ritterweſens fällt, das ſeine eigene Thaten, wie den glorreichen Wahnſinn der Kreuzzüge im Gedichte wie im Roman verewigte, tr 7 meiſt gar nicht vertraut ſind. Die normänniſche Eroberung war unſer trojaniſcher Krieg— eine Epoche, über welche hinaus unſere Gelehrſamkeit nur ſelten die Fantaſie ſich verſteigen läßt. Wollte ich mich auf ſo ganz neuen Boden wagen, ſo blieb mir nur die Wahl zwiſchen zwei Dingen: entweder den Schein der Pedanterie auf mich zu laden, indem ich dem Leſer Nach⸗ forſchungen vor Augen führe, welche ihn zugleich mit dem Verfaſſer gerades Weges in die eigentlichen Memoiren jener Zeit einweihen, oder alle Anſprüche auf Genauigkeit gänzlich bei Seite zu werfen und mich damit zu begnügen, ſtatt meine eigene Anſicht über die Verwendung der natürlichen Romantik aus der wirklichen Geſchichte zu verfolgen, dieſe letztere in einen offenkundigen Roman zu verwandeln. Endlich entſchloß ich mich, nicht ohne einige Ermuthigung von Deiner Seite,(wofür Dir Dein gebührender Antheil am Tadel werden möge!) den Verſuch zu wagen und jene Behandlungsweiſe anzunehmen, welche zwar von Seite des Leſers größere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, dafür aber auch für ſeine Beurtheilung um ſo vollſtändiger erſchien. Das Zeitalter ſelbſt zeigt ſich bei gehöriger Würdigung überreich an jenen Elementen, welche das Intereſſe des Leſers erwecken und ſeine Einbildungskraft anſprechen ſollten. Nicht mit Unrecht hat Sismondi geſagt, das eilfte Jahrundert hat ein Recht, als ein großes Zeitalter betrachtet zu werden. Es war eine Periode ſchöpferiſchen Lebens und alles, was das Mit⸗ telalter an Edelſinn, Kraft und Heroismus erzeugte, hat in dieſer 8 4 Epoche ſeinen Anfang genommen*. Für uns Engländer ins⸗ beſondere beſteht neben dem engeren Intereſſe an jener Luſt zu Abenteuern, Unternehmungen und Verbeſſerungen, wofür die normänniſche Ritterſchaft das edelſte Vorbild abgab, noch jene tiefere und rührendere Theilnahme an dem letzten Aufglimmen der alten ſächſtſchen Monarchie, das ſich in den traurigen Blät⸗ tern unſerer Chroniſten vor unſern Augen eröffnet. Ich habe in dieſem Werke weniger eine Porträtirung bloſer Sitten, welche den Geſchichtsfreunden ohnehin durch die neueren Nachforſchungen vertraut geworden, als eine Schilderung jener großen Charaktere verſucht, die in der langen unſichern Erin⸗ nerung der Jahrhunderte ſo ſorglos übergangen wurden; es war mir darum zu thun, die Beweggründe und die Politik der Theilnehmer an einem der merkwürdigſten europäiſchen Ereig⸗ niſſe deutlicher hervorzuheben und eine, wenn auch allgemeinere, ſo doch genauere Kenntniß jener Männer anzubahnen, welche in jenem Schattenreiche lebten und wirkten, das hinter der normän⸗ niſchen Eroberung begraben liegt. „Spes hominum caecas, morbos, votumque, labores, Et passim toto volitantes aethere curas.“ (Hoffnungen, blinde— des Menſchen, Krankheit, Gebete und Mühen Und die beflügelten Sorgen, den ganzen Aether durchdringend.) Auf dieſe Weiſe bin ich den leitenden hiſtoriſchen Ereig⸗ niſſen in der großen Tragödie unſeres Königs Harold treu ge⸗ blieben und habe— ſoweit die widerſprechenden Zeugniſſe es 4* *Sismondi's Geſch. von Frankreich, IV. Bd., S. 484. 4¾ —— 4— — — erlaubten— die Schilderung der Charaktere, wie die richtige chronologiſche Reihenfolge, ohne welche keine hiſtoriſche Philo⸗ ſophie, d. h. kein greifbares Band zwiſchen Urſache und Wir⸗ kung beſtehen kann— ſo genau wie nur immer möglich einge⸗ halten. Der erdichtete Theil meiner Erzählung beſchränkt ſich deßhalb, wie im„Rienzi“ und„dem letzten der Barone“ haupt⸗ ſächlich auf das Privatleben mit all ſeinen Unfällen und Leiden⸗ ſchaften, von dem nur wenig bekannt iſt, woran man alſo auch wenig fälſchen kann, ſofern man nur der menſchlichen Natur überhaupt getreu bleibt. Die Liebesgeſchichte zwiſchen Harold und Editha iſt anders gegeben als die wohlbekannte Legende ſie erzählt, welch' letztere eine minder reine Verbindung vorausſetzen läßt. Die ganze Legende über die Editha Pulchra, deren Name ohne weitere Bezeichnung als eben jenes Adjektiv, das ihre Schönheit andeutet, in dem großen Lehenbuche* vorkommt, gründet ſich jedoch, was ihre populäre Annahme betrifft, nur auf ſehr ſchwache Autoritäten, und an einem Werke, das nicht allein zur Lektüre überhaupt beſtimmt iſt, ſondern auch, wie ich hoffe. aus mancherlei Gründen der Jugend ohne Scheu anver⸗ traut werden dürfte, werden die Gründe für meine Aenderungen, welche mit dem Geiſte der Zeit im ſtrengſten Einklange ſtehen und eine der hervortretendſten Eigenthümlichkeiten derſelben be⸗ leuchten ſollen— hinlänglich gerechtfertigt erſcheinen. Der öftere Gebrauch, den ich von den abergläubiſchen * Verfaßt unter Wilhelm dem Eroberer, im engliſchen Jus als die Domesday⸗Rolle(die Liſte des jüngſten Tages) bekannt. D. Ueberſ. 10 Anſichten jener Periode machte, bedarf vielleicht einer ausführ⸗ licheren Entſchuldigung. Jener Aberglaube iſt übrigens mit dem Zeitalter ſelbſt dermaßen verwoben— er begegnet uns ſo vielfältig, ſey es nun bei unſern eigenen Chroniſten, oder in den Memoiren der verwandten Skandinavier— er iſt mit den Geſetzen und dem ganzen Leben unſerer ſächſiſchen Vorväter ſo verwachſen, daß man dem Leſer nur dann einen lebendigen Ein⸗ druck von dem Volke, welches unter ihm lebte, beibringen kann, wenn man ihn faſt mit derſelben Leichtgläubigkeit, mit welcher er urſprünglich aufgefaßt wurde, in der Erzählung anwendet. Nicht ohne Wahrheit hat ein italieniſcher Schriftſteller bemerkt: „wer ein unphiloſophiſches Zeitalter philoſophiſch beleuchten wollte, ſollte ſich erinnern, daß man, um mit Kindern vertraut zu werden, zuweilen in die Denk⸗ und Gefühlsweiſe eines Kin⸗ des eingehen muß.“ Gleichwohl habe ich dieſe geſpenſtigen Helfershelfer nur ſehr ſelten zu den gewöhnlichen poetiſchen Zwecken des Schreckens verwendet, und wenn ſie gleichwohl jene Wirkung hervorbringen, ſo wird ſie, wie ich fürchte, eher dazu dienen, die eigentlichen hiſtoriſchen Quellen unſerer Theilnahme zu verſtärken, als dem Werke felbſt ein leitendes und populäres Charaktermerkmal mitzutheilen. Meine Abſicht bei Einführung der däniſchen Vala hat ebenſo viel mit der Vernunft, wie mit der Fantaſie zu ſchaffen, indem ich zeigte, welche weit verbreitete düſtere Ueber⸗ bleibſel der alten Heidenwelt ſich noch immer auf dem ſächſiſchen Boden behaupteten, und gegen ihren ſchließlichen Stellvertreter — den mönchiſchen Aberglauben— ankämpften und kontraſtir⸗ ten. Hilda exiſtirt nicht in der Geſchichte; aber ohne die roman⸗ tiſche Perſonifikation deſſen, was Hilda darſtellt, ließe ſich die Geſchichte jener Zeit nur unvollkommen verſtändlich machen. In Harolds Charakter habe ich zwar die oberflächlichen Beweiſe ſeiner unterſcheidenden noch jetzt unter uns erhaltenen Attribute ſorgfältig erwogen und geprüft, und trotz einer nicht unnatürlichen Partheilichkeit ſeine Mängel— was nämlich ich dafür halte— und nicht minder den großen Irrthum ſeines Lebens nicht verhehlt: gleichwohl gieng mein Hauptbeſtreben dahin, das Ideal jenes ächt ſächſiſchen Charakters in leichten Umriſſen hervorzuheben, wie ſich daſſelbe ſchon damals mit ſei⸗ nen großen unentwickelten Vorzügen, mit ſeiner ſchon in jener frühern Zeit ſich entfaltenden geduldigen Ausdauer, mit ſeiner fühle mehr als dem ritterlichen Sinne für Ehre und jenem un⸗ zerſtörbaren Elemente praktiſchen Strebens und muthvollen Wollens, welches, ſtandhaft in allen Gefahren und jeder Ero⸗ berung Trotz bietend, ſo ungeheuren Einfluß auf das Geſchicke der Welt auszuüben beſtimmt war— hervortrat. Gegen den normänniſchen Herzog glaube ich ſo mild ver⸗ fahren zu ſeyn, als es die Gerechtigkeit nur immer zuläßt, obwohl es ebenſo unmöglich iſt, ſeine Feinheit zu läugnen wie ſein Genie ihm abzuſtreiten, und ſo weit der Zweck meines Werkes geſtattete, hoffe ich, die großen Charakterzüge ſeiner Landsleute, welche weit ritterlicher waren als er ſelbſt, richtig angegeben zu haben. Es war ein Unglück für jenen ausge⸗ zeichneten Menſchenſtamm, daß bei uns in England die anglo⸗ normänniſchen Könige als ſeine Repräſentanten galten, während doch der wilde intriguirende William, der eitle werthloſe Rufus, der kaltblütige erbarmungsloſe Henry keine würdigen Typen für ihre weit edleren normänniſchen Vaſallen abgeben können, von denen ſelbſt der engliſche Chroniſt geſteht, daß ſie„freundliche Herren“ geweſen ſeyen, und denen die ſpäteren Freiheiten Eng⸗ lands ihren Königen zum Trotz ſo Vieles zu verdanken haben. Allein vorliegendes Werk ſchließt auf dem Schlachtfelde von Haſtings— jenem edlen Kampfe für nationale Unabhängigkeit, bei welchem die Sympathien jedes ächten Landeskindes— auch wenn er ſein Geſchlecht bis auf die normänniſchen Sieger zurück⸗ führte— auf die Seite des patriotiſchen Harold gehören.* Durch die Noten, die ich für das beſſere Verſtändniß dieſes Werkes für nöthig hielt, wollte ich den Leſer überhaupt blos ſo weit in die damaligen Zuſtände einweihen, daß er mit dem Hauptgegenſtande des Buches leichter vertraut würde, oder ſeine Erinnerung an die bezüglichen Einzelnheiten, welche ohnehin nicht ohne nationales Intereſſe ſind, auffriſchen könnte. Durch die Anführung von Autoritäten beabſichtige ich keineswegs für eine bloße Fiktion den eigentlichen Charakter einer Geſchichte in * Sollte ſich dies Werk derſelben nachſichtsvollen Gunſt, wie„der letzte der Barone“ erfreuen, ſo wäre es leicht möglich, daß ich mich auf dem hier eröffneten weiten Gebiete noch weiter voranwagte. Eine Reihe von Dichtungen, welche unſere frühere Geſchichte durch die ihr eigenthümliche Romantik be⸗ leuchteten, dürfte keinen ganz nutzloſen Leitfaden in der Hiſtorie ſelber abgeben. 4— 13 Anſpruch zu nehmen; jene Bezugnahme kommt hauptſächlich da vor, wo ich entweder das, was ich aus einer Chronik entlehnte, ſcharf von der bloßen Erfindung unterſcheiden, oder wenn es mir nöthig ſchien, in Fällen, wo ich von meinem populären, dem Leſer vielleicht eher geläufigen Geſchichtſchreiber abwich, die Quelle, worauf jene Differenz ſich gründete, benennen wollte.* Kurz— mein Hauptzweck war der Art, daß ich genöthigt war, ernſtere Dinge, als ſonſt wohl vorkommen, in meinen Ro⸗ man einzumiſchen— ein Verfahren, das man— wie ich ſchwach zu hoffen wage— ſchon aus nationeller Sympathie zwiſchen Autor und Leſer mit der Anklage der Langweile verſchonen dürfte. Mein Zweck iſt erreicht, aber auch nur dann erreicht, wenn der Leſer beim Umſchlagen der letzten Seite findet, daß er trotz der Zulaſſung erdichteter Stoffe dennoch eine klarere und genauere Anſicht von einer fernen aber heroiſchen Zeit, von Cha⸗ rakteren, welche für jeden Engländer ein wahres Familienintereſſe haben ſollten, gewonnen hat, als die gedrängten Berichte des bloßen Hiſtorikers ihm möglicherweiſe hätten gewähren können. So, mein theurer d'Eyncourt, habe ich dem Publikum unter Deiner Adreſſe alle jene Erklärungen gegeben, wozu die Schriftſteller überhaupt(und ich nicht am allerwenigſten) oft nur gar zu bereitwillig ſind. Nachdem dieſe Aufgabe vorüber, kehren meine Gedanken * Solche Bemerkungen, die für den Tert ſelbſt weniger unerläßlich ſind, oder durch ihre Länge den Gang der Erzählung unterbrechen würden, ſind an das Ende der Geſchichte verwieſen. 14 in natürlichem Gange zu den Bildern zurück, womit ich Deinen Namen gleich Anfangs, als ich ihn auf die Aufſchrift dieſes Briefes ſetzte, in Verbindung brachte. Mir iſt, als befände ich mich abermals unter Deinem freundlichen Dache, als begrüßte ich wieder meinen ſorgſamen Wirth, während er in jenes gothiſche Zimmer tritt, worin ich meine ungeſelligen Studien aufſchlagen durfte, um nur die Ankunft majeſtätiſcher Folianten auszupo⸗ ſaunen und ganze Bibliotheken rings um mein unwürdiges Werk aufzuhäufen. Ich halte inne in meiner Arbeit und ſchaue aber⸗ mals durch die Burgfenſter und über jenen feudalen Graben auf die breite Landſchaft, welche— wenn ich nicht irre— ihren Namen von dem ſtolzen Bruder des Eroberers ſelbſt erhielt; oder wenn in jenen Winternächten die grimmigen alten Tapeten in den düſtern Winkeln ſich regten, höre ich wieder den ſächſiſchen Thegn(Than), wie er ſein Horn vor der Thurmpforte ſchallen läßt und Zutritt in die Hallen verlangt, aus denen ihn der Prä⸗ lat von Bayeur ſo ungerechter Weiſe vertrieb ⸗*— iſt es da ein Wunder, daß ich in den Zeiten, welche ich geſchildert, mit den Sachſen als Sachſe, mit dem Normann als ſeines Gleichen lebte — daß ich mich nur der ehrwürdigen Sprache, wie ſie am Hofe des Bekenners heimiſch war, bediente, oder meine Mitgäſte (wenn ich ſie nämlich meiner Gegenwart würdigte) mit den letzten Neuigkeiten erſchreckte, welche Harolds Spione von dem ⸗ Ueber das Haus meines Freundes geht nämlich die Sage, daß Erich der Sachſe in beſtimmten Nächten ſein Horn vor deſſen Thore blaſe und in forma spectri den Beſitzer wegen ſeiner Vertreibung vorlade. 15 Lager zu St. Valery zurückgebracht hatten? Mit all' jenen Folianten, welche als Rieſen einer vergangenen Welt, zudring⸗ lich wie die Normannen, unbezähmbar wie die Sachſen und hochgewachſen wie die ſchlankeſten Dänen(grauſame Feinde, ich ſehe ſie immer noch vor mir!), täglich mehr und mehr, höher und höher— ein Oſſa über den Pelion— auf Stuhl und Tiſch, auf Heerd und Boden ſich aufthürmten,— bei alten ausgegra⸗ benen Geſpenſtern, welche an den Wänden emporkrochen, bei den roſtigen Waffenrüſtungen in Deinen Gallerien, den verſtüm⸗ melten Statuen früherer engliſcher Könige(den heiligen Eduard mit eingeſchloſſen) in den Niſchen der grauen epheuüberwucher⸗ ten Mauern— ſage bei Deinem Gewiſſen, o Du mein reu⸗ müthiger Wirth! ſoll ich je wieder zu dem neunzehnten Jahr⸗ hundert zurückkehren? Doch weit über dieſe friſchen Bilder eines einzigen Winters (wofür der Himmel Dich abſolviren möge!) geht das Gedächt⸗ niß einer Freundſchaft, welche ſchon ſo manchen Winter über⸗ ſtanden und ſich gegen Stürme bewährt hat. Oft kam ich zu Dir, um mich Raths zu erholen bei Deiner Weisheit, um Theilnahme zu finden bei Deinem Herzen, und jedesmal kehrte ich mit vermehr⸗ tem Danke zurück— einem Danke, welcher vielleicht das ſeltenſte, aber darum nicht weniger glückliche Gefühl enthält, das die Er⸗ fahrung dem Manne übrig läßt. Mag es auch ſeyn, daß manche Meinungsverſchiedenheiten— ſei es nun in öffentlichen Fragen, wodurch wir jeden Tag Freundſchaften, welche durch den Aus⸗ tauſch der Gefühle entſtanden, weit außer dem Bereiche von 16 König und Geſetz hätten ſtehen ſollen, entfremdet ſehen, oder in den mehr ſcholaſtiſchen Streitfragen, welche gebildete Men⸗ ſchen eben ſo lebhaft intereſſiren— uns zuweilen das idem velle, et idem nolle ſtreitig machen; die vera amicitia bedarf nicht jener gewöhnlichen Bande. Der Sonnenſchein ſcheidet darum nicht von der Welle, weil ein zufälliger Stein einen Augenblick lang die Oberfläche kräuſelte. So empfange denn in dieſer Widmung eines Werkes, das mir ſo lange auf der Seele gelegen und aus vielen Gründen theuer geworden iſt, das Unterpfand meiner Zuneigung für Dich und die Deinigen— einer Zuneigung, welche ebenſo ſtark wie die Bande des Bluts und nicht minder dauernd als der Glaube an die Wahrheit iſt. 1. März 1848. E. B. L. —ͤ= ͤ— Erſtes Huch. Der normänniſche Gaſt, der ſächſiſche König und die däniſche Prophetin. Erſtes Kapitel. Luſtig war der Monat Mai im Jahr unſeres Herrn 1052. Da gab es nur wenige Burſche und noch weniger Mädchen, welche den Morgen des erſten Tages dieſes fröhlichen Monats verſchlafen hätten, denn lange vor der Dämmerung hatte das junge Volk Wieſen und Wälder heimgeſucht, um Maibäume zu fällen und Blumen zu winden. Manche ſchöne grüne Wieſe lag damals noch jenſeits des Dorfes Cha⸗ ring und hinter der Thorneyinſel(zwiſchen deren Farren⸗ und Brom⸗ beerſträuchern ſich eben um jene Zeit raſch und ſtattlich die Halle und Abtei von Weſtminſter erhob); mancher Wald dehnte ſich dunkel im Sternenlichte an den Abhängen über den feuchten Strand mit ſeinen zahlreichen Kanälen oder Gräben auf beiden Seiten der großen Kenter⸗ b ſtraße. Flöten und Hörner klangen fern und nah über die grünen Stellen, aus denen Geſang und Gelächter und das Krachen der bre⸗ chenden Aeſte in die Lüfte erſcholl. Wie der Morgen grau im Oſten empordämmerte, beugte ſich manches ſchelmiſche blühende Geſicht, um ſich im Maithau zu baden. Geduldige Ochſen ſtanden doſend an den blütheduftenden Hecken, bis die munteren Maiſchnitter mit ihren ſtattlichen Stangen aus den Bulwer, Harold. 2 18 Wäldern kamen, während die Mädchen die Schürze voll Blumen nach⸗ trugen, die ſie auf den Wieſen im Schlafe überraſcht hatten. Auch die Stangen prangten von Blumenſträußen, und jedem Ochſen wurde ein Kranz um die Hörner gehängt. Dann ſtrömten die Prozeſſionen gegen Anbruch des Tags durch alle Thore in die Stadt zurück; voraus zogen Knaben mit ihren Maigaden(geſchälten Weidengerten mit Schlüſſelblumen umwunden) und durch die belebenden Klänge der Hörner und Flöten ſchallte laut aus dem wandelnden Haine ein mun⸗ terer Chor, der einige alte ſächſiſche Verſe— Vorläufer des ſpäteren Liedes:„Wir haben den Sommer heimgebracht!“— anſtimmte. Oft waren Könige und Aeltermänner in den guten alten Tagen, bevor der Mönch⸗König regierte, auf dieſe Weiſe in die Maien ge⸗ gangen; allein jener gute Prinz konnte ſolche Luſtbarkeiten, die nach dem Heidenthume ſchmeckten, nicht leiden. Dennoch war der Geſang eben ſo lang und die Zweige waren eben ſo grün, als ob König und Earl im Zuge mitgewandelt wäͤren. Die ſchönſten Matten für die Schlüſſelblumen, die grünſten Wäl⸗ der zu den Zweigen umringten damals an der großen Kenterſtraße ein ſtattlches Gebäude, das einſt einem üppigen Römer angehört hatte, jetzt aber entſtellt und verfallen war. Burſche und Mädchen ſcheuten jedoch ſolche Orte, und als ſie mitten in ihrer Luſtbarkeit auf dem Heimwege an den zertrümmerten Mauern, den angeniſteten Außen⸗ gebäuden vorüberkamen und in deren Nähe die grauen Druidenſteine (jene Denkmale eines Zeitalters, das den ſächſiſchen wie den römiſchen Eroberern lange vorhergegangen) in der Dämmerung durchſchimmern ſahen, hatte der Geſang ein Ende, die Jüngſten bekreuzten ſich und die Aelteren meinten in feierlichem Flüſtern, es wäre wohl vorſichtiger, ihren fröhlichen Geſang in einen frommen Pſalm zu verwandeln. In jenem alten Gebäude wohnte nämlich Hilda— finſteren berüchtigten Andenkens— Hilda, welche, wie man glaubte, allem Geſetz und Canon zum Trotz noch immer die verderblichen Künſte der Wieca und Morth⸗ wyrtha(der Hexe und Todtenverehrerin) praktiziren ſollte. Sobald raus mit e der mun⸗ itteren agen, n ge⸗ nach eſang g und Wäl⸗ ſtraße hatte, heuten f dem ußen⸗ ſteine iſchen rmern h und tiger, In tigten Sanon Lorth⸗ obald jedoch das Völkchen jenen Bereich des Schreckens hinter ſich hatte, war der Pſalm vergeſſen und der fröhliche Chor drang abermals laut, hell und ſilberrein durch die Morgenlüfte. So gelangte man gegen Sonnenaufgang nach London, und Thü⸗ ren und Fenſter wurden gebührendermaßen mit Blumenguirlanden um⸗ wunden, jedes Dorf in der Umgebung hatte ſeinen Maibaum, der das ganze Jahr über ſtehen blieb. Jede Arbeit ruhte an dieſem glücklichen Tage; Ceorl und Theowe(Schiffer und Landmann) hielten ihren Feier⸗ tag, um zu tanzen und fich um den Maibaum herumzutummeln, und ſo geſchah es denn wirklich, wie das Lied es erzählt, daß Jugend, Frohſinn und Muſik am erſten Mai den Sommer hereinbrachten. Noch am andern Tage konnte man deutlich erkennen, wo die fröh⸗ lichen Banden ſich herumgetrieben hatten; man konnte ihren Weg an den zerſtreuten Blumen und Blättern und an den tiefen Räderſpuren der Karren, welche die Maibäume heimführten,— dieſe waren oft mit zwanzig bis vierzig Ochſengeſpannen beſetzt— verfolgen und von je⸗ der Anhöhe ließen ſich weit über das ganze Land die zierlichen Mai⸗ bäume gewahren, womit der Raſen jedes Weilers gekrönt war— die Luft ſchien noch immer mit den Düften der Blumenguirlanden erfüllt. Mit eben dieſem zweiten Maitage des Jahres 1052 will ich denn meine Geſchichte im Hauſe Hilda's, der berüchtigten Morth⸗wyrtha, er⸗ öffnen. Es ſtand auf einer ſanften, grünen Anhöhe und trotz der bar⸗ bariſchen Verſtümmlung, die es von barbariſchen Händen erlitten hatte, war immer noch genug davon übrig geblieben, um gegen die gewöhn⸗ lichen Wohnungen der Sachſen einen auffallenden Kontraſt zu bilden. Noch immer waren die Ueberbleibſel römiſcher Kunſt ſehr zahl⸗ reich über England verbreitet, aber es geſchah nur ſelten, daß ſich der Sachſe ſeine Heimath unter den Villen dieſer früheren Eroberer er⸗ wählte. Unſere erſten Vorväter waren weit eher geneigt zu zerſtören, als ſich an Gegebenes anzupaſſen. Durch welchen Zufall dieſes Ge⸗ Päude eine Ausnahme von der allgemeinen Regel bildete, iſt jetzt un⸗ 9 26.. 20 möglich zu erforſchen; ſo viel iſt gewiß, daß es ſeit ſehr langer Zeit ganzen Geſchlechtern teutoniſcher Gebieter zum Obdache gedient hatte. Ru Die Veränderungen, die mit dem Gebäude vorgegangen, waren die traurig und grotesk zugleich... Was jetzt als Halle diente, war offen⸗ geſ bar das Atrium(Vorhof) geweſen, der runde Schild mit ſeiner zuge⸗ hal ſpitzten Buckel, der Speer, das Schwert und der kleine krumme Saſſa⸗ un nach des früheren Teutonen hingen an denſelben Säulen, welche früher die von Blumen umwunden geweſen; in der Mitte des Flurs, wo zwiſchen ver dem hartgeſtampften Pflaſter aus Lehm und Kalk noch Trümmer der alten Moſaik hervorglitzerten, war der Herd auf das frühere Implu⸗ Vi vium etablirt und der Rauch ſtieg langſam durch die Oeffnung im Dache, lor welche vor alten Zeiten den Regen des Himmels eingelaſſen hatte.( Rings um die Halle hatte man die alten cuhicula oder Schlafgemächer al (klein, hoch und nur von der Thüre aus beleuchtet) für die Dienerſchaft da des Haushalts oder untergeordnete Gäſte beibehalten, während am—( hintern Ende der Halle der weite Raum zwiſchen den Säulen, durch m den man einſt aus anmuthigen Zellen in das tablinum und viridarium ho hinausgeſchaut hatte, mit wüſtem Gerümpel und römiſchen Ziegel⸗ P ſteinen ausgefüllt war, ſo daß nur eine niedere Rundbogenthüre übrig 8 6 blieb, welche noch immer in das Tablinum führte. Dieſes ſelbſt, frü⸗ her das heiterſte Staatszimmer des römiſchen Großen, war jetzt mit* allerlei Plunder, Reisbündeln und Geräthſchaften des Landbaus an⸗ ke gefüllt. Zu beiden Seiten dieſes entweihten Gemaches dehnte ſich li rechts das alte lararium(Gemach des Laren), nun aber ſeiner alten de Götterbilder und Familienſtatuen entkleidet, links das frühere gynae- d ceum(Frauengemach). u Das Lararium war übrigens von einem frühern ſächſiſchen Than oder Ealden offenbar ſchon vor Einführung des Chriſtenthums in ein 2 Staatszimmer verwandelt worden, denn hier und dort hatte eine grim⸗ mige Künſtlerhand auf das einſt mit Gegenſtänden aus der klaſſiſchen Mythologie und Poeſie reich bemalte Glas Skizzen geſudelt, welche Hengiſts weißes Roß oder Wodens ſchwarzen Raben darſtellen ſollten; Zeit ſatte. ſaren ffen⸗ uge⸗ ſaſſa⸗ üher ſchen r der plu⸗ ſache, atte. ſicher ſchaft am burch rium egel⸗ ibrig frü⸗ mit an⸗ ſich alten nae- Runeninſchriften liefen zum Theil verwiſcht erbarmungslos über die Mitte eines abgeblaßten Gebälks mit ſpielenden Liebesgöttern; geſpenſtige Wolfsköpfe, durch Zeit und Verfall, Motten und Würmer halb zerſtört, hingen über einem alterthümlichen, ſeltſamen Stuhle und hatten dort in melancholiſchem Stolze ſeit dem Tage gehaust, da dieſe verwandten Thiere von ihren ſächſiſchen Brüdern ſo unnatürlich vertilgt worden waren. Alle dieſe Gemächer, deren Thüren ſich auf die offene Gallerie, Viridarium genannt, und dann auf einen Periſtyl oder längliche Co⸗ lonnade öffneten, waren nur mit Ausnahme des mittleren Tablinums (dieſes hatte die Thüre beibehalten) durch Fenſter geſchloſſen; das im alten Lararium war blos durch Lattenwerk gegen den Regen geſchützt, das gegen das Gynäceum dagegen mit trübem grauem Glaſe verſehen. (Das Glas, das zur Zeit Bedas eingeführt wurde, war nämlich da⸗ mals” ſowohl an Gefäſſen als an Fenſtern in den Häuſern der Wohl⸗ habenden weit häufiger als in der viel ſpäteren Zeit des glänzenden Plantagnets, obwohl ſich deſſen Gebrauch immer noch auf die Ver⸗ möglichen beſchränkte.) Der alte Periſtyl war von bedeutender Aus⸗ dehnung; die eine Seite hatte man in Stallungen, in Schwein⸗ und Ochſenſtälle verwandelt; auf der anderen war aus rohen Eichenplan⸗ ken, welche oben durch Platten zuſammengehalten wurden, eine chriſt⸗ liche Kapelle errichtet, welche ein Schilfdach bedeckte. Die Außenwand des Periſtyls nebſt ſeinen Säulen bildete eine wirre Trümmermaſſe, durch deren rieſige Spalten ein Grashügel an den Abhängen theilweiſe mit Ginſterbüſchen bedeckt hindurchſchimmerte. * So bringt Alfred in einem ſeiner Gedichte das Glas als ein bekanntes Bild der Vergleichung: „So oft die wilde See Bei Südwind Wie graues Glas ſo klar Sich tobend aufwirft.“ Shar. Turner. —õ— 22 Auf dieſem Hügel ſtanden die verſtümmelten Trümmer eines alten druidiſchen Cromlechs(Altar), in deſſen Mitte man nahe an einer Be⸗ gräbnißmündung mit dem Bauta⸗ oder Grabſteine eines frühern ſäch⸗ ſiſchen Häuptlings an dem einen Ende— verbrecheriſcher Weiſe einen Altar für Thor aufgeſtellt hatte, was ſowohl aus der Geſtalt als aus einem rohen halbverwiſchten gemeiſelten Relief des Gottes mit ſeinem geſchwungenen Hammer und einigen Runenbuchſtaben hervorging. Hier ſah man aufs Neue, wie der Sachſe mitten in dem Tempel des Breto⸗ nen den Schrein ſeines triumphirenden Kriegsgottes aufgerichtet hatte. Unter den Trümmern dieſer ebengenannten Außenſeite des Peri⸗ ſtyls, welche auf den Hügel hinausging, waren erſtens ein alter römi⸗ ſcher Brunnen, der jetzt den Schweinen zur Schwemme diente, und dann ein kleiner sacellum oder Bacchustempel(wie das noch erhaltene Fries und Relief bezeugte) übrig geblieben, ſo daß das Auge mit einem Blick die Denkmäler von vier verſchiedenen Glaubensbekenntniſſen überſchauen konnte— hier das druidiſche, myſtiſch und ſymboliſch; dort das römiſche, ſinnlich aber menſchlich; das teutoniſche, grauſam und zerſtörend, und am ſpäteſten entſtanden und alle überlebend, obwohl bis jetzt ſeinen ſanften Einfluß über die Thaten der Menſchen nur in ge⸗ ringem Grade ausübend— der Bau, welcher der Lehre des Friedens gewidmet war. Durch das Periſtyl zogen Leibeigene und Schweineheerden unge⸗ hindert hin und her; im Atrium ſah man Männer der höhern Klaſſe, halb bewaffnet, einige mit Trinken, andere mit Würfeln, dieſe mit un⸗ geheuren Hunden, jene mit den Falken beſchäftigt, welche ernſt und feierlich auf ihren Stangen daſaßen. Das Lararium war verlaſſen, das Gynäceum dagegen noch immer wie in der Römerzeit das Lieblingsgemach des weiblichen Hausperſo⸗ nals und trug auch noch denſelben Namen*. Mit einer dort verſam⸗ melten Gruppe werden wir jetzt zunächſt zu thun haben. *„Das Gemach, worin die angelſächſiſchen Frauen wohnten, hieß Gyne⸗ cium,“— Fosbrocke, II. Bd. S. 570. ſch; ſam vohl ge⸗ ens ge⸗ iſſe, un⸗ und ne⸗ 23 Die Ausſtattung des Zimmers deutete auf den Rang und die Wohlhabenheit des Beſitzers. Damals war nämlich der häusliche Lurus des Reichen weit größer, als man in der Regel angenommen hat: der Fleiß der Frauen ſchmückte Wände und Geräthe mit Nadelarbeit und Vorhängen, und gleichwie ein Than durch den Verluſt ſeiner Lände⸗ reien auch ſeinen Rang einbüßte, ſo behielten die höheren Klaſſen einer mehr auf Reichthum als Geburt ſich gründenden Ariſtokratie gewöhn⸗ lich einen Theil ihrer übrigen Schätze bei, welche ſonſt in die Bazars des Orients und auf die nähern Märkte von Flandern und dem ſarazeni⸗ ſchen Spanien wanderten. In dieſem Gemache waren die Wände mit reichgeſtickten ſeidenen Vorhängen drappirt. Auf einem Schenktiſche ſtanden Trinkhörner, in Silber gefaßt, und ſogar einige Gefäſſe aus purem Gold. Ein klei⸗ ner runder Tiſch in der Mitte wurde durch ſonderbar geſchnitzte ſym⸗ boliſche Ungeheuer geſtützt. An der einen Wand ſaßen auf einer lan⸗ gen Bank ein halb Dutzend Hausmägde, mit Spinnen beſchäftigt; ferne von ihnen und nahe am Fenſter ſah man eine hochbetagte Frau von eigenthümlicher majeſtätiſcher Miene und Haltung. Auf einem kleinen Dreifuß vor ihr lag eine Runenhandſchrift mit einem Tinten⸗ zeug von eleganter Form nebſt ſilbernem Schreibgriffel. Zu ihren Füßen kauerte ein kaum ſechzehnjähriges Mädchen, deſſen ſchönes lan⸗ ges Haar, über der Stirne geſcheitelt, weit über ihre Schultern herab⸗ fiel. Ihre Keidung war eine linnene Untertunika mit langen Aermeln, welche hoch zu Hals hinaufreichte, und ohne all' die modernen kunſt⸗ reichen Zwangsanſtalten durch den einfachen Gürtel die ſchlanken Verhältniſſe und den zarten Umriß des Mädchens hervorhob. Die Farbe dieſer Tracht war das reinſte Weiß, nur an den Bordüren reich geſtickt. Die Schönheit der Kleinen grenzte wirklich ans Wunderbare, denn ſogar in einem Lande, das durch ſeine ſchönen Frauen ſprüchwörtlich geworden, hatte ſie ihr bereits den Namen der„Schönen“ erworben. Bei ihr vereinigten ſich nämlich— bis jetzt nicht ohne gegenſeitigen 24 Wettſtreit um die Herrſchaft— die beiden nur ſelten in einem und demſelben Antlitze verbundenen Reize des Edlen und des Sanften. Der Beweis dieſes innern Kampfes zeigte ſich in der That in dem ganzen Aeußern: der Verſtand war noch nicht gereift, Seele und Herz noch nicht vereinigt, und Editha, die chriſtliche Maid, wohnte in dem Hauſe Hilda's, der heidniſchen Prophetin. Die blauen Augen des Mädchens, unter dem Schatten ihrer langen Lider dunkel erſchei⸗ nend, waren voll Spannung auf das ſtrenge unruhige Geſicht geheftet, das ſich mit jenem zerſtreuten Blicke, welcher die Abweſenheit der Seele andeutet, über ihr eigenes Antlitz beugte. So ſaß Hilda, und ſo kauerte ihre Enkelin Editha. „Großmutter,“ ſagte das Mädchen leiſe und nach langer Pauſe— der Klang ihrer Stimme erſchreckte die Hausmägde dermaßen, daß jede Spindel für einen Augenblick inne hielt und ſich dann mit erneu⸗ ter Thätigkeit von Neuem regte—„Großmutter, was beunruhigt Dich? Denkſt Du nicht an den großen Earl und ſeine ſchönen Söhne, welche jetzt ferne über die weite See verbannt ſind?“ Bei den Worten des Mädchens fuhr Hilda wie aus einem Traume empor, und als Editha ihre Frage beendigt hatte, erhob ſie ſich lang⸗ ſam zu der vollen Höhe ihrer Geſtalt, welche, ungebeugt von den Jah⸗ ren, ſogar die gewöhnliche Männergröße weit überragte, und von dem Kinde ſich abwendend, fiel ihr Ange auf die ſchweigende Mägdereihe, welche an ihrem raſchen geräuſchloſen verſtohlenen Werke ſaß. „Hoh!“ rief ſie, während ihr kaltes hochmüthiges Auge in düſterm Feuer aufglimmte,„geſtern haben ſie den Sommer eingebracht, heute helft ihr den Winter einbringen. Webt nur gut— habt mir Acht auf Zettel und Einſchlag, Skulda iſt unter Euch, und ihre bleichen Finger führen das Weberſchiff.“ Die Mägde wagten nicht die Augen aufzuſchlagen, obwohl Aller Wangen bei den Worten der Gebieterin erblaßten. Die Spindeln ſurr⸗ * Skulda— die Norma, oder das Schickſal, das unſere Zukunft lenkt. te in gen ſchei⸗ ftet, eele rerte e— daß neu⸗ higt hne, ume ang⸗ Jah⸗ dem eihe, term eute auf ger Uller urr⸗ kt. 25 ten, der Faden ſchoß und das Schweigen war alsbald eiſiger denn zu⸗ vor zurückgekehrt. „Fragſt Du,“ fuhr Hilda endlich, an das Kind gerichtet, fort, als ob die Frage, die ſich ſo lange zuvor an ihr Ohr gewendet, erſt jetzt ihre Seele erreicht hätte,„fragſt Du, ob ich an den Earl und ſeine ſchönen Söhne dachte?— Ja, ich hörte den Schmied, wie er Waffen auf den Ambos ſchwang, und wie der Hammer des Schiffebauers ſtarke Rippen für die Meeresroſſe zimmerte. Ehe noch der Schnitter ſeine Garben gebunden, wird Earl Godwin die Normannen in den Hallen des Mönchekönigs verſcheuchen, wie der Falke die Brut im Tauben⸗ ſchlage verſcheucht. Webt nnr gut und habt mir Acht auf Zettel und Einſchlag, ihr flinken Mädchen— ſtark ſey das Gewebe, denn beißend iſt der Wurm.“ „Was weben ſie denn, gute Großmutter?“ fragte das Mädchen mit Scheu und Verwunderung in ihren ſanften milden Augen. „Das Todtenhemd für den Großen.“ Hilda's Lippen ſchloßen ſich, aber ihre Augen, leuchtender als zuvor, ſtarrten in den leeren Raum hinaus, und ihre bleiche Hand ſchien Buchſtaben gleich Runenzeichen in die Luft zu malen, bis ſie ſich langſam umwandte und durch das trübe Fenſter hinausſchaute. „Reicht mir Schleierhaube und Stab,“ gebot ſie plötzlich. Jedes der Mädchen, heilig froh eine Arbeit zu verlaſſen, welche erſt friſch begonnen ſchien und nach dem, was ſie über ihren Zweck von der Herrin erfahren, bei ihnen gewiß nicht ſehr beliebt war— erhob ſich, um dieſem Befehle zu gehorchen. Ohne die Hände, die miteinander wetteiferten, zu beachten, nahm Hilda ihre Haube und ſtülpte ſie theilweiſe auf die Stirne, worauf ſie, leicht auf ihren langen Stab ſich lehnend, deſſen Kopf einen aus ſchwarz⸗ gefärbtem Holze geſchnitzten Raben vorſtellte, in die Halle und von da durch das entheiligte Tablinum in den mächtigen, durch den bedeckten Periſtyl gebildeten Hof trat, wo ſie eine Weile nachdenllich ſtille hielt und ihrer Enkelin rief. Das Mädchen ſtand bald an ihrer Seite. —— „Komm mit.— Es gibt ein Geſicht, das Du nur zweimal in Deinem Leben ſehen ſollſt— heute——“ Hilda ſchwieg und man ſah, wie die rauhe, faſt koloſſale Schön⸗ heit ihres Geſichtes ſich ſänftigte. „Und wann abermals, meine Großmutter?“ „Kind, lege Deine warme Hand in die meine. So! das Geſicht verdunkelt ſich vor den Blicken: wann abermals— fragſt Du, Editha? Ach, ich weiß es nicht.“ So ſprechend ging Hilda langſam an dem Römerbrunnen und dem Heidentempel vorüber und ſtieg den kleinen Hügel hinan; dort auf der entgegengeſetzten Seite des Gipfels, den druidiſchen Cromlech und den teutoniſchen Altar hinter ſich, ſetzte ſie ſich bedächtlich auf den Raſen nieder. Einige Maasliebchen, Primeln und Schlüſſelblumen wuchſen in der Nähe; dieſe begann Editha zu pflücken, indem ſie beim Kranz⸗ winden ein einfaches Lied ſang, das eben ſowohl durch ſeinen Dialekt wie durch das in ihm waltende Gefühl ſeinen Urſprung in den Balla⸗ den der Norſa“ verrieth, deren Charakter ſich durch ſorgloſere Faſ⸗ ſung von der künſtlicheren Poeſie der Sachſen weſentlich unterſchied. Das Lied läßt ſich ziemlich unvollkommen alſo wiedergeben: „Luſtig dort die Droſſel ſingt In dem luſt'gen Mai; Droſſel ſingt zu meinem Ohr: Herz iſt nicht dabei. Luſtig mit dem Blüthenzweig Lächelt froh der Baum; „ Unſere Literaturhiſtoriker haben dem großen Einfluſſe nicht Rechnung getragen, welchen die Poeſie der Dänen auf unſere frühere Muſe äußerte. Ich zweifle keinen Augenblick, daß ſich die Minſtrellieder unſeres Nordens und des ſchottiſchen Tieflands auf dieſe Quelle zurückführen laſſen, während ſo⸗ gar in den mittleren Grafſchaften Canuls Beiſpiel und Bemühungen nicht ohne beſonderen Werth auf den Geſchmack und Geiſt unſerer Barden bleiben konnte. Jener große Fürſt ermunterte aufs Freigebigſte die ſkandinaviſche Poeſie und Olaus nennt acht däniſche Dichter, die an ſeinem Hofe lebten. 27 Mein Auge nach den Blüthen ſchaut: Herz ſchifft in Meeresraum. Mein Mai iſt nicht der Blüthenzweig— . Nicht Vogelſang im Gras: Mein Mai der war im Winterfroſt, Wenn Einer neben ſaß.“ Als ſie an die letzte Strophe kam, ſchien ihre ſanfte Stimme einen Chor von lauter Hörnern, Trompeten und gewiſſen anderen, der da⸗ n und maligen Muſik eigenthümlichen Blasinſtrumenten zu erwecken. Der dort Hügel begrenzte die Hochſtraße nach London, welche ſich damals zwi⸗ unlech ſchen weiten Forſtſtrecken durchwand, und unter den Bäumen zur Lin⸗ f den ken hervortretend, kam eine ſtattliche Geſellſchaft zum Vorſchein. Voraus zogen zwei Bannerträger, ijeder mit einer Fahne. Auf en in der einen war das Kreuz und die fünf Hämmer— das Wahrzeichen ranz⸗ Edwards, ſpäter mit dem Namen der Bekenner— abgemalt; auf der ialekt andern ſah man ein einfaches breites Kreuz mit einem tiefen Rande alla⸗ ringsum, der Winkel in ſcharfe Spitzen ausgezackt. Faſ⸗ Das erſte Banner war Edithen bekannt, welche ihre Guirlande hied. fallen ließ, um den nahenden Prachtzug zu beſchauen; das letzte da⸗ gegen ſchien ihr noch fremd. Sie war gewöhnt, das Banner des großen Earls Godwin neben dem des Sachſenkönigs zu ſehen, und darum ſagte ſie faſt unwillig: „Wer wagt es, theure Ahne, ein Banner als Wimpel aufzu⸗ pflanzen, wo das des Earls Godwin flattern ſollte?“ „Schweig,“ gebot Hilda;„ſchweig und ſchaue!“ Unmittelbar hinter den Standartenträgern kamen zwei Geſtalten, zern in Miene, Jahren und Alter wunderbar unähnlich, jede einen Falken und auf der linken Fauſt führend. Der eine der beiden Männer ritt einen d ſo⸗ milchweißen Zelter, deſſen Schabrake mit Gold und ungeſchliffenen nicht Juwelen beſetzt war. Obwohl nicht eigentlich alt— denn er war kaum iſche über die Sechzig— war ihm doch das Alter in Miene und Haltung 1. eingegraben. Seine Geſichtsfarbe war zwar ausnehmend klar und 28 ſeine Wangen von geſunder Röthe gefärbt, aber ſein Geſicht zeigte lange tiefe Furchen und unter ſeinem Barett, das in der Form den ſchottiſchen nicht unähnlich war, wallte das lange ſchneeweiße Haar mit einem großen Zwickelbarte ſich vermiſchend. Weiß ſchien ſeine Lieblingsfarbe, denn weiß war die obere Tunika, die mit einer breiten Spange oder Broſche auf die Schulter geheftet war, weiß die wollenen Beinkleider, die ſeine abgemagerten Glieder bedeckten, und weiß der Mantel, jedoch mit einer breiten Bordüre von Gold und Purpur be⸗ ſetzt. Der Schnitt ſeiner Kleidung war wie er einem Edlen geziemte, nur daß er für die gebrechliche, ungraziöſe Geſtalt des Reiters gar ubel taugte. Gleichwohl erhob ſich Editha, ſobald ſie ſeiner anſichtig wurde, mit einem Ausdruck tiefer Ehrfurcht, und ging mit den Worten:„es iſt unſer Herr, der König!“ einige Schritte den Hügel hinab, wo ſie, die Arme über die Bruſt gekreuzt, und in ihrer jugendlichen Unſchuld ganz vergeſſend, daß ſie das Haus ohne Mantel und Schleierhaube, wie man ſie für die Tracht der Jungfrau wie der Matrone außer dem Hauſe als unerläßlich betrachtete, zu Haus gelaſſen hatte— am Fuß deſſelben ſtehen blieb. „Edler Sir und Bruder mein,“ ſagte die tiefere Stimme des jüngeren Reiters in der romaniſchen oder normänniſchen Sprache. „Ich habe gehört, daß das kleine Völkchen, von dem meine Nach⸗ barn, die Bretonen, uns ſo Vieles erzählen, in dieſem Eurem ſchönen Lande ſehr zahlreich ſeyn ſolle, und ritte ich nicht an der Seite eines Mannes, dem kein ungetauftes und nicht abſolvirtes Geſchöpf ſich na⸗ hen darf— bei der ſüßen St. Valery, ich würde ſagen: dort drüben ſteht eines jener ſelben gentiles fées.“ König Edwards Auge folgte der Richtung, welche ſein Begleiter mit der Hand andeutete, und ſeine ruhige Stirn zog ſich leiſe zuſam⸗ men, als er Editha's jugendliche Geſtalt regungslos nur wenige Schritte vor ſich ſah, während die warmen Malluͤfte mit ihren langen goldenen Locken kosten. Er hielt ſeinen Zelter an und murmelte einige lateiniſche zeigte rm den ſe Haar n ſeine breiten ollenen heiß der pur be⸗ ziemte, ers gar wurde, n.:„es wo ſie, nſchuld haube, er dem m Fuß me des prache. Nach⸗ chönen eines ich na⸗ drüben gleiter uſam⸗ chritte ldenen iniſche 29 Worte, in denen der Ritter neben ihm ein Gebet erkannte, welchem er ſein Amen mit entblöstem Haupte und in ſo ſalbungsvollem Tone bei⸗ fügte, daß ihn der königliche Heilige mit ſchwachem Beifallslächeln und einem zärtlichen„Bene, bene, Piosissime!“ belohnte. Sofort ſeinen Zelter gegen den Hügel lenkend, winkte er dem Mädchen, ihm näher zu kommen. Cditha gehorchte mit hochrothen Wangen und trat bis an die Straße. Die Bannerträger hielten wie der König und ſeine Begleiter— die Prozeſſion hinten blieb ſtehen— dreißig Ritter, zwei Biſchöfe, acht Aebte, alle auf feurigen Roſſen und in normänniſcher Tracht— Knappen und Fußknechte— ein langes pomphaftes Gefolge— alle hielten an; nur einige weggelaufene Hunde ſonderten ſich von der übrigen Meute und wanderten mit hängendem Kopfe in die benachbarten Forſte. „Editha, mein Kind,“ begann Edward noch immer normänniſch⸗ franzöſiſch, denn er ſprach ſeinen Landesdialekt nicht ſehr geläufig und das Romaniſche, das unter den höheren Klaſſen in England ſchon lange einheimiſch geweſen, war ſeit ſeiner Thronbeſteigung die aus⸗ ſchließliche Hofſprache geworden, und als ſolche wurde angenommen, daß jeder Earl⸗Sippe ſie gleichfalls ſpreche—„Editha, mein Kind, Du haſt hoffentlich meine Lehren nicht vergeſſen, Du ſingſt die Hym⸗ nen, die ich Dir gab und verſäumſt doch nicht, die Reliquie um den Nacken zu tragen?“ Das Mädchen ſenkte das Haupt und ſchwieg. „Wie kommt es denn,“ fuhr der König fort, wäͤhrend er ſeiner Stimme vergeblich einen ſtrengen Accent zu geben verſuchte,„wie kommt es, o Kleine, daß Du, deren Gedanken ſich bereits über dieſe Fleiſcheswelt emporgeſchwungen haben und eifrig auf den Dienſt un⸗ ſerer keuſchen und gebenedeiten Maria gerichtet ſeyn ſollten, ſo ſchleier⸗ los und allein— ein Ziel für die Augen der Männer— am Wege ſtehſt? Geh' zu, das iſt nichts.“ Dieſer Vorwurf, vor ſo großer glänzender Geſellſchaft ausge⸗ ſprochen, färbte des Mädchens Wangen mit wechſelnder Röthe, ihre 30 Bruſt hob ſich, aber mit einer Anſtrengung weit über ihre Jahre, hielt ſie ihre Thränen zurück und ſagte in mildem Tone: „Meine Großmutter Hilda befahl mir mit ihr zu kommen und ich kam.“ „Hilda!“ rief der König, ſeinen Zelter mit anſcheinender Be⸗ ſtürzung zurückhufend;„Hilda iſt aber nicht bei Dir— ich ſehe ſie nicht.“ Indem er noch ſprach, erhob ſich Hilda, und ihre hohe Geſtalt erſchien ſo plötzlich auf dem Gipfel des Hügels, daß man hätte glau⸗ ben können, ſie wäre aus dem Boden emporgeſtiegen; mit leichtem raſchem Schritte neben ihre Enkelin tretend, gab ſie nach einer flüchti⸗ gen hochmüthigen Verbeugung zur Antwort: „Hilda iſt hier; was verlangt Edward, der König, von ſeiner Dienerin Hilda?“ „Nichts, nichts,“ verſetzte der König haſtig, und ein Anflug von Furcht kam über ſein ſtilles Antlitz, worauf er mit dem widerſtrebenden Ton eines Menſchen, der ſeinem Gewiſſen gegen die eigene Neigung gehorcht, alſo fortfuhr:„außer daß ich Dich bitten möchte, dieſes Kind hinter Hausſchwelle und Altar zu halten, wie es der Maid ge⸗ ziemt, welche unſere heilige Jungfrau ihrer Zeit für ihren Dienſt er⸗ kieſen wird.“ „Nicht ſo, Sohn Etheldreds, Sohns von Wodan; Penda's letz⸗ ter Abkömmling muß leben, nicht um als Geiſt zwiſchen Kloſter⸗ mauern zu ſchweben, ſondern um Söhne für den Krieg in ihres Va⸗ ters Schilde zu wiegen. Es gibt ja ſo wenige Männer wie ehedem, und ſo lange der Fuß des Fremden auf ſächſiſchem Boden verweilt, ſollte kein Zweig an Wodans Stamme im Blatte geknickt werden.“ „Per la resplendar Dé,“ kühne Dame,“ ſchrie der Ritter neben Edward, während ſich düſtere Gluth über ſeine bronzene Wange er⸗ goß,„Du zeigſt wahrlich für einen Unterthan eine zu geläuſige Zunge, *. Beim Glanze Gottes. re, hielt und ich der Be⸗ ſehe ſie Geſtalt te glau⸗ leichtem flüchti⸗ n ſeiner lug von ebenden deigung „dieſes kaid ge⸗ jenſt er⸗ a's letz⸗ Kloſter⸗ tes Va⸗ ehedem, erweilt, en.“ r neben nge er⸗ Zunge, 31 und für die Lippen einer chriſtlichen Matrone ſchwatzeſt Du viel zu viel von Eurem heidniſchen Wodan.“ Hilda begegnete den blitzenden Augen des Ritters mit einer Stirne, worauf hohe Verachtung nicht ohne leiſen Schreck ſich ab⸗ malte. „Kind,“ ſagte ſie, ihre Hand auf Edithens ſchöne Locken legend, „Das iſt der Mann, den Du nur zweimal in Deinem Leben ſehen ſollſt— blick auf, daß Du ihn Deinem Gedächtniß wohl einprägeſt!“ Editha hob unwillkürlich die Augen, welche, einmal auf den Ritter geheftet, wie durch einen Zauber an ihn gefeſſelt ſchienen. Sein Gewand, von ſo dunklem Karmoiſin, daß es neben der ſchneeweißen Tracht des Bekenners faſt ſchwarz ausſah, war mit einem breiten gold⸗ geſticktem Saume beſetzt; ſein feſter voller Hals, ſtark und kräftig wie eine Granitſäule, war ganz unbedeckt, und eine kurze Pelzjacke oder Halbmantel, der ihm über die Schultern hing, enthüllte in ihrer gan⸗ zen Breite ſeine Bruſt, welche dazu gebaut ſchien, das Vorrücken einer ganzen Armee aufzuhalten, während ſich an ſeinem linken Arme, der zur Stütze für den Falken leicht gebogen war, die ſtarken Muskeln durch den engen Aermel rund und ſehnig hervorhoben. An Größe ragte eer nur wenig über die jetzige Männerhöhe empor;“ aber ſeine Hal⸗ tung, ſeine Miene, der Adel ſeiner großartigen Verhältniſſe ſtachen dermaßen ins Auge, daß er ſich unermeßlich über die andern zu erhe⸗ ben ſchien. Sein Geſicht war übrigens noch merkwürdiger als ſeine Geſtalt; noch in der Blüthe der Jugend, ſchien er beim erſten Blicke jünger, beim zweiten älter als er wirklich war. Beim erſten Blicke jünger, denn ſein Geſicht war ganz glatt geſchoren, ſogar ohne den Schnurr⸗ bart übrig zu laſſen, wie ihn der ſächſiſche Höfling, als Nachahmung der Normannen, noch immer abzulegen ſich weigerte, ſo daß das glatte Geſicht und der bloße Hals an ſich ſchon genügten, ſeinem gebietenden „ S. Note A. am Ende des Werkes. eindringlichen Weſen einen jugendlichen Anſtrich zu verleihen. Sein kleines Barett ließ die mit kurzem, dickem, ungekräuſeltem, aber rabenſchwarzem, glänzendem Haar bedeckte Stirne gänzlich unbedeckt, eine Stirne, auf welcher die Zeit ihre Spuren eingegraben hatte, denn ſie war in einer Falte über den Augbraunen gerunzelt, und tiefe Fur⸗ chen kreuzten ihre breite, aber nicht hervortretende Oberfläche. Jene Stirnrunzel verkündete ein jähzorniges Temperament und die Ge⸗ wohnheit ſtrengen Kommando's; jene Furchen erzählten von tiefem Nachdenken und einem intriguirenden Geiſte, die eine blos Tempera⸗ ment und zufällige Umſtände, die andere, edlere, den Charakter und die Geiſteskraft verkündend. Das Geſicht war vierkantig und der Blick löwenähnlich; der Mund, klein und ſogar ſchön im Umriß, bekam durch ſeine ausnehmende Feſtigkeit einen düſtern Ausdruck, und das Kinn— breit, maſſig und wie in Eiſen gebunden— gab Zeugniß von einem hartnäckigen, erbarmungsloſen, entſchloſſenen Willen; es war ein Kinn, wie es unter Thieren dem Tiger, unter Menſchen aber dem Er⸗ oberer zukommt— ein Kinn, wie es an den Bildern eines Cäſar, Cortes oder Napoleon hervortritt. Seine ganze Erſcheinung war wohl darauf berechnet, die Be⸗ wunderung der Frauen nicht minder, wie die Scheu der Männer zu erregen. Aber keine Bewunderung miſchte ſich in den Schrecken, der das Maͤdchen ergriff, während ſie den Ritter lange und gedankenvoll anſtarrte: der Zauber der Schlange über den Vogel erhielt ſie ſtumm und in eiſiger Erſtarrung. Nie vermochte ſie dieſes Geſicht zu ver⸗ geſſen; oft ſollte es noch in ihrem ſpäteren Leben, am hellen Tage wie in ihren Träumen, vor ihren Gedanken ſpuken. „Schönes Kind,“ begann der Ritter, von ihrem hartnäckigen Anſtarren endlich ermüdet, während jenes Lächeln, wie es Solchen, die an das Befehlen gewöhnt ſind, eigen iſt, ſeine Stirne ſänftigte und ſeine Lippen die angeborene Schönheit wiedergab,„ſchönes Kind, laß Dir von Deiner grämlichen Ahnfrau nicht ſo unhöfliche Lehren, wie den Haß gegen die Ausländer, aufheften. Wie Du zur Jungfrau Sein , aber bedeckt, te, denn fe Fur⸗ Jene die Ge⸗ tiefem mpera⸗ und die r Blick m durch Ldinn— neinem var ein em Er⸗ Cäſar, die Be⸗ aner zu n, der kenvoll ſtumm zu ver⸗ ge wie äckigen olchen, nftigte Kind, tehren, ngfrau 33 heranreifſt, ſo erfahre auch, daß der normänniſche Ritter ein geſchwo⸗ rener Sklave der Schönheit iſt. Oeffne die Hand, mein Kind,“ indem er von ſeinem Barett einen ungeſchnittenen, in byzantiniſche Filigran⸗ arbeit gefaßten Juwel abnahm,„und wenn Du den Fremdling ſchmä⸗ hen hörſt, ſo ſtecke dieſe Kleinigkeit in die Locken und denke freundlich an William, Graf der Normannen.“ Indem er ſo ſprach, ließ er den Juwel zu Boden fallen, denn Editha, welche vor ihm zurückbebte, ſtreckte keine Hand darnach aus, und Hilda, mit welcher Edward leiſe geſprochen hatte, kam alsbald zur Stelle und ſtieß den Edelſtein mit ihrem Stab unter die Hufe des königlichen Zelters. „Sohn der Normannin Emma, welche Deine Jugend ins Exil ſandte— tritt nur die Gaben Deines normänniſchen Verwandten mit Füßen, und wenn Du, wie man ſagt, mit ſolcher Heiligkeit begabt biſt, daß der Himmel Deiner Hand die Macht zu heilen, und Deiner Stimme die Gewalt zu fluchen verleiht, ſo heile Dein Land und fluche dem Fremdling!“ Bei dieſen Worten hob ſie den rechten Arm gegen William, und ſo groß war die Würde und Gewalt ihrer Leidenſchaft, aß Alle ein förmliches Grauen überfiel. Den Schleier übers Geſicht ziehend, wandte ſie ſich ſofort langſam zur Seite und erreichte den Gipfel des Hügels, wo ſie aufrecht neben dem Altar der nordiſchen Gottheit ſtand, ihre Geſtalt regungslos wie eine Bildſäule, ihr Angeſicht unſichtbar wegen des Schleiers, mit dem ſie es foͤrmlich verhüllt hatte. „Reitet weiter,“ ſprach Edward ſich bekreuzigend. * Es iſt bemerkenswerth, daß die normänniſchen Herzoge ſich nicht Gra⸗ fen oder Herzoge der Normandie, wohl aber der Normannen nannten, wor⸗ nach auch die erſten anglonormänniſchen Könige bis auf Richard I. ſich Kö⸗ nige der Engländer, und nicht von England titulirten. In ſächſiſchen wie in normänniſchen Chroniken führt William gewöhnlich den Titel Graf(comes); doch wollen wir ihm in unſerer Geſchichte den bekannteren Namen Herzog geben. Bulwer, Harold. 3 34 „Bei den Gebeinen der heiligen Valery,“ rief William nach einer Pauſe, worin ſein ſcharfes ſchwarzes Auge den düſtern Ausdruck auf dem ſanften Angeſicht des Königs beobachtet hatte,„es nimmt mich nur gewaltig Wunder, wie ſelbſt ſo heilige Gegenwart dieſe bar⸗ ſchen, nichtswürdigen Worte ohne Zorn anzuhören vermag. Beim Himmel, auch wenn die ſtolzeſte dame der Normandie(und dafür halte ich das Weib des ſtattlichſten meiner Barone, William Fitzos⸗ borne’s) alſo zu mir geſprochen hätte—“ „So würdeſt Du gethan haben wie ich, mein Bruder,“ fiel Ed⸗ ward ein;„Du hätteſt unſern Herrn gebeten, ihr zu verzeihen und wäreſt mitleidig weiter geritten.“ Williams Lippen bebten vor Zorn, aber er drängte die Antwort, die ihm auf der Zunge ſchwebte, zurück, indem er ſeinen fürſtlichen Genoſſen voll Zuneigung— und dieſe iſt ja von Natur mehr zur Be⸗ wunderung als zur Verachtung geneigt,— betrachtete. So ſtolz und grauſam auch des Herzogs Thaten waren— ſein Glaube war dennoch aufrichtig, und während dies den Prinzen hauptſächlich zu dem frommen Edward hinzog, beugte ſich derſelbe auf der andern Seite mit jener Art unwillkürlicher, abergläubiſcher Huldigung vor dem Manne, der die Handlungen dem religiöſen Glauben anzupaſſen ſuchte. Man wird bei heftigen ſtürmiſchen Geiſtern immer die Er⸗ fahrung machen, daß ein ſanftes Gemüth, das ſtark gegen ſie kontraſtirt, ſich auffallend in ihre Neigungen einſchmeichelt. Nur dieſes Princip der menſchlichen Natur vermag die enthuſiaſtiſche Er⸗ gebung zu erklären, wie ſie die milden Leiden des Erlöſers bei den wildeſten Verwüſtern des Nordens erweckten; ja mit der Wildheit des Kriegers ſtand oft gerade ſeine Liebe zu jenem göttlichen Ebenbilde im Verhältniß, über deſſen Leiden er weinte, zu deſſen Grabe er barfuß wanderte, deſſen Beiſpiel in mitleidsvoller Verſöhnlichkeit zu folgen er aber gleichwohl an ſich ſelbſt als die größte Niederträchtigkeit be⸗ trachtet hätte. „Nun ſchwöre ich Dir, bei der Gebenedeiten, ich ehre und liebe heiner ick auf tt mich e bar⸗ Beim dafür Fitzos⸗ eel Ed⸗ en und atwort, ſtlichen ur Be⸗ ölz und ennoch u dem Seite ſr dem paſſen die Er⸗ gen ſie Nur he Er⸗ dei den eit des ilde im barfuß folgen keit be⸗ d liebe 3⁵ Dich, Edward,“ rief der Herzog mit offenerer Herzlichkeit, als man ſonſt an ihn gewöhnt war,„und wäre ich Dein Unterthan, dann wehe jedermänniglich, der ſeine Zunge rührte, um Dich mit einem Athem⸗ zuge zu verwunden. Doch wer und was iſt dieſe nämliche Hilda? Gehöͤrt ſie zu Deinem eigenen Geſchlecht?— gewiß, nur konigliches Blut kann ſo kühn in den Adern rollen!“ „William, bien aimé!“ ſagte der König,„es iſt wahr, dieſe Hilda, der die Heiligen verzeihen mögen, iſt von königlichem Geblüte, doch nicht von unſerer eigenen Herrſcherlinie. Man fürchtet,“ fuhr Edward mit ſchüchternem Flüſtern und haſtigem Seitenblicke fort, „dieſes unglückliche Weib ſey von jeher den Gebräuchen ihrer heidni⸗ ſchen Vorfahren weit mehr als denen der heiligen Kirche zugethan geweſen, und es gibt Leute, welche behaupten, daß ſie auf dieſe Weiſe von einem Zauberer oder gar von dem Böſen ſelbſt Geheimniſſe er⸗ langt habe, denen der Rechtſchaffene in ſeiner Frömmigkeit ausweichen muß. Nichts deſto weniger laßt uns lieber hoffen, daß ihr Gemüth von den erlittenen Unglücksfällen etwas verwirrt iſt.“ Der König ſeufzte und der Herzog nicht minder, aber der Seuf⸗ zer des Letzteren verkündete blos deſſen Ungeduld. Er warf einen wilden ſengenden Blick auf die ſtolze Geſtalt der Prophetin zurück, die man noch immer durch die Waldöffnungen gewahrte, und ſagte in düſterm Tone: „Von königlichem Geblüt; doch hat dieſe Wodanshexe hoffentlich keine Söhne oder Verwandte, welche auf den Thron der Sachſen Anſpruch machen?“ „Sie iſt eine Sippe von Godwins Weibe Githa, und das eben iſt ihre gefährlichſte Verwandtſchaft,“ gab der König zur Antwort; „denn der verbannte Carl machte, wie Du weißt, keinen Anſpruch auf den Thron, ſondern begnügte ſich mit nichts Geringerem als mit der Regierung unſers ganzen Volkes.“ Der König fuhr dann fort, eine Skizze von Hilda's Geſchichte zu entwerfen; allein ſeine Erzählung war eben ſowohl durch ſeine 3* 36 abergläubiſchen Vorurtheile, wie durch ſeine unvollkommene Kennt⸗ niß aller Hauptereigniſſe und Charaktere in ſeinem eigenen König⸗ reiche dermaßen entſtellt, daß wir es wagen müſſen, ſeine Aufgabe auf uns zu nehmen, und während der königliche Zug durch Wälder und Matten weiter zieht, aus unſern beſondern Geſchichtsquellen in aller Kürze die Chronik von Hilda, der ſkandinaviſchen Vala, zu er⸗ zählen. Zweites Kapitel. Ein prächtiger Menſchenſtamm waren doch jene Kriegsſöhne aus dem alten Norden, welche unſere Volksgeſchichten, die in ihren Be⸗ richten über dieſes Zeitalter ſo oberflächlich verfahren, unter dem ge⸗ meinſamen Namen der Dänen begreifen. Sie haben allerdings die Nationen, über welche ſie hinfegten, in abermalige Barbarei zurück⸗ verſenkt; aber aus dieſer Barbarei haben ſich durch ſie die edelſten Elemente der Civiliſation erhoben. Schweden, Norweger und Dä⸗ nen zeigten, von Weitem geſehen, trotz aller Verſchiedenheit in unwe⸗ ſentlicheren Punkten, bei näherer Prüfung doch einen gemeinſamen Charakter; ſie beſaßen dieſelbe wunderbare Thatkraft, dieſelbe Lei⸗ denſchaft für perſönliche und bürgerliche Freiheit, dieſelben glänzen⸗ den Irrthümer im Durſte nach Ruhm und im Punkte der Ehre, und vor Allem als Haupturſache der Civiliſation dieſelbe bewunderns⸗ werthe Biegſamkeit und Geſchmeidigkeit in der Vermiſchung mit den überwundenen Völkerſchaften. Gerade dieſer Zug bildet ihren eigent⸗ lichen Unterſchied von den halsſtarrigen Celten, welche jede Vermi⸗ ſchung zurückweiſen, jede Verbeſſerung verachten. „Frankes li Archeveske li Dus Rou bauptiza.“- (Frankes, der Erzbiſchof, taufte Rolfganger.) Und kaum ein Jahrhundert ſpäter waren die Abkömmlinge dieſer * Roman de Rou, I. Th. Vers 1944. urück⸗ elſten d Dä⸗ unwe⸗ ſamen e Lei⸗ inzen⸗ „ und derns⸗ it den igent⸗ hermi⸗ dieſer 37 furchtbaren Heiden, welche weder Prieſter noch Altar verſchont hatten, die gefürchtetſten Vertheidiger der chriſtlichen Kirche; ihre alte Sprache war bis auf wenige Ueberbleibſel in dem Städtchen Bayeur vergeſſen, ihre alterthümlichen Namen*), mit Ausnahme weniger der Edelſten, in franzöſiſche Titel umgeſchaffen, und unter den Künſten und Sitten der Franko⸗Normannen war ihnen faſt nichts als die unbezähmbare Tapferkeit der Skandinavier als unzerſtörbares Vermächtniß übrig geblieben. Ebenſo waren ihre verwandten Stämme, die ſich um zu rauben und zu zerſtören über Angelſachſen ergoſſen hatten, ſobald ſie von Al⸗ fred dem Großen eine dauernde Heimath erlangt hatten, vielleicht der mächtigſte und nach kurzer Zeit nicht der wenigſt patriotiſche Theil der angelſächſiſchen Bevölkerung geworden.** Zur Zeit des Anfangs * Der Grund, warum die Normannen ihre alten Namen verloren, liegt in ihrer Bekehrung zum Chriſtenthum. Sie wurden getauft, und die Fran⸗ ken als Pathen gaben ihnen neue Titel. So verlangte Karl der Einfältige, daß Rolfganger ſeinen Glauben ändern und ſein Name Rolf oder Rau wurde in Robert umgetauft. Einige wenige, welche ihre ſkandinaviſchen Namen zur Zeit der Eroberung beibehielten, werden ſpäter aufgeführt werden. ** So leiſteten im Jahr 991, faſt ein Jahrhundert nach der erſten Niederlaſ⸗ ſung der Dänen von Oſtangeln, die Heere der Wickinger unter Juſtin und Gurthmund den einzigen wirkſamen Widerſtand; auch Brithnoth, der helden⸗ müthige Vertheidiger ſeines vaterländiſchen Bodens, der von dem ſächſiſchen Dichter als Sachſe par excellence gefeiert wird, war höchſt wahrſcheinlich von däniſcher Abkunft. Laing bemerkt in der Vorrede zu ſeiner Ueberſetzung der Heimskringla ganz richtig:„die Aufſtände wider Wilhelm den Eroberer und ſeinen Nachfolger ſcheinen faſt immer in den Grafſchaften von neu dä⸗ niſcher Abkunft, nicht aber in den vom alten angelſächſiſchen Stamme bevöl⸗ kerten entſtanden und vorzugsweiſe unterſtützt worden zu ſeyn.“ Der Theil von Mercia, der aus den Burggebieten Lancaſter, Lincoln, Nottingham, Stamford und Derby beſtand, wurde im Jahr 877 ein däniſcher Staat; Oſtangeln, aus Cambridge, Suffolk, Norfolk und der Inſel Ely be⸗ ſtehend, in den Jahren 879—80, und das weite Gebiet von Northumbrien, das ſich nördlich vom Humber erſtreckte, ging im Jahr 876 in den Theil von Schott⸗ land, ſüdlich vom Frith, über.— S. Palgrave's Commonwealth. Neben dieſen ihnen angewieſenen Niederlaſſungen waren die Dänen als Landeigen⸗ thümer über ganz England zerſtreut. unſerer Erzählung hatten ſich dieſe Nordmänner unter dem gemein⸗ ſamen Namen der Dänen in nicht weniger als fünfzehn engliſchen Grafſchaften friedlich niedergelaſſen und auch noch jenſeits der Grenzen dieſer Grafſchaften, welche den unterſcheidenden Namen Danelagh führten, waren ihre Edlen in Dörfern und Städten vielfach vertreten. Beſonders zahlreich waren ſie in London, in deſſen Umkreiſe ſie ihren eigenen Begräbnißplatz hatten, während die Hauptmunieipalbehörde dieſer Stadt von ihnen den Namen der Huſtings*s erhielt. Ihr Ein⸗ fluß in der Nationalverſammlung des Witan hatte die Wahl der Kö⸗ nige entſchieden, und ſo hatten ſich dieſe einſt ſo unruhigen Eroberer mit geringen Ausnahmen in Dialekt und Geſetzen mit dem eingebor⸗ nen Stamme er auf freundſchaftlichem Wege amalgamirt. Noch bis auf den heutigen Tag beſteht der Landadel, die Kaufleute und Pächter in mehr als einem Drittel von England, und gerade in den Graf⸗ ſchaften, welche, wie allgemein anerkannt wird, an der Spitze des Fortſchritts ſtehen, aus den Abkömmlingen dieſer alten Wikinger, die ſich früher mit ſächſiſchen Müttern vermählten. Ueberhaupt exiſtirte zwiſchen den normänniſchen Rittern aus den Zeiten Heinrichs I. und dem ſächſiſchen Than aus Norfolk und York nur ſehr wenig Unter⸗ ſchied der Rage; beide waren von mütterlicher Seite faſt ausſchließlich Sachſen, während ſie von der väterlichen in der Regel dem ſkandi⸗ naviſchen Stamme angehörten. So allgemein auch dieſer Charakter der Schmiegſamkeit ver⸗ * Chronik von Bromton: Eſſer, Middleſſer, Suffolk, Norfolk, Herts, Cambridgeſhire, Hants, Lincoln, Notts, Derby, Northampton, Leiceſter⸗ ſhire, Bucks, Beds und das weite Northumbrien. ur Palgrave'’s Geſchichte von England, S. 315. **r Die von Edward dem Bekenner geſammelten und ſpäter ſo oft ange⸗ rufenen Geſetze enthalten manche von Dänen eingeführte Verordnungen, welche bei dem ſächſiſchen Volke populär geworden waren. Vieles, was wir dem normänniſchen Eroberer zuſchreiben, beſtand ſchon ehedem im Anglo⸗Däniſchen, und wird noch heutiges Tages in der Normandie, wie in manchen Theilen Skandinaviens getroffen.— S. Hakewill's Abhandlung über das Alter unſerer Landesgeſetze in Hearne's merkwürdigen Abhandlungen. xiſtirte I. und Unter⸗ ießlich kandi⸗ t ver⸗ Herts, iceſter⸗ ange⸗ welche ir dem iiſchen, cheilen Alter 39 breitet war, ſo ergaben ſich doch mit Nothwendigkeit einzelne Aus⸗ nahmen, und ihre Hartnäckigkeit ſtand in demſelben Verhältniß, je nachdem ſie dem alten heidniſchen Glauben anhingen, oder zu aufrich⸗ tigen Chriſten bekehrt waren. Die norwegiſchen Chroniken und ein⸗ zelne Stellen unſerer eigenen Geſchichte beweiſen, wie falſch und hohl die angenommene Chriſtlichkeit bei vielen dieſer wilden Odins⸗ verehrer war. Sie ließen ſich zwar bereitwillig die äußern Zeichen der Taufe gefallen, aber das heilige Waſſer vermochte nur wenig an dem innern Menſchen zu ändern. Selbſt Harold, Canuts Sohn, kaum ſiebzehn Jahre vor dem Datum unſerer Erzählung, lebte und re⸗ gierte als einer„der den Chriſtenglauben abgeſchworen“, weil er nicht im Stande war, von dem Erzbiſchof zu Canterbury, der ſich der Sache ſeines Bruders Hardicanut angenommen hatte, die königliche Einſegnung zu erhalten.“ Die Prieſter waren beſonders auf dem ſkandinaviſchen Continent gar oft genöthigt, bei ihren grimmigen Convertiten zu gewiſſen Ge⸗ wohnheiten, wie z. B. ſchrankenloſer Vielweiberei, ein Auge zuzu⸗ drücken. Zu Ehren Odins Pferdefleiſch zu eſſen und Weiber ad libi- tum zu heirathen— das waren die Hauptbedingungen der Neube⸗ kehrten, und die verlegenen Mönche, gar oft mit Gewalt zur Wahl getrieben, gaben in dem Punkte der Weiber nach, um deſto beſtimmter auf der wichtigeren Bedingung des Pferdefleiſches zu beſtehen. Mit ihrer neuen Religion, welche, auch wenn ſie ſie ächt empfin⸗ gen, nur ſehr unvollkommen von ihnen verſtanden wurde, behielten ſie das ganze Heer heidniſchen Aberglaubens, das ſich immer mit den hartnäckigſten Inſtinkten in der Menſchenbruſt zu verkitten pflegt. Noch kurz vor der Regierung des Bekenners waren die Geſetze des großen Canuts gegen Herxenkunſt und Zauberei, gegen Anbetung von Steinen, Quellen, Eſchen⸗ und Ulmenrunen und die Huldigungs⸗ geſänge für die Todten offenbar mehr auf die friſchen däniſchen Bekehrten, als auf die Angelſachſen, die ſchon ſeit Jahrhunderten * Palgrave's Geſchichte von England, S. 322. 40 unterjocht, mit Leib und Seele an die Herrſchaft der chriſtlichen Mönche gefeſſelt waren. Hilda, eine Tochter aus dem däniſchen Königshauſe und Baſe Githa's, die Nichte Canuts, welche dieſer König an Godwin in zweite Ehe gegeben hatte, war ein Jahr nach Canuts Thronbeſteigung mit einem trotzigen Jarl, ihrem Gemahl, nach England herübergekommen — beide dem Namen nach bekehrt, aber insgeheim noch Anhänger von Thor und Odin. Hilda's Gatte war in einem der Seekriege zwiſchen Canut und dem heiligen Olaf, König von Norwegen, auf dem nördlichen Meeren gefallen. Jener Heilige ſelbſt war, nebenbei bemerkt, ein äußerſt grau⸗ ſamer Verfolger des urſprünglichen Landesglaubens, der ſich aber da⸗ bei nicht nehmen ließ, ſein heidniſches Vorrecht, die häuslichen Nei⸗ gungen über die ſtrenge Grenze, nach der ſie ſich auf ein einziges Weib hätten beſchraͤnken ſollen, auf mehrere auszudehnen— durch die Praxis zu bewähren, wie denn auch ſein natürlicher Sohn Magnus nach ihm auf dem däniſchen Throne ſaß. Der Jarl ſtarb, wie er ſichs nie anders gewünſcht hatte— als der Letzte an Bord ſeines Schiffes, mit der tröſtenden Ueberzeugung, daß die Walkyren ihn nach Walhalla hin⸗ übertragen würden. Hilda überlebte ihn mit einer einzigen Tochter, welche Canut an Ethelwolf, einen ſächſiſchen Earl von großen Gütern, verheirathete, der ſeine Abkunft von Penda, jenem alten Könige von Mercia ableitete, der ſich durchaus nicht bekehren laſſen wollte, aber dabei vorſichtig be⸗ merkte: er habe nichts dawider, wenn ſeine Nachbarn Chriſten würden, wofern ſie jene Friedſamkeit und Verſöhnlichkeit, welche nach der Aus⸗ ſage der Mönche die Elemente des Glaubens bildeten, auch wirklich ausüben wollten. Ethelwolf ſiel in Hardicanuts Ungnade, vielleicht weil er mehr ſächſiſch als däniſch geſinnt war; der wilde König wagte jedoch nicht, ihn offen vor die Witan zu ſtellen, gab aber geheime Befehle, wonach er an ſeinem eigenen Herde und in den Armen ſeines Weibes, welche kurz darauf vor Schreck und Kummer ſtarb, abge⸗ 4 — — ſchlach unglü jener auf de womi Hilda⸗ faſt el Hügel Rauch Gewo — in bevöl ſtreng den geheg mehr die G herai men wittg weiſe welch und in d und nen endl welg und ichen Baſe veite mit nmen nger und teren rau⸗ da⸗ Nei⸗ Veib axis ihm ders der hin⸗ t an hete, tete, be⸗ den, lus⸗ lich icht igte ime nes ge⸗ 41 ſchlachtet wurde. Auf dieſe Weiſe kam Editha, die einzige Waiſe dieſes unglücklichen Paares, unter Hilda's Vormundſchaft. Es war ein nothwendiger und unſchätzbarer Charakterzug eben jener Geſchmeidigkeit, wodurch die Dänen ſich auszeichneten, daß ſie auf das Land, worin ſie ſich niederließen, all' die Liebe übertrugen, womit ſie früher das ihrer Vorfahren umfaßt hatten. So war auch Hilda, ſo weit es ihre Anhänglichkeit an den Boden betraf, im Herzen faſt eben ſo gut zur Engländerin geworden, wie wenn ſie zwiſchen den Hügeln und Matten geboren und aufgewachſen wäre, aus denen der Rauch ihres Herdes durch das alte römiſche Impluvium emporſtieg. Sonſt aber war ſie durchaus Dänin: Dänin in Glauben und Gewohnheiten— Dänin in ihrer tiefen brütenden Einbildungskraft — in der Poeſie, die ihre Seele füllte, die die Luft mit Geſpenſtern bevölkerte und die Blätter der Bäume mit Zauber bedeckte. Bei der ſtrengen Einſamkeit, in der ſie nach dem Tode ihres Herrn lebte, für den ſie die ergebene aber heroiſche Liebe eines ſkandinaviſchen Weibes gehegt, hatte ſich ihre Seele mit jedem Jahre, jedem Tage mehr und mehr den Traumgeſichten einer unbekannten Welt zugewendet, wie ſie die Gefährten des Grames und der Einſamkeit in jedem Glauben heraufzubeſchwören pflegen. Die Zauberei hatte im ſkandinaviſchen Norden verſchiedene For⸗ men und war an verſchiedene Grade gebunden. Da war die alte ver⸗ witterte Hexe, wie man ſie in unſerem ſpäteren Mittelalter vorzugs⸗ weiſe ſchilderte; da war das furchtbare Zauberweib oder die Wolfhexe, welche gleich den Schickſalsſchweſtern im Maebeth menſchlicher Geburt und Attribute gänzlich entkleidet ſcheint— Geſchöpfe, welche Nachts in die Häuſer drangen und die Krieger erfaßten, um ſie zu verſchlingen, und die man mit dem Gerippe des Rieſenwolfs, welcher Blut aus ſei⸗ nen gewaltigen Kinnbacken träufelte, über das Meer gleiten ſah— endlich die friedlichere klaſſiſche, aber doch furchtbare Vala oder Sibylle, welche, von Häuptlingen und Nationen geehrt, die Zukunft vorausſagte und den Helden ihre Thaten anzurathen pflegte. Von letzteren wird 8 42 uns in den Norſa⸗Chroniken gar Vieles erzählt: ſie waren oft von hohem Rang und Neichthum, von zahlreichem Gefolge ihrer Hausmägde und Diener begleitet— Könige führten ſie auf den Ehrenplatz in der Halle, wenn Rath von ihnen verlangt wurde, und ihre Häupter waren heilig wie die der Diener der Götter. Dieſe letztere Stellung in dem gräßlichen Reiche der Wiglaer (Zauberlehrer) geziemte natürlicherweiſe dem hohen Range und der ſtolzen, aber blinden und verkehrten Seele der Tochter jener Krieger⸗ könige. Jede Ausübung ihrer Kunſt, der ſie ſich ſeit langen Jahren gewidmet hatte, im Intereſſe des niedrigen Schickſals pöbelhafter Leute verſchmähte Odins Kind in hoher Verachtung: ihre Träumereien waren auf das Schickſal der Könige und ihrer Reiche gerichtet; ſte wollte ſolche Dynaſtien retten, oder erheben, welche über die noch un⸗ geborenen Geſchlechter regieren ſollten. In ihrer Jugend ſtolz und ehrgeizig— was ein gemeinſamer Fehler nordiſcher Frauen iſt— brachte ſie bei dem Eintritte in die dunklere Welt all' jene Vorurtheile und Leidenſchaften mit ſich, welche ſie ſchon in der früheren ſonnebe⸗ leuchteten Hälfte ihres Lebens gekannt hatte. Alle ihre menſchlichen Neigungen concentrirten ſich in ihrer En⸗ kelin Editha, dem letzten Sprößling zweier königlichen Stämme. Ihre Nachforſchungen über die Zukunft hatten ſie verſichert, daß Leben und Tod des ſchönen Kindes mit den Geſchicken eines Königs verwebt ſeyen, und das nämliche Orakel hatte auf eine geheimnißvolle unauflösliche Verbindung ihres eigenen zertrümmerten Hauſes mit dem blühenden Geſchlechte Earl Godwin's, des Gemahls ihrer Baſe Githa, hinge⸗ deutet, ſo daß ſie mit der großen Familie, ſowohl durch die Bande des Aberglaubens, wie durch Blutsverwandtſchaft aufs Innigſte verknüpft war. Godwin's erſtgeborener Sweyn war anfänglich ihr Liebling und Augapfel geweſen; auch hatte er ſich, der überhaupt in ſeinem Weſen weit poetiſcher war als ſein Bruder, ihrem Einfluſſe bereitwillig unter⸗ * Der Name dieſes Gottes iſt Odin, als Gegenſtand der ſkandinaviſchen Verehrung, oder Wodan, wenn auf die Gottheit der Sachſen bezogen. 43 hohem worfen; allein unter all' ſeinen Brüdern war— wie wir ſpäter ſehen de und werden— Sweyn's Laufbahn die verderblichſte und ungeſegnetſte, und in der während der Reſt ſeines Hauſes die tiefe entrüſtete Theilnahme ganz waren Englands mit ins Eril nahm, gab es nicht einen einzigen Einwohner, der Sweyn'’s Name mit einem„Gott ſegne ihn!“ begleitet hätte. Wiglaer Den zweiten Sohn Harold dagegen hatte Hilda, ſobald er vom und der Knaben zum Jüngling herangewachſen war, mit noch auffallenderer trieger⸗ Vorliebe als früher den älteren Sweyn ausgezeichnet. Sterne und Jahren Runen verſicherten ſie ſeiner künftigen Größe, und die Talente und er Leute Vorzüge des jungen Earls hatten gleich beim Beginn ſeiner Laufbahn mereien die Genauigkeit dieſer Prophezeihung beſtätigt. Ihre Theilnahme für tet; ſie Harold wurde um ſo tiefer, theils weil ſie jedesmal, ſo oft ſie die Zu⸗ och un⸗ kunft über das Loos ihrer Enkelin Editha befragte, daſſelbe unverän⸗ olz und dert an Harolds Schickſal geknüpft fand, theils weil alle ihre Künſte iſt— noch nicht vermocht hatten, weiter als bis zu einem beſtimmten Punkte urtheile in ihrer gemeinſamen Zukunft vorzudringen, ſo daß ihre verwirrte onnebe⸗ Seele zwiſchen Schrecken und Hoffnung getheilt blieb. Bis jetzt hatte ſie über den kräftigen geſunden Sinn des jungen Carls noch keinerlei rer En⸗ Einfluß erlangt, und obwohl er vor ſeiner Verbannung öfter denn jeder e. Ihre andere von Godwin's Söhnen nach dem alten Römerhauſe kam, hatte ben und er immer nur mit ſtolzer Ungläubigkeit zu ihren vagen Prophezeihun⸗ öt ſeyen, gen gelächelt, und alle ihre Anerbieten, ihn mit unſichtbaren Kräften lösliche zu unterſtützen, mit der ruhigen Antwort zurückgewieſen:„Der Tapfere ühenden bedarf keines Zaubers, um ihn zu ſeiner Pflicht zu ermuthigen, und hinge⸗ der Gute verachtet alle Warnungen, die ihn vor deren Erfüllung ab⸗ ide des ſchrecken möchten.“ erknüpft In der That, ſo wenig auch Hilda's Magie böswilliger Natur ing und war, und ſo ſehr ſie die Quelle ihrer Orakel nicht bei böſen Geiſtern, Weſen ſondern in den Göttern ihres Glaubens auſſuchte, ſo war es doch auf⸗ g unter⸗ fallend, daß Alle, welche ihrem Einfluß gehorchten— nicht allein ihr naviſchen Gatte und Schwiegerſohn(dieſe Beide hatten ſich ganz von ihrem en. Rathe leiten laſſen), ſondern auch andere Häuptlinge, welche ihr Rang 44 oder Ehrgeiz auf ihre Lehre anwies— von einem kläglichen frühzei⸗ tigen Ende heimgeſucht worden waren. Nichtsdeſtoweniger war die Herrſchaft, die ſie über die Gemüther des Volks gewonnen hatte, ſo groß, daß es im höchſten Grade gefähr⸗ lich geweſen wäre, die Verdammungsgeſetze wider Zauberei gegen ſie in Anwendung zu bringen. In ihr verehrten und ſchützten nöthigen⸗ falls all' die mächtigeren däniſchen Familien das Blut ihrer alten Könige und die Wittwe eines ihrer gefeierten Helden. Gaſtlich, frei⸗ gebig und wohlthätig gegen die Armen, eine gütige Gebieterin über zahlreiche Hörigen, durfte ſie gewiß ſeyn, daß die große Menge— ſo ſehr ſie ſich auch vor ihr fürchtete— ſie dennoch geſchützt hätte. Be⸗ weiſe ihrer Kunſt wären ſchwer herzuſtellen geweſen, da ſich alsbald eine Maſſe von Gewährsmännern zu Zeugen ihrer Unſchuld erhoben hätten. Auch wenn man ſie einem Gottesgerichte unterworfen hätte, ſo wäre es ihrem Golde ein Leichtes geweſen, die Prieſter, durch deren Hülfe einer ſolchen Gefahr zu entrinnen war, zu beſtechen, und mit jener weltlichen Klugheit, deren Perſonen von Genie auch bei ihren wildeſten Excentricitäten nur ſelten entbehren, hatte ſie ſich bereits durch reiche Schenkungen an benachbarte Klöſter vor der Möglichkeit tödtlicher Verfolgung von Seiten der Kirche geſichert. Kurz, Hilda war eine Frau von erhabenen Abſichten und außer⸗ ordentlichen Gaben, furchtbar nur als paſſiver Agent der Schickſals⸗ mächte, welche ſie anrief, und ſonſt mehr eine gewiſſe unklare Bewun⸗ derung und räthſelhaftes Mitleid für ſich beanſpruchend— keine teuf⸗ liſche Here, an Bosheit und Macht das Menſchenvermögen überſtei⸗ gend, ſondern weſentlich menſchlich, auch wenn ſie noch ſo ſehr das Geheimniß eines Gottes beanſpruchte. Wollen wir auch für den Augenblick annehmen, daß Perſonen von eigenthümlichem Nervenzu⸗ ſtande und Temperament mit Hülfe ſehr intenſiver Einbildungskraft ſo tiefe Verwandtſchaft mit der überſinnlichen Welt erlangen können, daß der Magnetismus und die Magie alter Zeiten ſich nicht gänzlich verwerfen ließe, ſo war es jedenfalls kein fauler mephitiſcher Sumpf vom Stral der S die da ihrer kelin an F flecku heidn flucht ihres nicht äußer Vera ſich b von! Allei beſaf die 1 Licht faſt das da's und Geſe ühzei⸗ nüther efähr⸗ gegen higen⸗ alten „frei⸗ n über * ſo Be⸗ hllsbald rhoben hätte, deren nd mit ihren bereits lichkeit außer⸗ ickſals⸗ ewun⸗ e teuf⸗ verſtei⸗ ör das ir den venzu⸗ skraft önnen, inzlich Sumpf * vom giftigen Nachtſchatten überhangen, und verſchloſſen vor den Strahlen des Himmels, ſondern ein lebendiger Strom, auf welchem der Stern zitterte und an deſſen Ufern das grüne Gras wogte, den die dämoniſchen Schatten ſo ſchwarz und furchtbar überzogen. So ſicher und in der Scheu der Menſchen lebte Hilda, und unter ihrer Obhut— eine Roſe unter der Grabesceder— erblühte ihre En⸗ kelin Editha, die geweihte Tochter unſerer lieben Frau von England. Es war der ſehnliche Wunſch Edwards und ſeiner jungfräulichen, an Frömmigkeit ihm gleichen Gemahlin, dieſe Waiſe vor der Be⸗ fleckung eines Hauſes zu bewahren, das in dem ſtarken Verdachte heidniſchen Glaubens ſtand, und ihrer Jugend im Kloſter eine Zu⸗ fluchtsſtätte anzuweiſen. Geſetzlich konnte dies aber ohne Zuſtimmung ihres Vormunds oder ohne ihren eigenen ausdrücklichen Willen nicht geſchehen, und Editha hatte bis jetzt noch nie den Wunſch ge⸗ äußert, ihrer Großmutter, welche den Kloſterplan mit hochmüthiger Verachtung behandelte, ungehorſam zu werden. So wuchs das ſchöne Kind gleichſam unter dem Einfluſſe zweier ſich bekämpfenden Glaubensbekenntniſſe heran; die natürliche Folge da⸗ von war, daß ihre Kenntniß von beiden eine wirre und undeutliche blieb. Allein ihr Herz war ſo ächt mild, einfach, zärtlich und ergeben, ſie beſaß ſo viel von der angeborenen Trefflichkeit ihres Geſchlechts, daß die unruhige Seele in jedem Impulſe dieſes Herzens nach klarerem Lichte und reinerer Luft rang. Im Weſen, im Gedanken, wie in ihrem faſt noch kindlichen Aeußern lag tief und ihr ſelbſt faſt noch unbekannt das Geheimniß eines Frauenherzens, das ſie weit mächtiger als Hil⸗ da's ſtolze ſchmähende Rede vor dem Gedanken an das kahle Kloſter und das ewige Gelübde zurückbeben ließ. Drittes Kapitel. Während König Edward dem normänniſchen Herzog von Hilda's Geſchichte und geheimen Künſten Alles, was er wußte und nicht wußte, 46 erzählte, wand ſich die Straße durch wilde, waldbewachſene Diſtrikte, wie wenn die Hauptſtadt Englands auf hundert Meilen fern gelegen hätte. Einzelne Striche ſolchen Landes in der Nachbarſchaft von Nor⸗ wood mögen noch bis auf den heutigen Tag ahnen laſſen, wie jene Gegend vor alten Zeiten ausſah, da noch ein mächtiger Forſt, reich an wilden Beſtien, an Bären und Stieren, die Umgebung vön London begrenzte, und König und Than zum Zeitvertreibe diente. Die nor⸗ männiſchen Könige wurden von der Meinung des Volkes verflucht, welche ihnen all das Gehäſſige der Jagdgeſetze aufheftete; aber auch unter der angelſächſiſchen Herrſchaft waren jene Geſetze hart und ſtreng — gegen den Hörigen und Armen vielleicht eben ſo ſtreng wie in den Tagen des Rufus, nur ohne Zweifel milder gegen den Adel; denn wer unter dem Range eines Abtes oder Thans ſtand, für den wurden die königlichen Waldungen, ſogar unter dem milden Bekenner, nicht min⸗ der heilig als die früheren Druidenhaine erachtet, und der niedrig ge⸗ borene Jäger, der ihre Schranke zu verletzen wagte, verſiel keiner ge⸗ ringeren als der Todesſtrafe.“ Edwards einzige weltliche Leidenſchaft war die Jagd, und ſelten verging ein Tag, ohne daß er nach der Meſſe mit Falken oder Schweiß⸗ hund hinauszog, weßhalb er, obwohl für erſtere die regelmäßige Jahreszeit erſt mit dem Oktober anbrach, faſt immer einen jungen Falken zum Verſuchen, oder einen alten Lieblingsgeier zum Einüben auf der Fauſt mitführte. Auch jetzt, da William ſich eben an der weit⸗ läuſigen Erzählung ſeines guten Vetters zu langweilen begann, hörte man die Hunde plötzlich anſchlagen, und ſah aus einem ſchilfbewach⸗ ſenen Tempel, neben dem Wege, mit feierlichem Flügelſchlage eine Rohrdommel ſchnurgerade aufſteigen. „St. Peter!“ rief der heilige König, ſeinen Zelter anſpornend und ſeinen berühmten Peregrinfalken“* loslaſſend. William ſäumte * S. Note B. u* Der Peregrinfalke niſtete auf den Felſen von Llandudno, und ſeine nicht, ritt in ſteigen ward' beinal einem aus S fener von 2 Vorg Senſ die B ware Tage wohl reicht dama zählt Engl ächtſ Eige früh banr der Acce ſpro Bru⸗ der Brof 47 nicht, dem lebendigen Beiſpiele zu folgen, und die ganze Geſellſchaft ritt im Jagdgalopp über das rauhe Feſtland, die Augen auf die an⸗ ſteigende Beute und den langſam kreiſenden Falken geheftet. Auch Ed⸗ ie jene ward's Blicke ſchweiften in die Luft und er wäre von ſeinem Zelter reich beinahe über den Kopf hinausgeworfen worden, als dieſer plötzlich vor London einem hohen Thore ſtill ſtand, das tief in einer zinnenbekrönten Mauer ie nor⸗ aus Ziegeln und Bruchſteinen eingelaſſen war. rflucht, Auf dieſem Thore ſaß regungslos und apatiſch ein hochgewach⸗ her auch fener Ceorl oder Höriger, während hinter ihm eine neugierige Gruppe d ſtreng von Männern derſelben Klaſſe ſtand; alle in jene blaue Tunika— den in den Vorgänger des Kittels bei unſeren Landsleuten— gekleidet, und auf enn wer Senſen und Dreſchflegel ſich lehnend. Mürriſch und unheimlich waren den die die Blicke, die ſie auf die normänniſche Kavalkade richteten. Die Leute ht min⸗ waren wenigſtens ebenſo gut gekleidet, wie ihresgleichen ſich heute zu rig ge⸗ Tage zu tragen pflegen; auch bewieſen ihre derben Glieder und die ner ge⸗ wohlgerötheten Wangen, daß es ihnen bei ihrer Arbeit keineswegs an reichlicher Nahrung gebrach. In der That war auch der Taglöhner d ſelten damals— wenn er nicht zu den wirklichen Theowen oder Leibeigenen chweiß⸗ zählte— phyſiſch vielleicht beſſer daran, als er es ſeither jemals in mäßige England geweſen, beſonders wenn er einem wohlhabenden Than aus jungen ächtſächſiſchem Blute gehörte, deſſen Lordstitel ohnehin von ſeiner 1 kinüben Eigenſchaft als Spender des Brods“ herrührte. Dieſe Leute hatten 4 r weit⸗ früher unter Godwins Sohne Harold, der jetzt aus dem Lande ver⸗ „hörte bannt war, als Hörige geſtanden. ewach⸗„Oeffnet das Thor, öffnet geſchwind, ihr luſtigen Leute,“ rief ge eine der ſanfte Edward auf ſächſiſch, obwohl mit ſtarkem ausländiſchem Accent, nachdem er wieder ſeinen Sitz gewonnen, einen Segen ge⸗ ornend ſprochen und ſich dreimal bekreuzt hatte. äumte 1 27.. . Brut war bis zu den Zeiten der Eliſabeth berühmt, wo Burleigh noch einem der Moſtyns für einen Wurf Llandudnofalken ſenien Dank ſchreibt. * Hlaf, loaf(Laib)— Hlaford, Lord, Brodgeber; Hleafdian, Lady, d ſeine Brodreicherin. Verſtegan. 48 Die Leute rührten ſich nicht. „Kein Roß ſoll die Saaten zertreten, die wir für unſern Earl Harold angepflanzt haben,“ brummte der Ceorl im Bullenbeißertone, noch immer auf ſeinem Thore ſitzend, wahrend die Gruppe hinter ihm in lautes Beifallsgeſchrei ausbrach. 3 Da ſpornte Edward zornig, wie man ihn nie zuvor geſehen, ſein Roß gegen den Bauer, die Hand wider ihn erhebend. Auf dies Zei⸗ chen blitzten zwanzig Schwerter hinter ihm in den Lüften, während die normänniſchen Edlen voll Haß herbei ſprengten; doch Edward wies ſeine hitzigen Begleiter mit der einen Hand zurück, während er, den Sachſen mit der andern bedrohend, ausrief: „Schurkiſcher Knecht, ich würde Dich ſtrafen, wenn ich koͤnnte!“ Es lag etwas ebenſo Lächerliches als Rührendes in dieſen Worten, welche ſogar auf die Nachwelt überzugehen beſtimmt waren; die Nor⸗ männer betrachteten ſie nur im erſteren Lichte und wanden ſich bei Seite, um ihr Lachen zu verbergen; der Sachſe nahm ſie in der letzte⸗ ren ächteren Bedeutung und verblüffte. Dieſer große König, den er jetzt wohl erkannte, konnte mit all den entblößten Schwertern hinter ſich ihm gleichwohl nichts zu leid thun— er hatte nicht das Herz dazu. Der Ceorl ſprang von ſeinem Thore herab und öffnete es mit tiefer Verbeugung. „Reitet voran, Graf William, mein Vetter,“ ſagte der König ruhig. Des Sachſen Augen leuchteten, als er den Namen des Normanns in normänniſcher Sprache ausrufen hörte; aber er hielt gleichwohl das Thor offen und der Zug paſſirte durch, bis Edward, welcher abſicht⸗ lich hinten geblieben, ihn im leiſen Ton anredete. „Kühner Mann,“ ſagte er,„Du ſprachſt vom Earl Harold und ſeinen Ernten; weißt Du nicht, daß er ſeine Ländereien verloren hat, daß er verbannt iſt und ſeine Ernten nicht für die Sichel ſeiner Höri⸗ gen reifen dürfen?“ „Mit Eurer gnädigen Erlaubniß, gefürchteter Koͤnig und Herr,“ erw Eig Sesd Ge mar und der gin edle wir trung wir Har weni zu 3 blick die? verb Ged Dei ſolch und äuß 49 erwiederte der Sachſe einfach,„jene Ländereien, einſt Earl Harolds ern Earl Eigenthum, gehören jetzt Clapa, dem Sechshänder. 1 „Wie iſt das?“ rief Edward haſtig;„wir vergaben ſie weder an Sechshänder noch Sachſen. Harolds ſämmtliche Ländereien in dieſer Gegend wurden an geheiligte Aebte und edle Ritter— lauter Nor⸗ mannen— vertheilt.“ ißertone, nter ihm hen, ſein ies Zei„Fulkfe, der Normanne, hatte dieſe ſchönen Felder, jene Waiden dies Zei⸗ 4. während und Obſtgärten; Fulke verkaufte ſie an Clapa, des Earls Sechshaͤn⸗ wäͤhren.. e7 4 d der, und was dann an Groſchen und Pfändern zum vollen Preiſe ab⸗ Sdwar ging, haben wir, des Earls Hörige, aus dem, was wir uns in dem edlen Dienſte unſeres Herren erſparten, ergänzt. Erſt heute haben wir zur Bekräftigung des Handels das bedungene Bedder⸗ale“⸗ ge⸗ trunken. Darum, ſo es Gott und unſerer lieben Frau gefällt, halten drend er, önnte!“ Worken, wir dieſe Ländereien zu Stück und Part mit Clapa, und wenn Earl 8 Nor⸗ Harold wiederkehrt, was ganz gewiß geſchehen wird, ſo wird er hier ſich bei wenigſtens wieder zu ſeinem Eigenthume gelangen.“ 3 r letzte⸗ Edward, dem es trotz einer auffallenden Charaktereinfalt, welche den 5 zu Zeiten an Schwäche zu gränzen ſchien, doch keineswegs an Scharf⸗ 1 hinter blick gebrach, wenn ſeine Aufmerkſamkeit erſt rege geworden, wechſelte 1s Herz die Farbe bei dem Beweiſe roher ehrlicher Anhänglichkeit an ſeinen es mit verbannten Earl und Schwager. Er ſchwieg eine Weile in ernſten Gedanken und ſagte dann freundlich: Koͤnig„Gut, Mann, ich denke darum nicht ſchlimmer von Dir, weil Du Deinem Than in treuer Liebe ergeben biſt; aber es gibt Leute, welche manns ſolches im Stande wären, und ich warne Dich brüderlich, daß Ohren chwohl und Naſe in Gefahr kommen, wenn Du Dich ferner ſo unvorſichtig abſicht⸗ äußern wollteſt.“ „Stahl gegen Stahl, Hand gegen Hand,“ ſchwor der Sachſe ld und 3 en hat,* Verwalter eines in ſechs Theile zerfallenden Lehens. Hoͤri⸗* Bedder⸗ale. Wenn einer durch die Beiträge ſeiner Freunde zu ſeinem Gut gelangte, wurden dieſe zum Feſtſchmauſe geladen und das dabei getrunkene 8 Ale hieß das Bedder⸗ale, von Bedden⸗Bitten. Brands Pop. Alterth. Herr,. Bulwer, Harold. 4 50 barſch, das lange Meſſer an ſeiner Ledergurt berührend,„und wer Sexwolf, Sohn Elfhelms, anzufaſſen wagt, ſoll ſein Wehrgeld dop⸗ pelt zu bezahlen haben.“ „Verwarnt, thörichter Mann, Du biſt verwarnt. Schweig ſtill,“ gebot der König und ritt kopfſchüttelnd den Normannen nach, welche jetzt auf dem weiten Felde, wo das Korn ſchon grünte, und das ſie in muthwilliger Freude zertraten, auf ihren Roſſen hin und her courbettirten und die Bewegungen der Rohrdommel, wie die Verfol⸗ gungen der beiden Falken bewachten. „Ich biete Euch eine Wette, Herr König!“ rief ein Prälat, deſ⸗ ſen ſtarke Familienähnlichkeit mit William ihn als des Herzogs küh⸗ nen, hochmüthigen Bruder Odo, Biſchoff von Bayeux“ bezeichnete, „meinen Renner gegen Euer Rößlein, daß des Herzogs Falke die Rohr⸗ dommel zuerſt ſpießt.“ „Heiliger Vater,“ gab Edward mit jener leichten Beränderung im Tone zur Antwort, wodurch er allein ſein Mißvergnügen anzudeu⸗ ten pflegte,„dieſe Wetten ſchmecken alle nach dem Heidenthum und unſere Canons verbieten ſie dem Mönch wie dem Prieſter. Geh zu, das iſt nichts.“ Der Biſchof, welcher nicht einmal von ſeinem furchtbaren Bru⸗ der einen Tadel vertrug, runzelte die Stirne und wollte eben nicht die freundlichſte Antwort geben, als William, deſſen tiefer Scharfblick ſtets wachſam war, damit ſeine Begleiter nicht das Mißfallen des Kö⸗ nigs erregten, dem Prälaten das Wort aus dem Munde nahm. „Du tadelſt uns mit Recht, Herr und Köoͤnig,“ fiel er ein;„wir Normannen ſind nur allzu geneigt zu ſolchen Leichtfertigkeiten.— Seht nur, Euer Falke iſt der erſte am Platze. Bei den Gebeinen der heiligen Valery! wie ſtattlich er ſich emporſchwingt! Seht, wie er * Herleve(Arlotta), Williams Mutter, heirathete nach Herzog Roberts Tode Herluin von Conteville, und hatte von ihm zwei Söhne, Robert, Graf von Mortain, und Odo, Biſchof von Bayeur. Ord. Vit. 7. Buch. uber hält der wäh Kön „laß Falk welc eine wele gär 1 und Sei ſch . war kert ein die ein terl über der Rohrdommel kreist— wie er ſich ruhig in der Schwebe er⸗ dop⸗ hält!— jetzt ſchießt er herab— tapferer Vogel!“ „Und ſpießt ſein Herz an den Schnabel der Rohrdommel,“ ſprach der Biſchof, und übereinander kollernd ſtürzte Rohrdommel und Falke, während Williams norweg'ſcher Geier, kleiner an Geſtalt als der des Königs, ſich raſch herabließ und über ihnen ſchwebte. Beide waren todt. „Ich nehme das Omen an,“ murmelte der Herzog auf lateiniſch, „laßt die Eingeborenen ſich gegenſeitig vernichten!“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſeine Pfeife an die Lippen und der Falke flog auf ſeine Fauſt zurück. „Jetzt nach Hauſe!“ rief König Edward. erung Viertes Kapitel. zudeu⸗ m und Die königliche Geſellſchaft betrat London bei der großen Brücke, heh zu, welche Southwark von der Hauptſtadt trennte, und wir müſſen hier einen Augenblick inne halten, um die belebte Scene zu betrachten, Bru⸗ welche jene unvordenkbare Paſſage in damaliger Stunde darbot. cht die Der ganze Umkreis herwärts von Southwark war reich mit Obſt⸗ erfblick gärten und Landhäuſern beſetzt, welche den wohlhabenderen Bürgern es Kö⸗ und Kaufleuten gehörten. Wenn man ſich dem Fluſſe von der linken Seite näherte, ſo konnte das Auge die beiden kreisrunden Näume über⸗ „wir ſchauen, d eren einer für die Bären, der andere zur Stierhetze beſtimmt n.— war. Rechts auf einem öden grünen Hügel, nicht weit von der bevöl⸗ ten der kerten Brücke, ſah man die Spielleute ihre Künſte üben. Hier warf wie er ein geſchickter Gaukler drei Bälle und drei Meſſer wechſelsweiſe in die Luft, indem er ſie eins nach dem andern wieder auffing;* dort ließ Roberts ein Bärenführer mit ernſthafter Miene ein großes Thier auf den Hin⸗ 3 Grnf terbeinen tanzen, während ſein Gehülfe mit einer Art Flöte oder Fla⸗ uch.. Strutt's Horda. 4* 4 52 geolett den Takt dazu blies. Die große Menge müßiger Zuſchauer folgte dem Schauſpiele mit lautem Lachen; aber ihr Gelächter ſchwieg als⸗ bald bei dem Trampeln der normänniſchen Renner, und der berühmte Graf, der mit lächelnder Miene, aber ſcharf beobachtendem Blicke neben dem Könige einherritt, zog Aller Aufmerkſamkeit von dem Bären ab.. Je mehr man ſich der Brücke näherte, welche nicht viele Jahre früher der Schauplatz des furchtbaren Kampfes zwiſchen den eingefal⸗ lenen Dänen und Ethelreds Bundesgenoſſen, Olaf von Norwegen*, geweſen, deſto deutlicher trat, wiewohl in vernachläßigtem und faſt verfallenem Zuſtande, die doppelte Befeſtigung hervor, welche dieſen Eingang zur City wohlweislich beſchützt hatte. Zu beiden Seiten der hölzernen Brücke ſtanden Thürme, theils von Holz, theils von Stein, und Bollwerke— neben den Thürmen eine kleine Kapelle. Die Brücke war ſo breit, daß zwei Fuhrwerke neben einander paſſiren konnten*“, und wimmelte von Vorübergehenden, die ſich zwiſchen den zahlreichen Buden und Markthäuschen umhertrieben. Hier war der Lieblingsort für die beliebten Balladenſänger*; hier waren die ſchwärzlichen Sara⸗ zenen mit Waaren aus Spanien und Afrika zu ſehen †; hier wandelte * In Snoro Sturleſon ſteht eine lebendige Beſchreibung dieſer„Schlacht an der Londoner Brücke“, die den ſkandinaviſchen Skalden ein reiches Thema darbot: „London, Deine Brück iſt hin; Ruhm und Gold folgt als Gewinn: Schwerter klirren, Pfeile ſchwirren, Hildar ſtimmt den Ruf zum Krieg; Hörner ſingen, Panzer klingen, Odin gibt dem Olaf Sieg. Lang's Heimskringla II. Bd. S. 40. ** Sharon Turner. ern Hawkins II. Bd., S. 94. † Das ſchon früher genannte Lehenbuch erwähnt der Mauren und Deut⸗ ſchen(des Kaiſers Kaufleute) als Paſſagieren oder Anſäßigen von London. Die hq u d 3 d v t hj 8 1 folgte gals⸗ ihmte Blicke dem Jahre gefal⸗ gen“, d faſt dieſen n der Stein, zrücke en ⸗, eichen gsort Sara⸗ ndelte chlacht Thema 53 der deutſche Kaufmann vom Stahlhofe her nach ſeiner vorſtädtiſchen Wohnung; hier eilte der verhüllte Mönch in heiligen Geſchäften vorüber; hier ſtand der ſtädtiſche Stutzer und lachte mit den Landmäd⸗ chen, welche ihre Körbe voll Maizweigen und Schlüſſelblümchen zu Markte trugen.— Kurz, Alles zeugte von jener Rührigkeit in Ge⸗ ſchäften, wie im Zeitvertreib, welche dieſe Stadt zum großen Welt⸗ markte machen ſollte, und den Handel der Angelſachſen bereits mit den entfernteren Ländern des commerciellen Europa's verknüpft hatte. Williams dunkles feuriges Auge weilte mit Bewunderung auf den lärmenden Gruppen, auf dem breiten Strome und dem Wald von Maſten, der ſich hinter dem eingezackten Rande bei Belinsgate* erhob, 1 gez g und er, dem trotz all ſeiner Fehler oder eigentlichen Verbrechen gegen Sarazenen gehörten damals zu den Großhändlern der Welt: Marſeille, Arles, Montpellier, Avignon, Toulouſe waren die gewohnten étapes ihrer Kaufleute. Wie viel haben dieſe Sarazenen für Belehrung und Civiliſation gethan! Wie viel danken wir ihnen in Künſten wie in Waffen! Väter der provencaliſchen Poeſie, haben ſie ſogar noch weit mehr als die ſkandinaviſchen Skalden ihren Einfluß auf die Literatur des chriſtlichen Europa's geäußert. Die älteſte Chro⸗ nik vom Cid wurde kurz vor ſeinem Tode von zweien ſeiner Pagen, gebore⸗ nen Muſelmannen, arabiſch geſchrieben. Ihr mediciniſches Wiſſen diente Europa ſechs Jahrhunderte lang als Leitſtern, und ihre metaphyſiſchen Lehren waren faſt an allen chriſtlichen Univerſitäten angenommen. * Billingsgate. Verſtegan bekämpft die welſchen Alterthumsforſcher, welche dieſes Thor der brittiſchen Gottheit Bal oder Beli zuſchreiben, er meint, wenn dies der Fall wäre, hätte man ihm nicht einen halb brittiſchen(Beli), halb ſächſiſchen(Gate) Namen gegeben, ſondern hätte es eher Belingsport und nicht Belingsgate genannt. Dies iſt jedoch kein ſtarker Beweis, denn aus der normänniſchen Zeit haben wir viele aus dem Sächſiſchen und Normänniſchen zuſammengeſetzte Worte. Belin war übrigens eine teutoniſche Gottheit, welche durch ganz Gallien verehrt wurde, und die Sachſen mögen alſo entweder den vorgefundenen Namen beibehalten, oder ihn von ihrem eigenen Gotte über⸗ tragen haben. Ich will jedoch keineswegs behaupten, daß gerade eine Gott⸗ heit den Namen hergegeben, oder daß Billing am Ende nicht die richtige Ortographie ſey. Billing klingt, wie alle Wörter auf ing, durchaus däniſch, und der Name kann ebenſo leicht von den Dänen wie von den Sachſen her⸗ rühren. —— ——— 54 das unglückliche Volk, das er nicht nur unterdrückte, ſondern ſogar täuſchte, die Stadt London wenigſtens nicht blos für ihre verbriefte Freiheit“, wohl aber auch dafür danken ſollte, daß er ihren Handel und Wohlſtand während einer kurzen kräftigen Regierung weit mehr förderte, als dies der angelſächſiſchen Herrſchaft bei der ihr inwohnen⸗ den Schwäche in ganzen Jahrhunderten gelungen war— brach in die lauten Worte aus: „Bei Kreuz und Meſſe, theurer König! Dein Loos iſt auf eine ſtattliche Erbſchaft gefallen!“ „Hm,“ meinte Edward in trägem Tone,„Du weißt nicht, wie beläſtigend dieſe Sachſen ſind; und während Du noch ſprichſt, kannſt Du dort drüben in jenen zertrümmerten Mauern, welche urſprünglich von Alfred— heiligen Angedenkens— erbaut ſeyn ſollen, den Sturm der Dänen gewahren. Erinnere Dich nur, wie oft ſie dieſen Fluß heraufſegelten! Wie kann ich wiſſen, ob nicht ſchon im nächſten Jahr die Rabenflagge auf dieſen Waſſern flattert? Magnus von Dänemark hat bereits als Erbe von Canut's Reichen Anſpruch auf meine Krone erhoben und“(hier ſtockte Edward)„Godwin und Harold, welche unter allen meinen Thans von Dänen und Nordmännern allein gefürchtet werden, ſind weit von hier.“ „Du ſollſt ſie nicht vermiſſen, Edward, mein Vetter,“ rief der Herzog haſtig.„Schicke nach mir, wenn die Gefahr droht; in meinem neuen Hafen zu Cherburg ſtehen Schiffe genug auf Dein Gebot in Bereitſchaft, und zu Deinem Troſte will ich Dir ſagen, daß, wäre ich König der Engländer und Herr dieſes Stromes, die Bürger von Lon⸗ * Auf Anrathen des normänniſchen Biſchofs von London erhielt die Stadt von William einen Freibrief, der aber vermuthlich blos die frühere Municipal⸗ verfaſſung beſtätigte, da er kurz alſo lautete:„Ich bewillige euch Allen ebenſo geſetzwürdig zu ſeyn, wie Ihr in König Edward's Tagen geweſen.“ Die reißende Zunahme des commerciellen Gedeihens und die politiſche Bedeutung von London, kurz nach der Eroberung, wird jedoch von vielen Chroniſten be⸗ zeugt und zeigt ſich ſogar augenſcheinlich ſchon auf der bloßen Oberfläche der Geſchichte. 3 5⁵ ſogar don ohne Furcht vor dem Dänen von der Veſper bis zur Frühmeſſe briefte ruhig ſchlafen könnten. Nie dürfte ſich die Rabenflagge vor der Handel Brücke ſehen laſſen— niemals! ich ſchwör's bei dem Glanze des mehr Höchſten!“ ohnen⸗ Es geſchah nicht ohne Abſicht, daß William ſich in ſo ſtolzen ach in Worten erklärte, wobei er jene glänzenden Augen(micantes oculos), welche die Chroniſten geprieſen und hervorgehoben haben, auf den if eine König richtete, denn die Hoffnung und der Zweck ſeines Beſuches ging dahin, daß ſein Vetter Edward ihm das herrliche Erbe Englands ver⸗ , wie ſprechen ſollte. Allein der König gab keine Antwort und ſie näherten kannſt ſich nunmehr dem Ende der Brücke. nglich„Was zeigt ſich dort für eine alte Ruine,“ fragte William, ſeine Sturm Enttäuſchung über Edward's Schweigen verbergend;„ſie ſcheint das Fluß Ueberbleibſel einer ſtattlichen Veſte, die ich ihrer Bauart nach für Jahr römiſch halten ſollte.“ lemark„Ja, es heißt auch, ſie ſey von den Römern erbaut worden,“ be⸗ Krone merkte Edward,„und einer der lombardiſchen Freimaurer, die ich an unter meinem neuen Palaſte zu Weſtminſter verwende, gibt ihm wie noch irchtet einigen andern in meinem Reiche den Namen des Julius⸗Thurmes.“ „Dieſe Römer waren unſere Meiſter in allen weiſen und tapfern ef der Dingen,“ erklärte William,„ich möchte behaupten, daß einſt auf der⸗ einem ſelben Stelle ein König von England Palaſt und Thurm errichten ot in wird. Und jenes Schloß gegen Weſten?“ de ich„Iſt die Towerpfalz, wo unſere Vorgänger und auch wir zu⸗ t Lon⸗ * Es ſcheint guter Grund zu dem Glauben vorhanden, daß da, wo der Stadt Tower ſteht, vor der Eroberung ein Gefängniß exiſtirte und daß William icipal⸗ einige ſeiner Ueberreſte zu ſeinem Baue benützte. In dem ſo intereſſanten Briefe ebenſo John Bayford's über die City von London behauptet der ſehr gut unterrichtete Die Verf.:„Die Römer bauten vom Tower nach Ludgate in gerader Linie eine eutung Militärſtraße(die von Watlingſtreet) und an deren Ende errichteten ſie Sta⸗ en be⸗ rionen oder Citadellen; die eine davon ſtand da, wo der weiße Thurm empor⸗ he der ragt.“ Bayford fügt bei: als der weiße Thurm zur Aufnahme von Archiven fertig geweſen, ſeyen noch viele ſächſiſche Inſchriften zu ſehen geweſen. 56 weilen gewohnt haben, nur daß die ſüße Einſamkeit von Thorney⸗Isle mir jetzt beſſer gefällt.“ Unter ſolchen Geſprächen betraten ſie London, eine rohe finſtere Stadt, meiſt aus hölzernen Häuſern beſtehend, die Fenſter ſelten ver⸗ glast, ſondern nur durch leinene Blenden geſchützt, wo der Blick nur von Zeit zu Zeit auf größere Plätze rings um die verſchiedenen Klöſter ſchweifte, wo grüne Bäume hinter niederen Gittern hervorragten. Hohe Crueifixe und Heiligenbilder an Kreuzwegen, denen wir die Na⸗ men vieler noch beſtehender Straßen(Rood⸗lane und Lady⸗lane) ver⸗ Danken, erregten die Aufmerkſamkeit der Neugierigen oder die Fröm⸗ migkeit der Andächtigen. Kirchthürme gab es damals noch nicht; wohl aber plumpe kegel⸗ oder pyramidenförmige Thurmaufſätze, welche zum Zeichen von Gotteshäuſern gar oft über niedere Stroh⸗ oder Schilfdächer emporſtiegen. Hie und da vermochte auch das Auge eines Gelehrten— der gewöhnliche Beobachter ſah ſie freilich nicht— die Ueberbleibſel römiſchen Glanzes, die Spuren der älteren Stadt zu erkennen, welche nun unter unſern Märkten begraben liegt, und wo Jahr für Jahr die ſtattlichſten Skelette ausgegraben werden. Längs der Themſe ſah man noch immer, obwohl verſtümmelt, die Mauer Conſtantins“ ſich aufthürmen; rings um die armſelige bar⸗ bariſche St. Paulskirche, worin Sebba, der letzte König der Oſtſachſen, der ſeinen Thron um Chriſti willen und zum Vortheile von Edward's ſchwachem unglücklichen Vater Ethelred verließ— begraben lag, zeigte man die ſelbſt im Verfalle noch rieſengroßen Trümmer des un⸗ geheuren Dianentempels.*⸗ Manche Kirche, manches Kloſter hatte ſeine aus Holz und Backſtein gemiſchten Mauern mit römiſchen Capitälern und Säulenſchäften ausgeflickt. Neben dem Thurme, welcher ſpäter den ſarazeniſchen Namen Barbikan erhielt, lagen die Reſte der römi⸗ * Fitzſtephen. ** Camden. ſchen äußere der To kannte In der ein ve bekehr ſeinen gate* tigen hatten Leuten derſell eriſtir von C die H grün hand Mar Isle iſtere ver⸗ nur öſter gten. Na⸗ ver⸗ roͤm⸗ icht; elche oder ines die t zu wo „die bar⸗ Zſen, rd's lag, un⸗ eine lern äter mi⸗ 57 ſchen Station, wo Cohorten Tag und Nacht gegen inneres Feuer oder äußere Feinde gewacht hatten.* In einer Niſche nahe bei Aldersgate ſtand die hauptloſe Bildſäule der Tapferkeit, welche von Mönchen und Pilgrimmen für einen unbe⸗ kannten Heiligen aus alter Zeit gehalten und als ſolcher verehrt wurde. In der Mitte der Biſhopsgateſtreet ſaß auf ſeinem entheiligten Throne ein verſtümmelter Jupiter, den Adler zu ſeinen Füßen; mancher halb⸗ bekehrte Däne blieb davor ſtehen, und glaubte in dem Donnerer und ſeinem Vogel den alten Odin und deſſen Falken zu erkennen. Bei Leod⸗ gate*“(dem Leute⸗Thore) ſah man noch die Bogen einer jener mäch⸗ tigen Waſſerleitungen, wie ſie die Römer von den Etruriern gelernt hatten, und dicht neben dem Stahlhof, der von des Kaiſers wohlfeilen Leuten(den deutſchen Kaufleuten) bewohnt war, ſtand faſt ganz erhalten derſelbe Römertempel, der noch zur Zeit Geoffrey's von Monmouth⸗ eriſtirte. Außerhalb der Stadtmauern dehnten ſich noch in den Ebenen von Eaſt Smithfield, auf den Feldern von St. Giles und da wo jetzt die Hatton Gardens ſtehen, die alten römiſchen Weinberge** mit ihren grünen Blättern und herben Früchten. Noch immer feilſchten und handelten Maſſere † und Krämer in Buden und Logen auf demſelben Mart⸗lane, wo die Römer ſchon vor ihnen Tanſchhandel getrieben hatten. * Bayford: Leland's Collectanea. p. LVIII. ** Ludgate(Leod⸗(Leut] gate). Verſtegan. rr Die Frage, ob wirkliche Weingärten in England beſtanden und wahr⸗ hafter Wein daraus gewonnen worden, hat die Alterthumsforſcher vielfach be⸗ ſchäftigt; doch kann man Pegge's Streit mit Daines Barrington in der Archäo⸗ logie kaum leſen, ohne ſich für Bejahung der Frage zu entſcheiden(ſ. Arch. III. 53.). Die Abbildung einer ſächſiſchen Weinpreſſe gibt Strutts Horda. Die Weinkultur gerieth entweder durch Verträge mit Frankreich oder dadurch in Verfall, daß die Gascogne in die Hände der Engländer fiel; aber einzelne Weingärten wurden von Privaten noch bis zum Jahr 1621 bebaut. Unſere erſten Weine aus Bordeaux— dem wahren Lande des Bacchus— ſcheinen bei der Vermählung Heinrichs II. mit Eleonore von Aquitanien ums Jahr 1154 eingeführt worden zu ſeyn. † Maſſere— mercer— Kaufleute. 58 Mit jedem Schritte, den man inn⸗ und außerhalb der Mauern auf neuem Boden weiter drang, wurden Urnen, Vaſen, Waffen, Men⸗ ſchengebeine ausgegraben, und blieben unbeachtet unter Haufen von Gerümpel liegen. Nicht auf ſolche Beweiſe früherer Civiliſation ſchaute der prak⸗ tiſche Blick des normänniſchen Grafen: nicht auf Dinge— auf Men⸗ ſchen waren ſeine Augen gerichtet, und während er ſtumm von Straße zu Straße weiter ritt, ſah der Menſchenlenker an jenen hohen ſtahl⸗ feſten, geſchäftigen, arbeitſamen Männern die kommende Civiliſation ſpäterer Jahrhunderte heraufdämmern. So zog das Gefolge im ernſten Schweigen durch die kleine Eity und längs des Strandes über die Brücke, welche über das Flüßchen Fleet führte; zur Linken glatte Landſtrecken, zur Rechten ſchöne Wai⸗ den zwiſchen grünen, nur dünn mit Wohnungen beſäeten Gehölzen, über zahlreiche Einſchnitte und Waſſerdurchläſſe. Stunde und Jahres⸗ zeit waren der Art, wie die Jugend ſie zum Feiern zu benutzen pflegt, und ſo ſah man denn heitere Gruppen nach den damals modiſchen* Spaziergängen des Hollywell⸗Brunnens wandeln, der zwiſchen glän⸗ zenden Perlen munter dahinſtrömt. Endlich erreichten ſie das Dorf Charing, das Edward erſt neulich ſeiner Abtei zu Weſtminſter geſchenkt hatte, und das jetzt von fremden wie einheimiſchen Werkleuten wimmelte, welche an jenem Gebäude und dem dazu gehörigen Palaſte beſchäftigt waren. Sie hielten eine Weile bei dem Mews*, wo die Falken genährt wurden, zogen an dem rohen Backſteinpalaſte vorüber, der— eine Gabe Edgars an Kenneth— den tributpflichtigen Königen von Schottland*—e gehörte, bis ſie zuletzt den Einlaß am Fluſſe erreichten, der ſich links um die Inſel Thorney(jetzt * Fitzſtephen. ** Meuse, wahrſcheinlich ein Falkenſpital, von muta(Camden). Du Fresne ſagt in ſeinem Gloſſarium, muta heißt im Franzöſiſchen la meue und iſt eine Krankheit, welcher die Falken beim Wechſeln der Federn unterworfen ſind. „» Daher der Name: Scotland⸗Yard(ſchottiſcher Hof)— Strype. Weſt des ha und n die kö Weſt Herzo wiede Als ſtattli Rund werk lengã trach ſchlie Huld ſchw er ſis Ear die eine wa reit thu ſoll 59 Mauern Weſtminſter) herumwand, und die erſtehende Kirche, Abtei, und Palaſt n, Men⸗ des heiligen Königs von dem Feſtlande trennte. Dort ſtiegen ſie ab, ffen von und wurden über“ den ſchmalen Kanal nach dem offenen Platze, der die königliche Reſidenz umgab, übergefahren. der prak⸗ uf Men⸗ 1 Straße Fünftes Kapitel. en ſtahl⸗—. 4 dietion Der neue Palaſt Edward's des Bekenners— der Palaſt von Weſtminſter— öffnete ſeine Thore, um den Sachſenkönig und den ne City Herzog der Normannen aufzunehmen, welche am Geſtade der Inſel llüßchen wieder zu Pferde geſtiegen waren, und nun neben einander einherritten. m Wai⸗ Als der Herzog unter ſeinen gewöhnlich gefalteten Brauen erſt die ſtattliche noch unvollendete Steinmaſſe mit ihren langen Reihen von Rundbogenfenſtern, deren Glasſcheiben in zackige Spitzen und Frett⸗ werk eingelaſſen waren, dann die feſten Pfeiler mit ihren runden Säu⸗ lengängen und die gewaltigen Thürme in ihrer einfachen Größe be⸗ trachtete, als er die Gruppen von Höflingen gewahrte, welche in an⸗ ſchließenden Gewändern, mit kurzen Mänteln und bartloſem Kinne zur Huldigung für den berühmten Gaſt den weiten Raum erfüllten, da ehölzen, Jahres⸗ pflegt, diſchen* en glän⸗ eulih ſchwoll das Herz in ſeiner Bruſt, und ſeinen Zügel anziehend, näherte ude und er ſich ſeinem Bruder von Bayeux, um dieſem zuzuflüſtern: e Weile„Iſt dies nicht bereits der Hof des Normannen? Betrachte jene nrohen Carls, jene Edlen, wie ſie unſere Tracht nachahmen! Betrachte ſogar„ — den die Steine an jenem Thor, ob ſie nicht ausſehen, als ob die Hand eines normänniſchen Maurers ſie ausgehauen hätte! Gewiß und wahrhaftig, Bruder! der Schatten der aufſteigenden Sonne ruht be⸗ reits in dieſen Hallen.“ „Wenn England kein Volk beſäße, ſo wäre es bereits Dein Eigen⸗ letzt den ey(jetzt neene thum,“ erklärte der Biſchof;„aber ſahſt Du nicht im Hereinreiten die iſt eine ſind.„ Die erſte Brücke, welche die Thorney⸗Inſel mit dem Lande verband, he. ſoll von Heinrichs I. Gemahlin, Mathilde, erbaut worden ſeyn. 60 geſenkten Brauen, hörteſt Du nicht das zornige Gemurmel? Der Schurken ſind gar viele und ihr Haß iſt ſtark.“ „Stark iſt auch der Rothſchimmel, den ich reite,“ meinte der Her⸗ zog;„aber ein kühner Reiter beugt ihn mit dem Stahl des Gebiſſes und lenkt ihn mit dem Stachel ſeiner Ferſe.“ Wie ſie dem Thore näher kamen, ſtieß eine Bande von Minſtrels im Solde des Normannen in ihre Inſtrumente und begann den heimi⸗ ſchen Geſang der Normänner— das Schlachtlied Rolands— des Paladins unter Carl dem Großen. Bei der erſten Strophe des Ge⸗ ſanges ſtimmten die normänniſchen Ritter und Junker, welche unter den vernormannten Sachſen zahlreich vertheilt waren, in das Lied ein, und bewillkommten mit leuchtenden Augen und in lautem Chore den mäch⸗ tigen Herzog in dem Palaſt des letzten milden Nachfolgers von Wodan. Am inneren Hofthore ſchwang ſich der Herzog aus dem Sattel, um Edward den Steigbügel zu halten. Der König legte ſeine Hand ſanft auf die breite Schulter ſeines Gaſtes, den er, nachdem er ziem⸗ lich unbeholfen vom Pferde geſtiegen, vor den Augen der zahlloſen Verſammlung umarmte und küßte, worauf er ihn an der Hand nach dem ſchönen Zimmer führte, das für den Herzog beſonders hergerichtet war, wo er dann dieſen mit ſeinen Begleitern allein ließ. William ließ ſich, in Gedanken verloren, in tiefem Schweigen auskleiden; als ihn aber Fitzosborne, ſein erſter Vertrauter und der hochmuüthigſte ſeiner Barone, der ſich aber gleichwohl durch den per⸗ ſönlichen Dienſt bei ſeinem Häuptling geehrt fühlte, nach dem an⸗ ſtoßenden Bade führte, trat er zurück und hüllte ſich feſter in den Pelz⸗ rock, den man ihm über die Schulter geworfen hatte. „Nein,“ murmelte er leiſe,„wenn noch ein Fleckchen engliſchen Staubes an mir iſt, ſo mag es hier bleiben!— Beſitzergreifung, Fitzosborne—'s iſt eine Beſitzergreifung des engliſchen Bodens.“ Bei dieſen Worten winkte er mit der Hand und entließ ſein Ge⸗ folge bis auf Fitzosborne und Rolf, Earl von Hereford“*, Edward's * Wir geben ihm den Titel, den dieſer normänniſche Edelmann in den Neffen, trauen. Wortes überſche E zahlreic oder an Sein A mer des Thürm maſſe e liegend unter 2 Wüſten worden 55 Hand, , thum d Du bit der Hr 9 fühlte hätten „ die en ſchecki und F iſt es nehmt Chron (den n 61 Neffen, aber Normanne von Geburt und ganz in des Herzogs Ver⸗ Der trauen. Zweimal durchſchritt der Herzog das Zimmer, ohne ſie eines r Her⸗ Wortes zu würdigen, bis er an einem runden Fenſter, das die Themſe ebiſſes überſchaute, ſtehen blieb. Es war ein ſchöner Anblick: die untergehende Sonne glitzerte auf nſtrels zahlreichen kleinen Gondeln, welche zwiſchen Weſtminſter und London, heimi⸗ oder an den gegenüberliegenden Ufern von Lambeth hin und her ſchoſſen. Sein Auge ſuchte emſig längs der Flußkrümmungen die grauen Trüm⸗ mer des fabelhaften Julius⸗Towers und die Mauern, die Thore und Thürme, welche am Strome oder über die dichte ſchweigende Dächer⸗ er den n, und maſſe emporſtiegen; weiter ſuchte der ſcharfe Blick bis zu den ferner mäch⸗ liegenden Maſtenſpitzen jener angehenden Marine vorzudringen, welche Vodan. unter Alfred, dem Fernſehenden, zur künftigen Civiliſation unbekannter Sattel, Wüſten und zur Beherrſchung noch unbeſuchter Meere großgeſäugt Hand worden war. ziem⸗ Der Herzog athmete tief und öffnete und ſchloß die ausgeſtreckte hlloſen Hand, wie wenn er die vor ihm liegende Stadt erfaſſen wollte. d nach„Rolf,“ ſagte er plötzlich,„Du kennſt ohne Zweifel den Reich⸗ richtet thum der Londoner Krämer, denn foi Guillaume, mon gentil chevalier, Du biſt ein ächter Normanne und ſpürſt den Geruch des Goldes, wie veigen der Hund den Eber!“ nd der Rolf lächelte, als ob er ſich von einem Complimente geſchmeichelt mper⸗ fühlte, welches einfachere Leute, wie er, wenigſtens für zweideutig n an⸗ hätten halten konnen.* Pelz⸗„Allerdings, mein Lehensherr!“ verſetzte er;„und meiner Treu! die engliſche Luft ſchärft den Geruch, denn in dieſem ſchurkiſchen bunt⸗ iſchen ſcheckigen Lande, das aus allen Racen— Sachſen und Finnen, Dänen fung, und Flamändern, Pikten und Wallonen— zuſammengewürfelt ward, 4 iſt es nicht wie bei uns, wo tapfere Männer und reine Abkunft vor⸗ Ge⸗ nehmlich in Ehren gehalten werden. Hier bedeuten Gold und Land ard's Chroniken führt, obgleich Palgrave bemerkt, daß er eher Earl von Mageſetan n den(den welſchen Marſchen) heißen ſollte. —— 62 ſo viel, wie Namen und Herrſchaft, und ſogar ihr Volksname für die Nationalverſammlung des Witans bedeutet die Vielvermögenden*. Wer heute noch Vaſall iſt, kann morgen ein Earl ſeyn, ſobald er reich wird; er kann im königlichen Geblüt heirathen und unter einem ſtatt⸗ licheren Banner, als der König ſelber, ganze Heere kommandiren, wo⸗ gegen der— deſſen Vorfahren Ealdermänner und Fürſten waren, ſobald er durch Betrug oder Gewalt, durch Verſchwendung oder Freigebigkeit arm wird, der Verachtung anheimfallt, ſeine Stellung verliert, und zu einer Claſſe herabſinkt, die ſie in ihrer barbariſchen Sprache Sechs⸗ hunderter nennen, während ſeine Kinder wahrſcheinlich noch tiefer bis zum Hörigen herabkommen. Drum iſt es Gold, was hier am meiſten begehrt wird, und bei St. Michael! die Sünde iſt anſteckend.“ „Gut,“ ſagte William, welcher dieſe Rede mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit angehört hatte, indem er ſeine Linke langſam mit der Fläche der Rechten ſtreichelte;„ein aufs engſte verbundenes Land mit der Macht eines einzigen Stammes von Eroberern, wie unſere Väter waren— eines Stammes, welchen nur Feigheit und Verrath herabwürdigen kann,— ein ſolches Land, o Rolf von Herefort, wäre in der That ſchwer zu unterjochen, zu zähmen oder einzuſchüchtern.“ „So hat mein Herr, der Herzog, die Bretonen gefunden, und ſo finde auch ich die Welſchen auf meinen Marſchen zu Herefort.“ „Wo aber Reichthum mehr gilt, als Blut und Abſtammung,“ fuhr William, die Unterbrechung nicht beachtend, fort,„da laſſen ſich die Häuptlinge beſtechen oder Sedrohen, und die Menge— bei unſerer lieben Frau! die Menge iſt in allen Ländern dieſelbe, mächtig unter treuen tapfern Führern, ohne dieſe aber hilflos wie ein Schaaf. Um übrigens auf meine Frage zurückzukommen, mein edler Rolf— dieſes London muß reich ſeyn.“** * Eadigan. S. Turner I. Bd., S. 274. ** Der vergleichungsweiſe Wohlſtand Londons war in der That beträcht⸗ lich. Während im Jahr 1018 das ganze übrige England zu dem damals für ungeheuer geltenden Steuerbetrage von 71,000 ſächſ. Pfunden taxirt wurde, ſteuerte London allein noch weitere 41,000 Pfund. 1 „ waffne und bis 7 das Bl gebe ſe hängen Rathgae nen N genug „ Biener Wälſch rieth 2 Falk, d norwe Bank kein n, wo⸗ ſobald bigkeit und zu Sechs⸗ fmerk⸗ Fläche Macht ten— rdigen . That und ſo ung,“ ch die nſerer unter Um dieſes rächt⸗ s für purde, 63 „Reich genug,“ gab Rolf zur Antwort,„um ein Heer von Be⸗ waffneten zu unterhalten, das ſich von Rouen bis Flandern einer⸗ und bis Paris andererſeits ausdehnte.“ „In den Adern Mathildens, die Du zum Weibe begehrſt, fließt das Blut Carls des Großen,“ bemerkte Fitzosborne plötzlich,„Gott gebe ſein Reich den Kindern, die ſie Dir gebären wird!“ Der Herzog beugte das Haupt und küßte eine an ſeinem Halſe hängende Reliquie. Ein anderes Zeichen der Beiſtimmung zu ſeines Rathgebers Worten äußerte er nicht, fuhr aber nach einer Pauſe fort: „Nach meinem Abgange, Rolf, wendeſt Du Dich wieder zu Dei⸗ nen Marſchen. Dieſe Wälſchen ſind brav und trotzig und werden Dir genug zu ſchaffen machen.“ „Ja, bei meiner Heiligen! Es ſchläft ſich ſchlecht neben dem Bienenhaufen, den man niedergetreten hat.“ „Ei, ſo laß die Wälſchen auf die Sachſen, die Sachſen auf die Wälſchen losſchlagen, und ſorge dafür, daß keiner zu leicht obſiegt,“ rieth William.„Erinnere Dich unſeres heutigen Omens: der wälſche Falk, die ſächſiſche Rohrdommel und über ihren Leichen Herzog William's norwegiſcher Geier! Nun laßt uns zu der Abendveſper und zum Bankett uns ankleiden.“ Zweites Zuch. Lanfranc der Gelehrte. Sechstes Kapitel. Vier Mahle des Tags, und dieſe nicht ſparſam, wurden damals als keine allzu übermäßige Auslegung des täglichen Brodes, um das der — 64 Sachſe betete, betrachtet. Vier Mahle des Tags vom Earl an bis zum Ceorl!„Glückliche Zeiten!“ mag mancher Abkömmling der Letzteren ſeufzen, wenn er dieſe Zeilen liest— zum Theil waren ſie's allerdings für die Hörigen, aber nicht in Allem, denn das Brod der Knechtſchaft iſt nie ſüß, der Trank der Sklaverei nie erheiternd. Die Trunkſucht, das Laſter der kriegeriſchen Nationen des Nordens, hatte vielleicht bei den früheren Sachſen nicht zu ihren vorherrſchenden Ausſchweifungen gehört, ſo lange ihnen die feurigen und rührigen Bretonen und die darauffolgenden Fehden zwiſchen den Königen der Heptarchie die Mäßig⸗ keit als rathſam für kühne Krieger aufnöthigte; allein das ſpätere Beiſpiel der Dänen war ihnen verderblich geworden. Dieſe Meeres⸗ rieſen waren gewohnt, gleich allen, welche zwiſchen ſtarken Contraſten der Arbeit und Ruhe vom Sturm in dem Hafen hin⸗ und hergewor⸗ fen werden, jedes Vergnügen, das ſich ihnen darbot, mit vollen Hän⸗ den zu pflücken. So kam es, daß ſie dem ſächſiſchen Charakter wenig⸗ ſtens für längere Zeit neben Vielem, was zu ſeiner dauernden Erhe⸗ bung gereichte, auch manches Entwürdigende wenigſtens für einige Zeit mittheilten: der Angelſachſe lernte ſich toll und voll zu freſſen und bis zum Delirium anzutrinken. Solche Laſter herrſchten jedoch nur am Hofe des Bekenners. Von Jugend auf in dem klöſterlichen Lager der Normanen auferzogen, hatte er beſonders die enthaltſame Nüchtern⸗ heit wie die ceremonienreiche Frömmigkeit, welche dieſe Soͤhne der Skandinavier vor allen verwandten Stämmen auszeichnete, an ihren Sitten lieben gelernt. Die Lage der Normannen in Frankreich hatte in der That mit der der Spartaner in Griechenland viele Aehnlichkeit. Jene hatten mit geringen Streitkräften inmitten einer unterjochten finſteren Be⸗ völkerung, umringt von eiferſüchtigen furchtloſen Feinden, eine Nieder⸗ lage erzwungen: dadurch wurde ihnen die Nüchternheit zur Lebens⸗ bedingung und die Politik des Häuptlings mußte wohl den Lehren des Predigers ein williges Ohr leihen. Gleich dem Spartaner war jeder Normanne von reiner Abſtammung frei und edel; dieſes Bewußtſeyn gab Spa Selb Unte Anz begl ſicht mach man gen ihre reier heili in d welch erſch einz! aufg ſaͤcht Nac und Her den Arc is zum etzteren rdings btſchaft kſucht, cht bei fungen ind die Näßig⸗ ſpätere keeres⸗ traſten gewor⸗ Hän⸗ venig⸗ Erhe⸗ ge Zeit nd bis ir am ger der htern⸗ ie der ihren ait mit hatten n Be⸗ ieder⸗ bens⸗ en des jeder ztſeyn 6⁵ gab ihnen nicht allein jene auffallende Würde der Haltung, wie ſie Spartaner und Normann gleichmäßig beſaßen, ſondern auch jene ſtolze Selbſtachtung, die ſich gegen das Schauſpiel der Erniedrigung vorſeinen Untergebenen empört hätte. Endlich hatte ihre urſprünglich ſo geringe Anzahl, die Gefahren, die ſte umlagerten, wie das gute Glück, das ſie begleitete, weſentlich dazu beigetragen, die Spartaner in ihrer Zuver⸗ ſicht auf die göttliche Hülfe am frömmſten unter allen Griechen zu machen, und auch die ſprüchwörtliche Andacht der ceremoniöſen Nor⸗ mannen laͤßt ſich vielleicht auf dieſelben Urſachen zurückführen: ſie ttru⸗ gen in ihren neuen Glauben etwas von der feudalen Loyalität gegen ihre geiſtigen Beſchützer über, huldigten der Jungfrau für die Lände⸗ reien, welche ſie ihnen gnädigſt gewährt hatte, und erkannten in dem heiligen Michael den Häuptling und Führer ihrer Kriegsheere. Nachdem der Koͤnig und ſeine Gäſte die Komplete(zweite Veſper) in der zeitweiligen Kapelle der unvollendeten Abtei von Weſtminſter, welche auf der Stelle des Apollotempels“ ſtand— angehört hatten, erſchienen ſie in der großen Halle des Pallaſtes, um ihre Abendmahlzeit einzunehmen. Unterhalb der königlichen Eſtrade waren drei lange Tafeln aufgeſtellt für die Ritter aus William's Gefolge und die Blüthe des ſächſiſchen Adels, der, wie die Jugend überhaupt auf Veränderung und Nachahmung erpicht, den Hof ihres normanniſirten Heiligen belagerte und den rohen Patriotismus der Väter verſchmähte. Aecht engliſche Herzen waren nicht unter ihnen, ja manche von Godwins edelſten Fein⸗ den ſeufzten nach dem engliſch geſinnten Earl, der durch normänniſche Argliſt um ſeiner engliſchen Geſetzlichkeit willen verbannt worden war. An der ovalen Tafel auf dem Dais ſaßen nur beſonders auser⸗ wählte Gäſte: zur Rechten des Königs— William, zur Linken— * Camden. Aus den Ruinen dieſes Tempels wurde von Sibert, Kö⸗ nig der Oſtſachſen, eine Kirche erbaut, und das kleine angebaute Kloſter(ur⸗ ſprünglich von Dunſtan für zwölf Benediktiner gegründet) erfreute ſich wegen ſeines Abtes Wulnoth, deſſen Geſellſchaft Canut ſehr liebte, der beſonderen Gunſt dieſes Königs. Canuts alter Pallaſt auf der Thorneyinſel war durch Feuer zerſtört worden. Bulwer, Harold 5 66 Thronhimmel von Gold⸗ orauf ſie ſaßen, waren von reichvergolde⸗ hhabenen Arabesken ausgeſchnitzt. Am Neffe, der Earl von Hereford, g des Nor⸗ William Fitzosborne, der wenn Herzogs Tafel ſaß⸗ als Ver⸗ Odo von Bayeur. Ueber dieſe drei war ein tuch gebreitet; die Stühle, w tem Metall, die Wappen in er gleichen Tiſche befand ſich des Königs und kraft ſeines Verwandtſchaftsrechtes mit dem Herzo manns Lieblingsbaron und Großſeneſchal, er auch in der Normandie nicht an des4 wandter ſeines Herrn von Edward an die ſeinige geladen war. Andere Gäͤſte wurden nicht an dieſem Tiſche zugelaſſen, ſo daß er außer Edward mit lauter Normannen beſetzt war. Die Teller wa⸗ ren von Gold und Silber, die Becher mit Juwelen eingelegt; vor jedem Gaſte lag ein Meſſer, deſſen Handhabe mit koſtbaren Steinen geſchmückt war und eine mit ſilbernen Franſen beſetzte Serviette. Die Speiſen wurden nicht auf den Tiſch geſtellt, ſondern auf kleinen Spießen ſer⸗ virt, und zwiſchen jedem Gange ward von hochgebornen Pagen ein Becken mit parfümirtem Waſſer herumgereicht. Keine Dame ſchmückte das Feſtmahl, denn ſie, welche den Vorſitz hätte führen ſollen— ſie, makel⸗ los an Schönheit ohne Stolz, an Frömmigkeit ohne Strenge, an Wiſſenſchaft ohne Pedanterie— ſie, die bleiche Roſe von England, Godwins geliebte Tochter und Edwards verabſcheutes Weib, hatte den Fall ihrer Verwandten getheilt und war von dem ſanften König oder deſſen trotzigen Näthen mit der höhniſchen Bemerkung,„es zieme ſich nicht, daß die Tochter und Schweſter ſich der Pracht und des Staates erfreue, während Vater und Brüder in Verbannung und Ungnade das Brod des Fremdlings ſpeisten“— nach einer Abtei in Hampſhire ge⸗ ſendet worden. So hungrig aber auch die Gäſte waren, ſo gehörte es keineswegs zu dem Gebrauche dieſes heiligen Hofes, ohne religiöſe Ceremonien über die Speiſen herzufallen. Die Wuth für Pſalmengeſänge ſtand damals auf ihrem Höhenpunkte in England; ſie hatte faſt jede andere Art von Vokalmuſik verdrängt, ja es wird erzählt, daß bei gewiſſen Gelegenheiten nicht weniger als ſämmtliche Geſänge des Königs Da⸗ 67 vid— ein ungeheurer Aufwand an Lungein und Gedächtniß!— als Einleitung zu großen Feſtmahlen gegeben wurden. Diesmal hatte jedoch Edwards normänniſcher Kämmerling Hugolin das überlange Tiſchgebet abgekürzt, ſo daß die Geſellſchaft zu Edwards Ueberraſchung und Mißvergnügen mit der kurzen und unſcheinbaren Vorbereitung von blos neun Pſalmen und einem ſpeciellen Lobgeſang zu Ehren ir⸗ gend eines unbekannten Heiligen, dem der heutige Tag gewidmet war, entlaſſen wurde. Sobald dieß vorüber war, nahmen die Gäſte wieder ihre Sitze ein, während ſich Edward gegen William wegen der auffal⸗ lenden Unterlaſſung ſeines Kämmerlings entſchuldigte und dreimal hinter einander ſein:„Nichts, nichts— gar nichts!“ wiederholte. Die Fröhlichkeit ſtockte an der königlichen Tafel, trotzdem daß Rolf einen öftern Anlauf verſuchte und ſogar der große Herzog, deſſen Augen, die Tafel hinabwandernd, die Sachſen von den Normannen zu unterſcheiden und nachzurechnen verſuchten, wie viele der Erſteren be⸗ reits zu dem Gefolge ſeiner Freunde gehörten, einige vergebliche An⸗ ſtrengungen zum leichtherzigen Frohſinne machte. Ganz anders ſtand es an den langen Tafeln: als dort das Mahl ſeinen Höhepunkt erreichte, als Ale, Meth, Pigment, Morat und Wein cirkulirten, fand der Sachſe ſeine Zunge gelöst und der normänniſche Ritter verlor etwas von ſeinem ſtolzen Ernſte. Eben als die„Sonne der Nacht“(mit andern Worten die wilde Gluth des Weins), wie ein däniſcher Dichter ſie nannte, in ihrem Meridian leuchtete, entſtand ein vorübergehendes Drängen an den Thüren der Halle, wo außen eine dichte Maſſe von Armen wartete, denen ſpäter die Ueberbleibſel des Mahles überlaſſen wurden; gleich darauf ſah man zwei Fremde ein⸗ treten, für welche der mit den Honneurs der Tafel beauftragte Hofbe⸗ amte am untern Ende des einen Tiſches Platz machte. Beide Ankömmlinge waren ausnehmend einfach, der eine nicht gerade in mönchiſche wohl aber in die Tracht eines Geiſtlichen niederen Rangs gekleidet, der andere trug einen langen grauen Mantel mit wei⸗ ter Gonna(Unterkleid), deren Schleppe in einen breiten Ledergurt. 5* —;—;—;—:——O——— und Schmutz der Reiſe beſleckt waren und äußerſt maſſige kräftige Gliedmaßen umhüllten. Der Erſtgenannte war klein und ſchmäch⸗ tig von Geſtalt; der Andere dagegen von der Höhe und dem Um⸗ fang der Söhne Anaks. Das Geſicht war bei Beiden nicht zu unter⸗ ſcheiden, denn ſie hatten die Kappe, wie ſie von Prieſtern und Laien außer dem Hauſe getragen wurde, mehr als zur Haͤlfte über das Geſicht herabfallen laſſen. Ein Murmeln der Ueberraſchung, der Verachtung und des Zorns über das Eindringen ſo gekleideter Fremdlinge wurde alsbald in ihrer Nachbarſchaft laut, von der reſpektvollen Miene, welche der Ceremonien⸗ meiſter Beiden, beſonders aber dem Größeren, bewieſen hatte, auf einen Augenblick zurückgehalten, aber alsbald mit nur um ſo größerer Leb⸗ haftigkeit ſich Bahn brechend, als der hochgewachſene Mann den Arm ohne weitere Umſtände über die Tafel ſtreckte und einen ungeheuren Krug an ſich zog, der nach der damaligen Sitte, die Tafel immer in„Meſſen“ zu Vieren zu decken, ausſchließlich für Ulf den Dänen, Godrith den Sachſen und zwei junge normänniſche Ritter, Verwandte des mächti⸗ gen Lords von Grantmesnil, aufgeſtellt war. Nicht genug, daß er ihn ſeinem kopfſchüttelnden Kameraden anbot, leerte er ihn mit einem Wohlbehagen, das ihn wenigſtens als keinen Normann anzukündigen ſchien, und wiſchte ſich dann mit bäuriſchen Geberden die Lippen mit dem Aermel ſeines Rieſenarmes. „Feiner Sir,“ begann einer der normänniſchen Ritter, William Mallet, aus dem Hauſe Mallet de Graville, während er, ſoweit es der Raum auf dem Stuhle erlaubte, von dem gigantiſchen Eindring⸗ ling wegrutſchte,„vergebt mir die Bemerkung, daß Ihr meinen Man⸗ tel beſchädigt, meinen Fuß geſtreift und meinen Wein ausgetrunken habt. Wollt Ihr Euch licht gefälligſt herablaſſen, mir das Geſicht ei⸗ * S. d. Note zu Pluquet's Roman de Rou, S. 285. NB. So oft der Roman de Rou in dieſen Zeilen vorkommt, meine ich die vortreffliche Ausgabe dieſes Werkes von Pluquet.— geſteckt war, ſo daß die Beinkleider hervorſahen, welche von Staub nes de G nicht als ſpann mach der i Sach fürch ſcheit man Geb Ritt ſten in d Gaf der ſpra bäu hun blöf eine mit lich Zo All 69 nes Mannes zu zeigen, der dieſes dreifache Unrecht an William Mallet de Graville begangen hat?“ Eine Art von Gelächter— denn ein foͤrmliches Lachen war es nicht— ließ ſich unter der Kapuze des gewaltigen Fremden vernehmen, nter⸗ als er ſie mit einer Hand, welche die Bruſt des Fragenden hätte um⸗ kaien ſpannen können, noch tiefer übers Geſicht zog, und dabei eine Geberde ſicht machte, als ob er die an ihn gerichtete Frage nicht verſtünde, worauf der normänniſche Ritter, mit höflicher Verbeugung an Godrith den Srils Sachſen quer über den Tiſch ſich wendend, alſo fortfuhr: ſihrer„Pardex,“ edler Godree(deſſen Namen meine Lippen, wie ich ſaien⸗ fürchte, nur unvollſtändig herausbringen), dieſer feine Gaſt und Seigneur Einen ſcheint mir von ſächſiſcher Abſtammung und Zunge, denn unſere ro⸗ Leb⸗ maniſche Sprache kennt er nicht. Sagt mir doch, iſt es ſächſiſcher Arm Gebrauch, in ſolchem Aufzug eines Königs Halle zu betreten und einem Trug Ritter ſeinen Wein ſo ſtumm auszutrinken?“ 6 ſſen“ Godrith, ein junger Sachſe von hohem Rang, aber einer der eifrig⸗ ) den ſten Nachahmer ausländiſcher Sitten, wurde feuerroth über die Ironie ichti⸗ in der Rede des Ritters, und in rauhem Tone an den ungeſchlachten 3 rihn Gaſt ſich wendend, der nunmehr unermeßliche Paſtetenſchnitten unter 3 mem der Höhle ſeiner Kapuze verſchwinden ließ, ſagte er in ſeiner Landes⸗ igen ſprache, aber mit einem Liſpeln, wie wenn ſie ihm ungewohnt wäre: mit„Wenn Du ein Sachſe biſt, ſo beſchäme uns nicht durch Deine . bäuriſchen Manieren; bitte dieſen normänniſchen Than um Verzei⸗ liam hung, die er Dir ohne Zweifel aus Mitleid gewähren wird. Ent⸗ t es blöße Dein Haupt und—“ ing⸗ Hier wurde die Ermahnung des Sachſen unterbrochen, denn kan⸗ einer der Diener näherte ſich Godrith's Sitze mit einem Spieße, der nken mit etlichen zwanzig fetten Lerchen elegant beſpickt war; der unmanier⸗ ei⸗ liche Rieſe fuhr jedoch dem erſchreckten Sachſen mit ſeinem Arm einen Zoll breit an der Naſe vorüber und nahm die Lerchen, die Gabel und ich Alles in Beſitz. Zwei davon legte er ſeinem Freunde trotz aller ab⸗ * Pardex oder Pardé, daſſelbe was das modernfranzöſiſche Pardié. 70 mahnenden Geberden auf den Teller, die übrigen wurden auf ſeinem eigenen aufgethürmt, während die anderen Gäſte das Schauſpiel ſprach⸗ los vor Zorn mit anſahen. Endlich begann Mallet de Graville, mit neidiſchem Blick auf die Lerchen— denn wenn ein Normanne auch kein Schwelger war, ſo war er doch Feinſchmecker: „Wahrhaftig, foi de chevalier! man muß in fremde Laͤnder gehen, wenn man Ungeheuer ſehen will; wir ſind aber jedenfalls Glücksnarren,“(und hier wendete er ſich an ſeinen normänniſchen Freund Aymer, Quen“ oder Graf von Evereux), daß wir ohne die weiten Irrfahrten des Ulyſſes einen Polyphem entdeckt haben,“ indem er auf den verhüllten Rieſen deutend, paſſend genug den lateiniſchen Vers anführte: „Monstrum, horrendum, informe, ingens, cui lumen ademptum.“ (Scheuſal, ſchrecklich zu ſeh'n, blind, ungeheuer, unförmlich.) Virgil. Der Rieſe fuhr fort, die Lerchen ſo gemüthsruhig zu verzehren, wie der Oger, dem er verglichen worden, die Griechen in ſeiner Höhle verſpeist haben mochte. Sein Mitankömmling ſchien jedoch von dem Klange des Lateiniſchen betroffen: er hob plötzlich ſein Haupt und ſagte mit beifälligem Lächeln, wodurch zwei ſchneeweiße Zähnereihen zum Vorſchein kamen: „Bene, mi fili! bene, lepidissime; poetae verba in militis ore non indecora sonant.“* Der junge Normann ſtarrte den Sprechenden an und erwiederte in demſelben Tone ernſter Affektation: „Artiger Sir! der Beifall eines ſo eminenten Geiſtlichen, wie Ihr nach der Beſcheidenheit, mit der Ihr Eure Größe verhüllt, ohne Zweifel ſeyn müßt— kann nicht ermangeln, mir den Neid meiner engliſchen Freunde, welche gewöhnt ſind, in verba magistri— ſtatt * Quen, oder beſſer Quens, ſynonym mit Count in normänniſchen Chro⸗ niken. Earl Godwin heißt bei Wace ſonderbarer Weiſe Quens Gwine. **„Gut, mein Sohn! gut, Du Spötter: des Dichters Worte klingen lieblich im Munde des Kriegers.“. ſeinem prach⸗ nuf die r, ſo Pänder nfalls iſchen e die indem iſchen I. hren, Höhle dem ſagte zum ore derte wie ohne einer ſtatt hro⸗ ngen 71 verba ſetzen ſie in ihrer Gelahrtheit vina— zu ſchwören, in hohem Grade zuzuziehen.“. „Ihr ſeyd ſehr ſpaßhaft, Sire Mallet,“ ſiel Godrith erröthend weiß, daß das Latein nur für Mönche und Glatzköpfe taugt, und ſie ſogar haben ſich deſſen wenig genug zu rühmen.“ „Latein!“ erwiederte der Normann mit verächtlichem Lächelu.— „O Godree, bien aimé! Latein iſt die Sprache der Cäſaren und Se⸗ natoren, ſtolzer Ritter und tapferer Eroberer. Weißt Du nicht, daß Herzog William der Furchtloſe ſchon im achten Jahre Julius Cäſars Commentarien auswendig wußte?— und daß er ſelbſt ſich aͤußerte, Wiſſen ſey ein gekrönter Eſel** ⸗ Wenn der König ein Eſel iſt, ſo ſind ſeine Unterthanen Eſelein. Drum gehe in die Schule, ſprich ehrerbietig von Deinen Beſſern, den Mönchen und Glatzköpfen, die bei uns gar oft tapfere Heerführer und weiſe Räthe ſind— und lerne, daß nur ein voller Kopf eine gewichtige Hand macht.“ „Dein Name, junger Ritter?“ rief der Geiſtliche in normän⸗ niſchem Franzöſiſch, doch mit leichtem ausländiſchem Accent. „Den kann ich Dir geben,“ ſchrie der Rieſe zum erſten Male in ache laut und mit rauher Stimme redend, welcher ein feines Ohr alsbald die Verſtellung angemerkt hätte—„ich kann Dir Namen, Geburt und Charakter beſchreiben. Mit Namen iſt dieſer Jüngling Guillaume Mallet, zuweilen De Graville genannt, weil unſere normänniſchen Edelleute jetzt immer ein'de vor ihrem Na⸗ men gepflaſtert haben müſſen; nichtsdeſtoweniger hat er kein anderes Recht auf die Baronie von Graville, welche dem Haupte ſeines Hauſes angehört, als etwa einen alten Thurm in einer Ecke des genannten Gebiets mit Ländereien, nicht größer als um ein Pferd und zwei Leib⸗ eigene zu ernähren— wenn dieſe nämlich nicht ſchon ſeit Monaten an einen Juden für den Einkauf von Sammtmänteln und einer Gold⸗ welcher bald William, bald ſeinem Sohne Henry le ein;„aber ich w tein König ohne derſelben Spr * Ein Ausſpruch, Beau Clere zugeſchrieben wird. 72 kette verpfändet wären. Von Geburt ſtammt er von Mallet„* einem kühnen Norweger auf der Flotte Rolfs des Seekönigs; ſeine Mutter war eine Frankin, von der er ſeine beſten Beſitzthümer— nämlich einen abgefeimten Verſtand und eine läſterliche Zunge erbte. Seine Vorzüge bilden Enthaltſamkeit, denn er ißt nie anders als auf Koſten Anderer— etwas Latein, da er wegen ſeiner ſchmächtigen, unkriege⸗ riſchen Geſtalt zum Moͤnche beſtimmt war— einiger Muth— denn trotz ſeiner Kleinheit hat er drei Burgunder mit eigener Hand erſchla⸗ gen, worauf Herzog William unter anderen thörichten Handlungen ſtatt eines Mönches sans tache einen Ritter sans terre aus ihm machte. Was das Uebrige betrifft—“ „Was das Uebrige betrifft,“ ſiel der Sire de Graville ſchnee⸗ weiß vor Wuth, aber in leiſem unterdrücktem Tone ein,„wenn nicht Herzog William dort drüben ſäße, ſo ſollteſt Du ſechs Zoll kalten Stahls in Deinen unförmlichen Leichnam haben, um Dein geſtohlenes Mittageſſen zu verdauen und Deine unmanierliche Zunge zum Schwei⸗ gen zu bringen—“ „Was das Uebrige betrifft,“ fuhr der Rieſe gleichgültig, und wie wenn er die Unterbrechung gar nicht gehört hätte, fort,„ſo gleicht er Achilles blos darin, daß er impiger, iracundus** iſt. Große Leute können eben ſo gut wie kleine ein lateiniſches Sprüchlein anführen⸗ Meſſire Mallet, le beau Clerc!“ Mallets Hand fuhr nach dem Dolch, ſein Auge erweiterte ſich wie das des Panthers vor dem Sprunge; aber zum Glück ließ ſich in dieſem Augenblicke Williams tiefe vollklingende Stimme verneh⸗ men, gewöͤhnt durch die Reihen einer Armee hinabzudringen, und auch diesmal hell und klar, obwohl nur wenig lauter als gewöhnlich, über die Verſammlung hinrollend. „Schön iſt Euer Feſt und heiter Euer Wein, Herr König und Bruder mein! Nur vermiſſe ich hier, was König und Ritter als Salz * Mallet iſt bis auf den beutigen Tag ein ächt ſkandinaviſcher Name. * Ruhelos, jähzornig. des F Min von Thate 1 kante Verſa Höfli bei de aber abzul wahr einem weiße liches ſtimn und d einer welch Schl gezei ſeine von tete geſch und auf Bra der inem utter nlich beine oſten ege⸗ denn hla⸗ ſtatt hte. nee⸗ icht ten nes ei⸗ ind cht ute 2n, 78 des Feſtes und ächteſten Duft des Weines erachten— den Geſang des Minſtrels. Verzeiht mir, aber Sachſen und Normänner ſind beide von verwandtem Stamme, und lieben es in Halle und Gaden die Thaten ihrer nördlichen Väter zu hören. Ich bitte alſo Eure Muſi⸗ kanten oder Harfenſpieler um ein Lied aus den alten Zeiten.“ Ein Beifallsgemurmel drang durch den normänniſchen Theil der Verſammlung; die Sachſen ſchauten auf und einige der geübteren Höflinge ſeufzten ſchwer, denn ſie wußten wohl, welcherlei Geſänge bei dem heiligen Edward ausſchließlich in Gunſt ſtanden. Die leiſe Erwiederung des Königs war nicht zu vernehmen; wer aber in ſeinem Geſichte die ſchwachen Veränderungen des Ausdrucks abzuleſen vermochte, hätte wohl eine Miene des Tadels darin ge⸗ wahren können, deren Bedeutung alsbald klar wurde, als ſich aus einem Winkel der Halle, worin einige geſpenſtige Muſikanten in weißen Gewändern— weiß wie Leichentücher— ſaßen, ein grabähn⸗ liches Vorſpiel vernehmen ließ, worauf eine klägliche Jammer⸗ ſtimme eine lange und höchſt ermüdende Erzählung über die Wunder und das Märtyrthum eines frühzeitigen Heiligen anzuſtimmen begann. Der Geſang war ſo monoton, daß ſeine Wirkung ſehr bald in einer allgemeinen Schläfrigkeit ſichtbar wurde, und als ſich Edward, welcher allein mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhörte, gegen den Schluß umwandte, um die theilnehmende Bewunderung ſeiner aus⸗ gezeichneten Gäſte einzuernten, ſah er ſeinen Neffen gähnen, als ob ſeine Kinnbacken aus der Ordnung gekommen wären— der Biſchof von Bayeur war feſt eingeſchlafen, indem ſeine reichberingten, gefal⸗ teten Hände auf ſeinem Magen ruhten— Fitzosborne's kleines halb⸗ geſchornes Haupt ſchwankte mit mancher unruhigen Unterbrechung hin und her— und William, der noch völlig wach war, hatte die Augen auf den leeren Raum geheftet, und ſeine Seele ſchweifte weit von dem Bratroſte, vor welchem(alle andern Heiligen ſeyen dafür geprieſen!) der Heilige dieſer Ballade glücklicherweiſe endlich angelangt war. 74 „Eine tröſtliche, heilſame Erzählung, Graf William,“ bemerkte der König.— Der Herzog fuhr aus ſeinen Träumen auf und nickte mit dem Kopfe, worauf er ziemlich abgeriſſen fragte: „Iſt jenes Wappen nicht das König Alfreds?“ „Ja. Warum?“. „Hm! Mathilde von Flandern ſtammt in gerader Linie von Al⸗ fred ab; es iſt ein Name und Geſchlecht, das die Sachſen noch immer in Ehren halten!“ „Ei freilich; Alfred war ein großer Mann und reformirte die Pſalmen,“ erwiederte Edward. Der Grabgeſang nahm ein Ende; aber ſo betäubend war ſeine Wirkung geweſen, daß die Schlaſſucht, die er erzeugt hatte, mit der Urſache nicht alsbald aufhörte. Todtenſtille herrſchte in der geräumi⸗ gen Halle, als plötzlich laut und mächtig wie das Schmettern der Trompete nach dem Schweigen des Grabes eine einzelne Stimme laut wurde. Alle fuhren zuſammen— drehten ſich um— Alle ſchauten nach einer Richtung und ſahen, daß die gewaltige Stimme von dem hinterſten Ende der Halle herüberdrang. Der rieſige Fremde hatte unter ſeinem Mantel ein kleines dreiſaitiges Inſtrument— nicht un⸗ ähnlich unſerer modernen Laute— hervorgezogen, auf welchem er folgenden Geſang anſtimmte: Vallade vom Rou.* 1. Von Blois nach Senlis, Wog an Wog, rollt der Normannen Flut, Und Frank an Frankke ſtürzt vor ihm, gebadet in ſein Blut; Da war kein Schloß im ganzen Land verſchont vom grimmen Feu'r, Nicht Weib noch Kind, das nicht beweint'nen Gatten oder Sire. Und Mönche, Ritter, wohlbewehrt, ſie fliehn dem König zu, Die Erde bebt, denn hinterher kommt donnernd Herzog Rou. * Rou— ſo tauften die Franzoſen den Rollo oder Rolfganger, den Grün⸗ der der normänniſchen Niederlaſſung. 2. „O König,“ jammert der Baron,„umſonſt ſind Keul und Sporn, Des Normanns Art, ſie fällt auf uns wie Hagel auf das Korn.“ „Umſonſt,“ ſo klagt der fromme Mönch,„wir vor der Jungfrau knie'n Zu beten, vor des Normanns Stahl iſt eitel machtlos Mühn. Der Ritter ſtöhnt, der Glatzkopf weint, weil näher mit der Fluh Gleich Todtenröcheln zieht heran die Rabenflagg' von Rou. on Al⸗ 3 immer . Spricht König Karl:„Wie kann ich ſteh'n, todt meine Heere ſchon? Der Kön’ge Stärke iſt das Volk, das rings umgibt den Thron. rte die Verſchlingt der Krieg die Ritter mein, iſt's Zeit, den Krieg zu flieh'n., Verſchmäht der Himmel euer Flehn, ihr Mönch— nehmt Frieden hin. Geh zu, mein Sohn, das Kruzifir trag in ſein Lager du, Und mit dem Krummſtab zu der Hürd' lock dieſen grimmen Rou. ——— r ſeine nit der räumi⸗ 1. irn der„Vom Michelsberg bis Eure ſey ſein die ganze Meeresküſt', ne laut Und Gill'’, mein Kind, nehm’ er als Braut, damit er ſicher iſt; Wofern er küßt das Chriſtenkreuz, ſteckt ein ſein Heidenſchwert, hauten Und nimmt die Länder, unhaltbar, von Karl als Leh'n verehrt. on dem Fort mit dir, Kirchenhirt, das Werk des Schäfers— geh, das thu! hatte Mit goldnem Vließ umhülle dann die Tigerhüft' von Rou.“ ht un⸗ 5 hem er 1 Pſalmſingend naht der Glatzkopf ſich, wo Rou, der rieſ'ge Mann Inmitten ſeiner Krieger ſteht, wie in dem Wald die Tann'’. Da ſprach der Franken Erzbiſchof, ein Prieſter fromm und weis: „Wozu des Krieges Wuth, da dir Fried' winkt und reicher Preis? Das ſchönſte Land, das je die Sonn’ beſcheint— wüſt!— ach wozu? Es iſt ja Dein, denn alſo ſpricht mein König Karl zu Rou: 6. „Vom Michelsberg bis Eure ſey Dein die ganze Meeresküft', Und Gill', mein ſchönſtes Kind, als Braut, damit Du ſicher biſt:. Wofern Du knieſt vor unſerm Gott, ſteckſt ein Dein Heidenſchwert, Und nimmſt das Land, der Kirche Sohn, von Karl als Lehn' verehrt.“ Grün⸗ Der Normann auf die Krieger ſchaut— zieht ſie zum Rathe zu: Der Himmel ſchützt der Franken Land und rührt das Herz von Rou. „ 7 So naht er denn, ſpricht alſo zu dem Erzbiſchofe hehr: „Ich nehm das Land vom König an, vom Michelsberg bis Eure, Ich nehm’ die Maid, ſchön oder nicht, zur Küſte obendrein, Mein Glaube?— pah, der Gott, der gibt, den nennt Seekönig ſein. Sag deinem Herrn, daß Wort er hält— und gönn' dir keine Ruh, Er find’'nen guten Sohn und Ihr'nen Frommen an dem Rou.“ 8. Jenſeits des Gränzfluß' Epte kam Rou, der Normann gen St. Clair, Wo auf dem Thron der König ſaß, rings der Barone Wehr. Er legt die Hand in Karls’— und laut ertönts aus aller Mund, Des Königs Aug wird thränenfeucht— denn Rou, der preßt ſie wund. „Nun küßt den Fuß,“ der Biſchof ſpricht,„ſolches gehört dazu.“ Doch finſter dräut die Stirn und ſchwer des neubekehrten Rou. 9. Er nimmt den Fuß, als wollt, ein Sklav, den Mund drauf preſſen er: Sein Volk erzürnt— er ſtürzt den Thron, der König ſtürzte ſchwer. Laut lacht des Normanns muntre Schaar— die Franken ſteh'n erbleicht, Und Rou erhebt das Haupt wie'n Maſt, wenn laut der Sturmwind ſtreicht. „Gott wollt ich ehren, Menſchen nicht, ſeyſt König, Kaiſer du: Den Fuß, der vor dem Feinde floh, ein Feigling küßt!“ ſprach Rou. Keine Worte vermögen die Aufregung zu ſchildern, welche dieſes rauhe Minſtrellied— ſo ſehr es auch durch unſere dürftige Ueberſetzung aus der romaniſchen Sprache, in der es geſungen wurde, verdorben iſt— unter den normänniſchen Gäſten hervorrief; weniger vielleicht der Geſang ſelbſt als das Erkennen des Minſtrels, denn kaum hatte er geendet, als mehr denn hundert Stimmen in das laute Murmeln aus⸗ brachen, das nur wegen der königlichen Gegenwart nicht zum hellen Freudenrufe wurde: „Taillefer, unſer Normann Taillefer.“ „Bei unſerem gemeinſamen heiligen Peter, mein Vetter und König,“ rief William mit offenem herzlichen Lachen;„wohl wußte ich, daß keine Zunge als die meinks kriegeriſchen Minſtrels unſere Ohren dermaßen erſchüttern konnte. Um ſeines kühnen Herzens willen bitte ich Dich, ſein keckes Thema zu entſchuldigen, und da ich wohl weiß,“ (hi dri reit hin licht, dieſes etzung dorben ht der atte er aus⸗ hellen und te ich, hren bitte ſtreicht. (hier wurde des Herzogs Miene geſpannt und ernſt,)„daß nichts als dringende wichtige Neuigkeiten aus meinem ſtürmiſchen Reiche dieſen reimenden Wanderer herüberbringen konnten, ſo erlaubt dem Seneſchal hinter mir, jenen Wonet der Vorbedeutung wie des Geſanges hierher zu führen.“ „Was Dir gefällig iſt, gefällt auch mir,“ erwiederte Edward trocken und gab dem Beamten den nöthigen Befehl. In wenigen Minuten kam der berühmte Minſtrel, unter Vortritt des Offizianten und gefolgt von dem Geiſtlichen, zwiſchen beiden Tafeln den weiten Raum der Halle heraufgeſchritten. Beider Kapuzen waren jetzt zurückgeſchlagen und enthüllten zwei Geſichter, welche im ſtrengſten Kontraſte gegen einander ſtanden, deren aber jedes der Aufmerkſam⸗ keit, die es hervorgerufen, gleich würdig war. Das Antlitz des Min⸗ ſtrels war offen und ſonnig wie der Tag; das des Prieſters dunkel und verſchloſſen wie die Nacht. Dicke, kaſtanienbraune Locken(die unter den Normannen verbreitetſte Haarfarbe) ringelten ſich in ſorgloſer Un⸗ ordnung um Taillefers maſſive, runzelloſe Stirne. Sein helles, brau⸗ nes Auge war kühn und fröhlich, und ſchlauer, ſarkaſtiſcher Muthwille ſpielte um ſeine Lippen— ſeine ganze Erſcheinung war einnehmend und heroiſch zugleich. Des Prieſters Wange dagegen war dunkel gelblich, ſeine Züge ausnehmend fein und zart, die Stirne hoch, nur etwas ſchmal und mit den Linien des Nachdenkens durchfurcht; ſeine Miene gefaßt und be⸗ ſcheiden, aber nicht ohne ruhiges Selbſtvertrauen— ſo bewegte ſich der Gelehrte geräuſchlos, geſammelt und ſeiner überwiegenden Macht über Schwerter und Panzer wohl bewußt, unter dieſer kriegeriſchen Verſammlung. Williams ſcharfes Auge ruhte mit Ueberraſchung, nicht ohne Stolz und Ingrimm, auf dem Prieſter; doch erſt an Taillefer ſich wen⸗ dend, der mittlerweile den Fuß des Dais erreichte, begann er mit faſt zärtlicher Vertraulichkeit: „Nun wahrlich, bei unſerer Dame! wenn Du nicht ſchlimme — ͦ——— — 78 Neuigkeiten bringſt, Mann, ſo iſt Dein luſtiges Geſicht meinen Augen erfrenlicher, als Dein rauher Geſang meinen Ohren geweſen. Kniee nieder, Taillefer, kniee vor König Edward, und mit beſſerem Geſchick, Du Spitzbube, als unſer unglücklicher Landsmann vor König Charles.“ Edward jedoch, von der Geſtalt des Rieſen ebenſo wenig wie von dem Gegenſtande ſeines Liedes erfreut, rückte ſeinen Stuhl ſo weit er nur konnte zurück und ſprach: „Nein, nein, wir entſchuldigen Dich, wir entſchuldigen Dich, großer Mann.“ Nichts deſto weniger kniete der Minſtrel und ebenſo der Prieſter mit einem Anſtriche tiefer Demuth nieder, dann erhoben ſie ſich lang⸗ ſam und wandten ſich, auf ein Zeichen des Herzogs, nach der andern Seite der Tafel, wo ſie ſich hinter Fitzosborne's Stuhle aufſtellten. „Geiſtlicher,“ ſagte William, das ſchwärzliche Geſicht des Prie⸗ ſters bedächtig muſternd,„ich kenne Dich von früher, und wenn die Kirche einen Abgeſandten ſchickte, ſo hätte ſie per la resplendar Dé! mir wenigſtens einen Abt ſenden können.“ „Ei, ei!“ lautete Taillefers barſche Bemerkung,„kränkt nicht mon Fon camerade, Graf der Normannen. Bei Gott! Du wirſt ihn wahrſcheinlich mehr als mich willkommen heißen, denn der Sänger bringt uns bloße Mißtöne, die der Weiſe vielleicht zu Harmonie um⸗ geſtaltet.“ über den Augen, daß dieſe nur noch wie zwei Feuerfunken ſichtbar waren.„Ich ahne, meine ſtolzen Vaſallen ſind meuteriſch. Entferne Dich mit Deinem Kameraden und erwarte mich auf meinem Zimmer. Die Feſtlichkeit ſoll drum in London nicht erlahmen, weil der Wind von Rouen her etwas ſtürmiſch bläst.“ Die beiden Abgeſandten— denn das ſchienen ſie wirklich— ent⸗ fernten ſich mit ſchweigender Verbeugung. „Keine ſchlimmen Zeitungen, hoffe ich?“ fragte Edward, der auf die flüſternde Unterhaltung zwiſchen dem Herzog und ſeinen Unter⸗ „Ha!“ rief der Herzog und ſeine Stirne runzelte ſich ſo finſter thar Gei feur grü ende lige edle Hee ſie Mö Far war Mi —.———— igen thanen nicht gehorcht hatte.„Kein Schisma in der Kirche? Der niee Geiſtliche ſchien ein friedlicher, demüthiger Mann.“ pick,„Und gäbe es auch Schismen in meiner Kirche,“ erwiederte der es.“ feurige Herzog—„mein Bruder von Bayeux würde ſie mit Beweis⸗ wie gründen, ſo bündig wie der Raum zwiſchen Strick und Kehle, zu be⸗ ſo enden wiſſen.“ „Ah, Du biſt ohne Zweifel in den Canons wohl bewandert, hei⸗ dich, liger Odo?“ fragte der König mit mehr Reſpekt, als er ſeither dem edlen Prälaten bewieſen, an den Biſchof ſich wendend. eſter„Canons?— ja, Seigneur; ich ſetze ſie ſelbſt auf für meine ſang⸗ Heerde, gemäß denjenigen Erläuterungen der römiſchen Kirche, wie dern ſie für das normanniſche Reich am beſten taugen, und wehe dem lten. Mönche, dem Diakon oder Abt, der ſie zu mißdeuten wagte.“* Prie⸗ Der Biſchof ſchaute ſo wild und drohend aus, während ſich ſeine n die Fantaſie die Möglichkeit ketzeriſchen Abfalles heraufbeſchwor, daß Ed⸗ D6! ward vor ihm, wie früher vor Taillefer zurückbebte, worauf einige Minuten ſpäter, auf ein Zeichen zwiſchen ihm und dem Herzog, der nicht bei all' ſeiner Ungeduld viel zu ceremoniös war, um ſein Verlangen tihn zu geſtehen, die königliche Parthie von dem Bankette aufbrach. inger Nur wenige der älteren Sachſen und der noch unverbeſſerlicheren um⸗ Dänen blieben ſtandhaft auf ihren Sitzen, bis ſie ſchließlich von dieſen letzteren auf das Steinpflaſter geriethen, um ſich mit der Morgen⸗ inſter dämmerung, von ihren geduldigen Dienern, welche mit Fackeln in der ötbar Hand ihre Gebieter mit dummem Neide— wenn nicht über deren ferne Ruhe, ſo doch wegen des Trinkgelages, das dieſe veranlaßt hatte— mer. Wind* Fromme Strenge gegen alle Ketzerei war eine der normänniſchen Tu⸗ genden. Wilhelm von Poitiers ſagt von William: man weiß, mit welchem Eifer er Andersdenkende(nämlich über Transſubſtantiation) verfolgte und ver⸗ ent⸗.“tilgte. Während aber der kluge Normanne dem Geſchmack des Pabſtes in ſol⸗ chen Dingen ſchmeichelte, trug er gleichwohl Sorge, die Unabhängigkeit ſeiner der Kirche gegen jede ungehörige Dictatur zu bewahren. nter⸗ 80 betrachteten, ſorgfältig in eine Reihe an den Außenwänden des Palla⸗ ſtes gelehnt, wiederzufinden. 3 Siebentes Kapitel. „Und nun,“ ſagte William, auf einem langen, ſchmalen, mit Schnitzwerk rings umgebenen Ruhebette liegend, das nach der Mode damaliger Zeit wie eine Theaterloge ausſah—„nun, Sir Taillefer, Deine Neuigkeiten.“ In des Herzogs Zimmer befanden ſich der Graf Fitzosborne, Lord von Breteul mit dem Namen der„ſtolze Geiſt“, welcher mit großer Würde ſeinem Herrn das Kohlenbecken, die weite, linnene Tunika(im damaligen Latein dormitorium— im Säͤchſiſchen Nachtmantel ge⸗ nannt), worin der Herzog ſeine furchtbaren Glieder zur Ruhe legen ſollte*, vorhielt,— Taillefer, der aufrecht, wie eine römiſche Schild⸗ wache auf dem Poſten, vor dem Herzoge daſtand, und der Geiſtliche, welcher, die Arme unter ſeinem Gewande gekreuzt und die glänzenden Augen zu Boden geheftet, ſich etwas abſeits aufgeſtellt hatte. „Mein hoher, mächtiger Lehensherr,“ begann Taillefer ernſthaft und mit einem Anfluge von Theilnahme auf ſeinem breiten Geſicht, „meine Neuigkeit iſt der Art, daß man ſte am beſten kurz abmacht: Bunaz, Graf von Eu und Abkömmling Richard Sanspeurs, hat die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt.“ „Fahre fort,“ ſprach der Herzog, ſeine Fauſt ballend. „.Heinrich, König der Franzoſen, unterhandelt mit den Rebellen, ſtiftet Meuterei in Deinem Reiche und neue Bewerber für Deinen Thron.“ „Ha!“ murmelte der Herzog und ſeine Lippe bebte,„das iſt nicht Alles!“ „Nein, mein Lehensherr! das Schlimmſte kommt noch. Dein ⸗ Wenige Generationen ſpäter wurde die bequeme und anſtändige Mode ſolcher Nachtgewänder aufgegeben, und unſere Vorväter, Sachſen wie Nor⸗ männer, begaben ſich wie die Lappländer, in puris naturalibus zu Bette. llen, inen nicht Dein Mode Nor⸗ tte. 81 Oheim Mauger, wohl wiſſend, daß Dein Herz auf die baldige Ver⸗ bindung mit der hohen und edlen Dame Mathilde von Flandern ge⸗ richtet iſt, hat ſich während Deiner Abweſenheit dagegen erklärt und predigt wider Dich in Kirchen und Hallen. Er erklärt die Hei⸗ rath für Blutſchande, weil ſie zwiſchen verbotenen Graden ſtattfinde, und weil Adele, der Jungfrau Mutter, an Deinen Oheim Richard vermählt war.— Mauger droht mit Exkommunikation, wenn mein Lehensherr auf ſeiner Bewerbung beſtehe.“ So verwirrt iſt das Reich, daß ich die Verhandlungen des Staatsraths gar nicht abwartete, ſon⸗ dern aus Beſorgniß, in dieſem Falle noch traurigere Botſchaft bringen zu müſſen, in Deinem Hafen Cherburg ein Schiff nahm und nicht eher den Zügel anzog, ja kaum ein Brod brach, bis ich zu dem Erben Rolfs, des Begründers, ſprechen konnte: Rette Dein Reich vor den Män⸗ nern in Stahl, und Deine Braut vor den ſchurkiſchen Mönchskutten'.“ „Ho ho!“ rief William, nunmehr in volle Wuth ausbrechend, indem er von ſeinem Lager aufſprang.„Hörſt Du's, Lord Seneſchall? Sieben Jahre— die Probezeit des Patriarchen— habe ich geworben und gewartet, und jetzt am Schluſſe will mir ein hochmüthiger Prieſter ſagen: reiß dieſe Liebe aus Deinem Herzen!— Mich erkommuni⸗ eiren— mich— William, den Sohn Roberts des Teufels! Ha, bei Gottes Glanze! Mauger ſoll noch erleben, daß er lieber den Vater in der ächten Geſtalt des böſen Feindes neben ſich, als die gerunzelte Stirne des Sohnes vor ſich ſehen möchte!“ * Die meiſten Chroniſten ſtellen uns die Verwandtſchaft im verbotenen Grade als Hinderniß für Williams Heirath mit Mathilden auf; allein die Verlobung, oder beſſer Trauung, ihrer Mutter Adele mit Richard III., ſcheint (obwohl nie vollzogen) den eigentlichen canoniſchen Einwurf gebildet zu haben. S. die Note bei Wace, II. Bd. S. 60. Gleichwohl war Mathildens Mutter Adele, als Wittwe von ſeines Vaters älterem Bruder, eine Muhme Williams, „eine Verwandtſchaft, welche(wie ein Schriftſteller in der Archäologie ſich ausdrückt,) allerdings nahe genug war, um die Einmiſchung der Kirche zu erklären, wenn auch nicht zu rechtfertigen.“ Arch. XXXII. Bd. S. 109. Bulwer, Harold. 6 8² „Fürchte Gott,“ entgegnete Fitzosborne, von ſeinem Amte ab⸗ ſtehend und ſich vor dem Herzog aufrichtend:„Du weißt, daß ich Dein treuer Freund und ergebener Ritter bin; Du weißt, wie ich Dich in Deiner Bewerbung um die Dame von Flandern unterſtützte, und wie ſehr ich überzeugt bin, daß was hier Deinem Herzen gefällt, auch zum Schutze Deines Reiches dienen wird; aber ehe Du dem Befehle der Kirche und dem Banne des Pabſtes trotzeſt, eher wollte ich Dich mit der ärmſten Jungfrau der Normandie vermählt ſehen.“ William war bis jetzt wie ein raſender Löwe in ſeinem Käfig im Zimmer auf und ab geſchritten, blieb aber voll Erſtaunen bei dieſer kühnen Rede ſtehen. „Das von Dir, William Fitzosborne!— von Dir!“ donnerte er.„Ich ſage Dir, auch wenn ſich alle Prieſter der Chriſtenheit und alle Barone Frankreichs zwiſchen mich und meine Braut ſtellen— ich würde mir den Weg mit dem Schwert durch ſie bahnen. Feinde über⸗ fallen mein Reich— immerhin; Fürſten komplottiren gegen mich— ich verachte ſie; meine Unterthanen ſind meuteriſch— dieſe ſtarke Hand kann züchtigen, dieſes weite Herz vergeben. Das ſind lauter Gefah⸗ ren, auf die ein Herrſcher gefaßt ſeyn ſollte; aber der Mann hat ein Recht auf ſeine Liebe, wie der Hirſch auf die Hündin, und wer mich id Verräther, nicht als normän⸗ hier verletzt, der iſt mein Todfeind un — Du und Deine niſcher Herzog, ſondern als Menſch. Das bedenfe hochmüthigen Barone, das bedenke!“ „Hochmüthig mögen Deine Barone ſeyn,“ erwiederte Fitzosborne roth werdend, ohne vor dem Zorn ſeines Herrn zurückzubeben;„ſie ſind die Söhne derer, welche das Reich der Normannen mit dem Schwerte gründeten, und in Rolf blos den Lehenshäuptling freier Krieger anerkannten; Vaſallen ſind keine Leibeigenen, und was wir, ſey es nun gegen die Kirche oder gegen unſern Häuptling, für unſere Pflicht halten— das, Herzog William, werden Deine hochmüthigen Barone ſicherlich thun, ohne ſich durch Drohungen einſchüchtern zu laſſen, die wir— das glaube mir— als eitel Luftblaſen betrachten, ſo 83 lange wir in Erfüllung unſerer Pflicht, in Vertheidigung unſerer Freiheit begriffen ſind.“ Der Herzog betrachtete ſeinen ſtolzen Unterthanen mit einem Blick, worin ein niedrigerer Geiſt deſſen Todesurtheil geleſen hätte. Die Adern ſeiner breiten Schläfe ſchwollen zu förmlichen Stricken an, und leichter Schaum ſammelte ſich auf ſeinen zitternden Lippen. Aber feu⸗ rig und furchtlos wie William war, zeigte er ſich nicht minder tief und ſcharfblickend. In dieſem einen Manne ſah er den Repräſentanten jener ſtolzen, makelloſen Ritterſchaft— der erſten der Ragen— jener hervorragenden Männer, an denen der Tapfere, ſeit dem Tage, da der letzte Athener ſein Haupt mit dem Mantel bedeckte und ſchweigend ſtarb, das höchſte Muſter kühner Heldenthaten, der Freie die männ⸗ liche Behauptung edler Gedanken“ anerkennt. Weit entfernt, Williams Willen ſonſt hartnäckig zu widerſtreben, war es gerade Fitzosborne's überwiegender Einfluß im Staatsrathe geweſen, welchem der Herzog deſſen Unterwerfung unter ſeine Wünſche und die Zuzüge bei ſeinen Krie⸗ gen gar oft verdankt hatte. Sogar in dem heftigſten Sturme ſeiner Wuth fühlte er, daß der Schlag, den er ſo gerne auf das kühne Haupt gethan hätte, ſeinen Herzogsthron in den Staub ſtürzen würde, er fühlte, wie furchtbar die Macht der Kirche war, welche ihm das Herz Es wäre ein Leichtes zu beweiſen(wenn hier der Ort dazu wäre), daß wenn die Sachſen ihre Freiheitsliebe auch niemals verloren, jene großen Siege, welche die Freiheit vor den Uebergriffen der anglo⸗normänniſchen Könige ret⸗ teten, durch die anglo⸗normänniſche Ritterſchaft erfochten wurden. Noch bis auf den heutigen Tag wird man bei den wenigen Abkömmlingen jenes Stam⸗ mes— zu welcher politiſchen Faktion ſie auch gehören— jenen Widerwillen gegen deſpotiſchen Einfluß, jene Verachtung der Corruption wiederfinden, welche die Söhne Norwegens, an denen wir immer noch die ſtarre Aehnlich⸗ keit mit unſeren Vätern erkennen— charakteriſiren; während die Bewohner der urſprünglich von Dänen bevölkerten Theile des Landes, nämlich York⸗ ſhire, Norfolk, Cumberland und weite Diſtrikte im ſchottiſchen Tiefland— abgeſehen von Parteitrennungen— durch ihren Widerſtand gegen jede Unter⸗ drückung, durch ihre entſchloſſene Unabhängigkeit des Charakters ſich aus⸗ zeichnen. 6* 84 ſeiner treuſten Unterthanen alſo entwenden konnte, und er begann bereits (denn bei all ſeinem äußerlichen Freimuth war er dennoch von argwöh⸗ niſchem Temperament) den großherzigen Edelmann durch den Gedan⸗ ken zu verunglimpfen, auch er möchte ſchon von den Feinden, welche Maunger gegen ſeine eheliche Verbindung geſammelt hatte, gewonnen ſeyn. So entſchloß er ſich denn, mit einer jener ſeltenen mächtigen An⸗ ſtrengungen der Heuchelei, welche ſeinen Charakter entſtellte, aber ſein Glück vollendete, ſeine finſtere Stirne aufzuklären und mit leiſer Stimme und nicht ohne Pathos zu erwiedern: „Hätte ein Engel vom Himmel mir prophezeit, daß William Fitzos⸗ borne in der Stunde der Gefahr, im Todeskampfe der Leidenſchaft zu ſeinem Verwandten und Waffenbruder alſo ſprechen würde— ich hätte es nicht geglaubt. Doch ſey's drum—“ Noch waren aber dieſe letzten Worte nicht über ſeine Lippen ge⸗ kommen, als Fitzosborne vor dem Herzog auf die Kniee ſiel und ſeine Hand umſchlang, während die Thränen über ſeine geſchwärzte Wange herabrollten. „Verzeihung, Verzeihung, mein Lehensherr!“ rief er;„wenn Du ſo mit mir ſprichſt, dann ſchmilzt mein Herz. Was Du willſt, das will auch ich! Kirche oder Pabſt— was kümmerts mich! ſchicke mich nach Flandern— ich will Deine Braut zurückbringen.“ Das leiſe Lächeln, das William's Lippe krümmte, bewies, daß er dieſer erhabenen Schwäche ſeines Freundes kaum würdig war. „Stehe auf!“ ſprach er, ihm herzlich die Hand drückend;„ſo ſollte der Bruder mit dem Bruder reden.“ Sein Zorn war jedoch nicht verraucht, ſondern nur zurückgedrängt und lechzte nach einem Ausbruche. Da fiel ſein Auge auf das zarte nachdenkliche Geſicht des Prieſters, der trotz Taillefers Flüſtern, er möchte den Streit unterbrechen, dieſes kurze ſtürmiſche Zwiegeſpräch in tiefem Schweigen beobachtet hatte. „Aha, Du Prieſter,“ rief der Herzog;„ich erinnere mich wohl, wenn Mauger früher ſeine rebelliſche Zunge gegen mich los ließ, wie —,y, 8⁵ Du Dein pedantiſches Wiſſen ſeiner hirnloſen Verrätherei zum Bei⸗ ſtand geliehen. Mich dünkt, ich habe Dich damals aus meinem Reiche verbannt.“ „Nicht ſo, mein gnädiger Herr und Herzog,“ gab der Geiſtliche mit ernſtem aber ſchelmiſchem Lächeln zur Antwort;„laß Dich erin⸗ nern, wie Du mir zur Heimkehr in mein Geburtsland in Deiner Gnade ein Pferd zuſchickteſt, das auf drei Beinen hinkend, und auf dem vier⸗ ten völlig lahm war. So beritten begegnete ich Dir auf meinem Wege: ich grüßte Dich und ſo mein Thier, deſſen Kopf beinahe den Boden be⸗ rührte, worauf ich Dich in einem lateiniſchen Wortſpiele bat, mir we⸗ nigſtens einen Vier⸗ nicht aber einen Dreifuß zur Reiſe zu ſchenken. Gnädig ſogar im Zorne und mit verſöhntem Lachen gabſt Du mir Antwort. Deine Worte ſprachen Verbannung, mein Lehensherr, Dein Lachen aber Verzeihung— und ſo blieb ich.“ Trotz ſeines Inngrimms konnte William kaum ein Lächeln unter⸗ drücken; doch ſammelte er ſich alsbald und erwiederte ernſthaft: „Mach dieſer Narrheit ein Ende, Prieſter; Du biſt ohne Zweifel der Abgeſandte dieſes gewiſſenhaften Mauger oder eines Andern mei⸗ ner ſanften Geiſtlichkeit, und kommſt ſicherlich mit ſüßen Worten und winſelnden Predigten.— Es iſt umſonſt. Ich verehre die Kirche in heiliger Andacht, der Papſt weiß das— aber Mathilde von Flandern iſt meine Braut, und Mathilde von Flandern ſoll in den Hallen von Rouen oder auf dem Decke meines Kriegsſchiffes an meiner Seite ſitzen, bis ich vor einem Lande ankere, würdig für den Sohn des See⸗ königs ein neues Reich abzugeben.“ „In den Hallen von Rouen— vielleicht ſogar auf dem Throne von England— ſoll Mathilde an Williams Seite herr⸗ ſchen,“ ſprach der Prieſter in klarem, leiſem, nachdrücklichem Tone; „und weil ich meinem Herrn dem Herzog ſagen wollte, daß ich meinen anfänglichen unüberlegten Gehorſam gegen meinen geiſtlichen Oberen Mauger bereue, daß ich ſeit damals Canon und Vorgänge gewiſſenhaft prüfte und daß ich nun finde, wie Deine Vermählung, wenn ſie auch 86 gegen den Buchſtaben des Geſetzes ſpricht, doch genau unter die Kate⸗ gorie derjenigen Verbindungen gehört, wofür die Väter der Kirche Diſpenſation gewähren— weil ich Dir Solches ſagen wollte, darum bin ich— ein bloßer Doktor der Rechte und Prieſter aus Pavia— über die See herübergekommen.“ „Ha, Rou! ha Rou—“ rief Tallefer mit ſ einer gewohnten Plump⸗ heit und fröhlichem Lachen;„warum wollteſt Du nicht auf mich hören, Monſeigneur?“ „Wenn Du mich nicht täuſcheſt,“ ſprach William überraſcht, „wenn Du Dein Verſprechen bewähren kannſt, ſo ſoll außer Odo von Bayeux kein anderer Prälat in Neuſtrien ſein Haupt ſo hoch wie Du erheben.“ Und William, tief bewandert in der Beurtheilung der Men⸗ ſchen, heftete ſeine Augen ſcharf auf das ernſte unveränderliche Antlitz des Sprechenden.„Ja,“ brach er aus, als ob er durch den Augenſchein befriedigt wäre,„meine Seele ſagt mir, daß Du nicht ohne genügen⸗ den Grund ſo kühn und ruhig ſprechen kannſt— Mann, ich vertraue Dir; Dein Name?— ich habe ihn vergeſſen.“ „Lanfranc von Pavia, gefall' es meinem Herrn, in Deinem Klo⸗ ſter zu Bec zuweilen Lanfranc der Gelehrte' genannt. Mißachte mich nicht deßhalb, weil ich, ein niederer ungeſchmückter Prieſter, ſo kühne Worte rede. Ich bin von adelicher Geburt und meine Verwandten ſtehen hoch in Gnaden bei unſerm geiſtlichen Oberherrn, welchem ich ſelbſt nicht unbekannt bin. Wenn mich nach Ehre dürſtete— in Ita⸗ lien könnte ich ſie finden, dem iſt aber nicht ſo. Ich will für den Dienſt, den ich anbiete, keinen andern Lohn als den— daß Du mir Muße in Deinem Kloſter zu Bec gewähreſt.“ „Setz Dich— nein, ſetze Dich, Mann,“ gebot William, höͤchlich intereſſirt aber immer noch argwöhniſch.„Nur ein Räthſel mußt Du mir noch löſen, ehe ich Dir mein volles Vertrauen ſchenke und Dir mein ganzes Herz in die Hände gebe. Wenn Du keinen Lohn begehrſt, warum ſollteſt Du Dich ſo zu meinem Dienſte drängen— Du, ein Ausländer?“ n 87 Ein heller ruhiger Schimmer leuchtete in den Augen des Gelehr⸗ ten und plötzliche Röthe zog über ſeine bleichen Wangen. „Mein Herr und Fürſt, ich will Dir in klaren Worten erwiedern: erſt aber erlaube mir, den Frager zu machen.“ Der Prieſter wendete ſich gegen Fitzosborne, der, das Knie auf die Hand geſtützt, auf einem Stuhl zu Williams Füßen ſaß und dem Geiſtlichen mit ebenſo großer Andacht vor ſeinem Beruf wie mit Ver⸗ wunderung über den Einfluß zuhorchte, den ein ſo obſkurer Menſch über ſeinen eigenen kriegeriſchen Geiſt wie über Williams eiſerne Kraft unwiderſtehlich gewinnen konnte. „Liebſt Du nicht, William Lord von Breteul— liebſt Du nicht den Ruhm um des Ruhmes willen?“ „Sur mon ame— ja!“ gab der Baron zu Antwort. „Und Du, Taillefer der Minſtrel— liebſt Du nicht den Geſang nur des Geſanges halber?“ „Nur des Geſanges halber,“ erwiederte der gewaltige Minſtrel. „Mehr Gold in einem einzigen klingenden Reime, als in allen Schrän⸗ ken der Chriſtenheit.“ „Und Du wunderſt Dich, Du, der in der Menſchen Herzen liest,“ fuhr der Prieſter ſich abermals an William wendend fort,„wenn der Gelehrte die Wiſſenſchaft blos um der Wiſſenſchaft willen liebt? Von hochgeborner aber armer Familie entſproſſen und ſchmächtig von Kör⸗ per fand ich bald Reichthum in Büchern und gewahrte Stärke im Studium. Ich hörte von dem Graf von Rouen und der Normannen als einem Fürſten von kleinem Gebiet und unbegrenztem Geiſte, einem Liebhaber der Wiſſenſchaften und großem Heerführer. Ich kam in Dein Herzogthum, ich ſah ſeine Unterthanen und ſeinen Fürſten, und The⸗ miſtokles' Worte klangen mir in den Ohren: ich kann nicht die Flöte ſpielen, aber ich kann einen kleinen Staat groß machen'. Ich empfand Intereſſe für Deine kühne bewegte Laufbahn, ich glaube, daß die Wiſ⸗ ſenſchaft, um ſich unter den Nationen auszubreiten, vorerſt der Pflege im Haupte der Könige bedarf, und ich erkannte in dem Manne der 88 That den Agenten des Denkers. In dieſer Heirath, auf welche Dein Herz mit unermüdlicher Hartnäckigkeit gerichtet iſt, könnte ich mit Dir ſympathiſiren; vielleicht“— hier zuckte ein melancholiſches Lächeln über die bleichen Lippen des Mannes—„vielleicht ſogar als Lieb⸗ haber, denn obwohl ich jetzt Prieſter und für menſchliche Liebe erſtor⸗ ben bin, ſo habe ich doch einſt geliebt und weiß, was es heißt, in Hoff⸗ nung zu kämpfen und ſich in Verzweiflung zu verzehren. Aber offen geſtanden— meine Theilnahme gilt mehr dem Prinzen als dem Lie⸗ benden. Es war natürlich, daß ich, ein Prieſter und Ausländer, im Anfange den Befehlen meines geiſtlichen Hauptes, des Erzbiſchofes Mauger gehorchte— dies um ſo mehr, als das Geſetz für ihn ſprach; als ich mich jedoch trotz Deines Verbannungsſpruches zum Bleiben entſchloß, da gelobte ich auch Dir zu helfen, denn wie für Mauger der todte Buchſtabe, ſo ſprach für Dich die lebendige Sache des Menſchen. Herzog William, auf Deiner Vermählung mit Mathilden von Flandern beruht Dein Herzogthum, beruhen vielleicht die mächtigeren Scepter, welche Deiner noch harren. Dein Titel beſtritten, Deine Fürſten⸗ würde noch neu und unbefeſtigt— mußt Du vor allem Andern Dein neues Geſchlecht mit der alten Linie von Königen und Kaiſern ver⸗ knüpfen. Mathilde iſt ein Abkömmling Karls des Großen und Alfreds. Dein Reich iſt unſicher, ſo lange Frankreich es mit Komplotten unter⸗ wühlt und mit Waffen bedroht: heirathe die Tochter Balduins und Dein Weib iſt die Nichte Heinrichs von Frankreich— Dein Feind wird zum Verwandten und muß nothgedrungen Dein Bundesgenoſſe wer⸗ den. Das iſt nicht Alles. Es müßte ſonderbar zugehen, wenn man dieſes zerfallende Königthum in England betrachtet— einen kinder⸗ loſen König, der Dich mehr wie ſein eigenes Blut liebt, einen getheil⸗ ten Adel, gewöhnt ſeine Anhänglichkeit vom Sachſen auf den Dänen, vom Dänen auf den Sachſen überzutragen und bereits ergeben der Sitte des Ausländers, ein Volk, welches tapfere Führer allerdings reſpektirt, aber keine Ehrfurcht vor alten Geſchlechtern und erblichen Namen beſitzt, weil es täglich neue Männer aus neuen Häuſern erſtehen 89 ſieht, dazu eine große Maſſe Höriger oder Sklaven, welche kein Inter⸗ eſſe für das Land oder deſſen Beherrſcher kennen— es müßte ſonder⸗ bar zugehen, wenn Deine Tagesträume nicht bereits einen normänni⸗ ſchen Regenten auf dem Throne des ſächſiſchen Englands geſehen hätten. Und Deine Vermählung mit dem Abkömmling des beſten und gelieb⸗ teſten Fürſten, der jemals dieſe Reiche beherrſchte— wenn ſie Dir auch keinen Anſpruch auf das Land gibt— kann doch dazu beitragen, deſſen Neigungen Dir zu gewinnen und Deine Nachkommen in den Hallen ihrer mütterlichen Verwandtſchaft zu befeſtigen.— Habe ich genug geſagt, um zu beweiſen, warum es der Nationen halber vom Papſte wohlgethan wäre, wenn er die engen Geſetze dießmal erweiterte? warum ich im Stande ſeyn dürfte, dem römiſchen Hofe die Billigung der Liebe und die Verſtärkung der Macht des normänniſchen Grafen, welcher alſo die Hauptſtütze der Chriſtenheit werden kann— als ein Gebot politiſcher Klugheit anzuempfehlen? habe ich genug geſagt, um darzuthun, daß der demüthige Prieſter die weltlichen Dinge mit den Augen eines Mannes betrachten kann, welcher kleine Staaten groß zu machen vermag'?“ William blieb ſprachlos— ſein heißes Blut ſchauerte faſt in abergläubiſcher Scheu, ſo vollkommen hatte dieſer obſkure Lombarde die verwickelten Maſchen jener Politik errathen und gelöst, womit er ſelbſt ſeine hartnäckige Zuneigung zu der flämiſchen Prinzeſſin durch⸗ woben hatte, daß es ihm vorkam, als ob er das Echo ſeines eigenen Herzens oder gar von einem Propheten die Stimme ſeiner geheim⸗ ſten Gedanken vernehme. Der Prieſter fuhr fort:. „Deßhalb ſagte ich zu mir ſelbſt: die Zeit iſt nun gekommen, Lanfranc der Lombarde, wo Du Dir ſelbſt beweiſen ſollſt, ob Dein Selbſt⸗ rühmen eitler Betrug oder ob Du, der Arme und Schwache, in dieſem eiſernen Zeitalter und mitten in dieſem Gelddurſte Verſtand und Wiſ⸗ ſen für die Geſchicke von Königen nützlicher, als bewaffnete Männer und gefüllte Schatzkammern, zu machen vermagſt. Ich glaube an dieſe 90 Macht, ich bin bereit, ſie zu bewähren. Aus dem, was der Lord von Breteul Dir geſagt, magſt Du entnehmen, wie groß der Abfall Dei⸗ ner Barone ſeyn wird, wenn der Pabſt die angedrohte Exkommunika⸗ tion Deines Oheims beſtätigt. Deine Armeen werden vor Deinen Augen verſchwinden; die Schätze in Deinen Truhen werden ſeyn wie verdorrte Blätter; der Herzog von Bretagne wird Dein Herzogthum als geſetzliches Erbe Deiner Vorväter beanſpruchen; der Herzog von Burgund wird ſich mit dem König von Frankreich verbinden und Deine treuloſen Legionen unter dem Banner der Kirche verſammeln. Der Bannfluch ſteht an den Mauern und Dein Scepter und Deine Krone werden verſinken.“ William athmete tief und preßte die Zähne feſt übereinander. „Aber ſchicke mich als Deinen Geſandten nach Rom und Mau⸗ gers Donner ſollen machtlos niederfallen. Heirathe Mathilden, führe ſie in Deine Hallen, ſetze ſie auf Deinen Thron, verlache das Inter⸗ dift Deines verrätheriſchen Oheims und ſey verſichert, daß der Pabſt Dir ſeine Diſpenſation zur Vermählnng ſchicken und Deinem Hochzeit⸗ bette ſeinen Segen ertheilen wird. Und iſt dies geſchehen, dann, Her⸗ zog William, gib mir nicht Abteien und Prälaturen, ſondern ver⸗ mehre die Bücher, errichte Schulen und laß Deinen Diener das Reich des Wiſſens gründen, wie Du die Herrſchaft des Krieges begründen wirſt.“ Der Herzog, außer ſich vor Entzücken, ſprang auf und umſchlang den Prieſter mit ſeinen Rieſenarmen; er küßte ihn auf die Wangen, auf die Stirne, ſo wie in jenen Tagen ein König den Andern mit dem Friedenskuſſe zu begrüßen pflegte. „Lanfranc von Pavia,“ rief er,„ob es Dir nun gelinge oder nicht — Du haſt meine Liebe, meine Dankbarkeit für immer! Wie Du ſprichſt— o hätte ich ſo geſprochen, wäre ich ſo wie Du geboren, und erzogen wie Du! Wahrhaftig, wenn ich Dich höre, ſo muß ich errö⸗ then über die Prahlerei meines barbariſchen Stolzes, daß kein Mann meine Keule zu ſchwingen oder meinen Bogen zu ſpannen vermag. 91 Wie armſelig iſt die Stärke des Körpers— ein Gewebe des Geſetzes kann ſie verſtricken, ein Wort aus Prieſtermunde kann ſie lähmen. Aber Du!— komm laß mich Dich anſehen.“ William betrachtete das bleiche Geſicht, von Kopf bis zu Fuß muſterte er die zarte ſchmächtige Geſtalt und wendete ſich dann mit den Worten an Fitzosborne: „Du, deſſen bepanzerte Hand ein Kriegsroß gefällt hat, ſchämſt Du Dich nicht vor Dir ſelbſt? Der Tag kommt heran— ich ſehe ihn von Ferne— wo dieſe winzigen Menſchen ihren Fuß auf unſere Pan⸗ zer ſtellen werden.“ Er ſchwieg wie in Gedanken, ſchritt dann wieder durchs Zimmer und blieb dann vor dem Kruzifir und dem Bildniſſe der Jungfrau ſtehen, welche in einer Niſche neben dem Bette ſtanden. „Recht, edler Prinz,“ ſagte des Prieſters leiſe Stimme.„Hier warte auf eine Löſung aller Räthſel, hier betrachte das Symbol aller ausdauernden Macht; hier lerne ihre Abſichten hienieden, lerne die Rechenſchaft jenſeits begreifen, und ſo überlaſſen wir Dich Deinen Ge⸗ danken und Gebeten.“ Mit dieſen Worten ergriff er Taillefers ſtahlharten Arm und ver⸗ ließ das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung gegen Fitzosborne. Achtes Kapitel. Am andern Morgen ſchloß ſich William lange Zeit mit Lanfranc ein— jenem Manne, einem der berühmteſten ſeines Jahrhunderts, von dem es hieß, um die Größe ſeiner Talente zu begreifen, müſſe man ein Herodian an Grammatik, ein Ariſtoteles in Dialektik, ein Cicero in Rhetorik, ein Auguſtin und Hieronymus in der Schriftgelahrtheit* ſeyn. Noch vor Mittag erhielt ſein ſtattliches, ächt fürſtliches Gefolge Befehl, ſich zur Heimkehr bereit zu halten. Ord. Vital.— S. die Note über Lanfrane am Schluß. Die auf dem großen Platze verſammelte Menge und die Bürger in ihren Flußbooten betrachteten die Ritter und Roſſe der glänzenden Kavalkade, welche bereits vor den offenen Thoren aufmarſchirt war und nur auf den Klang der Trompeten wartete, welche den Abgang des Herzogs verkünden ſollten. Vor der Hallenpforte im innern Hofe ſtan⸗ den ſeine eigenen Leute. Der ſchneeweiße Renner Odo's, der Eiſen⸗ ſchimmel Fitzosborne's und zur Verwunderung Aller ein kleiner einfach aufgeſchirrter Zelter. Was hat nur dieſer unter den ſtattlichen Streit⸗ roſſen zu ſchaffen? Die Renner ſelbſt ſchienen wüthend über die Ka⸗ meradſchaft; des Herzogs Schlachtroß ſpitzte die Ohren und wieherte; Lord Breteuls Eiſenſchimmel ſchlug aus, als der arme Klepper ſich demüthig näherte, um Bekanntſchaft mit ihm zu machen, und des Prä⸗ laten weißes Berberroß ſprang mit rothen zornfunkelnden Augen und umgelegten Ohren auf den niedriggebornen Eindringling los und wurde von den Reitknechten, welche die Verwunderung und den Unwillen ihrer Thiere theilten, nur mit Mühe zurückgehalten. Mittlerweile ſchritt der Herzog langſam nach Edwards Gemä⸗ chern. Im Vorzimmer ſtanden viele Mönche und Ritter; hervorra⸗ gend vor allen war aber ein hoher ſtattlicher Greis, der ſich auf einen großen Zweihänder lehnte, und deſſen Tracht und Bartſchnitt der letz⸗ ten Generation— Männern, welche unter Canut dem Großen oder Edmund Eiſenſeite gekämpft hatten— angehörte. So großartig war der Anblick des Alten, er kontraſtirte dermaßen mit den engen Gewän⸗ dern, den glattgeſchornen Geſichtern ſeiner Umgebung, daß der Herzog durch ſeinen Anblick aus ſeinen Träumen erweckt wurde, und voll Verwunderung wie einer, der doch offenbar ein Häuptling von hohem Range war, weder ſein eigenes Ehrenbankett beſucht hatte, noch ihm überhaupt vorgeſtellt worden war, ſich an den Earl von Hereford, der ſich mit freudigem Gruße nahete, mit der Frage nach Namen und Titel des bärtigen Mannes in den loſen flatternden Gewändern wandte. „Wie?— das wißt Ihr nicht?“ rief der lebendige Earl, nicht wenig verwundert.„In ihm ſeht Ihr den großen Nebenbuhler God⸗ w äc wo bli hã das He den rom ihre ſtan Spr in h unſta ſich und 93 wins. Er iſt der Held der Daäͤnen, wie Godwin der der Sachſen, ein ächter Sohn Odins, Siward, Earl der Northumbrier.“*. „Unſere Dame ſtehe mir bei!“ rief William.„Sein Ruhm hat wohl oft meine Ohren erfüllt, und ich hätte den willkommenſten An⸗ blick im luſtigen England verſäumt, wenn ich ihn jetzt nicht geſehen hätte.“. Mit dieſen Worten näherte ſich der Herzog voll Artigkeit, nahm das Barett ab, das er ſeither aufgehabt hatte, und begrüßte den alten Helden mit all' den Komplimenten, wie ſie der Normanne bereits an dem Hofe des Franken gelernt hatte. Der handfeſte Earl empfing ſie mit Kälte und ſprach, Williams romaniſche Anrede auf Däniſch erwiedernd: „Verzeiht, Graf der Normannen, wenn dieſe alten Lippen an ihren alten Worten hängen. Mich dünkt, wir Beide datirg nnſere Ab⸗ ſtammung aus den Ländern der Norſa; ſo erlaubt denn Siward, die Sprache zu reden, welche die Seekönige geſprochen haben. Die Eiche läßt ſich nicht verpflanzen und der Greis behauptet den Boden, wo ſeine Jugend Wurzel geſchlagen.“ Der Herzog, der nicht ohne Mühe den ungefähren Sinn von Siwards Rede begriff, biß ſich auf die Lippen, erwiederte aber dennoch in höflichem Tone: „Die Jugend aller Nationen mag von berühmtem Alter Weis⸗ Siward war faſt eine Rieſe(pene gigas statura). In der Bromton Chronik ſtehen einige merkwürdige Anekdoten über dieſen durch Shakeſpeare unſterblich gewordenen Helden. Sein Großvater, heißt es, war ein Bär, der ſich in eine Däniſche Dame verliebte; ſein Vater Beorn hatte in einem paar Spitzohren eine Spur der väterlichen Phyſiognomie beibehalten.— Der Ur⸗ ſprung dieſer Fabel ſcheint ziemlich klar. Sein Großvater war ein Berſerker, und mag man nun dieſen Namen(wie meiſt geſchieht) von bare-sark(Bloß⸗ hemd) oder bear-sark(Bärenfelh ableiten, d. h. mit andern Worten, mag auch dieſer gräuliche Stamm der Wikinger im Hemde oder Bärenfell gefoch⸗ ten haben— der Name allein ſchon gibt Anlaß zu jenen Myſtifikationen, von denen die Hälfte der alten Legenden— griechiſche ſo gut wie norwegiſche— abſtammen. 9⁴ heit kerren. Es beſchämt mich ſehr, daß ich mit Dir nicht in der Sprache der Altvordern verkehren kann; aber die Engel wenigſtens kennen die Sprache des normänniſchen Chriſten, und ich bitte ſie und die Heiligen um ein ruhiges Ende für Deine tapfere Laufbahn.“ „Betet nicht zu Engeln oder Heiligen für Siward, Sohn von Beorn,“ rief der alte Mann haſtig;„laßt mich nicht den Tod einer Kuh, ſondern den des Kriegers ſterben— ſterben in meinem wetter⸗ feſten Panzer, die Art in der Hand und den Helm auf dem Haupte. Und ſo mag wohl mein Tod werden, wenn Edward der König meinen Rath hört und meine Bitte gewährt.“ „Ich habe Einfluß beim König,“ verſetzte William;„nenne mir Deinen Wunſch, daß ich ihn unterſtütze.“ „Das möge der Böſe verhüten,“ erwiederte der grimmige Earl, „daß ein ausländiſcher Prinz Englands König beherrſche, oder daß Than und Earl anderer Unterſtützung als geſetzlicher Dienſte und ge⸗ rechter Sache bedürften. Wenn Edward der Heilige iſt, für den man ihn ausgibt, ſo wird er mich ohne andere Berufung, als die auf ſein eigenes Gewiſſen, gegen den Höllenwolf loslaſſen.“ Der Herzog drehte ſich fragend gegen Rolf, der ihm alsbald er⸗ klärte: „Siward drängt meinen Oheim, ſich der Sache Malcolms von Cumbrien gegen den blutigen Tyrannen Macbeth anzunehmen, und ohne die Streitigkeiten mit dem Verräther Godwin hätte der König ſchon längſt ſeine Waffen gegen Schottland gewendet.“ „Nennt nicht diejenigen Verräther, junger Mann,“ rügte der Earl in hohem Unwillen,„welche bei all ihren Fehlern und Ver⸗ brechen Deinen Verwandten auf Canut's Thron geſetzt haben.“ „Pſch, Rolf,“ mahnte der Herzog, da er bemerkte, daß der hitzige junge Normann eine heftige Erwiederung zu geben im Begriffe war. „Mich dünkt jedoch, obwohl ich in engliſchen Wirren nur ſehr wenig bewandert bin, Siward ſey Godwins geſchworener Feind geweſen.“ „Feind, ſo lange er in Macht ſtand, Freund aber ſeitdem man r 95 ihm Unrecht gethan hat,“ gab Siward zur Antwort;„und wenn Eng⸗ land Vertheidiger bedarf, nachdem ich und Godwin im Leichentuche liegen, ſo iſt nur noch einer würdig der alten Zeiten, und der heißt Harold der Geächtete.“ Williams Antlitz änderte ſich auffallend trotz aller Verſtellung, und verſtimmt und ärgerlich ging er mit leichtem Neigen des Kopfes ſeines Weges weiter. „Dieſer Harold! dieſer Harold!“ murmelte er vor ſich hin;„alle Tapferen ſprechen mir von dieſem Harold, ſogar meine normänniſchen Ritter nennen ihn mit widerſtrebender Ehrfurcht, und ſelbſt ſeine Feinde erweiſen ihm Ehre— wahrhaftig, ſein Schatten breitet ſich vom Erile aus über das ganze Land.“ Unter ſolchen Betrachtungen paſſirte er die Menge nicht ganz mit der gewohnten Leutſeligkeit und Anmuth, und die Pallaſtbeamten, die ihm vorantreten wollten, zurückweiſend, trat er ohne Ceremonie in Edwards geheimes Kabinet. Der König war allein, ſprach aber laut und unter heftigen Ge⸗ bärden mit ſich ſelbſt, und war gegen ſeine ſonſtige friedſame Apathie ſo ganz verändert, daß William voll Scheu und Unruhe zurück trat. Oft hatte er indirekt vernommen, daß Edward in den letzten Jahren häufig Viſionen gehabt, daß er in die Welt der Geiſter und Schatten entrückt worden ſey, und ſo zweifelte er nicht, daß der ſonderbare Parorysmus, deſſen Zeuge er war, zu dieſen Anfällen gehöre. Ed⸗ wards Augen waren auf ihn geheftet, aber offenbar ohne ſeine An⸗ weſenheit zu erkennen; der König hatte die Hände ausgeſtreckt und rief laut in tiefer Seelenangſt: „Sanguelac, Sanguelac!— der See voll Blut!— die Wellen breiten ſich aus, ſie werden röther! Mutter der Gnade— wo iſt die Arche? wo der Ararat?— flieh— flieh hierher— hier“— und er faßte krampfhaft Williams Arm.„Nein! da ſind die Leichen auf⸗ gethürmt, hoch und höher— hier tritt das Roß der Apokalypſe die, Todten in den Blutſumpf.“ 96 In hohem Entſetzen faßte William den tief aufathmenden König in ſeine Arme und legte ihn auf ſein Bette, deſſen Staatshimmel ganz mit Hämmern und Kreuzen— des Königs Inſignien— bedeckt war. Edward kam langſam und unter tiefen Seufzern zu ſich, und als er ſich endlich aufrichtete und um ſich ſchaute, wußte er offen⸗ bar kein Wort von Allem, was durch ſeinen wirr umherſchweifenden Geiſt gezogen war, denn er ſagte mit ſeiner gewohnten ſchläfrigen Gelaſſenheit: „Dank Dir, Guillaume, hien aimé, daß Du mich aus dem un⸗ zeitigen Schlafe weckteſt. Wie geht es Dir?“ „Ei nein, wie geht's Dir, theurer Freund und König? Deine Träume ſind unruhig geweſen.“ „O nein, ich ſchlief ſo ſchwer— mich dünkt, ich hätte gar nicht träumen können; aber Du biſt wie zur Reiſe gekleidet— Sporn an der Ferſe, Stab in der Hand?“ „Schon längſt, o theurer Wirth, ſandte ich Odo, um Dir von den ſchlimmen Nachrichten aus der Normandie zu erzählen, welche mich zur Abreiſe zwingen.“ „Ich erinnere— ah, jetzt erinnere ich mich,“ ſagte Edward, mit dem blaſſen, verblichenen Finger über die Stirne ſtreichend.„Die Heiden wüthen wider Dich. Ach, mein armer Bruder, eine Krone iſt eine ſchwere Kopfzier. Warum wollen wir nicht beide, ſo lange es noch Zeit iſt, irgend ein ruhiges Kloſter ſuchen, um die irdiſchen Sor⸗ gen von uns abzulegen?“ „Nein, heiliger Edward,“ erwiederte William, indem er lächelnd den Kopf ſchüttelte,„nach Allem, was ich von Klöſtern geſehen, iſt es nur ein Irrthum, wenn man glaubt, die Mönchskutte verberge eine ruhigere Bruſt, als der Panzer des Kriegers oder der Hermelin des — Königs.— Nun aber gib mir Deinen Segen, denn ich gehe.“ Mit dieſen Worten kniete er nieder; Edward legte ihm die Hände aufs Haupt und ſegnete ihn. Dann nahm er von ſeinem eigenen Halſe eine Schnur von Zimmen(Juwelen aus ungeſchnittenen ——-—— 97 Gemmen) von großem Werthe und ſchlang ſie über den breiten Nacken, der ſich vor ihm gebeugt hatte, worauf er aufſtand und in die Hände klatſchte. Eine kleine Thür öffnete ſich, durch die man in das Ora⸗ torium hineinſchaute, aus welchem ein Mönch zum Vorſchein kam. „Vater, ſind meine Gebote erfüllt?— Hat Hugolin, mein Schatz⸗ meiſter, die Gaben, von denen ich ſprach, hergerichtet?“ „Ja; wahrhaftig Schatzkammer, Kaſten und Garderobe— Ställe und Falknerei ſind nahezu geleert,“ gab der Mönch mit einem ſauern Blicke auf den Normannen zur Antwort, deſſen angeborener Geiz beim Anhören dieſer Antwort in ſeinen ſchwarzen Augen glimmte. „Dein Gefolge ſoll nicht mit leerer Hand von hinnen ziehen,“ ſprach Edward zärtlich.„Deines Vaters Hallen ſchützten den Ver⸗ bannten, und dieſer vergißt nicht der einzigen Freude eines Königs— die Macht zu belohnen.— Wir mögen uns wohl nie wieder ſehen, William— das Alter kriecht über mich, und wer weiß, wer auf meinem dornenvollen Throne nachfolgt?“ William hätte gerne geantwortet— hätte ihm gerne die Hoff⸗ nung genannt, die ihn verzehrte— hätte ſeinen Vetter an das undeut⸗ liche Verſprechen in ihrer Jugend erinnert, wonach der normänniſche Graf auf jenem dornenvollen Throne nachfolgen ſollte; allein die An⸗ weſenheit des ſächſiſchen Mönchs verhinderte ihn, und auch in Ed⸗ ward's unruhigen Blicken lag wenig, was ihn hiezu hätte verlocken können. „Doch Friede ſey mit den Deinen und den Meinen, wie zwiſchen Dir und mir,“ fuhr der König fort. „Amen,“ ſprach der Herzog;„ich verlaſſe Dich wenigſtens frei von den ſtolzen Rebellen, welche ſo lange Deine Regierung ſtörten. Dieſes Haus Godwins— Du wirſt es doch nie wieder Deinen Pallaſt überragen laſſen?“ 3 „Ach, die Zukunft iſt bei Gott und ſeinen Heiligen,“ gab Ed⸗ ward mit ſchwachem Tone zur Antwort.„Godwin iſt alt— älter als ich und durch viele Stürme gebeugt.“ Bulwer, Harold. 7 98 „Ja, ſeine Söhne ſind mehr zu fürchten und zu bewachen— be⸗ ſonders Harold!“ „Harold— er war immer gehorſam, er allein von ſeinem Stamme; wahrhaftig, meine Seele trauert um Harold,“ ſagte der König ſeufzend. „Aus dem Ei der Schlange werden immer nur Schlangen kriechen — drum mußt Du Deine Ferſe darauf ſetzen,“ bemerkte William ſtreng. „Du ſprichſt gut,“ ſagte der unentſchloſſene Prinz, welcher keine drei Tage, ja nicht einmal drei Minuten in derſelben Stimmung aus⸗ zuharren ſchien.„Harold iſt in Irland— dort mag er bleiben,'s iſt beſſer für Alle.“ „Ja für Alle,“ wiederholte der Herzog;„ſo mögen die Heiligen Dich bewahren, o königlicher Heiliger!“ Er küßte dem König die Hand und ſchritt ſofort nach der Halle, wo Odo, Fitzosborne und der Prieſter Lanfrane ſeiner warteten. Und ſo zog Herzog William an dieſem Tage noch halbwegs zwiſchen Lon⸗ don und der ſchönen Stadt Dover, während an der Seite ſeines mau⸗ riſchen Rothſchimmels der unſcheinbare Zelter des Prieſters im Paß⸗ gange ſich fortbewegte. Hinter ihm kam ſein ſtattlicher Zug mit Karren und Saumthie⸗ ren, beladen mit Gepäck und bereichert durch Edwards Gaben, während wäͤliſche Falken und foſtbare Roſſe von den Waiden in Surrey und den igebigkeit des dankbaren Ebenen von Cambridge und York die F Königs als nicht minder annehmbar denn die Zimmen, Goldketten und geſtickten Gewänder erwieſen. Während ſie ſo ihres Weges dahinzogen und das Gerücht von des Herzogs Ankunft durch die vorausgeſchickten Boten, die ſein un⸗ erwartet frühes Eintreffen in den Städten unterwegs zu verkünden hatten, verbreitet wurde, verſammelten ſich die vornehmeren engliſchen Jünglinge beſonders von der dem verbannten Godwin feindſeligen Partei rings an den Wegen, um den berühmten Häupiling zu ſehen, der ſeit ſeinem fünfzehnten Jahre das gefürchtetſte Schwert in der Chriſtenheit geführt hatte. Dieſe Jünglinge trugen normänniſche —— 99 Tracht; in den Städten hielten ihm normänniſche Grafen die Steig⸗ bügel, normänniſche Wirthe deckten ihm die üppige Tafel, und als William am Abend des nächſten Tages die Fahne eines ſeiner Lieb⸗ lingsführer einem Haufen von Bewaffneten, die ihm aus den Thürmen von Dover(dem Schlüſſel der Küſte) entgegenkamen, voranwehen ſah, da wendete er ſich an den Lombarden, der noch immer an ſeiner Seite ritt und ſprach: „Iſt nicht England bereits ein Theil der Normandie?“ Und der Lombarde antwortete: „Die Frucht iſt nahezu reif; die erſte Briſe wird ſie Dir zu Füßen ſchütteln. Strecke die Hand nicht zu früh aus, laß den Wind das Seinige thun.“ Und der Herzog erwiederte: „Wie Du denkſt, ſo denke auch ich. Es iſt nur ein Wind in des Himmels Hallen, der die Frucht einem Andern vor die Füße ſchleudern kann.“ „Und der wäre?“ fragte der Lombarde. „Der Wind, der von den Küſten von Irland bläst, wenn er die Segel von Harold, dem Sohne Godwins, füllt.“ „Du fürchteſt dieſen Mann und warum?“ forſchte der Lombarde in tiefer Spannung. „Weil in Harolds Bruſt das Herz von England ſchlägt,“ lautete des Herzogs Antwort. Drittes ZDuch. Das Haus Godwins. Neuntes Kapitel. Und Alles ging nach dem Wuͤnſche des Herzogs William des Nor⸗ mannen. Mit der einen Hand beugte er ſeine ſtolzen Vaſallen und 7* —— 100 ſchlug ſeine trotzigen Feinde zurück, mit der andern führte er Mathil⸗ den, die Maid von Flandern, zum Altar, und Alles ging in Erfül⸗ lung, wie Lanfranc es vorhergeſagt hatte. Williams furchtbarſter Feind, der Koͤnig von Frankreich, hörte auf gegen ſeinen neuen Verwandten zu conſpiriren, und die benachbarten Fürſten ſagten:„der Baſtard iſt einer der Unſrigen geworden, ſeit er den Abkömmling Carls des Großen an ſeine Seite geſetzt hat.“ Mauger, Erzbiſchof von Rouen, erkommu⸗ nicirte den Herzog und ſeine Braut— der Bann blieb aber machtlos, denn Lanfranc ſchickte von Rom des Pabſtes Diſpenſation und Se⸗ gen unter der einzigen Bedingung, daß Braut und Bräutigam jedes eine Kirche gründe. Mauger wurde vor die Synode geſordert und dort unkirchlicher Verbrechen angeklagt, worauf er ſeines Standes entſetzt und ſeiner Abteien und Biſchofsſitze beraubt wurde. England wurde mit jedem Tag mehr und mehr normänniſch, Edward immer ſchwächer und kraftloſer, und zwiſchen dem normänniſchen Herzog und dem eng⸗ liſchen Throne ſchien keine Schranke mehr zu⸗beſtehen, als plötzlich der Wind in des Himmels Hallen blies und die Segel des Earls Harold ſchwellte. Und ſeine Schiffe kamen an die Mündung der Severn. Und das Volk von Sommerſet und Devon, ein gemiſchter und faſt ganz celti⸗ ſcher Stamm, der die Sachſen nur wenig liebte, ſchaarte ſich wider ihn zuſammen, und er jagte ſie in die Flucht und erſchlug mehr denn dreißig gute Thans.* Mittlerweile lagen Godwin und ſeine Söhne Sweyn, Toſtig und Gurth, die in demſelben Flandern Zuflucht geſucht hatten, wo William, der Herzog, ſich ſeine Braut gewonnen(Toſtig hatte nämlich ſchon frü⸗ her Mathildens Schweſter, die Roſe von Flandern, geheirathet, ſo daß Graf Balduin William und Toſtig beide zu Schwiegerſöhnen hatte)— mittlerweile lagen, wie geſagt, Godwin und ſeine Söhne, nicht unter⸗ * S. Nebenbemerkungen über Williams Vermählung am Ende der Note C. ** Angelſächſiſche Chronik. —Lz ˖—qZxẽy ˖‿ 101 ſtützt von Balduin, wohl aber ſich ſelber helfend, im Hafen zu Brügge, bereit zu Harold dem Earl zu ſtoßen. Und Edward, von dem ängſt⸗ lichen Normannen hievon benachrichtigt, ließ vierzig“ Schiffe aus⸗ rüſten und ſtellte ſie unter das Kommando von Rolf Earl von Hereford. Die Schiffe lagen zu Sandwich, um Godwin zu erwarten; aber der alte Earl wich ihnen aus und landete ungeſtört an der ſüdlichen Küſte. Und der Hafen von Haſtings öffnete ſich, unter lautem Zurufe ſeiner Bewaffneten, den Schiffen Godwins.. Alle Bootsleute und Seemänner kamen zu ihm von fern und nah mit Segel und Schild, mit Schwert und mit Ruder. Ganz Kent (die Säugemutter der Sachſen) brach aus in den Ruf:„Leben oder Tod für Earl Godwin!“** Weithin über das Land ritten die Boten der Grafen die Kreuz und die Quere, und die Heere fielen einſtimmig ein in den Kriegsruf der Kinder von Horſa:„Leben oder Tod für Earl Godwin!“ Und König Edwards Schiffe waren verblüfft, wendeten Flagge und Schnabel gen London und Harolds Flotte folgte ihnen. So traf der alte Earl ſeinen jungen Sohn auf dem Decke eines Kriegs⸗ ſchiffes, das einſt die Rabenflagge der Dänen getragen hatte. Heer und Flotte der Engländer wuchs mit jedem Tage an Zahl und Macht. Langſam ſegelten die Schiffe die Themſe herauf und an beiden Ufern marſchirten lärmend die ſchwirrenden Maſſen. Und Kö⸗ nig Edward ſchickte nach weiterer Hülfe, aber ſie kam ſehr ſpät. So hatte die Flotte des Earls die Juliusveſte von London nahezu erreicht und weilte zu Southwark, bis die Fluth herankam. Als er ſein Heer gemuſtert hatte, da kam die Fluthzeit.“** . Zehntes Kapitel. König Edward ſaß nicht auf ſeinem Throne, ſondern in einem Staatsſeſſel ſeines Audienzzimmers zu Weſtminſter. Sein Diadem, * Einige Schriftſteller ſprechen von fünfzig. ** Hovenden. *** Angelſächſiſche Chronik. t. 102 mit den drei Zimmen in ein dreifaches Kleeblatt“ geformt, ruhte auf ſeiner Stirne, der Scepter lag in ſeiner Rechten. Sein Königsge⸗ wand, mit einem breiten Goldbande dicht am Halſe befeſtigt, floß bis auf ſeine Füße, und an der linken Kniefalte, da wo jetzt die Könige von England den St. Georgsorden tragen, war ein einfaches Kreuz eingeſtickt.**. In demſelben Gemache ſtanden die Thans und Häupt⸗ linge ſeines Reichs, aber nicht ſie allein. Kein nationaler Witan, ſon⸗ dern ein Kriegsrath war verſammelt, der mindeſtens zu einem Drittel aus Normannen— Grafen, Rittern, Prälaten und Aebten von hohem Range— zuſammengeſetzt war. Und König Edward ſah aus wie ein König! Die gewohnte lethar⸗ giſche Schlaffheit war aus ſeinem Antlitze verſchwunden und die ſchwere Krone warf einen düſtern Schatten über ſeine Stirne. Sein Geiſt ſchien ſich von der Laſt, welche das träge Blut ſeines Vaters Ethelred, des Unfertigen, auf ihn geworfen hatte, entledigt und ſich der frühe⸗ ren helleren Quelle angeſtammter Helden genähert zu haben, ſo daß er in jener Stunde vollkommen würdig ſchien, ſich des Blutes von Al⸗ fred und Athelſtan*er zu rühmen und ihren Scepter zu führen. Alſo ſprach der König: „Höchſt Würdige und Geliebte, Ihr Ealdermänner, Earls und Thane von England; Edle und Vertraute, meine Freunde und Gäſte, Ihr Grafen und Ritter der Normandie, meines Mutterlandes, und Ihr, unſere geiſtlichen Führer, die Ihr über allen Banden der Ge⸗ burt und des Landes die Chriſtenheit zum Leibgeding und Eure Lehen und Herrſchaften vom Himmel überkommen habt— vernehmt die Worte Edwards, des Königs, unter der Gnade des Allerhöchſten. Die Rebellen ſtehen in unſerem Strome; öffnet jenes Gatter und Ihr werdet die aufgethürmten Schilde in ihren Barken glitzern ſehen, werdet * Oder Fleur de lis, was bei den ſächſiſchen Königen eine gemeinſame Torm ihres Schmuckes geweſen zu ſeyn ſcheint. * Stickerei von Bayeux. 22* S. Note D. 103 das Geſumme ihrer Heere vernehmen. Kein Bogen wurde bis jetzt ge⸗ ſpannt, kein Schwert hat ſeine Scheide verlaſſen; aber an der gegen⸗ überliegenden Küſte wehen unſere vierzig Segel— längs dem Strande zwiſchen unſerem Pallaſte und London ſind unſere Armeen geſchaart. Und ſolches geſchieht, weil Godwin, der Verräther, Waffenſtillſtand verlangt hat, und ſein Bote wartet draußen. Seyd Ihr Willens, daß wir die Botſchaft hören? oder wollt Ihr, daß wir den Boten un⸗ gehört entlaſſen und lieber alsbald aus Schiffen und Reihen das Kriegs⸗ geſchrei eines chriſtlichen Königs—„das heilige Kreuz und unſere Gebenedeite“— erheben?“ Der König ſchwieg, ſeine Linke erfaßte feſt den Leopardenkopf, der auf ſeinem Throne eingeſchnitzt war, und ſein Scepter wankte nicht in der erhobenen Hand. Ein Murmeln von„Notre Dame, Notre Dame“— das Kriegs⸗ geſchrei der Normannen— ließ ſich unter den ausländiſchen Rittern der Verſammlung vernehmen; aber ſo übermüthig und anmaßend auch dieſe Fremdlinge waren, ſo wagte doch keiner in Englands Gefahr vor den geborenen Engländern den Vorrang zu nehmen. Langſam erhob ſich Alred, Biſchof von Wincheſter, der würdigſte Prälat im ganzen Lande.“ „Königlicher Sohn,“ ſprach der Biſchof,„übel iſt der Streit zwiſchen Männern deſſelben Blutes und Stammes und nur durch die aͤußerſte Nothwendigkeit gerechtfertigt, welche uns bis jetzt noch nicht klar gemacht wurde. Uebel würde es klingen durch ganz England, wenn es hieße, des Königs Rath habe ſeine Stadt London vielleicht dem Schwert und Feuer Preis gegeben, und ſein Land entzwei geriſſen, wäh⸗ * Die Yorker Chronik, ven einem Engländer, Stubbs, verfaßt, ſchildert dieſen ausgezeichneten Mann als beſonders glücklichen Friedensſtifter: „De inimicissimis amicissimos faceret“—„er könnte den Feindſeligſten zur wärmſten Freundſchaft bekehren.“ Und doch hatte dieſer ſanfte Prieſter den Muth, den normänniſchen Eroberer in der Mitte ſeiner Barone zu verfluchen, eine Scene, welche zwar nicht in den Bereich dieſes Buches gehört, in jener Chronik aber ſehr pikant geſchildert zu leſen iſt. 3 10⁴4 rend ein Wort zu ſeiner Zeit jene Armeen entwaffnen und dem Throne da wo Du jetzt von einem furchtbaren Rebellen bedroht biſt, einen unterwürfigen Unterthanen gewinnen könnte. Derohalben ſage ich, der Nuncius werde zugelaſſen.“ Kaum hatte Alred ſeinen Sitz wieder eingenommen, als Robert, der normänniſche Prälat von Canterbury— wie es hieß ein Mann von weltlichem Wiſſen— von ſeinem Stuhle aufſprang. „Die Boten zulaſſen, heißt den Verrath beſtätigen,“ rief er.„Ich erſuche den König, nur ſein eigenes königliches Herz und ſeine könig⸗ liche Ehre zu Rathe zu ziehen. Erwäget wohl— jeder Augenblick des Aufſchubes ſchwellt ihre Heere und verſtärkt ihre Sache, jeden Augen⸗ blick benützen ſie dazu, um die irregeleiteten Bürger auf ihre Seite zu locken. Der Aufſchub beweist nur unſere eigene Schwäche; eines Kö⸗ nigs Name iſt ein Thurm der Macht, aber nur wenn er von königli⸗ chem Anſehen gefeſtet wird. Gebt das Zeichen zum— Krieg will ichs nicht nennen— nein— zur gerechten Züchtigung.“ „Wie mein Bruder von Canterbury ſpricht, ſo auch ich,“ erklärte William, Biſchof von London, ein anderer Normanne. Jetzt aber erhob ſich eine Geſtalt, bei deren Aufſtehen alles Ge⸗ murmel mit einem Male verſtummte. Grau und mächtig, wie ein Bild aus vergangenen kraftvolleren Zeiten, ragte über Alle Siward, der Sohn von Beorn, der große Earl von Northumbrien. „Wir haben nichts mit den Normannen zu ſchaffen,“ hub er an. „Ständen ſie am Fluſſe, und unſere Landsleute, Dänen oder Sachſen, wären allein in dieſer Halle, dann waͤre des Königs Wahl nicht zwei⸗ felhaft, und niedrig wäre der Mann, der von Frieden ſpräche; rathet aber der Normanne den Bewohnern von England, daß ſie ausziehen und ſich gegenſeitig erſchlagen, ſo ſoll von mir kein Schwert auf ihr Geheiß gezogen werden. Wer kann ſagen, Siward Starkarm, der Enkel des Berſerkers, ſey je vor einem Feinde gewichen? Der Feind, Sohn Ethelreds, ſitzt in dieſen Hallen, und ich fechte Deine Schlachten, . —V;—gͤ—— le — 105 wenn ich dem Normannen mein Nein zurufe! Waffenbrüder von ver⸗ wandtem Stamme und gemeinſamer Sprache, Dänen und Sachſen, ſchon lange vermiſcht und gleich ſtolz auf Canut den Glorreichen, wie auf Alfred den Weiſen— Ihr werdet den Mann hören, den Godwin, unſer Landsmann, uns ſendet; er wenigſtens wird unſere Sprache reden, wird unſere Geſetze kennen. Iſt das Verlangen, das er vor⸗ bringt, gerecht, ſo wie ein König es gewähren und unſer Witan es anhören kann— dann wehe dem, der es verweigert; iſt es aber unge⸗ recht— dann Schmach dem, der es zugeſteht. Der Krieger ſendet zum Krieger, der Landsmann zum Landsmanne; hören wir als Lands⸗ leute und urtheilen wir als Krieger.— Ich habe geſprochen.“ Die heftigſte Aufregung und Unruhe folgte Siwards Rede— einſtimmiger Beifall der Sachſen, ſogar derer, welche in Friedens⸗ zeiten am meiſten unter normänniſchem Einfluſſe ſtanden; aber keine Worte vermoͤgen die Wuth und Entrüſtung der Normannen zu ſchil⸗ dern. Sie ſprachen laut und Alle zumal, ſo daß die größte Unordnung herrſchte; da aber die Mehrheit engliſch war, ſo blieb die Entſchei⸗ dung zweifelhaft, und Edward, welchem die Noth eine nur zu ſeltene Würde und Geiſtesgegenwart verlieh, entſchloß ſich, dem Streite mit einem Male ein Ende zu machen. Er ſtreckte ſeinen Scepter aus und winkte ſeinem Kämmerling, dem er den Befehl gab, den Nuncius“ einzuführen. Niedergeſchlagenheit über die vereitelte Hoffnung und Schrecken folgte der läͤrmenden Aufregung der Normannen, denn ſie wußten recht wohl, daß die Folge, wenn nicht die Bedingung der Unterhandlung, ihr eigener Sturz, und im glücklichſten Falle ihre Verbannung ſeyn werde, auch wenn es ihnen gelänge, der Ermordung von Seiten der empörten Menge zu entgehen. Die Thüre am andern Ende des Gemaches ging auf und der Nun⸗ * Das Wort„Herold“— obwohl wahrſcheinlich ſächſiſch— war damals in der ſpäteren Bedeutung noch nicht gekannt; der Geſandte, der ſein Amt verſah, hieß Nuncius oder Bote. S. Note R. 106 cius trat ein. Es war ein derber, breitſchultriger Mann von mittleren Jahren und in dem langen flatternden Gewande, wie es urſprünglich die damals freilich aus der Mode gekommene Nationaltracht der Sachſen war; ſein Bart dick und voll, ſeine Augen grau und ruhig— ein Häuptling aus Kent, wo alle Vorurtheile ſeines Stammes am tiefſten gewurzelt waren und deſſen Neomanry im Kriege das erbliche Recht in der vorderſten Schlachtreihe zu kämpfen für ſich in Anſpruch nahm. Er machte ſeine männliche aber ehrerbietige Verbeugung vor dem hohen Rathe, dem er ſich nahte, blieb dann in der Mitte zwiſchen Thron und Thüre ſtehen und ſiel ohne alle Beſchämung auf die Kniee, denn der König, vor dem er kniete, war der Abkömmling Wodans und Hengiſts Erbe. Aut die kurze Anrede des Königs ſprach ſofort Bebba, der Kenter Häuptling, noch immer auf den Knieen: „An Edward, den Sohn Ethelreds, ſeinen allergnädigſten König und Herrn, ſendet Godwin, Sohn Wolnoths, ſeinen getreuen demü⸗ thigen Gruß durch Vebba, den Thangeborenen. Er bittet den König, ihn mit Güte anzuhören und mit Gnade über ihn zu richten. Nicht gegen den König kommt er hierher mit Schiffen und Waffen, ſondern blos gegen Diejenigen, die ſich zwiſchen das Herz des Königs und das ſeiner Unterthanen ſtellen möchten, die ein Haus gegen ſich ſelbſt ge⸗ ſpalten und Sohn und Vater, Mann und Weib getrennt haben.“ Bei den letzten Worten zitterte Edwards Scepter in ſeiner Hand und ſein Geſicht wurde beinahe ſtreng.„Von dem Könige bittet Godwin blos in aller Unterwerfung und mit ernſtlichem Flehen, die ungerechte Verbannung gegen ihn und die Seinigen aufzuheben, ihm und ſeinen Söhnen ihr rechtmäßiges Eigenthum und ihre wohlerwor⸗ benen Ehren wieder zu geben, und vor Allem ſie in die Stellung wieder einzuſetzen, der ſie ſich durch treuen Dienſt würdig zu machen geſucht haben, in die Gnade ihres angeborenen Herrn und an die Spitze derer, welche die Geſetze von England aufrecht erhalten möchten. Sobald dies geſchehen, ſegeln die Schiffe in den Hafen —— ——— — 107 zurück, der Than ſucht wieder ſeinen Heerd und der Ceorl kehrt zu ſeinem Pfluge zurück, denn Godwin hat keine Fremdlinge bei ſich und ſeine Macht iſt einzig die Liebe ſeiner Landsleute.“ „Haſt. Du geſprochen?“ fragte der König. „Ich habe.“ „So entferne Dich und erwarte unſere Antwort.“ Der Than von Kent wurde ſofort in ein Vorzimmer geführt, wo, von Kopf bis zu Fuß in Ringpanzer gehüllt, verſchiedene Normannen ſich befanden, welche wegen ihrer Jugend oder Stellung nicht in den Rath zugelaſſen wurden, aber gleichwohl wegen der Ländereien und Beſitzungen, die ſte bereits von den Gütern der Verbannten abgeriſſen hatten, bei der Verhandlung nicht weniger intereſſirt waren— ſie alle dürſteten nach Kampf und erwarteten nur das Zeichen der Schlacht. Unter ihnen befand ſich auch Mallet de Graville. Die normänniſche Tapferkeit dieſes jungen Ritters wurde, wie wir oben geſehen haben, von normänniſchem Verſtande geleitet, und ſeit Williams Abreiſe hatte er es nicht verſchmäht, die Sprache des Landes zu ſtudiren, wo er ſeinen verpfändeten Thurm an der Seine gegen eine fette Baronie am Humber oder der Themſe auszutauſchen hoffte. Während der Reſt ſeiner ſtolzen Landsleute mit Blicken ſtiller Verachtung von dem eingeborenen Nuncius getrennt ſtanden, näherte ſich Mallet mit höflicher Gebärde, indem er auf Sächſiſch fragte: „Dürfte ich Dich wohl um den Erfolg Deiner Botſchaft von dem Reb— wollte ſagen von dem wackeren Earl befragen?“ „Ich warte um ihn zu erfahren,“ gab Vebba trotzig zur Antwort. „Sie hörten Dich alſo bis zu Ende?“ „Bis zu Ende.“ „Freundlicher Sir,“ fuhr der Sire de Graville fort, indem er den gewohnten ironiſchen Ton, den er vielleicht von ſeinen mütterlichen Vorfahren, den Franken, überkommen hatte, zu unterdrücken ſuchte, „freundlicher und friedenſtiftender Sir, darf ich ſoweit in die Geheim⸗ 108 niſſe Deiner Sendung einzudrtngen wagen, daß ich mir die Frage er⸗ laube, ob Godwin unter anderen vernünftigen Items auch den Kopf Deines ergebenen Dieners— nicht gerade unter meinem Namen, denn der iſt ihm bis jetzt noch unbekannt— wohl aber als eines aus der un⸗ glücklichen Klaſſe, genannt die Normannen, verlangt?“ „Wenn Earl Godwin für paſſend erachtet hätte, mit der Forde⸗ rung von Rache um Frieden zu unterhandeln, ſo würde er einen ande⸗ ren Sprecher erwählt haben,“ erwiederte der Nuncius.„Der Earl verlangt blos ſein Eigenthum, und Dein Kopf bildet, glaube ich, kei⸗ nen Theil ſeines Gutes oder ſeiner Fahrniß.“ „Das iſt tröſtlich,“ meinte Mallet.„In der That, ich danke Dir, Herr Sachſe; Du ſprichſt wie ein braver, ehrlicher Mann, und wenn es, wie ich vermuthe, zum Schlagen kommt, ſo würde ich es als eine Gunſt unſerer Dame, der Jungfrau, erachten, wenn ſie Dich mir in den Weg führte, denn zunächſt nach dem ehrlichen Freunde liebe ich einen tapfern Feind.“ Vebba lächelte, denn dieſe Geſinnung gefiel ihm, und der Ton wie die Miene des jungen Ritters erfreute ſein rauhes Herz trotz ſeiner Vorurtheile gegen den Fremdling. Durch dieſes Lächeln ermuthigt, ſetzte ſich Mallet an die Ecke der langen Tafel, welche das Zimmer einfaßte, und lud Vebba mit höf⸗ licher Gebärde ein, ſeinem Beiſpiele zu folgen, worauf er ihn ernſt⸗ haft betrachtend alſo fortfuhr: „Du biſt ſo offen und höflich, Herr Geſandter, daß ich Dich noch mit weiteren neugierigen und unwiſſenden Fragen beläſtigen muß.“ „Sprich ſie aus, Normanne.“ „Wie kommt es denn, daß Ihr Engländer dieſen Carl Godwin ſo lieb habt? noch mehr, warum haltet Ihr für recht und ſchicklich, daß König Edward ihn gleichfalls lieben ſoll? Das i*ſt eine Frage, die ich ſchon oft geſtellt habe und worauf ich in dieſen Hallen wohl ſchwer⸗ lich eine befriedigende Antwort erhalten werde. So viel mir von Euren bunten Geſchichten bekannt iſt, hat derſelbe Earl ſeine Geſinnung ſchon ſer⸗ hon —— 109 oft genug gewechſelt: erſt hält er's mit den Sachſen, dann mit Canut dem Dänen— Canut ſtirbt: Euer Freund ergreift abermals die Waf⸗ fen für die Sachſen. Er weicht dem Rathe Eures Witan und ſtellt ſich auf die Seite von Harticanut und Harold dem Dänen— da kommt ein Brief, wie es ſcheint von Emma, der Mutter der jungen ſächſiſchen Prinzen Edward und Alfred, worin dieſe unter dem Ver⸗ ſprechen des Beiſtandes nach England eingeladen werden.— Die Hei⸗ ligen beſchützen Edward, der in der Normandie ſeine Aves weiter betet— Alfred aber kommt herüber, Earl Godwin geht ihm entgegen, huldigt ihm und ſchwört ihm Treue, wenn ich anders nicht belogen wurde.— Nein, hört nur weiter: Dieſer Godwin, den Ihr ſo lieb habt, führt nun Alfred und ſein Gefolge in die Stadt— Guildford heißt ſie, glaub' ich — ein ganz ſchönes Quartier. Mitten in der Nacht ſtürzen König Harolds Männer herein, ergreifen den Prinzen und ſeine Begleiter, ſechshundert im Ganzen, und am andern Morgen werden ſie alle ge⸗ foltert und getödtet, nur jeder zehnte Mann iſt ausgenommen. Der Prinz wird nach London geſchleppt, kurz darauf werden ihm auf der Inſel Ely die Augen ausgeriſſen und er ſtirbt an dem Schmerze. Daß Ihr überhaupt Earl Godwin liebt, mag wohl ſonderbar ſeyn, iſt aber doch möglich: iſt es aber möglich, cher envoyé, daß der König den Mann lieben ſoll, der ſeinen Bruder alſo auf die Schlachtbank ge⸗ liefert?“ „Das Alles iſt eine normänniſche Fabel,“ ſagte der Than von Kent mit verwirrter Miene.„Godwin reinigte ſich durch einen Eid von jedem Antheil an Alfreds feiger Ermordung.“ „Der Eid wurde, wie ich höre, durch ein Geſchenk von Hardi⸗ canut unterſtützt, der nach König Harold's Tode die ſcheußliche Metze⸗ lei zu rächen beſchloß,“ bemerkte der Ritter trocken—„ein Geſchenk, ſage ich, von einem vergoldeten Schiff mit achtzig Kriegern in ver⸗ goldeten Helmen, die Schwerter mit goldenen Handhaben.— Doch laſſen wir das.“ —— 110 „Ja laſſen wir das,“ wiederholte Vebba ſeufzend.„Blutig waren jene Zeiten und unheilig ihre Geheimniſſe.“ „Aber antworte mir gleichwohl, warum liebt Ihr Carl Godwin? Er iſt von einer Partie zur andern übergegangen und hat bei jedem Wechſel neue Grafſchaften und Ländereien erworben. Er iſt ehrgeizig und übergreifend, wie Ihr alle zugebt, denn die Balladen, wie ſie auf unſern Straßen geſungen werden, vergleichen ihn mit dem Dorn⸗ und Brombeerſtrauche, woran das Schaaf ſeine Wolle hängen läßt. Er iſt hochmüthig und anmaßend. Sage mir nun, o Sachſe, freimüthiger Sachſe, warum liebt Ihr Godwin den Earl? Gern möcht ich's wiſſen, denn ſo es den Heiligen gefällt und Ihr und Euer Earl es erlaubt, ge⸗ denke ich in dieſem luſtigen England zu leben und zu ſterben, und es wäre angenehm zu erfahren, was ich zu thun habe, um mir, wie Earl Godwin, die Liebe der Engländer zu erwerben.“ Der handfeſte Vebba ſah verwirrt; nachdem er ſich jedoch den Bart nachdenklich geſtrichen hatte, antwortete er alſo: „Obwohl aus Kent und alſo aus ſeiner Grafſchaft, gehöre ich doch nicht zu Godwins beſonderer Partei und ebendeßhalb ward ich zum Boten auserleſen. Die unter ihm ſtehen, lieben in ihm ohne Zweifel ei⸗ nen freigebigen Hänptling, der zugleich ſtark genug iſt, um ſie zu be⸗ ſchützen. Das Alter eines großen Führers erwirbt ſich Ehrfurcht, wie die Eiche Moos anſetzt. Mir aber und meines Gleichen, die wir friedlich zu Hauſe leben, die Höfe vermeiden und keinen Streit ſuchen, mir iſt nicht Godwin der Mann theuer, wohl aber Godwin das Ding.“. „Ich thue zwar mein Beſtes, um Eure Sprache zu erlernen,“ bemerkte der Ritter;„aber Ihr habt auch Phraſen, die einen König Sa⸗ lomo in Verlegenheit bringen könnten. Was meinſt Du mit Deinem: Godwin das Ding?“ „Das was Godwin allein uns zu verfechten ſcheint,“ erwiederte der Than.„Wir lieben unſere Geſetze— Godwin wurde entehrt, weil er ſie aufrecht erhielt. Wir lieben England und werden von Fremden 11¹ en aufgefreſſen: Godwin's Sache iſt die Sache Englands und— vergid mir, Fremdling, wenn ich nicht zu Ende rede—“ 1 Und den jungen Normann mit einem Blicke rauhen Mitleids be⸗ m trachtend, legte er dem Ritter ſeine breite Hand auf die Schulter und ig flüſterte: uf„Nehmt meinen Rath— und fiteht!“ ad„Fliehen!“ rief de Graville roth werdend.„Meint Ihr, ich habe iſt meinen Panzer angelegt und mein Schwert umgürtet, um zu fliehen?“ er„Umſonſt— umſonſt! Weſpen ſind ſtark, aber der Schwarm iſt n, verloren, wenn man das Stroh anzündet— ich ſage Euch ſo viel, e⸗ flieht bei Zeiten und Ihr ſeyd gerettet; läßt ſich dagegen der Köoͤnig es ſo weit irre leiten, daß er auf die Waffen rechnet und gegen jene rl Menge ankämpft, ſo wird man noch vor Einbruch der Nacht auf zehn Meilen von der City feinen einzigen lebenden Normann antreffen. Das en bedenke, Jüngling! vielleichſt haſt Du eine Mutter— mach nicht, daß ſie einen Sohn zu beweinen hat!“ ch Noch ehe der Normanne ſeine tieſe unwillige Verachtung des Ra⸗ thes, ſeinen Zorn über die Unverſchämtheit, mit der ſeine Schulter ent⸗ i⸗ weiht und ſeiner Mutter Sohn gewarnt worden war, in ein hinläng⸗ e⸗ lich artiges und höfliches Sächſiſch umzugeſtalten vermochte, wurde t, der Nuncius abermals in das Audienzzimmer gerufen. Er kehrte nicht r mehr in das Vorgemach zurück, ſondern wurde, ſobald er ſeine kurze , Antwort empfangen, aus dem Rathsſaale unmittelbar nach der Pallaſt⸗ 8 treppe geführt, wo er ſein Boot erreichte und nach dem Schiff, das den Earl und ſeine Söhne beherbergte, zurückgerudert wurde. 4 gre, 3 9 Godwin's Streitkräfte waren folgendermaßen aufgeſtellt. Nachdem ſeine Schiffe die Londonbrücke paſſirt, hatten ſie eine Weile am Ufer —— : der ſüdlichen Vorſtadt(Suth-weorde— ſeither Southwark genannt) . angehalten, während die königlichen Schiffe nordwärts lagen. Aber e die Flotte des Earls hatte nach kurzem Halt in majeſtätiſcher Wen⸗ 1 dung geviert, und ſtand jetzt dicht und nach Norden ſchauend vor 5 dem Pallaſte von Weſtminſter, als ob ſie die königlichen Schiffe über⸗ f enn 112 flügeln wollte. Mittlerweile zog die Landmacht am Strande aufwärts, faſt bis auf Bogenſchußweite von den königlichen Truppen, welche den innern Ring beſetzt hatten, ſo daß Vebba ſo nahe, daß er ſie kaum von einander unterſcheiden konnte, am Fluße die beiden feindlichen Flotten, am Lande die zwei Kriegsheere vor ſich ſah. Hoch über alle Schiffe ragte die majeſtätiſche Barke oder Aeska, welche Harold von den iriſchen Küſten herübergetragen hatte. Sie war nach Art der alten Seekönige gebaut, deren einem ſie früher angehört hatte: ihr krummer mächtiger Schnabel, reich vergoldet, ragte weit über die Wogen hinaus; das Gallion bildete der Kopf der Seeſchlange, den Stern deren Schwanz, und beide, Kopf und Schweif, glitzerten hell in der Sonne. Das Boot näherte ſich der höhern Seite des Schiffes; eine Leiter wurde herabgelaſſen, der Nuncius ſchwang ſich leichtfüßig hinauf und ſtand auf dem Deck, an deſſen hinterm Ende ſich die wenigen Seeleute in reſpektvoller Entfernung von dem Earl und ſeinen Söhnen grup⸗ pirt hatten. Godwin ſelbſt war nur halb bewaffnet: ſein Kopf war entblößt und er trug keine andere Angriffswaffe als die vergoldete Streitart der Dänen, welche ebenſowohl zur Zierde wie zum Kriegswerkzeug. diente; ſeine breite Bruſt war aber mit dem Ringpanzer damaliger Zeit bedeckt. Von Geſtalt war er kleiner als jeder ſeiner Söhne; und ſein Aeußeres deutete nicht auf größere phyſiſche Stärke als die eines wohlgebauten kräftigen Mannes, der ſich noch im Alter die Spann⸗ kraft reiferer Männlichkeit erhalten hatte. Auch wurden dieſem hervor⸗ ragenden Manne von Gerücht oder Legende nicht jene romanti⸗ ſchen Vorzüge, jene Thaten rein animaliſcher Kühnheit zugeſchrieben, wodurch ſein Nebenbuhler Siward ſich auszeichnete. Er war wohl tapfer, aber tapfer wie ein Heerführer, und die Fähigkeiten, in denen er alle ſeine Zeitgenoſſen übertroffen zu haben ſcheint, entſprachen mehr den Erforderniſſen civiliſirter Zeiten als denen, wie ſie ſich vor Alters Ruhm erwarben. Vielleicht war auch England damals das einzige Land —— 113 in Europa, das ſolchen Fähigkeiten eine paſſende Laufbahn eröffnen konnte. Er beſaß vornämlich die Künſte eines Parteiführers, wußte große Menſchenmaſſen zu behandeln und das heiße Herz der Menge für ſeine Intereſſen zu gewinnen; er beſaß im höchſten Grade jene Gabe, welche in den meiſten andern Ländern— nämlich in allen, wo keine Volksverſammlungen erxiſtiren— völlig unnütz iſt— die Gabe popu⸗ lärer Beredtſamkeit, und in der That mußten auch mehrere Jahrhun⸗ derte nach der normänniſchen Eroberung verſtreichen, bis die Beredtſam⸗ keit in England wieder zur Macht wurde.“ Gleich allen berühmten Rednern hielt er ſich an die herrſchende Geſinnung ſeiner Zeit und verkörperte ihre Leidenſchaften, ihre Vor⸗ urtheile, aber auch jene ſcharfe Berechnung des Selbſtintereſſes, wie es das unveränderliche Merkmal der Menge bildet. Er war der Reprä⸗ ſentant des Volks in der höchſten Potenz. Wie groß auch immer die Fehler, ja ſogar die Verbrechen ſeiner ausnehmend glücklichen und glänzenden Laufbahn— mitten unter den ſchwerſten und furchtbarſten Ereigniſſen wie ein ſtetiges Licht durch Gewitterwolken hervorſchim⸗ mernd— ſeyn mochten— einer Grauſamkeit oder Beleidigung der Maſſe des Volkes war er nie beſchuldigt worden. Die Engländer er⸗ kannten in ihm den Engländer par excellence, und dies nicht weniger weil er es in ſeiner Jugend mit Canut gehalten hatte und dem König ſeine Reichthümer verdankte; denn Sachſen und Dänen waren in England dermaßen vermiſcht, daß der Vertrag, welcher Canut die eine Hälfte des Königreichs zuwies, mit allgemeinem Beifall aufgenommen worden war. Auch hatte dieſer große Fürſt ſeine frühere Härte in ſpä⸗ teren Jahren durch Milde und Weisheit ſo völlig ausgeglichen, er hatte ſie ſelbſt in der ſchlimmſten Periode ſeiner Regierung durch außer⸗ ordentliche perſönliche Liebenswürdigkeit dermaßen gemildert und durch den Glanz ſeines Ruhmes und ſeiner Macht in dem Gedächtniſſe der Menſchen ſo glücklich verwiſcht, daß Canut einen geliebten und geehr⸗ * So oft der Chroniſt die Gabe der Rede preist, beweist er dadurch, ohne es zu wiſſen, das Vorhandenſeyn konſtitutioneller Freiheit. Bulwer, Harold. 8 11¹ ten Namen“ hinterlaſſen hatte, und Godwin als auserwählter Rath⸗ geber dieſes populären Fürſten nur um ſo mehr geachtet wurde. Nach deſſen Tode hatte Godwin die ſächſiſche Linie wieder herſtellen wollen, zu welchem Zwecke er ſich bereits gewaffnet hatte, und nur der Be⸗ ſchluß des Witan, der hierin ohne Zweifel der Anſicht des Volkes ge⸗ horchte, hatte ihn davon zurückgehalten. Jedoch laſtete auf ihm der Verdacht eines ſchwarzen Verbrechens— der treuloſen Auslieferung Alfreds, des ermordeten Bruders von Edward— und dieſer blieb trotz ſeines Eides und der förmlichen Freiſprechung der Nationalver⸗ ſammlung an ſeinem Namen hängen, wie er noch jetzt daran hängt. Die Zeit war übrigens über dieſes gräßliche Trauerſpiel hingegan⸗ gen und in der ganzen engliſchen Nation herrſchte das inſtinktartige prophetiſche Gefühl, daß mit Godwins Hauſe die Sache des engli⸗ ſchen Volkes identificirt ſey. Das ganze Aeußere des Mannes war dazu gemacht, um ganz zu ſeinen Gunſten zu ſprechen. Seine breite Stirne war ruhig, voll Wohlwollen und Nachdenken; ſeine großen dunkel⸗ blauen Augen heiter und mild, obwohl ſie bei näherer Prüfung einen verſchloſſenen, unergründlichen Ausdruck hatten. Seine Miene war ausnehmend edel, ohne alle Förmlichkeit oder Affektation, und wenn man ihm Hochmuth und Anmaßung in hohem Grade zuſchrieb, ſo konn⸗ ten ſie nur in ſeinen Thaten, nicht in ſeinem Weſen liegen, denn ein⸗ fach, vertraulich und gütig gegen alle Menſchen, ſchien ſein Herz dem Dienſte ſeiner Landsleute ebenſo wie ſeine gaſtliche Thüre ihren Be⸗ dürfniſſen offen zu ſtehen. Hinter ihm ſtand die ſtattlichſte Gruppe von Soͤhnen, wie ſie nur je ein Vaterauge mit Stolz betrachtete, jeder auffallend von dem an⸗ dern verſchieden und alle durch Schönheit des Geſichts und kräftige Geſtalten ausgezeichnet. * Neuere däniſche Geſchichtſchreiber haben umſonſt Canuts Ruhm als engliſcher Monarch zu verkleinern geſucht. Die Dänen ſind ohne Zweifel die beſten Beurtheiler ſeines Charakters in Dänemark; aber auch unſere engliſchen Autoritäten beweiſen hinlänglich die perſönliche Popularität Canuts in dieſem Lande und deſſen Anhänglichkeit an ſeine Geſetze.. Rath⸗ Ss weyn, der älteſte, hatte die dunkle Farbe ſeiner däniſchen Mut⸗ Nach ter: eine wilde traurige— nur durch Kummer oder Leidenſchaft ver⸗ vollen, wüſtete— Majeſtät lag in ſeinen regelmäßigen Adlerzügen; Raben⸗ er Be⸗ locken, glänzend ſelbſt in ihrer Vernachläßigung, ſielen halb über ſeine es ge⸗ hohlen, aber klaren mit unruhigem Feuer erfüllten Augen. Ueber der m der Schulter trug er die mächtige Streitart: ſeine magere aber rieſenſtarke ferung Geſtalt war in Erz gehüllt und ſtützte ſich auf den großen, ſpitzen, dä⸗ blieb niſchen Schild. Zu ſeinen Füßen ſaß ſein junger Sohn Haco, ein alver⸗ Knabe mit, für ſeine noch kindlichen Jahre unnatürlich nachdenklichen ngt. Zügen. gegan⸗ Ihm zunächſt ſtand der gefürchtetſte und grauſamſte von God⸗ artige wins Söhnen— er, welcher beſtimmt war, den Sachſen das zu werden engli⸗ was Julian den Gothen geweſen. Die Arme über der Bruſt gekreuzt, 3 war ſtand Toſtig; ſein Geſicht war ſchön, wie das eines Griechen— bis Stirne auf die Stirne, welche nieder und unbedeutend ausſah. Glatt und unkel⸗ wohlgepflegt waren ſeine glänzenden, kaſtanienbraunen Locken und ſeine einen Waffen waren mit Silber eingelegt, denn er liebte den Pomp und die e war. Pracht des Krieges. wenn Wolnoth, der Mutter Liebling, ſchien noch in der erſten Blüthe der konn⸗ Jugend und er allein unter allen Söhnen hatte etwas Unentſchloſſenes, n ein⸗ Verweichlichtes in Miene und Haltung; ſeine ſchlanke Geſtalt ſchien z dem noch nicht ihre volle Höhe und Stärke erreicht zu haben, und als ob n Be⸗ das Gewicht des Panzers ihm ungewohnt wäre, lehnte er ſich mit bei⸗ * Einige unſerer Hiſtoriker nennen irrigerweiſe Harold den Aelteſten; ie nur allein Florence— da die Sachſenchronik darüber ſchweigt unſere beſte Quelle— — 4 und Knyghton behaupten beſtimmt, Sweyn ſey der älteſte geweſen. Harold war 8 an⸗ der zweite und Toſtig der dritte. Sweyns Erſtgeburt ſcheint ſchon durch die äftige größere Wichtigkeit ſeiner Grafſchaft beſtärkt zu werden. Die normänniſchen Chronikenſchreiber wollen in ihrer Erbitterung gegen Harold dieſen noch jünger h als wie Toſtig machen— der Grund davon wird am Schluſſe dieſes Werkes klar — werden. Der norwegiſche Chroniſt Snorro Sturleſon ſagt, Harold ſey der fel die 1 frchn jüngſte von allen Söhnen geweſen— ſo wenig genaue Data wußte man von⸗ dieſem einem Hauſe, das beinahe eine neue Dynaſtie von engliſchen Königen gegrün⸗ det hätte. 8 83 116 den Händen auf den Schaft ſeines langen Speeres. Leofwin, welcher Wolnoth zunächſt ſtand, ſtach ſehr gegen dieſen ab; ſeine ſonnigen Locken ringelten ſich ſorglos über eine weiße unbewölkte Stirne, und der weiche Flaum auf der Oberlippe beſchattete einen ſchelmiſchen Mund, der ſogar in dieſer ernſten Stunde lächelte. Zur Rechten Godwins, aber nicht unmittelbar in ſeiner Raͤhe, ſtanden die Letzten der Gruppe— Gurth und Harold. Gurth hatte den Arm über ſeines Bruders Schulter geſchlungen und ohne den ſprechenden Nuncius zu beachten, betrachtete er blos die Wirkung, welche deſſen Worte auf Harolds Geſicht hervorrufen würde— denn Gurth liebte Harold wie Jonathan den David geliebt hatte. Harold war der einzige Unbewaffnete unter der Gruppe, und wäre ein erfah⸗ rener Veteran befragt worden, wer unter dieſer Gruppe zum Anfüh⸗ rer von Kriegsheeren geboren ſey— er hätte gewiß auf den unbewaff⸗ neten Mann gedeutet. „Nun, was ſagt der König?“ fragte Earl Godwin. „Dieſes: Er weigert ſich, Dich mit Deinen Söhnen wieder ein⸗ zuſetzen oderDich zu hören, bevor Du Deine Armee aufgelöst, Deine Schiffe weggeſandt und eingewilligt habeſt, Dich ſelbſt und Dein Haus vor dem Witana⸗gemot zu reinigen.“ Toſtig brach in wildes Gelächter aus; Sweyns kummervolle Stirne wurde düſterer; Leofwin fuhr mit der Rechten an den Ataghar; Wolnoth richtete ſich in die Höhe; Gurth heftete die Augen auf Ha⸗ rold, und Harolds Geſicht blieb unbeweglich. „Der König empfing Dich in ſeinem Kriegsrath?“ ſagte God⸗ win nachdenklich;„ohne Zweifel waren dort die Normannen. Wer waren die bedeutendſten Engländer?“ „Siward von Northumbrien— Dein Feind.“ „Meine Söhne,“ ſprach der Earl, an ſeine Kinder ſich wendend und hoch aufathmend, als ob ihm eine Laſt vom Herzen wäre;„für heute bedarf's keiner Streitart oder Waffenrüſtung. Harold allein war weiſe,“ und er deutete auf die linnene Tunika des erwähnten Sohnes. 4 117 „Was meint Ihr, Herr Vater?“ rief Toſtig gebieteriſch— „wollt Ihr—“ „Still, Sohn, ſtill,“ gebot Godwin ohne Härte, aber mit wohl⸗ bewußter Obergewalt.„Kehre zurück, braver, theurer Freund,“ ſagte er zu Vebba;„ſuche Siward den Earlv; ſage ihm, daß ich, Godwin⸗ ſein früherer Feind, Ehre und Leben in ſeine Hände lege: was er rathe, wollen wir thun— gehe.“ Der Mann aus Kent nickte und ſtieg wieder in ſein Boot. Dann ſprach Harold: „Vater, dort drüben ſtehen Edwards Streitkräfte, bis jetzt ohne Führer, da dieſe noch in des Königs Hallen ſeyn müſſen. Ein paar feurige Normannen können unter ihnen einen Kampf herbeiführen, und dieſe Stadt London iſt nicht gewonnen, wie ſie von uns gewonnen werden ſollte, wenn nur ein einziger Tropfen engliſchen Bluts das Schwert eines Engländers röthet. Drum will ich mit Eurer Erlaub⸗ niß ein Boot nehmen und an’s Land ſteigen. Wenn ich während meiner Abweſenheit nicht alle Einſicht in die Herzen meiner Landsleute verloren habe, ſo wird beim erſten Rufe unſerer Truppen, daß Harold, God⸗ wins Sohn, auf dem Boden unſerer Väter ſtehe, die Hälfte jener Helme und Speere alsbald auf unſere Seite übertreten.“ „Und wenn nicht, mein eitler Bruder?“ höhnte Toſtig, ſich voll Neid in die Lippen beißend. „Wenn nicht, ſo reite ich allein in ihre Mitte und frage, ob wohl ein Engländer da ſey, der mit Schaft oder Speer auf die Bruſt zielte, die ſich noch nie wider England waffnete.“ Godwin legte Harold die Hand auf's Haupt und die Thränen drangen ihm in die kalten verſchloſſenen Augen. „Du weißt von Natur, was ich durch Kunſt erlernte. Es ſey, wie Du es willſt.— Gehe und möge es Dir gelingen.“ „Er nimmt Deinen Poſten ein, Sweyn— Du biſt der Aeltere,“ ſagte Toſtig zu der wilden Geſtalt neben ihm. „Es laſtet Schuld auf meiner Seele und Weh in meinem Herzen,“ 118 gab Sweyn mürriſch zur Antwort.„Soll Eſau ſein Gehatsricht verlieren und Kain es zurückbehalten?“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und lehnte ſich an das Hin⸗ tertheil des Schiffs, das Geſicht auf den Rand ſeines Schildes legend. Harold bewachte ihn: mit tiefem Mitleid in den Blicken trat er ihm mit raſchem Schritte nahe und drückte ihm die Hand. „Friede mit der Vergangenheit, o mein Bruder!“ flüſterte er. Der Knabe Haco, der ſeinem Vater geräuſchlos gefolgt war, hob ſeine ernſten düſteren Blicke zu Harold empor und als dieſer ſich weg⸗ wandte, ſagte er ſchüchtern zu Sweyn: „Er wenigſtens iſt immer gut gegen Dich und mich.“ „Du ſollſt ihm auch, wenn ich nicht mehr bin, wie Deinem Vater anhängen, Haco,“ erwiederte Sweyn, indem er des Kindes ſchwarze Locken zärtlich zurückſtreichelte. Der Knabe ſchauderte zuſammen und ſenkte das Haupt, indem er vor ſich hinmurmelte: „Wenn Du nicht mehr biſt! nicht mehr! Hat die Vala auch i9 n verurtheilt, Vater und Sohn— Beide?“ Harold hatte unterdeſſen das Boot, das man von der Aeska für ihn herabgelaſſen hatte, beſtiegen, und Gurth, der ſeinen Vater fra⸗ gend anſah und kein Zeichen der Mißbilligung gewahrte, ſprang dem jungen Earl nach und ſetzte ſich an ſeine Seite. Godwin folgte dem Boote mit ſinnendem Blicke. „Da braucht man freilich,“ ſprach er laut vor ſich hin,„kaum einem Wahrſager oder an die Prophetin Hilda zu glauben, wenn ſie vor unſerer Abfahrt verkündete, daß Harold—“ Hier hielt er inne, denn Toſtigs zorniger Ausruf unterbrach ſeine Träumerei. „Vater, Vater! mein Blut ſiedet mir in den Ohren und kocht mir im Herzen, wenn ich Dich der Prophezeihungen Hilda's zu Gun⸗ ſten Deines Lieblings gedenken höre. Streit und Zwietracht haben ſie bereits in unſerem Hauſe hervorgerufen, und wenn der Hader zwi⸗ —— 119 ſchen Harold und mir graues Haar in Deine Locken geſäet hat, ſo danke es Dir ſelbſt, der Du ſchon zur Zeit unſerer erſten kindiſchen Zerwürf⸗ niſſe, von den eiteln Prophezeihungen auf Deinen bevorzugten Harold erfüllt, zu mir ſagteſt: iſtreite nicht gegen Harold, denn ſeine Brüder 11 werden ihm noch unterthan werden“! „Strafe die Weiſſagung Lügen,“ erwiederte Godwin ruhig;„ein weiſer Mann kann immer ſein eigenes Glück machen, ſein eigenes Geſchick am Schopfe ergreifen— Klugheit, Geduld, Muth und Ar⸗ beitſamkeit— das ſind die Sterne, welche die Laufbahn der Sterbli⸗ chen lenken.“ Toſtig gab keine Antwort, denn das Klatſchen von Rudern ließ ſich vernehmen und zwei Schiffe mit den vornehmſten Häuptlingen von Godwins Partei legten ſich neben die mit Runen beſchriebene Aeska, um das Reſultat der Botſchaft an den König zu vernehmen. Toſtig ſprang auf die Seite des Schiffes und rief: „Der König, von ſeinen falſchen Rathgebern umringt, will uns nicht hören, und die Waffen müſſen zwiſchen uns entſcheiden.“ „Halt, halt! böswilliger, unſeliger Knabe,“ donnerte Godwin zwiſchen ſeinen zuſammen gebiſſenen Zähnen, als die vollgepfropften Schiffe in ein wildes Jauchzen ausbrachen.„Der Fluch aller Zeiten laſte auf dem, der im Angeſichte der Daͤcher und Altäre von London das erſte Blut der Eingebornen vergießt! höre mich, Du mit der Blut⸗ gier des Geiers und der eitlen Freude des Pfauen im prahleriſchen Geſieder! höre mich, Toſtig, und zittere: wenn Du auch nur mit einem Worte die Kluft zwiſchen mir und dem König erweiterſt, ſo ſollſt Du als ein Geächteter, wie Du jetzt England betrittſt, Dein Vaterland wie⸗ der verlaſſen, ſollſt ſtatt Grafſchaft und weiten Ländereien das Brod der Fremde und das Wehrgeld des Wolfes erwählen!“ So hochfahrend auch der junge Sachſe war, ſo ſcheute er doch des Vaters zitternde Stimme, beugte das Haupt und entfernte ſich mürriſch. Godwin ſprang auf das Deck des nächſten Schiffes und ſuchte die wilden Leidenſchaften, welche Toſtig erweckt hatte, durch ſeine 120 Beredtſamkeit wieder zu beſänftigen. Mitten in ſeiner Rede hörte man aus den Reihen am Strande den Ruf herüberſchallen: „Harold! Harold der Earl! Harold und das heilige Kreuz!“ Godwin richtete die Augen auf des Königs Mannen; er ſah ſie bewegt, erſchüttert und unruhig, bis plötzlich aus der hinterſten Mitte des feindlichen Heeres wie durch unwiderſtehlichen Impuls der Ruf durchdrang: „Harold, unſer Harold! Heil ſey dem guten Earl!“ Während ſich ſolches außerhalb zutrug, hatte Edward innerhalb des Pallaſtes das Audienzzimmer verlaſſen und ſich mit Stigand dem Biſchofe eingeſchloſſen. Dieſer Prälat hatte um ſo mehr Einfluß bei Edward, als er, obſchon Sachſe, gleichwohl für keinen Feind der Nor⸗ mannen galt, wie er denn früher auf die Beſchuldigung allzu großer Anhänglichkeit an die normänniſche Königsmutter Emma ſeines Bis⸗ thumes entſetzt worden war.* Noch nie in ſeinem ganzen Leben hatte ſich Edward ſo hartnäͤckig wie bei dieſer Gelegenheit gezeigt, denn hier handelte ſichs um mehr als ſein Königreich: er war in dem Frieden ſeines Haushaltes, in dem Troſte ſeiner lauwarmen Freundſchaften bedroht. Mit der Zurückbe⸗ rufung ſeines mächtigen Schwiegervaters ſah er als weitere Noth⸗ wendigkeit voraus, daß ſein Weib ſich in den Reiz ſeiner keuſchen Ein⸗ ſamkeit eindrängen würde; ſeine geliebten Normannen würden dann verbannt und er ſollte ſich fortan von Geſichtern, die er verabſcheute, umringt ſehen. Alle Vorſtellungen Stigands fanden nur hartes, un⸗ nachgiebiges Gehör, bis Siward in des Königs Kloſet eintrat. „Herr, mein König,“ begann der große Sohn von Beorn,„ich wich im Rathe Eurem königlichen Willen, daß Godwin, bevor wir ihn * Angelſächſiſche Chronik, a. d. 1043.„Stigand wurde ſeines Bisthumes entſetzt und ihm all ſein Gut vom Könige abgenommen, weil er nach der An⸗ ſicht des Volkes im Rathe der Mutter des Königs mächtig war und ſie nur ſeinen Eingebungen folgte.“ Der heilige Bekenner verfuhr nämlich mit ſeinen Biſchöfen nicht minder ſummariſch, als Heinrich VIII. nach ſeinem Streite mit dem Pabſte nur immer thun konnte. —S 720 2 121 hörten, ſeine Leute entlaſſen und ſich dem Urtheile des Witan unter⸗ werfen ſolle. Der Earl hat mir erwiedern laſſen, er lege Ehre und Leben in meine Hände und wolle meinen Rath unbedingt befolgen. Ich habe ihm geantwortet wie es dem Manne geziemte, der nie einen Feind verſtricken oder einen Vertrauenden verrathen wird.“ „Wie haſt Du geantwortet?“ fragte der König. „Er ſoll bei den Geſetzen von England, wie Dänen und Sachſen ſie in den Tagen Canuts beſchworen, verbleiben; er und ſeine Söhne ſollen weder auf Land noch auf Herrſchaft Anſpruch machen, ſondern Alles dem Spruche des Witan überlaſſen.“ „Gut,“ verſetzte der König;„und wird der Witan ihn jetzt ebenſo verurtheilen, wie er es gethan hätte, wenn er nicht vor ihn treten wollte?“ „Jetzt wird der Witan frei und ehrlich und gerecht ſeyn,“ gab der Earl mit Nachdruck zur Antwort. „Aber unterdeſſen— die Truppen—“ „Werden auf beiden Seiten warten, und wenn die Vernunft nichts ausrichtet, dann kommt das Schwert,“ verſicherte Siward. „Davon will ich nichts hören,“ rief Edward, als plötzlich das Trampeln vieler Tritte auf dem Gange laut wurde. Die Thüre flog auf und mehrere Anführer der königlichen Truppen— Normannen wie Sachſen— ſtürzten wild und lärmend herein. „Die Truppen verlaſſen uns! Beim bloßen Namen Harolds hat die Hälfte davon die Waſſen niedergeworfen!“ rief der Earl von Here⸗ ford.„Fluch über die Schurken!“ „Die Stadtwehr von London iſt ganz auf ſeiner Seite und mar⸗ ſchirt bereits durch die Thore,“ rief ein ſächſiſcher Than. „Zögert noch länger,“ flüſterte Stigand,„und wer wird morgen um dieſe Stunde ſagen können, ob Edward oder Godwin auf Alfreds Throne regiert?“ Siward fühlte ſein Herz von der Trauer des Königs erſchüttert — und zwar um ſo mehr, als Edward diesmal ſo ungewohnte Feſtig⸗ keit zeigte; er kniete nieder und nahm des Königs Hand. 122 „Siward kann ſeinem Könige keinen niedrigen Rath geben, aber das Blut der Unterthanen zu ſchonen, bringt einem Könige niemals Schande. Weiche Du der Gnade— überlaſſe Godwin dem Geſetz!“ „O meine Zelle und Kapuze!“ rief der Fürſt mit gerungenen Händen.„O normänniſche Heimath, warum hab' ich Dich verlaſſen!“ Er nahm das Kreuz von ſeiner Bruſt, betrachtete es feſt, betete ſtumm aber mit Inbrunſt, und ſein Geſicht wurde abermals ruhig. „Geh!“ ſagte er in der Erſchöpfung, wie ſie der Leidenſchaft folgt, in ſeinen Stuhl ſich werfend,„geh', Siward, geh', Stigand— leitet die weltlichen Dinge nach Eurem Belieben.“ Der Biſchof, mit dieſer widerſtrebenden Genehmigung zufrieden, ergriff Siward beim Arm und zog ihn aus dem Gemache. Die Heer⸗ führer blieben eine Weile zurück, wobei die Sachſen ſchweigend auf ihren König ſchauten, während die Normannen ſich in höchſter Beun⸗ ruhigung zuflüſterten und Blicke der bitterſten Verachtung auf ihren ſchwachen Wohlthäter ſchoßen, bis ſie endlich, wie auf gemeinſame Eingebung, durch den Gang ſtürzten und ihren in den Hallen verſam⸗ melten Landsleuten zuriefen: „A toute bride! Franc étrier!— Alles iſt verloren, nur nicht das Leben!— Gott für den Erſten, Meſſer und Strick für den Letzten!“ Und gleichwie der Feuerruf oder das erſte Krachen eines Erd⸗ bebens alle Bande auflöst und alle Gedanken in dem einen der Selbſt⸗ rettung concentrirt, ſo lärmte, ſtieß und drängte die ganze Verſamm⸗ lung, bunt untereinander gemiſcht, nach der Thüre— glücklich der, der ein Pferd— einen Zelter, ja ſogar eines Mönches Maulthier auftrei⸗ ben konnte! Hierhin, dorthin flohen dieſe gebietenden Normannen, die kriegeriſchen Aebte und all die reichgeſchmückten Biſchöfe— einige einzeln, andere paarweiſe, dieſe zu zehn, jene zu zwanzig, alle aber mit kluger Vorſicht das Zuſammenſeyn mit eben den Häuptlingen ver⸗ meidend, denen ſie noch am Tage zuvor am meiſten hofirt hatten und die jetzt, wie ſie wohl wußten, das Hauptziel der Rache ſeyn würden. Nur Zwei machten hievon eine Ausnahme: ſie wußten, vermöge . — — 123 jener Scheu vor geiſtiger Macht, welche den Normann, dieſen halb mönchiſchen Krieger(Kreuzfahrer und Templer, noch ehe man Kreuz⸗ züge predigte oder von Templern träumte) charakteriſirte— ſogar in dieſer Stunde ſelbſtſüchtigen Schreckens die ſtolzeſte Ritterſchaft ihrer Landsleute um ſich zu verſammeln. Der Biſchof von London und der Erzbiſchof von Canterbury, beide cap-a-pié bewaffnet und mit dem Speere in der Hand, waren die Leiter der Flucht, und Mallet de Graville leiſtete an jenem Tage ſowohl als Führer wie als Kämpe die wichtigſten Dienſte. Er führte ſie im Bogen hinter beiden Heeren herum: als ihnen aber eine neue Schaar, welche von den Weiden von Hertfordſhire zu Godwins Hülfe herbeizog, in die Quere kam, ſah er ſich zu dem kühnen verzweifelten Streiche, nämlich zum Eintritte in die Stadt genöthigt. Die Thore ſtanden weit offen, entweder um die ſächſiſchen Earls zu empfangen, oder um ihre Verbündeten, die Lon⸗ doner, ins Freie zu laſſen. So ritten die kämpfenden Flüchtlinge drei und drei neben einander durch die engen Straßen, und ſelbſt auf der Flucht ihren Nationalruhm bewährend, wußten ſie jedes Hinderniß zu überwältigen.„Hinaus— hinaus! nieder mit den Ausländern!“— mit dieſem Rufe drangen an jeder Ecke Haufen von Bewaffneten auf ſie ein, und durch ſie Alle mußten Speer und Schwert ſich den Weg bahnen. Roth von Blut war die Lanze des Prälaten von London; bis zum Griffe abgebrochen das kriegeriſche Schwert in der furchtbaren Hand des Erzbiſchofs von Canterbury. So ritten ſie kämpfend und mordend dahin, erreichten das öſtliche Thor und paſſirten dieſes, nach⸗ dem ſie nur zwei ihrer Genoſſen verloren hatten. Kaum hatten ſie das offene Feld gewonnen, als ſie ſich zur beſſern Vorſicht trennten. Einige wenige, die mit der ſächſiſchen Sprache nicht ganz unbekannt waren, legten die Rüſtung ab und ſchlichen durch Wald und Feld nach der Seeküſte; Andere, worunter die beiden Prälaten, behielten Roß und Waffen, vermieden aber die Heerſtraßen und er⸗ reichten wohlbehalten das Dörſchen Neß in Eſſer, wo ſie ſich in ein offenes, gebrechliches Fiſcherboot warfen und ſich darin den Wogen * 1²⁴ überließen, bis ſie halb ertrunken und halb verhungert über den Kanal nach den franzöſiſchen Küſten hinübertrieben. Der Reſt der höfiſchen Ausländer nahm ſeine Zuflucht in die Feſten, die noch in den Händen ihrer Landsleute waren, Andere verbargen ſich in Höhlen und Schlupf⸗ winkeln, bis ſie Boote zur Ueberfahrt finden oder ſtehlen konnten. Und ſo geſchah im Jahre unſeres Herrn 1052 die merkwürdige Zerſtreuung und ſchimpfliche Flucht der Grafen und Vaſallen des großen Herzogs William. Eilftes Kapitel. Der Witana⸗gemot war in der großen Halle von Weſtminſter in all ſeinem kaiſerlichen Pompe verſammelt. Diesmal ſaß der König auf ſeinem Throne und es war das Schwert, was er in der rechten Hand hielt. Die Beamten des Baſi⸗ leus“ von Britannien ſaßen theils unterhalb, theils ſtanden ſie zur Seite des Thrones. Da waren zu ſehen Camerarius und Pincerna (Kämmerling und Mundſchenk), Discusthan und Pferdethan*“(der Than der königlichen Tafel und der der Stallungen) und viele Andere, deren Staatsämter nicht unwahrſcheinlich von dem ceremoniöſen Pompe des byzantiniſchen Hofes entlehnt waren, wie denn Edgar, König von England, ſich in alten Zeiten den Erben Konſtantins genannt hatte. Dieſen zunächſt ſaßen die Geiſtlichen der Kapelle, an ihrer Spitze des Königs Beichtvater: ſie waren Beamte von höherer Bedeutung, als ihre Namen ausſprachen; ihnen war das große Siegel anvertraut und ſie hatten dadurch eine Macht in Händen, von der man früher nichts gewußt hatte, die aber den Sachſen nunmehr um ſo verderblicher ward, denn ermüdend iſt der Rechtsgang, der auf des Königs Unterſchrift * Der Titel Baſileus wurde noch bis auf Johann von unſeren Königen geführt; Letzterer nannte ſich: Totius Insulae Britannicae Basileus. Ag 3 über das Alter der Grafſchaften in England. ½— ** Sharon Turner. E 125 und Siegel harren muß, und von dieſen Schreibern ſollte ſpäter ein 1 de Inſtitut der Quälerei ausgehen, das unter dem Namen der Chan⸗ den cery“*(Kanzleramt) die Menſchen bis aufs Blut zu quälen beſtimmt apf⸗ war. Und Zu Füßen der Schreiber war ein freier Raum übrig gelaſſen und ung weiter unten ſaßen die Häuptlinge des Witan. Die erſte Reihe unter ogs ihnen, ſowohl wegen ihres geiſtlichen Rangs als ihrer ausgebreiteten zeitlichen Beſitzthümer, nahmen die Lords der Kirche ein; die Stühle der Prälaten von London und Canterbury waren zwar leer, aber man ſah immer noch eine ſtattliche Schaar von ſächſiſchen Biſchofsmützen, darunter das harte, hungrige, aber verſtändige Geſicht Stigands— in„ Stigands des Stattlichen und Begehrlichen, und die wohlwollenden 4 aber feſten Züge Alreds, des ächten Prieſters und Patrioten. Wie das Sterne um die Sonne, ſo hatte jeder Prälat ſein eigenes prieſterliches aſi⸗ Gefolgez aus ſeiner Diöceſe um ſich verſammelt. Weiter unten in der zur Halle folgten die großen Lords und Vicekönigsvaſallen des herr⸗ rna 3 ſchenden Lords. Leer iſt der Stuhl des Königs der Schotten, denn der Siward(hat ſeinen Wunſch noch nicht erreicht— Macbeth iſt noch in ere, ſeine feſten Plätze eingeſchloſſen oder horcht in der Wildniß auf die npe Schickſalsſchweſtern und Malcolm iſt ein Flüchtling in der Halle des von northumbriſchen Carls. Leer der Stuhl des Helden Gryffyth„Soh⸗ tte. nes von Llewellyn, des Schreckens der Marſchen, des Prinzen von des Gwyned, deſſen Waffen ganz Cymrien unterjochten. Dagegen ſieht als man die geringeren Unterkönige von Wales, treu ihren unvordenklichen und Spaltungen, welche das Reich des Ambroſius zerſtörten und Arthurs hts Arm erfolglos machten: mit ihren Goldbändern und wilden Augen, ard, gg,* S. die Einleitung zu Palgrave's Geſchichte der Angelſachſen, wor⸗ rift aus dieſe Schilderung ſo ausführlich entlehnt iſt, daß ich für mein Plagiat igen keine andere Entſchuldigung habe, als das offene Geſtändniß, daß wenn ich d: anderswo nur halbwegs dieſe plaſtiſche Darſtellung gefunden oder ſie meinen 3 Quellen entnommen hätte, ich dann den oben erwähnten Hiſtoriker vern. zu plündern bemüßigt geweſen wäre. 2 126 das Haar um Stirn und Ohren kurz geſchnitten, ſtarren ſie auf die umgebende Scene. Auf derſelben Bank mit dieſen Unterkönigen, durch die Höhe ihres Wuchſes und ihre ruhige gefaßte Miene nicht minder, als durch ihre Schirmhauben und Pelzmäntel von den vorigen unterſchieden ſitzen jene Stützen ſtarker und Schrecken ſchwacher Throne— die Earls, denen Shires und Grafſchaften zufallen, wie die geringeren Thane mit Hufen und Morgen belehnt werden. Nur drei der Erſteren waren dießmal anweſend und alle drei waren Feinde von Godwin; Siward, Carl von Northumbrien, Leofric von Mercia(erſelbe Leofrie, deſſen Weib Godiva noch jetzt in Balladen und Geſängen lebt) und Rolf, Earl von Hereford und Woreeſterſhire, der, kraft ſeines An⸗ ſpruchs auf königliches Geblüt, den Hof nicht gleich ſeinen normänni⸗ ſchen Freunden verlaſſen hatte. Auf denſelben Bänken, nur etwas ab⸗ ſeits, ſehen wir endlich die niedereren Earls und jene höhere Klaſſen der Thane, welche den Namen Königsthane führten. Nicht ferne von dieſen ſaßen die erwählten Bürger der freien Stadt London, welche ſchon jetzt in dieſem Senate großes Gewicht beſaßen** und gar oft bei ſeinen Beſchlüſſen den Ausſchlag gegeben hatten; ſie alle waren Freunde des engliſchen Earls und ſeines Hauſes. In demſelben Theile der Halle fand man die Maſſe und den ächt po⸗ pulären Theil des Meetings— populär in der That, nicht als Reprä⸗ ſentant des Volkes, ſondern derjenigen Dinge, die das Volk am meiſten ſchätzte, nämlich Tapferkeit und Reichthum die landbeſitzenden Thane, in alten Urkunden„Miniſter“ genannt. Sie ſaßen mit dem Schwert an der Seite, alle verſchieden in Geburt, Vermögen und Verwandt⸗ ſchaft mit dem König, Earl oder Ceorl. Die Befähigung zu * Girald. Cambrensis. r Palgrave vergißt wahrſcheinlich zufällig dieſe Mitglieder des Witan; aber aus der angelſächſiſchen Chronik geht deutlich hervor, daß die L. „Stadtleute“ bei großen Nationalwitans repräſentirt waren und ee Wahl von Königen entſcheiden halfen. 7 127 uf die dieſem Sitze war nämlich in den einzelnen Diſtrikten der Heptarchie . verſchieden; ſie ſtand hoch in Oſtangeln, niedrig in Weſſer, ſo daß ihres was in der einen Grafſchaft Wohlſtand war, in der andern noch für durch Armuth galt. Da ſaß ein halber Yeoman, der ſächſiſche Than von ieden Berkſhire oder Dorſet, ſtolz auf ſeine fünf Hufen Landes; dort ein — die halber Earldoman, der däniſche Than von Norfolk oder Ely, mit ſeinen igeren vierzig noch unzufrieden. Manche hatten durch geringere Kronämter eſteren das Recht des Beiſitzes erworben; manche waren auch Krämer und dwin; Söhne von Krämern, welche die hohe See dreimal auf ihre eigene erſelbe Gefahr durchſchifft hatten. Dieſe rühmten ſich des Blutes von Offa lebt) und Egbert, während andere blos drei Generationen bis zum Kuh⸗ es An⸗ hirten oder Pflugknecht zurückzuzählen brauchten; dieſe waren Sach⸗ naͤnni⸗ ſen, jene Dänen, und andere aus den weſtlichen Grafſchaften waren as ab⸗ urſprünglich Bretonen, obwohl von ihrer Race nicht mehr viel zu er⸗ ſſe der kennen war. Noch weiter unten, am äußerſten Ende der Halle, ſah man die freien Ceorls ſelber vor den offenen Thüren verſammelt und den äußeren ewicht Raum erfüllend— eine zahlreiche und nicht machtloſe Körperſchaft egeben bei dieſen hohen Höfen, welche von den Grafſchaftsgemots oder Lokal⸗ auſes. ſenaten wohl zu unterſcheiden waren: die Ceorls wurden niemals zum ihht po⸗ Abſtimmen, zum Sprechen oder Handeln, ja nicht einmal zur Unter⸗ Neprä⸗ zeichnung des Urtheils aufgefordert; ſie durften blos ihr„Ja, ja,“ neiſten rufen, wenn die Vornehmeren ihren Spruch fällten. Aber gleichwohl Thane, waren ſie nicht ohne Einfluß, ſondern vertraten bei dem Witan unge⸗ dert an fähr daſſelbe, was für die Nachfolger des Witans— unſer modernes vandt⸗ Parlament— die öffentliche Meinung iſt: ſie waren dieſe Meinung, ig zu und nach ihrer Zahl und ihren Anſichten, welche, keck gemurmelt, ſehr leicht zu erkennen war, mußte gar oft dieſer erhabene Hof von Baſi⸗ leus und Prälaten, Vaſallenkönigen und mächtigen Earls ſeine Be⸗ 3 geſtalten und den Spruch demgemäß einrichten. Witan; 1 E Die Eröffnung des Meeting war nach den hergebrachten Formen hehen; der König hatte friedliche und vorſichtige, gnädige und er⸗ 128 mahnende Worte geſprochen, die aber bei ſeiner ſchwachen Stimme nicht über den engeren Kreis ſeiner Beamten und Prieſter hinausdran⸗ gen, und ein Murmeln erfüllte die Halle, als Earl Godwin mit ſei⸗ nen ſechs⸗Söhnen hinter ſich in derſelben erſchien. In dem Augen⸗ blick, ehe Earl Godwin zu ſprechen begann, entſtand eine Stille, daß man das Summen der Mücke, welche die glatte Wange des Earls Rolf genirte, oder das Tiktak der Spinne in ihrem Gewebe oben an der Decke hätte vernehmen können. „Wenn ich,“ ſo begann er mit dem beſcheiden geſenkten Blicke des geübten Redners,„wenn ich mich freue, die Luft meines Vater⸗ landes wieder zu athmen, deſſen Dienſte ich, wenn auch vielleicht oft mit fehlerhaften Handlungen, aber immer mit der redlichſten Geſin⸗ nung, im Kriege wie im Rathe ſo viel von meiner Lebenszeit gewid⸗ met habe, daß mir nur wenig Anderes übrig bleibt, als mich(falls mein König und Ihr, Prälaten, Edle und Miniſter des Reichs es alſo gewähren ſolltet) nach der Stelle meines Geburtslandes umzuſehen, wo meine Gebeine endlich ruhen ſollten— wenn ich mich freue, noch einmal in dieſer Verſammlung zu ſtehen, welche ſo oft auf meine Stimme gehört hat, wenn unſer gemeinſames Vaterland in Gefahr war— wer wird wohl dieſe Freude tadeln? Wer unter meinen Feinden, wenn ich deren noch beſitze, wird nicht den Jubel des alten Mannes reſpek⸗ tiren? Wer unter Euch, Thane und Earls, würde ſich nicht grämen, wenn er aus Pflichtgefühl zu dem grauhaarigen Verbannten ſagen müßte: in dieſer engliſchen Luft ſollſt Du nicht den letzten Seufzer ausſtoßen, auf dieſem engliſchen Boden ſollſt Du kein Grab finden! Wer unter Euch würde ſich nicht grämen, alſo zu ſprechen“(hier hob er plötzlich das Haupt und betrachtete die Verſammlung)„wer unter Euch hat den Muth und das Herz, jenes Wort zu ſprechen? Ja, ich freue mich, endlich in der rechten Verſammlung zu ſeyn, welche meine Sache beurtheilen und meine Unſchuld verkünden kann. Um welches Verbrechens willen ward ich verbannt? Um welches eiedendinn ward ich zuſammt den ſechs Söhnen, die ich dem Lande gegeb mme ran⸗ ſei⸗ gen⸗ daß Farls n an Zlicke ater⸗ ht oft eſin⸗ wid⸗ falls alſo ehen, noch mme r— wenn ſpek⸗ men, agen ufzer den! hob unter „ich neine ie 129 dem Leben des Wolfes verurtheilt, um wie ein wildes Thier gehetzt und erſchlagen zu werden? Hört mich und antwortet!“ „Euſtace, Graf von Boulogne hatte unſern Herrn, den König, beſucht und betrat auf dem Rückwege nach ſeinen Beſitzungen die Stadt Dover in voller Kriegsrüſtung und mit ſeinem ganzen Gefolge. Unbe⸗ kannt mit unſeren Sitten und Geſetzen(denn ich will alte Klagen nur leicht berühren und Niemand ſchlimmer Abſicht beſchuldigen) dringen dieſe Ausländer gewaltſam in die Privatwohnungen des Bürgers, um dort ihre Quartiere aufzuſchlagen. Ihr Alle wißt, daß dies die ſtärkſte Verletzung des ſächſiſchen Rechtes war; Ihr wißt, daß auch der nie⸗ derſte Ceorl das Sprüchwort auf den Lippen führt: mein eigen Haus iſt mein Kaſtell. Einer der Städter handelte in dieſem Glauben— daß er ein falſcher war, davon müßte ich erſt noch überführt werden— und trieb einen Vaſallen des franzöſiſchen Earls von ſeiner Schwelle. Der Fremdling zog das Schwert und verwundete ihn; es kam zu Schlägen und der Fremde ſiel von dem Arme, den er wider ſich ge⸗ waffnet hatte. Die Nachricht dringt Earl Euſtace zu Ohren; er und ſeine Leute eilen zur Stelle und ermorden den Engländer an ſeinem eigenen Herde—“ Ein halb unterdrücktes Rachegeſchrei drang hier von den Ceorls aus dem hintern Ende der Halle herüber. Godwin erhob die Hand, um der Unterbrechung ein Ende zu machen, und fuhr alſo fort: „Kaum war dies geſchehen, als die Ausländer mit gezogenen Schwertern durch die Straßen ritten; ſie ſchlachteten Alles, was ihnen in den Weg kam und traten ſogar Kinder unter die Hufe ihrer Roſſe. Die Bürger griffen zu den Waffen— ich danke dem himmliſchen Va⸗ ter, daß er mir ſo wackere Bürger zu Landsleuten gegeben! Sie foch⸗ ten, wie wir es von Engländern gewohnt ſind, erſchlugen etliche neun⸗ zehn bis zwanzig dieſer gewappneten Eindringlinge und jagten ſie aus der Stadt, ſo daß ſelbſt Earl Euſtace eiligſt fliehen mußte. Earl Euſtace iſt bekanntlich ein kluger Mann: er raſtete daher nur wenig und aß noch weniger, bis er das Thor von Gloueeſter erreicht haite, wo mein Bulwer, Harold. 9 130 Herr, der König, damals Hof hielt. Er brachte ſeine Klage vor. Mein Herr, der König, da er nur die eine Partei hörte, glaubte na⸗ türlich die Bürger im Unrecht, und höchlich empört darüber, daß ſo hohe Perſonen ſeiner eigenen Verwandtſchaft auf ſolche Weiſe belei⸗ digt werden ſollten, ſchickte er nach mir, in deſſen Grafſchaft der Burg⸗ flecken Dover liegt, und befahl mir, die Angreifer des fremden Grafen durch militäriſche Execution zu beſtrafen. Ich berufe mich auf die großen Earls, welche ich vor mir ſehe— auf Euch, erlauchter Leofrie; auf Euch, hochberühmter Siward— welchen Werth würdet Ihr Eurer Grafenwürde beilegen, wenn Ihr nicht das Herz und die Macht beſäßet, die Bewohner Eurer Grafſchaften nach dem ſtrengſten Rechte behandelt zu ſehen?“ „Was war nun das Verfahren, welches ich vorſchlug? Statt militäriſcher Erecution, welche den ganzen Flecken einem gemeinſamen Spruche unterworfen hätte, rieth ich, die Vögte und Gerefas(Schult⸗ heißen) von Dover vor den König zu berufen, damit ſie in der Sache Rechenſchaft ablegen. Mein Herr, der ſonſt immer ſo mild und lieb⸗ reich gegen ſein Volk verfährt, war entweder gegen mich eingenom⸗ men oder von den Ausländern beherrſcht, ſo daß er dieſe Weiſe der Rechtspflege, welche unſere Geſetze, wie ſie unter Edgar und Canut geordnet wurden, beſtimmen— verwarf. Und weil ich nicht wollte— und ich erkläre in Gegenwart Aller— weil ich, Godwin, Wolnoths Sohn, auch wenn ich wollte, den freien Flecken Dover nicht in voller Kriegswehr und mit dem Scharfrichter zu meiner Rechten betreten durfte, ſo veranlaßten dieſe Ausländer meinen Herrn, den König, mich in eigener Perſon(als hätte ich ſelbſt eine Sünde begangen) vor den Rath des Witan zu fordern, der damals zu Glouceſter verſammelt war, das jene Ausländer nicht, wie ich in meiner Demuth glaubte, um mir und meinem Volke von Dover Gerechtigkeit zu erweiſen, ſondern um dieſem Grafen von Boulogne einen Triumph über engliſche Frei⸗ heiten zu ſichern und ſeine Verachtung gegen den Werth eines i⸗ ſchen Lebens zu ſanktioniren, mit ihren Mannen erfüllten.“ 3 vor. te na⸗ aß ſo belei⸗ Zurg⸗ rafen f die ffrie; Ihr Nacht techte Statt amen hult⸗ Sache lieb⸗ nom⸗ um dern frei⸗ gli- 8 131 „Ich zögerte und ward mit Verbannung bedroht; ich waffnete mich zur Selbſtvertheidigung, wie zum Schutze der engliſchen Geſetze, waffnete mich, damit man nicht ferner unſere Landsleute am eigenen Herde ermorde, noch ihre Kinder unter den Hufen fremder Kriegsroſſe zertrete. Mein Herr, der König, verſammelte ſeine Truppen um das Kreuz und die Hämmer. Jene edlen Earls, Siward uud Leofric, un⸗ bekannt mit meinem Falle, ſtießen zu ſeiner Fahne, wie es ihre Pflicht gegen den Baſileus von Britannien erheiſchte; als ſie aber die Sache erfuhren und um mich die Bewohner des Landes, gegen mich die Fremden und Ausländer verſammelt ſahen, da boten ſie mit vollem Rechte ihre Vermittlung an. Ein Waffenſtillſtand ward geſchloſſen, und ich willigte ein, die Sache hier in London dem Spruche eines Witan zu unterwerfen. Meine Truppen wurden entlaſſen, allein die Fremd⸗ linge veranlaßten meinen Herrn, die Seinigen nicht allein beizubehal⸗ ten, ſondern auch ſeinen Heerbann aufzubieten und Bewaffnete von fern und nah, ſogar Verbündete jenſeits der See um ſich zu ſchaaren. Als ich mich zu London nach dem friedlichen Witan umſchaute— was ſah ich? Das größte Kriegsheer, das nur je in dieſem Reiche ver⸗ ſammelt worden, und dieſes Kriegsheer unter der Anführung von nor⸗ männiſchen Rittern. War dies das Meeting, wo mir und den Meinen Gerechtigkeit werden konnte? Und wie lautete gleichwohl mein Aner⸗ bieten? Ich und meine ſechs Söhne wollten erſcheinen, vorausgeſetzt, daß nach unſern Gebräuchen, wovon nur Diebe“ ausgeſchloſſen ſind, die übliche Garantie geleiſtet würde, daß wir frei und wohlbehalten kommen und gehen dürften. Zweimal wurde dieſes Anerbieten ge⸗ macht, zweimal ward es verweigert, und ſo wurden ich und meine Söhne verbannt. Wir gingen— wir ſind wiedergekommen!“ „Und in Waffen,“ murmelte Earl Rolf, Schwiegerſohn jenes * Nach Athelſtans Geſetz durfte Jeder im Frieden zu und von dem Wi⸗ tan gehen, wofern er nicht ein Dieb war.— Wilkins S. 137. 9* 132 Grafen Euſtace von Boulogne, deſſen Gewaltthat Godwin mit Mäßi⸗ gung und Wahrheitsliebe erzählt hatte.* 3 „In Waffen allerdings,“ wiederholte Godwin—„in Waffen gegen die Ausländer, welche das Ohr unſeres gnädigen Königs alſo vergiftet hatten— in Waffen, Earl Rolf, vor deren erſtem Klange die Franken und Ausländer geflohen ſind. Jetzt bedürfen wir der Waf⸗ fen nicht länger; wir ſind unter unſern Landsleuten, und kein Franke ſtellt ſich zwiſchen uns und das ſtets ſanfte, ſtets großmüthige Herz unſeres angebornen Königs.“ „Peers und Proceres, Häuptlinge dieſes Witan, ſeit Menſchen⸗ gedenken vielleicht des größten, der jemals verſammelt wurde, an Euch iſts nun zu entſcheiden, ob ich und die Meinen, oder jene ausländi⸗ ſchen Flüchtlinge die Zwietracht in dieſem Reiche veranlaßt haben; ob* unſere Verbannung gerecht war oder nicht; ob wir bei unſerer Rück⸗ kehr die Macht, die wir beſaßen, mißbraucht haben. An Euern Schwer⸗ tern, die Ihr Miniſter an Eurer Seite tragt, hängt nicht ein einziger Tropfen Bluts, und wenn wir unſer Schickſal Euch unterwerfen, ſo unterwerfen wir es jedenfalls unſern eigenen Geſetzen, unſerm eigenen Stamme. Ich ſtehe hier, um mich bei meinem Eid von jeder That, jedem Gedanken des Verrathes zu reinigen. Unter meinen Peers, den Königsthanen, finden ſich Männer genug, welche meine Ausſage be⸗ ſtätigen und die angeführten Thatſachen, falls ſie nicht hinlänglich be⸗ kannt wären, beweiſen werden. Was meine Söhne betrifft, ſo kann kein Verbrechen gegen ſie geltend gemacht werden, wenn nicht das als Verbrechen gilt, daß ſte mein Blut in ihren Adern tragen— jenes Blut, das ſie von mir zum Schutze des geliebten Landes, in welches ſie zurückgerufen zu werden verlangen, zu vergießen gelernt haben.“ Der Earlz ſchwieg und trat hinter ſeine Kinder. Seine Rede hatte gerade dadurch, daß er ſich jener ſtürmiſchen Beredſamkeit, wie *. Goda, Edwards Schweſter, heirathete in erſter Ehe Rolfs Vater, den Grafen von Mantes, und erſt in zweiter den Grafen von Boulogne. kãßi⸗ affen alſo ange Waf⸗ ranke Herz chen⸗ Euch indi⸗ ; ob kück⸗ wer⸗ ziger „ ſo enen that, den e be⸗ hbe⸗ „ ſo nicht n— „ in lernt Rede wie den 133 man ſie ihm oft als Fehler und Kriegsliſt Schuld gab, gänzlich ent⸗ hielt, einen mächtigen Eindruck auf die Verſammlung gemacht, welche ſchon im Voraus für ſeine Freiſprechung geſtimmt geweſen. Als aber Sweyn, der älteſte ſeiner Söhne, mit irrendem Blicke und un⸗ ſichern Schritten vortrat, da ſchien die große Mehrzahl der Verſamm⸗ lung von einem allgemeinen Schauder ergriffen, und ein Murren des Haſſes und des Entſetzens lief durch die Menge. Der junge Earl bemerkte den Eindruck, den ſeine Gegenwart hervorrief und blieb plötzlich ſtehen. Sein Athem ſtockte; er hob die Rechte, ſprach aber nicht, denn die Stimme erſtarb ihm auf den Lip⸗ pen und ſeine Augen ſtarrten wild, mehr mit flehendem, als heraus⸗ forderndem Ausdruck. Da erhob ſich Alred, der Biſchof, in ſeiner kirchlichen Stola, und ſeine klare weiche Stimme zitterte, indem er ſprach: „Kommt Sweyn, Sohn von Godwin, hierher, um ſeine Un⸗ ſchuld am Verrathe gegen den König zu beweiſen?— Iſt dies der Fall, ſo laßt ihn in Frieden, denn wenn der Witan ſeinen Vater Godwin, den Sohn Wolnoths, von jener Anklage freiſpricht, ſo iſt auch ſein Haus hierin eingeſchloſſen. Aber ich frage im Namen der heiligen Kirche, welche hier durch ihre Väter vertreten iſt: will Sweyn behaupten und ſein Wort eidlich bekräftigen, daß er ſchuldlos des Ver⸗ rathes an dem König der Könige— ſchuldlos an einer Tempelſchän⸗ dung ſey, welche meine Lippen zu nennen ſich weigern? Ach, daß ſo traurige Pflicht mir zufällt— denn ich liebte Dich einſt und liebe Deine Verwandten noch immer: aber ich bin vor Allem Gottes Die⸗ ner“— hier ſchwieg der Prälat und neue Stärke ſammelnd fuhr er in feſtem Tone fort:„ich klage Dich an, Sweyn, den Verbannten, daß Du vom böſen Feinde getrieben, eine Tochter der Kirche— Algive⸗ Aebtiſſin von Leominſter, aus Gottes Hauſe entführt und geſchändet haſt!“ „Und ich,“ rief Siward, in der ganzen Höhe ſeiner Geſtalt ſich aufrichtend,„in der Gegenwart dieſer Edlen, deren ſtolzeſter Titel der 134 eines miles oder Kriegers iſt— ich klage ihn an, Sweyn, den Sohn Godwins, daß er nicht im offenen Felde und Mann gegen Mann, ſondern durch Argliſt und Verrath die feige ſcheußliche Ermordung ſeines Vetters, des Earls Beorn, verſchuldete.“ Dieſe beiden Anklagen, von ſo bedeutenden Männern vorgebracht, äußerten eine furchtbare Wirkung auf die Zuhörer. Während diejenigen, welche Godwins Einfluß fremd waren, das verwüſtete, aber immer noch edle Geſicht ſeines Erſtgebornen mit Blicken des Zornes und der Entrüſtung muſterten, konnten es ſelbſt ſolche, die jenem beliebten Hauſe am eifrigſten ergeben waren, nicht über ſich gewinnen, für deſſen Erben die geringſte Theilnahme an den Tag zu legen; die einen ſahen traurig und zerknirſcht; die andern betrachteten den Angeklagten mit kalten, mitleidloſen Blicken. Nur in den ängſtlichen Mienen der Ceorls am Ende der Halle war vielleicht einiges Erbarmen zu leſen, denn ehe jene Thaten des Verbrechens ausgekommen, war keiner von Godwins Söhnen kühner und geſegneter von Ausſehen, keiner war mehr geehrt und geliebt geweſen, als Sweyn der Verbannte. 4 Die Todtenſtille, welche auf jene Anklagen folgte, war nieder⸗ ſchmetternd in ihrer Wirkung; ſelbſt Godwin hatte ſein Geſicht mit dem Mantel verhüllt, und nur ſeine nächſte Umgebung konnte bemer⸗ ken, wie ſeine Bruſt ſich hob, wie ſeine Glieder zitterten. Die Brü⸗ der waren von dem Angeklagten, der ſelbſt unter ſeinen Verwandten geächtet ſchien, zurückgetreten— nur Harold, ſtark in ſeinem makel⸗ loſen Namen und in der Liebe des Volkes, näherte ſich mit drei Schꝛit⸗ ten dem Verlaſſenen, und ſtellte ſich neben den Bruder, indem er die Richter mit gebietender Stixne betrachtete, ohne jedoch ein Wort zu ſprechen. Durch dieſen einzigen Genoſſen mitten in der feindſeligen Ver⸗ ſammlung ermuthigt, ſprach endlich Sweyn der Earl: „Ich könnte antworten, daß ich für dieſe Beſchuldigungen der Vergangenheit, für Thaten, die ſich von acht langen Jahren her da⸗ tiren, des Königs Gnade und das Recht des Wiedereingeſetzten beſitze, Sohn kann, dung acht, igen, nmer der dauſe rben urig lten, am ehe vins ehrt der⸗ mit ner⸗ Brü⸗ dten akel⸗ rit⸗ die t zu 135 und daß in den Witans, denen ich als Earl präſidirte, noch Niemand zweimal um deſſelben Verbrechens willen gerichtet wurde. So, be⸗ haupte ich, will es das Geſetz in großen wie in kleinen Verſamm⸗ lungen.“ 4 „So iſt's! ſo iſt's!“ rief Godwin, deſſen Klugheit und anſtands⸗ volle Würde in jenem Augenblicke von ſeinem Vaterherzen überwäl⸗ tigt wurde.„Daran halte Dich, mein Sohn!“ „Ich halte mich nicht daran,“ fuhr der junge Carl fort, einen ſtolzen Blick auf die getäuſchten Geſichter ſeiner Feinde werfend;„mein Geſetz iſt hier“— und er ſchlug an ſeine Bruſt—„und das ver⸗ dammt mich, nicht für einmal, ſondern für immer! O Alred! Du mein heiliger Vater, vor deſſen Knieen ich einſt jede meiner Sünden beichtete— ich tadle Dich nicht, daß Du, der Erſte in dieſem Witan, Deine Stimme wider mich erhebſt, obwohl Du weißt, daß ich Algiven von Kindheit an liebte, und daß ſie, deren Herz noch immer mir an⸗ gehörte, in dem letzten Jahre Hardicanuts, da das Recht durch die Macht verdrängt war, der Kirche übergeben ward. Ich ſah ſie wie⸗ der, ſtolz heimkehrend von meinen Siegen über die Walliſerkönige, mit der Macht in meinen Händen und der tobenden Leidenſchaft in meinen Adern. Tödtlich war meine Sünde! doch was verlangte ich? — daß das gezwungene Gelöbniß vernichtet und daß die Geliebte mei⸗ ner Jugend das Weib meiner Mannesjahre werden möchte. Vergib, wenn ich damals nicht wußte, wie ewig jene Bande ſind, welche Eure Kirche um jene Armen ſchlingt, die Ihr wenigſtens zu Märtyrern machen könnt, wenn ſie auch nicht zu Heiligen werden!“ Er ſchwieg und ſeine Lippe krümmte ſich, ſein Auge ſchoß wildes Feuer, denn in jenem Augenblicke kochte ſeiner Mutter Blut in ſeinen Adern, und er dachte und fühlte damals vielleicht wie ein heidniſcher Däne; doch das Aufglimmen des frühern Menſchen war nur vorüber⸗ gehend, und er ſchlug demüthig an ſeine Bruſt, indem er vor ſich hin⸗ murmelte: „Nieder, Satan!— Ja, töͤdtlich war meine Sünde! und ſie 136 traf nur mich, denn Algive war tadellos, wenn auch befleckt; ſie ent⸗ floh— und— ſtarb!“ „Der König war zornig, und der Erſte, der gegen meine Begna⸗ digung ankämpfte, wat Harold, mein Bruder, der jetzt in meiner Buße allein an meiner Seite ſteht. Er ſtritt offen und männlich— ich tadelte ihn nicht; aber Beorn, meinen Vetter, lüſtete nach meiner Graf⸗ ſchaft, und er ſtritt gegen mich argliſtig und insgeheim— ins Geſicht freundlich, hinter meinem Rücken völl Bosheit. Ich entdeckte ſeine Falſchheit und Rollte ihn gefangen halten, aber nicht erſchlagen. Er lag gebunden in meinem Schiff; da höhnte und ſchmähte er mich in mei⸗ ner düſteren Stunde während das Blut der Seekönige in feurigem Strome durch meine Adern rollte. Ich erhob meine Art im. Zorne; meine Leute erhoben die ihre, und ſo— und ſo!— ich wiederhole es — todtlich war meine Sünde!“ 2 „Denkt nicht, daß ich meine Schuld jetzt zu verringern ſuche, wie ich es gethan, als ich dieſes Leben noch lang glaubte und die⸗Macht noch ſüß ſchmeckte. Seit damals habe ich das Schlimmé wie das Gute der Welt, die Stürme und den Sonnenſchein des Lebens kennen gelernt; ich habe als Seekönig die Meere durchfegt, habe mit dem Dänen in ſeinem Geburtslande gefochten und die Krone meinetz Ver⸗ wandten Canut beinahe in Wirklichkeit errungen, wie ich ſie ſhai in meinem Traume erfaßt hatte— dann war ich abermals flüchtig und verbannt, bis ich endlich als Earl über alle Lande vom Iſis bis zum Weyn wieder eingeſetzt wurde. Aber überall, in Reichthum wie in Armuth, im Kriege wie im Frieden, habe ich das blaſſe Antlitz der verführten Nonne und die blutenden Wunden des Ermordeten vor mir geſehen; darum komme ich hieher, nicht um mir eine Verzeihung zu erwirken, die mich doch nie tröſten würde, ſondern um die Sache mei⸗ naer Brüder förmlich von der meinigen zu trennen, wodurch jene nur erniedrigt und beſchmutzt wird— ich komme hieher, um zu erklären, * Genauer benannt die Grafſchaften Orford, Somerſet, Berkſhire, Glou⸗ ceſter und Hereford. 2 che, acht das men dem Ber⸗ n in und zum e in der mir zu nei⸗ nur ren, lou⸗ 137 daß ich Eure Freiſprechung nicht verlange, Euer Urtheil nicht fürchte, weil ich ſelbſt den Spruch über mich fälle. Die Haube der Edlen, die Art des Kriegers lege ich ab für immer; barfuß und allein wandere ich von hier nach dem heiligen Grabe, um dort meine Seele zu erlöſen und mir die Gnade, die nicht von Menſchen kommen kann, zu erflehen! Harold, tritt Du an die Stelle Sweyns, des Erſtgeborenen! und Ihr, Prälaten und Peers, Milites und Miniſter, fällt nun das Urtheil über den Lebenden! Der Euch jetzt verläßt, iſt für Euch und England todt auf immer!“ Nach dieſer Rede zog er ſein Staatsgewand, wie ein Moͤnch ſeine Kutte, über die Bruſt, und weder zur Rechten noch zur Linken ſchauend, ging er langſam durch die ſchweigend zurückweichende Menge die Halle hinab, und der ganzen Verſammlung war, als ob eine Wolke das Antlitz des Tages verlaſſen hätte. Und Godwin ſtand noch immer, das Geſicht mit dem Gewande bedeckt. Und Harold bewachte ängſtlich die Geſichter der Verſammlung und entdeckte nirgends Erbarmen. Und Gurth klammerte ſich an Harold. Und der heitere Leofwine ſah traurig. Und der junge Wolnoth wurde bleich und zitterte. Und der trotzige Toſtig ſpielte mit ſeiner goldenen Kette. Und ein leiſer Seufzer ward gehört und er kam aus der Bruſt Alreds, des milden Anklägers— des ächten aber ſanften Prieſters Gottes. Zwölftes Kapitel. Dieſe merkwürdige Verhandlung endete, wie der Leſer vorausge⸗ ſehen haben wird, mit der förmlichen Erneuerung von Sweyns Aech⸗ tung und der Einſetzung des Earls Godwin und ſeiner übrigen Söhne in ihre Ehren und Ländereien, wobei die ganze Schuld dieſer letzten ——— 138 Uneinigkeit den ausländiſchen Günſtlingen zugeſchoben wurde, gegen welche eine Verbannungsſpruch erging, wovon durch einen eigenen bitteren Spott nur wenige Diener niederen Ranges, wie Humphrey, Cock'sfoot und Richard, Sohn von Scrob, ausgenommen waren. Die Wiedereinſetzung dieſer kräftigen talentvollen Familie in die Gewalt äußerte ihre augenblickliche Wirkung auf die lang erſchlafften Bande des königlichen Regiments. Macbeth hörte und zitterte in ſeinen Moorgründen, Gryffyth von Wales mußte die Feuerbecken auf Klippen und Felſen wieder anzünden; Earl Rolf wurde verbannt, doch blos als Zugeſtändniß gegen die öffentliche Meinung; denn ſeine Ver⸗ wandtſchaft mit Edward genügte, um ihn bald nicht allein in ſein Vater⸗ land, ſondern auch in ſeine Lordſchaft über die Marſchen wieder einzu⸗ ſetzen, und dorthin wurde er jetzt mit angemeſſenen Streitkräften gegen die Wälſchen entſendet, welche die von ihnen verwüſteten Gränzen wieder halb in Beſitz genommen hatten. Sächſiſche Prälaten und Aebte erſetzten die Stelle der normänniſchen Flüchtlinge und Alles war mit der Revolution zufrieden, nur nicht der König, denn dieſer verlor ſeine normänniſche Freunde und gewann dafür ſein engliſches Weib. In Uebereinſtimmung mit den damaligen Gebräuchen wurden von Godwin Pfänder ſeiner Treue und Loyalität verlangt und bewilligt; ſie wurden aus ſeiner eigenen Familie ausgeleſen und die Wahl fiel auf Wolnoth, ſeinen Sohn, und Haco, den Sohn von Sweyn. Weil es nunmehr, da faſt ganz England unter Godwins Herrſchaft zurück⸗ gekehrt war, eine nutzloſe Maßregel geweſen wäre, dieſe Geiſeln Ed⸗ wards Gewahrſam anzuvertrauen, ſo wurde nach längerer Berathung Und doch— wie unſicher iſt es für den Großen, den Niedriggeborenen zu verachten! Dieſer ſelbe Richard, Sohn von Serob, wohlklingender von den Normannen Richard Fitz⸗Scrob genannt, ließ ſich in Herefordſhire nieder (wahrſcheinlich gehörte er zu Rolfs Anhängern) und wurde bei Williams Lan⸗ dung der thätigſte Unterſtützer des Eindringlings in dieſen Diſtrikten. Das Verbannungsurtheil ſcheint ſich auf die Ausländer am Hofe beſchränkt zu ha⸗ ben, denn es iſt klar, daß viele normänniſche Landeigenthümer und Prieſter über das ganze Land zerſtreut blieben. 139 ausgemacht, daß ſie am Hofe des normänniſchen Herzogs ſo lange verweilen ſollten, bis der König, von der Treue der Familie überzeugt, deren Rückberufung genehmigen würde.— Fatale Pfandſchaft und nicht minder fataler Hüter und Mündel! Einige Tage nach dieſer nationalen Kriſe, als Ordnung und Friede in Stadt und Land, in Wald und Graſſchaft zurückgekehrt war, geſchah es, daß Hilda bei Sonnenuntergang allein bei Thors Altar⸗ ſteine ſtand. Trüb und roth verſank die Sonne zwiſchen langen purpurnen Wolkenſtreifen, und außer jener hohen majeſtätiſchen Figur bei dem Runenſteine und dem druidiſchen Cromlech war keine einzige menſch⸗ liche Geſtalt in der weiten Landſchaft zu gewahren. Hilda ſtützte beide Hände auf ihren Seitenſtab oder Wand, wie er in der Sprache des ſkandinaviſchen Aberglaubens genannt wurde, und man ſah ſie in der Haltung einer Forſchenden leicht nach vornen ſich beugen. Schon lange ehe ein menſchliches Weſen auf der Straße unten auftauchte, ſchien ſie die nahenden Fußtritte zu vernehmen; ihre Lebensweiſe hatte wahrſcheinlich ihre Sinne geſchärft, denn ſie lächelte, und mit den Worten:„ehe ſie untergeht!“ veränderte ſie ihre Stellung, lehnte den Arm auf den Altar und ließ das Geſicht auf die Hand niederſinken. Endlich kamen zwei Figuren die Straße herauf; ſie näherten ſich dem Hügel, erkannten die Zauberin und ſtiegen langſam den Abhang hinan. Der Eine trug die Kutte eines Pilgrims und ſeine zurückge⸗ ſchlagene Kaputze zeigte ein Geſicht, worin menſchliche Schönheit und Macht den Verheerungen menſchlicher Leidenſchaft unterlegen waren. Der, auf den der Pilgrim leicht ſich ſtützte, war einfach und ohne die Hals⸗ oder Armſpange der vornehmen Thane gekleidet, obwohl ſeine Haltung voll Majeſtät war und ſeine Stirne den Ausdruck milder Herr⸗ ſchaft an ſich trug. Einen größeren Kontraſt konnte man nicht wohl finden, als er zwiſchen dieſen beiden Männern trotz ihrer Familienähnlichkeit beſtand; denn das Geſicht des zuletzt Genannten— wenn auch eben damals ſehr 140 bekümmert und auch gewöhnlich nicht ohne eine gewiſſe Melancholie — war durch ſeine Ruhe und Sanſtmuth wunderbar imponirend. Keine verzehrende Leidenſchaft hatte eine Wolke oder tiefe Furche darin hin⸗ terlaſſen, vielmehr wurde die glatte Lieblichkeit der Jugend durch die bewußte Entſchloſſenheit des Mannes nur noch mit neuer Würde be⸗ gleitet. Das lange üppige Haar von ſchönem Braun, von dem letzten Sonnenſtrahl mit einem Goldhauche überzogen, war über den Schläfen getheilt und ſiel in dicken Locken bis halb über die Schulter; die Aug⸗ braunen dunkler von Farbe, fein gezogen und ſchön geſtreift; die fe⸗ ſten Züge nicht weniger männlich, nur nicht ſo ſtark markirt wie die des Normanns; die Wange, von Wind und Wetter gebräunt, ſogar unter der bleichen Broncefarbe ihrer ſonnverbrannten Oberfläche noch immer eine Spur von jugendlicher Blüthe zeigend; die Geſtalt ſchlank, nicht gi⸗ gantiſch, kräftig mehr durch das vollkommene Ebenmaß und athletiſche Gewöhnung als durch Breite und Maſſigkeit— waren lauter Charak⸗ terzüge ſächſiſcher Schönheit auf ihrer höchſten reinſten Stufe. Was aber den Ebengenannten beſonders auszeichnete, war ſeine eigenthüm⸗ liche Würde, ſo einfach, ſo geſetzt, ohne daß der Pomp ſie zu verwirren noch die Gefahr ſie zu ſtören ſchien— eine Würde, welche vielleicht aus ſtarker Zuverſicht entſpringt und mit der Selbſtachtung in Verbindung ſteht— eine Würde, wie ſie der Indianer und der Araber beſitzt, und wie ſie nur in demjenigen Geſellſchaftszuſtande einheimiſch ſeyn kann, wo jeder Mann eine Macht für ſich ſelbſt bildet. Der lateiniſche Tra⸗ giker hat dieſe Stimmung ziemlich genau getroffen, wenn er in die ſchönen Worte ausbricht: „Rex est qui metuit nihil Et hoc regnum sibi quisque det.“* So ſtanden die Brüder Sweyn der Geächtete und Harold der Earl vor der berühmten Prophetin. Sie betrachtete Beide mit feſtem * Seneca: König iſt wer Niemand fürchtet; Solches Reich ſich jeder ſchaffe. — holie Keine hin⸗ ih die e be⸗ ktzten lläfen llug⸗ e fe⸗ e des nter reine ht gi⸗ iſche arak⸗ Was hüm⸗ irren taus dung und ann, Tra⸗ n die der ſtem 141 Blick, der ſich allmälig faſt bis zur Zärtlichkeit ſänftigte, als er endlich auf dem Pilgrime haften blieb. „So ſoll ich den Erſtgebornen Godwins des Reichbeglückten wie⸗ derſehen;“ ſagte ſie endlich—„ihn, für den ich ſo oft den Donner befragt und die untergehende Sonne bewacht habe? für den meine Runen auf die Rinde der Eſche eingegraben und die Scin⸗läca“ mit bleichem Glanze aus den Gräbern der Todten aufgerufen wurde?“ „Hilda,“ ſprach Sweyn,„ich will Dir jetzt die Saaten, die Du ausgeſtreut, nicht zum Vorwurf machen: die Ernte iſt geſammelt und die Sichel zerbrochen. Schwöre ab Deine ſchwarze Galdras und kehre gleich mir zu dem einzigen Lichte der Zukunft zurück, das aus dem Grabe des göttlichen Sohnes heraufdringt.“ Die Prophetin beugte das Haupt und erwiederte: „Glaube kommt wie der Wind. Kann der Baum zum Winde ſagen: weile auf meinen Zweigen?' oder der Menſch zum Glauben: Falte deine Schwingen über meinem Herzen!' Gehe dahin, wo Deine Seele Troſt finden kann, denn Dein Leben iſt aus ſeiner irdiſchen Bahn gewichen, und wenn ich auch Dein Schickſal leſen wollte— die Runen ſind leer, und die Welle ſchlummert unbewegt im Brunnen. Gehe, wohin die Fylgia⸗ Dich führt, welche Allvater jedem Sterblichen bei ſeiner Geburt mitgibt. Du begehrteſt Liebe, welche für Dich ver⸗ ſchloſſen ſchien, und ich prophezeite Dir, daß Deine Liebe aus dem Beinhauſe erwachen würde, worin der Glaube, welcher dem unſerer Väter folgt, das Leben in ſeiner Blüthe zu begraben pflegt! Du be⸗ gehrteſt ferner den Ruhm des Jarls und Wikingers und ich ſegnete Deine Art für Deine Hand und webte das Segel für Deine Maſten. So lange der Menſch einen Wunſch hegt, kann Hilda Macht behal⸗ * Scin⸗läca, wörtlich ſcheinender Leichnam— eine Art von Geiſtererſchei⸗ nung, durch Hexen oder Zauberer angerufen.— Siehe Sharon Turner über den Aberglauben der Angelſachſen, II. Bd. Kap. 14. ** Galdra— Zauberkunſt. zen Fylgia— Schutzgottheit. Siehe Note F. ten über ſein Schickſal; ſobald aber das Herz in Aſche liegt, habe ich blos einen Leichnam, der bei der Berührung des Zaubers in ſein Grab zurückſinkt. Doch tritt mir näher, o Sweyn, deſſen Wiege ich beim Geſange meiner Reime ſchaukelte.“ Der Geächtete wandte das Geſicht bei Seite und gehorchte. Sie ſeufzte, als ſie ſeine willenloſe Hand erfaßte und die Linien der innern Fläche unterſuchte, worauf ſie gleichſam in unwiderſtehlichem Drange der Zärtlichkeit und des Mitleids ſeine Kaputze auf die Seite ſchob und ihn auf die Stirne küßte. „Dein Faden iſt geſponnen, und glücklicher als die Vielen, die Dich ſchmähen und die Wenigen, die Dich beklagen, wirſt Du gewin⸗ nen, wo ſie verlieren. Der Stahl ſoll Dich nicht treffen, der Sturm Dir nichts anhaben und das Ziel, nachdem Du dürſteſt— Deine Schritte ſollen es erreichen. Die Nacht heiligt die Ruine— Friede ſey mit den zerſtreuten Trümmern des Tapfern!“. Der Geächtete hörte regungslos zu; als er ſich aber nach Harold umwandte, der ſein Geſicht mit den Händen bedeckte, aber nicht verhin⸗ dern konnte, daß die Thränen durch die gefalteten Finger hervor⸗ drangen— da wurden auch ſeine wilden, glänzenden Augen feucht, indem er ſprach: „Nun lebe wohl, mein Bruder, denn keinen weitern Schritt ſollſt Du mit mir wandern.“ Harold fuhr zuſammen, öffnete ſeine Arme, und der Geächtete ſank an ſeine Bruſt. Nur ein einziger Seufzer ließ ſich vernehmen und ſo dicht lagen ſie Bruſt an Bruſt, daß man nicht ſagen konnte, aus weſſen Herz er gekommen. „Und Haco— mein Sohn— mutter⸗ und vaterlos— eine Gei⸗ ſel im Lande des Fremden! Du wirſt ſein gedenken— wirſt ihn be⸗ ſchützen; ſey Du ihm Mutter und Vater in künftigen Tagen und ſo mögen die Heiligen Dich ſegnen!“ 4 Mit dieſen Worten ſprang er den Hügel hinab. Harold eilte ihm nach; allein Sweyn rief ihm klagend entgegen:, e ich Grab beim linien chem Seite „ die kwin⸗ bturm hritte mit harold rhin⸗ ervor⸗ eucht, ſollſt chtete hmen „aus Gei⸗ n be⸗ nd ſo ihm 143 „Iſt das Dein Verſprechen? Bin ich ſo verloren, daß ſelbſt Dei⸗ nes Vaters Sohn mir die Treue bräche?“ Bei dieſem rührenden Vorwurf hielt Harold ſtille und der Ge⸗ ächtete zog allein ſeines Weges weiter. Als der letzte Schimmer ſeiner Geſtalt hinter der Straßenbiegung auf derſelben Stelle verſchwand, wo am zweiten Mai der normänniſche Herzog und der ſächſiſche König Seit’ an Seite erſchienen waren, nahm das kurze Zwielicht plötzlich ein Ende und hinter dem fernen Waldlande ſtieg der Mond auf. Harold ſtand an den Boden gewurzelt und noch immer nach jener Stelle hinſehend, als die Vala ihre Hand auf ſeinen Arm legte. „Siehe, wie der Mond in dem trüben Düſter aufſteigt, ſo erhebt ſich auch Harolds Schickſal gleich jenem kurzen menſchlichen Schatten, der zwiſchen Licht und Finſterniß ſchwebend in Nacht verrinnt. Du biſt nun der Erſtgeborne eines Hauſes, das die Hoffnungen der Sachſen mit den Geſchicken der Dänen vereint.“ „Glaubſt Du,“ erwiederte Harold mit ernſter Faſſung,„ich könne mich über eines Bruders Weh und Verbannung erfreuen?“ „Nicht jetzt, jetzt noch nicht wird ſich die Stimme Deiner wahren Natur vernehmen laſſen; aber die Wärme der Sonne bringt den Don⸗ ner und die Glorie des Glücks weckt den Sturm der Seele.“ „Baſe,“ ſagte Harold mit leichtgekrümmter Lippe,„bei mir wenig⸗ ſteus ſind Deine Prophezeihungen immer wie die Seufzer der Luft vorüber⸗ gegangen; weder mit Entſetzen noch mit Glauben gedenke ich der Zau⸗ ber und Anrufungen, ebenſo wie ich über den Exorcismus des Glatz⸗ kopfs und die Märchen der Saga lächle. Ich habe Dich nicht gebeten, mir meine Art zu ſegnen oder mein Segel zu weben; kein Runenreim ſteht auf Harolds Schwertplatte. Ich überlaſſe mein Schickſal meinem eigenen kühlen Gehirn und ſtarken Arme— zwiſchen Dir und mir be⸗ ſteht kein Band, o Vala!“ Die Prophetin lächelte ſtolz. „Und was, denkſt Du, Du Zuverſichtiger! was, denkſt Du, iſt wohl das Loos, das Dein Gehirn und Deine Arme erringen werden?“ 144 „Das Loos, das ich bereits errungen habe— darüber hinaus ſehe ich Nichts: das Loos eines Mannes, der ſich gelobt hat, ſein Land zu ſchützen, Gerechtigkeit zu lieben und Recht zu thun.“ Der Mond ſchien voll auf das heroiſche Antlitz des jungen Earls und in ſeinen Zügen war nichts zu gewahren, was dieſe edlen Worte Lügen geſtraft hätte. Die Prophetin ſchaute ihm ernſt in das ſchöne Geſicht und ſagte mit einem Flüſtern, das trotz ſeiner für die damalige Zeit auffallend ſkeptiſchen Vernunft des Sachſen Herz dennoch durch⸗ bebte: „Unter dieſem ruhigen Auge ſchlummert die Seele des Gebieters und unter dieſer hohen reinen Stirne arbeitet der Genius, der die Kö⸗ nige des Nordens in den Stammbaum Deiner däniſchen Muttereeinſetzte.“ „Stille!“ rief Harold beinahe wild und fuhr dann mit leiſem Lächeln fort, wie wenn er ſich der Schwäche dieſes augenblicklichen Aer⸗ gers ſchämte:„laß uns nicht von ſolchen Dingen reden, ſo lange mein Herz noch traurig und ferne von weltlichen Gedanken bei meinem Bru⸗ der, dem einſamen Geächteten weilt. Nacht iſt über uns und die Wege ſind noch unſicher, denn des Königs Truppen, in Haſt entlaſſen, beſtan⸗ den großentheils aus Schaaren, welche im Frieden zu Räubern wer⸗ den. Allein und bis auf meinen Ateghar unbewaffnet, möchte ich Dich um eine Nachtherberge unter Deinem Dache bitten und“— hier ſtockte er und ein leichtes Erröthen kam über ſeine Wange—„und ich moͤchte wohl auch ſehen, ob Deine Enkelin noch ebenſo ſchön iſt, als da ich ihr zum letztenmal in die blauen Augen ſchaute, welche damals über Harold weinten, ehe er in die Verbannung zog.“ „Ihren Thränen kann ſie nicht gebieten, ſo wenig als ihrem Lä⸗ cheln,“ erwiederte die Vala feierlich;„denn jene fließen aus der Quelle Deiner Sorgen und dieſes iſt der Wiederglanz Deiner Freuden— Dein Schickſal und das Ihre ſind wie eins, und ebenſo vergeblich, als einer ſeinem eigenen Schatten entrinnen möchte, würde ſich die Seele von der Seele losreißen, welche Skulda an ihren Spruch gefeſſelt hat.“ Harold gab keine Antwort; aber ſein ſonſt langſamer Schritt s ſehe ind zu Earls Worte ſchöne nalige durch⸗ vieters ie Kö⸗ etzte.“ leiſem n Aer⸗ e mein Bru⸗ Wege eſtan⸗ wer⸗ h Dich ſtockte möͤchte da ich s über m Lä⸗ uelle Dein einer gle von t. chritt 145 wurde flink und behend und dießmal hatte ſeine Vernunft nichts gegen die Orakel der Vala einzuwenden. Dreizehntes Kapitel. Beim Betreten der Halle fand Hilda die verſchiedenen Müßig⸗ gänger, die ſich auf ihre Koſten zu nähren pflegten, im Begriffe, ſich theils in ihre benachbarten Wohnungen, theils in die Schlafgemächer der alten römiſchen Villa zurückzuziehen, worin jedoch nur die Mit⸗ glieder des Haushaltes zugelaſſen wurden. Es war nicht Sitte des ſächſiſchen Edlen, wie dieß bei den Nor⸗ mannen der Fall war, aus ſeiner Gaſtfreundſchaft Nutzen zu ziehen und ſeine Gäſte als bewaffnete Anhänger zu betrachten. Freigebig gleich dem Bretonen ließ er das Mahl ſeines Tiſches und den Schutz ſeines Daches Jedermann ohne Unterſchied und ohne alle Selbſtſucht zukommen, und ſo konnte man faſt buchſtäblich ſagen, daß die Thüren der Wohlhabenderen vom Morgen bis zum Abend jedem Fremden offen ſtanden. Als Harold der Vala durch das weite Atrium folgte, wurde ſein Geſicht erkannt und ein begeiſterter Willkommenruf begrüßte den be⸗ liebten Earl. Die einzigen Anweſenden, die nicht in denſelben ein⸗ ſtimmten, waren drei Mönche aus einem benachbarten Kloſter, welche aus Neigung für ihr Ale und ihre Speiſen, wie aus Dankbarkeit für ihre reichen Geſchenke an das Kloſter vor den vermutheten Zauberkün⸗ ſten der Morthwyrtha ein Auge zudrückten. „Einer aus dem gottloſen Hauſe, Bruder,“ flüſterte einer der Mönche. „Ja, Spötter und Verächter ſind Godwin und ſeine weltlichen Söhne,“ gab der Andere zur Antwort. Und alle drei Mönche ſeufzten mit ſchelen Blicken, als die Thüre hinter der Wirthin und ihrem ſtattlichen Gaſte zufiel. Bulwer, Harold. 10 146 Zwei hohe und nicht ungraziöſe Lampen erhellten daſſelbe Gemach, worin wir Hilda dem Leſer zum erſten Male vorgeführt haben. Die Hausmägde ſaßen noch immer an ihren Spindeln und flink ſchoß das weiße Gewebe, als die Gebieterin eintrat. Sie blieb ſtehen und ihre Stirne runzelte ſich, als ſie die Arbeit betrachtete. „Erſt drei Viertel fertig?“ rief ſie;„webt raſch und webt feſt.“ Ohne die Mädchen oder ihr Geſchäft zu beachten, ſchaute ſich Harold forſchend um und aus einem Winkel neben dem Fenſter ſprang ihm Editha mit einem Freudenrufe und einem vor Wonne glühenden Geſichte wie einem geliebten Bruder entgegen, blieb aber plötzlich nur wenige Schritte vor dem edlen Gaſte ſtehen und ihre Blicke ſenkten ſich zu Boden. Harold hielt den Athem an und ſchwieg voll Bewunderung. Das Kind, das er von ſeiner Wiege an geliebt hatte, ſtand vor ihm als Jungfrau, und dieſe war auch wirklich ſeit wir ſie zum letzten Male geſehen haben in dem Zwiſchenraume zwiſchen Frühling und Herbſt ebenſo raſch herangereift, wie die unterdeſſen verſtrichene Zeit die Früchte der Erde gezeitigt hatte; ihre Wange war mit himmliſchem S Roſenroth angehaucht und ihre Geſtalt zu jener namenloſen Grazie gerundet, welche uns ſagt, daß die Kindheit vorüber ſey.„ Er ging auf ſie zu und nahm ihre Hand; aber zum erſten Male er in ihrem Leben begrüßten ſie ſich nicht mit gegenſeitigem Kuſſe. T „Du biſt kein Kind mehr, Editha,“ ſagte er unwillkührlich;„gleich⸗ tl wohl bitte ich Dich, einen Reſt der alten kindlichen Liebe für Harold K in Deinem Herzen zu bewahren.“ Editha's reizende Lippen lächelten ſanft, ſie ſchlug ihre Augen zu ſe ihm empor und unſchuldige Zärtlichkeit ſprach aus ihren Freuden⸗ 5 thränen. Nurwenige Wortewurden gewechſelt, bis Harold ſich in das voll Haſt für ihn zubereitete Zimmer zurückzog. Hilda ſelbſt geleitete ihn an eine 3 rohe Leiter, welche, offenbar von einem ſächſiſchen Lord in das alte rö⸗ 1 d miſche Gebäude eingefügt, nach einem Zimmer oben führte. Die Lei⸗ 147 nach, ter ſelbſt zeugte von der Vorſicht eines Mannes, der mitten in Gefah⸗ Die ren zu ſchlafen gewohnt iſt, denn ſie konnte durch eine Art Durchlaß im 6 das Zimmer nach Belieben hinaufgezogen werden, ſo daß ſie einen ſchwar⸗ ihre zen tiefen Abgrund unter ſich ließ, der bis auf die Grundmauern des Hauſes hinabreichte. Das Zimmer ſelbſt war jedoch mit allem Luxus ſt.“ der damaligen Zeit ausgeſtattet; die Bettſtelle war aus ſeltenem Holze e ſich eigenthümlich geſchnitzt und an der Wand hing eine Trophäe von Waf⸗ prang fen, welche trotz ihres hohen Alters ſorgfältig polirt ſchienen. Da war enden der kleine runde Schild und Speer des früheren Sachſen mit ſeinem h nur viſirloſen Helm und dem kurzen krummen Meſſer oder Sär, woher n ſich einige Alterthümler den berühmten Namen der Sachſen herleiten wollen. Editha, welche ihrer Ahne folgte, bot dem Gaſte auf einem gol⸗ Das denen Teller gewürzte Weine mit Eingemachtem, während Hilda ſtumm n als und unbemerkt ihren Seitenſtab über das Bett ſchwang und ihre blaſſe Male Hand auf das Kiſſen legte. derbſt„Ei nein, meine ſüße Baſe,“ bemerkte Harold lächelnd,„das iſt t die nicht einer unſerer alten Gebräuche, ſondern eher von den fränkiſchen ſchem Sitten an König Edwards Hof übergegangen.“ razie„O nein, Harold,“ gab Hilda raſch ſich umwendend zur Antwort: „ſo war immer die Ceremonie, die dem Sachſenkönige gebührte, wenn Male er in eines Unterthanen Hauſe ſchlief, bis unſere Stammverwandten die Dänen das unkönigliche Trinkgelage einführten, welches König wie Unter⸗ leich⸗ than unfähig machte, den Becher zu halten oder zu leeren, wenn der arold König zur Ruhe aufbrechen wollte.“ „Du tadelſt zu ſcharf den Stolz von Godwins Hauſe, wenn Du n zu ſeinem Sohne das Ceremoniell eines Königs erweiſeſt, o Hilda! iden⸗ Doch alſo bedient, beneide ich keinen König, meine ſchöne Editha.“ Haſt* Es iſt eine beſtrittene Frage, ob der Sär der früheſten ſächſiſchen Er⸗ oberer eine lange oder kurze krumme Waffe, ja ſogar ob er gekrümmt oder gerad geweſen: der Verfaſſer hält es mit der Behauptung, daß der Särx eine e rö⸗ kurze krumme Waffe und leicht unter dem Mantel zu verbergen war, ähnlich Lei⸗ denjenigen, wie ſie auf dem Banner der Oſtſachſen abgebildet ſind. 10* eine 148 Er nahm den Becher, hob ihn an ſeine Lippen und als er ihn wie⸗ der auf das kleine Nebentiſchchen ſtellte, hatten die Frauen das Zimmer verlaſſen und er war allein. Er ſtand einige Minuten in Träumereien verſunken und brach ungefähr in folgendes Selbſtgeſpräch aus: „Und warum ſagte die Vala, daß Edithens Schickſal mit dem mei⸗ nigen verwebt ſey? Und warum glaubte ich der Vala, warum ſegnete ich ſie, da ſie alſo ſprach? Kann Editha jemals mein Weib werden? Der Möoͤnchkönig beſtimmt ſie fürs Kloſter— wehe, o wehe!— Sweyn, Sweyn, laß Dein Schickſal mir zur Warnung gereichen! Und wenn ich ihnen entgegenhalte: Alter und Gram mögt ihr dem Kloſter, Ju⸗ gend und Geſundheit aber dem Herde des Mannes überlaſſen'— was werden die Mönche antworten? ditha kann nicht Dein Weib werden⸗ Sohn von Godwin, denn ſo ſchwer auch Eure Blutsverwandtſchaft zu verfolgen, ſo ſteht Ihr doch in den verbotenen Kirchengraden. Editha mag eines Andern Weib werden, wenn Du willſt— eine unfruchtbare Verlobte der Kirche oder Mutter von Kindern, die nicht Harolds Na⸗ men als den ihres Vaters liſpeln?“ Verflucht ſeyen dieſe Mönche mit ihren Mummereien, verflucht der Krieg, den ſie gegen menſchliche Her⸗ zen führen!“ Seine ſchöne Stirne wurde finſter und wild wie die des normän⸗ niſchen Herzogs, wenn er im Zorne, und hätte man ihn in jenem Au⸗ genblicke geſehen, man würde den ächten Bruder Sweyns in ihm ent⸗ deckt haben. Mit der gewaltigen Anſtrengung eines an Selbſtbeherr⸗ ſchung gewöhnten Mannes ſolche Gedanken abbrechend, trat er an das ſchmale Fenſter und öffnete den Laden, um hinauszuſchauen. Der Mond ſchwamm in ſeinem vollen Glanze und betüpfelte die Oeffnungen des regungsloſen in tiefe Schatten gehüllten Waldes mit ſeinem Silberlichte. Geiſterhaft erhoben ſich auf dem Hügel die grauen Säulen des myſtiſchen Druidentempels— ſchwarz und undeutlich der blutige Altar des Kriegsgottes. Er eben feſſelte ſein Auge, denn was in einer Landſchaft am ſchwächſten abgegrenzt iſt, hat immer den tiefſten Reiz für das Auge. 149 Während er hinſchaute, glaubte er ein bleiches, phosphoriſches der Licht aus der Mündung beim Bautaſteine an dem teutoniſchen Altar eien hervorbrechen zu ſehen. Er glaubte, denn er war nicht ſicher, ob es nicht ein Trug ſeiner Fantaſie ſey. Indem er noch immer hinſtarrte, met⸗ ſchien mitten in dieſem Lichte einen Augenblick lang eine Geſtalt von mete übermenſchlicher Höhe emporzudaͤmmern— es war die Geſtalt eines Der Mannes, in Waffen wie ſie neben ihm an der Wand hingen gehüllt, auf einen Speer ſich lehnend, deſſen Spitze hinter den Schäften des Cromlech ſich verlor. Das Geſicht hob ſich in dieſem Augenblicke deut⸗ & lich gegen die umgebende Beleuchtung ab— ein Geſicht, groß wie das dhas der früheren Götter, aber mit unausſprechlich feierlichem Weh erfüllt. den, Er trat einen Schritt zurück, fuhr mit der Hand über die Augen t zu und ſchaute wieder hin— Licht und Geſtalt waren verſchwunden und itha nichts mehr zu ſehen, als die grauen Säulen und der düſtere Tempel. hare Der Earl belächelte ſeine eigene Schwäche; er ſchloß den Laden und Na⸗ entkleidete ſich, kniete dann einen Augenblick neben dem Bette nieder und ſein Gebet war kurz und einfach, ohne die Bekreuzung und jene dn anderen in ſeinem Zeitalter üblichen Zeichen. Er erhob ſich, löſchte die 5 Lampe und warf ſich aufs Bett. din⸗ Jetzt nach Entfernung des Lampenlichtes ſchien der Mond klar Au⸗ und hell in das Zimmer, auf die Waffentrophäen und auf Harolds ent⸗ Geſicht, indem er ſeine ganze Helle auf die Kiſſen warf, worüber Vala erre ihren Zauber ausgegoſſen hatte. Und Harold ſchlief— ſchlief lange— das ſein Antlitz ruhig, ſein Athem regelmäßig; doch ehe der Mond ſank und die Dämmerung emporſtieg, wurden ſeine Züge finſter und un⸗ die ruhig, der Athem ſchien gehemmt, die Stirne war gerunzelt und die mit Zähne übereinander gepreßt. uen. der— denn den 150 Viertes Buch. Der Heidenaltar und die ſächſiſche Kirche. Vierzehntes Kapitel. Während Harold ſchläft, wollen wir hier eine Pauſe machen, um zum erſtenmale die Größe des Hauſes zu überſehen, deſſen Erbe er durch Sweyns Verbannung geworden war. Godwins Schickſal war der Art geweſen, wie es nur ein Mann, der in den Künſten ſeiner Art im höchſten Grade bewandert iſt, auf dieſe Weiſe zu geſtalten vermochte. Wiewohl die Fabel, welche einige moderne Hiſtoriker von großen Na⸗ men aufs Detailirteſte wiederholt haben— wornach er anfänglich der Sohn eines Kuhhirten geweſen— durchaus grundlos iſt,“ und er ohne Zweifel einem Hauſe angehörte, das ſchon in der Zeit ſeiner Ju⸗ gend allvermögend war, ſo iſt er doch ohne Frage als der Gründer ſeiner eigenen Größe zu betrachten. Daß er in der früheren Periode ſeiner Laufbahn ſo hoch emporſtieg, war minder merkwürdig, als daß er ſich ſo lange in dem Beſitze einer mehr als königlichen Macht und Stellung erhielt. Gleichwohl war, wie geſagt, Godwin mehr durch ſeine Talente als Regent, denn als Kriegführer ausgezeichnet, und das iſt es eben, was ihm in unſern Augen jenes beſondere Intereſſe verleiht, das ſich an ſolche Perſonen feſſelt, die unſere moderne Bildung mit der der Vergangenheit verknüpfen, denn in jener düſtern Welt vor dem nor⸗ mäaͤnniſchen Einfalle vermögen wir nicht anders als mit Verwunde⸗ rung eine Begabung zu entdecken, welche in der Regel einen Mann des Friedens in einem civiliſirten Zeitalter auszeichnet. Sein Vater Wolnoth war Childe*s der Südſachſen oder Than * S. Note G. 2* Sächſiſche Chronik.— Florence Wigorn. Sir F. Palgrave 151 von Suſſex geweſen, eine Neffe von Edrie Streone, Earl von Mercia, dem fähigen aber charakterloſen Miniſter Ethelreds, der ſeinen Herrn an Canut verrieth, von dem er, nach der allgemeinen Annahme, mit vollem Rechte wenn auch nicht gerade geſetzmäßig, zur Belohnung ſeiner Verrätherei erſchlagen wurde. „Ich verſprach, Dein Haupt höher als das aller Andern zu er⸗ heben, und ich halte Wort,“ ſprach der däniſche König und ließ das rumpfloſe Haupt über den Thoren von London aufpflanzen. Wolnoth war mit ſeinem Oheim Brightrie, Edrics Bruder, im Streite gelegen, hatte vor Canuts Ankunft als Meerkönig Seeräube⸗ rei getrieben, hatte zwanzig königliche Schiffe zum Abfalle vermocht, die ſüdlichen Küſten geplündert, die königliche Marine niedergebrannt, bis endlich ſeine Geſchichte in den Chroniken verſchwindet. Unmittel⸗ bar darauf machte jedoch die große, unter dem Namen Thurkells Heer bekannte Armee ihren Einfall an der Küſte und ſetzte ſich an der Themſe feſt; ihre ſiegreichen Waffen hatten ihr bald faſt das ganze Land unter⸗ worfen; der Verräther Edrie ſtieß mit mehr als 10,000 Mann zu ihr und es iſt ziemlich wahrſcheinlich, daß Wolnoths Schiffe ſchon vorher mit der Armada der Dänen freundſchaftlich verſchmolzen waren. Iſt dieſe höchſt plauſible Annahme richtig, ſo hätte Godwin noch als ganz junger Menſch ſeine Laufbahn im Dienſte Canuts angetreten und als Sohn eines furchtbaren Häuptlings von Thansrange, als Verwandter von Edrie, der trotz ſeiner Verbrechen noch immer eine Parthei für ſich hatte, welche zu verſöhnen durch Klugheit geboten ſchien, war Godwins Gunſt bei Canut, der ſchon aus Politik jeden fähigen ſäch⸗ ſiſchen Anhänger auszeichnen mußte— nichts weniger als überraſchend. ſagt der Titei„Childe“ ſey gleichbedeutend mit dem eines„Atheling“. Mit jener merkwürdigen Unterſcheidungsgabe, welche ihn bei widerſprechenden An⸗ gaben in der Regel zu einer ſo unſchätzbaren Autorität macht, verwirft Sir Palgrave mit ſtiller Verachtung die abgeſchmackte Fabel von Godwins Stel⸗ lung als Hirtenknecht, zu deren Wiederholung hochberühmte Namen wie Thierry und Sharon Turner ſich durch ſo trügeriſche oberflächliche Zeugniſſe verleiten ließen. 152 Wolnoths Sohn begleitete Canut bei ſeinem Kriegszuge auf das ſkandinaviſche Feſtland, wo ein ausgezeichneter Sieg, von Godwin entworfen und einzig von ihm und ſeinen ſächſiſchen Heerhaufen ohne Hilfe der Dänen erfochten, die merkwürdigſte Kriegsthat ſeines Lebens ausmachte und ſeinen ſteigenden Glücksſtern befeſtigte. Edrie hatte trotz der ihm nachgeſagten niederen Geburt die Schwe⸗ ſter des Königs Ethelred geheirathet, und da Godwins Ruhm ſich immer mehr vergrößerte, ſo nahm Canut keinen Anſtand, dem beredten Günſtling, der wahrſcheinlich einen großen Theil der ſächſiſchen Be⸗ völkerung in ihrer Treue erhielt, ſeine eigene Schweſter zur Frau zu geben. Nach dem Tode dieſes ſeines erſten Weibes, das ihm nur einen Sohn gebar, der durch Zufall einem frühzeitigen Tode anheimſiel, fand er in demſelben Königshauſe eine zweite Gattin, und die Mutter ſeiner ſechs Söhne und zwei Töchter war die Nichte ſeines Königs und Schweſter von Sweyn, der ſpäter den Thron von Dänemark einnahm. Nach Canuts Tode trat die Vorliebe der Sachſen für den ſächſi⸗ ſchen Königsſtamm deutlich genug hervor; aber war es nun Politik oder Grundſatz bei Godwin, ſich immer nach dem Volkswillen, wie er ſich in der Nationalverſammlung ausſprach, zu richten— er wußte ihm jedenfalls ſeine eigenen Neigungen unterzuordnen, als der Witan Canuts Sohne Harold vor Ethelreds Erben den Vorzug einräumte. Die große Macht der Dänen und die freundſchaftliche Vermiſchung, welche unterdeſſen ihren Stamm mit dem der Sachſen verſchmolzen hatte, leuchten uns aus dieſer Entſcheidung klar genug entgegen, denn nicht allein, daß Earl Leofric von Mercia, obwohl ſelbſt Sachſe, ſo gut wie der Earl von Northumbrien mit den Thanen nördlich von der Themſe ſich für Harold, den Dänen, erklärte— auch die Bürger von London traten auf dieſelbe Seite, und Godwin repräſentirte nichts als die An⸗ ſicht ſeines eigenen Fürſtenthums Weſſexr. * Sie hieß Thyra und war bei den Sachſen ſehr unbeliebt. Sie wurde beſchuldigt, daß ſie junge Engländerinnen als Sklavinnen nach Dänemark ſchicke, und ſoll vom Blitze erſchlagen worden ſeyn. 253 153 auf Von dieſer Zeit an identificirte ſich Godwin ganz mit der engliſchen dwin Sache und Viele, die ihn ſogar an der Ermordung oder wenigſtens ohne dem Verrath von Edwins Bruder Alfred theilweiſe ſchuldig glaubten, bens ſuchten ihn dadurch zu entſchuldigen, daß er Alfreds ausländiſches Ge⸗ folge, wonach es ausſah, als ob er ſeinen Thron mehr den Schwertern hwe⸗ der Normannen als den Herzen der Engländer verdanke, nicht anders ſich als mit Widerwillen habe betrachten können. 8 dten Hardicanut, Harolds Nachfolger,(deſſen Gedächtniß er verab⸗ Be⸗ ſcheute, deſſen Leichnam er ausgraben und in einen Sumpf ſchleudern u zu ließ,)** war durch den einmüthigen Beſchluß der engliſchen wie der inen däniſchen Thane erwählt worden und trotz Hardicanuts anfänglicher ffiel, heftiger Anklagen wider Godwin blieb der Earl dennoch während ſei⸗ utter ner ganzen Regierung ſo mächtig, wie er während der zwei vorange⸗ nigs gangenen geweſen war. ihm. Als Hardicanut bei einem Hochzeitsbankette todt niederfiel, war ch ſi⸗ es Godwin, der Edward auf den Thron ſetzte, und er muß entweder blitik ſeiner Unſchuld an Alfreds Ermordung gewiß, oder ſeiner eigenen un⸗ ſich verantwortlichen Macht verſichert geweſen ſeyn, als er zu dem Prinzen, ihm der in der Furcht vor den nahenden Schwierigkeiten den Earl knieend nuts um Unterſtützung ſeiner Thronentſagung und ſeiner Rückkehr in die Die Normandie bat— die berühmten Worte ſprach: elche„Ihr ſeyd Ethelreds Sohn und Edgars Enkel. Regieren iſt Euch atte, Pflicht; beſſer in Ruhm leben als in Verbannung ſterben. Ihr ſeyd nicht reif an Jahren, habt Noth und Sorge kennen gelernt und könnt darum wie beſſer für Euer Volk empfinden. Verlaßt Euch auf mich, und die emſe Schwierigkeiten, die Ihr befürchtet, werden verſchwinden, denn wer ndon meine Gunſt beſitzt, beſitzt auch die von England.“ An⸗„ Die Gerechtigkeit verlangt übrigens zu erklären, daß kein Beweis für Godwins Betheiligung an dieſer barbariſchen Handlung vorhanden iſt Die Präſumtion ſpricht im Gegentheil zu ſeinen Gunſten; allein die durde Angaben ſind zu widerſprechend und das ganze Ereigniß zu dunkel, um ſeine mark Freiſprechung vor dem Nationalgerichte ohne Weiteres behaupten zu können. u*rn Angelſächſiſche Chronik. 154 Kurz darauf gewann Godwin in der Nationalverſammlung den d Thron für Edward.„Der Rede mächtig und wohl befähigt, alles Volk ſe für ſeine Wünſche zu ſtimmen, hatten die Einen ſeinen Worten, die w Andern ſeinen Beſtechungen nachgegeben.“ Wahrlich Godwin war t ein Mann, der auch in einem ſpäteren Zeitalter nicht minder hoch ge⸗ ei ſtiegen wäre! er So regierte denn Edward und heirathete, wie es heißt in Folge ri vorangegangener Stipulationen, die Tochter ſeines Königsmachers. ſo So ſchön auch Königin Editha an Leib und Seele war— Edward liebte d ſie offenbar nicht: ſie wohnte in ſeinem Pallaſte, war aber nur dem 31 Namen nach ſein Weib. Toſtig hatte, wie wir oben ſahen, die Tochter Balduins, Grafen ſi von Flandern, Schweſter Mathildens, der Gattin des normänniſchen w Herzogs, geheirathet, und ſo war Godwins Haus dreifach mit fürſt⸗ li lichen Linien— der däniſchen, der ſächſiſchen und der flandriſchen— r. verwandt, und Toſtig hätte ſagen können, wie William der Normanne ſt in ſeinem Herzen wirklich ſagte:„meine Kinder werden von Carl dem u Großen und von Alfred abſtammen.“ Godwins Leben, obwohl äußerlich ſehr glänzend, verſtrich doch zu ausſchließlich unter öffentlichen Geſchäften und politiſchen Planen, als daß dem weltlichen Manne viel Muße geblieben wäre, um die Erzie⸗ hung ſeiner heißblütigen Söhne zu überwachen. Sein Weib Githa, die Dänin, eine Frau von ſtolzem aber edlem Geiſte, unvollkommener Erziehung und noch theilweiſe mit dem wilden, geſetzloſen Blute ihrer Ahnen, der heidniſchen Seekönige erfüllt, war eher geeignet, der Kin⸗ der Ehrgeiz anzuſtacheln und ihre Fantaſie zu entflammen, als ihr Temperament zu mäßigen und ihre Herzen zu bilden. Sweyns Laufbahn haben wir geſehen; aber Sweyn war noch ein Engel des Lichts mit ſeinem Bruder Toſtig verglichen. Wer buß⸗ fertig ſeyn kann, hat immer etwas Edles in ſeinen Anlagen; Toſtig aber war treulos wie der Tiger und ebenſo wild und verrätheriſch wie * William von Malmesbury. 155⁵ den dieſer. Bei weniger geiſtigen Fähigkeiten als jeder ſeiner Brüder be⸗ Volk ſaß er mehr perſönlichen Ehrgeiz als Alle zuſammen. Eine gewiſſe die weichliche Eitelkeit, nicht ſelten bei waghalſigen Naturen,(denn die war tapferſten Racen wie die tapferſten Krieger ſind in der Regel auch die ge⸗ eitelſten; das Verlangen zu ſcheinen iſt an dem Gecken nicht minder erſichtlich als an dem Helden,) ließ ihn raſtlos nach Herrſchaft und Be⸗ olge rühmtheit ſtreben.„Möge ich immer im Munde der Menſchen leben 14 hers. ſo lautete ſein Lieblingsgebet. Gleich ſeinen mütterlichen Ahnherren, lebte den Dänen, trug er langgelocktes Haar und zog wie ein Bräutigam dem zu dem Feſtmahle der Raben. Nur Zwei dieſes Hauſes hatten gelehrte Bildung genoſſen, wie afen ſie von den Fürſten des Feſtlandes ſchon längſt nicht mehr verſchmäht ſchen wurde: die ſüße Schweſter nämlich, die älteſte der Familie, die in ihrer ürſt⸗ liebeleeren Heimath einem raſchen Verwelken anheimſiel, und Ha⸗ 7 4— rold. Aber Harold, bei welchem das, was wir geſunden Menſchenver⸗ anne ſtand nennen, bis zum Genie ſich ſteigerte— ein Geiſt, ebenſo praktiſch dem und ſcharfblickend wie ſein Vater, kümmerte ſich wenig um theologiſche Gelahrtheit und Prieſterlegenden, überhaupt um jene ganze Poeſie der doch Religion, worin das Weib über die Sorgen der Erde gehoben wurde. als Godwin ſelbſt war kein Begünſtiger der Kirche, denn er hatte zu⸗ rzie⸗ viel von den Mißbräuchen der ſächſiſchen Prieſterſchaft(mit geringer itha, Ausnahme, vielleicht der verderbteſten und unwiſſendſten in ganz Eu⸗ nener ropa— und das will viel ſagen) geſehen, um ſeinen Kindern jene ihrer Ehrfurcht vor geiſtlicher Autorität, wie ſie auswärts exiſtirte, einzu⸗ Kin⸗ prägen, und die Aufklärung, welche bei ihm von Lebenserfahrung her⸗ ihr rührte, war bei Harold bald das Reſultat des Studiums und Nach⸗ denkens. noch Die Bücher der claſſiſchen Welt eröffneten dem jungen Sachſen buß⸗ ſehr frühe beſtimmte Anſichten über Menſchenpflicht und Verantwort⸗ oſtig lichkeit, welche gegen die bedeutungsloſen Ceremonien und die Ab⸗ wie tödtung des Fleiſches, worein die höhere Theologie jener Zeit die Ele⸗ mente der Tugend zu legen pflegte— auffallend abſtachen. Er lächelte 156 verächtlich, wenn der Däne, der ſein Leben unter abwechſelnder Trun⸗ kenheit und Blutvergießen zugebracht hatte, dadurch, daß er ſeine mit räuberiſchem Schwerte erworbenen Ländereien zur Fütterung von einem Halbhundert fauler Mönche vermachte, die Thore des Himmels ſich eröffnet zu haben glaubte, und wenn jene Mönche ſeine eigenen Handlungen zu prüfen gewagt hätten, ſo würde er es mit eben ſo vieler Verachtung als Verwunderung zurückgewieſen haben, daß ſo unwiſſende Leute, die nicht einmal das Latein ihrer hergeplapperten Gebete verſtanden, ſich zu Richtern gebildeter Männer aufzuwerfen wagten. Bei Harolds ernſten Natur hätte möglicherweiſe ein reiner erleuchteter Klerus, der, wenn auch mangelhaft in ſeinem Leben, doch eifrig in Erfüllung ſeiner Pflichten und von Geiſt gebildet geweſen wäre— ein Klerus, wie Alfred ihn zu gründen und Lafrance nicht ohne einigen Erfolg ihn heranzubilden ſuchte, deſſen kräftigen Sinn vor jener großartigen Wahrheit, welche der geiſtlichen Autorität inwohnt, beugen können. So aber ſtand er entfernt von dem rohen Aberglauben ſeines Zeitalters und machte ſich frühe im Leben zum Schiedsrichter ſeines eigenen Gewiſſens. Seine Religion auf die einfachſten Elemente unſeres Glaubens beſchränkend, ſchöpfte er weit mehr aus den Büchern heidniſcher Schriftſteller als aus den Lebensbeſchreibungen von Heili⸗ gen ſeine weiter gehenden Anſichten über die Moral des Bürgers und des Menſchen: Vaterlandsliebe, Gerechtigkeitsſinn, Feſtigkeit im Un⸗ glück und Mäßigung in glücklichen Umſtänden wurden auf dieſe Art ein integrirender Theil ſeines Charakters. Unähnlich ſeinem Vater hatte er all jene Eigenſchaften, die ihm das Herz des Volkes gewan⸗ nen, nicht blos als eine Theaterrolle vorgehängt; er war ſanft und leutſelig, vor Allem aber offen und gerecht, nicht weil die Politik ver⸗ langte, ſo zu ſcheinen, ſondern weil ſeine Natur gebot, es zu ſeyn. Bei aller Erhabenheit von Harolds Charakter hatte dieſer gleich⸗ wohl auch ſeinen ſtarken Sauertaig menſchlicher Unvollkommenheit, und zwar gerade in jener Selbſtzuverſicht, dem Erzeugniſſe ſeiner Vernunft und ſeines Stolzes. Indem er ſich einzig auf die menſchlichen Begriffe un⸗ mit nem ſich enen 1 ſo 5 ſo rten rfen iner doch heſen ohne vor hnt, uben chter rente hern eili⸗ und Un⸗ Art Zater wan⸗ und ver⸗ eyn. leich⸗ „und nunft griffe 157 von Recht beſchränkte, verlor er ein Atribut des ächten Helden, den Glauben. Wir nehmen dieſes Wort nicht blos im religiöſen, ſondern im weitern Sinne: er verließ ſich nicht auf jenes die Natur durchdrin⸗ gende himmliſche Etwas, das unſichtbar und nur dann, wenn wir uns pflichtlich darum bewerben, dann aber auch ſtärker und lieblicher als das bloße Auge zu ſehen, die bloße Vernunft zu begreifen vermöchte— empfunden wird. Er glaubte zwar an Gott, büßte aber jene feinen Bande ein, welche den Schöpfer mit dem innerſten Herzen des Men⸗ ſchen verknüpfen und aus der Einfalt des Kindes ſo gut wie aus der Weisheit des Dichters zuſammengewoben ſind. Seine weite Seele war— um uns eines modernen Bildes zu bedienen—'eine von un⸗ ten beleuchtete Kuppel'. Seine Kühnheit, obwohl unbeugſam trotz der der wildeſten See⸗ könige, wenn die Noth es erforderte, gehörte nicht unter ſeine vor⸗ ragenden Charakterzüge. Er verſchmähte Toſtigs brutale Tapferkeit: ſeine Kühnheit war ein nothwendiger Beſtandtheil ſeiner feſten wohl⸗ gewogenen Männlichkeit— die Kühnheit des Hektor nicht des Achilles. Dem Blutvergießen von Natur abgeneigt, mochte er ſogar für furcht⸗ ſam gelten, wo das Wagen blos die Eitelkeit befriedigte, oder auf einen ſelbſtiſchen Zweck hinzielte: wo dagegen die Pflicht ein Wage⸗ ſtück gebot, da konnte keine Gefahr ihn zurückſchrecken, keine Klugheit ihn abbringen; er konnte unbeſonnen, ja ſogar erbarmungslos erſchei⸗ nen, denn in dem Seyn⸗ſollen verſtand er immer ein Seyn⸗müſſen. So war es denn auch dieſem eigenthümlichen aber durchaus engli⸗ ſchen Charakter natürlich, daß er beim Handeln eher ſtandhaft und ge⸗ duldig, als raſch und ſtürmiſch ſich zeigte. In Gefahren, die ihm ver⸗ traut waren, vermochte nichts ſeine Geſchicklichkeit und Thatkraft zu übertreffen; bei einer Ueberraſchung aber und ehe ihm ſein Verſtand zu Hülfe kommen konnte, ließ er ſich leicht zu Irrthümern verleiten. Ein tiefer Geiſt iſt ſelten ſchnell, wenn er nicht durch die Gewohnheit des Argwohns zu unnatürlicher Wachſamkeit verdorben wurde; aber 158 ein offeneres, vertrauensvolleres und ächt loyaleres Gemüth als das gr des jungen Earls konnte es gar nicht geben. de Faſſen wir all dieſe Eigenſchaften zuſammen, ſo haben wir den Schlüſſel zu Vielem, was uns Harolds Charakter und Benehmen in den ſpäteren Ereigniſſen ſeines tragiſchen Lebens erklären kann. Bei dieſen ſo männlichen und einfachen Anlagen dürfen wir jedoch keineswegs glauben, daß Harold, wenn er den Aberglauben der einen ne Klaſſe verwarf, ſeiner Zeit ſo weit voraus geeilt war, daß er auch den gr einer andern zurückgewieſen hätte. Kein Sahn des Glücks, überhaupt S Keiner, deſſen Ich mit der Welt in Widerſpruch geräth, kann ſolchem Glauben an das Unſichtbare entrinnen. Cäſar mochte wohl die my⸗ fre ſtiſchen Gebräuche der römiſchen Mythologie verlachen und profaniren, aber an ſein Glück mußte er dennoch wie an einen Gott glauben, und m Harold, der gerade bei ſeinen Studien die freieſten, kühnſten Geiſter des Alterthums ähnlichen Einflüſſen wie ſeine ſächſiſchen Vorfahren S unterworfen ſah, durfte mit weniger Beſchämung dieſen— ſo eitel ſie auch ſeyn mochten— als den ſo leicht entdeckten mönchiſchen Be⸗ trügereien nachgeben. Er hatte zwar ſeither jede direkte Berufung an Hilda's magiſche Rathſchläge verworfen; aber das Echo ihrer dun⸗ keln Prophezeihungen, wie er ſie in ſeiner Kindheit vernommen, klang noch immer in der Seele des Mannes. Der Glaube an Vorbedeu⸗ tungen, an Glücks⸗ und Unglückstage, an die Geſtirne war unter allen Klaſſen der Sachſen verbreitet. Harold hatte ſeinen eigenen Glücks⸗ tag— den ſeiner Geburt, den vierzehnten Oktober: Alles, was er ſeit⸗ her an dieſem Tage unternommen, war ihm geglückt und er glaubte an die Kraft des Tages wie Cromwell an ſeinen dritten September. Uebrigens haben wir ihn geſchildert, wie er ſich in dieſer Periode ſeiner Laufbahn darſtellte. Ob er durch Schickſal oder Umſtände ver⸗ ändert wurde, wird die Zeit uns lehren: bis jetzt miſchte ſich kein ſelbſtſüchtiger Ehrgeiz in das natürliche Verlangen der Jugend und Begabung nach dem ihnen gebührenden Antheile an Ruhm und Macht. Sein Patriotismus, an griechiſchen und römiſchen Beiſpielen 2 das 159 großgezogen, war rein, ächt und glühend; er hätte mit Leonidas in dem Paſſe ſtehen oder mit Curtius in den Abgrund ſpringen können. Achtzehntes Kapitel. Mit Tagesanbruch erwachte Harold aus unruhigem unterbroche⸗ nem Schlummer und ſeine Augen ſielen auf Hilda's Antlitz, das ihn groß, ſchön und unausſprechlich ruhig wie das Bild einer egyptiſchen Sphinx anſchaute. „Sind Deine Träume prophetiſch geweſen, Sohn von Godwin?“ fragte die Vala. „Verhüte der Herr!“ erwiederte der Earl mit ungewohnter Fröm⸗ migkeit. „Erzähle ſie und laß mich das Räthſel löſen, denn ein eigener Sinn wohnt in den Stimmen der Nacht.“ Harold beſann ſich und ſagte nach kurzer Pauſe: „Mich dünkt, Hilda, ich kann mir ſelbſt erklären, wie die Träume mich heimſuchen mochten.“ Hier ſtützte er ſich auf ſeinen Ellbogen und fuhr, das klare durchdringende Auge auf ſeine Wirthin geheftet, alſo fort:„ſage mir aufrichtig, Hilda, haſt Du nicht auf jenem Hügel bei der Grabmündung im Druidentempel ein Licht leuchten laſſen?“ Aber wenn auch Harold ſelbſt durch einen Betrug getäuſcht zu ſeyn glauben mochte, ſo mußte dieſer Gedanke verſchwinden, als er den geſpannten, faſt ſcheuen Ausdruck gewahrte, welchen Hilda's Geſicht augenblicklich annahm. „Haſt Du ein Licht geſehen, Sohn Godwins— bei dem Altare des Thor und über dem Bautaſteine des mächtigen Todten? War es nicht eine Flamme, züngelnd und lebendig wie Mondſtrahlen, die auf dem Schnee tanzen?“ „So erſchien mir das Licht.“ „Keine Menſchenhand hat jemals jene Flamme entzündet, welche die Gegenwart der Todten verkündet,“ verſicherte Hilda mit zitternder 160 Stimme,„obwohl das Geſpenſt nur ſelten ungerufen von der Nune die Augen der Lebenden warnt.“ „Welche Geſtalt⸗ welcherlei Schatten pflegt jenes Geſpenſt an⸗ zunehmen?“ „Es ſteigt mitten aus der Flamme, bleich wie der Nebel auf den Bergen und groß wie die uralten Rieſen, mit Säx, mit Speer und Schild gleich Wodan's Söhnen bewaffnet. Du haſt die Scin⸗laeca geſehen,“ fuhr Hilda fort, indem ſie dem Earl feſt in's Geſicht ſchaute. „Wenn Du mich nicht täuſcheſt,“ begann Harold noch immer zweifelnd. „Dich täuſchen! nicht um die Krone der Sachſen zu retten dürfte ich die Macht der Todten verſpotten! Weißt Du nicht, oder hat Deine eitle Lehre die Sagen Deiner Väter gänzlich verdrängt— daß wo ein Held aus alter Zeit beerdigt liegt, auch ſeine Schätze in dem Grabe ruhen, und daß ſich über den Gräbern zu Zeiten eine nächtliche Flamme und in ihr das Luftgebilde des Todten blicken läßt?— Oft geſehen in den vergangenen Tagen, da die Lebenden und Todten noch einen Glau⸗ ben hatten, von einem Stamme waren— nun aber nur dann noch bemerkt, wenn ſie wichtige Ereigniſſe zu verkünden und dem Auge deſſen, der ſie ſieht, Ruhm oder Wehe zu prophezeihen haben. Auf jenem Hügel liegt Aesc, der Erſtgeborne von Cerdic, dem Stamm⸗ könige der Sachſen, begraben, da wo der Abhang an Thors Altare grün hinanſteigt und die verwitterten Steine ſchimmern. Er ſchmähte die Britten in ihrem Tempel und fiel dabei; ſie begruben ihn in ſeinen Waffen und mit den Schätzen, die ſeine Rechte gewonnen hatte. Das Schickſal droht dem Hauſe Cerdie's oder dem Reiche der Sachſen, wenn Wodan ſeines Sohnes Nebelbild aus dem Grabe ruft.“ Hilda beugte das Haupt in ſichtlicher Bewegung über ihre ge⸗ falteten Hände und murmelte unter fortwährendem Hin⸗ und Her⸗ ſchwanken einige Runen, welche dem Ohre ihres Zuhörers unverſtändlich waren. Dann wandte ſie ſich mit gebietendem Tone zu dieſem und ſprach: 3.2.82.22= S 161 tune„Deine Träume ſind nun in der That Orakel— wahrer als die 1 lebende Vala ſie mit dem Stabe und der Rune hervorzaubern könnte; an⸗ enthülle ſie mir!“ „Mir war,“ begann Harold auf dieſe Aufforderung,„als ob den ich mich am hellen Mittag auf einer breiten Ebene befände; Alles und war klar vor meinen Augen und mein Herz war ſehr froh. Ich war aeca allein und ging freudig meines Weges. Plötzlich öffnete ſich die Erde zute. unter meinen Füßen und ich ſank unergründlich tief, als ginge es in imer jenen Abgrund, die Hölle der Todten, die ohne Ruhm ſterben, welche unſere Vorfahren Niffelheim— die Heimath des Nebels— ürfte nannten. Vom Falle betäubt lag ich lange, mitten im Traume wie deine in Träume verſunken; als ich die Augen öffnete, ſah ich, daß ich von ein Todtenbeinen umringt war, und die Gebeine drehten ſich um mich wie rabe dürre Blätter, welche vom Winterwinde umhergewirbelt werden. Und mme aus ihrer Mitte ragte ein rumpfloſer Schädel und auf dem Schädel en in ſaß eine Biſchofsmütze, und aus den klaffenden Kinnladen kam eine Zlau⸗ Stimme wie das Ziſchen der Schlange. Harold, Du Verächter! noch Du biſt unſer!’ Du biſt unſer! hörte ich von vielen Stimmen wie Auge das Summen eines Heeres wiederholen. Ich ſuchte aufzuſtehen, und Auf ſah meine Glieder gebunden, und die Bande waren fein und gebrech⸗ mm⸗ lich wie Sommerfäden und laſteten doch auf mir wie eiſerne Ketten, ltare und ich fühlte eine Seelenangſt, wie keine Worte ſie auszuſprechen ver⸗ nhte mögen— eine Angſt des Schreckens und der Beſchämung, und meine einen Mannheit ſchien von mir zu weichen, und ich war ſchwach wie ein neu⸗ Das gebornes Kind. Da plötzlich kam ein eiſiger Wind und die Gebeine hſen, ſtanden ſtill in ihrem Tanze, das Summen verſtummte, nur der Schä⸗ del mit der Biſchofsmütze grinste mich ſtill und tonlos an, und Schlan⸗ e ge⸗ gen ſtreckten ihre ſpitzen Zungen aus den augenloſen Höhlen. Mit Her⸗ einemmale ſtand vor mir(o Hilda, ich ſehe ſie noch!) die Geſtalt des ndlich Geſpenſtes, das ſich auf jenem Hügel erhoben hatte. Mit Speer und und Sär und Schild ſtand ſie vor mir, und ihr Geſicht, bleich wie das eines längſt Verſtorbenen, war ſtreng wie das Antlitz eines Kriegers Bulwer, Harold. 11 . 162 an der Spitze von Bewaffneten; er ſtreckte ſeine Hand, ſchlug mit dem Sär an ſeinen Schild und er gab einen hohlen Klang; die Feſſeln ſielen von mir ab, ich ſprang auf meine Füße und ſtand furchtlos neben dem Erſchlagenen. Jetzt ſah ich plötzlich die Biſchofsmütze auf dem Schädel in einen Helm verwandelt, und wo der Schädel rumpflos und ſtumm gegrinst hatte, ſtand eine Geſtalt wie der leibhaftige Kriegs⸗ gott— ein Weſen über Rieſengröße, deſſen Kamm an die Geſtirne ragte und deſſen Geſtalt die Sonne verfinſterte. Die Erde verwan⸗ delte ſich in den Ozean und der Ozean war Blut und ſchien tief wie die Gewäſſer, wo die Wallfiſche im Norden ſich tummeln; aber die Brandung reichte jener maßloſen Geſtalt nicht einmal an die Kniee. Und die Raben kamen von allen Enden des Himmels und die Geier mit Todtenaugen und heiſerem Krächzen, und all die Gebeine, kaum noch zerſtreut und formlos, bekamen Leben und Geſtalt, die einen als Mönche, die andern als Krieger, und es war ein Lärmen und Pfeifen und ein Brüllen und ein Sturm von Bewaffneten. Und eine breite Flagge ſtieg aus dem blutigen See und aus den Wolken kam eine bleiche Hand und ſchrieb auf die Flagge: Harold der Verfluchte! und die ernſte Geſtalt an meiner Seite ſagte: Harold, fürchteſt Du die Todtengebeine? und die Stimme war wie eine Trompete, welche den Feiglingen Kraft verleiht, und ich antwortete: niedrig wäre Harold, wenn er die Gebeine der Todten fürchtete Pe „Indem ich ſprach, kam ein höhniſches Lachen, als ob die Hölle ſich geöffnet hätte, und Alles verſchwand mit einemmale bis auf den Ozean von Blut. Langſam kam aus Norden über die See ein Vogel wie ein Rabe, nur daß er blutroth war wie der Ozean; und von Sü⸗ den kam ein Löwe gegen mich hergeſchwommen. Und ich ſchaute auf das Geſpenſt, und der Stolz des Kriegers war von ſeinem Antlitze verſchwunden, das ſo traurig war, daß ich Raben und Löwen vergaß und weinte über ſeinen Anblick. Da nahm mich das Geſpenſt in ſeine weiten Arme, und ſein Athem erkältete das Blut in meinen Adern und es küßte mich auf Stirn und Lippen und ſagte ſanft und zärtlich dem ſeln ben dem und gs⸗ erne Hdan⸗ wie aber iee. eier um als ifen eite eine und die den old, ölle den ogel Sü⸗ auf litze gaß eine dern lich 163 wie meine Mutter während meiner Kinderkrankheiten: Harold, mein Geliebter! traure nicht. Du haſt alles, was Wodans Söhne ſich in ihrer Walhalla träumten!“ „So ſprechend wich die Geſtalt langſam und immer langſamer zurück, indem ſie mich immer noch mit ihren traurigen Augen be⸗ trachtete. Ich ſtreckte meine Hand aus, um ſie zurückzuhalten— da fühlte ich einen Schattenſcepter in meiner Rechten. Und o! rings um mich ſprangen Thane und Hänuptlinge in voller Waffenrüſtung aus dem Boden, und ein Tiſch war gedeckt und ringsum herrſchte fröh⸗ liches Trinkgelage. So fühlte ſich mein Herz froh und erleichtert, und in meiner Hand ruhte noch immer das Scepter. Und wir ſchmaus⸗ ten lange und fröhlich; aber über dem Feſte ſchlug der blutrothe Rabe mit ſeinen Flügeln, und über die blutrothe See kam immer näher und näher der Löwe herangeſchwommen. Und am Himmel ſtanden zwei Sterne, der eine ſtät und bleich, der andere leuchtend und unſtät; und eine Schattenhand deutete aus der Wolke auf den bleichen Stern und eine Stimme ſprach: Schau, Harold! der Stern, der bei Deiner Ge⸗ burt leuchtete. Und eine andere Hand deutete auf den glänzenden Stern und eine andere Stimme ſprach: Schau! der Stern, der bei der Geburt des Siegers leuchtete. Und da wurde der helle Stern größer und glänzender, und ziſchend, wie wenn man Eiſen ins Waſſer taucht, fuhr er über die Scheibe des traurigen Planeten und der ganze Him⸗ mel ſchien in Feuer zu ſtehen. So, meinte ich, entſchwand der Traum, und im Entſchwinden vernahm ich einen vollen Akkord wie das An⸗ ſchwellen eines Kirchengeſanges— eine Muſik, wie ich ſie nur einmal in meinem Leben hörte, als ich am Tage der Krönung in Edwards Gefolge in den Hallen von Wincheſter ſtand.“. Harold ſchwieg, und die Vala erhob langſam das Haupt von ihrem Buſen und betrachtete ihn in tiefem Schweigen mit leeren aus⸗ drucksloſen Blicken. „Warum betrachteſt Du mich alſo und warum biſt Du ſo ſchweig⸗ ſam?“ fragte der Earl. 11* 164 „Die Wolke iſt auf meinem Geſicht und die Laſt auf meiner Seele und ich kann Deinen Traum nicht deuten,“ murmelte die Vala.„Aber der Morgen, der Geiſterverbanner, der Leben und Thätigkeit weckt, zaubert in Schlummer das Leben des Gedankens. Wie die Sterne beim Aufſteigen der Sonne erbleichen, ſo ſchwindet das Licht der Seele, wenn die Knoſpen im Thau ſich beleben und die Lerchen den Tag anſingen. In Deinem Traume liegt Deine Zukunft wie die Flü⸗ gel der Motte im Gewebe des wechſelnden Wurmes; aber ob nun zum Wohl oder zum Wehe— Du wirſt das Gewebe durchbrechen und Dein Geſieder in der Luft ausbreiten. Von mir ſelbſt weiß ich nichts. Er⸗ warte die Stunde, da Skulda in die Seele ihrer Dienerin eindringt, und Dein Schickſal ſoll von meinen Lippen ſtrömen, wie die Waſſer aus dem Herzen der Höhle hervorquellen.“ „Ich warte gerne,“ ſagte Harold, mit ſeinem gewohnten ruhi⸗ gen und erhabenen Lächeln;„nur kann ich Dir nicht verſprechen, daß ich Deine Deutung beachten oder Deine Warnung befolgen werde, wenn meine Vernunft erwacht iſt, wie ſie ſchon jetzt aus den Dünſten der Fantaſie und den Nebeln der Nacht zum Bewußtſeyn kommt.“ Die Vala ſeufzte tief, gab aber keine Antwort. Sechzehntes Kapitel. Githa, Earl Godwins Gemahlin, ſaß in ihrem Zimmer und ihr Herz war traurig. Im Zimmer war einer ihrer Söhne, der ihr theurer als alle Anderen, Wolnoth ihr Liebling. Ihre übrigen Söhne waren ſtahlfeſt und kräftig von Geſtalt, und ſie hatte in deren Kind⸗ heit niemals einer Mutter Aengſte kennen gelernt; aber Wolnoth war vor der Zeit zur Welt gekommen, und heftig waren die Wehen der Mutter und lange der Lebenskampf des neugebornen Knäbleins ge⸗ weſen. Mit zitterndem Knie hatte ſie ſeine Wiege geſchaukelt und mit heißen Thränen ſein Kiſſen gebadet. Als Knabe war er gebrech⸗ 8 ͤe, —2— o== ͤ———.. 165 lich geweſen, ein Geſchöpf, das ganz von ihrer Sorge abhing, und nun da er blühend und ſtark als Jüngling heranwuchs, empfand die Mutter, daß ſie ihm zum zweitenmale das Leben gegeben hatte. So war er ihr theurer als die Uebrigen geworden, und als ſie ihn nun ſo ſchön, froh und hoffnungsvoll vor ſich ſah, da klagte ſie mehr um ihn als um Sweyn, den verbannten Verbrecher auf ſeiner ſchmerz⸗ lichen Pilgerfahrt nach den Waſſern des Jordans und zum Grabe des Erlöſers. Denn Wolnoth, als Geiſel für die Treue ſeines Hauſes aus⸗ erleſen, ſollte aus ihren Armen an den Hof Williams, des Norman⸗ nen, geſchickt werden. Und der Jüngling lächelte vergnügt, wählte ſich Gewänder und Mäntel und Ataghars, um in den Hallen des Ritterthums und der Schönheit— der Schule der ſtolzeſten Ritter⸗ ſchaft der Chriſtenheit— damit prahlen und ſtolziren zu können. Zu jung und gedankenlos, um den weiſen Haß der Aelteren vor den Sitten und Gebräuchen der Ausländer, vor ihrem heiteren Glanze, wie er ihn als Knabe das Düſter des klöſterlichen Hofes erheiternd und gegen den Spleen und die Rohheit des ſächſtſchen Temperamentes abſtechend geſehen hatte— zu theilen, hatte dieſer vielmehr ſeine Fan⸗ taſie beſtochen und ſeinen Sinn halb normänniſch geſtaltet. Ein ſtol⸗ zer und glücklicher Knabe war er, daß er als Geiſel für die Treue und als Repräſentant des Ranges ſeiner mächtigen Verwandten fortziehen, und unter den Augen der Damen von Rouen in die Männerjahre tre⸗ ten durfte. Neben Wolnoth ſtand ſeine junge Schweſter Thyra, noch ein bloßes Kind, und ihre unſchuldige Theilnahme an der Freude des Bru⸗ ders an Prunk und Tand machte Githa nur noch trauriger. O, mein Sohn,“ klagte die zitternde Mutter,„warum von allen meinen Kindern haben ſie eben Dich auserleſen? Harold iſt weiſe gegen Gefahr, Toſtig trotzig gegen Feinde, Gurth iſt zu liebevoll, um auch bei dem Strengſten Haß zu erwecken, und von dem Frohſinn des ſon⸗ nigen Leofwine gleitet der Kummer bei Seite, wie der Schaft von dem Glanze des Schildes. Aber Du, Du, mein Geliebter!— ver⸗ —,—õ———õ—õA—öööͤͤͤnͤͤnnn 166 ſlucht ſey der König, der Dich erwählte, und grauſam war Dein Vater, daß er des Lichtes für Deiner Mutter Augen nicht gedachte!“ „Pfui, theuerſte Mutter!“ entgegnete Wolnoth, in der Betrach⸗ tung eines ſeidenen Gewandes einhaltend, das mit geſtickten Pfauen ganz bedeckt war— einer Gabe ſeiner Schweſter, der Königin, von ihren eigenen ſchönen Händen gearbeitet, denn trotz ihrer Gelehrſam⸗ keit war die Gemahlin des heiligen Königs eine berühmte Stickerin, wie bekümmerte Frauen meiſt zu ſeyn pflegen—„Pfui! der Vogel muß das Neſt verlaſſen, ſo bald er flügge iſt. Harold der Adler, Toſtig die Weihe, Gurth die Ringeltaube und Leofwine der Staar. Sieh, Mutter, meine Schwingen ſind die reichſten von allen, und hell iſt die Sonne, worin Dein Pfau ſein prunkendes Geſieder entfalten wird.“ Als er aber bemerkte, daß ſeine Lebhaftigkeit kein Lächeln bei ſeiner Mutter hervorrief, näherte er ſich und ſagte ernſthafter: „Bedenke nur, Mutter mein! dem Könige, wie dem Vater blieb feine andere Wahl. Harold und Toſtig und Leofwine haben ihre Aemter und Lordſchaften; ihre Poſten ſind beſtimmt, und ſie bil⸗ den die Säulen unſeres Hauſes. Gurth iſt ſo jung, ſo ſächſiſch, und ſo ganz nur Harolds Schatten, daß ſein Haß gegen die Normänner bereits zum Sprichwort unter unſern Jünglingen geworden iſt, denn bei einem liebenden Herzen wird der Haß um ſo auffallender, wie das Blau dieſer Borte neben dem weißen Gewebe faſt ſchwarz erſcheint. Aber ich— der gute König weiß, daß ich willkommen ſeyn werde, denn die normänniſchen Ritter lieben Wolnoth und ich habe ſtunden⸗ lang vor Montgomeri'’s und Grantmesnil's Knieen geſpielt, habe mit ihren goldenen Ritterketten getändelt und auf Rolfgangers Thaten gehorcht. Und der ſtattliche Graf ſoll mich ſelbſt zum Ritter ſchlagen, und ich werde mit den goldenen Sporen zurückkehren, welche Deine Ah⸗ nen, die wackern Könige von Norwegen und Daneland, trugen, noch ehe man etwas von Ritterſchaft wußte. Komm, küſſe mich, Mutter, und ſieh die prächtigen, ächt wäliſchen Falken, welche Harold mir ſchickte!“ 9 + 1—m—uuu—u———— 167 ter, Githa legte ihr Haupt auf des Sohnes Schulter und ihre Thrä⸗ nen blendeten ſie. Die Thüre öffnete ſich leiſe und Harold trat ein, ch⸗ und mit dem Earl ein bleicher dunkelhaariger Knabe, Haco, der Sohn ten von Sweyn. 4 vn Aber Githa, mit ihrem Liebling Wolnoth beſchäftigt, ſah kaum W den Enkel, der fern von ihrem Schooſe aufgezogen worden und eilte n, alsbald auf Harold zu. In ſeiner Gegenwart fühlte ſie Troſt und gel Sicherheit, denn Wolnoth ſtützte ſich auf ihr Herz und ihr Herz ſtützte er, ſich auf Harold. ar.„O Sohn, Sohn!“ rief ſie,„Du Feſteſter, Treueſter und Wei⸗ iſt ſeſter in Godwins Hauſe, ſage mir, daß jener dort, Dein junger Bru⸗ d24 der, in den Hallen der Normannen keine Gefahr läuft!“ bei„Nicht mehr als in dieſen, Mutter,“ beſänftigte Harold mit mil⸗ dem Tone und liebkoſender Lippe.„William, der Herzog, ſoll wild ter und grauſam gegen bewaffnete Feinde, aber mild und herablaſſend, ein Len offener Wirth und gütiger Herr gegen den Friedlichen ſeyn. Dieſe Nor⸗ il⸗ mannen haben ein eigenes Geſetz, ernſter als alle Moral, bindender ind ſogar als ihre fanatiſche Religion, und Du weißt es wohl, Mutter, ter denn es kommt von Deinem Stamme aus Norden— und dieſer Coder der Ehre, wie ſie es nennen, macht Wolnoths Haupt ſo geweiht, wie die Reliquien eines Heiligen, in Zimmen gefaßt. Wenn Du des nor⸗ männiſchen Herzogs anſichtig wirſt, mein Bruder, ſo darfſt Du nur den Friedenskuß von ihm verlangen, und Du wirſt ſicherer ſchlafen, als wenn alle Banner von England über Deinem Lager wehten.“ „Aber wie lange wird die Verbannung dauern?“ fragte Githa en getröſtet. en—.. h⸗„ Dieſer Friedenskuß wurde bei den Normannen und allen ritterlicheren h⸗ Stämmen des Feſtlandes beſonders heilig gehalten. Selbſt der ärgſte Heuchler, ch wenn er auch Trug und Liſt und Mord im Sinne trug, pflegte ſich doch zur Erreichung ſeiner Zwecke gegen dieſen Friedenskuß nie zu verſündigen. Als Heinrich II. dem Becket nach deſſen Rückkehr von Rom eine Zuſammenkunft bewilligte und allen Klagen des Prälaten abzuhelfen verſprach, jagte er ihm prophetiſche Beſorgniß in die Bruſt, indem er dem Friedenskuſſe auswich. 168 „Mutter, nicht einmal um Dich zu erheitern mag ich Dich täu⸗ ſchen,“ verſetzte Harold düſter.„Die Zeit ſeiner Geiſelſchaft liegt in des Königs und des Herzogs Hand. So lange der Eine Furcht vor Godwins Stamm heuchelt, ſo lauge der Andere für diejenigen Prieſter und Ritter, die als nicht zum Hofe gehörig nicht aus dem Reiche verbannt wurden, ſondern fern und nah in Klöſtern und Schlöſ⸗ ſern zerſtreut ſind, ſich beſorgt ſtellt, ſo lange werden Wolnoth und Haco als Gäſte in des Normanns Halle weilen.“ Githa rang die Hände. „Tröſte Dich, meine Mutter; Wolnoth iſt jung, ſein Auge iſt ſcharf und ſein Geiſt flink und behend. Er wird dieſe normänniſchen Hauptleute beobachten, wird ihre Stärke und Schwäche, ihre Krieg⸗ führung kennen lernen und wird nicht, wie König Edward, als Lieb⸗ haber unſächſiſcher Dinge, ſondern als ein Mann zurückkehren, der uns gegen die Komplotte des kriegeriſchen Hofes, der den Frieden der Welt mit jedem Jahre mehr bedroht, zu warnen und zu leiten ver⸗ mag. Und er wird Künſte daſelbſt kennen lernen, die wir wohl von ihm borgen dürfen— nicht den Schnitt einer Tunika noch die Falten einer Gonna; wohl aber die Künſte von Männern, welche Staaten gründen und Nationen bauen. William der Herzog iſt prachtliebend und weiſe; Kaufleute erzählen uns, wie die Gewerbe unter ſeiner eiſernen Hand gedeihen, und Kriegsmänner ſagen, daß ſeine Veſten mit Geſchick erbaut und ſeine Schlachtplane ſo genau entworfen ſind, wie der Mau⸗ rer Bögen und Schlußſteine bildet und das Gewicht nach der Stütze berechnet, ſo daß die Stärke der Hand durch Wiſſenſchaft noch verzehn⸗ facht wird. So wird der Knabe als vollendeter Mann zu uns zurück⸗ kehren, ein Lehrer der Graubärte, der Weiſe ſeines Stammes, fähig zum Regimente, eine Stütze des Ruhmes und ſeines Vaterlandes. Gräme Dich nicht, Tochter der Dänenkönige, daß Dein geliebteſter Sohn eine edlere Schule und ein weiteres Feld als ſeine Brüder er⸗ hält.“ Dieſe Aufforderung ruͤhrte das ſtolze Herz der Nichte Canuts des —— 169 Großen und ſie vergaß beinahe des Grams ihrer Liebe in der Hoffnung ihres Ehrgeizes. Sie trocknete ihre Thränen und lächelte gegen Wolnoth, den ſie bereits in den Träumen ihrer mütterlichen Eitel⸗ keit im Rathe groß wie Godwin und glücklich im Felde gleich Ha⸗ rold ſah. 4. Auch der junge Mann, ſo ſehr er ſchon halb Normanne war, ſchien nicht unempfindlich für den männlichen, hochſinnigen Patriotis⸗ mus in ſeines Bruders Wink und Lehre, wenn er auch fühlte, daß ein Vorwurf darin lag. Er näherte ſich dem Earl, der den Arm um ſeine Mutter geſchlungen hatte, und ſagte mit offener Herzlichkeit, wie ſie ſeiner etwas frivolen unentſchloſſenen Natur nicht gewöhnlich war: „Harold, Deine Zunge könnte Steine zu Männern entzünden und dieſe Männer zu Sachſen erwärmen. Dein Wolnoth wird nicht beſchämt den Kopf hängen, wenn er mit geſchorenen Locken und golde⸗ nen Sporen in unſer luſtiges Vaterland zurückkehrt; denn wenn Du auch nach ſeinem Aeußern an ſeiner Abſtammung zweifeln könnteſt, ſo darfſt Du ihm nur die Rechte aufs Herz legen, um zu fühlen, daß England in jedem ſeiner Schläge pulſirt.“ „Wackere Worte und wohlgeſprochen!“ lobte der Earl, indem er dem Knaben ſeine Hand wie zum Segen aufs Haupt legte. Bis jetzt hatte ſich Haco mit der kleinen Thyra ſeitwärts unter⸗ halten, die ſein dunkles und trauriges Geſicht rührte und ängſtigte, ſo daß ſie ſich dicht an ihn drängte und ihre kleine Hand in die ſeinige legte. Jetzt aber, von Harolds edler Rede nicht weniger als ſein Vetter begeiſtert, trat er ſtolz neben Wolnoth und ſagte: „Auch ich bin ein Engländer und habe den Namen eines Eng⸗ länders einzulöſen.“ Ehe jedoch Harold antworten konnte, rief Githa: „Laß Deine Rechte auf meines Kindes Haupte und ſprich einfach: „Bei Glauben und Pflicht, wenn der Herzog ohne gerechten Vorwand und gegen des Königs Einwilligung in ſeine Heimkehr dieſen Wol⸗ noth, Sohn Githa's, zurückhält, ſo will ich, Harold, falls Briefe 170 und Boten nichts ausrichten, in eigener Perſon über See gehen und der Mutter ihr Kind zurückführen.“ Harold zögerte, aber ein ſcharfer Vorwurf, der von Githa's Lip⸗ pen drang, ging ihm zu Herzen. „Ha, kalter Selbſtſüchtiger!“ rief ſie,„willſt Du ihn fortſchicken in eine Gefahr, vor welcher Du ſelbſt zurücktrittſt?“ „Bei Eid und Pflicht,“ gelobte der Earl,„wenn die Zeit vorüber, wenn Friede in England und Herzog William der Normandie ohne ge⸗ rechten Grund und gegen meines Königs Spruch die Geiſeln— Dei⸗ nen Sohn und dieſen theuren Knaben, der mir um ſeines unglücklichen Vaters willen nur noch theurer und heiliger iſt— zurückhält: dann will ich ſelbſt über See gehen und das Kind ſeiner Mutter und den Vaterloſen ſeinem Vaterlande zurückgeben. So wahr mir der Allſehende helfe, Amen und abermals Amen!“ Siebenzehntes Kapitel. Wir haben in einem früheren Theile dieſer Geſchichte geſehen, daß Harold unter ſeinen zahlreichen und ſtattlicheren Gütern ein Haus nicht fern von dem altrömiſchen Wohnorte Hilda's beſaß. Hier ſchlug er nun(wenn er nicht etwa beim Könige war) ſeinen Hauptſitz auf. Als Gründe dieſer Wahl nannte er den Reiz, den der Ort durch jenen auf⸗ fallenden Beweis von Anhänglichkeit, den ihm ſeine Ceorls durch An⸗ kauf des Hauſes und Bebauung des Bodens während ſeiner Abweſen⸗ heit gegeben, in ſeinen Augen gewonnen hatte, mehr aber noch die Bequemlichkeit ſeiner Nähe bei dem Pallaſte von Weſtminſter. Wäh⸗ rend nämlich die übrigen Brüder nach ihren verſchiedenen Herrſchaften aufbrachen, mußte Harold auf Edwards beſonderen Wunſch in der Nähe der Perſon des Köonigs bleiben, denn wie der große norwegiſche Chroniſt ſagt:„Harold war immer am Hofe ſelber und zunächſt beim 171 König in allen Dienſten.“„Der König liebte ihn ſehr und hielt ihn wie ſeinen eigenen Sohn, denn er hatte keine Kinder.“* Dieſer Umgang mit Edward war natürlich um ſo inniger, nach⸗ dem des Earls Familie wieder zur Macht gelangt war, denn Harold, mild und verſöhnend, war gleich Alred ein großer Friedensſtifter, und Edward hatte nie Urſache ſich über ihn zu beklagen, wie er ſie bei ſei⸗ nem übrigen hochmüthigen Hauſe zu haben glaubte. Der eigentliche Zauber, der Harold die rohe hölzerne Wohnung, deren Thore ſeinen Lehensleuten den ganzen Tag offen ſtanden, beſon⸗ ders theuer machte, wenn er mit leichtem Herzen den Hallen von Weſt⸗ minſter entrann, war jedoch das ſchöne Antlitz ſeiner Nachbarin Editha. Der Eindruck, den das ſchöne Mädchen auf Harold gemacht hatte, ſchien an Stärke einem Schickſalsſpruche gleich zu kommen, denn Harold hatte ſie geliebt, noch ehe die Jungfrau zu ſo wunderbarer Schön⸗ heit herangeblüht war, und da er von früheſter Jugend an mit ernſten Dingen beſchäftigt geweſen, ſo war ſein Herz nie durch die frivolen Neigungen des Müßigganges zerſtückelt worden, und jetzt in dieſer ver⸗ gleichungsweiſen Muße ſeines ſtürmiſchen Lebens war ſein Herz natür⸗ lich dem Einfluſſe eines Reizes, weit mächtiger als jeder von Hilda's magiſchen Zaubern, um ſo mehr blosgegeben. Die Herbſtſonne ſchien durch die goldenen Oeffnungen des Wald⸗ landes, als Editha allein auf dem Hügel ſaß, welcher Forſtland und Straße weithin beherrſchte. Und die Vögel ſangen fröhlich; doch das war nicht der Klang, auf welchen Editha lauſchte. Das Eichhörnchen hüpfte unten auf dem Raſen von Baum zu Baum; aber nicht um dem Spielen des Thieres zuzuſehen, hatte Editha das Grabmahl des Teutonen erſtiegen. Von Zeit zu Zeit hörte man das Bellen der Rüden und der ſchlanfe Dachs⸗ hund aus Wales ſchlüpfte aus den buſchigen Vertiefungen. Nun erſt hob ſich Editha's Herz und ihre Augen leuchteten, denn jetzt, mit dem * Snorro Sturleſons Heimskringla.— Laings Ueberſ. S. 75—77. Falken auf der Fauſt und den Speer in der Hand, kam durch die vet⸗ gilbenden Zweige Harold, der Earl, herangeſchritten. und wohl dürft ihr glauben, daß ſein Herz eben ſo laut pochte und ſein Auge eben ſo hell glänzte wie das Edithens, als er ſah, wer ſeine nahenden Tritte auf dem Grabhügel erwartet hatte; wer anders als Liebe, welche ſelbſt in der Gegenwart des Todes Alles um ſich her vergißt— ſo iſt ſie immer geweſen, ſo wird ſie immer bleiben. Er beſchleunigte ſeinen Schritt und ſprang die ſanfte Anhöhe hinauf, während ſeine Hunde mit freudigem Bellen um Edithens Kniee herum⸗ wedelten. Harold ſchüttelte den Vogel von ſeiner Fauſt, der ſich mit leichtem Flügelſchlage auf Thors Altarſteine niederließ. „Du kommſt ſpät, biſt aber dennoch willkommen, Harold, mein Vetter,“ begann Editha einfach, während ſie ihr Antlitz über die Hunde beugte und deren magere Köpfe liebkoste. „Nenn mich nicht Vetter,“ ſagte Harold zuſammenfahrend, mit finſter bewölkter Stirne. „Warum nicht, Harold?“ „O Editha— warum?“ murmelte Harold, während er in Ge⸗ danken fortfuhr:„das arme Kind weiß nicht, daß die Kirche gerade in dieſe nichtsbedeutende Verwandtſchaft den Bann unſerer Vermählung hineinlegt.“ Er drehte ſich um und ſchalt ſeine Hunde unmuthig über ihre munteren Sprünge, mit denen ſie um ſeine ſchöne Freundin herum⸗ tanzten. Die Hunde verkrochen ſich zu Edithens Füßen, und dieſe ſchaute in milder Verwunderung auf die verdrüßliche Miene des Earls. „Deine Augen tadeln mich mehr, Editha, als meine Worte vor⸗ her die Hunde geſchmäht!“ begann Harold ſanft.„Ich habe nun einmal raſches Blut in den Adern und das Gemüth muß ruhig ſeyn, wenn es die Launen beherrſchen ſoll. Ruhig war mein Gemüth in * Speer und Falke waren gleichſam die Abzeichen des ſächſiſchen Adels; ein Than wurde ſelten außer dem Hauſe geſehen, ohne den einen auf der lin⸗ ken, den andern in der rechten Fauſt zu führen. mit Ge⸗ e in ung ihre im⸗ ieſe rls. or⸗ nun yn, in Is; lin⸗ 173 frühern Zeiten, ſüße Editha, als Du noch ein Kind auf meinen Knieen ſaßeſt und ich mit dieſen rauhen Händen Blumenketten für Deinen Schwanennacken wand. Die Blumen verwelken, aber die Kette bleibt, wenn Liebe ſie gewunden— ſagte ich damals.“ Editha beugte ihr Antlitz abermals über die niedergekauerten Hunde— Harold betrachtete ſie mit trauernder Zärtlichkeit, und der Vogel ſang noch immer und das Eichhörnchen ſchwang ſich von Aſt zu Aſt. Sditha ſprach zuerſt. „Meine Pathe, Deine Schweſter,“ ſagte ſie,„hat nach mir ge⸗ ſchickt, Harold, und ich ſoll morgen an den Hof gehen. Wirſt Du dort ſeyn?“ „Gewiß,“ verſicherte Harold in ängſtlichem Tone,„gewiß werde ich dort ſeyn! Alſo meine Schweſter hat nach Dir geſchickt; weißt Du warum?“ Sditha wurde ſehr bleich und ihre Stimme zitterte, als ſie ant⸗ wortete: „Leider— ja.“ „So iſt's denn, wie ich fürchtete,“ rief Harold in großer Aufre⸗ gung,„und meine Schweſter, von dieſen Mönchen bethört, verbindet ſich mit dem König gegen das Geſetz des Weltalls und die große Re⸗ ligion des menſchlichen Herzens! O!“ fuhr der Earl in einer Begei⸗ ſterung fort, welche bei ſeinem gleichmäßigen Gemüthe allerdings ſel⸗ ten war, aber ebenſo wohl durch ſeinen Gerechtigkeitsſinn als durch ſeine tiefe Neigung angefacht wurde,„wenn ich die Sachſen unſeres Landes und unſerer Tage, ſo entnervt und verkümmert durch prieſter⸗ lichen Aberglauben, mit ihren Vorvätern im erſten chriſtlichen Zeit⸗ alter vergleiche, welche die Religion in ihren einfachen Wahrheiten annahmen, ohne das häusliche Glück und die freie Männlichkeit aus⸗ zurotten, wie dieſes kalte, lebloſe Mönchthum, das in der Verläug⸗ nung jedes menſchlichen Bandes die Tugend findet, und von dem großen Beda,“ ſelbſt einem Moͤnche, auf's Bitterſte nur leider ver⸗ * Bed. Epist. ad Egbert. 174 geblich verklagt wurde; ja wahrlich, wenn ich den Sachſen ſchon jetzt als Leibeigene des Prieſters vor mir ſehe, ſo kann ich nicht ohne Schaudern fragen, wie lange es noch dauern mag, bis er zur Beute des Tyrannen wird.“ 4 Tief aufathmend ſchwieg er, und ergriff dann mit ernſter Ge⸗ berde den zitternden Arm des Mädchens, indem er zwiſchen den Zäh⸗ nen fortfuhr: „So, ſie wollen Dich zur Nonne machen?— Du willſt nicht— Du darfſt nicht— Dein Herz würde Deine Gelübde Lügen ſtrafen!“ „Ach, Harold!“ gab Editha, wenn nicht mit der Liebe des Wei⸗ bes, ſo doch mit der ganzen Unbewußtheit des Kindes zur Antwort, da ſeine Erſchütterung und ihre eigene Furcht vor dem Kloſter ſie über alle Schüchternheit hinübergehoben hatte;„lieber— viel lieber das Grab des Körpers als das des Herzens!— im Grabe könnte ich noch für die, ſo ich liebe, leben; hinter der Kloſterpforte aber muß ja die Liebe ſelbſt erſterben. Ja Du bemitleideſt mich, Harold; Deine Schweſter, die Königin, iſt mild und gütig; ich will mich ihr zu Füßen werfen und ſagen— Jugend iſt zärtlich und die Welt iſt ſchön: laß mich meine Jugend genießen und Gott ſegnen in der Welt, die er ſo gut gemacht hat!“. „Meine theure, theure Editha!“ rief Harold außer ſich vor Freude.„Ja, ſo ſprich; ſey feſt— ſie können, ſie dürfen Dich nicht zwingen! das Geſetz kann Dich nicht gegen Deinen Willen der Obhut Deiner Vormünderin Hilda entreißen, und wo das Geſetz iſt, da we⸗ nigſtens iſt Harold ſtark— und da wenigſtens iſt unſere Verwandt⸗ ſchaft, wenn gleich für mich ein Fluch, ſo doch für Dich ein Segen.“ „Warum, o Harold, ſagſt Du, daß unſere Verwandtſchaft Dein Fluch ſey? Es iſt ſo ſüß für mich, mir ſelber zuzuflüſtern: Harold iſt, wenn auch nur in fernem Grade, von Deinem Stamme, und ſo iſt es natürlich, daß Du auf ſeinen Ruhm ſtolz biſt und auf ſeine Gegenwart Dich freueſt! Warum iſt das, was mir ſo ſüß, für Dich ſo bitter?“ „Weil ich,“ fuhr Harold fort, indem er ihre Hand fahren ließ, 175 und ſeine Arme in tiefer Muthloſigkeit kreuzte,„weil ich ohne dieſe Verwandtſchaft ſagen würde: Editha, ich liebe Dich mehr als ein Bruder— Cditha, ſey Du Harolds Gattin! Und wollte ich ſo ſprechen, und wollten wir uns verbinden— alle Prieſter der Sachſen würden vor Entſetzen die Hände aufheben und unſere Ehe verfluchen, und ich wäre der Geächtete jenes Geſpenſtes der Kirche; und mein Haus würde erzittern bis auf den Grund, und mein Vater, meine Brüder, die Thane und Edlen, die Aebte und Prälaten, deren Hülfe unſere Stärke ausmacht, würden ſich um mich verſammeln mit Dro⸗ hungen und Bitten, auf daß ich Dich aufgebe. Ebenſo mächtig wie t, ich jetzt bin, war auch Sweyn, mein Bruder; und geächtet wie Sweyn jetzt iſt, würde Harold werden, und wäre Harold geächtet— welche Bruſt, ſo breit wie die ſeine, könnte die Lücke in Englands Verthei⸗ ch digung ausfüllen? Und die Leidenſchaften, die ich bezähme wie der Reiter ſein Roß, würden mir den Zügel entreißen, und ſtark in mei⸗ nem Rechte und edel von Natur würde ich mit Banner und Waffen gegen Kirche, Haus und Vaterland ausziehen; und das Blut meiner Landsleute würde wie Waſſer vergoſſen— und darum darf Harold, ein Sklave der lügneriſchen Knechtſchaft, die er verachtet, darum darf er nicht ſprechen zu dem Mädchen ſeiner Liebe: gib mir Deine Rechte r und ſey meine Braut!“ t Editha hatte ihm voll Beſtürzung und in Verzweiflung zugehört; t ihre Augen waren auf die ſeinen geheftet, ihr Geſicht ſtreng und ver⸗ ſchloſſen, als ob es zu Stein geworden wäre. Als er aber ſchwieg und einige Schritte von ihr wegtretend ſein männliches Geſicht ab⸗ 3 wendete, damit Editha ſeine Seelenangſt nicht gewahre, da ſchwang ſich der edle, erhabene Geiſt ihres Geſchlechts, der immer, wenn er am demüthigſten, das Hohe am beſten begreift, über Liebe und Gram zugleich empor, und ſie ſtand auf, legte ihr Händchen auf ſeine ſtahl⸗ feſte Schulter und ſprach halb mitleidig, halb in Ehrfurcht: „Nie zuvor, o Harold, war ich ſo ſtolz auf Dich, denn Editha könnte Dich nicht lieben, wie ſie es thut und bis zum Grabe thun wird, 176 wenn Du England nicht mehr als Deine Editha liebteſt. Harold, bis zu dieſer Stunde war ich ein Kind, das ſein eigenes Herz nicht kannte; ich ſchaue nun in dieſes Herz und ſehe, daß ich ein Weib bin. Harold, das Kloſter hat jetzt keine Schrecken für mich, und das ganze Leben ängſtigt mich nicht— nein, es erhebt mich nur zu dem einen Wunſche— daß ich würdig ſeyn möge, für Dich zu beten.“ „Mädchen, Mädchen!“ rief Harold plötzlich bleich wie der Tod —„ſage nicht, Du habeſt keine Furcht vor dem Kloſter. Ich beſchwöre, ich gebiete Dir, baue nicht zwiſchen uns dieſe gräßliche, unzerſtörbare Mauer. So lange Du frei biſt, lebt noch die Hoffnung— ein Phan⸗ tom vielleicht, aber doch Hoffnung!“ „Wie Du willſt, ſo will auch ich,“ erwiederte Editha demüthig; „ordne mein Schickſal, wie es Dir am beſten gefällt.“ Und nicht länger ſich ſelbſt vertrauend, denn ſie fühlte, wie ihr die Thränen in die Augen drangen, wandte ſie ſich haſtig um, und ließ ihn allein neben dem Altar und dem Grabmal. Achtzehntes Kapitel. Als Harold am nächſten Tage den Pallaſt von Weſtminſter in der Abſicht, des Königs Gemahlin aufzuſuchen, betrat, begegnete ihm ſein Vater auf einem der Gänge und nahm ihn ernſthaft bei der Hand. „Mein Sohn,“ hub er an,„ich habe viel auf dem Herzen, was Dich und unſer Haus betrifft. Komm mit mir.“ „Mit Eurer Erlaubniß komme ich ſpäter,“ verſetzte der Earl, „denn ich muß nothwendig meine Schweſter ſehen, noch ehe Beicht⸗ vater, Mönch oder Schullehrer ihre Stunden in Anſpruch nehmen!“ „ Nicht ſo, Harold,“ erwiederte der Earl kurzweg.„Meine Tochter iſt jetzt in ihrem Betzimmer und wir werden Zeit genug haben, um weltliche Dinge zu verhandeln, ehe ſie Dich empfangen und Dir von geiſtlichen Sachen, wie dem letzten Wunder des heiligen Alban, 177 oder dem letzten Traume des Königs vorpredigen kann, der ein großer gewaltiger Mann ſeyn würde, wenn er im Wachen ebenſo raſtlos wie im Schlafe wäre.— Komm!“ Ohne in ſeinem kindlichen Gehorſam, der wie natürlich zu ſeinem antiken Charakter gehörte, einen weiteren Verſuch zum Entkommen zu machen, folgte Harold ſeufzend in eines der anſtoßenden Zimmer. „Harold,“ begann dort Earl Godwin, nachdem er die Thüre ſorg⸗ fältig verſchloſſen hatte,„Du darfſt Dich vom König nicht länger in müſſigen Tändeleien zurückhalten laſſen: Deine Graffchaft verlangt Dich ohne Aufſchub. Du weißt, daß dieſe Oſtangeln, wie wir Sachſen ſie noch immer nennen, eigentlich meiſt aus Dänen und Normännern beſtehen — einem trotzigen freien und eiferſüchtigen Volke, das mehr mit den Normannen als mit den Sachſen verwandt iſt. Meine ganze Macht in England hat ſich nicht minder auf meine gemeinſame Geburt mit dem freien Volk von Weſſer— Sachſen gleich mir ſelbſt und darum für mich, den Sachſen, um ſo leichter zu beherrſchen— als beſonders auf die Gewalt gegründet, die ich mir von jeher durch Waffen wie durch friedliche Künſte über die Dänen im Reiche zu ſichern ſuchte, und Dir, Harold, als dem natürlichen Erben meiner Groͤße, ſage ich war⸗ nend, daß wer die ſtarren Herzen der Anglodänen nicht zu beherrſchen vermag, das Geſchlecht von Godwin nimmermehr in der Stellung, die es ſich im Vordertreffen des ſächſiſchen Englands errungen, behaupten wird.“ „Das weiß ich wohl, mein Vater,“ gab Harold zur Antwort, „und ich ſehe mit Freuden, daß dieſe Ankömmlinge von Helden und Freien, während ſie ſich unauflöslich mit den milderen Sachſen vermiſchen, mit ihren freieren Geſetzen und kühneren Sitten allmälig unſere eigenen erſetzen oder vielmehr regeneriren.“ Godwin lächelte beifällig; dann aber wurde ſeine Stirne ernſt, und die dunkle Pupille ſeines blauen Auges erweiterte ſich indem er fortfuhr: „Ganz recht, mein Sohn: haſt Du aber auch bedacht, daß während Bulwer, Harold. 12 178 Du unter geſpenſtigen Mönchskutten in dieſen Hallen zögerſt, Siward unſer Haus mit ſeinem Ruhme verdunkelt und das ganze Land nördlich vom Humber mit ſeinem Namen erfüllt? Haſt Du bedacht, daß ganz Mercia in den Händen unſeres Nebenbuhlers Leofrie iſt, und daß Al⸗ gar ſein Sohn, der während meiner Abweſenheit Weſſer beherrſchte, dort einen ſo beliebten Namen hinterließ, daß, wäre ich ein Jahr länger ausgeblieben, der allgemeine Ruf für Algar' und nicht für Godwin erklungen wäre?— denn ſo iſt die Menge von jeher! Nun hilf mir, Harold, denn meine Seele iſt gedrückt und ich kann nicht allein arbei⸗ ten; wenn ich es auch nicht vor Anderen ſage— mein Herz erhielt einen tödtlichen Schlag, als meine blutigen Thränen auf die Stirne Sweyns meines Erſtgebornen rannen.“ Der alte Mann ſchwieg und ſeine Lippe zitterte. „Du, Du allein, Harold, edler Junge, Du allein ſtandeſt neben ihm in der Halle; allein, allein und ich ſegnete Dich in jener Stunde vor allen meinen Sohnen. Ja, ja! doch jetzt wieder zu irdiſchen Ge⸗ ſchäften! Hilf mir, Harold! ich öffne Dir mein Gewebe: vollende es, wenn dieſe Hand erkaltet iſt. Der neue Baum, der allein in der Ebene ſteht, wird vom Winter getödtet; aber rings vom Forſte eingefaßt, wird ſeine Jugend von den Genoſſen geſchützt. Ebenſo geht es mit einem neubegründeten Hauſe— es muß erſt durch die Bundesgenoſſen, die es umt ſeinen ſchwachen Stamm anſetzt, Stärke gewinnen. Was wäre aus Godwin, dem Sohne Wolnoths, geworden, hätte er nicht in das königliche Haus des großen Canuts geheirathet?† Das iſt's gerade, was jetzt meinen Söhnen ein Recht auf die loyale Liebe der Dänen verleiht. Der Thron ging für Canut und ſein Geſchlecht verloren und die Sachſen kamen wieder an die Reihe; wie Jephtha einſt ſeine Tochter, ſo gab ich meine blühende Editha in das kalte Bett des ſaͤch⸗ ſiſchen Koͤnigs. Wären Kinder aus dieſer Ehe entſprungen, ſo käme Godwins Enkel, aus ſächſiſchem wie aus däniſchem⸗Königsblute her⸗ vorgegangen, auf den Thron dieſer Inſel. Das Schickſal ordnete es * Tegner's Fridiofsſage. ☛ 3 Q— 8 Sͤ G——-& eAͤSS 2 179 anders, und die Spinne muß ihr Gewebe von Neuem beginnen. Dein Bruder Toſtig hat durch ſeine Heirath mit der Tochter des Grafen Balduin unſerm Geſchlechte mehr Glanz als ſolide Stärke gebracht: der Ausländer hilft uns wenig in England: Du o Harold, mußt un⸗ ſerm Hauſe neue Stützen geben, und ich möchte Dich lieber mit dem Kinde eines unſerer großen Nebenbuhler als mit der Tochter von Kai⸗ ſern oder ausländiſchen Königen vermählt ſehen. Siward hat über keine Tochter mehr zu verfügen: Algar dagegen, Leofriec's Sohn, hat eine Tochter, die Schönſte der Schönen; mache ſie zu Deiner Braut, damit Algar aufhört, unſer Feind zu ſeyn. Dieſe Verbindung wird Mercia unſeren Fürſtenthümern unterwerfen, wie der Stärkere immer den Schwächeren verſchlingt— ſie thut noch mehr: Algar hat ſich in das Königshaus von Wales“ vermählt; Du wirſt alſo all dieſe wilden Stämme auf Deine Seite bringen, ihre Macht wird Dir die Marſchen gewinnen, welche Rolf der Normanne ſo ſchwach behauptet, und in Fällen plötzlichen Umſchlagens oder Fährniſſes werden ihre Berge Dir immer eine Zuflucht vor allen Feinden gewähren. Algar ſagte mir dieſer Tage, als ich ihn begrüßte, er gedenke ſeine Tochter an Gryffyth, den rebelliſchen Unterkönig zu verheirathen. Darum mußt Du zeitig mit ihm reden und in einem Athem werben und gewinnen,“ fuhr der alte Earl lächelnd fort,„was für Harold mit der goldenen Zunge keine ſchwere Aufgabe ſeyn dürfte.“ „Herr und Vater,“ erwiederte der junge Earl, der durch die lange Rede auf dieſen Schluß vorbereitet war, und vermöge ſeiner gewohn⸗ ten Selbſtbeherrſchung ſeine Aufregung zu verbergen vermochte,„ich bin Euch pflichtmäßig dankbar für Eure Sorge wegen meiner Zukunft und hoffe aus Eurer Weisheit Nutzen zu ziehen. Ich will den König⸗ * Einige Chroniſten erzählen, er habe die Tochter Gryffyths, des Königs von Nordwales, geheirathet; allein Gryffyth hatte unläugbar eine Tochter Algars zur Frau und eine ſolche Doppelehe konnte doch nicht geduldet werden. Es war alſo vermuthlich eine entferntere Verwandte Gryffyths, welche Algar zum Weibe nahm. 12* 2 180 um Urlaub bitten, um zu meinen Oſtangeln zu gehen, und dort Volks⸗ verſammlungen zu halten, Recht zu ſprechen und Beſchwerden zu he⸗ ben und Than wie Ceorl mit Harold dem Earl zufrieden zu machen. Aber vergeblich iſt der Friede im Reich, wenn Streit in dem Hauſe — Aldytha, die Tochter Algars, kann nie meine Hausfrau werden.“ „Warum?“ fragte der alte Earl ruhig, indem er ſeinen Sohn mit jenen ſo klaren aber ſo unergründlichen Augen betrachtete. „Weil ſie mir bei all ihrer Schönheit nicht gefällt und mein Herz nie erwärmen könnte; weil Algar und ich, wie Du wohl weißt, im Felde wie im Rathe von jeher Gegner waren, und ich nicht der Mann bin, der ſeine Liebe verkaufen kann, wenn ich auch meinen Aerger zurück⸗ zudrängen vermag. Earl Harold bedarf keiner Braut, um im Noth⸗ falle Bewaffnete um ſich zu verſammeln, und ſeine Herrſchaft will er mit dem Schilde des Mannes, nicht aber mit der Spindel des Weibes beſchützen.“ „Das haſt Du im Trotz und Irrthum geſprochen“, erwiederte der alte Earl kalt.„Nur wenig Mühe hätte es Dich gekoſtet, Algar die früheren Händel zu vergeben und ſeine Hand als die eines Schwieger⸗ vaters zu ergreifen, wenn Du für ſeine Tochter empfunden hätteſt, was die Großen nur als eine Thorheit betrachten dürfen.“ „Iſt Liebe eine Thorheit, mein Vater?“ „Allerdings,“ verſetzte der Earl nicht ohne Trauer—„für Die⸗ jenigen allerdings, welche wiſſen, daß das Leben aus Sorgen und Ge⸗ ſchäften beſteht, daß es in lange Jahre ausgeſponnen wird, die ſich nicht nach den Freuden einer Stunde zählen laſſen. Glaubſt Du, ich habe mein erſtes Weib, die ſtolze Schweſter Canuts geliebt?— Glaubſt Du, Deine Schweſter Editha habe Edward geliebt, als er die Krone auf ihr Haupt ſetzte?“ „In Editha meiner Schweſter hat unſer Haus ſelbſtſüchtiger Ge⸗ walt genug geopfert, mein Vater.“ „Selbſtſuchtiger Gewalt— das geb' ich zu,“ verſetzte der beredte Greis,„aber nicht genug für Englands Sicherheit. Bedenke Dir's, 181 Harold: Deine Jahre, Dein Ruhm und Deine Stellung erheben Dich frei über jede Kontrole des Vaters; aber nicht eher, als bis Du im Grabtuche ſchlummerſt, wirſt Du Deines zweiten Vaters— des Ge⸗ burtslandes— ledig ſeyn! Erwäge dieß in Deinem eigenen weiſen Geiſte— weiſer bereits als der, welcher unter der Laſt ſeiner grauen Haare zu Dir ſpricht. Erwäge es wohl und frage Dich ſelbſt, ob Deine Macht nach meinem Tode zum Wohle Englands nicht noth⸗ wendig iſt, und ob alles, was Deine Plane erſinnen mögen, Deine Ge⸗ walt ſo ſtärken wird, daß Du im Herzen des Königreichs ein Heer von Freunden wie dort in Mercia findeſt, oder ob es für Deine Größe eine Schranke, eine Mauer auf Deinem Pfade oder einen Dorn in Deiner Seite gäbe, ähnlich dem Haſſe oder der Eiferſucht Algars, des Sohnes von Leofric.“ Bei dieſen Worten begann ſich Harolds Geſicht, zuvor ſo ruhig und heiter, zu überziehen, denn er empfand die Stärke von ſeines Va⸗ ters Worten, wenn dieſer ſich an ſeinen Verſtand und nicht an ſeine Neigungen richtete. Der alte Mann ſah den Vortheil, den er erlangt hatte und unterließ es klugerweiſe, ihn weiter zu verfolgen, ſondern er⸗ hob ſich, indem er die ſchleppende mit Pelz verbrämte Gonna um ſich ſchlang und bemerkte erſt als er die Thüre erreichte: „Das Alter ſieht in die Ferne; es ſteht auf der Höhe der Erfah⸗ rung wie ein Wächter auf der Zinne des Thurmes, und ich ſage Dir, Harold, wenn Du dieſe goldene Gelegenheit entſchlüpfen läßt, ſo wirſt Du die verlorene Stunde noch manche lange Jahre zu bereuen haben. Wenn nicht Mercia als Mittelpunkt des Königreichs mit Deiner Macht verknüpft iſt, ſo wirſt Du zwar immer hoch genug— aber Du wirſt an dem Rand eines Abgrundes ſtehen, und wenn Du, wie ich vermuthe, eine Andere liebſt, die jetzt Deinen hellen Blick umwölkt, und dann Deinen Ehrgeiz hemmen wird, ſo wirſt Du entweder ihr Herz durch Deine Treuloſigkeit brechen oder Dein eigenes wird ſich in Reue ver⸗ zehren. Liebe ſtirbt im Beſitze— der Ehrgeiz kennt keine Befriedigung und darum lebt er ewig.“ — ——— „Dieſen Ehrgeiz beſitze ich nicht, mein Vater,“ rief Harold in vollem Ernſte;„ich kenne nicht dieſe Liebe zur Macht, die an Dir ſo⸗ gar in ihren Extremen ſo ruhmwürdig iſt. Ich habe nicht Deine—“ „Siebzig Jahre!“ fiel der alte Mann den Satz ergänzend ein. „Mit den Siebzigen werden alle Männer, welche groß geweſen, ſo wie ich ſprechen— und ſie alle haben auch die Liebe gekannt! Du nicht ehrgeizig, Harold! Du kennſt Dich ſelber nicht, noch weißt Du, was Ehrgeiz⸗ iſt. Das, was ich in weiter Ferne als Dein natürliches Ziel vor mir ſehe, darf ich und will ich nicht ſagen; wenn die Zeit dieſes Ziel in den Bereich Deines Speeres bringt, dann erſt ſage: iich bin nicht ehrgeizig!’ Bedenke Dich und entſcheide.“ Und Harold bedachte ſich lange, und entſchied nicht wie Godwin es wünſchen mochte, denn er hatte nicht die ſiebzig Jahre ſeines Va⸗ ters und jenes Ziel lag noch in den Eingeweiden der Berge, wo aber die Zwerge und Gnomen das Gold bereits in Geſtalt einer Krone ver⸗ arbeiteten. Neunzehntes Kapitel. Waͤhrend Harold über ſeines Vaters Worte nachſann, ſaß Editha auf einem niedern Stuhle neben der Herrin von England und horchte mit ernſter aber trauriger Ehrfurcht auf ihre königliche Namens⸗ ſchweſter. Das Kloſett der Königin“ ging wie das des Königs auf der ei⸗ nen Seite in ein Oratorium, auf der andern in ein geräumiges Vor⸗ zimmer. Der untere Theil der Wände war mit Tapeten bedeckt, welche für eine Niſche mit dem Bilde der Jungfrau noch Raum übrig ließen. Neben der Thüre des Betzimmers hing das Aspersorium(Weihkeſſel) * Der Titel Königin iſt hier beibehalten, da unſere Hiſtoriker ihn ohne Bedenken den Gemahlinnen unſerer ſächſiſchen Könige geben; die genaue und damals übliche Bezeichnung für Edwards königliche Gattin wäre—„Editha, die Lady.“ 10 BN. ☛— ———,— —— ———.—„ 183 und in beiden Zimmern ſtanden in verſchiedenen Kiſten und Schränken allerhand Käſtchen mit heiligen Reliquien. Das Purpurlicht des ſchma⸗ len, hohen, bemalten Fenſters, das ſich in der Form des ſächſiſchen Bogens wölbte, ſtrömte reich und voll gleich einer Glorie über das ge⸗ beugte Haupt der Königin und färbte ihre bleichen Wangen mit mäd⸗ chenhaftem Erröthen, ſo daß ſie ein ſchönes Modell für eine heilige Maria gegeben hätte, nicht als jugendliche Mutter mit dem göttlichen Kind auf den Armen, ſondern nachdem der Kummer ſogar ihren unbe⸗ fleckten Buſen erreicht, und der Stein das heilige Grab verſchloſſen hatte. Ihr Antlitz war nämlich immer noch ſchön und über alle Be⸗ ſchreibung mild, allein auch unbeſchreiblich traurig in ſeiner zarten Re⸗ ſignation. Und ſo ſprach die Koͤnigin zu ihrem Pathenkinde: „Warum zögerſt Du und wendeſt Dich ab? Glaubſt Du, armes Kind, in Deiner Unerfahrenheit, die Welt könne Dirje einen größern Se⸗ gen als die Ruhe des Kloſters gewähren? Frage Dich nur ſelbſt, ſo jung Du auch biſt, ob nicht alles wahre Glück, das Du kennen gelernt haſt, nur auf Hoffnung ſich beſchränkte. So lange Du hoffeſt, biſt Du glücklich.“ Editha ſeufzte tief und bewegte ihr jugendliches Haupt in unwill⸗ kürlicher Beiſtimmung. „Und was iſt das Leben für die Nonne anders denn Hoffnung? In der Hoffnung weiß ſie nichts von der Gegenwart— ſie lebt in der Zukunft und hört fortwährend den Chor der Engel ſingen, wie St. Dunſtan ſie bei Edgars“ Geburt vernahm. Dieſe Hoffnung entfaltet ihr das Heiligthum der Zukunft: der Erde ihren Leib, dem Himmel ihre Seele!“ „Und ihr Herz, o Herrin von England 2“ rief Editha in tiefer Seelenangſt. Die Königin ſchwieg eine Weile und legte dann ihre bleiche Hand freundlich auf Editha's Buſen. „ Ethel. de Gen. Reg. Ang. 184 „Nicht pochend, Kind, wie jetzt das Deine in eitlen Gedanken und weltlichen Wünſchen, ſondern ruhig wie das Meine. Es liegt in un⸗ ſerer Macht,“ fuhr die Königin nach ab. rmaliger Pauſe fort,„es liegt in unſerer Macht, das Leben in uns ganz geiſtig zu geſtalten, ſo daß es kein Herz gibt, oder es wir wenigſtens nicht ſpüren, daß Kum⸗ mer und Freude keine Gewalt über uns haben, ſondern daß wir gefaßt auf die ſtürmiſche Erde blicken, wie jenes Bild der Jungfrau, die wir uns zum Muſtex nehmen, aus der ſchweigenden Niſche herabſchaut. Höre mich, Liebling und Pathe.— Ich habe menſchliche Pracht und menſchliche Erniedrigung kennen gelernt. In dieſen Hallen erwachte ich als Herrin von England und noch vor Abend verbannte mich mein Herr ohne ein Zeichen der Ehre, ohne ein Wort des Troſtes in das Kloſter von Wherwell— mein Vater, meine Mutter, meine Verwand⸗ ten— Alle im Erxil und meine Thränen ſtrömten für ſie, aber nicht auf den Buſen eines Gatten.“ „Ach damals, edle Editha,“ rief das Mädchen bei der Erinnerung an die Kränkung ihrer Königin vor Unwillen erröthend—„ach damals hat ſich Dein Herz gewiß vernehmbar gemacht.“ „Vernehmbar— ja wahrlich,“ ſagte die Königin aufſchauend und ihr die Hand drückend;„vernehmbar wohl— aber meine Seele hat es zurückgewieſen, denn die Seele ſagte: geſegnet ſind die Leid⸗ tragenden, und ich freute mich der neuen Prüfung, die mich ihm, der ſeine Lieben züchtigt, näher brachte.“ „Aber Deine verbannte Familie, jene Weiſen und Tapfern, die einſt den Herrn auf den Thron ſetzten?“ „War es nicht ein Troſt zu denken,“ gab die Königin beſcheiden zur Antwort,„daß in dem Hauſe Gottes meine Gebete für ſie eher als in den königlichen Hallen erhört würden? Ja, mein Kind, ich habe die Ehre wie die Ungnade der Welt kennen gelernt und habe mein Herz gewöhnt, in beiden Fällen ruhig zu bleiben.“ „Ach Du beſitzeſt mehr als Menſchenſtärke, Königin und Heilige!“ rief Editha,„und ich habe von Dir ſagen hören, ſo wie Du jetzt biſt, — 185 ſeyeſt Du von den früheſten Jahren an geweſen, immer die Süße, die Ruhige, die Heilige— ſtets weniger auf der Erde als im Himmel!“ Im Auge der Königin, als ſie es bei dieſem Ausbruche der Be⸗ geiſterung auf Editha richtete, lag etwas, was ihrem ſonſt ganz ver⸗ ſchiedenen Geſichte einen Augenblick lang große Aehnlichkeit mit ihrem Vater verlieh; in dem großen Augapfel leuchtete etwas von der un⸗ durchdringlich unerforſchlichen Tiefe einer verſchloſſenen und in ihrer Selbſtbeherrſchung geheimnißvollen Natur. Ein ſchärferer Beobachter als Editha hätte ſich wohl längſt bei dieſem Blicke gewundert, ob nicht wirklich unter der erhabenen Geiſtesruhe das Myſterium menſchlicher Leidenſchaft laure. „Mein Kind,“ verſetzte die Königin mit kaum bemerkbarem Lächeln, Editha an ſich ziehend,„es gibt Augenblicke, wo Alle, welche die Luft des Lebens athmen, gleichmäßig fühlen oder gefühlt haben. In meiner eiteln Jugend habe ich geleſen, geſonnen und erwogen— aber nur über welt⸗ liche Dinge, ſo daß was die Männer die Heiligkeit der Jugend nann⸗ ten, vielleicht blos das Stillſchweigen des Gedankens war. Jetzt habe ich all jene frühen kindiſchen Träume und Schatten bei Seite gelegt, ohne länger an ſie zu denken, wenn nicht etwa“(hier wurde ihr Lä⸗ cheln bemerkbarer)„um einen armen Schulknaben mit den Räth⸗ ſeln und Knoten der Grammatik zu necken*. Aber nicht um von mir ſelbſt zu reden, habe ich Dich rufen laſſen, Editha, denn aber⸗ und abermals bitte ich Dich feierlich und aufrichtig, den Wünſchen meines Herrn und Königs zu gehorchen. Und jetzt während Du noch in der vollen Blüthe des Gedankens wie der Jugend biſt, während Du noch kein anderes Gedächtniß als das des Kindes haſt, trete Du ein in das Reich des Friedens!“ „Ich kann, ich darf nicht, ich kann nicht— ach fragt mich nicht,“ rief die arme Editha, ihr Geſicht mit den Händen bedeckend. Dieſe Hände zog die Königin ſanft zurück und ſchaute feſt in das wechſelnde halb abgewendete Antlitz. * Ingulfus. .. ₰ 186 „Steht es ſo, mein Kind?“ fragte ſie traurig:„iſt Dein Herz auf die Hoffnungen der Erde, ſind Deine Träume auf die Liebe des Man⸗ nes gerichtet?“ „Nein,“ gab Editha ausweichend zur Antwort;„aber ich habe verſprochen, nicht den Schleier zu nehmen.“ „Haſt Du's Hilda verſprochen?“ „Hilda,“ rief Editha raſch,„würde nie einwilligen. Du kennſt ihre ſtarre Natur, ihren Widerwillen gegen— gegen—“ „Die Geſetze unſerer heiligen Kirche.— Ja, ich weiß es, und aus dieſem Grunde hauptſächlich vereinige ich mich mit dem Könige in dem Beſtreben, Dich von ihrem Einfluſſe abzuziehen. Oder iſt es nicht Hilda, der Du es verſprachſt?“ Editha ſenkte das Köpfchen. „Iſt es Weib oder Mann?“ Aber ehe noch Editha antworten konnte, ging die Thüre des Vor⸗ zimmers leiſe auf und ohne die gewöhnliche Ceremonie trat Harold ein. Sein raſcher ruhiger Blick überſchaute beide Geſtalten und beugte Edithens erſten Impuls, womit ſie gerne aufgeſprungen und ihm als ihrem Beſchützer voll Freude entgegengeeilt wäre. „Schönen Tag Dir, meine Schweſter,“ ſagte der Earl ſich nä⸗ hernd;„Verzeihung, wenn ich Deine Muße ſo rauh unterbrach, denn ſelten ſind die Augenblicke, welche Bettler und Benediktiner Dir zum Empfange Deines Bruders übrig laſſen.“ „Machſt Du mir Vorwürfe, Harold?“ „Verhüte der Himmel!“ erwiederte der Earl herzlich, und mit einem Blicke des Mitleids und der Bewunderung;„an dieſem Hofe von Heuchlern gehörſt Du unter die wenigen wahren und aufrichtigen Herzen und es gefällt Dir, der göttlichen Macht auf Deine Weiſe zu dienen, wie es mir beliebt, Ihm nach meiner Art zu huldigen.“ „Nach Deiner— Harold?“ erwiederte die Königin kopfſchüttelnd, aber mit einem Ausdrucke menſchlichen Stolzes und menſchlicher Zärt⸗ lichkeit in ihrem Geſichte. auf kan⸗ habe unſt und nige t es Vor⸗ ein. ugte als na⸗ denn zum mit dofe gen zu Ind, ärt⸗ „Nach meiner Art, wie ich es noch ganz jung von Dir erlernte, Editha, als Du mich zum erſten Male von Jagd und Zeitvertreib zu den Studien verlockteſt, in denen Du mir vorangegangen warſt. Von Dir lernte ich über die Thaten der Griechen und Römer erglühen, in⸗ dem ich mir ſagte: ſie lebten und ſtarben als Männer, und wie ſie will ich leben und ſterben!“ „Ach wahr— nur zu wahr!“ rief die Königin ſeufzend,„und ich verdiene einen ſchweren Tadel, daß ich einen Geiſt, der ſich ſonſt wohl heiligere Beiſpiele genommen hätte, ſo ganz zur Erde verkehrte. Nein, lächle nicht ſo übermüthig, mein Bruder, denn glaube mir— ja glaube mir— es iſt mehr ächter Werth in dem Leben eines geduldigen Märty⸗ rers, als in den Siegen eines Cäſar oder in der Niederlage eines Brutus.“ „Mag ſeyn,“ erwiederte der Earl;„aber aus der ſtarken Eiche ſchnitzen wir den Speer und das Kreuz, und wer nicht würdig iſt, das eine zu halten, mag doch ohne Schuld den andern ſchwingen. Jeder folge ſeinem Lebenspfade— den meinen habe ich mir gewählt.— Aber was haſt Du mit Deinem ſchönen Pathenkinde geſprochen,“ fuhr er mit plötzlich veränderter Stimme fort,„daß ihre Wange bleich und ihre Augenlieder ſo ſchwer ſcheinen? Editha, Editha, meine Schwe⸗ ſter, hüte Dich, das Loos des Märtyrers ohne den Frieden des Heili⸗ gen über ſie zu verhängen. Wäre Algive, die Nonne, mit unſerem Bruder Sweyn verheirathet worden— er wandelte jetzt nicht einſam und barfuß, um die Trümmer eines verödeten Lebens am heiligen Grabe niederzulegen.“ „Harold, Harold!“ ſtammelte die Königin, von ſeinen Worten tief betroffen. „Bedenke,“ fuhr der Earl fort— und etwas von dem Pathos tiefer Erregung zitterte in ſeiner beredten Stimme, welche zu rühren und zu befehlen gewohnt war—„wir ſammeln nicht die grünen Blätter für unſere Weihnachtsbäume, wir nehmen ſie erſt, wenn ſie dürr und trocken ſind. Laß die Jugend auf den Zweigen, laß den Vogel ihr vorſingen— laß ſie frei in des Himmels Lüften ſpielen. Rauch dringt aus dem 188 Aſte, der im Safte geſchnitten ins Feuer geworfen wird, und Reue aus dem Herzen, das von der Welt getrennt iſt, während dieſe in ihrem Maien vor ihm ſteht.“ Die Königin ging langſam aber in offenbarer Aufregung im Zim⸗ mer auf und nieder und ihre Hände umfaßten krampfhaft den Roſen⸗ kranz an ihrem Halſe. Nach einer Pauſe des Nachdenkens winkte ſie Edithen und deutete auf das Betzimmer, indem ſie mit erzwungener Ruhe ſagte: „Dort trete ein und kniee nieder; verkehre mit Dir ſelbſt und ſey ſtill. Flehe um ein Zeichen von Oben— bitte um die Gnade von Innen. Geh— ich will allein mit Harold reden.“ Ihre Arme ſanft über den Buſen kreuzend ging Editha in das Betzimmer. Die Königin bewachte ſie einige Augenblicke zärtlich, während die leichte kindliche Geſtalt ſich vor dem heiligen Symbole beugte. Dann zog ſie ſachte die Thüre zu und näherte ſich Harold mit raſchem Tritte, indem ſie ihn leiſe aber mit klarer Stimme fragte: „Liebſt Du das Mädchen?“ „Schweſter,“ gab der Earl traurig zur Antwort,„ich liebe ſie, wie der Mann das Weib lieben ſoll— mehr als mein Leben, aber weniger als die Zwecke, wofür man lebt.“ „O Welt, Welt, Welt!“ rief die Königin leidenſchaftlich,„nicht einmal deinen eigenen Gegenſtänden biſt du getreu. O Welt, o Welt! du verlangſt Glück hienieden, und bei jedem Schritte, bei jeder Eitel⸗ keit trittſt du das Glück mit Füßen! Ja, ja; mir ſagte man: um unſerer Größe willen ſollſt du König Edward heirathen.“ Und ich lebe vor den Augen, die mich haſſen, und— und—“ hier ſchwieg die Kö⸗ nigin plötzlich wie von ihrem Gewiſſen betroffen, küßte demüthig die Reliquie an ihrem Roſenkranz und ſprach dann mit einer Ruhe, daß es ſchien, als ob zwei Weſen in das eine verſchmolzen wären, ſo be⸗ fremdend war der Kontraſt:„und ich habe meinen Lohn gehabt, aber nicht von der Welt!— Und ſo, Earl Harold, Du eines Earls Sohn, Du liebſt jenes ſchöne Kind und ſie liebt Dich: ihr könntet glücklich 189 ſeyn, wenn das Glück das Ziel der Erde wäre; aber wiewohl hochge⸗ boren und mit ſchönem zeitlichem Beſitze geſegnet, bringt ſie Dir doch nicht genug Ländereien zur Ausſtattung, nicht Haufen von Verwandten zur Vermehrung Deiner Vaſallen und iſt kein Markſtein auf Deinem Wege zum Ehrgeiz, und ſo liebſt Du ſie, wie der Mann das Weib liebt— weniger als die Zwecke, wofür man lebt!“ „Schweſter,“ erwiederte Harold,„Du ſprichſt, wie ich Dich gern reden höre— wie meine hellaugige, roſenlippige Schweſter in früheren Tagen geſprochen: Du ſprichſt wie ein warmherziges Weib und nicht wie die Mumie im ſteifen Grabtuche prieſterlicher Formen. Wenn Du mit mir biſt und mir Deinen Beiſtand leihen willſt, ſo will ich Deine Pathe heirathen, und ſie vor Hilda's düſterem Aberglauben wie vor dem Grabe des verabſcheuten Kloſters retten.“ „Aber mein Vater— mein Vater!“ rief die Königin;„wer hat jemals dieſen ſtählernen Geiſt gebeugt?“ „Es iſt nicht der Vater, den ich fürchte, ſondern Du und Deine Mönche. Vergiſſeſt Du, daß Editha und ich innerhalb der ſechs ver⸗ botenen Kirchengrade ſtehen?“ „Wahr, nur allzuwahr,“ ſagte die Königin mit einem Blicke tie⸗ fen Schreckens;„ich hatte vergeſſen. Verbanne den Gedanken! Bete — faſte— verbanne ihn, mein armer, armer Bruder;“ und ſie küßte ihn auf die Stirne. „So, da hört das Weib auf und die Mumie ſpricht wieder,“ murrte Harold in bitterem Ingrimme.„Immerhin; ich beuge mich vor meinem Schickſal. Es kann noch eine Zeit kommen, wo auf dem Throne von England die Natur über das Prieſterthum obſiegt, und zum Lohn für alle meine Dienſte will ich dann einen König, welcher Blut in ſeinen Adern hat, darum bitten, daß er mir des Pabſtes Ver⸗ zeihung und Segen gewinne. Laß mir dieſe Hoffnung, Schweſter, und laſſe Dein Pathenkind an den Küſten der lebenden Welt.“ Die Königin gab keine Antwort und Harold, aus ihrem Schwei⸗ gen Schlimmes vermuthend, öffnete die Thüre des Betzimmers. Aber 190 das Bild, das dort ſeinen Augen begegnete, jene knieende Geſtalt, die Augen unter unbeachteten Thränen ſo ernſt auf das heilige Kreuz ge⸗ heftet— ſcheuchte ſeinen Schritt zurück und hemmte ſeine Stimme. Erſt als das Mädchen ſich erhoben hatte, brach er das Stillſchweigen mit der ſanften Anrede: „Meine Schweſter will nicht länger in Dich dringen, Editha—“ „Das ſage ich nicht!“ rief die Königin. „Oder wenn ſie es thut, ſo erinnere Dich Deines Verſprechens, das Du unter dem weiten Gewölbe des blauen Himmels, dem alten aber darum nicht minder heiligen Tempel unſeres gemeinſamen Vaters beſchworen haſt!“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Zwanzigſtes Kapitel. Harold trat in das Vorzimmer der Königin. Hier war die Ver⸗ ſammlung nur klein und auserleſen, verglichen mit den Maſſen, denen wir alsbald in dem des Königs begegnen werden, denn hierher kamen vornehmlich die gebildeteren Geiſtlichen, durch die Geiſteskultur der Königin inſtinktartig angezogen. Deren waren aber in jener Zeit(viel⸗ leicht der ungelehrteſten ſeit Alfreds Tode)“ gar wenige und es fehl⸗ ten hier jene Haufen von Betrügern und Reliquienverkäufern, welche die kindliche Einfalt und unſinnige Verſchwendung des Bekenners an⸗ zog. Vier bis fünf Prieſter und Moͤnche, hie und da eine Wittwe oder Waiſe, d. h.— demuthsvoller Werth und unbeſchützte Sorge bildeten das geräuſchloſe Levée der ſüßen traurigen Königin. *„Der Klerus,“(ſagt Malmesbury)„mit ſeiner geringen Gelehrſamkeit ſich begnügend, verſtand mit knapper Noth die Worte des Sakramentes zu ſtammeln, und wer die Grammatik ſtudirt hatte, war ein Gegenſtand der Be⸗ wunderung und des Erſtaunens.“ Auch andere, gewiß unpartheiiſche Autori⸗ täten ſprechen ſich ebenſo ſtark über die vorherrſchende Unwiſſenheit damaliger Zeit aus. zue wo die die 191 Die Gruppen wendeten ſich mit geduldigen Augen nach dem Earl, als er aus dem Zimmer kam, das man nur ſelten ungetröſtet verließ, und wunderten ſich über ſeine flammenden Wangen und die Unruhe auf ſeiner Stirne. Aber Harold war den Clienten ſeiner Schweſter theuer, denn trotz ſeiner bekannten Gleichgültigkeit gegen die blos prieſterlichen Tugenden jener entarteten Zeit(wenn man ſie überhaupt ſo nennen konnte), wurde ſein Verſtand von den gelehrten Kirchen⸗ männern hochgeſchätzt und ſein Charakter als Feind jeder Ungerechtig⸗ keit und Tröſter jeden Kummers war jener hohläugigen Wittwe und der zitternden Waiſe wohl bekannt. In der Atmoſphäre dieſer ruhigen Verſammlung ſchien der Earl ſeine freundliche Stimmung wieder zu gewinnen, und er blieb ſtehen, um mit jedem der Auweſenden ein freundliches oder tröſtendes Wort zu ſprechen, ſo daß ſich die Herzen der Angeredeten bei ſeinem Ver⸗ ſchwinden erleichtert fühlten, und das bei ſeinem Eintritte entſtandene Schweigen durch manches Flüſtern zum Lobe des guten Earls unter⸗ brochen wurde. Indem Harold eine Treppe außerhalb der Mauer— wie damals ſogar in königlichen Hallen die Treppen noch vorzugsweiſe gebaut wur⸗ den— hinabſtieg, erreichte er einen weiten Hof, worin verſchiedene Hauslümmel“(wie ſie hießen) und Diener des Königs oder ſeiner Gäſte umherſchlenderten. Sobald er den Eingang des Pallaſtes er⸗ reichte, ſchlug er den Weg nach des Königs Zimmern ein, die ſich ganz in der Nähe und nicht weit von dem jetzt ſo benannten„gemalten Zimmer“(von Edard bei feierlichen Gelegenheiten als Schlafgemach benützt) befanden. Und nun betrat er das Vorzimmer ſeines königlichen Schwagers, „ Die königlichen Leibwächter— meiſt däniſchen Urſprungs. Sie ſcheinen zuerſt von Canut in dieſer Eigenſchaft formirt, oder wenigſtens verwendet worden zu ſeyn. Bei den großen Carls hatten die Leibwächter vermuthlich dieſelbe Funktion; aber in Familien von niederem Range war Hauslümmel die Benennung des Hausdieners. 192 voll gepfropft, daß es eher der Halle eines Kloſters, als dem Vorge⸗ mache eines Königs ähnlich ſah. Mönche, Pilger, Prieſter begegneten ſeinen Blicken in jedem Winkel, ſo daß der Earl hier nicht verweilen mochte, um die Künſte der Volksgunſt auch hier zu verſuchen. Erhobenen Hauptes durch die Menge wandelnd, winkte er dem Hofbeamten, der am äußerſten Ende wartete und ihn nach kurzem Geflüſter in das Ge⸗ mach des Königs führte. Die Mönche und Prieſter ſchauten auf die Thüre, welche die ſtattliche Geſtalt eingelaſſen hatte und ſagten unter⸗ einander: „Des Königs normänniſche Günſtlinge ehrten wenigſtens die Kirche.“ „Das iſt wahr,“ bemerkte ein Abt;„und wäre es mir nicht um zwei Dinge, ſo würde ich die Normannen den Sachſen vorziehen.“ „Und die wären, mein Vater?“ fragte ein junger angehender Mönch. „Inprinis,“ verſetzte der Abt, ſtolz auf das einzige lateiniſche Wort, das er zu wiſſen meinte, das jedoch, wie wir ſehen, fehlerhaft war,„die Normänner können nicht ſprechen, daß man ſie ver⸗ ſteht und neigen ſich, fürcht' ich, ſehr zu blos fleiſchlicher Gelehr⸗ ſamkeit.“ Hier ließ ſich ein heiliges Stöhnen vernehmen. „Graf William ſelbſt ſprach lateiniſch mit mir!“ fuhr der Abt mit ſtolz erhobenen Augbrauen fort. „Wirklich?— wunderbar!“ riefen mehrere Stimmen.„Und was gabt Ihr zur Antwort, heiliger Vater?“ „Ei nun,“ verſetzte der Abt feierlich,„ich erwiederte Inprinis.“ „Gut!“ ſagte der junge Mönch mit einem Blicke tiefer Bewun⸗ derung. „Worauf der gute Graf ganz verwirrt ausſah— und das hatte ich eben gewollt!— Ein abſcheulicher Fehler und ganz unerträglich für den Klerus— dieſe Liebhaberei für profane Sprachen! Das Nächſte, was ich gegen den Normannen einzuwenden habe,“ fügte der — 2— 2— —,j—r—— 193 Abt mit ſchlauem Augenwinken bei,„iſt, daß er ein verſchloſſener Menſch iſt und nichts auf ſeinen Krug hält, und doch behaupte ich, daß ein Prieſter nie mehr Einfluß auf einen Sünder hat, als wenn er dieſen zur Eröffnung ſeines Herzens zu bringen vermag.“ „Das iſt klar!“ beſtätigte ein fetter Prieſter mit glänzender Rubin⸗ naſe. „Und wie kann ein Sünder ſein ſchweres Herz öffnen, wenn man ihm nicht etwas zur Erleichterung deſſelben eingibt?“ fuhr der Abt triumphirend fort.„Ach wie manchen armen Kerl habe ich bei einer Flaſche ſtarken Ales geiſtig getröſtet und wie manches tüchtige Legat für die Kirche iſt nicht ſchon aus einem freundlichen Trinkgelage zwi⸗ ſchen dem wachſamen Hirten und ſeinem verirrten Schafe hervorge⸗ gangen!— Doch was haſt Du hier?“ redete der Abt einen Mann in der Laientracht eines Londoner Bürgers an, der eben in Begleitung eines Jünglings mit einem in feine Linnen gehüllten Koffer ins Zim⸗ mer trat. „Heiliger Vater!“ verſetzte der Bürger, ſeine Stirne wiſchend, „das iſt ein ſo großer Schatz, daß Hugolin, des Königs Schatzmeiſter, mich gewiß das ganze nächſte Jahr ſcheel anſehen wird, denn er liebt es ſehr, des Königs Gold unter ſeinen eigenen Krallen zu behalten!“ Bei dieſer unvorſichtigen Bemerkung ſah man den Abt, die Mönche und alle prieſterlichen Zuhörer einen düſtern grimmigen Ausdruck an⸗ nehmen, denn jeder hatte ſeine beſondere Plane auf den Frieden des armen Hugolin und wollte es nur ungerne dulden, ihn einem Laien als Beute heimfallen zu ſehen. „Inprinis!“ brummte der Abt, das Wort mit großer Verachtung ausſtoßend,„meinſt Du, Sohn des Mammon, unſer guter König hänge ſein frommes Herz an Spielereien, an Gemmen und derlei Eitelkeiten? Du ſollteſt Deine Schätze bei Graf Balduin von Flan⸗ dern oder bei Toſtig, des ſtolzen Earls ſtolzem Sohne, anbringen.“ „Meiner Treu!“ meinte der Krämer lächelnd,„mein Schatz würde bei Balduin dem Spötter oder bei dem eitlen Toſtig nur ſehr Bulwer, Harold. 13 19⁴4 geringe Preiſe finden! Ihr braucht mich gar nicht ſo finſter anzuſehen, meine Väter; Ihr ſolltet eher mit einander wetteifern, wer dieſes Wunder aller Wunder für ſein eigenes Kloſter gewinnen wird, denn wiſſet, es iſt der rechte Daumen des heiligen Judas, den ein würdiger Mann zu Rom um 3000 Pf. Silber für mich ankaufte, und ich ver⸗ lange für meine Mühen und Auslagen nur 500 Pf. Proſit.* „Hm!“ verſetzte der Abt. „Hm!“ wiederholte der angehende Mönch, während die Uebrigen ſich neugierig um das Linnentuch drängten. Da ließ ſich aber ein wilder Ausruf des Zorns und der Verach⸗ tung vernehmen. Alle drehten ſich um und ſahen einen hohen, trotzig blickenden Than, der wie ein Falke in einem Krähenneſte unter dieſer Gruppe eingefallen war. „Willſt Du damit ſagen, Du Schurke,“ donnerte der Than in einem Dialekte, der ihn an dem lauten Schnarren, wie es noch jetzt im Norden gehört wird, als Dänen von Geburt erkennen ließ—„willſt Du damit ſagen, der König werde ſein Gold an ſolche Narrheiten verſchwenden, während die von Canut am Ausfluſſe des Humbers er⸗ baute Veſte in Trümmern iliegt, und kein einziges Stahlwamms die Kriegsflotten des Schweden und Norwegers bewacht?“ „Ehrwürdiger Miniſter,“ verſetzte der Krämer, nicht ohne Ironie in ſeinem Tone,„dieſe hochzuverehrenden Väter werden Dir ſagen, daß der Daumen des heiligen Judas gegen Schweden und Norwegen weit beſſere Hülfe gewährt, als Veſten von Stein und Wämmſer von Stahl. Wenn Du übrigens von letzteren nöthig haſt, ſo habe ich welche nach der neueſten Mode, nebſt Helmen mit langen Naſenſtücken, wie die Normannen ſie tragen, um billigen Preis zu verkaufen.“ „Der Daumen eines verfaulten alten Heiligen,“ ſchrie der Daͤne, ohne die letzten Worte zu beachten,„eine beſſere Schutzmauer an der * Das war wohlfeil, denn Agelnoth., Erzbiſchof von Canterbury, gab dem Pabſte 6000 Pf. Silber für den Arm des hl. Auguſtin. Malmesbury. 195 Mündung des Humber, als bepanzerte Männer und zinnengekrönte Schlöſſer!“ „Allerdings, Du blinder Sohn,“ beſtätigte der Abt mit belei⸗ digter Miene, des Krämers Partei ergreifend.„Erinnerſt Du Dich nicht, daß auf dem berühmten frommen Concile anno 1014 beſchloſſen wurde, alle fleiſchlichen Waffen gegen Deine heidniſchen Landsleute bei Seite zu legen und einzig den heiligen Michael für uns kämpfen zu laſſen? Glaubſt Du, der Heilige würde jemals ſeinen geweihten Daumen in die Hände der Heiden fallen laſſen— nimmermehr! Geh zu, Du taugſt nicht zum Führer in des Königs Kriegen. Geh zu und bereue, mein Sohn, oder der König ſoll davon hören!“ „Ha, Wolf in Schafskleidern!“ murmelte der Däne ſich um⸗ drehend,„wenn nur Dein Kloſter auf der andern Seite des Humbers läge!“. Der Händler hoͤrte ihn und lächelte. Während ſolches im Vorzimmer vorging, wollen wir Harold zum Könige folgen. Beim Eintritte traf er dort einen Mann in der Blüthe der Jahre, in reichgeſtickter Gonna und mit vergoldetem Ataghar an der Seite, deſſen flatterndes Gewand und langer Bart nebſt der mit Linien und Deviſen punktirten Bruſt und Rechten ſeine Anhänglichkeit an die Sitten der Sachſen an den Tag legte.“ Harolds Auge funkelte, denn er erkannte in dem Gaſte Aldythens Vater, den Earl Algar, Sohn von Leofric. Die beiden Edlen begrüßten ſich ernſthaft und betrachteten ſich gegenſeitig mit aufmerkſamen Blicken. Der Kontraſt zwiſchen ihnen war auffallend. Die däniſche Race * William von Malmesbury ſagt, die Engländer hätten zur Zeit der Eroberung ihre Arme mit goldenen Spangen beladen und ihre Haut mit punk⸗ tirten Deſſeins(einer Art von Tätowiren) geſchmückt. Er ſagt, ſie haben damals kurze Gewänder bis über die Mitte des Schenkels getragen; das war jedoch normänniſche Mode und die flatternde Gonna, wie ſie Algar oben im Texte zugeſchrieben wird, war eigentlich altſächſiſche Tracht, welche zwiſchen der Kleidung von Männern und Frauen nur wenig Unterſchied machte. 139* 196 lieferte in der Regel höhere breitſchultrigere Geſtalten als die Sach⸗ ſen,“ und obwohl Harold dem Aeußern nach in allem Andern auffallend ſächſiſch war, ſo hatte er doch, wie alle ſeine Brüder, von der mütter⸗ lichen Seite die ſtolze Miene und den eiſernen Körper der alten See⸗ könige überkommen. Algar dagegen war zwar wohlgebaut, aber unter der Mittelgröße und ſah neben Harold gar ſchmächtig aus. Seine Stärke war von der Art, welche mehr von den Nerven, als von den Muskeln herrührt und einem raſchen Temperament und ruheloſer That⸗ kraft angehört. Sein hellblaues, glitzerndes und auffallend lebhaftes Auge, die zitternde Lippe, die Adern, welche bei jeder Regung auf den ſchönen weißen Schläfen anſchwollen, das lange, gelbe Haar, fein wie Gold, und in ſeinen kleinen Ringellocken allen Verſuchen der glätten⸗ den Mode widerſtehend, die nervöſen Gebärden, der ſcharfe, haſtige Ton der Stimme— dies Alles bildete einen Gegenſatz— wie wenn ſie zu zwei ganz verſchiedenen Racen gehörten— mit dem ſtätigen tie⸗ fen Blicke, der gefaßten milden und majeſtätiſchen Miene Harolds und ſeinen langen ſchmucken Locken, die ſich auf der königlichen Stirne theil⸗ ten und nur einmal krümmten, wo ſie die Schultern berührten. Verſtand und Willenskraft war bei beiden Männern erſichtlich; aber der Ver⸗ ſtand des Einen war ſcharf und behend, der des Andern tief und ſtetig; der Wille des Erſten äußerte ſich in blitzähnlichen Ausbrüchen, wäh⸗ rend der des Zweiten ruhig wie die Sommerſonne am Mittag war. „Du biſt willkommen, Harold,“ begann der König mit weniger Gleichgültigkeit wie ſonſt, ja ſogar mit einem Blicke des Troſtes beim Herannahen des Earls.„Unſer guter Algar kommt zu uns mit einem Geſuche, das der Erwägung wohl würdig iſt; nur finde ich, daß er etwas zu hitzig iſt und zu großes Verlangen nach weltlichen Dingen an den Tag legt, worin er gegen ſeinen höchſt lobenswerthen Vater, unſern vielgeliebten Leofrie, der ſein Einkommen zur Ausſtattung von » Noch bis auf den heutigen Tag ſind die Abkömmlinge der Anglodänen in Cumberland und Yorkſhire ein größerer, knochigerer Stamm, als die der Angelſachſen in Surrey und Suſſer. — ᷣ 8 12— 10 0 ͤ——— ,/———, 197 ch⸗ Klöſtern und zur Vertheilung von Almoſen verwendet,(weßhalb er es nd hundertfach in dem Schatzhauſe dort oben zurückempfangen wird,) einen er⸗ ſtarken Gegenſatz bildet.“ de⸗„Ein ſchöner Zins allerdings, mein Herr und König,“ bemerkte ter Algar raſch,„nur bekommen ſeine Erben nichts davon zu ſehen und ne es iſt um ſo nöthiger, wenn mein Vater(worüber ich ihn keineswegs en tadle) all ſein Eigenthum an die Mönche vergibt— es iſt um ſo nöthi⸗ t⸗ ger, ſag' ich, dafür Sorge zu tragen, daß der Sohn ſeinem Beiſpiele es zu folgen im Stande iſt. So aber fürchte ich, höchſt edler König, daß Allgar, Sohn von Leofrie, nichts zu vergeben haben wird. Kurz, Earl en vie Harold,“ fuhr Algar an ſeinen Nebenthan ſich wendend fort—„die n- Sache ſteht ſo. Als unſer Herr, der König, ſich in Gnaden bewogen ge fand, das Regiment in England zu übernehmen, da waren es zwei nn Häuptlinge, welche ſeinen Thron am meiſten befeſtigten— Dein ie⸗ Vater und der meine: ſonſt meiſtens Feinde, legten ſie Hader und Eifer⸗ ud ſucht bei Seite zum Beſten der ſächſiſchen Linie. Seit jener Zeit hat il⸗ Dein Vater eine Grafſchaft nach der andern, wie die Glieder in einem nd Ringpanzer, in ſeiner Hand vereinigt, und außer Mercia und Northum⸗ r brien gehört faſt ganz England ihm und ſeinen Söhnen, wogegen mein g; Vater blieb was er war und ſeinen Sohn ohne Reichthum und Herr⸗ h⸗ ſchaft völlig unberückſichtigt ſieht.— Während Deiner Abweſenheit war der König ſo gnädig, mir Deines Vaters Grafſchaft zuzuweiſen, er und man ſagt, ich habe ſie wohl verwaltet. Dein Vater kehrt zurück“ im(hier ſchoßen Algars Augen Feuer und ſeine Hand fuhr unwillkürlich * 1 an den Ataghar)„und obgleich ich ſie recht wohl mit Gewalt hätte be⸗ er haupten können, ſo habe ich ſie dennoch auf meines Vaters Bitten und en des Königs Geheiß mit freiem Herzen aufgegeben. Deßhalb komme er, ich zu meinem Herrn und frage: welche Ländereien und Herrſchaften on kannſt Du im weiten England für Algar, den ehemaligen Earl von 1 Weſſer und Sohn deſſelben Leofrics, deſſen Hand den Weg zu Deinem ten Throne ebnete— was kannſt Du für ihn entbehren? Mein Herr, der r König, belieht, mir Verachtung der Welt vorzupredigen: Du ver⸗ — 198 achteſt die Welt nicht, Earl der Oſtangeln— welche Antwort haſt Du für Leofries Erben?“ „Daß Dein Geſuch gerecht iſt,“ erwiederte Harold ruhig,„nur mit geringer Ehrerbietung vorgebracht.“ Earl Algar fuhr zuſammen wie der Hirſch, der vom Pfeile ge⸗ troffen wird. 3 „Dir ziemt es wohl, Dir, der ſein Geſuch mit Kriegsſchiffen und Bewaffneten geſtützt hat, von CEhrerbietung zu reden und einen Mann zurecht zu weiſen, deſſen Väͤter über Grafſchaften regiert ha⸗ ben?, während die Deinen ohne Zweifel noch als Ceorls am Pfluge ſtanden. Ohne Edrie Streone, den niedriggeborenen Verräther— was wäre wohl Wolnoth, Dein Großvater geworden?“ Ddieſer rohe perſönliche Angriff in Gegenwart des Königs, der, wenn er auch Harold in ſeiner lauwarmen Weiſe gewogen war, doch gleich allen ſchwachen Menſchen nicht ungern die Starken ihre Kraft gegenſeitig an einander aufreiben ſah, jagte Harold das Blut auf die Wangen. „Wir leben in einem Lande, Sohn von Leofrie, wo die Geburt, wenn gleich nicht mißachtet, doch für ſich ſelbſt weder im Feld noch im Rathe Macht verleiht,“ gab er kaltblütig zur Antwort.„Wir gehören einem Lande an, wo der Mann nach ſeinem eigenen Werthe und nicht nach dem ſeiner todten Ahnen geſchätzt wird. So wurde es ſeit Jahr⸗ * Sehr wenige unter den vornehmeren ſächſiſchen Familien konnten ſich einer langjährigen Nachfolge in ihren Domänen rühmen. Die Kriege mit den Dänen, die vielen Revolutionen, welche immer neue Familien ans Ruder brachten, die Konfiskationen und Verbannungen und die unwandelbare Regel, den Erben(wenn nicht von ganz reifen Jahren) bei des Vaters Tode zu über⸗ gehen— verurſachten einen raſchen Dynaſtienwechſel in den verſchiedenen Graf⸗ ſchaften. Leofries Familie hatte jedoch gerechte Anſprüche auf hohes Alterthum in ihrer Herrſchaft über Mercia, denn Leofric war der ſechste ECarl von Che⸗ ſter und Coventry, in gerader Abſtammung von ſeinem Namensverwandten, Leofric dem Erſten, und ſeine erbliche Lordſchaft erſtreckte ſich über ganz Mer⸗ cia.— S. Dudgale, Monast. III. Bd. S. 102 und Palgraves Common- wealth, Proofs and Illustrations, S. 291. 3 199 hunderten im ſächſiſchen England gehalten, wo meine Väter durch God⸗ win, wie Du ſagſt, Ceorls geweſen ſeyn mögen, und ſo iſt es, wie ich höre, auch im Lande der kriegeriſchen Dänen, wo meine Väter durch Githa auf den Thronen des Nordens regierten.“ „Du thuſt wohl,“ höhnte Algar, ſich auf die Lippen beißend, „Dich von der Kunkelſeite zu decken; wir Sachſen von reiner Abſtam⸗ mung halten aber nur wenig von Euren Nordlandskönigen, dieſen räu⸗ beriſchen Götzendienern und Pferdefleiſcheſſern. Doch genieße was Du haſt und laß Algar das Seinige zukommen.“ „Es ſteht bei dem König, nicht bei ſeinem Diener, Algars Bitte zu beantworten,“ erwiederte Harold, ſich in das hintere Ende des Zimmers zurückziehend. Algar folgte ihm mit den Augen, und da er bemerkte, daß der König wieder in eine ſeiner religiöſen Träumereien verſank, wodurch er ſich, ſo oft er in Verlegenheit war, zu einem Entſchluſſe zu begeiſtern ſuchte, ſo näherte er ſich Harold mit leichtem Schritte, legte ihm die Hand auf die Schulter und flüſterte: „Wir thun übel daran mit einander zu hadern— ich bereue meine hitzigen Worte— genug. Dein Vater iſt ein weiſer Mann und ſieht weit— Dein Vater lmöchte, daß wir Freunde wären. Sey es ſo. Höre: meine Tochter Aldytha gilt nicht für die häßlichſte unter den Mädchen von England; ich will ſie Dir zum Weibe geben, und als Deine Morgengabe ſollſt Du mir vom König die von Deinem Bruder Sweyn verwirkte Grafſchaft gewinnen, welche jetzt unter Thane und geringere Earls vertheilt iſt; das wird Dir nicht ſchwer werden.— Beim Schreine St. Albans! Du zögerſt, Mann?“ „Nein, nicht einen Augenblick,“ erwiederte Harold, aufs Empfind⸗ lichſte verletzt.„Nicht um ganz Mercia als Morgengabe würde ich Algars Tochter heirathen und als Schwiegerſohn meine Kniee vor einem Manne beugen, der mein Geſchlecht verachtet, während er vor meiner Macht zu Kreuze kriecht.“ Algars Geſicht zuckte vor Wuth; doch ohne ein weiteres Wort an 200 den Earl zu richten, kehrte er zu Edward zurück, der nunmehr mit leeren Blicken von dem Roſenkranze, über den er ſich gebeugt hatte, aufſchaute, und ſagte kurz angebunden: „Mein Herr und König, ich habe geſprochen, wie ich es für den Mann, der ſeine eigene Anſprüche kennt und an die Dankbarkeit des Fürſten glaubt, als ziemlich erachte. Drei Tage will ich in London auf Eure gnädige Antwort warten, am vierten reiſe ich ab. Mögen die Heiligen Euren Thron beſchützen und ſeine beſte Schutzwehr, die thangeborenen Vaſallen, deren Väter mit Alfred und Athelſtan foch⸗ ten, um denſelben verſammeln. Es ging alles gut im luſtigen Eng⸗ land, bis die Hufe des Dänenkönigs unſern Boden berührten, und an der Stelle der gefällten Eichen Pilſe aus dem Boden. ſprangen.“ Sobald Leofrics Sohn das Zimmer verlaſſen hatte, erhob ſich der Koͤnig mit verdrüßlichem Ausdrucke und ſagte auf normänniſch, zu welcher Sprache er bei allen denen, die ſie ſprechen konnten oder woll⸗ ten, immer mit Vorliebe zurückkehrte. 4 „Beau frère und bien aimé, mit welchen Kleinigkeiten muß doch ein König ſein Leben hinbringen— und das Alles, während ernſte dringende Angelegenheiten meine Entſcheidung verlangen. Wiſſe, daß Eadmer, der Krämer, der liebe gute Mann, draußen wartet und mir den Daumen des heiligen Judas gebracht hat! Denke Dir mein Ent⸗ zuͤcken! und da kommt dieſer unmanierliche Sohn des Haders mit ſei⸗ ner Dohlenſtimme und ſeinen Wolfsaugen, um mich wegen Graf⸗ ſchaften anzukrächzen!— O, über der Thorheit der Menſchen! nichts, nichts— gar nichts!“ „Herr und König,“ erwiederte Harold,„es würde mir übel ge⸗ ziemen, Deine frommen Wünſche anzuklagen; aber dieſe Reliquien kommen ſehr theuer; unſere Küſten ſind ſchlecht vertheidigt, und der Däne erhebt immer noch Anſpruch auf Euer Königreich. Dreitauſend Pfund Silber und mehr bedarf es, um allein die alten Mauern von London und Southweore wieder auszubeſſern.“ „Dreitauſend Pfund!“ rief der König;„biſt Du toll, Harold! Je vo Ich habe ja kaum das Doppelte dieſer Summe in meinem Schatze und neben dem Daumen des heiligen Judas erwarte ich täglich den Zahn von St. Remigius— den Zahn von St. Remigius!“ Harold ſeufzte.„Grämt Euch nicht, Mylord, ich will für die Schutzwehren von London ſorgen, denn Dank ſey es Eurer Gnad— meine Einkünfte ſind groß, während meine Bedürfniſſe nur gering ſind. Ich ſuche Euch auf, um mir Eure Erlaubniß zum Beſuche meiner Grafſchaft zu erbitten; meine Lehensleute murren über meine Abweſenheit und zahlreiche bittere Beſchwerden haben ſich während meiner Verbannung erhoben.“ Der Köͤnig ſtarrte ihn an voll Entſetzen; ſein Blick war der eines Kindes, wenn man es allein im Dunfeln laſſen will. „Nein, nein, ich kann Dich nicht entbehren, beau frère. Du verſtehſt es, all' dieſe ſtarren Thane zu beugen— Du läſſeſt mir Zeit zur Andacht; überdies Dein Vater, Dein Vater— ich will nicht Dei⸗ nem Vater überlaſſen bleiben! Ich liebe ihn nicht.“ „Mein Vater,“ wiederholte Harold bekümmert,„kehrt in ſeine eigene Herrſchaft zurück und von unſerem ganzen Hauſe werdet Ihr nur das milde Antlitz Eurer Königin um Euch haben!“ Des Königs Lippe bebte bei dieſem vermeinten Troſte, der für ihn einen geheimen Vorwurf enthielt. „Editha, die Königin, iſt fromm und gut,“ ſagte er nach kurzer Pauſe;„ſie hat nie meinem Willen widerſprochen und hat ſich die keuſche Suſanna zum Muſter genommen, wie ich unwürdiger Mann von Jugend auf in den reinen Fußſtapfen Joſephs wandelte.“* Aber,“ fuhr der König mit einer Anwandlung menſchlichen Gefühls in ſeiner Stimme fort,„kannſt Du nicht begreifen, Harold, Du, welcher ſelbſt ein Krieger iſt, was es ſeyn muß, wenn man immer das Antlitz ſeines Todfeindes vor ſich ſieht, des einzigen Gegners, deſſen Gedächtniß der ewige Kampf um Leben und Tod in Yſop und Galle verwandelt hat?“ Ailred;: de Vita Edw. 202 „Meine Schweſter!“ rief Harold im unwilligen Erſtaunen, 5 „meine Schweſter Dein Todfeind! Sie, welche nicht ein einziges Mal be über Vernachläſſigung und Ungnade murrte— ſie, deren Jugend in al Gebeten für Dich und Dein Reich verwelkte— meine Schweſter? O A König, ich träume!“ ſa „Du traͤumſt nicht, fleiſchlicher Mann,“ erwiederte der König verdrießlich,„Träume ſind Gaben der Heiligen, welche Deines Glei⸗ zu chen nicht beſchieden werden! Kannſt Du Dir denken, daß ich in der e Blüthe meiner Mannheit ihre Jugend und Schönheit vor meinen Au⸗ ſe gen haben und Geſetz und Stimme der Menſchen hören konnte, welche be ſprachen: ſie ſind Dein, einzig Dein— glaubſt Du, ich konnte dies lie hören ohne zu empfinden, daß man den Krieg an meinen Herd und A einen Fallſtrick in mein Bett gepflanzt, ja daß der böſe Feind es auf K meine Seele abgeſehen hatte? Wahrlich ich ſage Dir, Du Mann der G Schlacht, Du haſt noch nie einen furchtbareren Kampf als den meinen geſehen, haſt noch nie einen härteren, heiligeren Sieg erfochten. Und xe nun da mein Bart ſilbergrau und der alte Adam am Rande des M Grabes ausgetrieben worden— nun glaubſt Du, ich könne mich ohne Ir Scham und Bitterkeit an den ehemaligen Kampf und ſeine Verlockung I erinnern, während ich die Tage mit Faſten, die Nächte in heißen Ge⸗ beten zubrachte, und in den Augen des Weibes die Schlingen des Teufels vor Augen ſah?“ Edward erröthete bei dieſen Worten und ſeine Stimme bebte in der Wärme anſcheinenden Haſſes. Harold betrachtete ihn ſtumm und fühlte, daß er endlich das Geheimniß, das ihn ſchon oft verwirrte, ent⸗ deckt hatte, und daß der König, der ſo gern ein Heiliger geweſen wäre, in dem Trachten, ſich über die menſchliche Liebe zu erheben, die Lieben ſelbſt in die Farben des Haſſes, der Angſt und ſchmerzlichen Erinne⸗ rung verkehrt hatte. Der König erholte ſich nach wenigen Minuten und ſagte nicht ohne Würde: „Doch Gott und ſeine Heiligen allein ſollten die Geheimniſſe des 2 203 Haushaltes erfahren. Was ich geſagt habe, wurde mir ausgepreßt; begrabe es in Deinem Herzen. Verlaſſe mich denn, Harold— ziehe aus, wenn es ſeyn muß; bringe Deine Grafſchaft in Ordnung, hab' Acht auf die Armen und die Klöſter und kehre bald zurück.— Was ſagſt Du wegen Algar's?“ „Ich fürchte, wenn Ihr ſein Geſuch verwerft, werdet Ihr ihn zu gefährlichen Extremen treiben,“ gab der großherzige Harold mit ſiegreicher Ueberwindung ſeines Rachegefühls zur Antwort.„Trotz ſeines raſchen, ſtolzen Sinnes iſt er tapfer gegen Feinde und beliebt bei den Ceorls, welche den freimüthigen, ſtürmiſchen Geiſt oft am liebſten haben. Deßhalb wäre es klug, ihm ohne Beeinträchtigung Anderer einige Macht und Herrſchaft einzuräumen; und nicht nur Klugheit, ſondern auch die Pflicht gebieten es, denn ſein Vater hat Euch wohl gedient.“ „Und hat mehr Gotteshäuſer als jeder andere Earl im Koͤnig⸗ reiche ausgeſtattet; allein Algar iſt kein Leofric. Wir wollen Deine Worte erwägen und wohl beachten. Unſern Segen über Dich, beau krere. Schick mir den Handelsmann herein. Der Daumen von St. Judas! welch eine Gabe für meine neue St. Peterskirche! Der Dau⸗ men von St. Judas!— Non nobis Gloria! Sancta Maria! Der Daumen von St. Judas!“ 204 Fünftes Buch. Tod und Liebe. Einundzwanzigſtes Kapitel. Ohne Sdithen noch einmal zu ſehen, ja ſogar ohne von ſeinem Vater Abſchied zu nehmen, zog Harold nach Dunwich,“* der Hauptſtadt ſei⸗ ner Grafſchaft. Der König vergaß in ſeiner Abweſenheit Algar und deſſen Geſuch, und die einzigen verfügbaren Herrſchaften wurden unter⸗ deſſen von Stigand, dem habſüchtigen Biſchofe, ohne Mühe in Beſitz genommen. Earl Algar verſammelte am vierten Tage in großem Zorne alle herrenloſen Bewaffneten, die er in der Nähe der Hauptſtadt finden konnte, und nahm mit ſeiner jungen Tochter Aldytha, welche für den Verluſt des ſchönen Earls(an den ſie, wie das Gerücht ging, ſchon längſt ihr Herz verloren hatte,) in der Krone eines wäliſchen Königs vielleicht einigen Erſatz finden mochte, an der Spitze einer zahlreichen, unordentlichen Bande ſeinen Weg nach Wales. Nach einer langen Predigt von Seiten des Königs kehrte Editha zu ihrer Großmutter zurück; ihre Pathe hatte übrigens das Geſpräch über das Kloſter nicht wieder erneuert, und beim Abſchiede blos geſagt: „Sogar in der Jugend mag der Silberſtrang gelockert werden und die goldene Schale kann zerbrechen, und in der Jugend vielleicht eher als im Alter, wo das Herz hart geworden iſt, wirſt Du Dich mit Seufzen meiner Rathſchläge erinnern.“ Godwin war nach Wales abgereist; ſeine Söhne ſaßen alle auf ihren verſchiedenen Herrſchaften; Edward blieb allein ſeinen Mönchen und Reliquienhändlern überlaſſen, und ſo gingen Monate vorüber. * Dunwich, jetzt von der See— einem feindlichen Elemente für Godwins Haus!— verſchlungen. ns 205 Nun war es Sitte bei den alten Königen von England, dreimal im Jahre, an Weihnachten, Oſtern und Pfingſten, großen Hof zu halten und ihre Krone zu tragen, und in dieſen Zeiten pflegten ſich ihre Edlen um ſie zu verſammeln, und es herrſchte immer viel Pomp und Feſtlichkeit. So hielt denn König Edward im Jahre unſeres Herrn 1053 ſei⸗ nen Oſterhof zu Windſhore, und Carl Godwin und ſeine Söhne nebſt vielen andern vornehmen Thans verließen ihre Heimath, um dem Könige aufzuwarten. Earl Godwin zog zuerſt in ſeine Londoner Wohnung— nahe bei der Towerpfalz, was jetzt Fleet heißt— und Harold der Earl, Toſtig, Leofric und Gurth ſollten dort zu ihm ſtoßen, um von da mit ihrem ganzen Staate von Unterthans, Knech⸗ ten und Leibwächtern, mit Falken und Hunden, wie es Männern von ſolchem Range gebührte, an König Edwards Hof zu ziehen. Earl Godwin ſaß mit ſeinem Weibe Githa in dem auf die Themſe hinausgehenden Zimmer außerhalb der Halle. Er wartete auf Ha⸗ rold, der noch vor Einbruch der Nacht eintreffen ſollte; Gurth war ſeinem Bruder entgegengeritten; Leofwine und Toſtig waren nach Southwark gegangen, um ihre Wolfshunde an einem erſt vor weni⸗ gen Tagen aus dem Norden angelangten Bären, der ſchon manchen braven Hund erdrückt haben ſollte, zu verſuchen, und ein langer Zug von Thanen und Hauswächtern war mit ihnen geritten, um das Spiel mit anzuſehen, ſo daß der alte Earl und ſeine däniſche Gemahlin allein ſaßen. Und eine Wolke ruhte auf Earl Godwins breiter Stirne, und er ſaß am Feuer, ſeine Hände darüber breitend und nachdenklich in die Flamme ſchauend, wie ſie den Rauch der zu dem Loche im Dache (Rauchmantel genannt) emporſtieg, von Zeit zu Zeit durchbrach. In dieſem großen Hauſe waren nicht weniger als drei ſolcher NRauchmäntel oder Zimmer, worin mitten auf dem Boden Feuer angemacht werden konnte; die Dachſparren oben waren geſchwaͤrzt vom Ruße, und in * Windſor. jenen guten alten Tagen, ehe Kamine— wenn ſie überhaupt exiſtirten — in Gebrauch kamen, wußte man nichts von Schnupfen, Katarrh und Rheumatismen, ſo geſund und heilſam war der Rauch. Earl Godwins Lieblingshund, alt wie er ſelbſt, lag zu ſeinen Füßen und träumte, denn er wedelte fortwährend mit dem Schweife. Auch der alte Falke des Earls mit ſteifen, ſparſamen Federn, hockte auf der Lehne ſeines Stuhls und der Boden war mit Binſen und duf⸗ tenden Kräutern— den Erſtlingen des Frühlings— beſtreut. Githa hatte ihre Füße auf den Schemel geſtellt und lehnte das ſtolze Antlitz auf ihre kleine Hand(dieſe Probe ihrer däniſchen Abkunft), indem ſte unruhig hin und her rutſchte und an ihren Sohn Wolnoth am Hofe des Normannen dachte. „Githa,“ begann endlich der Earl,„Du biſt mir ein gutes treues Weib geweſen, haſt mir ſtarke und kühne Söhne geboren, die uns theils Kummer, theils Freude bereiteten, und in Kummer wie in Freude haben wir uns immer näher an einander geſchloſſen. Bei unſe⸗ rer Verheirathung ſtandeſt Du in Deiner erſten Jugend, während bei mir die beſten Jahre ſchon entflohen waren; Du warſt eine Dänin, ich ein Sachſe; Du eines Königs Nichte und nun eines Königs Schweſter, und ich blos zwei Generationen von Thanen zählend.“ Verwundert und gerührt durch dieſe Anwandlung von Gefühl, da bei dem ruhigen Earl eine ſolche Stimmung höchſt ſelten war, er⸗ hob ſich Githa aus ihren Träumen. „Ich fürchte, mein Herr iſt nicht wohl, daß er alſo zu Githa redet,“ ſagte ſie einfach und beſorgt. „Du haſts mit Deinem Weiberwitze getroffen, Githa,“ verſetzte der Earl mit ſchwachem Lächeln.„Ich mochte Dirs nicht ſagen, um Dich nicht zu beunruhigen— aber ſeit den letzten Wochen ſpürte ich ſtarkes Ohrenſauſen und heftigen Blutandrang nach den Schläfen.“ „O Godwin! theurer Gatte,“ rief Githa zärtlich,„und ich war blind für die Urſache, wiewohl ich mich über die Aenderung in Deinem 207 Weſen wunderte! Ich will gleich morgen zu Hilda gehen, ſie beſitzt Zaubermittel gegen jegliche Krankheit.“ „Laß Hilda im Frieden; ſie mag ihre Wundermittel der Jugend geben, das Alter ſpottet der Wigh und Wicca. Höre mich. Ich fühle, daß mein Faden nahezu abgeſponnen iſt, und meine Fylgia verwarnt mich, wie Hilda ſagen würde, daß wir uns nächſtens trennen werden. Ich wiederhole Dir— ſchweig und höre mich. Ich habe ſtolze Dinge in meinem Leben ausgeführt, habe Könige gemacht und Throne er⸗ baut und ſtehe höher als je zuvor ein Than oder Earl in England ge⸗ ſtanden. Ich möchte nicht, Githa, daß der Baum meines Hauſes, im Sturme gepflanzt und mit reichlichem Blute befeuchtet, nach mir da⸗ hin welkte.“ Der alte Earl ſchwieg und Githa erwiederte in ſtolzem Tone: „Fürchte nicht, daß Dein Name von der Erde oder die Macht von Deinem Stamme ſchwinden wird, denn Ruhm wurde gewirkt durch Deine Hände und Söhne wurden Dir geboren zu Deiner Stütze, und die Zweige des Baumes, den Du pflanzteſt, werden leben im Sonnen⸗ lichte, o mein Gemahl, wenn wir, deſſen Wurzeln, in der Erde be⸗ graben ſind!“ „Githa,“ verſetzte der Earl,„Du ſprichſt wie die Tochter von Königen und die Mutter von Männern; aber höre mich, denn meine Seele iſt ſchwer belaſtet. Von dieſen unſern Söhnen iſt unſer Erſt⸗ geborener— Sweyn, einſt ſo ſchön und tapfer ein irrer Wanderer und Geächteter, und Wolnoth, Dein Liebling, weilt als Gaſt am Hofe des Normannen, unſeres Feindes. Von den Andern iſt Gurth ſo mild und ruhig, daß ich ohne Furcht prophezeihe, er wird ein be⸗ rühmter Krieger werden, denn die Sanfteſten im Hauſe ſind immer die Kühnſten im Felde. Aber Gurth hat nicht den ſicheren Verſtand für dieſe verwickelten Zeiten, Leofwine iſt zu leichtſinnig und Toſtig zu trotzig. So, mein geliebtes Weib, hat von dieſen unſern ſechs Söh⸗ nen Harold allein, furchtlos wie Toſtig und mild wie Gurth, ſeines Vaters gedankenvollen Sinn geerbt, und wenn der König ſeinem könig⸗ 208 lichen Verwandten, Edward Atheling, ſo ferne bleibt wie ſeither, wer ſteht dann“— der Earl zögerte und ſchaute ſich um—„wer ſteht nach meinem Tode dem Thron ſo nahe wie Harold, die Freude der Ceorls und der Stolz aller Thane?— er, deſſen Zunge nie ſtammelt im Witan und deſſen Arm im Felde noch nie eine Niederlage erlit⸗ ten?“ Githas Bruſt hob ſich und ihre Wange wurde gluthroth. „Was ich aber am meiſten fürchte,“ begann der Earl,„iſt nicht der Feind von Außen, ſondern die Eiferſucht im Innern. Neben Ha⸗ rold ſteht Toſtig, räuberiſch im Ergreifen, aber unmächtig im Feſt⸗ halten— fähig allein zum Umſturz, zur Rettung kraftlos.“ „Ei nein, Godwin, mein Herr, Du thuſt unſerem ſchönen Sohne Unrecht.“ „Weib, Weib!“ rief der Earl mit dem Fuße ſtampfend,„hoͤre mich und gehorche, denn meiner Worte auf Erden ſind vielleicht nur noch wenige, und während Du mir widerſprichſt, ſteigt mir das Blut ins Gehirn und meine Augen ſehen durch eine Wolke.“ „Vergib mir, ſüßer Gebieter,“ bat Githa demüthig. „Schwer bereue ich jetzt, daß ich während ihrer Jugend nicht ſo viel Zeit von meinem weltlichen Trachten erſparte, um über die Herzen meiner Söhne zu wachen, denn Du warſt über ihre Außenſeite zu ſtolz, um auf ihre innere Entwicklung zu ſehen, und was früher weich war für die leiſeſte Berührung, iſt jetzt zu hart für den Hammer. Die Pfeile, die wir in dem Kampfe des Lebens aufzuleſen vergeſſen, ſam⸗ melt das Schickſal, unſer Feind, in ſeinem Köcher. Wir haben es ſelbſt mit den Speeren bewaffnet— um ſo nöthiger iſt es jetzt, ſie mit dem Schilde abzuhalten.— Darum, wenn Du mich überlebſt und wenn, wie ich ahne, Uneinigkeit zwiſchen Harold und Toſtig ausbricht, ſo be⸗ fehle ich Dir bei dem Gedächtniſſe unſerer Liebe und der Ehrfurcht vor meinem Grabe, Alles was Harold für weiſe und gerecht erachtet, gleich⸗ falls für weiſe und gerecht zu halten, denn nachdem Godwin zu Staub geworden, lebt ſein Haus nur noch in Harold fort. Beachte meine her, teeht der nelt lit⸗ icht Ha⸗ Feſt⸗ hne hoͤre nur Blut ht ſo rzen tolz, war Die ſam⸗ ſelbſt dem denn, „ be⸗ t vor leich⸗ ſtaub neine 209 Worte jetzt und für immer. Und ſo während der Tag noch dauert, will ich auf Märkte und Gildhäuſer hinausgehen und mit den Bürgern ſprechen, ihre Weiber anlächeln und bis zum letzten Athemzuge God⸗ win der Glatte und Starke bleiben.“ Mit dieſen Worten erhob ſich der alte Earl und verließ ſie mit feſten Tritten. Sein alter Hund ſprang auf, ſpitzte die Ohren und folgte ihm; der blinde Falke drehte das Ohr nach der zufallenden Thüre, rührte ſich aber nicht von ſeiner Lehne. Und Githa ſtützte abermals ihre Wange auf die Hand, bewegte ſich abermals hin und her auf ihrem Stuhle, die rothe Flamme des Feuers betrachtend und über ihres Herrn Worte nachdenkend. So mochte etwa das Drittel einer Stunde nach Godwins Abgange verſtrichen ſeyn, als die Thüre aufging und Githa, in Erwartung ihrer Söhne aufſchauend, die Zauberin Hilda unter der Thüröffnung gewahrte; hinter Hilda kamen zwei ihrer Mägde, ein kleines Käſtchen ihr nachtragend. Die Vala winkte ihren Begleiterinnen, das Käſtchen zu Githa's Füßen niederzulegen, worauf ſie mit tiefer Verbeugung das Zimmer verließen. Der Aberglaube der Dänen war noch ſehr ſtark in Githa; das Chriſtenthum hatte ihn nicht entfernt, ſondern eher vermehrt, und ſie empfand ein unbeſchreibliches Grauen, als die Vala, ihr ſtrenges Mar⸗ morantlitz von der Flamme des Herdes geröthet und im lebhaft dagegen abſtechenden ſchwarzen Trauergewande vor ihr daſtand. Aber trotz ihres Grauens liebte Githa die Beſuche ihrer geheimnißvollen Verwandtin, da ſie, unähnlich ihrer anders erzogenen Tochter Editha, nur wenig weibliche Hülfsquellen in ſich trug: ſie liebte es, ihre Ju⸗ gend im Geſpräche über die wilden Gebräuche und die finſteren Sitten der Dänen abermals zu durchleben, und ſogar ihre Scheu vor denſel⸗ ben hatte für ſie den gleichen Reiz, wie Geiſtererzählungen für die Kinder, wie denn die Ungebildeten immer Kinder bleiben. Sie erholte ſich daher bald von ihrer Ueberraſchung und ihrem anfänglichen Schwei⸗ gen und ſtand auf, um die Vala zu bewillkommen. Bulwer, Harold. 14 210 „Heil, Hilda, dreimal Heil!“ rief ſie.„Der Tag iſt lang, Dein Weg iſt weit geweſen, und ehe Du Speiſe und Wein zu Dir nimmſt, laß mich ein Bad für Deinen Leib oder wenigſtens für Deine Füße bereiten, denn was der Schlaf für die Jugend, iſt das Bad für das Alter.“ „Bringer des Schlafes bin ich,“ erwiederte Hilda kopfſchüttelnd, „und das Bad, das ich bereite, iſt in Walhalla. Biete der Vala nicht das Bad für ſterbliche Müdigkeit, noch den Wein und die Speiſe für menſchliche Gäſte. Setze Dich nieder, Tochter des Dänen, und danke Deinen neuen Göttern für die Vergangenheit, welche Dein geweſen. Nicht unſer iſt die Gegenwart und die Zukunft entſchlüpft unſern Träumen; aber die Vergangenheit gehört uns immer, und alle Ewig⸗ keit kann nicht eine einzige Freude aufheben, welche der Augenblick ge⸗ kannt hat.“— So ſetzte ſie ſich in Godwins breiten Stuhl, lehnte ſich auf ihren Seitenſtab und ſchwieg wie in Gedanken vertieft. „Githa,“ ſagte ſie endlich,„wo iſt Dein Gebieter? Ich kam, um ſeine Hände zu berühren und ſeine Stirne zu betrachten.“ „Er iſt auf den Markt gegangen und meine Söhne ſind auch aus⸗ wärts, Harold kommt noch vor Nacht von ſeiner Grafſchaft hierher.“ Ein ſchwaches, triumphirendes Lächeln kam über die Lippen der Vala und wich dann ebenſo plötzlich einem Ausdrucke tiefer Trauer. „Githa,“ ſagte ſie langſam,„Du erinnerſt Dich ohne Zweifel in Deinen jungen Tagen die ſchreckliche Höllenmaid Belſta geſehen oder von ihr gehört zu haben?“ „Ja, ja,“ gab Githa ſchaudernd zur Antwort.„Ich ſah ſie ein⸗ mal bei düſterem Wetter ihren ſchwarzgrauen Viehheerden voranrei⸗ ten. Ja, ja, und mein Vater ſah ſie vor ſeinem Tode, wie ſie auf einem Wolf durch die Luft ritt und eine Schlange als Zügel hatte.— Warum fragſt Du?“ „Iſt es nicht ſonderbar,“ verſetzte Hilda, der Frage ausweichend, „daß Belſta, Heidr und Hulla, die Wolfreiter und Menſchenfreſſer 211 vor Alters, die tiefſten Geheimniſſe der Galdra durchſchauen konnten, obwohl ſie ſie nur zu den ſchlimmſten bösartigſten Zwecken verwende⸗ ten, und daß ich, die ich die Nornen nie zum Schaden eines Feindes, ſondern nur zum Lenken der Laufbahn derer, die ich liebe, befrage— daß ich meine Prophezeihungen der Zukunft zwar immer erfüllt, aber ach! wie oft nur in Schrecken und Unheil erfüllt ſehe!“ „Wie ſo, Baſe, wie ſo?“ fragte Githa voll Entſetzen, aber von dieſem Entſetzen gereizt ihren Stuhl der klagenden Zauberin näher rückend,„prophezeiteſt Du nicht unſere triumphirende Rückkehr aus ungerechter Verbannung? und ſiehe, ſie iſt eingetroffen— haſt Du nicht auch vorhergeſagt,“(indem Githa's ſtolzes Antlitz aufflammte) „daß mein ſtattlicher Harold das Diadem eines Königs tragen werde?“ „Das Erſte iſt allerdings eingetroffen,“ entgegnete Hilda,„allein“ — ſie ſchwieg und ihr Auge ſiel auf das Käſtchen; dann brach ſie ab und fuhr mehr zu ſich ſelbſt, als zu Githa gewendet, fort—„und Harolds Traum— was hatte der zu bedeuten? Die Runen fehlen mir und der Tode gibt keinen Laut; außer dem einen düſteren Tage, wo ſeine Verlobte ihn mit den Armen einer Braut umfangen wird, iſt Alles ſchwarz vor meinen Augen— ſchwarz— ſchwarz. Sprich nicht zu mir, Githa, denn eine Bürde, ſchwer wie der Stein auf einem Grabe, laſtet auf meinem bedrängten Herzen!“ Eine Todenſtille erfolgte, bis die Vala, mit ihrem Stabe in das Feuer zeigend, von Neuem anhub: „Schau, wie der Rauch und die Flammen ſtreiten!— der Rauch ſteigt in dunkeln Kreiſen in die Luft und entweicht zu den Wolken. Vom Erſten bis zum Letzten vermögen wir Geburt und Tod zu ver⸗ folgen, von dem Feuerherde an bis zum Niederſteigen als Regen⸗ So iſts mit der menſchlichen Vernunft, welche nicht Licht, ſondern Rauch iſt; ſie kämpft blos um uns zu verfinſtern, ſie ſteigt blos um in Thau und Dunſt zu verſchmelzen. Doch ſiehe, die Flamme brennt auf unſerem Herde, bis die Nahrung gebricht, und geht zuletzt, man weiß nicht wohin; allein ſie lebt in der Luft, wenn wir ſie auch nicht ſehen; 14° 212 ſie lauert im Stein, den Blitz des Stahles erwartend; ſie ſchlummert in trockenen Blättern und dürren Zweigen und ein Funke entzündet ſte wieder; ſie ſpielt im Moore— ſammelt ſich am Himmel— erſchreckt uns im Blitze, gibt Wärme der Luft— iſt das Leben unſeres Lebens, das Element aller Elemente. O Githa, die Flamme iſt das Licht der Seele, das ewig dauernde Element und ſie lebt noch, wenn ſie auch unſern Augen entſchwindet, ſie brennt in jeglicher Geſtalt, in welche ſie übergeht, ſie verſchwindet, aber ſie erliſcht niemals.“ Hier ſchloſſen ſich die Lippen der Vala von Neuem, und abermals ſaßen beide Frauen ſchweigend vor dem großen Feuer, das über die tie⸗ fen Linien und edlen Züge Githa's wie über das ruhige runzelloſe feier⸗ liche Antlitz der melancholiſchen Vala hinflackerte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Wäͤhrend dieſe Unterredung in Godwins Hauſe ſtattfand, hatte Harold auf ſeinem Wege nach London ſein Gefolge nach dem väter⸗ lichen Dache vorangeſchickt und ritt nun quer durch das Land einſam und eilends nach Hilda's Römerwohnung. Monden waren verſtrichen, ſeitdem er nichts mehr von Editha ge⸗ ſehen oder gehört hatte, denn Neuigkeiten— das brauche ich wohl kaum zu ſagen— waren damals ſelten und ſparſam und blieben auf öffentliche Ereigniſſe beſchränkt, welche entweder durch beſondere Boten, durch vorübergehende Pilger befördert oder durch das Geſchwätz der zerſtreuten Menge von Lippe zu Lippe getragen wurden. Aber ſelbſt in dem geſchäftigen Treiben ſeines Dienſtes hatte Harold vergeblich das Bild des jungen Mädchens aus ſeinem Herzen zu verbannen ge⸗ ſucht, deſſen Leben mit den Fibern ſeines eigenen verwoben war, wie keine Vala ihm ferner zu prophezeihen brauchte. Die Hinderniſſe, denen er zwar nachgab, die er aber dennoch für ungerecht und tyranniſch, nur von ſeiner widerſtrebenden Vernunft und ſeinem geheimen Ehrgeize zugegeben, nicht aber von ſeinem Gewiſſen geheiligt erkannte— ent⸗ nert t ſie reckt ens, der auch e ſie nals tie⸗ eier⸗ 218 flammten nur noch mehr die tiefe Staͤrke der einzigen Leidenſchaft, die er in ſeinem Leben gefaßt hatte— einer Leidenſchaft, welche ſchon von Edithens Kindheit datirend, ihm ſelbſt unbewußt oft ſein Ver⸗ langen nach Ruhm gar oft belebt und ſich mit ſeinen Traͤumen von Macht vermengt hatte. Und ſie erloſch auch nicht trotzdem, daß die Hoffnung noch fern und dunkel war. Der geſetzliche Erbe Edwards des Bekenners war ein Prinz am Hofe des Kaiſers von edlem Rufe und verheirathet. Edwards Geſundheit, von jeher ſehr ſchwankend, ſchien dem regieren⸗ den Könige kein ſehr langes Leben zu garantiren. So glaubte er durch den Nachfolger, der die Sicherheit ſeines Thrones jedenfalls auf Harold ſtützen mußte, die päbſtliche Dispenſation, die der jetzige König, wie er wußte, niemals nachſuchen würde, und die auch einem Unterthanen nur ſelten oder nie ertheilt wurde, weßhalb ſie der ganzen Macht eines Königs zur Unterſtützung bedurfte— mit leichter Mühe zu erlangen. In dieſer Hoffnung, zugleich in der Furcht, Editha möchte ſie durch die Annahme des Schleiers und ihr unwiderrufliches Gelübde für immer zerſtören, ritt er mit freudigem hochklopfendem aber unruhi⸗ gem Herzen durch Feld und Wald nach dem alten Römerhauſe. Endlich kam er auf der Rückſeite der Villa aus dem Walde; die Sonne, in raſchem Untergange begriffen, ſiel in vollen Strahlen auf die rohen Säulen des Druidentempels und dort, wie er ſie früher ge⸗ ſehen, als er ihr zum erſtenmal von ſeiner Liebe und deren Hinderniſſen geſprochen hatte— ſah er abermals das junge Mädchen ſitzen. Er ſprang vom Roſſe, das wohldreſſirte Thier der freien Waide überlaſſend, und ſtieg den Hügel hinan. Er ſtahl ſich geräuſchlos hinter Edithen und ſein Fuß ſtolperte über den Grabſtein des alten todten Sachſen⸗Titanen. Allein die Erſcheinung— ob nun wirklich oder blos eingebildet— und der Traum, der darauf folgte, war ihm ſchon längſt aus dem Gedächtniſſe entſchwunden, und kein Aberglaube drang aus ſeinem Herzen auf die Lippe, welche abermals„Editha“ rief. Das Mädchen ſprang auf, ſchaute ſich um und ſank an ſeine Bruſt. 214 Es dauerte einige Augenblicke, bis ſie wieder zum Bewußtſeyn kam und ſich dann ſanft aus ſeinen Armen loswand, um ſich hilfe⸗ ſuchend an den teutoniſchen Altar zu lehnen. Sie war ſehr verändert, ſeit Harold ſie zuletzt geſehen hatte. Ihre Wange war bleich und ſchmal geworden, ihre vollgerundete Geſtalt abgemagert, und tiefer Schmerz zuckte Harold durch die Seele, da er ſie alſo vor ſich ſah. „Du haſt Dich gegrämt, Du haſt gelitten,“ klagte er,„und ich, der ſeines Lebens Blut vergießen würde, um Dir eine Deiner Sorgen abzunehmen, oder Deine Freuden auch nur um eine einzige zu ver⸗ mehren— ich war ferne, unfähig Dich zu tröſten, vielleicht nur eine Urſache Deines Leids.“ „Nein, Harold,“ verſicherte Editha in ſchwachem Tone,„nie des Leids, immer des Troſtes auch in Deiner Abweſenheit. Ich war krank, und Hilda hat Runenzauber umſonſt verſucht; ich bin aber jetzt beſſer, ſeit der Frühling langſam hereinbrach und ich die friſchen Blumen ſehe und das Singen der Vögel höre.“ Aber Thränen waren im Klange ihrer Stimme, während ſie alſo ſprach. „Und ſie haben Dich nicht wieder mit Kloſtergedanken gequält?“ „Sie? Nein: wohl aber meine eigene Seele. O Harold, ent⸗ binde mich meines Verſprechens, denn ſchon iſt die Zeit gekommen, von der Deine Schweſter mir geſagt: der Silberſtrang iſt gelockert und die Goldſchaale iſt zerbrochen— ich möchte gerne die Schwingen der Taube nehmen und im Frieden ruhen.“ „Steht es ſo?— iſt wohl Frieden in der Heimath, wo der Ge⸗ danke an Harold zur Sünde wird?“ „Nicht Sünde, Harold, nicht Sünde dann und dort. Deine Schweſter hieß das Kloſter willkommen, als ſie für Diejenigen, die ſie liebte, zu beten gedachte.“ „Schwatze mir nicht von meiner Schweſter!“ tobte Harold mit knirſchenden Jähnen.„Es iſt bloßer Spott, für das Herz beten zu 215 wollen, das Du ſelbſt entzwei reißeſt. Wo iſt Hilda? Ich wollte ſie ſehen.“ Sie iſt mit einer Gabe nach Deines Vaters Hauſe gegangen, „S und um ihre Rückkehr abzuwarten, habe ich mich auf den grünen Hü⸗ gel geſetzt.“ Der Earl näherte ſich ihr, nahm ihre Hand, und ſetzte ſich neben ſie, worauf ſie lange mit einander ſprachen. Allein Harold ſah mit tieſem Leidweſen, daß Editha's Herz ſich an das Kloſter gehängt hatte und daß ſie ſogar in ſeiner Gegenwart und trotz ſeiner beſänftigenden Worte muthlos und mit gebrochenem Geiſte neben ihm ſaß. Es ſchien, als ob Jugend und Leben von ihr gewichen, als ob der Tag gekommen wäre, wo ſie ſagte: es gibt keine Freude'. Noch nie hatte er ſie ſo geſehen, und tief bewegt und ſchmerzlich verletzt erhob er ſich endlich zum Abſchied; ihre Hand lag regungslos in der ſeinigen und ein leichter Schauer überlief ihre Geſtalt. „Lebe wohl, Editha; wenn ich von Windſhore zurückkomme, werde ich dort drüben in meiner alten Heimath wohnen und wir werden uns wieder ſehen.“ Editha's Lippen murmelten unhörbar und ſie ſchlug die Augen zu Boden. Langſam ſchritt Harold nach ſeinem Roſſe, und ſchaute im Weiter⸗ reiten zurück, indem er ihr mit der Hand zuwinkte. Allein Editha ſaß be⸗ wegungslos, die Augen zu Boden geheftet, und er ſah nicht die bren⸗ nenden Thränen, die aus ihnen hervorſtürzten, hörte nicht die leiſe Stimme, welche unter den heidniſchen Trümmern ſtöhnte: „Maria, ſüße! Mutter, ſchütze mich vor meinem eigenen Herzen!“ Die Sonne war untergegangen, ehe Harold die weite geräumige Wohnung ſeines Vaters erreichte. Ringsumher lagen die Hütten und Daͤcher der eigenen Handelsleute des Earls, denn ſogar ſein Gold⸗ ſchmied war nur ein freigelaſſener Höriger. Das Haus ſelbſt dehnte ſich von der Themſe weit landeinwärts mit mehreren unförmlichen nur 216 aus Holz errichteten Höfen, aber von kühnen Mannern erfüllt, und die waren damals das Hauptgeräthe in eines Edlen Hallen. Unter dem Zurufe von Hunderten, die ſich um ſeine Steigbügel drängten, ſprang der Earl vom Pferde und ging durch die wimmelnde Halle in das Zimmer, worin er Hilda, Githa und Godwin, der nur wenige Minuten vor ihm eingetreten war, antraf. Mit der ganzen rührenden Ehrfurcht des Sohnes, welche einen der lieblichſten Züge in dem ſächſiſchen Charakter“ ausmachte,(wie ihr häufiger Mangel das gehäſſigſte Laſter der Normannen bildete,) beugte der allgewaltige Harold ſein Knie vor dem alten Earl, der ihm ſeine Hand ſegnend auf das Haupt legte und ihn dann auf Stirn und Wange küßte. „Auch Deinen Kuß, theure Mutter,“ bat der jüngere Earl, und Githa's Umarmung, wenn auch herzlicher als die ihres Gebieters, war doch vielleicht nicht zärtlicher als dieſe. „Begrüße Hilda, mein Sohn,“ ſagte Godwin;„ſie hat mir ein Geſchenk gebracht und wollte warten, um es Deiner beſondern Sorge anzuvertrauen. Du allein ſollſt den Schatz bewahren und das Käſt⸗ chen öffnen. Aber wann und wo, meine Baſe?“ „Am ſechsten Tage nach Deiner Ankunft in des Königs Halle,“ erwiederte Hilda, ohne Godwins Lächeln zu erwiedern—„am ſechsten Tage, Harold, öffne das Käſtchen und nimm das Gewand heraus, das in Hilda's Hauſe für Godwin den Earl geſponnen wurde. Und nun, Godwin, habe ich Deine Hand gedrückt, habe Deine Stirne geſchaut und meine Sendung iſt zu Ende; ich muß mich auf den Heimweg machen.“ „Das ſollſt Du nicht, Hilda,“ ſagte der gaſtliche Earl;„der ge⸗ ringſte Wanderer hat in dieſem Hauſe ein Recht auf Bett und Tiſch für eine Nacht und einen Tag, und Du wirſt uns nicht zu Schanden machen, * Gleichwohl klagt der Chroniſt, daß die häuslichen Bande, früher ſo feſt bei den Angelſachſen, in dem Zeitalter vor der Eroberung bedeutend ge⸗ ſchwächt worden waren. ſ indem Du unſere Schwelle verläßſt ohne das Brod gebrochen und das Lager berührt zu haben. Alte Freundin, wir waren einſt jung zuſam⸗ men und Dein Antlitz iſt mir willkommen wie das Gedächtniß früherer Tage.“ Hilda ſchüttelte das Haupt, und einer jener ſeltenen und deßhalb ſo rührenden Ausbrüche von Zärtlichkeit, deren man das kalte ſtrenge Geſicht in der Ruhe kaum ſür fähig gehalten hätte, ſänftigte ihr Auge und milderte die feſten Linien ihrer Lippen. „Sohn von Wolnoth,“ ſprach ſie weich,„nicht unter Deinen Dachbalken ſoll wohnen der Rabe der Vorbedeutung. Brod habe ich nicht gebrochen ſeit geſtern Abend, und Schlaf wird auch heute Nacht meinen Augen ſerne bleiben. Fürchte nichts, denn meine Leute draußen ſind herzhaft und bewaffnet— überhaupt lebt kein Mann, deſſen Arm über Hilda Gewalt hätte.“ Bei dieſen Worten faßte ſie Harolds Hand und führte ihn weiter, indem ſie flüſterte: „Ehe wir ſcheiden, möchte ich ein Wort mit Dir reden.“ Auf der Schwelle ſchwang ſie ihren Stab dreimal über den Bo⸗ den und murmelte auf Däniſch einen rohen Vers, der in der Ueber⸗ ſetzung ungefähr alſo lautet: „Frei gleite der Faden Und flink in dem Saale, Und Ruhe der Arbeit, Und Friede dem Mahle!“ „Es iſt ein Todtengeſang,“ ſagte Githa mit erbleichenden Lippen, doch nur zu ſich ſelbſt, ſo daß weder Gatte noch Sohn ihre Worte vernahm. Hilda und Harold gingen ſchweigend durch die Halle, und die Die⸗ ner der Vala mit Speeren und Fackeln erhoben ſich von ihren Sitzen und ſchritten nach dem äußern Hofe voran, wo ihr ſchwarzer Zelter un⸗ geduldig ſchnaubte. Mitten im Hofe blieb ſie ſtehen und ſagte leiſe zu Harold: „Bei Sonnenuntergang ſcheiden wir— mit Sonnenuntergang 218 werden wir uns wiederſehen. Und ſchau, mit der niederſinkenden Sonne erhebt ſich der Stern; und größer und glänzender ſoll er bei jenem Sonnenuntergange emporſteigen! Wenn Deine Hand das Gewand aus dem Käſtchen zieht, ſo denke an Hilda und wiſſe, daß ſie in jener Stunde an dem Grabe des ſächſiſchen Kriegers ſteht, und daß aus jenem Grabe die Zukunft empordämmert. Fahre wohl.“ Harold hätte gerne von Edithen geſprochen; aber ein tiefes Grauen in ſeinem Herzen feſſelte ſeine Lippen, und ſo ſtand er ſchwei⸗ gend neben dem großen hölzernen Thore des rohen Gebäudes. Die Fackeln flammten ringsum und Hilda's Antlitz ſchien trüb in ihrem Schimmer. So ſtand er noch lange, nachdem Fackeln und Ceorls abgezogen waren und erwachte erſt dann aus ſeinen Träumereien, als Gurth von ſeinem keuchenden Roſſe ſprang und ſeinen Arm dem Earl um die Schul⸗ ter ſchlang. „Wie habe ich Dich vermißt, mein Bruder,“ rief er,„und warum haſt Du Dein Gefolge verlaſſen?“ „Du ſollſt es ſogleich erfahren. Gurth, hat meinem Vater et⸗ was geſehlt? in ſeinem Geſichte iſt etwas, das mir nicht gefällt.“ „Er hat kein Unwohlſeyn geklagt,“ verſetzte Gurth betroffen; „aber nun da Du davon ſprichſt— ſeine Stimmung hat ſich in neuerer Zeit verändert: er iſt viel allein oder blos mit dem alten Hunde und dem alten Falken ausgegangen.“ Harold kehrte mit ſchwerem Herzen zurück und als er das Haus erreichte, ſaß ſein Vater auf dem Staatsſeſſel in der Halle, Githa ſaß zu ſeiner Rechten und etwas unter ihr Toſtig und Leofwine, welche von der Bärenjagd am Fluſſe zurückgekommen waren und laut und luſtig davon erzählten, während Thane und Knechte rings herum lagerten. Bei Harolds Eintritte hatte das laute Trinkgelage ſchon ſeinen Anfang genommen; aber der Earl ſchaute blos auf ſeinen Vater und 88 0 8 2 oune nem vand ener nem efes wei⸗ Die drem gen von hul⸗ rum et⸗ fen; erer und aus itha ine, laut rum inen und ſah, daß deſſen Augen keinen Antheil an dem Frohſinne nahmen und daß er ſein Haupt über den alten Falken auf ſeiner Fauſt beugte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Seit Cerdies Stamm auf Englands Thron geſeſſen, war noch nie ein Unterthan mit ſolch' ſtattlichem Gefolge wie Earl Godwin in den Hof von Windſhore eingeritten.— Froh dieſer erſten Gelegenheit ſeit ſeiner Rückkehr, um ihm, mit deſſen Sache die Sache Englands wider den Fremdling verknüpft war, ihre Huldigung darzubringen, hatten ſich alle ächtengliſchen Herzen unter den Thanen des Landes ſeinem Gefolge angeſchloſſen: Sachſen wie Dänen— alle welche die Geſetze und den Boden des Landes liebten, ſammelten ſich von Nord und Süd um das friedliche Banner des alten Earls. Die meiſten von ihnen ge⸗ hörten der früheren Generation an, denn das heranreifende Geſchlecht war noch immer von dem Pompe der Normänner verblendet, und die Mode engliſcher Sitten und der Stolz auf engliſche Thaten war mit den langen Locken und Kinnbärten ausgegangen. Auch ſehlten die Biſchöffe und Aebte und Herren der Kirche, denn auch ihnen war der Ruhm normänniſcher Frömmigkeit theuer geworden und ſie theilten den Widerwillen ihres heiligen Königs gegen Godwins ſtrenges Feſthalten an der heimiſchen Religion, weil dieſer keine Klöſter gründete und ohne Reliquien um den Hals in den Krieg zog. Die aber mit Godwin ritten, waren die Standhaften, die Offenen und Freien, aus denen das Mark der engliſchen Mannheit beſtand, während ſeine Gegner die blinden, willi⸗ gen und vom Schickſal beſtimmten Väternoch ungeborener Sklaven waren. Noch nicht das ſtattliche Schloß, das wir nunmehr gewahren und das von einem ſtolzeren Geſchlechte herrührt, auch nicht in derſelben Lage, ſondern zwei Meilen weiter unten an der Windung des Fluß⸗ ufers(woher der Name) bildete ein rohes, halb hölzernes, halb aus römiſchen Ziegeln beſtehendes Gebäude mit anſtoßendem Kloſter und von einem kleinen Weiler umringt den Pallaſt des heiligen Königs. 220 So ritt der Earl und neben ihm ſeine vier ſchönen Söhne in den Hof von Windſhore.“ Als König Edward das Trappeln der Pferde und das Summen der Menge vernahm, während er mit ſeinen Aebten und Pfaffen in ſtiller Betrachtung über den Daumen des heiligen Ju⸗ das in ſeinem Kloſette ſaß, fragte der König: .„Welche Armee reitet in den Tagen des Friedens und zur Sſer zeit in die Thore unſeres Pallaſtes?“ Ein Abt ſtand auf, um durch das ſchmale Fenſter zu ſchauen, und berichtete ſeufzend: „Armee darfſt Du es wohl nennen, o König!— Und Feinde von uns und Dir führen die Schaaren.“ „Inprinis,“ brummte unſer gelehrter Abt;„Du ſprichſt gewiß von dem gottloſen Earl und ſeinen Söhnen.“ Des Königs Miene veränderte ſich. „Kommen ſie mit ſo großem Gefolge?“ bemerkte er.„Das ſchmeckt eher nach Prahlerei als nach Loyalität:— nichts— gar nichts!“ „Ach!“ jammerte einer in dem Conclave,„ich fürchte, daß die Männer Belials uns Leid zufügen werden; die Heiden ſind mächtig und—“ „Fürchtet nicht,“ tröſtete Edward mit wohlwollender Herablaſ⸗ ſung, da er bemerkte, wie ſeine Gäſte erbleichten, während er ſelbſt, wenn auch oft kindiſch, ſchwach und geiſtig unentſchloſſen, doch immer noch ſo weit König und Edelmann war, daß er nichts von feiger leib⸗ licher Furcht wußte—„fürchtet nicht für mich, meine Väter; ſo nie⸗ drig ich auch ſeyn mag, ſo bin ich doch ſtark im Glauben an den Him⸗ mel und ſeine Engel.“ * Andere nennen Wincheſter als Schauplatz dieſer merkwürdigen Feſt⸗ lichkeiten. Nach Lyſons Meinung lag das alte Schloß Windſor auf der Stelle von Mr. Iſherwoods Pachthofe, ctwa 2 Meilen vom neuen Windſor entfernt und war mit einem Graben umgeben. Er vermuthet, daß es noch bis 1110 gelegentlich von den normänniſchen Königen bewohnt wurde. Der daſſelbe um⸗ ringende Weiler zählte nur fünfundneunzig Häuſer und hatte unter normän⸗ niſcher Herrſchaft eine Salztaxe zu bezahlen. e in ferde bten Ju⸗ sſter⸗ und von ewiß neckt ß die chtig blaſ⸗ elbſt, nmer leib⸗ nie⸗ Him⸗ Feſt⸗ Stelle tfernt 1110 um⸗ män⸗ 221 Die Männer der Kirche wechſelten ſchlaue aber beſchämte Blicke, denn es war nicht eben der König, für den ſie gefürchtet hatten. Dann ſprach Alred der gute Prälat und Friedensſtifter— er, die edle, einſame Säule der raſch verſinkenden ſächſiſchen Kirche: „Es iſt ſchlimm von Euch, Brüder, daß Ihr die Treue und gute Abſicht derer, die Euern König ehren, anklaget, denn der ſollte in die⸗ ſen Tagen immer der Willkommenſte ſeyn, der in ſeines Königs Hallen die größte Zahl feſter ergebener Herzen mitbringt.“ „Mit Eurer Erlaubniß, Bruder Alred,“ erwiederte Stigand, der, wenn er auch aus Gründen der Politik dem Könige mit Anderen an⸗ gerathen hatte, ſeine Krone nicht durch Widerſtand gegen Godwins Rückkehr in Gefahr zu bringen, aus den Mißbräuchen der Kirche doch diel zu großen Nutzen zog, um ſich der Sache des ſtarkmüthigen Carls aufrichtig anzuſchließen—„mit Eurer Erlaubniß, Bruder Alred, jedes ergebene Herz bringt einen heißhungrigen Mund mit, und die Schätze des Königs ſind über der Abfütterung dieſer hungrigen und unwill⸗ kommenen Gäſte nahezu aufgetrocknet. Dürfte ich meinem Herrn ra⸗ then, ſo würde ich ihn, aus Gründen der Klugheit, bitten, dieſen ſtolzen liſtigen Earl ein wenig zu äffen. Er möchte wohl gerne, daß der König ein öffentliches Feſtmahl veranſtaltete, um ihn und die Kirche durch das Heer ſeiner Freunde zu ſchrecken.“ „Ich begreife Dich, mein Vater,“ ſagte Edward mit ungewöhn⸗ licher Behendigkeit und mit jener ſcharfen aber harmloſen Liſt, wie man ſte häufig bei unentwickelten Geiſtern ſindet,„ich begreiſe Dich, es iſt gut und höchſt politiſch. Dieſer unſer übermüthiger Earl ſoll nicht den Triumph genießen, daß er kaum nach ſeiner Verbannung dem Kö⸗ nig mit der weltlichen Schauſtellung ſeiner Macht Trotz bietet. Un⸗ ſere Geſundheit dient als Entſchuldigung für unſere Abweſe eit beim Bankett, und kurz und gut— ich wundere mich, wartt Iſte eine paſſende Zeit zu Feſtmahlen und Luſtbarkeiten ſeyn ſoll. Darum gehe, Hugolin, mein Kämmerling, und benachrichtige den Earl, daß wir für heute bis zu Sonnenuntergang faſten und dann mit einem 4 222 mäßigen Mahle aus Eiern, Brod und Fiſchen Adams Natur aufrecht erhalten wollen. Bitte ihn und ſeine Söhne, uns Geſellſchaft zu leiſten — ſie allein ſeyen unſere Gäſte.“ 3 Und mit einem Kichern, das ſich wie ein Lachen oder wie das Geſpenſt eines Gelächters ausnahm— denn Edward beſaß zuweilen einen unſchuldigen Humor, den ſeine mönchiſchen Biographen nicht zu erwähnen verſchmäht haben,“ warf er ſich in ſeinen Stuhl. Die Pfaf⸗ fen verſtanden den Wink und hielten ſich die Seiten vor Lachen, wäh⸗ rend Hugolin das Zimmer verließ, nicht übel zufrieden, daß er der Einladung zu Eiern, Brod und Fiſchen entgangen war. „Für den Earl und ſeine Söhne iſt dies eine Ehre,“ bemerkte Alred ſeufzend;„aber die übrigen Earls und Thane werden bei dem Bankette den König vermiſſen, dem ſie allein Ehre erweiſen wollen, und—“ „Was ich geſagt habe, habe ich geſagt,“ unterbrach ihn Edward trocken und mit ermüdetem Blicke. „Und,“ äußerte ein anderer Kirchenmann voll Bosheit,„die jungen Earls wenigſtens werden gedemüthigt ſeyn, denn ſie werden nicht mit dem Könige und ihrem Vater niederſitzen, wie ſie es in der Halle gethan hätten, und müſſen meinen Herrn mit Wein und Hand⸗ tuch bedienen.“ „Inprinis,“ meinte unſer Gelehrter, der Abt,„das muß was Seltenes ſeyn: ich wollte, ich könnte es ſehen. Aber dieſer Godwin iſt ein Mann voll Argliſt und Verrätherei und Mylord ſollte ſich vor dem Schickſale ſeines ermordeten Bruders Alfred hüten!“ Der König fuhr zuſammen und drückte die Hände vor die Augen. „Wie darfſt Du, Abt von Fatchere,“ rief Alred unwillig— „wie darfſt Du den Kummer ohne Linderungsmittel, wie darfſt Du das Gedächtniß an die Metzelei ohne Zeugniß erneuern?“ „Ohne Zeugniß?“ wiederholte Edward mit hohler Stimme. „Wer morden konnte, mochte ſich wohl auch zum Meineide bequemen! „ Ailred: de Vita Edw. Confess. Ohr verſt das den an nm win Zeit ſeine Abſe hert in ſ voll win der beſ ger den 228 Ohne Zeugniß vor Menſchen!— ja; aber hat er das Gottesgericht verſucht?— hat ſein Fuß die Pflugſchaar überſchritten? ſeine Hand das glühende Eiſen erfaßt? Wahrlich, wahrlich, Du thatſt Unrecht, den Namen meines Bruders Alfred zu erwähnen! Ich werde heute an meinem Tiſche ſeine blickloſen blutträufelnden Augenhöhlen in God⸗ wins Geſichte ſehen.“ Der König erhob ſich in großer Aufregung und nachdem er eine Zeit lang durchs Zimmer geſchritten, ohne die ſtummen ſcheuen Blicke ſeiner Prieſter zu beachten, winkte er mit der Hand zum Zeichen des Abſchieds. Alle befolgten den Wink, bis auf Alred; dieſer jedoch nä⸗ herte ſich dem König mit Würde in ſeiner Haltung und voll Mitleid in ſeinen Blicken: „Verbanne aus Deiner Bruſt ſo ungeziemende und wenig liebe⸗ volle Gedanken, o Sohn und König! Alles, was Menſchen von God⸗ wins Schuld oder Unſchuld wiſſen konnten— der Verdacht des Pöbels — die Freiſprechung ſeiner Peers— war Dir bekannt, bevor Du ſeine Hülfe für Deinen Thron nachſuchteſt und ſein Kind zu Deinem Weibe nahmſt. Zu ſpät iſt es jetzt zu argwöhnen; überlaſſe Deine Zweifel jenem feierlichen Tage, der für den alten Mann, den Vater Deines Weibes, herannaht!“ „Ha!“ ſagte der König, den Prälaten anſcheinend— vielleicht auch abſichtlich— mißverſtehend,„ihn Gott überlaſſen?— das willich!“ Er wendete ſich ungeduldig ab und der Prälat mußte ihn wider⸗ ſtrebend verlaſſen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Toſtig ſchimpfte gewaltig über des Königs Botſchaft und wurde bei Harolds Verſuche, ihn zu beſänftigen, ſo heftig, daß nichts als der kalte ſtrenge Befehl ſeines Vaters, der jenes gewichtige Anſehen beſaß, das nur Solche kennen, deren Zorn ſtill und deren Leidenſchaft geräuſchlos iſt, der rohen Natur ſeines Sohnes einen mürriſchen Frie⸗ den abnothigte. Aber der Hohn, welchen Toſtig auf Harold gehäuft ——— 224 hatte, beunruhigte den alten Earl, und ſeine Stirne war noch von prophetiſcher Sorge bewölkt, als er in die königlichen Gemächer ein⸗ trat. Er war bei dem König erſt einen Augenblick vorher eingeführt worden, als Hugolin den Zug nach dem Speiſeſaale eröffnete, und die Begrüßung zwiſchen König und Earl war kurz und förmlich ausgefallen. Unter dem Staatshimmel waren für den König und den Vater der Königin zwei Stühle geſtellt; die vier Söhne Harold, Toſtig, Leofwine und Gurth ſtanden dahinter. So verlangte es die urſprüng⸗ liche Sitte der alten teutoniſchen Könige und die feudalen normänni⸗ ſchen Monarchen verſtärkten nur, obwohl mit mehr Pomp und Strenge, das Ceremoniell der Waldpatriarchen— wonach die Jugend dem Alter und die Miniſter des Reiches denen aufwarteten, welche ihre Politik zu Häuptlingen im Krieg und Rath gemacht hatte. Der Earl, ſchon vorher durch die Scene mit ſeinen Söhnen er⸗ bittert, fühlte ſich durch des Königs liebloſe Kälte noch mehr gekränkt; denn auch für den weltlich geſinnten Mann iſt es natürlich, daß er für Solche, denen er Dienſte geleiſtet, eine gewiſſe Neigung empfindet, und Godwin hatte Edward ſeine Krone verſchafft, und trotz ſeiner kriege⸗ riſchen, aber blutloſen Rückkehr konnte weder Mönch noch Normanne bei Aufzählung der Verbrechen des alten Earls behaupten, daß er es gegen den König, den er geſchaffen, jemals an perſönlichem Reſpekte habe fehlen laſſen: ja, ſo übermäßig groß für einen Unterthanen auch die Macht des Earls war, ſo wird jetzt doch ſchwerlich ein Schriftſtel⸗ ler behaupten wollen, es wäre für das ſächſiſche England nicht gut ge⸗ weſen, wenn Godwin bei ſeinem König in größerer, die Mönche und Normannen aber in geringerer Gunſt geſtanden hätten.* °„Es iſt zum Erſtaunen,“ ſagte das Volk, in Beziehung auf Edwards Bevorzugung der Normannen,„wie der Urheber und die Stütze von Edwards Regiment, den es doch empören muß immer wieder neue Ausländer über ſich erhoben zu ſehen, doch dem Manne, den er ſelbſt zum Könige gemacht, nie⸗ mals ein hartes Wort ſagt.“ ThierryI. Bd. S. 126. Das iſt der engliſche Bericht(versus d. Normannen ꝛc.). Es iſt kaum zu zweifeln, daß es der richtige iſt. — h von r ein⸗ eführt nd die fallen. Vater oſtig, rüng⸗ nänni⸗ renge, Alter Bolitik een er⸗ ränkt; er für t, und kriege⸗ manne er es eſpekte n auch iftſtel⸗ ut ge⸗ he und dwards dwards ber ſich t, nie⸗ ngliſche es der — 225 So war das ſtolze Herz des alten Earls aufs Bitterſte verletzt, und er warf aus jenen tiefen und durchdringenden Augen einen klagen⸗ den Blick auf Edwards eiſige Stirne. Harold, welchen alle häuslichen Bande ſehr tiefberührten, und dem ſein großer Vater beſonders theuer war, bewachte deſſen Antlitz und ſah, daß es ſtark geröthet war. Doch der geübte Höfling raffte ſeine Lebensgeiſter zuſammen, um zu Lächeln und Scherzen zurückzukehren. Der König wandte ſich von den Scherzen ab und verlangte Wein. Harold näherte ſich mit der Trinkſchale und ſtolperte dabei mit einem Fuße, richtete ſich aber ſchnell mit dem andern auf, wobei Toſtig nicht unterließ, über Harolds Ungeſchicklichkeit höhniſch zu lachen. Der alte Earl bemerkte beides— das Stolpern wie das Lachen, und um ſeinen beiden Söhnen eine Lehre zu geben, ſagte er mit freundlichem Lächeln: „Schau, Harold, wie der linke Fuß den rechten rettete!— ſo, ſiehſt Du, hilft ein Bruder dem andern!“* König Edward ſchaute plötzlich in die Höhe. „Und ſo, Godwin, hätte auch mein Bruder Alfred mir geholfen, wenn Du es erlaubt hätteſt.“ Dem alten Earl lief die Galle über: er betrachtete den König eine Weile und ſeine Wange war purpurroth, ſeine Augen ſchienen mit Blut unterlaufen. „O Edward!“ rief er,„Du ſprichſt zu mir hart und unfreund lich von Deinem Bruder Alfred, und haſt ſchon oft auf dieſe Weiſe mehr als angedeutet, als ob ich ſeinen Tod verurſacht hätte.“ Der König gab keine Antwort. „Möge ich an dieſer Brodkrume erſticken,“ ſchwur der Earl in großer Bewegung,„wenn ich an Deines Bruders Blute ſchuldig bin.“* Aber kaum hatte das Brod ſeine Lippen berührt, als ſein Auge ſtill ſtand, und die ſchon lange warnenden Symptome in Erfüllung * Heinrich v. Huntingdon. ** Heinrich v. Huntingdon; Bromton Chronik ꝛc. Bulwer, Harold. 15 gingen. Vom Schlage getroffen ſtürzte er plötzlich und ſchwerfällig unter den Tiſch. Harold und Gurth ſprangen herbei und hoben ihren Vater vom Boden auf. Sein Geſicht, noch immer von blutigen Streifen tief ge⸗ röthet, ruhte an Harolds Bruſt und der Sohn auf ſeinen Knieen rief in Todesangſt ſeinen Vater beim Namen— allein ſein Ohr war taub. „Das iſt Gottes Hand, entfernt ihn!“ rief der Konig aufſtehend und voll Triumph das Gemach verlaſſend. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Fünf Tage und fünf Nächte lag Godwin ſprachlos“ und Harold wachte bei ihm Tag und Nacht. Die Aerzte wollten ihm nicht zur Ader laſſen, weil das Zunehmen des Mondes und der Fluth dawider war; dagegen wuſchen ſie ſeine Schläfe mit Waizenmehl in Milch ab⸗ gekocht, nach einem Rezepte, das ein Engel einem andern Patienten im Traume angerathen hatte,*e legten ihm eine Bleiplatte auf die Bruſt, die mit ſünf Kreuzen bezeichnet war und ſprachen über jedes derſelben ein Paternoſter, nebſt anderen mediziniſchen Mitteln, welche damals hoch in Ehren ſtanden Trotz deſſen lag Godwin fünf Tage und fünf Nächte ſprachlos und die Aerzte fürchteten jetzt, daß menſch⸗ liche Geſchicklichkeit vergeblich ſey. 1 Die Wirkung, welche des Earls Schlaganfall und mehr noch die vorangegangenen Umſtände am Hofe veranlaßten, läßt ſich nicht mit Worten beſchreiben. Bei Godwins alten Waffengefährten war es ein⸗ facher aufrichtiger Kummer; von allen denen aber, die unter dem Ein⸗ fluſſe der Prieſter ſtanden, wurde das Ereigniß als eine direkte Strafe des Himmels betrachtet. Die vorangegangenen Worte des Königs, von Edward ſeinen Mönchen wiederholt, cirkulirten mit den tollſten * Hovenden. s Sharon Turner, I. Bd. S. 472. Fosbrooke. fällig vom ef ge⸗ n rief taub. ehend darold zt zur wider ch ab⸗ ienten uf die jedes velche Tage enſch⸗ ch die ht mit s ein⸗ Ein⸗ Strafe önigs, ollſten 227 Uebertreibungen von Munde zu Munde, und der Aberglaube jener Zeit hatte um ſo mehr Entſchuldigung, als die Rede Godwins wie eine Verhöhnung eines der volksthümlichſten Gottesgerichte— des ſoge⸗ nannten Nothbrodes— herauskam, wonach man dem vermutheten Verbrecher ein Stück Brod gab und ihn, wenn er es mit Leichtigkeit verſchluckte, für unſchuldig, wenns ihm aber in der Kehle ſtecken blieb, ja ſogar wenn er ſich blos ſchüttelte und blaß wurde, für ſchuldig er⸗ klärte. Godwins Worte ſchienen des Himmels Urtheil herausgefor⸗ dert zu haben und Gott hatte den anmaßenden Meineidigen gehört und niedergeworfen. Harold wußte glücklicherweiſe nichts von dieſen Verſuchen, den Namen ſeines ſterbenden Vaters anzuſchwärzen. Mit dem grauenden Morgen der fünften Nacht ſaß er an Godwins Bette und glaubte ſeinen Vater ſich regen zu hören. Er ſchlug den Vorhang bei Seite und beugte ſich über ihn. Der alte Earl hatte die Augen weit geöffnet und die Röthe war von ſeinen Wangen gewichen, welche jetzt todesbleich ausſahen. „Wie geht Dirs, theurer Vater?“ fragte Harold. Godwin lächelte zärtlich und verſuchte zu ſprechen; aber ſeine Stimme erſtarb in krampfhaftem Röcheln. Er richtete ſich jedoch mit Anſtrengung auf, drückte die Hand ſeines Sohnes, lehnte ſein Haupt an Harolds Bruſt und gab ſo den Geiſt auf. Als Harold endlich merkte, daß der Kampf vorüber war, legte er das graue Haupt ſanft auf das Kiſſen; er ſchloß ihm die Augen, küßte ſeine Lippen und kniete zum Beten nieder. Dann ſetzte er ſich etwas abſeits, das Geſicht mit dem Mantel bedeckend. Um dieſe Zeit trat ſein Bruder Gurth, der faſt ausſchließlich mit Harold gewacht hatte— denn Toſtig, ſeines Vaters Tod vorausſehend, bewarb ſich bereits emſig bei Thanen und Carls um Unterſtützung ſei⸗ ner Anſprüche auf die zu erledigende Grafſchaft— Gurth trat, wie geſagt, auf den Zehen ins Zimmer und errieth aus der Haltung ſeines 45 228 Bruders, daß Alles vorüber war. Er ging an den Tiſch, nahm die Lampe und betrachtete lange ſeines Vaters Geſicht. Jenes auffallende Todtenlächeln, das den Schuldloſen wie den Schuldigen gemein iſt, hatte bereits auf ſeinen ruhigen Zügen Platz genommen, und jene nicht minder befremdende Umwandlung des Alters zur Jugend, wenn die Runzeln verſchwinden und die Züge klar und ſcharf aus den Höhlungen der Sorgen und der Jahre hervortreten, hatte ſchon jetzt ihren Anfang genommen. Der alte Mann ſchien in der erſten Blüthe ſeiner Jugend zu ſchlummern. Gurth küßte den Todten, wie Harold früher gethan hatte, ſetzte ſich dann neben ſeinen Bruder auf die Erde und legte ſein Haupt auf Harolds Kniee; er ſprach nicht eher, als bis er, von dem langen Schwei⸗ gen des Earls erſchreckt, ſeinem Bruder den Mantel ſachte vom Ge⸗ ſicht zog und große Thränen über Harolds Wangen herabrollen ſah. „Tröſte Dich, mein Bruder,“ ſagte Gurth;„unſer Vater hat für den Ruhm gelebt, ſein Alter war glücklich, und ſeiner Jahre waren mehr, als der Pſalmiſt ſie den Menſchen zuweist. Komm und betrachte ſein Geſicht, Harold: ſeine Ruhe wird Dich tröſten.“ Harold gehorchte der Hand, die ihn wie ein Kind führte; im Vorübergehen ſiel ſein Auge auf das Käſtchen, welches Hilda dem alten Earl gegeben hatte und ein Schauer rieſelte ihm durch die Adern. „Gurth,“ ſprach er,„iſt heute nicht der Morgen des ſechsten Tags, ſeit wir an des Königs Hofe ſind?“ „Es iſt der Morgen des ſechsten Tages.“ Da nahm Harold den Schlüſſel, welchen Hilda ihm gegeben und öffnete das Käſtchen; drin lag das weiße Leichenhemd des Todten und eine Papierrolle. Harold nahm die Rolle und las in dem Zwielichte der Lampe und der Dämmerung: „Heil Harold, dem Erben Godwins des Großen und Githa's der Königgeborenen! Du haſt Hilda gehorcht und weißt jetzt, daß ihre Augen in der Zukunft leſen und ihre Lippen die ſchwarzen Worte der Wahrheit reden. Berge Dein Herz vor der Vala und mißtraue der Weisheit, welche die Dinge blos im gewöhnlichen Tageslichte ſieht. Wie die Tapferkeit des Kriegers und der Sang des Skalden, ſo iſt die Lehre der Prophetin; ſie ſtammt nicht vom Körper, ſie iſt Seele der Seele; ſie gebietet den Ereigniſſen und den Menſchen gleich der Tapferkeit; ſie geſtaltet die Luft zur Materie wie der Geſang. Beuge Dein Herz vor der Vala. Blumen blühen über dem Grabe des Todten und die junge Pflanze ſteigt hoch, wenn der König des Waldlandes tief unten liegt.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Sonne ging auf und Treppen und Gänge außerhalb wim⸗ melten von Fragenden, die ſich nach dem Befinden des Earls erkun⸗ digten. Die Thüren ſtanden offen und Gurth führte die Menge herein, um zum letzten Male den Helden im Feld und Rath zu ſehen, der mit ſtarker Hand und weiſem Verſtande Cerdies Geſchlecht auf dem ſäch⸗ ſiſchen Throne wieder hergeſtellt hatte. Harold ſtand ſchweigend zu Häupten des Bettes und Thraͤnen wurden vergoſſen und mancher Seuf⸗ zer wurde gehört. Und mancher Than, der früher halb und halb an Godwins Schuld bei Alfreds Ermordung geglaubt hatte, flüſterte be⸗ klommen ſeinem Nachbar ins Ohr:„wer ſeine alten Lebensgefährten im Tode ſo anlächelt, der hat kein Bußgeld wegen Todtſchlags auf ſeinem Haupte laſten!“ Am längſten von Allen blieb Leofric, der große Earl von Mercia, und als alle Anderen fort waren, nahm er die bleiche Hand, welche ſchwer auf der Bettdecke ruhte und ſprach: „Alter Feind, oft ſtanden wir uns im Witan und im Felde ge⸗ genüber; aber wenige Freunde gibt es, welche Leofrie ſo tief beklagen würde, wie Dich. Friede ſey mit Deiner Seele! Welches auch Deine Sünden ſeyn mögen— England ſollte Dich mild beurtheilen, denn England pulſirte in jedem Schlage Deines Herzens und mit Deiner Groͤße ging die ſeinige Hand in Hand!“ 230 Da ſchlich ſich Harold um das Bett, legte ſeine Arme um Leofpics Nacken und zog ihn an die Bruſt. Der gute alte Earl war gerührt, legte ſeine zitternden Hände auf Harolds braune Locken und ſegnete ihn. „Harold,“ ſprach er,„Du folgſt Deinem Vater in der Gewalt; laß Deines Vaters Feinde Deine Freunde ſeyn. Erwache aus Deinem Gram, denn Dein Vaterland, die Ehre Deines Hauſes und das Ge⸗ dächtniß des Todten verlangen es von Dir. Viele verſchwören ſich ge⸗ rade jetzt wider Dich und die Deinen: ſuche den König und verlange als Dein Recht Deines Vaters Grafſchaft; Leofric wird Deinen An⸗ ſpruch im Witan unterſtützen.“ Harold drückte Leofric die Hand und hob ſie an ſeine Lippen. „Mögen unſere Häuſer fortan und für immer im Frieden bleiben.“ Toſtigs Eitelkeit hatte ihn in der That irre geführt, wenn er träumte, daß auch nur der geringſte Theil von Godwins Parthei an eine Unterſtützung ſeiner Anſprüche gegen den beliebten Harold denken würde; nicht minder täuſchten ſich die Mönche, wenn ſie annahmen, daß mit Godwins Tode die Macht ſeiner Familie gefallen ſey. Mehr als Einſtimmigkeit von Seiten der Häuptlinge des Witan ſprach zu „Harolds Gunſten, denn durch ganz England, unter Dänen wie Sach⸗ ſen, herrſchte die allgemeine geräuſchloſe Ueberzeugung, daß Harold jetzt der einzige Mann ſey, auf welchem der Staat beruhte— eine Ueberzeugung, welche immer unwiderſtehlich iſt, ſobald ſie einen Einzelnen alſo begünſtigt. Auch Edward ſelbſt war Harold keineswegs feindſelig, denn wie wir ſchon oben geſagt haben, war dieſer der ein⸗ zige ſeines Hauſes, den er liebte und achtete. Harold wurde alsbald zum Earl von Weſſer ernannt und zögerte keinen Augenblick, zur Nachfolge in ſeiner eigenen Grafſchaft den rech⸗ ten Mann zu bezeichnen. Alle Eiferſucht, allen Widerwillen gegen Algar überwindend, vereinigte er die Stärke ſeiner Partei zu Gunſten des Sohnes von Leofric, ſo daß die Wahl auf ihn ſiel. Trotz aller ſeiner Heftigkeit und Fehler waren die Anſprüche keines anderen Earls — weder was ſeine eigene Fähigkeiten, noch ſeines Vaters Verdienſte 231 betraf— den ſeinigen gewachſen und ſeine Erwählungrettete den Staat vor einer großen Gefahr, da Algar in ſeiner zornigen Stimmung und in Folge ſeines gereizten Ehrgeizes ſich ſchon dem Könige Gryffyth von Nordwales, dem tapferſten Feinde Englands, in die Arme ge⸗ worfen hatte. Dem äußeren Scheine nach wurde Leofries Haus durch dieſe Wahl, welche in Vater und Sohn den breiten weiten Diſtrikt von Mercia und Oſtangeln vereinigte, viel mächtiger als das Godwins, denn in letzterem war Harold nunmehr der einzige, der eine der großen Grafſchaften beſaß, während Toſtig und die andern Brüder neben ihren vergleichungsweiſe unwichtigen Bezirken keinen weiteren Erſatz erhielten. Aber hätte auch Harold über keine Grafſchaft regiert, er wäre doch ohne Vergleich der erſte Mann in England geweſen— ſo groß war das Vertrauen in ſeine Tapferkeit und Weisheit. Er war für ſich ſelbſt von ſolcher Höhe, daß er keines Fußgeſtelles zum Stand⸗ punkte bedurfte. Der Nachfolger des erſten großen Begründers eines Hauſes erbt immer mehr als ſeines Vorgängers Macht, wenn er ſie nur zu hand⸗ haben und zu erhalten verſteht. Wer öffnet ſich die Bahn zur Größe, ohne ſich bei jedem Schritte Feinde zu erwecken? und wer ſtieg je zur höchſten Gewalt, ohne ernſte Urſachen zum Tadel gegeben zu haben? Harold ſtand frei von allen Feindſeligkeiten, die ſein Vater hervorge⸗ rufen, rein von allen Makeln, welche Ruf oder Verläumdung auf deſ⸗ ſen Namen wälzte. Die Sonne von geſtern hatte noch durch Wolken geſchimmert, die Sonne von heute erhob ſich an einem klaren Firma⸗ mente. Selbſt Toſtig fühlte alsbald das Uebergewicht ſeines Bruders, und nach einem langen Kampfe zwiſchen getäuſchter Wuth und begehr⸗ lichem Ehrgeize wich er vor ihm, wie vor einem Vater. Er ſah, daß Godwins ganzes Haus ſich allein in Harold concentrirte und daß trotz ſeiner eigenen verwegenen Tapferkeit, trotz ſeiner Verbindung mit dem Blute Alfreds und Karls des Großen ſein Durſt nach Gewalt einzig nur durch ſeinen Bruder befriedigt werden konnte. 232 „Geh in Deine Heimath, mein Bruder,“ ſagte Earl Harold zu Toſtig,„und gräme Dich nicht, daß Algar Dir vorgezogen wurde, denn ſelbſt wenn ſein Anſpruch weniger dringend geweſen wäre, ſo hätte es uns doch übel angeſtanden, wenn wir alle Lordſchaften von England als uns gehörig in Anſpruch genommen hätten. Regiere Deine Herrſchaft mit Weisheit: erwirb Dir die Liebe Deiner Lehens⸗ leute. Hohe Anſprüche beſitzeſt Du durch unſeres Vaters Namen, und Mäßigung kann Deine Macht für künftige Zeiten nur erhöhen. Ver⸗ traue Deinem Harold, Dir ſelbſt aber mehr; Du haſt Deiner Tapfer⸗ keit und Deinem Feuer nur noch Klugheit und Gleichmaß beizufügen, um dem erſten Earl in England würdig zur Seite zu ſtehen. Ueber meines Vaters Leiche umarmte ich meines Vaters Feind— ſoll da, als beſtes Vermächtniß des Todten, zwiſchen Bruder und Bruder nicht Liebe herrſchen?“ „Es ſoll nicht mein Fehler ſeyn, wenn es nicht iſt,“ gab Toſtig gedemüthigt zur Antwort und kehrte mit ſeinen Leuten nach ſeiner Herrſchaft zurück. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Rein, glänzend und ruhig verſank die Sonne hinter dem weſtli⸗ chen Waldlande. Hilda ſtand auf dem Hügel und ſchaute mit feſten Blicken in die verſinkende Goldſcheibe; neben ihr lehnte Editha auf dem Raſen und ſchien mit müßiger Hand Buchſtaben in die Luft zu malen. Das Mädchen war noch bleicher geworden ſeit Harold auf derſelben Stelle Abſchied von ihr genommen hatte; dieſelbe gleichgültige muth⸗ loſe Apathie ſah man auf den freudeloſen Lippen und in dem geſenkten Köpfchen ausgedrückt.. „Sieh, Kind des Herzens,“ ſprach Hilda, Edithen anredend, während ſie noch immer das große Geſtirn im Weſten betrachtete, „ſtehe, die Sonne ſteigt hinab in die fernen Tiefen, wo Rana und — — — 233 Aegir die Welten des Meeres bewachen; aber mit dem Morgen kommt ſie aus den Hallen der Aſen— der goldenen Thore des Oſtens— und Freude kommt in ihrem Gefolge. Und Du, mein trauerndes Kind, das kaum in die Jahre der Jungfrau eingetreten, dennoch glaubſt Du, die Sonne, wenn ſie einmal untergeſunken, kehre nie wieder ins Leben zurück! Noch während wir ſprechen, naht Dein Morgen heran und das Dunkel der Wolke bekommt die Farbe der Roſe!“ Edithens Hand hielt inne in ihrer müßigen Beſchäftigung und ſank matt auf ihre Kniee; ſie richtete den unruhigen ängſtlichen Blick auf Hilda und nachdem ſie die Vala einige Augenblicke aufmerkſam be⸗ trachtet, ſtieg die Röthe in ihre Wangen und ſie ſagte faſt mit zorni⸗ ger Stimme: „Hilda, Du biſt grauſam!“ „So iſt das Schickſal!“ entgegnete die Vala.„Aber die Men⸗ ſchen nennen das Schickſal nicht grauſam, wenn es ihren Wünſchen lächelt.— Warum nennſt Du Hilda grauſam, wenn ſie in der unter⸗ gehenden Sonne die Runen Deiner kommenden Freude liest?“ „Für mich gibt's keine Freude,“ klagte Editha,„und ich habe etwas auf dem Herzen,“ fuhr ſie mit plötzlicher faſt wilder Aenderung des Tones fort,„was ich endlich ausſprechen will. Ich tadle Dich, Hilda, daß Du mein ganzes Leben verdorben haſt, daß Du mich mit Träͤumen täuſchteſt und mich allein in Verzweiſtung zurückließeſt.“ „Sprich weiter,“ ſagte Hilda ruhig wie die Amme zu einem un⸗ artigen Kinde. 4 „Haſt Du mir nicht ſeit dem erſten Aufſdämmern meiner verwun⸗ derten Vernunft— haſt Du mir da nicht erzählt, daß mein Leben und Schickſal mit— mit—(das kühne wahnſinnige Wort muß endlich * Aegir, der ſkandinaviſche Meeresgott— nicht aus dem himmliſchen Stamme der Aſen, ſondern von den Rieſen abſtammend. Ran oder Rana, ſein Weib, iſt ſchon ein boshafterer Charakter, denn ſie war es, welche Schiff⸗ brüche verurſachte und die ins Meer Gefallenen in einem Netze an ſich zog. Aus dieſer Ehe entſproſſen neun Töchter— die Wogen, die Strömungen und die Stürme. 234 heraus) mit dem des unvergleichlichen Harold verwoben ſey? Ohne Ant dieſe Prophezeihung, welche meine Kindheit von Deinen Lippen als liſch Geſetz annahm, wäre ich nie ſo eitel und unſinnig geworden, hätte nicht von jedes Spiel ſeiner Mienen bewacht, jedes Wort ſeiner Lippen wie einen Zau Schatz gehegt; ich hätte nicht mein Leben nur zu einem Theile ſeines Lebens— nicht meine ganze Seele zum bloßen Schatten ſeiner Sonne gemacht. Ohne ſie hätte ich mit Freuden die Ruhe des Kloſters lang begrüßt— ohne ſie wäre ich im Frieden in mein Grab geſunken. des Und nun— nun, o Hilda“— hier folgte eine Pauſe, und dieſe Pauſe war beredter als alle Worte ſeyn konnten.„Und,“ begann ſie plötzlich mer von Neuem,„Du wußteſt, daß dieſe Hoffnungen bloße Träume waren — daß das Geſetz ſich immer zwiſchen ihn und mich ſtellen und daß die es Sünde ſeyn würde, ihn zu lieben!“ nes .„ Ich kannte das Geſetz,“ gab Hilda zur Antwort;„aber das Ge⸗ tra ſetz der Thoren iſt für die Weiſen wie ein Spinngewebe, das vor der noc Schwinge des Vogels über das Gebüſch gebreitet wird. Ihr ſeyd im vie fünften Grade mit einander verwandt, und darum ſagt ein alter Mann den zu Rom, ihr ſollt euch nicht heirathen. Wann erſt die Glatzköpfe dem ber alten Manne zu Rom gehorchen und ihre eigenen Weiber und Fril⸗ ſch las“ aufgeben, wenn ſie ſich des Weinkrugs, der Jagd und des Haders ant enthalten, dann will ich— vielleicht mit Mißvergnügen aber ohne Verachtung*— auf ihre Geſetze hören. Es iſt keine Sünde, Harold— zu lieben und weder Mönch noch Geſetz ſoll eure Vereinigung hindern an dem Tage, da ihr euch mit Leib und Seele angehören werdet.“ ge „Hilda! Hilda! mach mich nicht wahnſinnig vor Freude,“ rief be Editha in trunkenem Entzücken aufſpringend, während ihr jugendliches ach — 1 mi Frilla iſt das däniſche Wort für ein Frauenzimmer, das der Mann oft mit Beiſtimmung der Frau in den häuslichen Kreis aufnahm. Der Aus ſtn druck wird hier von Hilda als Vorwurf gebraucht, und wirklich war auch den die Canons zum Trotz Ehe und Concubinat unter der angelſächſiſchen wie unter mi der fränkiſchen Prieſterſchaft gäng und gäbe. G ** Hilda war als Heidin wie als Dänin keine ſonderliche Freundin des Mönchthums. 4 ler hne als icht inen nes une ters ken. auſe lich aren daß Ge⸗ der dim ann dem Fril⸗ ders hne rold dern rief ches kann Aus den inter des A 235 Antlitz mit Röthe bedeckt und ihre wiedererwachte Schönheit ſo himm⸗ liſch anzuſehen war, daß Hilda beinahe ſelbſt wie vor der Erſcheinung von Freya, der nordiſchen Venus, zurückbebte, wenn ſie durch einen Zauberſpruch aus Asgards Hallen abgerufen wird. „Aber jener Tag iſt noch ferne,“ begann die Vala von Neuem. „Was thuts! was thuts!“ rief das reine Naturkind;„ich ver⸗ lange ja blos Hoffnung. Genug— o genug, wenn wir erſt am Rande des Grabes vermählt werden.“ „Schau,“ rief Hilda,„blick auf, die Sonne Deines Lebens däm⸗ mert von Neuem!“ Indem ſie ſprach, erhob die Vala ihren Arm und Editha ſah durch die Zwiſchenräume der Tempelſäulen den großen Schatten eines Man⸗ nes über den ſtillen Raſen herübergeworfen und im nächſten Augenblick trat Harold, ihr Geliebter, in die Mitte des Kreiſes. Sein Geſicht war noch bleich von friſchem Kummer; aber in Schritt und Haltung war vielleicht mehr als jemals die ihm eigenthümliche Würde ausgeprägt, denn er fühlte, daß auf ihm allein die Macht des ſächſiſchen Englands beruhe. Und welches Königsgewand bekleidet die Geſtalt der Men⸗ ſchen mit ſo kaiſerlicher Majeſtät, als das feierliche Bewußtſeyn ver⸗ antwortlicher Macht in einer ernſten Seele? „Du kommſt,“ ſprach Hilda,„in der Stunde, die ich vorhergeſagt — mit dem Untergehen der Sonne und dem Aufſteigen des Sternes.“ „Vala,“ entgegnete Harold düſter,„ich will meine Sinne nicht gegen Deine Prophezeihungen ſtemmen, denn wer kann die Macht beurtheilen, deren Elemente ihm unbekannt ſind, oder das Wunder ver⸗ achten, deſſen Trug er nicht entdecken kann? Aber ich bitte Dich, laß mich im hellen Lichte des gemeinen Tages dahinwandeln. Dieſe Hände ſind gemacht, um mit greifbaren Dingen zu verkehren, dieſe Augen, um die Formen, die mir begegnen, zu meſſen. In meiner Jugend habe ich mich in Verzweiflung oder Widerwillen von den Spitzfindigkeiten der Gelehrten abgewendet, weil ſte das Gehirn der Lombarden und Fran⸗ ken aufs Haar hin theilen wollten, und jetzt im rührigen geſchäftigen 236 Mannesalter ſollſt Du mich nicht in Netze verwickeln, die meine Ver⸗ nunft verwirren und in denen meine wachenden Gedanken zu grauen⸗ haften Träumen erkranken. Mein ſey der gerade Pfad und das deut⸗ liche Ziel!“ Die Vala betrachtete ihn mit ernſtem Blicke, worin ſich Bewun⸗ derung, aber mehr noch Düſterheit ausſprach; ſie gab jedoch keine Antwort und Harold fuhr fort: „Laß die Todten ruhen, Hilda— ſtolze Namen mit irdiſchem Ruhme und Schatten, welche unſerer Sehweite entrannen, der Gnade des Himmels unterliegend. Eine weite Kluft haben meine Schritte überſprungen, o Hilda, ſeit wir uns zum letzten Male ſahen— eine weite Kluſt,— ſüße Editha! aber ein enges Grab.“— Seine Stimme wankte einen Augenblick, bis er von Neuem anhub:„Du weinſt, Editha? — ach wie Deine Thränen mich tröſten!— Hilda, höre mich! Ich liebe Deine Enkelin— liebte ſie mit unwiderſtehlichem Drange, ſeit ihre blauen Augen mich zum erſten Mal anlächelten. Ich liebte ſie in ihrer Kindheit wie in ihrer Jugend— in der Knoſpe wie in der Blüthe. Und Deine Enkelin liebt mich. Die Geſetze der Kirche ver⸗ pönen unſere Ehe und darum trennten wir uns; aber ich fühle und Deine Sditha fühlt, daß die Liebe auch in der Abweſenheit gleich ſtark bleibt: kein Anderer wird ihr Gatte, keine zweite meine angetraute Gemahlin werden. Mein Herz iſt vom Kummer geſänftigt und durch meines Vaters Tod bin ich der einzige Herr meines Schickſals geworden; darum kehre ich zurück, und ſage zu Dir in ihrer Gegenwart: laß uns noch ferner hoffen! Der Tag kann kommen, wo wir unter einem andern König, der nicht wie dieſer Edward von formellen Kirchengeſetzen ein⸗ geengt iſt, die päbſtliche Abſolution für unſere Vermählung erlangen — vielleicht iſt er noch ferne dieſer Tag; aber wir beide ſind jung und Liebe iſt ſtark und geduldig: wir können warten.“ „O Harold,“ rief Editha;„wir können warten!“ „Habe ich Dir nicht geſagt, Du Sohn von Godwin, daß Editha's Lebensfaden mit dem Deinigen verwebt ſey?“ erwiederte die Vala 237 Ver⸗ feierlich.„Glaubſt Du, meine Zauber haben nicht die Beſtimmung der Letzten meines Geſchlechtes erforſcht? Wiſſe, daß in dem Buche des Schickſals geſchrieben ſteht, daß Ihr vereinigt werdet, um nie mehr uen⸗ eut⸗ von einander zu ſcheiden; wiſſe, daß ein Tag kommen wird— zwar un⸗ ſehe ich noch nicht deſſen Morgen und er liegt in dunkler Ferne— der feine der glorreichſte Deines Lebens ſeyn und wo Editha und Ruhmesgröße Dein ſeyn werden— der Tag Deiner Geburt, an dem Dir ſeither chem noch Alles gelungen. Umſonſt verſucht es Mönch und Prieſter, wider nade die Sterne zu predigen: was ſeyn ſoll, wird ſeyn. D'rum faſſet Hoff⸗ ritte nung und Muth, ihr Kinder der Zeit! und ſo wie ich Eure Hände eine vereinige, verlobe ich nunmehr Eure Seelen.“ mme Reines unprophetiſches Entzücken, aus tiefer ächter Liebe geboren, tha? leuchtete in Harolds Blicken, als er die Hand der verlobten Braut er⸗ Ich faßte. Aber ein unwillkürlich räthſelhafter Schauer flog über Edithens ſeit Geſtalt und ſie lehnte ſich dicht, ganz dicht und Hülfe ſuchend an Harolds te ſie Bruſt. Wie durch eine Viſion erhob ſich vor ihrem Gedächtniſſe eine der ſtrenge Stirne, eine gewaltige ſchreckliche Geſtalt— die Stirne und ver⸗ Geſtalt deſſen, den ſie, wie die Prophetin geſagt hatte, nur noch einmal deine in ihrem wachen Leben ſehen ſollte. Die Viſion verſchwand unter dem eibt: warmen Drucke jener ſchützenden Arme und in Harolds Geſicht empor⸗ ſchauend, gewahrte ſie das tiefe mächtige Entzücken, das ſich alsbald ahlin ines auch in ihre eigene Seele ergoß. rrum Und Hilda legte die eine Hand über ihre Häupter und hob die andere gen Himmel, der von glänzenden Sternen ſtrahlte, indem ſie mit noch g L 3) dern tiefem bebendem Tone ſprach: ein⸗„Bezeugt die Verlobung dieſer jungen Herzen, o ihr Mächte, die ihr durch Zauber wie keine Galdra ſie verfolgen kann, Natur zu Natur ngen 211 3 e 35, 5 und hinzieht und in den Geheimniſſen der Schöpfung kein vollkomme⸗ neres Myſterium als das der Liebe geſchaffen habt. Bezeuge es, o Sonne, o Luft! Während der Leib getrennt iſt, mögen die Seelen an g ha's einander hängen— Kummer bei Kummer, Freude bei Freude. Und Zala wenn endlich Braut und Bräutigam vereint ſind— möge dann das 238 Unheil, womit ihr beladen ſeyd, ſeine Wucht erſchöpft haben, daß keine Gefahr ſie beläſtige, keine Bosheit ſie ſtöre, ſondern daß ihr in Frieden über ihrem Hochzeitsbette ſcheinet, o ihr Sterne!“ Auf ſtieg der Mond, die Nachtigall rief ihrem Gatten auf den athemloſen Zweigen der Mainacht und ſo wurden Editha und Harold verlobt auf dem Grabe von Cerdies Sohne. Und von Cerdics“ Stamme waren ſeit Ethelbert alle Sachſenkönige ausgegangen, welche mit Schwert und Scepter über das ſächſiſche England geherrſcht hatten. Sechstes Buch. Ehrgeiz. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Und es herrſchte große Freude in England. König Edward hatte eingewilligt, den Prälaten Alred“ an den Hof des deutſchen Kaiſers zu ſeinem Verwandten und Namensbruder Edward Atheling, dem Sohne des großen Ironſides, zu ſenden. In ſeiner Jugend war dieſer Prinz mit ſeinem Bruder Edmund durch Canut der Obhut ſeines Vaſallen des Königs von Schweden übergeben worden, und es wurde wiewohl ohne gehöoörige Autorität behauptet, Canuts Abſicht ſey geweſen, ſie insgeheim aus dem Wege ſchaffen zu laſſen. Der König von Schwe⸗ den überſchickte jedoch die Kinder dem Grafen von Ungarn, wo ſie eh⸗ renvoll empfangen und auferzogen wurden. Edmund ſtarb noch jung und ohne Nachkommen; Edward aber heirathete eine Tochter des deut⸗ ſchen Kaiſers und war während der Erſchütterungen in England und * Knyghton Chron. wäl Har erj vett ein ſtin kön (ni ſche vor den wi ah lef der ſch tre eine ſeden den rold dics“ llche hten. atte ſers öhne rinz llen vohl ſie we⸗ eh⸗ ung eut⸗ und während der auf einander folgenden Regierungen Harold Harefoots, Hardicanuts und des Bekenners in ſeinem Exile vergeſſen geblieben, bis er jetzt plötzlich als präſumtiver Thronerbe ſeines kinderloſen Namens⸗ vetters nach England berufen wurde, wo er mit ſeinem Weibe Agathe, einem kleinen Sohne Edgar und zwei Töchtern Margaretha und Chri⸗ ſtina anlangte. Groß war die Freude. Die unzählige Volksmenge, welche die königlichen Gäſte auf ihrem Zuge nach dem alten Londoner Pallaſte (nicht weit von der St. Paulskirche), worin ſie wohnten, begleitet hatte, ſchwärmte noch durch die Straßen, als zwei Thane, die den Atheling von Dover hergeleitet und ſich eben von ihm verabſchiedet hatten, aus dem Pallaſte traten und ſich nicht ahne Mühe einen Weg durch die wimmelnden Straßen bahnten. Der Eine, der in Tracht und Haarwuchs die normanniſche Sitte nach⸗ ahmte, war unſer alter Freund Godrith, deſſen ſich der Leſer als Tail⸗ lefers Zurechtweiſer und Mallet de Graville s Freund erinnern wird; der Andere in der einfachen linnenen Sachſentunika und der, wie es ſchien, ihm ungewohnten Gonna, wie ſie bei Staatsgelegenheiten ge⸗ tragen wurde, mit langem Haupt⸗ und Barthaar und die Arme mit ſchweren Goldſpangen bedeckt, war Vebba, der Kentiſche Than, der als Nuntius zwiſchen Godwin und Edward gedient hatte. „Meiner Treu!“ rief Vebba, ſeine Stirne abwiſchend,„dieſe Menge kann einem wahrhaftig warm machen. Nicht um allen Flitter in den Goldſchmiedsläden, nicht um alle Schätze in König Edwards Gewölben möchte ich in London wohnen. Meine Zunge iſt ſo trocken wie ein Grasfeld im Heumonat. Heilige Mutter, ſey geſegnet! ich ſehe eine Schenke offen; laßt uns eintreten und uns mit einem Horn Ale er⸗ friſchen.“ „Nein, Freund,“ erwiederte Godrith mit einem Anfluge von Ver⸗ achtung,„das iſt nicht der Ort für Männer von unſerm Range. War⸗ tet noch eine Weile, bis wir in die Nähe der Brücke kommen: dort werden wir würdige Geſellſchaft und ſeines Labſal finden.“ 240 „Wohl, wohl, ich ſtehe Euch zu Gebot, Godrith,“ verſicherte der aus Kent ſeufzend;„mein Weib und meine Söhne werden mich gewiß fragen, was ich alles geſehen habe, und darum iſt es mir ganz recht, wenn ich durch Dich die neueſten Streiche dieſer närriſchen Stadt er⸗ fahre.“ Godrith, welcher Herr und Meiſter aller Moden unter der Re⸗ gierung unſeres Herrn des Königs Edward war, lächelte anmuthig und Beide gingen in tiefem Schweigen weiter, das nur zuweilen durch den kernigen Mann aus Kent bald mit einem Rufe des Zorns, wenn man ihn rauh anſtieß, bald der Verwunderung und des Entzückens un⸗ terbrochen wurde, wenn er mitten unter der Menge einen Spielmann mit Bären oder Affen erblickte, der den freien Raum in der Nähe eines Kloſtergartens oder einer römiſchen Ruine zur Darſtellung ſeiner Kunſt⸗ ſtücke benützte. So erreichten ſie endlich eine lange niedere Budenreihe, zur Lin⸗ ken der Londonbrücke höchſt freundlich gelegen, wo die berühmten Küchenläden, die ſogar noch zu Fitzſtephens Zeit ihren alten Ruhm und ihre Beſuchtheit aufrecht erhielten, ihren Sitz aufgeſchlagen hatten. Zwiſchen Fluß und Buden war ein von den Beſuchern braunge⸗ tretener Raſenplatz mit wenigen geſtutzten Bäumen, durch Rebenge⸗ winde mit einander verbunden, unter deren Schutze die Tiſche und Stühle aufgepflanzt waren. Der Ort war ſehr beſucht und ohne God⸗ riths Popularität bei den Kellnern wäre es wohl ſchwer geworden, ei⸗ nen Platz zu finden. So aber war bald ein neuer Tiſch herbeigeſchafft und dicht am kühlen Waſſerrande aufgeſtellt; in Kurzem war er mit Krügen von Hippocras, Pigment, Ale und etlichen gascogniſchen wie brittiſchen Weinen beſetzt; allerhand Kuchenbrod, wegen deſſen köſtlicher Bereitung England damals weit und breit berühmt war, wurde herum⸗ gereicht und Fleiſchſpeiſen, welche dem ehrlichen Auge und Geſchmack des wohlhabenden Kenters höchſt ſonderbar vorkamen, an Spießen ſervirt. „Was iſt das für ein Vogel?“ fragte er brummend. 241 „O Du beneidenswerther Mann— ein phrygiſcher Faſan, den Du zum erſten Male verkoſteſt; wenn Du Dich von Deinem Entzücken erholt haſt, ſo empfehle ich Dir einen mauriſchen Pudding aus Eiern und Karpfenrogen aus den alten Southweorcer Fiſchteichen— die Koͤche hier verſtehen ſich ſehr gut auf deren Bereitung.“ „Mauriſch!— heilige Jungfrau!“ rief Vebba, der ſich bereits den Mund mit dem phrygiſchen Pudding vollgeſtopft hatte—„wie kamen nur ſolche mauriſchen Dinge in unſer chriſtliches Eiland?“ Godrith lachte laut. „Ei unſer Koch hier iſt ja ſelbſt Maure— die beſten Sänger in London ſind Mauren. Dort ſchau!— jene ernſten anſtändigen Sara⸗ cenen!“ „Anſtändig?— nun das muß ich ſagen!— ſchwarz und verbrannt wie ein verkohlter Fichtenſtamm!“ grunste Vebba;„ei wer ſind ſie denn?“ „Wohlhabende Kaufleute; ihnen danken wir's, daß unſere hüb⸗ ſchen Mädchen auf den Märkten im Preiſe geſtiegen ſind.* „Um ſo größer die Schande,“ eiferte der aus Kent;„dieſes Ver⸗ kaufen unſerer männlichen wie weiblichen engliſchen Jugend an auslän⸗ diſche Herren iſt ein Schandflecken für den ſächſiſchen Namen!“ „So ſagt Harold, der Earl, und ſo predigen die Moͤnche,“ er⸗ wiederte Gothrith.„Doch Du, mein guter Freund, der Du in Alles vernarrt biſt, was unſere Vorfahren thaten und Dich mehr als ein⸗ mal über meine normänniſche Robe und meine kurzen Haare aufließeſt — Du ſollteſt nicht tadeln, was unſere Väter ſeit Cerdics Tagen ge⸗ than haben.“ „Hm,“ meinte der Kenter etwas verlegen,„gewiß ſind die alten Sitten die beſten und vermuthlich hat auch dieſer Gebrauch ſeinen guten * Fitzſtephen. ** William Malmesbury ſpricht mit gerechter Entrüſtung von dem Ge⸗ brauche der Angelſachſen, ihre weiblichen Dienerinnen theils zur öffentlichen Proſtitution, theils in ausländiſche Sklaverei zu verkaufen. Bulwer, Harold. 16 242 Grund, den ich, der ich mich mit Dingen, die mich nicht angehen, nicht befaſſe, für jetzt nicht einſehe.“ „Nun, Vebba, wie gefällt Dir der Atheling?— er iſt von der alten Linie,“ bemerkte Godrith. Auch diesmal ſchien der Kenter Than nicht wenig verwirrt und mußte zu dem Ale ſeine Zuflucht nehmen, das er allen feineren Ge⸗ tränken vorzog. „Hm!“ meinte er,„das Engliſche ſpricht er noch ſchlechter als König Edward! und was ſeinen Knaben Edgar betrifft— das Kind kann vollends kaum eine Silbe. Und dann ihre deutſchen Leibwächter und Knechte!— Hätte ich gewußt, was für ein Schlag Leute ſie ſind, ich hätte meine Roſſe geſpart und wäre nicht in ſolcher Haſt zu ihrer Bewillkommnung herbeigeeilt. Man ſagte mir aber, Harold der gute Earl habe den König bewogen, ſie rufen zu laſſen, und was der Earl thut, kann ich mir nicht anders als weiſe und zum Wohle unſeres ge⸗ liebten Englands dienend vorſtellen.“ „Das iſt wahr,“ beſtätigte Godrith mit ernſtem Nachdruck, denn bei all' ſeiner Affektation normänniſcher Sitten war er in ſeinem Herzen durchaus engliſch und gehörte zu den entſchiedenſten Anhängern Harolds, der ebenſo wohl das Vorbild und der Stolz des jungen Adels, als der Liebling des niederen Volkes geworden war—„das iſt wahr— und Harold bewies uns ſein edles engliſches Herz gerade dadurch, daß er zu ſeinem eigenen Verluſte in den König drang.“ Während Godriths Rede, ja von dem erſten Augenblicke an, da Harolds Namen erwähnt worden, hatten an einem hinteren Tiſche zwei reich gekleidete Männer, die Barrets tief über die Stirne gezo⸗ gen und in ihre langen Gonnas vermummt, ihre Aufmerkſamkeit vom Weinbecher abgewendet, um mit tiefer Achtſamkeit dem nunmehr fol⸗ genden Geſpräche zuzuhorchen. „Wie zu des Earls Verluſte?“ fragte Vebba. „Ei, Du mein einfacher Than,“ gab Godrith zur Antwort, „denk einmal, daß Edward den Atheling nicht als Erben anerkannt, * —— nicht i der und Ge⸗ r als Kind ichter ſind, ihrer gute Earl s ge⸗ denn einem ngern ungen „das erade t, da Liſche gezo⸗ vom r fol⸗ wort, annt, 243 oder daß der Atheling an dem deutſchen Hofe geblieben, und unſer guter König plötzlich geſtorben wäre— wer, glaubſt Du, könnte da auf dem engliſchen Throne nachfolgen?“ „Meiner Treu! daran habe ich noch nie gedacht,“ meinte der aus Kent, ſich am Kopfe kratzend. „Das iſt bei den meiſten Engländern der Fall; aber wen anders könnten wir wählen, als Harold?“ Hier fuhr der eine der beiden Horcher plötzlich auf, wurde aber von dem Andern mit warnendem Finger zurückgehalten. „Meiner Seel'!“ rief der Kenter;„wir haben ja außer dem Dänen nie einen andern König als aus Cerdies Stamme gewählt. In der That, das nenne ich Neuerungen; da werden wir nächſtens einen Deutſchen oder Sarazenen, oder gar einen Normannen zum Könige nehmen!“ „Aus Cerdics Geſchlechte— allerdings. Allein dieſes Ge⸗ ſchlecht iſt bis auf den Atheling mit Zweig und Wurzel abgeſtorben, und der iſt mehr Deutſcher als Engländer. Ich wiederhole alſo, wen könnten wir außer dem Atheling wählen?— wen anders als Harold, des Königs Schwager, durch Githa von den Königshäuſern der Norſa abſtammend, den Anführer des geſammten Heerbannes, den Häupt⸗ ling, der noch nie ohne Sieg gefochten, aber die Verſöhnung immer dem Kampfe vorgezogen hat— den erſten Rathgeber im Witan— den erſten Mann des Reiches— wen anders, als Harold? Antworte mir doch, verblüffter Vebba?“ „Ich kann Deinen Worten nur langſam folgen,“ bemerkte der Than aus Kent kopfſchüttelnd;„im Ganzen liegt auch wenig daran, wer König wird, wenn's nur ein guter iſt. Ja, ja, jetzt ſehe ich ein, daß der Earl gerecht und großmüthig handelte, als er den König be⸗ wog, den Atheling holen zu laſſen. Trink⸗Hael! langes Leben für Beide!“ „Was⸗Hael,“ erwiederte Godrith, auf Vebba's kräftigeres Ale mit ſeinem Hippocras Beſcheid thuend.„Langes Leben für Beide! 16* 244 Möge Edward, der Atheling, König ſeyn, aber Harold, der Earl, regieren! Ja, dann brauchten wir uns nicht mehr vor dem wilden Algar oder dem noch wilderen Gryffyth aus Wales zu fürchten— ſie ſind zwar, Dank Harold, für den Augenblick ruhig, aber ihre Ruhe gleicht den glatten Waſſern in Gwyned, unter deren Oberfläche der brauſende Sturm ſchlummert.“ „Ich höre ſo wenig Neuigkeiten,“ entgegnete Vebba,„wir in Kent ſind ſo ſelten mit auswärtigen Unruhen geplagt(bei uns regiert nämlich Harold, und die Falken bleiben ferne, wo die Adler horſten), daß ich Dir dankbar wäre, wenn Du mir etwas von unſerem alten* Earl Algar, dem Raſtloſen, und dieſem wäliſchen König Gryffyth er⸗ zählteſt, ſo daß ich in meiner Heimath als ein weiſer Mann auftreten könnte.“ „Nun, Du weißt doch, daß Algar und Harold im Witan beſtän⸗ dig Gegner waren, und haſt ſelbſt ſchon hitzige Worte zwiſchen ihnen wechſeln hören?“ „Ei freilich! aber Algar iſt dem Earl Harold eben ſo wenig im Wort⸗ wie im Schwertkampfe gewachfen.“ Abermals ſah man einen der beiden Horcher— aber nicht den früheren— auffahren, während er einen Zornesruf vor ſich hin⸗ murmelte. „Gleichwohl iſt er ein läſtiger Feind,“ erzählte Godrith, der den Ruf, welchen Vebba veranlaßt, nicht gehört hatte,„ein Dorn im Fleiſche des Earls und Englands, und es war ein Unglück für Beide, daß Harold dem Wunſche und Rathe ſeines weiſen Vaters Godwin nicht nachkam, und Aldythen nicht heirathete.“ „Ja, leider; ich habe Harfner und Spielmänner allerlei Lieder über Harolds Liebe zu der ſchönen Editha anſtimmen hören— ein wun⸗ derbar ſauberes Mädchen, wie es heißt!“ * Man wird ſich erinnern, daß Algar während Godwins Verbannung Über Weſſer regierte, welches Fürſtenthum die Grafſchaft Kent einſchloß. ͤ—& 22 Farl, ilden ſie Ruhe e der ir in giert ſten), ten* h er⸗ reten ſtän⸗ hnen g im den hin⸗ r den n im heide, dwin eieder wun⸗ mung 2⁴45 „Allerdings, und um ſeiner Liebe willen hat er ſeinem Ehrgeiz einen ſchlimmen Streich geſpielt.“ „Ich liebe ihn dafür nur um ſo mehr,“ erklärte der ehrliche Kenter;„warum heirathet er das Mädchen nicht ſogleich? Ich weiß⸗ ſie beſitzt weite Ländereien, welche von der Küſte von Suſſer bis nach Kent hereinreichen.“ „Ja, ſie ſind im fünften Grade mit einander verwandt, und die Kirche verbietet die Heirath. Trotz deſſen lebt Harold nur für Edithen, ſie haben den Liebesknoten zuſammen geknüpft,“ und man flüſtert ſich in die Ohren, wenn der Atheling König ſey, hoffe Harold durch ihn die Diſpenſation des Pabſtes zu erlangen. Doch um zu Algar zurückzu⸗ kehren— der hat an einem höchſt unglücklichen Tage ſeine Tochter dem Gryffyth gegeben, und dieſer iſt der unruhigſte Unterkönig, den das Land noch jemals gekannt und wird ſich, wie es heißt, nicht eher zufrieden geben, als bis er ganz Wales und die Marſchen noch oben⸗ drein ohne Tribut für ſich gewonnen hat. Zwiſchen ihm und dem Earl Algar, welchem Harold die Grafſchaft Oſtangeln geſichert hatte, wur⸗ den einige Briefe entdeckt, und Du wirſt ohne Zweifel gehört haben (denn Du haſt damals wohl ſchwerlich Deine Güter verlaſſen), daß Algar*r auf einem Witan zu Wincheſter geächtet wurde.“ *„Ein Knoten ſcheint vor Alters bei den nördlichen Nationen das Sinn⸗ bild der Liebe, der Treue und Freundſchaft geweſen zu ſeyn.“— Brant's pop. Alterthum. *n Die Sachſenchronik widerſpricht ſich ſelbſt in Betreff der Verban⸗ nung Algars, denn das eine Mal behauptet ſie, er ſey ohne irgend eine Schuld, ein andermal, er ſey als swike oder Verräther geächtet worden, und habe vor dem verſammelten Volk ſeine Schuld eingeſtanden. Sein Verrath ſcheint jedoch durch ſeine nahe Verbindung höchſt natürlich veranlaßt und durch ſei⸗ nen Antheil an der Rebellion dieſes Königs bewieſen zu ſeyn. Einige unſerer Hiſtoriker haben mit Unrecht angenommen, Algar's Verbannung ſey auf Ha⸗ rolds Antrieb geſchehen, wofür nicht nur gar kein Beweis vorhanden iſt, was vielmehr von einer der beſten Autoritäten unter den Chroniſten geradezu ge⸗ läugnet wird, wonach Harold Alles that, um für ihn ins Mittel zu treten. Auch iſt gewiß, daß er vom Witan förmlich verhört und verurtheilt, und ſpäter 246 „O ja, das ſind altbackene Neuigkeiten; ſo viel habe ich ſchon durch einen Pilger erfahren. Algar bekam Schiffe von den Irländern, ſegelte nach Nordwales und ſchlug Rolf, den normänniſchen Earl, zu Hereford. O ja, das habe ich wohl gehört,“ fuhr der aus Kent lachend fort,„und ich vernahm mit Freuden, daß mein alter Earl Algar, ſeit er ein guter ächter Sachſe iſt, den ſchuftigen Normannen ſchlug: um ſo größere Schande für den König, daß er einem Nor⸗ mannen die Hut der Marſchen anvertraut!“ „Es war eine traurige Niederlage für den König, wie für Eng⸗ land,“ bemerkte Godrith ernſthaft.„Der große Münſter von Here⸗ ford, unter Koönig Athelſtan erbaut, wurde von den Wäliſchen ausge⸗ plündert und niedergebrannt, und die Krone ſelbſt ſchwebte in Gefahr, als Harold an der Mündung des Fyrd anlangte. Es iſt nicht zu be⸗ ſchreiben, welche Mühen und Beſchwerden, welche Verluſte an Men⸗ ſchen und Pferden die Engländer bis zu Harolds Ankunft erlitten;* da aber kam glücklicherweiſe der gute alte Leofric und Biſchof Alred, der Friedensſtifter, und ſo ward dem Streite ein Ende gemacht— Gryffyth ſchwor König Edward Treue, Algar wurde wieder eingeſetzt, und dabei hat für jetzt die Sache ihr Verbleiben. Aber ich kann mir wohl denken, daß Gryffyth den Engländern keine Treue bewahren wird, und daß nur eine ſtarke Hand, wie Harolds, einen trotzigen Geiſt wie den von Algar im Zaume zu halten vermag— darum wünſchte ich, daß Harold König würde.“ „Nun ich hoffe jedenfalls,“ meinte der ehrliche Kenter,„daß Algar ſich noch die Hörner ablaufen, und es den Wäliſchen überlaſſen wird, den Hanf für ihren eigenen Strick zu ſchneiden, denn reicht Algar auch nicht an die Höhe unſeres Harold, ſo iſt er doch ein ächter Sachſe; wir auf ein Uebereinkommen zwiſchen Harold und Leofrie wieder eingeſetzt wurde. Harolds Politik gegen ſeine eigenen Landsleute— Verſöhnung um jeden Preis — tritt in den Annalen ſeiner Zeit vor anderen Vorgängen auffallend hervor. * Wörtlich aus der Sachſenchronik. 247 hatten ihn recht gerne, ſo lange er uns regierte. Und wie iſt unſeres Earls Bruder Toſtig bei denen im Norden geachtet? Es muß keine Kleinigkeit ſeyn, einem Volke, welches früher Siward mit dem ſtarken Arm zum Earl hatte, nach dieſem zu gefallen.“ „Nun ja, anfänglich nachdem Siward in den Kriegen für den jungen Malcolm gefallen und Harold ſeinem Bruber die Grafſchaft Northumbrien verſchafft hatte, hielt ſich Toſtig an ſeines Bruders Rath, und gewann ſich durch ſein gutes Regiment die Gunſt Aller; in neuerer Zeit ſollen jedoch die Northumbrier murren, denn Toſtig iſt in der That ein harter, hochfahrender Mann.“ Nach einigen weiteren Fragen über ſonſtige Tagesneuigkeiten er⸗ hob ſich Vebba mit den Worten: „Dank Dir für Deine gute Geſellſchaft; es iſt nun Zeit in die Heimath zurückzukehren. Ich ließ meine Roſſe mit den Earls auf der andern Seite des Fluſſes und muß mich nach ihnen umſehen. Ver⸗ gib meine Plumpheit, Bruder Than, aber ihr jungen Höflinge habt immer viele Bedürfniſſe, und wenn ein einfacher Landmann, wie ich, hereinkommt, um ſich die Stadt zu beſehen, ſo ſollte er immer für die Bezahlung einſtehen, deßhalb“(hier zog er eine große Lederbörſe aus dem Gürtel)„deßhalb, da dieſe ausländiſchen Vögel und heidniſchen Puddings ein theures Gericht ſeyn müſſen—“ „Wie!“ rief Godrith roth werdend,„denkſt Du ſo gering von uns Thanen aus Middleſer, daß Du meinſt, wir könnten einen fernen Freund nicht einmal ſo einfach bewirthen? Ich weiß wohl, ihr Kenter ſeyd reich; aber behaltet nur Eure Pfennige, mein Freund, um Eurem Weibe Stoffe dafür einzukaufen.“ Da der aus Kent ſah, daß er ſeinen Begleiter erzürnt hatte, ſo drängte er ihn nicht weiter mit ſeinem freigebigen Anerbieten, ſondern ſteckte ſeine Börſe ein und ließ Godrith die Rechnung bezahlen. „Ich hätte wohl ein freundliches Wort mit Earl Harold wechſeln mögen,“ bemerkte er, als ſich die beiden Thane zum Abſchiede die Hand ſchüttelten—„aber er war mir zu beſchäftigt und zu vornehm, um 248 ihn dort drüben in dem alten Pallaſte aufzuſuchen. Ich habe Luſt, in ſeinem eigenen Hauſe nach ihm zu ſehen.“ „Ihr werdet ihn dort nicht finden,“ erklärte Godrith,„denn ich weiß, daß er nach Beendigung ſeiner Conferenz mit dem Atheling die Stadt alsbald verlaſſen wird, und ich werde mit Sonnenuntergang in ſeiner Lieblingsbehaufung jenſeits des Waſſers mit ihm zuſammen⸗ treffen, um ſeine Befehle zur Wiederherſtellung der Feſten und Dämme in den Marſchen einzuholen. Ihr könnt Euch ja noch eine Weile auf⸗ halten, um uns dort zu treffen— Ihr wißt doch ſeine alte Wohnung in dem Waldlande?“ „Nein, ich muß noch vor Nacht zu Hauſe ſeyn, denn Alles geht ſchief, wenn der Herr fort iſt. Und doch wird mein gutes Weib mich ſchelten, wenn ich den hübſchen Earl nicht begrüßt habe.“ „Solch Unglück ſoll Dir nicht widerfahren,“ verſicherte der gut⸗ müthige Godrith, dem des Thans Ergebenheit gegen Harold wohl gefiel, und der bei dem großen Gewichte, welches Vebba trotz ſeiner einfachen Außenſeite in jenem bedeutenden Landestheile beſaß, ſchon aus Politik wünſchte, daß der Earl einen ſo kernfeſten Freund behalten möchte.—„Deines Weibes Kuß ſoll Dir nicht verſauert werden, Mann, denn ſiehſt Du, Du wirſt auf dem Rückwege an einem großen alten Hauſe mit zertrümmerten Säulen im Hinter grund vorbeikommen.“ „Ich habe es im Herreiten wohl bemerkt,“ verſetzte der Than „auf einem kleinen Hügel dahinter ſteht ein Haufen ſonderbarer Steine, welche Heren oder Bretonen aufgeſchichtet haben ſollen.“ „Derſelbe. Wenn Harold London verläßt, ſo wird er ſich ver⸗ muthlich nach jenem Hauſe wenden, denn dort wohnt Editha mit dem Schwanenhalſe bei ihrer gräulichen Großmutter, der Wicca. Wenn Du dort etwas nach Tiſch eintriffſt, ſo wirſt Du Harold ganz gewiß jene Straße reiten ſehen.“ „Dank, herzlichen Dank, Freund Godrith,“ rief Vebba ſich ver⸗ abſchiedend;„vergib mir mein ungehobeltes Weſen, wenn ich mich über Deinen geſchorenen Kopf luſtig machte, denn ich ſehe, Du biſt ein 249 in ſo guter Sachſe, wie nur je ein Franklin aus Kent— und ſo mögen die Heiligen Dich behüten!“ h ich Mit dieſen Worten ſchritt Vebba rüſtig über die Brücke, und die Godrith, durch den Wein animirt, wandte ſich luſtig nach den überfüll⸗ g in ten Tiſchen, um dort einen zufälligen Freund aufzufinden, mit dem er nen⸗ ein paar Stunden bei den damals üblichen Hazardſpielen zubringen nme wollte. ſauf⸗ Kurz darauf ſah man die beiden Horcher, die ſich nach Bezahlung ung ihrer Rechnung unter den Schatten einer der Arkaden geſtellt hatten, in ein durch geräuſchloſe Zeichen herbeigerufenes Boot ſteigen und geht übers Waſſer fahren. Sie beobachteten ein düſteres, nachdenkliches nich Stillſchweigen, bis ſie das Ufer gegenüber erreichten und einer von ihnen, das Barret zurückſchiebend, die ſcharfen hochfahrenden Züge Al⸗ gut⸗ gars zur Schau ſtellte. vohl„Nun, Freund Gryffyths,“ begann er mit bitterer Betonung, iner„Du hoͤrſt, daß Earl Harold ſo wenig auf die Schwüre Deines Kö⸗ chon nigs rechnet, daß er die Marſchen wider ihn zu befeſtigen beabſich⸗ lten tigt, und Du höͤrſt nicht minder, daß nichts als ein Leben, gebrechlich den, wie das Schilfrohr unter Deinen Füßen, zwiſchen Englands Throne ßen und dem einzigen Engländer ſteht, der meinen Schwiegerſohn jemals n.* 1 zu einer Eidesleiſtung im Dienſte Edwards erniedrigen konnte.“ an„Schmach über jene Stunde!“ rief der Andere, der ſich durch ſei⸗ ine, nen Dialekt wie durch das goldene Halsband und den eigenthümlichen Haarſchnitt als einen Häuptling aus Wales verrieth—„nie hätt' ich ver⸗ mir träumen laſſen, daß Llewellyn's großer Sohn, den unſere Barden dem noch über Roderich Mawr geſetzt, die Oberherrſchaft des Sachſen enn 4 über die Berge von Cymrien jemals anerkennen würde.“ viß„Weg damit, Meredydd,“ gab Algar zur Antwort;„Du weißt ja, daß kein Cymrier ſich durch einen Treubruch gegen den Sachſen für er⸗ entehrt hält, und wir werden dennoch erleben, daß Gryffyths Löwen ber die Schafheerden von Hereford auseinanderjagen.“ ein—„So ſeys,“ brummte Meredydd trotzig;„und wenn Harold 8—-— 250 ſeinem Atheling das ſächſiſche Land übergibt, ſo ſoll es wenigſtens um das cymriſche Königreich geſchoren ſeyn.“ „Meredydd,“ ſprach Algar, mit einem an Feierlichkeit gränzen⸗ den Ernſte,„kein Atheling wird dieſe Reiche beherrſchen! Du weißt, daß ich einer der Erſten war, der die Nachricht ſeiner Ankunft begrüßte — ich eilte nach Dover, um ihn zu bewillkommen. Da glaubte ich den Tod in ſeinen Mienen zu leſen, und ich beſtach den deutſchen Arzt, der ihn begleitet, daß er meine Fragen beantwortete: der Atheling trägt, ohne es zu wiſſen, den Keim einer tödtlichen Krankheit in ſich. Du ahneſt wohl den Grund, warum ich den Earl Harold haſſe, und wäre ich der einzige Mann, der ſich ſeiner Thronbeſteigung widerſetzte— er ſollte nur über meine Leiche dahin gelangen. Als ich aber jenen Godrith, ſeine Kreatur, reden hörte, da fühlte ich, daß er die Wahrheit ſprach, denn mit des Athelings Tode kann die Krone auf kein anderes als auf Harolds Haupt fallen.“ „Ha!“ rief der eymriſche Häuptling in düſterem Tone,„glaubſt Du das wirklich?“ „Ich glaube es nicht— ich weiß es, und eben deßhalb dürfen wir nicht warten, Meredydd, bis er die ganze Königsmacht von Eng⸗ land wider uns wendet. So lange der König lebt, haben wir immer noch Hoffnung, denn Edward verſchwendet ſeine Reichthümer an Prie⸗ ſter und Reliquien und rückt nur ungerne mit ſeinen Goldgulden her⸗ aus, wenn ſichs darum handelt, dieſelben auf das Heer zu verwenden. Auch iſt der ärmliche König über meine Ausbrüche keineswegs ſo un⸗ gehalten, als er die Welt glauben machen möchte, da er meint, dadurch daß die Earls ſich gegenſeitig die Stange halten, werde er nur um ſo ſtärker werden“. So lange alſo Edward lebt, iſt Harolds Arm halb gelähmt, und darum, Meredydd, reite Du in aller Eile zu König Gryffyth zurück, und berichte ihm Alles, was ich Dir erzählt habe. Sage ihm, daß mit dem Augenblick, da des Athelings Tod Verwir⸗ rung und Zwietracht unter uns ausſtreut, die Stunde für uns gekom⸗ * Hume. 251 um men iſt, um den Krieg zu erneuern, und den entſcheidenden Schlag zu führen. Sage ihm, wenn wir erſt Harold in die wäliſchen Engpäſſe en⸗ verwickeln können, ſo müßte es ſchlimm gehen, wenn wir nicht einen ßt, Pfeil oder Dolch fänden, der dem Angreifer das Herz durchbohrte. ßte Und wäre Harold erſchlagen— wer würde wohl König in England? den Iſt Cerdics Geſchlecht dahin und Godwins Haus mit Earl Harold der ausgeſtorben(Toſtig iſt nämlich in ſeiner eigenen Grafſchaft verhaßt, gt, Leofwine zu leichtſinnig und Gurth zu heilig für ſolchen Ehrgeiz)— Du wer, ſage ich, kann König in England werden— wer anders als Al⸗ ire gar, der Erbe des großen Leofrie? Und bin ich erſt König von Eng⸗ land, ſo mache ich ganz Cymrien frei, und die Grafſchaften von Here⸗ nen ford und Worceſter ſollen wieder zu Gryffyths Reiche geſchlagen wer⸗ eit den. Reite ſchnell, o Meredydd, und merke Alles, was ich Dir geſagt tes habe.“ „Willſt Du geloben und beſchwören, daß Du, wenn Du König bſt von England wirſt, ganz Cymrien von aller Dienſtbarkeit befreien willſt?“ fen„Frei ſoll es ſeyn, wie die Luft, frei wie Arthur und Uthur— g⸗ das ſchwöre ich. Vergiß auch nicht, wie Harold die cymriſchen Häupt⸗ ner linge anredete, als er Gryffyths Eidſchwur in Empfang nahm.“ ie⸗„Vergeſſen?— gewiß nicht,“ rief Meredydd, während ſein Ge⸗ er⸗ ſicht in tiefem Ingrimme und Rachgefühle aufleuchtete.„Der ſtrenge en. Sachſe ſagte: merkt euch wohl, ihr Häuptlinge aus Cymrien, und n⸗ Du, König Gryffyth, daß wenn Ihr abermals durch Raub und Ver⸗ rch wüſtung, durch Tempelſchändung und Mord die Majeſtät von England ſo zur Ueberſchreitung Eurer Gränzen nöthigt, das Recht ſeinen vollen ilb Lauf haben ſoll: Gott gebe, daß Euer cymriſcher Löwe uns in Frieden ig läßt— wo nicht, ſo zwingt uns die Humanität, ihm die Krallen und be. Fänge zu beſchneiden.“ ir⸗„Gleich allen milden ruhigen Menſchen ſagt Harold immer we⸗ m⸗ niger, als er eigentlich meint,“ bemerkte Algar;„und wäre Harold ——*—— 25² 8 König, ſo bedürfte es nur eines geringen Vorwands, um Euch Krallen und Fänge zu beſchneiden.“ „Schon gut,“ meinte Meredydd mit wildem Lächeln.„Ich will nun meine Leute dort drüben aufſuchen, und es iſt beſſer, wenn Du nicht mit mir geſehen wirſt.“ 1 „Richtig; ſo möge St. David mit Dir ſeyn— und vergiß kein Wort von meiner Botſchaft an meinen Schwiegerſohn Gryffyth.“ „Nicht'ne Sylbe,“ verſicherte Meredydd, indem er ſich mit ehrer⸗ bietigem Handwinken entfernte und einer Herberge näherte, wo die Wäliſchen bei ihren häufigen Beſuchen in der Hauptſtadt, wohin ſie durch die vielfachen Intriguen und Zwiſtigkeiten in ihrem unglücklichen Lande gerufen wurden, bei ihrem Landsmanne dem Gaſtwirthe abzu⸗ ſteigen pflegten. Des Häuptlings Gefolge, das aus zehn Männern, alle von hoher Geburt, beſtand, trank nicht in der Schenke, wie denn die enthaltſamen Wäliſchen keine ſehr ergiebigen Gäſte waren. Unter den Bäumen eines hinter der Herberge gelegenen Gartens auf dem Graſe ausge⸗ ſtreckt und gänzlich gleichgültig gegen all' die Genüſſe, denen die Be⸗ völkerung von Southwark und London nachzuhängen pflegte, horchten ſte auf einen wilden Geſang aus alten Heldenzeiten, den einer aus ihrer Mitte anſtimmte; rings um ſie her grasten die rauhhaarigen, ſcheckigen Ponnies, auf denen ſie ihre Reiſe zuruckgelegt hatten. Als Meredydd im Näherkommen ſich umſchaute und keinen Fremdling unter ihnen gewahrte, hob er die Hand, um den Geſang zum Schwei⸗ gen zu bringen, und redete ſeine Landsleute auf Wäliſch an. Seine Rede war nur kurz, aber mit einer Leidenſchaft vorgetragen, welche in ſeinen blitzenden Augen und heftigen Geberden deutlich hervortrat und wie ein elektriſcher Schlag auf ſeine Landsleute wirkte, denn mit leiſem aber wildem Schrei ſprangen dieſe alsbald vom Boden auf, und wenige Augenblicke ſpäter waren die kleinen Rößlein eingefangen und geſat⸗ telt, während einer aus der Truppe, der von Meredydd hiezu bezeichnet ſchien, den Garten plötzlich allein verließ und ſeinen Weg zu Fuß nach 253 der Brücke einſchlug. Er verweilte dort nicht lange, denn bei dem Anblick eines einzelnen Reiters, den der freudige Zuruf der dort um⸗ herſchwärmenden Menge als Harold den Earl bezeichnete, drehte der Wäliſche raſch um und eilte flink ſeinen Gefährten nach. Die Grüße des Volkes mit Lächeln erwiedernd zog Harold über die Brücke und durch die Vorſtädte, bis er das wilde Forſtland zu bei⸗ den Seiten der großen Kenter Straße erreichte. Er ritt nur langſam, denn er ſchwebte offenbar in tiefen Gedanken, und war etwa halbwegs bis zu Hilda's Hauſe gelangt, als er raſchen Hufſchlag, wie von un⸗ veſchlagenen Pferden hinter ſich vernahm und beim Umwenden die Wäliſchen etwa fünfzig Schritte in ſeinem Rücken gewahrte. Im ſelben Augenblicke kamen jedoch mehrere Perſonen, welche den Feſtlich⸗ keiten des Tages zu lieb nach London eilten, gegen ihn herangezogen; dieß ſchien die Wäͤliſchen in ihrem Plane zu ſtören, denn nach einigen leiſen Worten verließen ſie die Heerſtraße, um ſich in das Waldland zu ſchlagen. Immer neue Gruppen drängten ſich von Zeit zu Zeit auf der Landſtraße, aber zu gleicher Zeit ſah Harold die fremden Reiter bald nah bald ferne dicht neben oder hinter ihm folgen; hie und da hörte er das Wiehern ihrer kleinen Roſſe, oder ſah ein wildes Auge durch die Büſche herausſtarren— ſo wie aber ueue Paſſagiere näher kamen, drehten die Reiter um und ſchoſſen wieder in das Dickicht. Der Argwohn des Earls wurde rege, denn wiewohl er(ſo viel er wußte) keinen Feind zu fürchten hatte, und obgleich die ausneh⸗ mend ſtrengen Geſetze wider die Räuber die Heerſtraßen in den letzten Tagen der ſächſiſchen Herrſchaft weit ſicherer machten, als ſie es unter der ſpäteren Dynaſtie, wo mancher ſächſiſche Than zum König im grünen Walde wurde— Jahrhunderte lang waren, ſo hatten doch die verſchiedenen Aufſtände unter Edwards Regierung allerlei unruhige herrenloſe Söldnerſchaaren ins Leben gerufen. Außer dem Speere, den der ſächſiſche Edle ſelbſt bei feierlichen Gelegenheiten nur ſelten bei Seite legte, und dem Ataghar in ſeinem Gürtel war Harold völlig un⸗ bewaffnet, und da er die Straße nunmehr verlaſſen ſah, ſo ſetzte er 254 ſeinem Pferde die Sporen in die Seite, und war ſchon im Angeſichte des Druidentempels angelangt, als ihm ein Wurſſpieß dicht an der Bruſt vorbeiziſchte, während ein zweiter ſein Roß durchbohrte, daß es häuptlings zu Boden ſtürzte. Der Earl ſprang augenblicklich auf die Füße, und dieſe Eile war auch wirklich zur Rettung ſeines Lebens nöthig, denn ſchon ſah er zehn Schwerter auf ſich gezückt. Die Wäliſchen waren, ſobald Ha⸗ rolds Pferd geſtürzt, von ihren Rößlein geſprungen; zum Glücke für ihn hatten nur zwei von ihnen Wurſſpieße getragen, denn dieſe waren eine Waffe, welche die Wäliſchen mit tödtlicher Geſchicklichkeit hand⸗ habten, ſo daß ſie jetzt ihre kurzen, wahrſcheinlich den Römern nach⸗ geahmten Schwerter zogen, und alle zumal über ihn herfielen. In jeder Waffenführung damaliger Zeit erfahren, ſuchte der tapfere Earl mit dem Speere in ſeiner Rechten den Anfall abzuhalten, während er mit dem Ataghar in der Linken die feindlichen Streiche parirte; ſchon hatte er den erſten Angreifer durchbohrt und den nächſten ſchwer verwundet; aber auch ſeine Tunika war von drei klaffenden Wunden geröthet, und ſeine einzige Ausſicht auf Rettung beſtand darin, daß ihm Kraft genug blieb, ſich durch die Feinde ſeinen Weg zu bahnen. So ließ er den Speer fallen, nahm den Ataghar in die Rechte, während er ſeine Gonna als Schild um den linken Arm ſchlang und mit wildem Ungeſtüm auf die blitzenden Schwerter der Angreifer eindrang. Mit durchbohrtem Herzen ſank der eine ſeiner Feinde— ihm folgte bald ein Zweiter— einem Dritten riß er ſtatt ſeines Atag⸗ hars das Schwert aus der Hand, indem er einen lauten Hülferuf aus⸗ ſtieß und fortwährend kämpfend und ſich umwendend nach dem Hügel hindrängte, bis abermals ein Feind fiel, aber auch an ſeinen Gewän⸗ dern friſches Blut herabträufelte. In dieſem Moment wurde ſein Rufen von einem ſo ſcharfen durch⸗ dringenden Schrei beantwortet, daß die Angreifer betroffen zurück⸗ fuhren, und ehe der ungleiche Kampf von Neuem beginnen konnte, 2⁵5⁵ ſah man ein Weib mitten im Gedränge ſich furchtlos zwiſchen den Earl und ſeine Feinde ſtellen. „Zurück, Editha! O Gott! Zurück, zurück!“ ſchrie der Earl⸗ unter der einzigen Furcht, welche der Kampf ſeinem kühnen Herzen eingeflößt, all' ſeine Kraft wieder gewinnend, indem er Edithen mit ſeinem ſtarken Arme bei Seite zog und ſeinen Feinden abermals die Stirne bot. „Stirb!“ donnerte der wildeſte der Feinde, deſſen Schwert den Earl ſchon zweimal verwundet hatte, in cymriſcher Sprache;„ſtirb, damit Cymrien frei ſey!“ Mit dieſem Rufe ſprang Meredydd und wer noch von der Bande übrig geblieben, auf ihn ein, aber Editha hatte ſich plötzlich an Ha⸗ rolds Bruſt geworfen, ſo daß ſein rechter Arm frei blieb, und ſeine eigene Geſtalt durch die ihrige gedeckt wurde. . Bei dieſem Anblick blieb jedes Schwert regungslos; dieſelben Cymrier, die ſich nicht ſcheuten, einen Mann zu ermorden, deſſen Tod ihrem falſchen Begriffe von Tugend als ein ihren Freiheitshoffnungen ſchuldiges Opfer erſchien, waren gleichwohl noch immer die Abkömm⸗ linge von Helden und die Kinder edlen Geſanges, ſo daß ihre Schwer⸗ ter für ein Weib unſchädlich blieben. Die nämliche Pauſe, welche Harold das Leben rettete, verſchonte auch das von Meredydd, denn indem er das Schwert ſchwang, hatte er ſeine Bruſt unbeſchützt ge⸗ laſſen, und Harold, trotz ſeines Zornes und ſeiner Beſorgniſſe für Edithen von dieſer plötzlichen Fahrläſſigkeit gerührt, hatte die eigene Schwertesſpitze zurückgehalten. „Warum trachtet Ihr nach meinem Leben 2“ rief er.„Wer iſt im weiten England, dem Harold Unrecht gethan hätte?“ Dieſe Rede brach den Zauber und belebte von Neuem den Rache⸗ durſt ſeiner Feinde. Meredydd zielte plötzlich nach dem Haupte, das Edithens Umklammerung unbedeckt gelaſſen; ſein Schwert zerſplitterte jedoch an der Parade ſeines Gegners, und im nächſten Augenblicke ſank Meredydd in Blut gebadet mit durchbohrtem Herzen zu Boden. 256 Im Momente ſeines Sturzes war auch fremde Hülfe bei der Hand. Die Ceorls im Römerhauſe hatten den Lärm vernommen, und eilten mit haſtig aufgerafften Waffen den Hügel herab, während aus dem Walde nebenan ein lauter Kriegsruf erſchallte, und ein Rei⸗ tertrupp mit Vebba an der Spitze aus Büſchen und Lichtungen her⸗ vorbrach. Die Ueberbleibſel der Wäliſchen, von ihrem feurigen Häuptling nicht länger animirt, drehten augenblicklich um, und flohen mit jener wunderbaren Flinkfüßigkeit, wie ſie ihrer behenden Race eigen war, indem ſie während der Flucht ihren wäliſchen Zwergroſſen riefen, welche mit lautem Schnauben und in munteren Sprüngen heran⸗ galoppirten. Die nächſten beſten ergreifend, ſprangen die Flücht⸗ linge in den Sattel, während die übrig gelaſſenen Thiere unter kläg⸗ lichem Wiehern und ihre langen Mähnen ſchüttelnd vor den Leichen ihrer früheren Reiter ſtehen blieben, bis ſie, nachdem ſie die neuen Ankömmlinge mit wildem Geſchrei und Ausſchlagen umkreist, ihren Kameraden nachjagten und in dem Geſtrüpp des Waldes verſchwanden. Einige von den Leuten des Kentiſchen Häuptlings machten Jagd auf die Flüchtlinge— aber vergeblich, denn die Natur des Bodens begünſtigte deren Flucht. Vebba und die Uebrigen mit Hilda's Dienſtboten vereint erreichten die Stelle, wo Harold trotz ſeines ſtarken Blutverluſtes ſich noch immer aufrecht zu halten ſuchte, und ſeiner eigenen Wunden vergeſſend ſich mit Freuden von Edithens Rettung überzeugte. Vebba ſtieg vom Pferde und rief, ſobald er den Earl erkannte: „Heilige des Himmels! ſind wir noch zeitig gekommen? Ihr blutet— Ihr werdet ohnmächtig!— Sprecht, Lord Harold, wie geht’s Euch?“ „Noch habe ich Blut genug übrig für unſer fröhliches England!“ erwiederte Harold lächelnd. Aber indem er noch redete, ſank ſein Haupt auf die Bruſt und er wurde beſinnungslos in Hilda's Haus getragen. A 257 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Vala kam ihnen auf der Schwelle entgegen und zeigte ſo wenig Ueberraſchung bei dem Anblicke des blutenden bewußtloſen Earls, daß Vebba, der allerhand ſonderbare Hiſtorien von Hilda's un⸗ erlaubten Künſten vernommen hatte, ſich halb und halb der Vermu⸗ thung hingab, jene wild ausſehenden Feinde mit ihren unbändigen Rößlein könnten wohl kleine Teufelchen geweſen ſeyn, die ſie zur Beſtrafung eines vielleicht nur allzu glücklichen Bewerbers um ihre Enkelin heraufbeſchworen hätte. In dieſer ſo vernünftigen Befürch⸗ tung ſah er ſich nicht wenig beſtärkt, als Hilda, nachdem ſie ihnen auf der ſteilen Leiter zu Harolds früherem Schlafgemache vorangegangen, ſie alle mit dem Verlangen, den Verwundeten ihrer Pflege zu über⸗ laſſen, aus dem Zimmer gehen hieß. „Nichts da,“ entgegnete Vebba barſch;„ein Leben wie dieſes darf nicht den Händen von Weibern oder Hexen überantwortet werden. Ich will in die große Stadt zurückkehren und des Earls Hausarzt herbeiholen; mittlerweile bitte ich Dich, nicht zu vergeſſen, daß jedes Haupt in dieſem Hauſe für Harolds Leben einzuſtehen hat.“ Die große Vala und hochgeborene Hleafdian, nur wenig an ſolche Begegnung gewöhnt, wandte ſich plötzlich mit ſo ſtrengem Blicke und ſo gebieteriſcher Miene nach ihm um, daß ſogar der handfeſte Kenter davor zurückbebte. „Entferne Dich!“ ſagte ſie kurz, nach der Thüre deutend.„Dei⸗ nes Herrn Leben iſt bereits und zwar durch Weiberhand gerettet. Ent⸗ ferne Dich!“ „Entfernt Euch und fürchtet nichts für den Earl, Ihr braver und treuer Freund in der Noth,“ bat Editha, von Harolds bleichen Lippen, über die ſie ſich beugte, aufſchauend, und ihre ſüße Stimme rührte den guten Than dermaßen, daß er ſich mit einem Segensſpruche auf ihr ſchönes Antlitz umwandte und das Zimmer verließ. Mit leichter und geübter Hand ging nun Hilda daran, die Wun⸗ Bulwer, Harold. 4 17 258 den ihres Kranken zu unterſuchen: ſie öffnete ſeine Tunika, um das Blut von vier klaffenden Spalten auf Bruſt und Schultern wegzu⸗ waſchen. Indem ſie dieß that, ſtieß Editha einen ſchwachen Schrei aus und ſank auf die Kniee, das Haupt über die herabfallende Hand ge⸗ beugt, die ſie mit überwältigenden Regungen, worunter freudige Dank⸗ barkeit vielleicht die erſte Stelle einnahm, küßte, denn über Harolds Herzen war nach der Sitte der Sachſen eine Deviſe einpunktirt und dieſe Deviſe war ein Liebesknoten, in deſſen Mitte das Wort„Editha“ eingegraben ſtand. Dreißigſtes Kapitel. Waren es nun Hilda's Runenzeichen oder ihre blos menſchlichen Heilmittel, mit denen ſie jene begleitete, welche trotz des großen Blutverluſtes, in deſſen Folge er noch eine Weile ſchwach und erſchöpft blieb, des Earls Geneſung ſo raſch beförderten— ich weiß es nicht: wohl möglich, daß er dieſen Vorwand ſegnete, der ihn noch immer in Hilda's Hauſe und unter Edithens Augen zurückhielt. Er entließ den von Vebba herbeigeſchickten Arzt und vertraute ſich nicht ohne Grund der Geſchicklichkeit der Vala. Und wie glücklich verſtrichen ſeine Stunden unter dem alten Römerdache! Nicht ohne Aberglauben, der jedoch mehr das Gepräge der Zärt⸗ lichkeit als das der Scheu an ſich trug, erfuhr Harold von Edithen, daß ſie den ganzen Morgen, da ſie von dem alten Sagenhügel aus ſeine Annäherung bewacht hatte, von einer unerklärlichen Vorahnung der ihn bedrohenden Gefahr bewegt worden. War es nicht gerade waͤhrend dieſer Wache, wo ſeine gute Fylgia ihm das Leben gerettet hatte? In der That, es ſchien eine eigenthümliche Wahrheit in Hilda's Verſicherung zu liegen, daß ſein Schutzgeiſt in Geſtalt der Verlobten ür ihn bete und über ihn wache, denn ſeit er ſich mit ihr verbunden hatte, war jeder ſeiner Schritte geebnet und jeder Tag ſeiner Laufbahn war ſonnenhell geweſen. Allmälig hatte ſich dieſer liebliche Aberglaube chen ßen öpft cht: r in ließ hne hen irt⸗ en, ine der end 1's ten en hn be 259 mit menſchlicher Leidenſchaft vermiſcht und war dadurch nur noch hei⸗ liger und inniger geworden: es war eine Tiefe und Reinheit in der Liebe dieſer Beiden, welche, wenn auch beim Weibe keineswegs unge⸗ wöhnlich, an dem Manne jedenfalls höchſt ſelten iſt. Kurz, Harold hatte gelernt, Edithen als ſeinen guten Engel zu betrachten, und ſein ſtarkes Männerherz in der Stunde der Verſuchung bezähmend, hätte er es als ein Vergehen an dem Heiligſten betrachtet, wenn er dieſes Sinnbild himmliſcher Liebe durch irgend etwas hätte beflecken können. Mit edler übermenſchlicher Geduld, deren vielleicht nur ein in der Gewohnheit der Selbſtbeherrſchung und ſtandhaften Ausharrens ſo durchaus engliſcher Charakter fähig ſeyn mochte, ſah er Monate und Jahre verſtreichen, indem er ſich immer noch mit der Hoffnung— mit ihr, der einzigen gottähnlichen Freude, welche dem Menſchen hienieden beſchieden iſt— begnügte. Gleichwie die Anſicht eines Zeitalters ſogar Solche, welche ſie zu verachten vorgeben, influenzirt, ſo wurde vielleicht dieſe heilige ſelbſt⸗ ſuchtsloſe Leidenſchaft durch jene eigenthümliche Verehrung der Rein⸗ heit,— den charakteriſtiſchen Fanatismus der letzten Tage der Angel⸗ ſachſen,— nur noch ſicherer bewahrt und beſchützt— jener Tage, von denen Aldhelm ſchon früher in minder rohen lateiniſchen Verſen, als ſie vielleicht der geſammten Prieſterſchaft unter Edwards Regie⸗ rung zu Gebot ſtanden, geſungen hatte: „Virginitas castam servans sine crimine carnem Caetera virtutem vincit praeconia laudi— Spiritus alti throni templum sibi vindicat almus“* jener Tage, wo mitten unter großer Sittenloſigkeit in der Kirche wie unter den Laien die entgegengeſetzten Tugenden— wie dies in ſolchen Geſellſchaftszuſtänden unausbleiblich der Fall iſt— von den wenigen * Rein erhaltend das Fleiſch und ohne Mackel beſieget Keuſchheit jegliche Tugend und jedes Lob übertrifft ſie— Wenn der Geiſt des Erhab'nen in ihm ſeinen Tempel errichtet. Es iſt merkwürdig zu ſehen, wie der Dichter die der ſächſiſchen Muſe eigenthümlichen Alliterationen ſogar im Lateiniſchen beibehält. 17* 260 reineren Naturen zum heroiſchen Extrem getrieben wurden. Denn „gleichwie das Gold, dieſer Schmuck der Welt, aus dem ſchmutzigen Schooſe der Erde entſpringt, ſo erhob ſich die Keuſchheit, dieſes Sinn⸗ bild des Goldes, hell und unbefleckt aus dem Erdenkloße menſchlicher Begierde.“* Auch Editha, wenn gleich noch in der zarteſten Blüthe jugend⸗ licher Schöne, hatte unter dem Einfluſſe dieſer heiligenden und kaum noch irdiſchen Neigung ihre ganze Frauennatur gekräftigt und vervoll⸗ kommnet. Sie hatte ſich ſo in Harolds Leben eingelebt, daß ihrer Seele weniger durch Studium, wie es ſchien, als durch innere An⸗ ſchauung eine tiefere Kenntniß, als dies eigentlich ihrem Geſchlechte und ihrer Zeit angehörte, anheimgefallen war, gerade wie das Sonnen⸗ licht auf die Blüthen fällt, deren Kelche erweiternd und die Pracht ihrer Farben erhöhend. Unter dem Schatten von Hilda's düſteren Religionsanſichten le⸗ bend, war Editha ſeither, wie wir geſehen haben, weit mehr ihrem Namen und Inſtinkte nach als durch ihre Bekanntſchaft mit den Leh⸗ ren des Evangeliums und dem Glauben an daſſelbe eine Chriſtin ge⸗ weſen; aber Harolds Seele hob ihre eigene aus dem Thale der Schat⸗ ten zur Himmelshöhe empor. Denn der Charakter ihrer Liebe war ſo vorherrſchend chriſtlich, war durch die Umſtände, unter denen ſie beſtand, durch Hoffnung und Selbſtverläugnung dem Bereiche der Sinne nicht nur, ſondern auch des Gefühls, welches aus ihnen hervorgeht und das einzige verfeinerte poetiſche Element der heidniſchen Liebe aus⸗ machte— dermaßen entrückt, daß ihre Leidenſchaft ohne das Chriſten⸗ thum verwelkt und erſtorben wäre. Sie bedurfte der vollen Mahnung des Gebets, jener geduldigen Ausdauer, welche aus dem Bewußtſeyn der Unſterblichkeit hervorgeht; ſie hätte ohne die Veſten und Armeen, die ſie vom Himmel gewann, der Erde nicht widerſtehen können. So durfte man ſagen, daß Editha von Harold ihre innerſte Seele überkommen hatte, und mit dieſer Seele und durch dieſelbe erwachte * Faſt wörtlich nach Aldhelm. —— denn igen inn⸗ icher end⸗ aum voll⸗ hrer An⸗ ꝛchte nen⸗ acht le⸗ rem Leh⸗ ge⸗ hat⸗ r ſo and, nicht und aus⸗ ſten⸗ ung ſeyn een, eele ichte 261 ihr Geiſt aus den Nebeln der Kindheit, in dem innigen Verlangen, der Liebe des erſten Mannes von ganz England würdig zu ſeyn und ebenſo gut die Freundin ſeiner Seele wie die Gebieterin ſeines Herzens zu werden, hatte ſie ſich, ohne zuwiſſen wie— einen auffallenden Reichthum an Gedanken, an Einſicht und reiner ſanfter Weisheit geſammelt. In⸗ dem er ihr ſeine eigenen hohen Plane und Entwürfe anvertraute, war er ſich ſelbſt kaum bewußt, wie oft er ſie dabei zu Rathe zog— wie oft und unmerklich ſie ſeinen Erwägungen und Abſichten ihre eigene Färbung und Geſtaltung aufdrückte. Nur der höchſte edelſte Entſchluß galt bei Edithen gleichſam durch Inſtinkt auch für den weiſeſten: ſie wurde dem Geliebten ein zweites Gewiſſen, feiner und ahnungs⸗ reicher, als ſein eigenes; daher kam es, daß jedes von Beiden den Wie⸗ derſchein ſeiner eigenen Tugend auf die des andern warf, gleichwie ein Planet einen zweiten erleuchtet. und ſo hatten dieſe Jahre der Prüfung, welche eine minder hei⸗ lige Liebe erbittert, eine weniger tiefe Neigung zum Ueberdruß umge⸗ ſtaltet hätte, einzig dazu gedient, dieſes edle Paar nur noch inni⸗ ger an einander zu feſſeln. In dieſer mackelloſen Verbindung— welches Glück für ſie Beide! welch Entzücken in Worten und Blicken, in den leiſen zurückgehaltenen Liebkoſungen der Unſchuld, weit über alle Wonne, wie ſie blos menſchliche Liebe zu gewähren vermag! Einunddreißigſtes Kapitel. Es war ein heller ſtiller Sommermittag, als Harold mit Edithen zwiſchen den Säulen des Druidentempels im Schatten jener rieſigen trauernden Ueberbleibſel eines hingeſchiedenen Glaubens auf dem Ra⸗ ſen ſaß. Sie hatten ſchon lange über die Vergangenheit geplaudert und Pläne für die Zukunft entworfen, als Hilda, aus ihrem Hauſe tre⸗ tend, dem Kreiſe ſich näherte und den Arm auf den Altar des Kriegs⸗ gottes geſtützt, den ſächſiſchen Earl mit ruhigem Triumphe be⸗ trachtete. 262 „Sahſt Du mich nicht lächeln, Sohn von Godwin,“ hub ſie an, „als Du mit Deiner kurzſichtigen Weisheit Dein Land zu ſchützen und Deine Liebe zu ſichern vermeinteſt, indem Du den Mönchekönig be⸗ wogſt, den⸗Atheling über die See herbeiholen zu laſſen? Sagte ich Dir nicht: Du thuſt recht, denn indem Du Deinem Verſtande ge⸗ horchſt, biſt Du blos das Werkzeug des Schickſals und die Ankunft des Atheling ſoll Dich Deinem Lebensziele näher bringen; aber nicht von Atheling ſollſt Du die Krone Deiner Liebe empfangen, und Athel⸗ ſtans Thron ſoll nicht von Atheling eingenommen werden.““ „O laß mich kein Unheil vernehmen, das jenen edlen Prinzen be⸗ troffen hätte,“ rief Harold in großer Bewegung aufſtehend.„Er ſchien krank und ſchwach, als ich ihn verließ; aber Freude iſt ein guter Arzt, und die Luft des Geburtslands gibt dem Verbannten alsbald Geſundheit.“— „Horch!“ ſprach Hilda,„Du höorſt die Todtenglocke für die Seele des Sohnes von Ironſides!“ Indem ſie noch ſprach, vernahm man das Trauergeläute, von den Dächern der fernen Stadt durch die ausnehmende Stille der Atmoſphäre bis zu ihren Ohren getragen, dumpf herüberſchallen. Editha be⸗ kreuzte ſich und murmelte ein Gebet nach der Sitte ihrer Zeit; dann aber ihre Augen zu Harold erhebend, flüſterte ſie mit gefalteten Händen: „Sey nicht traurig, Harold, hoffe noch immer.“ „Hoffen!“ wiederholte Hilda, ſich ſtolz aus ihrer zurückgebeugten Stellung aufrichtend—„hoffen! Dein Ohr mußte taub ſeyn, o Ha⸗ rold, wenn Du in jenem Geläute der St. Paulsglocke nicht die Freu⸗ dentöne, die einen künftigen König einweihen, vernähmeſt!“ Der Earl fuhr zuſammen; ſeine Augen ſchoſſen Feuer; ſeine Bruſt hob ſich. „Verlaß uns, Editha,“ gebot Hilda leiſe, und wendete ſich dann zu Harold, nachdem ſie ihre Enkelin mit langſamen widerſtrebenden Schritten den Hügel hatte hinabgehen ſehen. i „ 263 „Erinnerſt Du Dich des Geſpenſtes,“ ſprach die Vala, indem ſie ihren Gaſt vor den Grabſtein des ſächſiſchen Häuptlings führte,„das be⸗ aus dieſer Mündung emporſtieg?“— Erinnerſt Du Dich des Trau⸗ ich mes, der darauf folgte?“ ge⸗„Jenes Geſpenſtes oder Augentruges erinnere ich mich wohl noch,“ unft gab der Earl zur Antwort,„des Traumes aber nicht, oder wenigſtens icht uur in wirren widerſprechenden Fragmenten.“ „Ich ſagte Dir damals, daß ich für den Augenblick nicht hell ge⸗ nug ſehe, um jenen Traum enträthſeln zu können, und daß der darun⸗ be⸗ 1 ter ruhende Todte dem Menſchen nie anders erſcheine, als wenn er einen wichtigen Urtheilsſpruch an dem Hauſe Cerdics vollziehen wolle. Der Spruch iſt erfüllt— Cerdics Erbe iſt nicht mehr, und wem Anderem bald erſchien die große Seinläca als ihm, der ein neues Geſchlecht von Königen auf den ſächſiſchen Thron führen wird!“ Harold athmete tief und die Röthe ſtieg ihm hell und glühend in Peele Wangen und Schläfe. den„Ich kann Dir nicht widerſprechen, Vala. Wenn nicht Edward haͤre aller Vermuthung zum Trotz auf Erden bleibt, bis der Sohn des be⸗ Athelings das Alter erreicht hat, wo bärtige Männer einen Häuptling anerkennen, ſehe ich mich rings in England nach dem kommenden ann eten Könige um, und ganz England reflektirt mein eigenes Bildniß.“ * Man kann ſich unmöglich eine richtige Anſicht vom Stande der Par⸗ teien und der Stellung Harolds in der ſpäteren Hälfte dieſes Werkes bilden, gten wenn man ſich nicht beſtändig vor Augen hält, daß nach der ſächſiſchen Sitte Ha⸗ von der früheſten Zeit es ſich ganz von ſelbſt verſtand, daß die n Miderjährigen . bei Seite geſetzt wurden. Henry bemerkt, in der ganzen Geſchichte der Heptar⸗ eu⸗ chie komme nur ein einziges Beiſpiel einer ſehr kurzen und höchſt unglücklichen Minoritätsherrſchaft vor, wie denn auch ſpäter der große Alfred mit Aus⸗ eine ſchließung des minderjährigen Sohnes ſeines älteren Bruders den Thron ein⸗ nimmt. Nur unter ganz beſonderen Verhältniſſen, wenn, wie bei Edmund Ironſides, frühreife Talente und Männlichkeit für den Minderjährigen ſprachen, ann wurde eine Ausnahme in dem allgemeinen Thronfolgegeſetze geſtattet. den Dieſelbe Regel fand auch bei den Earls ihre Anwendung: Siwards Ruhm, Macht und Popularität waren nicht vermögend, ſeinem jungen, unter einer 264 Sein Haupt erhob ſich, indem er ſo ſprach, und ſchon ſchien die Stirne erhaben, als ob ſie mit dem Diademe des Baſtleus gekrönt wäre. „Und wenn dem ſo iſt,“ fuhr er fort,„ſo nehme ich jenes feier⸗ liche Vermächtniß an, und England ſoll durch meine Größe nur noch größer werden.“ „Die Flamme bricht endlich aus dem rauchenden Holzſtoß,“ rief die Vala,„und die Stunde, die ich Dir ſo lange prophezeit, iſt ge⸗ kommen!“ 6 Harold gab keine Antwort, denn glühende erhabene Regungen machten ihn taub für Alles, nur nicht für die Stimme eines großarti⸗ gen Ehrgeizes und für die erwachende Freude eines edlen Herzens. „Und dann— und dann,“ rief er,„werde ich keines Vermittlers zwiſchen Natur und Moͤnchthum bedürfen— dann, o Editha, wird das Leben, das Du gerettet, auch wirklich Dir gehören!“ Er ſchwieg und es war ein Zeichen der Veränderung, welche ein lange zurückge⸗ drängter aber nunmehr in die rechtmäßig eröffnete Bahn ausbrechen⸗ der Ehrgeiz bereits in ſeinem ſeither ſo zuverſichtlichen Charakter zu bewerkſtelligen anfing, als er in leiſem Tone fortfuhr:„aber jener Traum, der ſo lange verſchloſſen, aber nicht verloren in meiner Seele ſchlummerte— jener Traum, von dem ich nur noch vage Erinnerungen von beſtandener Gefahr und beſiegten Hinderniſſen behalten habe— kannſt Du ihn als Vorzeichen des Erſolges enträthſeln, o Vala?“ „Harold,“ gab dieſe zur Antwort,„Du vernahmſt am Schluſſe Deines Traumes das Anſtimmen von Hymnen, wie ſie bei der Königs⸗ krönung geſungen werden— und ein gekrönter König ſollſt Du wer⸗ den; aber furchtbare Feinde werden Dich anfallen, angedeutet durch die Geſtalten des Löwen und des Raben, welche drohend über die blut⸗ rothe See daher kamen. Die beiden Sterne am Himmel bezeugen: daß der Tag Deiner Geburt zugleich der Geburtstag eines Gegners war, deſſen Stern dem Deinigen verderblich iſt; ſie warnen Dich vor ſpäteren Regierung ſo übel berüchtigten Sohne Waltheof die Herrſchaft über Northumbrien zu ſichern. 265 einer Schlacht, gefochten an einem Tage, da dieſe Sterne ſich begegnen werden. Weiter als bis hieher vermag meine Kenntniß nicht in das Myſterium Deines Traumes einzudringen; willſt Du Dich ſelbſt durch die Erſcheinung, welche jenen Traum geſendet, kennen lernen, ſo ſtelle Dich mit mir vor das Grab des Sachſenhelden, und ich will die Sein⸗ läca auffordern, dem Lebenden ihren Rath zu ertheilen.“ Harold forſchte mit ernſter nachſinnender Aufmerkſamkeit, wie ſein Stolz oder ſeine Vernunft ſie früher niemals Hilda's Warnun⸗ gen eingeräumt hatte. Aber ſein Verſtand war von der Stimme der Zauberin noch nicht berückt, und er gab mit ſeinem gewohnten ſanften aber hohen Lächeln zur Antwort: „Wer die Hand nach einer Krone ausſtreckt, ſollte gegen den Feind gewappnet ſeyn, und das Auge, das die Lebenden bewachen will, darf ſich nicht durch die Dünſte des Grabes umnebeln laſſen.“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Aber von dieſem Tage an war eine Veränderung, leiſe aber wich⸗ tig genug, im Benehmen wie im Charakter des großen Carls zu be⸗ merken. War er ſeither ohne Berechnung auf ſeiner Bahn vorge⸗ ſchritten, während die Natur und nicht die Politik ſeine Macht vollendet hatte, ſo begann er jetzt wohl überlegt die Grundlage ſeines Hauſes zuſammenzufügen, deſſen Raum zu erweitern und die Stützen zu kräf⸗ tigen. Die Klugheit vermiſchte ſich jetzt mit der Gerechtigkeit, die ihm ſo allgemeine Achtung, und mit der Großmuth, welche ihm die Liebe Aller gewonnen hatte. War er ſchon von Natur verſöhnlichen Gemüthes geweſen, ſo hatte er ſich gleichwohl in ſeiner Geradheit bei Ausführung deſſen, was ſein Gewiſſen billigte, um die entſtehenden Feindſchaften nie bekummert; jetzt aber legte er es darauf an, alle alten Fehden beizulegen, die Eiferſucht zu beſänftigen und ſeine Feinde in Freunde zu verwandeln. Er eröffnete fortwährenden freundſchaft⸗ lichen Verkehr mit ſeinem Oheim Sweyn, König von Dänemark, und 266 wußte voll Eifer all den Einfluß über die Anglodänen zu benützen, den ſeiner Mutter Geburt ihm ſo ſehr erleichterte. Auch ſuchte er wohl⸗ weislich die Feindſeligkeit, welche die Kirche gegen Godwins Haus gehegt hatte, wegzuräumen. Er verbarg ſeine Verachtung vor Mön⸗ chen und deren Knechten, bewies ſich als Freund und Patron der Kirche, und beſchenkte die Klöſter, beſonders eines zu Waltham, das durch die Frömmigkeit ſeiner Brüder vortheilhaft bekannt, aber allmälig in Verfall gerathen war. Aber wenn Harold auch hierin eine Rolle ſpielte, die ſeinen An⸗ ſichten nicht natürlich war, ſo konnte er ſich gleichwohl ſogar in der Verſtellung nicht zum Begünſtiger des Uebels hergeben. Die von ihm begünſtigten Klöſter gehörten zu denen, die ſich durch Reinheit des Lebenswandels, durch Wohlthätigkeit gegen die Armen, durch kühnes Eifern gegen die Ausſchweifungen der Großen auszeichneten. Er hatte nicht wie der normänniſche Herzog die großartige Abſicht, in der Prieſterſchaft ein Kollegium der Gelehrſamkeit, eine Schule der Künſte zu ſchaffen— ſolche Plane waren in dem ungelehrten England noch nicht einheimiſch, und Harold würde ſich trotz ſeiner eigenen für jene Zeit und jenes Vaterland ungewöhnlichen Bildung vor der Begünſti⸗ gung einer Gelehrſamkeit geſcheut haben, welche immer noch eine Dienerin von Rom bleiben ſollte, und dadurch fortwährend einen hoch⸗ fahrenden, ränkevollen Geiſt an ſich trug, der nach vollſtändiger Be⸗ herrſchung der Königsthrone wie der Völker ſtrebte. Sein Zweck war nur, aus den Elementen, die er in der natürlichen Vertraulichkeit des ſächſiſchen Volkes mit ſeinen Prieſtern vorfand, einen beſcheidenen, tugendhaften, einheimiſchen Klerus zu ſchaffen, der gegen die unwiſ⸗ ſende Bevölkerung ſein zartes Mitgefühl nicht verläugnete. Als Mu⸗ ſter für ſein Kloſter zu Waltham wählte er zwei niedrig geborene de⸗ müthige Brüder, Osgood und Ailred, der eine bekannt durch den Muth, womit er das Land durchſtreifte und vor Aebten und Thanen die Befreiung der Leibeigenen als die verdienſtlichſte Handlung, welche ihr Seelenheil ihnen auferlegen konnte, gepredigt hatte, der andere , den vohl⸗ Haus Mön⸗ irche, h die g in An⸗ der von t des hnes Er n der ünſte noch jene nſti⸗ eine och⸗ Be⸗ war des nen, wiſ⸗ Nu⸗ de⸗ den nen lche dere 267 dadurch berühmt, daß er, obwohl urſprünglich Geiſtlicher, nach der allgemeinen Sitte des ſächſiſchen Klerus ſich verheirathet, und dieſe Sitte nicht ohne Beredtſamkeit gegen die Satzungen von Rom ver⸗ theidigt, ja ſogar das Anerbieten reicher Ausſtattung und der Adels⸗ erhebung im Falle der Entfernung ſeines Weibes ausgeſchlagen hatte. Nach dem Tode ſeiner Gattin hatte er die Kapuze genommen; er be⸗ ſtand zwar noch immer auf der Rechtmäßigkeit der Ehe für außerklo⸗ ſterliche Geiſtlichkeit, war aber beſonders dadurch berühmt geworden, daß er das offene Concubinat vieler ſtolzen Aebte und Prälaten, wo⸗ durch ſie ihr heiliges Amt entweihten, mit kühnem Freimuthe denuncirte. Dieſen Männern(die Abtswürde von Waltham hatten Beide zurück⸗ gewieſen) übertrug Harold die Auswahl der neuen in jenem Kloſter zu gründenden Brüderſchaft, und die Mönche von Waltham wurden auch wirklich in der ganzen Umgegend als Heilige verehrt und der ge⸗ ſammten Kirche als Muſter angeführt. Wenn aber auch Harolds neue politiſche Künſte an ſich völlig tadellos waren, ſo blieben ſie doch immer Künſte und verderbten als ſolche die urſprüngliche Einfalt ſeiner früheren Natur. Er hatte zum erſtenmale einem eigenen perſönlichen Ehrgeize— abgeſondert von dem, ſeinem Vaterlande zu dienen— Gehör gegeben: nicht mehr allein, ſeinem Vaterlande zu dienen, ſondern ihm als deſſen Beherrſcher zu dienen, war es, was ſein Herz anfeuerte und ſeine Gedanken beſtimmte. Auskunftsmittel begannen vor ſeinem Gewiſſen die geſunde Geſtalt der Wahrheit zu erſetzen, und jetzt geſchah es allmälig, daß Hilda jene Macht, wie ſie ſie über ſeinen Bruder Sweyn beſeſſen, auch über ihn, der ſich ſeither ſo ſtarr dagegen verſchloſſen hatte, auszubreiten anfing. Die Zukunft wurde für ihn ein verblendendes Geheimniß, in welches ſeine Vermuthungen ſich mehr und mehr verſenkten: noch hatte er nicht in dem Runenkreiſe geſtanden, noch hatte er keine Todten ange⸗ rufen; aber die Zauberſprüche umlagerten ſein Herz, und in ſeiner eigenen Seele war der heimiſche Dämon aufgewachſen. Gleichwohl herrſchte Editha, wenn nicht in ſeinen Gedanken, ſo 268 doch in ſeinen Neigungen noch immer als einzige Gebieterin, und es war vielleicht die Hoffnung, alle Hinderniſſe ſeiner Vermählung zu überwinden, was ihn zu einer Begünſtigung der Kirche, durch deren Mitwirkung allein das gewünſchte Ziel zu erreichen war, hauptſächlich veranlaßte— eine Hoffnung, welche der fernen Krone den hellſten Schimmer verlieh. Wer jedoch den Ehrgeiz als Genoſſen ſeiner Liebe aufnimmt, hat einen Rieſen eingelaſſen, der den zarten Kameraden weit überholen wird. Harolds Stirne verlor ihre wohlwollende Ruhe; er wurde nach⸗ denklich und zerſtreut, und berieth ſich ſeltener mit Edithen, häufiger dagegen mit Hilda. Editha ſchien ihm nicht mehr weiſe genug zur Rathgeberin: gleich dem Sternenlichte auf einem Strome ſchim⸗ merte das Lächeln ſeiner Fylgia wohl auf der Oberfläche, ohne jedoch bis in die Tiefe zu dringen. Mittlerweile trug jedoch ſeine Klugheit die gedeihlichſten Früchte. Er war bereits auf jener Höhe angelangt, wo die geringſte Bemü⸗ hung, die Macht populär zu machen, deren Umfang verdoppelt: alle Stimmen vereinigten ſich in dem Lobe ſeiner Perſönlichkeit und man machte ſich allbereits mit der Frage vertraut:„wenn Edward ſtirbt, bevor Ironſides' Enkel Edgar thronfähig iſt— wo können wir einen König finden, wie Harold?“ Mitten in dieſen ruhigen Sonnenſchein ſeines Schickſals brach ein Sturm, der entweder ſeine Tage zu verfinſtern, oder jede Wolke von dem Horizonte zu verjagen beſtimmt ſchien. Algar, der einzig mögliche Nebenbuhler ſeiner Macht— der einzige Gegner, den keine Kunſtgriffe zu beſänftigen vermochten— Algar, der den ſächſiſchen Laien durch ſeinen ererbten Namen theuer war und durch ſeines Vaters reiche Vermächtniſſe die Liebe des ſächſiſchen Klerus beſaß, den ſein unruhiger kriegeriſcher Geiſt in der Achtung der kriegsſüchtigen Dänen in Oſtangeln(in welcher Grafſchaft er auf Harold gefolgt war) nur um ſo mehr gehoben hatte, durch ſeines Va⸗ ters Tod Herr des großen Fürſtenthumes Mercia— bediente ſich nd es ig zu deren chlich Ulſten Liebe aden nach⸗ figer zur him⸗ doch chte. mü⸗ alle nan rbt, 269 dieſer neuen Gewalt, um von Neuem in Aufruhr auszubrechen, wurde abermals geächtet, und trat wiederholt mit dem wilden Gryffyth in Bündniß. Ganz Wales war im Aufſtand; die Marſchen wurden über⸗ fallen und verwüſtet; Rolf, der ſchwache Earl von Hereford, ſtarb in dieſem kritiſchen Zeitpunkte, und die Normannen und ſonſtigen Söld⸗ linge unter ſeinem Kommando wollten keine andere Führer über ſich dulden. Eine Flotte von Wikingern aus Norwegen verheerte die weſtlichen Küſten, ſegelte den Menai hinauf und vereinigte ſich mit Gryffyths Schiffen, ſo daß das ganze Reich bedroht ſchien, als Edward ſeinen Heerbann aufbot und Harold an der Spitze der königlichen Heere gegen den Feind marſchirte. Furchtbar und gefährlich waren jene Engpäſſe von Wales: in ihnen hatte Rolf, der Normanne, alle ſeine Krieger verloren; ſeit Menſchengedenken hatte ſich nie ein ſächſiſches Heer in der gebirgigen Heimath der Cymrier Lorbeeren errungen, noch nie eine ſächſiſche Flotte über die ſchrecklichen Wikinger Norwegens den Sieg erfochten. Laß Dirs mißglücken, Harold, und die Krone iſt verloren!— Sey glücklich, und Du wirſt die ultimam rationem regum, den Kern des Heeres, deſſen Anführer Du biſt, auf Deiner Seite haben! Dreiunddreißigſtes Kapitel. Es war ein heißer Tag im Hochſommer, als zwei Reiter durch die liebliche Landſchaft, welche die Marſchen von Wales bildeten, lang⸗ ſam ihre Straße zogen und ſich trotz ihrer auffallenden Verſchiedenheit in Rang und Abſtammung auf freundliche Weiſe mit einander unter⸗ hielten. Der jüngere der beiden Männer war unverkennbar ein Nor⸗ mann; ſein kleines Sammtharett bedeckte kaum den Scheitel des Kopfes, der vom Wirbel bis zur Halsnoppe“ glatt geſchoren war, während ſein kurz beſchnittenes dicht gekräuſeltes Haar ſich vorn um eine ſtolze aber verſtändige Stirne legte. Seine eng anſchließende * Stickerei zu Bayeux. Kleidung ohne Mantel ließ die Geſtalt deutlich hervortreten; ſeine Beinkleider waren nach Art eines Tartans eigenthümlich carrirt und an den Ferſen trug er goldene Sporen. Er war völlig unbewaffnet; dagegen wurde auf kurze Strecke hinter ihm und ſeinem Gefährten ſein aufgeſchirrtes Streitroß von einem einzigen Knappen auf einem guten normänniſchen Renner nachgeführt, während ſechs ſächſiſche Leibeigene zu Fuß drei ſchwerbeladene Maulthiere geleiteten, welche nicht allein die Rüſtung des normänniſchen Ritters, ſondern auch Köͤrbe mit Wein, Proviant und reichen Gewändern trugen. Wenige Schritte weiter hinten marſchirte ein Trupp Leichtbewaffneter in ſtarke eigenthümlich gegerbte Felle gekleidet, die Streitaxt über der Schulter und den Bogen in der Hand. Des Ritters Begleiter war ebenſo unläugbar ein Sachſe, als Er⸗ ſterer ohne Frage dem normänniſchen Stamme angehörte. Sein kur⸗ zes viereckiges Geſicht, das gegen das ovale Antlitz und das Adler⸗ profil ſeines dichtgeſchorenen Kameraden kontraſtirte, wurde von einem rieſigen Schnurr⸗ und dicken Backenbarte halb verdeckt. Seine Tunika, gleichfalls von Leder und um die Hüfte feſt gebunden, ſiel loſe bis auf die Kniee, während eine Art Mantel, durch einen großen runden Knopf auf der rechten Schulter befeſtigt, vorn und hinten herabfloß und nur beide Arme frei ließ. Sein rundes, auf beiden Seiten bauſchiges Barett, das viele Aehnlichkeit mit einem Turban hatte, ſtach ſehr ge⸗ gen das des Normanns ab, während ſeine breite muskulöſe Bruſt, mit allerhand Deviſen und einem Vers aus dem Pſalmen ſonderbar punk⸗ tirt war. Sein Geſicht zeigte zwar nicht die hohe ſtrenge Stirne und das ſcharfe beobachtende Auge ſeines Kameraden, hatte aber dennoch einen eigenen ſtolzen und verſtändigen Ausdruck— ſein Stolz war etwas mürriſcher Art und ſein Verſtand ſchien zu den langſamen zu gehören. „Serwolf, mein guter Freund,“ perorirte der Normanne in ziem⸗ lich ertraͤglichem Saͤchſiſch,„ich bitte Euch, uns nicht alſo zu mißachten, denn im Ganzen ſind wir Normannen von Eurem eigenen Stamme, und unſere Väter redeten dieſelbe Sprache wie die Eurigen.“ ſeine und net; rten nem iſche lche auch nige arke lter Er⸗ kur⸗ ler⸗ nem ika, auf opf nur ges ge⸗ nit nk⸗ nd ch as en. 271, „Das mag ſeyn,“ entgegnete der Sachſe in barſchem Tone;„das thaten mit geringem Unterſchiede auch die Dänen, als ſie uns die Häu⸗ ſer niederbrannten und die Kehlen abſchnitten.“ „Alte Geſchichten das,“ verſetzte der Ritter;„ich danke Dir übri⸗ gens für die Vergleichung, denn ſiehſt Du, jene Dänen haben ſich jetzt als ruhige Leute und friedliche Unterthanen unter Euch niedergelaſſen, ſo daß es nach wenigen Generationen nur ſchwer zu beſtimmen ſeyn wird, wer von Sachſen und wer von Dänen abſtamme.“ „Wir verſchwenden die Zeit mit derlei Geplauder,“ erwiederte der Sachſe, den ſein Inſtinkt belehrte, daß er ſeinem gelehrten Kame⸗ raden in der Beweisführung nicht gewachſen war, der aber gleichwohl mit ſeinem angeborenen geſunden Verſtande einſah, daß ſich hinter der verſöhnenden Sprache ſeines Gefährten ein weiterer, wenn auch ihm ſelbſt unerklärlicher Grund verſteckte;„auch glaube ich nicht, Meiſter Mallet oder Gravel— verzeiht mir, wenn ich es gegen Euch in der rechten Form der Anrede verſehe— daß der Normanne jemals den Sachſen oder der Sachſe den Normannen lieben wird: ſo laßt uns lie⸗ ber davon abbrechen. Dort ſteht das Kloſter, wo Ihr Euch ausruhen und erfriſchen wolltet.“ Der Sachſe deutete hiemit auf ein plumpes niedriges Holzge⸗ bäude, einſam und verfallen, dicht neben einem fetten Moore ſtehend, das von Schnecken und allen Arten von Sumpfthieren wimmelte. „Ich wollte, Freund Sexwolf,“ bemerkte Mallet de Graville— denn er war es wirklich— mit mitleidigem verächtlichem Achſelzucken, „Du könnteſt die Häuſer ſehen, welche wir in unſerer Normandie un⸗ ſerem Herrgott und ſeinen Heiligen erbauen— ſtattliche Behauſungen von Stein auf den ſchönſten Punkten errichtet. Unſere Gräfin Ma⸗ thilde hat auffallend viel Geſchmack für Architektur, und unſere Arbeits⸗ leute ſtammen aus der Lombardei, und verſtehen alle Geheimniſſe die⸗ ſer edlen Kunſt.“ „Ich bitte Dich, Herr Normanne,“ rief der Sachſe,„unſerem ſanften Konig Edward keine ſolche Ideen in den Kopf zu ſetzen. Wir 19 72 bezahlen ſchon genug für Kirchen, obwohl ſie blos aus Holz gebaut ſind— die Heiligen mögen uns helfen, wenn ſie erſt aus Stein errichtet würden!“ Der Normanne bekreuzte ſich, als ob er eine auffallende Gott⸗ loſigkeit vernommen hätte. „Du biſt kein Freund der Mutterkirche, würdiger Serwolf,“ be⸗ merkte er endlich. „Ich wurde im Schweiße harter Arbeit auferzogen und liebe keine Faullenzer, welche mein Eigenthum verſchlingen und noch dazu plär⸗ ren, die Heiligen haben'’s gegeben',“ erwiederte der ſtörrige Sachſe. „Weißt Du nicht, Meiſter Mallet, daß ein Drittel ſämmtlicher Lände⸗ reien von England in den Händen der Prieſter iſt?“ „Hm!“ meinte der ſcharfblickende Normanne, der bei all ſeiner Frömmigkeit dennoch aus jedem Zugeſtändniſſe ſeines Gefährten einen weltlichen Vortheil abzuleiten verſtand;„ſo haſt Du demnach in die⸗ ſem Deinem luſtigen England doch auch Deine Urſachen zu Klagen und Beſchwerden?“ „Allerdings und ich geſtehe es auch,“ behauptete der Sachſe, der ſchon damals gleich ſeinen Nachkommen bis auf den heutigen Tag zu der Klaſſe der Raiſſonneurs gehörte;„der Hauptunterſchied zwiſchen Dir und mir beſteht blos darin, daß ich als Mann laut ausſprechen darf, was mir mißfällt, während es Deinen Gliedmaßen, ja Deinem Leben ſchlimm ergehen würde, wenn Du in dem grimmigen Lande Deines Herzogs ebenſo freimüthig ſeyn wollteſt.“ „Nun wahrlich, Notre Dame, mache Deinem Geſchwätze ein Ende,“ bemerkte der Normanne mit hoher Verachtung, während ſein Auge unter der gerunzelten Stirne zu funkeln anfing.„So ſehr auch William der Normanne ein ſtrenger Richter und großer Heerführer iſt, ſo wirſt Du doch finden, daß ſeine Barone und Ritter den Kopf hoch vor ihm tragen und keine Beſchwerde auf ihrem Herzen laſten laſſen, ohne ſie auch mit ihren Lippen auszuſprechen.“ „So habe ich allerdings gehört,“ kicherte der Sachſe;„ich habe ein 3 1 f 4 2 4 1 gehört, daß Ihr Thane oder großen Herren frei und offen genug ſeid. Wie ſtehts aber mit den Gemeinen— den Sechshändern und Ceorls, Meiſter Normanne? Dürfen ſie auch ſprechen, wie wir uns über König und Geſetz, über Than und Häuptling zu äußern pflegen?“ Der Normanne verbiß wohlweislich das verächtliche:„Nein, in der That,“ das ihm auf der Zunge ſchwebte, und ſagte blos mit mil⸗ dem herablaſſendem Tone: „Jeder Stand hat ſeine Gebräuche, theurer Serwolf, und wenn der Normanne König von England wäre, ſo würde er die Geſetze neh⸗ men, wie er ſie findet, und die Ceorls wären unter William ebenſo ſicher wie unter Edward.“ „Der Normanne— Koͤnig von England!“ ſchrie der Sachſe, bis an die Spitze ſeiner großen Ohren erröthend;„was ſchwatzeſt Du da für Zeug, Fremdling? Der Normanne!— wie könnte das je ge⸗ ſchehen?“ „Nun, ich meinte nur ſo— doch ſetz' einmal den Fall,“ erwie⸗ derte der Ritter, ſeinen Zorn noch immer zurückdrängend.„Und warum kommt Dir der Gedanke ſo beleidigend vor? Dein König iſt kinderlos; William iſt ſein nächſter Verwandter und wie ein Bruder von ihm geliebt; wenn ihm Edward den Thron hinterließe—“ „Der Thron iſt nicht dafür da, um von Jemand hinterlaſſen zu werden,“ brüllte der Sachſe beinahe.„Meinſt Du, das Volk von England könne, gleich Schafen und Kühen, wie Hausgeräthe und Leibeigene nur ſo wie man beliebt durch Teſtament vererbt werden? Des Königs Wunſch hat allerdings ſein Gewicht, aber der Witan hat ſein Ja oder Nein zu ſprechen, und Witan und Gemeine ſind ſelten mit ſo Etwas einverſtanden. Dein Herzog— König von England! Meiner Treu! Ha! ha! ha!“ „Vieh, das Du biſt!“ brummte der Ritter vor ſich hin und fuhr dann mit ſeinem gewohnten ſpöttiſchen Tone, der jedoch durch Vorſicht und Erfahrung Mäßigung gelernt hatte, laut fort:„Warum nimmſt Bulwer, Harold. 18 274 Du denn ſo die Parthie der Ceorls? Du, ein Anführer und nahezu Than!“ „Ich wurde, wie vor mir mein Vater, als Ceorl geboren,“ er⸗ wiederte Sexwolf,„und ſympathiſire mit meiner Klaſſe, wiewohl mein Enkel vielleicht zu den Thanen und, ſoviel ich weiß, ſogar zu den Earls zählen mag.“ Der Sire de Graville zog ſich unwillkürlich von dem Sachſen zurück, wie wenn er plötzlich gewahr würde, daß er ſich durch dieſe un⸗ bewußte Vertraulichkeit mit einem Ceorl oder dem Sohne eines Ceorls nicht wenig vergeben habe. „Guter Mann,“ ſagte er mit weit ſorgloſerem Accent und hoch⸗ müthigerer Haltung als früher,„Du warſt ein Ceorl und biſt jetzt ein Anführer von Earl Harolds Kriegsleuten! Wie geht das zu? Das kann ich nicht verſtehen.“ „Wie ſollteſt Du auch, armer Normanne?“ erwiederte der Sachſe mitleidig.„Die Geſchichte iſt bald erzählt. So wiſſe denn, daß da⸗ mals, als unſer Earl Harold verbannt und ſein Gut eingezogen war, wir Ceorls ſeinem Sechshänder Clapa ſein Landgut bei London und das Haus, worin Du mich trafſt, einem Fremdling, Deinem Lands⸗ mann, dem man es widerrechtlich gegeben hatte, abkaufen halfen; wir pflügten das Land, wir waideten die Heerden und behielten das Haus, bis der Earl zurückkam.“ „Ihr hattet alſo Eure eigenen Gelder, ihr Ceorls!“ rief der Normanne habgierig. „Wie hätten wir ſonſt unſere Freiheit erkaufen können? Jeder Ceorl darf einige Stunden des Tags zu ſeinem eigenen Vortheil ver⸗ wenden und kann den Gewinn für ſich bei Seite legen. Dieſe Erſpar⸗ niſſe gaben wir her für unſern Earl, und als dieſer zurückkehrte, ſchenkte er dem Sechshänder ſo viel Land, daß er zum Thane wurde und den Ceorls, welche Clapa geholfen, gab er die Freiheit und reichen Land⸗ beſitz, ſo daß jetzt die Meiſten von ihnen ihren eigenen Pflug halten und ihre eigenen Heerden nähren. Ich aber, der ich unbeweibt war, — hezu er⸗ mein Farls chſen e un⸗ eorls hoch⸗ zt ein Das bachſe ß da⸗ war, und ands⸗ ; wir Haus, ff der Jeder l ver⸗ ſpar⸗ henkte d den Land⸗ halten war, 275 liebte den Earl mehr als Schweine und Schollen, und bat ihn, mich in ſeinem Heere dienen zu laſſen. So bin ich geſtiegen, ſo weit wir Ceorls zu ſteigen vermögen.“ „Das verſtehe ich wohl,“ meinte Mallet de Graville nachdenklich und immer noch etwas verwirrt.„Aber dieſe Theowen(ſie ſind ja förmliche Sklaven) gelangen doch niemals zu höherer Stellung: es kann ihnen alſo einerlei ſeyn’, ob ein geſchorener Normanne oder ein bärtiger Sachſe auf dem Throne ſitzt.“ „Darin haſt Du Recht,“ gab der Sachſe zur Antwort;„für ſie iſt es ebenſo gleichgültig, wie für Deine Schelme und Diebe, denn viele von ihnen ſind Diebe und Schelme oder die Kinder von ſolchen, und wer es nicht iſt, ſtammt, wie es heißt, nicht von den Sachſen, ſondern von den barbariſchen Völkern ab, die von den Sachſen unterjocht wur⸗ den. Sie kümmern ſich allerdings nichts um das Land, denn ſie ſind ja kaum Menſchen; doch auch ſie ſind nicht ohne Hoffnung, da die Kirche ſich ihrer annimmt, und das wenigſtens ſcheint mir der einzige Fall, wo die Kirche ſich ihrer ſelbſt würdig zeigt,“ fuhr der Sachſe mit ſanfterem Blicke fort.„Jeder Abt iſt gehalten, drei Leibeigene auf ſeinen Ländereien frei zu laſſen, und es ſtirbt nur ſelten ein Herr, ohne einigen ſeiner Theowen im Teſtamente die Freiheit zu ſchenken, ſo daß die Söhne dieſer Theowen noch Thane werden können, was bis auf den heutigen Tag ſchon geſchehen iſt.“ „Wunder über Wunder!“ rief der Normanne.„Aber ſicherlich tragen ſie noch Zeichen und Mackel an ſich und werden von ihren Neben⸗ thanen verſpottet?“ „Nicht im Geringſten— warum auch? Land iſt Land und Geld iſt Geld. Wir kümmern uns wenig darum, was eines Mannes Va⸗ ter geweſen, wenn der Mann ſelbſt ſeine zehn Hufen guten Ackerlandes und drüber beſitzt.“ „Ihr ſchätzet Land und Geld,“ bemerkte der Ritter;„das thun auch wir— nur wird Geburt und Name bei uns noch höher ge⸗ achtet.“ 18 276 „Ihr geht eben noch am Gaͤngelbande,“ meinte der Sachſe ver⸗ aächtlich, aber in der beſten Laune.„Wir haben ein altes weiſes Sprich⸗ wort: Es ſtammen Alle von Adam ab, außer Tib dem Pflugknecht; wenn aber Tib reich wird, ſo nennen ihn Alle theurer Bruder.“ „Bei ſolchen peſtilenzialiſchen Anſichten wundere ich mich nicht mehr, daß unſere Väter aus Norwegen und Daneland Euch mit ſo leichter Mühe ſchlugen,“ rief der Sire de Graville, ſeinen Unwillen nicht länger zurückhaltend.„Die Liebe für alte Gebräuche, für Glauben, Namen und Abſtammung iſt ein beſſerer Stahl gegen den Fremdling, als Eure Schmiede ihn jemals zuwege brachten.“ Mit dieſen Worten und ohne Serwolfs Erwiederung abzuwarten, ſetzte er ſeinem Zelter die Sporen in die Seite und gelangte bald dar⸗ auf in den Kloſterhof. Ein Moͤnch von dem damals beliebteſten“ Orden des heiligen Benedikt führte den edlen Gaſt in die Zelle des Abtes, der ihn eine Weile mit Freude und Verwunderung betrachtete, und ihn dann mit herzlichen Küſſen auf Stirne und Wange umarmte. „Ach Guillaume,“ rief er auf Normänniſch,„das iſt in der That eine Gnade, wofür man ein Jubilate anſtimmen darf. Du kannſt Dir kaum denken, wie einem in dieſem ſchrecklichen Lande der Verbannung und der ſchlechten Köche das Antlitz eines Landsmannes ſo willkom⸗ men iſt.“ „Da Du von Gnade, von Gebet und Nahrung ſprichſt, mein theurer Vater,“ erwiederte de Graville den Gürtel ſeines feſten Kol⸗ lers, der ihm die Geſtalt der Weſpe verlieh, lockernd— denn ſogar damals ſchon war eine ſchmale Taille bei den kriegeriſchen Gecken des franzöſiſchen Feſtlandes ſehr in Mode—„da Du von Gebet ſprichſt, ſo laß Dir ſagen, je früher Du ein freundliches Mahl damit einleiteſt, deſto ſalbungsreicher und wohltönender wird das Latein in meinen Ohren klingen. Ich bin jetzt ſeit Tagesanbruch unterwegs und fühle mich ermüdet und hungrig.“ * Und wie es ſcheint einzigen Mönchsorden in England. -—4— 277 „Ach, ach!“ jammerte der Abt in kläglichem Tone,„Du weißt nicht, mein Sohn, welche Beſchwerden wir in dieſen Gegenden er⸗ dulden, wie unſere Speiſekammer ſo ſchlecht geſpickt und unſer Mahl ſo gar ärmlich iſt. Geſalzenes Schweinefleiſch—“ „Fleiſch von Beelzebub,“ ſchrie Mallet de Graville entſetzt. „Doch tröſte Dich: meine Maulthiere führen Vorräthe mit ſich— Poulardes und Fiſche und andere nicht zu verachtende Eßwaaren, auch einige Flaſchen Wein, der Gottlob nicht von den Reben dieſes Landes herſtammt; Du brauchſt alſo blos Deine Köͤche zu unterrichten, wie ſie das Mahl würzen ſollen.“ „Ich habe ja keinen Koch, auf den ich mich verlaſſen könnte,“ klagte der Abt;„denn vom Kochen verſtehen ſie hier zu Lande gerade ſo viel, wie vom Latein. Gleichwohl will ich ſelber gehen und mein Beſtes bei den Schmorpfannen verſuchen; mittlerweile ſollſt Du we⸗ nigſtens Ruhe und ein erfriſchendes Bad haben, denn die Sachſen ſind ſogar in ihren Klöſtern ein reinlicher Volksſtamm und haben das Ba⸗ den von den Dänen gelernt.“ „Das habe ich bemerkt,“ beſtätigte der Ritter;„ſelbſt in dem kleinſten Hauſe, worin ich auf meinem Herwege von London über⸗ nachtete, hat mir der Wirth mit aller Höflichkeit ein Bad und die Hausfrau wohlriechendes Linnenzeug angeboten. Auch muß ich ge⸗ ſtehen, daß die armen Leute, trotz ihres ungeſchlachten Haſſes gegen den Ausländer, dennoch freundlich und gaſtlich ſind, und ihr ſaftiges reich⸗ liches Mahl wäre gleichfalls nicht zu verachten, wenn es nur, wie Du ſagteſt, durch die Kunſt der Zubereitung beſſer unterſtützt würde. Darum, mein Vater, will ich mit der angebotenen Abwaſchung die Zeit ausfüllen, bis die Poulardes geröſtet und die Fiſche geſchmort oder gebraten ſind; ich werde einige Stunden bei Dir verziehen, denn ich habe Dich über Vieles auszufragen.“ Der Abt führte ſofort den Sire de Graville an der Hand nach der Ehrenzelle des Gaſtes, und nachdem er ſich überzeugt, daß das zubereitete Bad hinreichend warm war(denn Normannen wie Sach⸗ 278 ſen, ſo abgehärtet ſie uns auch von Weitem erſcheinen, ſcheuten ſich doch dermaßen vor der Berührung kalten Waſſers, daß ein hartes Bett und ein Bad von natürlicher Temperatur zuweilen als Strafe auferlegt wurden), machte ſich der gute Vater daran, die Saumroſſe zu unterſuchen, und den armen, verwirrten Laienbruder, der das Amt des Koches verwaltete, und da er weder normänniſch noch lateiniſch verſtand, von den rhetoriſchen Ermahnungen ſeines Superiors unter zehn Worten kaum eines verſtand, ſo gut er konnte zu unterrichten. Mallets Knappe verfügte ſich mit einem neuen Anzug und aller⸗ lei Schachteln mit Saifen, Wohlgerüchen und Salben zu ſeinem Ritter, denn ein Normanne von Geburt hielt viel auf ſeinen Körper und war ſchon von Jugend auf an deſſen ſorgfältige Pflege gewöhnt; es dauerte auch faſt eine Stunde, bis der Sire de Graville ſorgfältig raſirt, geſalbt und in einen langen Pelzrock herausgeputzt vor dem in der Zelle des Abtes aufgeſtellten Mahle unter Bücklingen und Seuf⸗ zern ſein Gebet verrichtete. Trotz des ſcharfen Appetits, den der Laie mitgebracht hatte, aßen die beiden Normannen mit vieler Gravität und feinem Anſtand, indem ſie die auf kleinen Spießen ſervirten Biſſen mit ſtummer Kenner⸗ miene zu ſich nahmen, von all den Speiſen faſt nur mit geduldiger Mißbilligung verſuchten, und mehr ſchlürfend als trinkend, mehr koſtend als verſchlingend am Schluſſe jedes Gerichtes die Finger ſorgfältig mit Roſenwaſſer wuſchen und ſie dann anmuthig in der Luft ſchwenkten, um die Feuchtigkeit etwas ausdünſten zu laſſen, ehe ſie die zögernden Tropfen mit ihren Servietten abtrockneten. Jedesmal nach Beendi⸗ gung dieſer Ceremonie tauſchten ſie wehmüthige Blicke und Seufzer, als ob ſie ſich der feinen Manieren ihrer Normandie erinnerten, welche ſie ſogar in dieſer troſtloſen Einöde noch beibehalten hatten. Sobald ihr frugales Mahl zu Ende und Teller, Wein und Diener verſchwun⸗ den waren, nahm erſt das eigentliche Geſpräch ſeinen Anfang. „Waxum kamſt Du nach England?“ fragte der Abt ploͤtzlich. „Mit Euer Ehrwürden Erlaubniß ſo ziemlich aus denſelben Gründen, welche auch Dich hieher geführt haben,“ gab de Graville zur Antwort.„Als nämlich nach dem Tode jenes grauſamen über⸗ muthigen Godwins König Edward ſeinen Harold bat, ihm wieder ei⸗ nige ſeiner theuren normänniſchen Günſtlinge zurückzugeben, da er⸗ ſuchteſt Du den Biſchof William von London, den Zug, welchen Ha⸗ rold, von ſeines armen Königs Flehen gerührt, im Lande zulaſſen würde, begleiten zu dürfen, da Du an der einfachen Koſt und der ſtren⸗ gen Disciplin in dem Kloſter zu Bee keinen ſonderlichen Gefallen fandſt. Der Biſchof gab ſeine Zuſtimmung, und Du durfteſt die Kaputze des Mönches mit der Mitra des Abtes vertauſchen: mit einem Wort— der Ehrgeiz brachte Dich nach England und Ehrgeiz führte auch mich hieher.“ „Hm! und wie? Möge es Dir beſſer als mir in dieſem Schwein⸗ ſtalle ergehen!“ „Du erinnerſt Dich,“ fuhr de Graville fort,„daß Lanſranc der Lombarde ſich für mein damals nicht ſonderlich blühendes Glück inter⸗ eſſirte und daß Lanfrane, als er mit der päpſtlichen Diſpenſation für Graf Williams Heirath mit ſeiner Baſe von Rom zurückkam, der einflußreichſte Rathgeber unſeres Herrn wurde. William und Lanfranc wünſchten Beide unſerem ungebildeten Adel ein Beiſpiel von Gelehr⸗ ſamkeit zu geben, und darum fand mein Bischen Wiſſen Gnade vor ihren Augen. Kurz— ſeit damals habe ich proſperirt und mein Glück gemacht: ich beſitze ſchöne Ländereien an der Seine, frei vom Griffe des Kaufmanns wie des Juden; ich habe ein Kloſter gegründet und einige hundert bretoniſche Räuber erſchlagen. Muß ich da noch ſagen, daß ich in hohen Gunſten ſtehe? Nun geſchah es, daß ein Vetter von mir, Hugo de Magnaville, eine brave Lanze und tüchtiger Freibeuter, ſeinen Bruder durch Zufall bei einem häuslichen Zwiſte ermordete; da er von ſehr zartem Gewiſſen war, ſo bereute er ſeine That und gab ſeine Ländereien an Odo von Bayeux, um für ſeine Perſon nach Jeruſalem aufzubrechen. Dort betete er an dem heiligen Grabe“ (der Ritter bekreuzigte ſich hier)„und fühlte ſich mit einem Male 280 wunderbar erleichtert. Aber auf dem Rückwege traf ihn neues Unheil: er wurde von einem Ungläubigen zum Sklaven gemacht, ſuchte ſich gegen eine ſeiner Frauen par amours galant zu erweiſen, und entkam zuletzt blos dadurch, daß er ſeinen heidniſchen Kerker anzündete. Jetzt iſt er mit Hülfe der Jungfrau nach Rouen zurückgekehrt und hat ſeine eigenen Ländereien von dem ſtolzen Odo als Ritter des Biſchofs zu Lehen genommen. Der Zufall wollte, daß er ſich auf dem Heimweg durch Lycien, noch ehe er in jenes Unglück gerieth, mit einem andern Pilgrime befreundete, der eben wie er ſelbſt von dem heiligen Grabe zurückgekehrt war, ohne ſich jedoch, wie er, von der Laſt ſeines Verbre⸗ chens erleichtert zu fühlen. Dieſer arme Mann lag ſterbend und mit gebrochenem Herzen in der Hütte eines Einſiedlers, wo mein Vetter Obdach gefunden hatte, und als er erſuhr, daß Hugo auf dem Wege nach der Normandie begriffen ſey, ſo gab er ſich als Sweyn, den einſt ſo ſtolzen Earl von England, älteſten Sohn Godwins und Vater des jungen Haco, den unſer Graf noch immer als Geiſel zurückhält— zu erkennen. Er erſuchte Hugo, ſich bei dem Grafen für Hacos ſchleunige Freigebung und Rückkehr zu verwenden, ſalls König Edward ſeine Zu⸗ ſtimmung dazu ertheile, und gab meinem Vetter noch überdieß einen Brief an ſeinen Bruder Harold, welchen Hugo dieſem zuzuſchicken über⸗ nahm. Mein gutes Glück wollte, daß Hugo trotz all' ſeiner ſchweren Prüfungen ein bleiernes Bildniß der Jungfrau unverletzt jam Halſe behielt; die Ungläubigen verſchmähten es, ihm das Blei abzuneh⸗ men, denn ſie ließen ſich wenig träumen, welchen Werth dieſes Metall durch die Heiligkeit des Gegenſtandes erhielt— auf der Rückſeite die⸗ ſes Bildniſſes hatte Hugo den Brief befeſtigt, und brachte ihn auf dieſe Art, wenn auch etwas beſchmutzt und beſchädigt, wohlbehalten nach Rouen. Da er wußte, wie ich bei dem Grafen in Gunſt ſtand, und er ſelbſt trotz ſeiner Pilgerfahrt und Abſolution ſich nicht vor Wil⸗ liams Augen getraute, weil dieſer den Brudermord ſehr ſtreng beurtheilt, ſo bat er mich, die Botſchaft zu übernehmen und um Erlaubniß zu bitten, den Brief nach England ſchicken zu dürfen.“ — 281 „Das iſt eine lange Geſchichte,“ meinte der Abt. „Geduld, mein Vater! ſie iſt nächſtens zu Ende. Nichts konnte meinem Glücke günſtiger kommen. Du mußt nämlich wiſſen, daß Wil⸗ liam über die Dinge in England längſt unruhig und ängſtlich war. Aus den geheimen Berichten des Biſchofs von London konnte er erſehen, daß Edwards Herz ihm, beſonders ſeitdem der Graf Toͤch⸗ ter und Söhne bekommen, ſehr entfremdet worden— Du weißt ja, daß William und Edward ſich in ihrer Jugend das Gelübde der Keuſch⸗ heit gaben“ und daß William ſich von dem ſeinigen abſolviren ließ⸗ während ſich Edward noch immer ſtreng an das Gelöbniß hielt. Nicht lange vor meines Vetters Rückkehr hatte William erfahren, daß Ed⸗ ward ſeinen Verwandten als natürlichen Erben ſeines Thrones aner⸗ kannt hatte. Hiedurch beunruhigt und beleidigt, hatte ich William in meiner Gegenwart ſagen hören: ich wollte, daß unter jenen Bildſäulen von Stahl einige kühle Köpfe und verſtändige Jungen ſich befänden, denen ich meine Intereſſen in England anvertrauen könnte! Und wenn ſich nur ein paſſender Vorwand erſinnen ließe, um an den Earl Ha⸗ rold einen Botſchafter abzuſenden. Ich hatte viel über jene Worte nachgeſonnen und fröhlichen Herzens trat darum Mallet de Graville mit Sweyns Briefe in der Hand vor Lanfrane, den Abt, und ſprach: Vater und Gönner! Du weißt, daß ich faſt der Einzige unter den normänniſchen Rittern die ſächſiſche Sprache ſtudirt habe; wenn der Herzog eines Boten und Vorwandes bedarf— hier ſteht der Bote und in dieſer Hand ruht der Vorwand. Ich erzählte ihm nun meine Ge⸗ ſchichte und Lanfranc ging alsbald zu Herzog William. Die Nachricht vom Tode des Athelings war mittlerweile eingetroffen und die Dinge hatten für meinen Lehensherrn ein heitereres Ausſehen angenommen. Herzog William ließ mich augenblicklich zu ſich berufen und ertheilte mir ſeine Inſtruktionen. So kam ich, von einem einzigen Knappen begleitet, über die See nach London, wo ich erfuhr, daß der König und ſein Hof(mit denen hatte ich jedoch wenig zu ſchaffen) ſich zu * S. die Note zu Robert von Gloueeſter.* 282 Wincheſter befänden, während Harold, der Earl, an der Spitze ſeiner Heere gegen den Löwenkönig Gryffyth nach Wales gezogen ſey. Der Earl hatte durch einen Eilboten eine auserleſene Schaar ſeiner eige⸗ nen Leute auf ſeinen Gütern in der Nähe der Stadt aufbieten laſſen; mit dieſen vereinigte ich mich, und da ich im Kloſter zu Glouceſter Dei⸗ nen Namen nennen hörte, ſo verfügte ich mich hieher, um Dir meine Neuigkeiten zu erzählen und die Deinigen dagegen einzutauſchen.“ „Wollte Gott, theuerſter Bruder,“ ſeufzte der Abt, mit einem neidiſchen Blick auf den Ritter,„daß ich gleich Dir, ſtatt in die Kirche einzutreten, zu den Waffen gegriffen hätte! Wir Beide, arm aber edel geboren, hatten einſt gleiches Loos vor Augen; aber Du biſt jetzt wie der Schwan auf dem Fluſſe, und ich leider wie die Muſchel am Felſen.“ „Ei,“ meinte der Ritter,„die Kanons verbieten den Mönchen freilich, ihre Nebenmenſchen, wenn nicht gerade zur Selbſtvertheidi⸗ gung, auf den Kopf zu ſchlagen; aber Du weißt ja wohl, daß dieſe Kanons, ſelbſt in der Normandie, welche, wie ich behaupten möchte, dieſſeits der Alpen das heilige Collegium aller prieſterlichen Lehre iſt, für die Anwendung als zu ſtreng betrachtet werden, und auf alle Fälle iſt es Dir nicht verboten, im Falle der Noth Schwert oder Streitaxt zur Hand zu nehmen. Wenn ich mich deßhalb der vergangenen Zeiten erinnerte, ſo war ich nur wenig darauf gefaßt, Dich wie einen Faul⸗ lenzer in ſeiner Zelle zu finden; ich dachte, Du hätteſt die Kanons vergeſſen, hätteſt den Panzer umgeſchnallt und hälfeſt dem ſtattlichen Harold jene unruhigen Wäliſchen zuſammenhauen und niederwerfen.“ „Wehe mir! wehe mir; mir ſoll es nicht ſo gut werden!“ klagte der hochgewachſene Abt.„Trotz Deines früheren Aufenthalts in Lon⸗ don und Deiner Kenntniß ihrer Sprache ſcheinſt Du dieſe unmanier⸗ lichen Sachſen nur wenig zu kennen. Da reitet der Abt und Prälat nur ſelten zur Schlacht* und hätte ich hier nicht einen rieſigen däni⸗ * Den ſächſiſchen Prieſtern war das Waffentragen ſtreng verboten.— Spelm. Concil. S. 238. In den engliſchen Chroniken wird als eines höchſt 7 283 ſchen Moͤnch, der ſich hieher flüchtete, um wegen begangenen Raubs der Verſtümmlung zu entgehen, einen Kerl, der noch die heilige Jung⸗ frau für eine Walkyre, St. Peter aber für Thor hält— hätte ich, wie geſagt, nicht dieſen Dänen, mit dem ich zuweilen einen Schwertkampf verſuche, ſo käme mein Arm wohl ganz außer Uebung.“ „Tröſte Dich, alter Freund,“ ſagte der Ritter mitleidig;„beſſere Zeiten können noch kommen. Unterdeſſen laß uns zu Geſchäften über⸗ gehen. Alles, was ich höre, beſtätigt die Nachricht, welche William ſchon früher empfangen, daß Harold, der Earl, der erſte Mann in England iſt.— Iſts nicht ſo?“ „Allerdings und ohne Widerrede.“ „Iſt er verheirathet oder Junggeſelle?— das iſt eine Frage, die ſogar ſeine eigenen Leute nur zweideutig zu beantworten ſcheinen.“ „Hm, alle wandernden Minſtrels haben ihre Lieder über die Schönheit der Editha pulchra, zu welcher der Earl in dem Verhält⸗ niß eines Verlobten, wenn nicht gar in einem ſchlimmeren ſteht— ſo wenigſtens habe ich von denen erfahren, welche dieſe arme barbariſche Sprache verſtehen. Verheirathet iſt er jedenfalls nicht, denn die Dame iſt im verbotenen Grade mit ihm verwandt.“ „Alſo nicht verheirathet— das iſt gut. Und dieſer Algar oder Elgar iſt, wie ich höre, gegenwärtig nicht bei den Wäliſchen?“ „Nein; ſchwer erkrankt an Wunden und Gram liegt er zu Cheſter. Er merkt, daß ſeine Sache verloren iſt; die norwegiſche Flotte wurde durch die Schiffe des Earls gleich Vögeln im Sturme zerſtreut; die rebelliſchen Sachſen, welche unter Algar zu Gryffyth geſtoßen, wur⸗ den ſo entſcheidend aufs Haupt geſchlagen, daß die Ueberlebenden ihren Häuptling verließen, und Gryffyth ſelbſt iſt in ſeine letzten Engpäſſe eingepfercht und kann nicht länger dieſem wackeren Feinde widerſtehen, ungewöhnlichen Umſtandes erwähnt, daß ein Biſchof von Hereford, früher Harolds Kaplan, Schild und Schwert gegen die Wäliſchen ergriff. Der tapfere Prälat wurde aber zu allem Unglück ſo frühzeitig erſchlagen, daß ſein Bei⸗ ſpiel nicht ſehr ermunternd wirkte. der, beim tapferen St. Michael! in der That ein großer Heerführer iſt. Sobald ſie Gryffyth unterjocht haben, wird Algar, wie eine auf⸗ geſchwollene Spinne in ihrem Netze in ſeinem Verſtecke eingefangen, und dann wird England Ruhe haben, wenn ihm nicht unſer Lehens⸗ herr, wie Du oben angedeutet, eine neue Nuß zu knacken gibt.“ „Daraus hätte ich alſo zu entnehmen,“ fuhr der normänniſche Ritter nach längerem Nachſinnen fort,„daß hier zu Lande Niemand— nicht einmal ſein Bruder Toſtig, dieſem Harold gleichkommt.“ „Toſtig gewiß nicht, denn der wird nur durch Harolds Ruf in ſeiner Grafſchaft aufrecht erhalten. In letzter Zeit hat er allerdings Vieles gethan, um ſich die Achtung ſeiner ſtolzen Northumbrier zu er⸗ werben, wenn er auch ihre Liebe nicht wieder gewinnen kann, denn er iſt tapfer und geſchickt im Kriege und hat dem Earl bei dieſem Einfalle in Wales zu Land und zur See wacker geholfen. Aber Toſtig leuchtet blos durch ſeines Bruders Licht und Gurth wäre der Einzige, der mit Harold in die Schranken treten könnte, wenn er überhaupt ehrgeiziger Natur wäre.“ Durch dieſe Nachrichten des Abtes, der trotz ſeiner Unbekannt⸗ ſchaft mit der ſächſichen Sprache gleich all' ſeinen Landsleuten neu⸗ gierig und ſcharfblickend war, höchlich befriedigt, erhob ſich der Nor⸗ manne, um Abſchied zu nehmen. Der Abt hielt ihn noch eine Weile zurück, um ihn in leiſem Tone und mit pfiffigem Lächeln zu fragen: „Was meinſt Du— wie ſtehen die Ausſichten unſeres William auf England?“. „Gut, wenn er ſeine Zuflucht zur Liſt nimmt— ſicher aber, wenn er Harold zu gewinnen vermag.“ „Ja, aber darauf magſt Du Dich verlaſſen— die Engländer lieben die Normannen nicht und werden ſtandhaft kämpfen.“ „ Das glaube ich. Wenns aber zum Kampfe kommen muß, ſo wird die Sache in einer einzigen Schlacht entſchieden, denn es ſind weder Feſtungen noch Gebirge vorhanden, um einen längeren Krieg zu geſtatten. Und ſiehſt Du, mein Freund, hier iſt Alles abgenützt! — nn 285 Die königliche Linie erliſcht mit Edward bis auf ein Kind, das Nie⸗ mand hier zu Lande als Nachfolger nennt; der alte Adel iſt dahin und keine Ehrfurcht für alte Namen vorhanden; die Kirche ebenſo herab gekommen an Geiſt, wie Dein elendes Kloſter an Solidität; die Kriegs⸗ luſt der Sachſen durch die Unterjochung unter einen unwiſſenden furcht⸗ ſamen Klerus halb ausgerottet; der Durſt nach Gold verzehrt alle ihre Mannheit; das Volk wurde unter den Dänen an ausländiſche Monar⸗ chen gewöhnt, und iſt William einmal Sieger, ſo braucht er nichts als die Aufrechthaltung der alten Geſetze und Freiheiten zu verſprechen, um ſich ebenſo ſicher wie Canut auf dem Throne feſtzuſetzen. Die Anglodänen werden ihm vielleicht zu ſchaffen machen; aber die Rebel⸗ lion würde nur zur Waffe in den Händen eines Staatsmannes wie William; er würde das ganze Land mit Schlöſſern und Veſten über⸗ ſäen und wie ein Feldlager eingeſchloſſen halten. Und ſo, mein armer Freund, können wir noch erleben, daß wir uns gegenſeitig gratuliren — Du als Prälat eines ſchönen engliſchen Biſchofsſitzes, und ich als Baron ausgebreiteter engliſcher Ländereien.“ „Ich denke, Du haſt Recht,“ rief der hochgewachſene Abt in fröhlichem Tone,„und wahrlich, wenn der Tag kommt, ſo will ich wenigſtens für den Herzog fechten.— Ja, Du haſt Recht,“ fuhr er fort, die verfallenen Wände der Zelle ringsum betrachtend,„Niemand vermag das Reich wieder auf die Beine zu bringen, als der Normanne William oder—“ „Oder wer?“ „Der Sachſe Harold. Doch Du wirſt ihn ſelber ſehen und dar⸗ nach beurtheilen.“ „Das will ich und mit aller Aufmerkſamkeit,“ verſicherte der Sire de Graville, indem er ſeinen Freund umarmte und ſeine Reiſ von Neuem antrat. Vierunddreißigſtes Kapitel. Meſſire Mallet de Graville beſaß im höchſten Grade jene Liſt und Schlauheit, welche die Normannen wie überhaupt alle alten Piraten⸗ ſtämme des baltiſchen Meeres charakteriſirte, und wenn der Leſer zu⸗ fällig mit den ſchlanken Männern von Ebor oder Yorkſhire zu thun hat, ſo wird er noch heutiges Tags— vielleicht auf ſeine eigene Ko⸗ ſten— den Witz der alten däniſchen Vorväter an ihnen erkennen, be⸗ ſonders wenn er um jene Thiere handelt, welche die Vorfahren ſpeis⸗ ten und welche die Söhne, ohne ſie zu eſſen, noch immer mäſten. Aber wiewohl der ſchlaue Ritter während ſeiner Reiſe von Lon⸗ don nach Wales Alles aufbot, um aus Serwolf diejenigen Einzelhei⸗ ten über Harold und ſeine Brüder, für die er ſich beſonders intereſ⸗ ſirte, herauszubringen, ſo fand er doch die eigenſinnige Pfiffigkeit oder Vorſicht des Sachſen ſeiner eigenen mehr als gewachſen. Sexwolf be⸗ ſaß nämlich in Allem, was ſeinen Herrn betraf, einen wahren Hunde⸗ inſtinkt und fühlte, faſt ohne zu wiſſen warum, daß der Normanne mit all den ſorglos geäußerten Kreuzfragen eine geheime Abſicht auf Harold bemäntle; auch kontraſtirte ſein ſtarres Schweigen oder bar⸗ ſches Erwiedern, ſo oft Harolds erwähnt wurde, nicht wenig mit der Rückhaltloſigkeit ſeiner Unterhaltung, wenn von allgemeinen Gegen⸗ ſtänden des Tages oder von der Eigenthümlichkeit ſächſiſcher Sitten die Rede war. So zog ſich der Ritter, ärgerlich und getäuſcht, allmälig auf ſich ſelbſt zurück, und da er ſah, daß aus dem Sachſen kein weiterer Nutzen zu ziehen war, ſo ließ er ſeine nationelle Verachtung vor gemeiner Genoſſenſchaft an die Stelle der erkünſtelten Höflichkeit treten. Deß⸗ halb ritt er allein den Uebrigen voran, indem er mit einem Soldaten⸗ auge das Charakteriſtiſche des Landes beobachtete und mit innerer Freude den gänzlichen Mangel an Vertheidigungswehren bemerkte, welche ſogar in den Marſchen das engliſche Gebiet vor dem eymriſchen Verheerer“ ſchützen mochten. * S. Note H. 287 Unter ſolcherlei Gedanken, welche gegen das Land, das er be⸗ ſuchte, nicht ſonderlich freundlich geſtimmt waren, erreichte er am zweiten Tage nach ſeiner Einkehr beim Abte die wilden Engpäſſe von Nordwales. Dort machte der Ritter in einer engen, von wilden, troſt⸗ loſen Felſen überhangenen Schlucht einen längeren Halt, indem er vor⸗ ſichtig ſeine Knappen herbeirief, den Ringpanzer umſchnallte und ſei⸗ nen großen Deſtrier(Schlachtrenner) beſtieg. „Du thuſt Unrecht, Normanne,“ bemerkte Serwolf;„Du er⸗ müdeſt Dich umſonſt— ſchwere Waffen ſind hier nutzlos. Ich habe früher in dieſer Gegend gefochten, und was Dein Roß betrifft, ſo wirſt Du es bald verlaſſen und zu Fuß gehen müſſen.“ „Wiſſe, Freund,“ entgegnete der Ritter,„daß ich nicht hidher ge⸗ kommen bin, um das ABC des Krieges zu erlernen, und wiſſe ferner, daß ein edler Normanne weit eher ſein Leben als ſein gutes Streitroß aufgibt.“ „Ihr Ausländer und Franzoſen liebt große prahleriſche Worte,“ verſetzte Serwolf, indem ſeine weißen Zähne aus dem Walde von Haaren hervorſchimmerten;„und meiner Treu! Dein Magen darf noch ganz voll davon ſeyn, denn wir ziehen noch immer in Harolds Fußſtapfen und dieſer läßt nie einen Feind hinter ſich: Du biſt hier ſo ſicher, als ob Du in einem Kloſter Pſalmen ſängeſt.“ „Deine Späſſe kannſt Du Dir erſparen, höflicher Sir,“ trotzte der Normanne;„nur erſuche ich Dich, mich nicht einen Franzmann* * Normannen und Franken verabſcheuten ſich gegenſeitig und es war der Erſtere, der dem Sachſen ſeine eigene Animoſität gegen den Franzmann bei⸗ brachte. De la Rue, ein ſehr gelehrter Alterthumsforſcher, behauptete, die Stickereien zu Bayeux könnten unmöglich von Mathildens Händen oder aus ihrer Zeit herſtammen, da die Normänner darin Franzoſen genannt wer⸗ den: hierin begeht er jedoch einen gewaltigen Schnitzer, denn bei William ſelbſt heißen die Normannen in den Freibriefen Franci; Wace in ſeinem Roman de Rou nennt ſie öfters Franzmänner und Wilhelm von Poitiers, ein Zeit⸗ genoſſe des Eroberers, gibt ihnen in einer Stelle den nämlichen Namen. Doch läßt ſich nicht läugnen, daß die Normannen in der Regel an ihrer Unter⸗ 4. zu nennen, was ich nur Deiner Unkenntniß alles kriegeriſchen Anſtan⸗ des und nicht einer beleidigenden Abſicht zuſchreibe. Wenn gleich meine Mutter eine Franzöſin war, ſo magſt Du dennoch erfahren, daß der Normanne einen Franken kaum weniger als einen Juden verachtet.“ „Bitt' um Verzeihung,“ ſpottete der Sachſe;„ich meinte, Ihr Ausländer ſeyd alle vom ſelben Leiſten und von ein und der nämlichen Sippſchaft.“ „Du wirſt es nächſtens beſſer erfahren. Nur weiter, Meiſter Sexwolf.“. Die Schlucht öffnete ſich allmälig auf ein weites, zerriſſenes und baumloſes Haideland, und Sexwolf ritt zu dem Fremden, um ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Stein zu lenken, worauf die Worte:„Hic victor fuit Haroldus“ Chier war Harold Sieger) geſchrieben ſtanden. „Im Angeſichte eines ſolchen Steines wagt wohl kein Wäliſcher ſich zu nahen,“ bemerkte der Sachſe. „Eine einfache, klaſſiſche und vielſagende Trophäe,“ verſetzte der Normanne gnädig.„Ich ſehe mit Freuden, daß Dein Gebieter latei⸗ niſch verſteht.“ 4 „Ich ſage nicht, daß er Latein kann,“ erwiederte der vorſichtige Sachſe, aus Furcht, ſolches möchte nicht zu Gunſten ſeines Herrn reden— eine Vorſicht, welche den Normannen nicht wenig ergötzte. „Reitet in Gottes Namen weiter, ſo lange der Weg es zuläßt.“ An der Gränze von Cärnarvonſhire machte der Trupp bei einem Döoͤrſchen Halt, das erſt neulich mit einem tiefen von Palliſaden ſtrotzenden Graben umgeben worden, in deſſen Umfaſſung allerlei Kriegsvolk, die einen aufs Gras geſtreckt, die andern mit Würfeln oder Trinken beſchäftigt, zu ſehen war; ihre Lederkoller wie die in der Mitte flatternde Fahne mit den Tigerköpfen von Harolds Wappen gaben ſie deutlich als Sachſen zu erkennen. 3 ſcheidung von den tapferen aber feindſeligen Nachbarn ſehr hartnäckig feſt⸗ hielten. 289 „Hier werden wir erfahren, was der Earl vorhat, und hier endet für jetzt meine Reiſe,“ bemerkte Serwolf. „So iſt dieſes das Hauptquartier des Earls?— Kein Schloß, nicht einmal von Holz— nirgends eine Mauer, nichts als Graben und Palliſaden?“ fragte Mallet de Graville in einem Tone, der zwi⸗ ſchen Ueberraſchung und Verachtung ſchwankte. „Das Schloß iſt da, Herr Normanne, nur kannſt Du's nicht ſehen, und ſo auch die Mauern,“ erwiederte Serwolf.„Das Schloß iſt Harolds Name, welchem kein Wäliſcher die Stirne zu bieten ver⸗ mag; die Mauern ſind die Haufen von Erſchlagenen, welche rings in den Thälern zerſtreut liegen.“ Mit dieſen Worten ſtieß er ins Horn, welcher Ruf alsbald beant⸗ wortet wurde, worauf er auf einer Planke über den Graben voranritt. „Nicht einmal eine Zugbrücke!“ ſeufzte der Ritter. „Der Carl iſt mit ſeinen Leuten in die Bergregionen des Snow⸗ don gerückt,“ meldete Serwolf, ſobald er mit einem Manne, wel⸗ cher der Befehlshaber der kleinen Beſatzung zu ſeyn ſchien, einige Worte gewechſelt hatte,„und dort, heißt es, iſt der blutgierige Gryf⸗ fyth endlich zu Paaren getrieben worden. Harold hat Befehle hinter⸗ laſſen, daß ich und meine Leute nach kürzeſt möglicher Erholung unter Leitung des zurückgebliebenen Führers zu Fuß zu ihm ſtoßen ſoll. Jetzt kann die Gefahr beginnen, denn wenn auch Gryffyth ſelbſt auf ſeinen Hö⸗ hen eingeſchloſſen wurde, ſo iſt es immerhin möglich, daß einige ſeiner Freunde in dieſen Gegenden hinter Fels und Berghang über uns herein⸗ brechen. Zu Pferd iſt der Weg ungangbar und drum, da unſer Streit wie unſer Herr nicht der Deine iſt, Meiſter Normanne, ſo empfehle ich Dir, hier bei den Kranken und Gefangenen in Frieden und Sicherheit Halt zu machen.“ „Eine luſtige Geſellſchaft— das muß ich ſagen,“ meinte der Nor⸗ manne;„doch man reist um zu lernen, und ich möchte gerne etwas von eurem unhöflichen Scharmuzieren gegen dieſe Bergvölker mitanſehen; da ich übrigens fürchte, daß meine armen Maulthiere nur noch wenig Bulwer, Harold. 19 290 Proviant bei ſich tragen, ſo gib mir zuerſt zu eſſen und zu trinken, und dann, wenn wir des Feindes anſichtig werden, ſollſt Du ſehen, ob ei⸗ nes Normanns große Worte die Sauce kleiner Thaten bilden.“ „Wohlgeſprochen— beſſer, als ich mir einbildete,“ verſicherte Serwolf in herzlichem Tone. De Graville ſtieg ab, und während er im Dorfe umherſchlenderte, begrüßten die neuen Ankömmlinge ihre zurückgebliebenen Landsleute. Das Ganze bot ſelbſt für ein Kriegerauge einen traurigen Anblick. Hier und dort Trümmer oder Haufen von Aſche— durchlöcherte und niedergebrannte Häuſer— die kleine ärmliche Kirche, zwar unberührt vom Kriege, aber einſam und troſtlos ausſehend, während auf den großen friſchen Grabhügeln der braven Krieger, welche in dem ver⸗ theidigten Boden ihrer Vorfahren ſchlummerten, einzelne zerſtreute Schafe umhergrasten. Die Luft war mit den würzigen Düften der Sumpfmyrthe ge⸗ ſchwängert, und die wilde Einöde, welche das Dorf umgab, war reich an ernſter Schönheit, wofür der von Haus aus poetiſche und durch ſeine Erziehung gebildete Normanne nicht unempfänglich war. Er ſetzte ſich ſeitwärts von all den kriegeriſchen murmelnden Gruppen auf einem rohen Stein nieder und betrachtete die düſteren rieſigen Bergſpitzen und das zwiſchen den Häuſern ſich durchwindende Flüß⸗ chen, das ſich zwiſchen dichten Eſchengehölzen verlor. Aus dieſen Betrachtungen gebildeterer Zuſtände wurde er durch Sexwolf aufgeweckt, der mit größerer Höflichkeit, als man ſonſt an ihm gewohnt war, die Leibeigenen begleitete, welche dem Ritter ein aus kleinen Stücken geſottenen Ziegenfleiſches nebſt Käs und einem großen Horne höchſt mittelmäßigen Meths beſtehendes Mahl über⸗ brachten. „Der Carl ſetzt all ſeine Leute auf wäliſche Diät,“ entſchuldigte ſich der Anführer;„in der That iſt bei dieſer langwierigen Kriegfüh⸗ rung auch gar nichts anderes zu haben.“ 291 Der Ritter inſpizirte neugierig den Käs und beugte ſich aufmerk⸗ ſam über den Ziegenbraten. „Das genügt, guter Serwolf,“ erwiederte er, einen ſehr natür⸗ lichen Seufzer unterdrückend.„Doch ſtatt dieſes Honigtrankes, der eher für Bienen als für Menſchen taugt, reicht mir lieber einen Trunk fri⸗ ſchen Waſſers, denn dieſes iſt Euer einziges ſicheres Getränke vor dem Kampfe.“ „So haſt Du niemals Ale getrunken?“ rief der Sachſe;„Deine ausländiſchen Gewohnheiten ſollen jedoch beachtet werden, ſonderbarer Mann.“ Der Mittag war noch nicht lange vorüber, als die Hörner erklan⸗ gen und die Truppen ſich zum Aufbruch anſchickten. Der Normanne bemerkte, daß die Sachſen ihre Pferde ſämmtlich zurückgelaſſen hatten und ſein Knappe überbrachte ihm die Meldung, Serwolf habe aufs Beſtimmteſte verboten, des Ritters Streitroß nachzuführen. „Hat man je zuvor gehört,“ rief Sire Mallet de Graville,„daß man einem normänniſchen Ritter zumuthete, zu Fuß gegen einen Feind auszumarſchiren! Der Schurke— wollte ſagen, der Anführer— ſoll zu mir kommen.“ Da aber näherte ſich Serwolf ſelber und de Graville begann ihm ſeine unwilligen Vorſtellungen vorzutragen. Der Sachſe blieb jedoch ſtandhaft und erwiederte immer nur ſein einfaches:„So lauten des Earls Befehle,“ bis er endlich mit der barſchen Antwort dreinfuhr: „Gehe oder bleib allein: raſte hier mit Deinem Roſſe oder mar⸗ ſchire mit uns auf Deinen eigenen Füßen.“ „Mein Roß iſt ein Edelmann und wäre für mich als ſolcher ein paſſenderer Gefährte,“ gab der Ritter zur Antwort.„So aber weiche ich dem Zwange— ich bitte Dich ernſtlich zu bemerken— dem Zwange, damit man nie von William Mallet de Graville ſagen möge, er ſey bon gré zu Fuß in die Schlacht gegangen.“ Mit dieſen Worten lockerte er ſein Schwert in der Scheide und 19* 292 ging mit den Uebrigen weiter, den feſt anſchließenden Ringpanzer noch immer anbehaltend. Ein wäliſcher Führer zeigte den Weg; er war der Unterthan ei⸗ nes der Unterkönige, der gegen England tributpflichtig und wie viele dieſer kleinen Häuptlinge gegen Gryffyths Rivalſtantm mit einer rach⸗ gierigen Eiferſucht, noch tiefer ſogar als ſein Widerwille gegen die Sachſen, beſeelt war. Die Straße wand ſich eine Zeit lang an dem Conwayftuſſe aufwärts, während Penmän⸗mawr vor ihren Augen ſchimmerte. Kein menſchliches Weſen kam ihnen zu Geſicht; nicht eine Ziege war auf den fernen Bergrücken, nicht einmal ein Schaf auf den Waiden zu gewahren und „die Einöde machte unter dem Glanze der heißen Auguſtſonne einen tiefen Eindruck. Sie kamen zwar an etlichen Häuſern vorüber— wenn man rohe Steinhaufen mit einem einzigen Zimmer überhaupt ein Haus nennen kann— aber ſie waren verlaſſen. Verödung bezeichnete ihren Weg; denn ſie folgten der Spur Harolds des Siegers. Endlich kamen ſie durch das alte Conovium, jetzt Cär⸗hen genannt, tief unten in der Nähe des Fluſſes liegend. Noch waren die mächti⸗ gen römiſchen Ruinen deutlicher als jetzt nach Jahrhunderten der Ver⸗ heerung zu unterſcheiden— zertrümmerte Rieſenmauern, ein halb eingefallener Thurm, ſichtbare Ueberbleibſel gigantiſcher Bäder und, neben der jetzigen Fähre von Tal⸗y⸗Cafn ſtolz ſich erhebend, die faſt ganz unverſtümmelte Veſte Caſtell⸗y⸗Bryn. Auf dem Schloſſe wehte Harolds Fahne; viele große flachgebaute Boote ankerten im Fluſſe, und der ganze Platz ſtarrte von Speeren und Wurſſpießen. Mallet de Graville hatte zwar keinen Augenblick gemurrt, und wäre lieber als Märtyrer geſtorben, als daß er ſeinen Panzer zurück⸗ gelaſſen hätte, war aber dennoch durch das Gewicht ſeiner Stahlrüſtung hochlich ermüdet und eilte in der Hoffnung, Harold ſelber zu ſehen, mit krampfhafter Lebhaftigkeit einer Gruppe entgegen, in welcher er auf den erſten Blick ſeinen alten Bekannten Godrith entdeckte. ch „Das nenne ich Glück, ventre de Guillaume!“ rief er, ſeinen Helm mit dem langen Naſenſtücke abnehmend und die Hand des Thans er⸗ greifend;„das nenne ich Glück, mein herablaſſender Godree! Du er⸗ innerſt Dich Mallet de Graville's, und ſiehſt dieſen ſchwer leidenden Mann in ſo unſcheinbarer Verkleidung zu Fuß und von Schufſten um⸗ geben, ſchwitzend unter den Augen des plebejiſchen Phöbus!“ „Willkommen,“ erwiederte Godrith, nicht ohne Verlegenheit; „wie kamſt Du aber hieher? Wen ſuchſt Du hier?“ „Deinen Grafen Harold, Mann— ich hofee, er iſt hier.“ „O nein, aber wenigſtens nicht ſerne— in einem Orte an der Mündung des ſogenannten Caer Gyffinsfluſſes“. Du mußt ein Boot nehmen und wirſt dann vor Sonnenuntergang daſelbſt eintreffen.“ „Steht eine Schlacht bevor? Jener Schlingel hat mich ſchmäh⸗ lich getäuſcht und mir Gefahr verheißen, während wir keiner Seele begegneten.“ „Das macht, Harolds Beſen pflegt rein aufzufegen,“ gab Godrith lächelnd zur Antwort.„Du wirſt vielleicht gerade recht kommen, um Gryffyths Ende zu erleben. Wir haben den wäliſchen Löwen zu Paaren getrieben— er muß entweder uns oder der grimmigen Hungersnoth unterliegen. Blicke dorthin,“(indem Godrith auf die Höhen von Penmän⸗mawr deutete)„ſogar auf dieſe Entfernung kannſt Du etwas 1 Graues und Düſteres am Horizonte unterſcheiden.“ „Hältſt Du mein Auge für ſo unerfahren im Belagerungskriege, daß ich die Thürme nicht unterſcheiden könnte? So hoch und maſſiv ſie auch ſeyn mögen, ſcheinen ſie doch von hier aus luftig gleich Maſten und zwerghaft wie Gränzſteine.“ „Auf jenem Gipfel und in jenen Thürmen haust Gryffyth, der wäliſche König, mit dem Reſte ſeiner Streitmacht. Er kann uns nicht entrinnen: unſere Schiffe bewachen alle Buchten des Ufers, unſere Truppen haben, wie Du es hier ſiehſt, jeden Engpaß umringt; Spione halten Tag und Nacht Wehe die wäliſchen Moels oder Feuerbecken Was jetzt Schloß und Stadt Conway bildet. 294 ſind mit unſern Wärtern bemannt und wollte der wäliſche Koͤnig herab⸗ kommen, ſo würden die Feuerzeichen von Poſten zu Poſten fliegen, und ihn mit Schwert und Flammen umgürten. Von Land zu Land, von Hügel zu Hügel, von Hereford bis Caerleon, von Caerleon nach Milford, von Milford auf den Snowdon und über dieſen bis zu jener Veſte, die, wie es heißt, von Teufeln oder Rieſen erbaut wurde— durch Engpaß und Wald, über Fels und Moraſt ſind wir ſeinen Ferſen gefolgt. Kampf und Hunger haben ihm gleichermaßen das Blut aus dem Herzen geſaugt und Du wirſt noch unterwegs die rothen Tropfen geſehen haben, wo die Markſteine von Harolds Siegen erzählen.“ „Iſt alſo ein tapferer Mann und ächter König— dieſer Gryffyth,“ meinte der Normanne nicht ohne Bewunderung;„aber,“ fuhr er in kühlerem Tone fort,„ſo ſehr ich meiner Seits den unterlegenen Tap⸗ fern bedaure, ſo muß ich doch geſtehen, daß ich den ſiegreichen Helden noch mehr verehre und obſchon ich ſeither von dieſem rauhen Lande nur wenig geſehen habe, ſo kann ich aus dieſem Wenigen doch ſo viel beurtheilen, daß nur ein Heerführer von unermüdeter Geduld und voll⸗ endeter Geſchicklichkeit einen kühnen Feind in dieſem Lande⸗ wo jeder Fels zur Veſte wird, überwinden konnte.“ „Daſſelbe, fürchte ich, muß auch Dein Landsmann Rolf gefunden haben, denn die Wäliſchen ſchlugen ihn unaufhörlich und der Grund war ganz einfach,“ erklärte Godrith.„Er beſtand nämlich darauf, zu Pferd zu kämpfen, wo man gar keine Pferde gebrauchen konnte, und ſeine Leute in voller Waffenrüſtung gegen ſeine leichten Gegner fechten zu laſſen, welche flink wie die Schwalben bald über die Erde ſtreichen, bald in den Wolken ſich verlieren. Da war unſer Harold klüger: er verwandelte uns Sachſen in Wäliſche, welche flogen, wie ſie flogen und kletterten, wo ſie kletterten, ſo daß wir eigentlich einen wahren Vögel⸗ krieg geführt und jetzt nur noch den Adler in ſeinem letzten einſamen Neſte vor uns haben.“ 3 „Die Schlachten haben Deine Beredtſamkeit ſehr gebeſſert— — Meſſire Godree,“ bemerkte der Normanne in herablaſſendem Tone. „Gleichwohl ſollte ich meinen, einige Leichtberittene—“ „Könnten jenen Gebirgskamm erklimmen?“ ergänzte Godrith lachend und abermals auf Penmän⸗mawr hindeutend. Der Normann folgte ſeinem Blicke und ſchwieg, indem er bei ſich ſelber dachte: „Dieſer Serwolf war im Ganzen doch kein ſo arger Tölpel!“ Siebentes Zuch. Der wälſche König. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Die Sonne hatte eben ihre letzten Strahlen über die breite Waſ⸗ ſerbucht ergoſſen, in welche der Conway oder beſſer Cyn⸗wy— der große Fluß— ſein gewundenes Becken ausmündet. Damals beſtand noch nicht das unvergleichliche Schloß, das heutzutage, ein Denkmal Edwards Plantagenets, den Ruhm von Wales ausmacht; doch beſaß jener Punkt neben der Schönheit, welche er von der Natur ererbt, ſchon zu jener Zeit einigen Anſpruch auf antike Kunſt, denn aus den Trüm⸗ mern eines größeren römiſchen Kaſtells“ hob ſich über dem Gryffin⸗ ſtrome eine rohe Veſte, von weitläufigen Ruinen einer früheren Stadt umgeben, während der Veſte gegenüber auf dem rieſengroßen zerriſſe⸗ nen Vorgebirge Gogarth die Trümmer der vor Jahrhunderten durch den Blitz zerſtörten Kaiſerſtadt noch immer grau und einſam zu ſehen waren. All' dieſe Ueberbleibſel von Pracht und Gewalt, welche Rom ſo * S. Camdens Britannia„Caernarvonshire“. 296 vergeblich den Bretonen vermacht hatte, boten noch immer ein feierliches pathetiſches Intereſſe, wenn man bedachte, daß auf jener ſteilen Höhe der tapfere Prinz eines Heldengeſchlechtes, deſſen Alter alle übrigen Königs⸗ häuſer des Nordens um Jahrhunderte überſtieg, unter den Ruinen von Menſchenhänden und in der Veſte, welche die Natur noch immer ge⸗ währte, die Stunde des Gerichtes erwartete. Das waren jedoch nicht die Empfindungen des kriegeriſchen ſcharf⸗ beobachtenden Normannen, welchem das friſche Blut eines neuen Er⸗ oberergeſchlechtes in den Adern ſprudelte. „In dieſem Lande noch mehr als in dem der Sachſen überwiegen die Ruinen von Alters her,“ dachte er,„und wenn die Gegenwart nicht im Stande iſt, die Vergangenheit aufrecht zu erhalten oder zu verbeſ⸗ ſern, ſo kann die Zukunft blos Unterjochung oder Verzweiflung bringen.“ Dem eigenthümlichen Gebrauch der Sachſen gemäß, wornach die ganze Stärke der Kriegführung in Wall und Gräben vielleicht als den wohlfeilſten und am leichteſten herzuſtellenden Außenwerken beſtanden zu haben ſcheint, war ein neuer Graben um das Fort gezogen worden, der es auf zwei Seiten umgab und auf der dritten und vierten mit den Strömen Gyffin und Conway in Verbindung ſetzte. Das Boot wurde bis dicht vor den Wall gerudert; der Normanne ſprang ans Land und wurde alsbald vor den Earl geführt. Harold ſaß vor einem einfachen Tiſche, über eine rohe Karte des großen Penmängebirges gebeugt; eine eiſerne Lampe ſtand neben der Karte, obwohl es noch ziemlich hell war. Der Carl erhob ſich, als de Graville mit der ſeinen Landsleuten eigenthümlichen ſtolzen aber leich⸗ ten Grazie eintrat und ihn mit ſeinem beſten Sächſiſch anredete. „Heil dem Earl Harold!“ rief er;„William Mallet de Graville grüßt ihn und bringt ihm Nachrichten von jenſeits des Meeres.“ Es ſtand blos ein Stuhl in dem leeren Zimmer— derſelbe, von welchem der Earl ſich erhoben hatte. Er ſtellte ihn mit ungekünſtelter Höflichkeit vor ſeinen Gaſt und erwiederte in normänniſcher Sprache, die ihm vollkommen gelaͤufig war, indem er ſich an den Tiſch lehnte: ————,— 297 „Ich habe nicht geringe Urſache, dem Sire de Graville zu danken, daß er meinethalben eine ſo beſchwerliche Reiſe unternommen; ehe Ihr jedoch Eure Neuigkeiten mittheilt, bitte ich, Euch zuvor zu erho⸗ len und Speiſe von mir anzunehmen.“ „Zwar wird mir die Ruhe nicht unwillkommen ſeyn, und auch die Speiſe— wenn ſie ſich nicht einzig auf Ziegenkäs und Bockfleiſch be⸗ ſchränkt— welche Leckereien meinem Gaumen noch neu ſind— wird nicht ohne Verlockung für mich bleiben; aber ich kann weder Nahrung noch Ruhe finden, edler Harold, ehe ich mich bei Euch entſchuldigt habe, daß ich als Fremdling Eure Verbannungsgeſetze gewiſſermaßen hintanſetzte, wobei ich das höfliche Benehmen, das mir trotz deſſen von Euren Landsleuten zu Theil wurde, mit vollem Danke anerkennen muß.“ „Verzeiht uns, feiner Sir,“ verſetzte Harold,„wenn wir, eifer⸗ ſüchtig auf unſere Geſetze, gegen Solche, die ſich in unſere Angelegen⸗ heiten miſchen wollten, ungaſtlich erſchienen. Der Sachſe kennt jedoch keine größere Freude, als wenn der Ausländer ihn als bloßer Freund beſucht: den zahlreichen Flamändern, Lombarden, Deutſchen und Sara⸗ zenen, die ſich des Handels wegen unter uns niederlaſſen, bieten wir Schutz und Willkomm; den Wenigen aber, welche gleich Dir, Herr Normanne, über die See herüberkommen, um uns zu dienen, reichen wir frei und offen die Freundeshand.“. Nicht wenig überraſcht durch dieſe gnädige Auſnahme, die ihm von Godwins Sohne wiederfuhr, drückte der Normanne die dargebo⸗ tene Hand, brachte dann ein kleines Käſtchen zum Vorſchein und er⸗ zählte umſtändlich und mit gefühlvollen Worten das Zuſammentreffen ſeines Vetters mit dem ſterbenden Sweyn und den letzten Auftrag des Geächteten. Der Earl horchte mit zu Boden geſchlagenen Augen, das Geſicht von der Lampe abgewendet, und als Mallet ſeine Erzählung beendigt hatte, erwiederte Harold mit einer Erſchütterung, die er vergeblich zu unterdrücken ſtrebte: 298 „Ich dank Euch herzlich, edler Normanne, für Eure ſo freundlich erwieſene Güte! ich— ich—— Sweyn war mir ſehr theuer in ſei⸗ nem Kummer,“ fuhr er mit wankender Stimme fort.„Daß er in Lycien geſtorben ſey, erfuhren wir, und grämten uns tief und lange. Alſo nachdem er jene Worte zu Eurem Vetter geſprochen— ach— o Sweyn, mein Bruder!“ „Er ſtarb nach erhaltener Beichte und Abſolution,“ ergänzte der Normann in beſänftigendem Tone;„nach der Ausſage meines Vetters ruhig und voller Hoffnung wie Alle, welche am Grabe des Erlöſers gekniet haben.“ Harold beugte das Haupt und drehte das Schächtelchen mit dem Briefe hin und her, ohne daß er daſſelbe zu öffnen wagte. Der Ritter ſelbſt, von ſo unverſtelltem männlichem Kummer gerührt, erhob ſich mit dem Zartgefühle herzlicher Theilnahme, und zog ſich nach der Thüre zurück, wo der Offtzier, der ihn hergeführt hatte, ſeiner harrte. Harold machte keinen Verſuch, ihn zurückzuhalten, folgte ihm aber über die Schwelle und befahl dem Offizier mit kurzen Worten, ſeinen Gaſt ſo gut, als ob er's ſelber wäre, zu verpflegen. „Morgen früh wollen wir uns wieder begegnen, Sire de Gra⸗ ville; ich ſehe, daß ich vor Euch die natürlichen Regungen des Mannes nicht zu entſchuldigen brauche.“ „Eine edle Perſönlichkeit!“ murmelte der Ritter, während er die Treppe hinabſtieg;„das iſt aber natürlich— hat er ja doch von der Kunkelſeite her normänniſches, wenigſtens nordiſches Blut in den Adern.— Feiner Sire!“ fuhr er laut an den Offtzier ſich wendend fort,„jede Speiſe iſt mir recht, nur kein Ziegenfleiſch, und zum Tranke ja keinen Meth!“ „Fürchte nicht, Gaſt,“ erwiederte der Offizier;„Toſtig der Earl hält zwei Schiffe dort unten in der Bai und hat uns Vorräthe zuge⸗ ſendet, welche ſelbſt dem Biſchof William von London behagen würden, denn Toſtig der Earl iſt ein leckerer Mann.“ iſt 299 „Dann empfehlt mich dem Earl Toſtig,“ lachte der Ritter;„er iſt ein Earl nach meinem Herzen.“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Sobald Harold ſein Zimmer wieder betrat, ſchob er den ſchweren Bolzen über die Thüre, öffnete das Kiſtchen und nahm die beſchmutzte Papierrolle zur Hand. „Wenn Dir dieſes Schreiben zu Geſicht kommt, Harold,“ ſo lautete der Brief,„wird der Bruder Deiner Kindheit im Fleiſche ſchlummern, und dem Urtheil der Menſchen wie dem Weh der Erde im Geiſte entrückt ſeyn. Ich habe vor dem Grabe gekniet; aber keine Taube iſt aus den Wolken herabgekommen— kein Gnadenſtrom hat das Kind des Harmes aufs Neue getauft! Man ſagt mir jetzt— Prieſter und Mönche ſagen es— ich habe alle meine Sünden gebüßt, das furchtbare Suͤhngeld ſey bezahlt und ich könne mit freiem Geiſte und gereinigtem Namen in die Welt der Menſchen eintreten. Denke ſo, mein Bruder!— Bitte meinen Vater(wenn er noch lebt, der theure Greis!) ſolches zu glauben— ſage Githa und lehre Haco meinen Sohn, dieſen Glauben als Wahrheit feſtzuhalten! Dir, Ha⸗ rold, empfehle ich meinen Sohn aufs Neue; ſey ihm ein Vater! Mein Tod wird ihn gewiß aus ſeiner Geiſelſchaft erlöſen. Laß ihn nicht am Hofe des Fremdlings im Lande unſerer Feinde aufwachſen: mache, daß ſein Fuß ſchon in der Jugend die grünen Matten von England betrete, und daß ſein Auge, noch ehe die Sünde es verdüſtert, die Him⸗ melsbläue unſerer Heimath einſauge! Wenn dieſer mein Brief Dich erreicht, wirſt Du in Deiner ruhigen ſtetigen Kraft noch erhabenere Größe als Godwin unſer Vater erreicht haben. Er gelangte zur Ge⸗ walt durch Mühe und Arbeit, er gewann ſie als Lohn der Stärke und Anſtrengung: Dir iſt ſie angeboren, wie die Kraft dem Gewaltigen, ſie umgibt Dich bei jeder Bewegung, und es iſt nicht Dein Ziel, ſon⸗ dern Deine Natur, groß zu ſeyn. Schütze meinen Sohn mit Deiner 300 Macht; führe ihn mit Deiner ſchuldloſen Rechten aus ſeinem jetzigen Kerker! Ich verlange nicht Lordſchaften und Fürſtenthümer als Apa⸗ nage ſeines Vaters; erziehe ihn nicht zu Deinem Nebenbuhler— ich verlange blos Freiheit und die Luft von England! Indem ich alſo auf Dich rechne, o Harold, wende ich mein Geſicht nach der Wand und wiege mein wildes Herz in Ruhe!“ Die Rolle entſank geräuſchlos den Häͤnden des Leſenden. „So iſt es denn dahin, was mehr ein Traum als ein Leben ge⸗ weſen!“ klagte er tieſbetrübt;„und doch war Godwin während unſerer Kindheit am ſtolzeſten auf ſeinen Sweyn, der in der Ruhe ſo lieblich, im Zorne ſo ſchrecklich war! Meine Mutter lehrte ihn die Geſänge der Oſtſee, und Hilda leitete ſeine Schritte durch das Waldland unter Erzählungen von Helden und Skalden. Er allein von unſerem Hauſe beſaß die Gabe der Dänen im wilden Fluſſe des Geſanges, für ihn waren ſelbſt lebloſe Dinge mit eigenthümlichem Odem begabt. Statt⸗ licher Baum, von welchem alle Vögel des Himmels ihren Lobgeſang augſandten, wo der Falke niſtete und die Sangdroſſel in ihrer Fröh⸗ lichkeit aufflog— wie biſt Du verdorrt und niedergeſchmettert in Herz und Zweigen— vom Blitze getroffen und vom Wurme verzehrt!“ Er ſchwieg und hielt die Hand lange vor die Stirne, obwohl Niemand zugegen war. „Nun aber zu dem, was noch auf Erden von ihm übrig iſt— zu ſeinem Sohne,“ dachte er, indem er aufſtand und langſam durch das Zimmer ſchritt.„Wie oft iſt meine Mutter wegen dieſer Geiſeln in mich gedrungen— wie oft habe ich ſie ſchon vom Herzog zurückverlangt und mein Verlangen, ja ſogar die Vorſtellungen des Königs ſelber wurden nur mit glatten falſchen Vorwänden erwiedert. Jetzt aber, da William dieſen Normannen den Brief herüberbringen ließ, wird er auch einen Wunſch erfüllen, deſſen Verweigerung ein Unrecht und eine Beleidigung wäre, und Haco wird in ſeines Vaters Land, Wolnoth in ſeiner Mutter Arme zurückkehren.“ 8 — deeod—n 8n.— ——— 301 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Meſſire Mallet de Graville hatte kaum ſein Haupt auf den Strohſack gelegt, als er auch, wie ein Mann, der, zum Waffenwerke und erzogen, den Schlaf, ſo oft er ſich darbietet, mit raſcher Hand zu er⸗ faſſen weiß, die Augen ſchloß und ſogar für Träume unzugänglich wurde. Die Stille der Mitternacht herrſchte ringsum, da wurde er plötzlich ge⸗ durch Laute geweckt, welche ſelbſt die Siebenſchläfer aufgerüttelt hätten ſerer— gellendes Geſchrei und Lärmen, Blaſen von Hörnern, Stampfen ich, von Fußtritten und das Geräuſch dahereilender Maſſen drang aus der nge Ferne zu ihm herüber. Er ſprang aus dem Bette, während das ganze nter Zimmer mit trübem blutrothem Lichte erfüllt war. Sein erſter Ge⸗ uſe danke war der, das Fort ſtehe in Flammen; als er aber auf den Wall⸗ ihn auftritt ſprang und durch das Guckloch im Thurme hinausſchaute, att⸗ ſchien nicht das Fort, ſondern das ganze Land in einem Feuermeere ang zu ſchwimmen, während er durch die glühende Atmoſphäre den gan⸗ röͤh⸗ zen Boden fern und nah mit Menſchenſchwärmen bedeckt ſah. Hun⸗ Herz derte ſchwammen durch den Fluß, kletterten über die Wallöffnungen, - ſtürzten gegen die geſchwungenen Speere der Vertheidiger, durchbra⸗ vohl chen Linien und Palliſaden und ergoßen ſich, die einen halbbewaffnet mit Helm und Bruſtſtück, die andern in leinenen Gewändern, viele zu aber faſt ganz nackt, unaufhaltſam in die Umfaſſung. Der laute ſcharfe das Ruf Halleluja!’ miſchte ſich mit dem Aus! Aus! das heilige Kreuz!*— r in und er ahnte alsbald, daß die Wäliſchen die ſächſiſche Veſte ſtürmten. angt* Als die Biſchöfe Germanicus und Lupus im Jahre 220 in der Oſter⸗ lber woche die kaum erſt im Alyn getauften Bretonen gegen die Pikten und Sachſen ber, führten, hieß ſie Germanicus ſein Kriegsgeſchrei„Halleluja“ wiederholen. Das . Echo der Hügel gab den Ruf ſo donnernd zurück, daß der Feind, von pani⸗ d er ſchem Schrecken erfaßt, unter großem Blutvergießen entfloh. Maes Garmon eine in Flintſhire war der Schauplatz des Sieges. h in** Der Kriegsruf der Engländer im Beginne der Schlacht war:„Heiliges 6 Kreuz, Allmächtiger Gott!“ ſpäter im Verlauf des Kampfes„Aus! Aus!“ (Hearnes' alte Denkſprüche.) Der letztere Ruf entſprang wahrſcheinlich aus ihrer Gewohnheit, die Fahne und den Hauptpoſten in der Mitte mit einem 3⁰0²2 Ein entſchloſſener Ritter, wie er, bedurfte nur kurzer Zeit, um ſich in ſeine Rüſtung zu hüllen, und das Schwert in der Hand eilte er durch die Thüre und über die Treppe in die Halle hinab, welche mit eilig ſich wappnenden Kriegern erfüllt war. „Wo iſt Harold?“ rief er. „Schon draußen am Graben,“ verſetzte Serwolf, ſeinen Leder⸗ koller anlegend.„Die ganze wäliſche Hölle iſt losgebrochen.“ „Und dort flammen ihre Feuerbecken?— das ganze Land iſt alſo gegen uns!“ „Schwatzt nicht ſo viel,“ meinte Sexwolf;„die Hügel dort ſind im Beſitze von Harolds Wächtern: unſere Spione gaben ihnen Nach⸗ richt und die Wachfeuer benachrichtigten uns, ehe uns die Feinde zu Geſicht kamen, ſonſt würden wir jetzt ohne Kopf oder Glieder hier liegen. Jetzt, ihr Leute, aufmarſchirt— und dann fort mit Euch!“ „Halt! Halt!“ rief der fromme Ritter ſich bekreuzend;„iſt kein Prieſter hier, um uns einzuſegnen! Erſt ein Gebet und einen Pſalm!“ „Pſalm und Gebet!“ ſchrie Serwolf höchlich erſtaunt;„hätteſt Du geſagt, Meth und Ale— das hätte ich eher verſtanden. Aus! Aus! das heilige Kreuz, das heilige Kreuz!“ „Die gottloſen Heiden!“ murmelte der Normanne, von der Menge fortgeriſſen. Der Anblick war furchtbar, als ſie endlich ins Freie gelangten. So kurz auch der Anfall bis jetzt gedauert, ſo hatten doch die Feinde bereits ein unbeſchreibliches Blutbad angerichtet. Mit ihrer phy⸗ ſiſchen Uebermacht und von einer Tapferkeit beſeelt, welche wie der Wahnſinn bei Verrückten oder der Hunger bei Wölfen zu wirken ſchien, hatten ganze Schaaren von Bretonen Strom und Graben überſchritten, hatten die Spitzen der ihnen entgegenſtarrenden Speere mit den Häͤn⸗ den ergriffen und waren über die Leichen ihrer Landsleute wegſpringend mit wildem Freudengeſchrei auf die dichtgeſchloſſenen ſächſiſchen Reihen Walle dichtgedrängter Schilde zu ſchützen und bedeutete alſo im näheren Sinne ſo viel, wie„Brecht aus!“ 303 vor dem Fort losgeſtürzt. Der Strom ſchien im buchſtäblichen Sinne in Blut verwandelt: von Pfeilen und Speeren durchbohrt, ſchwammen mit und verſchwanden allenthalben zahlreiche Leichname, während unge⸗ ſchreckt von der Verheerung immer neue Schaaren von dem gegen⸗ überliegenden Ufer in die Wellen ſprangen. Gleich Bären, welche das der⸗ Schiff eines Seekönigs unter den Polargeſtirnen oder der mitternäch⸗ tigen Sonne des Nordens umringen, kamen die wilden Krieger durch alſo das blendende Halbdunkel herangezogen. Zwei Geſtalten waren vor allen andern ausgezeichnet: die eine, ſind ſchlank und hochgewachſen über die Menge hervorragend, ſtand am ach⸗ Graben hinter einem Banner, das bald ſchlaff am Stabe herabhing, k zu bald von den heranſtürmenden Männern in Bewegung geſetzt weit und hier breit dahinflatterte— denn die Nacht ſelbſt war völlig windſtille. Der 3 Mann ſchwang mit beiden Händen eine ſchwere däniſche Streitaxt und kein mit jedem ſeiner Streiche, welche blitzſchnell niederdonnerten, fiel einer 114 ſeiner hundertfachen Feinde, ſo daß er rings um ſich einen eigenen tteſt Wall von Todten gezogen hatte. lus! In der Mitte des Raumes an der Spitze einer friſchen jauchzen⸗ den Schaar der Wäliſchen, die ſich von einer andern Seite bis hieher enge durchgehauen hatten, marſchirte eine zweite Geſtalt, welche gegen Pfeil und Speer gefeſtet ſchien. Die Schutzwaffen dieſes Häuptlings waren ten. nämlich ſo leicht, als ob ſie blos zum Schmucke getragen würden: ein inde kleiner Goldpanzer bedeckte blos die Mitte der Bruſt, eine Halskette hy⸗ von verſchlungenen Golddrähten umſchlang ſeknen Nacken und ein gol⸗ der denes Bracelet ſchmückte den nackten Arm, der vom Handgelenke bis ien, zum Ellbogen von fremdem Blute triefte. Er war leicht gebaut und ten, ſogar unter der Mittelgröße, ſchien aber durch die erhabene Begeiſte⸗ än⸗ rung des Kriegs zum Rieſen verwandelt. Er trug keinen Helm, ſon⸗ end dern blos einen Goldreif um das Haupt, und ſein dunkelrothes Haar, hen länger als es bei den Wäliſchen Sitte war, wallte leicht und luftig inne wie eine Löwenmähne über ſeine Schultern. Seine Augen funkelten gleich denen des Tigers bei Nacht, und mit wildem Sprunge ſtürzte er ſich auf die Speere. Einen Augenblick lang verlor er ſich zwiſchen den feindlichen Reihen, indem nur noch das raſche Blitzen ſeines kurzen Schwertes zu bemerken war, bis er für ſich und ſeine Begleiter mitten durch die ſtählernen Reihen einen Weg bahnte und unbeſchädigt und tief aufathmend in's Freie drang, während ſeine wilden Anhänger hauend und ſtoßend, ſchlagend und erſchlagen, um die feindliche Linie herumwirbelten. „Parder, das iſt ein Krieg, wo ſichs der Theilnahme lohnt,“ meinte der Ritter.„Nun ſollſt Du ſehen, würdiger Serwolf, ob der Normanne wirklich der Prahlhans iſt, wofür Du ihn hältſt. Dieu nous aide! Notre Dame!— Nehmet die Feinde im Rücken.“ Während er ſich aber umwandte, bemerkte er, daß Serwolf ſeine Leute bereits zu dem Banner geführt hatte, das ihnen die Stelle be⸗ zeichnete, wo der Earl faſt allein in ſeiner Gefahr daſtand. Alſo ſich ſelbſt überlaſſen, zögerte der Ritter keinen Augenblick, ſondern ſtand in der nächſten Minute mitten unter der wäliſchen Streitmacht, dem Häuptling mit der goldenen Rüſtung gegenüber. In ſeinem Ringpanzer gegen die leichten Waffen des Wäliſchen ge⸗ ſichert, ſchwang der Normanne ſein Schwert wie eine Todesſichel und hieb rechts und links in die Menge, die er in der Flanke angriff, ſo daß er die kleine Phalanr der Sachſen in der Mitte beinahe erreicht hätte, als die blitzenden Augen des cymriſchen Führers durch das Brüllen und Stöhnen auf des Normanns Wege auf dieſen neuen be⸗ fremdenden Feind gelenkt wurden, worauf der Löwenkönig von Wales mit der halbnackten Bruſt gegen das Panzerhemd und mit dem kurzen, Römerſchwerte gegen den langen normänniſchen Pallaſch Front machte. So ungleich auch das Zuſammentreffen ſchien, ſo war doch das Ausfallen des Bretonen ſo raſch, ſein Arm ſo niederbeugend, und ſo behend ſeine Waffe, daß der gute Ritter, der mehr wegen ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit und Tapferkeit, als durch brutale Leibesſtärke der beherz⸗ teſten unter Williams Banden von Waffenbrüdern angehörte, weit lieber Fitzosborne oder Montgomeri ganz in Stahl gekleidet und mit Dieu ſeine le be⸗ -iblick, iſſchen über. n ge⸗ l und ff, ſo reicht h das en be⸗ Vales urzen achte. h das nd ſo Ge⸗ eherz⸗ weit dmit 305 Keule und Lanze bewaffnet vor ſich geſehen, als die zornige Majeſtät dieſer helmloſen Sterne vor Augen gehabt und dieſe betäubenden Streiche parirt hätte. Schon waren die ſtarken Ringe ſeines Panzers zweimal durchbohrt und ſein Blut träufelte in raſchem Laufe, während er mit ſeinem großen Schwerte bis jetzt blos in die Luft gehauen hatte, als die ſächſiſche Phalanx, die durch dieſe Diverſion verurſachte Lücke in dem ſie umgebenden Kreiſe benützend und mit wildem In⸗ grimme das Goldgeflecht und die Bruſtplatte des wäliſchen Königs erkennend, einen verzweifelten Angriff gegen dieſen machte. Die nächſten Minuten herrſchte ein wirres nur ſchwer zu unter⸗ ſcheidendes Handgemenge— blinde zufällige Hiebe von allen Seiten, ohne daß man wußte, wo der Tod herkam, bis endlich die ſtrenge Ord⸗ nung und Disciplin, welche die Sachſen trotz der Verwirrung gleich⸗ ſam mechaniſch beibehielten, nach hartem Kampfe den Sieg davontrug. Der Keil drang durch, und wenn auch vermindert an Zahl und ſchwer verwundet, löste der ſächſiſche Trupp dennoch den umſchließenden Ring und erreichte die Hauptmacht vor dem Fort, welche im Rücken durch deſſen Mauer geſchützt war. Harold hatte unterdeſſen, von Sexwolfs Haufen unterſtützt, die weiteren Verſtärkungen der Wäliſchen von den zugänglicheren Theilen des Grabens zurückgetrieben, und mit erfahrenem Feldherrnauge das Schlachtfeld betrachtend einigen ſeiner Leute den Befehl ertheilt, in das Fort zurückzukehren, um von Zinnen und Schießſcharten die Batterien von Stein⸗ und Wurfgeſchoſſen zu eröffnen, welche damals bei den in Belagerungen unerfahrenen Sachſen die Hauptartillerie ihrer Feſtungen ausmachten. Nachdem er dieſe Befehle ertheilt hatte, ſtellte er Serwolf mit dem größten Theile ſeines Haufens als Wache rings um den Graben, und die Augen mit der Hand beſchat⸗ tend und den von den Wachfeuern überſtrahlten Mond betrachtend ſagte er ruhig: „Nun wird die Geduld für uns fechten. Ehe der Mond jenen Gipfel erreicht, werden die Truppen zu Aber und Caer⸗hen die Abhänge Bulwer, Harold. 20 306 des Penmaengebirges erreichen und den Wäliſchen den Rückzug ab⸗ ſchneiden. Tragt meine Fahne dort hinüber in das Gedränge jenes Haufens.“ Als aber der Earl, die Streitaxt über die Schulter geſchwungen und nur von einem Dutzend um ſein Banner geſchaarter Kämpfer be⸗ gleitet, ſich nach dem Punkte wandte, wo ſich der wildeſte Kampf con⸗ centrirt hatte, ward Gryffyth des Banners und Führers halbwegs zwiſchen Fort und Graben anſichtig, und ließ von ſeinem Gegner eben in dem Augenblicke ab, als er den größten Vortheil erlangt hatte. Den einzigen Normann ausgenommen, der, obwohl verwundet und an den Fußkampf nicht gewöhnt, doch voll Entſchloſſenheit im Vorder⸗ treffen ſtand, ſahen ſich nämlich die Sachſen von der Uebermacht über⸗ mannt, und von den Wurſſpießen niedergeworfen; wären ſie in die Veſte geflohen, ſo hätten ſie dadurch ihr Schickſal beſiegelt, da die Wä⸗ liſchen auf ihren Ferſen mit eingedrungen wären. Allein der Unſtern der wäliſchen Helden beſtand von jeher darin, daß ſie den Krieg nie als Wiſſenſchaft erkennen lernten: ſtatt nun⸗ mehr alle Kräfte gegen den ſchwächſten Punkt zu vereinigen, ver⸗ ſchwand das ganze Schlachtfeld vor den wilden Blicken des wäliſchen Königs, als er Harold's Banner und Geſtalt vor Augen ſah. Der Earl erkannte den nahenden Feind, der wie der Falke um den Häher herumſchwenkte; der Sachſe machte Halt, ſtellte ſeine weni⸗ gen Leute im Halbkreiſe auf, ſo daß ſie ihre großen Schilde wie einen Wall und ihre Speere als Palliſaden vorſtreckten, während Harold wie ein Thurm mit hochgeſchwungener Art vor ihnen ſtand. Eine Minute ſpäter war er umringt, und durch den Hagel von Wurfſpießen, der auf ihn eindrang, ziſchte und blitzte das Schwert des wäliſchen Häuptlings. Allein Harold, mit dem Schwertkampfe der Wäliſchen beſſer ver⸗ traut als der Sire de Graville, und außer ſeinem Helm, der gleich dem des Normannen geſtaltet war, und ſeinem leichten Waffenrocke aus Pelzwerk durch keine andern Schutzwaffen beläſtigt, ſetzte der Be⸗ ab⸗ nes ligen be⸗ con⸗ pegs leben atte. d an rder⸗ liber⸗ 1 die Wä⸗ arin, nun⸗ ver⸗ ſchen um veni⸗ inen rold Eine ßen, ſchen ver⸗ leich cocke Be⸗ 307 hendigkeit des Feindes dieſelbe Behendigkeit entgegen, und ſeine Streit⸗ art plötzlich loslaſſend, ſprang er auf ſeinen Gegner los und umfaßte ihn mit dem linken Arm, während ſeine Rechte ihn an der Kehle packte. „Ergib Dich und laß ab vom Kampfe!— Ergib Dich, Sohn Llewellyn's, ſo lieb Dir Dein Leben iſt.“ Furchtbar war die Umarmung und tödtlich der Griff; aber wie die Schlange aus der Fauſt des Derwiſches, wie ein Geſpenſt unter der Hand des Träumenden entwiſchte der geſchmeidige Cymrier, und das zerbrochene Halsband war Alles, was in Harold's Fauſt zu⸗ rückblieb. In dieſem Augenblicke drang ein mächtiger Schrei der Verzweif⸗ lung aus den Reihen der Wäliſchen in der Nähe der Veſte; Steine und Speere regneten auf ſie von den Wällen des Forts, und der trotzige Normanne hauste in ihrer Mitte mit bluttriefendem Schwerte; aber nicht Speer, nicht Stein noch Schwert war es, weßhalb die Wäliſchen in jenen Ruf ausbrachen. Von der anderen Seite der Gräben mar⸗ ſchirten gegen ſie ihre eigenen Landsleute— jene rivaliſirenden Stämme, welche dem Fremdling zur Unterjochung des Landes beiſtanden; und rechts in der Ferne ſah man die Speere der Sachſen von Aber, links von Caer⸗hen herüber hörte man das Jauchzen der Truppen unter Godrith und Die, die den Leoparden in ſeinem Lager aufgeſucht hatten, waren nunmehr ſelber als Beute im Netze gefangen. Sobald die Sachſen dieſe Verſtärkung gewahrten, drangen ſie mit neuem Muthe auf die Feinde ein, und Verwirrung, Flucht und unbarm⸗ herziges Gemetzel erfüllte das ganze Schlachtfeld. Die Wäliſchen ſtürzten nach dem Strom und den Gräben; in dem unaufhaltſamen Wirrwarr wurde Gryffyth wie ein Stier durch den Orkan ſortge⸗ riſſen; dem Feinde noch immer das Antlitz darbietend und ſeine eige⸗ nen Leute ſcheltend und anfeuernd, ſtürzte er allein gegen die Verfol⸗ ger, um ihrem Nachdrängen Einhalt zu thun, bis er noch immer un⸗ verwundet den Strom erreichte, und nach kurzer Pauſe mit gellendem 20 308 Lachen in die Wogen ſprang. Hundert Wurſſpieße ſausten in die trüben, blutigen Fluthen. „Halt!“ rief Harold, der Earl, die Hand hoch erhebend:„kein feiger Wurf nach dieſem Tapferen!“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Die behenden Bretonen— kaum noch ein Zehntel der urſprüng⸗ lichen Anzahl— vollführten ihre Flucht mit derſelben parthiſchen Geſchwindigkeit, welche ihren Angriff charakteriſirte, und ihren wäli⸗ ſchen Feinden wie den Sachſen entrinnend— ſo hitzig erſtere auch in der Verfolgung waren— erreichten ſie die ſteilen Anhöhen von Pen⸗ maen⸗mawr. In der ſächſiſchen Veſte war für heute an keinen ferneren Schlaf zu denken. Während die Verwundeten verbunden und die Todten vom Schlachtfeld weggeſchafft wurden, berieth ſich Harold mit Dreien ſeiner Häuptlinge nebſt Mallet de Graville, deſſen Thaten es mehr als ungerecht gemacht hätten, wenn man ſein Geſuch, dem Kriegsrathe anwohnen zu dürfen, hätte verweigern wollen— über die Mittel, den Krieg in den nächſten Tagen zu beendigen. Zwei von den Thanen, noch heiß und rachſüchtig vom Streite, machten den Vorſchlag, das Gebirge mit der geſammten Macht unter Zuziehung aller Verſtärkungen zu erſteigen, und Alles, was man vor⸗ fände, über die Klinge ſpringen zu laſſen. Der Dritte, alt und wohlerfahren und in die wäliſche Kriegsführung eingeweiht, war anderer Meinung.— „Niemand von uns weiß, wie die eigentliche Stärke des Platzes, den Ihr zu ſtürmen vorhabt, beſchaffen iſt,“ bemerkte er.„Wir haben nicht einen einzigen Wäliſchen getroffen, der den Gipfel erſtiegen oder das Schloß, das dort ſtehen ſoll,“ unterſucht hätte.“ * Gewiſſe hochgelegene Punkte in Wales, worunter auch dieſer gehört haben mag, wurden für ſo heilig erachtet, daß ſelbſt die unmittelbarſten Nach⸗ barn ihnen niemals zu nahen wagten. die ein 309 „Stehen ſoll!“ wiederholte de Graville, der, nachdem er den Panzer abgelegt und ſeine Wunden hatte verbinden laſſen, auf ſeinen Pelz ſich lehnend am Boden ruhte.„Stehen ſoll, edler Sir!— Könnt Ihr nicht mit eigenen Augen ſeine Thürme erkennen?“ „In der Entfernung und durch den Nebel erſcheinen die Steine gar gewaltig und die Felſenzacken ſelber nehmen ſonderbare Geſtalten an,“ bemerkte der alte Than kopfſchüttelnd.„Es kann ein Schloß, es kann ein Felſen oder auch ein alter dachloſer Tempel aus der Hei⸗ denzeit ſeyn, was wir ſehen. Doch um wieder auf meine Rede zu⸗ rückzukommen(und da ich gar langſam ſpreche, ſo bitte ich nicht aber⸗ mals unterbrochen zu werden)— Niemand von uns weiß, was dort von natürlichen oder künſtlichen Vertheidigungswehren exiſtirt; nicht einmal die wäliſchen Spione ſind bis auf die Höhe gelangt, denn in der Mitte des Gebirges lauern die Schildwachen des wäliſchen Königs, und vom Gipfel herab kann man den Vogel fliegen und die Ziege klet⸗ tern ſehen. Nur wenige Deiner eigenen Spione ſind bis jetzt leben⸗ dig zurückgekehrt, o Sohn Godwins; ihre Köpfe ſahen wir wohl am Fuße des Hügels mit dem Zettel im Mund— Dic ad inferos, quid in superis novisti!' CSage den Schatten da unten, was Du oben auf den Höhen geſehen haſt.“)“ „Ei, die Wäliſchen verſtehen Latein!“ murmelte der Ritter;„da muß ich ſie achten!“ Der bedächtige Than runzelte die Stirne und fuhr ſtammelnd alſo fort: „So viel wenigſtens iſt klar, daß der Felſen für Solche, die mit den Päſſen unbekannt ſind, nahezu unerſteiglich iſt; daß Tag und Nacht ſtrenge Wache gehalten wird, ſo daß ſogar unſere wäliſchen Spione Nichts auszurichten vermögen; daß die Männer da oben wild und verzweifelt ſind, und daß unſere eigenen Truppen durch den Glauben der Wäliſchen, als ob der Punkt von Geiſtern beſucht werde und die Thürme vom böſen Feinde gegründet ſeyen— erſchreckt und zurückge⸗ ſcheucht werden. Eine einzige Niederlage kann uns zwei Jahre des 310 Sieges koſten, denn Gryffyth bricht dann von ſeinem Horſte herab und gewinnt, was er verloren, beſonders unſere ſtets falſchen und treuloſen wäliſchen Verbündeten. Darum ſage ich: fahrt fort, wie wir begonnen haben; beſetzet das ganze Land ringsum, ſchneidet dem Feinde alle Hülfsmittel ab, ſo daß er ſich durch Hunger aufzehrt, oder wie er heute Nacht gethan, ſeine Stärke in vergeblichen Ausfällen und Angriffen vergeudet.“ „Dein Rath iſt gut,“ ſagte Harold;„aber es iſt noch etwas bei⸗ zufügen, was den Kampf verkürzen kann und uns das Ende vielleicht mit geringeren Opfern an Menſchenleben erreichen läßt. Die Nie⸗ derlage von heute Nacht wird den Muth der Wäliſchen niederge⸗ beugt haben— drum ſollte man ſie in der Stunde des Unglücks und der Verzweiflung überraſchen. Ich möchte deshalb einen Boten auf ihre Außenpoſten ſenden, der Allen, welche die Waffen ablegen und ſich ergeben, Leben und Begnadigung zuſichert.“ „Wie, nach ſolcher Metzelei und Niederlage?“ rief einer der Thane. „Sie vertheidigen ihren eigenen Boden,“ erwiederte der Eark einfach;„hätten wir nicht daſſelbe gethan?“ „Aber der Rebelle Gryffyth?“ fragte der alte Than;„Du kannſt ihn doch nicht abermals als gekrönten Unterkönig unſeres Edward aufnehmen?“ „Nein,“ entgegnete der Earl,„Gryffyth allein werde ich von der Begnadigung ausſchließen, ihm aber nichts deſto weniger das Leben zuſichern, wenn er ſich gefangen gibt und ohne fernere Bedingung auf des Königs Gnade zählt.“ Hier folgte eine lange Pauſe. Niemand wagte, dem Vorſchlage des Earls zu widerſprechen, wiewohl er den beiden jüngeren ahanen durchaus nicht behagte. .„Aber haſt Du auch bedacht, wer dieſe Botſchaft überbringen ſoll?“ begann endlich der ältere von den Dreien.„Jene Bluthunde ſind wild und grauſam, und wer ſich in das Käfig wagen will, darf wohl zuvor an Teſtament und Beichte denken.“ 311 „Ich bin überzeugt, daß mein Bote ſicher ſeyn wird,“ gab Harold zur Antwort.„Gryffyth beſitzt den ganzen Stolz eines Königs, und wenn er auch beim Angriffe weder Mann noch Kind verſchont, ſo wird er doch reſpektiren, was der Römer ſeine Edlen reſpektiren lehrte, daß nämlich das Haupt eines Boten, der von einem Anführer zum andern geſchickt wird, geheiligt und unverletzlich iſt.“ „Wähle wen Du willſt, Harold,“ ſagte einer der jüngeren Thane lachend,„verſchone nur Deine Freunde; und wen Du auch erkieſeſt —ſeiner Wittwe mußt Du jedenfalls das Wehrgeld bezahlen.“ „Edle Sirs,“ begann de Graville,„wenn Ihr glaubt, daß ich, obwohl ein Fremder, als Bote dienen kann, ſo wird es mir Vergnü⸗ gen machen, die Sendung zu übernehmen— erſtlich, weil ich mich für Schlöſſer und Kaſtelle intereſſire und mich gerne mit eigenen Augen überzeugen möͤchte, ob ich mich wirklich getäuſcht habe, als ich jene Thürme für eine Veſte von großer Stärke hielt, zweitens weil jene wilde Katze von einem König nothwendig einen ſehenswürdigen Hof haben muß. Der einzige Umſtand, der mich abhält, mein Anerbieten als eine perſönliche Bewerbung geltend zu machen, iſt der, daß ich zwar einige Worte des wäliſchen Jargons verſtehe, aber keineswegs ein Cicero in dieſer Sprache zu ſeyn behaupten darf; da es jedoch ſcheint, daß wenigſtens Einer unter ihnen Latein verſteht, ſo zweifle ich nicht, daß ich meine Meinung ſchon an den Mann bringen werde.“ „Ei, was das betrifft, Sire de Graville,“ verſetzte Harold, der das Anerbieten des Ritters mit Vergnügen zu vernehmen ſchien,„ſo dürfte dies kein Hinderniß ſeyn, wie ich Euch klar machen werde; trotzdem, was Ihr ſo eben vernommen, ſoll Gryffyth Euch an Leib und Leben kein Leids zufügen. Aber mein gütiger und höf⸗ licher Sir, werden auch Eure Wunden die Reiſe zulaſſen?— ſie iſt zwar nicht lang, aber ſteil und mühſam und nur zu Fuß zurückzu⸗ legen.“ „Zu Fuß!“ rief der Ritter etwas betroffen.„Pardex! Darauf habe ich, ehrlich geſtanden, nicht gerechnet!“ 312 „Genug,“ verſetzte Harold, ſich in offenbarer Enttäuſchung ab⸗ wendend;„denken wir nicht weiter daran.“ „Nein, mit Eurer Erlaubniß, was ich einmal geſagt habe, dabei bleibts,“ entgegnete der Ritter.„Obwohl Ihr ſonſt ebenſo gut einen jener reſpektabeln Centauren, von denen wir in unſerer Jugend gele⸗ ſen, entzwei zu ſpalten, als einen Normannen von ſeinem Roſſe zu trennen vermöchtet, will ich mich ſogleich in mein Zimmer verfügen und meinen Anzug zurecht machen, wobei ich nicht vergeſſen werde, für den ſchlimmſten Fall meinen Panzer unter dem Wafefenrocke zu tragen. Vergönnt mir nur einen Waffenſchmied, um die Ringe wieder zu be⸗ feſtigen, durch welche dieſer mit Recht ſo genannte Griffin“ ſo katzen⸗ artig ſeine Kralle ſteckte.“ „Ich nehme Euer Anerbieten mit voller Offenheit an, und es ſoll alles Nothige für Euch vorbereitet ſeyn, ſobald Ihr mich hier wieder aufſuchen wollt.“. Der Ritter erhob ſich und verließ das Zimmer mit leichten Schrit⸗ ten, obwohl er von ſeinen noch ſchmerzenden Wunden etwas ſteif war. Er rief alsbald ſeinem Knappen und Waffenſchmied, und nachdem er ſich mit allem Pomp und der ganzen Sorgfalt eines Normannen ge⸗ kleidet, die Goldkette um den Hals geſchlungen und ſeinen von Sticke⸗ rei ſtrotzenden Waffenrock übergeworfen hatte, erſchien er wieder in Harolds Gemache. Deerr Earl empfing ihn allein und kam ihm mit herzlicher Freund⸗ lichkeit entgegen. „Ich danke Dir mehr, als ich vor meinen Thanen geſtehen mochte,“ begann der Earl,„denn ich ſage Dir offen, mein wackerer Normanne, daß meine Abſicht iſt, dieſem braven König das Leben zu retten, und Du kannſt wohl begreifen, daß jeder unſerer Sachſen noch heiß vom Kampfe und von Nationalhaß ganz verblendet iſt. Du allein als Fremdling ſiehſt in ihm den tapferen Krieger und gehetzten Prinzen, * Zu deutſch:„Vogel Greif“. — ³ 318 und kannſt als ſolcher das edle Mitgefühl eines männlichen Feindes für ihn empfinden.“ „Das iſt wahr,“ bemerkte de Graville, nicht wenig überraſcht; „wir Normannen ſind zum wenigſten ebenſo kampfluſtig, wie ihr Sach⸗ ſen, ſobald wir einmal Blut gekoſtet haben, und ich muß geſtehen, Nichts würde mich mehr erfreuen, als dieſe Tigerkatze in Erz zu klei⸗ den und ſie mit einem Speere in den Klauen aufs Roß zu ſetzen, um auf dieſe Weiſe die Schande, durch ihre Griffe alſo zerkratzt worden zu ſeyn, mit dem Burſchen auszufechten. Ich achte gewiß jeden tapfe⸗ ren Ritter im Unglück, kann aber mein Mitleid kaum auf ein We⸗ ſen ausdehnen, das gegen alle Kriegs⸗ und Königsregeln zu fechten pflegt.“ „Das iſt die Weiſe, wie ſeine Vorfahren gegen Cäſars Speere anſtürmten,“ bemerkte der Earl mit ernſtem Lächeln.„Verzeiht ihm.“ „Auf Euer gnädiges Verlangen hin ſey ihm verziehen,“ ver⸗ ſicherte der Ritter mit hoher Gravität;„fahrt fort.“ „Ihr werdet mit einem wäliſchen Mönche, der, obwohl nicht von Gryffyths Partei, von allen ſeinen Landsleuten geachtet wird, nach der Mündung des furchtbaren Engpaſſes, der den Fluß be⸗ gränzt, aufbrechen und der Moͤnch wird zum Zeichen des Friedens das heilige Kreuz vor ſich hertragen. Vor jenem Paſſe angelangt, werdet Ihr ohne Zweifel angehalten werden. Der Mönch wird hier den Sprecher machen und zum Ueberbringen meiner Botſchaft an Gryffyth freies Geleite verlangen; auch wird er gewiſſe Unterpfänder mitnehmen, welche Euch ſicherlich den Weg eröffnen werden. Bei Gryffyth vorgelaſſen, wird der Mönch ihn anreden und da merke wohl auf ſeine Geberden, da Du das Wäliſche, das er redet, nicht verſtehen wirſt. Wenn er das Kreuz erhebt, wirſt Du ihm den Ring, den ich Dir hier übergebe, in die Hand drücken und ihm auf Sächſiſch— was er wohl kennt— zuflüſtern: auf dieſes Unterpfand hin gehorche; Du weißt, Harold iſt treu und Deine eigenen Leute haben längſt Deinen Kopf verkauft! Du mußt Dich ihm nämlich gleich Anfangs zu nähern 314 ſuchen und wenn er Dich auf Deine Rede weiter befragt, ſo weißt Du Nichts.“ „So weit wäre Alles, wie ſichs von einem Häuptling gegen den andern geziemt,“ ſagte der Normanne gerührt,„und ſo wäre auch Fitzosborne mit ſeinem Gegner verfahren. Ich danke Dir für dieſe Sendung, und zwar um ſo mehr, als Du nicht verlangteſt, daß ich die Stärke der Vertheidigungsmauern und die muthmaßliche Anzahl der Beſatzung mir merken ſoll.“ „Preiſe mich nicht deßhalb, edler Normanne,“ erwiederte Harold abermals lächelnd—„wir einfachen Sachſen wiſſen nichts von Euren feinen Künſten. Wenn Ihr bis zum Gipfel hinangeführt werdet, was ich jedoch nicht für wahrſcheinlich halte, ſo fehlt es dem Mönche wenig⸗ ſtens nicht an Augen um zu ſehen, noch an der Zunge um zu berichten. Dir aber will ich noch ſo viel anvertrauen: ich weiß bereits, daß Gryffyths Macht nicht auf ſeinen Wällen und Thürmen, ſondern auf dem Aberglauben der Unſeren und der Verzweiflung ſeiner eigenen Leute beruht. Ich könnte jene Bergſpitzen gewinnen, wie ich auf dem Snowdon faſt ebenſo mächtige Wolkenhöhen erobert habe; das ginge aber nur mit einem furchtbaren Verluſte an Leuten und unter der Niedermetzelung auch des letzten Feindes, was ich wo möglich ver⸗ meiden möchte.“ „In den Einden, welche ich paſſirte, haſt Du aber doch keine ſolche Werthſchätzung von Menſchenleben bewieſen,“ hielt ihm der kühne Ritter entgegen. „Die Pflicht, Sire de Graville, iſt ein ernſtes Ding, unwider⸗ ſtehlich in ihren Geboten,“ verſetzte Harold erbleichend, aber in feſtem Tone.„Dieſe Wäliſchen müſſen in ihre Gebirge eingeſchloſſen werden, ſonſt freſſen ſie ſich in das Mark von England, gleich der Fluth, welche am Ufer nagt. Bei der Verheerung unſerer Gränzen zeigten ſie ſich erbarmungslos und ihre grauſame Rache iſt eine Qual des Landes. Aber es iſt etwas anderes, ob man mit einem ſtarken trotzigen Feinde ringt, oder ob man ihn niederſchlägt, nachdem er ſeine Macht ver⸗ bli t Du en den e auch dieſe aß ich Inzahl Harold Euren „was venig⸗ chten. „ daß n auf genen fdem ginge r der ver⸗ keine der ider⸗ eſtem rden, elche ſich ndes. einde ver⸗ — 315 loren und an Händen und Füßen gebunden iſt. Wenn ich den unglück⸗ lichen König eines großen Stammes, wenn ich das letzte Häuflein verurtheilter Helden, zu gering an Zahl und Stärke, um meinen Waffen zu widerſtehen, vor mir ſehe— wenn das Land bereits mein iſt und das Schwert des Henkers, nicht mehr das des Kriegers wal⸗ tet— dann, Herr Normanne, läßt die Pflicht ihr eiſernes Werkzeug fallen und der Menſch wird wieder zum Menſchen.“ „Ich gehe,“ ſagte der Normanne, ſein Haupt tief, wie vor ſeinem eigenen großen Herzoge beugend und nach der Thüre ſich wendend; dort blieb er ſtehen und ſagte, mit einem Blicke auf den Ring, den er an ſeinen Finger geſteckt hatte:„noch ein Wort, wenn es nicht unbeſchei⸗ den iſt: Eure Auskunft kann das Pfand verſtärken, wenn eine Ver⸗ ſtärkung nöthig wäre.— Welche Geſchichte hängt an dieſem Ringe?“ Harold erröthete und ſchwieg eine Weile, bis er endlich ant⸗ wortete: „Sie lautet einfach alſo: Lady Aldytha, Gryffyths Gemahlin und von ſächſiſcher Geburt, fiel bei dem Sturme von Rhadlan— am äußerſten Ende der Inſel— in meine Hände. Ich fürchtete die Zügel⸗ loſigkeit meiner eigenen Leute und da wir nicht gegen Weiber Krieg führen, ſo überſchickte ich die Dame an Gryffyth. Aldytha gab mir beim Scheiden dieſen Ring und ich bat ſie, Gryffyth zu ſagen, daß wenn ich in der Stunde ſeiner höchſten Noth und Gefahr dieſen Ring ihm zurückſende, er ihn als ein Unterpfand ſeines Lebens betrachten möge.“ „Glaubt Ihr, jene Dame befinde ſich mit ihrem Gemahl in der Veſte?“ „Ich weiß es nicht gewiß, fürchte es aber,“ gab Harold zur Antwort.— „Nun noch Eins, wenn Gryffyth aller Warnung zum Trotze ſich weigert?“ „Dann ſtirbt er,“ flüſterte Harold mit geſenktem Blicke;„aber nicht vom Schwerte des Sachſen. Gott und unſere liebe Frau mögen Euch geleiten!“ 316 Neununddreißigſtes Kapitel. Auf der Höhe Pen⸗y⸗Dinas(Haupt der Stadt), welche einen der Gipfel von Penmaenmawr bildete, im tiefſten Innern jener vermu⸗ theten Veſte, die noch kein Auge im ſächſiſchen Lager überſchaut hatte,* lehnte der gehetzte König Gryffyth. Es iſt kein Wunder, wenn da⸗ mals über die Stärke und Beſchaffenheit jenes Bollwerkes— wie man ſich daſſelbe dachte— verſchiedene Anſichten laut wurden, da ja ſogar in den neueſten Zeiten und unter den gelehrteſten Alterthumsforſchern nicht allein in theoretiſchen Anſichten, ſondern ſogar bei einfachen Er⸗ fahrungsgegenſtänden und bloßen Maßen der größte Zwieſpalt ob⸗ waltet. Ich brauche übrigens kaum zu ſagen, daß der Ort damals nicht ſo war, wie wir ihn noch jetzt mit ſeinen Grundlagen giganti⸗ ſcher Ruinen vor uns ſehen, der Muthmaßung den weiteſten Spiel⸗ raum gewährend, wiewohl er ſchon in jener Zeit wie ein Ueberbleibſel von Titanen ausſah, deſſen Zweck und Datum ſich im entfernteſten Alterthume verlor. Den Mittelraum, wo der wäliſche König ſich befand, bildete eine ovale Mauer aus lockeren Steinen; ob ſie von Anfang an ſo geweſen, oder ob ſie einem verſchwundenen Gebäude angehörte, war ſogar den Barden und Wahrſagern unbekannt. Um dieſen Raum liefen vier ſtarke Wälle ungekitteten Gemäuers, jeder etwa achtzig Schritte vom andern entfernt; die Wäͤlle ſelbſt, im Durchſchnitt acht Fuß dick, waren von verſchiedener Höhe, wie eben die Steine durch Zeit und Sturm zu⸗ ſammengewürfelt worden. Längs dieſer Wälle erhoben ſich faſt zahl⸗ loſe kreisförmige Bauten, welche für Thürme gelten konnten, obwohl erſt kürzlich nur einige wenige mit rohen Dächern verſehen worden waren. Zu dieſer vierfachen Umfaſſung führte nur ein einziger ſchmaler Zugang, der wie zum Trotze gegen den erwarteten Anfall offen ge⸗ laſſen war; von dieſer einzigen Schwelle leitete ein gewundener * S. Note I. ten det ermu⸗ atte,* nn da⸗ e man ſogar rſchern en Er⸗ ilt ob⸗ damals iganti⸗ Spiel⸗ leibſel nteſten te eine weſen, ar den ſtarke andern en von eim zu⸗ t zahl⸗ bwohl vorden maler en ge⸗ ndener — 31⁷ Engpaß in zahlloſen Krümmungen den Berg hinab. Weit unten am Hügel waren weitere Wälle ſichtbar und die ganze Oberfläche des ſtei⸗ len Abhangs war mehr als zur Hälfte mit großen lockeren Steinen wie mit den Gebeinen einer Todtenſtadt bedeckt. Jenſeits der innerſten Umfaſſung des Forts oder geheiligten Raumes(ſofern dies der richtigere Name iſt) erhoben ſich andere zahlreiche Andenken an die Bretonen, viele Cromlechs nämlich, geſtaltlos und zerſtreut, Ruinen von ſteiner⸗ nen Häuſern, und hoch über alle emporragend jene mächtigen Bern⸗ ſteinpfeiler, wie ſie einſt— wenn anders unſere undeutliche Erinne⸗ rung nicht trügt— dem Bal oder Bäl⸗Huan(dem Idole der Sonne) zu Ehren zu Stonehenge errichtet wurden. Mit einem Worte— Alles bewies, daß der Name des Platzes— Haupt der Stadt— nicht ohne Bedeutung war; Alles verkündete, daß die Celten hier einſt ihre Heimath und die Götter der Druiden ihre Verehrer gehabt hatten. Und unter dieſen Skeletten der Vergangen⸗ heit lag der verurtheilte Sohn von Pen Dragon.“ Neben ihm war aus Steinen eine Art von Thron errichtet, über welchen man ein zerriſſenes und verſchoſſenes Sammtpallium ausge⸗ breitet hatte. Auf dieſem Throne ſaß Aldytha, die Königin, und um das königliche Paar war noch immer jene Spottgeburt eines Fürſten⸗ hofes verſammelt, wie ſie der eiferſüchtige Stolz des celtiſchen Königs unter all' den Schrecken der Hungersnoth und des Blutvergießens auf⸗ recht zu erhalten wußte. Von den vierundzwanzig Beamten, welche durch ihren Dienſt an die Perſon des Königs und der Königin der Cymrier gefeſſelt wurden, waren zwar die meiſten bereits eine Beute der Krähen oder Würmer geworden; aber dennoch ſah man den Penhe⸗ bogydd(Oberfalkenier) mit ſeinem mageren Falken auf der Fauſt, ſah noch immer mit gewaltigem Barte, der bis auf die Bruſt herabreichte und mit dem Stabe in der Hand den geräuſchloſen Gosdegwr an einem vorſpringenden Pfeiler des Walles lehnen, deſſen Amt es mit ſich brachte, daß er in des Königs Halle Stillſchweigen gebot; noch immer *„Dem Federdrachen“— auf deutſch. D. U. 318 beugte ſich der Barde über ſeine zertrümmerte Harfe, welche einſt in den hohen Gewölben von Caerleon und Rhadlan zum Lobe Gottes, des Königs und der todten Helden erklungen war. Mit dem vollen Pompe goldener Platten und Gefäße“ war für das Königspaar die Ta⸗ fel auf den Steinen ausgebreitet; auf der Platte lag der letzte Ueberreſt eines ſchwarzen Brodes und das Gefäß enthielt nichts als helles klares Waſſer aus der Quelle, welche ſchon ſeit ewigen Zeiten durch die Ge⸗ beine der Todtenſtadt geſchäumt hatte. Außerhalb jenes innerſten Raumes, rings um ein Felſenbecken, über welches der Strom wie aus künſtlicher Waſſerleitung herabfloß, lagen die Verwundeten und Erſchöpften, abwechslungsweiſe an den Rand des Beckens kriechend und froh, daß der Durſt des Fiebers ihnen das nagende Verlangen nach Speiſe erſparte. Eine abgemagerte ge⸗ ſpenſtige Geſtalt huſchte geräuſchlos zwiſchen dieſen verſtümmelten, ausgetrockneten und ſterbenden Gruppen hin und her. Dieſer Mann hatte in glücklicheren Zeiten das Amt eines Hofarztes bekleidet, und war unter den Häuptlingen des Haushaltes der zwölfte im Range geweſen. Und ein reiches Lehen*“ wartete ſeiner für die Heilung der drei tödtlichen Wunden, den geſpaltenen Schädel, das klaffende Ein⸗ * Die Wäliſchen ſcheinen koſtbare Metalle im Ueberfluſſe beſeſſen zu haben, was mit ihrem Mangel an gemünztem Gelde gar nicht im Verhält⸗ niß ſtand. Nicht zu erwähnen der Hals⸗ und Armbänder, ja ſogar der Bruſt⸗ platten von Gold, wie ſie ihre zahlreichen Häuptlinge zu tragen pflegten, ſind auch in ihren Strafgeſetzen Bußen enthalten, welche den vorherrſchenden Reich⸗ thum an Gold und Silber beweiſen. So wurde die Beleidigung eines Unter⸗ königs von Aberfraw mit einer Silberruthe, ſo dick wie des Königs kleiner Finger und in der Länge vom Boden bis zum Munde des Sitzenden reichend, nebſt einem Goldbecher, mit einem Deckel ſo groß wie des Königs Geſicht und in der Dicke wie der Nagel eines Pflugknechts oder der Schaale eines Gänſeeis— gebüßt. Ich glaube, daß gerade deßhalb, weil nur wenig Gold gemünzt wurde, die edlen Metalle, die ſie beſaßen, bei den Wäliſchen im Hausgebrauche ſo allgemein vorkamen, denn ſelbſt unter den Peruvianern wäre das Gold ſeltener geworden, wenn ſie es zu Münzen geprägt hätten. ** Leges Wallicae. einſt in geweide und das gebrochene Bein— dieſe drei ſtanden in gleicher Linie: Gottes, aber unbelohnt wanderte er jetzt mit ſeiner rothen Salbe und Zau⸗ vollen berſprüche murmelnd von einem zum andern, und die armen Verwun⸗ die Ta⸗ deten, über denen er ſein hageres Geſicht und ſeine geflochtenen Locken eberreſt ſchüttelte, lächelten geiſterhaft bei dieſem Zeichen, daß Erlöſung und klares Tod ihnen nahe ſtand. die Ge⸗ Innerhalb der Umfaſſungsmauer waren die zuſammengeſchmolze⸗ V nen Ueberreſte der wilden Armee in regelloſen Gruppen gelagert. Ein bbecken, Schaaf, ein Pferd und ein Hund war Alles, was ihnen für das heutige abfloß, Mittagsmahl übrig geblieben. In einer Höhle unter den lockeren an den Steinen flackerte und praſſelte ein Feuer aus getrocknetem Geſtrüppe; 3 ihnen aber die Thiere waren noch nicht geſchlachtet, und der Hund kroch noch erte ge⸗ um das Feuer, mit trüben Augen hineinblinzelnd. melten, Ueber den niedereren Theil der Mauer, dem innerſten Kreiſe zu⸗ Mann nächſt, lehnten drei Männer. Die Mauer war dort ſo durchbrochen, t, und daß ſie darüber weg jenen grotesken unſeligen Königshof betrachten Range konnten, und die Augen der drei Männer waren mit wilden wölfiſchen ung der Blicken auf Gryffyth geheftet. de Ein⸗ Es waren drei Prinzen aus der großen alten Linie; ebenſo gut wie Gryffyth verfolgten auch ſie die fabelhafte Ehre ihres Stammes ſſen zu bis auf Hu⸗Gadarn und Prydain, und jedem däuchte es eine Schmach, Vehitt⸗ daß Gryffyth als Gebieter über ihm ſtehen ſolle. Jeder hatte einen 5 nii⸗ Thron und Hof, jeder hatte ſeinen weißen Pallaſt von geſchälten Wei⸗ Reich⸗ denwänden gehabt— freilich ein armſeliger Erſatz für die Thürme und Unter⸗ Palläſte, wie ſie Roms Künſte Euren Vätern, Ihr Könige, vermacht kleiner hatten! Sie alle waren von dem Sohne Llewellyns unterjocht wor⸗ hend den, als er in den Tagen ſeiner Macht all' die mannigfaltigen Fürſten⸗ ſe eines thümer von Wales unter ſeinem einzigen Scepter vereinigte und für g Gold einen kurzen Augenblick des Glanzes den Thron Roderichs des Großen hen im wieder aufrichtete. n wäre „Und für jenen Mann, welchen der Himmel verlaſſen und der nicht einmal ſein Halsband vor dem Griffe des Sachſen zu bewahren 320 vermochte, ſollen wir auf dieſen Hügeln ſterben, ſollen das Fleiſch un⸗ ſerer eigenen Knochen abnagen? Glaubt Ihr nicht, daß die Stunde endlich gekommen?“ flüſterte Owain in hohlem Tone. „Die Stunde wird kommen, wenn Schaaf, Pferd und Hund ver⸗ zehrt ſind,“ erwiederte Modred,„und wenn die ganze Macht wie ein Mann dieſem Gryffyth zurufen wird: Du ein König!— ſo gib uns Brod!“ „Es iſt gut,“ ſagte der Dritte, ein alter Mann auf einen Stab von maſſivem Silber ſich ſtützend, während der Bergwind, der durch die Wälle hereinpfiff, mit den Fetzen ſeines Gewandes ſpielte—„es iſt gut, daß dieſer nächtliche Ausfall mehr durch Hunger als durch Kampfluſt veranlaßt, nicht einmal Nahrung und Fourage eingebracht hat. Wären die Heiligen mit Gryffyth geweſen, wer hätte dann ge⸗ wagt, dem Sachſen Toſtig Treue zu bewahren?“ Owain lachte— ein falſches hohles Gelächter. „Biſt Du ein Cymrier und ſprichſt von Treue gegen den Sachſen — den Räuber, den Schlächter und Verwüſter? Aber der Rache wenigſtens bleibt der Cymrier getreu, und Gryffyths Rumpf müßte Haupt und Krone verlieren, wenn Toſtig auch niemals Brod und Ret⸗ tung dafür angeboten hätte. Pſch! Gryffyth erwacht aus ſeinem finſtern Traume und ſeine Augen glühen unter der Löwenmähne.“ In der That richtete ſich der König in dieſem Augenblicke auf und ſchaute ſich, auf ſeinen Ellbogen geſtützt, mit hohler wilder Ver⸗ zweiflung in ſeinen glitzernden Augen im Kreiſe um. „Spiel uns vor, Harfner; ſing uns ein Lied von früheren Tagen!“ Der Barde machte einen traurigen Verſuch, die Harfe anzuſchla⸗ gen; aber die Saiten waren zerbrochen und nur ein ſchriller Mißton erklang wie der Seufzer eines wehklagenden Feindes. „Die Muſik hat die Harfe verlaſſen, o König,“ ſagte der Barde in jammerndem Tone. „Ha!“ murmelte Gryffyth,„und Hoffnung die Erde! Barde, antworte dem Sohne Llewellyns. Oft haſt Du in meinen Hallen das ſch un⸗ Stunde nd ver⸗ wie ein gib uns Stab durch —„es 3 durch ebracht inn ge⸗ Sachſen Rache müßte d Ret⸗ ſeinem e.“ cke auf r Ver⸗ agen!“ uſchla⸗ Nißton Barde Barde, en das 321 Lob der Verſtorbenen geſungen— werden wohl die ungebornen Bar⸗ den in den Hallen des kommenden Geſchlechts ihre Harfen zu den Thaten Deines Königs anſtimmen? Werden ſie erzählen von dem Tage von Torgues bei Llyn⸗Afange, wo die Fürſten von Powys vor ſeinem Schwerte flohen wie die Wolken vor dem Sauſen des Sturm⸗ windes? Wenn die Hirlas herumgeht, werden ſie wohl ſingen von ſeinen Meeresroſſen, da zwiſchen der ſchwarzen Druideninſel“ und den grünen Waiden Huerdans* kein Segel ſeinem Schnabel ſich zu nahen wagte? Werden ſie ſingen von den Städten, die er in den Ländern des Sachſen niederbrannte, als Rolf und die Nordmänner vor ſeinem Speere und Wurfſpieße davonrannten? Oder ſage, Kind der Wahr⸗ heit, wenn von Gryffyth Deinem König erzählt wird— wird nur von ſeinem Weh und ſeiner Schande geſprochen werden?“ Der Barde fuhr mit der Hand über die Augen und antwortete: „Ungeborene Barden werden ſingen von Gryffyth, dem Sohne Llewellyns. Aber ihr Geſang wird nicht verweilen bei dem Pompe ſeiner Macht, da zwanzig Unterkönige vor ſeinem Throne knieten und ſeine Feuerbecken auf den Veſten der Normannen und Sachſen brann⸗ ten. Die Barden werden ſingen von dem Helden, der in Felſen und Moräſten jeden Zoll ſeines Landes an der Spitze ſeiner Leute verfocht, und auf den Hohen von Penmaen⸗mawr wird der Ruhm Deine Krone von Neuem beſcheinen!“ „Dann habe ich gelebt gleich meinen Vätern und werde mit ihrem Ruhme im Tode fortleben,“ verſetzte Gryffyth;„damit iſt der Schat⸗ ten von meiner Seele gewichen.“ Noch immer auf ſeinen Ellbogen geſtützt heftete er ſein ſtolzes Auge auf Aldythen und ſprach in ernſtem Tone:„bleich iſt Dein Antlitz, o Weib, und düſter Deine Stirne: klagſt Du um den Thron oder um den Mann?“ Aldytha warf auf ihren wilden Gebieter einen Blick des * Mona oder Angleſea. ** Irland. Bulwer, Harold. 21 —————e,,Oa,a ajan··——·—·————- — 322 rief er. ſprengelten Haare ſtark kontraſtirte. N derwillen von dem Herren, deſſen M durch die Wolken des Blutbads.“ Schreckens mehr als des Mitleids, einen Blick ohne den ſanften Kummer ihres Geſchlechts, ohne die Liebe, welche das Herz umſtimmt. „Was kümmern Dich meine Gedanken oder Leiden?“ gab ſie zur Antwort;„das Schwert oder der Hunger iſt das Loos, das Du er⸗ wählt haſt. Den vagen Träumen Deines Barden oder Deinem eige⸗ nen nicht minder eitlen Stolze Gehör gebend, verſchmähſt Du das Leben für uns Beide: ſey es ſo— laß uns ſterben!“ Ein ſonderbares Gemiſche von Zärtlichkeit und Zorn kämpfte mit dem Stolze in Gryffyths ungeſchlachten halbwilden Zügen, welche gleichwohl ein edles königliches Gepräge an ſich trugen. „Was iſt Dir der Schrecken des Todes, wenn Du mich liebſt?“ Aldytha wandte ſich ſchaudernd ab. Der unglückliche König ſchaute mit ſtarren Blicken in jenes Antlitz, das trotz der harten Prü⸗ fungen und der rauhen Stürme in Wind und Wetter, denen es neulich ausgeſetzt geweſen, noch immer die ſprüchwörtliche Schönheit der ſäch⸗ ſiſchen Frauen beibehalten hatte— aber eine Schönheit ohne Herzens⸗ wärme, einer Landſchaft vergleichbar, aus welcher das Licht der Sonne gewichen. Die Röthe wechſelte ſtürmiſch auf ſeinen dunklen Wangen, deren Farbe mit dem Blau ſeiner Augen und dem Goldroth ſeiner ge⸗ „Du möͤchteſt, daß ich zu Harold Deinem Landsmanne ſchickte,“ ſagte er endlich;„möchteſt, daß ich, ich— der rechtmäßige Gebieter von ganz Britannien— um Leben und Gnade bettelte. rätherin, Du Kind räuberiſcher Thane! ſchön wie Rowena biſt Du, nur daß Du keinen Vortimer an mir haſt! Du wendeſt Dich mit Wi⸗ orgengabe eine Krone geweſen, und die glatte Geſtalt Deines ſächſiſchen Harold erhebt ſich vor Dir Die ganze wilde gefährliche Eiferſucht der menſchlichſten Leiden⸗ ſchaft des Mannes, wenn dieſer in einem Athem liebt und haßt, zit⸗ terte in der Stimme des Cymriers und glühte in ſeinem getrübten — 211 fften nmt. zur er⸗ ige⸗ das pfte elche ſt?“ önig Prü⸗ llich ſäch⸗ ens⸗ onne gen, 4 ge⸗ ke,“ ieter Ver⸗ Du, Wi⸗ eſen, Dir den⸗ zit⸗ bten 323 Auge; denn Aldytheus bleiche Wange erröthete gleich der Roſe, aber ſie kreuzte die Arme hochmüthig über der Bruſt und gab keine Antwort. „Nein,“ ſagte Gryffyth mit den Zähnen knirſchend, welche an Weiße und Stärke denen eines jungen Hundes gleich kamen.„Nein, vergeblich ſchickte mir Harold das Käſtchen— der Juwel war fort; vergeblich kehrte Dein Leib zu mir zurück— Dein Herz blieb bei dem Feinde, und nicht um mir das Leben zu retten(wenn ich niederträchtig genug wäre, darum zu bitten), ſondern um abermals das Antlitz deſſen zu ſehen, dem Du die kalte Hand, in deren Adern kein Puls dem mei⸗ nen antwortet, gegeben haben würdeſt, wenn Dein Haus ſeine Tochter gefragt hätte— deßhalb möchteſt Du, daß ich wie ein gepeitſchter Hund vor den Füßen meines Feindes kröche! O Schmach⸗! Schmach und dreimal Schmach! o ſchlimmſte Treuloſigkeit von allen! ja ſcharf — ſchärfer als Sachſenſchwert oder Schlangenzahn iſt— iſt—“ Thränen drangen in ſeine wilden Augen und der ſtolze König fühlte, wie ſeine Stimme wankte. „Tödte mich, wenn Du willſt— nur beſchimpfe mich nicht,“ ſprach Aldytha, kalt ſich erhebend.„Ich habe geſagt: laß uns ſterben.“ Ohne ihren Gebieter eines Blickes zu würdigen, entfernte ſie ſich mit dieſen Worten nach dem größten jener Thürme oder Zellen, deſſen einziges rohes Gemach zu ihrem beſonderen Gebrauche hergerichtet war. Gryffyth folgte ihr mit den Augen und ſein Blick wurde immer milder, je mehr ihre Geſtalt ſich entfernte, bis ſie gänzlich verſchwun⸗ den war; denn es erwachte wieder jene eigenthümliche häusliche Liebe, welche in ungebildeten Gemüthern gar oft Vertrauen und Achtung überlebt, um ſein rauhes Herz zu überwältigen und zu erweichen, wie nur das Weib den Starken, dem der Tod ein Gegenſtand der Verach⸗ tung iſt, zu erweichen vermag. Er winkte ſeinem Barden, der ſich * Die Wäliſchen waren damals wie noch jetzt durch die Schönheit ihrer Zähne bekannt. Giraldus Cambrenſis bemerkt als etwas ganz Außerordent⸗ liches, daß ſie dieſelben reinigten. 21* 324 während des Zwiegeſprächs zwiſchen der Königin und ihrem Gemahl zurückgezogen hatte, und ſagte mit verzerrtem Lächeln: „Hältſt Du die Sage für wahr, daß Guenever“ gegen König Arthur falſch war?“ „Nein,“ gab der Barde zur Antwort, ſeines Herrn Gedanken er⸗ rathend,„denn Guenever überlebte den König nicht, und ſie wurden neben einander in dem Thale von Avallon begraben.“ „Du biſt weiſe in der Lehre des Herzens und die Liebe war Dein Studium von den Tagen der Jugend bis zu denen des Alters: iſt es Liebe, iſt es Haß, was uns den Tod der Geliebten dem Gedanken vor⸗ ziehen läßt, daß ſie als Eigenthum des Andern fortleben ſoll?“ Ein Blick des zarteſten Mitleids zog über das magere Geſicht des Barden, verſchwand aber in Ehrfurcht, als er ſein Haupt verneigend antwortete: „O König, wer kann ſagen, welchen Ton der Wind meiner Harfe entlockt oder welchen Impuls die Liebe in des Menſchen Seele— heute ſanft und morgen ſtreng— erweckt? Aber,“ fuhr er mit furcht⸗ barer Ruhe und in ſeiner ganzen Höhe ſich aufrichtend fort,„eines Königs Liebe erträgt keinen Gedanken von Unehre, und die, deren Haupt an ſeiner Bruſt geruht, ſollte auch in ſeinem Grabe ſchlummern.“ „Du wirſt mich überleben,“ meinte Gryffyth plötzlich abbrechend. „Dieſer Ring ſey mein Grab!“ „Und wenn er es wird, ſo ſollſt Du nicht allein ſchlafen,“ ver⸗ ſicherte der Barde.„Was Du am meiſten liebſt, ſoll neben Dir be⸗ graben werden; der Barde wird ſeinen Geſang über Deinem Grabe erheben, und wie der Klang des Liedes fällt und ſteigt, ſo ſollen die Schildbuckeln in Zwiſchenräumen gelegt werden. Ueber dem Grabe von Zweien ſoll ein neuer Hügel ſich erheben, und der Hügel ſoll Anderen noch in ſpäten künftigen Tagen erzählen. Aber ferne ſey die Stunde, wo der Mächtige in die Grube gelegt wird, und die Zunge * Ginevra. D. Ueberſ. rrcht⸗ eines deren ern.“ hend. ver⸗ rbe⸗ Brabe i die Brabe ſoll y die unge Deines Barden möge noch ſingen, wie der Löwe den Speeren und Netzen entrinnt. Hoffe noch immer!“ Als Antwort lehnte ſich Gryffyth auf des Harfners Schulter und deutete ſchweigend auf das Meer, das ſpiegelglatt in der Ferne lag, und mit ſächſiſchen Segeln dicht bedeckt war. Sich umwendend ſtreckte er ſeine Hand über die hohlaugigen geiſterhaften Geſtalten, die zwi⸗ ſchen den Wällen hinhuſchten oder ſterbend aber ſtumm um die Quelle herumlagen; dann ließ er den Arm ſinken, daß er auf dem Griffe ſeines Schwertes ruhte. In dieſem Augenblicke entſtand an dem Eingange eine Bewegung: die Menge verſammelte ſich auf einer Stelle und ein lautes Summen von Stimmen wurde vernehmbar. Kurz darauf trat eine der wäliſchen Schildwachen ein, und die Häuptlinge der wäliſchen Stämme folgten ihr in den Ring, wo der König ſtand. „Von was erzählſt Du?“ fragte der König, ſeine ganze könig⸗ liche Haltung annehmend. „An der Mündung des Paſſes ſteht ein Mönch mit dem heiligen Kreuz und ein unbewaffneter Häuptling,“ berichtete der Späher knieend. „Der Mönch iſt Evan der Cymrier von Gwentland, und der Häupt⸗ ling ſcheint ſeiner Sprache nach kein Sachſe zu ſeyn. Der Mönch hieß mich Dir dieſe Pfänder überreichen“(wobei der Späher das zer⸗ brochene Halsband, welches der König in Harolds Fauſt zurückgelaſſen hatte, nebſt einem lebendigen Falken, welcher geblendet und mit Glöck⸗ chen behangen war, zum Vorſchein brachte)„und bat mich alſo zu dem Könige zu ſprechen: Harold der Earl grüßt Gryffyth, den Sohn Llewellyns und ſendet ihm zum Zeichen ſeines guten Willens die reichſte Beute, die er jemals von einem Feinde gewann, und einen Falken von Landudno, wie ihn der Häuptling und Edle dem Manne ſeines Gleichen ſendet. Und er bittet Gryffyth, den Sohn Llewellyns, um ſeines Rei⸗ ches wie ſeines Volkes willen ſeinem Nuncius Gehör zu ſchenken.“ Ein Murmeln entſtand unter den Häuptlingen— ein Murmeln der Freude und Ueberraſchung, wobei nur die drei Verſchwörer eine 326 Ausnahme machten, indem ſie wilde ängſtliche Blicke mit einander wechſelten. Gryffyth hatte bereits mit einem Rufe des Entzückens das goldene Halsband erfaßt, deſſen Verluſt ihn vielleicht tiefer als der Verluſt der Krone von ganz Wales geſchmerzt hatte. Und ſein Herz, mitten in ſeinen rohen Leidenſchaften ſo groß und edelmüthig, wurde gerührt durch dieſe Sprache und die Unterpfänder, welche den gefallenen Ge⸗ ächteten als Feind und König ehrten. Aber dennoch war in ſeinem Geſichte noch immer ein düſterer Kampf des Stolzes zu gewahren und er ſchwieg, ehe er ſich an ſeine Häuptlinge wandte. „Was rathet Ihr— Ihr ſtark in der Schlacht und weiſe im Wortkampf?“ begann er endlich. „Höre den Mönch, o König!“ riefen Alle einſtimmig bis auf das fatale Kleeblatt. „Sollen wir's mißrathen?“ fragte Modred den alten Häuptling, ſeinen Mitſchuldigen. „Nein, denn dadurch würden wir Alle beleidigen und wir müſſen ſie Alle für uns gewinnen.“ Der Barde trat nun in den Ring und die Verſammlung ver⸗ ſtummte, denn weiſe iſt immer der Rath Deſſen, der in dem menſch⸗ lichen Herzen wie in einem Buche liest. „Hört die Sachſen,“ ſagte er kurz und mit gebietender Miene, ſobald er Andere anredete, was gegen ſeinen zarten Reſpekt vor dem Könige auffallend abſtach;„hört die Sachſen, aber nicht in dieſen Mauern. Niemand vom Feinde darf unſere Stärke oder Schwäche gewahren. Wir ſind immer noch mächtig und unbezwingbar, ſo lange unſere Behauſung im Reiche des Unbekannten ſchwebt. Laßt den König mit ſeinen Staatsbeamten und Kriegshäuptlingen zu dem Paſſe hinabſteigen; hinter ihm in der Ferne mögen die Speerträger von Fels zu Fels wie eine Leiter von Stahl ſich aufthürmen, denn ſo wird ihre Zahl deſto größer erſcheinen.“ „Du ſprichſt gut,“ bemerkte der König. Mittlerweile warteten Ritter und Mönch am Fuße jenes furcht⸗ einander baren Paſſes, welcher damals zwiſchen Fluß und Gebirge an gäh⸗ goldene b nende Abgründe gelehnt lag. Sie vermochten nicht ohne eine An⸗ rluſt der wandlung von Schrecken emporzuſchauen, und der Ritter murmelte itten in endlich: gerührt„Mit dieſen Steinen und Felsklippen, die man auf ein anmar⸗ nen Ge⸗ ſchirendes Heer herabrollt, kann der Platz jedem Sturme trotzen und ſeinem hundert Vertheidiger würden Tauſende von Feinden überwinden.“ ren und Sofort wendete er ſich mit all der weltberühmten Freundlichkeit und Höflichkeit der Normannen an die wäliſchen Außenpoſten— lauter eiſe im auserleſene Männer, die ſtärkſten, beſtbewaffneten und beſtgenährten des Heeres; allein ſie ſchüttelten den Kopf und gaben keine Antwort, auf das indem ſie ihn, wie die Hunde den Bären, bevor ſie der Koppel ent⸗ laſſen werden, mit Zähnefletſchen und wilden Blicken anſtarrten. ptling,„Sie verſtehen mich nicht, die armen ſprachloſen Wilden!“ ſagte Mallet de Graville zu dem Mönche gewendet, der mit erhobenem müſſen Kreuze neben ihm ſtand,„Du ſollteſt in ihrem eigenen Kauderwelſch mit ihnen reden.“ g ver⸗„Nein,“ erwiederte der wäliſche Mönch, der, obwohl von einem nenſch⸗ Nebenbuhlerſtamme aus Südwales und in Harolds Dienſten ſtehend, wegen ſeiner Pietät und Gelehrſamkeit im ganzen Lande geachtet war, Miene,„ſie werden nicht eher den Mund öffnen, bis des Königs Befehle an⸗ or dem langen, ob wir empfangen oder ungehört entlaſſen werden ſollen.“ dieſen„Ungehört entlaſſen!“ wiederholte der empfindliche Normanne; wäche„ſogar dieſer arme Barbarenkönig kann kaum ſo ſehr aller geziemenden lange Sitte entfremdet ſeyn, daß er Guillaume Mallet de Graville dermaßen zt den beſchimpfte. Doch ich vergaß,“ fuhr der Ritter erröthend fort,„daß er Paſſe mit meinem Namen und Lande nicht bekannt iſt, und ſintemalen Du r von der Sprecher ſeyn ſollſt, muß ich mich nur wundern, wie Harold auf Hwird* Ich glaube, erſt im vorigen Jahrhundert wurde obiger Paß durch eine gute Straße erſetzt. 328 die Gefahr hin, einen normänniſchen Ritter ſchmählicher Beſchimpfung auszuſetzen, meinen Dienſt überhaupt verlangen mochte.“ „Vielleicht haſt Du dem König Etwas bei Seite zuzuflüſtern,“ verſetzte Evan,„worüber Dich als Fremdling und Krieger Niemand zu befragen wagen wird, was aber von mir, dem Landsmanne und Prieſter, den eiferſüchtigen Argwohn ſeiner Umgebung erregen würde.“ „Ich verſtehe,“ verſetzte de Graville.„Sieh, dort kommen Speere den Pfad herab und per pedes Domini!— jener Häuptling mit dem Mantel und dem Goldreif auf dem Kopfe iſt der Katzen⸗ König, der geſtern Nacht in der mélée ſo gräulich biß und kratzte.“ „Wahre Deine Zunge,“ mahnte Evan beunruhigt;„man ſcherzt nicht über den Anführer von Männern.“ „Weißt Du nicht, guter Mönch, daß ein ſpaßiger und äußerſt fei⸗ ner Römer(wenn nämlich der heilige Autor, nach welchem ich eitire, recht berichtet— denn ach! ich weiß nicht, wie ich mir eine Kopie von Horatius Flaccus erkaufen oder ſtehlen ſoll), geſagt hat:„Dulce est desipere in loco.“ ‧Es iſt ſüß, zuweilen zu ſcherzen, nur nicht im Be⸗ reiche der Klauen von Kaiſern oder Katzen.“ Mit dieſen Worten richtete der Ritter ſeine dünne, aber ſtattliche Geſtalt in die Höhe, und arrangirte ſein Gewand mit Anmuth und Würde, um den nahenden König zu erwarten. Den Paß herab, einer hinter dem andern, kamen zuerſt die Häuptlinge, welche durch ihre Geburt zur Begleitung des Königs be⸗ rechtigt waren; jeder ſtellte ſich, ſowie er die Mündung des Paſſes rereichte, auf der oberen Seite des unebenen Grundes zwiſchen die Steine. Dann kam ein zerriſſenes und be ſchmutztes Banner mit dem Löwen, den die wäliſchen Prinzen ſtatt des alt nationalen Drachen, welchen die Sachſen von Weſſer ſich zugeeignet, angenommen hatten; * Die Sachſen von Weſſer ſcheinen den Drachen ſchon ſehr früh als Feld⸗ zeichen geführt zu haben. Aus dieſem Grunde, weil das Fürſtenthum Weſſer den wichtigſten Theil des reinen Sachſenſtammes bildete, während ſein Gründer der Ahne des kaiſerlichen Hauſes des brittiſchen Baſi leus war, 329 dicht hinter ihm zog der König von ſeinem Falkenier und Barden und dem Ueberreſte ſeines ärmlichen Haushaltes begleitet. Einige Schritte vor dem normänniſchen Ritter machte der König in dem Paſſe Halt und Mallet de Graville, ſo ſehr er auch an die majeſtätiſche Miene des Herzogs William wie an den längſt erlernten Prunk der Fürſten von Flandern und Frankreich gewöhnt war, empfand doch einen un⸗ willkürlichen Schauer der Bewunderung vor der Haltung dieſes großen Naturſohnes, der ſich auf dem Boden ſeiner Väter fühlte. Klein und ſchmächtig, wie er von Geſtalt, zerriſſen und abgetra⸗ gen wie ſein Staatsmantel war, lag doch in der aufrechten Stellung und in dem feſten Blicke des cymriſchen Helden jenes gewiſſe Etwas, welches bewies, daß er ſich ſeiner Autorität und Willenskraft be⸗ wußt war, und ſein Handwinken gegen den Ritter war die Geberde eines Fürſten auf ſeinem Thron. Auch war jener tapfere unglückliche Häuptling nicht ohne ungeregelte Strahlen geiſtiger Bildung, die ſich unter glücklicheren Geſtirnen zu einem ſtarken Lichte hätten concentriren können. Zwar war die Gelehrſamkeit, wie ſie einſt als letztes Ver⸗ mächtniß von Rom in Wales exiſtirt hatte, längſt in blutiger Zwie⸗ tracht untergegangen; ſeine Jünglinge ſammelten ſich nicht mehr in den Collegien von Caerleon und ſeine Prieſter zählten nicht länger un⸗ ter den Zierden der damaligen kaſuiſtiſchen Theologie; aber Gryffyth ſelbſt hatte als Sohn eines weiſen und berühmten Vaters“ eine Erzie⸗ mag wohl auch Edward FIronſides, der Hauptheld der Sachſen, jenes Wappen angenommen haben. Aber auch eine normänniſche Inſignie ſcheint dieſer Drache geweſen zu ſeyn. Die Löwen oder Leoparden, wie ſie gewöhnlich dem Erobe⸗ rer zugeſchrieben werden, ſind gewiß von ſpäterer Erfindung, denn in den Stickereien von Bayeux iſt auf Bannern und Schildern des normänniſchen Heeres keine Spur davon zu entdecken. Schon lange ehe die Heraldik bei Franken und Normannen zur Wiſſenſchaft erhoben wurde, waren Wappen⸗ ſchilde unter Sachſen und Welſchen im Gebrauch geweſen, und der Drache, welchen viele Kritiker durch die Sarazenen aus dem Orient herleiten wollen, exiſtirte als Feldzeichen unter den Cymriern, bevor ſie noch den Legenden und Sagen jenes Volkes ſo Manches zu danken hatten. *„Zu deſſenn Zeiten der Boden zwiefache Ernte trug und weder Bettler —— 330 hung weit über den Bereich ſächſiſcher Koͤnige erhalten. Mit ganzem Herzen ſeinem Volke angehörend, hatte ſich jedoch ſein Gemüth von der römiſchen Literatur den Sagen, den Chroniken und Geſängen ſei⸗ nes Heimathlandes zugewendet, und wenn man denjenigen den erſten Ge⸗ lehrten nennen darf, der ſeine eigene Sprache und deren Schätze am Be⸗ ſten verſteht, ſo war Gryffyth ohne Zweifel der unterrichtetſte Fürſt ſei⸗ nes Zeitalters. Seine angeborenen Talente beſonders für die Kriegfüh⸗ rung waren mehr als gewöhnlich und wollte man ihn gerecht beurthei⸗ len— nicht wie er mit leerem Schatze, ohne andere Armee als wie ſie der launiſche Wille ſeiner Unterthanen ihm darbot, und in der Per⸗ ſon der eiferſüchtigen Häuptlinge ſeines eigenen Landes von ſeinen bitterſten Feinden umringt, gegen die disciplinirte Streitmacht der vergleichungsweiſe gebildeten Sachſen ankämpfte, ſondern ſo wie er unter gleichen Umſtänden in der Leitung des Kriegs, an den er gewöhnt war, den übrigen Fürſten von Wales gegenüberſtand— ſo mußte man geſtehen, daß der gefallene Sohn Llewellyns der berühmteſte Heerführer geweſen war, welchen Cymrien ſeit dem Tode des großen Roderich den ſeinigen genannt hatte. So ſtand er vor den Abgeſandten— ſeine von Hunger abgezehr⸗ ten Begleiter auf dem unebenen Boden hinter ihm und von den Fels⸗ klippen anſteigend lange Reihen von Speeren künſtlich auf den Höhen vertheilt, während ihn die drei Verräther im Hintergrunde mit Blicken tödtlichen Haſſes bewachten. „Sprich, Vater oder Häuptling,“ begann der König in der Sprache ſeines Landes;„was verlangt Harold, der Earl, von dem Könige Gryffyth?“ Und der Mönch nahm das Wort und ſprach: „Heil Gryffyth⸗ap⸗Llewellyn, ſeinen Häuptlingen und ſeinem Volke! Alſo ſpricht Harold, König Edwards Than.— Zu Land ſind alle Päſſe bewacht, zur See ſind alle Wogen unſer eigen. Unſere noch Arme von der Nord⸗ bis zur Südſee zu finden waren.“— Powell's Geſchichte von Wales, S. 83. anzem h von en ſei⸗ en Ge⸗ m Be⸗ rſt ſei⸗ egfüh⸗ irthei⸗ ls wie r Per⸗ ſeinen ht der wie er wöhnt 2e man führer ich den gſezehr⸗ Fels⸗ Höhen Blicken in der n dem ſeinem nd ſind Unſere vell's 331 Schwerter ruhen in der Scheide; aber der Hunger, grimmig und töd⸗ tend, rückt mit jeder Stunde drohender gegen Eure Reihen. Statt ſicheren Todes durch die Noth des Hungers nehmt ſicheres Leben von Euern Feinden. Offene Verzeihung für Alle— Führer wie Volk— und ungefährdete Rückkehr in die Heimath— Gryffyth allein ſey ausgenommen. Laßt ihn vortreten, nicht als Schlachtopfer und Ge⸗ ächteten, nicht gebeugt und mit flehenden Händen, ſondern als Häupt⸗ ling, der mit ſeinem ganzen Hofſtaate des Königs Häuptlinge entge⸗ genkommt. Harold wird ihn mit Ehren bewillkommnen vor den Thoren der Veſte. Gryffyth ſoll ſich König Edward unterwerfen und mit dem Earl an den Hof des Baſileus reiten. Harold verbürgt ihm das Leben und wird den Fürſprecher ſeiner Begnadigung machen; wenn auch der Friede dieſes Reiches und das Glück des Krieges dem Earl verbieten, zu ſagen: Du ſollſt auch künftig König bleiben— ſo ſoll doch Deine Krone, o Sohn Llewellyns, dem Stamme Deiner Väter geſichert werden, und Cadwallader's Geſchlecht ſoll auch ferner in Cymrien regieren.“ Der Moͤnch ſchwieg und Hoffnung und Freude leuchtete auf den Geſichtern der ausgehungerten Häuptlinge, während zwei von den Verräthern ihre Poſten plötzlich verließen, um den weiter oben aufge⸗ ſtellten Speerträgern und Bewaffneten die Botſchaft eiligſt zu verkün⸗ den. Modred, der dritte aus dem Kleeblatt, legte die Hand ans Schwert und ſtahl ſich in des Königs Nähe, um ſein Antlitz zu beob⸗ achten— dieſes war aber finſter und zornig, wie ein mitternächtiger Sturm. Und Evan, ſein Kreuz hoch erhebend, begann von Neuem: „Und ich, obwohl in Gwentland geboren, welches Gryffyths Waf⸗ fen verwüſteten und deſſen Fürſten Gryffyths Schwert vor dem Herd ſeiner Halle erſchlug— ich, als Diener Gottes und Bruder Aller, die ich vor mir ſehe, als Sohn dieſes Bodens die Niedermetzlung ſeiner letzten Vertheidiger beklagend— ich beſchwöre Dich, o König, bei die⸗ ſen Zeichen der Liebe und des ewigen Gebots, das ich zum Himmel 332 erhebe, daß Du dieſer friedlichen Sendung Gehör gebeſt und den grim⸗ men Stolz der Erde niederkämpfeſt. Statt der Krone eines kurzen Tages richte Deine Hoffnungen auf das ewig dauernde Diadem, denn Vieles ſoll Dir aus der Stunde Deiner Hoffahrt und Eroberung ver⸗ ziehen werden, wenn Du nunmehr das Leben Deiner letzten Anhänger vor Tod und Verdammung erretteſt.“ Den Moment dieſer feierlichen Anrede benützte der Ritter, das angekündigte Zeichen gewahrend, um ſich Gryffyth zu nähern und ihm den Ning in die Hand zu drücken, indem er ihm zuflüſterte: „Gehorche dieſem Pfande. Du weißt, Harold iſt treu, und Dein Haupt iſt von Deinen eigenen Leuten verkauft.“ Der König warf einen hohlen Blick auf den Sprechenden und dann auf den Ring, den er mit krampfhafter Fauſt umfaßte, und der Menſch überwog den König in dieſem furchtbaren Augenblicke, denn weit über Volk und Mönch, über Beſchwörung und Pflicht flog ſein Herz auf den Flügeln des Sturmes— flog zu dem kalten Weibe, dem er mißtraute; das Unterpfand, das ihm ſein Leben verbürgen ſollte, kam ihm vor wie eine Liebesgabe, die ſeinen Fall verſpottete, und mitten in dem Aufruhr der empörten Leidenſchaften vernahm er am lauteſten das Ziſchen des eiferſüchtigen Erzfeindes. Der Möoͤnch hatte durch ſeine Rede eine unverkennbare Wirkung auf die Zuhörer hervorgebracht— der tiefen Stille folgte ein allge⸗ meines Gemurmel, als ob ſie den König zum Nachgeben drängen wollten. Aber da erhob ſich der Stolz des deſpotiſchen Häuptlings, den Grimm des argwöhnenden Mannes noch vermehrend; der rothe Fleck auf ſeiner dunklen Wange vergrößerte ſich und er ſtrich das ver⸗ nachläßigte Haar aus der Stirne. Dem Möoͤnche einen Schritt ſich nähernd, ſagte er mit lauter tiefer langſamer Stimme, welche den Hügel weit hinauf tönte: „Du haſt geſprochen, Mönch; und nun vernimm die Antwort des Sohnes von Llewellyn, des ächten Erben Roderichs des Großen, der von Eryri's Höhen alle Lande der Cymrier unter dem Drachen von das ihm ein und der denn ſein ibe, gen tete, n er ung lge⸗ gen igs, öthe ver⸗ ſich den des der von 333 Ulſter ſchlummern ſah. Als König ward ich geboren, als König will ich ſterben. Ich will nicht an der Seite des Sachſen jenem Edward, dem Sohne des Räubers, mich zu Füßen werfen. Nicht um ein niedriges Leben zu erkaufen, will ich den Anſpruch meines Geſchlechts und meines Volkes aufgeben— jenen Anſpruch, machtlos für jetzt und vor den Menſchen, aber feierlich vor Gott und unſern Nachkommen. Ganz Britannien— die geſammte Fichteninſel iſt unſer: Hengiſts Söhne ſind nichts als Verräther und Rebellen— nicht die Erben von Ambroſius und Ulſter. Sage Harold dem Sachſen: Ihr habt uns blos das Grab des Druiden und die Höhen des Adlers übrig gelaſſen: aber Freiheit und Königswürde gebühren uns im Leben wie im Tode — nicht zu Euch ſteht es, ſie zu verlangen, noch zu uns, ſie zu verra⸗ then. Auch nicht zu Euch, o meine Häuptlinge, Ihr mackellos an Aechtheit und Ruhm, wenn gleich gering an Zahl; fürchtet nicht den Hungertod, der uns verheißen worden, auf dieſen Höhen, welche die Früchte unſerer eigenen Felder beherrſchen! Sterben mögen wir wohl, aber nicht ſtumm, nicht ungerächt. Weiche zurück, flüſternder Krieger, weiche zurück, Du falſcher Sohn von Cymrien— und ſaget Harold, er möge auf ſeine Wälle und Gräben Acht haben. Wir wollen ihm Gnade für Gnade gewähren— nicht durch Ueberfall noch unter dem Mantel der Nacht wollen wir ihn überraſchen. Unter dem Glanze unſerer Speere, beim Klange unſerer Schilde werden wir vom Hügel herabkommen und ſo ſehr er uns vom Hunger verzehrt glaubt, ſo wollen wir in ſeinen Mauern ein Mahl halten, wozu die Geier des Snowdon ſchon jetzt ihr Geſieder entfalten!“ „Unbeſonnener unglücklicher Mann!“ rief der Mönch;„welchen Fluch willſt Du auf Dein Haupt herabrufen! Willſt Du der Mörder Deiner Leute in nutzloſem vergeblichem Kampfe werden? Der Him⸗ mel wird Dirall das Blut anrechnen, deſſen Vergießung Duverſchuldeſt.“ „Schweig ſtill!— höre auf mit Deinem Gekrächze, lügneri⸗ ſcher Rabe!“ rief Gryffyth mit feuerflammenden Blicken, indem ſeine ſchmächtige Geſtalt ſich emporreckte.„Einſt zogen Mönche und Prieſter 3¾ vor uns her, nicht um zu ſchrecken, ſondern um zu begeiſtern, und un⸗ ſer Kriegsruf: Halleluja! wurde uns an dem Tage, da die Sach⸗ ſen, ebenſo zahlreich und trotzig wie Harold's, auf dem Schlachtfelde von Maes⸗Garmen ſielen, von den Heiligen der Kirche eingelernt. Nein, der Fluch ruht auf dem Haupte des Angreifers, nicht Derer, welche Herd und Altar vertheidigen. Wahrlich, wie der Geſang dem Barden, ſo ſtrömt mir der Fluch durch die Adern und über meine Lippen. Bei dem Lande, das ſie verwüſtet, bei dem Blute, das ſie ver⸗ goſſen, auf dieſen Felſen, unſerm letzten Zufluchtsorte, unter dem Ringe auf jenen Höhen, wo ſelbſt die Todten ſich rühren, um mich zu hören — ſchleudre ich den Fluch der Beeinträchtigten und Verurtheilten auf Hengiſts Söhne! Auch ſie ſollen den Stahl des Fremdlings kennen lernen— ihre Krone ſoll zerſplittern wie Glas, und ihre Edlen ſollen ſeyn wie die Sklaven in ihrem Lande. Und Hengiſts und Cerdies Stamm ſoll aus der Reichsliſte vertilgt werden. Und die Geiſter un⸗ ſerer Väter ſollen befriedigt über das Grab ihrer Nation hingleiten. Wir aber— wir, wenn gleich ſchwach an Körper, werden doch ſtark ſeyn im Geiſte bis zum letzten Hauche! Die Pflugſchaar mag über un⸗ ſere Städte hingehen; aber der Boden ſoll nur von unſerem Fuße be⸗ treten werden und unſere Thaten ſollen durch die Geſänge der Barden unſere Sprache lebend erhalten. Und am großen Tage des Ge⸗ rüchts ſoll kein anderer Stamm als der der Cymrier in dieſem Win⸗ kel der Erde aus den Gräbern ſteigen, um die Sünden des Tapfern zu verantworten!“* * Während unſerer jetzigen Kriegszüge gegen Südwales gab ein alter Wäliſcher zu Pencadaire, ein getreuer Anhänger Heinrichs VI., auf die Frage, ob er glaube, daß die Rebellen der königlichen Armee Widerſtand leiſten wür⸗ den und wie wohl der Ausgang dieſes Krieges ausfallen möchte— folgende Antwort: Dieſe Nation, o König, kann wohl von Euch und Eurer Streitmacht wie ſchon früher ermüdet und in hohem Grade geſchwächt und niedergetreten werden, aber ſie wird oft auch ſiegen durch ihre löblichen Anſtrengungen, und gänzlich unterjocht kann ſie niemals werden durch den Zorn der Menſchen, wenn nicht Gottes Zorn dazu kommt. Auch glaube ich nicht(was ſpäter auch noch kommen möge), daß je eine andere Nation als dieſe wäliſche, oder eine 33⁵ So eindringlich war die Stimme, ſo erhaben die Stirne, ſo groß⸗ artig die wilde Gebärde des Königs, daß nicht allein der Mönch ein⸗ geſchüchtert wurde und der normanniſche Ritter, obwohl er die Worte nicht verſtand, das Haupt beugte wie ein Kind, wenn der Blitz, den es aus Inſtinkt fürchtet, aus der Wolke hervorzuckt— nein, daß ſogar die finſtere und weit ſich ausbreitende Unzufriedenheit unter den mei⸗ ſten Häuptlingen für den Augenblick geſtillt wurde. Allein die Speer⸗ träger auf den Höhen, zu entfernt, um den König zu verſtehen, aufge⸗ regt überdies durch die Nachricht, daß ihr Leben gerettet ſey und durch die wiederholten Niederlagen und die ſchreckliche Furcht vor dem Hun⸗ ger entmuthigt, horchten eifrig auf die hinterliſtigen Reden der beiden heimlichen Verſchwörer, welche von Reihe zu Reihe ſchlichen, und ſchon begannen ſie ſich zu rühren und langſam zum Könige ſich hinabzuwälzen. Seine Ueberraſchung überwindend, näherte ſich der Normanne dem König und fing an, ihm abermals ſeinen friedlichen Auftrag ins Gedächtniß zu rufen; aber der Häuptling winkte ihm ernſt zurück und rief laut in ſächſiſcher Sprache: „Zwiſchen Harold und mir kann es keine Geheimniſſe geben. Nur ſo viel magſt Du als Antwort zurücknehmen:— Ich danke dem Earl für mich, meine Königin und mein Volk. Edel war ſein Betra⸗ gen als Feind; als ſolchem danke ich ihm, als König biete ich ihm Trotz. Das Halsband, das er mir zurückgeſtellt hat, noch vor Son⸗ nenuntergang ſoll er es vor ſich ſehen. Boten, Ihr habt Eure Ant⸗ wort; entfernt Euch, und zwar eilig, damit wir Euch nicht unterwegs einholen.“ Der Mönch ſeufzte und warf einen Blick frommen Mitleids auf die Menge; da ſah er denn mit Wohlgefallen an den Mienen der Meiſten, daß der König in ſeinem wilden Trotze allein ſtand. Sein Kreuz abermals erhebend, wandte er ſich um und entfernte ſich mit dem Normannen. 4 andere Sprache am Tage der ſtrengen Prüfung vor dem höchſten Richter für dieſen Winkel der Erde Rede ſtehen wird!— Hoares Ciraldus Cambrensis I. Bd. S. 361. 336 Der Rückzug der Boten gab das Zeichen zum allgemeinen Aus⸗ bruche der Vorwürfe von Seiten der Häuptlinge— das Zeichen zum Reden und Handeln für das fatale Kleeblatt. Herab von den Höhen ſprang und ſtürzte die zornig aufgeregte Menge, und um den König ſammelte ſich nur der Barde, der Falkenier und einige wenige Getreue. Der gewaltige Lärm vieler Stimmen bewirkte, daß Mönch und Ritter plötzlich ſtehen blieben und ſich umſchauten. Sie ſahen, wie die Menge von den höheren Punkten herabeilte; allein auf der Stelle, die ſie kaum erſt verlaſſen hatten, erlaubte die Beſchaffenheit des Bodens nur einen wirren Ueberblick auf erhobene Speere, geſchwungene Schwerter und graubehaarte Häupter, die ſich hin und her bewegten. Was hat all der Aufruhr zu bedeuten?“ fragte der Ritter mit der Hand am Schwert. „Pſch!“ mahnte der Monch todtenbleich und hülflos auf ſein Kreuz ſich ſtützend. Plötzlich übertönte die Stimme des Königs, in Worten der Dro⸗ hung und des Zorns, hell und klar, den geräulichen Lärm; ihr folgte augenblickliche Stille— dann ein Geklirr von Waffen, ein Schrei und Geheul und das wirre Anprallen von Menſchen. Abermals vernahm man eine Stimme, welche die des Königs ſchien, aber nicht mehr klar und deutlich!— war es ein Lachen?— war es ein Stöhnen? Alles ward ſtill; der Mönch lag auf ſeinen Knieen im Gebet, der Ritter hielt das entblöste Schwert in der Hand. Alles blieb lautlos — die Speere ſtanden ſtill in der Luft und dann kam wieder ein Schrei, eben ſo vielfältig, nur weniger wild als zuvor. Und die Wäliſchen ſtrömten den Paß und die Felſen herab. „Sie haben Befehl, uns zu ermorden,“ murmelte der Ritter, den Rücken an einen Felſen lehnend;„aber wehe den Erſten, welche in den Bereich meines Schwertes kommen!“ Näher ſchwärmten die Wäͤliſchen— näher und immer näher; in ihrer Mitte drei Häuptlinge— jenes verhängnißvolle Kleeblatt. te 8837 Und der alte Anführer trug in ſeiner Hand einen Speer oder Stab, auf welchem, blutträufend bei jedem Schritt, das rumpfloſe Haupt des Königs Gryffyth ſteckte. „Dies hier,“ rief der alte Häuptling im Näherkommen,„iſt un⸗ ſere Antwort an Harold, den Earl. Wir wollen mit Euch gehen.“ „Brod! Brod!“ heulte die Menge. Und die drei Häuptlinge, einer auf jeder Seite von jenem Drit⸗ ten, der das abgehauene Königshaupt trug, flüſterten: „Wir ſind gerächt!“ Achtes ZBZuch. Schickſal. Vierzigſtes Kapitel. Einige Tage nach dem tragiſchen Ereigniſſe, womit das letzte Kapitel geſchloſſen, waren die Schiffe der Sachſen in den weiten Ge⸗ wäſſern der Conwaybucht verſammelt, und auf dem kleinen Vorderdeck des ſtattlichſten derſelben ſtand Harold mit entblöstem Haupte vor der verwittweten Königin Aldytha. Ein Staatsſeſſel mit Auftritt und Thronhimmel war für Algars Tochter aufgeſtellt; hinter ihr ſah man mehrere Töchter aus Wales, die man eiligſt zu ihrer Bedienung auserleſen hatte. Aldytha ſaß jedoch nicht auf ihrem Stuhle, ſon⸗ dern ſtand dicht neben dem großen Beſieger ihres verſtorbenen Gebie⸗ ters, den ſie folgendermaßen anredete: „Wehe dem Tag und der Stunde, da Aldytha die Halle ihrer Väter und das Land ihrer Geburt verließ! Die Krone, die ſie ge⸗ Bulwer, Harold. 22 tragen, war eine Dornenkrone, die Luft, die ſie geathmet, dampfte von Blut. Eine einſame, heimathloſe Wittwe ziehe ich nun ſort; aber mein Fuß wird den Boden meiner Ahnen berühren und meine Lippen werden den Odem trinken, welcher rein und ſüß meine Kindheit be⸗ glückte. Und Du, o Harold, ſtehſt neben mir wie das Bild meiner eigenen Jugend, und alte Träume erwachen bei dem Klange Deiner Stimme. Lebe wohl, Du edles, ächtes Sachſenherz. Zweimal haſt Du das Kind Deines Feindes— erſt vor Schande und dann vom Hunger— errettet; Du würdeſt auch meinen furchtbaren Gebieter vor offener Gewaltthat und ſchwarzem Meuchelmorde bewahrt haben, wenn die Heiligen nicht gezürnt, wenn das Blut meines Volkes, von ſeiner Hand vergoſſen, nicht nach Rache geſchrieen und die ausgeplünderten niedergebrannten Tempel von ihren verwaisten Altären nicht ſein Ur⸗ theil gemurmelt hätten. Friede mit den Todten, aber auch Friede mit den Lebenden! Ich gehe zu Vater und Brüdern zurück, und wenn der Ruf und das Leben von Kind und Schweſter ihnen theuer iſt, ſo wer⸗ den ſie ihr Schwert nie mehr gegen Harold ziehen. So reich' mir denn die Hand und Gott möge Dich behüten!“ Harold hob die Hand der Königin an ſeine Lippen und Aldytha ſchien in der That die ſeltene Schoͤnheit ihrer Jugend wieder erlangt zu haben, da Stolz und Kummer ihr den Reiz der Erregung verlie⸗ hen, welchen Pflicht und Liebe ihr nicht gegeben hatten. „Leben und Geſundheit Dir, edle Frau,“ erwiederte der Earl. „Sage Deinen Verwandten, daß ich um Deinet⸗ und Deines Groß⸗ paters willen ihnen gerne ein Bruder und Freund ſeyn möchte, denn wären ſie mit mir vereint, ſo ſtünde jetzt ganz England gegen jeden Feind und wider jegliche Gefahr gewappnet. Deine Tochter erwartet Dich bereits in Morcars Hallen; wenn die Zeit die Wunden der Ver⸗ gangenheit geheilt hat, möge Deine Freude in dem Antlitze Deines Kindes wieder aufblühen. Lebe wohl, edle Aldytha.“ Mit dieſen Worten ließ er ihre Hand los und wendete ſich lang⸗ ſam nach der Seite des Schiffes, um ſein Boot wieder zu beſteigen. 389 Während er nach dem Ufer gerudert wurde, gab das Horn das Zeichen zum Ankerlichten: das Schiff richtete ſich auf und zog in majeſtätiſchem Laufe mitten durch die Flotte. Aldytha ſtand jedoch immer noch auf⸗ recht, und ihre Augen folgten dem Boote, das die heimliche Liebe ihrer Jugend dahintrug. Als Harold das Ufer erreichte, näherten ſich Toſtig und der Nor⸗ manne, welche in freundlichem Geſpräche am Strande verweilt hatten. „Dir wäre es ein Leichtes, mein Bruder,“ bemerkte Toſtig lä⸗ chelnd,„die ſchöne Wittwe zu tröſten und unſerem Hauſe die ganze Macht von Oſtangeln und Mercia zuzuführen.“ Harold gab keine Antwort; nur auf ſeinem Geſichte war eine leichte Aenderung zu gewahren. „Eine wunderbar ſchöne Dame,“ meinte der Normanne,„trotz⸗ dem, daß ihre Wange etwas hohl und ihr Teint von der Sonne ver⸗ brannt iſt. Da wundere ich mich nicht, wenn der arme Katzenkönig ſie dicht an ſeiner Seite behielt.“ „Herr Normanne,“ verſetzte der Earl, um dem Geſpräche bald möglichſt eine andere Wendung zu geben,„der Krieg iſt nun vorüber und Wales wird unſere Marſchen für lange Jahre in Frieden laſſen. — Noch heute Abend will ich nach London zurückreiten und da können wir uns unterwegs noch weiter beſprechen.“ „Geht Ihr ſo bald?“ rief der Ritter überraſcht.„Werdet Ihr keine Maßregeln ergreifen, um dieſen unruhigen Stamm gänzlich zu unterjochen, die Ländereien unter Eure Thane als Kriegslehen zu vertheilen und auf den Höhen und an den Flußmündungen Thürme und Kaſtelle zu erbauen? Wo gäbe es eine Lage, wie dieſe, zu einer ſchönen Veſte und Vormauer— mit einem Wort: verſteht Ihr Sach⸗ ſen blos zu überwältigen— wollt Ihr nicht auch behalten, was Ihr gewinnt?“ „Wir fechten zur Selbſtvertheidigung, nicht der Eroberung hal⸗ ber, Herr Normanne. Wir haben kein Geſchick im Erbauen von Schlöſſern, und ich bitte Euch, gegen meine Thane nichts von Eurem 22 340 Plane verlauten zu laſſen, wornach man ein Land wie die Diebe ihren zu Raub vertheilte. König Gryffyth iſt todt und ſeine Brüder werden an ſeiner Statt regieren; England hat ſein Gebiet beſchützt und die An⸗ greifer gezüchtigt— was bedarf England weiter? Wir ſind nicht wie unſere erſten barbariſchen Väter, die ſich mit der Schneide ihrer Säxe ni eine neue Heimath zurecht ſchnitten; die Woge nimmt nach der Fluth und die Geſchlechter der Menſchen nach geſetzloſen Krämpfen ihren früheren Lauf wieder ein.“ Toſtig warf dem Ritter ein verächtliches Lächeln zu; dieſer über⸗ 6 8 38 legte ſich eine Weile die ſonderbaren Worte, die er gehört hatte und 4 folgte dann ſchweigend dem Earl in das Fort. g Als aber Harold ſein Zimmer erreichte, fand er dort einen Eil⸗ boten, der mit der Nachricht, daß Algar, der einzige Feind und Neben⸗ n buhler ſeiner Macht, nicht mehr ſey— in aller Haſt von Cheſter an⸗ L gelangt war. Ein vernachläßigtes Wundſieber hatte ihn ohnmächtig W aufs Krankenbett geworfen; ſeine wilden Leidenſchaften hatten das Umſichgreifen der Krankheit begünſtigt und ſein unruhiges ungeſeg⸗ 1 netes Geſchlecht war erloſchen. Die erſte Regung, welche dieſe Botſchaft bei Harold hervorrief, 3 war die des Schmerzes. Der Kühne wird immer für den Kühnen ſympathiſiren und in großen Herzen beſteht von jeher eine gewiſſe 1 Freundſchaft für einen tapferen Gegner. Sobald jedoch die Erſchüt⸗ terung dieſes erſten Eindruckes vorüber war, mußte ſich Harold der Gedanke aufdrängen, daß England von ſeinem gefährlichſten Unter⸗ thanen— er ſelbſt aber von dem einzigen anſcheinenden Hinderniſſe in Vollendung ſeiner leuchtenden Laufbahn befreit ſey. „Jetzt alſo nach London,“ flüſterte die Stimme ſeines Ehrgeizes. „Kein Feind iſt mehr übrig, um den Frieden dieſes Reiches zu ſtören, das durch Deine Eroberungen, o Harold, ſicherer und feſter begründet worden, als die Herrſchaft der Sachſenkönige noch jemals geweſen. Deine Fahrt durch das Land, das Du fortan von dem Feuer und Schwert der räuberiſchen Bergbewohner erlösteſt, wird dem Triumph⸗ 341 zuge eines alten Römers gleich kommen; die Stimme des Volkes wird mit den Herzen des Heeres übereinſtimmen, und dieſe Herzen ſind ganz Dein eigen. Hilda iſt in der That eine Prophetin, und wenn einſt Edward bei den Heiligen ruht— wo wäre das engliſche Herz, das nicht in den Ruf ausbräche: lang lebe Harold, der König!“ Einundvierzigſtes Kapitel. Der Normanne ritt neben Harold im Nachtrabe des ſiegreichen Heerzuges; die Schiffe ſegelten nach ihren Häfen ab, und Toſtig be⸗ gab ſich wieder in ſeine nördliche Grafſchaft. „Nun erſt, mein tapferer Normanne, habe ich Muße, Dir für mehr als Deinen bloßen Beiſtand in Krieg und Rath zu danken,“ be⸗ gann Harold;„nun erſt iſt mir vergönnt, zu der letzten Bitte meines Bruders Sweyn, zu den oft vergoſſenen Thränen meiner Mutter Githa und dem verbannten Wolnoth zurückzukehren. Du kannſt Dich mit eigenen Augen überzeugen, daß für Deinen Grafen kein Grund oder Vorwand mehr vorhanden iſt, um die Geiſeln noch länger zurück⸗ zuhalten. Du wirſt von Edward ſelber hören, daß er von Godwins Hauſe keine weitere Bürgſchaft für ſeine Treue verlangt, und ich kann nicht glauben, daß Herzog William dieſe Nachricht des Todten durch Dich hätte an mich gelangen laſſen, wenn er nicht darauf gefaßt wäre, dem Lebenden Gerechtigkeit zu erweiſen.“ „Eure Rede, Earl von Weſſex, ſtreift nahe an die Wahrheit. Um übrigens offen und ehrlich mit Euch zu ſprechen, ſo glaube ich, daß William, mein Gebieter, den lebhaften Wunſch hegt, einen ſo er⸗ lauchten Häuptling, wie Harold, perſönlich zu bewillkommnen, und ich vermuthe, daß er die Geißeln nur deßhalb zurückhält, damit Du hinüberkommeſt und ſie verlangeſt.“ Der Ritter warf dieſe Worte mit heiterem Lächeln hin; aber die Liſt des Normannen glimmte in dem raſchen Blicke ſeines klaren nuß⸗ braunen Auges. 3⁴2 „Wenn Ihr mir nicht ſchmeichelt, ſo müßte ich mich durch ſolchen Wunſch ſehr geehrt fühlen,“ erwiederte Harold,„und jetzt, da das Land in Frieden, und meine Gegenwart nicht länger nöthig iſt, möchte ich ſelbſt ſehr gerne einen ſo berühmten Hof beſuchen. Von Händlern und Pilgern vernehme ich hohes Lob über Williams weiſe Sorgfalt für Tauſch und Handel, und in den Häfen der Seine könnte ich Vieles lernen, was den Märkten der Themſe von Nutzen ſeyn möchte. Viel auch höre ich von Graf Williams Eifer, mit Hülfe Lanfrancs, des Lombarden, die Bildung des Klerus zu beleben, und ebenſo be⸗ kannt iſt die Pracht ſeiner Bauten und die Anmuth ſeines Hofes. Mit Freuden würde ich über den Ocean ſetzen, um dies Alles zu ſehen; aber es würde mein Herz nur traurig ſtimmen, wenn ich ohne Haco und Wolnoth zurückkehren müßte.“ „Ich darf zwar nichts äußern, was dem Herzog eine Verbind⸗ lichkeit auferlegte,“ verſetzte der Normanne, der bei all' ſeiner Arg⸗ liſt doch zu gewiſſenhaft war, um eine offenbare Lüge zu ſagen;„aber ſo viel weiß ich wenigſtens, daß es wenige Dinge in ſeiner Grafſchaft gibt, die mein Herr nicht darum gäbe, um Harolds Hand zu drücken und ſich ſeiner Freundſchaft zu verſichern.“. Harold war bei all' ſeiner Klugheit und Weitſichtigkeit nicht im geringſten argwöhniſch— kein Engländer außer Edward ſelber kannte Williams geheime Abſichten auf den engliſchen Thron, und er gab da⸗ her einfach zur Antwort: „Es wäre in der That für die Normandie wie für England ſo⸗ wohl gegen Feinde als für den Handel ſehr erwünſcht, wenn ſie in wohlmeinendem Bündniſſe miteinander ſtünden. Ich will mir Eure Worte überlegen, Sire de Graville, und mein Fehler ſoll es nicht ſeyn, wenn die alten Fehden nicht vergeſſen werden und die jetzigen Geiſeln an Deinem Hofe die letzten wären, welche der Normanne je⸗ mals für die Treue des Sachſen nöthig hätte.“ Hier nahm das Geſpräch eine andere Wendung, und der ehrgei⸗ zige, talentvolle Botſchafter, durch die Hoffnung einer erfolgreichen 3⁴43 Sendung erheitert, wußte den Weg durch ebenſo lebendige als geiſt⸗ reiche Bemerkungen abzukürzen und den brütenden Earl aus einem Nachſinnen zu erwecken, das ſeinem einſt ſo offenen taghellen Gemüthe förmlich zur Gewohnheit geworden war. Harold hatte ſich in der Begeiſterung, welche ſeine Siege erregt hatten, keineswegs verrechnet. Ueberall, wohin er kam, zog ihm die Bevölkerung der Städte entgegen, um ihn zu ſehen und zu begrüßen, und als er in der Hauptſtadt anlangte, ſchienen die Feſte zu ſeiner Ehre vollkommen denen zu gleichen, womit man bei Edwards Thron⸗ beſteigung die Wiedereinſetzung von Cerdics Geſchlecht gefeiert hatte. Der barbariſchen Sitte jener Zeit gemäß hatte man Edward das Haupt des unglücklichen Unterkönigs und den Schnabel ſeines auser⸗ leſenſten Kriegsſchiffes als Trophäen der Eroberung überſendet; Ha⸗ rolds durchgängige Mäßigung reſpektirte jedoch die Lebenden: Gryffyths Geſchlecht“ wurde in der Perſon ſeiner Brüder Blethgent und Rig⸗ watle auf dem tributpflichtigen Throne jenes Helden wieder eingeſetzt, „und“(wie der umſtändliche alte Chroniſt erzählt)„ſie ſchwuren einen Eid, und ſtellten dem König und dem Carl ihre Geiſeln, daß ſie ihm in allen Dingen treu, zu Waſſer und zu Land allenthalben für ihn be⸗ reit ſeyn, auch ſolche Abgaben von ihrem Lande entrichten wollten, wie es bei den früheren ſächſiſchen Königen geſchehen war.“ Nicht lange nachher kehrte Mallet de Graville nach ſeiner Nor⸗ mandie zurück; er überbrachte König Edwards Geſchenke für William nebſt dem ſpeziellen Erſuchen dieſes Prinzen ſowie des Earls um Rückgabe der Geiſeln. Aber Mallets Scharſblick bemerkte alsbald, daß Edwards Geſinnung ſeinem Vetter William in Vielem entfrem⸗ det worden war: er erkannte klar, daß des Herzogs Vermählung, ſowie die Pfänder, welche jene Verbindung gekrönt, dem ascetiſchen Sinne des heiligen Königs mißliebig waren, und mit Godwins Tode und Toſtigs Abweſenheit vom Hofe ſchien Edwards ganze Bitterkeit gegen * Gryffyth hinterließ einen Sohn Caradoc, der aber der ſächſiſchen Sitte zufolge als minderjährig übergangen wurde. 344 die mächtige Familie, deren Haupt nunmehr Harold geworden, er⸗ loſchen zu ſeyn. Da jedoch außer Cerdics Hauſe noch nie ein Unter⸗ than für den ſächſiſchen Thron erwählt worden war, ſo fürchtete Mal⸗ let nicht im Geringſten, daß Harold der eigentliche Nebenbuhler für Williams lang gehegte Beſtrebungen werden könnte. Wenn auch Ed⸗ ward der Atheling todt war, ſo lebte doch ſein Sohn Edgar als natür⸗ licher Thronerbe, und der Normanne, deſſen Lehensherr im achtzehnten Jahre die Herzogskrone erlangt hatte, wußte nichts von der unverän⸗ derlichen Sitte der Angelſachſen, bei Bewerbung um Throne wie um Grafſchaften alle Praͤtendenten, welche wegen allzugroßer Jugend zum Herrſchen untauglich ſchienen, bei Seite zu ſchieben. Er konnte wohl bemerken, daß des jungen Athelings Minderjährigkeit für ſeinen nor⸗ männiſchen Lehensherrn günſtig war, inſofern ſie jenen zu einem ſchwachen Vertheidiger des Reiches machte und auch unter dem Volke keine An⸗ hänglichkeit an die noch kindliche Waiſe des verdeutſchten Verbannten zu herrſchen ſchien, wie denn ſein Name am Hofe nie genannt wurde, und auch Edward ihn nicht als Erben anerkannt hatte— ein Umſtand, wel⸗ chen der Geſandte argwöhniſch zu Williams Gunſten deutete. Nichts⸗ deſtoweniger war ſo viel klar, daß am Hofe wie unter dem Volke der normänniſche Einfluß in England die tieſſte Ebbe erreicht hatte und daß Harold, der allvermögende, der einzige Mann war, der ihn wieder herſtellen und die vielgeliebten Träume ſeines herrſchſüchtigen Gebie⸗ ters verwirklichen konnte. Zweiundoierzigſtes Kapitel. Für jetzt dem Erfolge der dringenden Forderungen des Königs, wie ſeinen eigenen um Loslaſſung ſeiner Verwandten vertrauend, war Harold nunmehr am Hofe mit all den aufgeſchobenen Arbeiten be⸗ ſchäftigt, die ſich während der verlängerten Feldzüge gegen die Wäli⸗ ſchen unter den trägen Händen des Mönchekönigs zu ganzen Bergen aufgethürmt hatten; doch behielt er wenigſtens ſo viel freie Zeit, um A 3⁴5 in dem alten Römerhauſe häufige Beſuche abzuſtatten— Beſuche, welche ſeiner Liebe wie jener kühneren überwältigenderen Leidenſchaft, welche ſein Herz theilte, gleich erwünſcht waren. Je näher er dem verblendenden Ziele rückte, zu deſſen Erlangung das Schickſal alle Umſtände günſtig geſtaltet zu haben ſchien, deſto⸗ mehr empfand er den Reiz jener geheimnißvollen Einflüſſe, welche ſein kälterer Verſtand früher verſchmäht hatte. Wer ſeinen Ehrgeiz auf ferne unſichere Dinge ſetzt, geräth mit einem Male in das poetiſche Land der Fantaſie, denn Dichten und Trachten ſind Zwillingstriebe. So lange Harold in den Jahren ſeiner friſchen Jugend und ſeiner ruhigen ſtolzen Männlichkeit ſeine wenn auch noch ſo abenteureriſche Thatkraft in die Gränzen edler Pflichterfüllung eingeſchränkt ſah, ſo lange er nur für ſein Vaterland lebte, lag ſein ganzes Wirken im Sonnenlichte des Tages klar vor ihm ausgebreitet; ſobald aber jene Schranken wichen und der Horizont ſich erweiterte, ſchweifte ſein Blick von dem ſicheren Ziele zu unbeſtimmten Planen über. Indem ſein Ich, von ſeinem Gewiſſen noch halb verſteckt, allmälig den weiten Raum einnahm, den die Liebe zum Vaterlande ausgefüllt hatte, war er in das Labyrinth der Täuſchung gerathen; er konnte dem Schickſale nicht länger durch ſeine Tugend Trotz bieten, ſondern mußte es erſt aus den Umſtänden zu geſtalten ſuchen, und ſo wurde ihm Hilda gleichſam eine Stimme, welche die Fragen ſeines eigenen ruheloſen Herzens beant⸗ wortete: er bedurfte der Ermuthigung aus dem Reiche des Unbekann⸗ ten, um ſeine Wünſche zu heiligen und ſeine Abſichten zu beſtärken. Editha dagegen, des hohen Ruhmes ihres Verlobten ſich er⸗ freuend und mit dem reinen Entzücken des Wiederſehens zufrieden, ver⸗ harrte noch immer in der göttlichen Leichtgläubigkeit der Glücklichen; ſie merkte nicht bei Harolds Beſuchen, daß das Auge des Earls beim Eintreten zuerſt das ernſte Geſicht der Vala ſuchte— ſie wunderte ſich nicht, wenn dieſe Beiden mit einander flüſterten oder im Mondſchein ſo oft am Runengrabe ſtanden. Sie war ganz Weib und fühlte nur, 346 daß Harold ſie liebte— daß dieſe Liebe der Zeit, der Trennung, dem Wechſel und aufgeſchobener Hoffnung Trotz geboten hatte; ſie wußte nicht, daß die Liebe in dem wilden Herzen des ehrſüchtigen Mannes nicht Perſonen, ſondern Dinge— nicht Dinge, wohl aber deren Sym⸗ bole am meiſten zu fürchten hat. So verſtrichen Wochen und Monde, und Herzog William gab keine Antwort auf die Forderungen in Betreff der Geiſeln. Harolds Herz machte ihm Vorwürfe, daß er ſeines Bruders Flehen und die anklagen⸗ den Thränen ſeiner Mutter außer Acht ließ. Githa hatte ſeit dem Tode ihres Gemahls in ſtrenger Abgeſchie⸗ denheit und ferne von Städten gelebt, bis Harold eines Tages in dem großen hölzernen Hauſe zu London, das ſeitdem auf ihn übergegangen war, durch ihre unerwartete Ankunft überraſcht wurde. Bei ihrem plötzlichen Eintritte in ſein Zimmer ſprang er ihr entgegen, um ſie mit einer Umarmung zu bewillkommnen; ſie aber winkte ihm mit ern⸗ ſter trauriger Gebärde zurück und auf ein Knie niederſinkend begann ſie alſo: „Sieh, die Mutter liegt vor dem Sohne als Flehende für den Sohn. Nein, Harold, nein— ich will nicht aufſtehen, bis Du mich gehört haſt. Lange einſame Jahre habe ich geſchmachtet und mich ge⸗ grämt— ja wahrlich lange Jahre! Wird mein Knabe ſeine Mutter wieder erkennen? Du ſagteſt zu mir: warte bis der Bote zurück⸗ kommt'— ich habe gewartet. Weiter ſagteſt Du: ddiesmal kann der Graf dem Verlangen des Königs nicht widerſtehen'— ich beugte mein Haupt und fügte mich Deinem Willen, wie ich es bei Godwin, mei⸗ nem Gebieter, gethan hatte. Ich habe Dich bis jetzt nicht an Dein Verſprechen erinnert, denn ich gab zu, daß Dein Land, Dein König und Dein Ruhm ſtärkere Anſprüche als eine Mutter an Dich haben. Jetzt aber zögere ich nicht länger; ich will mich nicht mehr täuſchen und hinhalten laſſen. Die Stunden gehören Dir— frei iſt Dein Kom⸗ men wie Dein Gehen. Harold, ich mahne Dich an Dein Gelöbniß. Harold, ich berühre Deine Rechte. Harold, ich erinnere Dich an Eid und Kin! biſt noch nock zu — dem vußte nnes ym⸗ keine Herz ſagen⸗ eſchie⸗ n dem ngen ſihrem lim ſie ſt ern⸗ ſegann ir den mich ch ge⸗ Lutter urück⸗ i der mein mei⸗ Dein Lönig aben. ſchen dom⸗ bniß. Eid 3¹47 und Schwur, daß Du ſelbſt über die See gehen und der Mutter ihr Kind wieder geben wolleſt.“ „O ſtehe auf, ſtehe auf!“ rief Harold tief bewegt.„Geduldig biſt Du geweſen, o meine Mutter, und nun will ich nicht länger zögern, noch einer andern Stimme als der Deinen Gehör geben. Ich will noch heute den König aufſuchen, und mir ſeinen Urlaub erbitten, um zu Herzog William zu ziehen.“ Da erhob ſich Githa und ſank dem Earl weinend an die Bruſt. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Zufall wollte, daß während dieſer Unterredung zwiſchen Githa und dem Earl ſein Bruder Gurth in dem Waidlande um Hilda's Wohnung auf der Falkenjagd ſich befand, und ſeiner däniſchen Verwandten einen Beſuch abſtattete. Die Prophetin war abweſend, aber Editha zu Hauſe, wie man ihm ſagte, und Gurth, der im Be⸗ griffe ſtand, ſich mit einer Jungfran, die ſchon lange ſeine edle Neigung gewonnen hatte, zu verbinden, hegte eine ächt brüderliche Liebe für ſeines Bruders ſchöne Verlobte. Er trat in das Frauengemach; dort ſaßen die Mägde, wie wir ſie ſchon beim erſten Male in jenem Zimmer getroffen haben, mit einer Arbeit beſchäftigt, welche diesmal glänzen⸗ der für das Auge und für die Mühe belohnender ausfiel, als jene frü⸗ here, welche damals ihre thätigen Hände in Bewegung geſetzt hatte. Sie ſtickten nämlich in ein Gewebe vom reinſten Golde das Bild eines fechtenden Kriegers, von Hilda für Harold zum Banner beſtimmt; von der Scheu vor ihrer Gebieterin befreit, ſangen ſie munter bei ihrer Arbeit, bis mitten im beſten Singen und Lachen der ſchöne junge Sachſenlord ins Zimmer trat. Geplauder und Fröhlichkeit verſtummten bei ſeinem Eintritt, je⸗ des Auge war ſittſam zu Boden gerichtet. Editha fand ſich nicht unter ihnen, und als Antwort auf ſeine Frage deutete das älteſte der 348 Mädchen nach dem Periſtyl außer dem Hauſe. Der freundliche gewin⸗ nende Than verweilte einige Augenblicke, um das Gewebe zu bewun⸗ dern und die Arbeit zu loben, worauf er ſich nach dem Periſtyl ver⸗ fügte. Neben der Quelle, welche frei und hell aus dem Römerbrunnen ſprudelte, fand er Edithen in der Haltung tiefen Nachdenkens und trü⸗ ber Muthloſigkeit daſitzend. Sie fuhr empor, als er ſich näherte, und ſprang ihm mit dem Rufe entgegen: „O Gurth, der Himmel hat Dich mir geſendet; ich weiß, nur kann ich Dir nicht erklären— warum,(denn ich vermag es mir ſelbſt nicht zu enträthſeln) aber die geheimnißvollen Ahnungen meiner Seele ſagen mir, daß Dein Bruder Harold in dieſem Augenblick von großer Gefahr bedrängt iſt. Gehe ſogleich zu ihm, ich bitte Dich flehentlich, daß wenigſtens Dein warmes Herz, Dein klarer Sinn neben ihm ſte⸗ hen mögen.“ „Ich will alsbald gehen,“ verſicherte Gurth;„aber ich beſchwöre Dich, ſüße Baſe, laß Deinen reinen Geiſt nicht von dem Aberglauben anſtecken, der, wie der Nebel das Marſchland, dieſen Ort einhüllt. In meiner früheſten Jugend unterwarf ich mich allerdings Hilda's Ein⸗ fluſſe; aber ich bin Mann geworden und ihm entwachſen; es hat mich in neuerer Zeit innerlich ſehr bekümmert, als ich ſehen mußte, daß die däniſche Lehre unſerer Baſe ſogar Harolds ſtarkes Herz mit ſeinem Zauber gewonnen hat und daß ich ihn, der einſt nur von Pflicht ſprach, jetzt immer nur vom Schickſale reden höre.“ „Ach! ach!“ gab Editha händeringend zur Antwort,„wenn der Vogel ſeinen Kopf im Gebüſche verſteckt, verbirgt er dadurch ſeine Spur auch vor dem Hunde? Können wir das Schickſal vereiteln, in⸗ dem wir deſſen Herannahen zu bemerken uns weigern? Doch wir ver⸗ geuden koſtbare Augenblicke. Geh', Gurth, theurer Gurth! Während wir noch reden, ſammelt ſich die Wolke ſchwerer und dunkler über mei⸗ nem Herzen.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, beeilte ſich Gurth, ſein Roß ———᷑—ÿ—ꝛ—ꝛ—;–õ&— ſewin⸗ kwun⸗ ll ver⸗ nnen d trü⸗ k, und „ nur ſelbſt Seele roßer intlich, m ſte⸗ hwöre auben t. In Ein⸗ s hat nußte, 3 mit r von in der ſeine 1, in⸗ ver⸗ hrend mei⸗ Roß 349 wieder zu beſteigen und Editha blieb allein traurig und regungslos beim Römerbrunnen, als ob die Nymphe des alten Glaubens dort ge⸗ ſtanden wäre, um den verminderten Strom über den verwitterten Stein herabfließen zu ſehen, wohlwiſſend, daß ihr Leben mit der vollen Ebbe des Stromes ein Ende habe. Gurth erreichte London, als Harold eben ein Boot nahm, um den Koͤnig in ſeinem Pallaſte zu Weſtminſter aufzuſuchen. Nach einer ha⸗ ſtigen Umarmung mit ſeiner Mutter begleitete er Harold nach der Königspfalz und erfuhr unterwegs deſſen Abſicht. So lange Harold ſprach, konnte er keine Gefahr wahrnehmen, die aus einem freundlichen Beſuche am normänniſchen Hofe entſpringen mochte, und die Pauſe zwiſchen Harolds Mittheilung und ihrem Eintritte in des Königs Gemache war zu kurz, um ihnen die nöthige Zeit zu reiflicher Ueber⸗ legung zu vergönnen. Edward, bei welchem Alter und Schwaͤche in neueſter Zeit reißende Fortſchritte gemacht hatten, hörte Harolds Geſuch mit ernſter tiefer Aufmerkſamkeit, wie er ſie irdiſchen Geſchäften nur höchſt ſelten wid⸗ mete. Er ſchwieg lange nachdem ſein Schwager geendet hatte— ſo lange, daß der Earl anfänglich glaubte, er ſey in einer jener myſtiſchen zerſtreuten Träumereien befangen, denen ſich Edward immer häufiger hingab, je mehr er ſich den Schranken der unſichtbaren Welt näherte. Als ſie aber ſchärfer hinſchauten, waren Beide, Harold und Gurth, von der offenbaren Aengſtlichkeit in dem königlichen Angeſichte betroffen, während der geſammelte Blick in Edwards kaltem Auge bewies, daß ſein Gemüth für die äußere Welt vollkommen wach war. In der That mochte ſich Edward in dieſem Augenblicke manche übereilte Winke, wenn nicht gar Verſprechen ins Gedächtniß zurückrufen, die er ſeinem habſüchtigen Vetter aus der Normandie noch als Verbannter gemacht hatte; bedachte er dabei ſeine eigene abnehmende Geſundheit und das zarte Alter des jungen Edgars, ſo mochte er wohl über den furchtbaren Thronbewerber nachſinnen, deſſen Anſprüche ſeine frühere Unvorſichtig⸗ keit vielleicht zu ſanktioniren ſchien. Welches auch ſeine Gedanken ſeyn 350 mochten, ſie waren jedenfalls trüb und finſter, als er endlich langſam erwiederte: „Haſt Du Deiner Mutter wirklich einen Eid geſchworen, und will ſie Dich daran feſthalten?“ „Beides, o König,“ lautete Harolds kurze Antwort. „Dann kann ich Dirs nicht verwehren. Auch biſt Du ein Mann dieſer lebenden Welt, Harold; Du ſpielſt hier die Rolle eines Centurio: Du ſagſt, komm', und die Menſchen kommen— geh' und ſie bewegen ſich nach Deinem Willen. D'rum magſt Du ſelbſt für Dich urtheilen; ich verwehre Dirs nicht, noch ſtelle ich mich zwiſchen den Mann und ſein Gelübde. Glaube aber ja nicht,“ fuhr der König in feierlicherem Tone und mit wachſender Bewegung fort,„glaube nicht, daß ich meine Seele mit dem Vorwurf belaſten will, als ob ich Dir dieſen Plan an⸗ gerathen oder Dich dazu ermuthigt hätte. Im Gegentheil, ich ſehe voraus, daß Deine Reiſe England nur zu großem Unheil gereichen, und Dir ſelbſt bitteren Kummer oder traurigen Verluſt bringen wird.“* „Wie ſo, theurer Herr und König?“ meinte Harold, von Edwards ungewohntem Ernſte betroffen, den er übrigens als eine der träumeri⸗ ſchen Chimären des Heiligen betrachtete.„Wie ſo? Dein Vetter William hat immer für einen Mann gegolten, der zwar trotzig gegen den Feind, aber mit dem Freunde offenherzig zu verfahren pflegt; und ſchändlich wäre ja die Unehre, wenn er gegen einen Mann, der unter dem Schutze ſeines Daches ſeiner Treue vertraut, Schlimmes im Schilde führen könnte.“ „Harold, Harold,“ erwiederte Edward ungeduldig,„ich kenne William von früher. Er iſt nicht ſo einfältig von Gemüth, daß er Deinem Vergnügen oder ſogar meinem Willen irgend etwas zugeſtände, wenn es ihm nicht ſelbſt Gewinn einträgt**. Weiter ſage ich nicht— Du biſt gewarnt: das Uebrige überlaſſe ich dem Himmel.“ Es iſt das Unglück von Leuten, deren weltliche Einſicht nicht hoch * Bromton Chronik, Knyghton, Walſingham, Hovedenac. *r Bromton, Knyghton ꝛc. gſam will Nann -urio: begen ilen; in und erem meine n an⸗ h ſehe eichen, ſird.“* wards umeri⸗ Vetter gegen t; und unter Schilde kenne daß er ſtände, cht— t hoch denac. 351 angeſchlagen wird, daß ſie in den ſeltenen Fällen, wo ſie vermöge jenes Scharfblicks, der von ihrem freien Standpunkte über dem Streite und der Leidenſchaft ihrer Umgebung herrührt, beinahe prophetiſch inſpi⸗ rirt ſcheinen— es iſt ihr Unglück, daß ſie der Kraft ermangeln, ihre eigene Ueberzeugung Andern mitzutheilen: ſie können wohl ahnen, aber nicht überführen. So vermochte auch Harold in der unklaren Furcht, die ſich auf keinen andern Beweis als auf eine ebenſo unklare Anſicht von des Herzogs Charakter überhaupt gründete, Nichts zu ent⸗ decken, was ihn von ſeinem Vorhaben abgeſchreckt hätte; Gurth dage⸗ gen, der weniger ſeiner Vernunft, als ſeiner hingebenden Liebe für den Bruder Gehör gab, fühlte ſich dadurch beunruhigt, und ſagte nach längerer Pauſe: „Glaubſt Du, mein guter König, daß dieſelbe Gefahr drohen würde, wenn Gurth an Harolds Statt über See ginge, um die Gei⸗ ſeln zurückzufordern?“ „Nein,“ erwiederte Edward eifrig;„und das wäre auch mein Rath. William fände nicht denſelben Vortheil vor ſich, wenn er an Dir ſeine weltliche Argliſt verſuchte. Nein; mich dünkt, das wäre das klügſte Verfahren.“ „Und auch das unedelſte für Harold,“ entgegnete der ältere Bruder, faſt unwillig.„Jedenfalls danke ich Dir von Herzen für Deine zärt⸗ liche Sorge und Obhut, mein theurer König. Und ſo mögen die Hei⸗ ligen Dich behüten!“ Sobald ſie ſich vom Könige verabſchiedet hatten, begann ein war⸗ mer Wettſtreit zwiſchen den Brüdern; Gurths Gründe waren jedoch ſtärker als die des Earls, und Harold ſah ſich zuletzt ſoweit gedrängt, daß er ſeine Hartnäckigkeit nur noch auf ſeine ſpezielle Verpflichtung gegen Githa gründete. Kaum hatten ſie jedoch ihre Wohnung erreicht, als Gurth ſeiner Mutter Edwards Beſorgniſſe und Ermahnungen mittheilte, und dieſe, der Bevorzugung des Earls von Seiten God⸗ wins und der letzten Gebote des Gatten ſich erinnernd, den geleiſteten Schwur an Harold zurückgab und ihn dringend bat, wenigſtens ſeinen 352 Bruder Gurth als Stellvertreter an den normänniſchen Hof zu ſenden. „Höre mich ruhig an,“ bat Gurth.„Verlaß Dich darauf, daß Edward gegründetere Urſache zur Beſorgniß hat, als er uns ein⸗ geſtehen wollte. Er kennt William von Jugend auf und hat ihn zu lieb gehabt, um ohne gerechte Urſache einen Zweifel gegen ſeine Treue fallen zu laſſen. Und iſt etwa keine Veranlaſſung vorhanden, warum Dir insbeſondere Gefahr von William drohen ſollte? So lange die Normannen ſo zahlreich am Hof vertreten waren, liefen allerhand Ge⸗ rüchte um, als ob der Herzog gewiſſe Abſichten auf England habe, welche Edwards Vorliebe zu billigen ſchien: ſolche Abſichten wären jetzt bei dem veränderten Zuſtande von England allerdings abge⸗ ſchmackt und zu wahnſinnig, als daß ein Fürſt von Williams gerühm⸗ ter Weisheit ſie noch ferner hegen ſollte; allein es wäre nicht unna⸗ türlich, wenn er den früheren normänniſchen Einfluß in dieſem Reich aufs Neue zu begründen ſuchte. Er weiß, daß er in Dir den mächtigſten Mann von England aufnimmt, daß Deine Feſthaltung allein das Land von einem Ende bis zum andern erſchüttern und ihn vielleicht in Stand ſetzen würde, unſerem König allerhand unehrenhafte Maßregeln abzu⸗ nöthigen. Wider mich dagegen kann er keine ſchlimmen Plane nähren, denn meine Gefangennehmung würde ihn nichts nützen. Ueberdies, wenn Harold ſicher in England iſt, ſo muß auch Gurth in Rouen ſicher ſeyn. Deine Anweſenheit hier an der Spitze unſerer Heere ſchützt mich vor jedem Unrecht. Kehre aber den Fall um, und laſſe Gurth in England — wird dann Harold in Rouen ſicher ſeyn? Ich bin nur ein einfacher Krieger und eingeborner Lord, ohne Einfluß auf Edward, ohne ge⸗ bietendes Anſehen im Lande und nur wenig geübt im Reden vor dem ſtürmiſchen Witan— gerade ſo groß, daß William mir nichts zu Leide zu thun wagt, nicht aber ſo mächtig, daß er ſolches überhaupt wün⸗ ſchen ſollte.“ 1 „Er hält unſere Verwandten zurück— warum nicht auch Dich?“ meinte Harold. zu auf, ein⸗ n zu reue rum ſe die Ge⸗ habe, hären rbge⸗ ihm⸗ nna⸗ Reich gſten Land Stand abzu⸗ hren, wenn ſeyn. h vor gland acher ge⸗ dem Leide vün⸗ ch 2 ℳ * 3⁵⁸ „Weil er bei unſeren Verwandten wenigſtens den Vorwand hat, daß ſie als Geiſeln verpfändet wurden, während ich einfach als Gaſt und Geſandter zu ihm komme. Nein, mich kann keine Gefahr treffen, und ſo gib nach, theurer Harold.“ 4 „O gib nach, mein Sohn,“ rief Githa, des Earls Kniee um⸗ faſſend;„laß mich nicht fürchten, daß ich in der Stille der Nacht God⸗ wins Schatten ſehen und ſeine Stimme hören müßte, wenn ſie fragt: Weib, wo iſt Harold?““ Der ſtarke Verſtand des Earls konnte den vorgehaltenen Beweis⸗ gründen unmöglich widerſtehen, und er war, ehrlich geſagt, durch Edwards düſtere Warnungen mehr beunruhigt worden, als er geſte⸗ hen mochte. Auf der anderen Seite ſprachen auch wieder mancherlei Gründe gegen Gurths Vorſchlag. Der erſte und— um ihm Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen— der ſtäͤrkſte lag in ſeinem angebornen Muthe und großherzigen Stolze. Sollte er zum erſtenmal in ſeinem Leben aus Furcht vor einer ſo unſicheren und unbeſtimmten Gefahr zurückbeben? Sollte er geſtatten, daß Gurth ſtatt ſeiner die übernom⸗ mene Verbindlichkeit erfülle? Auch zugegeben, daß Gurth vor jeder Gefahr, die ihm perſönlich drohen könnte, ſicher wäre— geziemte es ihm, die Stellvertretung anzunehmen, und war vorauszuſehen, daß Gurths Stimme bei Betreibung der Rückgabe der Geiſeln ſo wirkſam wie die ſeinige ſeyn würde? Die Gründe, welche ihn zunächſt ſchwankend machten, waren der Art, daß er ſie nicht geſtehen konnte. Wollte er ſich den Weg zum engliſchen Throne bahnen, ſo war es für ihn von nicht geringem Ge⸗ wicht, ſich der Freundſchaft des normänniſchen Herzogs und der Billi⸗ gung ſeiner Anſprüche von Seiten Williams zu verſichern; es war für ihn von unendlichem Nutzen, jene Vorurtheile gegen ſein Haus weg⸗ zuräumen, welche noch immer unter den Normannen lebten, da dieſe die Decimirung ihrer Landsleute bei Begleitung des unglücklichen * So pflegen die Geſchichtſchreiber in der Regel das fragliche Blutbad zu nennen, und wir haben deßhalb das Wort„Decimirung“ auch hier beibe⸗ Bulwer, Harold. 23 354 Alfreds an die engliſche Küſte, geſchehen unter Beihülfe, wenn nicht gar auf Befehl Godwins— in gehäſſigem Andenken behielten, und noch immer über ihre neuliche Vertreibung vom engliſchen Hofe aus Veranlaſſung der Rückkehr ſeines Vaters und ſeiner Familie höchlich erbittert waren. Zwar konnte es ihm nicht einfallen, daß William, ohne irgend eine Partei in England zu beſitzen, nach der engliſchen Krone ſtreben ſollte; aber jedenfalls konnten bei Edwards Tode Prätendenten erſte⸗ hen, zu deren Sanctionirung die normänniſchen Waffen leicht einen Vorwand finden mochten. Da war auf der einen Seite der Knabe Atheling, auf der anderen der tapfere norwegiſche König Hardrada, der die Anſprüche ſeines Vorgängers Magnus als Erbe von Canuts Rechten erneuern konnte. Die Politik verlangte von ihm, einen ſo nahen und furchtbaren Nachbar wie den Grafen der Normannen gün⸗ ſtig zu ſtimmen, und Gurth war bei ſeinem unbeugſamen Haſſe gegen alles Normänniſche wenigſtens nicht der klügſte Geſandte, den er zu dieſem Zwecke auserleſen konnte. Hiezu kam noch, daß Harold trotz ihrer gegenwärtigen Verſöhnung nie lange auf Toſtigs Freundſchaft rechnen durfte, und des Letzteren Verwandtſchaft mit William war voller Ge⸗ fahr für einen neuen Thron, deſſen unruhigſten Unterthanen voraus⸗ ſichtlich eben dieſer Toſtig abgab— wie wünſchenswerth war es alſo, dem Einfluſſe dieſer Verwandtſchaft entgegenzuarbeiten?* Auch mochte Harold, der als Patriot und Staatsmann die Noth⸗ wendigkeit einer Umänderung und Wiederaufrichtung des verfallenen Gebäudes der engliſchen Monarchie aufs Tiefſte empfand, nicht gerne eine Gelegenheit verlieren, um ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, halten, ſo unrichtig es auch iſt, da nicht ein, ſondern neun Zehntel der Nor⸗ mannen bei jener Veranlaſſung das Leben verloren. * Die obigen Beweggründe zu Harolds denkwürdigem Ausfluge ſind deß⸗ halb ſo ausführlich angegeben, weil ſie, vom politiſchen Standpunkte betrach⸗ tet, die keineswegs unbeſonnenen und übereilten Motive und damit einen Schlüſſel zu ſeinem Beſuche liefern, wie er in keiner Chronik, in keinem Geſchicht⸗ ſchreiber zu finden iſt. was mit ſtelle comt man für — 1 ſein Seg Thr ſpri Her Bey mer ſok abe Ue jede cht nd us ich end en ſte⸗ nen be da, uts ſo lün⸗ lles ſem hrer nen Ge⸗ us⸗ ilſo, öth⸗ nen erne gen, kor⸗ deß⸗ ach⸗ iſſel cht⸗ was William Alles gethan hatte, um das kleine Herzogthum, das er mit dem Königreiche der Deutſchen und Franken auf gleiche Linie zu ſtellen gewußt, in Civiliſation und Anſehen, in Kriegsruhm und commerciellem Gedeihen ſo hoch zu erheben. Endlich waren die Nor⸗ mannen die beſonderen Lieblinge der römiſchen Kirche. William hatte für ſeine Heirath mit Mathilden die päbſtliche Diſpenſation erlangt — mochte da nicht der normänniſche Einfluß, weiſe gewonnen, einſt ſeine eigene Bitte bei dem Pontifer unterſtützen, und ihm den heiligen Segen ſichern, ohne welchen der Ehrgeiz ſeinen Reiz und ſelbſt ein Thron ſeinen Glanz verlor? Alle dieſe Erwägungen beſtimmten den Earl, auf ſeinem ur⸗ ſprünglichen Plane zu beſtehen; aber eine warnende Stimme in ſeinem Herzen, mächtiger als alle andern, kam Githa's Flehen und Gurths Beweiſen zu Hülfe. In dieſem Zuſtande der Unentſchloſſenheit be⸗ merkte Gurth ſehr vernünftig: „Bedenke, Harold, wenn blos Du von Gefahr bedroht wäreſt, ſo hätteſt Du das Recht eines wackeren Mannes, uns zu widerſtehen; aber Edward ſprach auch von großem Unheil für England, und Deine Ueberlegung muß Dir ſagen, daß in dieſer Kriſis unſeres Vaterlandes jede Gefahr für Dich auch ein Unheil für England iſt, und Solches haſt Du nicht das Recht, über Dein Land zu verhängen.“ 1 „Theure Mutter und Du, großherziger Gurth,“ rief Harold, Beide zumal umarmend,„Ihr habt mich nahezu beſiegt. Gönnt mir nur zwei Tage Bedenkzeit und ſeyd verſichert, daß ich nicht nach den übereilten Eingebungen eines übel erwogenen Urtheils entſcheiden werde.“ Weiter vermochten ſie den Earl nicht zu bewegen; aber Gurth ſah wenigſtens mit Vergnügen, daß Harold kurz darauf zu Edithen aufbrach, deren Beſorgniſſe— welcher Quelle ſie auch entſpringen mochten— ſeine eigenen Argumente ſicherlich unterſtützen würden. Während jedoch der Earl allein nach der einſt ſo ſtattlichen Rö⸗ merwohnung hinritt, und mit der Daͤmmerung das finſtere Waldland 23* betrat, waren ſeine Gedanken weniger bei Edithen als bei der Vala, mit welcher der Ehrgeiz ſeine Seele mehr und mehr verknüpft hatte. Von Zweifeln bedrängt und in der ſchwindenden Beleuchtung menſch⸗ licher Vernunft allein gelaſſen, flüchtete er ſich unwillkürlich zu einem Führer, der ihm die Zukunft deuten und ſeinen Pfad beſtimmen ſollte. Als ob das Schickſal ſelber auf den Schrei ſeines Herzens ant⸗ worten wollte, kam ihm plötzlich die Vala zu Geſicht, wie ſie eben Ulmen⸗ und Eſchenblätter im Walde auflas, und raſch ſprang er vom Pferde, um ſich ihr zu nähern. „Hilda,“ begann er in leiſem aber feſtem Tone,„Du haſt mir oft erzählt, daß die Todten den Lebenden Rath zu ertheilen vermögen. Beſchwöre Du die Secin⸗laeca des längſt verſtorbenen Helden— er⸗ wecke den Geiſt, den mein Auge oder meine Fantaſie früher düſter und rieſengroß bei dem ſchweigenden Bautaſteine geſehen, und ich will an Deiner Seite ſtehen. Ich möchte gerne wiſſen, ob Du mich und Dich ſelbſt getäuſcht haſt, oder ob der Himmel wirklich dem Men⸗ ſchen zu ſeiner Leitung die Rede und Prophezeiung derer bewilligt, die nach den geheimnißvollen Küſten der Ewigkeit vorangegangen ſind.“ „Die Todten enthüllen ſich vor uneingeweihten Augen nicht anders als aus freiem Willen, ungedrängt von Rune oder Zauber. Mir können ihre Geſtalten deutlich erſcheinen durch die luftige Flamme, wenn ich mich erſt durch Beſchwörungen, welche das Auge des Geiſtes reinigen und die Wände des Fleiſches lockern, gehörig vorbereitet habe; aber ich kann nicht ſagen, daß auch Du ſehen wirſt, was ich in dem Ringen und Arbeiten meiner Seele gewahren werde, denn ſelbſt wenn die Erſcheinung vor meinen Blicken, wenn die Stimme meinem Ohre entſchwunden, bleibt blos die wirre undeutliche Erinnerung deſſen, was ich gehört und geſehen, um mich im wachen Alltagsleben zu leiten. Du ſollſt übrigens neben mir ſtehen, während ich die Er⸗ ſcheinung anrufe, ſollſt die Worte, die mir über die Lippen drin⸗ gen, die Runen, welche durch die Funken des bezauberten Feuers Bedeutung erhalten, hören und deuten. Schon ehe Du kamſt, er⸗ 357 kannte ich an Edithens Unruhe und Verfinſterung, daß ein Schatten von dem Eſchenbaume des Lebens auf Dich gefallen war.“ Harold erzählte nunmehr, was ſich ereignet hatte, und legte Hilda die Zweifel vor, die ihn umlagerten. Die Prophetin horchte mit tiefer Aufmerkſamkeit; da aber ihre Seele, wenn ſie nicht unter jenem geheimnißvolleren Einfluſſe ſtand, vorzugsweiſe durch ihren natürlichen Muth und Ehrgeiz beſtimmt wurde, ſo erkannte ſie auf den erſten Blick alle die Vortheile zur Siche⸗ rung des für Harold beſtimmten Thrones, die ſich durch dieſen Beſuch am normänniſchen Hofe erreichen ließen; auch ſtanden die weltliche Erfahrung wie die myſtiſchen Träumereien des Mönchekönigs(denn als Anhängerin Odins konnte ſie naturgemäß nicht an die Heimſuchung chriſtlicher Heiliger glauben)— bei ihr in zu großer Mißachtung, um ſeinen trüben Prophezeiungen viel Gewicht beiz zulegen. So war denn die kurze Antwort, die ſie ertheilte, nicht darauf berechnet, Harold von der fraglichen Expedition abzuſchrecken; doch verſchob ſie die Rathſchlüſſe, die ſeine Entſcheidung beſtimmen ſollten, auf eine gefürchtetere Weisheit als ihre eigene, und dieſe ſollte ihm in der folgenden Nacht kund werden. Nicht ohne ſich des Gedankens zu freuen, daß er ſich wenigſtens von der Wirklichkeit jener Anſprüche auf übernatürliche Macht, welche in neuerer Zeit ſeine Entſchlüſſe gelenkt und ſein Herz unterjocht hatte, in eigener Perſon überzeugen ſollte, verabſchiedete ſich Harold von der Vala, welche mechaniſch zu ihrem Geſchäfte zurückkehrte, während er ſelbſt das Roß am Zügel führend ſeine nachdenkliche Wan⸗ derung nach dem heidniſchen Hügel und deſſen Trümmern langſam fortſetzte. Ehe er jedoch die Anhöhe erreicht hatte, und während ſeine ſinnenden Blicke zu Boden geſchlagen waren, ſühlte er ſeinen Arm zärtlich umfaßt— drehte ſich um— und ſah Edithens Angeſicht voll unausſprechlicher, angſtvoller Liebe auf ſich gerichtet. So viel Ernſt und Furcht miſchte ſich in dieſe Liebe, daß Harold unwill Kͤrlif ausrief: „Herz meines Herzens, was iſt vorgefallen? Was ergreift Dich ſo ſehr?“ „Iſt Dir keine Gefahr zugeſtoßen?“ ſtammelte Editha, und ſchaute ihm mit geſpannten forſchenden Blicken in's Geſicht. „Gefahr!— Nein, ſüße Zweiflerin,“ gab der Earl ausweichend zur Antwort. Sditha ſenkte die geſpannten Blicke, und an ſeinen Arm ſich hän⸗ gend, zog ſie ihn ſchweigend in den Forſt hinein. Sie blieb endlich ſtehen, da wo die alten fantaſtiſchen Baͤume die Ausſicht auf die alter⸗ thümlichen Ruinen verſperrten, und als ſie beim Umſchauen jene grauen gigantiſchen Schäfte, welche kaum von Menſchenhand zuſam⸗ mengethürmt ſchienen, nicht mehr gewahrte, da fing ſie an, freier aufzuathmen. „Sprich mit mir,“ bat Harold, ſein Antlitz über das ihre beu⸗ gend;„warum ſo ſchweigſam?“ „Ach, Harold!“ gab ſeine Verlobte zur Antwort,„Du weißt, ſeitdem wir uns lieben, iſt mein Leben nur ein Schatten des Deinen geweſen; durch ein ſonderbares zauberiſches Geheimniß, welches Hilda von den Geſtirnen oder den Schickſalsſchweſtern, die mich als einen Theil Deiner ſelbſt erſchaffen, herleiten möchte— weiß ich aus der frohen oder düſteren Stimmung meines eigenen Geiſtes, ob Dich ein gutes oder ſchlimmes Ereigniß befallen wird. Wie oft iſt während Deiner Abweſenheit eine Freude plötzlich über mich gekommen, und ich empfand dann an dieſer Freude wie an dem Lächeln eines guten Engels, daß Du eine Gefahr glücklich überwunden, oder irgend einen Feind beſiegt hatteſt! Du fragſt mich jetzt, warum ich ſo traurig ſey — ich kann Dir blos ſagen, daß dieſe Trauer durch ein Gewitter, das Deinem eigenen Schickſale droht, über mich gekommen iſt.“ Harold hatte mit Edithen von ſeiner beabſichtigten Reiſe reden wollen; da er aber ihre Muthloſigkeit ſah, wagte er es nicht, ſondern zog ſie an ſeine Bruſt und ſchalt ſie in beſänftigendem Tone wegen ihrer eitlen Befürchtungen. Editha wollte ſich jedoch nicht tröſten 8 laf Dich und hend hän⸗ dlich lter⸗ jene ſam⸗ reier beu⸗ eißt, einen Hilda einen der hein rend und uten inen ſey das eden dern ꝛgen ſten 359 laſſen; es ſchien etwas auf ihrer Seele zu laſten und ſich auf ihre Lip⸗ pen zu drängen, was ſich durch bloße ſympathetiſche Ahnungen nicht erklären ließ, und als er endlich in ſie drang, ihm Alles zu ſagen, da nahm ſie ihren Muth zuſammen und ſprach alſo: „Spotte nicht über mich; aber welches Geheimniß— ſey es nun bloße Thorheit oder bedeutungsvoll für Dein Schickſal— könnte ich Dir vorenthalten? Dieſen ganzen Tag kämpfte ich vergeblich gegen die Laſt meiner Ahnungen. Wie habe ich den Anblick Deines Bruders Gurth begrüßt! Ich bat ihn, Dich aufzuſuchen— Du haſt ihn ge⸗ ſehen?“ „Ja!“ erwiederte Harold.„Aber Du wollteſt mir von etwas Anderem, als blos von dieſer Muthloſigkeit erzählen.“ „Wohlan,“ begann Editha;„nachdem Gurth mich verlaſſen, wanderte ich unwillkürlich auf den Hügel, wo wir uns ſo oft getroffen haben. Ich ſetzte mich neben dem alten Grabe nieder; eine ſonderbare Miüdigkeit ſenkte ſich auf meine Augen, und mich überfiel ein Schlaf, der kein eigentlicher Schlaf zu ſeyn ſchien. Ich kämpfte dagegen, wie wenn ich mir des nahenden Schreckens bewußt wäre, und wie ich ſo dagegen kämpfte, und ehe ich einſchlief— ja, Harold, ehe ich einſchlief — ſah ich deutlich eine bleiche dämmernde Geſtalt aus dem Sachſen⸗ grabe emporſteigen. Ich ſah— ich ſehe ſie noch! O die bleifarbige Stirne, die gläſernen Augen!“ „Die Geſtalt eines Kriegers?“ rief Harold betroffen. „Eines Kriegers, bewaffnet wie in den alten Tagen, gleich dem Helden, den Hilda's Mägde auf Dein Banner ſticken. Ich ſah ſie deut⸗ lich— die Geſtalt; in einer Hand hielt ſie einen Speer, in der andern eine Krone.“ „Eine Krone!— Tahre fort, fahre fort.“ „Ich ſah noch mehr; trotz alles Sträubens überfiel mich der Schlummer, ein Schlummer voll wirrer und peinlicher, voll geſtalt⸗ loſer raſch entſchwindender Bilder, bis endlich folgender Traum ſich klar heraushob. Ich ſah eine glänzende ſternenhelle Geſtalt, anſchei⸗ 360 nend ein Geiſt, aber ganz von Deinem Aeußeren, auf einem Felſen ſtehen. Ein tobender Strom rollte zwiſchen dem Felſen und dem tro⸗ ckenen ſicheren Land; die Wogen begannen über den Felſen hereinzu⸗ ſtürzen, und der Geiſt entfaltete die Flügel wie zum Fluge. Da kamen garſtige Dinge aus dem Schleime des Felſens herangekrochen und aus den Dünſten des bewegten Firmamentes herabgefallen, und ſie ſam⸗ melten ſich um die Flügel und hängten ſich wie ein Gewicht an dieſelben.“ „Dann drang eine Stimme in mein Ohr:— Siehſt Du nicht auf dem gefährlichen Felſen die Seele Harolds des Stolzen— ſiehſt Du nicht, daß die Waſſer ſie verſchlingen, wenn die Flügel ſie nicht davontragen? Auf, Wahrheit, deren Stärke die Reinheit und deren Ebenbild das Weib iſt— hilf der Seele des Tapferen!“ Ich wollte zu Dir eilen; aber ich war machtlos und ſah dicht neben mir durch meinen Schlummer wie durch einen Schleier die Säulen des zertrüm⸗ merten Tempels auftauchen, wo ich mich niedergelegt hatte. Auch dünkte mich, ich ſehe Hilda, wie ſie allein am Sachſengrabe ſaß und in ein Menſchenherz, das ſie in der Hand hielt, ſchwarze Tropfen aus einem Kryſtallgefäſſe eingoß; aus dem Herzen wuchs ein Kind, und aus dem Kinde ein Jüngling mit finſterer trauriger Stirne. Und der Jüngling ſtand neben Dir und flüſterte Dir zu und von ſeinen Lippen kam ein dampfender Rauch, worin die Flügel wie in einem Froſte einſchnurrten. Und ich hörte die Stimme ſagen: Hilda, Du biſt es, die den guten Engel vernichtet und aus dem vergifteten Herzen den verderblichen Verſucher erweckt hat!' Und ich ſchrie laut, aber es war zu ſpät; die Wogen ſchlugen über Dir zuſammen, und über den Wo⸗ gen ſchwamm ein eiſerner Helm und auf dem Helm war eine Krone— dieſelbe, die ich in der Hand des Geſpenſtes geſehen hatte?“ „Ei, das iſt kein ſchlimmer Traum, meine Editha,“ bemerkte Harold in munterem Tone. „Ich erwachte jählings aus meinem Schlummer,“ fuhr Editha fort, ohne ſeine Unterbrechung zu beachten.„Die Sonne ſtand noch hoch, die Luft war ruhig und windſtill. Da ſah ich im klaren wachen 361 Tageslichte eine grauliche Geſtalt, wie ſie nach der Ausſage unſerer Mädchen die Zauberhexe, die ſich zuweilen im Walde blicken läßt, an⸗ nimmt— durch die Säulen den Hügel hinabgleiten: in der That ſchien ſie weder Mann noch Frau anzugehören. Sie wendete einmal ihr Geſicht nach mir um, und auf dieſem häßlichen Geſichte lag der Jubel und Haß eines triumphirenden Feindes. Ach Harold, was ſoll das Alles bedeuten?“ „Haſt Du Deine Muhme, die Traumdeuterin, nicht gefragt?“ „Ich fragte Hilda; ſie machte es wie Du und murmelte blos: die Sachſenkrone!’ Aber wenn dieſen luftigen Kindern der Nacht zu trauen iſt, ſo muß die Erſcheinung Gefahr bedeuten— Gefahr für die Seele, nicht für das Leben, und die Worte, die ich vernahm, ſchie⸗ nen zu ſagen, daß Deine Flügel Deine Tapferkeit ſeyen, und die Fyl⸗ gia, die Du verloren hatteſt, o mein Angebeteter, war— nein, das wäre unmöglich—“ „Daß meine Fylgia die Wahrheit war, mit deren Verluſte ich auch für Dich verloren wäre. Du thuſt wohl daran,“ bemerkte Harold ſtolz,„daß Du das für eine Lüge der Fantaſie hältſt. Alles Andere mag mich vielleicht verlaſſen— meine eigene freie Seele niemals. Zuverſichtlich hat Hilda mich in meinen früheren Tagen genannt, und wie auch das Schickſal mich umherwerfen möge— in meiner Wahr⸗ haftigkeit und meiner Liebe kann ich mit dieſem furchtloſen Herzen Menſchen und Teufeln Trotz bieten.“ Sditha betrachtete eine Weile in ergebungsvoller Bewunderung die Miene ihres heldenhaften Geliebten, um ſich dann gläubig und getröſtet enger und immer enger an ſeine Bruſt zu ſchmiegen. Vierundvierzigſtes Kapitel. Bei aller Ueberzeugung von ihrer Macht im Durchſchauen der Zukunft haben wir geſehen, daß Hilda ihre Orakel über Harolds Schickſal niemals befragt hatte, ohne daß die Zweideutigkeit der Ant⸗ 362 worten ſie mit düſterem Grauen erfüllte. Jenes Schickſal, das die mächtigſten Intereſſen eines großen Geſchlechtes in ſich ſchloß und mit Ereigniſſen in Verbindung ſtand, die bis zu den ſpäteſten Zeiten in die entfernteſten Länder hinauswirken ſollten, verlor ſich vor ihrer pro⸗ phetiſchen Sehweite unter den widerſprechendſten Vorbedeutungen, den verwickeltſten Netzen und den widerſtreitendſten Lichtern und Schatten. Ihr Herz, das wegen ihrer Liebe zu Edithen dem Earl aufrichtig an⸗ hing, ihr Stolz war hartnäckig darauf gerichtet, der letzten Tochter ihres fürſtlichen Stammes jenen Thron zu ſichern, der wie all' ihre Prophezeihungen— ſogar die düſterſten— bezeugten, dem Manne be⸗ ſtimmt war, mit welchem Edithens Schickſal verwoben ſchien— dies Alles veranlaßte ſie, jene düſteren zweifelhaften Zeichen der günſtigſten Deutung zu unterwerfen. Allein nach den Grundſätzen jener beſonderen Art von Magie, wie Hilda ſie pflegte, wurde die Auffaſſung durch Alles was nur an menſchliche Sympathie erinnerte, verfinſtert; es war eine Magie, welche ſich von der boshaften Zauberkunſt, wie ſie unter den germani⸗ ſchen und ſkandinaviſchen Heiden gleichermaßen üblich war, und ſogar noch bei uns am meiſten bekannt iſt— völlig unterſchied. Hilda's Magie war eher mit der der alten cymbriſchen Alraunen oder geheiligten Prophetinnen verwandt, und dieſe verlangte die Prieſterin frei von jeder menſchlichen Regung oder Verbindung, von ſpiegelklarem Geiſte, auf dem ſich die großen Bilder des Schickſals ungetrübt abheben konnten. So ſehr übrigens die natürlichen Gaben und der angeborene Charakter Hilda's durch die geträumten trügeriſchen Studien, denen ſie oblag, verkehrt ſeyn mochte, ſo lag doch ſogar in ihren Schwächen eine Größe, der es nicht an Pathos gebrach. In der Stellung, die ſie zwiſchen Himmel und Erde eingenommen hatte, ſtand ſie ſo einſam und ſo hoch in jener Eiſesluft— alle Zweifel, die ihre kühne abgeſchloſſene Seele beſtürmten, kamen in ſo gigantiſchen Formen des Schreckens und der Drohung! Auf dem Wendepunkt der mächtigen in die Nacht der Jahrhunderte raſch hinabſinkenden Heidenzeit ragte ſie thurmhoch die der ti „—,———— ten. an⸗ hter lihre be⸗ dies ſten gie, an gie, ani⸗ gar da's gten von iſte, ten. ene nen hen ſie ind ene ns cht och 363 über die Schatten, ſie ſelbſt ein Schatten, und um ſie ſammelten ſich die letzten Dämonen des finſteren Glaubens, dem Vorrücken ihres leuchtenden Feindes trotzend und um ihre ſterbliche Prieſterin die Trüm⸗ mer ihrer haarſträubenden Herrſchaft über eine erlöste Welt concen⸗ trirend. Die ganze Nacht nach ihrer kurzen Unterredung mit Harold wan⸗ derte die Vala durch das wilde Forſtland, Geſpenſterſtellen ſuchend oder mit Einſammeln von Kräutern beſchäftigt, welche ihrer zweifel⸗ haften aber feierlichen Lehre heilig waren. Die letzten Sterne ver⸗ ſchwanden an dem kalten grauen Horizonte, als ſie auf dem Heimwege in dem Umfange des Druidentempels einen regungsloſen Gegenſtand auf dem Boden nahe dem Teutonengrabe ausgeſtreckt ſah. Sie näherte ſich, und was ſie erblickte, ſchien ein Leichnam, ſo ſtarr und ſtill war er in ſeiner Ruhe, ſo hager und todtenähnlich das Geſicht, das nach den Sternen emporſtarrte— ein Geſicht, furchtbar anzuſchauen; die Spuren des äußerſten Alters waren in der bläulichen runzligen Haut und in den tiefen Furchen eingegraben, während der Ausdruck jene tiefe Bosheit verrieth, welche einer Lebenskraft angehört, wie ſelbſt das höchſte Alter ſie nur ſelten kennen lernt. Die Kleidung von uralter Mode datirend, war ſchmutzig und zerriſſen, und weder aus der Tracht noch aus dem Geſichte war ſo leicht zu entnehmen, welches das Ge⸗ ſchlecht dieſer anſcheinenden Leiche ſeyn mochte; aber an dem eigen⸗ thümlichen Geruche,“ den die Geſtalt verbreitete, an einem gewiſſen Glänzen des Geſichts und den dürren gefalteten Händen erkannte Hilda, daß es eine jener Hexen und zwar von allen die gehaßteſte und verab⸗ ſcheuteſte war, welche durch Anwendung gewiſſer Salben die Kunſt be⸗ ſitzen ſollte, die Seele vom Leibe zu trennen, ſo daß letzterer wie todt zurückblieb, während die erſtere zu den ſchauerlichen Sabbathsorgien mitgeſchleppt wurde. Es war kein ſeltener Gebrauch, als Orte für ſolche Verzückungen alte Gräber und Heidentempel zu wählen, und Hilda ſetzte ſich neben * S. Note L. 364 die Hexe, um ihr Erwachen abzuwarten. Der Hahn krähte dreimal, ſchwere Dünſte begannen von den Matten aufzuſteigen und die knor⸗ rigen Wurzeln der Waldbäume zu bedecken, als das traurige Geſicht vor Hilda's Blicken Symptome wiederkehrenden Lebens verrieth; ein heftiger Schauder ſchüttelte die kaum zu unterſcheidende Ge⸗ ſtalt unter ihren unordentlichen Gewändern, ſie öffnete die Augen, ſchloß ſie— öffnete ſie abermals, und was noch vor wenigen Minuten eine Leiche geſchienen hatte, ſetzte ſich aufrecht und ſchaute ſich um. „Wicca,“ ſagte die däniſche Prophetin mit einem zwiſchen Neu⸗ gier und Verachtung ſchwankenden Tone,„welches Unheil gegen Thier oder Menſch hat Dich auf dem geräuſchloſen Pfade der Träume durch die Lüfte der Nacht entführt?“ Das Weſen ſchaute der Fragerin mit ſeinen triefenden aber wilden Augen ſtarr ins Geſicht und erwiederte langſam: „Heil, Hilda der Morthwyrtha! Warum trittſt Du nicht zu uns? Warum kommſt Du nicht zu unſeren Gelagen? Luſtigen Tanz haben wir heute Nacht mit Faul“ und Zabulus gehalten, aber noch toller ſollen unſere Sprünge in Senlacs Trinkhalle werden, wenn Deine Enkelin beim Fackellichte zu dem Brautbette ihres Herrn kom⸗ men wird. Eine ſchmucke Braut iſt Editha die Schöne, und holdſelig ſah ihr Geſicht geſtern Mittag im Schlafe, als ich neben ihr ſaß, ihr über die Stirne blies und den Vers murmelte, der den Traum ver⸗ düſtert; aber ſchöner noch ſoll ſie ausſehen, wenn ſie bei ihrem Herrn ſchlummert. Ha! Ha! Ha! Wir werden dabei ſeyn!“ „Wie!“ rief Hilda, erſchrocken über die Kunde, daß der geheime Ehrgeiz, den ſie hegte, ihrer ſündigen Schweſter in der Zauberkunſt bekannt war.„Wie kannſt Du auf dieſes Geheimniß der Zukunft An⸗ ſpruch machen, das ſogar für mich von düſteren Wolken bedeckt iſt? * Faul war ein böſer Geiſt, der von den Sachſen ſehr gefürchtet wurde; Zabulus und Diabolus(Teufeh) ſcheinen ein und dieſelbe Perſon geweſen zu ſeyn. —— Kannſt Du ſagen, wann und wo die Tochter der Nordlandskönige an ihres Gebieters Bruſt ſchlummern wird?“ Ein Laut, ähnlich dem Lachen, aber ſo unirdiſch in ſeinem bos⸗ eth; haften Jubel, daß er kaum von menſchlicher Lippe herzurühren ſchien,. Ge⸗ antwortete Vala, und als das Lachen erſtarb, erhob ſich die Hexe mit gen, den Wortend:.— ten„Geh und frage Deine Todten, o Morthwyrtha! Du dünkſt Dich ja weiſer als wir, die elenden Hexen, die der Ceorl ſucht, wenn eu⸗ die Viehſeuche unter ſeiner Heerde ausgebrochen iſt, oder die Maid, hier wenn ihr falſcher Geliebter ſie verläßt— wir, die wir keine den Men⸗ urch ſchen bekannte Wohnung beſitzen, aber im Nothfalle im Wald, in der Höhle oder neben trüben ſchlammigen Strömen, wo die mörderiſche lden Mutter ihr Kindlein ertränkte, zu finden ſind. Du, o Hilda, die reiche und gelehrte, willſt Rath und Lehre von Fauls Tochter verlangen?“ zu„Nein,“ gab die Vala hochmüthig zur Antwort,„nicht vor anz Deines Gleichen pflegen die großen Nornen die Zukunft zu enthüllen. och Was weißt Du von alten Runen, über dem rumpfloſen Schädel des enn mächtigen Odin geflüſtert— Runen, welche die Elemente beherrſchen om⸗ und die leuchtenden Schatten des Grabes heraufbeſchwören? Nicht 3 elig mit Dir wollen die Geſtirne verkehren und Deine Träume ſind nicht 17 ihr feierlich und erfüllt mit den Vorbedeutungen des Kommenden, ſondern er⸗ befleckt mit ſchmutzigen Schwelgereien! Ich wunderte mich nur, als 1 ern ich Dich an dem Sachſengrabe ſah, welche Freude Du an dieſem über⸗ irdiſchen Leben finden kannſt, das die Seele der ächten Vala aufwärts me zieht.“ nſt„Die Freude,“ erwiederte die Hexe,„die Freude, welche von In⸗ Macht und Weisheit herrührt, höher, als Ihr ſie jemals mit Euren 12 Zauberſprüchen aus Runen oder Geſtirnen gewonnen. Der Zorn ver⸗ leiht Gift dem Geifer des Hundes und Tod dem Fluche der Hexe. 5 Wann wirſt Du ſo weiſe ſeyn wie die Hexe, die Du verachteſt? Wann werden all die Wolken, die Dich umnachten, vor Deinem Seherblicke verſchwinden? Dann, wenn alle Deine Hoffnungen vernichtet, Deine . 366 Leidenſchaften erſtorben ſind, wenn Dein Stolz gedemüthigt und Du nur noch eine Ruine biſt, wie die Säulen dieſes Tempels, durch welche das Sternenlicht hereinſcheint.— Dann allein wird Deine Seele den Sinn der Runen klar erkennen, und dann wollen wir uns am Rande der ſchwarzen uferloſen See wieder begegnen.“ Trotz ihres Hochmuths und ihrer Verachtung war die ſtolze Pro⸗ phetin von dieſen Worten dermaßen betroffen, daß ſie noch lange, nach⸗ dem die furchtbare Erſcheinung verſchwunden war, in den leeren Raum hinausſtarrte, während die Lerche jubelnd aus dem Graſe ſich aufſchwang, das die ſchmutzigen Schritte der Here entweiht hatten. Aber noch ehe die Sonne den Thau des Waldraſens eingeſogen, hatte Hilda ihre gewohnte Ruhe wieder erlangt, und in ihrem gehei⸗ men Zimmer eingeſchloſſen, bereitete ſie den Zauber und die Runen zu der Anrufung des Todten. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Mit dem Entſchluſſe, falls das angerufene Orakel ſeine Abreiſe erlaubte, Editha durch Gurth hievon benachrichtigen zu laſſen, verab⸗ ſchiedete ſich Harold von ſeiner Verlobten, ohne auf ſeine noch unent⸗ ſchiedenen Plane anzuſpielen. Er verbrachte den Tag unter Vorberei⸗ tungen auf ſeine Reiſe und längere Abweſenheit mit dem Verſprechen an Gurth, ihm ſeine ſchließliche Antwort am folgenden Morgen zu geben, wo dann einer von Beiden nach Rouen aufbrechen ſollte. Doch machten ſich Gurths Gründe vor ſeiner eigenen nüchternen Vernunft immer geltender; auch waren Editha's Ahnungen auf ſein von Natur ſo feſtes, aber in neuerer Zeit für ſolch luftige Einflüſſe nur allzu empfäng⸗ liches Gemüth vielleicht nicht ohne Einwirkung geblieben, ſo daß er ſchon beim Abgange zu dem unſeligen Rendezvous mit der Morth⸗ wyrtha ſo ziemlich entſchloſſen war, ſeines Bruders Bitten nachzugeben. Die Nacht war trüb, aber nicht finſter; kein Mond ſchien am Him⸗ mel, ſie ar zoger lung Pfei zünd hellt dran aus Str Wa der 367 mel, nur zahlloſe Sterne flimmerten in bleichem Glanze, als lugten ſie aus den fernſten Tieſen des Himmels hervor; graue flockige Wolken zogen ſachte über den Horizont, die melancholiſchen Geſtirne abwechs⸗ de lungsweiſe enthüllend und verſchleiernd. Die Mortwyrtha ſtand in ihrer dunklen Tracht in dem Kreiſe der o⸗ Pfeiler; ſie hatte bereits am Fuße des Bautaſteines ein Feuer ange⸗ b 2. zündet, deſſen Schimmer die grauen Schäfte mit rothem Lichte er⸗ en hellte und durch ihre zertrümmerten Bogen bis auf den Raſen hinaus⸗ ſich drang. Neben ihr ſtand ein Gefäß, anſcheinend mit reinem Waſſer aus dem alten Römerbrunnen gefüllt, deſſen klare Oberfläche unter den 1 Strahlen der Flamme blutroth erglühte. Hinter ihnen, in einem um ſei⸗ Waſſer und Feuer gezogenen Kreiſe lagen einzelne Rindenſtücke, in en 3 der Form von Pfeilſpitzen eigenthümlich zugeſchnitten und mit myſti⸗ ſchen Buchſtaben überſchrieben; man zählte neun Stücke und auf je⸗ dem waren Runen eingegraben. In ihrer Rechten hielt die Morthwyrtha ihren Zauberſtab; ihre Füße waren bloß, ihre Lenden mit dem von myſtiſchen Lettern bedeck⸗ ten Hunnenbande umgürtet; an dem Gürtel hing eine Taſche aus ſe Bärenſell mit ſilbernen Platten. Ihr Geſicht hatte bei Harolds Ein⸗ 2 tritte ſeine gewohnte Ruhe verloren— es war wild und bewegt. Sie t⸗ ſchien Harolds Gegenwart nicht zu bemerken und ihr ſtarres ſtrenges i⸗ Auge war das einer Verzückten. Langſam, als ob ſie von einer frem⸗ n den Macht angetrieben würde, begann ſie ſich mit abgemeſſenem Schritte 7, im Kreiſe zu bewegen, bis ihre Stimme endlich leiſe, tief und hohl in n einen abgeriſſenen Geſang ausbrach, der in der unvollkommenen Ueber⸗ 1 r 1 ſetzung ungeſähr alſo lautete: 3 0 4 „Beim Urdarquell täglich 2 Aus Baches Gebrüll r Die Nornen beſprengen Den Baum Ygg⸗draſill.* * Yggo⸗draſill— der myſtiſche Eſchenbaum des Lebens, das Symbol der Erde, von den Schickſalsſchweſtern bewäſſert.— S. Note M. 368 Der Haaſ' nagt die Knoſpen, Der Wurm frißt am Baum, Der Adler, allſehend, Hält Wacht hoch im Raum.“ „Auf’s Grab dieſe Tropfen Aus der Quelle ſo kalt, Mit der Run' ich dich rufe, Mit Feuers Gewalt. Du Vater der Menſchen Begraben im Land, Gib Antwort der Vala, Dem Tapfern Verſtand.“ Während ſie alſo ſang, ſpritzte die Morthwyrtha die Tropfen aus dem Gefäſſe über den Bautaſtein und warf dann die mit Runen über⸗ ſchriebenen Rindenſtücke eins nach dem andern ins Feuer. Sey es nun, daß irgend ein harziger oder ſonſtiger chemiſcher Stoff mit dem Laſſer vermiſcht war— genug, ein bleicher Schimmer leuchtete von dem alſo beſprengten Grabſteine und die ganze Höhlung erglänzte in der Beleuchtung des hüpfenden Feuers. Aus dieſem Lichte ſchied ſich allmälig ein Nebel oder dünner Rauch und nahm— obwohl undeut⸗ lich— die Umriſſe einer rieſigen Menſchengeſtalt an; doch war der Umriß für Harolds Auge ſo ſchwer zu unterſcheiden, daß er, ſo feſt er auch hinſchaute und das laut pochende Herz mit mächtiger Anſtren⸗ gung zu ſtillen ſuchte, doch nicht darüber ins Klare kam, ob es ein Phantom oder Dunſt ſey, was er vor ſich ſah.— Die Vala hielt inne, auf ihren Stab ſich lehnend und voller Scheu den glühenden Stein betrachtend, während der Earl, die Arme über der breiten Bruſt gekreuzt, ſtumm und regungslos daſtand. Da begann die Zauberin von Neuem: „Ich ehr' dich, o Todter, Du wolkengeſtaltet, Das Licht deiner Thaten, In's Grabtuch gefaltet! aus ſber⸗ h es dem von e in ſich eut⸗ der t er ten⸗ ein ller me Da 369 „Wie Odin befragte Mimirs Schädel ſo hohl,* So forſchet ſein Erbe Von dir— was er ſoll.“ Das Schweigen der Morthwyrtha wurde von einem lauten Praſ⸗ ſeln des Feuers beantwortet und aus der Flamme flog eines der Rin⸗ denſtücke zu den Füßen der Zauberin— die Runenlettern ganz mit Funken ausgezackt. Die Zauberin ſtieß einen lauten Schrei aus, der dem Carl trotz ſeines Muthes und ſeiner natürlichen Feſtigkeit durch Mark und Bein ging, ſo furchtbar klang er in ſeinem Schreck und Grimme, und während ſie die leuchtenden Buchſtaben mit geiſterhaftem Blicke betrachtete, brach ſie in die Worte aus: „Nicht Kriegesmann biſt du, Kein Kind aus dem Sarg: Ich kenn' dich und ſchaudre, O Oſa, ſo ſtark. Du ſchließeſt die Lippen, Hemmſt Zauberſpruchs Welle, Du Rieſengeborner Und Vater der Hölle!“** Die ganze Geſtalt der Morthwyrtha erbebte in heftigen Krämpfen, wie von einem Anfalle von Raſerei geſchüttelt; Schaum ſammelte ſich auf ihren Lippen und ihre Stimme klang wie tiefes Stöhnen: * Mimir— der berühmteſte unter den Rieſen. Waner, dem er als Geiſel übergeben war, ſchnitt ihm den Kopf ab. Odin balſamirte ihn ein durch ſeine Seid oder Zauberkunſt, ſprach myſtiſche Runen darüber und pflegte ihn von nun an bei kritiſchen Veranlaſſungen immer um Rath zu fragen. ** Aſa⸗Lok oder Loke(zu unterſcheiden von Utgard⸗Lok, dem Dämon der hölliſchen Regionen), ſtammte von den Rieſen ab, ward aber unter die himmliſchen Gottheiten aufgenommen— ein boshafter verrätheriſcher Gott, welcher gern fremde Geſtalten annahm und allenthalben Unheil ſtiftete, in ſeinen Attributen unſerem Lucifer gleichkommend. Eine ſeiner Nachkommen war Hela, die Königin der Hölle. Bulwer, Harold. 24 370 „Im Eiſenwald hauſet Der webet nur Harm, Der rieſ'ge Bluttrinker Hexenſohn Managarm. Ein Kahn naht der Sandbank— Aus Schlamm und Moraſt Krabbelt Eidechs und Natter, Der Flut grauſer Gaſt. Du ſtehſt auf dem Felſen Wo die Träum rin dich ſah. Schwing die Flügel, o Seele, Eh' Zaubers Trug nah. Arg iſt der Verſucher, Der Widerſtand ſtark; Doch wird er beſieget, Wenn der Held ächt von Mark!“ Die Vala ſchwieg abermals, und obwohl man ſehen konnte, daß ſie in ihrer Verzückung von Harolds Anweſenheit immer noch nichts wußte und nur die gezwungene paſſive Stimme einer fremden— ob nun wirklichen oder eingebildeten— Macht zu ſeyn ſchien, näherte ſich dennoch der ſtolze Mann und ſprach:. „Aecht ſoll er ſeyn von Mark; auch ſind es nicht die Gefahren, die mir drohen, weßhalb ich Todte oder Lebende befragen möchte. Wenn aus dieſen luftigen Schatten, dieſen räthſelhaften Zaubern deutliche Antworten zu menſchlichen Sinnen gelangen können, ſo ant⸗ worte mir, o Deuterin des Schickſals— antworte blos auf die Fra⸗ * In einem Walde, genannt Jamvid— der Eiſenwald— wohnt eine Hexe, die Mutter vieler Rieſenſöhne in Wolfsgeſtalten; einer von ihnen, un⸗ ter allen vom furchtbarſten Stamme, heißt„Managarm“. Er pflegt ſich von dem Blute ſolcher Menſchen zu nähren, die ihrem Ende nahe ſind; er will den Mond verſchlingen und Himmel und Erde mit Blut beflecken.“— Aus der in Proſa gefaßten Edda. In der ſkandinaviſchen Poeſie iſt Managarm zuweilen das Symbol des Kriegs und der Eiſenwald eine Metapher für Speere. gen wer alſo ſie wer And daß ichts — ob ſich dren, chte. bern ant⸗ Fra⸗ eine un⸗ von will Aus arm für 371 gen, die ich Dir ſtelle.— Wenn ich an den Hof des Normannen ziehe, werde ich unverſehrt zurückkehren?“ Die Vala ſtand ſtarr wie ein ſteinernes Bild, während Harold alſo ſprach und ihre Stimme kam ſo langſam und fremdartig, als ob ſie gewaltfam über ihre kaum geöffneten Lippen bräche. „Unverſehrt wirſt Du zurückkehren.“ „Werden die Geiſeln Godwins, meines Vaters, freigegeben werden?“ „Die Geiſeln Godwins werden frei,“ gab dieſelbe Stimme zur Antwort;„Harolds Geiſel aber wird zurückbehalten.“ „Warum eine Geiſel von mir?“ „Zum Pfande des Bündniſſes mit dem Normannen.“ „Ha! ſo wird der Normann mit Harold ein Bündniß der Treue und Freundſchaft errichten?“ „Ja!“ lautete die Antwort der Vala, doch zuckte diesmal ein ſichtlicher Schauer über ihre ſtarre Geſtalt. „Noch zwei Fragen und ich bin fertig. Die normänniſchen Prie⸗ ſter beſitzen das Ohr des römiſchen Pontifer. Wird mein Bündniß mit William dem Normannen mir meine Braut gewinnen helfen?“ „Es wird Dir gewinnen die Braut, die Du nie heimgeführt hät⸗ teſt ohne den Bund mit William, dem Normannen. Hör' auf mit Deinen Fragen, höre auf!“ fuhr die Stimme fort, wie in furchtbarem Kampfe erbebend;„denn es iſt der Dämon, der mir die Worte aus⸗ preßt und ſie ſaugen an meiner Seele, indem ich ſie ausſpreche.“ „Nur eine Frage bleibt mir noch übrig— werde ichs erleben, daß ich Englands Krone trage und falls dieſes geſchehen ſoll— wann werde ich König werden?“ Bei dieſen Worten leuchtete das Antlitz der Prophetin, das Feuer flammte plötzlich höher und lebhafter empor; helle Funken beleuchte⸗ ten die Runen auf den Rindentrümmern, welche von der Flamme aus⸗ geſpieen wurden, und die Morthwyrtha beugte ſich über ſie, hob ſie triumphirend empor und brach abermals in folgenden Geſang aus: 24* * Wolfmond— Januar. 372 „Wenn der Wolfmond,“* grimm und herbe, Häuft den Schnee auf Thal und Berge; Durch der Lüfte wint'rig Glitzen Sonnenſtrahlen neckiſch blitzen; Wenn die Eisjuwelen flimmern Daß die leeren Aeſte ſchimmern: Dann das Maß wird ſeyn beendet, Und der Kreis— er wird vollendet. Cerdies Stamm, von Thor entſproſſen, Wird durch Edwards Grab beſchloſſen; Und die Kron aus Wodans Haus Sticht kein andrer Sachſe aus. Was du thuſt— thu's ohne Zagen, Jeder Schritt zum Thron muß tragen. Trug, Gewalt mag dich wohl ſchmälen— Wird der ſichre Geiſt dir fehlen? Ob er fehlt, du ſpött'ſcher Späher, Doch dem Throne kommſt du näher. Liſt ſetz' gegen Liſt, und nimmer Raubt Gewalt der Krone Schimmer: Bis die Todten ohn’ Erbarmen Hetzen Kriegsroſſ' um den Armen; Bis die Sonn' im letzten Lauf Ruft die Gegenſterne auf: Wann das Kriegsroß um den Armen Todte tummeln ohn’ Erbarmen. Was du thuſt— thu's ohne Zagen, Jeder Schritt zum Thron muß tragen. Nimmer wird dein Haus vergehen, Noch der Scepter dir entſtehen; Lang wie Sachſenname gilt Wo dein Thron dem Land ein Schild; Nam’ und Thron in Eins geſellt, Blatt und Wurzel, wächst und fällt: So das Maß wird ſeyn beendet, Und der Kreis wird ganz vollendet. Frager, biſt du nun zufrieden? Deine Barke ſoll hienieden ———,—-—— Jede Klippe überwinden, Jede Wog' dichegrößer finden, Und durch höh're Macht zum Lohn Sollſt du ſtranden auf dem Thron. Wenn der Wolfmond grimm und herbe Häuft den Schnee auf Thal und Berge; Durch der Winterlüfte Glizen Soll dein Königsſcepter blitzen: Wenn am Aſt die Eiſesperl, Glänzt an dir der Kron Juwel: Wenn der Winterwind ſich mengen Wird mit heil'gen Krönungsſängen— Klingt durch Mon⸗ und Windsgeheul: „Heil dem König— Harold Heil!“ Faſt übermenſchlicher Triumph— ſo tief und feierlich klang er — zitterte in der Stimme, die auf ſolche Weiſe ihre Prophezeiungen beſchloß, welche die drohenden, aber undeutlicheren Warnungen, womit der grauſige Anruf begonnen hatte, auffallend Lügen zu ſtrafen ſchie⸗ nen. Die Morthwyrtha ſtand aufrecht und in ſtolzer Haltung, noch immer die bläuliche Flamme betrachtend, welche von dem Grabſteine emporſtieg, bis die erbleichende Helle verglimmte und endlich unter plötzlichem Flackern erſtarb, den grauen Todtenſtein einſam des Wet⸗ ters Stürmen preisgebend, während der Wind aus Norden ſich erhob und durch die dachloſen Säulen ſeufzte. Kaum war das Licht über dem Grabe erloſchen, als Hilda mit einem tiefen Seufzer beſinnungs⸗ los zu Boden ſtürzte. Harold hob die Augen zu den Sternen und murmelte: „Wenn es Sünde iſt, wie die Prieſter ſagen, die finſteren Schran⸗ ken, die uns hienieden umgeben, zu durchbrechen und in der düſteren Welt jenſeits die Zukunft zu leſen— warum, o Himmel, gabſt du uns die Vernunft, ſie— ewig raſtlos, außer wenn ſie forſcht? Warum haſt du uns dieſes geheimnißvolle Geſetz des Verlangens, immer nach dem Höchſten ſtrebend, ewig nach dem Fernſten greifend— warum haſt du's uns ins Herz gepflanzt?“ 374 Aber der Himmel verſagte der unruhigen Seele die Antwort. Die Wolken ſtrichen hin und her auf ihren Wanderzügen, der Wind ſeufzte noch immer durch die hohlen Steine, das Feuer ſchleuderte ſeine eitlen Funken gegen die Sterne. Und im Wind, in Feuer und Wolken konnteſt du keine Antwort des Himmes ableſen— du unruhige Seele? .. Am andern Tage ſah man Earl Harold, den Falken auf der Fauſt,* den Jagdhund luſtig vor ſeinem Roſſe dahertanzend, frohen Herzens und voll hoher Hoffnungen mit ſtattlichem Gefolge nach dem nor⸗ männiſchen Hofe aufbrechen. Neuntes Buſch. Die Todtenbeine. Sechsundoierzigſtes Kapitel. William, Graf der Normannen, ſaß in einem ſchönen Gemache ſeines Pallaſtes zu Rouen; auf dem großen Tiſche vor ihm lagen zahl⸗ reiche Beweiſe ſeines mannigfaltigen Strebens als Krieger, Heerfüh⸗ rer, Denker und Staatsmann, wie es den weiten Raum dieſer ſchlaflo⸗ ſen Seele erfüllte. Da ſah man einen Plan des neuen Hafens von Cherbourg und daneben ein offenes Manuſcript ſeines Lieblingsbuches, der Commenta⸗ rien Cäſars, aus denen er die Taktik ſeines kriegeriſchen Wiſſens theil⸗ weiſe entlehnt haben ſoll, wenigſtens waren die Worte des großen Römers mit ſeinen eigenen kühnen Handzügen markirt, betüpfelt und * So zeigen ihn die Stickereien zu Bayeux. port. Vind eine elken ſele? ſt,* bens nor⸗ 375 unterbrochen. Ein Bündel langer Pfeile, an deren Federn oder Bol⸗ zen irgend eine geſchickte Verbeſſerung angebracht war, lagen ſorglos zerſtreut über etlichen Bauriſſen einer neuen Kloſterkirche und dem Entwurfe ihrer Stiftungsurkunde. Ein offenes Käſtchen von der zier⸗ lichen Arbeit der engliſchen Goldſchmiede, welche damals vorzugsweiſe hiefür berühmt waren— eines von Edwards Abſchiedsgeſchenken— enthielt Briefe von den verſchiedenen Potentaten fern und nah, welche um ſein Bündniß nachſuchten oder ſeine Ruhe bedrohten. Auf einer Stange hinter ihm ſaß ſein Lieblingsfalke von norwegi⸗ ſcher Zucht, ohne Schirmhut, denn er hatte den höchſten Gipfel ſeiner Erziehung erreicht, das heißt, er konnte ungeſtört Geſellſchaft um ſich dulden.’ Auf einer Art von Staffelei am hintern Ende der Halle war ein Zwerg, mißgeſtaltet von Gliedern aber von auffallend ſcharfſinni⸗ gem verſtändigem Geſicht, mit der Entwerfung des berühmten Schlacht⸗ feldes auf den Dünen beſchäftigt, welches der Schauplatz einer der glänzendſten Waffenthaten Williams geweſen war— ein Entwurf, der von der Herzogin Mathilde zu einer ihrer bemerkenswerthen Stickereien benützt werden ſollte. Auf dem Boden, neben einem rieſigen Bärenhetzer von engliſcher Zucht, der die Spielereien nicht ſonderlich zu lieben ſchien und hie und da mit gewaltigem Brummen ſeine weißen Zähne zeigte, ſpielte ein junger Knabe, der in den Zügen mit dem Herzog ziemlich viel Aehn⸗ lichkeit zeigte, aber einen offeneren und minder ſcharſſinnigen Ausdruck hatte, auch etwas von der breiten Bruſt und den Schultern des Her⸗ zogs beſaß, ohne jedoch eine ſo ſtattliche Figur zu verſprechen, welche auch wirklich nöthig war, um einer ſonſt plumpen und ungraziöſen Körperfülle Würde und Anmuth zu verleihen. In der That hatte Williams athletiſche Geſtalt ſeit ſeinem Be⸗ ſuche in England gar Vieles von ihrem jugendlichen Ebenmaße ver⸗ loren, wiewohl ſie noch nicht durch jene Korpulenz entſtellt war, welche bei den Normannen wie den Spartanern eine gleich ſeltene Krankheit bildete. Was jedoch an einem Gladiator ein Mangel, iſt oft eine ——— 376 Schönheit an einem Fürſten, wie denn die gewaltigen Verhältniſſe des Herzogs dem Auge des Betrachtenden einen Eindruck königlicher Majeſtät und phyſiſcher Stärke hinterließen. In ſeinem Geſichte mehr als in ſeiner Geſtalt war der Zahn der Zeit nicht zu verkennen: das kurze ſchwarze Haar hatte von der fort⸗ währenden Reibung des Helmes an den Schläfen einzelne kahle Stel⸗ len davongetragen; das unaufhörliche Vertieftſeyn in verſchmitzte Plane und ehrgeizige Entwürfe hatte die Runzeln um das intrigui⸗ rende Auge und den feſten Mund tiefer eingegraben, ſo daß es ihm nur durch die Anſtrengung eines Schauſpielers gelang, ſeinem Aus⸗ drucke jene edle ritterliche Freimüthigkeit, wie er ſie einſt an ſich ge⸗ tragen, wieder zu gewinnen. Der große Fürſt war freilich nicht mehr, was der kühne Krieger geweſen— er war höher im Staats⸗ niedriger aber im Seelenleben geworden, und trotz ſeiner großen Ei⸗ genſchaften als Regent hatte ſeine heroiſche Natur, deren angeborene Strenge die normänniſchen Edlen nicht ohne Mühe in die Gränzen der Gerechtigkeit zurückwieſen, bereits einzelne Vorzeichen Deſſen ver⸗ rathen, was aus ihm werden würde, wenn ſeine feurigen Leidenſchaf⸗ ten, ſein ſchonungsloſer Wille einen weiteren Spielraum vor ſich fänden. Vor dem Herzog, der das Kinn auf die Hand geſtützt hatte, ſtand Mallet de Graville in ernſtem Geſpräche, das ſeinen Herrn eben ſo ſehr zu intereſſiren als zu ergötzen ſchien. „Genug!“ ſagte William,„ich begreife die Natur des Landes und ſeiner Leute— eines Landes das, unbelehrt durch die Erfahrung und in dem vollen Glauben, als ob ein Friede von zwanzig bis dreißig Jahren bis zum jüngſten Gerichte dauern müſſe, all ſeine Schutzwehren vernachläſſigt und außer Dover keine einzige Feſte zwiſchen Küſte und Hauptſtadt beſitzt— eines Landes, das durch eine einzige Schlacht gewonnen oder verloren wird, und ſeiner Leute“(hier ſtockte der Her⸗ zog)„ſeiner Leute,“ fuhr er ſeufzend fort,„die ſo ſchwer zu über⸗ winden ſind, daß ich mich nicht wundere, wenn ſie ihre Feſtungen ver⸗ nachläſſigen. Pardex, ich ſage— genug von ihnen. Laßt uns zu Harold zurückkehren— Du meinſt alſo, er ſey ſeines Ruhmes würdig?“ „Er iſt faſt der einzige Engländer, den ich geſehen, welcher ge⸗ lehrte Bildung und Erziehung erhalten hätte,“ gab de Graville zur Antwort;„ſeine Fähigkeiten ſtehen alle in ſo ebenem Gleichgewichte und ſind von ſolcher Ruhe und Faſſung begleitet, daß es mir bei ſeinem Anblicke vorkommt, als ob ich ein kunſtvolles Kaſtell betrachte, deſſen Stärke ſich nicht bei dem erſten Anblicke und überhaupt nur von De⸗ nen, die es angreifen, erkennen läßt.“ „Du irrſt Dich, Sire de Graville,“ meinte der Herzog mit ſchlauem verſchmitztem Blinzeln in den leuchtenden ſchwarzen Augen. „Du ſagſt mir ja, daß er keine Ahnung von meinen Entwürfen auf den engliſchen Thron beſitzt— daß er Deiner Eingebung, die Geiſeln in eigener Perſon an meinem Hofe zu holen, ein williges Ohr leiht— mit einem Worte, daß er nicht argwöhniſch iſt.“ „Das iſt wahr, argwöhniſch iſt er nicht,“ verſicherte Mallet. „Und glaubſt Du, ein kunſtvolles Kaſtell ohne Schildwache oder Außenpoſten habe ſonderlichen Werth, oder ein gebildeter Geiſt ohne ſeinen Wächter— den Argwohn— ſey ſtark und ſicher?“ „In der That, mein Herr ſpricht wohl und weiſe,“ verſetzte der Ritter betroffen:„aber Harold iſt mit jeder Fiber ein Engländer und die Engländer ſind ein gens, das unter allen erſchaffenen Weſen zwi⸗ ſchen Schaaf und Engel am wenigſten von Argwohn weiß.“ William lachte laut; aber ſein Lachen wurde plötzlich unterbro⸗ chen, denn in dieſem Augenblick ließ ſich ein wilder Schrei vernehmen, und indem er haſtig aufſchaute, ſah er Sohn und Hund, wie es ſchien in tödtlichem Kampfe, über den Boden kugeln. William ſprang zur Stelle; allein der Knabe, der in jenem Mo⸗ mente unter dem Hunde lag, ſchrie laut: „Laissez aller! Laissez aller! nichts von Befreiung! Ich will meinen Gegner ſelbſt bemeiſtern—“ und mit gewaltiger Anſtren⸗ gung auf die Kniee ſich aufrichtend, packte er den Hund mit beiden 8 — 378 Fäuſten an der Kehle, daß das Thier mit knirſchenden Zähnen ſich vergeblich hin und her wand und in der nächſten Minute ohne Gnade erſtickt wäre. „Jetzt muß ich meinen guten Hund retten,“ meinte William mit dem frohen Lächeln ſeiner früheren Tage, worauf er nicht ohne An⸗ ſtrengung ſeiner gewaltigen Kraft den Hund aus der Umklammerung ſeines Sohnes befreite. „Das war übel gethan, Vater,“ rief Robert, ſchon damals mit dem Beinamen le Courthose*„für den Gegner Deines Sohnes Par⸗ tei zu nehmen.“ „Ei, meines Sohnes Gegner iſt Deines Vaters Eigenthum, mon vaillant!“ erwiederte der Herzog,„und Du haſt Dich wegen Ver⸗ raths zu verantworten, wenn Du mit meinem eigenen vierfüßigen Vaſallen Streit und Fehde hervorrufſt.“ „Er iſt nicht Dein Eigenthum, Vater: Du gabſt mir den Hund noch als ganz jung.“ „Fabeleien, Monseigneur de Courthose; ich lieh ihn Dir nur auf einen Tag, als Du durch einen Sprung vom Walle Deinen Knö⸗ chel luxirt hatteſt, und ſo ſehr Du auch gelähmt wareſt, ſo hatteſt Du noch immer Bosheit genug, um das arme Thier bis zum Fieber zu ärgern.“ „Geſchenkt oder geliehen— Alles einerlei, Vater; was ich ein⸗ mal habe, das will ich behalten, wie Du es vor mir ſchon in der Wiege machteſt.“ Und der große Herzog, der in ſeinem eigenen Hauſe der weichſte und ſchwächſte der Menſchen war, nahm den Knaben mit täppiſcher Zärtlichkeit auf die Arme und küßte ihn, ohne mit all' ſeinem weit⸗ ſichtigen Scharfblicke zu bedenken, daß in dieſem Kuſſe die Saat jenes grauenvollen Fluches lag, der von des Vaters Todbette ausging, und mit dem Elend und Verderben des Sohnes enden ſollte. Sogar Mallet de Grasille runzelte die Stirne— ſogar Turold, *„Der Höfliche.“ .——— 82 379 der Zwerg, ſchüttelte den Kopf beim Anblick der Schwäche ihres Ge⸗ bieters. In dieſem Augenblick trat ein Offizier in's Zimmer mit der Meldung, daß ein engliſcher Edelmann anſcheinend in großer Haſt (denn ſein Roß war beim Abſteigen todt niedergeſtürzt,) vor dem Pal⸗ laſte angekommen ſey und augenblickliche Audienz bei dem Herzog verlange. William ſetzte den Knaben nieder, gab den kurzen Befehl zur Ein⸗ führung des Fremden, und de Graville zum Nachfolgen winkend, trat er alsbald in das nächſte Zimmer, um ſich mit ſeiner bekannten Pünkt⸗ lichkeit im Ceremoniell auf ſeinem Staatsſeſſel niederzulaſſen. Wenige Augenblicke ſpäter führte einer der Seneſchalle des Pal⸗ laſtes einen Beſuch ein, den ſein langer Schnurrbart ſogleich als Sachſen ankündigte und in welchem de Graville mit Ueberraſchung ſeinen alten Freund Godrith erkannte. Der junge Than trat mit ei⸗ ner Verbeugung, haſtiger als William ſie ſonſt gewöhnt war, bis an den Fuß des Dais und begann mit einer von Aufregung erſtickten Stimme und in normänniſcher Sprache: „Dir, Monſeigneur, überbringe ich den Gruß von Harold dem Earl. Ihm iſt von Deinem Lehensmanne Guy, Grafen von Ponthieu, höchſt unchriſtliches niederträchtiges Unrecht widerfahren. Als nämlich der Earl in der Abſicht Deinen Hof zu beſuchen in zwei Barken von England herüberſegelte, trieb der Sturmwind ſeine Schiffe gegen die Mündung der Somme;“ dort landete er ohne Furcht, da er ſich ja in keinem feindlichen Lande befand, wurde aber mit ſeinem Gefolge von dem Grafen ergriffen und in dem Schloſſe von Belrem““ in's Gefäng⸗ niß geworfen. Ein Kerker, nur für Uebelthäter taugend, umſchließt bis auf die jetzige Stunde den erſten Lord von England und Schwager unſeres Königs: nicht genug, dieſer höchſt geſetzwidrige Graf hat ſogar Winke von Hungertod, Tortur und Enthauptung fallen laſſen— ob im Ernſt oder in der niedrigen Abſicht, das Löſegeld zu erhöhen, * Roman de Rou, Th. II., S. 1078. „* Belvem, Beaurain, das jetzige Montreuil. 380 weiß ich nicht. Endlich durch die Verachtung und Feſtigkeit des Earls ermüdet, hat mir dieſer verrätheriſche Ponthieu erlaubt, Dir Ha⸗ rolds Botſchaft zu überbringen. Der Earl kam zu Dir als Prinz und Freund: wirſt Du da zugeben, daß Dein Lehensmann ihn wie einen Dieb oder Feind gefangen hält?“ „Edler Engländer,“ erwiederte William ernſthaft,„das iſt eine Sache, welche meinem Bereiche ferner liegt, als Du zu glauben ſcheinſt. Es iſt wahr, daß Guy, Graf von Ponthieu, Lehen von mir trägt; aber über die Geſetze ſeiner Herrſchaft ſteht mir keine Kontrole zu und nach dieſen Geſetzen hat er das Recht über Leben und Tod aller Derer, die an ſeiner Küſte ſtranden oder ſonſt getroffen werden. Den Unfall Eures berühmten Earls kann ich nicht anders als beklagen, und was ich zu thun vermag, ſoll geſchehen; nur darf ich in dieſer Sache mit Guy nur als Fürſt mit dem Fürſten, nicht aber wie der Gebieter mit dem Vaſallen verkehren. Mittlerweile bitte ich Dich, bei mir auszuruhen und Dich zu erfriſchen, während ich über die zu ergreifenden Maßre⸗ geln alsbald Rath pflegen werde.“ Das Antlitz des Sachſen zeigte Schrecken und Enttäuſchung bei dieſem Beſcheid, den er ſo ganz anders erwartet hatte, und mit der angeborenen barſchen Ehrlichkeit, welche all' ſeine neuere Nachahmung normänniſcher Sitten nicht hatte ausrotten können, gab erzur Antwort: „Ich will keinen Tropfen trinken und keinen Biſſen anrühren, bis Du, Herr Graf, als Edler für den Edlen, als Chriſt für den Chriſten, als Menſch für den Menſchen entſchieden haſt, welche Hülfe Du dem Manne gewähren wirſt, der blos durch ſein Vertrauen auf Dich in dieſe Gefahr gerathen iſt.“ „Ach!“ ſagte der große Heuchler,„ſchwer iſt die Verantwortlich⸗ keit, womit Deine Unkenntniß unſeres Landes, unſerer Menſchen und Geſetze mich belaſten möchte. Wenn ich in dieſer Angelegenheit nur einen einzigen falſchen Schritt thue, dann wehe Deinem Gebieter! Guy iſt hitzig und hochmüthig und in ſeinem Rechte; er iſt im Stande, mir auf ein allzu hartes Verlangen um Freilaſſung den Kopf des 381 Carls als Erwiederung zu ſchicken. Viel Geld und weite Ländereien wird es mich koſten, um den Earl auszulöſen; doch fürchte nichts— mein halbes Herzogthum wäre kein zu hoher Preis für die Rettung Deines Gebieters. So gehe denn, ſpeiſe nur wohlgemuth und trinke mit hoffnungsvollem Gebete auf des Earls Geſundheit.“ „Mit Eurer Erlaubniß, mein Gebieter,“ bemerkte de Graville, „ich kenne dieſen edlen Than, und möchte mir von Euch die Gnade erbitten, für ſeine Verpflegung ſorgen und ſeinen Geiſt aufheitern zu dürfen.“ 3 „Das ſollſt Du, aber ſpäter; einem ſo edlen Gaſte ſoll Niemand als mein vornehmſter Seneſchall die erſte Ehre erweiſen.“ Und an den wartenden Hofbeamten ſich wendend, befahl er ihm, den Sachſen in William Fitzosborne’s Zimmer zu führen(dieſer wohnte damals im Pallaſte) und der Sorgfalt dieſes Grafen zu empfehlen. Der Sachſe entfernte ſich mürriſch; kaum aber hatte ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, als William ſich erhob und voll trium⸗ phirender Freude im Zimmer auf und ab ging. „Ich habe ihn! Ich habe ihn!“ rief er laut;„nicht als freien Gaſt, ſondern als losgekauften Gefangenen. Ich habe ihn— den Earl!— Ich habe ihn! Gehe Mallet, mein Freund, jetzt ſuche dieſen ſauertöpfiſchen Engländer, und hörſt Du!— erfülle ſein Ohr mit allen Mähren, die Du über Guy's Grauſamkeit und Rachſucht nur immer erſinnen kannſt; vergrößere die Schwierigkeiten, die mir bei Befreiung des Earls im Wege ſtehen; erhöhe die Gefahr der Gefan⸗ genſchaft und male in ſtarken Farben die volle Gnade der Befreiung. Verſtehſt Du mich?“ 2 „Ich bin Normanne, Monſeigneur,“ erwiederte de Graville mit leiſem Lächeln,„und wir Normannen verſtehen es ſchon, einen großen Raum mit kurzem Mantel zu bedecken. Ihr ſollt mit meiner Geſchick⸗ lichkeit nicht unzufrieden ſeyn.“ „So gehe— gehe,“ befahl William,„und ſchicke mir alsbald— Lanfranc— nein, halt, nicht Lanfrane, der iſt zu ſtrupulös; Fitzos⸗ 382 borne— nein, der iſt zu hochſinnig. Gehe nur zu meinem Bruder Odo von Bayeux und bitte ihn, mich augenblicklich aufzuſuchen.“ Der Ritter verſchwand mit tiefer Verbeugung, während William mit leuchtenden Augen und murmelnden Lippen fortwährend im Zim⸗ mer auf und ab ging. Siebenundoierzigſtes Kapitel. Erſt auf wiederholte Sendungen, welche im Anfange, ohne von einem Löſegeld zu reden, in hohem Tone abgefaßt waren, wodurch William ohne Zweifel die Unterhandlungen verlängern und den Werth ſeiner Dienſte erhöhen wollte, gab Guy von Ponthieu ſeine endliche Einwilligung zur Loslaſſung des erlauchten Gefangenen. Das Löſe⸗ geld beſtand in einer ſtarken Geldſumme und einer großen Herrſchaft* am Fluſſe Eaulne; ob aber dieſer Lohn wirklich das Löſegeld oder nur der Preis für die gelegte Schlinge war, vermag jetzt Niemand mehr zu ſagen, und ſchärfer als der unſrige müßte der Verſtand ſeyn, der hier die wahrſcheinlichere Vermuthung aufſtellen wollte. 3 Kaum waren die Stipulationen bereinigt, als Guy ſelber die Thore des Kerkers öffnete. Er gab ſich die Miene, wie wenn er die ganze Sache als vollkommen rechtlich und geſetzmäßig, nunmehr aber als glücklich und ehrlich abgeſchloſſen betrachte, und zeigte ſich jetzt ebenſo freundlich und herablaſſend, als er früher finſter und drohend geweſen war. Er begleitete ſogar Harold mit glänzendem Gefolge nach Cha- teau d' Eu,** wohin ihm William entgegen gereist war, und lachte mit heiterer Anmuth über des Carls kurze und verächtliche Antworten auf ſeine Komplimente und Entſchuldigungen. An den Thoren dieſes wegen der Treue ſeiner Gebieter in ſpäte⸗ ren Zeiten übel berüchtigten Schloſſes empfing William ſeinen Gaſt, indem er allen Stolz der Etikette, die er an ſeinem Hofe eingeführt *„Un bel maneir“— Roman de Rou, II. Th., S. 1079. ** Guillaume de Poictiers:„apud Aucense Castrum.“ 383 hatte, bei Seite legte; er half ihm ſogar beim Abſteigen und um⸗ armte ihn herzlich unter der lauten Fanfare der Pfeifen und Trom⸗ peten. Die Blüthe jenes glorreichen Adels, der ſich nach wenigen Gene⸗ rationen vom geſetzloſen Seeräuber des baltiſchen Meeres ſo hoch em⸗ porgeſchwungen hatte, war diesmal auserleſen worden, um Gaſt und Wirth gleichermaßen Ehre zu erweiſen. Da waren Hugo de Mont⸗ fort und Roger de Beaumont, geehrt im Felde wie im Rathe und im NRuhme ergraut. Da war Henri, Sire de Ferrers, deſſen Name ver⸗ muthlich von den großartigen Eiſenhämmern herſtammte, welche rings um ſein Schloß brannten, und wo undurchdringliche Waffen für jeden Kampf geſchmiedet wurden. Da war Raoul de Tancarville, Williams ehemaliger Erzieher und erblicher Kämmerer der normänniſchen Gra⸗ fen; Geoffroi de Mandeville und Touſtain der Schöne, deſſen Namen mitten unter der allgemeinen Wortverdrehung das Zeugniß ſeiner däniſchen Geburt noch immer beibehielt; ferner Hugo de Grantmesnil, erſt kürzlich aus der Verbannung zurückgekehrt, Humphrey de Bohun, deſſen altes Schloß in Carcutan noch jetzt zu ſehen iſt, St. John und Lacie und D'Aincourt, ſie alle zwiſchen Maine und Oiſe reich begü⸗ tert; endlich William de Montſichet, Roger mit dem Spitznamen der „Bigotte“ und Roger de Mortemer nebſt vielen weiteren Namen, deren Ruhm in einem andern Lande, als dem von Neuſtrien lebt! Da waren ferner, die weißen Mitren über die Prachtgewänder tragend, die vornehmſten Prälaten und Aebte einer Kirche, welche ſeit Williams Thronbeſteigung durch ihre Gelehrſamkeit in Rom zu hohem Rufe ge⸗ langt war und auf dieſer Seite der Alpen die erſte Stelle einnahm— Lanfranc und der Biſchof von Coutance, der Abt von Bec und Odo von Bayeur, der vornehmſte von allen im Range, nicht aber im Wiſſen. So zahlreich war die Verſammlung von Edlen und Prälaten, daß für die geringeren Ritter und Häuptlinge, die ſich nicht ohne Ein⸗ trag ihrer normänniſchen Würde zum Anblicke des Löwen, welcher England bewachte, herbeidrängten, nur wenig Raum im Schloſſe übrig blieb. Und mitten unter dieſen Männern von Macht und Be⸗ deutung erſchien Harold in ſeiner ruhigen Einfachheit wie damals auf ſeinem Kriegsſchiffe in der Themſe als der Mann, der ſie ſammt und ſonders zu lenken vermochte! Sie Alle, die ſo glücklich waren, ihn neben William hergehen zu ſehen, nicht weniger hochgewachſen und aufrecht als der Herzog— an Maſſigkeit des Körpers zwar weit zurückſtehend, aber in ſeinem kom⸗ pakteren Ebenmaße und ſeiner geſchmeidigen Anmuth für ein geübtes ie Alle, die ihn alſo ſahen, erhoben Auge an Stärke kaum geringer— ſi ein Murmeln der Bewunderung, denn Niemand auf der ganzen Welt wußte körperliche Vorzüge beſſer zu ſchätzen und zu pflegen, als die normänniſche Ritterſchaft. Unter leichten Geſprächen, wobei er Harold wohl bewachte, führte der Herzog ſeinen Gaſt in ein Privatzimmer im dritten Stocke“ des Schloſſes, wo Haco und Wolnoth ihm entgegenkamen. „Dies iſt für Euch hoffentlich keine Ueberraſchung,“ ſagte der Herzog lächelnd;„und nun könnte ich Euer Geſpräch blos ſtören.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer und Wolnoth ſtürzte ſeinem Bruder in die Arme, während Haco, ſchüchterner von Natur, ſich blos näherte und den Earl am Gewande berührte. Sobald die erſte Freude des Wiederſehens vorüber war, ſagte der Carl zu Haco, den er mit gleicher Zärtlichkeit wie ſeinen Bruder Wol⸗ noth an die Bruſt gezogen hatte: „Da ich mich Deiner nur als Knaben erinnerte, ſo hatte ich vor, Dir zu ſagen: ſey mein Sohn; jetzt aber, da ich Dich als Mann ſehe, muß ich meine Bitte ändern: ſo erfülle denn die Stelle Deines Va⸗ ters und ſey mein Bruder„ Und Du, Wolnoth, haſt Du Wort ge⸗ halten? Normänniſch iſt allerdings Deine Tracht— iſt Dein Herz auch immer engliſch geblieben?“ * Sobald die rohe Befeſtigungsweiſe des Mittelalters etwas mehr Pracht und Großartigkeit erlaubte, wurden die Staatszimmer in das dritte Stockwerk des inneren Hofes— als das ſicherſte— verlegt. d Be⸗ s auf tt und den zu — an kom⸗ fübtes hoben Welt ls die führte * des te der 1.7 türzte katur, te der Wol⸗ hvor, ſehe, 3 Va⸗ rt ge⸗ Herz Pracht ckwerk 385 „Pſch!“ flüſterte Haco,„pſch! Wir führen ein Sprichwort, daß die Wände Ohren haben.“ „Aber fränkiſche Wände werden wohl ſchwerlich unſer breites Kenter Sächſiſch verſtehen,“ meinte Harold lächelnd, indem ein Schat⸗ ten über ſeine Stirne zog. „Richtig; fahre nur fort, ſächſiſch zu reden und wir ſind ſicher,“ verſetzte Haco. „Sicher!“ wiederholte Harold. „Haco's Beſorgniſſe ſind kindiſch, mein Bruder,“ verſicherte Wol⸗ noth,„und er thut dem Herzog Unrecht.“ „Ich meine nicht den Herzog, wohl aber die Politik, die ihn gleich einer Atmoſphäre umgibt,“ rief Haco.„Harold, großmüthig warſt Du in der That, als Du Deiner Verwandten halber hieher kamſt— ſehr großmüthig! Aber für Englands Wohl wäre es beſſer geweſen, wenn wir unſer Leben im Erile verſchmachtet hätten, ſtatt daß Du, Englands Hoffnung und Stütze, den Fuß in dieſe Gewebe der Argliſt ſetzteſt.“ „Pfui, Haco!“ mahnte Wolnoth ungeduldig;„es kann nur gut für England ſeyn, wenn Sachſen und Normannen Freunde ſind.“ Harold, der ſeinem Vater an Menſchenkenntniß nicht nachſtand, wenn nicht die natürliche Zuverſicht, die unter ſeiner ruhigen Zurück⸗ haltung verborgen lag, ſeinen Scharfblick einlullte, richtete einen feſten Blick auf ſeine beiden Verwandten und erkannte alsbald, daß ein tiefe⸗ rer Verſtand und ernſteres Temperament, als Wolnoths ſchönes Antlitz ſie verrieth, das dunkle Auge und die nachdenkliche Stirne Haco's charakteriſirte. Er zog darum ſeinen Neffen bei Seite, indem er ſagte: „Gewarnt iſt ſo gut wie gewappnet. Glaubſt Du, daß dieſer ſchön redende Herzog etwas wider mein Leben wagen wird?“ „Leben— nein; Freiheit— ja.“ Harold fuhr zuſammen, und die ſtarken angeborenen Leidenſchaf⸗ ten, die ſich in der Regel vor ſeinem majeſtätiſchen Willen beugen mußten, ſchwellten ſeine Bruſt und blitzten in ſeinem Auge. Bulwer, Harold. 25 386 „Freiheit!— laßt es ihn wagen! Wenn er auch gleich den gan⸗ zen Weg von ſeinem Hofe bis an die Küſten mit ſeinen Truppen ge⸗ pflaſtert hat, will ich mir dennoch einen Pfad durch ihre Reihen bahnen.“ „Glaubſt Du, ich ſey ein Feigling?“ fragte Haco einfach,„und hat mich der Graf nicht dennoch wider alles Recht und Geſetz und wider König Edwards wohlbekannte Vorſtellungen lange, lange Jahre in dieſem Lande zurückgehalten? Freundlich ſind ſeine Worte, argliſtig ſeine Thaten; fürchte nicht Gewalt, wohl aber Betrug.“ „Ich fürchte keines von Beiden,“ erwiederte Harold, ſich aufrich⸗ tend,„und keinen Augenblick bereue ich— nein, nicht einmal in dem Kerker jenes verrätheriſchen Grafen, deſſen Tücke mit Feuer und Schwert zu vergelten mir Gott noch ferneres Leben gewähren möge — auch dort bereute ich nicht, daß ich ſelbſt hieher kam, um meinen Verwandten zurückzufordern. Ich komme im Namen Englands, das ſtark in ſeiner Macht und in ſeiner Majeſtät geheiligt daſteht.“ Die Thüre öffnete ſich, noch ehe Haco ein Wort erwiedern konnte; Raoul de Tancarville, der Oberſtkämmerer, erſchien mit Harolds ſäch⸗ ſiſchem Gefolge und einer guten Zahl normänniſcher Beamten und Diener, welche reiche Gewänder vor ſich her trugen. Der Edelmann verbeugte ſich vor dem Earl mit der feinen Höflichkeit ſeines Landes, und erbat ſich die Erlaubniß, ihn in's Bad zu führen, während ſeine eigenen Squires ſeinen Anzug für das ihm zu Ehren veranſtaltete Bankett zurecht richteten. Hiemit war die fernere Untenreung mit ſeinen jungen Verwandten abgeſchnitten. Der Herzog, der ſeine Hofhaltung jener des Königs von Frank⸗ reich gleichſtellte, duldete außer ſeinen Gäſten und ſeiner Familie Nie⸗ mand an ſeiner eigenen Tafel. Seine Großwürdenträger(dieſe ge⸗ bieteriſchen Lords) ſtanden hinter ſeinem Stuhle und William Fitzos⸗ born, der„ſtolze Geiſt“, ſtellte die zierlichen Gerüchte, wofür die nor⸗ männiſchen Köche berühmt waren, mit eigener Hand auf den Tiſch. Dieſe normänniſchen Köche waren große Männer, und es geſchah nicht ſelten, daß ihnen für einen ungewöhnlich wohlſchmeckenden Leckerbiſſen gold Es ſeyn er v Gel Die dure aus tun muf 387 gan⸗ goldene Ketten, Edelſteine und ſogar un bel maneir als Lohn zuſielen. ge⸗ Es war in der That der Mühe werth, in damaliger Zeit ein Koch zu en.“ ſeyn! und 5 Bei guter Laune war William der hinreißendſte der Männer, und und er verſchwendete diesmal an ſeinem Gaſte all den Zauber, der ihm zu ahre Gebot ſtand. Mathilde, die Herzogin, war wo möglich noch gnädiger. iſtig Dieſe Frau, durch geiſtige Bildung, durch perſönliche Schönheit wie durch einen Geiſt und Ehrgeiz, nicht geringer als der ihres Gemahls, rich⸗ ausgezeichnet, verſtand es ſehr gut, ſolche Gegenſtände der Unterhal⸗ dem tung zu wählen, wie ſie einem engliſchen Ohr am meiſten ſchmeicheln und mußten. Ihre Verwandtſchaft mit Harold durch die Heirath ihrer nöge Schweſter mit Toſtig erlaubte ihr gegen den anmuthigen Earl eine einen faſt liebkoſende Vertraulichkeit anzunehmen, und mit gewinnendem das Lächeln beſtand ſie darauf, daß er alle Stunden, die ihm der Herzog zur Verfügung übrig ließe, bei ihr zubringen müſſe. inte; Das Bankett wurde durch den Geſang des großen Taillefer ſelber ſäch⸗ belebt und dieſer wählte ein Thema, welches den Normannen wie den und Sachſen gleichermaßen ſchmeichelte, nämlich die Hülfe, welche Athelſtan nann von Rolf erhielt und das Bündniß zwiſchen dem engliſchen König und ndes, dem Gründer der normänniſchen Herrſchaft. Er wußte das Lob der ſeine Engländer und den Werth ihrer Freundſchaft geſchickt in den Geſang altete zu verflechten und die Gräſin applaudirte bei jedem feinen Komplimente mit auf das Land des berühmten Gaſtes. War Harold ſchon durch ſo poetiſche Höflichkeiten erfreut, ſo war rank⸗ er noch mehr überraſcht durch die hohe Ehre, welche Herzog, Baron Nie⸗ und Prälat offenbar dem Poeten erwieſen, denn es gehörte zu den ge⸗ ſchlimmſten Zeichen jenes ſchmutzigen nur das Geld ſchätzenden Geiſtes, itzos⸗ der den urſprünglichen Charakter der Angelſachſen überwuchert hatte, nor⸗ daß Barden und Wahrſager bei ihnen in große Mißachtung geſunken Tiſch. icht* Eine ſolche Herrſchaft(aber leider nicht in der Normandie) erhielt einer ni dieſer Köche, weil er William mit einer ausgeſuchten Schüſſel Fiſche erfreute. biſſen 25* E—* 388 waren, ſo daß für Geiſtliche ſogar das Verbot beſtand,“ ſolche heimath⸗ loſe Landſtreicher in ihre Geſellſchaft zuzulaſſen. In der That gab es Vieles an dem normänniſchen Hofe, was Harold gleich am erſten Tage mit Bewunderung erfüllte— dieſe edle Mäßigkeit, die den engliſchen Ausſchweifungen ſo fremd war, welche jedoch die Normänner nach ihrer Ueberſiedelung auf fremden Boden nicht lange bewahrten— der wohlbemeſſene Aufwand und die edle Tracht, welche das Feudalſyſtem, wodurch der Fürſt mit dem Pair und dieſer mit dem Ritter ſo harmoniſch verbunden wurde, charakteriſirte— die leichte Grazie, der feine Witz der Höflinge, die Weisheit Lanfranc's und der höheren Geiſtlichen, die ihre weltlichen Kenntniſſe mit gezie⸗ mender dabei aber nicht pedantiſcher Berückſichtigung ihres heiligen Berufes verknüpften— die erleuchtete Vorliebe für Muſik, Wiſſen⸗ ſchaften, Geſang und Kunſt, welche dem Geſpräche des herzoglichen Paares und der jüngeren Höflinge, die ein hohes Beiſpiel im Guten wie im Schlimmen nur gar zu gerne nachahmen, eine eigenthümliche Färbung verlieh— dies Alles machte auf Harold einen Eindruck von Civiliſation und ächter Königswürde, der ſein ſinnendes Gemüth mit Trauer und Begeiſterung zugleich erfüllte— mit Trauer, wenn er bedachte, wie weit England neben dieſem vergleichungsweiſe winzigen Fürſtenthume in ſo Vielem zurück war— mit Begeiſterung, wenn er erwog, wie viel ein einziger großer Regent für ſein Geburtsland zu thun vermag. Die ungünſtigen Eindrücke, welche Haco's Warnungen auf ihn gemacht hatten, mußten unter der verſchwenderiſchen Artigkeit, mit der man ihn überſchüttete, wohl bald verſchwinden, wie denn William ſelber ſich mit offener Freimüthigkeit und lachend darüber entſchuldigte, daß er die Geiſeln ſo lange zurückgehalten hatte. „Es geſchah blos, mein Gaſt, um Dich zum Abholen derſelben zu „ Das Concil von Cloveshoe verbot dem Klerus, Dichter, Harfner, Mu⸗ ſikanten und Poſſenreißer zu beherbergen. in nath⸗ was edle elche oden edle und te— anc's ezie⸗ ligen iſſen⸗ ichen zuten aliche k von hmit in er zigen nn er nd zu f ihn it der lliam digte, en zu Mu⸗ 389 veranlaſſen, und bei St. Valery! jetzt da Du hier biſt, ſollſt Du nicht eher abreiſen, als bis Du die Erinnerung an die niederträchtige Be⸗ handlung, die Dir von dieſem barbariſchen Grafen widerfahren, wenig⸗ ſtens unter freundlicherem Andenken verloren haſt. Nein, Harold, mein Freund, nicht auf die Lippen ſollſt Du beißen, ſondern Deine Rache an Guy mir allein überlaſſen: früher oder ſpäter wird gerade die Herrſchaft, die er mir abgepreßt, Veranlaſſung geben, um nach Schwert und Lanze zu greifen und dann, pardex! ſollſt Du kommen und in Deiner eigenen Sache mit ihm anbinden. Wie freue ich mich, daß ich dem Schwager meines theuren Vetters und Herrn all' die Ar⸗ tigkeiten, die der engliſche König und ſein Reich mir erwieſen, wenig⸗ ſtens theilweiſe erwiedern kann! Morgen wollen wir nach Rouen reiten; dort ſollen unſere ritterlichen Spiele Deine Ankunft feiern und bei St. Michael, dem ritterlichen Heiligen der Normannen! ich werde mich nicht eher zufrieden geben, als bis ich Deinen großen Namen auf der Liſte meiner erwählten Chevaliers leſe. Doch die Nacht verrinnt und Du wirſt gewiß des Schlafs bedürfen.“ Mit dieſen Worten ging der Herzog in eigener Perſon nach Ha⸗ rolds Zimmer voran, und ließ ſich nicht nehmen, ihm die ouche(den Ueberwurf) von ſeinem Staatsgewande abzuziehen. Indem er dies that, ſtreifte er mit der Hand anſcheinend ſorglos über den rechten Arm des Earls. „Ha!“ rief er plötzlich in ſeinem natürlichen kurzen und haſtigen Tone,„dieſe Muskeln wiſſen von Uebung zu erzählen! Meinſt Du wohl, Du könneſt meinen Bogen ſpannen 2“ „Wer vermöchte den des Ulyſſes zu ſpannen?“ erwiederte der Carl, ſein tiefes blaues Auge auf das des Normanns heftend. William wechſelte unwillkürlich die Farbe, denn er fühlte, daß er in jenem Augenblicke mehr Ulyſſes als Achilles geweſen war. 1 Achtundvierzigſtes Kapitel. Seit an Seite betraten William und Harold die ſchöne Stadt Rouen und dort folgte eine Reihe glänzender Aufzüge und ritterlicher Unterhaltungen(in den Chroniken die ſſeltenen Thaten der Ehre' ge⸗ nannt und im folgenden Zeitalter in die noch pompöſeren Turniere und Ringelrennen übergehend)— Alles dazu beſtimmt, die Augen des Earls zu verblenden und ſeine Phantaſie gefangen zu nehmen. Allein obwohl Harold ſogar nach dem Geſtändniſſe der den Normannen gün⸗ ſtigſten Chroniſten ſich goldene Meinungen an ihrem Hofe erwarb, der ſonſt weit eher bereit war, die Sachſen zu verſpotten, als zu bewun⸗ dern— obwohl nicht allein ſeine Körperſtärke und die Kühnheit ſeines Geiſtes(dargelegt in Waffenthaten, wie ſie ſächſiſchen Kriegern ſonſt ungewohnt waren), ſondern auch ſeine Manieren, ſeine Bered⸗ ſamkeit, Einſicht und ſonſtige gute Eigenſchaften“* unter dieſen ritter⸗ lichen Höflingen hell hervorleuchteten, ſo erhielt ihn doch der edlere Theil ſeines Charakters, der ſich auf ſeine einfache Männlichkeit, auf ſeine ächte Nationalität gründete, rein und unberührt von all den Intriguen, wodurch man ihn in jenen Zauber, wie er faſt Alle, die der normän⸗ niſchen Anziehungskraft nahe kamen, normanniſirte, hineinzuziehen ſuchte. Dieſe Feſtlichkeiten wechſelten mit pomphaften Ausflügen und Umzügen von Stadt zu Stadt, von Schloß zu Schloß, durch das ganze Herzogthum, ja ſogar(wie einige Chroniſten behaupten) nach Com⸗ piegne, zum Beſuche bei König Philipp von Frankreich. Nach Rouen zurückgekehrt, wurde Harold mit den ſechs Thanen ſeines Gefolges feierlich in jenen eigenthümlichen von William geſtifteten kriegeriſchen Bruderorden aufgenommen, dem wir den Schriftſtellern des ſpäteren Jahrhunderts zufolge den Namen von Rittern gegeben haben. Das ſilberne Wehrgehäng wurde ihnen umgegürtet, die Lanze mit dem zu⸗ * Qrd. Vital. — d8 g adt her ge⸗ ind des eein ün⸗ der un⸗ heit gern red⸗ ter⸗ lere eine nen, än⸗ hen und anze om⸗ zuen lges chen eren Das zu⸗ 391 geſpitzten Fähnlein in die Hand gegeben, und die ſieben ſächſiſchen Lords wurden ſolchekgeſtalt zu normänniſchen Rittern. Am Abend nach dieſer Ceremonie war Harold bei der Herzogin und ihren ſchönen Toͤchtern— noch lauter Kindern. Die Schönheit des einen der Mädchen entlockte ihm eines jener Komplimente, wie ſie dem mütterlichen Ohre ſo ſüß klingen. Mathilde ſchaute von ihrer Stickerei empor und winkte das alſo geprieſene Kind zu ſich her. „Adeliza,“ ſprach ſie, ihre Hand dem Mädchen auf die ſchwarzen Locken legend,„wir möchten zwar nicht, daß Du zu frühe lernteſt, wie dieſe Männerzungen ſchön zu thun und zu ſchmeicheln verſtehen; allein dieſer edle Gaſt genießt eines ſo hohen Rufes wegen ſeiner Wahrhaf⸗ tigkeit, daß Du ihn wenigſtens für aufrichtig halten darfſt, wenn er Dein Antlitz ſchön nennt. Mit Stolz magſt Du daran denken, mein Kind; möge es Dich in der Jugend gegen die Huldigung geringerer Männer feſtigen: vielleicht will es Dein gutes Glück, daß St. Mi⸗ chael und St. Valery Dir einen eben ſo tapferen und ſtattlichen Mann wie dieſer edle Lord zum Lebensgefährten beſcheeren.“ Das Kind erröthete bis über die Schläfe, antwortete aber mit der Behendigkeit eines verzogenen Lieblings— wenn ſie nicht etwa zu ſolcher Antwort vorbereitet war. „Ich will keinen Mann und keinen Lord als Harold ſelber haben, ſüße Mutter; und wenn er Adeliza nicht zum Weibe nehmen will, ſo werde ich als Nonne ſterben.“ „Vorwitziges Kind, nicht an Dir iſt es, zu werben!“ bemerkte Mathilde lächelnd.„Du haſt ſie gehört, edler Harold— wie lautet Deine Antwort?“ „O, ſie wird ſchon kluger werden,“ meinte der Earl lachend, während er das Kind auf die Stirne küßte.„Noch ehe Du zum Altare reif biſt, ſchönes Dämchen, wird die Zeit graue Haare in dieſe Locken ſtreuen und Du würdeſt in der That verächtlich lächeln, wenn Harold Dich dann zum Weibe verlangte.“ „Nicht ſo,“ erwiederte Mathilde ernſthaft;„hochgeborene Jung⸗ frauen ſuchen die Jugend nicht in Jahren, ſondern im Ruhme, denn er bleibt ewig jung!“ Betroffen von dem Ernſte, mit welchem Mathilde ſprach, als ob ſie dem, was früher ein Scherz geſchienen, Gewicht beilegen wollte, fühlte der Earl bei ſeiner Erfahrung im Hofleben, daß ihm eine Schlinge gelegt war, und erwiederte darum in halb ernſtem halb ſcher⸗ zendem Tone: „Ich bin froh, in meinem Herzen einen Zauber zu tragen, der mich vor aller Schönheit ſogar dieſes Hofes beſchützt.“ Mathildens Antlitz verfinſterte ſich; William trat zur ſelben Zeit und plötzlich wie gewöhnlich ein, wobei die beiden Gatten Blicke mit einander wechſelten, welche von Harold nicht unbemerkt blieben. „Wir Normänner ſind von Natur nicht eiferſüchtig,“ begann der Herzog in munterem Tone, den Sachſen bei Seite ziehend;„aber wir haben auch bis jetzt noch keine ſächſiſchen Gallane bei unſern Weibern eingeſchloſſen gefunden. Harold,“ fuhr er ernſthafter fort,„ich habe eine Gunſt von Dir zu erbitten— komm mit mir.“ Der Earl folgte dem Herzog in ſein Zimmer, worin er viele Häuptlinge in lautem Geſpräche antraf. William beeilte ſich jetzt, ihn zu benachrichtigen, daß er im Begriffe ſtehe, einen Feldzug gegen die Bretonen zu eröffnen und da er wiſſe, daß Harold mit der Krieg⸗ führung wie mit der Sprache und den Sitten der mit ihnen verwand⸗ ten Wäliſchen genau bekannt ſey, ſo erſuche er ihn um ſeinen Beiſtand bei einem Ausfluge, der, wie er ihm verſprach, nur kurz ſeyn ſollte. Der Earl war in ſeinem Innern vielleicht gar nicht abgeneigt, William's Machtentfaltung durch irgend eine Probe ſeiner eigenen kriegeriſchen Befähigung und der Tapferkeit der ſächſiſchen Thane in ſeinem Gefolge zu erwiedern. Eine ſolche Probe mochte ſchon von der Klugheit geboten erſcheinen, und auf alle Fälle konnte er den Vor⸗ ſchlag nicht mit guter Manier ablehnen: ſo erfreute er denn William durch ſeine einfache Beiſtimmung, und der Reſt des Abends wurde bis tief in die Nacht damit zugebracht, daß man die Plane der Veſte und 398 des Landes, welche man anzugreifen beabſichtigte, auf's Genaueſte prüfte. 5 Das muthvolle Benehmen Harolds und ſeiner Sachſen in dieſem Feldzuge wird von den normänniſchen Chroniſten rühmend angeführt. Bei dem Engpaſſe von Coésnon rettete der Earl durch ſeine perſön⸗ liche Anſtrengung eine Abtheilung von Kriegern, welche ſonſt im Treib⸗ ſande umgekommen wäre, und die kriegeriſche Geſchicklichkeit des ſäch⸗ ſiſchen Häuptlings kam in dieſem kurzen und glänzenden Feldzuge der des Herzogs, wenn auch nicht zuvor, doch jedenfalls vollkommen gleich. So lange die Erpedition dauerte, theilte William Tiſch und Zelt mit ſeinem Gaſte. Dem äußeren Anſcheine nach herrſchte brüderliche Vertraulichkeit zwiſchen ihnen; in Wirklichkeit jedoch empfanden Beide— der eine ſo tief in ſeiner Argliſt, der andere ſo weiſe in ſeiner ruhigen Vorſicht— daß unter dem Deckmantel liebevollen Friedens ein geheimer Krieg um die Meiſterſchaft zwiſchen ihnen obwalte. Harold merkte bereits, daß er mit den politiſchen Beweggründen ſeiner Sendung geſcheitert war, denn er empfand ſchon jetzt— er wußte kaum warum— daß William der Normanne der Aller⸗ letzte war, dem er ſeinen Ehrgeiz anvertrauen oder von dem er Hülfe erwarten durfte. 4 Eines Tags, als ſich die Normannen während eines kurzen Waf⸗ fenſtillſtandes, der die Belagerung des Platzes unterbrach, mit kriege⸗ riſchen Spielen ergötzten, worin Taillefer ſich beſonders hervorthat, wobei Harold und William außerhalb des Zeltes der belebten Scene zuſahen, rief der Herzog plötzlich, an Mallet de Grapille ſich wendend: „Bring meinen Bogen.— Nun, Harold, laß einmal ſehen, ob Du ihn zu ſpannen vermagſt.“ Der Bogen wurde gebracht, und Sachſen wie Normannen ver⸗ ſammelten ſich um die Beiden. „Hefte Deinen Handſchuh an jenen Baum, Mallet,“ rief der Herzog, den mächtigen Bogen zur Hand nehmend und die Sehne ſorg⸗ fältig befühlend. Dann zog er den Bogen an's Ohr und der Baum ſelber ſchien vor dem Anpralle zu erzittern, als der Pfeil, den Hand⸗ ſchuh durchbohrend, halbwegs im Stamme ſtecken blieb. „Das ſind nicht unſere Waffen,“ meinte der Earl,„und es würde mir, dem Ungeübten, übel geziemen, wenn ich unſere engliſche Ehre ſo gefährdete, daß ich gegen den Arm, der dieſen Bogen ſpannte und jenen Pfeil beflügelte, anzukämpfen verſuchte. Um jedoch dieſen nor⸗ männiſchen Rittern zu zeigen, daß wir eine Waffe beſitzen, womit wir einen Wurf pariren und den Angreifer zu treffen vermögen, ſo bring' mir meinen Schild und meine däniſche Streitaxt, Godrith.“ Der Sachſe brachte Beides und Harold ſtellte ſich alsbald vor den Baum. „Nun, edler Herzog,“ ſagie er lächelnd,„waͤhle Deinen längſten Speer und laſſe zehn Deiner tüchtigſten Schützen ihre Bogen ergreifen; ich will mich um dieſen Baum bewegen und Ihr mögt Euch jeden Fleck meines unbepanzerten Körpers, den ich von meinem Schilde unbedeckt laſſe, zu Eurem Ziele wählen.“ „Nein,“ rief William haſtig;„das wäre reiner Mord.“ „Es iſt nichts weiter, als die gewöhnliche Gefahr des Kriegs,“ verſetzte Harold einfach und trat vor den Baum. William ſtieg das Blut in die Schläfe und der Blutdurſt des Löwen brannte in ſeiner Kehle.— „Wenn er's denn ſo haben will, ſo laßt. die Normandie keine Schande erleben,“ ſagte er, ſeinen Bogenſchützen winkend.„Habt wohl Acht, daß kein Geſchoß vergeblich leibe;. vermeidet nur Kopf und Herz: ſolch' hvoznüthige Prahlerei läßt ſich am Deſtan durch einen Aderlaß kuriren. Die Bogenſchützen nickten. uundnahmem. Feber. ſeinen beſonderen Poſten ein. Todtlich ſchien in der That die Gefahr, worin der Carl ſchwebte, denn wenn er auch während der Bewegung ſeinen Rücken durch den Baum deckte, ſo ließ der Schild doch einzelne Theile ſeiner Geſtalt unbeſchützt, und bei ſeinen ſchnell wechſelnden Wendungen waͤre es den Bogenſchützen unmöglich geweſen, ſo nach ihm zu zielen, daß e ſchier weich einen nung ſchüt 395 daß er blos verwundet, ſein Leben aber geſchont wurde. Gleichwohl ſchien der Carl nicht ſonderlich darauf bedacht, der Gefahr auszu⸗ weichen, denn er hob das bloße Haupt furchtlos über den Schild, mit einem Blicke ſeines ſtandhaften Auges, das ſogar in dieſer Entfer⸗ nung in ruhigem Glanze leuchtete, ſämmtliche Bolzen der Bogen⸗ ſchützen überwachend. Fünf von den Pfeilen ziſchten mit einem Male durch die Luft, und mit ſo wunderbarer Behendigkeit drehte ſich der Schild gegen jeden derſelben, daß ihrer drei abgeſtumpft zu Boden fielen, während die anderen zwei an deſſen Oberfläche zerbrachen. William hatte blos die erſte Salve abgewartet„ und da er nun⸗ mehr Harolds Bruſt durch die Wendung des Schildes entblößt ſah, ſchleuderte er ſeinen furchtbaren Speer auf den Gegner.„Aufge⸗ ſchaut, Sachſe!“ rief der edle Taillefer mit dem ächten Mitgefühle eines Dichters; aber der wachſame Harold bedurfte nicht dieſer War⸗ nung. Als ob er den Speer verachte, parirte ihn Harold nicht mit dem Schilde, ſondern trat einen Schritt vor, die mächtige Streitart hoch in den Lüften ſchwingend,(wozu die Meiſten beider Arme be⸗ durften) und ſpaltete das tönende Geſchoß entzwei. Noch ehe William einen lauten Fluch des Zorns und der Ueber⸗ raſchung ausgeſtoßen hatte, ſah man die fünf übrigen Pfeile ebenſo harmlos wie ihre Vorgänger an dem flinken Schild des Sachſen abprallen. „Das iſt bloße Vertheidigung, edler Herzog⸗“ ſagte Harold un⸗ befangen, dem Gegner ſich nahend⸗„und wenig taugte die Streitart, wenn ſie nicht ebenſo gut treffen als pariren könnte. Drum bitte ich Euch, laßt auf jenen zerbrochenen Steinpfeiler, der mir ein Ueber⸗ bleibſel aus der druidiſchen Heidenzeit zu ſeyn ſcheint, den ſtärkſten Helm, das feſteſte Panzerhemd legen und Ihr ſollt ſelbſt beurtheilen, ob unſere engliſche Streitart mein engliſches Vaterland zu ſchützen im Stande iſt.“ „Wenn Deine Art den Helm ſpaltet, den ich zu Bavent trug, als die Franken mitſammt ihrem Könige vor mir flohen, ſo muß ich es Cäſarn noch in jetziger Stunde verdenken, daß er keine ſo furcht⸗ nich . bare Waffe erfunden hat.“ lich Mit dieſen verdrießlichen Worten verfügte ſich William in ſein Zelt, indem er bald darauf Helm und Ringpanzer zum Vorſchein dief brachte. Beide wurden von den Normannen, welche gewöhnlich zu rüͤh Pferde fochten, weit ſtärker und ſchwerer, als bei den Dänen und Sachſen gebraucht, welche meiſt zu Fuße kämpfend eine ſo läſtige ner Bürde nicht hätten tragen können; war aber dieſe Rüſtung bei den wa Normannen überhaupt ſtark und gewichtig, ſo denke man ſich erſt, gu welche Laſt der gewaltige Herzog zu tragen vermochte! William legte mit eigener Hand den Ringpanzer und über ihn den Helm auf den der zertrümmerten Druidenſtein. 4 ſta Harold prüfte lange und ernſt die Schneide der Streitart. Sie bo⸗ 4 war ſo reich vergoldet und damascirt, daß man unter ihrem Feier⸗ Kü tagsflitter nicht leicht ſolche Schärfe vermuthet hätte; allein er hatte ſie von Canut dem Großen geerbt, welcher(unähnlich den Dänen) bei ſeiner kleinen ſchmächtigen Geſtalt den Mangel an Muskelkraft durch höchſte Behendigkeit und die vollkommenſten Waffen erſetzt hatte. Die Art war in Canuts zarter Hand berühmt geworden— wie furchtbar mußte ſie ſich alſo in Harolds gewaltiger Fauſt bewähren! Der Earl ſchwenkte die Waffe mit beiden Händen, daß ſie mit blitzähnlicher Schnelligkeit um ſeinen Kopf ſauste, und ließ den krachen⸗ den Schlag mit unbegreiflichem Schwunge niederfallen; der erſte Streich ſpaltete den Helm in der Mitte; der zweite durchſchnitt den Ringpanzer, deſſen Maſchen gleich der feinſten Filigranarbeit des Goldſchmieds dicht in einander verwoben waren, ſo daß noch ein großes Stück Stein auf den Raſen polterte. Starr vor Erſtaunen betrachteten ihn die Normänner, und Williams Geſicht war ſo farblos wie der zertrümmerte Stein. Der große Her⸗ zog fühlte, daß hier ſogar ſeine unvergleichliche Verſtellungsgabe zu Ende ging, und ungeübt in der ſchwierigen Handhabung der Streit⸗ axt hätte er es trotz ſeiner Korperſtärke, worin er Harold überlegen war, Sie ier⸗ htte en) aft tte. wie 4! mit en⸗ rſte den des ßes ms ver⸗ zu eit⸗ ar, 397 nicht einmal wagen dürfen, gegen Streiche, die ihm mehr als menſch⸗ lich erſchienen, in die Schranken zu treten. „Lebt noch ein anderer Mann in der weiten Welt, deſſen Arm dieſe That hätte verrichten können?“ rief Bruce, der Ahnherr des be⸗ rühmten Schotten. „Ho! wenigſtens dreißigtauſend ſolcher Männer habe ich in mei⸗ ner Heimath zurückgelaſſen,“ lautete Harolds einfache Antwort.„Das war blos ein Streich müßiger Eitelkeit, während die Stärke in einer guten Sache ſich verzehnfacht.“ Dies hörte der Herzog, und um nicht merken zu laſſen, daß er den geheimen Sinn in den Worten ſeines Gaſtes wohl heraus fühle, ſtammelte er haſtig ſeinen widerſtrebenden Beifall, während Fitzos⸗ borne, de Bohun und andere ritterliche Häuptlinge von ächterem Korn ihrer rückhaltloſen Bewunderung freien Lauf ließen. Der Herzog winkte de Graville zum Nachfolgen und eilte nach dem Zelte ſeines Bruders von Bayeur, der zwar blos bei außerordentlichen Gelegenheiten am wirklichen Kampfe Antheil nahm, aber den Herzog gleichwohl auf ſeinen militäriſchen Ausflügen gewöhnlich begleitete, um das Heer zu ſegnen und im Kriegsrathe ſeine Stimme abzugeben, welche wegen ſeiner kriegeriſchen Kenntniſſe nicht ohne Gewicht war. Der Biſchof, welcher trotz der Scheinheiligkeit des Hofes und ſeiner eigenen finſteren Natur insgeheim und mit Wahrung des äußeren Scheines auf anderen Feldern als denen des Mars“ als glücklichen Kämpfer ſich bewährte, war allein in ſeinem Zelte mit Abfaſſung eines Briefes an eine gewiſſe ſchöne Dame in Rouen beſchäftigt, die er höchſt ungerne verlaſſen hatte, um ſeinem Bruder zu folgen. Beim Eintritte Williams, deſſen Anſichten in ſolchen Dingen rein und ſtreng * Odo's Sittenloſigkeit bildete ſpäter einen der angeführten Beweggründe ſeines Falles, oder vielmehr ſeiner Feſthaltung in dem ihm angewieſenen Ge⸗ fängniß. Er hatte einen Sohn Namens Johann, der ſich unter Heinrich I. auszeichnete.— Ord. Vital. IV. B. 398 waren, ſchob er den Brief in ein Reliquienkäſtchen, das ihn immer Stärke begleitete, und erhob ſich mit den gleichgültigen Worten: Schild „Eine Abhandlung über die Aechtheit von St. Thomas' kleinem ſage D Finger!— Aber was fehlt Dir! Du biſt ja ganz verſtört!“ Schwe „Odo, Odo, dieſer Mann narrt mich— er verhöhnt mich förm⸗ er mag lich; ich weiß keinen Boden bei ihm zu gewinnen. Verſchwendet habe 8 ich— Gott weiß, was ich in Banketten, in Feſtlichkeiten und Auf⸗ de Gra zügen verſchwendet habe, auch wenn ich der ſchönen Herrſchaft von 3 Yonne und jener Summe, die der habgierige Panther meiner 4 Schatzkammer erpreßte, nicht gedenken will. Alles fort,“ ſeufzte der Löwen Herzog mit reumüthiger Sparſamkeit—„Alles vergeudet und wie man i Schnee dahin geſchmolzen! Der Sachſe bleibt Sachſe, wie wenn er im Ne. niemals normänniſchen Glanz geſehen, wie wenn ihn niemals der rold d normänniſche Schatz von der Gefahr erlöst hätte. Aber beim Glanze des Himmels! ich wäre ein Narr, wenn ich ihn heimkehren ließe. Ich verſich wollte, Du hätteſt geſehen, wie der Herenmeiſter ſo eben meinen Helm V und Panzer mit einer Leichtigkeit ſpaltete, als ob es bloß Weiden⸗ dies zweige geweſen wären. Ach Odo, Odo, meine Seele iſt verwirrt nicht und St. Michael verläßt mich!“ Während William alſo voller Verzweiflung herauspolterte, rich⸗ Herz tete der Prälat ſeine forſchenden Blicke auf de Graville, der mittler⸗ 8 V iſt, weile in's Zelt getreten war, und die eben erlebte Probe von Körper⸗ mein ſtärke in Kürze zu berichten begann. „Daran ſehe ich nichts, was Dich verdrießen könnte,“ bemerkte nicht Odo;„je ſtärker der Vaſall, deſto mächtiger der Herr, wenn er ein⸗ lung mal Dein iſt.“ kühr „Aber er iſt nicht mein; ich habe ihn ſondirt, ſo weit ich es Unt wagen konnte. Mathilde hat ihr faſt mit dürren Worten mein ſchönſtes Da Kind zum Weibe angeboten— nichts verwirrt, nichts erſchüttert ihn. De Glaubſt Du, ich kümmere mich um ſe einen ſtarken Arm? O nein; das bra ſtolze Herz, das dieſen Arm in Bewegung ſetzt, der ſtolze Sinn ſeiner ſon verkleideten Worte— ſie ſind's, die mich ärgern.„So wird engliſche Ick N 399 Stärke das engliſche Land vor dem Normannen bewahren— ſo wird Schild und Streitart Euren Panzern und Speeren Trotz bieten.“ Ich ſage Dir, Mann, die ganze Beredſamkeit eines Cicero lag in der Schwenkung jenes Schildes, in dem Streiche jener Streitart. Aber er mag ſich vorſehen!“ grollte der Herzog wild,„ſonſt—“ „Darf ich es wagen, einen Rath zu äußern?“ unterbrach ihn de Graville. „Sprich Dich aus, in Gottes Namen!“ rief der Herzog. „Dann würde ich mit aller Ergebenheit bemerken, daß man einen Löwen nicht dadurch zähmt, daß man ihn vollpfropft, ſondern indem man ihn einſchüchtert. Kühn iſt der Löwe gegen offene Feinde, aber im Netze verliert er ſeine Natur. Mein Gebieter ſagte ſo eben, Ha⸗ rold dürfe nicht in ſein Geburtsland zurückkehren—“ „Das ſoll er auch nicht, oder nur als mein geſchworener Mann!“ verſicherte der Herzog. „Wenn Ihr ihm nun dieſe Wahl frei laßt— glaubt Ihr wohl, dies werde Eure Abſichten begünſtigen? Wird er Eure Anerbieten nicht mit glühender Verachtung verwerfen?“ „Verachtung! dieſes Wort wagſt Du gegen mich?“ donnerte der Herzog.„Verachtung! Habe ich keinen Henker, deſſen Art ſo ſcharf iſt, wie die Harolds? und der Nacken eines Gefangenen iſt nicht in meinen normänniſchen Panzer gehüllt.“ „Verzeihung, Verzeihung, mein Lehnsherr,“ erwiederte Mallet nicht ohne Erbitterung;„nur um meinen Gebieter vor einer Ueberei⸗ lung zu bewahren, die ihm lange Reue eintragen könnte, habe ich ſo kühn geſprochen. Laß den Earl wenigſtens warnen: Gefängniß oder Unterwerfung gegen Dich, das iſt die Wahl, die ihm offen bleibt!— Das moge er wiſſen; laß ihn ſehen, daß Deine Kerker finſter und Deine Mauern unüberſteiglich ſind. Bedrohe nicht ſein Leben— ein braver Mann kümmert ſich nicht darum!— bedrohe ihn nicht ſelbſt, ſondern laß Andere die Beſorgniß für ſeine Freiheit ihm vorhalten. Ich kenne dieſe Sachſen, ich kenne Harold; Freiheit iſt ihre Leiden⸗ —-—— 400 ſchaft, und ſie werden Feiglinge, wenn ſie mit der Einkerkerung zwiſchen vier Mauern bedroht werden. 5 „Ich begreife Dich, kluger Sohn,“ rief Odo. „Ha!“ meinte der Herzog bedächtig;„und gerade, um ſolchem Verdachte zuvorzukommen, ließ ich nach der erſten Begegnung Sorge tragen, daß Haco und Wolnoth von ihm getrennt würden, denn ſie müſſen im Geplauder mit den Normannen gar Manches gelernt haben, was ſich nicht gut vor einem Sachſen wiederholen läßt.“ „Wolnoth iſt faſt ganz Normanne,“ äußerte der Biſchof lächelnd; „er iſt par amours an eine gewiſſe normänniſche Schöne gefeſſelt, und wird ihre Reize hier ganz gewiß dem Gedanken an die Rückkehr vorziehen. Haco dagegen iſt, wie Du weißt, mürriſch und wachſam.“ „Um ſo beſſer taugt er jetzt zum Gefährten für Harold,“ meinte de Graville. „Ich bin zu ewigem Komplottiren und Intriguiren beſtimmt,“ ſtöhnte der Herzog, als wäre er der aufrichtigſte der Menſchen ge⸗ weſen;„nichtsdeſtoweniger liebe ich den ſtattlichen Earl, und will nur ſein Beſtes, ſo weit es ſich nämlich mit meinen Rechten und Anſprüchen auf die Erbſchaft meines Vetters Edward verträgt.“ „Natürlich,“ ſchloß der Biſchof. 2 . Neunundvierzigſtes Kapitel. Die Schlingen, welche dem Earl von jetzt an gelegt wurden, ſtan⸗ den ganz in Uebereinſtimmung mit dieſer Politik. Das Lager brach bald hernach auf und die Truppen nahmen ihren Weg nach Bayeur. Ohne ſein Benehmen gegen den Earl weſentlich zu ändern, wich Wil⸗ liam Harolds offenen Erklärungen, daß ſeine Gegenwart in England „* Wilhelm von Poitiers, der gleichzeitige normänniſche Chroniſt, ſagt von Harold, er ſey ein Mann geweſen, welchem Einkerkerung gehäſſiger als Schiff⸗ bruch geklungen habe. ng an⸗ ach ux. il⸗ und von fff 401 nöthig ſey und er ſeine Abreiſe nicht länger verſchieben könne, in auf⸗ fallender Weiſe aus, oder— was nicht weniger befremdend war— er ließ ſie ohne Erwiederung, während er unter dem Vorwande vieler Geſchäfte des Earls Geſellſchaft oder das Alleinſeyn mit ihm häufig vermied, und dafür Mallet de Graville oder den Biſchof Odo ſeine Stelle bei Harold einnehmen ließ. Des Earls Verdacht war jetzt ganz rege und wurde durch die gutgemeinten Winke de Graville's und die noch weniger zurückhaltenden Worte des Prälaten gleichermaßen genährt: während Mallet, um Williams trotziges rachſüchtiges Weſen durch Beiſpiele zu erläutern, ihm viele Anekdoten ſeiner Grauſamkeit erzählte, wodurch wirklich der Charakter des Normannen befleckt wurde, rückte Odo noch barſcher heraus mit der Sprache und ſchien als gewiß anzunehmen, daß Harolds Aufenthalt im Lande lange dauern würde. „Ihr werdet hoffentlich Zeit haben,“ſagte er eines Tags, als ſie neben einander ritten,„mir bei Erlernung der Sprache unſerer Vorväter be⸗ hülflich zu ſeyn. Dieſes Bayeux' iſt der einzige Ort in Neuſtrien, wo die alten Sprachen und Sitten noch immer fortleben; das Däniſche wird dort noch häufig geſprochen, und es würde mir in meinem geiſt⸗ lichen Amte förderlich ſeyn, wenn Ihr mir Unterricht ertheilen wolltet; in einem Jahre oder ſo dürfte ich hoffen, ſo viel davon zu profitiren, daß ich mich dem nichtfränkiſchen Theile meiner Heerde ungehindert verſtändlich machen könnte.“ „Ihr ſcherzet ohne Zweifel, Lord Biſchof,“ ſprach Harold ernſt⸗ haft;„Ihr wißt wohl, daß ich ſpäteſtens in einer Woche mit meinen jungen Verwandten nach England zurückſegeln muß.“ „Ich rathe Euch, theurer Graf und Sohn,“ lachte der Prälat, * In der Umgegend von Bayeur ſind vielleicht noch jetzt, abgeſondert vom Landadel, die letzten Reſte der ſkandinaviſchen Normannen anzutreffen. Jahr⸗ hunderte lang bildeten die Einwohner von Bayeux und deſſen Umgebung eine von den Franko⸗Normannen oder dem Reſte von Neuſtrien ſtreng geſchiedene Klaſſe, die ſich nur mit großem Widerſtreben der herzoglichen Autorität unter⸗ warf und ihren alten heidniſchen Kriegsruf„Hilf Thor“ ſtatt„Hilf Gott“ gar lange beibehielt. Bulwer, Harold. 26 40² „Euch wohl zu hüten, daß Ihr Euch nicht ſo offen gegen William aus⸗ ſprecht. Ich ſehe, daß Ihr ihn bereits durch ſolche unvorſichtige Aeußerungen in üble Laune verſetzt habt, und Ihr müßt doch vom Herzog ſchon ſo viel geſehen haben, um zu wiſſen, daß, wenn ſein Zorn erwacht iſt, ſeine Antworten kurz, ſeine Arme aber lang ſind.“ „Ihr thut Herzog William im höchſten Grade Unrecht,“ rief Harold unwillig,„wenn Ihr auch nur in dieſer ſcherzenden Weiſe, wo⸗ für Ihr Normannen berühmt ſeyd, als möglich annehmt, daß er einem vertrauenden Gaſte Gewalt anthun könnte.“ „Nein, nicht einem vertrauenden Gaſte, wohl aber einem losge⸗ kauften Gefangenen, denn mein Bruder wird ſicherlich annehmen, daß er dem Grafen Guy deſſen Rechte über ſeinen erlauchten Gefangenen abgekauft hat. Doch Muth! Der normänniſche Hof iſt kein Ponthe⸗ vin'ſcher Kerker und Eure Ketten beſtehen wenigſtens aus Roſen.“ Die zornige herausfordernde Erwiederung, welche Harold auf den Lippen ſchwebte, wurde durch ein Zeichen de Graville's unterbrochen, der mit einer Miene der Vorſicht und Beunruhigung ſeinen Finger auf die Lippen legte und einige Zeit ſpäter beim Tränken der Pferde her⸗ beikam, um ihm auf Sächſiſch zuzuflüſtern: „Nehmt Euch in Acht, daß Ihr mit Odo nicht ſo offen redet. Was Ihr ihm ſagt, iſt ſo gut, als ſagtet Ihr's William, und der Her⸗ zog läßt ſich zuweilen durch die Aufreizung des Augenblicks zu Hand⸗ lungen hinreißen— doch ich will ihm nicht Unrecht thun, noch Euch unnöthig beunruhigen.“ „Sire de Graville,“ erwiederte Harold,„das iſt nicht das Erſte⸗ mal, daß der Prälat von Bayeur auf Zwangsmaßregeln hindeutete, oder daß Ihr(ohne Zweifel in guter Abſicht) mich vor feindſeligen oder trügeriſchen Planen warntet. Als offener Mann frage ich Euch bei Eurer ritterlichen Ehre, ob Ihr irgend Etwas wiſſet, was Euch glau⸗ ben läßt, daß William der Herzog mich unter irgend einem Vorwande als Gefangenen hier zurückhalten will.“ Nun hatte ſich zwar Mallet de Graville zu einer unedlen In⸗ 403 trigue herbeigelaſſen; aber er rechtfertigte ſie durch einen beſſeren Grund, als die bloße Gefälligkeit gegen ſeinen Gebieter, denn weil er William und ſeinen Jähzorn, ſeinen unnachgiebigen Ehrgeiz genau kannte, war er um Harolds Sicherheit in der That ernſtlich beſorgt und hatte, wie der Leſer bemerkt haben wird, durch Anrathen dieſer Einſchüchterungspolitik die Abſicht verfolgt, dem Earl wenigſtens die Wohlthat der Warnung zukommen zu laſſen. So antwortete er denn nach ſolcher Aufforderung mit voller Offenheit: „Earl Harold, bei meiner Ehre als Euer Bruder in der Ritter⸗ ſchaft— ich will Eure offene Frage offen beantworten. Ich habe Urſache zu glauben und zu wiſſen, daß William Euch nicht ziehen laſſen wird, ohne über gewiſſe Punkte, die er Euch ohne Zweifel über kurz oder lang ſelbſt klar machen wird, vollkommen befriedigt zu ſeyn.“ „Und wenn ich auf meiner Abreiſe beſtehe, ohne ihn alſo zu be⸗ friedigen?“ „Jedes Schloß an unſerer Straße hat einen Kerker, ſo tief, wie der des Grafen Guy; wo aber fändet Ihr einen zweiten William, um Euch von William zu befreien?“ „Jenſeits dieſer See lebt ein mächtigerer Fürſt, als William, und nicht minder entſchloſſene Männer, als Eure Normannen.“ „Cher et puissant, Mylord Earl,“ gab de Graville zur Ant⸗ wort,„das ſind wohl tapfere Worte, die aber in dem Ohre eines ſo tiefen Politikers, wie der Herzog, kein Gewicht finden. Glaubt Ihr wirklich, daß König Edward— verzeiht meine Plumpheit— ſich aus ſeiner Apathie aufraffen und um Euretwillen mehr als Eurer Ver⸗ wandten halber unternehmen, daß er etwas anderes als predigen und remonſtriren würde?— Seyd Ihr gewiß, ob er auf die Vorſtellung eines Mannes, den er ſo wie einſt William geliebt hat, nicht froh ſeyn wird, daß ſein Thron eines ſo furchtbaren Unterthanen ledig wird? Ihr ſprecht vom engliſchen Volke, bei dem Ihr ohne Zweifel ſehr beliebt ſeyd; allein es liegt nicht in der Gewohnheit eines Volkes, am wenig⸗ ſten des Eurigen, ſich ohne Führer thätig und in Uebereinſtimmung zu 26* 40⁴ rühren. Der Herzog kennt die Faktionen in England ſo gut, wie Ihr. Erinnert Euch nur, wie nahe er mit Eurem ehrgeizigen Bruder Toſtig verwandt iſt. Fürchtet Ihr nicht, daß Toſtig ſelbſt als Earl der kriegeriſcheſten Bevölkerung des Königreichs nicht allein Alles thun wird, um Eure Popularität beim Volke zu beeinträchtigen, ſon⸗ dern daß er auch jede Intrigue aufbieten könnte, um Euch hier zurück⸗ zuhalten, damit er ſelbſt das Haupt des Adels im Lande bleibe? Unter den übrigen Führern außer Gurth, der blos Euer eigener Vice⸗Earl iſt— wo wäre Einer, der ſich nicht über Harolds Abweſenheit freute? Ihr habt Euch die einzige Familie, die der Macht Eurer eigenen nahe kommt— nämlich Algars und Leofries Erben— zu Feinden gemacht. — Wenn Eure ſtarke Hand die Zügel des Reichs nicht mehr führt, ſo werden über kurz oder lang Unruhen und Zwiſtigkeiten ausbrechen, welche die Gedanken der Menſchen von dem abweſenden Gefangenen abziehen und auf die Sicherheit ihres eigenen Heerdes oder auf die Förderung ihrer eigenen Intereſſen hinlenken werden. Ihr ſeht, daß ich den Zuſtand Eures Geburtslandes ſo ziemlich kenne; glaubt aber ja nicht, daß meine eigene Beobachtung, obwohl ſie nicht müßig blieb, hinreichte, um mir ſolche Kenntniß zu verſchaffen— ich ſammelte ſie mehr aus Williams Geſprächen; denn aus Flandern, aus Boulogne, aus England ſelber kommt dieſem durch tauſend Kanäle Alles zu Ohren, was zwiſchen den Klippen von Dover und den Marſchen von Schott⸗ land vorgeht.“ Harold ſchwieg lange, bis er ſeine Antwort gab, denn jetzt war ihm ſeine Gefahr vollkommen klar geworden, und während er die Weisheit und genaue Kenntniß der Sachlage, womit de Graville ſich äußerte, anerkannte, überlegte er raſch den beſten Weg, den er ſelbſt in ſolch äußerſtem Falle verfolgen könnte. „Eure Bemerkungen über Englands Zuſtand übergehe ich mit einer einzigen Berichtigung. Ihr unterſchätzt meinen Bruder Gurth, wenn Ihr blos als von Harolds Vice⸗Carl von ihm redet: Ihr unter⸗ ſchätzt einen Jüngling, der blos eines Zieles bedarf, um in Waffen wie R : 405 im Rathe ſogar meinen Vater Godwin zu übertreffen.— Dieſes Ziel würde ihm die Liebe für den Unrecht leidenden Bruder an die Hand geben und dreihundert Schiffe, bemannt mit Kriegern, nicht weniger kühn als die, welche einſt dem König Carl dieſes Neuſtrien entriſſen, würden die Seine heraufſegeln, um Euren Gefangenen zurückzufordern.“ „Zugegeben,“ erwiederte de Graville;„allein William, der ſeinen eigenen Unterthanen wegen eines eitlen Scherzes über ſeine Geburt Hände und Füße abhauen durfte, könnte eben ſo leicht einem gefange⸗ nen Feinde die Augen ausſtechen, und welchen Werth hat der fähigſte Kopf und der feſteſte Arm, wenn man ganz von der Sehkraft eines Anderen abhängt!“ Harold ſchauderte unwillkürlich, faßte ſich aber alsbald, und er⸗ wiederte lächelnd: „Du machſt den Herzog zu einem grauſameren Schlächter, als ſeinen Anherrn Rollo. Du ſagteſt jedoch, er brauche blos über ge⸗ wiſſe Punkte beruhigt zu werden— worin beſtehen dieſe?“ „Ja, das mußt Du errathen, oder er muß es Dir enthüllen. Doch ſieh', William ſelber iſt im Anzug.“ Hier kam der Herzog, der bis jetzt im Nachtrabe ſich aufgehalten, herbeigeſprengt und entſchuldigte ſich gegen Harold in den artigſten Worten wegen ſeiner langen Abweſenheit, indem er im Weiterreiten mit all' ſeiner früheren Offenheit und Heiterkeit zu plaudern fortfuhr. „Nebenbei bemerkt, theurer Waffenbruder,“ ſagte er,„ich habe Dir heute Abend eine Geſellſchaft zugedacht, die Dir, wie ich fürchte, mehr als ich ſelber willkommen ſeyn wird, nämlich Haco und Wolnoth. Dieſer Letztere iſt ein Jüngling, den ich zärtlich liebe: Erſterer iſt ſehr ungeſellig und würde, dünkt mich, beſſer zum Einſiedler als zum Soldaten taugen. Aber bei St. Valery! ich vergaß Dir zu ſagen, daß ein Bote aus Flandern mir heute unter anderen Nachrich⸗ ten verſchiedene Neuigkeiten gebracht hat, die Dich vielleicht inte⸗ reſſiren dürften. In Deines Bruders Toſtig Grafſchaft Northumbrien herrſcht große Aufregung und es geht das Gerücht, daß ſeine trotzigen Vaſallen ihn vertreiben und ſich einen anderen Lord wählen wollen: man ſprach von den Söhnen Algars— ſo nanntet Ihr glaub' ich den ſtolzen Earl, der kürzlich geſtorben. Das ſieht bedenklich aus, denn meines theuren Vetters Edward Geſundheit iſt in raſchem Abnehmen begriffen. Mögen die Heiligen ihn noch lange mit Ihrer Ruhe ver⸗ ſchonen!“— „Das ſind in der That ſchlimme Zeitungen,“ bemerkte der Carl; „und ſie werden ſicherlich zu meiner Entſchuldigung genügen, wenn ich auf meiner alsbaldigen Abreiſe beſtehe. Ich bin Dir dankbar für Deine höchſt gnädige Gaſtfreundſchaft, wie für Deine gerechte und großmüthige Vermittlung bei deinem Lehensmanne“(Harold ver⸗ weilte nachdrücklich auf letzterem Worte)„wegen meiner Erlöſung aus einer für die ganze Chriſtenheit ſchmachvollen Gefangenſchaft. Dir das ſo edelmüthig bezahlte Löſegeld zurückzugeben— damit will ich Dich nicht beleidigen, mein theurer Herr; doch wird Deine Gemahlin und Deine ſchönen Kinder vielleicht nicht verſchmähen, ſolche Gaben, wie ſie unſere Krämer als die ſeltenſten halten, von meinen Händen anzunehmen. Hievon ſpäter. Jetzt möchte ich nur um ein Schiff aus Deinem nächſten Hafen bitten.“ „Davon, mein theurer Gaſt und Bruder Ritter, wollen wir bei ſpäͤterer Gelegenheit reden. Schau jenes Schloß— Ihr habt kein ſolches in England. Sieh nur ſeine Gräben und Vormauern!“ „Eine ſtattliche Maſſe!“ gab Harold zur Antwort.„Entſchuldige mich übrigens, wenn ich darauf dringe—“ „Ich ſage, Ihr habt keine ſolchen Zwinger in England,“ unter⸗ brach ihn der Herzog zudringlich. „O ja,“ erwiederte der Engländer,„zwei weit gröͤßere als dieſer, nämlich die Salisbury Ebene und die Newmarket Haide“— zwei * Aehnlich lautete die Antwort Goodyns, des Biſchofs von Wincheſter, als Geſandter Heinrichs VIII. vor dem Könige von Frankreich. Bis auf den heutigen Tag hegen die Engländer dieſelbe Anſicht über Feſtungen wie Harold und Goodyn. 407 Veſten, welche fünfzigtauſend Männer faſſen, die keiner anderen Mauern als ihrer Schilde bedürfen. Englands Männer bilden ſeine Boll⸗ werke, Graf William, und ſeine weiteſten Ebenen ſind ſeine feſteſten Schlöſſer.“ „Ah!“ rief der Herzog, ſich auf die Lippen beißend,„das mag ſeyn— doch um auf jenes Schloß zurückzukommen— dort, merkt Euch wohl, pflegen die Herzoge der Normandie ihre Staatsgefangenen zu verwahren; Euch aber, mein edler Gefangener,“ fuhr er lachend fort, „halten wir in einem ſtärkeren Kerker— nämlich in unſeren liebenden Herzen.“ Indem er ſprach, richtete er ſein Auge feſt auf Harold, und Beider Blicke begegneten ſich: der des Herzoͤgs war leuchtend aber ſtreng und finſter, der Harolds ſtandhaft und vorwurfsvoll. Wie durch einen Zauber blieben Beider Augen gleich den Blicken zweier Könige des Waldes vor dem Anſall und Sprunge feſt aneinander haften. William war der erſte, der ſeinen Blick zurückzog, wobei ſeine Lippe zitterte und ſeine Stirne ſich runzelte. Dann winkte er einem ſeiner Lords hinter ihm, damit er ihre Geſellſchaft vermehre, und ſpornte ſein Roß, ſo daß jedes fernere Zwiegeſpräch ein Ende hatte. Der Zug hielt nicht eher an, als bis ſie ein Kloſter erreichten, wo ſie ihre Nachtruhe hielten. Fünfzigſtes Kapitel. Als Harold das für ihn zubereitete Kloſtergemach betrat, fand er Haco und Wolnoth bereits ſeiner harrend, und da die Wunde, die er in einem der letzten Scharmützel gegen die Bretonen erhalten hatte, un⸗ terwegs aufgebrochen war, ſo hatte er eine genügende Entſchuldigung, um den Reſt des Abends allein mit ſeinen Verwandten zuzubringen. Endlich dem rückhaltloſen Geſpräche mit ihnen überlaſſen, fand Harold immer neue Gründe, die ſeine Unruhe nur vermehrten und 408 ihn von den ihm gelegten Schlingen überzeugten, denn ſogar Wol⸗ noth konnte bei genauerer Nachforſchung nicht läugnen, daß des Her⸗ zogs Charakter trotz all der gerühmten ritterlichen Ehrenhaftigkeit durch Beweiſe der gewiſſenloſeſten Argliſt befleckt war. Zu ſeiner Ent⸗ ſchuldigung läßt ſich allerdings ſagen, daß Williams Kindheit, vom achten Jahre an den Fallſtricken ſeiner eigenen Verwandten preisge⸗ geben und öfter durch Liſt als durch Stärke daraus befreit, frühzeitig gelernt hatte, die Verſtellung zu rechtfertigen und Weisheit mit Liſt zu verwechſeln. Harold dachte jetzt mit bitterer Reue an Edwards Abſchiedsworte und erkannte ihre Richtigkeit, obwohl er deren volle Bedeutung bis jetzt noch nicht begriff. Er war jedoch noch mehr durch die Nachrichten aus England beunruhigt, dennzier wußte, daß nicht allein die Macht ſeines Hauſes und die Grundlagen ſeiner ehrgeizigen Hoffnungen, ſondern ſogar das Wohl. und die Sicherheit des Landes durch ſeine fortgeſetzte Abweſenheit täglich mehr gefährdet waren, ſo daß ſein kühnes Herz zum erſtenmal in ſeinem Leben von einer un⸗ deutlichen, unausſprechlichen Angſt ergriffen wurde— einer Angſt, ähnlich der des Aberglaubens, denn gleich dieſem ſcheute ſie ſich vor mei dem Unbekannten; er ſah wohl Alles, was zu vermeiden war, aber nichts, woran er ſich feſthalten konnte. Er, der vor dem kurzen Bangen und des Todes gelächelt hätte, bebte vor dem Gedanken lebenslänglicher Be⸗ Gefangenſchaft; er, deſſen Geiſt ſich bei allen Lebensſtürmen elaſtiſch aufſchwang, und ſich der Luft der Thätigkeit ſreute— er erbleichte in In der Beſorgniß vor Blindheit, jener äußerſten und troſtloſen Be⸗ gel raubung der Macht, der Freiheit und Brauchbarkeit— in dem da⸗ ein maligen eiſernen Zeitalter der einzigen Hoffnung und Laufbahn des Vr Mannes. let Und was waren wohl jene geheimnißvollen Punkte, worüber er der den Herzog zu beruhigen hatte? Er ſondirte ſeine jungen Verwandten; R aber Wolnoth wußte offenbar nichts; Haco's Auge zeigte wohl Ein⸗ S verſtändniß, allein ſeine Blicke und Gebärden ſchienen anzudeuten, daß D er das was er wiſſe, blos vor Harold enthüllen wolle. Von ſeiner ———.,—. 4 8 409 Erſchütterung weit weniger als von der dem engliſchen Charakter ſo eigenthümlichen Bemühung, dieſelbe zu verbergen, ermüdet(es iſt dies eine ſtolze Tugend der Männlichkeit, welche gar wenig geſchätzt und nur ſelten verſtanden wird), küßte er endlich Wolnoth und ſchickte ihn gähnend zur Ruhe; Haco ſchloß zögernd die Thüre und betrachtete den Carl lange mit traurigen Blicken. „Edler Oheim,“ ſagte Sweyns junger Sohn,„ich ſah von An⸗ fang, daß Dein Loos dem unſeren ähnlich werden würde— nur wirſt Du Wall und Graben um Dich haben, wenn Du nicht anders Deine eigenſte Natur ablegſt, denn ſie wird Dir hier keine Waffe in die Hand geben— wenn Du nicht annimmſt, was—“ „Ho!“ unterbrach ihn der Earl, in ſeiner zurückgedrängten Lei⸗ denſchaft erbebend,„ich ſehe bereits den ganzen ſchmachvollen Verrath und Betrug, der hier den Gaſt und Edelmann umgibt! Wenn übrigens der Herzog ſo Schändliches wagt, ſo ſoll er es wenigſtens am hellen Tage thun. Das erſte Boot, das ich auf ſeinem Fluſſe oder an der Seeküſte entdecke, will ich anruſen, und wehe Denen, welche Hand an meinen Arm legen, um mich feſtzuhalten!“ Haco richtete ſeine Unglück verkündigenden Augen auf Harold und in deren kaltem leidenſchaftsloſen Ausdrucke lag etwas was jede Begeiſterung zu hemmen und allen Muth zu ertödten ſchien. „Harold,“ ſagte er,„wenn Du auch nur einen Augenblick dem Impulſe Deines männlichen Stolzes oder Deines gerechten Unwillens gehorchſt, ſo biſt Du für immer verloren; eine einzige Gewaltthat, ein einziges Wort der Beleidigung— und Du gibſt dem Herzog den Vorwand, nach dem er dürſtet. Entrinnen iſt unmöglich. Seit den letzten fünf Jahren erwog ich Tag und Nacht die Mittel zur Flucht, denn ich bin der Anſicht, daß meine Geiſelſchaft, wenn’'s nach dem Rechte geht, längſt vorüber iſt— ich habe nicht ein einziges gefunden. Spione bewachen jeden meiner Schritte, wie ſie ohne Zweifel auch Dich belauern werden.“ „Ha! Das iſt wahr,“ rief Harold;„noch nie habe ich Lager 410 oder Truppe auch nur drei Schritte verlaſſen, ohne daß mir Ritter oder Höfling unter irgend einem Vorwand folgte. Gott und unſere liebe Frau mögen mir helfen, und wäre es auch nur um Englands willen! Aber was räthſt Du? Belehre mich, Knabe: Du biſt in dieſer Luft der Argliſt aufgewachſen— mir iſt ſie fremd und ich bin wie ein wildes Thier, das von einem feurigen Kreiſe einge⸗ ſchloſſen iſt.“ „Dann mußt Du Liſt mit Liſt, Lächeln mit Lächeln erwiedern,“ gab Haco zur Antwort.„Bedenke, daß Du gezwungen wirſt und handle demgemäß, wie ſelbſt die Kirche erzwungene Handlungen verzeiht.“ Harold fuhr zuſammen und tiefe Röthe breitete ſich über ſeine Wangen. „Einmal im Gefängniß, biſt Du dem Anblicke der Menſchen für immer entzogen,“ fuhr Haco fort;„William würde dann nicht wagen, Dich frei zu laſſen, wenn er Dich nicht zuvor unmächtig zur Rache gemacht hätte. Ich will ihn nicht ſoweit verläumden, daß ich ſage, er ſelber ſey einer geheimen Mordthat fähig; aber er hat immer Leute in ſeiner Umgebung, denen ſolches zuzutrauen iſt: er läßt in ſeinem Zorne ein haſtiges Wort fallen, das dann von ſeinen bereitwilligen erbarmungsloſen Werkzeugen aufgegriffen wird. Der große Graf von Bretagne ſtand ihm im Wege; William fürchtete ihn, wie er Dich fürchtet, und an ſeinem eigenen Hofe, unter ſeinen eigenen Leuten ſtirbt der große Graf von Bretagne an Gift. Zu Deiner Verur⸗ theilung— ſey ſie nun offen oder geheim— fände William überdies hinreichende Entſchuldigung.“ „Wie ſo, Knabe? Welche Anklage kann der Normanne gegen einen freien Engländer erheben 2“ „Sein Verwandter Alfred wurde geblendet, gefoltert und ermor⸗ det,“ gab Hacozur Antwort.„Am Hofe von Rouen ſagt man, Dein Va⸗ ter Godwin habe dieſe Thaten verrichtet. Die Normannen in Al⸗ freds Gefolge wurden kaltblütig hingeſchlachtet, und auch dieſe Metzelei wird Godwin, Deinem Vater, Schuld gegeben.“ 411 „Das iſt eine hölliſche Lüge, wie ich dem Herzog bereits bewieſen habe!“ rief Harold. 5„Bewieſen? O nein! Das Lamm wird niemals eine Sache be⸗ und weiſen, die von dem Wolfe zum Voraus abgeurtheilt iſt. Unzählige⸗ ge⸗ mal hörte ich die Normannen von dieſen Thaten reden und vernahm ihren Ruf, daß ſie einſt gerächt werden ſollten. Sie brauchen blos dieſe alte Anklage zu erneuern und Godwins plötzliches Ende als die 8 Beſtätigung ſeines Verbrechens von Seiten Gottes anzuführen, und 3 Edward ſelber würde dem Herzog Deinen blutigen Tod vergeben. eine Denken wir übrigens das Beſte, denken wir, daß ein milderes Urtheil Deine Gefangenſchaft ausſpräche, und daß Edward mit ſeinen Eng⸗ 22 ländern die Normandie überfiele, um Deine Freiheit zu erzwingen— uu weißt Du, was William erſt neulich mit einigen Geiſeln gethan hat? 2 Er ſtellte ſie an die Spitze ſeiner Armee und blendete ſie im Angeſichte che beider Heere. Glaubſt Du, gegen Dich und uns würde er ſanfter 0. verfahren? Solcher Art ſind Deine Gefahren. Sey kühn und frei⸗ ken müthig— und Du kannſt ihnen nicht entrinnen: ſey weiſe und vor⸗ ſichtig, gib verſtellte Verſprechungen— und ſie ſind getäuſcht: bedecke daf Dein Löwenherz mit dem Felle des Fuchſes, bis Du den Netzen ent⸗ ich ronnen biſt.“ 8 ten„Verlaß mich, verlaß mich,“ rief Harold haſtig.„Doch halt: Du ſchienſt mich zu verſtehen, als ich andeutete— mit einem Worte, r⸗ was iſt es, was William durch mich gewinnen will?“ les 3 Haco ſchaute ſich um; ging nach der Thüre— öffnete und ſchloß ſie wieder, bis er ſich endlich näherte und die Worte flüſterte: den 1„Die Krone von England!“ Der Earl bäumte ſich, als wäre er in's Herz getroffen. N„Verlaß mich. Ich muß allein ſeyn— nur jetzt allein. Geh! 1. Geh!“ rief er abermals. ſe 412 Einundfünfzigſtes Kapitel. Nur in der Einſamkeit konnte der ſtarke Mann ſeinen Regungen freien Lauf laſſen, und ſie überfielen ihn auch im Anfange ſo wirr, ſo ſtürmiſch und ſich gegenſeitig überſtürzend, daß ganze Stunden ver⸗ ſtrichen, bis er der furchtbaren Kriſis ſeiner Lage mit Gleichmuth in's Auge ſchauen konnte. Der große Geſchichtſchreiber Italiens erzählt uns, daß der ein⸗ fache wahrheitsliebende Germane, ſo oft er unter die argliſtigen in⸗ triguirenden Italiener gerieth, in der Regel weit falſcher und abge⸗ feimter als dieſe ſelber wurde: gegen ſeine eigenen Landsleute behielt er die ihn charakteriſirende Treue und Aufrichtigkeit; gegen die ſüd⸗ lichen Ränkeſchmiede aber legte er, auch wenn er nur einmal von ihnen angeführt ward, gleichſam aus trotziger Verachtung alles Ver⸗ trauen bei Seite, er freute ſich, dieſelben in ihrer eigenen boshaften Staatskunſt zu überbieten, und wenn man ihm ſeine Unaufrichtigkeit vorwarf, ſo gab er mit naiver Verwunderung zur Antwort:„Ihr Italiener— ihr wollt Euch über Unaufrichtigkeit beklagen! Wie kann man anders mit Euch verfahren— wie anders ſich gegen Euch ſichern?“ Eine ähnliche Umwälzung aller natürlichen Charakterelemente ging in jener ſtürmiſchen einſamen Nacht auch in Harolds Seele vor ſich. In dem Uebermaße ſeiner Entrüſtung beſchloß er, ſich nicht ſo tölpiſch zu ſeinem Verderben überliſten zu laſſen. Sein treuloſer Wirth hatte ſich ſelbſt jenes Vorrechts der Wahrhaftigkeit— der brei⸗ ten himmliſchen Grundlage der Sicherheit— beraubt: es war jetzt nur noch ein gegenſeitiger Wettkampf von Liſt und Ränken. Der Zuſtand und das Geſetz der Kriegführung war zum trügeriſchen Frie⸗ den übergeſprungen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als Kom⸗ plott und Hinterhalt mit den gleichen Waffen zu erwiedern. Solcher Art waren die Selbſtentſchuldigungen, womit der Sachſe ſeinen Entſchluß vertheidigte— Entſchuldigungen, die ihm noch mehr geheiligt erſchienen durch den von dem Erfolge abhängenden Einſatz, 413 welcher ſeinem nie raſtenden Patriotismus weit mehr als ſeinem in⸗ dividuellen Ehrgeize angehörte. Nichts war klarer, als daß wenn er ſelbſt zur Zeit von König Edwards Tode in einem normänniſchen Kerker ſchmachtete, das einzige Hinderniß für Williams Plane auf den engliſchen Thron aus dem Wege geräumt wäre; in der Zwiſchen⸗ zeit konnten des Herzogs Intriguen den ſchwachen König abermals mit normänniſchem Einfluſſe umgeben und in Ermangelung jedes le⸗ gitimen mit dem Vertrauen des Volkes bekleideten Thronerben und ſeines eigenen vorwiegenden Einfluſſes auf den Witan wie auf den Heerbann der Nation— was vermochte die Abſichten des herrſchſüchtigen Normannen noch ferner zuhemmen? So war ſeine eigene Freiheit un⸗ auflöslich mit der ſeines Vaterlandes verknüpft, und für den einen großen Endzweck— die Sicherheit von England— waren ihm alle Mittel heilig. Als er am andern Morgen wieder zu der Kavalkade ſtieß, war der Kampf und die Todesangſt der verfloſſenen Nacht nur noch an ſei⸗ ner ausnehmenden Bläſſe zu gewahren, und er gewann es ſogar über ſich, Williams herzliche Begrüßung mit entſprechender Munterkeit zu erwiedern. Während ſie alſo noch immer von mehreren Rittern begleitet unter allgemeinen Geſprächen weiter ritten, lieferte das Anſehen des Landes das Thema zu ihrer Unterhaltung. Hier im Herzen der Normandie, in den von den großen Städten entfernten Landdiſtrikten war dieſes Ausſehen der Art, daß man nicht leicht eine größere Oede und Vernachläßigung entdecken konnte. Elend und ſchmutzig im höch⸗ ſten Grade waren die Hütten der Leibeigenen, und wenn dieſe Letzteren halbnackt und abgezehrt von Hunger ihnen unterwegs begegneten, lag eine wilde Gluth des Haſſes und des Mißvergnügens in ihren Blicken, während ſie ſich tief vor den normänniſchen Reitern bückten und die bitteren verächtlichen Schimpfworte, mit denen man ſie anredete, ver⸗ nahmen, denn der Normanne wie der Franke waren mehr als gleich⸗ gültig gegen das Landvolk— er verachtete und verabſcheute es, als ob es mit den Eroberern nicht zu Einem Stamme gehörte. Die nor⸗ männiſche Niederlaſſung im Lande war noch ſo friſch, daß von jener Verſchmelzung der Klaſſen, wie ſie in England ſeit Jahrhunderten vor ſich gegangen, keine Spur vorhanden war. In England war zwar der Theowe ein völliger Sklave und der Ceorl ſtand in politiſcher Knechtſchaft unter ſeinem Gebieter; allein die öffentliche Meinung, milder als das Geſetz, bewahrte die Knechtſchaft vor muthwilliger Erſchwerung und man fühlte, daß die Sklaverei ebenſo unrecht als unchriſtlich ſey. Der ſächſiſche Klerus ſympathiſirte vielleicht gerade wegen ſeiner Unwiſſenheit weit mehr mit dieſer unfreien Bevölkerung und war inniger mit ihr verknüpft, als die im Vergleich mit ihm ſo gelehrten und hochmüthigen Geiſtlichen des Feſtlandes, die ſich von dem ungebildeten Pöbel entfernt hielten. Die ſächſiſche Kirche ging mit dem Beiſpiele der Freilaſſung der Theowen, mit der Emancipirung der Ceorls unabänderlich voran und lehrte, daß ſolche Handlungen zur Rettung des Seelenheiles beitrugen. Die rohe bäuriſche Lebensweiſe der meiſten ſächſiſchen Thane, deren Unterhalt einzig von ihren Heer⸗ den und den Erzeugniſſen des Landbaues, das heißt von der Arbeit ihrer Bauern abhing, machte nicht allein die Rangunterſchiede weniger hart und ſichtbar, ſondern ließ auch die reichliche Ernährung und Be⸗ kleidung der Leibeigenen als ein beſonderes Intereſſe der Gebieter erſcheinen. Alle Urkunden über die Sitten der Sachſen beweiſen, wie gut die Armen gehalten waren, und wie ſorgfältig ihr Leben und ihre Rechte beachtet wurden, welch' letztere, mit den fränkiſchen Geſetzen verglichen, human und aufgeklärt genannt werden dürfen. Auch der niedrigſte Hörige hatte vor Allem die große Hoffnung auf Freiheit und Beförderung vor ſich, während in den Augen des Normannen das Thier des Feldes heiliger war, als der elende Leibeigene.“ Wir haben * Siehe Mr. Wrights höchſt intereſſanten Artikel über die Lage des engliſchen Landvolks ꝛc.(Archaeologiae vol. XXX, S. 205— 244). Gleichwohl muß ich bemerken, daß ſämmtliche Forſcher ein höchſt wichtiges Faktum überſehen oder wenigſtens nicht gehörig gewürdigt haben, das näm⸗ oben den Normannen mit dem Spartaner verglichen und dieſe Aehn⸗ ner lichkeit zeigt ſich vor Allem in ſeiner Verachtung des Heloten. vor Verthiert und herabgewürdigt wie die Leibeigenen waren, von var der Religion nichts kennend als deren Schrecken, ſtritten die Sitten her dieſer Armen auf dem franzöſiſchen Feſtlande ſogar gegen die eigent⸗ ng, liche Baſis des Chriſtenthums— gegen die Ehe. Sie pflegten meiſt ger ohne dieſes Band zuſammen zu leben, und daher kam es, daß ſie von als ihren Gebietern— Klerikern wie Laien— nur mit dem gemein⸗ ade ſten Schimpfworte, das die Verachtung dem Sohne des Weibes bei⸗ ing legen kann, angeredet wurden. ſo„Dieſe Hunde ſtarren uns an,“ rief Odo, als eine Heerde der vn elenden Sklaven vorüberzog.„Sie bedürfen immer der Peitſche, damit ing ſie ihren Gebieter kennen lernen.— Sind ſie in England ebenſo ſauer⸗ ing töpfiſch und meuteriſch, Lord Harold?“ di„Nein; aber dort ſieht man auch den geringſten Theowen nicht iſe alſo gekleidet, noch in ſolchen Höhlen hauſend,“ gab der Earl zur er⸗ Antwort. eit„Und iſt es wirklich wahr, daß ein Leibeigener bei Euch ſich bis ger zum Edelmanne emporſchwingen kann?“ 3„Das kommt alle Jahre vor. Vielleicht ein ganzes Viertel unſe⸗ er vie lich, daß gerade die Verachtung des Normannen vor der Hauptmaſſe der unter⸗ hre thänigen Bevölkerung eine der Haupturſachen war, welche der poſitiven Skla⸗ verei in England ein Ende machte. So verlor der Normanne ſehr bald die en Unterſcheidung aus dem Auge, welche die Angelſachſen zwiſchen dem Land⸗ der ceorl und dem Theowen, d. h. zwiſchen dem Hörigen der Scholle und dem ind perſönlichen Sklaven gezogen hatten. Dadurch wurden dieſe Klaſſen mit ein⸗ as ander vermiſcht und durch die nämlichen Umſtände allmälig emancipirt. Das hen hätte wohlgemerkt unter den angelſächſiſchen Geſetzen niemals ſtattfinden können, welche die Klaſſe der Sklaven durch überwieſene Verbrecher und deren es Kinder fortwährend vervollzähligte. Die hörige Bevölkerung wurde den nor⸗ 4). männiſchen Baronen in ihren Fehden untereinander oder gegen den König viel ges zu unentbehrlich, um lange unterdrückt zu bleiben, und in der Zeit Froiſſart’s m⸗ weiß dieſer würdige Chroniſt die Unverſchämtheit oder den Hochmuth des menu peuple blos ihrem grand aise et abondance de biens zuzuſchreiben. 416 rer angelſächſiſchen Thane zählen Pflugknechte oder Handwerker unter ihren Ahnherrn.“ 3 4 Hier fiel Herzog William ſeinem Bruder klugerweiſe in die Rede, indem er in mildem Tone bemerkte: „Jedes Land hat ſeine eigenen Geſetze und ein weiſer, tugend⸗ hafter Herrſcher ſollte es einzig nach dieſen regieren. Es thut mir leid, edler Harold, daß Ihr den wunden Fleck in meinem Reiche alſo mitanſehen müßt. Ich gebe zu, daß die Lage der Bauern und die Kul⸗ tur des Landes einer Reform bedürfen; allein in meiner Kindheit brach eine Rebellion unter dem Landvolke aus, welche nur durch ein blutiges Beiſpiel zu dämpfen war und die zornigen Erinnerungen zwiſchen Herrn und Knecht müſſen erſt einſchlummern, ehe wir Gerechtigkeit zwiſchen Beiden walten laſſen können, wie wir, ſo es St. Peter ge⸗ fällt, mit Lanfranes Hülfe zu thun gedenken. Mittlerweile haben wir einen großen Theil unſerer Hörigen in den größeren Städten be⸗ deutend erleichtert, denn Handel und Gewerbe bilden die Stärke em⸗ porſtrebender Staaten, und liegen unſere Felder auch öde, ſo gedeihen doch wenigſtens unſere Straßen.“ Harold verbeugte ſich und ritt nachſinnend weiter. Die Civiliſa⸗ tion, die er ſo ſehr bewundert hatte, beſchränkte ſich alſo auf die noble Klaſſe und reichte höchſtens bis zu dem Kreiſe der herzoglichen Han⸗ delspolitik; drüber hinaus an den Gränzen der Menſchheit lag die Maſſe des Volks, und hier ließ ſich allerdings zwiſchen engliſcher und normänniſcher Bildung zu Gunſten der Letzteren keine Vergleichung anſtellen. Die Thürme von Bayeur ragten undeutlich in der Ferne, als William auf einem lieblichen von Eichen und Buchen überſchatteten Punkte neben einem Flüßchen zu halten vorſchlug. Ein Zelt für ihn und Harold ward eilig aufgerichtet; nach einem mäßigen Mahle nahm der Herzog Harolds Arm und führte ihn abſeits von dem Ge⸗ folge am Rande des murmelnden Baches weiter. Bald hatten ſie eine abgeſchiedene, idylliſche Stelle des Urwaldes unter Rede, igend⸗ t mir e alſo Kul⸗ brach itiges iſchen igkeit er ge⸗ haben en be⸗ e em⸗ beihen iliſa⸗ noble Han⸗ g die r und hung „als teten für kahle Ge⸗ aldes 417 vor ſich— eine Stelle, wie die alten Minſtrels ſie gerne beſchrieben und wo ein frommer Einſiedler mit Freuden ſeine einſame Heimath aufgeſchlagen hätte. Auf einer das Waſſer überragenden Moosbank machte William Halt und winkte ſeinem Gefährten, ſich niederzuſetzen, während er ſelbſt ſich neben ihn lehnte und in der Zerſtreuung die Waſſerblaſen vom Rande ſchöpfte, um ſie wieder in den Bach zurück⸗ träufeln zu laſſen. Sie fielen mit hohlem Klange nieder; der Kreis, den ſte auf der Oberfläche verurſachten, erweiterte ſich und verſchwand, und die Welle rauſchte verächtlich murmelnd weiter. „Harold,“ begann der Herzog endlich,„Du haſt wohl gedacht, ich habe mit Deinem ungeduldigen Wunſche zur Rückkehr mein Spiel getrieben; allein auf meiner Seele laſtet eine Angelegenheit von großer Bedeutung für Dich wie für mich, und ſie muß ausgeſprochen werden, ehe Du abreiſen kannſt. Auf dieſem ſelben Flecke, wo wir jetzt ſitzen, ſaßen in früher Jugend Edward, Dein König, und William, Dein Wirth. Mild geſtimmt durch die Abgeſchiedenheit des Ortes wie durch das muſikaliſche Geläute der Kirchenglocke, deren bleicher Thurm dort drüben durch die Lichtung emporragt, äußerte Edward ſeinen Wunſch nach dem Kloſterleben und ſeine Zufriedenheit mit dem Erile im nor⸗ männiſchen Lande. Nur gering war damals die Hoffnung, daß er je⸗ mals Alfreds Thron beſteigen würde. Ich ſelbſt, kriegeriſcher geſinnt und für ihn wie für mich ſelber beeifert, bekämpfte den Gedanken ans Kloſter und verſprach ihm, wenn ſich je die Gelegenheit dazu darböte und er der normänniſchen Hülfe bedürfe, wolle ich mit Herz und Arm die ganze Macht eines Häuptlings aufbieten, um ihm die angeſtammte Krone zu gewinnen.— Hörſt Du mir zu, theurer Harold?“ „Gewiß, mein Wirth, mit Herz und Ohr.“ „Edward drückte mir mit dankbaren Worten die Hand, wie ich jetzt die Deinige drücke und gelobte, wenn er jemals aller menſchlichen Vorausſicht zum Trotze ſein Erbe erlange, wolle er mir, falls ich ihn überlebe, dieſes Erbe vermachen.— Du ziehſt Deine Hand aus der meinen zurück?“ Bulwer, Harold. 27 418 „Nur aus Ueberraſchung; fahre fort, Herzog William.“ „Als mir nun Deine Verwandten als Geiſeln für das mächtigſte Haus in England— das einzige, das meines Vetters Wunſch ver⸗ eiteln konnte— überſendet wurden, betrachtete ich dies natürlich als eine Verſtärkung ſeines Verſprechens und die ernſtliche Andeutung ſei⸗ ner fortgeſetzten Abſichten, worin ich durch den Prälaten Robert, Erz⸗ biſchof von Canterbury, der die geheimſten Entwürfe Deines Königs kannte, beſtärkt wurde. Daher die Hartnäckigkeit, mit der ich jene Geiſeln zurückhielt und Edwards bloße Vorſtellungen mißachtete, die ich nicht ohne Wahrſcheinlichkeit als milde Conceſſionen gegen Dein und Deines Hauſes Drängen anſah. Das Glück oder die Vorſehung hat ſeit damals das Verſprechen des Koͤnigs und meine darauf gegrün⸗ deten gerechten Erwartungen begünſtigt. Einen Augenblick lang ſchien es zwar, als ob Edward die Uebereinkunft unſerer Jugend bereue oder von Neuem in Erwägung ziehe; er ſchickte nach ſeinem Verwandten Atheling, dem natürlichen Thronerben. Allein der arme Fürſt ſtarb; den Sohn, ein bloſes Kind, werden, wenn ich recht unterrichtet bin, die Geſetze Deines Landes übergehen, falls Edward ſterben ſollte, ehe jener zum Manne herangewachſen, und überdies wird mir verſichert, daß der junge Edgar nicht genügende Geiſteskraft beſitze, um ein ſo ge⸗ wichtiges Scepter wie das von England zu führen. Auch hat Dein König ſeit Deiner Abweſenheit mehrere Krankheitsanfälle gehabt und noch ehe ein Jahr vorübergeht, kann ſeine neue Abtei ſein Grab um⸗ faſſen.“* Hier pauſirte William, ließ abermals die Schaumperlen in den Strom rinnen und warf verſtohlene Blicke auf das verſchloſſene Antlitz des Earls. *„Dein Bruder Toſtig,“ begann er von Neuem,„würde, wie ich weiß, als naher Verwandter meines Hauſes meine Anſprüche unter⸗ ſtützen, und bliebeſt Du von England abweſend, ſo wäre wohl Toſtig an Deiner Stelle das Haupt der großen Godwin'ſchen Parthei. Um Dir jedoch zu beweiſen, wie ich auf Deines Bruders Hülfe, verglichen n b f f ¹ htigſte ) ver⸗ ch als g ſei⸗ Erz⸗ önigs jene e, die Dein hung grün⸗ ſchien oder ndten arb; bin, ehe daß ge⸗ Dein und um⸗ den ſene ich ter⸗ ſtig Um hen 419 mit der Deinen, nur wenig Gewicht lege und wie unbedingt ich auf Dich rechne, habe ich Dir freimüthig eröffnet, was ein argliſtigerer Politiker verhehlt hätte— nämlich die Gefahr, mit welcher Dein Bruder in ſeiner eigenen Grafſchaft bedroht iſt.— Ich will alſo gleich zur Hauptſache übergehen. Als losgekauften Gefangenen könnte ich Dich hier zurückhalten, bis ich ohne Dich meinen engliſchen Thron beſtiegen hätte, denn ich weiß, daß Du allein meinen gerechten An⸗ ſprüchen entgegentreten oder des Königs Willen, der mir dieſe Erb⸗ ſchaft überläßt, anfechten könnteſt. Nichtsdeſtoweniger enthülle ich Dir mein Herz und möͤchte meine Krone einzig Deinem Beiſtande ver⸗ danken. Zu dieſem Zwecke will ich nicht als Herr mit dem Vaſallen, ſondern als Fürſt mit dem Fürſten unterhandeln, theurer Harold; Du ſollſt Deinerſeits das Schloß von Dover für mich beſetzen, um es meiner Flotte zu öffnen, wenn die Stunde herankommt; Du ſollſt mir in Frieden und durch Deinen Nationalwitan zur Nachfolge Edwards verhelfen, nach deſſen Geſetzen ich in allen Dingen übereinſtimmend mit den engliſchen Sitten, Gebräuchen und Beſchlüſſen regieren will. Einen ſtärkeren König zum Schutze Englands wider die Dänen, ein erfahreneres Haupt zur Mehrung Eures Gedeihens wirſt Du— ich bin eitel genug, das zu ſagen— in der ganzen Chriſtenheit nicht fin⸗ den. Ich meinerſeits biete Dir meine ſchönſte Tochter Adeliza, mit welcher Du alsbald verlobt werden ſollſt; Deine eigene unvermählte Schweſter, die junge Thyra, ſollſt Du einem meiner größten Barone zum Weibe geben; alle Würden, Ländereien und Beſitzungen, die Du jetzt inne haſt, ſollſt Du behalten, und wenn Dein Bruder Toſtig, wie ich vermuthe, ſein großes Fürſtenthum nördlich vom Humber nicht behaupten kann, ſo ſoll es auf Dich übergehen. Alles, was Du ſonſt noch als Bürgſchaft meiner Liebe und Dankbarkeit oder zur Verſtär⸗ kung Deiner Macht verlangen kannſt, auf daß Du Deine Graſſchaften ſo frei und mächtig regiereſt, wie die großen Grafen von Provence oder Anjou als blos formelle Lehensträger des Oberherrn herrſchen, oder wie ich, der ſtürmiſche Unterthan, die Normandie von Philipp von Frank⸗ 27* 420 reich zu Lehen trage— ſoll Dir gewährt ſeyn, ſo daß es, wenn auch dem Namen nach blos einen— in Wirklichkeit zwei Könige in England geben wird. Weit entfernt, durch Edwards Tod zu verlie⸗ ren, wirſt Du ſomit durch die Unterwerfung jedes geringeren Neben⸗ buhlers wie durch die herzliche Liebe Deines dankbaren William nur gewinnen.— Beim Glanze Gottes, Earl, Du läſſeſt mich lange auf Deine Antwort warten!“ „Was Du bieteſt,“ entgegnete der Earl, ſich ſelbſt in dem Ent⸗ ſchluſſe der verfloſſenen Nacht beſtärkend und ſeine vor Wuth erblaßten Lip⸗ pen zuſammenpreſſend,„geht über meine Verdienſte und übertrifft Alles, was ſelbſt der größte Häuptling einer Monarchie ſich wünſchen könnte. Es ſteht jedoch Edward ebenſowenig zu, England zu vermachen, wie es mir zukommt, daſſelbe zu vergeben: ſein Thron beruht auf dem Witan.“ „Und der Witan beruht auf Dir,“ rief William ſcharf.„Ich verlange blos Möglichkeiten, Mann; verlange blos Deinen ganzen Einfluß für meine Sache; iſt er geringer, als ich glaube, ſo fällt der Verluſt auf mich. Was beſinnſt Du Dich noch länger? Ich will nicht damit beginnen, daß ich Dich bedrohe; aber Du müßteſt in der That meine Thorheit verachten, wenn ich Dich jetzt, da Du meine Plane kennſt, fortließe— nicht um ſie zu unterſtützen, ſondern um ſie zu ver⸗ rathen. Ich weiß, Du liebſt England— das thu⸗ auch ich. Du hältſt mich für einen Ausländer— richtig; allein der Normann und der Däne ſind genau deſſelben Urſprungs. Du ſelbſt, von Canuts Stamm entſproſſen, weißt, wie die Regierung jenes Königs populär war— warum ſollte die Williams es weniger werden? Canut beſaß kein an⸗ deres Recht, als das des Schwertes: mein Recht wird ſeyn die Ver⸗ wandſchaft mit Edward— des Königs Wunſch zu meinen Gunſten— die durch Dich erworbene Beiſtimmung des Witan— der Mangel aller ſonſtigen würdigen Erben— meines Weibes klare Abſtammung von Alfred, welche die ſächſiſche Linie in meinen Kindern durch die reinſten edelſten Vorfahren auf dem Throne wiederherſtellt. Dieß Alles bedenke, venn e in rlie⸗ ben⸗ nur auf Ent⸗ Lip⸗ lles, inte. wie dem „Ich nzen t der nicht That lane ver⸗ ältſt der mm an⸗ Per⸗ ller von ſſten ake, 421 und wirſt Du mir dann wohl ſagen, daß ich dieſe Krone nicht ver⸗ diene?“ Harold ſchwieg noch immer und der feurige Herzog begann aufs Neue: „Sind die geſtellten Bedingungen nicht verlockend genug für mei⸗ nen Gefangenen— den Sohn des großen Godwin, der ohne Zweifel irrthümlich, aber nach der allgemeinen Stimme von ganz Europa für denjenigen gilt, der Gewalt über Leben und Tod meines Vetters Alfred und meiner normänniſchen Ritter übte? Oder trachteſt Du ſelbſt nach der engliſchen Krone und habe ich mein Herz einem Nebenbuhler eröffnet?“ „Nein,“ gab Harold mit der letzten krönenden Anſtrengung in dieſer neuen fatalen Lektion der Heuchelei zur Antwort.„Du haſt mich überzeugt; ſo geſchehe es denn, wie Du geſagt haſt.“ Der Herzog machte ſeinem Entzücken durch einen lauten Freuden⸗ ruf Luft und wiederholte dann die Artikel der Uebereinkunft, welche Harold nur mit einfachem Kopfnicken beantwortete. Schließlich um⸗ armte der Herzog den Carl und die Beiden kehrten nach dem Zelte zurück. Während die Roſſe vorgeführt wurden, ergriff William die Gele⸗ genheit, um Odo bei Seite zu ziehen; nach kurzem Flüſtern beſtieg der Prälat eilig ſein Berberroß und ſprengte der Geſellſchaft haſtig gegen Bayeur voran. Dieſen ganzen Tag, die ganze Nacht und noch den nächſten Morgen bis zum Mittag eilten Reiter und Couriere nach Nord und Süd, nach Oſt und Weſt, zu all' den berühmteſten Kirchen und Abteien der Normandie, und heilig und grauenvoll war die Beute, mit der ſie für die Ceremonie des nächſten Tages zurückkehrten. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Die ſtattliche Fröhlichkeit des Abendbankettes erſchien Harold wie das boshafte Gelage einer teufliſchen Orgie. In jedem Geſichte glaubte er den Triumph über den Verkauf von Englands Seele zu leſen; jedes leiſe Gelächter, wenn auch nur der Erguß der ſprichwörtlichen Munter⸗ keit der geſelligen Normannen, klang in ſeinen Ohren, wie der Jubel eines Hexenſabbaths. Da alle ſeine Sinne bis zu jener magnetiſchen Schärfe, vermöge welcher wir weniger hören und ſehen, als errathen und begreifen— übernatürlich angeſpannt waren, ſo brauste das leiſeſte Murmeln Williams in ſeines Bruders Odo Ohren hell und deutlich in ſeinem Gehöre; der geringſte Wechſel der Blicke zwiſchen einem finſter ſchauenden Prieſter und einem breitſchultrigen Krieger entzündete ſeine Einbildungskraft. Die Reizbarkeit in Folge ſeiner neulichen vernachläßigten Wunde verband ſich noch mit dieſer geiſtigen Aufregung, um ſeine Sinne zu ſchärfen, aber zu verwirren; Leib und Seele lagen im Fieber, und er ſchwankte zwiſchen Traum und De⸗ lirium. Spät Abends wurde er in das Zimmer geführt, wo die Herzogin mit Adeliza und ihrem zweiten Sohne William allein ſaß— Letzterer ein Knabe mit den rothen Haaren und der blühenden Geſichtsfarbe ſeiner däniſchen Vorfahren, nicht ohne eine gewiſſe kühne auffallende Art von Schönheit und ſchon in ſeiner Kindheit mit Edelſteinen und Stickereien bedeckt, in dieſem Zuge ſeine Leidenſchaft für jene aus⸗ ſchweifende fantaſtiſche Narretei verrathend, gegen welche William der rothe König zum Skandal der Kirche und des Beichtſtuhls den ge⸗ ziemenden Pomp ſeines Geſchlechtes vertauſchte. Harold wurde dem kleinen Mädchen förmlich vorgeſtellt und eine kurze wörtliche Ceremo⸗ nie ſollte andeuten, was der verachtenden Auffaſſung des Earls wie die Spottgeburt einer Verlobung zwiſchen einem bärtigen Manne und einem Kinde vorkam. Schmeichelnde Glückwünſche umſchwirrten ſein Ohr, dann drang ein Strahl von Lichtern in ſeine ſchwindelnden Au⸗ gen und er fand ſich wieder, wie er zwiſchen Odo und William auf einem Korridor weiter ging. Endlich war er in ſeinem Zimmer, das mit Arrastapeten behängt und mit Binſen beſtreut war; vor ihm ſtanden in Niſchen verſchiedene Bilder der Jungfrau, des Erzengels Michael, St. Stephans, St. Pe⸗ ters, St. Johanns und der heiligen Valery; die Glocken in dem nebenanliegenden Kloſter verkündeten die dritte Nachtwache*. Das ſchmale Fenſter hoch oben in der maſſiven Mauer lag außer ſeinem Bereiche und das Sternenlicht war durch den großen Kirchthurm ver⸗ finſtert. Harold ſchmachtete nach Luft: ſeine ganze Grafſchaft hätte er in jenem Augenblicke drum gegeben, wenn er den kalten Hauch ſeines Geburtslandes, wie er in ſeinen ſächſiſchen Wäldern ſtöhnte, gefühlt hätte. Er öffnete die Thüre und ſchaute hinaus. Eine Laterne ſchwankte hoch oben an dem Zinnendache des Ganges; neben ihr ſtand eine hochgewachſene bewaffnete Schildwache und der Lampenſchimmer röthete das Eiſengitter, das den Ausgang eiferſüchtig verſperrte. Der Earl ſchloß die Thüre und ſetzte ſich auf dem Bette nieder, ſein Geſicht mit der geballten Fauſt bedeckend; jeder Puls in ſeinen Adern kochte, und wenn er ſich berührte, kam es ihm vor, wie Feuer. Hilda's Prophezeiungen in jener fatalen Nacht beim Bautaſteine, welche ihn beſtimmt hatten, Gurths Bitten, Edithens Beſorgniſſe und Edwards Warnungen zu verſchmähen, traten ihm finſter, geſpenſtig und überwältigend vor Augen. Sie ſtellten ſich zwiſchen ſeine nüch⸗ ternen Sinne, ſo oft er ſeine Gedanken zuſammenſuchte, und es war, als wollten ſie ihn bald mit der Vorſtellung ſeines thörichten Glaubens toll machen, bald ſeine Seele von der gefahrvollen Gegenwart zu der triumphirenden Zukunft, die ſie prophezeihten, verlocken; von all' den wechſelnden Geſängen der Vala ſchienen immer nur zwei Strophen ſich glühend in ſein Gedächtniß zu verſenken und in ſeinem Ohre zu klingen, als enthielten ſie den Rath, den ſie ihm zu befolgen anbefahlen: „Liſt ſetz' gegen Liſt, und nimmer Weichen wird der Krone Schimmer!“ So ſaß er da, ſtarr und ſteif, ohne ſich zu entkleiden, ohne ſich zurückzulehnen, bis ihn ein unſicherer, wirrer, fieberiſcher Schlaf in dieſer Stellung überfiel, aus dem er erſt mit der Prima*r erwachte, als * Mitternacht. ** Sechs Uhr Morgens. A⁴ ————yjj————— Glockengeläute und Fußtritte und das Summen des Gebets in der be⸗ nachbarten Kapelle ihn zu noch verwirrterem und faſt ebenſo träume⸗ riſchem Wachen aufrief. Jetzt traten Godrith und Haco ins Zimmer, und Erſterer fragte nicht ohne Ueberraſchung im Tone, ob er ſeine Abreiſe mit dem Her⸗ zog auf den heutigen Tag feſtgeſetzt habe. „Des Herzogs Pferde⸗Than war eben bei mir,“ erz zählte er,„um mir zu ſagen, daß der Herzog ſelbſt mit ſtattlichem Gefolge Euch heute Abend nach Harfleur begleiten werde, wo ein Schiff zu Eurer Ueber⸗ fahrt bereit liegen wird, und ich weiß, daß der Kämmerling lein höf⸗ licher angenehmer Mann) jetzt eben bei den übrigen Thanen Eures Gefolges mit Geſchenken an Falken, Ketten und geſtickten Staats⸗ mänteln herumgeht.“ „Es iſt ſo,“ beſtätigte Haco als Antwort auf Harolds fragende und ſich erheiternde Blicke. „So gehe alsbald, Godrith,“ rief der Earl auffpringend;„bringe Alles in Ordnung, um mit dem erſten Trompetenſtoße aufzubrechen. Nie, wahrlich, hat eine Trompete fröhlicher geſchmettert, als die, welche unſere Rückkehr nach England verkünden wird. Spute Dich— ſpute Dich!“ Erfreut über den Jubel des Earls, obwohl er ſelbſt durch die empfangenen Ehren und den erlebten Glanz gewaltig bezaubert war, entfernte ſich Godrith und Haco begann: „Du haſt meinen Nath befolgt, edler Oheim?“ „Frage mich nicht, Haco! Verbannt ſey aus meinem Gedächt⸗ niſſe Alles, was hier vorgegangen!“ „Noch nicht,“ warnte Haco mit jenem tiefen düſteren Ernſte in Miene und Stimme, der mit ſeinen Jahren ſo ſehr kontraſtirte, und Allem, was er ſagte, einen unbeſchreiblichen Nachdruck verlieh;„noch nicht, denn eben jetzt, während der Kämmerling mit ſeinen Abſchieds⸗ geſchenken die Runde macht, hörte ich, in die Mauerecke des Hofes ge⸗ ſchmiegt, des Herzogs tiefe Stimme, wie ſie dem Roger Bigod, der die gire Mal der 9 er zu Ver verſt und daß eige allen wor Raÿ gen daß wie 425 Wache des Kerkers hat, zuflüſterte: Halte alle Bewaffnete gegen Mit⸗ tag in dem Gange unter der Berathungshalle bereit, um auf das Stampfen meines Fußes ſogleich heraufzukommen, und wenn ich Dir dann einen Gefangenen übergebe, ſo wundere Dich nicht, ſondern lo⸗ gire ihn—'. Hier ſchwieg der Herzog und Bigod fragte: Wo, mein Lehensherr?“ Und der Herzog erwiederte heftig: Wo? Nun, wo anders, als im Tour noir?— Wo anders als in der Zelle, worin Malpvoiſin ſein letztes Stündlein verſchmachtete?“— So laß denn das Gedächtniß normänniſcher Argliſt noch nicht aus Deiner Erinnerung entſchwinden; laß Deine Lippen noch immer die Freiheit bewachen.“ Die ganze angeborene Seelenheiterkeit, welche vor Haco’s Rede in dem ſchönen Geſichte des Earls allmälig wieder aufgedämmert war, ſchrumpfte wie die Blätter einer vergifteten Blume zuſammen, und der Stern des zurücktretenden Auges behielt nur noch jenen geheimen fremdartigen Ausdruck, der in dem Blicke ſeines undurchdringlichen Vaters alle Kenner des menſchlichen Herzens getäuſcht hatte. „Liſt ſetz' gegen Liſt!“ murmelte er undeutlich; dann fuhr er zuſammen, ballte die Fauſt und lächelte. Wenige Augenblicke ſpäter trat eine ungewöhnlich zahlreiche Verſammlung normänniſcher Edlen in das Zimmer. Der Morgen verſtrich in der gewöhnlichen Ordnung des Frühſtücks, der Frühmeſſe und eines ceremoniellen Beſuches bei Mathilden, welche die Nachricht, daß Alles zu ſeiner Abreiſe bereit ſtehe, beſtätigte und ihm von ihren eigenen Stickereien Geſchenke für ſeine Schweſter die Königin und allerhand gnädige Aufträge mitgab. Es war ſchon ſpät Mittags ge⸗ worden, ohne daß er William oder Odo geſehen hatte. Er weilte noch bei Mathilden, als die Lords Fitzosborne und Raoul de Tancarville in feierlichen Staatsgewändern und mit un⸗ gewöhnlich ernſter gefaßter Miene eintraten, um den Carl zu bitten, daß er ſie zu dem Herzog geleite. Harold gehorchte ſchweigend, durch die Förmlichkeit der Grafen wie durch Haco’s Warnungen auf verborgene Gefahr gefaßt, ohne je⸗ 426 doch die Feierlichkeit der gelegten Schlinge zu ahnen. Beim Eintritt in die hohe Halle ſah er William mit dem Richterſchwerte in der Hand, den Herzogsmantel um die imponirende Geſtalt geſchlagen und mit je⸗ ner aufrechten Haltung des Kopfes, wie er ſie bei allen feierlichen Ge⸗ legenheiten anzunehmen pflegte,* auf ſeinem Thronſeſſel ſitzen. Hin⸗ ter ihm ſtanden Odo von Bayeux in Pallium und Mitra, etliche zwan⸗ zig von des Herzogs mächtigſten Vaſallen, und etwas entfernt von dem Thronſeſſel ein Tiſch oder großes Käſtchen ganz mit Goldtuch überkleidet. Der Herzog gönnte dem Sachſen nur wenig Zeit, um ſich zu faſſen oder zu verwundern. „Tritt näher, Harold,“ ſagte er mit dem vollen Klange jener ge⸗ bieteriſchen und ſo eindrucksvollen Stimme,„tritt näher ohne Furcht wie ohne Reue. Vor dieſer edlen Verſammlung— lauter Zeugen Deines Gelöbniſſes und Bürgen des meinigen— fordere ich Dich auf, Deine geſt⸗ rigen Verſprechen eidlich zu beſtätigen, nämlich daß Du mir helfen willſt, beim Tode meines Vetters, des Königs Edward, den Thron von Eng⸗ land zu gewinnen, daß du meine Tochter Adeliza heirathen und Deine Schweſter hieher ſenden willſt, damit ich ſie laut unſerer Uebereinkunft an einen meiner würdigſten und kühnſten Grafen vermähle. So tritt denn vor, Odo mein Bruder, und wiederhole dem edlen Earl die nor⸗ männiſche Formel, nach welcher er ſeinen Eid zu leiſten hat.“ Odo trat vor den geheimnißvollen mit Goldtuch bekleideten Be⸗ hälter und ſagte kurz: „Du willſt ſchwören, ſo weit es in Deiner Macht liegt, Dein * Ein berühmter Alterthumsforſcher lenkt in ſeinen archäologiſchen Ab⸗ handlungen über die Aechtheit der Stickereien von Bayeur die Aufmerkſamkeit mit Recht auf den rohen Verſuch des Künſtlers, die Individualität in ſeinen Porträts beizubehalten, wie denn der Herzog an ſeiner ausnehmend aufrechten Haltung überall zu erkennen iſt. Weniger Mühe hat er auf Harolds Porträt verwendet; aber auch in dieſem iſt eine gewiſſe Magerkeit der Ver⸗ hältniſſe, Länge der Gliedmaßen und hoher Wuchs faſt durchgängig bei⸗ behalten. ————— Uebe len, Schr ein k Earl wie war Liſt dur unwi konn man daß Reli fern Tan bot Tuc ent! alle 427 wi Uebereinkommen mit William, dem Herzog der Normannen, zu erfül⸗ t ſe⸗ len, wofern Du lebſt und Gott Dir beiſteht. Zum Zeugniß dieſes Ge⸗ Schwures wirſt Du die Hand auf dieſe Reliquie legen,“ indem er auf Sir⸗ ein kleines Käſtchen deutete, das unter dem Goldtuche lag. zn Dies Alles geſchah ſo plötzlich— kam ſo unerwartet über den Vor Earl, deſſen natürliche Geiſtesgaben, wenn auch noch ſo groß, doch, tuch wie wir geſehen haben, eher bedächtig als behend waren— ſo völlig war das kühne Herz, das keiner Belagerung unterlegen wäre, durch Liſt und Ueberraſchung eingenommen— ſo vorherrſchend erhob ſich ) zu durch all' den Wirrwar und Aufruhr ſeiner Seele der Gedanke an das unwiderrufliche Verderben Englands, wenn er, der es allein erretten ge⸗ konnte, in den normänniſchen Kerkern ſchmachtete— ſo ſehr über⸗ mannten ihn Haco's Beſorgniſſe und ſein eigener gerechter Argwohn, daß er ſchwindelnd und wie im Traume ſeine Hand mechaniſch auf das deſf⸗ Reliquienkäſtchen legte und mit Automatenlippen wiederholte:„Wo⸗ vi fern ich lebe und Gott mir dazu hilft!“ ng⸗ Worauf die ganze Verſammlung feierlich wiederholte: Fine„Gott helfe ihm!“ unft Und plöͤtzlich auf ein Zeichen Williams hoben Odo und Raoul de tritt Tancarville das Goldtuch in die Höhe und des Herzogs Stimme ge⸗ More bot Harold, darunter zu ſchauen. Wie wenn der Menſch von dem vergoldeten Grabmale zu dem Be⸗ garſtigen Beinhauſe hinabſteigt, ſo war mit dem Emporheben des — Tuches die ganze geiſterhafte Furchtbarkeit des Todes mit einem Male dein enthüllt. Da waren aus Abtei und Kirche, aus Schrein und Niſche Ab⸗ alle Reliquien des menſchlichen Nichts verſammelt, in denen der Aber⸗ nkeit glaube das Andenken von Heiligen verehrt; da lagen bunt über einan⸗ inen der gerüttelt Skelet und Mumie— die ſchwarze trockene Haut, die her weißen glänzenden Gebeine der Todten, wie zum Spotte in Gold ge⸗ Ver. faßt und mit Rubinen bedeckt; da ragten grimmige Finger aus dem bei⸗ häßlichen Chaos und deuteten auf den Lebenden, der alſo im Netze ge⸗ fangen worden; da grinste ein ſpöttiſcher Schädel unter der heiligen 428 Mitra, und leuchtend und brennend kam Harold plötzlich der längſt vergeſſene oder in der geſunden Geſchäftigkeit des Lebens nur noch ſchwach erinnerliche Traum— jener hohnneckende Wirbeltanz der Todtengebeine— vor's Gedächtniß. Bei dieſem Anblicke, ſagen die normänniſchen Chroniſten, ſchau⸗ derte und zitterte der Earl. „Grauenvoll in der That iſt Dein Eid und Deine Anwandlung natürlich,“ bemerkte der Herzog,„denn in jener Kiſte ſind alle Reli⸗ quien, die in unſerem Lande für die heiligſten gelten. Die Todten haben Deinen Schwur vernommen, und die Heiligen verzeichnen ihn eben jetzt in den himmliſchen Hallen.— Bedecket wieder die heiligen Gebeine!“ Zehntes BZuch. Das Opfer am Altare. Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Der gute Biſchof Alred, jetzt zum Erzbiſchof von York erhoben, war von Edward, der während Harolds Abweſenheit von einer ſchwe⸗ ren Krankheit befallen ward, von dem Sitze ſeiner Kathedrale abgeru⸗ fen worden. Dieſer Krankheit waren myſtiſche Vorahnungen der ſchlimmen Tage, welche England nach ſeinem Tode heimſuchen würden, vorangegangen und gefolgt, und der König hatte deßhalb den beſten und geachtetſten Prälaten ſeines Reichs zu ſich berufen, um ſich bei ihm Raths zu erholen. Der Biſchof war ſpät Abends von ſeinem Beſuche beim König in d nung und denk lich anm in ſe einſt als dann wild Aug Auf lich Hau Söl Har dem ſpri Has mei Kit Leſ ſeſß Fa 429 längſt in deſſen ländlichem Pallaſte zu Havering nach ſeiner Londoner Woh⸗ noch nung(einer Benediktiner Abtei, nicht weit von Aldgate) zurückgekehrt 3 der und ſaß allein in ſeiner Zelle über die Unterredung mit Edward nach⸗ denkend, welche ihn offenbar ſehr angegriffen hatte, als die Thüre plötz⸗ chau⸗ lich aufgeriſſen und der Mönch, der den neuen Ankömmling förmlich anmelden wollte, haſtig bei Seite geſchoben wurde, worauf ein Mann dlung in ſo beſchmutzter Reiſetracht und von ſo unordentlichem Ausſehen her⸗ Reli⸗ einſtürzte, daß Alred ihn anfänglich für einen Fremden hielt und erſt, odten als der Beſuch ſprach, den Earl Harold in ihm erkannte. Und ſelbſt ihn dann ſchien er eher der Geiſt des Earls, als dieſer ſelbſt zu ſeyn, ſo ligen wild war ſein Auge, ſo finſter die Stirne, ſo bleich ſeine Wange. Die Thüre vor dem Mönch verſchließend, blieb der Earl einen Augenblick auf der Schwelle ſtehen, während ſeine Bruſt unter einer Aufregung kämpfte, die er vergeblich zu bemeiſtern ſtrebte, bis er plöͤtz⸗ lich dem Prälaten zu Füßen eilte und unter lautem Schluchzen ſein Haupt in deſſen Schooße barg. Der gute Biſchof, der ſämmtliche Söhne Godwins von ihrer Kindheit an gekannt hatte, und welchem Harold ſo theuer wie ein eigener Sohn war, faltete ſeine Hände über dem Haupte des Earls und wollte ihn durch einen leiſen Segens⸗ ſpruch beſänftigen. „Nein, nein,“ rief der Earl aufſpringend und das flatternde Haar aus den Augen ſtreichend.„Segne mich noch nicht! Höre erſt meine Erzählung und dann ſage, welchen Troſt, welche Zuflucht Deine ben, b Kirche gewähren kann!“ hwe⸗ V In haſtigen Worten erzählte der Earl nunmehr die traurige, dem eru⸗ Leſer bereits bekannte Geſchichte— wie er zu Belrem gefangen ge⸗ der ſeſſen, an Williams Hofe zurückgehalten worden, die Beſorgniſſe, die den, Fallſtricke, die Unterredung am Flußufer, den Schwur über den Reli⸗ eſten quien, worauf er alſo fortfuhr:„Ich befand mich in der friſchen Luft, bei und erſt als das Sonnenlicht mich traf, wußte ich, was in meiner Seele vorgegangen ſeyn mochte. Ich war vorher wie ein Leichnam, den eine nig Hexe von den Todten erweckt und mit einem fremden Geiſte begabt, — 430 der lebenähnlich und doch nicht lebend, willenlos ihrer Hand gehorcht. Dann erſt war mir, als ob ein Dämon mit ſpöttiſchem Lachen über die ſchlimmen Dinge, wozu er das Werkzeug getrieben, meinen Leib verlaſſen hätte. O Vater, Vater! gibt es keine Abſolution von dieſem Schwure— einem Schwure, den ich nicht halten darf? Lieber bin ich meineidig, als daß ich mein Land verrathe!“ Das Antlitz des Prälaten war ſo bleich wie Harolds, und es dauerte einige Augenblicke, bis er erwiedern konnte: „Die Kirche kann binden und löſen— ſo will es die ihr über⸗ tragene Gewalt. Aber ſprich weiter— was ſagteſt Du zuletzt zu William?“ „Ich weiß es nicht, erinnere mich nicht— bis auf dieſe wenigen Worte. Nun ſo gib mir denn diejenigen, um derentwillen ich mich in Deine Gewalt begeben; laß mich Haco ſeinem Vaterlande und Wolnoth dem Kuſſe der Mutter wieder geben, und meinen Weg in die Heimath antreten!'— Heilige des Himmels! Was war die Antwort, die dieſer ſchurkiſche Normanne mit ſeinem gleißenden Auge und dem vergifteten Lächeln mir ertheilte? Haco ſollſt Du haben, denn er iſt eine Waiſe, und eines Oheims Liebe iſt nicht ſo heiß, daß ſie noch in der Entfernung glühte; aber Wolnoth, Deiner Mutter Sohn, muß bei mir bleiben als Geiſel für Deine eigene Treue. Godwins Geiſeln ſind frei; Harolds Geiſel behalte ich; es iſt blos eine Form, aber dieſe Formen ſind die Bürgſchaften der Fürſten.“ Ich ſah ihn an und ſein Auge wich zurück. Und ich ſagte: das iſt nicht in unſerem Ver⸗ trag. Und William antwortete:„Nein; aber es iſt das Siegel deſſel⸗ ben.“ Da wandte ich mich von dem Herzog ab, rief meinen Bruder zu mir und ſprach: Wegen Deiner bin ich über die See gekommen. Beſteige Dein Roß und reite neben mir, denn ich will das Land nicht ohne Dich verlaſſen.) Und Wolnoth antwortete: Nein; Herzog William ſagt mir, daß er Verträge mit Dir geſchloſſen habe, für die ich als Geiſel zurückbleiben ſoll; die Normandie iſt mir eine Hei⸗ math geworden, und ich liebe William wie meinen Herrn. Hitzige W 3 431 orcht. Worte folgten; ich ſchalt Wolnoth; dieſer aber war taub für Bitten Veber und Befehle, und ließ mich erkennen, daß ſein Herz nicht mit England Leib ſey!— O Mutter, Mutter, wie ſoll ich Dir vor Augen treten! So iaſem kehrte ich mit Haco zurück. In dem Augenblicke, da ich meinen Fuß e bin auf engliſchen Boden ſetzte, ſchien die Geſtalt meines Vaterlandes aus V den hohen Klippen emporzuſteigen und ihre Stimme in den Winden nd es mit mir zu reden. All' der Zaubertrug, durch den ich gefeſſelt wor⸗ 4 den, verließ mich, und ich ſprang empor, voll Verachtung die Furcht über⸗ vor den Todtengebeinen mit Füßen tretend.— Elende Argliſt des zt zu Verführers. Hätte mein einfaches Wort mich gebunden, oder wäre 4 dieſes Wort nach reiflicher Ueberlegung durch den gewöhnlichen Eid⸗ igen ſchwur zu Gott bekräftigt worden— das Band für meine Seele wäre mich weit ſtärker, als dieſe niedrige Ueberraſchung, die verdeckten Fall⸗ und ſtricke, die Beſchimpfung und der höhnende Betrug. Während ich n die aber dahinritt, verfolgte mich der Schwur— bleiche Geſpenſter ſtie⸗ vort, gen hinter mir auf's Roß, geiſterhafte Finger deuteten aus den Wol⸗ dem ken, und plötzlich, o mein Vater— ich, der ich, wie Du nur zu wohl et iſt weißt, in meinem einfachen aufrichtigen Glauben, mein Gewiſſen ch in nie unterwürfig unter Kirche und Prieſter gebeugt— ich fühlte plötz⸗ muß lich die Stärke einer Macht, welche ein ſichererer Führer iſt, als dieſes iſeln hochmüthige Gewiſſen, das mich in der Stunde der Noth verrathen aber hat! Ich erkannte jetzt jenes höchſte Tribunal, jenen Mittler zwiſchen und Himmel und Menſchen, dem ich mich mit dem grauenvollen Geheim⸗ Ver⸗ niß meiner Seele nahen und zu dem ich ſprechen kann, wie ich jetzt eſſel⸗ V Dir, o Vater, auf meinen Knieen zurufe— Vater, heiße mich ſter⸗ uder ben, oder erlöſe mich von meinem Eide!““ men. Da erhob ſich Alred und erwiederte:„Bedürfte ich der Aus⸗ nicht flüchte, o Sohn, ſo würde ich ſagen, daß William dadurch, daß er die rzog Geiſel gegen den Sinn des fündigen Vertrags zurückbehalten, Deine für Verbindlichkeit ſelber gelöst hat; daß ſogar in den Worten des Eids Hei⸗— wofern Gott Dir hilft'— Deine Freiſprechung liege. Gott bige hilft keinem Kinde zum Vatermord— und Du biſt Englands Kind! 132 Doch die Spitzfindigkeit der Schule iſt hier eine Niedrigkeit. Klar iſt das Geſetz, daß die Kirche das Recht hat, ſolche Eide, welche durch Betrug und Furcht erzwungen werden, zu löſen; noch klarer das Geſetz Gottes und der Menſchen, daß es eine tödtlichere Sünde iſt, einen Eid zur Begehung eines Verbrechens zu halten, als ihn zu brechen. Darum abſolvire ich Dich— nicht von der Miſſethat eines Gelübdes, das Du, wenn Du mehr auf Gottes Vorſehung und weniger auf die eitle Stärke und den beſchränkten Verſtand des Menſchen vertraut hätteſt, ſogar um Englands willen niemals geleiſtet, ſondern Dein Vaterland den Engeln überlaſſen hätteſt— ich ſage, ich abſolvire Dich nicht von dieſer Sünde, ſondern will erſt ſpäter entſcheiden, welche Buße und Sühne für deren Begehung auszuſprechen; aber im Namen der Allmacht, deren Prieſter ich bin, verbiete ich Dir, jenen Eid zu erfüllen; ich löſe und abſolvire Dich von jeder Verbindlichkeit hiezu. Wenn ich hierin meine Autorität als römiſcher Prieſter überſchreite, ſo erfülle ich blos meine Pflichten als Menſch und nehme die Verant⸗ wortung auf dieſe grauen Haare. Vor dieſem heiligen Kreuz kniee mit mir nieder, mein Sohn, und bete, daß ein Leben der Tugend und Wahrhaftigkeit die Verirrung einer Stunde ſühnen möge.“ Und vor dem Crueiſixe kniete der Krieger und der Prieſter. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Harolds ſtürmiſche Sehnſucht, ſich ganz in die Arme der Kirche zu werfen, und aus dem Munde des reinſten und weifeſten ihrer ſäch⸗ ſiſchen Prieſter ſein Urtheil zu vernehmen, hatte alle anderen Ge⸗ danken aus ſeiner Seele verſcheucht. Hätte der Prälat ſein Gelübde unverbrüchlich gefunden— er wäre eher den Tod eines Römers geſtor⸗ ben, als daß er eines Verräthers Leben gelebt hätte. Auffallend in der That war die Umwälzung im Charakter dieſes Mannes, der, ſonſt ſo ſſelbſtzuverſichtlich ſich ſeither als den einzigen Richter ſeiner ſelbſt anerkennend, nunmehr das ganze Leben ſeines Lebens an das Wort eines danke Ehrg dieſe eigen Son ſeine Spri Beſec zwar der! da g der und dieſe den Rel⸗ faſſt irru die lore Ver wac beh den leh zeit wie un un 433 eines klöſterlichen Glatzkopfes gebunden erachtete. Alle anderen Ge⸗ danken— Heimath, Mutter, Editha, König, Macht, Politik und eſet Ehrgeiz— ſie alle waren vor dieſem feurigen Drange gewichen! Bis iinen dieſe Laſt von ſeiner Seele genommen war, betrachtete er ſich in ſeinem en. eigenen Geburtslande als einen Geächteten. Wie aber die nächſte des, Sonne emporſtieg und jene grauenvolle Bürde von ſeinem Herzen und die ſeinem Daſeyn genommen war— als ſein eigener ruhiger Sinn den -raut Spruch des Prieſters ſanktionirte— als er ſich(wenn auch mit tiefer Hein Beſchämung und nagender Reue bei der Erinnerung an das Gelübde) 4 Dich zwar nicht von der Schuld, es eingegangen zu haben, aber doch von lche der todtlicheren Sünde, es vollziehen zu müſſen, entlaſtet fühlte— men da gewannen alle Zwecke des Daſeyns in ſeinem der Menſchheit wie⸗ d zu der geſchenkten Herzen von Neuem ihr natürliches, zwar gereinigtes ſiezu. und geſänftigtes, aber immer noch lebhaftes Intereſſe. Aber von eite, dieſer Zeit an war Harolds ſtrenge Philoſophie und ſtoiſche Moral in ant⸗ den Staub geworfen; neugeſchaffen gleichſam durch den Odem der niee Religion, adoptirte er ihre Grundſätze ſogar in der unklaren Auf⸗ und faſſung ſeines Zeitalters. Das Geheimniß ſeiner Schande, die Ver⸗ irrung ſeines Gewiſſens demüthigte ihn. Dieſe ungelehrten Mönche, die er ſo ſehr verachtet hatte— wie hatte er ſo ganz das Recht ver⸗ loren, ſich über ihre Kontrole zu ſtellen! Wie hatte die Stunde der Verſuchung ſeine Weisheit, ſeine Stärke und ſeinen Muth ſo unbe⸗ wacht gefunden! rche Ja, flehte er, möchte die Zeit kommen, wo England ſeiner ent⸗ äch⸗ behren könnte, damit er gleich dem geächteten Sweyn als Pilger nach Ge⸗ dem heiligen Grabe wallen und dort, wie der Glaube des Zeitalters bde V lehrte, für die einzige Sünde ſeines wahrhaftigen Lebens volle Ver⸗ tor⸗ zeihung erwerben und den alten Frieden ſeines mackelloſen Gewiſſens in wieder gewinnen könnte!. onſt Es gibt zuweilen Ereigniſſe und Epochen im Leben der kühnſten lbſt und vernünftigſten Menſchen, wo dieſe mit Gewalt zum blindeſten ort unterwürfigſten Glauben getrieben werden, wie der Sturm die Schwin⸗ Bulwer, Harold. 28 434 gen der Schwalbe über die unermeßliche See hinjagt, bis ſie gezähmt und ihrer Zuflucht froh auf die Segel eines einſamen Schiffes nieder⸗ fällt— Epochen, wo Schwierigkeiten, gegen welche die Vernunft gelähmt ſcheint, ihn der Verzweiflung anheimgeben— wo Finſterniß⸗ undurchdringlich für die Erfahrung, das Gewiſſen umhüllt, wie die plötzliche Nacht den Wanderer in der Wüſte überfällt— wo der Irr⸗ thum ſeinen Fuß in unentwirrbare Netze verſtrickt— wo er, immer noch das Rechte wünſchend, einzig nur die Wahl des Schlimmen vor ſich ſieht und der Engel der Vergangenheit mit dem Flammenſchwerte die Pforten der Zukunft vor ihm verſchließt. Dann dringt der Glaube mit dem Licht aus den Wolken auf ihn ein; dann klammert er ſich an's Gebet, wie ein Ertrinkender an die Planke; dann erſt ergreift jene feierliche Autorität, welche den Prieſter als Dolmetſcher zwiſchen Seele und Gottheit bekleidet, das vor Schrecken und Freude zitternde Menſchenherz; dann erſt vermag jene räthſelhafte Erkenntniß der Buße, des Opfers und der reinigenden Sühne— ein Räthſel, das im Herzen aller Religionen verborgen liegt— das Zürnen der Vergangenheit zu ſänftigen und das Flammenſchwert von der Zukunft zu entfernen. Oreſtes entrinnt den hetzenden Furien und folgt dem Orakel zu der Stelle, wo der reinigende Thau auf den entſühnten Verbrecher herab⸗ ſinken wird. Wer niemals an ſich ſelbſt oder an Anderen dieſe auffallende Kriſis im menſchlichen Schickſale erfahren hat, kann die Kraft wie die Schwäche, welche aus ihr hervorgehen, nicht beurtheilen; ehe er aber ſolches vermag, wird ihm der geiſtige Theil aller Geſchichte ein leeres Blatt, ein verſiegeltes Buch bleiben. Er kann nicht begreifen, was den trotzigen Heiden reumüthig und demuthsvoll in die Hürde der Kirche getrieben; was einſt Egypten mit Eremiten bevölkert; was die Straßen von Europa und Aſien mit ſelbſtmörderiſchen Pilgern er⸗ füllte; was in der alten Welt, da Zeus noch im Olymp regierte, in der düſtern Mythe von der Sühnung des Freudengottes Apoll durch ſeine Reiſe in den Hades verborgen liegt, oder warum der Sünder 2 ihmt eder⸗ unft -rniß, ſe die Irr⸗ nmer r ſich werte aube an’s jene ſchen ſernde Buße, erzen eit zu rnen. u der erab⸗ lLlende ie die aber eeres was 2e der s die n er⸗ „ in durch inder 435 mit frohem leichtem Herzen von dem heilenden Reinigungsopfer zu Eleuſis zurückkehrte. An all' dieſen feierlichen Räthſeln der griechi⸗ ſchen Götterwelt wie des Chriſtenthums klebt das gebieteriſche Be⸗ dürfniß des Menſchen nach Reue und Verſöhnung; durch ihre Wolken ſchimmert wie ein Regenbogen der Bund, der den Gott mit den Men⸗ ſchen verſöhnt. Von nun an zog das Leben den wiedererwachenden Harold mit ſtarken Armen an ſich. Die Nachricht ſeiner Rückkehr hatte ſich be⸗ reits durch die Stadt verbreitet, und ſein Gemach wimmelte von freu⸗ dig bewillkommenden ergebenen Freunden. Sobald die erſten Glück⸗ wünſche vorüber waren, hatte jeder ſeine beſonderen Zeitungen zu melden, welche des Earls unmittelbare Aufmerkſamkeit verlangten, denn ſeine Abweſenheit hatte hingereicht, um die Bande dieſes locker verwobenen Reiches faſt gänzlich zu löſen. Der ganze Norden ſtand in Waffen. Northumbrien hatte ſich gegen Toſtigs tyranniſche Grauſamkeit empört; die Aufrührer waren gegen York marſchirt und Toſtig hatte voll Beſtürzung die Flucht er⸗ griffen, Niemand wußte wohin. Algars Soͤhne waren aus ihren Veſten in Mercia hervorgebrochen und ſtanden jetzt in den Reihen der Northumbrier, welche, wie es hieß, den älteren, Morcar, an Toſtigs Statt erwählt hatten. Zu dieſen Unglücksfällen kam noch, daß des Königs Geſundheit raſch dahinſchwand; ſeine Seele ſchien zerſtreut und verwirrt; düſtere ominöſe Reden, die ihm in ſeinen myſtiſchen Viſionen und Träume⸗ reien entſchlüpft waren, hatten ſich verbreitet, und wanderten jetzt— natürlich ſtark übertrieben— von Mund zu Munde: das ganze Land war in einem Zuſtande düſterer unklarer Beſorgniß. Jetzt aber, da Harold, der große Earl, da war, mußte Alles wieder gut gehen. Harold der Standhafte, der Weiſe, der Geliebte, war wieder in ſein Vaterland zurückgekehrt! Indem Harold ſich für England alſo nothwendig fühlte und Aller Augen, Aller Hoffnungen und Herzen auf ſich und ſich allein gerichtet 28* 436 ſah, ſchüttelte er die ſchlimmen Erinnerungen von ſeiner Seele, wie der Löwe den Thau von ſeiner Mähne ſchüttelt. Sein Verſtand, der auf einem ihm fremden Schauplatze nur düſter und unter Rauchwolken gebrannt zu haben ſchien, erhob ſich mit einem Male wieder gefaßt auf alle Vorkommniſſe. Seine Worte beruhigten die Muthloſeſten; ſeine Befehle waren raſch und entſcheidend, und während ſeine Boten und Kouriere nach allen Richtungen jagten, ſprang er ſelbſt auf's Pferd und ritt eiligſt nach Havering. Endlich kam ihm dieſer ſüße Aufenthalt, lieblich wie eine Laube im Blüthenmeer eines Gartens, vor Augen. Hier war Edwards Lieb⸗ lingsſitz, den er ſich, durch ſeine Waldeinſamkeit und das üppige Grün angezogen, für ſeine Privatandacht erbaut hatte. Hier ging die Sage, daß ihn einſt Nachts, als er mit Gedanken an den Himmel durch die ſchweigenden Lichtungen wandelte, der laute Geſang der Nachtigallen in ſeiner Andacht ſtörte, worauf er voll Aerger und Ungeduld betete, daß die Muſik verſtummen möge, ſeit welcher Zeit man nie mehr eine Nachtigall in den Schatten von Havering vernommen hatte. Sobald er das in den melancholiſchen aber reichen Farben des Herbſtes prangende Waldland hinter ſich hatte, erreichte Harold die niedere und beſcheidene Pforte des hölzernen Gebäudes, das mit Schlingpflanzen und Epheu ganz überdeckt war. Wenige Minuten ſpäter ſtand er vor dem König. Edward erhob ſich mit Mühe von dem Lager, auf dem er unter einem von Säulen getragenen und von den geſchnitzten Sinnbildern der ſchönen Thürme von Jeruſalem überragten Thronhimmel ruhte, und ſein mattes Antlitz erhellte ſich bei Harolds Anblick. Hinter dem König ſtand ein Mann mit einer däniſchen Streitaxt in der Hand, der Anführer der königlichen Leibwache, der ſich auf ein Zeichen des Königs entfernte. „Du biſt zurückgekommen, Harold,“ ſprach Edward mit ſchwacher Stimme, und als der Earl ſich näherte, konnte er nur mit Gram und Erſchütterung die Veränderung in deſſen Antlitze bemerken;„Du biſt 437 zurückgekommen, um dieſer erſtarrten Hand zu helfen, welcher der ir⸗ diſche Scepter mit Nächſtem entſinken wird. Stille! denn es iſt ſo, und ich freue mich deſſen.“ Dann prüfte er Harolds Züge, die von der neulichen Erſchütterung noch ganz bleich und wegen der Trauer um den König betrübt waren und fuhr fort:„Nun, Du Mann dieſer Welt, der voll Vertrauen auf ſeine eigene Stärke und auf die Treue von Weltkindern, wie Du ſelbſt, davonzogſt— waren meine Warnun⸗ gen prophetiſch, oder biſt Du mit Deiner Sendung zufrieden?“ „Ach leider!“ ſeufzte Harold traurig,„Deine Weisheit war grö⸗ ßer als meine, o König, und arge Schlingen wurden mir und unſerem Vaterlande gelegt unter dem Vorwande eines Verſprechens, das Du dem Grafen William gegeben, wornach er, falls er Dich überlebte, in England regieren ſolle.“ Edwards Miene wurde unruhig und verlegen, und er ſtammelte: „Als ich die Geſetze von England nicht kannte noch wußte, daß ein Reich nicht wie Haus und Heerde durch einfaches Teſtament vererben kann, mag ein ſolches Verſprechen meinen auf irdiſche Dinge nie allzu ſehr gerichteten Gedanken wohl entſchlüpft ſeyn. Auch wun⸗ dere ich mich nicht, daß meines Vetters Sinn weltlicher und habſüch⸗ tiger als der meine iſt, und in der That ſehe ich aus dieſen vagen Worten und aus Deinem Beſuche die Zukunft düſter und blutgeröthet emporſteigen.“ Edwards Augen wurden jetzt verſchloſſen und in ſich gekehrt und ſtarrten ins Weite; aber ſelbſt dieſe Träumerei, ſo ſehr ſie ihn mit Grauen erfüllte, erleichterte Harold von vieler Unruhe, denn er ſchloß ganz richtig, daß Edward beim Erwachen die näheren Umſtände und Gewiſſenszweifel, worin, wie er wohl fühlte, dieſer Hauptverehrer von Reliquien kein paſſender Richter war, nicht ferner von ihm zu hören verlangen würde. Als der König mit ſchwerem Seufzer ſeine Rückkehr aus der Traumwelt zu erkennen gab, bot er Haxold ſeine abgemagerte durch⸗ ſichtige Hand und ſprach: 4 „Du ſiehſt den Ring an dieſem Finger; er kommt mir von Oben als ein gnädiges Pfand, auf daß ſich meine Seele zum Tode vorbereite. Du haſt vielleicht gehört, wie einſt ein betagter Pilgrim mich auf meinem Wege vom Gotteshauſe mit der Bitte um Almoſen anhielt, und ich, der ich ſonſt nichts bei mir hatte, einen Ring vom Finger zog und ihm gab, worauf der alte Mann mit einem Segenswunſche ſeines Weges weiter zog?“ „Ich erinnere mich wohl Deiner milden Barmherzigkeit,“ erwie⸗ derte der Earl;„denn der Pilger verbreitete das Gerücht unterwegs und es wurde viel darüber geſprochen.“ „Das war ſchon vor Jahren,“ fuhr der König mit ſchwachem Lächeln fort.„Dieſes Jahr will es der Zufall, daß einige Engländer auf ihrem Wege vom heiligen Lande mit zwei Pilgrimen zuſammen⸗ treffen, die ſich angelegentlich nach mir erkundigen. Einer von ihnen, ein Mann mit ehrwürdigem wohlwollendem Geſicht, bringt einen Ring zum Vorſchein und ſagt: wenn Du England erreichſt, ſo gib ihn dem König zu eigenen Händen und verkünde ihm bei dieſem Pfande, daß er am Dreikönigsabend bei mir ſeyn wird. Für das, was er mir geſchenkt, will ich ihm unbegränzten Lohn bereiten und ſchon decken die Heiligen dem neuen Ankömmling die Hallen, wo der Wurm niemals nagt noch die Motte frißt.) Und wer, fragten meine Unterthanen erſtaunt, wer, ſollen wir ſagen, habe alſo mit uns geſprochen 2 Und der Pilgrim antwortete: Er, an deſſen Bruſt der Sohn Gottes ruhte — mein Name iſt Johannes!— Hiemit war die Erſcheinung ver⸗ ſchwunden.“* Dies iſt der Ring, den ich dem Pilger gab, und der mir vierzehn Tage nach Deinem Abgange auf wunderbare Weiſe wieder zu Händen kam. Darum, o Harold, iſt meine Zeit hienieden nur kurz und ich bin froh, daß Dein Kommen mich der Staatsſorgen entledigt und mir erlaubt, meine Seele auf jenen Freudentag vorzubereiten!“ * Ail. de Vita Edw. Viele andere Chroniſten erwähnen dieſer Legende⸗ welche ſogar die Steine der Weſtminſterabtei in den über dem Bogen der Dekansecke befindlichen Statuen Edwards und des Pilgers wiederholen. arglif ſchwo furch leiter umſo ihn! ſcher ſtärk Tag Das hat verg Bru nim thu mit Thr vor wo we do kär da⸗ V er n * 439 Harold, welcher ſogleich unter dieſer unglaublichen Botſchaft einen argliſtigen Plan des Normannen vermuthete, um den König, deſſen ſchwache Geſundheit er wohl kannte, durch dieſe Warnung an ſein furchtſames Gewiſſen zur Erfüllung ſeines alten Verſprechens zu ver⸗ leiten— Harold, der, wie geſagt, ſo Schlimmes vermuthete, verſuchte umſonſt des Königs Ahnungen zu bekämpfen, denn Edward unterbrach ihn mit unwilliger Feſtigkeit in Blick und Ton: „Komme mir nicht, um mit Deinen menſchlichen Gründen zwi⸗ ſchen meine Seele und den himmliſchen Boten zu treten; bereite und ſtärke Dich lieber auf die grauſigen Nöthen, die Dich in den kommenden Tagen begrüßen werden! Alle zeitlichen Dinge ſeyen Dir anvertraut. Das ganze Land iſt im Aufruhr. Anlaf, den Dein Eintreten verſcheuchte, hat mich ſo eben mit trüben Erzählungen von Verheerung und Blut⸗ vergießen ermüdet. Geh' und höre ihn— höre die Boten Deines Bruders Toſtig, welche draußen in unſerer Halle warten— geh', nimm Schild und Streitaxt und die Männer des irdiſchen Kriegs, und thue Recht und Gerechtigkeit; bei Deiner Rückkehr ſollſt Du ſehen, mit welch' himmliſchem Entzücken ein chriſtlicher König von ſeinem Throne ſich emporſchwingen kann.— Gehe!“ Tiefer erſchüttert und mehr beſänftigt, als er in früheren Tagen von Edwards aufrichtiger wenn auch fanatiſcher Frömmigkeit ergriffen worden, wandte ſich Harold bei Seite, um ſein Geſicht zu verbergen. „Wollte Gott, o königlicher Edward, daß mein Herz unter ſeinen weltlichen Sorgen ſo rein und heiter wie das Deine wäre! Was je⸗ doch ein irrender Sterblicher zum Schutze dieſes Reiches und zur Be⸗ kämpfung der Uebel, die Du in der Ferne vorausſiehſt, thun kann,— das ſoll geſchehen; vielleicht wird dann in meiner Todesſtunde Gottes Verzeihung und Friede auch auf mich herabſteigen!“ Mit dieſen Worten ſchied er. Die Berichte, die er von Anlaf, einem anglo⸗däniſchen Veteranen erhielt, lauteten in der That beunruhigender, als er ſie bis jetzt ver⸗ nommen hatte. Algars kühner Sohn Morcar war von den Rebellen 440 „ bereits zum Earl von Northumbrien ausgerufen, und die Diſtrikte von Nottingham, Derby und Lineoln hatten ihre kriegeriſche däniſche Bevölkerung zu ſeinen Gunſten aufgeboten. Unter ſeinem Bruder Edwin ſtand ganz Mercia in Waffen und viele von den cymriſchen Häuptlingen hatten ſich bereits mit dem Bundesgenoſſen des ermorde⸗ ten Gryffyth vereinigt. Der Earl verlor keinen Augenblick mit Verkündung des Heer⸗ bannes; Pfeilbündel wurden geſpalten und die Splitter als Verkün⸗ diger des Aufgebots von Than zu Than, von Stadt zu Stadt geſendet. Friſche Boten flogen zu Gurth, damit er die ganze Macht ſeiner eige⸗ nen Grafſchaft verſammle und in Eilmärſchen nach London führe. Sobald dieſe Vorbereitungen getroffen waren, kehrte Harold in die Hauptſtadt zurück, um als nächſte Sorge aber mit ſchwerem Herzen ſeine Mutter aufzuſuchen. Githa war ſchon auf ſeine Nachrichten vorbereitet, denn Haco war aus eigenem Antrieb zu ihr gegangen, um die erſte Erſchütterung der Enttäuſchung auf ſich zu nehmen. Der Jüngling hatte einen ge⸗ räuſchloſen Scharfblick an ſich, der für Harold immer wie eine Vor⸗ ſehung zu ſorgen ſchien; mit ſeiner düſteren nie lächelnden Wange und der finſteren Schönheit ſeines Antlitzes, die ſich gleichſam unter der Schwere eines unſichtbaren Fluches beugte, hatte er ſich bereits mit dem Schickſale des Earls unauflöslich als deſſen Engel— aber als ein Engel der Finſterniß— verbunden. Zu Harolds großer Erleichterung ſtreckte ihm Githa beim Ein⸗ tritte die Hände entgegen und rief: „Es iſt Dir nicht gelungen, aber gegen Deinen Willen! Gräme Dich nicht; ich bin zufrieden!“ „Dafür ſey die heilige Jungfrau geprieſen, Mutter—“ „Ich habe ihr erzählt,“ erklärte Haco, der mit gekreuzten Armen beim Feuer ſtand, deſſen Flamme ſein farbloſes Geſicht mit den Raben⸗ haaren in fantaſtiſchem Spiele röthete;„ich habe Deiner Mutter er⸗ 1 zählt, nem aus d der l noth des Feue flacke die meit len ſuch mit Ker daß in ſ blu⸗ nich 4 4¹ 8 zählt, daß Wolnoth ſeine Gefangenföaſt ſebi und Freude hat an ſi⸗ nem Käfig. Sie hat Troſt geſchöpft aus meinen Worten.“ „Nicht allein aus den Deinen, Du Sohn von Speyn, ſondern aus denen des Schickſals, denn vor Deiner Aninft flehte ich— entgegen der lange verblendeten Sehnſucht meines Herzens— flehte, daß Wol⸗ noth die See nicht mit ſeinen Verwandten durchkreuzen möge.“ „Wie!“ rief der Earl erſtaunt. Githa nahm ſeinen Arm und führte ihn nach dem hinteren Ende des weiten Gemaches, als ob ſie von Haco, der ſein Geſicht gegen das Feuer wendete und mit nachſinnenden Blicken, ohne zu blinzeln, in die flackernde Flamme ſchaute, nicht gehört ſeyn wollte. „Konnteſt Du glauben, Harold, daß ich während Deiner Reiſe, die meine Beſorgniß und Hoffnung vollauf beſchäftigte, brütend in meinem Stuhle ſitzen und die Stiche an den wehenden Tapeten abzäh⸗ len könnte?— Nein; Tag für Tag habe ich Hilda's Belehrung ge⸗ ſucht und Nachts habe ich beim Brunnen, an der Ulme und am Grabe mit ihr gewacht; ich weiß, daß Du ſchlimme Gefahren beſtanden, daß Kerker, Krieg und Fallſtricke zu überwinden waren, und ich weiß auch, daß Wolnoths Leben durch ſeine Fylgia gerettet wurde, denn wäre er in ſein Geburtsland zurückgekehrt, ſo wäre es nur geſchehen, um ein blutiges Grab zu finden!“ „Hat Hilda das geſagt?“ fragte der Earl nachdenklich. „So ſpricht die Vala, die Rune und die Scin⸗laeca! und ſo lautet der Spruch, der nunmehr die Stirne Haco's verfinſtert! Siehſt Du nicht, daß die Hand des Todes in dem Schweigen der traurigen Lippe, in dem Glanze des freudenloſen Auges liegt?“ „Nein, es iſt nur das Nachdenken, das dem gefangenen Jünglinge angeboren und in einſamen Träumen genährt worden. Du haſt Hilda geſehen?— Und Editha, meine Mutter? Editha iſt—“ „Wohl,“ erwiederte Githa freundlich, denn ſie ſympathiſirte mit Harolds Liebe, welche Godwin verdammt haben würde,„nur ſchwebte ſie in tiefem Kummer nach Deiner Abreiſe und pflegte oft Stunden 442 — laug wehklagend in den leeren Raum hinauszuſtarren. Aber noch ehe ſogar Hilda Deine ſichere Rückkehr ahnte, wußte ſie Editha bereits: ich war damals bei ihr; ſie ſprang auf und rief: Harold iſt in Eng⸗ land!— Wie? Warum glaubſt Du ſo?' fragte ich. Und Editha antwortete: ich fühle es an der Berührung der Erde, an dem Hauche der Luft.— Das iſt mehr als Liebe, Harold. Ich kannte ein Zwillings⸗ paar, das mit demſelben Inſtinkte das gegenſeitige Kommen und Gehen empfand und ſogar in der Abweſenheit ſich gegenwärtig war: Editha iſt der Zwilling Deiner Seele. Du gehſt jetzt zu ihr, Harold: Du wirſt Deine Schweſter Thyra bei ihr finden. Das Kind hat in neuerer Zeit abgenommen, und ich erſuchte Hilda, ſie mit Zauber und Kräutern wieder zu beleben. Du wirſt zurückkommen, ehe Du Deinem Bruder Toſtig zu Hülfe eilſt, und mir erzählen, ob es Hilda bei meinem krän⸗ kelnden Kinde gelungen iſt?“ „Das will ich, meine Mutter. Erheitere Dich: Hilda iſt eine geſchickte Amme. Und nun nimm meinen Dank, daß Du mir das Mißlingen meiner Sendung, das Fehlſchlagen meines Verſprechens nicht zum Vorwurfe machteſt. Sogar Hilda's Prophezeiungen ſeyen ge⸗ ſegnet, da ſie Dich für den Verluſt Deines Lieblings tröſten!“ Mit dieſen Worten verließ Harold das Zimmer, beſtieg ſein Roß und ritt durch die Stadt gegen die Brücke. Er war genöthigt, lang⸗ ſam durch die Straßen vorzurücken, denn er wurde erkannt und Krä⸗ mer und Handwerker ſtürzten aus Häuſern und Buden, um den Mann des Landes und der Zeit zu begrüßen. „Alles iſt nun ſicher in England, denn Harold iſt zurückgekom⸗ men!“ So hieß es allgemein und die Leute ſchienen froh wie die Kin⸗ der des Seemannes, wenn er ſich mit naſſen Gewändern mitten im Sturm zum Ufer durcharbeitet. Freundlich und liebevoll waren Harolds Blicke und kurze Worte, während er mit abgenommenem Barret durch die wimmelnden Straßen weiter zog. Endlich hatte er Stadt und Brücke hinter ſich; die vergelbenden Zweige der Obſtgärten hingen über die nach dem Ninahenſs führende 85 Straß gender hatte. bleibe das noch hat j hinte Tod ling Auf daß plöt dem ſpre unb deſſ wer dan 448 Straße, als er, ſein Roß anſpornend, den Hufſchlag eines Verfol⸗ genden hinter ſich hörte und beim Umſchauen Haco gewahrte. „Was willſt Du, mein Neffe?“ fragte er die Zügel anziehend. „Dich!“ lautete Haco's kurze Antwort, ſobald er ihn erreicht hatte.„Deine Geſellſchaft.“ „Dank, Haco; aber ich bitte Dich, in meiner Mutter Hauſe zu bleiben, denn ich möchte gerne allein reiten.“ „Jage mich nicht von Dir, Harold! Dieſes England iſt für mich das Land des Fremdlings; in Deiner Mutter Hauſe fühle ich mich nur noch mehr verwaist. Von nun an habe ich mein Leben Dir geweiht, hat ja doch mein todter Vater dieſes Leben Dir als Fluch oder Segen hinterlaſſen; deßhalb klammere ich mich an Deine Seite— laß uns in Tod und Leben zuſammenhalten!“ Ein kalter Schauer überlief das Herz des Earls, als der Jüng⸗ ling alſo ſprach. Die Erinnerung, daß Haco's Rath ihn zuerſt zum Aufgeben ſeiner angebornen kühnen und tapferen Mannheit bewogen, daß er ihn veranlaßt hatte, Liſt mit Liſt zu erwiedern, wodurch er ſo plötzlich in ſeinen eigenen Netzen verwickelt worden war, hatte bereits dem Mitleid und der Zärtlichkeit für ſeines Bruders Sohn eine unaus⸗ ſprechliche Bitterkeit beigemiſcht. Er kämpfte jedoch gegen dieſes unbehagliche Gefühl als eine Ungerechtigkeit gegen den Jüngling, deſſen traurigem Rathe— ſo ſehr er ihn jetzt auch bereute— er wenigſtens ſeine Rettung und Befreiung mit Wahrſcheinlichkeit ver⸗ dankte, und erwiederte in ſanftem Tone: „Ich nehme Dein Vertrauen und Deine Liebe an, Haco! So reite denn mit mir; nur habe Nachſicht mit Deinem finſteren Kamera⸗ den, denn die Lippe iſt ſtumm, wenn die Seele mit ſich ſelbſt verkehrt.“ „Richtig,“ verſetzte Haco;„ich bin ohnehin kein Plauderer. Drei Dinge gibt es, welche immer ſchweigſam ſind: das Nachdenken, das Verhängniß und das Grab.“ So ritten Beide eilig neben einander, jeder ſeinen eigenen Ge⸗ danken nachhängend; die langen Schatten des abnehmenden Tages, 444 von den düſteren Waldbäumen und den fernen Hügeln herüberge⸗ worfen, kämpften mit einem ungewöhnlich klaren Himmel. Durch wechſelndes Licht und Dunkel ritten ſie weiter, während die Stiere aus Matten und Gehölzen zu ihnen herüberſchauten und der Schrei der Rohrdommel in ihren eigenthümlich klagenden Tönen laut wurde, wenn ſie von den ſeuchten Tümpeln, die in der Abendſonne glänzten, emporſtieg. Es war immer die Rückſeite des Hauſes, wo die mit dem Romane ſeines Lebens ſo eng verknüpfte Tempelruine ſtand, von welcher ſich Harold der Heimath der Vala näherte, und als ihnen jetzt der Hügel mit ſeinem melancholiſchen Diademe von Steinen zu Geſichte kam, brach Haco zum erſten Male das Schweigen. „Abermals— wie in einem Traume!“ ſagte er abgebrochen. „Hügel, Ruine, Grabmündung— aber wo iſt das hohe Bild der Mächtigen?“ „Haſt Du denn dieſe Stelle früher geſehen?“ fragte der Earl. „Ja, als Kind wurde ich von meinem Vater Sweyn hergeführt; hieher wanderte ich einſam an dem Abende, ehe ich nach der Norman⸗ die abzog, von Deinem Hauſe dort drüben, das durch die fallenden Blätter undeutlich zu gewahren iſt; und dort an jenem Altare ſang die große Vala des Nordens ihre Runen über meine Zukunft.“ „Ach! auch Du!“ murmelte Harold und fragte dann laut:„was ſagte ſie?“ „Daß Dein und mein Leben mit ihren Fäden ſich durchkreuzen; daß ich Dich aus einer großen Gefahr erretten und eine noch größere mit Dir theilen würde.“ „Ach, Jüngling,“ gab Harold bitter zur Antwort,„dieſe eitlen Prophezeiungen menſchlichen Witzes vermögen die Seele vor keiner Gefahr zu behüten. Sie verlocken uns durch Räthſel, die unſer un⸗ geſtümes Herz nach ſeinen eigenen Wünſchen auslegt. Halte Dich feſt an die einfache Weisheit der Jugend und vertraue einzig dem reinen Geiſte und Deinem wachſamen Gotte!“ 9 los lie hatte, gleicht Abhat Schöt licher rend die W gende Haco und hatte daß d Sch und bei! loſer noch hun Vol iſt gan e⸗ r — 445 Mit einem unterdrückten Seufzer ſprang er vom Pferde, das er los ließ, während er den Hügel hinanſtieg. Als er die Höhe erreicht hatte, machte er Halt und gab Haco ein Zeichen, daß er, welcher gleichfalls abgeſtiegen war, ſeinem Beiſpiele folgen ſolle. Halbwegs an dem gegen den zertrümmerten Periſtyl gewendeten Abhange gewahrte Haco ein Mädchen, noch jung und von einer Schönheit, welche Alles übertraf, was der normänniſche Hof an weib⸗ licher Lieblichkeit aufzuweiſen hatte. Sie ſaß auf dem Raſen, wäh⸗ rend ein jüngeres und kaum zur Jungſrau herangereiftes Mädchen, die Wange auf die Hand geſtützt, zu ihren Füßen lehnte und in ſchwei⸗ gender Aufmerkſamkeit zu lauſchen ſchien. In der Jüngeren erkannte Haco Githa's Letztgeborne, Thyra, obwohl er ſie früher nur einmal und zwar an dem Tage vor ſeinem Abſchiede von England geſehen hatte, denn das Geſicht des Mädchens hatte ſich wenig verändert, nur daß das Auge trüber und die Wange bleicher geworden war. Und in der ſtillen Herbſtluft ſang Harolds Verlobte ſeiner Schweſter Thyra eines jener Lieder über das myſtiſche Leben, den Tod und die Auferſtehung des fabelhaften Phönix vor, welches Thema bei den ſächſiſchen Dichtern zu den beliebteſten gehörte— ein reim⸗ loſer Geſang, der in ſeinem alten ihm angeborenen Fluſſe vielleicht noch jetzt vor modernen Ohren ſich einiger Gunſt erfreuen dürfte. Das Lied vom Phönir.* „Weit von hier ſcheinet — So ſingen die Alten— Fernhin nach Oſten Das ſchönſte der Länder. * Dieſes altſächſiſche Lied, offenbar aus dem zehnten oder eilften Jahr⸗ hundert datirend, findet ſich, von Mr. George Stephens mit wunderbarer Vollendung übertragen, in der Archäologie, Bd. XXX., S. 259. Im Texte iſt das Gedicht ſehr abgekürzt, mit feſtem Rhythmus und in einigen Stanzen ganz von dem Originale abweichend. Nichtsdeſtoweniger ſind wir Mr. Stephens 446 „Zierlich geputzt Iſt das theure Gefilde; Würzige Düfte Erfüllen die Haine. „Heil, dem ſich öffnen Die Thore des Himmels! Süß klingen nordwärts Die Wogen des Sangs. „Froſt trifft den Raſen Nimmer, noch Hagel; Wolke nie wandert, Gießend den Regen. „Hüter des Waldes, Mit Wundern umgürtet, Im Glanzesgefieder Sitzet der Phönix. „Menſchengebieter, Deſſ' Heimath die Lüfte, Tauſend der Winter Sitzet der Vogel. „Formlos und ſchwer wird Sein neblig Gefieder; 2 Mager und alt Im Wirbeln der Erde. „Hoch von der Waldſpitze Schwingt ſich der Vogel; Da wo der Wind ſchläft— Baut er ſein Neſt. für ſeine Uebertragung ſehr verpflichtet, aus der wir manche Zeilen wörtlich benützt haben. Der aufmerkſame Leſer wird alsbald bemerken, wie ein reim⸗ loſes Metrum durch Alliteration ſo weſentlich gewinnt. Faſt möchte ich glau⸗ ben, daß dieſes altſächſiſche Versmaß ſich nicht ohne Nutzen in unſerer na⸗ tionalen Muſe wieder einführen ließe. 447 „Harze, die köſtlichſten, Süßeſten Balſam, Würz'ge Gerüche Verwebt er ins Neſt. „Dort in der Sonn' arche Harret er ſehnend; Sommer kommt lächelnd Und küſſet den Fels. „Alterbeladen, Der Zeit überdrüſſig, Verbrennet der Vogel Langſam im Duftneſt. „Aus ſeiner Aſche Seltene Frucht wächst; Tief ihr im Herzen Birgt ſich ein Wurm. „Wonnige Netze Um und um webend, Stumm und beglückend Arbeitet der Wurm. „Schau, aus dem Luftgeweb, Blühend und glanzvoll, Jugendlich, jubelnd Der Phönix hervorbricht. „Ringsum die Vögel In ſtrahlenden Farben Sieht man, zu grüßen Engarland, den König. „Singend und preiſend Durch Wald und durch Lüfte, Singend und preiſend Und König ihn nennend. 448 „Hoch fliegt der König, Entronnen dem Wurmnetz, Schwingt ſich zum Sonnenlicht, Badet im Thau. „Sucht alte Stellen, Hügel und Wälder, Quellen der Jugend, Gefilde der Liebe. „Sterne des Firmaments,. Blüthen der Erde, Freuen ſich ſeiner Luſt, Durch ihn verjünget. „Und rings der Vögel Chor, Schaaren des Himmels, Prangend Gefieder, Schallender Sang. „Singend und preiſend, Erfüllend die Lüfte Mit Ruhm und Wohlklang, Dem Lobe des Königs.“ Als das Lied zu Ende war, bemerkte Thyra: „Ach, Editha, wer würde nicht gerne dem Holzſtoße Trotz bieten, um abermals gleich dem Phönix zu leben!“ „Süße Schweſter mein!“ gab Editha zur Antwort,„der Sänger will in dem Bilde des Phönix die Auferſtehung unſeres Herrn, in dem wir alle wiederaufleben, verſinnlichen.“ Und Thyra verſetzte traurig— „Aber der Phönir ſieht noch einmal die Lieblingsſtellen ſeiner Ju⸗ gend— die Dinge und Orte, die ihm in ſeinem früheren Leben theuer waren. Werden wir daſſelbe thun, o Editha?“ „Nur die, ſo wir lieben, verſchönern die Stellen, die wir gekannt haben,“ gab die Verlobte zur Antwort.„Jene Geliebten wenigſtens werden wir wiederſehen und wo ſie ſind— da iſt der Himmel.“ en, em ———Bꝛ;ÿ———— 44⁴49 Harold konnte nicht länger an ſich halten. Mit einem Sprunge ſtand er neben Edithen, mit einem wilden Freudenrufe ſchloß er ſie an ſein Herz. „Ich wußte, daß Du heute Nacht kommen würdeſt— ich wußte es, Haryld,“ murmelte ſeine Braut. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Während Harold und Editha Hand in Hand und ganz von ſich ſelbſt erfüllt durch die benachbarten Gänge wanderten— während der gequälte Mann die Geſchichte der einzigen Prüfung, aus welcher er beſiegt und mit Schande hervorgegangen war, in jene zarte Bruſt er⸗ goß, welche bei dieſer reinen edlen Verbindung das Vorrecht des Wei⸗ bes, zu tröſten und zu beſänftigen, ganz für ſich in Anſpruch genom⸗ men hatte— ſetzte ſich Haco neben Thyra nieder. Jedes der Beiden fühlte ſich auffallend zum Andern hingezogen, es lag eine gewiſſe Ver⸗ wandtſchaft in der düſteren Stimmung, die ſie miteinander theilten, nur mit dem Unterſchiede, daß die Trauer des Mädchens ſanft und re⸗ ſignirt, die des Jünglings aber ernſt und feierlich war. Sie unterhiel⸗ ten ſich flüſternd, und für ſo junge Leute war ihr Geſpräch allerdings befremdend genug, denn— ob nun Edithens Geſang oder die Nach⸗ barſchaft des ſächſiſchen Grabſteines, der ihnen grau und verwittert durch die Dämmerung in die Augen ſiel, die Veranlaſſung gegeben— das Thema, das ſie wählten, handelte vom Tode. Als ob ſie(was Kindern oft begegnet) durch die Schrecken des finſteren Königs bezau⸗ bert wären, verweilten ſie bei all' den Bildern, welche die nördliche Fantaſie der ewigen Ruhe beigeſellt hat— bei Leichentuch und Wurm und verweſenden Gebeinen— beim ziſchelnden Geſpenſt und dem Zan⸗ berſpruche des Beſchwörers, der den Geiſt aus dem Grabe zu rufen verſtand. Sie ſprachen von dem Schmerze der Seele, welche da ſchei⸗ den mußte, während die Erde noch ſchön, die Jugend friſch und die Freude in ihrer Blüthe noch nicht einmal gereift war— von dem ſehn⸗ ſuchtsvoll zögernden Blick, womit die verglaſenden Augen das letzte Bulwer, Harold. 29 450 Sonnenlicht auf Erden betrachten würden, und malten ſich dann die nackte ſchauernde Seele, wie ſie, aus dem widerſtrebenden Körper ge⸗ trieben und unterwegs noch das Läuten der gedämpften Glocken und das Murmeln nutzloſen Gebetes mit anhörend, durch freudenloſe Räume zu den Qualen des Fegfeuers wandert, welche die Kirche auch dem Reinſten wenigſtens für kurze Zeit prophezeite. Endlich fuhr Haco nach einer plötzlichen Pauſe fort: „Doch Du, meine Baſe, haſt Liebe und ſüßes Leben vor Dir, und ſolche Reden ſind nicht für Dich.“ Thyra ſchüttelte traurig das Haupt. „Nicht ſo, Haco, denn als Hilda geſtern Nacht die Runen be⸗ fragte, während ſie die Kräuter für meinen Schmerz, der hier immer noch heiß und ſcharf brennt, bereitete“(hier legte das Mädchen die Hand auf die Bruſt)„ſah ich, wie ihr Geſicht ſich verfinſterte und um⸗ wölkte, und als ich ſie betrachtete, da fühlte ich, daß mein Urtheil gefällt war. Als Du vollends mit Deinen traurigen kalten Augen ſo geräuſchlos neben mich tratſt, da war mir, o Haco, als ob ich den Boten des To⸗ des ſähe. Doch Du biſt ſtark, Haco, und das Leben wird lange bei Dir dauern: laß uns vom Leben reden.“ SKaco bückte ſich nieder und preßte ſeine Lippen auf die bleiche Stirne des Mädchens. „Küſſe mich auch, Thyra.“ Das Kind küßte ihn und Beide ſaßen ſchweigend beiſammen, während die Sonne unterging. Als die Sterne aufſtiegen, traten Harold und Editha zu ihnen. Harolds Antlitz leuchtete heiter durch das Sternenlicht, denn die reine Seele ſeiner Verlobten hatte Frieden in die ſeinige gehaucht, und er gab ſich gerne dem Aberglauben hin, als ob nunmehr, nachdem er ſei⸗ nem Schutzengel wieder gegeben ſey, die Todtengebeine ihren unheili⸗ gen Anſpruch über ihn verloren hätten. Plötzlich aber zitterte Edithens Hand in der ſeinen, und ihre Ge⸗ ſtalt ſchauderte. Ihre Blicke waren auf Haco's Augen gerichtet. ſei 451 „Vergib mir, junger Vetter, daß ich Dich ſo lange vergaß,“ ſprach der Earl.„Das iſt meines Bruders Sohn: ſo viel ich mich er⸗ innere, haſt Du ihn nie zuvor geſehen?“ „O ja, ja wohl,“ ſtammelte Editha. „Wann und wo?“ Edithens Seele beantwortete die Frage—„im Traume“— aber ihre Lippen ſchwiegen. Haco erhob ſich und nahm ſie bei der Hand, während ſich der Earl zu ſeiner Schweſter wendete— derſelben Schweſter, die er an den normänniſchen Hof zu ſenden verpflichtet war. „Nimm mich in Deine Arme, Harold,“ bat Thyra kläglich,„und ſchlage Deinen Mantel um mich, denn die Luft iſt kalt.“ Der Earl hob das Kind an ſeine Bruſt und betrachtete ihre Wange lang und aufmerkſam; dann nahm er ſie unter zärlichem Befragen mit ſich ins Haus, während Editha mit Haco nachfolgte. „Iſt Hilda drinnen?“ fragte Sweyns Sohn. „Nein; ſie war ſeit Mittag im Walde,“ gab Editha nicht ohne Anſtrengung zur Antwort, denn ſie konnte ſich von ihrer Scheu vor ſeiner Gegenwart nicht erholen. „Dann will ich durch das Forſtland nach Deinem Haufe gehen und die Ceorls auf Deine Ankunft vorbereiten,“ ſagte Haco, vor der Schwelle ſtehen bleibend. „Ich werde hier verweilen, bis Hilda zurückkehrt,“ gab Harold zur Antwort,„und es kann ſpät in der Nacht werden, ehe ich die Heimath erreiche. Serwolf hat übrigens bereits meine Befehle; mit Sonnen⸗ aufgang kehren wir nach London zurück, und von da marſchiren wir gegen die Aufrührer.“ „Alles ſoll bereit ſeyn. Lebe wohl, edle Editha: und Du, Thyra, ſüße Baſe, noch einen Kuß auf abermaliges Wiederſehen.“ Das Kind ſtreckte ihm zärtlich ſeine Arme entgegen, und als ſie ſeine Wange küßte, flüſterte ſie: „Im Grabe, Haco.“ 29* 452 Der junge Mann hüllte ſich in ſeinen Mantel und entfernte ſich, ohne jedoch ſein Roß zu beſteigen, das noch immer an der Straße graste, während Harolds Renner, beſſer mit dem Orte vertraut, ſeinen Weg zum Stalle gefunden hatte. Haco wählte nicht den Pfad durch die Lichtungen nach dem Hauſe ſeines Verwandten, ſondern trat in den Druidentempel und ſtand nachſinnend vor dem Teutonengrabe. Die Nacht ward dunkel und immer dunkler, die Sterne leuchteten heller und in der Luft herrſchte Todtenſtille, als eine klare Stimme dicht neben ihm plötzlich fragte: „Was thut die Jugend, die raſtloſe, beim Tode, dem ſtillen?“ Es war eine Eigenſchaft Haco's, daß nichts ihn zu überraſchen oder zu befremden ſchien. In dieſer brütenden Knabenſeele hatte die ruhige, traurige und feierliche Erfahrung, weit über ihre Jahre auf Alles gefaßt, etwas Furchtbares und Uebernatürliches an ſich, und ſo antwortete er auch diesmal, ohne die Augen vom Steine zu erheben, jener unerwarteten Stimme. „Warum ſagſt Du, o Hilda, daß die Toden ſtill ſeyen?“ Hilda legte ihm die Hand auf die Schulter und ſchwieg, um ſein Geſicht zu betrachten. „Deine Einwendung iſt richtig, Sohn von Sweyn. In der Zeit wie im Weltall iſt nirgends Stille! Durch die ganze Ewigkeit iſt Ruhe der Zuſtand, der für die Seele unmöglich iſt!— So biſt Du denn wieder in Deinem Geburtslande?“ 3 „Und zu welchem Ende, Prophetin? Ich erinnere mich, als ich noch Kind war, das ſich bis dahin der allgemeinen Luft und der tägli⸗ chen Sonne erfreut hatte, da beraubteſt Du mich für immer der Kind⸗ heit und Jugend, denn Du ſagteſt zu meinem Vater, dunkel ſey das Gewebe meines Schickſals und ſeine glorreichſte Stunde werde auch ſeine letzte ſeyn!“ „Aber du warſt ſicherlich noch zu kindiſch(ich ſehe Dich noch vor mir, wie Du auf dem Graſe ausgeſtreckt mit dem Falken Deines Va⸗ ters ſpielteſt)— zu kindiſch, um meine Worte zu beachten.“ — oder derun fährt der S ſeinen ⸗ —xꝑ́ 458 „Hat etwa jemals der friſche Boden die Keime des Sämanns oder das junge Herz die erſte Lektion des Grauens und der Verwun⸗ derung verſchmäht? Seit damals, Prophetin, iſt die Nacht mein Ge⸗ fährte und der Tod mein Vertrauter geweſen. Erinnerſt Du Dich noch der Stunde, da ich mich als Knabe während Harolds Abweſenheit aus ſeinem Hauſe ſchlich— es war die Nacht, ehe ich mein Land verließ — und neben Dir vor dieſer Grabmündung ſtand? Damals ſagte ich Dir, daß der einzige ſanfte Gedanke, der die Bitterkeit meiner Seele mildere, während all' meine übrigen Verwandten in mir blos den Er⸗ ben Sweyns, des Mörders und Geächteten, zu erkennen ſchienen, in meiner Liebe zu Harold beruhe, aber daß dieſe Liebe ſelbſt traurig und ominös wie die Hwata“ fernen Kummers ſey. Da nahmſt Du mich an Deinen Buſen, o Prophetin, Dein kalter Kuß berührte meine Lip⸗ pen und Stirne, und hier neben dieſem Grabe und Altare, hier mit Blatt und Waſſer, mit Zauberſtab und Geſang hießeſt Du mich Troſt ſchöpfen, denn gleichwie die Maus die Netze des Löwen zernagte, ſo werde der unbeachtete Verbannte den Stolz und den Fürſten meines Hauſes aus der Gefahr befreien und die Fäden ſeines Schickſals— eines Schickſals von Königen und Königreichen— werden von jener Stunde an mit dem meinigen verwoben ſeyn. Und als nun die Freude meine Wangen durchglühte, als mir wieder war, als ob die Jugend mit ihrer Wärme die Nacht meiner Seele erhellte— da, Hilda, fragte ich Dich, ob mein Leben ſo lange verſchont bleiben würde, bis ich den Namen meines Vaters zu neuen Ehren gebracht hätte. Dein Zauber⸗ ſtab fuhr über die Blätter, deren Feuerfunken das Leben des Menſchen bedeuteten, und die Flamme brach aus dem dritten Blatte und ſtarb und eine Stimme aus Deiner Bruſt, hohl, wie von ferner Hügelſpitze dahergetragen, gab die Antwort: Bei Deinem Eintritt ins Mannes⸗ alter entzündet ſich Dein Leben zur Flamme und ſchrumpft dann in Aſche.— So wußte ich denn, daß der Fluch des Kindes unvernichtet auch auf den Jahren des Mannes laſte, und ich komme in mein Vater⸗ * Vorbedeutung. 454 land, um Ruhm und Grab daſelbſt zu finden. Aber dennoch,“ fuhr der junge Mann mit wilder Begeiſterung fort,„dennoch iſt das erhabenſte Loos in England mit dem meinigen verkettet und Gießbach wie Strom werden gemeinſam in die furchtbare See rinnen.“ „Davon weiß ich nichts,“ gab Hilda bleich, wie vor ſich ſelbſt er⸗ bebend, zur Antwort,„denn weder Rune noch Quelle oder Grab, ha⸗ ben mir jemals das Ende von Harolds großer Laufbahn klar und deut⸗ lich enthüllt; nur aus ſeinen eigenen Sternen weiß ich ſeinen Ruhm und ſeine Größe, und wo dieſer Ruhm verdüſtert, wo dieſe Größe be⸗ droht iſt, da erkenne ich es einzig aus den Sternen Anderer, deren Strahlen ihren Einſluß mit dem ſeinigen kreuzen. So lange wenig⸗ ſtens, als die Schöne und Reine in dem ſtillen Hauſe des Lebens Wache hält, kann der finſtere Zerſtörer nicht ganz überwiegen, denn Editha iſt Harold als Fylgia gegeben, welche geräuſchlos ſegnet und rettet, und Du—* Hier ſchwieg Hilda und ſenkte den Schleier über das Antlitz, ſo daß es plötzlich unſichtbar wurde. „Und ich?“ fragte Haco ihr näher tretend. „Fort mit Dir, Sohn von Sweyn; Deine Füße zertreten das Grab des mächtigen Todten!“ Ohne ſich länger zu verweilen, ſchlug Hilda den Weg nach dem Hauſe ein. Hacos Auge folgte ihr ſchweigend. Das Vieh, das in dem weiten Raume des verfallenen Periſtyls graste, ſchaute auf, als ſie vorüberging, die Wächterhunde, die zwiſchen den ſternerhellten Säulen herumſtreiften, wedelten knurrend um ihre Gebieterin. Als ſie im Hauſe verſchwunden war, wendete ſich Haco zu ſeinem Roſſe. „Was liegt an der Antwort, welche die Vala nicht geben kann oder darf?“ murmelte er.„Die Liebe des Weibes, der Ehrgeiz des Lebens— ſie find mir nicht beſtimmt. Alles, was ich von menſch⸗ licher Zuneigung, was ich von menſchlichem Ehrgeize kenne, knüpft mich an Harold, daß ich ſein Schickſal theile. Dieſe Liebe iſt ſtark wie der Haß und furchtbar wie ein Fluch— ſie iſt eiferſüchtig und duldet ed ꝙ F 1I1V—» 455 keinen Nebenbuhler. Wie die Muſchel und das Seegras zuſammen⸗ verwoben, werden wir in die große Brandung geſchleudert— wohin? o wohin?“ Sechsundfünfzigſtes Kapitel. „Ich ſage Dir, Hilda,“ erklärte der Earl ungeduldig,„ich ſage Dir, ich verzichte hinfort auf jeden andern Glauben als an Ihn, deſſen Wege vor unſeren Augen verborgen ſind. Dein Zauberſtab, Deine Gal⸗ dra haben mich nicht vor Gefahr geſchützt noch gegen Sünde gewapp⸗ net. Nein, vielleicht— doch ſtill: ich will nicht mehr die ſchwarze Kunſt auf die Probe ſtellen, will nicht mehr die furchtbare Wahrheit von der gaukelnden Lüge zu entwirren ſuchen. Alle Wahrſagerei will ich ſtreben zu vergeſſen— auf keine Prophezeiung will ich hoffen, vor keiner Warnung mich fürchten. Laß die Seele unter dem Schatten Gottes ihrer Zukunft entgegengehen.“ „Gehe Deines Wegs, wie Du willſt; ihre Kerkermauern bleiben dieſelben, ob Du ſie ſiehſt oder nicht. Der Zufall macht Dich vielleicht weiſe,“ erwiederte die Vala düſter. „Um meines Vaterlandes, nicht um meiner ſelbſt willen— der Himmel ſey mein Zeuge!— habe ich mein Gewiſſen befleckt und meine Wahrhaftigkeit beſudelt,“ fuhr der Earl fort.„Mein Vaterland allein kann mich freiſprechen, indem es mein Leben als für immer ſeinem Dienſte geheiligt annimmt. Selbſtſüchtigen Ehrgeiz lege ich bei Seite, ſelbſtſüchtige Macht ſoll mich nicht mehr verlocken; dahin iſt der Zau⸗ ber, den der Thron für mich hatte, und nur für Edithen—“ „Nein! Nicht einmal für Edithen ſollſt Du einer anderen Stimme als der Deines Landes und Deiner Seele Gehör geben,“ rief ſeine Braut, ihm näher tretend. Der Earl wandte ſich plötzlich um und ſeine Augen waren feucht. „O Hilda,“ rief er,„ſtehe hier fortan meine einzige Vala; dieſes edle Herz möge allein die Orakel der Zukunft für uns deuten.“ 456 Am nächſten Tage kehrte Harold mit Haco und einem zahlreichen Gefolge ſeiner Hausdiener in die Stadt zurück. Ihr Ritt war ſo ſchweigſam wie am Tage zuvor; als ſie jedoch Southwark erreichten, wendete ſich Harold von der Brücke zur Linken, um am Ufer des Fluſſes vor dem Hauſe eines ſeiner Lehensleute(eines Franklings oder frei⸗ gelaſſenen Ceorls) abzuſteigen. Dort ließ er ſein Roß und rief ein Boot, worin er ſich mit Haco nach dem weſtlich von London über die Themſe vorſpringenden befeſtigten Pallaſte, der das Außenwerk der alten Römerſtadt gebildet zu haben ſcheint, hinüberrudern ließ. Der Pallaſt, der aus dem fernſten Alterthume abſtammte und alle Arten des Bauſtyls, des römiſchen, des ſächſiſchen wie des däniſchen, in ſich vereinigte, wab von Canut reparirt und aus einem Fenſter im oberen Stocke, wo die königlichen Gemächer ſich befanden, war einſt der Ver⸗ räther Edrie Streone(der Gründer des Godwin'ſchen Hauſes) in den Fluß hinabgeſtürzt worden. „Wohin gehen wir, Harold?“ fragte der Sohn von Sweyn. „Zum Beſuche des jungen Atheling, des natürlichen Erben des ſächſiſchen Thrones,“ erwiederte Harold mit feſter Stimme.„Er wohnt in dem alten Pallaſte unſerer Könige.“ „In der Normandie heißt es, der Knabe ſey ſchwachſinnig.“ „Das iſt nicht wahr,“ erwiederte Harold.„Ich will Dich ihm vorſtellen— dann urtheile.“ Haco ſchwieg eine Weile und hub dann von Neuem an: „Ich glaube, Deine Abſicht zu errathen; iſt ſie nicht übereilt ent⸗ ſtanden, Harold?“ „Es war Edithens Rath,“ gab Harold mit ſichtlicher Erſchütterung zur Antwort.„Wenn ich ihm folge, werde ich vielleicht die Macht verlieren, die Kirche zu beſänftigen und Edithen die Meinige zu nennen.“ „So würdeſt Du ſogar Edithen Deinem Vaterlande opfern?“ „Seit ich geſündigt habe, könnt' ich es, glaub' ich,“ gab der ſtolze Earl demüthig zur Antwort. Das Boot ſchoß in die kleine Bucht oder den Kanal, der neben den ſch beiden Bogen wohne — was un Verfal porſtei offen v blauen Atheli fünf d beglei nieder Erzbit ner al 4 wolle komm linge unſer Ver! Ohr thei den Han Bli 457 den ſchwarzen verwitterten Mauern der Veſte landeinwärts lief. Die beiden Earls ſprangen an's Land und traten unter einem römiſchen Bogen in den Hof, der im Innern von den früheren ſächſiſchen Be⸗ wohnern mit rohem Zimmerwerke ausgefüllt war, das gleich Allem, was unter Edwards Obhut gerieth, ſeit Canuts Zeiten bereits dem Verfall entgegeneilte. Ueber eine an der Außenſeite des Hauſes em⸗ porſteigende Treppe gelangten ſie an eine ſchmale niedere Thüre, welche offen war. In dem Gange ſtanden ein paar königliche Leibwächter in blauen Livreen und mit däniſchen Streitärten; ſie waren dem jungen Atheling zugetheilt, und in ihrer Geſellſchaft ſah man noch vier bis fünf deutſche Diener, die ſeinen Vater vom kaiſerlichen Hofe herüber begleitet hatten. Einer der Letzteren führte die edlen Sachſen in eine niedere abgelegene Vorhalle, wo Harold zu ſeiner Ueberraſchung den Erzbiſchof Alred von York und drei Thane von hohem Range und rei⸗ ner altſächſiſcher Abkunft vorfand. Alred näherte ſich Harold mit ſchwachem Lächeln auf dem wohl⸗ wollenden Antlitz: „Mich dünkt,“ hub er an,„— und moͤge ich recht urtheilen— Du kommſt in derſelben Abſicht hieher, wie ich und jene edlen Thane.“ „Und Eure Abſicht?“ „Iſt zu ſehen und ruhig zu beurtheilen, ob wir in dem Abkömm⸗ linge von Ironſides trotz ſeiner Jahre einen Prinzen finden, den wir unſerem ablebenden Könige als Erben und dem Witan als ein zur Vertheidigung des Landes taugliches Oberhaupt anempfehlen können.“ „Du nennſt die Urſache meines eigenen Kommens. Mit Euren Ohren will ich hören, mit Euren Augen will ich ſehen; wie Ihr ur⸗ theilt, will auch ich urtheilen,“ erwiederte Harold, mit dem Prälaten den Thanen näher tretend, ſo daß ſie ſeine Antwort hören konnten. Die Häuptlinge, welche einer Partei angehörten, welche Godwins Hauſe oft feindlich entgegengetreten war, hatten bei Harolds Eintritte Blicke der Furcht und Unruhe mit einander gewechſelt; bei dieſen 458 Worten ließen jedoch ihre offenen Mienen ebenſoviel Ueberraſchung als Freude gewahren. Harold ſtellte ihnen ſeinen Neffen vor, der durch ſeine ernſte wür⸗ dige Haltung, weit über ſeine Jahre, einen günſtigen Eindruck auf ſie machte, obwohl der gute Biſchof ſeufzte, als er in ſeinem Antlitze die düſtere Schönheit ſeines ſchuldbeladenen Vaters entdeckte. Die Gruppe beſprach ſich eifrig über die abnehmende Geſundheit des Königs, über den verwirrten Zuſtand des Reiches, wie über die Nothwendigkeit, alle Stimmen wo möglich zu Gunſten des tauglichſten Nachfolgers zu ver⸗ einigen, wobei in Harolds Miene und Weſen wie in ſeinem Herzen durchaus nichts zu entdecken war, als ob er ſich ſeines eigenen An⸗ ſpruchs und ſeiner gerechten Hoffnungen bei dieſer Wahl bewußt wäre. Die Zeit verſtrich und die Mienen der Thane verfinſterten ſich; ſie waren ſtolze Männer und große Satrapen,“ und es wollte ihnen durchaus nicht gefallen, daß der knabenhafte Prinz ſie ſo lange in dem wüſten Vorzimmer warten ließ. Endlich kehrte der deutſche Beamte, der ihre Ankunft gemeldet hatte, zurück und bat ſie mit Worten, welche zwar wegen der Verwandtſchaft des Sächſiſchen mit dem Deutſchen verſtändlich, aber einem engliſchen Ohre unangenehm ausländiſch klangen, ihm zu dem Atheling zu folgen. In einem Gemache, das noch immer die rohe Pracht aus Ca⸗ nuts Zeiten beibehalten hatte, war ein hübſcher Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren, aber weit jüngerem Ausſehen, mit Ausſtopfen eines Vogels beſchäftigt, welcher einem jungen Falken, der mit ver⸗ hüllten Augen auf ſeiner Stange ſaß, als Lockung dienen ſollte. Dieſe Beſchäftigung machte einen ſo gewöhnlichen Theil bei der ernſtlichen Erziehung der Jugend aus, daß die Thane bei dieſem Anblick ihre Stirnen glätteten, da ſie den Knaben ganz würdig beſchäftigt fanden. * Das orientaliſche Wort„Satrapen“(Satrapes) bildete einen der ge⸗ wöhnlichſten aber auch ungeeignetſten Titel(er war ohne Zweifel vom byzan⸗ tiniſchen Hofe entlehnt)— wodurch die Sachſen in ihrem Latein ihre Edlen zu ehren pflegten. ——— 3——— In ein Prieſte von E ſchen G von Alter abſeits tes un ſorglo⸗ und n Was normaͤ Biſt J ſind f gewöl bewil unſere Ich v auszu mänr mänr Ritte Thar 459 In einem anderen Ende des Zimmers ſaß ein ernſter normänniſcher Prieſter an einem Tiſche mit Büchern und Schreibzeug; er war der von Edward aufgeſtellte Erzieher, der den Atheling in der normänni⸗ ſchen Sprache und in der Religion unterrichten ſollte. Eine Unzahl von Spielzeug bedeckte den Boden, womit einige Kinder von Edgars Alter ſich beluſtigten. Seine kleine Schweſter Margarethe“ ſaß ernſthaft abſeits von den übrigen Kindern mit einer Nähterei beſchäftigt. Als ſich Alred mit einem Segensſpruche voll ehrerbietigen Reſpek⸗ tes und väterlicher Herzlichkeit dem Atheling näherte, ſchrie der Knabe ſorglos und in einem barbariſchen Jargon, einer Miſchung von Deutſch und normänniſchem Franzöſiſch: „Du— komm nicht zu nahe: Du verſcheuchſt ja meinen Falken. Was machſt Du nur: Du zertrittſt mein Spielzeug, das mir der gute normänniſche Biſchof William als Geſchenk des Herzogs überſchickte.— Biſt Du blind, Mann?“ „Mein Sohn,“ erwiederte der Prälat freundlich,„dieſe Sachen ſind für Kinder— die Kindheit endet aber bei Prinzen früher als bei gewöhnlichen Leuten. Verlaſſet Euern Vogel und Euer Spielzeug; bewillkommnet dieſe edlen Thane, und ſo es Euch gefällt, ſo redet ſie in unſerer eigenen ſächſiſchen Sprache an.“ „Auf Sächſiſch!— in der Sprache des Pöbels!— mit nichten. Ich verſtehe ohnehin nur ſo viel, um einen Ceorl oder eine Wärterin auszuſchelten. König Edward hieß mich nicht ſächſiſch, ſondern nor⸗ männiſch lernen; und Godfroi dort drüben ſagt, wenn ich das Nor⸗ männiſche gut verſtehe, ſo werde mich Herzog William zu ſeinem Ritter machen.— Für heute aber will ich nichts mehr lernen.“ Und damit wendete ſich das Kind verdrießlich von Prälat und Thanen ab. Die drei ſächſiſchen Lords tauſchten Blicke tiefen Unwillens und * Später mit Malcolm von Schottland vermählt, woher die jetzige eng⸗ liſche Dynaſtie durch die weibliche Linie ihre Abſtammung von den angelſäch⸗ ſiſchen Königen ableitet.. 460 ſtolzer Entrüſtung. Harold jedoch gewann es mit eigener Selbſtüber⸗ windung über ſich, den Prinzen von Neuem mit gewinnendem Lächeln anzureden. „Edgar Atheling, Du biſt nicht ſo jung, daß Du nicht bereits wüßteſt, wie die Großen für Andere leben. Wirſt Du nicht ſtolz ſeyn, Dein Leben unſerem ſchönen Lande und dieſen edlen Männern zu wid⸗ men und die Sprache Alfreds des Großen zu reden?“ „Alfreds des Großen! Immer langweilt man mich mit Alfred dem Großen,“ rief der Knabe ſchmollend:„Alfred der Große— er iſt die Plage meines Lebens! Wenn ich der Atheling bin, ſo müſſen die Leute für mich, nicht ich für ſie leben; und wenn Ihr mich noch länger ſcheltet, ſo laufe ich davon zu Herzog William nach Rouen— Godfroi ſagt, dort werde ich nie geſcholten werden!“ Mit dieſen Worten warf ſich das Kind, des Falkens und des aus⸗ geſtopften Vogels müde, neben die anderen Kinder auf den Boden und riß ihnen das Spielzeug aus den Händen. 8 Die ernſte Margarethe erhob ſich jetzt ruhig und ging zu ihrem Bruder, dem ſie in gutem Sächſiſch zurief: „Pfui! Wenn Du Dich ſo aufführſt, werde ich Dich einen Nid⸗ dering nennen!“ Bei dieſem Worte, dem gemeinſten in ihrer Sprache— einem Worte, wogegen der niederſte Ceorl lieber ſein Leben eingeſetzt als es erduldet hätte— bei dieſer Drohung gegen den Atheling von Eng⸗ land, den Abkömmling von ſächſiſchen Helden, näherten ſich die drei Thane und bewachten den Knaben, in der Hoffnung, daß er voll Zorn und Beſchämung aufſpringen werde. „Nenne mich wie Du willſſt, thörichte Schweſter,“ ſagte das Kind gleichgültig;„ich bin nicht ſo ſächſiſch, daß ich mich um Eure bäuriſchen Sachſennamen kümmerte.“ „Genug,“ rief der ſtolzeſte und größte der Thane, während ſein Schnurrbart voll Ingrimm ſich kräuſelte.„Wer ſich einen Nidde⸗ ring nennen läßt, ſoll nie ein gekrönter König werden!“ Dein häng Thür maſſe meiſt die für Athe bekü läſſie Wir Hoff und Jah wiſſ ſcho Rei wei dar nei der 461 „Ich will auch kein gekrönter König ſeyn, Du roher Mann mit Deinem garſtigen Schnurrbart; ich will Ritter werden und Wehrge⸗ häng und Fähnlein tragen.— Geh' fort!“ „Wir gehen, Sohn,“ ſagte Alred traurig. Und mit langſamen zögernden Schritten bewegte er ſich nach der Thüre; dort hielt er inne und drehte ſich um— da ſah er das Kind Gri⸗ maſſen hinter ihm ſchneiden, während Godfroi, der normänniſche Hof⸗ meiſter, vor Vergnügen lächelte. Der Prälat ſchüttelte den Kopf und die Gruppe erreichte die Vorhalle. „Ein tauglicher Führer bärtiger Männer! Ein trefflicher König für das ſächſiſche Land!“ rief ein Than.„Nichts mehr von Eurem Atheling, Vater Alred!“ „Nichts mehr von ihm, in der That!“ wie bekümmert. „Es iſt nur der Fehler ſeiner Lehrer und Erzieher— eine vernach⸗ läſſigte Kindheit, ein normänniſcher Hofmeiſter und deutſche Miethlinge. Wir können den biegſamen Stoff wohl noch beſſer bilden,“ meinte Harold. Nichts da,“ erwiederte Alred;„uns bleibt keine Muße für ſolche 77— Hoffnungen, keine Zeit, um ungeſchehen zu machen, was die Umſtände Ehe das und ich fürchte auch die Naturanlage angerichtet haben. Jahr um iſt, wird der Thron in unſeren Hallen leer ſtehen.“ „Wer aber,“ ſiel Haco plötzlich ein,„wer wird(vergebet der Un⸗ wiſſenheit eines Jünglings, der ſeine Zeit in auswärtiger Gefangen⸗ ſchaft zubrachte)— wer wird in Ermanglung des Athelings dieſes Reich vor dem normänniſchen Herzoge retten, der, wie ich recht wohl weiß, wie der Schnitter auf die ſeiner Sichel entgegenreifende Ernte darauf rechnet?“ „Ach ja— wer dann?“ murmelte Alred. „Wer dann?“ riefen die drei Thane wie mit einer Stimme: „ei nun, der Würdigſte, der Weiſeſte, der Tapferſte! Tritt vor, Harold der Earl— Du biſt der Mann!“ Und ohne ſeine Antwort abzuwarten, verließen ſie die Halle. derholte der Prälat 46² Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Rings um Northampton lagen die Streitkräfte Morcars, der Kern der anglodäniſchen Männer Northumbriens. Plötzlich hörte man aus dem Lager einen Ruf, wie„zu den Waffen“ und Morcar, der junge Carl, bis auf den Helm ganz in ſeinen Ringpanzer gehüllt, trat vor und rief:„Meine Leute ſind Thoren, daß ſie in jener Richtung nach einem Feinde ausſchauen; dort liegt Mercia und dahinter die Hügel von Wales. Die Truppen, die dorther kommen, bringt Edwin mein Bruder zu unſerer Hülfe.“ Morcars Worte wurden durch die Anführer und Kriegsboten dem Heere mitgetheilt, und der Allarmruf ging in ein Freudengeſchrei über. Als die Staubwolke, durch welche die Speere der nahenden Truppe blitzten, ſich verzog und hinter dem marſchirenden Zuge zögernd liegen blieb, ſah man zwei Reiter aus dem Vortrabe daherſprengen. Weit voraus vor den andern ritten ſie, und hinter ihnen, ſo ſchnell ſie konn⸗ ten, jagten zwei Andere, der erſte die Fahne von Mercia, der zweite den rothen Löwen von North⸗Wales hoch emporhaltend. Gerade gegen die Eindämmung und Palliſade, welche Morcars Lager umgab, galoppirten die Reiter; das Haupt des Vorderſten war entblößt und die Schildwachen erkannten das Antlitz Edwins des Freundlichen, des Bruders von Morcar. Letzterer verließ den Hügel, auf dem er ſtand, und die Brüder umarmten ſich unter dem Zurufe beider Heere. „Ich bitte Dich, bewillkomme auch unſeren Vetter Caradoc, Sohn Gryffyths, des Kühnen,““ ſagte Morcar. Edwin reichte Caradoc die Hand und küßte ihn auf die Stirne, wie es bei unſeren Vätern Sitte war. Der junge kronenloſe Prinz war kaum den Knabenjahren entwachſen; doch wurde ſein Name be⸗ reits von den Barden geſungen und ging in den Hallen von Gwynedd mit dem Hirlashorne in die Runde, denn er hatte die ſächſiſchen Gränzen verheert und ſogar Harolds Veſte dem Feuer überantwortet. * Von ſeiner erſten Gemahlin; Aldytha war die zweite. 1 ger au Biegu ſtable Pfeifen cars g. den nq und di — zw jedem mittle Die be Macht ſchen fen. einſti um di auseit „iſt e gebor wider zeuge des und unte ſurg 463 Während jedoch dieſe Drei ſich begrüßten und noch ehe die Krie⸗ ger aus Mercia und Wales das Lager erreicht hatten, ſah man von einer Biegung der gegenüberliegenden Straße zwiſchen Towceſter und Dun⸗ ſtable das Blitzen von Panzern wie einen Lichtſtrom herüberbrechen; Pfeifen und Trompeten ließen ſich in der Ferne vernehmen, und Mor⸗ cars ganzes Heer ſtand ſchweigend und mit ernſten geſpannten Blicken den nahenden Zug betrachtend. Aus ſeiner Mitte ragte das Kreuz und die Hämmer des engliſchen Königs neben Harolds Tiegerköpfen — zwei Banner, welche mit einander vereinigt auf jedem Thurme, auf jedem Felde, wo ſie im Winde geflattert, den Sieg aufgeflanzt hatten. Die Häuptlinge des Inſurgentenheeres zogen ſich ſofort auf die mittlere Anhöhe zurück, um dort einen kurzen Kriegsrath zu halten. Die beiden jungen Earls, die trotz ihres Ahnenruhmes noch nicht eigene Macht und Berühmtheit errungen hatten, mußten ſich den anglodäni⸗ ſchen Häuptlingen, von denen Morcar gewählt worden war, unterwer⸗ fen. Sobald dieſe Harolds Standarte erkannten, vereinigten ſie ſich einſtimmig in dem Rathe, eine friedliche Geſandtſchaft zu beordern, um die unter Toſtig erlittene Unbill und die Gerechtigkeit ihrer Sache auseinander zu ſetzen. „Der Earl,“ ſagte Gamel Beorn,(das Haupt dieſer Empörung) „iſt ein gerechter Mann, der eher ſein eigenes Blut als das eines frei⸗ gebornen Einwohners von England vergießen würde: er wird uns Recht widerfahren laſſen.“ „Wie!— Gegen ſeinen eigenen Bruder?“ rief Edwin. „Gegen ſeinen eigenen Bruder, ſobald wir ſeine Vernunft über⸗ zeugen,“ erwiederte der Anglo⸗Däne. Und die anderen Häuptlinge nickten ihm Beifall. Caradocs wil⸗ des Auge flammte Feuer; allein er ſpielte nur mit ſeinem Halsband und ſprach nicht. Mittlerweile war der Vortrab der königlichen Streitmacht dicht unter den Wällen von Northampton zwiſchen der Stadt und den In⸗ ſurgenten vorübergezogen und einige von den leichtbewaffneten Spã⸗ 464 hern, die mit jener eigenthümlichen Furchtloſigkeit, wie ſie damals die ſtreitenden Parteien im Bürgerkriege charakteriſirte, von Morcars La⸗ ger aus dem Zuge entgegen gegangen waren, kamen mit der Meldung zurück, daß ſie Harold im der vnrderſien Reihe und zwar unbepanzert geſehen hätten. Dieſen Umſtand nahmen die aufrühreriſchen Thane als ein gutes Vorzeichen, und da ſie ſchon vorher die Deputation beſchloſſen hatten, ſo brachen etliche zwanzig der vornehmſten Thane des Nordens in be⸗ dächtigem Schritt gegen die feindlichen Linien auf. Neben Harold— in voller Rüſtung, das Geſicht mit dem ſonderba⸗ ren ſiciliſchen Naſenſtück verhüllt, wie es damals bei den meiſten nörd⸗ lichen Nationen im Gebrauche ſtand, war Toſtig geritten; er hatte ſich mit einem Häuflein von etwa fünfzig bis ſechzig ſeiner däniſchen Hausdiener unterwegs bei Harold eingefunden, und dieſe fünfzig bis ſechzig däniſchen Söldlinge waren Alles, was er im ganzen weiten England für ſeine Sache zu beſtechen oder aufzubieten vermochte. Schon ſchien es, als ob Streit unter den Brüdern herrſche, denn Ha⸗ rolds Geſicht glühte und ſeine Stimme klang ſtreng, als er bemerkte: „Schelte mich, wie Du willſt, Bruder, ich kann nicht ſogleich zur Vernichtung meiner engliſchen Mitbrüder vorrücken, ohne ſie aufge⸗ fordert oder eine Verhandlung verſucht zu haben, wie dies von jeher die Sitte unſerer alten Helden und unſeres eigenen Hauſes geweſen.“ „Bei allen böſen Geiſtern des Nordens!“ rief Toſtig;„es iſt die baare Schande, gegen Räuber und Rebellen von Vertrag und Auf⸗ forderung zu reden. Wofür biſt Du hier, als zur Züchtigung und Rache?“ „Für Recht und Gerechtigkeit, Toſtig.“ „Ha! Du kommſt alſo nicht, um Deinem Bruder zu helfen?“ „Ja, wenn, wie ich hoffe, Recht und Gerechtigkeit für Dich ſind.“ Noch ehe Toſtig erwiedern konnte, wurde plötzlich von den Be⸗ waffneten eine offene Gaſſe gebildet, und mit entblößtem Haupte, einen Mönch humbr komme doch n ich ha teſten nicht i die S zu öfft entſch Gebä um ih rend Nortl lichkei 6 tet un zur K gen n entfal riſche hatte die ol wede ten, dort 2 B ls die s La⸗ dung unzert gutes atten, n be⸗ erba⸗ nörd⸗ e ſich iſchen g bis deiten ochte. Ha⸗ erkte: h zur ufge⸗ jeher ſen.“ ſt die Auf⸗ und 465 Mönch mit hochgehaltenem Kreuz an der Spitze, ſah man die nord⸗ humbriſchen Dänen einherziehen. „Bei St. Olaf's rothem Schwerte!“ ſchrie Toſtig—„dort kommen die Verräther, Gamel Beorn und Gloneion! Du wirſt ſie doch nicht hören? Wenn ja, ſo will ich wenigſtens nicht dabei ſeyn: ich habe für ſolche Schurken nur meine Art als Antwort.“ „Bruder, Bruder, dieſe Männer ſind die tapferſten und berühm⸗ teſten Häuptlinge Deiner Grafſchaft. Geh', Toſtig, Du biſt jetzt nicht in der Stimmung, um auf Vernunft zu hören. Begib Dich vor die Stadt, und fordere ſie auf, ihre Thore vor dem königlichen Banner zu öffnen. Ich will die Männer hören.“ „Hüte Dich wohl, anders als zu Deines Bruders Gunſten zu entſcheiden!“ grollte der trotzige Krieger, den Arm mit verächtlicher Gebärde erhebend, und ſprengte ſofort gegen die Thore. Harold ſtieg ab, ſtellte ſich unter das Banner ſeines Königs, und um ihn ſammelten ſich mehrere der ſächſiſchen Häuptlinge, die ſich wäh⸗ rend ſeines Zwiegeſprächs mit Toſtig abſeits gehalten hatten. Die Northumbrier näherten ſich und grüßten den Carl mit ernſter Höf⸗ lichkeit. Dann begann Gamel Beorn. Aber ſo ſehr auch Harold gefürch⸗ tet und geahnt hatte, daß Toſtig den Northumbriern gerechte Urſa che zur Klage gegeben haben möchte— ſeine Ahnungen und Befürchtun⸗ gen wurden von den Gräueln, die man jetzt wohl überlegt vor ihm entfaltete, weit übertroffen, denn nicht allein die geſetzloſeſten räube⸗ riſcheſten Erpreſſungen, ſondern ſogar rohe ſcheußliche Mordthaten hatte Toſtig ſich zu Schulden kommen laſſen. Hochgeborene Thane, die ohne irgend einem Vergehen oder Verdachte zu unterliegen ent⸗ weder ſeine Eiferſucht gereizt oder ſeinen Forderungen widerſtrebt hat⸗ ten, waren unter friedlichen Vorwänden in ſein Schloß gelockt und dort mit kaltem Blute von ſeinen Leibwächtern abgeſchlachtet worden.“ * Flor. wig. Bulwer, Harold. 30 466 Die Grauſamkeiten der alten heidniſchen Dänen ſchienen in der bluti⸗ gen barbariſchen Erzählung wieder aufzuleben. „Und nun,“ ſo rief der Than zum Schluſſe,„kannſt Du wohl unſere Erhebung verdammen?— keine theilweiſe, ſondern eine Er⸗ hebung von ganz Northumbrien. Anfangs waren wir nur unſerer zweihundert Thane; aber ſtark in unſerer Sache ſchwoll unſere Macht zu der eines ganzen Volkes an. Unſere Leiden fanden Theilnahme ſogar über unſere Provinz hinaus, denn die Freiheit breitet ſich über die menſchlichen Herzen, wie Feuer über die Haide. Ueberall, wohin wir marſchiren, ſammeln ſich Freunde um uns. Du bekriegſt nicht eine Handvoll Rebellen— halb England iſt mit uns 12— „Und Ihr, Thane,“ gab Harold zur Antwort,„Ihr habt aufge⸗ hört, gegen Toſtig Euren Earl Krieg zu führen: Ihr ſtreitet wider den König und das Geſetz. Tretet mit Euren Klagen vor Euren Fürſten und Euren Witan; wenn ſie gerecht ſind, ſo ſeyd Ihr ſtärker als hinter jenen Palliſaden und in Euren ehernen Gaſſen.“ „Und ſo,“ ſchloß Gamel Beorn mit beſonderem Nachdruck,„nun Du in England biſt, o edler Earl— ſind wir auch bereit zu kommen. Als Du aber vom Lande abweſend warſt, da ſchien die Gerechtigkeit jede fernere Entſcheidung der Gewalt und der Streitart überantwortet zu haben.“ „Ich würde Euch danken für Euer Vertrauen,“ gab Harold tief bewegt zur Antwort:„allein die Gerechtigkeit beruht in England nicht auf dem Leben und Daſeyn eines einzelnen Mannes, und ich darf Eure Rede nicht als eine Gunſt aufnehmen, denn ſie thut meinem Kö⸗ nige wie ſeinem Rathe gleiches Unrecht. Ihr habt zwar Eure Klagen vorgebracht; aber Ihr habt ſie noch nicht bewieſen. Bewaffnete Männer ſind keine Beweiſe, und wenn ich auch zugebe, daß heißes Blut und menſchliche Schwäche des Urtheils Euern Earl zu Verir⸗ rungen wider Euch und Euer Recht hingeriſſen haben, ſo bedenkt auch hinwiederum ſeine ſonſtigen Herrſchereigenſchaften gegenüber von Männern, deren Flüſſe und Ländereien den furchtbaren Seekönigen bluti⸗ wohl e Er⸗ nſerer MNacht ahme über wohin nicht ꝛufge⸗ wider Furen tärker „nun umen. igkeit vortet d tief gland h darf Kö⸗ lagen fffnete jeißes Verir⸗ tauch von nigen 467 des Nordens fortwährend ausgeſetzt ſind. Wo wollt Ihr einen Häuptling mit ſo ſtarkem Arme und ſo furchtloſem Herzen finden? Von Seiten ſeiner Mutter iſt er mit Eurem Stamme verwandt, und wenn Ihr ihn wieder in ſeine Grafſchaft aufnehmt, ſo verſpreche ich, Harold, dem Ihr zu vertrauen bekannt habt, nicht allein volles Ver⸗ geſſen der Vergangenheit, ſondern ich will auch in ſeinem Namen das Gelöbniß auf mich nehmen, daß er Euch in Zukunft gerecht und nach den Geſetzen König Canuts regieren wird.“ „Davon wollen wir nichts hören,“ riefen die Thane einmüthig, während Gamel Beorns rauhe ſchnarrende Dänenſtimme ſie alle über⸗ tönte;„wir ſind freigeboren; ein ſtolzer und ſchlimmer Häuptling wird nicht von uns geduldet, denn wir haben von unſeren Vorfahren gelernt, frei zu leben oder zu ſterben!“ Ein Murmeln— nicht der Mißbilligung— ließ ſich bei dieſen Worten unter den ſächſiſchen Häuptlingen in Harolds Umgebung ver⸗ nehmen, und ſo ſehr er auch beliebt und geehrt war, ſo fühlte er dennoch, daß, wenn er auch Luſt dazu hätte, er doch kaum die Macht beſäße, dieſe Krieger in einer ſolchen Sache zum alsbaldigen Angriffe ihrer Landsleute zu zwingen. Da er jedoch in der Verläugnung von Toſtigs Intereſſen— ob nun die königliche Würde vor den Forde⸗ rungen bewaffneter Gewalt erniedrigt, oder ein mit Normannen und Dänen ſo nahe verwandter und dabei ſo rachſüchtiger und anmaßender Mann wie Toſtig mit all' ſeinen wilden Leidenſchaften auswärts ge⸗ trieben wurde— gefährliche Uebel vorausſah, ſo vermied der Eaxl jede weitere Unterhandlung zu ſolcher Zeit und an ſolchem Orte. Er beſtimmte den Häuptlingen eine Zuſammenkunft in der Stadt, und ermahnte ſie, ihre Forderungen unterdeß in Erwägung zu ziehen und ſie wenigſtens ſo zu geſtalten, daß ſie dem auf dem Wege nach Orford begriffenen König vorgelegt werden könnten. Vergeblich wäre es, Toſtigs Wuth zu beſchreiben, als ihm ſein Bruder die Anſchuldigungen wider ihn mit ernſten Worten vorhielt und ihn zur Rechtfertigung aufforderte. Von einer ſolchen war bei 30* 468 ihm keine Rede; Gewalt galt bei ihm als Geſetz und durch Gewalt allein verlangte er jetzt vertheidigt zu werden. Da Harold in ſeines Bruders Sache nicht als einziger Richter zu handeln wünſchte, ſo übertrug er die fernere Verhandlung den Häuptlingen der verſchiede⸗ nen Städte und Diſtrikte, welche den Heerbann angeſchwellt hatten: an ſie wies er nunmehr Toſtig, um ſeine Sache vor ihnen zu ver⸗ theidigen. 4 Eitel wie ein Weib, aber wild wie ein Tiger, war Toſtig hiezu bereit. Er erſchien vor jener Verſammlung in einer von Gold und Purpur ſtrotzenden Gonna, das Haar wie zum Bankette gekräuſelt und parfümirt— und ſo groß war in jener halbbarbariſchen Zeit die Wirkung der Perſönlichkeit, beſonders wenn ſie von kriegeriſchem Rufe unterſtützt wurde, daß die Proceres in der Bewunderung vor ſeiner ausnehmenden Körperſchöne ſchon halb geneigt waren, die ſchauer⸗ lichen Erzählungen ſeiner gräulichen Verbrechen zu vergeſſen. Allein ſeine Leidenſchaften riſſen ihn hin, noch ehe er mit ſeiner Rede halb zu Ende war, und ſeine eigene Erzählung verdammte ihn dermaßen, ſeine tyranniſchen Miſſethaten gingen ſo klar daraus hervor, daß die Eng⸗ länder in ein lautes Murmeln des Unwillens ausbrachen und ihn in ihrer Ungeduld nicht zum Schluſſe gelangen ließen. „Genug,“ ſchrie Vebba, der rauhe Than aus dem ſächſiſchen Kent;„es iſt offenbar, daß weder König noch Witan Dich je wieder in Deine Grafſchaft einſetzen kann. Erzähle uns nichts mehr von dieſen Scheußlichkeiten, ſonſt— bei unſerer lieben Frau!— wenn die Northumbrier Dich nicht verjagt hätten, ſo würden wir es thun.“ „Nimm Gold und Schiffe und gehe zu Baldwin nach Flandern,“ ſagte Thorold, ein mächtiger Anglo⸗Däne aus Lincolnſhire,„denn felbſt Harolds Name kann Dich kaum vor der Acht erretten.“ Toſtig ſchaute ſich rings in der Verſammlung um, und nur ein Ausdruck war es, dem er auf allen Geſichtern begegnete. „Das ſind Deine Knappen, Harold!“ grollte er mit knirſchenden walt eines „ ſo iede⸗ tten: ver⸗ jiezu und und die Rufe einer uer⸗ llein b zu ſeine En g⸗ n in ſchen r in eſen die rn,“ denn ein den Zähnen, und ohne die Verſammlung eines ferneren Wortes zu wür⸗ digen, verließ er die Berathungshalle. Noch am ſelben Abend verließ er die Stadt und eilte zu Edward, um ihm die Geſchichte zu erzählen, mit welcher er bei den Häuptlingen ſo ganz verunglückt war. Am folgenden Tage wurden die northum⸗ briſchen Abgeſandten gehört, und ſie machten den in ſolchen Zwiſtig⸗ keiten üblichen Vorſchlag, dem König und dem Witan die Entſchei⸗ dung zu überlaſſen; in der Zwiſchenzeit ſollte jede Partei unter den Waffen bleiben. Dies wurde zuletzt genehmigt. Harold erſchien zu Orford, wo der König— von Alred, der die kommenden Ereigniſſe vorausſah, zu dieſer Reiſe beredet— ſo eben angelangt war. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Der Witan ward eiligſt verſammelt, und es ſtellten ſich vor ihm die jungen Earls Morcar und Edwin, wogegen ſich Caradoc, den Ge⸗ danken des Friedens verſchmähend, mit ſeiner wilden Bande nach Wales zurückzog. Alle großen Häuptlinge— Kleriker wie Laien— eilten nach Orford, da von dem Spruche dieſes Witans der Friede von England abhing. Der Drang der Zeiten machte die Zahl der ſtimm⸗ berechtigten Mitglieder noch größer als damals, da ſich's um Godwins Wiedereinſetzung gehandelt hatte. Die Pacification auch der größten Grafſchaft war ihnen vergleichungsweiſe Nebenſache, denn ein Ge⸗ danke überwog in allen Gemüthern— nämlich der der Thronfolge, und aller Augen waren inſtinktartig und unwiderſtehlich auf Harold gerichtet. Das augenſcheinliche raſche Abnehmen des Königs, der gänzliche Abgang aller männlichen Erben in Cerdic's Hauſe, den einzigen Kna⸗ ben Edgar ausgenommen, deſſen Charakter(ſein Leben lang frivol und knabenhaft) den Umſtand ſeiner ihn ausſchließenden Minderjährig⸗ keit eher zu einem Grunde der Freude als des Kummers machte und 470 deſſen Geburtsrechte ſogar von der allgemeinen Geltung der ſächſiſchen Geſetze, welche keinen Sohn als Thronerben anerkannten, wenn der Vater nicht ſelbſt gekrönt geweſen,“ verworfen wurden— Vor⸗ ahnungen kommender Uebel und Gefahren, aus Edwards wirren Vi⸗ ſionen entſpringend— alte bis jetzt vergeſſene Prophezeiungen noch aus den Tagen Merlins, welche aus ihrem Dunkel wieder aufgelebt waren— Gerüchte über die beabſichtigten Thronanſprüche des nor⸗ männiſchen Grafen, von Haco, deſſen ganze Seele der Sache Harolds ergeben ſchien, gefliſſentlich zur Gewißheit umgeſtaltet— dies Alles trug dazu bei, die Wahl eines in Feld und Rath gereiften Mannes als für die Sicherheit des Reiches doppelt nothwendig erſcheinen zu laſſen. Warme Begünſtiger Harolds waren natürlich die urſprünglichen ſächſiſchen und ein großer Theil der anglodäniſchen Eingebornen— ſämmtliche Thane in ſeiner weiten Grafſchaft Weſſer, welche von Sandwich und der Mündung der Themſe bis zu den ſüdlichen und weſtlichen Küſten und bis nach Lands⸗End in Cornwall reichte und wel die freien Männer von Kent in ſich ſchloß, die ſchon ſeit Cäſars Tagen wa als Krone der brittiſchen Bevölkerung betrachtet worden waren und des ſeit Hengiſts Zeiten einen Einfluß ausgeübt hatten, dem nur die krie⸗ reit geriſche Macht der Anglo⸗Dänen das Gleichgewicht hielt. Auf Ha Harolds Seite waren ferner viele Thane aus ſeiner früheren Graf⸗ M ſchaft Oſtangeln, die Graſſchaft Eſſer nebſt einem großen Theil von bri Herts umfaſſend und ſo bis Cambridge, Huntingdon, Norfolk und Ely die reichend. Für ihn war der geſammte Wohlſtand, die Bildung und Macht Ur * Dieſe Wahrheit wurde von denjenigen Hiſtorikern überſehen, welche 2 das Recht des Athelings als unbeſtreitbar darſtellten.„Die Anſicht war vor⸗ herrſchend“(ſagt Palgrave, Engl. Commonwealth, 559— 60),„daß wenn der ſo Atheling geboren ſey, ehe Vater und Mutter die Königswürde erlangt hätten, E die Krone nicht auf den Sohn ungekrönter Ahnen übergehen könne.“ m Unſer großer Geſetzeshiſtoriker beruft ſich, was die Einwendung der T Thronfolge Edwards des Märtyrers betrifft, auf Eadmer, de Vit. Sanct. Dunstan, S. 220. gö ——,— 471 von London, für ihn die Veteranen der früher von ihm geführten Heere, für ihn faſt in der ganzen Ausdehnung des Reiches die noch weniger ſichtbare Macht der öffentlichen und der Nationalmeinung. Sogar die Prieſter mit Ausnahme des unmittelbaren Hofflerus vergaßen in der Noth der Zeiten ihren alten tiefgewurzelten Wider⸗ willen gegen Godwins Haus; ſie erinnerten ſich, daß wenigſtens Ha⸗ rold weder auf Streif⸗ noch Fehdezügen jemals auch nur ein einziges Kloſter geplündert oder ſich im Frieden und durch Komplotte eine Hufe von dem Eigenthume der Kirche zugeeignet hatte— und das war mehr, als man irgend einem anderen Carl damaliger Zeit(ſogar Leofrie dem Heiligen) nachſagen konnte. Die Begeiſterung des Volkes hatte auch ſie ergriffen, wie dies an einer ſogar in ihren unwiſſenſchaftlichen Irrthü⸗ mern mit dem Volke ſo innig verbundenen Kirche wie der ſächſiſchen na⸗ türlich war, und der Abt verband ſich mit dem Than in gemeinſamem Eifer für Earl Harold. Die einzige Parthei, die ſich entfernt hielt, war die Fraktion, welche ſich der Anſprüche der jungen Söhne Algars annahm. Sie war in der That höchſt gefährlich, denn ſie vereinigte alle alten Freunde des tugendhaften Leofric und des berühmten Siward, ſie fand zahl⸗ reiche Anhänger ſogar in Oſtangeln, welche Grafſchaft Algar nach Harold überkommen hatte; ſie umfaßte faſt ſämmtliche Thane von Mercia(dem Herzen des Landes) und die Bevölkerung von Northum⸗ brien und begriff endlich in ihrem weiten Bereiche auf der einen Seite die furchtbaren Wäliſchen, auf der andern das ſchottiſche Gebiet des Unterkönigs Malcolm, eines geborenen Cumbriers, trotz dem, daß Malcolm für Toſtig, dem er ſehr anhieng, viel perſönliche Vorliebe hegte. Allein wenn jene Parthei ſich bis jetzt auch noch entfernt hielt, ſo war ſie doch insgeſammt(vielleicht mit einziger Ausnahme der jungen Earls ſelber) bei der geringſten Ermunterung geneigt, ihre Stimme mit Harolds Freunden zu vereinigen, und ſein Lob war in ihrem Munde ebenſo laut, wie in dem der Sachſen von Kent oder der Bür⸗ ger von London. 472 Kurz alle Faktionen waren bereit, in dieſer entſcheidenden Kriſe alte Zwiſtigkeiten bei Seite zu legen; es hieng nur davon ab, die Northumbrier zu verſoͤhnen und Harolds Freunde mit den Anhängern der jungen Söhne Algars zu vereinen, um ein ſolches Zuſammentref⸗ fen der Intereſſen zu erzeugen, daß Harold unvermeidlich zum Throne des Reiches emporgetragen werden mußte. Er ſelbſt hielt es mittlerweile in ſeiner Weisheit und Vaterlands⸗ liebe für paſſend, ſich bei der herannahenden Entſcheidung zwiſchen Toſtig und den jungen Earls neutral zu verhalten. Er konnte nicht ſo ungerecht und wahnſinnig ſeyn, daß er ſeinen Parteieinfluß nur um ſeines Bruders willen zur Unterſtützung von Unterdrückung und Un⸗ gerechtigkeit aufs Aeußerſte getrieben und ebendadurch gefährdet hätte; ebenſowenig war es geziemend oder natürlich, ſeinerſeits gegen Toſtig Parthei zu nehmen, und als Staatsmann konnte er wiederum nicht ohne Aengſtlichkeit und Unruhe zuſehen, wie man einen ſo großen Theil des Reiches den Söhnen ſeines alten Feindes, den Rivalen ſei⸗ ner Macht gerade in der Zeit zur Herrſchaft übertrug, wo dieſe Macht ſchon allein um Englands willen die feſteſte und kompakteſte hätte ſeyn ſollen. Allein der Mann des Glückes gelangt nur ſelten durch eigene heftige Anſtrengungen zu endlicher Größe; er hat in früheren Tagen ſeine Saaten ausgeſtreut, und iſt die Zeit gereift, ſo bringt ſie die Ernte. Sein Schickſal ſcheint ſeiner eigenen Leitung entrückt und die Groͤße ihm von Oben anvertraut. Er hat ſich ſelbſt der Nation gleich⸗ ſam zum Bedürfniſſe, zur Nothwendigkeit gemacht, hat ſich mit ſeinem Zeitalter identificirt, ſo daß dieſes Zeitalter in dem Lorbeer oder der Krone auf ſeiner Stirne ſeine eigene Blüthe zu treiben ſcheint. Toſtig, welcher abgeſondert von Harold in einer Burg nahe dem Thore von Orford wohnte, gab ſich nur wenig Mühe um ſeine Feinde zu verſöhnen, oder neue Freunde zu erwerben; er vertraute mehr ſei⸗ nen Vorſtellungen bei Edward, der dem rebelliſchen Hauſe Algars Kriſe „ die agern ntref⸗ hrone ands⸗ iſchen nicht r um d Un⸗ pätte; Toſtig nicht roßen n ſei⸗ Nacht ſeyn igene Tagen ſie die nd die leich⸗ einem er der 2 dem feeinde ſei⸗ lgars 473 zürnte und dem er die Gefahr der Beeinträchtigung königlicher Würde durch Conceſſionen gegen bewaffnete Aufrührer vorgehalten hatte. Es war nur noch drei Tage bis zur Eröffnung des Witan; die meiſten Mitglieder hatten ſich bereits in der Stadt verſammelt und Harold ſchaute aus dem Fenſter des Kloſters, wo er wohnte, nach⸗ denklich auf die Straßen hinab, wo man mitten unter den ſchimmern⸗ den Gewändern von Thanen und Knechten die ernſten Roben der Geiſt⸗ lichen und junger Studenten gewahrte(Edward hatte nämlich zu ſei⸗ ner Ehre jener berühmten Univerſität, welche von Canuts Söhnen geplündert und verfolgt worden war, die Lehrfreiheit wieder gegeben), als Haco mit der Ankündigung eintrat, daß eine große Anzahl von Thanen und Prälaten, an ihrer Spitze der Erzbiſchof Alred von York, um Audienz bei ihm nachſuchten. „Kennſt Du den Grund, Haco?“ Des Jünglings Wange war noch bleicher wie gewöhnlich, als er leiſe erwiederte: „Hilda's Prophezeiungen reifen zur Wahrheit.“ Der Carl fuhr zuſammen; ſein alter Ehrgeiz lebte wieder auf, er flammte auf ſeiner Stirne und funkelte in ſeinen Augen; doch drängte Harold die freudige Regung zurück und bat Haco kurz, die Beſuchenden einzuführen. Sie kamen zwei und zwei, eine ſo zahlreiche Verſammlung, daß ſie das weite Zimmer erfüllte. Harold grüßte Jeden, und gewahrte die mächtigſten Lords des Landes, die höchſten Würdenträger der Kirche — oft ſogar ſah er einen alten Feind neben ſeinem treueſten Freunde auftreten. Sie Alle ſtanden ſtill vor dem ſchmalen Auftritte, worauf Harold ſtand, und ſeine Einladung an die Vorderſten, die Platform zu beſteigen, wurde von Alred mit einer Gebärde abgelehnt. Der Erzbiſchof begann nunmehr eine ernſte einfache Anrede. Er ſchilderte mit kurzen Worten die Lage des Landes, berührte mit theil⸗ nehmender Bekümmerniß das Befinden des Königs und das Abſterben von Cerdics Linie. Er geſtand ehrlich ſeinen eigenen Wunſch, die 471 Stimmen des Volkes wo möglich für den jungen Atheling zu vereini⸗ emp gen und bei der Dringlichkeit des Falles den Einwurf ſeiner unreifen Jahre zu beſeitigen; aber eben ſo deutlich und nachdrücklich verſicherte er, daß er nunmehr dieſe Hoffnung und Abſicht förmlich aufgegeben habe, und daß in dieſem Punkte unter allen Häuptlingen und Würden⸗ trägern des Reichs nur eine Anſicht vorherrſche. vor „Derohalben,“ fuhr er fort,„ſind alle, die Du hier um Dich ſiehſt, nach eifrigen Berathungen zu Dir gekommen; ja, Dir, Earl Harold, bieten wir Herz und Hand, um bei Edwards Hingange mit allen unſeren Kräften den Thron für Dich zu bereiten und Dich ſo feſt nen darauf zu ſetzen, wie nur jemals ein König von England und Sohn i von Cerdie darauf geſeſſen, denn wir wiſſen, daß wir in Dir und in in q Dir allein den Mann finden, der ſchon jetzt die engliſchen Herzen regiert, i deſſen ſtarkem Arme wir die Vertheidigung unſeres Landes und deſſen Rechtlichkeit wir unſere Geſetze anvertrauen können.— So wie ich ſpreche, denken wir Alle!“ Mit niedergeſchlagenen Augen hörte ihn Harold an und nur an nur einem leichten Heben der Bruſt unter dem Purpurgewande war ſeine Ea Bewegung zu erkennen. Sobald jedoch das Beifallsgemurmel, das der Rede des Prälaten folgte, vorüber war, erhob er ſein Haupt und ogl antwortete: frei „Heiliger Vater und Ihr, meine würdigen Thane und Genoſſen, ren wenn Ihr in dieſem Augenblick in meinem Herzen leſen könntet— glaubt mir, die eitle Freude des ehrgeizigen Mannes, der den größten aller irdiſchen Preiſe in ſeinen Bereich geſtellt ſieht, würdet Ihr nicht darin finden. Neben tiefer namenloſer Dankbarkeit für Euer Vertrauen zw und Eure Liebe würdet Ihr auch ernſte feierliche Bekümmerniß, Ihr würdet den feſten Wunſch darin entdecken, meine Entſcheidung aller niedrigen Selbſtſucht zu entkleiden und nur Das zu erwägen, ob ich als der König oder als Unterthan das Wohl von England am Beſten zu wah⸗ ren vermag. Verzeiht mir alſo, wenn ich Euch nicht ſo antworte, wie ſo der Ehrgeiz allein antworten würde; haltet mich auch nicht für un⸗ la 475 empfindlich gegen das glorreiche Loos, im Angeſichte des Himmels und unter dem Lichte unſerer Geſetze die Geſchicke des engliſchen Reiches zu lenken— wenn ich länger verweile, um meine Verantwortlichkeit und die zu überwindenden Hinderniſſe wohl zu erwägen. Ich habe Etwas auf dem Herzen, was ich gerne enthüllen möchte, was ich aber vor einer ſo zahlreichen Verſammlung nicht verhandeln kann, ſondern lieber einigen Auserwählten vorlegen moͤchte, die Ihr ſelbſt unter denen, deren kühler Weisheit abgeſehen von aller perſönlichen Liebe zu mir Ihr am Beſten vertrauet— beſtimmen möget. Euren älteſten Tha⸗ nen, Euren gelehrteſten Prälaten— zu ihnen will ich reden, vor ihnen mein Herz erleichtern, und ihrer Antwort, ihrem Rathe will ich mich in allen Dingen unterwerfen, ſey es nun, daß ich mit loyalem Herzen einem Anderen dienen ſoll, den ſie, wenn ſie auf mich hören wollen, erwählen würden, oder daß ich meine Seele gefaßt zu machen hätte, die Laſt einer Königskrone nicht unwürdig zu tragen.“ Alred richtete ſeine milden Augen auf Harold, und Mitleid nicht nur, auch Beifall lag in ſeinen Blicken, denn er errieth die Abſicht des Earls. „Du haſt den rechten Weg erwählt, mein Sohn; wir wollen uns ogleich zurückziehen und Diejenigen erwählen, gegen die Du Dich frei ausſprechen und bei deren Urtheil Du mit vollem Rechte verhar⸗ ren magſt.“ Hiemit entfernte ſich der Prälat und mit ihm das Conclave. Sobald Haco mit Harold allein war, fragte Erſterer plötzlich: „Du wirſt doch nicht ſo unvorſichtig ſeyn, o Harold, Deinen er⸗ zwungenen Eid gegen den trügeriſchen Normannen einzugeſtehen?“ „Das iſt meine Abſicht,“ verſetzte Harold kalt. Der Sohn von Sweyn begann Einwendungen zu machen; allein der Earl ſchnitt dieſe kurz ab mit den Worten: „Wenn der Normanne ſagt, er habe ſich in Harold getäuſcht, ſo ſollen wenigſtens die Männer von England nicht daſſelbe ſagen. Ver⸗ laſſe mich; Haco. Ich weiß nicht warum— aber in Deiner Gegen⸗ 476 wart liegt zuweilen ein trügeriſcher Zauber, nicht minder ſtark als Hilda's Sprüche. Geh', theurer Knabe; nicht Du trägſt die Schuld, wohl aber die abergläubiſche Schwäche eines Mannes, der ſeine Ver⸗ nunft einſt zu den Bildern einer wilden Fantaſie allzuhoch erhoben oder— wenn Du willſt— erniedrigt hat. Geh' und ſende mir mei⸗ nen Bruder Gurth. Ihn allein möchte ich von meinem Hauſe bei dieſer feierlichen Kriſe ſeines Schickſals gegenwärtig haben.“ Haco beugte das Haupt und ging. Wenige Augenblicke ſpäter erſchien Gurth. Dieſer reinen mackel⸗ loſen Seele hatte Harold bereits die Erlebniſſe während ſeines un⸗ glücklichen Beſuchs bei dem Normannen erzählt, und als ihm der Häuptling die Hand drückte und ihn mit ſeinen hellen liebevollen Augen anſah, da war ihm, als ob das leibhaftige Bild der Ehre neben ihm ſtünde. Sechs Geiſtliche— hervorragend durch ihr theologiſches Wiſſen, das zwar verglichen mit den Gelehrten in der Normandie und in den päbſtlichen Staaten nur gering, aber jedenfalls einſichtsvoller und von dem bloßen Kloſtergeiſte freier war, als bei den Meiſten ihrer ſäch⸗ ſiſchen Zeitgenoſſen— und ſechs Häuptlinge, die erfahrenſten in Krieg und Rath, unter Alreds ſcharfblickendem Drängen erwählt, begleiteten den Prälaten nunmehr zu dem Earl. „Näher, Gurth! Näher! Näher!“ flüſterte Harold.„Meine jetzige Beichte verletzt den Stolz des Mannes und beſchämt mich auf's Tiefſte, ſo daß ich Dein kühnes ſündenloſes Herz dicht neben dem meinigen moͤchte ſchlagen hören.“ Und den Arm auf ſeines Bruders Schulter lehnend und durch die tiefe Erſchütterung, die ſich in den erſten Worten kund gab, ſeine ernſten Zuhörer unwiderſtehlich feſſelnd und ergreifend, begann Harold ſeine Erzählung. Vielfach waren die Regungen, obwohl alle näher verwandt dem Schrecken als dem Widerwillen, womit die Zuhörer den einfachen auf⸗ richtigen Bericht des Earls vernahmen. ne S S f als chuld, Ver⸗ hoben mei⸗ ſe bei ackel⸗ s un⸗ n der vollen neben iſſen, n den dvon ſäch⸗ Krieg iteten Teine auf's dem h die ſeine arold dem 477 Unter den Laien war der Eindruck des erzwungenen Eides ver⸗ gleichungsweiſe nur gering, denn es gehörte zu den ſchlimmſten Feh⸗ lern der ſächſiſchen Geſetze, daß ſie alle Anklagen von der geringſten bis zur höchſten in eine ſolche Maſſe von Eidſchwüren verwickelten,“ daß der Ernſt und die Feſtigkeit dieſes Bandes leider ſehr gelockert werden mußte, weßhalb ein Eid damals faſt als bloße geſetzliche Form galt, wie noch jetzt gewiſſe andere als ſchlimme Ueberbleibſel jener Zeiten in unſerem Parlaments⸗ und Kirchenweſen von ſonſt ganz ehrenwerthen Männern betrachtet werden. Dazu kam, daß keiner Geltung des Eides ein größerer Spielraum eingeräumt wurde, als eben dem, der die Lehenstreue gegen einen Häuptling berührte, denn in den fortwährenden Empörungen, welche Jahr für Jahr aufkamen, wurden dieſe offen und ohne Vorwurf verletzt. Da war kein Unter⸗ könig in Wales, wenn er die Gränze verheerte, kein Earl, wenn er das Banner gegen den Baſileus von Britannien erhob, der nicht ſeinen Schwur der Treue und Folgſamkeit gegen den herrſchenden Lord ver⸗ letzte, ja ſogar William der Normanne ſelber ließ ſich durch ſeinen Lehenseid niemals abhalten, ſo oft es ihm recht und nützlich dünkte, die Waffen gegen ſeinen franzöſiſchen Oberherrn zu kehren. Bei den Männern der Kirche war der Eindruck ſtärker und ernſter: hier war es nicht der Eid an ſich, wohl aber die Reliquien, auf welche er abgelegt worden. Aengſtlich und zweifelnd ſchauten ſie ſich an, als der Earl ſeine Erzählung ſchloß, während unter den Laien ein Mur⸗ meln des Zorns über Williams kühne Abſichten wider ihr Geburts⸗ land und der Verachtung über den Gedanken umlief, daß ein durch Zwang und Ueberraſchung hervorgerufener Schwur das Werkzeug des Verraths gegen ein ganzes Volk werden ſollte. „So habe ich nun mein Gewiſſen vor Euch gereinigt, und Euch * Man leſe in dieſer Beziehung Henry's richtige Bemerkungen in ſei⸗ ner Geſchichte Britanniens. Von der allzu häufigen Anwendung des Schwörens war es gekommen, daß der Meineid unter die Nationallaſter der Sachſen gerechnet wurde. 478 das einzige Hinderniß erklärt, das meine Annahme Eures Anerbietens erſchwert,“ ſchloß Harold nach kurzer Pauſe.„Daß ein alſo erzwunge⸗ ner und für England ſo verderblicher Eid feſtgehalten werden müſſe— davon hat dieſer ehrwürdige Prälat wie mein eigenes Gewiſſen mich freigeſprochen. Sey ich nun König oder Unterthan— ich werde die Lebenden und ihre lange Nachkommenſchaft ſtets mehr verehren, als ſolche Todtengebeine, und mir mit Schwert und Streitart meine beſte Sühne für die Schwäche dieſes Mundes und Herzens gegen den An⸗ greifer heraushauen. Ob Ihr jedoch nach Einſichtnahme des Vorge⸗ fallenen die Erwählung eines anderen Königs für das Land nicht als ſicherer betrachten möget— das iſt es, was Ihr jetzt, freimüthig und alle Wechſelfälle ins Auge faſſend, entſcheiden ſolltet.“ Mit dieſen Worten verließ er die Platform und zog ſich mit Gurth in das anſtoßende Oratorium zurück. Die Augen der Prieſter richteten ſich auf Alred und dieſer hielt ihnen nun vor, was er ſchon früher gegen Harold geltend gemacht hatte: er unterſchied zwiſchen dem Eid und ſeiner Erfüllung— zwi⸗ ſchen der größeren und der geringeren Sünde— der einen, von welcher die Kirche abſolviren konnte, und der anderen, welche ſie niemals for⸗ dern durfte und deren Erfüllung keine Buße zu ſühnen vermochte. Gleichwohl geſtand er offen, daß die alſo erzeugten Schwierigkeiten es waren, die ihn für den Atheling geneigt gemacht hatten— eine Wahl, welche er jedoch bei ſeiner Ueberzeugung von der Unfähigkeit dieſes Prinzen, das Reich auch in den allergewöhnlichſten Zeiten zu regieren, in einer Periode, wo die Normannen bereits die Schwerter zum Kampfe wetzten, nur noch mehr verwerfen mußte.„Wenn ſich ein zu unſerer Vertheidigung gleich tauglicher Mann wie Harold findet,“ bemerkte er am Schluſſe,„ſo laßt uns ihn vorziehen: wenn nicht—“ „Es gibt keinen Anderen!“ riefen die Thane mit Einer Stimme. „Und,“ ſagte ein weiſer alter Häuptling,„hätte uns Harold eine Falle legen wollen, um ſich den Thron zu ſichern— er hätte keine beſſere etens inge⸗ ſe— mich de die als beſte An⸗ orge⸗ als und mit hielt nacht zwi⸗ lcher for⸗ hhte. n es ahl, eſes ren, zum ſich vold enn me. alle erſinnen können, als eben die Geſchichte, die er uns erzählt hat. Wie! gerade jetzt, wo wir verſichert ſind, daß der beherzteſte und tödtlichſte Feind unſeres Landes nur auf Edwards Tod wartet, um nns das Joch des Fremdlings aufzuzwingen— gerade jetzt ſollen wir uns aus dem⸗ ſelben Grunde des einzigen Mannes berauben, der ihm zu widerſtehen vermag? Harold hat einen Eid geleiſtet! Gott weiß, wer unter uns nicht ſchon einen geſetzlichen Schwur auf ſich genommen, für den er ſich ſpäter zu einer Buße oder zur Ausſtattung eines Kloſters ver⸗ ſtanden hätte. Das weiſeſte Mittel, Harold gegen dieſen Schwur zu kräftigen, iſt das, wenn wir durch des Earls Erwählung zum Throne die moraliſche Unmöglichkeit ſeiner Erfüllung darthun. Der beſte Be⸗ weis, den wir dieſem unverſchämten Normannen geben können, daß England nicht nur ſo von einem Fürſten vermacht oder vertauſcht wer⸗ den darf, iſt der, daß wir in unſerem Witan feierlich eben denſelben Häuptling erwählen, den er ſelbſt, wie ſein Betrug beweist, am mei⸗ ſten fürchtet. Würde ſich William nicht ins Fäuſtchen lachen, wenn er einen König nur auffordern dürfte, daß er von ſeinem Throne herab⸗ ſteige, und ihm die Huldigung erweiſe, welche dieſer König in der ganz verſchiedenen Eigenſchaft eines Unterthans ihm(wir wollen zu⸗ geben ſogar freiwillig) zu leiſten verſprochen hätte?“ Dieſe Rede enthielt die volle Geſinnung der Laien und beruhigte neben Alreds früheren Bemerkungen ſämmtliche Biſchöfe. Sie waren leicht zu dem Glauben zu bringen, daß die gewöhnlichen Kirchenbußen und reiche Geſchenke an den Klerus für die an den Reliquien begangene Verſündigung hinreichen würden, und wenn ſie auch mit ihrer Abſolu⸗ tion eine für alle gewöhnlichen Dinge weitaus genügende Autorität in einem ſo ernſten Falle überſchritten, ſo konnte Harold als König mit leichter Mühe vom Pabſte die volle Verzeihung und Abſolution er⸗ langen, die er als bloſer Earl gegen den Fürſten der Normannen nie⸗ mals gewinnen würde. Dieſe und ähnliche Erwägungen machten bald der Ungewißheit des erwählten Concils ein Ende, und Alred ſuchte den Earl in ſeinem 480 Oratorium, um ihn wieder vor das Conclave zu fordern. Die beiden Brüder knieten neben einander vor dem kleinen Altar, und in jenem Augenblick, da die Krone von England über ihrem Hauſe ſchwebte, lag etwas unausſprechlich Rührendes in ihrer demüthigen Stellung und ihren flehend gefalteten Händen. Die Brüder erhoben ſich und folgten dem Prälaten auf ſein Zeichen in das Berathungszimmer. Alred theilte ihnen kurz das Reſultat der Konferenz mit, und mit einer Miene und einem Tone, ebenſo frei von Triumph wie von Unentſchloſſenheit, erwiederte Harold. „Wie Ihr wollt, ſo will auch ich. Stellt mich nur dahin, wo ich der gemeinſamen Sache am Beſten dienen kann. Da Ihr jetzt mein Geheimniß kennet, ſo bleibet als auserwählter ſtehender Rath beiſammen: mein perfönliches Wagniß in dieſer Sache iſt zu groß, als daß ich unbefangen dabei ſeyn könnte; deßhalb ſollt Ihr in allen Dingen für mich urtheilen und entſcheiden. Euer Verſtand ſollte ruhi⸗ ger und weiſer ſeyn, als der meine; in Allem will ich bei Eurem Rathe bleiben, und ſo ſey denn die anvertraute Freiheit einer Nation von mir angenommen.“ Jeder Than reichte ſofort Harold die Hand und nannte ſich Harolds Mann. „Jetzt mehr als je wird es nöthig ſeyn,“ ſagte der weiſe alte Than, welcher früher geſprochen hatte,„jede Zwietracht in unſerem Reiche zu heilen, Mercia und Northumbrien mit uns auszuſöhnen, und unſere Länder gegen den Feind zu einem Reich zu vereinigen. Als Toſtigs Bruder haſt Du wohl gethan, Dich jeder thätigen Einmiſchung zu enthalten: Du wirſt wohl thun, das nothwendige Bündniß zwiſchen allen guten und wackeren Männern unſerer Unterhandlung zu überlaſſen.“ „Und zu dieſem von dem öffentlichen Wohle gebotenen Ende biſt Du bereit, bei unſerem Rathe zu bleiben, wie er auch lauten möge?“ ſchloß Alred nachdenklich. „Wie er auch lauten möge, wenn er nur England dienlich iſt,“ ver⸗ ſicherte der Earl. un eiden enem „lag und ſein das done, rold. wo jetzt Rath als allen uhi⸗ rem tion olds alte rem ien, Als ing hen 1. iſt 2 er⸗ — 481 Ein trübes Lächeln flog über die bleichen Lippen des Prälaten, und Harold blieb abermals mit Gurth allein. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Die Seele aller Berathungen und Kabalen zu Harolds Gunſten, welche die vornehmſten Häuptlinge zum endlichen glücklichen Ent⸗ ſchluſſe vermocht hatte— war Haco. Sein Rang als Sohn von Sweyn, dem Erſtgeborenen aus God⸗ wins Hauſe— ein Rang, der ihn ſelbſt einigermaßen zu ſolchen An⸗ ſprüchen berechtigt hätte, eröffnete ſeinem ausnehmend ſcharfen tiefen Verſtande den freieſten Spielraum. Schon vom normänniſchen Hofe her an dieſe Atmoſphäre praktiſcher Staatskunſt gewöhnt, übte er mit ſeinen von Jugend auf durch Wachſamkeit und Nachdenken geſchaͤrften Fähigkeiten einen außerordentlichen Einfluß über das einfache Begriffs⸗ vermögen der einheimiſchen Kleriker, der ungebildeten Thane. Von der Ueberzeugung ſeines frühzeitigen Todes durchdrungen, empfand er kein Intereſſe für die Zwecke Anderer; da er aber feſt daran glaubte, daß aller Ruhm und Glanz in ſeiner kurzen vom Schickſal gerichteten Laufbahn von Harolds leuchtendem Geſchicke ihm zufallen müſſe, ſo beſchränkte ſich der einzige Wunſch ſeiner unter anderen Auſpicien vor⸗ herrſchend kühnen ehrgeizigen Natur darauf, zu Harolds Größe das Seinige beizutragen. Weder Vorurtheil noch Grundſatz ſtand hierin ſeinem finſteren Enthuſiasmus im Wege, denn gleichwie ein Vater am Rande des Grabes ſein einziges Streben auf die Größe des Sohnes richtet, der ſein eigenes Leben in ſich aufgenommen, ſo war auch dieſer düſtere, der Erde und ihren Freuden wie den Regungen des Herzens abgeſtorbene Jüngling dahin gelangt, daß er über ſein eigenes Grab hinweg nur das eine Daſeyn ins Auge faßte, auf das er ſeinen Ehr⸗ geiz übertragen hatte. Wenn die leitenden Kräfte in Harolds denkwürdiger Laufbahn durch die lebenden Weſen, mit denen er in Verbindung ſtand, ſich gleich⸗ Bulwer, Harold. 31 482 ſam als durch ihre Symbole allegoriſiren ließen— wie Editha den Re⸗ präſentanten mackelloſer Wahrheit— Gurth den Typus unerſchrocke⸗ ner Pflichterfüllung— Hilda die Verkörperung hochſtrebender Fantaſie darſtellte— ſo war Haco die Perſonifikation weltlicher Weisheit. Sie leitete ſeine kalte Handlungsweiſe, wenn er mit Alred und Harolds Anhängern verkehrte, wenn er ſich bald mit Edwin und Morear ein⸗ ſchloß, bald in das Zimmer des kranken Königs ſchlüpfte.— Dieſe Weisheit ahnte alle Hinderniſſe, beſeitigte alle Schwierigkeiten, wußte ruhig aber ewig raſtlos gleich der erbarmungsloſen Hand eines uner⸗ ſchütterlichen Schickſals die ganze Zukunft in Harmonie zu(bringen. Vor allen war es aber eine Perſon, mit welcher Haco öfter als mit den Uebrigen verkehrte— eine Perſon, welche Harolds Anweſenheit in jenes ſpannende Netz der Intrigue verlockt hatte und deren Herz bei den Hoffnungen, wie ſie Haco's nie lächelnde Lippe ihr einflüſterte— hoch emporſchlug. Sechzigſtes Kapitel. Es war am zweiten Tage nachdem die Thane unſeren Harold ihrer Treue verſichert hatten, als ihm von Lady Aldytha eine Bot⸗ ſchaft zukam. Sie wohnte mit ihrer jungen Tochter, dem Sprößlinge des wäliſchen Königs, in einem Kloſter zu Orford, und bat ihn, daß er ſie beſuchen möchte. Der Earl, deſſen thätiger Geiſt, den rings um ihn ſpielenden Ränken fremd, den raſtloſen fieberiſchen Gedanken, welche die Ruhe aller thatkräftigen Naturen heimſuchen, gänzlich über⸗ laſſen war, ergriff nicht ungerne die Gelegenheit, ihnen auf eine Zeit lang zu entrinnen, und er ging deßhalb zu Aldythen. Die königliche Wittwe hatte die Zeichen der Trauer abgelegt; in die prachtvollen flatternden Gewänder, wie ſie bei ſächſiſchen Frauen üblich waren, gekleidet, ſchien ihre Wange die volle ſtolze Schönheit der Jugend wieder erlangt zu haben. Ihr zu Füßen ſaß ihre Tochter, welche, ſpäter mit dem durch Shakeſpeare uns wohlbekannten Fleance ——————————— 7———— ntaſie Sie rolds r ein⸗ Dieſe vußte uner⸗ ngen. 3 mit eit in 3 bei te— arold Bot⸗ linge daß rings nken, über⸗ Zeit ; in auen nheit hter, ance vermählt, die Stammmutter jener ſchottiſchen Königsreihe wurde, welche Macbeth“ als bleiche Schatten an ſeinen Augen hatte vorüber⸗ ſchweben ſehen; neben ihr mußte Harold das ſtets ominöſe Geſicht Haco's gewahren. Aber ſo ſtolz auch Aldytha war, ſo ſchien doch beim Anblicke des Earls all ihr Selbſtgefühl in. die ſüßeren Regungen des Weibes zu verſchmelzen, ſo daß ſie im Anfange unfähig war, ſeinen Gruß zu be⸗ antworten. Allmälig erwarmte ſie jedoch zu herzlicher Vertraulichkeit. Ihren früheren Kummer nur leicht berührend, ließ ſie gleichwohl ſo viel durchblicken, daß ihr Loos neben dem wilden Gryffyth ebenſo ſehr mit öffentlichem Elend als mit häuslichem Grame reich geſegnet ge⸗ weſen, und daß ſie in dem natürlichen Entſetzen, wie es die Ermordung ihres Gebieters hervorgerufen, weit eher für den vom Unglück verfolg⸗ ten König als für den geliebten Gemahl empfunden hatte. Von dieſem Gegenſtande zu den zwiſchen Harold und ihrem Hauſe noch obſchwe⸗ benden Zwiſtigkeiten übergehend, ſprach ſie weiſe und wohl überlegt von dem Wunſche der jungen Carls, ſich Harolds Gunſt und Wohl⸗ wollen zu gewinnen. Indem ſie noch ſprach, traten Morcar und Edwin wie zufällig ins Zimmer und begrüßten Harold, wie es ihrer beiderſeitigen Stel⸗ lung zukam— zurückhaltend ohne Fremdthun, reſpektvoll ohne alle Servilität. Mit dem Zartgefühle höherer Naturen vermieden ſie jede Anſpielung auf ihren am folgenden Morgen vor dem Witan zu ent⸗ ſcheidenden Prozeß, von deſſen Ausgange die Erlangung ihrer Graf⸗ ſchaften oder ihre Verbannung abhing. Harold fand Wohlgefallen an ihrer Haltung, und fühlte ſich durch das Andenken an die zärtlichen Worte, welche einſt über ſeines Vaters Leiche zwiſchen ihrem erlauchten Großvater Leofric und ihm ſelber ge⸗ wechſelt worden, zu ihnen hingezogen. Er gedachte ſeiner eigenen damaligen Bitte—„laß Friede herrſchen zwiſchen den Deinen und * Auf dieſe Art ſtammte Charles Stuart von dem durch ſeine Unterthanen gleichfalls enthaupteten Gryffyth. 31* 484 den Meinen!“ und wenn er ihre ſchöne ſeattliche Jugend, ihre edle Haltung betrachtete, ſo konnte er ſich nicht verhehlen, daß die Männer von Mercia und Northumbrien gut gewählt hatten. Die Unterhaltung dauerte natürlich nur kurz, feit ſie ſo allgemein geworden war; der Beſuch hatte bald ein Ende und mit der Höklichkeit damaliger Zeit begleiteten die Brüder ihren Gaſt bis zur Thüre. „Wollt Ihr nicht meinem Oheime die Hand reichen, edle Thane?“ ſprach Haco mit jenem leiſen Zucken der Lippen, bei ihm dem einzigen Anſtreifen an's Lächeln. „Gewiß,“ erwiederte Edwin, der hübſchere und ſanftere von Bei⸗ den, der mit ſeiner Poetennatur die Begeiſterung eines Dichters für die tapferen Thaten ſogar des Nebenbuhlers empfand—„gewiß, wenn der Earl die Hand von Männern annehmen will, welche hoffentlich nie genöthigt ſeyn werden, das Schwert gegen Englands Helden zu ziehen.“ Harold bot ihnen zur Erwiederung die Hand, und das uralte herzliche Pfand der nationalen Freundſchaft war getauſcht. „Bei meiner jetzigen Stellung zu den jungen Earls hätteſt Du Deine Aufforderung vorhin beſſer unterlaſſen,“ bemerkte Harold ſeinem Neffen, ſobald ſie auf die Straße kamen. „Ei nein,“ meinte dieſer;„ihre Sache iſt ſchon im Voraus zu ihren Gunſten entſchieden, und Du mußt Dich mit Leofries Erben und Siwards Nachfolgern verbinden.“ Harold gab keine Antwort. In dem zuverſichtlichen Tone des bartloſen Jünglings lag etwas, was ihm mißfiel; er gedachte jedoch, daß Haco der Sohn von Sweyn, dem Erſtgeborenen Godwins ſey und daß er ohne ſeines Vaters Unthaten dieſelbe Stelle in England ein⸗ nehmen, demſelben erhabenen Looſe, das ſeiner nunmehr wartete, ent⸗ gegen ſehen könnte. Am Abend kam ein Bote aus dem Römerhauſe mit zwei Briefen für Harold— dem einen von Hilda mit den wenigen Worten:„Dir droht abermals Gefahr in der Geſtalt des Guten. Hüte Dich ins⸗ edle nner mein hkeit ne?“ zigen Bei⸗ für wenn nie en.“ tralte Du inem us zu und des doch, und ein⸗ ent⸗ iefen Dir ins⸗ 485 beſondere vor dem Uebel, das mit dem Scheine der Weisheit auftritt 1 — Dem anderen von Edithen, für die damalige Zeit ſehr lang und in jeder Sylbe ein Herz enthüllend, das ganz nur in dem ſeinen lebte. Sobald er letzteren geleſen, waren Hilda's Warnungen vergeſſen. Edithens Bild— die Ausſicht auf eine Macht, welche endlich ihre Verbindung bewirken und die Geliebte für ihre lange Hingebung be⸗ lohnen konnte— erhob ſich vor ſeinen Blicken, alle wilderen Fantaſien, alle hochſtrebenden Erwartungen ausſchließend, und ſein Schlaf war in jener Nacht voll jugendlicher hoffnungsreicher Träume. Am anderen Tage trat der Witan zuſammen. Die Verhandlung war weniger ſtürmiſch als man erwartet hatte, denn die meiſten Mit⸗ glieder waren ſchon im Voraus entſchloſſen und die Thatſachen waren, ſoweit ſie Toſtig betrafen, viel zu klar und offenbar, die Zeugen zu zahlreich, als daß den Richtern noch eine Wahl übrig geblieben wäre. Der Einzige, auf den Toſtig ſich verlaſſen hatte— Edward, war be⸗ reits mit ſeinem gewohnten Schwanken theils durch die Rathſchläge Alreds und der übrigen Prälaten, beſonders aber durch die Vorſtel⸗ lungen Haco's, deſſen ernſte Haltung und tiefe Verſtellung einen auf⸗ fallenden Einfluß über den ſteifen melancholiſchen König errungen hatte— zum richtigen Entſchluſſe bewogen worden. Die beiden ſtreitenden Parteien waren durch vorläufigen Kontrakt übereingekommen, wider den Beleidiger Toſtig die Dinge nicht bis zum rachſüchtigen Extreme zu treiben: außer der einfachen Entziehung der von ihm mißbrauchten Grafenwürde ward weder auf Aechtung noch ſonſtige Strafe angetragen. Zum Lohne für dieſe Mäßigung auf der einen Seite hatte ſich die andere verbindlich gemacht, die neue Wahl der Northumbrier unterſtützen zu wollen, und ſo wurde Morcar förm⸗ lich mit dem Vicekönigthum dieſes weiten Gebietes bekleidet, während Edwin in der Herrſchaft über den Haupttheil von Mercia beſtätigt ward. Bei der Verkündigung dieſer Beſchlüſſe, welche von der verſam⸗ melten Menge mit lautem Beifall aufgenommen wurden, verließ Toſtig — 486 mit ſeinen ſämmtlichen Hausdienern die Stadt. Er wendete ſich zuerſt zu Githa, bei welcher ſein Weib Zuflucht geſucht hatte, worauf er und ſeine hochmüthige Gräfin nach langer Konferenz mit ſeiner Mutter an die Seeküſte reisten und ſich nach Flandern einſchifften. Einundſechzigſtes Kapitel. Gurth und Harold ſaßen lange nach der zweiten Veſper in vertrau⸗ tem Geſpräche im Zimmer des Earls, als Alred unerwartet eintrat. Die Miene des alten Mannes war ungewöhnlich ernſt, und Harolds durch⸗ dringendes Auge erkannte, daß ſie von wichtigen Dingen verdüſtert war. „Harold,“ begann der Prälat, ſich niederſetzend,„die Stunde iſt gekommen, um Deine Aufrichtigkeit zu bewähren, als Du Dich damals bereit erklärteſt, Deinem Lande jedes Opfer zu bringen, und bei dem Rathe Derer zu verharren, welche frei von Deinen Leidenſchaften Dich ſelbſt blos als Werkzeug für Englands Wohl betrachten.“ „Rede nur, Vater,“ erwiederte Harold, nicht ohne über die Feier⸗ lichkeit der Anrede einigermaßen zu erblaſſen;„ich bin bereit, wenn der Rath es alſo wünſcht, ein Unterthan zu bleiben und bei der Wahl eines würdigeren Königs behülflich zu ſeyn.“ „Du mißverſtehſt mich,“ gab Alred zur Antwort;„ich verlange nicht von Dir, daß Du die Krone niederlegeſt, ſondern daß Du Dein Herz kreuzigeſt. Der Beſchluß des Witan beſtimmt den Söhnen Algars Mercia und Northumbrien. Die alten Gränzlinien der Heptarchie ſind, wie Du weißt, kaum verwiſcht, und wir haben ſogar jetzt noch weniger eine Monarchie als vielmehr verſchiedene Staaten mit ihren eigenen Geſetzen, bewohnt von verſchiedenen Racen, welche unter ihren Unter⸗ königen, Earls genannt, in dem Baſileus vor Britannien ein Ober⸗ haupt anerkennen. Mercia hat ſein Marſchengeſetz und ſeinen Fürſten; Northumbrien das däniſche Geſetz und ſeinen Führer. Um ohne Bür⸗ gerkrieg einen König zu erwählen, müſſen dieſe Reiche— denn das ſind ſie wirklich— ſich mit den anderswo gehaltenen Witans vereinigen — und gege meh Pro fortt Edn Wer ren Nor Sch häll ſelb wu En kal thu beſ M und r an 487 und dieſelben ſanktioniren. Nur ſo kann das Königreich ſeſt werden gegen die Feinde von Außen und die Anarchie im Innern: dies um ſo mehr wegen des Bündniſſes zwiſchen den neuen Earls jener großen Provinzen und dem Hauſe Gryffyths, das in deſſen Sohne Caradoc fortlebt. Wie ſoll es werden, wenn Mercia und Northumbrien nach Edwards Tode ſich weigern, Deine Thronbeſteigung anzuerkennen? Wenn die Waͤliſchen von ihren Hügeln, die Schotten aus ihren Moo⸗ ren losbrechen, während wir unſerer geſammten Streitkraft gegen den Normannen bedürfen? Malcolm von Cumbrien, jetzt König von Schottland, iſt Toſtigs Buſenfreund, während ſein Volk es mit Morcar hält. Das ſind in der That für einen neuen König Gefahren genug, ſelbſt wenn Williams Schwert in der Scheide ſchliefe.“ „Du ſprichſt Worte der Weisheit,“ verſetzte Harold;„aber ich wußte zuvor, daß wer eine Krone trägt, der Ruhe entſagen muß.“ „Nicht ſo; es gibt einen Weg— aber auch nur einen— um ganz England mit Deiner Herrſchaft zu verſoͤhnen— um Dir nicht nur die kalte Neutralität, ſondern ſogar den regen Eifer Mercia's und Nor⸗ thumbriens zu erwerben, ſo daß das erſtere Dich vor den Wäliſchen beſchütze und das letztere Deine Bruſtwehr gegen den Schotten bilde. Mit einem Wort: Du mußt Dich mit dem Blute dieſer jungen Earls alliiren— mußt ihre Schweſter Aldytha heirathen.“ Der Earl ſprang entſetzt von ſeinem Stuhle. „Nein— nein!“ rief er;„das nicht!— jedes Opfer nur nicht dieſes!— lieber auf den Thron als auf das Herz verzichten, das ſich vertrauensvoll auf das meinige ſtützt! Du kennſt mein Verlöbniß mit meiner Baſe Editha— ein Verlöbniß, das durch jahrelange Treue geheiligt iſt. Nein— nein: habt Mitleid— menſchliche Gnade; ich kann keine Andere heirathen!— jedes Opfer, nur nicht dieſes!“ Der gute Prälat war zwar auf dieſen Ausbruch nicht unvorberei⸗ tet, fühlte ſich aber dennoch durch ſo unverſtellte Seelenangſt er⸗ ſchüttert. „Ach, mein Sohn,“ verſetzte er, ſtandhaft in Verfolgung ſeines 488 Planes,„ſo ſagen wir alle in der Stunde der Prüfung— jedes der!: Opfer, nur nicht was Pflicht und Himmel verlangen.' Auf den Thron entg verzichten kannſt Du nicht, ſonſt läßſt Du das Land ohne Herrſcher, zerriſſen von den Anſprüchen ehrgeiziger Nebenbuhler— eine leichte Hän Beute für den Normannen. Auf Deine menſchlichen Neigungen ver⸗ vert zichten kannſt und mußt Du, und zwar um ſo mehr, o Harold, weil 3 Tre dieſes alte Band, auch wenn die Pflicht Dich nicht zu dieſer neuen Ver⸗ And bindung triebe, ein ſündhaftes iſt, deſſen Löſung Dein Gewiſſen eben ſowohl wie die Kirche von dem Könige verlangen, der als hohes Bei⸗ wür ſpiel für Alle auf hohe Stelle gepflanzt iſt. Wie willſt Du den Jug irrenden Lebenswandel des Klerus reinigen, wenn Du ſelbſt wider die ich Kirche rebellirſt? Haſt Du gehofft, durch Deine Königsmacht den römiſchen Oberprieſter zur Verwilligung der Dispenſation für Deine zu l verbotene Heirath zu vermögen und Dein jetzt ungeſetzliches Gelübde und legal zu beſtätigen, ſo bedenke, daß Du eine hwichtigere dringendere den Gnade— die Abſolution von Deinem Eide gegen William— zu er⸗ grü bitten haſt. Beide Verlangen wird unſer römiſcher Vater ſicherlich hin nicht gewähren und welches willſt Du nun wählen— Das, welches ten Dich von Sünde frei ſpricht, oder das blos Deine fleiſchlichen Nei⸗ laſſ gungen befriedigt?“ nun Harold bedeckte das Antlitz mit den Händen und ſtöhnte laut in ten heftigem Todeskampfe. „Hilf mir, Gurth,“ rief Alred;„Du biſt ſündenlos und ohne tra Mackel und kannſt eines Bruders Liebe mit dem Eifer des Chriſten vereinen: hilf mir, Gurth, das eigenſinnige Herz zu erweichen, das ſeu menſchliche aber zu tröſten.“ Mit ſtarker Selbſtüberwindung kniete Gurtheneben Harold nie⸗ me der, um in einfacher nachdrücklicher Rede des Prieſters Vorſtellungen bü zu unterſtützen. In Wahrheit ſtanden auch alle Vernunftgründe, der eb Zuſtand des Landes, die neuen Pflichten, welche Harold übernommen, bl unwiderleglich auf der einen Seite, während ſich auf der andern nur 8 3 i 489 der mächtige Widerſtand regte, wie ihn die Liebe ſtets der Vernunft entgegenſtellt. „Unmöglich!“ fuhr Harold fort zu murmeln, während ſeine Hände ſein Antlitz bedeckten—„ſie, welche vertraute und noch immer vertraut— ſie, ſo liebevoll— ſie, deren ganze Jugend in geduldiger Treue für mich ſich verzehrte!— Auf ſie verzichten! und um einer Anderen willen! Ich kann— ich kann nicht. Nehmt mir den Thron! — O eitles Menſchenherz, das ſo lange ſeinen eigenen Fluch herbei⸗ wünſchte!— Setzet den Atheling darauf; meine Mannheit ſoll ſeine Jugend vertheidigen.— Nur nicht dieſes Anerbieten! Nein, nein— ich will nicht!“ Es wäre ermüdend, den Reſt dieſer langen ſtürmiſchen Konferenz zu berichten. Die ganze Nacht, bis die letzten Sterne verſchwanden und die Glocken zur Frühmeſſe von Kirche und Kloſter ertönten, wur⸗ den Prälat und Bruder nicht müde, mit Vorſtellungen und Beweis⸗ gründen, mit Bitten und Schelten in ihn zu dringen und immer noch hing Harolds Herz mit blutenden Wurzeln an Edithen. Endlich faß⸗ ten ſie, vielleicht nicht unweiſe, den Entſchluß, ihn ſich ſelber zu über⸗ laſſen, und während ſie ſich auf dem Rückwege vom Kloſter ihre Hoff⸗ nungen und Beſorgniſſe über den Ausgang des Selbſtkampfes zuflüſter⸗ ten, trat Haco im Kloſterhofe zu ihnen. „Was habt Ihr ausgerichtet?“ fragte er, während ſein kaltes trauriges Auge die Mienen Gurths und Alreds muſterte. „Des Menſchen Herz iſt ſtärker im Fleiſch als wahr im Geiſte,“ ſeufzte Alred kopfſchüttelnd. „Verzeiht, Vater,“ bemerkte Haco,„wenn ich Euch darauf auf⸗ merkſam mache, daß Sditha ſelber Euer mächtigſter, beredteſter Ver⸗ bündeter in dieſer Sache iſt. Schüttelt nicht ſo ungläubig mit dem Kopfe; eben weil ſie den Earl mehr als ihr eigenes Leben liebt, braucht man ihr blos zu beweiſen, daß ſeine Sicherheit, ſeine Größe, ſeine Ehre und Pflicht die Löſung dieſes Gelübdes verlangen, daß nichts als ſeine irrende Liebe ſich gegen Eure Rathſchläge wie gegen die Anſprüche ſeines Lan⸗ 490 des ſträubt— und Edithens Stimme wird ſich mächtiger als die Eure erweiſen.“ Der tugendhafte Prälat, mehr mit der Selbſtſucht des Mannes als mit der Aufopferung des Weibes vertraut, antwortete nur durch eine ungeduldige Gebärde, wogegen Gurth, der ſich erſt kürzlich mit einer ſeiner würdigen Gattin vermählt hatte, in ernſtem Tone erwie⸗ derte: „Haco hat Recht, mein Vater; mich dünkt, wir ſind es Beiden ſchuldig, daß Editha nicht ungehört von ihm verlaſſen werde, für den ſie allen Anderen abgeſagt und dem ſie in ihrem Herzen ergeben war, wie nur ein geſchworenes Weib es ſeyn kann. Ueberlaſſen wir meinen Bruder eine Weile ſich ſelbſt; er war ja nie der Sklave ſeiner Leidenſchaften und Englands Wohl muß zuletzt alle ſelbſtſüchtigen Ge⸗ danken überwiegen; reiten wir ſogleich zu Edithen, um ihr zu wieder⸗ holen, was wir ihm geſagt haben, oder vielmehr— denn in ſolchen Fällen kann das Weib immer am beſten mit dem Weibe reden— laßt uns unſerer Herrin— Edwards Gemahlin, Harolds Schweſter und Edithens Pathin— ihr laßt uns die Sache anvertrauen und ihr Rath ſoll entſcheiden. Am dritten Tage wollen wir zurückkehren.“ „Ja, mit dieſem Auftrage laß uns gehen, Gurth,“ wiederholte Haco, das Widerſtreben in des Prälaten Miene bemerkend,„und unſe⸗ rem ehrwürdigen Vater ſey es überlaſſen, den ſcharfen Kampf des Earls zu überwachen.“ „Du ſprichſt wohl, mein Sohn,“ verſicherte der Prälat;„Deine Sendung paßt beſſer für den jugendlichen Laien als für den betagten Prieſter.“ „Laß uns gehen, Haco,“ ſchloß Gurth mit kurzen Worten.„Tief, ſchmerzlich und lange nachblutend iſt die Wunde, die ich dem Bruder meiner Liebe verſetze und mein eigenes Herz blutet in dem ſeinen; aber er ſelber hat mich gelehrt, England ſo hoch zu halten wie ein Römer ſein Rom verehrte.“ —— 491 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Es liegt in dem Weſen des Glückes, das wir von den Neigungen des Herzens ableiten, daß es uns Ruhe verleiht, und ſein ungeheurer Ein⸗ fluß auf unſer äußeres Leben wird uns erſt klar, wenn es geſtoͤrt oder verloren wird. Lebt unſer Herz im Frieden, ſo haben unſere Leiden⸗ ſchaften und all' ihre Thatkraft freie Bahn vor ſich und ihr Strom darf ungehemmt den Abſichten und Zwecken zuſtreben, die unſeren Ehrgeiz wecken, unſere Anſtrengungen intereſſiren. So nach Außen beſchäftigt wird der Mann gegen den hohen Werth jener inneren Ruhe, die den für die Welt verwendeten Fähigkeiten Geſundheit und Stärke verleiht, in ein gewiſſes Vergeſſen eingelullt; ſobald aber dieſe kaum empfundene, faſt unſichtbare Harmonie geſtört iſt, wird ſich der Miß⸗ klang bis über die fernſten Saiten unſeres thätigen Weſens erſtrecken. Sage dem rührigſten Manne, den Du in Markt, in Lager oder Rath ganz mit weltlichen Planen beſchäftigt ſiehſt— ſage ihm:„Deine Heimath iſt Dir geraubt— die Götter Deines Haushalts ſind zer⸗ ſtreut— die ſüße geräuſchloſe Zufriedenheit in dem regelmäßigen Mechanismus der Triebfedern, welche die großen Räder Deiner Seele in Bewegung ſetzten— ſie iſt Dir für immer genommen!“— und ſeine Thatkraft ſcheint plötzlich jedes Ziel, jeden Gegenſtand für ihren beſtrickenden Reiz verloren zu haben.„Othello's Arbeit iſt gethan!“ Jählings wird er erwachen aus den ſonnebeleuchteten Träumen mit⸗ täglichen Ehrgeizes und in troſtloſer Herzensangſt wird er rufen:„Was ſoll mir aller Lohn meiner Arbeit, da ich nun meiner Ruhe beraubt bin? Wie gering iſt all' der Gewinn, den ich in einer Welt von Fein⸗ den und Nebenbuhlern dem heißen Kampfe entrang, verglichen mit dem Lächeln, deſſen Süßigkeit ich erſt durch ſeinen Verluſt kennen lernte, verglichen mit dem Bewußtſeyn der Sicherheit vor ſterblichem Uebel, das aus dem Vertrauen, aus der Sympathie der Liehe ent⸗ ſprang!“ So war es Harold zu Muth in jener bitteren furchtbaren Ent⸗ kaum gehoͤrten Klange dieſer letzten Stimme pochte ſein Herz in raſche⸗ 492 ſcheidung ſeines Schickſals. Jene ſeltene geiſtige Liebe, welche, blos auf Hoffnung gegründet, den Genuß noch nie gekannt hatte, war der feinſte, edelſte Theil ſeines Weſens geworden; dieſe Liebe, deren vol⸗ lem geheiligtem Beſitze jeder Schritt ſeiner Laufbahn näher zu rücken ſchien— ſie ſollte in demſelben Augenblicke, da er ſich ihres Lohnes am ſicherſten geglaubt, da er ihres Troſtes am meiſten bedurfte, aus ſeinem Herzen, ſeinem Daſeyn geriſſen werden? Bis jetzt hatte er mit dieſer Liebe in der Zukunft gelebt— hatte die Stimme der ſtür⸗ miſchen, menſchlichen Leidenſchaft durch das Flüſtern des geduldigen Engels:„noch eine Weile und Deine Braut ſitzt neben Deinem Thron!“ — zum Schweigen gebracht. Und jetzt— wie war dieſe Zukunft? wie freudenlos, wie verlaſſen? Der Ehrgeiz verlor ſeinen Glanz— das Antlitz des Ruhmes war ohne Schimmer— nur das Gefühl der Pflicht blieb ihm übrig, um gegen die Anſprüche ſeiner Neigung anzukämpfen; aber dieſe Pflicht— ſie war nicht mehr in jene prächtigen Farben ge⸗ kleidet, welche Ruhm und Macht ihr umhing— nein, ſie war hart und ſtreng und furchtbar, wie das eherne Zürnen des griechiſchen Fatums. So ſaß er eines Abends allein, Stirn gegen Stirn mit dieſer Pflicht und ſeine Lippen murmelten: „O unglückſelige Reiſe, o lügneriſche Wahrheit jener höllege⸗ borenen Prophezeiung! Das alſo war das Weib, das mein Bund mit den Normannen meinen Armen erringen ſollte!“ Auf den Straßen unten hörte man die geſchäftigen Fußtritte eilig Heimkehrender und den wirren Lärm fröhlicher Trinkgelage von den mancherlei Unterhaltungsorten herübertönen, welche von ſorgloſen Schwelgern wimmelten. Auch vor ſeiner Thüre wurden Tritte laut; ſie hielten vor ſeinem Zimmer und man hörte draußen das Murmeln zweier Stimmen— die eine war Gurths klare Stimme, die andere klang ſanfter und bewegter. Der Earl erhob des Haupt von der Bruſt und bei dem ſchwachen 8 8 NE 6 1 ₰ 8 493 ren Schlägen. Die Thüre öffnete ſich ganz leis und ſachte; eine Ge⸗ ſtalt trat ein und hielt im Schatten der Schwelle— dann wurde die Thüre von einer Hand von Außen geſchloſſen. Zitternd erhob ſich der Earl und im nächſten Moment lag Editha zu ſeinen Füßen; ihr Schleier war zurückgeworfen, ihr Antlitz, leuchtend in unverwelkter Schöne und von der Erhabenheit der Selbſtüberwindung erheitert, zu ihm emporgerichtet. „O Harold!“ rief ſie,„erinnerſt Du Dich noch, wie ich Dir in der alten Zeit ſagte: Editha hätte Dich weniger geliebt, wenn Du England nicht mehr als Editha liebteſt?— Dieſer Worte gedenke. Und glaubſt Du nun, daß ich, die ich ſeit Jahren in Deiner klaren Seele geleſen und mein Weiberherz in dem Lichte der jedem edlen Manne angeborenen Glorie zu ſonnen gelernt habe— glaubſt Du, Harold, ich ſey jetzt ſchwächer denn damals, als ich noch kaum wußte, was der Ruhm, was England bedeuten?“ „Editha, Editha, was willſt Du damit ſagen?— Was weißt Du?— Wer hat Dir erzaͤhlt?— Was führt Dich hieher, um wider Dich ſelbſt Parthei zu ergreifen?“ „Wer mir erzählte?— gleichviel: ich weiß Alles. Was mich herführt? Meine eigene Seele, meine eigene Liebe!“ Und ſich auf⸗ richtend und ſeine Hand mit ihren beiden umfaſſend, während ſie ihm ins Geſicht ſchaute, fuhr ſie fort:„Ich ſage Dir nicht:'gräme Dich nicht über die Trennung': denn ich kenne Deine Treue, Deine Zärt⸗ lichkeit, ich kenne Dein großes, o ſo ſanftes Herz allzu gut. Aber ich ſage: erhebe Dich über Deinen Kummer und um Anderer willen ſey mehr als Mann.' Ja, Harold, ich ſehe Dich heute zum letzten Male: ich faſſe Deine Hand, ich lehne mich an Dein Herz, ich höre ſein Po⸗ chen und ohne Thräne werde ich von hinnen gehen.“ „Es kann, es darf nicht ſeyn!“ rief Harold leidenſchaftlich.„Du betrügſt Dich ſelbſt in der göttlichen Erhebung dieſer Stunde; wenn das Fieber nachläßt, wird es Dich der Erſchöpfung eines einſamen Herzens— der Verzweiflung eines zerbrochenen, niedergetretenen 494 Schickſals überlaſſen. Wir wurden durch Bande, ſo ſtark wie die der Kirche, über dem Grabe des Todten, unter der Decke des Himmels, nach der Weiſe unſerer Vorfahren, mit einander verlobt— dieſes Band kann nicht gebrochen werden. Wenn England nach mir verlangt, ſo mag es mich nehmen mit jenen Banden, welche ſogar um ſeinet⸗ willen zu löſen unheilig wäre!“ „Ach, ach!“ ſtammelte Editha, während die Röthe ihrer Wangen in Todesbläſſe ſich verwandelte—„es iſt nicht wie Du ſagſt. Deine Liebe hat mich ſo ganz vor der Welt geſchützt— meine Jugend ahnte ſo gar nichts, mein Herz vergaß ſo gänzlich der ſtrengen Menſchen⸗ ſatzungen, daß ich damals, als es Dir gefiel, daß wir uns lieben ſoll⸗ ten, unmöglich glauben konnte, daß dieſe Liebe ſündhaft ſey: daß ſie bis heute Sünde war, will ich nicht annehmen— jetzt aber iſt ſie's geworden.“. „Nein, nein!“ rief Harold; ſeine ganze Beredſamkeit, an wel⸗ cher ſonſt Tauſende tief ergriffen und bezaubert gehangen, verließ ihn in jener Stunde der Noth, und abgebrochene Worte— Fragmente, in welche ſein Herz ſelber geſpalten ſchien, waren Alles, was ihm noch zu Gebote ſtand;„nein, nein— nicht Sünde!— Dich verlaſſen, das allein iſt Sünde!— Still, ſtill!— Es iſt ein Traum— warte bis wir wachen! Treues Herz! edle Seele!— ich will mich nicht von Dir trennen!“ „Wohl aber ich von Dir! Und ehe Du um meinetwillen— eines Weibes halber— für Ehre und Gewiſſen, ja für Alles, um deſſen willen Dir Dein erhabenes Leben von den Händen der Natur gege⸗ ben worden— verloren ſeyn ſollteſt, eher möge das Grab mich auf⸗ nehmen, wenn ſich nicht das Kloſter für meine Seele öffnet! Harold, bis zum letzten Athemzuge laß mich Deiner würdig ſeyn, und fühle wenigſtens, daß wenn ich auch nicht Dein Weib werde— wenn ſo glänzendes, geſegnetes Geſchick mir nicht zu Theil wird— die Ge⸗ rechten dennoch bei Edithens Gedächtniß ſagen ſollen: ſie würde Ha⸗ rolds Herd nicht entehrt haben!“ „Weißt Du denn,“ ſtöhnte der Earl mit aller Anſtrengung nach Faſſung ringend,„weißt Du, daß ſie nicht nur verlangen, ich ſolle auf Dich verzichten— nein, um einer Andern willen ſoll ich Dir ent⸗ ſagen.“. „Ich weiß es,“ verſicherte Editha und zwei brennende Thränen brachen trotz ihrer hohen übernatürlichen Eraltation durch ihre dunklen Wimpern und rollten langſam über die farbloſe Wange, als ſie mit ſtolzem Tone fortfuhr:„ich weiß es: doch dieſe Andere iſt nicht Aldytha — es iſt England! In ihr, in Aldythen, ſollſt Du die theure Sache Deines Geburtslandes erkennen, mit ihr die Liebe verweben, welche Dein Vaterland von Dir fordert. Dieſer Gedanke wird Dich verſöh⸗ nen und mich tröſten— nicht um des Weibes willen verläſſeſt Du Edithen.“ „Hore ſie und ſchöpfe von dieſen Lippen die Kraft und den Muth, wie ſie Dir den Namen des Helden verdienen!“ ſprach eine tiefe klare Stimme hinter ihm, und Gurth, welcher unbemerkt eingetreten war, weil er entweder dem Ausgange eines ſo ſehr verlängerten Zwiege⸗ ſpräches mißtraute, oder weil er in ſeiner Zärtlichkeit deſſen Pein abkürzen wollte— näherte ſich dem Earl und ſchlang liebkoſend den Arm um ſeinen Bruder.„O Harold,“ ſagte er,„theuer wie mein Herzblut iſt mir mein junges neuangetrautes Weib; aber gälte es auch nur ein Zehntheil der Anſprüche, welche Dir jetzt dieſe Qual und Prü⸗ fung auflegen— ja, wäre es auch nur um eine Stunde der Aufopfe⸗ rung für Freiheit und Geſetz— ich würde mich ohne Seufzer dazu verſtehen, ſie nie wieder zu ſehen. Und wenn man mich fragte, wie es mir moͤglich ſey, meine Neigung ſo zu überwinden, ſo würde ich auf Dich deuten und ſprechen: So lernte ichs in meiner Jugend durch Harolds Unterweiſung, ſo durch ſein Leben in meinem Mannesalter.“ Vor Dir ſtehen ſichtbar das Glück und die Liebe, aber neben ihnen die Schande; vor Dir unſichtbar ſteht das Weh, aber auf ſeiner Seite ſiehſt Du England und ewigen Ruhm! Zwiſchen ihnen haſt Du zu wählen.“ 496 „Er hat gewählt,“ rief Editha, als Harold ſein Antlitz ver⸗ hüllte und ſich an die Wand lehnte, und vor ihm niederkniend hob ſie den Saum ſeines Gewandes an ihre Lippen und küßte ihn mit andäch⸗ tiger Leidenſchaft. Harold wendete ſich plötzlich um und öffnete ſeine Arme. Dieſer ſtummen Aufforderung konnte Editha nicht widerſtehen; ſie ſtand auf und ſank ſchluchzend an ſeine Bruſt. Sctirmiſch und ſprachlos war dieſe letzte Umarmung. Der Mond, der ihre Verlobung am Heidengrabe beſchienen hatte, ſtieg hinter dem Thurm der Chriſtenkirche empor und blickte matt und kalt auf ihr Scheiden. Plötzlich wurde er hell und feierlich— eine Wolke zog über ſeine Scheibe und Editha war fort. Die Wolke verſchwand und der Mond ſchien helle, und wo die ſchöne Geſtalt gekniet, wo Editha ihren letzten Blick auf ihn gerichtet hatte, da ſtand das regungsloſe Bild, da blickte das ſeierliche Auge des finſteren Haco. Harold aber lehnte an Gurths Bruſt und ſah nicht, wer die ſanfte liebende Fylgia ſeines Lebens er⸗ ſetzt hatte— ſah in dem weiten Weltall nichts als die ſchauerliche Oede der Verlaſſenheit. Eilftes Zuch. Der normänniſche Politiker und der norwegiſche Seekönig. Dreiundſechzigſtes Kapitel. Es war der Abend des 5. Januars— der Abend des Tages, wel⸗ cher König Edward als der ſeiner Löſung von der Erde verkündigt worden, und ob nun die Prophezeiung bei der Gebrechlichkeit und 497 Nervenreizung des Königs ihre eigene Erfüllung bewirkt hatte oder nicht— der Letzte von Cerdies Stamme ging den feierlichen Schatten der Ewigkeit mit raſchen Schritten entgegen. Außerhalb des Pallaſtes durch die ganze Stadt London herrſchte leſer unbeſchreibliche Aufregung. Der ganze Strom vor dem Pallaſte wim⸗ auf melte von Booten; der weite Raum auf der Inſel Thorney ſelber war mit dichtgedrängten ängſtlichen Gruppen erfüllt. Erſt vor w enigen nd, Tagen war die neuerbaute Abtei feierlich eingeweiht worden— mit der dem Vollendung dieſes heiligen Gebäudes ſchien Edwards Lebensaufgabe ihr abgethan und gleich Egyptens Koͤnigen hatte er ſich ſein Grab gebaut. Im Innern des Pallaſtes war die Erregung wo möglich noch größer, die Erwartung noch geſpannter. Lauben*, Hallen, Gänge, Treppen und Vorzimmer waren mit Thanen und Männern der Kirche angefüllt. Und es war nicht allein die Erkundigung nach des Königs Befinden, was ihre Stirnen ſo finſter machte und ihnen den Athem beengte, denn wenn ein Häuptling ſtirbt, iſt man nicht zunächſt ge⸗ ſtimmt ſeinen Verluſt zu beklagen; das kommt erſt ſpäter, wenn der liche Wurm ſeine widrige Arbeit begonnen und die Vergleichung zwiſchen V dem Lebenden und dem Todten dem Einen oft zum Schaden des Andern Recht gibt. So lange aber noch der Athem nach Freiheit ringt, wäh⸗ rend das Auge verglast, murmelt das geſchäftige Leben in den Um⸗ ’ ſtehenden:„Wer wird der Erbe ſeyn?“ und noch nie war die Span⸗ nung für Furcht und Hoffnung ſo empfänglich geweſen, wie im vor⸗ liegenden Falle. Die Nachricht von Herzog Williams Abſichten hatte ſich fern und nahe ausgebreitet und ſchwer lag auf dem Lande der Zwei⸗ ig. fel, ob der verabſcheute Normanne ſeine einzige Sanktion zu ſo an⸗ maßenden Anſprüchen durch Edwards letzliche Beiſtimmung erhalten würde. Zwar beruhte die Krone, wie wir geſehen haben, nicht gänz⸗ lich auf dem Vermächtniſſe eines ſterbenden Königs, ſondern auf dem el⸗ Willen des Witans; allein die ganz eigenthümlichen Umſtände, der igt gänzliche Abgang aller natürlichen Erben mit einziger Ausnahme eines nd* Hausflur. Bulwer, Harold. 32 498 an Leib und Seele ſchwächlichen und durch Geburt und Erziehung halb ausländiſchen Knaben, Edwards Liebe zu der Kirche, die halb mit⸗ leidige Verehrung, welche ihm im ganzen Lande gezollt wurde— dies Alles konnte bewirken, daß das letzte Wort des Sterbenden auf die Wahl des Nachfolgers wie auf den Staatsrath gewichtigen Einfluß äußern mochte. Da hörte man die Einen mit bleichen Lippen all' die düſteren Prophezeiungen ſich zuflüſtern, welche damals in Mund und Herzen der Menſchen lebten; Andere ſtanden in ſinnendem Schweigen, Alle aber hoben die geſpannten Blicke, wenn von Zeit zu Zeit ein finſte⸗ rer Benediktiner vom Gemache des Königs zurückkam oder dahin eilte. Den Zeitraum von acht Jahrhunderten überſpringend treten wir mit leiſen geräuſchloſen Schritten in jenes Gemach, das uns aus ſo manchen ſpäteren Scenen und Sagen aus Englands bunter Geſchichte als das„gemalte Zimmer“— lange Zeit das„des Bekenners“ betitelt— bekannt iſt. Im hinterſten Ende des langen hochgewölbten Raumes auf einer königlichen mit dem Thronhimmel des Herrſchers überdeckten Eſtrade befand ſich Edwards Sterbebette. Ihm zu Füßen ſtand Harold, auf der einen Seite kniete Editha, des Königs Gemahlin, auf der andern Alred, während ſich Stigand, das heilige Kreuz in der Hand, mit dem Abte des neuen Kloſters von Weſtminſter in der Nähe hielt, und alle die größten Thane, unter ihnen Morcar und Edwin, Gurth und Leofwine, nebſt den vornehmſten Aebten und Prälaten den übrigen Raum des Dais einnahmen. Im tieferen Ende der Halle wärmte des Königs Leibarzt einen ſtärkenden Trank über dem Kohlenbecken; in den tiefen Fenſterniſchen ſtanden einige von den untergeordneten Beamten des Haushalts und weinten, denn ſie waren nicht groß genug für eine andere Empfindung als die menſchlicher Liebe für ihren gütigen Gebieter. Der König, der die letzte Oelung bereits empfangen hatte, lag ganz ruhig mit halbgeſchloſſenen Augen und athmete leiſe aber regel⸗ mäßig. Die zwei vorhergehenden Tage war er ſprachlos geweſen; heute aber hatte er einige wenige Worte geſprochen, welche die Wiederkehr halb mit⸗ dies f die nfluß die und igen, nſte⸗ ilte. wir us ſo ichte 5 rs“ bten hers itha, gand, von hnen iſten inen chen und ung lag gel⸗ eute ehr 499 ſeines Bewußtſeyns bewieſen. Seine auf die Bettdecke geſtützte Hand ruhte in denen ſeines Weibes, das mit Inbrunſt neben ihm betete. In der Berührung dieſer Hand, im Klange ihres Murmelns mußte etwas gelegen haben, was den König aus ſeiner zunehmenden Lethargie er⸗ weckte, denn er öffnete ſeine Augen und heftete ſie auf die knieende Königin. „Ach!“ ſeufzte er leiſe,„immer mild, immer gut! Glaube nicht, ich habe Dich nicht geliebt; dort oben wird in den Herzen geleſen und dort werden wir unſeren Lohn empfahen.“ Die Königin ſchaute durch ihre ſtrömenden Thränen empor. Ed⸗ ward zog ſeine Hand zurück und legte ſie ihr wie zum Segen aufs Haupt. Dann winkte er dem Abte von Weſtminſter, zog den Ring, den ihm die Pilgrime überbracht hatten“*, von ſeinem Finger und murmelte kaum hörbar: „Dies möge in St. Peters Hauſe zu meinem Gedächtniſſe auf⸗ bewahrt werden!“ „Jetzt iſt er für uns zugänglich— rede,“ flüſterte mehr als ein Than oder Abt, an Alred und Stigand ſich wendend. Und Stigand, der kühnere und weltlichere von Beiden, näherte ſich und ſprach zwiſchen Alred und dem König über das Kiſſen ſich beugend: „O königlicher Sohn, im Begriffe jene Krone zu gewinnen, neben welcher die irdiſche ſich wie der Kranz des Thoren, aus dürren Blät⸗ tern geflochten, ausnimmt— möge Deine Seele uns noch nicht ver⸗ laſſen. Wen empfiehlſt Du uns als Hirten für Deine verlaſſene Heerde? Wen ſollen wir ermahnen, daß er in Deine Fußſtapfen trete?“ Der König machte eine leiſe Gebärde der Ungeduld und die Kö⸗ nigin, jeder anderen als ihrer weiblichen Sorge vergeſſend, tadelte mit Blick und Finger, daß der Sterbende alſo geſtört worden. Doch die Sache war zu wichtig, die Spannung zu groß: ſie überwand das ehrerbietige Zartgefühl der Umſtehenden; die Thane drängten ſich * Bromt. Chron. 32* 500 gegenſeitig und es entſtand ein Murmeln, worin der Name Harold zu unterſcheiden war. „Bedenke, mein Sohn,“ mahnte Alred in ſanftem, vor innerer Bewegung bebendem Tone;„der junge Atheling iſt noch zu ſehr Kind für ſo bedenkliche Zeiten.“ Edward nickte beiſtimmend mit dem Haupte. „Dann,“ rief der normänniſche Biſchof von London, der bis jetzt faſt vergeſſen unter der Menge der ſächſiſchen Prälaten im Hintergrunde geſtanden, aber Aug und Ohr weit geöffnet hatte—„dann,“ rief Biſchof William vortretend,„wenn Deine eigene königliche Linie er⸗ liſcht— wer ſtünde Deiner Liebe ſo nahe, wer wäre der Nachfolge ſo würdig wie William, Dein Vetter, der Graf der Normannen?“ „Nein, nein— nichts von dem Normannen!“ unterſchied man deutlich aus dem Murren der Thane, deren Stirnen ſich finſter zuſam⸗ mengezogen hatten. Harolds Antlitz flammte und ſeine Hand fuhr an den Griff ſeines Ataghars— das war jedoch das einzige Zeichen, wo⸗ durch er ſein Intereſſe an der Frage verrieth. Der König lag einige Augenblicke ſchweigend, aber offenbar be⸗ müht ſeine Gedanken zu ſammeln, während ſich die beiden Erzbiſchöfe — Stigand voller Spannung, Alred in tiefer Zärtlichkeit— über ihn beugten. Dann mit dem einen Arm ſich aufrichtend, während er mit dem andern auf Harold am Fuße des Bettes deutete, rief Edward: „Eure Herzen ſind, wie ich ſehe, für Harold den Earl, ſo ſey es — je Poctroi.“* Bei dieſen Worten ſank er auf ſein Kiſſen zurück; ein lauter Schrei entfuhr den Lippen ſeines Weibes— Alles ſammelte ſich um ihn: er lag wie todt. Bei dieſem Schrei und der unbeſchreiblichen Bewegung der Menge eilte der Arzt aus dem unteren Theile der Halle herbei, und ohne Um⸗ ſtände bis zum Bette ſich Bahn brechend, rief er in ſcheltendem Tone: „Luft, Luft, gebt ihm Luft!“ *„Ich nehme ihn an.“ 5 e B L 1 — 501 Die Menge theilte ſich; der Arzt befeuchtete die blaſſen Lippen des Königs mit dem Trank, aber da ſchien kein Puls zu klopfen, kein Athem wiederzukehren, und während die beiden Prälaten vor dem an⸗ ſcheinend Entſeelten neben dem heiligen Kreuze niederknieten, verließen die Uebrigen die Eſtrade, um ſich eiligſt davon zu machen. Harold al⸗ lein blieb zurück, war aber vom Fuß⸗ zum Kopfende des Bettes ge⸗ treten. Schon hatte die Menge die Mitte der Halle erreicht, als ein Ton, wie aus dem Grabe kommend, Aller Schritte feſſelte— des Königs Stimme, laut, erſchreckend deutlich und voll, wie wenn die Rüſtig⸗ keit der Jugend ihm wiedergeſchenkt waͤre. Die ganze Verſammlung erblaßte und blieb wie durch Zauber feſtgebannt ſtehen, indem ſich aller Blicke umwandten. Da ſaß der König aufrecht im Bett, ſein Geſicht über die knieen⸗ den Prälaten hervorragend und mit den hellen ſtrahlenden Augen die Halle überſchauend. „Ja,“ ſagte er bedächtig,„ſey's nun eine wirkliche Viſion oder falſche Täuſchung— ſchenke mir nur das Vermögen der Rede, All⸗ mächtiger, damit ich es ausſpreche.“ Er ſchwieg eine Weile und begann dann von Neuem: „Heute ſind es einunddreißig Winter, daß mir an den Ufern der gefrorenen Seine zwei heilige Mönche, die mit der Gabe der Prophe⸗ zeiung begnadigt waren, von großem Weh erzählten, das England einſt beſallen würde; denn, ſagten ſie, nach Deinem Tode har Gott Dein Vaterland in die Hand des Feindes gegeben und der wird das ganze Land durchziehen. Da fragte ich in meiner Bekümmerniß; iſt dieſes Loos durch Nichts abzuwenden und kann ſich mein Volk nicht gleich den Männern von Ninive durch Bußen davon befreien? Und die Propheten antworteten:'nein, denn das Elend wird nicht enden und der Fluch nicht eher erfüllt ſeyn, als bis ein grüner Baum ent⸗ zwei geriſſen und der abgelöste Zweig davon geführt wird, worauf er von ſelbſt zu dem alten Stamme zurückkehren, ſich mit ihm vereinen 502 und Blüthen und Früchte treiben wird. So ſprachen die Möoͤnche, und eben vorhin, ehe ich ſprach, ſah ich ſie dort ſchweigend und todtenbleich neben meinem Bette ſtehen.“ Dieſe Worte ſprach er ſo ruhig und vernünftig, daß ihr Gewicht durch die kalte Schärfe des Tons nur doppelt grauenvoll wurde. Ein Schauer ging durch die Verſammlung und Alle bebten vor dem Auge des Königs, das auf jedem Einzelnen zu ruhen ſchien. Plötzlich ſah man den kalten Strahl dieſes Auges ſich ändern; die Stimme verlor ihren bedächtigen Accent; die grauen Haare ſchienen ſich in die Höhe zu ſträuben, das ganze Geſicht vor Entſetzen zu arbei⸗ ten; die Arme ausgeſtreckt, die Geſtalt auf dem Lager ſich krümmend, hörte man abgeriſſene Bruchſtücke aus dem alten Teſtament über ſeine Lippen kommen: „Sanguelac! Sanguelac!— der Blutſee“ kreiſchte der ſterbende König;„der Herr hat ſeinen Bogen geſpannt— der Herr hat ſein Schwert entblößt. Er fährt nieder wie ein Krieger zu ſtreiten, und ſein Zorn iſt im Stahl und in der Flamme. Er beuget die Berge und kommt herab und Finſterniß iſt unter ſeinen Füßen!“ Als häͤtte er ſich nur zu dieſen furchtbaren Prophezeiungen noch einmal belebt, ſo ſiel der Körper zuſammen, die Augen wurden ſtarr und der König ſank als Leichnam in Harolds Arme, ſobald das letzte Wort ſeine Lippen verlaſſen hatte. Nur ein einziges ſkeptiſches weltliches Lächeln war auf den er⸗ bleichenden Lippen der Anweſenden zu gewahren, und zwar rührte es nicht von den Kriegern und Männern von Erz, ſondern von den ſcharfen verzerrten Zügen Stigands, des Weltmannes und Geizhalſes, als er zu der Hauptgruppe herabſteigend in die Worte ausbrach: „Zittert Ihr vor den Träumen eines kranken alten Mannes?“* * S. Note N. 503 Vierundſechzigſtes Kapitel. Die Jahreszeit, um welche ohnehin die Nationalverſammlung zu⸗ ammenzukommen pflegte, die neuliche Einweihung von We minſter, 3 g hung Fin uge wozu Edward die vornehmſten Kirchenhäupter eingeladen hatte, die Beſorgniß für den ſchwachen Geſundheitszuſtand des Königs, wie das die Intereſſe an der bevorſtehenden Thronfolge— dies Alles bewirkte, daß en alſobald ein Witan, wüͤrdig an Rang und Anzahl, der Noth der Zeit ei⸗ zu begegnen und zu der wichtigſten Königswahl zu ſchreiten, von der und, man noch je in England gehört hatte— ſich verſammeln konnte. Thane ine und Prälaten vereinten ſich eiligſt; Harolds Vermählung mit Aldytha, kaum wenige Wochen zuvor gefeiert, hatte alle Partheien mit ſeiner lide eigenen verſchmolzen, ſo daß kein Anſpruch gegen den des großen Earls ein laut wurde, und die einſtimmige Wahl auf ihn fiel. Die Nothwendig⸗ in keit, bei einer ſolchen Kriſis aller Ungewißheit im Köoͤnigreiche ein mt Ende zu machen und die Gefahr von Gegenintriguen zu erſticken, ver⸗ bot den alſo Verſammelten jeden Aufſchub in der feierlichen Prokla⸗ ich mirung ihrer Entſcheidung, und dem königlichen Leichenbegängniſſe rr Edwards folgte noch am ſelben Tage Harolds Kroͤnung. te Es war im Hauptſchiff der gewaltigen Abteikirche, nicht geſtaltet . wie wir ſie jetzt nach wechſelsweiſen Reſtaurationen und Ummodelungen r⸗ vor uns ſehen, ſondern in urſprünglicher Einfalt von langen Reihen 8 ſächſiſcher Bögen und maſſiver Säulen(einer Miſchung des erſten nr deutſchen mit dem letzten römiſchen Style) durchzogen— wo die Maſſe 3 der ſächſiſchen Freien verſammelt ſtand, um dem Herrſcher ihrer Wahl 3 die höchſte Ehre zu erweiſen. War er ja doch, ſeit England eine Mo⸗ narchie bildete, der erſte Sachſenkönig, der nicht aus Cerdies einzigem Hauſe genommen worden— der erſte Sachſenkönig, der nicht durch die bleichen Schatten fabelhafter Vorfahren, deren Urſprung bis zu dem Vater⸗Gotte der Teutonen hinanreichte, wohl aber durch den Geiſt, für den kein Grab gegraben, durch Ruhm und Tapferkeit— die unvor⸗ daß Harold von Alred, die andern, 3041 denklichen Verleiher von Kronen und Gründer von Throne geführt worden. Alred und Stigand, die zwei erſten Prälaten des Reiches, hatten Harold, gefolgt von den Häuptlingen des Witans in ihren langen Ge⸗ wändern, zur Kirche“ und durch das Schiff an den Altar geführt, wäh⸗ rend der Klerus mit Aebten und Biſchöfen den Chorgeſang— Fer- metur manus tua' und Gloria patri' anſtimmte. Die Muſik ſchwieg, Harold warf ſich vor dem Altare nieder und man hörte die große Hymne, Te Deum laudamus' anſtimmen. Sobald ſie verſtummt war, hoben Prälaten und Thane ihr Ober⸗ haupt vom Boden auf und die alte Sitte der Teutonen und Nordmän⸗ ner, welche den Herrſcher ihrer Kriegsheere auf Schild und Schulter emportrugen, nachahmend, ſtieg Harold auf eine Platform, ſo daß er der verſammelten Menge ſichtbar wurde. „So,“ rief der Erzbiſchof,„wählen wir Harold, Godwins Sohn, zum Herrn und König.“ Und die Thane machten um ihn die Runde, legten Harold die Hand aufs Knie und riefen laut: „Wir wählen Dich, o Harold, zum Herrn und Koͤnig.“ Und die ganze Menge, eine Reihe nach der andern, brach in den Ruf aus: „Wir wählen Dich, o Harold, zum Herrn und König.“ Dynaſtieen— zum * Nach dem noch exiſtirenden Krönungsprogramm Ethelreds II. ſcheint es, daß zwei Biſchöfe bei der Königskrönung Dienſt leiſteten; daher rührt vielleicht der Widerſpruch unter den Chroniſten, von denen die einen beſtreiten, daß er von Stigand gekrönt worden. Hiebei iſt zu bemerken, daß die Lobredner der Normannen Stigand als Weih⸗ biſchof bezeichnen, da dieſer beim Pabſt in Ungnade ſtand und nicht als recht⸗ mäßiger Biſchof betrachtet wurde. So iſt auf der Stickerei von Bayeux dem dienſtthuenden Prälaten wohlweislich der Zettel„Stigand“ beigefügt, um an⸗ zudeuten, als wäre Harold nicht geſetzlich gekrönt worden. Florence, weitaus die beſte Autorität, ſagt ausdrücklich, Alred habe Harold gekrönt. Die im Terxte geſchilderte Krönungsceremonie iſt größtentheils nach Cottons Manu⸗ ſeript angeführt bei Sharon Turner, III. Bd., S. 151. bieten mit di einen ten, u Geſich oder der ins ſie der die die A über 5⁰⁵ m Und ſo ſtand er da mit ruhiger Stirne, ſein Antlitz Allen dar⸗ bietend, der Monarch von England, der Baſileus von Britannien! en Während deſſen ſtand unbeachtet zwiſchen der Menge ein Weib 5 3 mit dicht verſchleiertem Antlitz an eine Säule des Chors gelehnt; nur ⸗ einen Augenblick hob ſie den Schleier, um jene hohe Stirne zu betrach⸗ ten, und die Thränen rannen ihr ſtromweiſe über die Wangen, aber ihr Geſicht war nicht traurig. d„Laß es den Pöbel nicht ſehen, damit er Dich nicht bemitleide oder verachte, Dich— die Tochter von Königen, ebenſo groß wie er, 7 der Dich verläugnet und im Stiche läßt!“ flüſterte ihr eine Stimme ins Ohr, und Hilda's Geſtalt ſtand aufrecht neben Edithen, ohne daß ſie der Stütze von Säule oder Wand bedurft hätte. Editha neigte ihr Haupt und ſenkte den Schleier, als der König die Platform herabſtieg und wieder vor dem Altare ſtand, während „ die Worte ſeines dreifachen Gelöbniſſes gegen ſein Volk hell und klar über die lautloſe Menge hintönten: 3 3 Friede der Kirche und der chriſtlichen Heerde. Verbot des Raubs und der Ungerechtigkeit. Unpartheilichkeit und Gnade als Richter, ſo wahr Gott, der Barm⸗ 4 herzige und Gerechte, ihm ſelbſt Gnade erweiſen möge.“ Und ein leiſes Amen!' drang tief aus dem Herzen der verſammel⸗ ten Tauſende. Nach kurzem Gebete, welches von jedem Prälaten wiederholt wurde, ſah die Menge von Ferne die blitzende Krone über dem Haupte des Königs emporgehalten. Leiſe klang die Stimme des Einſegnenden, bis er zu den Worten gelangte:„So möge er mächtig und königlich wider alle ſichtbaren und unſichtbaren Feinde regieren, auf daß der Königsthron der Angeln und Sachſen ſein Scepter nicht verlaſſen 8 8 d möge!““ Mit dem Verſtummen des Gebets folgte der ſymboliſche Ritus der Einölung; dann erklang die ſonore Orgel“ und feierlich zwiſchen * Im neunten Jahrhundert in unſern Kirchen eingeführt. — 506 den Kirchenſchiffen erhob ſich der Geſang und am Schluſſe der Chor: Möge der König leben für immer!' in welchen die verſammelte Menge einſtimmte. Und die Krone, welche in der zitternden Hand des Präla⸗ ten geſchimmert, ruhte nun ſicher in ihrem Glanze auf der Stirne des Königs, und der Scepter der Gewalt und der Stab der Gerechtigkeit wurde den königlichen Händen überantwortet, den Frommen zur Be⸗ ſänftigung, den Böſen zum Schrecken.“ Gebet und Benediction wur⸗ den erneuert, bis man am Schluſſe den Segenswunſch vernahm: „Segne, o Herr, den Muth dieſes Fürſten und laß das Werk ſei⸗ ner Hände gedeihen. Mit ſeinem Horn, als dem Horne des Rhinoceros, möge er die Waſſer bis an die Enden der Erde treiben und Er, der zum Himmel emporgeſtiegen, möge ſeine Hülfe ſeyn für immer!“ Hier bot Hilda Edithen die Hand, um ſie von dem Orte fortzu⸗ führen, doch dieſe ſchüttelte das Haupt und murmelte:„nur noch ein⸗ mal, noch einmal!“ und that unwillkührlich einen Schritt vorwärts. Plötzlich theilte ſich die Menge auf dem Punkte, wo ſie ſtehen blieb, und herab durch die enge Gaſſe zwiſchen der eingekeilten athem⸗ loſen Verſammlung kam die feierliche Proceſſion: Prälaten und Thane zogen von der Kirche nach dem Pallaſte, und allein mit feſtem abgemeſ⸗ ſenem Schritte, das Diadem auf der Stirne und den Scepter in der Hand, kam der König. Editha hemmte den raſchen Impuls ihres Her⸗ zens, beugte ſich aber mit halbgelüftetem Schleier nach vorne und be⸗ trachtete ſtolz und zärtlich jenes Antlitz, jene Geſtalt von mehr als königlicher Majeſtät. Der Koͤnig zog vorüber und ſah ſie nicht— für ihn lebte keine Liebe mehr! Fünfundſechzigſtes Kapitel. Das Boot ſchoß über die königliche Themſe. Längs des Waſſers dahingetragen hörte man das Lärmen und Singen der ſchwärmenden Tauſende vom Lande her, das gleich einem Sturmwinde die eiſige Luft des Wolfmonats erſchütterte und Alles ſchien erfüllt von dem lautge⸗ rufene — da dete ſonne Edit leben feſſelt auf d Tag, der G ihr d ſchla liebt gehe Non Jug was zum daß man Tra niſſ ver haf 507 ene rufenen Namen Harolds des Königs. Raſch ruderten die Bootsleute räla⸗— das Boot ſchoß weiter und Hilda's ernſtes ominöſes Antlitz wen⸗ e des dete ſich nach den ſtillen Thürmen des Pallaſtes, welche unter der Winter⸗ gkeit ſonne in weißem Schimmer aus der Ferne blitzten. Plötzlich erhob Be⸗ Editha das Haupt vom Buſen und rief in leidenſchaftlichem Tone: witr⸗„O Mutter meiner Mutter! ich kann nicht länger in dem Hauſe . leben, wo mir die Wände ſogar von ihm erzählen; Alles, was ich ſehe, f ſei⸗ feſſelt meine Seele an die Erde, und ſie ſollte doch im Himmel ſeyn, erps auf daß ihre Bitten von den achtſamen Engeln gehört würden. Der Tag, den die heilige Frau von England vorherſagte, iſt gekommen, und zum der Silberſtrang iſt endlich gelöst. Ach warum— warum wollte ich rtzn⸗ ihr damals nicht glauben? Warum mußte ich damals das Kloſter aus⸗ ein⸗ ſchlagen? Doch nein, ich wills nicht bereuen; ich bin wenigſtens ge⸗ liebt worden! Jetzt aber will ich in das Nonnenkloſter nach Waltham 9 en gehen und an den Altären niederknieen, welche er für Mönch und hem⸗ Nonne geweiht hat.“. Han⸗„Editha,“ entgegnete die Vala,„Du wirſt nicht Deine noch friſche anef. Jugend in der lebendigen Gruft begraben wollen! Und trotz Allem, t der was Euch jetzt trennt— ja ſogar den neuen liebloſen Banden Harolds zum Trotze— ſteht noch immer klarer als jemals im Himmel geſe ſchrieben, He⸗ daß ein Tag kommen wird, wo Ihr für immer vereinigt ſeyn ſollt. So r als manche von den Geſtalten und Stimmen, die ich in der Verzückung des 4— Traumes geſehen und gehört, verſchwimmen in dem wirren Gedächt⸗ niſſe des wachenden Lebens; aber die Prophezeiung, daß das am Grabe verpfändete Gelübde erfüllt werden ſoll, iſt noch nie dunkel oder zweifel⸗ haft geworden.“ „O, o, verſuche— täuſche mich nicht!“ rief Editha, waͤhrend ihr ſſers das Blut bis in die Schläfen drang.„Du weißt, das kann nicht ſeyn. uden Einer Andern— einer Andern gehört er! Und Todſünde liegt in Luft Deinen Worten.“— Jtge⸗„Die Beſchlüſſe des Schickſals, das uns gegen unſeren Willen be⸗ herrſcht, wiſſen nichts von Sünde! Warte nur noch bis zu Harolds Ge⸗ 508 burtstage, denn meine Prophezeiungen werden mit der Traube reifen, und wenn im Weinmond“ die Füße des Winzers ſich röthen, werden die Nornen Euch abermals zuſammenketten!“ Editha ſaltete ſtumm ihre Hände und ſtarrte Hilda ins Geſicht — ſtarrte und ſchauderte, ſie wußte nicht warum. Das Boot landete an dem öſtlichen Flußufer jenſeits der Stadt⸗ thore, und Editha lenkte ihre Schritte den heiligen Mauern von Wal⸗ tham zu. Der Froſt pfiff ſcharf im Glanze der kalten Winterſonne; an den laubloſen Zweigen hingen die gezackten Eisjuwelen und die Krone ruhte auf Harolds Stirne! Mit Einbruch der Nacht horte Editha hinter Kloſtermauern die Geſänge der knieenden Mönche; heulend er⸗ hob ſich der Sturm und in den ſchwellenden Choral miſchten ſich die Stimmen zerſtörender Orkane. Sechsundſechzigſtes Kapitel. Toſtig ſaß in den Hallen von Brügge und neben ihm ſaß Judith, ſein hochmüthiges Weib. Der Earl und ſeine Gräfin ſpielten Schach, oder ein dem ähnliches Spiel, womit man ſich damals die Zeit vertrieb, und die Gräfin hatte die Figuren ihres Herrn in höchſt gefährliche Un⸗ ordnung gebracht, als Toſtig mit der Hand über das Brett ſtrich, daß die Stücke zu Boden rollten. „Das iſt einer von den Wegen, um einer Niederlage zuvorzu⸗ kommen,“ bemerkte Judith halb lächelnd und halb ärgerlich. „Es iſt der Weg des Kühnen und Weiſen,“ verſetzte Toſtig auf⸗ ſtehend:„wo Du Dich ſelbſt nicht gewinnen kannſt, da laß Zerſtö⸗ rung walten! Doch weg mit dieſen Spielereien! Ich kann mit mei⸗ nen Gedanken nicht am verſtellten Kampfe haften, während ſie dem wirklichen entgegenfliegen. Unſere letzten Nachrichten verbittern mir den Geſchmack des Weins, und ſtehlen meinem Lager den Schlummer. Es heißt, Edward werde den Winter nicht überleben und es verbreite * Weinmonat— Oktober. eifen, rden ſeſicht tadt⸗ Wal⸗ ; an rone ditha d er⸗ h die dith, hach, rieb, Un⸗ daß orzu⸗ auf⸗ rſtö⸗ mei⸗ dem mir ner. teite 509 ſich allenthalben das Gerücht, außer meinem Bruder Harold könne kei⸗ ner König werden. „Und wird Dir Dein Bruder als König Deine Graſſchaft zurück⸗ geben?“ „Er muß!“ gab Toſtig zur Antwort,„und trotz all unſerer Un⸗ einigkeit wird ers auch, wenn friedlich beſchickt, denn Harold beſitzt das Herz des Sachſen, welchem die Söhne eines und deſſelben Vaters theuer ſind, und meine Mutter Githa hemmte bei unſerer erſten Flucht die Stimme meiner Rachſucht und hieß mich geduldig warten und hoffen.“ Kaum hatte Toſtig dieſe Worte geſprochen, als der Anführer ſei⸗ ner däniſchen Hausdiener hereintrat und die Ankunft eines Boten aus England ankündigte. „Seine Neuigkeiten?[ſeine Neuigkeiten?“ rief der Earl; euit ſeinen eigenen Lippen laßt ſie ihn erzählen.“ Der Hausbeamte entfernte ſich, um alsbald den Boten, einen Anglodänen, einzuführen. „Deine finſtere Stirne beweist die Laſt auf Deinem Herzen,“ ſchrie Toſtig.„Rede und faſſe Dich kurz.“ „Edward iſt todt.“ „Ha! und wer regiert?“ „Dein Bruder iſt erwählt und gekrönt.“ Das Antlitz des Earls wurde roth und bleich in einem Athem, und durch ſein ſtürmiſches Herz zogen wechſelnde Regungen des Neids und alter Eiferſucht, gedemüthigten Stolzes und heftigen Mißvergnü⸗ gens; ſie erſtarben jedoch, ſobald ſein vorherrſchender Eigennutz, jene Bewunderung für den Erfolg, die ſich bei herrſchſüchtigen Gemüthern oft wie Großherzigkeit ausnimmt, und eine Anwandlung hochmüthigen Triumphs, daß er als eines Königs Bruder in den Hallen der Ver⸗ bannung daſtand, jene feindſeligeren und drohenderen Gefühle verjagten. „Jetzt werden wir nicht mehr das Brod der Abhängigkeit und wäͤre es ſelbſt von der Hand eines Vaters ſpeiſen,“ bemerkte Judith 510 voller Freude ſich nahend,„und da Harold vor der Kirche keine Dame als Königin auszurufen und auf dem Dais neben ſeinen Thron zu ſetzen hat, ſo wird Dein Weib, o mein Toſtig, im ſchönen England kaum einen geringeren Hofſtaat als ihre Schweſter in Rouen beſitzen.“ „Mich dünkt, ſo wirds wohl werden,“ meinte Toſtig.„Wie nun, Nuncius? warum blickſt Du ſo grimmig und ſchüttelſt den Kopf?“ „Wenig Ausſicht für Deine Dame, in den Hallen des Königs Staat zu machen; geringe Hoffnung für Dich, Deine weite Grafſchaft wieder zu gewinnen. Nur wenige Wochen ehe Dein Bruder die Krone erwarb, gewann er auch eine Braut in dem Hauſe Deines Feindes und Beraubers: Aldytha, die Schweſter Edwins und Morcars, iſt Königin von England und dieſe Verbindung ſchließt Dich für immer von Northumbrien aus.“ Bei dieſen Worten wankte der Earl zurückt, als ob er von einer tödtlichen unausſprechlichen Beſchimpfung getroffen wäre, und ſtand feinen Augenblick ſtumm vor Wuth und Beſtürzung. Seine ausneh⸗ mend ſchönen Züge wurden zur Teufelsfratze verzerrt, als er einen furchtbaren Fluch donnernd und mit dem Fuße ſtampfend, den Boten mit hochmüthiger Handbewegung entließ und in finſterer Verwirrung im Zimmer auf⸗ und abſchritt. Judith, ein ſtolzes, rachſüchtiges Weib, wie ihre Schweſter Ma⸗ thilde, hörte nicht auf, den tiefen Groll ihres Gebieters mit jenem ſcharfen Gifte, wie es ihrem Geſchlechte auf der Zunge liegt, immer mehr zu entzünden. Vielleicht daß eine Regung weiblicher Eiferſucht gegen Aldytha dazu beitrug, ihren eigenen Unwillen zu vermehren; aber auch ohne dieſe frivole Zugabe zu ihrem Aerger war durch dieſe Heirath Urſache genug vorhanden, um die Entfremdung zwiſchen dem König und ſeinem Bruder vollſtändig zu machen. Es war unmöglich, daß ein ſo rachſüchtiger Menſch wie Toſtig nicht den tiefſten Ingrimm gegen das Volk, das ihn verworfen, wie wider den neuen Earl, der ihn erſetzt hatte, gefaßt haben ſollte, und Harold mußte ihn dadurch, daß er die Schweſter ſeines glücklichen Gegners und Nebenbuhlers 511 Dame ehelichte, an dem empfindlichſten Fleck ſeiner Seele treffen. Der König on zu billigte und ſanktionirte alſo förmlich ſeine Verwerfung, nahm feier⸗ Dland lich Parthie für ſeinen Feind, beraubte ihn aller geſetzlichen Ausſicht, en. ſeine Beſitzungen wieder zu gewinnen und hatte ihn nach den Worten .u des Boten für immer von Northumbrien ausgeſchloſſen.“ nigs Und das war noch nicht Alles: ſetzte er auch den Fall, daß er nach ſchaft England zurückkehrte und ſich mit Harold verſoͤhnte— mußten da Rrone nicht dieſe verabſcheuten und vom Glück begünſtigten Gegner, von jetzt indes an natürlich der intimſte Theil der königlichen Familie und vorzugs⸗ 4 weiſe im Vertrauen des Herrſchers ſtehend, ihm ſelbſt bei jedem Plane iſ zu perſönlicher Vergrößerung höhnend in den Weg treten— mit einem het Worte, waren nicht ſeine Feinde in dem Lager ſeines Bruders? 4 Während er alſo zähneknirſchend in ſeinem Ingrimm, der um ſo Arlter tödtlicher war, weil er noch keinen Weg der Vergeltung vor ſich ſah, ſtand im Zimmer auf und ab ſchritt, äußerte Judith, den beſonderen Faden neh⸗ ihrer eigenen Gedanken verfolgend: einen„Wäre meiner Schweſter Gatte, der Graf der Normannen— Zoten wie er von Rechtswegen ſollte— ſeinem Vetter, dem Mönchekönig, rung gefolgt, ſo hätte ich wenigſtens eine Schweſter auf dem Throne und Du beſäßeſt an ihrem Gemahl einen zärtlicheren Bruder als dieſen Ma⸗ Harold— einen Mann, der ſeine Barone mit Schwert und Panzer Mein unterſtützt und die wider ſie rebellirenden Schufte dem Strick und uner Feuer preisgibt.“ ucht„Ho!“ rief Toſtig, in ſeinen haſtigen Schritten plötzlich innehal⸗ wein; tend:„küſſe mich, Weib, für dieſe Worte! Sie haben Dir zur Ge⸗ ieſe walt und mir zur Rache verholfen. Wenn Du Deiner Schweſter einen dem 1 Liebesgruß ſenden willſt, ſo nimm Feder und Pergament und ſpute ich,„Dditch trotz dem ſchnellfingerigſten Schreiber: ehe die Sonne eine Stunde de älter iſt, bin ich auf dem Wege zu Graf William.“ r rch, ers ——n 512 Siebenundſechzigſtes Kapitel. Der Herzog der Normannen befand ſich in dem Forſt⸗ oder Park⸗ lande von Rouvray und ſeine Barone und Ritter ſtanden um ihn ver⸗ ſammelt, eine neue Probe ſeiner Stärke und Geſchicklichkeit in der Bogenführung erwartend, denn der Herzog verſuchte einige Pfeile— eine Waffe, mit deren Verbeſſerung er ſich fortwährend beſchäftigte, indem er bald den Schaft abkürzte oder verlängerte, bald das Gefieder und die Schwere der Spitze nach der höchſten Verfeinerung der mecha⸗ niſchen Geſetze einrichten ließ. Fröhlich und herablaſſend in der fri⸗ ſchen Winterluft ſcherzte und lachte der große Graf, als die Knappen einen lebendigen Vogel auf dem fernen Raſen an einen Pfahl banden. „Parder,“ rief William,„Conan von Bretagne und Philipp von Frankreich ſind ſo unfreundlich, uns jetzt ſo ganz in Frieden zu laſſen, daß ich glaube, wir werden nie wieder eine größere Zielſcheibe für un⸗ ſere Pfeile als die Bruſt jenes armen bebenden Geſiederten bekommen.“ Während der Herzog ſprach und lachte, hörte man die dürren Zweige hinter ihm krachen und praſſeln und über den feſtgefrornen Raſen kam ein Roß in vollem Lauſe daher geſprengt. Des Herzogs Lächeln verſchwand in dem Zürnen ſeines Stolzes. „Kühner unbarmherziger Reiter,“ rief er,„wer wagt es, ſich alſo unter Grafen und Prinzen einzudrängen?“ Der Reiter jagte gerades Wegs auf Herzog William los und ſprang dann vom Roſſe; ſein Mantel und Gewand war noch reicher, als das des Herzogs, aber vom Schmutz der Reiſe ganz verdorben. Ohne ein Knie zu beugen oder das Barret zu lüpfen, faßte er den be⸗ troffenen Normannen mit einer Fauſt, ſo ſtark wie Williams eigene, und führte ihn abſeits von ſeinen Höflingen. „Du kennſt mich, William?“ begann er,„obwohl ich nicht ſo allein an Deinen Hof kommen ſollte, wenn ich Dir nicht eine Krone über⸗ brächte.“ „Willkommen, wackerer Toſtig!“ entgegnete der Herzog in ver⸗ Park⸗ n ver⸗ n der le— tigte, fieder recha⸗ r fri⸗ ppen nden. b von gaſſen, r un⸗ nen.“ ürren ornen rzogs alſo und cher, ben. 1 be⸗ ene, lein ber⸗ ver⸗ 1 3 513 wundertem Tone.„Was meinſt Du? Nichts als Gutes— wie ich aus Deinen Worten und Deinem Lächeln entnehmen ſollte.“ „Edward ſchlummert bei den Todten— und Harold iſt König von ganz England!“ „König!— England!— König!“ ſtammelte William in ſeiner Aufregung.„Edward todt!— Die Heiligen mögen ihn behüten! Dann iſt England mein. König!— ich bin der König! Harold hat es geſchworen; meine Grafen und Prälaten haben es gehört; die Gebeine der Heiligen ſind Zeugen ſeines Schwures!“ „Etwas der Art habe ich von unſerem beau pèére, Graf Bald⸗ win, erfahren, das Weitere will ich von Dir hören, wenn Du Muße haſt; mittlerweile aber nimm mein Wort als Miles und Sachſe— mein Bruder, Lord Harold, wird nimmermehr einen Zoll engliſchen Bodens an den Normannen abtreten, ſo lange ihmnoch ein Athemzug auf den Lippen oder ein Pulsſchlag in ſeinem Herzen übrig bleibt.“ William wurde bleich und halb ohnmächtig vor Erſchütterung, und lehnte ſich hülfeſuchend an eine entblätterte Eiche. Unterdeſſen gingen geſchäftige Gerüchte unter den geſpannten Rittern und Lehensleuten, als ſie ihren Fürſten ſo lange ferne bleiben und mit dem Reitersmanne verkehren ſahen, welchen einige von ihnen als Toſtig, den Gemahl von Mathildens Schweſter, erkannten. Endlich traten Beide neben einander noch immer in ernſtem Ge⸗ ſpräch zu der Gruppe, und William forderte den Sire von Tancarville auf, ſeinen Schwager nach der Stadt Rouen zu begleiten, deren Thürme zwiſchen den Waldbäumen emporſtiegen. „Suche Ruhe und Erfriſchung, mein edler Schwager,“ ſagte der Herzog;„beſuche unterdeſſen meine Gemahlin Mathilde. Ich werde alsbald bei Dir ſeyn.“ Der Earl ſtieg wieder zu Roß, begrüßte die Geſellſchaft mit wil⸗ der haſtiger Gebärde und war bald zwiſchen den Gehölzen verſchwunden. William ſetzte ſich ſofort bald ſeufzend bald ſtirnrunzelnd auf den Raſen und löste mechaniſch den Strang ſeines Bogens;„keine weitere Bulwer, Harold. 33 514 Jagd für heute!“ war Alles, was er gegen ſeine Lords verlauten ließ, indem er ſich langſam erhob, und ſich allein nach den dickſten Theilen des Waldes wandte. Sein getreuer Fitzosborne bemerkte jedoch ſeine düſtere Stim⸗ mung und folgte ihm in zärtlicher Beſorgniß. Der Herzog gelangte ans Ufer der Seine, wo ſeine Galeere auf ihn wartete: er ſtieg ein, ſetzte ſich auf die Bank, ohne Fitzosborne zu beachten, welcher ruhig hinter ſeinem Gebieter eintrat und ſich auf einer andern Bank nie⸗ derließ. Die kurze Reiſe nach Rouen wurde ſchweigend zurückgelegt; ſo⸗ bald der Herzog ſeinen Pallaſt erreicht hatte, wandte er ſich ohne To⸗ ſtig oder Mathilden aufzuſuchen, nach der großen Halle, wo er mit ſeinen Baronen Rath zu halten pflegte; dort ging er auf und ab, in⸗ dem er, wie die Chroniſten berichten, ſeine Stellung häufig wechſelte und die Schnüre ſeines Mantels zu öfteren Malen losknüpfte und wie⸗ der in Knoten ſchürzte'. Fitzosborne hatte unterdeſſen den Er⸗Earl in Mathildens Kloſet aufgeſucht; er kehrte jetzt zurück und trat keck auf den Herzog zu, dem ſich ſonſt Niemand zu nahen wagte. 4 „Warum verbergen wollen, mein Lehensherr, was bereits bekannt und noch vor Abend in Aller Munde ſeyn wird?“ hub er an.„Ihr ſeyd verſtört, weil Edward todt iſt und Harold mit Verletzung ſeines Schwures das engliſche Reich in Beſitz genommen hat.“ „Ja,“ verſetzte der Herzog mild und mit dem Tone eines ſanften tiefgekränkten Mannes,„der Tod meines theuren Vetters und Harolds Unrecht gehen mir nahe.“ „Niemand ſollte ſich grämen über das, was er abändern— noch weniger aber über das, was er nicht anders machen kann,“ entgegnete Fitzosborne halb ernſt, wie es dem Skandinavier, halb luſtig, wie es dem Franken geziemte.„Für Edwards Tod gibt es allerdings kein Heil⸗ mittel, wohl aber für Harolds Verrath! Habt Ihr nicht ein ſtattliches Heer von Rittern und Kriegsleuten? Was bedürft Ihr noch, um den 3 ( 1 515 Sachſen zu zerſchmettern und ſein Reich zu erobern— was anders als ein kühnes Herz? Eine große That wohl begonnen, iſt halb gethan. Beginne nur, Graf der Normannen; das Uebrige wollen wir voll⸗ enden.“ Alles was William bedurfte und was er noch bezweifelte, war die Hülfe ſeiner ſtolzen Barone, und aus ſeiner ſchwer laſtenden Ver⸗ ſtellung auffahrend, erhob der Herzog das Haupt und ſeine Augen leuchteten. „Ha, ſprichſt Du ſo? Dann, beim Glanze Gottes, wollen wer dieſe That unternehmen. Spute Dich— errege die Herzen, kräftige die Arme mit Verſprechen und Drohungen, nur daß Du ſie gewinneſt! Ausgedehnt ſind die Ländereien von England und großmüthig iſt eines Eroberers Hand. Gehe und rufe all' meine treuen Lords in den Staatsrath— er ſoll ſtattlicher werden als er jemals unter den Söhnen von Rou die Herzen oder Fäuſte erregte.“ Achtundſechzigſtes Kapitel. Kurz war Toſtigs Aufenthalt am Hofe zu Rouen; der Vertrag zwiſchen dem habgierigen Herzog und dem rachſüchtigen Verräther ward eiligſt abgeſchloſſen: Alles was einſt Harold verheißen worden, wurde jetzt Toſtig verſprochen, wenn Letzterer dem Normannen zum engliſchen Throne verhelfen wollte. Im Innern war übrigens Toſtig nur wenig zufrieden. Seine zufälligen Unterredungen mit den vornehmſten Baronen, welche die Eroberung von England als den Traum eines Wahnſinnigen zu be⸗ trachten ſchienen, zeigten ihm, wie zweifelhaft Williams Ausſicht war, ſeine Lehensleute zu einem Dienſte zu bewegen, wozu der Wortlaut ihrer Belehnung ſie nicht zu verpflichten ſchien; auf alle Fälle ahnte er Verzögerung und Aufſchub, was ſeiner feurigen Ungeduld gar we⸗ nig entſprach. Er nahm Williams Anerbieten an und ſegelte unter dem Vorwande, die northumbriſchen Küſten zu rekognosciren und dort 33* 516 einen Aufſtand zu ſeinen Gunſten zu verſuchen, mit zwei bis drei Schif⸗ fen von der Normandie ab. Seine Unzufriedenheit wurde durch die geringfügige Hülfe, die man ihm gewährte, nur noch vergrößert, denn der argwöhniſche William mißtraute ſeiner Treue ſo gut wie ſeiner Macht, und Toſtig, der bei all ſeinen Fehlern nur ein ungeſchickter Heuchler war, verrieth ſeine mürriſche Stimmung, als er von ſeinem Wirthe Abſchied nahm. „Komme was da wolle,“ ſagte der trotzige Sachſe,„kein Frem⸗ der ſoll ohne meine Hülfe die engliſche Krone gewinnen. Dir biete ich ſie zuerſt; aber Du mußt bei Zeiten kommen und ſie in Empfang nehmen, ſonſt——“ „Sonſt?“ fragte der Herzog ſich auf die Lippen beißend. „Sonſt wird der Vaterſtamm von Rou Dir zuvorkommen! Mein Noß ſcharrt vor der Thüre. Fahre wohl, Normanne; ſchärfe Deine Schwerter, rüſte Deine Schiffe und befeure Deine langſamen Barone.“ Kaum war Toſtig abgereist, als William auch ſchon bereute, daß er ihn ſo hatte abziehen laſſen; als er jedoch Lanfrane's Rath einholte, beruhigte ihn dieſer weiſe Miniſter. 3„Fürchte keinen Nebenbuhler, Sohn und Herr,“ ſagte dieſer. „Die Gebeine der Todten ſind auf Deiner Seite und Du weißt noch nicht, wie mächtig ihre fleiſchloſen Arme! Alles was Toſtig thun kann, iſt, Harolds Streitkräfte zu theilen. Laß ihn zum Schlimmſten grei⸗ fen und auch dann übereile Dich nicht. Noch iſt Vieles zu thun— die Wolke muß ſich ſammeln, das Feuer muß ſich bilden, ehe der Bol⸗ zen abgeſchoſſen werden kann. Sende friedlich zu Harold und mahne ihn freundlich an Eid und Reliquien, an Pfand und Vertrag. Bringe das Recht auf Deine Seite und dann—“ „Nun— was dann?“ „Wird Rom den Meineidigen verfluchen und Dein Banner heili⸗ gen; es iſt dann kein Streit von Macht gegen Macht, ſondern ein Religionskrieg, und Du wirſt das Gewiſſen der Menſchen und den Arm der Kirche auf Deiner Seite haben.“ 517 Mittlerweile ſchiffte ſich Toſtig zu Harfleur ein; ſtatt aber gegen die nördlichen Küſten von England zu ſegeln, wendete er ſich nach einem der flämiſchen Häfen, wo er die normänniſchen Schiffe unter verſchiedenen Vorwänden mit Flammändern, Finnen und Nordmännern friſch zu bemannen wußte. Seine Erwägungen während der Reiſe hatten ihn beſtimmt, William nicht zu vertrauen, und er richtete nun⸗ mehr bei gutem Wind und günſtigem Wetter ſeinen Lauf nach den Küſten ſeines mütterlichen Oheims, des Königs Sweyn von Dänemark. In der That war dieſe Aenderung ſeines Planes aller wahrſchein⸗ lichen Berechnung zufolge von der Politik geboten. Die engliſchen Flotten waren zahlreich und mit renommirten Seeleuten bemannt: die Normänner dagegen beſaßen bis jetzt in Seekämpfen weder Ruhm noch Erfahrung und ihre Marine ſelbſt war kaum gebildet, ſo daß ſogar Williams Landung in England ein ebenſo ſchweres als zweifel⸗ haftes Unternehmen war. Ueberdies, wenn man auch den günſtigſten Erfolg zugab— mußte nicht dieſer normänniſche Prinz bei ſeinem Ehrgeiz und ſeiner Verſchloſſenheit für Earl Toſtig einen weit ge⸗ fährlicheren Herrn als ſein eigener Oheim Sweyn abgeben? So wurde alſo der Vertrag von Rouen vergeſſen, denn kaum war der ſächſiſche Lord bei dem König der Dänen vorgelaſſen, als er ſeinem Verwandten begreiflich zu machen ſuchte, wie ruhmvoll die Wiedergewinnung von Canut's Scepter für ihn wäre. Ein wackerer aber vorſichtiger und argliſtiger Veteran war König Sweyn; wenige Tage vor Toſtigs Ankunft hatte er Briefe von ſeiner Schweſter Githa erhalten, welche, Godwin's Gebote getreu, alle Handlungen und Rathſchläge Harolds gegenüber von ſeinem Bruder als weiſe und gerecht betrachtete. Dieſe Briefe hatten ihn behutſam gemacht und ihm den wahren Stand der Dinge in England dargelegt. So kam es, daß König Sweyn ſeinem Neffen Toſtig lächelnd er⸗ wiederte: „Ein großer Mann war Canut, ein kleiner bin ich: kaum ver⸗ 518 mag ich mein däniſches Reich vor dem Griffe des Norwegers zu be⸗ wahren, während Canut das Land Norwegen ohne Schwertſtreich* in Beſitz nahm; aber ſo groß er auch war, ſo koſtete ihn doch Englands Eroberung einen harten Kampf und ſchwere Gefahren brachte ihm deſſen Behauptung. Drum iſt's am Beſten für kleine Leute, mit dem Lichte ihres eigenen ſchwachen Verſtandes zu regieren und nicht auf das Glück des großen Canut zu rechnen, denn das Glück iſt blos mit den Großen.“ „Deine Antwort,“ höhnte Toſtig in bitterem Tone,„iſt nicht, wie ich ſte von einem Oheim und Kriegsmann erwartete. Aber es laſſen ſich wohl noch andere Häuptlinge finden, die ſich weniger vor dem Glücke hoher Thaten fürchten.“ »So, ſagt der norwegiſche Chroniſt, ttrennten ſich Earl und König nicht gerade als die beſten Freunde, und Erſterer eilte ohne Verzug zu Harold Hardrada von Norwegen. Ein ächter Held des Nordens, ein wahrer Liebling des Kriegs und Geſanges war dieſer Harold Hardrada! In der furchtbaren Schlacht von Stickleſtad, wo ſein Bruder St. Olaf gefallen, zählte lin er erſt fünfzehn Jahre; aber ſein Körper war mit den Wunden eines Veteranen bedeckt. Dem Schlachtfelde entrinnend lag er fern im dichteſten Walde im Hauſe eines Bonderbauern verſteckt, bis ſeine Wunden geheilt waren. Von dort zog er unter fröhlichem Geſange (denn eines Dichters Seele brannte hell in Hardradas Bruſt), daß ein Tag kommen würde, wo ſein Name in dem Lande, das er jetzt ver⸗ ließ, groß ſeyn werde— in das Land Schweden und weiter nach Nußland, bis er nach wilden Abenteuern im Orient mit der kühnen Truppe, die er um ſich verſammelt hatte, zu dem Korps der Wäringer,** * Snorro Sturleſon: Laing. ** Die Wäringer oder Varangi, ein furchtbares meiſt aus Nordmännern beſtehendes Korps, die Janitſcharen des byzantiniſchen Reichs, boten allen un⸗ zufriedenen oder geächteten Heldenſöhnen des Nordens ein glänzendes Feld des Glückes und Krieges. Später traten in daſſelbe viele der tapferſten und te —9n dne 7— 519 jener berühmten Leibwache der griechiſchen Kaiſer, ſtieß und deren An⸗ führer wurde. Die Zwietracht zwiſchen ihm ſelbſt und dem griechiſchen General der kaiſerlichen Streitkräfte(die norwegiſche Chronik nennt ihn Gyrger) endete damit, daß ſich Harold mit ſeinen Wäringern nach den ſarazeniſchen Beſitzungen in Afrika zurückzog. Achtzig erſtürmte und eroberte Schlöſſer, reiche Beute an Geld und Juwelen und noch edlerer Lohn im Geſange des Skalden und dem Lobe des Tapferen be⸗ zeugten die Kühnheit des großen Skandinaviers. Neue blutgetränkte Lorbeeren und friſch erkämpfte Schätze erwarteten ihn in Sieilien, von wo er als rohes Vorbild der ſpäteren Kreuzfahrer gen Jeruſalem zog. Sein Schwert fegte Moslem und Räuber zu Boden; er badete im Jordan und kniete vor dem heiligen Kreuze. Nach Konſtantinopel zurückgekehrt, erwachte in ihm die Sehnſucht nach ſeiner nördlichen Heimath. Er erfuhr, daß ſein Neffe Magnus, St. Olafs unehelicher Sohn, König von Norwegen geworden war— und er ſelbſt trachtete nach einem Throne. So legte er ſein Kommando unter der Kaiſerin Zoe nieder; aber dieſe liebte den kühnen Häupt⸗ ling(wenn man anders den Skalden glauben darf), deſſen Herz jedoch an ihrer Nichte Maria hing. Um Hardrada zurückzuhalten, ward eine Klage wegen Unterſchlagung von Sold oder Beute wider ihn vorgebracht und er ſelbſt ins Gefängniß geworfen. Allein ſo oft der Tapfere in Gefahr iſt, pflegen die Heiligen die Schönheit zu ſeiner Hülfe zu ſenden! Durch einen heiligen Traum bewogen, ließ eine griechiſche Dame von dem Dache des Thurmes eine Strickleiter in Hardrada's Gefängniß herab: er entrann, ſammelte ſeine Wäringer, die ſich um ihren Anführer ſchaarten, zog vor das Haus ſeiner gelieb⸗ ten Maria, trug ſie auf ſeine Galeere und ſtach in das ſchwarze Meer. vornehmſten ſächſiſchen Edlen, welche nicht unter dem normänniſchen Joche leben mochten. Walter Scott hat in ſeinem wenn nicht gerade beſten ſo doch mit vieler Schönheit und Treue geſchriebenen Romane Graf Robert von Paris dieſe renommirte Bande mit ächt poetiſcher Lebendigkeit und hiſtori⸗ ſcher Wahrheit geſchildert. 520 Von Nowgorod, deſſen freundlich geſinntem Könige er ſeine reichen Schätze ſicher anvertraut hatte, ſegelte er heim gegen Norden, und nachdem er Thaten, würdig der alten Seekönige, verrichtet, erhielt er von Magnus die Hälfte von Norwegen, bis nach dem Tode ſeines Neffen dieſes ganze Königreich auf ihn überging. Einen weiſeren und reicheren, einen kühneren und gefürchteteren König hatte man noch nie im Norden gekannt, und er war es, an den ſich Toſtig der Earl mit dem Anerbieten von Englands Krone wendete. Es war eben eine der glorreichen nordiſchen Nächte, der Winter hatte bereits angefangen dem erſten Frühling zu weichen, als unter einer Art ländlicher aus rohen Fichtenſtämmen gebildeter Halle, nicht unähnlich den Schweizer⸗ und Tyroler⸗Landhäuſern, zwei Männer bei⸗ ſammen ſaßen. Die Halle war vor einer geheimen Thüre auf der Hinterſeite eines langen niederen unregelmäßigen Holzbaues errichtet, welcher zwei bis drei Höfe umfaßte und einen ungeheuren Flächenraum bedeckte. Dieſe geheime Thüre ſchien zu dem Zwecke angebracht, um unmittelbar zur See zu gelangen, denn das Felſenriff, über welches dieſer hölzerne Bogen ſein rauhes Dach ausbreitete, ſprang weit in den Ocean hinaus und eine rohe Treppe, durch die Felſen gehauen, ging von da bis zum Strande hinab. Das Ufer, von kühnen fremd⸗ artigen grotesken Felsplatten mit Spitzen und Zacken eingefaßt, krümmte ſich zu einer weiten Bucht, und dich unter der Klippe lagen ſieben hohe, ſchlanke Kriegsſchiffe vor Anker, deren Schnabel und Stern mit ſeiner reichen Vergoldung in dem glänzenden Mondlichte ſchimmerte. Dieſes roh gezimmerte Haus, das blos eine zuſammenhängende Kette barbariſcher Hütten zu ſeyn ſchien, war einer der Landpalläſte Hardradas von Norwegen; die ächten Hallen ſeines Königthums, den wahren Sitz ſeiner Herrſchaft bildeten jedoch die Decke jener ſtolzen Kriegsſchiffe. Durch die ſchmalen Gitterfenſter des Blockhauſes ſah man Lich⸗ ter ſchimmern; aus dem Giebel des Daches kräuſelte der Rauch; von der Halle auf der andern Seite des Gebäudes tönte der Lärm eines . tumu äußer Kontt chen noch Süde Bow gefül tigen ſchier ware hüllt nen liehe 521 tumultuariſchen Trinkgelages herüber, wogegen die tiefe Stille der äußeren Luft, ſo ſternerleuchtet und in Froſt gehüllt, in ihrem ſtarken Kontraſte die rauhen Klänge menſchlicher Schwelgerei zurückzuſcheu⸗ chen ſchien, denn dieſe nördliche Nacht war faſt ebenſo glänzend— nur noch ungleich erhabener in ihrer Ruhe— als ein Mittag im goldenen Süden! Auf einem Tiſche in der geräumigen Halle ſtand eine rieſige Bowle aus Birkenholz, in Silber gefaßt und mit einem ſtarken Tranke gefüllt; daneben zwei mächtige Trinkhörner, deren Größe den gewal⸗ tigen Zechern jener Zeit angepaßt war. Die beiden Männer ſchienen ſich wenig um die kalte ſtrenge Nachtluft zu kümmern— ſie waren freilich in tüchtige Pelze, vom nördlichen Eisbären erbeutet, ge⸗ hüllt, denn jeder hegte heiße Gedanken in ſeinem Innern, welche ſei⸗ nen Adern größere Wärme als die Bowle oder das Bäͤrenfell ver⸗ liehen. Sie waren Wirth und Gaſt. Als ob ihm ſeine Gedanken keine Ruhe ließen, erhob ſich Erſterer von ſeinem Sitze und ſtellte ſich im Mondlicht auf den bleichen Felſen; ſo geſehen ſchien ſeine Geſtalt kaum noch dem Menſchengeſchlechte, wohl aber einem Kriegshäuptlinge der fernſten Zeiten— ja einer Periode anzugehören, wo die Sündfluth dieſe Felſen noch nicht zerſplittert und dieſer eiſigen See ein Bett am Lande gegraben hatte. Harold Hardrada ragte an Höhe über alle Söhne des neueren Geſchlechts: fünf norwegiſche Ellen“ maß er * Laings Snorro Sturleſon.—„Die alte norwegiſche Elle faßte weniger als die jetzige und Thorlaſius rechnet in einer Note zu dieſem Ka⸗ pitel, daß Harolds Länge etwa vier däniſche Ellen, d. h. acht Fuß betragen haben mochte.“— Laings Bemerkung zu obigem Terxt. Wenn wir auch die Uebertreibung des Chroniſten zugeben, ſo iſt wenig⸗ ſtens ſo viel wahrſcheinlich, daß Hardrada über ſieben Fuß maß, da ihm unſer engliſcher Harold(wie Laing in der nämlichen Note bemerkt und wir ſpäter gleichfalls anführen werden) den engliſchen wie den däniſchen Schriftſtellern zufolge zum Grabe ſieben Fuß Landes oder ſo viel mehr anbot, als ſeine Statur die anderer Menſchenkinder überragte. 522 vollauf, und dieſe Statur war frei von allen Unvollkommenheiten im Ebenmaß und zeigte auch nicht jene Schwerfälligkeit des Aeußeren, welche in der Regel jede bedeutende Ueberſchreitung menſchlicher Ge⸗ ſtalt und Stärke eher monſtrös als gebietend erſcheinen läßt; ſeine Verhältniſſe waren im Gegentheil vollkommen regelrecht, ſeine Er⸗ ſcheinung durchaus edel und der einzige Mangel, deſſen die Chronik an ſeiner Geſtalt erwähnt, war der, daß ſeine Hände und Füße, wenn auch letztere wohl gebildet, doch ziemlich groß waren.“* Sein Antlitz beſaß die volle Schönheit der Nordmänner; ſeine goldenen Haarlocken, über einer Stirne geſcheitelt, welche die Kühn⸗ heit des Kriegers mit dem Genie des Barden vereinte, fielen in ſchim⸗ mernder Fülle über ſeine Schultern; ein kurzer Kinn⸗ und langer Schnurrbart von derſelben Farbe, ſorgfältig gepflegt, vermehrte noch die großartige männliche Schönheit ſeiner Züge, an denen als einzige Eigenthümlichkeit auffiel, daß die eine Augbraue höher ſtand als die andere,“* was ſeinem Stirnrunzeln einen drohenderen, ſeinem Lächeln einen ſchelmiſcheren Ausdruck verlieh; denn raſchen Impulſen gehor⸗ chend pflegte dieſer dichteriſche Titan gar oft zu lächeln und zu zürnen. Harold Hardrada ſtand im Mondlichte und betrachtete nachdenk⸗ lich die leuchtende See. Toſtig beobachtete ihn eine Zeitlang von der Halle aus, bis auch er ſich erhob und zu ihm trat. „Wie mögen nur meine Worte Dich alſo aufſtören, o König des Nordlands?“ „Iſt denn der Ruhm ein Trank der zum Schlummer beſänftigt?“ verſetzte der Norweger. „Deine Antwort gefällt mir,“ bemerkte Toſtig lächelnd,„und noch lieber mag ich Dein Auge bewachen, wie es die Schnäbel Deiner Kriegsſchiffe betrachtet. Sonderbar in der That müßte es zugehen, wenn Du, der fünfzehn Jahre lang um das winzige Königreich Däne⸗ * Snorro Sturleſon. S. Note O am Ende des Werkes. 2* Ebendaſelbſt. n im eren, Ge⸗ ſeine Er⸗ ronik wenn ſeine ühn⸗ ſchim⸗ nger noch nzige s die cheln ehor⸗ rnen. denk⸗ n der g des gt?“ „und einer hen, äne⸗ 5²28 mark gefochten, nunmehr, da ganz England vor Dir ausgebreitet liegt, zögern ſollteſt.“ „Ich zögere nur,“ erwiederte der König,„weil der, den das Glück ſo lange begünſtigte, ſich hüten ſollte, deſſen Gunſt allzu oft anzuſprechen. Achtzehn regelmäßige Schlachten lieferte ich im Sara⸗ zenenlande, und in jeder blieb ich Sieger— noch nie weder zu Haus noch auswärts habe ich Niederlage und Schande kennen gelernt. Bläst der Wind immer in derſelben Richtung?— Und iſt das Schickſal weniger launiſch als der Wind?“ „Höre auf, Harold Hardrada,“ rief Toſtig der Trotzige:„ein guter Lootſe weiß ſeinen Weg durch alle Winde zu finden; ein tapferes Herz wird das Geſchick an ſeine Flaggen heften. Es wird von Allen zugegeben, daß der Norden nie einen Krieger gleich Dir beſaß, und jetzt im Mittage Deiner Mannheit willſt Du Dich auf den Lorbeeren Deiner Jugend zur Ruhe legen?“ „Nein,“ ſagte der König, der gleich allen ächten Dichtern eine Ader von dem tiefen Sinne des Weiſen beſaß und nicht nur als der verwegenſte, ſondern auch als der klugſte Häuptling des Nordlandes betrachtet wurde—„nein, nicht mit ſolchen Worten, welche meine Seele nur allzuſehr unterſtützt, wird es Dir gelingen, einen Beherr⸗ ſcher von Männern in die Falle zu locken. Du mußt mir die Aus⸗ ſicht auf Erfolg zeigen, wie Du ſie einem Graubarte darlegen würdeſt, denn ehe wir uns einlaſſen, ſollten wir ſeyn wie die Greiſe, wie Jünglinge aber, ſobald wir Etwas durchzuſetzen wünſchen.“ Der Verräther begann ſofort die ſchwachen Punkte in ſeines Bruders Herrſchaft in Kürze aufzuzählen: ein Schatz, erſchöpft durch Edwards nutzloſe Verſchwendung; ein Land, ſogar an den Flußmün⸗ dungen ohne Kaſtell oder Bollwerk; ein Volk, durch langen Frieden träg geworden und dermaßen gewöhnt, in ſolchen nordiſchen Eindring⸗ lingen ſeine Könige und Herrſcher anzuerkennen, daß eine einzige glück⸗ liche Schlacht die Hälfte der Bevölkerung dazu bringen mochte, den Sachſen zur Abſchließung des Friedens und zur Abtretung des halben 524 Reiches zu zwingen— wie dies ſchon früher von Ironſide gegen Canut geſchehen. Er hob beſonders den Schrecken vor den Nord⸗ männern hervor, der noch immer in ganz England herrſchte, und nicht minder die Verwandtſchaft, welche zwiſchen den Northumbriern, den Oſtangeln und Hardrada's Stamme exiſtirte— eine Verwandtſchaft, welche ſie zwar anfänglich nicht am Widerſtande hindern, ſobald aber ein Erfolg erfochten war, die Einwohnerſchaft mit der ſpäteren Herr⸗ ſchaft ausſöhnen würde. Endlich wußte er Hardrada's Wetteifer durch die Nachricht anzuſpornen, daß der Graf der Normannen, wenn er ſelbſt ihm nicht baldigſt zuvorkomme, die dargebotene Beute ergreifen werde. Dieſe mancherlei Vorſtellungen wie die Erinnerung an Canuts Sieg beſtimmten Hardrada, und kaum hatte Toſtig geendet, als er die Hand gegen ſeine ſchlummernden Kriegsſchiffe ausſtreckend in den Ruf ausbrach: „Genug; Ihr habt die Schnäbel der Raben gewetzt und die Mee⸗ resroſſe geharniſcht!“ Neunundſechzigſtes Kapitel. König Harold von England hatte ſich unterdeſſen ſeinem Volke theuer gemacht, indem er den vollen Ruhm bewährte, der ihm als Earl Harold zu Theil geworden war. Von dem Augenblicke ſeiner Thronbeſteigung an zzeigte er ſich fromm, demüthig und leutſelig* und verſäumte keine Gelegenheit, um allenthalben Beweiſe gränzen⸗ loſer Freigebigkeit, Güte und höflichen Benehmens zu geben.— Auch die beſchwerlichen Zölle und Abgaben, welche ſeine Vorgänger erhoben hatten, ließ er entweder aufheben oder vermindern; der ge⸗ wöhnliche Sold ſeiner Diener und Kriegsleute wurde vergrößert und er bewies ſich überhaupt zu jeder Güte und Tugend geneigt.** * Honeden. ** Hollinſhed. Faſt alle Chroniſten(mit geringer Ausnahme ſogar die den Normannen günſtigſten Hiſtoriker) ſind einſtimmig in der Anerkennung von Harolds Verdienſten und Fähigkeiten als Regent. ſovie guter näm! gewe ſprue welch nach. früh Linit war und länd geſe Der Kau hatt dem war klug voll und 'ſtet eine gegen Nord⸗ nicht „ den chaft, b aber Herr⸗ durch nn er reifen anuts er die Ruf Mee⸗ Volke n als ſeiner elig* nzen⸗ 1— anger er ge⸗ t und ar die mung Faſſen wir den Hauptinhalt dieſer Lobreden zuſammen, ſo geht ſoviel daraus hervor, daß Harold als weiſer Staatsmann wie als guter Herrſcher ſich in den drei Hauptelementen königlicher Gewalt, nämlich in der Eintracht mit der Kirche, welche ſeinem Vater feindlich geweſen war, in der Zuneigung des Volkes, worauf ſein einziger An⸗ ſpruch auf die Krone beruhte und in der Kriegsmacht ſeines Landes, welche die Regierung ſeines friedfertigen Vorgängers gänzlich ver⸗ nachläßigt hatte— immer mehr zu befeſtigen ſuchte. Dem jungen Atheling zollte er eine Achtung, wie man ſie ihm früher nie bewieſen hatte, und während er den Abkömmling der alten Linie mit einem ſürſtlichen Hofſtaat und reichen Domänen ausſtattete, war ſeine über Eiferſucht erhabene Seele bemüht, durch zärtliche Sorge und männlichen Rath einen von Natur ſchwachen und durch aus⸗ ländiſche Erziehung entnationaliſirten Charakter aufzurichten und dem geſetzlichſten ſeiner Nebenbuhler mehr eigentliche Macht zu verleihen. Derſelben offenen großherzigen Politik gehorchend wußte Harold ſolche Kaufleute, die ſich aus anderen Reichen in England niedergelaſſen hatten, aufzumuntern, und ſogar diejenigen unter den Normannen, die dem allgemeinen Verbannungsedict bei Godwins Rückkehr entgangen waren, ließ er ungeſtört in ihren Beſitzungen— kurz kein Mann war kluger im Lande, tapferer in Waffen, im Geſetze ſcharfſinniger und vollendeter an Rechtlichkeit, ſo ſagt der anglo⸗normänniſche Chroniſt,“ und in traurigerem Tone fährt der ſächſiſche Geſchichtſchreiber ſort: 'ſtets thätig für das Beſte ſeines Landes ſah man ihn nie vor irgend einer Anſtrengung weder zu Land noch zur See zurückſcheuen.“ Von dieſer Zeit an hatte Harolds Privatleben ein Ende: die Liebe und ihre Reize exiſtirten für ihn nicht mehr; die Gluth der Ro⸗ mantik war verſchwunden; er war nicht mehr ein einzelnes Individuum, ſondern der Staat, der Repräſentant und die Verkörperung des ſäch⸗ * Vit. Harold. Chron. Ang. Norm. II. 243. ** Hov. 526 ſiſchen Englands— ſeine Herrſchaft und die ſächſiſche Freiheit mußten fortan gemeinſam ſtehen oder fallen! Eine wirklich große Seele gibt ſich blos in ihren Irrthümern zu erkennen. Gleichwie wir die wahre Macht der Einſicht durch die reichen Hülfsmittel und die geduldige Kraft, mit der ſie einen Fehler gut macht, kennen lernen, ſo bewährt ſich die Hoheit der Seele durch ihre muthige Rückkehr zum Lichte, durch ihr inſtinktartiges Auf⸗ ſchwingen in die höheren Lüfte, ſobald eine Verirrung ihre Sehkraft verfinſtert und ihr Gefieder befleckt hat. Ein minder reiner und edler Geiſt als Harolds hätte ſich, einmal in die düſtere Welt bezauberten Aberglaubens eingetreten, an dieſe niedrige Atmoſphäre gewöhnt und wäre tiefer und immer tiefer in den Moraſt verſunken, ſobald er auch nur ein einzigesmal von der kühnen Wahrheit und der geſunden Ver⸗ nunft abgewichen wäre. Aber unähnlich ſeinem Zeitgenoſſen Macbeth war der Menſch bei Harold den Fallſtricken des Böſen entronnen: nicht wie Hecate in der Hölle, ſondern wie Diana im Himmel, bot er der bleichen Nachtgöttin ſeine Stirne dar. Vor jener Stunde, wo er das menſchliche Urtheil der geſpenſtigen Tänſchung zu lieb verlaſſen, vor jenem Tage, da das brave Herz in ſeiner plötzlichen Entmuthigung ſeinen Stolz gedemüthigt hatte, war der Menſch in ſeiner Natur ſtärker als der Gott geweſen; jetzt aber gereinigt durch die Flamme, die ihn verſengt und geſtärkt von dem Falle, der ihn befleckt hatte, ſchwang ſich ſeine große Seele erhaben aus den Trümmern der Ver⸗ gangenheit, heiter aus den Wolken der Zukunft empor, in ihrer Ein⸗ ſamkeit das Geſchick des Menſchen zuſammenfaſſend und mitten in den Schrecken der Zeit ſtark in ihrer inſtinktmäßigen Unvergänglichkeit. König Harold kam von York, wohin er gezogen war, um Mor⸗ cars noch neue Gewalt in Northumbrien zu kräftigen und die Treue der Anglo⸗Dänen perſönlich zu befeſtigen— König Harold kam von York und fand in den Hallen von Weſtminſter einen Möoͤnch, der mit einer Botſchaft von William dem Normannen ſeiner wartete. Barfuß und in grobem Gewande näherte ſich der normänniſche ————jjy—— Dich eine und ſter, die ihm ters ſein gen Tag Alle Kin neb unt legt mir Lar wu Kir chen als der aſſen, igung Natur mme, hatte, Ver⸗ Ein⸗ n den 1. Mor⸗ rreue von mit iſche Abgeſandte dem ſächſiſchen Staatsſeſſel. Seine Geſtalt war von Buße und Faſten abgemagert und ſein Geſicht farblos und todtenbleich durch den fortwährenden Kampf zwiſchen Fleiſch und Zeloteneifer. „Alſo ſpricht William, Graf der Normannen,“ begann Hugues Maigrot, der Mönch.„Mit Kummer und Erſtaunen hat er vernom⸗ men, daß Du, o Harold, ſein geſchworener Lehensmann, dem Eid und aller Lehenstreue zuwider die Krone, die ihm ſelbſt gehört, an Dich geriſſen haſt. Da er aber Deiner Gewiſſenhaftigkeit vertraut und eine augenblickliche Schwäche gerne vergibt, ſo fordert er Dich mild und brüderlich auf, Dein Gelübde zu erfüllen. Sende Deine Schwe⸗ ſter, damit er ſie einem ſeiner Grafen zum Weibe gebe; überliefere ihm die Veſte von Dover; marſchiere mit Deinen Heeren an die Küſte, um ihm, Deinem Lehensherrn, zu helfen und ihm das Erbe ſeines Vet⸗ ters Edward zu ſichern. Dann ſollſt Du regieren zu ſeiner Rechten, ſeine Tochter Deine Gattin, Northumbrien Dein Lehen und die Heili⸗ gen Deine Beſchützer!“ Des Königs Lippe war bleich aber feſt als er erwiederte: „Meine junge Schweſter iſt leider nicht mehr; ſie ſtarb ſieben Tage nachdem ich den Thron beſtiegen, und ihr Staub im Grabe iſt Alles, was ich den Armen des Bräutigams überſenden könnte. Das Kind Deines Grafen kann ich nicht ehelichen, denn Harolds Weib ſitzt neben ihm.“ Hier deutete er auf Aldythens ſtolze Schönheit, welche unter dem goldenen Baldachine thronte.„Das Gelübde, das ich ab⸗ legte, läugne ich nicht; aber von einem erzwungenen Gelöbniſſe, das mir, von unwürdiger Gefangenſchaft bedroht, durch die Noth meines Landes, deſſen Freiheit in meinen Ketten gefeſſelt war, abgepreßt wurde— von einem alſo erzwungenen Gelöbniſſe abſolvirt mich die Kirche und mein Gewiſſen. Wenn das bloße Verſchenken einer Mäd⸗ chenhand, ſobald es ohne Wiſſen der Eltern geſchieht, von der Kirche als ungültig betrachtet wird— wie viel mehr muß es der Schwur ſeyn, der einem Fremden die Geſchicke einer Nation“ gegen deren Wiſſen * Malmesbury. 528 und ohne Befragen ihrer Geſetze übertragen möchte! Die Königs⸗ würde von England beruhte von jeher auf dem Willen des Volks, wie er ſich in ſeierlicher Verſammlung durch ſeine Häuptlinge kund gab. Die Männer, die den Thron allein zu vergeben hatten, haben ihn mir übertragen— ich beſitze nicht die Macht, für einen Anderen darauf zu verzichten, und läge ich in meinem Grabe, ſo würde die Krone auch dann nicht auf den Normannen, wohl aber von Neuem auf das ſäch⸗ ſiſche Volk übergehen.“) ſ 1„Dies alſo iſt Deine Antwort, unglücklicher Sohn?“ fragte der Möoͤnch mit finſterer, Unheil verkündender Miene. „Das iſt meine Antwort.“ „Dann muß ich, ſo leid mir's für Dich thut, Williams Worte vollenden.— Mit Schwert und mit Panzer will er kommen, den Mein⸗ eidigen zu beſtrafen und mit Hülfe des kriegeriſchen Erzengels St. Michael ſein Eigenthum zu erobern, Amen!“ „Zu Land wie zur See, mit Schert und mit Panzer werden wir dem Angreifer begegnen,“ erwiederte der König mit blitzenden Augen. „Du haſt geſprochen— entferne Dich!“ 38 daß Der Mönch wandte ſich um und verließ den Saal. geg „Laß Dich nicht aufbringen durch die Unverſchämtheit des Prie⸗ ſters, ſüßer Gebieter,“ ſagte Aldytha,„denn welches Gelübde Du auh ohe als Unterthan auf Dich nehmen mochteſt— was kümmerts Dich jetzt, da Du König biſt?“ kun Harold gab Aldythen keine Antwort, ſondern wendete ſich an ent ſeinen Kämmerer, der hinter ſeinem Thronſeſſel ſtand. wa „Sind meine Brüder draußen?“ „Ja, nebſt meines Königs erwähltem Rathe.“ ge „Laßt ſie ein. Verzeiht mir, Aldytha— Geſchäfte, die nur fur Männer taugen, nehmen mich jetzt in Anſpruch.“ n Die Herrin von England verſtand dieſen Wink und erhob ſich. fr „Aber die Abendmahlzeit wird Dich bald erwarten,“ bemerkte ſie. onigs⸗ s, wie d gab. hn mir auf zu e auch ſäch⸗ te der n wir lugen. Prie⸗ t auch jetzt, h an Gefahr droht von den Wäliſchen; Du, Edwin von Mercia, gehſt zu 5 34. 529 Harold war bereits von ſeinem Staatsſeſſel herabgeſtiegen und beugte ſich über ein Körbchen mit Papieren, das auf dem Tiſche ſtand. „Hier iſt Nahrung bis morgen,“ erwiederte er;„warte nicht auf mich.“ Aldytha entfernte ſich ſeufzend durch die eine Thüre, während Harolds vertraute Thane durch die andere eintraten. Sobald ſie aber von ihren Mädchen umringt war, vergaß Aldytha Alles, nur nicht, daß ſie abermals Königin war— vergaß ſogar das frühere minder prächtige Diadem, das ihres Gebieters Hand auf der Stirne von Pen⸗ dragons Sohne zerbrochen hatte. Leofwine, immer noch heiter und frohſinnig, war der Erſte, wel⸗ cher eintrat; ihm folgte Gurth, dann Haco und endlich etliche zehn von den größeren Thanen. Sie ſetzten ſich an den Tiſch und Gurth begann zuerſt: „Toſtig iſt bei Graf William geweſen.“ „Ich weiß es,“ verſetzte Harold. „Es geht das Gerücht, er ſey von da zu unſerem Oheim Sweyn gegangen.“ „Das ſah ich voraus,“ erklärte der König. „Und Sweyn wolle ihm helfen, England für die Dänen zu er⸗ obern.“ „Mein Bote mit Githa's Briefen hat Sweyn vor Toſtig's An⸗ kunft erreicht; mein Bote iſt heute zurückgekehrt. Sweyn hat Toſtig entlaſſen und will England fünfzig Schiffe, mit Pickenmännern be⸗ waffnet, zu Hülfe ſchicken.“ „Bruder,“ rief Leofwine voll Bewunderzaig,„Du ſicherſt uns gegen Gefahr, ehe wir ſie nur ahnen.“ „Toſtig,“ fuhr der König, das Kompliment nicht beachtend, fort, „wird zuerſt angreifen: ihm müſſen wir entgegentreten. Sein Buſen⸗ freund iſt Malcolm von Schottland: ſeiner müſſen wir uns verſichern. Gehe Du, Leofwine, mit dieſen Briefen zu Malcolm.— Die nächſte Bulwer, Harold. 530 den Fürſten von Wales. Auf Deinem Wege befeſtige die Forts und vertiefe die Gräben der Marſchen; dieſes Täſelchen enthält Deine In⸗ ſtruktion. Der Normanne hat, wie Ihr, meine Thane, ohne Zweifel wißt, einen Boten geſchickt, der unſere Krone verlangte und das Herannahen ſeines Kriegszuges verkündete. Mit der Morgendämme⸗ rung reiſe ich nach unſerem Hafen zu Sandwich, um unſere Flotten zu muſtern; Du gehſt mit mir, Gurth.“ „Dieſe Vorkehrungen verlangen viel Geld,“ bemerkte ein alter Than,„und Du haſt die Auflagen in der Stunde der Noth verringert.“ „Die Stunde der Noth iſt noch nicht angebrochen; wenn ſie kommt, wird ihr unſer Volk um ſo bereitwilliger mit ſeinem Gold, wie mit ſeinem Eiſen begegnen. Es herrſchte großer Reichthum in Godwin's Hauſe, dieſer Reichthum bemannt Englands Schiffe.— Was haſt Du da, Haco?“ „Deine neugeprägte Münze; auf ihrer Rückſeite ſteht das Wort Friede.“* Wer hat jemals eine dieſer Münzen des letzten Sachſenkönigs— wer hat das kühne einfache Haupt auf der einen und das einzige Wort Friede auf der andern Seite geſehen, ohne ſich von Grauen und Rührung ergriffen zu fühlen. Welch' ein Pathos liegt in jenem Worte, verglichen mit dem Schickſale, das leider nicht dadurch ver⸗ kündet werden ſollte! „Friede,“ wiederholte Harold;„Allen aber, die nicht Friede halten— Sklaverei! Ja, möge ich leben, um unſeren Kindern den Frieden zu hinterlaſſen! Jetzt aber beruht der Friede nur auf unſerer Bereitſchaft zum Krigge. Du, Morcar, mußt eiligſt nach York zu⸗ rückkehren und die Mündung des Humber wohl bewachen.“ Und an jeden einzelnen von den Thanen nach der Reihe ſich wen⸗ dend, bezeichnete er jedem ſein Amt und ſeinen Poſten. Sobald dies geſchehen war, wurde das Geſpräch allgemeiner. Die vielerlei Be⸗ dürfniſſe, die unter dem Mönchekönig vernachläſſigt worden waren und *„Pax.“ ts und ne In⸗ weifel id das imme⸗ fFlotten n alter gert.“ un ſie Gold, zum in ffe.— Wort igs— Wort en und jenem ch ver⸗ Friede rn den inſerer ork zu⸗ h wen⸗ ld dies ei Be⸗ en und nun mit einem Male alsbaldige Abhülfe verlangten, beſchäftigten ſie lange und anhaltend; aber ermuntert und angefeuert durch die Energie und Vorausſicht des Königs, deſſen frühere Bedächtigkeit durch die Veranlaſſung des Augenblicks zu raſcher Entſchloſſenheit beflügelt ſchien,(was bei dem Engländer keineswegs ſelten iſt,) wurden ihnen alle Hinderniſſe leicht, und Muth und Hoffnung lebten in jeder Bruſt. * Siebenzigſtes Kapitel. Hugues Maigrot, der Mönch, kehrte zu William zurück und be⸗ richtete dem Herzog Harolds Antwort in Lanfrancs Gegenwart. William ſelbſt vernahm ſie in düſterem Schweigen, denn Fitzosborne war es durchaus noch nicht gelungen die normänniſchen Barone zu einer ſo gewagten Unternehmung in ſolch zweifelhafter Sache anzu⸗ ſtacheln, und wenn auch der Herzog auf Harolds Trotz gefaßt war, ſo war er noch keineswegs vorbereitet, ſeine Drohungen zu bethätigen und ſeinen Anſpruch geltend zu machen. So groß war ſeine Zerſtreutheit, daß er den Lombarden, ohne ein Wort von ihm ſelbſt, den Moͤnch hinausſchicken ließ, und er erwachte erſt aus ſeiner Träumerei, als Lanfrancs bleiche Hand ſeine mächtige Schulter berührte und ihm die leiſe Stimme des Gelehrten in die träumeriſchen Ohren ſchallte: „Auf! Du Held Europa's— Deine Sache iſt gewonnen. Auf! und ſchreibe mit Deinen kühnen Zügen, kühn, als wären ſie mit des Schwertes Spitze eingegraben, meine Creditive für Rom. Laß mich noch vor Sonnenuntergang abreiſen, und wenn ich gehe, ſo betrachte das ſinkende Geſtirn und erkenne darin die Sonne des Sachſen, welche für immer über England unterſinkt!“ Mit kurzen Worten entwarf dieſer fähigſte Staatsmann ſeines Zeitalters(und unſerer modernen Bildung zum Trotz müſſen wir ihm vergeben, denn als aufrichtiger Sohn der Kirche betrachtete er Harolds Eidesverletzung als eine geſetzliche Verwirkung ſeiner Herrſchaft, und 34* 53² unbekannt mit ächter politiſcher Freiheit ſah er in der Kirche wie in der Gelehrſamkeit die einzigen Civiliſirer des Menſchengeſchlechtes), mit kurzen Worten entwarf Lanfranc vor dem lauſchenden Normannen die Skizze der Beweisgründe, wodurch er den päbſtlichen Hof auf die normänniſche Seite zu bringen hoffte, und verweilte bei dem unge⸗ heuren Zuwachs an Macht, der ihm nach der feierlichen Sanctioni⸗ rung der Kirche aus ganz Europa zuſtrömen mußte. Williams behender wieder erwachender Verſtand begriff bald die Wichtigkeit des vorgelegten Gegenſtandes. Er unterbrach den Lom⸗ barden, nahm Dinte und Pergament und ſchrieb in raſchen Zügen. Roſſe wurden geharniſcht, Reiter eiligſt ausgerüſtet, und mit gezie⸗ mendem Gefolge trat Lanfranc ſeine Sendung an— in ihren Folgen die wichtigſte, welche jemals von einem Potentaten an den Pontifex gelangte.* Durch Lanfrancs ermunternde Verſicherungen in ſeinen Planen auf's Neue beſtärkt, machte ſich Williams entſchloſſener, unbezähm⸗ barer Geiſt an die ſchwierige Aufgabe, ſeine hochmüthigen Vaſallen auf die Beine zu bringen. Aber Wochen verſtrichen, bevor er nur lur einen auserwählten Rath aus ſeinen eigenen Verwandten und den Vertrauteſten ſeiner Lords zuſammenbringen konnte. Dieſe waren ken ſchon privatim gewonnen und verſprachen ihm mit Gut und Blut' zu und dienen. Aber alleſammt erklärten ſie ihm, daß er auf einer allgemei- iſt nen Verſammlung die Zuſtimmung des ganzen Fürſtenthums gewinnen ge müſſe. Dieſe Verſammlung wurde berufen, und es kamen nicht nur Lords und Ritter, ſondern auch Krämer und Kaufleute— die ge⸗ Fi ſammte emporſtrebende Mittelklaſſe eines gedeihenden Staates. D Der Herzog enthüllte ihnen das erlittene Unrecht, ſeine Anſprüche gr und ſeine Plane. Die Verſammlung wollte die Sache nicht in ſeiner de * Einige der normänniſchen Chroniſten behaupten, Robert, Erzbiſchof von Canterbury, der bei Godwins Rückkehr aus England vertrieben worden, habe. m Lanfranc auf dieſer Miſſion begleitet; glaubwürdigere Autoritäten verfichern jedoch, daß Robert ſeine Rückkehr in die Normandie nicht lange überlebte und mehrere Jahre vor jener Zeit geſtorben war. Gegenwart verhandeln, da ſie ſich durch ſeinen Einfluß nicht einſchüch⸗ wie in tern laſſen mochte, und William verließ deßhalb die Halle. Die chtes), Debatte war ſtürmiſch, vielerlei Meinungen wurden geäußert, und iannen die Unordnung wurde ſo groß, daß Fitzosborne ſich mitten im Streite auf die mit dem Rufe erhob:— Rnde⸗„Wozu dieſer Wortkampf?— Warum dieſe pflichtvergeſſene ctioni⸗ b Zwietracht? Iſt nicht William Euer Gebieter? Bedarf er nicht Eurer Hülfe? Verlaßt ihn jetzt, und— Ihr kennt ihn wohl— bei Gott, er ald die wird deſſen gedenken! Helft ihm dagegen und— Ihr kennt ihn ja— Lom⸗ reich iſt ſein Lohn für erwieſene Dienſte und Liebe!“ Bügen. Da erhob ſich wie ein Mann Baron und Krämer, und als endlich 4 gezie⸗ ihr Sprecher erwählt war, begann dieſer: Folgen„William iſt unſer Herr— iſt es nicht genug, daß wir unſerem ntifex Herrn bezahlen, was ihm gebührt? Jenſeits der See ſind wir ihm keine Hülfe ſchuldig! Sind wir ja doch durch ſeine Kriege ohnehin ge⸗ Blanen ſchunden und belaſtet genug! Laßt ihm dieſes ſonderbare mit Nichts zähm⸗ zu vergleichende Wagniß mißlingen, und unſer Land iſt verloren!“ aſallen Lauter Beifall folgte dieſer Rede— die Majorität der Verſamm⸗ er nur lung war gegen den Herzog. d den„Dann will ich, da ich die Mittel eines jeden der Anweſenden 3 waren kenne, dem Herzog mit Eurer Erlaubniß Eure Nothdurft vorſtellen, lut' zu und ihm ein ſo beſcheidenes Anerbieten machen, wie es Euch genehm gemei⸗ iſt, ohne Euern Lehensherren geradezu vor den Kopf zu ſtoßen,“ ent⸗ vinnen gegnete Fitzosborne liſtig. 1 ht nur Die Gegner fielen wirklich in die Falle dieſes Vorſchlags, und ie ge⸗ Fitzosborne kehrte an der Spitze der Verſammlung zu William zurück. Der Lord von Breteul nahte ſich dem Dais, auf welchem William ſ ein prüche großes Schwert in der Hand allein ſaß, und begann ſeine Rede folgen⸗ ſeiner dermaßen: of von’„Mein Lehensherr, ich darf wohl ſagen, daß noch kein Fürſt je⸗ , habe mals ein treueres Volk als das Eure hatte, das ſeine Ergebenheit und fichern te und 534 Liebe durch die Laſten, die es getragen, durch die Abgaben, die es be⸗ geiz willigt, werkthätiger bewieſen hätte.“ Ein allgemeines Beifallsgemurmel begleitete dieſe Worte;„gut! gut!“ hörte man beſonders von den Kaufleuten rufen. William run⸗ zelte die Stirne und ſah höchſt furchtbar aus. Der Lord von Breteul winkte gnädig mit der Hand und fuhr fort: „Ja, mein Lehensherr, viel haben ſie für Euren Ruhm und Eure Nothdurft getragen; aber noch weit mehr wollen ſie ferner tragen.“ Die Mienen der Verſammlung verdüſterten ſich. als „Ihr Lehensdienſt verpflichtet ſie nicht, Euch jenſeits der See zu helfen.“ Die Zuhörerſchaft erheiterte ſich. „Nun aber wollen ſie Euch helfen im Lande des Sachſen ſo gut land wie in dem des Franken.“ und „Wie?“ riefen ein paar vereinzelte Stimmen. „Stille, o gentilz amys! Vorwärts alſo, mein Lehensherr, und ſchone ſie in Nichts. Wer ſeither zwei gut berittene Knappen ge⸗ ſtellt hat, wird nun vier bewilligen; wer—“ „Nein, nein, nein!“ brüllten zwei Drittheile der Verſammlung; „wir haben Euch mit keiner ſolchen Antwort beauftragt; das haben den wir nicht geſagt— auch ſoll es nicht ſeyn!“ ach Vor trat ein Baron. uun „Innerhalb dieſes Landes, zu ſeiner Vertheidigung, wollen wir mi unſerem Grafen dienen; ihm aber eines anderen Mannes Land erobern helfen— nein!“ die Vor trat ein Ritter. 3 fe „Wenn wir einmal dieſen doppelten Dienſt jenſeits der See ſch und zu Hauſe leiſteten, würde es uns ſpäter als Recht und Pflicht auf⸗ de gerechnet, und wir wären dann nicht freigeborne Normannen, ſondern ſn ſöldneriſche Krieger.“ Vor trat ein Kaufmann. „Und wir und unſere Kinder trügen die Laſt, für immer den Ehr⸗ 1 — geiz eines Mannes zu nähren, ſo oft er einen König zu entthronen oder ein Reich zu erobern fände.“ Und im allgemeinen Chore ertönte der Ruf: „Es ſoll nicht ſeyn— es ſoll nicht!“ Die Verſammlung theilte ſich alsbald in Gruppen zu zehn, zu zwanzig und dreißig, welche unter heftigen Geberden laut zuſammen⸗ ſprachen, wie es von freien Leuten im Zorne natürlich war, und ehe William mit all' ſeiner behenden Verſtellung mehr über ſich vermochte, als ſeine Wuth zu unterdrücken und mit übereinander gebiſſenen Zäh⸗ nen ſeinen Schwertgriff zu faſſen, zerſtreute ſich die Verſammlung. So waren die freien Seelen der Normannen unter dem größten ihrer Häuptlinge; wären dieſe Seelen weniger frei geweſen— Eng⸗ land wäre nicht eine Zeit lang unterjocht worden, um abermals— und mit Gottes Hülfe bis an das Ende der Zeit— frei zu werden! Einundſiebenzigſtes Kapitel. Durch die blauen Lüfte über Englands Himmel zog der leuch⸗ tende Fremdling— ein Meteor, ein Komet, ein feuriges Geſtirn! wwie es noch Niemand zuvor geſehen.’ Der Komet zeigte ſich“ am achten vor den Kalenden des Mai; er ſchien ſieben Nächte hindurch und das Antlitz der ſchlafloſen Menſchen ward bleich unter dem grim⸗ migen Schimmer. Die Waſſer der Themſe waren blutroth unter ſeinem Strahle; die Winde, die auf den breiten Wogen des Humber ſpielten, ſchleuder⸗ ten die Brandung in feurigen Funken von ſich. Mit drei Streifen, ſcharf und lang wie der Stachel eines Drachen, zog der Verkündiger des Zorns durch die wimmelnden Maſſen der Sterne. Auf jedem zer⸗ fallenden Fort an der Seeküſte wie auf den Marſchen bekreuzigte der Wächter ſeine Bruſt, wenn er den Kometen erſchaute; auf Straßen * Sachſenchronik. 536 und Hügeln verſammelten ſich nächtlich die Menſchen, um das Schreckensgeſtirn zu betrachten. Hymnen murmelnd ſchaarten ſich die Möoͤnche um die Altäre, als ob ſie das Land vor einem Dämon be⸗ ſchwören wollten. Der Grabſtein des ſächſchen Urahns hob ſich wie vom Blitze getroffen in die Höhe; die Mortwyrtha ſtand an der Mün⸗ dung und ſah in ihren Schreckensviſionen die Walkyren im Gefolge des Feuerſternes. Auf dem Dache ſeines Pallaſtes ſtand Harold der König, und mit gefalteten Armen betrachtete er den Reiter der Nacht. Die Thurm⸗ treppe herauf kamen die leiſen Schritte Haco’'s, und zu dem König ſich hinſchleichend, ſagte er: „Wappne Dich eiligſt, denn die Boten ſind athemlos mit der Nachricht gekommen, daß Toſtig, Dein Bruder, mit Seeräubern und Kriegsſchiffen Deine Küſten verwüſtet und Dein Volk erſchlägt!“ Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. Toſtigs Schiffe, die er vom Normannen wie vom Norweger er⸗ halten und mit flämiſchen Abenteurern rekrutirt hatte, flohen eiligſt vor Harolds Bannern. Nachdem er die Inſel Wight und die Kü⸗ ſten von Hampſhire geplündert, ſegelte er den Humber hinauf, wo ſein eitles Herz von ſeiner früheren Grafenzeit her auf Freunde ge⸗ rechnet hatte. Allein Harolds Energie war allenthalben: durch des Königs Boten vorbereitet zog Morcar dem Verräther entgegen und vertrieb ihn, daß er ſich, von den meiſten ſeiner Schiffe verlaſſen, mit blos zwölf kleinen Fahrzeugen nach den Küſten von Schottland wen⸗ den mußte. Auch dorthin war die Warnung des ſächſiſchen Königs gedrungen: Malcolm ließ ihn ohne Unterſtützung, und er mußte ſich auf die Orkneyinſeln zurückziehen, um Hardrada's Flotten zu erwarten. Und nun, da er Muße hatte, gegen einen furchtbareren und min⸗ der unnatürlichen Feind ſeine Vertheidigungsmaßregeln zu treffen, be⸗ eilte ſich Harold, Küſte und See vor William dem Normannen zu r er⸗ ligſt Kü⸗ wo ge⸗ des und mit ven⸗ nigs ſich ten. nin⸗ be⸗ ſichern. So große Schiffs⸗ und Landmacht hatte vor ihm noch nie ein König im Lande beſeſſen; den ganzen Sommer über ſegelten ſeine Flotten durch den Kanal und alle Punkte der Küſte waren von ſeinen Streitkräften beſetzt. Aber ach! jetzt kam die Zeit, da ſich Edwards unvorſichtige Geld⸗ verſchwendung fühlbar machte: der Kriegsmacht fehlte es an Sold und Nahrung.“ Keiner unter den anderen Geſchichtſchreibern hat genügend darauf hingewieſen, wie ſehr es Harold an den nöthigſten Hülfsmitteln gebrach. Der letzte Sachſenkönig, der Erwählte des Volkes, konnte nicht dieſelben Aushebungen ausſchreiben, nicht die⸗ ſelben Laſten auflegen, welche ſeine Nachfolger ſo mächtig im Kriege machten, ja die Leute begannen ſchon zu glauben, daß von dieſem nor⸗ männiſchen Einfalle eigentlich nichts zu fürchten ſey. Der Sommer war vorüber, der Herbſt war gekommen: ließ ſich da wohl annehmen, daß William ſich mit Annäherung des Winters in ein feindliches Land wagen würde? Der ſächſiſche Charakter, friedfertig von Natur und nur im äußerſten Nothfalle zum Kampfe bereitwillig, haßte die ſchwe⸗ ren Geldopfer und langwierigen Vorkehrungen zu einem Kriege, wenn er nicht bereits vor der Thüre donnerte, und empörte ſich gegen diefe fortwährende Anſpannung ſeiner Energie. Froh der augenblick⸗ lichen Niederlage Toſtigs ſagten ſich die Leute:„wahrhaftig,'s iſt nur Scherz, daß der Normanne ſeinen Kahlkopf in das Hornißneſt ſtecken will! Laßt ihn kommen, wenn er's wagt!“ Gleichwohl wußte Harold mit verzweifelter Anſtrengung und nicht ohne ſeine Popularität aufs Spiel zu ſetzen, eine genügende Streitmacht zur Zurückweiſung jedes einzelnen Angreifers beiſammen zu behalten. Seit der Zeit ſeiner Thronbeſteigung hatte ſein ſchlaf⸗ loſes Auge den Normannen bewacht, und ſeine Spione benachrich⸗ tigten ihn von Allem, was vorging. Und was war inzwiſchen in Williams Rathe vorgefallen? Die * Sachſenchronik.„Am Geburtsfeſte der heiligen Maria waren die Lebensmittel ausgegangen und Niemand konnte die Leute länger zurückhalten. 538 plötzliche Enttäuſchung, welche die große Verſammlung ihm verur⸗ ſacht hatte, dauerte nicht ſehr lange. Kaum war er gewahr geworden, daß er dem Geiſte einer Verſammlung nicht vertrauen konnte, als William in ſeinem liſtigen Sinne Kaufleute, Ritter und Barone einen nach dem andern zu bearbeiten anfing. Vor der Beredſamkeit, den Verſprechungen, der Gewandheit dieſes überlegenen Verſtandes, in der Scheu vor ſeiner imponirenden Perſönlichkeit und verlaſſen von jenem Muthe, wie ihn untergeordnete Gemüther aus der Zahl der Genoſſen zu ſchöpfen pflegen, fügte ſich einer nach dem andern in den Willen des Grafen und unterzeichnete ſeinen Beitrag an Geld, an Schiffen und Leuten. Während dieſes vor ſich ging, war Lanfranc im Vatikane geſchäf⸗ tig. Der berüchtigte Hildebrand war damals Pontifex der römiſchen Kirche. Dieſer außerordentliche Mann, ein ächter Geiſtesgenoſſe Lan⸗ franc's, hegte vor Allem einen Lieblingsplan, deſſen Gelingen in der That die zeitliche Obermacht der römiſchen Päbſte begründete— er wollte nichts Geringeres als die blos geiſtliche Obergewalt des heili⸗ gen Stuhles in die wirkliche Herrſchaft über die Staaten der Chri⸗ ſtenheit umwandeln. Die nächſten Werkzeuge für dieſen Rieſen⸗ plan waren die Normannen, welche durch den Arm des Abenteu⸗ rers Robert Guiscard das Land Neapel unter St. Peters Banner er⸗ obert hatten: die meiſten der alſo in Italien erſtandenen normänniſchen Grafſchaften und Herzogthümer hatten ſich ſelbſt als Lehen der Kirche erklärt, und der Nachfolger des Apoſtels durfte wohl hoffen, mit Hülfe der normänniſchen Prieſterritter ſeine Souveränität über Italien aus⸗ zubreiten und von da den Königen jenſeits der Alpen ſeine Geſetze zu diktiren. So ward es Lanfranc ein Leichtes, Hildebrands Hülfe für Wil⸗ liams Anſprüche zu gewinnen. Der tiefblickende Erzbiſchof von Rom erkannte auf den erſten Blick die ungeheure Uebermacht, welche der Kirche ſchon dadurch zuwachſen mußte, daß ſie ſich das Recht anmaßte, über Kronen zu verfügen, rivaliſirende Fürſten ihrem Richterſpruche 539 zu unterwerfen und die Männer ihrer Wahl auf die Throne des Nor⸗ dens zu ſetzen. Ueberdies war die ſächſiſche Kirche trotz ihres ſklavi⸗ ſchen Aberglaubens der Sache Roms eher ſchädlich, denn ſelbſt der fromme Edward hatte den Pabſt durch Vorenthalten des alten Peters⸗ groſchens beleidigt und die Simonie— ein von dem Pabſte beſonders verpöntes Verbrechen— war in England gäng und gäbe. So kam es, daß Hildebrand in der Kardinalsverſammlung viel⸗ fache Unterſtützung fand, als er ihr Harolds Schwur, die Verletzung der heiligen Reliquien vortrug und verlangte, daß man den frommen Normannen, dieſen wahren Freunden der römiſchen Kirche, erlauben ſolle, die barbariſchen Sachſen“ in ächte Chriſten umzuwandeln, und daß William als Erbe eines Thrones zu beſtätigen ſey, der ihm von Edward verheißen und durch Harolds Meineid verwirkt worden. Nichts deſto weniger— zur Ehre der Menſchheit und jener Verſammlung ſey es geſagt— regte ſich ein frommer Widerſtand gegen dieſen Groß⸗ handel mit Menſchenrechten, dieſe Sanktion des bewaffneten Anfalles gegen ein chriſtliches Volk.„Es iſt ſchändlich,“ ſagten die Guten, „den Mord zu authoriſiren.“ Allein Hildebrand war allmächtig und überwog dieſe Stimmen. William ſaß eben am Feſtmahle mit ſeinen Baronen, als Lan⸗ franc vor ſeinen Thoren abſtieg und die Halle betrat. „Heil Dir, König von England!“ rief er.„Ich bringe die Bulle, welche Harold und ſeine Anhänger excommunicirt, bringe Dir als Geſchenk der römiſchen Kirche das Reich und die Königswürde von England. Ich bringe Dir die Fahne, geweiht von dem Erben des * Es iſt merkwürdig zu erfahren, wie England als ein faſt heidniſches Land dargeſtellt und wie deſſen Eroberung als ein frommes wohlwollendes Chriſtenwerk— eine Art Miſſion zur Bekehrung der Wilden— angeſehen wurde. Und das Alles während England unter der ſchwerſten Kirchenknechtſchaft ſeufzte, und die Mönche ein Drittheil des ganzen Landes beſaßen! Das Herz von England hat aber auch dieſen Bund des Pabſtes mit dem Eroberer nie vergeben und die Füße des eindringenden Normannen haben die Saat der Religionsreform tief in den ſächſiſchen Boden getreten. 540 Apoſtels, und den Ring, der die koſtbare Reliquie St. Peters enthält! Wer wird Dich jetzt noch verlaſſen wollen? Berufe Deinen Heerbann, nicht in der Normandie allein, ſondern in jedem Lande und Reiche, wo die Kirche verehrt wird. Das iſt der erſte Kreuzeszug!“ Und jetzt gab ſie ſich zu erkennen— dieſe Macht der Kirche! Sobald die Sanktion und die Geſchenke des Pabſtes bekannt wurden, rührte ſich der ganze Kontinent wie auf den Klang der Trompete in den Kreuzzügen, zu welchen dieſer Krieg den Vorläufer bildete. In der Maine und in Anjou, aus Poitou und der Bretagne, aus Frank⸗ reich und Flandern, in Aquitanien und Burgund blitzten die Speere und jagten die Kriegsroſſe; die Raubritter in den jetzt altersgrauen Schlöſſern am Rhein, die Jäger und Banditen vom Fuße der Alpen; Barone und Ritter, Schelme und Landſtreicher— ſie alle verſammel⸗ ten ſich um die Fahne der Kirche zur Plünderung von England; denn neben der heiligen Bulle des Pabſtes erklang der kriegeriſche Heeres⸗ ruf:„reicher Sold und weite Ländereien für Jeden, der dem Grafen William mit Speer und Schwert und Armbruſt dienen will.“ Und der Herzog ſagte zu Fitzosborne, als er die ſchönen Gefilde von England in normänniſche Lehen zertheilte: „Harold hat nicht die Geiſteskraft, ſeinen Leuten das Geringſte von Dem, was mir gehört, zu verſprechen: ich aber habe das Recht, meinen Anhängern Das, was mein iſt und auch ſein Eigenthum zu verheißen. Der muß der Sieger ſeyn, der ſowohl ſein eigenes Be⸗ ſitzthum wie das des Feindes wegzugeben vermag.“* Auf dem ganzen Feſtlande Europa's betrachtete man Englands König als verflucht, Williams Unternehmung aber als heilig, und Miütter, welche ſchon erblaßten, wenn ihre Söhne auf die Bärenjagd zogen, ſchickten ihre Lieblinge, auf daß ſie ihre Namen zum Heil ihrer Seele der angeſchwollenen Muſterrolle Williams des Normannen ein⸗ * Wilhelm von Poitiers. Der naive Scharfſinn dieſes Banditen⸗ beweiſes und die Verachtung des Normannen vor Harolds Mangel an„Gei⸗ ſtesſtärke“ ſind höchſt bezeichnende Charakterzüge. 2 d x 6 541 verleibten. Jeder Hafen in Neuſtrien wimmelte in furchtbarer Ge⸗ ſchäftigkeit; in allen Wäldern hörte man die Art, wie ſie die Stämme für die Schiffe fällte; von jedem Ambos flogen die Funken vom Ham⸗ mer, der das Eiſen zu Helm und Schwert verarbeitete. Alles ſchien den auserleſenen Sohn der Kirche zu begünſtigen. Conan, Graf von Bretagne, machte als geſetzlicher Erbe Anſpruch auf das Herzogthum der Normandie: wenige Tage nach ſeiner Erklärung ſtarb Conan, wie früher ſein Vater durch die Mündung ſeines Horns und das Gewebe ſeiner Handſchuhe vergiftet, und der neue Graf der Bretagne ſchickte ſeine Söhne, um gegen Harold zu Felde zu ziehen. Das geſammte Kriegsheer verſammelte ſich auf der Rhede von St. Valery an der Mündung der Somme. Aber die Winde blieben lange Zeit feindſelig und der Regen ſiel in Strömen. Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Und nun, während der Kriegsgott an der Mündung der Somme nach England dürſtete, beſtieg Harold Hardrada, der letzte und berühm⸗ teſte der Seekönige, ſeine Galeere, die ſchlankſte und ſtärkſte einer Flotte von dreihundert Segeln, welche die Gewäſſer um Solundir bedeckte. Und ein Mann Namens Gyrdir am Borde des königlichen Schiffes träumte einen Traum.“ Er ſah ein großes Zauberweib mit einer Gabel in der einen und einem Troge in der andern Hand** auf einer der Suleninſeln ſtehen; er ſah ſie über die ganze Flotte hinfliegen— bei jedem der dreihundert Schiffe ſah er ſie; und ein * Sunorro Sturleſon. ** Weiß auch der ſkandinaviſche Gelehrte, warum der Trog mit den Bildern ſkandinaviſcher Zauberkunſt ſo eng verknüpft war? Man erkannte die Hexe daran, wenn ſie von hinten geſehen eine trogähnliche Geſtalt hatte, und es muß dieſem Aberglauben irgend ein Symbol alter Mythologie zu Grunde liegen. 5⁴2 Vogel ſaß auf dem Spiegel jedes Schiffes und dieſer Vogel war ein Rabe; und er hörte das Zauberweib folgenden Geſang anſtimmen: „Aus Oſten ich lock ihn, Im Weſten ich halt' ihn; Beim Feſtmahl ich wittre Rare Biſſen und füttre Rothen Trank, weiße Beine. „Die Raben, ſie grüßen Und wachen zu Füßen: Durch Winde und Meer Blutgeruch zieht daher, Und die Raben, ſie grüßen Ihren Theil an den Beinen. „Durch Winde und Flammen Wir ſegeln zuſammen; Ich ſegle mit Raben; Ich wache mit Raben; Ich hol' mir von Raben Meinen Theil an den Beinen.“ Da war auch ein Mann Namens Thord“ auf einem Schiffe in des Königs Nähe und auch er träumte einen Traum. Er ſah die Flotte dem Lande ſich nahen und dieſes Land war England. Und am Lande ſtand eine zwiefache Schlachtreihe und viele Banner wehten auf beiden Seiten. Und vor dem Heere des Landvolks ritt ein rieſiges Hexenweib auf einem Wolf; der Wolf trug eines Mannes Leiche im Maul und das Blut träufelte ſtromweiſe von ſeinen Kinnladen; und ſobald der Wolf den Leichnam verſpeist hatte, warf das Hexenweib einen zweiten in ſeinen Rachen und ſo einen nach dem andern, und der Wolf zermalmte und verſchlang ſie alle. Und das Zauberweib ſang folgenden Geſang: „Grünwogend Gefilde Iſt völlig verdeckt Vom Blitzen der Schilde, Vom Wogen der Banner Die da flattern im Wind. * Snorro Sturleſon. 543 ar ein„Doch Skade von droben n: Durchdringet die Stahlwand Mit Adlerblick ſchauend Was die Erde will bergen. Ueber'm Rauſchen der Banner Sie wiegt ihr Gefieder, Mit Schatten bezeichnend Die Stirne des Königs. „Spricht ſein richtender Scherge: Wolfsrachen— du berge Gebeine und Fleiſch Blutbeſpritzet und feiſt; Sie krachen und dröhnen Unter Fängen und Zähnen. Und ich reite voraus Der Heißhungrigen Graus, Mit dem König! „Grimmer Wolf, ſtopf den Wanſt, Voll genug ſoll er ſeyn: Zott'’ger Rachen, Hungerwanſt, Dein ſey'n ſie und mein! „Aermer fällt ſchon das Feſt . Für Vogel und Beeſt; en auf Doch die Hexe vorall eſiges Nimmt das Beſte vom Mahl: he im ¹ Und die Hexe ſoll haben ; und Den König zum Laben, nweib Wenn ſie reitet voraus, Den Schlächtern ein Graus, id der Mit dem König!“ ſang Und König Harold träumte einen Traum. Und er ſah vor ſich ſeinen Bruder St. Olaf. Und der Todte richtete an den Skalden⸗ könig dieſen Geſang: „Kühn wie Du in der Schlacht, Gleich Dir froh in der Halle, Schien der Tag meiner Macht: Kommt die Nacht— und ich falle! ffe in ih die nd am 544 „Wie kleinlaut iſt der Tod, Und wie trotzig das Leben; Wie flüchtig der Odem Zwiſchen Schlummer und Streben! 1 „Die Erde zu klein Dem Tritte des Helden— Zwei Schritte— dem Grabſchrein Des Todten ſie gelten! „Doch mächtig das Reich, Das ſcheinet ſo ſchmal, Aller Stämme zugleich, Hat Raum für ſie all'!“ Aber Harold Hardrada verachtete Hexenweib und Traum und ſeine Flotten ſegelten weiter. Toſtig begegnete ihm dieſſeits der Ork⸗ neyinſeln und die mächtige Armada erreichte bald darauf die Küſten von England. Sie landeten zu Cleveland,“ und vor dem Tritte der ſchrecklichen Nordmänner flohen oder unterwarfen ſich die Küſtenbewohner. Mit Raub und Beute ſegelten ſie weiter nach Scarborough; aber dort hausten wackere Städter hinter ſtarken Mauern. Die Nordmänner erſtiegen einen Hügel über der Stadt, errichteten einen rieſigen Holz⸗ ſtoß und warfen die brennenden Stämme auf die Dächer herab. Ein Haus nach dem andern wurde vom Feuer ergriffen und durch die krachenden Flammen ſtürzten Hardrada's Leute. Groß war das Blut⸗ bad, reich die Beute, und die Stadt, erſchreckt und entvölkert, unter⸗ warf ſich dem Schwert und den Flammen. Den Humber und die Ouſe hinauf ſegelte die Flotte und landete vor Richall, nicht weit von York; doch Morcar, der Earl von Northum⸗ brien, brach mit ſeiner geſammten Streitmacht heraus— lauter hohen handfeſten Männern von dem großen Stamme der Anglo⸗Dänen. Hardrada entfaltete ſeine Flagge, genannt Land⸗Eyda, der * Snorro Sturleſon. —— v C I n und Ork⸗ büſten lichen Mit dort änner Holz⸗ Ein h die Blut⸗ inter⸗ ndete hum⸗ ohen der 545 „Verheerer der Welt“,* und einen Kriegsgeſang anſtimmend führte er ſeine Leute zum Angriff. Der Kampf war heftig aber kurz. Die engliſchen Truppen wur⸗ den geſchlagen und flohen nach York; der Weltverwüſter wurde im Triumph bis vor die Thore dieſer Stadt getragen. Ein verbannter Häuptling, wenn auch noch ſo verhaßt und tyranniſch, beſitzt doch immer einige Freunde unter dem verzweifelten und geſetzloſen Theile des Volks, und bei Schwachen und Memmen wird der Erfolg immer auch Bundesgenoſſen wecken— ſo kam es, daß viele Northumbrier auf Toſtigs Seite traten. Unter der Beſatzung der Stadt entſtand Zwie⸗ tracht und Meuterei; Morcar war außer Stands, das Stadtvolk zu bemeiſtern und wurde mit ſeinem dem König und Lande getreuen An⸗ hange vertrieben, worauf ſich York bereit erklärte, dem feindlichen Eroberer ſeine Thore zu öffnen. Auf die Nachricht, daß der Feind im Norden des Landes ſtehe, mußte König Harold die Streitkräfte, mit denen er im Süden den verzögerten Einfall Williams bewacht hatte, zurückziehen. Man war jetzt tief im September; acht Monate waren verſtrichen, ſeit der Nor⸗ manne ſeine prahleriſche Drohung vom Stapel gelaſſen hatte. War wohl noch anzunehmen, daß er einen Angriff wagen würde?— Doch ob dieſer Feind noch kommen mochte oder nicht— er war jedenfalls entfernt und Hardrada ſtand im Herzen des Landes! Nachdem York alſo kapitulirt hatte, war die ganze Umgegend eingeſchüchtert und mußte ſich unterwerfen; Toſtig und Hardrada waren fröhlich und guter Dinge, denn viele Tage, ſo rechneten ſie, mußten vergehen, bis Harold, der König, vom Süden des Reiches bis in den Norden gelangen konnte. Das Lager der Norweger ſtand an der Stanfordbrücke und heute * So wird das Wort von Thierry überſetzt— Andere nehmen„Land⸗ verwüſter“. Im Däniſchen heißt es Land⸗Ode, im Isländiſchen— Land⸗ Eydo. S. Anm. zu Thierry's Geſchichte der Eroberung von Eng⸗ land, III. Bd. Bulwer, Harold. 4 35 1 4. 546 wollte man förmlich in York einziehen; die Schiffe lagen drüben im Fluſſe und ein großer Theil des Heeres befand ſich bei den Schiffen. Der Tag war warm, Hardrada's Leute hatten ihre ſchweren Rüſtungen abgelegt und machten ſich„einen guten Tag“, ſprachen von der Plün⸗ derung Yorks, ſpotteten über die ſächſiſche Tapferkeit, mit lüſternen Gedanken der ſächſiſchen Mädchen ſich erinnernd, welche die ſächſiſchen Männer ſchutzlos gelaſſen hatten— als ſich plöͤtzlich zwiſchen ihnen und der Stadt eine große Staubwolke erhob. Hoch ſtieg ſie empor und wälzte ſich reißend dahin, und aus dem Innern der Wolke blitzten Speere und Schilde. „Was für eine Armee naht ſich von dort drüben?“ fragte Harold Hardrada. „Sie kommt gewiß aus der Stadt, die wir als Eroberer zu be⸗ treten im Begriffe ſtehen,“ meinte Toſtig;„es ſind ohne Zweiſel die befreundeten Northumbrier, welche jenen Morcar verlaſſen haben und zu mir übertreten.“ Nah und näher kam das Heer, und das Leuchten ſeiner Waffen war gleich dem Schimmern des Eiſes. „Vorwärts mit dem Weltverwüſter!“ befahl Harold Hardrada; „ſtellt euch auf, ergreift die Waffen!“ Und drei ſeiner ſchnellfüßigſten Jünglinge ausleſend, entſandte er ſie zu der Streitmacht am Fluſſe mit dem Befehl, daß ſie ihm ſchleunig zu Hülfe kommen ſollte, denn ſchon ſah man durch Wolken und Speere die Flagge des engliſchen Koͤnigs. In der Nacht zuvor war nämlich König Harold ohne Wiſſen der Angreifer in die Stadt eingezogen, hatte die Meuterei gedämpft, die Stadtbewohner ermuthigt und kam jetzt wie ein Blitzſtrahl von den Winden dahergetragen, um Englands Himmel von den Wolken aus Norden zu ſäubern. Beide Heere nahmen eiligſt ihre Stellung; Hardrada for⸗ mirte ſeine Streiter in Form eines Kreiſes in langen aber nicht tiefen Linien, deren Flügel ſich rückwärts bogen, bis ſie Schild an Schild en im hiffen. ungen Plün⸗ ernen iſchen n und ſempor litzten Harold zu be⸗ el die n und n war drada; ndte er leunig 5peere ämlich zogen, d kam lands for⸗ tiefen Schild 547 wieder zuſammentrafen.“ Die in der vorderſten Reihe ſtellten ihre Speere auf den Boden, ſo daß die Spitzen den feindlichen Reitern bis zur Bruſt reichten; das zweite Glied hielt die Schäfte noch tiefer in gleicher Linie mit der Bruſt der Pferde, ſo daß gegen den Angriff der Reiterei eine doppelte Palliſade gebildet war. In der Mitte dieſes Kreiſes ſtand der Weltverwüſter, umgeben von einem Walle von Schilden; hinter dieſem Walle ſand der König mit ſeiner Leibwache den gewohn⸗ ten Platz für den Anfang der Schlacht. Toſtig dagegen mit ſeinem northumbriſchen Löwenbanner und dem Häuflein ſeiner Auserleſenen ſtand in der vorderen Schlachtlinie. Während das feindliche Heer ſich alſo formirte, ordnete der eng⸗ liſche König ſeine Streitmacht mit der weit überlegenen Taktik eines Feldherrn, den ſeine militäriſche Erfahrung hoch über die Kriegsweiſe der Dänen geſtellt hatte. Dieſe unter ſeiner Leitung ſeither noch immer unbeſiegte Kampfformation hatte die Geſtalt eines Keils oder Dreiecks, ſo daß ſeine Leute beim Angriff den ſeindlichen Geſchoſſen die ſchmalſte Fläche darboten und bei der Vertheidigung nach drei Seiten zumal Front machten. König Harold muſterte die feſt an⸗ ſchließenden Linien und wendete ſich dann zu Gurth, der an ſeiner Seite ritt. „Wäre nicht der Eine in jenem feindlichen Heere— mit welcher Freude wollten wir dieſe Nordmänner angreifen!“ bemerkte der König. „Ich verſtehe Dich,“ gab Gurth traurig zur Antwort;„derſelbe Gedanke an jenen Einen macht, daß auch mein Arm ſich gelähmt füͤhlt!“ Der König ſchwieg nachſinnend und ließ das Naſenſtück an ſeinem Helme nieder. „Folgt mir, meine Thane,“ befahl er plötzlich dem Häuflein von Reitern in ſeiner Umgebung. Und ſein Roß anſpornend ſprengte König Harold geradewegs gegen denjenigen Theil der feindlichen Front, wo Toſtig's northum⸗ * Snorro Sturleſon. 35* 548 briſches Banner über die Speere hervorragte. Verwundert aber ſchweigend folgten ihm die zwanzig Thane. Vor der grimmigen Schlachtreihe und dicht bei Toſtig's Banner parirte der König ſeinen Renner und rief: „Iſt Toſtig, der Sohn Godwins und Githa's, bei dem Banner der northumbriſchen Grafſchaft?“ Mit geöffnetem Helm, den norwegiſchen Mantel über die Rüſtung geworfen, näherte ſich Earl Toſtig beim Klange dieſer Stimme und ritt zu dem Sprechenden.* „Was willſt Du von mir, kühner Gegner?“ Der ſächſiſche Reitersmann ſchwieg und ſeine tiefe Stimme zitterte in zärtlicher Regung, als er leiſe erwiederte: „Dein Bruder, König Harold, entbietet Dir ſeinen Gruß. Laß nicht die Söhne aus derſelben Wiege auf dem Boden ihrer Väter un⸗ natürlichen Krieg gegen einander führen.“ „Was will Harold der König ſeinem Bruder geben?“ fragte Toſtig.„Northumbrien hat er bereits dem Sohne aus dem Hauſe ſeines Feindes bewilligt.“ Der Sachſe zögerte und einer von den Reitern neben ihm nahm das Wort. „Wenn Northumbrien Dich wieder aufnehmen will, ſo ſollſt Du Northumbrien haben und der König wird dann ſeine frühere Graſſchaft Weſſer an Morcar vergeben; wenn die Northumbrier Dich verwerfen, ſo ſollſt Du alle Grafſchaften bekommen, welche König Harold ſeinem Gurth verſprochen hat.“ „Gut,“ meinte Toſtig und ſchien wie unſchlüſſig zu ſchwei⸗ gen, als König Harold Hardrada, von dieſem Zwiegeſpräche unter⸗ richtet, mit ſeinem goldgleißenden Helm auf kohlſchwarzem Roſſe vor den Reihen daherſprengte. * S. Snorro Sturleſon über dieſe perſönliche Unterredung zwiſchen Harold und Toſtig. Der Bericht unterſcheidet ſich von den ſächſiſchen Chro⸗ niſten, iſt aber in dieſem ſpeziellen Punkt wohl ebenſo genau wie dieſe. ——— —— aber nigen einen anner ſtung und tterte Laß r un⸗ ragte Hauſe nahm t Du ſchaft erfen, inem wei⸗ nter⸗ vor iſchen Chro⸗ 549 „Ha!“ murmelte Toſtig ſich umwendend, als die Rieſengeſtalt des norwegiſchen Königs ihren langen Schatten über den Boden warf. „Und wenn ich das Anerbieten annehme, was will Harold, God⸗⸗ wins Sohn, meinem Freunde und Bundesgenoſſen Hardrada von Norwegen geben?“ Bei dieſen Worten erhob der ſächſiſche Ritter ſein Haupt und be⸗ trachtete die breite Stirne Hardrada's, indem er laut und deutlich ant⸗ wortete: „Sieben Fuß engliſchen Bodens zu ſeinem Grabe oder da er größer iſt als andere Menſchenkinder ſo viel drüber als ſein Leichnam bedarf.“ „Dann gehe zurück und ſage meinem Bruder Harold, er möge ſich zur Schlacht rüſten, denn nie ſollen Norwegens Skalden und Krieger ſagen, daß Toſtig ihren König in ſeinen Handel verlockte, um ihn dann an ſeinen Feind zu verrathen. Er kam hieher und ſo auch ich, um wie ein tapferer Mann zu gewinnen oder den Tod des Tapfern zu ſterben!“ Hier hörte man einen Reiter von jugendlicherer ſeinerer Geſtalt als die andern dem ſächſiſchen Könige zuflüſtern: „Zögere nicht länger, ſonſt möchten Deine Leute Verrath fürchten!“ „Das Band iſt von meinem Herzen geriſſen, o Haco, und dieſes Herz fliegt zu England zurück,“ lautete des Königs Antwort. Er winkte mit der Hand, drehte ſein Roß und ritt davon. Har⸗ drada's Auge folgte dem Reiter. „Und wer iſt der Mann, der ſo gut geſprochen?““ fragte er ruhig. „König Harold!“ gab Toſtig kurz zur Antwort. „Wie!“ rief der Norweger erröthend,„warum hat man mir das nicht früher geſagt? Nie wäre er ſonſt zurückgekehrt— hätte nie mehr von der Entſcheidung dieſes Tages geſprochen!“ 65 * Snorro Sturleſon. 550 Bei all ſeiner Wildheit, ſeinem Neid und Groll gegen Harold, bei ſeiner ganzen Verrätherei an England ſchlummerten doch noch einige rohe verwirrte Begriffe von Ehre in der Bruſt des Sachſen und ſtolz erwiederte er: „Unklug war Harold's Kommen und groß ſeine Gefahr; aber er kam, um mir Frieden und Herrſchaft anzubieten. Hätte ich ihn ver⸗ rathen, ich wäre nicht ſein Feind— ich waͤre ſein Mörder geweſen!“ Der nordiſche König lächelte beifällig und wendete ſich mit der trockenen Anſprache an ſeine Häuptlinge: „Jener Mann war zwar kürzer als manche von uns, aber er ſaß feſt im Steigbügel.“ Und nun begann dieſe außergewöhnliche Erſcheinung, welche alle Typen eines für immer im Grabe entſchwundenen Zeitalters in ſich vereinigte und um ſo intereſſanter iſt, als wir in ihr den Stamm vor uns ſehen, von welchem die Normannen entſprangen, mit einer vollen melodiſchen Stimme, tiefklingend wie eine Orgel, den improvi⸗ ſirten Kriegsgeſang anzuſtimmen. Mitten im Verſe hielt Hardrada inne, indem er mit vollendeter Ruhe ſagte: „Der Vers reimt ſich ſchlecht: ich muß es beſſer verſuchen.“* Er fuhr mit der Hand über die Stirne, beſann ſich eine Weile und fuhr dann wie begeiſtert fort, während ſein ſchönes Geſicht in poetiſcher Warme leuchtete. Das Lied, die Worte, der Rythmus wie der Augenblick ſtimmten ſo ganz zu ſeinem und ſeiner Leute Enthuſiasmus, daß das Ganze eine unbeſchreibliche Wirkung hervorbrachte— ähnlich dem Runenzauber, der einſt die Berſerker, wie es hieß, mit der an ihnen gerühmten Kriegs⸗ wuth erfüllt hatte. Feſt und langſam rückte unterdeſſen die ſächſiſche Phalanx heran, und in wenigen Minuten hatte die Schlacht begonnen. Den Anfang machte ein Angriff der(niemals zahlreichen) engliſchen Reiterei unter Haco's und Leofwine's Anführung: allein die doppelte Palliſade der * Snorro Sturleſon. rold, noch und der er ver⸗ ſen!“ t der er ſaß e alle s in tamm einer rovi⸗ drada 3* Weile icht in umten e eine auber, riegs⸗ heran, nfang unter de der 551 Norweger bildete eine unüberſteigliche Schranke und die Reiter, von der Außenwand zurückweichend, ritten um den eiſernen Zirkel, indem ihre Speere und Wurſſpieße nur geringen Schaden verurſachten. König Harold war mittlerweile abgeſtiegen und marſchirte nach ſeiner Gewohnheit mit dem Hauptkorps des Fußvolks: er nahm ſeinen Standpunkt in dem hohlen Raume des dreieckigen Keils, von wo er am beſten ſeine Befehle erlaſſen konnte. Toſtig's Poſten vermeidend, ließ er ſeinen Schlachthaufen gerade im Centrum des Feindes halten, wo der Weltverwüſter, hoch über dem inneren Walle der Schilde flat⸗ ternd, die Anweſenheit des rieſigen Hardrada verkündete. Die Luft war jetzt buchſtäblich von Pfeilen und Speeren verfin⸗ ſtert und in dieſem Krieg der Geſchoſſe waren die Sachſen weniger ge⸗ ſchickt als die Nordmänner. Gleichwohl wollte König Harold die Hitze ſeiner Leute noch immer zurückhalten, welche von den Ge⸗ ſchoſſen ſchwer bedrängt, ſich nach dem Handgemenge mit dem Gegner ſehnten. Auf einer kleinen Anhöhe ſtehend, wo er mehr als der ge⸗ ringſte Soldat exponirt war, beobachtete er ruhig die Angriffe der Reiter und wartete auf den Augenblick, wo die Norweger, wie er vor⸗ ausſah, durch ſein eigenes Zögern wie durch die ſchwachen Anfälle der Reiterei ermuthigt, ihre Speere vom Boden aufrichten und ſelbſt zum Angriffe vorgehen würden.. Dieſer Augenblick kam: durch das Geklirr und Geraſſel der Waffen, wie durch die Kriegsgeſänge ihres Königs und ſeines Skal⸗ denchores angeſtachelt, trennten ſich die Nordmänner, unfähig ihren Feuereifer zurückzuhalten, und rückten gegen die Sachſen. „Greift zur Streitaxt, und nun zum Angriff!“ rief Harold, den Mittelpunkt der Schlachtlinie verlaſſend, um ſich an die Spitze des Keiles zu ſtellen. Die Wucht dieſer kunſtreichen Phalanx war furchtbar: ſie drang durch den Ring der Norweger, ſpaltete den Wall ihrer Schilde, und König Harold's Streitart war die erſte, welche dieſe Stahlmauer zer⸗ 5⁵² ſplitterte, ſein Schritt der erſte, der in den innerſten vom Weltver⸗ wüſter bewachten Zirkel eindrang. Da trat ihm unter dem Schatten dieſer mächtigen Flagge Harold Hardrada gleichfalls zu Fuß entgegen; ſingend und jauchzend ſprang er mit langen Schritten in das dickſte Schlachtgewühl. Er hatte den Schild bei Seite geworfen und ſchwang mit beiden Händen ſein rieſi⸗ ges Schwert, einen nach dem andern niederhauend, bis er ſich freie Bahn geöffnet hatte und die Engländer, vor dieſer Geſtalt von ſchein⸗ bar übermenſchlicher Höhe und Stärke zurückweichend, nur einen Mann auf ſeinem Wege ließen, der ihm feſt und ſtandhaft entgegentrat. In dieſem Augenblicke ſchien der ganze Streit nicht mehr einem vergleichungsweiſe neueren Zeitalter anzugehören— er hatte den Charakter des entfernteſten Alterthums angenommen, und Thor und Odin ſchienen auf Erden zurückgekehrt. Hinter dem thurmhohen Ti⸗ tanen kamen ſeine Skalden, das wilde Haar unter ihren Helmen her⸗ vorflatternd, und trunken von dem Wahnſinne der Schlacht ihre Hymnen anſtimmend; der Weltverwüſter wehte brauſend hinterdrein, ſo daß der gewaltige Rabe, der auf ſeinen Falten abgemalt war, von grauſigem Leben beſeelt ſchien. Ihm gegenüber, allein und ruhig, mit wach⸗ ſamem Auge und erhobener Streitaxt, den Fuß zum Sprunge oder Anfalle bereit, aber zur Abwehr der Flucht feſt wie eine Eiche im Boden wurzelnd— ſtand der Letzte der Sachſenkönige. Da kam Hardrada, und nieder fuhr ſein Schwert; König Ha⸗ rolds Schild ward entzwei geſpalten und die Wucht des Hiebes warf ihn ſelber aufs Knie; aber raſch wie der Blitz dieſes Schwertes auf die Füße ſpringend, während Hardrada, von der Heftigkeit ſeines Schlages noch nicht zu ſich gekommen, noch immer den Kopf geneigt hatte, traf ihn der Sachſe mit ſeiner Art ſo donnernd auf den Helm, daß der Rieſe wankte, ſein Schwert fallen ließ und zurücktaumelte, während ſeine Skalden und Häuptlinge ſich um ihn ſchaarten. König Harolds Standhaftigkeit rettete die Engländer vor der Flucht, denn als ſie ihn jetzt faſt allein im Gedränge und immer vor⸗ ——— wärte ſie ſie drang gleich ſobal von und ſeine das ihm ihn mit Pfei ein! über emp 5⁵⁸³ wärts gegen die Rabenflagge ſich durchhauen ſahen— da ſammelten ſie ſich einnüthig und mit dem Rufe„Aus! Aus! Heiliges Kreuz!“ drangen ſie zu ihm vor, und der Kampf wogte nunmehr heiß und gleichmäßig Mann gegen Mann. Hardrada war unterdeſſen etwas abſeits getragen worden, und ſobald man ihm den beſchädigten Helm löste, erholte er ſich wieder von jenem Schlage— dem gewichtigſten, der je ſein Auge verdunkelt und ſeine Hand gelähmt hatte. Den Helm zu Boden werfend, daß ſeine hellen Locken wie Sonnenſtrahlen glitzerten, ſtürzte er wieder in das Handgemenge zurück. Aufs Neue ſanken Helm und Panzer vor ihm zu Boden; abermals gewahrte er durch die Menge den Arm, der ihn getroffen hatte; abermals ſprang er auf ihn los, um den Krieg mit einem Schlage zu beenden— als ihm von fernem Bogen ein Pfeil durch die Kehle drang, die nicht länger vom Helme geſchützt war; ein Laut, ähnlich dem Weheruf eines Todtengeſangs, kam abgebrochen über ſeine von Blut überſtrömten Lippen, und ſeine Waffen wild emporwerfend, ſtürzte er— eine Leiche— zu Boden. Bei dieſem Anblicke erhoben die Nordmänner einen ſo furchtbaren Schrei der Klage, des Schreckens und Zornes, daß der Kampf für den Augenblick gänzlich aufhörte. „Vorwärts!“ rief der Sachſenkönig;„engliſcher Boden möge den Eindringling verſchlingen! Vorwärts gegen die Standarte, und der Tag iſt unſer!“ „Vorwärts gegen die Standarte!“ wiederholte Haco, der das Roß unterm Leibe verloren hatte und blutbedeckt von fremden Wunden dem König nunmehr zur Seite ſprang. Hoch und grimmig erhob ſich die Standarte, und die Fahne flaggte und ſeufzte im Wind wie wenn der Rabe Stimme beſäße, als plötzlich dicht zwiſchen Harold und dem Banner ſein Bruder Toſtig emportauchte— er, wohl bekannt durch die gleiſende Rüſtung, die Goldſtickerei ſeines Mantels, wie durch das trotzige Lachen und die herausfordernde Stimme. 554 „Gleichviel!“ rief Haco;„ſchlag zu, o König— es gilt Deine Krone!“ Harolds Hand griff krampfhaft nach Haco's Arm; er ſenkte die Streitart, drehte ſich um und ging ſchaudernd weiter. Beide Heere hielten inne im Angriff, denn beide Theile waren in große Unordnung gerathen und gönnten ſich gerne eine Pauſe, um die eigene zerriſſene Schlachtſtellung wieder herzuſtellen. Die Nordmänner waren übrigens nicht die Krieger, welche wegen eines erſchlagenen Führers zurückwichen— im Gegentheil, jetzt da ihre Tapferkeit noch durch Rachluſt geſteigert wurde, waren ſie mehr als je zum Kampfe entſchloſſen; gleichwohl wäre ohne Toſtigs raſche Ent⸗ ſchloſſenheit, mit der er ſich zu der Standarte durchgehauen hatte, der Tag ſchon jetzt entſchieden geweſen. Während der Pauſe rief Harold ſeinem Gurth und bat ihn in großer Erſchütterung: „Im Namen der Natur, Gurth, o Gurth, gehe um Gottes⸗ willen zu Toſtig; jetzt da Hardrada todt iſt, bewege, o bewege ihn zum Frieden. Biete, was wir nur immer mit Ehren bieten können — Leben und freien Rückzug für jeden Norweger.“ O erſpare mir, erſpare mir das Blut eines Bruders!“ Gurth lüftete ſeinen Helm und küßte die bepanzerte Rechte des Königs. „Ich gehe,“ ſagte er; und baarhaupts mit einem einzigen Trom⸗ peter näherte er ſich den feindlichen Reihen. Harold erwartete ihn in großer Aufregung, und Niemand konnte ahnen, welch bittere grauenhafte Gedanken ſein Herz bewegten, das auf dieſem Pfade zur Macht ein Band nach dem andern hatte löſen ſehen. 1 Er durfte nicht lange warten, denn noch ehe Gurth zurückkam, »Sharon Turner's Angelſachſen, II. Bd. S. 396.— Snorro Sturleſon. verna ſchla⸗ giſche gab, verla lich! ange kurz jedo hiel wen derſ ſe die len in n die egen ihre als Ent⸗ —, der hn in ottes⸗ e ihn önnen mir, te des rrom⸗ onnte das löſen kkam, orro 555 vernahm er aus dem einmüthigen Wuthſchrei, vermiſcht mit dem An⸗ ſchlagen zahlloſer Schilde, daß die Sendung mißglückt war. Toſtig hatte Gurth nicht anders als in Gegenwart der norwe⸗ giſchen Häuptlinge anhören wollen, und als er ſeine Botſchaft preis⸗ gab, riefen ſie alle: „Lieber wollen wir Seit' an Seite fallen,“* als ein Schlachtfeld verlaſſen, wo unſer König erſchlagen wurde.“ „Du hörſt ſie,“ ſprach Toſtig:„wie ſie ſprechen, ſo ſpreche ich.“ „Auch dieſe Schuld iſt nicht mein, o Gott!“ rief Harold, feier⸗ lich die Hand erhebend.„Nun denn, an die Pflicht.“ Die norwegiſche Verſtärkung war unterdeſſen von den Schiffen angelangt, was den augenblicklich wieder ausbrechenden Streit auf kurze Zeit kritiſch und unſicher machte. Harolds Feldherrntalent war jedoch ebenſo vollendet, wie ſeine Tapferkeit kühn geweſen war; er hielt ſeine Leute feſt in der unzerbrechlichen Schlachtordnung, und wenn auch einzelne Splitter abgeriſſen wurden, ſo nahm doch jeder derſelben die Form des unwiderſtehlichen Keiles an. Ein einziger Norweger vertheidigte lange Zeit den Uebergang über die Stanfordbrücke; nicht weniger als vierzig Sachſen ſollen von ſeinem Arme gefallen ſeyn. Der engliſche König ließ ihm voll Groß⸗ muth nicht nur das Leben, ſondern auch einen Ehrenpreis für ſeine Tapferkeit zuſichern; der Wikinger wollte ſich jedoch nicht ergeben, und ſiel zuletzt durch Haco's Wurfſpieß.. Als wäre in ihm der unerbittliche Kriegsgott der Norweger ver⸗ körpert geweſen— ſo war mit ihm die letzte Hoffnung der Wikinger geſtorben. Sie ſielen buchſtäblich, wo ſie ſtanden, viele ſtarben ohne Schwertſtreich aus bloßer Erſchöpfung und unter der Schwere ihrer Rüſtung.** Mit einbrechender Nacht ſtand Harold inmitten der zer⸗ * Snorro Sturleſon. ** Die raſche Folge der Ereigniſſe ließ dem ſächſiſchen Heere nicht die Zeit, die Erſchlagenen zu beerdigen, und die Gebeine der Eingedrungenen bedeckten noch manche Jahre ſpäter das grauſige Schlachtfeld. 556 trümmerten Schildmauer, den Fuß auf der Leiche des Fahnenträͤgers, die Hand am Stabe des Weltverwüſters. „Dort drüben trägt man Deines Bruders Leichnam,“ füſterte Haco dem König ins Ohr, während er ſein Schwert vom Blute rei⸗ nigte und in der Scheide verſorgte. Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Der junge Olaf, Hardrada's Sohn, war dem Gemetzel glücklich entronnen. Eine ſtarke Abtheilung der Norweger war bei den Schiffen zurück geblieben— unter ihnen einige kluge alte Häuptlinge, welche, das wahrſcheinliche Reſultat des Tages vorausſehend und wohl wiſſend, daß Hardrada das Feld, wo er den Weltverwüſter aufgepflanzt, nicht anders denn als Sieger oder als Leichnam verlaſſen würde, den Prin⸗ zen faſt mit Gewalt vom Theilnehmen an ſeines Vaters Schickſal zu⸗ rückgehalten hatten. Ehe dieſe Schiffe jedoch in See ſtechen konnten, hatten ihnen die kräftigen Maßregeln des ſächſiſchen Königs bereits den Rückzug abgeſchnitten, und ihre Schilde als Wall um die Maſten thür⸗ mend, beſchloſſen die kühnen Wikinger wenigſtens als Männer zu ſterben. In der Frühe kam jedoch König Harold in eigener Perſon an das Flußufer, und hinter ihm, die Lanzen auf dem Boden ſchleppend, ein feierlicher Zug mit der Leiche des Skaldenkönigs. Am Ufer wurde Halt gemacht, und ein Boot mit einem Mönche ruderte gegen die norwegiſche Flotte, um die Häuptlinge zu einer Deputation, an ihrer Spitze den jungen Prinzen ſelber, aufzufordern, welche den Leichnam ihres Königs in Empfang nehmen und die Vorſchläge des Sachſen vernehmen follte. Die Wikinger waren auf keine Präliminarien vor dem erwarteten Gemetzel gefaßt geweſen, und zögerten nicht, das Anerbieten anzu⸗ nehmen. Zwoͤlf der berühmteſten Häuptlinge, die noch am Leben waren, ſtiegen mit Olaf ſelber in das Boot, und zwiſchen ſeinen Brüdern Leofwine und Gurth ſtehend, redete ſie Harold alſo an: „Euer König bekriegte ein Volk, das ihn nicht beleidigt hatte; er he ſeine Bedi ſchad in m den; erler! ſind? Schi biete Küſt — ſchof den daß der d todte als Aug der auf hob Bal Gol Trã Nor 5⁵⁷ er hat es gebüßt— wir kriegen nicht gegen die Todten. Erweiſet ſeinen Ueberreſten die Ehren, wie ſie den Tapferen gebühren; ohne Bedingung oder Löſegeld überliefern wir Euch, was uns nicht länger ſchaden kann.— Was Dich betrifft, junger Prinz,“ fuhr der König in mitleidigem Tone fort, als er den ſtolzen, aber tiefen Kummer in den Zügen des ſtattlichen Olafs gewahrte—„wirſt Du hieraus nicht erlernen, daß Odins Kriege ein Verrath an dem Glauben des Kreuzes ſind? Wir haben geſiegt, wollen aber keine Metzelei. Nehmet ſo viel Schiffe, als Ihr für die Ueberlebenden bedürfet; drei und zwanzig biete ich Euch zur Ueberfahrt. Kehret zu Euren einheimiſchen Küſten zurück und ſchützet ſie, wie wir die unſerigen geſchützt haben. — Seyd Ihr zufrieden?“ Unter den Häuptlingen befand ſich ein ernſter Prieſter, der Bi⸗ ſchof der Orkaden— er trat vor und beugte ſein Knie vor dem Könige. „O Herr von England,“ begann er,„geſtern beſiegteſt Du nur den Leib— heute aber die Seele. Nie wieder möge es geſchehen, daß die großherzigen Nordmänner die Küſte des Mannes angreifen, der die Todten ehrt und die Lebenden ſchont.“ „Amen!“ riefen die Häuptlinge und knieten ſämmtlich vor Harold. Der junge Prinz ſtand einen Augenblick unentſchloſſen, denn ſein todter Vater lag vor ihm auf der Bahre, und Rache galt noch immer als eine Tugend in dem Herzen eines Seekönigs; als er aber ſeine Augen zu Harold aufſchlug, da ſchien die milde, ſanfte Majeſtät auf der Stirne des Sachſen einen unwiderſtehlichen, begütigenden Einfluß auf ihn zu üben, und die rechte Hand dem Könige entgegenſtreckend, hob er die andere hoch empor und betheuerte laut: „Ewige Treue und Freundſchaft mit Dir und England!“ Die Häuptlinge ſtanden nun auf und ſammelten ſich um die Bahre; aber keine Hand lüftete im Angeſichte des ſtegreichen Feindes das Goldtuch, das den Leichnam des berühmten Königs bedeckte. Die Träger der Bahre bewegten ſich langſam gegen das Boot, und die Norweger folgten mit abgemeſſenen Leichenſchritten. Erſt als die 558 Bahre am Bord der königlichen Galeere aufgeſtellt wurde, ließ ſich die laute, tiefe und ſchauerliche Wehklage vernehmen, welcher ein überlebender Skalde einen Ausbruch wilden Geſanges nachſchickte. Die Norweger hatten bald ihre Vorkehrungen zur Abfahrt ge⸗ troffen; die zu ihrer Begleitung verwilligten Schiffe lichteten die Anker und ſegelten den Strom hinab. „Da gleiten die letzten Segel, welche jemals die verwüſtende Rabenflagge an Englands Küſten tragen ſollen,“ bemerkte Harold, der die Schiffe vom Flußufer aus bewachte. Und in der That hatten dieſe ſeither faſt unüberwindlichen Krie⸗ ger auf jenem Felde die größte Niederlage erlitten, die ſie noch jemals erfahren hatten. Auf jener Bahre lag der letzte Sohn der Berſerker und Seekönige, und zu Deiner Ehre ſey es geſagt, o Harold, daß der Weltverwüſter nicht von dem Normann, ſondern von Dir, dem ächten Sachſenherzen, auf engliſchem Boden niedergeworfen wurde.* „So ſey es,“ verſetzte Haco;„und ſo wird es wohl auch geſche⸗ hen. Nur vergiß nicht den Abkömmling der Nordmänner, den Grafen von Rouen!“ Harold fuhr zuſammen und wendete ſich an ſeine Häuptlinge. „Stoßt in die Trompeten und ſammelt Euch um mich. Wir mar⸗ ſchiren nach York: dort ſoll die Grafſchaft neu geordnet und die Beute geſammelt werden, dann geht es zurück an die ſüdlichen Küſten. Erſt aber kniee nieder, Haco, Du Sohn meines Bruder Sweyn. Deine Thaten wurden im Lichte des Himmels, im Angeſichte der Krieger auf offenem Felde verrichtet; ſo ſollen auch Deine Ehren Dich finden! Nicht mit dem eitlen Tande der normänniſchen Ritterſchaft will ich Dich bekleiden; dafür aber ſeyſt Du zum Mitgliede der älteren Brüder⸗ ſchaft als Miniſter und miles erhoben. Ich gürte um Deine Lenden * Unter der folgenden Regierung ſegelten zwar die Dänen unter König Sweyns Bruder Asbiorn den Humber hinauf— das geſchah aber um den Engländern beizuſtehen, nicht um ſie anzufallen, und der Normanne er⸗ kaufte ihre Abfahrt, er erzwang ſie nicht. ——,— mein mein als unter Knal ſeine Tage Nam Stad Sitt ſeine Brüt an de einge jung hatte lang Frer Har Ang ſachf war ſchw ſchli Frer nicht ſchü Anb ſelbe Alle 559 eß ſich mein eigenes Wehrgehänge von ächtem Silber, lege in Deine Hand er ein mein eigenes Schwert aus reinem Stahl und heiße Dich aufſtehen, um e. als Earl von Hertford und Eſſer in Rath und Feldlager Deine Stelle art ge⸗ unter den Proceres von England einzunehmen. Nicht mir danke, en die Knabe,“ flüſterte der König, während er ſich über die bleiche Wange ſeines Neffen beugte:„von mir ſollte der Dank ausgehen. An dem ſtende Tage, der Toſtigs Verbrechen und Tod beleuchtete, haſt Du den arold, Namen meines Bruders Sweyn gereinigt! Nun, auf nach unſerer Stadt York!“ Krie⸗ 8 In jener Stadt wurde feſtliches Bankett gehalten und nach der emals Sitte der ſächſiſchen Monarchen durfte der König beim Siegesfeſte rſerker ſeiner Thane nicht fehlen. Er ſaß oben an der Tafel zwiſchen ſeinen „daß Brüdern. Morcar, den ſeine Abreiſe aus der Stadt der Theilnahme „ dem an der Schlacht beraubt hatte, war heute mit ſeinem Bruder Edwin rde.* eingetroffen, den er zur Hilfe herbeigerufen hatte, und wenn auch die eſche⸗ jungen Earls den Ruhm beneideten, an dem ſie keinen Theil erhalten rafen hatten, ſo beruhte dieſer Neid wenigſtens auf edlen Beweggründen. Heiter und lärmend war das Feſtmahl, und lebendiger Geſang(ſeit e. langer Zeit in England vernachläſſigt) erwachte, wie er bei Ruhm und mar⸗ Freude immer erwachen wird. Wie in den Tagen Alfreds wanderte die Beute Harfe von Hand zu Hand, rauhe Kriegsgeſänge unter dem Griffe des Erſt Anglo⸗Dänen, feinere ſinnigere Lieder aber zu der Stimme des Angel⸗ Deine ſachſen anſtimmend. Allein Toſtigs Gedächtniß— ſo ſchuldbeladen es er auf war— ein Bruder im Kriege gegen den Bruder erſchlagen— lag nden! ſchwer auf Harolds Seele; doch hatte er England ſein Leben ſo aus⸗ ll ich ſchließlich gewidmet— kannte ſo wenig anderes Weh oder andere üder⸗ Freude, als die ſeines Vaterlandes, daß es ihm allmählig, wenn auch enden nicht ohne große Anſtrengung gelang, ſeine düſtere Stimmung abzu⸗ ſchütteln. Muſik und Geſang, Wein und Lichterglanz und der ſtolze Reniß Anblick dieſer langen Reihen tapferer Männer, deren Herzen für die⸗ ne er⸗ ſelbe Sache geſchlagen, deren Hände für ſie triumphirt hatten— dies Alles half ſeine Sinne an die Luſt der Stunde feſſeln. ——,— 5— 560 Als die Nacht heranrückte, erhob ſich Leofwine, der ebenſo beliebt beim Bankette, wie Gurth im Rathe war, um ein Drink⸗hael vor⸗ zuſchlagen— eine Sitte, welche den bezeichnendſten unſerer modernen Geſellſchaftsgebräuche in ſo entferntes Alterthum zurückführt. Der Lärm des Mahles verſtummte, ſobald der junge Earl mit ſeinem ein⸗ nehmenden Geſichte aufſtand. Mit geziemendem Anſtand entblößte er ſein Haupt“ und begann mit gefaßter Miene: „Indem ich meinen Herrn, den König, und dieſe edle Verſamm⸗ lung, in welcher ſich ſo Viele befinden, von denen mein beabſichtigter Vorſchlag wohl mit beſſerem Rechte ausginge— um Verzeihung bitte, möchte ich Euch nur erinnern, daß William, Graf der Normannen, einen Vergnügungsausflug von derſelben Art wie der unſeres letzten Beſuchs Harold Hardrada im Schilde führt.“ Verächtliches Lachen ſchallte durch die Halle. „Und da wir Engländer ein gaſtliches Volk ſind und Jeden, der es verlangt, für eine Nacht zu Tiſch und Bett aufnehmen, ſo dürfte eines Tages Willkomm wohl Alles ſeyn, was der Graf der Norman⸗ nen von unſeren engliſchen Händen bedürfen wird.“ Erhitzt von dem fröhlichen Uebermuthe des Weins, brüllten die Trinker lauten Beifall. „Drum dieſes Drink⸗hael für William von Rouen! Und um mich eines Sprichworts zu bedienen, das jetzt in Jedermanns Munde geht und das, wie ich hoffe, unſere Kinder und Kindeskinder auswen⸗ dig lernen werden— da er nach unſerem engliſchen Boden lüſtern iſt, ſo ſeyen ihm aus freien Stücken„ſieben Fuß Landes“ für immer ver⸗ willigt!“ „Drink⸗hael William dem Normannen!“ riefen die Schmau⸗ ſenden, und Jeder nahm mit ſpöttiſcher Förmlichkeit die Mütze ab, küßte die Hand und verbeugte ſich.*„Drink⸗hael William dem Normannen!“— Dieſer Ruf wälzte ſich vom Boden bis zum Dache, * Die Sachſen ſaßen nämlich mit bedecktem Haupte beim Mahle. ** Henry. —— —. beliebt l vor⸗ dernen Der n ein⸗ ßte er amm⸗ ztigter bitte, annen, letzten 1, der dürfte rman⸗ en die id um Nunde Swen⸗ n iſt, r ver⸗ mau⸗ e ab, i dem ache, 561 als mitten in dem Lärm ein mit Staub und Schmutz bedeckter Mann in die Halle ſtürzte, durch die Reihen der Bankettirer auf Harolds Thronſeſſel zueilte und in den lauten Ruf ausbrach:„William, der Normanne, hat an den Küſten von Suſſex ſein Lager aufgeſchlagen und mit dem mächtigſten Heere, das man noch je in England geſehen, verheert er das Land fern und nah!“ Zwölftes Buch. Das Feld von Haſtings. Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. In der Tiefe des Forſtlandes, wo Hilda's Wohnung lag, ſah man die ſtillen Schatten des herbſtlichen Laubes auf den trägen Waſ⸗ ſern eines düſteren Teiches wiederſcheinen. Wie dies in alten Forſten in der Nachbarſchaft menſchlicher Woh⸗ nungen faſt immer getroffen wird, waren auch hier die Bäume durch wiederholtes Abhauen zu Zwergen ausgewachſen und die Zweige ſchoſſen aus den knorrigen Stämmen der geköpften Eichen und Buchen; die Stämme ſelbſt, von rieſigem Umfang und mit Mooſen und weißen Schimmelflecken oder Epheuranken bedeckt, deuteten auf hohes Alter; aber die Aeſte, welche ihr hinſchmachtendes verſtümmeltes Leben er⸗ zeugte, verliefen entweder dünn und ſchwach in zahlloſe Ausläufer oder concentrirten ſich um ein einſames abgeriſſenes Glied, das von der Art des Holzhauers verſchont worden. So kam es, daß die Bäume alle Arten von krummen, unförmlichen, fantaſtiſchen Geſtalten an⸗ nahmen, welche trotz der geräuſchloſen Einſamkeit, die ſie umgab, durch Bulwer, Harold. 36 ——-———— 562 ihr ſichtbares Alter und ihren Verfall die Verheerung und Plünderung des Menſchen verkündeten. Es war um die erſte Nachtwache, als der herbſtliche Mond am hellſten und glänzendſten leuchtete. Auf der andern Seite des Sumpfes konnte man von Zeit zu Zeit die Geweihe des Wildes bemerken, das ſorglos in dem Farrenkraute raſchelte, wo es ſein Lager aufgeſchlagen hatte; durch die näheren Lichtungen ſchlichen Haaſen und Kaninchen zu Spiel oder Jagd, oder die Fledermaus flatterte langſam zur Aufſtöbe⸗ rung der Waldmotte. Aus dem dichteſten Theile des Gehölzes vernahm man einen lang⸗ ſamen Menſchentritt, und Hilda, welche zum Vorſchein kam, blieb vor den Waſſern des Teiches ſtehen. Die heitere verſteinerte Ruhe ihrer Züge war dahin, Kummer und Leidenſchaft hatten die Seele der Vala mitten in ihrer geträumten Sicherheit vor Menſchenſorgen— wie ſie ſie bei anderen vorauszuſehen ſich anmaßte— ergriffen. Die Züge ihres Antlitzes waren tief und von Gram ausgehöhlt— das Alter hatte ſich mit raſchen Schritten genaht und das Licht ihres Auges war unſicher und raſtlos, als ob die ſtolze Vernunft, in ihrem Hochmuthe erſchreckt, endlich doch zu wanken begänne. „Einſam, allein!“ murmelte ſie halblaut vor ſich hin—„ja, immer und immer allein! Und die Enkelin, die ich erzogen hatte, um die Mutter von Königen zu werden— deren Schickſal ſeit der Wiege an Liebe und Königswürde gefeſſelt ſchien— in welcher ich in meinem hoffnungsvollen Wachen, in meiner liebenden Achtſamkeit das ſüße Menſchenleben abermals zu durchkoſten meinte— ſie iſt von meinem Herde gewichen— verlaſſen und mit gebrochenem Herzen im Schatten des dürren Kloſters dem Grabe entgegenwelkend! Iſt denn meine ganze Kunſt nichts weiter als Lüge? Sind die Götter, welche einſt Odin aus dem ſcythiſchen Oſten herüberführten— ſind ſie nur die gaukelnden Feinde, welche der verzagte Chriſt verabſcheut? Schau: der Weinmond iſt gekommen; noch wenige Nächte— und die Sonne, welche, wie alle meine Prophezeiungen verkündeten, die Verbindung des hera ſchen Seit verlo ſchw Val vern wori ſo ſti unte Teich höre einer Schl legen „wo War Eile und Ban Geb werd ihre der die aber rung d am npfes das lagen en zu ſtöbe⸗ lang⸗ b vor ihrer Vala vie ſie Züge Alter 8 war muthe —„ja, 2, um Wiege einem ſüße einem hatten meine e einſt ur die Schau! bonne, ndung 563 des Koͤnigs mit der Maid beſcheinen ſollte, wird den bezeichneten Tag heraufbringen; aber Aldytha lebt, Editha welkt noch immer, und zwi⸗ ſchen der Verlobten und dem Altare ſteht der Krieg noch immer auf Seiten der Kirche. Wahrlich, wahrlich, mein Geiſt hat ſeine Kraft verloren und verläßt mich gebeugt im Schrecken der Nacht— ein ſchwaches, hoffnungsloſes, betagtes, kinderloſes Weib!“ Thränen menſchlicher Schwäche rollten über die Wangen der Vala. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein Lachen von einem Weſen vernehmen, das einem gefallenen Baumſtamme oder einem Troge, worin die Hirten ihr Vieh zu tränken pflegen, ähnlich geſehen hatte— ſo ſtill, ſo undeutlich und geſtaltlos war es unter den ſchlanken Weiden, unter Nachtſchatten und kriechenden Schlingpflanzen am Rande des Teiches gelegen. Das Lachen klang leiſe und war furchtbar anzu⸗ hören. Langſam regte ſich das Ding, erhob ſich und gewann die Umriſſe einer Menſchengeſtalt, bis die Prophetin die Hexe erkannte, deren Schlaf ſie am Sachſengrabe geſtört hatte. „Wo iſt das Banner?“ rief die Hexe, ihre Hand auf Hilda's Arm legend und ihr mit feuchten triefenden Augen in's Geſicht ſchauend— „wo iſt das Banner, das Deine Mägde für Harold den Earl gewoben? Warum legteſt Du dieſes Liebeswerk für Harold den König bei Seite? Eile nach Haus: laß Deine Mägde Tag und Nacht daran arbeiten und mache es ſtark mit Runen und Zauberſprüchen. Ueberſende das Banner Harold dem König als Hochzeitgabe, denn der Tag ſeiner Geburt wird dennoch ſein Vermählungstag mit Editha der Schönen werden.“ Hilda betrachtete die häßliche Geſtalt vor ihr, und ſo ſehr war ihre Seele von ihrem anmaßenden Stolze zurückgekommen, daß ſtatt der Verachtung, womit eine ſo ſchmutzige Schülerin der großen Kunſt die königgeborene Prophetin früher erfüllt hätte, ihre Adern vor abergläubiſchem Grauen prickelten. „Biſt Du eine Sterbliche gleich mir,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, 36 ⁸ 56 4½ „oder eines jener Weſen, wie ſie die Schäfer gar oft in Nebel und Regen vor ihren ſchattenhaften Heerden einhertreiben ſehen? Eines jener Weſen, von denen Niemand weiß, ob ſie der Erde oder Helheim angehören? ob ſie jemals das Loos und die Bedingungen des Fleiſches gekannt haben oder nur eine abſcheuliche Zwiſchenſtufe zwiſchen Leib und Seele, gleich verhaßt bei Göttern und Menſchen, ausmachen?“ Die ſchauerliche Hexe ſchüttelte das Haupt, als ob ſie die Ant⸗ wort auf dieſe Frage verweigere. „Setzen wir uns nieder,“ murmelte ſie,„ſetzen wir uns nieder bei dem dumpfen Todtenpfuhle, und wenn Du weiſe ſeyn willſt, wie ich bin, ſo wecke all Deine Unbilden, fülle Deine Seele mit Haß und laß Deine Gedanken zu Flüchen werden. Nichts iſt auf Erden ſtark als der Wille, und der Haß iſt für den Willen wie das Eiſen in der Hand des Kriegers.“ „Ha!“ flüſterte Hilda,„ſo gehörſt Du doch zu jener verfluchten Brut, deren Zauberkunſt nicht einer hochſtrebenden Seele, wohl aber einem teufliſchen Herzen entſpringt. Zwiſchen uns beſteht keine Ver⸗ bindung: ich gehöre zu dem Geſchlechte Derer, welche Prieſter und Könige als Orakel des Himmels verehrten und hochhielten, und eher will ich die Menſchlichkeit von Hoffnung und Liebe zugeben und meine Lehre dadurch herabwürdigen, als durch den Schimmer des Zornes erleuchtet werden, welchen Lock und Rana gegen die Kinder der Men⸗ ſchen hegen.“— „Wie!“ rief die Hexe mit wilder Verachtung—„biſt Du ſo elend und kindiſch, daß Du weißt, wie eine Andere Deine Editha er⸗ ſetzt und alle die Pläne Deines Lebens vernichtet hat, ohne gleichwohl Haß gegen den Mann zu empfinden, der ſie und Dich alſo beleidigt hat?— den Mann, der nie König geworden wäre, wenn Du ihm nicht den Ehrgeiz des Herrſchers eingehaucht hätteſt? Das bedenke und fluche ihm!“ 3 „Mein Fluch würde das Herz treffen, das mit dem ſeinen ver⸗ wachſen iſt,“ gab Hilda zur Antwort,„und,“ fuhr ſie plötzlich fort, Alt hten aber Ver⸗ und eher heine rnes Nen⸗ t ſo mer⸗ vohl digt ihm enke ver⸗ fort, 565 wie wenn ſie ihrem eigenen Drange entrinnen wollte,„ſagteſt Du mir nicht eben vorhin, das Unrecht werde wieder gut gemacht und die Ver⸗ lobte werde dennoch am beſtimmten Tage ſein Weib werden?“ „Hal ſo eile nach Haus!— Eile heim und webe das Zauberge⸗ webe des Banners; ſticke es mit Zimmen und Gold, würdig der Stan⸗ darte eines Königs, denn ich ſage Dir, wo dieſes Banner aufgepflanzt iſt, da wird Editha ihren Angebeteten mit bräutlichen Armen umfangen, und die Hwata, die Du am Bautaſtein und im Tempel der rächenden Brittengötter geleſen haſt, wird in Erfüllung gehen!“ „Dunkle Tochter von Hela,“ erwiederte die Prophetin—„ſey es nun Gott oder Dämon, der Dich begeiſterte— ich vernehme in mei⸗ nem Geiſte eine Stimme, welche mir ſagt, daß Du eine Wahrheit er⸗ ſchaut haſt, die meine Lehre nicht zu erreichen vermochte. Du biſt arm und obdachlos; ich will Deinem Alter Wohlſtand verleihen, wenn Du mit mir vor Thors Altar treten und durch Deine Galdra die Räthſel löſen willſt, die mich ſelbſt verblüfft haben.— Alles, was ich vorausſah, iſt eingetroffen, aber in ganz anderem Sinne, als ihn meine Seele aus Rune und Traum, aus Blatt und Quelle, aus Stern und Scinläca geleſen hatte. Mein⸗Gatte, in ſeiner Jugend erſchlagen; meine Tochter, vor Kummer wahnſinnig; ihr Gemahl, am eigenen Herde ermordet; Sweyn, den ich wie mein eigenes Kind liebte—“ die Vala ſchwieg, gegen ihre eigenen Regungen ankämpfend—„ich liebte ſie Alle,“ ſtammelte ſie, die Hände faltend,„und für ſie erforſchte ich die Zukunft. Sie verſprach nur Gutes; ich lockte die Armen in ihr Schickſal, und wenn dieſes eintraf— ach, da ging das Verſprechen in Erfüllung! aber wie?— Und nun, Cditha, die Letzte meines Stam⸗ mes; Harold, der Stolz meines Stolzes!— ſprich, Du Weſen des Schreckens und der Nacht, kannſt du das Gewebe entwirren, worin meine Seele, ſchwach wie die Fliege im Netze der Spinne, ſich ab⸗ kämpft?“ „In der dritten Nacht von heute an will ich mit Dir bei Thors Altare ſtehen, und das unerrathene ungekannte Räthſel meiner Meiſter, 566 denen Du pflichtgetreu gedient haſt, für Dich löſen; noch ehe dann die Sonne emporſteigt, ſoll das größte Geheimniß, das die Erde kennt, vor Deiner Seele enthüllt ſeyn!“ Eine Wolke zog über den Mond, während die Hexe ſprach, und ehe das Licht wieder hervorbrach, war ſie verſchwunden. In dem düſteren Pfuhle ſah man nur noch die Waſſerratte durch das üppige Schilfgras ſchwimmen; im Walde flatterten die grauen Schwingen der Eule ſchwerfällig durch die Lichtungen, und im Graſe funkelten die rothen Augen der fleckigen Kröte. Hilda wanderte langſam nach Hauſe, und ihre Mägde arbeiteten die ganze Nacht an dem bezauberten Banner. Dieſe ganze Nacht heulten die Wächterhunde im Hofe durch den zertrümmerten Periſtyl — heulten in Wuth und Schrecken, und unter dem Gitterfenſter des Zimmers, wo die Mägde das Banner ſtickten und die Prophetin ihren Zauberſpruch murmelte, kauerte gleichfalls murmelnd ein dunkles ge⸗ ſtaltloſes Weſen, das jene Hunde vor Wuth und Furcht anheulten. Sechsundſiebenzigſtes Kapitel. Im Pallaſte zu Weſtminſter deutete Alles auf die Verwirrung und Rathloſigkeit der grauenvollen Zeiten, Alles bis auf das Bera⸗ thungszimmer, wo Harold, der die Nacht zuvor angekommen war, mit ſeinen Thanen verkehrte. Es war Abend: Höfe und Hallen wimmel⸗ ten von Bewaffneten und faſt mit jeder Stunde kamen Reiter und Boten von den Küſten von Suſſer. Auf den Gängen ſah man Grup⸗ pen von Mönchen, flüſternd wie ſie am Tage von König Edwards Tode flüſternd beiſammen geſtanden hatten. Bleich und nachdenklich ging Stigand zwiſchen ihnen hin und her, und die Mönchskutten ſammelten ſich raſchelnd um den Erzbiſchof, um Muth und Rath aus ſeinem Munde zu ſchöpfen. „Sollen wir mit des Koͤnigs Heere ausziehen,“ fragte ein junger rung Zera⸗ „mit mel⸗ und jrup⸗ Tode ging elten inem nger 567 Mönch, kecker als die Uebrigen,„um die Streiter durch Geſang und Gebet zu begeiſtern?“ „Thor!“ ſagte der habſüchtige Prälat,„Thor! Wenn wir alſo thun, und der Normanne Sieger bleibt— was ſoll aus unſeren Ab⸗ teien und Kloſterländereien werden? Der Herzog bekriegt nur Harold, nicht England. Wenn er Harold erſchlägt—“ „Was dann?“ „Dann bleibt uns noch der Atheling übrig. So laßt uns hier bleiben und den letzten Prinzen aus Cerdies Hauſe bewachen,“ flüſterte Stigand und huſchte weiter. In dem Zimmer, wo Edward ſeinen Geiſt aufgegeben hatte, harrte die verwittwete Königin mit ihrer Nachfolgerin Aldytha nebſt Githa und einigen andern Frauen auf die Entſcheidung des Staatsraths. An einem der Fenſter, Hand in Hand, ſtanden des heiteren Leofwine’s Braut und Gurths junge ſchöne Neuvermählte. Githa ſaß allein, das Antlitz troſtlos über ihre Hände beugend und das Schickſal ihres verrä⸗ theriſchen Sohnes beklagend, während die Wunden, welche ihr erſt neu⸗ lich Thyra's reineper Tod geſchlagen, noch friſch bluteten. Edwards fromme Wittwe verſuchte umſonſt durch gläubige Beſchwörung Al⸗ dythen zu tröſten, welche ihre Worte kaum beachtete, ſondern immer wieder in ungeduldigem Schreck auffuhr und vor ſich hinmurmelte: „Soll ich auch dieſe Krone verlieren?“ In dem Berathungszimmer herrſchte hitziger Streit darüber, ob man William ſogleich auf dem Schlachtfelde entgegentreten oder die Entſcheidung verſchieben wollte, bis ſämmtliche Streitkräfte, welche Harold auf ſeinem Eilmarſche von York her auszuheben befohlen hatte, ſein Heer verſtärken könnten. „Wenn wir uns vor dem Feinde zurückziehen und ihn bei Annä⸗ herung des Winters in einem ihm ſremden Lande zurücklaſſen, ſo muß es ihm bald an Nahrung gebrechen, meinte Gurth. Auf London zu mar⸗ ſchiren wird er kaum wagen: wenn er es thut, ſind wir jedenfalls beſſer 568 gefaßt, ihm zu begegnen. Ich ſtimme nicht dafür, daß man Alles auf eine einzige Schlacht ankommen läßt.“ „Wie! ſo kannſt Du wählen?“ rief Vebba unwillig.„So hätte Dein Vater ſicherlich nicht gewählt; auch iſt es nicht die Meinung der Sachſen von Kent. Der Normanne verwüſtet alle Ländereien Deiner Unterthanen, Lord Harold, und lebt von Plünderung wie ein Räuber in König Alfreds Reiche. Glaubſt Du, die Leute werden ſich zum Kampfe für ihr Vaterland mehr ermuthigt fühlen, wenn ſie hören, daß ihr König vor der Gefahr zurückbebt?“ „Wohl und weiſe geſprochen,“ bemerkte Haco, und aller Augen richteten ſich auf den jugendlichen Sohn von Sweyn als denjenigen, der den Charakter der feindlichen Armee und die Geſchicklichkeit ihres Anführers am Beſten kannte.„Wir haben jetzt ein Heer um uns, das von dem Siege über einen ſeither unüberwindlichen Feind begeiſtert iſt: wer den Norweger überwunden, wird vor dem Normannen nicht zurückweichen. Der Sieg beruht mehr auf der Kampfluſt, als auf der Uebermacht: jede Stunde Verzug dämpft dieſe Hitze. Sind wir ſicher, daß der Aufſchub unſere Anzahl vermehren wird? Was ich am meiſten fürchte, iſt nicht das Schwert des normänniſchen Herzogs, wohl aber ſeine Liſt. Verlaßt Euch darauf, wenn wir uns nicht bald ihm entge⸗ genſtellen, ſo marſchirt er gerades Wegs gegen London; unterwegs läßt er verkündigen, daß er nicht komme, um den Thron in Beſitz zu nehmen, ſondern um Harold zu ſtrafen; im Uebrigen wolle er bei dem Ausſpruche des Witan oder vielleicht bei dem des römiſchen Pontifer verharren. Die Furcht vor ſeinem ungehemmten Heere wird ſich wie ein paniſcher Schrecken durch das Land verbreiten; Manche werden durch ſeine falſchen Vorwände angelockt, Viele durch ſeine Streit⸗ macht eingeſchüchtert werden, welchen der König nicht entgegenzutreten wagt. Wenn er bis zur Stadt vordringt— glaubt Ihr, ihre Krämer und Kaufleute werden ſich nicht vor dem Gedanken an Plünderung und Zerſtörung entſetzen? Beim erſten Hauſe, das in Flammen auſgeht, werden ſie ſich zur Kapitulation bereit zeigen. Die Stadt iſt bei einer Bel läſſ des bale zog der Ede uns exiſ vin gre für und Wi und ſell ſch ſer obe 569 Belagerung nur ſchwer zu halten; ihre Mauern ſind lange vernach⸗ läſſigt und die Normänner in Belagerungen berühmt. Die Würde des Königs iſt noch neu, und ſind wir da wohl ſo einig, daß nicht Ka⸗ bale und Zwietracht unter uns ſelbſt ausbrechen könnte? Wenn der Her⸗ zog— wie dies ganz ſicher iſt— im Namen der Kirche auftritt: wird da der Klerus nicht einen neuen Bewerber— vielleicht gar den Knaben Edgar— als Thronprätendenten aufſtellen? Und ſind wir erſt unter uns ſelbſt geſpalten, wie unrühmlich müßten wir da fallen! Ueberdies exiſtiren in unſerem Lande, wo die Bande zwiſchen Provinz und Pro⸗ vinz niemals ſonderlich eng geknüpft waren, noch mancherlei Ab⸗ grenzungen, welche das Volk ſelbſtſüchtig machen: die Northumbrier, fürcht' ich, werden ſich nicht rühren, um London zu Hülfe zu eilen, und Mercia wird ſich in unſerer Gefahr entfernt halten. Gelingt es William, London in Beſitz zu nehmen, ſo wird ganz England zerriſſen und entmuthigt; jede Grafſchaft, ja jede Stadt denkt dann nur an ſich ſelbſt. Glaubt nicht, daß der Aufſchub die Stärke des Feindes er⸗ ſchöpfen würde!— nein, nur unſere eigene würde er aufzehren. Un⸗ ſer Schatz iſt ohnehin unbedeutend genug: wenn William London er⸗ obert, ſo iſt er ſein nebſt all dem Reichthum unſerer Bürger. Wie wollen wir eine Armee erhalten, wenn wir nicht das Volk in Kontri⸗ bution ſetzen und ſo ſeine Unzufriedenheit erregen? Wo dieſe Armee decken? Wo ſind unſere Veſten, unſere Gebirge? Der Verzöge⸗ rungskrieg taugt nur für ein Land mit Felſen und Engpäſſen, oder mit Schlöſſern und Bollwerken. Thane und Krieger, Ihr habt keine Schlöſſer als Eure eherne Bruſt: gebt dieſe auf und Ihr ſeyd verloren.“ Allgemeines Beifallsgemurmel beſchloß Haco's Rede, deren weiſe Behauptungen(von unſeren Geſchichtſchreibern überſehen,) auf den edelſten Beweggrund tapferer Männer, nämlich auf raſchen Wider⸗ ſtand gegen ſchändlichen Angriff hinausliefen. Jetzt erhob ſich König Harold. „Ich danke Euch, Engländer, für dieſen Beifall, womit Ihr meine eigenen Gedanken aus Haco’s Munde begrüßt habt. Soll von mir — 570 geſagt werden, daß Euer König ſeinem eigenen Bruder entgegen⸗ eilte, um ihn von dem Boden des beſchimpften Englands zu verjagen, daß er aber vor dem Schwerte des normänniſchen Fremdlings zurück⸗ wich? Mit Recht dürften meine braven Unterthanen mein Banner verlaſſen, wenn es unthätig über dieſen Pallaſtesmauern flatterte, wäh⸗ rend der bewaffnete Angreifer ſein Lager im Herzen von England auf⸗ ſchlüge. Durch Aufſchub kann Williams Streitmacht— wie ſie auch beſchaffen ſeyn möge— nicht vermindert werden, dagegen würde ſeine Sache durch unſere verzagte Furcht nur ſtärker. Wie groß ſein Heer ſey, wiſſen wir nicht genau; die Berichte wechſeln mit jedem Boten, ſie ſchwellen und vermindern ſeine Armee mit jeder Stunde. Haben wir jetzt nicht unſere ſtahlfeſteſten Veteranen— die Blüthe unſerer Heere— haben wir nicht die kampfluſtigſten Geiſter— die Beſieger Hardrada's um uns? Mit Recht ſagt Gurth, daß nicht Alles durch eine einzige Schlacht gefährdet werden ſollte; nur Harold ſoll die Gefahr gelten— warum aber England? Nehmen wir an, wir gewinnen den Tag: je ſchneller wir fertig werden, deſto größer unſer Ruhm, deſto dauernder der einheimiſche wie der auswärtige Friede, deſſen beſte Grundlage in dem Gefühle der Macht liegt, welche keinerlei Unbill un⸗ geſtraft herausfordern darf. Setzen wir den Fall, wir verlieren: ein Verluſt kann durch den wackeren Tod eines Königs zum Gewinne wer⸗ den. Warum ſollte unſer Vorbild nicht alle Ueberlebenden erwecken und vereinigen? Was gibt wohl das edlere Beiſpiel und das zum Schutze unſeres Landes geeigneter iſt— die lebenden Häuptlinge, welche feigherzig den Rücken drehen, oder die ruhmreichen Todten, mit der Stirne gegen den Feind gewendet! Komme was da wolle, Leben oder Tod— wir wollen wenigſtens die Zahl der Normänner verdün⸗ nen und die Wälle unſerer Leichen ihrem Marſche entgegenſetzen. So können wir dem übrigen England zeigen, wie Männer ihr Geburts⸗ land vertheidigen ſollen! Und wenn, wie ich glaube und bete, in jeder engliſchen Bruſt ein Herz gleich Harolds ſchlägt— was liegt daran, wenn auch ein König fällt? Freiheit iſt doch unſterblich.“ gen⸗ gen, rück⸗ nner väh⸗ auf⸗ auch ſeine Heer oten, haben ſerer ieger eine lefahr n den deſto beſte Ulun⸗ : ein wer⸗ ecken zum inge, mit eeben dün⸗ So urts⸗ jeder ran, 571 Mit dieſen Worten zog er ſein Schwert aus dem Wehrgehänge. Jede Klinge flog bei dieſem Zeichen aus der Scheide, und Harolds Herz ſchlug wenigſtens in dieſer Berathungshalle in jeglicher Bruſt. Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Die Häuptlinge zerſtreuten ſich, um ihre Truppen für den morgi⸗ gen Marſch zu ordnen; Harold und ſeine Verwandten dagegen betra⸗ ten das Gemach, wo die Frauen die Entſcheidung des Rathes abwar⸗ teten, denn jetzt hatte wirklich ihre Scheideſtunde geſchlagen. Der Kö⸗ nig hatte beſchloſſen, nach Vollendung ſeiner kriegeriſchen Vorkehrun⸗ gen die Nacht in der Abtei von Waltham zuzubringen, während ſeine Brüder mit ihren Truppen in der Stadt oder deren Vorſtädten ſich einquartirten; Haco allein blieb bei dem Theile des Heeres, der in dem Pallaſte oder deſſen Nähe übernachtete. Kaum hatten ſie das Zimmer betreten, als auch jedes Herz ſeine Hälfte gefunden hatte und mitten in der gemiſchten Geſellſchaft nur noch des Andern bewußt war. Hier beugte Gurth ſein edles Haupt über das weinende Antlitz der jungen Gattin, die ſich zum letztenmale an ſeine Bruſt anklammerte. Dort war der heitere Leofwine bemüht, die Jungfrau, die er zur Gefährtin eines Lebens erkoren hatte, das durch ſeinen fröhlichen Geiſt zu einem fortgeſetzten Feſttage wurde, mit lächelnder Lippe, aber zitternder Stimme in einem Athem zu ſchelten und zu beruhigen, indem er ihre nicht länger ſpröde Wange mit Küſſen bedeckte. Kalt war der Kuß, welchen Harold auf Aldythens Stirne drückte; mit einer Anwandlung von Widerwillen und der bitteren Erinnerung an eine edlere Liebe tröſtete er ſie in ihrer Furcht, welche nur aus ſelbſt⸗ ſüchtigen Gedanken entſprang. 4„Ach Harold,“ ſchluchzte Aldytha,„ſey nicht unbeſonnen in Dei⸗ ner Tapferkeit: bewahre Dein Leben um meinetwillen. Ohne Dich— was bin ich? Iſt es denn auch ſicher für mich, hier zu bleiben? Wäre 572 es nicht beſſer, nach York zu fliehen oder bei Malcolm, dem Schotten, Obdach zu ſuchen?“ „Späteſtens in drei Tagen ſind Deine Brüder in London,“ erwie⸗ derte Harold.„Richte Dich nach ihrem Rathe; handle wie ſie es Dir auf die Nachricht meines Sieges oder Falles eingeben werden.“ Er ſchwieg plötzlich, denn dicht neben ſich hörte er Gurths Ge⸗ mahlin mit gebrochener Stimme ihrem Gatten antworten: „Denke nicht an mich, Geliebter; Dein ganzes Herz ſoll nunmehr England gehören. Und wenn— wenn—“ die Stimme verſagte ihr einen Augenblick, bis ſie ſtolz fortfuhr:„ja auch dann iſt Dein Weib ſicher, denn ſie wird ihren Gebieter und ihr Vaterland nicht überleben!“ Der König verließ ſeine Gemahlin und küßte die Gattin ſeines Bruders. „Edles Herz!“ ſprach er;„wenn wir ſolche Frauen zu Weibern und Müttern haben, dann kann England den Fall von tauſend Königen überleben.“ Von ihr wendete er ſich zu Githa und kniete vor ihr nieder. Sie ſchlang ihre Arme um ſeine breite Bruſt und weinte bitterlich. „Sage—o ſage, Harold, daß ich Dir Toſtigs Tod nicht vorge⸗ worfen habe. Den letzten Geboten Godwins meines Herrn gehorchend, habe ich Dir in Allem Recht gegeben; aber laß mich jetzt nicht auch Dich verlieren. Sie gehen mit Dir, all' meine übrigen Söhne, bis auf den verbannten Wolnoth— ihn, den ich jetzt nie wieder ſehen werde. O Harold!— laß nicht mein letztes Alter kinderlos werden!“ „Mutter— theure, theure Mutter! Wenn Du Deine Arme ſo um meinen Nacken ſchlingſt, fühle ich neues Leben, ein neues Herz in mir erwachen! Nein, nie haſt Du mir meines Bruders Tod— nie irgend Etwas vorgeworfen, was des Mannes vornehmſte Pflicht ver⸗ langte. Murre nicht, wenn dieſe Pflicht uns noch immer gebietet! Durch Dich ſind wir die Söhne königlicher Helden; freie Sachſen ſind die Ahnen meines Vaters. Freue Dich, daß Du noch drei Söhne übrig haſt, für deren Arme Du Gottes Segen und den ſeiner Heiligen 573 erflehen magſt, und über deren Gräbern Du keine Thräͤnen der Scham vergießen ſollſt, wenn ſie fallen ſollten!“ Da konnte König Edwards Wittwe, welche Harold, das Kru⸗ zifir in den Händen, mit offenem Munde und marmorbleichen Wangen zugehört hatte, ihr menſchliches, ächt weibliches Herz nicht länger zu⸗ rückhalten: ſie eilte auf ihn zu, während er noch immer vor Githa kniete— kniete neben ihm nieder und ſchloß ihn mit verzweifelnder Zärtlichkeit in ihre Arme. „O Bruder, Bruder,“ rief ſie,„den ich ſo zaͤrtlich liebte, als jede andere Liebe mir verboten ſchien— als er, der mir eine Krone gab, ſein Herz mir verweigerte— da ich Deines edlen Verſprechens geden⸗ kend und auf Deine zarten Troſtesworte horchend der Tage von ehedem gedachte, wo Du mein gelehriger Zögling geweſen und wir Beide glän⸗ zende Träume von künftigem Glück und Ruhm zuſammen träumten— da ich Dich liebte, ach nur allzuſehr liebte, wie eine ſchwache Mutter ihren ſterblichen Sohn lieben mag, und zu Gott flehte, daß er mein Herz von der Erde erlöſe— o Harold! jetzt vergib mir all' meine Kälte. Ich ſchaudere vor Deinem Entſchluſſe. Ich fürchte Dein Zu⸗ ſammentreffen mit dem Manne, welchem zu gehorchen ein Eid Dir auflegt. Nein, zürne nicht— ich beuge mich vor Deinem Willen, mein Bruder und König! Ich weiß, daß Du gewählt haſt, wie Dein Gewiſſen es billigt und Deine Pflicht es gebietet. Aber komme zurück“ (flüſterte ſie)—„Du, der Du gleich mir den häuslichen Herd dem Altare Deines Vaterlandes zum Opfer gebracht haſt— und ich will den Himmel nie mehr bitten, daß ich Dich weniger lieben möge— mein Bruder, o mein Bruder!“ Im ganzen Zimmer vernahm man jetzt nichts weiter, als leiſes Schluchzen und gebrochene Worte. Alle drängten ſich nach einer Stelle — Leofwine und ſeine Verlobte— Gurth und ſeine junge Gattin— ſogar die ſelbſtſüchtige Aldytha, durch die Berührung der erhabenen Scene geadelt— ſie alle drängten ſich um Githa, die Mutter der drei Schutzwächter des dem Unglück geweihten Landes; Alle knieten 574 neben Harold vor ihr nieder. Da mit einem Male erhob ſich die ver⸗ wittwete Königin, die jungfräuliche Gemahlin von Cerdies letztem Er⸗ ben und ſprach mit ergebener Inbrunſt das heilige Kreuz hoch über ihre gebeugten Häupter erhebend: „O Herr der Heerſchaaren! Wir Kinder der Zeit und des Zwei⸗ fels, zitternd im Dunkeln, wagen nicht es auf uns zu nehmen und Deinen untrüglichen Willen zu befragen. Kummer und Tod wie Leben und Freude hängen an dem Odem einer gnädigen Allmacht und allſehenden Weisheit; aus den Stunden des Uebels in geheimnißvollem Kreis⸗ laufe leiteſt Du ab die Ewigkeit des Guten. Dein Wille geſchehe auf Erden wie im Himmel.' Wenn unſer menſchliches Flehen Deinen feſten Rathſchlüſſen nicht entgegen iſt, Du Leiter aller Dinge, ſo beſchütze unſere Lieben, die Bollwerke unſerer Heimath und Altäre, die Söhne, welche das Land als Opfer darbringt. Möge Dein Engel wie vordem von Iſaaks Herzen des Schwertes Schneide von ihnen ablenken! Wenn aber ihr Leben verurtheilt iſt, ſo möge der Tod ihre Sünden ſühnen und Du, o Beherrſcher der Völker, vor welchem Jahrhunderte wie Augenblicke und Generationen nur wie der Sand am Meere ſind— mögeſt ihre Seelen freiſprechen und gnädig aufnehmen!“ Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Vor dem Altar der Abteikirche zu Waltham kniete in jener Nacht Editha im Gebete für Harold. Sie hatte in einem kleinen an die berühmtere Anſtalt von Wal⸗ tham anſtoßenden Nonnenkloſter ihren Wohnſitz aufgeſchlagen, zuvor aber Hilda verſprochen, ihr Noviziat nicht vor Harolds Geburtstag antreten zu wollen. Sie ſelbſt glaubte nicht länger an die Vorzeichen und Prophezeiungen, welche ihre Jugend getäuſcht und ihr Leben ver⸗ finſtert hatten, vielmehr war ihr ſtets ſo reiner Geiſt in der verwand⸗ teren Luft unſerer heiligen Kirche immer ruhiger und reſignirter gewor⸗ den. Allein die Nachricht von der Ankunft des Normanns und der ſiegr ſtille Reli Alte ſter und emp und nig. der dete verl Arr als bel⸗ Saͤ ger ſich nie go⸗ — ver⸗ Er⸗ über bwei⸗ einen und enden reis⸗ ſe auf eſten hhütze öhne, rdem Genn ehnen wie nd— Nacht Wal⸗ zuvor tstag ichen ver⸗ dand⸗ wor⸗ der 575 ſiegreichen Rückkehr des Königs in ſeine Hauptſtadt hatte ſogar dieſe ſtille Abgeſchiedenheit erreicht, und die Liebe, die ſich bei ihr mit der Religion verbunden hatte, leitete ihre Schritte nach jenem einſamen Altare. Während ſie dort im Mondſtrahle kniete, der durch die hohen Fen⸗ ſter hereinbrach, wurde ſie plötzlich durch den Lärm nahender Fußtritte und murmelnder Stimmen aufgeſchreckt. Voll Unruhe richtete ſie ſich empor— die Kirchthüre ward aufgeriſſen— Fackeln näherten ſich— und unter den Mönchen zwiſchen Osgood und Ailred erſchien der Kö⸗ nig. Er wollte in dieſer letzten Nacht vor ſeinem Marſche die Gebete der frommen Brüderſchaft anrufen und vor dem von ihm ſelbſt gegrün⸗ deten Altare flehen, daß ſeine einzige Sünde gebrochener Treue und verletzten Eidſchwures in der Stunde der Noth ſeines Landes ſeinen Arm nicht lähmen und nicht auf ſeiner Seele laſten möge. Editha unterdrückte den Schrei, der ihr auf den Lippen ſchwebte, als die Fackeln das bleiche ſtille und melancholiſche Geſicht Harolds beleuchteten, und ſchlich ſich unter den Bogen der dicken ſächſiſchen Säulen in den Schatten der anſtoßenden Wände. Die Monche wie der König, mit ihrem heiligen Amte beſchäftigt, gewahrten nicht dieſe einſame zurückweichende Geſtalt. Sie nahten ſich dem Altare und die Meſſe begann; dann kniete der König demüthig nieder, ohne daß irgend Jemand ſein Gebet vernahm. Als aber Os⸗ good das heilige Kreuz über das gebeugte Haupt des betenden Königs hielt, da neigte ſich ſichtbar das Bild an dem Kruzifixe— urſprünglich ein Geſchenk des Prälaten Alred, das vor Alters dem erſten Gründer der ſächſiſchen Kirche, dem heiligen Auguſtin, angehört haben und nach dem Aberglauben der Zeit mit wunderbaren Kräſten begabt ſeyn ſollte. Sichtbarlich neigte ſich das bleiche geiſterhafte Bildniß des duldenden Gottes über dem Haupte des Knieenden; ſey es nun, daß die Klam⸗ mern des Kreuzes locker geworden, oder aus welchem andern Grunde es geſchah— in den Augen der geſammten Prieſterſchaft hatte ſich das Bildniß geneigt. 576 Ein Schauer des Schreckens ergriff jedes Herz, nur zwei ausge⸗ nommen: Editha war zu entfernt geſtanden, um das Wunder zu be⸗ merken, und der König, den dieſes Omen zu verurtheilen ſchien, hatte ſein Antlitz in den gefalteten Händen begraben. Schwer war ſein Herz, und er bedurfte keiner anderen Warnung als dieſer eigenen dü⸗ ſteren Stimmung. Lange und ſchweigend betete der König, und als er ſich endlich erhob und die Moͤnche mit zitternden ganz veränderten Stimmen den Schlußgeſang anſtimmten, ſtahl ſich Editha geräuſchlos durch eine der Seitenthüren in das anſtoßende Nonnenkloſter und in die Einſamkeit ihrer eigenen Zelle. Dort ſaß ſie ganz betäubt von der heftigen Er⸗ ſchütterung, in welche ſie durch Harolds plötzlichen Anblick verſetzt worden. Wie hatte ihm das zärtliche Menſchenherz entgegengeſchla⸗ gen! Zweimal hatte ſie ihn nunmehr bei feierlichen Kirchenceremo⸗ nien insgeheim, ſcheu und ohne Zeugen nur ganz von ferne betrachtet — in der Stunde ſeines Pompes mit der Krone auf der Stirne, und jetzt in der Stunde der Gefahr und Todesangſt, welche das geſalbte Haupt zur Erde gebeugt hatte. Zu dem Pomp, den ſie nicht theilen durfte, hatte ſie gejubelt; aber jetzt— jetzt— ach wie gerne wäre ſie jetzt neben dieſer demüthigen Geſtalt niedergekniet, wie gerne hätte ſie in Harolds lautloſes Gebet eingeſtimmt! Die Fackeln leuchteten im Hofe drunten; die Kirche war aber⸗ mals verlaſſen und in ſtummer Proceſſion zogen die Mönche in ihr Kloſter zurück; nur ein einziger Mann blieb ſtehen und wendete ſich nach dem Thore des beſcheideneren Nonnenkloſters; ein Klopfen ließ ſich an dem großen Eichenthore vernehmen und der Wächterhund ſchlug an. Editha fuhr zuſammen, drückte ihre Hand auf'’s Herz und zit⸗ terte. Schritte nahten ihrer Thüre— die Aebtiſſin trat ein und rief fie hinunter, um den Abſchiedsgruß ihres Vetters, des Königs, zu empfangen. Harold ſtand in der einfachen Kloſterhalle, eine einzige Kerze brannte dünn und ſchlank auf dem Eichentiſche. Die Aebtiſſin führte isge⸗ u be⸗ hatte ſein n dü⸗ dlich nden e der mkeit Er⸗ rſetzt ſchla⸗ emo⸗ ichtet und haupt rfte, jetzt ie in hber⸗ ihr ſich ließ hlug zit⸗ rief zu erze prte 577 Edithen an der Hand und entfernte ſich auf ein Zeichen des Königs. So war das verlobte und getrennte Paar noch einmal auf Erden allein zuſammen. „Editha,“ begann der König mit einer Stimme, welcher ihr Ohr allein den inneren Kampf anmerkte,„glaube nicht, daß ich gekommen ſey, um Deine heilige Ruhe zu ſtören oder das Gedächtniß einer un⸗ widerruflichen Vergangenheit ſündlicher Weiſe auf's Neue zu wecken: wo ich einſt nach der alten Sitte unſerer Väter Deinen Namen auf meine Bruſt geſchrieben, da ſteht nun der Name der Gebieterin, die Dich erſetzt hat. Die Vergangenheit ſchmilzt in die Ewigkeit über; aber ich konnte nicht einem Felde entgegenziehen, von wo kein Wieder⸗ kommen iſt, und wo ich gegen Vorurtheile, welche die Menſchen furcht⸗ bar nennen, Krone und Leben einzuſetzen beſchloſſen habe— ohne Dich, den reinen Schutzengel meiner glücklicheren Tage, noch einmal zu ſehen! Deine Verzeihung für all' den Kummer, den ich(als grauſamen Lohn für ſo ausdauernde, großherzige und göttliche Liebe!)— in der Finſterniß menſchlicher Hoffnungen und Träume über Dich gebracht habe— Deine Verzeihung will ich mir nicht erbitten. Du biſt viel⸗ leicht die Einzige auf Erden, welche Harolds Seele kennt, und wenn er Dir weh gethan hat, ſo ſiehſt Du in dem Verletzer wie in der Verletzten nur die Kinder der eiſernen Pflicht, die Diener des gebie⸗ tenden Himmels. Nicht Deine Verzeihung erflehe ich— aber— aber— Editha, heilige Maid, engelgleiche Seele!— Deinen— Deinen Segen!“ Seine Stimme wankte und er neigte ſein ſtolzes Haupt wie vor einer Heiligen. „O daß ich die Macht hätte, Dich zu ſegnen!“ rief Editha, den Ausbruch ihrer Thränen mit heroiſcher Anſtrengung bemeiſternd; „und mich dünkt, ich habe ſie— nicht durch meine eigenen Tugenden, ſondern durch Alles, was ich Dir verdanke! Der Dankbare hat immer die Macht zu ſegnen; und was danke ich nicht Dir und jener Liebe, an welcher der Gram ſogar geheiligt iſt? Ich war ein armes Kind im Bulwer, Harold. 37 578 Hauſe des Heiden— da ſtieg Deine Liebe und mit ihr das Lächeln Gottes auf mich herab! In dieſer Liebe erwachte mein Geiſt und empfing ſeine Taufe: jeder Gedanke, der ſich von der Erde aufſchwang und im Himmel verlor, wurde durch Dich in mein Herz gehaucht! Hätteſt Du mich, Dein Geſchöpf, Deine Sklavin, zur Sünde ver⸗ lockt— ſie wäre mir durch Deine Stimme geweiht erſchienen; doch Du ſagteſt: ächte Liebe iſt ugend— und ſo verehrte ich die Tugend, indem ich Dich liebte. Durch Deinen Umgang geläutert und geſtärkt, gewann ich durch Dich die Kraft, Dir zu entſagen— durch Dich die Zuflucht unter Gottes Fittige— durch Dich die feſte Zuverſicht, daß unſere Verbindung dennoch ſtattfinden wird— nicht auf der vergäng⸗ lichen Erde, wie unſere arme Hilda träumt— wohl aber dort, o dort vor den himmliſchen Altären in dem Lande, wo alle Geiſter mit Liebe erfüllt ſind! Ja, Du Seele Harold's! Es liegt Kraft und Weihe in dem Segen, welchen die durch Dich erlöste und gehobene Seele über Dich ausgießt.“ So ſchön, ſo unähnlich der gewöhnlichen Schönheit der Erde ſah die Jungfrau bei dieſen Worten, als ſie ihre Hände, nicht mehr in menſchlicher Leidenſchaft zitternd, auf das königliche Haupt legte— daß eine Seele aus dem Paradieſe, wenn ſie ſichtbar werden könnte, in keiner andern als dieſer Geſtalt vor ſterblichen Augen erſcheinen würde! Beide ſchwiegen eine Weile, und in dieſem Schweigen ſchwand die Düſterkeit aus Harold's Herzen, das ſich zu erhabener Heiterkeit emporſchwang, ſo daß es ungeſchreckt der Zukunft in's Auge ſchauen konnte. Keine Umarmung, kein Abſchiedskuß entweihte das Scheiden dieſer edlen Seelen— ein Scheiden auf der Schwelle des Grabes. Es war nur der Geiſt, der über den Erdenkloß in die unbegränzte Ewigkeit hinausſchauend, den Geiſt umfaßte. Erſt als die Nachtluft ſeine Stirne kühlte und das Mondlicht auf den Dächern und Wet⸗ terfahnen des ihm anvertrauten Landes ruhte, war der Mann der tiſſi einz ihre mal Nie Aug nah und rold vor bis reſt Gre ter heln und vang icht! ver⸗ doch gend, tärkt, h die daß gäng⸗ dort Liebe Veihe über ge ſah hr in te— unte, ſeinen wand ſerkeit ſauen eiden abes. nzte tluft Wet⸗ kann 579 wiederum der menſchliche Held: erſt als ſie wieder allein im einſamen Stübchen ſaß und die Schrecken des nahenden Schlachtfeldes den En⸗ gel aus ihren Gedanken verjagten, war die begeiſterte Jungfrau noch einmal das weinende Weib. Kurz nach Sonnenaufgang kam die Aebtiſſin, welche mit God⸗ wins Hauſe entfernt verwandt war, um Cdithen zu beſuchen; dieſe war jedoch mit ihrer eigenen Furcht ſo ſehr beſchäftigt, daß ſie die Un⸗ ruhe der Anderen nicht bemerkte. Das vermeinte Wunder, wonach ſich das heilige Bildniß über dem knieenden König geneigt, hatte in beiden Klöſtern den tiefſten Schrecken verbreitet, und ſo groß war die Unruhe der beiden Brüder Osgood und Alred, daß ſie in der einfachen dankbaren Ergebenheit für ihren königlichen Wohlthäter dem Impulſe ihres zärtlichen leichtgläubigen Herzens gehorchend, das Kloſter mit der Morgendämmerung verlaſſen hatten, um dem Marſche des Königs zu folgen und in der Nähe des furchtbaren Schlachtfeldes zu wachen und zu beten. Editha horchte, gab aber keine Antwort— der Schrecken der Aeb⸗ tiſſin ſteckte ſie an; das Beiſpiel der beiden Mönche weckte in ihr den einzigen Gedanken, welcher den alpähnlichen Traum durchbrach, der ihre Vernunſt ſogar betäubte: als die Aebtiſſin gegen Mittag aber⸗ mals auf ihr Zimmer kam, war Editha fort— fort und allein— Niemand wußte warum— Niemand ahnte wohin. Der volle Glanz des engliſchen Heeres leuchtete Harold in die Augen, als er mit Sonnenaufgang der Brücke der Hauptſtadt ſich nahte. Ueber dieſe Brücke kam der ſtattliche Zug, Streitärte, Speere und Banner im Sonnenſtrahle glitzernd. Gott erhalte König Ha⸗ rold!— ſo ſchallte der laute freudige Ruf, als die Streiter an ihm vorüberzogen— weit hinüber hallend über die Wogen des Stromes bis zu dem Echo in der verfallenen Römerveſte und den von Canut reſtaurirten Hallen, bis er chorähnlich in den Geſang der Moͤnche am Grabe Sebbas in der Paulskirche und vor Edwin's Gruft in St. Pe⸗ ter einſtimmte. 32— 580 Mit erheitertem Antlitz und leuchtenden Augen grüßte der König die Reihen ſeiner Krieger und ſchloß ſich dann dem Nachtrab an, wo die unvordenkliche Sitte der ſächſiſchen Monarchen das königliche Banner zwiſchen den Bürgern von London und den Männern aus Middleſex aufzuſtellen gebot. Als er emporſchaute, ſah er nicht ſeine alte Standarte mit Kreuz und Tigerköpfen, ſondern ein fremdartiges prachtvolles Banner: auf goldenem Felde die Geſtalt eines ſechtenden Kriegers, die Waffen mit orientaliſchen Perlen bedeckt und die Ein⸗ faſſung in der aufſteigenden Sonne von Rubinen, Smaragden und Amethyſten leuchtend. Während er voll Verwunderung dieſes blen⸗ dende Feldzeichen betrachtete, näherte ſich Haco, der neben dem Fah⸗ nenträger ritt, und überreichte ihm einen Brief. „Geſtern Nacht,“ erzählte er,„nachdem Du den Pallaſt verlaſſen hatteſt, trafen beſonders aus Hertfordſhire und Eſſex viele Rekruten ein: die ſtattlichſten und handfeſteſten von allen in Waffen und Geſtalt waren Hilda's Lehensleute. Sie brachten dieſes Banner, woran die Vala all' die Edelſteine verſchwendet hat, welche von Odin, dem Gründer aller Throne des Nordens, durch lange Reihen nordiſcher Vorfahren auf ſie übergegangen ſind. So wenigſtens ſagte der Bote, den unſere Baſe mitſandte.“ Haco hatte die Seide um den Brief bereits durchſchnitten und las deſſen Inhalt, welcher folgendermaßen lautete: „König von England, ich vergebe Dir das gebrochene Herz mei⸗ ner Enkelin. Wen das Land ernährt, der ſollte auch das Land ver⸗ theidigen: derohalben ſende ich Dir als Tribut die beſten Früchte in Feld und Wald, welche um das Haus, das mein Gemahl durch Ca⸗ nuts Gnade erhielt, wachſen— nämlich feſte Herzen und ſtarke Arme! Da Hilda wie Harold durch Deine Mutter Githa von dem Kriegs⸗ gotte des Nordens abſtammt, deſſen Geſchlecht niemals ausſterben wird, ſo nimm, o Vertheidiger der ſächſiſchen Odinskinder, das Ban⸗ ner, das ich mit den Edelſteinen geſtickt habe, welche das Haupt der Aſas aus dem Orient mitbrachte. Feſt wie die Liebe ſey Dein Fuß, eönig „ wo gZliche aus ſeine tiges enden Ein⸗ und blen⸗ Fah⸗ aſſen ruten eſtalt n die dem ſcher Bote, und mei⸗ ver⸗ ſte in Ca⸗ me! egs⸗ erben Ban⸗ der Fuß, . 581 ſtark wie der Tod Deine Hand unter dem Schatten, welchen Hilda's Banner— unter dem Glanze, welchen Odins Juwelen auf die Stirne des Königs werfen! So begrüßt Hilda, die Tochter von Monarchen, ihren Harold, den Führer von Männern.“ Als Harold von dem Briefe aufſchaute, fuhr Haco fort: „Du kannſt Dir kaum denken, welchen ermunternden Eindruck dieſes Banner, das man für bezaubert hält und welches Odins Name allein ſchon heilig machen würde, wenigſtens bei Deinen wilden Anglo⸗Dänen im ganzen Heere hervorgebracht hat.“ „Das iſt gut, Haco,“ erwiederte Harold lächelnd.„Laßt den Prieſter noch ſeinen Segen zu Hilda's Zauber fügen, und der Himmel wird uns jede Magie verzeihen, welche die Herzen, ſo ſeine Altäre vertheidigen, zu größerer Tapferkeit anfeuert. Wir wollen ein Stück Wegs zurückbleiben, denn das Heer muß an dem Hügel mit dem Crom⸗ lech und Grabſteine vorüberkommen, und dort wird Hilda ſicherlich unſeren Marſch bewachen; wir wollen dann einige Augenblicke bei ihr verweilen, um ihr für das Banner aber mit noch größerem Rechte für ihre Leute zu danken. Sind nicht jene kernfeſten Burſche, welche ſo hoch gewachſen und wohlgeordnet, ſämmtlich bepanzert, den Lon⸗ donern Bürgern voranreiten— Hilda's Beitrag zu unſerem Heer⸗ banne?“ „Ja— die ſind es,“ gab Haco zur Antwort. Der König wendete ſein Roß, um ſie mit ſeinem königlichen Gruße anzureden und ſofort nebſt Haco noch weiter zum Nachtrabe zurückzu⸗ reiten, anſcheinend mit Beſichtigung der zahlreichen Wägen beſchäftigt, welche, wie dies bei der ſächſiſchen Armee als Regel galt, Geſchoſſe und Lebensmittel nachführten und zur Verſtärkung der Lagerverſchan⸗ zung dienten. Als ſie des Hügels anſichtig wurden, wo das Haupt⸗ korps der Armee ihnen bereits vorangezogen war, ſtieg der König mit Sweyns Sohne ab und betrat den weiten Umkreis der celtiſchen Ruine. Neben dem teutoniſchen Altare erblickten ſie zwei völlig regungs⸗ 582 loſe Geſtalten: die eine war wie im Schlafe oder Tode auf dem Boden ausgeſtreckt; die andere ſaß neben ihr, als wollte ſie die Schlafende hüten oder den Leichnam bewachen. Das Geſicht der Letzteren, mit den Händen verhüllt, war nicht ſichtbar; an dem der Anderen aber er⸗ kannten die beiden Nahenden die däniſche Prophetin. Der Tod in ſei⸗ nen furchtbarſten Zügen war auf dieſes geiſterhafte Antlitz geſchrieben; Angſt und unbeſchreibliches Wehe ſprach aus der hohlen Wange, den verzerrten Lippen und dem wilden verglasten Blicke der offenen Augen. Auf den Schreckensruf, womit die Ankömmlinge das furchtbare Schweigen unterbrachen, regte ſich die noch Lebende und erhob das Haupt, ihr Geſicht immer noch auf die Hände ſtützend— nie hatte man einen nordiſchen Vampyr mitteufliſcheren erſchreckenderen Zügen neben dem beraubten Grabe kauern ſehen. „Wer und was biſt Du?“ fragte der König,„und warum liegt Hilda's edle Leiche ſo ungeehrt unter freiem Himmel? Iſt das die Hand der Natur? Haco, Haco, ſo blicken die Augen, ſo ſchauen die Züge Derer, welche die Angſt vor grauſamem Morde todtet, noch ehe der Stahl ſie getroffen hat. Sprich, Hexe, biſt Du taub?“ „Durchſuchet den Körper,“ gab dieſe zur Antwort;„Ihr findet keine Wunde! Betrachte die Kehle— nirgends ein Zeichen des tödt⸗ lichen Griffes! Ich habe das ſchon öfter erlebt. Du wirſt kein ſol⸗ ches Merkmal an dieſer Leiche entdecken, denn richtig haſt Du geſagt: Das Entſetzen hat ſie getödtet! Ha, ha! ſie wollte erfah⸗ ren und ſie hat erfahren; ſie wollte den Todten und den Dämon er⸗ wecken— ſie hat ſie geweckt; ſie wollte das Räthſel löſen— ſie hat es gelöst. Bleicher König und düſterer Jüngling— wollt Ihr hören, was Hilda ſprach— he? Fragt ſie in der Schattenwelt, wo ſie Euch erwartet! Ha! Auch Ihr möchtet über die Zukunft aufgeklärt werden, möchtet durch die Geheimniſſe der Hölle zum Himmel empor⸗ klimmen. Würmer! Würmer! kriecht zurück zur Erde! Eine einzige Nacht, wie ſie die Hexe, die Ihr verachtet, als ihre höchſte Luſtbarkeit genießt, würde Eure Adern erkälten, würde das Leben in Eurem Aug⸗ — ende mit er⸗ ſei⸗ ben; den gen. bare das atte igen liegt die die ehe ndet tödt⸗ ſol⸗ Du fah⸗ er⸗ ſie Ihr o ſie klärt por⸗ zige rkeit apfel erſtarren und Eure Leichen ähnlich der Todten, welche hier vor Euren Füßen liegt, der Verwunderung und dem Schrecken überlaſſen!“ „Ho!“ rief der König mit dem Fuße ſtampfend:„fort Haco; wecke die Diener, rufe die Hausmägde, bringe Knappen und Ceorls, um die⸗ ſen ſcheußlichen Raben zu bewachen.“ Haco gehorchte; als er jedoch mit den ſchaudernden und entſetzten Begleitern zurückkehrte, war die Hexe fort und der König lehnte mit niedergeſchlagenen Blicken und einem von Nachdenken getrübten und verfinſterten Geſichte an dem Altare. Der Körper der Vala wurde ins Haus getragen, und der König aus ſeiner Träumerei erwachend, hieß ſie die Prieſter rufen und befahl, für die geſchiedene Seele Meſſen zu leſen. Dann kniete er nieder, ſchloß mit frommer Hand die ſtarren Augen, glättete die Züge und drückte ſeinen trauernden Kuß auf die eiſige Stirne. Sobald dies geſchehen war, nahm er Haco's Arm und kehrte mit ihm nach der Stelle zurück, wo ſie ihre Roſſe gelaſſen hatten. „Was für Unheil hat Dir die Hexe prophezeit?“ fragte Haco ruhig, während ſie den Hügel hinabſtiegen, ohne Scheu und Ueber⸗ raſchung zu verrathen, welche Regungen dieſer düſteren gefaßten un⸗ empfindlichen Natur gänzlich unbekannt ſchienen. „Haco,“ gab der König zur Antwort,„dort drüben an den Küſten von Suſſer liegt die ganze Zukunft, welche unſere Augen jetzt erfor⸗ ſchen und der zu begegnen unſere Herzen ſich feſtigen ſollten. Dieſe Zeichen und Erſcheinungen ſind blos die Geſpenſter einer todten Reli⸗ gion, aus dem Grabe der furchtbaren Heidenzeit herübergeſendet— ſie können uns erſchrecken, aber nicht von unſerer Pflicht verlocken. Schau, wie wir uns umſehen, erblickſt Du die Ueberreſte aller Glaubensbekennt⸗ niſſe, welche jemals die Herzen der Menſchen mit weſenloſem Grauen erfüllt haben— hier der Tempel des Britten— dort das Gotteshaus des Römers— der verwitternde Altar unſeres Ahnherrn Thor! Ent⸗ ſchwundene Jahrhunderte liegen in dieſen zerſtreuten Symbolen zer⸗ trümmert um uns her. Ein neues Zeitalter, ein neuer Glaube iſt an⸗ gebrochen: halten wir uns an die klaren Wahrheiten vor unſern Augen — an die Pflicht hienieden: das Wiſſen kommt erſt ſpäter.“ „Dieſes ſpäter— iſt es nicht nahe?“ murmelte Haco. Schweigend ſtiegen ſie zu Pferde, und ehe ſie das Heer wieder erreichten, hielten ſie mit gemeinſamem Antriebe an, um hinter ſich zu ſchauen. Grauenvoll in ihrer Verlaſſenheit erhob ſich Tempel und Al⸗ tar! Mit Hilda's räthſelhaftem Tode ſchien ihr letzter zögernder Ge⸗ nius— der Schutzgeiſt des finſteren und wilden, des kriegeriſchen und zaubermächtigen Nordens für immer verſchieden zu ſeyn. Am vorde⸗ ren Waldrande, düſter und geſtaltlos, ſtand jene namenloſe Hexe im Schatten, und deutete mit ausgeſtrecktem Arm und undeutlicher dro⸗ hender Gebärde nach ihnen herüber, als ob bei allem Religionswechſel, bei aller Einfachheit des Glaubens, bei aller Klarheit des Wirklichen dem Gränzlande zwiſchen Sichtbarem und Unſichtbarem ein Aberglaube angeboren wäre, der immer wieder ſeine Prieſter und Bekenner finden wird, bis der volle krönende Glanz des Himmels jeden Schatten aus der Welt verſcheucht hat! Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Auf der weiten Ebene zwiſchen Pevenſey und Haſtings hatte Herzog William ſeine Schaaren aufgeſtellt. Im Rücken des Lagers hatte er ein hölzernes Kaſtell erbaut, das im Falle eines Rückzugs zum Zufluchtsorte dienen ſollte und wozu die Materialien mit herüber gebracht worden waren. Seine Schiffe hatte er auf die offene See zurückgeſchickt und durchlöchert, ſo daß ſeinen vielfach gemiſchten Streitern der Ge⸗ danke an eine Rückkehr ohne Sieg völlig abgeſchnitten war. Seine Vorpoſten erſtreckten ſich Meilen weit ins Land und ſicherten das Heer Tag und Nacht vor Ueberfällen. Das ausgewählte Terrain paßte voll⸗ kommen für die Manöver einer Reiterei, wie man ſie in England oder vielleicht in der ganzen Welt noch nie zuvor geſehen hatte, da ſie faſt aus lauter Rittern beſtand, von denen faſt jeder zum Heerführer tauglich war. geſetz plane ſorgf ver e eines jeder Schl unern und Der die a theile die F wort dem ſende Hau war deckt lichk * alte Civ Nor tern keh tiefe kam vol Ath een 585 Auf dieſem Felde muſterte William ſeine Armee und war unaus⸗ geſetzt mit Entwerſen, mit Umändern und Rekapituliren all der Schlacht⸗ plane beſchäftigt, welche der große Tag ins Leben rufen mochte. Am ſorgfältigſten, am anhaltendſten und genaueſten betrieb er das Manö⸗ ver eines verſtellten Rückzugs: kein Regiſſeur wird vor Aufführung eines modernen Schauſpiels die Stellung, die Blicke und Gebärden jeder Rolle ſorgſamer anordnen, um ein Gemälde darzuſtellen, an deſſen Schluſſe der Vorhang mit betäubendem Applauſe fallen ſoll, als dieſer unermüdliche Heerführer jedem Einzelnen wie jeder Bewegung Zeit und Stelle anwies, um ſeinem tapferen Gegner eine Schlinge zu legen. Der Angriff des Fußvolks, ihr Zurückweichen, ihr verſtellter Schrecken, die abgebrochenen Verzweiflungsrufe— ihr Rückzug, anfänglich nur theilweiſe und widerſtrebend, dann ſcheinbar übereilt und allgemein— die Flucht und ihre ſorgfältige Verwirrung— ſodann das Loſungs⸗ wort, die blitzähnliche Sammlung, das Hervorbrechen der Reiterei aus dem Hinterhalt, das Ueberflügeln des nachſetzenden Feindes, die Ab⸗ ſendung eines Korps von Pikenmännern, um die Sachſen von ihrer Hauptmacht und dem verlorenen Terrain abzuſchneiden— dies Alles war mit der vollendetſten Meiſterſchaft in der Upokriſis— dem ver⸗ deckten Spiele— des Krieges angeordnet und wurde mit der Geſchick⸗ lichkeit geübter Veteranen aufgefaßt. Nicht mehr gegen die rohen Helden des Nordens mit ihrer ver⸗ alteten unverbeſſerten Strategie haſt Du anzuknüpfen, o Harold! Die Civiliſation der Schlacht erwartet Dich diesmal— die Mannheit des Nordens, geführt mit der vollen Ueberlegenheit des Römers! Eben als William mitten unter glitzernden Speeren, unter flat⸗ ternden Fahnen und neu ſich bildenden Linien, unter fliehenden, zurück⸗ kehrenden, wendenden und drehenden Roſſen mit blitzenden Augen und tiefer Donnerſtimme Fußvolk und Reiter in dieſem Unterrichte übte, kam Mallet de Graville, der einen der Außenpoſten kommandirte, in vollem Laufe dahergeſprengt und meldete keuchend und nur mit Mühe Athem ſchöpfend: 586 „König Harold naht ſich mit ſeinem Heer in ſtürmiſcher Eile. Ihr Abſicht iſt offenbar, uns unvermuthet zu überfallen.“ „Halt!“ rief der Herzog, ſeine Hand erhebend, und die Ritter um ihn her hielten in der vollkommenſten Mannszucht. Nachdem er ſo⸗ fort ſeinem Bruder Odo, Fitzosborne und etlichen andern Anführern einige kurze aber deutliche Befehle ertheilt hatte, ſtellte er ſich an die Spitze einer zahlreichen Kavalkade ſeiner Ritter und ſprengte eiligſt nach dem Außenpoſten, welchen Mallet verlaſſen hatte— um ſich den nahenden Feind zu betrachten. Ueber die Ebene weg ging es durch einen Wald, der bereits ſein trauriges Herbſtkolorit angenommen hatte; ſobald dieſer hinter ihnen lag, ſahen ſie die ſächſiſchen Speere über den Rand der ſanften jenſeitigen Hügel emporragen. Aber ſelbſt dieſe kurze Zeit, welche genügt hatte, um William vor das Angeſicht des Feindes zu bringen, hatte auch unter der Anordnung ſeiner Generale hingereicht, um der weiten Ebene des Feldlagers die ganze Ordnung eines ſchlachtbereiten Heeres mit⸗ zutheilen. William hatte mittlerweile eine Anhöhe erſtiegen, und als er ſich von den Speeren auf den Hügelſpitzen zu ſeinen eigenen raſch formirten Linien in der Ebene zurückwandte, ſagte er mit ernſtem Lächeln: „Wenn der ſächſiſche Uſurpator ſich dort auf der Höhe jener Hügel befindet, ſo wird er uns wohl noch Zeit zu athmen vergönnen. St. Michael gibt uns ſeine Krone, ſeinen Körper aber den Raben in die Hände, wenn er herabzukommen wagen ſollte.“ Und wie der Herzog in ſeiner kriegeriſchen Erfahrung mit mili⸗ täriſchem Auge vorausgeſehen hatte— ſo geſchah es. Die Speere hielten auf den Hügeln ſtille, denn der engliſche General mußte wohl bald bemerkt haben, daß es hier keinen Hardrada zu überraſchen gab, daß die vernommenen Nachrichten weder die Zahl noch die Streitbar⸗ keit und Mannszucht der Normannen übertrieben hatten und daß die Schlacht nicht für den Kühnen, ſondern für den Vorſichtigen den Aus⸗ ſchlag geben würde. Eile. r um er ſo⸗ hrern n die iligſt h den ſein iihnen tigen atte, auch Sbene mit⸗ d als raſch nſtem Hügel St. in die mili⸗ peere wohl gab, tbar⸗ ß die Aus⸗ — 587 „Er thut Recht,“ bemerkte William nachſinnend,„und glaubt nur ja nicht, meine Quens, daß wir einen hitzköpfigen Thoren unter Harolds Eiſenhelm finden werden.— Wie heißt dieſes durch Hügel und Thäler durchſchnittene Terrain auf unſerer Karte? Es iſt doch auffallend, daß wir ſeine Stärke überſehen haben und es alſo in die Hand des Feindes fallen ließen. Wie iſt ſein Name? Kann keiner unter Euch ſich erinnern?“ „Ein ſächſiſcher Bauer nannte es Senlac“* oder Sanglac oder wie der Name in ihrem unmuſtikaliſchen Kauderwälſch lauten mochte,“ verſetzte de Graville. „Meiner Treu!“ betheuerte Grantmesnil„mich dünkt, der Name wird ſpäter bekannt genug klingen; nicht wie Kauderwelſch lautet er in meinem Ohre, wohl aber wie ein ominöſer bezeichnender Name— Sanglac, Sanguelac— der Blutſee.“ „Sanguelac!“ wiederholte der Herzog betroffen;„wo habe ich dieſen Namen ſchon gehört? Es muß zwiſchen Schlafen und Wachen geſchehen ſeyn. Sanguelac, Sanguelac!— Du nennſt ihn ganz richtig, denn einen See voll Blut haben wir in der That zu durch⸗ waten!“ „Ei,“ meinte de Graville,„Dein Aſtrologe prophezeite ja, Du werdeſt das Reich ohne Schlacht gewinnen.“ „Armer Aſtrolog!“ entgegnete William;„das Schiff, worauf er ſegelte, ging verloren. Der iſt ein Eſel in der That, der Andere zu warnen ſich anmaßt, während er keinen Zoll breit vorausſieht, wie ſein eigenes Schickſal ſich geſtalten wird! Eine Schlacht werden wir haben — allerdings; nur jetzt noch nicht. Höre mich, Guillaume; Du biſt einſt der Gaſt dieſes Uſurpators geweſen; Du ſchienſt mir einige Liebe für ihn zu hegen— eine ganz natürliche Liebe, da Du einmal an ſeiner Seite gefochten: willſt Du mit Hugues Maigrot dem Mönch * Das Schlachtfeld von Haſtings ſcheint vor der Eroberung„Senlac“, nachher„Sanguelac“ geheißen zu haben. 588 zu dem ſächſiſchen Heere hinübergehen und meine Botſchaft dort un⸗ terſtützen?“ Der ſtolze gewiſſenhafte Normanne bekreuzte ſich dreimal, ehe er antwortete. 4 „Es gab eine Zeit, Graf William, wo ich es als Ehre betrachtet hätte, mit Harold dem wackeren Earl zu parlamentiren; jetzt aber, da er die Krone auf dem Haupte trägt, erachte ich es als Schmach und Schande, mit einem ungetreuen Ritter und meineidigen Manne Worte zu wechſeln.“ „Gleichwohl ſollſt Du mir dieſe Gunſt erweiſen,“ bemerlte William, den Ritter etwas bei Seite führend;„denn ich kann Dir nicht verhehlen, daß ich den Ausgang der Schlacht nicht ohne Aengſt⸗ lichkeit betrachte. Jene Männer ſind von dem friſchen Triumphe über den größten Krieger Norwegens erhitzt; ſie werden auf ihrem eigenen Boden und unter einem Führer fechten, den ich ſorgfältiger als Cäſars Commentarien ſtudirt habe und an welchem mich ſogar die Schuld des Meineids nicht gegen ſeine Befähigung als großer General verblenden wird. Können wir unſer Ziel jetzt noch ohne Schlacht erreichen, ſo iſt Dir reicher Lohn gewiß, und ich will dann Deinen Aſtrologen als einen weiſen, wenn auch unglücklichen Mann gelten laſſen.“ „In der That,“ meinte de Graville ernſthaft,„es wäre unhöflich gegen das Andenken des Sternguckers, wenn man ſich nicht bemühen wollte, ſeine Wiſſenſchaft als lauter zu erweiſen, und die Chaldäer—“ „Der Henker hole Deine Chaldäer!“ brummte der Herzog.„Reite mit mir in's Lager zurück, damit ich Dir meine Botſchaft übergebe und den Moͤnch gehoͤrig inſtruire.“ „De Graville,“ begann der Herzog von Neuem, während ſie gegen die Linien ritten,„meine Meinung iſt kurz dieſe. Ich glaube nicht, daß Harold mein Erbieten annehmen und auf ſeine Krone ver⸗ zichten wird; aber ich will wenigſtens Zwietracht, vielleicht gar Empö⸗ rung unter ſeinen Hauptleuten ausſtreuen; ſie ſollen erfahren, daß die Kirche alle Diejenigen, welche gegen mein geweihtes Banner kämpfen, mit i dem l beein ſeine keit z den ſ geſcht ich w plötzl. des g Hüge verſch zu ſte der E getro einer und Grã liſire tig y bergq Ver konn wehn ritt Wer einen dem nor 589 mit ihrem Fluche verfolgt. Ich verlange alſo nicht von Dir, daß Du dem Uſurpator zu ſchmeicheln ſucheſt und Deine Ritterwürde dadurch beeinträͤchtigeſt; nein, kühn ſollſt Du ihn des Meineids anklagen und ſeine Lehensleute aufrühren. Vielleicht daß ſie ihn zur Nachgiebig⸗ keit zwingen oder gar ſein Banner verlaſſen: im ſchlimmſten Falle wer⸗ den ſie durch das volle Bewußtſeyn ihrer ſchuldbeladenen Sache ein⸗ geſchüchtert.“ „Ha, jetzt begreife ich Dich, edler Graf; verlaß Dich auf mich, ich werde ſprechen, wie es einem Ritter und Normannen geziemt.“ Mittlerweile hatte Harold die gänzliche Hoffnungsloſigkeit jedes plötzlichen Anfalles eingeſehen und als kluger General den Vortheil des gewonnenen Terrains zu benützen gewußt, indem er ſich die ganze Hügelreihe entlang hinter tiefen Gräben und künſtlichen Palliſaden zu verſchanzen begann. Es iſt unmöglich, noch jetzt auf jenem Punkte zu ſtehen, ohne die militäriſche Geſchicklichkeit anzuerkennen, womit der Sachſe ſeine Stellung genommen und ſeine Vorſichtsmaßregeln getroffen hatte. Das Hauptkorps ſeiner Truppen umringte er mit einer vollkommenen Bruſtwehr gegen den Anfall der Reiterei: Pfähle und ſtarke Schanzkörbe mit Weidengeflechten verbunden und durch tiefe Gräͤben geſchützt, dienten dazu, die Wirkung einer Waffe zu neutra⸗ liſiren, welche Harold faſt ganz abging, und worin William übermäch⸗ tig war, wobei die Beſchaffenheit des Bodens den Feind nöthigte, bergauf zu marſchiren und anzugreiſen, während die Sachſen aus ihren Verſchanzungen ſie mit allen Arten von Geſchoſſen überſchütten konnten. Helfend, belebend, ermunternd und anordnend, während die Bruſt⸗ wehren raſch emporſtiegen und die Gräben eiligſt ausgehöhlt wurden, ritt der König von England auf ſeinem Zelter von Linie zu Linie, von Werk zu Werke, als er auſſchauend ſeinen Neffen Haco gewahrte, der einen Mönch und einen Krieger— dem Wimpel an ſeinem Speere und dem Kreuz auf ſeinem Schilde nach zu ſchließen ein Mitglied der normänniſchen Ritterſchaft— den Abhang herauf geleitete. —„ 590 Gurth und Leofwine nebſt denjenigen Thanen, welche Graſſchaf⸗ ten beſehligten, waren eben um ihren Führer verſammelt, um ſeine Inſtruktionen einzuholen. Der König ſtieg ab und winkte ihnen zu folgen, indem er nach dem Punkte voranging, wo eben erſt ſein könig⸗ liches Banner aufgepflanzt worden war. Dort machte er Halt und ſagte mit ernſtem Lächeln: „Ich bemerke, daß der normänniſche Graf ſeine Boten an uns abſchickte, und es ziemt ſich, daß Ihr, die Vertheidiger von England, mit mir vernehmet, was der Normanne zu ſagen hat.“ „Iſt es was anderes als die Bitte, daß wir ſeine Leute nach Rouen zurückkehren laſſen, ſo iſt ſeine Botſchaft unnütz und kurz unſere Antwort,“ erklärte Vebba, der entſchloſſene Than aus Kent. 3 Inzwiſchen näherte ſich der Mönch mit dem normänniſchen Ritter und Beide blieben in kurzer Entfernung ſtehen, während Haco mit der kurzen Meldung vortrat: „Dieſe Männer fand ich auf unſeren Außenpoſten; ſie verlangen mit dem Könige zu reden.“ „Unter ſeiner Standarte will der König den normänniſchen Ein⸗ dringling anhören,“ erwiederte Harold;„heiße ſie reden.“ Daſſelbe blaßgelbe klägliche und ominöſe Geſicht, das Harold ſchon früher in den Hallen von Weſtminſter geſehen hatte, präſentirte ſich einem Todtenkopfe ähnlich aus dem groben Benedictinergewande der Brüderſchaft von Caen herausſchauend, und der Mönch begann folgendermaßen: „Im Namen Williams, Herzogs der Normannen im Feld, Gra⸗ fen von Rouen in der Halle, Prätendenten aller Throne der Angeln, Schotten und Wallonen, wie ſie ſein Vetter Edward im Beſitz hatte — komme ich zu Harold, ſeinem Lehensmanne und Earl.“ „Aendere Deine Titel oder pack Dich fort,“ rief Harold trotzig, während ſeine Stirne nicht länger in milder Majeſtät thronte, ſondern finſter wie die Mitternacht anzuſehen war.„Was ſagt William, der Graf von B „ alſo,“ ganz Du D 7 Krone um de rückzu Rathe Zweit Du o Abt d Altar Harol erhör geben mich ſetze bin, j Land Recht ſehr Alles in ſt jedoe wiede uns pland, nach nſere Ritter it der ungen Ein⸗ darold ntirte vande egann Gra⸗ igeln, hatte otzig, ndern n, der 591 Graf der Ausländer, zu Harold, dem König der Angeln und Baſileus von Britannien?“ „Indem ich gegen Deine Anmaßung proteſtire, antworte ich Dir alſo,“ verſetzte Hugues Maigrot.„Erſtlich bietet er Dir abermals ganz Northumbrien bis zum Reiche des ſchottiſchen Unterkönigs, wenn Du Dein Gelübde erfüllen und ihm die Krone abtreten willſt.“ „Hierauf habe ich ſchon geantwortet— es ſteht mir nicht zu, die Krone zu vergeben, und mein Volk iſt in Waffen um mich verſammelt, um den König ſeiner Wahl zu vertheidigen.— Was weiter?“ „Ferner erbietet ſich William, ſeine Truppen aus dem Lande zu⸗ rückzuziehen, wenn Du Dich mit Deinen Häuptlingen und Deinem Rathe dem Spruche unſeres allerheiligſten Pontifer, Alexanders des Zweiten, unterwerfen und ſeiner Entſcheidung anheimſtellen willſt, ob Du oder mein Lehensherr das meiſte Recht zum Throne haben.“ „Dies zu beantworten, ſey mir als Geiſtlichem erlaubt,“ rief der Abt des großen Kloſters von Peterboro', der, die Sache von Thron und Altar als eine gemeinſame betrachtend, ſich mit dem Abte von Hide Harold's Marſche angeſchloſſen hatte.„Noch nie war es in England erhört, daß der geiſtliche Oberhirte von Rom uns unſere Könige zu geben hätte.“ „Und,“ ergänzte Harold mit bitterem Lächeln,„der Pabſt hat mich bereits vor ſeinen Richterſtuhl gefordert, als ob Englands Ge⸗ ſetze im Vatikane gehandhabt würden! Wenn ich anders recht berichtet bin, ſo hat der Pabſt bereits zu entſcheiden geruht, daß unſer ſächſiſches Land dem Normannen gebühre. Ich verwerfe einen Richter, der kein Recht der Entſcheidung beſitzt, und verlache einen Spruch, der ebenſo ſehr den Himmel inſultirt, wie er die Menſchen beleidigt.— Iſt das Alles?“ „Ein letztes Anerbieten bleibt noch übrig,“ erwiederte der Mönch in ſtrengem Tone.„Dieſer Ritter wird es Dir kund geben. Ehe ich jedoch ſcheide und Dich mit den Deinen der göttlichen Rache überliefere, wiederhole ich die Worte eines mächtigeren Häuptlings als William 592 von Rouen. So ſpricht Seine Heiligkeit, welche Macht hat zu binden und zu löſen, zu ſegnen und zu fluchen:— Harold, Du Meineidiger, Du biſt verflucht! Auf Dir wie auf Allen, welche die Hand für Deine Sache erheben, ruht das Interdikt der Kirche. Du biſt ausgeſtoßen aus der Familie der Chriſten. Auf Deinem Lande mit ſeinem ganzen Volk und Adel, bis zu den Thieren des Feldes und dem Vogel in der Luft, ja bis zu dem Saamen und dem Sämann, der Ernte wie dem Schnitter, ruht Gottes Fluch! Die Bulle des Vatikans iſt im Zelte des Normannen; St. Peters Banner weiht jene Heere für den Dienſt des Himmels. So greift ſie nur an: Ihr zieht aus wie die Aſſyrier und der Engel des Herrn erwartet Euch auf dem Wege!“ Bei dieſen Worten, welche den engliſchen Führern zum erſten⸗ male kundgaben, daß ihr König mitſammt ſeinem Reiche unter dem furchtbaren Banne der Kirche ſtand, betrachteten ſich Thane und Aebte mit geiſterbleichen Mienen. Ein ſichtbarer Schauer ging durch die ganze kriegeriſche Verſammlung; nur drei Männer, Harold, Gurth und Haco ſchienen unberührt zu bleiben. Der König war über die Unverſchämtheit des Mönches ſo ſehr entrüſtet und verachtete dermaßen einen Blitzſtrahl, der, ohne ſich auf ſein Haupt zu beſchränken, die Freiheiten einer ganzen Nation zu ver⸗ ſengen ſich anmaßte, daß er auf den Sprecher losging und(wie die normänniſchen Chroniſten behaupten) ſogar die Hand wider ihn auf⸗ hob, als ob er den Verläumder zu Boden ſchlagen wollte. Gurth trat dazwiſchen und ſtellte ſich mit ſeinem klaren, von tugendhaftem In⸗ grimme leuchtenden Auge zwiſchen Moͤnch und König. 3 „O Du,“ rief er,„mit den Worten des Glaubens auf den Lip⸗ pen und den Ränken der Argliſt im Herzen— hülle Dein Haupt in Deine Kapuze und ſchleiche zurück zu Deinem Gebieter. Hörtet Ihr nicht, Ihr Thane und Aebte— hörtet Ihr nicht, wie dieſer ſchlechte falſche Mann wie zum Frieden und aus Liebe zur Gerechtigkeit Euch anbot, daß der Pabſt zwiſchen Eurem König und dem Normannen entſcheiden ſolle? Und gleichwohl war es dem Mönche wohl bekannt, daß de Ihr i unter er Eu zu ver abergt Gerec fängli nichts 6 dem 6 ohne ſchlich geſpr wie ei dieſe in ſei den T nunm lage d rückw Nacke völlig von( Schü und d die b ben, einſt Br ſinden piger, Deine oßen anzen in der dem Zelte Dienſt ſſyrier erſten⸗ r dem Aebte ſch die Gurth o ſehr ch auf u ver⸗ vie die n auf⸗ h trat In⸗ n Lip⸗ upt in et Ihr blechte Euch annen kannt, —— 593 daß der Pabſt die Sache bereits zum Voraus entſchieden hatte. Wäret Ihr in die Falle gegangen— es bliebe Euch nichts übrig, als Euch unter einem Richterſpruche zu beugen, der ſich herausnahm, noch ehe er Euch vor Gericht lud, über ein freies Volk und ein altes Königreich zu verfügen!“ „Das iſt wahr, das iſt wahr!“ riefen die Thane, von ihrem erſten abergläubiſchen Schrecken ſich erholend und in ihrem ächt engliſchen Gerechtigkeitsſinne über die Treuloſigkeit empört, die ſich in den an⸗ fänglichen Eröffnungen des Prieſters verſteckt hatte.„Wir wollen nichts mehr hören, fort mit dem verrätheriſchen Boten.“ Die blaſſe Miene des Mönches wurde noch bläſſer; verblüfft von dem Sturme des Unwillens, den er hervorgerufen hatte, vielleicht nicht ohne Furcht vor den finſteren Geſichtern, die er auf ſich gerichtet ſah, ſchlich er hinter ſeinen Kameraden, den Ritter, der bis jetzt kein Wort geſprochen, ſondern das Geſicht von dem Helme bedeckt regungslos wie eine eherne Bildſäule dageſtanden hatte. Und in der That mochten dieſe beiden Geſandten, der eine in ſeinem Mönchsgewande, der andere in ſeiner Rüſtung von Erz, als Vorbilder und Repräſentanten der bei⸗ den Mächte— Ritterſchaft und Kirche— angeſehen werden, welche nunmehr gegen Harold und ſein England losgelaſſen wurden. Der Krieger war es auch, der nach dieſer augenblicklichen Nieder⸗ lage des Prieſters für ihn in die Schranken trat, und ſeinen Helm zu⸗ rückwerfend, daß die Stahlhaube ganz auf dem Ausſchnitt des Nackens ruhte und das hochmüthige Geſicht und halbgeſchorene Haupt völlig entblößte, begann Mallet de Graville wie folgt: „Der Bann der Kirche ruht auf Euch, Krieger und Häuptlinge von England; nur das Verbrechen eines Einzigen hat ihn verſchuldet! Schüttelt ihn von Euch ab: auf ſeinem Haupte allein bleibe der Fluch und deſſen Folgen. Harold, genannt König von England— ſintemalen die beiden milderen Anerbieten meines Kameraden fehlgeſchlagen ha⸗ ben, ſpricht William der Normanne durch den Mund ſeines Ritters, einſt Deines Gaſtes, Deines Bewunderers und Freundes: obgleich Bulwer, Harold. 38 594 ſechzigtauſend Krieger unter dem Banner des Apoſtels ſeines Winkes eige harren(und ſo viel ich von Deiner Streitkraft ſehe, kannſt Du auf wie Deiner ſchuldigen Seite kaum über ein Drittel dieſer Anzahl gebieten), ring will Graf William dennoch jeden anderen Vortheil als den ſeines ſtar⸗ bera ken Armes und ſeiner guten Sache bei Seite legen, und hier, in Gegen⸗ ſoll wart Deiner Thane, fordere ich Dich in ſeinem Namen auf, die Herr⸗ ſeine ſchaft über dieſes Reich durch den Zweikampf zu entſcheiden. Zu Roß dige und im Panzer, mit Schwert und mit Speer, Ritter gegen Ritter, ſond Mann gegen Mann— willſt Du es alſo mit William dem Norman⸗ nen aufnehmen?“ dem Noch ehe Harold der erſten Eingebung einer Tapferkeit, welche Chrei ſogar ſeine ſchlimmſten normänniſchen Verläumder in den ſpäteren Zei⸗ Dich ten triumphirender Verhöhnung niemals zu läugnen wagten— Gehör geben konnte, übernahmen die Thane ſelber faſt einſtimmig die Antwort. der „Kein Kampf zwiſchen Mann und Mann ſoll über die Freiheiten von Tauſenden entſcheiden!“ entfe „Nimmermehr,“ rief Gurth.„Es wäre ein Schimpf für das ganze Volk, wenn man dieſes als einen Streit zwiſchen zwei Häupt⸗ lingen— wer von ihnen die Krone tragen ſoll— betrachten wollte. Sobald der Angreifer in unſerem Lande ſteht, gilt der Krieg der Na⸗ tion, nicht blos dem König. Durch dieſes Anerbieten allein ſchon be⸗ zur weist jener normänniſche Graf, der nicht einmal unſere Sprache ver⸗ ſteht, wie wenig er die Geſetze kennt, wonach, unter unſeren eingebo⸗ „ renen Königen, wir Alle ein ebenſo großes Intereſſe wie der König ſelbſt an unſerem Vaterlande nehmen.“ „Du haſt von dieſen Lippen die Antwort Englands vernommen, Sir de Graville,“ bemerkte Harold;„ich ſelbſt kann ſie nur billigen die und wiederholen. Ich will die Krone nicht gegen Grafſchaft und Schande an William vertauſchen. Ich will mich nicht dem Richter⸗ ſpruche eines Pabſtes unterwerfen, der die Freiheit mit dem Fluche zu belegen wagte. Ich will den Grundſatz, der in dieſen Reichen den König mit ſeinem Volke verkettet, nicht alſo verletzen, daß ich meinem ——— 595 eigenen Arme das Recht anmaßte, über das Geburtsrecht der lebenden wie der ungeborenen Geſchlechter zu verfügen, noch will ich den ge⸗ ringſten Söldner unter meinem Banner der Freude und des Ruhmes berauben, für ſein Vaterland zu kämpfen. Wenn William mich ſucht, ſoll er mich finden, wo der Krieg am heftigſten tobt, wo die Leichen ſeiner Leute die Ebenen am dichteſten bedecken, dieſes Banner verthei⸗ digend oder das ſeine anfallend. Und ſo ſoll nicht Mönch und Pabſt, ſondern Gott in ſeiner Weisheit ſoll zwiſchen uns entſcheiden!“ „So ſey es,“ ſagte Mallet de Graville feierlich, ſein Geſicht mit dem Helme bedeckend.„Hüte Dich, abtrünniger Ritter, meineidiger Chriſt, uſurpirender König! Die Gebeine der Todten fechten wider Dich.“ „Und die fleiſchloſen Hände der Heiligen lenken die Heerſchaaren der Lebenden,“ ſchloß der Mönch. Und ohne Gruß oder Verbeugung wendeten ſich die Boten und entfernten ſich ſchweigend. Achtzigſtes Kapitel. Dieſer und der ganze folgende Tag wurden von beiden Heeren zur Vervollſtändigung ihrer Vorkehrungen verwendet. William wollte den Kampf ſo lange er konnte hinausſchieben, denn er war nicht ohne Hoffnung, daß Harold ſeine furchtbare Stel⸗ lung verlaſſen und ſelbſt zum Angriffe ſchreiten würde. Ueberdies wünſchte er ſeinen Prälaten und Prieſtern volle Zeit zu laſſen, um den feurigen Fanatismus aller unter dem Kirchenbanner Kämpfenden durch die Darlegung von Williams Mäßigung bei ſeiner Gefandtſchaft und Harolds anmaßender Schuld bei deren Verwerfung auf's Aeußerſte zu entflammen. Auf der anderen Seite war ſür Harold jeder Aufſchub von Vor⸗ theil, inſofern er ihm erlaubte, ſeine Verſchanzungen noch wirkſamer zu machen und den Verſtärkungen, die er zu ſich beſchieden oder die der 38° 596 Patriotismus des Landes aufgeboten hatte, Zeit zum Eintreffen zu vergönnen. Aber ach! dieſe Verſtärkungen waren ſchwach und unbe⸗ deutend; nur wenige Nachzügler aus der unmittelbaren Nachbarſchaft ſtellten ſich ein— von London dagegen kam keine Hülfe, kein zorniges Land ergoß die Schaaren ſeiner ſchwärmenden Bevölkerung! In der That, ſchon Harolds Ruhm und das Glück, das ſeine Waffen ſeither begleitet hatte, vermehrte die ſtumpfe Lethargie ſeines Volkes. Daß er, der ſo eben die furchtbaren Norweger mit dem mäch⸗ tigen Hardrada an ihrer Spitze überwunden hatte, dieſen zierlichen „Franzmännern“, wie man die Normannen nannte, von denen die Engländer in ihrer inſulariſchen Unbekanntſchaft mit dem Feſtland nur wenig wußten, und welche ſie bei Godwins Rückkehr nach allen Rich⸗ tungen hatten fliehen ſehen— daß er ſolchen Leutchen unterliegen ſollte, war für ihre Einbildungskraft eine ganz undenkbare Annahme. Das war noch nicht Alles: in London war bereits eine Kabale zu Gunſten des Athelings eingeleitet worden. Die Anſprüche der Ge⸗ burt laſſen ſich nie ſo ganz bei Seite ſchieben, ohne daß ſich ſelbſt für den unwürdigſten Erben einer alten Linie manche Anhänger finden ſollten. Die klugen Handelsleute hielten es für das Beſte, ſich an dem jetzigen Kampfe des regierenden Königs mit dem normänniſchen Prä⸗ tendenten nicht thätig für Erſteren zu betheiligen; einer großen An⸗ zahl vermeinter Staatsmänner erſchien es für das Land am gerathenſten, für jetzt neutral zu bleiben. Im ſchlimmſten Falle— wenn Harold geſchlagen oder getödtet wurde— war es da nicht weiſe, ſeine Kraft zur Unterſtützung des Atheling aufzuſparen? William konnte wohl perſönliche Urſachen zum Streite wider Harold haben— gegen Edgar aber konnten keine ſolche exiſtiren: Godwins Sohn mochte er wohl ab⸗ ſetzen— dürfte er es aber wagen, Cerdic's Abkömmling, den natür⸗ lichen Erben Edward's, vom Throne zu ſtoßen? Man darf nicht ohne Grund annehmen, daß Stigand mit einem großen Theile des ſächſi⸗ ſchen Klerus an der Spitze dieſer Fraktion ſtand. Die Haupturſachen ſolchen Abfalles lagen jedoch nicht in der ——————— ·ꝝ· 597 Anhänglichkeit an dieſen oder jenen Häuptling, ſondern in der ſelbſt⸗ ſüchtigen Trägheit, in dem verſtockten Eigenſinn, in dem langen Frieden und dem entnervenden Aberglauben, der die Sehnen der altſächſiſchen Mannheit gelockert hatte— in jener Gleichgültigkeit für hergebrachte Dinge, wie ſie die Verachtung gegen alte Namen und Geſchlechter erzeugen mußte— in jenem furchtſamen Geiſte der Berechnung, wie ſie die übertriebene Schätzung des Reichthums nach ſich zog, und welche die Leute abgeneigt machte, Handel und Wandel, Haus und Hof für die Gefahren des Krieges zu verlaſſen und ihre Be⸗ ſitzungen zu gefährden, falls der Ausländer überwiegen ſollte. Sie waren ja an Könige ausländiſchen Stammes gewöhnt und hatten ſich unter Canut ganz wohl befunden. Da gab es Viele, welche ſagten:„was liegt daran, wer auf dem Throne ſitzt: iſt ja doch jeder König an unſere Geſetze gebunden!“ Dazwiſchen hörte man auch den Lieblingsgrundſatz aller trägen Gemüther:„'s iſt noch Zeit genug! Eine Schlacht verloren, heißt noch nicht England gewonnen. Wir werden flink genug bei der Hand ſeyn, wenn Harold geſchlagen wird.“ Zu all dieſen Urſachen der Apathie und Abtrünnigkeit kamen die hochmüthigen Eiferſüchteleien der verſchiedenen noch nicht zu einem Reiche verſchmolzenen Völkerſtämme. Die northumbriſchen Dänen, unbelehrt ſogar durch ihre neuliche Rettung vor den Norwegern, be⸗ trachteten mit undankbarer Kälte einen Krieg, der ſich bis jetzt auf die ſüdlichen Küſten beſchränkte; das weite Gebiet Mercias zeigte ſich wenn auch mit beſſerer Entſchuldigung ebenſo läſſig, während die beiden jungen Earls, zu neu in ihren Stellen, um auf die ihnen untergebene Bevölkerung großen Einfluß zu üben, auch wenn ſie in ihrer Haupt⸗ ſtadt geweſen wären— in London zögerten, ohne Zweifel um gegen die Intriguen zu Gunſten des Atheling anzuſtreben— ſo wenig hatte die Heirath mit Aldythen in der Stunde ſeiner peinlichſten Gefahr dem guten Harold jene Macht eingetragen, um deren willen er auf das Glück ſeines Lebens verzichten mußte! 598 Auch dürfen wir bei Aufzählung der Urſachen, welche in dieſer grauenvollen Kriſe den Arm von England ſchwächten, des Fluches der Sklaverei unter den Theowen nicht vergeſſen, der den niedrigſten Theil der Bevölkerung für die Vertheidigung des Landes gänzlich theilnahm⸗ los ließ. Zu ſpät— ja leider zu ſpät für die nachfolgenden nutzloſen Metzeleien erhob ſich der Geiſt des Landes nach der Verletzung aller Gelübde unter der ehernen Ferſe des normänniſchen Gebieters! Hätte dieſer Geiſt nur auf einen Tag für Harold ſeine ganze Macht entfaltet — wo wären jene Jahrhunderte der Knechtſchaft geblieben?— O Schmach jenen Abtrünnigen— aber Segen, reichen Segen den an⸗ weſenden Kämpfern. So war außer den mageren Linien jenes unſterblichen Heeres, das ſich auf dem Felde von Haſtings verſchanzt hatte, keine weitere Hoffnung für England übrig. Dort ſollen— ein eitles Denkmal armſeligen Stolzes— die Liſten der räuberiſchen Angreifer für immer aufbewahrt bleiben! Wo aber, Ihr heiligen Helden des vaterländiſchen Bodens— wo ſtehen Eure Namen verzeichnet? Ja, möge das Gebet der jungfräulichen Königin dort oben aufgeſchrieben werden, möget Ihr, Geiſter der ruhmreichen Todten, beim Klange der letzten Poſaune frei von jeder Sünde aus Euren Gräbern aufſteigen, und Eure Namen, verloren für die Erde— mögen ſie hell und mackellos legchten zwiſchen denen der himmliſchen Geweihten! Trüb zogen die Schatten des Abends, und bleich durch die eilen⸗ den Wolken ſchimmerten die aufſteigenden Sterne, als Harold mit Haco, Leofwine und Gurth in ſeinem Zelte ſaß. Alle Vorkehrungen waren getroffen, und vor ihnen ſtand ein Mann halb franzöſiſchen Urſprungs, der eben aus dem normänniſchen Lager zurückgekehrt war. „Du miſchteſt Dich alſo unentdeckt unter die Fremdlinge? 2“ fragte der König. „Nein, nicht unentdeckt, Mylord. Ich begegnete einem Ritter, den ich ſpäter Mallet de Graville nennen hörte. Dieſer ſchien argliſtig meinen Worten zu glauben und ließ mir mit herablaſſender Höoflichkeit Trank von H anzuſen führte ſie wär ſtehlich Verwe theile flink: Raſen den T verkof Aderr uns g Hund Nach 599 Trank und Speiſe reichen, bis er plötzlich ſagte: Du biſt ein Spion von Harold und blos gekommen, um Dir die Stärke der Normänner anzuſehen. Du ſollſt Deinen Willen haben— folge mir! Hiemit füͤhrte er mich, beſtürzt wie ich war, durch die feindlichen Reihen, und ſie wären in der That zahllos wie der Sand am Meere und unwider⸗ ſtehlich wie die Wogen der See, wenn ich nicht, ſo ſonderbar Dir ſolches auch ſcheinen mag, o König— wenn ich nicht mehr Mönche als Krieger wahrgenommen hätte.“ „Wie— Du ſcherzeſt!“ rief Gurth überraſcht. „Nein; Tauſende und aber Tauſende lagen knieend im Gebet, und ihre Köpfe zeigten alle die Tonſur der Prieſter.“ .„Prieſter ſind ſie nicht,“ rief Harold mit ruhigem Lächeln,„wohl e aber beherzte Krieger und furchtloſe Ritter.“ ul 3 Er fuhr ſodann fort, den Spion auszufragen, und ſein Lächeln t verſchwand bei der Aufzählung nicht allein der Menge der Streiter, r n ſondern auch ihres ungeheuren Vorraths an Geſchoſſen und der faſt t unglaublichen Anzahl ihrer Reiterei. 1 Sobald der Spion entlaſſen war, wendete ſich der König an ſeine e ¹ Verwandten. .„Was meint Ihr?“ ſagte er;„wollen wir nicht lieber ſelbſt ur⸗ n theilen? Die Nacht wird alsbald finſter werden— unſere Roſſe ſind flink und nicht mit Eiſen beſchlagen wie die der Normänner— der Raſen geräuſchlos— was meint Ihr?“ „Ein luſtiger Einfall!“ rief der heitere Leofwine.„Ich möchte den Bären wohl gerne in ſeinem Lager ſehen, ehe er meinen Speer verkoſten wird.“ „Und ich,“ verſetzte Gurth,„fühle ein ſo raſtloſes Fieber in meinen Adern, daß ich es gerne an der Nachtluft abkühlen möchte.— Laßt uns gehen: ich kenne alle Wege der Umgegend, denn ich bin oft mit Hund und Falken hieher gekommen. Wir müſſen nur warten, bis die Nacht tiefer und lautloſer geworden.“ Ddie Wolken hatten ſich über die ganze Himmelsfläche ausgebrei⸗ ——— uu 600 tet und hingen ſchwer hernieder; über den Vertiefungen lagerten kalte graue Nebel, als die vier ſächſiſchen Häuptlinge ihren geheimen und gefährlichen Gang antraten. Reiter nehmen ſie mit ſich keinen, Auch von den Fußknappen nicht einen; Von Rüſtung und Waffen unbeſchwert, Einzig mit Schild, mit Speer und Schwert.“* Sobald ſie ihre eigenen Schildwachen hinter ſich hatten, führte ſie Gurth in einen Wald, wobei ſie ſich nach den gelegentlichen Licht⸗ ſtreifen richteten, welche durch die Oeffnungen des unregelmäßigen Pfades aus dem rothen Glühen des normänniſchen Lagers herüber⸗ brachen. William hatte ſeine Armee bis auf etwa zwei Meilen gegen die vorderſten ſächſiſchen Außenpoſten vorgeſchoben, und ſeine Linien in den engſten Raum zuſammengedrängt, ſo daß die Späher durch das Licht der Fackeln und Wachfeuer in den Stand geſetzt wurden, ſich einen ziemlich genauen Begriff von dem nahen furchtbaren Feinde zu bilden, dem ſie morgen begegnen ſollten. Der Punkt,“ den ſie inne hatten, bildete eine Anhöhe in dem tiefen Schatten des Waldes; vor ihnen einer jener kreiten Gräben, wie ſie auf den ſächſiſchen Gränz⸗ marken üblich waren, ſo daß ſie ſelbſt im Falle der Entdeckung eine nicht leicht zu überſchreitende Schranke zwiſchen ſich und dem Feinde hatten. In regelmäßigen Linien und Straßen dehnten ſich Hütten aus *„Ne meinent od els chevalier, Varlet à pie ne eskuier, Ne nul d'els n'a armes portée Forz sol escu, Jance, et espée.“ Roman de Rou, II. Th. V. 12126. ** Ke d'une angarde u ils'estuient Cels de l'ost virent, ki pres furent.— Roman de Rou, II. Th. V. 12126. (Von einer Höh', wo ſie ſich fanden, Die Feind ſie ſah'n, die nahe ſtanden.) Baum mit br Pavill man d dern, Lande des K Drach Allent den al ben de ſah m ſchen von 5 ligter kehrut die vi teren Herzeo Glock liche ſtumn die S einen ſend dieſer und? lichen ſes I über 601 Baumäſten für die geringeren Soldaten, welche in gedrängten Reihen mit breiten Durchblicken zu den Zelten der Ritter und den ſtattlicheren Pavillons der Grafen und Prälaten aufwärts führten. Dort ſah man die Banner von Bretagne und Anjou, von Burgend und Flan⸗ dern, ſogar das Feldzeichen von Frankreich, das die Freiwilligen dieſes Landes angenommen hatten, und gerade in der Mitte der Hauptſtadt des Krieges das prachtvolle Zelt des Herzogs ſelber mit einem goldenen Drachen über dem Stabe, an welchem die päbſtliche Fahne ſich blähte. Allenthalben im Lager vernahm man das Hämmern der Wafeenſchmiede, den abgemeſſenen Schritt der Schildwachen, das Scharren und Schnau⸗ ben der zahlloſen Roſſe. Längs der Linien zwiſchen Hütte und Zelt ſah man hohe Geſtalten mit Panzern, Schwertern und Speeren zwi⸗ ſchen Schmiden und Schwertfegern hin⸗ und hergehen. Kein Lärm von Zechenden, kein Lachen eines Trinkgelages ließ ſich in dem gehei⸗ ligten Lager vernehmen; Alles war wach, aber mit den ernſten Vor⸗ kehrungen gedankenvoller Menſchen beſchäftigt. Es war ſo ſtill, daß die vier Sachſen auf ihrem ſtummen Poſten mitten aus dem entfern⸗ teren Lärme das gegenſeitige peinliche Athmen heraushören konnten. Endlich vernahm man aus zwei Zelten rechts und links neben des Herzogs Pavillon ein ſchwaches Klingeln wie von tiefen ſilbernen Glocken. Auf dieſes Zeichen entſtand eine allgemeine deutlich erſicht⸗ liche Bewegung im ganzen Feldlager; der Lärm des Hämmerns ver⸗ ſtummte und aus jeder grünen Hütte, aus jedem grauen Zelte ſchwärmten die Streiter; Reihen lebender Menſchen ſäumten die Lagergaſſen, nur einen ſchmalen Durchgang in der Mitte freilaſſend. Mehr als tau⸗ ſend Fackeln leuchteten in der Umfaſſung, und die Sachſen ſahen bei dieſer Helle Proceſſionen von Prieſtern in vollem Ornate mit Kreuz und Rauchfaß die verſchiedenen Zugänge herabkommen. Die Geiſt⸗ lichen blieben ſtehen und die Krieger knieten nieder; dann kam ein lei⸗ ſes Murmeln wie von Beichtenden und die Prieſter breiteten die Hände über die Menge wie zur Abſolution und zum Segen. Plötzlich ſah man Odo von Bayeurx ſelber im weißen Chorhemd 602 und das Kreuz in der Rechten von den Außenpoſten des Lagers kom⸗ dritte W mend aus einem der Querpfade auftauchen. Sogar zu den geringſten Teufel und niedrigſten Söldnern des Heeres— mochten ſie nun ehrlichem Tages d Gewerbe und friedlichem Berufe oder dem Abſchaume von Europa's Un Hefe, den Wegelagerern aus den Alpen, den Kehlabſchneidern vom die haͤng Rheine angehört haben— ſogar zu den Niedrigſten trat der geſalbte fortwäh Bruder des Herzogs, der hochmüthigſte Prälat in der Chriſtenheit, die mun deſſen Sinn eben damals auf den Biſchofsſtuhl zu Rom gerichtet war hatten. — er trat zu ihnen, um ihre Beichte zu hören und ihnen ſeinen Segen S und die Akſolution zu ertheilen. Und die rothen Wachfeuer leuchteten vorüber auf ſeinem ſtolzen Geſicht und ſeinen fleckenloſen Gewändern, während beiſamn die Kinder des Zorns dieſen Boten des Friedens kniend umringten. entgeger Harold's Fauſt faßte nach Gurths Arme, und ſeine alte Verach⸗ D tung vor dem Mönchsweſen machte ſich in ſeinem bitteren Lächeln, feuer gr ſeinen gemurmelten Worten Luft. Aber Gurth's Geſicht war muth⸗ Hand n los und traurig. teren C Und nun, da Hütten und Zelte ihre lebenden Bewohner von ſich unter d gaben, konnten ſie in der That die ungeheure Ueberzahl, wogegen ſie denderer zu ſtreiten hatten und neben ihr jenen tödtlichen Eifer, jenen erhabenen deutete Fanatismus bemerken, der von einem Ende dieſer Kriegerſtadt bis zum halla ne andern die Ungerechtigkeit heiligte, dem Ehrgeize den Heroismus des 58 Märtyrers verlieh und das Flüſtern gieriger Habſucht mit dem Selbſt⸗ ſang, i lobe der Heiligen vermiſchte! langen Kein Wort wurde zwiſchen den vier Sachſen gewechſelt. Als St. Al jedoch die Prieſterproceſſion nach den entfernteren Quartieren des La⸗ gerinne gers zog, als die Soldaten in ihrer Nachbarſchaft unter den Baracken Serxwo verſchwanden und die Fackeln gleich dem Schweife zurückweichender hübſch Sterne nach den hinteren Gaſſen des Lagers ſich bewegten, da Füßen hörte man Gurth einen tiefen Seufzer ausſtoßen, während er den 46 Kopf ſeines Pferdes von der Scene wegwandte. beſten Kaum hatten ſie die Mitte des Waldes erreicht, als ein feierlicher ſchaute Geſang von dem Lager herübertonte. Die Nacht war jetzt in die 2* 608 dritte Wache“ getreten, wo nach dem Glauben jener Zeit Engel und Teufel gleich thätig waren, weßhalb die kirchliche Eintheilung des Tages durch einen Kloſtergeſang bezeichnet und geheiligt wurde. Unausſprechlich ernſt, feierlich und klagend tönte der Geſang durch die hängenden Zweige und die ſchwere Finſterniß der Luft; er zitterte fortwährend in den Ohren der Reiter, bis ſie den Wald verlaſſen und die munteren Wachfeuer ihres eigenen Lagers als Wegzeiger vor ſich hatten. Sie ritten raſch aber ſchweigend an den eigenen Schildwachen vorüber, und als ſie die Anhöhen erreichten, wo ihre Streitmacht dicht beiſammen lag— wie ganz anders waren die Laute, die ihnen hier entgegen kamen! Die Mannſchaft war in großen Kreiſen um die mächtigen Lager⸗ feuer gruppirt, während Alehörner und Flaſchen luſtig von Hand zu Hand wanderten; lautes Drink⸗hael uud Was⸗hael, Ausbrüche mun⸗ teren Gelächters, Bruchſtücke alter Geſänge aus den Zeiten Athelſtans, unter den Haufen der Anglo⸗Dänen mit der weit anregenderen zün⸗ denderen Poeſie der nordiſchen Piraten abwechſelnd— dies Alles deutete auf die frühere Heidenzeit, wo der Krieg eine Luſt und Wal⸗ halla noch ein Himmel war. „Meiner Treu!“ rief Leofwine ſich aufheiternd,„das iſt ein Ge⸗ ſang, iſt ein Anblick, der Einem nach dem kläglichen Geplärr und den langen Geſichtern der Glatzköpfe im innerſten Herzen wohl thut. Bei St. Alban! ich muß geſtehen— ich fühlte mein Blut zu Eiszapfen gerinnen, als jener Grabgeſang durch das Gehölz hereinbrach. Hallo, Serwolf, mein Tapferer, reiche uns jenes volle Horn, und bleibe mir hübſch in den Gränzen, Herr Schwelger; wir brauchen morgen ſtäte Füße und kühle Köpfe.“ „Serwolf, der mit einem Haufen von Harolds Veteranen eben im beſten Zuge war, ſprang bei dem Gruße des jungen Earls empor und ſchaute ihm liebend in das lächelnde Geſicht. * Mitternacht. 60⁴ „Beachte, was mein Bruder Dich geheißen, Sexwolf,“ ſagte Harold ſtreng;„die Hände, welche morgen ihre Speere gegen uns ab⸗ ſchleudern, werden nicht von nächtlichem Trinkgelage zittern.“ „Die unſeren eben ſo wenig, mein Herr und König,“ erwiederte der kühne Serwolf;„untere Köpfe können eben ſowohl Trinken wie Schläge vertragen; und“(hier ſank ſeine Stimme zum Flüſtern herab)—„es geht das Gerücht, die Ueberzahl unſerer Gegner ſey ſo, daß ich nicht um alle Grafſchaften Deines ſchönen Bruders unſere Leute heute Nacht anders denn luſtig ſehen möchte.“ Harold gab keine Antwort, ſondern ritt weiter, und als er jetzt den kühnen Sack ſen aus Kent, den unvermiſchten Sohnen des ſächſi⸗ ſchen Bodens und ſpeciellen Anhängern von Godwins Hauſe zu Ge⸗ ſichte kam, da ſchallte ſein Name ſo herzlich, ſo freudig und ergeben aus ihrem Munde, daß er ſein königliches Herz aufwallen fühlte. Er ſtieg ab, um in ihren Kreis zu treten, und mit der hohen Offen⸗ heit eines edlen und durch ſeinen Edelmuth populären Häuptlings richtete er an Jeden ein belebendes Wort oder erheiterndes Lächeln. „In weniger als einer Stunde,“ fuhr er dann ernſthafter fort, „muß alles Trinkgelage aufhören— meine Boten werden die Runde machen; und dann geſunden Schlaf, meine wackeren Trinker, und lu⸗ ſtiges Aufſtehen mit der Lerche!“ „Wie Ihr wollt, wie Ihr wollt, theurer König,“ ſchrie Vebba als Sprecher der Krieger.„Fürchtet nicht für uns— in Leben und Tod ſind wir Euer.“ „In Leben und Tod gehören wir Euch und der Freiheit,“ wieder⸗ holten die kentiſchen Männer. Vollkommenere Mannszucht und geziemenderes Schweigen wurde getroffen, als er ſich dem königlichen Zelte neben der Standarte nahte, denn um dieſe Standarte lagerte die eigene Leibwache des Königs und die Freiwilligen aus London und Middleſer— einſichtigere Männer als die Maſſe des Heeres, und darum beſſer bewußt der Macht des normänniſchen Schwertes. 4 das L Endlic vertra ſeinem thräne äußer! viellei Glaul nicht, Herze wardf Heilig dieſer am T dieſes nicht verpf krüm Schy den d Kriee laſſe hiſch unter lange welch “ ſagte ns ab⸗ viederte Trinken Flüſtern ſey ſo, unſere ler jetzt ſächſt⸗ zu Ge⸗ ergeben ſe. Offen⸗ ptlings heln. r fort, Runde nd lu⸗ Vebba n und dieder⸗ wurde nahte, s und änner t des 695 Harold trat in ſein Zelt und warf ſich in tiefer Träumerei auf das Lager, während ſeine Brüder und Haco ihn ſchweigend bewachten. Endlich nahte ſich Gurth, und mit einer Ehrfurcht, wie ſie in dem vertraulichen Verkehre zwiſchen Beiden nur ſelten vorkam, kniete er neben ſeinem Bruder nieder und faßte Harolds Hand, indem er ihm mit thränenfeuchten Blicken voll in's Geſicht ſchaute. „O Harold!“ hub er an,„noch nie habe ich Dir eine Bitte ge⸗ äußert, die Du nicht gewährt hätteſt: erfülle auch dieſe— die ſchwerſte vielleicht für Dich, aber auch von allen die dringendſte für mich! Glaube nicht, o geliebter Bruder und verehrter König!— glaube nicht, daß ich mit ſchwacher Ehrerbietung die rauhe Hand auf Deine tiefſte Herzenswunde lege; aber wie Du auch überraſcht oder gezwungen wardſt— ſo viel iſt ſicher, daß Du William auf die Reliquien der Heiligen einen Eid ſchwurſt. Vermeide die Schlacht, denn ich ſehe, dieſer Gedanke waltet jetzt in Deiner Seele— er verfolgte Dich heute am Tage in den Worten des Mönchs, und Nachts in dem Anblicke dieſes grauenvollen Lagers.— Vermeide dieſe Schlacht! ſtelle Dich nicht in Waffen gegen den Mann, welchem Du Dich durch Eidſchwur verpflichtet!“ „Gurth, Gurth!“ rief der König bleich und vor Schmerz ſich krümmend. „Wir,“ fuhr ſein Bruder fort,„wir wenigſtens haben keinen Schwur geleiſtet, ſind keines Meineides angeklagt, und vergeblich wur⸗ den die Donner des Vatikans auf unſere Häupter geſchleudert. Unſer Krieg iſt gerecht: wir vertheidigen blos unſer Vaterland. So über⸗ laſſe uns denn den morgigen Kampf; Du ziehe nach London und hebe feiſche Heere aus: wenn wir ſiegen, iſt die Gefahr vorüber, wenn wir unterliegen, wirſt Du uns rächen und England iſt nicht verloren, ſo lange Du noch lebſt.“ „Gurth, Gurth!“ rief Harold abermals mit einer Stimme, in welcher der ſchneidende Vorwurf durchklang. „Gurths Rath iſt gut,“ äußerte Haco kurzweg;„die Weisheit — 606 ſeiner Worte iſt nicht zu bezweifeln. Des Königs Verwandte ſollten die Truppen führen; der König ſelbſt möge mit ſeinen Leibwachen nach London eilen und unterwegs das ganze Land zur Wüſte machen,“ ſo daß William, auch wenn er uns ſchlägt, nirgends Lebensmittel vor⸗ findet; er iſt dann in einem Lande ohne Nahrung und ſein Sieg hier wird ihn nichts nützen, denn noch ehe er vor die Thore von London marſchiren kann, wird mein Lehensherr eine Streitmacht um ſich ver⸗ ſammelt haben, die der ſeinigen vollkommen gewachſen iſt.“ „Wahrhaftig,“ betheuerte Leofwine,„der junge Haco ſpricht wie ein Graubart und hat nicht umſonſt in Rouen gelebt. Höre ihn, mein Harold, und überlaſſe es uns, die Normänner noch ſchärfer zu ſchee⸗ ren, als der Barbier ſie bereits geſchoren hat.“. Harold wandte Ohr und Auge zu Jedem der Sprechenden, und als Leofwine geendet hatte, erwiederte er lächelnd: „Ihr hattet Recht, meine Brüder, mich wegen eines Gedankens zu ſchelten, der mir, noch ehe Ihr ſprachet, in den Sinn gekommen war.“ „Mit der ganzen Armee nach London zu ziehen und dem Nor⸗ mannen die Schlacht zu verweigern, bis unſere Streitkräfte den ſeini⸗ gen gleicher geworden?“ fiel Gurth dem König ängſtlich in die Rede. „Das war mein Gedanke,“ geſtand Harold überraſcht. „So dachte auch ich einen Augenblick,“ verſetzte Gurth traurig; „jetzt aber iſt's zu ſpät. Eine ſolche Maßregel würde uns jetzt die ganze Schmach einer Flucht und keinen einzigen von den Vortheilen eines Rückzuges einbringen. Der Bannfluch der Kirche würde be⸗ kannt; unſere Prieſter, eingeſchüchtert und beunruhigt, könnten ihn gegen uns kehren. Die ganze Bevölkerung würde gebeugt und ent⸗ muthigt; neue Thronbewerber ſtünden auf und das Reich wäͤre ge⸗ ſpalten.— Nein, es iſt unmöglich!“ „Unmöglich,“ wiederholte Harold ruhig.„Wenn aber die * Dieſer Rath wird von dem normänniſchen Chroniſten dem Gurth zu⸗ geſchrieben: er widerſpricht jedoch ſo ſehr dem Charakter dieſes Helden, daß wir ihn lieber dem unbedenklichen Verſtande Haco's in den Mund legten. — — 607 ſollten kankens war.“ Nor⸗ ſeini⸗ Rede. aurig; tzt die theilen de be⸗ en ihn d ent⸗ re ge⸗ er die th zu⸗ „ daß en. Armee ſich nicht zurückziehen kann, ſo iſt der Anführer doch gewiß von allen Maͤnnern der Erſte, welcher Stand halten muß. Ich, Curth, ſoll Andere einem Schickſale überlaſſen, vor welchem ich fliehe!— ſoll dem gottloſen Fluche des Pabſtes dadurch Gewicht geben, daß ich vor ſeinem eitlen Donner zurückweiche! Ich einen Eid beſtätigen und ſanktioniren, von welchem alle Geſetze mich freiſprechen müſſen, indem ich die Sache des Landes verlaſſe, durch deſſen Beſchützung ich mich ſelber reinige! Ich ſoll Anderen die Todesqual der Märtyrer oder den Ruhm des Sieges überlaſſen! Gurth, Du biſt grauſamer als der Normanne! Und ich, Du Sohn von Sweyn, ich, ich ſoll das Land verlaſſen, das meiner Sorge anvertraut iſt, ſoll die Felder ver⸗ heeren, die ich nicht zu behaupten vermag! O Haco, das hieße in der That den Verräther und Abtrünnigen machen. Nein, wie groß auch immer die Sünde meines Schwures ſeyn mag— nie werde ich glau⸗ ben, daß der Himmel Millionen von Menſchen um des Irrthums ei⸗ nes Einzigen willen ſtrafen kann. Laß die Gebeine der Todten wider uns ſtreiten; im Leben waren ſie Menſchen wie wir ſelbſt, und kein Heiliger im Kalender ſteht ſo hoch wie die Freien, die für ihren Herd und ihre Altäre kämpfen. Auch ſehe ich ſogar in dieſer großen Un⸗ gleichheit der Anzahl keinen Grund, um uns zu beunruhigen. Wir brauchen blos unſere Verſchanzungen feſtzuhalten und Mann an Mann unſere unüberwindliche Linie zu behaupten, dann werden die Wogen an unſeren Felſen zerſchellen, und noch ehe die morgige Sonne nieder⸗ ſinkt, werden wir ſie wie die Ebbe verlaufen und die Todten des ge⸗ täuſchten Anführers am Strande zurücklaſſen ſehen.“ „Fahrt wohl, ihr meine liebenden Verwandten; küſſet mich, meine Brüder; küſſe mich auf die Wange, mein Haco! Geht nun in Eure Zelte. Schlummert im Frieden und erwacht mit der Trompete zu dem frohen Muthe eines edlen Krieges!“ Langſam verließen die Earls ihren König; am langſamſten von allen der zogernde Gurth. Als Harold endlich allein war, wa f er einen raſchen unruhigen Blick um ſich, und eilte dann nach dem einfa⸗ ——iü-’ö⸗—gsõ=yõ— 608 chen bildloſen Krucifix, das im hinteren Ende des Zeltes auf ſeinem Fußgeſtelle ruhte. Dort ſiel er auf die Kniee und ſtammelte mit hoch⸗ athmender Bruſt und indem ſeine Geſtalt in der Heftigkeit der Leiden⸗ ſchaft erbebte: „Iſt meine Sünde unverzeihlich, mein Eid unwiderruflich— dann, o Herr der Heerſchaaren, auf mich, auf mich allein falle Dein Fluch! Nicht auf ſie, nicht auf ſie— nicht auf England!“ Einundachtzigſtes Kapitel. Den vierzehnten Oktober 1066 am Tage des heiligen Calixtus war das normänniſche Heer in Schlachtordnung aufgeſtellt. Die Früh⸗ meſſe war vorüber; Odo und der Biſchof von Coutance hatten die Truppen geſegnet und deren Gelübde empfangen, am Jahrestage die⸗ ſes vierzehnten Oktobers nie wieder Fleiſch eſſen zu wollen. Odo hatte ſeinen ſchneeweißen Renner beſtiegen und die Reiterei bereits zum Empfange ſeines Bruders des Herzogs aufgeſtellt. Die Armee war in drei Heerhaufen eingetheilt. Roger de Mont⸗ gommeri und William Fitzosborne führten den erſten; bei ihnen waren die Truppen aus der Picardie, aus der Grafſchaft Boulogne und die feurigen Franken; Geoffric Martel und der berühmte deutſche Fürſt Hugo. Alain Fergant, Herzog der Bretagne und Aimeri, Lord von Thouars führten den zweiten, der die Hauptmaſſe der Bundesgenoſſen aus der Bretagne, der Maine und Poitou in ſich begriff. Beide Heerhaufen waren jedoch mit Normannen unter ihren eigenen inlän⸗ diſchen Führern vermiſcht. Die dritte Heeresabtheilung umfaßte die Blüthe des kriegeriſchen Europa's, die berühmteſten Helden des normänniſchen Stammes; mochten ſie nun, wie die Sires von Beaufou und Harcourt, Abbeville, de Molun, Montſichet, Grantmesnil, Lacie, d'Aincourt und d'Asnie⸗ res die franzöſiſchen Titel führen, in welche ihre uralten ſkandinaviſchen —OQ—Q—ꝭ—C—Q—Q—Q—Q—Q—Q—Q—Q—Q— ſon. jedog Notl auch tegie erſt Reſe ſten ſtung Schi zur weni giſche Toſti Toſte wegi nenn Hith Bulr in di genãh volle gefü⸗ * B. rtus rüh⸗ die die⸗ Odo reits kont⸗ aren d die Fürſt von ſſen peide län⸗ en es; ille, nie⸗ hen —— 609 Namen umgeſtaltet worden waren, oder mochten ſie wie die Osborne und Tonſtain, die Mallet und Bulwer, die Brand und Bruſe* neben ihren zierlicheren Titeln die alten Namen beibehalten, welche über die ganze Oſtſee Schrecken verbreitet hatten. Dieſen Heerhaufen kommandirte Herzog William in eigener Per⸗ ſon. Hier war die Hauptmaſſe jener unvergleichlichen Reiterei, welche jedoch Befehl hatte, jede der beiden andern Diviſionen— wie es die Noth erforderte— zu unterſtützen. Mit dieſem Korps marſchirte auch die Reſerve, denn es iſt merkwürdig zu leſen, wie William's Stra⸗ tegie in Vielem der des letzten großen Eroberers ähnlich war und zu⸗ erſt auf die Wirkung des Angriffs, dann aber auf eine maſſenhafte Reſerve baute, welche den Feind im rechten Augenblicke auf dem ſchwäch⸗ ſten Punkte zu packen habe. Die ganze Reiterei war in vollſtändiger Stahl⸗ oder Kettenrü⸗ ſtung,“** mit Speeren, großen Schwertern und langen birnförmigen Schilden bewaffnet, welche als Deviſe ein Kreuz oder einen Drachen zur Schau trugen.*** Die Bogenſchützen, von denen William nicht wenig erwartete, waren zahlreich in jedem der drei Armeekorps ver⸗ * Osborne— Abbiorn— einer der verbreitetſten däniſchen und norwe⸗ giſchen Namen. Tonſtain, Touſtain oder Toſtain, daſſelbe was Toſti oder Toſtig— däniſch.(Harold's Bruder heißt in den normänniſchen Chroniken Toſtain oder Touſtain.) Der Name Brand kommt im Däniſchen und Nor⸗ wegiſchen häufig vor; Bulwer, ſo auch Bulver, iſt norwegiſch— letztere Be⸗ nennung erſcheint in Chroniken lange vor der Eroberung(woher Bulver⸗ Hithe); der berühmte Skalde und Krieger in Harold Hardrada's Armee hieß Bulvar oder Bölver. Bruſe, der Ahnherr des unſterblichen Schotten, trägt in dieſem berühmteſten aller Namen das Zeugniß ſeiner ſkandinaviſchen Geburt. ** Dieſe Panzerketten ſcheinen damals noch auf Leinwand: Tuch auf⸗ genäht worden zu ſeyn. In der ſpäteren Zeit der Kreuzzüge waren ſie kunſt⸗ voller gearbeitet— die Kettenglieder ohne jede andere Unterlage in einander gefügt. *** S. die Stickereien zu Bayeux. Bulwer, Harold. 39 610 treten* und weit leichter— nur mit Helmen, ledernen oder gepolſter⸗ ten Panzerhemden und Beinſchienen oder Kamaſchen— bewaffnet. Ehe jedoch die Führer und Häuptlinge auf ihre verſchiedenen Poſten ſich verfügten, verſammelten ſie ſich bei William. Dieſen hatte Fitzosborne zeitig geweckt und er war noch nicht in ſeinen ſchwe⸗ ren Harniſch gehüllt, damit Jedermann an ſeinem Halſe einige von den Reliquien ſehen konnte, die er aus der Zahl derer, worauf Harold ſei⸗ nen fatalen Schwur geleiſtet, auserleſen hatte. Auf einer Anhöhe vor der Front ſeiner Linien ſtehend, das geweihte Banner hinter ihm und Bayard, ſeinen ſpaniſchen Streithengſt, von den Reitknechten zur Seite gehalten, converſirte der Herzog in lebhaftem Tone mit ſeinen Baronen, oftmals auf die Reliquien deutend. Dann legte er vor Aller Augen ſeinen Harniſch an, wobei ihm ſeine Knappen in der Haſt das Rückenſtück zuerſt reichten. Die abergläubiſchen Normannen be⸗ trachteten dies als ein ſchlimmes Vorzeichen. „Pah!“ rief der raſchbeſonnene Führer;„nicht auf Vorzeichen oder Ahnungen, ſondern auf Gott vertraue ich! Und dies iſt in der That ein gutes Omen, das den Zweifelhafteſten ermuthigen ſollte, denn es bedeutet, daß der Letzte der Erſte— daß das Herzogthum ein Königreich und der Graf ein König werden wird! Heda, Rou de Terni, als erblicher Standartenträger behaupte Dein Recht und halte ſtandhaft an jener heiligen Fahne.“ „Grant merci,“ ſagte de Terni,„nicht heute ſoll die Fahne von mir getragen werden, denn ich brauche meinen rechten Arm zur Füh⸗ rung des Schwerts und meinen linken zum Halten des Zügels und meines ſchützenden Schildes.“ „Du haſt Recht, und wir können einen ſolchen Krieger nur ſchwer entbehren.— Gautier Giffart, Sire de Longueville, Dir ſey die Fahne anvertraut.“ „Beau Sire,“ erwiederte Gautier;„par Dex, Merci. Mein * Die Armbruſt kommt auf den Stickereien zu Bayeux nirgends vor— die normänniſchen Bogen ſind nicht lang. lſter⸗ . henen ieſen hwe⸗ mden ſei⸗ höhe ihm nzur einen vor Haſt nbe⸗ ichen der ollte, mein u de halte von Füh⸗ und hwer die Nein ur— Haupt iſt grau, mein Arm iſt ſchwach, und die wenige Stärke, die mir übrig geblieben, möchte ich dazu verwenden, die Engländer an der Spitze meiner Leute zurückzudrängen.“ „Per la resplendar Dé,“ rief William zürnend—„ſeyd Ihr gemeint, meine ſtolzen Vaſallen, mir in dieſer großen Noth zu ent⸗ ſtehen?“ „Nein,“ verſetzte Gautier;„aber ich habe eine große Schaar von Reitern und Söldnern— werden dieſe ohne den alten Mann an ihrer Spitze gleich tapfer kämpfen?“ „So tritt Du vor, Tonſtain le Blanc, Sohn von Rou,“ gebot William;„Dir ſey die Fahne anvertraut, welche noch vor Einbruch der Nacht über der Stirne Deines Königs wehen ſoll!“ Ein junger Ritter, ſchlank und kräftig gleich ſeinem rieſigen Ahnherrn, trat vor und legte die Hand an's Banner. William war nun bis auf den Helm vollſtändig gewappnet und ſprang mit einem Satze auf ſein Streitroß. Ein Ruf der Bewunde⸗ rung ſchallte durch die Reihen der Ritter und Grafen. „Saht Ihr noch je einen ſo ſtattlichen König?“* rief der Vi⸗ comte de Thouars. Der Ruf wurde von den Linien erwiedert und wiederhallte weit und breit durch das Heer, als William mit ſeiner vollen Majeſtät in Miene und Haltung dahinſprengte und die Hand erhebend den lauten Jubel verſtummen machte, worauf er hell wie eine Trompete mit ſilber⸗ nem Klange' ſeine Schlachtrede alſo begann: „Normänner und Krieger, längſt berühmt im Munde der Men⸗ ſchen und jetzo geweiht durch den Segen der Kirche!— Ich habe Euch nicht blos um meiner Sache willen über die weite See herübergeführt — was ich gewinne, gewinnt auch Ihr. Erobere ich das Land, ſo ſollt Ihr es mit mir theilen. Thut Euer Beſtes und ſchonet Nie⸗ mand— kein Rückzug und keinen Pardon! Ich bin nicht wegen mei⸗ ner Sache allein hieher gekommen, ſondern um unſere ganze Nation * Beau rei, heißt's in der Chronik. 39° 612 für die Treuloſigkeiten jener Engländer zu rächen. Sie ſchlachteten unſere Verwandten, die Dänen, in der Nacht von St. Brice; ſie mor⸗ deten Alfred, den Bruder ihres letzten Königs, und metzelten die Nor⸗ mannen, welche mit ihm waren. Dort ſtehen ſie— Verbrecher, die ihr Gericht erwarten! und Ihr ſeyd die Richter! Noch nie waren jene Engländer ſogar in einer guten Sache durch ihren Kriegsruhm oder ſoldatiſchen Geiſt berühmt.* Bedenket, wie leicht die Dänen ſie un⸗ terjochten! Seyd Ihr geringer als die Dänen, bin ich weniger als Canut! Durch den Sieg erlangt Ihr Rache, Ruhm, Ehren, Län⸗ dereien, Beute— ja eine Beute, welche Eure wildeſten Träume über⸗ ſteigt. Eine Niederlage— auch nur der Verluſt des Schlachtfeldes— überliefert Euch rettungslos dem Schwerte des Feindes! Ein Ent⸗ rinnen gibt es nicht, denn die Schiffe ſind unbrauchbar: vor Euch habt Ihr den Feind, hinter Euch den Ocean!— Normänner, erin⸗ nert Euch der Thaten Eurer Landsleute in Sicilien! Sehet vor Euch ein Sicilien, noch reicher als jenes! Lordſchaften und Ländereien den Lebenden— Ruhm und ewiges Heil allen Denen, die unter dem Banner der Kirche ſterben! So ſtimmet denn an den Ruf der nor⸗ männiſchen Krieger, jenen Ruf, vor welchem die kühnſten Palatine Bur⸗ gunds und Frankreichs ſooft gefbohen— Noͤtre Dame et Dex aide!?“** Mittlerweile hatte Harold, nicht minder wachſam und in ſeiner Strategie nicht weniger geſchickt, das Heer der Engländer geordnet. Er formirte zwei Heerhaufen— den einen vor der Front der Ver⸗ ſchanzungen, den andern hinter dieſen. Bei dem erſten waren es die Männer von Kent, welche ſeit unvordenklichen Zeiten die Ehre des Vortritts unter Hengiſts berühmtem Banner, dem bleichen Streit⸗ roſſe— für ſich anſprachen. Dieſe Streitmacht war in der Form des anglo⸗däniſchen Keils aufgeſtellt; die vorderſten Reihen des Dreiecks in ſchwerer Rüſtung, alle mit ihren großen Streitärten bewaffnet und mit rieſigen Schilden ſich ſchützend. Hinter dieſen Reihen im Innern *. Wilhelm von Poitiers. **„Dieu nous aide.“ — 613 des Keiles ſtanden die Bogenſchützen, durch die vorderen Glieder der Schwerbewaffneten gedeckt; während die wenigen Reiter— gering an Anzahl, verglichen mit der normänniſchen Kavallerie— kunſtreich auf ſolchen Punkten vertheilt waren, wo ſie die furchtbaren Geſchwader, mit denen ſie blos ſcharmuziren ſollten, ohne ſich der Gefahr eines wirklichen Zuſammentreffens auszuſetzen, am Beſten beunruhigen und zertheilen konnten. Andere Haufen von Leichtbewaffneten, Schleude⸗ rer, Bogenſchützen und Leute mit Wurfſpeeren waren an ſorgfältig ausgewählten Stellen vertheilt, wie ſie gerade hinter Bäumen, Ge⸗ büſchen und Gräben am beſten Schutz fanden. Die Northumbrier (das heißt die ganze kriegeriſche Bevölkerung nördlich vom Humber mit Einſchluß von Yorkſhire, Weſtmoreland„Cumberland u. ſ. w.) — zu ihrer damaligen Schande und ſpäterem Verderben geſchah es— fehlten auf dem Schlachtfelde bis auf einige Wenige, die ſich auf Ha⸗ rold's Marſche nach London an ihn angeſchloſſen hatten: dafür ſah man aber die gemiſchten Stämme von Hertfordſhire und Eſſex mit den reinen Sachſen aus Suſſer und Surrey und einer ſtarken Abthei⸗ lung derber Anglo⸗Dänen aus Lincolnſhire, Ely und Norfolk nebſt den Kriegern aus Dorſet, Somerſet und Glouceſter— ſie alle halb von brittiſchem Blute abſtammend. Sie waren ſämmtlich nach jener rührenden ergreifenden Taktik geordnet, wie ſie eine Nation bezeichnete, welche mehr an Vertheidi⸗ gung als an Eroberung gewöhnt war. Das Haupt jeder Familie führte ſeine Verwandten und Söhne auf's Schlachtfeld; je zehn Fa⸗ milien(dies nannte man ein Tything) waren unter ihrem eigenen er⸗ wählten Hauptmanne vereinigt; zehn ſolcher Tythings hatten wieder einen höheren Führer, der dem Volke im Frieden theuer war, und ſo breitete ſich der heilige Cirkel über Haushalt, Dorf und Stadt, daß die Krieger, unter ihrem Earl zu einer Grafſchaft verbunden, unter den Augen ihrer eigenen Verwandten, ihrer Freunde, Nachbarn und erwählten Häuptlinge in den Kampf gingen. Was Wunder, wenn ſie tapfer fochten! 614 Die zweite Heeresabtheilung begriff Harold's Hausdiener oder Leibwache— die Veteranen, welche ſeiner Familie beſonders anhäng⸗ lich waren— die Gerährten ſeiner ſiegreichen Feldzüge— eine auser⸗ leſene Bande kriegeriſcher Oſtangeln— die Soͤldner aus London und Middleſex, welche ſowohl in Bewaffnung und Mannszucht als in krie⸗ geriſchem Geiſte und athletiſcher Abhärtung zu den ſtahlfeſteſten aller Truppen gehörten, wie ſchon ihre Abſtammung von den kriegeriſchen Dänen und den kernigen Sachſen bewährte. Zu dieſer Diviſion gehörte auch die Reſerve. Sie war ganz von Palliſaden und Bruſtwehren umringt, welche blos drei Ausgänge hatten, wo die Vertheidiger ausfallen oder der Vortrab im Nothfalle den Rückzug decken konnte. Alle Schwerbewaffneten trugen Panzer und Schilde, ähnlich denen der Normannen, nur weniger gewichtig; die Leichtbewaffneten hatten eine Tunika von abgenähter Leinwand oder Leder, Helme aus letzterem Stoffe, Speere, Wurſſpieſe, Schwerter und Keulen. Die Hauptwaffe des Heeres bildete jedoch der große Schild und die mächtige Streitaxt, geſchwungen von Männern, welche der Mehrzahl der Normannen, deren Race theils durch Zwiſchenheirathen mit den zarteren Franken, theils durch die hochmüthige Verachtung des Fußdienſtes abgenommen hatte, an Statur und Muskelkraft überlegen waren. Auf einem leichten behenden Renner, der nicht zum Reiterkampfe beſtimmt war,(es galt nämlich als Sitte der engliſchen Könige, zum Zeichen, daß da, wo ſie ſtritten, von keinem Rückzug die Rede war, zu Fuß zu fechten,)“ ſondern den Reiter nur raſch von Linie zu Linie tragen ſollte, ſprengte König Harold, umgeben von ſeinen Brüdern, an die Spitze des Vortrabs. Sein Haupt war wie das ſeines großen Gegners entblößt, und einen auffallenderen Kontraſt konnte es nicht geben, als ihn die breite runzelloſe Stirne des Sachſen mit ihren * Als daher Earl Warwick, der Königsmacher, in der Schlacht hei Bar⸗ net ſein Roß erſchlug und zu Fuß kämpfte, folgte er nur der alten traditio⸗ nellen Sitte ſächſiſcher Häuptlinge. ——-— — 1 2 615 ſchönen Locken, dem Zeichen der Freiheit und königlicher Würde, auf der Stirne geſcheitelt und bis zur Schulter herabreichend, das klare ſtandhafte blaue Auge, die Wange von königlichen Sorgen angegriffen, aber nun von männlichem Stolze geröthet, die aufrechte eiſenfeſte Geſtalt, mager in ihrem graziöſen Ebenmaß und all' des theatraliſchen Pompes entbehrend, welchen William in ſeiner Haltung zur Schau trug— einen größeren Kontraſt konnte es nicht geben, als ihn der einfache ernſte Heldenkönig darbot, verglichen mit der von heſtigem Jähzorn und politiſcher Argliſt gefurchten Stirne, dem in mönchiſcher Affekta⸗ tion geſchorenen Haupte, dem ſchwarzen funkelnden Tigerauge und den rieſigen Verhältniſſen, welche den Betrachtenden in Geſtalt und Haltung des gebietenden Normannen einſchüchterten. Tief und laut und herzlich wie der Kriegsruf, womit William von ſeinen Ge⸗ ſchwadern begrüßt worden, war der, welcher den König des engliſchen Heeres bewillkommte: klar und voll und wohlgeübt im Sturme der Volksverſammlung drang ſeine Stimme die lauſchenden Reihen hinab. „Heute, o Freunde und Engländer, Söhne unſeres gemeinſamen Vaterlandes— heute fechtet Ihr für die Freiheit. Der Graf der Normannen hat zwar eine mächtige Armee; ich will Euch deren Stärke nicht verhehlen. Dieſe Armee hat er geſammelt, indem er jedem Manne einen Antheil an Englands Raub verſprach. Schon hat er an Hof und Lager die Ländereien dieſes Königreichs vertheilt, und trotzig ſind die Räuber, die in der Hoffnung auf Plünderung fechten! Aber er kann ſeinem größten Häuptlinge keine edleren Güter verſpre⸗ „chen, als ich ſie meinen geringſten Freien anbiete— ich meine Freiheit, Recht und Geſetz auf dem Boden ſeiner Väter! Ihr habt gehört von dem Elend, das unſer Land in alten Zeiten unter den Dänen zu erdul⸗ den hatte; es war gering, verglichen mit dem, was Ihr von dem Nor⸗ mannen erwarten dürfet. Der Däne war in Sprache und Geſetz mit uns verwandt, und wer kann jetzt den Sachſen vom Dänen unterſchei⸗ den? Jene aber würden Euch in einer Sprache die Ihr nicht kennt 616 und nach einem Geſetze regieren, das die Krone nach dem Rechte des Schwertes anſpricht und das Land unter die Söldlinge einer Armee vertheilt. Wir tauften den Dänen, und die Kirche zähmte ſeine wilde Seele zum Frieden: jene Männer aber machen die Kirche ſelbſt zu ihrem Bundesgenoſſen und marſchiren unter ihrem zur ſchändlichſten aller menſchlichen Unbilden entweihten Banner in Schlacht und Blut⸗ bad. Der Auswurf aller Nationen ſteht Euch gegenüber: Ihr fechtet als Brüder unter den Augen Eurer Väter und erwählten Häuptlinge, fechtet für die Weiber, die Ihr vor dem Lüſtling bewahren— für die Kinder, die Ihr vor ewiger Knechtſchaft erretten möchtet— fechtet für die Altäre, welche jenes Banner bedroht! Der ausländiſche Prieſter iſt ein ebenſo ſtrenger und grauſamer Tyrann, wie Ihr den ausländi⸗ ſchen Baron und König finden werdet! Daß mir Keiner von Rückzug träume: jeder Zoll, den Ihr zurückweichet, gehört dem Boden Eures Geburtslandes. Was mich betrifft— ich will auf dieſem Schlachtfeld Alles einſetzen. Denkt, daß mein Auge auf Euch ruht, wo Ihr auch ſeyn möget; wo eine Linie wankt oder weicht, werdet Ihr mitten unter Euch die Stimme Eures Königs vernehmen. Haltet feſt an Euren Gliedern; erinnert Euch, Ihr, die Ihr mit mir gegen Hardrada foch⸗ tet— erinnert Euch, daß unſere Waffen dann erſt ſiegten, als die Nordmänner in unbeſonnenen Ausfällen ihre gedrängte Schlachtord⸗ nung auflösten. Laßt Euch ihren tödtlichen Fehler zur Warnung dienen: brechet nie aus Euren Kampfreihen, und mit dem Worte eines Kriegers, der noch nie ohne Sieg das Schlachtfeld verließ, ſage ich Euch— Ihr könnt nicht geſchlagen werden. Noch während ich rede, ſchwellen die Winde die Segel der norwegiſchen Schiffe, welche⸗ Hardrada's Leiche nach Hauſe tragen. Vollendet heute den neulichen Triumph Englands, auf daß Ihr auf dieſen Hügeln einen neuen Berg von beſiegten Todten anhäufet! Und wenn einſt in fernen Zeiten und fremden Landen Skalden und Wahrſager die Tapferen um einer kühnen Waffenthat in heiliger Sache verrichtet preiſen werden, ſo ſollen ſie ſagen: ————— er w Heere geſchl lung unſer den J lange welch ware ſchim die F wider vor i tiſche das 617 ter war tapfer, wie Die, welche an Harold's Seite fochten und die Heere des hochmüthigen Normannen von Englands Raſen fegten.““ Kaum hatten die ſtürmiſchen Hurrah's der Sachſen dieſe Rede geſchloſſen, als ſie nordweſtlich von Haſtings der erſten Heeresabthei⸗ lung des Feindes anſichtig wurden. „Wenn das Alles iſt, was ſie auszuſenden wagen, ſo iſt der Tag unſer,“ ſagte Harold zu Gurth, als er dieſe Diviſion bemerkte, ohne den Marſch der anderen Abtheilungen zu gewahren. „Blick dorthin!“ verſetzte der düſtere Haco und deutete auf die lange Schlachtreihe, die nunmehr aus dem Walde vorbrach, durch welchen die ſächſiſchen Späher die Nacht zuvor gekommen; und kaum waren dieſe Kohorten aufmarſchirt, als ein dritter Heerhaufen, die ſchimmernde Ritterſchaar unter dem Herzoge ſelber, heranrückte. Alle drei Diviſionen ſchritten gleichzeitig zum Angriff, zwei gegen die Flügel des ſächſiſchen Vortrabs, die dritte— die Normannen— wider die Verſchanzungen. Mitten in der herzoglichen Heerſchaar wehte die geweihte Fahne; vor ihr und der ganzen Linie ritt ein merkwürdiger Krieger von gigan⸗ tiſcher Größe. Und der Krieger ſang: „Stimmend an den luſt'gen Sang Von Roland und von Charlemagne, Von jenen auch, unſterblich All', So fielen einſt zu Roncesval.“* Und die Ritter, ihre Hymnen und Litaneien aufgebend, ſtimmten ein in den kriegeriſchen Chor, der ſich durch die geſchloſſenen Helme heißer genug ausnahm. Der Sänger, der vor dem Herzog und dem Reitergeſchwader her⸗ * Devant li Dus alout cantant De Karlemaine à de Rollant. Ed' Olever e des Vassalls Ki morurent en Ronchevals. Roman de Rou, II. Th. V. 13151. Franzöſiſche Alterthumsforſcher haben ſich alle erdenkliche Mühe gegeben, das alte Rolandslied aufzufinden— bis jetzt vergeblich. 618 ritt, ſchien außer ſich in der Begeiſterung der Schlacht. Während. dem ſe des Singens ſein Schwert gleich einem Gaukler in die Luft werfend, Speer fing er es gewandt im Niederfallen auf“ und ſchwang es mit wilder Gebärde, bis er, unfähig ſeine wilde Fröhlichkeit zurückzuhalten, ſeinem nämli Roſſe die Sporen einſetzte und bis vor die Front einer Abtheilung geeilt ſächſiſcher Reiter hingaloppirte. die no „Ein Taillefer! Ein Taillefer!“ rief er, die Feinde mit Stimme einen und Gebärde zum Einzelkampfe herausfordernd. Siche Ein feuriger junger Than, der die romaniſche Sprache verſtand, neben brach vor und kreuzte ſein Schwert mit dem Poeten; aber Taillefer hatte kaum ſein Schwert mehr mit der Kunſtfertigkeit eines Gauklers leute als mit der eigentlichen Fechtkunſt eines Ritters zum zweitenmale in die Luft geworfen und mit unglaublicher Behendigkeit aufgefangen, als Lands er dem unglücklichen Sachſen den Kopf bis zum Kinn ſpaltete und mit ten A wildem Lachen und Jubel über ſeinen Körper wegſetzte, um ſeine Aus⸗ Gele forderung zu erneuern. Ein Zweiter ritt vor und theilte daſſelbe Schickſal. ſollten Der Reſt der engliſchen Reiter betrachtete ſich mit entſetzten ſang Blicken: der jauchzende, ſingende, gaukelnde Rieſe ſchien ihnen kein Verſe Ritter, ſondern ein Teufel; und dieſer einzige Zwiſchenfall, welcher der Schlacht im Anblicke des ganzen Feldes voranging, hätte wohl hinge⸗ reicht, die Kampfeshitze der Engländer zu dämpfen, wenn nicht Leof⸗ wine, von dem Könige mit einer Botſchaft nach den Verſchanzungen entſendet, vor den Reiterhaufen geſprengt wäre. Sein munterer etwa⸗ Geiſt fühlte ſich durch den Uebermuth des Normannen und die offen⸗ im R bare Beſtürzung der ſächſiſchen Reiter angeſtachelt, und ſeiner ernſteren Waff Pfli hten vergeſſend, ſpornte er ſeinen leichten halbgeharniſchten Renner Heer⸗ gegen den normänniſchen Rieſen. Ohne ſein Schwert zu ziehen, blos und den Speer über ſeinem Haupte ſchwingend und ſeine Geſtalt mit dem beide Schilde deckend, rief er in romaniſcher Sprache: die e „Geh' und ſinge den Furien vor, Du krächzender Orpheus.“ wied Taillefer machte einen Ausfall; ſein Schwert zerſplitterte aber an * W. Pict. Chron. de Nor. 3 taug 619 dem ſächſiſchen Schilde und im ſelben Augenblicke fiel er, von dem Speere des Sachſen durchbohrt, eine Leiche unter die Hufe ſeines Roſſes. Ein Wehegeſchrei, worein ſelbſt William einſtimmte,(dieſer war nämlich, ſtolz auf die Künſte ſeines Poeten, zu der vorderſten Linie voran⸗ geeilt, um dieſes neueſte Zuſammentreffen mitanzuſehen,) drang durch die normänniſchen Reihen, während Leofwine bedächtig auf ſie zuritt, einen Augenblick anhielt und dann ſeinen Speer mit ſo tödtlicher Sicherheit in ihre Mitte abſchleuderte, daß ein junger Ritter, der zweite neben William, in ſeinem Sattel wankte und ſtöhnend niederſank. „Nun Ihr Normänner, wie gefallen Euch die ſächſiſchen Spiel⸗ leute?“ rief Leofwine, langſam umdrehend. Sobald er den Reiterhaufen erreicht hatte, ermahnte er ſeine Landsleute, die erhaltenen Befehle ſorgfältig zu beachten und den direk⸗ ten Angriff der normänniſchen Ritter zu vermeiden, wogegen ſie jede Gelegenheit zur Beläſtigung und Ablenkung der Zerſtreuten benützen ſollten. Als wäre er durch den normänniſchen Minſtrel begeiſtert, ſang er ſofort mit heller Stimme einen ſächſiſchen Vers und ritt in die Verſchanzungen. Zweiundachtzigſtes Kapitel. Die beiden Brüder von Waltham, Osgood und Ailred, hatten etwas nach Tagesanbruch den Punkt erreicht, wo etwa eine halbe Meile im Rücken von Harolds Palliſaden die Laſtthiere, welche die ſchweren Waffen und Geſchoſſe, das Gepäck und die Fourage des ſächſiſchen Heeres getragen, hinter dem eingezäunten Hofe eines Pachthauſes und in deſſen Nähe aufgeſtellt waren. Mancherlei Menſchen von beiden Geſchlechtern und verſchiedenem Range waren dort verſammelt, die einen in athemloſer Erwartung, andere in ſorgloſem Geplauder, wieder andere in inbrünſtigem Gebet. Der Herr des Pachthofes war mit ſeinen Söhnen und den hiezu tauglichen Ceorls ſeines Haushaltes unter Gurth als dem Earl der 620 Grafſchaft zu des Königs Streitkräften geſtoßen;“ aber viele betagten Theowen, welche über den Kriegsdienſt hinaus waren, und junge Kin⸗ der, die erſten indolent und gleichgültig, die letzten neugierig plaudernd, lebendig und heiter, ſtanden in Gruppen zuſammen. Auch einige Soldatenweiber waren zu ſehen, welche ihren Männern, wie gewöhnlich bei ſächſiſchen Expeditionen, ins Feld gefolgt waren; neben ihnen die Frauen manches Hlafords aus den benachbarten Diſtrikten, welche ihren Gebietern nicht minder treu als die Weiber geringerer Männer, durch ihre engliſchen Herzen zu der Stelle der Entſcheidung gezogen wurden. Eine kleine halbverfallene Holzkapelle ſtand mit weit geöff⸗ neten Thüren etwas weiter rückwärts— eine Freiſtätte im Falle der Noth, deren Inneres von knieenden Betern wimmelte. Die beiden Mönche traten mit frommer Heiterkeit zu einigen ihrer Berufsgenoſſen, die ſich über die niedere Mauer lehnten und ihre Blicke auf das ſtarrende Schlachtfeld hefteten. Etwas abſeits von ihnen wie von Allen ſtand ein Weib, den Schleier über's Geſicht ge⸗ zogen, ſtumm in ihren unbekannten Gedanken. Allmälig als der Marſch der normänniſchen Maſſen hohler klang, und Trompeten, Pfeiſen und Schreien in manchem ſtürmiſchen Anfalle die Luft erfüllte, kamen die beiden Aebte im ſächſiſchen Lager mit den ſie begleiten⸗ den Mönchen von den Verſchanzungen her gegen den Pachthof geritten. Emſig und voller Haſt drängten ſich die Gruppen um dieſe neuen Ankömmlinge. „Die Schlacht hat begonnen,“ ſagte der Abt von Hide ernſthaft. „Betet zu Gott für England, denn nie hat ſeinem Volke größere Ge⸗ fahr von Menſchenhänden gedroht.“ Das Weib fuhr zuſammen und ſchauderte bei dieſen Worten. „Und der König, der König?“ rief ſie plötzlich mit bebender Stimme;„wo iſt er?— der König?“ * Nach Sir F. Palgrave's ſcharfſinniger Vermuthung war nänlich bei der Zerſtücklung der großen Grafſchaft Weſſer in Folge Harold’s Thronbeſteigung der Theil, welcher Suſſerx(die frühere Statthalterei ſeines Großvaters Wol⸗ noth) begriff, an Gurth gefallen. „ Stand er jetzt heftigſt D bald vo glaubte hin ih ganze( die blei T liebte d gaben die Ka 1 S in ſich und im Rücken ſie den einen Roſſe. Vorw wunde ſeinen beorde daß zu ſetzten bewaf deſſen des T hgten Kin⸗ ernd, inige nlich n die pelche nner, bogen beöff⸗ e der igen ihre von t ge⸗ „und Luft iten⸗ tten. euen zZaft. Ge⸗ nder der ung Vol⸗ 621 „Tochter,“ erklärte der Abt,„des Königs Poſten iſt neben ſeiner Standarte, ich verließ ihn jedoch an der Spitze ſeiner Truppen. Wo er jetzt ſeyn mag, weiß ich nicht— jedenfalls da wo der Feind am heftigſten drängt.“ Die beiden Aebte ſtiegen ab und traten in den Hof, um ſich als⸗ bald von ſämmtlichen Weibern umringt zu ſehen; die armen Seelen glaubten nämlich, die frommen Männer müßten über das ganze Feld hin ihre Gatten geſehen haben, denn jeder war zu Muth, als ob die ganze Gotteswelt nur an dem einzigen Leben hinge, in welchem ſie, die bleiche Zitternde, exiſtirte. Trotz all ſeiner Fehler der Unwiſſenheit und des Aberglaubens liebte der ſächſiſche Klerus wenigſtens ſeine Heerde, und die guten Aebte gaben allen Troſt, der ihnen zu Gebot ſtand, und verfügten ſich dann in die Kapelle, wohin ihnen alle folgten, ſo viele daſelbſt Raum fanden. Der Krieg raste jetzt allenthalben. Die beiden Heerestheile der Angreifer, welche die Bundesgenoſſen in ſich begriffen, hatten den engliſchen Vortrab umſonſt zu umflügeln und im Rücken zu nehmen verſucht— dieſe edle Phalanx hatte keinen Rücken. Am tiefſten und ſtärkſten an der Baſis des Dreiecks ſtreckte ſte dem Feinde allenthalben eine Front entgegen; ihre Schilde bildeten einen Wall gegen die Spieße, ihre Speere eine Palliſade gegen die Roſſe. Unfähig zu den Verſchanzungen zu gelangen, ſo lange dieſe Vorwache das Terrain behauptete, hatte William, nachdem er mit be⸗ wundernder Ueberraſchung deren Stärke in der Nähe betrachtet— ſeinen Plan geändert und ſeine Ritterſchaft zu den anderen Heerhaufen beordert; ſofort mußte ſich die Armee in viele Geſchwader theilen, ſo daß zwiſchen den Bogenſchützen, welche den Hagel ihrer Geſchoſſe fort⸗ ſetzten, breite Zwiſchenräume gelaſſen wurden, worauf er ſein ſchwer⸗ bewaffnetes Fußvolk von allen Seiten gegen den Keil anrücken ließ, um deſſen Reihen für den erwarteten Anfall der Reiterei zu durchbrechen. Harold, noch immer zwiſchen den Männern von Kent in der Mitte des Vortrabs, wurde nicht müde, ſeine Leute mit Hand und Stimme 622 zu beleben; als die Normannen jetzt dichter anrückten, ſchwang er ſich von ſeinem Roſſe und ſchritt mit ſeiner mächtigen Streitaxt dahin, wo der gefährlichſte Anfall drohte. Jetzt kam der Anprall— der Kampf Mann gegen Mann: Speer und Lanze wurden bei Seite geworfen, von jetzt an waltete nur Schwert und Streitart. Aber vor den dichtgedrängten Reihen der Engländer mit ihrer phyſiſchen Stärke und ihrer langjährigen Uebung in den ihnen eigenthümlichen Waffen wurde das normänniſche Fußvolk wie von der Sichel der Schnitter niedergemäht. Umſonſt donnerten in Zwiſchenräumen die wiederholten Angriffe der hitzigen Ritter: um⸗ ſonſt— die Speere und Bolzen trafen ſie alle. Durch die Gegenwart ihres Königs belebt, der gleich dem ge⸗ ringſten Soldaten unter ihnen kämpfte, aber mit raſchem Blicke jede Bewegung vorherſah und ſeine Stimme immer zur Warnung erhob, wichen die Männer aus Kent nicht einen Fuß breit aus ihren unbe⸗ zwinglichen Reihen. Das normänniſche Fußvolk wankte und wich; Schritt fur Schritt, ohne ihre Schlachtordnung zu brechen, drängten die Engländer nach, und ihr Kriegsruf:„Aus! Aus! Heiliges Kreuz!“ übertönte weit das ermattende:„Ha Rou! Ha Rou!— Nötre Dame!“ „Per la resplendar Dé!“ tobte William.„Unſere Soldaten ſind blos Weiber in der Tracht von Normannen. Ho; Speere zum Luft⸗ machen! Mit mir zum Angriff, Sires D'Aumale und De Littain— mit mir, wackerer Bruſe und De Mortain; mit mir De Graville und Grantmesnil— Dev aide! Noͤtre Dame.“ Und an der Spitze ſeiner kühnſten Ritter brach William wie ein Blitzſtrahl über die Schilde und Streitäxte her. — Harold, welcher kaum eine Minute zuvor in einer hinteren Reihe geſtanden, war bereits auf dieſen Angriff gefaßt. Auf ſein Geheiß kniete das vorderſte Glied nieder, ſo daß nur ſeine Schilde und die Spitzen der Speere gegen die Roſſe gekehrt waren, während hinter ihnen, die Art in beiden Fäuſten, die zweite Reihe zum Niederſchmet⸗ tern bereit ſtand und aus dem Herzen des Keils die Geſchoſſe der Bogen der an furchtb nem R ſeinem Reihe baren ſinken feindlie ſtarke E aus de beſte, Reihen 3 war il ihn au S der gr Felde genan Seite eine 1 ſtand verſch „jene leiſtet 628 Bogenſchützen hervorbrachen. Nieder in den Staub ſtürzte die Halfte der angreifenden Ritter. Bruſe wankte im Sattel. D Aumale's furchtbare Rechte fiel von der Art abgehauen; De Graville, von ſei⸗ nem Roſſe geſchleudert, rollte Harold zu Füßen, und William, von ſeinem mächtigen Renner und ſeiner koloſſalen Stärke in die dritte Reihe getragen, wo ſeine eiſerne Keule rechts und links mit furcht⸗ baren Streichen hauste, fühlte plötzlich ſein Roß unter ihm zuſammen⸗ ſinken und hatte kaum Zeit, zurückzuhufen und außer den Bereich der feindlichen Waffen zu gelangen, als ſein ſpaniſcher Hengſt, durch das ſtarke Panzerhemd furchtbar getroffen, todt zu Boden ſtürzte. Seine Ritter ſammelten ſich um ihn: zwanzig Barone ſprangen aus dem Sattel, um ihm ihre Roſſe abzutreten. Er nahm das nächſte beſte, ſprang auf ſeine Füße und in den Steigbügel, und ritt zu ſeinen Reihen zurück. De Graville's Helm, deſſen Bande durch den Sturz losgebrochen, war ihm unterdeſſen vom Haupte gefallen, und eben als Harold gegen ihn ausholen wollte, erkannte er ſeinen Gaſt. Mit der Hand das Nachdrängen ſeiner Leute zurückhaltend, rief der großmüthige König mit kurzen Worten: „Stehe auf und entferne Dich!— Es iſt keine Zeit auf dieſem Felde Gefangene zu machen. Er, den Du einen abtrünnigen Ritter genannt, iſt Dir ein ſächſiſcher Wirth geweſen. Du haſt an ſeiner Seite gefochten und ſollſt nicht von ſeiner Hand ſterben!— Geh.“ Nicht ein Wort ſprach De Graville; ſein dunkles Auge verweilte eine Minute lang mit Mitleid und Ehrfurcht auf dem König: dann ſtand er ſachte auf, drehte ſich um, und langſam, als ob er zu fliehen verſchmähte, ſchritt er über die Leichen ſeiner Landsleute zurück. „Halt, alle Hände!“ befahl der König ſeinen Bogenſchützen, „jener Mann hat unſer Salz gekoſtet und uns früher gute Dienſte ge⸗ leiſtet. Er hat ſein Wehrgeld bezahlt.“ Kein einziger Speer wurde abgeſchleudert. Das normänniſche Fußvolk, zuvor ſchon zurückweichend, hatte 624 nicht ſobald den Herzog(den es an ſeinem Roſſe und an ſeiner Rüſtung erkannte) zu Boden ſtürzen ſehen, als Alle mit dem lauten Rufe —„der Herzog iſt todt!“ ſich umdrehten und in Unordnung eiligſt flohen. Das Glück des Tages hatte ſich nahezu zu Gunſten der Sachſen gewendet, und die Verwirrung der Normänner, als der Ruf—„der Herzog iſt todt!“— ſie erreichte und rings im Heere umlief, wäre unwiderbringlich geweſen, wenn Harold zu Verfolgung des errungenen Votheils genügende Reiterei beſeſſen hätte, oder wenn William nicht ſelbſt mitten unter die Flüchtlinge eingedrungen wäre, wenn er nicht ſeinen Helm auf den Nacken zurückgeworfen und ſein Geſicht, flam⸗ mend von wilder Tapferkeit und trotziger Verachtung, gezeigt hätte. „Ich lebe, Ihr Schurken!“ donnerte er laut.„Seht das Geſicht Eures Führers, der noch nie einem Feiglinge vergab! Ha, zittert mehr vor mir als vor jenen Engländern, ſo ſehr ſie auch verdammt und verflucht ſind! Ihr— Normänner! Ihr! Ich erröthe über Euch.“ Und den Vorderſten mit der Fläche ſeines Schwertes nieder⸗ ſchlagend, ſcheltend, anſtachelnd, drohend, verſprechend— Alles in einem Athem— gelang es ihm endlich, der Flucht Einhalt zu thun, die Reihen von Neuem zu formiren und ihnen den allgemeinen Schre⸗ cken auszutreiben. Als er ſofort ſeine eigenen erwählten Ritter er⸗ reichte und das Feld überſchaute, gewahrte er eine durch die vorge⸗ rückte Stellung des ſächſiſchen Vortrabs entſtandene Lücke, mittelſt deren ſeine Ritter zu den Verſchanzungen gelangen mochten. Er be⸗ ſann ſich eine Weile und ſein noch immer entblößtes Antlitz hellte ſich auf, während er nachſann. Im Umſchauen erkannte er Mallet De Graville, der ſich wieder beritten gemacht hatte, und ſagte kurz: „Pardex, theurer Ritter, wir wähnten Euch bereits bei St. Mi⸗ chael!— Freuet Euch, daß Ihr noch lebt, um bald ein engliſcher Earl zu heißen. Schaut auf, bringt Fitzosborne das Loſungswort, Li Hardiz passent avant!*— Fort und reitet raſch.“ *„Die Kühnen rücken vor.“ T währer deren des Ta Reiter. T Ritterf Vortre A den S führt, er den Führer welche legene von H manne beträch erreich einſan entfer! bückter 7 Bule 6²2⁵ De Graville verbeugte ſich und flog pfeilſchnell über die Ebene. „Jetzt, meine Grafen und Ritter,“ fuhr William munter fort, während er ſeinen Helm ſchloß und ſich von ſeinem Knappen einen an⸗ deren Speer reichen ließ;„jetzt will ich Euch den großen Zeitvertreib des Tages geben. Vertheilt die Loſung, Sire de Tancarville, an jeden Reiter.— Greift an!— Auf die Standarte!“ Die Loſung ging weiter, die Roſſe bäumten und Williams ganze Ritterſchaar ergoß ſich über die Ebene in den Rücken des ſächſiſchen Vortrabs und gegen die Verſchanzungen. Als Harold, dieſen neuen Plan entdeckend, ſeine Gegenwart bei den Schanzen nöthiger ſah, ließ er die Bataillone, die er ſeither ge⸗ führt, Halt machen, und indem er den Befehl an Leoſwine abtrat, gab er den Truppen noch einmal die kurze aber ſtrenge Ermahnung, ihre Führer wohl zu beachten und um keinen Preis den Keil zu brechen, welcher ihre einzige Stärke gegen die Reiterei wie gegen die über⸗ legene Anzahl des Feindes bildete. Dann ſtieg er zu Pferd, um einzig von Haco begleitet eiligſt davon zu ſprengen. Da er die den Nor⸗ mannen entgegengeſetzte Richtung einzuhalten hatte, ſo mußte er einen beträchtlichen Umweg machen, um die Rückſeite der Verſchanzungen zu erreichen, und der Pachthof mit ſeinen wachſamen Gruppen kam ihm hiebei zu Geſicht. Man konnte die Gewänder der Frauen unterſchei⸗ den und Haco ſagte zu ihm: „Dort warten die Weiber, um die lebenden Sieger zu bewill⸗ kommen.“ „Oder ihre Gebieter unter den Todten zu ſuchen!“ gab Harold zur Antwort.„Wer wird nach uns ſehen, Haco, wenn wir fallen?“ Kaum hatte das Wort ſeine Lippen verlaſſen, als er unter einem einſamen Dornbuſch, kaum einen Bogenſchuß von den Verſchanzungen entfernt, ein Weib ſitzen ſah. Der König blickte ſcharf nach der ge⸗ bückten verſchleierten Geſtalt. „Arme Unglückliche!“ murmelte er,„ihr Herz iſt in der Schlacht! Bulwer, Harold. 40 — Weiter weg! Weiter weg!— Der Krieg dringt bis hierher!“ rief er laut.. Beim Klange dieſer Stimme erhob ſich das Weib, breitete ihre Arme aus und ſprang ihm entgegen. Alleein die ſächſiſchen Häupt⸗ linge hatten ihre Geſichter bereits nach dem benachbarten Eingange der Bruſtwehr gewendet, ohne ihre Bewegung zu gewahren, während das Trappeln der heranſtürmenden Roſſe, das Brüllen und Toben des lärmenden Kriegs den Weheruf ihrer ſchwachen Stimme übertäubte. „Ich habe ihn noch einmal— noch ein Mal gehört! Gott ſey gelobt!“ flüſterte das Weib und ſetzte ſich wieder ruhig unter den ein⸗ ſamen Dornbuſch. Als Harold und Haco innerhalb der Baſtion abſtiegen, ertönte der Ruf:„der König— der König! Heiliges Kreuz!“ noch zeitig genug, um die Streitmacht, welche nunmehr dem vollen Anpralle der normänniſchen Reiterei ausgeſetzt war, am vorderen Ende zu vereinigen. Das Weidengeflecht der Wälle war bereits von den Hufen der Roſſe und den Hieben der Schwerter niedergeworfen; die ſcharfen Spitzen an den Stirnſchilden der normänniſchen Streitroſſe bohrten bereits in die Verſchanzung, als Harold mitten im Höhepunkte des Gefechts anlangte. Mit ihm wandte ſich die Fluth; nicht einer der hitzigen Reiter verließ die Schanzen, die ſie bereits überſprungen hat⸗ ten; unter den gewichtigen Streitärten ſtürzte Roß und Rüſtung nie⸗ der, und William, abermals zurückgewieſen, mußte ſeine Reiterei in der widerſtrebenden Ueberzeugung zurückziehen, daß dieſe Bruſtwehren, ſo bemannt, ſich nicht durch Reiterchargen erobern ließen. Langſam zogen die Ritter den Abhang des Hügels hinab, und ohne Harolds Warnungsruf hätten die Engländer, durch dieſen An⸗ blick befeuert, ihre Veſte der Verfolgung halber verlaſſen. Die alſo gewonnene Pauſe wurde raſch und kräftig zur Wiederherſtellung der Palliſaden verwendet. Sobald das geſchehen war, wendete ſich Harold in fröhlichem Tone zu Haco und den umſtehenden Thanen: „Mit des Himmels Hülfe werden wir den Tag dennoch gewinnen! Wißt J mir ſeit meiner Jugend des No hatte: aberma Geburt welche! oder der klang e⸗ durch de H der übe Stahl * Nach T 14. Okt o r d 627 Wißt Ihr nicht, daß es mein Geburtstag iſt— der Tag, an welchem mir ſeither im Frieden wie im Kriege noch Alles glückte.— Der Tag meiner Geburt?“ „Dein Geburtstag!“ wiederholte Haco überraſcht. „Ja— wußteſt Du's nicht?“ „Nein!— ſonderbar!— Es iſt auch Herzog Williams Geburts⸗ tag.— Was würden die Aſtrologen zu dem Zuſammentreffen dieſer Sterne ſagen?* Harolds Wange erbleichte, aber ſein Helm verbarg die Bläſſe— der Arm ſank ihm am Leibe herab. Der merkwürdige Traum ſeiner Jugend kam ihm wieder deutlich vor Augen, wie er ihn vor der Halle des Normannen beim Anblicke der geſpenſtigen Reliquien geſehen hatte: da war abermals jene ſchattenhafte Hand aus den Wolken— abermals jene murmelnde Stimme:„ſchau das Geſtirn, das bei der Geburt des Siegers leuchtete;“ abermals hörte er Hilda's Worte, welche den Traum deuteten— abermals jenen Geſang, den der Todte oder der Erzfeind der ſtarren Vala in den Mund gelegt hatte. Noch klang er ihm in den Ohren; dumpf wie eine Todtenglocke läutete er durch das Brüllen der Schlacht— Nimmer Raubt Gewalt der Krone Schimmer: Bis die Todten ohn’ Erbarmen Hetzen Kriegsroſſ' um den Armen; Bis die Sonn' im letzten Lauf Ruft die Gegenſterne auf: Wann das Kriegsroß um den Armen Todte tummeln ohn'’ Erbarmen. Hier ſchwand die Viſion, es erſtarb der Geſang wie der Hauch, der über den Stahlſpiegel hinzieht. Der Hauch war fort— der feſte Stahl abermals helle und der König fühlte ſich plötzlich durch lautes * Harolds Geburtstag fiel unzweifelhaft auf den vierzehnten Oktober. Nach Mr. Roscoe(„Leben Williams des Eroberers“) war auch William am 14. Oktober geboren. 40* 628 Rufen und Schreien, das, von dem gellenden Siegesrufe der Norman⸗ nen übertäubt, von dem entfernteren Ende des Kampfplatzes herüber⸗ drang, zum Bewußtſeyn der Gegenwart zurückgerufen. Das an Fitzosborne abgegangene Loſungswort hatte dieſem Füh⸗ rer den Befehl überbracht, den Scheinangriff gegen die ſächſiſche Vor⸗ hut und ſpäter die verſtellte Flucht zu beginnen, und ſo kunſtvoll war dieſe Kriegsliſt eingeübt, daß die kühnen Engländer trotz der feierlichen Befehle Harold's, ja ſogar dem Warnungsrufe Leofwine's entgegen, der bei aller Raſchblütigkeit und Leichtherzigkeit das volle Geſchick eines Heerführers beſaß— nachdem ihr Blut durch den langen Kampf und anſcheinenden Sieg entflammt war, der Verfolgung nicht wider⸗ ſtehen konnten. Voll Ungeſtüm vorbrechend, lösten ſie die Ordnung ihrer ſeither unbezwinglichen Phalanx, und zwar um ſo hitziger, da die Normannen, ohne es zu wiſſen, die Richtung nach einem mit Fallen und Gruben unterbrochenen Theile des Schlachtfeldes genommen hatten, wo die Engländer ihren Feind vollends zu vernichten hofften. Der Augenblick, da William's Ritter ſich von den Bruſtwehren zurückzogen, war derſelbe, wo dieſer unheilvolle Fehler begangen wurde, und William, mit einem wilden Lachen rachſüchtigen Jubels nach den aufgelösten Sachſen deutend, ſetzte ſeinem Roſſe die Sporen in die Seite und vereinigte ſich nebſt ſeiner ganzen Ritterſchaar mit den Geſchwadern aus Poitou und Boulogne, welche gegen die ge⸗ trennte Schlachtlinie einſchwenkten. Schon hatte das normänniſche Fußvolk umgedreht— ſchon waren die Reiter, zwiſchen den Gehölzen in der Nähe der Gruben im Hinterhalt aufgeſtellt, donnernd einge⸗ brochen. Die ganze ſeither ſo unüberwindliche Vorhut wurde nieder⸗ geworfen— Trupp von Trupp getrennt und eingeſchloſſen, und hin⸗ ten, vorn, rechts und links von den eindringenden Reitern abgeſchnitten. Gurth hatte allein mit den Männern aus Surrey und Suſſer Stand gehalten, war aber jetzt gezwungen, zur Unterſtützung der zer⸗ ſtreuten Kameraden vorzurücken, und da dies in geſchloſſener Ordnung geſchah, ſo gelang es ihm nicht nur, dem Gemetzel eine Zeit lang Ein⸗ halt z wenden Feind eigenen lage d ausgef A Fehler Uebern Geoffr neuen ſchen d ſo daß ſäumt zu kön Geber nung „Sche Vebbe ſich ſe 4 in Fo ſchwu trotz! Abhã loſen rade fünfl chun 629 halt zu thun, ſondern ſogar den Tag halb und halb von Neuem zu wenden. Bei ſeiner genauen Kenntniß der Gegend lockte Gurth den Feind in die Gruben, welche etwa hundert Schritte hinter ihrem eigenen Hinterhalte verſteckt lagen, und ſo groß war dort die Nieder⸗ lage der Ausländer, daß die Gräben buchſtäblich von ihren Leichen ausgefüllt geweſen ſeyn ſollen. Allein ſo ſehr auch Tapferkeit und Geſchicklichkeit den früheren Fehler auszugleichen ſuchte, ſo konnte der Kampf gegen ſolche Uebermacht nicht lange aufrecht erhalten werden. Ueberdies hatten Geoffroi Martel und die ihm beigeordneten Anführer auf einen neuen Befehl des Herzogs mit ihrer ganzen Diviſion den Raum zwi⸗ ſchen den Schanzen und dem entfernteren Schlachtfelde eingenommen, ſo daß Harold, als er den Fuß der Anhöhe ganz mit Rüſtungen be⸗ ſäumt ſah, die Hoffnung aufgeben mußte, ſeiner Vorhut zu Hülfe eilen zu können. So mußte er feſten Fußes zuſehen und konnte nur durch Geberden und unterdrückte Rufe ſeine Regungen von Furcht und Hoff⸗ nung äußern. „Tapferer Gurth! Wackerer Leofwine!“ rief er dazwiſchen⸗ „Schaut auf ihre Fahnen! Recht, recht; brav gefochten, mannhafter Vebba! Ha! Sie kommen hieher. Der Keil dringt durch— er haut ſich ſeinen Pfad durch das Herz des Feindes.“ Und in der That, zwar immer noch getrennt, aber jedes Häufchen in Form eines Keils geformt und die Schilde über ihre Häupter ge⸗ ſchw ungen, kamen die Engländer durch den Hagel von Geſchoſſen und trotz des Anprallens der Reiter hier und dort durch die Ebene an den Abhängen herauf gegen die Verſchanzung: aber im Rücken von zahl⸗ loſen Feinden gedrängt, liefen ſie den furchtbaren Reihen Martel's ge⸗ rade in den Rachen. Länger konnte der König nicht mehr an ſich halten: er wählte fünfhundert ſeiner bravſten und geübteſten Veteranen, die ſich verglei⸗ chungsweiſe noch friſch fühlten, und befahl den Uebrigen, unverrückt 630 Stand zu halten. So ſtürmte er den Hügel hinab und brach uner⸗ wartet in den Rücken der gemiſchten Normannen und Bretonen. Dieſer Ausfall, ebenſo verzweifelt als wohlberechnet, diente dazu, den Rückzug der kämpfenden Sachſen zu decken und zu begünſtigen. Viele wurden freilich abgeſchnitten; aber Gurth, Leofwine und Vebba hieben ſich mit ihren Kameraden zu Harold durch und erreichten die Schanzen, dicht gefolgt von dem näheren Feinde, der abermals unter den Siegesrufen der Engländer zurückgeworfen wurde. Aber ach! Klein war die Bande, welche alſo gerettet worden, und hoffnungslos der Gedanke, daß die noch lebenden und über die Ebenen zerſtreuten Häuflein ſie überhaupt noch erreichen und verſtär⸗ ken konnten. Gleichwohl fanden ſich unter dieſen zerſtreuten Ueber⸗ bleibſeln vielleicht noch die Einzigen, welche ihre Kenntniß der Ge⸗ gend benützend und am Siege verzweifelnd dem Schlachtfelde von Sangu e lac durch die Flucht entrannen. Innerhalb der Verſchanzungen war übrigens noch Keiner, der den Muth verloren hätte: der Tag war ſchon weit vorgerückt, noch war keine Breſche in den Außenwerken entſtanden, die Stellung ſchien ebenſo uneinnehmbar wie eine ſteinerne Veſte, und ehrlich geſtanden fühlten ſich ſogar die tapferſten Normannen entmuthigt, wenn ſie nach jener Höhe ſchauten, welche ſelbſt Williams Angriff zurückgewieſen hatte. Der Herzog hatte in dem neueſten Handgemenge mehr als eine Wunde davongetragen und ſchon ſein drittes Roß war heute un⸗ ter ihm gefallen. Das Blutbad unter Rittern und Edlen war furcht⸗ bar geweſen, denn ſie hatten ſich allenthalben mit der verzweifeltſten Tapferkeit erponirt, und während William den Untergang der einen Hälfte der engliſchen Armee überſchaute, hörte er überall mit Beſchã⸗ mung und Ingrimm ein Murren des Mißmuths und der Hoffnungs⸗ loſigkeit, wenn ſeine Leute ſich die Ausſicht vorhielten, jene Höhen erklimmen zu müſſen, wo der tapfere Ueberreſt der ſächſiſchen Vorhut Zuflucht gefunden hatte. In dieſem kritiſchen Augenblicke ritt Odo von Bayeur, der ſich ſeithen Rücke hervo ſtändi das furcht Selbſ Prieſt kam d Schre ges 3 Woll Ernd Kirch laßt einen neber ſeine Kirch des mith ſein gedr Ver die bew um ſorg ner⸗ azu, gen. ebba die nter den, die ſtär⸗ ber⸗ Ge⸗ von der och hien den ſen als un⸗ ht⸗ ten 681 ſeither mit der Maſſe von Mönchen, welche das Heer begleiteten, im Rücken der Schlachtlinie aufgehalten hatte,* auf das offene Feld hervor, wo ſämmtliche Linien ſich neu formirten. Er war in voll⸗ ſtändiger Rüſtung, das weiße Chorhemd über den Harniſch geworfen, das Haupt entblöst und in der Rechten das Kreuz vorantragend. Eine furchtbare Keule mit lederner Schlinge hing an ſeiner Fauſt, um zur Selbſtvertheidigung gebraucht zu werden, da die Kirchenregeln dem Prieſter das Angreifen verboten. Hinter Odo's milchweißem Renner kam die ganze Reſerve, noch friſch und unerſchöpft, unberührt von dem Schrecken ihrer Kameraden und durch die lange Verzögerung des Sie⸗ ges zu wildegn Zorne angeſtachelt. „Wie nun— wie nun?“ rief der Prälat;„wollt Ihr ermatten? Wollt Ihr wanken, während die Garben gefallen ſind und Ihr die Erndte blos noch aufzuleſen braucht! Wie nun, Ihr Söhne der Kirche! Ihr Krieger des Kreuzes und Rächer der Heiligen! Ver⸗ laßt Euren Grafen, wenn Ihr wollt; aber weicht nicht zurück vor einem mächtigeren Gebieter! Schaut her, ich reite Seit' an Seite neben meinem Bruder, baarhaupts und das Kreuz in der Hand. Wer ſeinen Lehensherrn verläßt, iſt blos ein Feigling— wer aber der Kirche untreu wird, iſt ein Abtrünniger!“ Der wilde Ruf der Reſerve ſchloß dieſe Anrede, und die Worte des Prälaten wie die phyſiſche Verſtärkung, die er zu ihrer Unterſtützung mitbrachte, erfüllten die Armee mit neuem Leben. 5 Und nun rückte Williams ganzes mächtiges Heer, zahllos, daß ſeine Reihen mit dem grauen Horizonte zu verſchwimmen ſchienen, dicht gedräͤngt, feſten Fußes und wohlgeordnet von allen Seiten gegen die Verſchanzung. Die Nutzloſigkeit ſeiner Reiterei einſehend, ſo lange die Bruſtwehren nicht überſtiegen waren, ſtellte William das ſchwer⸗ bewaffnete Fußvolk, Speerträger und Bogenſchützen in die erſte Reihe, um den Eintritt in die Palliſaden zu eröffnen, deren Ausgänge jetzt ſorgfältig verſchloſſen waren. * William Pict. 632 Während ſie alſo die Hügel hinanrückten, wendete ſich Harold an Haco und fragte:— „Wo iſt Deine Streitaxt?“ „Harold,“ erwiederte Haco mit einer ſogar an ihm ungewohnten düſteren Trauer,„ich will jetzt bloß noch Dein Schildträger ſeyn, denn ſo lange der Tag dauert, mußt Du die Streitart mit beiden Händen regieren und Dein Schild iſt für Dich nutzlos. Drum kämpfe Du— ich will Dich decken.“ „Du liebſt mich alſo, Sohn von Sweyn?— ich habe zuweilen daran gezweifelt.“ „Ich liebe Dich als die beſſere Hälfte meines Lebans, denn mit Dir hat auch mein Daſeyn ein Ende; es iſt mein Herz, das dieſer Schild bedeckt, wenn ich Harolds Bruſt beſchütze.“ „Ich möchte Dich leben heißen, armer Jüngling,“ flüſterte Ha⸗ rold;„doch was wäre das Leben, wenn dieſer Tag verloren ginge? Glücklich ſind dann nur Die, welche ſterben.“ Kaum hatten dieſe Worte ſeine Lippen verlaſſen, als er an die Bruſtwehr ſprang und mit einem plötzlichen Schwunge ſeiner Art einen Helm, der darüber hervorguckte, zu Boden ſchlug. Aber Helm auf Helm folgt nach; Schwarm an Schwarm kommen ſie heran und ſammeln ſich wie die Wölfe um den Reiſenden, wie die Bären um die Barke. Zahllos trotz ihres Verluſtes dringen ſie ein! Die Pfeile der Normannen verdunkeln die Luft; wo nur ein Arm, ein Glied, eine Stirne ſichtbar wird, da ſchwirren die Geſchoſſe mit tödt⸗ licher Sicherheit. Sie erklimmen die Palliſaden, die Vorderſten fallen unter der ſächſiſchen Streitart; aber neue Tauſende dringen nach, um⸗ ſonſt iſt Harolds Stärke, vergeblich wäre ſie geweſen, auch wenn ſie jeden der anweſenden Sachſen belebt hätte! Die erſte Reihe der Verſchanzungen iſt erſtiegen— niedergehauen, zuſammengetreten, iſt ſie bedeckt mit den Leichen der Gefallenen.„Ha Rou! Ha Rou! Notre Dame! Notre Dame!“ to‚nt der ſchrille Freu⸗ denruf, die Roſſe ſchnauben und ſetzen in die Mitte des Kreiſes. Hoch in der Luft ſchwingt William die mächtige Keule und dicht neben ihm blitzt das Kreuz der Kirche. „Vorwärts, Normannen!— Grafſchaft und Land!“ brüllt der Herzog. „Vorwärts, Ihr Söhne der Kirche! Himmel und ewiges Heil!“ ruft Odo's Stimme. Die erſte Bruſtwehr liegt darnieder; die Sachſen— Schritt an Schritt, Zoll um Zoll werden in die zweite Umfaſſung zurückge⸗ drängt. Derſelbe Angriff, wüthender Kampf, Brüllen und Schreien — auch die zweite gibt nach. Und nun im Centrum der dritten, vor den Augen der Normannen ſtolz in die Lüfte ragend, leuchtet in den Strahlen der weſtlichen Sonne goldgeſtickt und in myſtiſchen Edel⸗ ſteinen funkelnd die Standarte von Englands König! Dort ſteht die Reſerve des engliſchen Heeres; dort die Helden, welche noch nie eine Niederlage erfahren— unerſchöpft durch den Kampf— kriegsmuthig und hochherzig. Rings um ſie ragten dickere, ſtärkere und höhere Bruſtwehren, mit Ketten an hölzerne Pfeiler und eiſerne Stäbe be⸗ feſtigt, und mit Karren, Bagagewägen und aufgethürmten Holz⸗ haufen ausgefüllt— Barrikaden, vor welchen ſelbſt William verſtei⸗ nert inne hielt und Odo einen Ruf ausſtieß, wie er ſich nicht für den Mund eines Prieſters geziemte. Um die Standarte vor der erſten Reihe ihrer Leute ſtanden Gurth, Leofwine, Haco und Harold, Letzterer auf ſeine Art ſich lehnend, denn er war an vielen Stellen ſchwer verwundet und das Blut träufelte durch die Ketten ſeines Panzerhemds. Lebe, Harold; lebe, und das ſächſiſche England wird nicht ſterben! Die engliſchen Bogenſchützen waren nie zahlreich geweſen; die Meiſten hatten bei der Vorhut gedient, und die Geſchoſſe derer inner⸗ halb der Wälle waren aufgebraucht, ſo daß der Feind Zeit zum Athem⸗ holen gewann. Die normänniſchen Pfeile flogen inzwiſchen in dichten Wolken, aber William bemerkte mit Leidweſen, daß ſie nur gegen die Bruſtwehren und hohen Barrikaden anprallten, ohne das beabſichtigte 634 Blutbad anzurichten. Er beſann ſich eine Weile und beorderte dann einen ſeiner Ritter, um drei von den Anführern der Bogenſchützen zu ihm zu rufen.. „Seht Ihr nicht, maladroits,““ ſchimpfte der Herzog, ſobald ſie neben ſeinem Streitroſſe ſtanden,„daß Eure Speere und Bolzen harmlos an dieſen Weidenwällen abprallen. Schießt in die Luft und laßt den Pfeil ſenkrecht— wie die Rache der Heiligen— direkt vom Himmel auf die innen Stehenden herabfallen! Reich mir Deinen Bo⸗ gen, Schütze— ſo!“ Mit dieſen Worten ſpannte er den Bogen, während er zu Pferde ſaß; der Pfeil flog ab und fiel nur wenige Fuß von der Standarte mitten in der Reſerve nieder. „So, jene Standarte ſey Euer Ziel,“ gebot der Herzog, den Bo⸗ gen zurückgebend. Die Schützen entfernten ſich, der Befehl lief rings durch ihre Banden, und wenige Augenblicke ſpäter kam der eiſerne Regen vom Himmel herab. Er traf das engliſche Heer wie ein Ueberfall, drang durch Lederkappen, ſogar durch Eiſenhelme, und gerade die Ueber⸗ raſchung, womit ſie inſtinktartig aufſchauten, brachte den Meiſten den Tod. Dumpfes Stöhnen wie von vielen Getroffenen drang durch die Verſchanzungen dem Normannen zu Ohren. „Nun müſſen ſie entweder ihre Schilde gebrauchen, um ihre Häupter zu decken— dann ſind ihre Aexte nutzlos— oder während ſie mit der Art dreinſchlagen, fallen ſie durch das Geſchoß,“ bemerkte der Herzog.„Jetzt vorwärts gegen die Wälle. Schau! ich ſehe meine Krone ſchon auf jener Standarte ſchweben!“ Aber trotz deſſen bleiben die Engländer Sieger; die Dicke der Palliſaden, der vergleichungsweiſe ſchmale Raum der letzten Umfaſ⸗ ſung, der ſich deßhalb auch mit ihrer geringen Macht leichter bemannen und behaupten ließ, trotzen allen anderen Waffen als denen der Scharf⸗ ſchützen. Jeder Normann, der die Bruſtwehr zu erſteigen wagt, wird * Tölpel. 8 685 im Augenblicke niedergeſchlagen und ſein Körper unter die Hufe der ſcheuen Roſſe geſchleudert. Die Sonne ſenkt ſich näher und näher gegen den rothen Horizont. „Muth!“ ruft Harolds Stimme;„haltet Euch nur bis zum Ein⸗ bruch der Nacht und wir ſind gerettet. Muth und Freiheit!“ „Harold und das heilige Kreuz!“ lautet die Antwort. Trotz dieſer Niederlage beſchließt William, abermals ſeine fatale Kriegsliſt zu wagen. Er merkt ſich den Theil der Umfaſſung, der von dem Hauptangriffspunkte und darum auch von dem allſehenden Auge Harolds, deſſen ermunternde Stimme er mitten unter dem tobenden Lärm immer wieder erkannte, am weiteſten entfernt lag. Dort waren die Palliſaden am ſchwächſten und der Boden am wenigſten ausgeho⸗ ben; aber dort hielten auch Männer Wache, auf deren Geſchicklichkeit in Handhabung des Schildes und der Streitaxt Harold am feſteſten vertrauen konnte— die Anglo⸗Dänen nämlich, aus ſeiner ehemaligen oſtangliſchen Grafſchaft. Dorthin entſendete der Herzog eine auser⸗ wählte Kolonne ſeines ſchwerbewaffneten Fußvolks, von ihm ſelbſt in ſeiner Lieblingsliſt beſonders unterrichtet und von einer Bande Bo⸗ genſchützen begleitet, während er ſelbſt mit ſeinem Bruder Odo an der Spitze einer beträchtlichen Ritterſchaar unter dem Sohne des großen Roger de Beaumont zu gleicher Zeit die anſtoßende Hochebene, wo jetzt das Städtchen Battle ſteht, einnahm, um das Manöver zu überwachen und zu unterſtützen. Die Kolonne rückte gegen den bezeichneten Punkt vor, und nach kurzem ſurchtbaren Handgemenge gelang es ihr, in die Bruſtwehr eine weite Breſche zu legen. Dieſer vorübergehende Erfolg ermunterte jedoch die belagerten Vertheidiger nur noch mehr zu neuen Anſtrengungen, und in wiederholten Ausfällen ſtreckten ſie eine Linie des Feindes nach der andern unter den Hieben ihrer Streitärte zu Boden. Die Ko⸗ lonne der ſchwerbewaffneten Normänner zieht ſich den Abhang hinab — ſie wankt— wendet ſich in Unordnung— weicht zurück und flieht; nur die Bogenſchützen halten noch Stand in der Mitte des Abhangs 636 — dieſe ſcheinen den Engländern eine leichte Beute— die Verſuchung iſt unwiderſtehlich. Längſt gepeinigt und durch die Geſchoſſe erbittert, folgen die Anglo⸗Dänen den Normännern auf der Ferſe; ſie wollen den Bogenſchützen den Garaus machen und laſſen die Breſche hinter ihnen weit offen. „Vorwaͤrts,“ donnert William und galoppirt gegen die Lücke. „Vorwärts,“ ruft Odo;„ich ſehe die Hände der Heiligen in der Luft! Vorwärts! Es iſt der Tod, der unſere Kriegsroſſe um die Le⸗ benden tummelt!“ Vorwärts ſtürzen die normänniſchen Ritter; aber Harold ſteht bereits in der Breſche, von Herzen umgeben, welche darnach brennen, das zertrümmerte Bollwerk mit ihren Leibern zu erſetzen. „Schließt die Schilde! Haltet feſt!“ ruft ſeine königliche Stimme. Vor ihm hoch zu Roß ſtanden Bruſe und Grantmesnil, ihre Speere auf ſeiner Bruſt, welche von Haco mit dem Schilde bedeckt wird. Seine Art mit beiden Händen hoch erhebend, zerſplittert der König Grantmesnil's Speer; mit geſpaltenem Schädel ſtürzt Bruſe's Renner, und Roß und Ritter rollen auf den blutigen Raſen. Aber ein Hieb von de Lacy's Schwert hat den ſchützenden Schild Haco's niedergeſchlagen. Der Sohn von Sweyn ſinkt auf die Kniee; mit geſchwungenen Schwertern und drohenden Keulen brechen die nor⸗ männiſchen Ritter durch die Breſche. „Schau auf, ſchau auf und ſchütze Dein Haupt,“ warnt Haco's Schickſalsſtimme den König. Auf dieſen Ruf erhebt der König die flammenden Augen. Warum hält er inne? Warum entſinkt die Streitart ſeinen Händen? Indem er das Haupt aufrichtet, fährt das tödtliche Geſchoß auf ihn nieder, es trifft das aufſchauende Antlitz und bohrt ſich in den furchtloſen Aug⸗ apfel. Er wankt, taumelt einige Schritte zurück und ſinkt am Fuße ſeiner prachtvollen Standarte nieder. Mit verzweifelter Hand und zitternd in Todesnoth zerbricht er die Spitze des Pfeiles, daß der Wiederhaken ſtecken bleibt. —— Gurth kniet über ihm. „Fahre fort,“ ſtöhnt der König,„verhehle meinen Tod! Heili⸗ ges Kreuz! England zu Hülfe! Wehe— wehe!“ Noch einen Augenblick ſich zuſammenraffend, ſpringt er auf, ballt ſeine Fauſt und ſtürzt als Leiche nieder. Im ſelben Augenblick ſieht man eine Reihe von Sachſen durch den gleichzeitigen Anfall der Reiter gegen die Standarte zurückge⸗ drängt, und der Körper des Königs wird mit Haufen von Erſchlage⸗ nen bedeckt. Mit geſpaltenem Helm, das Geſicht ganz von Blut überſtrömt, aber immer noch ruhig in ſeiner geiſterhaften Bläſſe ſiel Haco, der Schickſalsbote, unter den Vorderſten dieſer Erſchlagenen. Er ſank mit dem Haupte auf Harolds Bruſt, küßte die blutende Wange mit blutigen Lippen, ſtöhnte und ſtarb. Durch Verzweiflung mit übermenſchlicher Stärke begabt, ſtellte ſich Gurth über die Leichen ſeiner Verwandten und kämpfte allein gegen die Ritter; das letzte Häuflein des engliſchen Heeres, in dieſer drohenden Gefahr um die Standarte ſich ſammelnd, treibt noch ein⸗ mal die Angreifenden zurück. Aber die ganze Umfaſſung war nunmehr mit Feinden angefüllt; die dunkelnde Luft wimmelte von luſtigen Bannern und Wimpeln. Hoch über allen ragte die Keule des Eroberers; hoch über allen leuch⸗ tete des Kreuz des Prälaten. Nicht ein Einziger unter den Englän⸗ dern ergriff die Flucht, alle ſammelten ſich um die Standarte und fielen mordend und gemordet. Mann an Mann ſtürzten Hildas Lehens⸗ leute unter dem bezauberten Banner. Da ſtarb der treue Sexwolf. Da ſtarb der wackere Godrith, ſeine fantaſtiſche Jugendliebe zu den normänniſchen Sitten im Tode manches Normannen ſühnend. Und der letzte von den Kentern, welche aus der zerſprengten Vorhut in dieſen Kreis des unausweichlichen Schlachtens entronnen waren— auch Vebba ſtarb mit ſeinem engliſchen Herzen. Sogar noch in jenem Zeitalter, da der Teutone noch das Blut 638 3 Odins des Halbgottes in ſeinen Adern trug— ſogar damals ver⸗ mochte ein Einzelner der Macht der Ueberzahl zu trotzen. Durch die Menge ſahen die Normannen mit bewundernder Scheu— hier dicht vor ihren Roſſen einen einzelnen Krieger, vor deſſen Art jeder Speer zerſchellte, jeder Helm niederſank— dort neben der Standarte bruſt⸗ hoch mit Erſchlagenen umgeben, einen noch furchtbareren Kämpfer, der mitten in dem allgemeinen Untergange unbeſiegt blieb. Der Erſte fiel endlich unter Roger de Montgomeri's Keule, und ſo ſtarb unbekannt dem normänniſchen Dichter, der zwar die Thaten, aber nicht die Namen in ſeinen Verſen aufbewahrte, lachend ſogar noch im Tode, der junge Leofwine. Immer noch neben dem bezauber⸗ ten Banner ragt der Andere; über ihm flattert die myſtiſche Standarte. mit ihrem wackeren Feldzeichen, dem vereinzelten„fechtenden Manne“, ließ Wi umringt von den Edelſteinen, welche einſt in Odins Krone geblitzt Ueber d hatten. tern au „Dein ſey die Ehre, dieſe ſtolze Flagge zu Falle zu bringen,“ ſächſiſch rief William an einen ſeiner berühmteſten und begünſtigten Ritter, ſuchen. Robert de Teſſin, ſich wendend. zwei der Außer ſich vor Freude ſtürzte der Ritter darauf los, um unter der muthlof Art des eigenſinnigen Vertheidigers niederzuſinken.— Gegenſ „Zauberei,“ rief Fitzosborne,„Zauberei! Das iſt kein Menſch, S ſondern der Erzfeind!“ 3„L „Schont ihn, ſchont den Tapferen,“ riefen in Einem Athem Söhne Bruſe, d'Aincourt und de Graville. der Kir Bei dieſem Gnadenrufe poll Zorn ſich umwendend, ſprengte Wil⸗ 3 liam über die Leichen weg, während Touſtain das heilige Banner dicht hinter ihm trug, daß es ſeinen Helm beſchattete; ſo erreichte er den Fuß der Standarte und einen Augenblick lang war es ein Einzelkampf zwiſchen dem Ritter⸗Herzog und dem ſächſiſchen Helden. Und auch jetzt fiel dieſer tapfere Häuptling nicht vom Schwerte des Normannen„Der He beſiegt, ſondern von hundert Wunden erſchöpft, und es war rein ver⸗ mit grof 1 639 geblich, wenn des Herzogs Pallaſch ihn noch im Fallen durchbohrte. So ſtarb Gurth— der Letzte beim Banner.* Die Sonne war untergegangen, der erſte Stern ſtand am Him⸗ mel, der„fechtende Mann“ lag am Boden, und auf der Stelle, wo jetzt einſam und zertrümmert zwiſchen faulenden Waſſerpfuhlen der Altarſtein der Schlachtabtei ſteht, erhob ſich der glitzernde Drache, der das geweihte Banner des normänniſchen Siegers überragte. Dreiundachtzigſtes Kapitel. Dicht bei ſeinem Banner mitten unter den Haufen der Todten ließ William der Eroberer ſein Zelt aufſchlagen und ſetzte ſich zu Tiſche. Ueber die ganze Ebene fern und nah ſah man Fackeln gleich Irrlich⸗ tern auf einem Sumpfe ſich hinbewegen, denn der Herzog hatte den ſächſiſchen Frauen erlaubt, die Leiber ihrer gefallenen Männer aufzu⸗ ſuchen. Während er ſo unter Plaudern und Lachen da ſaß, traten zwei demüthige Mönche in ſein Zelt und ihre gedrückte Miene, ihre muthloſen Geſichter, ihre groben Gewänder bildeten einen kläglichen Gegenſatz gegen die Freude und den Glanz des Siegesmahles. Sie traten vor den Eroberer und knieten nieder. „Steht auf, Söhne der Kirche,“ ſagte William mild,„denn Söhne der Kirche ſind auch wir! Glaubt nicht, daß wir die Rechte der Kirche angreifen werden— wir, die wir gekommen ſind, um ſie zu * Waee ſagt: „Guert(Gurth) vit Engleiz amenuisier. Vi K'il n'i ont nul recovrier.“ etc. (Gurth ſah Englands Macht entſchwinden, Ohne Hoffnung mehr zu finden.) „Der Herzog trieb mit ſolcher Heftigkeit vorwärts, daß er ihn erreichte und mit großer Gewalt(par grand air) zu Boden ſchlug. Ich weiß nicht, ob er an jenem Hiebe ſtarb; aber es heißt, er habe ihn niedergeſtreckt.“ 640 rächen. Nein, wir haben bereits geſchworen, auf dieſer Stelle eine und Abtei zu errichten, welche die ſtolzeſte des Landes werden und wo für Dere ewige Zeiten für die braven Normannen, die auf dieſem Schlachtfelde recht ſielen, wie für mein und meiner Gemahlin Seelenheil Meſſe geleſen ihm werden ſoll.“ „Ohne Zweifel,“ meinte Odo höhniſch,„haben dieſe heiligen als e Männer bereits von Deiner frommen Abſicht gehört und kommen, um war, ſich Zellen in der künftigen Abtei auszubitten.“ trat „Nicht ſo,“ erwiederte Osgood traurig, und in barbariſcher Nach⸗ verne ahmung des Normänniſchen;„wir haben unſer eigenes geliebtes Klo⸗ ſter zu Waltham, von dem Fürſten, den Deine Waffen geſchlagen, reich Du ausgeſtattet. Wir begehren blos die Erlaubniß, den Leichnam unſeres ihrer Wohlthäters Harold, der kaum noch König von ganz England gewe⸗ ſen, in unſerem geweihten Kloſter begraben zu dürfen.“ entfe Des Herzogs Stirne verfinſterte ſich. wallt „Und ſieh,“ ergänzte Ailred eifrig, eine lederne Taſche hervorzie⸗ ſelbſt hend,„wir haben alles Gold mitgebracht, was unſere armen Truhen tete v enthielten, denn wir mißtrauten dieſem Tage“— und er ſchüttete die gleich glitzernden Goldſtücke zu des Eroberers Füßen. „Nein!“ rief William trotzig,„wir nehmen kein Gold für eines Mant Verräthers Leiche; nein, ſelbſt wenn Githa, des Uſurpators Mutter, hügel den Sohn in dieſem ſchimmernden Metalle aufzuwiegen ſich erböte— ner a unbeerdigt bleibe der von der Kirche Verfluchte und die Raubvögel mals ſollen ihre Jungen mit ſeinem Aaſe füttern.“ Engl Ein Murmeln, zwiefältig in Ton und Bedeutung, ließ ſich in der zerma Verſammlung vernehmen: das eine ein Zeichen der Billigung, von todter wilden in ihrem Triumphe übermüthigen Söldnern herſtammend, das andere das der großherzigen Entrüſtung und des unwilligen Erſtau⸗ morb nens, von der großen Mehrzahl der normänniſchen Edlen ausgegangen. die ed Doch Williams Stirne blieb finſter und ſeine Augen ſtrenge, denn hatte. ſeine Klugheit beſtärkte ihn in ſeiner Leidenſchaft, und nur dadurch, daß er das Gedächtniß und die Sache des todten Königs als entehrt Bu 641 und verflucht brandmarkte, konnte er die durchgängige Beraubung aller Derer, welche wider ihn gefochten und die Confiscationen der Ländereien rechtfertigen, welche ſeine eigenen Grafen und Ritter als Lohn von ihm erwarteten. Das Murmeln war eben zu ergreifendem Schweigen erſtorben, als ein Weib, das den Mönchen unbemerkt und unbeachtet gefolgt war, mit raſchem geräuſchloſem Schritt vor des Herzogs Fußſchemel trat und ohne ein Knie vor ihm zu beugen mit leiſer aber für Alle vernehmbarer Stimme in die Worte ausbrach: „Normanne, im Namen der Frauen von England ſage ich Dir, Du darfſt dem Helden, der in der Vertheidigung ihres Herdes und ihrer Kinder ſtarb, nicht ſolches Unrecht anthun!“ Bevor ſie ſprach, hatte ſie ihren Schleier zurückgeworfen; ihr entfeſſeltes Haar, im Schimmer der Bankettlichter wie Gold glitzernd, wallte über ihre Schultern, und jene wunderbare Schönheit, welche ſelbſt unter den Damen von England nicht ihres Gleichen hatte, leuch⸗ tete vor den Augen des betroffenen Herzogs und ſeiner athemloſen Ritter gleich der Erſcheinung eines anklagenden Engels. Nur zweimal in ihrem Leben ſollte Editha jenen furchtbaren Mann ſehen: das erſtemal als ſie faſt noch Kind am Fuße des Grab⸗ hügels ſtand und durch den Feſttagspomp ſeiner Trompeten und Ban⸗ ner aus ihren Lieblingsträumereien geweckt wurde, und dann aber⸗ mals in der Stunde ſeines Triumphes und unter den Trümmern von England auf dem Felde von Sanguelac, da ihre Seele, das zerbrochene zermalmte Herz überlebend, mit der Treue des erhabenen Weibes den todten Helden vertheidigte. So ſtand ſie, ohne zu zittern oder ein Knie zu beugen, mit mar⸗ morbleicher Wange und ſtolzem Blicke dem Eroberer gegenüber, und die edlen Barone äußerten ihren kühnen Beifall, ſobald ſie geendet hatte. „Wer biſt Du?“ fragte William, wenn nicht eingeſchuͤchtert, doch⸗ Bulwer, Harold. 41 642 wenigſtens erſtaunt.„Mich dünkt, ich habe Dein Geſicht ſchon früher geſehen; Du biſt nicht Harolds Weib oder Schweſter?“ „ ‚Gefürchteter Herr,“ antwortete Osgood,„ſie war Harold's Verlobte; da ihnen aber die Kirche als in entferntem Grade Verwand⸗ ten die Ehe verbot, ſo gehorchten ſie der Kirche.“ Mitten aus der Menge der Bankettirenden trat Mallet de Graville. „O mein Lehensherr,“ ſagte er,„Du haſt mir Graſſchaft und Ländereien verſprochen; ſtatt dieſer unverdienten Gaben gewähre mir das Recht, Harold's Ueberreſte zu ehren und zu beerdigen. Erſt heute verdanke ich ihm mein Leben: laß mich dafür geben, ſo viel ich noch vermag— ein Grab!?! William ſchwieg; aber das deutlich ausgeſprochene Gefühl der Verſammlung und vielleicht ſeine eigene beſſere Natur, welche, ſo ſehr ſte auch durch Argliſt beſchmutzt und durch deſpotiſchen Grimm ver⸗ härtet wurde, gleichwohl heroiſch und großmüthig angelegt war— trug den Sieg davon. „Du appellirſt nicht vergeblich an die normänniſche Ritterlichkeit, o Dame,“ ſagte er ſanft:„Dein Vorwurf war gerecht und ich bereue meine haſtige Aufwallung. Mallet de Graville, Deine Bitte iſt ge⸗ währt; Deiner Wahl ſey der Begräbnißplatz, Deiner Sorge das Lei⸗ chenbegängniß des Mannes überlaſſen, deſſen Seele dem menſchlichen Gerichte entrückt iſt.“ Das Feſtmahl war vorüber; William der Eroberer ſchlief auf ſeinem Lager und um ihn ſchlummerten ſeine normänniſchen Ritter, von künftigen Baronieen träumend; noch immer durchzogen die trau⸗ rigen Fackeln die Verwüſtung des Todes und durch die Stille der Nacht hörte man fern und nah das Wehklagen der Frauen. Von den Brüdern aus Waltham begleitet und von Fackelträgern gefolgt, war Mallet de Graville noch immer mit Aufſuchung des kö⸗ niglichen Todten beſchäftigt— aber ſein Suchen war vergeblich. Höher liſcher geſper hatten furcht nicht Wund Müttt einzeln die B der N bräuch leid, 9 2 dem„ des H „fechte wenn 4 freudit hierhen 2 Fahne * wir in ihres K wenigſt deren i rüher vold's vand⸗ et de t und e mir heute noch l der ſehr ver⸗ ar— chkeit, bereue ſt ge⸗ 3 Lei⸗ lichen f auf titter, trau⸗ Nacht ägern 2s kö⸗ blich. Höher und ſtiller ſtieg der herbſtliche Mond bis zur Höhe der melancho⸗ liſchen Mitternacht und lieh dem Schimmer der rötheren Lichter ſeine geſpenſtige Hülfe. Gleich beim Heraustreten aus dem Pavillon hatten ſie Editha vermißt; ſie hatte ſie allein verlaſſen und war in der furchtbaren Wildniß verloren gegangen.. „Vielleicht haben wir den geſuchten Leichnam ſchon geſehen und nicht erkannt,“ äußerte Ailred muthlos.„Das Geſicht kann durch Wunden entſtellt ſeyn, und deßhalb beſuchen die ſächſiſchen Weiber und Mütter unſere Schlachtfelder, weil ſie Diejenigen, die ſie ſuchen, an einzelnen außer dem Haushalte unbekannten Zeichen entdecken.“* „Ah ich begreife Dich,“ erwiederte der Normanne;„Du meinſt die Buchſtaben oder Denkſprüche, welche Eure Krieger als Unterpfand der Neigung oder als eingebildeten Zauber gegen Unheil Euren Ge⸗ bräͤuchen gemäß ihrer Geſtalt aufzudrücken pflegen.“ „So iſt's,“ gab der Moͤnch zur Antwort;„und darum thut mir's leid, daß wir das Mädchen als Führerin verloren haben.“ Während dieſes Geſpräches hatten ſie ſich faſt verzweifelnd zu dem Pavillon des Herzogs zurückgewendet. „Seht,“ rief de Graville„wie nah jenes einſame Weib dem Zelte des Herzogs— ja ſogar dem Fuße der heiligen Fahne, welche den „ſechtenden Mann“ erſetzte, gekommen iſt. Pardex, mein Herz blutet, wenn ich ſehe, wie ſie ſich abmüht, die ſchweren Todten aufzuheben.“ Die Mönche näherten ſich der Stelle und Osgood rief faſt mit freudiger Stimme: „Es iſt Editha die Schöne! Hierher mit den Fackeln! Geſchwind hierher!“ Die Leichen waren mit unehrerbietiger Haſt zu beiden Seiten der Fahne weggeräumt worden, um für das Banner des Croberers und * Dieſe Annahme wird wohl als richtig zugegeben werden, denn wenn wir in den ſächſiſchen Annalen leſen, daß Todte an beſonderen Merkmalen ihres Körpers erkannt wurden, ſo laſſen ſich dieſe Zeichen am deutlichſten oder wenigſtens am natürlichſten durch die Gewohnheit des Punktirens erklären, deren in der Malmesbury Chronik erwähnt wird.. 6ʃ⁴44 deſſen Feſtpavillon Raum zu gewinnen: ſo lagen ſie über einander ge⸗ thürmt in dieſem heiligen Bette. Und das Weib war ſchweigend und ohne ein anderes Licht als das des Monds mit ihrer Nachſuchung beſchäftigt. Als ſie ſich nahten, winkte ſie ungeduldig mit der Hand, wie wenn ſie auf den Todten eiferſüchtig wäre; gleichwie ſie aber ihre Hülfe nicht verlangt hatte, ſo machte ſie auch keinen Verſuch, ſich ihr zu widerſetzen. Leiſe ſtöhnend hielt ſie in ihrem Geſchäfte inne und kniete nieder, um ſie zu bewachen; traurig ſchüttelte ſie den Kopf, als ein Helm nach dem andern gelöst wurde und die Fackeln die ernſten todtenbleichen Stirnen beleuchteten. Endlich fielen die Lichter roth und voll auf Haco's geiſterhaftes Antlitz— im Tode noch ebenſo ſtolz und traurig wie im Leben. „Des Königs Neffe: dann iſt der König gewiß nahe,“ rief de Grraville. Ein Schauer zitterte über des Weibes Geſtalt und ihr Stoͤhnen verſtummte. Sie enthüllten das Geſicht einer zweiten Leiche, und tief betrübt und von Grauen betroffen wendeten ſich Ritter und Mönche bei dem erſten Blicke von dieſem Schauſpiele ab, denn das Geſicht war gänz⸗ lich entſtellt und von Wunden zerriſſen, und nichts war mehr zu ent⸗ decken, als die verwüſtete Majeſtät deſſen, was einſt Menſch geweſen. Nur Cdithens Herzen entfuhr ein wilder Schrei beim Anblicke dieſes Geſichtes. Sie ſprang auf, ſchob die Mönche mit wilder zorniger Gebärde bei Seite, und beugte ſich über das Antlitz, um mit ihrem langen Haare das geronnene Blut davon abzuwiſchen, worauf ſie mit krampf⸗ haften Fingern die Schnallen des Bruſtharniſches zu löſen ſuchte. Der Ritter kniete nieder, um ihr beizuſtehen. „Nein, nein,“ ächzte ſie.„Er iſt mein— jetzt mein!“ Ihre Hände bluteten, als der Panzer endlich ihren Anſtrengun⸗ gen nachgab; die Tunika darunter war ganz mit Blut übergoſſen. Sie öffnet⸗ zen w darun tirt. Todte mit W redete war; mählt gütig, ſie und lange — H (ſo ſa⸗ wiſſen Abſch ſo war die M ſein C Norm ritter! wußte könne würd * ** S. N er ge⸗ eigend chung „wie r ihre ich ihr e und ff, als rnſten rroth o ſtolz rief de öhnen etrübt i dem gänz⸗ u ent⸗ veſen. dieſes bärde angen ampf⸗ 645 öffnete die Falten und auf der Bruſt dicht über dem verſtummten Her⸗ zen war mit altſächſiſchen Buchſtaben das Wort EDJITH A und darunter mit friſcherer Handſchrift der Name ENGLAND einpunk⸗ tirt.„Seht, ſeht!“ rief ſie in herzzerreißendem Tone, und den Todten in ihre Arme faſſend, küßte ſie ſeine Lippen und rief ihm laut mit Worten der zärtlichſten Liebkoſung, als ob ſie den Liebenden an⸗ redete. Alle Anweſenden wußten jetzt, daß ihre Nachforſchung zu Ende war; Alle wußten, daß die Augen der Liebe den Todten erkannt hatten. „Vermählt, vermählt,“ murmelte die Verlobte;„endlich ver⸗ mählt! O Harold, Harold! die Schickſalsſchweſtern waren treu und gütig,“ und ihr Haupt ſanft auf die Bruſt des Todten legend, lächelte ſte und verſched.—————————— Am Oſtende des Chors in der Abtei zu Waltham zeigte man lange das Grab des letzten Sachſenkönigs, mit den rührenden Worten — Harold Infelix“— überſchrieben. Aber nicht unter dieſem Steine (ſo ſagt wenigſtens derjenige Chroniſt, der die Wahrheit am beſten wiſſen ſollte)** verweste der Staub des Mannes, in deſſen Grabe ein Abſchnitt der menſchlichen Geſchichte beerdigt lag. „Sein Leichnam möge die Küſte bewachen, welche ſein Leben ſo wahnſinnig vertheidigte,“ ſagte William der Normanne.„Laßt die Meereswogen ſeine Todtenklage heulen und ſein Grab umgürten; ſein Geiſt möge das Land beſchützen, das jetzt an die Herrſchaft der Normannen übergegangen.“ Mallet de Graville billigte das Wort ſeines Herrn, denn ſein ritterliches Herz verwandelte den geheimen Hohn in Ehre, und er wußte wohl, daß Harold ſich keinen Begräbnißplatz hätte wählen können, der ſeines engliſchen Geiſtes und ſeines ächten Römertodes würdiger geweſen wäre.— *„Harold, der Unglückliche.“ ** Der Normanne Wilhelm von Poitiers, Harold's Zeitgenoſſe.— S. Note P. Die Gruft zu Waltham hätte die treue Aſche der Verlobten aus⸗ geſchloſſen, deren Herz am Buſen des gefallenen Todten gebrochen war; ſanfter war ihr das Grab unter der Kuppel des Himmels und geheiligt durch den bräutlichen Todtengeſang der ewigrollenden Meereswogen. So ließ Mallet de Graville mit jenem Sinne für Poeſie und Liebe, der bei einem normänniſchen Ritter einen Theil ſeiner Re⸗ ligion ausmachte, die edlen Entſeelten, die das Leben getrennt hatte, wenigſtens im Tode vereinen. Am Meeresufer, nicht weit von der Stelle, wo William an's Land geſprungen war, auf dem geweihten Begraͤbnißgrunde, der eine kleine ſächſiſche Kapelle einſchloß, umfing ein Grab die beiden Verlobten, während die Gruft zu Waltham blos einen leeren Namen ehrte.* Acht Jahrhunderte ſind dahingegangen, und wo iſt der Nor⸗ manne— wo der Sachſe? Die kleine Urne, welche für den mächtigen Exroberer genügte,“*“ iſt ſogar ihres Staubes beraubt; aber der grab⸗ loſe Schatten des königlichen Freien bewacht noch immer die Küſten und ruht auf den Wogen. Auf manchem geräuſchloſen Felde, Ihr ſächſiſchen Helden, haben Eure Hinterbliebenen mit Gedanken ſtatt der Armeen den Sieg von den normänniſchen Ueberwindern zurückerobert, und ſo oft die Freiheit mit beſſerem Glücke der Gewalt widerſteht, ſo oft die Gerechtigkeit, die alte Niederlage ſühnend, den bewaffneten Betrug, der das Unrecht heiligen möchte, niederwirft— ebenſo oft magſt Du lächeln, o Seele unſeres ſächſiſchen Harold's, befriedigt lächeln über dem ſächſiſchen Volke! * Note P. **⁴ Rex magnus parva jacet hic Guilielmus in urna, Sufficit et magno parva Domus Domino. (Wilhelm der große König in kleiner Urne hier liegt er, Iſt das Haus auch nur klein, reicht's für den mächtigſten Herrn.) So lautet des Eroberers Grabſchrift bei Gemiticen. Seine Gebeine ſollen mehrere Jahrhunderte ſpäter ausgegraben worden ſeyn. 3 ochen 3 und enden 2e und Re⸗ hatte, n der eihten nfing blos Nor⸗ tigen grab⸗ üſten Ihr ſtatt bert, , ſo neten o oft edigt rn.) ebeine aus⸗ Anmerkungen. A. Ueber William des Erſten Statur findet man verſchiedene Angaben in den Chroniken; Einige ſtellen ihn dar als einen Rieſen, Andere nur von mitt⸗ lerer Größe. Betrachtet man die Geneigtheit des Volkes, auf die Geſtalt eines Helden die Eigenſchaften ſeines Geiſtes überzutragen, und laſſen wir den auf die Größe der(wie man vorgibt) ausgegrabenen Gebeine gegründeten Beweis ganz außer Frage— denn die Autoritäten, auf die er ſich beruft, ſind wirklich noch weit weniger glaubwürdig, als die, welche das Skelett des my⸗ thiſchen Gawaine zu acht Fuß Länge angeben— ſo müſſen wir in Betreff der phyſiſchen Verhältniſſe derjenigen Annahme den Vorzug geben, welche mit den gewöhnlichen Naturgeſetzen am beſten im Einklange ſteht. Es iſt in der That eine Seltenheit, wenn der Geſtalt eines Rieſen ein großer Verſtand innewohnt. B. Jagdgeſetze vor der Eroberung. Unter den ſächſiſchen Königen durfte man zwar auf ſeinem eigenen Grunde jagen, doch war dies ein Vorrecht, das faſt nur den Thanen zu gut kam; auf angebautem Boden oder Grafſchaftsland war überdies nicht dieſelbe Jagd zu finden, wie in den wüſten Strecken, welche unter dem Namen des Forſtlandes zumeiſt den Königen gehörten. In einem Geſetze, deſſen in einem Bande der Schatzkammer gedacht wird, erklärt Edward:„ich will, daß alle Männer ſich des Jagens in meinen Waldungen enthalten und daß mein Wille bei Todesſtrafe befolgt werde.“* Edgar, der Lieblingsmonarch der Mönche und in der That einer der po⸗ pulärſten der ſächſiſchen Könige, war in ſeinen Forſtgeſetzen ſo ſtreng, daß Thane ſo gut wie geringere Landeigenthümer murrten, da ſie gewöhnt waren, * Thomſon'’s Verſuche über die Magna Charta. 648 die Waldungen zu Waide und Viehfutter zu benützen. Canuts Jagdgeſetze ſollten als ein liberales Zugeſtändniß an die öffentliche Meinung in dieſem Punkte gelten: ſie ſind beſtimmter als Edgars Verordnungen, aber immer noch furchtbar hart: wenn ein Freier ein Wild des Königs tödtete oder deſſen Förſter ſchlug, ſo verlor er ſeine Freiheit und ward zum weißen Theowen, das heißt, er wurde Verbrechern gleich geachtet. Gleichwohl erlaubte Canut den Biſchöffen, Aebten und Thanen, in ſeinen Waldungen zu jagen— ein Privilegium, das von Heinrich III. wiederhergeſtellt wurde. Nach der Er⸗ oberung war der Adel von den königlichen Jagden ausgeſchloſſen und bat deßhalb ſchon unter Williams I. Regierung ſeine Parks einzäunen zu dürfen; ſchon zur Zeit ſeines Sohnes Heinrichs I. waren ſolche Parke ſo gewöhnlich, daß ſie ebenſoſehr ein Gegenſtand der Lächerlichkeit wie der Beſchwerde wurden. OC. Lanfranc, der erſte anglo⸗normänniſche Erzbiſchof von Canterbury. Lanfrane war in jeder Hinſicht einer der merkwürdigſten Männer des eilften Jahrhunderts. Er ward ums Jahr 1005 zu Pavia geboren; ſeine Familie war von Adel, denn ſein Vater zählte zu der Magiſtratur der lom⸗ bardiſchen Hauptſtadt Pavia. Von früheſter Jugend an widmete er ſich mit dem ganzen Eifer eines Gelehrten den freien Künſten, insbeſondere dem Stu⸗ dium der bürgerlichen und kirchlichen Jurisprudenz. Er ſtudirte zu Köln und trat ſpäter in ſeinem Vaterlande als theoretiſcher und praktiſcher Rechtslehrer auf.„Noch als ganz jung triumphirte er über die fähigſten Advokaten, und der Strom ſeiner Beredtſamkeit verwirrte die ſpitzfindigſten Rhetoriker,“ ſo ſagt einer ſeiner Chroniſten. Seine Entſcheidungen wurden von den ita⸗ lieniſchen Rechtsgelehrten und Tribunalen als Autorität anerkannt. So viel aus ſeiner Geſchichte und ſeinem beſonderen Renommée hervorgeht,(denn von unſeren heutigen Gelehrten können wohl nur wenige auf mehr als theilweiſe oberflächliche Bekanntſchaft mit ſeinen Schriften Anſpruch machen)— erging ſich ſein Geiſt gerne in den Spitzfindigkeiten der Kaſuiſtiker; allein ſein Sinn war doch zu groß und weitſichtig für ſolche Studien, welche das höhere Gei⸗ ſtesvermögen zwar ergötzen, aber nie befriedigen, und er bekam die blos ge⸗ ſetzliche Dialektik bei Zeiten ſatt. Die großen, abſorbirenden Myſterien des chriſtlichen Glaubens und der römiſchen Kirche(groß und abſorbirend in dem Maße, als der religiöſe Glaube ihre Annahmen als ſchon bewieſene mathema⸗ tiſche Sätze anerkennt) beſchäftigten bald ſeine Einbildungskraft und prüften ſeine forſchende Vernunft bis in ihre innerſte Tiefe. Die Chronik von Knyg⸗ thon wich rückg ken, eine was Knah „Ebe Dein verſch mäch in di findu gang Man im 3 Herl lehrte dama Lage wuche einem die N ging wie d cogne genief L gegen Heira er wi gnade hörte. Willie liche den 3 3 * **½ 3—— 649 ſetze thon erzählt eine intereſſante Anekdote aus ſeinem Leben während dieſer ſeiner ſem wichtigſten Kriſe. Er hatte ſich nach einer abgelegenen Stelle der Seine zu⸗ mer rückgezogen, um über das geheimnißvolle Weſen der Dreieinigkeit nachzuden⸗ eſſen ken, als er einen Knaben das Waſſer des vor ihm ſtrömenden Fluſſes in ven, einen kleinen Brunnen ſchöpfen ſah. Seine Neugier war rege und er fragte, inut was der Knabe vor habe.„Jene Tiefe in dieſen Brunnen zu leeren,“ gab der ein Knabe zur Antwort.„Das kannſt Du nie vollbringen,“ meinte der Eelehrte. Er⸗„Ebenſo wenig als Du die Tiefe, über welche Du nachſinnſt, in den Brunnen bat Deiner Vernunft ſchöpfen wirſt,“ erwiederte der Knabe. Mit dieſen Worten fen; verſchwand der Sprecher und Lanfranc, auf die Hoffnung verzichtend, das lich, mächtige Geheimniß zu ergründen, warf ſich mit einem Male dem Glauben den. in die Arme und nahm ſeinen Aufenthalt in dem Kloſter zu Bec. Die Erzählung iſt vielleicht eine Legende, aber jedenfalls keine leere Er⸗ findung. Er gab ſie wohl ſelbſt als eine Parabel, um durch ſie den Ideen⸗ gang zu erklären, der ſeine Laufbahn entſchieden hatte. In der Blüthe ſeiner on Mannsjahre um's Jahr 1042, als er in ſeinem ſiebenunddreißigſten Jahre und im Zenith ſeines gelehrten Rufes ſtand, eröffnete er in dem erſt kürzlich unter Herluin, ſeinem erſten Abte, gegründeten Kloſter zu Bec eine Schule für Ge⸗ des lehrte, welche eine der berühmteſten im Weſten von Europa wurde, und das eine damals noch unbekannte Kloſter, welches durch die Abgeſchiedenheit ſeiner m⸗ Lage und ſeine ärmliche Ausſtattung die Wahl des Lombarden auf ſich lenkte, mit wuchs unter ſeinem Einfluſſe zur Akademie ſeines Zeitalters heran.„Unter tu⸗ einem ſolchen Meiſter,“ ſagt Orderie* in ſeiner reizenden Chronik,„empfingen ind die Normannen ihren erſten Unterricht in der Literatur; aus dieſer Schul⸗ rer ging jene Maſſe beredter Philoſophen hervor, welche die Theologie ebenſo ſehr ind wie die Wiſſenſchaft ſchmückten. Aus Frankreich und Flandern, aus der Gas⸗ ſo cogne und Bretagne ſtrömten die Schüler herbei, um ſeinen Unterricht zu ta⸗ genießen.“ iel Lanfranc hatte anfänglich, wie wir oben im Texte oberflächlich angedeutet, on gegen Williams Heirath mit Mathilde von Flandern Partei genommen— eine iſe Heirath, welche den formalen Regeln der römiſchen Kirche offen zuwir erlief; ng er wurde deßhalb von dem hitzigen Herzog verbannt, obwohl Williams Un⸗ nn gnade auf den im Tert erwähnten anſtändigen Scherz(jocus decens) auf⸗. ei⸗ hörte. Zu Rom jedoch bot er all' ſeinen Einfluß und ſeine Beredtſamkeit zu ge⸗ Williams Gunſten auf, und der große Normanne hatte wirklich die ſchließ⸗ es liche Sanktion ſeiner Ehe und den Widerruf des ſein Reich erkommuniciren⸗ m den Interdikts blos dem Gelehrten von Pavia zu verdanken.** a⸗ Zu Rom wohnte er anno 1059(dem Jahre, wo die Normandie e* Orderic. vital. Iib. 4. g⸗.** Das Datum von Williams Vermählung wird in der engliſchen und *———— 5— 3 650 förmlich von dem Kirchenbanne erlöst wurde) dem bekannten Concile bei, vor welchem der berühmte Berenger, Erzbiſchof von Angers— gegen den er eine polemiſche Controverſe geführt hatte, welche mehr als alles Andere ſeinen Ruf am päbſtlichen Hof befeſtigte— ſeine Ketzereien über die wirkliche Gegen⸗ wart in dem Sakramente des Abendmahls abſchwor. Im Jahre 1062 oder 1063 erhob Herzog William den Lombarden gegen deſſen eigenen Willen(denn Lanfranc liebte die Freiheit der Wiſſenſchaft auf⸗ richtig und mehr als gewöhnliche Macht) zum Abte von St. Stephan zu Caen. Von dieſer Zeit an übte er den unbeſchränkteſten Einfluß über ſeinen ſtolzen Gebieter. Der gleichzeitige Hiſtoriker Wilhelm von Poitiers ſagt:„William reſpektirte ihn wie einen Vater, ehrte ihn wie einen Lehrer und liebte ihn wie einen Sohn oder Bruder.“ Er vertraute ihm alle ſeine Plane und über⸗ ließ ihm die oberſte Leitung der Kirchenverordnungen in der ganzen Norman⸗ die. Nicht weniger ausgezeichnet durch ſeine praktiſche Gewandtheit in Ge⸗ ſchäften als durch ſeine ſeltene Frömmigkeit und theologiſche Gelahrtheit er⸗ reichte Lanfrane wirklich das ächte Ideal eines Gelehrten, welchem nichts was menſchlich iſt fremd ſeyn ſollte, deſſen Cloſet blos eine Eremitenzelle iſt, wenn es nicht anvers zu einem Mikrokosmus wird, der den Markt wie das Forum umfaßt— des Gelehrten, der mit dem reflektiven Theile ſeiner Natur die höhere Region der Philoſophie erfaßt, durch den thatkräftigen aber in den Hauptbrennpunkt des Handelns gezogen wird, denn Gelehrſamkeit iſt blos die Mutter der Ideen und dieſe ſind die Erzeuger der That. Nach der Eroberung wurde Lanfranc als Prälat von Canterbury der zweite Mann im Königreiche— ein Glück für England wäre es vielleicht ge⸗ weſen, wenn er der erſte geworden wäre, denn alle Anekdoten über ihn be⸗ weiſen eine tiefe aufrichtige Theilnahme für die unterdrückte Bevölkerung. Allein William, der König der Engländer, ſtand nicht mehr unter demſelben Einfluſſe, wie ihn Lanfranc über den Herzog der Normannen geübt hatte. Der Gelehrte hatte den Ehrgeizigen gekräftigt und vermochte nur noch wenig über den Eroberer. Lanfranc war freilich kein fehlerloſer Charakter: er war Prieſter, Ad⸗ vokat und Weltmann— drei Rollen, welche beſonders im eilften Jahrhundert nur ſchwer zur Vollkommenheit zu verſchmelzen waren. Aber er ſteht jeden⸗ falls ſowohl in der Ueberlegenheit ſeiner Tugenden, wie in dem Freiſeyn von den gewöhnlichen Laſtern in glänzendem rieſengroßem Gegenſatze gegen den normänniſchen Geſchichte verſchieden angegeben, fällt aber nach den Meiſten 1051—52. Pluquet ſagt in einer Note zu ſeiner Ausgabe des Roman de Rou, die Chronik von Tours ſey die einzige Autorität für das Datum dieſer Ver⸗ heirathung, und dort wird das Jahr 1053 angeführt. Es ſcheint, die päbſt⸗ liche Exkommunikation wurde erſt 1059 förmlich zurückgenommen und die ei⸗ gentliche Dispenſation zur Che nicht früher als 1063 extheilt. n 65¹1 Reſt unſerer damaligen Prieſterſchaft. Er betrachtete die Grauſamkeiten Odo’s von Bayeur mit Abſcheu, widerſetzte ſich ihm voller Feſtigkeit und un⸗ tergrub zuletzt deſſen Macht zur Freude von ganz England. Er ſpornte mäch⸗ tig zum Lernen und gab ſeinen Mönchen ein hohes Beiſpiel, wie man ſich von den käuflichen Sünden ihrer Kaſte frei machen müſſe; er legte den Grund zu einem mächtigen glänzenden Klerus, der nur darum, weil es ihm an ſpä⸗ teren Lanfranc's gebrach, jenen Grad von Civiliſation hervorzurufen verfehlte, wozu ihn Lanfranc als Werkzeug auserſehen hatte. Er weigerte ſich, Wil⸗ liam Rufus zu krönen, ſo lange dieſer König nicht nach Recht und Geſetz zu regieren geſchworen hatte, und ſtarb geehrt und geliebt von dem ſächſiſchen Volke, trotzdem daß er ein Uſurpator geweſen war. Gelehrter und Morgenſtern in dem finſteren Zeitalter des Trugs und der Gewalt!— es iſt leichter, Dein Leben zu preiſen, als durch die Länge der Jahrhunderte all' die unſichtbaren unermeßlichen Wohlthaten zu verfolgen, welche ein einziger Gelehrter in den Seelen, die er erweckt, in den Gedanken, die er anregt, durch ſein Leben in dieſer Welt zurückläßt.* D. Edwards des Bekenners Erwiderung gegen Magnus von Dänemark, als dieſer ſeine Krone beanſpruchte. Bei ſeltenen Gelegenheiten war Edward nicht ohne einen Anſtrich edlen ritterlichen Weſens. Snorro Sturleſon erzählt uns eine männliche geiſtreiche Antwort, welche der Bekenner dem Magnus ertheilte, der als Canuts Erbe auf die eng⸗ liſche Krone Anſpruch machte; ſie ſchloß alſo:„Nun ſtarb Hardicanut und da ging der Entſchluß des Volks dahin, mich hier in England zum Könige zu nehmen. So lange ich keinen königlichen Titel beſaß, diente ich meinen Obe⸗ ren in Allem wie Einer, der durch Geburt keinen Anſpruch auf Land oder Königreich hat. Nun aber habe ich den Königstitel empfangen und bin als König geſalbt; ich habe wie vor mir mein Vater meine königliche Würde und Autorität begründet, und ſo lange ich lebe, werde ich nicht auf meinen Titel verzichten. Wenn König Magnus mit einem Heere kommt, werde ich kein zweites gegen ihn ſammeln; aber er ſoll erſt dann Gelegenheit haben, England einzunehmen, wenn er mir das Leben genommen hat. Hinterbringt ihm dieſe meine Worte.“ * Wer ſich für die Gewährsmänner obiger Skizze wie für manche merk⸗ würdige Anekdote über Lanfranc's Charakter intereſſirt, leſe Orderic. Vital. lor. De Knyghton. lip. I. Gervasius und das Leben Lanfranc's in der Sammlung ſeiner Werke. 652² Wenn wir dieſe Antwort als authentiſch annehmen dürfen, ſo iſt ſie dop⸗ pelt merkwürdig als Beweis, daß Edward ſeinen Titel auf den Entſchluß des Volkes ihn zum König zu nehmen begründete und ſeine erblichen Anſprüche im Vergleiche damit als Nichts achtete. Dieſes ſowohl wie überhaupt der Ton der Antwort— beſonders die Stelle, wo er ausſpricht, daß er ſeine Ver⸗ theidigung nicht der Armee, ſondern dem Volke anvertraue— macht es wahr⸗ ſcheinlich, daß Godwin die Antwort diktirte; und in der That, Edward ſelbſt hätte ſie weder in's Sächſiſche noch in’s Däniſche einkleiden können. Aber der König bleibt jedenfalls zu dem Lobe, das er verdient, gleich berechtigt, ob er ſie nun ſelbſt abfaßte oder ihren wackeren Ton und fürſtliche Geſinnung blos billigte und ſanktionirte. E. Herolde. So Vieles von dem„Stolze, dem Pompe und Aufwande,“ der das rit⸗ terliche Zeitalter begleitete, wird von dieſen Gefährten der Prinzen und Ver⸗ kündigern edler Thanen entlehnt, daß es den Leſer wohl intereſſiren dürfte, wenn ich ihm kurz zuſammenſtelle, was unſere beſten Alterthumskenner über deren erſtes Erſcheinen in unſerer Geſchichte geſagt haben. Camden meint,(etwas zu voreilig, fürchte ich,)„ihr Anſehen, Ehre und Namen habe in den Zeiten Karls des Großen begonnen.“ Die erſte Erwäh⸗ nung von Herolden in England fällt in die Regierung Edward's III.— eine Regierung, in welcher das Ritterweſen ſeinen glänzendſten Gipfel erreicht hatte. Whitlock ſagt:„einige leiten den Namen Herold von Herauld, einem ſächſiſchen Worte(alter Krieger oder Altmeiſter bedeutend) ab, weil die He⸗ rolde urſprünglich aus den Veteranen gewählt wurden.“ Joſeph Holland er⸗ zählt:„ich finde, daß Malcolm König der Schotten einen Herold an William den Eroberer ſandte, um wegen des Friedens zu unterhandeln, während beide Heere in Schlachtordnung ſtanden.“ Agard behauptet:„zur Zeit der Erobe⸗ rung waren Herolde noch nicht gebräuchlich,“ und bemerkt richtig, daß der Eroberer einen Mönch als Boten an König Harold abſandte Hier möchte ich noch beifügen, daß auch in den altfranzöſiſchen und nor⸗ männiſchen Chroniken Mönche und Prieſter das Amt der Herolde verrichten. So ſchickt Karl der Einfältige einen Erzbiſchof zur Unterhandlung mit Rolf⸗ ganger; Ludwig der Fromme einen„weiſen und klugen Abt“ an Mormon, Häuptling der Bretonen. In den ſächſiſchen Zeiten war der Nuntius(ein Wort, das noch im heraldiſchen Latein gebraucht wird) der regelmäßige Ge⸗ ſandte des Königs wie der großen Earls. Sein ſächſiſcher Name hieß bode (Bote), und war-bode(Kriegsbote), wenn er zu feindlichen Verhandlungen wel 653 verwendet wurde. Die Geſandten zwiſchen Godwin und dem König mögen wohl dem allgemeinen Sinne der Chronik zufolge gewiſſe Thane geweſen ſeyn, e welche als Vermittler auftraten. F. Die Fylgia oder der Schutzgeiſt. Dieſer liebliche Aberglaube in der ſkandinaviſchen Religion iſt um ſo bemerkenswerther, als er im Glauben der eigentlichen Teutonen nicht vor⸗ kommt und mit dem guten Engel oder Schutzgeiſte der Perſer enge zuſam⸗ menhängt. Er bildet deshalb einen der Beweiſe für die aſiatiſche Abſtam⸗ mung der Nordmänner. Die Fylgia(begleitender Geiſt) wurde immer als weibliches Weſen dargeſtellt. Ihr Einfluß war nicht durchaus günſtig, obwohl letzteres ihr Hauptmerkmal ausmacht. Wurde ſie vernachläſſigt, ſo war ſie der Rache fähig, zeigte aber die ganze Hingebung ihres Geſchlechts, wenn ſie geziemend behandelt wurde. Mr. Grenville Pigott in ſeinem neuen populären„Hand⸗ buch ſkandinaviſcher Mythologie“ erzählt eine intereſſante Legende in Betreff einer dieſer übernatürlichen Damen: „Ein ſkandinaviſcher Krieger, Halfred Vandrädakald hatte den chriſtlichen 1 Glauben angenommen. Als er nun von einer, wie er glaubte, tödtlichen Krank⸗ heit befallen wurde, fürchtete er natürlich, ein Geiſt, der ihn durch ſein heid⸗ niſches Leben begleitet, dürfe ihm nicht in jene andere Welt folgen, wo deſſen Geſellſchaft ihn in verdrießliche Geſchichten verwickeln könnte. Die hartnäckige Fylgia wandelte gleichwohl in Geſtalt eines ſchönen Mädchens auf den Wogen der See hinter ſeinem Wikingerſchiffe her und kam ſo nahe, daß die ganze Schiffsmannſchaſt ſie erblickte. Halfred, ſeine Fylgia erkennend, ſagte ihr mit dürren Worten, daß ihre Verbindung für immer ein Ende habe. Die ver⸗ laſſene Fylgia beſaß aber auch ihren Stolz und fragte nun Thorold,„ob er ſie haben wolle.“ Dieſer war ungalant genug, ſie auszuſchlagen; Halfred der jüngere aber ſagte:„Mädchen, ich will Dich nehmen.“* In den verſchiedenen Nordlandsſagen gibt es viele Anekdoten über dieſe Geiſter, welche immer reizend erſcheinen, weil ſie ihren weniger irdiſchen At⸗ tributen ſtets etwas vom Charakter des Weibes beimiſchen. Die in ihrem Daſeyn verkörperte Poeſie iſt von ſanfterem menſchlicherem Charakter, als er ſonſt in den ſtrengen rieſigen Dämonen der ſkandinaviſchen Mythologie er⸗ ſichtlich iſt. * Pigott's ſkandinaviſche Mythologie, S. 360. Half. Vand. Saga. 654 G.. Earl Godwin's Abſtammung. Sharon Turner bringt aus der Knytlinga Saga, was er eine Erklä⸗ rung über Godwin's Laufbahn und Verwandtſchaft nennt, worüber keine anderen Dokumente exiſtiren. Sie lautet:„Ulf, ein däniſcher Häuptling, ver⸗ folgte nach der Schlacht von Skorſtein zwiſchen Canut und Edmund Ironſides die engliſchen Flüchtlinge in einen Wald, wo er ſich verirrte und gegen Mor⸗ gen einen ſächſiſchen Jüngling traf, der das Vieh auf die Waide trieb. Er verlangte von ihm, er ſolle ihn in Sicherheit zu Canuts Schiffen weiſen und bot ihm als Führerlohn einen goldenen Ring; der junge Hirte verſchmähte jedoch dieſe Gabe der Beſtechung, barg aber den Dänen in der Hütte ſeines Vaters(der als bloßer Bauer geſchildert wird) und geleitete ihn am andern Morgen in das däniſche Lager. Vorher aber hatte der Vater des Jünglings dem Ulf vorgeſtellt, daß ſein Sohn Godwin, nachdem er einem Dänen zur Flucht verholfen, nicht mehr ſicher bei ſeinen Landsleuten bleiben könne und erſuchte ihn deßhalb, das Glück ſeines Sohnes bei Canut anzubahnen. Der Däne verſprach es und hielt Wort: daher Godwin’s Aufſchwung.“ Thierry in ſeiner„Ceſchichte der normänniſchen Eroberung“ erzählt dieſelbe Geſchichte nach der Autorität von Torfaeus Hist: Rer. Norweg. Nun brauche ich wohl keinen mit unſerer früheren Geſchichte Vertrauten zu ſagen, daß die nordiſchen Chroniken, wimmelnd von romantiſchen Sagen und Legenden, gegen unſere eigenen Memoiren niemals als Autorität gelten können, wenn ſie auch zuweilen als Ergänzung von Auslaſſungen in letzteren nicht ohne Werth ſind, und zum Unglück für dieſe hübſche Geſchichte ſprechen wider ſie die direkten Behauptungen der beſten Autoritäten, die wir beſitzen, nämlich der Sachſenchronik und Florence’'s von Worceſter. Die Sachſenchronik erzählt ausdrücklich, daß Godwin’s Vater Childe von Suſſer(Florence nennt ihn Miniſter oder Than von Suſſer)* und daß Wolnoth ein Neffe Edric's, des allmächtigen Earls oder Herzogs von Mercia geweſen. Florence beſtätigt dieſe Behauptung noch überdies durch den Stammbaum, der ſich folgender⸗ maßen ableiten läßt: *„Suthsaxonum ministram Wolfnothem.“ Flor. Wig. des ſter Syly Gan richt gen Suſ in ganz noth Kön von ſiſch und die neu 6⁵⁵ Edrie heirathete Egelric, mit dem Beinamen Leofwine. Edgith, Tochter König Ethelred's II. Egelmar. — Wolnoth. — Godwin. So war dieſer„alte Bauer“— wie die nordiſchen Chroniken den Wol⸗ noth nennen— unſeren unzweifelhafteſten Autoritäten zu Folge ein Than aus einem der wichtigſten Theile Englands und Mitglied der mächtigſten Familie des Königreichs. Wenn unſere ſächſiſchen Gewährsmänner überhaupt noch der Hülfe von Muthmaßungen bedürften, ſo lohnt ſich's wohl kaum der Frage, wofür die größere Wahrſcheinlichkeit ſpreche, ob dafür, daß ein ſächſiſcher Hirtenſohn in wenigen Jahren zu ſolcher Macht gelangte, daß er die Schwe⸗ ſter des däniſchen Eroberers und Königs heirathete, oder dafür, daß dieſe Ehe dem fähigſten Gliede eines ſchon vorher mit der ſächſiſchen Königslinie verwandten Hauſes übertragen worden ſeyn dürfte, das ſeine Macht nach dem Falle ſeines Hauptes, des verrätheriſchen Edrie Streone, offenbar noch beibe⸗ hielt. Sogar nach der Eroberung wird einer von Streones Neffen Edricus Sylvaticus als ein„ſehr mächtiger Than“ genannt.(Simon Dunelm.). Im Ganzen ſcheint der im Texte gegebene Bericht über Godwin’s Laufbahn der richtigſte, den unſere nur auf geringe hiſtoriſche Kenntniß baſirte Vermuthun⸗ gen zulaſſen. Im Jahre des Herrn 1009 ſchlägt Wolnoth, Childe oder Than von Suſſer, die Flotte Ethelreds unter ſeinem Oheim Brightrie und bricht alſo in Empörung aus. Wenn ſomit Canut fünf Jahre ſpäter 1014 von der ganzen Flotte zum König erwählt wird, ſo läßt ſich vermuthen, daß Wol⸗ noth und Godwin ſein Sohn ſeiner Sache anhingen und daß Godwin dem Könige ſpäter als ein junger Edelmann von großen. Hoffnungen vorgeſtellt, von dieſem ſcharfblickenden Regenten begünſtigt und als Mittel, die ſäch⸗ ſiſchen Thane für ſich zu gewinnen, zuletzt mit der Hand ſeiner Schweſter und zum zweitenmale mit der ſeiner Nichte beehrt wurde. H. Der Mangel an Veſten in England. Die Sachſen waren arge Zerſtörer: ſie zertrümmerten die Kaſtelle, welche die Britten von den Römern überkommen hatten, und bauten nur ſehr wenig neue, ſo daß das Land für die Dänen offen blieb, Alfred, dieſen Mangel wohl 656 fühlend, reparirte die Mauern von London und andern Städten und empfahl ſeinen Edlen und Prälaten auf's Dringendſte, die Erbauung von feſten Schlöſſern, ohne ſie jedoch dazu zu bringen. Seine hochſinnige Tochter Elfleda war die einzige Nachahmerin ſeines Beiſpiels: ſie erbaute acht Schlöſſer in drei Jahren.* So kam es, daß die Engländer in einem Lande, deſſen Beſchaffenheit über⸗ haupt keinen langwierigen Krieg zuläßt, fortwährend von dem Ausgange ei⸗ ner einzigen regelmäßigen Schlacht abhingen. Nach der Eroberung— unter Johanns Regierung— war es in der That das ſtarke Schloß von Dover, mit deſſen Belagerung Prinz Louis ſo viele Zeit verlor, was das Reich von England vor einer franzöſiſchen Dynaſtie rettete, und es iſt merkwürdig zu beobachten, wie das Land in ſpäteren Perioden, da die Veſten wieder in Ver⸗ fall geriethen, nach jedem bedeutenden Siege einer der ſtreitenden Parteien ſo leicht erobert wurde. In dieſer Beziehung ſind die Kriege der beiden Roſen reich an Belehrung. Die Handvoll ausländiſcher Söldlinge, wodurch Heinrich VII. ſeine Krone gewann, obwohl der wirkliche Erbe, der Earl von Warwick,(Ed⸗ ward's IV. Kinder als ungeſetzlich zugegeben, was ſie nach den Gebräuchen der Kirche auch wirklich waren) durch Richards Niederlage bei Bosworth ſeinen Anſpruch niemals verloren hatte— der Marſch des Prätendenten nach Derby — die Beſtürzung, die er durch ganz England verbreitete, und die Gewißheit ſeines Gelingens, wenn er vorgerückt wäre— der leichte Sieg Williams III. zu einer Zeit, da die Maſſe der Nation ſeiner Sache widerſtrebte— ſind lau⸗ ter warnungsvolle Thatſachen, gegen welche wir noch jetzt eben ſo blind ſind, wie wir es in Alfreds Tagen waren. I. Die Ruinen von Penmaen⸗mawr. 8 . In Camden's Britannia ſteht eine Schilderung der merkwürdigen Ueberreſte, die wir im Texte als letzten Zufluchtsort Gryffyth's ap Llewellyn angegeben haben— der Bericht iſt einem Manuſcript Sir John Wynne'’s aus Carls I. Zeit entnommen. Dabei ſind denn auf's Genaueſte beſchrieben seingeſtürzte Mauern von ausnehmend ſtarker Bauart, von einem dreifachen Walle umgeben, und zwiſchen jedem Walle die Grundmauern von wenigſtens hundert Thürmen, innerhalb der Wälle ſechs Schritte im Durchmeſſer faſ⸗ ſend. Dieſes Schloß ſcheint, ſo lange es ſtand, uneinnehmbar geweſen zu ſeyn; nirgends gab es einen Punkt, von wo man es angreifen konnte; der Hügel war ſehr hoch, ſteil und felſig und die Wälle ungemein ſtark, der Pfad zum Eingange führte in vielen Windungen aufwärts, ſo daß hundert Männer. „* Asser, de Reb. Gest. Alf. S. 17 u. 18. 657 ſich gegen eine ganze Legion vertheidigen konnten, und doch ſcheinen dieſe Waͤlle Raum für zwanzigtauſend Mann geboten zu haben. „Nach der Tradition unſerer Vorfahren war dies der ſtärkſte Zufluchts⸗ oder Vertheidigungsort, den die alten Britten im ganzen Snowdongebirge hatten; überdies beweist die Größe des Werkes, daß es eine fürſtliche, durch Natur und Kunſt verſtärkte Veſte war.“* Im Jahre 1771 beſtieg jedoch Gouverneur Pownall dieſes Pemnaen⸗ mawr, beſichtigte die Ueberreſte und publicirte ſeinen Bericht in der Archäolo⸗ gie, Bd. III, S. 305, nebſt einer Skizze des Berges und der Mauern auf deſſen Gipfel. Der Gouverneur meint, es ſey niemals eine Befeſtigung geweſen, glaubt vielmehr, die innere Umfaſſung habe ein Druidengrab enthalten, auch ſey kein Raum für Unterkunft der Truppen vorhanden und die Mauern ſeyen nicht der Art, daß ſie Schutz gewähren und zugleich den Vortheil bieten, von ihnen herab ſich vertheidigen zu können— kurz der Ort ſey nichts weiter, als einer von den Hügeln, welche die Druiden der Gottesverehrung geweiht hatten. Er fügt übrigens bei,„Mr. Pennant ſey zweimal über das Gebirge gegangen und beabſichtige eine genaue Unterſuchung vorzunehmen, von wel⸗ cher man, nach der Kenntniß und Genauigkeit dieſes großen Alterthumsfor⸗ ſchers zu ſchließen, Vieles erwarten dürfe.“ Wir wenden uns zunächſt zu Mr. Pennant und finden, daß er dem Gouverneur geradezu widerſpricht.„Ich habe dieſen berühmten Felſen mehr als einmal beſucht,“ ſagt er,**„um die Befeſtigung zu beſichtigen, welche Camden nach einigen Notizen jenes verſtändigen alten Baronets, Sir John Wynne’s von Gwidir, beſchrieben; ich habe ſeinen Bericht durchaus genau erfunden. „Die Frontlinien von drei wenn nicht gar vier Mauern präſentirten ſich eine über der andern. Ich maß die eine Mauer und fand ſie damals 9 Fuß hoch und 7 ½ Fuß dick.“(Gouverneur Pownall hatte ſie gleichfalls gemeſſen und eben ſo dick, aber nur fünf Fuß hoch angegeben.)„Zwiſchen den Mauern waren allenthalben unzählige meiſt kreisrunde Gebäude. Dieſe waren viel höher geweſen, wie man ſchon aus den in die Tiefe herabgefallenen Steinen erſieht, und hatten einſt wahrſcheinlich die Form von Thürmen, wie Sir John es angibt. Ihr Durchmeſſer iſt durchſchnittlich 12—18 Fuß, was doch gewiß Raum genug zur Unterkunft gewährte; die Mauern waren an einigen Stellen von anderen ebenſo ſtarken durchſchnitten. Dieſe Veſte der Bretonen iſt genau von derſelben Art wie die zu Carn Madryn, Carn Boduan und Tre'r Caer. „Der Punkt war höchſt umſichtig gewählt, um den Durchgang nach Ang⸗ leſey und den entlegeneren Theilen des Landes zu decken, und muß ſeiner * Camden. Caernarvonſhire. ** Pennant: Wales, II. Bd. S. 146. Bulwer, Harold. 42 EEEREEEEEEEmmE—— 658 immenſen Stärke nach zu ſchließen höchſtens durch Hunger einnehmbar gewe⸗ ſen ſeyn, da er gegen die See hin durch ſeine natürliche Steilheit unerſteiglich und an den ſonſtigen Abhängen in der erwähnten Weiſe befeſtigt war.“ Soweit Pennant versus Pownall!„Wer ſoll entſcheiden, wenn Dok⸗ toren ſtreiten?“— Die Anſicht dieſer beiden Alterthumskenner iſt mancherlei „Bedenklichkeiten unterworfen. Gouverneur Pownall mochte wohl ein beſſerer Beurtheiler militäriſcher Schutzwehren ſeyn, als Pennant; aber er hat of⸗ fenbar nur eine unvollkommene Kenntniß von den Veſten, wie ſie für die Kriegführung der alten Bretonen vollkommen genügt haben mochten— über⸗ dies war er durch Bryant’s Fabeleien über„hohe Plätze u. ſ. w.“ lirre ge⸗ führt. Die wahrſcheinlichſte Annahme dürfte ſeyn, daß der Ort ſowohl Fort als Begräbnißplatz war und daß die Stärke des Punktes und der Vorrath an Steinen den Plan eingab, den ſchmalen Raum des mittleren Begräbniſſes mit Mauern zu umringen, welche zur Zuflucht wie zur Vertheidigung be⸗ ſtimmt waren. Was die kreisförmigen Gebäude betrifft, wodurch jene Alter⸗ thumsforſcher ſich in Verlegenheit bringen ließen, ſo iſt es auffallend, daß ſie die Berichte, welche am meiſten zu deren Erklärung dienen, überſehen zu ha⸗ ben ſcheinen. Strabo ſagt:„die Häuſer der Bretonen waren rund mit einem hohen Spitzdache;“ Cäſar ſchildert ſie als nur durch die Hausthüre erleuchtet, und auf der antoniniſchen Säule ſind ſie kreisförmig dargeſtellt mit einem einfachen oder doppelten Bogeneingang; ſie waren immer klein und ſcheinen blos ein einziges Zimmer umfaßt zu haben. Dieſe kreisförmigen Gebäude waren alſo nicht nothwendig Druidenzellen, wie vermuthet worden, vielleicht auch nicht eigentliche Thürme, wie Sir John Wynne behauptete, ſondern Woh⸗ nungen nach der Sitte brittiſcher Häuſer für die Inſaſſen oder die Garniſon der Umfaſſung. Will man noch die von Sir John Wynne erwähnten und ſonſt exiſtirende Traditionen des Ortes in Betracht ziehen, wonach in unmit⸗ telbarer Nachbarſchaft die Schauplätze ſagenhafter Schlachten zu ſuchen wä⸗ ren, ſo wird der Leſer hoffentlich die im Texte gegebene Beſchreibung als die⸗ jenige aufnehmen, welche die Natur und den Charakter dieſer höchſt intereſ⸗ ſanten Ueberbleibſel im eilften Jahrhundert und während Harold's denkwür⸗ digem Einfalle in Wales, der zwiſchen die Zeit Geraints oder Arthurs und Heinrichs II. mitten inne fällt— unter den ſtreitenden Autoritäten mit der höchſten Annäherung an Wahrheit ſchildert.* * Die noch exiſtirenden Reſte haben ſeit Pownall's und Pennant's Zeit ſehr abgenommen, und müſſen im Vergleiche mit den Mauern und Gebäuden, wie ſie in der Periode unſerer Erzählung beſtanden, in der That unbedeutend geworden ſeyn. —, 8 + 112&☛ 3 i r e V 659 K. Der Götze Bel. Monſ. Johanncau nimmt an, Bel oder Belinus ſey von dem griechiſchen Belos(Pfeil oder Wurfſpieß) abgeleitet und bedeute einen Bogenſchützen, weß⸗ halb das Wort als Beiname Apolls gelte.* Ich muß geſtehen, das ſcheint mir eine von den unrichtigen Anſichten der Gelehrten, aus vagen Wortverwandtſchaften abgeleitet. Wenn übrigens ir⸗ gend etwas an dieſer Annahme iſt, ſo bleibt es ebenſo wahrſcheinlich, daß Bel's Verehrung den Griechen von den Celten, als daß ſie dieſen von jenen überliefert wurde. In dieſem Punkte finden die Gelehrten einige höchſt intereſſante Fragen zu unterſuchen, nämlich 1) wann haben die Celten zuerſt Götzenbilder einge⸗ führt? 2) Dürfen wir der Verſicherung klaſſiſcher Autoritäten glauben, wo⸗ nach die Druiden urſprünglich keinen Götzendienſt zuließen? Iſt dies der Fall, ſo finden wir die Hauptgötzen der Druiden bei Lucan aufgezählt, und ſie mußten ſie alſo lange vor Lucan's Zeit eingeführt haben. Von wem konnte dies geſchehen? Von den Römern nicht wohl, denn die römiſchen Götter ha⸗ ben nicht die geringſte Aehnlichkeit mit den celtiſchen Götzen, ſodald wir letz⸗ tere genau unterſuchen; eben ſo wenig von den Teutonen, von deren Gott⸗ heiten die der Celten ſich gleichermaßen unterſcheiden. Haben wir vielleicht den klaſſiſchen Schriftſtellern nicht zu viel Glauben geſchenkt, wenn ſie ver⸗ ſichern, daß der druidiſche Gottesdienſt urſprünglich höchſt einfach geweſen? und wird man dann die druidiſchen Götzen nicht eben ſo alt finden, als die fernſten Spuren des celtiſchen Daſeyns? Mochten nicht die Cimmerier ſie aus der Zeit ihrer erſten traditionellen Einwanderung aus Oſten herüberge⸗ bracht haben, und iſt ihr Bel nicht identiſch mit der babyloniſchen Gottheit? L. Salben, wie die Herxen ſie gebrauchten. Lord Baco, wenn er von den bei den Hexen gebräuchlichen Salben ſpricht, ſtellt die Vermuthung auf, daß dieſe wirklich die Ausdünſtung hemmten und nach dem Kopfe trieben, wodurch Krämpfe und Viſionen veranlaßt wur⸗ den. Es ſcheint, daß alle Hexen, welche den Sabbath beſuchten, dieſe Salben anwendeten, und es liegt etwas ſehr Auffallendes in dem Umſtande, daß ihre Zeugniſſe über die Scenen, die ſie nicht mit dem Körper(den ſie hinter ſich ließen) wohl aber mit der Seele wahrgenommen zu haben erklärten, ganz mit einander übereinſtimmen, wie wenn dieſelben Salben und Zaubermittel * Johann. ap. Acad. Celt. III. Bd., S. 151. 42* ziemlich ähnliche Träume veranlaßt hätten. Für die Anhänger des Magnetis⸗ mus muß ich noch beifügen, daß nur von Wenigen beobachtet wurde, bis zu welchem Grade der Somnambulismus durch gewiſſe chemiſche Mittel geſteigert zu werden ſcheint; und wer etwa nicht an dieſes Agens glaubt, dagegen mit jenen jetzt vernachläſſigten Spezereien, denen die Arzneikunde des Mittelalters eigenthümliche Kräfte zuſchrieb, ſchon früher experimentirt hat, wird wohl die mächtige und ſo zu ſagen ſyſtematiſche Wirkung nicht abläugnen wollen, welche gewiſſe Stoffe auf die Einbildungskraft ſehr reizbarer Nervenkranken äußern. M. Hilda's Beſchwörungen. I. „Beim Urdarquell täglich Aus Baches Gebrüll, Die Nornen beſprengen Den Baum Ygg⸗Draftill.⸗ Der Baum Ygg⸗Draſill. Die ſkandinaviſchen Forſcher haben viel Gelehrſamkeit aufgeboten, um die Symbole zu bezeichnen, welche unter der Mythe des Ygg⸗Draſill oder großen Eſchenbaumes verſteckt ſeyn ſollen. Ich will den Leſer nicht damit langweilen, beſonders da große Syſteme auf ſehr kleine Vorlagen gebaut wurden und die aufgewendete Gelahrtheit ebenſo ſinnreich als unbefriedigend war: ich will mich mit Anführung der einfachen Mythe begnügen. Der Ygg⸗Draſill hat drei Wurzeln; zwei entſpringen in den unter⸗ irdiſchen Regionen, d. h. in der Heimath der Froſtrieſen, in Nifflheim (Nebelheim oder Hölle)— die dritte in dem himmliſchen Wohnſitze der Aſen. Seine Zweige, ſagt die Edda, breiten ſich über das ganze Weltall; ſeinen Stamm trägt die Erde. Unter ſeiner Wurzel, die ſich durch ganz Nifflheim ausbreitet und welche der Schlangenkönig fortwährend benagt, liegt die Quelle, woraus die hölliſchen Ströme fließen. Unter der Wurzel, die in das Land der Rieſen ausläuft, iſt Mimir’s Brunnen, worin alle Weisheit verſchloſſen iſt; aber unter der Wurzel, die in dem Lande der Götter liegt, iſt die Quelle Urdas, der Norne— hier ſitzen die Götter zu Gericht. Nahe dieſer Quelle ſteht ein ſchönes Gebäude, woraus die drei Jungfrauen Urda, Verdandi und Skulda(Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) hervortreten; ſie begießen den Eſchenbaum täglich aus der Urdaquelle, damit ſeine Zweige nicht abſter⸗ ben. Vier Haſen verſchlingen fortwährend die Knospen und Zweige des Eſchenhaums; auf ſeinen Aeſten ſitzt ein Adler, der in Vielem gar weiſe iſt; — 661 zwiſchen ſeinen Augen niſtet ein Falke und ein Eichhörnchen rennt am Baume auf und nieder, um Zwietracht zwiſchen der Schlange und dem Adler zu ſäen. So lautet in Kurzem der Bericht der Mythe. Was die verſchiedenen Interpretationen ihrer ſymboliſchen Bedeutung betrifft, ſo verweiſen wir den Leſer auf Mallets nördliche Alkerthümer und Pigotts ſkandina⸗ viſches Handbuch. N. Harold's Thronbeſteigung. Bekanntlich exiſtiren zweierlei Verſionen in Betreff Edward's des Be⸗ kenners letzter Verfügung über die engliſche Krone. Die normänniſchen Chro⸗ niſten behaupten erſtens, Edward habe William die Krone während ſeiner Verbannung in der Normandie verſprochen; zweitens, Siward, Earl von Northumbrien, Godwin und Leofrie haben durch einen Eid— serment de la main— betheuert, ihn nach Edward's Tod als Seigneur anerkennen zu wollen, und die Geiſeln Wolnoth und Haco ſeyen dem Herzog als Pfand dieſes Eides übergeben worden;* drittens, Edward habe ihm die Krone durch Teſtament vermacht. Laßt uns unterſuchen, wie weit dieſe drei Behauptungen die Wahrheit für ſich haben mögen.. Erſtens— Edward verſprach William die Krone während ſeines Aufent⸗ halts in der Normandie. Dies ſcheint allerdings wahrſcheinlich genug und wird indirekt durch die ſächſiſchen Chroniſten beſtätigt, wenn ſie einmüthig Edward's Warnungen er⸗ zählen, wodurch er Harold von ſeinem Beſuche am normänniſchen Hofe ab⸗ halten wollte. Edward mochten Williams Abſichten auf ſeine Krone wohl bekannt ſeyn(obwohl er bei jenen Warnungen ſeiner nicht erwähnte)— er mochte ſich wohl erinnern, wie ſehr er jene Abſichten durch ſein eigenes frü⸗ heres Verſprechen autoriſirt hatte; auch konnte er wohl wiſſen, welches die geheimen Zwecke waren, um derenwillen William die Geiſeln zurückhielt, und welche Vortheile er erſtreben würde, ſobald er Harold ſelbſt in ſeiner Gewalt hätte. Dieſes Verſprechen an ſich war jedoch offenbar für das engliſche Volk, überhaupt für Niemand als Edward bindend, der es ohne die Sanktion des Witan gar nicht erfüllen konnte. Daß William ſelbſt während Edward's Lebzeiten kein großes Gewicht auf jenes Verſprechen legte, iſt klar, denn hätte er's gethan, ſo wäre die beſte Zeit zu deſſen Geltendmachung die geweſen, als Edward den Atheling als präſumtiven Thronerben aus Deutſchland holen * Wilhelin von Poitiers. ließ, was eine virtuelle Aufhebung jenes Verſprechens war und wogegen William keine Klage oder Vorſtellung einreichte, überhaupt keinen Schritt zur Durchſetzung des Gelöbniſſes that. Zweitens— Godwin, Siward und Leofric hatten William den Lehens⸗ eid geleiſtet. Dies ſcheint eine Fabel ohne alle Begrindung. Wann ſollte dieſer Eid geleiſtet worden ſeyn?— Sicherlich nicht nach Harold's Beſuche, denn da⸗ mals waren ſie alle todt. Bei Edward's Thronbeſteigung? Dem widerſpricht offenbar die Stipulation, welche Godwin und die Häupter des Witan ſtellten, daß Edward nicht mit normänniſchen Helfern kommen dürfe, ſowie die offen⸗ kundige Eiferſucht gegen die Normannen, die ſie mit dem ganzen engliſchen Volke gemein hatten, welches Ethelred's Vermählung mit der Normannin Emma als Urſache der größten Calamitäten betrachtete; ihm widerſpricht endlich Edward's Verheirathung mit Godwin's Tochter— eine Ehe, welche, wie der Earl natürlich glaubte, dem Throne geſetzliche Erben geben würde.— In dem Zeitraum zwiſchen Edward’s Thronbeſteigung und Godwin's Ver⸗ bannung?— Nein; denn alle engliſchen wie auch die normänniſchen Chro⸗ niken ſtimmen darin überein, daß Godwin und ſein Haus den normänniſchen Günſtlingen das höchſte Uebelwollen bewieſen habe, während er dieſe, wenn er William's Nachfolge geahnt oder ſich auf irgend eine Art gegen ihn verbind⸗ lich gemacht hätte, natürlicherweiſe weit milder behandelt haben würde. God⸗ win’'s Verbannung war vielmehr gerade das Reſultat ſeines Bruches mit den Ausländern.— Bei Williams Beſuche in England?— Nein; denn der fand während Godwin’s Verbannung ſtatt und ſelbſt diejenigen Schriftſteller, welche Edwards früheres Gelübde anführen, erklären, daß damals über die Thronfolge nichts geſprochen wurde. So ſcheinen denn die normänniſchen Chroniſten das Datum dieſes vorge⸗ gebenen Eides auf Godwin’s Rückkehr aus der Verbannung zu beziehen, da ſie behaupten, die Geiſeln ſeyen als Unterpfand hiefür gegeben worden. Das iſt von Allem die monſtröſeſte Annahme, denn auf Godwin's Rückkehr folgt unmittelbar die Verbannung der normänniſchen Günſtlinge— die gänzliche Niederlage ihrer Partei in England— das Dekret des Witans, daß alle Un⸗ ruhen in England von den Normannen herrühren und der triumphirende Aufſchwung von Godwin's Hauſe. Läßt ſich da auch nur einen Augenblick lang annehmen, der große engliſche Earl habe ſich damals zu dem Verſprechen herbeigelaſſen, die Herrſchaft eben der Partei zu übertragen, die er vertrieben, und ſich und ſeine Anhänger der Rache eines Feindes auszuſetzen, den er für den Augenblick völlig zu Boden getreten hatte und den er auf dieſe Art ohne irgend einen Plan oder Beweggrund zu ſeinem eigenen wahrſcheinlichen Verderben in die Macht wieder eingeſetzt hätte? — 663 Bei näherer Unterſuchung muß dieſe Behauptung auch noch aus anderen Urſachen zu Boden fallen. Sie findet ſich nicht unter den Gründen, welche William bei ſeinen Geſandtſchaften an Harold anführt; ſie beruht vornämlich auf der Autorität Wilhelms von Poitiers, der, obwohl ein Zeitgenoſſe und in einigen rein normänniſchen Punkten ein guter Gewährsmann, in Allem was ſich auf die Engländer bezieht, ſogar in den beglaubigtſten anerkannteſten That⸗ ſachen die größte Unwiſſenheit an den Tag legt. Selbſt mit den Geiſeln be⸗ begeht er die auffallendſten Verſtöße: er ſagt, Edward habe ſie mit Bewilli⸗ gung ſeiner Edlen geſchickt und Robert, Erzbiſchof von Canterbury, habe ſie begleitet. Nun war aber dieſer bei Godwin's Rückkehr ſo ſchnell er konnte aus England entflohen, und war, bevor die Geiſeln überſchickt wurden, ja ſo⸗ gar noch ehe der Witan, der Edward mit Godwin ausſöhnte, ſich verſam⸗ melt hatte, halb ertrunken in der Normandie angelangt. Er ſagt, William habe Harold ſeinen jungen Bruder zurückgegeben, während es Haco der Neffe war, welcher zurückgegeben wurde; denn wir wiſſen aus normänniſchen wie aus ſächſiſchen Chroniken, daß Wolnoth erſt nach des Eroberers Tode freige⸗ laſſen und von Rufus aufs Neue eingekerkert wurde. Seine Parteilichkeit läßt ſich daraus beurtheilen, daß er verſichert, erſtlich: William habe keinem Nor⸗ mannen Etwas geſchenkt, was ungerechter Weiſe einem Engländer abgenom⸗ men worden, und zweitens, Odo, deſſen ſchauerliche Bedrückung ſogar den König empörte, habe an Gerechtigkeit nicht ſeines Gleichen gehabt und alle Engländer haben ihm willig gehorcht.“ So dürfen wir dieſe Behauptung als an ſich ſelbſt gänzlich grundlos ver⸗ laſſen, ohne die direkten ſächſiſchen Gewährsmänner gegen ſie anzuführen. Drittens— Edward habe William die Krone durch Teſtament vermacht. Von allen drei Behauptungen ſcheint der normänniſche Eroberer auf dieſe allein einen poſitiven Anſpruch gegründet zu haben.* Wo war aber dann * Man glaubt, in einer ſeiner Verfaſſungen habe er ſich auf dieſes Ver⸗ mächtniß bezogen:„Devicto Haroldo rege cum suis complicibus, qui mihi regnum prudentia Domini destinatum et beneſficio, concessionis Domini et cognati mei gloriosi regis Edwardi concessum conati sunt auferre.“(Nachdem König Harold und ſeine Mitverbrecher beſiegt ſind, welche das durch Gottes Weisheit mir beſtimmte und durch ſeine wie meines Vetters des ruhmreichen Königs Edward Gnade verwilligte Reich mir vorzuenthalten wagten.) Forentina. A. 3. Allein William's Wort iſt keineswegs zuver⸗ läſſig, denn er beſann ſich nie einen Augenblick, es zu brechen, und ſogar obige Verſicherung drückt nicht aus, daß ihm das Reich durch dward's Teſtament hinter⸗ laſſen, ſondern blos, daß es ihm beſtimmt und gegeben worden— welche Worte vielleicht einzig aus dem früher erwähnten Verſprechen Edward’s vor ſeiner Lhronbeſteinina hervorgehen. Dieſes Verſprechen mag wohl in den erſten Jahren ſeiner Regierung durch einige Botſchaften verſtärkt worden ſeyn, wobei der normänniſche Erzbiſchof von Canterbury die Rolle des Hauptin⸗ triguanten geſpielt zu haben ſcheint. das Teſtament? Warum wurde es nie producirt und producirbar? War es zerſtört— wo befanden ſich die Zeugen? Warum wurden ſie nicht vorge⸗ laden? Die teſtamentariſche Verordnung eines angelſächſiſchen Königs wurde jederzeit reſpektirt und hatte gewichtigen Einfluß auf die Thronfolge: nur war dabei abſolut erforderlich, daß ihre Aechtheit vor dem Witan* dargelegt wurde. Selbſt ein mündlicher Akt dieſer Art von Seite des ſterbenden Re⸗ genten war geſetzlich, wenn er von den Zuhörern beſtätigt wurde. Warum unterließ man, nachdem William Herr von England und als ſolcher purch eine nach London berufene Nationalverſammlung anerkannt war, während Alle, die den ſterbenden König gehört, am beſten geneigt geweſen wären, jedes Zeugniß zu William's Gunſten abzulegen, nicht allein um dem neuen Herrſcher zu ſchmei⸗ cheln, ſondern auch um den Nationalſtolz zu beſchwichtigen und die normän⸗ niſche Thronfolge durch einen populäreren Grund als den der bloßen Erobe⸗ rung zu rechtfertigen— warum unterließ man da, die Zeugen zur Bekräfti⸗ gung des Teſtamentes aufzurufen? Alred, Stigand und der Abt von Weſt⸗ minſter mußten an Edward's Sterbebette geſtanden haben, und alle Drei hatten ſich William einmüthig unterworfen. Hätten ſie irgend eine Zeugſchaft zu ſeinen Gunſten vorzubringen gehabt, würden ſie es nicht zu ihrer eigenen Rechtfertigung, als Kompliment für William, aus Pflichtgefühl gegen das Volk und als Wahrung des Geſetzes gegen die Gewalt mit Freuden gethan haben?— Aber kein derartiger Verſuch der Zeugenabhör wurde unternommen. Dieſen wenigen Daten— William's bloßer Verſicherung und der Ge⸗ währſchaft von Normännern gegenüber, welche von der Wahrheit nichts wiſſen konnten, dagegen allen Grund hatten die Fakten zu entſtellen— haben wir die poſitiven Verſicherungen der beſtmöglichen Autoritäten beizufügen. Die Sachſenchronik(ſchon an ſich ebenſo werthvoll, wie alle anderen Chroniſten zuſammen genommen) ſagt ausdrücklich, Edward habe Harald die Krone hinterlaſſen: „Der Weiſe gleichwohl Vermachte das Reich Hochgeborenem Manne— Harold ſelber, Dem edlen Earl. Er jederzeit Gehorchte getreulich Seinem wahren Gebieter Mit Worten und Thaten; Verſäumte auch Nichts Was nöthig war. Für den herrſchenden König.“ Florence von Woreeſter, der nächſtbeſte Gewährsmann,(beſonders dadurch * Palgrave: Commonwealth, 560. 8A 8 82222 — 665 werthvoll, daß er einzelne Auslaſſungen in der angelſächſiſchen Chronik er⸗ gänzt,) bemerkt mit deutlichen Worten,* der König habe Harold vor ſeinem Abſterben zum Nachfolger erkiest, dieſer ſey von den vornehmſten Häuptlingen ganz Englands gewählt und von Alred geſalbt worden. Hoveden, Simon (Dunelm.), die Beverley Chronik beſtätigen dieſe Angaben über Harold's Er⸗ nennung durch Edward. William von Malmesbury, der unter Heinrichs I. Regierung ſchrieb und für Harold nichts weniger als partheiiſch iſt, äußert ſelbſt ſeine Zweifel gegen Edward’'s Vermächtniß(nur nennt er hiefür einen ſehr ſchlechten Grund, nämlich„Edward werde wohl kaum ſeine Krone einem Manne überlaſſen haben, auf deſſen Macht er immer eiferſüchtig geweſen,“ denn es iſt kein Beweis vorhanden, daß Edward gegen Harold's Macht ebenſo wie gegen Godwin’s geeifert habe); dafür gibt uns Malmesbury in der übereinſtimmenden Meinung ſeiner Zeit eine weit werthvollere Autorität als ſeine eigene, wenn er erzählt,„die Engländer ſagen, das Diadem ſey Harold vom Könige vermacht worden.“ Dieſe Zeugniſſe ſind— gering geſagt— jedenfalls unendlich glaubwürdi⸗ ger als die paar engliſchen Chroniſten von vergleichungsweiſe unbedeutendem Anſehen(wie Wike) oder die partheiiſchen unwiſſenden normänniſchen Ge⸗ ſchichtſchreiber,*s welche ganz für William eingenommen ſind. Ich nehme deßhalb an, daß Edward die Krone dem Harold vermachte— daß Harold durch die Wahl des Witan den beſſeren Anſpruch für ſich hatte, darüber herrſcht kein Zweifel. Dagegen bringt Sir F. Palgrave die Anſicht vor:„Auch zugegeben, daß die Prälaten, Earls, Aldermänner und Thane von Weſſer und Oſtangeln Ha⸗ rold's Thronbeſteigung ſanktionirten, ſo konnte ihre Entſcheidung für die übri⸗ gen Königreiche(Provinzen) keineswegs als bindend erſcheinen, und die kurze Zeit zwiſchen Edward's Tode und Harold's Anerkennung ſchließt doch ganz und gar die Annahme aus, daß ihre Zuſtimmung auch nur eingeholt worden * Quo tumulato, subregulus Haroldus Godwini Dacis filius, quem rex ante suam decessionem regni successorem elegerat, a totius Ang- liae primatibus ad regale culmen electus die eodem ab Aldredo Eboraä- censi Archiepiscopo in regem est honorifice consecratus.— Flor. Wig. (Worauf Earl Harold, Herzog Godwins Sohn, den der König vor ſeinem Tode zum Nachfolger beſtimmt hatte, von den Häuptlingen Lan Englands zum Throne erwählt und am ſelben Tage von dem Erzbiſchof Alred von York zum König geſalbt wurde.) u* Einige dieſer normänniſchen Hiſtoriker erzählen eine abgeſchmackte Ge⸗ ſchichte, wie Harold einem Biſchofe die Krone aus der Hand genommen und ſich ſelber auf’s Haupt geſetzt habe. Die Stickereien von Bayeur— William's entſchiedenſte Advokaten— wiſſen nichts von dieſer Gewaltthat, vielmehr wird Harold's Krönung als durchaus friedlich dargeſtellt, wogegen(wie wir ſchon anderswo zeigten) Stigand ſtatt Alreds als Weihbiſchof figurirt, weil erſterer damals unter dem Banne des Pabſtes lag. ureiueeereeeire, ———— wäre.“ Hier muß mir dieſer große Schriftſteller bei all' meiner Verehrung die Vermuthung geſtatten, daß er, wie ich glaube, das Faktum außer Acht ließ, wie kurz vor Edward's Tode eine Verſammlung, ſo zahlreich, als ſie nur jemals zu einem Nationalwitan zuſammengekommen, zu dem Zwecke be⸗ rufen worden war, der Einweihung von Edward's großem Lebenswerke— der neuen Abtei und Kirche von Weſtminſter— anzuwohnen. Dieſe Ver⸗ ſammlung wird ſich in einer ſo kurzen und ängſtlichen Periode wie die der tödtlichen Krankheit des Königs, welche ihn verhindert zu haben ſcheint, der Ceremonie in Perſon beizuwohnen und wenige Tage nachher mit ſeinem Tode endete, gewiß nicht zerſtreut haben, ſo daß während jenes Zwiſchenraumes, der höchſtens eine Woche ausmachte,“ das ungewöhnlich zahlreiche Zuſammen⸗ treffen von Prälaten und Edlen aus allen Theilen des Reichs eine genügende Menge von Votanten ergab, um dem Witan Beſchlußkraft und Gewicht zu verleihen. Wäre dem nicht ſo geweſen, ſo würden die ſächſiſchen und noch mehr die normänniſchen Chroniſten wohl ſchwerlich unterlaſſen haben, über die Unrechtmäßigkeit der Wahl ihre Bemerkung zu machen, während kein Wort über die mangelnde Vollzähligkeit des Witan laut wird, und die zwei großen Fürſtenthümer Northumbrien und Mercia durch Harold's neuliche Heirath mit der Schweſter der beiden Earls an ihn gefeſſelt waren. Auch darf nicht vergeſſen werden, daß wenige Monate früher ein ſehr zahlreicher Witan zur Aburtheilung von Toſtig's und Morcar's rivaliſirenden Anſprüchen zu Orford geſeſſen hatte; die Entſcheidung des Witan beweist die Ausſöhnung der beiden Parteien Harold's und der jungen Earls, ratificirt durch ſeine Vermählung mit Aldythen. Wer ſich ſchon bei Parteikämpfen und Kabalen thätig betheiligt hat, wird die Wahrſcheinlichkeit der in meinem Romane aufgeſtellten Behauptung zugeben, daß die leitenden Häuptlinge mit Rückſicht auf Edward'’s Alter und Schwächlichkeit, wie nicht minder bei der dringenden Nothwendigkeit, die Anſprüche auf die Thronfolge im Voraus zu beſtimmen— zu einem wirklichen wenn auch geheimen Einverſtändniſſe gelangt waren. Es iſt ein gewöhnlicher Irrthum in der Geſchichte, ein Ereigniß als ein plötzliches anzunehmen, was ſchon der Natur der Dinge nach kein plötz⸗ liches ſeyn kann. Alle Maßregeln, welche Harold den Weg zum Throne bahnten, mußten ſchon lange vor dem Tage, da ihn der Witan unanimi om- nium consensu“** erwählte— im Stillen angezettelt geweſen ſeyn. Das Ergebniß meiner Unterſuchung aller Memoiren jener Zeit ſtimmt * Edward ſtarb am 5. Januar; Harold's Krönung ſoll am 12. ſtattge⸗ funden haben, doch iſt über das genaue Datum kein eſedidendes⸗ Zeugniß vorhanden. Einige geben ſogar zu verſtehen, er ſey den Tag nach Edward's Tode gekrönt worden, was doch kaum möglich iſt. * Vit, Harold. Chron. Angl. Norm. 4 —-— ᷣ 667 gleichfalls zu Harold's Gunſten und bringt mich zu der Ueberzeugung, daß Sir F. Palgrave in ſeiner bewundernswerthen Geſchichte des angelſächſiſchen Eng⸗ lands dem Letzten ſeiner Könige nur karge Gerechtigkeit erweist und daß ſeine eigenthümlichen politiſchen und konſtitutionellen Theorien wie ſeine Anhäng⸗ lichkeit an das Prinzip erblicher Thronfolge, wonach er meint,„Harold habe in keiner Hinſicht ein klares Recht auf die Krone gehabt,“ ſeinem Ausſpruche über Harold's Charakter und Anſprüche einigermaßen die Färbung eines Par⸗ teivorurtheiles anhängen. Meine tiefe Bewunderung für Sir F. Palgrave's Gelehrſamkeit und Scharfblick würde mir nicht erlauben, eine ſolche Bemer⸗ kung zu äußern, ohne ſämmtliche widerſtreitende Autoritäten, auf die er ſich ſelber beruft, ſorgfältig geprüft und abgewogen zu haben, und ſo muß ich denn bekennen, daß mir unter allen modernen Hiſtorikern Thierry den richtig⸗ ſten Begriff über die Hauptperſonen in der großen Tragödie des normänni⸗ ſchen Einfalles gegeben zu haben ſcheint, obwohl ich zu dem Glauben geneigt bin, daß er den unterdrückenden Einfluß der normänniſchen Dynaſtie, mit wel⸗ cher das Trauerſpiel ſchloß, bedeutend überſchätzte 0. Phyſiſche Eigenthümlichkeiten der Skandinavier. „Es iſt ein eigenthümlicher Umſtand, daß faſt bei allen Schwertern aus jenen Zeiten in der Waffenſammlung des antiquariſchen Muſeums zu Kopen⸗ hagen die Handgriffe eine weit kleinere Handform verrathen, als ſie bei allen Klaſſen moderner Völker zu finden iſt. Kein neuerer Stutzer würde auch mit der zarteſten Hand Raum genug finden, um eines der Schwerter dieſer Nord⸗ männer mit Bequemlichkeit ſchwingen zu können.“* Dieſe Eigenthümlichkeit wird von manchen Gelehrten nicht ohne Grund als Beweis für die orientaliſche Abſtammung der Skandinavier angeführt, wie auch die aſiatiſchen Skythen und viele von den früheren kriegeriſchen Stämmen, welche zwiſchen dem Oſten und Weſten Europa's umherſchwärm⸗ ten, nicht ſelten durch die blauen Augen und das gelbe Haar des Nordens ſich unterſchieden. Die phyſiſchen Attribute eines Gottes oder Helden dürfen in der Regel auch als die des Stammes betrachtet werden, welchem er angehört: die goldenen Locken eines Apoll und Achill gelten als ähnliche Charakter⸗ merkmale für die Nationen, deren Typen ſie ſind, und das blaue Auge der Minerva mag die abſurde Lehre, welche ſie mit der ägyptiſchen Naith iden⸗ tifiziren möchte— allein ſchon Lügen ſtrafen. Die Normänner behielten vielleicht länger als ihre Ahnen, die Skandina⸗ vier, dieſe etwas weibiſche Eigenheit kleiner Hände und Füße, und daher, * Laing's Note zu Snorro Sturleſon, III. Bd., S. 101. daß der ganze europäiſche Adel die Normänner als Muſter der Nachahmung betrachtete und die herrſchenden Familien mancher Länder ihre Häuſer auf deren Abkömmlinge zurückzuführen ſuchten— mag es kommen, daß dieſes Merkmal noch bis auf dieſen Tag lächerlicherweiſe als ein Zeichen edler Ab⸗ ſtammung angeſehen wird. Der Normanne bewahrte dieſe Eigenthümlichkeit länger als der Däne, weil ſeine Gewohnheit als Eroberer ihn jede Hand⸗ arbeit verſchmähen ließ, wie auch das Gehen unter ſeiner Ritterwürde war, ſo lange er ein Pferd zum Reiten ſinden konnte. Der Anglo⸗Normanne(die edelſte Gattung der großen Erobererfamilie) vermiſchte ſich übrigens in Blut wie in Sitten ſo innig mit dem Sachſen, daß dieſe phyſiſche Unterſcheidung mit dem Zeitalter des Ritterthums verſchwand. Jetzt iſt das ſächſiſche Blut in unſerer höchſten Ariſtokratie über das normänniſche weit vorherrſchend, und es wäre ebenſo vergeblich, die Söhne von Haſtings und Rollo an Fuß und Hand der alten aſiatiſchen Scythen erkennen zu wollen, als wenn man ſie an dem rothbraunen Haar und den hohen Zügen— dieſen ihren weiteren Ur⸗ ſprungstypen— zu unterſcheiden verſuchte. Hie und da laſſen ſich noch ſolche Familienzüge bei einfachen Landedelleuten verfolgen, welche ſeit unvordenk⸗ lichen Zeiten in den mit Anglodänen bevölkerten Grafſchaften wohnen und ſelten außer der Provinz heirathen; unter den weit gemiſchteren Abkömmlin⸗ gen der größeren Landbeſitzer unſerer Peerſchaft dagegen treten die ſächſiſchen Stammmerkmale und ganz beſonders die allen germaniſchen Völkern eigenen großen Ertremitäten auffallend hervor. — P. Harold's Begräbniß. Hier begegnen uns Zeugniſſe der widerſprechendſten Art. Der Mehrzahl der engliſchen Geſchichtſchreiber zufolge wurde Harold's Leichnam ohne Löſe⸗ geld ſeiner Mutter Githa ausgeliefert und zu Waltham beerdigt. Man er⸗ zählt ſogar eine Geſchichte von des Eroberers Großmuth, womit er einen Soldaten abdankte, der die Leiche des todten Helden mißhandelte. Wilhelm von Poitiers, des Herzogs eigener Kaplan, deſſen Schilderung der Schlacht mehr innere Wahrheit als der Reſt ſeiner Chronik zu beſitzen ſcheint, ſagt da, gegen ausdrücklich, William habe Githa's Anerbieten, den vermeinten Leichnam Harold's mit Gold aufwiegen zu wollen, zurückgewieſen und mit dem im Texte angeführten Hohne(„Laßt ihn die Küſten bewachen, die er ſo wahn⸗ ſinnig vertheidigte“) befohlen, ihn am Strande zu begraben— unter dem Vorwand, ein Mann, der durch ſeinen Geiz und ſeine Herrſchgier die Veran⸗ laſſung geworden, daß ſo viele Erſchlagene unbeerdigt lägen, habe für ſich ſelbſt kein ſey 4 Wah wirkl lange und ſtehun bekeh hatte. könne vieler wogeg Aufſe Seekü — im K. ſteht fünfzi Jahrk Schla und b niß, i kennen mag * der. ville'⸗ let(o eines Fami net( St. Ardle ſchul habe. ihl 669 kein Grab verdient. Orderie beſtätigt dieſen Bericht und ſagt, der Körper ſey William Mallet* zu dieſem Zwecke übergeben worden. Wilhelm von Poitiers hätte es jedenfalls am beſten wiſſen ſollen, und die Wahrſcheinlichkeit ſeiner Erzählung wird durch die Unſicherheit über Harold's wirkliche Beerdigung in gewiſſem Grade erhöht— eine Unſicherheit, welche lange Zeit vorherrſchte und ſogar einer von Giraldus Cambrenfis erzählten und in dem Harleianiſchen Manuſcript vorkommenden Geſchichte ihre Ent⸗ ſtehung gab, wonach Harold die Schlacht überlebte, in Cheſter ſich zum Mönch bekehrte und ehe er ſtarb mit Heinrich I. eine lange geheime Unterredung hatte. So abgeſchmackt dieſe Sage iſt, ſo hätte ſie doch kaum Glauben finden können, wenn Harold(wie die gewöhnliche Erzählung lautet) in Gegenwart vieler normänniſcher Barone in der Abtei zu Waltham beerdigt worden wäre, wogegen ſie ſich ſehr leicht verbreiten mochte, wenn ſein Leichnam ganz ohne Aufſehen einem normänniſchen Ritter übergeben wurde, um insgeheim an der Seeküſte begraben zu werden. Die Geſchichte von Osgood und Ailred, den Kindermeiſtern(Schullehrern im Kloſter), wie ſie von Palgrave erzählt und in dieſem Romane wiederholt iſt, ſteht in einem Manuſcripte der Walthamer Abtei und wurde irgendwo, etwa fünfzig bis ſechzig Jahre nach der Schlacht, d. h. alſo zu Anfang des zwölften Jahrhunderts, niedergeſchrieben. Die beiden Mönche folgten Harold aufs Schlachtfeld, wo ſie ſich ſo aufſtellten, daß ſie den Ausgang beobachten konnten, und boten hernach zehn Mark Golds für den Leichnam; ſie erhielten Erlaub⸗ niß, ihn zu ſuchen, und vermochten den verſtümmelten Körper nicht eher zu er⸗ kennen, bis Osgood mit der aufgefundenen Editha zurückkehrte. Dieſem nach mag die Entdeckung ſich erſt zwei bis drei Tage nach der Schlacht datiren. * Dieſer William Mallet war der Vater Robert Mallet'’s, des Gründers der Priorei von Eye in Suffolk(ein Zweig des Hauſes der Mallet de Gra⸗ ville’s).— Pluquet. Er war auch der Ahnherr jenes großen William Mal⸗ let(oder Malet, wie der alte ſkandinaviſche Name nunmehr verdorben iſt), eines der berühmten fünfundzwanzig„Conſervatoren“ der Magna Charta. Die Familie eriſtirt noch, und ich habe mich bei Sir Alexander Malet, Baro⸗ net(Ihrer Majeſtät Geſandter zu Stuttgart), bei Obriſtlieutenant Charles St. Lo Malet, dem ehrenwerthen William Windham Malet(Prediger zu Ardley) und anderen Gliedern dieſes alten Hauſes wegen der Freiheit zu ent⸗ ſauldigen, die ich mir mit dem Namen ihres tapferen Vorfahren genommen abe. 0SEod erssssaesaassesaneeanrreeeeeereee Seite 9 3 11 Berichtigungen. eile 1 v. u. lies Doomesday⸗Rolle ſtatt Domesday⸗Rolle. . wie daſſelbe ſt. wie ſich daſſelbe. . frühen ſt. frühern. . u. J. die Geſchicke ſt. das Geſchick. . einem ſt. meinem. I. mir ſt. nur. I. Schürzen ſt. Schürze. I. Höriger und Leibeigener ſt. Schiffer und Landmann. l. Säx ſt. Saſſanach. v. u. l. Wodans ſt. Wodens. l. der Plantagenets ſt. des P. I. überflüſſigen ſt. übrigen. v. u. I. zü Hals ſt. zu H. v. u. l. beſondere Wirkung ſt. beſonderen Werth. v. u. I. konnten ſtatt konnte. I. lauten ſt. lauter. l. die Ecken ſt. der Winkel. v. u. l. Ethelreds ſt. Etheldreds. v. u. I. eine ſt. ſeine. v. u. I. ſeinen ſt. ſeine. v. u. l. ſeine ſt. die. Rou ſt. Rau. v 1 v. v v v v. v I 1 1 1 v v I. —Ss SS . in ſt. von. . u. l. Traktaten ſt. Abhandlungen. der ſt. die. . u. l. den ſt. die. . u. I. Erſtgeborener ſt. erſtgeb. . u. l. ſeine Brüder ſt. ſein Bruder. u. I. Beiden ſt. Beide. . u. I. thätlicher ſt. tödtlicher. . u. I. anſprach ſt. beanſpruchte. . bekämpfender ſt. bekämpfenden. . Forſtland ſt. Feſtland. Landleuten ſt. Landsleuten. . Haſt ſt. Haß. . u. I. in leiſem ſt. im leiſen. . u. l. dieſem ſt. dem. ſeinem ſt. ſeiner. l. das ſt. und das. „ 5 2 2 „ 5 2 3 „ „ „ „ 2 83 83 3 „ 0 „ 0 „ „ 3 „ 83 A4 4.a2daaescsar* 2 2 2. 3 2 Seite 2 4 2 aA2raaa a a2 2 2 A 1 AAaaa AAAA a* 51 Zeile 13 7 „ „ „ — — 1r2arTs — — 2 — 00=genSee 5 2 — 2öBö=SéS==SS 200—RhnSSnnsssn — —,— 8 8 —— SOSSSOOSSS SSc⸗ — — — 80 5 SeESSS Se SSE SeSSSPSSSsSssPFPSPsSsSsSSPPSsSsFPsssss-esess 671 . u. I. unvordenkliche ſt. unvordenkbare. . Trappeln ſt. Trampeln. . u. l. Laing's ſt. Lang's. . u. l. geworden ſt. geweſen. inner⸗ ſt. inn⸗. in ernſtem ſt. im ernſten. u. l. den Mews ſt. dem M. Normannen ſt. Normanne. in königliches ſt. im königlichen. u. l. 11,000 ſt. 41,000. u. I. nicht ſt. nur. u. hatten ſich ſt. hatten. u. I Niederlaſſung ſt. Niederlage. zu leichtherzigem ſt. zum leichtherzigen. Gränzſtroms ſt. Gränzfluß'. u. l. camarade ſt. camerade. u. l. in ſt. zu. konnte ſt. könnte. je der ſt. jeder. u. l. der ſt. an die. u. l. werde ſt. würde. u. l. Waffen weggeworfen ſt. Waffen niedergeworfen. . Waiden ſt. Weiden. u. l. die ſt. jene. vorne ſt. vornen. . Andern ſt. Normanns. vollkommenes ſt. das Vollkommene. . freuen ſt. erfreuen. . u. I. Ataghar ſt. Ateghar. . u. l. Hilda's ſt. ihr. . u. I. höchſten ſt. tiefſten. nichts blieb ſt. nichts. u. l. erklärten ſt. erklärte. u. l. Nachdenkens geworden ſt. Nachdenkens. wie ſt. daß. ernſter ſt. ernſten. Fünfzehntes ſt. Achtzehntes. oft ſt. Oft. u. I. trauernden ſt. traurigen. auferzogen ſt. aufgezogen. u I. kennſt ſt. weißt. Häuptlinge ſt. Hauptleute. Leibeigenen ſt. Leibeigene. u. l. Abkömmlinge ſt. Ankömmlinge. erlitt ſt. erhielt. wir es ſt. es wir. Blicken ſt. Augen. u. I. die Vorhalle ſt, das Vorzimmer. u. I. Norweger ſt. Norwegen. ſey ſt. iſt. u. I. Dein ſt. Euer. Gnade ſt. Gnad. . u. I. der ſt. Eurer. —— 672 Seite 202 Zeile 1 l. in unwilligem ſt. im unwilligen. „ 209„ 3 v. u. I. da ja ſt. wie dann. „ 221„ 16 k. Berigen ſt. hungrigen. „ 224„ 7 v. 1. l. mit Bezug ſt. in Beziehung. „ 228„ 1 v. u. l. Beuge ſt. Berge. 233„ 2 lI. aus den ſt. der. „ 238„ 7 v. u. l. Beide ſt. ſie. „ 242„ 11! nichts ſt. nicht. „ 243„ 17 l. Letzterer ſt. der. „ 243„ ℳ4 v. u. l. Drinkhael ſt. Trinkhael. „ 247„ 11 I. Ceorls ſt. Earls. „ 262„ 8 v. u. I. müßte ſt. mußte. „ 267„ 7. für die ſt. für⸗ „ 267„ 15 l. vörjeführs ſt. angeführt. „ 267„ 13 v.. der Wunſch ſt. allein. „ 317„ 14 v. 1. 1. allen ſt. all' den. „ 329„ 14 v. u. I. die ſt. den. „ 334„ 13 v. u. l. Serichts ſt. Gerüchts. „ 369„ 17 1. Aſa ſt. Oſa. „ 382„ 1 v. u. l. Avense ſt. Aucence. „ 383„ 40 v. u. l. Chorhemden über„den Prachtgewändern ſt. Mitren iber die Prachtgewänder. „ 386 15 v. u. l. Beamter ſt. Beamten. „ 386„ 4 v. 1 l. Gerichte ſt. Gerüchte. „ 398„ 9 l. Ponthien ſt. Panther. „ 403„ 4 v. u. l. wenn⸗— wurde ſt. daß— wird. „ 481„ 16 l. varß ſt. w „ 496„ 2 v. u 1 Grloſung ſt. Löſung. „ 550„ 13 v. 1. l. ſtrich ſt. fuhr. 1„ 579„ 11 I. Ailred ſt. Alred. 6 „ 627„ 6 v. u. l. d ſt. à. Druck der J. B. Mechler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zurm Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: —-— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkres, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — E. f. Bulwer'’s v 0 ᷣ 5 ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen. Dreiundſiebenzigſter bis ſiebenundſiebenzigſter Theil. 1 Harold, der letzte Sachſenkönig. 4 14 0= Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1848. . 8 1. 1 F Harold, der letzte Sachſenkönig. Hiſtoriſcher Roman von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. 04 Aus dem Engliſchen von Eduard Mauch. 592 Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1848. ₰ Zueignung dem hächſt ehrenwerthen C. T. d'Eyncourt, P. M. Ich widme Dir ein Werk, theuerſter Freund, das faſt ganz unter Deinem gaſtlichen Dache verfaßt wurde und wozu Deine an den für mich nöthigen Autoritäten ſo reiche Bibliothek die bedeutendſten Materialien lieferte. Der Gedanke, auf ein ſo wichtiges nationales Ereigniß, wie der normänniſche Einfall, einen hiſtoriſchen Roman zu⸗ gründen, hatte ſchon lange in mir geſchlummert, und die Chro⸗ niken jener Zeit waren mir längſt vertraut geweſen. Es liegt jedoch von jeher in meiner Gewohnheit, mich vielleicht Jahre lang mit Plan und Gegenſtand eines Werkes herumzutragen, ehe ich meine Feder anrühre, indem ich mich, wie der alte Bur⸗ ton ſagt,„otiosaque diligentia ut vitarem torporem feriandi“, mit dieſer ſpielenden Arbeit beſchäftige. Der Hauptgrund, der mich längere Zeit von der Sache abhielt, lag darin, daß ich wußte wie die gewöhnlichen Leſer mit den Charakteren, Ereigniſſen, und ſo zu ſagen mit den eigentlichen Phyſiognomien einer Periode, welche ante Agamem- nonem, d. h. vor das glänzende Zeitalter des herangereiften Ritterweſens fällt, das ſeine eigene Thaten, wie den glorreichen Wahnſinn der Kreuzzüge im Gedichte wie im Roman verewigte, tr 7 meiſt gar nicht vertraut ſind. Die normänniſche Eroberung war unſer trojaniſcher Krieg— eine Epoche, über welche hinaus unſere Gelehrſamkeit nur ſelten die Fantaſie ſich verſteigen läßt. Wollte ich mich auf ſo ganz neuen Boden wagen, ſo blieb mir nur die Wahl zwiſchen zwei Dingen: entweder den Schein der Pedanterie auf mich zu laden, indem ich dem Leſer Nach⸗ forſchungen vor Augen führe, welche ihn zugleich mit dem Verfaſſer gerades Weges in die eigentlichen Memoiren jener Zeit einweihen, oder alle Anſprüche auf Genauigkeit gänzlich bei Seite zu werfen und mich damit zu begnügen, ſtatt meine eigene Anſicht über die Verwendung der natürlichen Romantik aus der wirklichen Geſchichte zu verfolgen, dieſe letztere in einen offenkundigen Roman zu verwandeln. Endlich entſchloß ich mich, nicht ohne einige Ermuthigung von Deiner Seite,(wofür Dir Dein gebührender Antheil am Tadel werden möge!) den Verſuch zu wagen und jene Behandlungsweiſe anzunehmen, welche zwar von Seite des Leſers größere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, dafür aber auch für ſeine Beurtheilung um ſo vollſtändiger erſchien. Das Zeitalter ſelbſt zeigt ſich bei gehöriger Würdigung überreich an jenen Elementen, welche das Intereſſe des Leſers erwecken und ſeine Einbildungskraft anſprechen ſollten. Nicht mit Unrecht hat Sismondi geſagt, das eilfte Jahrundert hat ein Recht, als ein großes Zeitalter betrachtet zu werden. Es war eine Periode ſchöpferiſchen Lebens und alles, was das Mit⸗ telalter an Edelſinn, Kraft und Heroismus erzeugte, hat in dieſer 8 4 Epoche ſeinen Anfang genommen*. Für uns Engländer ins⸗ beſondere beſteht neben dem engeren Intereſſe an jener Luſt zu Abenteuern, Unternehmungen und Verbeſſerungen, wofür die normänniſche Ritterſchaft das edelſte Vorbild abgab, noch jene tiefere und rührendere Theilnahme an dem letzten Aufglimmen der alten ſächſtſchen Monarchie, das ſich in den traurigen Blät⸗ tern unſerer Chroniſten vor unſern Augen eröffnet. Ich habe in dieſem Werke weniger eine Porträtirung bloſer Sitten, welche den Geſchichtsfreunden ohnehin durch die neueren Nachforſchungen vertraut geworden, als eine Schilderung jener großen Charaktere verſucht, die in der langen unſichern Erin⸗ nerung der Jahrhunderte ſo ſorglos übergangen wurden; es war mir darum zu thun, die Beweggründe und die Politik der Theilnehmer an einem der merkwürdigſten europäiſchen Ereig⸗ niſſe deutlicher hervorzuheben und eine, wenn auch allgemeinere, ſo doch genauere Kenntniß jener Männer anzubahnen, welche in jenem Schattenreiche lebten und wirkten, das hinter der normän⸗ niſchen Eroberung begraben liegt. „Spes hominum caecas, morbos, votumque, labores, Et passim toto volitantes aethere curas.“ (Hoffnungen, blinde— des Menſchen, Krankheit, Gebete und Mühen Und die beflügelten Sorgen, den ganzen Aether durchdringend.) Auf dieſe Weiſe bin ich den leitenden hiſtoriſchen Ereig⸗ niſſen in der großen Tragödie unſeres Königs Harold treu ge⸗ blieben und habe— ſoweit die widerſprechenden Zeugniſſe es 4* *Sismondi's Geſch. von Frankreich, IV. Bd., S. 484. 4¾ —— 4— — — erlaubten— die Schilderung der Charaktere, wie die richtige chronologiſche Reihenfolge, ohne welche keine hiſtoriſche Philo⸗ ſophie, d. h. kein greifbares Band zwiſchen Urſache und Wir⸗ kung beſtehen kann— ſo genau wie nur immer möglich einge⸗ halten. Der erdichtete Theil meiner Erzählung beſchränkt ſich deßhalb, wie im„Rienzi“ und„dem letzten der Barone“ haupt⸗ ſächlich auf das Privatleben mit all ſeinen Unfällen und Leiden⸗ ſchaften, von dem nur wenig bekannt iſt, woran man alſo auch wenig fälſchen kann, ſofern man nur der menſchlichen Natur überhaupt getreu bleibt. Die Liebesgeſchichte zwiſchen Harold und Editha iſt anders gegeben als die wohlbekannte Legende ſie erzählt, welch' letztere eine minder reine Verbindung vorausſetzen läßt. Die ganze Legende über die Editha Pulchra, deren Name ohne weitere Bezeichnung als eben jenes Adjektiv, das ihre Schönheit andeutet, in dem großen Lehenbuche* vorkommt, gründet ſich jedoch, was ihre populäre Annahme betrifft, nur auf ſehr ſchwache Autoritäten, und an einem Werke, das nicht allein zur Lektüre überhaupt beſtimmt iſt, ſondern auch, wie ich hoffe. aus mancherlei Gründen der Jugend ohne Scheu anver⸗ traut werden dürfte, werden die Gründe für meine Aenderungen, welche mit dem Geiſte der Zeit im ſtrengſten Einklange ſtehen und eine der hervortretendſten Eigenthümlichkeiten derſelben be⸗ leuchten ſollen— hinlänglich gerechtfertigt erſcheinen. Der öftere Gebrauch, den ich von den abergläubiſchen * Verfaßt unter Wilhelm dem Eroberer, im engliſchen Jus als die Domesday⸗Rolle(die Liſte des jüngſten Tages) bekannt. D. Ueberſ. 10 Anſichten jener Periode machte, bedarf vielleicht einer ausführ⸗ licheren Entſchuldigung. Jener Aberglaube iſt übrigens mit dem Zeitalter ſelbſt dermaßen verwoben— er begegnet uns ſo vielfältig, ſey es nun bei unſern eigenen Chroniſten, oder in den Memoiren der verwandten Skandinavier— er iſt mit den Geſetzen und dem ganzen Leben unſerer ſächſiſchen Vorväter ſo verwachſen, daß man dem Leſer nur dann einen lebendigen Ein⸗ druck von dem Volke, welches unter ihm lebte, beibringen kann, wenn man ihn faſt mit derſelben Leichtgläubigkeit, mit welcher er urſprünglich aufgefaßt wurde, in der Erzählung anwendet. Nicht ohne Wahrheit hat ein italieniſcher Schriftſteller bemerkt: „wer ein unphiloſophiſches Zeitalter philoſophiſch beleuchten wollte, ſollte ſich erinnern, daß man, um mit Kindern vertraut zu werden, zuweilen in die Denk⸗ und Gefühlsweiſe eines Kin⸗ des eingehen muß.“ Gleichwohl habe ich dieſe geſpenſtigen Helfershelfer nur ſehr ſelten zu den gewöhnlichen poetiſchen Zwecken des Schreckens verwendet, und wenn ſie gleichwohl jene Wirkung hervorbringen, ſo wird ſie, wie ich fürchte, eher dazu dienen, die eigentlichen hiſtoriſchen Quellen unſerer Theilnahme zu verſtärken, als dem Werke felbſt ein leitendes und populäres Charaktermerkmal mitzutheilen. Meine Abſicht bei Einführung der däniſchen Vala hat ebenſo viel mit der Vernunft, wie mit der Fantaſie zu ſchaffen, indem ich zeigte, welche weit verbreitete düſtere Ueber⸗ bleibſel der alten Heidenwelt ſich noch immer auf dem ſächſiſchen Boden behaupteten, und gegen ihren ſchließlichen Stellvertreter — den mönchiſchen Aberglauben— ankämpften und kontraſtir⸗ ten. Hilda exiſtirt nicht in der Geſchichte; aber ohne die roman⸗ tiſche Perſonifikation deſſen, was Hilda darſtellt, ließe ſich die Geſchichte jener Zeit nur unvollkommen verſtändlich machen. In Harolds Charakter habe ich zwar die oberflächlichen Beweiſe ſeiner unterſcheidenden noch jetzt unter uns erhaltenen Attribute ſorgfältig erwogen und geprüft, und trotz einer nicht unnatürlichen Partheilichkeit ſeine Mängel— was nämlich ich dafür halte— und nicht minder den großen Irrthum ſeines Lebens nicht verhehlt: gleichwohl gieng mein Hauptbeſtreben dahin, das Ideal jenes ächt ſächſiſchen Charakters in leichten Umriſſen hervorzuheben, wie ſich daſſelbe ſchon damals mit ſei⸗ nen großen unentwickelten Vorzügen, mit ſeiner ſchon in jener frühern Zeit ſich entfaltenden geduldigen Ausdauer, mit ſeiner fühle mehr als dem ritterlichen Sinne für Ehre und jenem un⸗ zerſtörbaren Elemente praktiſchen Strebens und muthvollen Wollens, welches, ſtandhaft in allen Gefahren und jeder Ero⸗ berung Trotz bietend, ſo ungeheuren Einfluß auf das Geſchicke der Welt auszuüben beſtimmt war— hervortrat. Gegen den normänniſchen Herzog glaube ich ſo mild ver⸗ fahren zu ſeyn, als es die Gerechtigkeit nur immer zuläßt, obwohl es ebenſo unmöglich iſt, ſeine Feinheit zu läugnen wie ſein Genie ihm abzuſtreiten, und ſo weit der Zweck meines Werkes geſtattete, hoffe ich, die großen Charakterzüge ſeiner Landsleute, welche weit ritterlicher waren als er ſelbſt, richtig angegeben zu haben. Es war ein Unglück für jenen ausge⸗ zeichneten Menſchenſtamm, daß bei uns in England die anglo⸗ normänniſchen Könige als ſeine Repräſentanten galten, während doch der wilde intriguirende William, der eitle werthloſe Rufus, der kaltblütige erbarmungsloſe Henry keine würdigen Typen für ihre weit edleren normänniſchen Vaſallen abgeben können, von denen ſelbſt der engliſche Chroniſt geſteht, daß ſie„freundliche Herren“ geweſen ſeyen, und denen die ſpäteren Freiheiten Eng⸗ lands ihren Königen zum Trotz ſo Vieles zu verdanken haben. Allein vorliegendes Werk ſchließt auf dem Schlachtfelde von Haſtings— jenem edlen Kampfe für nationale Unabhängigkeit, bei welchem die Sympathien jedes ächten Landeskindes— auch wenn er ſein Geſchlecht bis auf die normänniſchen Sieger zurück⸗ führte— auf die Seite des patriotiſchen Harold gehören.* Durch die Noten, die ich für das beſſere Verſtändniß dieſes Werkes für nöthig hielt, wollte ich den Leſer überhaupt blos ſo weit in die damaligen Zuſtände einweihen, daß er mit dem Hauptgegenſtande des Buches leichter vertraut würde, oder ſeine Erinnerung an die bezüglichen Einzelnheiten, welche ohnehin nicht ohne nationales Intereſſe ſind, auffriſchen könnte. Durch die Anführung von Autoritäten beabſichtige ich keineswegs für eine bloße Fiktion den eigentlichen Charakter einer Geſchichte in * Sollte ſich dies Werk derſelben nachſichtsvollen Gunſt, wie„der letzte der Barone“ erfreuen, ſo wäre es leicht möglich, daß ich mich auf dem hier eröffneten weiten Gebiete noch weiter voranwagte. Eine Reihe von Dichtungen, welche unſere frühere Geſchichte durch die ihr eigenthümliche Romantik be⸗ leuchteten, dürfte keinen ganz nutzloſen Leitfaden in der Hiſtorie ſelber abgeben. 4— 13 Anſpruch zu nehmen; jene Bezugnahme kommt hauptſächlich da vor, wo ich entweder das, was ich aus einer Chronik entlehnte, ſcharf von der bloßen Erfindung unterſcheiden, oder wenn es mir nöthig ſchien, in Fällen, wo ich von meinem populären, dem Leſer vielleicht eher geläufigen Geſchichtſchreiber abwich, die Quelle, worauf jene Differenz ſich gründete, benennen wollte.* Kurz— mein Hauptzweck war der Art, daß ich genöthigt war, ernſtere Dinge, als ſonſt wohl vorkommen, in meinen Ro⸗ man einzumiſchen— ein Verfahren, das man— wie ich ſchwach zu hoffen wage— ſchon aus nationeller Sympathie zwiſchen Autor und Leſer mit der Anklage der Langweile verſchonen dürfte. Mein Zweck iſt erreicht, aber auch nur dann erreicht, wenn der Leſer beim Umſchlagen der letzten Seite findet, daß er trotz der Zulaſſung erdichteter Stoffe dennoch eine klarere und genauere Anſicht von einer fernen aber heroiſchen Zeit, von Cha⸗ rakteren, welche für jeden Engländer ein wahres Familienintereſſe haben ſollten, gewonnen hat, als die gedrängten Berichte des bloßen Hiſtorikers ihm möglicherweiſe hätten gewähren können. So, mein theurer d'Eyncourt, habe ich dem Publikum unter Deiner Adreſſe alle jene Erklärungen gegeben, wozu die Schriftſteller überhaupt(und ich nicht am allerwenigſten) oft nur gar zu bereitwillig ſind. Nachdem dieſe Aufgabe vorüber, kehren meine Gedanken * Solche Bemerkungen, die für den Tert ſelbſt weniger unerläßlich ſind, oder durch ihre Länge den Gang der Erzählung unterbrechen würden, ſind an das Ende der Geſchichte verwieſen. 14 in natürlichem Gange zu den Bildern zurück, womit ich Deinen Namen gleich Anfangs, als ich ihn auf die Aufſchrift dieſes Briefes ſetzte, in Verbindung brachte. Mir iſt, als befände ich mich abermals unter Deinem freundlichen Dache, als begrüßte ich wieder meinen ſorgſamen Wirth, während er in jenes gothiſche Zimmer tritt, worin ich meine ungeſelligen Studien aufſchlagen durfte, um nur die Ankunft majeſtätiſcher Folianten auszupo⸗ ſaunen und ganze Bibliotheken rings um mein unwürdiges Werk aufzuhäufen. Ich halte inne in meiner Arbeit und ſchaue aber⸗ mals durch die Burgfenſter und über jenen feudalen Graben auf die breite Landſchaft, welche— wenn ich nicht irre— ihren Namen von dem ſtolzen Bruder des Eroberers ſelbſt erhielt; oder wenn in jenen Winternächten die grimmigen alten Tapeten in den düſtern Winkeln ſich regten, höre ich wieder den ſächſiſchen Thegn(Than), wie er ſein Horn vor der Thurmpforte ſchallen läßt und Zutritt in die Hallen verlangt, aus denen ihn der Prä⸗ lat von Bayeur ſo ungerechter Weiſe vertrieb ⸗*— iſt es da ein Wunder, daß ich in den Zeiten, welche ich geſchildert, mit den Sachſen als Sachſe, mit dem Normann als ſeines Gleichen lebte — daß ich mich nur der ehrwürdigen Sprache, wie ſie am Hofe des Bekenners heimiſch war, bediente, oder meine Mitgäſte (wenn ich ſie nämlich meiner Gegenwart würdigte) mit den letzten Neuigkeiten erſchreckte, welche Harolds Spione von dem ⸗ Ueber das Haus meines Freundes geht nämlich die Sage, daß Erich der Sachſe in beſtimmten Nächten ſein Horn vor deſſen Thore blaſe und in forma spectri den Beſitzer wegen ſeiner Vertreibung vorlade. 15 Lager zu St. Valery zurückgebracht hatten? Mit all' jenen Folianten, welche als Rieſen einer vergangenen Welt, zudring⸗ lich wie die Normannen, unbezähmbar wie die Sachſen und hochgewachſen wie die ſchlankeſten Dänen(grauſame Feinde, ich ſehe ſie immer noch vor mir!), täglich mehr und mehr, höher und höher— ein Oſſa über den Pelion— auf Stuhl und Tiſch, auf Heerd und Boden ſich aufthürmten,— bei alten ausgegra⸗ benen Geſpenſtern, welche an den Wänden emporkrochen, bei den roſtigen Waffenrüſtungen in Deinen Gallerien, den verſtüm⸗ melten Statuen früherer engliſcher Könige(den heiligen Eduard mit eingeſchloſſen) in den Niſchen der grauen epheuüberwucher⸗ ten Mauern— ſage bei Deinem Gewiſſen, o Du mein reu⸗ müthiger Wirth! ſoll ich je wieder zu dem neunzehnten Jahr⸗ hundert zurückkehren? Doch weit über dieſe friſchen Bilder eines einzigen Winters (wofür der Himmel Dich abſolviren möge!) geht das Gedächt⸗ niß einer Freundſchaft, welche ſchon ſo manchen Winter über⸗ ſtanden und ſich gegen Stürme bewährt hat. Oft kam ich zu Dir, um mich Raths zu erholen bei Deiner Weisheit, um Theilnahme zu finden bei Deinem Herzen, und jedesmal kehrte ich mit vermehr⸗ tem Danke zurück— einem Danke, welcher vielleicht das ſeltenſte, aber darum nicht weniger glückliche Gefühl enthält, das die Er⸗ fahrung dem Manne übrig läßt. Mag es auch ſeyn, daß manche Meinungsverſchiedenheiten— ſei es nun in öffentlichen Fragen, wodurch wir jeden Tag Freundſchaften, welche durch den Aus⸗ tauſch der Gefühle entſtanden, weit außer dem Bereiche von 16 König und Geſetz hätten ſtehen ſollen, entfremdet ſehen, oder in den mehr ſcholaſtiſchen Streitfragen, welche gebildete Men⸗ ſchen eben ſo lebhaft intereſſiren— uns zuweilen das idem velle, et idem nolle ſtreitig machen; die vera amicitia bedarf nicht jener gewöhnlichen Bande. Der Sonnenſchein ſcheidet darum nicht von der Welle, weil ein zufälliger Stein einen Augenblick lang die Oberfläche kräuſelte. So empfange denn in dieſer Widmung eines Werkes, das mir ſo lange auf der Seele gelegen und aus vielen Gründen theuer geworden iſt, das Unterpfand meiner Zuneigung für Dich und die Deinigen— einer Zuneigung, welche ebenſo ſtark wie die Bande des Bluts und nicht minder dauernd als der Glaube an die Wahrheit iſt. 1. März 1848. E. B. L. —ͤ= ͤ— Erſtes Huch. Der normänniſche Gaſt, der ſächſiſche König und die däniſche Prophetin. Erſtes Kapitel. Luſtig war der Monat Mai im Jahr unſeres Herrn 1052. Da gab es nur wenige Burſche und noch weniger Mädchen, welche den Morgen des erſten Tages dieſes fröhlichen Monats verſchlafen hätten, denn lange vor der Dämmerung hatte das junge Volk Wieſen und Wälder heimgeſucht, um Maibäume zu fällen und Blumen zu winden. Manche ſchöne grüne Wieſe lag damals noch jenſeits des Dorfes Cha⸗ ring und hinter der Thorneyinſel(zwiſchen deren Farren⸗ und Brom⸗ beerſträuchern ſich eben um jene Zeit raſch und ſtattlich die Halle und Abtei von Weſtminſter erhob); mancher Wald dehnte ſich dunkel im Sternenlichte an den Abhängen über den feuchten Strand mit ſeinen zahlreichen Kanälen oder Gräben auf beiden Seiten der großen Kenter⸗ b ſtraße. Flöten und Hörner klangen fern und nah über die grünen Stellen, aus denen Geſang und Gelächter und das Krachen der bre⸗ chenden Aeſte in die Lüfte erſcholl. Wie der Morgen grau im Oſten empordämmerte, beugte ſich manches ſchelmiſche blühende Geſicht, um ſich im Maithau zu baden. Geduldige Ochſen ſtanden doſend an den blütheduftenden Hecken, bis die munteren Maiſchnitter mit ihren ſtattlichen Stangen aus den Bulwer, Harold. 2 18 Wäldern kamen, während die Mädchen die Schürze voll Blumen nach⸗ trugen, die ſie auf den Wieſen im Schlafe überraſcht hatten. Auch die Stangen prangten von Blumenſträußen, und jedem Ochſen wurde ein Kranz um die Hörner gehängt. Dann ſtrömten die Prozeſſionen gegen Anbruch des Tags durch alle Thore in die Stadt zurück; voraus zogen Knaben mit ihren Maigaden(geſchälten Weidengerten mit Schlüſſelblumen umwunden) und durch die belebenden Klänge der Hörner und Flöten ſchallte laut aus dem wandelnden Haine ein mun⸗ terer Chor, der einige alte ſächſiſche Verſe— Vorläufer des ſpäteren Liedes:„Wir haben den Sommer heimgebracht!“— anſtimmte. Oft waren Könige und Aeltermänner in den guten alten Tagen, bevor der Mönch⸗König regierte, auf dieſe Weiſe in die Maien ge⸗ gangen; allein jener gute Prinz konnte ſolche Luſtbarkeiten, die nach dem Heidenthume ſchmeckten, nicht leiden. Dennoch war der Geſang eben ſo lang und die Zweige waren eben ſo grün, als ob König und Earl im Zuge mitgewandelt wäͤren. Die ſchönſten Matten für die Schlüſſelblumen, die grünſten Wäl⸗ der zu den Zweigen umringten damals an der großen Kenterſtraße ein ſtattlches Gebäude, das einſt einem üppigen Römer angehört hatte, jetzt aber entſtellt und verfallen war. Burſche und Mädchen ſcheuten jedoch ſolche Orte, und als ſie mitten in ihrer Luſtbarkeit auf dem Heimwege an den zertrümmerten Mauern, den angeniſteten Außen⸗ gebäuden vorüberkamen und in deren Nähe die grauen Druidenſteine (jene Denkmale eines Zeitalters, das den ſächſiſchen wie den römiſchen Eroberern lange vorhergegangen) in der Dämmerung durchſchimmern ſahen, hatte der Geſang ein Ende, die Jüngſten bekreuzten ſich und die Aelteren meinten in feierlichem Flüſtern, es wäre wohl vorſichtiger, ihren fröhlichen Geſang in einen frommen Pſalm zu verwandeln. In jenem alten Gebäude wohnte nämlich Hilda— finſteren berüchtigten Andenkens— Hilda, welche, wie man glaubte, allem Geſetz und Canon zum Trotz noch immer die verderblichen Künſte der Wieca und Morth⸗ wyrtha(der Hexe und Todtenverehrerin) praktiziren ſollte. Sobald raus mit e der mun⸗ itteren agen, n ge⸗ nach eſang g und Wäl⸗ ſtraße hatte, heuten f dem ußen⸗ ſteine iſchen rmern h und tiger, In tigten Sanon Lorth⸗ obald jedoch das Völkchen jenen Bereich des Schreckens hinter ſich hatte, war der Pſalm vergeſſen und der fröhliche Chor drang abermals laut, hell und ſilberrein durch die Morgenlüfte. So gelangte man gegen Sonnenaufgang nach London, und Thü⸗ ren und Fenſter wurden gebührendermaßen mit Blumenguirlanden um⸗ wunden, jedes Dorf in der Umgebung hatte ſeinen Maibaum, der das ganze Jahr über ſtehen blieb. Jede Arbeit ruhte an dieſem glücklichen Tage; Ceorl und Theowe(Schiffer und Landmann) hielten ihren Feier⸗ tag, um zu tanzen und fich um den Maibaum herumzutummeln, und ſo geſchah es denn wirklich, wie das Lied es erzählt, daß Jugend, Frohſinn und Muſik am erſten Mai den Sommer hereinbrachten. Noch am andern Tage konnte man deutlich erkennen, wo die fröh⸗ lichen Banden ſich herumgetrieben hatten; man konnte ihren Weg an den zerſtreuten Blumen und Blättern und an den tiefen Räderſpuren der Karren, welche die Maibäume heimführten,— dieſe waren oft mit zwanzig bis vierzig Ochſengeſpannen beſetzt— verfolgen und von je⸗ der Anhöhe ließen ſich weit über das ganze Land die zierlichen Mai⸗ bäume gewahren, womit der Raſen jedes Weilers gekrönt war— die Luft ſchien noch immer mit den Düften der Blumenguirlanden erfüllt. Mit eben dieſem zweiten Maitage des Jahres 1052 will ich denn meine Geſchichte im Hauſe Hilda's, der berüchtigten Morth⸗wyrtha, er⸗ öffnen. Es ſtand auf einer ſanften, grünen Anhöhe und trotz der bar⸗ bariſchen Verſtümmlung, die es von barbariſchen Händen erlitten hatte, war immer noch genug davon übrig geblieben, um gegen die gewöhn⸗ lichen Wohnungen der Sachſen einen auffallenden Kontraſt zu bilden. Noch immer waren die Ueberbleibſel römiſcher Kunſt ſehr zahl⸗ reich über England verbreitet, aber es geſchah nur ſelten, daß ſich der Sachſe ſeine Heimath unter den Villen dieſer früheren Eroberer er⸗ wählte. Unſere erſten Vorväter waren weit eher geneigt zu zerſtören, als ſich an Gegebenes anzupaſſen. Durch welchen Zufall dieſes Ge⸗ Päude eine Ausnahme von der allgemeinen Regel bildete, iſt jetzt un⸗ 9 26.. 20 möglich zu erforſchen; ſo viel iſt gewiß, daß es ſeit ſehr langer Zeit ganzen Geſchlechtern teutoniſcher Gebieter zum Obdache gedient hatte. Ru Die Veränderungen, die mit dem Gebäude vorgegangen, waren die traurig und grotesk zugleich... Was jetzt als Halle diente, war offen⸗ geſ bar das Atrium(Vorhof) geweſen, der runde Schild mit ſeiner zuge⸗ hal ſpitzten Buckel, der Speer, das Schwert und der kleine krumme Saſſa⸗ un nach des früheren Teutonen hingen an denſelben Säulen, welche früher die von Blumen umwunden geweſen; in der Mitte des Flurs, wo zwiſchen ver dem hartgeſtampften Pflaſter aus Lehm und Kalk noch Trümmer der alten Moſaik hervorglitzerten, war der Herd auf das frühere Implu⸗ Vi vium etablirt und der Rauch ſtieg langſam durch die Oeffnung im Dache, lor welche vor alten Zeiten den Regen des Himmels eingelaſſen hatte.( Rings um die Halle hatte man die alten cuhicula oder Schlafgemächer al (klein, hoch und nur von der Thüre aus beleuchtet) für die Dienerſchaft da des Haushalts oder untergeordnete Gäſte beibehalten, während am—( hintern Ende der Halle der weite Raum zwiſchen den Säulen, durch m den man einſt aus anmuthigen Zellen in das tablinum und viridarium ho hinausgeſchaut hatte, mit wüſtem Gerümpel und römiſchen Ziegel⸗ P ſteinen ausgefüllt war, ſo daß nur eine niedere Rundbogenthüre übrig 8 6 blieb, welche noch immer in das Tablinum führte. Dieſes ſelbſt, frü⸗ her das heiterſte Staatszimmer des römiſchen Großen, war jetzt mit* allerlei Plunder, Reisbündeln und Geräthſchaften des Landbaus an⸗ ke gefüllt. Zu beiden Seiten dieſes entweihten Gemaches dehnte ſich li rechts das alte lararium(Gemach des Laren), nun aber ſeiner alten de Götterbilder und Familienſtatuen entkleidet, links das frühere gynae- d ceum(Frauengemach). u Das Lararium war übrigens von einem frühern ſächſiſchen Than oder Ealden offenbar ſchon vor Einführung des Chriſtenthums in ein 2 Staatszimmer verwandelt worden, denn hier und dort hatte eine grim⸗ mige Künſtlerhand auf das einſt mit Gegenſtänden aus der klaſſiſchen Mythologie und Poeſie reich bemalte Glas Skizzen geſudelt, welche Hengiſts weißes Roß oder Wodens ſchwarzen Raben darſtellen ſollten; Zeit ſatte. ſaren ffen⸗ uge⸗ ſaſſa⸗ üher ſchen r der plu⸗ ſache, atte. ſicher ſchaft am burch rium egel⸗ ibrig frü⸗ mit an⸗ ſich alten nae- Runeninſchriften liefen zum Theil verwiſcht erbarmungslos über die Mitte eines abgeblaßten Gebälks mit ſpielenden Liebesgöttern; geſpenſtige Wolfsköpfe, durch Zeit und Verfall, Motten und Würmer halb zerſtört, hingen über einem alterthümlichen, ſeltſamen Stuhle und hatten dort in melancholiſchem Stolze ſeit dem Tage gehaust, da dieſe verwandten Thiere von ihren ſächſiſchen Brüdern ſo unnatürlich vertilgt worden waren. Alle dieſe Gemächer, deren Thüren ſich auf die offene Gallerie, Viridarium genannt, und dann auf einen Periſtyl oder längliche Co⸗ lonnade öffneten, waren nur mit Ausnahme des mittleren Tablinums (dieſes hatte die Thüre beibehalten) durch Fenſter geſchloſſen; das im alten Lararium war blos durch Lattenwerk gegen den Regen geſchützt, das gegen das Gynäceum dagegen mit trübem grauem Glaſe verſehen. (Das Glas, das zur Zeit Bedas eingeführt wurde, war nämlich da⸗ mals” ſowohl an Gefäſſen als an Fenſtern in den Häuſern der Wohl⸗ habenden weit häufiger als in der viel ſpäteren Zeit des glänzenden Plantagnets, obwohl ſich deſſen Gebrauch immer noch auf die Ver⸗ möglichen beſchränkte.) Der alte Periſtyl war von bedeutender Aus⸗ dehnung; die eine Seite hatte man in Stallungen, in Schwein⸗ und Ochſenſtälle verwandelt; auf der anderen war aus rohen Eichenplan⸗ ken, welche oben durch Platten zuſammengehalten wurden, eine chriſt⸗ liche Kapelle errichtet, welche ein Schilfdach bedeckte. Die Außenwand des Periſtyls nebſt ſeinen Säulen bildete eine wirre Trümmermaſſe, durch deren rieſige Spalten ein Grashügel an den Abhängen theilweiſe mit Ginſterbüſchen bedeckt hindurchſchimmerte. * So bringt Alfred in einem ſeiner Gedichte das Glas als ein bekanntes Bild der Vergleichung: „So oft die wilde See Bei Südwind Wie graues Glas ſo klar Sich tobend aufwirft.“ Shar. Turner. —õ— 22 Auf dieſem Hügel ſtanden die verſtümmelten Trümmer eines alten druidiſchen Cromlechs(Altar), in deſſen Mitte man nahe an einer Be⸗ gräbnißmündung mit dem Bauta⸗ oder Grabſteine eines frühern ſäch⸗ ſiſchen Häuptlings an dem einen Ende— verbrecheriſcher Weiſe einen Altar für Thor aufgeſtellt hatte, was ſowohl aus der Geſtalt als aus einem rohen halbverwiſchten gemeiſelten Relief des Gottes mit ſeinem geſchwungenen Hammer und einigen Runenbuchſtaben hervorging. Hier ſah man aufs Neue, wie der Sachſe mitten in dem Tempel des Breto⸗ nen den Schrein ſeines triumphirenden Kriegsgottes aufgerichtet hatte. Unter den Trümmern dieſer ebengenannten Außenſeite des Peri⸗ ſtyls, welche auf den Hügel hinausging, waren erſtens ein alter römi⸗ ſcher Brunnen, der jetzt den Schweinen zur Schwemme diente, und dann ein kleiner sacellum oder Bacchustempel(wie das noch erhaltene Fries und Relief bezeugte) übrig geblieben, ſo daß das Auge mit einem Blick die Denkmäler von vier verſchiedenen Glaubensbekenntniſſen überſchauen konnte— hier das druidiſche, myſtiſch und ſymboliſch; dort das römiſche, ſinnlich aber menſchlich; das teutoniſche, grauſam und zerſtörend, und am ſpäteſten entſtanden und alle überlebend, obwohl bis jetzt ſeinen ſanften Einfluß über die Thaten der Menſchen nur in ge⸗ ringem Grade ausübend— der Bau, welcher der Lehre des Friedens gewidmet war. Durch das Periſtyl zogen Leibeigene und Schweineheerden unge⸗ hindert hin und her; im Atrium ſah man Männer der höhern Klaſſe, halb bewaffnet, einige mit Trinken, andere mit Würfeln, dieſe mit un⸗ geheuren Hunden, jene mit den Falken beſchäftigt, welche ernſt und feierlich auf ihren Stangen daſaßen. Das Lararium war verlaſſen, das Gynäceum dagegen noch immer wie in der Römerzeit das Lieblingsgemach des weiblichen Hausperſo⸗ nals und trug auch noch denſelben Namen*. Mit einer dort verſam⸗ melten Gruppe werden wir jetzt zunächſt zu thun haben. *„Das Gemach, worin die angelſächſiſchen Frauen wohnten, hieß Gyne⸗ cium,“— Fosbrocke, II. Bd. S. 570. ſch; ſam vohl ge⸗ ens ge⸗ iſſe, un⸗ und ne⸗ 23 Die Ausſtattung des Zimmers deutete auf den Rang und die Wohlhabenheit des Beſitzers. Damals war nämlich der häusliche Lurus des Reichen weit größer, als man in der Regel angenommen hat: der Fleiß der Frauen ſchmückte Wände und Geräthe mit Nadelarbeit und Vorhängen, und gleichwie ein Than durch den Verluſt ſeiner Lände⸗ reien auch ſeinen Rang einbüßte, ſo behielten die höheren Klaſſen einer mehr auf Reichthum als Geburt ſich gründenden Ariſtokratie gewöhn⸗ lich einen Theil ihrer übrigen Schätze bei, welche ſonſt in die Bazars des Orients und auf die nähern Märkte von Flandern und dem ſarazeni⸗ ſchen Spanien wanderten. In dieſem Gemache waren die Wände mit reichgeſtickten ſeidenen Vorhängen drappirt. Auf einem Schenktiſche ſtanden Trinkhörner, in Silber gefaßt, und ſogar einige Gefäſſe aus purem Gold. Ein klei⸗ ner runder Tiſch in der Mitte wurde durch ſonderbar geſchnitzte ſym⸗ boliſche Ungeheuer geſtützt. An der einen Wand ſaßen auf einer lan⸗ gen Bank ein halb Dutzend Hausmägde, mit Spinnen beſchäftigt; ferne von ihnen und nahe am Fenſter ſah man eine hochbetagte Frau von eigenthümlicher majeſtätiſcher Miene und Haltung. Auf einem kleinen Dreifuß vor ihr lag eine Runenhandſchrift mit einem Tinten⸗ zeug von eleganter Form nebſt ſilbernem Schreibgriffel. Zu ihren Füßen kauerte ein kaum ſechzehnjähriges Mädchen, deſſen ſchönes lan⸗ ges Haar, über der Stirne geſcheitelt, weit über ihre Schultern herab⸗ fiel. Ihre Keidung war eine linnene Untertunika mit langen Aermeln, welche hoch zu Hals hinaufreichte, und ohne all' die modernen kunſt⸗ reichen Zwangsanſtalten durch den einfachen Gürtel die ſchlanken Verhältniſſe und den zarten Umriß des Mädchens hervorhob. Die Farbe dieſer Tracht war das reinſte Weiß, nur an den Bordüren reich geſtickt. Die Schönheit der Kleinen grenzte wirklich ans Wunderbare, denn ſogar in einem Lande, das durch ſeine ſchönen Frauen ſprüchwörtlich geworden, hatte ſie ihr bereits den Namen der„Schönen“ erworben. Bei ihr vereinigten ſich nämlich— bis jetzt nicht ohne gegenſeitigen 24 Wettſtreit um die Herrſchaft— die beiden nur ſelten in einem und demſelben Antlitze verbundenen Reize des Edlen und des Sanften. Der Beweis dieſes innern Kampfes zeigte ſich in der That in dem ganzen Aeußern: der Verſtand war noch nicht gereift, Seele und Herz noch nicht vereinigt, und Editha, die chriſtliche Maid, wohnte in dem Hauſe Hilda's, der heidniſchen Prophetin. Die blauen Augen des Mädchens, unter dem Schatten ihrer langen Lider dunkel erſchei⸗ nend, waren voll Spannung auf das ſtrenge unruhige Geſicht geheftet, das ſich mit jenem zerſtreuten Blicke, welcher die Abweſenheit der Seele andeutet, über ihr eigenes Antlitz beugte. So ſaß Hilda, und ſo kauerte ihre Enkelin Editha. „Großmutter,“ ſagte das Mädchen leiſe und nach langer Pauſe— der Klang ihrer Stimme erſchreckte die Hausmägde dermaßen, daß jede Spindel für einen Augenblick inne hielt und ſich dann mit erneu⸗ ter Thätigkeit von Neuem regte—„Großmutter, was beunruhigt Dich? Denkſt Du nicht an den großen Earl und ſeine ſchönen Söhne, welche jetzt ferne über die weite See verbannt ſind?“ Bei den Worten des Mädchens fuhr Hilda wie aus einem Traume empor, und als Editha ihre Frage beendigt hatte, erhob ſie ſich lang⸗ ſam zu der vollen Höhe ihrer Geſtalt, welche, ungebeugt von den Jah⸗ ren, ſogar die gewöhnliche Männergröße weit überragte, und von dem Kinde ſich abwendend, fiel ihr Ange auf die ſchweigende Mägdereihe, welche an ihrem raſchen geräuſchloſen verſtohlenen Werke ſaß. „Hoh!“ rief ſie, während ihr kaltes hochmüthiges Auge in düſterm Feuer aufglimmte,„geſtern haben ſie den Sommer eingebracht, heute helft ihr den Winter einbringen. Webt nur gut— habt mir Acht auf Zettel und Einſchlag, Skulda iſt unter Euch, und ihre bleichen Finger führen das Weberſchiff.“ Die Mägde wagten nicht die Augen aufzuſchlagen, obwohl Aller Wangen bei den Worten der Gebieterin erblaßten. Die Spindeln ſurr⸗ * Skulda— die Norma, oder das Schickſal, das unſere Zukunft lenkt. te in gen ſchei⸗ ftet, eele rerte e— daß neu⸗ higt hne, ume ang⸗ Jah⸗ dem eihe, term eute auf ger Uller urr⸗ kt. 25 ten, der Faden ſchoß und das Schweigen war alsbald eiſiger denn zu⸗ vor zurückgekehrt. „Fragſt Du,“ fuhr Hilda endlich, an das Kind gerichtet, fort, als ob die Frage, die ſich ſo lange zuvor an ihr Ohr gewendet, erſt jetzt ihre Seele erreicht hätte,„fragſt Du, ob ich an den Earl und ſeine ſchönen Söhne dachte?— Ja, ich hörte den Schmied, wie er Waffen auf den Ambos ſchwang, und wie der Hammer des Schiffebauers ſtarke Rippen für die Meeresroſſe zimmerte. Ehe noch der Schnitter ſeine Garben gebunden, wird Earl Godwin die Normannen in den Hallen des Mönchekönigs verſcheuchen, wie der Falke die Brut im Tauben⸗ ſchlage verſcheucht. Webt nnr gut und habt mir Acht auf Zettel und Einſchlag, ihr flinken Mädchen— ſtark ſey das Gewebe, denn beißend iſt der Wurm.“ „Was weben ſie denn, gute Großmutter?“ fragte das Mädchen mit Scheu und Verwunderung in ihren ſanften milden Augen. „Das Todtenhemd für den Großen.“ Hilda's Lippen ſchloßen ſich, aber ihre Augen, leuchtender als zuvor, ſtarrten in den leeren Raum hinaus, und ihre bleiche Hand ſchien Buchſtaben gleich Runenzeichen in die Luft zu malen, bis ſie ſich langſam umwandte und durch das trübe Fenſter hinausſchaute. „Reicht mir Schleierhaube und Stab,“ gebot ſie plötzlich. Jedes der Mädchen, heilig froh eine Arbeit zu verlaſſen, welche erſt friſch begonnen ſchien und nach dem, was ſie über ihren Zweck von der Herrin erfahren, bei ihnen gewiß nicht ſehr beliebt war— erhob ſich, um dieſem Befehle zu gehorchen. Ohne die Hände, die miteinander wetteiferten, zu beachten, nahm Hilda ihre Haube und ſtülpte ſie theilweiſe auf die Stirne, worauf ſie, leicht auf ihren langen Stab ſich lehnend, deſſen Kopf einen aus ſchwarz⸗ gefärbtem Holze geſchnitzten Raben vorſtellte, in die Halle und von da durch das entheiligte Tablinum in den mächtigen, durch den bedeckten Periſtyl gebildeten Hof trat, wo ſie eine Weile nachdenllich ſtille hielt und ihrer Enkelin rief. Das Mädchen ſtand bald an ihrer Seite. —— „Komm mit.— Es gibt ein Geſicht, das Du nur zweimal in Deinem Leben ſehen ſollſt— heute——“ Hilda ſchwieg und man ſah, wie die rauhe, faſt koloſſale Schön⸗ heit ihres Geſichtes ſich ſänftigte. „Und wann abermals, meine Großmutter?“ „Kind, lege Deine warme Hand in die meine. So! das Geſicht verdunkelt ſich vor den Blicken: wann abermals— fragſt Du, Editha? Ach, ich weiß es nicht.“ So ſprechend ging Hilda langſam an dem Römerbrunnen und dem Heidentempel vorüber und ſtieg den kleinen Hügel hinan; dort auf der entgegengeſetzten Seite des Gipfels, den druidiſchen Cromlech und den teutoniſchen Altar hinter ſich, ſetzte ſie ſich bedächtlich auf den Raſen nieder. Einige Maasliebchen, Primeln und Schlüſſelblumen wuchſen in der Nähe; dieſe begann Editha zu pflücken, indem ſie beim Kranz⸗ winden ein einfaches Lied ſang, das eben ſowohl durch ſeinen Dialekt wie durch das in ihm waltende Gefühl ſeinen Urſprung in den Balla⸗ den der Norſa“ verrieth, deren Charakter ſich durch ſorgloſere Faſ⸗ ſung von der künſtlicheren Poeſie der Sachſen weſentlich unterſchied. Das Lied läßt ſich ziemlich unvollkommen alſo wiedergeben: „Luſtig dort die Droſſel ſingt In dem luſt'gen Mai; Droſſel ſingt zu meinem Ohr: Herz iſt nicht dabei. Luſtig mit dem Blüthenzweig Lächelt froh der Baum; „ Unſere Literaturhiſtoriker haben dem großen Einfluſſe nicht Rechnung getragen, welchen die Poeſie der Dänen auf unſere frühere Muſe äußerte. Ich zweifle keinen Augenblick, daß ſich die Minſtrellieder unſeres Nordens und des ſchottiſchen Tieflands auf dieſe Quelle zurückführen laſſen, während ſo⸗ gar in den mittleren Grafſchaften Canuls Beiſpiel und Bemühungen nicht ohne beſonderen Werth auf den Geſchmack und Geiſt unſerer Barden bleiben konnte. Jener große Fürſt ermunterte aufs Freigebigſte die ſkandinaviſche Poeſie und Olaus nennt acht däniſche Dichter, die an ſeinem Hofe lebten. 27 Mein Auge nach den Blüthen ſchaut: Herz ſchifft in Meeresraum. Mein Mai iſt nicht der Blüthenzweig— . Nicht Vogelſang im Gras: Mein Mai der war im Winterfroſt, Wenn Einer neben ſaß.“ Als ſie an die letzte Strophe kam, ſchien ihre ſanfte Stimme einen Chor von lauter Hörnern, Trompeten und gewiſſen anderen, der da⸗ n und maligen Muſik eigenthümlichen Blasinſtrumenten zu erwecken. Der dort Hügel begrenzte die Hochſtraße nach London, welche ſich damals zwi⸗ unlech ſchen weiten Forſtſtrecken durchwand, und unter den Bäumen zur Lin⸗ f den ken hervortretend, kam eine ſtattliche Geſellſchaft zum Vorſchein. Voraus zogen zwei Bannerträger, ijeder mit einer Fahne. Auf en in der einen war das Kreuz und die fünf Hämmer— das Wahrzeichen ranz⸗ Edwards, ſpäter mit dem Namen der Bekenner— abgemalt; auf der ialekt andern ſah man ein einfaches breites Kreuz mit einem tiefen Rande alla⸗ ringsum, der Winkel in ſcharfe Spitzen ausgezackt. Faſ⸗ Das erſte Banner war Edithen bekannt, welche ihre Guirlande hied. fallen ließ, um den nahenden Prachtzug zu beſchauen; das letzte da⸗ gegen ſchien ihr noch fremd. Sie war gewöhnt, das Banner des großen Earls Godwin neben dem des Sachſenkönigs zu ſehen, und darum ſagte ſie faſt unwillig: „Wer wagt es, theure Ahne, ein Banner als Wimpel aufzu⸗ pflanzen, wo das des Earls Godwin flattern ſollte?“ „Schweig,“ gebot Hilda;„ſchweig und ſchaue!“ Unmittelbar hinter den Standartenträgern kamen zwei Geſtalten, zern in Miene, Jahren und Alter wunderbar unähnlich, jede einen Falken und auf der linken Fauſt führend. Der eine der beiden Männer ritt einen d ſo⸗ milchweißen Zelter, deſſen Schabrake mit Gold und ungeſchliffenen nicht Juwelen beſetzt war. Obwohl nicht eigentlich alt— denn er war kaum iſche über die Sechzig— war ihm doch das Alter in Miene und Haltung 1. eingegraben. Seine Geſichtsfarbe war zwar ausnehmend klar und 28 ſeine Wangen von geſunder Röthe gefärbt, aber ſein Geſicht zeigte lange tiefe Furchen und unter ſeinem Barett, das in der Form den ſchottiſchen nicht unähnlich war, wallte das lange ſchneeweiße Haar mit einem großen Zwickelbarte ſich vermiſchend. Weiß ſchien ſeine Lieblingsfarbe, denn weiß war die obere Tunika, die mit einer breiten Spange oder Broſche auf die Schulter geheftet war, weiß die wollenen Beinkleider, die ſeine abgemagerten Glieder bedeckten, und weiß der Mantel, jedoch mit einer breiten Bordüre von Gold und Purpur be⸗ ſetzt. Der Schnitt ſeiner Kleidung war wie er einem Edlen geziemte, nur daß er für die gebrechliche, ungraziöſe Geſtalt des Reiters gar ubel taugte. Gleichwohl erhob ſich Editha, ſobald ſie ſeiner anſichtig wurde, mit einem Ausdruck tiefer Ehrfurcht, und ging mit den Worten:„es iſt unſer Herr, der König!“ einige Schritte den Hügel hinab, wo ſie, die Arme über die Bruſt gekreuzt, und in ihrer jugendlichen Unſchuld ganz vergeſſend, daß ſie das Haus ohne Mantel und Schleierhaube, wie man ſie für die Tracht der Jungfrau wie der Matrone außer dem Hauſe als unerläßlich betrachtete, zu Haus gelaſſen hatte— am Fuß deſſelben ſtehen blieb. „Edler Sir und Bruder mein,“ ſagte die tiefere Stimme des jüngeren Reiters in der romaniſchen oder normänniſchen Sprache. „Ich habe gehört, daß das kleine Völkchen, von dem meine Nach⸗ barn, die Bretonen, uns ſo Vieles erzählen, in dieſem Eurem ſchönen Lande ſehr zahlreich ſeyn ſolle, und ritte ich nicht an der Seite eines Mannes, dem kein ungetauftes und nicht abſolvirtes Geſchöpf ſich na⸗ hen darf— bei der ſüßen St. Valery, ich würde ſagen: dort drüben ſteht eines jener ſelben gentiles fées.“ König Edwards Auge folgte der Richtung, welche ſein Begleiter mit der Hand andeutete, und ſeine ruhige Stirn zog ſich leiſe zuſam⸗ men, als er Editha's jugendliche Geſtalt regungslos nur wenige Schritte vor ſich ſah, während die warmen Malluͤfte mit ihren langen goldenen Locken kosten. Er hielt ſeinen Zelter an und murmelte einige lateiniſche zeigte rm den ſe Haar n ſeine breiten ollenen heiß der pur be⸗ ziemte, ers gar wurde, n.:„es wo ſie, nſchuld haube, er dem m Fuß me des prache. Nach⸗ chönen eines ich na⸗ drüben gleiter uſam⸗ chritte ldenen iniſche 29 Worte, in denen der Ritter neben ihm ein Gebet erkannte, welchem er ſein Amen mit entblöstem Haupte und in ſo ſalbungsvollem Tone bei⸗ fügte, daß ihn der königliche Heilige mit ſchwachem Beifallslächeln und einem zärtlichen„Bene, bene, Piosissime!“ belohnte. Sofort ſeinen Zelter gegen den Hügel lenkend, winkte er dem Mädchen, ihm näher zu kommen. Cditha gehorchte mit hochrothen Wangen und trat bis an die Straße. Die Bannerträger hielten wie der König und ſeine Begleiter— die Prozeſſion hinten blieb ſtehen— dreißig Ritter, zwei Biſchöfe, acht Aebte, alle auf feurigen Roſſen und in normänniſcher Tracht— Knappen und Fußknechte— ein langes pomphaftes Gefolge— alle hielten an; nur einige weggelaufene Hunde ſonderten ſich von der übrigen Meute und wanderten mit hängendem Kopfe in die benachbarten Forſte. „Editha, mein Kind,“ begann Edward noch immer normänniſch⸗ franzöſiſch, denn er ſprach ſeinen Landesdialekt nicht ſehr geläufig und das Romaniſche, das unter den höheren Klaſſen in England ſchon lange einheimiſch geweſen, war ſeit ſeiner Thronbeſteigung die aus⸗ ſchließliche Hofſprache geworden, und als ſolche wurde angenommen, daß jeder Earl⸗Sippe ſie gleichfalls ſpreche—„Editha, mein Kind, Du haſt hoffentlich meine Lehren nicht vergeſſen, Du ſingſt die Hym⸗ nen, die ich Dir gab und verſäumſt doch nicht, die Reliquie um den Nacken zu tragen?“ Das Mädchen ſenkte das Haupt und ſchwieg. „Wie kommt es denn,“ fuhr der König fort, wäͤhrend er ſeiner Stimme vergeblich einen ſtrengen Accent zu geben verſuchte,„wie kommt es, o Kleine, daß Du, deren Gedanken ſich bereits über dieſe Fleiſcheswelt emporgeſchwungen haben und eifrig auf den Dienſt un⸗ ſerer keuſchen und gebenedeiten Maria gerichtet ſeyn ſollten, ſo ſchleier⸗ los und allein— ein Ziel für die Augen der Männer— am Wege ſtehſt? Geh' zu, das iſt nichts.“ Dieſer Vorwurf, vor ſo großer glänzender Geſellſchaft ausge⸗ ſprochen, färbte des Mädchens Wangen mit wechſelnder Röthe, ihre 30 Bruſt hob ſich, aber mit einer Anſtrengung weit über ihre Jahre, hielt ſie ihre Thränen zurück und ſagte in mildem Tone: „Meine Großmutter Hilda befahl mir mit ihr zu kommen und ich kam.“ „Hilda!“ rief der König, ſeinen Zelter mit anſcheinender Be⸗ ſtürzung zurückhufend;„Hilda iſt aber nicht bei Dir— ich ſehe ſie nicht.“ Indem er noch ſprach, erhob ſich Hilda, und ihre hohe Geſtalt erſchien ſo plötzlich auf dem Gipfel des Hügels, daß man hätte glau⸗ ben können, ſie wäre aus dem Boden emporgeſtiegen; mit leichtem raſchem Schritte neben ihre Enkelin tretend, gab ſie nach einer flüchti⸗ gen hochmüthigen Verbeugung zur Antwort: „Hilda iſt hier; was verlangt Edward, der König, von ſeiner Dienerin Hilda?“ „Nichts, nichts,“ verſetzte der König haſtig, und ein Anflug von Furcht kam über ſein ſtilles Antlitz, worauf er mit dem widerſtrebenden Ton eines Menſchen, der ſeinem Gewiſſen gegen die eigene Neigung gehorcht, alſo fortfuhr:„außer daß ich Dich bitten möchte, dieſes Kind hinter Hausſchwelle und Altar zu halten, wie es der Maid ge⸗ ziemt, welche unſere heilige Jungfrau ihrer Zeit für ihren Dienſt er⸗ kieſen wird.“ „Nicht ſo, Sohn Etheldreds, Sohns von Wodan; Penda's letz⸗ ter Abkömmling muß leben, nicht um als Geiſt zwiſchen Kloſter⸗ mauern zu ſchweben, ſondern um Söhne für den Krieg in ihres Va⸗ ters Schilde zu wiegen. Es gibt ja ſo wenige Männer wie ehedem, und ſo lange der Fuß des Fremden auf ſächſiſchem Boden verweilt, ſollte kein Zweig an Wodans Stamme im Blatte geknickt werden.“ „Per la resplendar Dé,“ kühne Dame,“ ſchrie der Ritter neben Edward, während ſich düſtere Gluth über ſeine bronzene Wange er⸗ goß,„Du zeigſt wahrlich für einen Unterthan eine zu geläuſige Zunge, *. Beim Glanze Gottes. re, hielt und ich der Be⸗ ſehe ſie Geſtalt te glau⸗ leichtem flüchti⸗ n ſeiner lug von ebenden deigung „dieſes kaid ge⸗ jenſt er⸗ a's letz⸗ Kloſter⸗ tes Va⸗ ehedem, erweilt, en.“ r neben nge er⸗ Zunge, 31 und für die Lippen einer chriſtlichen Matrone ſchwatzeſt Du viel zu viel von Eurem heidniſchen Wodan.“ Hilda begegnete den blitzenden Augen des Ritters mit einer Stirne, worauf hohe Verachtung nicht ohne leiſen Schreck ſich ab⸗ malte. „Kind,“ ſagte ſie, ihre Hand auf Edithens ſchöne Locken legend, „Das iſt der Mann, den Du nur zweimal in Deinem Leben ſehen ſollſt— blick auf, daß Du ihn Deinem Gedächtniß wohl einprägeſt!“ Editha hob unwillkürlich die Augen, welche, einmal auf den Ritter geheftet, wie durch einen Zauber an ihn gefeſſelt ſchienen. Sein Gewand, von ſo dunklem Karmoiſin, daß es neben der ſchneeweißen Tracht des Bekenners faſt ſchwarz ausſah, war mit einem breiten gold⸗ geſticktem Saume beſetzt; ſein feſter voller Hals, ſtark und kräftig wie eine Granitſäule, war ganz unbedeckt, und eine kurze Pelzjacke oder Halbmantel, der ihm über die Schultern hing, enthüllte in ihrer gan⸗ zen Breite ſeine Bruſt, welche dazu gebaut ſchien, das Vorrücken einer ganzen Armee aufzuhalten, während ſich an ſeinem linken Arme, der zur Stütze für den Falken leicht gebogen war, die ſtarken Muskeln durch den engen Aermel rund und ſehnig hervorhoben. An Größe ragte eer nur wenig über die jetzige Männerhöhe empor;“ aber ſeine Hal⸗ tung, ſeine Miene, der Adel ſeiner großartigen Verhältniſſe ſtachen dermaßen ins Auge, daß er ſich unermeßlich über die andern zu erhe⸗ ben ſchien. Sein Geſicht war übrigens noch merkwürdiger als ſeine Geſtalt; noch in der Blüthe der Jugend, ſchien er beim erſten Blicke jünger, beim zweiten älter als er wirklich war. Beim erſten Blicke jünger, denn ſein Geſicht war ganz glatt geſchoren, ſogar ohne den Schnurr⸗ bart übrig zu laſſen, wie ihn der ſächſiſche Höfling, als Nachahmung der Normannen, noch immer abzulegen ſich weigerte, ſo daß das glatte Geſicht und der bloße Hals an ſich ſchon genügten, ſeinem gebietenden „ S. Note A. am Ende des Werkes. eindringlichen Weſen einen jugendlichen Anſtrich zu verleihen. Sein kleines Barett ließ die mit kurzem, dickem, ungekräuſeltem, aber rabenſchwarzem, glänzendem Haar bedeckte Stirne gänzlich unbedeckt, eine Stirne, auf welcher die Zeit ihre Spuren eingegraben hatte, denn ſie war in einer Falte über den Augbraunen gerunzelt, und tiefe Fur⸗ chen kreuzten ihre breite, aber nicht hervortretende Oberfläche. Jene Stirnrunzel verkündete ein jähzorniges Temperament und die Ge⸗ wohnheit ſtrengen Kommando's; jene Furchen erzählten von tiefem Nachdenken und einem intriguirenden Geiſte, die eine blos Tempera⸗ ment und zufällige Umſtände, die andere, edlere, den Charakter und die Geiſteskraft verkündend. Das Geſicht war vierkantig und der Blick löwenähnlich; der Mund, klein und ſogar ſchön im Umriß, bekam durch ſeine ausnehmende Feſtigkeit einen düſtern Ausdruck, und das Kinn— breit, maſſig und wie in Eiſen gebunden— gab Zeugniß von einem hartnäckigen, erbarmungsloſen, entſchloſſenen Willen; es war ein Kinn, wie es unter Thieren dem Tiger, unter Menſchen aber dem Er⸗ oberer zukommt— ein Kinn, wie es an den Bildern eines Cäſar, Cortes oder Napoleon hervortritt. Seine ganze Erſcheinung war wohl darauf berechnet, die Be⸗ wunderung der Frauen nicht minder, wie die Scheu der Männer zu erregen. Aber keine Bewunderung miſchte ſich in den Schrecken, der das Maͤdchen ergriff, während ſie den Ritter lange und gedankenvoll anſtarrte: der Zauber der Schlange über den Vogel erhielt ſie ſtumm und in eiſiger Erſtarrung. Nie vermochte ſie dieſes Geſicht zu ver⸗ geſſen; oft ſollte es noch in ihrem ſpäteren Leben, am hellen Tage wie in ihren Träumen, vor ihren Gedanken ſpuken. „Schönes Kind,“ begann der Ritter, von ihrem hartnäckigen Anſtarren endlich ermüdet, während jenes Lächeln, wie es Solchen, die an das Befehlen gewöhnt ſind, eigen iſt, ſeine Stirne ſänftigte und ſeine Lippen die angeborene Schönheit wiedergab,„ſchönes Kind, laß Dir von Deiner grämlichen Ahnfrau nicht ſo unhöfliche Lehren, wie den Haß gegen die Ausländer, aufheften. Wie Du zur Jungfrau Sein , aber bedeckt, te, denn fe Fur⸗ Jene die Ge⸗ tiefem mpera⸗ und die r Blick m durch Ldinn— neinem var ein em Er⸗ Cäſar, die Be⸗ aner zu n, der kenvoll ſtumm zu ver⸗ ge wie äckigen olchen, nftigte Kind, tehren, ngfrau 33 heranreifſt, ſo erfahre auch, daß der normänniſche Ritter ein geſchwo⸗ rener Sklave der Schönheit iſt. Oeffne die Hand, mein Kind,“ indem er von ſeinem Barett einen ungeſchnittenen, in byzantiniſche Filigran⸗ arbeit gefaßten Juwel abnahm,„und wenn Du den Fremdling ſchmä⸗ hen hörſt, ſo ſtecke dieſe Kleinigkeit in die Locken und denke freundlich an William, Graf der Normannen.“ Indem er ſo ſprach, ließ er den Juwel zu Boden fallen, denn Editha, welche vor ihm zurückbebte, ſtreckte keine Hand darnach aus, und Hilda, mit welcher Edward leiſe geſprochen hatte, kam alsbald zur Stelle und ſtieß den Edelſtein mit ihrem Stab unter die Hufe des königlichen Zelters. „Sohn der Normannin Emma, welche Deine Jugend ins Exil ſandte— tritt nur die Gaben Deines normänniſchen Verwandten mit Füßen, und wenn Du, wie man ſagt, mit ſolcher Heiligkeit begabt biſt, daß der Himmel Deiner Hand die Macht zu heilen, und Deiner Stimme die Gewalt zu fluchen verleiht, ſo heile Dein Land und fluche dem Fremdling!“ Bei dieſen Worten hob ſie den rechten Arm gegen William, und ſo groß war die Würde und Gewalt ihrer Leidenſchaft, aß Alle ein förmliches Grauen überfiel. Den Schleier übers Geſicht ziehend, wandte ſie ſich ſofort langſam zur Seite und erreichte den Gipfel des Hügels, wo ſie aufrecht neben dem Altar der nordiſchen Gottheit ſtand, ihre Geſtalt regungslos wie eine Bildſäule, ihr Angeſicht unſichtbar wegen des Schleiers, mit dem ſie es foͤrmlich verhüllt hatte. „Reitet weiter,“ ſprach Edward ſich bekreuzigend. * Es iſt bemerkenswerth, daß die normänniſchen Herzoge ſich nicht Gra⸗ fen oder Herzoge der Normandie, wohl aber der Normannen nannten, wor⸗ nach auch die erſten anglonormänniſchen Könige bis auf Richard I. ſich Kö⸗ nige der Engländer, und nicht von England titulirten. In ſächſiſchen wie in normänniſchen Chroniken führt William gewöhnlich den Titel Graf(comes); doch wollen wir ihm in unſerer Geſchichte den bekannteren Namen Herzog geben. Bulwer, Harold. 3 34 „Bei den Gebeinen der heiligen Valery,“ rief William nach einer Pauſe, worin ſein ſcharfes ſchwarzes Auge den düſtern Ausdruck auf dem ſanften Angeſicht des Königs beobachtet hatte,„es nimmt mich nur gewaltig Wunder, wie ſelbſt ſo heilige Gegenwart dieſe bar⸗ ſchen, nichtswürdigen Worte ohne Zorn anzuhören vermag. Beim Himmel, auch wenn die ſtolzeſte dame der Normandie(und dafür halte ich das Weib des ſtattlichſten meiner Barone, William Fitzos⸗ borne’s) alſo zu mir geſprochen hätte—“ „So würdeſt Du gethan haben wie ich, mein Bruder,“ fiel Ed⸗ ward ein;„Du hätteſt unſern Herrn gebeten, ihr zu verzeihen und wäreſt mitleidig weiter geritten.“ Williams Lippen bebten vor Zorn, aber er drängte die Antwort, die ihm auf der Zunge ſchwebte, zurück, indem er ſeinen fürſtlichen Genoſſen voll Zuneigung— und dieſe iſt ja von Natur mehr zur Be⸗ wunderung als zur Verachtung geneigt,— betrachtete. So ſtolz und grauſam auch des Herzogs Thaten waren— ſein Glaube war dennoch aufrichtig, und während dies den Prinzen hauptſächlich zu dem frommen Edward hinzog, beugte ſich derſelbe auf der andern Seite mit jener Art unwillkürlicher, abergläubiſcher Huldigung vor dem Manne, der die Handlungen dem religiöſen Glauben anzupaſſen ſuchte. Man wird bei heftigen ſtürmiſchen Geiſtern immer die Er⸗ fahrung machen, daß ein ſanftes Gemüth, das ſtark gegen ſie kontraſtirt, ſich auffallend in ihre Neigungen einſchmeichelt. Nur dieſes Princip der menſchlichen Natur vermag die enthuſiaſtiſche Er⸗ gebung zu erklären, wie ſie die milden Leiden des Erlöſers bei den wildeſten Verwüſtern des Nordens erweckten; ja mit der Wildheit des Kriegers ſtand oft gerade ſeine Liebe zu jenem göttlichen Ebenbilde im Verhältniß, über deſſen Leiden er weinte, zu deſſen Grabe er barfuß wanderte, deſſen Beiſpiel in mitleidsvoller Verſöhnlichkeit zu folgen er aber gleichwohl an ſich ſelbſt als die größte Niederträchtigkeit be⸗ trachtet hätte. „Nun ſchwöre ich Dir, bei der Gebenedeiten, ich ehre und liebe heiner ick auf tt mich e bar⸗ Beim dafür Fitzos⸗ eel Ed⸗ en und atwort, ſtlichen ur Be⸗ ölz und ennoch u dem Seite ſr dem paſſen die Er⸗ gen ſie Nur he Er⸗ dei den eit des ilde im barfuß folgen keit be⸗ d liebe 3⁵ Dich, Edward,“ rief der Herzog mit offenerer Herzlichkeit, als man ſonſt an ihn gewöhnt war,„und wäre ich Dein Unterthan, dann wehe jedermänniglich, der ſeine Zunge rührte, um Dich mit einem Athem⸗ zuge zu verwunden. Doch wer und was iſt dieſe nämliche Hilda? Gehöͤrt ſie zu Deinem eigenen Geſchlecht?— gewiß, nur konigliches Blut kann ſo kühn in den Adern rollen!“ „William, bien aimé!“ ſagte der König,„es iſt wahr, dieſe Hilda, der die Heiligen verzeihen mögen, iſt von königlichem Geblüte, doch nicht von unſerer eigenen Herrſcherlinie. Man fürchtet,“ fuhr Edward mit ſchüchternem Flüſtern und haſtigem Seitenblicke fort, „dieſes unglückliche Weib ſey von jeher den Gebräuchen ihrer heidni⸗ ſchen Vorfahren weit mehr als denen der heiligen Kirche zugethan geweſen, und es gibt Leute, welche behaupten, daß ſie auf dieſe Weiſe von einem Zauberer oder gar von dem Böſen ſelbſt Geheimniſſe er⸗ langt habe, denen der Rechtſchaffene in ſeiner Frömmigkeit ausweichen muß. Nichts deſto weniger laßt uns lieber hoffen, daß ihr Gemüth von den erlittenen Unglücksfällen etwas verwirrt iſt.“ Der König ſeufzte und der Herzog nicht minder, aber der Seuf⸗ zer des Letzteren verkündete blos deſſen Ungeduld. Er warf einen wilden ſengenden Blick auf die ſtolze Geſtalt der Prophetin zurück, die man noch immer durch die Waldöffnungen gewahrte, und ſagte in düſterm Tone: „Von königlichem Geblüt; doch hat dieſe Wodanshexe hoffentlich keine Söhne oder Verwandte, welche auf den Thron der Sachſen Anſpruch machen?“ „Sie iſt eine Sippe von Godwins Weibe Githa, und das eben iſt ihre gefährlichſte Verwandtſchaft,“ gab der König zur Antwort; „denn der verbannte Carl machte, wie Du weißt, keinen Anſpruch auf den Thron, ſondern begnügte ſich mit nichts Geringerem als mit der Regierung unſers ganzen Volkes.“ Der König fuhr dann fort, eine Skizze von Hilda's Geſchichte zu entwerfen; allein ſeine Erzählung war eben ſowohl durch ſeine 3* 36 abergläubiſchen Vorurtheile, wie durch ſeine unvollkommene Kennt⸗ niß aller Hauptereigniſſe und Charaktere in ſeinem eigenen König⸗ reiche dermaßen entſtellt, daß wir es wagen müſſen, ſeine Aufgabe auf uns zu nehmen, und während der königliche Zug durch Wälder und Matten weiter zieht, aus unſern beſondern Geſchichtsquellen in aller Kürze die Chronik von Hilda, der ſkandinaviſchen Vala, zu er⸗ zählen. Zweites Kapitel. Ein prächtiger Menſchenſtamm waren doch jene Kriegsſöhne aus dem alten Norden, welche unſere Volksgeſchichten, die in ihren Be⸗ richten über dieſes Zeitalter ſo oberflächlich verfahren, unter dem ge⸗ meinſamen Namen der Dänen begreifen. Sie haben allerdings die Nationen, über welche ſie hinfegten, in abermalige Barbarei zurück⸗ verſenkt; aber aus dieſer Barbarei haben ſich durch ſie die edelſten Elemente der Civiliſation erhoben. Schweden, Norweger und Dä⸗ nen zeigten, von Weitem geſehen, trotz aller Verſchiedenheit in unwe⸗ ſentlicheren Punkten, bei näherer Prüfung doch einen gemeinſamen Charakter; ſie beſaßen dieſelbe wunderbare Thatkraft, dieſelbe Lei⸗ denſchaft für perſönliche und bürgerliche Freiheit, dieſelben glänzen⸗ den Irrthümer im Durſte nach Ruhm und im Punkte der Ehre, und vor Allem als Haupturſache der Civiliſation dieſelbe bewunderns⸗ werthe Biegſamkeit und Geſchmeidigkeit in der Vermiſchung mit den überwundenen Völkerſchaften. Gerade dieſer Zug bildet ihren eigent⸗ lichen Unterſchied von den halsſtarrigen Celten, welche jede Vermi⸗ ſchung zurückweiſen, jede Verbeſſerung verachten. „Frankes li Archeveske li Dus Rou bauptiza.“- (Frankes, der Erzbiſchof, taufte Rolfganger.) Und kaum ein Jahrhundert ſpäter waren die Abkömmlinge dieſer * Roman de Rou, I. Th. Vers 1944. urück⸗ elſten d Dä⸗ unwe⸗ ſamen e Lei⸗ inzen⸗ „ und derns⸗ it den igent⸗ hermi⸗ dieſer 37 furchtbaren Heiden, welche weder Prieſter noch Altar verſchont hatten, die gefürchtetſten Vertheidiger der chriſtlichen Kirche; ihre alte Sprache war bis auf wenige Ueberbleibſel in dem Städtchen Bayeur vergeſſen, ihre alterthümlichen Namen*), mit Ausnahme weniger der Edelſten, in franzöſiſche Titel umgeſchaffen, und unter den Künſten und Sitten der Franko⸗Normannen war ihnen faſt nichts als die unbezähmbare Tapferkeit der Skandinavier als unzerſtörbares Vermächtniß übrig geblieben. Ebenſo waren ihre verwandten Stämme, die ſich um zu rauben und zu zerſtören über Angelſachſen ergoſſen hatten, ſobald ſie von Al⸗ fred dem Großen eine dauernde Heimath erlangt hatten, vielleicht der mächtigſte und nach kurzer Zeit nicht der wenigſt patriotiſche Theil der angelſächſiſchen Bevölkerung geworden.** Zur Zeit des Anfangs * Der Grund, warum die Normannen ihre alten Namen verloren, liegt in ihrer Bekehrung zum Chriſtenthum. Sie wurden getauft, und die Fran⸗ ken als Pathen gaben ihnen neue Titel. So verlangte Karl der Einfältige, daß Rolfganger ſeinen Glauben ändern und ſein Name Rolf oder Rau wurde in Robert umgetauft. Einige wenige, welche ihre ſkandinaviſchen Namen zur Zeit der Eroberung beibehielten, werden ſpäter aufgeführt werden. ** So leiſteten im Jahr 991, faſt ein Jahrhundert nach der erſten Niederlaſ⸗ ſung der Dänen von Oſtangeln, die Heere der Wickinger unter Juſtin und Gurthmund den einzigen wirkſamen Widerſtand; auch Brithnoth, der helden⸗ müthige Vertheidiger ſeines vaterländiſchen Bodens, der von dem ſächſiſchen Dichter als Sachſe par excellence gefeiert wird, war höchſt wahrſcheinlich von däniſcher Abkunft. Laing bemerkt in der Vorrede zu ſeiner Ueberſetzung der Heimskringla ganz richtig:„die Aufſtände wider Wilhelm den Eroberer und ſeinen Nachfolger ſcheinen faſt immer in den Grafſchaften von neu dä⸗ niſcher Abkunft, nicht aber in den vom alten angelſächſiſchen Stamme bevöl⸗ kerten entſtanden und vorzugsweiſe unterſtützt worden zu ſeyn.“ Der Theil von Mercia, der aus den Burggebieten Lancaſter, Lincoln, Nottingham, Stamford und Derby beſtand, wurde im Jahr 877 ein däniſcher Staat; Oſtangeln, aus Cambridge, Suffolk, Norfolk und der Inſel Ely be⸗ ſtehend, in den Jahren 879—80, und das weite Gebiet von Northumbrien, das ſich nördlich vom Humber erſtreckte, ging im Jahr 876 in den Theil von Schott⸗ land, ſüdlich vom Frith, über.— S. Palgrave's Commonwealth. Neben dieſen ihnen angewieſenen Niederlaſſungen waren die Dänen als Landeigen⸗ thümer über ganz England zerſtreut. unſerer Erzählung hatten ſich dieſe Nordmänner unter dem gemein⸗ ſamen Namen der Dänen in nicht weniger als fünfzehn engliſchen Grafſchaften friedlich niedergelaſſen und auch noch jenſeits der Grenzen dieſer Grafſchaften, welche den unterſcheidenden Namen Danelagh führten, waren ihre Edlen in Dörfern und Städten vielfach vertreten. Beſonders zahlreich waren ſie in London, in deſſen Umkreiſe ſie ihren eigenen Begräbnißplatz hatten, während die Hauptmunieipalbehörde dieſer Stadt von ihnen den Namen der Huſtings*s erhielt. Ihr Ein⸗ fluß in der Nationalverſammlung des Witan hatte die Wahl der Kö⸗ nige entſchieden, und ſo hatten ſich dieſe einſt ſo unruhigen Eroberer mit geringen Ausnahmen in Dialekt und Geſetzen mit dem eingebor⸗ nen Stamme er auf freundſchaftlichem Wege amalgamirt. Noch bis auf den heutigen Tag beſteht der Landadel, die Kaufleute und Pächter in mehr als einem Drittel von England, und gerade in den Graf⸗ ſchaften, welche, wie allgemein anerkannt wird, an der Spitze des Fortſchritts ſtehen, aus den Abkömmlingen dieſer alten Wikinger, die ſich früher mit ſächſiſchen Müttern vermählten. Ueberhaupt exiſtirte zwiſchen den normänniſchen Rittern aus den Zeiten Heinrichs I. und dem ſächſiſchen Than aus Norfolk und York nur ſehr wenig Unter⸗ ſchied der Rage; beide waren von mütterlicher Seite faſt ausſchließlich Sachſen, während ſie von der väterlichen in der Regel dem ſkandi⸗ naviſchen Stamme angehörten. So allgemein auch dieſer Charakter der Schmiegſamkeit ver⸗ * Chronik von Bromton: Eſſer, Middleſſer, Suffolk, Norfolk, Herts, Cambridgeſhire, Hants, Lincoln, Notts, Derby, Northampton, Leiceſter⸗ ſhire, Bucks, Beds und das weite Northumbrien. ur Palgrave'’s Geſchichte von England, S. 315. **r Die von Edward dem Bekenner geſammelten und ſpäter ſo oft ange⸗ rufenen Geſetze enthalten manche von Dänen eingeführte Verordnungen, welche bei dem ſächſiſchen Volke populär geworden waren. Vieles, was wir dem normänniſchen Eroberer zuſchreiben, beſtand ſchon ehedem im Anglo⸗Däniſchen, und wird noch heutiges Tages in der Normandie, wie in manchen Theilen Skandinaviens getroffen.— S. Hakewill's Abhandlung über das Alter unſerer Landesgeſetze in Hearne's merkwürdigen Abhandlungen. xiſtirte I. und Unter⸗ ießlich kandi⸗ t ver⸗ Herts, iceſter⸗ ange⸗ welche ir dem iiſchen, cheilen Alter 39 breitet war, ſo ergaben ſich doch mit Nothwendigkeit einzelne Aus⸗ nahmen, und ihre Hartnäckigkeit ſtand in demſelben Verhältniß, je nachdem ſie dem alten heidniſchen Glauben anhingen, oder zu aufrich⸗ tigen Chriſten bekehrt waren. Die norwegiſchen Chroniken und ein⸗ zelne Stellen unſerer eigenen Geſchichte beweiſen, wie falſch und hohl die angenommene Chriſtlichkeit bei vielen dieſer wilden Odins⸗ verehrer war. Sie ließen ſich zwar bereitwillig die äußern Zeichen der Taufe gefallen, aber das heilige Waſſer vermochte nur wenig an dem innern Menſchen zu ändern. Selbſt Harold, Canuts Sohn, kaum ſiebzehn Jahre vor dem Datum unſerer Erzählung, lebte und re⸗ gierte als einer„der den Chriſtenglauben abgeſchworen“, weil er nicht im Stande war, von dem Erzbiſchof zu Canterbury, der ſich der Sache ſeines Bruders Hardicanut angenommen hatte, die königliche Einſegnung zu erhalten.“ Die Prieſter waren beſonders auf dem ſkandinaviſchen Continent gar oft genöthigt, bei ihren grimmigen Convertiten zu gewiſſen Ge⸗ wohnheiten, wie z. B. ſchrankenloſer Vielweiberei, ein Auge zuzu⸗ drücken. Zu Ehren Odins Pferdefleiſch zu eſſen und Weiber ad libi- tum zu heirathen— das waren die Hauptbedingungen der Neube⸗ kehrten, und die verlegenen Mönche, gar oft mit Gewalt zur Wahl getrieben, gaben in dem Punkte der Weiber nach, um deſto beſtimmter auf der wichtigeren Bedingung des Pferdefleiſches zu beſtehen. Mit ihrer neuen Religion, welche, auch wenn ſie ſie ächt empfin⸗ gen, nur ſehr unvollkommen von ihnen verſtanden wurde, behielten ſie das ganze Heer heidniſchen Aberglaubens, das ſich immer mit den hartnäckigſten Inſtinkten in der Menſchenbruſt zu verkitten pflegt. Noch kurz vor der Regierung des Bekenners waren die Geſetze des großen Canuts gegen Herxenkunſt und Zauberei, gegen Anbetung von Steinen, Quellen, Eſchen⸗ und Ulmenrunen und die Huldigungs⸗ geſänge für die Todten offenbar mehr auf die friſchen däniſchen Bekehrten, als auf die Angelſachſen, die ſchon ſeit Jahrhunderten * Palgrave's Geſchichte von England, S. 322. 40 unterjocht, mit Leib und Seele an die Herrſchaft der chriſtlichen Mönche gefeſſelt waren. Hilda, eine Tochter aus dem däniſchen Königshauſe und Baſe Githa's, die Nichte Canuts, welche dieſer König an Godwin in zweite Ehe gegeben hatte, war ein Jahr nach Canuts Thronbeſteigung mit einem trotzigen Jarl, ihrem Gemahl, nach England herübergekommen — beide dem Namen nach bekehrt, aber insgeheim noch Anhänger von Thor und Odin. Hilda's Gatte war in einem der Seekriege zwiſchen Canut und dem heiligen Olaf, König von Norwegen, auf dem nördlichen Meeren gefallen. Jener Heilige ſelbſt war, nebenbei bemerkt, ein äußerſt grau⸗ ſamer Verfolger des urſprünglichen Landesglaubens, der ſich aber da⸗ bei nicht nehmen ließ, ſein heidniſches Vorrecht, die häuslichen Nei⸗ gungen über die ſtrenge Grenze, nach der ſie ſich auf ein einziges Weib hätten beſchraͤnken ſollen, auf mehrere auszudehnen— durch die Praxis zu bewähren, wie denn auch ſein natürlicher Sohn Magnus nach ihm auf dem däniſchen Throne ſaß. Der Jarl ſtarb, wie er ſichs nie anders gewünſcht hatte— als der Letzte an Bord ſeines Schiffes, mit der tröſtenden Ueberzeugung, daß die Walkyren ihn nach Walhalla hin⸗ übertragen würden. Hilda überlebte ihn mit einer einzigen Tochter, welche Canut an Ethelwolf, einen ſächſiſchen Earl von großen Gütern, verheirathete, der ſeine Abkunft von Penda, jenem alten Könige von Mercia ableitete, der ſich durchaus nicht bekehren laſſen wollte, aber dabei vorſichtig be⸗ merkte: er habe nichts dawider, wenn ſeine Nachbarn Chriſten würden, wofern ſie jene Friedſamkeit und Verſöhnlichkeit, welche nach der Aus⸗ ſage der Mönche die Elemente des Glaubens bildeten, auch wirklich ausüben wollten. Ethelwolf ſiel in Hardicanuts Ungnade, vielleicht weil er mehr ſächſiſch als däniſch geſinnt war; der wilde König wagte jedoch nicht, ihn offen vor die Witan zu ſtellen, gab aber geheime Befehle, wonach er an ſeinem eigenen Herde und in den Armen ſeines Weibes, welche kurz darauf vor Schreck und Kummer ſtarb, abge⸗ 4 — — ſchlach unglü jener auf de womi Hilda⸗ faſt el Hügel Rauch Gewo — in bevöl ſtreng den geheg mehr die G herai men wittg weiſe welch und in d und nen endl welg und ichen Baſe veite mit nmen nger und teren rau⸗ da⸗ Nei⸗ Veib axis ihm ders der hin⸗ t an hete, tete, be⸗ den, lus⸗ lich icht igte ime nes ge⸗ 41 ſchlachtet wurde. Auf dieſe Weiſe kam Editha, die einzige Waiſe dieſes unglücklichen Paares, unter Hilda's Vormundſchaft. Es war ein nothwendiger und unſchätzbarer Charakterzug eben jener Geſchmeidigkeit, wodurch die Dänen ſich auszeichneten, daß ſie auf das Land, worin ſie ſich niederließen, all' die Liebe übertrugen, womit ſie früher das ihrer Vorfahren umfaßt hatten. So war auch Hilda, ſo weit es ihre Anhänglichkeit an den Boden betraf, im Herzen faſt eben ſo gut zur Engländerin geworden, wie wenn ſie zwiſchen den Hügeln und Matten geboren und aufgewachſen wäre, aus denen der Rauch ihres Herdes durch das alte römiſche Impluvium emporſtieg. Sonſt aber war ſie durchaus Dänin: Dänin in Glauben und Gewohnheiten— Dänin in ihrer tiefen brütenden Einbildungskraft — in der Poeſie, die ihre Seele füllte, die die Luft mit Geſpenſtern bevölkerte und die Blätter der Bäume mit Zauber bedeckte. Bei der ſtrengen Einſamkeit, in der ſie nach dem Tode ihres Herrn lebte, für den ſie die ergebene aber heroiſche Liebe eines ſkandinaviſchen Weibes gehegt, hatte ſich ihre Seele mit jedem Jahre, jedem Tage mehr und mehr den Traumgeſichten einer unbekannten Welt zugewendet, wie ſie die Gefährten des Grames und der Einſamkeit in jedem Glauben heraufzubeſchwören pflegen. Die Zauberei hatte im ſkandinaviſchen Norden verſchiedene For⸗ men und war an verſchiedene Grade gebunden. Da war die alte ver⸗ witterte Hexe, wie man ſie in unſerem ſpäteren Mittelalter vorzugs⸗ weiſe ſchilderte; da war das furchtbare Zauberweib oder die Wolfhexe, welche gleich den Schickſalsſchweſtern im Maebeth menſchlicher Geburt und Attribute gänzlich entkleidet ſcheint— Geſchöpfe, welche Nachts in die Häuſer drangen und die Krieger erfaßten, um ſie zu verſchlingen, und die man mit dem Gerippe des Rieſenwolfs, welcher Blut aus ſei⸗ nen gewaltigen Kinnbacken träufelte, über das Meer gleiten ſah— endlich die friedlichere klaſſiſche, aber doch furchtbare Vala oder Sibylle, welche, von Häuptlingen und Nationen geehrt, die Zukunft vorausſagte und den Helden ihre Thaten anzurathen pflegte. Von letzteren wird 8 42 uns in den Norſa⸗Chroniken gar Vieles erzählt: ſie waren oft von hohem Rang und Neichthum, von zahlreichem Gefolge ihrer Hausmägde und Diener begleitet— Könige führten ſie auf den Ehrenplatz in der Halle, wenn Rath von ihnen verlangt wurde, und ihre Häupter waren heilig wie die der Diener der Götter. Dieſe letztere Stellung in dem gräßlichen Reiche der Wiglaer (Zauberlehrer) geziemte natürlicherweiſe dem hohen Range und der ſtolzen, aber blinden und verkehrten Seele der Tochter jener Krieger⸗ könige. Jede Ausübung ihrer Kunſt, der ſie ſich ſeit langen Jahren gewidmet hatte, im Intereſſe des niedrigen Schickſals pöbelhafter Leute verſchmähte Odins Kind in hoher Verachtung: ihre Träumereien waren auf das Schickſal der Könige und ihrer Reiche gerichtet; ſte wollte ſolche Dynaſtien retten, oder erheben, welche über die noch un⸗ geborenen Geſchlechter regieren ſollten. In ihrer Jugend ſtolz und ehrgeizig— was ein gemeinſamer Fehler nordiſcher Frauen iſt— brachte ſie bei dem Eintritte in die dunklere Welt all' jene Vorurtheile und Leidenſchaften mit ſich, welche ſie ſchon in der früheren ſonnebe⸗ leuchteten Hälfte ihres Lebens gekannt hatte. Alle ihre menſchlichen Neigungen concentrirten ſich in ihrer En⸗ kelin Editha, dem letzten Sprößling zweier königlichen Stämme. Ihre Nachforſchungen über die Zukunft hatten ſie verſichert, daß Leben und Tod des ſchönen Kindes mit den Geſchicken eines Königs verwebt ſeyen, und das nämliche Orakel hatte auf eine geheimnißvolle unauflösliche Verbindung ihres eigenen zertrümmerten Hauſes mit dem blühenden Geſchlechte Earl Godwin's, des Gemahls ihrer Baſe Githa, hinge⸗ deutet, ſo daß ſie mit der großen Familie, ſowohl durch die Bande des Aberglaubens, wie durch Blutsverwandtſchaft aufs Innigſte verknüpft war. Godwin's erſtgeborener Sweyn war anfänglich ihr Liebling und Augapfel geweſen; auch hatte er ſich, der überhaupt in ſeinem Weſen weit poetiſcher war als ſein Bruder, ihrem Einfluſſe bereitwillig unter⸗ * Der Name dieſes Gottes iſt Odin, als Gegenſtand der ſkandinaviſchen Verehrung, oder Wodan, wenn auf die Gottheit der Sachſen bezogen. 43 hohem worfen; allein unter all' ſeinen Brüdern war— wie wir ſpäter ſehen de und werden— Sweyn's Laufbahn die verderblichſte und ungeſegnetſte, und in der während der Reſt ſeines Hauſes die tiefe entrüſtete Theilnahme ganz waren Englands mit ins Eril nahm, gab es nicht einen einzigen Einwohner, der Sweyn'’s Name mit einem„Gott ſegne ihn!“ begleitet hätte. Wiglaer Den zweiten Sohn Harold dagegen hatte Hilda, ſobald er vom und der Knaben zum Jüngling herangewachſen war, mit noch auffallenderer trieger⸗ Vorliebe als früher den älteren Sweyn ausgezeichnet. Sterne und Jahren Runen verſicherten ſie ſeiner künftigen Größe, und die Talente und er Leute Vorzüge des jungen Earls hatten gleich beim Beginn ſeiner Laufbahn mereien die Genauigkeit dieſer Prophezeihung beſtätigt. Ihre Theilnahme für tet; ſie Harold wurde um ſo tiefer, theils weil ſie jedesmal, ſo oft ſie die Zu⸗ och un⸗ kunft über das Loos ihrer Enkelin Editha befragte, daſſelbe unverän⸗ olz und dert an Harolds Schickſal geknüpft fand, theils weil alle ihre Künſte iſt— noch nicht vermocht hatten, weiter als bis zu einem beſtimmten Punkte urtheile in ihrer gemeinſamen Zukunft vorzudringen, ſo daß ihre verwirrte onnebe⸗ Seele zwiſchen Schrecken und Hoffnung getheilt blieb. Bis jetzt hatte ſie über den kräftigen geſunden Sinn des jungen Carls noch keinerlei rer En⸗ Einfluß erlangt, und obwohl er vor ſeiner Verbannung öfter denn jeder e. Ihre andere von Godwin's Söhnen nach dem alten Römerhauſe kam, hatte ben und er immer nur mit ſtolzer Ungläubigkeit zu ihren vagen Prophezeihun⸗ öt ſeyen, gen gelächelt, und alle ihre Anerbieten, ihn mit unſichtbaren Kräften lösliche zu unterſtützen, mit der ruhigen Antwort zurückgewieſen:„Der Tapfere ühenden bedarf keines Zaubers, um ihn zu ſeiner Pflicht zu ermuthigen, und hinge⸗ der Gute verachtet alle Warnungen, die ihn vor deren Erfüllung ab⸗ ide des ſchrecken möchten.“ erknüpft In der That, ſo wenig auch Hilda's Magie böswilliger Natur ing und war, und ſo ſehr ſie die Quelle ihrer Orakel nicht bei böſen Geiſtern, Weſen ſondern in den Göttern ihres Glaubens auſſuchte, ſo war es doch auf⸗ g unter⸗ fallend, daß Alle, welche ihrem Einfluß gehorchten— nicht allein ihr naviſchen Gatte und Schwiegerſohn(dieſe Beide hatten ſich ganz von ihrem en. Rathe leiten laſſen), ſondern auch andere Häuptlinge, welche ihr Rang 44 oder Ehrgeiz auf ihre Lehre anwies— von einem kläglichen frühzei⸗ tigen Ende heimgeſucht worden waren. Nichtsdeſtoweniger war die Herrſchaft, die ſie über die Gemüther des Volks gewonnen hatte, ſo groß, daß es im höchſten Grade gefähr⸗ lich geweſen wäre, die Verdammungsgeſetze wider Zauberei gegen ſie in Anwendung zu bringen. In ihr verehrten und ſchützten nöthigen⸗ falls all' die mächtigeren däniſchen Familien das Blut ihrer alten Könige und die Wittwe eines ihrer gefeierten Helden. Gaſtlich, frei⸗ gebig und wohlthätig gegen die Armen, eine gütige Gebieterin über zahlreiche Hörigen, durfte ſie gewiß ſeyn, daß die große Menge— ſo ſehr ſie ſich auch vor ihr fürchtete— ſie dennoch geſchützt hätte. Be⸗ weiſe ihrer Kunſt wären ſchwer herzuſtellen geweſen, da ſich alsbald eine Maſſe von Gewährsmännern zu Zeugen ihrer Unſchuld erhoben hätten. Auch wenn man ſie einem Gottesgerichte unterworfen hätte, ſo wäre es ihrem Golde ein Leichtes geweſen, die Prieſter, durch deren Hülfe einer ſolchen Gefahr zu entrinnen war, zu beſtechen, und mit jener weltlichen Klugheit, deren Perſonen von Genie auch bei ihren wildeſten Excentricitäten nur ſelten entbehren, hatte ſie ſich bereits durch reiche Schenkungen an benachbarte Klöſter vor der Möglichkeit tödtlicher Verfolgung von Seiten der Kirche geſichert. Kurz, Hilda war eine Frau von erhabenen Abſichten und außer⸗ ordentlichen Gaben, furchtbar nur als paſſiver Agent der Schickſals⸗ mächte, welche ſie anrief, und ſonſt mehr eine gewiſſe unklare Bewun⸗ derung und räthſelhaftes Mitleid für ſich beanſpruchend— keine teuf⸗ liſche Here, an Bosheit und Macht das Menſchenvermögen überſtei⸗ gend, ſondern weſentlich menſchlich, auch wenn ſie noch ſo ſehr das Geheimniß eines Gottes beanſpruchte. Wollen wir auch für den Augenblick annehmen, daß Perſonen von eigenthümlichem Nervenzu⸗ ſtande und Temperament mit Hülfe ſehr intenſiver Einbildungskraft ſo tiefe Verwandtſchaft mit der überſinnlichen Welt erlangen können, daß der Magnetismus und die Magie alter Zeiten ſich nicht gänzlich verwerfen ließe, ſo war es jedenfalls kein fauler mephitiſcher Sumpf vom Stral der S die da ihrer kelin an F flecku heidn flucht ihres nicht äußer Vera ſich b von! Allei beſaf die 1 Licht faſt das da's und Geſe ühzei⸗ nüther efähr⸗ gegen higen⸗ alten „frei⸗ n über * ſo Be⸗ hllsbald rhoben hätte, deren nd mit ihren bereits lichkeit außer⸗ ickſals⸗ ewun⸗ e teuf⸗ verſtei⸗ ör das ir den venzu⸗ skraft önnen, inzlich Sumpf * vom giftigen Nachtſchatten überhangen, und verſchloſſen vor den Strahlen des Himmels, ſondern ein lebendiger Strom, auf welchem der Stern zitterte und an deſſen Ufern das grüne Gras wogte, den die dämoniſchen Schatten ſo ſchwarz und furchtbar überzogen. So ſicher und in der Scheu der Menſchen lebte Hilda, und unter ihrer Obhut— eine Roſe unter der Grabesceder— erblühte ihre En⸗ kelin Editha, die geweihte Tochter unſerer lieben Frau von England. Es war der ſehnliche Wunſch Edwards und ſeiner jungfräulichen, an Frömmigkeit ihm gleichen Gemahlin, dieſe Waiſe vor der Be⸗ fleckung eines Hauſes zu bewahren, das in dem ſtarken Verdachte heidniſchen Glaubens ſtand, und ihrer Jugend im Kloſter eine Zu⸗ fluchtsſtätte anzuweiſen. Geſetzlich konnte dies aber ohne Zuſtimmung ihres Vormunds oder ohne ihren eigenen ausdrücklichen Willen nicht geſchehen, und Editha hatte bis jetzt noch nie den Wunſch ge⸗ äußert, ihrer Großmutter, welche den Kloſterplan mit hochmüthiger Verachtung behandelte, ungehorſam zu werden. So wuchs das ſchöne Kind gleichſam unter dem Einfluſſe zweier ſich bekämpfenden Glaubensbekenntniſſe heran; die natürliche Folge da⸗ von war, daß ihre Kenntniß von beiden eine wirre und undeutliche blieb. Allein ihr Herz war ſo ächt mild, einfach, zärtlich und ergeben, ſie beſaß ſo viel von der angeborenen Trefflichkeit ihres Geſchlechts, daß die unruhige Seele in jedem Impulſe dieſes Herzens nach klarerem Lichte und reinerer Luft rang. Im Weſen, im Gedanken, wie in ihrem faſt noch kindlichen Aeußern lag tief und ihr ſelbſt faſt noch unbekannt das Geheimniß eines Frauenherzens, das ſie weit mächtiger als Hil⸗ da's ſtolze ſchmähende Rede vor dem Gedanken an das kahle Kloſter und das ewige Gelübde zurückbeben ließ. Drittes Kapitel. Während König Edward dem normänniſchen Herzog von Hilda's Geſchichte und geheimen Künſten Alles, was er wußte und nicht wußte, 46 erzählte, wand ſich die Straße durch wilde, waldbewachſene Diſtrikte, wie wenn die Hauptſtadt Englands auf hundert Meilen fern gelegen hätte. Einzelne Striche ſolchen Landes in der Nachbarſchaft von Nor⸗ wood mögen noch bis auf den heutigen Tag ahnen laſſen, wie jene Gegend vor alten Zeiten ausſah, da noch ein mächtiger Forſt, reich an wilden Beſtien, an Bären und Stieren, die Umgebung vön London begrenzte, und König und Than zum Zeitvertreibe diente. Die nor⸗ männiſchen Könige wurden von der Meinung des Volkes verflucht, welche ihnen all das Gehäſſige der Jagdgeſetze aufheftete; aber auch unter der angelſächſiſchen Herrſchaft waren jene Geſetze hart und ſtreng — gegen den Hörigen und Armen vielleicht eben ſo ſtreng wie in den Tagen des Rufus, nur ohne Zweifel milder gegen den Adel; denn wer unter dem Range eines Abtes oder Thans ſtand, für den wurden die königlichen Waldungen, ſogar unter dem milden Bekenner, nicht min⸗ der heilig als die früheren Druidenhaine erachtet, und der niedrig ge⸗ borene Jäger, der ihre Schranke zu verletzen wagte, verſiel keiner ge⸗ ringeren als der Todesſtrafe.“ Edwards einzige weltliche Leidenſchaft war die Jagd, und ſelten verging ein Tag, ohne daß er nach der Meſſe mit Falken oder Schweiß⸗ hund hinauszog, weßhalb er, obwohl für erſtere die regelmäßige Jahreszeit erſt mit dem Oktober anbrach, faſt immer einen jungen Falken zum Verſuchen, oder einen alten Lieblingsgeier zum Einüben auf der Fauſt mitführte. Auch jetzt, da William ſich eben an der weit⸗ läuſigen Erzählung ſeines guten Vetters zu langweilen begann, hörte man die Hunde plötzlich anſchlagen, und ſah aus einem ſchilfbewach⸗ ſenen Tempel, neben dem Wege, mit feierlichem Flügelſchlage eine Rohrdommel ſchnurgerade aufſteigen. „St. Peter!“ rief der heilige König, ſeinen Zelter anſpornend und ſeinen berühmten Peregrinfalken“* loslaſſend. William ſäumte * S. Note B. u* Der Peregrinfalke niſtete auf den Felſen von Llandudno, und ſeine nicht, ritt in ſteigen ward' beinal einem aus S fener von 2 Vorg Senſ die B ware Tage wohl reicht dama zählt Engl ächtſ Eige früh banr der Acce ſpro Bru⸗ der Brof 47 nicht, dem lebendigen Beiſpiele zu folgen, und die ganze Geſellſchaft ritt im Jagdgalopp über das rauhe Feſtland, die Augen auf die an⸗ ſteigende Beute und den langſam kreiſenden Falken geheftet. Auch Ed⸗ ie jene ward's Blicke ſchweiften in die Luft und er wäre von ſeinem Zelter reich beinahe über den Kopf hinausgeworfen worden, als dieſer plötzlich vor London einem hohen Thore ſtill ſtand, das tief in einer zinnenbekrönten Mauer ie nor⸗ aus Ziegeln und Bruchſteinen eingelaſſen war. rflucht, Auf dieſem Thore ſaß regungslos und apatiſch ein hochgewach⸗ her auch fener Ceorl oder Höriger, während hinter ihm eine neugierige Gruppe d ſtreng von Männern derſelben Klaſſe ſtand; alle in jene blaue Tunika— den in den Vorgänger des Kittels bei unſeren Landsleuten— gekleidet, und auf enn wer Senſen und Dreſchflegel ſich lehnend. Mürriſch und unheimlich waren den die die Blicke, die ſie auf die normänniſche Kavalkade richteten. Die Leute ht min⸗ waren wenigſtens ebenſo gut gekleidet, wie ihresgleichen ſich heute zu rig ge⸗ Tage zu tragen pflegen; auch bewieſen ihre derben Glieder und die ner ge⸗ wohlgerötheten Wangen, daß es ihnen bei ihrer Arbeit keineswegs an reichlicher Nahrung gebrach. In der That war auch der Taglöhner d ſelten damals— wenn er nicht zu den wirklichen Theowen oder Leibeigenen chweiß⸗ zählte— phyſiſch vielleicht beſſer daran, als er es ſeither jemals in mäßige England geweſen, beſonders wenn er einem wohlhabenden Than aus jungen ächtſächſiſchem Blute gehörte, deſſen Lordstitel ohnehin von ſeiner 1 kinüben Eigenſchaft als Spender des Brods“ herrührte. Dieſe Leute hatten 4 r weit⸗ früher unter Godwins Sohne Harold, der jetzt aus dem Lande ver⸗ „hörte bannt war, als Hörige geſtanden. ewach⸗„Oeffnet das Thor, öffnet geſchwind, ihr luſtigen Leute,“ rief ge eine der ſanfte Edward auf ſächſiſch, obwohl mit ſtarkem ausländiſchem Accent, nachdem er wieder ſeinen Sitz gewonnen, einen Segen ge⸗ ornend ſprochen und ſich dreimal bekreuzt hatte. äumte 1 27.. . Brut war bis zu den Zeiten der Eliſabeth berühmt, wo Burleigh noch einem der Moſtyns für einen Wurf Llandudnofalken ſenien Dank ſchreibt. * Hlaf, loaf(Laib)— Hlaford, Lord, Brodgeber; Hleafdian, Lady, d ſeine Brodreicherin. Verſtegan. 48 Die Leute rührten ſich nicht. „Kein Roß ſoll die Saaten zertreten, die wir für unſern Earl Harold angepflanzt haben,“ brummte der Ceorl im Bullenbeißertone, noch immer auf ſeinem Thore ſitzend, wahrend die Gruppe hinter ihm in lautes Beifallsgeſchrei ausbrach. 3 Da ſpornte Edward zornig, wie man ihn nie zuvor geſehen, ſein Roß gegen den Bauer, die Hand wider ihn erhebend. Auf dies Zei⸗ chen blitzten zwanzig Schwerter hinter ihm in den Lüften, während die normänniſchen Edlen voll Haß herbei ſprengten; doch Edward wies ſeine hitzigen Begleiter mit der einen Hand zurück, während er, den Sachſen mit der andern bedrohend, ausrief: „Schurkiſcher Knecht, ich würde Dich ſtrafen, wenn ich koͤnnte!“ Es lag etwas ebenſo Lächerliches als Rührendes in dieſen Worten, welche ſogar auf die Nachwelt überzugehen beſtimmt waren; die Nor⸗ männer betrachteten ſie nur im erſteren Lichte und wanden ſich bei Seite, um ihr Lachen zu verbergen; der Sachſe nahm ſie in der letzte⸗ ren ächteren Bedeutung und verblüffte. Dieſer große König, den er jetzt wohl erkannte, konnte mit all den entblößten Schwertern hinter ſich ihm gleichwohl nichts zu leid thun— er hatte nicht das Herz dazu. Der Ceorl ſprang von ſeinem Thore herab und öffnete es mit tiefer Verbeugung. „Reitet voran, Graf William, mein Vetter,“ ſagte der König ruhig. Des Sachſen Augen leuchteten, als er den Namen des Normanns in normänniſcher Sprache ausrufen hörte; aber er hielt gleichwohl das Thor offen und der Zug paſſirte durch, bis Edward, welcher abſicht⸗ lich hinten geblieben, ihn im leiſen Ton anredete. „Kühner Mann,“ ſagte er,„Du ſprachſt vom Earl Harold und ſeinen Ernten; weißt Du nicht, daß er ſeine Ländereien verloren hat, daß er verbannt iſt und ſeine Ernten nicht für die Sichel ſeiner Höri⸗ gen reifen dürfen?“ „Mit Eurer gnädigen Erlaubniß, gefürchteter Koͤnig und Herr,“ erw Eig Sesd Ge mar und der gin edle wir trung wir Har weni zu 3 blick die? verb Ged Dei ſolch und äuß 49 erwiederte der Sachſe einfach,„jene Ländereien, einſt Earl Harolds ern Earl Eigenthum, gehören jetzt Clapa, dem Sechshänder. 1 „Wie iſt das?“ rief Edward haſtig;„wir vergaben ſie weder an Sechshänder noch Sachſen. Harolds ſämmtliche Ländereien in dieſer Gegend wurden an geheiligte Aebte und edle Ritter— lauter Nor⸗ mannen— vertheilt.“ ißertone, nter ihm hen, ſein ies Zei„Fulkfe, der Normanne, hatte dieſe ſchönen Felder, jene Waiden dies Zei⸗ 4. während und Obſtgärten; Fulke verkaufte ſie an Clapa, des Earls Sechshaͤn⸗ wäͤhren.. e7 4 d der, und was dann an Groſchen und Pfändern zum vollen Preiſe ab⸗ Sdwar ging, haben wir, des Earls Hörige, aus dem, was wir uns in dem edlen Dienſte unſeres Herren erſparten, ergänzt. Erſt heute haben wir zur Bekräftigung des Handels das bedungene Bedder⸗ale“⸗ ge⸗ trunken. Darum, ſo es Gott und unſerer lieben Frau gefällt, halten drend er, önnte!“ Worken, wir dieſe Ländereien zu Stück und Part mit Clapa, und wenn Earl 8 Nor⸗ Harold wiederkehrt, was ganz gewiß geſchehen wird, ſo wird er hier ſich bei wenigſtens wieder zu ſeinem Eigenthume gelangen.“ 3 r letzte⸗ Edward, dem es trotz einer auffallenden Charaktereinfalt, welche den 5 zu Zeiten an Schwäche zu gränzen ſchien, doch keineswegs an Scharf⸗ 1 hinter blick gebrach, wenn ſeine Aufmerkſamkeit erſt rege geworden, wechſelte 1s Herz die Farbe bei dem Beweiſe roher ehrlicher Anhänglichkeit an ſeinen es mit verbannten Earl und Schwager. Er ſchwieg eine Weile in ernſten Gedanken und ſagte dann freundlich: Koͤnig„Gut, Mann, ich denke darum nicht ſchlimmer von Dir, weil Du Deinem Than in treuer Liebe ergeben biſt; aber es gibt Leute, welche manns ſolches im Stande wären, und ich warne Dich brüderlich, daß Ohren chwohl und Naſe in Gefahr kommen, wenn Du Dich ferner ſo unvorſichtig abſicht⸗ äußern wollteſt.“ „Stahl gegen Stahl, Hand gegen Hand,“ ſchwor der Sachſe ld und 3 en hat,* Verwalter eines in ſechs Theile zerfallenden Lehens. Hoͤri⸗* Bedder⸗ale. Wenn einer durch die Beiträge ſeiner Freunde zu ſeinem Gut gelangte, wurden dieſe zum Feſtſchmauſe geladen und das dabei getrunkene 8 Ale hieß das Bedder⸗ale, von Bedden⸗Bitten. Brands Pop. Alterth. Herr,. Bulwer, Harold. 4 50 barſch, das lange Meſſer an ſeiner Ledergurt berührend,„und wer Sexwolf, Sohn Elfhelms, anzufaſſen wagt, ſoll ſein Wehrgeld dop⸗ pelt zu bezahlen haben.“ „Verwarnt, thörichter Mann, Du biſt verwarnt. Schweig ſtill,“ gebot der König und ritt kopfſchüttelnd den Normannen nach, welche jetzt auf dem weiten Felde, wo das Korn ſchon grünte, und das ſie in muthwilliger Freude zertraten, auf ihren Roſſen hin und her courbettirten und die Bewegungen der Rohrdommel, wie die Verfol⸗ gungen der beiden Falken bewachten. „Ich biete Euch eine Wette, Herr König!“ rief ein Prälat, deſ⸗ ſen ſtarke Familienähnlichkeit mit William ihn als des Herzogs küh⸗ nen, hochmüthigen Bruder Odo, Biſchoff von Bayeux“ bezeichnete, „meinen Renner gegen Euer Rößlein, daß des Herzogs Falke die Rohr⸗ dommel zuerſt ſpießt.“ „Heiliger Vater,“ gab Edward mit jener leichten Beränderung im Tone zur Antwort, wodurch er allein ſein Mißvergnügen anzudeu⸗ ten pflegte,„dieſe Wetten ſchmecken alle nach dem Heidenthum und unſere Canons verbieten ſie dem Mönch wie dem Prieſter. Geh zu, das iſt nichts.“ Der Biſchof, welcher nicht einmal von ſeinem furchtbaren Bru⸗ der einen Tadel vertrug, runzelte die Stirne und wollte eben nicht die freundlichſte Antwort geben, als William, deſſen tiefer Scharfblick ſtets wachſam war, damit ſeine Begleiter nicht das Mißfallen des Kö⸗ nigs erregten, dem Prälaten das Wort aus dem Munde nahm. „Du tadelſt uns mit Recht, Herr und Köoͤnig,“ fiel er ein;„wir Normannen ſind nur allzu geneigt zu ſolchen Leichtfertigkeiten.— Seht nur, Euer Falke iſt der erſte am Platze. Bei den Gebeinen der heiligen Valery! wie ſtattlich er ſich emporſchwingt! Seht, wie er * Herleve(Arlotta), Williams Mutter, heirathete nach Herzog Roberts Tode Herluin von Conteville, und hatte von ihm zwei Söhne, Robert, Graf von Mortain, und Odo, Biſchof von Bayeur. Ord. Vit. 7. Buch. uber hält der wäh Kön „laß Falk welc eine wele gär 1 und Sei ſch . war kert ein die ein terl über der Rohrdommel kreist— wie er ſich ruhig in der Schwebe er⸗ dop⸗ hält!— jetzt ſchießt er herab— tapferer Vogel!“ „Und ſpießt ſein Herz an den Schnabel der Rohrdommel,“ ſprach der Biſchof, und übereinander kollernd ſtürzte Rohrdommel und Falke, während Williams norweg'ſcher Geier, kleiner an Geſtalt als der des Königs, ſich raſch herabließ und über ihnen ſchwebte. Beide waren todt. „Ich nehme das Omen an,“ murmelte der Herzog auf lateiniſch, „laßt die Eingeborenen ſich gegenſeitig vernichten!“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſeine Pfeife an die Lippen und der Falke flog auf ſeine Fauſt zurück. „Jetzt nach Hauſe!“ rief König Edward. erung Viertes Kapitel. zudeu⸗ m und Die königliche Geſellſchaft betrat London bei der großen Brücke, heh zu, welche Southwark von der Hauptſtadt trennte, und wir müſſen hier einen Augenblick inne halten, um die belebte Scene zu betrachten, Bru⸗ welche jene unvordenkbare Paſſage in damaliger Stunde darbot. cht die Der ganze Umkreis herwärts von Southwark war reich mit Obſt⸗ erfblick gärten und Landhäuſern beſetzt, welche den wohlhabenderen Bürgern es Kö⸗ und Kaufleuten gehörten. Wenn man ſich dem Fluſſe von der linken Seite näherte, ſo konnte das Auge die beiden kreisrunden Näume über⸗ „wir ſchauen, d eren einer für die Bären, der andere zur Stierhetze beſtimmt n.— war. Rechts auf einem öden grünen Hügel, nicht weit von der bevöl⸗ ten der kerten Brücke, ſah man die Spielleute ihre Künſte üben. Hier warf wie er ein geſchickter Gaukler drei Bälle und drei Meſſer wechſelsweiſe in die Luft, indem er ſie eins nach dem andern wieder auffing;* dort ließ Roberts ein Bärenführer mit ernſthafter Miene ein großes Thier auf den Hin⸗ 3 Grnf terbeinen tanzen, während ſein Gehülfe mit einer Art Flöte oder Fla⸗ uch.. Strutt's Horda. 4* 4 52 geolett den Takt dazu blies. Die große Menge müßiger Zuſchauer folgte dem Schauſpiele mit lautem Lachen; aber ihr Gelächter ſchwieg als⸗ bald bei dem Trampeln der normänniſchen Renner, und der berühmte Graf, der mit lächelnder Miene, aber ſcharf beobachtendem Blicke neben dem Könige einherritt, zog Aller Aufmerkſamkeit von dem Bären ab.. Je mehr man ſich der Brücke näherte, welche nicht viele Jahre früher der Schauplatz des furchtbaren Kampfes zwiſchen den eingefal⸗ lenen Dänen und Ethelreds Bundesgenoſſen, Olaf von Norwegen*, geweſen, deſto deutlicher trat, wiewohl in vernachläßigtem und faſt verfallenem Zuſtande, die doppelte Befeſtigung hervor, welche dieſen Eingang zur City wohlweislich beſchützt hatte. Zu beiden Seiten der hölzernen Brücke ſtanden Thürme, theils von Holz, theils von Stein, und Bollwerke— neben den Thürmen eine kleine Kapelle. Die Brücke war ſo breit, daß zwei Fuhrwerke neben einander paſſiren konnten*“, und wimmelte von Vorübergehenden, die ſich zwiſchen den zahlreichen Buden und Markthäuschen umhertrieben. Hier war der Lieblingsort für die beliebten Balladenſänger*; hier waren die ſchwärzlichen Sara⸗ zenen mit Waaren aus Spanien und Afrika zu ſehen †; hier wandelte * In Snoro Sturleſon ſteht eine lebendige Beſchreibung dieſer„Schlacht an der Londoner Brücke“, die den ſkandinaviſchen Skalden ein reiches Thema darbot: „London, Deine Brück iſt hin; Ruhm und Gold folgt als Gewinn: Schwerter klirren, Pfeile ſchwirren, Hildar ſtimmt den Ruf zum Krieg; Hörner ſingen, Panzer klingen, Odin gibt dem Olaf Sieg. Lang's Heimskringla II. Bd. S. 40. ** Sharon Turner. ern Hawkins II. Bd., S. 94. † Das ſchon früher genannte Lehenbuch erwähnt der Mauren und Deut⸗ ſchen(des Kaiſers Kaufleute) als Paſſagieren oder Anſäßigen von London. Die hq u d 3 d v t hj 8 1 folgte gals⸗ ihmte Blicke dem Jahre gefal⸗ gen“, d faſt dieſen n der Stein, zrücke en ⸗, eichen gsort Sara⸗ ndelte chlacht Thema 53 der deutſche Kaufmann vom Stahlhofe her nach ſeiner vorſtädtiſchen Wohnung; hier eilte der verhüllte Mönch in heiligen Geſchäften vorüber; hier ſtand der ſtädtiſche Stutzer und lachte mit den Landmäd⸗ chen, welche ihre Körbe voll Maizweigen und Schlüſſelblümchen zu Markte trugen.— Kurz, Alles zeugte von jener Rührigkeit in Ge⸗ ſchäften, wie im Zeitvertreib, welche dieſe Stadt zum großen Welt⸗ markte machen ſollte, und den Handel der Angelſachſen bereits mit den entfernteren Ländern des commerciellen Europa's verknüpft hatte. Williams dunkles feuriges Auge weilte mit Bewunderung auf den lärmenden Gruppen, auf dem breiten Strome und dem Wald von Maſten, der ſich hinter dem eingezackten Rande bei Belinsgate* erhob, 1 gez g und er, dem trotz all ſeiner Fehler oder eigentlichen Verbrechen gegen Sarazenen gehörten damals zu den Großhändlern der Welt: Marſeille, Arles, Montpellier, Avignon, Toulouſe waren die gewohnten étapes ihrer Kaufleute. Wie viel haben dieſe Sarazenen für Belehrung und Civiliſation gethan! Wie viel danken wir ihnen in Künſten wie in Waffen! Väter der provencaliſchen Poeſie, haben ſie ſogar noch weit mehr als die ſkandinaviſchen Skalden ihren Einfluß auf die Literatur des chriſtlichen Europa's geäußert. Die älteſte Chro⸗ nik vom Cid wurde kurz vor ſeinem Tode von zweien ſeiner Pagen, gebore⸗ nen Muſelmannen, arabiſch geſchrieben. Ihr mediciniſches Wiſſen diente Europa ſechs Jahrhunderte lang als Leitſtern, und ihre metaphyſiſchen Lehren waren faſt an allen chriſtlichen Univerſitäten angenommen. * Billingsgate. Verſtegan bekämpft die welſchen Alterthumsforſcher, welche dieſes Thor der brittiſchen Gottheit Bal oder Beli zuſchreiben, er meint, wenn dies der Fall wäre, hätte man ihm nicht einen halb brittiſchen(Beli), halb ſächſiſchen(Gate) Namen gegeben, ſondern hätte es eher Belingsport und nicht Belingsgate genannt. Dies iſt jedoch kein ſtarker Beweis, denn aus der normänniſchen Zeit haben wir viele aus dem Sächſiſchen und Normänniſchen zuſammengeſetzte Worte. Belin war übrigens eine teutoniſche Gottheit, welche durch ganz Gallien verehrt wurde, und die Sachſen mögen alſo entweder den vorgefundenen Namen beibehalten, oder ihn von ihrem eigenen Gotte über⸗ tragen haben. Ich will jedoch keineswegs behaupten, daß gerade eine Gott⸗ heit den Namen hergegeben, oder daß Billing am Ende nicht die richtige Ortographie ſey. Billing klingt, wie alle Wörter auf ing, durchaus däniſch, und der Name kann ebenſo leicht von den Dänen wie von den Sachſen her⸗ rühren. —— ——— 54 das unglückliche Volk, das er nicht nur unterdrückte, ſondern ſogar täuſchte, die Stadt London wenigſtens nicht blos für ihre verbriefte Freiheit“, wohl aber auch dafür danken ſollte, daß er ihren Handel und Wohlſtand während einer kurzen kräftigen Regierung weit mehr förderte, als dies der angelſächſiſchen Herrſchaft bei der ihr inwohnen⸗ den Schwäche in ganzen Jahrhunderten gelungen war— brach in die lauten Worte aus: „Bei Kreuz und Meſſe, theurer König! Dein Loos iſt auf eine ſtattliche Erbſchaft gefallen!“ „Hm,“ meinte Edward in trägem Tone,„Du weißt nicht, wie beläſtigend dieſe Sachſen ſind; und während Du noch ſprichſt, kannſt Du dort drüben in jenen zertrümmerten Mauern, welche urſprünglich von Alfred— heiligen Angedenkens— erbaut ſeyn ſollen, den Sturm der Dänen gewahren. Erinnere Dich nur, wie oft ſie dieſen Fluß heraufſegelten! Wie kann ich wiſſen, ob nicht ſchon im nächſten Jahr die Rabenflagge auf dieſen Waſſern flattert? Magnus von Dänemark hat bereits als Erbe von Canut's Reichen Anſpruch auf meine Krone erhoben und“(hier ſtockte Edward)„Godwin und Harold, welche unter allen meinen Thans von Dänen und Nordmännern allein gefürchtet werden, ſind weit von hier.“ „Du ſollſt ſie nicht vermiſſen, Edward, mein Vetter,“ rief der Herzog haſtig.„Schicke nach mir, wenn die Gefahr droht; in meinem neuen Hafen zu Cherburg ſtehen Schiffe genug auf Dein Gebot in Bereitſchaft, und zu Deinem Troſte will ich Dir ſagen, daß, wäre ich König der Engländer und Herr dieſes Stromes, die Bürger von Lon⸗ * Auf Anrathen des normänniſchen Biſchofs von London erhielt die Stadt von William einen Freibrief, der aber vermuthlich blos die frühere Municipal⸗ verfaſſung beſtätigte, da er kurz alſo lautete:„Ich bewillige euch Allen ebenſo geſetzwürdig zu ſeyn, wie Ihr in König Edward's Tagen geweſen.“ Die reißende Zunahme des commerciellen Gedeihens und die politiſche Bedeutung von London, kurz nach der Eroberung, wird jedoch von vielen Chroniſten be⸗ zeugt und zeigt ſich ſogar augenſcheinlich ſchon auf der bloßen Oberfläche der Geſchichte. 3 5⁵ ſogar don ohne Furcht vor dem Dänen von der Veſper bis zur Frühmeſſe briefte ruhig ſchlafen könnten. Nie dürfte ſich die Rabenflagge vor der Handel Brücke ſehen laſſen— niemals! ich ſchwör's bei dem Glanze des mehr Höchſten!“ ohnen⸗ Es geſchah nicht ohne Abſicht, daß William ſich in ſo ſtolzen ach in Worten erklärte, wobei er jene glänzenden Augen(micantes oculos), welche die Chroniſten geprieſen und hervorgehoben haben, auf den if eine König richtete, denn die Hoffnung und der Zweck ſeines Beſuches ging dahin, daß ſein Vetter Edward ihm das herrliche Erbe Englands ver⸗ , wie ſprechen ſollte. Allein der König gab keine Antwort und ſie näherten kannſt ſich nunmehr dem Ende der Brücke. nglich„Was zeigt ſich dort für eine alte Ruine,“ fragte William, ſeine Sturm Enttäuſchung über Edward's Schweigen verbergend;„ſie ſcheint das Fluß Ueberbleibſel einer ſtattlichen Veſte, die ich ihrer Bauart nach für Jahr römiſch halten ſollte.“ lemark„Ja, es heißt auch, ſie ſey von den Römern erbaut worden,“ be⸗ Krone merkte Edward,„und einer der lombardiſchen Freimaurer, die ich an unter meinem neuen Palaſte zu Weſtminſter verwende, gibt ihm wie noch irchtet einigen andern in meinem Reiche den Namen des Julius⸗Thurmes.“ „Dieſe Römer waren unſere Meiſter in allen weiſen und tapfern ef der Dingen,“ erklärte William,„ich möchte behaupten, daß einſt auf der⸗ einem ſelben Stelle ein König von England Palaſt und Thurm errichten ot in wird. Und jenes Schloß gegen Weſten?“ de ich„Iſt die Towerpfalz, wo unſere Vorgänger und auch wir zu⸗ t Lon⸗ * Es ſcheint guter Grund zu dem Glauben vorhanden, daß da, wo der Stadt Tower ſteht, vor der Eroberung ein Gefängniß exiſtirte und daß William icipal⸗ einige ſeiner Ueberreſte zu ſeinem Baue benützte. In dem ſo intereſſanten Briefe ebenſo John Bayford's über die City von London behauptet der ſehr gut unterrichtete Die Verf.:„Die Römer bauten vom Tower nach Ludgate in gerader Linie eine eutung Militärſtraße(die von Watlingſtreet) und an deren Ende errichteten ſie Sta⸗ en be⸗ rionen oder Citadellen; die eine davon ſtand da, wo der weiße Thurm empor⸗ he der ragt.“ Bayford fügt bei: als der weiße Thurm zur Aufnahme von Archiven fertig geweſen, ſeyen noch viele ſächſiſche Inſchriften zu ſehen geweſen. 56 weilen gewohnt haben, nur daß die ſüße Einſamkeit von Thorney⸗Isle mir jetzt beſſer gefällt.“ Unter ſolchen Geſprächen betraten ſie London, eine rohe finſtere Stadt, meiſt aus hölzernen Häuſern beſtehend, die Fenſter ſelten ver⸗ glast, ſondern nur durch leinene Blenden geſchützt, wo der Blick nur von Zeit zu Zeit auf größere Plätze rings um die verſchiedenen Klöſter ſchweifte, wo grüne Bäume hinter niederen Gittern hervorragten. Hohe Crueifixe und Heiligenbilder an Kreuzwegen, denen wir die Na⸗ men vieler noch beſtehender Straßen(Rood⸗lane und Lady⸗lane) ver⸗ Danken, erregten die Aufmerkſamkeit der Neugierigen oder die Fröm⸗ migkeit der Andächtigen. Kirchthürme gab es damals noch nicht; wohl aber plumpe kegel⸗ oder pyramidenförmige Thurmaufſätze, welche zum Zeichen von Gotteshäuſern gar oft über niedere Stroh⸗ oder Schilfdächer emporſtiegen. Hie und da vermochte auch das Auge eines Gelehrten— der gewöhnliche Beobachter ſah ſie freilich nicht— die Ueberbleibſel römiſchen Glanzes, die Spuren der älteren Stadt zu erkennen, welche nun unter unſern Märkten begraben liegt, und wo Jahr für Jahr die ſtattlichſten Skelette ausgegraben werden. Längs der Themſe ſah man noch immer, obwohl verſtümmelt, die Mauer Conſtantins“ ſich aufthürmen; rings um die armſelige bar⸗ bariſche St. Paulskirche, worin Sebba, der letzte König der Oſtſachſen, der ſeinen Thron um Chriſti willen und zum Vortheile von Edward's ſchwachem unglücklichen Vater Ethelred verließ— begraben lag, zeigte man die ſelbſt im Verfalle noch rieſengroßen Trümmer des un⸗ geheuren Dianentempels.*⸗ Manche Kirche, manches Kloſter hatte ſeine aus Holz und Backſtein gemiſchten Mauern mit römiſchen Capitälern und Säulenſchäften ausgeflickt. Neben dem Thurme, welcher ſpäter den ſarazeniſchen Namen Barbikan erhielt, lagen die Reſte der römi⸗ * Fitzſtephen. ** Camden. ſchen äußere der To kannte In der ein ve bekehr ſeinen gate* tigen hatten Leuten derſell eriſtir von C die H grün hand Mar Isle iſtere ver⸗ nur öſter gten. Na⸗ ver⸗ roͤm⸗ icht; elche oder ines die t zu wo „die bar⸗ Zſen, rd's lag, un⸗ eine lern äter mi⸗ 57 ſchen Station, wo Cohorten Tag und Nacht gegen inneres Feuer oder äußere Feinde gewacht hatten.* In einer Niſche nahe bei Aldersgate ſtand die hauptloſe Bildſäule der Tapferkeit, welche von Mönchen und Pilgrimmen für einen unbe⸗ kannten Heiligen aus alter Zeit gehalten und als ſolcher verehrt wurde. In der Mitte der Biſhopsgateſtreet ſaß auf ſeinem entheiligten Throne ein verſtümmelter Jupiter, den Adler zu ſeinen Füßen; mancher halb⸗ bekehrte Däne blieb davor ſtehen, und glaubte in dem Donnerer und ſeinem Vogel den alten Odin und deſſen Falken zu erkennen. Bei Leod⸗ gate*“(dem Leute⸗Thore) ſah man noch die Bogen einer jener mäch⸗ tigen Waſſerleitungen, wie ſie die Römer von den Etruriern gelernt hatten, und dicht neben dem Stahlhof, der von des Kaiſers wohlfeilen Leuten(den deutſchen Kaufleuten) bewohnt war, ſtand faſt ganz erhalten derſelbe Römertempel, der noch zur Zeit Geoffrey's von Monmouth⸗ eriſtirte. Außerhalb der Stadtmauern dehnten ſich noch in den Ebenen von Eaſt Smithfield, auf den Feldern von St. Giles und da wo jetzt die Hatton Gardens ſtehen, die alten römiſchen Weinberge** mit ihren grünen Blättern und herben Früchten. Noch immer feilſchten und handelten Maſſere † und Krämer in Buden und Logen auf demſelben Mart⸗lane, wo die Römer ſchon vor ihnen Tanſchhandel getrieben hatten. * Bayford: Leland's Collectanea. p. LVIII. ** Ludgate(Leod⸗(Leut] gate). Verſtegan. rr Die Frage, ob wirkliche Weingärten in England beſtanden und wahr⸗ hafter Wein daraus gewonnen worden, hat die Alterthumsforſcher vielfach be⸗ ſchäftigt; doch kann man Pegge's Streit mit Daines Barrington in der Archäo⸗ logie kaum leſen, ohne ſich für Bejahung der Frage zu entſcheiden(ſ. Arch. III. 53.). Die Abbildung einer ſächſiſchen Weinpreſſe gibt Strutts Horda. Die Weinkultur gerieth entweder durch Verträge mit Frankreich oder dadurch in Verfall, daß die Gascogne in die Hände der Engländer fiel; aber einzelne Weingärten wurden von Privaten noch bis zum Jahr 1621 bebaut. Unſere erſten Weine aus Bordeaux— dem wahren Lande des Bacchus— ſcheinen bei der Vermählung Heinrichs II. mit Eleonore von Aquitanien ums Jahr 1154 eingeführt worden zu ſeyn. † Maſſere— mercer— Kaufleute. 58 Mit jedem Schritte, den man inn⸗ und außerhalb der Mauern auf neuem Boden weiter drang, wurden Urnen, Vaſen, Waffen, Men⸗ ſchengebeine ausgegraben, und blieben unbeachtet unter Haufen von Gerümpel liegen. Nicht auf ſolche Beweiſe früherer Civiliſation ſchaute der prak⸗ tiſche Blick des normänniſchen Grafen: nicht auf Dinge— auf Men⸗ ſchen waren ſeine Augen gerichtet, und während er ſtumm von Straße zu Straße weiter ritt, ſah der Menſchenlenker an jenen hohen ſtahl⸗ feſten, geſchäftigen, arbeitſamen Männern die kommende Civiliſation ſpäterer Jahrhunderte heraufdämmern. So zog das Gefolge im ernſten Schweigen durch die kleine Eity und längs des Strandes über die Brücke, welche über das Flüßchen Fleet führte; zur Linken glatte Landſtrecken, zur Rechten ſchöne Wai⸗ den zwiſchen grünen, nur dünn mit Wohnungen beſäeten Gehölzen, über zahlreiche Einſchnitte und Waſſerdurchläſſe. Stunde und Jahres⸗ zeit waren der Art, wie die Jugend ſie zum Feiern zu benutzen pflegt, und ſo ſah man denn heitere Gruppen nach den damals modiſchen* Spaziergängen des Hollywell⸗Brunnens wandeln, der zwiſchen glän⸗ zenden Perlen munter dahinſtrömt. Endlich erreichten ſie das Dorf Charing, das Edward erſt neulich ſeiner Abtei zu Weſtminſter geſchenkt hatte, und das jetzt von fremden wie einheimiſchen Werkleuten wimmelte, welche an jenem Gebäude und dem dazu gehörigen Palaſte beſchäftigt waren. Sie hielten eine Weile bei dem Mews*, wo die Falken genährt wurden, zogen an dem rohen Backſteinpalaſte vorüber, der— eine Gabe Edgars an Kenneth— den tributpflichtigen Königen von Schottland*—e gehörte, bis ſie zuletzt den Einlaß am Fluſſe erreichten, der ſich links um die Inſel Thorney(jetzt * Fitzſtephen. ** Meuse, wahrſcheinlich ein Falkenſpital, von muta(Camden). Du Fresne ſagt in ſeinem Gloſſarium, muta heißt im Franzöſiſchen la meue und iſt eine Krankheit, welcher die Falken beim Wechſeln der Federn unterworfen ſind. „» Daher der Name: Scotland⸗Yard(ſchottiſcher Hof)— Strype. Weſt des ha und n die kö Weſt Herzo wiede Als ſtattli Rund werk lengã trach ſchlie Huld ſchw er ſis Ear die eine wa reit thu ſoll 59 Mauern Weſtminſter) herumwand, und die erſtehende Kirche, Abtei, und Palaſt n, Men⸗ des heiligen Königs von dem Feſtlande trennte. Dort ſtiegen ſie ab, ffen von und wurden über“ den ſchmalen Kanal nach dem offenen Platze, der die königliche Reſidenz umgab, übergefahren. der prak⸗ uf Men⸗ 1 Straße Fünftes Kapitel. en ſtahl⸗—. 4 dietion Der neue Palaſt Edward's des Bekenners— der Palaſt von Weſtminſter— öffnete ſeine Thore, um den Sachſenkönig und den ne City Herzog der Normannen aufzunehmen, welche am Geſtade der Inſel llüßchen wieder zu Pferde geſtiegen waren, und nun neben einander einherritten. m Wai⸗ Als der Herzog unter ſeinen gewöhnlich gefalteten Brauen erſt die ſtattliche noch unvollendete Steinmaſſe mit ihren langen Reihen von Rundbogenfenſtern, deren Glasſcheiben in zackige Spitzen und Frett⸗ werk eingelaſſen waren, dann die feſten Pfeiler mit ihren runden Säu⸗ lengängen und die gewaltigen Thürme in ihrer einfachen Größe be⸗ trachtete, als er die Gruppen von Höflingen gewahrte, welche in an⸗ ſchließenden Gewändern, mit kurzen Mänteln und bartloſem Kinne zur Huldigung für den berühmten Gaſt den weiten Raum erfüllten, da ehölzen, Jahres⸗ pflegt, diſchen* en glän⸗ eulih ſchwoll das Herz in ſeiner Bruſt, und ſeinen Zügel anziehend, näherte ude und er ſich ſeinem Bruder von Bayeux, um dieſem zuzuflüſtern: e Weile„Iſt dies nicht bereits der Hof des Normannen? Betrachte jene nrohen Carls, jene Edlen, wie ſie unſere Tracht nachahmen! Betrachte ſogar„ — den die Steine an jenem Thor, ob ſie nicht ausſehen, als ob die Hand eines normänniſchen Maurers ſie ausgehauen hätte! Gewiß und wahrhaftig, Bruder! der Schatten der aufſteigenden Sonne ruht be⸗ reits in dieſen Hallen.“ „Wenn England kein Volk beſäße, ſo wäre es bereits Dein Eigen⸗ letzt den ey(jetzt neene thum,“ erklärte der Biſchof;„aber ſahſt Du nicht im Hereinreiten die iſt eine ſind.„ Die erſte Brücke, welche die Thorney⸗Inſel mit dem Lande verband, he. ſoll von Heinrichs I. Gemahlin, Mathilde, erbaut worden ſeyn. 60 geſenkten Brauen, hörteſt Du nicht das zornige Gemurmel? Der Schurken ſind gar viele und ihr Haß iſt ſtark.“ „Stark iſt auch der Rothſchimmel, den ich reite,“ meinte der Her⸗ zog;„aber ein kühner Reiter beugt ihn mit dem Stahl des Gebiſſes und lenkt ihn mit dem Stachel ſeiner Ferſe.“ Wie ſie dem Thore näher kamen, ſtieß eine Bande von Minſtrels im Solde des Normannen in ihre Inſtrumente und begann den heimi⸗ ſchen Geſang der Normänner— das Schlachtlied Rolands— des Paladins unter Carl dem Großen. Bei der erſten Strophe des Ge⸗ ſanges ſtimmten die normänniſchen Ritter und Junker, welche unter den vernormannten Sachſen zahlreich vertheilt waren, in das Lied ein, und bewillkommten mit leuchtenden Augen und in lautem Chore den mäch⸗ tigen Herzog in dem Palaſt des letzten milden Nachfolgers von Wodan. Am inneren Hofthore ſchwang ſich der Herzog aus dem Sattel, um Edward den Steigbügel zu halten. Der König legte ſeine Hand ſanft auf die breite Schulter ſeines Gaſtes, den er, nachdem er ziem⸗ lich unbeholfen vom Pferde geſtiegen, vor den Augen der zahlloſen Verſammlung umarmte und küßte, worauf er ihn an der Hand nach dem ſchönen Zimmer führte, das für den Herzog beſonders hergerichtet war, wo er dann dieſen mit ſeinen Begleitern allein ließ. William ließ ſich, in Gedanken verloren, in tiefem Schweigen auskleiden; als ihn aber Fitzosborne, ſein erſter Vertrauter und der hochmuüthigſte ſeiner Barone, der ſich aber gleichwohl durch den per⸗ ſönlichen Dienſt bei ſeinem Häuptling geehrt fühlte, nach dem an⸗ ſtoßenden Bade führte, trat er zurück und hüllte ſich feſter in den Pelz⸗ rock, den man ihm über die Schulter geworfen hatte. „Nein,“ murmelte er leiſe,„wenn noch ein Fleckchen engliſchen Staubes an mir iſt, ſo mag es hier bleiben!— Beſitzergreifung, Fitzosborne—'s iſt eine Beſitzergreifung des engliſchen Bodens.“ Bei dieſen Worten winkte er mit der Hand und entließ ſein Ge⸗ folge bis auf Fitzosborne und Rolf, Earl von Hereford“*, Edward's * Wir geben ihm den Titel, den dieſer normänniſche Edelmann in den Neffen, trauen. Wortes überſche E zahlreic oder an Sein A mer des Thürm maſſe e liegend unter 2 Wüſten worden 55 Hand, , thum d Du bit der Hr 9 fühlte hätten „ die en ſchecki und F iſt es nehmt Chron (den n 61 Neffen, aber Normanne von Geburt und ganz in des Herzogs Ver⸗ Der trauen. Zweimal durchſchritt der Herzog das Zimmer, ohne ſie eines r Her⸗ Wortes zu würdigen, bis er an einem runden Fenſter, das die Themſe ebiſſes überſchaute, ſtehen blieb. Es war ein ſchöner Anblick: die untergehende Sonne glitzerte auf nſtrels zahlreichen kleinen Gondeln, welche zwiſchen Weſtminſter und London, heimi⸗ oder an den gegenüberliegenden Ufern von Lambeth hin und her ſchoſſen. Sein Auge ſuchte emſig längs der Flußkrümmungen die grauen Trüm⸗ mer des fabelhaften Julius⸗Towers und die Mauern, die Thore und Thürme, welche am Strome oder über die dichte ſchweigende Dächer⸗ er den n, und maſſe emporſtiegen; weiter ſuchte der ſcharfe Blick bis zu den ferner mäch⸗ liegenden Maſtenſpitzen jener angehenden Marine vorzudringen, welche Vodan. unter Alfred, dem Fernſehenden, zur künftigen Civiliſation unbekannter Sattel, Wüſten und zur Beherrſchung noch unbeſuchter Meere großgeſäugt Hand worden war. ziem⸗ Der Herzog athmete tief und öffnete und ſchloß die ausgeſtreckte hlloſen Hand, wie wenn er die vor ihm liegende Stadt erfaſſen wollte. d nach„Rolf,“ ſagte er plötzlich,„Du kennſt ohne Zweifel den Reich⸗ richtet thum der Londoner Krämer, denn foi Guillaume, mon gentil chevalier, Du biſt ein ächter Normanne und ſpürſt den Geruch des Goldes, wie veigen der Hund den Eber!“ nd der Rolf lächelte, als ob er ſich von einem Complimente geſchmeichelt mper⸗ fühlte, welches einfachere Leute, wie er, wenigſtens für zweideutig n an⸗ hätten halten konnen.* Pelz⸗„Allerdings, mein Lehensherr!“ verſetzte er;„und meiner Treu! die engliſche Luft ſchärft den Geruch, denn in dieſem ſchurkiſchen bunt⸗ iſchen ſcheckigen Lande, das aus allen Racen— Sachſen und Finnen, Dänen fung, und Flamändern, Pikten und Wallonen— zuſammengewürfelt ward, 4 iſt es nicht wie bei uns, wo tapfere Männer und reine Abkunft vor⸗ Ge⸗ nehmlich in Ehren gehalten werden. Hier bedeuten Gold und Land ard's Chroniken führt, obgleich Palgrave bemerkt, daß er eher Earl von Mageſetan n den(den welſchen Marſchen) heißen ſollte. —— 62 ſo viel, wie Namen und Herrſchaft, und ſogar ihr Volksname für die Nationalverſammlung des Witans bedeutet die Vielvermögenden*. Wer heute noch Vaſall iſt, kann morgen ein Earl ſeyn, ſobald er reich wird; er kann im königlichen Geblüt heirathen und unter einem ſtatt⸗ licheren Banner, als der König ſelber, ganze Heere kommandiren, wo⸗ gegen der— deſſen Vorfahren Ealdermänner und Fürſten waren, ſobald er durch Betrug oder Gewalt, durch Verſchwendung oder Freigebigkeit arm wird, der Verachtung anheimfallt, ſeine Stellung verliert, und zu einer Claſſe herabſinkt, die ſie in ihrer barbariſchen Sprache Sechs⸗ hunderter nennen, während ſeine Kinder wahrſcheinlich noch tiefer bis zum Hörigen herabkommen. Drum iſt es Gold, was hier am meiſten begehrt wird, und bei St. Michael! die Sünde iſt anſteckend.“ „Gut,“ ſagte William, welcher dieſe Rede mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit angehört hatte, indem er ſeine Linke langſam mit der Fläche der Rechten ſtreichelte;„ein aufs engſte verbundenes Land mit der Macht eines einzigen Stammes von Eroberern, wie unſere Väter waren— eines Stammes, welchen nur Feigheit und Verrath herabwürdigen kann,— ein ſolches Land, o Rolf von Herefort, wäre in der That ſchwer zu unterjochen, zu zähmen oder einzuſchüchtern.“ „So hat mein Herr, der Herzog, die Bretonen gefunden, und ſo finde auch ich die Welſchen auf meinen Marſchen zu Herefort.“ „Wo aber Reichthum mehr gilt, als Blut und Abſtammung,“ fuhr William, die Unterbrechung nicht beachtend, fort,„da laſſen ſich die Häuptlinge beſtechen oder Sedrohen, und die Menge— bei unſerer lieben Frau! die Menge iſt in allen Ländern dieſelbe, mächtig unter treuen tapfern Führern, ohne dieſe aber hilflos wie ein Schaaf. Um übrigens auf meine Frage zurückzukommen, mein edler Rolf— dieſes London muß reich ſeyn.“** * Eadigan. S. Turner I. Bd., S. 274. ** Der vergleichungsweiſe Wohlſtand Londons war in der That beträcht⸗ lich. Während im Jahr 1018 das ganze übrige England zu dem damals für ungeheuer geltenden Steuerbetrage von 71,000 ſächſ. Pfunden taxirt wurde, ſteuerte London allein noch weitere 41,000 Pfund. 1 „ waffne und bis 7 das Bl gebe ſe hängen Rathgae nen N genug „ Biener Wälſch rieth 2 Falk, d norwe Bank kein n, wo⸗ ſobald bigkeit und zu Sechs⸗ fmerk⸗ Fläche Macht ten— rdigen . That und ſo ung,“ ch die nſerer unter Um dieſes rächt⸗ s für purde, 63 „Reich genug,“ gab Rolf zur Antwort,„um ein Heer von Be⸗ waffneten zu unterhalten, das ſich von Rouen bis Flandern einer⸗ und bis Paris andererſeits ausdehnte.“ „In den Adern Mathildens, die Du zum Weibe begehrſt, fließt das Blut Carls des Großen,“ bemerkte Fitzosborne plötzlich,„Gott gebe ſein Reich den Kindern, die ſie Dir gebären wird!“ Der Herzog beugte das Haupt und küßte eine an ſeinem Halſe hängende Reliquie. Ein anderes Zeichen der Beiſtimmung zu ſeines Rathgebers Worten äußerte er nicht, fuhr aber nach einer Pauſe fort: „Nach meinem Abgange, Rolf, wendeſt Du Dich wieder zu Dei⸗ nen Marſchen. Dieſe Wälſchen ſind brav und trotzig und werden Dir genug zu ſchaffen machen.“ „Ja, bei meiner Heiligen! Es ſchläft ſich ſchlecht neben dem Bienenhaufen, den man niedergetreten hat.“ „Ei, ſo laß die Wälſchen auf die Sachſen, die Sachſen auf die Wälſchen losſchlagen, und ſorge dafür, daß keiner zu leicht obſiegt,“ rieth William.„Erinnere Dich unſeres heutigen Omens: der wälſche Falk, die ſächſiſche Rohrdommel und über ihren Leichen Herzog William's norwegiſcher Geier! Nun laßt uns zu der Abendveſper und zum Bankett uns ankleiden.“ Zweites Zuch. Lanfranc der Gelehrte. Sechstes Kapitel. Vier Mahle des Tags, und dieſe nicht ſparſam, wurden damals als keine allzu übermäßige Auslegung des täglichen Brodes, um das der — 64 Sachſe betete, betrachtet. Vier Mahle des Tags vom Earl an bis zum Ceorl!„Glückliche Zeiten!“ mag mancher Abkömmling der Letzteren ſeufzen, wenn er dieſe Zeilen liest— zum Theil waren ſie's allerdings für die Hörigen, aber nicht in Allem, denn das Brod der Knechtſchaft iſt nie ſüß, der Trank der Sklaverei nie erheiternd. Die Trunkſucht, das Laſter der kriegeriſchen Nationen des Nordens, hatte vielleicht bei den früheren Sachſen nicht zu ihren vorherrſchenden Ausſchweifungen gehört, ſo lange ihnen die feurigen und rührigen Bretonen und die darauffolgenden Fehden zwiſchen den Königen der Heptarchie die Mäßig⸗ keit als rathſam für kühne Krieger aufnöthigte; allein das ſpätere Beiſpiel der Dänen war ihnen verderblich geworden. Dieſe Meeres⸗ rieſen waren gewohnt, gleich allen, welche zwiſchen ſtarken Contraſten der Arbeit und Ruhe vom Sturm in dem Hafen hin⸗ und hergewor⸗ fen werden, jedes Vergnügen, das ſich ihnen darbot, mit vollen Hän⸗ den zu pflücken. So kam es, daß ſie dem ſächſiſchen Charakter wenig⸗ ſtens für längere Zeit neben Vielem, was zu ſeiner dauernden Erhe⸗ bung gereichte, auch manches Entwürdigende wenigſtens für einige Zeit mittheilten: der Angelſachſe lernte ſich toll und voll zu freſſen und bis zum Delirium anzutrinken. Solche Laſter herrſchten jedoch nur am Hofe des Bekenners. Von Jugend auf in dem klöſterlichen Lager der Normanen auferzogen, hatte er beſonders die enthaltſame Nüchtern⸗ heit wie die ceremonienreiche Frömmigkeit, welche dieſe Soͤhne der Skandinavier vor allen verwandten Stämmen auszeichnete, an ihren Sitten lieben gelernt. Die Lage der Normannen in Frankreich hatte in der That mit der der Spartaner in Griechenland viele Aehnlichkeit. Jene hatten mit geringen Streitkräften inmitten einer unterjochten finſteren Be⸗ völkerung, umringt von eiferſüchtigen furchtloſen Feinden, eine Nieder⸗ lage erzwungen: dadurch wurde ihnen die Nüchternheit zur Lebens⸗ bedingung und die Politik des Häuptlings mußte wohl den Lehren des Predigers ein williges Ohr leihen. Gleich dem Spartaner war jeder Normanne von reiner Abſtammung frei und edel; dieſes Bewußtſeyn gab Spa Selb Unte Anz begl ſicht mach man gen ihre reier heili in d welch erſch einz! aufg ſaͤcht Nac und Her den Arc is zum etzteren rdings btſchaft kſucht, cht bei fungen ind die Näßig⸗ ſpätere keeres⸗ traſten gewor⸗ Hän⸗ venig⸗ Erhe⸗ ge Zeit nd bis ir am ger der htern⸗ ie der ihren ait mit hatten n Be⸗ ieder⸗ bens⸗ en des jeder ztſeyn 6⁵ gab ihnen nicht allein jene auffallende Würde der Haltung, wie ſie Spartaner und Normann gleichmäßig beſaßen, ſondern auch jene ſtolze Selbſtachtung, die ſich gegen das Schauſpiel der Erniedrigung vorſeinen Untergebenen empört hätte. Endlich hatte ihre urſprünglich ſo geringe Anzahl, die Gefahren, die ſte umlagerten, wie das gute Glück, das ſie begleitete, weſentlich dazu beigetragen, die Spartaner in ihrer Zuver⸗ ſicht auf die göttliche Hülfe am frömmſten unter allen Griechen zu machen, und auch die ſprüchwörtliche Andacht der ceremoniöſen Nor⸗ mannen laͤßt ſich vielleicht auf dieſelben Urſachen zurückführen: ſie ttru⸗ gen in ihren neuen Glauben etwas von der feudalen Loyalität gegen ihre geiſtigen Beſchützer über, huldigten der Jungfrau für die Lände⸗ reien, welche ſie ihnen gnädigſt gewährt hatte, und erkannten in dem heiligen Michael den Häuptling und Führer ihrer Kriegsheere. Nachdem der Koͤnig und ſeine Gäſte die Komplete(zweite Veſper) in der zeitweiligen Kapelle der unvollendeten Abtei von Weſtminſter, welche auf der Stelle des Apollotempels“ ſtand— angehört hatten, erſchienen ſie in der großen Halle des Pallaſtes, um ihre Abendmahlzeit einzunehmen. Unterhalb der königlichen Eſtrade waren drei lange Tafeln aufgeſtellt für die Ritter aus William's Gefolge und die Blüthe des ſächſiſchen Adels, der, wie die Jugend überhaupt auf Veränderung und Nachahmung erpicht, den Hof ihres normanniſirten Heiligen belagerte und den rohen Patriotismus der Väter verſchmähte. Aecht engliſche Herzen waren nicht unter ihnen, ja manche von Godwins edelſten Fein⸗ den ſeufzten nach dem engliſch geſinnten Earl, der durch normänniſche Argliſt um ſeiner engliſchen Geſetzlichkeit willen verbannt worden war. An der ovalen Tafel auf dem Dais ſaßen nur beſonders auser⸗ wählte Gäſte: zur Rechten des Königs— William, zur Linken— * Camden. Aus den Ruinen dieſes Tempels wurde von Sibert, Kö⸗ nig der Oſtſachſen, eine Kirche erbaut, und das kleine angebaute Kloſter(ur⸗ ſprünglich von Dunſtan für zwölf Benediktiner gegründet) erfreute ſich wegen ſeines Abtes Wulnoth, deſſen Geſellſchaft Canut ſehr liebte, der beſonderen Gunſt dieſes Königs. Canuts alter Pallaſt auf der Thorneyinſel war durch Feuer zerſtört worden. Bulwer, Harold 5 66 Thronhimmel von Gold⸗ orauf ſie ſaßen, waren von reichvergolde⸗ hhabenen Arabesken ausgeſchnitzt. Am Neffe, der Earl von Hereford, g des Nor⸗ William Fitzosborne, der wenn Herzogs Tafel ſaß⸗ als Ver⸗ Odo von Bayeur. Ueber dieſe drei war ein tuch gebreitet; die Stühle, w tem Metall, die Wappen in er gleichen Tiſche befand ſich des Königs und kraft ſeines Verwandtſchaftsrechtes mit dem Herzo manns Lieblingsbaron und Großſeneſchal, er auch in der Normandie nicht an des4 wandter ſeines Herrn von Edward an die ſeinige geladen war. Andere Gäͤſte wurden nicht an dieſem Tiſche zugelaſſen, ſo daß er außer Edward mit lauter Normannen beſetzt war. Die Teller wa⸗ ren von Gold und Silber, die Becher mit Juwelen eingelegt; vor jedem Gaſte lag ein Meſſer, deſſen Handhabe mit koſtbaren Steinen geſchmückt war und eine mit ſilbernen Franſen beſetzte Serviette. Die Speiſen wurden nicht auf den Tiſch geſtellt, ſondern auf kleinen Spießen ſer⸗ virt, und zwiſchen jedem Gange ward von hochgebornen Pagen ein Becken mit parfümirtem Waſſer herumgereicht. Keine Dame ſchmückte das Feſtmahl, denn ſie, welche den Vorſitz hätte führen ſollen— ſie, makel⸗ los an Schönheit ohne Stolz, an Frömmigkeit ohne Strenge, an Wiſſenſchaft ohne Pedanterie— ſie, die bleiche Roſe von England, Godwins geliebte Tochter und Edwards verabſcheutes Weib, hatte den Fall ihrer Verwandten getheilt und war von dem ſanften König oder deſſen trotzigen Näthen mit der höhniſchen Bemerkung,„es zieme ſich nicht, daß die Tochter und Schweſter ſich der Pracht und des Staates erfreue, während Vater und Brüder in Verbannung und Ungnade das Brod des Fremdlings ſpeisten“— nach einer Abtei in Hampſhire ge⸗ ſendet worden. So hungrig aber auch die Gäſte waren, ſo gehörte es keineswegs zu dem Gebrauche dieſes heiligen Hofes, ohne religiöſe Ceremonien über die Speiſen herzufallen. Die Wuth für Pſalmengeſänge ſtand damals auf ihrem Höhenpunkte in England; ſie hatte faſt jede andere Art von Vokalmuſik verdrängt, ja es wird erzählt, daß bei gewiſſen Gelegenheiten nicht weniger als ſämmtliche Geſänge des Königs Da⸗ 67 vid— ein ungeheurer Aufwand an Lungein und Gedächtniß!— als Einleitung zu großen Feſtmahlen gegeben wurden. Diesmal hatte jedoch Edwards normänniſcher Kämmerling Hugolin das überlange Tiſchgebet abgekürzt, ſo daß die Geſellſchaft zu Edwards Ueberraſchung und Mißvergnügen mit der kurzen und unſcheinbaren Vorbereitung von blos neun Pſalmen und einem ſpeciellen Lobgeſang zu Ehren ir⸗ gend eines unbekannten Heiligen, dem der heutige Tag gewidmet war, entlaſſen wurde. Sobald dieß vorüber war, nahmen die Gäſte wieder ihre Sitze ein, während ſich Edward gegen William wegen der auffal⸗ lenden Unterlaſſung ſeines Kämmerlings entſchuldigte und dreimal hinter einander ſein:„Nichts, nichts— gar nichts!“ wiederholte. Die Fröhlichkeit ſtockte an der königlichen Tafel, trotzdem daß Rolf einen öftern Anlauf verſuchte und ſogar der große Herzog, deſſen Augen, die Tafel hinabwandernd, die Sachſen von den Normannen zu unterſcheiden und nachzurechnen verſuchten, wie viele der Erſteren be⸗ reits zu dem Gefolge ſeiner Freunde gehörten, einige vergebliche An⸗ ſtrengungen zum leichtherzigen Frohſinne machte. Ganz anders ſtand es an den langen Tafeln: als dort das Mahl ſeinen Höhepunkt erreichte, als Ale, Meth, Pigment, Morat und Wein cirkulirten, fand der Sachſe ſeine Zunge gelöst und der normänniſche Ritter verlor etwas von ſeinem ſtolzen Ernſte. Eben als die„Sonne der Nacht“(mit andern Worten die wilde Gluth des Weins), wie ein däniſcher Dichter ſie nannte, in ihrem Meridian leuchtete, entſtand ein vorübergehendes Drängen an den Thüren der Halle, wo außen eine dichte Maſſe von Armen wartete, denen ſpäter die Ueberbleibſel des Mahles überlaſſen wurden; gleich darauf ſah man zwei Fremde ein⸗ treten, für welche der mit den Honneurs der Tafel beauftragte Hofbe⸗ amte am untern Ende des einen Tiſches Platz machte. Beide Ankömmlinge waren ausnehmend einfach, der eine nicht gerade in mönchiſche wohl aber in die Tracht eines Geiſtlichen niederen Rangs gekleidet, der andere trug einen langen grauen Mantel mit wei⸗ ter Gonna(Unterkleid), deren Schleppe in einen breiten Ledergurt. 5* —;—;—;—:——O——— und Schmutz der Reiſe beſleckt waren und äußerſt maſſige kräftige Gliedmaßen umhüllten. Der Erſtgenannte war klein und ſchmäch⸗ tig von Geſtalt; der Andere dagegen von der Höhe und dem Um⸗ fang der Söhne Anaks. Das Geſicht war bei Beiden nicht zu unter⸗ ſcheiden, denn ſie hatten die Kappe, wie ſie von Prieſtern und Laien außer dem Hauſe getragen wurde, mehr als zur Haͤlfte über das Geſicht herabfallen laſſen. Ein Murmeln der Ueberraſchung, der Verachtung und des Zorns über das Eindringen ſo gekleideter Fremdlinge wurde alsbald in ihrer Nachbarſchaft laut, von der reſpektvollen Miene, welche der Ceremonien⸗ meiſter Beiden, beſonders aber dem Größeren, bewieſen hatte, auf einen Augenblick zurückgehalten, aber alsbald mit nur um ſo größerer Leb⸗ haftigkeit ſich Bahn brechend, als der hochgewachſene Mann den Arm ohne weitere Umſtände über die Tafel ſtreckte und einen ungeheuren Krug an ſich zog, der nach der damaligen Sitte, die Tafel immer in„Meſſen“ zu Vieren zu decken, ausſchließlich für Ulf den Dänen, Godrith den Sachſen und zwei junge normänniſche Ritter, Verwandte des mächti⸗ gen Lords von Grantmesnil, aufgeſtellt war. Nicht genug, daß er ihn ſeinem kopfſchüttelnden Kameraden anbot, leerte er ihn mit einem Wohlbehagen, das ihn wenigſtens als keinen Normann anzukündigen ſchien, und wiſchte ſich dann mit bäuriſchen Geberden die Lippen mit dem Aermel ſeines Rieſenarmes. „Feiner Sir,“ begann einer der normänniſchen Ritter, William Mallet, aus dem Hauſe Mallet de Graville, während er, ſoweit es der Raum auf dem Stuhle erlaubte, von dem gigantiſchen Eindring⸗ ling wegrutſchte,„vergebt mir die Bemerkung, daß Ihr meinen Man⸗ tel beſchädigt, meinen Fuß geſtreift und meinen Wein ausgetrunken habt. Wollt Ihr Euch licht gefälligſt herablaſſen, mir das Geſicht ei⸗ * S. d. Note zu Pluquet's Roman de Rou, S. 285. NB. So oft der Roman de Rou in dieſen Zeilen vorkommt, meine ich die vortreffliche Ausgabe dieſes Werkes von Pluquet.— geſteckt war, ſo daß die Beinkleider hervorſahen, welche von Staub nes de G nicht als ſpann mach der i Sach fürch ſcheit man Geb Ritt ſten in d Gaf der ſpra bäu hun blöf eine mit lich Zo All 69 nes Mannes zu zeigen, der dieſes dreifache Unrecht an William Mallet de Graville begangen hat?“ Eine Art von Gelächter— denn ein foͤrmliches Lachen war es nicht— ließ ſich unter der Kapuze des gewaltigen Fremden vernehmen, nter⸗ als er ſie mit einer Hand, welche die Bruſt des Fragenden hätte um⸗ kaien ſpannen können, noch tiefer übers Geſicht zog, und dabei eine Geberde ſicht machte, als ob er die an ihn gerichtete Frage nicht verſtünde, worauf der normänniſche Ritter, mit höflicher Verbeugung an Godrith den Srils Sachſen quer über den Tiſch ſich wendend, alſo fortfuhr: ſihrer„Pardex,“ edler Godree(deſſen Namen meine Lippen, wie ich ſaien⸗ fürchte, nur unvollſtändig herausbringen), dieſer feine Gaſt und Seigneur Einen ſcheint mir von ſächſiſcher Abſtammung und Zunge, denn unſere ro⸗ Leb⸗ maniſche Sprache kennt er nicht. Sagt mir doch, iſt es ſächſiſcher Arm Gebrauch, in ſolchem Aufzug eines Königs Halle zu betreten und einem Trug Ritter ſeinen Wein ſo ſtumm auszutrinken?“ 6 ſſen“ Godrith, ein junger Sachſe von hohem Rang, aber einer der eifrig⸗ ) den ſten Nachahmer ausländiſcher Sitten, wurde feuerroth über die Ironie ichti⸗ in der Rede des Ritters, und in rauhem Tone an den ungeſchlachten 3 rihn Gaſt ſich wendend, der nunmehr unermeßliche Paſtetenſchnitten unter 3 mem der Höhle ſeiner Kapuze verſchwinden ließ, ſagte er in ſeiner Landes⸗ igen ſprache, aber mit einem Liſpeln, wie wenn ſie ihm ungewohnt wäre: mit„Wenn Du ein Sachſe biſt, ſo beſchäme uns nicht durch Deine . bäuriſchen Manieren; bitte dieſen normänniſchen Than um Verzei⸗ liam hung, die er Dir ohne Zweifel aus Mitleid gewähren wird. Ent⸗ t es blöße Dein Haupt und—“ ing⸗ Hier wurde die Ermahnung des Sachſen unterbrochen, denn kan⸗ einer der Diener näherte ſich Godrith's Sitze mit einem Spieße, der nken mit etlichen zwanzig fetten Lerchen elegant beſpickt war; der unmanier⸗ ei⸗ liche Rieſe fuhr jedoch dem erſchreckten Sachſen mit ſeinem Arm einen Zoll breit an der Naſe vorüber und nahm die Lerchen, die Gabel und ich Alles in Beſitz. Zwei davon legte er ſeinem Freunde trotz aller ab⸗ * Pardex oder Pardé, daſſelbe was das modernfranzöſiſche Pardié. 70 mahnenden Geberden auf den Teller, die übrigen wurden auf ſeinem eigenen aufgethürmt, während die anderen Gäſte das Schauſpiel ſprach⸗ los vor Zorn mit anſahen. Endlich begann Mallet de Graville, mit neidiſchem Blick auf die Lerchen— denn wenn ein Normanne auch kein Schwelger war, ſo war er doch Feinſchmecker: „Wahrhaftig, foi de chevalier! man muß in fremde Laͤnder gehen, wenn man Ungeheuer ſehen will; wir ſind aber jedenfalls Glücksnarren,“(und hier wendete er ſich an ſeinen normänniſchen Freund Aymer, Quen“ oder Graf von Evereux), daß wir ohne die weiten Irrfahrten des Ulyſſes einen Polyphem entdeckt haben,“ indem er auf den verhüllten Rieſen deutend, paſſend genug den lateiniſchen Vers anführte: „Monstrum, horrendum, informe, ingens, cui lumen ademptum.“ (Scheuſal, ſchrecklich zu ſeh'n, blind, ungeheuer, unförmlich.) Virgil. Der Rieſe fuhr fort, die Lerchen ſo gemüthsruhig zu verzehren, wie der Oger, dem er verglichen worden, die Griechen in ſeiner Höhle verſpeist haben mochte. Sein Mitankömmling ſchien jedoch von dem Klange des Lateiniſchen betroffen: er hob plötzlich ſein Haupt und ſagte mit beifälligem Lächeln, wodurch zwei ſchneeweiße Zähnereihen zum Vorſchein kamen: „Bene, mi fili! bene, lepidissime; poetae verba in militis ore non indecora sonant.“* Der junge Normann ſtarrte den Sprechenden an und erwiederte in demſelben Tone ernſter Affektation: „Artiger Sir! der Beifall eines ſo eminenten Geiſtlichen, wie Ihr nach der Beſcheidenheit, mit der Ihr Eure Größe verhüllt, ohne Zweifel ſeyn müßt— kann nicht ermangeln, mir den Neid meiner engliſchen Freunde, welche gewöhnt ſind, in verba magistri— ſtatt * Quen, oder beſſer Quens, ſynonym mit Count in normänniſchen Chro⸗ niken. Earl Godwin heißt bei Wace ſonderbarer Weiſe Quens Gwine. **„Gut, mein Sohn! gut, Du Spötter: des Dichters Worte klingen lieblich im Munde des Kriegers.“. ſeinem prach⸗ nuf die r, ſo Pänder nfalls iſchen e die indem iſchen I. hren, Höhle dem ſagte zum ore derte wie ohne einer ſtatt hro⸗ ngen 71 verba ſetzen ſie in ihrer Gelahrtheit vina— zu ſchwören, in hohem Grade zuzuziehen.“. „Ihr ſeyd ſehr ſpaßhaft, Sire Mallet,“ ſiel Godrith erröthend weiß, daß das Latein nur für Mönche und Glatzköpfe taugt, und ſie ſogar haben ſich deſſen wenig genug zu rühmen.“ „Latein!“ erwiederte der Normann mit verächtlichem Lächelu.— „O Godree, bien aimé! Latein iſt die Sprache der Cäſaren und Se⸗ natoren, ſtolzer Ritter und tapferer Eroberer. Weißt Du nicht, daß Herzog William der Furchtloſe ſchon im achten Jahre Julius Cäſars Commentarien auswendig wußte?— und daß er ſelbſt ſich aͤußerte, Wiſſen ſey ein gekrönter Eſel** ⸗ Wenn der König ein Eſel iſt, ſo ſind ſeine Unterthanen Eſelein. Drum gehe in die Schule, ſprich ehrerbietig von Deinen Beſſern, den Mönchen und Glatzköpfen, die bei uns gar oft tapfere Heerführer und weiſe Räthe ſind— und lerne, daß nur ein voller Kopf eine gewichtige Hand macht.“ „Dein Name, junger Ritter?“ rief der Geiſtliche in normän⸗ niſchem Franzöſiſch, doch mit leichtem ausländiſchem Accent. „Den kann ich Dir geben,“ ſchrie der Rieſe zum erſten Male in ache laut und mit rauher Stimme redend, welcher ein feines Ohr alsbald die Verſtellung angemerkt hätte—„ich kann Dir Namen, Geburt und Charakter beſchreiben. Mit Namen iſt dieſer Jüngling Guillaume Mallet, zuweilen De Graville genannt, weil unſere normänniſchen Edelleute jetzt immer ein'de vor ihrem Na⸗ men gepflaſtert haben müſſen; nichtsdeſtoweniger hat er kein anderes Recht auf die Baronie von Graville, welche dem Haupte ſeines Hauſes angehört, als etwa einen alten Thurm in einer Ecke des genannten Gebiets mit Ländereien, nicht größer als um ein Pferd und zwei Leib⸗ eigene zu ernähren— wenn dieſe nämlich nicht ſchon ſeit Monaten an einen Juden für den Einkauf von Sammtmänteln und einer Gold⸗ welcher bald William, bald ſeinem Sohne Henry le ein;„aber ich w tein König ohne derſelben Spr * Ein Ausſpruch, Beau Clere zugeſchrieben wird. 72 kette verpfändet wären. Von Geburt ſtammt er von Mallet„* einem kühnen Norweger auf der Flotte Rolfs des Seekönigs; ſeine Mutter war eine Frankin, von der er ſeine beſten Beſitzthümer— nämlich einen abgefeimten Verſtand und eine läſterliche Zunge erbte. Seine Vorzüge bilden Enthaltſamkeit, denn er ißt nie anders als auf Koſten Anderer— etwas Latein, da er wegen ſeiner ſchmächtigen, unkriege⸗ riſchen Geſtalt zum Moͤnche beſtimmt war— einiger Muth— denn trotz ſeiner Kleinheit hat er drei Burgunder mit eigener Hand erſchla⸗ gen, worauf Herzog William unter anderen thörichten Handlungen ſtatt eines Mönches sans tache einen Ritter sans terre aus ihm machte. Was das Uebrige betrifft—“ „Was das Uebrige betrifft,“ ſiel der Sire de Graville ſchnee⸗ weiß vor Wuth, aber in leiſem unterdrücktem Tone ein,„wenn nicht Herzog William dort drüben ſäße, ſo ſollteſt Du ſechs Zoll kalten Stahls in Deinen unförmlichen Leichnam haben, um Dein geſtohlenes Mittageſſen zu verdauen und Deine unmanierliche Zunge zum Schwei⸗ gen zu bringen—“ „Was das Uebrige betrifft,“ fuhr der Rieſe gleichgültig, und wie wenn er die Unterbrechung gar nicht gehört hätte, fort,„ſo gleicht er Achilles blos darin, daß er impiger, iracundus** iſt. Große Leute können eben ſo gut wie kleine ein lateiniſches Sprüchlein anführen⸗ Meſſire Mallet, le beau Clerc!“ Mallets Hand fuhr nach dem Dolch, ſein Auge erweiterte ſich wie das des Panthers vor dem Sprunge; aber zum Glück ließ ſich in dieſem Augenblicke Williams tiefe vollklingende Stimme verneh⸗ men, gewöͤhnt durch die Reihen einer Armee hinabzudringen, und auch diesmal hell und klar, obwohl nur wenig lauter als gewöhnlich, über die Verſammlung hinrollend. „Schön iſt Euer Feſt und heiter Euer Wein, Herr König und Bruder mein! Nur vermiſſe ich hier, was König und Ritter als Salz * Mallet iſt bis auf den beutigen Tag ein ächt ſkandinaviſcher Name. * Ruhelos, jähzornig. des F Min von Thate 1 kante Verſa Höfli bei de aber abzul wahr einem weiße liches ſtimn und d einer welch Schl gezei ſeine von tete geſch und auf Bra der inem utter nlich beine oſten ege⸗ denn hla⸗ ſtatt hte. nee⸗ icht ten nes ei⸗ ind cht ute 2n, 78 des Feſtes und ächteſten Duft des Weines erachten— den Geſang des Minſtrels. Verzeiht mir, aber Sachſen und Normänner ſind beide von verwandtem Stamme, und lieben es in Halle und Gaden die Thaten ihrer nördlichen Väter zu hören. Ich bitte alſo Eure Muſi⸗ kanten oder Harfenſpieler um ein Lied aus den alten Zeiten.“ Ein Beifallsgemurmel drang durch den normänniſchen Theil der Verſammlung; die Sachſen ſchauten auf und einige der geübteren Höflinge ſeufzten ſchwer, denn ſie wußten wohl, welcherlei Geſänge bei dem heiligen Edward ausſchließlich in Gunſt ſtanden. Die leiſe Erwiederung des Königs war nicht zu vernehmen; wer aber in ſeinem Geſichte die ſchwachen Veränderungen des Ausdrucks abzuleſen vermochte, hätte wohl eine Miene des Tadels darin ge⸗ wahren können, deren Bedeutung alsbald klar wurde, als ſich aus einem Winkel der Halle, worin einige geſpenſtige Muſikanten in weißen Gewändern— weiß wie Leichentücher— ſaßen, ein grabähn⸗ liches Vorſpiel vernehmen ließ, worauf eine klägliche Jammer⸗ ſtimme eine lange und höchſt ermüdende Erzählung über die Wunder und das Märtyrthum eines frühzeitigen Heiligen anzuſtimmen begann. Der Geſang war ſo monoton, daß ſeine Wirkung ſehr bald in einer allgemeinen Schläfrigkeit ſichtbar wurde, und als ſich Edward, welcher allein mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhörte, gegen den Schluß umwandte, um die theilnehmende Bewunderung ſeiner aus⸗ gezeichneten Gäſte einzuernten, ſah er ſeinen Neffen gähnen, als ob ſeine Kinnbacken aus der Ordnung gekommen wären— der Biſchof von Bayeur war feſt eingeſchlafen, indem ſeine reichberingten, gefal⸗ teten Hände auf ſeinem Magen ruhten— Fitzosborne's kleines halb⸗ geſchornes Haupt ſchwankte mit mancher unruhigen Unterbrechung hin und her— und William, der noch völlig wach war, hatte die Augen auf den leeren Raum geheftet, und ſeine Seele ſchweifte weit von dem Bratroſte, vor welchem(alle andern Heiligen ſeyen dafür geprieſen!) der Heilige dieſer Ballade glücklicherweiſe endlich angelangt war. 74 „Eine tröſtliche, heilſame Erzählung, Graf William,“ bemerkte der König.— Der Herzog fuhr aus ſeinen Träumen auf und nickte mit dem Kopfe, worauf er ziemlich abgeriſſen fragte: „Iſt jenes Wappen nicht das König Alfreds?“ „Ja. Warum?“. „Hm! Mathilde von Flandern ſtammt in gerader Linie von Al⸗ fred ab; es iſt ein Name und Geſchlecht, das die Sachſen noch immer in Ehren halten!“ „Ei freilich; Alfred war ein großer Mann und reformirte die Pſalmen,“ erwiederte Edward. Der Grabgeſang nahm ein Ende; aber ſo betäubend war ſeine Wirkung geweſen, daß die Schlaſſucht, die er erzeugt hatte, mit der Urſache nicht alsbald aufhörte. Todtenſtille herrſchte in der geräumi⸗ gen Halle, als plötzlich laut und mächtig wie das Schmettern der Trompete nach dem Schweigen des Grabes eine einzelne Stimme laut wurde. Alle fuhren zuſammen— drehten ſich um— Alle ſchauten nach einer Richtung und ſahen, daß die gewaltige Stimme von dem hinterſten Ende der Halle herüberdrang. Der rieſige Fremde hatte unter ſeinem Mantel ein kleines dreiſaitiges Inſtrument— nicht un⸗ ähnlich unſerer modernen Laute— hervorgezogen, auf welchem er folgenden Geſang anſtimmte: Vallade vom Rou.* 1. Von Blois nach Senlis, Wog an Wog, rollt der Normannen Flut, Und Frank an Frankke ſtürzt vor ihm, gebadet in ſein Blut; Da war kein Schloß im ganzen Land verſchont vom grimmen Feu'r, Nicht Weib noch Kind, das nicht beweint'nen Gatten oder Sire. Und Mönche, Ritter, wohlbewehrt, ſie fliehn dem König zu, Die Erde bebt, denn hinterher kommt donnernd Herzog Rou. * Rou— ſo tauften die Franzoſen den Rollo oder Rolfganger, den Grün⸗ der der normänniſchen Niederlaſſung. 2. „O König,“ jammert der Baron,„umſonſt ſind Keul und Sporn, Des Normanns Art, ſie fällt auf uns wie Hagel auf das Korn.“ „Umſonſt,“ ſo klagt der fromme Mönch,„wir vor der Jungfrau knie'n Zu beten, vor des Normanns Stahl iſt eitel machtlos Mühn. Der Ritter ſtöhnt, der Glatzkopf weint, weil näher mit der Fluh Gleich Todtenröcheln zieht heran die Rabenflagg' von Rou. on Al⸗ 3 immer . Spricht König Karl:„Wie kann ich ſteh'n, todt meine Heere ſchon? Der Kön’ge Stärke iſt das Volk, das rings umgibt den Thron. rte die Verſchlingt der Krieg die Ritter mein, iſt's Zeit, den Krieg zu flieh'n., Verſchmäht der Himmel euer Flehn, ihr Mönch— nehmt Frieden hin. Geh zu, mein Sohn, das Kruzifir trag in ſein Lager du, Und mit dem Krummſtab zu der Hürd' lock dieſen grimmen Rou. ——— r ſeine nit der räumi⸗ 1. irn der„Vom Michelsberg bis Eure ſey ſein die ganze Meeresküſt', ne laut Und Gill'’, mein Kind, nehm’ er als Braut, damit er ſicher iſt; Wofern er küßt das Chriſtenkreuz, ſteckt ein ſein Heidenſchwert, hauten Und nimmt die Länder, unhaltbar, von Karl als Leh'n verehrt. on dem Fort mit dir, Kirchenhirt, das Werk des Schäfers— geh, das thu! hatte Mit goldnem Vließ umhülle dann die Tigerhüft' von Rou.“ ht un⸗ 5 hem er 1 Pſalmſingend naht der Glatzkopf ſich, wo Rou, der rieſ'ge Mann Inmitten ſeiner Krieger ſteht, wie in dem Wald die Tann'’. Da ſprach der Franken Erzbiſchof, ein Prieſter fromm und weis: „Wozu des Krieges Wuth, da dir Fried' winkt und reicher Preis? Das ſchönſte Land, das je die Sonn’ beſcheint— wüſt!— ach wozu? Es iſt ja Dein, denn alſo ſpricht mein König Karl zu Rou: 6. „Vom Michelsberg bis Eure ſey Dein die ganze Meeresküft', Und Gill', mein ſchönſtes Kind, als Braut, damit Du ſicher biſt:. Wofern Du knieſt vor unſerm Gott, ſteckſt ein Dein Heidenſchwert, Und nimmſt das Land, der Kirche Sohn, von Karl als Lehn' verehrt.“ Grün⸗ Der Normann auf die Krieger ſchaut— zieht ſie zum Rathe zu: Der Himmel ſchützt der Franken Land und rührt das Herz von Rou. „ 7 So naht er denn, ſpricht alſo zu dem Erzbiſchofe hehr: „Ich nehm das Land vom König an, vom Michelsberg bis Eure, Ich nehm’ die Maid, ſchön oder nicht, zur Küſte obendrein, Mein Glaube?— pah, der Gott, der gibt, den nennt Seekönig ſein. Sag deinem Herrn, daß Wort er hält— und gönn' dir keine Ruh, Er find’'nen guten Sohn und Ihr'nen Frommen an dem Rou.“ 8. Jenſeits des Gränzfluß' Epte kam Rou, der Normann gen St. Clair, Wo auf dem Thron der König ſaß, rings der Barone Wehr. Er legt die Hand in Karls’— und laut ertönts aus aller Mund, Des Königs Aug wird thränenfeucht— denn Rou, der preßt ſie wund. „Nun küßt den Fuß,“ der Biſchof ſpricht,„ſolches gehört dazu.“ Doch finſter dräut die Stirn und ſchwer des neubekehrten Rou. 9. Er nimmt den Fuß, als wollt, ein Sklav, den Mund drauf preſſen er: Sein Volk erzürnt— er ſtürzt den Thron, der König ſtürzte ſchwer. Laut lacht des Normanns muntre Schaar— die Franken ſteh'n erbleicht, Und Rou erhebt das Haupt wie'n Maſt, wenn laut der Sturmwind ſtreicht. „Gott wollt ich ehren, Menſchen nicht, ſeyſt König, Kaiſer du: Den Fuß, der vor dem Feinde floh, ein Feigling küßt!“ ſprach Rou. Keine Worte vermögen die Aufregung zu ſchildern, welche dieſes rauhe Minſtrellied— ſo ſehr es auch durch unſere dürftige Ueberſetzung aus der romaniſchen Sprache, in der es geſungen wurde, verdorben iſt— unter den normänniſchen Gäſten hervorrief; weniger vielleicht der Geſang ſelbſt als das Erkennen des Minſtrels, denn kaum hatte er geendet, als mehr denn hundert Stimmen in das laute Murmeln aus⸗ brachen, das nur wegen der königlichen Gegenwart nicht zum hellen Freudenrufe wurde: „Taillefer, unſer Normann Taillefer.“ „Bei unſerem gemeinſamen heiligen Peter, mein Vetter und König,“ rief William mit offenem herzlichen Lachen;„wohl wußte ich, daß keine Zunge als die meinks kriegeriſchen Minſtrels unſere Ohren dermaßen erſchüttern konnte. Um ſeines kühnen Herzens willen bitte ich Dich, ſein keckes Thema zu entſchuldigen, und da ich wohl weiß,“ (hi dri reit hin licht, dieſes etzung dorben ht der atte er aus⸗ hellen und te ich, hren bitte ſtreicht. (hier wurde des Herzogs Miene geſpannt und ernſt,)„daß nichts als dringende wichtige Neuigkeiten aus meinem ſtürmiſchen Reiche dieſen reimenden Wanderer herüberbringen konnten, ſo erlaubt dem Seneſchal hinter mir, jenen Wonet der Vorbedeutung wie des Geſanges hierher zu führen.“ „Was Dir gefällig iſt, gefällt auch mir,“ erwiederte Edward trocken und gab dem Beamten den nöthigen Befehl. In wenigen Minuten kam der berühmte Minſtrel, unter Vortritt des Offizianten und gefolgt von dem Geiſtlichen, zwiſchen beiden Tafeln den weiten Raum der Halle heraufgeſchritten. Beider Kapuzen waren jetzt zurückgeſchlagen und enthüllten zwei Geſichter, welche im ſtrengſten Kontraſte gegen einander ſtanden, deren aber jedes der Aufmerkſam⸗ keit, die es hervorgerufen, gleich würdig war. Das Antlitz des Min⸗ ſtrels war offen und ſonnig wie der Tag; das des Prieſters dunkel und verſchloſſen wie die Nacht. Dicke, kaſtanienbraune Locken(die unter den Normannen verbreitetſte Haarfarbe) ringelten ſich in ſorgloſer Un⸗ ordnung um Taillefers maſſive, runzelloſe Stirne. Sein helles, brau⸗ nes Auge war kühn und fröhlich, und ſchlauer, ſarkaſtiſcher Muthwille ſpielte um ſeine Lippen— ſeine ganze Erſcheinung war einnehmend und heroiſch zugleich. Des Prieſters Wange dagegen war dunkel gelblich, ſeine Züge ausnehmend fein und zart, die Stirne hoch, nur etwas ſchmal und mit den Linien des Nachdenkens durchfurcht; ſeine Miene gefaßt und be⸗ ſcheiden, aber nicht ohne ruhiges Selbſtvertrauen— ſo bewegte ſich der Gelehrte geräuſchlos, geſammelt und ſeiner überwiegenden Macht über Schwerter und Panzer wohl bewußt, unter dieſer kriegeriſchen Verſammlung. Williams ſcharfes Auge ruhte mit Ueberraſchung, nicht ohne Stolz und Ingrimm, auf dem Prieſter; doch erſt an Taillefer ſich wen⸗ dend, der mittlerweile den Fuß des Dais erreichte, begann er mit faſt zärtlicher Vertraulichkeit: „Nun wahrlich, bei unſerer Dame! wenn Du nicht ſchlimme — ͦ——— — 78 Neuigkeiten bringſt, Mann, ſo iſt Dein luſtiges Geſicht meinen Augen erfrenlicher, als Dein rauher Geſang meinen Ohren geweſen. Kniee nieder, Taillefer, kniee vor König Edward, und mit beſſerem Geſchick, Du Spitzbube, als unſer unglücklicher Landsmann vor König Charles.“ Edward jedoch, von der Geſtalt des Rieſen ebenſo wenig wie von dem Gegenſtande ſeines Liedes erfreut, rückte ſeinen Stuhl ſo weit er nur konnte zurück und ſprach: „Nein, nein, wir entſchuldigen Dich, wir entſchuldigen Dich, großer Mann.“ Nichts deſto weniger kniete der Minſtrel und ebenſo der Prieſter mit einem Anſtriche tiefer Demuth nieder, dann erhoben ſie ſich lang⸗ ſam und wandten ſich, auf ein Zeichen des Herzogs, nach der andern Seite der Tafel, wo ſie ſich hinter Fitzosborne's Stuhle aufſtellten. „Geiſtlicher,“ ſagte William, das ſchwärzliche Geſicht des Prie⸗ ſters bedächtig muſternd,„ich kenne Dich von früher, und wenn die Kirche einen Abgeſandten ſchickte, ſo hätte ſie per la resplendar Dé! mir wenigſtens einen Abt ſenden können.“ „Ei, ei!“ lautete Taillefers barſche Bemerkung,„kränkt nicht mon Fon camerade, Graf der Normannen. Bei Gott! Du wirſt ihn wahrſcheinlich mehr als mich willkommen heißen, denn der Sänger bringt uns bloße Mißtöne, die der Weiſe vielleicht zu Harmonie um⸗ geſtaltet.“ über den Augen, daß dieſe nur noch wie zwei Feuerfunken ſichtbar waren.„Ich ahne, meine ſtolzen Vaſallen ſind meuteriſch. Entferne Dich mit Deinem Kameraden und erwarte mich auf meinem Zimmer. Die Feſtlichkeit ſoll drum in London nicht erlahmen, weil der Wind von Rouen her etwas ſtürmiſch bläst.“ Die beiden Abgeſandten— denn das ſchienen ſie wirklich— ent⸗ fernten ſich mit ſchweigender Verbeugung. „Keine ſchlimmen Zeitungen, hoffe ich?“ fragte Edward, der auf die flüſternde Unterhaltung zwiſchen dem Herzog und ſeinen Unter⸗ „Ha!“ rief der Herzog und ſeine Stirne runzelte ſich ſo finſter thar Gei feur grü ende lige edle Hee ſie Mö Far war Mi —.———— igen thanen nicht gehorcht hatte.„Kein Schisma in der Kirche? Der niee Geiſtliche ſchien ein friedlicher, demüthiger Mann.“ pick,„Und gäbe es auch Schismen in meiner Kirche,“ erwiederte der es.“ feurige Herzog—„mein Bruder von Bayeux würde ſie mit Beweis⸗ wie gründen, ſo bündig wie der Raum zwiſchen Strick und Kehle, zu be⸗ ſo enden wiſſen.“ „Ah, Du biſt ohne Zweifel in den Canons wohl bewandert, hei⸗ dich, liger Odo?“ fragte der König mit mehr Reſpekt, als er ſeither dem edlen Prälaten bewieſen, an den Biſchof ſich wendend. eſter„Canons?— ja, Seigneur; ich ſetze ſie ſelbſt auf für meine ſang⸗ Heerde, gemäß denjenigen Erläuterungen der römiſchen Kirche, wie dern ſie für das normanniſche Reich am beſten taugen, und wehe dem lten. Mönche, dem Diakon oder Abt, der ſie zu mißdeuten wagte.“* Prie⸗ Der Biſchof ſchaute ſo wild und drohend aus, während ſich ſeine n die Fantaſie die Möglichkeit ketzeriſchen Abfalles heraufbeſchwor, daß Ed⸗ D6! ward vor ihm, wie früher vor Taillefer zurückbebte, worauf einige Minuten ſpäter, auf ein Zeichen zwiſchen ihm und dem Herzog, der nicht bei all' ſeiner Ungeduld viel zu ceremoniös war, um ſein Verlangen tihn zu geſtehen, die königliche Parthie von dem Bankette aufbrach. inger Nur wenige der älteren Sachſen und der noch unverbeſſerlicheren um⸗ Dänen blieben ſtandhaft auf ihren Sitzen, bis ſie ſchließlich von dieſen letzteren auf das Steinpflaſter geriethen, um ſich mit der Morgen⸗ inſter dämmerung, von ihren geduldigen Dienern, welche mit Fackeln in der ötbar Hand ihre Gebieter mit dummem Neide— wenn nicht über deren ferne Ruhe, ſo doch wegen des Trinkgelages, das dieſe veranlaßt hatte— mer. Wind* Fromme Strenge gegen alle Ketzerei war eine der normänniſchen Tu⸗ genden. Wilhelm von Poitiers ſagt von William: man weiß, mit welchem Eifer er Andersdenkende(nämlich über Transſubſtantiation) verfolgte und ver⸗ ent⸗.“tilgte. Während aber der kluge Normanne dem Geſchmack des Pabſtes in ſol⸗ chen Dingen ſchmeichelte, trug er gleichwohl Sorge, die Unabhängigkeit ſeiner der Kirche gegen jede ungehörige Dictatur zu bewahren. nter⸗ 80 betrachteten, ſorgfältig in eine Reihe an den Außenwänden des Palla⸗ ſtes gelehnt, wiederzufinden. 3 Siebentes Kapitel. „Und nun,“ ſagte William, auf einem langen, ſchmalen, mit Schnitzwerk rings umgebenen Ruhebette liegend, das nach der Mode damaliger Zeit wie eine Theaterloge ausſah—„nun, Sir Taillefer, Deine Neuigkeiten.“ In des Herzogs Zimmer befanden ſich der Graf Fitzosborne, Lord von Breteul mit dem Namen der„ſtolze Geiſt“, welcher mit großer Würde ſeinem Herrn das Kohlenbecken, die weite, linnene Tunika(im damaligen Latein dormitorium— im Säͤchſiſchen Nachtmantel ge⸗ nannt), worin der Herzog ſeine furchtbaren Glieder zur Ruhe legen ſollte*, vorhielt,— Taillefer, der aufrecht, wie eine römiſche Schild⸗ wache auf dem Poſten, vor dem Herzoge daſtand, und der Geiſtliche, welcher, die Arme unter ſeinem Gewande gekreuzt und die glänzenden Augen zu Boden geheftet, ſich etwas abſeits aufgeſtellt hatte. „Mein hoher, mächtiger Lehensherr,“ begann Taillefer ernſthaft und mit einem Anfluge von Theilnahme auf ſeinem breiten Geſicht, „meine Neuigkeit iſt der Art, daß man ſte am beſten kurz abmacht: Bunaz, Graf von Eu und Abkömmling Richard Sanspeurs, hat die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt.“ „Fahre fort,“ ſprach der Herzog, ſeine Fauſt ballend. „.Heinrich, König der Franzoſen, unterhandelt mit den Rebellen, ſtiftet Meuterei in Deinem Reiche und neue Bewerber für Deinen Thron.“ „Ha!“ murmelte der Herzog und ſeine Lippe bebte,„das iſt nicht Alles!“ „Nein, mein Lehensherr! das Schlimmſte kommt noch. Dein ⸗ Wenige Generationen ſpäter wurde die bequeme und anſtändige Mode ſolcher Nachtgewänder aufgegeben, und unſere Vorväter, Sachſen wie Nor⸗ männer, begaben ſich wie die Lappländer, in puris naturalibus zu Bette. llen, inen nicht Dein Mode Nor⸗ tte. 81 Oheim Mauger, wohl wiſſend, daß Dein Herz auf die baldige Ver⸗ bindung mit der hohen und edlen Dame Mathilde von Flandern ge⸗ richtet iſt, hat ſich während Deiner Abweſenheit dagegen erklärt und predigt wider Dich in Kirchen und Hallen. Er erklärt die Hei⸗ rath für Blutſchande, weil ſie zwiſchen verbotenen Graden ſtattfinde, und weil Adele, der Jungfrau Mutter, an Deinen Oheim Richard vermählt war.— Mauger droht mit Exkommunikation, wenn mein Lehensherr auf ſeiner Bewerbung beſtehe.“ So verwirrt iſt das Reich, daß ich die Verhandlungen des Staatsraths gar nicht abwartete, ſon⸗ dern aus Beſorgniß, in dieſem Falle noch traurigere Botſchaft bringen zu müſſen, in Deinem Hafen Cherburg ein Schiff nahm und nicht eher den Zügel anzog, ja kaum ein Brod brach, bis ich zu dem Erben Rolfs, des Begründers, ſprechen konnte: Rette Dein Reich vor den Män⸗ nern in Stahl, und Deine Braut vor den ſchurkiſchen Mönchskutten'.“ „Ho ho!“ rief William, nunmehr in volle Wuth ausbrechend, indem er von ſeinem Lager aufſprang.„Hörſt Du's, Lord Seneſchall? Sieben Jahre— die Probezeit des Patriarchen— habe ich geworben und gewartet, und jetzt am Schluſſe will mir ein hochmüthiger Prieſter ſagen: reiß dieſe Liebe aus Deinem Herzen!— Mich erkommuni⸗ eiren— mich— William, den Sohn Roberts des Teufels! Ha, bei Gottes Glanze! Mauger ſoll noch erleben, daß er lieber den Vater in der ächten Geſtalt des böſen Feindes neben ſich, als die gerunzelte Stirne des Sohnes vor ſich ſehen möchte!“ * Die meiſten Chroniſten ſtellen uns die Verwandtſchaft im verbotenen Grade als Hinderniß für Williams Heirath mit Mathilden auf; allein die Verlobung, oder beſſer Trauung, ihrer Mutter Adele mit Richard III., ſcheint (obwohl nie vollzogen) den eigentlichen canoniſchen Einwurf gebildet zu haben. S. die Note bei Wace, II. Bd. S. 60. Gleichwohl war Mathildens Mutter Adele, als Wittwe von ſeines Vaters älterem Bruder, eine Muhme Williams, „eine Verwandtſchaft, welche(wie ein Schriftſteller in der Archäologie ſich ausdrückt,) allerdings nahe genug war, um die Einmiſchung der Kirche zu erklären, wenn auch nicht zu rechtfertigen.“ Arch. XXXII. Bd. S. 109. Bulwer, Harold. 6 8² „Fürchte Gott,“ entgegnete Fitzosborne, von ſeinem Amte ab⸗ ſtehend und ſich vor dem Herzog aufrichtend:„Du weißt, daß ich Dein treuer Freund und ergebener Ritter bin; Du weißt, wie ich Dich in Deiner Bewerbung um die Dame von Flandern unterſtützte, und wie ſehr ich überzeugt bin, daß was hier Deinem Herzen gefällt, auch zum Schutze Deines Reiches dienen wird; aber ehe Du dem Befehle der Kirche und dem Banne des Pabſtes trotzeſt, eher wollte ich Dich mit der ärmſten Jungfrau der Normandie vermählt ſehen.“ William war bis jetzt wie ein raſender Löwe in ſeinem Käfig im Zimmer auf und ab geſchritten, blieb aber voll Erſtaunen bei dieſer kühnen Rede ſtehen. „Das von Dir, William Fitzosborne!— von Dir!“ donnerte er.„Ich ſage Dir, auch wenn ſich alle Prieſter der Chriſtenheit und alle Barone Frankreichs zwiſchen mich und meine Braut ſtellen— ich würde mir den Weg mit dem Schwert durch ſie bahnen. Feinde über⸗ fallen mein Reich— immerhin; Fürſten komplottiren gegen mich— ich verachte ſie; meine Unterthanen ſind meuteriſch— dieſe ſtarke Hand kann züchtigen, dieſes weite Herz vergeben. Das ſind lauter Gefah⸗ ren, auf die ein Herrſcher gefaßt ſeyn ſollte; aber der Mann hat ein Recht auf ſeine Liebe, wie der Hirſch auf die Hündin, und wer mich id Verräther, nicht als normän⸗ hier verletzt, der iſt mein Todfeind un — Du und Deine niſcher Herzog, ſondern als Menſch. Das bedenfe hochmüthigen Barone, das bedenke!“ „Hochmüthig mögen Deine Barone ſeyn,“ erwiederte Fitzosborne roth werdend, ohne vor dem Zorn ſeines Herrn zurückzubeben;„ſie ſind die Söhne derer, welche das Reich der Normannen mit dem Schwerte gründeten, und in Rolf blos den Lehenshäuptling freier Krieger anerkannten; Vaſallen ſind keine Leibeigenen, und was wir, ſey es nun gegen die Kirche oder gegen unſern Häuptling, für unſere Pflicht halten— das, Herzog William, werden Deine hochmüthigen Barone ſicherlich thun, ohne ſich durch Drohungen einſchüchtern zu laſſen, die wir— das glaube mir— als eitel Luftblaſen betrachten, ſo 83 lange wir in Erfüllung unſerer Pflicht, in Vertheidigung unſerer Freiheit begriffen ſind.“ Der Herzog betrachtete ſeinen ſtolzen Unterthanen mit einem Blick, worin ein niedrigerer Geiſt deſſen Todesurtheil geleſen hätte. Die Adern ſeiner breiten Schläfe ſchwollen zu förmlichen Stricken an, und leichter Schaum ſammelte ſich auf ſeinen zitternden Lippen. Aber feu⸗ rig und furchtlos wie William war, zeigte er ſich nicht minder tief und ſcharfblickend. In dieſem einen Manne ſah er den Repräſentanten jener ſtolzen, makelloſen Ritterſchaft— der erſten der Ragen— jener hervorragenden Männer, an denen der Tapfere, ſeit dem Tage, da der letzte Athener ſein Haupt mit dem Mantel bedeckte und ſchweigend ſtarb, das höchſte Muſter kühner Heldenthaten, der Freie die männ⸗ liche Behauptung edler Gedanken“ anerkennt. Weit entfernt, Williams Willen ſonſt hartnäckig zu widerſtreben, war es gerade Fitzosborne's überwiegender Einfluß im Staatsrathe geweſen, welchem der Herzog deſſen Unterwerfung unter ſeine Wünſche und die Zuzüge bei ſeinen Krie⸗ gen gar oft verdankt hatte. Sogar in dem heftigſten Sturme ſeiner Wuth fühlte er, daß der Schlag, den er ſo gerne auf das kühne Haupt gethan hätte, ſeinen Herzogsthron in den Staub ſtürzen würde, er fühlte, wie furchtbar die Macht der Kirche war, welche ihm das Herz Es wäre ein Leichtes zu beweiſen(wenn hier der Ort dazu wäre), daß wenn die Sachſen ihre Freiheitsliebe auch niemals verloren, jene großen Siege, welche die Freiheit vor den Uebergriffen der anglo⸗normänniſchen Könige ret⸗ teten, durch die anglo⸗normänniſche Ritterſchaft erfochten wurden. Noch bis auf den heutigen Tag wird man bei den wenigen Abkömmlingen jenes Stam⸗ mes— zu welcher politiſchen Faktion ſie auch gehören— jenen Widerwillen gegen deſpotiſchen Einfluß, jene Verachtung der Corruption wiederfinden, welche die Söhne Norwegens, an denen wir immer noch die ſtarre Aehnlich⸗ keit mit unſeren Vätern erkennen— charakteriſiren; während die Bewohner der urſprünglich von Dänen bevölkerten Theile des Landes, nämlich York⸗ ſhire, Norfolk, Cumberland und weite Diſtrikte im ſchottiſchen Tiefland— abgeſehen von Parteitrennungen— durch ihren Widerſtand gegen jede Unter⸗ drückung, durch ihre entſchloſſene Unabhängigkeit des Charakters ſich aus⸗ zeichnen. 6* 84 ſeiner treuſten Unterthanen alſo entwenden konnte, und er begann bereits (denn bei all ſeinem äußerlichen Freimuth war er dennoch von argwöh⸗ niſchem Temperament) den großherzigen Edelmann durch den Gedan⸗ ken zu verunglimpfen, auch er möchte ſchon von den Feinden, welche Maunger gegen ſeine eheliche Verbindung geſammelt hatte, gewonnen ſeyn. So entſchloß er ſich denn, mit einer jener ſeltenen mächtigen An⸗ ſtrengungen der Heuchelei, welche ſeinen Charakter entſtellte, aber ſein Glück vollendete, ſeine finſtere Stirne aufzuklären und mit leiſer Stimme und nicht ohne Pathos zu erwiedern: „Hätte ein Engel vom Himmel mir prophezeit, daß William Fitzos⸗ borne in der Stunde der Gefahr, im Todeskampfe der Leidenſchaft zu ſeinem Verwandten und Waffenbruder alſo ſprechen würde— ich hätte es nicht geglaubt. Doch ſey's drum—“ Noch waren aber dieſe letzten Worte nicht über ſeine Lippen ge⸗ kommen, als Fitzosborne vor dem Herzog auf die Kniee ſiel und ſeine Hand umſchlang, während die Thränen über ſeine geſchwärzte Wange herabrollten. „Verzeihung, Verzeihung, mein Lehensherr!“ rief er;„wenn Du ſo mit mir ſprichſt, dann ſchmilzt mein Herz. Was Du willſt, das will auch ich! Kirche oder Pabſt— was kümmerts mich! ſchicke mich nach Flandern— ich will Deine Braut zurückbringen.“ Das leiſe Lächeln, das William's Lippe krümmte, bewies, daß er dieſer erhabenen Schwäche ſeines Freundes kaum würdig war. „Stehe auf!“ ſprach er, ihm herzlich die Hand drückend;„ſo ſollte der Bruder mit dem Bruder reden.“ Sein Zorn war jedoch nicht verraucht, ſondern nur zurückgedrängt und lechzte nach einem Ausbruche. Da fiel ſein Auge auf das zarte nachdenkliche Geſicht des Prieſters, der trotz Taillefers Flüſtern, er möchte den Streit unterbrechen, dieſes kurze ſtürmiſche Zwiegeſpräch in tiefem Schweigen beobachtet hatte. „Aha, Du Prieſter,“ rief der Herzog;„ich erinnere mich wohl, wenn Mauger früher ſeine rebelliſche Zunge gegen mich los ließ, wie —,y, 8⁵ Du Dein pedantiſches Wiſſen ſeiner hirnloſen Verrätherei zum Bei⸗ ſtand geliehen. Mich dünkt, ich habe Dich damals aus meinem Reiche verbannt.“ „Nicht ſo, mein gnädiger Herr und Herzog,“ gab der Geiſtliche mit ernſtem aber ſchelmiſchem Lächeln zur Antwort;„laß Dich erin⸗ nern, wie Du mir zur Heimkehr in mein Geburtsland in Deiner Gnade ein Pferd zuſchickteſt, das auf drei Beinen hinkend, und auf dem vier⸗ ten völlig lahm war. So beritten begegnete ich Dir auf meinem Wege: ich grüßte Dich und ſo mein Thier, deſſen Kopf beinahe den Boden be⸗ rührte, worauf ich Dich in einem lateiniſchen Wortſpiele bat, mir we⸗ nigſtens einen Vier⸗ nicht aber einen Dreifuß zur Reiſe zu ſchenken. Gnädig ſogar im Zorne und mit verſöhntem Lachen gabſt Du mir Antwort. Deine Worte ſprachen Verbannung, mein Lehensherr, Dein Lachen aber Verzeihung— und ſo blieb ich.“ Trotz ſeines Inngrimms konnte William kaum ein Lächeln unter⸗ drücken; doch ſammelte er ſich alsbald und erwiederte ernſthaft: „Mach dieſer Narrheit ein Ende, Prieſter; Du biſt ohne Zweifel der Abgeſandte dieſes gewiſſenhaften Mauger oder eines Andern mei⸗ ner ſanften Geiſtlichkeit, und kommſt ſicherlich mit ſüßen Worten und winſelnden Predigten.— Es iſt umſonſt. Ich verehre die Kirche in heiliger Andacht, der Papſt weiß das— aber Mathilde von Flandern iſt meine Braut, und Mathilde von Flandern ſoll in den Hallen von Rouen oder auf dem Decke meines Kriegsſchiffes an meiner Seite ſitzen, bis ich vor einem Lande ankere, würdig für den Sohn des See⸗ königs ein neues Reich abzugeben.“ „In den Hallen von Rouen— vielleicht ſogar auf dem Throne von England— ſoll Mathilde an Williams Seite herr⸗ ſchen,“ ſprach der Prieſter in klarem, leiſem, nachdrücklichem Tone; „und weil ich meinem Herrn dem Herzog ſagen wollte, daß ich meinen anfänglichen unüberlegten Gehorſam gegen meinen geiſtlichen Oberen Mauger bereue, daß ich ſeit damals Canon und Vorgänge gewiſſenhaft prüfte und daß ich nun finde, wie Deine Vermählung, wenn ſie auch 86 gegen den Buchſtaben des Geſetzes ſpricht, doch genau unter die Kate⸗ gorie derjenigen Verbindungen gehört, wofür die Väter der Kirche Diſpenſation gewähren— weil ich Dir Solches ſagen wollte, darum bin ich— ein bloßer Doktor der Rechte und Prieſter aus Pavia— über die See herübergekommen.“ „Ha, Rou! ha Rou—“ rief Tallefer mit ſ einer gewohnten Plump⸗ heit und fröhlichem Lachen;„warum wollteſt Du nicht auf mich hören, Monſeigneur?“ „Wenn Du mich nicht täuſcheſt,“ ſprach William überraſcht, „wenn Du Dein Verſprechen bewähren kannſt, ſo ſoll außer Odo von Bayeux kein anderer Prälat in Neuſtrien ſein Haupt ſo hoch wie Du erheben.“ Und William, tief bewandert in der Beurtheilung der Men⸗ ſchen, heftete ſeine Augen ſcharf auf das ernſte unveränderliche Antlitz des Sprechenden.„Ja,“ brach er aus, als ob er durch den Augenſchein befriedigt wäre,„meine Seele ſagt mir, daß Du nicht ohne genügen⸗ den Grund ſo kühn und ruhig ſprechen kannſt— Mann, ich vertraue Dir; Dein Name?— ich habe ihn vergeſſen.“ „Lanfranc von Pavia, gefall' es meinem Herrn, in Deinem Klo⸗ ſter zu Bec zuweilen Lanfranc der Gelehrte' genannt. Mißachte mich nicht deßhalb, weil ich, ein niederer ungeſchmückter Prieſter, ſo kühne Worte rede. Ich bin von adelicher Geburt und meine Verwandten ſtehen hoch in Gnaden bei unſerm geiſtlichen Oberherrn, welchem ich ſelbſt nicht unbekannt bin. Wenn mich nach Ehre dürſtete— in Ita⸗ lien könnte ich ſie finden, dem iſt aber nicht ſo. Ich will für den Dienſt, den ich anbiete, keinen andern Lohn als den— daß Du mir Muße in Deinem Kloſter zu Bec gewähreſt.“ „Setz Dich— nein, ſetze Dich, Mann,“ gebot William, höͤchlich intereſſirt aber immer noch argwöhniſch.„Nur ein Räthſel mußt Du mir noch löſen, ehe ich Dir mein volles Vertrauen ſchenke und Dir mein ganzes Herz in die Hände gebe. Wenn Du keinen Lohn begehrſt, warum ſollteſt Du Dich ſo zu meinem Dienſte drängen— Du, ein Ausländer?“ n 87 Ein heller ruhiger Schimmer leuchtete in den Augen des Gelehr⸗ ten und plötzliche Röthe zog über ſeine bleichen Wangen. „Mein Herr und Fürſt, ich will Dir in klaren Worten erwiedern: erſt aber erlaube mir, den Frager zu machen.“ Der Prieſter wendete ſich gegen Fitzosborne, der, das Knie auf die Hand geſtützt, auf einem Stuhl zu Williams Füßen ſaß und dem Geiſtlichen mit ebenſo großer Andacht vor ſeinem Beruf wie mit Ver⸗ wunderung über den Einfluß zuhorchte, den ein ſo obſkurer Menſch über ſeinen eigenen kriegeriſchen Geiſt wie über Williams eiſerne Kraft unwiderſtehlich gewinnen konnte. „Liebſt Du nicht, William Lord von Breteul— liebſt Du nicht den Ruhm um des Ruhmes willen?“ „Sur mon ame— ja!“ gab der Baron zu Antwort. „Und Du, Taillefer der Minſtrel— liebſt Du nicht den Geſang nur des Geſanges halber?“ „Nur des Geſanges halber,“ erwiederte der gewaltige Minſtrel. „Mehr Gold in einem einzigen klingenden Reime, als in allen Schrän⸗ ken der Chriſtenheit.“ „Und Du wunderſt Dich, Du, der in der Menſchen Herzen liest,“ fuhr der Prieſter ſich abermals an William wendend fort,„wenn der Gelehrte die Wiſſenſchaft blos um der Wiſſenſchaft willen liebt? Von hochgeborner aber armer Familie entſproſſen und ſchmächtig von Kör⸗ per fand ich bald Reichthum in Büchern und gewahrte Stärke im Studium. Ich hörte von dem Graf von Rouen und der Normannen als einem Fürſten von kleinem Gebiet und unbegrenztem Geiſte, einem Liebhaber der Wiſſenſchaften und großem Heerführer. Ich kam in Dein Herzogthum, ich ſah ſeine Unterthanen und ſeinen Fürſten, und The⸗ miſtokles' Worte klangen mir in den Ohren: ich kann nicht die Flöte ſpielen, aber ich kann einen kleinen Staat groß machen'. Ich empfand Intereſſe für Deine kühne bewegte Laufbahn, ich glaube, daß die Wiſ⸗ ſenſchaft, um ſich unter den Nationen auszubreiten, vorerſt der Pflege im Haupte der Könige bedarf, und ich erkannte in dem Manne der 88 That den Agenten des Denkers. In dieſer Heirath, auf welche Dein Herz mit unermüdlicher Hartnäckigkeit gerichtet iſt, könnte ich mit Dir ſympathiſiren; vielleicht“— hier zuckte ein melancholiſches Lächeln über die bleichen Lippen des Mannes—„vielleicht ſogar als Lieb⸗ haber, denn obwohl ich jetzt Prieſter und für menſchliche Liebe erſtor⸗ ben bin, ſo habe ich doch einſt geliebt und weiß, was es heißt, in Hoff⸗ nung zu kämpfen und ſich in Verzweiflung zu verzehren. Aber offen geſtanden— meine Theilnahme gilt mehr dem Prinzen als dem Lie⸗ benden. Es war natürlich, daß ich, ein Prieſter und Ausländer, im Anfange den Befehlen meines geiſtlichen Hauptes, des Erzbiſchofes Mauger gehorchte— dies um ſo mehr, als das Geſetz für ihn ſprach; als ich mich jedoch trotz Deines Verbannungsſpruches zum Bleiben entſchloß, da gelobte ich auch Dir zu helfen, denn wie für Mauger der todte Buchſtabe, ſo ſprach für Dich die lebendige Sache des Menſchen. Herzog William, auf Deiner Vermählung mit Mathilden von Flandern beruht Dein Herzogthum, beruhen vielleicht die mächtigeren Scepter, welche Deiner noch harren. Dein Titel beſtritten, Deine Fürſten⸗ würde noch neu und unbefeſtigt— mußt Du vor allem Andern Dein neues Geſchlecht mit der alten Linie von Königen und Kaiſern ver⸗ knüpfen. Mathilde iſt ein Abkömmling Karls des Großen und Alfreds. Dein Reich iſt unſicher, ſo lange Frankreich es mit Komplotten unter⸗ wühlt und mit Waffen bedroht: heirathe die Tochter Balduins und Dein Weib iſt die Nichte Heinrichs von Frankreich— Dein Feind wird zum Verwandten und muß nothgedrungen Dein Bundesgenoſſe wer⸗ den. Das iſt nicht Alles. Es müßte ſonderbar zugehen, wenn man dieſes zerfallende Königthum in England betrachtet— einen kinder⸗ loſen König, der Dich mehr wie ſein eigenes Blut liebt, einen getheil⸗ ten Adel, gewöhnt ſeine Anhänglichkeit vom Sachſen auf den Dänen, vom Dänen auf den Sachſen überzutragen und bereits ergeben der Sitte des Ausländers, ein Volk, welches tapfere Führer allerdings reſpektirt, aber keine Ehrfurcht vor alten Geſchlechtern und erblichen Namen beſitzt, weil es täglich neue Männer aus neuen Häuſern erſtehen 89 ſieht, dazu eine große Maſſe Höriger oder Sklaven, welche kein Inter⸗ eſſe für das Land oder deſſen Beherrſcher kennen— es müßte ſonder⸗ bar zugehen, wenn Deine Tagesträume nicht bereits einen normänni⸗ ſchen Regenten auf dem Throne des ſächſiſchen Englands geſehen hätten. Und Deine Vermählung mit dem Abkömmling des beſten und gelieb⸗ teſten Fürſten, der jemals dieſe Reiche beherrſchte— wenn ſie Dir auch keinen Anſpruch auf das Land gibt— kann doch dazu beitragen, deſſen Neigungen Dir zu gewinnen und Deine Nachkommen in den Hallen ihrer mütterlichen Verwandtſchaft zu befeſtigen.— Habe ich genug geſagt, um zu beweiſen, warum es der Nationen halber vom Papſte wohlgethan wäre, wenn er die engen Geſetze dießmal erweiterte? warum ich im Stande ſeyn dürfte, dem römiſchen Hofe die Billigung der Liebe und die Verſtärkung der Macht des normänniſchen Grafen, welcher alſo die Hauptſtütze der Chriſtenheit werden kann— als ein Gebot politiſcher Klugheit anzuempfehlen? habe ich genug geſagt, um darzuthun, daß der demüthige Prieſter die weltlichen Dinge mit den Augen eines Mannes betrachten kann, welcher kleine Staaten groß zu machen vermag'?“ William blieb ſprachlos— ſein heißes Blut ſchauerte faſt in abergläubiſcher Scheu, ſo vollkommen hatte dieſer obſkure Lombarde die verwickelten Maſchen jener Politik errathen und gelöst, womit er ſelbſt ſeine hartnäckige Zuneigung zu der flämiſchen Prinzeſſin durch⸗ woben hatte, daß es ihm vorkam, als ob er das Echo ſeines eigenen Herzens oder gar von einem Propheten die Stimme ſeiner geheim⸗ ſten Gedanken vernehme. Der Prieſter fuhr fort:. „Deßhalb ſagte ich zu mir ſelbſt: die Zeit iſt nun gekommen, Lanfranc der Lombarde, wo Du Dir ſelbſt beweiſen ſollſt, ob Dein Selbſt⸗ rühmen eitler Betrug oder ob Du, der Arme und Schwache, in dieſem eiſernen Zeitalter und mitten in dieſem Gelddurſte Verſtand und Wiſ⸗ ſen für die Geſchicke von Königen nützlicher, als bewaffnete Männer und gefüllte Schatzkammern, zu machen vermagſt. Ich glaube an dieſe 90 Macht, ich bin bereit, ſie zu bewähren. Aus dem, was der Lord von Breteul Dir geſagt, magſt Du entnehmen, wie groß der Abfall Dei⸗ ner Barone ſeyn wird, wenn der Pabſt die angedrohte Exkommunika⸗ tion Deines Oheims beſtätigt. Deine Armeen werden vor Deinen Augen verſchwinden; die Schätze in Deinen Truhen werden ſeyn wie verdorrte Blätter; der Herzog von Bretagne wird Dein Herzogthum als geſetzliches Erbe Deiner Vorväter beanſpruchen; der Herzog von Burgund wird ſich mit dem König von Frankreich verbinden und Deine treuloſen Legionen unter dem Banner der Kirche verſammeln. Der Bannfluch ſteht an den Mauern und Dein Scepter und Deine Krone werden verſinken.“ William athmete tief und preßte die Zähne feſt übereinander. „Aber ſchicke mich als Deinen Geſandten nach Rom und Mau⸗ gers Donner ſollen machtlos niederfallen. Heirathe Mathilden, führe ſie in Deine Hallen, ſetze ſie auf Deinen Thron, verlache das Inter⸗ dift Deines verrätheriſchen Oheims und ſey verſichert, daß der Pabſt Dir ſeine Diſpenſation zur Vermählnng ſchicken und Deinem Hochzeit⸗ bette ſeinen Segen ertheilen wird. Und iſt dies geſchehen, dann, Her⸗ zog William, gib mir nicht Abteien und Prälaturen, ſondern ver⸗ mehre die Bücher, errichte Schulen und laß Deinen Diener das Reich des Wiſſens gründen, wie Du die Herrſchaft des Krieges begründen wirſt.“ Der Herzog, außer ſich vor Entzücken, ſprang auf und umſchlang den Prieſter mit ſeinen Rieſenarmen; er küßte ihn auf die Wangen, auf die Stirne, ſo wie in jenen Tagen ein König den Andern mit dem Friedenskuſſe zu begrüßen pflegte. „Lanfranc von Pavia,“ rief er,„ob es Dir nun gelinge oder nicht — Du haſt meine Liebe, meine Dankbarkeit für immer! Wie Du ſprichſt— o hätte ich ſo geſprochen, wäre ich ſo wie Du geboren, und erzogen wie Du! Wahrhaftig, wenn ich Dich höre, ſo muß ich errö⸗ then über die Prahlerei meines barbariſchen Stolzes, daß kein Mann meine Keule zu ſchwingen oder meinen Bogen zu ſpannen vermag. 91 Wie armſelig iſt die Stärke des Körpers— ein Gewebe des Geſetzes kann ſie verſtricken, ein Wort aus Prieſtermunde kann ſie lähmen. Aber Du!— komm laß mich Dich anſehen.“ William betrachtete das bleiche Geſicht, von Kopf bis zu Fuß muſterte er die zarte ſchmächtige Geſtalt und wendete ſich dann mit den Worten an Fitzosborne: „Du, deſſen bepanzerte Hand ein Kriegsroß gefällt hat, ſchämſt Du Dich nicht vor Dir ſelbſt? Der Tag kommt heran— ich ſehe ihn von Ferne— wo dieſe winzigen Menſchen ihren Fuß auf unſere Pan⸗ zer ſtellen werden.“ Er ſchwieg wie in Gedanken, ſchritt dann wieder durchs Zimmer und blieb dann vor dem Kruzifir und dem Bildniſſe der Jungfrau ſtehen, welche in einer Niſche neben dem Bette ſtanden. „Recht, edler Prinz,“ ſagte des Prieſters leiſe Stimme.„Hier warte auf eine Löſung aller Räthſel, hier betrachte das Symbol aller ausdauernden Macht; hier lerne ihre Abſichten hienieden, lerne die Rechenſchaft jenſeits begreifen, und ſo überlaſſen wir Dich Deinen Ge⸗ danken und Gebeten.“ Mit dieſen Worten ergriff er Taillefers ſtahlharten Arm und ver⸗ ließ das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung gegen Fitzosborne. Achtes Kapitel. Am andern Morgen ſchloß ſich William lange Zeit mit Lanfranc ein— jenem Manne, einem der berühmteſten ſeines Jahrhunderts, von dem es hieß, um die Größe ſeiner Talente zu begreifen, müſſe man ein Herodian an Grammatik, ein Ariſtoteles in Dialektik, ein Cicero in Rhetorik, ein Auguſtin und Hieronymus in der Schriftgelahrtheit* ſeyn. Noch vor Mittag erhielt ſein ſtattliches, ächt fürſtliches Gefolge Befehl, ſich zur Heimkehr bereit zu halten. Ord. Vital.— S. die Note über Lanfrane am Schluß. Die auf dem großen Platze verſammelte Menge und die Bürger in ihren Flußbooten betrachteten die Ritter und Roſſe der glänzenden Kavalkade, welche bereits vor den offenen Thoren aufmarſchirt war und nur auf den Klang der Trompeten wartete, welche den Abgang des Herzogs verkünden ſollten. Vor der Hallenpforte im innern Hofe ſtan⸗ den ſeine eigenen Leute. Der ſchneeweiße Renner Odo's, der Eiſen⸗ ſchimmel Fitzosborne's und zur Verwunderung Aller ein kleiner einfach aufgeſchirrter Zelter. Was hat nur dieſer unter den ſtattlichen Streit⸗ roſſen zu ſchaffen? Die Renner ſelbſt ſchienen wüthend über die Ka⸗ meradſchaft; des Herzogs Schlachtroß ſpitzte die Ohren und wieherte; Lord Breteuls Eiſenſchimmel ſchlug aus, als der arme Klepper ſich demüthig näherte, um Bekanntſchaft mit ihm zu machen, und des Prä⸗ laten weißes Berberroß ſprang mit rothen zornfunkelnden Augen und umgelegten Ohren auf den niedriggebornen Eindringling los und wurde von den Reitknechten, welche die Verwunderung und den Unwillen ihrer Thiere theilten, nur mit Mühe zurückgehalten. Mittlerweile ſchritt der Herzog langſam nach Edwards Gemä⸗ chern. Im Vorzimmer ſtanden viele Mönche und Ritter; hervorra⸗ gend vor allen war aber ein hoher ſtattlicher Greis, der ſich auf einen großen Zweihänder lehnte, und deſſen Tracht und Bartſchnitt der letz⸗ ten Generation— Männern, welche unter Canut dem Großen oder Edmund Eiſenſeite gekämpft hatten— angehörte. So großartig war der Anblick des Alten, er kontraſtirte dermaßen mit den engen Gewän⸗ dern, den glattgeſchornen Geſichtern ſeiner Umgebung, daß der Herzog durch ſeinen Anblick aus ſeinen Träumen erweckt wurde, und voll Verwunderung wie einer, der doch offenbar ein Häuptling von hohem Range war, weder ſein eigenes Ehrenbankett beſucht hatte, noch ihm überhaupt vorgeſtellt worden war, ſich an den Earl von Hereford, der ſich mit freudigem Gruße nahete, mit der Frage nach Namen und Titel des bärtigen Mannes in den loſen flatternden Gewändern wandte. „Wie?— das wißt Ihr nicht?“ rief der lebendige Earl, nicht wenig verwundert.„In ihm ſeht Ihr den großen Nebenbuhler God⸗ w äc wo bli hã das He den rom ihre ſtan Spr in h unſta ſich und 93 wins. Er iſt der Held der Daäͤnen, wie Godwin der der Sachſen, ein ächter Sohn Odins, Siward, Earl der Northumbrier.“*. „Unſere Dame ſtehe mir bei!“ rief William.„Sein Ruhm hat wohl oft meine Ohren erfüllt, und ich hätte den willkommenſten An⸗ blick im luſtigen England verſäumt, wenn ich ihn jetzt nicht geſehen hätte.“. Mit dieſen Worten näherte ſich der Herzog voll Artigkeit, nahm das Barett ab, das er ſeither aufgehabt hatte, und begrüßte den alten Helden mit all' den Komplimenten, wie ſie der Normanne bereits an dem Hofe des Franken gelernt hatte. Der handfeſte Earl empfing ſie mit Kälte und ſprach, Williams romaniſche Anrede auf Däniſch erwiedernd: „Verzeiht, Graf der Normannen, wenn dieſe alten Lippen an ihren alten Worten hängen. Mich dünkt, wir Beide datirg nnſere Ab⸗ ſtammung aus den Ländern der Norſa; ſo erlaubt denn Siward, die Sprache zu reden, welche die Seekönige geſprochen haben. Die Eiche läßt ſich nicht verpflanzen und der Greis behauptet den Boden, wo ſeine Jugend Wurzel geſchlagen.“ Der Herzog, der nicht ohne Mühe den ungefähren Sinn von Siwards Rede begriff, biß ſich auf die Lippen, erwiederte aber dennoch in höflichem Tone: „Die Jugend aller Nationen mag von berühmtem Alter Weis⸗ Siward war faſt eine Rieſe(pene gigas statura). In der Bromton Chronik ſtehen einige merkwürdige Anekdoten über dieſen durch Shakeſpeare unſterblich gewordenen Helden. Sein Großvater, heißt es, war ein Bär, der ſich in eine Däniſche Dame verliebte; ſein Vater Beorn hatte in einem paar Spitzohren eine Spur der väterlichen Phyſiognomie beibehalten.— Der Ur⸗ ſprung dieſer Fabel ſcheint ziemlich klar. Sein Großvater war ein Berſerker, und mag man nun dieſen Namen(wie meiſt geſchieht) von bare-sark(Bloß⸗ hemd) oder bear-sark(Bärenfelh ableiten, d. h. mit andern Worten, mag auch dieſer gräuliche Stamm der Wikinger im Hemde oder Bärenfell gefoch⸗ ten haben— der Name allein ſchon gibt Anlaß zu jenen Myſtifikationen, von denen die Hälfte der alten Legenden— griechiſche ſo gut wie norwegiſche— abſtammen. 9⁴ heit kerren. Es beſchämt mich ſehr, daß ich mit Dir nicht in der Sprache der Altvordern verkehren kann; aber die Engel wenigſtens kennen die Sprache des normänniſchen Chriſten, und ich bitte ſie und die Heiligen um ein ruhiges Ende für Deine tapfere Laufbahn.“ „Betet nicht zu Engeln oder Heiligen für Siward, Sohn von Beorn,“ rief der alte Mann haſtig;„laßt mich nicht den Tod einer Kuh, ſondern den des Kriegers ſterben— ſterben in meinem wetter⸗ feſten Panzer, die Art in der Hand und den Helm auf dem Haupte. Und ſo mag wohl mein Tod werden, wenn Edward der König meinen Rath hört und meine Bitte gewährt.“ „Ich habe Einfluß beim König,“ verſetzte William;„nenne mir Deinen Wunſch, daß ich ihn unterſtütze.“ „Das möge der Böſe verhüten,“ erwiederte der grimmige Earl, „daß ein ausländiſcher Prinz Englands König beherrſche, oder daß Than und Earl anderer Unterſtützung als geſetzlicher Dienſte und ge⸗ rechter Sache bedürften. Wenn Edward der Heilige iſt, für den man ihn ausgibt, ſo wird er mich ohne andere Berufung, als die auf ſein eigenes Gewiſſen, gegen den Höllenwolf loslaſſen.“ Der Herzog drehte ſich fragend gegen Rolf, der ihm alsbald er⸗ klärte: „Siward drängt meinen Oheim, ſich der Sache Malcolms von Cumbrien gegen den blutigen Tyrannen Macbeth anzunehmen, und ohne die Streitigkeiten mit dem Verräther Godwin hätte der König ſchon längſt ſeine Waffen gegen Schottland gewendet.“ „Nennt nicht diejenigen Verräther, junger Mann,“ rügte der Earl in hohem Unwillen,„welche bei all ihren Fehlern und Ver⸗ brechen Deinen Verwandten auf Canut's Thron geſetzt haben.“ „Pſch, Rolf,“ mahnte der Herzog, da er bemerkte, daß der hitzige junge Normann eine heftige Erwiederung zu geben im Begriffe war. „Mich dünkt jedoch, obwohl ich in engliſchen Wirren nur ſehr wenig bewandert bin, Siward ſey Godwins geſchworener Feind geweſen.“ „Feind, ſo lange er in Macht ſtand, Freund aber ſeitdem man r 95 ihm Unrecht gethan hat,“ gab Siward zur Antwort;„und wenn Eng⸗ land Vertheidiger bedarf, nachdem ich und Godwin im Leichentuche liegen, ſo iſt nur noch einer würdig der alten Zeiten, und der heißt Harold der Geächtete.“ Williams Antlitz änderte ſich auffallend trotz aller Verſtellung, und verſtimmt und ärgerlich ging er mit leichtem Neigen des Kopfes ſeines Weges weiter. „Dieſer Harold! dieſer Harold!“ murmelte er vor ſich hin;„alle Tapferen ſprechen mir von dieſem Harold, ſogar meine normänniſchen Ritter nennen ihn mit widerſtrebender Ehrfurcht, und ſelbſt ſeine Feinde erweiſen ihm Ehre— wahrhaftig, ſein Schatten breitet ſich vom Erile aus über das ganze Land.“ Unter ſolchen Betrachtungen paſſirte er die Menge nicht ganz mit der gewohnten Leutſeligkeit und Anmuth, und die Pallaſtbeamten, die ihm vorantreten wollten, zurückweiſend, trat er ohne Ceremonie in Edwards geheimes Kabinet. Der König war allein, ſprach aber laut und unter heftigen Ge⸗ bärden mit ſich ſelbſt, und war gegen ſeine ſonſtige friedſame Apathie ſo ganz verändert, daß William voll Scheu und Unruhe zurück trat. Oft hatte er indirekt vernommen, daß Edward in den letzten Jahren häufig Viſionen gehabt, daß er in die Welt der Geiſter und Schatten entrückt worden ſey, und ſo zweifelte er nicht, daß der ſonderbare Parorysmus, deſſen Zeuge er war, zu dieſen Anfällen gehöre. Ed⸗ wards Augen waren auf ihn geheftet, aber offenbar ohne ſeine An⸗ weſenheit zu erkennen; der König hatte die Hände ausgeſtreckt und rief laut in tiefer Seelenangſt: „Sanguelac, Sanguelac!— der See voll Blut!— die Wellen breiten ſich aus, ſie werden röther! Mutter der Gnade— wo iſt die Arche? wo der Ararat?— flieh— flieh hierher— hier“— und er faßte krampfhaft Williams Arm.„Nein! da ſind die Leichen auf⸗ gethürmt, hoch und höher— hier tritt das Roß der Apokalypſe die, Todten in den Blutſumpf.“ 96 In hohem Entſetzen faßte William den tief aufathmenden König in ſeine Arme und legte ihn auf ſein Bette, deſſen Staatshimmel ganz mit Hämmern und Kreuzen— des Königs Inſignien— bedeckt war. Edward kam langſam und unter tiefen Seufzern zu ſich, und als er ſich endlich aufrichtete und um ſich ſchaute, wußte er offen⸗ bar kein Wort von Allem, was durch ſeinen wirr umherſchweifenden Geiſt gezogen war, denn er ſagte mit ſeiner gewohnten ſchläfrigen Gelaſſenheit: „Dank Dir, Guillaume, hien aimé, daß Du mich aus dem un⸗ zeitigen Schlafe weckteſt. Wie geht es Dir?“ „Ei nein, wie geht's Dir, theurer Freund und König? Deine Träume ſind unruhig geweſen.“ „O nein, ich ſchlief ſo ſchwer— mich dünkt, ich hätte gar nicht träumen können; aber Du biſt wie zur Reiſe gekleidet— Sporn an der Ferſe, Stab in der Hand?“ „Schon längſt, o theurer Wirth, ſandte ich Odo, um Dir von den ſchlimmen Nachrichten aus der Normandie zu erzählen, welche mich zur Abreiſe zwingen.“ „Ich erinnere— ah, jetzt erinnere ich mich,“ ſagte Edward, mit dem blaſſen, verblichenen Finger über die Stirne ſtreichend.„Die Heiden wüthen wider Dich. Ach, mein armer Bruder, eine Krone iſt eine ſchwere Kopfzier. Warum wollen wir nicht beide, ſo lange es noch Zeit iſt, irgend ein ruhiges Kloſter ſuchen, um die irdiſchen Sor⸗ gen von uns abzulegen?“ „Nein, heiliger Edward,“ erwiederte William, indem er lächelnd den Kopf ſchüttelte,„nach Allem, was ich von Klöſtern geſehen, iſt es nur ein Irrthum, wenn man glaubt, die Mönchskutte verberge eine ruhigere Bruſt, als der Panzer des Kriegers oder der Hermelin des — Königs.— Nun aber gib mir Deinen Segen, denn ich gehe.“ Mit dieſen Worten kniete er nieder; Edward legte ihm die Hände aufs Haupt und ſegnete ihn. Dann nahm er von ſeinem eigenen Halſe eine Schnur von Zimmen(Juwelen aus ungeſchnittenen ——-—— 97 Gemmen) von großem Werthe und ſchlang ſie über den breiten Nacken, der ſich vor ihm gebeugt hatte, worauf er aufſtand und in die Hände klatſchte. Eine kleine Thür öffnete ſich, durch die man in das Ora⸗ torium hineinſchaute, aus welchem ein Mönch zum Vorſchein kam. „Vater, ſind meine Gebote erfüllt?— Hat Hugolin, mein Schatz⸗ meiſter, die Gaben, von denen ich ſprach, hergerichtet?“ „Ja; wahrhaftig Schatzkammer, Kaſten und Garderobe— Ställe und Falknerei ſind nahezu geleert,“ gab der Mönch mit einem ſauern Blicke auf den Normannen zur Antwort, deſſen angeborener Geiz beim Anhören dieſer Antwort in ſeinen ſchwarzen Augen glimmte. „Dein Gefolge ſoll nicht mit leerer Hand von hinnen ziehen,“ ſprach Edward zärtlich.„Deines Vaters Hallen ſchützten den Ver⸗ bannten, und dieſer vergißt nicht der einzigen Freude eines Königs— die Macht zu belohnen.— Wir mögen uns wohl nie wieder ſehen, William— das Alter kriecht über mich, und wer weiß, wer auf meinem dornenvollen Throne nachfolgt?“ William hätte gerne geantwortet— hätte ihm gerne die Hoff⸗ nung genannt, die ihn verzehrte— hätte ſeinen Vetter an das undeut⸗ liche Verſprechen in ihrer Jugend erinnert, wonach der normänniſche Graf auf jenem dornenvollen Throne nachfolgen ſollte; allein die An⸗ weſenheit des ſächſiſchen Mönchs verhinderte ihn, und auch in Ed⸗ ward's unruhigen Blicken lag wenig, was ihn hiezu hätte verlocken können. „Doch Friede ſey mit den Deinen und den Meinen, wie zwiſchen Dir und mir,“ fuhr der König fort. „Amen,“ ſprach der Herzog;„ich verlaſſe Dich wenigſtens frei von den ſtolzen Rebellen, welche ſo lange Deine Regierung ſtörten. Dieſes Haus Godwins— Du wirſt es doch nie wieder Deinen Pallaſt überragen laſſen?“ 3 „Ach, die Zukunft iſt bei Gott und ſeinen Heiligen,“ gab Ed⸗ ward mit ſchwachem Tone zur Antwort.„Godwin iſt alt— älter als ich und durch viele Stürme gebeugt.“ Bulwer, Harold. 7 98 „Ja, ſeine Söhne ſind mehr zu fürchten und zu bewachen— be⸗ ſonders Harold!“ „Harold— er war immer gehorſam, er allein von ſeinem Stamme; wahrhaftig, meine Seele trauert um Harold,“ ſagte der König ſeufzend. „Aus dem Ei der Schlange werden immer nur Schlangen kriechen — drum mußt Du Deine Ferſe darauf ſetzen,“ bemerkte William ſtreng. „Du ſprichſt gut,“ ſagte der unentſchloſſene Prinz, welcher keine drei Tage, ja nicht einmal drei Minuten in derſelben Stimmung aus⸗ zuharren ſchien.„Harold iſt in Irland— dort mag er bleiben,'s iſt beſſer für Alle.“ „Ja für Alle,“ wiederholte der Herzog;„ſo mögen die Heiligen Dich bewahren, o königlicher Heiliger!“ Er küßte dem König die Hand und ſchritt ſofort nach der Halle, wo Odo, Fitzosborne und der Prieſter Lanfrane ſeiner warteten. Und ſo zog Herzog William an dieſem Tage noch halbwegs zwiſchen Lon⸗ don und der ſchönen Stadt Dover, während an der Seite ſeines mau⸗ riſchen Rothſchimmels der unſcheinbare Zelter des Prieſters im Paß⸗ gange ſich fortbewegte. Hinter ihm kam ſein ſtattlicher Zug mit Karren und Saumthie⸗ ren, beladen mit Gepäck und bereichert durch Edwards Gaben, während wäͤliſche Falken und foſtbare Roſſe von den Waiden in Surrey und den igebigkeit des dankbaren Ebenen von Cambridge und York die F Königs als nicht minder annehmbar denn die Zimmen, Goldketten und geſtickten Gewänder erwieſen. Während ſie ſo ihres Weges dahinzogen und das Gerücht von des Herzogs Ankunft durch die vorausgeſchickten Boten, die ſein un⸗ erwartet frühes Eintreffen in den Städten unterwegs zu verkünden hatten, verbreitet wurde, verſammelten ſich die vornehmeren engliſchen Jünglinge beſonders von der dem verbannten Godwin feindſeligen Partei rings an den Wegen, um den berühmten Häupiling zu ſehen, der ſeit ſeinem fünfzehnten Jahre das gefürchtetſte Schwert in der Chriſtenheit geführt hatte. Dieſe Jünglinge trugen normänniſche —— 99 Tracht; in den Städten hielten ihm normänniſche Grafen die Steig⸗ bügel, normänniſche Wirthe deckten ihm die üppige Tafel, und als William am Abend des nächſten Tages die Fahne eines ſeiner Lieb⸗ lingsführer einem Haufen von Bewaffneten, die ihm aus den Thürmen von Dover(dem Schlüſſel der Küſte) entgegenkamen, voranwehen ſah, da wendete er ſich an den Lombarden, der noch immer an ſeiner Seite ritt und ſprach: „Iſt nicht England bereits ein Theil der Normandie?“ Und der Lombarde antwortete: „Die Frucht iſt nahezu reif; die erſte Briſe wird ſie Dir zu Füßen ſchütteln. Strecke die Hand nicht zu früh aus, laß den Wind das Seinige thun.“ Und der Herzog erwiederte: „Wie Du denkſt, ſo denke auch ich. Es iſt nur ein Wind in des Himmels Hallen, der die Frucht einem Andern vor die Füße ſchleudern kann.“ „Und der wäre?“ fragte der Lombarde. „Der Wind, der von den Küſten von Irland bläst, wenn er die Segel von Harold, dem Sohne Godwins, füllt.“ „Du fürchteſt dieſen Mann und warum?“ forſchte der Lombarde in tiefer Spannung. „Weil in Harolds Bruſt das Herz von England ſchlägt,“ lautete des Herzogs Antwort. Drittes ZDuch. Das Haus Godwins. Neuntes Kapitel. Und Alles ging nach dem Wuͤnſche des Herzogs William des Nor⸗ mannen. Mit der einen Hand beugte er ſeine ſtolzen Vaſallen und 7* —— 100 ſchlug ſeine trotzigen Feinde zurück, mit der andern führte er Mathil⸗ den, die Maid von Flandern, zum Altar, und Alles ging in Erfül⸗ lung, wie Lanfranc es vorhergeſagt hatte. Williams furchtbarſter Feind, der Koͤnig von Frankreich, hörte auf gegen ſeinen neuen Verwandten zu conſpiriren, und die benachbarten Fürſten ſagten:„der Baſtard iſt einer der Unſrigen geworden, ſeit er den Abkömmling Carls des Großen an ſeine Seite geſetzt hat.“ Mauger, Erzbiſchof von Rouen, erkommu⸗ nicirte den Herzog und ſeine Braut— der Bann blieb aber machtlos, denn Lanfranc ſchickte von Rom des Pabſtes Diſpenſation und Se⸗ gen unter der einzigen Bedingung, daß Braut und Bräutigam jedes eine Kirche gründe. Mauger wurde vor die Synode geſordert und dort unkirchlicher Verbrechen angeklagt, worauf er ſeines Standes entſetzt und ſeiner Abteien und Biſchofsſitze beraubt wurde. England wurde mit jedem Tag mehr und mehr normänniſch, Edward immer ſchwächer und kraftloſer, und zwiſchen dem normänniſchen Herzog und dem eng⸗ liſchen Throne ſchien keine Schranke mehr zu⸗beſtehen, als plötzlich der Wind in des Himmels Hallen blies und die Segel des Earls Harold ſchwellte. Und ſeine Schiffe kamen an die Mündung der Severn. Und das Volk von Sommerſet und Devon, ein gemiſchter und faſt ganz celti⸗ ſcher Stamm, der die Sachſen nur wenig liebte, ſchaarte ſich wider ihn zuſammen, und er jagte ſie in die Flucht und erſchlug mehr denn dreißig gute Thans.* Mittlerweile lagen Godwin und ſeine Söhne Sweyn, Toſtig und Gurth, die in demſelben Flandern Zuflucht geſucht hatten, wo William, der Herzog, ſich ſeine Braut gewonnen(Toſtig hatte nämlich ſchon frü⸗ her Mathildens Schweſter, die Roſe von Flandern, geheirathet, ſo daß Graf Balduin William und Toſtig beide zu Schwiegerſöhnen hatte)— mittlerweile lagen, wie geſagt, Godwin und ſeine Söhne, nicht unter⸗ * S. Nebenbemerkungen über Williams Vermählung am Ende der Note C. ** Angelſächſiſche Chronik. —Lz ˖—qZxẽy ˖‿ 101 ſtützt von Balduin, wohl aber ſich ſelber helfend, im Hafen zu Brügge, bereit zu Harold dem Earl zu ſtoßen. Und Edward, von dem ängſt⸗ lichen Normannen hievon benachrichtigt, ließ vierzig“ Schiffe aus⸗ rüſten und ſtellte ſie unter das Kommando von Rolf Earl von Hereford. Die Schiffe lagen zu Sandwich, um Godwin zu erwarten; aber der alte Earl wich ihnen aus und landete ungeſtört an der ſüdlichen Küſte. Und der Hafen von Haſtings öffnete ſich, unter lautem Zurufe ſeiner Bewaffneten, den Schiffen Godwins.. Alle Bootsleute und Seemänner kamen zu ihm von fern und nah mit Segel und Schild, mit Schwert und mit Ruder. Ganz Kent (die Säugemutter der Sachſen) brach aus in den Ruf:„Leben oder Tod für Earl Godwin!“** Weithin über das Land ritten die Boten der Grafen die Kreuz und die Quere, und die Heere fielen einſtimmig ein in den Kriegsruf der Kinder von Horſa:„Leben oder Tod für Earl Godwin!“ Und König Edwards Schiffe waren verblüfft, wendeten Flagge und Schnabel gen London und Harolds Flotte folgte ihnen. So traf der alte Earl ſeinen jungen Sohn auf dem Decke eines Kriegs⸗ ſchiffes, das einſt die Rabenflagge der Dänen getragen hatte. Heer und Flotte der Engländer wuchs mit jedem Tage an Zahl und Macht. Langſam ſegelten die Schiffe die Themſe herauf und an beiden Ufern marſchirten lärmend die ſchwirrenden Maſſen. Und Kö⸗ nig Edward ſchickte nach weiterer Hülfe, aber ſie kam ſehr ſpät. So hatte die Flotte des Earls die Juliusveſte von London nahezu erreicht und weilte zu Southwark, bis die Fluth herankam. Als er ſein Heer gemuſtert hatte, da kam die Fluthzeit.“** . Zehntes Kapitel. König Edward ſaß nicht auf ſeinem Throne, ſondern in einem Staatsſeſſel ſeines Audienzzimmers zu Weſtminſter. Sein Diadem, * Einige Schriftſteller ſprechen von fünfzig. ** Hovenden. *** Angelſächſiſche Chronik. t. 102 mit den drei Zimmen in ein dreifaches Kleeblatt“ geformt, ruhte auf ſeiner Stirne, der Scepter lag in ſeiner Rechten. Sein Königsge⸗ wand, mit einem breiten Goldbande dicht am Halſe befeſtigt, floß bis auf ſeine Füße, und an der linken Kniefalte, da wo jetzt die Könige von England den St. Georgsorden tragen, war ein einfaches Kreuz eingeſtickt.**. In demſelben Gemache ſtanden die Thans und Häupt⸗ linge ſeines Reichs, aber nicht ſie allein. Kein nationaler Witan, ſon⸗ dern ein Kriegsrath war verſammelt, der mindeſtens zu einem Drittel aus Normannen— Grafen, Rittern, Prälaten und Aebten von hohem Range— zuſammengeſetzt war. Und König Edward ſah aus wie ein König! Die gewohnte lethar⸗ giſche Schlaffheit war aus ſeinem Antlitze verſchwunden und die ſchwere Krone warf einen düſtern Schatten über ſeine Stirne. Sein Geiſt ſchien ſich von der Laſt, welche das träge Blut ſeines Vaters Ethelred, des Unfertigen, auf ihn geworfen hatte, entledigt und ſich der frühe⸗ ren helleren Quelle angeſtammter Helden genähert zu haben, ſo daß er in jener Stunde vollkommen würdig ſchien, ſich des Blutes von Al⸗ fred und Athelſtan*er zu rühmen und ihren Scepter zu führen. Alſo ſprach der König: „Höchſt Würdige und Geliebte, Ihr Ealdermänner, Earls und Thane von England; Edle und Vertraute, meine Freunde und Gäſte, Ihr Grafen und Ritter der Normandie, meines Mutterlandes, und Ihr, unſere geiſtlichen Führer, die Ihr über allen Banden der Ge⸗ burt und des Landes die Chriſtenheit zum Leibgeding und Eure Lehen und Herrſchaften vom Himmel überkommen habt— vernehmt die Worte Edwards, des Königs, unter der Gnade des Allerhöchſten. Die Rebellen ſtehen in unſerem Strome; öffnet jenes Gatter und Ihr werdet die aufgethürmten Schilde in ihren Barken glitzern ſehen, werdet * Oder Fleur de lis, was bei den ſächſiſchen Königen eine gemeinſame Torm ihres Schmuckes geweſen zu ſeyn ſcheint. * Stickerei von Bayeux. 22* S. Note D. 103 das Geſumme ihrer Heere vernehmen. Kein Bogen wurde bis jetzt ge⸗ ſpannt, kein Schwert hat ſeine Scheide verlaſſen; aber an der gegen⸗ überliegenden Küſte wehen unſere vierzig Segel— längs dem Strande zwiſchen unſerem Pallaſte und London ſind unſere Armeen geſchaart. Und ſolches geſchieht, weil Godwin, der Verräther, Waffenſtillſtand verlangt hat, und ſein Bote wartet draußen. Seyd Ihr Willens, daß wir die Botſchaft hören? oder wollt Ihr, daß wir den Boten un⸗ gehört entlaſſen und lieber alsbald aus Schiffen und Reihen das Kriegs⸗ geſchrei eines chriſtlichen Königs—„das heilige Kreuz und unſere Gebenedeite“— erheben?“ Der König ſchwieg, ſeine Linke erfaßte feſt den Leopardenkopf, der auf ſeinem Throne eingeſchnitzt war, und ſein Scepter wankte nicht in der erhobenen Hand. Ein Murmeln von„Notre Dame, Notre Dame“— das Kriegs⸗ geſchrei der Normannen— ließ ſich unter den ausländiſchen Rittern der Verſammlung vernehmen; aber ſo übermüthig und anmaßend auch dieſe Fremdlinge waren, ſo wagte doch keiner in Englands Gefahr vor den geborenen Engländern den Vorrang zu nehmen. Langſam erhob ſich Alred, Biſchof von Wincheſter, der würdigſte Prälat im ganzen Lande.“ „Königlicher Sohn,“ ſprach der Biſchof,„übel iſt der Streit zwiſchen Männern deſſelben Blutes und Stammes und nur durch die aͤußerſte Nothwendigkeit gerechtfertigt, welche uns bis jetzt noch nicht klar gemacht wurde. Uebel würde es klingen durch ganz England, wenn es hieße, des Königs Rath habe ſeine Stadt London vielleicht dem Schwert und Feuer Preis gegeben, und ſein Land entzwei geriſſen, wäh⸗ * Die Yorker Chronik, ven einem Engländer, Stubbs, verfaßt, ſchildert dieſen ausgezeichneten Mann als beſonders glücklichen Friedensſtifter: „De inimicissimis amicissimos faceret“—„er könnte den Feindſeligſten zur wärmſten Freundſchaft bekehren.“ Und doch hatte dieſer ſanfte Prieſter den Muth, den normänniſchen Eroberer in der Mitte ſeiner Barone zu verfluchen, eine Scene, welche zwar nicht in den Bereich dieſes Buches gehört, in jener Chronik aber ſehr pikant geſchildert zu leſen iſt. 3 10⁴4 rend ein Wort zu ſeiner Zeit jene Armeen entwaffnen und dem Throne da wo Du jetzt von einem furchtbaren Rebellen bedroht biſt, einen unterwürfigen Unterthanen gewinnen könnte. Derohalben ſage ich, der Nuncius werde zugelaſſen.“ Kaum hatte Alred ſeinen Sitz wieder eingenommen, als Robert, der normänniſche Prälat von Canterbury— wie es hieß ein Mann von weltlichem Wiſſen— von ſeinem Stuhle aufſprang. „Die Boten zulaſſen, heißt den Verrath beſtätigen,“ rief er.„Ich erſuche den König, nur ſein eigenes königliches Herz und ſeine könig⸗ liche Ehre zu Rathe zu ziehen. Erwäget wohl— jeder Augenblick des Aufſchubes ſchwellt ihre Heere und verſtärkt ihre Sache, jeden Augen⸗ blick benützen ſie dazu, um die irregeleiteten Bürger auf ihre Seite zu locken. Der Aufſchub beweist nur unſere eigene Schwäche; eines Kö⸗ nigs Name iſt ein Thurm der Macht, aber nur wenn er von königli⸗ chem Anſehen gefeſtet wird. Gebt das Zeichen zum— Krieg will ichs nicht nennen— nein— zur gerechten Züchtigung.“ „Wie mein Bruder von Canterbury ſpricht, ſo auch ich,“ erklärte William, Biſchof von London, ein anderer Normanne. Jetzt aber erhob ſich eine Geſtalt, bei deren Aufſtehen alles Ge⸗ murmel mit einem Male verſtummte. Grau und mächtig, wie ein Bild aus vergangenen kraftvolleren Zeiten, ragte über Alle Siward, der Sohn von Beorn, der große Earl von Northumbrien. „Wir haben nichts mit den Normannen zu ſchaffen,“ hub er an. „Ständen ſie am Fluſſe, und unſere Landsleute, Dänen oder Sachſen, wären allein in dieſer Halle, dann waͤre des Königs Wahl nicht zwei⸗ felhaft, und niedrig wäre der Mann, der von Frieden ſpräche; rathet aber der Normanne den Bewohnern von England, daß ſie ausziehen und ſich gegenſeitig erſchlagen, ſo ſoll von mir kein Schwert auf ihr Geheiß gezogen werden. Wer kann ſagen, Siward Starkarm, der Enkel des Berſerkers, ſey je vor einem Feinde gewichen? Der Feind, Sohn Ethelreds, ſitzt in dieſen Hallen, und ich fechte Deine Schlachten, . —V;—gͤ—— le — 105 wenn ich dem Normannen mein Nein zurufe! Waffenbrüder von ver⸗ wandtem Stamme und gemeinſamer Sprache, Dänen und Sachſen, ſchon lange vermiſcht und gleich ſtolz auf Canut den Glorreichen, wie auf Alfred den Weiſen— Ihr werdet den Mann hören, den Godwin, unſer Landsmann, uns ſendet; er wenigſtens wird unſere Sprache reden, wird unſere Geſetze kennen. Iſt das Verlangen, das er vor⸗ bringt, gerecht, ſo wie ein König es gewähren und unſer Witan es anhören kann— dann wehe dem, der es verweigert; iſt es aber unge⸗ recht— dann Schmach dem, der es zugeſteht. Der Krieger ſendet zum Krieger, der Landsmann zum Landsmanne; hören wir als Lands⸗ leute und urtheilen wir als Krieger.— Ich habe geſprochen.“ Die heftigſte Aufregung und Unruhe folgte Siwards Rede— einſtimmiger Beifall der Sachſen, ſogar derer, welche in Friedens⸗ zeiten am meiſten unter normänniſchem Einfluſſe ſtanden; aber keine Worte vermoͤgen die Wuth und Entrüſtung der Normannen zu ſchil⸗ dern. Sie ſprachen laut und Alle zumal, ſo daß die größte Unordnung herrſchte; da aber die Mehrheit engliſch war, ſo blieb die Entſchei⸗ dung zweifelhaft, und Edward, welchem die Noth eine nur zu ſeltene Würde und Geiſtesgegenwart verlieh, entſchloß ſich, dem Streite mit einem Male ein Ende zu machen. Er ſtreckte ſeinen Scepter aus und winkte ſeinem Kämmerling, dem er den Befehl gab, den Nuncius“ einzuführen. Niedergeſchlagenheit über die vereitelte Hoffnung und Schrecken folgte der läͤrmenden Aufregung der Normannen, denn ſie wußten recht wohl, daß die Folge, wenn nicht die Bedingung der Unterhandlung, ihr eigener Sturz, und im glücklichſten Falle ihre Verbannung ſeyn werde, auch wenn es ihnen gelänge, der Ermordung von Seiten der empörten Menge zu entgehen. Die Thüre am andern Ende des Gemaches ging auf und der Nun⸗ * Das Wort„Herold“— obwohl wahrſcheinlich ſächſiſch— war damals in der ſpäteren Bedeutung noch nicht gekannt; der Geſandte, der ſein Amt verſah, hieß Nuncius oder Bote. S. Note R. 106 cius trat ein. Es war ein derber, breitſchultriger Mann von mittleren Jahren und in dem langen flatternden Gewande, wie es urſprünglich die damals freilich aus der Mode gekommene Nationaltracht der Sachſen war; ſein Bart dick und voll, ſeine Augen grau und ruhig— ein Häuptling aus Kent, wo alle Vorurtheile ſeines Stammes am tiefſten gewurzelt waren und deſſen Neomanry im Kriege das erbliche Recht in der vorderſten Schlachtreihe zu kämpfen für ſich in Anſpruch nahm. Er machte ſeine männliche aber ehrerbietige Verbeugung vor dem hohen Rathe, dem er ſich nahte, blieb dann in der Mitte zwiſchen Thron und Thüre ſtehen und ſiel ohne alle Beſchämung auf die Kniee, denn der König, vor dem er kniete, war der Abkömmling Wodans und Hengiſts Erbe. Aut die kurze Anrede des Königs ſprach ſofort Bebba, der Kenter Häuptling, noch immer auf den Knieen: „An Edward, den Sohn Ethelreds, ſeinen allergnädigſten König und Herrn, ſendet Godwin, Sohn Wolnoths, ſeinen getreuen demü⸗ thigen Gruß durch Vebba, den Thangeborenen. Er bittet den König, ihn mit Güte anzuhören und mit Gnade über ihn zu richten. Nicht gegen den König kommt er hierher mit Schiffen und Waffen, ſondern blos gegen Diejenigen, die ſich zwiſchen das Herz des Königs und das ſeiner Unterthanen ſtellen möchten, die ein Haus gegen ſich ſelbſt ge⸗ ſpalten und Sohn und Vater, Mann und Weib getrennt haben.“ Bei den letzten Worten zitterte Edwards Scepter in ſeiner Hand und ſein Geſicht wurde beinahe ſtreng.„Von dem Könige bittet Godwin blos in aller Unterwerfung und mit ernſtlichem Flehen, die ungerechte Verbannung gegen ihn und die Seinigen aufzuheben, ihm und ſeinen Söhnen ihr rechtmäßiges Eigenthum und ihre wohlerwor⸗ benen Ehren wieder zu geben, und vor Allem ſie in die Stellung wieder einzuſetzen, der ſie ſich durch treuen Dienſt würdig zu machen geſucht haben, in die Gnade ihres angeborenen Herrn und an die Spitze derer, welche die Geſetze von England aufrecht erhalten möchten. Sobald dies geſchehen, ſegeln die Schiffe in den Hafen —— ——— — 107 zurück, der Than ſucht wieder ſeinen Heerd und der Ceorl kehrt zu ſeinem Pfluge zurück, denn Godwin hat keine Fremdlinge bei ſich und ſeine Macht iſt einzig die Liebe ſeiner Landsleute.“ „Haſt. Du geſprochen?“ fragte der König. „Ich habe.“ „So entferne Dich und erwarte unſere Antwort.“ Der Than von Kent wurde ſofort in ein Vorzimmer geführt, wo, von Kopf bis zu Fuß in Ringpanzer gehüllt, verſchiedene Normannen ſich befanden, welche wegen ihrer Jugend oder Stellung nicht in den Rath zugelaſſen wurden, aber gleichwohl wegen der Ländereien und Beſitzungen, die ſte bereits von den Gütern der Verbannten abgeriſſen hatten, bei der Verhandlung nicht weniger intereſſirt waren— ſie alle dürſteten nach Kampf und erwarteten nur das Zeichen der Schlacht. Unter ihnen befand ſich auch Mallet de Graville. Die normänniſche Tapferkeit dieſes jungen Ritters wurde, wie wir oben geſehen haben, von normänniſchem Verſtande geleitet, und ſeit Williams Abreiſe hatte er es nicht verſchmäht, die Sprache des Landes zu ſtudiren, wo er ſeinen verpfändeten Thurm an der Seine gegen eine fette Baronie am Humber oder der Themſe auszutauſchen hoffte. Während der Reſt ſeiner ſtolzen Landsleute mit Blicken ſtiller Verachtung von dem eingeborenen Nuncius getrennt ſtanden, näherte ſich Mallet mit höflicher Gebärde, indem er auf Sächſiſch fragte: „Dürfte ich Dich wohl um den Erfolg Deiner Botſchaft von dem Reb— wollte ſagen von dem wackeren Earl befragen?“ „Ich warte um ihn zu erfahren,“ gab Vebba trotzig zur Antwort. „Sie hörten Dich alſo bis zu Ende?“ „Bis zu Ende.“ „Freundlicher Sir,“ fuhr der Sire de Graville fort, indem er den gewohnten ironiſchen Ton, den er vielleicht von ſeinen mütterlichen Vorfahren, den Franken, überkommen hatte, zu unterdrücken ſuchte, „freundlicher und friedenſtiftender Sir, darf ich ſoweit in die Geheim⸗ 108 niſſe Deiner Sendung einzudrtngen wagen, daß ich mir die Frage er⸗ laube, ob Godwin unter anderen vernünftigen Items auch den Kopf Deines ergebenen Dieners— nicht gerade unter meinem Namen, denn der iſt ihm bis jetzt noch unbekannt— wohl aber als eines aus der un⸗ glücklichen Klaſſe, genannt die Normannen, verlangt?“ „Wenn Earl Godwin für paſſend erachtet hätte, mit der Forde⸗ rung von Rache um Frieden zu unterhandeln, ſo würde er einen ande⸗ ren Sprecher erwählt haben,“ erwiederte der Nuncius.„Der Earl verlangt blos ſein Eigenthum, und Dein Kopf bildet, glaube ich, kei⸗ nen Theil ſeines Gutes oder ſeiner Fahrniß.“ „Das iſt tröſtlich,“ meinte Mallet.„In der That, ich danke Dir, Herr Sachſe; Du ſprichſt wie ein braver, ehrlicher Mann, und wenn es, wie ich vermuthe, zum Schlagen kommt, ſo würde ich es als eine Gunſt unſerer Dame, der Jungfrau, erachten, wenn ſie Dich mir in den Weg führte, denn zunächſt nach dem ehrlichen Freunde liebe ich einen tapfern Feind.“ Vebba lächelte, denn dieſe Geſinnung gefiel ihm, und der Ton wie die Miene des jungen Ritters erfreute ſein rauhes Herz trotz ſeiner Vorurtheile gegen den Fremdling. Durch dieſes Lächeln ermuthigt, ſetzte ſich Mallet an die Ecke der langen Tafel, welche das Zimmer einfaßte, und lud Vebba mit höf⸗ licher Gebärde ein, ſeinem Beiſpiele zu folgen, worauf er ihn ernſt⸗ haft betrachtend alſo fortfuhr: „Du biſt ſo offen und höflich, Herr Geſandter, daß ich Dich noch mit weiteren neugierigen und unwiſſenden Fragen beläſtigen muß.“ „Sprich ſie aus, Normanne.“ „Wie kommt es denn, daß Ihr Engländer dieſen Carl Godwin ſo lieb habt? noch mehr, warum haltet Ihr für recht und ſchicklich, daß König Edward ihn gleichfalls lieben ſoll? Das i*ſt eine Frage, die ich ſchon oft geſtellt habe und worauf ich in dieſen Hallen wohl ſchwer⸗ lich eine befriedigende Antwort erhalten werde. So viel mir von Euren bunten Geſchichten bekannt iſt, hat derſelbe Earl ſeine Geſinnung ſchon ſer⸗ hon —— 109 oft genug gewechſelt: erſt hält er's mit den Sachſen, dann mit Canut dem Dänen— Canut ſtirbt: Euer Freund ergreift abermals die Waf⸗ fen für die Sachſen. Er weicht dem Rathe Eures Witan und ſtellt ſich auf die Seite von Harticanut und Harold dem Dänen— da kommt ein Brief, wie es ſcheint von Emma, der Mutter der jungen ſächſiſchen Prinzen Edward und Alfred, worin dieſe unter dem Ver⸗ ſprechen des Beiſtandes nach England eingeladen werden.— Die Hei⸗ ligen beſchützen Edward, der in der Normandie ſeine Aves weiter betet— Alfred aber kommt herüber, Earl Godwin geht ihm entgegen, huldigt ihm und ſchwört ihm Treue, wenn ich anders nicht belogen wurde.— Nein, hört nur weiter: Dieſer Godwin, den Ihr ſo lieb habt, führt nun Alfred und ſein Gefolge in die Stadt— Guildford heißt ſie, glaub' ich — ein ganz ſchönes Quartier. Mitten in der Nacht ſtürzen König Harolds Männer herein, ergreifen den Prinzen und ſeine Begleiter, ſechshundert im Ganzen, und am andern Morgen werden ſie alle ge⸗ foltert und getödtet, nur jeder zehnte Mann iſt ausgenommen. Der Prinz wird nach London geſchleppt, kurz darauf werden ihm auf der Inſel Ely die Augen ausgeriſſen und er ſtirbt an dem Schmerze. Daß Ihr überhaupt Earl Godwin liebt, mag wohl ſonderbar ſeyn, iſt aber doch möglich: iſt es aber möglich, cher envoyé, daß der König den Mann lieben ſoll, der ſeinen Bruder alſo auf die Schlachtbank ge⸗ liefert?“ „Das Alles iſt eine normänniſche Fabel,“ ſagte der Than von Kent mit verwirrter Miene.„Godwin reinigte ſich durch einen Eid von jedem Antheil an Alfreds feiger Ermordung.“ „Der Eid wurde, wie ich höre, durch ein Geſchenk von Hardi⸗ canut unterſtützt, der nach König Harold's Tode die ſcheußliche Metze⸗ lei zu rächen beſchloß,“ bemerkte der Ritter trocken—„ein Geſchenk, ſage ich, von einem vergoldeten Schiff mit achtzig Kriegern in ver⸗ goldeten Helmen, die Schwerter mit goldenen Handhaben.— Doch laſſen wir das.“ —— 110 „Ja laſſen wir das,“ wiederholte Vebba ſeufzend.„Blutig waren jene Zeiten und unheilig ihre Geheimniſſe.“ „Aber antworte mir gleichwohl, warum liebt Ihr Carl Godwin? Er iſt von einer Partie zur andern übergegangen und hat bei jedem Wechſel neue Grafſchaften und Ländereien erworben. Er iſt ehrgeizig und übergreifend, wie Ihr alle zugebt, denn die Balladen, wie ſie auf unſern Straßen geſungen werden, vergleichen ihn mit dem Dorn⸗ und Brombeerſtrauche, woran das Schaaf ſeine Wolle hängen läßt. Er iſt hochmüthig und anmaßend. Sage mir nun, o Sachſe, freimüthiger Sachſe, warum liebt Ihr Godwin den Earl? Gern möcht ich's wiſſen, denn ſo es den Heiligen gefällt und Ihr und Euer Earl es erlaubt, ge⸗ denke ich in dieſem luſtigen England zu leben und zu ſterben, und es wäre angenehm zu erfahren, was ich zu thun habe, um mir, wie Earl Godwin, die Liebe der Engländer zu erwerben.“ Der handfeſte Vebba ſah verwirrt; nachdem er ſich jedoch den Bart nachdenklich geſtrichen hatte, antwortete er alſo: „Obwohl aus Kent und alſo aus ſeiner Grafſchaft, gehöre ich doch nicht zu Godwins beſonderer Partei und ebendeßhalb ward ich zum Boten auserleſen. Die unter ihm ſtehen, lieben in ihm ohne Zweifel ei⸗ nen freigebigen Hänptling, der zugleich ſtark genug iſt, um ſie zu be⸗ ſchützen. Das Alter eines großen Führers erwirbt ſich Ehrfurcht, wie die Eiche Moos anſetzt. Mir aber und meines Gleichen, die wir friedlich zu Hauſe leben, die Höfe vermeiden und keinen Streit ſuchen, mir iſt nicht Godwin der Mann theuer, wohl aber Godwin das Ding.“. „Ich thue zwar mein Beſtes, um Eure Sprache zu erlernen,“ bemerkte der Ritter;„aber Ihr habt auch Phraſen, die einen König Sa⸗ lomo in Verlegenheit bringen könnten. Was meinſt Du mit Deinem: Godwin das Ding?“ „Das was Godwin allein uns zu verfechten ſcheint,“ erwiederte der Than.„Wir lieben unſere Geſetze— Godwin wurde entehrt, weil er ſie aufrecht erhielt. Wir lieben England und werden von Fremden 11¹ en aufgefreſſen: Godwin's Sache iſt die Sache Englands und— vergid mir, Fremdling, wenn ich nicht zu Ende rede—“ 1 Und den jungen Normann mit einem Blicke rauhen Mitleids be⸗ m trachtend, legte er dem Ritter ſeine breite Hand auf die Schulter und ig flüſterte: uf„Nehmt meinen Rath— und fiteht!“ ad„Fliehen!“ rief de Graville roth werdend.„Meint Ihr, ich habe iſt meinen Panzer angelegt und mein Schwert umgürtet, um zu fliehen?“ er„Umſonſt— umſonſt! Weſpen ſind ſtark, aber der Schwarm iſt n, verloren, wenn man das Stroh anzündet— ich ſage Euch ſo viel, e⸗ flieht bei Zeiten und Ihr ſeyd gerettet; läßt ſich dagegen der Köoͤnig es ſo weit irre leiten, daß er auf die Waffen rechnet und gegen jene rl Menge ankämpft, ſo wird man noch vor Einbruch der Nacht auf zehn Meilen von der City feinen einzigen lebenden Normann antreffen. Das en bedenke, Jüngling! vielleichſt haſt Du eine Mutter— mach nicht, daß ſie einen Sohn zu beweinen hat!“ ch Noch ehe der Normanne ſeine tieſe unwillige Verachtung des Ra⸗ thes, ſeinen Zorn über die Unverſchämtheit, mit der ſeine Schulter ent⸗ i⸗ weiht und ſeiner Mutter Sohn gewarnt worden war, in ein hinläng⸗ e⸗ lich artiges und höfliches Sächſiſch umzugeſtalten vermochte, wurde t, der Nuncius abermals in das Audienzzimmer gerufen. Er kehrte nicht r mehr in das Vorgemach zurück, ſondern wurde, ſobald er ſeine kurze , Antwort empfangen, aus dem Rathsſaale unmittelbar nach der Pallaſt⸗ 8 treppe geführt, wo er ſein Boot erreichte und nach dem Schiff, das den Earl und ſeine Söhne beherbergte, zurückgerudert wurde. 4 gre, 3 9 Godwin's Streitkräfte waren folgendermaßen aufgeſtellt. Nachdem ſeine Schiffe die Londonbrücke paſſirt, hatten ſie eine Weile am Ufer —— : der ſüdlichen Vorſtadt(Suth-weorde— ſeither Southwark genannt) . angehalten, während die königlichen Schiffe nordwärts lagen. Aber e die Flotte des Earls hatte nach kurzem Halt in majeſtätiſcher Wen⸗ 1 dung geviert, und ſtand jetzt dicht und nach Norden ſchauend vor 5 dem Pallaſte von Weſtminſter, als ob ſie die königlichen Schiffe über⸗ f enn 112 flügeln wollte. Mittlerweile zog die Landmacht am Strande aufwärts, faſt bis auf Bogenſchußweite von den königlichen Truppen, welche den innern Ring beſetzt hatten, ſo daß Vebba ſo nahe, daß er ſie kaum von einander unterſcheiden konnte, am Fluße die beiden feindlichen Flotten, am Lande die zwei Kriegsheere vor ſich ſah. Hoch über alle Schiffe ragte die majeſtätiſche Barke oder Aeska, welche Harold von den iriſchen Küſten herübergetragen hatte. Sie war nach Art der alten Seekönige gebaut, deren einem ſie früher angehört hatte: ihr krummer mächtiger Schnabel, reich vergoldet, ragte weit über die Wogen hinaus; das Gallion bildete der Kopf der Seeſchlange, den Stern deren Schwanz, und beide, Kopf und Schweif, glitzerten hell in der Sonne. Das Boot näherte ſich der höhern Seite des Schiffes; eine Leiter wurde herabgelaſſen, der Nuncius ſchwang ſich leichtfüßig hinauf und ſtand auf dem Deck, an deſſen hinterm Ende ſich die wenigen Seeleute in reſpektvoller Entfernung von dem Earl und ſeinen Söhnen grup⸗ pirt hatten. Godwin ſelbſt war nur halb bewaffnet: ſein Kopf war entblößt und er trug keine andere Angriffswaffe als die vergoldete Streitart der Dänen, welche ebenſowohl zur Zierde wie zum Kriegswerkzeug. diente; ſeine breite Bruſt war aber mit dem Ringpanzer damaliger Zeit bedeckt. Von Geſtalt war er kleiner als jeder ſeiner Söhne; und ſein Aeußeres deutete nicht auf größere phyſiſche Stärke als die eines wohlgebauten kräftigen Mannes, der ſich noch im Alter die Spann⸗ kraft reiferer Männlichkeit erhalten hatte. Auch wurden dieſem hervor⸗ ragenden Manne von Gerücht oder Legende nicht jene romanti⸗ ſchen Vorzüge, jene Thaten rein animaliſcher Kühnheit zugeſchrieben, wodurch ſein Nebenbuhler Siward ſich auszeichnete. Er war wohl tapfer, aber tapfer wie ein Heerführer, und die Fähigkeiten, in denen er alle ſeine Zeitgenoſſen übertroffen zu haben ſcheint, entſprachen mehr den Erforderniſſen civiliſirter Zeiten als denen, wie ſie ſich vor Alters Ruhm erwarben. Vielleicht war auch England damals das einzige Land —— 113 in Europa, das ſolchen Fähigkeiten eine paſſende Laufbahn eröffnen konnte. Er beſaß vornämlich die Künſte eines Parteiführers, wußte große Menſchenmaſſen zu behandeln und das heiße Herz der Menge für ſeine Intereſſen zu gewinnen; er beſaß im höchſten Grade jene Gabe, welche in den meiſten andern Ländern— nämlich in allen, wo keine Volksverſammlungen erxiſtiren— völlig unnütz iſt— die Gabe popu⸗ lärer Beredtſamkeit, und in der That mußten auch mehrere Jahrhun⸗ derte nach der normänniſchen Eroberung verſtreichen, bis die Beredtſam⸗ keit in England wieder zur Macht wurde.“ Gleich allen berühmten Rednern hielt er ſich an die herrſchende Geſinnung ſeiner Zeit und verkörperte ihre Leidenſchaften, ihre Vor⸗ urtheile, aber auch jene ſcharfe Berechnung des Selbſtintereſſes, wie es das unveränderliche Merkmal der Menge bildet. Er war der Reprä⸗ ſentant des Volks in der höchſten Potenz. Wie groß auch immer die Fehler, ja ſogar die Verbrechen ſeiner ausnehmend glücklichen und glänzenden Laufbahn— mitten unter den ſchwerſten und furchtbarſten Ereigniſſen wie ein ſtetiges Licht durch Gewitterwolken hervorſchim⸗ mernd— ſeyn mochten— einer Grauſamkeit oder Beleidigung der Maſſe des Volkes war er nie beſchuldigt worden. Die Engländer er⸗ kannten in ihm den Engländer par excellence, und dies nicht weniger weil er es in ſeiner Jugend mit Canut gehalten hatte und dem König ſeine Reichthümer verdankte; denn Sachſen und Dänen waren in England dermaßen vermiſcht, daß der Vertrag, welcher Canut die eine Hälfte des Königreichs zuwies, mit allgemeinem Beifall aufgenommen worden war. Auch hatte dieſer große Fürſt ſeine frühere Härte in ſpä⸗ teren Jahren durch Milde und Weisheit ſo völlig ausgeglichen, er hatte ſie ſelbſt in der ſchlimmſten Periode ſeiner Regierung durch außer⸗ ordentliche perſönliche Liebenswürdigkeit dermaßen gemildert und durch den Glanz ſeines Ruhmes und ſeiner Macht in dem Gedächtniſſe der Menſchen ſo glücklich verwiſcht, daß Canut einen geliebten und geehr⸗ * So oft der Chroniſt die Gabe der Rede preist, beweist er dadurch, ohne es zu wiſſen, das Vorhandenſeyn konſtitutioneller Freiheit. Bulwer, Harold. 8 11¹ ten Namen“ hinterlaſſen hatte, und Godwin als auserwählter Rath⸗ geber dieſes populären Fürſten nur um ſo mehr geachtet wurde. Nach deſſen Tode hatte Godwin die ſächſiſche Linie wieder herſtellen wollen, zu welchem Zwecke er ſich bereits gewaffnet hatte, und nur der Be⸗ ſchluß des Witan, der hierin ohne Zweifel der Anſicht des Volkes ge⸗ horchte, hatte ihn davon zurückgehalten. Jedoch laſtete auf ihm der Verdacht eines ſchwarzen Verbrechens— der treuloſen Auslieferung Alfreds, des ermordeten Bruders von Edward— und dieſer blieb trotz ſeines Eides und der förmlichen Freiſprechung der Nationalver⸗ ſammlung an ſeinem Namen hängen, wie er noch jetzt daran hängt. Die Zeit war übrigens über dieſes gräßliche Trauerſpiel hingegan⸗ gen und in der ganzen engliſchen Nation herrſchte das inſtinktartige prophetiſche Gefühl, daß mit Godwins Hauſe die Sache des engli⸗ ſchen Volkes identificirt ſey. Das ganze Aeußere des Mannes war dazu gemacht, um ganz zu ſeinen Gunſten zu ſprechen. Seine breite Stirne war ruhig, voll Wohlwollen und Nachdenken; ſeine großen dunkel⸗ blauen Augen heiter und mild, obwohl ſie bei näherer Prüfung einen verſchloſſenen, unergründlichen Ausdruck hatten. Seine Miene war ausnehmend edel, ohne alle Förmlichkeit oder Affektation, und wenn man ihm Hochmuth und Anmaßung in hohem Grade zuſchrieb, ſo konn⸗ ten ſie nur in ſeinen Thaten, nicht in ſeinem Weſen liegen, denn ein⸗ fach, vertraulich und gütig gegen alle Menſchen, ſchien ſein Herz dem Dienſte ſeiner Landsleute ebenſo wie ſeine gaſtliche Thüre ihren Be⸗ dürfniſſen offen zu ſtehen. Hinter ihm ſtand die ſtattlichſte Gruppe von Soͤhnen, wie ſie nur je ein Vaterauge mit Stolz betrachtete, jeder auffallend von dem an⸗ dern verſchieden und alle durch Schönheit des Geſichts und kräftige Geſtalten ausgezeichnet. * Neuere däniſche Geſchichtſchreiber haben umſonſt Canuts Ruhm als engliſcher Monarch zu verkleinern geſucht. Die Dänen ſind ohne Zweifel die beſten Beurtheiler ſeines Charakters in Dänemark; aber auch unſere engliſchen Autoritäten beweiſen hinlänglich die perſönliche Popularität Canuts in dieſem Lande und deſſen Anhänglichkeit an ſeine Geſetze.. Rath⸗ Ss weyn, der älteſte, hatte die dunkle Farbe ſeiner däniſchen Mut⸗ Nach ter: eine wilde traurige— nur durch Kummer oder Leidenſchaft ver⸗ vollen, wüſtete— Majeſtät lag in ſeinen regelmäßigen Adlerzügen; Raben⸗ er Be⸗ locken, glänzend ſelbſt in ihrer Vernachläßigung, ſielen halb über ſeine es ge⸗ hohlen, aber klaren mit unruhigem Feuer erfüllten Augen. Ueber der m der Schulter trug er die mächtige Streitart: ſeine magere aber rieſenſtarke ferung Geſtalt war in Erz gehüllt und ſtützte ſich auf den großen, ſpitzen, dä⸗ blieb niſchen Schild. Zu ſeinen Füßen ſaß ſein junger Sohn Haco, ein alver⸗ Knabe mit, für ſeine noch kindlichen Jahre unnatürlich nachdenklichen ngt. Zügen. gegan⸗ Ihm zunächſt ſtand der gefürchtetſte und grauſamſte von God⸗ artige wins Söhnen— er, welcher beſtimmt war, den Sachſen das zu werden engli⸗ was Julian den Gothen geweſen. Die Arme über der Bruſt gekreuzt, 3 war ſtand Toſtig; ſein Geſicht war ſchön, wie das eines Griechen— bis Stirne auf die Stirne, welche nieder und unbedeutend ausſah. Glatt und unkel⸗ wohlgepflegt waren ſeine glänzenden, kaſtanienbraunen Locken und ſeine einen Waffen waren mit Silber eingelegt, denn er liebte den Pomp und die e war. Pracht des Krieges. wenn Wolnoth, der Mutter Liebling, ſchien noch in der erſten Blüthe der konn⸗ Jugend und er allein unter allen Söhnen hatte etwas Unentſchloſſenes, n ein⸗ Verweichlichtes in Miene und Haltung; ſeine ſchlanke Geſtalt ſchien z dem noch nicht ihre volle Höhe und Stärke erreicht zu haben, und als ob n Be⸗ das Gewicht des Panzers ihm ungewohnt wäre, lehnte er ſich mit bei⸗ * Einige unſerer Hiſtoriker nennen irrigerweiſe Harold den Aelteſten; ie nur allein Florence— da die Sachſenchronik darüber ſchweigt unſere beſte Quelle— — 4 und Knyghton behaupten beſtimmt, Sweyn ſey der älteſte geweſen. Harold war 8 an⸗ der zweite und Toſtig der dritte. Sweyns Erſtgeburt ſcheint ſchon durch die äftige größere Wichtigkeit ſeiner Grafſchaft beſtärkt zu werden. Die normänniſchen Chronikenſchreiber wollen in ihrer Erbitterung gegen Harold dieſen noch jünger h als wie Toſtig machen— der Grund davon wird am Schluſſe dieſes Werkes klar — werden. Der norwegiſche Chroniſt Snorro Sturleſon ſagt, Harold ſey der fel die 1 frchn jüngſte von allen Söhnen geweſen— ſo wenig genaue Data wußte man von⸗ dieſem einem Hauſe, das beinahe eine neue Dynaſtie von engliſchen Königen gegrün⸗ det hätte. 8 83 116 den Händen auf den Schaft ſeines langen Speeres. Leofwin, welcher Wolnoth zunächſt ſtand, ſtach ſehr gegen dieſen ab; ſeine ſonnigen Locken ringelten ſich ſorglos über eine weiße unbewölkte Stirne, und der weiche Flaum auf der Oberlippe beſchattete einen ſchelmiſchen Mund, der ſogar in dieſer ernſten Stunde lächelte. Zur Rechten Godwins, aber nicht unmittelbar in ſeiner Raͤhe, ſtanden die Letzten der Gruppe— Gurth und Harold. Gurth hatte den Arm über ſeines Bruders Schulter geſchlungen und ohne den ſprechenden Nuncius zu beachten, betrachtete er blos die Wirkung, welche deſſen Worte auf Harolds Geſicht hervorrufen würde— denn Gurth liebte Harold wie Jonathan den David geliebt hatte. Harold war der einzige Unbewaffnete unter der Gruppe, und wäre ein erfah⸗ rener Veteran befragt worden, wer unter dieſer Gruppe zum Anfüh⸗ rer von Kriegsheeren geboren ſey— er hätte gewiß auf den unbewaff⸗ neten Mann gedeutet. „Nun, was ſagt der König?“ fragte Earl Godwin. „Dieſes: Er weigert ſich, Dich mit Deinen Söhnen wieder ein⸗ zuſetzen oderDich zu hören, bevor Du Deine Armee aufgelöst, Deine Schiffe weggeſandt und eingewilligt habeſt, Dich ſelbſt und Dein Haus vor dem Witana⸗gemot zu reinigen.“ Toſtig brach in wildes Gelächter aus; Sweyns kummervolle Stirne wurde düſterer; Leofwin fuhr mit der Rechten an den Ataghar; Wolnoth richtete ſich in die Höhe; Gurth heftete die Augen auf Ha⸗ rold, und Harolds Geſicht blieb unbeweglich. „Der König empfing Dich in ſeinem Kriegsrath?“ ſagte God⸗ win nachdenklich;„ohne Zweifel waren dort die Normannen. Wer waren die bedeutendſten Engländer?“ „Siward von Northumbrien— Dein Feind.“ „Meine Söhne,“ ſprach der Earl, an ſeine Kinder ſich wendend und hoch aufathmend, als ob ihm eine Laſt vom Herzen wäre;„für heute bedarf's keiner Streitart oder Waffenrüſtung. Harold allein war weiſe,“ und er deutete auf die linnene Tunika des erwähnten Sohnes. 4 117 „Was meint Ihr, Herr Vater?“ rief Toſtig gebieteriſch— „wollt Ihr—“ „Still, Sohn, ſtill,“ gebot Godwin ohne Härte, aber mit wohl⸗ bewußter Obergewalt.„Kehre zurück, braver, theurer Freund,“ ſagte er zu Vebba;„ſuche Siward den Earlv; ſage ihm, daß ich, Godwin⸗ ſein früherer Feind, Ehre und Leben in ſeine Hände lege: was er rathe, wollen wir thun— gehe.“ Der Mann aus Kent nickte und ſtieg wieder in ſein Boot. Dann ſprach Harold: „Vater, dort drüben ſtehen Edwards Streitkräfte, bis jetzt ohne Führer, da dieſe noch in des Königs Hallen ſeyn müſſen. Ein paar feurige Normannen können unter ihnen einen Kampf herbeiführen, und dieſe Stadt London iſt nicht gewonnen, wie ſie von uns gewonnen werden ſollte, wenn nur ein einziger Tropfen engliſchen Bluts das Schwert eines Engländers röthet. Drum will ich mit Eurer Erlaub⸗ niß ein Boot nehmen und an’s Land ſteigen. Wenn ich während meiner Abweſenheit nicht alle Einſicht in die Herzen meiner Landsleute verloren habe, ſo wird beim erſten Rufe unſerer Truppen, daß Harold, God⸗ wins Sohn, auf dem Boden unſerer Väter ſtehe, die Hälfte jener Helme und Speere alsbald auf unſere Seite übertreten.“ „Und wenn nicht, mein eitler Bruder?“ höhnte Toſtig, ſich voll Neid in die Lippen beißend. „Wenn nicht, ſo reite ich allein in ihre Mitte und frage, ob wohl ein Engländer da ſey, der mit Schaft oder Speer auf die Bruſt zielte, die ſich noch nie wider England waffnete.“ Godwin legte Harold die Hand auf's Haupt und die Thränen drangen ihm in die kalten verſchloſſenen Augen. „Du weißt von Natur, was ich durch Kunſt erlernte. Es ſey, wie Du es willſt.— Gehe und möge es Dir gelingen.“ „Er nimmt Deinen Poſten ein, Sweyn— Du biſt der Aeltere,“ ſagte Toſtig zu der wilden Geſtalt neben ihm. „Es laſtet Schuld auf meiner Seele und Weh in meinem Herzen,“ 118 gab Sweyn mürriſch zur Antwort.„Soll Eſau ſein Gehatsricht verlieren und Kain es zurückbehalten?“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und lehnte ſich an das Hin⸗ tertheil des Schiffs, das Geſicht auf den Rand ſeines Schildes legend. Harold bewachte ihn: mit tiefem Mitleid in den Blicken trat er ihm mit raſchem Schritte nahe und drückte ihm die Hand. „Friede mit der Vergangenheit, o mein Bruder!“ flüſterte er. Der Knabe Haco, der ſeinem Vater geräuſchlos gefolgt war, hob ſeine ernſten düſteren Blicke zu Harold empor und als dieſer ſich weg⸗ wandte, ſagte er ſchüchtern zu Sweyn: „Er wenigſtens iſt immer gut gegen Dich und mich.“ „Du ſollſt ihm auch, wenn ich nicht mehr bin, wie Deinem Vater anhängen, Haco,“ erwiederte Sweyn, indem er des Kindes ſchwarze Locken zärtlich zurückſtreichelte. Der Knabe ſchauderte zuſammen und ſenkte das Haupt, indem er vor ſich hinmurmelte: „Wenn Du nicht mehr biſt! nicht mehr! Hat die Vala auch i9 n verurtheilt, Vater und Sohn— Beide?“ Harold hatte unterdeſſen das Boot, das man von der Aeska für ihn herabgelaſſen hatte, beſtiegen, und Gurth, der ſeinen Vater fra⸗ gend anſah und kein Zeichen der Mißbilligung gewahrte, ſprang dem jungen Earl nach und ſetzte ſich an ſeine Seite. Godwin folgte dem Boote mit ſinnendem Blicke. „Da braucht man freilich,“ ſprach er laut vor ſich hin,„kaum einem Wahrſager oder an die Prophetin Hilda zu glauben, wenn ſie vor unſerer Abfahrt verkündete, daß Harold—“ Hier hielt er inne, denn Toſtigs zorniger Ausruf unterbrach ſeine Träumerei. „Vater, Vater! mein Blut ſiedet mir in den Ohren und kocht mir im Herzen, wenn ich Dich der Prophezeihungen Hilda's zu Gun⸗ ſten Deines Lieblings gedenken höre. Streit und Zwietracht haben ſie bereits in unſerem Hauſe hervorgerufen, und wenn der Hader zwi⸗ —— 119 ſchen Harold und mir graues Haar in Deine Locken geſäet hat, ſo danke es Dir ſelbſt, der Du ſchon zur Zeit unſerer erſten kindiſchen Zerwürf⸗ niſſe, von den eiteln Prophezeihungen auf Deinen bevorzugten Harold erfüllt, zu mir ſagteſt: iſtreite nicht gegen Harold, denn ſeine Brüder 11 werden ihm noch unterthan werden“! „Strafe die Weiſſagung Lügen,“ erwiederte Godwin ruhig;„ein weiſer Mann kann immer ſein eigenes Glück machen, ſein eigenes Geſchick am Schopfe ergreifen— Klugheit, Geduld, Muth und Ar⸗ beitſamkeit— das ſind die Sterne, welche die Laufbahn der Sterbli⸗ chen lenken.“ Toſtig gab keine Antwort, denn das Klatſchen von Rudern ließ ſich vernehmen und zwei Schiffe mit den vornehmſten Häuptlingen von Godwins Partei legten ſich neben die mit Runen beſchriebene Aeska, um das Reſultat der Botſchaft an den König zu vernehmen. Toſtig ſprang auf die Seite des Schiffes und rief: „Der König, von ſeinen falſchen Rathgebern umringt, will uns nicht hören, und die Waffen müſſen zwiſchen uns entſcheiden.“ „Halt, halt! böswilliger, unſeliger Knabe,“ donnerte Godwin zwiſchen ſeinen zuſammen gebiſſenen Zähnen, als die vollgepfropften Schiffe in ein wildes Jauchzen ausbrachen.„Der Fluch aller Zeiten laſte auf dem, der im Angeſichte der Daͤcher und Altäre von London das erſte Blut der Eingebornen vergießt! höre mich, Du mit der Blut⸗ gier des Geiers und der eitlen Freude des Pfauen im prahleriſchen Geſieder! höre mich, Toſtig, und zittere: wenn Du auch nur mit einem Worte die Kluft zwiſchen mir und dem König erweiterſt, ſo ſollſt Du als ein Geächteter, wie Du jetzt England betrittſt, Dein Vaterland wie⸗ der verlaſſen, ſollſt ſtatt Grafſchaft und weiten Ländereien das Brod der Fremde und das Wehrgeld des Wolfes erwählen!“ So hochfahrend auch der junge Sachſe war, ſo ſcheute er doch des Vaters zitternde Stimme, beugte das Haupt und entfernte ſich mürriſch. Godwin ſprang auf das Deck des nächſten Schiffes und ſuchte die wilden Leidenſchaften, welche Toſtig erweckt hatte, durch ſeine 120 Beredtſamkeit wieder zu beſänftigen. Mitten in ſeiner Rede hörte man aus den Reihen am Strande den Ruf herüberſchallen: „Harold! Harold der Earl! Harold und das heilige Kreuz!“ Godwin richtete die Augen auf des Königs Mannen; er ſah ſie bewegt, erſchüttert und unruhig, bis plötzlich aus der hinterſten Mitte des feindlichen Heeres wie durch unwiderſtehlichen Impuls der Ruf durchdrang: „Harold, unſer Harold! Heil ſey dem guten Earl!“ Während ſich ſolches außerhalb zutrug, hatte Edward innerhalb des Pallaſtes das Audienzzimmer verlaſſen und ſich mit Stigand dem Biſchofe eingeſchloſſen. Dieſer Prälat hatte um ſo mehr Einfluß bei Edward, als er, obſchon Sachſe, gleichwohl für keinen Feind der Nor⸗ mannen galt, wie er denn früher auf die Beſchuldigung allzu großer Anhänglichkeit an die normänniſche Königsmutter Emma ſeines Bis⸗ thumes entſetzt worden war.* Noch nie in ſeinem ganzen Leben hatte ſich Edward ſo hartnäͤckig wie bei dieſer Gelegenheit gezeigt, denn hier handelte ſichs um mehr als ſein Königreich: er war in dem Frieden ſeines Haushaltes, in dem Troſte ſeiner lauwarmen Freundſchaften bedroht. Mit der Zurückbe⸗ rufung ſeines mächtigen Schwiegervaters ſah er als weitere Noth⸗ wendigkeit voraus, daß ſein Weib ſich in den Reiz ſeiner keuſchen Ein⸗ ſamkeit eindrängen würde; ſeine geliebten Normannen würden dann verbannt und er ſollte ſich fortan von Geſichtern, die er verabſcheute, umringt ſehen. Alle Vorſtellungen Stigands fanden nur hartes, un⸗ nachgiebiges Gehör, bis Siward in des Königs Kloſet eintrat. „Herr, mein König,“ begann der große Sohn von Beorn,„ich wich im Rathe Eurem königlichen Willen, daß Godwin, bevor wir ihn * Angelſächſiſche Chronik, a. d. 1043.„Stigand wurde ſeines Bisthumes entſetzt und ihm all ſein Gut vom Könige abgenommen, weil er nach der An⸗ ſicht des Volkes im Rathe der Mutter des Königs mächtig war und ſie nur ſeinen Eingebungen folgte.“ Der heilige Bekenner verfuhr nämlich mit ſeinen Biſchöfen nicht minder ſummariſch, als Heinrich VIII. nach ſeinem Streite mit dem Pabſte nur immer thun konnte. —S 720 2 121 hörten, ſeine Leute entlaſſen und ſich dem Urtheile des Witan unter⸗ werfen ſolle. Der Earl hat mir erwiedern laſſen, er lege Ehre und Leben in meine Hände und wolle meinen Rath unbedingt befolgen. Ich habe ihm geantwortet wie es dem Manne geziemte, der nie einen Feind verſtricken oder einen Vertrauenden verrathen wird.“ „Wie haſt Du geantwortet?“ fragte der König. „Er ſoll bei den Geſetzen von England, wie Dänen und Sachſen ſie in den Tagen Canuts beſchworen, verbleiben; er und ſeine Söhne ſollen weder auf Land noch auf Herrſchaft Anſpruch machen, ſondern Alles dem Spruche des Witan überlaſſen.“ „Gut,“ verſetzte der König;„und wird der Witan ihn jetzt ebenſo verurtheilen, wie er es gethan hätte, wenn er nicht vor ihn treten wollte?“ „Jetzt wird der Witan frei und ehrlich und gerecht ſeyn,“ gab der Earl mit Nachdruck zur Antwort. „Aber unterdeſſen— die Truppen—“ „Werden auf beiden Seiten warten, und wenn die Vernunft nichts ausrichtet, dann kommt das Schwert,“ verſicherte Siward. „Davon will ich nichts hören,“ rief Edward, als plötzlich das Trampeln vieler Tritte auf dem Gange laut wurde. Die Thüre flog auf und mehrere Anführer der königlichen Truppen— Normannen wie Sachſen— ſtürzten wild und lärmend herein. „Die Truppen verlaſſen uns! Beim bloßen Namen Harolds hat die Hälfte davon die Waſſen niedergeworfen!“ rief der Earl von Here⸗ ford.„Fluch über die Schurken!“ „Die Stadtwehr von London iſt ganz auf ſeiner Seite und mar⸗ ſchirt bereits durch die Thore,“ rief ein ſächſiſcher Than. „Zögert noch länger,“ flüſterte Stigand,„und wer wird morgen um dieſe Stunde ſagen können, ob Edward oder Godwin auf Alfreds Throne regiert?“ Siward fühlte ſein Herz von der Trauer des Königs erſchüttert — und zwar um ſo mehr, als Edward diesmal ſo ungewohnte Feſtig⸗ keit zeigte; er kniete nieder und nahm des Königs Hand. 122 „Siward kann ſeinem Könige keinen niedrigen Rath geben, aber das Blut der Unterthanen zu ſchonen, bringt einem Könige niemals Schande. Weiche Du der Gnade— überlaſſe Godwin dem Geſetz!“ „O meine Zelle und Kapuze!“ rief der Fürſt mit gerungenen Händen.„O normänniſche Heimath, warum hab' ich Dich verlaſſen!“ Er nahm das Kreuz von ſeiner Bruſt, betrachtete es feſt, betete ſtumm aber mit Inbrunſt, und ſein Geſicht wurde abermals ruhig. „Geh!“ ſagte er in der Erſchöpfung, wie ſie der Leidenſchaft folgt, in ſeinen Stuhl ſich werfend,„geh', Siward, geh', Stigand— leitet die weltlichen Dinge nach Eurem Belieben.“ Der Biſchof, mit dieſer widerſtrebenden Genehmigung zufrieden, ergriff Siward beim Arm und zog ihn aus dem Gemache. Die Heer⸗ führer blieben eine Weile zurück, wobei die Sachſen ſchweigend auf ihren König ſchauten, während die Normannen ſich in höchſter Beun⸗ ruhigung zuflüſterten und Blicke der bitterſten Verachtung auf ihren ſchwachen Wohlthäter ſchoßen, bis ſie endlich, wie auf gemeinſame Eingebung, durch den Gang ſtürzten und ihren in den Hallen verſam⸗ melten Landsleuten zuriefen: „A toute bride! Franc étrier!— Alles iſt verloren, nur nicht das Leben!— Gott für den Erſten, Meſſer und Strick für den Letzten!“ Und gleichwie der Feuerruf oder das erſte Krachen eines Erd⸗ bebens alle Bande auflöst und alle Gedanken in dem einen der Selbſt⸗ rettung concentrirt, ſo lärmte, ſtieß und drängte die ganze Verſamm⸗ lung, bunt untereinander gemiſcht, nach der Thüre— glücklich der, der ein Pferd— einen Zelter, ja ſogar eines Mönches Maulthier auftrei⸗ ben konnte! Hierhin, dorthin flohen dieſe gebietenden Normannen, die kriegeriſchen Aebte und all die reichgeſchmückten Biſchöfe— einige einzeln, andere paarweiſe, dieſe zu zehn, jene zu zwanzig, alle aber mit kluger Vorſicht das Zuſammenſeyn mit eben den Häuptlingen ver⸗ meidend, denen ſie noch am Tage zuvor am meiſten hofirt hatten und die jetzt, wie ſie wohl wußten, das Hauptziel der Rache ſeyn würden. Nur Zwei machten hievon eine Ausnahme: ſie wußten, vermöge . — — 123 jener Scheu vor geiſtiger Macht, welche den Normann, dieſen halb mönchiſchen Krieger(Kreuzfahrer und Templer, noch ehe man Kreuz⸗ züge predigte oder von Templern träumte) charakteriſirte— ſogar in dieſer Stunde ſelbſtſüchtigen Schreckens die ſtolzeſte Ritterſchaft ihrer Landsleute um ſich zu verſammeln. Der Biſchof von London und der Erzbiſchof von Canterbury, beide cap-a-pié bewaffnet und mit dem Speere in der Hand, waren die Leiter der Flucht, und Mallet de Graville leiſtete an jenem Tage ſowohl als Führer wie als Kämpe die wichtigſten Dienſte. Er führte ſie im Bogen hinter beiden Heeren herum: als ihnen aber eine neue Schaar, welche von den Weiden von Hertfordſhire zu Godwins Hülfe herbeizog, in die Quere kam, ſah er ſich zu dem kühnen verzweifelten Streiche, nämlich zum Eintritte in die Stadt genöthigt. Die Thore ſtanden weit offen, entweder um die ſächſiſchen Earls zu empfangen, oder um ihre Verbündeten, die Lon⸗ doner, ins Freie zu laſſen. So ritten die kämpfenden Flüchtlinge drei und drei neben einander durch die engen Straßen, und ſelbſt auf der Flucht ihren Nationalruhm bewährend, wußten ſie jedes Hinderniß zu überwältigen.„Hinaus— hinaus! nieder mit den Ausländern!“— mit dieſem Rufe drangen an jeder Ecke Haufen von Bewaffneten auf ſie ein, und durch ſie Alle mußten Speer und Schwert ſich den Weg bahnen. Roth von Blut war die Lanze des Prälaten von London; bis zum Griffe abgebrochen das kriegeriſche Schwert in der furchtbaren Hand des Erzbiſchofs von Canterbury. So ritten ſie kämpfend und mordend dahin, erreichten das öſtliche Thor und paſſirten dieſes, nach⸗ dem ſie nur zwei ihrer Genoſſen verloren hatten. Kaum hatten ſie das offene Feld gewonnen, als ſie ſich zur beſſern Vorſicht trennten. Einige wenige, die mit der ſächſiſchen Sprache nicht ganz unbekannt waren, legten die Rüſtung ab und ſchlichen durch Wald und Feld nach der Seeküſte; Andere, worunter die beiden Prälaten, behielten Roß und Waffen, vermieden aber die Heerſtraßen und er⸗ reichten wohlbehalten das Dörſchen Neß in Eſſer, wo ſie ſich in ein offenes, gebrechliches Fiſcherboot warfen und ſich darin den Wogen * 1²⁴ überließen, bis ſie halb ertrunken und halb verhungert über den Kanal nach den franzöſiſchen Küſten hinübertrieben. Der Reſt der höfiſchen Ausländer nahm ſeine Zuflucht in die Feſten, die noch in den Händen ihrer Landsleute waren, Andere verbargen ſich in Höhlen und Schlupf⸗ winkeln, bis ſie Boote zur Ueberfahrt finden oder ſtehlen konnten. Und ſo geſchah im Jahre unſeres Herrn 1052 die merkwürdige Zerſtreuung und ſchimpfliche Flucht der Grafen und Vaſallen des großen Herzogs William. Eilftes Kapitel. Der Witana⸗gemot war in der großen Halle von Weſtminſter in all ſeinem kaiſerlichen Pompe verſammelt. Diesmal ſaß der König auf ſeinem Throne und es war das Schwert, was er in der rechten Hand hielt. Die Beamten des Baſi⸗ leus“ von Britannien ſaßen theils unterhalb, theils ſtanden ſie zur Seite des Thrones. Da waren zu ſehen Camerarius und Pincerna (Kämmerling und Mundſchenk), Discusthan und Pferdethan*“(der Than der königlichen Tafel und der der Stallungen) und viele Andere, deren Staatsämter nicht unwahrſcheinlich von dem ceremoniöſen Pompe des byzantiniſchen Hofes entlehnt waren, wie denn Edgar, König von England, ſich in alten Zeiten den Erben Konſtantins genannt hatte. Dieſen zunächſt ſaßen die Geiſtlichen der Kapelle, an ihrer Spitze des Königs Beichtvater: ſie waren Beamte von höherer Bedeutung, als ihre Namen ausſprachen; ihnen war das große Siegel anvertraut und ſie hatten dadurch eine Macht in Händen, von der man früher nichts gewußt hatte, die aber den Sachſen nunmehr um ſo verderblicher ward, denn ermüdend iſt der Rechtsgang, der auf des Königs Unterſchrift * Der Titel Baſileus wurde noch bis auf Johann von unſeren Königen geführt; Letzterer nannte ſich: Totius Insulae Britannicae Basileus. Ag 3 über das Alter der Grafſchaften in England. ½— ** Sharon Turner. E 125 und Siegel harren muß, und von dieſen Schreibern ſollte ſpäter ein 1 de Inſtitut der Quälerei ausgehen, das unter dem Namen der Chan⸗ den cery“*(Kanzleramt) die Menſchen bis aufs Blut zu quälen beſtimmt apf⸗ war. Und Zu Füßen der Schreiber war ein freier Raum übrig gelaſſen und ung weiter unten ſaßen die Häuptlinge des Witan. Die erſte Reihe unter ogs ihnen, ſowohl wegen ihres geiſtlichen Rangs als ihrer ausgebreiteten zeitlichen Beſitzthümer, nahmen die Lords der Kirche ein; die Stühle der Prälaten von London und Canterbury waren zwar leer, aber man ſah immer noch eine ſtattliche Schaar von ſächſiſchen Biſchofsmützen, darunter das harte, hungrige, aber verſtändige Geſicht Stigands— in„ Stigands des Stattlichen und Begehrlichen, und die wohlwollenden 4 aber feſten Züge Alreds, des ächten Prieſters und Patrioten. Wie das Sterne um die Sonne, ſo hatte jeder Prälat ſein eigenes prieſterliches aſi⸗ Gefolgez aus ſeiner Diöceſe um ſich verſammelt. Weiter unten in der zur Halle folgten die großen Lords und Vicekönigsvaſallen des herr⸗ rna 3 ſchenden Lords. Leer iſt der Stuhl des Königs der Schotten, denn der Siward(hat ſeinen Wunſch noch nicht erreicht— Macbeth iſt noch in ere, ſeine feſten Plätze eingeſchloſſen oder horcht in der Wildniß auf die npe Schickſalsſchweſtern und Malcolm iſt ein Flüchtling in der Halle des von northumbriſchen Carls. Leer der Stuhl des Helden Gryffyth„Soh⸗ tte. nes von Llewellyn, des Schreckens der Marſchen, des Prinzen von des Gwyned, deſſen Waffen ganz Cymrien unterjochten. Dagegen ſieht als man die geringeren Unterkönige von Wales, treu ihren unvordenklichen und Spaltungen, welche das Reich des Ambroſius zerſtörten und Arthurs hts Arm erfolglos machten: mit ihren Goldbändern und wilden Augen, ard, gg,* S. die Einleitung zu Palgrave's Geſchichte der Angelſachſen, wor⸗ rift aus dieſe Schilderung ſo ausführlich entlehnt iſt, daß ich für mein Plagiat igen keine andere Entſchuldigung habe, als das offene Geſtändniß, daß wenn ich d: anderswo nur halbwegs dieſe plaſtiſche Darſtellung gefunden oder ſie meinen 3 Quellen entnommen hätte, ich dann den oben erwähnten Hiſtoriker vern. zu plündern bemüßigt geweſen wäre. 2 126 das Haar um Stirn und Ohren kurz geſchnitten, ſtarren ſie auf die umgebende Scene. Auf derſelben Bank mit dieſen Unterkönigen, durch die Höhe ihres Wuchſes und ihre ruhige gefaßte Miene nicht minder, als durch ihre Schirmhauben und Pelzmäntel von den vorigen unterſchieden ſitzen jene Stützen ſtarker und Schrecken ſchwacher Throne— die Earls, denen Shires und Grafſchaften zufallen, wie die geringeren Thane mit Hufen und Morgen belehnt werden. Nur drei der Erſteren waren dießmal anweſend und alle drei waren Feinde von Godwin; Siward, Carl von Northumbrien, Leofric von Mercia(erſelbe Leofrie, deſſen Weib Godiva noch jetzt in Balladen und Geſängen lebt) und Rolf, Earl von Hereford und Woreeſterſhire, der, kraft ſeines An⸗ ſpruchs auf königliches Geblüt, den Hof nicht gleich ſeinen normänni⸗ ſchen Freunden verlaſſen hatte. Auf denſelben Bänken, nur etwas ab⸗ ſeits, ſehen wir endlich die niedereren Earls und jene höhere Klaſſen der Thane, welche den Namen Königsthane führten. Nicht ferne von dieſen ſaßen die erwählten Bürger der freien Stadt London, welche ſchon jetzt in dieſem Senate großes Gewicht beſaßen** und gar oft bei ſeinen Beſchlüſſen den Ausſchlag gegeben hatten; ſie alle waren Freunde des engliſchen Earls und ſeines Hauſes. In demſelben Theile der Halle fand man die Maſſe und den ächt po⸗ pulären Theil des Meetings— populär in der That, nicht als Reprä⸗ ſentant des Volkes, ſondern derjenigen Dinge, die das Volk am meiſten ſchätzte, nämlich Tapferkeit und Reichthum die landbeſitzenden Thane, in alten Urkunden„Miniſter“ genannt. Sie ſaßen mit dem Schwert an der Seite, alle verſchieden in Geburt, Vermögen und Verwandt⸗ ſchaft mit dem König, Earl oder Ceorl. Die Befähigung zu * Girald. Cambrensis. r Palgrave vergißt wahrſcheinlich zufällig dieſe Mitglieder des Witan; aber aus der angelſächſiſchen Chronik geht deutlich hervor, daß die L. „Stadtleute“ bei großen Nationalwitans repräſentirt waren und ee Wahl von Königen entſcheiden halfen. 7 127 uf die dieſem Sitze war nämlich in den einzelnen Diſtrikten der Heptarchie . verſchieden; ſie ſtand hoch in Oſtangeln, niedrig in Weſſer, ſo daß ihres was in der einen Grafſchaft Wohlſtand war, in der andern noch für durch Armuth galt. Da ſaß ein halber Yeoman, der ſächſiſche Than von ieden Berkſhire oder Dorſet, ſtolz auf ſeine fünf Hufen Landes; dort ein — die halber Earldoman, der däniſche Than von Norfolk oder Ely, mit ſeinen igeren vierzig noch unzufrieden. Manche hatten durch geringere Kronämter eſteren das Recht des Beiſitzes erworben; manche waren auch Krämer und dwin; Söhne von Krämern, welche die hohe See dreimal auf ihre eigene erſelbe Gefahr durchſchifft hatten. Dieſe rühmten ſich des Blutes von Offa lebt) und Egbert, während andere blos drei Generationen bis zum Kuh⸗ es An⸗ hirten oder Pflugknecht zurückzuzählen brauchten; dieſe waren Sach⸗ naͤnni⸗ ſen, jene Dänen, und andere aus den weſtlichen Grafſchaften waren as ab⸗ urſprünglich Bretonen, obwohl von ihrer Race nicht mehr viel zu er⸗ ſſe der kennen war. Noch weiter unten, am äußerſten Ende der Halle, ſah man die freien Ceorls ſelber vor den offenen Thüren verſammelt und den äußeren ewicht Raum erfüllend— eine zahlreiche und nicht machtloſe Körperſchaft egeben bei dieſen hohen Höfen, welche von den Grafſchaftsgemots oder Lokal⸗ auſes. ſenaten wohl zu unterſcheiden waren: die Ceorls wurden niemals zum ihht po⸗ Abſtimmen, zum Sprechen oder Handeln, ja nicht einmal zur Unter⸗ Neprä⸗ zeichnung des Urtheils aufgefordert; ſie durften blos ihr„Ja, ja,“ neiſten rufen, wenn die Vornehmeren ihren Spruch fällten. Aber gleichwohl Thane, waren ſie nicht ohne Einfluß, ſondern vertraten bei dem Witan unge⸗ dert an fähr daſſelbe, was für die Nachfolger des Witans— unſer modernes vandt⸗ Parlament— die öffentliche Meinung iſt: ſie waren dieſe Meinung, ig zu und nach ihrer Zahl und ihren Anſichten, welche, keck gemurmelt, ſehr leicht zu erkennen war, mußte gar oft dieſer erhabene Hof von Baſi⸗ leus und Prälaten, Vaſallenkönigen und mächtigen Earls ſeine Be⸗ 3 geſtalten und den Spruch demgemäß einrichten. Witan; 1 E Die Eröffnung des Meeting war nach den hergebrachten Formen hehen; der König hatte friedliche und vorſichtige, gnädige und er⸗ 128 mahnende Worte geſprochen, die aber bei ſeiner ſchwachen Stimme nicht über den engeren Kreis ſeiner Beamten und Prieſter hinausdran⸗ gen, und ein Murmeln erfüllte die Halle, als Earl Godwin mit ſei⸗ nen ſechs⸗Söhnen hinter ſich in derſelben erſchien. In dem Augen⸗ blick, ehe Earl Godwin zu ſprechen begann, entſtand eine Stille, daß man das Summen der Mücke, welche die glatte Wange des Earls Rolf genirte, oder das Tiktak der Spinne in ihrem Gewebe oben an der Decke hätte vernehmen können. „Wenn ich,“ ſo begann er mit dem beſcheiden geſenkten Blicke des geübten Redners,„wenn ich mich freue, die Luft meines Vater⸗ landes wieder zu athmen, deſſen Dienſte ich, wenn auch vielleicht oft mit fehlerhaften Handlungen, aber immer mit der redlichſten Geſin⸗ nung, im Kriege wie im Rathe ſo viel von meiner Lebenszeit gewid⸗ met habe, daß mir nur wenig Anderes übrig bleibt, als mich(falls mein König und Ihr, Prälaten, Edle und Miniſter des Reichs es alſo gewähren ſolltet) nach der Stelle meines Geburtslandes umzuſehen, wo meine Gebeine endlich ruhen ſollten— wenn ich mich freue, noch einmal in dieſer Verſammlung zu ſtehen, welche ſo oft auf meine Stimme gehört hat, wenn unſer gemeinſames Vaterland in Gefahr war— wer wird wohl dieſe Freude tadeln? Wer unter meinen Feinden, wenn ich deren noch beſitze, wird nicht den Jubel des alten Mannes reſpek⸗ tiren? Wer unter Euch, Thane und Earls, würde ſich nicht grämen, wenn er aus Pflichtgefühl zu dem grauhaarigen Verbannten ſagen müßte: in dieſer engliſchen Luft ſollſt Du nicht den letzten Seufzer ausſtoßen, auf dieſem engliſchen Boden ſollſt Du kein Grab finden! Wer unter Euch würde ſich nicht grämen, alſo zu ſprechen“(hier hob er plötzlich das Haupt und betrachtete die Verſammlung)„wer unter Euch hat den Muth und das Herz, jenes Wort zu ſprechen? Ja, ich freue mich, endlich in der rechten Verſammlung zu ſeyn, welche meine Sache beurtheilen und meine Unſchuld verkünden kann. Um welches Verbrechens willen ward ich verbannt? Um welches eiedendinn ward ich zuſammt den ſechs Söhnen, die ich dem Lande gegeb mme ran⸗ ſei⸗ gen⸗ daß Farls n an Zlicke ater⸗ ht oft eſin⸗ wid⸗ falls alſo ehen, noch mme r— wenn ſpek⸗ men, agen ufzer den! hob unter „ich neine ie 129 dem Leben des Wolfes verurtheilt, um wie ein wildes Thier gehetzt und erſchlagen zu werden? Hört mich und antwortet!“ „Euſtace, Graf von Boulogne hatte unſern Herrn, den König, beſucht und betrat auf dem Rückwege nach ſeinen Beſitzungen die Stadt Dover in voller Kriegsrüſtung und mit ſeinem ganzen Gefolge. Unbe⸗ kannt mit unſeren Sitten und Geſetzen(denn ich will alte Klagen nur leicht berühren und Niemand ſchlimmer Abſicht beſchuldigen) dringen dieſe Ausländer gewaltſam in die Privatwohnungen des Bürgers, um dort ihre Quartiere aufzuſchlagen. Ihr Alle wißt, daß dies die ſtärkſte Verletzung des ſächſiſchen Rechtes war; Ihr wißt, daß auch der nie⸗ derſte Ceorl das Sprüchwort auf den Lippen führt: mein eigen Haus iſt mein Kaſtell. Einer der Städter handelte in dieſem Glauben— daß er ein falſcher war, davon müßte ich erſt noch überführt werden— und trieb einen Vaſallen des franzöſiſchen Earls von ſeiner Schwelle. Der Fremdling zog das Schwert und verwundete ihn; es kam zu Schlägen und der Fremde ſiel von dem Arme, den er wider ſich ge⸗ waffnet hatte. Die Nachricht dringt Earl Euſtace zu Ohren; er und ſeine Leute eilen zur Stelle und ermorden den Engländer an ſeinem eigenen Herde—“ Ein halb unterdrücktes Rachegeſchrei drang hier von den Ceorls aus dem hintern Ende der Halle herüber. Godwin erhob die Hand, um der Unterbrechung ein Ende zu machen, und fuhr alſo fort: „Kaum war dies geſchehen, als die Ausländer mit gezogenen Schwertern durch die Straßen ritten; ſie ſchlachteten Alles, was ihnen in den Weg kam und traten ſogar Kinder unter die Hufe ihrer Roſſe. Die Bürger griffen zu den Waffen— ich danke dem himmliſchen Va⸗ ter, daß er mir ſo wackere Bürger zu Landsleuten gegeben! Sie foch⸗ ten, wie wir es von Engländern gewohnt ſind, erſchlugen etliche neun⸗ zehn bis zwanzig dieſer gewappneten Eindringlinge und jagten ſie aus der Stadt, ſo daß ſelbſt Earl Euſtace eiligſt fliehen mußte. Earl Euſtace iſt bekanntlich ein kluger Mann: er raſtete daher nur wenig und aß noch weniger, bis er das Thor von Gloueeſter erreicht haite, wo mein Bulwer, Harold. 9 130 Herr, der König, damals Hof hielt. Er brachte ſeine Klage vor. Mein Herr, der König, da er nur die eine Partei hörte, glaubte na⸗ türlich die Bürger im Unrecht, und höchlich empört darüber, daß ſo hohe Perſonen ſeiner eigenen Verwandtſchaft auf ſolche Weiſe belei⸗ digt werden ſollten, ſchickte er nach mir, in deſſen Grafſchaft der Burg⸗ flecken Dover liegt, und befahl mir, die Angreifer des fremden Grafen durch militäriſche Execution zu beſtrafen. Ich berufe mich auf die großen Earls, welche ich vor mir ſehe— auf Euch, erlauchter Leofrie; auf Euch, hochberühmter Siward— welchen Werth würdet Ihr Eurer Grafenwürde beilegen, wenn Ihr nicht das Herz und die Macht beſäßet, die Bewohner Eurer Grafſchaften nach dem ſtrengſten Rechte behandelt zu ſehen?“ „Was war nun das Verfahren, welches ich vorſchlug? Statt militäriſcher Erecution, welche den ganzen Flecken einem gemeinſamen Spruche unterworfen hätte, rieth ich, die Vögte und Gerefas(Schult⸗ heißen) von Dover vor den König zu berufen, damit ſie in der Sache Rechenſchaft ablegen. Mein Herr, der ſonſt immer ſo mild und lieb⸗ reich gegen ſein Volk verfährt, war entweder gegen mich eingenom⸗ men oder von den Ausländern beherrſcht, ſo daß er dieſe Weiſe der Rechtspflege, welche unſere Geſetze, wie ſie unter Edgar und Canut geordnet wurden, beſtimmen— verwarf. Und weil ich nicht wollte— und ich erkläre in Gegenwart Aller— weil ich, Godwin, Wolnoths Sohn, auch wenn ich wollte, den freien Flecken Dover nicht in voller Kriegswehr und mit dem Scharfrichter zu meiner Rechten betreten durfte, ſo veranlaßten dieſe Ausländer meinen Herrn, den König, mich in eigener Perſon(als hätte ich ſelbſt eine Sünde begangen) vor den Rath des Witan zu fordern, der damals zu Glouceſter verſammelt war, das jene Ausländer nicht, wie ich in meiner Demuth glaubte, um mir und meinem Volke von Dover Gerechtigkeit zu erweiſen, ſondern um dieſem Grafen von Boulogne einen Triumph über engliſche Frei⸗ heiten zu ſichern und ſeine Verachtung gegen den Werth eines i⸗ ſchen Lebens zu ſanktioniren, mit ihren Mannen erfüllten.“ 3 vor. te na⸗ aß ſo belei⸗ Zurg⸗ rafen f die ffrie; Ihr Nacht techte Statt amen hult⸗ Sache lieb⸗ nom⸗ um dern frei⸗ gli- 8 131 „Ich zögerte und ward mit Verbannung bedroht; ich waffnete mich zur Selbſtvertheidigung, wie zum Schutze der engliſchen Geſetze, waffnete mich, damit man nicht ferner unſere Landsleute am eigenen Herde ermorde, noch ihre Kinder unter den Hufen fremder Kriegsroſſe zertrete. Mein Herr, der König, verſammelte ſeine Truppen um das Kreuz und die Hämmer. Jene edlen Earls, Siward uud Leofric, un⸗ bekannt mit meinem Falle, ſtießen zu ſeiner Fahne, wie es ihre Pflicht gegen den Baſileus von Britannien erheiſchte; als ſie aber die Sache erfuhren und um mich die Bewohner des Landes, gegen mich die Fremden und Ausländer verſammelt ſahen, da boten ſie mit vollem Rechte ihre Vermittlung an. Ein Waffenſtillſtand ward geſchloſſen, und ich willigte ein, die Sache hier in London dem Spruche eines Witan zu unterwerfen. Meine Truppen wurden entlaſſen, allein die Fremd⸗ linge veranlaßten meinen Herrn, die Seinigen nicht allein beizubehal⸗ ten, ſondern auch ſeinen Heerbann aufzubieten und Bewaffnete von fern und nah, ſogar Verbündete jenſeits der See um ſich zu ſchaaren. Als ich mich zu London nach dem friedlichen Witan umſchaute— was ſah ich? Das größte Kriegsheer, das nur je in dieſem Reiche ver⸗ ſammelt worden, und dieſes Kriegsheer unter der Anführung von nor⸗ männiſchen Rittern. War dies das Meeting, wo mir und den Meinen Gerechtigkeit werden konnte? Und wie lautete gleichwohl mein Aner⸗ bieten? Ich und meine ſechs Söhne wollten erſcheinen, vorausgeſetzt, daß nach unſern Gebräuchen, wovon nur Diebe“ ausgeſchloſſen ſind, die übliche Garantie geleiſtet würde, daß wir frei und wohlbehalten kommen und gehen dürften. Zweimal wurde dieſes Anerbieten ge⸗ macht, zweimal ward es verweigert, und ſo wurden ich und meine Söhne verbannt. Wir gingen— wir ſind wiedergekommen!“ „Und in Waffen,“ murmelte Earl Rolf, Schwiegerſohn jenes * Nach Athelſtans Geſetz durfte Jeder im Frieden zu und von dem Wi⸗ tan gehen, wofern er nicht ein Dieb war.— Wilkins S. 137. 9* 132 Grafen Euſtace von Boulogne, deſſen Gewaltthat Godwin mit Mäßi⸗ gung und Wahrheitsliebe erzählt hatte.* 3 „In Waffen allerdings,“ wiederholte Godwin—„in Waffen gegen die Ausländer, welche das Ohr unſeres gnädigen Königs alſo vergiftet hatten— in Waffen, Earl Rolf, vor deren erſtem Klange die Franken und Ausländer geflohen ſind. Jetzt bedürfen wir der Waf⸗ fen nicht länger; wir ſind unter unſern Landsleuten, und kein Franke ſtellt ſich zwiſchen uns und das ſtets ſanfte, ſtets großmüthige Herz unſeres angebornen Königs.“ „Peers und Proceres, Häuptlinge dieſes Witan, ſeit Menſchen⸗ gedenken vielleicht des größten, der jemals verſammelt wurde, an Euch iſts nun zu entſcheiden, ob ich und die Meinen, oder jene ausländi⸗ ſchen Flüchtlinge die Zwietracht in dieſem Reiche veranlaßt haben; ob* unſere Verbannung gerecht war oder nicht; ob wir bei unſerer Rück⸗ kehr die Macht, die wir beſaßen, mißbraucht haben. An Euern Schwer⸗ tern, die Ihr Miniſter an Eurer Seite tragt, hängt nicht ein einziger Tropfen Bluts, und wenn wir unſer Schickſal Euch unterwerfen, ſo unterwerfen wir es jedenfalls unſern eigenen Geſetzen, unſerm eigenen Stamme. Ich ſtehe hier, um mich bei meinem Eid von jeder That, jedem Gedanken des Verrathes zu reinigen. Unter meinen Peers, den Königsthanen, finden ſich Männer genug, welche meine Ausſage be⸗ ſtätigen und die angeführten Thatſachen, falls ſie nicht hinlänglich be⸗ kannt wären, beweiſen werden. Was meine Söhne betrifft, ſo kann kein Verbrechen gegen ſie geltend gemacht werden, wenn nicht das als Verbrechen gilt, daß ſte mein Blut in ihren Adern tragen— jenes Blut, das ſie von mir zum Schutze des geliebten Landes, in welches ſie zurückgerufen zu werden verlangen, zu vergießen gelernt haben.“ Der Earlz ſchwieg und trat hinter ſeine Kinder. Seine Rede hatte gerade dadurch, daß er ſich jener ſtürmiſchen Beredſamkeit, wie *. Goda, Edwards Schweſter, heirathete in erſter Ehe Rolfs Vater, den Grafen von Mantes, und erſt in zweiter den Grafen von Boulogne. kãßi⸗ affen alſo ange Waf⸗ ranke Herz chen⸗ Euch indi⸗ ; ob kück⸗ wer⸗ ziger „ ſo enen that, den e be⸗ hbe⸗ „ ſo nicht n— „ in lernt Rede wie den 133 man ſie ihm oft als Fehler und Kriegsliſt Schuld gab, gänzlich ent⸗ hielt, einen mächtigen Eindruck auf die Verſammlung gemacht, welche ſchon im Voraus für ſeine Freiſprechung geſtimmt geweſen. Als aber Sweyn, der älteſte ſeiner Söhne, mit irrendem Blicke und un⸗ ſichern Schritten vortrat, da ſchien die große Mehrzahl der Verſamm⸗ lung von einem allgemeinen Schauder ergriffen, und ein Murren des Haſſes und des Entſetzens lief durch die Menge. Der junge Earl bemerkte den Eindruck, den ſeine Gegenwart hervorrief und blieb plötzlich ſtehen. Sein Athem ſtockte; er hob die Rechte, ſprach aber nicht, denn die Stimme erſtarb ihm auf den Lip⸗ pen und ſeine Augen ſtarrten wild, mehr mit flehendem, als heraus⸗ forderndem Ausdruck. Da erhob ſich Alred, der Biſchof, in ſeiner kirchlichen Stola, und ſeine klare weiche Stimme zitterte, indem er ſprach: „Kommt Sweyn, Sohn von Godwin, hierher, um ſeine Un⸗ ſchuld am Verrathe gegen den König zu beweiſen?— Iſt dies der Fall, ſo laßt ihn in Frieden, denn wenn der Witan ſeinen Vater Godwin, den Sohn Wolnoths, von jener Anklage freiſpricht, ſo iſt auch ſein Haus hierin eingeſchloſſen. Aber ich frage im Namen der heiligen Kirche, welche hier durch ihre Väter vertreten iſt: will Sweyn behaupten und ſein Wort eidlich bekräftigen, daß er ſchuldlos des Ver⸗ rathes an dem König der Könige— ſchuldlos an einer Tempelſchän⸗ dung ſey, welche meine Lippen zu nennen ſich weigern? Ach, daß ſo traurige Pflicht mir zufällt— denn ich liebte Dich einſt und liebe Deine Verwandten noch immer: aber ich bin vor Allem Gottes Die⸗ ner“— hier ſchwieg der Prälat und neue Stärke ſammelnd fuhr er in feſtem Tone fort:„ich klage Dich an, Sweyn, den Verbannten, daß Du vom böſen Feinde getrieben, eine Tochter der Kirche— Algive⸗ Aebtiſſin von Leominſter, aus Gottes Hauſe entführt und geſchändet haſt!“ „Und ich,“ rief Siward, in der ganzen Höhe ſeiner Geſtalt ſich aufrichtend,„in der Gegenwart dieſer Edlen, deren ſtolzeſter Titel der 134 eines miles oder Kriegers iſt— ich klage ihn an, Sweyn, den Sohn Godwins, daß er nicht im offenen Felde und Mann gegen Mann, ſondern durch Argliſt und Verrath die feige ſcheußliche Ermordung ſeines Vetters, des Earls Beorn, verſchuldete.“ Dieſe beiden Anklagen, von ſo bedeutenden Männern vorgebracht, äußerten eine furchtbare Wirkung auf die Zuhörer. Während diejenigen, welche Godwins Einfluß fremd waren, das verwüſtete, aber immer noch edle Geſicht ſeines Erſtgebornen mit Blicken des Zornes und der Entrüſtung muſterten, konnten es ſelbſt ſolche, die jenem beliebten Hauſe am eifrigſten ergeben waren, nicht über ſich gewinnen, für deſſen Erben die geringſte Theilnahme an den Tag zu legen; die einen ſahen traurig und zerknirſcht; die andern betrachteten den Angeklagten mit kalten, mitleidloſen Blicken. Nur in den ängſtlichen Mienen der Ceorls am Ende der Halle war vielleicht einiges Erbarmen zu leſen, denn ehe jene Thaten des Verbrechens ausgekommen, war keiner von Godwins Söhnen kühner und geſegneter von Ausſehen, keiner war mehr geehrt und geliebt geweſen, als Sweyn der Verbannte. 4 Die Todtenſtille, welche auf jene Anklagen folgte, war nieder⸗ ſchmetternd in ihrer Wirkung; ſelbſt Godwin hatte ſein Geſicht mit dem Mantel verhüllt, und nur ſeine nächſte Umgebung konnte bemer⸗ ken, wie ſeine Bruſt ſich hob, wie ſeine Glieder zitterten. Die Brü⸗ der waren von dem Angeklagten, der ſelbſt unter ſeinen Verwandten geächtet ſchien, zurückgetreten— nur Harold, ſtark in ſeinem makel⸗ loſen Namen und in der Liebe des Volkes, näherte ſich mit drei Schꝛit⸗ ten dem Verlaſſenen, und ſtellte ſich neben den Bruder, indem er die Richter mit gebietender Stixne betrachtete, ohne jedoch ein Wort zu ſprechen. Durch dieſen einzigen Genoſſen mitten in der feindſeligen Ver⸗ ſammlung ermuthigt, ſprach endlich Sweyn der Earl: „Ich könnte antworten, daß ich für dieſe Beſchuldigungen der Vergangenheit, für Thaten, die ſich von acht langen Jahren her da⸗ tiren, des Königs Gnade und das Recht des Wiedereingeſetzten beſitze, Sohn kann, dung acht, igen, nmer der dauſe rben urig lten, am ehe vins ehrt der⸗ mit ner⸗ Brü⸗ dten akel⸗ rit⸗ die t zu 135 und daß in den Witans, denen ich als Earl präſidirte, noch Niemand zweimal um deſſelben Verbrechens willen gerichtet wurde. So, be⸗ haupte ich, will es das Geſetz in großen wie in kleinen Verſamm⸗ lungen.“ 4 „So iſt's! ſo iſt's!“ rief Godwin, deſſen Klugheit und anſtands⸗ volle Würde in jenem Augenblicke von ſeinem Vaterherzen überwäl⸗ tigt wurde.„Daran halte Dich, mein Sohn!“ „Ich halte mich nicht daran,“ fuhr der junge Carl fort, einen ſtolzen Blick auf die getäuſchten Geſichter ſeiner Feinde werfend;„mein Geſetz iſt hier“— und er ſchlug an ſeine Bruſt—„und das ver⸗ dammt mich, nicht für einmal, ſondern für immer! O Alred! Du mein heiliger Vater, vor deſſen Knieen ich einſt jede meiner Sünden beichtete— ich tadle Dich nicht, daß Du, der Erſte in dieſem Witan, Deine Stimme wider mich erhebſt, obwohl Du weißt, daß ich Algiven von Kindheit an liebte, und daß ſie, deren Herz noch immer mir an⸗ gehörte, in dem letzten Jahre Hardicanuts, da das Recht durch die Macht verdrängt war, der Kirche übergeben ward. Ich ſah ſie wie⸗ der, ſtolz heimkehrend von meinen Siegen über die Walliſerkönige, mit der Macht in meinen Händen und der tobenden Leidenſchaft in meinen Adern. Tödtlich war meine Sünde! doch was verlangte ich? — daß das gezwungene Gelöbniß vernichtet und daß die Geliebte mei⸗ ner Jugend das Weib meiner Mannesjahre werden möchte. Vergib, wenn ich damals nicht wußte, wie ewig jene Bande ſind, welche Eure Kirche um jene Armen ſchlingt, die Ihr wenigſtens zu Märtyrern machen könnt, wenn ſie auch nicht zu Heiligen werden!“ Er ſchwieg und ſeine Lippe krümmte ſich, ſein Auge ſchoß wildes Feuer, denn in jenem Augenblicke kochte ſeiner Mutter Blut in ſeinen Adern, und er dachte und fühlte damals vielleicht wie ein heidniſcher Däne; doch das Aufglimmen des frühern Menſchen war nur vorüber⸗ gehend, und er ſchlug demüthig an ſeine Bruſt, indem er vor ſich hin⸗ murmelte: „Nieder, Satan!— Ja, töͤdtlich war meine Sünde! und ſie 136 traf nur mich, denn Algive war tadellos, wenn auch befleckt; ſie ent⸗ floh— und— ſtarb!“ „Der König war zornig, und der Erſte, der gegen meine Begna⸗ digung ankämpfte, wat Harold, mein Bruder, der jetzt in meiner Buße allein an meiner Seite ſteht. Er ſtritt offen und männlich— ich tadelte ihn nicht; aber Beorn, meinen Vetter, lüſtete nach meiner Graf⸗ ſchaft, und er ſtritt gegen mich argliſtig und insgeheim— ins Geſicht freundlich, hinter meinem Rücken völl Bosheit. Ich entdeckte ſeine Falſchheit und Rollte ihn gefangen halten, aber nicht erſchlagen. Er lag gebunden in meinem Schiff; da höhnte und ſchmähte er mich in mei⸗ ner düſteren Stunde während das Blut der Seekönige in feurigem Strome durch meine Adern rollte. Ich erhob meine Art im. Zorne; meine Leute erhoben die ihre, und ſo— und ſo!— ich wiederhole es — todtlich war meine Sünde!“ 2 „Denkt nicht, daß ich meine Schuld jetzt zu verringern ſuche, wie ich es gethan, als ich dieſes Leben noch lang glaubte und die⸗Macht noch ſüß ſchmeckte. Seit damals habe ich das Schlimmé wie das Gute der Welt, die Stürme und den Sonnenſchein des Lebens kennen gelernt; ich habe als Seekönig die Meere durchfegt, habe mit dem Dänen in ſeinem Geburtslande gefochten und die Krone meinetz Ver⸗ wandten Canut beinahe in Wirklichkeit errungen, wie ich ſie ſhai in meinem Traume erfaßt hatte— dann war ich abermals flüchtig und verbannt, bis ich endlich als Earl über alle Lande vom Iſis bis zum Weyn wieder eingeſetzt wurde. Aber überall, in Reichthum wie in Armuth, im Kriege wie im Frieden, habe ich das blaſſe Antlitz der verführten Nonne und die blutenden Wunden des Ermordeten vor mir geſehen; darum komme ich hieher, nicht um mir eine Verzeihung zu erwirken, die mich doch nie tröſten würde, ſondern um die Sache mei⸗ naer Brüder förmlich von der meinigen zu trennen, wodurch jene nur erniedrigt und beſchmutzt wird— ich komme hieher, um zu erklären, * Genauer benannt die Grafſchaften Orford, Somerſet, Berkſhire, Glou⸗ ceſter und Hereford. 2 che, acht das men dem Ber⸗ n in und zum e in der mir zu nei⸗ nur ren, lou⸗ 137 daß ich Eure Freiſprechung nicht verlange, Euer Urtheil nicht fürchte, weil ich ſelbſt den Spruch über mich fälle. Die Haube der Edlen, die Art des Kriegers lege ich ab für immer; barfuß und allein wandere ich von hier nach dem heiligen Grabe, um dort meine Seele zu erlöſen und mir die Gnade, die nicht von Menſchen kommen kann, zu erflehen! Harold, tritt Du an die Stelle Sweyns, des Erſtgeborenen! und Ihr, Prälaten und Peers, Milites und Miniſter, fällt nun das Urtheil über den Lebenden! Der Euch jetzt verläßt, iſt für Euch und England todt auf immer!“ Nach dieſer Rede zog er ſein Staatsgewand, wie ein Moͤnch ſeine Kutte, über die Bruſt, und weder zur Rechten noch zur Linken ſchauend, ging er langſam durch die ſchweigend zurückweichende Menge die Halle hinab, und der ganzen Verſammlung war, als ob eine Wolke das Antlitz des Tages verlaſſen hätte. Und Godwin ſtand noch immer, das Geſicht mit dem Gewande bedeckt. Und Harold bewachte ängſtlich die Geſichter der Verſammlung und entdeckte nirgends Erbarmen. Und Gurth klammerte ſich an Harold. Und der heitere Leofwine ſah traurig. Und der junge Wolnoth wurde bleich und zitterte. Und der trotzige Toſtig ſpielte mit ſeiner goldenen Kette. Und ein leiſer Seufzer ward gehört und er kam aus der Bruſt Alreds, des milden Anklägers— des ächten aber ſanften Prieſters Gottes. Zwölftes Kapitel. Dieſe merkwürdige Verhandlung endete, wie der Leſer vorausge⸗ ſehen haben wird, mit der förmlichen Erneuerung von Sweyns Aech⸗ tung und der Einſetzung des Earls Godwin und ſeiner übrigen Söhne in ihre Ehren und Ländereien, wobei die ganze Schuld dieſer letzten ——— 138 Uneinigkeit den ausländiſchen Günſtlingen zugeſchoben wurde, gegen welche eine Verbannungsſpruch erging, wovon durch einen eigenen bitteren Spott nur wenige Diener niederen Ranges, wie Humphrey, Cock'sfoot und Richard, Sohn von Scrob, ausgenommen waren. Die Wiedereinſetzung dieſer kräftigen talentvollen Familie in die Gewalt äußerte ihre augenblickliche Wirkung auf die lang erſchlafften Bande des königlichen Regiments. Macbeth hörte und zitterte in ſeinen Moorgründen, Gryffyth von Wales mußte die Feuerbecken auf Klippen und Felſen wieder anzünden; Earl Rolf wurde verbannt, doch blos als Zugeſtändniß gegen die öffentliche Meinung; denn ſeine Ver⸗ wandtſchaft mit Edward genügte, um ihn bald nicht allein in ſein Vater⸗ land, ſondern auch in ſeine Lordſchaft über die Marſchen wieder einzu⸗ ſetzen, und dorthin wurde er jetzt mit angemeſſenen Streitkräften gegen die Wälſchen entſendet, welche die von ihnen verwüſteten Gränzen wieder halb in Beſitz genommen hatten. Sächſiſche Prälaten und Aebte erſetzten die Stelle der normänniſchen Flüchtlinge und Alles war mit der Revolution zufrieden, nur nicht der König, denn dieſer verlor ſeine normänniſche Freunde und gewann dafür ſein engliſches Weib. In Uebereinſtimmung mit den damaligen Gebräuchen wurden von Godwin Pfänder ſeiner Treue und Loyalität verlangt und bewilligt; ſie wurden aus ſeiner eigenen Familie ausgeleſen und die Wahl fiel auf Wolnoth, ſeinen Sohn, und Haco, den Sohn von Sweyn. Weil es nunmehr, da faſt ganz England unter Godwins Herrſchaft zurück⸗ gekehrt war, eine nutzloſe Maßregel geweſen wäre, dieſe Geiſeln Ed⸗ wards Gewahrſam anzuvertrauen, ſo wurde nach längerer Berathung Und doch— wie unſicher iſt es für den Großen, den Niedriggeborenen zu verachten! Dieſer ſelbe Richard, Sohn von Serob, wohlklingender von den Normannen Richard Fitz⸗Scrob genannt, ließ ſich in Herefordſhire nieder (wahrſcheinlich gehörte er zu Rolfs Anhängern) und wurde bei Williams Lan⸗ dung der thätigſte Unterſtützer des Eindringlings in dieſen Diſtrikten. Das Verbannungsurtheil ſcheint ſich auf die Ausländer am Hofe beſchränkt zu ha⸗ ben, denn es iſt klar, daß viele normänniſche Landeigenthümer und Prieſter über das ganze Land zerſtreut blieben. 139 ausgemacht, daß ſie am Hofe des normänniſchen Herzogs ſo lange verweilen ſollten, bis der König, von der Treue der Familie überzeugt, deren Rückberufung genehmigen würde.— Fatale Pfandſchaft und nicht minder fataler Hüter und Mündel! Einige Tage nach dieſer nationalen Kriſe, als Ordnung und Friede in Stadt und Land, in Wald und Graſſchaft zurückgekehrt war, geſchah es, daß Hilda bei Sonnenuntergang allein bei Thors Altar⸗ ſteine ſtand. Trüb und roth verſank die Sonne zwiſchen langen purpurnen Wolkenſtreifen, und außer jener hohen majeſtätiſchen Figur bei dem Runenſteine und dem druidiſchen Cromlech war keine einzige menſch⸗ liche Geſtalt in der weiten Landſchaft zu gewahren. Hilda ſtützte beide Hände auf ihren Seitenſtab oder Wand, wie er in der Sprache des ſkandinaviſchen Aberglaubens genannt wurde, und man ſah ſie in der Haltung einer Forſchenden leicht nach vornen ſich beugen. Schon lange ehe ein menſchliches Weſen auf der Straße unten auftauchte, ſchien ſie die nahenden Fußtritte zu vernehmen; ihre Lebensweiſe hatte wahrſcheinlich ihre Sinne geſchärft, denn ſie lächelte, und mit den Worten:„ehe ſie untergeht!“ veränderte ſie ihre Stellung, lehnte den Arm auf den Altar und ließ das Geſicht auf die Hand niederſinken. Endlich kamen zwei Figuren die Straße herauf; ſie näherten ſich dem Hügel, erkannten die Zauberin und ſtiegen langſam den Abhang hinan. Der Eine trug die Kutte eines Pilgrims und ſeine zurückge⸗ ſchlagene Kaputze zeigte ein Geſicht, worin menſchliche Schönheit und Macht den Verheerungen menſchlicher Leidenſchaft unterlegen waren. Der, auf den der Pilgrim leicht ſich ſtützte, war einfach und ohne die Hals⸗ oder Armſpange der vornehmen Thane gekleidet, obwohl ſeine Haltung voll Majeſtät war und ſeine Stirne den Ausdruck milder Herr⸗ ſchaft an ſich trug. Einen größeren Kontraſt konnte man nicht wohl finden, als er zwiſchen dieſen beiden Männern trotz ihrer Familienähnlichkeit beſtand; denn das Geſicht des zuletzt Genannten— wenn auch eben damals ſehr 140 bekümmert und auch gewöhnlich nicht ohne eine gewiſſe Melancholie — war durch ſeine Ruhe und Sanſtmuth wunderbar imponirend. Keine verzehrende Leidenſchaft hatte eine Wolke oder tiefe Furche darin hin⸗ terlaſſen, vielmehr wurde die glatte Lieblichkeit der Jugend durch die bewußte Entſchloſſenheit des Mannes nur noch mit neuer Würde be⸗ gleitet. Das lange üppige Haar von ſchönem Braun, von dem letzten Sonnenſtrahl mit einem Goldhauche überzogen, war über den Schläfen getheilt und ſiel in dicken Locken bis halb über die Schulter; die Aug⸗ braunen dunkler von Farbe, fein gezogen und ſchön geſtreift; die fe⸗ ſten Züge nicht weniger männlich, nur nicht ſo ſtark markirt wie die des Normanns; die Wange, von Wind und Wetter gebräunt, ſogar unter der bleichen Broncefarbe ihrer ſonnverbrannten Oberfläche noch immer eine Spur von jugendlicher Blüthe zeigend; die Geſtalt ſchlank, nicht gi⸗ gantiſch, kräftig mehr durch das vollkommene Ebenmaß und athletiſche Gewöhnung als durch Breite und Maſſigkeit— waren lauter Charak⸗ terzüge ſächſiſcher Schönheit auf ihrer höchſten reinſten Stufe. Was aber den Ebengenannten beſonders auszeichnete, war ſeine eigenthüm⸗ liche Würde, ſo einfach, ſo geſetzt, ohne daß der Pomp ſie zu verwirren noch die Gefahr ſie zu ſtören ſchien— eine Würde, welche vielleicht aus ſtarker Zuverſicht entſpringt und mit der Selbſtachtung in Verbindung ſteht— eine Würde, wie ſie der Indianer und der Araber beſitzt, und wie ſie nur in demjenigen Geſellſchaftszuſtande einheimiſch ſeyn kann, wo jeder Mann eine Macht für ſich ſelbſt bildet. Der lateiniſche Tra⸗ giker hat dieſe Stimmung ziemlich genau getroffen, wenn er in die ſchönen Worte ausbricht: „Rex est qui metuit nihil Et hoc regnum sibi quisque det.“* So ſtanden die Brüder Sweyn der Geächtete und Harold der Earl vor der berühmten Prophetin. Sie betrachtete Beide mit feſtem * Seneca: König iſt wer Niemand fürchtet; Solches Reich ſich jeder ſchaffe. — holie Keine hin⸗ ih die e be⸗ ktzten lläfen llug⸗ e fe⸗ e des nter reine ht gi⸗ iſche arak⸗ Was hüm⸗ irren taus dung und ann, Tra⸗ n die der ſtem 141 Blick, der ſich allmälig faſt bis zur Zärtlichkeit ſänftigte, als er endlich auf dem Pilgrime haften blieb. „So ſoll ich den Erſtgebornen Godwins des Reichbeglückten wie⸗ derſehen;“ ſagte ſie endlich—„ihn, für den ich ſo oft den Donner befragt und die untergehende Sonne bewacht habe? für den meine Runen auf die Rinde der Eſche eingegraben und die Scin⸗läca“ mit bleichem Glanze aus den Gräbern der Todten aufgerufen wurde?“ „Hilda,“ ſprach Sweyn,„ich will Dir jetzt die Saaten, die Du ausgeſtreut, nicht zum Vorwurf machen: die Ernte iſt geſammelt und die Sichel zerbrochen. Schwöre ab Deine ſchwarze Galdras und kehre gleich mir zu dem einzigen Lichte der Zukunft zurück, das aus dem Grabe des göttlichen Sohnes heraufdringt.“ Die Prophetin beugte das Haupt und erwiederte: „Glaube kommt wie der Wind. Kann der Baum zum Winde ſagen: weile auf meinen Zweigen?' oder der Menſch zum Glauben: Falte deine Schwingen über meinem Herzen!' Gehe dahin, wo Deine Seele Troſt finden kann, denn Dein Leben iſt aus ſeiner irdiſchen Bahn gewichen, und wenn ich auch Dein Schickſal leſen wollte— die Runen ſind leer, und die Welle ſchlummert unbewegt im Brunnen. Gehe, wohin die Fylgia⸗ Dich führt, welche Allvater jedem Sterblichen bei ſeiner Geburt mitgibt. Du begehrteſt Liebe, welche für Dich ver⸗ ſchloſſen ſchien, und ich prophezeite Dir, daß Deine Liebe aus dem Beinhauſe erwachen würde, worin der Glaube, welcher dem unſerer Väter folgt, das Leben in ſeiner Blüthe zu begraben pflegt! Du be⸗ gehrteſt ferner den Ruhm des Jarls und Wikingers und ich ſegnete Deine Art für Deine Hand und webte das Segel für Deine Maſten. So lange der Menſch einen Wunſch hegt, kann Hilda Macht behal⸗ * Scin⸗läca, wörtlich ſcheinender Leichnam— eine Art von Geiſtererſchei⸗ nung, durch Hexen oder Zauberer angerufen.— Siehe Sharon Turner über den Aberglauben der Angelſachſen, II. Bd. Kap. 14. ** Galdra— Zauberkunſt. zen Fylgia— Schutzgottheit. Siehe Note F. ten über ſein Schickſal; ſobald aber das Herz in Aſche liegt, habe ich blos einen Leichnam, der bei der Berührung des Zaubers in ſein Grab zurückſinkt. Doch tritt mir näher, o Sweyn, deſſen Wiege ich beim Geſange meiner Reime ſchaukelte.“ Der Geächtete wandte das Geſicht bei Seite und gehorchte. Sie ſeufzte, als ſie ſeine willenloſe Hand erfaßte und die Linien der innern Fläche unterſuchte, worauf ſie gleichſam in unwiderſtehlichem Drange der Zärtlichkeit und des Mitleids ſeine Kaputze auf die Seite ſchob und ihn auf die Stirne küßte. „Dein Faden iſt geſponnen, und glücklicher als die Vielen, die Dich ſchmähen und die Wenigen, die Dich beklagen, wirſt Du gewin⸗ nen, wo ſie verlieren. Der Stahl ſoll Dich nicht treffen, der Sturm Dir nichts anhaben und das Ziel, nachdem Du dürſteſt— Deine Schritte ſollen es erreichen. Die Nacht heiligt die Ruine— Friede ſey mit den zerſtreuten Trümmern des Tapfern!“. Der Geächtete hörte regungslos zu; als er ſich aber nach Harold umwandte, der ſein Geſicht mit den Händen bedeckte, aber nicht verhin⸗ dern konnte, daß die Thränen durch die gefalteten Finger hervor⸗ drangen— da wurden auch ſeine wilden, glänzenden Augen feucht, indem er ſprach: „Nun lebe wohl, mein Bruder, denn keinen weitern Schritt ſollſt Du mit mir wandern.“ Harold fuhr zuſammen, öffnete ſeine Arme, und der Geächtete ſank an ſeine Bruſt. Nur ein einziger Seufzer ließ ſich vernehmen und ſo dicht lagen ſie Bruſt an Bruſt, daß man nicht ſagen konnte, aus weſſen Herz er gekommen. „Und Haco— mein Sohn— mutter⸗ und vaterlos— eine Gei⸗ ſel im Lande des Fremden! Du wirſt ſein gedenken— wirſt ihn be⸗ ſchützen; ſey Du ihm Mutter und Vater in künftigen Tagen und ſo mögen die Heiligen Dich ſegnen!“ 4 Mit dieſen Worten ſprang er den Hügel hinab. Harold eilte ihm nach; allein Sweyn rief ihm klagend entgegen:, e ich Grab beim linien chem Seite „ die kwin⸗ bturm hritte mit harold rhin⸗ ervor⸗ eucht, ſollſt chtete hmen „aus Gei⸗ n be⸗ nd ſo ihm 143 „Iſt das Dein Verſprechen? Bin ich ſo verloren, daß ſelbſt Dei⸗ nes Vaters Sohn mir die Treue bräche?“ Bei dieſem rührenden Vorwurf hielt Harold ſtille und der Ge⸗ ächtete zog allein ſeines Weges weiter. Als der letzte Schimmer ſeiner Geſtalt hinter der Straßenbiegung auf derſelben Stelle verſchwand, wo am zweiten Mai der normänniſche Herzog und der ſächſiſche König Seit’ an Seite erſchienen waren, nahm das kurze Zwielicht plötzlich ein Ende und hinter dem fernen Waldlande ſtieg der Mond auf. Harold ſtand an den Boden gewurzelt und noch immer nach jener Stelle hinſehend, als die Vala ihre Hand auf ſeinen Arm legte. „Siehe, wie der Mond in dem trüben Düſter aufſteigt, ſo erhebt ſich auch Harolds Schickſal gleich jenem kurzen menſchlichen Schatten, der zwiſchen Licht und Finſterniß ſchwebend in Nacht verrinnt. Du biſt nun der Erſtgeborne eines Hauſes, das die Hoffnungen der Sachſen mit den Geſchicken der Dänen vereint.“ „Glaubſt Du,“ erwiederte Harold mit ernſter Faſſung,„ich könne mich über eines Bruders Weh und Verbannung erfreuen?“ „Nicht jetzt, jetzt noch nicht wird ſich die Stimme Deiner wahren Natur vernehmen laſſen; aber die Wärme der Sonne bringt den Don⸗ ner und die Glorie des Glücks weckt den Sturm der Seele.“ „Baſe,“ ſagte Harold mit leichtgekrümmter Lippe,„bei mir wenig⸗ ſteus ſind Deine Prophezeihungen immer wie die Seufzer der Luft vorüber⸗ gegangen; weder mit Entſetzen noch mit Glauben gedenke ich der Zau⸗ ber und Anrufungen, ebenſo wie ich über den Exorcismus des Glatz⸗ kopfs und die Märchen der Saga lächle. Ich habe Dich nicht gebeten, mir meine Art zu ſegnen oder mein Segel zu weben; kein Runenreim ſteht auf Harolds Schwertplatte. Ich überlaſſe mein Schickſal meinem eigenen kühlen Gehirn und ſtarken Arme— zwiſchen Dir und mir be⸗ ſteht kein Band, o Vala!“ Die Prophetin lächelte ſtolz. „Und was, denkſt Du, Du Zuverſichtiger! was, denkſt Du, iſt wohl das Loos, das Dein Gehirn und Deine Arme erringen werden?“ 144 „Das Loos, das ich bereits errungen habe— darüber hinaus ſehe ich Nichts: das Loos eines Mannes, der ſich gelobt hat, ſein Land zu ſchützen, Gerechtigkeit zu lieben und Recht zu thun.“ Der Mond ſchien voll auf das heroiſche Antlitz des jungen Earls und in ſeinen Zügen war nichts zu gewahren, was dieſe edlen Worte Lügen geſtraft hätte. Die Prophetin ſchaute ihm ernſt in das ſchöne Geſicht und ſagte mit einem Flüſtern, das trotz ſeiner für die damalige Zeit auffallend ſkeptiſchen Vernunft des Sachſen Herz dennoch durch⸗ bebte: „Unter dieſem ruhigen Auge ſchlummert die Seele des Gebieters und unter dieſer hohen reinen Stirne arbeitet der Genius, der die Kö⸗ nige des Nordens in den Stammbaum Deiner däniſchen Muttereeinſetzte.“ „Stille!“ rief Harold beinahe wild und fuhr dann mit leiſem Lächeln fort, wie wenn er ſich der Schwäche dieſes augenblicklichen Aer⸗ gers ſchämte:„laß uns nicht von ſolchen Dingen reden, ſo lange mein Herz noch traurig und ferne von weltlichen Gedanken bei meinem Bru⸗ der, dem einſamen Geächteten weilt. Nacht iſt über uns und die Wege ſind noch unſicher, denn des Königs Truppen, in Haſt entlaſſen, beſtan⸗ den großentheils aus Schaaren, welche im Frieden zu Räubern wer⸗ den. Allein und bis auf meinen Ateghar unbewaffnet, möchte ich Dich um eine Nachtherberge unter Deinem Dache bitten und“— hier ſtockte er und ein leichtes Erröthen kam über ſeine Wange—„und ich moͤchte wohl auch ſehen, ob Deine Enkelin noch ebenſo ſchön iſt, als da ich ihr zum letztenmal in die blauen Augen ſchaute, welche damals über Harold weinten, ehe er in die Verbannung zog.“ „Ihren Thränen kann ſie nicht gebieten, ſo wenig als ihrem Lä⸗ cheln,“ erwiederte die Vala feierlich;„denn jene fließen aus der Quelle Deiner Sorgen und dieſes iſt der Wiederglanz Deiner Freuden— Dein Schickſal und das Ihre ſind wie eins, und ebenſo vergeblich, als einer ſeinem eigenen Schatten entrinnen möchte, würde ſich die Seele von der Seele losreißen, welche Skulda an ihren Spruch gefeſſelt hat.“ Harold gab keine Antwort; aber ſein ſonſt langſamer Schritt s ſehe ind zu Earls Worte ſchöne nalige durch⸗ vieters ie Kö⸗ etzte.“ leiſem n Aer⸗ e mein Bru⸗ Wege eſtan⸗ wer⸗ h Dich ſtockte möͤchte da ich s über m Lä⸗ uelle Dein einer gle von t. chritt 145 wurde flink und behend und dießmal hatte ſeine Vernunft nichts gegen die Orakel der Vala einzuwenden. Dreizehntes Kapitel. Beim Betreten der Halle fand Hilda die verſchiedenen Müßig⸗ gänger, die ſich auf ihre Koſten zu nähren pflegten, im Begriffe, ſich theils in ihre benachbarten Wohnungen, theils in die Schlafgemächer der alten römiſchen Villa zurückzuziehen, worin jedoch nur die Mit⸗ glieder des Haushaltes zugelaſſen wurden. Es war nicht Sitte des ſächſiſchen Edlen, wie dieß bei den Nor⸗ mannen der Fall war, aus ſeiner Gaſtfreundſchaft Nutzen zu ziehen und ſeine Gäſte als bewaffnete Anhänger zu betrachten. Freigebig gleich dem Bretonen ließ er das Mahl ſeines Tiſches und den Schutz ſeines Daches Jedermann ohne Unterſchied und ohne alle Selbſtſucht zukommen, und ſo konnte man faſt buchſtäblich ſagen, daß die Thüren der Wohlhabenderen vom Morgen bis zum Abend jedem Fremden offen ſtanden. Als Harold der Vala durch das weite Atrium folgte, wurde ſein Geſicht erkannt und ein begeiſterter Willkommenruf begrüßte den be⸗ liebten Earl. Die einzigen Anweſenden, die nicht in denſelben ein⸗ ſtimmten, waren drei Mönche aus einem benachbarten Kloſter, welche aus Neigung für ihr Ale und ihre Speiſen, wie aus Dankbarkeit für ihre reichen Geſchenke an das Kloſter vor den vermutheten Zauberkün⸗ ſten der Morthwyrtha ein Auge zudrückten. „Einer aus dem gottloſen Hauſe, Bruder,“ flüſterte einer der Mönche. „Ja, Spötter und Verächter ſind Godwin und ſeine weltlichen Söhne,“ gab der Andere zur Antwort. Und alle drei Mönche ſeufzten mit ſchelen Blicken, als die Thüre hinter der Wirthin und ihrem ſtattlichen Gaſte zufiel. Bulwer, Harold. 10 146 Zwei hohe und nicht ungraziöſe Lampen erhellten daſſelbe Gemach, worin wir Hilda dem Leſer zum erſten Male vorgeführt haben. Die Hausmägde ſaßen noch immer an ihren Spindeln und flink ſchoß das weiße Gewebe, als die Gebieterin eintrat. Sie blieb ſtehen und ihre Stirne runzelte ſich, als ſie die Arbeit betrachtete. „Erſt drei Viertel fertig?“ rief ſie;„webt raſch und webt feſt.“ Ohne die Mädchen oder ihr Geſchäft zu beachten, ſchaute ſich Harold forſchend um und aus einem Winkel neben dem Fenſter ſprang ihm Editha mit einem Freudenrufe und einem vor Wonne glühenden Geſichte wie einem geliebten Bruder entgegen, blieb aber plötzlich nur wenige Schritte vor dem edlen Gaſte ſtehen und ihre Blicke ſenkten ſich zu Boden. Harold hielt den Athem an und ſchwieg voll Bewunderung. Das Kind, das er von ſeiner Wiege an geliebt hatte, ſtand vor ihm als Jungfrau, und dieſe war auch wirklich ſeit wir ſie zum letzten Male geſehen haben in dem Zwiſchenraume zwiſchen Frühling und Herbſt ebenſo raſch herangereift, wie die unterdeſſen verſtrichene Zeit die Früchte der Erde gezeitigt hatte; ihre Wange war mit himmliſchem S Roſenroth angehaucht und ihre Geſtalt zu jener namenloſen Grazie gerundet, welche uns ſagt, daß die Kindheit vorüber ſey.„ Er ging auf ſie zu und nahm ihre Hand; aber zum erſten Male er in ihrem Leben begrüßten ſie ſich nicht mit gegenſeitigem Kuſſe. T „Du biſt kein Kind mehr, Editha,“ ſagte er unwillkührlich;„gleich⸗ tl wohl bitte ich Dich, einen Reſt der alten kindlichen Liebe für Harold K in Deinem Herzen zu bewahren.“ Editha's reizende Lippen lächelten ſanft, ſie ſchlug ihre Augen zu ſe ihm empor und unſchuldige Zärtlichkeit ſprach aus ihren Freuden⸗ 5 thränen. Nurwenige Wortewurden gewechſelt, bis Harold ſich in das voll Haſt für ihn zubereitete Zimmer zurückzog. Hilda ſelbſt geleitete ihn an eine 3 rohe Leiter, welche, offenbar von einem ſächſiſchen Lord in das alte rö⸗ 1 d miſche Gebäude eingefügt, nach einem Zimmer oben führte. Die Lei⸗ 147 nach, ter ſelbſt zeugte von der Vorſicht eines Mannes, der mitten in Gefah⸗ Die ren zu ſchlafen gewohnt iſt, denn ſie konnte durch eine Art Durchlaß im 6 das Zimmer nach Belieben hinaufgezogen werden, ſo daß ſie einen ſchwar⸗ ihre zen tiefen Abgrund unter ſich ließ, der bis auf die Grundmauern des Hauſes hinabreichte. Das Zimmer ſelbſt war jedoch mit allem Luxus ſt.“ der damaligen Zeit ausgeſtattet; die Bettſtelle war aus ſeltenem Holze e ſich eigenthümlich geſchnitzt und an der Wand hing eine Trophäe von Waf⸗ prang fen, welche trotz ihres hohen Alters ſorgfältig polirt ſchienen. Da war enden der kleine runde Schild und Speer des früheren Sachſen mit ſeinem h nur viſirloſen Helm und dem kurzen krummen Meſſer oder Sär, woher n ſich einige Alterthümler den berühmten Namen der Sachſen herleiten wollen. Editha, welche ihrer Ahne folgte, bot dem Gaſte auf einem gol⸗ Das denen Teller gewürzte Weine mit Eingemachtem, während Hilda ſtumm n als und unbemerkt ihren Seitenſtab über das Bett ſchwang und ihre blaſſe Male Hand auf das Kiſſen legte. derbſt„Ei nein, meine ſüße Baſe,“ bemerkte Harold lächelnd,„das iſt t die nicht einer unſerer alten Gebräuche, ſondern eher von den fränkiſchen ſchem Sitten an König Edwards Hof übergegangen.“ razie„O nein, Harold,“ gab Hilda raſch ſich umwendend zur Antwort: „ſo war immer die Ceremonie, die dem Sachſenkönige gebührte, wenn Male er in eines Unterthanen Hauſe ſchlief, bis unſere Stammverwandten die Dänen das unkönigliche Trinkgelage einführten, welches König wie Unter⸗ leich⸗ than unfähig machte, den Becher zu halten oder zu leeren, wenn der arold König zur Ruhe aufbrechen wollte.“ „Du tadelſt zu ſcharf den Stolz von Godwins Hauſe, wenn Du n zu ſeinem Sohne das Ceremoniell eines Königs erweiſeſt, o Hilda! iden⸗ Doch alſo bedient, beneide ich keinen König, meine ſchöne Editha.“ Haſt* Es iſt eine beſtrittene Frage, ob der Sär der früheſten ſächſiſchen Er⸗ oberer eine lange oder kurze krumme Waffe, ja ſogar ob er gekrümmt oder gerad geweſen: der Verfaſſer hält es mit der Behauptung, daß der Särx eine e rö⸗ kurze krumme Waffe und leicht unter dem Mantel zu verbergen war, ähnlich Lei⸗ denjenigen, wie ſie auf dem Banner der Oſtſachſen abgebildet ſind. 10* eine 148 Er nahm den Becher, hob ihn an ſeine Lippen und als er ihn wie⸗ der auf das kleine Nebentiſchchen ſtellte, hatten die Frauen das Zimmer verlaſſen und er war allein. Er ſtand einige Minuten in Träumereien verſunken und brach ungefähr in folgendes Selbſtgeſpräch aus: „Und warum ſagte die Vala, daß Edithens Schickſal mit dem mei⸗ nigen verwebt ſey? Und warum glaubte ich der Vala, warum ſegnete ich ſie, da ſie alſo ſprach? Kann Editha jemals mein Weib werden? Der Möoͤnchkönig beſtimmt ſie fürs Kloſter— wehe, o wehe!— Sweyn, Sweyn, laß Dein Schickſal mir zur Warnung gereichen! Und wenn ich ihnen entgegenhalte: Alter und Gram mögt ihr dem Kloſter, Ju⸗ gend und Geſundheit aber dem Herde des Mannes überlaſſen'— was werden die Mönche antworten? ditha kann nicht Dein Weib werden⸗ Sohn von Godwin, denn ſo ſchwer auch Eure Blutsverwandtſchaft zu verfolgen, ſo ſteht Ihr doch in den verbotenen Kirchengraden. Editha mag eines Andern Weib werden, wenn Du willſt— eine unfruchtbare Verlobte der Kirche oder Mutter von Kindern, die nicht Harolds Na⸗ men als den ihres Vaters liſpeln?“ Verflucht ſeyen dieſe Mönche mit ihren Mummereien, verflucht der Krieg, den ſie gegen menſchliche Her⸗ zen führen!“ Seine ſchöne Stirne wurde finſter und wild wie die des normän⸗ niſchen Herzogs, wenn er im Zorne, und hätte man ihn in jenem Au⸗ genblicke geſehen, man würde den ächten Bruder Sweyns in ihm ent⸗ deckt haben. Mit der gewaltigen Anſtrengung eines an Selbſtbeherr⸗ ſchung gewöhnten Mannes ſolche Gedanken abbrechend, trat er an das ſchmale Fenſter und öffnete den Laden, um hinauszuſchauen. Der Mond ſchwamm in ſeinem vollen Glanze und betüpfelte die Oeffnungen des regungsloſen in tiefe Schatten gehüllten Waldes mit ſeinem Silberlichte. Geiſterhaft erhoben ſich auf dem Hügel die grauen Säulen des myſtiſchen Druidentempels— ſchwarz und undeutlich der blutige Altar des Kriegsgottes. Er eben feſſelte ſein Auge, denn was in einer Landſchaft am ſchwächſten abgegrenzt iſt, hat immer den tiefſten Reiz für das Auge. 149 Während er hinſchaute, glaubte er ein bleiches, phosphoriſches der Licht aus der Mündung beim Bautaſteine an dem teutoniſchen Altar eien hervorbrechen zu ſehen. Er glaubte, denn er war nicht ſicher, ob es nicht ein Trug ſeiner Fantaſie ſey. Indem er noch immer hinſtarrte, met⸗ ſchien mitten in dieſem Lichte einen Augenblick lang eine Geſtalt von mete übermenſchlicher Höhe emporzudaͤmmern— es war die Geſtalt eines Der Mannes, in Waffen wie ſie neben ihm an der Wand hingen gehüllt, auf einen Speer ſich lehnend, deſſen Spitze hinter den Schäften des Cromlech ſich verlor. Das Geſicht hob ſich in dieſem Augenblicke deut⸗ & lich gegen die umgebende Beleuchtung ab— ein Geſicht, groß wie das dhas der früheren Götter, aber mit unausſprechlich feierlichem Weh erfüllt. den, Er trat einen Schritt zurück, fuhr mit der Hand über die Augen t zu und ſchaute wieder hin— Licht und Geſtalt waren verſchwunden und itha nichts mehr zu ſehen, als die grauen Säulen und der düſtere Tempel. hare Der Earl belächelte ſeine eigene Schwäche; er ſchloß den Laden und Na⸗ entkleidete ſich, kniete dann einen Augenblick neben dem Bette nieder und ſein Gebet war kurz und einfach, ohne die Bekreuzung und jene dn anderen in ſeinem Zeitalter üblichen Zeichen. Er erhob ſich, löſchte die 5 Lampe und warf ſich aufs Bett. din⸗ Jetzt nach Entfernung des Lampenlichtes ſchien der Mond klar Au⸗ und hell in das Zimmer, auf die Waffentrophäen und auf Harolds ent⸗ Geſicht, indem er ſeine ganze Helle auf die Kiſſen warf, worüber Vala erre ihren Zauber ausgegoſſen hatte. Und Harold ſchlief— ſchlief lange— das ſein Antlitz ruhig, ſein Athem regelmäßig; doch ehe der Mond ſank und die Dämmerung emporſtieg, wurden ſeine Züge finſter und un⸗ die ruhig, der Athem ſchien gehemmt, die Stirne war gerunzelt und die mit Zähne übereinander gepreßt. uen. der— denn den 150 Viertes Buch. Der Heidenaltar und die ſächſiſche Kirche. Vierzehntes Kapitel. Während Harold ſchläft, wollen wir hier eine Pauſe machen, um zum erſtenmale die Größe des Hauſes zu überſehen, deſſen Erbe er durch Sweyns Verbannung geworden war. Godwins Schickſal war der Art geweſen, wie es nur ein Mann, der in den Künſten ſeiner Art im höchſten Grade bewandert iſt, auf dieſe Weiſe zu geſtalten vermochte. Wiewohl die Fabel, welche einige moderne Hiſtoriker von großen Na⸗ men aufs Detailirteſte wiederholt haben— wornach er anfänglich der Sohn eines Kuhhirten geweſen— durchaus grundlos iſt,“ und er ohne Zweifel einem Hauſe angehörte, das ſchon in der Zeit ſeiner Ju⸗ gend allvermögend war, ſo iſt er doch ohne Frage als der Gründer ſeiner eigenen Größe zu betrachten. Daß er in der früheren Periode ſeiner Laufbahn ſo hoch emporſtieg, war minder merkwürdig, als daß er ſich ſo lange in dem Beſitze einer mehr als königlichen Macht und Stellung erhielt. Gleichwohl war, wie geſagt, Godwin mehr durch ſeine Talente als Regent, denn als Kriegführer ausgezeichnet, und das iſt es eben, was ihm in unſern Augen jenes beſondere Intereſſe verleiht, das ſich an ſolche Perſonen feſſelt, die unſere moderne Bildung mit der der Vergangenheit verknüpfen, denn in jener düſtern Welt vor dem nor⸗ mäaͤnniſchen Einfalle vermögen wir nicht anders als mit Verwunde⸗ rung eine Begabung zu entdecken, welche in der Regel einen Mann des Friedens in einem civiliſirten Zeitalter auszeichnet. Sein Vater Wolnoth war Childe*s der Südſachſen oder Than * S. Note G. 2* Sächſiſche Chronik.— Florence Wigorn. Sir F. Palgrave 151 von Suſſex geweſen, eine Neffe von Edrie Streone, Earl von Mercia, dem fähigen aber charakterloſen Miniſter Ethelreds, der ſeinen Herrn an Canut verrieth, von dem er, nach der allgemeinen Annahme, mit vollem Rechte wenn auch nicht gerade geſetzmäßig, zur Belohnung ſeiner Verrätherei erſchlagen wurde. „Ich verſprach, Dein Haupt höher als das aller Andern zu er⸗ heben, und ich halte Wort,“ ſprach der däniſche König und ließ das rumpfloſe Haupt über den Thoren von London aufpflanzen. Wolnoth war mit ſeinem Oheim Brightrie, Edrics Bruder, im Streite gelegen, hatte vor Canuts Ankunft als Meerkönig Seeräube⸗ rei getrieben, hatte zwanzig königliche Schiffe zum Abfalle vermocht, die ſüdlichen Küſten geplündert, die königliche Marine niedergebrannt, bis endlich ſeine Geſchichte in den Chroniken verſchwindet. Unmittel⸗ bar darauf machte jedoch die große, unter dem Namen Thurkells Heer bekannte Armee ihren Einfall an der Küſte und ſetzte ſich an der Themſe feſt; ihre ſiegreichen Waffen hatten ihr bald faſt das ganze Land unter⸗ worfen; der Verräther Edrie ſtieß mit mehr als 10,000 Mann zu ihr und es iſt ziemlich wahrſcheinlich, daß Wolnoths Schiffe ſchon vorher mit der Armada der Dänen freundſchaftlich verſchmolzen waren. Iſt dieſe höchſt plauſible Annahme richtig, ſo hätte Godwin noch als ganz junger Menſch ſeine Laufbahn im Dienſte Canuts angetreten und als Sohn eines furchtbaren Häuptlings von Thansrange, als Verwandter von Edrie, der trotz ſeiner Verbrechen noch immer eine Parthei für ſich hatte, welche zu verſöhnen durch Klugheit geboten ſchien, war Godwins Gunſt bei Canut, der ſchon aus Politik jeden fähigen ſäch⸗ ſiſchen Anhänger auszeichnen mußte— nichts weniger als überraſchend. ſagt der Titei„Childe“ ſey gleichbedeutend mit dem eines„Atheling“. Mit jener merkwürdigen Unterſcheidungsgabe, welche ihn bei widerſprechenden An⸗ gaben in der Regel zu einer ſo unſchätzbaren Autorität macht, verwirft Sir Palgrave mit ſtiller Verachtung die abgeſchmackte Fabel von Godwins Stel⸗ lung als Hirtenknecht, zu deren Wiederholung hochberühmte Namen wie Thierry und Sharon Turner ſich durch ſo trügeriſche oberflächliche Zeugniſſe verleiten ließen. 152 Wolnoths Sohn begleitete Canut bei ſeinem Kriegszuge auf das ſkandinaviſche Feſtland, wo ein ausgezeichneter Sieg, von Godwin entworfen und einzig von ihm und ſeinen ſächſiſchen Heerhaufen ohne Hilfe der Dänen erfochten, die merkwürdigſte Kriegsthat ſeines Lebens ausmachte und ſeinen ſteigenden Glücksſtern befeſtigte. Edrie hatte trotz der ihm nachgeſagten niederen Geburt die Schwe⸗ ſter des Königs Ethelred geheirathet, und da Godwins Ruhm ſich immer mehr vergrößerte, ſo nahm Canut keinen Anſtand, dem beredten Günſtling, der wahrſcheinlich einen großen Theil der ſächſiſchen Be⸗ völkerung in ihrer Treue erhielt, ſeine eigene Schweſter zur Frau zu geben. Nach dem Tode dieſes ſeines erſten Weibes, das ihm nur einen Sohn gebar, der durch Zufall einem frühzeitigen Tode anheimſiel, fand er in demſelben Königshauſe eine zweite Gattin, und die Mutter ſeiner ſechs Söhne und zwei Töchter war die Nichte ſeines Königs und Schweſter von Sweyn, der ſpäter den Thron von Dänemark einnahm. Nach Canuts Tode trat die Vorliebe der Sachſen für den ſächſi⸗ ſchen Königsſtamm deutlich genug hervor; aber war es nun Politik oder Grundſatz bei Godwin, ſich immer nach dem Volkswillen, wie er ſich in der Nationalverſammlung ausſprach, zu richten— er wußte ihm jedenfalls ſeine eigenen Neigungen unterzuordnen, als der Witan Canuts Sohne Harold vor Ethelreds Erben den Vorzug einräumte. Die große Macht der Dänen und die freundſchaftliche Vermiſchung, welche unterdeſſen ihren Stamm mit dem der Sachſen verſchmolzen hatte, leuchten uns aus dieſer Entſcheidung klar genug entgegen, denn nicht allein, daß Earl Leofric von Mercia, obwohl ſelbſt Sachſe, ſo gut wie der Earl von Northumbrien mit den Thanen nördlich von der Themſe ſich für Harold, den Dänen, erklärte— auch die Bürger von London traten auf dieſelbe Seite, und Godwin repräſentirte nichts als die An⸗ ſicht ſeines eigenen Fürſtenthums Weſſexr. * Sie hieß Thyra und war bei den Sachſen ſehr unbeliebt. Sie wurde beſchuldigt, daß ſie junge Engländerinnen als Sklavinnen nach Dänemark ſchicke, und ſoll vom Blitze erſchlagen worden ſeyn. 253 153 auf Von dieſer Zeit an identificirte ſich Godwin ganz mit der engliſchen dwin Sache und Viele, die ihn ſogar an der Ermordung oder wenigſtens ohne dem Verrath von Edwins Bruder Alfred theilweiſe ſchuldig glaubten, bens ſuchten ihn dadurch zu entſchuldigen, daß er Alfreds ausländiſches Ge⸗ folge, wonach es ausſah, als ob er ſeinen Thron mehr den Schwertern hwe⸗ der Normannen als den Herzen der Engländer verdanke, nicht anders ſich als mit Widerwillen habe betrachten können. 8 dten Hardicanut, Harolds Nachfolger,(deſſen Gedächtniß er verab⸗ Be⸗ ſcheute, deſſen Leichnam er ausgraben und in einen Sumpf ſchleudern u zu ließ,)** war durch den einmüthigen Beſchluß der engliſchen wie der inen däniſchen Thane erwählt worden und trotz Hardicanuts anfänglicher ffiel, heftiger Anklagen wider Godwin blieb der Earl dennoch während ſei⸗ utter ner ganzen Regierung ſo mächtig, wie er während der zwei vorange⸗ nigs gangenen geweſen war. ihm. Als Hardicanut bei einem Hochzeitsbankette todt niederfiel, war ch ſi⸗ es Godwin, der Edward auf den Thron ſetzte, und er muß entweder blitik ſeiner Unſchuld an Alfreds Ermordung gewiß, oder ſeiner eigenen un⸗ ſich verantwortlichen Macht verſichert geweſen ſeyn, als er zu dem Prinzen, ihm der in der Furcht vor den nahenden Schwierigkeiten den Earl knieend nuts um Unterſtützung ſeiner Thronentſagung und ſeiner Rückkehr in die Die Normandie bat— die berühmten Worte ſprach: elche„Ihr ſeyd Ethelreds Sohn und Edgars Enkel. Regieren iſt Euch atte, Pflicht; beſſer in Ruhm leben als in Verbannung ſterben. Ihr ſeyd nicht reif an Jahren, habt Noth und Sorge kennen gelernt und könnt darum wie beſſer für Euer Volk empfinden. Verlaßt Euch auf mich, und die emſe Schwierigkeiten, die Ihr befürchtet, werden verſchwinden, denn wer ndon meine Gunſt beſitzt, beſitzt auch die von England.“ An⸗„ Die Gerechtigkeit verlangt übrigens zu erklären, daß kein Beweis für Godwins Betheiligung an dieſer barbariſchen Handlung vorhanden iſt Die Präſumtion ſpricht im Gegentheil zu ſeinen Gunſten; allein die durde Angaben ſind zu widerſprechend und das ganze Ereigniß zu dunkel, um ſeine mark Freiſprechung vor dem Nationalgerichte ohne Weiteres behaupten zu können. u*rn Angelſächſiſche Chronik. 154 Kurz darauf gewann Godwin in der Nationalverſammlung den d Thron für Edward.„Der Rede mächtig und wohl befähigt, alles Volk ſe für ſeine Wünſche zu ſtimmen, hatten die Einen ſeinen Worten, die w Andern ſeinen Beſtechungen nachgegeben.“ Wahrlich Godwin war t ein Mann, der auch in einem ſpäteren Zeitalter nicht minder hoch ge⸗ ei ſtiegen wäre! er So regierte denn Edward und heirathete, wie es heißt in Folge ri vorangegangener Stipulationen, die Tochter ſeines Königsmachers. ſo So ſchön auch Königin Editha an Leib und Seele war— Edward liebte d ſie offenbar nicht: ſie wohnte in ſeinem Pallaſte, war aber nur dem 31 Namen nach ſein Weib. Toſtig hatte, wie wir oben ſahen, die Tochter Balduins, Grafen ſi von Flandern, Schweſter Mathildens, der Gattin des normänniſchen w Herzogs, geheirathet, und ſo war Godwins Haus dreifach mit fürſt⸗ li lichen Linien— der däniſchen, der ſächſiſchen und der flandriſchen— r. verwandt, und Toſtig hätte ſagen können, wie William der Normanne ſt in ſeinem Herzen wirklich ſagte:„meine Kinder werden von Carl dem u Großen und von Alfred abſtammen.“ Godwins Leben, obwohl äußerlich ſehr glänzend, verſtrich doch zu ausſchließlich unter öffentlichen Geſchäften und politiſchen Planen, als daß dem weltlichen Manne viel Muße geblieben wäre, um die Erzie⸗ hung ſeiner heißblütigen Söhne zu überwachen. Sein Weib Githa, die Dänin, eine Frau von ſtolzem aber edlem Geiſte, unvollkommener Erziehung und noch theilweiſe mit dem wilden, geſetzloſen Blute ihrer Ahnen, der heidniſchen Seekönige erfüllt, war eher geeignet, der Kin⸗ der Ehrgeiz anzuſtacheln und ihre Fantaſie zu entflammen, als ihr Temperament zu mäßigen und ihre Herzen zu bilden. Sweyns Laufbahn haben wir geſehen; aber Sweyn war noch ein Engel des Lichts mit ſeinem Bruder Toſtig verglichen. Wer buß⸗ fertig ſeyn kann, hat immer etwas Edles in ſeinen Anlagen; Toſtig aber war treulos wie der Tiger und ebenſo wild und verrätheriſch wie * William von Malmesbury. 155⁵ den dieſer. Bei weniger geiſtigen Fähigkeiten als jeder ſeiner Brüder be⸗ Volk ſaß er mehr perſönlichen Ehrgeiz als Alle zuſammen. Eine gewiſſe die weichliche Eitelkeit, nicht ſelten bei waghalſigen Naturen,(denn die war tapferſten Racen wie die tapferſten Krieger ſind in der Regel auch die ge⸗ eitelſten; das Verlangen zu ſcheinen iſt an dem Gecken nicht minder erſichtlich als an dem Helden,) ließ ihn raſtlos nach Herrſchaft und Be⸗ olge rühmtheit ſtreben.„Möge ich immer im Munde der Menſchen leben 14 hers. ſo lautete ſein Lieblingsgebet. Gleich ſeinen mütterlichen Ahnherren, lebte den Dänen, trug er langgelocktes Haar und zog wie ein Bräutigam dem zu dem Feſtmahle der Raben. Nur Zwei dieſes Hauſes hatten gelehrte Bildung genoſſen, wie afen ſie von den Fürſten des Feſtlandes ſchon längſt nicht mehr verſchmäht ſchen wurde: die ſüße Schweſter nämlich, die älteſte der Familie, die in ihrer ürſt⸗ liebeleeren Heimath einem raſchen Verwelken anheimſiel, und Ha⸗ 7 4— rold. Aber Harold, bei welchem das, was wir geſunden Menſchenver⸗ anne ſtand nennen, bis zum Genie ſich ſteigerte— ein Geiſt, ebenſo praktiſch dem und ſcharfblickend wie ſein Vater, kümmerte ſich wenig um theologiſche Gelahrtheit und Prieſterlegenden, überhaupt um jene ganze Poeſie der doch Religion, worin das Weib über die Sorgen der Erde gehoben wurde. als Godwin ſelbſt war kein Begünſtiger der Kirche, denn er hatte zu⸗ rzie⸗ viel von den Mißbräuchen der ſächſiſchen Prieſterſchaft(mit geringer itha, Ausnahme, vielleicht der verderbteſten und unwiſſendſten in ganz Eu⸗ nener ropa— und das will viel ſagen) geſehen, um ſeinen Kindern jene ihrer Ehrfurcht vor geiſtlicher Autorität, wie ſie auswärts exiſtirte, einzu⸗ Kin⸗ prägen, und die Aufklärung, welche bei ihm von Lebenserfahrung her⸗ ihr rührte, war bei Harold bald das Reſultat des Studiums und Nach⸗ denkens. noch Die Bücher der claſſiſchen Welt eröffneten dem jungen Sachſen buß⸗ ſehr frühe beſtimmte Anſichten über Menſchenpflicht und Verantwort⸗ oſtig lichkeit, welche gegen die bedeutungsloſen Ceremonien und die Ab⸗ wie tödtung des Fleiſches, worein die höhere Theologie jener Zeit die Ele⸗ mente der Tugend zu legen pflegte— auffallend abſtachen. Er lächelte 156 verächtlich, wenn der Däne, der ſein Leben unter abwechſelnder Trun⸗ kenheit und Blutvergießen zugebracht hatte, dadurch, daß er ſeine mit räuberiſchem Schwerte erworbenen Ländereien zur Fütterung von einem Halbhundert fauler Mönche vermachte, die Thore des Himmels ſich eröffnet zu haben glaubte, und wenn jene Mönche ſeine eigenen Handlungen zu prüfen gewagt hätten, ſo würde er es mit eben ſo vieler Verachtung als Verwunderung zurückgewieſen haben, daß ſo unwiſſende Leute, die nicht einmal das Latein ihrer hergeplapperten Gebete verſtanden, ſich zu Richtern gebildeter Männer aufzuwerfen wagten. Bei Harolds ernſten Natur hätte möglicherweiſe ein reiner erleuchteter Klerus, der, wenn auch mangelhaft in ſeinem Leben, doch eifrig in Erfüllung ſeiner Pflichten und von Geiſt gebildet geweſen wäre— ein Klerus, wie Alfred ihn zu gründen und Lafrance nicht ohne einigen Erfolg ihn heranzubilden ſuchte, deſſen kräftigen Sinn vor jener großartigen Wahrheit, welche der geiſtlichen Autorität inwohnt, beugen können. So aber ſtand er entfernt von dem rohen Aberglauben ſeines Zeitalters und machte ſich frühe im Leben zum Schiedsrichter ſeines eigenen Gewiſſens. Seine Religion auf die einfachſten Elemente unſeres Glaubens beſchränkend, ſchöpfte er weit mehr aus den Büchern heidniſcher Schriftſteller als aus den Lebensbeſchreibungen von Heili⸗ gen ſeine weiter gehenden Anſichten über die Moral des Bürgers und des Menſchen: Vaterlandsliebe, Gerechtigkeitsſinn, Feſtigkeit im Un⸗ glück und Mäßigung in glücklichen Umſtänden wurden auf dieſe Art ein integrirender Theil ſeines Charakters. Unähnlich ſeinem Vater hatte er all jene Eigenſchaften, die ihm das Herz des Volkes gewan⸗ nen, nicht blos als eine Theaterrolle vorgehängt; er war ſanft und leutſelig, vor Allem aber offen und gerecht, nicht weil die Politik ver⸗ langte, ſo zu ſcheinen, ſondern weil ſeine Natur gebot, es zu ſeyn. Bei aller Erhabenheit von Harolds Charakter hatte dieſer gleich⸗ wohl auch ſeinen ſtarken Sauertaig menſchlicher Unvollkommenheit, und zwar gerade in jener Selbſtzuverſicht, dem Erzeugniſſe ſeiner Vernunft und ſeines Stolzes. Indem er ſich einzig auf die menſchlichen Begriffe un⸗ mit nem ſich enen 1 ſo 5 ſo rten rfen iner doch heſen ohne vor hnt, uben chter rente hern eili⸗ und Un⸗ Art Zater wan⸗ und ver⸗ eyn. leich⸗ „und nunft griffe 157 von Recht beſchränkte, verlor er ein Atribut des ächten Helden, den Glauben. Wir nehmen dieſes Wort nicht blos im religiöſen, ſondern im weitern Sinne: er verließ ſich nicht auf jenes die Natur durchdrin⸗ gende himmliſche Etwas, das unſichtbar und nur dann, wenn wir uns pflichtlich darum bewerben, dann aber auch ſtärker und lieblicher als das bloße Auge zu ſehen, die bloße Vernunft zu begreifen vermöchte— empfunden wird. Er glaubte zwar an Gott, büßte aber jene feinen Bande ein, welche den Schöpfer mit dem innerſten Herzen des Men⸗ ſchen verknüpfen und aus der Einfalt des Kindes ſo gut wie aus der Weisheit des Dichters zuſammengewoben ſind. Seine weite Seele war— um uns eines modernen Bildes zu bedienen—'eine von un⸗ ten beleuchtete Kuppel'. Seine Kühnheit, obwohl unbeugſam trotz der der wildeſten See⸗ könige, wenn die Noth es erforderte, gehörte nicht unter ſeine vor⸗ ragenden Charakterzüge. Er verſchmähte Toſtigs brutale Tapferkeit: ſeine Kühnheit war ein nothwendiger Beſtandtheil ſeiner feſten wohl⸗ gewogenen Männlichkeit— die Kühnheit des Hektor nicht des Achilles. Dem Blutvergießen von Natur abgeneigt, mochte er ſogar für furcht⸗ ſam gelten, wo das Wagen blos die Eitelkeit befriedigte, oder auf einen ſelbſtiſchen Zweck hinzielte: wo dagegen die Pflicht ein Wage⸗ ſtück gebot, da konnte keine Gefahr ihn zurückſchrecken, keine Klugheit ihn abbringen; er konnte unbeſonnen, ja ſogar erbarmungslos erſchei⸗ nen, denn in dem Seyn⸗ſollen verſtand er immer ein Seyn⸗müſſen. So war es denn auch dieſem eigenthümlichen aber durchaus engli⸗ ſchen Charakter natürlich, daß er beim Handeln eher ſtandhaft und ge⸗ duldig, als raſch und ſtürmiſch ſich zeigte. In Gefahren, die ihm ver⸗ traut waren, vermochte nichts ſeine Geſchicklichkeit und Thatkraft zu übertreffen; bei einer Ueberraſchung aber und ehe ihm ſein Verſtand zu Hülfe kommen konnte, ließ er ſich leicht zu Irrthümern verleiten. Ein tiefer Geiſt iſt ſelten ſchnell, wenn er nicht durch die Gewohnheit des Argwohns zu unnatürlicher Wachſamkeit verdorben wurde; aber 158 ein offeneres, vertrauensvolleres und ächt loyaleres Gemüth als das gr des jungen Earls konnte es gar nicht geben. de Faſſen wir all dieſe Eigenſchaften zuſammen, ſo haben wir den Schlüſſel zu Vielem, was uns Harolds Charakter und Benehmen in den ſpäteren Ereigniſſen ſeines tragiſchen Lebens erklären kann. Bei dieſen ſo männlichen und einfachen Anlagen dürfen wir jedoch keineswegs glauben, daß Harold, wenn er den Aberglauben der einen ne Klaſſe verwarf, ſeiner Zeit ſo weit voraus geeilt war, daß er auch den gr einer andern zurückgewieſen hätte. Kein Sahn des Glücks, überhaupt S Keiner, deſſen Ich mit der Welt in Widerſpruch geräth, kann ſolchem Glauben an das Unſichtbare entrinnen. Cäſar mochte wohl die my⸗ fre ſtiſchen Gebräuche der römiſchen Mythologie verlachen und profaniren, aber an ſein Glück mußte er dennoch wie an einen Gott glauben, und m Harold, der gerade bei ſeinen Studien die freieſten, kühnſten Geiſter des Alterthums ähnlichen Einflüſſen wie ſeine ſächſiſchen Vorfahren S unterworfen ſah, durfte mit weniger Beſchämung dieſen— ſo eitel ſie auch ſeyn mochten— als den ſo leicht entdeckten mönchiſchen Be⸗ trügereien nachgeben. Er hatte zwar ſeither jede direkte Berufung an Hilda's magiſche Rathſchläge verworfen; aber das Echo ihrer dun⸗ keln Prophezeihungen, wie er ſie in ſeiner Kindheit vernommen, klang noch immer in der Seele des Mannes. Der Glaube an Vorbedeu⸗ tungen, an Glücks⸗ und Unglückstage, an die Geſtirne war unter allen Klaſſen der Sachſen verbreitet. Harold hatte ſeinen eigenen Glücks⸗ tag— den ſeiner Geburt, den vierzehnten Oktober: Alles, was er ſeit⸗ her an dieſem Tage unternommen, war ihm geglückt und er glaubte an die Kraft des Tages wie Cromwell an ſeinen dritten September. Uebrigens haben wir ihn geſchildert, wie er ſich in dieſer Periode ſeiner Laufbahn darſtellte. Ob er durch Schickſal oder Umſtände ver⸗ ändert wurde, wird die Zeit uns lehren: bis jetzt miſchte ſich kein ſelbſtſüchtiger Ehrgeiz in das natürliche Verlangen der Jugend und Begabung nach dem ihnen gebührenden Antheile an Ruhm und Macht. Sein Patriotismus, an griechiſchen und römiſchen Beiſpielen 2 das 159 großgezogen, war rein, ächt und glühend; er hätte mit Leonidas in dem Paſſe ſtehen oder mit Curtius in den Abgrund ſpringen können. Achtzehntes Kapitel. Mit Tagesanbruch erwachte Harold aus unruhigem unterbroche⸗ nem Schlummer und ſeine Augen ſielen auf Hilda's Antlitz, das ihn groß, ſchön und unausſprechlich ruhig wie das Bild einer egyptiſchen Sphinx anſchaute. „Sind Deine Träume prophetiſch geweſen, Sohn von Godwin?“ fragte die Vala. „Verhüte der Herr!“ erwiederte der Earl mit ungewohnter Fröm⸗ migkeit. „Erzähle ſie und laß mich das Räthſel löſen, denn ein eigener Sinn wohnt in den Stimmen der Nacht.“ Harold beſann ſich und ſagte nach kurzer Pauſe: „Mich dünkt, Hilda, ich kann mir ſelbſt erklären, wie die Träume mich heimſuchen mochten.“ Hier ſtützte er ſich auf ſeinen Ellbogen und fuhr, das klare durchdringende Auge auf ſeine Wirthin geheftet, alſo fort:„ſage mir aufrichtig, Hilda, haſt Du nicht auf jenem Hügel bei der Grabmündung im Druidentempel ein Licht leuchten laſſen?“ Aber wenn auch Harold ſelbſt durch einen Betrug getäuſcht zu ſeyn glauben mochte, ſo mußte dieſer Gedanke verſchwinden, als er den geſpannten, faſt ſcheuen Ausdruck gewahrte, welchen Hilda's Geſicht augenblicklich annahm. „Haſt Du ein Licht geſehen, Sohn Godwins— bei dem Altare des Thor und über dem Bautaſteine des mächtigen Todten? War es nicht eine Flamme, züngelnd und lebendig wie Mondſtrahlen, die auf dem Schnee tanzen?“ „So erſchien mir das Licht.“ „Keine Menſchenhand hat jemals jene Flamme entzündet, welche die Gegenwart der Todten verkündet,“ verſicherte Hilda mit zitternder 160 Stimme,„obwohl das Geſpenſt nur ſelten ungerufen von der Nune die Augen der Lebenden warnt.“ „Welche Geſtalt⸗ welcherlei Schatten pflegt jenes Geſpenſt an⸗ zunehmen?“ „Es ſteigt mitten aus der Flamme, bleich wie der Nebel auf den Bergen und groß wie die uralten Rieſen, mit Säx, mit Speer und Schild gleich Wodan's Söhnen bewaffnet. Du haſt die Scin⸗laeca geſehen,“ fuhr Hilda fort, indem ſie dem Earl feſt in's Geſicht ſchaute. „Wenn Du mich nicht täuſcheſt,“ begann Harold noch immer zweifelnd. „Dich täuſchen! nicht um die Krone der Sachſen zu retten dürfte ich die Macht der Todten verſpotten! Weißt Du nicht, oder hat Deine eitle Lehre die Sagen Deiner Väter gänzlich verdrängt— daß wo ein Held aus alter Zeit beerdigt liegt, auch ſeine Schätze in dem Grabe ruhen, und daß ſich über den Gräbern zu Zeiten eine nächtliche Flamme und in ihr das Luftgebilde des Todten blicken läßt?— Oft geſehen in den vergangenen Tagen, da die Lebenden und Todten noch einen Glau⸗ ben hatten, von einem Stamme waren— nun aber nur dann noch bemerkt, wenn ſie wichtige Ereigniſſe zu verkünden und dem Auge deſſen, der ſie ſieht, Ruhm oder Wehe zu prophezeihen haben. Auf jenem Hügel liegt Aesc, der Erſtgeborne von Cerdic, dem Stamm⸗ könige der Sachſen, begraben, da wo der Abhang an Thors Altare grün hinanſteigt und die verwitterten Steine ſchimmern. Er ſchmähte die Britten in ihrem Tempel und fiel dabei; ſie begruben ihn in ſeinen Waffen und mit den Schätzen, die ſeine Rechte gewonnen hatte. Das Schickſal droht dem Hauſe Cerdie's oder dem Reiche der Sachſen, wenn Wodan ſeines Sohnes Nebelbild aus dem Grabe ruft.“ Hilda beugte das Haupt in ſichtlicher Bewegung über ihre ge⸗ falteten Hände und murmelte unter fortwährendem Hin⸗ und Her⸗ ſchwanken einige Runen, welche dem Ohre ihres Zuhörers unverſtändlich waren. Dann wandte ſie ſich mit gebietendem Tone zu dieſem und ſprach: 3.2.82.22= S 161 tune„Deine Träume ſind nun in der That Orakel— wahrer als die 1 lebende Vala ſie mit dem Stabe und der Rune hervorzaubern könnte; an⸗ enthülle ſie mir!“ „Mir war,“ begann Harold auf dieſe Aufforderung,„als ob den ich mich am hellen Mittag auf einer breiten Ebene befände; Alles und war klar vor meinen Augen und mein Herz war ſehr froh. Ich war aeca allein und ging freudig meines Weges. Plötzlich öffnete ſich die Erde zute. unter meinen Füßen und ich ſank unergründlich tief, als ginge es in imer jenen Abgrund, die Hölle der Todten, die ohne Ruhm ſterben, welche unſere Vorfahren Niffelheim— die Heimath des Nebels— ürfte nannten. Vom Falle betäubt lag ich lange, mitten im Traume wie deine in Träume verſunken; als ich die Augen öffnete, ſah ich, daß ich von ein Todtenbeinen umringt war, und die Gebeine drehten ſich um mich wie rabe dürre Blätter, welche vom Winterwinde umhergewirbelt werden. Und mme aus ihrer Mitte ragte ein rumpfloſer Schädel und auf dem Schädel en in ſaß eine Biſchofsmütze, und aus den klaffenden Kinnladen kam eine Zlau⸗ Stimme wie das Ziſchen der Schlange. Harold, Du Verächter! noch Du biſt unſer!’ Du biſt unſer! hörte ich von vielen Stimmen wie Auge das Summen eines Heeres wiederholen. Ich ſuchte aufzuſtehen, und Auf ſah meine Glieder gebunden, und die Bande waren fein und gebrech⸗ mm⸗ lich wie Sommerfäden und laſteten doch auf mir wie eiſerne Ketten, ltare und ich fühlte eine Seelenangſt, wie keine Worte ſie auszuſprechen ver⸗ nhte mögen— eine Angſt des Schreckens und der Beſchämung, und meine einen Mannheit ſchien von mir zu weichen, und ich war ſchwach wie ein neu⸗ Das gebornes Kind. Da plötzlich kam ein eiſiger Wind und die Gebeine hſen, ſtanden ſtill in ihrem Tanze, das Summen verſtummte, nur der Schä⸗ del mit der Biſchofsmütze grinste mich ſtill und tonlos an, und Schlan⸗ e ge⸗ gen ſtreckten ihre ſpitzen Zungen aus den augenloſen Höhlen. Mit Her⸗ einemmale ſtand vor mir(o Hilda, ich ſehe ſie noch!) die Geſtalt des ndlich Geſpenſtes, das ſich auf jenem Hügel erhoben hatte. Mit Speer und und Sär und Schild ſtand ſie vor mir, und ihr Geſicht, bleich wie das eines längſt Verſtorbenen, war ſtreng wie das Antlitz eines Kriegers Bulwer, Harold. 11 . 162 an der Spitze von Bewaffneten; er ſtreckte ſeine Hand, ſchlug mit dem Sär an ſeinen Schild und er gab einen hohlen Klang; die Feſſeln ſielen von mir ab, ich ſprang auf meine Füße und ſtand furchtlos neben dem Erſchlagenen. Jetzt ſah ich plötzlich die Biſchofsmütze auf dem Schädel in einen Helm verwandelt, und wo der Schädel rumpflos und ſtumm gegrinst hatte, ſtand eine Geſtalt wie der leibhaftige Kriegs⸗ gott— ein Weſen über Rieſengröße, deſſen Kamm an die Geſtirne ragte und deſſen Geſtalt die Sonne verfinſterte. Die Erde verwan⸗ delte ſich in den Ozean und der Ozean war Blut und ſchien tief wie die Gewäſſer, wo die Wallfiſche im Norden ſich tummeln; aber die Brandung reichte jener maßloſen Geſtalt nicht einmal an die Kniee. Und die Raben kamen von allen Enden des Himmels und die Geier mit Todtenaugen und heiſerem Krächzen, und all die Gebeine, kaum noch zerſtreut und formlos, bekamen Leben und Geſtalt, die einen als Mönche, die andern als Krieger, und es war ein Lärmen und Pfeifen und ein Brüllen und ein Sturm von Bewaffneten. Und eine breite Flagge ſtieg aus dem blutigen See und aus den Wolken kam eine bleiche Hand und ſchrieb auf die Flagge: Harold der Verfluchte! und die ernſte Geſtalt an meiner Seite ſagte: Harold, fürchteſt Du die Todtengebeine? und die Stimme war wie eine Trompete, welche den Feiglingen Kraft verleiht, und ich antwortete: niedrig wäre Harold, wenn er die Gebeine der Todten fürchtete Pe „Indem ich ſprach, kam ein höhniſches Lachen, als ob die Hölle ſich geöffnet hätte, und Alles verſchwand mit einemmale bis auf den Ozean von Blut. Langſam kam aus Norden über die See ein Vogel wie ein Rabe, nur daß er blutroth war wie der Ozean; und von Sü⸗ den kam ein Löwe gegen mich hergeſchwommen. Und ich ſchaute auf das Geſpenſt, und der Stolz des Kriegers war von ſeinem Antlitze verſchwunden, das ſo traurig war, daß ich Raben und Löwen vergaß und weinte über ſeinen Anblick. Da nahm mich das Geſpenſt in ſeine weiten Arme, und ſein Athem erkältete das Blut in meinen Adern und es küßte mich auf Stirn und Lippen und ſagte ſanft und zärtlich dem ſeln ben dem und gs⸗ erne Hdan⸗ wie aber iee. eier um als ifen eite eine und die den old, ölle den ogel Sü⸗ auf litze gaß eine dern lich 163 wie meine Mutter während meiner Kinderkrankheiten: Harold, mein Geliebter! traure nicht. Du haſt alles, was Wodans Söhne ſich in ihrer Walhalla träumten!“ „So ſprechend wich die Geſtalt langſam und immer langſamer zurück, indem ſie mich immer noch mit ihren traurigen Augen be⸗ trachtete. Ich ſtreckte meine Hand aus, um ſie zurückzuhalten— da fühlte ich einen Schattenſcepter in meiner Rechten. Und o! rings um mich ſprangen Thane und Hänuptlinge in voller Waffenrüſtung aus dem Boden, und ein Tiſch war gedeckt und ringsum herrſchte fröh⸗ liches Trinkgelage. So fühlte ſich mein Herz froh und erleichtert, und in meiner Hand ruhte noch immer das Scepter. Und wir ſchmaus⸗ ten lange und fröhlich; aber über dem Feſte ſchlug der blutrothe Rabe mit ſeinen Flügeln, und über die blutrothe See kam immer näher und näher der Löwe herangeſchwommen. Und am Himmel ſtanden zwei Sterne, der eine ſtät und bleich, der andere leuchtend und unſtät; und eine Schattenhand deutete aus der Wolke auf den bleichen Stern und eine Stimme ſprach: Schau, Harold! der Stern, der bei Deiner Ge⸗ burt leuchtete. Und eine andere Hand deutete auf den glänzenden Stern und eine andere Stimme ſprach: Schau! der Stern, der bei der Geburt des Siegers leuchtete. Und da wurde der helle Stern größer und glänzender, und ziſchend, wie wenn man Eiſen ins Waſſer taucht, fuhr er über die Scheibe des traurigen Planeten und der ganze Him⸗ mel ſchien in Feuer zu ſtehen. So, meinte ich, entſchwand der Traum, und im Entſchwinden vernahm ich einen vollen Akkord wie das An⸗ ſchwellen eines Kirchengeſanges— eine Muſik, wie ich ſie nur einmal in meinem Leben hörte, als ich am Tage der Krönung in Edwards Gefolge in den Hallen von Wincheſter ſtand.“. Harold ſchwieg, und die Vala erhob langſam das Haupt von ihrem Buſen und betrachtete ihn in tiefem Schweigen mit leeren aus⸗ drucksloſen Blicken. „Warum betrachteſt Du mich alſo und warum biſt Du ſo ſchweig⸗ ſam?“ fragte der Earl. 11* 164 „Die Wolke iſt auf meinem Geſicht und die Laſt auf meiner Seele und ich kann Deinen Traum nicht deuten,“ murmelte die Vala.„Aber der Morgen, der Geiſterverbanner, der Leben und Thätigkeit weckt, zaubert in Schlummer das Leben des Gedankens. Wie die Sterne beim Aufſteigen der Sonne erbleichen, ſo ſchwindet das Licht der Seele, wenn die Knoſpen im Thau ſich beleben und die Lerchen den Tag anſingen. In Deinem Traume liegt Deine Zukunft wie die Flü⸗ gel der Motte im Gewebe des wechſelnden Wurmes; aber ob nun zum Wohl oder zum Wehe— Du wirſt das Gewebe durchbrechen und Dein Geſieder in der Luft ausbreiten. Von mir ſelbſt weiß ich nichts. Er⸗ warte die Stunde, da Skulda in die Seele ihrer Dienerin eindringt, und Dein Schickſal ſoll von meinen Lippen ſtrömen, wie die Waſſer aus dem Herzen der Höhle hervorquellen.“ „Ich warte gerne,“ ſagte Harold, mit ſeinem gewohnten ruhi⸗ gen und erhabenen Lächeln;„nur kann ich Dir nicht verſprechen, daß ich Deine Deutung beachten oder Deine Warnung befolgen werde, wenn meine Vernunft erwacht iſt, wie ſie ſchon jetzt aus den Dünſten der Fantaſie und den Nebeln der Nacht zum Bewußtſeyn kommt.“ Die Vala ſeufzte tief, gab aber keine Antwort. Sechzehntes Kapitel. Githa, Earl Godwins Gemahlin, ſaß in ihrem Zimmer und ihr Herz war traurig. Im Zimmer war einer ihrer Söhne, der ihr theurer als alle Anderen, Wolnoth ihr Liebling. Ihre übrigen Söhne waren ſtahlfeſt und kräftig von Geſtalt, und ſie hatte in deren Kind⸗ heit niemals einer Mutter Aengſte kennen gelernt; aber Wolnoth war vor der Zeit zur Welt gekommen, und heftig waren die Wehen der Mutter und lange der Lebenskampf des neugebornen Knäbleins ge⸗ weſen. Mit zitterndem Knie hatte ſie ſeine Wiege geſchaukelt und mit heißen Thränen ſein Kiſſen gebadet. Als Knabe war er gebrech⸗ 8 ͤe, —2— o== ͤ———.. 165 lich geweſen, ein Geſchöpf, das ganz von ihrer Sorge abhing, und nun da er blühend und ſtark als Jüngling heranwuchs, empfand die Mutter, daß ſie ihm zum zweitenmale das Leben gegeben hatte. So war er ihr theurer als die Uebrigen geworden, und als ſie ihn nun ſo ſchön, froh und hoffnungsvoll vor ſich ſah, da klagte ſie mehr um ihn als um Sweyn, den verbannten Verbrecher auf ſeiner ſchmerz⸗ lichen Pilgerfahrt nach den Waſſern des Jordans und zum Grabe des Erlöſers. Denn Wolnoth, als Geiſel für die Treue ſeines Hauſes aus⸗ erleſen, ſollte aus ihren Armen an den Hof Williams, des Norman⸗ nen, geſchickt werden. Und der Jüngling lächelte vergnügt, wählte ſich Gewänder und Mäntel und Ataghars, um in den Hallen des Ritterthums und der Schönheit— der Schule der ſtolzeſten Ritter⸗ ſchaft der Chriſtenheit— damit prahlen und ſtolziren zu können. Zu jung und gedankenlos, um den weiſen Haß der Aelteren vor den Sitten und Gebräuchen der Ausländer, vor ihrem heiteren Glanze, wie er ihn als Knabe das Düſter des klöſterlichen Hofes erheiternd und gegen den Spleen und die Rohheit des ſächſtſchen Temperamentes abſtechend geſehen hatte— zu theilen, hatte dieſer vielmehr ſeine Fan⸗ taſie beſtochen und ſeinen Sinn halb normänniſch geſtaltet. Ein ſtol⸗ zer und glücklicher Knabe war er, daß er als Geiſel für die Treue und als Repräſentant des Ranges ſeiner mächtigen Verwandten fortziehen, und unter den Augen der Damen von Rouen in die Männerjahre tre⸗ ten durfte. Neben Wolnoth ſtand ſeine junge Schweſter Thyra, noch ein bloßes Kind, und ihre unſchuldige Theilnahme an der Freude des Bru⸗ ders an Prunk und Tand machte Githa nur noch trauriger. O, mein Sohn,“ klagte die zitternde Mutter,„warum von allen meinen Kindern haben ſie eben Dich auserleſen? Harold iſt weiſe gegen Gefahr, Toſtig trotzig gegen Feinde, Gurth iſt zu liebevoll, um auch bei dem Strengſten Haß zu erwecken, und von dem Frohſinn des ſon⸗ nigen Leofwine gleitet der Kummer bei Seite, wie der Schaft von dem Glanze des Schildes. Aber Du, Du, mein Geliebter!— ver⸗ —,—õ———õ—õA—öööͤͤͤnͤͤnnn 166 ſlucht ſey der König, der Dich erwählte, und grauſam war Dein Vater, daß er des Lichtes für Deiner Mutter Augen nicht gedachte!“ „Pfui, theuerſte Mutter!“ entgegnete Wolnoth, in der Betrach⸗ tung eines ſeidenen Gewandes einhaltend, das mit geſtickten Pfauen ganz bedeckt war— einer Gabe ſeiner Schweſter, der Königin, von ihren eigenen ſchönen Händen gearbeitet, denn trotz ihrer Gelehrſam⸗ keit war die Gemahlin des heiligen Königs eine berühmte Stickerin, wie bekümmerte Frauen meiſt zu ſeyn pflegen—„Pfui! der Vogel muß das Neſt verlaſſen, ſo bald er flügge iſt. Harold der Adler, Toſtig die Weihe, Gurth die Ringeltaube und Leofwine der Staar. Sieh, Mutter, meine Schwingen ſind die reichſten von allen, und hell iſt die Sonne, worin Dein Pfau ſein prunkendes Geſieder entfalten wird.“ Als er aber bemerkte, daß ſeine Lebhaftigkeit kein Lächeln bei ſeiner Mutter hervorrief, näherte er ſich und ſagte ernſthafter: „Bedenke nur, Mutter mein! dem Könige, wie dem Vater blieb feine andere Wahl. Harold und Toſtig und Leofwine haben ihre Aemter und Lordſchaften; ihre Poſten ſind beſtimmt, und ſie bil⸗ den die Säulen unſeres Hauſes. Gurth iſt ſo jung, ſo ſächſiſch, und ſo ganz nur Harolds Schatten, daß ſein Haß gegen die Normänner bereits zum Sprichwort unter unſern Jünglingen geworden iſt, denn bei einem liebenden Herzen wird der Haß um ſo auffallender, wie das Blau dieſer Borte neben dem weißen Gewebe faſt ſchwarz erſcheint. Aber ich— der gute König weiß, daß ich willkommen ſeyn werde, denn die normänniſchen Ritter lieben Wolnoth und ich habe ſtunden⸗ lang vor Montgomeri'’s und Grantmesnil's Knieen geſpielt, habe mit ihren goldenen Ritterketten getändelt und auf Rolfgangers Thaten gehorcht. Und der ſtattliche Graf ſoll mich ſelbſt zum Ritter ſchlagen, und ich werde mit den goldenen Sporen zurückkehren, welche Deine Ah⸗ nen, die wackern Könige von Norwegen und Daneland, trugen, noch ehe man etwas von Ritterſchaft wußte. Komm, küſſe mich, Mutter, und ſieh die prächtigen, ächt wäliſchen Falken, welche Harold mir ſchickte!“ 9 + 1—m—uuu—u———— 167 ter, Githa legte ihr Haupt auf des Sohnes Schulter und ihre Thrä⸗ nen blendeten ſie. Die Thüre öffnete ſich leiſe und Harold trat ein, ch⸗ und mit dem Earl ein bleicher dunkelhaariger Knabe, Haco, der Sohn ten von Sweyn. 4 vn Aber Githa, mit ihrem Liebling Wolnoth beſchäftigt, ſah kaum W den Enkel, der fern von ihrem Schooſe aufgezogen worden und eilte n, alsbald auf Harold zu. In ſeiner Gegenwart fühlte ſie Troſt und gel Sicherheit, denn Wolnoth ſtützte ſich auf ihr Herz und ihr Herz ſtützte er, ſich auf Harold. ar.„O Sohn, Sohn!“ rief ſie,„Du Feſteſter, Treueſter und Wei⸗ iſt ſeſter in Godwins Hauſe, ſage mir, daß jener dort, Dein junger Bru⸗ d24 der, in den Hallen der Normannen keine Gefahr läuft!“ bei„Nicht mehr als in dieſen, Mutter,“ beſänftigte Harold mit mil⸗ dem Tone und liebkoſender Lippe.„William, der Herzog, ſoll wild ter und grauſam gegen bewaffnete Feinde, aber mild und herablaſſend, ein Len offener Wirth und gütiger Herr gegen den Friedlichen ſeyn. Dieſe Nor⸗ il⸗ mannen haben ein eigenes Geſetz, ernſter als alle Moral, bindender ind ſogar als ihre fanatiſche Religion, und Du weißt es wohl, Mutter, ter denn es kommt von Deinem Stamme aus Norden— und dieſer Coder der Ehre, wie ſie es nennen, macht Wolnoths Haupt ſo geweiht, wie die Reliquien eines Heiligen, in Zimmen gefaßt. Wenn Du des nor⸗ männiſchen Herzogs anſichtig wirſt, mein Bruder, ſo darfſt Du nur den Friedenskuß von ihm verlangen, und Du wirſt ſicherer ſchlafen, als wenn alle Banner von England über Deinem Lager wehten.“ „Aber wie lange wird die Verbannung dauern?“ fragte Githa en getröſtet. en—.. h⸗„ Dieſer Friedenskuß wurde bei den Normannen und allen ritterlicheren h⸗ Stämmen des Feſtlandes beſonders heilig gehalten. Selbſt der ärgſte Heuchler, ch wenn er auch Trug und Liſt und Mord im Sinne trug, pflegte ſich doch zur Erreichung ſeiner Zwecke gegen dieſen Friedenskuß nie zu verſündigen. Als Heinrich II. dem Becket nach deſſen Rückkehr von Rom eine Zuſammenkunft bewilligte und allen Klagen des Prälaten abzuhelfen verſprach, jagte er ihm prophetiſche Beſorgniß in die Bruſt, indem er dem Friedenskuſſe auswich. 168 „Mutter, nicht einmal um Dich zu erheitern mag ich Dich täu⸗ ſchen,“ verſetzte Harold düſter.„Die Zeit ſeiner Geiſelſchaft liegt in des Königs und des Herzogs Hand. So lange der Eine Furcht vor Godwins Stamm heuchelt, ſo lauge der Andere für diejenigen Prieſter und Ritter, die als nicht zum Hofe gehörig nicht aus dem Reiche verbannt wurden, ſondern fern und nah in Klöſtern und Schlöſ⸗ ſern zerſtreut ſind, ſich beſorgt ſtellt, ſo lange werden Wolnoth und Haco als Gäſte in des Normanns Halle weilen.“ Githa rang die Hände. „Tröſte Dich, meine Mutter; Wolnoth iſt jung, ſein Auge iſt ſcharf und ſein Geiſt flink und behend. Er wird dieſe normänniſchen Hauptleute beobachten, wird ihre Stärke und Schwäche, ihre Krieg⸗ führung kennen lernen und wird nicht, wie König Edward, als Lieb⸗ haber unſächſiſcher Dinge, ſondern als ein Mann zurückkehren, der uns gegen die Komplotte des kriegeriſchen Hofes, der den Frieden der Welt mit jedem Jahre mehr bedroht, zu warnen und zu leiten ver⸗ mag. Und er wird Künſte daſelbſt kennen lernen, die wir wohl von ihm borgen dürfen— nicht den Schnitt einer Tunika noch die Falten einer Gonna; wohl aber die Künſte von Männern, welche Staaten gründen und Nationen bauen. William der Herzog iſt prachtliebend und weiſe; Kaufleute erzählen uns, wie die Gewerbe unter ſeiner eiſernen Hand gedeihen, und Kriegsmänner ſagen, daß ſeine Veſten mit Geſchick erbaut und ſeine Schlachtplane ſo genau entworfen ſind, wie der Mau⸗ rer Bögen und Schlußſteine bildet und das Gewicht nach der Stütze berechnet, ſo daß die Stärke der Hand durch Wiſſenſchaft noch verzehn⸗ facht wird. So wird der Knabe als vollendeter Mann zu uns zurück⸗ kehren, ein Lehrer der Graubärte, der Weiſe ſeines Stammes, fähig zum Regimente, eine Stütze des Ruhmes und ſeines Vaterlandes. Gräme Dich nicht, Tochter der Dänenkönige, daß Dein geliebteſter Sohn eine edlere Schule und ein weiteres Feld als ſeine Brüder er⸗ hält.“ Dieſe Aufforderung ruͤhrte das ſtolze Herz der Nichte Canuts des —— 169 Großen und ſie vergaß beinahe des Grams ihrer Liebe in der Hoffnung ihres Ehrgeizes. Sie trocknete ihre Thränen und lächelte gegen Wolnoth, den ſie bereits in den Träumen ihrer mütterlichen Eitel⸗ keit im Rathe groß wie Godwin und glücklich im Felde gleich Ha⸗ rold ſah. 4. Auch der junge Mann, ſo ſehr er ſchon halb Normanne war, ſchien nicht unempfindlich für den männlichen, hochſinnigen Patriotis⸗ mus in ſeines Bruders Wink und Lehre, wenn er auch fühlte, daß ein Vorwurf darin lag. Er näherte ſich dem Earl, der den Arm um ſeine Mutter geſchlungen hatte, und ſagte mit offener Herzlichkeit, wie ſie ſeiner etwas frivolen unentſchloſſenen Natur nicht gewöhnlich war: „Harold, Deine Zunge könnte Steine zu Männern entzünden und dieſe Männer zu Sachſen erwärmen. Dein Wolnoth wird nicht beſchämt den Kopf hängen, wenn er mit geſchorenen Locken und golde⸗ nen Sporen in unſer luſtiges Vaterland zurückkehrt; denn wenn Du auch nach ſeinem Aeußern an ſeiner Abſtammung zweifeln könnteſt, ſo darfſt Du ihm nur die Rechte aufs Herz legen, um zu fühlen, daß England in jedem ſeiner Schläge pulſirt.“ „Wackere Worte und wohlgeſprochen!“ lobte der Earl, indem er dem Knaben ſeine Hand wie zum Segen aufs Haupt legte. Bis jetzt hatte ſich Haco mit der kleinen Thyra ſeitwärts unter⸗ halten, die ſein dunkles und trauriges Geſicht rührte und ängſtigte, ſo daß ſie ſich dicht an ihn drängte und ihre kleine Hand in die ſeinige legte. Jetzt aber, von Harolds edler Rede nicht weniger als ſein Vetter begeiſtert, trat er ſtolz neben Wolnoth und ſagte: „Auch ich bin ein Engländer und habe den Namen eines Eng⸗ länders einzulöſen.“ Ehe jedoch Harold antworten konnte, rief Githa: „Laß Deine Rechte auf meines Kindes Haupte und ſprich einfach: „Bei Glauben und Pflicht, wenn der Herzog ohne gerechten Vorwand und gegen des Königs Einwilligung in ſeine Heimkehr dieſen Wol⸗ noth, Sohn Githa's, zurückhält, ſo will ich, Harold, falls Briefe 170 und Boten nichts ausrichten, in eigener Perſon über See gehen und der Mutter ihr Kind zurückführen.“ Harold zögerte, aber ein ſcharfer Vorwurf, der von Githa's Lip⸗ pen drang, ging ihm zu Herzen. „Ha, kalter Selbſtſüchtiger!“ rief ſie,„willſt Du ihn fortſchicken in eine Gefahr, vor welcher Du ſelbſt zurücktrittſt?“ „Bei Eid und Pflicht,“ gelobte der Earl,„wenn die Zeit vorüber, wenn Friede in England und Herzog William der Normandie ohne ge⸗ rechten Grund und gegen meines Königs Spruch die Geiſeln— Dei⸗ nen Sohn und dieſen theuren Knaben, der mir um ſeines unglücklichen Vaters willen nur noch theurer und heiliger iſt— zurückhält: dann will ich ſelbſt über See gehen und das Kind ſeiner Mutter und den Vaterloſen ſeinem Vaterlande zurückgeben. So wahr mir der Allſehende helfe, Amen und abermals Amen!“ Siebenzehntes Kapitel. Wir haben in einem früheren Theile dieſer Geſchichte geſehen, daß Harold unter ſeinen zahlreichen und ſtattlicheren Gütern ein Haus nicht fern von dem altrömiſchen Wohnorte Hilda's beſaß. Hier ſchlug er nun(wenn er nicht etwa beim Könige war) ſeinen Hauptſitz auf. Als Gründe dieſer Wahl nannte er den Reiz, den der Ort durch jenen auf⸗ fallenden Beweis von Anhänglichkeit, den ihm ſeine Ceorls durch An⸗ kauf des Hauſes und Bebauung des Bodens während ſeiner Abweſen⸗ heit gegeben, in ſeinen Augen gewonnen hatte, mehr aber noch die Bequemlichkeit ſeiner Nähe bei dem Pallaſte von Weſtminſter. Wäh⸗ rend nämlich die übrigen Brüder nach ihren verſchiedenen Herrſchaften aufbrachen, mußte Harold auf Edwards beſonderen Wunſch in der Nähe der Perſon des Köonigs bleiben, denn wie der große norwegiſche Chroniſt ſagt:„Harold war immer am Hofe ſelber und zunächſt beim 171 König in allen Dienſten.“„Der König liebte ihn ſehr und hielt ihn wie ſeinen eigenen Sohn, denn er hatte keine Kinder.“* Dieſer Umgang mit Edward war natürlich um ſo inniger, nach⸗ dem des Earls Familie wieder zur Macht gelangt war, denn Harold, mild und verſöhnend, war gleich Alred ein großer Friedensſtifter, und Edward hatte nie Urſache ſich über ihn zu beklagen, wie er ſie bei ſei⸗ nem übrigen hochmüthigen Hauſe zu haben glaubte. Der eigentliche Zauber, der Harold die rohe hölzerne Wohnung, deren Thore ſeinen Lehensleuten den ganzen Tag offen ſtanden, beſon⸗ ders theuer machte, wenn er mit leichtem Herzen den Hallen von Weſt⸗ minſter entrann, war jedoch das ſchöne Antlitz ſeiner Nachbarin Editha. Der Eindruck, den das ſchöne Mädchen auf Harold gemacht hatte, ſchien an Stärke einem Schickſalsſpruche gleich zu kommen, denn Harold hatte ſie geliebt, noch ehe die Jungfrau zu ſo wunderbarer Schön⸗ heit herangeblüht war, und da er von früheſter Jugend an mit ernſten Dingen beſchäftigt geweſen, ſo war ſein Herz nie durch die frivolen Neigungen des Müßigganges zerſtückelt worden, und jetzt in dieſer ver⸗ gleichungsweiſen Muße ſeines ſtürmiſchen Lebens war ſein Herz natür⸗ lich dem Einfluſſe eines Reizes, weit mächtiger als jeder von Hilda's magiſchen Zaubern, um ſo mehr blosgegeben. Die Herbſtſonne ſchien durch die goldenen Oeffnungen des Wald⸗ landes, als Editha allein auf dem Hügel ſaß, welcher Forſtland und Straße weithin beherrſchte. Und die Vögel ſangen fröhlich; doch das war nicht der Klang, auf welchen Editha lauſchte. Das Eichhörnchen hüpfte unten auf dem Raſen von Baum zu Baum; aber nicht um dem Spielen des Thieres zuzuſehen, hatte Editha das Grabmahl des Teutonen erſtiegen. Von Zeit zu Zeit hörte man das Bellen der Rüden und der ſchlanfe Dachs⸗ hund aus Wales ſchlüpfte aus den buſchigen Vertiefungen. Nun erſt hob ſich Editha's Herz und ihre Augen leuchteten, denn jetzt, mit dem * Snorro Sturleſons Heimskringla.— Laings Ueberſ. S. 75—77. Falken auf der Fauſt und den Speer in der Hand, kam durch die vet⸗ gilbenden Zweige Harold, der Earl, herangeſchritten. und wohl dürft ihr glauben, daß ſein Herz eben ſo laut pochte und ſein Auge eben ſo hell glänzte wie das Edithens, als er ſah, wer ſeine nahenden Tritte auf dem Grabhügel erwartet hatte; wer anders als Liebe, welche ſelbſt in der Gegenwart des Todes Alles um ſich her vergißt— ſo iſt ſie immer geweſen, ſo wird ſie immer bleiben. Er beſchleunigte ſeinen Schritt und ſprang die ſanfte Anhöhe hinauf, während ſeine Hunde mit freudigem Bellen um Edithens Kniee herum⸗ wedelten. Harold ſchüttelte den Vogel von ſeiner Fauſt, der ſich mit leichtem Flügelſchlage auf Thors Altarſteine niederließ. „Du kommſt ſpät, biſt aber dennoch willkommen, Harold, mein Vetter,“ begann Editha einfach, während ſie ihr Antlitz über die Hunde beugte und deren magere Köpfe liebkoste. „Nenn mich nicht Vetter,“ ſagte Harold zuſammenfahrend, mit finſter bewölkter Stirne. „Warum nicht, Harold?“ „O Editha— warum?“ murmelte Harold, während er in Ge⸗ danken fortfuhr:„das arme Kind weiß nicht, daß die Kirche gerade in dieſe nichtsbedeutende Verwandtſchaft den Bann unſerer Vermählung hineinlegt.“ Er drehte ſich um und ſchalt ſeine Hunde unmuthig über ihre munteren Sprünge, mit denen ſie um ſeine ſchöne Freundin herum⸗ tanzten. Die Hunde verkrochen ſich zu Edithens Füßen, und dieſe ſchaute in milder Verwunderung auf die verdrüßliche Miene des Earls. „Deine Augen tadeln mich mehr, Editha, als meine Worte vor⸗ her die Hunde geſchmäht!“ begann Harold ſanft.„Ich habe nun einmal raſches Blut in den Adern und das Gemüth muß ruhig ſeyn, wenn es die Launen beherrſchen ſoll. Ruhig war mein Gemüth in * Speer und Falke waren gleichſam die Abzeichen des ſächſiſchen Adels; ein Than wurde ſelten außer dem Hauſe geſehen, ohne den einen auf der lin⸗ ken, den andern in der rechten Fauſt zu führen. mit Ge⸗ e in ung ihre im⸗ ieſe rls. or⸗ nun yn, in Is; lin⸗ 173 frühern Zeiten, ſüße Editha, als Du noch ein Kind auf meinen Knieen ſaßeſt und ich mit dieſen rauhen Händen Blumenketten für Deinen Schwanennacken wand. Die Blumen verwelken, aber die Kette bleibt, wenn Liebe ſie gewunden— ſagte ich damals.“ Editha beugte ihr Antlitz abermals über die niedergekauerten Hunde— Harold betrachtete ſie mit trauernder Zärtlichkeit, und der Vogel ſang noch immer und das Eichhörnchen ſchwang ſich von Aſt zu Aſt. Sditha ſprach zuerſt. „Meine Pathe, Deine Schweſter,“ ſagte ſie,„hat nach mir ge⸗ ſchickt, Harold, und ich ſoll morgen an den Hof gehen. Wirſt Du dort ſeyn?“ „Gewiß,“ verſicherte Harold in ängſtlichem Tone,„gewiß werde ich dort ſeyn! Alſo meine Schweſter hat nach Dir geſchickt; weißt Du warum?“ Sditha wurde ſehr bleich und ihre Stimme zitterte, als ſie ant⸗ wortete: „Leider— ja.“ „So iſt's denn, wie ich fürchtete,“ rief Harold in großer Aufre⸗ gung,„und meine Schweſter, von dieſen Mönchen bethört, verbindet ſich mit dem König gegen das Geſetz des Weltalls und die große Re⸗ ligion des menſchlichen Herzens! O!“ fuhr der Earl in einer Begei⸗ ſterung fort, welche bei ſeinem gleichmäßigen Gemüthe allerdings ſel⸗ ten war, aber ebenſo wohl durch ſeinen Gerechtigkeitsſinn als durch ſeine tiefe Neigung angefacht wurde,„wenn ich die Sachſen unſeres Landes und unſerer Tage, ſo entnervt und verkümmert durch prieſter⸗ lichen Aberglauben, mit ihren Vorvätern im erſten chriſtlichen Zeit⸗ alter vergleiche, welche die Religion in ihren einfachen Wahrheiten annahmen, ohne das häusliche Glück und die freie Männlichkeit aus⸗ zurotten, wie dieſes kalte, lebloſe Mönchthum, das in der Verläug⸗ nung jedes menſchlichen Bandes die Tugend findet, und von dem großen Beda,“ ſelbſt einem Moͤnche, auf's Bitterſte nur leider ver⸗ * Bed. Epist. ad Egbert. 174 geblich verklagt wurde; ja wahrlich, wenn ich den Sachſen ſchon jetzt als Leibeigene des Prieſters vor mir ſehe, ſo kann ich nicht ohne Schaudern fragen, wie lange es noch dauern mag, bis er zur Beute des Tyrannen wird.“ 4 Tief aufathmend ſchwieg er, und ergriff dann mit ernſter Ge⸗ berde den zitternden Arm des Mädchens, indem er zwiſchen den Zäh⸗ nen fortfuhr: „So, ſie wollen Dich zur Nonne machen?— Du willſt nicht— Du darfſt nicht— Dein Herz würde Deine Gelübde Lügen ſtrafen!“ „Ach, Harold!“ gab Editha, wenn nicht mit der Liebe des Wei⸗ bes, ſo doch mit der ganzen Unbewußtheit des Kindes zur Antwort, da ſeine Erſchütterung und ihre eigene Furcht vor dem Kloſter ſie über alle Schüchternheit hinübergehoben hatte;„lieber— viel lieber das Grab des Körpers als das des Herzens!— im Grabe könnte ich noch für die, ſo ich liebe, leben; hinter der Kloſterpforte aber muß ja die Liebe ſelbſt erſterben. Ja Du bemitleideſt mich, Harold; Deine Schweſter, die Königin, iſt mild und gütig; ich will mich ihr zu Füßen werfen und ſagen— Jugend iſt zärtlich und die Welt iſt ſchön: laß mich meine Jugend genießen und Gott ſegnen in der Welt, die er ſo gut gemacht hat!“. „Meine theure, theure Editha!“ rief Harold außer ſich vor Freude.„Ja, ſo ſprich; ſey feſt— ſie können, ſie dürfen Dich nicht zwingen! das Geſetz kann Dich nicht gegen Deinen Willen der Obhut Deiner Vormünderin Hilda entreißen, und wo das Geſetz iſt, da we⸗ nigſtens iſt Harold ſtark— und da wenigſtens iſt unſere Verwandt⸗ ſchaft, wenn gleich für mich ein Fluch, ſo doch für Dich ein Segen.“ „Warum, o Harold, ſagſt Du, daß unſere Verwandtſchaft Dein Fluch ſey? Es iſt ſo ſüß für mich, mir ſelber zuzuflüſtern: Harold iſt, wenn auch nur in fernem Grade, von Deinem Stamme, und ſo iſt es natürlich, daß Du auf ſeinen Ruhm ſtolz biſt und auf ſeine Gegenwart Dich freueſt! Warum iſt das, was mir ſo ſüß, für Dich ſo bitter?“ „Weil ich,“ fuhr Harold fort, indem er ihre Hand fahren ließ, 175 und ſeine Arme in tiefer Muthloſigkeit kreuzte,„weil ich ohne dieſe Verwandtſchaft ſagen würde: Editha, ich liebe Dich mehr als ein Bruder— Cditha, ſey Du Harolds Gattin! Und wollte ich ſo ſprechen, und wollten wir uns verbinden— alle Prieſter der Sachſen würden vor Entſetzen die Hände aufheben und unſere Ehe verfluchen, und ich wäre der Geächtete jenes Geſpenſtes der Kirche; und mein Haus würde erzittern bis auf den Grund, und mein Vater, meine Brüder, die Thane und Edlen, die Aebte und Prälaten, deren Hülfe unſere Stärke ausmacht, würden ſich um mich verſammeln mit Dro⸗ hungen und Bitten, auf daß ich Dich aufgebe. Ebenſo mächtig wie t, ich jetzt bin, war auch Sweyn, mein Bruder; und geächtet wie Sweyn jetzt iſt, würde Harold werden, und wäre Harold geächtet— welche Bruſt, ſo breit wie die ſeine, könnte die Lücke in Englands Verthei⸗ ch digung ausfüllen? Und die Leidenſchaften, die ich bezähme wie der Reiter ſein Roß, würden mir den Zügel entreißen, und ſtark in mei⸗ nem Rechte und edel von Natur würde ich mit Banner und Waffen gegen Kirche, Haus und Vaterland ausziehen; und das Blut meiner Landsleute würde wie Waſſer vergoſſen— und darum darf Harold, ein Sklave der lügneriſchen Knechtſchaft, die er verachtet, darum darf er nicht ſprechen zu dem Mädchen ſeiner Liebe: gib mir Deine Rechte r und ſey meine Braut!“ t Editha hatte ihm voll Beſtürzung und in Verzweiflung zugehört; t ihre Augen waren auf die ſeinen geheftet, ihr Geſicht ſtreng und ver⸗ ſchloſſen, als ob es zu Stein geworden wäre. Als er aber ſchwieg und einige Schritte von ihr wegtretend ſein männliches Geſicht ab⸗ 3 wendete, damit Editha ſeine Seelenangſt nicht gewahre, da ſchwang ſich der edle, erhabene Geiſt ihres Geſchlechts, der immer, wenn er am demüthigſten, das Hohe am beſten begreift, über Liebe und Gram zugleich empor, und ſie ſtand auf, legte ihr Händchen auf ſeine ſtahl⸗ feſte Schulter und ſprach halb mitleidig, halb in Ehrfurcht: „Nie zuvor, o Harold, war ich ſo ſtolz auf Dich, denn Editha könnte Dich nicht lieben, wie ſie es thut und bis zum Grabe thun wird, 176 wenn Du England nicht mehr als Deine Editha liebteſt. Harold, bis zu dieſer Stunde war ich ein Kind, das ſein eigenes Herz nicht kannte; ich ſchaue nun in dieſes Herz und ſehe, daß ich ein Weib bin. Harold, das Kloſter hat jetzt keine Schrecken für mich, und das ganze Leben ängſtigt mich nicht— nein, es erhebt mich nur zu dem einen Wunſche— daß ich würdig ſeyn möge, für Dich zu beten.“ „Mädchen, Mädchen!“ rief Harold plötzlich bleich wie der Tod —„ſage nicht, Du habeſt keine Furcht vor dem Kloſter. Ich beſchwöre, ich gebiete Dir, baue nicht zwiſchen uns dieſe gräßliche, unzerſtörbare Mauer. So lange Du frei biſt, lebt noch die Hoffnung— ein Phan⸗ tom vielleicht, aber doch Hoffnung!“ „Wie Du willſt, ſo will auch ich,“ erwiederte Editha demüthig; „ordne mein Schickſal, wie es Dir am beſten gefällt.“ Und nicht länger ſich ſelbſt vertrauend, denn ſie fühlte, wie ihr die Thränen in die Augen drangen, wandte ſie ſich haſtig um, und ließ ihn allein neben dem Altar und dem Grabmal. Achtzehntes Kapitel. Als Harold am nächſten Tage den Pallaſt von Weſtminſter in der Abſicht, des Königs Gemahlin aufzuſuchen, betrat, begegnete ihm ſein Vater auf einem der Gänge und nahm ihn ernſthaft bei der Hand. „Mein Sohn,“ hub er an,„ich habe viel auf dem Herzen, was Dich und unſer Haus betrifft. Komm mit mir.“ „Mit Eurer Erlaubniß komme ich ſpäter,“ verſetzte der Earl, „denn ich muß nothwendig meine Schweſter ſehen, noch ehe Beicht⸗ vater, Mönch oder Schullehrer ihre Stunden in Anſpruch nehmen!“ „ Nicht ſo, Harold,“ erwiederte der Earl kurzweg.„Meine Tochter iſt jetzt in ihrem Betzimmer und wir werden Zeit genug haben, um weltliche Dinge zu verhandeln, ehe ſie Dich empfangen und Dir von geiſtlichen Sachen, wie dem letzten Wunder des heiligen Alban, 177 oder dem letzten Traume des Königs vorpredigen kann, der ein großer gewaltiger Mann ſeyn würde, wenn er im Wachen ebenſo raſtlos wie im Schlafe wäre.— Komm!“ Ohne in ſeinem kindlichen Gehorſam, der wie natürlich zu ſeinem antiken Charakter gehörte, einen weiteren Verſuch zum Entkommen zu machen, folgte Harold ſeufzend in eines der anſtoßenden Zimmer. „Harold,“ begann dort Earl Godwin, nachdem er die Thüre ſorg⸗ fältig verſchloſſen hatte,„Du darfſt Dich vom König nicht länger in müſſigen Tändeleien zurückhalten laſſen: Deine Graffchaft verlangt Dich ohne Aufſchub. Du weißt, daß dieſe Oſtangeln, wie wir Sachſen ſie noch immer nennen, eigentlich meiſt aus Dänen und Normännern beſtehen — einem trotzigen freien und eiferſüchtigen Volke, das mehr mit den Normannen als mit den Sachſen verwandt iſt. Meine ganze Macht in England hat ſich nicht minder auf meine gemeinſame Geburt mit dem freien Volk von Weſſer— Sachſen gleich mir ſelbſt und darum für mich, den Sachſen, um ſo leichter zu beherrſchen— als beſonders auf die Gewalt gegründet, die ich mir von jeher durch Waffen wie durch friedliche Künſte über die Dänen im Reiche zu ſichern ſuchte, und Dir, Harold, als dem natürlichen Erben meiner Groͤße, ſage ich war⸗ nend, daß wer die ſtarren Herzen der Anglodänen nicht zu beherrſchen vermag, das Geſchlecht von Godwin nimmermehr in der Stellung, die es ſich im Vordertreffen des ſächſiſchen Englands errungen, behaupten wird.“ „Das weiß ich wohl, mein Vater,“ gab Harold zur Antwort, „und ich ſehe mit Freuden, daß dieſe Ankömmlinge von Helden und Freien, während ſie ſich unauflöslich mit den milderen Sachſen vermiſchen, mit ihren freieren Geſetzen und kühneren Sitten allmälig unſere eigenen erſetzen oder vielmehr regeneriren.“ Godwin lächelte beifällig; dann aber wurde ſeine Stirne ernſt, und die dunkle Pupille ſeines blauen Auges erweiterte ſich indem er fortfuhr: „Ganz recht, mein Sohn: haſt Du aber auch bedacht, daß während Bulwer, Harold. 12 178 Du unter geſpenſtigen Mönchskutten in dieſen Hallen zögerſt, Siward unſer Haus mit ſeinem Ruhme verdunkelt und das ganze Land nördlich vom Humber mit ſeinem Namen erfüllt? Haſt Du bedacht, daß ganz Mercia in den Händen unſeres Nebenbuhlers Leofrie iſt, und daß Al⸗ gar ſein Sohn, der während meiner Abweſenheit Weſſer beherrſchte, dort einen ſo beliebten Namen hinterließ, daß, wäre ich ein Jahr länger ausgeblieben, der allgemeine Ruf für Algar' und nicht für Godwin erklungen wäre?— denn ſo iſt die Menge von jeher! Nun hilf mir, Harold, denn meine Seele iſt gedrückt und ich kann nicht allein arbei⸗ ten; wenn ich es auch nicht vor Anderen ſage— mein Herz erhielt einen tödtlichen Schlag, als meine blutigen Thränen auf die Stirne Sweyns meines Erſtgebornen rannen.“ Der alte Mann ſchwieg und ſeine Lippe zitterte. „Du, Du allein, Harold, edler Junge, Du allein ſtandeſt neben ihm in der Halle; allein, allein und ich ſegnete Dich in jener Stunde vor allen meinen Sohnen. Ja, ja! doch jetzt wieder zu irdiſchen Ge⸗ ſchäften! Hilf mir, Harold! ich öffne Dir mein Gewebe: vollende es, wenn dieſe Hand erkaltet iſt. Der neue Baum, der allein in der Ebene ſteht, wird vom Winter getödtet; aber rings vom Forſte eingefaßt, wird ſeine Jugend von den Genoſſen geſchützt. Ebenſo geht es mit einem neubegründeten Hauſe— es muß erſt durch die Bundesgenoſſen, die es umt ſeinen ſchwachen Stamm anſetzt, Stärke gewinnen. Was wäre aus Godwin, dem Sohne Wolnoths, geworden, hätte er nicht in das königliche Haus des großen Canuts geheirathet?† Das iſt's gerade, was jetzt meinen Söhnen ein Recht auf die loyale Liebe der Dänen verleiht. Der Thron ging für Canut und ſein Geſchlecht verloren und die Sachſen kamen wieder an die Reihe; wie Jephtha einſt ſeine Tochter, ſo gab ich meine blühende Editha in das kalte Bett des ſaͤch⸗ ſiſchen Koͤnigs. Wären Kinder aus dieſer Ehe entſprungen, ſo käme Godwins Enkel, aus ſächſiſchem wie aus däniſchem⸗Königsblute her⸗ vorgegangen, auf den Thron dieſer Inſel. Das Schickſal ordnete es * Tegner's Fridiofsſage. ☛ 3 Q— 8 Sͤ G——-& eAͤSS 2 179 anders, und die Spinne muß ihr Gewebe von Neuem beginnen. Dein Bruder Toſtig hat durch ſeine Heirath mit der Tochter des Grafen Balduin unſerm Geſchlechte mehr Glanz als ſolide Stärke gebracht: der Ausländer hilft uns wenig in England: Du o Harold, mußt un⸗ ſerm Hauſe neue Stützen geben, und ich möchte Dich lieber mit dem Kinde eines unſerer großen Nebenbuhler als mit der Tochter von Kai⸗ ſern oder ausländiſchen Königen vermählt ſehen. Siward hat über keine Tochter mehr zu verfügen: Algar dagegen, Leofriec's Sohn, hat eine Tochter, die Schönſte der Schönen; mache ſie zu Deiner Braut, damit Algar aufhört, unſer Feind zu ſeyn. Dieſe Verbindung wird Mercia unſeren Fürſtenthümern unterwerfen, wie der Stärkere immer den Schwächeren verſchlingt— ſie thut noch mehr: Algar hat ſich in das Königshaus von Wales“ vermählt; Du wirſt alſo all dieſe wilden Stämme auf Deine Seite bringen, ihre Macht wird Dir die Marſchen gewinnen, welche Rolf der Normanne ſo ſchwach behauptet, und in Fällen plötzlichen Umſchlagens oder Fährniſſes werden ihre Berge Dir immer eine Zuflucht vor allen Feinden gewähren. Algar ſagte mir dieſer Tage, als ich ihn begrüßte, er gedenke ſeine Tochter an Gryffyth, den rebelliſchen Unterkönig zu verheirathen. Darum mußt Du zeitig mit ihm reden und in einem Athem werben und gewinnen,“ fuhr der alte Earl lächelnd fort,„was für Harold mit der goldenen Zunge keine ſchwere Aufgabe ſeyn dürfte.“ „Herr und Vater,“ erwiederte der junge Earl, der durch die lange Rede auf dieſen Schluß vorbereitet war, und vermöge ſeiner gewohn⸗ ten Selbſtbeherrſchung ſeine Aufregung zu verbergen vermochte,„ich bin Euch pflichtmäßig dankbar für Eure Sorge wegen meiner Zukunft und hoffe aus Eurer Weisheit Nutzen zu ziehen. Ich will den König⸗ * Einige Chroniſten erzählen, er habe die Tochter Gryffyths, des Königs von Nordwales, geheirathet; allein Gryffyth hatte unläugbar eine Tochter Algars zur Frau und eine ſolche Doppelehe konnte doch nicht geduldet werden. Es war alſo vermuthlich eine entferntere Verwandte Gryffyths, welche Algar zum Weibe nahm. 12* 2 180 um Urlaub bitten, um zu meinen Oſtangeln zu gehen, und dort Volks⸗ verſammlungen zu halten, Recht zu ſprechen und Beſchwerden zu he⸗ ben und Than wie Ceorl mit Harold dem Earl zufrieden zu machen. Aber vergeblich iſt der Friede im Reich, wenn Streit in dem Hauſe — Aldytha, die Tochter Algars, kann nie meine Hausfrau werden.“ „Warum?“ fragte der alte Earl ruhig, indem er ſeinen Sohn mit jenen ſo klaren aber ſo unergründlichen Augen betrachtete. „Weil ſie mir bei all ihrer Schönheit nicht gefällt und mein Herz nie erwärmen könnte; weil Algar und ich, wie Du wohl weißt, im Felde wie im Rathe von jeher Gegner waren, und ich nicht der Mann bin, der ſeine Liebe verkaufen kann, wenn ich auch meinen Aerger zurück⸗ zudrängen vermag. Earl Harold bedarf keiner Braut, um im Noth⸗ falle Bewaffnete um ſich zu verſammeln, und ſeine Herrſchaft will er mit dem Schilde des Mannes, nicht aber mit der Spindel des Weibes beſchützen.“ „Das haſt Du im Trotz und Irrthum geſprochen“, erwiederte der alte Earl kalt.„Nur wenig Mühe hätte es Dich gekoſtet, Algar die früheren Händel zu vergeben und ſeine Hand als die eines Schwieger⸗ vaters zu ergreifen, wenn Du für ſeine Tochter empfunden hätteſt, was die Großen nur als eine Thorheit betrachten dürfen.“ „Iſt Liebe eine Thorheit, mein Vater?“ „Allerdings,“ verſetzte der Earl nicht ohne Trauer—„für Die⸗ jenigen allerdings, welche wiſſen, daß das Leben aus Sorgen und Ge⸗ ſchäften beſteht, daß es in lange Jahre ausgeſponnen wird, die ſich nicht nach den Freuden einer Stunde zählen laſſen. Glaubſt Du, ich habe mein erſtes Weib, die ſtolze Schweſter Canuts geliebt?— Glaubſt Du, Deine Schweſter Editha habe Edward geliebt, als er die Krone auf ihr Haupt ſetzte?“ „In Editha meiner Schweſter hat unſer Haus ſelbſtſüchtiger Ge⸗ walt genug geopfert, mein Vater.“ „Selbſtſuchtiger Gewalt— das geb' ich zu,“ verſetzte der beredte Greis,„aber nicht genug für Englands Sicherheit. Bedenke Dir's, 181 Harold: Deine Jahre, Dein Ruhm und Deine Stellung erheben Dich frei über jede Kontrole des Vaters; aber nicht eher, als bis Du im Grabtuche ſchlummerſt, wirſt Du Deines zweiten Vaters— des Ge⸗ burtslandes— ledig ſeyn! Erwäge dieß in Deinem eigenen weiſen Geiſte— weiſer bereits als der, welcher unter der Laſt ſeiner grauen Haare zu Dir ſpricht. Erwäge es wohl und frage Dich ſelbſt, ob Deine Macht nach meinem Tode zum Wohle Englands nicht noth⸗ wendig iſt, und ob alles, was Deine Plane erſinnen mögen, Deine Ge⸗ walt ſo ſtärken wird, daß Du im Herzen des Königreichs ein Heer von Freunden wie dort in Mercia findeſt, oder ob es für Deine Größe eine Schranke, eine Mauer auf Deinem Pfade oder einen Dorn in Deiner Seite gäbe, ähnlich dem Haſſe oder der Eiferſucht Algars, des Sohnes von Leofric.“ Bei dieſen Worten begann ſich Harolds Geſicht, zuvor ſo ruhig und heiter, zu überziehen, denn er empfand die Stärke von ſeines Va⸗ ters Worten, wenn dieſer ſich an ſeinen Verſtand und nicht an ſeine Neigungen richtete. Der alte Mann ſah den Vortheil, den er erlangt hatte und unterließ es klugerweiſe, ihn weiter zu verfolgen, ſondern er⸗ hob ſich, indem er die ſchleppende mit Pelz verbrämte Gonna um ſich ſchlang und bemerkte erſt als er die Thüre erreichte: „Das Alter ſieht in die Ferne; es ſteht auf der Höhe der Erfah⸗ rung wie ein Wächter auf der Zinne des Thurmes, und ich ſage Dir, Harold, wenn Du dieſe goldene Gelegenheit entſchlüpfen läßt, ſo wirſt Du die verlorene Stunde noch manche lange Jahre zu bereuen haben. Wenn nicht Mercia als Mittelpunkt des Königreichs mit Deiner Macht verknüpft iſt, ſo wirſt Du zwar immer hoch genug— aber Du wirſt an dem Rand eines Abgrundes ſtehen, und wenn Du, wie ich vermuthe, eine Andere liebſt, die jetzt Deinen hellen Blick umwölkt, und dann Deinen Ehrgeiz hemmen wird, ſo wirſt Du entweder ihr Herz durch Deine Treuloſigkeit brechen oder Dein eigenes wird ſich in Reue ver⸗ zehren. Liebe ſtirbt im Beſitze— der Ehrgeiz kennt keine Befriedigung und darum lebt er ewig.“ — ——— „Dieſen Ehrgeiz beſitze ich nicht, mein Vater,“ rief Harold in vollem Ernſte;„ich kenne nicht dieſe Liebe zur Macht, die an Dir ſo⸗ gar in ihren Extremen ſo ruhmwürdig iſt. Ich habe nicht Deine—“ „Siebzig Jahre!“ fiel der alte Mann den Satz ergänzend ein. „Mit den Siebzigen werden alle Männer, welche groß geweſen, ſo wie ich ſprechen— und ſie alle haben auch die Liebe gekannt! Du nicht ehrgeizig, Harold! Du kennſt Dich ſelber nicht, noch weißt Du, was Ehrgeiz⸗ iſt. Das, was ich in weiter Ferne als Dein natürliches Ziel vor mir ſehe, darf ich und will ich nicht ſagen; wenn die Zeit dieſes Ziel in den Bereich Deines Speeres bringt, dann erſt ſage: iich bin nicht ehrgeizig!’ Bedenke Dich und entſcheide.“ Und Harold bedachte ſich lange, und entſchied nicht wie Godwin es wünſchen mochte, denn er hatte nicht die ſiebzig Jahre ſeines Va⸗ ters und jenes Ziel lag noch in den Eingeweiden der Berge, wo aber die Zwerge und Gnomen das Gold bereits in Geſtalt einer Krone ver⸗ arbeiteten. Neunzehntes Kapitel. Waͤhrend Harold über ſeines Vaters Worte nachſann, ſaß Editha auf einem niedern Stuhle neben der Herrin von England und horchte mit ernſter aber trauriger Ehrfurcht auf ihre königliche Namens⸗ ſchweſter. Das Kloſett der Königin“ ging wie das des Königs auf der ei⸗ nen Seite in ein Oratorium, auf der andern in ein geräumiges Vor⸗ zimmer. Der untere Theil der Wände war mit Tapeten bedeckt, welche für eine Niſche mit dem Bilde der Jungfrau noch Raum übrig ließen. Neben der Thüre des Betzimmers hing das Aspersorium(Weihkeſſel) * Der Titel Königin iſt hier beibehalten, da unſere Hiſtoriker ihn ohne Bedenken den Gemahlinnen unſerer ſächſiſchen Könige geben; die genaue und damals übliche Bezeichnung für Edwards königliche Gattin wäre—„Editha, die Lady.“ 10 BN. ☛— ———,— —— ———.—„ 183 und in beiden Zimmern ſtanden in verſchiedenen Kiſten und Schränken allerhand Käſtchen mit heiligen Reliquien. Das Purpurlicht des ſchma⸗ len, hohen, bemalten Fenſters, das ſich in der Form des ſächſiſchen Bogens wölbte, ſtrömte reich und voll gleich einer Glorie über das ge⸗ beugte Haupt der Königin und färbte ihre bleichen Wangen mit mäd⸗ chenhaftem Erröthen, ſo daß ſie ein ſchönes Modell für eine heilige Maria gegeben hätte, nicht als jugendliche Mutter mit dem göttlichen Kind auf den Armen, ſondern nachdem der Kummer ſogar ihren unbe⸗ fleckten Buſen erreicht, und der Stein das heilige Grab verſchloſſen hatte. Ihr Antlitz war nämlich immer noch ſchön und über alle Be⸗ ſchreibung mild, allein auch unbeſchreiblich traurig in ſeiner zarten Re⸗ ſignation. Und ſo ſprach die Koͤnigin zu ihrem Pathenkinde: „Warum zögerſt Du und wendeſt Dich ab? Glaubſt Du, armes Kind, in Deiner Unerfahrenheit, die Welt könne Dirje einen größern Se⸗ gen als die Ruhe des Kloſters gewähren? Frage Dich nur ſelbſt, ſo jung Du auch biſt, ob nicht alles wahre Glück, das Du kennen gelernt haſt, nur auf Hoffnung ſich beſchränkte. So lange Du hoffeſt, biſt Du glücklich.“ Editha ſeufzte tief und bewegte ihr jugendliches Haupt in unwill⸗ kürlicher Beiſtimmung. „Und was iſt das Leben für die Nonne anders denn Hoffnung? In der Hoffnung weiß ſie nichts von der Gegenwart— ſie lebt in der Zukunft und hört fortwährend den Chor der Engel ſingen, wie St. Dunſtan ſie bei Edgars“ Geburt vernahm. Dieſe Hoffnung entfaltet ihr das Heiligthum der Zukunft: der Erde ihren Leib, dem Himmel ihre Seele!“ „Und ihr Herz, o Herrin von England 2“ rief Editha in tiefer Seelenangſt. Die Königin ſchwieg eine Weile und legte dann ihre bleiche Hand freundlich auf Editha's Buſen. „ Ethel. de Gen. Reg. Ang. 184 „Nicht pochend, Kind, wie jetzt das Deine in eitlen Gedanken und weltlichen Wünſchen, ſondern ruhig wie das Meine. Es liegt in un⸗ ſerer Macht,“ fuhr die Königin nach ab. rmaliger Pauſe fort,„es liegt in unſerer Macht, das Leben in uns ganz geiſtig zu geſtalten, ſo daß es kein Herz gibt, oder es wir wenigſtens nicht ſpüren, daß Kum⸗ mer und Freude keine Gewalt über uns haben, ſondern daß wir gefaßt auf die ſtürmiſche Erde blicken, wie jenes Bild der Jungfrau, die wir uns zum Muſtex nehmen, aus der ſchweigenden Niſche herabſchaut. Höre mich, Liebling und Pathe.— Ich habe menſchliche Pracht und menſchliche Erniedrigung kennen gelernt. In dieſen Hallen erwachte ich als Herrin von England und noch vor Abend verbannte mich mein Herr ohne ein Zeichen der Ehre, ohne ein Wort des Troſtes in das Kloſter von Wherwell— mein Vater, meine Mutter, meine Verwand⸗ ten— Alle im Erxil und meine Thränen ſtrömten für ſie, aber nicht auf den Buſen eines Gatten.“ „Ach damals, edle Editha,“ rief das Mädchen bei der Erinnerung an die Kränkung ihrer Königin vor Unwillen erröthend—„ach damals hat ſich Dein Herz gewiß vernehmbar gemacht.“ „Vernehmbar— ja wahrlich,“ ſagte die Königin aufſchauend und ihr die Hand drückend;„vernehmbar wohl— aber meine Seele hat es zurückgewieſen, denn die Seele ſagte: geſegnet ſind die Leid⸗ tragenden, und ich freute mich der neuen Prüfung, die mich ihm, der ſeine Lieben züchtigt, näher brachte.“ „Aber Deine verbannte Familie, jene Weiſen und Tapfern, die einſt den Herrn auf den Thron ſetzten?“ „War es nicht ein Troſt zu denken,“ gab die Königin beſcheiden zur Antwort,„daß in dem Hauſe Gottes meine Gebete für ſie eher als in den königlichen Hallen erhört würden? Ja, mein Kind, ich habe die Ehre wie die Ungnade der Welt kennen gelernt und habe mein Herz gewöhnt, in beiden Fällen ruhig zu bleiben.“ „Ach Du beſitzeſt mehr als Menſchenſtärke, Königin und Heilige!“ rief Editha,„und ich habe von Dir ſagen hören, ſo wie Du jetzt biſt, — 185 ſeyeſt Du von den früheſten Jahren an geweſen, immer die Süße, die Ruhige, die Heilige— ſtets weniger auf der Erde als im Himmel!“ Im Auge der Königin, als ſie es bei dieſem Ausbruche der Be⸗ geiſterung auf Editha richtete, lag etwas, was ihrem ſonſt ganz ver⸗ ſchiedenen Geſichte einen Augenblick lang große Aehnlichkeit mit ihrem Vater verlieh; in dem großen Augapfel leuchtete etwas von der un⸗ durchdringlich unerforſchlichen Tiefe einer verſchloſſenen und in ihrer Selbſtbeherrſchung geheimnißvollen Natur. Ein ſchärferer Beobachter als Editha hätte ſich wohl längſt bei dieſem Blicke gewundert, ob nicht wirklich unter der erhabenen Geiſtesruhe das Myſterium menſchlicher Leidenſchaft laure. „Mein Kind,“ verſetzte die Königin mit kaum bemerkbarem Lächeln, Editha an ſich ziehend,„es gibt Augenblicke, wo Alle, welche die Luft des Lebens athmen, gleichmäßig fühlen oder gefühlt haben. In meiner eiteln Jugend habe ich geleſen, geſonnen und erwogen— aber nur über welt⸗ liche Dinge, ſo daß was die Männer die Heiligkeit der Jugend nann⸗ ten, vielleicht blos das Stillſchweigen des Gedankens war. Jetzt habe ich all jene frühen kindiſchen Träume und Schatten bei Seite gelegt, ohne länger an ſie zu denken, wenn nicht etwa“(hier wurde ihr Lä⸗ cheln bemerkbarer)„um einen armen Schulknaben mit den Räth⸗ ſeln und Knoten der Grammatik zu necken*. Aber nicht um von mir ſelbſt zu reden, habe ich Dich rufen laſſen, Editha, denn aber⸗ und abermals bitte ich Dich feierlich und aufrichtig, den Wünſchen meines Herrn und Königs zu gehorchen. Und jetzt während Du noch in der vollen Blüthe des Gedankens wie der Jugend biſt, während Du noch kein anderes Gedächtniß als das des Kindes haſt, trete Du ein in das Reich des Friedens!“ „Ich kann, ich darf nicht, ich kann nicht— ach fragt mich nicht,“ rief die arme Editha, ihr Geſicht mit den Händen bedeckend. Dieſe Hände zog die Königin ſanft zurück und ſchaute feſt in das wechſelnde halb abgewendete Antlitz. * Ingulfus. .. ₰ 186 „Steht es ſo, mein Kind?“ fragte ſie traurig:„iſt Dein Herz auf die Hoffnungen der Erde, ſind Deine Träume auf die Liebe des Man⸗ nes gerichtet?“ „Nein,“ gab Editha ausweichend zur Antwort;„aber ich habe verſprochen, nicht den Schleier zu nehmen.“ „Haſt Du's Hilda verſprochen?“ „Hilda,“ rief Editha raſch,„würde nie einwilligen. Du kennſt ihre ſtarre Natur, ihren Widerwillen gegen— gegen—“ „Die Geſetze unſerer heiligen Kirche.— Ja, ich weiß es, und aus dieſem Grunde hauptſächlich vereinige ich mich mit dem Könige in dem Beſtreben, Dich von ihrem Einfluſſe abzuziehen. Oder iſt es nicht Hilda, der Du es verſprachſt?“ Editha ſenkte das Köpfchen. „Iſt es Weib oder Mann?“ Aber ehe noch Editha antworten konnte, ging die Thüre des Vor⸗ zimmers leiſe auf und ohne die gewöhnliche Ceremonie trat Harold ein. Sein raſcher ruhiger Blick überſchaute beide Geſtalten und beugte Edithens erſten Impuls, womit ſie gerne aufgeſprungen und ihm als ihrem Beſchützer voll Freude entgegengeeilt wäre. „Schönen Tag Dir, meine Schweſter,“ ſagte der Earl ſich nä⸗ hernd;„Verzeihung, wenn ich Deine Muße ſo rauh unterbrach, denn ſelten ſind die Augenblicke, welche Bettler und Benediktiner Dir zum Empfange Deines Bruders übrig laſſen.“ „Machſt Du mir Vorwürfe, Harold?“ „Verhüte der Himmel!“ erwiederte der Earl herzlich, und mit einem Blicke des Mitleids und der Bewunderung;„an dieſem Hofe von Heuchlern gehörſt Du unter die wenigen wahren und aufrichtigen Herzen und es gefällt Dir, der göttlichen Macht auf Deine Weiſe zu dienen, wie es mir beliebt, Ihm nach meiner Art zu huldigen.“ „Nach Deiner— Harold?“ erwiederte die Königin kopfſchüttelnd, aber mit einem Ausdrucke menſchlichen Stolzes und menſchlicher Zärt⸗ lichkeit in ihrem Geſichte. auf kan⸗ habe unſt und nige t es Vor⸗ ein. ugte als na⸗ denn zum mit dofe gen zu Ind, ärt⸗ „Nach meiner Art, wie ich es noch ganz jung von Dir erlernte, Editha, als Du mich zum erſten Male von Jagd und Zeitvertreib zu den Studien verlockteſt, in denen Du mir vorangegangen warſt. Von Dir lernte ich über die Thaten der Griechen und Römer erglühen, in⸗ dem ich mir ſagte: ſie lebten und ſtarben als Männer, und wie ſie will ich leben und ſterben!“ „Ach wahr— nur zu wahr!“ rief die Königin ſeufzend,„und ich verdiene einen ſchweren Tadel, daß ich einen Geiſt, der ſich ſonſt wohl heiligere Beiſpiele genommen hätte, ſo ganz zur Erde verkehrte. Nein, lächle nicht ſo übermüthig, mein Bruder, denn glaube mir— ja glaube mir— es iſt mehr ächter Werth in dem Leben eines geduldigen Märty⸗ rers, als in den Siegen eines Cäſar oder in der Niederlage eines Brutus.“ „Mag ſeyn,“ erwiederte der Earl;„aber aus der ſtarken Eiche ſchnitzen wir den Speer und das Kreuz, und wer nicht würdig iſt, das eine zu halten, mag doch ohne Schuld den andern ſchwingen. Jeder folge ſeinem Lebenspfade— den meinen habe ich mir gewählt.— Aber was haſt Du mit Deinem ſchönen Pathenkinde geſprochen,“ fuhr er mit plötzlich veränderter Stimme fort,„daß ihre Wange bleich und ihre Augenlieder ſo ſchwer ſcheinen? Editha, Editha, meine Schwe⸗ ſter, hüte Dich, das Loos des Märtyrers ohne den Frieden des Heili⸗ gen über ſie zu verhängen. Wäre Algive, die Nonne, mit unſerem Bruder Sweyn verheirathet worden— er wandelte jetzt nicht einſam und barfuß, um die Trümmer eines verödeten Lebens am heiligen Grabe niederzulegen.“ „Harold, Harold!“ ſtammelte die Königin, von ſeinen Worten tief betroffen. „Bedenke,“ fuhr der Earl fort— und etwas von dem Pathos tiefer Erregung zitterte in ſeiner beredten Stimme, welche zu rühren und zu befehlen gewohnt war—„wir ſammeln nicht die grünen Blätter für unſere Weihnachtsbäume, wir nehmen ſie erſt, wenn ſie dürr und trocken ſind. Laß die Jugend auf den Zweigen, laß den Vogel ihr vorſingen— laß ſie frei in des Himmels Lüften ſpielen. Rauch dringt aus dem 188 Aſte, der im Safte geſchnitten ins Feuer geworfen wird, und Reue aus dem Herzen, das von der Welt getrennt iſt, während dieſe in ihrem Maien vor ihm ſteht.“ Die Königin ging langſam aber in offenbarer Aufregung im Zim⸗ mer auf und nieder und ihre Hände umfaßten krampfhaft den Roſen⸗ kranz an ihrem Halſe. Nach einer Pauſe des Nachdenkens winkte ſie Edithen und deutete auf das Betzimmer, indem ſie mit erzwungener Ruhe ſagte: „Dort trete ein und kniee nieder; verkehre mit Dir ſelbſt und ſey ſtill. Flehe um ein Zeichen von Oben— bitte um die Gnade von Innen. Geh— ich will allein mit Harold reden.“ Ihre Arme ſanft über den Buſen kreuzend ging Editha in das Betzimmer. Die Königin bewachte ſie einige Augenblicke zärtlich, während die leichte kindliche Geſtalt ſich vor dem heiligen Symbole beugte. Dann zog ſie ſachte die Thüre zu und näherte ſich Harold mit raſchem Tritte, indem ſie ihn leiſe aber mit klarer Stimme fragte: „Liebſt Du das Mädchen?“ „Schweſter,“ gab der Earl traurig zur Antwort,„ich liebe ſie, wie der Mann das Weib lieben ſoll— mehr als mein Leben, aber weniger als die Zwecke, wofür man lebt.“ „O Welt, Welt, Welt!“ rief die Königin leidenſchaftlich,„nicht einmal deinen eigenen Gegenſtänden biſt du getreu. O Welt, o Welt! du verlangſt Glück hienieden, und bei jedem Schritte, bei jeder Eitel⸗ keit trittſt du das Glück mit Füßen! Ja, ja; mir ſagte man: um unſerer Größe willen ſollſt du König Edward heirathen.“ Und ich lebe vor den Augen, die mich haſſen, und— und—“ hier ſchwieg die Kö⸗ nigin plötzlich wie von ihrem Gewiſſen betroffen, küßte demüthig die Reliquie an ihrem Roſenkranz und ſprach dann mit einer Ruhe, daß es ſchien, als ob zwei Weſen in das eine verſchmolzen wären, ſo be⸗ fremdend war der Kontraſt:„und ich habe meinen Lohn gehabt, aber nicht von der Welt!— Und ſo, Earl Harold, Du eines Earls Sohn, Du liebſt jenes ſchöne Kind und ſie liebt Dich: ihr könntet glücklich 189 ſeyn, wenn das Glück das Ziel der Erde wäre; aber wiewohl hochge⸗ boren und mit ſchönem zeitlichem Beſitze geſegnet, bringt ſie Dir doch nicht genug Ländereien zur Ausſtattung, nicht Haufen von Verwandten zur Vermehrung Deiner Vaſallen und iſt kein Markſtein auf Deinem Wege zum Ehrgeiz, und ſo liebſt Du ſie, wie der Mann das Weib liebt— weniger als die Zwecke, wofür man lebt!“ „Schweſter,“ erwiederte Harold,„Du ſprichſt, wie ich Dich gern reden höre— wie meine hellaugige, roſenlippige Schweſter in früheren Tagen geſprochen: Du ſprichſt wie ein warmherziges Weib und nicht wie die Mumie im ſteifen Grabtuche prieſterlicher Formen. Wenn Du mit mir biſt und mir Deinen Beiſtand leihen willſt, ſo will ich Deine Pathe heirathen, und ſie vor Hilda's düſterem Aberglauben wie vor dem Grabe des verabſcheuten Kloſters retten.“ „Aber mein Vater— mein Vater!“ rief die Königin;„wer hat jemals dieſen ſtählernen Geiſt gebeugt?“ „Es iſt nicht der Vater, den ich fürchte, ſondern Du und Deine Mönche. Vergiſſeſt Du, daß Editha und ich innerhalb der ſechs ver⸗ botenen Kirchengrade ſtehen?“ „Wahr, nur allzuwahr,“ ſagte die Königin mit einem Blicke tie⸗ fen Schreckens;„ich hatte vergeſſen. Verbanne den Gedanken! Bete — faſte— verbanne ihn, mein armer, armer Bruder;“ und ſie küßte ihn auf die Stirne. „So, da hört das Weib auf und die Mumie ſpricht wieder,“ murrte Harold in bitterem Ingrimme.„Immerhin; ich beuge mich vor meinem Schickſal. Es kann noch eine Zeit kommen, wo auf dem Throne von England die Natur über das Prieſterthum obſiegt, und zum Lohn für alle meine Dienſte will ich dann einen König, welcher Blut in ſeinen Adern hat, darum bitten, daß er mir des Pabſtes Ver⸗ zeihung und Segen gewinne. Laß mir dieſe Hoffnung, Schweſter, und laſſe Dein Pathenkind an den Küſten der lebenden Welt.“ Die Königin gab keine Antwort und Harold, aus ihrem Schwei⸗ gen Schlimmes vermuthend, öffnete die Thüre des Betzimmers. Aber 190 das Bild, das dort ſeinen Augen begegnete, jene knieende Geſtalt, die Augen unter unbeachteten Thränen ſo ernſt auf das heilige Kreuz ge⸗ heftet— ſcheuchte ſeinen Schritt zurück und hemmte ſeine Stimme. Erſt als das Mädchen ſich erhoben hatte, brach er das Stillſchweigen mit der ſanften Anrede: „Meine Schweſter will nicht länger in Dich dringen, Editha—“ „Das ſage ich nicht!“ rief die Königin. „Oder wenn ſie es thut, ſo erinnere Dich Deines Verſprechens, das Du unter dem weiten Gewölbe des blauen Himmels, dem alten aber darum nicht minder heiligen Tempel unſeres gemeinſamen Vaters beſchworen haſt!“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Zwanzigſtes Kapitel. Harold trat in das Vorzimmer der Königin. Hier war die Ver⸗ ſammlung nur klein und auserleſen, verglichen mit den Maſſen, denen wir alsbald in dem des Königs begegnen werden, denn hierher kamen vornehmlich die gebildeteren Geiſtlichen, durch die Geiſteskultur der Königin inſtinktartig angezogen. Deren waren aber in jener Zeit(viel⸗ leicht der ungelehrteſten ſeit Alfreds Tode)“ gar wenige und es fehl⸗ ten hier jene Haufen von Betrügern und Reliquienverkäufern, welche die kindliche Einfalt und unſinnige Verſchwendung des Bekenners an⸗ zog. Vier bis fünf Prieſter und Moͤnche, hie und da eine Wittwe oder Waiſe, d. h.— demuthsvoller Werth und unbeſchützte Sorge bildeten das geräuſchloſe Levée der ſüßen traurigen Königin. *„Der Klerus,“(ſagt Malmesbury)„mit ſeiner geringen Gelehrſamkeit ſich begnügend, verſtand mit knapper Noth die Worte des Sakramentes zu ſtammeln, und wer die Grammatik ſtudirt hatte, war ein Gegenſtand der Be⸗ wunderung und des Erſtaunens.“ Auch andere, gewiß unpartheiiſche Autori⸗ täten ſprechen ſich ebenſo ſtark über die vorherrſchende Unwiſſenheit damaliger Zeit aus. zue wo die die 191 Die Gruppen wendeten ſich mit geduldigen Augen nach dem Earl, als er aus dem Zimmer kam, das man nur ſelten ungetröſtet verließ, und wunderten ſich über ſeine flammenden Wangen und die Unruhe auf ſeiner Stirne. Aber Harold war den Clienten ſeiner Schweſter theuer, denn trotz ſeiner bekannten Gleichgültigkeit gegen die blos prieſterlichen Tugenden jener entarteten Zeit(wenn man ſie überhaupt ſo nennen konnte), wurde ſein Verſtand von den gelehrten Kirchen⸗ männern hochgeſchätzt und ſein Charakter als Feind jeder Ungerechtig⸗ keit und Tröſter jeden Kummers war jener hohläugigen Wittwe und der zitternden Waiſe wohl bekannt. In der Atmoſphäre dieſer ruhigen Verſammlung ſchien der Earl ſeine freundliche Stimmung wieder zu gewinnen, und er blieb ſtehen, um mit jedem der Auweſenden ein freundliches oder tröſtendes Wort zu ſprechen, ſo daß ſich die Herzen der Angeredeten bei ſeinem Ver⸗ ſchwinden erleichtert fühlten, und das bei ſeinem Eintritte entſtandene Schweigen durch manches Flüſtern zum Lobe des guten Earls unter⸗ brochen wurde. Indem Harold eine Treppe außerhalb der Mauer— wie damals ſogar in königlichen Hallen die Treppen noch vorzugsweiſe gebaut wur⸗ den— hinabſtieg, erreichte er einen weiten Hof, worin verſchiedene Hauslümmel“(wie ſie hießen) und Diener des Königs oder ſeiner Gäſte umherſchlenderten. Sobald er den Eingang des Pallaſtes er⸗ reichte, ſchlug er den Weg nach des Königs Zimmern ein, die ſich ganz in der Nähe und nicht weit von dem jetzt ſo benannten„gemalten Zimmer“(von Edard bei feierlichen Gelegenheiten als Schlafgemach benützt) befanden. Und nun betrat er das Vorzimmer ſeines königlichen Schwagers, „ Die königlichen Leibwächter— meiſt däniſchen Urſprungs. Sie ſcheinen zuerſt von Canut in dieſer Eigenſchaft formirt, oder wenigſtens verwendet worden zu ſeyn. Bei den großen Carls hatten die Leibwächter vermuthlich dieſelbe Funktion; aber in Familien von niederem Range war Hauslümmel die Benennung des Hausdieners. 192 voll gepfropft, daß es eher der Halle eines Kloſters, als dem Vorge⸗ mache eines Königs ähnlich ſah. Mönche, Pilger, Prieſter begegneten ſeinen Blicken in jedem Winkel, ſo daß der Earl hier nicht verweilen mochte, um die Künſte der Volksgunſt auch hier zu verſuchen. Erhobenen Hauptes durch die Menge wandelnd, winkte er dem Hofbeamten, der am äußerſten Ende wartete und ihn nach kurzem Geflüſter in das Ge⸗ mach des Königs führte. Die Mönche und Prieſter ſchauten auf die Thüre, welche die ſtattliche Geſtalt eingelaſſen hatte und ſagten unter⸗ einander: „Des Königs normänniſche Günſtlinge ehrten wenigſtens die Kirche.“ „Das iſt wahr,“ bemerkte ein Abt;„und wäre es mir nicht um zwei Dinge, ſo würde ich die Normannen den Sachſen vorziehen.“ „Und die wären, mein Vater?“ fragte ein junger angehender Mönch. „Inprinis,“ verſetzte der Abt, ſtolz auf das einzige lateiniſche Wort, das er zu wiſſen meinte, das jedoch, wie wir ſehen, fehlerhaft war,„die Normänner können nicht ſprechen, daß man ſie ver⸗ ſteht und neigen ſich, fürcht' ich, ſehr zu blos fleiſchlicher Gelehr⸗ ſamkeit.“ Hier ließ ſich ein heiliges Stöhnen vernehmen. „Graf William ſelbſt ſprach lateiniſch mit mir!“ fuhr der Abt mit ſtolz erhobenen Augbrauen fort. „Wirklich?— wunderbar!“ riefen mehrere Stimmen.„Und was gabt Ihr zur Antwort, heiliger Vater?“ „Ei nun,“ verſetzte der Abt feierlich,„ich erwiederte Inprinis.“ „Gut!“ ſagte der junge Mönch mit einem Blicke tiefer Bewun⸗ derung. „Worauf der gute Graf ganz verwirrt ausſah— und das hatte ich eben gewollt!— Ein abſcheulicher Fehler und ganz unerträglich für den Klerus— dieſe Liebhaberei für profane Sprachen! Das Nächſte, was ich gegen den Normannen einzuwenden habe,“ fügte der — 2— 2— —,j—r—— 193 Abt mit ſchlauem Augenwinken bei,„iſt, daß er ein verſchloſſener Menſch iſt und nichts auf ſeinen Krug hält, und doch behaupte ich, daß ein Prieſter nie mehr Einfluß auf einen Sünder hat, als wenn er dieſen zur Eröffnung ſeines Herzens zu bringen vermag.“ „Das iſt klar!“ beſtätigte ein fetter Prieſter mit glänzender Rubin⸗ naſe. „Und wie kann ein Sünder ſein ſchweres Herz öffnen, wenn man ihm nicht etwas zur Erleichterung deſſelben eingibt?“ fuhr der Abt triumphirend fort.„Ach wie manchen armen Kerl habe ich bei einer Flaſche ſtarken Ales geiſtig getröſtet und wie manches tüchtige Legat für die Kirche iſt nicht ſchon aus einem freundlichen Trinkgelage zwi⸗ ſchen dem wachſamen Hirten und ſeinem verirrten Schafe hervorge⸗ gangen!— Doch was haſt Du hier?“ redete der Abt einen Mann in der Laientracht eines Londoner Bürgers an, der eben in Begleitung eines Jünglings mit einem in feine Linnen gehüllten Koffer ins Zim⸗ mer trat. „Heiliger Vater!“ verſetzte der Bürger, ſeine Stirne wiſchend, „das iſt ein ſo großer Schatz, daß Hugolin, des Königs Schatzmeiſter, mich gewiß das ganze nächſte Jahr ſcheel anſehen wird, denn er liebt es ſehr, des Königs Gold unter ſeinen eigenen Krallen zu behalten!“ Bei dieſer unvorſichtigen Bemerkung ſah man den Abt, die Mönche und alle prieſterlichen Zuhörer einen düſtern grimmigen Ausdruck an⸗ nehmen, denn jeder hatte ſeine beſondere Plane auf den Frieden des armen Hugolin und wollte es nur ungerne dulden, ihn einem Laien als Beute heimfallen zu ſehen. „Inprinis!“ brummte der Abt, das Wort mit großer Verachtung ausſtoßend,„meinſt Du, Sohn des Mammon, unſer guter König hänge ſein frommes Herz an Spielereien, an Gemmen und derlei Eitelkeiten? Du ſollteſt Deine Schätze bei Graf Balduin von Flan⸗ dern oder bei Toſtig, des ſtolzen Earls ſtolzem Sohne, anbringen.“ „Meiner Treu!“ meinte der Krämer lächelnd,„mein Schatz würde bei Balduin dem Spötter oder bei dem eitlen Toſtig nur ſehr Bulwer, Harold. 13 19⁴4 geringe Preiſe finden! Ihr braucht mich gar nicht ſo finſter anzuſehen, meine Väter; Ihr ſolltet eher mit einander wetteifern, wer dieſes Wunder aller Wunder für ſein eigenes Kloſter gewinnen wird, denn wiſſet, es iſt der rechte Daumen des heiligen Judas, den ein würdiger Mann zu Rom um 3000 Pf. Silber für mich ankaufte, und ich ver⸗ lange für meine Mühen und Auslagen nur 500 Pf. Proſit.* „Hm!“ verſetzte der Abt. „Hm!“ wiederholte der angehende Mönch, während die Uebrigen ſich neugierig um das Linnentuch drängten. Da ließ ſich aber ein wilder Ausruf des Zorns und der Verach⸗ tung vernehmen. Alle drehten ſich um und ſahen einen hohen, trotzig blickenden Than, der wie ein Falke in einem Krähenneſte unter dieſer Gruppe eingefallen war. „Willſt Du damit ſagen, Du Schurke,“ donnerte der Than in einem Dialekte, der ihn an dem lauten Schnarren, wie es noch jetzt im Norden gehört wird, als Dänen von Geburt erkennen ließ—„willſt Du damit ſagen, der König werde ſein Gold an ſolche Narrheiten verſchwenden, während die von Canut am Ausfluſſe des Humbers er⸗ baute Veſte in Trümmern iliegt, und kein einziges Stahlwamms die Kriegsflotten des Schweden und Norwegers bewacht?“ „Ehrwürdiger Miniſter,“ verſetzte der Krämer, nicht ohne Ironie in ſeinem Tone,„dieſe hochzuverehrenden Väter werden Dir ſagen, daß der Daumen des heiligen Judas gegen Schweden und Norwegen weit beſſere Hülfe gewährt, als Veſten von Stein und Wämmſer von Stahl. Wenn Du übrigens von letzteren nöthig haſt, ſo habe ich welche nach der neueſten Mode, nebſt Helmen mit langen Naſenſtücken, wie die Normannen ſie tragen, um billigen Preis zu verkaufen.“ „Der Daumen eines verfaulten alten Heiligen,“ ſchrie der Daͤne, ohne die letzten Worte zu beachten,„eine beſſere Schutzmauer an der * Das war wohlfeil, denn Agelnoth., Erzbiſchof von Canterbury, gab dem Pabſte 6000 Pf. Silber für den Arm des hl. Auguſtin. Malmesbury. 195 Mündung des Humber, als bepanzerte Männer und zinnengekrönte Schlöſſer!“ „Allerdings, Du blinder Sohn,“ beſtätigte der Abt mit belei⸗ digter Miene, des Krämers Partei ergreifend.„Erinnerſt Du Dich nicht, daß auf dem berühmten frommen Concile anno 1014 beſchloſſen wurde, alle fleiſchlichen Waffen gegen Deine heidniſchen Landsleute bei Seite zu legen und einzig den heiligen Michael für uns kämpfen zu laſſen? Glaubſt Du, der Heilige würde jemals ſeinen geweihten Daumen in die Hände der Heiden fallen laſſen— nimmermehr! Geh zu, Du taugſt nicht zum Führer in des Königs Kriegen. Geh zu und bereue, mein Sohn, oder der König ſoll davon hören!“ „Ha, Wolf in Schafskleidern!“ murmelte der Däne ſich um⸗ drehend,„wenn nur Dein Kloſter auf der andern Seite des Humbers läge!“. Der Händler hoͤrte ihn und lächelte. Während ſolches im Vorzimmer vorging, wollen wir Harold zum Könige folgen. Beim Eintritte traf er dort einen Mann in der Blüthe der Jahre, in reichgeſtickter Gonna und mit vergoldetem Ataghar an der Seite, deſſen flatterndes Gewand und langer Bart nebſt der mit Linien und Deviſen punktirten Bruſt und Rechten ſeine Anhänglichkeit an die Sitten der Sachſen an den Tag legte.“ Harolds Auge funkelte, denn er erkannte in dem Gaſte Aldythens Vater, den Earl Algar, Sohn von Leofric. Die beiden Edlen begrüßten ſich ernſthaft und betrachteten ſich gegenſeitig mit aufmerkſamen Blicken. Der Kontraſt zwiſchen ihnen war auffallend. Die däniſche Race * William von Malmesbury ſagt, die Engländer hätten zur Zeit der Eroberung ihre Arme mit goldenen Spangen beladen und ihre Haut mit punk⸗ tirten Deſſeins(einer Art von Tätowiren) geſchmückt. Er ſagt, ſie haben damals kurze Gewänder bis über die Mitte des Schenkels getragen; das war jedoch normänniſche Mode und die flatternde Gonna, wie ſie Algar oben im Texte zugeſchrieben wird, war eigentlich altſächſiſche Tracht, welche zwiſchen der Kleidung von Männern und Frauen nur wenig Unterſchied machte. 139* 196 lieferte in der Regel höhere breitſchultrigere Geſtalten als die Sach⸗ ſen,“ und obwohl Harold dem Aeußern nach in allem Andern auffallend ſächſiſch war, ſo hatte er doch, wie alle ſeine Brüder, von der mütter⸗ lichen Seite die ſtolze Miene und den eiſernen Körper der alten See⸗ könige überkommen. Algar dagegen war zwar wohlgebaut, aber unter der Mittelgröße und ſah neben Harold gar ſchmächtig aus. Seine Stärke war von der Art, welche mehr von den Nerven, als von den Muskeln herrührt und einem raſchen Temperament und ruheloſer That⸗ kraft angehört. Sein hellblaues, glitzerndes und auffallend lebhaftes Auge, die zitternde Lippe, die Adern, welche bei jeder Regung auf den ſchönen weißen Schläfen anſchwollen, das lange, gelbe Haar, fein wie Gold, und in ſeinen kleinen Ringellocken allen Verſuchen der glätten⸗ den Mode widerſtehend, die nervöſen Gebärden, der ſcharfe, haſtige Ton der Stimme— dies Alles bildete einen Gegenſatz— wie wenn ſie zu zwei ganz verſchiedenen Racen gehörten— mit dem ſtätigen tie⸗ fen Blicke, der gefaßten milden und majeſtätiſchen Miene Harolds und ſeinen langen ſchmucken Locken, die ſich auf der königlichen Stirne theil⸗ ten und nur einmal krümmten, wo ſie die Schultern berührten. Verſtand und Willenskraft war bei beiden Männern erſichtlich; aber der Ver⸗ ſtand des Einen war ſcharf und behend, der des Andern tief und ſtetig; der Wille des Erſten äußerte ſich in blitzähnlichen Ausbrüchen, wäh⸗ rend der des Zweiten ruhig wie die Sommerſonne am Mittag war. „Du biſt willkommen, Harold,“ begann der König mit weniger Gleichgültigkeit wie ſonſt, ja ſogar mit einem Blicke des Troſtes beim Herannahen des Earls.„Unſer guter Algar kommt zu uns mit einem Geſuche, das der Erwägung wohl würdig iſt; nur finde ich, daß er etwas zu hitzig iſt und zu großes Verlangen nach weltlichen Dingen an den Tag legt, worin er gegen ſeinen höchſt lobenswerthen Vater, unſern vielgeliebten Leofrie, der ſein Einkommen zur Ausſtattung von » Noch bis auf den heutigen Tag ſind die Abkömmlinge der Anglodänen in Cumberland und Yorkſhire ein größerer, knochigerer Stamm, als die der Angelſachſen in Surrey und Suſſer. — ᷣ 8 12— 10 0 ͤ——— ,/———, 197 ch⸗ Klöſtern und zur Vertheilung von Almoſen verwendet,(weßhalb er es nd hundertfach in dem Schatzhauſe dort oben zurückempfangen wird,) einen er⸗ ſtarken Gegenſatz bildet.“ de⸗„Ein ſchöner Zins allerdings, mein Herr und König,“ bemerkte ter Algar raſch,„nur bekommen ſeine Erben nichts davon zu ſehen und ne es iſt um ſo nöthiger, wenn mein Vater(worüber ich ihn keineswegs en tadle) all ſein Eigenthum an die Mönche vergibt— es iſt um ſo nöthi⸗ t⸗ ger, ſag' ich, dafür Sorge zu tragen, daß der Sohn ſeinem Beiſpiele es zu folgen im Stande iſt. So aber fürchte ich, höchſt edler König, daß Allgar, Sohn von Leofrie, nichts zu vergeben haben wird. Kurz, Earl en vie Harold,“ fuhr Algar an ſeinen Nebenthan ſich wendend fort—„die n- Sache ſteht ſo. Als unſer Herr, der König, ſich in Gnaden bewogen ge fand, das Regiment in England zu übernehmen, da waren es zwei nn Häuptlinge, welche ſeinen Thron am meiſten befeſtigten— Dein ie⸗ Vater und der meine: ſonſt meiſtens Feinde, legten ſie Hader und Eifer⸗ ud ſucht bei Seite zum Beſten der ſächſiſchen Linie. Seit jener Zeit hat il⸗ Dein Vater eine Grafſchaft nach der andern, wie die Glieder in einem nd Ringpanzer, in ſeiner Hand vereinigt, und außer Mercia und Northum⸗ r brien gehört faſt ganz England ihm und ſeinen Söhnen, wogegen mein g; Vater blieb was er war und ſeinen Sohn ohne Reichthum und Herr⸗ h⸗ ſchaft völlig unberückſichtigt ſieht.— Während Deiner Abweſenheit war der König ſo gnädig, mir Deines Vaters Grafſchaft zuzuweiſen, er und man ſagt, ich habe ſie wohl verwaltet. Dein Vater kehrt zurück“ im(hier ſchoßen Algars Augen Feuer und ſeine Hand fuhr unwillkürlich * 1 an den Ataghar)„und obgleich ich ſie recht wohl mit Gewalt hätte be⸗ er haupten können, ſo habe ich ſie dennoch auf meines Vaters Bitten und en des Königs Geheiß mit freiem Herzen aufgegeben. Deßhalb komme er, ich zu meinem Herrn und frage: welche Ländereien und Herrſchaften on kannſt Du im weiten England für Algar, den ehemaligen Earl von 1 Weſſer und Sohn deſſelben Leofrics, deſſen Hand den Weg zu Deinem ten Throne ebnete— was kannſt Du für ihn entbehren? Mein Herr, der r König, belieht, mir Verachtung der Welt vorzupredigen: Du ver⸗ — 198 achteſt die Welt nicht, Earl der Oſtangeln— welche Antwort haſt Du für Leofries Erben?“ „Daß Dein Geſuch gerecht iſt,“ erwiederte Harold ruhig,„nur mit geringer Ehrerbietung vorgebracht.“ Earl Algar fuhr zuſammen wie der Hirſch, der vom Pfeile ge⸗ troffen wird. 3 „Dir ziemt es wohl, Dir, der ſein Geſuch mit Kriegsſchiffen und Bewaffneten geſtützt hat, von CEhrerbietung zu reden und einen Mann zurecht zu weiſen, deſſen Väͤter über Grafſchaften regiert ha⸗ ben?, während die Deinen ohne Zweifel noch als Ceorls am Pfluge ſtanden. Ohne Edrie Streone, den niedriggeborenen Verräther— was wäre wohl Wolnoth, Dein Großvater geworden?“ Ddieſer rohe perſönliche Angriff in Gegenwart des Königs, der, wenn er auch Harold in ſeiner lauwarmen Weiſe gewogen war, doch gleich allen ſchwachen Menſchen nicht ungern die Starken ihre Kraft gegenſeitig an einander aufreiben ſah, jagte Harold das Blut auf die Wangen. „Wir leben in einem Lande, Sohn von Leofrie, wo die Geburt, wenn gleich nicht mißachtet, doch für ſich ſelbſt weder im Feld noch im Rathe Macht verleiht,“ gab er kaltblütig zur Antwort.„Wir gehören einem Lande an, wo der Mann nach ſeinem eigenen Werthe und nicht nach dem ſeiner todten Ahnen geſchätzt wird. So wurde es ſeit Jahr⸗ * Sehr wenige unter den vornehmeren ſächſiſchen Familien konnten ſich einer langjährigen Nachfolge in ihren Domänen rühmen. Die Kriege mit den Dänen, die vielen Revolutionen, welche immer neue Familien ans Ruder brachten, die Konfiskationen und Verbannungen und die unwandelbare Regel, den Erben(wenn nicht von ganz reifen Jahren) bei des Vaters Tode zu über⸗ gehen— verurſachten einen raſchen Dynaſtienwechſel in den verſchiedenen Graf⸗ ſchaften. Leofries Familie hatte jedoch gerechte Anſprüche auf hohes Alterthum in ihrer Herrſchaft über Mercia, denn Leofric war der ſechste ECarl von Che⸗ ſter und Coventry, in gerader Abſtammung von ſeinem Namensverwandten, Leofric dem Erſten, und ſeine erbliche Lordſchaft erſtreckte ſich über ganz Mer⸗ cia.— S. Dudgale, Monast. III. Bd. S. 102 und Palgraves Common- wealth, Proofs and Illustrations, S. 291. 3 199 hunderten im ſächſiſchen England gehalten, wo meine Väter durch God⸗ win, wie Du ſagſt, Ceorls geweſen ſeyn mögen, und ſo iſt es, wie ich höre, auch im Lande der kriegeriſchen Dänen, wo meine Väter durch Githa auf den Thronen des Nordens regierten.“ „Du thuſt wohl,“ höhnte Algar, ſich auf die Lippen beißend, „Dich von der Kunkelſeite zu decken; wir Sachſen von reiner Abſtam⸗ mung halten aber nur wenig von Euren Nordlandskönigen, dieſen räu⸗ beriſchen Götzendienern und Pferdefleiſcheſſern. Doch genieße was Du haſt und laß Algar das Seinige zukommen.“ „Es ſteht bei dem König, nicht bei ſeinem Diener, Algars Bitte zu beantworten,“ erwiederte Harold, ſich in das hintere Ende des Zimmers zurückziehend. Algar folgte ihm mit den Augen, und da er bemerkte, daß der König wieder in eine ſeiner religiöſen Träumereien verſank, wodurch er ſich, ſo oft er in Verlegenheit war, zu einem Entſchluſſe zu begeiſtern ſuchte, ſo näherte er ſich Harold mit leichtem Schritte, legte ihm die Hand auf die Schulter und flüſterte: „Wir thun übel daran mit einander zu hadern— ich bereue meine hitzigen Worte— genug. Dein Vater iſt ein weiſer Mann und ſieht weit— Dein Vater lmöchte, daß wir Freunde wären. Sey es ſo. Höre: meine Tochter Aldytha gilt nicht für die häßlichſte unter den Mädchen von England; ich will ſie Dir zum Weibe geben, und als Deine Morgengabe ſollſt Du mir vom König die von Deinem Bruder Sweyn verwirkte Grafſchaft gewinnen, welche jetzt unter Thane und geringere Earls vertheilt iſt; das wird Dir nicht ſchwer werden.— Beim Schreine St. Albans! Du zögerſt, Mann?“ „Nein, nicht einen Augenblick,“ erwiederte Harold, aufs Empfind⸗ lichſte verletzt.„Nicht um ganz Mercia als Morgengabe würde ich Algars Tochter heirathen und als Schwiegerſohn meine Kniee vor einem Manne beugen, der mein Geſchlecht verachtet, während er vor meiner Macht zu Kreuze kriecht.“ Algars Geſicht zuckte vor Wuth; doch ohne ein weiteres Wort an 200 den Earl zu richten, kehrte er zu Edward zurück, der nunmehr mit leeren Blicken von dem Roſenkranze, über den er ſich gebeugt hatte, aufſchaute, und ſagte kurz angebunden: „Mein Herr und König, ich habe geſprochen, wie ich es für den Mann, der ſeine eigene Anſprüche kennt und an die Dankbarkeit des Fürſten glaubt, als ziemlich erachte. Drei Tage will ich in London auf Eure gnädige Antwort warten, am vierten reiſe ich ab. Mögen die Heiligen Euren Thron beſchützen und ſeine beſte Schutzwehr, die thangeborenen Vaſallen, deren Väter mit Alfred und Athelſtan foch⸗ ten, um denſelben verſammeln. Es ging alles gut im luſtigen Eng⸗ land, bis die Hufe des Dänenkönigs unſern Boden berührten, und an der Stelle der gefällten Eichen Pilſe aus dem Boden. ſprangen.“ Sobald Leofrics Sohn das Zimmer verlaſſen hatte, erhob ſich der Koͤnig mit verdrüßlichem Ausdrucke und ſagte auf normänniſch, zu welcher Sprache er bei allen denen, die ſie ſprechen konnten oder woll⸗ ten, immer mit Vorliebe zurückkehrte. 4 „Beau frère und bien aimé, mit welchen Kleinigkeiten muß doch ein König ſein Leben hinbringen— und das Alles, während ernſte dringende Angelegenheiten meine Entſcheidung verlangen. Wiſſe, daß Eadmer, der Krämer, der liebe gute Mann, draußen wartet und mir den Daumen des heiligen Judas gebracht hat! Denke Dir mein Ent⸗ zuͤcken! und da kommt dieſer unmanierliche Sohn des Haders mit ſei⸗ ner Dohlenſtimme und ſeinen Wolfsaugen, um mich wegen Graf⸗ ſchaften anzukrächzen!— O, über der Thorheit der Menſchen! nichts, nichts— gar nichts!“ „Herr und König,“ erwiederte Harold,„es würde mir übel ge⸗ ziemen, Deine frommen Wünſche anzuklagen; aber dieſe Reliquien kommen ſehr theuer; unſere Küſten ſind ſchlecht vertheidigt, und der Däne erhebt immer noch Anſpruch auf Euer Königreich. Dreitauſend Pfund Silber und mehr bedarf es, um allein die alten Mauern von London und Southweore wieder auszubeſſern.“ „Dreitauſend Pfund!“ rief der König;„biſt Du toll, Harold! Je vo Ich habe ja kaum das Doppelte dieſer Summe in meinem Schatze und neben dem Daumen des heiligen Judas erwarte ich täglich den Zahn von St. Remigius— den Zahn von St. Remigius!“ Harold ſeufzte.„Grämt Euch nicht, Mylord, ich will für die Schutzwehren von London ſorgen, denn Dank ſey es Eurer Gnad— meine Einkünfte ſind groß, während meine Bedürfniſſe nur gering ſind. Ich ſuche Euch auf, um mir Eure Erlaubniß zum Beſuche meiner Grafſchaft zu erbitten; meine Lehensleute murren über meine Abweſenheit und zahlreiche bittere Beſchwerden haben ſich während meiner Verbannung erhoben.“ Der Köͤnig ſtarrte ihn an voll Entſetzen; ſein Blick war der eines Kindes, wenn man es allein im Dunfeln laſſen will. „Nein, nein, ich kann Dich nicht entbehren, beau frère. Du verſtehſt es, all' dieſe ſtarren Thane zu beugen— Du läſſeſt mir Zeit zur Andacht; überdies Dein Vater, Dein Vater— ich will nicht Dei⸗ nem Vater überlaſſen bleiben! Ich liebe ihn nicht.“ „Mein Vater,“ wiederholte Harold bekümmert,„kehrt in ſeine eigene Herrſchaft zurück und von unſerem ganzen Hauſe werdet Ihr nur das milde Antlitz Eurer Königin um Euch haben!“ Des Königs Lippe bebte bei dieſem vermeinten Troſte, der für ihn einen geheimen Vorwurf enthielt. „Editha, die Königin, iſt fromm und gut,“ ſagte er nach kurzer Pauſe;„ſie hat nie meinem Willen widerſprochen und hat ſich die keuſche Suſanna zum Muſter genommen, wie ich unwürdiger Mann von Jugend auf in den reinen Fußſtapfen Joſephs wandelte.“* Aber,“ fuhr der König mit einer Anwandlung menſchlichen Gefühls in ſeiner Stimme fort,„kannſt Du nicht begreifen, Harold, Du, welcher ſelbſt ein Krieger iſt, was es ſeyn muß, wenn man immer das Antlitz ſeines Todfeindes vor ſich ſieht, des einzigen Gegners, deſſen Gedächtniß der ewige Kampf um Leben und Tod in Yſop und Galle verwandelt hat?“ Ailred;: de Vita Edw. 202 „Meine Schweſter!“ rief Harold im unwilligen Erſtaunen, 5 „meine Schweſter Dein Todfeind! Sie, welche nicht ein einziges Mal be über Vernachläſſigung und Ungnade murrte— ſie, deren Jugend in al Gebeten für Dich und Dein Reich verwelkte— meine Schweſter? O A König, ich träume!“ ſa „Du traͤumſt nicht, fleiſchlicher Mann,“ erwiederte der König verdrießlich,„Träume ſind Gaben der Heiligen, welche Deines Glei⸗ zu chen nicht beſchieden werden! Kannſt Du Dir denken, daß ich in der e Blüthe meiner Mannheit ihre Jugend und Schönheit vor meinen Au⸗ ſe gen haben und Geſetz und Stimme der Menſchen hören konnte, welche be ſprachen: ſie ſind Dein, einzig Dein— glaubſt Du, ich konnte dies lie hören ohne zu empfinden, daß man den Krieg an meinen Herd und A einen Fallſtrick in mein Bett gepflanzt, ja daß der böſe Feind es auf K meine Seele abgeſehen hatte? Wahrlich ich ſage Dir, Du Mann der G Schlacht, Du haſt noch nie einen furchtbareren Kampf als den meinen geſehen, haſt noch nie einen härteren, heiligeren Sieg erfochten. Und xe nun da mein Bart ſilbergrau und der alte Adam am Rande des M Grabes ausgetrieben worden— nun glaubſt Du, ich könne mich ohne Ir Scham und Bitterkeit an den ehemaligen Kampf und ſeine Verlockung I erinnern, während ich die Tage mit Faſten, die Nächte in heißen Ge⸗ beten zubrachte, und in den Augen des Weibes die Schlingen des Teufels vor Augen ſah?“ Edward erröthete bei dieſen Worten und ſeine Stimme bebte in der Wärme anſcheinenden Haſſes. Harold betrachtete ihn ſtumm und fühlte, daß er endlich das Geheimniß, das ihn ſchon oft verwirrte, ent⸗ deckt hatte, und daß der König, der ſo gern ein Heiliger geweſen wäre, in dem Trachten, ſich über die menſchliche Liebe zu erheben, die Lieben ſelbſt in die Farben des Haſſes, der Angſt und ſchmerzlichen Erinne⸗ rung verkehrt hatte. Der König erholte ſich nach wenigen Minuten und ſagte nicht ohne Würde: „Doch Gott und ſeine Heiligen allein ſollten die Geheimniſſe des 2 203 Haushaltes erfahren. Was ich geſagt habe, wurde mir ausgepreßt; begrabe es in Deinem Herzen. Verlaſſe mich denn, Harold— ziehe aus, wenn es ſeyn muß; bringe Deine Grafſchaft in Ordnung, hab' Acht auf die Armen und die Klöſter und kehre bald zurück.— Was ſagſt Du wegen Algar's?“ „Ich fürchte, wenn Ihr ſein Geſuch verwerft, werdet Ihr ihn zu gefährlichen Extremen treiben,“ gab der großherzige Harold mit ſiegreicher Ueberwindung ſeines Rachegefühls zur Antwort.„Trotz ſeines raſchen, ſtolzen Sinnes iſt er tapfer gegen Feinde und beliebt bei den Ceorls, welche den freimüthigen, ſtürmiſchen Geiſt oft am liebſten haben. Deßhalb wäre es klug, ihm ohne Beeinträchtigung Anderer einige Macht und Herrſchaft einzuräumen; und nicht nur Klugheit, ſondern auch die Pflicht gebieten es, denn ſein Vater hat Euch wohl gedient.“ „Und hat mehr Gotteshäuſer als jeder andere Earl im Koͤnig⸗ reiche ausgeſtattet; allein Algar iſt kein Leofric. Wir wollen Deine Worte erwägen und wohl beachten. Unſern Segen über Dich, beau krere. Schick mir den Handelsmann herein. Der Daumen von St. Judas! welch eine Gabe für meine neue St. Peterskirche! Der Dau⸗ men von St. Judas!— Non nobis Gloria! Sancta Maria! Der Daumen von St. Judas!“ 204 Fünftes Buch. Tod und Liebe. Einundzwanzigſtes Kapitel. Ohne Sdithen noch einmal zu ſehen, ja ſogar ohne von ſeinem Vater Abſchied zu nehmen, zog Harold nach Dunwich,“* der Hauptſtadt ſei⸗ ner Grafſchaft. Der König vergaß in ſeiner Abweſenheit Algar und deſſen Geſuch, und die einzigen verfügbaren Herrſchaften wurden unter⸗ deſſen von Stigand, dem habſüchtigen Biſchofe, ohne Mühe in Beſitz genommen. Earl Algar verſammelte am vierten Tage in großem Zorne alle herrenloſen Bewaffneten, die er in der Nähe der Hauptſtadt finden konnte, und nahm mit ſeiner jungen Tochter Aldytha, welche für den Verluſt des ſchönen Earls(an den ſie, wie das Gerücht ging, ſchon längſt ihr Herz verloren hatte,) in der Krone eines wäliſchen Königs vielleicht einigen Erſatz finden mochte, an der Spitze einer zahlreichen, unordentlichen Bande ſeinen Weg nach Wales. Nach einer langen Predigt von Seiten des Königs kehrte Editha zu ihrer Großmutter zurück; ihre Pathe hatte übrigens das Geſpräch über das Kloſter nicht wieder erneuert, und beim Abſchiede blos geſagt: „Sogar in der Jugend mag der Silberſtrang gelockert werden und die goldene Schale kann zerbrechen, und in der Jugend vielleicht eher als im Alter, wo das Herz hart geworden iſt, wirſt Du Dich mit Seufzen meiner Rathſchläge erinnern.“ Godwin war nach Wales abgereist; ſeine Söhne ſaßen alle auf ihren verſchiedenen Herrſchaften; Edward blieb allein ſeinen Mönchen und Reliquienhändlern überlaſſen, und ſo gingen Monate vorüber. * Dunwich, jetzt von der See— einem feindlichen Elemente für Godwins Haus!— verſchlungen. ns 205 Nun war es Sitte bei den alten Königen von England, dreimal im Jahre, an Weihnachten, Oſtern und Pfingſten, großen Hof zu halten und ihre Krone zu tragen, und in dieſen Zeiten pflegten ſich ihre Edlen um ſie zu verſammeln, und es herrſchte immer viel Pomp und Feſtlichkeit. So hielt denn König Edward im Jahre unſeres Herrn 1053 ſei⸗ nen Oſterhof zu Windſhore, und Carl Godwin und ſeine Söhne nebſt vielen andern vornehmen Thans verließen ihre Heimath, um dem Könige aufzuwarten. Earl Godwin zog zuerſt in ſeine Londoner Wohnung— nahe bei der Towerpfalz, was jetzt Fleet heißt— und Harold der Earl, Toſtig, Leofric und Gurth ſollten dort zu ihm ſtoßen, um von da mit ihrem ganzen Staate von Unterthans, Knech⸗ ten und Leibwächtern, mit Falken und Hunden, wie es Männern von ſolchem Range gebührte, an König Edwards Hof zu ziehen. Earl Godwin ſaß mit ſeinem Weibe Githa in dem auf die Themſe hinausgehenden Zimmer außerhalb der Halle. Er wartete auf Ha⸗ rold, der noch vor Einbruch der Nacht eintreffen ſollte; Gurth war ſeinem Bruder entgegengeritten; Leofwine und Toſtig waren nach Southwark gegangen, um ihre Wolfshunde an einem erſt vor weni⸗ gen Tagen aus dem Norden angelangten Bären, der ſchon manchen braven Hund erdrückt haben ſollte, zu verſuchen, und ein langer Zug von Thanen und Hauswächtern war mit ihnen geritten, um das Spiel mit anzuſehen, ſo daß der alte Earl und ſeine däniſche Gemahlin allein ſaßen. Und eine Wolke ruhte auf Earl Godwins breiter Stirne, und er ſaß am Feuer, ſeine Hände darüber breitend und nachdenklich in die Flamme ſchauend, wie ſie den Rauch der zu dem Loche im Dache (Rauchmantel genannt) emporſtieg, von Zeit zu Zeit durchbrach. In dieſem großen Hauſe waren nicht weniger als drei ſolcher NRauchmäntel oder Zimmer, worin mitten auf dem Boden Feuer angemacht werden konnte; die Dachſparren oben waren geſchwaͤrzt vom Ruße, und in * Windſor. jenen guten alten Tagen, ehe Kamine— wenn ſie überhaupt exiſtirten — in Gebrauch kamen, wußte man nichts von Schnupfen, Katarrh und Rheumatismen, ſo geſund und heilſam war der Rauch. Earl Godwins Lieblingshund, alt wie er ſelbſt, lag zu ſeinen Füßen und träumte, denn er wedelte fortwährend mit dem Schweife. Auch der alte Falke des Earls mit ſteifen, ſparſamen Federn, hockte auf der Lehne ſeines Stuhls und der Boden war mit Binſen und duf⸗ tenden Kräutern— den Erſtlingen des Frühlings— beſtreut. Githa hatte ihre Füße auf den Schemel geſtellt und lehnte das ſtolze Antlitz auf ihre kleine Hand(dieſe Probe ihrer däniſchen Abkunft), indem ſte unruhig hin und her rutſchte und an ihren Sohn Wolnoth am Hofe des Normannen dachte. „Githa,“ begann endlich der Earl,„Du biſt mir ein gutes treues Weib geweſen, haſt mir ſtarke und kühne Söhne geboren, die uns theils Kummer, theils Freude bereiteten, und in Kummer wie in Freude haben wir uns immer näher an einander geſchloſſen. Bei unſe⸗ rer Verheirathung ſtandeſt Du in Deiner erſten Jugend, während bei mir die beſten Jahre ſchon entflohen waren; Du warſt eine Dänin, ich ein Sachſe; Du eines Königs Nichte und nun eines Königs Schweſter, und ich blos zwei Generationen von Thanen zählend.“ Verwundert und gerührt durch dieſe Anwandlung von Gefühl, da bei dem ruhigen Earl eine ſolche Stimmung höchſt ſelten war, er⸗ hob ſich Githa aus ihren Träumen. „Ich fürchte, mein Herr iſt nicht wohl, daß er alſo zu Githa redet,“ ſagte ſie einfach und beſorgt. „Du haſts mit Deinem Weiberwitze getroffen, Githa,“ verſetzte der Earl mit ſchwachem Lächeln.„Ich mochte Dirs nicht ſagen, um Dich nicht zu beunruhigen— aber ſeit den letzten Wochen ſpürte ich ſtarkes Ohrenſauſen und heftigen Blutandrang nach den Schläfen.“ „O Godwin! theurer Gatte,“ rief Githa zärtlich,„und ich war blind für die Urſache, wiewohl ich mich über die Aenderung in Deinem 207 Weſen wunderte! Ich will gleich morgen zu Hilda gehen, ſie beſitzt Zaubermittel gegen jegliche Krankheit.“ „Laß Hilda im Frieden; ſie mag ihre Wundermittel der Jugend geben, das Alter ſpottet der Wigh und Wicca. Höre mich. Ich fühle, daß mein Faden nahezu abgeſponnen iſt, und meine Fylgia verwarnt mich, wie Hilda ſagen würde, daß wir uns nächſtens trennen werden. Ich wiederhole Dir— ſchweig und höre mich. Ich habe ſtolze Dinge in meinem Leben ausgeführt, habe Könige gemacht und Throne er⸗ baut und ſtehe höher als je zuvor ein Than oder Earl in England ge⸗ ſtanden. Ich möchte nicht, Githa, daß der Baum meines Hauſes, im Sturme gepflanzt und mit reichlichem Blute befeuchtet, nach mir da⸗ hin welkte.“ Der alte Earl ſchwieg und Githa erwiederte in ſtolzem Tone: „Fürchte nicht, daß Dein Name von der Erde oder die Macht von Deinem Stamme ſchwinden wird, denn Ruhm wurde gewirkt durch Deine Hände und Söhne wurden Dir geboren zu Deiner Stütze, und die Zweige des Baumes, den Du pflanzteſt, werden leben im Sonnen⸗ lichte, o mein Gemahl, wenn wir, deſſen Wurzeln, in der Erde be⸗ graben ſind!“ „Githa,“ verſetzte der Earl,„Du ſprichſt wie die Tochter von Königen und die Mutter von Männern; aber höre mich, denn meine Seele iſt ſchwer belaſtet. Von dieſen unſern Söhnen iſt unſer Erſt⸗ geborener— Sweyn, einſt ſo ſchön und tapfer ein irrer Wanderer und Geächteter, und Wolnoth, Dein Liebling, weilt als Gaſt am Hofe des Normannen, unſeres Feindes. Von den Andern iſt Gurth ſo mild und ruhig, daß ich ohne Furcht prophezeihe, er wird ein be⸗ rühmter Krieger werden, denn die Sanfteſten im Hauſe ſind immer die Kühnſten im Felde. Aber Gurth hat nicht den ſicheren Verſtand für dieſe verwickelten Zeiten, Leofwine iſt zu leichtſinnig und Toſtig zu trotzig. So, mein geliebtes Weib, hat von dieſen unſern ſechs Söh⸗ nen Harold allein, furchtlos wie Toſtig und mild wie Gurth, ſeines Vaters gedankenvollen Sinn geerbt, und wenn der König ſeinem könig⸗ 208 lichen Verwandten, Edward Atheling, ſo ferne bleibt wie ſeither, wer ſteht dann“— der Earl zögerte und ſchaute ſich um—„wer ſteht nach meinem Tode dem Thron ſo nahe wie Harold, die Freude der Ceorls und der Stolz aller Thane?— er, deſſen Zunge nie ſtammelt im Witan und deſſen Arm im Felde noch nie eine Niederlage erlit⸗ ten?“ Githas Bruſt hob ſich und ihre Wange wurde gluthroth. „Was ich aber am meiſten fürchte,“ begann der Earl,„iſt nicht der Feind von Außen, ſondern die Eiferſucht im Innern. Neben Ha⸗ rold ſteht Toſtig, räuberiſch im Ergreifen, aber unmächtig im Feſt⸗ halten— fähig allein zum Umſturz, zur Rettung kraftlos.“ „Ei nein, Godwin, mein Herr, Du thuſt unſerem ſchönen Sohne Unrecht.“ „Weib, Weib!“ rief der Earl mit dem Fuße ſtampfend,„hoͤre mich und gehorche, denn meiner Worte auf Erden ſind vielleicht nur noch wenige, und während Du mir widerſprichſt, ſteigt mir das Blut ins Gehirn und meine Augen ſehen durch eine Wolke.“ „Vergib mir, ſüßer Gebieter,“ bat Githa demüthig. „Schwer bereue ich jetzt, daß ich während ihrer Jugend nicht ſo viel Zeit von meinem weltlichen Trachten erſparte, um über die Herzen meiner Söhne zu wachen, denn Du warſt über ihre Außenſeite zu ſtolz, um auf ihre innere Entwicklung zu ſehen, und was früher weich war für die leiſeſte Berührung, iſt jetzt zu hart für den Hammer. Die Pfeile, die wir in dem Kampfe des Lebens aufzuleſen vergeſſen, ſam⸗ melt das Schickſal, unſer Feind, in ſeinem Köcher. Wir haben es ſelbſt mit den Speeren bewaffnet— um ſo nöthiger iſt es jetzt, ſie mit dem Schilde abzuhalten.— Darum, wenn Du mich überlebſt und wenn, wie ich ahne, Uneinigkeit zwiſchen Harold und Toſtig ausbricht, ſo be⸗ fehle ich Dir bei dem Gedächtniſſe unſerer Liebe und der Ehrfurcht vor meinem Grabe, Alles was Harold für weiſe und gerecht erachtet, gleich⸗ falls für weiſe und gerecht zu halten, denn nachdem Godwin zu Staub geworden, lebt ſein Haus nur noch in Harold fort. Beachte meine her, teeht der nelt lit⸗ icht Ha⸗ Feſt⸗ hne hoͤre nur Blut ht ſo rzen tolz, war Die ſam⸗ ſelbſt dem denn, „ be⸗ t vor leich⸗ ſtaub neine 209 Worte jetzt und für immer. Und ſo während der Tag noch dauert, will ich auf Märkte und Gildhäuſer hinausgehen und mit den Bürgern ſprechen, ihre Weiber anlächeln und bis zum letzten Athemzuge God⸗ win der Glatte und Starke bleiben.“ Mit dieſen Worten erhob ſich der alte Earl und verließ ſie mit feſten Tritten. Sein alter Hund ſprang auf, ſpitzte die Ohren und folgte ihm; der blinde Falke drehte das Ohr nach der zufallenden Thüre, rührte ſich aber nicht von ſeiner Lehne. Und Githa ſtützte abermals ihre Wange auf die Hand, bewegte ſich abermals hin und her auf ihrem Stuhle, die rothe Flamme des Feuers betrachtend und über ihres Herrn Worte nachdenkend. So mochte etwa das Drittel einer Stunde nach Godwins Abgange verſtrichen ſeyn, als die Thüre aufging und Githa, in Erwartung ihrer Söhne aufſchauend, die Zauberin Hilda unter der Thüröffnung gewahrte; hinter Hilda kamen zwei ihrer Mägde, ein kleines Käſtchen ihr nachtragend. Die Vala winkte ihren Begleiterinnen, das Käſtchen zu Githa's Füßen niederzulegen, worauf ſie mit tiefer Verbeugung das Zimmer verließen. Der Aberglaube der Dänen war noch ſehr ſtark in Githa; das Chriſtenthum hatte ihn nicht entfernt, ſondern eher vermehrt, und ſie empfand ein unbeſchreibliches Grauen, als die Vala, ihr ſtrenges Mar⸗ morantlitz von der Flamme des Herdes geröthet und im lebhaft dagegen abſtechenden ſchwarzen Trauergewande vor ihr daſtand. Aber trotz ihres Grauens liebte Githa die Beſuche ihrer geheimnißvollen Verwandtin, da ſie, unähnlich ihrer anders erzogenen Tochter Editha, nur wenig weibliche Hülfsquellen in ſich trug: ſie liebte es, ihre Ju⸗ gend im Geſpräche über die wilden Gebräuche und die finſteren Sitten der Dänen abermals zu durchleben, und ſogar ihre Scheu vor denſel⸗ ben hatte für ſie den gleichen Reiz, wie Geiſtererzählungen für die Kinder, wie denn die Ungebildeten immer Kinder bleiben. Sie erholte ſich daher bald von ihrer Ueberraſchung und ihrem anfänglichen Schwei⸗ gen und ſtand auf, um die Vala zu bewillkommen. Bulwer, Harold. 14 210 „Heil, Hilda, dreimal Heil!“ rief ſie.„Der Tag iſt lang, Dein Weg iſt weit geweſen, und ehe Du Speiſe und Wein zu Dir nimmſt, laß mich ein Bad für Deinen Leib oder wenigſtens für Deine Füße bereiten, denn was der Schlaf für die Jugend, iſt das Bad für das Alter.“ „Bringer des Schlafes bin ich,“ erwiederte Hilda kopfſchüttelnd, „und das Bad, das ich bereite, iſt in Walhalla. Biete der Vala nicht das Bad für ſterbliche Müdigkeit, noch den Wein und die Speiſe für menſchliche Gäſte. Setze Dich nieder, Tochter des Dänen, und danke Deinen neuen Göttern für die Vergangenheit, welche Dein geweſen. Nicht unſer iſt die Gegenwart und die Zukunft entſchlüpft unſern Träumen; aber die Vergangenheit gehört uns immer, und alle Ewig⸗ keit kann nicht eine einzige Freude aufheben, welche der Augenblick ge⸗ kannt hat.“— So ſetzte ſie ſich in Godwins breiten Stuhl, lehnte ſich auf ihren Seitenſtab und ſchwieg wie in Gedanken vertieft. „Githa,“ ſagte ſie endlich,„wo iſt Dein Gebieter? Ich kam, um ſeine Hände zu berühren und ſeine Stirne zu betrachten.“ „Er iſt auf den Markt gegangen und meine Söhne ſind auch aus⸗ wärts, Harold kommt noch vor Nacht von ſeiner Grafſchaft hierher.“ Ein ſchwaches, triumphirendes Lächeln kam über die Lippen der Vala und wich dann ebenſo plötzlich einem Ausdrucke tiefer Trauer. „Githa,“ ſagte ſie langſam,„Du erinnerſt Dich ohne Zweifel in Deinen jungen Tagen die ſchreckliche Höllenmaid Belſta geſehen oder von ihr gehört zu haben?“ „Ja, ja,“ gab Githa ſchaudernd zur Antwort.„Ich ſah ſie ein⸗ mal bei düſterem Wetter ihren ſchwarzgrauen Viehheerden voranrei⸗ ten. Ja, ja, und mein Vater ſah ſie vor ſeinem Tode, wie ſie auf einem Wolf durch die Luft ritt und eine Schlange als Zügel hatte.— Warum fragſt Du?“ „Iſt es nicht ſonderbar,“ verſetzte Hilda, der Frage ausweichend, „daß Belſta, Heidr und Hulla, die Wolfreiter und Menſchenfreſſer 211 vor Alters, die tiefſten Geheimniſſe der Galdra durchſchauen konnten, obwohl ſie ſie nur zu den ſchlimmſten bösartigſten Zwecken verwende⸗ ten, und daß ich, die ich die Nornen nie zum Schaden eines Feindes, ſondern nur zum Lenken der Laufbahn derer, die ich liebe, befrage— daß ich meine Prophezeihungen der Zukunft zwar immer erfüllt, aber ach! wie oft nur in Schrecken und Unheil erfüllt ſehe!“ „Wie ſo, Baſe, wie ſo?“ fragte Githa voll Entſetzen, aber von dieſem Entſetzen gereizt ihren Stuhl der klagenden Zauberin näher rückend,„prophezeiteſt Du nicht unſere triumphirende Rückkehr aus ungerechter Verbannung? und ſiehe, ſie iſt eingetroffen— haſt Du nicht auch vorhergeſagt,“(indem Githa's ſtolzes Antlitz aufflammte) „daß mein ſtattlicher Harold das Diadem eines Königs tragen werde?“ „Das Erſte iſt allerdings eingetroffen,“ entgegnete Hilda,„allein“ — ſie ſchwieg und ihr Auge ſiel auf das Käſtchen; dann brach ſie ab und fuhr mehr zu ſich ſelbſt, als zu Githa gewendet, fort—„und Harolds Traum— was hatte der zu bedeuten? Die Runen fehlen mir und der Tode gibt keinen Laut; außer dem einen düſteren Tage, wo ſeine Verlobte ihn mit den Armen einer Braut umfangen wird, iſt Alles ſchwarz vor meinen Augen— ſchwarz— ſchwarz. Sprich nicht zu mir, Githa, denn eine Bürde, ſchwer wie der Stein auf einem Grabe, laſtet auf meinem bedrängten Herzen!“ Eine Todenſtille erfolgte, bis die Vala, mit ihrem Stabe in das Feuer zeigend, von Neuem anhub: „Schau, wie der Rauch und die Flammen ſtreiten!— der Rauch ſteigt in dunkeln Kreiſen in die Luft und entweicht zu den Wolken. Vom Erſten bis zum Letzten vermögen wir Geburt und Tod zu ver⸗ folgen, von dem Feuerherde an bis zum Niederſteigen als Regen⸗ So iſts mit der menſchlichen Vernunft, welche nicht Licht, ſondern Rauch iſt; ſie kämpft blos um uns zu verfinſtern, ſie ſteigt blos um in Thau und Dunſt zu verſchmelzen. Doch ſiehe, die Flamme brennt auf unſerem Herde, bis die Nahrung gebricht, und geht zuletzt, man weiß nicht wohin; allein ſie lebt in der Luft, wenn wir ſie auch nicht ſehen; 14° 212 ſie lauert im Stein, den Blitz des Stahles erwartend; ſie ſchlummert in trockenen Blättern und dürren Zweigen und ein Funke entzündet ſte wieder; ſie ſpielt im Moore— ſammelt ſich am Himmel— erſchreckt uns im Blitze, gibt Wärme der Luft— iſt das Leben unſeres Lebens, das Element aller Elemente. O Githa, die Flamme iſt das Licht der Seele, das ewig dauernde Element und ſie lebt noch, wenn ſie auch unſern Augen entſchwindet, ſie brennt in jeglicher Geſtalt, in welche ſie übergeht, ſie verſchwindet, aber ſie erliſcht niemals.“ Hier ſchloſſen ſich die Lippen der Vala von Neuem, und abermals ſaßen beide Frauen ſchweigend vor dem großen Feuer, das über die tie⸗ fen Linien und edlen Züge Githa's wie über das ruhige runzelloſe feier⸗ liche Antlitz der melancholiſchen Vala hinflackerte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Wäͤhrend dieſe Unterredung in Godwins Hauſe ſtattfand, hatte Harold auf ſeinem Wege nach London ſein Gefolge nach dem väter⸗ lichen Dache vorangeſchickt und ritt nun quer durch das Land einſam und eilends nach Hilda's Römerwohnung. Monden waren verſtrichen, ſeitdem er nichts mehr von Editha ge⸗ ſehen oder gehört hatte, denn Neuigkeiten— das brauche ich wohl kaum zu ſagen— waren damals ſelten und ſparſam und blieben auf öffentliche Ereigniſſe beſchränkt, welche entweder durch beſondere Boten, durch vorübergehende Pilger befördert oder durch das Geſchwätz der zerſtreuten Menge von Lippe zu Lippe getragen wurden. Aber ſelbſt in dem geſchäftigen Treiben ſeines Dienſtes hatte Harold vergeblich das Bild des jungen Mädchens aus ſeinem Herzen zu verbannen ge⸗ ſucht, deſſen Leben mit den Fibern ſeines eigenen verwoben war, wie keine Vala ihm ferner zu prophezeihen brauchte. Die Hinderniſſe, denen er zwar nachgab, die er aber dennoch für ungerecht und tyranniſch, nur von ſeiner widerſtrebenden Vernunft und ſeinem geheimen Ehrgeize zugegeben, nicht aber von ſeinem Gewiſſen geheiligt erkannte— ent⸗ nert t ſie reckt ens, der auch e ſie nals tie⸗ eier⸗ 218 flammten nur noch mehr die tiefe Staͤrke der einzigen Leidenſchaft, die er in ſeinem Leben gefaßt hatte— einer Leidenſchaft, welche ſchon von Edithens Kindheit datirend, ihm ſelbſt unbewußt oft ſein Ver⸗ langen nach Ruhm gar oft belebt und ſich mit ſeinen Traͤumen von Macht vermengt hatte. Und ſie erloſch auch nicht trotzdem, daß die Hoffnung noch fern und dunkel war. Der geſetzliche Erbe Edwards des Bekenners war ein Prinz am Hofe des Kaiſers von edlem Rufe und verheirathet. Edwards Geſundheit, von jeher ſehr ſchwankend, ſchien dem regieren⸗ den Könige kein ſehr langes Leben zu garantiren. So glaubte er durch den Nachfolger, der die Sicherheit ſeines Thrones jedenfalls auf Harold ſtützen mußte, die päbſtliche Dispenſation, die der jetzige König, wie er wußte, niemals nachſuchen würde, und die auch einem Unterthanen nur ſelten oder nie ertheilt wurde, weßhalb ſie der ganzen Macht eines Königs zur Unterſtützung bedurfte— mit leichter Mühe zu erlangen. In dieſer Hoffnung, zugleich in der Furcht, Editha möchte ſie durch die Annahme des Schleiers und ihr unwiderrufliches Gelübde für immer zerſtören, ritt er mit freudigem hochklopfendem aber unruhi⸗ gem Herzen durch Feld und Wald nach dem alten Römerhauſe. Endlich kam er auf der Rückſeite der Villa aus dem Walde; die Sonne, in raſchem Untergange begriffen, ſiel in vollen Strahlen auf die rohen Säulen des Druidentempels und dort, wie er ſie früher ge⸗ ſehen, als er ihr zum erſtenmal von ſeiner Liebe und deren Hinderniſſen geſprochen hatte— ſah er abermals das junge Mädchen ſitzen. Er ſprang vom Roſſe, das wohldreſſirte Thier der freien Waide überlaſſend, und ſtieg den Hügel hinan. Er ſtahl ſich geräuſchlos hinter Edithen und ſein Fuß ſtolperte über den Grabſtein des alten todten Sachſen⸗Titanen. Allein die Erſcheinung— ob nun wirklich oder blos eingebildet— und der Traum, der darauf folgte, war ihm ſchon längſt aus dem Gedächtniſſe entſchwunden, und kein Aberglaube drang aus ſeinem Herzen auf die Lippe, welche abermals„Editha“ rief. Das Mädchen ſprang auf, ſchaute ſich um und ſank an ſeine Bruſt. 214 Es dauerte einige Augenblicke, bis ſie wieder zum Bewußtſeyn kam und ſich dann ſanft aus ſeinen Armen loswand, um ſich hilfe⸗ ſuchend an den teutoniſchen Altar zu lehnen. Sie war ſehr verändert, ſeit Harold ſie zuletzt geſehen hatte. Ihre Wange war bleich und ſchmal geworden, ihre vollgerundete Geſtalt abgemagert, und tiefer Schmerz zuckte Harold durch die Seele, da er ſie alſo vor ſich ſah. „Du haſt Dich gegrämt, Du haſt gelitten,“ klagte er,„und ich, der ſeines Lebens Blut vergießen würde, um Dir eine Deiner Sorgen abzunehmen, oder Deine Freuden auch nur um eine einzige zu ver⸗ mehren— ich war ferne, unfähig Dich zu tröſten, vielleicht nur eine Urſache Deines Leids.“ „Nein, Harold,“ verſicherte Editha in ſchwachem Tone,„nie des Leids, immer des Troſtes auch in Deiner Abweſenheit. Ich war krank, und Hilda hat Runenzauber umſonſt verſucht; ich bin aber jetzt beſſer, ſeit der Frühling langſam hereinbrach und ich die friſchen Blumen ſehe und das Singen der Vögel höre.“ Aber Thränen waren im Klange ihrer Stimme, während ſie alſo ſprach. „Und ſie haben Dich nicht wieder mit Kloſtergedanken gequält?“ „Sie? Nein: wohl aber meine eigene Seele. O Harold, ent⸗ binde mich meines Verſprechens, denn ſchon iſt die Zeit gekommen, von der Deine Schweſter mir geſagt: der Silberſtrang iſt gelockert und die Goldſchaale iſt zerbrochen— ich möchte gerne die Schwingen der Taube nehmen und im Frieden ruhen.“ „Steht es ſo?— iſt wohl Frieden in der Heimath, wo der Ge⸗ danke an Harold zur Sünde wird?“ „Nicht Sünde, Harold, nicht Sünde dann und dort. Deine Schweſter hieß das Kloſter willkommen, als ſie für Diejenigen, die ſie liebte, zu beten gedachte.“ „Schwatze mir nicht von meiner Schweſter!“ tobte Harold mit knirſchenden Jähnen.„Es iſt bloßer Spott, für das Herz beten zu 215 wollen, das Du ſelbſt entzwei reißeſt. Wo iſt Hilda? Ich wollte ſie ſehen.“ Sie iſt mit einer Gabe nach Deines Vaters Hauſe gegangen, „S und um ihre Rückkehr abzuwarten, habe ich mich auf den grünen Hü⸗ gel geſetzt.“ Der Earl näherte ſich ihr, nahm ihre Hand, und ſetzte ſich neben ſie, worauf ſie lange mit einander ſprachen. Allein Harold ſah mit tieſem Leidweſen, daß Editha's Herz ſich an das Kloſter gehängt hatte und daß ſie ſogar in ſeiner Gegenwart und trotz ſeiner beſänftigenden Worte muthlos und mit gebrochenem Geiſte neben ihm ſaß. Es ſchien, als ob Jugend und Leben von ihr gewichen, als ob der Tag gekommen wäre, wo ſie ſagte: es gibt keine Freude'. Noch nie hatte er ſie ſo geſehen, und tief bewegt und ſchmerzlich verletzt erhob er ſich endlich zum Abſchied; ihre Hand lag regungslos in der ſeinigen und ein leichter Schauer überlief ihre Geſtalt. „Lebe wohl, Editha; wenn ich von Windſhore zurückkomme, werde ich dort drüben in meiner alten Heimath wohnen und wir werden uns wieder ſehen.“ Editha's Lippen murmelten unhörbar und ſie ſchlug die Augen zu Boden. Langſam ſchritt Harold nach ſeinem Roſſe, und ſchaute im Weiter⸗ reiten zurück, indem er ihr mit der Hand zuwinkte. Allein Editha ſaß be⸗ wegungslos, die Augen zu Boden geheftet, und er ſah nicht die bren⸗ nenden Thränen, die aus ihnen hervorſtürzten, hörte nicht die leiſe Stimme, welche unter den heidniſchen Trümmern ſtöhnte: „Maria, ſüße! Mutter, ſchütze mich vor meinem eigenen Herzen!“ Die Sonne war untergegangen, ehe Harold die weite geräumige Wohnung ſeines Vaters erreichte. Ringsumher lagen die Hütten und Daͤcher der eigenen Handelsleute des Earls, denn ſogar ſein Gold⸗ ſchmied war nur ein freigelaſſener Höriger. Das Haus ſelbſt dehnte ſich von der Themſe weit landeinwärts mit mehreren unförmlichen nur 216 aus Holz errichteten Höfen, aber von kühnen Mannern erfüllt, und die waren damals das Hauptgeräthe in eines Edlen Hallen. Unter dem Zurufe von Hunderten, die ſich um ſeine Steigbügel drängten, ſprang der Earl vom Pferde und ging durch die wimmelnde Halle in das Zimmer, worin er Hilda, Githa und Godwin, der nur wenige Minuten vor ihm eingetreten war, antraf. Mit der ganzen rührenden Ehrfurcht des Sohnes, welche einen der lieblichſten Züge in dem ſächſiſchen Charakter“ ausmachte,(wie ihr häufiger Mangel das gehäſſigſte Laſter der Normannen bildete,) beugte der allgewaltige Harold ſein Knie vor dem alten Earl, der ihm ſeine Hand ſegnend auf das Haupt legte und ihn dann auf Stirn und Wange küßte. „Auch Deinen Kuß, theure Mutter,“ bat der jüngere Earl, und Githa's Umarmung, wenn auch herzlicher als die ihres Gebieters, war doch vielleicht nicht zärtlicher als dieſe. „Begrüße Hilda, mein Sohn,“ ſagte Godwin;„ſie hat mir ein Geſchenk gebracht und wollte warten, um es Deiner beſondern Sorge anzuvertrauen. Du allein ſollſt den Schatz bewahren und das Käſt⸗ chen öffnen. Aber wann und wo, meine Baſe?“ „Am ſechsten Tage nach Deiner Ankunft in des Königs Halle,“ erwiederte Hilda, ohne Godwins Lächeln zu erwiedern—„am ſechsten Tage, Harold, öffne das Käſtchen und nimm das Gewand heraus, das in Hilda's Hauſe für Godwin den Earl geſponnen wurde. Und nun, Godwin, habe ich Deine Hand gedrückt, habe Deine Stirne geſchaut und meine Sendung iſt zu Ende; ich muß mich auf den Heimweg machen.“ „Das ſollſt Du nicht, Hilda,“ ſagte der gaſtliche Earl;„der ge⸗ ringſte Wanderer hat in dieſem Hauſe ein Recht auf Bett und Tiſch für eine Nacht und einen Tag, und Du wirſt uns nicht zu Schanden machen, * Gleichwohl klagt der Chroniſt, daß die häuslichen Bande, früher ſo feſt bei den Angelſachſen, in dem Zeitalter vor der Eroberung bedeutend ge⸗ ſchwächt worden waren. ſ indem Du unſere Schwelle verläßſt ohne das Brod gebrochen und das Lager berührt zu haben. Alte Freundin, wir waren einſt jung zuſam⸗ men und Dein Antlitz iſt mir willkommen wie das Gedächtniß früherer Tage.“ Hilda ſchüttelte das Haupt, und einer jener ſeltenen und deßhalb ſo rührenden Ausbrüche von Zärtlichkeit, deren man das kalte ſtrenge Geſicht in der Ruhe kaum ſür fähig gehalten hätte, ſänftigte ihr Auge und milderte die feſten Linien ihrer Lippen. „Sohn von Wolnoth,“ ſprach ſie weich,„nicht unter Deinen Dachbalken ſoll wohnen der Rabe der Vorbedeutung. Brod habe ich nicht gebrochen ſeit geſtern Abend, und Schlaf wird auch heute Nacht meinen Augen ſerne bleiben. Fürchte nichts, denn meine Leute draußen ſind herzhaft und bewaffnet— überhaupt lebt kein Mann, deſſen Arm über Hilda Gewalt hätte.“ Bei dieſen Worten faßte ſie Harolds Hand und führte ihn weiter, indem ſie flüſterte: „Ehe wir ſcheiden, möchte ich ein Wort mit Dir reden.“ Auf der Schwelle ſchwang ſie ihren Stab dreimal über den Bo⸗ den und murmelte auf Däniſch einen rohen Vers, der in der Ueber⸗ ſetzung ungefähr alſo lautet: „Frei gleite der Faden Und flink in dem Saale, Und Ruhe der Arbeit, Und Friede dem Mahle!“ „Es iſt ein Todtengeſang,“ ſagte Githa mit erbleichenden Lippen, doch nur zu ſich ſelbſt, ſo daß weder Gatte noch Sohn ihre Worte vernahm. Hilda und Harold gingen ſchweigend durch die Halle, und die Die⸗ ner der Vala mit Speeren und Fackeln erhoben ſich von ihren Sitzen und ſchritten nach dem äußern Hofe voran, wo ihr ſchwarzer Zelter un⸗ geduldig ſchnaubte. Mitten im Hofe blieb ſie ſtehen und ſagte leiſe zu Harold: „Bei Sonnenuntergang ſcheiden wir— mit Sonnenuntergang 218 werden wir uns wiederſehen. Und ſchau, mit der niederſinkenden Sonne erhebt ſich der Stern; und größer und glänzender ſoll er bei jenem Sonnenuntergange emporſteigen! Wenn Deine Hand das Gewand aus dem Käſtchen zieht, ſo denke an Hilda und wiſſe, daß ſie in jener Stunde an dem Grabe des ſächſiſchen Kriegers ſteht, und daß aus jenem Grabe die Zukunft empordämmert. Fahre wohl.“ Harold hätte gerne von Edithen geſprochen; aber ein tiefes Grauen in ſeinem Herzen feſſelte ſeine Lippen, und ſo ſtand er ſchwei⸗ gend neben dem großen hölzernen Thore des rohen Gebäudes. Die Fackeln flammten ringsum und Hilda's Antlitz ſchien trüb in ihrem Schimmer. So ſtand er noch lange, nachdem Fackeln und Ceorls abgezogen waren und erwachte erſt dann aus ſeinen Träumereien, als Gurth von ſeinem keuchenden Roſſe ſprang und ſeinen Arm dem Earl um die Schul⸗ ter ſchlang. „Wie habe ich Dich vermißt, mein Bruder,“ rief er,„und warum haſt Du Dein Gefolge verlaſſen?“ „Du ſollſt es ſogleich erfahren. Gurth, hat meinem Vater et⸗ was geſehlt? in ſeinem Geſichte iſt etwas, das mir nicht gefällt.“ „Er hat kein Unwohlſeyn geklagt,“ verſetzte Gurth betroffen; „aber nun da Du davon ſprichſt— ſeine Stimmung hat ſich in neuerer Zeit verändert: er iſt viel allein oder blos mit dem alten Hunde und dem alten Falken ausgegangen.“ Harold kehrte mit ſchwerem Herzen zurück und als er das Haus erreichte, ſaß ſein Vater auf dem Staatsſeſſel in der Halle, Githa ſaß zu ſeiner Rechten und etwas unter ihr Toſtig und Leofwine, welche von der Bärenjagd am Fluſſe zurückgekommen waren und laut und luſtig davon erzählten, während Thane und Knechte rings herum lagerten. Bei Harolds Eintritte hatte das laute Trinkgelage ſchon ſeinen Anfang genommen; aber der Earl ſchaute blos auf ſeinen Vater und 88 0 8 2 oune nem vand ener nem efes wei⸗ Die drem gen von hul⸗ rum et⸗ fen; erer und aus itha ine, laut rum inen und ſah, daß deſſen Augen keinen Antheil an dem Frohſinne nahmen und daß er ſein Haupt über den alten Falken auf ſeiner Fauſt beugte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Seit Cerdies Stamm auf Englands Thron geſeſſen, war noch nie ein Unterthan mit ſolch' ſtattlichem Gefolge wie Earl Godwin in den Hof von Windſhore eingeritten.— Froh dieſer erſten Gelegenheit ſeit ſeiner Rückkehr, um ihm, mit deſſen Sache die Sache Englands wider den Fremdling verknüpft war, ihre Huldigung darzubringen, hatten ſich alle ächtengliſchen Herzen unter den Thanen des Landes ſeinem Gefolge angeſchloſſen: Sachſen wie Dänen— alle welche die Geſetze und den Boden des Landes liebten, ſammelten ſich von Nord und Süd um das friedliche Banner des alten Earls. Die meiſten von ihnen ge⸗ hörten der früheren Generation an, denn das heranreifende Geſchlecht war noch immer von dem Pompe der Normänner verblendet, und die Mode engliſcher Sitten und der Stolz auf engliſche Thaten war mit den langen Locken und Kinnbärten ausgegangen. Auch ſehlten die Biſchöffe und Aebte und Herren der Kirche, denn auch ihnen war der Ruhm normänniſcher Frömmigkeit theuer geworden und ſie theilten den Widerwillen ihres heiligen Königs gegen Godwins ſtrenges Feſthalten an der heimiſchen Religion, weil dieſer keine Klöſter gründete und ohne Reliquien um den Hals in den Krieg zog. Die aber mit Godwin ritten, waren die Standhaften, die Offenen und Freien, aus denen das Mark der engliſchen Mannheit beſtand, während ſeine Gegner die blinden, willi⸗ gen und vom Schickſal beſtimmten Väternoch ungeborener Sklaven waren. Noch nicht das ſtattliche Schloß, das wir nunmehr gewahren und das von einem ſtolzeren Geſchlechte herrührt, auch nicht in derſelben Lage, ſondern zwei Meilen weiter unten an der Windung des Fluß⸗ ufers(woher der Name) bildete ein rohes, halb hölzernes, halb aus römiſchen Ziegeln beſtehendes Gebäude mit anſtoßendem Kloſter und von einem kleinen Weiler umringt den Pallaſt des heiligen Königs. 220 So ritt der Earl und neben ihm ſeine vier ſchönen Söhne in den Hof von Windſhore.“ Als König Edward das Trappeln der Pferde und das Summen der Menge vernahm, während er mit ſeinen Aebten und Pfaffen in ſtiller Betrachtung über den Daumen des heiligen Ju⸗ das in ſeinem Kloſette ſaß, fragte der König: .„Welche Armee reitet in den Tagen des Friedens und zur Sſer zeit in die Thore unſeres Pallaſtes?“ Ein Abt ſtand auf, um durch das ſchmale Fenſter zu ſchauen, und berichtete ſeufzend: „Armee darfſt Du es wohl nennen, o König!— Und Feinde von uns und Dir führen die Schaaren.“ „Inprinis,“ brummte unſer gelehrter Abt;„Du ſprichſt gewiß von dem gottloſen Earl und ſeinen Söhnen.“ Des Königs Miene veränderte ſich. „Kommen ſie mit ſo großem Gefolge?“ bemerkte er.„Das ſchmeckt eher nach Prahlerei als nach Loyalität:— nichts— gar nichts!“ „Ach!“ jammerte einer in dem Conclave,„ich fürchte, daß die Männer Belials uns Leid zufügen werden; die Heiden ſind mächtig und—“ „Fürchtet nicht,“ tröſtete Edward mit wohlwollender Herablaſ⸗ ſung, da er bemerkte, wie ſeine Gäſte erbleichten, während er ſelbſt, wenn auch oft kindiſch, ſchwach und geiſtig unentſchloſſen, doch immer noch ſo weit König und Edelmann war, daß er nichts von feiger leib⸗ licher Furcht wußte—„fürchtet nicht für mich, meine Väter; ſo nie⸗ drig ich auch ſeyn mag, ſo bin ich doch ſtark im Glauben an den Him⸗ mel und ſeine Engel.“ * Andere nennen Wincheſter als Schauplatz dieſer merkwürdigen Feſt⸗ lichkeiten. Nach Lyſons Meinung lag das alte Schloß Windſor auf der Stelle von Mr. Iſherwoods Pachthofe, ctwa 2 Meilen vom neuen Windſor entfernt und war mit einem Graben umgeben. Er vermuthet, daß es noch bis 1110 gelegentlich von den normänniſchen Königen bewohnt wurde. Der daſſelbe um⸗ ringende Weiler zählte nur fünfundneunzig Häuſer und hatte unter normän⸗ niſcher Herrſchaft eine Salztaxe zu bezahlen. e in ferde bten Ju⸗ sſter⸗ und von ewiß neckt ß die chtig blaſ⸗ elbſt, nmer leib⸗ nie⸗ Him⸗ Feſt⸗ Stelle tfernt 1110 um⸗ män⸗ 221 Die Männer der Kirche wechſelten ſchlaue aber beſchämte Blicke, denn es war nicht eben der König, für den ſie gefürchtet hatten. Dann ſprach Alred der gute Prälat und Friedensſtifter— er, die edle, einſame Säule der raſch verſinkenden ſächſiſchen Kirche: „Es iſt ſchlimm von Euch, Brüder, daß Ihr die Treue und gute Abſicht derer, die Euern König ehren, anklaget, denn der ſollte in die⸗ ſen Tagen immer der Willkommenſte ſeyn, der in ſeines Königs Hallen die größte Zahl feſter ergebener Herzen mitbringt.“ „Mit Eurer Erlaubniß, Bruder Alred,“ erwiederte Stigand, der, wenn er auch aus Gründen der Politik dem Könige mit Anderen an⸗ gerathen hatte, ſeine Krone nicht durch Widerſtand gegen Godwins Rückkehr in Gefahr zu bringen, aus den Mißbräuchen der Kirche doch diel zu großen Nutzen zog, um ſich der Sache des ſtarkmüthigen Carls aufrichtig anzuſchließen—„mit Eurer Erlaubniß, Bruder Alred, jedes ergebene Herz bringt einen heißhungrigen Mund mit, und die Schätze des Königs ſind über der Abfütterung dieſer hungrigen und unwill⸗ kommenen Gäſte nahezu aufgetrocknet. Dürfte ich meinem Herrn ra⸗ then, ſo würde ich ihn, aus Gründen der Klugheit, bitten, dieſen ſtolzen liſtigen Earl ein wenig zu äffen. Er möchte wohl gerne, daß der König ein öffentliches Feſtmahl veranſtaltete, um ihn und die Kirche durch das Heer ſeiner Freunde zu ſchrecken.“ „Ich begreife Dich, mein Vater,“ ſagte Edward mit ungewöhn⸗ licher Behendigkeit und mit jener ſcharfen aber harmloſen Liſt, wie man ſte häufig bei unentwickelten Geiſtern ſindet,„ich begreiſe Dich, es iſt gut und höchſt politiſch. Dieſer unſer übermüthiger Earl ſoll nicht den Triumph genießen, daß er kaum nach ſeiner Verbannung dem Kö⸗ nig mit der weltlichen Schauſtellung ſeiner Macht Trotz bietet. Un⸗ ſere Geſundheit dient als Entſchuldigung für unſere Abweſe eit beim Bankett, und kurz und gut— ich wundere mich, wartt Iſte eine paſſende Zeit zu Feſtmahlen und Luſtbarkeiten ſeyn ſoll. Darum gehe, Hugolin, mein Kämmerling, und benachrichtige den Earl, daß wir für heute bis zu Sonnenuntergang faſten und dann mit einem 4 222 mäßigen Mahle aus Eiern, Brod und Fiſchen Adams Natur aufrecht erhalten wollen. Bitte ihn und ſeine Söhne, uns Geſellſchaft zu leiſten — ſie allein ſeyen unſere Gäſte.“ 3 Und mit einem Kichern, das ſich wie ein Lachen oder wie das Geſpenſt eines Gelächters ausnahm— denn Edward beſaß zuweilen einen unſchuldigen Humor, den ſeine mönchiſchen Biographen nicht zu erwähnen verſchmäht haben,“ warf er ſich in ſeinen Stuhl. Die Pfaf⸗ fen verſtanden den Wink und hielten ſich die Seiten vor Lachen, wäh⸗ rend Hugolin das Zimmer verließ, nicht übel zufrieden, daß er der Einladung zu Eiern, Brod und Fiſchen entgangen war. „Für den Earl und ſeine Söhne iſt dies eine Ehre,“ bemerkte Alred ſeufzend;„aber die übrigen Earls und Thane werden bei dem Bankette den König vermiſſen, dem ſie allein Ehre erweiſen wollen, und—“ „Was ich geſagt habe, habe ich geſagt,“ unterbrach ihn Edward trocken und mit ermüdetem Blicke. „Und,“ äußerte ein anderer Kirchenmann voll Bosheit,„die jungen Earls wenigſtens werden gedemüthigt ſeyn, denn ſie werden nicht mit dem Könige und ihrem Vater niederſitzen, wie ſie es in der Halle gethan hätten, und müſſen meinen Herrn mit Wein und Hand⸗ tuch bedienen.“ „Inprinis,“ meinte unſer Gelehrter, der Abt,„das muß was Seltenes ſeyn: ich wollte, ich könnte es ſehen. Aber dieſer Godwin iſt ein Mann voll Argliſt und Verrätherei und Mylord ſollte ſich vor dem Schickſale ſeines ermordeten Bruders Alfred hüten!“ Der König fuhr zuſammen und drückte die Hände vor die Augen. „Wie darfſt Du, Abt von Fatchere,“ rief Alred unwillig— „wie darfſt Du den Kummer ohne Linderungsmittel, wie darfſt Du das Gedächtniß an die Metzelei ohne Zeugniß erneuern?“ „Ohne Zeugniß?“ wiederholte Edward mit hohler Stimme. „Wer morden konnte, mochte ſich wohl auch zum Meineide bequemen! „ Ailred: de Vita Edw. Confess. Ohr verſt das den an nm win Zeit ſeine Abſe hert in ſ voll win der beſ ger den 228 Ohne Zeugniß vor Menſchen!— ja; aber hat er das Gottesgericht verſucht?— hat ſein Fuß die Pflugſchaar überſchritten? ſeine Hand das glühende Eiſen erfaßt? Wahrlich, wahrlich, Du thatſt Unrecht, den Namen meines Bruders Alfred zu erwähnen! Ich werde heute an meinem Tiſche ſeine blickloſen blutträufelnden Augenhöhlen in God⸗ wins Geſichte ſehen.“ Der König erhob ſich in großer Aufregung und nachdem er eine Zeit lang durchs Zimmer geſchritten, ohne die ſtummen ſcheuen Blicke ſeiner Prieſter zu beachten, winkte er mit der Hand zum Zeichen des Abſchieds. Alle befolgten den Wink, bis auf Alred; dieſer jedoch nä⸗ herte ſich dem König mit Würde in ſeiner Haltung und voll Mitleid in ſeinen Blicken: „Verbanne aus Deiner Bruſt ſo ungeziemende und wenig liebe⸗ volle Gedanken, o Sohn und König! Alles, was Menſchen von God⸗ wins Schuld oder Unſchuld wiſſen konnten— der Verdacht des Pöbels — die Freiſprechung ſeiner Peers— war Dir bekannt, bevor Du ſeine Hülfe für Deinen Thron nachſuchteſt und ſein Kind zu Deinem Weibe nahmſt. Zu ſpät iſt es jetzt zu argwöhnen; überlaſſe Deine Zweifel jenem feierlichen Tage, der für den alten Mann, den Vater Deines Weibes, herannaht!“ „Ha!“ ſagte der König, den Prälaten anſcheinend— vielleicht auch abſichtlich— mißverſtehend,„ihn Gott überlaſſen?— das willich!“ Er wendete ſich ungeduldig ab und der Prälat mußte ihn wider⸗ ſtrebend verlaſſen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Toſtig ſchimpfte gewaltig über des Königs Botſchaft und wurde bei Harolds Verſuche, ihn zu beſänftigen, ſo heftig, daß nichts als der kalte ſtrenge Befehl ſeines Vaters, der jenes gewichtige Anſehen beſaß, das nur Solche kennen, deren Zorn ſtill und deren Leidenſchaft geräuſchlos iſt, der rohen Natur ſeines Sohnes einen mürriſchen Frie⸗ den abnothigte. Aber der Hohn, welchen Toſtig auf Harold gehäuft ——— 224 hatte, beunruhigte den alten Earl, und ſeine Stirne war noch von prophetiſcher Sorge bewölkt, als er in die königlichen Gemächer ein⸗ trat. Er war bei dem König erſt einen Augenblick vorher eingeführt worden, als Hugolin den Zug nach dem Speiſeſaale eröffnete, und die Begrüßung zwiſchen König und Earl war kurz und förmlich ausgefallen. Unter dem Staatshimmel waren für den König und den Vater der Königin zwei Stühle geſtellt; die vier Söhne Harold, Toſtig, Leofwine und Gurth ſtanden dahinter. So verlangte es die urſprüng⸗ liche Sitte der alten teutoniſchen Könige und die feudalen normänni⸗ ſchen Monarchen verſtärkten nur, obwohl mit mehr Pomp und Strenge, das Ceremoniell der Waldpatriarchen— wonach die Jugend dem Alter und die Miniſter des Reiches denen aufwarteten, welche ihre Politik zu Häuptlingen im Krieg und Rath gemacht hatte. Der Earl, ſchon vorher durch die Scene mit ſeinen Söhnen er⸗ bittert, fühlte ſich durch des Königs liebloſe Kälte noch mehr gekränkt; denn auch für den weltlich geſinnten Mann iſt es natürlich, daß er für Solche, denen er Dienſte geleiſtet, eine gewiſſe Neigung empfindet, und Godwin hatte Edward ſeine Krone verſchafft, und trotz ſeiner kriege⸗ riſchen, aber blutloſen Rückkehr konnte weder Mönch noch Normanne bei Aufzählung der Verbrechen des alten Earls behaupten, daß er es gegen den König, den er geſchaffen, jemals an perſönlichem Reſpekte habe fehlen laſſen: ja, ſo übermäßig groß für einen Unterthanen auch die Macht des Earls war, ſo wird jetzt doch ſchwerlich ein Schriftſtel⸗ ler behaupten wollen, es wäre für das ſächſiſche England nicht gut ge⸗ weſen, wenn Godwin bei ſeinem König in größerer, die Mönche und Normannen aber in geringerer Gunſt geſtanden hätten.* °„Es iſt zum Erſtaunen,“ ſagte das Volk, in Beziehung auf Edwards Bevorzugung der Normannen,„wie der Urheber und die Stütze von Edwards Regiment, den es doch empören muß immer wieder neue Ausländer über ſich erhoben zu ſehen, doch dem Manne, den er ſelbſt zum Könige gemacht, nie⸗ mals ein hartes Wort ſagt.“ ThierryI. Bd. S. 126. Das iſt der engliſche Bericht(versus d. Normannen ꝛc.). Es iſt kaum zu zweifeln, daß es der richtige iſt. — h von r ein⸗ eführt nd die fallen. Vater oſtig, rüng⸗ nänni⸗ renge, Alter Bolitik een er⸗ ränkt; er für t, und kriege⸗ manne er es eſpekte n auch iftſtel⸗ ut ge⸗ he und dwards dwards ber ſich t, nie⸗ ngliſche es der — 225 So war das ſtolze Herz des alten Earls aufs Bitterſte verletzt, und er warf aus jenen tiefen und durchdringenden Augen einen klagen⸗ den Blick auf Edwards eiſige Stirne. Harold, welchen alle häuslichen Bande ſehr tiefberührten, und dem ſein großer Vater beſonders theuer war, bewachte deſſen Antlitz und ſah, daß es ſtark geröthet war. Doch der geübte Höfling raffte ſeine Lebensgeiſter zuſammen, um zu Lächeln und Scherzen zurückzukehren. Der König wandte ſich von den Scherzen ab und verlangte Wein. Harold näherte ſich mit der Trinkſchale und ſtolperte dabei mit einem Fuße, richtete ſich aber ſchnell mit dem andern auf, wobei Toſtig nicht unterließ, über Harolds Ungeſchicklichkeit höhniſch zu lachen. Der alte Earl bemerkte beides— das Stolpern wie das Lachen, und um ſeinen beiden Söhnen eine Lehre zu geben, ſagte er mit freundlichem Lächeln: „Schau, Harold, wie der linke Fuß den rechten rettete!— ſo, ſiehſt Du, hilft ein Bruder dem andern!“* König Edward ſchaute plötzlich in die Höhe. „Und ſo, Godwin, hätte auch mein Bruder Alfred mir geholfen, wenn Du es erlaubt hätteſt.“ Dem alten Earl lief die Galle über: er betrachtete den König eine Weile und ſeine Wange war purpurroth, ſeine Augen ſchienen mit Blut unterlaufen. „O Edward!“ rief er,„Du ſprichſt zu mir hart und unfreund lich von Deinem Bruder Alfred, und haſt ſchon oft auf dieſe Weiſe mehr als angedeutet, als ob ich ſeinen Tod verurſacht hätte.“ Der König gab keine Antwort. „Möge ich an dieſer Brodkrume erſticken,“ ſchwur der Earl in großer Bewegung,„wenn ich an Deines Bruders Blute ſchuldig bin.“* Aber kaum hatte das Brod ſeine Lippen berührt, als ſein Auge ſtill ſtand, und die ſchon lange warnenden Symptome in Erfüllung * Heinrich v. Huntingdon. ** Heinrich v. Huntingdon; Bromton Chronik ꝛc. Bulwer, Harold. 15 gingen. Vom Schlage getroffen ſtürzte er plötzlich und ſchwerfällig unter den Tiſch. Harold und Gurth ſprangen herbei und hoben ihren Vater vom Boden auf. Sein Geſicht, noch immer von blutigen Streifen tief ge⸗ röthet, ruhte an Harolds Bruſt und der Sohn auf ſeinen Knieen rief in Todesangſt ſeinen Vater beim Namen— allein ſein Ohr war taub. „Das iſt Gottes Hand, entfernt ihn!“ rief der Konig aufſtehend und voll Triumph das Gemach verlaſſend. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Fünf Tage und fünf Nächte lag Godwin ſprachlos“ und Harold wachte bei ihm Tag und Nacht. Die Aerzte wollten ihm nicht zur Ader laſſen, weil das Zunehmen des Mondes und der Fluth dawider war; dagegen wuſchen ſie ſeine Schläfe mit Waizenmehl in Milch ab⸗ gekocht, nach einem Rezepte, das ein Engel einem andern Patienten im Traume angerathen hatte,*e legten ihm eine Bleiplatte auf die Bruſt, die mit ſünf Kreuzen bezeichnet war und ſprachen über jedes derſelben ein Paternoſter, nebſt anderen mediziniſchen Mitteln, welche damals hoch in Ehren ſtanden Trotz deſſen lag Godwin fünf Tage und fünf Nächte ſprachlos und die Aerzte fürchteten jetzt, daß menſch⸗ liche Geſchicklichkeit vergeblich ſey. 1 Die Wirkung, welche des Earls Schlaganfall und mehr noch die vorangegangenen Umſtände am Hofe veranlaßten, läßt ſich nicht mit Worten beſchreiben. Bei Godwins alten Waffengefährten war es ein⸗ facher aufrichtiger Kummer; von allen denen aber, die unter dem Ein⸗ fluſſe der Prieſter ſtanden, wurde das Ereigniß als eine direkte Strafe des Himmels betrachtet. Die vorangegangenen Worte des Königs, von Edward ſeinen Mönchen wiederholt, cirkulirten mit den tollſten * Hovenden. s Sharon Turner, I. Bd. S. 472. Fosbrooke. fällig vom ef ge⸗ n rief taub. ehend darold zt zur wider ch ab⸗ ienten uf die jedes velche Tage enſch⸗ ch die ht mit s ein⸗ Ein⸗ Strafe önigs, ollſten 227 Uebertreibungen von Munde zu Munde, und der Aberglaube jener Zeit hatte um ſo mehr Entſchuldigung, als die Rede Godwins wie eine Verhöhnung eines der volksthümlichſten Gottesgerichte— des ſoge⸗ nannten Nothbrodes— herauskam, wonach man dem vermutheten Verbrecher ein Stück Brod gab und ihn, wenn er es mit Leichtigkeit verſchluckte, für unſchuldig, wenns ihm aber in der Kehle ſtecken blieb, ja ſogar wenn er ſich blos ſchüttelte und blaß wurde, für ſchuldig er⸗ klärte. Godwins Worte ſchienen des Himmels Urtheil herausgefor⸗ dert zu haben und Gott hatte den anmaßenden Meineidigen gehört und niedergeworfen. Harold wußte glücklicherweiſe nichts von dieſen Verſuchen, den Namen ſeines ſterbenden Vaters anzuſchwärzen. Mit dem grauenden Morgen der fünften Nacht ſaß er an Godwins Bette und glaubte ſeinen Vater ſich regen zu hören. Er ſchlug den Vorhang bei Seite und beugte ſich über ihn. Der alte Earl hatte die Augen weit geöffnet und die Röthe war von ſeinen Wangen gewichen, welche jetzt todesbleich ausſahen. „Wie geht Dirs, theurer Vater?“ fragte Harold. Godwin lächelte zärtlich und verſuchte zu ſprechen; aber ſeine Stimme erſtarb in krampfhaftem Röcheln. Er richtete ſich jedoch mit Anſtrengung auf, drückte die Hand ſeines Sohnes, lehnte ſein Haupt an Harolds Bruſt und gab ſo den Geiſt auf. Als Harold endlich merkte, daß der Kampf vorüber war, legte er das graue Haupt ſanft auf das Kiſſen; er ſchloß ihm die Augen, küßte ſeine Lippen und kniete zum Beten nieder. Dann ſetzte er ſich etwas abſeits, das Geſicht mit dem Mantel bedeckend. Um dieſe Zeit trat ſein Bruder Gurth, der faſt ausſchließlich mit Harold gewacht hatte— denn Toſtig, ſeines Vaters Tod vorausſehend, bewarb ſich bereits emſig bei Thanen und Carls um Unterſtützung ſei⸗ ner Anſprüche auf die zu erledigende Grafſchaft— Gurth trat, wie geſagt, auf den Zehen ins Zimmer und errieth aus der Haltung ſeines 45 228 Bruders, daß Alles vorüber war. Er ging an den Tiſch, nahm die Lampe und betrachtete lange ſeines Vaters Geſicht. Jenes auffallende Todtenlächeln, das den Schuldloſen wie den Schuldigen gemein iſt, hatte bereits auf ſeinen ruhigen Zügen Platz genommen, und jene nicht minder befremdende Umwandlung des Alters zur Jugend, wenn die Runzeln verſchwinden und die Züge klar und ſcharf aus den Höhlungen der Sorgen und der Jahre hervortreten, hatte ſchon jetzt ihren Anfang genommen. Der alte Mann ſchien in der erſten Blüthe ſeiner Jugend zu ſchlummern. Gurth küßte den Todten, wie Harold früher gethan hatte, ſetzte ſich dann neben ſeinen Bruder auf die Erde und legte ſein Haupt auf Harolds Kniee; er ſprach nicht eher, als bis er, von dem langen Schwei⸗ gen des Earls erſchreckt, ſeinem Bruder den Mantel ſachte vom Ge⸗ ſicht zog und große Thränen über Harolds Wangen herabrollen ſah. „Tröſte Dich, mein Bruder,“ ſagte Gurth;„unſer Vater hat für den Ruhm gelebt, ſein Alter war glücklich, und ſeiner Jahre waren mehr, als der Pſalmiſt ſie den Menſchen zuweist. Komm und betrachte ſein Geſicht, Harold: ſeine Ruhe wird Dich tröſten.“ Harold gehorchte der Hand, die ihn wie ein Kind führte; im Vorübergehen ſiel ſein Auge auf das Käſtchen, welches Hilda dem alten Earl gegeben hatte und ein Schauer rieſelte ihm durch die Adern. „Gurth,“ ſprach er,„iſt heute nicht der Morgen des ſechsten Tags, ſeit wir an des Königs Hofe ſind?“ „Es iſt der Morgen des ſechsten Tages.“ Da nahm Harold den Schlüſſel, welchen Hilda ihm gegeben und öffnete das Käſtchen; drin lag das weiße Leichenhemd des Todten und eine Papierrolle. Harold nahm die Rolle und las in dem Zwielichte der Lampe und der Dämmerung: „Heil Harold, dem Erben Godwins des Großen und Githa's der Königgeborenen! Du haſt Hilda gehorcht und weißt jetzt, daß ihre Augen in der Zukunft leſen und ihre Lippen die ſchwarzen Worte der Wahrheit reden. Berge Dein Herz vor der Vala und mißtraue der Weisheit, welche die Dinge blos im gewöhnlichen Tageslichte ſieht. Wie die Tapferkeit des Kriegers und der Sang des Skalden, ſo iſt die Lehre der Prophetin; ſie ſtammt nicht vom Körper, ſie iſt Seele der Seele; ſie gebietet den Ereigniſſen und den Menſchen gleich der Tapferkeit; ſie geſtaltet die Luft zur Materie wie der Geſang. Beuge Dein Herz vor der Vala. Blumen blühen über dem Grabe des Todten und die junge Pflanze ſteigt hoch, wenn der König des Waldlandes tief unten liegt.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Sonne ging auf und Treppen und Gänge außerhalb wim⸗ melten von Fragenden, die ſich nach dem Befinden des Earls erkun⸗ digten. Die Thüren ſtanden offen und Gurth führte die Menge herein, um zum letzten Male den Helden im Feld und Rath zu ſehen, der mit ſtarker Hand und weiſem Verſtande Cerdies Geſchlecht auf dem ſäch⸗ ſiſchen Throne wieder hergeſtellt hatte. Harold ſtand ſchweigend zu Häupten des Bettes und Thraͤnen wurden vergoſſen und mancher Seuf⸗ zer wurde gehört. Und mancher Than, der früher halb und halb an Godwins Schuld bei Alfreds Ermordung geglaubt hatte, flüſterte be⸗ klommen ſeinem Nachbar ins Ohr:„wer ſeine alten Lebensgefährten im Tode ſo anlächelt, der hat kein Bußgeld wegen Todtſchlags auf ſeinem Haupte laſten!“ Am längſten von Allen blieb Leofric, der große Earl von Mercia, und als alle Anderen fort waren, nahm er die bleiche Hand, welche ſchwer auf der Bettdecke ruhte und ſprach: „Alter Feind, oft ſtanden wir uns im Witan und im Felde ge⸗ genüber; aber wenige Freunde gibt es, welche Leofrie ſo tief beklagen würde, wie Dich. Friede ſey mit Deiner Seele! Welches auch Deine Sünden ſeyn mögen— England ſollte Dich mild beurtheilen, denn England pulſirte in jedem Schlage Deines Herzens und mit Deiner Groͤße ging die ſeinige Hand in Hand!“ 230 Da ſchlich ſich Harold um das Bett, legte ſeine Arme um Leofpics Nacken und zog ihn an die Bruſt. Der gute alte Earl war gerührt, legte ſeine zitternden Hände auf Harolds braune Locken und ſegnete ihn. „Harold,“ ſprach er,„Du folgſt Deinem Vater in der Gewalt; laß Deines Vaters Feinde Deine Freunde ſeyn. Erwache aus Deinem Gram, denn Dein Vaterland, die Ehre Deines Hauſes und das Ge⸗ dächtniß des Todten verlangen es von Dir. Viele verſchwören ſich ge⸗ rade jetzt wider Dich und die Deinen: ſuche den König und verlange als Dein Recht Deines Vaters Grafſchaft; Leofric wird Deinen An⸗ ſpruch im Witan unterſtützen.“ Harold drückte Leofric die Hand und hob ſie an ſeine Lippen. „Mögen unſere Häuſer fortan und für immer im Frieden bleiben.“ Toſtigs Eitelkeit hatte ihn in der That irre geführt, wenn er träumte, daß auch nur der geringſte Theil von Godwins Parthei an eine Unterſtützung ſeiner Anſprüche gegen den beliebten Harold denken würde; nicht minder täuſchten ſich die Mönche, wenn ſie annahmen, daß mit Godwins Tode die Macht ſeiner Familie gefallen ſey. Mehr als Einſtimmigkeit von Seiten der Häuptlinge des Witan ſprach zu „Harolds Gunſten, denn durch ganz England, unter Dänen wie Sach⸗ ſen, herrſchte die allgemeine geräuſchloſe Ueberzeugung, daß Harold jetzt der einzige Mann ſey, auf welchem der Staat beruhte— eine Ueberzeugung, welche immer unwiderſtehlich iſt, ſobald ſie einen Einzelnen alſo begünſtigt. Auch Edward ſelbſt war Harold keineswegs feindſelig, denn wie wir ſchon oben geſagt haben, war dieſer der ein⸗ zige ſeines Hauſes, den er liebte und achtete. Harold wurde alsbald zum Earl von Weſſer ernannt und zögerte keinen Augenblick, zur Nachfolge in ſeiner eigenen Grafſchaft den rech⸗ ten Mann zu bezeichnen. Alle Eiferſucht, allen Widerwillen gegen Algar überwindend, vereinigte er die Stärke ſeiner Partei zu Gunſten des Sohnes von Leofric, ſo daß die Wahl auf ihn ſiel. Trotz aller ſeiner Heftigkeit und Fehler waren die Anſprüche keines anderen Earls — weder was ſeine eigene Fähigkeiten, noch ſeines Vaters Verdienſte 231 betraf— den ſeinigen gewachſen und ſeine Erwählungrettete den Staat vor einer großen Gefahr, da Algar in ſeiner zornigen Stimmung und in Folge ſeines gereizten Ehrgeizes ſich ſchon dem Könige Gryffyth von Nordwales, dem tapferſten Feinde Englands, in die Arme ge⸗ worfen hatte. Dem äußeren Scheine nach wurde Leofries Haus durch dieſe Wahl, welche in Vater und Sohn den breiten weiten Diſtrikt von Mercia und Oſtangeln vereinigte, viel mächtiger als das Godwins, denn in letzterem war Harold nunmehr der einzige, der eine der großen Grafſchaften beſaß, während Toſtig und die andern Brüder neben ihren vergleichungsweiſe unwichtigen Bezirken keinen weiteren Erſatz erhielten. Aber hätte auch Harold über keine Grafſchaft regiert, er wäre doch ohne Vergleich der erſte Mann in England geweſen— ſo groß war das Vertrauen in ſeine Tapferkeit und Weisheit. Er war für ſich ſelbſt von ſolcher Höhe, daß er keines Fußgeſtelles zum Stand⸗ punkte bedurfte. Der Nachfolger des erſten großen Begründers eines Hauſes erbt immer mehr als ſeines Vorgängers Macht, wenn er ſie nur zu hand⸗ haben und zu erhalten verſteht. Wer öffnet ſich die Bahn zur Größe, ohne ſich bei jedem Schritte Feinde zu erwecken? und wer ſtieg je zur höchſten Gewalt, ohne ernſte Urſachen zum Tadel gegeben zu haben? Harold ſtand frei von allen Feindſeligkeiten, die ſein Vater hervorge⸗ rufen, rein von allen Makeln, welche Ruf oder Verläumdung auf deſ⸗ ſen Namen wälzte. Die Sonne von geſtern hatte noch durch Wolken geſchimmert, die Sonne von heute erhob ſich an einem klaren Firma⸗ mente. Selbſt Toſtig fühlte alsbald das Uebergewicht ſeines Bruders, und nach einem langen Kampfe zwiſchen getäuſchter Wuth und begehr⸗ lichem Ehrgeize wich er vor ihm, wie vor einem Vater. Er ſah, daß Godwins ganzes Haus ſich allein in Harold concentrirte und daß trotz ſeiner eigenen verwegenen Tapferkeit, trotz ſeiner Verbindung mit dem Blute Alfreds und Karls des Großen ſein Durſt nach Gewalt einzig nur durch ſeinen Bruder befriedigt werden konnte. 232 „Geh in Deine Heimath, mein Bruder,“ ſagte Earl Harold zu Toſtig,„und gräme Dich nicht, daß Algar Dir vorgezogen wurde, denn ſelbſt wenn ſein Anſpruch weniger dringend geweſen wäre, ſo hätte es uns doch übel angeſtanden, wenn wir alle Lordſchaften von England als uns gehörig in Anſpruch genommen hätten. Regiere Deine Herrſchaft mit Weisheit: erwirb Dir die Liebe Deiner Lehens⸗ leute. Hohe Anſprüche beſitzeſt Du durch unſeres Vaters Namen, und Mäßigung kann Deine Macht für künftige Zeiten nur erhöhen. Ver⸗ traue Deinem Harold, Dir ſelbſt aber mehr; Du haſt Deiner Tapfer⸗ keit und Deinem Feuer nur noch Klugheit und Gleichmaß beizufügen, um dem erſten Earl in England würdig zur Seite zu ſtehen. Ueber meines Vaters Leiche umarmte ich meines Vaters Feind— ſoll da, als beſtes Vermächtniß des Todten, zwiſchen Bruder und Bruder nicht Liebe herrſchen?“ „Es ſoll nicht mein Fehler ſeyn, wenn es nicht iſt,“ gab Toſtig gedemüthigt zur Antwort und kehrte mit ſeinen Leuten nach ſeiner Herrſchaft zurück. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Rein, glänzend und ruhig verſank die Sonne hinter dem weſtli⸗ chen Waldlande. Hilda ſtand auf dem Hügel und ſchaute mit feſten Blicken in die verſinkende Goldſcheibe; neben ihr lehnte Editha auf dem Raſen und ſchien mit müßiger Hand Buchſtaben in die Luft zu malen. Das Mädchen war noch bleicher geworden ſeit Harold auf derſelben Stelle Abſchied von ihr genommen hatte; dieſelbe gleichgültige muth⸗ loſe Apathie ſah man auf den freudeloſen Lippen und in dem geſenkten Köpfchen ausgedrückt.. „Sieh, Kind des Herzens,“ ſprach Hilda, Edithen anredend, während ſie noch immer das große Geſtirn im Weſten betrachtete, „ſtehe, die Sonne ſteigt hinab in die fernen Tiefen, wo Rana und — — — 233 Aegir die Welten des Meeres bewachen; aber mit dem Morgen kommt ſie aus den Hallen der Aſen— der goldenen Thore des Oſtens— und Freude kommt in ihrem Gefolge. Und Du, mein trauerndes Kind, das kaum in die Jahre der Jungfrau eingetreten, dennoch glaubſt Du, die Sonne, wenn ſie einmal untergeſunken, kehre nie wieder ins Leben zurück! Noch während wir ſprechen, naht Dein Morgen heran und das Dunkel der Wolke bekommt die Farbe der Roſe!“ Edithens Hand hielt inne in ihrer müßigen Beſchäftigung und ſank matt auf ihre Kniee; ſie richtete den unruhigen ängſtlichen Blick auf Hilda und nachdem ſie die Vala einige Augenblicke aufmerkſam be⸗ trachtet, ſtieg die Röthe in ihre Wangen und ſie ſagte faſt mit zorni⸗ ger Stimme: „Hilda, Du biſt grauſam!“ „So iſt das Schickſal!“ entgegnete die Vala.„Aber die Men⸗ ſchen nennen das Schickſal nicht grauſam, wenn es ihren Wünſchen lächelt.— Warum nennſt Du Hilda grauſam, wenn ſie in der unter⸗ gehenden Sonne die Runen Deiner kommenden Freude liest?“ „Für mich gibt's keine Freude,“ klagte Editha,„und ich habe etwas auf dem Herzen,“ fuhr ſie mit plötzlicher faſt wilder Aenderung des Tones fort,„was ich endlich ausſprechen will. Ich tadle Dich, Hilda, daß Du mein ganzes Leben verdorben haſt, daß Du mich mit Träͤumen täuſchteſt und mich allein in Verzweiſtung zurückließeſt.“ „Sprich weiter,“ ſagte Hilda ruhig wie die Amme zu einem un⸗ artigen Kinde. 4 „Haſt Du mir nicht ſeit dem erſten Aufſdämmern meiner verwun⸗ derten Vernunft— haſt Du mir da nicht erzählt, daß mein Leben und Schickſal mit— mit—(das kühne wahnſinnige Wort muß endlich * Aegir, der ſkandinaviſche Meeresgott— nicht aus dem himmliſchen Stamme der Aſen, ſondern von den Rieſen abſtammend. Ran oder Rana, ſein Weib, iſt ſchon ein boshafterer Charakter, denn ſie war es, welche Schiff⸗ brüche verurſachte und die ins Meer Gefallenen in einem Netze an ſich zog. Aus dieſer Ehe entſproſſen neun Töchter— die Wogen, die Strömungen und die Stürme. 234 heraus) mit dem des unvergleichlichen Harold verwoben ſey? Ohne Ant dieſe Prophezeihung, welche meine Kindheit von Deinen Lippen als liſch Geſetz annahm, wäre ich nie ſo eitel und unſinnig geworden, hätte nicht von jedes Spiel ſeiner Mienen bewacht, jedes Wort ſeiner Lippen wie einen Zau Schatz gehegt; ich hätte nicht mein Leben nur zu einem Theile ſeines Lebens— nicht meine ganze Seele zum bloßen Schatten ſeiner Sonne gemacht. Ohne ſie hätte ich mit Freuden die Ruhe des Kloſters lang begrüßt— ohne ſie wäre ich im Frieden in mein Grab geſunken. des Und nun— nun, o Hilda“— hier folgte eine Pauſe, und dieſe Pauſe war beredter als alle Worte ſeyn konnten.„Und,“ begann ſie plötzlich mer von Neuem,„Du wußteſt, daß dieſe Hoffnungen bloße Träume waren — daß das Geſetz ſich immer zwiſchen ihn und mich ſtellen und daß die es Sünde ſeyn würde, ihn zu lieben!“ nes .„ Ich kannte das Geſetz,“ gab Hilda zur Antwort;„aber das Ge⸗ tra ſetz der Thoren iſt für die Weiſen wie ein Spinngewebe, das vor der noc Schwinge des Vogels über das Gebüſch gebreitet wird. Ihr ſeyd im vie fünften Grade mit einander verwandt, und darum ſagt ein alter Mann den zu Rom, ihr ſollt euch nicht heirathen. Wann erſt die Glatzköpfe dem ber alten Manne zu Rom gehorchen und ihre eigenen Weiber und Fril⸗ ſch las“ aufgeben, wenn ſie ſich des Weinkrugs, der Jagd und des Haders ant enthalten, dann will ich— vielleicht mit Mißvergnügen aber ohne Verachtung*— auf ihre Geſetze hören. Es iſt keine Sünde, Harold— zu lieben und weder Mönch noch Geſetz ſoll eure Vereinigung hindern an dem Tage, da ihr euch mit Leib und Seele angehören werdet.“ ge „Hilda! Hilda! mach mich nicht wahnſinnig vor Freude,“ rief be Editha in trunkenem Entzücken aufſpringend, während ihr jugendliches ach — 1 mi Frilla iſt das däniſche Wort für ein Frauenzimmer, das der Mann oft mit Beiſtimmung der Frau in den häuslichen Kreis aufnahm. Der Aus ſtn druck wird hier von Hilda als Vorwurf gebraucht, und wirklich war auch den die Canons zum Trotz Ehe und Concubinat unter der angelſächſiſchen wie unter mi der fränkiſchen Prieſterſchaft gäng und gäbe. G ** Hilda war als Heidin wie als Dänin keine ſonderliche Freundin des Mönchthums. 4 ler hne als icht inen nes une ters ken. auſe lich aren daß Ge⸗ der dim ann dem Fril⸗ ders hne rold dern rief ches kann Aus den inter des A 235 Antlitz mit Röthe bedeckt und ihre wiedererwachte Schönheit ſo himm⸗ liſch anzuſehen war, daß Hilda beinahe ſelbſt wie vor der Erſcheinung von Freya, der nordiſchen Venus, zurückbebte, wenn ſie durch einen Zauberſpruch aus Asgards Hallen abgerufen wird. „Aber jener Tag iſt noch ferne,“ begann die Vala von Neuem. „Was thuts! was thuts!“ rief das reine Naturkind;„ich ver⸗ lange ja blos Hoffnung. Genug— o genug, wenn wir erſt am Rande des Grabes vermählt werden.“ „Schau,“ rief Hilda,„blick auf, die Sonne Deines Lebens däm⸗ mert von Neuem!“ Indem ſie ſprach, erhob die Vala ihren Arm und Editha ſah durch die Zwiſchenräume der Tempelſäulen den großen Schatten eines Man⸗ nes über den ſtillen Raſen herübergeworfen und im nächſten Augenblick trat Harold, ihr Geliebter, in die Mitte des Kreiſes. Sein Geſicht war noch bleich von friſchem Kummer; aber in Schritt und Haltung war vielleicht mehr als jemals die ihm eigenthümliche Würde ausgeprägt, denn er fühlte, daß auf ihm allein die Macht des ſächſiſchen Englands beruhe. Und welches Königsgewand bekleidet die Geſtalt der Men⸗ ſchen mit ſo kaiſerlicher Majeſtät, als das feierliche Bewußtſeyn ver⸗ antwortlicher Macht in einer ernſten Seele? „Du kommſt,“ ſprach Hilda,„in der Stunde, die ich vorhergeſagt — mit dem Untergehen der Sonne und dem Aufſteigen des Sternes.“ „Vala,“ entgegnete Harold düſter,„ich will meine Sinne nicht gegen Deine Prophezeihungen ſtemmen, denn wer kann die Macht beurtheilen, deren Elemente ihm unbekannt ſind, oder das Wunder ver⸗ achten, deſſen Trug er nicht entdecken kann? Aber ich bitte Dich, laß mich im hellen Lichte des gemeinen Tages dahinwandeln. Dieſe Hände ſind gemacht, um mit greifbaren Dingen zu verkehren, dieſe Augen, um die Formen, die mir begegnen, zu meſſen. In meiner Jugend habe ich mich in Verzweiflung oder Widerwillen von den Spitzfindigkeiten der Gelehrten abgewendet, weil ſte das Gehirn der Lombarden und Fran⸗ ken aufs Haar hin theilen wollten, und jetzt im rührigen geſchäftigen 236 Mannesalter ſollſt Du mich nicht in Netze verwickeln, die meine Ver⸗ nunft verwirren und in denen meine wachenden Gedanken zu grauen⸗ haften Träumen erkranken. Mein ſey der gerade Pfad und das deut⸗ liche Ziel!“ Die Vala betrachtete ihn mit ernſtem Blicke, worin ſich Bewun⸗ derung, aber mehr noch Düſterheit ausſprach; ſie gab jedoch keine Antwort und Harold fuhr fort: „Laß die Todten ruhen, Hilda— ſtolze Namen mit irdiſchem Ruhme und Schatten, welche unſerer Sehweite entrannen, der Gnade des Himmels unterliegend. Eine weite Kluft haben meine Schritte überſprungen, o Hilda, ſeit wir uns zum letzten Male ſahen— eine weite Kluſt,— ſüße Editha! aber ein enges Grab.“— Seine Stimme wankte einen Augenblick, bis er von Neuem anhub:„Du weinſt, Editha? — ach wie Deine Thränen mich tröſten!— Hilda, höre mich! Ich liebe Deine Enkelin— liebte ſie mit unwiderſtehlichem Drange, ſeit ihre blauen Augen mich zum erſten Mal anlächelten. Ich liebte ſie in ihrer Kindheit wie in ihrer Jugend— in der Knoſpe wie in der Blüthe. Und Deine Enkelin liebt mich. Die Geſetze der Kirche ver⸗ pönen unſere Ehe und darum trennten wir uns; aber ich fühle und Deine Sditha fühlt, daß die Liebe auch in der Abweſenheit gleich ſtark bleibt: kein Anderer wird ihr Gatte, keine zweite meine angetraute Gemahlin werden. Mein Herz iſt vom Kummer geſänftigt und durch meines Vaters Tod bin ich der einzige Herr meines Schickſals geworden; darum kehre ich zurück, und ſage zu Dir in ihrer Gegenwart: laß uns noch ferner hoffen! Der Tag kann kommen, wo wir unter einem andern König, der nicht wie dieſer Edward von formellen Kirchengeſetzen ein⸗ geengt iſt, die päbſtliche Abſolution für unſere Vermählung erlangen — vielleicht iſt er noch ferne dieſer Tag; aber wir beide ſind jung und Liebe iſt ſtark und geduldig: wir können warten.“ „O Harold,“ rief Editha;„wir können warten!“ „Habe ich Dir nicht geſagt, Du Sohn von Godwin, daß Editha's Lebensfaden mit dem Deinigen verwebt ſey?“ erwiederte die Vala 237 Ver⸗ feierlich.„Glaubſt Du, meine Zauber haben nicht die Beſtimmung der Letzten meines Geſchlechtes erforſcht? Wiſſe, daß in dem Buche des Schickſals geſchrieben ſteht, daß Ihr vereinigt werdet, um nie mehr uen⸗ eut⸗ von einander zu ſcheiden; wiſſe, daß ein Tag kommen wird— zwar un⸗ ſehe ich noch nicht deſſen Morgen und er liegt in dunkler Ferne— der feine der glorreichſte Deines Lebens ſeyn und wo Editha und Ruhmesgröße Dein ſeyn werden— der Tag Deiner Geburt, an dem Dir ſeither chem noch Alles gelungen. Umſonſt verſucht es Mönch und Prieſter, wider nade die Sterne zu predigen: was ſeyn ſoll, wird ſeyn. D'rum faſſet Hoff⸗ ritte nung und Muth, ihr Kinder der Zeit! und ſo wie ich Eure Hände eine vereinige, verlobe ich nunmehr Eure Seelen.“ mme Reines unprophetiſches Entzücken, aus tiefer ächter Liebe geboren, tha? leuchtete in Harolds Blicken, als er die Hand der verlobten Braut er⸗ Ich faßte. Aber ein unwillkürlich räthſelhafter Schauer flog über Edithens ſeit Geſtalt und ſie lehnte ſich dicht, ganz dicht und Hülfe ſuchend an Harolds te ſie Bruſt. Wie durch eine Viſion erhob ſich vor ihrem Gedächtniſſe eine der ſtrenge Stirne, eine gewaltige ſchreckliche Geſtalt— die Stirne und ver⸗ Geſtalt deſſen, den ſie, wie die Prophetin geſagt hatte, nur noch einmal deine in ihrem wachen Leben ſehen ſollte. Die Viſion verſchwand unter dem eibt: warmen Drucke jener ſchützenden Arme und in Harolds Geſicht empor⸗ ſchauend, gewahrte ſie das tiefe mächtige Entzücken, das ſich alsbald ahlin ines auch in ihre eigene Seele ergoß. rrum Und Hilda legte die eine Hand über ihre Häupter und hob die andere gen Himmel, der von glänzenden Sternen ſtrahlte, indem ſie mit noch g L 3) dern tiefem bebendem Tone ſprach: ein⸗„Bezeugt die Verlobung dieſer jungen Herzen, o ihr Mächte, die ihr durch Zauber wie keine Galdra ſie verfolgen kann, Natur zu Natur ngen 211 3 e 35, 5 und hinzieht und in den Geheimniſſen der Schöpfung kein vollkomme⸗ neres Myſterium als das der Liebe geſchaffen habt. Bezeuge es, o Sonne, o Luft! Während der Leib getrennt iſt, mögen die Seelen an g ha's einander hängen— Kummer bei Kummer, Freude bei Freude. Und Zala wenn endlich Braut und Bräutigam vereint ſind— möge dann das 238 Unheil, womit ihr beladen ſeyd, ſeine Wucht erſchöpft haben, daß keine Gefahr ſie beläſtige, keine Bosheit ſie ſtöre, ſondern daß ihr in Frieden über ihrem Hochzeitsbette ſcheinet, o ihr Sterne!“ Auf ſtieg der Mond, die Nachtigall rief ihrem Gatten auf den athemloſen Zweigen der Mainacht und ſo wurden Editha und Harold verlobt auf dem Grabe von Cerdies Sohne. Und von Cerdics“ Stamme waren ſeit Ethelbert alle Sachſenkönige ausgegangen, welche mit Schwert und Scepter über das ſächſiſche England geherrſcht hatten. Sechstes Buch. Ehrgeiz. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Und es herrſchte große Freude in England. König Edward hatte eingewilligt, den Prälaten Alred“ an den Hof des deutſchen Kaiſers zu ſeinem Verwandten und Namensbruder Edward Atheling, dem Sohne des großen Ironſides, zu ſenden. In ſeiner Jugend war dieſer Prinz mit ſeinem Bruder Edmund durch Canut der Obhut ſeines Vaſallen des Königs von Schweden übergeben worden, und es wurde wiewohl ohne gehöoörige Autorität behauptet, Canuts Abſicht ſey geweſen, ſie insgeheim aus dem Wege ſchaffen zu laſſen. Der König von Schwe⸗ den überſchickte jedoch die Kinder dem Grafen von Ungarn, wo ſie eh⸗ renvoll empfangen und auferzogen wurden. Edmund ſtarb noch jung und ohne Nachkommen; Edward aber heirathete eine Tochter des deut⸗ ſchen Kaiſers und war während der Erſchütterungen in England und * Knyghton Chron. wäl Har erj vett ein ſtin kön (ni ſche vor den wi ah lef der ſch tre eine ſeden den rold dics“ llche hten. atte ſers öhne rinz llen vohl ſie we⸗ eh⸗ ung eut⸗ und während der auf einander folgenden Regierungen Harold Harefoots, Hardicanuts und des Bekenners in ſeinem Exile vergeſſen geblieben, bis er jetzt plötzlich als präſumtiver Thronerbe ſeines kinderloſen Namens⸗ vetters nach England berufen wurde, wo er mit ſeinem Weibe Agathe, einem kleinen Sohne Edgar und zwei Töchtern Margaretha und Chri⸗ ſtina anlangte. Groß war die Freude. Die unzählige Volksmenge, welche die königlichen Gäſte auf ihrem Zuge nach dem alten Londoner Pallaſte (nicht weit von der St. Paulskirche), worin ſie wohnten, begleitet hatte, ſchwärmte noch durch die Straßen, als zwei Thane, die den Atheling von Dover hergeleitet und ſich eben von ihm verabſchiedet hatten, aus dem Pallaſte traten und ſich nicht ahne Mühe einen Weg durch die wimmelnden Straßen bahnten. Der Eine, der in Tracht und Haarwuchs die normanniſche Sitte nach⸗ ahmte, war unſer alter Freund Godrith, deſſen ſich der Leſer als Tail⸗ lefers Zurechtweiſer und Mallet de Graville s Freund erinnern wird; der Andere in der einfachen linnenen Sachſentunika und der, wie es ſchien, ihm ungewohnten Gonna, wie ſie bei Staatsgelegenheiten ge⸗ tragen wurde, mit langem Haupt⸗ und Barthaar und die Arme mit ſchweren Goldſpangen bedeckt, war Vebba, der Kentiſche Than, der als Nuntius zwiſchen Godwin und Edward gedient hatte. „Meiner Treu!“ rief Vebba, ſeine Stirne abwiſchend,„dieſe Menge kann einem wahrhaftig warm machen. Nicht um allen Flitter in den Goldſchmiedsläden, nicht um alle Schätze in König Edwards Gewölben möchte ich in London wohnen. Meine Zunge iſt ſo trocken wie ein Grasfeld im Heumonat. Heilige Mutter, ſey geſegnet! ich ſehe eine Schenke offen; laßt uns eintreten und uns mit einem Horn Ale er⸗ friſchen.“ „Nein, Freund,“ erwiederte Godrith mit einem Anfluge von Ver⸗ achtung,„das iſt nicht der Ort für Männer von unſerm Range. War⸗ tet noch eine Weile, bis wir in die Nähe der Brücke kommen: dort werden wir würdige Geſellſchaft und ſeines Labſal finden.“ 240 „Wohl, wohl, ich ſtehe Euch zu Gebot, Godrith,“ verſicherte der aus Kent ſeufzend;„mein Weib und meine Söhne werden mich gewiß fragen, was ich alles geſehen habe, und darum iſt es mir ganz recht, wenn ich durch Dich die neueſten Streiche dieſer närriſchen Stadt er⸗ fahre.“ Godrith, welcher Herr und Meiſter aller Moden unter der Re⸗ gierung unſeres Herrn des Königs Edward war, lächelte anmuthig und Beide gingen in tiefem Schweigen weiter, das nur zuweilen durch den kernigen Mann aus Kent bald mit einem Rufe des Zorns, wenn man ihn rauh anſtieß, bald der Verwunderung und des Entzückens un⸗ terbrochen wurde, wenn er mitten unter der Menge einen Spielmann mit Bären oder Affen erblickte, der den freien Raum in der Nähe eines Kloſtergartens oder einer römiſchen Ruine zur Darſtellung ſeiner Kunſt⸗ ſtücke benützte. So erreichten ſie endlich eine lange niedere Budenreihe, zur Lin⸗ ken der Londonbrücke höchſt freundlich gelegen, wo die berühmten Küchenläden, die ſogar noch zu Fitzſtephens Zeit ihren alten Ruhm und ihre Beſuchtheit aufrecht erhielten, ihren Sitz aufgeſchlagen hatten. Zwiſchen Fluß und Buden war ein von den Beſuchern braunge⸗ tretener Raſenplatz mit wenigen geſtutzten Bäumen, durch Rebenge⸗ winde mit einander verbunden, unter deren Schutze die Tiſche und Stühle aufgepflanzt waren. Der Ort war ſehr beſucht und ohne God⸗ riths Popularität bei den Kellnern wäre es wohl ſchwer geworden, ei⸗ nen Platz zu finden. So aber war bald ein neuer Tiſch herbeigeſchafft und dicht am kühlen Waſſerrande aufgeſtellt; in Kurzem war er mit Krügen von Hippocras, Pigment, Ale und etlichen gascogniſchen wie brittiſchen Weinen beſetzt; allerhand Kuchenbrod, wegen deſſen köſtlicher Bereitung England damals weit und breit berühmt war, wurde herum⸗ gereicht und Fleiſchſpeiſen, welche dem ehrlichen Auge und Geſchmack des wohlhabenden Kenters höchſt ſonderbar vorkamen, an Spießen ſervirt. „Was iſt das für ein Vogel?“ fragte er brummend. 241 „O Du beneidenswerther Mann— ein phrygiſcher Faſan, den Du zum erſten Male verkoſteſt; wenn Du Dich von Deinem Entzücken erholt haſt, ſo empfehle ich Dir einen mauriſchen Pudding aus Eiern und Karpfenrogen aus den alten Southweorcer Fiſchteichen— die Koͤche hier verſtehen ſich ſehr gut auf deren Bereitung.“ „Mauriſch!— heilige Jungfrau!“ rief Vebba, der ſich bereits den Mund mit dem phrygiſchen Pudding vollgeſtopft hatte—„wie kamen nur ſolche mauriſchen Dinge in unſer chriſtliches Eiland?“ Godrith lachte laut. „Ei unſer Koch hier iſt ja ſelbſt Maure— die beſten Sänger in London ſind Mauren. Dort ſchau!— jene ernſten anſtändigen Sara⸗ cenen!“ „Anſtändig?— nun das muß ich ſagen!— ſchwarz und verbrannt wie ein verkohlter Fichtenſtamm!“ grunste Vebba;„ei wer ſind ſie denn?“ „Wohlhabende Kaufleute; ihnen danken wir's, daß unſere hüb⸗ ſchen Mädchen auf den Märkten im Preiſe geſtiegen ſind.* „Um ſo größer die Schande,“ eiferte der aus Kent;„dieſes Ver⸗ kaufen unſerer männlichen wie weiblichen engliſchen Jugend an auslän⸗ diſche Herren iſt ein Schandflecken für den ſächſiſchen Namen!“ „So ſagt Harold, der Earl, und ſo predigen die Moͤnche,“ er⸗ wiederte Gothrith.„Doch Du, mein guter Freund, der Du in Alles vernarrt biſt, was unſere Vorfahren thaten und Dich mehr als ein⸗ mal über meine normänniſche Robe und meine kurzen Haare aufließeſt — Du ſollteſt nicht tadeln, was unſere Väter ſeit Cerdics Tagen ge⸗ than haben.“ „Hm,“ meinte der Kenter etwas verlegen,„gewiß ſind die alten Sitten die beſten und vermuthlich hat auch dieſer Gebrauch ſeinen guten * Fitzſtephen. ** William Malmesbury ſpricht mit gerechter Entrüſtung von dem Ge⸗ brauche der Angelſachſen, ihre weiblichen Dienerinnen theils zur öffentlichen Proſtitution, theils in ausländiſche Sklaverei zu verkaufen. Bulwer, Harold. 16 242 Grund, den ich, der ich mich mit Dingen, die mich nicht angehen, nicht befaſſe, für jetzt nicht einſehe.“ „Nun, Vebba, wie gefällt Dir der Atheling?— er iſt von der alten Linie,“ bemerkte Godrith. Auch diesmal ſchien der Kenter Than nicht wenig verwirrt und mußte zu dem Ale ſeine Zuflucht nehmen, das er allen feineren Ge⸗ tränken vorzog. „Hm!“ meinte er,„das Engliſche ſpricht er noch ſchlechter als König Edward! und was ſeinen Knaben Edgar betrifft— das Kind kann vollends kaum eine Silbe. Und dann ihre deutſchen Leibwächter und Knechte!— Hätte ich gewußt, was für ein Schlag Leute ſie ſind, ich hätte meine Roſſe geſpart und wäre nicht in ſolcher Haſt zu ihrer Bewillkommnung herbeigeeilt. Man ſagte mir aber, Harold der gute Earl habe den König bewogen, ſie rufen zu laſſen, und was der Earl thut, kann ich mir nicht anders als weiſe und zum Wohle unſeres ge⸗ liebten Englands dienend vorſtellen.“ „Das iſt wahr,“ beſtätigte Godrith mit ernſtem Nachdruck, denn bei all' ſeiner Affektation normänniſcher Sitten war er in ſeinem Herzen durchaus engliſch und gehörte zu den entſchiedenſten Anhängern Harolds, der ebenſo wohl das Vorbild und der Stolz des jungen Adels, als der Liebling des niederen Volkes geworden war—„das iſt wahr— und Harold bewies uns ſein edles engliſches Herz gerade dadurch, daß er zu ſeinem eigenen Verluſte in den König drang.“ Während Godriths Rede, ja von dem erſten Augenblicke an, da Harolds Namen erwähnt worden, hatten an einem hinteren Tiſche zwei reich gekleidete Männer, die Barrets tief über die Stirne gezo⸗ gen und in ihre langen Gonnas vermummt, ihre Aufmerkſamkeit vom Weinbecher abgewendet, um mit tiefer Achtſamkeit dem nunmehr fol⸗ genden Geſpräche zuzuhorchen. „Wie zu des Earls Verluſte?“ fragte Vebba. „Ei, Du mein einfacher Than,“ gab Godrith zur Antwort, „denk einmal, daß Edward den Atheling nicht als Erben anerkannt, * —— nicht i der und Ge⸗ r als Kind ichter ſind, ihrer gute Earl s ge⸗ denn einem ngern ungen „das erade t, da Liſche gezo⸗ vom r fol⸗ wort, annt, 243 oder daß der Atheling an dem deutſchen Hofe geblieben, und unſer guter König plötzlich geſtorben wäre— wer, glaubſt Du, könnte da auf dem engliſchen Throne nachfolgen?“ „Meiner Treu! daran habe ich noch nie gedacht,“ meinte der aus Kent, ſich am Kopfe kratzend. „Das iſt bei den meiſten Engländern der Fall; aber wen anders könnten wir wählen, als Harold?“ Hier fuhr der eine der beiden Horcher plötzlich auf, wurde aber von dem Andern mit warnendem Finger zurückgehalten. „Meiner Seel'!“ rief der Kenter;„wir haben ja außer dem Dänen nie einen andern König als aus Cerdies Stamme gewählt. In der That, das nenne ich Neuerungen; da werden wir nächſtens einen Deutſchen oder Sarazenen, oder gar einen Normannen zum Könige nehmen!“ „Aus Cerdics Geſchlechte— allerdings. Allein dieſes Ge⸗ ſchlecht iſt bis auf den Atheling mit Zweig und Wurzel abgeſtorben, und der iſt mehr Deutſcher als Engländer. Ich wiederhole alſo, wen könnten wir außer dem Atheling wählen?— wen anders als Harold, des Königs Schwager, durch Githa von den Königshäuſern der Norſa abſtammend, den Anführer des geſammten Heerbannes, den Häupt⸗ ling, der noch nie ohne Sieg gefochten, aber die Verſöhnung immer dem Kampfe vorgezogen hat— den erſten Rathgeber im Witan— den erſten Mann des Reiches— wen anders, als Harold? Antworte mir doch, verblüffter Vebba?“ „Ich kann Deinen Worten nur langſam folgen,“ bemerkte der Than aus Kent kopfſchüttelnd;„im Ganzen liegt auch wenig daran, wer König wird, wenn's nur ein guter iſt. Ja, ja, jetzt ſehe ich ein, daß der Earl gerecht und großmüthig handelte, als er den König be⸗ wog, den Atheling holen zu laſſen. Trink⸗Hael! langes Leben für Beide!“ „Was⸗Hael,“ erwiederte Godrith, auf Vebba's kräftigeres Ale mit ſeinem Hippocras Beſcheid thuend.„Langes Leben für Beide! 16* 244 Möge Edward, der Atheling, König ſeyn, aber Harold, der Earl, regieren! Ja, dann brauchten wir uns nicht mehr vor dem wilden Algar oder dem noch wilderen Gryffyth aus Wales zu fürchten— ſie ſind zwar, Dank Harold, für den Augenblick ruhig, aber ihre Ruhe gleicht den glatten Waſſern in Gwyned, unter deren Oberfläche der brauſende Sturm ſchlummert.“ „Ich höre ſo wenig Neuigkeiten,“ entgegnete Vebba,„wir in Kent ſind ſo ſelten mit auswärtigen Unruhen geplagt(bei uns regiert nämlich Harold, und die Falken bleiben ferne, wo die Adler horſten), daß ich Dir dankbar wäre, wenn Du mir etwas von unſerem alten* Earl Algar, dem Raſtloſen, und dieſem wäliſchen König Gryffyth er⸗ zählteſt, ſo daß ich in meiner Heimath als ein weiſer Mann auftreten könnte.“ „Nun, Du weißt doch, daß Algar und Harold im Witan beſtän⸗ dig Gegner waren, und haſt ſelbſt ſchon hitzige Worte zwiſchen ihnen wechſeln hören?“ „Ei freilich! aber Algar iſt dem Earl Harold eben ſo wenig im Wort⸗ wie im Schwertkampfe gewachfen.“ Abermals ſah man einen der beiden Horcher— aber nicht den früheren— auffahren, während er einen Zornesruf vor ſich hin⸗ murmelte. „Gleichwohl iſt er ein läſtiger Feind,“ erzählte Godrith, der den Ruf, welchen Vebba veranlaßt, nicht gehört hatte,„ein Dorn im Fleiſche des Earls und Englands, und es war ein Unglück für Beide, daß Harold dem Wunſche und Rathe ſeines weiſen Vaters Godwin nicht nachkam, und Aldythen nicht heirathete.“ „Ja, leider; ich habe Harfner und Spielmänner allerlei Lieder über Harolds Liebe zu der ſchönen Editha anſtimmen hören— ein wun⸗ derbar ſauberes Mädchen, wie es heißt!“ * Man wird ſich erinnern, daß Algar während Godwins Verbannung Über Weſſer regierte, welches Fürſtenthum die Grafſchaft Kent einſchloß. ͤ—& 22 Farl, ilden ſie Ruhe e der ir in giert ſten), ten* h er⸗ reten ſtän⸗ hnen g im den hin⸗ r den n im heide, dwin eieder wun⸗ mung 2⁴45 „Allerdings, und um ſeiner Liebe willen hat er ſeinem Ehrgeiz einen ſchlimmen Streich geſpielt.“ „Ich liebe ihn dafür nur um ſo mehr,“ erklärte der ehrliche Kenter;„warum heirathet er das Mädchen nicht ſogleich? Ich weiß⸗ ſie beſitzt weite Ländereien, welche von der Küſte von Suſſer bis nach Kent hereinreichen.“ „Ja, ſie ſind im fünften Grade mit einander verwandt, und die Kirche verbietet die Heirath. Trotz deſſen lebt Harold nur für Edithen, ſie haben den Liebesknoten zuſammen geknüpft,“ und man flüſtert ſich in die Ohren, wenn der Atheling König ſey, hoffe Harold durch ihn die Diſpenſation des Pabſtes zu erlangen. Doch um zu Algar zurückzu⸗ kehren— der hat an einem höchſt unglücklichen Tage ſeine Tochter dem Gryffyth gegeben, und dieſer iſt der unruhigſte Unterkönig, den das Land noch jemals gekannt und wird ſich, wie es heißt, nicht eher zufrieden geben, als bis er ganz Wales und die Marſchen noch oben⸗ drein ohne Tribut für ſich gewonnen hat. Zwiſchen ihm und dem Earl Algar, welchem Harold die Grafſchaft Oſtangeln geſichert hatte, wur⸗ den einige Briefe entdeckt, und Du wirſt ohne Zweifel gehört haben (denn Du haſt damals wohl ſchwerlich Deine Güter verlaſſen), daß Algar*r auf einem Witan zu Wincheſter geächtet wurde.“ *„Ein Knoten ſcheint vor Alters bei den nördlichen Nationen das Sinn⸗ bild der Liebe, der Treue und Freundſchaft geweſen zu ſeyn.“— Brant's pop. Alterthum. *n Die Sachſenchronik widerſpricht ſich ſelbſt in Betreff der Verban⸗ nung Algars, denn das eine Mal behauptet ſie, er ſey ohne irgend eine Schuld, ein andermal, er ſey als swike oder Verräther geächtet worden, und habe vor dem verſammelten Volk ſeine Schuld eingeſtanden. Sein Verrath ſcheint jedoch durch ſeine nahe Verbindung höchſt natürlich veranlaßt und durch ſei⸗ nen Antheil an der Rebellion dieſes Königs bewieſen zu ſeyn. Einige unſerer Hiſtoriker haben mit Unrecht angenommen, Algar's Verbannung ſey auf Ha⸗ rolds Antrieb geſchehen, wofür nicht nur gar kein Beweis vorhanden iſt, was vielmehr von einer der beſten Autoritäten unter den Chroniſten geradezu ge⸗ läugnet wird, wonach Harold Alles that, um für ihn ins Mittel zu treten. Auch iſt gewiß, daß er vom Witan förmlich verhört und verurtheilt, und ſpäter 246 „O ja, das ſind altbackene Neuigkeiten; ſo viel habe ich ſchon durch einen Pilger erfahren. Algar bekam Schiffe von den Irländern, ſegelte nach Nordwales und ſchlug Rolf, den normänniſchen Earl, zu Hereford. O ja, das habe ich wohl gehört,“ fuhr der aus Kent lachend fort,„und ich vernahm mit Freuden, daß mein alter Earl Algar, ſeit er ein guter ächter Sachſe iſt, den ſchuftigen Normannen ſchlug: um ſo größere Schande für den König, daß er einem Nor⸗ mannen die Hut der Marſchen anvertraut!“ „Es war eine traurige Niederlage für den König, wie für Eng⸗ land,“ bemerkte Godrith ernſthaft.„Der große Münſter von Here⸗ ford, unter Koönig Athelſtan erbaut, wurde von den Wäliſchen ausge⸗ plündert und niedergebrannt, und die Krone ſelbſt ſchwebte in Gefahr, als Harold an der Mündung des Fyrd anlangte. Es iſt nicht zu be⸗ ſchreiben, welche Mühen und Beſchwerden, welche Verluſte an Men⸗ ſchen und Pferden die Engländer bis zu Harolds Ankunft erlitten;* da aber kam glücklicherweiſe der gute alte Leofric und Biſchof Alred, der Friedensſtifter, und ſo ward dem Streite ein Ende gemacht— Gryffyth ſchwor König Edward Treue, Algar wurde wieder eingeſetzt, und dabei hat für jetzt die Sache ihr Verbleiben. Aber ich kann mir wohl denken, daß Gryffyth den Engländern keine Treue bewahren wird, und daß nur eine ſtarke Hand, wie Harolds, einen trotzigen Geiſt wie den von Algar im Zaume zu halten vermag— darum wünſchte ich, daß Harold König würde.“ „Nun ich hoffe jedenfalls,“ meinte der ehrliche Kenter,„daß Algar ſich noch die Hörner ablaufen, und es den Wäliſchen überlaſſen wird, den Hanf für ihren eigenen Strick zu ſchneiden, denn reicht Algar auch nicht an die Höhe unſeres Harold, ſo iſt er doch ein ächter Sachſe; wir auf ein Uebereinkommen zwiſchen Harold und Leofrie wieder eingeſetzt wurde. Harolds Politik gegen ſeine eigenen Landsleute— Verſöhnung um jeden Preis — tritt in den Annalen ſeiner Zeit vor anderen Vorgängen auffallend hervor. * Wörtlich aus der Sachſenchronik. 247 hatten ihn recht gerne, ſo lange er uns regierte. Und wie iſt unſeres Earls Bruder Toſtig bei denen im Norden geachtet? Es muß keine Kleinigkeit ſeyn, einem Volke, welches früher Siward mit dem ſtarken Arm zum Earl hatte, nach dieſem zu gefallen.“ „Nun ja, anfänglich nachdem Siward in den Kriegen für den jungen Malcolm gefallen und Harold ſeinem Bruber die Grafſchaft Northumbrien verſchafft hatte, hielt ſich Toſtig an ſeines Bruders Rath, und gewann ſich durch ſein gutes Regiment die Gunſt Aller; in neuerer Zeit ſollen jedoch die Northumbrier murren, denn Toſtig iſt in der That ein harter, hochfahrender Mann.“ Nach einigen weiteren Fragen über ſonſtige Tagesneuigkeiten er⸗ hob ſich Vebba mit den Worten: „Dank Dir für Deine gute Geſellſchaft; es iſt nun Zeit in die Heimath zurückzukehren. Ich ließ meine Roſſe mit den Earls auf der andern Seite des Fluſſes und muß mich nach ihnen umſehen. Ver⸗ gib meine Plumpheit, Bruder Than, aber ihr jungen Höflinge habt immer viele Bedürfniſſe, und wenn ein einfacher Landmann, wie ich, hereinkommt, um ſich die Stadt zu beſehen, ſo ſollte er immer für die Bezahlung einſtehen, deßhalb“(hier zog er eine große Lederbörſe aus dem Gürtel)„deßhalb, da dieſe ausländiſchen Vögel und heidniſchen Puddings ein theures Gericht ſeyn müſſen—“ „Wie!“ rief Godrith roth werdend,„denkſt Du ſo gering von uns Thanen aus Middleſer, daß Du meinſt, wir könnten einen fernen Freund nicht einmal ſo einfach bewirthen? Ich weiß wohl, ihr Kenter ſeyd reich; aber behaltet nur Eure Pfennige, mein Freund, um Eurem Weibe Stoffe dafür einzukaufen.“ Da der aus Kent ſah, daß er ſeinen Begleiter erzürnt hatte, ſo drängte er ihn nicht weiter mit ſeinem freigebigen Anerbieten, ſondern ſteckte ſeine Börſe ein und ließ Godrith die Rechnung bezahlen. „Ich hätte wohl ein freundliches Wort mit Earl Harold wechſeln mögen,“ bemerkte er, als ſich die beiden Thane zum Abſchiede die Hand ſchüttelten—„aber er war mir zu beſchäftigt und zu vornehm, um 248 ihn dort drüben in dem alten Pallaſte aufzuſuchen. Ich habe Luſt, in ſeinem eigenen Hauſe nach ihm zu ſehen.“ „Ihr werdet ihn dort nicht finden,“ erklärte Godrith,„denn ich weiß, daß er nach Beendigung ſeiner Conferenz mit dem Atheling die Stadt alsbald verlaſſen wird, und ich werde mit Sonnenuntergang in ſeiner Lieblingsbehaufung jenſeits des Waſſers mit ihm zuſammen⸗ treffen, um ſeine Befehle zur Wiederherſtellung der Feſten und Dämme in den Marſchen einzuholen. Ihr könnt Euch ja noch eine Weile auf⸗ halten, um uns dort zu treffen— Ihr wißt doch ſeine alte Wohnung in dem Waldlande?“ „Nein, ich muß noch vor Nacht zu Hauſe ſeyn, denn Alles geht ſchief, wenn der Herr fort iſt. Und doch wird mein gutes Weib mich ſchelten, wenn ich den hübſchen Earl nicht begrüßt habe.“ „Solch Unglück ſoll Dir nicht widerfahren,“ verſicherte der gut⸗ müthige Godrith, dem des Thans Ergebenheit gegen Harold wohl gefiel, und der bei dem großen Gewichte, welches Vebba trotz ſeiner einfachen Außenſeite in jenem bedeutenden Landestheile beſaß, ſchon aus Politik wünſchte, daß der Earl einen ſo kernfeſten Freund behalten möchte.—„Deines Weibes Kuß ſoll Dir nicht verſauert werden, Mann, denn ſiehſt Du, Du wirſt auf dem Rückwege an einem großen alten Hauſe mit zertrümmerten Säulen im Hinter grund vorbeikommen.“ „Ich habe es im Herreiten wohl bemerkt,“ verſetzte der Than „auf einem kleinen Hügel dahinter ſteht ein Haufen ſonderbarer Steine, welche Heren oder Bretonen aufgeſchichtet haben ſollen.“ „Derſelbe. Wenn Harold London verläßt, ſo wird er ſich ver⸗ muthlich nach jenem Hauſe wenden, denn dort wohnt Editha mit dem Schwanenhalſe bei ihrer gräulichen Großmutter, der Wicca. Wenn Du dort etwas nach Tiſch eintriffſt, ſo wirſt Du Harold ganz gewiß jene Straße reiten ſehen.“ „Dank, herzlichen Dank, Freund Godrith,“ rief Vebba ſich ver⸗ abſchiedend;„vergib mir mein ungehobeltes Weſen, wenn ich mich über Deinen geſchorenen Kopf luſtig machte, denn ich ſehe, Du biſt ein 249 in ſo guter Sachſe, wie nur je ein Franklin aus Kent— und ſo mögen die Heiligen Dich behüten!“ h ich Mit dieſen Worten ſchritt Vebba rüſtig über die Brücke, und die Godrith, durch den Wein animirt, wandte ſich luſtig nach den überfüll⸗ g in ten Tiſchen, um dort einen zufälligen Freund aufzufinden, mit dem er nen⸗ ein paar Stunden bei den damals üblichen Hazardſpielen zubringen nme wollte. ſauf⸗ Kurz darauf ſah man die beiden Horcher, die ſich nach Bezahlung ung ihrer Rechnung unter den Schatten einer der Arkaden geſtellt hatten, in ein durch geräuſchloſe Zeichen herbeigerufenes Boot ſteigen und geht übers Waſſer fahren. Sie beobachteten ein düſteres, nachdenkliches nich Stillſchweigen, bis ſie das Ufer gegenüber erreichten und einer von ihnen, das Barret zurückſchiebend, die ſcharfen hochfahrenden Züge Al⸗ gut⸗ gars zur Schau ſtellte. vohl„Nun, Freund Gryffyths,“ begann er mit bitterer Betonung, iner„Du hoͤrſt, daß Earl Harold ſo wenig auf die Schwüre Deines Kö⸗ chon nigs rechnet, daß er die Marſchen wider ihn zu befeſtigen beabſich⸗ lten tigt, und Du höͤrſt nicht minder, daß nichts als ein Leben, gebrechlich den, wie das Schilfrohr unter Deinen Füßen, zwiſchen Englands Throne ßen und dem einzigen Engländer ſteht, der meinen Schwiegerſohn jemals n.* 1 zu einer Eidesleiſtung im Dienſte Edwards erniedrigen konnte.“ an„Schmach über jene Stunde!“ rief der Andere, der ſich durch ſei⸗ ine, nen Dialekt wie durch das goldene Halsband und den eigenthümlichen Haarſchnitt als einen Häuptling aus Wales verrieth—„nie hätt' ich ver⸗ mir träumen laſſen, daß Llewellyn's großer Sohn, den unſere Barden dem noch über Roderich Mawr geſetzt, die Oberherrſchaft des Sachſen enn 4 über die Berge von Cymrien jemals anerkennen würde.“ viß„Weg damit, Meredydd,“ gab Algar zur Antwort;„Du weißt ja, daß kein Cymrier ſich durch einen Treubruch gegen den Sachſen für er⸗ entehrt hält, und wir werden dennoch erleben, daß Gryffyths Löwen ber die Schafheerden von Hereford auseinanderjagen.“ ein—„So ſeys,“ brummte Meredydd trotzig;„und wenn Harold 8—-— 250 ſeinem Atheling das ſächſiſche Land übergibt, ſo ſoll es wenigſtens um das cymriſche Königreich geſchoren ſeyn.“ „Meredydd,“ ſprach Algar, mit einem an Feierlichkeit gränzen⸗ den Ernſte,„kein Atheling wird dieſe Reiche beherrſchen! Du weißt, daß ich einer der Erſten war, der die Nachricht ſeiner Ankunft begrüßte — ich eilte nach Dover, um ihn zu bewillkommen. Da glaubte ich den Tod in ſeinen Mienen zu leſen, und ich beſtach den deutſchen Arzt, der ihn begleitet, daß er meine Fragen beantwortete: der Atheling trägt, ohne es zu wiſſen, den Keim einer tödtlichen Krankheit in ſich. Du ahneſt wohl den Grund, warum ich den Earl Harold haſſe, und wäre ich der einzige Mann, der ſich ſeiner Thronbeſteigung widerſetzte— er ſollte nur über meine Leiche dahin gelangen. Als ich aber jenen Godrith, ſeine Kreatur, reden hörte, da fühlte ich, daß er die Wahrheit ſprach, denn mit des Athelings Tode kann die Krone auf kein anderes als auf Harolds Haupt fallen.“ „Ha!“ rief der eymriſche Häuptling in düſterem Tone,„glaubſt Du das wirklich?“ „Ich glaube es nicht— ich weiß es, und eben deßhalb dürfen wir nicht warten, Meredydd, bis er die ganze Königsmacht von Eng⸗ land wider uns wendet. So lange der König lebt, haben wir immer noch Hoffnung, denn Edward verſchwendet ſeine Reichthümer an Prie⸗ ſter und Reliquien und rückt nur ungerne mit ſeinen Goldgulden her⸗ aus, wenn ſichs darum handelt, dieſelben auf das Heer zu verwenden. Auch iſt der ärmliche König über meine Ausbrüche keineswegs ſo un⸗ gehalten, als er die Welt glauben machen möchte, da er meint, dadurch daß die Earls ſich gegenſeitig die Stange halten, werde er nur um ſo ſtärker werden“. So lange alſo Edward lebt, iſt Harolds Arm halb gelähmt, und darum, Meredydd, reite Du in aller Eile zu König Gryffyth zurück, und berichte ihm Alles, was ich Dir erzählt habe. Sage ihm, daß mit dem Augenblick, da des Athelings Tod Verwir⸗ rung und Zwietracht unter uns ausſtreut, die Stunde für uns gekom⸗ * Hume. 251 um men iſt, um den Krieg zu erneuern, und den entſcheidenden Schlag zu führen. Sage ihm, wenn wir erſt Harold in die wäliſchen Engpäſſe en⸗ verwickeln können, ſo müßte es ſchlimm gehen, wenn wir nicht einen ßt, Pfeil oder Dolch fänden, der dem Angreifer das Herz durchbohrte. ßte Und wäre Harold erſchlagen— wer würde wohl König in England? den Iſt Cerdics Geſchlecht dahin und Godwins Haus mit Earl Harold der ausgeſtorben(Toſtig iſt nämlich in ſeiner eigenen Grafſchaft verhaßt, gt, Leofwine zu leichtſinnig und Gurth zu heilig für ſolchen Ehrgeiz)— Du wer, ſage ich, kann König in England werden— wer anders als Al⸗ ire gar, der Erbe des großen Leofrie? Und bin ich erſt König von Eng⸗ land, ſo mache ich ganz Cymrien frei, und die Grafſchaften von Here⸗ nen ford und Worceſter ſollen wieder zu Gryffyths Reiche geſchlagen wer⸗ eit den. Reite ſchnell, o Meredydd, und merke Alles, was ich Dir geſagt tes habe.“ „Willſt Du geloben und beſchwören, daß Du, wenn Du König bſt von England wirſt, ganz Cymrien von aller Dienſtbarkeit befreien willſt?“ fen„Frei ſoll es ſeyn, wie die Luft, frei wie Arthur und Uthur— g⸗ das ſchwöre ich. Vergiß auch nicht, wie Harold die cymriſchen Häupt⸗ ner linge anredete, als er Gryffyths Eidſchwur in Empfang nahm.“ ie⸗„Vergeſſen?— gewiß nicht,“ rief Meredydd, während ſein Ge⸗ er⸗ ſicht in tiefem Ingrimme und Rachgefühle aufleuchtete.„Der ſtrenge en. Sachſe ſagte: merkt euch wohl, ihr Häuptlinge aus Cymrien, und n⸗ Du, König Gryffyth, daß wenn Ihr abermals durch Raub und Ver⸗ rch wüſtung, durch Tempelſchändung und Mord die Majeſtät von England ſo zur Ueberſchreitung Eurer Gränzen nöthigt, das Recht ſeinen vollen ilb Lauf haben ſoll: Gott gebe, daß Euer cymriſcher Löwe uns in Frieden ig läßt— wo nicht, ſo zwingt uns die Humanität, ihm die Krallen und be. Fänge zu beſchneiden.“ ir⸗„Gleich allen milden ruhigen Menſchen ſagt Harold immer we⸗ m⸗ niger, als er eigentlich meint,“ bemerkte Algar;„und wäre Harold ——*—— 25² 8 König, ſo bedürfte es nur eines geringen Vorwands, um Euch Krallen und Fänge zu beſchneiden.“ „Schon gut,“ meinte Meredydd mit wildem Lächeln.„Ich will nun meine Leute dort drüben aufſuchen, und es iſt beſſer, wenn Du nicht mit mir geſehen wirſt.“ 1 „Richtig; ſo möge St. David mit Dir ſeyn— und vergiß kein Wort von meiner Botſchaft an meinen Schwiegerſohn Gryffyth.“ „Nicht'ne Sylbe,“ verſicherte Meredydd, indem er ſich mit ehrer⸗ bietigem Handwinken entfernte und einer Herberge näherte, wo die Wäliſchen bei ihren häufigen Beſuchen in der Hauptſtadt, wohin ſie durch die vielfachen Intriguen und Zwiſtigkeiten in ihrem unglücklichen Lande gerufen wurden, bei ihrem Landsmanne dem Gaſtwirthe abzu⸗ ſteigen pflegten. Des Häuptlings Gefolge, das aus zehn Männern, alle von hoher Geburt, beſtand, trank nicht in der Schenke, wie denn die enthaltſamen Wäliſchen keine ſehr ergiebigen Gäſte waren. Unter den Bäumen eines hinter der Herberge gelegenen Gartens auf dem Graſe ausge⸗ ſtreckt und gänzlich gleichgültig gegen all' die Genüſſe, denen die Be⸗ völkerung von Southwark und London nachzuhängen pflegte, horchten ſte auf einen wilden Geſang aus alten Heldenzeiten, den einer aus ihrer Mitte anſtimmte; rings um ſie her grasten die rauhhaarigen, ſcheckigen Ponnies, auf denen ſie ihre Reiſe zuruckgelegt hatten. Als Meredydd im Näherkommen ſich umſchaute und keinen Fremdling unter ihnen gewahrte, hob er die Hand, um den Geſang zum Schwei⸗ gen zu bringen, und redete ſeine Landsleute auf Wäliſch an. Seine Rede war nur kurz, aber mit einer Leidenſchaft vorgetragen, welche in ſeinen blitzenden Augen und heftigen Geberden deutlich hervortrat und wie ein elektriſcher Schlag auf ſeine Landsleute wirkte, denn mit leiſem aber wildem Schrei ſprangen dieſe alsbald vom Boden auf, und wenige Augenblicke ſpäter waren die kleinen Rößlein eingefangen und geſat⸗ telt, während einer aus der Truppe, der von Meredydd hiezu bezeichnet ſchien, den Garten plötzlich allein verließ und ſeinen Weg zu Fuß nach 253 der Brücke einſchlug. Er verweilte dort nicht lange, denn bei dem Anblick eines einzelnen Reiters, den der freudige Zuruf der dort um⸗ herſchwärmenden Menge als Harold den Earl bezeichnete, drehte der Wäliſche raſch um und eilte flink ſeinen Gefährten nach. Die Grüße des Volkes mit Lächeln erwiedernd zog Harold über die Brücke und durch die Vorſtädte, bis er das wilde Forſtland zu bei⸗ den Seiten der großen Kenter Straße erreichte. Er ritt nur langſam, denn er ſchwebte offenbar in tiefen Gedanken, und war etwa halbwegs bis zu Hilda's Hauſe gelangt, als er raſchen Hufſchlag, wie von un⸗ veſchlagenen Pferden hinter ſich vernahm und beim Umwenden die Wäliſchen etwa fünfzig Schritte in ſeinem Rücken gewahrte. Im ſelben Augenblicke kamen jedoch mehrere Perſonen, welche den Feſtlich⸗ keiten des Tages zu lieb nach London eilten, gegen ihn herangezogen; dieß ſchien die Wäͤliſchen in ihrem Plane zu ſtören, denn nach einigen leiſen Worten verließen ſie die Heerſtraße, um ſich in das Waldland zu ſchlagen. Immer neue Gruppen drängten ſich von Zeit zu Zeit auf der Landſtraße, aber zu gleicher Zeit ſah Harold die fremden Reiter bald nah bald ferne dicht neben oder hinter ihm folgen; hie und da hörte er das Wiehern ihrer kleinen Roſſe, oder ſah ein wildes Auge durch die Büſche herausſtarren— ſo wie aber ueue Paſſagiere näher kamen, drehten die Reiter um und ſchoſſen wieder in das Dickicht. Der Argwohn des Earls wurde rege, denn wiewohl er(ſo viel er wußte) keinen Feind zu fürchten hatte, und obgleich die ausneh⸗ mend ſtrengen Geſetze wider die Räuber die Heerſtraßen in den letzten Tagen der ſächſiſchen Herrſchaft weit ſicherer machten, als ſie es unter der ſpäteren Dynaſtie, wo mancher ſächſiſche Than zum König im grünen Walde wurde— Jahrhunderte lang waren, ſo hatten doch die verſchiedenen Aufſtände unter Edwards Regierung allerlei unruhige herrenloſe Söldnerſchaaren ins Leben gerufen. Außer dem Speere, den der ſächſiſche Edle ſelbſt bei feierlichen Gelegenheiten nur ſelten bei Seite legte, und dem Ataghar in ſeinem Gürtel war Harold völlig un⸗ bewaffnet, und da er die Straße nunmehr verlaſſen ſah, ſo ſetzte er 254 ſeinem Pferde die Sporen in die Seite, und war ſchon im Angeſichte des Druidentempels angelangt, als ihm ein Wurſſpieß dicht an der Bruſt vorbeiziſchte, während ein zweiter ſein Roß durchbohrte, daß es häuptlings zu Boden ſtürzte. Der Earl ſprang augenblicklich auf die Füße, und dieſe Eile war auch wirklich zur Rettung ſeines Lebens nöthig, denn ſchon ſah er zehn Schwerter auf ſich gezückt. Die Wäliſchen waren, ſobald Ha⸗ rolds Pferd geſtürzt, von ihren Rößlein geſprungen; zum Glücke für ihn hatten nur zwei von ihnen Wurſſpieße getragen, denn dieſe waren eine Waffe, welche die Wäliſchen mit tödtlicher Geſchicklichkeit hand⸗ habten, ſo daß ſie jetzt ihre kurzen, wahrſcheinlich den Römern nach⸗ geahmten Schwerter zogen, und alle zumal über ihn herfielen. In jeder Waffenführung damaliger Zeit erfahren, ſuchte der tapfere Earl mit dem Speere in ſeiner Rechten den Anfall abzuhalten, während er mit dem Ataghar in der Linken die feindlichen Streiche parirte; ſchon hatte er den erſten Angreifer durchbohrt und den nächſten ſchwer verwundet; aber auch ſeine Tunika war von drei klaffenden Wunden geröthet, und ſeine einzige Ausſicht auf Rettung beſtand darin, daß ihm Kraft genug blieb, ſich durch die Feinde ſeinen Weg zu bahnen. So ließ er den Speer fallen, nahm den Ataghar in die Rechte, während er ſeine Gonna als Schild um den linken Arm ſchlang und mit wildem Ungeſtüm auf die blitzenden Schwerter der Angreifer eindrang. Mit durchbohrtem Herzen ſank der eine ſeiner Feinde— ihm folgte bald ein Zweiter— einem Dritten riß er ſtatt ſeines Atag⸗ hars das Schwert aus der Hand, indem er einen lauten Hülferuf aus⸗ ſtieß und fortwährend kämpfend und ſich umwendend nach dem Hügel hindrängte, bis abermals ein Feind fiel, aber auch an ſeinen Gewän⸗ dern friſches Blut herabträufelte. In dieſem Moment wurde ſein Rufen von einem ſo ſcharfen durch⸗ dringenden Schrei beantwortet, daß die Angreifer betroffen zurück⸗ fuhren, und ehe der ungleiche Kampf von Neuem beginnen konnte, 2⁵5⁵ ſah man ein Weib mitten im Gedränge ſich furchtlos zwiſchen den Earl und ſeine Feinde ſtellen. „Zurück, Editha! O Gott! Zurück, zurück!“ ſchrie der Earl⸗ unter der einzigen Furcht, welche der Kampf ſeinem kühnen Herzen eingeflößt, all' ſeine Kraft wieder gewinnend, indem er Edithen mit ſeinem ſtarken Arme bei Seite zog und ſeinen Feinden abermals die Stirne bot. „Stirb!“ donnerte der wildeſte der Feinde, deſſen Schwert den Earl ſchon zweimal verwundet hatte, in cymriſcher Sprache;„ſtirb, damit Cymrien frei ſey!“ Mit dieſem Rufe ſprang Meredydd und wer noch von der Bande übrig geblieben, auf ihn ein, aber Editha hatte ſich plötzlich an Ha⸗ rolds Bruſt geworfen, ſo daß ſein rechter Arm frei blieb, und ſeine eigene Geſtalt durch die ihrige gedeckt wurde. . Bei dieſem Anblick blieb jedes Schwert regungslos; dieſelben Cymrier, die ſich nicht ſcheuten, einen Mann zu ermorden, deſſen Tod ihrem falſchen Begriffe von Tugend als ein ihren Freiheitshoffnungen ſchuldiges Opfer erſchien, waren gleichwohl noch immer die Abkömm⸗ linge von Helden und die Kinder edlen Geſanges, ſo daß ihre Schwer⸗ ter für ein Weib unſchädlich blieben. Die nämliche Pauſe, welche Harold das Leben rettete, verſchonte auch das von Meredydd, denn indem er das Schwert ſchwang, hatte er ſeine Bruſt unbeſchützt ge⸗ laſſen, und Harold, trotz ſeines Zornes und ſeiner Beſorgniſſe für Edithen von dieſer plötzlichen Fahrläſſigkeit gerührt, hatte die eigene Schwertesſpitze zurückgehalten. „Warum trachtet Ihr nach meinem Leben 2“ rief er.„Wer iſt im weiten England, dem Harold Unrecht gethan hätte?“ Dieſe Rede brach den Zauber und belebte von Neuem den Rache⸗ durſt ſeiner Feinde. Meredydd zielte plötzlich nach dem Haupte, das Edithens Umklammerung unbedeckt gelaſſen; ſein Schwert zerſplitterte jedoch an der Parade ſeines Gegners, und im nächſten Augenblicke ſank Meredydd in Blut gebadet mit durchbohrtem Herzen zu Boden. 256 Im Momente ſeines Sturzes war auch fremde Hülfe bei der Hand. Die Ceorls im Römerhauſe hatten den Lärm vernommen, und eilten mit haſtig aufgerafften Waffen den Hügel herab, während aus dem Walde nebenan ein lauter Kriegsruf erſchallte, und ein Rei⸗ tertrupp mit Vebba an der Spitze aus Büſchen und Lichtungen her⸗ vorbrach. Die Ueberbleibſel der Wäliſchen, von ihrem feurigen Häuptling nicht länger animirt, drehten augenblicklich um, und flohen mit jener wunderbaren Flinkfüßigkeit, wie ſie ihrer behenden Race eigen war, indem ſie während der Flucht ihren wäliſchen Zwergroſſen riefen, welche mit lautem Schnauben und in munteren Sprüngen heran⸗ galoppirten. Die nächſten beſten ergreifend, ſprangen die Flücht⸗ linge in den Sattel, während die übrig gelaſſenen Thiere unter kläg⸗ lichem Wiehern und ihre langen Mähnen ſchüttelnd vor den Leichen ihrer früheren Reiter ſtehen blieben, bis ſie, nachdem ſie die neuen Ankömmlinge mit wildem Geſchrei und Ausſchlagen umkreist, ihren Kameraden nachjagten und in dem Geſtrüpp des Waldes verſchwanden. Einige von den Leuten des Kentiſchen Häuptlings machten Jagd auf die Flüchtlinge— aber vergeblich, denn die Natur des Bodens begünſtigte deren Flucht. Vebba und die Uebrigen mit Hilda's Dienſtboten vereint erreichten die Stelle, wo Harold trotz ſeines ſtarken Blutverluſtes ſich noch immer aufrecht zu halten ſuchte, und ſeiner eigenen Wunden vergeſſend ſich mit Freuden von Edithens Rettung überzeugte. Vebba ſtieg vom Pferde und rief, ſobald er den Earl erkannte: „Heilige des Himmels! ſind wir noch zeitig gekommen? Ihr blutet— Ihr werdet ohnmächtig!— Sprecht, Lord Harold, wie geht’s Euch?“ „Noch habe ich Blut genug übrig für unſer fröhliches England!“ erwiederte Harold lächelnd. Aber indem er noch redete, ſank ſein Haupt auf die Bruſt und er wurde beſinnungslos in Hilda's Haus getragen. A 257 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Vala kam ihnen auf der Schwelle entgegen und zeigte ſo wenig Ueberraſchung bei dem Anblicke des blutenden bewußtloſen Earls, daß Vebba, der allerhand ſonderbare Hiſtorien von Hilda's un⸗ erlaubten Künſten vernommen hatte, ſich halb und halb der Vermu⸗ thung hingab, jene wild ausſehenden Feinde mit ihren unbändigen Rößlein könnten wohl kleine Teufelchen geweſen ſeyn, die ſie zur Beſtrafung eines vielleicht nur allzu glücklichen Bewerbers um ihre Enkelin heraufbeſchworen hätte. In dieſer ſo vernünftigen Befürch⸗ tung ſah er ſich nicht wenig beſtärkt, als Hilda, nachdem ſie ihnen auf der ſteilen Leiter zu Harolds früherem Schlafgemache vorangegangen, ſie alle mit dem Verlangen, den Verwundeten ihrer Pflege zu über⸗ laſſen, aus dem Zimmer gehen hieß. „Nichts da,“ entgegnete Vebba barſch;„ein Leben wie dieſes darf nicht den Händen von Weibern oder Hexen überantwortet werden. Ich will in die große Stadt zurückkehren und des Earls Hausarzt herbeiholen; mittlerweile bitte ich Dich, nicht zu vergeſſen, daß jedes Haupt in dieſem Hauſe für Harolds Leben einzuſtehen hat.“ Die große Vala und hochgeborene Hleafdian, nur wenig an ſolche Begegnung gewöhnt, wandte ſich plötzlich mit ſo ſtrengem Blicke und ſo gebieteriſcher Miene nach ihm um, daß ſogar der handfeſte Kenter davor zurückbebte. „Entferne Dich!“ ſagte ſie kurz, nach der Thüre deutend.„Dei⸗ nes Herrn Leben iſt bereits und zwar durch Weiberhand gerettet. Ent⸗ ferne Dich!“ „Entfernt Euch und fürchtet nichts für den Earl, Ihr braver und treuer Freund in der Noth,“ bat Editha, von Harolds bleichen Lippen, über die ſie ſich beugte, aufſchauend, und ihre ſüße Stimme rührte den guten Than dermaßen, daß er ſich mit einem Segensſpruche auf ihr ſchönes Antlitz umwandte und das Zimmer verließ. Mit leichter und geübter Hand ging nun Hilda daran, die Wun⸗ Bulwer, Harold. 4 17 258 den ihres Kranken zu unterſuchen: ſie öffnete ſeine Tunika, um das Blut von vier klaffenden Spalten auf Bruſt und Schultern wegzu⸗ waſchen. Indem ſie dieß that, ſtieß Editha einen ſchwachen Schrei aus und ſank auf die Kniee, das Haupt über die herabfallende Hand ge⸗ beugt, die ſie mit überwältigenden Regungen, worunter freudige Dank⸗ barkeit vielleicht die erſte Stelle einnahm, küßte, denn über Harolds Herzen war nach der Sitte der Sachſen eine Deviſe einpunktirt und dieſe Deviſe war ein Liebesknoten, in deſſen Mitte das Wort„Editha“ eingegraben ſtand. Dreißigſtes Kapitel. Waren es nun Hilda's Runenzeichen oder ihre blos menſchlichen Heilmittel, mit denen ſie jene begleitete, welche trotz des großen Blutverluſtes, in deſſen Folge er noch eine Weile ſchwach und erſchöpft blieb, des Earls Geneſung ſo raſch beförderten— ich weiß es nicht: wohl möglich, daß er dieſen Vorwand ſegnete, der ihn noch immer in Hilda's Hauſe und unter Edithens Augen zurückhielt. Er entließ den von Vebba herbeigeſchickten Arzt und vertraute ſich nicht ohne Grund der Geſchicklichkeit der Vala. Und wie glücklich verſtrichen ſeine Stunden unter dem alten Römerdache! Nicht ohne Aberglauben, der jedoch mehr das Gepräge der Zärt⸗ lichkeit als das der Scheu an ſich trug, erfuhr Harold von Edithen, daß ſie den ganzen Morgen, da ſie von dem alten Sagenhügel aus ſeine Annäherung bewacht hatte, von einer unerklärlichen Vorahnung der ihn bedrohenden Gefahr bewegt worden. War es nicht gerade waͤhrend dieſer Wache, wo ſeine gute Fylgia ihm das Leben gerettet hatte? In der That, es ſchien eine eigenthümliche Wahrheit in Hilda's Verſicherung zu liegen, daß ſein Schutzgeiſt in Geſtalt der Verlobten ür ihn bete und über ihn wache, denn ſeit er ſich mit ihr verbunden hatte, war jeder ſeiner Schritte geebnet und jeder Tag ſeiner Laufbahn war ſonnenhell geweſen. Allmälig hatte ſich dieſer liebliche Aberglaube chen ßen öpft cht: r in ließ hne hen irt⸗ en, ine der end 1's ten en hn be 259 mit menſchlicher Leidenſchaft vermiſcht und war dadurch nur noch hei⸗ liger und inniger geworden: es war eine Tiefe und Reinheit in der Liebe dieſer Beiden, welche, wenn auch beim Weibe keineswegs unge⸗ wöhnlich, an dem Manne jedenfalls höchſt ſelten iſt. Kurz, Harold hatte gelernt, Edithen als ſeinen guten Engel zu betrachten, und ſein ſtarkes Männerherz in der Stunde der Verſuchung bezähmend, hätte er es als ein Vergehen an dem Heiligſten betrachtet, wenn er dieſes Sinnbild himmliſcher Liebe durch irgend etwas hätte beflecken können. Mit edler übermenſchlicher Geduld, deren vielleicht nur ein in der Gewohnheit der Selbſtbeherrſchung und ſtandhaften Ausharrens ſo durchaus engliſcher Charakter fähig ſeyn mochte, ſah er Monate und Jahre verſtreichen, indem er ſich immer noch mit der Hoffnung— mit ihr, der einzigen gottähnlichen Freude, welche dem Menſchen hienieden beſchieden iſt— begnügte. Gleichwie die Anſicht eines Zeitalters ſogar Solche, welche ſie zu verachten vorgeben, influenzirt, ſo wurde vielleicht dieſe heilige ſelbſt⸗ ſuchtsloſe Leidenſchaft durch jene eigenthümliche Verehrung der Rein⸗ heit,— den charakteriſtiſchen Fanatismus der letzten Tage der Angel⸗ ſachſen,— nur noch ſicherer bewahrt und beſchützt— jener Tage, von denen Aldhelm ſchon früher in minder rohen lateiniſchen Verſen, als ſie vielleicht der geſammten Prieſterſchaft unter Edwards Regie⸗ rung zu Gebot ſtanden, geſungen hatte: „Virginitas castam servans sine crimine carnem Caetera virtutem vincit praeconia laudi— Spiritus alti throni templum sibi vindicat almus“* jener Tage, wo mitten unter großer Sittenloſigkeit in der Kirche wie unter den Laien die entgegengeſetzten Tugenden— wie dies in ſolchen Geſellſchaftszuſtänden unausbleiblich der Fall iſt— von den wenigen * Rein erhaltend das Fleiſch und ohne Mackel beſieget Keuſchheit jegliche Tugend und jedes Lob übertrifft ſie— Wenn der Geiſt des Erhab'nen in ihm ſeinen Tempel errichtet. Es iſt merkwürdig zu ſehen, wie der Dichter die der ſächſiſchen Muſe eigenthümlichen Alliterationen ſogar im Lateiniſchen beibehält. 17* 260 reineren Naturen zum heroiſchen Extrem getrieben wurden. Denn „gleichwie das Gold, dieſer Schmuck der Welt, aus dem ſchmutzigen Schooſe der Erde entſpringt, ſo erhob ſich die Keuſchheit, dieſes Sinn⸗ bild des Goldes, hell und unbefleckt aus dem Erdenkloße menſchlicher Begierde.“* Auch Editha, wenn gleich noch in der zarteſten Blüthe jugend⸗ licher Schöne, hatte unter dem Einfluſſe dieſer heiligenden und kaum noch irdiſchen Neigung ihre ganze Frauennatur gekräftigt und vervoll⸗ kommnet. Sie hatte ſich ſo in Harolds Leben eingelebt, daß ihrer Seele weniger durch Studium, wie es ſchien, als durch innere An⸗ ſchauung eine tiefere Kenntniß, als dies eigentlich ihrem Geſchlechte und ihrer Zeit angehörte, anheimgefallen war, gerade wie das Sonnen⸗ licht auf die Blüthen fällt, deren Kelche erweiternd und die Pracht ihrer Farben erhöhend. Unter dem Schatten von Hilda's düſteren Religionsanſichten le⸗ bend, war Editha ſeither, wie wir geſehen haben, weit mehr ihrem Namen und Inſtinkte nach als durch ihre Bekanntſchaft mit den Leh⸗ ren des Evangeliums und dem Glauben an daſſelbe eine Chriſtin ge⸗ weſen; aber Harolds Seele hob ihre eigene aus dem Thale der Schat⸗ ten zur Himmelshöhe empor. Denn der Charakter ihrer Liebe war ſo vorherrſchend chriſtlich, war durch die Umſtände, unter denen ſie beſtand, durch Hoffnung und Selbſtverläugnung dem Bereiche der Sinne nicht nur, ſondern auch des Gefühls, welches aus ihnen hervorgeht und das einzige verfeinerte poetiſche Element der heidniſchen Liebe aus⸗ machte— dermaßen entrückt, daß ihre Leidenſchaft ohne das Chriſten⸗ thum verwelkt und erſtorben wäre. Sie bedurfte der vollen Mahnung des Gebets, jener geduldigen Ausdauer, welche aus dem Bewußtſeyn der Unſterblichkeit hervorgeht; ſie hätte ohne die Veſten und Armeen, die ſie vom Himmel gewann, der Erde nicht widerſtehen können. So durfte man ſagen, daß Editha von Harold ihre innerſte Seele überkommen hatte, und mit dieſer Seele und durch dieſelbe erwachte * Faſt wörtlich nach Aldhelm. —— denn igen inn⸗ icher end⸗ aum voll⸗ hrer An⸗ ꝛchte nen⸗ acht le⸗ rem Leh⸗ ge⸗ hat⸗ r ſo and, nicht und aus⸗ ſten⸗ ung ſeyn een, eele ichte 261 ihr Geiſt aus den Nebeln der Kindheit, in dem innigen Verlangen, der Liebe des erſten Mannes von ganz England würdig zu ſeyn und ebenſo gut die Freundin ſeiner Seele wie die Gebieterin ſeines Herzens zu werden, hatte ſie ſich, ohne zuwiſſen wie— einen auffallenden Reichthum an Gedanken, an Einſicht und reiner ſanfter Weisheit geſammelt. In⸗ dem er ihr ſeine eigenen hohen Plane und Entwürfe anvertraute, war er ſich ſelbſt kaum bewußt, wie oft er ſie dabei zu Rathe zog— wie oft und unmerklich ſie ſeinen Erwägungen und Abſichten ihre eigene Färbung und Geſtaltung aufdrückte. Nur der höchſte edelſte Entſchluß galt bei Edithen gleichſam durch Inſtinkt auch für den weiſeſten: ſie wurde dem Geliebten ein zweites Gewiſſen, feiner und ahnungs⸗ reicher, als ſein eigenes; daher kam es, daß jedes von Beiden den Wie⸗ derſchein ſeiner eigenen Tugend auf die des andern warf, gleichwie ein Planet einen zweiten erleuchtet. und ſo hatten dieſe Jahre der Prüfung, welche eine minder hei⸗ lige Liebe erbittert, eine weniger tiefe Neigung zum Ueberdruß umge⸗ ſtaltet hätte, einzig dazu gedient, dieſes edle Paar nur noch inni⸗ ger an einander zu feſſeln. In dieſer mackelloſen Verbindung— welches Glück für ſie Beide! welch Entzücken in Worten und Blicken, in den leiſen zurückgehaltenen Liebkoſungen der Unſchuld, weit über alle Wonne, wie ſie blos menſchliche Liebe zu gewähren vermag! Einunddreißigſtes Kapitel. Es war ein heller ſtiller Sommermittag, als Harold mit Edithen zwiſchen den Säulen des Druidentempels im Schatten jener rieſigen trauernden Ueberbleibſel eines hingeſchiedenen Glaubens auf dem Ra⸗ ſen ſaß. Sie hatten ſchon lange über die Vergangenheit geplaudert und Pläne für die Zukunft entworfen, als Hilda, aus ihrem Hauſe tre⸗ tend, dem Kreiſe ſich näherte und den Arm auf den Altar des Kriegs⸗ gottes geſtützt, den ſächſiſchen Earl mit ruhigem Triumphe be⸗ trachtete. 262 „Sahſt Du mich nicht lächeln, Sohn von Godwin,“ hub ſie an, „als Du mit Deiner kurzſichtigen Weisheit Dein Land zu ſchützen und Deine Liebe zu ſichern vermeinteſt, indem Du den Mönchekönig be⸗ wogſt, den⸗Atheling über die See herbeiholen zu laſſen? Sagte ich Dir nicht: Du thuſt recht, denn indem Du Deinem Verſtande ge⸗ horchſt, biſt Du blos das Werkzeug des Schickſals und die Ankunft des Atheling ſoll Dich Deinem Lebensziele näher bringen; aber nicht von Atheling ſollſt Du die Krone Deiner Liebe empfangen, und Athel⸗ ſtans Thron ſoll nicht von Atheling eingenommen werden.““ „O laß mich kein Unheil vernehmen, das jenen edlen Prinzen be⸗ troffen hätte,“ rief Harold in großer Bewegung aufſtehend.„Er ſchien krank und ſchwach, als ich ihn verließ; aber Freude iſt ein guter Arzt, und die Luft des Geburtslands gibt dem Verbannten alsbald Geſundheit.“— „Horch!“ ſprach Hilda,„Du höorſt die Todtenglocke für die Seele des Sohnes von Ironſides!“ Indem ſie noch ſprach, vernahm man das Trauergeläute, von den Dächern der fernen Stadt durch die ausnehmende Stille der Atmoſphäre bis zu ihren Ohren getragen, dumpf herüberſchallen. Editha be⸗ kreuzte ſich und murmelte ein Gebet nach der Sitte ihrer Zeit; dann aber ihre Augen zu Harold erhebend, flüſterte ſie mit gefalteten Händen: „Sey nicht traurig, Harold, hoffe noch immer.“ „Hoffen!“ wiederholte Hilda, ſich ſtolz aus ihrer zurückgebeugten Stellung aufrichtend—„hoffen! Dein Ohr mußte taub ſeyn, o Ha⸗ rold, wenn Du in jenem Geläute der St. Paulsglocke nicht die Freu⸗ dentöne, die einen künftigen König einweihen, vernähmeſt!“ Der Earl fuhr zuſammen; ſeine Augen ſchoſſen Feuer; ſeine Bruſt hob ſich. „Verlaß uns, Editha,“ gebot Hilda leiſe, und wendete ſich dann zu Harold, nachdem ſie ihre Enkelin mit langſamen widerſtrebenden Schritten den Hügel hatte hinabgehen ſehen. i „ 263 „Erinnerſt Du Dich des Geſpenſtes,“ ſprach die Vala, indem ſie ihren Gaſt vor den Grabſtein des ſächſiſchen Häuptlings führte,„das be⸗ aus dieſer Mündung emporſtieg?“— Erinnerſt Du Dich des Trau⸗ ich mes, der darauf folgte?“ ge⸗„Jenes Geſpenſtes oder Augentruges erinnere ich mich wohl noch,“ unft gab der Earl zur Antwort,„des Traumes aber nicht, oder wenigſtens icht uur in wirren widerſprechenden Fragmenten.“ „Ich ſagte Dir damals, daß ich für den Augenblick nicht hell ge⸗ nug ſehe, um jenen Traum enträthſeln zu können, und daß der darun⸗ be⸗ 1 ter ruhende Todte dem Menſchen nie anders erſcheine, als wenn er einen wichtigen Urtheilsſpruch an dem Hauſe Cerdics vollziehen wolle. Der Spruch iſt erfüllt— Cerdics Erbe iſt nicht mehr, und wem Anderem bald erſchien die große Seinläca als ihm, der ein neues Geſchlecht von Königen auf den ſächſiſchen Thron führen wird!“ Harold athmete tief und die Röthe ſtieg ihm hell und glühend in Peele Wangen und Schläfe. den„Ich kann Dir nicht widerſprechen, Vala. Wenn nicht Edward haͤre aller Vermuthung zum Trotz auf Erden bleibt, bis der Sohn des be⸗ Athelings das Alter erreicht hat, wo bärtige Männer einen Häuptling anerkennen, ſehe ich mich rings in England nach dem kommenden ann eten Könige um, und ganz England reflektirt mein eigenes Bildniß.“ * Man kann ſich unmöglich eine richtige Anſicht vom Stande der Par⸗ teien und der Stellung Harolds in der ſpäteren Hälfte dieſes Werkes bilden, gten wenn man ſich nicht beſtändig vor Augen hält, daß nach der ſächſiſchen Sitte Ha⸗ von der früheſten Zeit es ſich ganz von ſelbſt verſtand, daß die n Miderjährigen . bei Seite geſetzt wurden. Henry bemerkt, in der ganzen Geſchichte der Heptar⸗ eu⸗ chie komme nur ein einziges Beiſpiel einer ſehr kurzen und höchſt unglücklichen Minoritätsherrſchaft vor, wie denn auch ſpäter der große Alfred mit Aus⸗ eine ſchließung des minderjährigen Sohnes ſeines älteren Bruders den Thron ein⸗ nimmt. Nur unter ganz beſonderen Verhältniſſen, wenn, wie bei Edmund Ironſides, frühreife Talente und Männlichkeit für den Minderjährigen ſprachen, ann wurde eine Ausnahme in dem allgemeinen Thronfolgegeſetze geſtattet. den Dieſelbe Regel fand auch bei den Earls ihre Anwendung: Siwards Ruhm, Macht und Popularität waren nicht vermögend, ſeinem jungen, unter einer 264 Sein Haupt erhob ſich, indem er ſo ſprach, und ſchon ſchien die Stirne erhaben, als ob ſie mit dem Diademe des Baſtleus gekrönt wäre. „Und wenn dem ſo iſt,“ fuhr er fort,„ſo nehme ich jenes feier⸗ liche Vermächtniß an, und England ſoll durch meine Größe nur noch größer werden.“ „Die Flamme bricht endlich aus dem rauchenden Holzſtoß,“ rief die Vala,„und die Stunde, die ich Dir ſo lange prophezeit, iſt ge⸗ kommen!“ 6 Harold gab keine Antwort, denn glühende erhabene Regungen machten ihn taub für Alles, nur nicht für die Stimme eines großarti⸗ gen Ehrgeizes und für die erwachende Freude eines edlen Herzens. „Und dann— und dann,“ rief er,„werde ich keines Vermittlers zwiſchen Natur und Moͤnchthum bedürfen— dann, o Editha, wird das Leben, das Du gerettet, auch wirklich Dir gehören!“ Er ſchwieg und es war ein Zeichen der Veränderung, welche ein lange zurückge⸗ drängter aber nunmehr in die rechtmäßig eröffnete Bahn ausbrechen⸗ der Ehrgeiz bereits in ſeinem ſeither ſo zuverſichtlichen Charakter zu bewerkſtelligen anfing, als er in leiſem Tone fortfuhr:„aber jener Traum, der ſo lange verſchloſſen, aber nicht verloren in meiner Seele ſchlummerte— jener Traum, von dem ich nur noch vage Erinnerungen von beſtandener Gefahr und beſiegten Hinderniſſen behalten habe— kannſt Du ihn als Vorzeichen des Erſolges enträthſeln, o Vala?“ „Harold,“ gab dieſe zur Antwort,„Du vernahmſt am Schluſſe Deines Traumes das Anſtimmen von Hymnen, wie ſie bei der Königs⸗ krönung geſungen werden— und ein gekrönter König ſollſt Du wer⸗ den; aber furchtbare Feinde werden Dich anfallen, angedeutet durch die Geſtalten des Löwen und des Raben, welche drohend über die blut⸗ rothe See daher kamen. Die beiden Sterne am Himmel bezeugen: daß der Tag Deiner Geburt zugleich der Geburtstag eines Gegners war, deſſen Stern dem Deinigen verderblich iſt; ſie warnen Dich vor ſpäteren Regierung ſo übel berüchtigten Sohne Waltheof die Herrſchaft über Northumbrien zu ſichern. 265 einer Schlacht, gefochten an einem Tage, da dieſe Sterne ſich begegnen werden. Weiter als bis hieher vermag meine Kenntniß nicht in das Myſterium Deines Traumes einzudringen; willſt Du Dich ſelbſt durch die Erſcheinung, welche jenen Traum geſendet, kennen lernen, ſo ſtelle Dich mit mir vor das Grab des Sachſenhelden, und ich will die Sein⸗ läca auffordern, dem Lebenden ihren Rath zu ertheilen.“ Harold forſchte mit ernſter nachſinnender Aufmerkſamkeit, wie ſein Stolz oder ſeine Vernunft ſie früher niemals Hilda's Warnun⸗ gen eingeräumt hatte. Aber ſein Verſtand war von der Stimme der Zauberin noch nicht berückt, und er gab mit ſeinem gewohnten ſanften aber hohen Lächeln zur Antwort: „Wer die Hand nach einer Krone ausſtreckt, ſollte gegen den Feind gewappnet ſeyn, und das Auge, das die Lebenden bewachen will, darf ſich nicht durch die Dünſte des Grabes umnebeln laſſen.“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Aber von dieſem Tage an war eine Veränderung, leiſe aber wich⸗ tig genug, im Benehmen wie im Charakter des großen Carls zu be⸗ merken. War er ſeither ohne Berechnung auf ſeiner Bahn vorge⸗ ſchritten, während die Natur und nicht die Politik ſeine Macht vollendet hatte, ſo begann er jetzt wohl überlegt die Grundlage ſeines Hauſes zuſammenzufügen, deſſen Raum zu erweitern und die Stützen zu kräf⸗ tigen. Die Klugheit vermiſchte ſich jetzt mit der Gerechtigkeit, die ihm ſo allgemeine Achtung, und mit der Großmuth, welche ihm die Liebe Aller gewonnen hatte. War er ſchon von Natur verſöhnlichen Gemüthes geweſen, ſo hatte er ſich gleichwohl in ſeiner Geradheit bei Ausführung deſſen, was ſein Gewiſſen billigte, um die entſtehenden Feindſchaften nie bekummert; jetzt aber legte er es darauf an, alle alten Fehden beizulegen, die Eiferſucht zu beſänftigen und ſeine Feinde in Freunde zu verwandeln. Er eröffnete fortwährenden freundſchaft⸗ lichen Verkehr mit ſeinem Oheim Sweyn, König von Dänemark, und 266 wußte voll Eifer all den Einfluß über die Anglodänen zu benützen, den ſeiner Mutter Geburt ihm ſo ſehr erleichterte. Auch ſuchte er wohl⸗ weislich die Feindſeligkeit, welche die Kirche gegen Godwins Haus gehegt hatte, wegzuräumen. Er verbarg ſeine Verachtung vor Mön⸗ chen und deren Knechten, bewies ſich als Freund und Patron der Kirche, und beſchenkte die Klöſter, beſonders eines zu Waltham, das durch die Frömmigkeit ſeiner Brüder vortheilhaft bekannt, aber allmälig in Verfall gerathen war. Aber wenn Harold auch hierin eine Rolle ſpielte, die ſeinen An⸗ ſichten nicht natürlich war, ſo konnte er ſich gleichwohl ſogar in der Verſtellung nicht zum Begünſtiger des Uebels hergeben. Die von ihm begünſtigten Klöſter gehörten zu denen, die ſich durch Reinheit des Lebenswandels, durch Wohlthätigkeit gegen die Armen, durch kühnes Eifern gegen die Ausſchweifungen der Großen auszeichneten. Er hatte nicht wie der normänniſche Herzog die großartige Abſicht, in der Prieſterſchaft ein Kollegium der Gelehrſamkeit, eine Schule der Künſte zu ſchaffen— ſolche Plane waren in dem ungelehrten England noch nicht einheimiſch, und Harold würde ſich trotz ſeiner eigenen für jene Zeit und jenes Vaterland ungewöhnlichen Bildung vor der Begünſti⸗ gung einer Gelehrſamkeit geſcheut haben, welche immer noch eine Dienerin von Rom bleiben ſollte, und dadurch fortwährend einen hoch⸗ fahrenden, ränkevollen Geiſt an ſich trug, der nach vollſtändiger Be⸗ herrſchung der Königsthrone wie der Völker ſtrebte. Sein Zweck war nur, aus den Elementen, die er in der natürlichen Vertraulichkeit des ſächſiſchen Volkes mit ſeinen Prieſtern vorfand, einen beſcheidenen, tugendhaften, einheimiſchen Klerus zu ſchaffen, der gegen die unwiſ⸗ ſende Bevölkerung ſein zartes Mitgefühl nicht verläugnete. Als Mu⸗ ſter für ſein Kloſter zu Waltham wählte er zwei niedrig geborene de⸗ müthige Brüder, Osgood und Ailred, der eine bekannt durch den Muth, womit er das Land durchſtreifte und vor Aebten und Thanen die Befreiung der Leibeigenen als die verdienſtlichſte Handlung, welche ihr Seelenheil ihnen auferlegen konnte, gepredigt hatte, der andere , den vohl⸗ Haus Mön⸗ irche, h die g in An⸗ der von t des hnes Er n der ünſte noch jene nſti⸗ eine och⸗ Be⸗ war des nen, wiſ⸗ Nu⸗ de⸗ den nen lche dere 267 dadurch berühmt, daß er, obwohl urſprünglich Geiſtlicher, nach der allgemeinen Sitte des ſächſiſchen Klerus ſich verheirathet, und dieſe Sitte nicht ohne Beredtſamkeit gegen die Satzungen von Rom ver⸗ theidigt, ja ſogar das Anerbieten reicher Ausſtattung und der Adels⸗ erhebung im Falle der Entfernung ſeines Weibes ausgeſchlagen hatte. Nach dem Tode ſeiner Gattin hatte er die Kapuze genommen; er be⸗ ſtand zwar noch immer auf der Rechtmäßigkeit der Ehe für außerklo⸗ ſterliche Geiſtlichkeit, war aber beſonders dadurch berühmt geworden, daß er das offene Concubinat vieler ſtolzen Aebte und Prälaten, wo⸗ durch ſie ihr heiliges Amt entweihten, mit kühnem Freimuthe denuncirte. Dieſen Männern(die Abtswürde von Waltham hatten Beide zurück⸗ gewieſen) übertrug Harold die Auswahl der neuen in jenem Kloſter zu gründenden Brüderſchaft, und die Mönche von Waltham wurden auch wirklich in der ganzen Umgegend als Heilige verehrt und der ge⸗ ſammten Kirche als Muſter angeführt. Wenn aber auch Harolds neue politiſche Künſte an ſich völlig tadellos waren, ſo blieben ſie doch immer Künſte und verderbten als ſolche die urſprüngliche Einfalt ſeiner früheren Natur. Er hatte zum erſtenmale einem eigenen perſönlichen Ehrgeize— abgeſondert von dem, ſeinem Vaterlande zu dienen— Gehör gegeben: nicht mehr allein, ſeinem Vaterlande zu dienen, ſondern ihm als deſſen Beherrſcher zu dienen, war es, was ſein Herz anfeuerte und ſeine Gedanken beſtimmte. Auskunftsmittel begannen vor ſeinem Gewiſſen die geſunde Geſtalt der Wahrheit zu erſetzen, und jetzt geſchah es allmälig, daß Hilda jene Macht, wie ſie ſie über ſeinen Bruder Sweyn beſeſſen, auch über ihn, der ſich ſeither ſo ſtarr dagegen verſchloſſen hatte, auszubreiten anfing. Die Zukunft wurde für ihn ein verblendendes Geheimniß, in welches ſeine Vermuthungen ſich mehr und mehr verſenkten: noch hatte er nicht in dem Runenkreiſe geſtanden, noch hatte er keine Todten ange⸗ rufen; aber die Zauberſprüche umlagerten ſein Herz, und in ſeiner eigenen Seele war der heimiſche Dämon aufgewachſen. Gleichwohl herrſchte Editha, wenn nicht in ſeinen Gedanken, ſo 268 doch in ſeinen Neigungen noch immer als einzige Gebieterin, und es war vielleicht die Hoffnung, alle Hinderniſſe ſeiner Vermählung zu überwinden, was ihn zu einer Begünſtigung der Kirche, durch deren Mitwirkung allein das gewünſchte Ziel zu erreichen war, hauptſächlich veranlaßte— eine Hoffnung, welche der fernen Krone den hellſten Schimmer verlieh. Wer jedoch den Ehrgeiz als Genoſſen ſeiner Liebe aufnimmt, hat einen Rieſen eingelaſſen, der den zarten Kameraden weit überholen wird. Harolds Stirne verlor ihre wohlwollende Ruhe; er wurde nach⸗ denklich und zerſtreut, und berieth ſich ſeltener mit Edithen, häufiger dagegen mit Hilda. Editha ſchien ihm nicht mehr weiſe genug zur Rathgeberin: gleich dem Sternenlichte auf einem Strome ſchim⸗ merte das Lächeln ſeiner Fylgia wohl auf der Oberfläche, ohne jedoch bis in die Tiefe zu dringen. Mittlerweile trug jedoch ſeine Klugheit die gedeihlichſten Früchte. Er war bereits auf jener Höhe angelangt, wo die geringſte Bemü⸗ hung, die Macht populär zu machen, deren Umfang verdoppelt: alle Stimmen vereinigten ſich in dem Lobe ſeiner Perſönlichkeit und man machte ſich allbereits mit der Frage vertraut:„wenn Edward ſtirbt, bevor Ironſides' Enkel Edgar thronfähig iſt— wo können wir einen König finden, wie Harold?“ Mitten in dieſen ruhigen Sonnenſchein ſeines Schickſals brach ein Sturm, der entweder ſeine Tage zu verfinſtern, oder jede Wolke von dem Horizonte zu verjagen beſtimmt ſchien. Algar, der einzig mögliche Nebenbuhler ſeiner Macht— der einzige Gegner, den keine Kunſtgriffe zu beſänftigen vermochten— Algar, der den ſächſiſchen Laien durch ſeinen ererbten Namen theuer war und durch ſeines Vaters reiche Vermächtniſſe die Liebe des ſächſiſchen Klerus beſaß, den ſein unruhiger kriegeriſcher Geiſt in der Achtung der kriegsſüchtigen Dänen in Oſtangeln(in welcher Grafſchaft er auf Harold gefolgt war) nur um ſo mehr gehoben hatte, durch ſeines Va⸗ ters Tod Herr des großen Fürſtenthumes Mercia— bediente ſich nd es ig zu deren chlich Ulſten Liebe aden nach⸗ figer zur him⸗ doch chte. mü⸗ alle nan rbt, 269 dieſer neuen Gewalt, um von Neuem in Aufruhr auszubrechen, wurde abermals geächtet, und trat wiederholt mit dem wilden Gryffyth in Bündniß. Ganz Wales war im Aufſtand; die Marſchen wurden über⸗ fallen und verwüſtet; Rolf, der ſchwache Earl von Hereford, ſtarb in dieſem kritiſchen Zeitpunkte, und die Normannen und ſonſtigen Söld⸗ linge unter ſeinem Kommando wollten keine andere Führer über ſich dulden. Eine Flotte von Wikingern aus Norwegen verheerte die weſtlichen Küſten, ſegelte den Menai hinauf und vereinigte ſich mit Gryffyths Schiffen, ſo daß das ganze Reich bedroht ſchien, als Edward ſeinen Heerbann aufbot und Harold an der Spitze der königlichen Heere gegen den Feind marſchirte. Furchtbar und gefährlich waren jene Engpäſſe von Wales: in ihnen hatte Rolf, der Normanne, alle ſeine Krieger verloren; ſeit Menſchengedenken hatte ſich nie ein ſächſiſches Heer in der gebirgigen Heimath der Cymrier Lorbeeren errungen, noch nie eine ſächſiſche Flotte über die ſchrecklichen Wikinger Norwegens den Sieg erfochten. Laß Dirs mißglücken, Harold, und die Krone iſt verloren!— Sey glücklich, und Du wirſt die ultimam rationem regum, den Kern des Heeres, deſſen Anführer Du biſt, auf Deiner Seite haben! Dreiunddreißigſtes Kapitel. Es war ein heißer Tag im Hochſommer, als zwei Reiter durch die liebliche Landſchaft, welche die Marſchen von Wales bildeten, lang⸗ ſam ihre Straße zogen und ſich trotz ihrer auffallenden Verſchiedenheit in Rang und Abſtammung auf freundliche Weiſe mit einander unter⸗ hielten. Der jüngere der beiden Männer war unverkennbar ein Nor⸗ mann; ſein kleines Sammtharett bedeckte kaum den Scheitel des Kopfes, der vom Wirbel bis zur Halsnoppe“ glatt geſchoren war, während ſein kurz beſchnittenes dicht gekräuſeltes Haar ſich vorn um eine ſtolze aber verſtändige Stirne legte. Seine eng anſchließende * Stickerei zu Bayeux. Kleidung ohne Mantel ließ die Geſtalt deutlich hervortreten; ſeine Beinkleider waren nach Art eines Tartans eigenthümlich carrirt und an den Ferſen trug er goldene Sporen. Er war völlig unbewaffnet; dagegen wurde auf kurze Strecke hinter ihm und ſeinem Gefährten ſein aufgeſchirrtes Streitroß von einem einzigen Knappen auf einem guten normänniſchen Renner nachgeführt, während ſechs ſächſiſche Leibeigene zu Fuß drei ſchwerbeladene Maulthiere geleiteten, welche nicht allein die Rüſtung des normänniſchen Ritters, ſondern auch Köͤrbe mit Wein, Proviant und reichen Gewändern trugen. Wenige Schritte weiter hinten marſchirte ein Trupp Leichtbewaffneter in ſtarke eigenthümlich gegerbte Felle gekleidet, die Streitaxt über der Schulter und den Bogen in der Hand. Des Ritters Begleiter war ebenſo unläugbar ein Sachſe, als Er⸗ ſterer ohne Frage dem normänniſchen Stamme angehörte. Sein kur⸗ zes viereckiges Geſicht, das gegen das ovale Antlitz und das Adler⸗ profil ſeines dichtgeſchorenen Kameraden kontraſtirte, wurde von einem rieſigen Schnurr⸗ und dicken Backenbarte halb verdeckt. Seine Tunika, gleichfalls von Leder und um die Hüfte feſt gebunden, ſiel loſe bis auf die Kniee, während eine Art Mantel, durch einen großen runden Knopf auf der rechten Schulter befeſtigt, vorn und hinten herabfloß und nur beide Arme frei ließ. Sein rundes, auf beiden Seiten bauſchiges Barett, das viele Aehnlichkeit mit einem Turban hatte, ſtach ſehr ge⸗ gen das des Normanns ab, während ſeine breite muskulöſe Bruſt, mit allerhand Deviſen und einem Vers aus dem Pſalmen ſonderbar punk⸗ tirt war. Sein Geſicht zeigte zwar nicht die hohe ſtrenge Stirne und das ſcharfe beobachtende Auge ſeines Kameraden, hatte aber dennoch einen eigenen ſtolzen und verſtändigen Ausdruck— ſein Stolz war etwas mürriſcher Art und ſein Verſtand ſchien zu den langſamen zu gehören. „Serwolf, mein guter Freund,“ perorirte der Normanne in ziem⸗ lich ertraͤglichem Saͤchſiſch,„ich bitte Euch, uns nicht alſo zu mißachten, denn im Ganzen ſind wir Normannen von Eurem eigenen Stamme, und unſere Väter redeten dieſelbe Sprache wie die Eurigen.“ ſeine und net; rten nem iſche lche auch nige arke lter Er⸗ kur⸗ ler⸗ nem ika, auf opf nur ges ge⸗ nit nk⸗ nd ch as en. 271, „Das mag ſeyn,“ entgegnete der Sachſe in barſchem Tone;„das thaten mit geringem Unterſchiede auch die Dänen, als ſie uns die Häu⸗ ſer niederbrannten und die Kehlen abſchnitten.“ „Alte Geſchichten das,“ verſetzte der Ritter;„ich danke Dir übri⸗ gens für die Vergleichung, denn ſiehſt Du, jene Dänen haben ſich jetzt als ruhige Leute und friedliche Unterthanen unter Euch niedergelaſſen, ſo daß es nach wenigen Generationen nur ſchwer zu beſtimmen ſeyn wird, wer von Sachſen und wer von Dänen abſtamme.“ „Wir verſchwenden die Zeit mit derlei Geplauder,“ erwiederte der Sachſe, den ſein Inſtinkt belehrte, daß er ſeinem gelehrten Kame⸗ raden in der Beweisführung nicht gewachſen war, der aber gleichwohl mit ſeinem angeborenen geſunden Verſtande einſah, daß ſich hinter der verſöhnenden Sprache ſeines Gefährten ein weiterer, wenn auch ihm ſelbſt unerklärlicher Grund verſteckte;„auch glaube ich nicht, Meiſter Mallet oder Gravel— verzeiht mir, wenn ich es gegen Euch in der rechten Form der Anrede verſehe— daß der Normanne jemals den Sachſen oder der Sachſe den Normannen lieben wird: ſo laßt uns lie⸗ ber davon abbrechen. Dort ſteht das Kloſter, wo Ihr Euch ausruhen und erfriſchen wolltet.“ Der Sachſe deutete hiemit auf ein plumpes niedriges Holzge⸗ bäude, einſam und verfallen, dicht neben einem fetten Moore ſtehend, das von Schnecken und allen Arten von Sumpfthieren wimmelte. „Ich wollte, Freund Sexwolf,“ bemerkte Mallet de Graville— denn er war es wirklich— mit mitleidigem verächtlichem Achſelzucken, „Du könnteſt die Häuſer ſehen, welche wir in unſerer Normandie un⸗ ſerem Herrgott und ſeinen Heiligen erbauen— ſtattliche Behauſungen von Stein auf den ſchönſten Punkten errichtet. Unſere Gräfin Ma⸗ thilde hat auffallend viel Geſchmack für Architektur, und unſere Arbeits⸗ leute ſtammen aus der Lombardei, und verſtehen alle Geheimniſſe die⸗ ſer edlen Kunſt.“ „Ich bitte Dich, Herr Normanne,“ rief der Sachſe,„unſerem ſanften Konig Edward keine ſolche Ideen in den Kopf zu ſetzen. Wir 19 72 bezahlen ſchon genug für Kirchen, obwohl ſie blos aus Holz gebaut ſind— die Heiligen mögen uns helfen, wenn ſie erſt aus Stein errichtet würden!“ Der Normanne bekreuzte ſich, als ob er eine auffallende Gott⸗ loſigkeit vernommen hätte. „Du biſt kein Freund der Mutterkirche, würdiger Serwolf,“ be⸗ merkte er endlich. „Ich wurde im Schweiße harter Arbeit auferzogen und liebe keine Faullenzer, welche mein Eigenthum verſchlingen und noch dazu plär⸗ ren, die Heiligen haben'’s gegeben',“ erwiederte der ſtörrige Sachſe. „Weißt Du nicht, Meiſter Mallet, daß ein Drittel ſämmtlicher Lände⸗ reien von England in den Händen der Prieſter iſt?“ „Hm!“ meinte der ſcharfblickende Normanne, der bei all ſeiner Frömmigkeit dennoch aus jedem Zugeſtändniſſe ſeines Gefährten einen weltlichen Vortheil abzuleiten verſtand;„ſo haſt Du demnach in die⸗ ſem Deinem luſtigen England doch auch Deine Urſachen zu Klagen und Beſchwerden?“ „Allerdings und ich geſtehe es auch,“ behauptete der Sachſe, der ſchon damals gleich ſeinen Nachkommen bis auf den heutigen Tag zu der Klaſſe der Raiſſonneurs gehörte;„der Hauptunterſchied zwiſchen Dir und mir beſteht blos darin, daß ich als Mann laut ausſprechen darf, was mir mißfällt, während es Deinen Gliedmaßen, ja Deinem Leben ſchlimm ergehen würde, wenn Du in dem grimmigen Lande Deines Herzogs ebenſo freimüthig ſeyn wollteſt.“ „Nun wahrlich, Notre Dame, mache Deinem Geſchwätze ein Ende,“ bemerkte der Normanne mit hoher Verachtung, während ſein Auge unter der gerunzelten Stirne zu funkeln anfing.„So ſehr auch William der Normanne ein ſtrenger Richter und großer Heerführer iſt, ſo wirſt Du doch finden, daß ſeine Barone und Ritter den Kopf hoch vor ihm tragen und keine Beſchwerde auf ihrem Herzen laſten laſſen, ohne ſie auch mit ihren Lippen auszuſprechen.“ „So habe ich allerdings gehört,“ kicherte der Sachſe;„ich habe ein 3 1 f 4 2 4 1 gehört, daß Ihr Thane oder großen Herren frei und offen genug ſeid. Wie ſtehts aber mit den Gemeinen— den Sechshändern und Ceorls, Meiſter Normanne? Dürfen ſie auch ſprechen, wie wir uns über König und Geſetz, über Than und Häuptling zu äußern pflegen?“ Der Normanne verbiß wohlweislich das verächtliche:„Nein, in der That,“ das ihm auf der Zunge ſchwebte, und ſagte blos mit mil⸗ dem herablaſſendem Tone: „Jeder Stand hat ſeine Gebräuche, theurer Serwolf, und wenn der Normanne König von England wäre, ſo würde er die Geſetze neh⸗ men, wie er ſie findet, und die Ceorls wären unter William ebenſo ſicher wie unter Edward.“ „Der Normanne— Koͤnig von England!“ ſchrie der Sachſe, bis an die Spitze ſeiner großen Ohren erröthend;„was ſchwatzeſt Du da für Zeug, Fremdling? Der Normanne!— wie könnte das je ge⸗ ſchehen?“ „Nun, ich meinte nur ſo— doch ſetz' einmal den Fall,“ erwie⸗ derte der Ritter, ſeinen Zorn noch immer zurückdrängend.„Und warum kommt Dir der Gedanke ſo beleidigend vor? Dein König iſt kinderlos; William iſt ſein nächſter Verwandter und wie ein Bruder von ihm geliebt; wenn ihm Edward den Thron hinterließe—“ „Der Thron iſt nicht dafür da, um von Jemand hinterlaſſen zu werden,“ brüllte der Sachſe beinahe.„Meinſt Du, das Volk von England könne, gleich Schafen und Kühen, wie Hausgeräthe und Leibeigene nur ſo wie man beliebt durch Teſtament vererbt werden? Des Königs Wunſch hat allerdings ſein Gewicht, aber der Witan hat ſein Ja oder Nein zu ſprechen, und Witan und Gemeine ſind ſelten mit ſo Etwas einverſtanden. Dein Herzog— König von England! Meiner Treu! Ha! ha! ha!“ „Vieh, das Du biſt!“ brummte der Ritter vor ſich hin und fuhr dann mit ſeinem gewohnten ſpöttiſchen Tone, der jedoch durch Vorſicht und Erfahrung Mäßigung gelernt hatte, laut fort:„Warum nimmſt Bulwer, Harold. 18 274 Du denn ſo die Parthie der Ceorls? Du, ein Anführer und nahezu Than!“ „Ich wurde, wie vor mir mein Vater, als Ceorl geboren,“ er⸗ wiederte Sexwolf,„und ſympathiſire mit meiner Klaſſe, wiewohl mein Enkel vielleicht zu den Thanen und, ſoviel ich weiß, ſogar zu den Earls zählen mag.“ Der Sire de Graville zog ſich unwillkürlich von dem Sachſen zurück, wie wenn er plötzlich gewahr würde, daß er ſich durch dieſe un⸗ bewußte Vertraulichkeit mit einem Ceorl oder dem Sohne eines Ceorls nicht wenig vergeben habe. „Guter Mann,“ ſagte er mit weit ſorgloſerem Accent und hoch⸗ müthigerer Haltung als früher,„Du warſt ein Ceorl und biſt jetzt ein Anführer von Earl Harolds Kriegsleuten! Wie geht das zu? Das kann ich nicht verſtehen.“ „Wie ſollteſt Du auch, armer Normanne?“ erwiederte der Sachſe mitleidig.„Die Geſchichte iſt bald erzählt. So wiſſe denn, daß da⸗ mals, als unſer Earl Harold verbannt und ſein Gut eingezogen war, wir Ceorls ſeinem Sechshänder Clapa ſein Landgut bei London und das Haus, worin Du mich trafſt, einem Fremdling, Deinem Lands⸗ mann, dem man es widerrechtlich gegeben hatte, abkaufen halfen; wir pflügten das Land, wir waideten die Heerden und behielten das Haus, bis der Earl zurückkam.“ „Ihr hattet alſo Eure eigenen Gelder, ihr Ceorls!“ rief der Normanne habgierig. „Wie hätten wir ſonſt unſere Freiheit erkaufen können? Jeder Ceorl darf einige Stunden des Tags zu ſeinem eigenen Vortheil ver⸗ wenden und kann den Gewinn für ſich bei Seite legen. Dieſe Erſpar⸗ niſſe gaben wir her für unſern Earl, und als dieſer zurückkehrte, ſchenkte er dem Sechshänder ſo viel Land, daß er zum Thane wurde und den Ceorls, welche Clapa geholfen, gab er die Freiheit und reichen Land⸗ beſitz, ſo daß jetzt die Meiſten von ihnen ihren eigenen Pflug halten und ihre eigenen Heerden nähren. Ich aber, der ich unbeweibt war, — hezu er⸗ mein Farls chſen e un⸗ eorls hoch⸗ zt ein Das bachſe ß da⸗ war, und ands⸗ ; wir Haus, ff der Jeder l ver⸗ ſpar⸗ henkte d den Land⸗ halten war, 275 liebte den Earl mehr als Schweine und Schollen, und bat ihn, mich in ſeinem Heere dienen zu laſſen. So bin ich geſtiegen, ſo weit wir Ceorls zu ſteigen vermögen.“ „Das verſtehe ich wohl,“ meinte Mallet de Graville nachdenklich und immer noch etwas verwirrt.„Aber dieſe Theowen(ſie ſind ja förmliche Sklaven) gelangen doch niemals zu höherer Stellung: es kann ihnen alſo einerlei ſeyn’, ob ein geſchorener Normanne oder ein bärtiger Sachſe auf dem Throne ſitzt.“ „Darin haſt Du Recht,“ gab der Sachſe zur Antwort;„für ſie iſt es ebenſo gleichgültig, wie für Deine Schelme und Diebe, denn viele von ihnen ſind Diebe und Schelme oder die Kinder von ſolchen, und wer es nicht iſt, ſtammt, wie es heißt, nicht von den Sachſen, ſondern von den barbariſchen Völkern ab, die von den Sachſen unterjocht wur⸗ den. Sie kümmern ſich allerdings nichts um das Land, denn ſie ſind ja kaum Menſchen; doch auch ſie ſind nicht ohne Hoffnung, da die Kirche ſich ihrer annimmt, und das wenigſtens ſcheint mir der einzige Fall, wo die Kirche ſich ihrer ſelbſt würdig zeigt,“ fuhr der Sachſe mit ſanfterem Blicke fort.„Jeder Abt iſt gehalten, drei Leibeigene auf ſeinen Ländereien frei zu laſſen, und es ſtirbt nur ſelten ein Herr, ohne einigen ſeiner Theowen im Teſtamente die Freiheit zu ſchenken, ſo daß die Söhne dieſer Theowen noch Thane werden können, was bis auf den heutigen Tag ſchon geſchehen iſt.“ „Wunder über Wunder!“ rief der Normanne.„Aber ſicherlich tragen ſie noch Zeichen und Mackel an ſich und werden von ihren Neben⸗ thanen verſpottet?“ „Nicht im Geringſten— warum auch? Land iſt Land und Geld iſt Geld. Wir kümmern uns wenig darum, was eines Mannes Va⸗ ter geweſen, wenn der Mann ſelbſt ſeine zehn Hufen guten Ackerlandes und drüber beſitzt.“ „Ihr ſchätzet Land und Geld,“ bemerkte der Ritter;„das thun auch wir— nur wird Geburt und Name bei uns noch höher ge⸗ achtet.“ 18 276 „Ihr geht eben noch am Gaͤngelbande,“ meinte der Sachſe ver⸗ aächtlich, aber in der beſten Laune.„Wir haben ein altes weiſes Sprich⸗ wort: Es ſtammen Alle von Adam ab, außer Tib dem Pflugknecht; wenn aber Tib reich wird, ſo nennen ihn Alle theurer Bruder.“ „Bei ſolchen peſtilenzialiſchen Anſichten wundere ich mich nicht mehr, daß unſere Väter aus Norwegen und Daneland Euch mit ſo leichter Mühe ſchlugen,“ rief der Sire de Graville, ſeinen Unwillen nicht länger zurückhaltend.„Die Liebe für alte Gebräuche, für Glauben, Namen und Abſtammung iſt ein beſſerer Stahl gegen den Fremdling, als Eure Schmiede ihn jemals zuwege brachten.“ Mit dieſen Worten und ohne Serwolfs Erwiederung abzuwarten, ſetzte er ſeinem Zelter die Sporen in die Seite und gelangte bald dar⸗ auf in den Kloſterhof. Ein Moͤnch von dem damals beliebteſten“ Orden des heiligen Benedikt führte den edlen Gaſt in die Zelle des Abtes, der ihn eine Weile mit Freude und Verwunderung betrachtete, und ihn dann mit herzlichen Küſſen auf Stirne und Wange umarmte. „Ach Guillaume,“ rief er auf Normänniſch,„das iſt in der That eine Gnade, wofür man ein Jubilate anſtimmen darf. Du kannſt Dir kaum denken, wie einem in dieſem ſchrecklichen Lande der Verbannung und der ſchlechten Köche das Antlitz eines Landsmannes ſo willkom⸗ men iſt.“ „Da Du von Gnade, von Gebet und Nahrung ſprichſt, mein theurer Vater,“ erwiederte de Graville den Gürtel ſeines feſten Kol⸗ lers, der ihm die Geſtalt der Weſpe verlieh, lockernd— denn ſogar damals ſchon war eine ſchmale Taille bei den kriegeriſchen Gecken des franzöſiſchen Feſtlandes ſehr in Mode—„da Du von Gebet ſprichſt, ſo laß Dir ſagen, je früher Du ein freundliches Mahl damit einleiteſt, deſto ſalbungsreicher und wohltönender wird das Latein in meinen Ohren klingen. Ich bin jetzt ſeit Tagesanbruch unterwegs und fühle mich ermüdet und hungrig.“ * Und wie es ſcheint einzigen Mönchsorden in England. -—4— 277 „Ach, ach!“ jammerte der Abt in kläglichem Tone,„Du weißt nicht, mein Sohn, welche Beſchwerden wir in dieſen Gegenden er⸗ dulden, wie unſere Speiſekammer ſo ſchlecht geſpickt und unſer Mahl ſo gar ärmlich iſt. Geſalzenes Schweinefleiſch—“ „Fleiſch von Beelzebub,“ ſchrie Mallet de Graville entſetzt. „Doch tröſte Dich: meine Maulthiere führen Vorräthe mit ſich— Poulardes und Fiſche und andere nicht zu verachtende Eßwaaren, auch einige Flaſchen Wein, der Gottlob nicht von den Reben dieſes Landes herſtammt; Du brauchſt alſo blos Deine Köͤche zu unterrichten, wie ſie das Mahl würzen ſollen.“ „Ich habe ja keinen Koch, auf den ich mich verlaſſen könnte,“ klagte der Abt;„denn vom Kochen verſtehen ſie hier zu Lande gerade ſo viel, wie vom Latein. Gleichwohl will ich ſelber gehen und mein Beſtes bei den Schmorpfannen verſuchen; mittlerweile ſollſt Du we⸗ nigſtens Ruhe und ein erfriſchendes Bad haben, denn die Sachſen ſind ſogar in ihren Klöſtern ein reinlicher Volksſtamm und haben das Ba⸗ den von den Dänen gelernt.“ „Das habe ich bemerkt,“ beſtätigte der Ritter;„ſelbſt in dem kleinſten Hauſe, worin ich auf meinem Herwege von London über⸗ nachtete, hat mir der Wirth mit aller Höflichkeit ein Bad und die Hausfrau wohlriechendes Linnenzeug angeboten. Auch muß ich ge⸗ ſtehen, daß die armen Leute, trotz ihres ungeſchlachten Haſſes gegen den Ausländer, dennoch freundlich und gaſtlich ſind, und ihr ſaftiges reich⸗ liches Mahl wäre gleichfalls nicht zu verachten, wenn es nur, wie Du ſagteſt, durch die Kunſt der Zubereitung beſſer unterſtützt würde. Darum, mein Vater, will ich mit der angebotenen Abwaſchung die Zeit ausfüllen, bis die Poulardes geröſtet und die Fiſche geſchmort oder gebraten ſind; ich werde einige Stunden bei Dir verziehen, denn ich habe Dich über Vieles auszufragen.“ Der Abt führte ſofort den Sire de Graville an der Hand nach der Ehrenzelle des Gaſtes, und nachdem er ſich überzeugt, daß das zubereitete Bad hinreichend warm war(denn Normannen wie Sach⸗ 278 ſen, ſo abgehärtet ſie uns auch von Weitem erſcheinen, ſcheuten ſich doch dermaßen vor der Berührung kalten Waſſers, daß ein hartes Bett und ein Bad von natürlicher Temperatur zuweilen als Strafe auferlegt wurden), machte ſich der gute Vater daran, die Saumroſſe zu unterſuchen, und den armen, verwirrten Laienbruder, der das Amt des Koches verwaltete, und da er weder normänniſch noch lateiniſch verſtand, von den rhetoriſchen Ermahnungen ſeines Superiors unter zehn Worten kaum eines verſtand, ſo gut er konnte zu unterrichten. Mallets Knappe verfügte ſich mit einem neuen Anzug und aller⸗ lei Schachteln mit Saifen, Wohlgerüchen und Salben zu ſeinem Ritter, denn ein Normanne von Geburt hielt viel auf ſeinen Körper und war ſchon von Jugend auf an deſſen ſorgfältige Pflege gewöhnt; es dauerte auch faſt eine Stunde, bis der Sire de Graville ſorgfältig raſirt, geſalbt und in einen langen Pelzrock herausgeputzt vor dem in der Zelle des Abtes aufgeſtellten Mahle unter Bücklingen und Seuf⸗ zern ſein Gebet verrichtete. Trotz des ſcharfen Appetits, den der Laie mitgebracht hatte, aßen die beiden Normannen mit vieler Gravität und feinem Anſtand, indem ſie die auf kleinen Spießen ſervirten Biſſen mit ſtummer Kenner⸗ miene zu ſich nahmen, von all den Speiſen faſt nur mit geduldiger Mißbilligung verſuchten, und mehr ſchlürfend als trinkend, mehr koſtend als verſchlingend am Schluſſe jedes Gerichtes die Finger ſorgfältig mit Roſenwaſſer wuſchen und ſie dann anmuthig in der Luft ſchwenkten, um die Feuchtigkeit etwas ausdünſten zu laſſen, ehe ſie die zögernden Tropfen mit ihren Servietten abtrockneten. Jedesmal nach Beendi⸗ gung dieſer Ceremonie tauſchten ſie wehmüthige Blicke und Seufzer, als ob ſie ſich der feinen Manieren ihrer Normandie erinnerten, welche ſie ſogar in dieſer troſtloſen Einöde noch beibehalten hatten. Sobald ihr frugales Mahl zu Ende und Teller, Wein und Diener verſchwun⸗ den waren, nahm erſt das eigentliche Geſpräch ſeinen Anfang. „Waxum kamſt Du nach England?“ fragte der Abt ploͤtzlich. „Mit Euer Ehrwürden Erlaubniß ſo ziemlich aus denſelben Gründen, welche auch Dich hieher geführt haben,“ gab de Graville zur Antwort.„Als nämlich nach dem Tode jenes grauſamen über⸗ muthigen Godwins König Edward ſeinen Harold bat, ihm wieder ei⸗ nige ſeiner theuren normänniſchen Günſtlinge zurückzugeben, da er⸗ ſuchteſt Du den Biſchof William von London, den Zug, welchen Ha⸗ rold, von ſeines armen Königs Flehen gerührt, im Lande zulaſſen würde, begleiten zu dürfen, da Du an der einfachen Koſt und der ſtren⸗ gen Disciplin in dem Kloſter zu Bee keinen ſonderlichen Gefallen fandſt. Der Biſchof gab ſeine Zuſtimmung, und Du durfteſt die Kaputze des Mönches mit der Mitra des Abtes vertauſchen: mit einem Wort— der Ehrgeiz brachte Dich nach England und Ehrgeiz führte auch mich hieher.“ „Hm! und wie? Möge es Dir beſſer als mir in dieſem Schwein⸗ ſtalle ergehen!“ „Du erinnerſt Dich,“ fuhr de Graville fort,„daß Lanſranc der Lombarde ſich für mein damals nicht ſonderlich blühendes Glück inter⸗ eſſirte und daß Lanfrane, als er mit der päpſtlichen Diſpenſation für Graf Williams Heirath mit ſeiner Baſe von Rom zurückkam, der einflußreichſte Rathgeber unſeres Herrn wurde. William und Lanfranc wünſchten Beide unſerem ungebildeten Adel ein Beiſpiel von Gelehr⸗ ſamkeit zu geben, und darum fand mein Bischen Wiſſen Gnade vor ihren Augen. Kurz— ſeit damals habe ich proſperirt und mein Glück gemacht: ich beſitze ſchöne Ländereien an der Seine, frei vom Griffe des Kaufmanns wie des Juden; ich habe ein Kloſter gegründet und einige hundert bretoniſche Räuber erſchlagen. Muß ich da noch ſagen, daß ich in hohen Gunſten ſtehe? Nun geſchah es, daß ein Vetter von mir, Hugo de Magnaville, eine brave Lanze und tüchtiger Freibeuter, ſeinen Bruder durch Zufall bei einem häuslichen Zwiſte ermordete; da er von ſehr zartem Gewiſſen war, ſo bereute er ſeine That und gab ſeine Ländereien an Odo von Bayeux, um für ſeine Perſon nach Jeruſalem aufzubrechen. Dort betete er an dem heiligen Grabe“ (der Ritter bekreuzigte ſich hier)„und fühlte ſich mit einem Male 280 wunderbar erleichtert. Aber auf dem Rückwege traf ihn neues Unheil: er wurde von einem Ungläubigen zum Sklaven gemacht, ſuchte ſich gegen eine ſeiner Frauen par amours galant zu erweiſen, und entkam zuletzt blos dadurch, daß er ſeinen heidniſchen Kerker anzündete. Jetzt iſt er mit Hülfe der Jungfrau nach Rouen zurückgekehrt und hat ſeine eigenen Ländereien von dem ſtolzen Odo als Ritter des Biſchofs zu Lehen genommen. Der Zufall wollte, daß er ſich auf dem Heimweg durch Lycien, noch ehe er in jenes Unglück gerieth, mit einem andern Pilgrime befreundete, der eben wie er ſelbſt von dem heiligen Grabe zurückgekehrt war, ohne ſich jedoch, wie er, von der Laſt ſeines Verbre⸗ chens erleichtert zu fühlen. Dieſer arme Mann lag ſterbend und mit gebrochenem Herzen in der Hütte eines Einſiedlers, wo mein Vetter Obdach gefunden hatte, und als er erſuhr, daß Hugo auf dem Wege nach der Normandie begriffen ſey, ſo gab er ſich als Sweyn, den einſt ſo ſtolzen Earl von England, älteſten Sohn Godwins und Vater des jungen Haco, den unſer Graf noch immer als Geiſel zurückhält— zu erkennen. Er erſuchte Hugo, ſich bei dem Grafen für Hacos ſchleunige Freigebung und Rückkehr zu verwenden, ſalls König Edward ſeine Zu⸗ ſtimmung dazu ertheile, und gab meinem Vetter noch überdieß einen Brief an ſeinen Bruder Harold, welchen Hugo dieſem zuzuſchicken über⸗ nahm. Mein gutes Glück wollte, daß Hugo trotz all' ſeiner ſchweren Prüfungen ein bleiernes Bildniß der Jungfrau unverletzt jam Halſe behielt; die Ungläubigen verſchmähten es, ihm das Blei abzuneh⸗ men, denn ſie ließen ſich wenig träumen, welchen Werth dieſes Metall durch die Heiligkeit des Gegenſtandes erhielt— auf der Rückſeite die⸗ ſes Bildniſſes hatte Hugo den Brief befeſtigt, und brachte ihn auf dieſe Art, wenn auch etwas beſchmutzt und beſchädigt, wohlbehalten nach Rouen. Da er wußte, wie ich bei dem Grafen in Gunſt ſtand, und er ſelbſt trotz ſeiner Pilgerfahrt und Abſolution ſich nicht vor Wil⸗ liams Augen getraute, weil dieſer den Brudermord ſehr ſtreng beurtheilt, ſo bat er mich, die Botſchaft zu übernehmen und um Erlaubniß zu bitten, den Brief nach England ſchicken zu dürfen.“ — 281 „Das iſt eine lange Geſchichte,“ meinte der Abt. „Geduld, mein Vater! ſie iſt nächſtens zu Ende. Nichts konnte meinem Glücke günſtiger kommen. Du mußt nämlich wiſſen, daß Wil⸗ liam über die Dinge in England längſt unruhig und ängſtlich war. Aus den geheimen Berichten des Biſchofs von London konnte er erſehen, daß Edwards Herz ihm, beſonders ſeitdem der Graf Toͤch⸗ ter und Söhne bekommen, ſehr entfremdet worden— Du weißt ja, daß William und Edward ſich in ihrer Jugend das Gelübde der Keuſch⸗ heit gaben“ und daß William ſich von dem ſeinigen abſolviren ließ⸗ während ſich Edward noch immer ſtreng an das Gelöbniß hielt. Nicht lange vor meines Vetters Rückkehr hatte William erfahren, daß Ed⸗ ward ſeinen Verwandten als natürlichen Erben ſeines Thrones aner⸗ kannt hatte. Hiedurch beunruhigt und beleidigt, hatte ich William in meiner Gegenwart ſagen hören: ich wollte, daß unter jenen Bildſäulen von Stahl einige kühle Köpfe und verſtändige Jungen ſich befänden, denen ich meine Intereſſen in England anvertrauen könnte! Und wenn ſich nur ein paſſender Vorwand erſinnen ließe, um an den Earl Ha⸗ rold einen Botſchafter abzuſenden. Ich hatte viel über jene Worte nachgeſonnen und fröhlichen Herzens trat darum Mallet de Graville mit Sweyns Briefe in der Hand vor Lanfrane, den Abt, und ſprach: Vater und Gönner! Du weißt, daß ich faſt der Einzige unter den normänniſchen Rittern die ſächſiſche Sprache ſtudirt habe; wenn der Herzog eines Boten und Vorwandes bedarf— hier ſteht der Bote und in dieſer Hand ruht der Vorwand. Ich erzählte ihm nun meine Ge⸗ ſchichte und Lanfranc ging alsbald zu Herzog William. Die Nachricht vom Tode des Athelings war mittlerweile eingetroffen und die Dinge hatten für meinen Lehensherrn ein heitereres Ausſehen angenommen. Herzog William ließ mich augenblicklich zu ſich berufen und ertheilte mir ſeine Inſtruktionen. So kam ich, von einem einzigen Knappen begleitet, über die See nach London, wo ich erfuhr, daß der König und ſein Hof(mit denen hatte ich jedoch wenig zu ſchaffen) ſich zu * S. die Note zu Robert von Gloueeſter.* 282 Wincheſter befänden, während Harold, der Earl, an der Spitze ſeiner Heere gegen den Löwenkönig Gryffyth nach Wales gezogen ſey. Der Earl hatte durch einen Eilboten eine auserleſene Schaar ſeiner eige⸗ nen Leute auf ſeinen Gütern in der Nähe der Stadt aufbieten laſſen; mit dieſen vereinigte ich mich, und da ich im Kloſter zu Glouceſter Dei⸗ nen Namen nennen hörte, ſo verfügte ich mich hieher, um Dir meine Neuigkeiten zu erzählen und die Deinigen dagegen einzutauſchen.“ „Wollte Gott, theuerſter Bruder,“ ſeufzte der Abt, mit einem neidiſchen Blick auf den Ritter,„daß ich gleich Dir, ſtatt in die Kirche einzutreten, zu den Waffen gegriffen hätte! Wir Beide, arm aber edel geboren, hatten einſt gleiches Loos vor Augen; aber Du biſt jetzt wie der Schwan auf dem Fluſſe, und ich leider wie die Muſchel am Felſen.“ „Ei,“ meinte der Ritter,„die Kanons verbieten den Mönchen freilich, ihre Nebenmenſchen, wenn nicht gerade zur Selbſtvertheidi⸗ gung, auf den Kopf zu ſchlagen; aber Du weißt ja wohl, daß dieſe Kanons, ſelbſt in der Normandie, welche, wie ich behaupten möchte, dieſſeits der Alpen das heilige Collegium aller prieſterlichen Lehre iſt, für die Anwendung als zu ſtreng betrachtet werden, und auf alle Fälle iſt es Dir nicht verboten, im Falle der Noth Schwert oder Streitaxt zur Hand zu nehmen. Wenn ich mich deßhalb der vergangenen Zeiten erinnerte, ſo war ich nur wenig darauf gefaßt, Dich wie einen Faul⸗ lenzer in ſeiner Zelle zu finden; ich dachte, Du hätteſt die Kanons vergeſſen, hätteſt den Panzer umgeſchnallt und hälfeſt dem ſtattlichen Harold jene unruhigen Wäliſchen zuſammenhauen und niederwerfen.“ „Wehe mir! wehe mir; mir ſoll es nicht ſo gut werden!“ klagte der hochgewachſene Abt.„Trotz Deines früheren Aufenthalts in Lon⸗ don und Deiner Kenntniß ihrer Sprache ſcheinſt Du dieſe unmanier⸗ lichen Sachſen nur wenig zu kennen. Da reitet der Abt und Prälat nur ſelten zur Schlacht* und hätte ich hier nicht einen rieſigen däni⸗ * Den ſächſiſchen Prieſtern war das Waffentragen ſtreng verboten.— Spelm. Concil. S. 238. In den engliſchen Chroniken wird als eines höchſt 7 283 ſchen Moͤnch, der ſich hieher flüchtete, um wegen begangenen Raubs der Verſtümmlung zu entgehen, einen Kerl, der noch die heilige Jung⸗ frau für eine Walkyre, St. Peter aber für Thor hält— hätte ich, wie geſagt, nicht dieſen Dänen, mit dem ich zuweilen einen Schwertkampf verſuche, ſo käme mein Arm wohl ganz außer Uebung.“ „Tröſte Dich, alter Freund,“ ſagte der Ritter mitleidig;„beſſere Zeiten können noch kommen. Unterdeſſen laß uns zu Geſchäften über⸗ gehen. Alles, was ich höre, beſtätigt die Nachricht, welche William ſchon früher empfangen, daß Harold, der Earl, der erſte Mann in England iſt.— Iſts nicht ſo?“ „Allerdings und ohne Widerrede.“ „Iſt er verheirathet oder Junggeſelle?— das iſt eine Frage, die ſogar ſeine eigenen Leute nur zweideutig zu beantworten ſcheinen.“ „Hm, alle wandernden Minſtrels haben ihre Lieder über die Schönheit der Editha pulchra, zu welcher der Earl in dem Verhält⸗ niß eines Verlobten, wenn nicht gar in einem ſchlimmeren ſteht— ſo wenigſtens habe ich von denen erfahren, welche dieſe arme barbariſche Sprache verſtehen. Verheirathet iſt er jedenfalls nicht, denn die Dame iſt im verbotenen Grade mit ihm verwandt.“ „Alſo nicht verheirathet— das iſt gut. Und dieſer Algar oder Elgar iſt, wie ich höre, gegenwärtig nicht bei den Wäliſchen?“ „Nein; ſchwer erkrankt an Wunden und Gram liegt er zu Cheſter. Er merkt, daß ſeine Sache verloren iſt; die norwegiſche Flotte wurde durch die Schiffe des Earls gleich Vögeln im Sturme zerſtreut; die rebelliſchen Sachſen, welche unter Algar zu Gryffyth geſtoßen, wur⸗ den ſo entſcheidend aufs Haupt geſchlagen, daß die Ueberlebenden ihren Häuptling verließen, und Gryffyth ſelbſt iſt in ſeine letzten Engpäſſe eingepfercht und kann nicht länger dieſem wackeren Feinde widerſtehen, ungewöhnlichen Umſtandes erwähnt, daß ein Biſchof von Hereford, früher Harolds Kaplan, Schild und Schwert gegen die Wäliſchen ergriff. Der tapfere Prälat wurde aber zu allem Unglück ſo frühzeitig erſchlagen, daß ſein Bei⸗ ſpiel nicht ſehr ermunternd wirkte. der, beim tapferen St. Michael! in der That ein großer Heerführer iſt. Sobald ſie Gryffyth unterjocht haben, wird Algar, wie eine auf⸗ geſchwollene Spinne in ihrem Netze in ſeinem Verſtecke eingefangen, und dann wird England Ruhe haben, wenn ihm nicht unſer Lehens⸗ herr, wie Du oben angedeutet, eine neue Nuß zu knacken gibt.“ „Daraus hätte ich alſo zu entnehmen,“ fuhr der normänniſche Ritter nach längerem Nachſinnen fort,„daß hier zu Lande Niemand— nicht einmal ſein Bruder Toſtig, dieſem Harold gleichkommt.“ „Toſtig gewiß nicht, denn der wird nur durch Harolds Ruf in ſeiner Grafſchaft aufrecht erhalten. In letzter Zeit hat er allerdings Vieles gethan, um ſich die Achtung ſeiner ſtolzen Northumbrier zu er⸗ werben, wenn er auch ihre Liebe nicht wieder gewinnen kann, denn er iſt tapfer und geſchickt im Kriege und hat dem Earl bei dieſem Einfalle in Wales zu Land und zur See wacker geholfen. Aber Toſtig leuchtet blos durch ſeines Bruders Licht und Gurth wäre der Einzige, der mit Harold in die Schranken treten könnte, wenn er überhaupt ehrgeiziger Natur wäre.“ Durch dieſe Nachrichten des Abtes, der trotz ſeiner Unbekannt⸗ ſchaft mit der ſächſichen Sprache gleich all' ſeinen Landsleuten neu⸗ gierig und ſcharfblickend war, höchlich befriedigt, erhob ſich der Nor⸗ manne, um Abſchied zu nehmen. Der Abt hielt ihn noch eine Weile zurück, um ihn in leiſem Tone und mit pfiffigem Lächeln zu fragen: „Was meinſt Du— wie ſtehen die Ausſichten unſeres William auf England?“. „Gut, wenn er ſeine Zuflucht zur Liſt nimmt— ſicher aber, wenn er Harold zu gewinnen vermag.“ „Ja, aber darauf magſt Du Dich verlaſſen— die Engländer lieben die Normannen nicht und werden ſtandhaft kämpfen.“ „ Das glaube ich. Wenns aber zum Kampfe kommen muß, ſo wird die Sache in einer einzigen Schlacht entſchieden, denn es ſind weder Feſtungen noch Gebirge vorhanden, um einen längeren Krieg zu geſtatten. Und ſiehſt Du, mein Freund, hier iſt Alles abgenützt! — nn 285 Die königliche Linie erliſcht mit Edward bis auf ein Kind, das Nie⸗ mand hier zu Lande als Nachfolger nennt; der alte Adel iſt dahin und keine Ehrfurcht für alte Namen vorhanden; die Kirche ebenſo herab gekommen an Geiſt, wie Dein elendes Kloſter an Solidität; die Kriegs⸗ luſt der Sachſen durch die Unterjochung unter einen unwiſſenden furcht⸗ ſamen Klerus halb ausgerottet; der Durſt nach Gold verzehrt alle ihre Mannheit; das Volk wurde unter den Dänen an ausländiſche Monar⸗ chen gewöhnt, und iſt William einmal Sieger, ſo braucht er nichts als die Aufrechthaltung der alten Geſetze und Freiheiten zu verſprechen, um ſich ebenſo ſicher wie Canut auf dem Throne feſtzuſetzen. Die Anglodänen werden ihm vielleicht zu ſchaffen machen; aber die Rebel⸗ lion würde nur zur Waffe in den Händen eines Staatsmannes wie William; er würde das ganze Land mit Schlöſſern und Veſten über⸗ ſäen und wie ein Feldlager eingeſchloſſen halten. Und ſo, mein armer Freund, können wir noch erleben, daß wir uns gegenſeitig gratuliren — Du als Prälat eines ſchönen engliſchen Biſchofsſitzes, und ich als Baron ausgebreiteter engliſcher Ländereien.“ „Ich denke, Du haſt Recht,“ rief der hochgewachſene Abt in fröhlichem Tone,„und wahrlich, wenn der Tag kommt, ſo will ich wenigſtens für den Herzog fechten.— Ja, Du haſt Recht,“ fuhr er fort, die verfallenen Wände der Zelle ringsum betrachtend,„Niemand vermag das Reich wieder auf die Beine zu bringen, als der Normanne William oder—“ „Oder wer?“ „Der Sachſe Harold. Doch Du wirſt ihn ſelber ſehen und dar⸗ nach beurtheilen.“ „Das will ich und mit aller Aufmerkſamkeit,“ verſicherte der Sire de Graville, indem er ſeinen Freund umarmte und ſeine Reiſ von Neuem antrat. Vierunddreißigſtes Kapitel. Meſſire Mallet de Graville beſaß im höchſten Grade jene Liſt und Schlauheit, welche die Normannen wie überhaupt alle alten Piraten⸗ ſtämme des baltiſchen Meeres charakteriſirte, und wenn der Leſer zu⸗ fällig mit den ſchlanken Männern von Ebor oder Yorkſhire zu thun hat, ſo wird er noch heutiges Tags— vielleicht auf ſeine eigene Ko⸗ ſten— den Witz der alten däniſchen Vorväter an ihnen erkennen, be⸗ ſonders wenn er um jene Thiere handelt, welche die Vorfahren ſpeis⸗ ten und welche die Söhne, ohne ſie zu eſſen, noch immer mäſten. Aber wiewohl der ſchlaue Ritter während ſeiner Reiſe von Lon⸗ don nach Wales Alles aufbot, um aus Serwolf diejenigen Einzelhei⸗ ten über Harold und ſeine Brüder, für die er ſich beſonders intereſ⸗ ſirte, herauszubringen, ſo fand er doch die eigenſinnige Pfiffigkeit oder Vorſicht des Sachſen ſeiner eigenen mehr als gewachſen. Sexwolf be⸗ ſaß nämlich in Allem, was ſeinen Herrn betraf, einen wahren Hunde⸗ inſtinkt und fühlte, faſt ohne zu wiſſen warum, daß der Normanne mit all den ſorglos geäußerten Kreuzfragen eine geheime Abſicht auf Harold bemäntle; auch kontraſtirte ſein ſtarres Schweigen oder bar⸗ ſches Erwiedern, ſo oft Harolds erwähnt wurde, nicht wenig mit der Rückhaltloſigkeit ſeiner Unterhaltung, wenn von allgemeinen Gegen⸗ ſtänden des Tages oder von der Eigenthümlichkeit ſächſiſcher Sitten die Rede war. So zog ſich der Ritter, ärgerlich und getäuſcht, allmälig auf ſich ſelbſt zurück, und da er ſah, daß aus dem Sachſen kein weiterer Nutzen zu ziehen war, ſo ließ er ſeine nationelle Verachtung vor gemeiner Genoſſenſchaft an die Stelle der erkünſtelten Höflichkeit treten. Deß⸗ halb ritt er allein den Uebrigen voran, indem er mit einem Soldaten⸗ auge das Charakteriſtiſche des Landes beobachtete und mit innerer Freude den gänzlichen Mangel an Vertheidigungswehren bemerkte, welche ſogar in den Marſchen das engliſche Gebiet vor dem eymriſchen Verheerer“ ſchützen mochten. * S. Note H. 287 Unter ſolcherlei Gedanken, welche gegen das Land, das er be⸗ ſuchte, nicht ſonderlich freundlich geſtimmt waren, erreichte er am zweiten Tage nach ſeiner Einkehr beim Abte die wilden Engpäſſe von Nordwales. Dort machte der Ritter in einer engen, von wilden, troſt⸗ loſen Felſen überhangenen Schlucht einen längeren Halt, indem er vor⸗ ſichtig ſeine Knappen herbeirief, den Ringpanzer umſchnallte und ſei⸗ nen großen Deſtrier(Schlachtrenner) beſtieg. „Du thuſt Unrecht, Normanne,“ bemerkte Serwolf;„Du er⸗ müdeſt Dich umſonſt— ſchwere Waffen ſind hier nutzlos. Ich habe früher in dieſer Gegend gefochten, und was Dein Roß betrifft, ſo wirſt Du es bald verlaſſen und zu Fuß gehen müſſen.“ „Wiſſe, Freund,“ entgegnete der Ritter,„daß ich nicht hidher ge⸗ kommen bin, um das ABC des Krieges zu erlernen, und wiſſe ferner, daß ein edler Normanne weit eher ſein Leben als ſein gutes Streitroß aufgibt.“ „Ihr Ausländer und Franzoſen liebt große prahleriſche Worte,“ verſetzte Serwolf, indem ſeine weißen Zähne aus dem Walde von Haaren hervorſchimmerten;„und meiner Treu! Dein Magen darf noch ganz voll davon ſeyn, denn wir ziehen noch immer in Harolds Fußſtapfen und dieſer läßt nie einen Feind hinter ſich: Du biſt hier ſo ſicher, als ob Du in einem Kloſter Pſalmen ſängeſt.“ „Deine Späſſe kannſt Du Dir erſparen, höflicher Sir,“ trotzte der Normanne;„nur erſuche ich Dich, mich nicht einen Franzmann* * Normannen und Franken verabſcheuten ſich gegenſeitig und es war der Erſtere, der dem Sachſen ſeine eigene Animoſität gegen den Franzmann bei⸗ brachte. De la Rue, ein ſehr gelehrter Alterthumsforſcher, behauptete, die Stickereien zu Bayeux könnten unmöglich von Mathildens Händen oder aus ihrer Zeit herſtammen, da die Normänner darin Franzoſen genannt wer⸗ den: hierin begeht er jedoch einen gewaltigen Schnitzer, denn bei William ſelbſt heißen die Normannen in den Freibriefen Franci; Wace in ſeinem Roman de Rou nennt ſie öfters Franzmänner und Wilhelm von Poitiers, ein Zeit⸗ genoſſe des Eroberers, gibt ihnen in einer Stelle den nämlichen Namen. Doch läßt ſich nicht läugnen, daß die Normannen in der Regel an ihrer Unter⸗ 4. zu nennen, was ich nur Deiner Unkenntniß alles kriegeriſchen Anſtan⸗ des und nicht einer beleidigenden Abſicht zuſchreibe. Wenn gleich meine Mutter eine Franzöſin war, ſo magſt Du dennoch erfahren, daß der Normanne einen Franken kaum weniger als einen Juden verachtet.“ „Bitt' um Verzeihung,“ ſpottete der Sachſe;„ich meinte, Ihr Ausländer ſeyd alle vom ſelben Leiſten und von ein und der nämlichen Sippſchaft.“ „Du wirſt es nächſtens beſſer erfahren. Nur weiter, Meiſter Sexwolf.“. Die Schlucht öffnete ſich allmälig auf ein weites, zerriſſenes und baumloſes Haideland, und Sexwolf ritt zu dem Fremden, um ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Stein zu lenken, worauf die Worte:„Hic victor fuit Haroldus“ Chier war Harold Sieger) geſchrieben ſtanden. „Im Angeſichte eines ſolchen Steines wagt wohl kein Wäliſcher ſich zu nahen,“ bemerkte der Sachſe. „Eine einfache, klaſſiſche und vielſagende Trophäe,“ verſetzte der Normanne gnädig.„Ich ſehe mit Freuden, daß Dein Gebieter latei⸗ niſch verſteht.“ 4 „Ich ſage nicht, daß er Latein kann,“ erwiederte der vorſichtige Sachſe, aus Furcht, ſolches möchte nicht zu Gunſten ſeines Herrn reden— eine Vorſicht, welche den Normannen nicht wenig ergötzte. „Reitet in Gottes Namen weiter, ſo lange der Weg es zuläßt.“ An der Gränze von Cärnarvonſhire machte der Trupp bei einem Döoͤrſchen Halt, das erſt neulich mit einem tiefen von Palliſaden ſtrotzenden Graben umgeben worden, in deſſen Umfaſſung allerlei Kriegsvolk, die einen aufs Gras geſtreckt, die andern mit Würfeln oder Trinken beſchäftigt, zu ſehen war; ihre Lederkoller wie die in der Mitte flatternde Fahne mit den Tigerköpfen von Harolds Wappen gaben ſie deutlich als Sachſen zu erkennen. 3 ſcheidung von den tapferen aber feindſeligen Nachbarn ſehr hartnäckig feſt⸗ hielten. 289 „Hier werden wir erfahren, was der Earl vorhat, und hier endet für jetzt meine Reiſe,“ bemerkte Serwolf. „So iſt dieſes das Hauptquartier des Earls?— Kein Schloß, nicht einmal von Holz— nirgends eine Mauer, nichts als Graben und Palliſaden?“ fragte Mallet de Graville in einem Tone, der zwi⸗ ſchen Ueberraſchung und Verachtung ſchwankte. „Das Schloß iſt da, Herr Normanne, nur kannſt Du's nicht ſehen, und ſo auch die Mauern,“ erwiederte Serwolf.„Das Schloß iſt Harolds Name, welchem kein Wäliſcher die Stirne zu bieten ver⸗ mag; die Mauern ſind die Haufen von Erſchlagenen, welche rings in den Thälern zerſtreut liegen.“ Mit dieſen Worten ſtieß er ins Horn, welcher Ruf alsbald beant⸗ wortet wurde, worauf er auf einer Planke über den Graben voranritt. „Nicht einmal eine Zugbrücke!“ ſeufzte der Ritter. „Der Carl iſt mit ſeinen Leuten in die Bergregionen des Snow⸗ don gerückt,“ meldete Serwolf, ſobald er mit einem Manne, wel⸗ cher der Befehlshaber der kleinen Beſatzung zu ſeyn ſchien, einige Worte gewechſelt hatte,„und dort, heißt es, iſt der blutgierige Gryf⸗ fyth endlich zu Paaren getrieben worden. Harold hat Befehle hinter⸗ laſſen, daß ich und meine Leute nach kürzeſt möglicher Erholung unter Leitung des zurückgebliebenen Führers zu Fuß zu ihm ſtoßen ſoll. Jetzt kann die Gefahr beginnen, denn wenn auch Gryffyth ſelbſt auf ſeinen Hö⸗ hen eingeſchloſſen wurde, ſo iſt es immerhin möglich, daß einige ſeiner Freunde in dieſen Gegenden hinter Fels und Berghang über uns herein⸗ brechen. Zu Pferd iſt der Weg ungangbar und drum, da unſer Streit wie unſer Herr nicht der Deine iſt, Meiſter Normanne, ſo empfehle ich Dir, hier bei den Kranken und Gefangenen in Frieden und Sicherheit Halt zu machen.“ „Eine luſtige Geſellſchaft— das muß ich ſagen,“ meinte der Nor⸗ manne;„doch man reist um zu lernen, und ich möchte gerne etwas von eurem unhöflichen Scharmuzieren gegen dieſe Bergvölker mitanſehen; da ich übrigens fürchte, daß meine armen Maulthiere nur noch wenig Bulwer, Harold. 19 290 Proviant bei ſich tragen, ſo gib mir zuerſt zu eſſen und zu trinken, und dann, wenn wir des Feindes anſichtig werden, ſollſt Du ſehen, ob ei⸗ nes Normanns große Worte die Sauce kleiner Thaten bilden.“ „Wohlgeſprochen— beſſer, als ich mir einbildete,“ verſicherte Serwolf in herzlichem Tone. De Graville ſtieg ab, und während er im Dorfe umherſchlenderte, begrüßten die neuen Ankömmlinge ihre zurückgebliebenen Landsleute. Das Ganze bot ſelbſt für ein Kriegerauge einen traurigen Anblick. Hier und dort Trümmer oder Haufen von Aſche— durchlöcherte und niedergebrannte Häuſer— die kleine ärmliche Kirche, zwar unberührt vom Kriege, aber einſam und troſtlos ausſehend, während auf den großen friſchen Grabhügeln der braven Krieger, welche in dem ver⸗ theidigten Boden ihrer Vorfahren ſchlummerten, einzelne zerſtreute Schafe umhergrasten. Die Luft war mit den würzigen Düften der Sumpfmyrthe ge⸗ ſchwängert, und die wilde Einöde, welche das Dorf umgab, war reich an ernſter Schönheit, wofür der von Haus aus poetiſche und durch ſeine Erziehung gebildete Normanne nicht unempfänglich war. Er ſetzte ſich ſeitwärts von all den kriegeriſchen murmelnden Gruppen auf einem rohen Stein nieder und betrachtete die düſteren rieſigen Bergſpitzen und das zwiſchen den Häuſern ſich durchwindende Flüß⸗ chen, das ſich zwiſchen dichten Eſchengehölzen verlor. Aus dieſen Betrachtungen gebildeterer Zuſtände wurde er durch Sexwolf aufgeweckt, der mit größerer Höflichkeit, als man ſonſt an ihm gewohnt war, die Leibeigenen begleitete, welche dem Ritter ein aus kleinen Stücken geſottenen Ziegenfleiſches nebſt Käs und einem großen Horne höchſt mittelmäßigen Meths beſtehendes Mahl über⸗ brachten. „Der Carl ſetzt all ſeine Leute auf wäliſche Diät,“ entſchuldigte ſich der Anführer;„in der That iſt bei dieſer langwierigen Kriegfüh⸗ rung auch gar nichts anderes zu haben.“ 291 Der Ritter inſpizirte neugierig den Käs und beugte ſich aufmerk⸗ ſam über den Ziegenbraten. „Das genügt, guter Serwolf,“ erwiederte er, einen ſehr natür⸗ lichen Seufzer unterdrückend.„Doch ſtatt dieſes Honigtrankes, der eher für Bienen als für Menſchen taugt, reicht mir lieber einen Trunk fri⸗ ſchen Waſſers, denn dieſes iſt Euer einziges ſicheres Getränke vor dem Kampfe.“ „So haſt Du niemals Ale getrunken?“ rief der Sachſe;„Deine ausländiſchen Gewohnheiten ſollen jedoch beachtet werden, ſonderbarer Mann.“ Der Mittag war noch nicht lange vorüber, als die Hörner erklan⸗ gen und die Truppen ſich zum Aufbruch anſchickten. Der Normanne bemerkte, daß die Sachſen ihre Pferde ſämmtlich zurückgelaſſen hatten und ſein Knappe überbrachte ihm die Meldung, Serwolf habe aufs Beſtimmteſte verboten, des Ritters Streitroß nachzuführen. „Hat man je zuvor gehört,“ rief Sire Mallet de Graville,„daß man einem normänniſchen Ritter zumuthete, zu Fuß gegen einen Feind auszumarſchiren! Der Schurke— wollte ſagen, der Anführer— ſoll zu mir kommen.“ Da aber näherte ſich Serwolf ſelber und de Graville begann ihm ſeine unwilligen Vorſtellungen vorzutragen. Der Sachſe blieb jedoch ſtandhaft und erwiederte immer nur ſein einfaches:„So lauten des Earls Befehle,“ bis er endlich mit der barſchen Antwort dreinfuhr: „Gehe oder bleib allein: raſte hier mit Deinem Roſſe oder mar⸗ ſchire mit uns auf Deinen eigenen Füßen.“ „Mein Roß iſt ein Edelmann und wäre für mich als ſolcher ein paſſenderer Gefährte,“ gab der Ritter zur Antwort.„So aber weiche ich dem Zwange— ich bitte Dich ernſtlich zu bemerken— dem Zwange, damit man nie von William Mallet de Graville ſagen möge, er ſey bon gré zu Fuß in die Schlacht gegangen.“ Mit dieſen Worten lockerte er ſein Schwert in der Scheide und 19* 292 ging mit den Uebrigen weiter, den feſt anſchließenden Ringpanzer noch immer anbehaltend. Ein wäliſcher Führer zeigte den Weg; er war der Unterthan ei⸗ nes der Unterkönige, der gegen England tributpflichtig und wie viele dieſer kleinen Häuptlinge gegen Gryffyths Rivalſtantm mit einer rach⸗ gierigen Eiferſucht, noch tiefer ſogar als ſein Widerwille gegen die Sachſen, beſeelt war. Die Straße wand ſich eine Zeit lang an dem Conwayftuſſe aufwärts, während Penmän⸗mawr vor ihren Augen ſchimmerte. Kein menſchliches Weſen kam ihnen zu Geſicht; nicht eine Ziege war auf den fernen Bergrücken, nicht einmal ein Schaf auf den Waiden zu gewahren und „die Einöde machte unter dem Glanze der heißen Auguſtſonne einen tiefen Eindruck. Sie kamen zwar an etlichen Häuſern vorüber— wenn man rohe Steinhaufen mit einem einzigen Zimmer überhaupt ein Haus nennen kann— aber ſie waren verlaſſen. Verödung bezeichnete ihren Weg; denn ſie folgten der Spur Harolds des Siegers. Endlich kamen ſie durch das alte Conovium, jetzt Cär⸗hen genannt, tief unten in der Nähe des Fluſſes liegend. Noch waren die mächti⸗ gen römiſchen Ruinen deutlicher als jetzt nach Jahrhunderten der Ver⸗ heerung zu unterſcheiden— zertrümmerte Rieſenmauern, ein halb eingefallener Thurm, ſichtbare Ueberbleibſel gigantiſcher Bäder und, neben der jetzigen Fähre von Tal⸗y⸗Cafn ſtolz ſich erhebend, die faſt ganz unverſtümmelte Veſte Caſtell⸗y⸗Bryn. Auf dem Schloſſe wehte Harolds Fahne; viele große flachgebaute Boote ankerten im Fluſſe, und der ganze Platz ſtarrte von Speeren und Wurſſpießen. Mallet de Graville hatte zwar keinen Augenblick gemurrt, und wäre lieber als Märtyrer geſtorben, als daß er ſeinen Panzer zurück⸗ gelaſſen hätte, war aber dennoch durch das Gewicht ſeiner Stahlrüſtung hochlich ermüdet und eilte in der Hoffnung, Harold ſelber zu ſehen, mit krampfhafter Lebhaftigkeit einer Gruppe entgegen, in welcher er auf den erſten Blick ſeinen alten Bekannten Godrith entdeckte. ch „Das nenne ich Glück, ventre de Guillaume!“ rief er, ſeinen Helm mit dem langen Naſenſtücke abnehmend und die Hand des Thans er⸗ greifend;„das nenne ich Glück, mein herablaſſender Godree! Du er⸗ innerſt Dich Mallet de Graville's, und ſiehſt dieſen ſchwer leidenden Mann in ſo unſcheinbarer Verkleidung zu Fuß und von Schufſten um⸗ geben, ſchwitzend unter den Augen des plebejiſchen Phöbus!“ „Willkommen,“ erwiederte Godrith, nicht ohne Verlegenheit; „wie kamſt Du aber hieher? Wen ſuchſt Du hier?“ „Deinen Grafen Harold, Mann— ich hofee, er iſt hier.“ „O nein, aber wenigſtens nicht ſerne— in einem Orte an der Mündung des ſogenannten Caer Gyffinsfluſſes“. Du mußt ein Boot nehmen und wirſt dann vor Sonnenuntergang daſelbſt eintreffen.“ „Steht eine Schlacht bevor? Jener Schlingel hat mich ſchmäh⸗ lich getäuſcht und mir Gefahr verheißen, während wir keiner Seele begegneten.“ „Das macht, Harolds Beſen pflegt rein aufzufegen,“ gab Godrith lächelnd zur Antwort.„Du wirſt vielleicht gerade recht kommen, um Gryffyths Ende zu erleben. Wir haben den wäliſchen Löwen zu Paaren getrieben— er muß entweder uns oder der grimmigen Hungersnoth unterliegen. Blicke dorthin,“(indem Godrith auf die Höhen von Penmän⸗mawr deutete)„ſogar auf dieſe Entfernung kannſt Du etwas 1 Graues und Düſteres am Horizonte unterſcheiden.“ „Hältſt Du mein Auge für ſo unerfahren im Belagerungskriege, daß ich die Thürme nicht unterſcheiden könnte? So hoch und maſſiv ſie auch ſeyn mögen, ſcheinen ſie doch von hier aus luftig gleich Maſten und zwerghaft wie Gränzſteine.“ „Auf jenem Gipfel und in jenen Thürmen haust Gryffyth, der wäliſche König, mit dem Reſte ſeiner Streitmacht. Er kann uns nicht entrinnen: unſere Schiffe bewachen alle Buchten des Ufers, unſere Truppen haben, wie Du es hier ſiehſt, jeden Engpaß umringt; Spione halten Tag und Nacht Wehe die wäliſchen Moels oder Feuerbecken Was jetzt Schloß und Stadt Conway bildet. 294 ſind mit unſern Wärtern bemannt und wollte der wäliſche Koͤnig herab⸗ kommen, ſo würden die Feuerzeichen von Poſten zu Poſten fliegen, und ihn mit Schwert und Flammen umgürten. Von Land zu Land, von Hügel zu Hügel, von Hereford bis Caerleon, von Caerleon nach Milford, von Milford auf den Snowdon und über dieſen bis zu jener Veſte, die, wie es heißt, von Teufeln oder Rieſen erbaut wurde— durch Engpaß und Wald, über Fels und Moraſt ſind wir ſeinen Ferſen gefolgt. Kampf und Hunger haben ihm gleichermaßen das Blut aus dem Herzen geſaugt und Du wirſt noch unterwegs die rothen Tropfen geſehen haben, wo die Markſteine von Harolds Siegen erzählen.“ „Iſt alſo ein tapferer Mann und ächter König— dieſer Gryffyth,“ meinte der Normanne nicht ohne Bewunderung;„aber,“ fuhr er in kühlerem Tone fort,„ſo ſehr ich meiner Seits den unterlegenen Tap⸗ fern bedaure, ſo muß ich doch geſtehen, daß ich den ſiegreichen Helden noch mehr verehre und obſchon ich ſeither von dieſem rauhen Lande nur wenig geſehen habe, ſo kann ich aus dieſem Wenigen doch ſo viel beurtheilen, daß nur ein Heerführer von unermüdeter Geduld und voll⸗ endeter Geſchicklichkeit einen kühnen Feind in dieſem Lande⸗ wo jeder Fels zur Veſte wird, überwinden konnte.“ „Daſſelbe, fürchte ich, muß auch Dein Landsmann Rolf gefunden haben, denn die Wäliſchen ſchlugen ihn unaufhörlich und der Grund war ganz einfach,“ erklärte Godrith.„Er beſtand nämlich darauf, zu Pferd zu kämpfen, wo man gar keine Pferde gebrauchen konnte, und ſeine Leute in voller Waffenrüſtung gegen ſeine leichten Gegner fechten zu laſſen, welche flink wie die Schwalben bald über die Erde ſtreichen, bald in den Wolken ſich verlieren. Da war unſer Harold klüger: er verwandelte uns Sachſen in Wäliſche, welche flogen, wie ſie flogen und kletterten, wo ſie kletterten, ſo daß wir eigentlich einen wahren Vögel⸗ krieg geführt und jetzt nur noch den Adler in ſeinem letzten einſamen Neſte vor uns haben.“ 3 „Die Schlachten haben Deine Beredtſamkeit ſehr gebeſſert— — Meſſire Godree,“ bemerkte der Normanne in herablaſſendem Tone. „Gleichwohl ſollte ich meinen, einige Leichtberittene—“ „Könnten jenen Gebirgskamm erklimmen?“ ergänzte Godrith lachend und abermals auf Penmän⸗mawr hindeutend. Der Normann folgte ſeinem Blicke und ſchwieg, indem er bei ſich ſelber dachte: „Dieſer Serwolf war im Ganzen doch kein ſo arger Tölpel!“ Siebentes Zuch. Der wälſche König. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Die Sonne hatte eben ihre letzten Strahlen über die breite Waſ⸗ ſerbucht ergoſſen, in welche der Conway oder beſſer Cyn⸗wy— der große Fluß— ſein gewundenes Becken ausmündet. Damals beſtand noch nicht das unvergleichliche Schloß, das heutzutage, ein Denkmal Edwards Plantagenets, den Ruhm von Wales ausmacht; doch beſaß jener Punkt neben der Schönheit, welche er von der Natur ererbt, ſchon zu jener Zeit einigen Anſpruch auf antike Kunſt, denn aus den Trüm⸗ mern eines größeren römiſchen Kaſtells“ hob ſich über dem Gryffin⸗ ſtrome eine rohe Veſte, von weitläufigen Ruinen einer früheren Stadt umgeben, während der Veſte gegenüber auf dem rieſengroßen zerriſſe⸗ nen Vorgebirge Gogarth die Trümmer der vor Jahrhunderten durch den Blitz zerſtörten Kaiſerſtadt noch immer grau und einſam zu ſehen waren. All' dieſe Ueberbleibſel von Pracht und Gewalt, welche Rom ſo * S. Camdens Britannia„Caernarvonshire“. 296 vergeblich den Bretonen vermacht hatte, boten noch immer ein feierliches pathetiſches Intereſſe, wenn man bedachte, daß auf jener ſteilen Höhe der tapfere Prinz eines Heldengeſchlechtes, deſſen Alter alle übrigen Königs⸗ häuſer des Nordens um Jahrhunderte überſtieg, unter den Ruinen von Menſchenhänden und in der Veſte, welche die Natur noch immer ge⸗ währte, die Stunde des Gerichtes erwartete. Das waren jedoch nicht die Empfindungen des kriegeriſchen ſcharf⸗ beobachtenden Normannen, welchem das friſche Blut eines neuen Er⸗ oberergeſchlechtes in den Adern ſprudelte. „In dieſem Lande noch mehr als in dem der Sachſen überwiegen die Ruinen von Alters her,“ dachte er,„und wenn die Gegenwart nicht im Stande iſt, die Vergangenheit aufrecht zu erhalten oder zu verbeſ⸗ ſern, ſo kann die Zukunft blos Unterjochung oder Verzweiflung bringen.“ Dem eigenthümlichen Gebrauch der Sachſen gemäß, wornach die ganze Stärke der Kriegführung in Wall und Gräben vielleicht als den wohlfeilſten und am leichteſten herzuſtellenden Außenwerken beſtanden zu haben ſcheint, war ein neuer Graben um das Fort gezogen worden, der es auf zwei Seiten umgab und auf der dritten und vierten mit den Strömen Gyffin und Conway in Verbindung ſetzte. Das Boot wurde bis dicht vor den Wall gerudert; der Normanne ſprang ans Land und wurde alsbald vor den Earl geführt. Harold ſaß vor einem einfachen Tiſche, über eine rohe Karte des großen Penmängebirges gebeugt; eine eiſerne Lampe ſtand neben der Karte, obwohl es noch ziemlich hell war. Der Carl erhob ſich, als de Graville mit der ſeinen Landsleuten eigenthümlichen ſtolzen aber leich⸗ ten Grazie eintrat und ihn mit ſeinem beſten Sächſiſch anredete. „Heil dem Earl Harold!“ rief er;„William Mallet de Graville grüßt ihn und bringt ihm Nachrichten von jenſeits des Meeres.“ Es ſtand blos ein Stuhl in dem leeren Zimmer— derſelbe, von welchem der Earl ſich erhoben hatte. Er ſtellte ihn mit ungekünſtelter Höflichkeit vor ſeinen Gaſt und erwiederte in normänniſcher Sprache, die ihm vollkommen gelaͤufig war, indem er ſich an den Tiſch lehnte: ————,— 297 „Ich habe nicht geringe Urſache, dem Sire de Graville zu danken, daß er meinethalben eine ſo beſchwerliche Reiſe unternommen; ehe Ihr jedoch Eure Neuigkeiten mittheilt, bitte ich, Euch zuvor zu erho⸗ len und Speiſe von mir anzunehmen.“ „Zwar wird mir die Ruhe nicht unwillkommen ſeyn, und auch die Speiſe— wenn ſie ſich nicht einzig auf Ziegenkäs und Bockfleiſch be⸗ ſchränkt— welche Leckereien meinem Gaumen noch neu ſind— wird nicht ohne Verlockung für mich bleiben; aber ich kann weder Nahrung noch Ruhe finden, edler Harold, ehe ich mich bei Euch entſchuldigt habe, daß ich als Fremdling Eure Verbannungsgeſetze gewiſſermaßen hintanſetzte, wobei ich das höfliche Benehmen, das mir trotz deſſen von Euren Landsleuten zu Theil wurde, mit vollem Danke anerkennen muß.“ „Verzeiht uns, feiner Sir,“ verſetzte Harold,„wenn wir, eifer⸗ ſüchtig auf unſere Geſetze, gegen Solche, die ſich in unſere Angelegen⸗ heiten miſchen wollten, ungaſtlich erſchienen. Der Sachſe kennt jedoch keine größere Freude, als wenn der Ausländer ihn als bloßer Freund beſucht: den zahlreichen Flamändern, Lombarden, Deutſchen und Sara⸗ zenen, die ſich des Handels wegen unter uns niederlaſſen, bieten wir Schutz und Willkomm; den Wenigen aber, welche gleich Dir, Herr Normanne, über die See herüberkommen, um uns zu dienen, reichen wir frei und offen die Freundeshand.“. Nicht wenig überraſcht durch dieſe gnädige Auſnahme, die ihm von Godwins Sohne wiederfuhr, drückte der Normanne die dargebo⸗ tene Hand, brachte dann ein kleines Käſtchen zum Vorſchein und er⸗ zählte umſtändlich und mit gefühlvollen Worten das Zuſammentreffen ſeines Vetters mit dem ſterbenden Sweyn und den letzten Auftrag des Geächteten. Der Earl horchte mit zu Boden geſchlagenen Augen, das Geſicht von der Lampe abgewendet, und als Mallet ſeine Erzählung beendigt hatte, erwiederte Harold mit einer Erſchütterung, die er vergeblich zu unterdrücken ſtrebte: 298 „Ich dank Euch herzlich, edler Normanne, für Eure ſo freundlich erwieſene Güte! ich— ich—— Sweyn war mir ſehr theuer in ſei⸗ nem Kummer,“ fuhr er mit wankender Stimme fort.„Daß er in Lycien geſtorben ſey, erfuhren wir, und grämten uns tief und lange. Alſo nachdem er jene Worte zu Eurem Vetter geſprochen— ach— o Sweyn, mein Bruder!“ „Er ſtarb nach erhaltener Beichte und Abſolution,“ ergänzte der Normann in beſänftigendem Tone;„nach der Ausſage meines Vetters ruhig und voller Hoffnung wie Alle, welche am Grabe des Erlöſers gekniet haben.“ Harold beugte das Haupt und drehte das Schächtelchen mit dem Briefe hin und her, ohne daß er daſſelbe zu öffnen wagte. Der Ritter ſelbſt, von ſo unverſtelltem männlichem Kummer gerührt, erhob ſich mit dem Zartgefühle herzlicher Theilnahme, und zog ſich nach der Thüre zurück, wo der Offtzier, der ihn hergeführt hatte, ſeiner harrte. Harold machte keinen Verſuch, ihn zurückzuhalten, folgte ihm aber über die Schwelle und befahl dem Offizier mit kurzen Worten, ſeinen Gaſt ſo gut, als ob er's ſelber wäre, zu verpflegen. „Morgen früh wollen wir uns wieder begegnen, Sire de Gra⸗ ville; ich ſehe, daß ich vor Euch die natürlichen Regungen des Mannes nicht zu entſchuldigen brauche.“ „Eine edle Perſönlichkeit!“ murmelte der Ritter, während er die Treppe hinabſtieg;„das iſt aber natürlich— hat er ja doch von der Kunkelſeite her normänniſches, wenigſtens nordiſches Blut in den Adern.— Feiner Sire!“ fuhr er laut an den Offtzier ſich wendend fort,„jede Speiſe iſt mir recht, nur kein Ziegenfleiſch, und zum Tranke ja keinen Meth!“ „Fürchte nicht, Gaſt,“ erwiederte der Offizier;„Toſtig der Earl hält zwei Schiffe dort unten in der Bai und hat uns Vorräthe zuge⸗ ſendet, welche ſelbſt dem Biſchof William von London behagen würden, denn Toſtig der Earl iſt ein leckerer Mann.“ iſt 299 „Dann empfehlt mich dem Earl Toſtig,“ lachte der Ritter;„er iſt ein Earl nach meinem Herzen.“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Sobald Harold ſein Zimmer wieder betrat, ſchob er den ſchweren Bolzen über die Thüre, öffnete das Kiſtchen und nahm die beſchmutzte Papierrolle zur Hand. „Wenn Dir dieſes Schreiben zu Geſicht kommt, Harold,“ ſo lautete der Brief,„wird der Bruder Deiner Kindheit im Fleiſche ſchlummern, und dem Urtheil der Menſchen wie dem Weh der Erde im Geiſte entrückt ſeyn. Ich habe vor dem Grabe gekniet; aber keine Taube iſt aus den Wolken herabgekommen— kein Gnadenſtrom hat das Kind des Harmes aufs Neue getauft! Man ſagt mir jetzt— Prieſter und Mönche ſagen es— ich habe alle meine Sünden gebüßt, das furchtbare Suͤhngeld ſey bezahlt und ich könne mit freiem Geiſte und gereinigtem Namen in die Welt der Menſchen eintreten. Denke ſo, mein Bruder!— Bitte meinen Vater(wenn er noch lebt, der theure Greis!) ſolches zu glauben— ſage Githa und lehre Haco meinen Sohn, dieſen Glauben als Wahrheit feſtzuhalten! Dir, Ha⸗ rold, empfehle ich meinen Sohn aufs Neue; ſey ihm ein Vater! Mein Tod wird ihn gewiß aus ſeiner Geiſelſchaft erlöſen. Laß ihn nicht am Hofe des Fremdlings im Lande unſerer Feinde aufwachſen: mache, daß ſein Fuß ſchon in der Jugend die grünen Matten von England betrete, und daß ſein Auge, noch ehe die Sünde es verdüſtert, die Him⸗ melsbläue unſerer Heimath einſauge! Wenn dieſer mein Brief Dich erreicht, wirſt Du in Deiner ruhigen ſtetigen Kraft noch erhabenere Größe als Godwin unſer Vater erreicht haben. Er gelangte zur Ge⸗ walt durch Mühe und Arbeit, er gewann ſie als Lohn der Stärke und Anſtrengung: Dir iſt ſie angeboren, wie die Kraft dem Gewaltigen, ſie umgibt Dich bei jeder Bewegung, und es iſt nicht Dein Ziel, ſon⸗ dern Deine Natur, groß zu ſeyn. Schütze meinen Sohn mit Deiner 300 Macht; führe ihn mit Deiner ſchuldloſen Rechten aus ſeinem jetzigen Kerker! Ich verlange nicht Lordſchaften und Fürſtenthümer als Apa⸗ nage ſeines Vaters; erziehe ihn nicht zu Deinem Nebenbuhler— ich verlange blos Freiheit und die Luft von England! Indem ich alſo auf Dich rechne, o Harold, wende ich mein Geſicht nach der Wand und wiege mein wildes Herz in Ruhe!“ Die Rolle entſank geräuſchlos den Häͤnden des Leſenden. „So iſt es denn dahin, was mehr ein Traum als ein Leben ge⸗ weſen!“ klagte er tieſbetrübt;„und doch war Godwin während unſerer Kindheit am ſtolzeſten auf ſeinen Sweyn, der in der Ruhe ſo lieblich, im Zorne ſo ſchrecklich war! Meine Mutter lehrte ihn die Geſänge der Oſtſee, und Hilda leitete ſeine Schritte durch das Waldland unter Erzählungen von Helden und Skalden. Er allein von unſerem Hauſe beſaß die Gabe der Dänen im wilden Fluſſe des Geſanges, für ihn waren ſelbſt lebloſe Dinge mit eigenthümlichem Odem begabt. Statt⸗ licher Baum, von welchem alle Vögel des Himmels ihren Lobgeſang augſandten, wo der Falke niſtete und die Sangdroſſel in ihrer Fröh⸗ lichkeit aufflog— wie biſt Du verdorrt und niedergeſchmettert in Herz und Zweigen— vom Blitze getroffen und vom Wurme verzehrt!“ Er ſchwieg und hielt die Hand lange vor die Stirne, obwohl Niemand zugegen war. „Nun aber zu dem, was noch auf Erden von ihm übrig iſt— zu ſeinem Sohne,“ dachte er, indem er aufſtand und langſam durch das Zimmer ſchritt.„Wie oft iſt meine Mutter wegen dieſer Geiſeln in mich gedrungen— wie oft habe ich ſie ſchon vom Herzog zurückverlangt und mein Verlangen, ja ſogar die Vorſtellungen des Königs ſelber wurden nur mit glatten falſchen Vorwänden erwiedert. Jetzt aber, da William dieſen Normannen den Brief herüberbringen ließ, wird er auch einen Wunſch erfüllen, deſſen Verweigerung ein Unrecht und eine Beleidigung wäre, und Haco wird in ſeines Vaters Land, Wolnoth in ſeiner Mutter Arme zurückkehren.“ 8 — deeod—n 8n.— ——— 301 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Meſſire Mallet de Graville hatte kaum ſein Haupt auf den Strohſack gelegt, als er auch, wie ein Mann, der, zum Waffenwerke und erzogen, den Schlaf, ſo oft er ſich darbietet, mit raſcher Hand zu er⸗ faſſen weiß, die Augen ſchloß und ſogar für Träume unzugänglich wurde. Die Stille der Mitternacht herrſchte ringsum, da wurde er plötzlich ge⸗ durch Laute geweckt, welche ſelbſt die Siebenſchläfer aufgerüttelt hätten ſerer— gellendes Geſchrei und Lärmen, Blaſen von Hörnern, Stampfen ich, von Fußtritten und das Geräuſch dahereilender Maſſen drang aus der nge Ferne zu ihm herüber. Er ſprang aus dem Bette, während das ganze nter Zimmer mit trübem blutrothem Lichte erfüllt war. Sein erſter Ge⸗ uſe danke war der, das Fort ſtehe in Flammen; als er aber auf den Wall⸗ ihn auftritt ſprang und durch das Guckloch im Thurme hinausſchaute, att⸗ ſchien nicht das Fort, ſondern das ganze Land in einem Feuermeere ang zu ſchwimmen, während er durch die glühende Atmoſphäre den gan⸗ röͤh⸗ zen Boden fern und nah mit Menſchenſchwärmen bedeckt ſah. Hun⸗ Herz derte ſchwammen durch den Fluß, kletterten über die Wallöffnungen, - ſtürzten gegen die geſchwungenen Speere der Vertheidiger, durchbra⸗ vohl chen Linien und Palliſaden und ergoßen ſich, die einen halbbewaffnet mit Helm und Bruſtſtück, die andern in leinenen Gewändern, viele zu aber faſt ganz nackt, unaufhaltſam in die Umfaſſung. Der laute ſcharfe das Ruf Halleluja!’ miſchte ſich mit dem Aus! Aus! das heilige Kreuz!*— r in und er ahnte alsbald, daß die Wäliſchen die ſächſiſche Veſte ſtürmten. angt* Als die Biſchöfe Germanicus und Lupus im Jahre 220 in der Oſter⸗ lber woche die kaum erſt im Alyn getauften Bretonen gegen die Pikten und Sachſen ber, führten, hieß ſie Germanicus ſein Kriegsgeſchrei„Halleluja“ wiederholen. Das . Echo der Hügel gab den Ruf ſo donnernd zurück, daß der Feind, von pani⸗ d er ſchem Schrecken erfaßt, unter großem Blutvergießen entfloh. Maes Garmon eine in Flintſhire war der Schauplatz des Sieges. h in** Der Kriegsruf der Engländer im Beginne der Schlacht war:„Heiliges 6 Kreuz, Allmächtiger Gott!“ ſpäter im Verlauf des Kampfes„Aus! Aus!“ (Hearnes' alte Denkſprüche.) Der letztere Ruf entſprang wahrſcheinlich aus ihrer Gewohnheit, die Fahne und den Hauptpoſten in der Mitte mit einem 3⁰0²2 Ein entſchloſſener Ritter, wie er, bedurfte nur kurzer Zeit, um ſich in ſeine Rüſtung zu hüllen, und das Schwert in der Hand eilte er durch die Thüre und über die Treppe in die Halle hinab, welche mit eilig ſich wappnenden Kriegern erfüllt war. „Wo iſt Harold?“ rief er. „Schon draußen am Graben,“ verſetzte Serwolf, ſeinen Leder⸗ koller anlegend.„Die ganze wäliſche Hölle iſt losgebrochen.“ „Und dort flammen ihre Feuerbecken?— das ganze Land iſt alſo gegen uns!“ „Schwatzt nicht ſo viel,“ meinte Sexwolf;„die Hügel dort ſind im Beſitze von Harolds Wächtern: unſere Spione gaben ihnen Nach⸗ richt und die Wachfeuer benachrichtigten uns, ehe uns die Feinde zu Geſicht kamen, ſonſt würden wir jetzt ohne Kopf oder Glieder hier liegen. Jetzt, ihr Leute, aufmarſchirt— und dann fort mit Euch!“ „Halt! Halt!“ rief der fromme Ritter ſich bekreuzend;„iſt kein Prieſter hier, um uns einzuſegnen! Erſt ein Gebet und einen Pſalm!“ „Pſalm und Gebet!“ ſchrie Serwolf höchlich erſtaunt;„hätteſt Du geſagt, Meth und Ale— das hätte ich eher verſtanden. Aus! Aus! das heilige Kreuz, das heilige Kreuz!“ „Die gottloſen Heiden!“ murmelte der Normanne, von der Menge fortgeriſſen. Der Anblick war furchtbar, als ſie endlich ins Freie gelangten. So kurz auch der Anfall bis jetzt gedauert, ſo hatten doch die Feinde bereits ein unbeſchreibliches Blutbad angerichtet. Mit ihrer phy⸗ ſiſchen Uebermacht und von einer Tapferkeit beſeelt, welche wie der Wahnſinn bei Verrückten oder der Hunger bei Wölfen zu wirken ſchien, hatten ganze Schaaren von Bretonen Strom und Graben überſchritten, hatten die Spitzen der ihnen entgegenſtarrenden Speere mit den Häͤn⸗ den ergriffen und waren über die Leichen ihrer Landsleute wegſpringend mit wildem Freudengeſchrei auf die dichtgeſchloſſenen ſächſiſchen Reihen Walle dichtgedrängter Schilde zu ſchützen und bedeutete alſo im näheren Sinne ſo viel, wie„Brecht aus!“ 303 vor dem Fort losgeſtürzt. Der Strom ſchien im buchſtäblichen Sinne in Blut verwandelt: von Pfeilen und Speeren durchbohrt, ſchwammen mit und verſchwanden allenthalben zahlreiche Leichname, während unge⸗ ſchreckt von der Verheerung immer neue Schaaren von dem gegen⸗ überliegenden Ufer in die Wellen ſprangen. Gleich Bären, welche das der⸗ Schiff eines Seekönigs unter den Polargeſtirnen oder der mitternäch⸗ tigen Sonne des Nordens umringen, kamen die wilden Krieger durch alſo das blendende Halbdunkel herangezogen. Zwei Geſtalten waren vor allen andern ausgezeichnet: die eine, ſind ſchlank und hochgewachſen über die Menge hervorragend, ſtand am ach⸗ Graben hinter einem Banner, das bald ſchlaff am Stabe herabhing, k zu bald von den heranſtürmenden Männern in Bewegung geſetzt weit und hier breit dahinflatterte— denn die Nacht ſelbſt war völlig windſtille. Der 3 Mann ſchwang mit beiden Händen eine ſchwere däniſche Streitaxt und kein mit jedem ſeiner Streiche, welche blitzſchnell niederdonnerten, fiel einer 114 ſeiner hundertfachen Feinde, ſo daß er rings um ſich einen eigenen tteſt Wall von Todten gezogen hatte. lus! In der Mitte des Raumes an der Spitze einer friſchen jauchzen⸗ den Schaar der Wäliſchen, die ſich von einer andern Seite bis hieher enge durchgehauen hatten, marſchirte eine zweite Geſtalt, welche gegen Pfeil und Speer gefeſtet ſchien. Die Schutzwaffen dieſes Häuptlings waren ten. nämlich ſo leicht, als ob ſie blos zum Schmucke getragen würden: ein inde kleiner Goldpanzer bedeckte blos die Mitte der Bruſt, eine Halskette hy⸗ von verſchlungenen Golddrähten umſchlang ſeknen Nacken und ein gol⸗ der denes Bracelet ſchmückte den nackten Arm, der vom Handgelenke bis ien, zum Ellbogen von fremdem Blute triefte. Er war leicht gebaut und ten, ſogar unter der Mittelgröße, ſchien aber durch die erhabene Begeiſte⸗ än⸗ rung des Kriegs zum Rieſen verwandelt. Er trug keinen Helm, ſon⸗ end dern blos einen Goldreif um das Haupt, und ſein dunkelrothes Haar, hen länger als es bei den Wäliſchen Sitte war, wallte leicht und luftig inne wie eine Löwenmähne über ſeine Schultern. Seine Augen funkelten gleich denen des Tigers bei Nacht, und mit wildem Sprunge ſtürzte er ſich auf die Speere. Einen Augenblick lang verlor er ſich zwiſchen den feindlichen Reihen, indem nur noch das raſche Blitzen ſeines kurzen Schwertes zu bemerken war, bis er für ſich und ſeine Begleiter mitten durch die ſtählernen Reihen einen Weg bahnte und unbeſchädigt und tief aufathmend in's Freie drang, während ſeine wilden Anhänger hauend und ſtoßend, ſchlagend und erſchlagen, um die feindliche Linie herumwirbelten. „Parder, das iſt ein Krieg, wo ſichs der Theilnahme lohnt,“ meinte der Ritter.„Nun ſollſt Du ſehen, würdiger Serwolf, ob der Normanne wirklich der Prahlhans iſt, wofür Du ihn hältſt. Dieu nous aide! Notre Dame!— Nehmet die Feinde im Rücken.“ Während er ſich aber umwandte, bemerkte er, daß Serwolf ſeine Leute bereits zu dem Banner geführt hatte, das ihnen die Stelle be⸗ zeichnete, wo der Earl faſt allein in ſeiner Gefahr daſtand. Alſo ſich ſelbſt überlaſſen, zögerte der Ritter keinen Augenblick, ſondern ſtand in der nächſten Minute mitten unter der wäliſchen Streitmacht, dem Häuptling mit der goldenen Rüſtung gegenüber. In ſeinem Ringpanzer gegen die leichten Waffen des Wäliſchen ge⸗ ſichert, ſchwang der Normanne ſein Schwert wie eine Todesſichel und hieb rechts und links in die Menge, die er in der Flanke angriff, ſo daß er die kleine Phalanr der Sachſen in der Mitte beinahe erreicht hätte, als die blitzenden Augen des cymriſchen Führers durch das Brüllen und Stöhnen auf des Normanns Wege auf dieſen neuen be⸗ fremdenden Feind gelenkt wurden, worauf der Löwenkönig von Wales mit der halbnackten Bruſt gegen das Panzerhemd und mit dem kurzen, Römerſchwerte gegen den langen normänniſchen Pallaſch Front machte. So ungleich auch das Zuſammentreffen ſchien, ſo war doch das Ausfallen des Bretonen ſo raſch, ſein Arm ſo niederbeugend, und ſo behend ſeine Waffe, daß der gute Ritter, der mehr wegen ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit und Tapferkeit, als durch brutale Leibesſtärke der beherz⸗ teſten unter Williams Banden von Waffenbrüdern angehörte, weit lieber Fitzosborne oder Montgomeri ganz in Stahl gekleidet und mit Dieu ſeine le be⸗ -iblick, iſſchen über. n ge⸗ l und ff, ſo reicht h das en be⸗ Vales urzen achte. h das nd ſo Ge⸗ eherz⸗ weit dmit 305 Keule und Lanze bewaffnet vor ſich geſehen, als die zornige Majeſtät dieſer helmloſen Sterne vor Augen gehabt und dieſe betäubenden Streiche parirt hätte. Schon waren die ſtarken Ringe ſeines Panzers zweimal durchbohrt und ſein Blut träufelte in raſchem Laufe, während er mit ſeinem großen Schwerte bis jetzt blos in die Luft gehauen hatte, als die ſächſiſche Phalanx, die durch dieſe Diverſion verurſachte Lücke in dem ſie umgebenden Kreiſe benützend und mit wildem In⸗ grimme das Goldgeflecht und die Bruſtplatte des wäliſchen Königs erkennend, einen verzweifelten Angriff gegen dieſen machte. Die nächſten Minuten herrſchte ein wirres nur ſchwer zu unter⸗ ſcheidendes Handgemenge— blinde zufällige Hiebe von allen Seiten, ohne daß man wußte, wo der Tod herkam, bis endlich die ſtrenge Ord⸗ nung und Disciplin, welche die Sachſen trotz der Verwirrung gleich⸗ ſam mechaniſch beibehielten, nach hartem Kampfe den Sieg davontrug. Der Keil drang durch, und wenn auch vermindert an Zahl und ſchwer verwundet, löste der ſächſiſche Trupp dennoch den umſchließenden Ring und erreichte die Hauptmacht vor dem Fort, welche im Rücken durch deſſen Mauer geſchützt war. Harold hatte unterdeſſen, von Sexwolfs Haufen unterſtützt, die weiteren Verſtärkungen der Wäliſchen von den zugänglicheren Theilen des Grabens zurückgetrieben, und mit erfahrenem Feldherrnauge das Schlachtfeld betrachtend einigen ſeiner Leute den Befehl ertheilt, in das Fort zurückzukehren, um von Zinnen und Schießſcharten die Batterien von Stein⸗ und Wurfgeſchoſſen zu eröffnen, welche damals bei den in Belagerungen unerfahrenen Sachſen die Hauptartillerie ihrer Feſtungen ausmachten. Nachdem er dieſe Befehle ertheilt hatte, ſtellte er Serwolf mit dem größten Theile ſeines Haufens als Wache rings um den Graben, und die Augen mit der Hand beſchat⸗ tend und den von den Wachfeuern überſtrahlten Mond betrachtend ſagte er ruhig: „Nun wird die Geduld für uns fechten. Ehe der Mond jenen Gipfel erreicht, werden die Truppen zu Aber und Caer⸗hen die Abhänge Bulwer, Harold. 20 306 des Penmaengebirges erreichen und den Wäliſchen den Rückzug ab⸗ ſchneiden. Tragt meine Fahne dort hinüber in das Gedränge jenes Haufens.“ Als aber der Earl, die Streitaxt über die Schulter geſchwungen und nur von einem Dutzend um ſein Banner geſchaarter Kämpfer be⸗ gleitet, ſich nach dem Punkte wandte, wo ſich der wildeſte Kampf con⸗ centrirt hatte, ward Gryffyth des Banners und Führers halbwegs zwiſchen Fort und Graben anſichtig, und ließ von ſeinem Gegner eben in dem Augenblicke ab, als er den größten Vortheil erlangt hatte. Den einzigen Normann ausgenommen, der, obwohl verwundet und an den Fußkampf nicht gewöhnt, doch voll Entſchloſſenheit im Vorder⸗ treffen ſtand, ſahen ſich nämlich die Sachſen von der Uebermacht über⸗ mannt, und von den Wurſſpießen niedergeworfen; wären ſie in die Veſte geflohen, ſo hätten ſie dadurch ihr Schickſal beſiegelt, da die Wä⸗ liſchen auf ihren Ferſen mit eingedrungen wären. Allein der Unſtern der wäliſchen Helden beſtand von jeher darin, daß ſie den Krieg nie als Wiſſenſchaft erkennen lernten: ſtatt nun⸗ mehr alle Kräfte gegen den ſchwächſten Punkt zu vereinigen, ver⸗ ſchwand das ganze Schlachtfeld vor den wilden Blicken des wäliſchen Königs, als er Harold's Banner und Geſtalt vor Augen ſah. Der Earl erkannte den nahenden Feind, der wie der Falke um den Häher herumſchwenkte; der Sachſe machte Halt, ſtellte ſeine weni⸗ gen Leute im Halbkreiſe auf, ſo daß ſie ihre großen Schilde wie einen Wall und ihre Speere als Palliſaden vorſtreckten, während Harold wie ein Thurm mit hochgeſchwungener Art vor ihnen ſtand. Eine Minute ſpäter war er umringt, und durch den Hagel von Wurfſpießen, der auf ihn eindrang, ziſchte und blitzte das Schwert des wäliſchen Häuptlings. Allein Harold, mit dem Schwertkampfe der Wäliſchen beſſer ver⸗ traut als der Sire de Graville, und außer ſeinem Helm, der gleich dem des Normannen geſtaltet war, und ſeinem leichten Waffenrocke aus Pelzwerk durch keine andern Schutzwaffen beläſtigt, ſetzte der Be⸗ ab⸗ nes ligen be⸗ con⸗ pegs leben atte. d an rder⸗ liber⸗ 1 die Wä⸗ arin, nun⸗ ver⸗ ſchen um veni⸗ inen rold Eine ßen, ſchen ver⸗ leich cocke Be⸗ 307 hendigkeit des Feindes dieſelbe Behendigkeit entgegen, und ſeine Streit⸗ art plötzlich loslaſſend, ſprang er auf ſeinen Gegner los und umfaßte ihn mit dem linken Arm, während ſeine Rechte ihn an der Kehle packte. „Ergib Dich und laß ab vom Kampfe!— Ergib Dich, Sohn Llewellyn's, ſo lieb Dir Dein Leben iſt.“ Furchtbar war die Umarmung und tödtlich der Griff; aber wie die Schlange aus der Fauſt des Derwiſches, wie ein Geſpenſt unter der Hand des Träumenden entwiſchte der geſchmeidige Cymrier, und das zerbrochene Halsband war Alles, was in Harold's Fauſt zu⸗ rückblieb. In dieſem Augenblicke drang ein mächtiger Schrei der Verzweif⸗ lung aus den Reihen der Wäliſchen in der Nähe der Veſte; Steine und Speere regneten auf ſie von den Wällen des Forts, und der trotzige Normanne hauste in ihrer Mitte mit bluttriefendem Schwerte; aber nicht Speer, nicht Stein noch Schwert war es, weßhalb die Wäliſchen in jenen Ruf ausbrachen. Von der anderen Seite der Gräben mar⸗ ſchirten gegen ſie ihre eigenen Landsleute— jene rivaliſirenden Stämme, welche dem Fremdling zur Unterjochung des Landes beiſtanden; und rechts in der Ferne ſah man die Speere der Sachſen von Aber, links von Caer⸗hen herüber hörte man das Jauchzen der Truppen unter Godrith und Die, die den Leoparden in ſeinem Lager aufgeſucht hatten, waren nunmehr ſelber als Beute im Netze gefangen. Sobald die Sachſen dieſe Verſtärkung gewahrten, drangen ſie mit neuem Muthe auf die Feinde ein, und Verwirrung, Flucht und unbarm⸗ herziges Gemetzel erfüllte das ganze Schlachtfeld. Die Wäliſchen ſtürzten nach dem Strom und den Gräben; in dem unaufhaltſamen Wirrwarr wurde Gryffyth wie ein Stier durch den Orkan ſortge⸗ riſſen; dem Feinde noch immer das Antlitz darbietend und ſeine eige⸗ nen Leute ſcheltend und anfeuernd, ſtürzte er allein gegen die Verfol⸗ ger, um ihrem Nachdrängen Einhalt zu thun, bis er noch immer un⸗ verwundet den Strom erreichte, und nach kurzer Pauſe mit gellendem 20 308 Lachen in die Wogen ſprang. Hundert Wurſſpieße ſausten in die trüben, blutigen Fluthen. „Halt!“ rief Harold, der Earl, die Hand hoch erhebend:„kein feiger Wurf nach dieſem Tapferen!“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Die behenden Bretonen— kaum noch ein Zehntel der urſprüng⸗ lichen Anzahl— vollführten ihre Flucht mit derſelben parthiſchen Geſchwindigkeit, welche ihren Angriff charakteriſirte, und ihren wäli⸗ ſchen Feinden wie den Sachſen entrinnend— ſo hitzig erſtere auch in der Verfolgung waren— erreichten ſie die ſteilen Anhöhen von Pen⸗ maen⸗mawr. In der ſächſiſchen Veſte war für heute an keinen ferneren Schlaf zu denken. Während die Verwundeten verbunden und die Todten vom Schlachtfeld weggeſchafft wurden, berieth ſich Harold mit Dreien ſeiner Häuptlinge nebſt Mallet de Graville, deſſen Thaten es mehr als ungerecht gemacht hätten, wenn man ſein Geſuch, dem Kriegsrathe anwohnen zu dürfen, hätte verweigern wollen— über die Mittel, den Krieg in den nächſten Tagen zu beendigen. Zwei von den Thanen, noch heiß und rachſüchtig vom Streite, machten den Vorſchlag, das Gebirge mit der geſammten Macht unter Zuziehung aller Verſtärkungen zu erſteigen, und Alles, was man vor⸗ fände, über die Klinge ſpringen zu laſſen. Der Dritte, alt und wohlerfahren und in die wäliſche Kriegsführung eingeweiht, war anderer Meinung.— „Niemand von uns weiß, wie die eigentliche Stärke des Platzes, den Ihr zu ſtürmen vorhabt, beſchaffen iſt,“ bemerkte er.„Wir haben nicht einen einzigen Wäliſchen getroffen, der den Gipfel erſtiegen oder das Schloß, das dort ſtehen ſoll,“ unterſucht hätte.“ * Gewiſſe hochgelegene Punkte in Wales, worunter auch dieſer gehört haben mag, wurden für ſo heilig erachtet, daß ſelbſt die unmittelbarſten Nach⸗ barn ihnen niemals zu nahen wagten. die ein 309 „Stehen ſoll!“ wiederholte de Graville, der, nachdem er den Panzer abgelegt und ſeine Wunden hatte verbinden laſſen, auf ſeinen Pelz ſich lehnend am Boden ruhte.„Stehen ſoll, edler Sir!— Könnt Ihr nicht mit eigenen Augen ſeine Thürme erkennen?“ „In der Entfernung und durch den Nebel erſcheinen die Steine gar gewaltig und die Felſenzacken ſelber nehmen ſonderbare Geſtalten an,“ bemerkte der alte Than kopfſchüttelnd.„Es kann ein Schloß, es kann ein Felſen oder auch ein alter dachloſer Tempel aus der Hei⸗ denzeit ſeyn, was wir ſehen. Doch um wieder auf meine Rede zu⸗ rückzukommen(und da ich gar langſam ſpreche, ſo bitte ich nicht aber⸗ mals unterbrochen zu werden)— Niemand von uns weiß, was dort von natürlichen oder künſtlichen Vertheidigungswehren exiſtirt; nicht einmal die wäliſchen Spione ſind bis auf die Höhe gelangt, denn in der Mitte des Gebirges lauern die Schildwachen des wäliſchen Königs, und vom Gipfel herab kann man den Vogel fliegen und die Ziege klet⸗ tern ſehen. Nur wenige Deiner eigenen Spione ſind bis jetzt leben⸗ dig zurückgekehrt, o Sohn Godwins; ihre Köpfe ſahen wir wohl am Fuße des Hügels mit dem Zettel im Mund— Dic ad inferos, quid in superis novisti!' CSage den Schatten da unten, was Du oben auf den Höhen geſehen haſt.“)“ „Ei, die Wäliſchen verſtehen Latein!“ murmelte der Ritter;„da muß ich ſie achten!“ Der bedächtige Than runzelte die Stirne und fuhr ſtammelnd alſo fort: „So viel wenigſtens iſt klar, daß der Felſen für Solche, die mit den Päſſen unbekannt ſind, nahezu unerſteiglich iſt; daß Tag und Nacht ſtrenge Wache gehalten wird, ſo daß ſogar unſere wäliſchen Spione Nichts auszurichten vermögen; daß die Männer da oben wild und verzweifelt ſind, und daß unſere eigenen Truppen durch den Glauben der Wäliſchen, als ob der Punkt von Geiſtern beſucht werde und die Thürme vom böſen Feinde gegründet ſeyen— erſchreckt und zurückge⸗ ſcheucht werden. Eine einzige Niederlage kann uns zwei Jahre des 310 Sieges koſten, denn Gryffyth bricht dann von ſeinem Horſte herab und gewinnt, was er verloren, beſonders unſere ſtets falſchen und treuloſen wäliſchen Verbündeten. Darum ſage ich: fahrt fort, wie wir begonnen haben; beſetzet das ganze Land ringsum, ſchneidet dem Feinde alle Hülfsmittel ab, ſo daß er ſich durch Hunger aufzehrt, oder wie er heute Nacht gethan, ſeine Stärke in vergeblichen Ausfällen und Angriffen vergeudet.“ „Dein Rath iſt gut,“ ſagte Harold;„aber es iſt noch etwas bei⸗ zufügen, was den Kampf verkürzen kann und uns das Ende vielleicht mit geringeren Opfern an Menſchenleben erreichen läßt. Die Nie⸗ derlage von heute Nacht wird den Muth der Wäliſchen niederge⸗ beugt haben— drum ſollte man ſie in der Stunde des Unglücks und der Verzweiflung überraſchen. Ich möchte deshalb einen Boten auf ihre Außenpoſten ſenden, der Allen, welche die Waffen ablegen und ſich ergeben, Leben und Begnadigung zuſichert.“ „Wie, nach ſolcher Metzelei und Niederlage?“ rief einer der Thane. „Sie vertheidigen ihren eigenen Boden,“ erwiederte der Eark einfach;„hätten wir nicht daſſelbe gethan?“ „Aber der Rebelle Gryffyth?“ fragte der alte Than;„Du kannſt ihn doch nicht abermals als gekrönten Unterkönig unſeres Edward aufnehmen?“ „Nein,“ entgegnete der Earl,„Gryffyth allein werde ich von der Begnadigung ausſchließen, ihm aber nichts deſto weniger das Leben zuſichern, wenn er ſich gefangen gibt und ohne fernere Bedingung auf des Königs Gnade zählt.“ Hier folgte eine lange Pauſe. Niemand wagte, dem Vorſchlage des Earls zu widerſprechen, wiewohl er den beiden jüngeren ahanen durchaus nicht behagte. .„Aber haſt Du auch bedacht, wer dieſe Botſchaft überbringen ſoll?“ begann endlich der ältere von den Dreien.„Jene Bluthunde ſind wild und grauſam, und wer ſich in das Käfig wagen will, darf wohl zuvor an Teſtament und Beichte denken.“ 311 „Ich bin überzeugt, daß mein Bote ſicher ſeyn wird,“ gab Harold zur Antwort.„Gryffyth beſitzt den ganzen Stolz eines Königs, und wenn er auch beim Angriffe weder Mann noch Kind verſchont, ſo wird er doch reſpektiren, was der Römer ſeine Edlen reſpektiren lehrte, daß nämlich das Haupt eines Boten, der von einem Anführer zum andern geſchickt wird, geheiligt und unverletzlich iſt.“ „Wähle wen Du willſt, Harold,“ ſagte einer der jüngeren Thane lachend,„verſchone nur Deine Freunde; und wen Du auch erkieſeſt —ſeiner Wittwe mußt Du jedenfalls das Wehrgeld bezahlen.“ „Edle Sirs,“ begann de Graville,„wenn Ihr glaubt, daß ich, obwohl ein Fremder, als Bote dienen kann, ſo wird es mir Vergnü⸗ gen machen, die Sendung zu übernehmen— erſtlich, weil ich mich für Schlöſſer und Kaſtelle intereſſire und mich gerne mit eigenen Augen überzeugen möͤchte, ob ich mich wirklich getäuſcht habe, als ich jene Thürme für eine Veſte von großer Stärke hielt, zweitens weil jene wilde Katze von einem König nothwendig einen ſehenswürdigen Hof haben muß. Der einzige Umſtand, der mich abhält, mein Anerbieten als eine perſönliche Bewerbung geltend zu machen, iſt der, daß ich zwar einige Worte des wäliſchen Jargons verſtehe, aber keineswegs ein Cicero in dieſer Sprache zu ſeyn behaupten darf; da es jedoch ſcheint, daß wenigſtens Einer unter ihnen Latein verſteht, ſo zweifle ich nicht, daß ich meine Meinung ſchon an den Mann bringen werde.“ „Ei, was das betrifft, Sire de Graville,“ verſetzte Harold, der das Anerbieten des Ritters mit Vergnügen zu vernehmen ſchien,„ſo dürfte dies kein Hinderniß ſeyn, wie ich Euch klar machen werde; trotzdem, was Ihr ſo eben vernommen, ſoll Gryffyth Euch an Leib und Leben kein Leids zufügen. Aber mein gütiger und höf⸗ licher Sir, werden auch Eure Wunden die Reiſe zulaſſen?— ſie iſt zwar nicht lang, aber ſteil und mühſam und nur zu Fuß zurückzu⸗ legen.“ „Zu Fuß!“ rief der Ritter etwas betroffen.„Pardex! Darauf habe ich, ehrlich geſtanden, nicht gerechnet!“ 312 „Genug,“ verſetzte Harold, ſich in offenbarer Enttäuſchung ab⸗ wendend;„denken wir nicht weiter daran.“ „Nein, mit Eurer Erlaubniß, was ich einmal geſagt habe, dabei bleibts,“ entgegnete der Ritter.„Obwohl Ihr ſonſt ebenſo gut einen jener reſpektabeln Centauren, von denen wir in unſerer Jugend gele⸗ ſen, entzwei zu ſpalten, als einen Normannen von ſeinem Roſſe zu trennen vermöchtet, will ich mich ſogleich in mein Zimmer verfügen und meinen Anzug zurecht machen, wobei ich nicht vergeſſen werde, für den ſchlimmſten Fall meinen Panzer unter dem Wafefenrocke zu tragen. Vergönnt mir nur einen Waffenſchmied, um die Ringe wieder zu be⸗ feſtigen, durch welche dieſer mit Recht ſo genannte Griffin“ ſo katzen⸗ artig ſeine Kralle ſteckte.“ „Ich nehme Euer Anerbieten mit voller Offenheit an, und es ſoll alles Nothige für Euch vorbereitet ſeyn, ſobald Ihr mich hier wieder aufſuchen wollt.“. Der Ritter erhob ſich und verließ das Zimmer mit leichten Schrit⸗ ten, obwohl er von ſeinen noch ſchmerzenden Wunden etwas ſteif war. Er rief alsbald ſeinem Knappen und Waffenſchmied, und nachdem er ſich mit allem Pomp und der ganzen Sorgfalt eines Normannen ge⸗ kleidet, die Goldkette um den Hals geſchlungen und ſeinen von Sticke⸗ rei ſtrotzenden Waffenrock übergeworfen hatte, erſchien er wieder in Harolds Gemache. Deerr Earl empfing ihn allein und kam ihm mit herzlicher Freund⸗ lichkeit entgegen. „Ich danke Dir mehr, als ich vor meinen Thanen geſtehen mochte,“ begann der Earl,„denn ich ſage Dir offen, mein wackerer Normanne, daß meine Abſicht iſt, dieſem braven König das Leben zu retten, und Du kannſt wohl begreifen, daß jeder unſerer Sachſen noch heiß vom Kampfe und von Nationalhaß ganz verblendet iſt. Du allein als Fremdling ſiehſt in ihm den tapferen Krieger und gehetzten Prinzen, * Zu deutſch:„Vogel Greif“. — ³ 318 und kannſt als ſolcher das edle Mitgefühl eines männlichen Feindes für ihn empfinden.“ „Das iſt wahr,“ bemerkte de Graville, nicht wenig überraſcht; „wir Normannen ſind zum wenigſten ebenſo kampfluſtig, wie ihr Sach⸗ ſen, ſobald wir einmal Blut gekoſtet haben, und ich muß geſtehen, Nichts würde mich mehr erfreuen, als dieſe Tigerkatze in Erz zu klei⸗ den und ſie mit einem Speere in den Klauen aufs Roß zu ſetzen, um auf dieſe Weiſe die Schande, durch ihre Griffe alſo zerkratzt worden zu ſeyn, mit dem Burſchen auszufechten. Ich achte gewiß jeden tapfe⸗ ren Ritter im Unglück, kann aber mein Mitleid kaum auf ein We⸗ ſen ausdehnen, das gegen alle Kriegs⸗ und Königsregeln zu fechten pflegt.“ „Das iſt die Weiſe, wie ſeine Vorfahren gegen Cäſars Speere anſtürmten,“ bemerkte der Earl mit ernſtem Lächeln.„Verzeiht ihm.“ „Auf Euer gnädiges Verlangen hin ſey ihm verziehen,“ ver⸗ ſicherte der Ritter mit hoher Gravität;„fahrt fort.“ „Ihr werdet mit einem wäliſchen Mönche, der, obwohl nicht von Gryffyths Partei, von allen ſeinen Landsleuten geachtet wird, nach der Mündung des furchtbaren Engpaſſes, der den Fluß be⸗ gränzt, aufbrechen und der Moͤnch wird zum Zeichen des Friedens das heilige Kreuz vor ſich hertragen. Vor jenem Paſſe angelangt, werdet Ihr ohne Zweifel angehalten werden. Der Mönch wird hier den Sprecher machen und zum Ueberbringen meiner Botſchaft an Gryffyth freies Geleite verlangen; auch wird er gewiſſe Unterpfänder mitnehmen, welche Euch ſicherlich den Weg eröffnen werden. Bei Gryffyth vorgelaſſen, wird der Mönch ihn anreden und da merke wohl auf ſeine Geberden, da Du das Wäliſche, das er redet, nicht verſtehen wirſt. Wenn er das Kreuz erhebt, wirſt Du ihm den Ring, den ich Dir hier übergebe, in die Hand drücken und ihm auf Sächſiſch— was er wohl kennt— zuflüſtern: auf dieſes Unterpfand hin gehorche; Du weißt, Harold iſt treu und Deine eigenen Leute haben längſt Deinen Kopf verkauft! Du mußt Dich ihm nämlich gleich Anfangs zu nähern 314 ſuchen und wenn er Dich auf Deine Rede weiter befragt, ſo weißt Du Nichts.“ „So weit wäre Alles, wie ſichs von einem Häuptling gegen den andern geziemt,“ ſagte der Normanne gerührt,„und ſo wäre auch Fitzosborne mit ſeinem Gegner verfahren. Ich danke Dir für dieſe Sendung, und zwar um ſo mehr, als Du nicht verlangteſt, daß ich die Stärke der Vertheidigungsmauern und die muthmaßliche Anzahl der Beſatzung mir merken ſoll.“ „Preiſe mich nicht deßhalb, edler Normanne,“ erwiederte Harold abermals lächelnd—„wir einfachen Sachſen wiſſen nichts von Euren feinen Künſten. Wenn Ihr bis zum Gipfel hinangeführt werdet, was ich jedoch nicht für wahrſcheinlich halte, ſo fehlt es dem Mönche wenig⸗ ſtens nicht an Augen um zu ſehen, noch an der Zunge um zu berichten. Dir aber will ich noch ſo viel anvertrauen: ich weiß bereits, daß Gryffyths Macht nicht auf ſeinen Wällen und Thürmen, ſondern auf dem Aberglauben der Unſeren und der Verzweiflung ſeiner eigenen Leute beruht. Ich könnte jene Bergſpitzen gewinnen, wie ich auf dem Snowdon faſt ebenſo mächtige Wolkenhöhen erobert habe; das ginge aber nur mit einem furchtbaren Verluſte an Leuten und unter der Niedermetzelung auch des letzten Feindes, was ich wo möglich ver⸗ meiden möchte.“ „In den Einden, welche ich paſſirte, haſt Du aber doch keine ſolche Werthſchätzung von Menſchenleben bewieſen,“ hielt ihm der kühne Ritter entgegen. „Die Pflicht, Sire de Graville, iſt ein ernſtes Ding, unwider⸗ ſtehlich in ihren Geboten,“ verſetzte Harold erbleichend, aber in feſtem Tone.„Dieſe Wäliſchen müſſen in ihre Gebirge eingeſchloſſen werden, ſonſt freſſen ſie ſich in das Mark von England, gleich der Fluth, welche am Ufer nagt. Bei der Verheerung unſerer Gränzen zeigten ſie ſich erbarmungslos und ihre grauſame Rache iſt eine Qual des Landes. Aber es iſt etwas anderes, ob man mit einem ſtarken trotzigen Feinde ringt, oder ob man ihn niederſchlägt, nachdem er ſeine Macht ver⸗ bli t Du en den e auch dieſe aß ich Inzahl Harold Euren „was venig⸗ chten. „ daß n auf genen fdem ginge r der ver⸗ keine der ider⸗ eſtem rden, elche ſich ndes. einde ver⸗ — 315 loren und an Händen und Füßen gebunden iſt. Wenn ich den unglück⸗ lichen König eines großen Stammes, wenn ich das letzte Häuflein verurtheilter Helden, zu gering an Zahl und Stärke, um meinen Waffen zu widerſtehen, vor mir ſehe— wenn das Land bereits mein iſt und das Schwert des Henkers, nicht mehr das des Kriegers wal⸗ tet— dann, Herr Normanne, läßt die Pflicht ihr eiſernes Werkzeug fallen und der Menſch wird wieder zum Menſchen.“ „Ich gehe,“ ſagte der Normanne, ſein Haupt tief, wie vor ſeinem eigenen großen Herzoge beugend und nach der Thüre ſich wendend; dort blieb er ſtehen und ſagte, mit einem Blicke auf den Ring, den er an ſeinen Finger geſteckt hatte:„noch ein Wort, wenn es nicht unbeſchei⸗ den iſt: Eure Auskunft kann das Pfand verſtärken, wenn eine Ver⸗ ſtärkung nöthig wäre.— Welche Geſchichte hängt an dieſem Ringe?“ Harold erröthete und ſchwieg eine Weile, bis er endlich ant⸗ wortete: „Sie lautet einfach alſo: Lady Aldytha, Gryffyths Gemahlin und von ſächſiſcher Geburt, fiel bei dem Sturme von Rhadlan— am äußerſten Ende der Inſel— in meine Hände. Ich fürchtete die Zügel⸗ loſigkeit meiner eigenen Leute und da wir nicht gegen Weiber Krieg führen, ſo überſchickte ich die Dame an Gryffyth. Aldytha gab mir beim Scheiden dieſen Ring und ich bat ſie, Gryffyth zu ſagen, daß wenn ich in der Stunde ſeiner höchſten Noth und Gefahr dieſen Ring ihm zurückſende, er ihn als ein Unterpfand ſeines Lebens betrachten möge.“ „Glaubt Ihr, jene Dame befinde ſich mit ihrem Gemahl in der Veſte?“ „Ich weiß es nicht gewiß, fürchte es aber,“ gab Harold zur Antwort.— „Nun noch Eins, wenn Gryffyth aller Warnung zum Trotze ſich weigert?“ „Dann ſtirbt er,“ flüſterte Harold mit geſenktem Blicke;„aber nicht vom Schwerte des Sachſen. Gott und unſere liebe Frau mögen Euch geleiten!“ 316 Neununddreißigſtes Kapitel. Auf der Höhe Pen⸗y⸗Dinas(Haupt der Stadt), welche einen der Gipfel von Penmaenmawr bildete, im tiefſten Innern jener vermu⸗ theten Veſte, die noch kein Auge im ſächſiſchen Lager überſchaut hatte,* lehnte der gehetzte König Gryffyth. Es iſt kein Wunder, wenn da⸗ mals über die Stärke und Beſchaffenheit jenes Bollwerkes— wie man ſich daſſelbe dachte— verſchiedene Anſichten laut wurden, da ja ſogar in den neueſten Zeiten und unter den gelehrteſten Alterthumsforſchern nicht allein in theoretiſchen Anſichten, ſondern ſogar bei einfachen Er⸗ fahrungsgegenſtänden und bloßen Maßen der größte Zwieſpalt ob⸗ waltet. Ich brauche übrigens kaum zu ſagen, daß der Ort damals nicht ſo war, wie wir ihn noch jetzt mit ſeinen Grundlagen giganti⸗ ſcher Ruinen vor uns ſehen, der Muthmaßung den weiteſten Spiel⸗ raum gewährend, wiewohl er ſchon in jener Zeit wie ein Ueberbleibſel von Titanen ausſah, deſſen Zweck und Datum ſich im entfernteſten Alterthume verlor. Den Mittelraum, wo der wäliſche König ſich befand, bildete eine ovale Mauer aus lockeren Steinen; ob ſie von Anfang an ſo geweſen, oder ob ſie einem verſchwundenen Gebäude angehörte, war ſogar den Barden und Wahrſagern unbekannt. Um dieſen Raum liefen vier ſtarke Wälle ungekitteten Gemäuers, jeder etwa achtzig Schritte vom andern entfernt; die Wäͤlle ſelbſt, im Durchſchnitt acht Fuß dick, waren von verſchiedener Höhe, wie eben die Steine durch Zeit und Sturm zu⸗ ſammengewürfelt worden. Längs dieſer Wälle erhoben ſich faſt zahl⸗ loſe kreisförmige Bauten, welche für Thürme gelten konnten, obwohl erſt kürzlich nur einige wenige mit rohen Dächern verſehen worden waren. Zu dieſer vierfachen Umfaſſung führte nur ein einziger ſchmaler Zugang, der wie zum Trotze gegen den erwarteten Anfall offen ge⸗ laſſen war; von dieſer einzigen Schwelle leitete ein gewundener * S. Note I. ten det ermu⸗ atte,* nn da⸗ e man ſogar rſchern en Er⸗ ilt ob⸗ damals iganti⸗ Spiel⸗ leibſel nteſten te eine weſen, ar den ſtarke andern en von eim zu⸗ t zahl⸗ bwohl vorden maler en ge⸗ ndener — 31⁷ Engpaß in zahlloſen Krümmungen den Berg hinab. Weit unten am Hügel waren weitere Wälle ſichtbar und die ganze Oberfläche des ſtei⸗ len Abhangs war mehr als zur Hälfte mit großen lockeren Steinen wie mit den Gebeinen einer Todtenſtadt bedeckt. Jenſeits der innerſten Umfaſſung des Forts oder geheiligten Raumes(ſofern dies der richtigere Name iſt) erhoben ſich andere zahlreiche Andenken an die Bretonen, viele Cromlechs nämlich, geſtaltlos und zerſtreut, Ruinen von ſteiner⸗ nen Häuſern, und hoch über alle emporragend jene mächtigen Bern⸗ ſteinpfeiler, wie ſie einſt— wenn anders unſere undeutliche Erinne⸗ rung nicht trügt— dem Bal oder Bäl⸗Huan(dem Idole der Sonne) zu Ehren zu Stonehenge errichtet wurden. Mit einem Worte— Alles bewies, daß der Name des Platzes— Haupt der Stadt— nicht ohne Bedeutung war; Alles verkündete, daß die Celten hier einſt ihre Heimath und die Götter der Druiden ihre Verehrer gehabt hatten. Und unter dieſen Skeletten der Vergangen⸗ heit lag der verurtheilte Sohn von Pen Dragon.“ Neben ihm war aus Steinen eine Art von Thron errichtet, über welchen man ein zerriſſenes und verſchoſſenes Sammtpallium ausge⸗ breitet hatte. Auf dieſem Throne ſaß Aldytha, die Königin, und um das königliche Paar war noch immer jene Spottgeburt eines Fürſten⸗ hofes verſammelt, wie ſie der eiferſüchtige Stolz des celtiſchen Königs unter all' den Schrecken der Hungersnoth und des Blutvergießens auf⸗ recht zu erhalten wußte. Von den vierundzwanzig Beamten, welche durch ihren Dienſt an die Perſon des Königs und der Königin der Cymrier gefeſſelt wurden, waren zwar die meiſten bereits eine Beute der Krähen oder Würmer geworden; aber dennoch ſah man den Penhe⸗ bogydd(Oberfalkenier) mit ſeinem mageren Falken auf der Fauſt, ſah noch immer mit gewaltigem Barte, der bis auf die Bruſt herabreichte und mit dem Stabe in der Hand den geräuſchloſen Gosdegwr an einem vorſpringenden Pfeiler des Walles lehnen, deſſen Amt es mit ſich brachte, daß er in des Königs Halle Stillſchweigen gebot; noch immer *„Dem Federdrachen“— auf deutſch. D. U. 318 beugte ſich der Barde über ſeine zertrümmerte Harfe, welche einſt in den hohen Gewölben von Caerleon und Rhadlan zum Lobe Gottes, des Königs und der todten Helden erklungen war. Mit dem vollen Pompe goldener Platten und Gefäße“ war für das Königspaar die Ta⸗ fel auf den Steinen ausgebreitet; auf der Platte lag der letzte Ueberreſt eines ſchwarzen Brodes und das Gefäß enthielt nichts als helles klares Waſſer aus der Quelle, welche ſchon ſeit ewigen Zeiten durch die Ge⸗ beine der Todtenſtadt geſchäumt hatte. Außerhalb jenes innerſten Raumes, rings um ein Felſenbecken, über welches der Strom wie aus künſtlicher Waſſerleitung herabfloß, lagen die Verwundeten und Erſchöpften, abwechslungsweiſe an den Rand des Beckens kriechend und froh, daß der Durſt des Fiebers ihnen das nagende Verlangen nach Speiſe erſparte. Eine abgemagerte ge⸗ ſpenſtige Geſtalt huſchte geräuſchlos zwiſchen dieſen verſtümmelten, ausgetrockneten und ſterbenden Gruppen hin und her. Dieſer Mann hatte in glücklicheren Zeiten das Amt eines Hofarztes bekleidet, und war unter den Häuptlingen des Haushaltes der zwölfte im Range geweſen. Und ein reiches Lehen*“ wartete ſeiner für die Heilung der drei tödtlichen Wunden, den geſpaltenen Schädel, das klaffende Ein⸗ * Die Wäliſchen ſcheinen koſtbare Metalle im Ueberfluſſe beſeſſen zu haben, was mit ihrem Mangel an gemünztem Gelde gar nicht im Verhält⸗ niß ſtand. Nicht zu erwähnen der Hals⸗ und Armbänder, ja ſogar der Bruſt⸗ platten von Gold, wie ſie ihre zahlreichen Häuptlinge zu tragen pflegten, ſind auch in ihren Strafgeſetzen Bußen enthalten, welche den vorherrſchenden Reich⸗ thum an Gold und Silber beweiſen. So wurde die Beleidigung eines Unter⸗ königs von Aberfraw mit einer Silberruthe, ſo dick wie des Königs kleiner Finger und in der Länge vom Boden bis zum Munde des Sitzenden reichend, nebſt einem Goldbecher, mit einem Deckel ſo groß wie des Königs Geſicht und in der Dicke wie der Nagel eines Pflugknechts oder der Schaale eines Gänſeeis— gebüßt. Ich glaube, daß gerade deßhalb, weil nur wenig Gold gemünzt wurde, die edlen Metalle, die ſie beſaßen, bei den Wäliſchen im Hausgebrauche ſo allgemein vorkamen, denn ſelbſt unter den Peruvianern wäre das Gold ſeltener geworden, wenn ſie es zu Münzen geprägt hätten. ** Leges Wallicae. einſt in geweide und das gebrochene Bein— dieſe drei ſtanden in gleicher Linie: Gottes, aber unbelohnt wanderte er jetzt mit ſeiner rothen Salbe und Zau⸗ vollen berſprüche murmelnd von einem zum andern, und die armen Verwun⸗ die Ta⸗ deten, über denen er ſein hageres Geſicht und ſeine geflochtenen Locken eberreſt ſchüttelte, lächelten geiſterhaft bei dieſem Zeichen, daß Erlöſung und klares Tod ihnen nahe ſtand. die Ge⸗ Innerhalb der Umfaſſungsmauer waren die zuſammengeſchmolze⸗ V nen Ueberreſte der wilden Armee in regelloſen Gruppen gelagert. Ein bbecken, Schaaf, ein Pferd und ein Hund war Alles, was ihnen für das heutige abfloß, Mittagsmahl übrig geblieben. In einer Höhle unter den lockeren an den Steinen flackerte und praſſelte ein Feuer aus getrocknetem Geſtrüppe; 3 ihnen aber die Thiere waren noch nicht geſchlachtet, und der Hund kroch noch erte ge⸗ um das Feuer, mit trüben Augen hineinblinzelnd. melten, Ueber den niedereren Theil der Mauer, dem innerſten Kreiſe zu⸗ Mann nächſt, lehnten drei Männer. Die Mauer war dort ſo durchbrochen, t, und daß ſie darüber weg jenen grotesken unſeligen Königshof betrachten Range konnten, und die Augen der drei Männer waren mit wilden wölfiſchen ung der Blicken auf Gryffyth geheftet. de Ein⸗ Es waren drei Prinzen aus der großen alten Linie; ebenſo gut wie Gryffyth verfolgten auch ſie die fabelhafte Ehre ihres Stammes ſſen zu bis auf Hu⸗Gadarn und Prydain, und jedem däuchte es eine Schmach, Vehitt⸗ daß Gryffyth als Gebieter über ihm ſtehen ſolle. Jeder hatte einen 5 nii⸗ Thron und Hof, jeder hatte ſeinen weißen Pallaſt von geſchälten Wei⸗ Reich⸗ denwänden gehabt— freilich ein armſeliger Erſatz für die Thürme und Unter⸗ Palläſte, wie ſie Roms Künſte Euren Vätern, Ihr Könige, vermacht kleiner hatten! Sie alle waren von dem Sohne Llewellyns unterjocht wor⸗ hend den, als er in den Tagen ſeiner Macht all' die mannigfaltigen Fürſten⸗ ſe eines thümer von Wales unter ſeinem einzigen Scepter vereinigte und für g Gold einen kurzen Augenblick des Glanzes den Thron Roderichs des Großen hen im wieder aufrichtete. n wäre „Und für jenen Mann, welchen der Himmel verlaſſen und der nicht einmal ſein Halsband vor dem Griffe des Sachſen zu bewahren 320 vermochte, ſollen wir auf dieſen Hügeln ſterben, ſollen das Fleiſch un⸗ ſerer eigenen Knochen abnagen? Glaubt Ihr nicht, daß die Stunde endlich gekommen?“ flüſterte Owain in hohlem Tone. „Die Stunde wird kommen, wenn Schaaf, Pferd und Hund ver⸗ zehrt ſind,“ erwiederte Modred,„und wenn die ganze Macht wie ein Mann dieſem Gryffyth zurufen wird: Du ein König!— ſo gib uns Brod!“ „Es iſt gut,“ ſagte der Dritte, ein alter Mann auf einen Stab von maſſivem Silber ſich ſtützend, während der Bergwind, der durch die Wälle hereinpfiff, mit den Fetzen ſeines Gewandes ſpielte—„es iſt gut, daß dieſer nächtliche Ausfall mehr durch Hunger als durch Kampfluſt veranlaßt, nicht einmal Nahrung und Fourage eingebracht hat. Wären die Heiligen mit Gryffyth geweſen, wer hätte dann ge⸗ wagt, dem Sachſen Toſtig Treue zu bewahren?“ Owain lachte— ein falſches hohles Gelächter. „Biſt Du ein Cymrier und ſprichſt von Treue gegen den Sachſen — den Räuber, den Schlächter und Verwüſter? Aber der Rache wenigſtens bleibt der Cymrier getreu, und Gryffyths Rumpf müßte Haupt und Krone verlieren, wenn Toſtig auch niemals Brod und Ret⸗ tung dafür angeboten hätte. Pſch! Gryffyth erwacht aus ſeinem finſtern Traume und ſeine Augen glühen unter der Löwenmähne.“ In der That richtete ſich der König in dieſem Augenblicke auf und ſchaute ſich, auf ſeinen Ellbogen geſtützt, mit hohler wilder Ver⸗ zweiflung in ſeinen glitzernden Augen im Kreiſe um. „Spiel uns vor, Harfner; ſing uns ein Lied von früheren Tagen!“ Der Barde machte einen traurigen Verſuch, die Harfe anzuſchla⸗ gen; aber die Saiten waren zerbrochen und nur ein ſchriller Mißton erklang wie der Seufzer eines wehklagenden Feindes. „Die Muſik hat die Harfe verlaſſen, o König,“ ſagte der Barde in jammerndem Tone. „Ha!“ murmelte Gryffyth,„und Hoffnung die Erde! Barde, antworte dem Sohne Llewellyns. Oft haſt Du in meinen Hallen das ſch un⸗ Stunde nd ver⸗ wie ein gib uns Stab durch —„es 3 durch ebracht inn ge⸗ Sachſen Rache müßte d Ret⸗ ſeinem e.“ cke auf r Ver⸗ agen!“ uſchla⸗ Nißton Barde Barde, en das 321 Lob der Verſtorbenen geſungen— werden wohl die ungebornen Bar⸗ den in den Hallen des kommenden Geſchlechts ihre Harfen zu den Thaten Deines Königs anſtimmen? Werden ſie erzählen von dem Tage von Torgues bei Llyn⸗Afange, wo die Fürſten von Powys vor ſeinem Schwerte flohen wie die Wolken vor dem Sauſen des Sturm⸗ windes? Wenn die Hirlas herumgeht, werden ſie wohl ſingen von ſeinen Meeresroſſen, da zwiſchen der ſchwarzen Druideninſel“ und den grünen Waiden Huerdans* kein Segel ſeinem Schnabel ſich zu nahen wagte? Werden ſie ſingen von den Städten, die er in den Ländern des Sachſen niederbrannte, als Rolf und die Nordmänner vor ſeinem Speere und Wurfſpieße davonrannten? Oder ſage, Kind der Wahr⸗ heit, wenn von Gryffyth Deinem König erzählt wird— wird nur von ſeinem Weh und ſeiner Schande geſprochen werden?“ Der Barde fuhr mit der Hand über die Augen und antwortete: „Ungeborene Barden werden ſingen von Gryffyth, dem Sohne Llewellyns. Aber ihr Geſang wird nicht verweilen bei dem Pompe ſeiner Macht, da zwanzig Unterkönige vor ſeinem Throne knieten und ſeine Feuerbecken auf den Veſten der Normannen und Sachſen brann⸗ ten. Die Barden werden ſingen von dem Helden, der in Felſen und Moräſten jeden Zoll ſeines Landes an der Spitze ſeiner Leute verfocht, und auf den Hohen von Penmaen⸗mawr wird der Ruhm Deine Krone von Neuem beſcheinen!“ „Dann habe ich gelebt gleich meinen Vätern und werde mit ihrem Ruhme im Tode fortleben,“ verſetzte Gryffyth;„damit iſt der Schat⸗ ten von meiner Seele gewichen.“ Noch immer auf ſeinen Ellbogen geſtützt heftete er ſein ſtolzes Auge auf Aldythen und ſprach in ernſtem Tone:„bleich iſt Dein Antlitz, o Weib, und düſter Deine Stirne: klagſt Du um den Thron oder um den Mann?“ Aldytha warf auf ihren wilden Gebieter einen Blick des * Mona oder Angleſea. ** Irland. Bulwer, Harold. 21 —————e,,Oa,a ajan··——·—·————- — 322 rief er. ſprengelten Haare ſtark kontraſtirte. N derwillen von dem Herren, deſſen M durch die Wolken des Blutbads.“ Schreckens mehr als des Mitleids, einen Blick ohne den ſanften Kummer ihres Geſchlechts, ohne die Liebe, welche das Herz umſtimmt. „Was kümmern Dich meine Gedanken oder Leiden?“ gab ſie zur Antwort;„das Schwert oder der Hunger iſt das Loos, das Du er⸗ wählt haſt. Den vagen Träumen Deines Barden oder Deinem eige⸗ nen nicht minder eitlen Stolze Gehör gebend, verſchmähſt Du das Leben für uns Beide: ſey es ſo— laß uns ſterben!“ Ein ſonderbares Gemiſche von Zärtlichkeit und Zorn kämpfte mit dem Stolze in Gryffyths ungeſchlachten halbwilden Zügen, welche gleichwohl ein edles königliches Gepräge an ſich trugen. „Was iſt Dir der Schrecken des Todes, wenn Du mich liebſt?“ Aldytha wandte ſich ſchaudernd ab. Der unglückliche König ſchaute mit ſtarren Blicken in jenes Antlitz, das trotz der harten Prü⸗ fungen und der rauhen Stürme in Wind und Wetter, denen es neulich ausgeſetzt geweſen, noch immer die ſprüchwörtliche Schönheit der ſäch⸗ ſiſchen Frauen beibehalten hatte— aber eine Schönheit ohne Herzens⸗ wärme, einer Landſchaft vergleichbar, aus welcher das Licht der Sonne gewichen. Die Röthe wechſelte ſtürmiſch auf ſeinen dunklen Wangen, deren Farbe mit dem Blau ſeiner Augen und dem Goldroth ſeiner ge⸗ „Du möͤchteſt, daß ich zu Harold Deinem Landsmanne ſchickte,“ ſagte er endlich;„möchteſt, daß ich, ich— der rechtmäßige Gebieter von ganz Britannien— um Leben und Gnade bettelte. rätherin, Du Kind räuberiſcher Thane! ſchön wie Rowena biſt Du, nur daß Du keinen Vortimer an mir haſt! Du wendeſt Dich mit Wi⸗ orgengabe eine Krone geweſen, und die glatte Geſtalt Deines ſächſiſchen Harold erhebt ſich vor Dir Die ganze wilde gefährliche Eiferſucht der menſchlichſten Leiden⸗ ſchaft des Mannes, wenn dieſer in einem Athem liebt und haßt, zit⸗ terte in der Stimme des Cymriers und glühte in ſeinem getrübten — 211 fften nmt. zur er⸗ ige⸗ das pfte elche ſt?“ önig Prü⸗ llich ſäch⸗ ens⸗ onne gen, 4 ge⸗ ke,“ ieter Ver⸗ Du, Wi⸗ eſen, Dir den⸗ zit⸗ bten 323 Auge; denn Aldytheus bleiche Wange erröthete gleich der Roſe, aber ſie kreuzte die Arme hochmüthig über der Bruſt und gab keine Antwort. „Nein,“ ſagte Gryffyth mit den Zähnen knirſchend, welche an Weiße und Stärke denen eines jungen Hundes gleich kamen.„Nein, vergeblich ſchickte mir Harold das Käſtchen— der Juwel war fort; vergeblich kehrte Dein Leib zu mir zurück— Dein Herz blieb bei dem Feinde, und nicht um mir das Leben zu retten(wenn ich niederträchtig genug wäre, darum zu bitten), ſondern um abermals das Antlitz deſſen zu ſehen, dem Du die kalte Hand, in deren Adern kein Puls dem mei⸗ nen antwortet, gegeben haben würdeſt, wenn Dein Haus ſeine Tochter gefragt hätte— deßhalb möchteſt Du, daß ich wie ein gepeitſchter Hund vor den Füßen meines Feindes kröche! O Schmach⸗! Schmach und dreimal Schmach! o ſchlimmſte Treuloſigkeit von allen! ja ſcharf — ſchärfer als Sachſenſchwert oder Schlangenzahn iſt— iſt—“ Thränen drangen in ſeine wilden Augen und der ſtolze König fühlte, wie ſeine Stimme wankte. „Tödte mich, wenn Du willſt— nur beſchimpfe mich nicht,“ ſprach Aldytha, kalt ſich erhebend.„Ich habe geſagt: laß uns ſterben.“ Ohne ihren Gebieter eines Blickes zu würdigen, entfernte ſie ſich mit dieſen Worten nach dem größten jener Thürme oder Zellen, deſſen einziges rohes Gemach zu ihrem beſonderen Gebrauche hergerichtet war. Gryffyth folgte ihr mit den Augen und ſein Blick wurde immer milder, je mehr ihre Geſtalt ſich entfernte, bis ſie gänzlich verſchwun⸗ den war; denn es erwachte wieder jene eigenthümliche häusliche Liebe, welche in ungebildeten Gemüthern gar oft Vertrauen und Achtung überlebt, um ſein rauhes Herz zu überwältigen und zu erweichen, wie nur das Weib den Starken, dem der Tod ein Gegenſtand der Verach⸗ tung iſt, zu erweichen vermag. Er winkte ſeinem Barden, der ſich * Die Wäliſchen waren damals wie noch jetzt durch die Schönheit ihrer Zähne bekannt. Giraldus Cambrenſis bemerkt als etwas ganz Außerordent⸗ liches, daß ſie dieſelben reinigten. 21* 324 während des Zwiegeſprächs zwiſchen der Königin und ihrem Gemahl zurückgezogen hatte, und ſagte mit verzerrtem Lächeln: „Hältſt Du die Sage für wahr, daß Guenever“ gegen König Arthur falſch war?“ „Nein,“ gab der Barde zur Antwort, ſeines Herrn Gedanken er⸗ rathend,„denn Guenever überlebte den König nicht, und ſie wurden neben einander in dem Thale von Avallon begraben.“ „Du biſt weiſe in der Lehre des Herzens und die Liebe war Dein Studium von den Tagen der Jugend bis zu denen des Alters: iſt es Liebe, iſt es Haß, was uns den Tod der Geliebten dem Gedanken vor⸗ ziehen läßt, daß ſie als Eigenthum des Andern fortleben ſoll?“ Ein Blick des zarteſten Mitleids zog über das magere Geſicht des Barden, verſchwand aber in Ehrfurcht, als er ſein Haupt verneigend antwortete: „O König, wer kann ſagen, welchen Ton der Wind meiner Harfe entlockt oder welchen Impuls die Liebe in des Menſchen Seele— heute ſanft und morgen ſtreng— erweckt? Aber,“ fuhr er mit furcht⸗ barer Ruhe und in ſeiner ganzen Höhe ſich aufrichtend fort,„eines Königs Liebe erträgt keinen Gedanken von Unehre, und die, deren Haupt an ſeiner Bruſt geruht, ſollte auch in ſeinem Grabe ſchlummern.“ „Du wirſt mich überleben,“ meinte Gryffyth plötzlich abbrechend. „Dieſer Ring ſey mein Grab!“ „Und wenn er es wird, ſo ſollſt Du nicht allein ſchlafen,“ ver⸗ ſicherte der Barde.„Was Du am meiſten liebſt, ſoll neben Dir be⸗ graben werden; der Barde wird ſeinen Geſang über Deinem Grabe erheben, und wie der Klang des Liedes fällt und ſteigt, ſo ſollen die Schildbuckeln in Zwiſchenräumen gelegt werden. Ueber dem Grabe von Zweien ſoll ein neuer Hügel ſich erheben, und der Hügel ſoll Anderen noch in ſpäten künftigen Tagen erzählen. Aber ferne ſey die Stunde, wo der Mächtige in die Grube gelegt wird, und die Zunge * Ginevra. D. Ueberſ. rrcht⸗ eines deren ern.“ hend. ver⸗ rbe⸗ Brabe i die Brabe ſoll y die unge Deines Barden möge noch ſingen, wie der Löwe den Speeren und Netzen entrinnt. Hoffe noch immer!“ Als Antwort lehnte ſich Gryffyth auf des Harfners Schulter und deutete ſchweigend auf das Meer, das ſpiegelglatt in der Ferne lag, und mit ſächſiſchen Segeln dicht bedeckt war. Sich umwendend ſtreckte er ſeine Hand über die hohlaugigen geiſterhaften Geſtalten, die zwi⸗ ſchen den Wällen hinhuſchten oder ſterbend aber ſtumm um die Quelle herumlagen; dann ließ er den Arm ſinken, daß er auf dem Griffe ſeines Schwertes ruhte. In dieſem Augenblicke entſtand an dem Eingange eine Bewegung: die Menge verſammelte ſich auf einer Stelle und ein lautes Summen von Stimmen wurde vernehmbar. Kurz darauf trat eine der wäliſchen Schildwachen ein, und die Häuptlinge der wäliſchen Stämme folgten ihr in den Ring, wo der König ſtand. „Von was erzählſt Du?“ fragte der König, ſeine ganze könig⸗ liche Haltung annehmend. „An der Mündung des Paſſes ſteht ein Mönch mit dem heiligen Kreuz und ein unbewaffneter Häuptling,“ berichtete der Späher knieend. „Der Mönch iſt Evan der Cymrier von Gwentland, und der Häupt⸗ ling ſcheint ſeiner Sprache nach kein Sachſe zu ſeyn. Der Mönch hieß mich Dir dieſe Pfänder überreichen“(wobei der Späher das zer⸗ brochene Halsband, welches der König in Harolds Fauſt zurückgelaſſen hatte, nebſt einem lebendigen Falken, welcher geblendet und mit Glöck⸗ chen behangen war, zum Vorſchein brachte)„und bat mich alſo zu dem Könige zu ſprechen: Harold der Earl grüßt Gryffyth, den Sohn Llewellyns und ſendet ihm zum Zeichen ſeines guten Willens die reichſte Beute, die er jemals von einem Feinde gewann, und einen Falken von Landudno, wie ihn der Häuptling und Edle dem Manne ſeines Gleichen ſendet. Und er bittet Gryffyth, den Sohn Llewellyns, um ſeines Rei⸗ ches wie ſeines Volkes willen ſeinem Nuncius Gehör zu ſchenken.“ Ein Murmeln entſtand unter den Häuptlingen— ein Murmeln der Freude und Ueberraſchung, wobei nur die drei Verſchwörer eine 326 Ausnahme machten, indem ſie wilde ängſtliche Blicke mit einander wechſelten. Gryffyth hatte bereits mit einem Rufe des Entzückens das goldene Halsband erfaßt, deſſen Verluſt ihn vielleicht tiefer als der Verluſt der Krone von ganz Wales geſchmerzt hatte. Und ſein Herz, mitten in ſeinen rohen Leidenſchaften ſo groß und edelmüthig, wurde gerührt durch dieſe Sprache und die Unterpfänder, welche den gefallenen Ge⸗ ächteten als Feind und König ehrten. Aber dennoch war in ſeinem Geſichte noch immer ein düſterer Kampf des Stolzes zu gewahren und er ſchwieg, ehe er ſich an ſeine Häuptlinge wandte. „Was rathet Ihr— Ihr ſtark in der Schlacht und weiſe im Wortkampf?“ begann er endlich. „Höre den Mönch, o König!“ riefen Alle einſtimmig bis auf das fatale Kleeblatt. „Sollen wir's mißrathen?“ fragte Modred den alten Häuptling, ſeinen Mitſchuldigen. „Nein, denn dadurch würden wir Alle beleidigen und wir müſſen ſie Alle für uns gewinnen.“ Der Barde trat nun in den Ring und die Verſammlung ver⸗ ſtummte, denn weiſe iſt immer der Rath Deſſen, der in dem menſch⸗ lichen Herzen wie in einem Buche liest. „Hört die Sachſen,“ ſagte er kurz und mit gebietender Miene, ſobald er Andere anredete, was gegen ſeinen zarten Reſpekt vor dem Könige auffallend abſtach;„hört die Sachſen, aber nicht in dieſen Mauern. Niemand vom Feinde darf unſere Stärke oder Schwäche gewahren. Wir ſind immer noch mächtig und unbezwingbar, ſo lange unſere Behauſung im Reiche des Unbekannten ſchwebt. Laßt den König mit ſeinen Staatsbeamten und Kriegshäuptlingen zu dem Paſſe hinabſteigen; hinter ihm in der Ferne mögen die Speerträger von Fels zu Fels wie eine Leiter von Stahl ſich aufthürmen, denn ſo wird ihre Zahl deſto größer erſcheinen.“ „Du ſprichſt gut,“ bemerkte der König. Mittlerweile warteten Ritter und Mönch am Fuße jenes furcht⸗ einander baren Paſſes, welcher damals zwiſchen Fluß und Gebirge an gäh⸗ goldene b nende Abgründe gelehnt lag. Sie vermochten nicht ohne eine An⸗ rluſt der wandlung von Schrecken emporzuſchauen, und der Ritter murmelte itten in endlich: gerührt„Mit dieſen Steinen und Felsklippen, die man auf ein anmar⸗ nen Ge⸗ ſchirendes Heer herabrollt, kann der Platz jedem Sturme trotzen und ſeinem hundert Vertheidiger würden Tauſende von Feinden überwinden.“ ren und Sofort wendete er ſich mit all der weltberühmten Freundlichkeit und Höflichkeit der Normannen an die wäliſchen Außenpoſten— lauter eiſe im auserleſene Männer, die ſtärkſten, beſtbewaffneten und beſtgenährten des Heeres; allein ſie ſchüttelten den Kopf und gaben keine Antwort, auf das indem ſie ihn, wie die Hunde den Bären, bevor ſie der Koppel ent⸗ laſſen werden, mit Zähnefletſchen und wilden Blicken anſtarrten. ptling,„Sie verſtehen mich nicht, die armen ſprachloſen Wilden!“ ſagte Mallet de Graville zu dem Mönche gewendet, der mit erhobenem müſſen Kreuze neben ihm ſtand,„Du ſollteſt in ihrem eigenen Kauderwelſch mit ihnen reden.“ g ver⸗„Nein,“ erwiederte der wäliſche Mönch, der, obwohl von einem nenſch⸗ Nebenbuhlerſtamme aus Südwales und in Harolds Dienſten ſtehend, wegen ſeiner Pietät und Gelehrſamkeit im ganzen Lande geachtet war, Miene,„ſie werden nicht eher den Mund öffnen, bis des Königs Befehle an⸗ or dem langen, ob wir empfangen oder ungehört entlaſſen werden ſollen.“ dieſen„Ungehört entlaſſen!“ wiederholte der empfindliche Normanne; wäche„ſogar dieſer arme Barbarenkönig kann kaum ſo ſehr aller geziemenden lange Sitte entfremdet ſeyn, daß er Guillaume Mallet de Graville dermaßen zt den beſchimpfte. Doch ich vergaß,“ fuhr der Ritter erröthend fort,„daß er Paſſe mit meinem Namen und Lande nicht bekannt iſt, und ſintemalen Du r von der Sprecher ſeyn ſollſt, muß ich mich nur wundern, wie Harold auf Hwird* Ich glaube, erſt im vorigen Jahrhundert wurde obiger Paß durch eine gute Straße erſetzt. 328 die Gefahr hin, einen normänniſchen Ritter ſchmählicher Beſchimpfung auszuſetzen, meinen Dienſt überhaupt verlangen mochte.“ „Vielleicht haſt Du dem König Etwas bei Seite zuzuflüſtern,“ verſetzte Evan,„worüber Dich als Fremdling und Krieger Niemand zu befragen wagen wird, was aber von mir, dem Landsmanne und Prieſter, den eiferſüchtigen Argwohn ſeiner Umgebung erregen würde.“ „Ich verſtehe,“ verſetzte de Graville.„Sieh, dort kommen Speere den Pfad herab und per pedes Domini!— jener Häuptling mit dem Mantel und dem Goldreif auf dem Kopfe iſt der Katzen⸗ König, der geſtern Nacht in der mélée ſo gräulich biß und kratzte.“ „Wahre Deine Zunge,“ mahnte Evan beunruhigt;„man ſcherzt nicht über den Anführer von Männern.“ „Weißt Du nicht, guter Mönch, daß ein ſpaßiger und äußerſt fei⸗ ner Römer(wenn nämlich der heilige Autor, nach welchem ich eitire, recht berichtet— denn ach! ich weiß nicht, wie ich mir eine Kopie von Horatius Flaccus erkaufen oder ſtehlen ſoll), geſagt hat:„Dulce est desipere in loco.“ ‧Es iſt ſüß, zuweilen zu ſcherzen, nur nicht im Be⸗ reiche der Klauen von Kaiſern oder Katzen.“ Mit dieſen Worten richtete der Ritter ſeine dünne, aber ſtattliche Geſtalt in die Höhe, und arrangirte ſein Gewand mit Anmuth und Würde, um den nahenden König zu erwarten. Den Paß herab, einer hinter dem andern, kamen zuerſt die Häuptlinge, welche durch ihre Geburt zur Begleitung des Königs be⸗ rechtigt waren; jeder ſtellte ſich, ſowie er die Mündung des Paſſes rereichte, auf der oberen Seite des unebenen Grundes zwiſchen die Steine. Dann kam ein zerriſſenes und be ſchmutztes Banner mit dem Löwen, den die wäliſchen Prinzen ſtatt des alt nationalen Drachen, welchen die Sachſen von Weſſer ſich zugeeignet, angenommen hatten; * Die Sachſen von Weſſer ſcheinen den Drachen ſchon ſehr früh als Feld⸗ zeichen geführt zu haben. Aus dieſem Grunde, weil das Fürſtenthum Weſſer den wichtigſten Theil des reinen Sachſenſtammes bildete, während ſein Gründer der Ahne des kaiſerlichen Hauſes des brittiſchen Baſi leus war, 329 dicht hinter ihm zog der König von ſeinem Falkenier und Barden und dem Ueberreſte ſeines ärmlichen Haushaltes begleitet. Einige Schritte vor dem normänniſchen Ritter machte der König in dem Paſſe Halt und Mallet de Graville, ſo ſehr er auch an die majeſtätiſche Miene des Herzogs William wie an den längſt erlernten Prunk der Fürſten von Flandern und Frankreich gewöhnt war, empfand doch einen un⸗ willkürlichen Schauer der Bewunderung vor der Haltung dieſes großen Naturſohnes, der ſich auf dem Boden ſeiner Väter fühlte. Klein und ſchmächtig, wie er von Geſtalt, zerriſſen und abgetra⸗ gen wie ſein Staatsmantel war, lag doch in der aufrechten Stellung und in dem feſten Blicke des cymriſchen Helden jenes gewiſſe Etwas, welches bewies, daß er ſich ſeiner Autorität und Willenskraft be⸗ wußt war, und ſein Handwinken gegen den Ritter war die Geberde eines Fürſten auf ſeinem Thron. Auch war jener tapfere unglückliche Häuptling nicht ohne ungeregelte Strahlen geiſtiger Bildung, die ſich unter glücklicheren Geſtirnen zu einem ſtarken Lichte hätten concentriren können. Zwar war die Gelehrſamkeit, wie ſie einſt als letztes Ver⸗ mächtniß von Rom in Wales exiſtirt hatte, längſt in blutiger Zwie⸗ tracht untergegangen; ſeine Jünglinge ſammelten ſich nicht mehr in den Collegien von Caerleon und ſeine Prieſter zählten nicht länger un⸗ ter den Zierden der damaligen kaſuiſtiſchen Theologie; aber Gryffyth ſelbſt hatte als Sohn eines weiſen und berühmten Vaters“ eine Erzie⸗ mag wohl auch Edward FIronſides, der Hauptheld der Sachſen, jenes Wappen angenommen haben. Aber auch eine normänniſche Inſignie ſcheint dieſer Drache geweſen zu ſeyn. Die Löwen oder Leoparden, wie ſie gewöhnlich dem Erobe⸗ rer zugeſchrieben werden, ſind gewiß von ſpäterer Erfindung, denn in den Stickereien von Bayeux iſt auf Bannern und Schildern des normänniſchen Heeres keine Spur davon zu entdecken. Schon lange ehe die Heraldik bei Franken und Normannen zur Wiſſenſchaft erhoben wurde, waren Wappen⸗ ſchilde unter Sachſen und Welſchen im Gebrauch geweſen, und der Drache, welchen viele Kritiker durch die Sarazenen aus dem Orient herleiten wollen, exiſtirte als Feldzeichen unter den Cymriern, bevor ſie noch den Legenden und Sagen jenes Volkes ſo Manches zu danken hatten. *„Zu deſſenn Zeiten der Boden zwiefache Ernte trug und weder Bettler —— 330 hung weit über den Bereich ſächſiſcher Koͤnige erhalten. Mit ganzem Herzen ſeinem Volke angehörend, hatte ſich jedoch ſein Gemüth von der römiſchen Literatur den Sagen, den Chroniken und Geſängen ſei⸗ nes Heimathlandes zugewendet, und wenn man denjenigen den erſten Ge⸗ lehrten nennen darf, der ſeine eigene Sprache und deren Schätze am Be⸗ ſten verſteht, ſo war Gryffyth ohne Zweifel der unterrichtetſte Fürſt ſei⸗ nes Zeitalters. Seine angeborenen Talente beſonders für die Kriegfüh⸗ rung waren mehr als gewöhnlich und wollte man ihn gerecht beurthei⸗ len— nicht wie er mit leerem Schatze, ohne andere Armee als wie ſie der launiſche Wille ſeiner Unterthanen ihm darbot, und in der Per⸗ ſon der eiferſüchtigen Häuptlinge ſeines eigenen Landes von ſeinen bitterſten Feinden umringt, gegen die disciplinirte Streitmacht der vergleichungsweiſe gebildeten Sachſen ankämpfte, ſondern ſo wie er unter gleichen Umſtänden in der Leitung des Kriegs, an den er gewöhnt war, den übrigen Fürſten von Wales gegenüberſtand— ſo mußte man geſtehen, daß der gefallene Sohn Llewellyns der berühmteſte Heerführer geweſen war, welchen Cymrien ſeit dem Tode des großen Roderich den ſeinigen genannt hatte. So ſtand er vor den Abgeſandten— ſeine von Hunger abgezehr⸗ ten Begleiter auf dem unebenen Boden hinter ihm und von den Fels⸗ klippen anſteigend lange Reihen von Speeren künſtlich auf den Höhen vertheilt, während ihn die drei Verräther im Hintergrunde mit Blicken tödtlichen Haſſes bewachten. „Sprich, Vater oder Häuptling,“ begann der König in der Sprache ſeines Landes;„was verlangt Harold, der Earl, von dem Könige Gryffyth?“ Und der Mönch nahm das Wort und ſprach: „Heil Gryffyth⸗ap⸗Llewellyn, ſeinen Häuptlingen und ſeinem Volke! Alſo ſpricht Harold, König Edwards Than.— Zu Land ſind alle Päſſe bewacht, zur See ſind alle Wogen unſer eigen. Unſere noch Arme von der Nord⸗ bis zur Südſee zu finden waren.“— Powell's Geſchichte von Wales, S. 83. anzem h von en ſei⸗ en Ge⸗ m Be⸗ rſt ſei⸗ egfüh⸗ irthei⸗ ls wie r Per⸗ ſeinen ht der wie er wöhnt 2e man führer ich den gſezehr⸗ Fels⸗ Höhen Blicken in der n dem ſeinem nd ſind Unſere vell's 331 Schwerter ruhen in der Scheide; aber der Hunger, grimmig und töd⸗ tend, rückt mit jeder Stunde drohender gegen Eure Reihen. Statt ſicheren Todes durch die Noth des Hungers nehmt ſicheres Leben von Euern Feinden. Offene Verzeihung für Alle— Führer wie Volk— und ungefährdete Rückkehr in die Heimath— Gryffyth allein ſey ausgenommen. Laßt ihn vortreten, nicht als Schlachtopfer und Ge⸗ ächteten, nicht gebeugt und mit flehenden Händen, ſondern als Häupt⸗ ling, der mit ſeinem ganzen Hofſtaate des Königs Häuptlinge entge⸗ genkommt. Harold wird ihn mit Ehren bewillkommnen vor den Thoren der Veſte. Gryffyth ſoll ſich König Edward unterwerfen und mit dem Earl an den Hof des Baſileus reiten. Harold verbürgt ihm das Leben und wird den Fürſprecher ſeiner Begnadigung machen; wenn auch der Friede dieſes Reiches und das Glück des Krieges dem Earl verbieten, zu ſagen: Du ſollſt auch künftig König bleiben— ſo ſoll doch Deine Krone, o Sohn Llewellyns, dem Stamme Deiner Väter geſichert werden, und Cadwallader's Geſchlecht ſoll auch ferner in Cymrien regieren.“ Der Moͤnch ſchwieg und Hoffnung und Freude leuchtete auf den Geſichtern der ausgehungerten Häuptlinge, während zwei von den Verräthern ihre Poſten plötzlich verließen, um den weiter oben aufge⸗ ſtellten Speerträgern und Bewaffneten die Botſchaft eiligſt zu verkün⸗ den. Modred, der dritte aus dem Kleeblatt, legte die Hand ans Schwert und ſtahl ſich in des Königs Nähe, um ſein Antlitz zu beob⸗ achten— dieſes war aber finſter und zornig, wie ein mitternächtiger Sturm. Und Evan, ſein Kreuz hoch erhebend, begann von Neuem: „Und ich, obwohl in Gwentland geboren, welches Gryffyths Waf⸗ fen verwüſteten und deſſen Fürſten Gryffyths Schwert vor dem Herd ſeiner Halle erſchlug— ich, als Diener Gottes und Bruder Aller, die ich vor mir ſehe, als Sohn dieſes Bodens die Niedermetzlung ſeiner letzten Vertheidiger beklagend— ich beſchwöre Dich, o König, bei die⸗ ſen Zeichen der Liebe und des ewigen Gebots, das ich zum Himmel 332 erhebe, daß Du dieſer friedlichen Sendung Gehör gebeſt und den grim⸗ men Stolz der Erde niederkämpfeſt. Statt der Krone eines kurzen Tages richte Deine Hoffnungen auf das ewig dauernde Diadem, denn Vieles ſoll Dir aus der Stunde Deiner Hoffahrt und Eroberung ver⸗ ziehen werden, wenn Du nunmehr das Leben Deiner letzten Anhänger vor Tod und Verdammung erretteſt.“ Den Moment dieſer feierlichen Anrede benützte der Ritter, das angekündigte Zeichen gewahrend, um ſich Gryffyth zu nähern und ihm den Ning in die Hand zu drücken, indem er ihm zuflüſterte: „Gehorche dieſem Pfande. Du weißt, Harold iſt treu, und Dein Haupt iſt von Deinen eigenen Leuten verkauft.“ Der König warf einen hohlen Blick auf den Sprechenden und dann auf den Ring, den er mit krampfhafter Fauſt umfaßte, und der Menſch überwog den König in dieſem furchtbaren Augenblicke, denn weit über Volk und Mönch, über Beſchwörung und Pflicht flog ſein Herz auf den Flügeln des Sturmes— flog zu dem kalten Weibe, dem er mißtraute; das Unterpfand, das ihm ſein Leben verbürgen ſollte, kam ihm vor wie eine Liebesgabe, die ſeinen Fall verſpottete, und mitten in dem Aufruhr der empörten Leidenſchaften vernahm er am lauteſten das Ziſchen des eiferſüchtigen Erzfeindes. Der Möoͤnch hatte durch ſeine Rede eine unverkennbare Wirkung auf die Zuhörer hervorgebracht— der tiefen Stille folgte ein allge⸗ meines Gemurmel, als ob ſie den König zum Nachgeben drängen wollten. Aber da erhob ſich der Stolz des deſpotiſchen Häuptlings, den Grimm des argwöhnenden Mannes noch vermehrend; der rothe Fleck auf ſeiner dunklen Wange vergrößerte ſich und er ſtrich das ver⸗ nachläßigte Haar aus der Stirne. Dem Möoͤnche einen Schritt ſich nähernd, ſagte er mit lauter tiefer langſamer Stimme, welche den Hügel weit hinauf tönte: „Du haſt geſprochen, Mönch; und nun vernimm die Antwort des Sohnes von Llewellyn, des ächten Erben Roderichs des Großen, der von Eryri's Höhen alle Lande der Cymrier unter dem Drachen von das ihm ein und der denn ſein ibe, gen tete, n er ung lge⸗ gen igs, öthe ver⸗ ſich den des der von 333 Ulſter ſchlummern ſah. Als König ward ich geboren, als König will ich ſterben. Ich will nicht an der Seite des Sachſen jenem Edward, dem Sohne des Räubers, mich zu Füßen werfen. Nicht um ein niedriges Leben zu erkaufen, will ich den Anſpruch meines Geſchlechts und meines Volkes aufgeben— jenen Anſpruch, machtlos für jetzt und vor den Menſchen, aber feierlich vor Gott und unſern Nachkommen. Ganz Britannien— die geſammte Fichteninſel iſt unſer: Hengiſts Söhne ſind nichts als Verräther und Rebellen— nicht die Erben von Ambroſius und Ulſter. Sage Harold dem Sachſen: Ihr habt uns blos das Grab des Druiden und die Höhen des Adlers übrig gelaſſen: aber Freiheit und Königswürde gebühren uns im Leben wie im Tode — nicht zu Euch ſteht es, ſie zu verlangen, noch zu uns, ſie zu verra⸗ then. Auch nicht zu Euch, o meine Häuptlinge, Ihr mackellos an Aechtheit und Ruhm, wenn gleich gering an Zahl; fürchtet nicht den Hungertod, der uns verheißen worden, auf dieſen Höhen, welche die Früchte unſerer eigenen Felder beherrſchen! Sterben mögen wir wohl, aber nicht ſtumm, nicht ungerächt. Weiche zurück, flüſternder Krieger, weiche zurück, Du falſcher Sohn von Cymrien— und ſaget Harold, er möge auf ſeine Wälle und Gräben Acht haben. Wir wollen ihm Gnade für Gnade gewähren— nicht durch Ueberfall noch unter dem Mantel der Nacht wollen wir ihn überraſchen. Unter dem Glanze unſerer Speere, beim Klange unſerer Schilde werden wir vom Hügel herabkommen und ſo ſehr er uns vom Hunger verzehrt glaubt, ſo wollen wir in ſeinen Mauern ein Mahl halten, wozu die Geier des Snowdon ſchon jetzt ihr Geſieder entfalten!“ „Unbeſonnener unglücklicher Mann!“ rief der Mönch;„welchen Fluch willſt Du auf Dein Haupt herabrufen! Willſt Du der Mörder Deiner Leute in nutzloſem vergeblichem Kampfe werden? Der Him⸗ mel wird Dirall das Blut anrechnen, deſſen Vergießung Duverſchuldeſt.“ „Schweig ſtill!— höre auf mit Deinem Gekrächze, lügneri⸗ ſcher Rabe!“ rief Gryffyth mit feuerflammenden Blicken, indem ſeine ſchmächtige Geſtalt ſich emporreckte.„Einſt zogen Mönche und Prieſter 3¾ vor uns her, nicht um zu ſchrecken, ſondern um zu begeiſtern, und un⸗ ſer Kriegsruf: Halleluja! wurde uns an dem Tage, da die Sach⸗ ſen, ebenſo zahlreich und trotzig wie Harold's, auf dem Schlachtfelde von Maes⸗Garmen ſielen, von den Heiligen der Kirche eingelernt. Nein, der Fluch ruht auf dem Haupte des Angreifers, nicht Derer, welche Herd und Altar vertheidigen. Wahrlich, wie der Geſang dem Barden, ſo ſtrömt mir der Fluch durch die Adern und über meine Lippen. Bei dem Lande, das ſie verwüſtet, bei dem Blute, das ſie ver⸗ goſſen, auf dieſen Felſen, unſerm letzten Zufluchtsorte, unter dem Ringe auf jenen Höhen, wo ſelbſt die Todten ſich rühren, um mich zu hören — ſchleudre ich den Fluch der Beeinträchtigten und Verurtheilten auf Hengiſts Söhne! Auch ſie ſollen den Stahl des Fremdlings kennen lernen— ihre Krone ſoll zerſplittern wie Glas, und ihre Edlen ſollen ſeyn wie die Sklaven in ihrem Lande. Und Hengiſts und Cerdies Stamm ſoll aus der Reichsliſte vertilgt werden. Und die Geiſter un⸗ ſerer Väter ſollen befriedigt über das Grab ihrer Nation hingleiten. Wir aber— wir, wenn gleich ſchwach an Körper, werden doch ſtark ſeyn im Geiſte bis zum letzten Hauche! Die Pflugſchaar mag über un⸗ ſere Städte hingehen; aber der Boden ſoll nur von unſerem Fuße be⸗ treten werden und unſere Thaten ſollen durch die Geſänge der Barden unſere Sprache lebend erhalten. Und am großen Tage des Ge⸗ rüchts ſoll kein anderer Stamm als der der Cymrier in dieſem Win⸗ kel der Erde aus den Gräbern ſteigen, um die Sünden des Tapfern zu verantworten!“* * Während unſerer jetzigen Kriegszüge gegen Südwales gab ein alter Wäliſcher zu Pencadaire, ein getreuer Anhänger Heinrichs VI., auf die Frage, ob er glaube, daß die Rebellen der königlichen Armee Widerſtand leiſten wür⸗ den und wie wohl der Ausgang dieſes Krieges ausfallen möchte— folgende Antwort: Dieſe Nation, o König, kann wohl von Euch und Eurer Streitmacht wie ſchon früher ermüdet und in hohem Grade geſchwächt und niedergetreten werden, aber ſie wird oft auch ſiegen durch ihre löblichen Anſtrengungen, und gänzlich unterjocht kann ſie niemals werden durch den Zorn der Menſchen, wenn nicht Gottes Zorn dazu kommt. Auch glaube ich nicht(was ſpäter auch noch kommen möge), daß je eine andere Nation als dieſe wäliſche, oder eine 33⁵ So eindringlich war die Stimme, ſo erhaben die Stirne, ſo groß⸗ artig die wilde Gebärde des Königs, daß nicht allein der Mönch ein⸗ geſchüchtert wurde und der normanniſche Ritter, obwohl er die Worte nicht verſtand, das Haupt beugte wie ein Kind, wenn der Blitz, den es aus Inſtinkt fürchtet, aus der Wolke hervorzuckt— nein, daß ſogar die finſtere und weit ſich ausbreitende Unzufriedenheit unter den mei⸗ ſten Häuptlingen für den Augenblick geſtillt wurde. Allein die Speer⸗ träger auf den Höhen, zu entfernt, um den König zu verſtehen, aufge⸗ regt überdies durch die Nachricht, daß ihr Leben gerettet ſey und durch die wiederholten Niederlagen und die ſchreckliche Furcht vor dem Hun⸗ ger entmuthigt, horchten eifrig auf die hinterliſtigen Reden der beiden heimlichen Verſchwörer, welche von Reihe zu Reihe ſchlichen, und ſchon begannen ſie ſich zu rühren und langſam zum Könige ſich hinabzuwälzen. Seine Ueberraſchung überwindend, näherte ſich der Normanne dem König und fing an, ihm abermals ſeinen friedlichen Auftrag ins Gedächtniß zu rufen; aber der Häuptling winkte ihm ernſt zurück und rief laut in ſächſiſcher Sprache: „Zwiſchen Harold und mir kann es keine Geheimniſſe geben. Nur ſo viel magſt Du als Antwort zurücknehmen:— Ich danke dem Earl für mich, meine Königin und mein Volk. Edel war ſein Betra⸗ gen als Feind; als ſolchem danke ich ihm, als König biete ich ihm Trotz. Das Halsband, das er mir zurückgeſtellt hat, noch vor Son⸗ nenuntergang ſoll er es vor ſich ſehen. Boten, Ihr habt Eure Ant⸗ wort; entfernt Euch, und zwar eilig, damit wir Euch nicht unterwegs einholen.“ Der Mönch ſeufzte und warf einen Blick frommen Mitleids auf die Menge; da ſah er denn mit Wohlgefallen an den Mienen der Meiſten, daß der König in ſeinem wilden Trotze allein ſtand. Sein Kreuz abermals erhebend, wandte er ſich um und entfernte ſich mit dem Normannen. 4 andere Sprache am Tage der ſtrengen Prüfung vor dem höchſten Richter für dieſen Winkel der Erde Rede ſtehen wird!— Hoares Ciraldus Cambrensis I. Bd. S. 361. 336 Der Rückzug der Boten gab das Zeichen zum allgemeinen Aus⸗ bruche der Vorwürfe von Seiten der Häuptlinge— das Zeichen zum Reden und Handeln für das fatale Kleeblatt. Herab von den Höhen ſprang und ſtürzte die zornig aufgeregte Menge, und um den König ſammelte ſich nur der Barde, der Falkenier und einige wenige Getreue. Der gewaltige Lärm vieler Stimmen bewirkte, daß Mönch und Ritter plötzlich ſtehen blieben und ſich umſchauten. Sie ſahen, wie die Menge von den höheren Punkten herabeilte; allein auf der Stelle, die ſie kaum erſt verlaſſen hatten, erlaubte die Beſchaffenheit des Bodens nur einen wirren Ueberblick auf erhobene Speere, geſchwungene Schwerter und graubehaarte Häupter, die ſich hin und her bewegten. Was hat all der Aufruhr zu bedeuten?“ fragte der Ritter mit der Hand am Schwert. „Pſch!“ mahnte der Monch todtenbleich und hülflos auf ſein Kreuz ſich ſtützend. Plötzlich übertönte die Stimme des Königs, in Worten der Dro⸗ hung und des Zorns, hell und klar, den geräulichen Lärm; ihr folgte augenblickliche Stille— dann ein Geklirr von Waffen, ein Schrei und Geheul und das wirre Anprallen von Menſchen. Abermals vernahm man eine Stimme, welche die des Königs ſchien, aber nicht mehr klar und deutlich!— war es ein Lachen?— war es ein Stöhnen? Alles ward ſtill; der Mönch lag auf ſeinen Knieen im Gebet, der Ritter hielt das entblöste Schwert in der Hand. Alles blieb lautlos — die Speere ſtanden ſtill in der Luft und dann kam wieder ein Schrei, eben ſo vielfältig, nur weniger wild als zuvor. Und die Wäliſchen ſtrömten den Paß und die Felſen herab. „Sie haben Befehl, uns zu ermorden,“ murmelte der Ritter, den Rücken an einen Felſen lehnend;„aber wehe den Erſten, welche in den Bereich meines Schwertes kommen!“ Näher ſchwärmten die Wäͤliſchen— näher und immer näher; in ihrer Mitte drei Häuptlinge— jenes verhängnißvolle Kleeblatt. te 8837 Und der alte Anführer trug in ſeiner Hand einen Speer oder Stab, auf welchem, blutträufend bei jedem Schritt, das rumpfloſe Haupt des Königs Gryffyth ſteckte. „Dies hier,“ rief der alte Häuptling im Näherkommen,„iſt un⸗ ſere Antwort an Harold, den Earl. Wir wollen mit Euch gehen.“ „Brod! Brod!“ heulte die Menge. Und die drei Häuptlinge, einer auf jeder Seite von jenem Drit⸗ ten, der das abgehauene Königshaupt trug, flüſterten: „Wir ſind gerächt!“ Achtes ZBZuch. Schickſal. Vierzigſtes Kapitel. Einige Tage nach dem tragiſchen Ereigniſſe, womit das letzte Kapitel geſchloſſen, waren die Schiffe der Sachſen in den weiten Ge⸗ wäſſern der Conwaybucht verſammelt, und auf dem kleinen Vorderdeck des ſtattlichſten derſelben ſtand Harold mit entblöstem Haupte vor der verwittweten Königin Aldytha. Ein Staatsſeſſel mit Auftritt und Thronhimmel war für Algars Tochter aufgeſtellt; hinter ihr ſah man mehrere Töchter aus Wales, die man eiligſt zu ihrer Bedienung auserleſen hatte. Aldytha ſaß jedoch nicht auf ihrem Stuhle, ſon⸗ dern ſtand dicht neben dem großen Beſieger ihres verſtorbenen Gebie⸗ ters, den ſie folgendermaßen anredete: „Wehe dem Tag und der Stunde, da Aldytha die Halle ihrer Väter und das Land ihrer Geburt verließ! Die Krone, die ſie ge⸗ Bulwer, Harold. 22 tragen, war eine Dornenkrone, die Luft, die ſie geathmet, dampfte von Blut. Eine einſame, heimathloſe Wittwe ziehe ich nun ſort; aber mein Fuß wird den Boden meiner Ahnen berühren und meine Lippen werden den Odem trinken, welcher rein und ſüß meine Kindheit be⸗ glückte. Und Du, o Harold, ſtehſt neben mir wie das Bild meiner eigenen Jugend, und alte Träume erwachen bei dem Klange Deiner Stimme. Lebe wohl, Du edles, ächtes Sachſenherz. Zweimal haſt Du das Kind Deines Feindes— erſt vor Schande und dann vom Hunger— errettet; Du würdeſt auch meinen furchtbaren Gebieter vor offener Gewaltthat und ſchwarzem Meuchelmorde bewahrt haben, wenn die Heiligen nicht gezürnt, wenn das Blut meines Volkes, von ſeiner Hand vergoſſen, nicht nach Rache geſchrieen und die ausgeplünderten niedergebrannten Tempel von ihren verwaisten Altären nicht ſein Ur⸗ theil gemurmelt hätten. Friede mit den Todten, aber auch Friede mit den Lebenden! Ich gehe zu Vater und Brüdern zurück, und wenn der Ruf und das Leben von Kind und Schweſter ihnen theuer iſt, ſo wer⸗ den ſie ihr Schwert nie mehr gegen Harold ziehen. So reich' mir denn die Hand und Gott möge Dich behüten!“ Harold hob die Hand der Königin an ſeine Lippen und Aldytha ſchien in der That die ſeltene Schoͤnheit ihrer Jugend wieder erlangt zu haben, da Stolz und Kummer ihr den Reiz der Erregung verlie⸗ hen, welchen Pflicht und Liebe ihr nicht gegeben hatten. „Leben und Geſundheit Dir, edle Frau,“ erwiederte der Earl. „Sage Deinen Verwandten, daß ich um Deinet⸗ und Deines Groß⸗ paters willen ihnen gerne ein Bruder und Freund ſeyn möchte, denn wären ſie mit mir vereint, ſo ſtünde jetzt ganz England gegen jeden Feind und wider jegliche Gefahr gewappnet. Deine Tochter erwartet Dich bereits in Morcars Hallen; wenn die Zeit die Wunden der Ver⸗ gangenheit geheilt hat, möge Deine Freude in dem Antlitze Deines Kindes wieder aufblühen. Lebe wohl, edle Aldytha.“ Mit dieſen Worten ließ er ihre Hand los und wendete ſich lang⸗ ſam nach der Seite des Schiffes, um ſein Boot wieder zu beſteigen. 389 Während er nach dem Ufer gerudert wurde, gab das Horn das Zeichen zum Ankerlichten: das Schiff richtete ſich auf und zog in majeſtätiſchem Laufe mitten durch die Flotte. Aldytha ſtand jedoch immer noch auf⸗ recht, und ihre Augen folgten dem Boote, das die heimliche Liebe ihrer Jugend dahintrug. Als Harold das Ufer erreichte, näherten ſich Toſtig und der Nor⸗ manne, welche in freundlichem Geſpräche am Strande verweilt hatten. „Dir wäre es ein Leichtes, mein Bruder,“ bemerkte Toſtig lä⸗ chelnd,„die ſchöne Wittwe zu tröſten und unſerem Hauſe die ganze Macht von Oſtangeln und Mercia zuzuführen.“ Harold gab keine Antwort; nur auf ſeinem Geſichte war eine leichte Aenderung zu gewahren. „Eine wunderbar ſchöne Dame,“ meinte der Normanne,„trotz⸗ dem, daß ihre Wange etwas hohl und ihr Teint von der Sonne ver⸗ brannt iſt. Da wundere ich mich nicht, wenn der arme Katzenkönig ſie dicht an ſeiner Seite behielt.“ „Herr Normanne,“ verſetzte der Earl, um dem Geſpräche bald möglichſt eine andere Wendung zu geben,„der Krieg iſt nun vorüber und Wales wird unſere Marſchen für lange Jahre in Frieden laſſen. — Noch heute Abend will ich nach London zurückreiten und da können wir uns unterwegs noch weiter beſprechen.“ „Geht Ihr ſo bald?“ rief der Ritter überraſcht.„Werdet Ihr keine Maßregeln ergreifen, um dieſen unruhigen Stamm gänzlich zu unterjochen, die Ländereien unter Eure Thane als Kriegslehen zu vertheilen und auf den Höhen und an den Flußmündungen Thürme und Kaſtelle zu erbauen? Wo gäbe es eine Lage, wie dieſe, zu einer ſchönen Veſte und Vormauer— mit einem Wort: verſteht Ihr Sach⸗ ſen blos zu überwältigen— wollt Ihr nicht auch behalten, was Ihr gewinnt?“ „Wir fechten zur Selbſtvertheidigung, nicht der Eroberung hal⸗ ber, Herr Normanne. Wir haben kein Geſchick im Erbauen von Schlöſſern, und ich bitte Euch, gegen meine Thane nichts von Eurem 22 340 Plane verlauten zu laſſen, wornach man ein Land wie die Diebe ihren zu Raub vertheilte. König Gryffyth iſt todt und ſeine Brüder werden an ſeiner Statt regieren; England hat ſein Gebiet beſchützt und die An⸗ greifer gezüchtigt— was bedarf England weiter? Wir ſind nicht wie unſere erſten barbariſchen Väter, die ſich mit der Schneide ihrer Säxe ni eine neue Heimath zurecht ſchnitten; die Woge nimmt nach der Fluth und die Geſchlechter der Menſchen nach geſetzloſen Krämpfen ihren früheren Lauf wieder ein.“ Toſtig warf dem Ritter ein verächtliches Lächeln zu; dieſer über⸗ 6 8 38 legte ſich eine Weile die ſonderbaren Worte, die er gehört hatte und 4 folgte dann ſchweigend dem Earl in das Fort. g Als aber Harold ſein Zimmer erreichte, fand er dort einen Eil⸗ boten, der mit der Nachricht, daß Algar, der einzige Feind und Neben⸗ n buhler ſeiner Macht, nicht mehr ſey— in aller Haſt von Cheſter an⸗ L gelangt war. Ein vernachläßigtes Wundſieber hatte ihn ohnmächtig W aufs Krankenbett geworfen; ſeine wilden Leidenſchaften hatten das Umſichgreifen der Krankheit begünſtigt und ſein unruhiges ungeſeg⸗ 1 netes Geſchlecht war erloſchen. Die erſte Regung, welche dieſe Botſchaft bei Harold hervorrief, 3 war die des Schmerzes. Der Kühne wird immer für den Kühnen ſympathiſiren und in großen Herzen beſteht von jeher eine gewiſſe 1 Freundſchaft für einen tapferen Gegner. Sobald jedoch die Erſchüt⸗ terung dieſes erſten Eindruckes vorüber war, mußte ſich Harold der Gedanke aufdrängen, daß England von ſeinem gefährlichſten Unter⸗ thanen— er ſelbſt aber von dem einzigen anſcheinenden Hinderniſſe in Vollendung ſeiner leuchtenden Laufbahn befreit ſey. „Jetzt alſo nach London,“ flüſterte die Stimme ſeines Ehrgeizes. „Kein Feind iſt mehr übrig, um den Frieden dieſes Reiches zu ſtören, das durch Deine Eroberungen, o Harold, ſicherer und feſter begründet worden, als die Herrſchaft der Sachſenkönige noch jemals geweſen. Deine Fahrt durch das Land, das Du fortan von dem Feuer und Schwert der räuberiſchen Bergbewohner erlösteſt, wird dem Triumph⸗ 341 zuge eines alten Römers gleich kommen; die Stimme des Volkes wird mit den Herzen des Heeres übereinſtimmen, und dieſe Herzen ſind ganz Dein eigen. Hilda iſt in der That eine Prophetin, und wenn einſt Edward bei den Heiligen ruht— wo wäre das engliſche Herz, das nicht in den Ruf ausbräche: lang lebe Harold, der König!“ Einundvierzigſtes Kapitel. Der Normanne ritt neben Harold im Nachtrabe des ſiegreichen Heerzuges; die Schiffe ſegelten nach ihren Häfen ab, und Toſtig be⸗ gab ſich wieder in ſeine nördliche Grafſchaft. „Nun erſt, mein tapferer Normanne, habe ich Muße, Dir für mehr als Deinen bloßen Beiſtand in Krieg und Rath zu danken,“ be⸗ gann Harold;„nun erſt iſt mir vergönnt, zu der letzten Bitte meines Bruders Sweyn, zu den oft vergoſſenen Thränen meiner Mutter Githa und dem verbannten Wolnoth zurückzukehren. Du kannſt Dich mit eigenen Augen überzeugen, daß für Deinen Grafen kein Grund oder Vorwand mehr vorhanden iſt, um die Geiſeln noch länger zurück⸗ zuhalten. Du wirſt von Edward ſelber hören, daß er von Godwins Hauſe keine weitere Bürgſchaft für ſeine Treue verlangt, und ich kann nicht glauben, daß Herzog William dieſe Nachricht des Todten durch Dich hätte an mich gelangen laſſen, wenn er nicht darauf gefaßt wäre, dem Lebenden Gerechtigkeit zu erweiſen.“ „Eure Rede, Earl von Weſſex, ſtreift nahe an die Wahrheit. Um übrigens offen und ehrlich mit Euch zu ſprechen, ſo glaube ich, daß William, mein Gebieter, den lebhaften Wunſch hegt, einen ſo er⸗ lauchten Häuptling, wie Harold, perſönlich zu bewillkommnen, und ich vermuthe, daß er die Geißeln nur deßhalb zurückhält, damit Du hinüberkommeſt und ſie verlangeſt.“ Der Ritter warf dieſe Worte mit heiterem Lächeln hin; aber die Liſt des Normannen glimmte in dem raſchen Blicke ſeines klaren nuß⸗ braunen Auges. 3⁴2 „Wenn Ihr mir nicht ſchmeichelt, ſo müßte ich mich durch ſolchen Wunſch ſehr geehrt fühlen,“ erwiederte Harold,„und jetzt, da das Land in Frieden, und meine Gegenwart nicht länger nöthig iſt, möchte ich ſelbſt ſehr gerne einen ſo berühmten Hof beſuchen. Von Händlern und Pilgern vernehme ich hohes Lob über Williams weiſe Sorgfalt für Tauſch und Handel, und in den Häfen der Seine könnte ich Vieles lernen, was den Märkten der Themſe von Nutzen ſeyn möchte. Viel auch höre ich von Graf Williams Eifer, mit Hülfe Lanfrancs, des Lombarden, die Bildung des Klerus zu beleben, und ebenſo be⸗ kannt iſt die Pracht ſeiner Bauten und die Anmuth ſeines Hofes. Mit Freuden würde ich über den Ocean ſetzen, um dies Alles zu ſehen; aber es würde mein Herz nur traurig ſtimmen, wenn ich ohne Haco und Wolnoth zurückkehren müßte.“ „Ich darf zwar nichts äußern, was dem Herzog eine Verbind⸗ lichkeit auferlegte,“ verſetzte der Normanne, der bei all' ſeiner Arg⸗ liſt doch zu gewiſſenhaft war, um eine offenbare Lüge zu ſagen;„aber ſo viel weiß ich wenigſtens, daß es wenige Dinge in ſeiner Grafſchaft gibt, die mein Herr nicht darum gäbe, um Harolds Hand zu drücken und ſich ſeiner Freundſchaft zu verſichern.“. Harold war bei all' ſeiner Klugheit und Weitſichtigkeit nicht im geringſten argwöhniſch— kein Engländer außer Edward ſelber kannte Williams geheime Abſichten auf den engliſchen Thron, und er gab da⸗ her einfach zur Antwort: „Es wäre in der That für die Normandie wie für England ſo⸗ wohl gegen Feinde als für den Handel ſehr erwünſcht, wenn ſie in wohlmeinendem Bündniſſe miteinander ſtünden. Ich will mir Eure Worte überlegen, Sire de Graville, und mein Fehler ſoll es nicht ſeyn, wenn die alten Fehden nicht vergeſſen werden und die jetzigen Geiſeln an Deinem Hofe die letzten wären, welche der Normanne je⸗ mals für die Treue des Sachſen nöthig hätte.“ Hier nahm das Geſpräch eine andere Wendung, und der ehrgei⸗ zige, talentvolle Botſchafter, durch die Hoffnung einer erfolgreichen 3⁴43 Sendung erheitert, wußte den Weg durch ebenſo lebendige als geiſt⸗ reiche Bemerkungen abzukürzen und den brütenden Earl aus einem Nachſinnen zu erwecken, das ſeinem einſt ſo offenen taghellen Gemüthe förmlich zur Gewohnheit geworden war. Harold hatte ſich in der Begeiſterung, welche ſeine Siege erregt hatten, keineswegs verrechnet. Ueberall, wohin er kam, zog ihm die Bevölkerung der Städte entgegen, um ihn zu ſehen und zu begrüßen, und als er in der Hauptſtadt anlangte, ſchienen die Feſte zu ſeiner Ehre vollkommen denen zu gleichen, womit man bei Edwards Thron⸗ beſteigung die Wiedereinſetzung von Cerdics Geſchlecht gefeiert hatte. Der barbariſchen Sitte jener Zeit gemäß hatte man Edward das Haupt des unglücklichen Unterkönigs und den Schnabel ſeines auser⸗ leſenſten Kriegsſchiffes als Trophäen der Eroberung überſendet; Ha⸗ rolds durchgängige Mäßigung reſpektirte jedoch die Lebenden: Gryffyths Geſchlecht“ wurde in der Perſon ſeiner Brüder Blethgent und Rig⸗ watle auf dem tributpflichtigen Throne jenes Helden wieder eingeſetzt, „und“(wie der umſtändliche alte Chroniſt erzählt)„ſie ſchwuren einen Eid, und ſtellten dem König und dem Carl ihre Geiſeln, daß ſie ihm in allen Dingen treu, zu Waſſer und zu Land allenthalben für ihn be⸗ reit ſeyn, auch ſolche Abgaben von ihrem Lande entrichten wollten, wie es bei den früheren ſächſiſchen Königen geſchehen war.“ Nicht lange nachher kehrte Mallet de Graville nach ſeiner Nor⸗ mandie zurück; er überbrachte König Edwards Geſchenke für William nebſt dem ſpeziellen Erſuchen dieſes Prinzen ſowie des Earls um Rückgabe der Geiſeln. Aber Mallets Scharſblick bemerkte alsbald, daß Edwards Geſinnung ſeinem Vetter William in Vielem entfrem⸗ det worden war: er erkannte klar, daß des Herzogs Vermählung, ſowie die Pfänder, welche jene Verbindung gekrönt, dem ascetiſchen Sinne des heiligen Königs mißliebig waren, und mit Godwins Tode und Toſtigs Abweſenheit vom Hofe ſchien Edwards ganze Bitterkeit gegen * Gryffyth hinterließ einen Sohn Caradoc, der aber der ſächſiſchen Sitte zufolge als minderjährig übergangen wurde. 344 die mächtige Familie, deren Haupt nunmehr Harold geworden, er⸗ loſchen zu ſeyn. Da jedoch außer Cerdics Hauſe noch nie ein Unter⸗ than für den ſächſiſchen Thron erwählt worden war, ſo fürchtete Mal⸗ let nicht im Geringſten, daß Harold der eigentliche Nebenbuhler für Williams lang gehegte Beſtrebungen werden könnte. Wenn auch Ed⸗ ward der Atheling todt war, ſo lebte doch ſein Sohn Edgar als natür⸗ licher Thronerbe, und der Normanne, deſſen Lehensherr im achtzehnten Jahre die Herzogskrone erlangt hatte, wußte nichts von der unverän⸗ derlichen Sitte der Angelſachſen, bei Bewerbung um Throne wie um Grafſchaften alle Praͤtendenten, welche wegen allzugroßer Jugend zum Herrſchen untauglich ſchienen, bei Seite zu ſchieben. Er konnte wohl bemerken, daß des jungen Athelings Minderjährigkeit für ſeinen nor⸗ männiſchen Lehensherrn günſtig war, inſofern ſie jenen zu einem ſchwachen Vertheidiger des Reiches machte und auch unter dem Volke keine An⸗ hänglichkeit an die noch kindliche Waiſe des verdeutſchten Verbannten zu herrſchen ſchien, wie denn ſein Name am Hofe nie genannt wurde, und auch Edward ihn nicht als Erben anerkannt hatte— ein Umſtand, wel⸗ chen der Geſandte argwöhniſch zu Williams Gunſten deutete. Nichts⸗ deſtoweniger war ſo viel klar, daß am Hofe wie unter dem Volke der normänniſche Einfluß in England die tieſſte Ebbe erreicht hatte und daß Harold, der allvermögende, der einzige Mann war, der ihn wieder herſtellen und die vielgeliebten Träume ſeines herrſchſüchtigen Gebie⸗ ters verwirklichen konnte. Zweiundoierzigſtes Kapitel. Für jetzt dem Erfolge der dringenden Forderungen des Königs, wie ſeinen eigenen um Loslaſſung ſeiner Verwandten vertrauend, war Harold nunmehr am Hofe mit all den aufgeſchobenen Arbeiten be⸗ ſchäftigt, die ſich während der verlängerten Feldzüge gegen die Wäli⸗ ſchen unter den trägen Händen des Mönchekönigs zu ganzen Bergen aufgethürmt hatten; doch behielt er wenigſtens ſo viel freie Zeit, um A 3⁴5 in dem alten Römerhauſe häufige Beſuche abzuſtatten— Beſuche, welche ſeiner Liebe wie jener kühneren überwältigenderen Leidenſchaft, welche ſein Herz theilte, gleich erwünſcht waren. Je näher er dem verblendenden Ziele rückte, zu deſſen Erlangung das Schickſal alle Umſtände günſtig geſtaltet zu haben ſchien, deſto⸗ mehr empfand er den Reiz jener geheimnißvollen Einflüſſe, welche ſein kälterer Verſtand früher verſchmäht hatte. Wer ſeinen Ehrgeiz auf ferne unſichere Dinge ſetzt, geräth mit einem Male in das poetiſche Land der Fantaſie, denn Dichten und Trachten ſind Zwillingstriebe. So lange Harold in den Jahren ſeiner friſchen Jugend und ſeiner ruhigen ſtolzen Männlichkeit ſeine wenn auch noch ſo abenteureriſche Thatkraft in die Gränzen edler Pflichterfüllung eingeſchränkt ſah, ſo lange er nur für ſein Vaterland lebte, lag ſein ganzes Wirken im Sonnenlichte des Tages klar vor ihm ausgebreitet; ſobald aber jene Schranken wichen und der Horizont ſich erweiterte, ſchweifte ſein Blick von dem ſicheren Ziele zu unbeſtimmten Planen über. Indem ſein Ich, von ſeinem Gewiſſen noch halb verſteckt, allmälig den weiten Raum einnahm, den die Liebe zum Vaterlande ausgefüllt hatte, war er in das Labyrinth der Täuſchung gerathen; er konnte dem Schickſale nicht länger durch ſeine Tugend Trotz bieten, ſondern mußte es erſt aus den Umſtänden zu geſtalten ſuchen, und ſo wurde ihm Hilda gleichſam eine Stimme, welche die Fragen ſeines eigenen ruheloſen Herzens beant⸗ wortete: er bedurfte der Ermuthigung aus dem Reiche des Unbekann⸗ ten, um ſeine Wünſche zu heiligen und ſeine Abſichten zu beſtärken. Editha dagegen, des hohen Ruhmes ihres Verlobten ſich er⸗ freuend und mit dem reinen Entzücken des Wiederſehens zufrieden, ver⸗ harrte noch immer in der göttlichen Leichtgläubigkeit der Glücklichen; ſie merkte nicht bei Harolds Beſuchen, daß das Auge des Earls beim Eintreten zuerſt das ernſte Geſicht der Vala ſuchte— ſie wunderte ſich nicht, wenn dieſe Beiden mit einander flüſterten oder im Mondſchein ſo oft am Runengrabe ſtanden. Sie war ganz Weib und fühlte nur, 346 daß Harold ſie liebte— daß dieſe Liebe der Zeit, der Trennung, dem Wechſel und aufgeſchobener Hoffnung Trotz geboten hatte; ſie wußte nicht, daß die Liebe in dem wilden Herzen des ehrſüchtigen Mannes nicht Perſonen, ſondern Dinge— nicht Dinge, wohl aber deren Sym⸗ bole am meiſten zu fürchten hat. So verſtrichen Wochen und Monde, und Herzog William gab keine Antwort auf die Forderungen in Betreff der Geiſeln. Harolds Herz machte ihm Vorwürfe, daß er ſeines Bruders Flehen und die anklagen⸗ den Thränen ſeiner Mutter außer Acht ließ. Githa hatte ſeit dem Tode ihres Gemahls in ſtrenger Abgeſchie⸗ denheit und ferne von Städten gelebt, bis Harold eines Tages in dem großen hölzernen Hauſe zu London, das ſeitdem auf ihn übergegangen war, durch ihre unerwartete Ankunft überraſcht wurde. Bei ihrem plötzlichen Eintritte in ſein Zimmer ſprang er ihr entgegen, um ſie mit einer Umarmung zu bewillkommnen; ſie aber winkte ihm mit ern⸗ ſter trauriger Gebärde zurück und auf ein Knie niederſinkend begann ſie alſo: „Sieh, die Mutter liegt vor dem Sohne als Flehende für den Sohn. Nein, Harold, nein— ich will nicht aufſtehen, bis Du mich gehört haſt. Lange einſame Jahre habe ich geſchmachtet und mich ge⸗ grämt— ja wahrlich lange Jahre! Wird mein Knabe ſeine Mutter wieder erkennen? Du ſagteſt zu mir: warte bis der Bote zurück⸗ kommt'— ich habe gewartet. Weiter ſagteſt Du: ddiesmal kann der Graf dem Verlangen des Königs nicht widerſtehen'— ich beugte mein Haupt und fügte mich Deinem Willen, wie ich es bei Godwin, mei⸗ nem Gebieter, gethan hatte. Ich habe Dich bis jetzt nicht an Dein Verſprechen erinnert, denn ich gab zu, daß Dein Land, Dein König und Dein Ruhm ſtärkere Anſprüche als eine Mutter an Dich haben. Jetzt aber zögere ich nicht länger; ich will mich nicht mehr täuſchen und hinhalten laſſen. Die Stunden gehören Dir— frei iſt Dein Kom⸗ men wie Dein Gehen. Harold, ich mahne Dich an Dein Gelöbniß. Harold, ich berühre Deine Rechte. Harold, ich erinnere Dich an Eid und Kin! biſt noch nock zu — dem vußte nnes ym⸗ keine Herz ſagen⸗ eſchie⸗ n dem ngen ſihrem lim ſie ſt ern⸗ ſegann ir den mich ch ge⸗ Lutter urück⸗ i der mein mei⸗ Dein Lönig aben. ſchen dom⸗ bniß. Eid 3¹47 und Schwur, daß Du ſelbſt über die See gehen und der Mutter ihr Kind wieder geben wolleſt.“ „O ſtehe auf, ſtehe auf!“ rief Harold tief bewegt.„Geduldig biſt Du geweſen, o meine Mutter, und nun will ich nicht länger zögern, noch einer andern Stimme als der Deinen Gehör geben. Ich will noch heute den König aufſuchen, und mir ſeinen Urlaub erbitten, um zu Herzog William zu ziehen.“ Da erhob ſich Githa und ſank dem Earl weinend an die Bruſt. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Zufall wollte, daß während dieſer Unterredung zwiſchen Githa und dem Earl ſein Bruder Gurth in dem Waidlande um Hilda's Wohnung auf der Falkenjagd ſich befand, und ſeiner däniſchen Verwandten einen Beſuch abſtattete. Die Prophetin war abweſend, aber Editha zu Hauſe, wie man ihm ſagte, und Gurth, der im Be⸗ griffe ſtand, ſich mit einer Jungfran, die ſchon lange ſeine edle Neigung gewonnen hatte, zu verbinden, hegte eine ächt brüderliche Liebe für ſeines Bruders ſchöne Verlobte. Er trat in das Frauengemach; dort ſaßen die Mägde, wie wir ſie ſchon beim erſten Male in jenem Zimmer getroffen haben, mit einer Arbeit beſchäftigt, welche diesmal glänzen⸗ der für das Auge und für die Mühe belohnender ausfiel, als jene frü⸗ here, welche damals ihre thätigen Hände in Bewegung geſetzt hatte. Sie ſtickten nämlich in ein Gewebe vom reinſten Golde das Bild eines fechtenden Kriegers, von Hilda für Harold zum Banner beſtimmt; von der Scheu vor ihrer Gebieterin befreit, ſangen ſie munter bei ihrer Arbeit, bis mitten im beſten Singen und Lachen der ſchöne junge Sachſenlord ins Zimmer trat. Geplauder und Fröhlichkeit verſtummten bei ſeinem Eintritt, je⸗ des Auge war ſittſam zu Boden gerichtet. Editha fand ſich nicht unter ihnen, und als Antwort auf ſeine Frage deutete das älteſte der 348 Mädchen nach dem Periſtyl außer dem Hauſe. Der freundliche gewin⸗ nende Than verweilte einige Augenblicke, um das Gewebe zu bewun⸗ dern und die Arbeit zu loben, worauf er ſich nach dem Periſtyl ver⸗ fügte. Neben der Quelle, welche frei und hell aus dem Römerbrunnen ſprudelte, fand er Edithen in der Haltung tiefen Nachdenkens und trü⸗ ber Muthloſigkeit daſitzend. Sie fuhr empor, als er ſich näherte, und ſprang ihm mit dem Rufe entgegen: „O Gurth, der Himmel hat Dich mir geſendet; ich weiß, nur kann ich Dir nicht erklären— warum,(denn ich vermag es mir ſelbſt nicht zu enträthſeln) aber die geheimnißvollen Ahnungen meiner Seele ſagen mir, daß Dein Bruder Harold in dieſem Augenblick von großer Gefahr bedrängt iſt. Gehe ſogleich zu ihm, ich bitte Dich flehentlich, daß wenigſtens Dein warmes Herz, Dein klarer Sinn neben ihm ſte⸗ hen mögen.“ „Ich will alsbald gehen,“ verſicherte Gurth;„aber ich beſchwöre Dich, ſüße Baſe, laß Deinen reinen Geiſt nicht von dem Aberglauben anſtecken, der, wie der Nebel das Marſchland, dieſen Ort einhüllt. In meiner früheſten Jugend unterwarf ich mich allerdings Hilda's Ein⸗ fluſſe; aber ich bin Mann geworden und ihm entwachſen; es hat mich in neuerer Zeit innerlich ſehr bekümmert, als ich ſehen mußte, daß die däniſche Lehre unſerer Baſe ſogar Harolds ſtarkes Herz mit ſeinem Zauber gewonnen hat und daß ich ihn, der einſt nur von Pflicht ſprach, jetzt immer nur vom Schickſale reden höre.“ „Ach! ach!“ gab Editha händeringend zur Antwort,„wenn der Vogel ſeinen Kopf im Gebüſche verſteckt, verbirgt er dadurch ſeine Spur auch vor dem Hunde? Können wir das Schickſal vereiteln, in⸗ dem wir deſſen Herannahen zu bemerken uns weigern? Doch wir ver⸗ geuden koſtbare Augenblicke. Geh', Gurth, theurer Gurth! Während wir noch reden, ſammelt ſich die Wolke ſchwerer und dunkler über mei⸗ nem Herzen.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, beeilte ſich Gurth, ſein Roß ———᷑—ÿ—ꝛ—ꝛ—;–õ&— ſewin⸗ kwun⸗ ll ver⸗ nnen d trü⸗ k, und „ nur ſelbſt Seele roßer intlich, m ſte⸗ hwöre auben t. In Ein⸗ s hat nußte, 3 mit r von in der ſeine 1, in⸗ ver⸗ hrend mei⸗ Roß 349 wieder zu beſteigen und Editha blieb allein traurig und regungslos beim Römerbrunnen, als ob die Nymphe des alten Glaubens dort ge⸗ ſtanden wäre, um den verminderten Strom über den verwitterten Stein herabfließen zu ſehen, wohlwiſſend, daß ihr Leben mit der vollen Ebbe des Stromes ein Ende habe. Gurth erreichte London, als Harold eben ein Boot nahm, um den Koͤnig in ſeinem Pallaſte zu Weſtminſter aufzuſuchen. Nach einer ha⸗ ſtigen Umarmung mit ſeiner Mutter begleitete er Harold nach der Königspfalz und erfuhr unterwegs deſſen Abſicht. So lange Harold ſprach, konnte er keine Gefahr wahrnehmen, die aus einem freundlichen Beſuche am normänniſchen Hofe entſpringen mochte, und die Pauſe zwiſchen Harolds Mittheilung und ihrem Eintritte in des Königs Gemache war zu kurz, um ihnen die nöthige Zeit zu reiflicher Ueber⸗ legung zu vergönnen. Edward, bei welchem Alter und Schwaͤche in neueſter Zeit reißende Fortſchritte gemacht hatten, hörte Harolds Geſuch mit ernſter tiefer Aufmerkſamkeit, wie er ſie irdiſchen Geſchäften nur höchſt ſelten wid⸗ mete. Er ſchwieg lange nachdem ſein Schwager geendet hatte— ſo lange, daß der Earl anfänglich glaubte, er ſey in einer jener myſtiſchen zerſtreuten Träumereien befangen, denen ſich Edward immer häufiger hingab, je mehr er ſich den Schranken der unſichtbaren Welt näherte. Als ſie aber ſchärfer hinſchauten, waren Beide, Harold und Gurth, von der offenbaren Aengſtlichkeit in dem königlichen Angeſichte betroffen, während der geſammelte Blick in Edwards kaltem Auge bewies, daß ſein Gemüth für die äußere Welt vollkommen wach war. In der That mochte ſich Edward in dieſem Augenblicke manche übereilte Winke, wenn nicht gar Verſprechen ins Gedächtniß zurückrufen, die er ſeinem habſüchtigen Vetter aus der Normandie noch als Verbannter gemacht hatte; bedachte er dabei ſeine eigene abnehmende Geſundheit und das zarte Alter des jungen Edgars, ſo mochte er wohl über den furchtbaren Thronbewerber nachſinnen, deſſen Anſprüche ſeine frühere Unvorſichtig⸗ keit vielleicht zu ſanktioniren ſchien. Welches auch ſeine Gedanken ſeyn 350 mochten, ſie waren jedenfalls trüb und finſter, als er endlich langſam erwiederte: „Haſt Du Deiner Mutter wirklich einen Eid geſchworen, und will ſie Dich daran feſthalten?“ „Beides, o König,“ lautete Harolds kurze Antwort. „Dann kann ich Dirs nicht verwehren. Auch biſt Du ein Mann dieſer lebenden Welt, Harold; Du ſpielſt hier die Rolle eines Centurio: Du ſagſt, komm', und die Menſchen kommen— geh' und ſie bewegen ſich nach Deinem Willen. D'rum magſt Du ſelbſt für Dich urtheilen; ich verwehre Dirs nicht, noch ſtelle ich mich zwiſchen den Mann und ſein Gelübde. Glaube aber ja nicht,“ fuhr der König in feierlicherem Tone und mit wachſender Bewegung fort,„glaube nicht, daß ich meine Seele mit dem Vorwurf belaſten will, als ob ich Dir dieſen Plan an⸗ gerathen oder Dich dazu ermuthigt hätte. Im Gegentheil, ich ſehe voraus, daß Deine Reiſe England nur zu großem Unheil gereichen, und Dir ſelbſt bitteren Kummer oder traurigen Verluſt bringen wird.“* „Wie ſo, theurer Herr und König?“ meinte Harold, von Edwards ungewohntem Ernſte betroffen, den er übrigens als eine der träumeri⸗ ſchen Chimären des Heiligen betrachtete.„Wie ſo? Dein Vetter William hat immer für einen Mann gegolten, der zwar trotzig gegen den Feind, aber mit dem Freunde offenherzig zu verfahren pflegt; und ſchändlich wäre ja die Unehre, wenn er gegen einen Mann, der unter dem Schutze ſeines Daches ſeiner Treue vertraut, Schlimmes im Schilde führen könnte.“ „Harold, Harold,“ erwiederte Edward ungeduldig,„ich kenne William von früher. Er iſt nicht ſo einfältig von Gemüth, daß er Deinem Vergnügen oder ſogar meinem Willen irgend etwas zugeſtände, wenn es ihm nicht ſelbſt Gewinn einträgt**. Weiter ſage ich nicht— Du biſt gewarnt: das Uebrige überlaſſe ich dem Himmel.“ Es iſt das Unglück von Leuten, deren weltliche Einſicht nicht hoch * Bromton Chronik, Knyghton, Walſingham, Hovedenac. *r Bromton, Knyghton ꝛc. gſam will Nann -urio: begen ilen; in und erem meine n an⸗ h ſehe eichen, ſird.“* wards umeri⸗ Vetter gegen t; und unter Schilde kenne daß er ſtände, cht— t hoch denac. 351 angeſchlagen wird, daß ſie in den ſeltenen Fällen, wo ſie vermöge jenes Scharfblicks, der von ihrem freien Standpunkte über dem Streite und der Leidenſchaft ihrer Umgebung herrührt, beinahe prophetiſch inſpi⸗ rirt ſcheinen— es iſt ihr Unglück, daß ſie der Kraft ermangeln, ihre eigene Ueberzeugung Andern mitzutheilen: ſie können wohl ahnen, aber nicht überführen. So vermochte auch Harold in der unklaren Furcht, die ſich auf keinen andern Beweis als auf eine ebenſo unklare Anſicht von des Herzogs Charakter überhaupt gründete, Nichts zu ent⸗ decken, was ihn von ſeinem Vorhaben abgeſchreckt hätte; Gurth dage⸗ gen, der weniger ſeiner Vernunft, als ſeiner hingebenden Liebe für den Bruder Gehör gab, fühlte ſich dadurch beunruhigt, und ſagte nach längerer Pauſe: „Glaubſt Du, mein guter König, daß dieſelbe Gefahr drohen würde, wenn Gurth an Harolds Statt über See ginge, um die Gei⸗ ſeln zurückzufordern?“ „Nein,“ erwiederte Edward eifrig;„und das wäre auch mein Rath. William fände nicht denſelben Vortheil vor ſich, wenn er an Dir ſeine weltliche Argliſt verſuchte. Nein; mich dünkt, das wäre das klügſte Verfahren.“ „Und auch das unedelſte für Harold,“ entgegnete der ältere Bruder, faſt unwillig.„Jedenfalls danke ich Dir von Herzen für Deine zärt⸗ liche Sorge und Obhut, mein theurer König. Und ſo mögen die Hei⸗ ligen Dich behüten!“ Sobald ſie ſich vom Könige verabſchiedet hatten, begann ein war⸗ mer Wettſtreit zwiſchen den Brüdern; Gurths Gründe waren jedoch ſtärker als die des Earls, und Harold ſah ſich zuletzt ſoweit gedrängt, daß er ſeine Hartnäckigkeit nur noch auf ſeine ſpezielle Verpflichtung gegen Githa gründete. Kaum hatten ſie jedoch ihre Wohnung erreicht, als Gurth ſeiner Mutter Edwards Beſorgniſſe und Ermahnungen mittheilte, und dieſe, der Bevorzugung des Earls von Seiten God⸗ wins und der letzten Gebote des Gatten ſich erinnernd, den geleiſteten Schwur an Harold zurückgab und ihn dringend bat, wenigſtens ſeinen 352 Bruder Gurth als Stellvertreter an den normänniſchen Hof zu ſenden. „Höre mich ruhig an,“ bat Gurth.„Verlaß Dich darauf, daß Edward gegründetere Urſache zur Beſorgniß hat, als er uns ein⸗ geſtehen wollte. Er kennt William von Jugend auf und hat ihn zu lieb gehabt, um ohne gerechte Urſache einen Zweifel gegen ſeine Treue fallen zu laſſen. Und iſt etwa keine Veranlaſſung vorhanden, warum Dir insbeſondere Gefahr von William drohen ſollte? So lange die Normannen ſo zahlreich am Hof vertreten waren, liefen allerhand Ge⸗ rüchte um, als ob der Herzog gewiſſe Abſichten auf England habe, welche Edwards Vorliebe zu billigen ſchien: ſolche Abſichten wären jetzt bei dem veränderten Zuſtande von England allerdings abge⸗ ſchmackt und zu wahnſinnig, als daß ein Fürſt von Williams gerühm⸗ ter Weisheit ſie noch ferner hegen ſollte; allein es wäre nicht unna⸗ türlich, wenn er den früheren normänniſchen Einfluß in dieſem Reich aufs Neue zu begründen ſuchte. Er weiß, daß er in Dir den mächtigſten Mann von England aufnimmt, daß Deine Feſthaltung allein das Land von einem Ende bis zum andern erſchüttern und ihn vielleicht in Stand ſetzen würde, unſerem König allerhand unehrenhafte Maßregeln abzu⸗ nöthigen. Wider mich dagegen kann er keine ſchlimmen Plane nähren, denn meine Gefangennehmung würde ihn nichts nützen. Ueberdies, wenn Harold ſicher in England iſt, ſo muß auch Gurth in Rouen ſicher ſeyn. Deine Anweſenheit hier an der Spitze unſerer Heere ſchützt mich vor jedem Unrecht. Kehre aber den Fall um, und laſſe Gurth in England — wird dann Harold in Rouen ſicher ſeyn? Ich bin nur ein einfacher Krieger und eingeborner Lord, ohne Einfluß auf Edward, ohne ge⸗ bietendes Anſehen im Lande und nur wenig geübt im Reden vor dem ſtürmiſchen Witan— gerade ſo groß, daß William mir nichts zu Leide zu thun wagt, nicht aber ſo mächtig, daß er ſolches überhaupt wün⸗ ſchen ſollte.“ 1 „Er hält unſere Verwandten zurück— warum nicht auch Dich?“ meinte Harold. zu auf, ein⸗ n zu reue rum ſe die Ge⸗ habe, hären rbge⸗ ihm⸗ nna⸗ Reich gſten Land Stand abzu⸗ hren, wenn ſeyn. h vor gland acher ge⸗ dem Leide vün⸗ ch 2 ℳ * 3⁵⁸ „Weil er bei unſeren Verwandten wenigſtens den Vorwand hat, daß ſie als Geiſeln verpfändet wurden, während ich einfach als Gaſt und Geſandter zu ihm komme. Nein, mich kann keine Gefahr treffen, und ſo gib nach, theurer Harold.“ 4 „O gib nach, mein Sohn,“ rief Githa, des Earls Kniee um⸗ faſſend;„laß mich nicht fürchten, daß ich in der Stille der Nacht God⸗ wins Schatten ſehen und ſeine Stimme hören müßte, wenn ſie fragt: Weib, wo iſt Harold?““ Der ſtarke Verſtand des Earls konnte den vorgehaltenen Beweis⸗ gründen unmöglich widerſtehen, und er war, ehrlich geſagt, durch Edwards düſtere Warnungen mehr beunruhigt worden, als er geſte⸗ hen mochte. Auf der anderen Seite ſprachen auch wieder mancherlei Gründe gegen Gurths Vorſchlag. Der erſte und— um ihm Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen— der ſtäͤrkſte lag in ſeinem angebornen Muthe und großherzigen Stolze. Sollte er zum erſtenmal in ſeinem Leben aus Furcht vor einer ſo unſicheren und unbeſtimmten Gefahr zurückbeben? Sollte er geſtatten, daß Gurth ſtatt ſeiner die übernom⸗ mene Verbindlichkeit erfülle? Auch zugegeben, daß Gurth vor jeder Gefahr, die ihm perſönlich drohen könnte, ſicher wäre— geziemte es ihm, die Stellvertretung anzunehmen, und war vorauszuſehen, daß Gurths Stimme bei Betreibung der Rückgabe der Geiſeln ſo wirkſam wie die ſeinige ſeyn würde? Die Gründe, welche ihn zunächſt ſchwankend machten, waren der Art, daß er ſie nicht geſtehen konnte. Wollte er ſich den Weg zum engliſchen Throne bahnen, ſo war es für ihn von nicht geringem Ge⸗ wicht, ſich der Freundſchaft des normänniſchen Herzogs und der Billi⸗ gung ſeiner Anſprüche von Seiten Williams zu verſichern; es war für ihn von unendlichem Nutzen, jene Vorurtheile gegen ſein Haus weg⸗ zuräumen, welche noch immer unter den Normannen lebten, da dieſe die Decimirung ihrer Landsleute bei Begleitung des unglücklichen * So pflegen die Geſchichtſchreiber in der Regel das fragliche Blutbad zu nennen, und wir haben deßhalb das Wort„Decimirung“ auch hier beibe⸗ Bulwer, Harold. 23 354 Alfreds an die engliſche Küſte, geſchehen unter Beihülfe, wenn nicht gar auf Befehl Godwins— in gehäſſigem Andenken behielten, und noch immer über ihre neuliche Vertreibung vom engliſchen Hofe aus Veranlaſſung der Rückkehr ſeines Vaters und ſeiner Familie höchlich erbittert waren. Zwar konnte es ihm nicht einfallen, daß William, ohne irgend eine Partei in England zu beſitzen, nach der engliſchen Krone ſtreben ſollte; aber jedenfalls konnten bei Edwards Tode Prätendenten erſte⸗ hen, zu deren Sanctionirung die normänniſchen Waffen leicht einen Vorwand finden mochten. Da war auf der einen Seite der Knabe Atheling, auf der anderen der tapfere norwegiſche König Hardrada, der die Anſprüche ſeines Vorgängers Magnus als Erbe von Canuts Rechten erneuern konnte. Die Politik verlangte von ihm, einen ſo nahen und furchtbaren Nachbar wie den Grafen der Normannen gün⸗ ſtig zu ſtimmen, und Gurth war bei ſeinem unbeugſamen Haſſe gegen alles Normänniſche wenigſtens nicht der klügſte Geſandte, den er zu dieſem Zwecke auserleſen konnte. Hiezu kam noch, daß Harold trotz ihrer gegenwärtigen Verſöhnung nie lange auf Toſtigs Freundſchaft rechnen durfte, und des Letzteren Verwandtſchaft mit William war voller Ge⸗ fahr für einen neuen Thron, deſſen unruhigſten Unterthanen voraus⸗ ſichtlich eben dieſer Toſtig abgab— wie wünſchenswerth war es alſo, dem Einfluſſe dieſer Verwandtſchaft entgegenzuarbeiten?* Auch mochte Harold, der als Patriot und Staatsmann die Noth⸗ wendigkeit einer Umänderung und Wiederaufrichtung des verfallenen Gebäudes der engliſchen Monarchie aufs Tiefſte empfand, nicht gerne eine Gelegenheit verlieren, um ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, halten, ſo unrichtig es auch iſt, da nicht ein, ſondern neun Zehntel der Nor⸗ mannen bei jener Veranlaſſung das Leben verloren. * Die obigen Beweggründe zu Harolds denkwürdigem Ausfluge ſind deß⸗ halb ſo ausführlich angegeben, weil ſie, vom politiſchen Standpunkte betrach⸗ tet, die keineswegs unbeſonnenen und übereilten Motive und damit einen Schlüſſel zu ſeinem Beſuche liefern, wie er in keiner Chronik, in keinem Geſchicht⸗ ſchreiber zu finden iſt. was mit ſtelle comt man für — 1 ſein Seg Thr ſpri Her Bey mer ſok abe Ue jede cht nd us ich end en ſte⸗ nen be da, uts ſo lün⸗ lles ſem hrer nen Ge⸗ us⸗ ilſo, öth⸗ nen erne gen, kor⸗ deß⸗ ach⸗ iſſel cht⸗ was William Alles gethan hatte, um das kleine Herzogthum, das er mit dem Königreiche der Deutſchen und Franken auf gleiche Linie zu ſtellen gewußt, in Civiliſation und Anſehen, in Kriegsruhm und commerciellem Gedeihen ſo hoch zu erheben. Endlich waren die Nor⸗ mannen die beſonderen Lieblinge der römiſchen Kirche. William hatte für ſeine Heirath mit Mathilden die päbſtliche Diſpenſation erlangt — mochte da nicht der normänniſche Einfluß, weiſe gewonnen, einſt ſeine eigene Bitte bei dem Pontifer unterſtützen, und ihm den heiligen Segen ſichern, ohne welchen der Ehrgeiz ſeinen Reiz und ſelbſt ein Thron ſeinen Glanz verlor? Alle dieſe Erwägungen beſtimmten den Earl, auf ſeinem ur⸗ ſprünglichen Plane zu beſtehen; aber eine warnende Stimme in ſeinem Herzen, mächtiger als alle andern, kam Githa's Flehen und Gurths Beweiſen zu Hülfe. In dieſem Zuſtande der Unentſchloſſenheit be⸗ merkte Gurth ſehr vernünftig: „Bedenke, Harold, wenn blos Du von Gefahr bedroht wäreſt, ſo hätteſt Du das Recht eines wackeren Mannes, uns zu widerſtehen; aber Edward ſprach auch von großem Unheil für England, und Deine Ueberlegung muß Dir ſagen, daß in dieſer Kriſis unſeres Vaterlandes jede Gefahr für Dich auch ein Unheil für England iſt, und Solches haſt Du nicht das Recht, über Dein Land zu verhängen.“ 1 „Theure Mutter und Du, großherziger Gurth,“ rief Harold, Beide zumal umarmend,„Ihr habt mich nahezu beſiegt. Gönnt mir nur zwei Tage Bedenkzeit und ſeyd verſichert, daß ich nicht nach den übereilten Eingebungen eines übel erwogenen Urtheils entſcheiden werde.“ Weiter vermochten ſie den Earl nicht zu bewegen; aber Gurth ſah wenigſtens mit Vergnügen, daß Harold kurz darauf zu Edithen aufbrach, deren Beſorgniſſe— welcher Quelle ſie auch entſpringen mochten— ſeine eigenen Argumente ſicherlich unterſtützen würden. Während jedoch der Earl allein nach der einſt ſo ſtattlichen Rö⸗ merwohnung hinritt, und mit der Daͤmmerung das finſtere Waldland 23* betrat, waren ſeine Gedanken weniger bei Edithen als bei der Vala, mit welcher der Ehrgeiz ſeine Seele mehr und mehr verknüpft hatte. Von Zweifeln bedrängt und in der ſchwindenden Beleuchtung menſch⸗ licher Vernunft allein gelaſſen, flüchtete er ſich unwillkürlich zu einem Führer, der ihm die Zukunft deuten und ſeinen Pfad beſtimmen ſollte. Als ob das Schickſal ſelber auf den Schrei ſeines Herzens ant⸗ worten wollte, kam ihm plötzlich die Vala zu Geſicht, wie ſie eben Ulmen⸗ und Eſchenblätter im Walde auflas, und raſch ſprang er vom Pferde, um ſich ihr zu nähern. „Hilda,“ begann er in leiſem aber feſtem Tone,„Du haſt mir oft erzählt, daß die Todten den Lebenden Rath zu ertheilen vermögen. Beſchwöre Du die Secin⸗laeca des längſt verſtorbenen Helden— er⸗ wecke den Geiſt, den mein Auge oder meine Fantaſie früher düſter und rieſengroß bei dem ſchweigenden Bautaſteine geſehen, und ich will an Deiner Seite ſtehen. Ich möchte gerne wiſſen, ob Du mich und Dich ſelbſt getäuſcht haſt, oder ob der Himmel wirklich dem Men⸗ ſchen zu ſeiner Leitung die Rede und Prophezeiung derer bewilligt, die nach den geheimnißvollen Küſten der Ewigkeit vorangegangen ſind.“ „Die Todten enthüllen ſich vor uneingeweihten Augen nicht anders als aus freiem Willen, ungedrängt von Rune oder Zauber. Mir können ihre Geſtalten deutlich erſcheinen durch die luftige Flamme, wenn ich mich erſt durch Beſchwörungen, welche das Auge des Geiſtes reinigen und die Wände des Fleiſches lockern, gehörig vorbereitet habe; aber ich kann nicht ſagen, daß auch Du ſehen wirſt, was ich in dem Ringen und Arbeiten meiner Seele gewahren werde, denn ſelbſt wenn die Erſcheinung vor meinen Blicken, wenn die Stimme meinem Ohre entſchwunden, bleibt blos die wirre undeutliche Erinnerung deſſen, was ich gehört und geſehen, um mich im wachen Alltagsleben zu leiten. Du ſollſt übrigens neben mir ſtehen, während ich die Er⸗ ſcheinung anrufe, ſollſt die Worte, die mir über die Lippen drin⸗ gen, die Runen, welche durch die Funken des bezauberten Feuers Bedeutung erhalten, hören und deuten. Schon ehe Du kamſt, er⸗ 357 kannte ich an Edithens Unruhe und Verfinſterung, daß ein Schatten von dem Eſchenbaume des Lebens auf Dich gefallen war.“ Harold erzählte nunmehr, was ſich ereignet hatte, und legte Hilda die Zweifel vor, die ihn umlagerten. Die Prophetin horchte mit tiefer Aufmerkſamkeit; da aber ihre Seele, wenn ſie nicht unter jenem geheimnißvolleren Einfluſſe ſtand, vorzugsweiſe durch ihren natürlichen Muth und Ehrgeiz beſtimmt wurde, ſo erkannte ſie auf den erſten Blick alle die Vortheile zur Siche⸗ rung des für Harold beſtimmten Thrones, die ſich durch dieſen Beſuch am normänniſchen Hofe erreichen ließen; auch ſtanden die weltliche Erfahrung wie die myſtiſchen Träumereien des Mönchekönigs(denn als Anhängerin Odins konnte ſie naturgemäß nicht an die Heimſuchung chriſtlicher Heiliger glauben)— bei ihr in zu großer Mißachtung, um ſeinen trüben Prophezeiungen viel Gewicht beiz zulegen. So war denn die kurze Antwort, die ſie ertheilte, nicht darauf berechnet, Harold von der fraglichen Expedition abzuſchrecken; doch verſchob ſie die Rathſchlüſſe, die ſeine Entſcheidung beſtimmen ſollten, auf eine gefürchtetere Weisheit als ihre eigene, und dieſe ſollte ihm in der folgenden Nacht kund werden. Nicht ohne ſich des Gedankens zu freuen, daß er ſich wenigſtens von der Wirklichkeit jener Anſprüche auf übernatürliche Macht, welche in neuerer Zeit ſeine Entſchlüſſe gelenkt und ſein Herz unterjocht hatte, in eigener Perſon überzeugen ſollte, verabſchiedete ſich Harold von der Vala, welche mechaniſch zu ihrem Geſchäfte zurückkehrte, während er ſelbſt das Roß am Zügel führend ſeine nachdenkliche Wan⸗ derung nach dem heidniſchen Hügel und deſſen Trümmern langſam fortſetzte. Ehe er jedoch die Anhöhe erreicht hatte, und während ſeine ſinnenden Blicke zu Boden geſchlagen waren, ſühlte er ſeinen Arm zärtlich umfaßt— drehte ſich um— und ſah Edithens Angeſicht voll unausſprechlicher, angſtvoller Liebe auf ſich gerichtet. So viel Ernſt und Furcht miſchte ſich in dieſe Liebe, daß Harold unwill Kͤrlif ausrief: „Herz meines Herzens, was iſt vorgefallen? Was ergreift Dich ſo ſehr?“ „Iſt Dir keine Gefahr zugeſtoßen?“ ſtammelte Editha, und ſchaute ihm mit geſpannten forſchenden Blicken in's Geſicht. „Gefahr!— Nein, ſüße Zweiflerin,“ gab der Earl ausweichend zur Antwort. Sditha ſenkte die geſpannten Blicke, und an ſeinen Arm ſich hän⸗ gend, zog ſie ihn ſchweigend in den Forſt hinein. Sie blieb endlich ſtehen, da wo die alten fantaſtiſchen Baͤume die Ausſicht auf die alter⸗ thümlichen Ruinen verſperrten, und als ſie beim Umſchauen jene grauen gigantiſchen Schäfte, welche kaum von Menſchenhand zuſam⸗ mengethürmt ſchienen, nicht mehr gewahrte, da fing ſie an, freier aufzuathmen. „Sprich mit mir,“ bat Harold, ſein Antlitz über das ihre beu⸗ gend;„warum ſo ſchweigſam?“ „Ach, Harold!“ gab ſeine Verlobte zur Antwort,„Du weißt, ſeitdem wir uns lieben, iſt mein Leben nur ein Schatten des Deinen geweſen; durch ein ſonderbares zauberiſches Geheimniß, welches Hilda von den Geſtirnen oder den Schickſalsſchweſtern, die mich als einen Theil Deiner ſelbſt erſchaffen, herleiten möchte— weiß ich aus der frohen oder düſteren Stimmung meines eigenen Geiſtes, ob Dich ein gutes oder ſchlimmes Ereigniß befallen wird. Wie oft iſt während Deiner Abweſenheit eine Freude plötzlich über mich gekommen, und ich empfand dann an dieſer Freude wie an dem Lächeln eines guten Engels, daß Du eine Gefahr glücklich überwunden, oder irgend einen Feind beſiegt hatteſt! Du fragſt mich jetzt, warum ich ſo traurig ſey — ich kann Dir blos ſagen, daß dieſe Trauer durch ein Gewitter, das Deinem eigenen Schickſale droht, über mich gekommen iſt.“ Harold hatte mit Edithen von ſeiner beabſichtigten Reiſe reden wollen; da er aber ihre Muthloſigkeit ſah, wagte er es nicht, ſondern zog ſie an ſeine Bruſt und ſchalt ſie in beſänftigendem Tone wegen ihrer eitlen Befürchtungen. Editha wollte ſich jedoch nicht tröſten 8 laf Dich und hend hän⸗ dlich lter⸗ jene ſam⸗ reier beu⸗ eißt, einen Hilda einen der hein rend und uten inen ſey das eden dern ꝛgen ſten 359 laſſen; es ſchien etwas auf ihrer Seele zu laſten und ſich auf ihre Lip⸗ pen zu drängen, was ſich durch bloße ſympathetiſche Ahnungen nicht erklären ließ, und als er endlich in ſie drang, ihm Alles zu ſagen, da nahm ſie ihren Muth zuſammen und ſprach alſo: „Spotte nicht über mich; aber welches Geheimniß— ſey es nun bloße Thorheit oder bedeutungsvoll für Dein Schickſal— könnte ich Dir vorenthalten? Dieſen ganzen Tag kämpfte ich vergeblich gegen die Laſt meiner Ahnungen. Wie habe ich den Anblick Deines Bruders Gurth begrüßt! Ich bat ihn, Dich aufzuſuchen— Du haſt ihn ge⸗ ſehen?“ „Ja!“ erwiederte Harold.„Aber Du wollteſt mir von etwas Anderem, als blos von dieſer Muthloſigkeit erzählen.“ „Wohlan,“ begann Editha;„nachdem Gurth mich verlaſſen, wanderte ich unwillkürlich auf den Hügel, wo wir uns ſo oft getroffen haben. Ich ſetzte mich neben dem alten Grabe nieder; eine ſonderbare Miüdigkeit ſenkte ſich auf meine Augen, und mich überfiel ein Schlaf, der kein eigentlicher Schlaf zu ſeyn ſchien. Ich kämpfte dagegen, wie wenn ich mir des nahenden Schreckens bewußt wäre, und wie ich ſo dagegen kämpfte, und ehe ich einſchlief— ja, Harold, ehe ich einſchlief — ſah ich deutlich eine bleiche dämmernde Geſtalt aus dem Sachſen⸗ grabe emporſteigen. Ich ſah— ich ſehe ſie noch! O die bleifarbige Stirne, die gläſernen Augen!“ „Die Geſtalt eines Kriegers?“ rief Harold betroffen. „Eines Kriegers, bewaffnet wie in den alten Tagen, gleich dem Helden, den Hilda's Mägde auf Dein Banner ſticken. Ich ſah ſie deut⸗ lich— die Geſtalt; in einer Hand hielt ſie einen Speer, in der andern eine Krone.“ „Eine Krone!— Tahre fort, fahre fort.“ „Ich ſah noch mehr; trotz alles Sträubens überfiel mich der Schlummer, ein Schlummer voll wirrer und peinlicher, voll geſtalt⸗ loſer raſch entſchwindender Bilder, bis endlich folgender Traum ſich klar heraushob. Ich ſah eine glänzende ſternenhelle Geſtalt, anſchei⸗ 360 nend ein Geiſt, aber ganz von Deinem Aeußeren, auf einem Felſen ſtehen. Ein tobender Strom rollte zwiſchen dem Felſen und dem tro⸗ ckenen ſicheren Land; die Wogen begannen über den Felſen hereinzu⸗ ſtürzen, und der Geiſt entfaltete die Flügel wie zum Fluge. Da kamen garſtige Dinge aus dem Schleime des Felſens herangekrochen und aus den Dünſten des bewegten Firmamentes herabgefallen, und ſie ſam⸗ melten ſich um die Flügel und hängten ſich wie ein Gewicht an dieſelben.“ „Dann drang eine Stimme in mein Ohr:— Siehſt Du nicht auf dem gefährlichen Felſen die Seele Harolds des Stolzen— ſiehſt Du nicht, daß die Waſſer ſie verſchlingen, wenn die Flügel ſie nicht davontragen? Auf, Wahrheit, deren Stärke die Reinheit und deren Ebenbild das Weib iſt— hilf der Seele des Tapferen!“ Ich wollte zu Dir eilen; aber ich war machtlos und ſah dicht neben mir durch meinen Schlummer wie durch einen Schleier die Säulen des zertrüm⸗ merten Tempels auftauchen, wo ich mich niedergelegt hatte. Auch dünkte mich, ich ſehe Hilda, wie ſie allein am Sachſengrabe ſaß und in ein Menſchenherz, das ſie in der Hand hielt, ſchwarze Tropfen aus einem Kryſtallgefäſſe eingoß; aus dem Herzen wuchs ein Kind, und aus dem Kinde ein Jüngling mit finſterer trauriger Stirne. Und der Jüngling ſtand neben Dir und flüſterte Dir zu und von ſeinen Lippen kam ein dampfender Rauch, worin die Flügel wie in einem Froſte einſchnurrten. Und ich hörte die Stimme ſagen: Hilda, Du biſt es, die den guten Engel vernichtet und aus dem vergifteten Herzen den verderblichen Verſucher erweckt hat!' Und ich ſchrie laut, aber es war zu ſpät; die Wogen ſchlugen über Dir zuſammen, und über den Wo⸗ gen ſchwamm ein eiſerner Helm und auf dem Helm war eine Krone— dieſelbe, die ich in der Hand des Geſpenſtes geſehen hatte?“ „Ei, das iſt kein ſchlimmer Traum, meine Editha,“ bemerkte Harold in munterem Tone. „Ich erwachte jählings aus meinem Schlummer,“ fuhr Editha fort, ohne ſeine Unterbrechung zu beachten.„Die Sonne ſtand noch hoch, die Luft war ruhig und windſtill. Da ſah ich im klaren wachen 361 Tageslichte eine grauliche Geſtalt, wie ſie nach der Ausſage unſerer Mädchen die Zauberhexe, die ſich zuweilen im Walde blicken läßt, an⸗ nimmt— durch die Säulen den Hügel hinabgleiten: in der That ſchien ſie weder Mann noch Frau anzugehören. Sie wendete einmal ihr Geſicht nach mir um, und auf dieſem häßlichen Geſichte lag der Jubel und Haß eines triumphirenden Feindes. Ach Harold, was ſoll das Alles bedeuten?“ „Haſt Du Deine Muhme, die Traumdeuterin, nicht gefragt?“ „Ich fragte Hilda; ſie machte es wie Du und murmelte blos: die Sachſenkrone!’ Aber wenn dieſen luftigen Kindern der Nacht zu trauen iſt, ſo muß die Erſcheinung Gefahr bedeuten— Gefahr für die Seele, nicht für das Leben, und die Worte, die ich vernahm, ſchie⸗ nen zu ſagen, daß Deine Flügel Deine Tapferkeit ſeyen, und die Fyl⸗ gia, die Du verloren hatteſt, o mein Angebeteter, war— nein, das wäre unmöglich—“ „Daß meine Fylgia die Wahrheit war, mit deren Verluſte ich auch für Dich verloren wäre. Du thuſt wohl daran,“ bemerkte Harold ſtolz,„daß Du das für eine Lüge der Fantaſie hältſt. Alles Andere mag mich vielleicht verlaſſen— meine eigene freie Seele niemals. Zuverſichtlich hat Hilda mich in meinen früheren Tagen genannt, und wie auch das Schickſal mich umherwerfen möge— in meiner Wahr⸗ haftigkeit und meiner Liebe kann ich mit dieſem furchtloſen Herzen Menſchen und Teufeln Trotz bieten.“ Sditha betrachtete eine Weile in ergebungsvoller Bewunderung die Miene ihres heldenhaften Geliebten, um ſich dann gläubig und getröſtet enger und immer enger an ſeine Bruſt zu ſchmiegen. Vierundvierzigſtes Kapitel. Bei aller Ueberzeugung von ihrer Macht im Durchſchauen der Zukunft haben wir geſehen, daß Hilda ihre Orakel über Harolds Schickſal niemals befragt hatte, ohne daß die Zweideutigkeit der Ant⸗ 362 worten ſie mit düſterem Grauen erfüllte. Jenes Schickſal, das die mächtigſten Intereſſen eines großen Geſchlechtes in ſich ſchloß und mit Ereigniſſen in Verbindung ſtand, die bis zu den ſpäteſten Zeiten in die entfernteſten Länder hinauswirken ſollten, verlor ſich vor ihrer pro⸗ phetiſchen Sehweite unter den widerſprechendſten Vorbedeutungen, den verwickeltſten Netzen und den widerſtreitendſten Lichtern und Schatten. Ihr Herz, das wegen ihrer Liebe zu Edithen dem Earl aufrichtig an⸗ hing, ihr Stolz war hartnäckig darauf gerichtet, der letzten Tochter ihres fürſtlichen Stammes jenen Thron zu ſichern, der wie all' ihre Prophezeihungen— ſogar die düſterſten— bezeugten, dem Manne be⸗ ſtimmt war, mit welchem Edithens Schickſal verwoben ſchien— dies Alles veranlaßte ſie, jene düſteren zweifelhaften Zeichen der günſtigſten Deutung zu unterwerfen. Allein nach den Grundſätzen jener beſonderen Art von Magie, wie Hilda ſie pflegte, wurde die Auffaſſung durch Alles was nur an menſchliche Sympathie erinnerte, verfinſtert; es war eine Magie, welche ſich von der boshaften Zauberkunſt, wie ſie unter den germani⸗ ſchen und ſkandinaviſchen Heiden gleichermaßen üblich war, und ſogar noch bei uns am meiſten bekannt iſt— völlig unterſchied. Hilda's Magie war eher mit der der alten cymbriſchen Alraunen oder geheiligten Prophetinnen verwandt, und dieſe verlangte die Prieſterin frei von jeder menſchlichen Regung oder Verbindung, von ſpiegelklarem Geiſte, auf dem ſich die großen Bilder des Schickſals ungetrübt abheben konnten. So ſehr übrigens die natürlichen Gaben und der angeborene Charakter Hilda's durch die geträumten trügeriſchen Studien, denen ſie oblag, verkehrt ſeyn mochte, ſo lag doch ſogar in ihren Schwächen eine Größe, der es nicht an Pathos gebrach. In der Stellung, die ſie zwiſchen Himmel und Erde eingenommen hatte, ſtand ſie ſo einſam und ſo hoch in jener Eiſesluft— alle Zweifel, die ihre kühne abgeſchloſſene Seele beſtürmten, kamen in ſo gigantiſchen Formen des Schreckens und der Drohung! Auf dem Wendepunkt der mächtigen in die Nacht der Jahrhunderte raſch hinabſinkenden Heidenzeit ragte ſie thurmhoch die der ti „—,———— ten. an⸗ hter lihre be⸗ dies ſten gie, an gie, ani⸗ gar da's gten von iſte, ten. ene nen hen ſie ind ene ns cht och 363 über die Schatten, ſie ſelbſt ein Schatten, und um ſie ſammelten ſich die letzten Dämonen des finſteren Glaubens, dem Vorrücken ihres leuchtenden Feindes trotzend und um ihre ſterbliche Prieſterin die Trüm⸗ mer ihrer haarſträubenden Herrſchaft über eine erlöste Welt concen⸗ trirend. Die ganze Nacht nach ihrer kurzen Unterredung mit Harold wan⸗ derte die Vala durch das wilde Forſtland, Geſpenſterſtellen ſuchend oder mit Einſammeln von Kräutern beſchäftigt, welche ihrer zweifel⸗ haften aber feierlichen Lehre heilig waren. Die letzten Sterne ver⸗ ſchwanden an dem kalten grauen Horizonte, als ſie auf dem Heimwege in dem Umfange des Druidentempels einen regungsloſen Gegenſtand auf dem Boden nahe dem Teutonengrabe ausgeſtreckt ſah. Sie näherte ſich, und was ſie erblickte, ſchien ein Leichnam, ſo ſtarr und ſtill war er in ſeiner Ruhe, ſo hager und todtenähnlich das Geſicht, das nach den Sternen emporſtarrte— ein Geſicht, furchtbar anzuſchauen; die Spuren des äußerſten Alters waren in der bläulichen runzligen Haut und in den tiefen Furchen eingegraben, während der Ausdruck jene tiefe Bosheit verrieth, welche einer Lebenskraft angehört, wie ſelbſt das höchſte Alter ſie nur ſelten kennen lernt. Die Kleidung von uralter Mode datirend, war ſchmutzig und zerriſſen, und weder aus der Tracht noch aus dem Geſichte war ſo leicht zu entnehmen, welches das Ge⸗ ſchlecht dieſer anſcheinenden Leiche ſeyn mochte; aber an dem eigen⸗ thümlichen Geruche,“ den die Geſtalt verbreitete, an einem gewiſſen Glänzen des Geſichts und den dürren gefalteten Händen erkannte Hilda, daß es eine jener Hexen und zwar von allen die gehaßteſte und verab⸗ ſcheuteſte war, welche durch Anwendung gewiſſer Salben die Kunſt be⸗ ſitzen ſollte, die Seele vom Leibe zu trennen, ſo daß letzterer wie todt zurückblieb, während die erſtere zu den ſchauerlichen Sabbathsorgien mitgeſchleppt wurde. Es war kein ſeltener Gebrauch, als Orte für ſolche Verzückungen alte Gräber und Heidentempel zu wählen, und Hilda ſetzte ſich neben * S. Note L. 364 die Hexe, um ihr Erwachen abzuwarten. Der Hahn krähte dreimal, ſchwere Dünſte begannen von den Matten aufzuſteigen und die knor⸗ rigen Wurzeln der Waldbäume zu bedecken, als das traurige Geſicht vor Hilda's Blicken Symptome wiederkehrenden Lebens verrieth; ein heftiger Schauder ſchüttelte die kaum zu unterſcheidende Ge⸗ ſtalt unter ihren unordentlichen Gewändern, ſie öffnete die Augen, ſchloß ſie— öffnete ſie abermals, und was noch vor wenigen Minuten eine Leiche geſchienen hatte, ſetzte ſich aufrecht und ſchaute ſich um. „Wicca,“ ſagte die däniſche Prophetin mit einem zwiſchen Neu⸗ gier und Verachtung ſchwankenden Tone,„welches Unheil gegen Thier oder Menſch hat Dich auf dem geräuſchloſen Pfade der Träume durch die Lüfte der Nacht entführt?“ Das Weſen ſchaute der Fragerin mit ſeinen triefenden aber wilden Augen ſtarr ins Geſicht und erwiederte langſam: „Heil, Hilda der Morthwyrtha! Warum trittſt Du nicht zu uns? Warum kommſt Du nicht zu unſeren Gelagen? Luſtigen Tanz haben wir heute Nacht mit Faul“ und Zabulus gehalten, aber noch toller ſollen unſere Sprünge in Senlacs Trinkhalle werden, wenn Deine Enkelin beim Fackellichte zu dem Brautbette ihres Herrn kom⸗ men wird. Eine ſchmucke Braut iſt Editha die Schöne, und holdſelig ſah ihr Geſicht geſtern Mittag im Schlafe, als ich neben ihr ſaß, ihr über die Stirne blies und den Vers murmelte, der den Traum ver⸗ düſtert; aber ſchöner noch ſoll ſie ausſehen, wenn ſie bei ihrem Herrn ſchlummert. Ha! Ha! Ha! Wir werden dabei ſeyn!“ „Wie!“ rief Hilda, erſchrocken über die Kunde, daß der geheime Ehrgeiz, den ſie hegte, ihrer ſündigen Schweſter in der Zauberkunſt bekannt war.„Wie kannſt Du auf dieſes Geheimniß der Zukunft An⸗ ſpruch machen, das ſogar für mich von düſteren Wolken bedeckt iſt? * Faul war ein böſer Geiſt, der von den Sachſen ſehr gefürchtet wurde; Zabulus und Diabolus(Teufeh) ſcheinen ein und dieſelbe Perſon geweſen zu ſeyn. —— Kannſt Du ſagen, wann und wo die Tochter der Nordlandskönige an ihres Gebieters Bruſt ſchlummern wird?“ Ein Laut, ähnlich dem Lachen, aber ſo unirdiſch in ſeinem bos⸗ eth; haften Jubel, daß er kaum von menſchlicher Lippe herzurühren ſchien,. Ge⸗ antwortete Vala, und als das Lachen erſtarb, erhob ſich die Hexe mit gen, den Wortend:.— ten„Geh und frage Deine Todten, o Morthwyrtha! Du dünkſt Dich ja weiſer als wir, die elenden Hexen, die der Ceorl ſucht, wenn eu⸗ die Viehſeuche unter ſeiner Heerde ausgebrochen iſt, oder die Maid, hier wenn ihr falſcher Geliebter ſie verläßt— wir, die wir keine den Men⸗ urch ſchen bekannte Wohnung beſitzen, aber im Nothfalle im Wald, in der Höhle oder neben trüben ſchlammigen Strömen, wo die mörderiſche lden Mutter ihr Kindlein ertränkte, zu finden ſind. Du, o Hilda, die reiche und gelehrte, willſt Rath und Lehre von Fauls Tochter verlangen?“ zu„Nein,“ gab die Vala hochmüthig zur Antwort,„nicht vor anz Deines Gleichen pflegen die großen Nornen die Zukunft zu enthüllen. och Was weißt Du von alten Runen, über dem rumpfloſen Schädel des enn mächtigen Odin geflüſtert— Runen, welche die Elemente beherrſchen om⸗ und die leuchtenden Schatten des Grabes heraufbeſchwören? Nicht 3 elig mit Dir wollen die Geſtirne verkehren und Deine Träume ſind nicht 17 ihr feierlich und erfüllt mit den Vorbedeutungen des Kommenden, ſondern er⸗ befleckt mit ſchmutzigen Schwelgereien! Ich wunderte mich nur, als 1 ern ich Dich an dem Sachſengrabe ſah, welche Freude Du an dieſem über⸗ irdiſchen Leben finden kannſt, das die Seele der ächten Vala aufwärts me zieht.“ nſt„Die Freude,“ erwiederte die Hexe,„die Freude, welche von In⸗ Macht und Weisheit herrührt, höher, als Ihr ſie jemals mit Euren 12 Zauberſprüchen aus Runen oder Geſtirnen gewonnen. Der Zorn ver⸗ leiht Gift dem Geifer des Hundes und Tod dem Fluche der Hexe. 5 Wann wirſt Du ſo weiſe ſeyn wie die Hexe, die Du verachteſt? Wann werden all die Wolken, die Dich umnachten, vor Deinem Seherblicke verſchwinden? Dann, wenn alle Deine Hoffnungen vernichtet, Deine . 366 Leidenſchaften erſtorben ſind, wenn Dein Stolz gedemüthigt und Du nur noch eine Ruine biſt, wie die Säulen dieſes Tempels, durch welche das Sternenlicht hereinſcheint.— Dann allein wird Deine Seele den Sinn der Runen klar erkennen, und dann wollen wir uns am Rande der ſchwarzen uferloſen See wieder begegnen.“ Trotz ihres Hochmuths und ihrer Verachtung war die ſtolze Pro⸗ phetin von dieſen Worten dermaßen betroffen, daß ſie noch lange, nach⸗ dem die furchtbare Erſcheinung verſchwunden war, in den leeren Raum hinausſtarrte, während die Lerche jubelnd aus dem Graſe ſich aufſchwang, das die ſchmutzigen Schritte der Here entweiht hatten. Aber noch ehe die Sonne den Thau des Waldraſens eingeſogen, hatte Hilda ihre gewohnte Ruhe wieder erlangt, und in ihrem gehei⸗ men Zimmer eingeſchloſſen, bereitete ſie den Zauber und die Runen zu der Anrufung des Todten. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Mit dem Entſchluſſe, falls das angerufene Orakel ſeine Abreiſe erlaubte, Editha durch Gurth hievon benachrichtigen zu laſſen, verab⸗ ſchiedete ſich Harold von ſeiner Verlobten, ohne auf ſeine noch unent⸗ ſchiedenen Plane anzuſpielen. Er verbrachte den Tag unter Vorberei⸗ tungen auf ſeine Reiſe und längere Abweſenheit mit dem Verſprechen an Gurth, ihm ſeine ſchließliche Antwort am folgenden Morgen zu geben, wo dann einer von Beiden nach Rouen aufbrechen ſollte. Doch machten ſich Gurths Gründe vor ſeiner eigenen nüchternen Vernunft immer geltender; auch waren Editha's Ahnungen auf ſein von Natur ſo feſtes, aber in neuerer Zeit für ſolch luftige Einflüſſe nur allzu empfäng⸗ liches Gemüth vielleicht nicht ohne Einwirkung geblieben, ſo daß er ſchon beim Abgange zu dem unſeligen Rendezvous mit der Morth⸗ wyrtha ſo ziemlich entſchloſſen war, ſeines Bruders Bitten nachzugeben. Die Nacht war trüb, aber nicht finſter; kein Mond ſchien am Him⸗ mel, ſie ar zoger lung Pfei zünd hellt dran aus Str Wa der 367 mel, nur zahlloſe Sterne flimmerten in bleichem Glanze, als lugten ſie aus den fernſten Tieſen des Himmels hervor; graue flockige Wolken zogen ſachte über den Horizont, die melancholiſchen Geſtirne abwechs⸗ de lungsweiſe enthüllend und verſchleiernd. Die Mortwyrtha ſtand in ihrer dunklen Tracht in dem Kreiſe der o⸗ Pfeiler; ſie hatte bereits am Fuße des Bautaſteines ein Feuer ange⸗ b 2. zündet, deſſen Schimmer die grauen Schäfte mit rothem Lichte er⸗ en hellte und durch ihre zertrümmerten Bogen bis auf den Raſen hinaus⸗ ſich drang. Neben ihr ſtand ein Gefäß, anſcheinend mit reinem Waſſer aus dem alten Römerbrunnen gefüllt, deſſen klare Oberfläche unter den 1 Strahlen der Flamme blutroth erglühte. Hinter ihnen, in einem um ſei⸗ Waſſer und Feuer gezogenen Kreiſe lagen einzelne Rindenſtücke, in en 3 der Form von Pfeilſpitzen eigenthümlich zugeſchnitten und mit myſti⸗ ſchen Buchſtaben überſchrieben; man zählte neun Stücke und auf je⸗ dem waren Runen eingegraben. In ihrer Rechten hielt die Morthwyrtha ihren Zauberſtab; ihre Füße waren bloß, ihre Lenden mit dem von myſtiſchen Lettern bedeck⸗ ten Hunnenbande umgürtet; an dem Gürtel hing eine Taſche aus ſe Bärenſell mit ſilbernen Platten. Ihr Geſicht hatte bei Harolds Ein⸗ 2 tritte ſeine gewohnte Ruhe verloren— es war wild und bewegt. Sie t⸗ ſchien Harolds Gegenwart nicht zu bemerken und ihr ſtarres ſtrenges i⸗ Auge war das einer Verzückten. Langſam, als ob ſie von einer frem⸗ n den Macht angetrieben würde, begann ſie ſich mit abgemeſſenem Schritte 7, im Kreiſe zu bewegen, bis ihre Stimme endlich leiſe, tief und hohl in n einen abgeriſſenen Geſang ausbrach, der in der unvollkommenen Ueber⸗ 1 r 1 ſetzung ungeſähr alſo lautete: 3 0 4 „Beim Urdarquell täglich 2 Aus Baches Gebrüll r Die Nornen beſprengen Den Baum Ygg⸗draſill.* * Yggo⸗draſill— der myſtiſche Eſchenbaum des Lebens, das Symbol der Erde, von den Schickſalsſchweſtern bewäſſert.— S. Note M. 368 Der Haaſ' nagt die Knoſpen, Der Wurm frißt am Baum, Der Adler, allſehend, Hält Wacht hoch im Raum.“ „Auf’s Grab dieſe Tropfen Aus der Quelle ſo kalt, Mit der Run' ich dich rufe, Mit Feuers Gewalt. Du Vater der Menſchen Begraben im Land, Gib Antwort der Vala, Dem Tapfern Verſtand.“ Während ſie alſo ſang, ſpritzte die Morthwyrtha die Tropfen aus dem Gefäſſe über den Bautaſtein und warf dann die mit Runen über⸗ ſchriebenen Rindenſtücke eins nach dem andern ins Feuer. Sey es nun, daß irgend ein harziger oder ſonſtiger chemiſcher Stoff mit dem Laſſer vermiſcht war— genug, ein bleicher Schimmer leuchtete von dem alſo beſprengten Grabſteine und die ganze Höhlung erglänzte in der Beleuchtung des hüpfenden Feuers. Aus dieſem Lichte ſchied ſich allmälig ein Nebel oder dünner Rauch und nahm— obwohl undeut⸗ lich— die Umriſſe einer rieſigen Menſchengeſtalt an; doch war der Umriß für Harolds Auge ſo ſchwer zu unterſcheiden, daß er, ſo feſt er auch hinſchaute und das laut pochende Herz mit mächtiger Anſtren⸗ gung zu ſtillen ſuchte, doch nicht darüber ins Klare kam, ob es ein Phantom oder Dunſt ſey, was er vor ſich ſah.— Die Vala hielt inne, auf ihren Stab ſich lehnend und voller Scheu den glühenden Stein betrachtend, während der Earl, die Arme über der breiten Bruſt gekreuzt, ſtumm und regungslos daſtand. Da begann die Zauberin von Neuem: „Ich ehr' dich, o Todter, Du wolkengeſtaltet, Das Licht deiner Thaten, In's Grabtuch gefaltet! aus ſber⸗ h es dem von e in ſich eut⸗ der t er ten⸗ ein ller me Da 369 „Wie Odin befragte Mimirs Schädel ſo hohl,* So forſchet ſein Erbe Von dir— was er ſoll.“ Das Schweigen der Morthwyrtha wurde von einem lauten Praſ⸗ ſeln des Feuers beantwortet und aus der Flamme flog eines der Rin⸗ denſtücke zu den Füßen der Zauberin— die Runenlettern ganz mit Funken ausgezackt. Die Zauberin ſtieß einen lauten Schrei aus, der dem Carl trotz ſeines Muthes und ſeiner natürlichen Feſtigkeit durch Mark und Bein ging, ſo furchtbar klang er in ſeinem Schreck und Grimme, und während ſie die leuchtenden Buchſtaben mit geiſterhaftem Blicke betrachtete, brach ſie in die Worte aus: „Nicht Kriegesmann biſt du, Kein Kind aus dem Sarg: Ich kenn' dich und ſchaudre, O Oſa, ſo ſtark. Du ſchließeſt die Lippen, Hemmſt Zauberſpruchs Welle, Du Rieſengeborner Und Vater der Hölle!“** Die ganze Geſtalt der Morthwyrtha erbebte in heftigen Krämpfen, wie von einem Anfalle von Raſerei geſchüttelt; Schaum ſammelte ſich auf ihren Lippen und ihre Stimme klang wie tiefes Stöhnen: * Mimir— der berühmteſte unter den Rieſen. Waner, dem er als Geiſel übergeben war, ſchnitt ihm den Kopf ab. Odin balſamirte ihn ein durch ſeine Seid oder Zauberkunſt, ſprach myſtiſche Runen darüber und pflegte ihn von nun an bei kritiſchen Veranlaſſungen immer um Rath zu fragen. ** Aſa⸗Lok oder Loke(zu unterſcheiden von Utgard⸗Lok, dem Dämon der hölliſchen Regionen), ſtammte von den Rieſen ab, ward aber unter die himmliſchen Gottheiten aufgenommen— ein boshafter verrätheriſcher Gott, welcher gern fremde Geſtalten annahm und allenthalben Unheil ſtiftete, in ſeinen Attributen unſerem Lucifer gleichkommend. Eine ſeiner Nachkommen war Hela, die Königin der Hölle. Bulwer, Harold. 24 370 „Im Eiſenwald hauſet Der webet nur Harm, Der rieſ'ge Bluttrinker Hexenſohn Managarm. Ein Kahn naht der Sandbank— Aus Schlamm und Moraſt Krabbelt Eidechs und Natter, Der Flut grauſer Gaſt. Du ſtehſt auf dem Felſen Wo die Träum rin dich ſah. Schwing die Flügel, o Seele, Eh' Zaubers Trug nah. Arg iſt der Verſucher, Der Widerſtand ſtark; Doch wird er beſieget, Wenn der Held ächt von Mark!“ Die Vala ſchwieg abermals, und obwohl man ſehen konnte, daß ſie in ihrer Verzückung von Harolds Anweſenheit immer noch nichts wußte und nur die gezwungene paſſive Stimme einer fremden— ob nun wirklichen oder eingebildeten— Macht zu ſeyn ſchien, näherte ſich dennoch der ſtolze Mann und ſprach:. „Aecht ſoll er ſeyn von Mark; auch ſind es nicht die Gefahren, die mir drohen, weßhalb ich Todte oder Lebende befragen möchte. Wenn aus dieſen luftigen Schatten, dieſen räthſelhaften Zaubern deutliche Antworten zu menſchlichen Sinnen gelangen können, ſo ant⸗ worte mir, o Deuterin des Schickſals— antworte blos auf die Fra⸗ * In einem Walde, genannt Jamvid— der Eiſenwald— wohnt eine Hexe, die Mutter vieler Rieſenſöhne in Wolfsgeſtalten; einer von ihnen, un⸗ ter allen vom furchtbarſten Stamme, heißt„Managarm“. Er pflegt ſich von dem Blute ſolcher Menſchen zu nähren, die ihrem Ende nahe ſind; er will den Mond verſchlingen und Himmel und Erde mit Blut beflecken.“— Aus der in Proſa gefaßten Edda. In der ſkandinaviſchen Poeſie iſt Managarm zuweilen das Symbol des Kriegs und der Eiſenwald eine Metapher für Speere. gen wer alſo ſie wer And daß ichts — ob ſich dren, chte. bern ant⸗ Fra⸗ eine un⸗ von will Aus arm für 371 gen, die ich Dir ſtelle.— Wenn ich an den Hof des Normannen ziehe, werde ich unverſehrt zurückkehren?“ Die Vala ſtand ſtarr wie ein ſteinernes Bild, während Harold alſo ſprach und ihre Stimme kam ſo langſam und fremdartig, als ob ſie gewaltfam über ihre kaum geöffneten Lippen bräche. „Unverſehrt wirſt Du zurückkehren.“ „Werden die Geiſeln Godwins, meines Vaters, freigegeben werden?“ „Die Geiſeln Godwins werden frei,“ gab dieſelbe Stimme zur Antwort;„Harolds Geiſel aber wird zurückbehalten.“ „Warum eine Geiſel von mir?“ „Zum Pfande des Bündniſſes mit dem Normannen.“ „Ha! ſo wird der Normann mit Harold ein Bündniß der Treue und Freundſchaft errichten?“ „Ja!“ lautete die Antwort der Vala, doch zuckte diesmal ein ſichtlicher Schauer über ihre ſtarre Geſtalt. „Noch zwei Fragen und ich bin fertig. Die normänniſchen Prie⸗ ſter beſitzen das Ohr des römiſchen Pontifer. Wird mein Bündniß mit William dem Normannen mir meine Braut gewinnen helfen?“ „Es wird Dir gewinnen die Braut, die Du nie heimgeführt hät⸗ teſt ohne den Bund mit William, dem Normannen. Hör' auf mit Deinen Fragen, höre auf!“ fuhr die Stimme fort, wie in furchtbarem Kampfe erbebend;„denn es iſt der Dämon, der mir die Worte aus⸗ preßt und ſie ſaugen an meiner Seele, indem ich ſie ausſpreche.“ „Nur eine Frage bleibt mir noch übrig— werde ichs erleben, daß ich Englands Krone trage und falls dieſes geſchehen ſoll— wann werde ich König werden?“ Bei dieſen Worten leuchtete das Antlitz der Prophetin, das Feuer flammte plötzlich höher und lebhafter empor; helle Funken beleuchte⸗ ten die Runen auf den Rindentrümmern, welche von der Flamme aus⸗ geſpieen wurden, und die Morthwyrtha beugte ſich über ſie, hob ſie triumphirend empor und brach abermals in folgenden Geſang aus: 24* * Wolfmond— Januar. 372 „Wenn der Wolfmond,“* grimm und herbe, Häuft den Schnee auf Thal und Berge; Durch der Lüfte wint'rig Glitzen Sonnenſtrahlen neckiſch blitzen; Wenn die Eisjuwelen flimmern Daß die leeren Aeſte ſchimmern: Dann das Maß wird ſeyn beendet, Und der Kreis— er wird vollendet. Cerdies Stamm, von Thor entſproſſen, Wird durch Edwards Grab beſchloſſen; Und die Kron aus Wodans Haus Sticht kein andrer Sachſe aus. Was du thuſt— thu's ohne Zagen, Jeder Schritt zum Thron muß tragen. Trug, Gewalt mag dich wohl ſchmälen— Wird der ſichre Geiſt dir fehlen? Ob er fehlt, du ſpött'ſcher Späher, Doch dem Throne kommſt du näher. Liſt ſetz' gegen Liſt, und nimmer Raubt Gewalt der Krone Schimmer: Bis die Todten ohn’ Erbarmen Hetzen Kriegsroſſ' um den Armen; Bis die Sonn' im letzten Lauf Ruft die Gegenſterne auf: Wann das Kriegsroß um den Armen Todte tummeln ohn’ Erbarmen. Was du thuſt— thu's ohne Zagen, Jeder Schritt zum Thron muß tragen. Nimmer wird dein Haus vergehen, Noch der Scepter dir entſtehen; Lang wie Sachſenname gilt Wo dein Thron dem Land ein Schild; Nam’ und Thron in Eins geſellt, Blatt und Wurzel, wächst und fällt: So das Maß wird ſeyn beendet, Und der Kreis wird ganz vollendet. Frager, biſt du nun zufrieden? Deine Barke ſoll hienieden ———,—-—— Jede Klippe überwinden, Jede Wog' dichegrößer finden, Und durch höh're Macht zum Lohn Sollſt du ſtranden auf dem Thron. Wenn der Wolfmond grimm und herbe Häuft den Schnee auf Thal und Berge; Durch der Winterlüfte Glizen Soll dein Königsſcepter blitzen: Wenn am Aſt die Eiſesperl, Glänzt an dir der Kron Juwel: Wenn der Winterwind ſich mengen Wird mit heil'gen Krönungsſängen— Klingt durch Mon⸗ und Windsgeheul: „Heil dem König— Harold Heil!“ Faſt übermenſchlicher Triumph— ſo tief und feierlich klang er — zitterte in der Stimme, die auf ſolche Weiſe ihre Prophezeiungen beſchloß, welche die drohenden, aber undeutlicheren Warnungen, womit der grauſige Anruf begonnen hatte, auffallend Lügen zu ſtrafen ſchie⸗ nen. Die Morthwyrtha ſtand aufrecht und in ſtolzer Haltung, noch immer die bläuliche Flamme betrachtend, welche von dem Grabſteine emporſtieg, bis die erbleichende Helle verglimmte und endlich unter plötzlichem Flackern erſtarb, den grauen Todtenſtein einſam des Wet⸗ ters Stürmen preisgebend, während der Wind aus Norden ſich erhob und durch die dachloſen Säulen ſeufzte. Kaum war das Licht über dem Grabe erloſchen, als Hilda mit einem tiefen Seufzer beſinnungs⸗ los zu Boden ſtürzte. Harold hob die Augen zu den Sternen und murmelte: „Wenn es Sünde iſt, wie die Prieſter ſagen, die finſteren Schran⸗ ken, die uns hienieden umgeben, zu durchbrechen und in der düſteren Welt jenſeits die Zukunft zu leſen— warum, o Himmel, gabſt du uns die Vernunft, ſie— ewig raſtlos, außer wenn ſie forſcht? Warum haſt du uns dieſes geheimnißvolle Geſetz des Verlangens, immer nach dem Höchſten ſtrebend, ewig nach dem Fernſten greifend— warum haſt du's uns ins Herz gepflanzt?“ 374 Aber der Himmel verſagte der unruhigen Seele die Antwort. Die Wolken ſtrichen hin und her auf ihren Wanderzügen, der Wind ſeufzte noch immer durch die hohlen Steine, das Feuer ſchleuderte ſeine eitlen Funken gegen die Sterne. Und im Wind, in Feuer und Wolken konnteſt du keine Antwort des Himmes ableſen— du unruhige Seele? .. Am andern Tage ſah man Earl Harold, den Falken auf der Fauſt,* den Jagdhund luſtig vor ſeinem Roſſe dahertanzend, frohen Herzens und voll hoher Hoffnungen mit ſtattlichem Gefolge nach dem nor⸗ männiſchen Hofe aufbrechen. Neuntes Buſch. Die Todtenbeine. Sechsundoierzigſtes Kapitel. William, Graf der Normannen, ſaß in einem ſchönen Gemache ſeines Pallaſtes zu Rouen; auf dem großen Tiſche vor ihm lagen zahl⸗ reiche Beweiſe ſeines mannigfaltigen Strebens als Krieger, Heerfüh⸗ rer, Denker und Staatsmann, wie es den weiten Raum dieſer ſchlaflo⸗ ſen Seele erfüllte. Da ſah man einen Plan des neuen Hafens von Cherbourg und daneben ein offenes Manuſcript ſeines Lieblingsbuches, der Commenta⸗ rien Cäſars, aus denen er die Taktik ſeines kriegeriſchen Wiſſens theil⸗ weiſe entlehnt haben ſoll, wenigſtens waren die Worte des großen Römers mit ſeinen eigenen kühnen Handzügen markirt, betüpfelt und * So zeigen ihn die Stickereien zu Bayeux. port. Vind eine elken ſele? ſt,* bens nor⸗ 375 unterbrochen. Ein Bündel langer Pfeile, an deren Federn oder Bol⸗ zen irgend eine geſchickte Verbeſſerung angebracht war, lagen ſorglos zerſtreut über etlichen Bauriſſen einer neuen Kloſterkirche und dem Entwurfe ihrer Stiftungsurkunde. Ein offenes Käſtchen von der zier⸗ lichen Arbeit der engliſchen Goldſchmiede, welche damals vorzugsweiſe hiefür berühmt waren— eines von Edwards Abſchiedsgeſchenken— enthielt Briefe von den verſchiedenen Potentaten fern und nah, welche um ſein Bündniß nachſuchten oder ſeine Ruhe bedrohten. Auf einer Stange hinter ihm ſaß ſein Lieblingsfalke von norwegi⸗ ſcher Zucht, ohne Schirmhut, denn er hatte den höchſten Gipfel ſeiner Erziehung erreicht, das heißt, er konnte ungeſtört Geſellſchaft um ſich dulden.’ Auf einer Art von Staffelei am hintern Ende der Halle war ein Zwerg, mißgeſtaltet von Gliedern aber von auffallend ſcharfſinni⸗ gem verſtändigem Geſicht, mit der Entwerfung des berühmten Schlacht⸗ feldes auf den Dünen beſchäftigt, welches der Schauplatz einer der glänzendſten Waffenthaten Williams geweſen war— ein Entwurf, der von der Herzogin Mathilde zu einer ihrer bemerkenswerthen Stickereien benützt werden ſollte. Auf dem Boden, neben einem rieſigen Bärenhetzer von engliſcher Zucht, der die Spielereien nicht ſonderlich zu lieben ſchien und hie und da mit gewaltigem Brummen ſeine weißen Zähne zeigte, ſpielte ein junger Knabe, der in den Zügen mit dem Herzog ziemlich viel Aehn⸗ lichkeit zeigte, aber einen offeneren und minder ſcharſſinnigen Ausdruck hatte, auch etwas von der breiten Bruſt und den Schultern des Her⸗ zogs beſaß, ohne jedoch eine ſo ſtattliche Figur zu verſprechen, welche auch wirklich nöthig war, um einer ſonſt plumpen und ungraziöſen Körperfülle Würde und Anmuth zu verleihen. In der That hatte Williams athletiſche Geſtalt ſeit ſeinem Be⸗ ſuche in England gar Vieles von ihrem jugendlichen Ebenmaße ver⸗ loren, wiewohl ſie noch nicht durch jene Korpulenz entſtellt war, welche bei den Normannen wie den Spartanern eine gleich ſeltene Krankheit bildete. Was jedoch an einem Gladiator ein Mangel, iſt oft eine ——— 376 Schönheit an einem Fürſten, wie denn die gewaltigen Verhältniſſe des Herzogs dem Auge des Betrachtenden einen Eindruck königlicher Majeſtät und phyſiſcher Stärke hinterließen. In ſeinem Geſichte mehr als in ſeiner Geſtalt war der Zahn der Zeit nicht zu verkennen: das kurze ſchwarze Haar hatte von der fort⸗ währenden Reibung des Helmes an den Schläfen einzelne kahle Stel⸗ len davongetragen; das unaufhörliche Vertieftſeyn in verſchmitzte Plane und ehrgeizige Entwürfe hatte die Runzeln um das intrigui⸗ rende Auge und den feſten Mund tiefer eingegraben, ſo daß es ihm nur durch die Anſtrengung eines Schauſpielers gelang, ſeinem Aus⸗ drucke jene edle ritterliche Freimüthigkeit, wie er ſie einſt an ſich ge⸗ tragen, wieder zu gewinnen. Der große Fürſt war freilich nicht mehr, was der kühne Krieger geweſen— er war höher im Staats⸗ niedriger aber im Seelenleben geworden, und trotz ſeiner großen Ei⸗ genſchaften als Regent hatte ſeine heroiſche Natur, deren angeborene Strenge die normänniſchen Edlen nicht ohne Mühe in die Gränzen der Gerechtigkeit zurückwieſen, bereits einzelne Vorzeichen Deſſen ver⸗ rathen, was aus ihm werden würde, wenn ſeine feurigen Leidenſchaf⸗ ten, ſein ſchonungsloſer Wille einen weiteren Spielraum vor ſich fänden. Vor dem Herzog, der das Kinn auf die Hand geſtützt hatte, ſtand Mallet de Graville in ernſtem Geſpräche, das ſeinen Herrn eben ſo ſehr zu intereſſiren als zu ergötzen ſchien. „Genug!“ ſagte William,„ich begreife die Natur des Landes und ſeiner Leute— eines Landes das, unbelehrt durch die Erfahrung und in dem vollen Glauben, als ob ein Friede von zwanzig bis dreißig Jahren bis zum jüngſten Gerichte dauern müſſe, all ſeine Schutzwehren vernachläſſigt und außer Dover keine einzige Feſte zwiſchen Küſte und Hauptſtadt beſitzt— eines Landes, das durch eine einzige Schlacht gewonnen oder verloren wird, und ſeiner Leute“(hier ſtockte der Her⸗ zog)„ſeiner Leute,“ fuhr er ſeufzend fort,„die ſo ſchwer zu über⸗ winden ſind, daß ich mich nicht wundere, wenn ſie ihre Feſtungen ver⸗ nachläſſigen. Pardex, ich ſage— genug von ihnen. Laßt uns zu Harold zurückkehren— Du meinſt alſo, er ſey ſeines Ruhmes würdig?“ „Er iſt faſt der einzige Engländer, den ich geſehen, welcher ge⸗ lehrte Bildung und Erziehung erhalten hätte,“ gab de Graville zur Antwort;„ſeine Fähigkeiten ſtehen alle in ſo ebenem Gleichgewichte und ſind von ſolcher Ruhe und Faſſung begleitet, daß es mir bei ſeinem Anblicke vorkommt, als ob ich ein kunſtvolles Kaſtell betrachte, deſſen Stärke ſich nicht bei dem erſten Anblicke und überhaupt nur von De⸗ nen, die es angreifen, erkennen läßt.“ „Du irrſt Dich, Sire de Graville,“ meinte der Herzog mit ſchlauem verſchmitztem Blinzeln in den leuchtenden ſchwarzen Augen. „Du ſagſt mir ja, daß er keine Ahnung von meinen Entwürfen auf den engliſchen Thron beſitzt— daß er Deiner Eingebung, die Geiſeln in eigener Perſon an meinem Hofe zu holen, ein williges Ohr leiht— mit einem Worte, daß er nicht argwöhniſch iſt.“ „Das iſt wahr, argwöhniſch iſt er nicht,“ verſicherte Mallet. „Und glaubſt Du, ein kunſtvolles Kaſtell ohne Schildwache oder Außenpoſten habe ſonderlichen Werth, oder ein gebildeter Geiſt ohne ſeinen Wächter— den Argwohn— ſey ſtark und ſicher?“ „In der That, mein Herr ſpricht wohl und weiſe,“ verſetzte der Ritter betroffen:„aber Harold iſt mit jeder Fiber ein Engländer und die Engländer ſind ein gens, das unter allen erſchaffenen Weſen zwi⸗ ſchen Schaaf und Engel am wenigſten von Argwohn weiß.“ William lachte laut; aber ſein Lachen wurde plötzlich unterbro⸗ chen, denn in dieſem Augenblick ließ ſich ein wilder Schrei vernehmen, und indem er haſtig aufſchaute, ſah er Sohn und Hund, wie es ſchien in tödtlichem Kampfe, über den Boden kugeln. William ſprang zur Stelle; allein der Knabe, der in jenem Mo⸗ mente unter dem Hunde lag, ſchrie laut: „Laissez aller! Laissez aller! nichts von Befreiung! Ich will meinen Gegner ſelbſt bemeiſtern—“ und mit gewaltiger Anſtren⸗ gung auf die Kniee ſich aufrichtend, packte er den Hund mit beiden 8 — 378 Fäuſten an der Kehle, daß das Thier mit knirſchenden Zähnen ſich vergeblich hin und her wand und in der nächſten Minute ohne Gnade erſtickt wäre. „Jetzt muß ich meinen guten Hund retten,“ meinte William mit dem frohen Lächeln ſeiner früheren Tage, worauf er nicht ohne An⸗ ſtrengung ſeiner gewaltigen Kraft den Hund aus der Umklammerung ſeines Sohnes befreite. „Das war übel gethan, Vater,“ rief Robert, ſchon damals mit dem Beinamen le Courthose*„für den Gegner Deines Sohnes Par⸗ tei zu nehmen.“ „Ei, meines Sohnes Gegner iſt Deines Vaters Eigenthum, mon vaillant!“ erwiederte der Herzog,„und Du haſt Dich wegen Ver⸗ raths zu verantworten, wenn Du mit meinem eigenen vierfüßigen Vaſallen Streit und Fehde hervorrufſt.“ „Er iſt nicht Dein Eigenthum, Vater: Du gabſt mir den Hund noch als ganz jung.“ „Fabeleien, Monseigneur de Courthose; ich lieh ihn Dir nur auf einen Tag, als Du durch einen Sprung vom Walle Deinen Knö⸗ chel luxirt hatteſt, und ſo ſehr Du auch gelähmt wareſt, ſo hatteſt Du noch immer Bosheit genug, um das arme Thier bis zum Fieber zu ärgern.“ „Geſchenkt oder geliehen— Alles einerlei, Vater; was ich ein⸗ mal habe, das will ich behalten, wie Du es vor mir ſchon in der Wiege machteſt.“ Und der große Herzog, der in ſeinem eigenen Hauſe der weichſte und ſchwächſte der Menſchen war, nahm den Knaben mit täppiſcher Zärtlichkeit auf die Arme und küßte ihn, ohne mit all' ſeinem weit⸗ ſichtigen Scharfblicke zu bedenken, daß in dieſem Kuſſe die Saat jenes grauenvollen Fluches lag, der von des Vaters Todbette ausging, und mit dem Elend und Verderben des Sohnes enden ſollte. Sogar Mallet de Grasille runzelte die Stirne— ſogar Turold, *„Der Höfliche.“ .——— 82 379 der Zwerg, ſchüttelte den Kopf beim Anblick der Schwäche ihres Ge⸗ bieters. In dieſem Augenblick trat ein Offizier in's Zimmer mit der Meldung, daß ein engliſcher Edelmann anſcheinend in großer Haſt (denn ſein Roß war beim Abſteigen todt niedergeſtürzt,) vor dem Pal⸗ laſte angekommen ſey und augenblickliche Audienz bei dem Herzog verlange. William ſetzte den Knaben nieder, gab den kurzen Befehl zur Ein⸗ führung des Fremden, und de Graville zum Nachfolgen winkend, trat er alsbald in das nächſte Zimmer, um ſich mit ſeiner bekannten Pünkt⸗ lichkeit im Ceremoniell auf ſeinem Staatsſeſſel niederzulaſſen. Wenige Augenblicke ſpäter führte einer der Seneſchalle des Pal⸗ laſtes einen Beſuch ein, den ſein langer Schnurrbart ſogleich als Sachſen ankündigte und in welchem de Graville mit Ueberraſchung ſeinen alten Freund Godrith erkannte. Der junge Than trat mit ei⸗ ner Verbeugung, haſtiger als William ſie ſonſt gewöhnt war, bis an den Fuß des Dais und begann mit einer von Aufregung erſtickten Stimme und in normänniſcher Sprache: „Dir, Monſeigneur, überbringe ich den Gruß von Harold dem Earl. Ihm iſt von Deinem Lehensmanne Guy, Grafen von Ponthieu, höchſt unchriſtliches niederträchtiges Unrecht widerfahren. Als nämlich der Earl in der Abſicht Deinen Hof zu beſuchen in zwei Barken von England herüberſegelte, trieb der Sturmwind ſeine Schiffe gegen die Mündung der Somme;“ dort landete er ohne Furcht, da er ſich ja in keinem feindlichen Lande befand, wurde aber mit ſeinem Gefolge von dem Grafen ergriffen und in dem Schloſſe von Belrem““ in's Gefäng⸗ niß geworfen. Ein Kerker, nur für Uebelthäter taugend, umſchließt bis auf die jetzige Stunde den erſten Lord von England und Schwager unſeres Königs: nicht genug, dieſer höchſt geſetzwidrige Graf hat ſogar Winke von Hungertod, Tortur und Enthauptung fallen laſſen— ob im Ernſt oder in der niedrigen Abſicht, das Löſegeld zu erhöhen, * Roman de Rou, Th. II., S. 1078. „* Belvem, Beaurain, das jetzige Montreuil. 380 weiß ich nicht. Endlich durch die Verachtung und Feſtigkeit des Earls ermüdet, hat mir dieſer verrätheriſche Ponthieu erlaubt, Dir Ha⸗ rolds Botſchaft zu überbringen. Der Earl kam zu Dir als Prinz und Freund: wirſt Du da zugeben, daß Dein Lehensmann ihn wie einen Dieb oder Feind gefangen hält?“ „Edler Engländer,“ erwiederte William ernſthaft,„das iſt eine Sache, welche meinem Bereiche ferner liegt, als Du zu glauben ſcheinſt. Es iſt wahr, daß Guy, Graf von Ponthieu, Lehen von mir trägt; aber über die Geſetze ſeiner Herrſchaft ſteht mir keine Kontrole zu und nach dieſen Geſetzen hat er das Recht über Leben und Tod aller Derer, die an ſeiner Küſte ſtranden oder ſonſt getroffen werden. Den Unfall Eures berühmten Earls kann ich nicht anders als beklagen, und was ich zu thun vermag, ſoll geſchehen; nur darf ich in dieſer Sache mit Guy nur als Fürſt mit dem Fürſten, nicht aber wie der Gebieter mit dem Vaſallen verkehren. Mittlerweile bitte ich Dich, bei mir auszuruhen und Dich zu erfriſchen, während ich über die zu ergreifenden Maßre⸗ geln alsbald Rath pflegen werde.“ Das Antlitz des Sachſen zeigte Schrecken und Enttäuſchung bei dieſem Beſcheid, den er ſo ganz anders erwartet hatte, und mit der angeborenen barſchen Ehrlichkeit, welche all' ſeine neuere Nachahmung normänniſcher Sitten nicht hatte ausrotten können, gab erzur Antwort: „Ich will keinen Tropfen trinken und keinen Biſſen anrühren, bis Du, Herr Graf, als Edler für den Edlen, als Chriſt für den Chriſten, als Menſch für den Menſchen entſchieden haſt, welche Hülfe Du dem Manne gewähren wirſt, der blos durch ſein Vertrauen auf Dich in dieſe Gefahr gerathen iſt.“ „Ach!“ ſagte der große Heuchler,„ſchwer iſt die Verantwortlich⸗ keit, womit Deine Unkenntniß unſeres Landes, unſerer Menſchen und Geſetze mich belaſten möchte. Wenn ich in dieſer Angelegenheit nur einen einzigen falſchen Schritt thue, dann wehe Deinem Gebieter! Guy iſt hitzig und hochmüthig und in ſeinem Rechte; er iſt im Stande, mir auf ein allzu hartes Verlangen um Freilaſſung den Kopf des 381 Carls als Erwiederung zu ſchicken. Viel Geld und weite Ländereien wird es mich koſten, um den Earl auszulöſen; doch fürchte nichts— mein halbes Herzogthum wäre kein zu hoher Preis für die Rettung Deines Gebieters. So gehe denn, ſpeiſe nur wohlgemuth und trinke mit hoffnungsvollem Gebete auf des Earls Geſundheit.“ „Mit Eurer Erlaubniß, mein Gebieter,“ bemerkte de Graville, „ich kenne dieſen edlen Than, und möchte mir von Euch die Gnade erbitten, für ſeine Verpflegung ſorgen und ſeinen Geiſt aufheitern zu dürfen.“ 3 „Das ſollſt Du, aber ſpäter; einem ſo edlen Gaſte ſoll Niemand als mein vornehmſter Seneſchall die erſte Ehre erweiſen.“ Und an den wartenden Hofbeamten ſich wendend, befahl er ihm, den Sachſen in William Fitzosborne’s Zimmer zu führen(dieſer wohnte damals im Pallaſte) und der Sorgfalt dieſes Grafen zu empfehlen. Der Sachſe entfernte ſich mürriſch; kaum aber hatte ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, als William ſich erhob und voll trium⸗ phirender Freude im Zimmer auf und ab ging. „Ich habe ihn! Ich habe ihn!“ rief er laut;„nicht als freien Gaſt, ſondern als losgekauften Gefangenen. Ich habe ihn— den Earl!— Ich habe ihn! Gehe Mallet, mein Freund, jetzt ſuche dieſen ſauertöpfiſchen Engländer, und hörſt Du!— erfülle ſein Ohr mit allen Mähren, die Du über Guy's Grauſamkeit und Rachſucht nur immer erſinnen kannſt; vergrößere die Schwierigkeiten, die mir bei Befreiung des Earls im Wege ſtehen; erhöhe die Gefahr der Gefan⸗ genſchaft und male in ſtarken Farben die volle Gnade der Befreiung. Verſtehſt Du mich?“ 2 „Ich bin Normanne, Monſeigneur,“ erwiederte de Graville mit leiſem Lächeln,„und wir Normannen verſtehen es ſchon, einen großen Raum mit kurzem Mantel zu bedecken. Ihr ſollt mit meiner Geſchick⸗ lichkeit nicht unzufrieden ſeyn.“ „So gehe— gehe,“ befahl William,„und ſchicke mir alsbald— Lanfranc— nein, halt, nicht Lanfrane, der iſt zu ſtrupulös; Fitzos⸗ 382 borne— nein, der iſt zu hochſinnig. Gehe nur zu meinem Bruder Odo von Bayeux und bitte ihn, mich augenblicklich aufzuſuchen.“ Der Ritter verſchwand mit tiefer Verbeugung, während William mit leuchtenden Augen und murmelnden Lippen fortwährend im Zim⸗ mer auf und ab ging. Siebenundoierzigſtes Kapitel. Erſt auf wiederholte Sendungen, welche im Anfange, ohne von einem Löſegeld zu reden, in hohem Tone abgefaßt waren, wodurch William ohne Zweifel die Unterhandlungen verlängern und den Werth ſeiner Dienſte erhöhen wollte, gab Guy von Ponthieu ſeine endliche Einwilligung zur Loslaſſung des erlauchten Gefangenen. Das Löſe⸗ geld beſtand in einer ſtarken Geldſumme und einer großen Herrſchaft* am Fluſſe Eaulne; ob aber dieſer Lohn wirklich das Löſegeld oder nur der Preis für die gelegte Schlinge war, vermag jetzt Niemand mehr zu ſagen, und ſchärfer als der unſrige müßte der Verſtand ſeyn, der hier die wahrſcheinlichere Vermuthung aufſtellen wollte. 3 Kaum waren die Stipulationen bereinigt, als Guy ſelber die Thore des Kerkers öffnete. Er gab ſich die Miene, wie wenn er die ganze Sache als vollkommen rechtlich und geſetzmäßig, nunmehr aber als glücklich und ehrlich abgeſchloſſen betrachte, und zeigte ſich jetzt ebenſo freundlich und herablaſſend, als er früher finſter und drohend geweſen war. Er begleitete ſogar Harold mit glänzendem Gefolge nach Cha- teau d' Eu,** wohin ihm William entgegen gereist war, und lachte mit heiterer Anmuth über des Carls kurze und verächtliche Antworten auf ſeine Komplimente und Entſchuldigungen. An den Thoren dieſes wegen der Treue ſeiner Gebieter in ſpäte⸗ ren Zeiten übel berüchtigten Schloſſes empfing William ſeinen Gaſt, indem er allen Stolz der Etikette, die er an ſeinem Hofe eingeführt *„Un bel maneir“— Roman de Rou, II. Th., S. 1079. ** Guillaume de Poictiers:„apud Aucense Castrum.“ 383 hatte, bei Seite legte; er half ihm ſogar beim Abſteigen und um⸗ armte ihn herzlich unter der lauten Fanfare der Pfeifen und Trom⸗ peten. Die Blüthe jenes glorreichen Adels, der ſich nach wenigen Gene⸗ rationen vom geſetzloſen Seeräuber des baltiſchen Meeres ſo hoch em⸗ porgeſchwungen hatte, war diesmal auserleſen worden, um Gaſt und Wirth gleichermaßen Ehre zu erweiſen. Da waren Hugo de Mont⸗ fort und Roger de Beaumont, geehrt im Felde wie im Rathe und im NRuhme ergraut. Da war Henri, Sire de Ferrers, deſſen Name ver⸗ muthlich von den großartigen Eiſenhämmern herſtammte, welche rings um ſein Schloß brannten, und wo undurchdringliche Waffen für jeden Kampf geſchmiedet wurden. Da war Raoul de Tancarville, Williams ehemaliger Erzieher und erblicher Kämmerer der normänniſchen Gra⸗ fen; Geoffroi de Mandeville und Touſtain der Schöne, deſſen Namen mitten unter der allgemeinen Wortverdrehung das Zeugniß ſeiner däniſchen Geburt noch immer beibehielt; ferner Hugo de Grantmesnil, erſt kürzlich aus der Verbannung zurückgekehrt, Humphrey de Bohun, deſſen altes Schloß in Carcutan noch jetzt zu ſehen iſt, St. John und Lacie und D'Aincourt, ſie alle zwiſchen Maine und Oiſe reich begü⸗ tert; endlich William de Montſichet, Roger mit dem Spitznamen der „Bigotte“ und Roger de Mortemer nebſt vielen weiteren Namen, deren Ruhm in einem andern Lande, als dem von Neuſtrien lebt! Da waren ferner, die weißen Mitren über die Prachtgewänder tragend, die vornehmſten Prälaten und Aebte einer Kirche, welche ſeit Williams Thronbeſteigung durch ihre Gelehrſamkeit in Rom zu hohem Rufe ge⸗ langt war und auf dieſer Seite der Alpen die erſte Stelle einnahm— Lanfranc und der Biſchof von Coutance, der Abt von Bec und Odo von Bayeur, der vornehmſte von allen im Range, nicht aber im Wiſſen. So zahlreich war die Verſammlung von Edlen und Prälaten, daß für die geringeren Ritter und Häuptlinge, die ſich nicht ohne Ein⸗ trag ihrer normänniſchen Würde zum Anblicke des Löwen, welcher England bewachte, herbeidrängten, nur wenig Raum im Schloſſe übrig blieb. Und mitten unter dieſen Männern von Macht und Be⸗ deutung erſchien Harold in ſeiner ruhigen Einfachheit wie damals auf ſeinem Kriegsſchiffe in der Themſe als der Mann, der ſie ſammt und ſonders zu lenken vermochte! Sie Alle, die ſo glücklich waren, ihn neben William hergehen zu ſehen, nicht weniger hochgewachſen und aufrecht als der Herzog— an Maſſigkeit des Körpers zwar weit zurückſtehend, aber in ſeinem kom⸗ pakteren Ebenmaße und ſeiner geſchmeidigen Anmuth für ein geübtes ie Alle, die ihn alſo ſahen, erhoben Auge an Stärke kaum geringer— ſi ein Murmeln der Bewunderung, denn Niemand auf der ganzen Welt wußte körperliche Vorzüge beſſer zu ſchätzen und zu pflegen, als die normänniſche Ritterſchaft. Unter leichten Geſprächen, wobei er Harold wohl bewachte, führte der Herzog ſeinen Gaſt in ein Privatzimmer im dritten Stocke“ des Schloſſes, wo Haco und Wolnoth ihm entgegenkamen. „Dies iſt für Euch hoffentlich keine Ueberraſchung,“ ſagte der Herzog lächelnd;„und nun könnte ich Euer Geſpräch blos ſtören.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer und Wolnoth ſtürzte ſeinem Bruder in die Arme, während Haco, ſchüchterner von Natur, ſich blos näherte und den Earl am Gewande berührte. Sobald die erſte Freude des Wiederſehens vorüber war, ſagte der Carl zu Haco, den er mit gleicher Zärtlichkeit wie ſeinen Bruder Wol⸗ noth an die Bruſt gezogen hatte: „Da ich mich Deiner nur als Knaben erinnerte, ſo hatte ich vor, Dir zu ſagen: ſey mein Sohn; jetzt aber, da ich Dich als Mann ſehe, muß ich meine Bitte ändern: ſo erfülle denn die Stelle Deines Va⸗ ters und ſey mein Bruder„ Und Du, Wolnoth, haſt Du Wort ge⸗ halten? Normänniſch iſt allerdings Deine Tracht— iſt Dein Herz auch immer engliſch geblieben?“ * Sobald die rohe Befeſtigungsweiſe des Mittelalters etwas mehr Pracht und Großartigkeit erlaubte, wurden die Staatszimmer in das dritte Stockwerk des inneren Hofes— als das ſicherſte— verlegt. d Be⸗ s auf tt und den zu — an kom⸗ fübtes hoben Welt ls die führte * des te der 1.7 türzte katur, te der Wol⸗ hvor, ſehe, 3 Va⸗ rt ge⸗ Herz Pracht ckwerk 385 „Pſch!“ flüſterte Haco,„pſch! Wir führen ein Sprichwort, daß die Wände Ohren haben.“ „Aber fränkiſche Wände werden wohl ſchwerlich unſer breites Kenter Sächſiſch verſtehen,“ meinte Harold lächelnd, indem ein Schat⸗ ten über ſeine Stirne zog. „Richtig; fahre nur fort, ſächſiſch zu reden und wir ſind ſicher,“ verſetzte Haco. „Sicher!“ wiederholte Harold. „Haco's Beſorgniſſe ſind kindiſch, mein Bruder,“ verſicherte Wol⸗ noth,„und er thut dem Herzog Unrecht.“ „Ich meine nicht den Herzog, wohl aber die Politik, die ihn gleich einer Atmoſphäre umgibt,“ rief Haco.„Harold, großmüthig warſt Du in der That, als Du Deiner Verwandten halber hieher kamſt— ſehr großmüthig! Aber für Englands Wohl wäre es beſſer geweſen, wenn wir unſer Leben im Erile verſchmachtet hätten, ſtatt daß Du, Englands Hoffnung und Stütze, den Fuß in dieſe Gewebe der Argliſt ſetzteſt.“ „Pfui, Haco!“ mahnte Wolnoth ungeduldig;„es kann nur gut für England ſeyn, wenn Sachſen und Normannen Freunde ſind.“ Harold, der ſeinem Vater an Menſchenkenntniß nicht nachſtand, wenn nicht die natürliche Zuverſicht, die unter ſeiner ruhigen Zurück⸗ haltung verborgen lag, ſeinen Scharfblick einlullte, richtete einen feſten Blick auf ſeine beiden Verwandten und erkannte alsbald, daß ein tiefe⸗ rer Verſtand und ernſteres Temperament, als Wolnoths ſchönes Antlitz ſie verrieth, das dunkle Auge und die nachdenkliche Stirne Haco's charakteriſirte. Er zog darum ſeinen Neffen bei Seite, indem er ſagte: „Gewarnt iſt ſo gut wie gewappnet. Glaubſt Du, daß dieſer ſchön redende Herzog etwas wider mein Leben wagen wird?“ „Leben— nein; Freiheit— ja.“ Harold fuhr zuſammen, und die ſtarken angeborenen Leidenſchaf⸗ ten, die ſich in der Regel vor ſeinem majeſtätiſchen Willen beugen mußten, ſchwellten ſeine Bruſt und blitzten in ſeinem Auge. Bulwer, Harold. 25 386 „Freiheit!— laßt es ihn wagen! Wenn er auch gleich den gan⸗ zen Weg von ſeinem Hofe bis an die Küſten mit ſeinen Truppen ge⸗ pflaſtert hat, will ich mir dennoch einen Pfad durch ihre Reihen bahnen.“ „Glaubſt Du, ich ſey ein Feigling?“ fragte Haco einfach,„und hat mich der Graf nicht dennoch wider alles Recht und Geſetz und wider König Edwards wohlbekannte Vorſtellungen lange, lange Jahre in dieſem Lande zurückgehalten? Freundlich ſind ſeine Worte, argliſtig ſeine Thaten; fürchte nicht Gewalt, wohl aber Betrug.“ „Ich fürchte keines von Beiden,“ erwiederte Harold, ſich aufrich⸗ tend,„und keinen Augenblick bereue ich— nein, nicht einmal in dem Kerker jenes verrätheriſchen Grafen, deſſen Tücke mit Feuer und Schwert zu vergelten mir Gott noch ferneres Leben gewähren möge — auch dort bereute ich nicht, daß ich ſelbſt hieher kam, um meinen Verwandten zurückzufordern. Ich komme im Namen Englands, das ſtark in ſeiner Macht und in ſeiner Majeſtät geheiligt daſteht.“ Die Thüre öffnete ſich, noch ehe Haco ein Wort erwiedern konnte; Raoul de Tancarville, der Oberſtkämmerer, erſchien mit Harolds ſäch⸗ ſiſchem Gefolge und einer guten Zahl normänniſcher Beamten und Diener, welche reiche Gewänder vor ſich her trugen. Der Edelmann verbeugte ſich vor dem Earl mit der feinen Höflichkeit ſeines Landes, und erbat ſich die Erlaubniß, ihn in's Bad zu führen, während ſeine eigenen Squires ſeinen Anzug für das ihm zu Ehren veranſtaltete Bankett zurecht richteten. Hiemit war die fernere Untenreung mit ſeinen jungen Verwandten abgeſchnitten. Der Herzog, der ſeine Hofhaltung jener des Königs von Frank⸗ reich gleichſtellte, duldete außer ſeinen Gäſten und ſeiner Familie Nie⸗ mand an ſeiner eigenen Tafel. Seine Großwürdenträger(dieſe ge⸗ bieteriſchen Lords) ſtanden hinter ſeinem Stuhle und William Fitzos⸗ born, der„ſtolze Geiſt“, ſtellte die zierlichen Gerüchte, wofür die nor⸗ männiſchen Köche berühmt waren, mit eigener Hand auf den Tiſch. Dieſe normänniſchen Köche waren große Männer, und es geſchah nicht ſelten, daß ihnen für einen ungewöhnlich wohlſchmeckenden Leckerbiſſen gold Es ſeyn er v Gel Die dure aus tun muf 387 gan⸗ goldene Ketten, Edelſteine und ſogar un bel maneir als Lohn zuſielen. ge⸗ Es war in der That der Mühe werth, in damaliger Zeit ein Koch zu en.“ ſeyn! und 5 Bei guter Laune war William der hinreißendſte der Männer, und und er verſchwendete diesmal an ſeinem Gaſte all den Zauber, der ihm zu ahre Gebot ſtand. Mathilde, die Herzogin, war wo möglich noch gnädiger. iſtig Dieſe Frau, durch geiſtige Bildung, durch perſönliche Schönheit wie durch einen Geiſt und Ehrgeiz, nicht geringer als der ihres Gemahls, rich⸗ ausgezeichnet, verſtand es ſehr gut, ſolche Gegenſtände der Unterhal⸗ dem tung zu wählen, wie ſie einem engliſchen Ohr am meiſten ſchmeicheln und mußten. Ihre Verwandtſchaft mit Harold durch die Heirath ihrer nöge Schweſter mit Toſtig erlaubte ihr gegen den anmuthigen Earl eine einen faſt liebkoſende Vertraulichkeit anzunehmen, und mit gewinnendem das Lächeln beſtand ſie darauf, daß er alle Stunden, die ihm der Herzog zur Verfügung übrig ließe, bei ihr zubringen müſſe. inte; Das Bankett wurde durch den Geſang des großen Taillefer ſelber ſäch⸗ belebt und dieſer wählte ein Thema, welches den Normannen wie den und Sachſen gleichermaßen ſchmeichelte, nämlich die Hülfe, welche Athelſtan nann von Rolf erhielt und das Bündniß zwiſchen dem engliſchen König und ndes, dem Gründer der normänniſchen Herrſchaft. Er wußte das Lob der ſeine Engländer und den Werth ihrer Freundſchaft geſchickt in den Geſang altete zu verflechten und die Gräſin applaudirte bei jedem feinen Komplimente mit auf das Land des berühmten Gaſtes. War Harold ſchon durch ſo poetiſche Höflichkeiten erfreut, ſo war rank⸗ er noch mehr überraſcht durch die hohe Ehre, welche Herzog, Baron Nie⸗ und Prälat offenbar dem Poeten erwieſen, denn es gehörte zu den ge⸗ ſchlimmſten Zeichen jenes ſchmutzigen nur das Geld ſchätzenden Geiſtes, itzos⸗ der den urſprünglichen Charakter der Angelſachſen überwuchert hatte, nor⸗ daß Barden und Wahrſager bei ihnen in große Mißachtung geſunken Tiſch. icht* Eine ſolche Herrſchaft(aber leider nicht in der Normandie) erhielt einer ni dieſer Köche, weil er William mit einer ausgeſuchten Schüſſel Fiſche erfreute. biſſen 25* E—* 388 waren, ſo daß für Geiſtliche ſogar das Verbot beſtand,“ ſolche heimath⸗ loſe Landſtreicher in ihre Geſellſchaft zuzulaſſen. In der That gab es Vieles an dem normänniſchen Hofe, was Harold gleich am erſten Tage mit Bewunderung erfüllte— dieſe edle Mäßigkeit, die den engliſchen Ausſchweifungen ſo fremd war, welche jedoch die Normänner nach ihrer Ueberſiedelung auf fremden Boden nicht lange bewahrten— der wohlbemeſſene Aufwand und die edle Tracht, welche das Feudalſyſtem, wodurch der Fürſt mit dem Pair und dieſer mit dem Ritter ſo harmoniſch verbunden wurde, charakteriſirte— die leichte Grazie, der feine Witz der Höflinge, die Weisheit Lanfranc's und der höheren Geiſtlichen, die ihre weltlichen Kenntniſſe mit gezie⸗ mender dabei aber nicht pedantiſcher Berückſichtigung ihres heiligen Berufes verknüpften— die erleuchtete Vorliebe für Muſik, Wiſſen⸗ ſchaften, Geſang und Kunſt, welche dem Geſpräche des herzoglichen Paares und der jüngeren Höflinge, die ein hohes Beiſpiel im Guten wie im Schlimmen nur gar zu gerne nachahmen, eine eigenthümliche Färbung verlieh— dies Alles machte auf Harold einen Eindruck von Civiliſation und ächter Königswürde, der ſein ſinnendes Gemüth mit Trauer und Begeiſterung zugleich erfüllte— mit Trauer, wenn er bedachte, wie weit England neben dieſem vergleichungsweiſe winzigen Fürſtenthume in ſo Vielem zurück war— mit Begeiſterung, wenn er erwog, wie viel ein einziger großer Regent für ſein Geburtsland zu thun vermag. Die ungünſtigen Eindrücke, welche Haco's Warnungen auf ihn gemacht hatten, mußten unter der verſchwenderiſchen Artigkeit, mit der man ihn überſchüttete, wohl bald verſchwinden, wie denn William ſelber ſich mit offener Freimüthigkeit und lachend darüber entſchuldigte, daß er die Geiſeln ſo lange zurückgehalten hatte. „Es geſchah blos, mein Gaſt, um Dich zum Abholen derſelben zu „ Das Concil von Cloveshoe verbot dem Klerus, Dichter, Harfner, Mu⸗ ſikanten und Poſſenreißer zu beherbergen. in nath⸗ was edle elche oden edle und te— anc's ezie⸗ ligen iſſen⸗ ichen zuten aliche k von hmit in er zigen nn er nd zu f ihn it der lliam digte, en zu Mu⸗ 389 veranlaſſen, und bei St. Valery! jetzt da Du hier biſt, ſollſt Du nicht eher abreiſen, als bis Du die Erinnerung an die niederträchtige Be⸗ handlung, die Dir von dieſem barbariſchen Grafen widerfahren, wenig⸗ ſtens unter freundlicherem Andenken verloren haſt. Nein, Harold, mein Freund, nicht auf die Lippen ſollſt Du beißen, ſondern Deine Rache an Guy mir allein überlaſſen: früher oder ſpäter wird gerade die Herrſchaft, die er mir abgepreßt, Veranlaſſung geben, um nach Schwert und Lanze zu greifen und dann, pardex! ſollſt Du kommen und in Deiner eigenen Sache mit ihm anbinden. Wie freue ich mich, daß ich dem Schwager meines theuren Vetters und Herrn all' die Ar⸗ tigkeiten, die der engliſche König und ſein Reich mir erwieſen, wenig⸗ ſtens theilweiſe erwiedern kann! Morgen wollen wir nach Rouen reiten; dort ſollen unſere ritterlichen Spiele Deine Ankunft feiern und bei St. Michael, dem ritterlichen Heiligen der Normannen! ich werde mich nicht eher zufrieden geben, als bis ich Deinen großen Namen auf der Liſte meiner erwählten Chevaliers leſe. Doch die Nacht verrinnt und Du wirſt gewiß des Schlafs bedürfen.“ Mit dieſen Worten ging der Herzog in eigener Perſon nach Ha⸗ rolds Zimmer voran, und ließ ſich nicht nehmen, ihm die ouche(den Ueberwurf) von ſeinem Staatsgewande abzuziehen. Indem er dies that, ſtreifte er mit der Hand anſcheinend ſorglos über den rechten Arm des Earls. „Ha!“ rief er plötzlich in ſeinem natürlichen kurzen und haſtigen Tone,„dieſe Muskeln wiſſen von Uebung zu erzählen! Meinſt Du wohl, Du könneſt meinen Bogen ſpannen 2“ „Wer vermöchte den des Ulyſſes zu ſpannen?“ erwiederte der Carl, ſein tiefes blaues Auge auf das des Normanns heftend. William wechſelte unwillkürlich die Farbe, denn er fühlte, daß er in jenem Augenblicke mehr Ulyſſes als Achilles geweſen war. 1 Achtundvierzigſtes Kapitel. Seit an Seite betraten William und Harold die ſchöne Stadt Rouen und dort folgte eine Reihe glänzender Aufzüge und ritterlicher Unterhaltungen(in den Chroniken die ſſeltenen Thaten der Ehre' ge⸗ nannt und im folgenden Zeitalter in die noch pompöſeren Turniere und Ringelrennen übergehend)— Alles dazu beſtimmt, die Augen des Earls zu verblenden und ſeine Phantaſie gefangen zu nehmen. Allein obwohl Harold ſogar nach dem Geſtändniſſe der den Normannen gün⸗ ſtigſten Chroniſten ſich goldene Meinungen an ihrem Hofe erwarb, der ſonſt weit eher bereit war, die Sachſen zu verſpotten, als zu bewun⸗ dern— obwohl nicht allein ſeine Körperſtärke und die Kühnheit ſeines Geiſtes(dargelegt in Waffenthaten, wie ſie ſächſiſchen Kriegern ſonſt ungewohnt waren), ſondern auch ſeine Manieren, ſeine Bered⸗ ſamkeit, Einſicht und ſonſtige gute Eigenſchaften“* unter dieſen ritter⸗ lichen Höflingen hell hervorleuchteten, ſo erhielt ihn doch der edlere Theil ſeines Charakters, der ſich auf ſeine einfache Männlichkeit, auf ſeine ächte Nationalität gründete, rein und unberührt von all den Intriguen, wodurch man ihn in jenen Zauber, wie er faſt Alle, die der normän⸗ niſchen Anziehungskraft nahe kamen, normanniſirte, hineinzuziehen ſuchte. Dieſe Feſtlichkeiten wechſelten mit pomphaften Ausflügen und Umzügen von Stadt zu Stadt, von Schloß zu Schloß, durch das ganze Herzogthum, ja ſogar(wie einige Chroniſten behaupten) nach Com⸗ piegne, zum Beſuche bei König Philipp von Frankreich. Nach Rouen zurückgekehrt, wurde Harold mit den ſechs Thanen ſeines Gefolges feierlich in jenen eigenthümlichen von William geſtifteten kriegeriſchen Bruderorden aufgenommen, dem wir den Schriftſtellern des ſpäteren Jahrhunderts zufolge den Namen von Rittern gegeben haben. Das ſilberne Wehrgehäng wurde ihnen umgegürtet, die Lanze mit dem zu⸗ * Qrd. Vital. — d8 g adt her ge⸗ ind des eein ün⸗ der un⸗ heit gern red⸗ ter⸗ lere eine nen, än⸗ hen und anze om⸗ zuen lges chen eren Das zu⸗ 391 geſpitzten Fähnlein in die Hand gegeben, und die ſieben ſächſiſchen Lords wurden ſolchekgeſtalt zu normänniſchen Rittern. Am Abend nach dieſer Ceremonie war Harold bei der Herzogin und ihren ſchönen Toͤchtern— noch lauter Kindern. Die Schönheit des einen der Mädchen entlockte ihm eines jener Komplimente, wie ſie dem mütterlichen Ohre ſo ſüß klingen. Mathilde ſchaute von ihrer Stickerei empor und winkte das alſo geprieſene Kind zu ſich her. „Adeliza,“ ſprach ſie, ihre Hand dem Mädchen auf die ſchwarzen Locken legend,„wir möchten zwar nicht, daß Du zu frühe lernteſt, wie dieſe Männerzungen ſchön zu thun und zu ſchmeicheln verſtehen; allein dieſer edle Gaſt genießt eines ſo hohen Rufes wegen ſeiner Wahrhaf⸗ tigkeit, daß Du ihn wenigſtens für aufrichtig halten darfſt, wenn er Dein Antlitz ſchön nennt. Mit Stolz magſt Du daran denken, mein Kind; möge es Dich in der Jugend gegen die Huldigung geringerer Männer feſtigen: vielleicht will es Dein gutes Glück, daß St. Mi⸗ chael und St. Valery Dir einen eben ſo tapferen und ſtattlichen Mann wie dieſer edle Lord zum Lebensgefährten beſcheeren.“ Das Kind erröthete bis über die Schläfe, antwortete aber mit der Behendigkeit eines verzogenen Lieblings— wenn ſie nicht etwa zu ſolcher Antwort vorbereitet war. „Ich will keinen Mann und keinen Lord als Harold ſelber haben, ſüße Mutter; und wenn er Adeliza nicht zum Weibe nehmen will, ſo werde ich als Nonne ſterben.“ „Vorwitziges Kind, nicht an Dir iſt es, zu werben!“ bemerkte Mathilde lächelnd.„Du haſt ſie gehört, edler Harold— wie lautet Deine Antwort?“ „O, ſie wird ſchon kluger werden,“ meinte der Earl lachend, während er das Kind auf die Stirne küßte.„Noch ehe Du zum Altare reif biſt, ſchönes Dämchen, wird die Zeit graue Haare in dieſe Locken ſtreuen und Du würdeſt in der That verächtlich lächeln, wenn Harold Dich dann zum Weibe verlangte.“ „Nicht ſo,“ erwiederte Mathilde ernſthaft;„hochgeborene Jung⸗ frauen ſuchen die Jugend nicht in Jahren, ſondern im Ruhme, denn er bleibt ewig jung!“ Betroffen von dem Ernſte, mit welchem Mathilde ſprach, als ob ſie dem, was früher ein Scherz geſchienen, Gewicht beilegen wollte, fühlte der Earl bei ſeiner Erfahrung im Hofleben, daß ihm eine Schlinge gelegt war, und erwiederte darum in halb ernſtem halb ſcher⸗ zendem Tone: „Ich bin froh, in meinem Herzen einen Zauber zu tragen, der mich vor aller Schönheit ſogar dieſes Hofes beſchützt.“ Mathildens Antlitz verfinſterte ſich; William trat zur ſelben Zeit und plötzlich wie gewöhnlich ein, wobei die beiden Gatten Blicke mit einander wechſelten, welche von Harold nicht unbemerkt blieben. „Wir Normänner ſind von Natur nicht eiferſüchtig,“ begann der Herzog in munterem Tone, den Sachſen bei Seite ziehend;„aber wir haben auch bis jetzt noch keine ſächſiſchen Gallane bei unſern Weibern eingeſchloſſen gefunden. Harold,“ fuhr er ernſthafter fort,„ich habe eine Gunſt von Dir zu erbitten— komm mit mir.“ Der Earl folgte dem Herzog in ſein Zimmer, worin er viele Häuptlinge in lautem Geſpräche antraf. William beeilte ſich jetzt, ihn zu benachrichtigen, daß er im Begriffe ſtehe, einen Feldzug gegen die Bretonen zu eröffnen und da er wiſſe, daß Harold mit der Krieg⸗ führung wie mit der Sprache und den Sitten der mit ihnen verwand⸗ ten Wäliſchen genau bekannt ſey, ſo erſuche er ihn um ſeinen Beiſtand bei einem Ausfluge, der, wie er ihm verſprach, nur kurz ſeyn ſollte. Der Earl war in ſeinem Innern vielleicht gar nicht abgeneigt, William's Machtentfaltung durch irgend eine Probe ſeiner eigenen kriegeriſchen Befähigung und der Tapferkeit der ſächſiſchen Thane in ſeinem Gefolge zu erwiedern. Eine ſolche Probe mochte ſchon von der Klugheit geboten erſcheinen, und auf alle Fälle konnte er den Vor⸗ ſchlag nicht mit guter Manier ablehnen: ſo erfreute er denn William durch ſeine einfache Beiſtimmung, und der Reſt des Abends wurde bis tief in die Nacht damit zugebracht, daß man die Plane der Veſte und 398 des Landes, welche man anzugreifen beabſichtigte, auf's Genaueſte prüfte. 5 Das muthvolle Benehmen Harolds und ſeiner Sachſen in dieſem Feldzuge wird von den normänniſchen Chroniſten rühmend angeführt. Bei dem Engpaſſe von Coésnon rettete der Earl durch ſeine perſön⸗ liche Anſtrengung eine Abtheilung von Kriegern, welche ſonſt im Treib⸗ ſande umgekommen wäre, und die kriegeriſche Geſchicklichkeit des ſäch⸗ ſiſchen Häuptlings kam in dieſem kurzen und glänzenden Feldzuge der des Herzogs, wenn auch nicht zuvor, doch jedenfalls vollkommen gleich. So lange die Erpedition dauerte, theilte William Tiſch und Zelt mit ſeinem Gaſte. Dem äußeren Anſcheine nach herrſchte brüderliche Vertraulichkeit zwiſchen ihnen; in Wirklichkeit jedoch empfanden Beide— der eine ſo tief in ſeiner Argliſt, der andere ſo weiſe in ſeiner ruhigen Vorſicht— daß unter dem Deckmantel liebevollen Friedens ein geheimer Krieg um die Meiſterſchaft zwiſchen ihnen obwalte. Harold merkte bereits, daß er mit den politiſchen Beweggründen ſeiner Sendung geſcheitert war, denn er empfand ſchon jetzt— er wußte kaum warum— daß William der Normanne der Aller⸗ letzte war, dem er ſeinen Ehrgeiz anvertrauen oder von dem er Hülfe erwarten durfte. 4 Eines Tags, als ſich die Normannen während eines kurzen Waf⸗ fenſtillſtandes, der die Belagerung des Platzes unterbrach, mit kriege⸗ riſchen Spielen ergötzten, worin Taillefer ſich beſonders hervorthat, wobei Harold und William außerhalb des Zeltes der belebten Scene zuſahen, rief der Herzog plötzlich, an Mallet de Grapille ſich wendend: „Bring meinen Bogen.— Nun, Harold, laß einmal ſehen, ob Du ihn zu ſpannen vermagſt.“ Der Bogen wurde gebracht, und Sachſen wie Normannen ver⸗ ſammelten ſich um die Beiden. „Hefte Deinen Handſchuh an jenen Baum, Mallet,“ rief der Herzog, den mächtigen Bogen zur Hand nehmend und die Sehne ſorg⸗ fältig befühlend. Dann zog er den Bogen an's Ohr und der Baum ſelber ſchien vor dem Anpralle zu erzittern, als der Pfeil, den Hand⸗ ſchuh durchbohrend, halbwegs im Stamme ſtecken blieb. „Das ſind nicht unſere Waffen,“ meinte der Earl,„und es würde mir, dem Ungeübten, übel geziemen, wenn ich unſere engliſche Ehre ſo gefährdete, daß ich gegen den Arm, der dieſen Bogen ſpannte und jenen Pfeil beflügelte, anzukämpfen verſuchte. Um jedoch dieſen nor⸗ männiſchen Rittern zu zeigen, daß wir eine Waffe beſitzen, womit wir einen Wurf pariren und den Angreifer zu treffen vermögen, ſo bring' mir meinen Schild und meine däniſche Streitaxt, Godrith.“ Der Sachſe brachte Beides und Harold ſtellte ſich alsbald vor den Baum. „Nun, edler Herzog,“ ſagie er lächelnd,„waͤhle Deinen längſten Speer und laſſe zehn Deiner tüchtigſten Schützen ihre Bogen ergreifen; ich will mich um dieſen Baum bewegen und Ihr mögt Euch jeden Fleck meines unbepanzerten Körpers, den ich von meinem Schilde unbedeckt laſſe, zu Eurem Ziele wählen.“ „Nein,“ rief William haſtig;„das wäre reiner Mord.“ „Es iſt nichts weiter, als die gewöhnliche Gefahr des Kriegs,“ verſetzte Harold einfach und trat vor den Baum. William ſtieg das Blut in die Schläfe und der Blutdurſt des Löwen brannte in ſeiner Kehle.— „Wenn er's denn ſo haben will, ſo laßt. die Normandie keine Schande erleben,“ ſagte er, ſeinen Bogenſchützen winkend.„Habt wohl Acht, daß kein Geſchoß vergeblich leibe;. vermeidet nur Kopf und Herz: ſolch' hvoznüthige Prahlerei läßt ſich am Deſtan durch einen Aderlaß kuriren. Die Bogenſchützen nickten. uundnahmem. Feber. ſeinen beſonderen Poſten ein. Todtlich ſchien in der That die Gefahr, worin der Carl ſchwebte, denn wenn er auch während der Bewegung ſeinen Rücken durch den Baum deckte, ſo ließ der Schild doch einzelne Theile ſeiner Geſtalt unbeſchützt, und bei ſeinen ſchnell wechſelnden Wendungen waͤre es den Bogenſchützen unmöglich geweſen, ſo nach ihm zu zielen, daß e ſchier weich einen nung ſchüt 395 daß er blos verwundet, ſein Leben aber geſchont wurde. Gleichwohl ſchien der Carl nicht ſonderlich darauf bedacht, der Gefahr auszu⸗ weichen, denn er hob das bloße Haupt furchtlos über den Schild, mit einem Blicke ſeines ſtandhaften Auges, das ſogar in dieſer Entfer⸗ nung in ruhigem Glanze leuchtete, ſämmtliche Bolzen der Bogen⸗ ſchützen überwachend. Fünf von den Pfeilen ziſchten mit einem Male durch die Luft, und mit ſo wunderbarer Behendigkeit drehte ſich der Schild gegen jeden derſelben, daß ihrer drei abgeſtumpft zu Boden fielen, während die anderen zwei an deſſen Oberfläche zerbrachen. William hatte blos die erſte Salve abgewartet„ und da er nun⸗ mehr Harolds Bruſt durch die Wendung des Schildes entblößt ſah, ſchleuderte er ſeinen furchtbaren Speer auf den Gegner.„Aufge⸗ ſchaut, Sachſe!“ rief der edle Taillefer mit dem ächten Mitgefühle eines Dichters; aber der wachſame Harold bedurfte nicht dieſer War⸗ nung. Als ob er den Speer verachte, parirte ihn Harold nicht mit dem Schilde, ſondern trat einen Schritt vor, die mächtige Streitart hoch in den Lüften ſchwingend,(wozu die Meiſten beider Arme be⸗ durften) und ſpaltete das tönende Geſchoß entzwei. Noch ehe William einen lauten Fluch des Zorns und der Ueber⸗ raſchung ausgeſtoßen hatte, ſah man die fünf übrigen Pfeile ebenſo harmlos wie ihre Vorgänger an dem flinken Schild des Sachſen abprallen. „Das iſt bloße Vertheidigung, edler Herzog⸗“ ſagte Harold un⸗ befangen, dem Gegner ſich nahend⸗„und wenig taugte die Streitart, wenn ſie nicht ebenſo gut treffen als pariren könnte. Drum bitte ich Euch, laßt auf jenen zerbrochenen Steinpfeiler, der mir ein Ueber⸗ bleibſel aus der druidiſchen Heidenzeit zu ſeyn ſcheint, den ſtärkſten Helm, das feſteſte Panzerhemd legen und Ihr ſollt ſelbſt beurtheilen, ob unſere engliſche Streitart mein engliſches Vaterland zu ſchützen im Stande iſt.“ „Wenn Deine Art den Helm ſpaltet, den ich zu Bavent trug, als die Franken mitſammt ihrem Könige vor mir flohen, ſo muß ich es Cäſarn noch in jetziger Stunde verdenken, daß er keine ſo furcht⸗ nich . bare Waffe erfunden hat.“ lich Mit dieſen verdrießlichen Worten verfügte ſich William in ſein Zelt, indem er bald darauf Helm und Ringpanzer zum Vorſchein dief brachte. Beide wurden von den Normannen, welche gewöhnlich zu rüͤh Pferde fochten, weit ſtärker und ſchwerer, als bei den Dänen und Sachſen gebraucht, welche meiſt zu Fuße kämpfend eine ſo läſtige ner Bürde nicht hätten tragen können; war aber dieſe Rüſtung bei den wa Normannen überhaupt ſtark und gewichtig, ſo denke man ſich erſt, gu welche Laſt der gewaltige Herzog zu tragen vermochte! William legte mit eigener Hand den Ringpanzer und über ihn den Helm auf den der zertrümmerten Druidenſtein. 4 ſta Harold prüfte lange und ernſt die Schneide der Streitart. Sie bo⸗ 4 war ſo reich vergoldet und damascirt, daß man unter ihrem Feier⸗ Kü tagsflitter nicht leicht ſolche Schärfe vermuthet hätte; allein er hatte ſie von Canut dem Großen geerbt, welcher(unähnlich den Dänen) bei ſeiner kleinen ſchmächtigen Geſtalt den Mangel an Muskelkraft durch höchſte Behendigkeit und die vollkommenſten Waffen erſetzt hatte. Die Art war in Canuts zarter Hand berühmt geworden— wie furchtbar mußte ſie ſich alſo in Harolds gewaltiger Fauſt bewähren! Der Earl ſchwenkte die Waffe mit beiden Händen, daß ſie mit blitzähnlicher Schnelligkeit um ſeinen Kopf ſauste, und ließ den krachen⸗ den Schlag mit unbegreiflichem Schwunge niederfallen; der erſte Streich ſpaltete den Helm in der Mitte; der zweite durchſchnitt den Ringpanzer, deſſen Maſchen gleich der feinſten Filigranarbeit des Goldſchmieds dicht in einander verwoben waren, ſo daß noch ein großes Stück Stein auf den Raſen polterte. Starr vor Erſtaunen betrachteten ihn die Normänner, und Williams Geſicht war ſo farblos wie der zertrümmerte Stein. Der große Her⸗ zog fühlte, daß hier ſogar ſeine unvergleichliche Verſtellungsgabe zu Ende ging, und ungeübt in der ſchwierigen Handhabung der Streit⸗ axt hätte er es trotz ſeiner Korperſtärke, worin er Harold überlegen war, Sie ier⸗ htte en) aft tte. wie 4! mit en⸗ rſte den des ßes ms ver⸗ zu eit⸗ ar, 397 nicht einmal wagen dürfen, gegen Streiche, die ihm mehr als menſch⸗ lich erſchienen, in die Schranken zu treten. „Lebt noch ein anderer Mann in der weiten Welt, deſſen Arm dieſe That hätte verrichten können?“ rief Bruce, der Ahnherr des be⸗ rühmten Schotten. „Ho! wenigſtens dreißigtauſend ſolcher Männer habe ich in mei⸗ ner Heimath zurückgelaſſen,“ lautete Harolds einfache Antwort.„Das war blos ein Streich müßiger Eitelkeit, während die Stärke in einer guten Sache ſich verzehnfacht.“ Dies hörte der Herzog, und um nicht merken zu laſſen, daß er den geheimen Sinn in den Worten ſeines Gaſtes wohl heraus fühle, ſtammelte er haſtig ſeinen widerſtrebenden Beifall, während Fitzos⸗ borne, de Bohun und andere ritterliche Häuptlinge von ächterem Korn ihrer rückhaltloſen Bewunderung freien Lauf ließen. Der Herzog winkte de Graville zum Nachfolgen und eilte nach dem Zelte ſeines Bruders von Bayeur, der zwar blos bei außerordentlichen Gelegenheiten am wirklichen Kampfe Antheil nahm, aber den Herzog gleichwohl auf ſeinen militäriſchen Ausflügen gewöhnlich begleitete, um das Heer zu ſegnen und im Kriegsrathe ſeine Stimme abzugeben, welche wegen ſeiner kriegeriſchen Kenntniſſe nicht ohne Gewicht war. Der Biſchof, welcher trotz der Scheinheiligkeit des Hofes und ſeiner eigenen finſteren Natur insgeheim und mit Wahrung des äußeren Scheines auf anderen Feldern als denen des Mars“ als glücklichen Kämpfer ſich bewährte, war allein in ſeinem Zelte mit Abfaſſung eines Briefes an eine gewiſſe ſchöne Dame in Rouen beſchäftigt, die er höchſt ungerne verlaſſen hatte, um ſeinem Bruder zu folgen. Beim Eintritte Williams, deſſen Anſichten in ſolchen Dingen rein und ſtreng * Odo's Sittenloſigkeit bildete ſpäter einen der angeführten Beweggründe ſeines Falles, oder vielmehr ſeiner Feſthaltung in dem ihm angewieſenen Ge⸗ fängniß. Er hatte einen Sohn Namens Johann, der ſich unter Heinrich I. auszeichnete.— Ord. Vital. IV. B. 398 waren, ſchob er den Brief in ein Reliquienkäſtchen, das ihn immer Stärke begleitete, und erhob ſich mit den gleichgültigen Worten: Schild „Eine Abhandlung über die Aechtheit von St. Thomas' kleinem ſage D Finger!— Aber was fehlt Dir! Du biſt ja ganz verſtört!“ Schwe „Odo, Odo, dieſer Mann narrt mich— er verhöhnt mich förm⸗ er mag lich; ich weiß keinen Boden bei ihm zu gewinnen. Verſchwendet habe 8 ich— Gott weiß, was ich in Banketten, in Feſtlichkeiten und Auf⸗ de Gra zügen verſchwendet habe, auch wenn ich der ſchönen Herrſchaft von 3 Yonne und jener Summe, die der habgierige Panther meiner 4 Schatzkammer erpreßte, nicht gedenken will. Alles fort,“ ſeufzte der Löwen Herzog mit reumüthiger Sparſamkeit—„Alles vergeudet und wie man i Schnee dahin geſchmolzen! Der Sachſe bleibt Sachſe, wie wenn er im Ne. niemals normänniſchen Glanz geſehen, wie wenn ihn niemals der rold d normänniſche Schatz von der Gefahr erlöst hätte. Aber beim Glanze des Himmels! ich wäre ein Narr, wenn ich ihn heimkehren ließe. Ich verſich wollte, Du hätteſt geſehen, wie der Herenmeiſter ſo eben meinen Helm V und Panzer mit einer Leichtigkeit ſpaltete, als ob es bloß Weiden⸗ dies zweige geweſen wären. Ach Odo, Odo, meine Seele iſt verwirrt nicht und St. Michael verläßt mich!“ Während William alſo voller Verzweiflung herauspolterte, rich⸗ Herz tete der Prälat ſeine forſchenden Blicke auf de Graville, der mittler⸗ 8 V iſt, weile in's Zelt getreten war, und die eben erlebte Probe von Körper⸗ mein ſtärke in Kürze zu berichten begann. „Daran ſehe ich nichts, was Dich verdrießen könnte,“ bemerkte nicht Odo;„je ſtärker der Vaſall, deſto mächtiger der Herr, wenn er ein⸗ lung mal Dein iſt.“ kühr „Aber er iſt nicht mein; ich habe ihn ſondirt, ſo weit ich es Unt wagen konnte. Mathilde hat ihr faſt mit dürren Worten mein ſchönſtes Da Kind zum Weibe angeboten— nichts verwirrt, nichts erſchüttert ihn. De Glaubſt Du, ich kümmere mich um ſe einen ſtarken Arm? O nein; das bra ſtolze Herz, das dieſen Arm in Bewegung ſetzt, der ſtolze Sinn ſeiner ſon verkleideten Worte— ſie ſind's, die mich ärgern.„So wird engliſche Ick N 399 Stärke das engliſche Land vor dem Normannen bewahren— ſo wird Schild und Streitart Euren Panzern und Speeren Trotz bieten.“ Ich ſage Dir, Mann, die ganze Beredſamkeit eines Cicero lag in der Schwenkung jenes Schildes, in dem Streiche jener Streitart. Aber er mag ſich vorſehen!“ grollte der Herzog wild,„ſonſt—“ „Darf ich es wagen, einen Rath zu äußern?“ unterbrach ihn de Graville. „Sprich Dich aus, in Gottes Namen!“ rief der Herzog. „Dann würde ich mit aller Ergebenheit bemerken, daß man einen Löwen nicht dadurch zähmt, daß man ihn vollpfropft, ſondern indem man ihn einſchüchtert. Kühn iſt der Löwe gegen offene Feinde, aber im Netze verliert er ſeine Natur. Mein Gebieter ſagte ſo eben, Ha⸗ rold dürfe nicht in ſein Geburtsland zurückkehren—“ „Das ſoll er auch nicht, oder nur als mein geſchworener Mann!“ verſicherte der Herzog. „Wenn Ihr ihm nun dieſe Wahl frei laßt— glaubt Ihr wohl, dies werde Eure Abſichten begünſtigen? Wird er Eure Anerbieten nicht mit glühender Verachtung verwerfen?“ „Verachtung! dieſes Wort wagſt Du gegen mich?“ donnerte der Herzog.„Verachtung! Habe ich keinen Henker, deſſen Art ſo ſcharf iſt, wie die Harolds? und der Nacken eines Gefangenen iſt nicht in meinen normänniſchen Panzer gehüllt.“ „Verzeihung, Verzeihung, mein Lehnsherr,“ erwiederte Mallet nicht ohne Erbitterung;„nur um meinen Gebieter vor einer Ueberei⸗ lung zu bewahren, die ihm lange Reue eintragen könnte, habe ich ſo kühn geſprochen. Laß den Earl wenigſtens warnen: Gefängniß oder Unterwerfung gegen Dich, das iſt die Wahl, die ihm offen bleibt!— Das moge er wiſſen; laß ihn ſehen, daß Deine Kerker finſter und Deine Mauern unüberſteiglich ſind. Bedrohe nicht ſein Leben— ein braver Mann kümmert ſich nicht darum!— bedrohe ihn nicht ſelbſt, ſondern laß Andere die Beſorgniß für ſeine Freiheit ihm vorhalten. Ich kenne dieſe Sachſen, ich kenne Harold; Freiheit iſt ihre Leiden⸗ —-—— 400 ſchaft, und ſie werden Feiglinge, wenn ſie mit der Einkerkerung zwiſchen vier Mauern bedroht werden. 5 „Ich begreife Dich, kluger Sohn,“ rief Odo. „Ha!“ meinte der Herzog bedächtig;„und gerade, um ſolchem Verdachte zuvorzukommen, ließ ich nach der erſten Begegnung Sorge tragen, daß Haco und Wolnoth von ihm getrennt würden, denn ſie müſſen im Geplauder mit den Normannen gar Manches gelernt haben, was ſich nicht gut vor einem Sachſen wiederholen läßt.“ „Wolnoth iſt faſt ganz Normanne,“ äußerte der Biſchof lächelnd; „er iſt par amours an eine gewiſſe normänniſche Schöne gefeſſelt, und wird ihre Reize hier ganz gewiß dem Gedanken an die Rückkehr vorziehen. Haco dagegen iſt, wie Du weißt, mürriſch und wachſam.“ „Um ſo beſſer taugt er jetzt zum Gefährten für Harold,“ meinte de Graville. „Ich bin zu ewigem Komplottiren und Intriguiren beſtimmt,“ ſtöhnte der Herzog, als wäre er der aufrichtigſte der Menſchen ge⸗ weſen;„nichtsdeſtoweniger liebe ich den ſtattlichen Earl, und will nur ſein Beſtes, ſo weit es ſich nämlich mit meinen Rechten und Anſprüchen auf die Erbſchaft meines Vetters Edward verträgt.“ „Natürlich,“ ſchloß der Biſchof. 2 . Neunundvierzigſtes Kapitel. Die Schlingen, welche dem Earl von jetzt an gelegt wurden, ſtan⸗ den ganz in Uebereinſtimmung mit dieſer Politik. Das Lager brach bald hernach auf und die Truppen nahmen ihren Weg nach Bayeur. Ohne ſein Benehmen gegen den Earl weſentlich zu ändern, wich Wil⸗ liam Harolds offenen Erklärungen, daß ſeine Gegenwart in England „* Wilhelm von Poitiers, der gleichzeitige normänniſche Chroniſt, ſagt von Harold, er ſey ein Mann geweſen, welchem Einkerkerung gehäſſiger als Schiff⸗ bruch geklungen habe. ng an⸗ ach ux. il⸗ und von fff 401 nöthig ſey und er ſeine Abreiſe nicht länger verſchieben könne, in auf⸗ fallender Weiſe aus, oder— was nicht weniger befremdend war— er ließ ſie ohne Erwiederung, während er unter dem Vorwande vieler Geſchäfte des Earls Geſellſchaft oder das Alleinſeyn mit ihm häufig vermied, und dafür Mallet de Graville oder den Biſchof Odo ſeine Stelle bei Harold einnehmen ließ. Des Earls Verdacht war jetzt ganz rege und wurde durch die gutgemeinten Winke de Graville's und die noch weniger zurückhaltenden Worte des Prälaten gleichermaßen genährt: während Mallet, um Williams trotziges rachſüchtiges Weſen durch Beiſpiele zu erläutern, ihm viele Anekdoten ſeiner Grauſamkeit erzählte, wodurch wirklich der Charakter des Normannen befleckt wurde, rückte Odo noch barſcher heraus mit der Sprache und ſchien als gewiß anzunehmen, daß Harolds Aufenthalt im Lande lange dauern würde. „Ihr werdet hoffentlich Zeit haben,“ſagte er eines Tags, als ſie neben einander ritten,„mir bei Erlernung der Sprache unſerer Vorväter be⸗ hülflich zu ſeyn. Dieſes Bayeux' iſt der einzige Ort in Neuſtrien, wo die alten Sprachen und Sitten noch immer fortleben; das Däniſche wird dort noch häufig geſprochen, und es würde mir in meinem geiſt⸗ lichen Amte förderlich ſeyn, wenn Ihr mir Unterricht ertheilen wolltet; in einem Jahre oder ſo dürfte ich hoffen, ſo viel davon zu profitiren, daß ich mich dem nichtfränkiſchen Theile meiner Heerde ungehindert verſtändlich machen könnte.“ „Ihr ſcherzet ohne Zweifel, Lord Biſchof,“ ſprach Harold ernſt⸗ haft;„Ihr wißt wohl, daß ich ſpäteſtens in einer Woche mit meinen jungen Verwandten nach England zurückſegeln muß.“ „Ich rathe Euch, theurer Graf und Sohn,“ lachte der Prälat, * In der Umgegend von Bayeur ſind vielleicht noch jetzt, abgeſondert vom Landadel, die letzten Reſte der ſkandinaviſchen Normannen anzutreffen. Jahr⸗ hunderte lang bildeten die Einwohner von Bayeux und deſſen Umgebung eine von den Franko⸗Normannen oder dem Reſte von Neuſtrien ſtreng geſchiedene Klaſſe, die ſich nur mit großem Widerſtreben der herzoglichen Autorität unter⸗ warf und ihren alten heidniſchen Kriegsruf„Hilf Thor“ ſtatt„Hilf Gott“ gar lange beibehielt. Bulwer, Harold. 26 40² „Euch wohl zu hüten, daß Ihr Euch nicht ſo offen gegen William aus⸗ ſprecht. Ich ſehe, daß Ihr ihn bereits durch ſolche unvorſichtige Aeußerungen in üble Laune verſetzt habt, und Ihr müßt doch vom Herzog ſchon ſo viel geſehen haben, um zu wiſſen, daß, wenn ſein Zorn erwacht iſt, ſeine Antworten kurz, ſeine Arme aber lang ſind.“ „Ihr thut Herzog William im höchſten Grade Unrecht,“ rief Harold unwillig,„wenn Ihr auch nur in dieſer ſcherzenden Weiſe, wo⸗ für Ihr Normannen berühmt ſeyd, als möglich annehmt, daß er einem vertrauenden Gaſte Gewalt anthun könnte.“ „Nein, nicht einem vertrauenden Gaſte, wohl aber einem losge⸗ kauften Gefangenen, denn mein Bruder wird ſicherlich annehmen, daß er dem Grafen Guy deſſen Rechte über ſeinen erlauchten Gefangenen abgekauft hat. Doch Muth! Der normänniſche Hof iſt kein Ponthe⸗ vin'ſcher Kerker und Eure Ketten beſtehen wenigſtens aus Roſen.“ Die zornige herausfordernde Erwiederung, welche Harold auf den Lippen ſchwebte, wurde durch ein Zeichen de Graville's unterbrochen, der mit einer Miene der Vorſicht und Beunruhigung ſeinen Finger auf die Lippen legte und einige Zeit ſpäter beim Tränken der Pferde her⸗ beikam, um ihm auf Sächſiſch zuzuflüſtern: „Nehmt Euch in Acht, daß Ihr mit Odo nicht ſo offen redet. Was Ihr ihm ſagt, iſt ſo gut, als ſagtet Ihr's William, und der Her⸗ zog läßt ſich zuweilen durch die Aufreizung des Augenblicks zu Hand⸗ lungen hinreißen— doch ich will ihm nicht Unrecht thun, noch Euch unnöthig beunruhigen.“ „Sire de Graville,“ erwiederte Harold,„das iſt nicht das Erſte⸗ mal, daß der Prälat von Bayeur auf Zwangsmaßregeln hindeutete, oder daß Ihr(ohne Zweifel in guter Abſicht) mich vor feindſeligen oder trügeriſchen Planen warntet. Als offener Mann frage ich Euch bei Eurer ritterlichen Ehre, ob Ihr irgend Etwas wiſſet, was Euch glau⸗ ben läßt, daß William der Herzog mich unter irgend einem Vorwande als Gefangenen hier zurückhalten will.“ Nun hatte ſich zwar Mallet de Graville zu einer unedlen In⸗ 403 trigue herbeigelaſſen; aber er rechtfertigte ſie durch einen beſſeren Grund, als die bloße Gefälligkeit gegen ſeinen Gebieter, denn weil er William und ſeinen Jähzorn, ſeinen unnachgiebigen Ehrgeiz genau kannte, war er um Harolds Sicherheit in der That ernſtlich beſorgt und hatte, wie der Leſer bemerkt haben wird, durch Anrathen dieſer Einſchüchterungspolitik die Abſicht verfolgt, dem Earl wenigſtens die Wohlthat der Warnung zukommen zu laſſen. So antwortete er denn nach ſolcher Aufforderung mit voller Offenheit: „Earl Harold, bei meiner Ehre als Euer Bruder in der Ritter⸗ ſchaft— ich will Eure offene Frage offen beantworten. Ich habe Urſache zu glauben und zu wiſſen, daß William Euch nicht ziehen laſſen wird, ohne über gewiſſe Punkte, die er Euch ohne Zweifel über kurz oder lang ſelbſt klar machen wird, vollkommen befriedigt zu ſeyn.“ „Und wenn ich auf meiner Abreiſe beſtehe, ohne ihn alſo zu be⸗ friedigen?“ „Jedes Schloß an unſerer Straße hat einen Kerker, ſo tief, wie der des Grafen Guy; wo aber fändet Ihr einen zweiten William, um Euch von William zu befreien?“ „Jenſeits dieſer See lebt ein mächtigerer Fürſt, als William, und nicht minder entſchloſſene Männer, als Eure Normannen.“ „Cher et puissant, Mylord Earl,“ gab de Graville zur Ant⸗ wort,„das ſind wohl tapfere Worte, die aber in dem Ohre eines ſo tiefen Politikers, wie der Herzog, kein Gewicht finden. Glaubt Ihr wirklich, daß König Edward— verzeiht meine Plumpheit— ſich aus ſeiner Apathie aufraffen und um Euretwillen mehr als Eurer Ver⸗ wandten halber unternehmen, daß er etwas anderes als predigen und remonſtriren würde?— Seyd Ihr gewiß, ob er auf die Vorſtellung eines Mannes, den er ſo wie einſt William geliebt hat, nicht froh ſeyn wird, daß ſein Thron eines ſo furchtbaren Unterthanen ledig wird? Ihr ſprecht vom engliſchen Volke, bei dem Ihr ohne Zweifel ſehr beliebt ſeyd; allein es liegt nicht in der Gewohnheit eines Volkes, am wenig⸗ ſten des Eurigen, ſich ohne Führer thätig und in Uebereinſtimmung zu 26* 40⁴ rühren. Der Herzog kennt die Faktionen in England ſo gut, wie Ihr. Erinnert Euch nur, wie nahe er mit Eurem ehrgeizigen Bruder Toſtig verwandt iſt. Fürchtet Ihr nicht, daß Toſtig ſelbſt als Earl der kriegeriſcheſten Bevölkerung des Königreichs nicht allein Alles thun wird, um Eure Popularität beim Volke zu beeinträchtigen, ſon⸗ dern daß er auch jede Intrigue aufbieten könnte, um Euch hier zurück⸗ zuhalten, damit er ſelbſt das Haupt des Adels im Lande bleibe? Unter den übrigen Führern außer Gurth, der blos Euer eigener Vice⸗Earl iſt— wo wäre Einer, der ſich nicht über Harolds Abweſenheit freute? Ihr habt Euch die einzige Familie, die der Macht Eurer eigenen nahe kommt— nämlich Algars und Leofries Erben— zu Feinden gemacht. — Wenn Eure ſtarke Hand die Zügel des Reichs nicht mehr führt, ſo werden über kurz oder lang Unruhen und Zwiſtigkeiten ausbrechen, welche die Gedanken der Menſchen von dem abweſenden Gefangenen abziehen und auf die Sicherheit ihres eigenen Heerdes oder auf die Förderung ihrer eigenen Intereſſen hinlenken werden. Ihr ſeht, daß ich den Zuſtand Eures Geburtslandes ſo ziemlich kenne; glaubt aber ja nicht, daß meine eigene Beobachtung, obwohl ſie nicht müßig blieb, hinreichte, um mir ſolche Kenntniß zu verſchaffen— ich ſammelte ſie mehr aus Williams Geſprächen; denn aus Flandern, aus Boulogne, aus England ſelber kommt dieſem durch tauſend Kanäle Alles zu Ohren, was zwiſchen den Klippen von Dover und den Marſchen von Schott⸗ land vorgeht.“ Harold ſchwieg lange, bis er ſeine Antwort gab, denn jetzt war ihm ſeine Gefahr vollkommen klar geworden, und während er die Weisheit und genaue Kenntniß der Sachlage, womit de Graville ſich äußerte, anerkannte, überlegte er raſch den beſten Weg, den er ſelbſt in ſolch äußerſtem Falle verfolgen könnte. „Eure Bemerkungen über Englands Zuſtand übergehe ich mit einer einzigen Berichtigung. Ihr unterſchätzt meinen Bruder Gurth, wenn Ihr blos als von Harolds Vice⸗Carl von ihm redet: Ihr unter⸗ ſchätzt einen Jüngling, der blos eines Zieles bedarf, um in Waffen wie R : 405 im Rathe ſogar meinen Vater Godwin zu übertreffen.— Dieſes Ziel würde ihm die Liebe für den Unrecht leidenden Bruder an die Hand geben und dreihundert Schiffe, bemannt mit Kriegern, nicht weniger kühn als die, welche einſt dem König Carl dieſes Neuſtrien entriſſen, würden die Seine heraufſegeln, um Euren Gefangenen zurückzufordern.“ „Zugegeben,“ erwiederte de Graville;„allein William, der ſeinen eigenen Unterthanen wegen eines eitlen Scherzes über ſeine Geburt Hände und Füße abhauen durfte, könnte eben ſo leicht einem gefange⸗ nen Feinde die Augen ausſtechen, und welchen Werth hat der fähigſte Kopf und der feſteſte Arm, wenn man ganz von der Sehkraft eines Anderen abhängt!“ Harold ſchauderte unwillkürlich, faßte ſich aber alsbald, und er⸗ wiederte lächelnd: „Du machſt den Herzog zu einem grauſameren Schlächter, als ſeinen Anherrn Rollo. Du ſagteſt jedoch, er brauche blos über ge⸗ wiſſe Punkte beruhigt zu werden— worin beſtehen dieſe?“ „Ja, das mußt Du errathen, oder er muß es Dir enthüllen. Doch ſieh', William ſelber iſt im Anzug.“ Hier kam der Herzog, der bis jetzt im Nachtrabe ſich aufgehalten, herbeigeſprengt und entſchuldigte ſich gegen Harold in den artigſten Worten wegen ſeiner langen Abweſenheit, indem er im Weiterreiten mit all' ſeiner früheren Offenheit und Heiterkeit zu plaudern fortfuhr. „Nebenbei bemerkt, theurer Waffenbruder,“ ſagte er,„ich habe Dir heute Abend eine Geſellſchaft zugedacht, die Dir, wie ich fürchte, mehr als ich ſelber willkommen ſeyn wird, nämlich Haco und Wolnoth. Dieſer Letztere iſt ein Jüngling, den ich zärtlich liebe: Erſterer iſt ſehr ungeſellig und würde, dünkt mich, beſſer zum Einſiedler als zum Soldaten taugen. Aber bei St. Valery! ich vergaß Dir zu ſagen, daß ein Bote aus Flandern mir heute unter anderen Nachrich⸗ ten verſchiedene Neuigkeiten gebracht hat, die Dich vielleicht inte⸗ reſſiren dürften. In Deines Bruders Toſtig Grafſchaft Northumbrien herrſcht große Aufregung und es geht das Gerücht, daß ſeine trotzigen Vaſallen ihn vertreiben und ſich einen anderen Lord wählen wollen: man ſprach von den Söhnen Algars— ſo nanntet Ihr glaub' ich den ſtolzen Earl, der kürzlich geſtorben. Das ſieht bedenklich aus, denn meines theuren Vetters Edward Geſundheit iſt in raſchem Abnehmen begriffen. Mögen die Heiligen ihn noch lange mit Ihrer Ruhe ver⸗ ſchonen!“— „Das ſind in der That ſchlimme Zeitungen,“ bemerkte der Carl; „und ſie werden ſicherlich zu meiner Entſchuldigung genügen, wenn ich auf meiner alsbaldigen Abreiſe beſtehe. Ich bin Dir dankbar für Deine höchſt gnädige Gaſtfreundſchaft, wie für Deine gerechte und großmüthige Vermittlung bei deinem Lehensmanne“(Harold ver⸗ weilte nachdrücklich auf letzterem Worte)„wegen meiner Erlöſung aus einer für die ganze Chriſtenheit ſchmachvollen Gefangenſchaft. Dir das ſo edelmüthig bezahlte Löſegeld zurückzugeben— damit will ich Dich nicht beleidigen, mein theurer Herr; doch wird Deine Gemahlin und Deine ſchönen Kinder vielleicht nicht verſchmähen, ſolche Gaben, wie ſie unſere Krämer als die ſeltenſten halten, von meinen Händen anzunehmen. Hievon ſpäter. Jetzt möchte ich nur um ein Schiff aus Deinem nächſten Hafen bitten.“ „Davon, mein theurer Gaſt und Bruder Ritter, wollen wir bei ſpäͤterer Gelegenheit reden. Schau jenes Schloß— Ihr habt kein ſolches in England. Sieh nur ſeine Gräben und Vormauern!“ „Eine ſtattliche Maſſe!“ gab Harold zur Antwort.„Entſchuldige mich übrigens, wenn ich darauf dringe—“ „Ich ſage, Ihr habt keine ſolchen Zwinger in England,“ unter⸗ brach ihn der Herzog zudringlich. „O ja,“ erwiederte der Engländer,„zwei weit gröͤßere als dieſer, nämlich die Salisbury Ebene und die Newmarket Haide“— zwei * Aehnlich lautete die Antwort Goodyns, des Biſchofs von Wincheſter, als Geſandter Heinrichs VIII. vor dem Könige von Frankreich. Bis auf den heutigen Tag hegen die Engländer dieſelbe Anſicht über Feſtungen wie Harold und Goodyn. 407 Veſten, welche fünfzigtauſend Männer faſſen, die keiner anderen Mauern als ihrer Schilde bedürfen. Englands Männer bilden ſeine Boll⸗ werke, Graf William, und ſeine weiteſten Ebenen ſind ſeine feſteſten Schlöſſer.“ „Ah!“ rief der Herzog, ſich auf die Lippen beißend,„das mag ſeyn— doch um auf jenes Schloß zurückzukommen— dort, merkt Euch wohl, pflegen die Herzoge der Normandie ihre Staatsgefangenen zu verwahren; Euch aber, mein edler Gefangener,“ fuhr er lachend fort, „halten wir in einem ſtärkeren Kerker— nämlich in unſeren liebenden Herzen.“ Indem er ſprach, richtete er ſein Auge feſt auf Harold, und Beider Blicke begegneten ſich: der des Herzoͤgs war leuchtend aber ſtreng und finſter, der Harolds ſtandhaft und vorwurfsvoll. Wie durch einen Zauber blieben Beider Augen gleich den Blicken zweier Könige des Waldes vor dem Anſall und Sprunge feſt aneinander haften. William war der erſte, der ſeinen Blick zurückzog, wobei ſeine Lippe zitterte und ſeine Stirne ſich runzelte. Dann winkte er einem ſeiner Lords hinter ihm, damit er ihre Geſellſchaft vermehre, und ſpornte ſein Roß, ſo daß jedes fernere Zwiegeſpräch ein Ende hatte. Der Zug hielt nicht eher an, als bis ſie ein Kloſter erreichten, wo ſie ihre Nachtruhe hielten. Fünfzigſtes Kapitel. Als Harold das für ihn zubereitete Kloſtergemach betrat, fand er Haco und Wolnoth bereits ſeiner harrend, und da die Wunde, die er in einem der letzten Scharmützel gegen die Bretonen erhalten hatte, un⸗ terwegs aufgebrochen war, ſo hatte er eine genügende Entſchuldigung, um den Reſt des Abends allein mit ſeinen Verwandten zuzubringen. Endlich dem rückhaltloſen Geſpräche mit ihnen überlaſſen, fand Harold immer neue Gründe, die ſeine Unruhe nur vermehrten und 408 ihn von den ihm gelegten Schlingen überzeugten, denn ſogar Wol⸗ noth konnte bei genauerer Nachforſchung nicht läugnen, daß des Her⸗ zogs Charakter trotz all der gerühmten ritterlichen Ehrenhaftigkeit durch Beweiſe der gewiſſenloſeſten Argliſt befleckt war. Zu ſeiner Ent⸗ ſchuldigung läßt ſich allerdings ſagen, daß Williams Kindheit, vom achten Jahre an den Fallſtricken ſeiner eigenen Verwandten preisge⸗ geben und öfter durch Liſt als durch Stärke daraus befreit, frühzeitig gelernt hatte, die Verſtellung zu rechtfertigen und Weisheit mit Liſt zu verwechſeln. Harold dachte jetzt mit bitterer Reue an Edwards Abſchiedsworte und erkannte ihre Richtigkeit, obwohl er deren volle Bedeutung bis jetzt noch nicht begriff. Er war jedoch noch mehr durch die Nachrichten aus England beunruhigt, dennzier wußte, daß nicht allein die Macht ſeines Hauſes und die Grundlagen ſeiner ehrgeizigen Hoffnungen, ſondern ſogar das Wohl. und die Sicherheit des Landes durch ſeine fortgeſetzte Abweſenheit täglich mehr gefährdet waren, ſo daß ſein kühnes Herz zum erſtenmal in ſeinem Leben von einer un⸗ deutlichen, unausſprechlichen Angſt ergriffen wurde— einer Angſt, ähnlich der des Aberglaubens, denn gleich dieſem ſcheute ſie ſich vor mei dem Unbekannten; er ſah wohl Alles, was zu vermeiden war, aber nichts, woran er ſich feſthalten konnte. Er, der vor dem kurzen Bangen und des Todes gelächelt hätte, bebte vor dem Gedanken lebenslänglicher Be⸗ Gefangenſchaft; er, deſſen Geiſt ſich bei allen Lebensſtürmen elaſtiſch aufſchwang, und ſich der Luft der Thätigkeit ſreute— er erbleichte in In der Beſorgniß vor Blindheit, jener äußerſten und troſtloſen Be⸗ gel raubung der Macht, der Freiheit und Brauchbarkeit— in dem da⸗ ein maligen eiſernen Zeitalter der einzigen Hoffnung und Laufbahn des Vr Mannes. let Und was waren wohl jene geheimnißvollen Punkte, worüber er der den Herzog zu beruhigen hatte? Er ſondirte ſeine jungen Verwandten; R aber Wolnoth wußte offenbar nichts; Haco's Auge zeigte wohl Ein⸗ S verſtändniß, allein ſeine Blicke und Gebärden ſchienen anzudeuten, daß D er das was er wiſſe, blos vor Harold enthüllen wolle. Von ſeiner ———.,—. 4 8 409 Erſchütterung weit weniger als von der dem engliſchen Charakter ſo eigenthümlichen Bemühung, dieſelbe zu verbergen, ermüdet(es iſt dies eine ſtolze Tugend der Männlichkeit, welche gar wenig geſchätzt und nur ſelten verſtanden wird), küßte er endlich Wolnoth und ſchickte ihn gähnend zur Ruhe; Haco ſchloß zögernd die Thüre und betrachtete den Carl lange mit traurigen Blicken. „Edler Oheim,“ ſagte Sweyns junger Sohn,„ich ſah von An⸗ fang, daß Dein Loos dem unſeren ähnlich werden würde— nur wirſt Du Wall und Graben um Dich haben, wenn Du nicht anders Deine eigenſte Natur ablegſt, denn ſie wird Dir hier keine Waffe in die Hand geben— wenn Du nicht annimmſt, was—“ „Ho!“ unterbrach ihn der Earl, in ſeiner zurückgedrängten Lei⸗ denſchaft erbebend,„ich ſehe bereits den ganzen ſchmachvollen Verrath und Betrug, der hier den Gaſt und Edelmann umgibt! Wenn übrigens der Herzog ſo Schändliches wagt, ſo ſoll er es wenigſtens am hellen Tage thun. Das erſte Boot, das ich auf ſeinem Fluſſe oder an der Seeküſte entdecke, will ich anruſen, und wehe Denen, welche Hand an meinen Arm legen, um mich feſtzuhalten!“ Haco richtete ſeine Unglück verkündigenden Augen auf Harold und in deren kaltem leidenſchaftsloſen Ausdrucke lag etwas was jede Begeiſterung zu hemmen und allen Muth zu ertödten ſchien. „Harold,“ ſagte er,„wenn Du auch nur einen Augenblick dem Impulſe Deines männlichen Stolzes oder Deines gerechten Unwillens gehorchſt, ſo biſt Du für immer verloren; eine einzige Gewaltthat, ein einziges Wort der Beleidigung— und Du gibſt dem Herzog den Vorwand, nach dem er dürſtet. Entrinnen iſt unmöglich. Seit den letzten fünf Jahren erwog ich Tag und Nacht die Mittel zur Flucht, denn ich bin der Anſicht, daß meine Geiſelſchaft, wenn’'s nach dem Rechte geht, längſt vorüber iſt— ich habe nicht ein einziges gefunden. Spione bewachen jeden meiner Schritte, wie ſie ohne Zweifel auch Dich belauern werden.“ „Ha! Das iſt wahr,“ rief Harold;„noch nie habe ich Lager 410 oder Truppe auch nur drei Schritte verlaſſen, ohne daß mir Ritter oder Höfling unter irgend einem Vorwand folgte. Gott und unſere liebe Frau mögen mir helfen, und wäre es auch nur um Englands willen! Aber was räthſt Du? Belehre mich, Knabe: Du biſt in dieſer Luft der Argliſt aufgewachſen— mir iſt ſie fremd und ich bin wie ein wildes Thier, das von einem feurigen Kreiſe einge⸗ ſchloſſen iſt.“ „Dann mußt Du Liſt mit Liſt, Lächeln mit Lächeln erwiedern,“ gab Haco zur Antwort.„Bedenke, daß Du gezwungen wirſt und handle demgemäß, wie ſelbſt die Kirche erzwungene Handlungen verzeiht.“ Harold fuhr zuſammen und tiefe Röthe breitete ſich über ſeine Wangen. „Einmal im Gefängniß, biſt Du dem Anblicke der Menſchen für immer entzogen,“ fuhr Haco fort;„William würde dann nicht wagen, Dich frei zu laſſen, wenn er Dich nicht zuvor unmächtig zur Rache gemacht hätte. Ich will ihn nicht ſoweit verläumden, daß ich ſage, er ſelber ſey einer geheimen Mordthat fähig; aber er hat immer Leute in ſeiner Umgebung, denen ſolches zuzutrauen iſt: er läßt in ſeinem Zorne ein haſtiges Wort fallen, das dann von ſeinen bereitwilligen erbarmungsloſen Werkzeugen aufgegriffen wird. Der große Graf von Bretagne ſtand ihm im Wege; William fürchtete ihn, wie er Dich fürchtet, und an ſeinem eigenen Hofe, unter ſeinen eigenen Leuten ſtirbt der große Graf von Bretagne an Gift. Zu Deiner Verur⸗ theilung— ſey ſie nun offen oder geheim— fände William überdies hinreichende Entſchuldigung.“ „Wie ſo, Knabe? Welche Anklage kann der Normanne gegen einen freien Engländer erheben 2“ „Sein Verwandter Alfred wurde geblendet, gefoltert und ermor⸗ det,“ gab Hacozur Antwort.„Am Hofe von Rouen ſagt man, Dein Va⸗ ter Godwin habe dieſe Thaten verrichtet. Die Normannen in Al⸗ freds Gefolge wurden kaltblütig hingeſchlachtet, und auch dieſe Metzelei wird Godwin, Deinem Vater, Schuld gegeben.“ 411 „Das iſt eine hölliſche Lüge, wie ich dem Herzog bereits bewieſen habe!“ rief Harold. 5„Bewieſen? O nein! Das Lamm wird niemals eine Sache be⸗ und weiſen, die von dem Wolfe zum Voraus abgeurtheilt iſt. Unzählige⸗ ge⸗ mal hörte ich die Normannen von dieſen Thaten reden und vernahm ihren Ruf, daß ſie einſt gerächt werden ſollten. Sie brauchen blos dieſe alte Anklage zu erneuern und Godwins plötzliches Ende als die 8 Beſtätigung ſeines Verbrechens von Seiten Gottes anzuführen, und 3 Edward ſelber würde dem Herzog Deinen blutigen Tod vergeben. eine Denken wir übrigens das Beſte, denken wir, daß ein milderes Urtheil Deine Gefangenſchaft ausſpräche, und daß Edward mit ſeinen Eng⸗ 22 ländern die Normandie überfiele, um Deine Freiheit zu erzwingen— uu weißt Du, was William erſt neulich mit einigen Geiſeln gethan hat? 2 Er ſtellte ſie an die Spitze ſeiner Armee und blendete ſie im Angeſichte che beider Heere. Glaubſt Du, gegen Dich und uns würde er ſanfter 0. verfahren? Solcher Art ſind Deine Gefahren. Sey kühn und frei⸗ ken müthig— und Du kannſt ihnen nicht entrinnen: ſey weiſe und vor⸗ ſichtig, gib verſtellte Verſprechungen— und ſie ſind getäuſcht: bedecke daf Dein Löwenherz mit dem Felle des Fuchſes, bis Du den Netzen ent⸗ ich ronnen biſt.“ 8 ten„Verlaß mich, verlaß mich,“ rief Harold haſtig.„Doch halt: Du ſchienſt mich zu verſtehen, als ich andeutete— mit einem Worte, r⸗ was iſt es, was William durch mich gewinnen will?“ les 3 Haco ſchaute ſich um; ging nach der Thüre— öffnete und ſchloß ſie wieder, bis er ſich endlich näherte und die Worte flüſterte: den 1„Die Krone von England!“ Der Earl bäumte ſich, als wäre er in's Herz getroffen. N„Verlaß mich. Ich muß allein ſeyn— nur jetzt allein. Geh! 1. Geh!“ rief er abermals. ſe 412 Einundfünfzigſtes Kapitel. Nur in der Einſamkeit konnte der ſtarke Mann ſeinen Regungen freien Lauf laſſen, und ſie überfielen ihn auch im Anfange ſo wirr, ſo ſtürmiſch und ſich gegenſeitig überſtürzend, daß ganze Stunden ver⸗ ſtrichen, bis er der furchtbaren Kriſis ſeiner Lage mit Gleichmuth in's Auge ſchauen konnte. Der große Geſchichtſchreiber Italiens erzählt uns, daß der ein⸗ fache wahrheitsliebende Germane, ſo oft er unter die argliſtigen in⸗ triguirenden Italiener gerieth, in der Regel weit falſcher und abge⸗ feimter als dieſe ſelber wurde: gegen ſeine eigenen Landsleute behielt er die ihn charakteriſirende Treue und Aufrichtigkeit; gegen die ſüd⸗ lichen Ränkeſchmiede aber legte er, auch wenn er nur einmal von ihnen angeführt ward, gleichſam aus trotziger Verachtung alles Ver⸗ trauen bei Seite, er freute ſich, dieſelben in ihrer eigenen boshaften Staatskunſt zu überbieten, und wenn man ihm ſeine Unaufrichtigkeit vorwarf, ſo gab er mit naiver Verwunderung zur Antwort:„Ihr Italiener— ihr wollt Euch über Unaufrichtigkeit beklagen! Wie kann man anders mit Euch verfahren— wie anders ſich gegen Euch ſichern?“ Eine ähnliche Umwälzung aller natürlichen Charakterelemente ging in jener ſtürmiſchen einſamen Nacht auch in Harolds Seele vor ſich. In dem Uebermaße ſeiner Entrüſtung beſchloß er, ſich nicht ſo tölpiſch zu ſeinem Verderben überliſten zu laſſen. Sein treuloſer Wirth hatte ſich ſelbſt jenes Vorrechts der Wahrhaftigkeit— der brei⸗ ten himmliſchen Grundlage der Sicherheit— beraubt: es war jetzt nur noch ein gegenſeitiger Wettkampf von Liſt und Ränken. Der Zuſtand und das Geſetz der Kriegführung war zum trügeriſchen Frie⸗ den übergeſprungen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als Kom⸗ plott und Hinterhalt mit den gleichen Waffen zu erwiedern. Solcher Art waren die Selbſtentſchuldigungen, womit der Sachſe ſeinen Entſchluß vertheidigte— Entſchuldigungen, die ihm noch mehr geheiligt erſchienen durch den von dem Erfolge abhängenden Einſatz, 413 welcher ſeinem nie raſtenden Patriotismus weit mehr als ſeinem in⸗ dividuellen Ehrgeize angehörte. Nichts war klarer, als daß wenn er ſelbſt zur Zeit von König Edwards Tode in einem normänniſchen Kerker ſchmachtete, das einzige Hinderniß für Williams Plane auf den engliſchen Thron aus dem Wege geräumt wäre; in der Zwiſchen⸗ zeit konnten des Herzogs Intriguen den ſchwachen König abermals mit normänniſchem Einfluſſe umgeben und in Ermangelung jedes le⸗ gitimen mit dem Vertrauen des Volkes bekleideten Thronerben und ſeines eigenen vorwiegenden Einfluſſes auf den Witan wie auf den Heerbann der Nation— was vermochte die Abſichten des herrſchſüchtigen Normannen noch ferner zuhemmen? So war ſeine eigene Freiheit un⸗ auflöslich mit der ſeines Vaterlandes verknüpft, und für den einen großen Endzweck— die Sicherheit von England— waren ihm alle Mittel heilig. Als er am andern Morgen wieder zu der Kavalkade ſtieß, war der Kampf und die Todesangſt der verfloſſenen Nacht nur noch an ſei⸗ ner ausnehmenden Bläſſe zu gewahren, und er gewann es ſogar über ſich, Williams herzliche Begrüßung mit entſprechender Munterkeit zu erwiedern. Während ſie alſo noch immer von mehreren Rittern begleitet unter allgemeinen Geſprächen weiter ritten, lieferte das Anſehen des Landes das Thema zu ihrer Unterhaltung. Hier im Herzen der Normandie, in den von den großen Städten entfernten Landdiſtrikten war dieſes Ausſehen der Art, daß man nicht leicht eine größere Oede und Vernachläßigung entdecken konnte. Elend und ſchmutzig im höch⸗ ſten Grade waren die Hütten der Leibeigenen, und wenn dieſe Letzteren halbnackt und abgezehrt von Hunger ihnen unterwegs begegneten, lag eine wilde Gluth des Haſſes und des Mißvergnügens in ihren Blicken, während ſie ſich tief vor den normänniſchen Reitern bückten und die bitteren verächtlichen Schimpfworte, mit denen man ſie anredete, ver⸗ nahmen, denn der Normanne wie der Franke waren mehr als gleich⸗ gültig gegen das Landvolk— er verachtete und verabſcheute es, als ob es mit den Eroberern nicht zu Einem Stamme gehörte. Die nor⸗ männiſche Niederlaſſung im Lande war noch ſo friſch, daß von jener Verſchmelzung der Klaſſen, wie ſie in England ſeit Jahrhunderten vor ſich gegangen, keine Spur vorhanden war. In England war zwar der Theowe ein völliger Sklave und der Ceorl ſtand in politiſcher Knechtſchaft unter ſeinem Gebieter; allein die öffentliche Meinung, milder als das Geſetz, bewahrte die Knechtſchaft vor muthwilliger Erſchwerung und man fühlte, daß die Sklaverei ebenſo unrecht als unchriſtlich ſey. Der ſächſiſche Klerus ſympathiſirte vielleicht gerade wegen ſeiner Unwiſſenheit weit mehr mit dieſer unfreien Bevölkerung und war inniger mit ihr verknüpft, als die im Vergleich mit ihm ſo gelehrten und hochmüthigen Geiſtlichen des Feſtlandes, die ſich von dem ungebildeten Pöbel entfernt hielten. Die ſächſiſche Kirche ging mit dem Beiſpiele der Freilaſſung der Theowen, mit der Emancipirung der Ceorls unabänderlich voran und lehrte, daß ſolche Handlungen zur Rettung des Seelenheiles beitrugen. Die rohe bäuriſche Lebensweiſe der meiſten ſächſiſchen Thane, deren Unterhalt einzig von ihren Heer⸗ den und den Erzeugniſſen des Landbaues, das heißt von der Arbeit ihrer Bauern abhing, machte nicht allein die Rangunterſchiede weniger hart und ſichtbar, ſondern ließ auch die reichliche Ernährung und Be⸗ kleidung der Leibeigenen als ein beſonderes Intereſſe der Gebieter erſcheinen. Alle Urkunden über die Sitten der Sachſen beweiſen, wie gut die Armen gehalten waren, und wie ſorgfältig ihr Leben und ihre Rechte beachtet wurden, welch' letztere, mit den fränkiſchen Geſetzen verglichen, human und aufgeklärt genannt werden dürfen. Auch der niedrigſte Hörige hatte vor Allem die große Hoffnung auf Freiheit und Beförderung vor ſich, während in den Augen des Normannen das Thier des Feldes heiliger war, als der elende Leibeigene.“ Wir haben * Siehe Mr. Wrights höchſt intereſſanten Artikel über die Lage des engliſchen Landvolks ꝛc.(Archaeologiae vol. XXX, S. 205— 244). Gleichwohl muß ich bemerken, daß ſämmtliche Forſcher ein höchſt wichtiges Faktum überſehen oder wenigſtens nicht gehörig gewürdigt haben, das näm⸗ oben den Normannen mit dem Spartaner verglichen und dieſe Aehn⸗ ner lichkeit zeigt ſich vor Allem in ſeiner Verachtung des Heloten. vor Verthiert und herabgewürdigt wie die Leibeigenen waren, von var der Religion nichts kennend als deren Schrecken, ſtritten die Sitten her dieſer Armen auf dem franzöſiſchen Feſtlande ſogar gegen die eigent⸗ ng, liche Baſis des Chriſtenthums— gegen die Ehe. Sie pflegten meiſt ger ohne dieſes Band zuſammen zu leben, und daher kam es, daß ſie von als ihren Gebietern— Klerikern wie Laien— nur mit dem gemein⸗ ade ſten Schimpfworte, das die Verachtung dem Sohne des Weibes bei⸗ ing legen kann, angeredet wurden. ſo„Dieſe Hunde ſtarren uns an,“ rief Odo, als eine Heerde der vn elenden Sklaven vorüberzog.„Sie bedürfen immer der Peitſche, damit ing ſie ihren Gebieter kennen lernen.— Sind ſie in England ebenſo ſauer⸗ ing töpfiſch und meuteriſch, Lord Harold?“ di„Nein; aber dort ſieht man auch den geringſten Theowen nicht iſe alſo gekleidet, noch in ſolchen Höhlen hauſend,“ gab der Earl zur er⸗ Antwort. eit„Und iſt es wirklich wahr, daß ein Leibeigener bei Euch ſich bis ger zum Edelmanne emporſchwingen kann?“ 3„Das kommt alle Jahre vor. Vielleicht ein ganzes Viertel unſe⸗ er vie lich, daß gerade die Verachtung des Normannen vor der Hauptmaſſe der unter⸗ hre thänigen Bevölkerung eine der Haupturſachen war, welche der poſitiven Skla⸗ verei in England ein Ende machte. So verlor der Normanne ſehr bald die en Unterſcheidung aus dem Auge, welche die Angelſachſen zwiſchen dem Land⸗ der ceorl und dem Theowen, d. h. zwiſchen dem Hörigen der Scholle und dem ind perſönlichen Sklaven gezogen hatten. Dadurch wurden dieſe Klaſſen mit ein⸗ as ander vermiſcht und durch die nämlichen Umſtände allmälig emancipirt. Das hen hätte wohlgemerkt unter den angelſächſiſchen Geſetzen niemals ſtattfinden können, welche die Klaſſe der Sklaven durch überwieſene Verbrecher und deren es Kinder fortwährend vervollzähligte. Die hörige Bevölkerung wurde den nor⸗ 4). männiſchen Baronen in ihren Fehden untereinander oder gegen den König viel ges zu unentbehrlich, um lange unterdrückt zu bleiben, und in der Zeit Froiſſart’s m⸗ weiß dieſer würdige Chroniſt die Unverſchämtheit oder den Hochmuth des menu peuple blos ihrem grand aise et abondance de biens zuzuſchreiben. 416 rer angelſächſiſchen Thane zählen Pflugknechte oder Handwerker unter ihren Ahnherrn.“ 3 4 Hier fiel Herzog William ſeinem Bruder klugerweiſe in die Rede, indem er in mildem Tone bemerkte: „Jedes Land hat ſeine eigenen Geſetze und ein weiſer, tugend⸗ hafter Herrſcher ſollte es einzig nach dieſen regieren. Es thut mir leid, edler Harold, daß Ihr den wunden Fleck in meinem Reiche alſo mitanſehen müßt. Ich gebe zu, daß die Lage der Bauern und die Kul⸗ tur des Landes einer Reform bedürfen; allein in meiner Kindheit brach eine Rebellion unter dem Landvolke aus, welche nur durch ein blutiges Beiſpiel zu dämpfen war und die zornigen Erinnerungen zwiſchen Herrn und Knecht müſſen erſt einſchlummern, ehe wir Gerechtigkeit zwiſchen Beiden walten laſſen können, wie wir, ſo es St. Peter ge⸗ fällt, mit Lanfranes Hülfe zu thun gedenken. Mittlerweile haben wir einen großen Theil unſerer Hörigen in den größeren Städten be⸗ deutend erleichtert, denn Handel und Gewerbe bilden die Stärke em⸗ porſtrebender Staaten, und liegen unſere Felder auch öde, ſo gedeihen doch wenigſtens unſere Straßen.“ Harold verbeugte ſich und ritt nachſinnend weiter. Die Civiliſa⸗ tion, die er ſo ſehr bewundert hatte, beſchränkte ſich alſo auf die noble Klaſſe und reichte höchſtens bis zu dem Kreiſe der herzoglichen Han⸗ delspolitik; drüber hinaus an den Gränzen der Menſchheit lag die Maſſe des Volks, und hier ließ ſich allerdings zwiſchen engliſcher und normänniſcher Bildung zu Gunſten der Letzteren keine Vergleichung anſtellen. Die Thürme von Bayeur ragten undeutlich in der Ferne, als William auf einem lieblichen von Eichen und Buchen überſchatteten Punkte neben einem Flüßchen zu halten vorſchlug. Ein Zelt für ihn und Harold ward eilig aufgerichtet; nach einem mäßigen Mahle nahm der Herzog Harolds Arm und führte ihn abſeits von dem Ge⸗ folge am Rande des murmelnden Baches weiter. Bald hatten ſie eine abgeſchiedene, idylliſche Stelle des Urwaldes unter Rede, igend⸗ t mir e alſo Kul⸗ brach itiges iſchen igkeit er ge⸗ haben en be⸗ e em⸗ beihen iliſa⸗ noble Han⸗ g die r und hung „als teten für kahle Ge⸗ aldes 417 vor ſich— eine Stelle, wie die alten Minſtrels ſie gerne beſchrieben und wo ein frommer Einſiedler mit Freuden ſeine einſame Heimath aufgeſchlagen hätte. Auf einer das Waſſer überragenden Moosbank machte William Halt und winkte ſeinem Gefährten, ſich niederzuſetzen, während er ſelbſt ſich neben ihn lehnte und in der Zerſtreuung die Waſſerblaſen vom Rande ſchöpfte, um ſie wieder in den Bach zurück⸗ träufeln zu laſſen. Sie fielen mit hohlem Klange nieder; der Kreis, den ſte auf der Oberfläche verurſachten, erweiterte ſich und verſchwand, und die Welle rauſchte verächtlich murmelnd weiter. „Harold,“ begann der Herzog endlich,„Du haſt wohl gedacht, ich habe mit Deinem ungeduldigen Wunſche zur Rückkehr mein Spiel getrieben; allein auf meiner Seele laſtet eine Angelegenheit von großer Bedeutung für Dich wie für mich, und ſie muß ausgeſprochen werden, ehe Du abreiſen kannſt. Auf dieſem ſelben Flecke, wo wir jetzt ſitzen, ſaßen in früher Jugend Edward, Dein König, und William, Dein Wirth. Mild geſtimmt durch die Abgeſchiedenheit des Ortes wie durch das muſikaliſche Geläute der Kirchenglocke, deren bleicher Thurm dort drüben durch die Lichtung emporragt, äußerte Edward ſeinen Wunſch nach dem Kloſterleben und ſeine Zufriedenheit mit dem Erile im nor⸗ männiſchen Lande. Nur gering war damals die Hoffnung, daß er je⸗ mals Alfreds Thron beſteigen würde. Ich ſelbſt, kriegeriſcher geſinnt und für ihn wie für mich ſelber beeifert, bekämpfte den Gedanken ans Kloſter und verſprach ihm, wenn ſich je die Gelegenheit dazu darböte und er der normänniſchen Hülfe bedürfe, wolle ich mit Herz und Arm die ganze Macht eines Häuptlings aufbieten, um ihm die angeſtammte Krone zu gewinnen.— Hörſt Du mir zu, theurer Harold?“ „Gewiß, mein Wirth, mit Herz und Ohr.“ „Edward drückte mir mit dankbaren Worten die Hand, wie ich jetzt die Deinige drücke und gelobte, wenn er jemals aller menſchlichen Vorausſicht zum Trotze ſein Erbe erlange, wolle er mir, falls ich ihn überlebe, dieſes Erbe vermachen.— Du ziehſt Deine Hand aus der meinen zurück?“ Bulwer, Harold. 27 418 „Nur aus Ueberraſchung; fahre fort, Herzog William.“ „Als mir nun Deine Verwandten als Geiſeln für das mächtigſte Haus in England— das einzige, das meines Vetters Wunſch ver⸗ eiteln konnte— überſendet wurden, betrachtete ich dies natürlich als eine Verſtärkung ſeines Verſprechens und die ernſtliche Andeutung ſei⸗ ner fortgeſetzten Abſichten, worin ich durch den Prälaten Robert, Erz⸗ biſchof von Canterbury, der die geheimſten Entwürfe Deines Königs kannte, beſtärkt wurde. Daher die Hartnäckigkeit, mit der ich jene Geiſeln zurückhielt und Edwards bloße Vorſtellungen mißachtete, die ich nicht ohne Wahrſcheinlichkeit als milde Conceſſionen gegen Dein und Deines Hauſes Drängen anſah. Das Glück oder die Vorſehung hat ſeit damals das Verſprechen des Koͤnigs und meine darauf gegrün⸗ deten gerechten Erwartungen begünſtigt. Einen Augenblick lang ſchien es zwar, als ob Edward die Uebereinkunft unſerer Jugend bereue oder von Neuem in Erwägung ziehe; er ſchickte nach ſeinem Verwandten Atheling, dem natürlichen Thronerben. Allein der arme Fürſt ſtarb; den Sohn, ein bloſes Kind, werden, wenn ich recht unterrichtet bin, die Geſetze Deines Landes übergehen, falls Edward ſterben ſollte, ehe jener zum Manne herangewachſen, und überdies wird mir verſichert, daß der junge Edgar nicht genügende Geiſteskraft beſitze, um ein ſo ge⸗ wichtiges Scepter wie das von England zu führen. Auch hat Dein König ſeit Deiner Abweſenheit mehrere Krankheitsanfälle gehabt und noch ehe ein Jahr vorübergeht, kann ſeine neue Abtei ſein Grab um⸗ faſſen.“* Hier pauſirte William, ließ abermals die Schaumperlen in den Strom rinnen und warf verſtohlene Blicke auf das verſchloſſene Antlitz des Earls. *„Dein Bruder Toſtig,“ begann er von Neuem,„würde, wie ich weiß, als naher Verwandter meines Hauſes meine Anſprüche unter⸗ ſtützen, und bliebeſt Du von England abweſend, ſo wäre wohl Toſtig an Deiner Stelle das Haupt der großen Godwin'ſchen Parthei. Um Dir jedoch zu beweiſen, wie ich auf Deines Bruders Hülfe, verglichen n b f f ¹ htigſte ) ver⸗ ch als g ſei⸗ Erz⸗ önigs jene e, die Dein hung grün⸗ ſchien oder ndten arb; bin, ehe daß ge⸗ Dein und um⸗ den ſene ich ter⸗ ſtig Um hen 419 mit der Deinen, nur wenig Gewicht lege und wie unbedingt ich auf Dich rechne, habe ich Dir freimüthig eröffnet, was ein argliſtigerer Politiker verhehlt hätte— nämlich die Gefahr, mit welcher Dein Bruder in ſeiner eigenen Grafſchaft bedroht iſt.— Ich will alſo gleich zur Hauptſache übergehen. Als losgekauften Gefangenen könnte ich Dich hier zurückhalten, bis ich ohne Dich meinen engliſchen Thron beſtiegen hätte, denn ich weiß, daß Du allein meinen gerechten An⸗ ſprüchen entgegentreten oder des Königs Willen, der mir dieſe Erb⸗ ſchaft überläßt, anfechten könnteſt. Nichtsdeſtoweniger enthülle ich Dir mein Herz und möͤchte meine Krone einzig Deinem Beiſtande ver⸗ danken. Zu dieſem Zwecke will ich nicht als Herr mit dem Vaſallen, ſondern als Fürſt mit dem Fürſten unterhandeln, theurer Harold; Du ſollſt Deinerſeits das Schloß von Dover für mich beſetzen, um es meiner Flotte zu öffnen, wenn die Stunde herankommt; Du ſollſt mir in Frieden und durch Deinen Nationalwitan zur Nachfolge Edwards verhelfen, nach deſſen Geſetzen ich in allen Dingen übereinſtimmend mit den engliſchen Sitten, Gebräuchen und Beſchlüſſen regieren will. Einen ſtärkeren König zum Schutze Englands wider die Dänen, ein erfahreneres Haupt zur Mehrung Eures Gedeihens wirſt Du— ich bin eitel genug, das zu ſagen— in der ganzen Chriſtenheit nicht fin⸗ den. Ich meinerſeits biete Dir meine ſchönſte Tochter Adeliza, mit welcher Du alsbald verlobt werden ſollſt; Deine eigene unvermählte Schweſter, die junge Thyra, ſollſt Du einem meiner größten Barone zum Weibe geben; alle Würden, Ländereien und Beſitzungen, die Du jetzt inne haſt, ſollſt Du behalten, und wenn Dein Bruder Toſtig, wie ich vermuthe, ſein großes Fürſtenthum nördlich vom Humber nicht behaupten kann, ſo ſoll es auf Dich übergehen. Alles, was Du ſonſt noch als Bürgſchaft meiner Liebe und Dankbarkeit oder zur Verſtär⸗ kung Deiner Macht verlangen kannſt, auf daß Du Deine Graſſchaften ſo frei und mächtig regiereſt, wie die großen Grafen von Provence oder Anjou als blos formelle Lehensträger des Oberherrn herrſchen, oder wie ich, der ſtürmiſche Unterthan, die Normandie von Philipp von Frank⸗ 27* 420 reich zu Lehen trage— ſoll Dir gewährt ſeyn, ſo daß es, wenn auch dem Namen nach blos einen— in Wirklichkeit zwei Könige in England geben wird. Weit entfernt, durch Edwards Tod zu verlie⸗ ren, wirſt Du ſomit durch die Unterwerfung jedes geringeren Neben⸗ buhlers wie durch die herzliche Liebe Deines dankbaren William nur gewinnen.— Beim Glanze Gottes, Earl, Du läſſeſt mich lange auf Deine Antwort warten!“ „Was Du bieteſt,“ entgegnete der Earl, ſich ſelbſt in dem Ent⸗ ſchluſſe der verfloſſenen Nacht beſtärkend und ſeine vor Wuth erblaßten Lip⸗ pen zuſammenpreſſend,„geht über meine Verdienſte und übertrifft Alles, was ſelbſt der größte Häuptling einer Monarchie ſich wünſchen könnte. Es ſteht jedoch Edward ebenſowenig zu, England zu vermachen, wie es mir zukommt, daſſelbe zu vergeben: ſein Thron beruht auf dem Witan.“ „Und der Witan beruht auf Dir,“ rief William ſcharf.„Ich verlange blos Möglichkeiten, Mann; verlange blos Deinen ganzen Einfluß für meine Sache; iſt er geringer, als ich glaube, ſo fällt der Verluſt auf mich. Was beſinnſt Du Dich noch länger? Ich will nicht damit beginnen, daß ich Dich bedrohe; aber Du müßteſt in der That meine Thorheit verachten, wenn ich Dich jetzt, da Du meine Plane kennſt, fortließe— nicht um ſie zu unterſtützen, ſondern um ſie zu ver⸗ rathen. Ich weiß, Du liebſt England— das thu⸗ auch ich. Du hältſt mich für einen Ausländer— richtig; allein der Normann und der Däne ſind genau deſſelben Urſprungs. Du ſelbſt, von Canuts Stamm entſproſſen, weißt, wie die Regierung jenes Königs populär war— warum ſollte die Williams es weniger werden? Canut beſaß kein an⸗ deres Recht, als das des Schwertes: mein Recht wird ſeyn die Ver⸗ wandſchaft mit Edward— des Königs Wunſch zu meinen Gunſten— die durch Dich erworbene Beiſtimmung des Witan— der Mangel aller ſonſtigen würdigen Erben— meines Weibes klare Abſtammung von Alfred, welche die ſächſiſche Linie in meinen Kindern durch die reinſten edelſten Vorfahren auf dem Throne wiederherſtellt. Dieß Alles bedenke, venn e in rlie⸗ ben⸗ nur auf Ent⸗ Lip⸗ lles, inte. wie dem „Ich nzen t der nicht That lane ver⸗ ältſt der mm an⸗ Per⸗ ller von ſſten ake, 421 und wirſt Du mir dann wohl ſagen, daß ich dieſe Krone nicht ver⸗ diene?“ Harold ſchwieg noch immer und der feurige Herzog begann aufs Neue: „Sind die geſtellten Bedingungen nicht verlockend genug für mei⸗ nen Gefangenen— den Sohn des großen Godwin, der ohne Zweifel irrthümlich, aber nach der allgemeinen Stimme von ganz Europa für denjenigen gilt, der Gewalt über Leben und Tod meines Vetters Alfred und meiner normänniſchen Ritter übte? Oder trachteſt Du ſelbſt nach der engliſchen Krone und habe ich mein Herz einem Nebenbuhler eröffnet?“ „Nein,“ gab Harold mit der letzten krönenden Anſtrengung in dieſer neuen fatalen Lektion der Heuchelei zur Antwort.„Du haſt mich überzeugt; ſo geſchehe es denn, wie Du geſagt haſt.“ Der Herzog machte ſeinem Entzücken durch einen lauten Freuden⸗ ruf Luft und wiederholte dann die Artikel der Uebereinkunft, welche Harold nur mit einfachem Kopfnicken beantwortete. Schließlich um⸗ armte der Herzog den Carl und die Beiden kehrten nach dem Zelte zurück. Während die Roſſe vorgeführt wurden, ergriff William die Gele⸗ genheit, um Odo bei Seite zu ziehen; nach kurzem Flüſtern beſtieg der Prälat eilig ſein Berberroß und ſprengte der Geſellſchaft haſtig gegen Bayeur voran. Dieſen ganzen Tag, die ganze Nacht und noch den nächſten Morgen bis zum Mittag eilten Reiter und Couriere nach Nord und Süd, nach Oſt und Weſt, zu all' den berühmteſten Kirchen und Abteien der Normandie, und heilig und grauenvoll war die Beute, mit der ſie für die Ceremonie des nächſten Tages zurückkehrten. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Die ſtattliche Fröhlichkeit des Abendbankettes erſchien Harold wie das boshafte Gelage einer teufliſchen Orgie. In jedem Geſichte glaubte er den Triumph über den Verkauf von Englands Seele zu leſen; jedes leiſe Gelächter, wenn auch nur der Erguß der ſprichwörtlichen Munter⸗ keit der geſelligen Normannen, klang in ſeinen Ohren, wie der Jubel eines Hexenſabbaths. Da alle ſeine Sinne bis zu jener magnetiſchen Schärfe, vermöge welcher wir weniger hören und ſehen, als errathen und begreifen— übernatürlich angeſpannt waren, ſo brauste das leiſeſte Murmeln Williams in ſeines Bruders Odo Ohren hell und deutlich in ſeinem Gehöre; der geringſte Wechſel der Blicke zwiſchen einem finſter ſchauenden Prieſter und einem breitſchultrigen Krieger entzündete ſeine Einbildungskraft. Die Reizbarkeit in Folge ſeiner neulichen vernachläßigten Wunde verband ſich noch mit dieſer geiſtigen Aufregung, um ſeine Sinne zu ſchärfen, aber zu verwirren; Leib und Seele lagen im Fieber, und er ſchwankte zwiſchen Traum und De⸗ lirium. Spät Abends wurde er in das Zimmer geführt, wo die Herzogin mit Adeliza und ihrem zweiten Sohne William allein ſaß— Letzterer ein Knabe mit den rothen Haaren und der blühenden Geſichtsfarbe ſeiner däniſchen Vorfahren, nicht ohne eine gewiſſe kühne auffallende Art von Schönheit und ſchon in ſeiner Kindheit mit Edelſteinen und Stickereien bedeckt, in dieſem Zuge ſeine Leidenſchaft für jene aus⸗ ſchweifende fantaſtiſche Narretei verrathend, gegen welche William der rothe König zum Skandal der Kirche und des Beichtſtuhls den ge⸗ ziemenden Pomp ſeines Geſchlechtes vertauſchte. Harold wurde dem kleinen Mädchen förmlich vorgeſtellt und eine kurze wörtliche Ceremo⸗ nie ſollte andeuten, was der verachtenden Auffaſſung des Earls wie die Spottgeburt einer Verlobung zwiſchen einem bärtigen Manne und einem Kinde vorkam. Schmeichelnde Glückwünſche umſchwirrten ſein Ohr, dann drang ein Strahl von Lichtern in ſeine ſchwindelnden Au⸗ gen und er fand ſich wieder, wie er zwiſchen Odo und William auf einem Korridor weiter ging. Endlich war er in ſeinem Zimmer, das mit Arrastapeten behängt und mit Binſen beſtreut war; vor ihm ſtanden in Niſchen verſchiedene Bilder der Jungfrau, des Erzengels Michael, St. Stephans, St. Pe⸗ ters, St. Johanns und der heiligen Valery; die Glocken in dem nebenanliegenden Kloſter verkündeten die dritte Nachtwache*. Das ſchmale Fenſter hoch oben in der maſſiven Mauer lag außer ſeinem Bereiche und das Sternenlicht war durch den großen Kirchthurm ver⸗ finſtert. Harold ſchmachtete nach Luft: ſeine ganze Grafſchaft hätte er in jenem Augenblicke drum gegeben, wenn er den kalten Hauch ſeines Geburtslandes, wie er in ſeinen ſächſiſchen Wäldern ſtöhnte, gefühlt hätte. Er öffnete die Thüre und ſchaute hinaus. Eine Laterne ſchwankte hoch oben an dem Zinnendache des Ganges; neben ihr ſtand eine hochgewachſene bewaffnete Schildwache und der Lampenſchimmer röthete das Eiſengitter, das den Ausgang eiferſüchtig verſperrte. Der Earl ſchloß die Thüre und ſetzte ſich auf dem Bette nieder, ſein Geſicht mit der geballten Fauſt bedeckend; jeder Puls in ſeinen Adern kochte, und wenn er ſich berührte, kam es ihm vor, wie Feuer. Hilda's Prophezeiungen in jener fatalen Nacht beim Bautaſteine, welche ihn beſtimmt hatten, Gurths Bitten, Edithens Beſorgniſſe und Edwards Warnungen zu verſchmähen, traten ihm finſter, geſpenſtig und überwältigend vor Augen. Sie ſtellten ſich zwiſchen ſeine nüch⸗ ternen Sinne, ſo oft er ſeine Gedanken zuſammenſuchte, und es war, als wollten ſie ihn bald mit der Vorſtellung ſeines thörichten Glaubens toll machen, bald ſeine Seele von der gefahrvollen Gegenwart zu der triumphirenden Zukunft, die ſie prophezeihten, verlocken; von all' den wechſelnden Geſängen der Vala ſchienen immer nur zwei Strophen ſich glühend in ſein Gedächtniß zu verſenken und in ſeinem Ohre zu klingen, als enthielten ſie den Rath, den ſie ihm zu befolgen anbefahlen: „Liſt ſetz' gegen Liſt, und nimmer Weichen wird der Krone Schimmer!“ So ſaß er da, ſtarr und ſteif, ohne ſich zu entkleiden, ohne ſich zurückzulehnen, bis ihn ein unſicherer, wirrer, fieberiſcher Schlaf in dieſer Stellung überfiel, aus dem er erſt mit der Prima*r erwachte, als * Mitternacht. ** Sechs Uhr Morgens. A⁴ ————yjj————— Glockengeläute und Fußtritte und das Summen des Gebets in der be⸗ nachbarten Kapelle ihn zu noch verwirrterem und faſt ebenſo träume⸗ riſchem Wachen aufrief. Jetzt traten Godrith und Haco ins Zimmer, und Erſterer fragte nicht ohne Ueberraſchung im Tone, ob er ſeine Abreiſe mit dem Her⸗ zog auf den heutigen Tag feſtgeſetzt habe. „Des Herzogs Pferde⸗Than war eben bei mir,“ erz zählte er,„um mir zu ſagen, daß der Herzog ſelbſt mit ſtattlichem Gefolge Euch heute Abend nach Harfleur begleiten werde, wo ein Schiff zu Eurer Ueber⸗ fahrt bereit liegen wird, und ich weiß, daß der Kämmerling lein höf⸗ licher angenehmer Mann) jetzt eben bei den übrigen Thanen Eures Gefolges mit Geſchenken an Falken, Ketten und geſtickten Staats⸗ mänteln herumgeht.“ „Es iſt ſo,“ beſtätigte Haco als Antwort auf Harolds fragende und ſich erheiternde Blicke. „So gehe alsbald, Godrith,“ rief der Earl auffpringend;„bringe Alles in Ordnung, um mit dem erſten Trompetenſtoße aufzubrechen. Nie, wahrlich, hat eine Trompete fröhlicher geſchmettert, als die, welche unſere Rückkehr nach England verkünden wird. Spute Dich— ſpute Dich!“ Erfreut über den Jubel des Earls, obwohl er ſelbſt durch die empfangenen Ehren und den erlebten Glanz gewaltig bezaubert war, entfernte ſich Godrith und Haco begann: „Du haſt meinen Nath befolgt, edler Oheim?“ „Frage mich nicht, Haco! Verbannt ſey aus meinem Gedächt⸗ niſſe Alles, was hier vorgegangen!“ „Noch nicht,“ warnte Haco mit jenem tiefen düſteren Ernſte in Miene und Stimme, der mit ſeinen Jahren ſo ſehr kontraſtirte, und Allem, was er ſagte, einen unbeſchreiblichen Nachdruck verlieh;„noch nicht, denn eben jetzt, während der Kämmerling mit ſeinen Abſchieds⸗ geſchenken die Runde macht, hörte ich, in die Mauerecke des Hofes ge⸗ ſchmiegt, des Herzogs tiefe Stimme, wie ſie dem Roger Bigod, der die gire Mal der 9 er zu Ver verſt und daß eige allen wor Raÿ gen daß wie 425 Wache des Kerkers hat, zuflüſterte: Halte alle Bewaffnete gegen Mit⸗ tag in dem Gange unter der Berathungshalle bereit, um auf das Stampfen meines Fußes ſogleich heraufzukommen, und wenn ich Dir dann einen Gefangenen übergebe, ſo wundere Dich nicht, ſondern lo⸗ gire ihn—'. Hier ſchwieg der Herzog und Bigod fragte: Wo, mein Lehensherr?“ Und der Herzog erwiederte heftig: Wo? Nun, wo anders, als im Tour noir?— Wo anders als in der Zelle, worin Malpvoiſin ſein letztes Stündlein verſchmachtete?“— So laß denn das Gedächtniß normänniſcher Argliſt noch nicht aus Deiner Erinnerung entſchwinden; laß Deine Lippen noch immer die Freiheit bewachen.“ Die ganze angeborene Seelenheiterkeit, welche vor Haco’s Rede in dem ſchönen Geſichte des Earls allmälig wieder aufgedämmert war, ſchrumpfte wie die Blätter einer vergifteten Blume zuſammen, und der Stern des zurücktretenden Auges behielt nur noch jenen geheimen fremdartigen Ausdruck, der in dem Blicke ſeines undurchdringlichen Vaters alle Kenner des menſchlichen Herzens getäuſcht hatte. „Liſt ſetz' gegen Liſt!“ murmelte er undeutlich; dann fuhr er zuſammen, ballte die Fauſt und lächelte. Wenige Augenblicke ſpäter trat eine ungewöhnlich zahlreiche Verſammlung normänniſcher Edlen in das Zimmer. Der Morgen verſtrich in der gewöhnlichen Ordnung des Frühſtücks, der Frühmeſſe und eines ceremoniellen Beſuches bei Mathilden, welche die Nachricht, daß Alles zu ſeiner Abreiſe bereit ſtehe, beſtätigte und ihm von ihren eigenen Stickereien Geſchenke für ſeine Schweſter die Königin und allerhand gnädige Aufträge mitgab. Es war ſchon ſpät Mittags ge⸗ worden, ohne daß er William oder Odo geſehen hatte. Er weilte noch bei Mathilden, als die Lords Fitzosborne und Raoul de Tancarville in feierlichen Staatsgewändern und mit un⸗ gewöhnlich ernſter gefaßter Miene eintraten, um den Carl zu bitten, daß er ſie zu dem Herzog geleite. Harold gehorchte ſchweigend, durch die Förmlichkeit der Grafen wie durch Haco’s Warnungen auf verborgene Gefahr gefaßt, ohne je⸗ 426 doch die Feierlichkeit der gelegten Schlinge zu ahnen. Beim Eintritt in die hohe Halle ſah er William mit dem Richterſchwerte in der Hand, den Herzogsmantel um die imponirende Geſtalt geſchlagen und mit je⸗ ner aufrechten Haltung des Kopfes, wie er ſie bei allen feierlichen Ge⸗ legenheiten anzunehmen pflegte,* auf ſeinem Thronſeſſel ſitzen. Hin⸗ ter ihm ſtanden Odo von Bayeux in Pallium und Mitra, etliche zwan⸗ zig von des Herzogs mächtigſten Vaſallen, und etwas entfernt von dem Thronſeſſel ein Tiſch oder großes Käſtchen ganz mit Goldtuch überkleidet. Der Herzog gönnte dem Sachſen nur wenig Zeit, um ſich zu faſſen oder zu verwundern. „Tritt näher, Harold,“ ſagte er mit dem vollen Klange jener ge⸗ bieteriſchen und ſo eindrucksvollen Stimme,„tritt näher ohne Furcht wie ohne Reue. Vor dieſer edlen Verſammlung— lauter Zeugen Deines Gelöbniſſes und Bürgen des meinigen— fordere ich Dich auf, Deine geſt⸗ rigen Verſprechen eidlich zu beſtätigen, nämlich daß Du mir helfen willſt, beim Tode meines Vetters, des Königs Edward, den Thron von Eng⸗ land zu gewinnen, daß du meine Tochter Adeliza heirathen und Deine Schweſter hieher ſenden willſt, damit ich ſie laut unſerer Uebereinkunft an einen meiner würdigſten und kühnſten Grafen vermähle. So tritt denn vor, Odo mein Bruder, und wiederhole dem edlen Earl die nor⸗ männiſche Formel, nach welcher er ſeinen Eid zu leiſten hat.“ Odo trat vor den geheimnißvollen mit Goldtuch bekleideten Be⸗ hälter und ſagte kurz: „Du willſt ſchwören, ſo weit es in Deiner Macht liegt, Dein * Ein berühmter Alterthumsforſcher lenkt in ſeinen archäologiſchen Ab⸗ handlungen über die Aechtheit der Stickereien von Bayeur die Aufmerkſamkeit mit Recht auf den rohen Verſuch des Künſtlers, die Individualität in ſeinen Porträts beizubehalten, wie denn der Herzog an ſeiner ausnehmend aufrechten Haltung überall zu erkennen iſt. Weniger Mühe hat er auf Harolds Porträt verwendet; aber auch in dieſem iſt eine gewiſſe Magerkeit der Ver⸗ hältniſſe, Länge der Gliedmaßen und hoher Wuchs faſt durchgängig bei⸗ behalten. ————— Uebe len, Schr ein k Earl wie war Liſt dur unwi konn man daß Reli fern Tan bot Tuc ent! alle 427 wi Uebereinkommen mit William, dem Herzog der Normannen, zu erfül⸗ t ſe⸗ len, wofern Du lebſt und Gott Dir beiſteht. Zum Zeugniß dieſes Ge⸗ Schwures wirſt Du die Hand auf dieſe Reliquie legen,“ indem er auf Sir⸗ ein kleines Käſtchen deutete, das unter dem Goldtuche lag. zn Dies Alles geſchah ſo plötzlich— kam ſo unerwartet über den Vor Earl, deſſen natürliche Geiſtesgaben, wenn auch noch ſo groß, doch, tuch wie wir geſehen haben, eher bedächtig als behend waren— ſo völlig war das kühne Herz, das keiner Belagerung unterlegen wäre, durch Liſt und Ueberraſchung eingenommen— ſo vorherrſchend erhob ſich ) zu durch all' den Wirrwar und Aufruhr ſeiner Seele der Gedanke an das unwiderrufliche Verderben Englands, wenn er, der es allein erretten ge⸗ konnte, in den normänniſchen Kerkern ſchmachtete— ſo ſehr über⸗ mannten ihn Haco's Beſorgniſſe und ſein eigener gerechter Argwohn, daß er ſchwindelnd und wie im Traume ſeine Hand mechaniſch auf das deſf⸗ Reliquienkäſtchen legte und mit Automatenlippen wiederholte:„Wo⸗ vi fern ich lebe und Gott mir dazu hilft!“ ng⸗ Worauf die ganze Verſammlung feierlich wiederholte: Fine„Gott helfe ihm!“ unft Und plöͤtzlich auf ein Zeichen Williams hoben Odo und Raoul de tritt Tancarville das Goldtuch in die Höhe und des Herzogs Stimme ge⸗ More bot Harold, darunter zu ſchauen. Wie wenn der Menſch von dem vergoldeten Grabmale zu dem Be⸗ garſtigen Beinhauſe hinabſteigt, ſo war mit dem Emporheben des — Tuches die ganze geiſterhafte Furchtbarkeit des Todes mit einem Male dein enthüllt. Da waren aus Abtei und Kirche, aus Schrein und Niſche Ab⸗ alle Reliquien des menſchlichen Nichts verſammelt, in denen der Aber⸗ nkeit glaube das Andenken von Heiligen verehrt; da lagen bunt über einan⸗ inen der gerüttelt Skelet und Mumie— die ſchwarze trockene Haut, die her weißen glänzenden Gebeine der Todten, wie zum Spotte in Gold ge⸗ Ver. faßt und mit Rubinen bedeckt; da ragten grimmige Finger aus dem bei⸗ häßlichen Chaos und deuteten auf den Lebenden, der alſo im Netze ge⸗ fangen worden; da grinste ein ſpöttiſcher Schädel unter der heiligen 428 Mitra, und leuchtend und brennend kam Harold plötzlich der längſt vergeſſene oder in der geſunden Geſchäftigkeit des Lebens nur noch ſchwach erinnerliche Traum— jener hohnneckende Wirbeltanz der Todtengebeine— vor's Gedächtniß. Bei dieſem Anblicke, ſagen die normänniſchen Chroniſten, ſchau⸗ derte und zitterte der Earl. „Grauenvoll in der That iſt Dein Eid und Deine Anwandlung natürlich,“ bemerkte der Herzog,„denn in jener Kiſte ſind alle Reli⸗ quien, die in unſerem Lande für die heiligſten gelten. Die Todten haben Deinen Schwur vernommen, und die Heiligen verzeichnen ihn eben jetzt in den himmliſchen Hallen.— Bedecket wieder die heiligen Gebeine!“ Zehntes BZuch. Das Opfer am Altare. Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Der gute Biſchof Alred, jetzt zum Erzbiſchof von York erhoben, war von Edward, der während Harolds Abweſenheit von einer ſchwe⸗ ren Krankheit befallen ward, von dem Sitze ſeiner Kathedrale abgeru⸗ fen worden. Dieſer Krankheit waren myſtiſche Vorahnungen der ſchlimmen Tage, welche England nach ſeinem Tode heimſuchen würden, vorangegangen und gefolgt, und der König hatte deßhalb den beſten und geachtetſten Prälaten ſeines Reichs zu ſich berufen, um ſich bei ihm Raths zu erholen. Der Biſchof war ſpät Abends von ſeinem Beſuche beim König in d nung und denk lich anm in ſe einſt als dann wild Aug Auf lich Hau Söl Har dem ſpri Has mei Kit Leſ ſeſß Fa 429 längſt in deſſen ländlichem Pallaſte zu Havering nach ſeiner Londoner Woh⸗ noch nung(einer Benediktiner Abtei, nicht weit von Aldgate) zurückgekehrt 3 der und ſaß allein in ſeiner Zelle über die Unterredung mit Edward nach⸗ denkend, welche ihn offenbar ſehr angegriffen hatte, als die Thüre plötz⸗ chau⸗ lich aufgeriſſen und der Mönch, der den neuen Ankömmling förmlich anmelden wollte, haſtig bei Seite geſchoben wurde, worauf ein Mann dlung in ſo beſchmutzter Reiſetracht und von ſo unordentlichem Ausſehen her⸗ Reli⸗ einſtürzte, daß Alred ihn anfänglich für einen Fremden hielt und erſt, odten als der Beſuch ſprach, den Earl Harold in ihm erkannte. Und ſelbſt ihn dann ſchien er eher der Geiſt des Earls, als dieſer ſelbſt zu ſeyn, ſo ligen wild war ſein Auge, ſo finſter die Stirne, ſo bleich ſeine Wange. Die Thüre vor dem Mönch verſchließend, blieb der Earl einen Augenblick auf der Schwelle ſtehen, während ſeine Bruſt unter einer Aufregung kämpfte, die er vergeblich zu bemeiſtern ſtrebte, bis er plöͤtz⸗ lich dem Prälaten zu Füßen eilte und unter lautem Schluchzen ſein Haupt in deſſen Schooße barg. Der gute Biſchof, der ſämmtliche Söhne Godwins von ihrer Kindheit an gekannt hatte, und welchem Harold ſo theuer wie ein eigener Sohn war, faltete ſeine Hände über dem Haupte des Earls und wollte ihn durch einen leiſen Segens⸗ ſpruch beſänftigen. „Nein, nein,“ rief der Earl aufſpringend und das flatternde Haar aus den Augen ſtreichend.„Segne mich noch nicht! Höre erſt meine Erzählung und dann ſage, welchen Troſt, welche Zuflucht Deine ben, b Kirche gewähren kann!“ hwe⸗ V In haſtigen Worten erzählte der Earl nunmehr die traurige, dem eru⸗ Leſer bereits bekannte Geſchichte— wie er zu Belrem gefangen ge⸗ der ſeſſen, an Williams Hofe zurückgehalten worden, die Beſorgniſſe, die den, Fallſtricke, die Unterredung am Flußufer, den Schwur über den Reli⸗ eſten quien, worauf er alſo fortfuhr:„Ich befand mich in der friſchen Luft, bei und erſt als das Sonnenlicht mich traf, wußte ich, was in meiner Seele vorgegangen ſeyn mochte. Ich war vorher wie ein Leichnam, den eine nig Hexe von den Todten erweckt und mit einem fremden Geiſte begabt, — 430 der lebenähnlich und doch nicht lebend, willenlos ihrer Hand gehorcht. Dann erſt war mir, als ob ein Dämon mit ſpöttiſchem Lachen über die ſchlimmen Dinge, wozu er das Werkzeug getrieben, meinen Leib verlaſſen hätte. O Vater, Vater! gibt es keine Abſolution von dieſem Schwure— einem Schwure, den ich nicht halten darf? Lieber bin ich meineidig, als daß ich mein Land verrathe!“ Das Antlitz des Prälaten war ſo bleich wie Harolds, und es dauerte einige Augenblicke, bis er erwiedern konnte: „Die Kirche kann binden und löſen— ſo will es die ihr über⸗ tragene Gewalt. Aber ſprich weiter— was ſagteſt Du zuletzt zu William?“ „Ich weiß es nicht, erinnere mich nicht— bis auf dieſe wenigen Worte. Nun ſo gib mir denn diejenigen, um derentwillen ich mich in Deine Gewalt begeben; laß mich Haco ſeinem Vaterlande und Wolnoth dem Kuſſe der Mutter wieder geben, und meinen Weg in die Heimath antreten!'— Heilige des Himmels! Was war die Antwort, die dieſer ſchurkiſche Normanne mit ſeinem gleißenden Auge und dem vergifteten Lächeln mir ertheilte? Haco ſollſt Du haben, denn er iſt eine Waiſe, und eines Oheims Liebe iſt nicht ſo heiß, daß ſie noch in der Entfernung glühte; aber Wolnoth, Deiner Mutter Sohn, muß bei mir bleiben als Geiſel für Deine eigene Treue. Godwins Geiſeln ſind frei; Harolds Geiſel behalte ich; es iſt blos eine Form, aber dieſe Formen ſind die Bürgſchaften der Fürſten.“ Ich ſah ihn an und ſein Auge wich zurück. Und ich ſagte: das iſt nicht in unſerem Ver⸗ trag. Und William antwortete:„Nein; aber es iſt das Siegel deſſel⸗ ben.“ Da wandte ich mich von dem Herzog ab, rief meinen Bruder zu mir und ſprach: Wegen Deiner bin ich über die See gekommen. Beſteige Dein Roß und reite neben mir, denn ich will das Land nicht ohne Dich verlaſſen.) Und Wolnoth antwortete: Nein; Herzog William ſagt mir, daß er Verträge mit Dir geſchloſſen habe, für die ich als Geiſel zurückbleiben ſoll; die Normandie iſt mir eine Hei⸗ math geworden, und ich liebe William wie meinen Herrn. Hitzige W 3 431 orcht. Worte folgten; ich ſchalt Wolnoth; dieſer aber war taub für Bitten Veber und Befehle, und ließ mich erkennen, daß ſein Herz nicht mit England Leib ſey!— O Mutter, Mutter, wie ſoll ich Dir vor Augen treten! So iaſem kehrte ich mit Haco zurück. In dem Augenblicke, da ich meinen Fuß e bin auf engliſchen Boden ſetzte, ſchien die Geſtalt meines Vaterlandes aus V den hohen Klippen emporzuſteigen und ihre Stimme in den Winden nd es mit mir zu reden. All' der Zaubertrug, durch den ich gefeſſelt wor⸗ 4 den, verließ mich, und ich ſprang empor, voll Verachtung die Furcht über⸗ vor den Todtengebeinen mit Füßen tretend.— Elende Argliſt des zt zu Verführers. Hätte mein einfaches Wort mich gebunden, oder wäre 4 dieſes Wort nach reiflicher Ueberlegung durch den gewöhnlichen Eid⸗ igen ſchwur zu Gott bekräftigt worden— das Band für meine Seele wäre mich weit ſtärker, als dieſe niedrige Ueberraſchung, die verdeckten Fall⸗ und ſtricke, die Beſchimpfung und der höhnende Betrug. Während ich n die aber dahinritt, verfolgte mich der Schwur— bleiche Geſpenſter ſtie⸗ vort, gen hinter mir auf's Roß, geiſterhafte Finger deuteten aus den Wol⸗ dem ken, und plötzlich, o mein Vater— ich, der ich, wie Du nur zu wohl et iſt weißt, in meinem einfachen aufrichtigen Glauben, mein Gewiſſen ch in nie unterwürfig unter Kirche und Prieſter gebeugt— ich fühlte plötz⸗ muß lich die Stärke einer Macht, welche ein ſichererer Führer iſt, als dieſes iſeln hochmüthige Gewiſſen, das mich in der Stunde der Noth verrathen aber hat! Ich erkannte jetzt jenes höchſte Tribunal, jenen Mittler zwiſchen und Himmel und Menſchen, dem ich mich mit dem grauenvollen Geheim⸗ Ver⸗ niß meiner Seele nahen und zu dem ich ſprechen kann, wie ich jetzt eſſel⸗ V Dir, o Vater, auf meinen Knieen zurufe— Vater, heiße mich ſter⸗ uder ben, oder erlöſe mich von meinem Eide!““ men. Da erhob ſich Alred und erwiederte:„Bedürfte ich der Aus⸗ nicht flüchte, o Sohn, ſo würde ich ſagen, daß William dadurch, daß er die rzog Geiſel gegen den Sinn des fündigen Vertrags zurückbehalten, Deine für Verbindlichkeit ſelber gelöst hat; daß ſogar in den Worten des Eids Hei⸗— wofern Gott Dir hilft'— Deine Freiſprechung liege. Gott bige hilft keinem Kinde zum Vatermord— und Du biſt Englands Kind! 132 Doch die Spitzfindigkeit der Schule iſt hier eine Niedrigkeit. Klar iſt das Geſetz, daß die Kirche das Recht hat, ſolche Eide, welche durch Betrug und Furcht erzwungen werden, zu löſen; noch klarer das Geſetz Gottes und der Menſchen, daß es eine tödtlichere Sünde iſt, einen Eid zur Begehung eines Verbrechens zu halten, als ihn zu brechen. Darum abſolvire ich Dich— nicht von der Miſſethat eines Gelübdes, das Du, wenn Du mehr auf Gottes Vorſehung und weniger auf die eitle Stärke und den beſchränkten Verſtand des Menſchen vertraut hätteſt, ſogar um Englands willen niemals geleiſtet, ſondern Dein Vaterland den Engeln überlaſſen hätteſt— ich ſage, ich abſolvire Dich nicht von dieſer Sünde, ſondern will erſt ſpäter entſcheiden, welche Buße und Sühne für deren Begehung auszuſprechen; aber im Namen der Allmacht, deren Prieſter ich bin, verbiete ich Dir, jenen Eid zu erfüllen; ich löſe und abſolvire Dich von jeder Verbindlichkeit hiezu. Wenn ich hierin meine Autorität als römiſcher Prieſter überſchreite, ſo erfülle ich blos meine Pflichten als Menſch und nehme die Verant⸗ wortung auf dieſe grauen Haare. Vor dieſem heiligen Kreuz kniee mit mir nieder, mein Sohn, und bete, daß ein Leben der Tugend und Wahrhaftigkeit die Verirrung einer Stunde ſühnen möge.“ Und vor dem Crueiſixe kniete der Krieger und der Prieſter. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Harolds ſtürmiſche Sehnſucht, ſich ganz in die Arme der Kirche zu werfen, und aus dem Munde des reinſten und weifeſten ihrer ſäch⸗ ſiſchen Prieſter ſein Urtheil zu vernehmen, hatte alle anderen Ge⸗ danken aus ſeiner Seele verſcheucht. Hätte der Prälat ſein Gelübde unverbrüchlich gefunden— er wäre eher den Tod eines Römers geſtor⸗ ben, als daß er eines Verräthers Leben gelebt hätte. Auffallend in der That war die Umwälzung im Charakter dieſes Mannes, der, ſonſt ſo ſſelbſtzuverſichtlich ſich ſeither als den einzigen Richter ſeiner ſelbſt anerkennend, nunmehr das ganze Leben ſeines Lebens an das Wort eines danke Ehrg dieſe eigen Son ſeine Spri Beſec zwar der! da g der und dieſe den Rel⸗ faſſt irru die lore Ver wac beh den leh zeit wie un un 433 eines klöſterlichen Glatzkopfes gebunden erachtete. Alle anderen Ge⸗ danken— Heimath, Mutter, Editha, König, Macht, Politik und eſet Ehrgeiz— ſie alle waren vor dieſem feurigen Drange gewichen! Bis iinen dieſe Laſt von ſeiner Seele genommen war, betrachtete er ſich in ſeinem en. eigenen Geburtslande als einen Geächteten. Wie aber die nächſte des, Sonne emporſtieg und jene grauenvolle Bürde von ſeinem Herzen und die ſeinem Daſeyn genommen war— als ſein eigener ruhiger Sinn den -raut Spruch des Prieſters ſanktionirte— als er ſich(wenn auch mit tiefer Hein Beſchämung und nagender Reue bei der Erinnerung an das Gelübde) 4 Dich zwar nicht von der Schuld, es eingegangen zu haben, aber doch von lche der todtlicheren Sünde, es vollziehen zu müſſen, entlaſtet fühlte— men da gewannen alle Zwecke des Daſeyns in ſeinem der Menſchheit wie⸗ d zu der geſchenkten Herzen von Neuem ihr natürliches, zwar gereinigtes ſiezu. und geſänftigtes, aber immer noch lebhaftes Intereſſe. Aber von eite, dieſer Zeit an war Harolds ſtrenge Philoſophie und ſtoiſche Moral in ant⸗ den Staub geworfen; neugeſchaffen gleichſam durch den Odem der niee Religion, adoptirte er ihre Grundſätze ſogar in der unklaren Auf⸗ und faſſung ſeines Zeitalters. Das Geheimniß ſeiner Schande, die Ver⸗ irrung ſeines Gewiſſens demüthigte ihn. Dieſe ungelehrten Mönche, die er ſo ſehr verachtet hatte— wie hatte er ſo ganz das Recht ver⸗ loren, ſich über ihre Kontrole zu ſtellen! Wie hatte die Stunde der Verſuchung ſeine Weisheit, ſeine Stärke und ſeinen Muth ſo unbe⸗ wacht gefunden! rche Ja, flehte er, möchte die Zeit kommen, wo England ſeiner ent⸗ äch⸗ behren könnte, damit er gleich dem geächteten Sweyn als Pilger nach Ge⸗ dem heiligen Grabe wallen und dort, wie der Glaube des Zeitalters bde V lehrte, für die einzige Sünde ſeines wahrhaftigen Lebens volle Ver⸗ tor⸗ zeihung erwerben und den alten Frieden ſeines mackelloſen Gewiſſens in wieder gewinnen könnte!. onſt Es gibt zuweilen Ereigniſſe und Epochen im Leben der kühnſten lbſt und vernünftigſten Menſchen, wo dieſe mit Gewalt zum blindeſten ort unterwürfigſten Glauben getrieben werden, wie der Sturm die Schwin⸗ Bulwer, Harold. 28 434 gen der Schwalbe über die unermeßliche See hinjagt, bis ſie gezähmt und ihrer Zuflucht froh auf die Segel eines einſamen Schiffes nieder⸗ fällt— Epochen, wo Schwierigkeiten, gegen welche die Vernunft gelähmt ſcheint, ihn der Verzweiflung anheimgeben— wo Finſterniß⸗ undurchdringlich für die Erfahrung, das Gewiſſen umhüllt, wie die plötzliche Nacht den Wanderer in der Wüſte überfällt— wo der Irr⸗ thum ſeinen Fuß in unentwirrbare Netze verſtrickt— wo er, immer noch das Rechte wünſchend, einzig nur die Wahl des Schlimmen vor ſich ſieht und der Engel der Vergangenheit mit dem Flammenſchwerte die Pforten der Zukunft vor ihm verſchließt. Dann dringt der Glaube mit dem Licht aus den Wolken auf ihn ein; dann klammert er ſich an's Gebet, wie ein Ertrinkender an die Planke; dann erſt ergreift jene feierliche Autorität, welche den Prieſter als Dolmetſcher zwiſchen Seele und Gottheit bekleidet, das vor Schrecken und Freude zitternde Menſchenherz; dann erſt vermag jene räthſelhafte Erkenntniß der Buße, des Opfers und der reinigenden Sühne— ein Räthſel, das im Herzen aller Religionen verborgen liegt— das Zürnen der Vergangenheit zu ſänftigen und das Flammenſchwert von der Zukunft zu entfernen. Oreſtes entrinnt den hetzenden Furien und folgt dem Orakel zu der Stelle, wo der reinigende Thau auf den entſühnten Verbrecher herab⸗ ſinken wird. Wer niemals an ſich ſelbſt oder an Anderen dieſe auffallende Kriſis im menſchlichen Schickſale erfahren hat, kann die Kraft wie die Schwäche, welche aus ihr hervorgehen, nicht beurtheilen; ehe er aber ſolches vermag, wird ihm der geiſtige Theil aller Geſchichte ein leeres Blatt, ein verſiegeltes Buch bleiben. Er kann nicht begreifen, was den trotzigen Heiden reumüthig und demuthsvoll in die Hürde der Kirche getrieben; was einſt Egypten mit Eremiten bevölkert; was die Straßen von Europa und Aſien mit ſelbſtmörderiſchen Pilgern er⸗ füllte; was in der alten Welt, da Zeus noch im Olymp regierte, in der düſtern Mythe von der Sühnung des Freudengottes Apoll durch ſeine Reiſe in den Hades verborgen liegt, oder warum der Sünder 2 ihmt eder⸗ unft -rniß, ſe die Irr⸗ nmer r ſich werte aube an’s jene ſchen ſernde Buße, erzen eit zu rnen. u der erab⸗ lLlende ie die aber eeres was 2e der s die n er⸗ „ in durch inder 435 mit frohem leichtem Herzen von dem heilenden Reinigungsopfer zu Eleuſis zurückkehrte. An all' dieſen feierlichen Räthſeln der griechi⸗ ſchen Götterwelt wie des Chriſtenthums klebt das gebieteriſche Be⸗ dürfniß des Menſchen nach Reue und Verſöhnung; durch ihre Wolken ſchimmert wie ein Regenbogen der Bund, der den Gott mit den Men⸗ ſchen verſöhnt. Von nun an zog das Leben den wiedererwachenden Harold mit ſtarken Armen an ſich. Die Nachricht ſeiner Rückkehr hatte ſich be⸗ reits durch die Stadt verbreitet, und ſein Gemach wimmelte von freu⸗ dig bewillkommenden ergebenen Freunden. Sobald die erſten Glück⸗ wünſche vorüber waren, hatte jeder ſeine beſonderen Zeitungen zu melden, welche des Earls unmittelbare Aufmerkſamkeit verlangten, denn ſeine Abweſenheit hatte hingereicht, um die Bande dieſes locker verwobenen Reiches faſt gänzlich zu löſen. Der ganze Norden ſtand in Waffen. Northumbrien hatte ſich gegen Toſtigs tyranniſche Grauſamkeit empört; die Aufrührer waren gegen York marſchirt und Toſtig hatte voll Beſtürzung die Flucht er⸗ griffen, Niemand wußte wohin. Algars Soͤhne waren aus ihren Veſten in Mercia hervorgebrochen und ſtanden jetzt in den Reihen der Northumbrier, welche, wie es hieß, den älteren, Morcar, an Toſtigs Statt erwählt hatten. Zu dieſen Unglücksfällen kam noch, daß des Königs Geſundheit raſch dahinſchwand; ſeine Seele ſchien zerſtreut und verwirrt; düſtere ominöſe Reden, die ihm in ſeinen myſtiſchen Viſionen und Träume⸗ reien entſchlüpft waren, hatten ſich verbreitet, und wanderten jetzt— natürlich ſtark übertrieben— von Mund zu Munde: das ganze Land war in einem Zuſtande düſterer unklarer Beſorgniß. Jetzt aber, da Harold, der große Earl, da war, mußte Alles wieder gut gehen. Harold der Standhafte, der Weiſe, der Geliebte, war wieder in ſein Vaterland zurückgekehrt! Indem Harold ſich für England alſo nothwendig fühlte und Aller Augen, Aller Hoffnungen und Herzen auf ſich und ſich allein gerichtet 28* 436 ſah, ſchüttelte er die ſchlimmen Erinnerungen von ſeiner Seele, wie der Löwe den Thau von ſeiner Mähne ſchüttelt. Sein Verſtand, der auf einem ihm fremden Schauplatze nur düſter und unter Rauchwolken gebrannt zu haben ſchien, erhob ſich mit einem Male wieder gefaßt auf alle Vorkommniſſe. Seine Worte beruhigten die Muthloſeſten; ſeine Befehle waren raſch und entſcheidend, und während ſeine Boten und Kouriere nach allen Richtungen jagten, ſprang er ſelbſt auf's Pferd und ritt eiligſt nach Havering. Endlich kam ihm dieſer ſüße Aufenthalt, lieblich wie eine Laube im Blüthenmeer eines Gartens, vor Augen. Hier war Edwards Lieb⸗ lingsſitz, den er ſich, durch ſeine Waldeinſamkeit und das üppige Grün angezogen, für ſeine Privatandacht erbaut hatte. Hier ging die Sage, daß ihn einſt Nachts, als er mit Gedanken an den Himmel durch die ſchweigenden Lichtungen wandelte, der laute Geſang der Nachtigallen in ſeiner Andacht ſtörte, worauf er voll Aerger und Ungeduld betete, daß die Muſik verſtummen möge, ſeit welcher Zeit man nie mehr eine Nachtigall in den Schatten von Havering vernommen hatte. Sobald er das in den melancholiſchen aber reichen Farben des Herbſtes prangende Waldland hinter ſich hatte, erreichte Harold die niedere und beſcheidene Pforte des hölzernen Gebäudes, das mit Schlingpflanzen und Epheu ganz überdeckt war. Wenige Minuten ſpäter ſtand er vor dem König. Edward erhob ſich mit Mühe von dem Lager, auf dem er unter einem von Säulen getragenen und von den geſchnitzten Sinnbildern der ſchönen Thürme von Jeruſalem überragten Thronhimmel ruhte, und ſein mattes Antlitz erhellte ſich bei Harolds Anblick. Hinter dem König ſtand ein Mann mit einer däniſchen Streitaxt in der Hand, der Anführer der königlichen Leibwache, der ſich auf ein Zeichen des Königs entfernte. „Du biſt zurückgekommen, Harold,“ ſprach Edward mit ſchwacher Stimme, und als der Earl ſich näherte, konnte er nur mit Gram und Erſchütterung die Veränderung in deſſen Antlitze bemerken;„Du biſt 437 zurückgekommen, um dieſer erſtarrten Hand zu helfen, welcher der ir⸗ diſche Scepter mit Nächſtem entſinken wird. Stille! denn es iſt ſo, und ich freue mich deſſen.“ Dann prüfte er Harolds Züge, die von der neulichen Erſchütterung noch ganz bleich und wegen der Trauer um den König betrübt waren und fuhr fort:„Nun, Du Mann dieſer Welt, der voll Vertrauen auf ſeine eigene Stärke und auf die Treue von Weltkindern, wie Du ſelbſt, davonzogſt— waren meine Warnun⸗ gen prophetiſch, oder biſt Du mit Deiner Sendung zufrieden?“ „Ach leider!“ ſeufzte Harold traurig,„Deine Weisheit war grö⸗ ßer als meine, o König, und arge Schlingen wurden mir und unſerem Vaterlande gelegt unter dem Vorwande eines Verſprechens, das Du dem Grafen William gegeben, wornach er, falls er Dich überlebte, in England regieren ſolle.“ Edwards Miene wurde unruhig und verlegen, und er ſtammelte: „Als ich die Geſetze von England nicht kannte noch wußte, daß ein Reich nicht wie Haus und Heerde durch einfaches Teſtament vererben kann, mag ein ſolches Verſprechen meinen auf irdiſche Dinge nie allzu ſehr gerichteten Gedanken wohl entſchlüpft ſeyn. Auch wun⸗ dere ich mich nicht, daß meines Vetters Sinn weltlicher und habſüch⸗ tiger als der meine iſt, und in der That ſehe ich aus dieſen vagen Worten und aus Deinem Beſuche die Zukunft düſter und blutgeröthet emporſteigen.“ Edwards Augen wurden jetzt verſchloſſen und in ſich gekehrt und ſtarrten ins Weite; aber ſelbſt dieſe Träumerei, ſo ſehr ſie ihn mit Grauen erfüllte, erleichterte Harold von vieler Unruhe, denn er ſchloß ganz richtig, daß Edward beim Erwachen die näheren Umſtände und Gewiſſenszweifel, worin, wie er wohl fühlte, dieſer Hauptverehrer von Reliquien kein paſſender Richter war, nicht ferner von ihm zu hören verlangen würde. Als der König mit ſchwerem Seufzer ſeine Rückkehr aus der Traumwelt zu erkennen gab, bot er Haxold ſeine abgemagerte durch⸗ ſichtige Hand und ſprach: 4 „Du ſiehſt den Ring an dieſem Finger; er kommt mir von Oben als ein gnädiges Pfand, auf daß ſich meine Seele zum Tode vorbereite. Du haſt vielleicht gehört, wie einſt ein betagter Pilgrim mich auf meinem Wege vom Gotteshauſe mit der Bitte um Almoſen anhielt, und ich, der ich ſonſt nichts bei mir hatte, einen Ring vom Finger zog und ihm gab, worauf der alte Mann mit einem Segenswunſche ſeines Weges weiter zog?“ „Ich erinnere mich wohl Deiner milden Barmherzigkeit,“ erwie⸗ derte der Earl;„denn der Pilger verbreitete das Gerücht unterwegs und es wurde viel darüber geſprochen.“ „Das war ſchon vor Jahren,“ fuhr der König mit ſchwachem Lächeln fort.„Dieſes Jahr will es der Zufall, daß einige Engländer auf ihrem Wege vom heiligen Lande mit zwei Pilgrimen zuſammen⸗ treffen, die ſich angelegentlich nach mir erkundigen. Einer von ihnen, ein Mann mit ehrwürdigem wohlwollendem Geſicht, bringt einen Ring zum Vorſchein und ſagt: wenn Du England erreichſt, ſo gib ihn dem König zu eigenen Händen und verkünde ihm bei dieſem Pfande, daß er am Dreikönigsabend bei mir ſeyn wird. Für das, was er mir geſchenkt, will ich ihm unbegränzten Lohn bereiten und ſchon decken die Heiligen dem neuen Ankömmling die Hallen, wo der Wurm niemals nagt noch die Motte frißt.) Und wer, fragten meine Unterthanen erſtaunt, wer, ſollen wir ſagen, habe alſo mit uns geſprochen 2 Und der Pilgrim antwortete: Er, an deſſen Bruſt der Sohn Gottes ruhte — mein Name iſt Johannes!— Hiemit war die Erſcheinung ver⸗ ſchwunden.“* Dies iſt der Ring, den ich dem Pilger gab, und der mir vierzehn Tage nach Deinem Abgange auf wunderbare Weiſe wieder zu Händen kam. Darum, o Harold, iſt meine Zeit hienieden nur kurz und ich bin froh, daß Dein Kommen mich der Staatsſorgen entledigt und mir erlaubt, meine Seele auf jenen Freudentag vorzubereiten!“ * Ail. de Vita Edw. Viele andere Chroniſten erwähnen dieſer Legende⸗ welche ſogar die Steine der Weſtminſterabtei in den über dem Bogen der Dekansecke befindlichen Statuen Edwards und des Pilgers wiederholen. arglif ſchwo furch leiter umſo ihn! ſcher ſtärk Tag Das hat verg Bru nim thu mit Thr vor wo we do kär da⸗ V er n * 439 Harold, welcher ſogleich unter dieſer unglaublichen Botſchaft einen argliſtigen Plan des Normannen vermuthete, um den König, deſſen ſchwache Geſundheit er wohl kannte, durch dieſe Warnung an ſein furchtſames Gewiſſen zur Erfüllung ſeines alten Verſprechens zu ver⸗ leiten— Harold, der, wie geſagt, ſo Schlimmes vermuthete, verſuchte umſonſt des Königs Ahnungen zu bekämpfen, denn Edward unterbrach ihn mit unwilliger Feſtigkeit in Blick und Ton: „Komme mir nicht, um mit Deinen menſchlichen Gründen zwi⸗ ſchen meine Seele und den himmliſchen Boten zu treten; bereite und ſtärke Dich lieber auf die grauſigen Nöthen, die Dich in den kommenden Tagen begrüßen werden! Alle zeitlichen Dinge ſeyen Dir anvertraut. Das ganze Land iſt im Aufruhr. Anlaf, den Dein Eintreten verſcheuchte, hat mich ſo eben mit trüben Erzählungen von Verheerung und Blut⸗ vergießen ermüdet. Geh' und höre ihn— höre die Boten Deines Bruders Toſtig, welche draußen in unſerer Halle warten— geh', nimm Schild und Streitaxt und die Männer des irdiſchen Kriegs, und thue Recht und Gerechtigkeit; bei Deiner Rückkehr ſollſt Du ſehen, mit welch' himmliſchem Entzücken ein chriſtlicher König von ſeinem Throne ſich emporſchwingen kann.— Gehe!“ Tiefer erſchüttert und mehr beſänftigt, als er in früheren Tagen von Edwards aufrichtiger wenn auch fanatiſcher Frömmigkeit ergriffen worden, wandte ſich Harold bei Seite, um ſein Geſicht zu verbergen. „Wollte Gott, o königlicher Edward, daß mein Herz unter ſeinen weltlichen Sorgen ſo rein und heiter wie das Deine wäre! Was je⸗ doch ein irrender Sterblicher zum Schutze dieſes Reiches und zur Be⸗ kämpfung der Uebel, die Du in der Ferne vorausſiehſt, thun kann,— das ſoll geſchehen; vielleicht wird dann in meiner Todesſtunde Gottes Verzeihung und Friede auch auf mich herabſteigen!“ Mit dieſen Worten ſchied er. Die Berichte, die er von Anlaf, einem anglo⸗däniſchen Veteranen erhielt, lauteten in der That beunruhigender, als er ſie bis jetzt ver⸗ nommen hatte. Algars kühner Sohn Morcar war von den Rebellen 440 „ bereits zum Earl von Northumbrien ausgerufen, und die Diſtrikte von Nottingham, Derby und Lineoln hatten ihre kriegeriſche däniſche Bevölkerung zu ſeinen Gunſten aufgeboten. Unter ſeinem Bruder Edwin ſtand ganz Mercia in Waffen und viele von den cymriſchen Häuptlingen hatten ſich bereits mit dem Bundesgenoſſen des ermorde⸗ ten Gryffyth vereinigt. Der Earl verlor keinen Augenblick mit Verkündung des Heer⸗ bannes; Pfeilbündel wurden geſpalten und die Splitter als Verkün⸗ diger des Aufgebots von Than zu Than, von Stadt zu Stadt geſendet. Friſche Boten flogen zu Gurth, damit er die ganze Macht ſeiner eige⸗ nen Grafſchaft verſammle und in Eilmärſchen nach London führe. Sobald dieſe Vorbereitungen getroffen waren, kehrte Harold in die Hauptſtadt zurück, um als nächſte Sorge aber mit ſchwerem Herzen ſeine Mutter aufzuſuchen. Githa war ſchon auf ſeine Nachrichten vorbereitet, denn Haco war aus eigenem Antrieb zu ihr gegangen, um die erſte Erſchütterung der Enttäuſchung auf ſich zu nehmen. Der Jüngling hatte einen ge⸗ räuſchloſen Scharfblick an ſich, der für Harold immer wie eine Vor⸗ ſehung zu ſorgen ſchien; mit ſeiner düſteren nie lächelnden Wange und der finſteren Schönheit ſeines Antlitzes, die ſich gleichſam unter der Schwere eines unſichtbaren Fluches beugte, hatte er ſich bereits mit dem Schickſale des Earls unauflöslich als deſſen Engel— aber als ein Engel der Finſterniß— verbunden. Zu Harolds großer Erleichterung ſtreckte ihm Githa beim Ein⸗ tritte die Hände entgegen und rief: „Es iſt Dir nicht gelungen, aber gegen Deinen Willen! Gräme Dich nicht; ich bin zufrieden!“ „Dafür ſey die heilige Jungfrau geprieſen, Mutter—“ „Ich habe ihr erzählt,“ erklärte Haco, der mit gekreuzten Armen beim Feuer ſtand, deſſen Flamme ſein farbloſes Geſicht mit den Raben⸗ haaren in fantaſtiſchem Spiele röthete;„ich habe Deiner Mutter er⸗ 1 zählt, nem aus d der l noth des Feue flacke die meit len ſuch mit Ker daß in ſ blu⸗ nich 4 4¹ 8 zählt, daß Wolnoth ſeine Gefangenföaſt ſebi und Freude hat an ſi⸗ nem Käfig. Sie hat Troſt geſchöpft aus meinen Worten.“ „Nicht allein aus den Deinen, Du Sohn von Speyn, ſondern aus denen des Schickſals, denn vor Deiner Aninft flehte ich— entgegen der lange verblendeten Sehnſucht meines Herzens— flehte, daß Wol⸗ noth die See nicht mit ſeinen Verwandten durchkreuzen möge.“ „Wie!“ rief der Earl erſtaunt. Githa nahm ſeinen Arm und führte ihn nach dem hinteren Ende des weiten Gemaches, als ob ſie von Haco, der ſein Geſicht gegen das Feuer wendete und mit nachſinnenden Blicken, ohne zu blinzeln, in die flackernde Flamme ſchaute, nicht gehört ſeyn wollte. „Konnteſt Du glauben, Harold, daß ich während Deiner Reiſe, die meine Beſorgniß und Hoffnung vollauf beſchäftigte, brütend in meinem Stuhle ſitzen und die Stiche an den wehenden Tapeten abzäh⸗ len könnte?— Nein; Tag für Tag habe ich Hilda's Belehrung ge⸗ ſucht und Nachts habe ich beim Brunnen, an der Ulme und am Grabe mit ihr gewacht; ich weiß, daß Du ſchlimme Gefahren beſtanden, daß Kerker, Krieg und Fallſtricke zu überwinden waren, und ich weiß auch, daß Wolnoths Leben durch ſeine Fylgia gerettet wurde, denn wäre er in ſein Geburtsland zurückgekehrt, ſo wäre es nur geſchehen, um ein blutiges Grab zu finden!“ „Hat Hilda das geſagt?“ fragte der Earl nachdenklich. „So ſpricht die Vala, die Rune und die Scin⸗laeca! und ſo lautet der Spruch, der nunmehr die Stirne Haco's verfinſtert! Siehſt Du nicht, daß die Hand des Todes in dem Schweigen der traurigen Lippe, in dem Glanze des freudenloſen Auges liegt?“ „Nein, es iſt nur das Nachdenken, das dem gefangenen Jünglinge angeboren und in einſamen Träumen genährt worden. Du haſt Hilda geſehen?— Und Editha, meine Mutter? Editha iſt—“ „Wohl,“ erwiederte Githa freundlich, denn ſie ſympathiſirte mit Harolds Liebe, welche Godwin verdammt haben würde,„nur ſchwebte ſie in tiefem Kummer nach Deiner Abreiſe und pflegte oft Stunden 442 — laug wehklagend in den leeren Raum hinauszuſtarren. Aber noch ehe ſogar Hilda Deine ſichere Rückkehr ahnte, wußte ſie Editha bereits: ich war damals bei ihr; ſie ſprang auf und rief: Harold iſt in Eng⸗ land!— Wie? Warum glaubſt Du ſo?' fragte ich. Und Editha antwortete: ich fühle es an der Berührung der Erde, an dem Hauche der Luft.— Das iſt mehr als Liebe, Harold. Ich kannte ein Zwillings⸗ paar, das mit demſelben Inſtinkte das gegenſeitige Kommen und Gehen empfand und ſogar in der Abweſenheit ſich gegenwärtig war: Editha iſt der Zwilling Deiner Seele. Du gehſt jetzt zu ihr, Harold: Du wirſt Deine Schweſter Thyra bei ihr finden. Das Kind hat in neuerer Zeit abgenommen, und ich erſuchte Hilda, ſie mit Zauber und Kräutern wieder zu beleben. Du wirſt zurückkommen, ehe Du Deinem Bruder Toſtig zu Hülfe eilſt, und mir erzählen, ob es Hilda bei meinem krän⸗ kelnden Kinde gelungen iſt?“ „Das will ich, meine Mutter. Erheitere Dich: Hilda iſt eine geſchickte Amme. Und nun nimm meinen Dank, daß Du mir das Mißlingen meiner Sendung, das Fehlſchlagen meines Verſprechens nicht zum Vorwurfe machteſt. Sogar Hilda's Prophezeiungen ſeyen ge⸗ ſegnet, da ſie Dich für den Verluſt Deines Lieblings tröſten!“ Mit dieſen Worten verließ Harold das Zimmer, beſtieg ſein Roß und ritt durch die Stadt gegen die Brücke. Er war genöthigt, lang⸗ ſam durch die Straßen vorzurücken, denn er wurde erkannt und Krä⸗ mer und Handwerker ſtürzten aus Häuſern und Buden, um den Mann des Landes und der Zeit zu begrüßen. „Alles iſt nun ſicher in England, denn Harold iſt zurückgekom⸗ men!“ So hieß es allgemein und die Leute ſchienen froh wie die Kin⸗ der des Seemannes, wenn er ſich mit naſſen Gewändern mitten im Sturm zum Ufer durcharbeitet. Freundlich und liebevoll waren Harolds Blicke und kurze Worte, während er mit abgenommenem Barret durch die wimmelnden Straßen weiter zog. Endlich hatte er Stadt und Brücke hinter ſich; die vergelbenden Zweige der Obſtgärten hingen über die nach dem Ninahenſs führende 85 Straß gender hatte. bleibe das noch hat j hinte Tod ling Auf daß plöt dem ſpre unb deſſ wer dan 448 Straße, als er, ſein Roß anſpornend, den Hufſchlag eines Verfol⸗ genden hinter ſich hörte und beim Umſchauen Haco gewahrte. „Was willſt Du, mein Neffe?“ fragte er die Zügel anziehend. „Dich!“ lautete Haco's kurze Antwort, ſobald er ihn erreicht hatte.„Deine Geſellſchaft.“ „Dank, Haco; aber ich bitte Dich, in meiner Mutter Hauſe zu bleiben, denn ich möchte gerne allein reiten.“ „Jage mich nicht von Dir, Harold! Dieſes England iſt für mich das Land des Fremdlings; in Deiner Mutter Hauſe fühle ich mich nur noch mehr verwaist. Von nun an habe ich mein Leben Dir geweiht, hat ja doch mein todter Vater dieſes Leben Dir als Fluch oder Segen hinterlaſſen; deßhalb klammere ich mich an Deine Seite— laß uns in Tod und Leben zuſammenhalten!“ Ein kalter Schauer überlief das Herz des Earls, als der Jüng⸗ ling alſo ſprach. Die Erinnerung, daß Haco's Rath ihn zuerſt zum Aufgeben ſeiner angebornen kühnen und tapferen Mannheit bewogen, daß er ihn veranlaßt hatte, Liſt mit Liſt zu erwiedern, wodurch er ſo plötzlich in ſeinen eigenen Netzen verwickelt worden war, hatte bereits dem Mitleid und der Zärtlichkeit für ſeines Bruders Sohn eine unaus⸗ ſprechliche Bitterkeit beigemiſcht. Er kämpfte jedoch gegen dieſes unbehagliche Gefühl als eine Ungerechtigkeit gegen den Jüngling, deſſen traurigem Rathe— ſo ſehr er ihn jetzt auch bereute— er wenigſtens ſeine Rettung und Befreiung mit Wahrſcheinlichkeit ver⸗ dankte, und erwiederte in ſanftem Tone: „Ich nehme Dein Vertrauen und Deine Liebe an, Haco! So reite denn mit mir; nur habe Nachſicht mit Deinem finſteren Kamera⸗ den, denn die Lippe iſt ſtumm, wenn die Seele mit ſich ſelbſt verkehrt.“ „Richtig,“ verſetzte Haco;„ich bin ohnehin kein Plauderer. Drei Dinge gibt es, welche immer ſchweigſam ſind: das Nachdenken, das Verhängniß und das Grab.“ So ritten Beide eilig neben einander, jeder ſeinen eigenen Ge⸗ danken nachhängend; die langen Schatten des abnehmenden Tages, 444 von den düſteren Waldbäumen und den fernen Hügeln herüberge⸗ worfen, kämpften mit einem ungewöhnlich klaren Himmel. Durch wechſelndes Licht und Dunkel ritten ſie weiter, während die Stiere aus Matten und Gehölzen zu ihnen herüberſchauten und der Schrei der Rohrdommel in ihren eigenthümlich klagenden Tönen laut wurde, wenn ſie von den ſeuchten Tümpeln, die in der Abendſonne glänzten, emporſtieg. Es war immer die Rückſeite des Hauſes, wo die mit dem Romane ſeines Lebens ſo eng verknüpfte Tempelruine ſtand, von welcher ſich Harold der Heimath der Vala näherte, und als ihnen jetzt der Hügel mit ſeinem melancholiſchen Diademe von Steinen zu Geſichte kam, brach Haco zum erſten Male das Schweigen. „Abermals— wie in einem Traume!“ ſagte er abgebrochen. „Hügel, Ruine, Grabmündung— aber wo iſt das hohe Bild der Mächtigen?“ „Haſt Du denn dieſe Stelle früher geſehen?“ fragte der Earl. „Ja, als Kind wurde ich von meinem Vater Sweyn hergeführt; hieher wanderte ich einſam an dem Abende, ehe ich nach der Norman⸗ die abzog, von Deinem Hauſe dort drüben, das durch die fallenden Blätter undeutlich zu gewahren iſt; und dort an jenem Altare ſang die große Vala des Nordens ihre Runen über meine Zukunft.“ „Ach! auch Du!“ murmelte Harold und fragte dann laut:„was ſagte ſie?“ „Daß Dein und mein Leben mit ihren Fäden ſich durchkreuzen; daß ich Dich aus einer großen Gefahr erretten und eine noch größere mit Dir theilen würde.“ „Ach, Jüngling,“ gab Harold bitter zur Antwort,„dieſe eitlen Prophezeiungen menſchlichen Witzes vermögen die Seele vor keiner Gefahr zu behüten. Sie verlocken uns durch Räthſel, die unſer un⸗ geſtümes Herz nach ſeinen eigenen Wünſchen auslegt. Halte Dich feſt an die einfache Weisheit der Jugend und vertraue einzig dem reinen Geiſte und Deinem wachſamen Gotte!“ 9 los lie hatte, gleicht Abhat Schöt licher rend die W gende Haco und hatte daß d Sch und bei! loſer noch hun Vol iſt gan e⸗ r — 445 Mit einem unterdrückten Seufzer ſprang er vom Pferde, das er los ließ, während er den Hügel hinanſtieg. Als er die Höhe erreicht hatte, machte er Halt und gab Haco ein Zeichen, daß er, welcher gleichfalls abgeſtiegen war, ſeinem Beiſpiele folgen ſolle. Halbwegs an dem gegen den zertrümmerten Periſtyl gewendeten Abhange gewahrte Haco ein Mädchen, noch jung und von einer Schönheit, welche Alles übertraf, was der normänniſche Hof an weib⸗ licher Lieblichkeit aufzuweiſen hatte. Sie ſaß auf dem Raſen, wäh⸗ rend ein jüngeres und kaum zur Jungſrau herangereiftes Mädchen, die Wange auf die Hand geſtützt, zu ihren Füßen lehnte und in ſchwei⸗ gender Aufmerkſamkeit zu lauſchen ſchien. In der Jüngeren erkannte Haco Githa's Letztgeborne, Thyra, obwohl er ſie früher nur einmal und zwar an dem Tage vor ſeinem Abſchiede von England geſehen hatte, denn das Geſicht des Mädchens hatte ſich wenig verändert, nur daß das Auge trüber und die Wange bleicher geworden war. Und in der ſtillen Herbſtluft ſang Harolds Verlobte ſeiner Schweſter Thyra eines jener Lieder über das myſtiſche Leben, den Tod und die Auferſtehung des fabelhaften Phönix vor, welches Thema bei den ſächſiſchen Dichtern zu den beliebteſten gehörte— ein reim⸗ loſer Geſang, der in ſeinem alten ihm angeborenen Fluſſe vielleicht noch jetzt vor modernen Ohren ſich einiger Gunſt erfreuen dürfte. Das Lied vom Phönir.* „Weit von hier ſcheinet — So ſingen die Alten— Fernhin nach Oſten Das ſchönſte der Länder. * Dieſes altſächſiſche Lied, offenbar aus dem zehnten oder eilften Jahr⸗ hundert datirend, findet ſich, von Mr. George Stephens mit wunderbarer Vollendung übertragen, in der Archäologie, Bd. XXX., S. 259. Im Texte iſt das Gedicht ſehr abgekürzt, mit feſtem Rhythmus und in einigen Stanzen ganz von dem Originale abweichend. Nichtsdeſtoweniger ſind wir Mr. Stephens 446 „Zierlich geputzt Iſt das theure Gefilde; Würzige Düfte Erfüllen die Haine. „Heil, dem ſich öffnen Die Thore des Himmels! Süß klingen nordwärts Die Wogen des Sangs. „Froſt trifft den Raſen Nimmer, noch Hagel; Wolke nie wandert, Gießend den Regen. „Hüter des Waldes, Mit Wundern umgürtet, Im Glanzesgefieder Sitzet der Phönix. „Menſchengebieter, Deſſ' Heimath die Lüfte, Tauſend der Winter Sitzet der Vogel. „Formlos und ſchwer wird Sein neblig Gefieder; 2 Mager und alt Im Wirbeln der Erde. „Hoch von der Waldſpitze Schwingt ſich der Vogel; Da wo der Wind ſchläft— Baut er ſein Neſt. für ſeine Uebertragung ſehr verpflichtet, aus der wir manche Zeilen wörtlich benützt haben. Der aufmerkſame Leſer wird alsbald bemerken, wie ein reim⸗ loſes Metrum durch Alliteration ſo weſentlich gewinnt. Faſt möchte ich glau⸗ ben, daß dieſes altſächſiſche Versmaß ſich nicht ohne Nutzen in unſerer na⸗ tionalen Muſe wieder einführen ließe. 447 „Harze, die köſtlichſten, Süßeſten Balſam, Würz'ge Gerüche Verwebt er ins Neſt. „Dort in der Sonn' arche Harret er ſehnend; Sommer kommt lächelnd Und küſſet den Fels. „Alterbeladen, Der Zeit überdrüſſig, Verbrennet der Vogel Langſam im Duftneſt. „Aus ſeiner Aſche Seltene Frucht wächst; Tief ihr im Herzen Birgt ſich ein Wurm. „Wonnige Netze Um und um webend, Stumm und beglückend Arbeitet der Wurm. „Schau, aus dem Luftgeweb, Blühend und glanzvoll, Jugendlich, jubelnd Der Phönix hervorbricht. „Ringsum die Vögel In ſtrahlenden Farben Sieht man, zu grüßen Engarland, den König. „Singend und preiſend Durch Wald und durch Lüfte, Singend und preiſend Und König ihn nennend. 448 „Hoch fliegt der König, Entronnen dem Wurmnetz, Schwingt ſich zum Sonnenlicht, Badet im Thau. „Sucht alte Stellen, Hügel und Wälder, Quellen der Jugend, Gefilde der Liebe. „Sterne des Firmaments,. Blüthen der Erde, Freuen ſich ſeiner Luſt, Durch ihn verjünget. „Und rings der Vögel Chor, Schaaren des Himmels, Prangend Gefieder, Schallender Sang. „Singend und preiſend, Erfüllend die Lüfte Mit Ruhm und Wohlklang, Dem Lobe des Königs.“ Als das Lied zu Ende war, bemerkte Thyra: „Ach, Editha, wer würde nicht gerne dem Holzſtoße Trotz bieten, um abermals gleich dem Phönix zu leben!“ „Süße Schweſter mein!“ gab Editha zur Antwort,„der Sänger will in dem Bilde des Phönix die Auferſtehung unſeres Herrn, in dem wir alle wiederaufleben, verſinnlichen.“ Und Thyra verſetzte traurig— „Aber der Phönir ſieht noch einmal die Lieblingsſtellen ſeiner Ju⸗ gend— die Dinge und Orte, die ihm in ſeinem früheren Leben theuer waren. Werden wir daſſelbe thun, o Editha?“ „Nur die, ſo wir lieben, verſchönern die Stellen, die wir gekannt haben,“ gab die Verlobte zur Antwort.„Jene Geliebten wenigſtens werden wir wiederſehen und wo ſie ſind— da iſt der Himmel.“ en, em ———Bꝛ;ÿ———— 44⁴49 Harold konnte nicht länger an ſich halten. Mit einem Sprunge ſtand er neben Edithen, mit einem wilden Freudenrufe ſchloß er ſie an ſein Herz. „Ich wußte, daß Du heute Nacht kommen würdeſt— ich wußte es, Haryld,“ murmelte ſeine Braut. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Während Harold und Editha Hand in Hand und ganz von ſich ſelbſt erfüllt durch die benachbarten Gänge wanderten— während der gequälte Mann die Geſchichte der einzigen Prüfung, aus welcher er beſiegt und mit Schande hervorgegangen war, in jene zarte Bruſt er⸗ goß, welche bei dieſer reinen edlen Verbindung das Vorrecht des Wei⸗ bes, zu tröſten und zu beſänftigen, ganz für ſich in Anſpruch genom⸗ men hatte— ſetzte ſich Haco neben Thyra nieder. Jedes der Beiden fühlte ſich auffallend zum Andern hingezogen, es lag eine gewiſſe Ver⸗ wandtſchaft in der düſteren Stimmung, die ſie miteinander theilten, nur mit dem Unterſchiede, daß die Trauer des Mädchens ſanft und re⸗ ſignirt, die des Jünglings aber ernſt und feierlich war. Sie unterhiel⸗ ten ſich flüſternd, und für ſo junge Leute war ihr Geſpräch allerdings befremdend genug, denn— ob nun Edithens Geſang oder die Nach⸗ barſchaft des ſächſiſchen Grabſteines, der ihnen grau und verwittert durch die Dämmerung in die Augen ſiel, die Veranlaſſung gegeben— das Thema, das ſie wählten, handelte vom Tode. Als ob ſie(was Kindern oft begegnet) durch die Schrecken des finſteren Königs bezau⸗ bert wären, verweilten ſie bei all' den Bildern, welche die nördliche Fantaſie der ewigen Ruhe beigeſellt hat— bei Leichentuch und Wurm und verweſenden Gebeinen— beim ziſchelnden Geſpenſt und dem Zan⸗ berſpruche des Beſchwörers, der den Geiſt aus dem Grabe zu rufen verſtand. Sie ſprachen von dem Schmerze der Seele, welche da ſchei⸗ den mußte, während die Erde noch ſchön, die Jugend friſch und die Freude in ihrer Blüthe noch nicht einmal gereift war— von dem ſehn⸗ ſuchtsvoll zögernden Blick, womit die verglaſenden Augen das letzte Bulwer, Harold. 29 450 Sonnenlicht auf Erden betrachten würden, und malten ſich dann die nackte ſchauernde Seele, wie ſie, aus dem widerſtrebenden Körper ge⸗ trieben und unterwegs noch das Läuten der gedämpften Glocken und das Murmeln nutzloſen Gebetes mit anhörend, durch freudenloſe Räume zu den Qualen des Fegfeuers wandert, welche die Kirche auch dem Reinſten wenigſtens für kurze Zeit prophezeite. Endlich fuhr Haco nach einer plötzlichen Pauſe fort: „Doch Du, meine Baſe, haſt Liebe und ſüßes Leben vor Dir, und ſolche Reden ſind nicht für Dich.“ Thyra ſchüttelte traurig das Haupt. „Nicht ſo, Haco, denn als Hilda geſtern Nacht die Runen be⸗ fragte, während ſie die Kräuter für meinen Schmerz, der hier immer noch heiß und ſcharf brennt, bereitete“(hier legte das Mädchen die Hand auf die Bruſt)„ſah ich, wie ihr Geſicht ſich verfinſterte und um⸗ wölkte, und als ich ſie betrachtete, da fühlte ich, daß mein Urtheil gefällt war. Als Du vollends mit Deinen traurigen kalten Augen ſo geräuſchlos neben mich tratſt, da war mir, o Haco, als ob ich den Boten des To⸗ des ſähe. Doch Du biſt ſtark, Haco, und das Leben wird lange bei Dir dauern: laß uns vom Leben reden.“ SKaco bückte ſich nieder und preßte ſeine Lippen auf die bleiche Stirne des Mädchens. „Küſſe mich auch, Thyra.“ Das Kind küßte ihn und Beide ſaßen ſchweigend beiſammen, während die Sonne unterging. Als die Sterne aufſtiegen, traten Harold und Editha zu ihnen. Harolds Antlitz leuchtete heiter durch das Sternenlicht, denn die reine Seele ſeiner Verlobten hatte Frieden in die ſeinige gehaucht, und er gab ſich gerne dem Aberglauben hin, als ob nunmehr, nachdem er ſei⸗ nem Schutzengel wieder gegeben ſey, die Todtengebeine ihren unheili⸗ gen Anſpruch über ihn verloren hätten. Plötzlich aber zitterte Edithens Hand in der ſeinen, und ihre Ge⸗ ſtalt ſchauderte. Ihre Blicke waren auf Haco's Augen gerichtet. ſei 451 „Vergib mir, junger Vetter, daß ich Dich ſo lange vergaß,“ ſprach der Earl.„Das iſt meines Bruders Sohn: ſo viel ich mich er⸗ innere, haſt Du ihn nie zuvor geſehen?“ „O ja, ja wohl,“ ſtammelte Editha. „Wann und wo?“ Edithens Seele beantwortete die Frage—„im Traume“— aber ihre Lippen ſchwiegen. Haco erhob ſich und nahm ſie bei der Hand, während ſich der Earl zu ſeiner Schweſter wendete— derſelben Schweſter, die er an den normänniſchen Hof zu ſenden verpflichtet war. „Nimm mich in Deine Arme, Harold,“ bat Thyra kläglich,„und ſchlage Deinen Mantel um mich, denn die Luft iſt kalt.“ Der Earl hob das Kind an ſeine Bruſt und betrachtete ihre Wange lang und aufmerkſam; dann nahm er ſie unter zärlichem Befragen mit ſich ins Haus, während Editha mit Haco nachfolgte. „Iſt Hilda drinnen?“ fragte Sweyns Sohn. „Nein; ſie war ſeit Mittag im Walde,“ gab Editha nicht ohne Anſtrengung zur Antwort, denn ſie konnte ſich von ihrer Scheu vor ſeiner Gegenwart nicht erholen. „Dann will ich durch das Forſtland nach Deinem Haufe gehen und die Ceorls auf Deine Ankunft vorbereiten,“ ſagte Haco, vor der Schwelle ſtehen bleibend. „Ich werde hier verweilen, bis Hilda zurückkehrt,“ gab Harold zur Antwort,„und es kann ſpät in der Nacht werden, ehe ich die Heimath erreiche. Serwolf hat übrigens bereits meine Befehle; mit Sonnen⸗ aufgang kehren wir nach London zurück, und von da marſchiren wir gegen die Aufrührer.“ „Alles ſoll bereit ſeyn. Lebe wohl, edle Editha: und Du, Thyra, ſüße Baſe, noch einen Kuß auf abermaliges Wiederſehen.“ Das Kind ſtreckte ihm zärtlich ſeine Arme entgegen, und als ſie ſeine Wange küßte, flüſterte ſie: „Im Grabe, Haco.“ 29* 452 Der junge Mann hüllte ſich in ſeinen Mantel und entfernte ſich, ohne jedoch ſein Roß zu beſteigen, das noch immer an der Straße graste, während Harolds Renner, beſſer mit dem Orte vertraut, ſeinen Weg zum Stalle gefunden hatte. Haco wählte nicht den Pfad durch die Lichtungen nach dem Hauſe ſeines Verwandten, ſondern trat in den Druidentempel und ſtand nachſinnend vor dem Teutonengrabe. Die Nacht ward dunkel und immer dunkler, die Sterne leuchteten heller und in der Luft herrſchte Todtenſtille, als eine klare Stimme dicht neben ihm plötzlich fragte: „Was thut die Jugend, die raſtloſe, beim Tode, dem ſtillen?“ Es war eine Eigenſchaft Haco's, daß nichts ihn zu überraſchen oder zu befremden ſchien. In dieſer brütenden Knabenſeele hatte die ruhige, traurige und feierliche Erfahrung, weit über ihre Jahre auf Alles gefaßt, etwas Furchtbares und Uebernatürliches an ſich, und ſo antwortete er auch diesmal, ohne die Augen vom Steine zu erheben, jener unerwarteten Stimme. „Warum ſagſt Du, o Hilda, daß die Toden ſtill ſeyen?“ Hilda legte ihm die Hand auf die Schulter und ſchwieg, um ſein Geſicht zu betrachten. „Deine Einwendung iſt richtig, Sohn von Sweyn. In der Zeit wie im Weltall iſt nirgends Stille! Durch die ganze Ewigkeit iſt Ruhe der Zuſtand, der für die Seele unmöglich iſt!— So biſt Du denn wieder in Deinem Geburtslande?“ 3 „Und zu welchem Ende, Prophetin? Ich erinnere mich, als ich noch Kind war, das ſich bis dahin der allgemeinen Luft und der tägli⸗ chen Sonne erfreut hatte, da beraubteſt Du mich für immer der Kind⸗ heit und Jugend, denn Du ſagteſt zu meinem Vater, dunkel ſey das Gewebe meines Schickſals und ſeine glorreichſte Stunde werde auch ſeine letzte ſeyn!“ „Aber du warſt ſicherlich noch zu kindiſch(ich ſehe Dich noch vor mir, wie Du auf dem Graſe ausgeſtreckt mit dem Falken Deines Va⸗ ters ſpielteſt)— zu kindiſch, um meine Worte zu beachten.“ — oder derun fährt der S ſeinen ⸗ —xꝑ́ 458 „Hat etwa jemals der friſche Boden die Keime des Sämanns oder das junge Herz die erſte Lektion des Grauens und der Verwun⸗ derung verſchmäht? Seit damals, Prophetin, iſt die Nacht mein Ge⸗ fährte und der Tod mein Vertrauter geweſen. Erinnerſt Du Dich noch der Stunde, da ich mich als Knabe während Harolds Abweſenheit aus ſeinem Hauſe ſchlich— es war die Nacht, ehe ich mein Land verließ — und neben Dir vor dieſer Grabmündung ſtand? Damals ſagte ich Dir, daß der einzige ſanfte Gedanke, der die Bitterkeit meiner Seele mildere, während all' meine übrigen Verwandten in mir blos den Er⸗ ben Sweyns, des Mörders und Geächteten, zu erkennen ſchienen, in meiner Liebe zu Harold beruhe, aber daß dieſe Liebe ſelbſt traurig und ominös wie die Hwata“ fernen Kummers ſey. Da nahmſt Du mich an Deinen Buſen, o Prophetin, Dein kalter Kuß berührte meine Lip⸗ pen und Stirne, und hier neben dieſem Grabe und Altare, hier mit Blatt und Waſſer, mit Zauberſtab und Geſang hießeſt Du mich Troſt ſchöpfen, denn gleichwie die Maus die Netze des Löwen zernagte, ſo werde der unbeachtete Verbannte den Stolz und den Fürſten meines Hauſes aus der Gefahr befreien und die Fäden ſeines Schickſals— eines Schickſals von Königen und Königreichen— werden von jener Stunde an mit dem meinigen verwoben ſeyn. Und als nun die Freude meine Wangen durchglühte, als mir wieder war, als ob die Jugend mit ihrer Wärme die Nacht meiner Seele erhellte— da, Hilda, fragte ich Dich, ob mein Leben ſo lange verſchont bleiben würde, bis ich den Namen meines Vaters zu neuen Ehren gebracht hätte. Dein Zauber⸗ ſtab fuhr über die Blätter, deren Feuerfunken das Leben des Menſchen bedeuteten, und die Flamme brach aus dem dritten Blatte und ſtarb und eine Stimme aus Deiner Bruſt, hohl, wie von ferner Hügelſpitze dahergetragen, gab die Antwort: Bei Deinem Eintritt ins Mannes⸗ alter entzündet ſich Dein Leben zur Flamme und ſchrumpft dann in Aſche.— So wußte ich denn, daß der Fluch des Kindes unvernichtet auch auf den Jahren des Mannes laſte, und ich komme in mein Vater⸗ * Vorbedeutung. 454 land, um Ruhm und Grab daſelbſt zu finden. Aber dennoch,“ fuhr der junge Mann mit wilder Begeiſterung fort,„dennoch iſt das erhabenſte Loos in England mit dem meinigen verkettet und Gießbach wie Strom werden gemeinſam in die furchtbare See rinnen.“ „Davon weiß ich nichts,“ gab Hilda bleich, wie vor ſich ſelbſt er⸗ bebend, zur Antwort,„denn weder Rune noch Quelle oder Grab, ha⸗ ben mir jemals das Ende von Harolds großer Laufbahn klar und deut⸗ lich enthüllt; nur aus ſeinen eigenen Sternen weiß ich ſeinen Ruhm und ſeine Größe, und wo dieſer Ruhm verdüſtert, wo dieſe Größe be⸗ droht iſt, da erkenne ich es einzig aus den Sternen Anderer, deren Strahlen ihren Einſluß mit dem ſeinigen kreuzen. So lange wenig⸗ ſtens, als die Schöne und Reine in dem ſtillen Hauſe des Lebens Wache hält, kann der finſtere Zerſtörer nicht ganz überwiegen, denn Editha iſt Harold als Fylgia gegeben, welche geräuſchlos ſegnet und rettet, und Du—* Hier ſchwieg Hilda und ſenkte den Schleier über das Antlitz, ſo daß es plötzlich unſichtbar wurde. „Und ich?“ fragte Haco ihr näher tretend. „Fort mit Dir, Sohn von Sweyn; Deine Füße zertreten das Grab des mächtigen Todten!“ Ohne ſich länger zu verweilen, ſchlug Hilda den Weg nach dem Hauſe ein. Hacos Auge folgte ihr ſchweigend. Das Vieh, das in dem weiten Raume des verfallenen Periſtyls graste, ſchaute auf, als ſie vorüberging, die Wächterhunde, die zwiſchen den ſternerhellten Säulen herumſtreiften, wedelten knurrend um ihre Gebieterin. Als ſie im Hauſe verſchwunden war, wendete ſich Haco zu ſeinem Roſſe. „Was liegt an der Antwort, welche die Vala nicht geben kann oder darf?“ murmelte er.„Die Liebe des Weibes, der Ehrgeiz des Lebens— ſie find mir nicht beſtimmt. Alles, was ich von menſch⸗ licher Zuneigung, was ich von menſchlichem Ehrgeize kenne, knüpft mich an Harold, daß ich ſein Schickſal theile. Dieſe Liebe iſt ſtark wie der Haß und furchtbar wie ein Fluch— ſie iſt eiferſüchtig und duldet ed ꝙ F 1I1V—» 455 keinen Nebenbuhler. Wie die Muſchel und das Seegras zuſammen⸗ verwoben, werden wir in die große Brandung geſchleudert— wohin? o wohin?“ Sechsundfünfzigſtes Kapitel. „Ich ſage Dir, Hilda,“ erklärte der Earl ungeduldig,„ich ſage Dir, ich verzichte hinfort auf jeden andern Glauben als an Ihn, deſſen Wege vor unſeren Augen verborgen ſind. Dein Zauberſtab, Deine Gal⸗ dra haben mich nicht vor Gefahr geſchützt noch gegen Sünde gewapp⸗ net. Nein, vielleicht— doch ſtill: ich will nicht mehr die ſchwarze Kunſt auf die Probe ſtellen, will nicht mehr die furchtbare Wahrheit von der gaukelnden Lüge zu entwirren ſuchen. Alle Wahrſagerei will ich ſtreben zu vergeſſen— auf keine Prophezeiung will ich hoffen, vor keiner Warnung mich fürchten. Laß die Seele unter dem Schatten Gottes ihrer Zukunft entgegengehen.“ „Gehe Deines Wegs, wie Du willſt; ihre Kerkermauern bleiben dieſelben, ob Du ſie ſiehſt oder nicht. Der Zufall macht Dich vielleicht weiſe,“ erwiederte die Vala düſter. „Um meines Vaterlandes, nicht um meiner ſelbſt willen— der Himmel ſey mein Zeuge!— habe ich mein Gewiſſen befleckt und meine Wahrhaftigkeit beſudelt,“ fuhr der Earl fort.„Mein Vaterland allein kann mich freiſprechen, indem es mein Leben als für immer ſeinem Dienſte geheiligt annimmt. Selbſtſüchtigen Ehrgeiz lege ich bei Seite, ſelbſtſüchtige Macht ſoll mich nicht mehr verlocken; dahin iſt der Zau⸗ ber, den der Thron für mich hatte, und nur für Edithen—“ „Nein! Nicht einmal für Edithen ſollſt Du einer anderen Stimme als der Deines Landes und Deiner Seele Gehör geben,“ rief ſeine Braut, ihm näher tretend. Der Earl wandte ſich plötzlich um und ſeine Augen waren feucht. „O Hilda,“ rief er,„ſtehe hier fortan meine einzige Vala; dieſes edle Herz möge allein die Orakel der Zukunft für uns deuten.“ 456 Am nächſten Tage kehrte Harold mit Haco und einem zahlreichen Gefolge ſeiner Hausdiener in die Stadt zurück. Ihr Ritt war ſo ſchweigſam wie am Tage zuvor; als ſie jedoch Southwark erreichten, wendete ſich Harold von der Brücke zur Linken, um am Ufer des Fluſſes vor dem Hauſe eines ſeiner Lehensleute(eines Franklings oder frei⸗ gelaſſenen Ceorls) abzuſteigen. Dort ließ er ſein Roß und rief ein Boot, worin er ſich mit Haco nach dem weſtlich von London über die Themſe vorſpringenden befeſtigten Pallaſte, der das Außenwerk der alten Römerſtadt gebildet zu haben ſcheint, hinüberrudern ließ. Der Pallaſt, der aus dem fernſten Alterthume abſtammte und alle Arten des Bauſtyls, des römiſchen, des ſächſiſchen wie des däniſchen, in ſich vereinigte, wab von Canut reparirt und aus einem Fenſter im oberen Stocke, wo die königlichen Gemächer ſich befanden, war einſt der Ver⸗ räther Edrie Streone(der Gründer des Godwin'ſchen Hauſes) in den Fluß hinabgeſtürzt worden. „Wohin gehen wir, Harold?“ fragte der Sohn von Sweyn. „Zum Beſuche des jungen Atheling, des natürlichen Erben des ſächſiſchen Thrones,“ erwiederte Harold mit feſter Stimme.„Er wohnt in dem alten Pallaſte unſerer Könige.“ „In der Normandie heißt es, der Knabe ſey ſchwachſinnig.“ „Das iſt nicht wahr,“ erwiederte Harold.„Ich will Dich ihm vorſtellen— dann urtheile.“ Haco ſchwieg eine Weile und hub dann von Neuem an: „Ich glaube, Deine Abſicht zu errathen; iſt ſie nicht übereilt ent⸗ ſtanden, Harold?“ „Es war Edithens Rath,“ gab Harold mit ſichtlicher Erſchütterung zur Antwort.„Wenn ich ihm folge, werde ich vielleicht die Macht verlieren, die Kirche zu beſänftigen und Edithen die Meinige zu nennen.“ „So würdeſt Du ſogar Edithen Deinem Vaterlande opfern?“ „Seit ich geſündigt habe, könnt' ich es, glaub' ich,“ gab der ſtolze Earl demüthig zur Antwort. Das Boot ſchoß in die kleine Bucht oder den Kanal, der neben den ſch beiden Bogen wohne — was un Verfal porſtei offen v blauen Atheli fünf d beglei nieder Erzbit ner al 4 wolle komm linge unſer Ver! Ohr thei den Han Bli 457 den ſchwarzen verwitterten Mauern der Veſte landeinwärts lief. Die beiden Earls ſprangen an's Land und traten unter einem römiſchen Bogen in den Hof, der im Innern von den früheren ſächſiſchen Be⸗ wohnern mit rohem Zimmerwerke ausgefüllt war, das gleich Allem, was unter Edwards Obhut gerieth, ſeit Canuts Zeiten bereits dem Verfall entgegeneilte. Ueber eine an der Außenſeite des Hauſes em⸗ porſteigende Treppe gelangten ſie an eine ſchmale niedere Thüre, welche offen war. In dem Gange ſtanden ein paar königliche Leibwächter in blauen Livreen und mit däniſchen Streitärten; ſie waren dem jungen Atheling zugetheilt, und in ihrer Geſellſchaft ſah man noch vier bis fünf deutſche Diener, die ſeinen Vater vom kaiſerlichen Hofe herüber begleitet hatten. Einer der Letzteren führte die edlen Sachſen in eine niedere abgelegene Vorhalle, wo Harold zu ſeiner Ueberraſchung den Erzbiſchof Alred von York und drei Thane von hohem Range und rei⸗ ner altſächſiſcher Abkunft vorfand. Alred näherte ſich Harold mit ſchwachem Lächeln auf dem wohl⸗ wollenden Antlitz: „Mich dünkt,“ hub er an,„— und moͤge ich recht urtheilen— Du kommſt in derſelben Abſicht hieher, wie ich und jene edlen Thane.“ „Und Eure Abſicht?“ „Iſt zu ſehen und ruhig zu beurtheilen, ob wir in dem Abkömm⸗ linge von Ironſides trotz ſeiner Jahre einen Prinzen finden, den wir unſerem ablebenden Könige als Erben und dem Witan als ein zur Vertheidigung des Landes taugliches Oberhaupt anempfehlen können.“ „Du nennſt die Urſache meines eigenen Kommens. Mit Euren Ohren will ich hören, mit Euren Augen will ich ſehen; wie Ihr ur⸗ theilt, will auch ich urtheilen,“ erwiederte Harold, mit dem Prälaten den Thanen näher tretend, ſo daß ſie ſeine Antwort hören konnten. Die Häuptlinge, welche einer Partei angehörten, welche Godwins Hauſe oft feindlich entgegengetreten war, hatten bei Harolds Eintritte Blicke der Furcht und Unruhe mit einander gewechſelt; bei dieſen 458 Worten ließen jedoch ihre offenen Mienen ebenſoviel Ueberraſchung als Freude gewahren. Harold ſtellte ihnen ſeinen Neffen vor, der durch ſeine ernſte wür⸗ dige Haltung, weit über ſeine Jahre, einen günſtigen Eindruck auf ſie machte, obwohl der gute Biſchof ſeufzte, als er in ſeinem Antlitze die düſtere Schönheit ſeines ſchuldbeladenen Vaters entdeckte. Die Gruppe beſprach ſich eifrig über die abnehmende Geſundheit des Königs, über den verwirrten Zuſtand des Reiches, wie über die Nothwendigkeit, alle Stimmen wo möglich zu Gunſten des tauglichſten Nachfolgers zu ver⸗ einigen, wobei in Harolds Miene und Weſen wie in ſeinem Herzen durchaus nichts zu entdecken war, als ob er ſich ſeines eigenen An⸗ ſpruchs und ſeiner gerechten Hoffnungen bei dieſer Wahl bewußt wäre. Die Zeit verſtrich und die Mienen der Thane verfinſterten ſich; ſie waren ſtolze Männer und große Satrapen,“ und es wollte ihnen durchaus nicht gefallen, daß der knabenhafte Prinz ſie ſo lange in dem wüſten Vorzimmer warten ließ. Endlich kehrte der deutſche Beamte, der ihre Ankunft gemeldet hatte, zurück und bat ſie mit Worten, welche zwar wegen der Verwandtſchaft des Sächſiſchen mit dem Deutſchen verſtändlich, aber einem engliſchen Ohre unangenehm ausländiſch klangen, ihm zu dem Atheling zu folgen. In einem Gemache, das noch immer die rohe Pracht aus Ca⸗ nuts Zeiten beibehalten hatte, war ein hübſcher Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren, aber weit jüngerem Ausſehen, mit Ausſtopfen eines Vogels beſchäftigt, welcher einem jungen Falken, der mit ver⸗ hüllten Augen auf ſeiner Stange ſaß, als Lockung dienen ſollte. Dieſe Beſchäftigung machte einen ſo gewöhnlichen Theil bei der ernſtlichen Erziehung der Jugend aus, daß die Thane bei dieſem Anblick ihre Stirnen glätteten, da ſie den Knaben ganz würdig beſchäftigt fanden. * Das orientaliſche Wort„Satrapen“(Satrapes) bildete einen der ge⸗ wöhnlichſten aber auch ungeeignetſten Titel(er war ohne Zweifel vom byzan⸗ tiniſchen Hofe entlehnt)— wodurch die Sachſen in ihrem Latein ihre Edlen zu ehren pflegten. ——— 3——— In ein Prieſte von E ſchen G von Alter abſeits tes un ſorglo⸗ und n Was normaͤ Biſt J ſind f gewöl bewil unſere Ich v auszu mänr mänr Ritte Thar 459 In einem anderen Ende des Zimmers ſaß ein ernſter normänniſcher Prieſter an einem Tiſche mit Büchern und Schreibzeug; er war der von Edward aufgeſtellte Erzieher, der den Atheling in der normänni⸗ ſchen Sprache und in der Religion unterrichten ſollte. Eine Unzahl von Spielzeug bedeckte den Boden, womit einige Kinder von Edgars Alter ſich beluſtigten. Seine kleine Schweſter Margarethe“ ſaß ernſthaft abſeits von den übrigen Kindern mit einer Nähterei beſchäftigt. Als ſich Alred mit einem Segensſpruche voll ehrerbietigen Reſpek⸗ tes und väterlicher Herzlichkeit dem Atheling näherte, ſchrie der Knabe ſorglos und in einem barbariſchen Jargon, einer Miſchung von Deutſch und normänniſchem Franzöſiſch: „Du— komm nicht zu nahe: Du verſcheuchſt ja meinen Falken. Was machſt Du nur: Du zertrittſt mein Spielzeug, das mir der gute normänniſche Biſchof William als Geſchenk des Herzogs überſchickte.— Biſt Du blind, Mann?“ „Mein Sohn,“ erwiederte der Prälat freundlich,„dieſe Sachen ſind für Kinder— die Kindheit endet aber bei Prinzen früher als bei gewöhnlichen Leuten. Verlaſſet Euern Vogel und Euer Spielzeug; bewillkommnet dieſe edlen Thane, und ſo es Euch gefällt, ſo redet ſie in unſerer eigenen ſächſiſchen Sprache an.“ „Auf Sächſiſch!— in der Sprache des Pöbels!— mit nichten. Ich verſtehe ohnehin nur ſo viel, um einen Ceorl oder eine Wärterin auszuſchelten. König Edward hieß mich nicht ſächſiſch, ſondern nor⸗ männiſch lernen; und Godfroi dort drüben ſagt, wenn ich das Nor⸗ männiſche gut verſtehe, ſo werde mich Herzog William zu ſeinem Ritter machen.— Für heute aber will ich nichts mehr lernen.“ Und damit wendete ſich das Kind verdrießlich von Prälat und Thanen ab. Die drei ſächſiſchen Lords tauſchten Blicke tiefen Unwillens und * Später mit Malcolm von Schottland vermählt, woher die jetzige eng⸗ liſche Dynaſtie durch die weibliche Linie ihre Abſtammung von den angelſäch⸗ ſiſchen Königen ableitet.. 460 ſtolzer Entrüſtung. Harold jedoch gewann es mit eigener Selbſtüber⸗ windung über ſich, den Prinzen von Neuem mit gewinnendem Lächeln anzureden. „Edgar Atheling, Du biſt nicht ſo jung, daß Du nicht bereits wüßteſt, wie die Großen für Andere leben. Wirſt Du nicht ſtolz ſeyn, Dein Leben unſerem ſchönen Lande und dieſen edlen Männern zu wid⸗ men und die Sprache Alfreds des Großen zu reden?“ „Alfreds des Großen! Immer langweilt man mich mit Alfred dem Großen,“ rief der Knabe ſchmollend:„Alfred der Große— er iſt die Plage meines Lebens! Wenn ich der Atheling bin, ſo müſſen die Leute für mich, nicht ich für ſie leben; und wenn Ihr mich noch länger ſcheltet, ſo laufe ich davon zu Herzog William nach Rouen— Godfroi ſagt, dort werde ich nie geſcholten werden!“ Mit dieſen Worten warf ſich das Kind, des Falkens und des aus⸗ geſtopften Vogels müde, neben die anderen Kinder auf den Boden und riß ihnen das Spielzeug aus den Händen. 8 Die ernſte Margarethe erhob ſich jetzt ruhig und ging zu ihrem Bruder, dem ſie in gutem Sächſiſch zurief: „Pfui! Wenn Du Dich ſo aufführſt, werde ich Dich einen Nid⸗ dering nennen!“ Bei dieſem Worte, dem gemeinſten in ihrer Sprache— einem Worte, wogegen der niederſte Ceorl lieber ſein Leben eingeſetzt als es erduldet hätte— bei dieſer Drohung gegen den Atheling von Eng⸗ land, den Abkömmling von ſächſiſchen Helden, näherten ſich die drei Thane und bewachten den Knaben, in der Hoffnung, daß er voll Zorn und Beſchämung aufſpringen werde. „Nenne mich wie Du willſſt, thörichte Schweſter,“ ſagte das Kind gleichgültig;„ich bin nicht ſo ſächſiſch, daß ich mich um Eure bäuriſchen Sachſennamen kümmerte.“ „Genug,“ rief der ſtolzeſte und größte der Thane, während ſein Schnurrbart voll Ingrimm ſich kräuſelte.„Wer ſich einen Nidde⸗ ring nennen läßt, ſoll nie ein gekrönter König werden!“ Dein häng Thür maſſe meiſt die für Athe bekü läſſie Wir Hoff und Jah wiſſ ſcho Rei wei dar nei der 461 „Ich will auch kein gekrönter König ſeyn, Du roher Mann mit Deinem garſtigen Schnurrbart; ich will Ritter werden und Wehrge⸗ häng und Fähnlein tragen.— Geh' fort!“ „Wir gehen, Sohn,“ ſagte Alred traurig. Und mit langſamen zögernden Schritten bewegte er ſich nach der Thüre; dort hielt er inne und drehte ſich um— da ſah er das Kind Gri⸗ maſſen hinter ihm ſchneiden, während Godfroi, der normänniſche Hof⸗ meiſter, vor Vergnügen lächelte. Der Prälat ſchüttelte den Kopf und die Gruppe erreichte die Vorhalle. „Ein tauglicher Führer bärtiger Männer! Ein trefflicher König für das ſächſiſche Land!“ rief ein Than.„Nichts mehr von Eurem Atheling, Vater Alred!“ „Nichts mehr von ihm, in der That!“ wie bekümmert. „Es iſt nur der Fehler ſeiner Lehrer und Erzieher— eine vernach⸗ läſſigte Kindheit, ein normänniſcher Hofmeiſter und deutſche Miethlinge. Wir können den biegſamen Stoff wohl noch beſſer bilden,“ meinte Harold. Nichts da,“ erwiederte Alred;„uns bleibt keine Muße für ſolche 77— Hoffnungen, keine Zeit, um ungeſchehen zu machen, was die Umſtände Ehe das und ich fürchte auch die Naturanlage angerichtet haben. Jahr um iſt, wird der Thron in unſeren Hallen leer ſtehen.“ „Wer aber,“ ſiel Haco plötzlich ein,„wer wird(vergebet der Un⸗ wiſſenheit eines Jünglings, der ſeine Zeit in auswärtiger Gefangen⸗ ſchaft zubrachte)— wer wird in Ermanglung des Athelings dieſes Reich vor dem normänniſchen Herzoge retten, der, wie ich recht wohl weiß, wie der Schnitter auf die ſeiner Sichel entgegenreifende Ernte darauf rechnet?“ „Ach ja— wer dann?“ murmelte Alred. „Wer dann?“ riefen die drei Thane wie mit einer Stimme: „ei nun, der Würdigſte, der Weiſeſte, der Tapferſte! Tritt vor, Harold der Earl— Du biſt der Mann!“ Und ohne ſeine Antwort abzuwarten, verließen ſie die Halle. derholte der Prälat 46² Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Rings um Northampton lagen die Streitkräfte Morcars, der Kern der anglodäniſchen Männer Northumbriens. Plötzlich hörte man aus dem Lager einen Ruf, wie„zu den Waffen“ und Morcar, der junge Carl, bis auf den Helm ganz in ſeinen Ringpanzer gehüllt, trat vor und rief:„Meine Leute ſind Thoren, daß ſie in jener Richtung nach einem Feinde ausſchauen; dort liegt Mercia und dahinter die Hügel von Wales. Die Truppen, die dorther kommen, bringt Edwin mein Bruder zu unſerer Hülfe.“ Morcars Worte wurden durch die Anführer und Kriegsboten dem Heere mitgetheilt, und der Allarmruf ging in ein Freudengeſchrei über. Als die Staubwolke, durch welche die Speere der nahenden Truppe blitzten, ſich verzog und hinter dem marſchirenden Zuge zögernd liegen blieb, ſah man zwei Reiter aus dem Vortrabe daherſprengen. Weit voraus vor den andern ritten ſie, und hinter ihnen, ſo ſchnell ſie konn⸗ ten, jagten zwei Andere, der erſte die Fahne von Mercia, der zweite den rothen Löwen von North⸗Wales hoch emporhaltend. Gerade gegen die Eindämmung und Palliſade, welche Morcars Lager umgab, galoppirten die Reiter; das Haupt des Vorderſten war entblößt und die Schildwachen erkannten das Antlitz Edwins des Freundlichen, des Bruders von Morcar. Letzterer verließ den Hügel, auf dem er ſtand, und die Brüder umarmten ſich unter dem Zurufe beider Heere. „Ich bitte Dich, bewillkomme auch unſeren Vetter Caradoc, Sohn Gryffyths, des Kühnen,““ ſagte Morcar. Edwin reichte Caradoc die Hand und küßte ihn auf die Stirne, wie es bei unſeren Vätern Sitte war. Der junge kronenloſe Prinz war kaum den Knabenjahren entwachſen; doch wurde ſein Name be⸗ reits von den Barden geſungen und ging in den Hallen von Gwynedd mit dem Hirlashorne in die Runde, denn er hatte die ſächſiſchen Gränzen verheert und ſogar Harolds Veſte dem Feuer überantwortet. * Von ſeiner erſten Gemahlin; Aldytha war die zweite. 1 ger au Biegu ſtable Pfeifen cars g. den nq und di — zw jedem mittle Die be Macht ſchen fen. einſti um di auseit „iſt e gebor wider zeuge des und unte ſurg 463 Während jedoch dieſe Drei ſich begrüßten und noch ehe die Krie⸗ ger aus Mercia und Wales das Lager erreicht hatten, ſah man von einer Biegung der gegenüberliegenden Straße zwiſchen Towceſter und Dun⸗ ſtable das Blitzen von Panzern wie einen Lichtſtrom herüberbrechen; Pfeifen und Trompeten ließen ſich in der Ferne vernehmen, und Mor⸗ cars ganzes Heer ſtand ſchweigend und mit ernſten geſpannten Blicken den nahenden Zug betrachtend. Aus ſeiner Mitte ragte das Kreuz und die Hämmer des engliſchen Königs neben Harolds Tiegerköpfen — zwei Banner, welche mit einander vereinigt auf jedem Thurme, auf jedem Felde, wo ſie im Winde geflattert, den Sieg aufgeflanzt hatten. Die Häuptlinge des Inſurgentenheeres zogen ſich ſofort auf die mittlere Anhöhe zurück, um dort einen kurzen Kriegsrath zu halten. Die beiden jungen Earls, die trotz ihres Ahnenruhmes noch nicht eigene Macht und Berühmtheit errungen hatten, mußten ſich den anglodäni⸗ ſchen Häuptlingen, von denen Morcar gewählt worden war, unterwer⸗ fen. Sobald dieſe Harolds Standarte erkannten, vereinigten ſie ſich einſtimmig in dem Rathe, eine friedliche Geſandtſchaft zu beordern, um die unter Toſtig erlittene Unbill und die Gerechtigkeit ihrer Sache auseinander zu ſetzen. „Der Earl,“ ſagte Gamel Beorn,(das Haupt dieſer Empörung) „iſt ein gerechter Mann, der eher ſein eigenes Blut als das eines frei⸗ gebornen Einwohners von England vergießen würde: er wird uns Recht widerfahren laſſen.“ „Wie!— Gegen ſeinen eigenen Bruder?“ rief Edwin. „Gegen ſeinen eigenen Bruder, ſobald wir ſeine Vernunft über⸗ zeugen,“ erwiederte der Anglo⸗Däne. Und die anderen Häuptlinge nickten ihm Beifall. Caradocs wil⸗ des Auge flammte Feuer; allein er ſpielte nur mit ſeinem Halsband und ſprach nicht. Mittlerweile war der Vortrab der königlichen Streitmacht dicht unter den Wällen von Northampton zwiſchen der Stadt und den In⸗ ſurgenten vorübergezogen und einige von den leichtbewaffneten Spã⸗ 464 hern, die mit jener eigenthümlichen Furchtloſigkeit, wie ſie damals die ſtreitenden Parteien im Bürgerkriege charakteriſirte, von Morcars La⸗ ger aus dem Zuge entgegen gegangen waren, kamen mit der Meldung zurück, daß ſie Harold im der vnrderſien Reihe und zwar unbepanzert geſehen hätten. Dieſen Umſtand nahmen die aufrühreriſchen Thane als ein gutes Vorzeichen, und da ſie ſchon vorher die Deputation beſchloſſen hatten, ſo brachen etliche zwanzig der vornehmſten Thane des Nordens in be⸗ dächtigem Schritt gegen die feindlichen Linien auf. Neben Harold— in voller Rüſtung, das Geſicht mit dem ſonderba⸗ ren ſiciliſchen Naſenſtück verhüllt, wie es damals bei den meiſten nörd⸗ lichen Nationen im Gebrauche ſtand, war Toſtig geritten; er hatte ſich mit einem Häuflein von etwa fünfzig bis ſechzig ſeiner däniſchen Hausdiener unterwegs bei Harold eingefunden, und dieſe fünfzig bis ſechzig däniſchen Söldlinge waren Alles, was er im ganzen weiten England für ſeine Sache zu beſtechen oder aufzubieten vermochte. Schon ſchien es, als ob Streit unter den Brüdern herrſche, denn Ha⸗ rolds Geſicht glühte und ſeine Stimme klang ſtreng, als er bemerkte: „Schelte mich, wie Du willſt, Bruder, ich kann nicht ſogleich zur Vernichtung meiner engliſchen Mitbrüder vorrücken, ohne ſie aufge⸗ fordert oder eine Verhandlung verſucht zu haben, wie dies von jeher die Sitte unſerer alten Helden und unſeres eigenen Hauſes geweſen.“ „Bei allen böſen Geiſtern des Nordens!“ rief Toſtig;„es iſt die baare Schande, gegen Räuber und Rebellen von Vertrag und Auf⸗ forderung zu reden. Wofür biſt Du hier, als zur Züchtigung und Rache?“ „Für Recht und Gerechtigkeit, Toſtig.“ „Ha! Du kommſt alſo nicht, um Deinem Bruder zu helfen?“ „Ja, wenn, wie ich hoffe, Recht und Gerechtigkeit für Dich ſind.“ Noch ehe Toſtig erwiedern konnte, wurde plötzlich von den Be⸗ waffneten eine offene Gaſſe gebildet, und mit entblößtem Haupte, einen Mönch humbr komme doch n ich ha teſten nicht i die S zu öfft entſch Gebä um ih rend Nortl lichkei 6 tet un zur K gen n entfal riſche hatte die ol wede ten, dort 2 B ls die s La⸗ dung unzert gutes atten, n be⸗ erba⸗ nörd⸗ e ſich iſchen g bis deiten ochte. Ha⸗ erkte: h zur ufge⸗ jeher ſen.“ ſt die Auf⸗ und 465 Mönch mit hochgehaltenem Kreuz an der Spitze, ſah man die nord⸗ humbriſchen Dänen einherziehen. „Bei St. Olaf's rothem Schwerte!“ ſchrie Toſtig—„dort kommen die Verräther, Gamel Beorn und Gloneion! Du wirſt ſie doch nicht hören? Wenn ja, ſo will ich wenigſtens nicht dabei ſeyn: ich habe für ſolche Schurken nur meine Art als Antwort.“ „Bruder, Bruder, dieſe Männer ſind die tapferſten und berühm⸗ teſten Häuptlinge Deiner Grafſchaft. Geh', Toſtig, Du biſt jetzt nicht in der Stimmung, um auf Vernunft zu hören. Begib Dich vor die Stadt, und fordere ſie auf, ihre Thore vor dem königlichen Banner zu öffnen. Ich will die Männer hören.“ „Hüte Dich wohl, anders als zu Deines Bruders Gunſten zu entſcheiden!“ grollte der trotzige Krieger, den Arm mit verächtlicher Gebärde erhebend, und ſprengte ſofort gegen die Thore. Harold ſtieg ab, ſtellte ſich unter das Banner ſeines Königs, und um ihn ſammelten ſich mehrere der ſächſiſchen Häuptlinge, die ſich wäh⸗ rend ſeines Zwiegeſprächs mit Toſtig abſeits gehalten hatten. Die Northumbrier näherten ſich und grüßten den Carl mit ernſter Höf⸗ lichkeit. Dann begann Gamel Beorn. Aber ſo ſehr auch Harold gefürch⸗ tet und geahnt hatte, daß Toſtig den Northumbriern gerechte Urſa che zur Klage gegeben haben möchte— ſeine Ahnungen und Befürchtun⸗ gen wurden von den Gräueln, die man jetzt wohl überlegt vor ihm entfaltete, weit übertroffen, denn nicht allein die geſetzloſeſten räube⸗ riſcheſten Erpreſſungen, ſondern ſogar rohe ſcheußliche Mordthaten hatte Toſtig ſich zu Schulden kommen laſſen. Hochgeborene Thane, die ohne irgend einem Vergehen oder Verdachte zu unterliegen ent⸗ weder ſeine Eiferſucht gereizt oder ſeinen Forderungen widerſtrebt hat⸗ ten, waren unter friedlichen Vorwänden in ſein Schloß gelockt und dort mit kaltem Blute von ſeinen Leibwächtern abgeſchlachtet worden.“ * Flor. wig. Bulwer, Harold. 30 466 Die Grauſamkeiten der alten heidniſchen Dänen ſchienen in der bluti⸗ gen barbariſchen Erzählung wieder aufzuleben. „Und nun,“ ſo rief der Than zum Schluſſe,„kannſt Du wohl unſere Erhebung verdammen?— keine theilweiſe, ſondern eine Er⸗ hebung von ganz Northumbrien. Anfangs waren wir nur unſerer zweihundert Thane; aber ſtark in unſerer Sache ſchwoll unſere Macht zu der eines ganzen Volkes an. Unſere Leiden fanden Theilnahme ſogar über unſere Provinz hinaus, denn die Freiheit breitet ſich über die menſchlichen Herzen, wie Feuer über die Haide. Ueberall, wohin wir marſchiren, ſammeln ſich Freunde um uns. Du bekriegſt nicht eine Handvoll Rebellen— halb England iſt mit uns 12— „Und Ihr, Thane,“ gab Harold zur Antwort,„Ihr habt aufge⸗ hört, gegen Toſtig Euren Earl Krieg zu führen: Ihr ſtreitet wider den König und das Geſetz. Tretet mit Euren Klagen vor Euren Fürſten und Euren Witan; wenn ſie gerecht ſind, ſo ſeyd Ihr ſtärker als hinter jenen Palliſaden und in Euren ehernen Gaſſen.“ „Und ſo,“ ſchloß Gamel Beorn mit beſonderem Nachdruck,„nun Du in England biſt, o edler Earl— ſind wir auch bereit zu kommen. Als Du aber vom Lande abweſend warſt, da ſchien die Gerechtigkeit jede fernere Entſcheidung der Gewalt und der Streitart überantwortet zu haben.“ „Ich würde Euch danken für Euer Vertrauen,“ gab Harold tief bewegt zur Antwort:„allein die Gerechtigkeit beruht in England nicht auf dem Leben und Daſeyn eines einzelnen Mannes, und ich darf Eure Rede nicht als eine Gunſt aufnehmen, denn ſie thut meinem Kö⸗ nige wie ſeinem Rathe gleiches Unrecht. Ihr habt zwar Eure Klagen vorgebracht; aber Ihr habt ſie noch nicht bewieſen. Bewaffnete Männer ſind keine Beweiſe, und wenn ich auch zugebe, daß heißes Blut und menſchliche Schwäche des Urtheils Euern Earl zu Verir⸗ rungen wider Euch und Euer Recht hingeriſſen haben, ſo bedenkt auch hinwiederum ſeine ſonſtigen Herrſchereigenſchaften gegenüber von Männern, deren Flüſſe und Ländereien den furchtbaren Seekönigen bluti⸗ wohl e Er⸗ nſerer MNacht ahme über wohin nicht ꝛufge⸗ wider Furen tärker „nun umen. igkeit vortet d tief gland h darf Kö⸗ lagen fffnete jeißes Verir⸗ tauch von nigen 467 des Nordens fortwährend ausgeſetzt ſind. Wo wollt Ihr einen Häuptling mit ſo ſtarkem Arme und ſo furchtloſem Herzen finden? Von Seiten ſeiner Mutter iſt er mit Eurem Stamme verwandt, und wenn Ihr ihn wieder in ſeine Grafſchaft aufnehmt, ſo verſpreche ich, Harold, dem Ihr zu vertrauen bekannt habt, nicht allein volles Ver⸗ geſſen der Vergangenheit, ſondern ich will auch in ſeinem Namen das Gelöbniß auf mich nehmen, daß er Euch in Zukunft gerecht und nach den Geſetzen König Canuts regieren wird.“ „Davon wollen wir nichts hören,“ riefen die Thane einmüthig, während Gamel Beorns rauhe ſchnarrende Dänenſtimme ſie alle über⸗ tönte;„wir ſind freigeboren; ein ſtolzer und ſchlimmer Häuptling wird nicht von uns geduldet, denn wir haben von unſeren Vorfahren gelernt, frei zu leben oder zu ſterben!“ Ein Murmeln— nicht der Mißbilligung— ließ ſich bei dieſen Worten unter den ſächſiſchen Häuptlingen in Harolds Umgebung ver⸗ nehmen, und ſo ſehr er auch beliebt und geehrt war, ſo fühlte er dennoch, daß, wenn er auch Luſt dazu hätte, er doch kaum die Macht beſäße, dieſe Krieger in einer ſolchen Sache zum alsbaldigen Angriffe ihrer Landsleute zu zwingen. Da er jedoch in der Verläugnung von Toſtigs Intereſſen— ob nun die königliche Würde vor den Forde⸗ rungen bewaffneter Gewalt erniedrigt, oder ein mit Normannen und Dänen ſo nahe verwandter und dabei ſo rachſüchtiger und anmaßender Mann wie Toſtig mit all' ſeinen wilden Leidenſchaften auswärts ge⸗ trieben wurde— gefährliche Uebel vorausſah, ſo vermied der Eaxl jede weitere Unterhandlung zu ſolcher Zeit und an ſolchem Orte. Er beſtimmte den Häuptlingen eine Zuſammenkunft in der Stadt, und ermahnte ſie, ihre Forderungen unterdeß in Erwägung zu ziehen und ſie wenigſtens ſo zu geſtalten, daß ſie dem auf dem Wege nach Orford begriffenen König vorgelegt werden könnten. Vergeblich wäre es, Toſtigs Wuth zu beſchreiben, als ihm ſein Bruder die Anſchuldigungen wider ihn mit ernſten Worten vorhielt und ihn zur Rechtfertigung aufforderte. Von einer ſolchen war bei 30* 468 ihm keine Rede; Gewalt galt bei ihm als Geſetz und durch Gewalt allein verlangte er jetzt vertheidigt zu werden. Da Harold in ſeines Bruders Sache nicht als einziger Richter zu handeln wünſchte, ſo übertrug er die fernere Verhandlung den Häuptlingen der verſchiede⸗ nen Städte und Diſtrikte, welche den Heerbann angeſchwellt hatten: an ſie wies er nunmehr Toſtig, um ſeine Sache vor ihnen zu ver⸗ theidigen. 4 Eitel wie ein Weib, aber wild wie ein Tiger, war Toſtig hiezu bereit. Er erſchien vor jener Verſammlung in einer von Gold und Purpur ſtrotzenden Gonna, das Haar wie zum Bankette gekräuſelt und parfümirt— und ſo groß war in jener halbbarbariſchen Zeit die Wirkung der Perſönlichkeit, beſonders wenn ſie von kriegeriſchem Rufe unterſtützt wurde, daß die Proceres in der Bewunderung vor ſeiner ausnehmenden Körperſchöne ſchon halb geneigt waren, die ſchauer⸗ lichen Erzählungen ſeiner gräulichen Verbrechen zu vergeſſen. Allein ſeine Leidenſchaften riſſen ihn hin, noch ehe er mit ſeiner Rede halb zu Ende war, und ſeine eigene Erzählung verdammte ihn dermaßen, ſeine tyranniſchen Miſſethaten gingen ſo klar daraus hervor, daß die Eng⸗ länder in ein lautes Murmeln des Unwillens ausbrachen und ihn in ihrer Ungeduld nicht zum Schluſſe gelangen ließen. „Genug,“ ſchrie Vebba, der rauhe Than aus dem ſächſiſchen Kent;„es iſt offenbar, daß weder König noch Witan Dich je wieder in Deine Grafſchaft einſetzen kann. Erzähle uns nichts mehr von dieſen Scheußlichkeiten, ſonſt— bei unſerer lieben Frau!— wenn die Northumbrier Dich nicht verjagt hätten, ſo würden wir es thun.“ „Nimm Gold und Schiffe und gehe zu Baldwin nach Flandern,“ ſagte Thorold, ein mächtiger Anglo⸗Däne aus Lincolnſhire,„denn felbſt Harolds Name kann Dich kaum vor der Acht erretten.“ Toſtig ſchaute ſich rings in der Verſammlung um, und nur ein Ausdruck war es, dem er auf allen Geſichtern begegnete. „Das ſind Deine Knappen, Harold!“ grollte er mit knirſchenden walt eines „ ſo iede⸗ tten: ver⸗ jiezu und und die Rufe einer uer⸗ llein b zu ſeine En g⸗ n in ſchen r in eſen die rn,“ denn ein den Zähnen, und ohne die Verſammlung eines ferneren Wortes zu wür⸗ digen, verließ er die Berathungshalle. Noch am ſelben Abend verließ er die Stadt und eilte zu Edward, um ihm die Geſchichte zu erzählen, mit welcher er bei den Häuptlingen ſo ganz verunglückt war. Am folgenden Tage wurden die northum⸗ briſchen Abgeſandten gehört, und ſie machten den in ſolchen Zwiſtig⸗ keiten üblichen Vorſchlag, dem König und dem Witan die Entſchei⸗ dung zu überlaſſen; in der Zwiſchenzeit ſollte jede Partei unter den Waffen bleiben. Dies wurde zuletzt genehmigt. Harold erſchien zu Orford, wo der König— von Alred, der die kommenden Ereigniſſe vorausſah, zu dieſer Reiſe beredet— ſo eben angelangt war. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Der Witan ward eiligſt verſammelt, und es ſtellten ſich vor ihm die jungen Earls Morcar und Edwin, wogegen ſich Caradoc, den Ge⸗ danken des Friedens verſchmähend, mit ſeiner wilden Bande nach Wales zurückzog. Alle großen Häuptlinge— Kleriker wie Laien— eilten nach Orford, da von dem Spruche dieſes Witans der Friede von England abhing. Der Drang der Zeiten machte die Zahl der ſtimm⸗ berechtigten Mitglieder noch größer als damals, da ſich's um Godwins Wiedereinſetzung gehandelt hatte. Die Pacification auch der größten Grafſchaft war ihnen vergleichungsweiſe Nebenſache, denn ein Ge⸗ danke überwog in allen Gemüthern— nämlich der der Thronfolge, und aller Augen waren inſtinktartig und unwiderſtehlich auf Harold gerichtet. Das augenſcheinliche raſche Abnehmen des Königs, der gänzliche Abgang aller männlichen Erben in Cerdic's Hauſe, den einzigen Kna⸗ ben Edgar ausgenommen, deſſen Charakter(ſein Leben lang frivol und knabenhaft) den Umſtand ſeiner ihn ausſchließenden Minderjährig⸗ keit eher zu einem Grunde der Freude als des Kummers machte und 470 deſſen Geburtsrechte ſogar von der allgemeinen Geltung der ſächſiſchen Geſetze, welche keinen Sohn als Thronerben anerkannten, wenn der Vater nicht ſelbſt gekrönt geweſen,“ verworfen wurden— Vor⸗ ahnungen kommender Uebel und Gefahren, aus Edwards wirren Vi⸗ ſionen entſpringend— alte bis jetzt vergeſſene Prophezeiungen noch aus den Tagen Merlins, welche aus ihrem Dunkel wieder aufgelebt waren— Gerüchte über die beabſichtigten Thronanſprüche des nor⸗ männiſchen Grafen, von Haco, deſſen ganze Seele der Sache Harolds ergeben ſchien, gefliſſentlich zur Gewißheit umgeſtaltet— dies Alles trug dazu bei, die Wahl eines in Feld und Rath gereiften Mannes als für die Sicherheit des Reiches doppelt nothwendig erſcheinen zu laſſen. Warme Begünſtiger Harolds waren natürlich die urſprünglichen ſächſiſchen und ein großer Theil der anglodäniſchen Eingebornen— ſämmtliche Thane in ſeiner weiten Grafſchaft Weſſer, welche von Sandwich und der Mündung der Themſe bis zu den ſüdlichen und weſtlichen Küſten und bis nach Lands⸗End in Cornwall reichte und wel die freien Männer von Kent in ſich ſchloß, die ſchon ſeit Cäſars Tagen wa als Krone der brittiſchen Bevölkerung betrachtet worden waren und des ſeit Hengiſts Zeiten einen Einfluß ausgeübt hatten, dem nur die krie⸗ reit geriſche Macht der Anglo⸗Dänen das Gleichgewicht hielt. Auf Ha Harolds Seite waren ferner viele Thane aus ſeiner früheren Graf⸗ M ſchaft Oſtangeln, die Graſſchaft Eſſer nebſt einem großen Theil von bri Herts umfaſſend und ſo bis Cambridge, Huntingdon, Norfolk und Ely die reichend. Für ihn war der geſammte Wohlſtand, die Bildung und Macht Ur * Dieſe Wahrheit wurde von denjenigen Hiſtorikern überſehen, welche 2 das Recht des Athelings als unbeſtreitbar darſtellten.„Die Anſicht war vor⸗ herrſchend“(ſagt Palgrave, Engl. Commonwealth, 559— 60),„daß wenn der ſo Atheling geboren ſey, ehe Vater und Mutter die Königswürde erlangt hätten, E die Krone nicht auf den Sohn ungekrönter Ahnen übergehen könne.“ m Unſer großer Geſetzeshiſtoriker beruft ſich, was die Einwendung der T Thronfolge Edwards des Märtyrers betrifft, auf Eadmer, de Vit. Sanct. Dunstan, S. 220. gö ——,— 471 von London, für ihn die Veteranen der früher von ihm geführten Heere, für ihn faſt in der ganzen Ausdehnung des Reiches die noch weniger ſichtbare Macht der öffentlichen und der Nationalmeinung. Sogar die Prieſter mit Ausnahme des unmittelbaren Hofflerus vergaßen in der Noth der Zeiten ihren alten tiefgewurzelten Wider⸗ willen gegen Godwins Haus; ſie erinnerten ſich, daß wenigſtens Ha⸗ rold weder auf Streif⸗ noch Fehdezügen jemals auch nur ein einziges Kloſter geplündert oder ſich im Frieden und durch Komplotte eine Hufe von dem Eigenthume der Kirche zugeeignet hatte— und das war mehr, als man irgend einem anderen Carl damaliger Zeit(ſogar Leofrie dem Heiligen) nachſagen konnte. Die Begeiſterung des Volkes hatte auch ſie ergriffen, wie dies an einer ſogar in ihren unwiſſenſchaftlichen Irrthü⸗ mern mit dem Volke ſo innig verbundenen Kirche wie der ſächſiſchen na⸗ türlich war, und der Abt verband ſich mit dem Than in gemeinſamem Eifer für Earl Harold. Die einzige Parthei, die ſich entfernt hielt, war die Fraktion, welche ſich der Anſprüche der jungen Söhne Algars annahm. Sie war in der That höchſt gefährlich, denn ſie vereinigte alle alten Freunde des tugendhaften Leofric und des berühmten Siward, ſie fand zahl⸗ reiche Anhänger ſogar in Oſtangeln, welche Grafſchaft Algar nach Harold überkommen hatte; ſie umfaßte faſt ſämmtliche Thane von Mercia(dem Herzen des Landes) und die Bevölkerung von Northum⸗ brien und begriff endlich in ihrem weiten Bereiche auf der einen Seite die furchtbaren Wäliſchen, auf der andern das ſchottiſche Gebiet des Unterkönigs Malcolm, eines geborenen Cumbriers, trotz dem, daß Malcolm für Toſtig, dem er ſehr anhieng, viel perſönliche Vorliebe hegte. Allein wenn jene Parthei ſich bis jetzt auch noch entfernt hielt, ſo war ſie doch insgeſammt(vielleicht mit einziger Ausnahme der jungen Earls ſelber) bei der geringſten Ermunterung geneigt, ihre Stimme mit Harolds Freunden zu vereinigen, und ſein Lob war in ihrem Munde ebenſo laut, wie in dem der Sachſen von Kent oder der Bür⸗ ger von London. 472 Kurz alle Faktionen waren bereit, in dieſer entſcheidenden Kriſe alte Zwiſtigkeiten bei Seite zu legen; es hieng nur davon ab, die Northumbrier zu verſoͤhnen und Harolds Freunde mit den Anhängern der jungen Söhne Algars zu vereinen, um ein ſolches Zuſammentref⸗ fen der Intereſſen zu erzeugen, daß Harold unvermeidlich zum Throne des Reiches emporgetragen werden mußte. Er ſelbſt hielt es mittlerweile in ſeiner Weisheit und Vaterlands⸗ liebe für paſſend, ſich bei der herannahenden Entſcheidung zwiſchen Toſtig und den jungen Earls neutral zu verhalten. Er konnte nicht ſo ungerecht und wahnſinnig ſeyn, daß er ſeinen Parteieinfluß nur um ſeines Bruders willen zur Unterſtützung von Unterdrückung und Un⸗ gerechtigkeit aufs Aeußerſte getrieben und ebendadurch gefährdet hätte; ebenſowenig war es geziemend oder natürlich, ſeinerſeits gegen Toſtig Parthei zu nehmen, und als Staatsmann konnte er wiederum nicht ohne Aengſtlichkeit und Unruhe zuſehen, wie man einen ſo großen Theil des Reiches den Söhnen ſeines alten Feindes, den Rivalen ſei⸗ ner Macht gerade in der Zeit zur Herrſchaft übertrug, wo dieſe Macht ſchon allein um Englands willen die feſteſte und kompakteſte hätte ſeyn ſollen. Allein der Mann des Glückes gelangt nur ſelten durch eigene heftige Anſtrengungen zu endlicher Größe; er hat in früheren Tagen ſeine Saaten ausgeſtreut, und iſt die Zeit gereift, ſo bringt ſie die Ernte. Sein Schickſal ſcheint ſeiner eigenen Leitung entrückt und die Groͤße ihm von Oben anvertraut. Er hat ſich ſelbſt der Nation gleich⸗ ſam zum Bedürfniſſe, zur Nothwendigkeit gemacht, hat ſich mit ſeinem Zeitalter identificirt, ſo daß dieſes Zeitalter in dem Lorbeer oder der Krone auf ſeiner Stirne ſeine eigene Blüthe zu treiben ſcheint. Toſtig, welcher abgeſondert von Harold in einer Burg nahe dem Thore von Orford wohnte, gab ſich nur wenig Mühe um ſeine Feinde zu verſöhnen, oder neue Freunde zu erwerben; er vertraute mehr ſei⸗ nen Vorſtellungen bei Edward, der dem rebelliſchen Hauſe Algars Kriſe „ die agern ntref⸗ hrone ands⸗ iſchen nicht r um d Un⸗ pätte; Toſtig nicht roßen n ſei⸗ Nacht ſeyn igene Tagen ſie die nd die leich⸗ einem er der 2 dem feeinde ſei⸗ lgars 473 zürnte und dem er die Gefahr der Beeinträchtigung königlicher Würde durch Conceſſionen gegen bewaffnete Aufrührer vorgehalten hatte. Es war nur noch drei Tage bis zur Eröffnung des Witan; die meiſten Mitglieder hatten ſich bereits in der Stadt verſammelt und Harold ſchaute aus dem Fenſter des Kloſters, wo er wohnte, nach⸗ denklich auf die Straßen hinab, wo man mitten unter den ſchimmern⸗ den Gewändern von Thanen und Knechten die ernſten Roben der Geiſt⸗ lichen und junger Studenten gewahrte(Edward hatte nämlich zu ſei⸗ ner Ehre jener berühmten Univerſität, welche von Canuts Söhnen geplündert und verfolgt worden war, die Lehrfreiheit wieder gegeben), als Haco mit der Ankündigung eintrat, daß eine große Anzahl von Thanen und Prälaten, an ihrer Spitze der Erzbiſchof Alred von York, um Audienz bei ihm nachſuchten. „Kennſt Du den Grund, Haco?“ Des Jünglings Wange war noch bleicher wie gewöhnlich, als er leiſe erwiederte: „Hilda's Prophezeiungen reifen zur Wahrheit.“ Der Carl fuhr zuſammen; ſein alter Ehrgeiz lebte wieder auf, er flammte auf ſeiner Stirne und funkelte in ſeinen Augen; doch drängte Harold die freudige Regung zurück und bat Haco kurz, die Beſuchenden einzuführen. Sie kamen zwei und zwei, eine ſo zahlreiche Verſammlung, daß ſie das weite Zimmer erfüllte. Harold grüßte Jeden, und gewahrte die mächtigſten Lords des Landes, die höchſten Würdenträger der Kirche — oft ſogar ſah er einen alten Feind neben ſeinem treueſten Freunde auftreten. Sie Alle ſtanden ſtill vor dem ſchmalen Auftritte, worauf Harold ſtand, und ſeine Einladung an die Vorderſten, die Platform zu beſteigen, wurde von Alred mit einer Gebärde abgelehnt. Der Erzbiſchof begann nunmehr eine ernſte einfache Anrede. Er ſchilderte mit kurzen Worten die Lage des Landes, berührte mit theil⸗ nehmender Bekümmerniß das Befinden des Königs und das Abſterben von Cerdics Linie. Er geſtand ehrlich ſeinen eigenen Wunſch, die 471 Stimmen des Volkes wo möglich für den jungen Atheling zu vereini⸗ emp gen und bei der Dringlichkeit des Falles den Einwurf ſeiner unreifen Jahre zu beſeitigen; aber eben ſo deutlich und nachdrücklich verſicherte er, daß er nunmehr dieſe Hoffnung und Abſicht förmlich aufgegeben habe, und daß in dieſem Punkte unter allen Häuptlingen und Würden⸗ trägern des Reichs nur eine Anſicht vorherrſche. vor „Derohalben,“ fuhr er fort,„ſind alle, die Du hier um Dich ſiehſt, nach eifrigen Berathungen zu Dir gekommen; ja, Dir, Earl Harold, bieten wir Herz und Hand, um bei Edwards Hingange mit allen unſeren Kräften den Thron für Dich zu bereiten und Dich ſo feſt nen darauf zu ſetzen, wie nur jemals ein König von England und Sohn i von Cerdie darauf geſeſſen, denn wir wiſſen, daß wir in Dir und in in q Dir allein den Mann finden, der ſchon jetzt die engliſchen Herzen regiert, i deſſen ſtarkem Arme wir die Vertheidigung unſeres Landes und deſſen Rechtlichkeit wir unſere Geſetze anvertrauen können.— So wie ich ſpreche, denken wir Alle!“ Mit niedergeſchlagenen Augen hörte ihn Harold an und nur an nur einem leichten Heben der Bruſt unter dem Purpurgewande war ſeine Ea Bewegung zu erkennen. Sobald jedoch das Beifallsgemurmel, das der Rede des Prälaten folgte, vorüber war, erhob er ſein Haupt und ogl antwortete: frei „Heiliger Vater und Ihr, meine würdigen Thane und Genoſſen, ren wenn Ihr in dieſem Augenblick in meinem Herzen leſen könntet— glaubt mir, die eitle Freude des ehrgeizigen Mannes, der den größten aller irdiſchen Preiſe in ſeinen Bereich geſtellt ſieht, würdet Ihr nicht darin finden. Neben tiefer namenloſer Dankbarkeit für Euer Vertrauen zw und Eure Liebe würdet Ihr auch ernſte feierliche Bekümmerniß, Ihr würdet den feſten Wunſch darin entdecken, meine Entſcheidung aller niedrigen Selbſtſucht zu entkleiden und nur Das zu erwägen, ob ich als der König oder als Unterthan das Wohl von England am Beſten zu wah⸗ ren vermag. Verzeiht mir alſo, wenn ich Euch nicht ſo antworte, wie ſo der Ehrgeiz allein antworten würde; haltet mich auch nicht für un⸗ la 475 empfindlich gegen das glorreiche Loos, im Angeſichte des Himmels und unter dem Lichte unſerer Geſetze die Geſchicke des engliſchen Reiches zu lenken— wenn ich länger verweile, um meine Verantwortlichkeit und die zu überwindenden Hinderniſſe wohl zu erwägen. Ich habe Etwas auf dem Herzen, was ich gerne enthüllen möchte, was ich aber vor einer ſo zahlreichen Verſammlung nicht verhandeln kann, ſondern lieber einigen Auserwählten vorlegen moͤchte, die Ihr ſelbſt unter denen, deren kühler Weisheit abgeſehen von aller perſönlichen Liebe zu mir Ihr am Beſten vertrauet— beſtimmen möget. Euren älteſten Tha⸗ nen, Euren gelehrteſten Prälaten— zu ihnen will ich reden, vor ihnen mein Herz erleichtern, und ihrer Antwort, ihrem Rathe will ich mich in allen Dingen unterwerfen, ſey es nun, daß ich mit loyalem Herzen einem Anderen dienen ſoll, den ſie, wenn ſie auf mich hören wollen, erwählen würden, oder daß ich meine Seele gefaßt zu machen hätte, die Laſt einer Königskrone nicht unwürdig zu tragen.“ Alred richtete ſeine milden Augen auf Harold, und Mitleid nicht nur, auch Beifall lag in ſeinen Blicken, denn er errieth die Abſicht des Earls. „Du haſt den rechten Weg erwählt, mein Sohn; wir wollen uns ogleich zurückziehen und Diejenigen erwählen, gegen die Du Dich frei ausſprechen und bei deren Urtheil Du mit vollem Rechte verhar⸗ ren magſt.“ Hiemit entfernte ſich der Prälat und mit ihm das Conclave. Sobald Haco mit Harold allein war, fragte Erſterer plötzlich: „Du wirſt doch nicht ſo unvorſichtig ſeyn, o Harold, Deinen er⸗ zwungenen Eid gegen den trügeriſchen Normannen einzugeſtehen?“ „Das iſt meine Abſicht,“ verſetzte Harold kalt. Der Sohn von Sweyn begann Einwendungen zu machen; allein der Earl ſchnitt dieſe kurz ab mit den Worten: „Wenn der Normanne ſagt, er habe ſich in Harold getäuſcht, ſo ſollen wenigſtens die Männer von England nicht daſſelbe ſagen. Ver⸗ laſſe mich; Haco. Ich weiß nicht warum— aber in Deiner Gegen⸗ 476 wart liegt zuweilen ein trügeriſcher Zauber, nicht minder ſtark als Hilda's Sprüche. Geh', theurer Knabe; nicht Du trägſt die Schuld, wohl aber die abergläubiſche Schwäche eines Mannes, der ſeine Ver⸗ nunft einſt zu den Bildern einer wilden Fantaſie allzuhoch erhoben oder— wenn Du willſt— erniedrigt hat. Geh' und ſende mir mei⸗ nen Bruder Gurth. Ihn allein möchte ich von meinem Hauſe bei dieſer feierlichen Kriſe ſeines Schickſals gegenwärtig haben.“ Haco beugte das Haupt und ging. Wenige Augenblicke ſpäter erſchien Gurth. Dieſer reinen mackel⸗ loſen Seele hatte Harold bereits die Erlebniſſe während ſeines un⸗ glücklichen Beſuchs bei dem Normannen erzählt, und als ihm der Häuptling die Hand drückte und ihn mit ſeinen hellen liebevollen Augen anſah, da war ihm, als ob das leibhaftige Bild der Ehre neben ihm ſtünde. Sechs Geiſtliche— hervorragend durch ihr theologiſches Wiſſen, das zwar verglichen mit den Gelehrten in der Normandie und in den päbſtlichen Staaten nur gering, aber jedenfalls einſichtsvoller und von dem bloßen Kloſtergeiſte freier war, als bei den Meiſten ihrer ſäch⸗ ſiſchen Zeitgenoſſen— und ſechs Häuptlinge, die erfahrenſten in Krieg und Rath, unter Alreds ſcharfblickendem Drängen erwählt, begleiteten den Prälaten nunmehr zu dem Earl. „Näher, Gurth! Näher! Näher!“ flüſterte Harold.„Meine jetzige Beichte verletzt den Stolz des Mannes und beſchämt mich auf's Tiefſte, ſo daß ich Dein kühnes ſündenloſes Herz dicht neben dem meinigen moͤchte ſchlagen hören.“ Und den Arm auf ſeines Bruders Schulter lehnend und durch die tiefe Erſchütterung, die ſich in den erſten Worten kund gab, ſeine ernſten Zuhörer unwiderſtehlich feſſelnd und ergreifend, begann Harold ſeine Erzählung. Vielfach waren die Regungen, obwohl alle näher verwandt dem Schrecken als dem Widerwillen, womit die Zuhörer den einfachen auf⸗ richtigen Bericht des Earls vernahmen. ne S S f als chuld, Ver⸗ hoben mei⸗ ſe bei ackel⸗ s un⸗ n der vollen neben iſſen, n den dvon ſäch⸗ Krieg iteten Teine auf's dem h die ſeine arold dem 477 Unter den Laien war der Eindruck des erzwungenen Eides ver⸗ gleichungsweiſe nur gering, denn es gehörte zu den ſchlimmſten Feh⸗ lern der ſächſiſchen Geſetze, daß ſie alle Anklagen von der geringſten bis zur höchſten in eine ſolche Maſſe von Eidſchwüren verwickelten,“ daß der Ernſt und die Feſtigkeit dieſes Bandes leider ſehr gelockert werden mußte, weßhalb ein Eid damals faſt als bloße geſetzliche Form galt, wie noch jetzt gewiſſe andere als ſchlimme Ueberbleibſel jener Zeiten in unſerem Parlaments⸗ und Kirchenweſen von ſonſt ganz ehrenwerthen Männern betrachtet werden. Dazu kam, daß keiner Geltung des Eides ein größerer Spielraum eingeräumt wurde, als eben dem, der die Lehenstreue gegen einen Häuptling berührte, denn in den fortwährenden Empörungen, welche Jahr für Jahr aufkamen, wurden dieſe offen und ohne Vorwurf verletzt. Da war kein Unter⸗ könig in Wales, wenn er die Gränze verheerte, kein Earl, wenn er das Banner gegen den Baſileus von Britannien erhob, der nicht ſeinen Schwur der Treue und Folgſamkeit gegen den herrſchenden Lord ver⸗ letzte, ja ſogar William der Normanne ſelber ließ ſich durch ſeinen Lehenseid niemals abhalten, ſo oft es ihm recht und nützlich dünkte, die Waffen gegen ſeinen franzöſiſchen Oberherrn zu kehren. Bei den Männern der Kirche war der Eindruck ſtärker und ernſter: hier war es nicht der Eid an ſich, wohl aber die Reliquien, auf welche er abgelegt worden. Aengſtlich und zweifelnd ſchauten ſie ſich an, als der Earl ſeine Erzählung ſchloß, während unter den Laien ein Mur⸗ meln des Zorns über Williams kühne Abſichten wider ihr Geburts⸗ land und der Verachtung über den Gedanken umlief, daß ein durch Zwang und Ueberraſchung hervorgerufener Schwur das Werkzeug des Verraths gegen ein ganzes Volk werden ſollte. „So habe ich nun mein Gewiſſen vor Euch gereinigt, und Euch * Man leſe in dieſer Beziehung Henry's richtige Bemerkungen in ſei⸗ ner Geſchichte Britanniens. Von der allzu häufigen Anwendung des Schwörens war es gekommen, daß der Meineid unter die Nationallaſter der Sachſen gerechnet wurde. 478 das einzige Hinderniß erklärt, das meine Annahme Eures Anerbietens erſchwert,“ ſchloß Harold nach kurzer Pauſe.„Daß ein alſo erzwunge⸗ ner und für England ſo verderblicher Eid feſtgehalten werden müſſe— davon hat dieſer ehrwürdige Prälat wie mein eigenes Gewiſſen mich freigeſprochen. Sey ich nun König oder Unterthan— ich werde die Lebenden und ihre lange Nachkommenſchaft ſtets mehr verehren, als ſolche Todtengebeine, und mir mit Schwert und Streitart meine beſte Sühne für die Schwäche dieſes Mundes und Herzens gegen den An⸗ greifer heraushauen. Ob Ihr jedoch nach Einſichtnahme des Vorge⸗ fallenen die Erwählung eines anderen Königs für das Land nicht als ſicherer betrachten möget— das iſt es, was Ihr jetzt, freimüthig und alle Wechſelfälle ins Auge faſſend, entſcheiden ſolltet.“ Mit dieſen Worten verließ er die Platform und zog ſich mit Gurth in das anſtoßende Oratorium zurück. Die Augen der Prieſter richteten ſich auf Alred und dieſer hielt ihnen nun vor, was er ſchon früher gegen Harold geltend gemacht hatte: er unterſchied zwiſchen dem Eid und ſeiner Erfüllung— zwi⸗ ſchen der größeren und der geringeren Sünde— der einen, von welcher die Kirche abſolviren konnte, und der anderen, welche ſie niemals for⸗ dern durfte und deren Erfüllung keine Buße zu ſühnen vermochte. Gleichwohl geſtand er offen, daß die alſo erzeugten Schwierigkeiten es waren, die ihn für den Atheling geneigt gemacht hatten— eine Wahl, welche er jedoch bei ſeiner Ueberzeugung von der Unfähigkeit dieſes Prinzen, das Reich auch in den allergewöhnlichſten Zeiten zu regieren, in einer Periode, wo die Normannen bereits die Schwerter zum Kampfe wetzten, nur noch mehr verwerfen mußte.„Wenn ſich ein zu unſerer Vertheidigung gleich tauglicher Mann wie Harold findet,“ bemerkte er am Schluſſe,„ſo laßt uns ihn vorziehen: wenn nicht—“ „Es gibt keinen Anderen!“ riefen die Thane mit Einer Stimme. „Und,“ ſagte ein weiſer alter Häuptling,„hätte uns Harold eine Falle legen wollen, um ſich den Thron zu ſichern— er hätte keine beſſere etens inge⸗ ſe— mich de die als beſte An⸗ orge⸗ als und mit hielt nacht zwi⸗ lcher for⸗ hhte. n es ahl, eſes ren, zum ſich vold enn me. alle erſinnen können, als eben die Geſchichte, die er uns erzählt hat. Wie! gerade jetzt, wo wir verſichert ſind, daß der beherzteſte und tödtlichſte Feind unſeres Landes nur auf Edwards Tod wartet, um nns das Joch des Fremdlings aufzuzwingen— gerade jetzt ſollen wir uns aus dem⸗ ſelben Grunde des einzigen Mannes berauben, der ihm zu widerſtehen vermag? Harold hat einen Eid geleiſtet! Gott weiß, wer unter uns nicht ſchon einen geſetzlichen Schwur auf ſich genommen, für den er ſich ſpäter zu einer Buße oder zur Ausſtattung eines Kloſters ver⸗ ſtanden hätte. Das weiſeſte Mittel, Harold gegen dieſen Schwur zu kräftigen, iſt das, wenn wir durch des Earls Erwählung zum Throne die moraliſche Unmöglichkeit ſeiner Erfüllung darthun. Der beſte Be⸗ weis, den wir dieſem unverſchämten Normannen geben können, daß England nicht nur ſo von einem Fürſten vermacht oder vertauſcht wer⸗ den darf, iſt der, daß wir in unſerem Witan feierlich eben denſelben Häuptling erwählen, den er ſelbſt, wie ſein Betrug beweist, am mei⸗ ſten fürchtet. Würde ſich William nicht ins Fäuſtchen lachen, wenn er einen König nur auffordern dürfte, daß er von ſeinem Throne herab⸗ ſteige, und ihm die Huldigung erweiſe, welche dieſer König in der ganz verſchiedenen Eigenſchaft eines Unterthans ihm(wir wollen zu⸗ geben ſogar freiwillig) zu leiſten verſprochen hätte?“ Dieſe Rede enthielt die volle Geſinnung der Laien und beruhigte neben Alreds früheren Bemerkungen ſämmtliche Biſchöfe. Sie waren leicht zu dem Glauben zu bringen, daß die gewöhnlichen Kirchenbußen und reiche Geſchenke an den Klerus für die an den Reliquien begangene Verſündigung hinreichen würden, und wenn ſie auch mit ihrer Abſolu⸗ tion eine für alle gewöhnlichen Dinge weitaus genügende Autorität in einem ſo ernſten Falle überſchritten, ſo konnte Harold als König mit leichter Mühe vom Pabſte die volle Verzeihung und Abſolution er⸗ langen, die er als bloſer Earl gegen den Fürſten der Normannen nie⸗ mals gewinnen würde. Dieſe und ähnliche Erwägungen machten bald der Ungewißheit des erwählten Concils ein Ende, und Alred ſuchte den Earl in ſeinem 480 Oratorium, um ihn wieder vor das Conclave zu fordern. Die beiden Brüder knieten neben einander vor dem kleinen Altar, und in jenem Augenblick, da die Krone von England über ihrem Hauſe ſchwebte, lag etwas unausſprechlich Rührendes in ihrer demüthigen Stellung und ihren flehend gefalteten Händen. Die Brüder erhoben ſich und folgten dem Prälaten auf ſein Zeichen in das Berathungszimmer. Alred theilte ihnen kurz das Reſultat der Konferenz mit, und mit einer Miene und einem Tone, ebenſo frei von Triumph wie von Unentſchloſſenheit, erwiederte Harold. „Wie Ihr wollt, ſo will auch ich. Stellt mich nur dahin, wo ich der gemeinſamen Sache am Beſten dienen kann. Da Ihr jetzt mein Geheimniß kennet, ſo bleibet als auserwählter ſtehender Rath beiſammen: mein perfönliches Wagniß in dieſer Sache iſt zu groß, als daß ich unbefangen dabei ſeyn könnte; deßhalb ſollt Ihr in allen Dingen für mich urtheilen und entſcheiden. Euer Verſtand ſollte ruhi⸗ ger und weiſer ſeyn, als der meine; in Allem will ich bei Eurem Rathe bleiben, und ſo ſey denn die anvertraute Freiheit einer Nation von mir angenommen.“ Jeder Than reichte ſofort Harold die Hand und nannte ſich Harolds Mann. „Jetzt mehr als je wird es nöthig ſeyn,“ ſagte der weiſe alte Than, welcher früher geſprochen hatte,„jede Zwietracht in unſerem Reiche zu heilen, Mercia und Northumbrien mit uns auszuſöhnen, und unſere Länder gegen den Feind zu einem Reich zu vereinigen. Als Toſtigs Bruder haſt Du wohl gethan, Dich jeder thätigen Einmiſchung zu enthalten: Du wirſt wohl thun, das nothwendige Bündniß zwiſchen allen guten und wackeren Männern unſerer Unterhandlung zu überlaſſen.“ „Und zu dieſem von dem öffentlichen Wohle gebotenen Ende biſt Du bereit, bei unſerem Rathe zu bleiben, wie er auch lauten möge?“ ſchloß Alred nachdenklich. „Wie er auch lauten möge, wenn er nur England dienlich iſt,“ ver⸗ ſicherte der Earl. un eiden enem „lag und ſein das done, rold. wo jetzt Rath als allen uhi⸗ rem tion olds alte rem ien, Als ing hen 1. iſt 2 er⸗ — 481 Ein trübes Lächeln flog über die bleichen Lippen des Prälaten, und Harold blieb abermals mit Gurth allein. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Die Seele aller Berathungen und Kabalen zu Harolds Gunſten, welche die vornehmſten Häuptlinge zum endlichen glücklichen Ent⸗ ſchluſſe vermocht hatte— war Haco. Sein Rang als Sohn von Sweyn, dem Erſtgeborenen aus God⸗ wins Hauſe— ein Rang, der ihn ſelbſt einigermaßen zu ſolchen An⸗ ſprüchen berechtigt hätte, eröffnete ſeinem ausnehmend ſcharfen tiefen Verſtande den freieſten Spielraum. Schon vom normänniſchen Hofe her an dieſe Atmoſphäre praktiſcher Staatskunſt gewöhnt, übte er mit ſeinen von Jugend auf durch Wachſamkeit und Nachdenken geſchaͤrften Fähigkeiten einen außerordentlichen Einfluß über das einfache Begriffs⸗ vermögen der einheimiſchen Kleriker, der ungebildeten Thane. Von der Ueberzeugung ſeines frühzeitigen Todes durchdrungen, empfand er kein Intereſſe für die Zwecke Anderer; da er aber feſt daran glaubte, daß aller Ruhm und Glanz in ſeiner kurzen vom Schickſal gerichteten Laufbahn von Harolds leuchtendem Geſchicke ihm zufallen müſſe, ſo beſchränkte ſich der einzige Wunſch ſeiner unter anderen Auſpicien vor⸗ herrſchend kühnen ehrgeizigen Natur darauf, zu Harolds Größe das Seinige beizutragen. Weder Vorurtheil noch Grundſatz ſtand hierin ſeinem finſteren Enthuſiasmus im Wege, denn gleichwie ein Vater am Rande des Grabes ſein einziges Streben auf die Größe des Sohnes richtet, der ſein eigenes Leben in ſich aufgenommen, ſo war auch dieſer düſtere, der Erde und ihren Freuden wie den Regungen des Herzens abgeſtorbene Jüngling dahin gelangt, daß er über ſein eigenes Grab hinweg nur das eine Daſeyn ins Auge faßte, auf das er ſeinen Ehr⸗ geiz übertragen hatte. Wenn die leitenden Kräfte in Harolds denkwürdiger Laufbahn durch die lebenden Weſen, mit denen er in Verbindung ſtand, ſich gleich⸗ Bulwer, Harold. 31 482 ſam als durch ihre Symbole allegoriſiren ließen— wie Editha den Re⸗ präſentanten mackelloſer Wahrheit— Gurth den Typus unerſchrocke⸗ ner Pflichterfüllung— Hilda die Verkörperung hochſtrebender Fantaſie darſtellte— ſo war Haco die Perſonifikation weltlicher Weisheit. Sie leitete ſeine kalte Handlungsweiſe, wenn er mit Alred und Harolds Anhängern verkehrte, wenn er ſich bald mit Edwin und Morear ein⸗ ſchloß, bald in das Zimmer des kranken Königs ſchlüpfte.— Dieſe Weisheit ahnte alle Hinderniſſe, beſeitigte alle Schwierigkeiten, wußte ruhig aber ewig raſtlos gleich der erbarmungsloſen Hand eines uner⸗ ſchütterlichen Schickſals die ganze Zukunft in Harmonie zu(bringen. Vor allen war es aber eine Perſon, mit welcher Haco öfter als mit den Uebrigen verkehrte— eine Perſon, welche Harolds Anweſenheit in jenes ſpannende Netz der Intrigue verlockt hatte und deren Herz bei den Hoffnungen, wie ſie Haco's nie lächelnde Lippe ihr einflüſterte— hoch emporſchlug. Sechzigſtes Kapitel. Es war am zweiten Tage nachdem die Thane unſeren Harold ihrer Treue verſichert hatten, als ihm von Lady Aldytha eine Bot⸗ ſchaft zukam. Sie wohnte mit ihrer jungen Tochter, dem Sprößlinge des wäliſchen Königs, in einem Kloſter zu Orford, und bat ihn, daß er ſie beſuchen möchte. Der Earl, deſſen thätiger Geiſt, den rings um ihn ſpielenden Ränken fremd, den raſtloſen fieberiſchen Gedanken, welche die Ruhe aller thatkräftigen Naturen heimſuchen, gänzlich über⸗ laſſen war, ergriff nicht ungerne die Gelegenheit, ihnen auf eine Zeit lang zu entrinnen, und er ging deßhalb zu Aldythen. Die königliche Wittwe hatte die Zeichen der Trauer abgelegt; in die prachtvollen flatternden Gewänder, wie ſie bei ſächſiſchen Frauen üblich waren, gekleidet, ſchien ihre Wange die volle ſtolze Schönheit der Jugend wieder erlangt zu haben. Ihr zu Füßen ſaß ihre Tochter, welche, ſpäter mit dem durch Shakeſpeare uns wohlbekannten Fleance ——————————— 7———— ntaſie Sie rolds r ein⸗ Dieſe vußte uner⸗ ngen. 3 mit eit in 3 bei te— arold Bot⸗ linge daß rings nken, über⸗ Zeit ; in auen nheit hter, ance vermählt, die Stammmutter jener ſchottiſchen Königsreihe wurde, welche Macbeth“ als bleiche Schatten an ſeinen Augen hatte vorüber⸗ ſchweben ſehen; neben ihr mußte Harold das ſtets ominöſe Geſicht Haco's gewahren. Aber ſo ſtolz auch Aldytha war, ſo ſchien doch beim Anblicke des Earls all ihr Selbſtgefühl in. die ſüßeren Regungen des Weibes zu verſchmelzen, ſo daß ſie im Anfange unfähig war, ſeinen Gruß zu be⸗ antworten. Allmälig erwarmte ſie jedoch zu herzlicher Vertraulichkeit. Ihren früheren Kummer nur leicht berührend, ließ ſie gleichwohl ſo viel durchblicken, daß ihr Loos neben dem wilden Gryffyth ebenſo ſehr mit öffentlichem Elend als mit häuslichem Grame reich geſegnet ge⸗ weſen, und daß ſie in dem natürlichen Entſetzen, wie es die Ermordung ihres Gebieters hervorgerufen, weit eher für den vom Unglück verfolg⸗ ten König als für den geliebten Gemahl empfunden hatte. Von dieſem Gegenſtande zu den zwiſchen Harold und ihrem Hauſe noch obſchwe⸗ benden Zwiſtigkeiten übergehend, ſprach ſie weiſe und wohl überlegt von dem Wunſche der jungen Carls, ſich Harolds Gunſt und Wohl⸗ wollen zu gewinnen. Indem ſie noch ſprach, traten Morcar und Edwin wie zufällig ins Zimmer und begrüßten Harold, wie es ihrer beiderſeitigen Stel⸗ lung zukam— zurückhaltend ohne Fremdthun, reſpektvoll ohne alle Servilität. Mit dem Zartgefühle höherer Naturen vermieden ſie jede Anſpielung auf ihren am folgenden Morgen vor dem Witan zu ent⸗ ſcheidenden Prozeß, von deſſen Ausgange die Erlangung ihrer Graf⸗ ſchaften oder ihre Verbannung abhing. Harold fand Wohlgefallen an ihrer Haltung, und fühlte ſich durch das Andenken an die zärtlichen Worte, welche einſt über ſeines Vaters Leiche zwiſchen ihrem erlauchten Großvater Leofric und ihm ſelber ge⸗ wechſelt worden, zu ihnen hingezogen. Er gedachte ſeiner eigenen damaligen Bitte—„laß Friede herrſchen zwiſchen den Deinen und * Auf dieſe Art ſtammte Charles Stuart von dem durch ſeine Unterthanen gleichfalls enthaupteten Gryffyth. 31* 484 den Meinen!“ und wenn er ihre ſchöne ſeattliche Jugend, ihre edle Haltung betrachtete, ſo konnte er ſich nicht verhehlen, daß die Männer von Mercia und Northumbrien gut gewählt hatten. Die Unterhaltung dauerte natürlich nur kurz, feit ſie ſo allgemein geworden war; der Beſuch hatte bald ein Ende und mit der Höklichkeit damaliger Zeit begleiteten die Brüder ihren Gaſt bis zur Thüre. „Wollt Ihr nicht meinem Oheime die Hand reichen, edle Thane?“ ſprach Haco mit jenem leiſen Zucken der Lippen, bei ihm dem einzigen Anſtreifen an's Lächeln. „Gewiß,“ erwiederte Edwin, der hübſchere und ſanftere von Bei⸗ den, der mit ſeiner Poetennatur die Begeiſterung eines Dichters für die tapferen Thaten ſogar des Nebenbuhlers empfand—„gewiß, wenn der Earl die Hand von Männern annehmen will, welche hoffentlich nie genöthigt ſeyn werden, das Schwert gegen Englands Helden zu ziehen.“ Harold bot ihnen zur Erwiederung die Hand, und das uralte herzliche Pfand der nationalen Freundſchaft war getauſcht. „Bei meiner jetzigen Stellung zu den jungen Earls hätteſt Du Deine Aufforderung vorhin beſſer unterlaſſen,“ bemerkte Harold ſeinem Neffen, ſobald ſie auf die Straße kamen. „Ei nein,“ meinte dieſer;„ihre Sache iſt ſchon im Voraus zu ihren Gunſten entſchieden, und Du mußt Dich mit Leofries Erben und Siwards Nachfolgern verbinden.“ Harold gab keine Antwort. In dem zuverſichtlichen Tone des bartloſen Jünglings lag etwas, was ihm mißfiel; er gedachte jedoch, daß Haco der Sohn von Sweyn, dem Erſtgeborenen Godwins ſey und daß er ohne ſeines Vaters Unthaten dieſelbe Stelle in England ein⸗ nehmen, demſelben erhabenen Looſe, das ſeiner nunmehr wartete, ent⸗ gegen ſehen könnte. Am Abend kam ein Bote aus dem Römerhauſe mit zwei Briefen für Harold— dem einen von Hilda mit den wenigen Worten:„Dir droht abermals Gefahr in der Geſtalt des Guten. Hüte Dich ins⸗ edle nner mein hkeit ne?“ zigen Bei⸗ für wenn nie en.“ tralte Du inem us zu und des doch, und ein⸗ ent⸗ iefen Dir ins⸗ 485 beſondere vor dem Uebel, das mit dem Scheine der Weisheit auftritt 1 — Dem anderen von Edithen, für die damalige Zeit ſehr lang und in jeder Sylbe ein Herz enthüllend, das ganz nur in dem ſeinen lebte. Sobald er letzteren geleſen, waren Hilda's Warnungen vergeſſen. Edithens Bild— die Ausſicht auf eine Macht, welche endlich ihre Verbindung bewirken und die Geliebte für ihre lange Hingebung be⸗ lohnen konnte— erhob ſich vor ſeinen Blicken, alle wilderen Fantaſien, alle hochſtrebenden Erwartungen ausſchließend, und ſein Schlaf war in jener Nacht voll jugendlicher hoffnungsreicher Träume. Am anderen Tage trat der Witan zuſammen. Die Verhandlung war weniger ſtürmiſch als man erwartet hatte, denn die meiſten Mit⸗ glieder waren ſchon im Voraus entſchloſſen und die Thatſachen waren, ſoweit ſie Toſtig betrafen, viel zu klar und offenbar, die Zeugen zu zahlreich, als daß den Richtern noch eine Wahl übrig geblieben wäre. Der Einzige, auf den Toſtig ſich verlaſſen hatte— Edward, war be⸗ reits mit ſeinem gewohnten Schwanken theils durch die Rathſchläge Alreds und der übrigen Prälaten, beſonders aber durch die Vorſtel⸗ lungen Haco's, deſſen ernſte Haltung und tiefe Verſtellung einen auf⸗ fallenden Einfluß über den ſteifen melancholiſchen König errungen hatte— zum richtigen Entſchluſſe bewogen worden. Die beiden ſtreitenden Parteien waren durch vorläufigen Kontrakt übereingekommen, wider den Beleidiger Toſtig die Dinge nicht bis zum rachſüchtigen Extreme zu treiben: außer der einfachen Entziehung der von ihm mißbrauchten Grafenwürde ward weder auf Aechtung noch ſonſtige Strafe angetragen. Zum Lohne für dieſe Mäßigung auf der einen Seite hatte ſich die andere verbindlich gemacht, die neue Wahl der Northumbrier unterſtützen zu wollen, und ſo wurde Morcar förm⸗ lich mit dem Vicekönigthum dieſes weiten Gebietes bekleidet, während Edwin in der Herrſchaft über den Haupttheil von Mercia beſtätigt ward. Bei der Verkündigung dieſer Beſchlüſſe, welche von der verſam⸗ melten Menge mit lautem Beifall aufgenommen wurden, verließ Toſtig — 486 mit ſeinen ſämmtlichen Hausdienern die Stadt. Er wendete ſich zuerſt zu Githa, bei welcher ſein Weib Zuflucht geſucht hatte, worauf er und ſeine hochmüthige Gräfin nach langer Konferenz mit ſeiner Mutter an die Seeküſte reisten und ſich nach Flandern einſchifften. Einundſechzigſtes Kapitel. Gurth und Harold ſaßen lange nach der zweiten Veſper in vertrau⸗ tem Geſpräche im Zimmer des Earls, als Alred unerwartet eintrat. Die Miene des alten Mannes war ungewöhnlich ernſt, und Harolds durch⸗ dringendes Auge erkannte, daß ſie von wichtigen Dingen verdüſtert war. „Harold,“ begann der Prälat, ſich niederſetzend,„die Stunde iſt gekommen, um Deine Aufrichtigkeit zu bewähren, als Du Dich damals bereit erklärteſt, Deinem Lande jedes Opfer zu bringen, und bei dem Rathe Derer zu verharren, welche frei von Deinen Leidenſchaften Dich ſelbſt blos als Werkzeug für Englands Wohl betrachten.“ „Rede nur, Vater,“ erwiederte Harold, nicht ohne über die Feier⸗ lichkeit der Anrede einigermaßen zu erblaſſen;„ich bin bereit, wenn der Rath es alſo wünſcht, ein Unterthan zu bleiben und bei der Wahl eines würdigeren Königs behülflich zu ſeyn.“ „Du mißverſtehſt mich,“ gab Alred zur Antwort;„ich verlange nicht von Dir, daß Du die Krone niederlegeſt, ſondern daß Du Dein Herz kreuzigeſt. Der Beſchluß des Witan beſtimmt den Söhnen Algars Mercia und Northumbrien. Die alten Gränzlinien der Heptarchie ſind, wie Du weißt, kaum verwiſcht, und wir haben ſogar jetzt noch weniger eine Monarchie als vielmehr verſchiedene Staaten mit ihren eigenen Geſetzen, bewohnt von verſchiedenen Racen, welche unter ihren Unter⸗ königen, Earls genannt, in dem Baſileus vor Britannien ein Ober⸗ haupt anerkennen. Mercia hat ſein Marſchengeſetz und ſeinen Fürſten; Northumbrien das däniſche Geſetz und ſeinen Führer. Um ohne Bür⸗ gerkrieg einen König zu erwählen, müſſen dieſe Reiche— denn das ſind ſie wirklich— ſich mit den anderswo gehaltenen Witans vereinigen — und gege meh Pro fortt Edn Wer ren Nor Sch häll ſelb wu En kal thu beſ M und r an 487 und dieſelben ſanktioniren. Nur ſo kann das Königreich ſeſt werden gegen die Feinde von Außen und die Anarchie im Innern: dies um ſo mehr wegen des Bündniſſes zwiſchen den neuen Earls jener großen Provinzen und dem Hauſe Gryffyths, das in deſſen Sohne Caradoc fortlebt. Wie ſoll es werden, wenn Mercia und Northumbrien nach Edwards Tode ſich weigern, Deine Thronbeſteigung anzuerkennen? Wenn die Waͤliſchen von ihren Hügeln, die Schotten aus ihren Moo⸗ ren losbrechen, während wir unſerer geſammten Streitkraft gegen den Normannen bedürfen? Malcolm von Cumbrien, jetzt König von Schottland, iſt Toſtigs Buſenfreund, während ſein Volk es mit Morcar hält. Das ſind in der That für einen neuen König Gefahren genug, ſelbſt wenn Williams Schwert in der Scheide ſchliefe.“ „Du ſprichſt Worte der Weisheit,“ verſetzte Harold;„aber ich wußte zuvor, daß wer eine Krone trägt, der Ruhe entſagen muß.“ „Nicht ſo; es gibt einen Weg— aber auch nur einen— um ganz England mit Deiner Herrſchaft zu verſoͤhnen— um Dir nicht nur die kalte Neutralität, ſondern ſogar den regen Eifer Mercia's und Nor⸗ thumbriens zu erwerben, ſo daß das erſtere Dich vor den Wäliſchen beſchütze und das letztere Deine Bruſtwehr gegen den Schotten bilde. Mit einem Wort: Du mußt Dich mit dem Blute dieſer jungen Earls alliiren— mußt ihre Schweſter Aldytha heirathen.“ Der Earl ſprang entſetzt von ſeinem Stuhle. „Nein— nein!“ rief er;„das nicht!— jedes Opfer nur nicht dieſes!— lieber auf den Thron als auf das Herz verzichten, das ſich vertrauensvoll auf das meinige ſtützt! Du kennſt mein Verlöbniß mit meiner Baſe Editha— ein Verlöbniß, das durch jahrelange Treue geheiligt iſt. Nein— nein: habt Mitleid— menſchliche Gnade; ich kann keine Andere heirathen!— jedes Opfer, nur nicht dieſes!“ Der gute Prälat war zwar auf dieſen Ausbruch nicht unvorberei⸗ tet, fühlte ſich aber dennoch durch ſo unverſtellte Seelenangſt er⸗ ſchüttert. „Ach, mein Sohn,“ verſetzte er, ſtandhaft in Verfolgung ſeines 488 Planes,„ſo ſagen wir alle in der Stunde der Prüfung— jedes der!: Opfer, nur nicht was Pflicht und Himmel verlangen.' Auf den Thron entg verzichten kannſt Du nicht, ſonſt läßſt Du das Land ohne Herrſcher, zerriſſen von den Anſprüchen ehrgeiziger Nebenbuhler— eine leichte Hän Beute für den Normannen. Auf Deine menſchlichen Neigungen ver⸗ vert zichten kannſt und mußt Du, und zwar um ſo mehr, o Harold, weil 3 Tre dieſes alte Band, auch wenn die Pflicht Dich nicht zu dieſer neuen Ver⸗ And bindung triebe, ein ſündhaftes iſt, deſſen Löſung Dein Gewiſſen eben ſowohl wie die Kirche von dem Könige verlangen, der als hohes Bei⸗ wür ſpiel für Alle auf hohe Stelle gepflanzt iſt. Wie willſt Du den Jug irrenden Lebenswandel des Klerus reinigen, wenn Du ſelbſt wider die ich Kirche rebellirſt? Haſt Du gehofft, durch Deine Königsmacht den römiſchen Oberprieſter zur Verwilligung der Dispenſation für Deine zu l verbotene Heirath zu vermögen und Dein jetzt ungeſetzliches Gelübde und legal zu beſtätigen, ſo bedenke, daß Du eine hwichtigere dringendere den Gnade— die Abſolution von Deinem Eide gegen William— zu er⸗ grü bitten haſt. Beide Verlangen wird unſer römiſcher Vater ſicherlich hin nicht gewähren und welches willſt Du nun wählen— Das, welches ten Dich von Sünde frei ſpricht, oder das blos Deine fleiſchlichen Nei⸗ laſſ gungen befriedigt?“ nun Harold bedeckte das Antlitz mit den Händen und ſtöhnte laut in ten heftigem Todeskampfe. „Hilf mir, Gurth,“ rief Alred;„Du biſt ſündenlos und ohne tra Mackel und kannſt eines Bruders Liebe mit dem Eifer des Chriſten vereinen: hilf mir, Gurth, das eigenſinnige Herz zu erweichen, das ſeu menſchliche aber zu tröſten.“ Mit ſtarker Selbſtüberwindung kniete Gurtheneben Harold nie⸗ me der, um in einfacher nachdrücklicher Rede des Prieſters Vorſtellungen bü zu unterſtützen. In Wahrheit ſtanden auch alle Vernunftgründe, der eb Zuſtand des Landes, die neuen Pflichten, welche Harold übernommen, bl unwiderleglich auf der einen Seite, während ſich auf der andern nur 8 3 i 489 der mächtige Widerſtand regte, wie ihn die Liebe ſtets der Vernunft entgegenſtellt. „Unmöglich!“ fuhr Harold fort zu murmeln, während ſeine Hände ſein Antlitz bedeckten—„ſie, welche vertraute und noch immer vertraut— ſie, ſo liebevoll— ſie, deren ganze Jugend in geduldiger Treue für mich ſich verzehrte!— Auf ſie verzichten! und um einer Anderen willen! Ich kann— ich kann nicht. Nehmt mir den Thron! — O eitles Menſchenherz, das ſo lange ſeinen eigenen Fluch herbei⸗ wünſchte!— Setzet den Atheling darauf; meine Mannheit ſoll ſeine Jugend vertheidigen.— Nur nicht dieſes Anerbieten! Nein, nein— ich will nicht!“ Es wäre ermüdend, den Reſt dieſer langen ſtürmiſchen Konferenz zu berichten. Die ganze Nacht, bis die letzten Sterne verſchwanden und die Glocken zur Frühmeſſe von Kirche und Kloſter ertönten, wur⸗ den Prälat und Bruder nicht müde, mit Vorſtellungen und Beweis⸗ gründen, mit Bitten und Schelten in ihn zu dringen und immer noch hing Harolds Herz mit blutenden Wurzeln an Edithen. Endlich faß⸗ ten ſie, vielleicht nicht unweiſe, den Entſchluß, ihn ſich ſelber zu über⸗ laſſen, und während ſie ſich auf dem Rückwege vom Kloſter ihre Hoff⸗ nungen und Beſorgniſſe über den Ausgang des Selbſtkampfes zuflüſter⸗ ten, trat Haco im Kloſterhofe zu ihnen. „Was habt Ihr ausgerichtet?“ fragte er, während ſein kaltes trauriges Auge die Mienen Gurths und Alreds muſterte. „Des Menſchen Herz iſt ſtärker im Fleiſch als wahr im Geiſte,“ ſeufzte Alred kopfſchüttelnd. „Verzeiht, Vater,“ bemerkte Haco,„wenn ich Euch darauf auf⸗ merkſam mache, daß Sditha ſelber Euer mächtigſter, beredteſter Ver⸗ bündeter in dieſer Sache iſt. Schüttelt nicht ſo ungläubig mit dem Kopfe; eben weil ſie den Earl mehr als ihr eigenes Leben liebt, braucht man ihr blos zu beweiſen, daß ſeine Sicherheit, ſeine Größe, ſeine Ehre und Pflicht die Löſung dieſes Gelübdes verlangen, daß nichts als ſeine irrende Liebe ſich gegen Eure Rathſchläge wie gegen die Anſprüche ſeines Lan⸗ 490 des ſträubt— und Edithens Stimme wird ſich mächtiger als die Eure erweiſen.“ Der tugendhafte Prälat, mehr mit der Selbſtſucht des Mannes als mit der Aufopferung des Weibes vertraut, antwortete nur durch eine ungeduldige Gebärde, wogegen Gurth, der ſich erſt kürzlich mit einer ſeiner würdigen Gattin vermählt hatte, in ernſtem Tone erwie⸗ derte: „Haco hat Recht, mein Vater; mich dünkt, wir ſind es Beiden ſchuldig, daß Editha nicht ungehört von ihm verlaſſen werde, für den ſie allen Anderen abgeſagt und dem ſie in ihrem Herzen ergeben war, wie nur ein geſchworenes Weib es ſeyn kann. Ueberlaſſen wir meinen Bruder eine Weile ſich ſelbſt; er war ja nie der Sklave ſeiner Leidenſchaften und Englands Wohl muß zuletzt alle ſelbſtſüchtigen Ge⸗ danken überwiegen; reiten wir ſogleich zu Edithen, um ihr zu wieder⸗ holen, was wir ihm geſagt haben, oder vielmehr— denn in ſolchen Fällen kann das Weib immer am beſten mit dem Weibe reden— laßt uns unſerer Herrin— Edwards Gemahlin, Harolds Schweſter und Edithens Pathin— ihr laßt uns die Sache anvertrauen und ihr Rath ſoll entſcheiden. Am dritten Tage wollen wir zurückkehren.“ „Ja, mit dieſem Auftrage laß uns gehen, Gurth,“ wiederholte Haco, das Widerſtreben in des Prälaten Miene bemerkend,„und unſe⸗ rem ehrwürdigen Vater ſey es überlaſſen, den ſcharfen Kampf des Earls zu überwachen.“ „Du ſprichſt wohl, mein Sohn,“ verſicherte der Prälat;„Deine Sendung paßt beſſer für den jugendlichen Laien als für den betagten Prieſter.“ „Laß uns gehen, Haco,“ ſchloß Gurth mit kurzen Worten.„Tief, ſchmerzlich und lange nachblutend iſt die Wunde, die ich dem Bruder meiner Liebe verſetze und mein eigenes Herz blutet in dem ſeinen; aber er ſelber hat mich gelehrt, England ſo hoch zu halten wie ein Römer ſein Rom verehrte.“ —— 491 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Es liegt in dem Weſen des Glückes, das wir von den Neigungen des Herzens ableiten, daß es uns Ruhe verleiht, und ſein ungeheurer Ein⸗ fluß auf unſer äußeres Leben wird uns erſt klar, wenn es geſtoͤrt oder verloren wird. Lebt unſer Herz im Frieden, ſo haben unſere Leiden⸗ ſchaften und all' ihre Thatkraft freie Bahn vor ſich und ihr Strom darf ungehemmt den Abſichten und Zwecken zuſtreben, die unſeren Ehrgeiz wecken, unſere Anſtrengungen intereſſiren. So nach Außen beſchäftigt wird der Mann gegen den hohen Werth jener inneren Ruhe, die den für die Welt verwendeten Fähigkeiten Geſundheit und Stärke verleiht, in ein gewiſſes Vergeſſen eingelullt; ſobald aber dieſe kaum empfundene, faſt unſichtbare Harmonie geſtört iſt, wird ſich der Miß⸗ klang bis über die fernſten Saiten unſeres thätigen Weſens erſtrecken. Sage dem rührigſten Manne, den Du in Markt, in Lager oder Rath ganz mit weltlichen Planen beſchäftigt ſiehſt— ſage ihm:„Deine Heimath iſt Dir geraubt— die Götter Deines Haushalts ſind zer⸗ ſtreut— die ſüße geräuſchloſe Zufriedenheit in dem regelmäßigen Mechanismus der Triebfedern, welche die großen Räder Deiner Seele in Bewegung ſetzten— ſie iſt Dir für immer genommen!“— und ſeine Thatkraft ſcheint plötzlich jedes Ziel, jeden Gegenſtand für ihren beſtrickenden Reiz verloren zu haben.„Othello's Arbeit iſt gethan!“ Jählings wird er erwachen aus den ſonnebeleuchteten Träumen mit⸗ täglichen Ehrgeizes und in troſtloſer Herzensangſt wird er rufen:„Was ſoll mir aller Lohn meiner Arbeit, da ich nun meiner Ruhe beraubt bin? Wie gering iſt all' der Gewinn, den ich in einer Welt von Fein⸗ den und Nebenbuhlern dem heißen Kampfe entrang, verglichen mit dem Lächeln, deſſen Süßigkeit ich erſt durch ſeinen Verluſt kennen lernte, verglichen mit dem Bewußtſeyn der Sicherheit vor ſterblichem Uebel, das aus dem Vertrauen, aus der Sympathie der Liehe ent⸗ ſprang!“ So war es Harold zu Muth in jener bitteren furchtbaren Ent⸗ kaum gehoͤrten Klange dieſer letzten Stimme pochte ſein Herz in raſche⸗ 492 ſcheidung ſeines Schickſals. Jene ſeltene geiſtige Liebe, welche, blos auf Hoffnung gegründet, den Genuß noch nie gekannt hatte, war der feinſte, edelſte Theil ſeines Weſens geworden; dieſe Liebe, deren vol⸗ lem geheiligtem Beſitze jeder Schritt ſeiner Laufbahn näher zu rücken ſchien— ſie ſollte in demſelben Augenblicke, da er ſich ihres Lohnes am ſicherſten geglaubt, da er ihres Troſtes am meiſten bedurfte, aus ſeinem Herzen, ſeinem Daſeyn geriſſen werden? Bis jetzt hatte er mit dieſer Liebe in der Zukunft gelebt— hatte die Stimme der ſtür⸗ miſchen, menſchlichen Leidenſchaft durch das Flüſtern des geduldigen Engels:„noch eine Weile und Deine Braut ſitzt neben Deinem Thron!“ — zum Schweigen gebracht. Und jetzt— wie war dieſe Zukunft? wie freudenlos, wie verlaſſen? Der Ehrgeiz verlor ſeinen Glanz— das Antlitz des Ruhmes war ohne Schimmer— nur das Gefühl der Pflicht blieb ihm übrig, um gegen die Anſprüche ſeiner Neigung anzukämpfen; aber dieſe Pflicht— ſie war nicht mehr in jene prächtigen Farben ge⸗ kleidet, welche Ruhm und Macht ihr umhing— nein, ſie war hart und ſtreng und furchtbar, wie das eherne Zürnen des griechiſchen Fatums. So ſaß er eines Abends allein, Stirn gegen Stirn mit dieſer Pflicht und ſeine Lippen murmelten: „O unglückſelige Reiſe, o lügneriſche Wahrheit jener höllege⸗ borenen Prophezeiung! Das alſo war das Weib, das mein Bund mit den Normannen meinen Armen erringen ſollte!“ Auf den Straßen unten hörte man die geſchäftigen Fußtritte eilig Heimkehrender und den wirren Lärm fröhlicher Trinkgelage von den mancherlei Unterhaltungsorten herübertönen, welche von ſorgloſen Schwelgern wimmelten. Auch vor ſeiner Thüre wurden Tritte laut; ſie hielten vor ſeinem Zimmer und man hörte draußen das Murmeln zweier Stimmen— die eine war Gurths klare Stimme, die andere klang ſanfter und bewegter. Der Earl erhob des Haupt von der Bruſt und bei dem ſchwachen 8 8 NE 6 1 ₰ 8 493 ren Schlägen. Die Thüre öffnete ſich ganz leis und ſachte; eine Ge⸗ ſtalt trat ein und hielt im Schatten der Schwelle— dann wurde die Thüre von einer Hand von Außen geſchloſſen. Zitternd erhob ſich der Earl und im nächſten Moment lag Editha zu ſeinen Füßen; ihr Schleier war zurückgeworfen, ihr Antlitz, leuchtend in unverwelkter Schöne und von der Erhabenheit der Selbſtüberwindung erheitert, zu ihm emporgerichtet. „O Harold!“ rief ſie,„erinnerſt Du Dich noch, wie ich Dir in der alten Zeit ſagte: Editha hätte Dich weniger geliebt, wenn Du England nicht mehr als Editha liebteſt?— Dieſer Worte gedenke. Und glaubſt Du nun, daß ich, die ich ſeit Jahren in Deiner klaren Seele geleſen und mein Weiberherz in dem Lichte der jedem edlen Manne angeborenen Glorie zu ſonnen gelernt habe— glaubſt Du, Harold, ich ſey jetzt ſchwächer denn damals, als ich noch kaum wußte, was der Ruhm, was England bedeuten?“ „Editha, Editha, was willſt Du damit ſagen?— Was weißt Du?— Wer hat Dir erzaͤhlt?— Was führt Dich hieher, um wider Dich ſelbſt Parthei zu ergreifen?“ „Wer mir erzählte?— gleichviel: ich weiß Alles. Was mich herführt? Meine eigene Seele, meine eigene Liebe!“ Und ſich auf⸗ richtend und ſeine Hand mit ihren beiden umfaſſend, während ſie ihm ins Geſicht ſchaute, fuhr ſie fort:„Ich ſage Dir nicht:'gräme Dich nicht über die Trennung': denn ich kenne Deine Treue, Deine Zärt⸗ lichkeit, ich kenne Dein großes, o ſo ſanftes Herz allzu gut. Aber ich ſage: erhebe Dich über Deinen Kummer und um Anderer willen ſey mehr als Mann.' Ja, Harold, ich ſehe Dich heute zum letzten Male: ich faſſe Deine Hand, ich lehne mich an Dein Herz, ich höre ſein Po⸗ chen und ohne Thräne werde ich von hinnen gehen.“ „Es kann, es darf nicht ſeyn!“ rief Harold leidenſchaftlich.„Du betrügſt Dich ſelbſt in der göttlichen Erhebung dieſer Stunde; wenn das Fieber nachläßt, wird es Dich der Erſchöpfung eines einſamen Herzens— der Verzweiflung eines zerbrochenen, niedergetretenen 494 Schickſals überlaſſen. Wir wurden durch Bande, ſo ſtark wie die der Kirche, über dem Grabe des Todten, unter der Decke des Himmels, nach der Weiſe unſerer Vorfahren, mit einander verlobt— dieſes Band kann nicht gebrochen werden. Wenn England nach mir verlangt, ſo mag es mich nehmen mit jenen Banden, welche ſogar um ſeinet⸗ willen zu löſen unheilig wäre!“ „Ach, ach!“ ſtammelte Editha, während die Röthe ihrer Wangen in Todesbläſſe ſich verwandelte—„es iſt nicht wie Du ſagſt. Deine Liebe hat mich ſo ganz vor der Welt geſchützt— meine Jugend ahnte ſo gar nichts, mein Herz vergaß ſo gänzlich der ſtrengen Menſchen⸗ ſatzungen, daß ich damals, als es Dir gefiel, daß wir uns lieben ſoll⸗ ten, unmöglich glauben konnte, daß dieſe Liebe ſündhaft ſey: daß ſie bis heute Sünde war, will ich nicht annehmen— jetzt aber iſt ſie's geworden.“. „Nein, nein!“ rief Harold; ſeine ganze Beredſamkeit, an wel⸗ cher ſonſt Tauſende tief ergriffen und bezaubert gehangen, verließ ihn in jener Stunde der Noth, und abgebrochene Worte— Fragmente, in welche ſein Herz ſelber geſpalten ſchien, waren Alles, was ihm noch zu Gebote ſtand;„nein, nein— nicht Sünde!— Dich verlaſſen, das allein iſt Sünde!— Still, ſtill!— Es iſt ein Traum— warte bis wir wachen! Treues Herz! edle Seele!— ich will mich nicht von Dir trennen!“ „Wohl aber ich von Dir! Und ehe Du um meinetwillen— eines Weibes halber— für Ehre und Gewiſſen, ja für Alles, um deſſen willen Dir Dein erhabenes Leben von den Händen der Natur gege⸗ ben worden— verloren ſeyn ſollteſt, eher möge das Grab mich auf⸗ nehmen, wenn ſich nicht das Kloſter für meine Seele öffnet! Harold, bis zum letzten Athemzuge laß mich Deiner würdig ſeyn, und fühle wenigſtens, daß wenn ich auch nicht Dein Weib werde— wenn ſo glänzendes, geſegnetes Geſchick mir nicht zu Theil wird— die Ge⸗ rechten dennoch bei Edithens Gedächtniß ſagen ſollen: ſie würde Ha⸗ rolds Herd nicht entehrt haben!“ „Weißt Du denn,“ ſtöhnte der Earl mit aller Anſtrengung nach Faſſung ringend,„weißt Du, daß ſie nicht nur verlangen, ich ſolle auf Dich verzichten— nein, um einer Andern willen ſoll ich Dir ent⸗ ſagen.“. „Ich weiß es,“ verſicherte Editha und zwei brennende Thränen brachen trotz ihrer hohen übernatürlichen Eraltation durch ihre dunklen Wimpern und rollten langſam über die farbloſe Wange, als ſie mit ſtolzem Tone fortfuhr:„ich weiß es: doch dieſe Andere iſt nicht Aldytha — es iſt England! In ihr, in Aldythen, ſollſt Du die theure Sache Deines Geburtslandes erkennen, mit ihr die Liebe verweben, welche Dein Vaterland von Dir fordert. Dieſer Gedanke wird Dich verſöh⸗ nen und mich tröſten— nicht um des Weibes willen verläſſeſt Du Edithen.“ „Hore ſie und ſchöpfe von dieſen Lippen die Kraft und den Muth, wie ſie Dir den Namen des Helden verdienen!“ ſprach eine tiefe klare Stimme hinter ihm, und Gurth, welcher unbemerkt eingetreten war, weil er entweder dem Ausgange eines ſo ſehr verlängerten Zwiege⸗ ſpräches mißtraute, oder weil er in ſeiner Zärtlichkeit deſſen Pein abkürzen wollte— näherte ſich dem Earl und ſchlang liebkoſend den Arm um ſeinen Bruder.„O Harold,“ ſagte er,„theuer wie mein Herzblut iſt mir mein junges neuangetrautes Weib; aber gälte es auch nur ein Zehntheil der Anſprüche, welche Dir jetzt dieſe Qual und Prü⸗ fung auflegen— ja, wäre es auch nur um eine Stunde der Aufopfe⸗ rung für Freiheit und Geſetz— ich würde mich ohne Seufzer dazu verſtehen, ſie nie wieder zu ſehen. Und wenn man mich fragte, wie es mir moͤglich ſey, meine Neigung ſo zu überwinden, ſo würde ich auf Dich deuten und ſprechen: So lernte ichs in meiner Jugend durch Harolds Unterweiſung, ſo durch ſein Leben in meinem Mannesalter.“ Vor Dir ſtehen ſichtbar das Glück und die Liebe, aber neben ihnen die Schande; vor Dir unſichtbar ſteht das Weh, aber auf ſeiner Seite ſiehſt Du England und ewigen Ruhm! Zwiſchen ihnen haſt Du zu wählen.“ 496 „Er hat gewählt,“ rief Editha, als Harold ſein Antlitz ver⸗ hüllte und ſich an die Wand lehnte, und vor ihm niederkniend hob ſie den Saum ſeines Gewandes an ihre Lippen und küßte ihn mit andäch⸗ tiger Leidenſchaft. Harold wendete ſich plötzlich um und öffnete ſeine Arme. Dieſer ſtummen Aufforderung konnte Editha nicht widerſtehen; ſie ſtand auf und ſank ſchluchzend an ſeine Bruſt. Sctirmiſch und ſprachlos war dieſe letzte Umarmung. Der Mond, der ihre Verlobung am Heidengrabe beſchienen hatte, ſtieg hinter dem Thurm der Chriſtenkirche empor und blickte matt und kalt auf ihr Scheiden. Plötzlich wurde er hell und feierlich— eine Wolke zog über ſeine Scheibe und Editha war fort. Die Wolke verſchwand und der Mond ſchien helle, und wo die ſchöne Geſtalt gekniet, wo Editha ihren letzten Blick auf ihn gerichtet hatte, da ſtand das regungsloſe Bild, da blickte das ſeierliche Auge des finſteren Haco. Harold aber lehnte an Gurths Bruſt und ſah nicht, wer die ſanfte liebende Fylgia ſeines Lebens er⸗ ſetzt hatte— ſah in dem weiten Weltall nichts als die ſchauerliche Oede der Verlaſſenheit. Eilftes Zuch. Der normänniſche Politiker und der norwegiſche Seekönig. Dreiundſechzigſtes Kapitel. Es war der Abend des 5. Januars— der Abend des Tages, wel⸗ cher König Edward als der ſeiner Löſung von der Erde verkündigt worden, und ob nun die Prophezeiung bei der Gebrechlichkeit und 497 Nervenreizung des Königs ihre eigene Erfüllung bewirkt hatte oder nicht— der Letzte von Cerdies Stamme ging den feierlichen Schatten der Ewigkeit mit raſchen Schritten entgegen. Außerhalb des Pallaſtes durch die ganze Stadt London herrſchte leſer unbeſchreibliche Aufregung. Der ganze Strom vor dem Pallaſte wim⸗ auf melte von Booten; der weite Raum auf der Inſel Thorney ſelber war mit dichtgedrängten ängſtlichen Gruppen erfüllt. Erſt vor w enigen nd, Tagen war die neuerbaute Abtei feierlich eingeweiht worden— mit der dem Vollendung dieſes heiligen Gebäudes ſchien Edwards Lebensaufgabe ihr abgethan und gleich Egyptens Koͤnigen hatte er ſich ſein Grab gebaut. Im Innern des Pallaſtes war die Erregung wo möglich noch größer, die Erwartung noch geſpannter. Lauben*, Hallen, Gänge, Treppen und Vorzimmer waren mit Thanen und Männern der Kirche angefüllt. Und es war nicht allein die Erkundigung nach des Königs Befinden, was ihre Stirnen ſo finſter machte und ihnen den Athem beengte, denn wenn ein Häuptling ſtirbt, iſt man nicht zunächſt ge⸗ ſtimmt ſeinen Verluſt zu beklagen; das kommt erſt ſpäter, wenn der liche Wurm ſeine widrige Arbeit begonnen und die Vergleichung zwiſchen V dem Lebenden und dem Todten dem Einen oft zum Schaden des Andern Recht gibt. So lange aber noch der Athem nach Freiheit ringt, wäh⸗ rend das Auge verglast, murmelt das geſchäftige Leben in den Um⸗ ’ ſtehenden:„Wer wird der Erbe ſeyn?“ und noch nie war die Span⸗ nung für Furcht und Hoffnung ſo empfänglich geweſen, wie im vor⸗ liegenden Falle. Die Nachricht von Herzog Williams Abſichten hatte ſich fern und nahe ausgebreitet und ſchwer lag auf dem Lande der Zwei⸗ ig. fel, ob der verabſcheute Normanne ſeine einzige Sanktion zu ſo an⸗ maßenden Anſprüchen durch Edwards letzliche Beiſtimmung erhalten würde. Zwar beruhte die Krone, wie wir geſehen haben, nicht gänz⸗ lich auf dem Vermächtniſſe eines ſterbenden Königs, ſondern auf dem el⸗ Willen des Witans; allein die ganz eigenthümlichen Umſtände, der igt gänzliche Abgang aller natürlichen Erben mit einziger Ausnahme eines nd* Hausflur. Bulwer, Harold. 32 498 an Leib und Seele ſchwächlichen und durch Geburt und Erziehung halb ausländiſchen Knaben, Edwards Liebe zu der Kirche, die halb mit⸗ leidige Verehrung, welche ihm im ganzen Lande gezollt wurde— dies Alles konnte bewirken, daß das letzte Wort des Sterbenden auf die Wahl des Nachfolgers wie auf den Staatsrath gewichtigen Einfluß äußern mochte. Da hörte man die Einen mit bleichen Lippen all' die düſteren Prophezeiungen ſich zuflüſtern, welche damals in Mund und Herzen der Menſchen lebten; Andere ſtanden in ſinnendem Schweigen, Alle aber hoben die geſpannten Blicke, wenn von Zeit zu Zeit ein finſte⸗ rer Benediktiner vom Gemache des Königs zurückkam oder dahin eilte. Den Zeitraum von acht Jahrhunderten überſpringend treten wir mit leiſen geräuſchloſen Schritten in jenes Gemach, das uns aus ſo manchen ſpäteren Scenen und Sagen aus Englands bunter Geſchichte als das„gemalte Zimmer“— lange Zeit das„des Bekenners“ betitelt— bekannt iſt. Im hinterſten Ende des langen hochgewölbten Raumes auf einer königlichen mit dem Thronhimmel des Herrſchers überdeckten Eſtrade befand ſich Edwards Sterbebette. Ihm zu Füßen ſtand Harold, auf der einen Seite kniete Editha, des Königs Gemahlin, auf der andern Alred, während ſich Stigand, das heilige Kreuz in der Hand, mit dem Abte des neuen Kloſters von Weſtminſter in der Nähe hielt, und alle die größten Thane, unter ihnen Morcar und Edwin, Gurth und Leofwine, nebſt den vornehmſten Aebten und Prälaten den übrigen Raum des Dais einnahmen. Im tieferen Ende der Halle wärmte des Königs Leibarzt einen ſtärkenden Trank über dem Kohlenbecken; in den tiefen Fenſterniſchen ſtanden einige von den untergeordneten Beamten des Haushalts und weinten, denn ſie waren nicht groß genug für eine andere Empfindung als die menſchlicher Liebe für ihren gütigen Gebieter. Der König, der die letzte Oelung bereits empfangen hatte, lag ganz ruhig mit halbgeſchloſſenen Augen und athmete leiſe aber regel⸗ mäßig. Die zwei vorhergehenden Tage war er ſprachlos geweſen; heute aber hatte er einige wenige Worte geſprochen, welche die Wiederkehr halb mit⸗ dies f die nfluß die und igen, nſte⸗ ilte. wir us ſo ichte 5 rs“ bten hers itha, gand, von hnen iſten inen chen und ung lag gel⸗ eute ehr 499 ſeines Bewußtſeyns bewieſen. Seine auf die Bettdecke geſtützte Hand ruhte in denen ſeines Weibes, das mit Inbrunſt neben ihm betete. In der Berührung dieſer Hand, im Klange ihres Murmelns mußte etwas gelegen haben, was den König aus ſeiner zunehmenden Lethargie er⸗ weckte, denn er öffnete ſeine Augen und heftete ſie auf die knieende Königin. „Ach!“ ſeufzte er leiſe,„immer mild, immer gut! Glaube nicht, ich habe Dich nicht geliebt; dort oben wird in den Herzen geleſen und dort werden wir unſeren Lohn empfahen.“ Die Königin ſchaute durch ihre ſtrömenden Thränen empor. Ed⸗ ward zog ſeine Hand zurück und legte ſie ihr wie zum Segen aufs Haupt. Dann winkte er dem Abte von Weſtminſter, zog den Ring, den ihm die Pilgrime überbracht hatten“*, von ſeinem Finger und murmelte kaum hörbar: „Dies möge in St. Peters Hauſe zu meinem Gedächtniſſe auf⸗ bewahrt werden!“ „Jetzt iſt er für uns zugänglich— rede,“ flüſterte mehr als ein Than oder Abt, an Alred und Stigand ſich wendend. Und Stigand, der kühnere und weltlichere von Beiden, näherte ſich und ſprach zwiſchen Alred und dem König über das Kiſſen ſich beugend: „O königlicher Sohn, im Begriffe jene Krone zu gewinnen, neben welcher die irdiſche ſich wie der Kranz des Thoren, aus dürren Blät⸗ tern geflochten, ausnimmt— möge Deine Seele uns noch nicht ver⸗ laſſen. Wen empfiehlſt Du uns als Hirten für Deine verlaſſene Heerde? Wen ſollen wir ermahnen, daß er in Deine Fußſtapfen trete?“ Der König machte eine leiſe Gebärde der Ungeduld und die Kö⸗ nigin, jeder anderen als ihrer weiblichen Sorge vergeſſend, tadelte mit Blick und Finger, daß der Sterbende alſo geſtört worden. Doch die Sache war zu wichtig, die Spannung zu groß: ſie überwand das ehrerbietige Zartgefühl der Umſtehenden; die Thane drängten ſich * Bromt. Chron. 32* 500 gegenſeitig und es entſtand ein Murmeln, worin der Name Harold zu unterſcheiden war. „Bedenke, mein Sohn,“ mahnte Alred in ſanftem, vor innerer Bewegung bebendem Tone;„der junge Atheling iſt noch zu ſehr Kind für ſo bedenkliche Zeiten.“ Edward nickte beiſtimmend mit dem Haupte. „Dann,“ rief der normänniſche Biſchof von London, der bis jetzt faſt vergeſſen unter der Menge der ſächſiſchen Prälaten im Hintergrunde geſtanden, aber Aug und Ohr weit geöffnet hatte—„dann,“ rief Biſchof William vortretend,„wenn Deine eigene königliche Linie er⸗ liſcht— wer ſtünde Deiner Liebe ſo nahe, wer wäre der Nachfolge ſo würdig wie William, Dein Vetter, der Graf der Normannen?“ „Nein, nein— nichts von dem Normannen!“ unterſchied man deutlich aus dem Murren der Thane, deren Stirnen ſich finſter zuſam⸗ mengezogen hatten. Harolds Antlitz flammte und ſeine Hand fuhr an den Griff ſeines Ataghars— das war jedoch das einzige Zeichen, wo⸗ durch er ſein Intereſſe an der Frage verrieth. Der König lag einige Augenblicke ſchweigend, aber offenbar be⸗ müht ſeine Gedanken zu ſammeln, während ſich die beiden Erzbiſchöfe — Stigand voller Spannung, Alred in tiefer Zärtlichkeit— über ihn beugten. Dann mit dem einen Arm ſich aufrichtend, während er mit dem andern auf Harold am Fuße des Bettes deutete, rief Edward: „Eure Herzen ſind, wie ich ſehe, für Harold den Earl, ſo ſey es — je Poctroi.“* Bei dieſen Worten ſank er auf ſein Kiſſen zurück; ein lauter Schrei entfuhr den Lippen ſeines Weibes— Alles ſammelte ſich um ihn: er lag wie todt. Bei dieſem Schrei und der unbeſchreiblichen Bewegung der Menge eilte der Arzt aus dem unteren Theile der Halle herbei, und ohne Um⸗ ſtände bis zum Bette ſich Bahn brechend, rief er in ſcheltendem Tone: „Luft, Luft, gebt ihm Luft!“ *„Ich nehme ihn an.“ 5 e B L 1 — 501 Die Menge theilte ſich; der Arzt befeuchtete die blaſſen Lippen des Königs mit dem Trank, aber da ſchien kein Puls zu klopfen, kein Athem wiederzukehren, und während die beiden Prälaten vor dem an⸗ ſcheinend Entſeelten neben dem heiligen Kreuze niederknieten, verließen die Uebrigen die Eſtrade, um ſich eiligſt davon zu machen. Harold al⸗ lein blieb zurück, war aber vom Fuß⸗ zum Kopfende des Bettes ge⸗ treten. Schon hatte die Menge die Mitte der Halle erreicht, als ein Ton, wie aus dem Grabe kommend, Aller Schritte feſſelte— des Königs Stimme, laut, erſchreckend deutlich und voll, wie wenn die Rüſtig⸗ keit der Jugend ihm wiedergeſchenkt waͤre. Die ganze Verſammlung erblaßte und blieb wie durch Zauber feſtgebannt ſtehen, indem ſich aller Blicke umwandten. Da ſaß der König aufrecht im Bett, ſein Geſicht über die knieen⸗ den Prälaten hervorragend und mit den hellen ſtrahlenden Augen die Halle überſchauend. „Ja,“ ſagte er bedächtig,„ſey's nun eine wirkliche Viſion oder falſche Täuſchung— ſchenke mir nur das Vermögen der Rede, All⸗ mächtiger, damit ich es ausſpreche.“ Er ſchwieg eine Weile und begann dann von Neuem: „Heute ſind es einunddreißig Winter, daß mir an den Ufern der gefrorenen Seine zwei heilige Mönche, die mit der Gabe der Prophe⸗ zeiung begnadigt waren, von großem Weh erzählten, das England einſt beſallen würde; denn, ſagten ſie, nach Deinem Tode har Gott Dein Vaterland in die Hand des Feindes gegeben und der wird das ganze Land durchziehen. Da fragte ich in meiner Bekümmerniß; iſt dieſes Loos durch Nichts abzuwenden und kann ſich mein Volk nicht gleich den Männern von Ninive durch Bußen davon befreien? Und die Propheten antworteten:'nein, denn das Elend wird nicht enden und der Fluch nicht eher erfüllt ſeyn, als bis ein grüner Baum ent⸗ zwei geriſſen und der abgelöste Zweig davon geführt wird, worauf er von ſelbſt zu dem alten Stamme zurückkehren, ſich mit ihm vereinen 502 und Blüthen und Früchte treiben wird. So ſprachen die Möoͤnche, und eben vorhin, ehe ich ſprach, ſah ich ſie dort ſchweigend und todtenbleich neben meinem Bette ſtehen.“ Dieſe Worte ſprach er ſo ruhig und vernünftig, daß ihr Gewicht durch die kalte Schärfe des Tons nur doppelt grauenvoll wurde. Ein Schauer ging durch die Verſammlung und Alle bebten vor dem Auge des Königs, das auf jedem Einzelnen zu ruhen ſchien. Plötzlich ſah man den kalten Strahl dieſes Auges ſich ändern; die Stimme verlor ihren bedächtigen Accent; die grauen Haare ſchienen ſich in die Höhe zu ſträuben, das ganze Geſicht vor Entſetzen zu arbei⸗ ten; die Arme ausgeſtreckt, die Geſtalt auf dem Lager ſich krümmend, hörte man abgeriſſene Bruchſtücke aus dem alten Teſtament über ſeine Lippen kommen: „Sanguelac! Sanguelac!— der Blutſee“ kreiſchte der ſterbende König;„der Herr hat ſeinen Bogen geſpannt— der Herr hat ſein Schwert entblößt. Er fährt nieder wie ein Krieger zu ſtreiten, und ſein Zorn iſt im Stahl und in der Flamme. Er beuget die Berge und kommt herab und Finſterniß iſt unter ſeinen Füßen!“ Als häͤtte er ſich nur zu dieſen furchtbaren Prophezeiungen noch einmal belebt, ſo ſiel der Körper zuſammen, die Augen wurden ſtarr und der König ſank als Leichnam in Harolds Arme, ſobald das letzte Wort ſeine Lippen verlaſſen hatte. Nur ein einziges ſkeptiſches weltliches Lächeln war auf den er⸗ bleichenden Lippen der Anweſenden zu gewahren, und zwar rührte es nicht von den Kriegern und Männern von Erz, ſondern von den ſcharfen verzerrten Zügen Stigands, des Weltmannes und Geizhalſes, als er zu der Hauptgruppe herabſteigend in die Worte ausbrach: „Zittert Ihr vor den Träumen eines kranken alten Mannes?“* * S. Note N. 503 Vierundſechzigſtes Kapitel. Die Jahreszeit, um welche ohnehin die Nationalverſammlung zu⸗ ammenzukommen pflegte, die neuliche Einweihung von We minſter, 3 g hung Fin uge wozu Edward die vornehmſten Kirchenhäupter eingeladen hatte, die Beſorgniß für den ſchwachen Geſundheitszuſtand des Königs, wie das die Intereſſe an der bevorſtehenden Thronfolge— dies Alles bewirkte, daß en alſobald ein Witan, wüͤrdig an Rang und Anzahl, der Noth der Zeit ei⸗ zu begegnen und zu der wichtigſten Königswahl zu ſchreiten, von der und, man noch je in England gehört hatte— ſich verſammeln konnte. Thane ine und Prälaten vereinten ſich eiligſt; Harolds Vermählung mit Aldytha, kaum wenige Wochen zuvor gefeiert, hatte alle Partheien mit ſeiner lide eigenen verſchmolzen, ſo daß kein Anſpruch gegen den des großen Earls ein laut wurde, und die einſtimmige Wahl auf ihn fiel. Die Nothwendig⸗ in keit, bei einer ſolchen Kriſis aller Ungewißheit im Köoͤnigreiche ein mt Ende zu machen und die Gefahr von Gegenintriguen zu erſticken, ver⸗ bot den alſo Verſammelten jeden Aufſchub in der feierlichen Prokla⸗ ich mirung ihrer Entſcheidung, und dem königlichen Leichenbegängniſſe rr Edwards folgte noch am ſelben Tage Harolds Kroͤnung. te Es war im Hauptſchiff der gewaltigen Abteikirche, nicht geſtaltet . wie wir ſie jetzt nach wechſelsweiſen Reſtaurationen und Ummodelungen r⸗ vor uns ſehen, ſondern in urſprünglicher Einfalt von langen Reihen 8 ſächſiſcher Bögen und maſſiver Säulen(einer Miſchung des erſten nr deutſchen mit dem letzten römiſchen Style) durchzogen— wo die Maſſe 3 der ſächſiſchen Freien verſammelt ſtand, um dem Herrſcher ihrer Wahl 3 die höchſte Ehre zu erweiſen. War er ja doch, ſeit England eine Mo⸗ narchie bildete, der erſte Sachſenkönig, der nicht aus Cerdies einzigem Hauſe genommen worden— der erſte Sachſenkönig, der nicht durch die bleichen Schatten fabelhafter Vorfahren, deren Urſprung bis zu dem Vater⸗Gotte der Teutonen hinanreichte, wohl aber durch den Geiſt, für den kein Grab gegraben, durch Ruhm und Tapferkeit— die unvor⸗ daß Harold von Alred, die andern, 3041 denklichen Verleiher von Kronen und Gründer von Throne geführt worden. Alred und Stigand, die zwei erſten Prälaten des Reiches, hatten Harold, gefolgt von den Häuptlingen des Witans in ihren langen Ge⸗ wändern, zur Kirche“ und durch das Schiff an den Altar geführt, wäh⸗ rend der Klerus mit Aebten und Biſchöfen den Chorgeſang— Fer- metur manus tua' und Gloria patri' anſtimmte. Die Muſik ſchwieg, Harold warf ſich vor dem Altare nieder und man hörte die große Hymne, Te Deum laudamus' anſtimmen. Sobald ſie verſtummt war, hoben Prälaten und Thane ihr Ober⸗ haupt vom Boden auf und die alte Sitte der Teutonen und Nordmän⸗ ner, welche den Herrſcher ihrer Kriegsheere auf Schild und Schulter emportrugen, nachahmend, ſtieg Harold auf eine Platform, ſo daß er der verſammelten Menge ſichtbar wurde. „So,“ rief der Erzbiſchof,„wählen wir Harold, Godwins Sohn, zum Herrn und König.“ Und die Thane machten um ihn die Runde, legten Harold die Hand aufs Knie und riefen laut: „Wir wählen Dich, o Harold, zum Herrn und Koͤnig.“ Und die ganze Menge, eine Reihe nach der andern, brach in den Ruf aus: „Wir wählen Dich, o Harold, zum Herrn und König.“ Dynaſtieen— zum * Nach dem noch exiſtirenden Krönungsprogramm Ethelreds II. ſcheint es, daß zwei Biſchöfe bei der Königskrönung Dienſt leiſteten; daher rührt vielleicht der Widerſpruch unter den Chroniſten, von denen die einen beſtreiten, daß er von Stigand gekrönt worden. Hiebei iſt zu bemerken, daß die Lobredner der Normannen Stigand als Weih⸗ biſchof bezeichnen, da dieſer beim Pabſt in Ungnade ſtand und nicht als recht⸗ mäßiger Biſchof betrachtet wurde. So iſt auf der Stickerei von Bayeux dem dienſtthuenden Prälaten wohlweislich der Zettel„Stigand“ beigefügt, um an⸗ zudeuten, als wäre Harold nicht geſetzlich gekrönt worden. Florence, weitaus die beſte Autorität, ſagt ausdrücklich, Alred habe Harold gekrönt. Die im Terxte geſchilderte Krönungsceremonie iſt größtentheils nach Cottons Manu⸗ ſeript angeführt bei Sharon Turner, III. Bd., S. 151. bieten mit di einen ten, u Geſich oder der ins ſie der die die A über 5⁰⁵ m Und ſo ſtand er da mit ruhiger Stirne, ſein Antlitz Allen dar⸗ bietend, der Monarch von England, der Baſileus von Britannien! en Während deſſen ſtand unbeachtet zwiſchen der Menge ein Weib 5 3 mit dicht verſchleiertem Antlitz an eine Säule des Chors gelehnt; nur ⸗ einen Augenblick hob ſie den Schleier, um jene hohe Stirne zu betrach⸗ ten, und die Thränen rannen ihr ſtromweiſe über die Wangen, aber ihr Geſicht war nicht traurig. d„Laß es den Pöbel nicht ſehen, damit er Dich nicht bemitleide oder verachte, Dich— die Tochter von Königen, ebenſo groß wie er, 7 der Dich verläugnet und im Stiche läßt!“ flüſterte ihr eine Stimme ins Ohr, und Hilda's Geſtalt ſtand aufrecht neben Edithen, ohne daß ſie der Stütze von Säule oder Wand bedurft hätte. Editha neigte ihr Haupt und ſenkte den Schleier, als der König die Platform herabſtieg und wieder vor dem Altare ſtand, während „ die Worte ſeines dreifachen Gelöbniſſes gegen ſein Volk hell und klar über die lautloſe Menge hintönten: 3 3 Friede der Kirche und der chriſtlichen Heerde. Verbot des Raubs und der Ungerechtigkeit. Unpartheilichkeit und Gnade als Richter, ſo wahr Gott, der Barm⸗ 4 herzige und Gerechte, ihm ſelbſt Gnade erweiſen möge.“ Und ein leiſes Amen!' drang tief aus dem Herzen der verſammel⸗ ten Tauſende. Nach kurzem Gebete, welches von jedem Prälaten wiederholt wurde, ſah die Menge von Ferne die blitzende Krone über dem Haupte des Königs emporgehalten. Leiſe klang die Stimme des Einſegnenden, bis er zu den Worten gelangte:„So möge er mächtig und königlich wider alle ſichtbaren und unſichtbaren Feinde regieren, auf daß der Königsthron der Angeln und Sachſen ſein Scepter nicht verlaſſen 8 8 d möge!““ Mit dem Verſtummen des Gebets folgte der ſymboliſche Ritus der Einölung; dann erklang die ſonore Orgel“ und feierlich zwiſchen * Im neunten Jahrhundert in unſern Kirchen eingeführt. — 506 den Kirchenſchiffen erhob ſich der Geſang und am Schluſſe der Chor: Möge der König leben für immer!' in welchen die verſammelte Menge einſtimmte. Und die Krone, welche in der zitternden Hand des Präla⸗ ten geſchimmert, ruhte nun ſicher in ihrem Glanze auf der Stirne des Königs, und der Scepter der Gewalt und der Stab der Gerechtigkeit wurde den königlichen Händen überantwortet, den Frommen zur Be⸗ ſänftigung, den Böſen zum Schrecken.“ Gebet und Benediction wur⸗ den erneuert, bis man am Schluſſe den Segenswunſch vernahm: „Segne, o Herr, den Muth dieſes Fürſten und laß das Werk ſei⸗ ner Hände gedeihen. Mit ſeinem Horn, als dem Horne des Rhinoceros, möge er die Waſſer bis an die Enden der Erde treiben und Er, der zum Himmel emporgeſtiegen, möge ſeine Hülfe ſeyn für immer!“ Hier bot Hilda Edithen die Hand, um ſie von dem Orte fortzu⸗ führen, doch dieſe ſchüttelte das Haupt und murmelte:„nur noch ein⸗ mal, noch einmal!“ und that unwillkührlich einen Schritt vorwärts. Plötzlich theilte ſich die Menge auf dem Punkte, wo ſie ſtehen blieb, und herab durch die enge Gaſſe zwiſchen der eingekeilten athem⸗ loſen Verſammlung kam die feierliche Proceſſion: Prälaten und Thane zogen von der Kirche nach dem Pallaſte, und allein mit feſtem abgemeſ⸗ ſenem Schritte, das Diadem auf der Stirne und den Scepter in der Hand, kam der König. Editha hemmte den raſchen Impuls ihres Her⸗ zens, beugte ſich aber mit halbgelüftetem Schleier nach vorne und be⸗ trachtete ſtolz und zärtlich jenes Antlitz, jene Geſtalt von mehr als königlicher Majeſtät. Der Koͤnig zog vorüber und ſah ſie nicht— für ihn lebte keine Liebe mehr! Fünfundſechzigſtes Kapitel. Das Boot ſchoß über die königliche Themſe. Längs des Waſſers dahingetragen hörte man das Lärmen und Singen der ſchwärmenden Tauſende vom Lande her, das gleich einem Sturmwinde die eiſige Luft des Wolfmonats erſchütterte und Alles ſchien erfüllt von dem lautge⸗ rufene — da dete ſonne Edit leben feſſelt auf d Tag, der G ihr d ſchla liebt gehe Non Jug was zum daß man Tra niſſ ver haf 507 ene rufenen Namen Harolds des Königs. Raſch ruderten die Bootsleute räla⸗— das Boot ſchoß weiter und Hilda's ernſtes ominöſes Antlitz wen⸗ e des dete ſich nach den ſtillen Thürmen des Pallaſtes, welche unter der Winter⸗ gkeit ſonne in weißem Schimmer aus der Ferne blitzten. Plötzlich erhob Be⸗ Editha das Haupt vom Buſen und rief in leidenſchaftlichem Tone: witr⸗„O Mutter meiner Mutter! ich kann nicht länger in dem Hauſe . leben, wo mir die Wände ſogar von ihm erzählen; Alles, was ich ſehe, f ſei⸗ feſſelt meine Seele an die Erde, und ſie ſollte doch im Himmel ſeyn, erps auf daß ihre Bitten von den achtſamen Engeln gehört würden. Der Tag, den die heilige Frau von England vorherſagte, iſt gekommen, und zum der Silberſtrang iſt endlich gelöst. Ach warum— warum wollte ich rtzn⸗ ihr damals nicht glauben? Warum mußte ich damals das Kloſter aus⸗ ein⸗ ſchlagen? Doch nein, ich wills nicht bereuen; ich bin wenigſtens ge⸗ liebt worden! Jetzt aber will ich in das Nonnenkloſter nach Waltham 9 en gehen und an den Altären niederknieen, welche er für Mönch und hem⸗ Nonne geweiht hat.“. Han⸗„Editha,“ entgegnete die Vala,„Du wirſt nicht Deine noch friſche anef. Jugend in der lebendigen Gruft begraben wollen! Und trotz Allem, t der was Euch jetzt trennt— ja ſogar den neuen liebloſen Banden Harolds zum Trotze— ſteht noch immer klarer als jemals im Himmel geſe ſchrieben, He⸗ daß ein Tag kommen wird, wo Ihr für immer vereinigt ſeyn ſollt. So r als manche von den Geſtalten und Stimmen, die ich in der Verzückung des 4— Traumes geſehen und gehört, verſchwimmen in dem wirren Gedächt⸗ niſſe des wachenden Lebens; aber die Prophezeiung, daß das am Grabe verpfändete Gelübde erfüllt werden ſoll, iſt noch nie dunkel oder zweifel⸗ haft geworden.“ „O, o, verſuche— täuſche mich nicht!“ rief Editha, waͤhrend ihr ſſers das Blut bis in die Schläfen drang.„Du weißt, das kann nicht ſeyn. uden Einer Andern— einer Andern gehört er! Und Todſünde liegt in Luft Deinen Worten.“— Jtge⸗„Die Beſchlüſſe des Schickſals, das uns gegen unſeren Willen be⸗ herrſcht, wiſſen nichts von Sünde! Warte nur noch bis zu Harolds Ge⸗ 508 burtstage, denn meine Prophezeiungen werden mit der Traube reifen, und wenn im Weinmond“ die Füße des Winzers ſich röthen, werden die Nornen Euch abermals zuſammenketten!“ Editha ſaltete ſtumm ihre Hände und ſtarrte Hilda ins Geſicht — ſtarrte und ſchauderte, ſie wußte nicht warum. Das Boot landete an dem öſtlichen Flußufer jenſeits der Stadt⸗ thore, und Editha lenkte ihre Schritte den heiligen Mauern von Wal⸗ tham zu. Der Froſt pfiff ſcharf im Glanze der kalten Winterſonne; an den laubloſen Zweigen hingen die gezackten Eisjuwelen und die Krone ruhte auf Harolds Stirne! Mit Einbruch der Nacht horte Editha hinter Kloſtermauern die Geſänge der knieenden Mönche; heulend er⸗ hob ſich der Sturm und in den ſchwellenden Choral miſchten ſich die Stimmen zerſtörender Orkane. Sechsundſechzigſtes Kapitel. Toſtig ſaß in den Hallen von Brügge und neben ihm ſaß Judith, ſein hochmüthiges Weib. Der Earl und ſeine Gräfin ſpielten Schach, oder ein dem ähnliches Spiel, womit man ſich damals die Zeit vertrieb, und die Gräfin hatte die Figuren ihres Herrn in höchſt gefährliche Un⸗ ordnung gebracht, als Toſtig mit der Hand über das Brett ſtrich, daß die Stücke zu Boden rollten. „Das iſt einer von den Wegen, um einer Niederlage zuvorzu⸗ kommen,“ bemerkte Judith halb lächelnd und halb ärgerlich. „Es iſt der Weg des Kühnen und Weiſen,“ verſetzte Toſtig auf⸗ ſtehend:„wo Du Dich ſelbſt nicht gewinnen kannſt, da laß Zerſtö⸗ rung walten! Doch weg mit dieſen Spielereien! Ich kann mit mei⸗ nen Gedanken nicht am verſtellten Kampfe haften, während ſie dem wirklichen entgegenfliegen. Unſere letzten Nachrichten verbittern mir den Geſchmack des Weins, und ſtehlen meinem Lager den Schlummer. Es heißt, Edward werde den Winter nicht überleben und es verbreite * Weinmonat— Oktober. eifen, rden ſeſicht tadt⸗ Wal⸗ ; an rone ditha d er⸗ h die dith, hach, rieb, Un⸗ daß orzu⸗ auf⸗ rſtö⸗ mei⸗ dem mir ner. teite 509 ſich allenthalben das Gerücht, außer meinem Bruder Harold könne kei⸗ ner König werden. „Und wird Dir Dein Bruder als König Deine Graſſchaft zurück⸗ geben?“ „Er muß!“ gab Toſtig zur Antwort,„und trotz all unſerer Un⸗ einigkeit wird ers auch, wenn friedlich beſchickt, denn Harold beſitzt das Herz des Sachſen, welchem die Söhne eines und deſſelben Vaters theuer ſind, und meine Mutter Githa hemmte bei unſerer erſten Flucht die Stimme meiner Rachſucht und hieß mich geduldig warten und hoffen.“ Kaum hatte Toſtig dieſe Worte geſprochen, als der Anführer ſei⸗ ner däniſchen Hausdiener hereintrat und die Ankunft eines Boten aus England ankündigte. „Seine Neuigkeiten?[ſeine Neuigkeiten?“ rief der Earl; euit ſeinen eigenen Lippen laßt ſie ihn erzählen.“ Der Hausbeamte entfernte ſich, um alsbald den Boten, einen Anglodänen, einzuführen. „Deine finſtere Stirne beweist die Laſt auf Deinem Herzen,“ ſchrie Toſtig.„Rede und faſſe Dich kurz.“ „Edward iſt todt.“ „Ha! und wer regiert?“ „Dein Bruder iſt erwählt und gekrönt.“ Das Antlitz des Earls wurde roth und bleich in einem Athem, und durch ſein ſtürmiſches Herz zogen wechſelnde Regungen des Neids und alter Eiferſucht, gedemüthigten Stolzes und heftigen Mißvergnü⸗ gens; ſie erſtarben jedoch, ſobald ſein vorherrſchender Eigennutz, jene Bewunderung für den Erfolg, die ſich bei herrſchſüchtigen Gemüthern oft wie Großherzigkeit ausnimmt, und eine Anwandlung hochmüthigen Triumphs, daß er als eines Königs Bruder in den Hallen der Ver⸗ bannung daſtand, jene feindſeligeren und drohenderen Gefühle verjagten. „Jetzt werden wir nicht mehr das Brod der Abhängigkeit und wäͤre es ſelbſt von der Hand eines Vaters ſpeiſen,“ bemerkte Judith 510 voller Freude ſich nahend,„und da Harold vor der Kirche keine Dame als Königin auszurufen und auf dem Dais neben ſeinen Thron zu ſetzen hat, ſo wird Dein Weib, o mein Toſtig, im ſchönen England kaum einen geringeren Hofſtaat als ihre Schweſter in Rouen beſitzen.“ „Mich dünkt, ſo wirds wohl werden,“ meinte Toſtig.„Wie nun, Nuncius? warum blickſt Du ſo grimmig und ſchüttelſt den Kopf?“ „Wenig Ausſicht für Deine Dame, in den Hallen des Königs Staat zu machen; geringe Hoffnung für Dich, Deine weite Grafſchaft wieder zu gewinnen. Nur wenige Wochen ehe Dein Bruder die Krone erwarb, gewann er auch eine Braut in dem Hauſe Deines Feindes und Beraubers: Aldytha, die Schweſter Edwins und Morcars, iſt Königin von England und dieſe Verbindung ſchließt Dich für immer von Northumbrien aus.“ Bei dieſen Worten wankte der Earl zurückt, als ob er von einer tödtlichen unausſprechlichen Beſchimpfung getroffen wäre, und ſtand feinen Augenblick ſtumm vor Wuth und Beſtürzung. Seine ausneh⸗ mend ſchönen Züge wurden zur Teufelsfratze verzerrt, als er einen furchtbaren Fluch donnernd und mit dem Fuße ſtampfend, den Boten mit hochmüthiger Handbewegung entließ und in finſterer Verwirrung im Zimmer auf⸗ und abſchritt. Judith, ein ſtolzes, rachſüchtiges Weib, wie ihre Schweſter Ma⸗ thilde, hörte nicht auf, den tiefen Groll ihres Gebieters mit jenem ſcharfen Gifte, wie es ihrem Geſchlechte auf der Zunge liegt, immer mehr zu entzünden. Vielleicht daß eine Regung weiblicher Eiferſucht gegen Aldytha dazu beitrug, ihren eigenen Unwillen zu vermehren; aber auch ohne dieſe frivole Zugabe zu ihrem Aerger war durch dieſe Heirath Urſache genug vorhanden, um die Entfremdung zwiſchen dem König und ſeinem Bruder vollſtändig zu machen. Es war unmöglich, daß ein ſo rachſüchtiger Menſch wie Toſtig nicht den tiefſten Ingrimm gegen das Volk, das ihn verworfen, wie wider den neuen Earl, der ihn erſetzt hatte, gefaßt haben ſollte, und Harold mußte ihn dadurch, daß er die Schweſter ſeines glücklichen Gegners und Nebenbuhlers 511 Dame ehelichte, an dem empfindlichſten Fleck ſeiner Seele treffen. Der König on zu billigte und ſanktionirte alſo förmlich ſeine Verwerfung, nahm feier⸗ Dland lich Parthie für ſeinen Feind, beraubte ihn aller geſetzlichen Ausſicht, en. ſeine Beſitzungen wieder zu gewinnen und hatte ihn nach den Worten .u des Boten für immer von Northumbrien ausgeſchloſſen.“ nigs Und das war noch nicht Alles: ſetzte er auch den Fall, daß er nach ſchaft England zurückkehrte und ſich mit Harold verſoͤhnte— mußten da Rrone nicht dieſe verabſcheuten und vom Glück begünſtigten Gegner, von jetzt indes an natürlich der intimſte Theil der königlichen Familie und vorzugs⸗ 4 weiſe im Vertrauen des Herrſchers ſtehend, ihm ſelbſt bei jedem Plane iſ zu perſönlicher Vergrößerung höhnend in den Weg treten— mit einem het Worte, waren nicht ſeine Feinde in dem Lager ſeines Bruders? 4 Während er alſo zähneknirſchend in ſeinem Ingrimm, der um ſo Arlter tödtlicher war, weil er noch keinen Weg der Vergeltung vor ſich ſah, ſtand im Zimmer auf und ab ſchritt, äußerte Judith, den beſonderen Faden neh⸗ ihrer eigenen Gedanken verfolgend: einen„Wäre meiner Schweſter Gatte, der Graf der Normannen— Zoten wie er von Rechtswegen ſollte— ſeinem Vetter, dem Mönchekönig, rung gefolgt, ſo hätte ich wenigſtens eine Schweſter auf dem Throne und Du beſäßeſt an ihrem Gemahl einen zärtlicheren Bruder als dieſen Ma⸗ Harold— einen Mann, der ſeine Barone mit Schwert und Panzer Mein unterſtützt und die wider ſie rebellirenden Schufte dem Strick und uner Feuer preisgibt.“ ucht„Ho!“ rief Toſtig, in ſeinen haſtigen Schritten plötzlich innehal⸗ wein; tend:„küſſe mich, Weib, für dieſe Worte! Sie haben Dir zur Ge⸗ ieſe walt und mir zur Rache verholfen. Wenn Du Deiner Schweſter einen dem 1 Liebesgruß ſenden willſt, ſo nimm Feder und Pergament und ſpute ich,„Dditch trotz dem ſchnellfingerigſten Schreiber: ehe die Sonne eine Stunde de älter iſt, bin ich auf dem Wege zu Graf William.“ r rch, ers ——n 512 Siebenundſechzigſtes Kapitel. Der Herzog der Normannen befand ſich in dem Forſt⸗ oder Park⸗ lande von Rouvray und ſeine Barone und Ritter ſtanden um ihn ver⸗ ſammelt, eine neue Probe ſeiner Stärke und Geſchicklichkeit in der Bogenführung erwartend, denn der Herzog verſuchte einige Pfeile— eine Waffe, mit deren Verbeſſerung er ſich fortwährend beſchäftigte, indem er bald den Schaft abkürzte oder verlängerte, bald das Gefieder und die Schwere der Spitze nach der höchſten Verfeinerung der mecha⸗ niſchen Geſetze einrichten ließ. Fröhlich und herablaſſend in der fri⸗ ſchen Winterluft ſcherzte und lachte der große Graf, als die Knappen einen lebendigen Vogel auf dem fernen Raſen an einen Pfahl banden. „Parder,“ rief William,„Conan von Bretagne und Philipp von Frankreich ſind ſo unfreundlich, uns jetzt ſo ganz in Frieden zu laſſen, daß ich glaube, wir werden nie wieder eine größere Zielſcheibe für un⸗ ſere Pfeile als die Bruſt jenes armen bebenden Geſiederten bekommen.“ Während der Herzog ſprach und lachte, hörte man die dürren Zweige hinter ihm krachen und praſſeln und über den feſtgefrornen Raſen kam ein Roß in vollem Lauſe daher geſprengt. Des Herzogs Lächeln verſchwand in dem Zürnen ſeines Stolzes. „Kühner unbarmherziger Reiter,“ rief er,„wer wagt es, ſich alſo unter Grafen und Prinzen einzudrängen?“ Der Reiter jagte gerades Wegs auf Herzog William los und ſprang dann vom Roſſe; ſein Mantel und Gewand war noch reicher, als das des Herzogs, aber vom Schmutz der Reiſe ganz verdorben. Ohne ein Knie zu beugen oder das Barret zu lüpfen, faßte er den be⸗ troffenen Normannen mit einer Fauſt, ſo ſtark wie Williams eigene, und führte ihn abſeits von ſeinen Höflingen. „Du kennſt mich, William?“ begann er,„obwohl ich nicht ſo allein an Deinen Hof kommen ſollte, wenn ich Dir nicht eine Krone über⸗ brächte.“ „Willkommen, wackerer Toſtig!“ entgegnete der Herzog in ver⸗ Park⸗ n ver⸗ n der le— tigte, fieder recha⸗ r fri⸗ ppen nden. b von gaſſen, r un⸗ nen.“ ürren ornen rzogs alſo und cher, ben. 1 be⸗ ene, lein ber⸗ ver⸗ 1 3 513 wundertem Tone.„Was meinſt Du? Nichts als Gutes— wie ich aus Deinen Worten und Deinem Lächeln entnehmen ſollte.“ „Edward ſchlummert bei den Todten— und Harold iſt König von ganz England!“ „König!— England!— König!“ ſtammelte William in ſeiner Aufregung.„Edward todt!— Die Heiligen mögen ihn behüten! Dann iſt England mein. König!— ich bin der König! Harold hat es geſchworen; meine Grafen und Prälaten haben es gehört; die Gebeine der Heiligen ſind Zeugen ſeines Schwures!“ „Etwas der Art habe ich von unſerem beau pèére, Graf Bald⸗ win, erfahren, das Weitere will ich von Dir hören, wenn Du Muße haſt; mittlerweile aber nimm mein Wort als Miles und Sachſe— mein Bruder, Lord Harold, wird nimmermehr einen Zoll engliſchen Bodens an den Normannen abtreten, ſo lange ihmnoch ein Athemzug auf den Lippen oder ein Pulsſchlag in ſeinem Herzen übrig bleibt.“ William wurde bleich und halb ohnmächtig vor Erſchütterung, und lehnte ſich hülfeſuchend an eine entblätterte Eiche. Unterdeſſen gingen geſchäftige Gerüchte unter den geſpannten Rittern und Lehensleuten, als ſie ihren Fürſten ſo lange ferne bleiben und mit dem Reitersmanne verkehren ſahen, welchen einige von ihnen als Toſtig, den Gemahl von Mathildens Schweſter, erkannten. Endlich traten Beide neben einander noch immer in ernſtem Ge⸗ ſpräch zu der Gruppe, und William forderte den Sire von Tancarville auf, ſeinen Schwager nach der Stadt Rouen zu begleiten, deren Thürme zwiſchen den Waldbäumen emporſtiegen. „Suche Ruhe und Erfriſchung, mein edler Schwager,“ ſagte der Herzog;„beſuche unterdeſſen meine Gemahlin Mathilde. Ich werde alsbald bei Dir ſeyn.“ Der Earl ſtieg wieder zu Roß, begrüßte die Geſellſchaft mit wil⸗ der haſtiger Gebärde und war bald zwiſchen den Gehölzen verſchwunden. William ſetzte ſich ſofort bald ſeufzend bald ſtirnrunzelnd auf den Raſen und löste mechaniſch den Strang ſeines Bogens;„keine weitere Bulwer, Harold. 33 514 Jagd für heute!“ war Alles, was er gegen ſeine Lords verlauten ließ, indem er ſich langſam erhob, und ſich allein nach den dickſten Theilen des Waldes wandte. Sein getreuer Fitzosborne bemerkte jedoch ſeine düſtere Stim⸗ mung und folgte ihm in zärtlicher Beſorgniß. Der Herzog gelangte ans Ufer der Seine, wo ſeine Galeere auf ihn wartete: er ſtieg ein, ſetzte ſich auf die Bank, ohne Fitzosborne zu beachten, welcher ruhig hinter ſeinem Gebieter eintrat und ſich auf einer andern Bank nie⸗ derließ. Die kurze Reiſe nach Rouen wurde ſchweigend zurückgelegt; ſo⸗ bald der Herzog ſeinen Pallaſt erreicht hatte, wandte er ſich ohne To⸗ ſtig oder Mathilden aufzuſuchen, nach der großen Halle, wo er mit ſeinen Baronen Rath zu halten pflegte; dort ging er auf und ab, in⸗ dem er, wie die Chroniſten berichten, ſeine Stellung häufig wechſelte und die Schnüre ſeines Mantels zu öfteren Malen losknüpfte und wie⸗ der in Knoten ſchürzte'. Fitzosborne hatte unterdeſſen den Er⸗Earl in Mathildens Kloſet aufgeſucht; er kehrte jetzt zurück und trat keck auf den Herzog zu, dem ſich ſonſt Niemand zu nahen wagte. 4 „Warum verbergen wollen, mein Lehensherr, was bereits bekannt und noch vor Abend in Aller Munde ſeyn wird?“ hub er an.„Ihr ſeyd verſtört, weil Edward todt iſt und Harold mit Verletzung ſeines Schwures das engliſche Reich in Beſitz genommen hat.“ „Ja,“ verſetzte der Herzog mild und mit dem Tone eines ſanften tiefgekränkten Mannes,„der Tod meines theuren Vetters und Harolds Unrecht gehen mir nahe.“ „Niemand ſollte ſich grämen über das, was er abändern— noch weniger aber über das, was er nicht anders machen kann,“ entgegnete Fitzosborne halb ernſt, wie es dem Skandinavier, halb luſtig, wie es dem Franken geziemte.„Für Edwards Tod gibt es allerdings kein Heil⸗ mittel, wohl aber für Harolds Verrath! Habt Ihr nicht ein ſtattliches Heer von Rittern und Kriegsleuten? Was bedürft Ihr noch, um den 3 ( 1 515 Sachſen zu zerſchmettern und ſein Reich zu erobern— was anders als ein kühnes Herz? Eine große That wohl begonnen, iſt halb gethan. Beginne nur, Graf der Normannen; das Uebrige wollen wir voll⸗ enden.“ Alles was William bedurfte und was er noch bezweifelte, war die Hülfe ſeiner ſtolzen Barone, und aus ſeiner ſchwer laſtenden Ver⸗ ſtellung auffahrend, erhob der Herzog das Haupt und ſeine Augen leuchteten. „Ha, ſprichſt Du ſo? Dann, beim Glanze Gottes, wollen wer dieſe That unternehmen. Spute Dich— errege die Herzen, kräftige die Arme mit Verſprechen und Drohungen, nur daß Du ſie gewinneſt! Ausgedehnt ſind die Ländereien von England und großmüthig iſt eines Eroberers Hand. Gehe und rufe all' meine treuen Lords in den Staatsrath— er ſoll ſtattlicher werden als er jemals unter den Söhnen von Rou die Herzen oder Fäuſte erregte.“ Achtundſechzigſtes Kapitel. Kurz war Toſtigs Aufenthalt am Hofe zu Rouen; der Vertrag zwiſchen dem habgierigen Herzog und dem rachſüchtigen Verräther ward eiligſt abgeſchloſſen: Alles was einſt Harold verheißen worden, wurde jetzt Toſtig verſprochen, wenn Letzterer dem Normannen zum engliſchen Throne verhelfen wollte. Im Innern war übrigens Toſtig nur wenig zufrieden. Seine zufälligen Unterredungen mit den vornehmſten Baronen, welche die Eroberung von England als den Traum eines Wahnſinnigen zu be⸗ trachten ſchienen, zeigten ihm, wie zweifelhaft Williams Ausſicht war, ſeine Lehensleute zu einem Dienſte zu bewegen, wozu der Wortlaut ihrer Belehnung ſie nicht zu verpflichten ſchien; auf alle Fälle ahnte er Verzögerung und Aufſchub, was ſeiner feurigen Ungeduld gar we⸗ nig entſprach. Er nahm Williams Anerbieten an und ſegelte unter dem Vorwande, die northumbriſchen Küſten zu rekognosciren und dort 33* 516 einen Aufſtand zu ſeinen Gunſten zu verſuchen, mit zwei bis drei Schif⸗ fen von der Normandie ab. Seine Unzufriedenheit wurde durch die geringfügige Hülfe, die man ihm gewährte, nur noch vergrößert, denn der argwöhniſche William mißtraute ſeiner Treue ſo gut wie ſeiner Macht, und Toſtig, der bei all ſeinen Fehlern nur ein ungeſchickter Heuchler war, verrieth ſeine mürriſche Stimmung, als er von ſeinem Wirthe Abſchied nahm. „Komme was da wolle,“ ſagte der trotzige Sachſe,„kein Frem⸗ der ſoll ohne meine Hülfe die engliſche Krone gewinnen. Dir biete ich ſie zuerſt; aber Du mußt bei Zeiten kommen und ſie in Empfang nehmen, ſonſt——“ „Sonſt?“ fragte der Herzog ſich auf die Lippen beißend. „Sonſt wird der Vaterſtamm von Rou Dir zuvorkommen! Mein Noß ſcharrt vor der Thüre. Fahre wohl, Normanne; ſchärfe Deine Schwerter, rüſte Deine Schiffe und befeure Deine langſamen Barone.“ Kaum war Toſtig abgereist, als William auch ſchon bereute, daß er ihn ſo hatte abziehen laſſen; als er jedoch Lanfrane's Rath einholte, beruhigte ihn dieſer weiſe Miniſter. 3„Fürchte keinen Nebenbuhler, Sohn und Herr,“ ſagte dieſer. „Die Gebeine der Todten ſind auf Deiner Seite und Du weißt noch nicht, wie mächtig ihre fleiſchloſen Arme! Alles was Toſtig thun kann, iſt, Harolds Streitkräfte zu theilen. Laß ihn zum Schlimmſten grei⸗ fen und auch dann übereile Dich nicht. Noch iſt Vieles zu thun— die Wolke muß ſich ſammeln, das Feuer muß ſich bilden, ehe der Bol⸗ zen abgeſchoſſen werden kann. Sende friedlich zu Harold und mahne ihn freundlich an Eid und Reliquien, an Pfand und Vertrag. Bringe das Recht auf Deine Seite und dann—“ „Nun— was dann?“ „Wird Rom den Meineidigen verfluchen und Dein Banner heili⸗ gen; es iſt dann kein Streit von Macht gegen Macht, ſondern ein Religionskrieg, und Du wirſt das Gewiſſen der Menſchen und den Arm der Kirche auf Deiner Seite haben.“ 517 Mittlerweile ſchiffte ſich Toſtig zu Harfleur ein; ſtatt aber gegen die nördlichen Küſten von England zu ſegeln, wendete er ſich nach einem der flämiſchen Häfen, wo er die normänniſchen Schiffe unter verſchiedenen Vorwänden mit Flammändern, Finnen und Nordmännern friſch zu bemannen wußte. Seine Erwägungen während der Reiſe hatten ihn beſtimmt, William nicht zu vertrauen, und er richtete nun⸗ mehr bei gutem Wind und günſtigem Wetter ſeinen Lauf nach den Küſten ſeines mütterlichen Oheims, des Königs Sweyn von Dänemark. In der That war dieſe Aenderung ſeines Planes aller wahrſchein⸗ lichen Berechnung zufolge von der Politik geboten. Die engliſchen Flotten waren zahlreich und mit renommirten Seeleuten bemannt: die Normänner dagegen beſaßen bis jetzt in Seekämpfen weder Ruhm noch Erfahrung und ihre Marine ſelbſt war kaum gebildet, ſo daß ſogar Williams Landung in England ein ebenſo ſchweres als zweifel⸗ haftes Unternehmen war. Ueberdies, wenn man auch den günſtigſten Erfolg zugab— mußte nicht dieſer normänniſche Prinz bei ſeinem Ehrgeiz und ſeiner Verſchloſſenheit für Earl Toſtig einen weit ge⸗ fährlicheren Herrn als ſein eigener Oheim Sweyn abgeben? So wurde alſo der Vertrag von Rouen vergeſſen, denn kaum war der ſächſiſche Lord bei dem König der Dänen vorgelaſſen, als er ſeinem Verwandten begreiflich zu machen ſuchte, wie ruhmvoll die Wiedergewinnung von Canut's Scepter für ihn wäre. Ein wackerer aber vorſichtiger und argliſtiger Veteran war König Sweyn; wenige Tage vor Toſtigs Ankunft hatte er Briefe von ſeiner Schweſter Githa erhalten, welche, Godwin's Gebote getreu, alle Handlungen und Rathſchläge Harolds gegenüber von ſeinem Bruder als weiſe und gerecht betrachtete. Dieſe Briefe hatten ihn behutſam gemacht und ihm den wahren Stand der Dinge in England dargelegt. So kam es, daß König Sweyn ſeinem Neffen Toſtig lächelnd er⸗ wiederte: „Ein großer Mann war Canut, ein kleiner bin ich: kaum ver⸗ 518 mag ich mein däniſches Reich vor dem Griffe des Norwegers zu be⸗ wahren, während Canut das Land Norwegen ohne Schwertſtreich* in Beſitz nahm; aber ſo groß er auch war, ſo koſtete ihn doch Englands Eroberung einen harten Kampf und ſchwere Gefahren brachte ihm deſſen Behauptung. Drum iſt's am Beſten für kleine Leute, mit dem Lichte ihres eigenen ſchwachen Verſtandes zu regieren und nicht auf das Glück des großen Canut zu rechnen, denn das Glück iſt blos mit den Großen.“ „Deine Antwort,“ höhnte Toſtig in bitterem Tone,„iſt nicht, wie ich ſte von einem Oheim und Kriegsmann erwartete. Aber es laſſen ſich wohl noch andere Häuptlinge finden, die ſich weniger vor dem Glücke hoher Thaten fürchten.“ »So, ſagt der norwegiſche Chroniſt, ttrennten ſich Earl und König nicht gerade als die beſten Freunde, und Erſterer eilte ohne Verzug zu Harold Hardrada von Norwegen. Ein ächter Held des Nordens, ein wahrer Liebling des Kriegs und Geſanges war dieſer Harold Hardrada! In der furchtbaren Schlacht von Stickleſtad, wo ſein Bruder St. Olaf gefallen, zählte lin er erſt fünfzehn Jahre; aber ſein Körper war mit den Wunden eines Veteranen bedeckt. Dem Schlachtfelde entrinnend lag er fern im dichteſten Walde im Hauſe eines Bonderbauern verſteckt, bis ſeine Wunden geheilt waren. Von dort zog er unter fröhlichem Geſange (denn eines Dichters Seele brannte hell in Hardradas Bruſt), daß ein Tag kommen würde, wo ſein Name in dem Lande, das er jetzt ver⸗ ließ, groß ſeyn werde— in das Land Schweden und weiter nach Nußland, bis er nach wilden Abenteuern im Orient mit der kühnen Truppe, die er um ſich verſammelt hatte, zu dem Korps der Wäringer,** * Snorro Sturleſon: Laing. ** Die Wäringer oder Varangi, ein furchtbares meiſt aus Nordmännern beſtehendes Korps, die Janitſcharen des byzantiniſchen Reichs, boten allen un⸗ zufriedenen oder geächteten Heldenſöhnen des Nordens ein glänzendes Feld des Glückes und Krieges. Später traten in daſſelbe viele der tapferſten und te —9n dne 7— 519 jener berühmten Leibwache der griechiſchen Kaiſer, ſtieß und deren An⸗ führer wurde. Die Zwietracht zwiſchen ihm ſelbſt und dem griechiſchen General der kaiſerlichen Streitkräfte(die norwegiſche Chronik nennt ihn Gyrger) endete damit, daß ſich Harold mit ſeinen Wäringern nach den ſarazeniſchen Beſitzungen in Afrika zurückzog. Achtzig erſtürmte und eroberte Schlöſſer, reiche Beute an Geld und Juwelen und noch edlerer Lohn im Geſange des Skalden und dem Lobe des Tapferen be⸗ zeugten die Kühnheit des großen Skandinaviers. Neue blutgetränkte Lorbeeren und friſch erkämpfte Schätze erwarteten ihn in Sieilien, von wo er als rohes Vorbild der ſpäteren Kreuzfahrer gen Jeruſalem zog. Sein Schwert fegte Moslem und Räuber zu Boden; er badete im Jordan und kniete vor dem heiligen Kreuze. Nach Konſtantinopel zurückgekehrt, erwachte in ihm die Sehnſucht nach ſeiner nördlichen Heimath. Er erfuhr, daß ſein Neffe Magnus, St. Olafs unehelicher Sohn, König von Norwegen geworden war— und er ſelbſt trachtete nach einem Throne. So legte er ſein Kommando unter der Kaiſerin Zoe nieder; aber dieſe liebte den kühnen Häupt⸗ ling(wenn man anders den Skalden glauben darf), deſſen Herz jedoch an ihrer Nichte Maria hing. Um Hardrada zurückzuhalten, ward eine Klage wegen Unterſchlagung von Sold oder Beute wider ihn vorgebracht und er ſelbſt ins Gefängniß geworfen. Allein ſo oft der Tapfere in Gefahr iſt, pflegen die Heiligen die Schönheit zu ſeiner Hülfe zu ſenden! Durch einen heiligen Traum bewogen, ließ eine griechiſche Dame von dem Dache des Thurmes eine Strickleiter in Hardrada's Gefängniß herab: er entrann, ſammelte ſeine Wäringer, die ſich um ihren Anführer ſchaarten, zog vor das Haus ſeiner gelieb⸗ ten Maria, trug ſie auf ſeine Galeere und ſtach in das ſchwarze Meer. vornehmſten ſächſiſchen Edlen, welche nicht unter dem normänniſchen Joche leben mochten. Walter Scott hat in ſeinem wenn nicht gerade beſten ſo doch mit vieler Schönheit und Treue geſchriebenen Romane Graf Robert von Paris dieſe renommirte Bande mit ächt poetiſcher Lebendigkeit und hiſtori⸗ ſcher Wahrheit geſchildert. 520 Von Nowgorod, deſſen freundlich geſinntem Könige er ſeine reichen Schätze ſicher anvertraut hatte, ſegelte er heim gegen Norden, und nachdem er Thaten, würdig der alten Seekönige, verrichtet, erhielt er von Magnus die Hälfte von Norwegen, bis nach dem Tode ſeines Neffen dieſes ganze Königreich auf ihn überging. Einen weiſeren und reicheren, einen kühneren und gefürchteteren König hatte man noch nie im Norden gekannt, und er war es, an den ſich Toſtig der Earl mit dem Anerbieten von Englands Krone wendete. Es war eben eine der glorreichen nordiſchen Nächte, der Winter hatte bereits angefangen dem erſten Frühling zu weichen, als unter einer Art ländlicher aus rohen Fichtenſtämmen gebildeter Halle, nicht unähnlich den Schweizer⸗ und Tyroler⸗Landhäuſern, zwei Männer bei⸗ ſammen ſaßen. Die Halle war vor einer geheimen Thüre auf der Hinterſeite eines langen niederen unregelmäßigen Holzbaues errichtet, welcher zwei bis drei Höfe umfaßte und einen ungeheuren Flächenraum bedeckte. Dieſe geheime Thüre ſchien zu dem Zwecke angebracht, um unmittelbar zur See zu gelangen, denn das Felſenriff, über welches dieſer hölzerne Bogen ſein rauhes Dach ausbreitete, ſprang weit in den Ocean hinaus und eine rohe Treppe, durch die Felſen gehauen, ging von da bis zum Strande hinab. Das Ufer, von kühnen fremd⸗ artigen grotesken Felsplatten mit Spitzen und Zacken eingefaßt, krümmte ſich zu einer weiten Bucht, und dich unter der Klippe lagen ſieben hohe, ſchlanke Kriegsſchiffe vor Anker, deren Schnabel und Stern mit ſeiner reichen Vergoldung in dem glänzenden Mondlichte ſchimmerte. Dieſes roh gezimmerte Haus, das blos eine zuſammenhängende Kette barbariſcher Hütten zu ſeyn ſchien, war einer der Landpalläſte Hardradas von Norwegen; die ächten Hallen ſeines Königthums, den wahren Sitz ſeiner Herrſchaft bildeten jedoch die Decke jener ſtolzen Kriegsſchiffe. Durch die ſchmalen Gitterfenſter des Blockhauſes ſah man Lich⸗ ter ſchimmern; aus dem Giebel des Daches kräuſelte der Rauch; von der Halle auf der andern Seite des Gebäudes tönte der Lärm eines . tumu äußer Kontt chen noch Süde Bow gefül tigen ſchier ware hüllt nen liehe 521 tumultuariſchen Trinkgelages herüber, wogegen die tiefe Stille der äußeren Luft, ſo ſternerleuchtet und in Froſt gehüllt, in ihrem ſtarken Kontraſte die rauhen Klänge menſchlicher Schwelgerei zurückzuſcheu⸗ chen ſchien, denn dieſe nördliche Nacht war faſt ebenſo glänzend— nur noch ungleich erhabener in ihrer Ruhe— als ein Mittag im goldenen Süden! Auf einem Tiſche in der geräumigen Halle ſtand eine rieſige Bowle aus Birkenholz, in Silber gefaßt und mit einem ſtarken Tranke gefüllt; daneben zwei mächtige Trinkhörner, deren Größe den gewal⸗ tigen Zechern jener Zeit angepaßt war. Die beiden Männer ſchienen ſich wenig um die kalte ſtrenge Nachtluft zu kümmern— ſie waren freilich in tüchtige Pelze, vom nördlichen Eisbären erbeutet, ge⸗ hüllt, denn jeder hegte heiße Gedanken in ſeinem Innern, welche ſei⸗ nen Adern größere Wärme als die Bowle oder das Bäͤrenfell ver⸗ liehen. Sie waren Wirth und Gaſt. Als ob ihm ſeine Gedanken keine Ruhe ließen, erhob ſich Erſterer von ſeinem Sitze und ſtellte ſich im Mondlicht auf den bleichen Felſen; ſo geſehen ſchien ſeine Geſtalt kaum noch dem Menſchengeſchlechte, wohl aber einem Kriegshäuptlinge der fernſten Zeiten— ja einer Periode anzugehören, wo die Sündfluth dieſe Felſen noch nicht zerſplittert und dieſer eiſigen See ein Bett am Lande gegraben hatte. Harold Hardrada ragte an Höhe über alle Söhne des neueren Geſchlechts: fünf norwegiſche Ellen“ maß er * Laings Snorro Sturleſon.—„Die alte norwegiſche Elle faßte weniger als die jetzige und Thorlaſius rechnet in einer Note zu dieſem Ka⸗ pitel, daß Harolds Länge etwa vier däniſche Ellen, d. h. acht Fuß betragen haben mochte.“— Laings Bemerkung zu obigem Terxt. Wenn wir auch die Uebertreibung des Chroniſten zugeben, ſo iſt wenig⸗ ſtens ſo viel wahrſcheinlich, daß Hardrada über ſieben Fuß maß, da ihm unſer engliſcher Harold(wie Laing in der nämlichen Note bemerkt und wir ſpäter gleichfalls anführen werden) den engliſchen wie den däniſchen Schriftſtellern zufolge zum Grabe ſieben Fuß Landes oder ſo viel mehr anbot, als ſeine Statur die anderer Menſchenkinder überragte. 522 vollauf, und dieſe Statur war frei von allen Unvollkommenheiten im Ebenmaß und zeigte auch nicht jene Schwerfälligkeit des Aeußeren, welche in der Regel jede bedeutende Ueberſchreitung menſchlicher Ge⸗ ſtalt und Stärke eher monſtrös als gebietend erſcheinen läßt; ſeine Verhältniſſe waren im Gegentheil vollkommen regelrecht, ſeine Er⸗ ſcheinung durchaus edel und der einzige Mangel, deſſen die Chronik an ſeiner Geſtalt erwähnt, war der, daß ſeine Hände und Füße, wenn auch letztere wohl gebildet, doch ziemlich groß waren.“* Sein Antlitz beſaß die volle Schönheit der Nordmänner; ſeine goldenen Haarlocken, über einer Stirne geſcheitelt, welche die Kühn⸗ heit des Kriegers mit dem Genie des Barden vereinte, fielen in ſchim⸗ mernder Fülle über ſeine Schultern; ein kurzer Kinn⸗ und langer Schnurrbart von derſelben Farbe, ſorgfältig gepflegt, vermehrte noch die großartige männliche Schönheit ſeiner Züge, an denen als einzige Eigenthümlichkeit auffiel, daß die eine Augbraue höher ſtand als die andere,“* was ſeinem Stirnrunzeln einen drohenderen, ſeinem Lächeln einen ſchelmiſcheren Ausdruck verlieh; denn raſchen Impulſen gehor⸗ chend pflegte dieſer dichteriſche Titan gar oft zu lächeln und zu zürnen. Harold Hardrada ſtand im Mondlichte und betrachtete nachdenk⸗ lich die leuchtende See. Toſtig beobachtete ihn eine Zeitlang von der Halle aus, bis auch er ſich erhob und zu ihm trat. „Wie mögen nur meine Worte Dich alſo aufſtören, o König des Nordlands?“ „Iſt denn der Ruhm ein Trank der zum Schlummer beſänftigt?“ verſetzte der Norweger. „Deine Antwort gefällt mir,“ bemerkte Toſtig lächelnd,„und noch lieber mag ich Dein Auge bewachen, wie es die Schnäbel Deiner Kriegsſchiffe betrachtet. Sonderbar in der That müßte es zugehen, wenn Du, der fünfzehn Jahre lang um das winzige Königreich Däne⸗ * Snorro Sturleſon. S. Note O am Ende des Werkes. 2* Ebendaſelbſt. n im eren, Ge⸗ ſeine Er⸗ ronik wenn ſeine ühn⸗ ſchim⸗ nger noch nzige s die cheln ehor⸗ rnen. denk⸗ n der g des gt?“ „und einer hen, äne⸗ 5²28 mark gefochten, nunmehr, da ganz England vor Dir ausgebreitet liegt, zögern ſollteſt.“ „Ich zögere nur,“ erwiederte der König,„weil der, den das Glück ſo lange begünſtigte, ſich hüten ſollte, deſſen Gunſt allzu oft anzuſprechen. Achtzehn regelmäßige Schlachten lieferte ich im Sara⸗ zenenlande, und in jeder blieb ich Sieger— noch nie weder zu Haus noch auswärts habe ich Niederlage und Schande kennen gelernt. Bläst der Wind immer in derſelben Richtung?— Und iſt das Schickſal weniger launiſch als der Wind?“ „Höre auf, Harold Hardrada,“ rief Toſtig der Trotzige:„ein guter Lootſe weiß ſeinen Weg durch alle Winde zu finden; ein tapferes Herz wird das Geſchick an ſeine Flaggen heften. Es wird von Allen zugegeben, daß der Norden nie einen Krieger gleich Dir beſaß, und jetzt im Mittage Deiner Mannheit willſt Du Dich auf den Lorbeeren Deiner Jugend zur Ruhe legen?“ „Nein,“ ſagte der König, der gleich allen ächten Dichtern eine Ader von dem tiefen Sinne des Weiſen beſaß und nicht nur als der verwegenſte, ſondern auch als der klugſte Häuptling des Nordlandes betrachtet wurde—„nein, nicht mit ſolchen Worten, welche meine Seele nur allzuſehr unterſtützt, wird es Dir gelingen, einen Beherr⸗ ſcher von Männern in die Falle zu locken. Du mußt mir die Aus⸗ ſicht auf Erfolg zeigen, wie Du ſie einem Graubarte darlegen würdeſt, denn ehe wir uns einlaſſen, ſollten wir ſeyn wie die Greiſe, wie Jünglinge aber, ſobald wir Etwas durchzuſetzen wünſchen.“ Der Verräther begann ſofort die ſchwachen Punkte in ſeines Bruders Herrſchaft in Kürze aufzuzählen: ein Schatz, erſchöpft durch Edwards nutzloſe Verſchwendung; ein Land, ſogar an den Flußmün⸗ dungen ohne Kaſtell oder Bollwerk; ein Volk, durch langen Frieden träg geworden und dermaßen gewöhnt, in ſolchen nordiſchen Eindring⸗ lingen ſeine Könige und Herrſcher anzuerkennen, daß eine einzige glück⸗ liche Schlacht die Hälfte der Bevölkerung dazu bringen mochte, den Sachſen zur Abſchließung des Friedens und zur Abtretung des halben 524 Reiches zu zwingen— wie dies ſchon früher von Ironſide gegen Canut geſchehen. Er hob beſonders den Schrecken vor den Nord⸗ männern hervor, der noch immer in ganz England herrſchte, und nicht minder die Verwandtſchaft, welche zwiſchen den Northumbriern, den Oſtangeln und Hardrada's Stamme exiſtirte— eine Verwandtſchaft, welche ſie zwar anfänglich nicht am Widerſtande hindern, ſobald aber ein Erfolg erfochten war, die Einwohnerſchaft mit der ſpäteren Herr⸗ ſchaft ausſöhnen würde. Endlich wußte er Hardrada's Wetteifer durch die Nachricht anzuſpornen, daß der Graf der Normannen, wenn er ſelbſt ihm nicht baldigſt zuvorkomme, die dargebotene Beute ergreifen werde. Dieſe mancherlei Vorſtellungen wie die Erinnerung an Canuts Sieg beſtimmten Hardrada, und kaum hatte Toſtig geendet, als er die Hand gegen ſeine ſchlummernden Kriegsſchiffe ausſtreckend in den Ruf ausbrach: „Genug; Ihr habt die Schnäbel der Raben gewetzt und die Mee⸗ resroſſe geharniſcht!“ Neunundſechzigſtes Kapitel. König Harold von England hatte ſich unterdeſſen ſeinem Volke theuer gemacht, indem er den vollen Ruhm bewährte, der ihm als Earl Harold zu Theil geworden war. Von dem Augenblicke ſeiner Thronbeſteigung an zzeigte er ſich fromm, demüthig und leutſelig* und verſäumte keine Gelegenheit, um allenthalben Beweiſe gränzen⸗ loſer Freigebigkeit, Güte und höflichen Benehmens zu geben.— Auch die beſchwerlichen Zölle und Abgaben, welche ſeine Vorgänger erhoben hatten, ließ er entweder aufheben oder vermindern; der ge⸗ wöhnliche Sold ſeiner Diener und Kriegsleute wurde vergrößert und er bewies ſich überhaupt zu jeder Güte und Tugend geneigt.** * Honeden. ** Hollinſhed. Faſt alle Chroniſten(mit geringer Ausnahme ſogar die den Normannen günſtigſten Hiſtoriker) ſind einſtimmig in der Anerkennung von Harolds Verdienſten und Fähigkeiten als Regent. ſovie guter näm! gewe ſprue welch nach. früh Linit war und länd geſe Der Kau hatt dem war klug voll und 'ſtet eine gegen Nord⸗ nicht „ den chaft, b aber Herr⸗ durch nn er reifen anuts er die Ruf Mee⸗ Volke n als ſeiner elig* nzen⸗ 1— anger er ge⸗ t und ar die mung Faſſen wir den Hauptinhalt dieſer Lobreden zuſammen, ſo geht ſoviel daraus hervor, daß Harold als weiſer Staatsmann wie als guter Herrſcher ſich in den drei Hauptelementen königlicher Gewalt, nämlich in der Eintracht mit der Kirche, welche ſeinem Vater feindlich geweſen war, in der Zuneigung des Volkes, worauf ſein einziger An⸗ ſpruch auf die Krone beruhte und in der Kriegsmacht ſeines Landes, welche die Regierung ſeines friedfertigen Vorgängers gänzlich ver⸗ nachläßigt hatte— immer mehr zu befeſtigen ſuchte. Dem jungen Atheling zollte er eine Achtung, wie man ſie ihm früher nie bewieſen hatte, und während er den Abkömmling der alten Linie mit einem ſürſtlichen Hofſtaat und reichen Domänen ausſtattete, war ſeine über Eiferſucht erhabene Seele bemüht, durch zärtliche Sorge und männlichen Rath einen von Natur ſchwachen und durch aus⸗ ländiſche Erziehung entnationaliſirten Charakter aufzurichten und dem geſetzlichſten ſeiner Nebenbuhler mehr eigentliche Macht zu verleihen. Derſelben offenen großherzigen Politik gehorchend wußte Harold ſolche Kaufleute, die ſich aus anderen Reichen in England niedergelaſſen hatten, aufzumuntern, und ſogar diejenigen unter den Normannen, die dem allgemeinen Verbannungsedict bei Godwins Rückkehr entgangen waren, ließ er ungeſtört in ihren Beſitzungen— kurz kein Mann war kluger im Lande, tapferer in Waffen, im Geſetze ſcharfſinniger und vollendeter an Rechtlichkeit, ſo ſagt der anglo⸗normänniſche Chroniſt,“ und in traurigerem Tone fährt der ſächſiſche Geſchichtſchreiber ſort: 'ſtets thätig für das Beſte ſeines Landes ſah man ihn nie vor irgend einer Anſtrengung weder zu Land noch zur See zurückſcheuen.“ Von dieſer Zeit an hatte Harolds Privatleben ein Ende: die Liebe und ihre Reize exiſtirten für ihn nicht mehr; die Gluth der Ro⸗ mantik war verſchwunden; er war nicht mehr ein einzelnes Individuum, ſondern der Staat, der Repräſentant und die Verkörperung des ſäch⸗ * Vit. Harold. Chron. Ang. Norm. II. 243. ** Hov. 526 ſiſchen Englands— ſeine Herrſchaft und die ſächſiſche Freiheit mußten fortan gemeinſam ſtehen oder fallen! Eine wirklich große Seele gibt ſich blos in ihren Irrthümern zu erkennen. Gleichwie wir die wahre Macht der Einſicht durch die reichen Hülfsmittel und die geduldige Kraft, mit der ſie einen Fehler gut macht, kennen lernen, ſo bewährt ſich die Hoheit der Seele durch ihre muthige Rückkehr zum Lichte, durch ihr inſtinktartiges Auf⸗ ſchwingen in die höheren Lüfte, ſobald eine Verirrung ihre Sehkraft verfinſtert und ihr Gefieder befleckt hat. Ein minder reiner und edler Geiſt als Harolds hätte ſich, einmal in die düſtere Welt bezauberten Aberglaubens eingetreten, an dieſe niedrige Atmoſphäre gewöhnt und wäre tiefer und immer tiefer in den Moraſt verſunken, ſobald er auch nur ein einzigesmal von der kühnen Wahrheit und der geſunden Ver⸗ nunft abgewichen wäre. Aber unähnlich ſeinem Zeitgenoſſen Macbeth war der Menſch bei Harold den Fallſtricken des Böſen entronnen: nicht wie Hecate in der Hölle, ſondern wie Diana im Himmel, bot er der bleichen Nachtgöttin ſeine Stirne dar. Vor jener Stunde, wo er das menſchliche Urtheil der geſpenſtigen Tänſchung zu lieb verlaſſen, vor jenem Tage, da das brave Herz in ſeiner plötzlichen Entmuthigung ſeinen Stolz gedemüthigt hatte, war der Menſch in ſeiner Natur ſtärker als der Gott geweſen; jetzt aber gereinigt durch die Flamme, die ihn verſengt und geſtärkt von dem Falle, der ihn befleckt hatte, ſchwang ſich ſeine große Seele erhaben aus den Trümmern der Ver⸗ gangenheit, heiter aus den Wolken der Zukunft empor, in ihrer Ein⸗ ſamkeit das Geſchick des Menſchen zuſammenfaſſend und mitten in den Schrecken der Zeit ſtark in ihrer inſtinktmäßigen Unvergänglichkeit. König Harold kam von York, wohin er gezogen war, um Mor⸗ cars noch neue Gewalt in Northumbrien zu kräftigen und die Treue der Anglo⸗Dänen perſönlich zu befeſtigen— König Harold kam von York und fand in den Hallen von Weſtminſter einen Möoͤnch, der mit einer Botſchaft von William dem Normannen ſeiner wartete. Barfuß und in grobem Gewande näherte ſich der normänniſche ————jjy—— Dich eine und ſter, die ihm ters ſein gen Tag Alle Kin neb unt legt mir Lar wu Kir chen als der aſſen, igung Natur mme, hatte, Ver⸗ Ein⸗ n den 1. Mor⸗ rreue von mit iſche Abgeſandte dem ſächſiſchen Staatsſeſſel. Seine Geſtalt war von Buße und Faſten abgemagert und ſein Geſicht farblos und todtenbleich durch den fortwährenden Kampf zwiſchen Fleiſch und Zeloteneifer. „Alſo ſpricht William, Graf der Normannen,“ begann Hugues Maigrot, der Mönch.„Mit Kummer und Erſtaunen hat er vernom⸗ men, daß Du, o Harold, ſein geſchworener Lehensmann, dem Eid und aller Lehenstreue zuwider die Krone, die ihm ſelbſt gehört, an Dich geriſſen haſt. Da er aber Deiner Gewiſſenhaftigkeit vertraut und eine augenblickliche Schwäche gerne vergibt, ſo fordert er Dich mild und brüderlich auf, Dein Gelübde zu erfüllen. Sende Deine Schwe⸗ ſter, damit er ſie einem ſeiner Grafen zum Weibe gebe; überliefere ihm die Veſte von Dover; marſchiere mit Deinen Heeren an die Küſte, um ihm, Deinem Lehensherrn, zu helfen und ihm das Erbe ſeines Vet⸗ ters Edward zu ſichern. Dann ſollſt Du regieren zu ſeiner Rechten, ſeine Tochter Deine Gattin, Northumbrien Dein Lehen und die Heili⸗ gen Deine Beſchützer!“ Des Königs Lippe war bleich aber feſt als er erwiederte: „Meine junge Schweſter iſt leider nicht mehr; ſie ſtarb ſieben Tage nachdem ich den Thron beſtiegen, und ihr Staub im Grabe iſt Alles, was ich den Armen des Bräutigams überſenden könnte. Das Kind Deines Grafen kann ich nicht ehelichen, denn Harolds Weib ſitzt neben ihm.“ Hier deutete er auf Aldythens ſtolze Schönheit, welche unter dem goldenen Baldachine thronte.„Das Gelübde, das ich ab⸗ legte, läugne ich nicht; aber von einem erzwungenen Gelöbniſſe, das mir, von unwürdiger Gefangenſchaft bedroht, durch die Noth meines Landes, deſſen Freiheit in meinen Ketten gefeſſelt war, abgepreßt wurde— von einem alſo erzwungenen Gelöbniſſe abſolvirt mich die Kirche und mein Gewiſſen. Wenn das bloße Verſchenken einer Mäd⸗ chenhand, ſobald es ohne Wiſſen der Eltern geſchieht, von der Kirche als ungültig betrachtet wird— wie viel mehr muß es der Schwur ſeyn, der einem Fremden die Geſchicke einer Nation“ gegen deren Wiſſen * Malmesbury. 528 und ohne Befragen ihrer Geſetze übertragen möchte! Die Königs⸗ würde von England beruhte von jeher auf dem Willen des Volks, wie er ſich in ſeierlicher Verſammlung durch ſeine Häuptlinge kund gab. Die Männer, die den Thron allein zu vergeben hatten, haben ihn mir übertragen— ich beſitze nicht die Macht, für einen Anderen darauf zu verzichten, und läge ich in meinem Grabe, ſo würde die Krone auch dann nicht auf den Normannen, wohl aber von Neuem auf das ſäch⸗ ſiſche Volk übergehen.“) ſ 1„Dies alſo iſt Deine Antwort, unglücklicher Sohn?“ fragte der Möoͤnch mit finſterer, Unheil verkündender Miene. „Das iſt meine Antwort.“ „Dann muß ich, ſo leid mir's für Dich thut, Williams Worte vollenden.— Mit Schwert und mit Panzer will er kommen, den Mein⸗ eidigen zu beſtrafen und mit Hülfe des kriegeriſchen Erzengels St. Michael ſein Eigenthum zu erobern, Amen!“ „Zu Land wie zur See, mit Schert und mit Panzer werden wir dem Angreifer begegnen,“ erwiederte der König mit blitzenden Augen. „Du haſt geſprochen— entferne Dich!“ 38 daß Der Mönch wandte ſich um und verließ den Saal. geg „Laß Dich nicht aufbringen durch die Unverſchämtheit des Prie⸗ ſters, ſüßer Gebieter,“ ſagte Aldytha,„denn welches Gelübde Du auh ohe als Unterthan auf Dich nehmen mochteſt— was kümmerts Dich jetzt, da Du König biſt?“ kun Harold gab Aldythen keine Antwort, ſondern wendete ſich an ent ſeinen Kämmerer, der hinter ſeinem Thronſeſſel ſtand. wa „Sind meine Brüder draußen?“ „Ja, nebſt meines Königs erwähltem Rathe.“ ge „Laßt ſie ein. Verzeiht mir, Aldytha— Geſchäfte, die nur fur Männer taugen, nehmen mich jetzt in Anſpruch.“ n Die Herrin von England verſtand dieſen Wink und erhob ſich. fr „Aber die Abendmahlzeit wird Dich bald erwarten,“ bemerkte ſie. onigs⸗ s, wie d gab. hn mir auf zu e auch ſäch⸗ te der n wir lugen. Prie⸗ t auch jetzt, h an Gefahr droht von den Wäliſchen; Du, Edwin von Mercia, gehſt zu 5 34. 529 Harold war bereits von ſeinem Staatsſeſſel herabgeſtiegen und beugte ſich über ein Körbchen mit Papieren, das auf dem Tiſche ſtand. „Hier iſt Nahrung bis morgen,“ erwiederte er;„warte nicht auf mich.“ Aldytha entfernte ſich ſeufzend durch die eine Thüre, während Harolds vertraute Thane durch die andere eintraten. Sobald ſie aber von ihren Mädchen umringt war, vergaß Aldytha Alles, nur nicht, daß ſie abermals Königin war— vergaß ſogar das frühere minder prächtige Diadem, das ihres Gebieters Hand auf der Stirne von Pen⸗ dragons Sohne zerbrochen hatte. Leofwine, immer noch heiter und frohſinnig, war der Erſte, wel⸗ cher eintrat; ihm folgte Gurth, dann Haco und endlich etliche zehn von den größeren Thanen. Sie ſetzten ſich an den Tiſch und Gurth begann zuerſt: „Toſtig iſt bei Graf William geweſen.“ „Ich weiß es,“ verſetzte Harold. „Es geht das Gerücht, er ſey von da zu unſerem Oheim Sweyn gegangen.“ „Das ſah ich voraus,“ erklärte der König. „Und Sweyn wolle ihm helfen, England für die Dänen zu er⸗ obern.“ „Mein Bote mit Githa's Briefen hat Sweyn vor Toſtig's An⸗ kunft erreicht; mein Bote iſt heute zurückgekehrt. Sweyn hat Toſtig entlaſſen und will England fünfzig Schiffe, mit Pickenmännern be⸗ waffnet, zu Hülfe ſchicken.“ „Bruder,“ rief Leofwine voll Bewunderzaig,„Du ſicherſt uns gegen Gefahr, ehe wir ſie nur ahnen.“ „Toſtig,“ fuhr der König, das Kompliment nicht beachtend, fort, „wird zuerſt angreifen: ihm müſſen wir entgegentreten. Sein Buſen⸗ freund iſt Malcolm von Schottland: ſeiner müſſen wir uns verſichern. Gehe Du, Leofwine, mit dieſen Briefen zu Malcolm.— Die nächſte Bulwer, Harold. 530 den Fürſten von Wales. Auf Deinem Wege befeſtige die Forts und vertiefe die Gräben der Marſchen; dieſes Täſelchen enthält Deine In⸗ ſtruktion. Der Normanne hat, wie Ihr, meine Thane, ohne Zweifel wißt, einen Boten geſchickt, der unſere Krone verlangte und das Herannahen ſeines Kriegszuges verkündete. Mit der Morgendämme⸗ rung reiſe ich nach unſerem Hafen zu Sandwich, um unſere Flotten zu muſtern; Du gehſt mit mir, Gurth.“ „Dieſe Vorkehrungen verlangen viel Geld,“ bemerkte ein alter Than,„und Du haſt die Auflagen in der Stunde der Noth verringert.“ „Die Stunde der Noth iſt noch nicht angebrochen; wenn ſie kommt, wird ihr unſer Volk um ſo bereitwilliger mit ſeinem Gold, wie mit ſeinem Eiſen begegnen. Es herrſchte großer Reichthum in Godwin's Hauſe, dieſer Reichthum bemannt Englands Schiffe.— Was haſt Du da, Haco?“ „Deine neugeprägte Münze; auf ihrer Rückſeite ſteht das Wort Friede.“* Wer hat jemals eine dieſer Münzen des letzten Sachſenkönigs— wer hat das kühne einfache Haupt auf der einen und das einzige Wort Friede auf der andern Seite geſehen, ohne ſich von Grauen und Rührung ergriffen zu fühlen. Welch' ein Pathos liegt in jenem Worte, verglichen mit dem Schickſale, das leider nicht dadurch ver⸗ kündet werden ſollte! „Friede,“ wiederholte Harold;„Allen aber, die nicht Friede halten— Sklaverei! Ja, möge ich leben, um unſeren Kindern den Frieden zu hinterlaſſen! Jetzt aber beruht der Friede nur auf unſerer Bereitſchaft zum Krigge. Du, Morcar, mußt eiligſt nach York zu⸗ rückkehren und die Mündung des Humber wohl bewachen.“ Und an jeden einzelnen von den Thanen nach der Reihe ſich wen⸗ dend, bezeichnete er jedem ſein Amt und ſeinen Poſten. Sobald dies geſchehen war, wurde das Geſpräch allgemeiner. Die vielerlei Be⸗ dürfniſſe, die unter dem Mönchekönig vernachläſſigt worden waren und *„Pax.“ ts und ne In⸗ weifel id das imme⸗ fFlotten n alter gert.“ un ſie Gold, zum in ffe.— Wort igs— Wort en und jenem ch ver⸗ Friede rn den inſerer ork zu⸗ h wen⸗ ld dies ei Be⸗ en und nun mit einem Male alsbaldige Abhülfe verlangten, beſchäftigten ſie lange und anhaltend; aber ermuntert und angefeuert durch die Energie und Vorausſicht des Königs, deſſen frühere Bedächtigkeit durch die Veranlaſſung des Augenblicks zu raſcher Entſchloſſenheit beflügelt ſchien,(was bei dem Engländer keineswegs ſelten iſt,) wurden ihnen alle Hinderniſſe leicht, und Muth und Hoffnung lebten in jeder Bruſt. * Siebenzigſtes Kapitel. Hugues Maigrot, der Mönch, kehrte zu William zurück und be⸗ richtete dem Herzog Harolds Antwort in Lanfrancs Gegenwart. William ſelbſt vernahm ſie in düſterem Schweigen, denn Fitzosborne war es durchaus noch nicht gelungen die normänniſchen Barone zu einer ſo gewagten Unternehmung in ſolch zweifelhafter Sache anzu⸗ ſtacheln, und wenn auch der Herzog auf Harolds Trotz gefaßt war, ſo war er noch keineswegs vorbereitet, ſeine Drohungen zu bethätigen und ſeinen Anſpruch geltend zu machen. So groß war ſeine Zerſtreutheit, daß er den Lombarden, ohne ein Wort von ihm ſelbſt, den Moͤnch hinausſchicken ließ, und er erwachte erſt aus ſeiner Träumerei, als Lanfrancs bleiche Hand ſeine mächtige Schulter berührte und ihm die leiſe Stimme des Gelehrten in die träumeriſchen Ohren ſchallte: „Auf! Du Held Europa's— Deine Sache iſt gewonnen. Auf! und ſchreibe mit Deinen kühnen Zügen, kühn, als wären ſie mit des Schwertes Spitze eingegraben, meine Creditive für Rom. Laß mich noch vor Sonnenuntergang abreiſen, und wenn ich gehe, ſo betrachte das ſinkende Geſtirn und erkenne darin die Sonne des Sachſen, welche für immer über England unterſinkt!“ Mit kurzen Worten entwarf dieſer fähigſte Staatsmann ſeines Zeitalters(und unſerer modernen Bildung zum Trotz müſſen wir ihm vergeben, denn als aufrichtiger Sohn der Kirche betrachtete er Harolds Eidesverletzung als eine geſetzliche Verwirkung ſeiner Herrſchaft, und 34* 53² unbekannt mit ächter politiſcher Freiheit ſah er in der Kirche wie in der Gelehrſamkeit die einzigen Civiliſirer des Menſchengeſchlechtes), mit kurzen Worten entwarf Lanfranc vor dem lauſchenden Normannen die Skizze der Beweisgründe, wodurch er den päbſtlichen Hof auf die normänniſche Seite zu bringen hoffte, und verweilte bei dem unge⸗ heuren Zuwachs an Macht, der ihm nach der feierlichen Sanctioni⸗ rung der Kirche aus ganz Europa zuſtrömen mußte. Williams behender wieder erwachender Verſtand begriff bald die Wichtigkeit des vorgelegten Gegenſtandes. Er unterbrach den Lom⸗ barden, nahm Dinte und Pergament und ſchrieb in raſchen Zügen. Roſſe wurden geharniſcht, Reiter eiligſt ausgerüſtet, und mit gezie⸗ mendem Gefolge trat Lanfranc ſeine Sendung an— in ihren Folgen die wichtigſte, welche jemals von einem Potentaten an den Pontifex gelangte.* Durch Lanfrancs ermunternde Verſicherungen in ſeinen Planen auf's Neue beſtärkt, machte ſich Williams entſchloſſener, unbezähm⸗ barer Geiſt an die ſchwierige Aufgabe, ſeine hochmüthigen Vaſallen auf die Beine zu bringen. Aber Wochen verſtrichen, bevor er nur lur einen auserwählten Rath aus ſeinen eigenen Verwandten und den Vertrauteſten ſeiner Lords zuſammenbringen konnte. Dieſe waren ken ſchon privatim gewonnen und verſprachen ihm mit Gut und Blut' zu und dienen. Aber alleſammt erklärten ſie ihm, daß er auf einer allgemei- iſt nen Verſammlung die Zuſtimmung des ganzen Fürſtenthums gewinnen ge müſſe. Dieſe Verſammlung wurde berufen, und es kamen nicht nur Lords und Ritter, ſondern auch Krämer und Kaufleute— die ge⸗ Fi ſammte emporſtrebende Mittelklaſſe eines gedeihenden Staates. D Der Herzog enthüllte ihnen das erlittene Unrecht, ſeine Anſprüche gr und ſeine Plane. Die Verſammlung wollte die Sache nicht in ſeiner de * Einige der normänniſchen Chroniſten behaupten, Robert, Erzbiſchof von Canterbury, der bei Godwins Rückkehr aus England vertrieben worden, habe. m Lanfranc auf dieſer Miſſion begleitet; glaubwürdigere Autoritäten verfichern jedoch, daß Robert ſeine Rückkehr in die Normandie nicht lange überlebte und mehrere Jahre vor jener Zeit geſtorben war. Gegenwart verhandeln, da ſie ſich durch ſeinen Einfluß nicht einſchüch⸗ wie in tern laſſen mochte, und William verließ deßhalb die Halle. Die chtes), Debatte war ſtürmiſch, vielerlei Meinungen wurden geäußert, und iannen die Unordnung wurde ſo groß, daß Fitzosborne ſich mitten im Streite auf die mit dem Rufe erhob:— Rnde⸗„Wozu dieſer Wortkampf?— Warum dieſe pflichtvergeſſene ctioni⸗ b Zwietracht? Iſt nicht William Euer Gebieter? Bedarf er nicht Eurer Hülfe? Verlaßt ihn jetzt, und— Ihr kennt ihn wohl— bei Gott, er ald die wird deſſen gedenken! Helft ihm dagegen und— Ihr kennt ihn ja— Lom⸗ reich iſt ſein Lohn für erwieſene Dienſte und Liebe!“ Bügen. Da erhob ſich wie ein Mann Baron und Krämer, und als endlich 4 gezie⸗ ihr Sprecher erwählt war, begann dieſer: Folgen„William iſt unſer Herr— iſt es nicht genug, daß wir unſerem ntifex Herrn bezahlen, was ihm gebührt? Jenſeits der See ſind wir ihm keine Hülfe ſchuldig! Sind wir ja doch durch ſeine Kriege ohnehin ge⸗ Blanen ſchunden und belaſtet genug! Laßt ihm dieſes ſonderbare mit Nichts zähm⸗ zu vergleichende Wagniß mißlingen, und unſer Land iſt verloren!“ aſallen Lauter Beifall folgte dieſer Rede— die Majorität der Verſamm⸗ er nur lung war gegen den Herzog. d den„Dann will ich, da ich die Mittel eines jeden der Anweſenden 3 waren kenne, dem Herzog mit Eurer Erlaubniß Eure Nothdurft vorſtellen, lut' zu und ihm ein ſo beſcheidenes Anerbieten machen, wie es Euch genehm gemei⸗ iſt, ohne Euern Lehensherren geradezu vor den Kopf zu ſtoßen,“ ent⸗ vinnen gegnete Fitzosborne liſtig. 1 ht nur Die Gegner fielen wirklich in die Falle dieſes Vorſchlags, und ie ge⸗ Fitzosborne kehrte an der Spitze der Verſammlung zu William zurück. Der Lord von Breteul nahte ſich dem Dais, auf welchem William ſ ein prüche großes Schwert in der Hand allein ſaß, und begann ſeine Rede folgen⸗ ſeiner dermaßen: of von’„Mein Lehensherr, ich darf wohl ſagen, daß noch kein Fürſt je⸗ , habe mals ein treueres Volk als das Eure hatte, das ſeine Ergebenheit und fichern te und 534 Liebe durch die Laſten, die es getragen, durch die Abgaben, die es be⸗ geiz willigt, werkthätiger bewieſen hätte.“ Ein allgemeines Beifallsgemurmel begleitete dieſe Worte;„gut! gut!“ hörte man beſonders von den Kaufleuten rufen. William run⸗ zelte die Stirne und ſah höchſt furchtbar aus. Der Lord von Breteul winkte gnädig mit der Hand und fuhr fort: „Ja, mein Lehensherr, viel haben ſie für Euren Ruhm und Eure Nothdurft getragen; aber noch weit mehr wollen ſie ferner tragen.“ Die Mienen der Verſammlung verdüſterten ſich. als „Ihr Lehensdienſt verpflichtet ſie nicht, Euch jenſeits der See zu helfen.“ Die Zuhörerſchaft erheiterte ſich. „Nun aber wollen ſie Euch helfen im Lande des Sachſen ſo gut land wie in dem des Franken.“ und „Wie?“ riefen ein paar vereinzelte Stimmen. „Stille, o gentilz amys! Vorwärts alſo, mein Lehensherr, und ſchone ſie in Nichts. Wer ſeither zwei gut berittene Knappen ge⸗ ſtellt hat, wird nun vier bewilligen; wer—“ „Nein, nein, nein!“ brüllten zwei Drittheile der Verſammlung; „wir haben Euch mit keiner ſolchen Antwort beauftragt; das haben den wir nicht geſagt— auch ſoll es nicht ſeyn!“ ach Vor trat ein Baron. uun „Innerhalb dieſes Landes, zu ſeiner Vertheidigung, wollen wir mi unſerem Grafen dienen; ihm aber eines anderen Mannes Land erobern helfen— nein!“ die Vor trat ein Ritter. 3 fe „Wenn wir einmal dieſen doppelten Dienſt jenſeits der See ſch und zu Hauſe leiſteten, würde es uns ſpäter als Recht und Pflicht auf⸗ de gerechnet, und wir wären dann nicht freigeborne Normannen, ſondern ſn ſöldneriſche Krieger.“ Vor trat ein Kaufmann. „Und wir und unſere Kinder trügen die Laſt, für immer den Ehr⸗ 1 — geiz eines Mannes zu nähren, ſo oft er einen König zu entthronen oder ein Reich zu erobern fände.“ Und im allgemeinen Chore ertönte der Ruf: „Es ſoll nicht ſeyn— es ſoll nicht!“ Die Verſammlung theilte ſich alsbald in Gruppen zu zehn, zu zwanzig und dreißig, welche unter heftigen Geberden laut zuſammen⸗ ſprachen, wie es von freien Leuten im Zorne natürlich war, und ehe William mit all' ſeiner behenden Verſtellung mehr über ſich vermochte, als ſeine Wuth zu unterdrücken und mit übereinander gebiſſenen Zäh⸗ nen ſeinen Schwertgriff zu faſſen, zerſtreute ſich die Verſammlung. So waren die freien Seelen der Normannen unter dem größten ihrer Häuptlinge; wären dieſe Seelen weniger frei geweſen— Eng⸗ land wäre nicht eine Zeit lang unterjocht worden, um abermals— und mit Gottes Hülfe bis an das Ende der Zeit— frei zu werden! Einundſiebenzigſtes Kapitel. Durch die blauen Lüfte über Englands Himmel zog der leuch⸗ tende Fremdling— ein Meteor, ein Komet, ein feuriges Geſtirn! wwie es noch Niemand zuvor geſehen.’ Der Komet zeigte ſich“ am achten vor den Kalenden des Mai; er ſchien ſieben Nächte hindurch und das Antlitz der ſchlafloſen Menſchen ward bleich unter dem grim⸗ migen Schimmer. Die Waſſer der Themſe waren blutroth unter ſeinem Strahle; die Winde, die auf den breiten Wogen des Humber ſpielten, ſchleuder⸗ ten die Brandung in feurigen Funken von ſich. Mit drei Streifen, ſcharf und lang wie der Stachel eines Drachen, zog der Verkündiger des Zorns durch die wimmelnden Maſſen der Sterne. Auf jedem zer⸗ fallenden Fort an der Seeküſte wie auf den Marſchen bekreuzigte der Wächter ſeine Bruſt, wenn er den Kometen erſchaute; auf Straßen * Sachſenchronik. 536 und Hügeln verſammelten ſich nächtlich die Menſchen, um das Schreckensgeſtirn zu betrachten. Hymnen murmelnd ſchaarten ſich die Möoͤnche um die Altäre, als ob ſie das Land vor einem Dämon be⸗ ſchwören wollten. Der Grabſtein des ſächſchen Urahns hob ſich wie vom Blitze getroffen in die Höhe; die Mortwyrtha ſtand an der Mün⸗ dung und ſah in ihren Schreckensviſionen die Walkyren im Gefolge des Feuerſternes. Auf dem Dache ſeines Pallaſtes ſtand Harold der König, und mit gefalteten Armen betrachtete er den Reiter der Nacht. Die Thurm⸗ treppe herauf kamen die leiſen Schritte Haco’'s, und zu dem König ſich hinſchleichend, ſagte er: „Wappne Dich eiligſt, denn die Boten ſind athemlos mit der Nachricht gekommen, daß Toſtig, Dein Bruder, mit Seeräubern und Kriegsſchiffen Deine Küſten verwüſtet und Dein Volk erſchlägt!“ Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. Toſtigs Schiffe, die er vom Normannen wie vom Norweger er⸗ halten und mit flämiſchen Abenteurern rekrutirt hatte, flohen eiligſt vor Harolds Bannern. Nachdem er die Inſel Wight und die Kü⸗ ſten von Hampſhire geplündert, ſegelte er den Humber hinauf, wo ſein eitles Herz von ſeiner früheren Grafenzeit her auf Freunde ge⸗ rechnet hatte. Allein Harolds Energie war allenthalben: durch des Königs Boten vorbereitet zog Morcar dem Verräther entgegen und vertrieb ihn, daß er ſich, von den meiſten ſeiner Schiffe verlaſſen, mit blos zwölf kleinen Fahrzeugen nach den Küſten von Schottland wen⸗ den mußte. Auch dorthin war die Warnung des ſächſiſchen Königs gedrungen: Malcolm ließ ihn ohne Unterſtützung, und er mußte ſich auf die Orkneyinſeln zurückziehen, um Hardrada's Flotten zu erwarten. Und nun, da er Muße hatte, gegen einen furchtbareren und min⸗ der unnatürlichen Feind ſeine Vertheidigungsmaßregeln zu treffen, be⸗ eilte ſich Harold, Küſte und See vor William dem Normannen zu r er⸗ ligſt Kü⸗ wo ge⸗ des und mit ven⸗ nigs ſich ten. nin⸗ be⸗ ſichern. So große Schiffs⸗ und Landmacht hatte vor ihm noch nie ein König im Lande beſeſſen; den ganzen Sommer über ſegelten ſeine Flotten durch den Kanal und alle Punkte der Küſte waren von ſeinen Streitkräften beſetzt. Aber ach! jetzt kam die Zeit, da ſich Edwards unvorſichtige Geld⸗ verſchwendung fühlbar machte: der Kriegsmacht fehlte es an Sold und Nahrung.“ Keiner unter den anderen Geſchichtſchreibern hat genügend darauf hingewieſen, wie ſehr es Harold an den nöthigſten Hülfsmitteln gebrach. Der letzte Sachſenkönig, der Erwählte des Volkes, konnte nicht dieſelben Aushebungen ausſchreiben, nicht die⸗ ſelben Laſten auflegen, welche ſeine Nachfolger ſo mächtig im Kriege machten, ja die Leute begannen ſchon zu glauben, daß von dieſem nor⸗ männiſchen Einfalle eigentlich nichts zu fürchten ſey. Der Sommer war vorüber, der Herbſt war gekommen: ließ ſich da wohl annehmen, daß William ſich mit Annäherung des Winters in ein feindliches Land wagen würde? Der ſächſiſche Charakter, friedfertig von Natur und nur im äußerſten Nothfalle zum Kampfe bereitwillig, haßte die ſchwe⸗ ren Geldopfer und langwierigen Vorkehrungen zu einem Kriege, wenn er nicht bereits vor der Thüre donnerte, und empörte ſich gegen diefe fortwährende Anſpannung ſeiner Energie. Froh der augenblick⸗ lichen Niederlage Toſtigs ſagten ſich die Leute:„wahrhaftig,'s iſt nur Scherz, daß der Normanne ſeinen Kahlkopf in das Hornißneſt ſtecken will! Laßt ihn kommen, wenn er's wagt!“ Gleichwohl wußte Harold mit verzweifelter Anſtrengung und nicht ohne ſeine Popularität aufs Spiel zu ſetzen, eine genügende Streitmacht zur Zurückweiſung jedes einzelnen Angreifers beiſammen zu behalten. Seit der Zeit ſeiner Thronbeſteigung hatte ſein ſchlaf⸗ loſes Auge den Normannen bewacht, und ſeine Spione benachrich⸗ tigten ihn von Allem, was vorging. Und was war inzwiſchen in Williams Rathe vorgefallen? Die * Sachſenchronik.„Am Geburtsfeſte der heiligen Maria waren die Lebensmittel ausgegangen und Niemand konnte die Leute länger zurückhalten. 538 plötzliche Enttäuſchung, welche die große Verſammlung ihm verur⸗ ſacht hatte, dauerte nicht ſehr lange. Kaum war er gewahr geworden, daß er dem Geiſte einer Verſammlung nicht vertrauen konnte, als William in ſeinem liſtigen Sinne Kaufleute, Ritter und Barone einen nach dem andern zu bearbeiten anfing. Vor der Beredſamkeit, den Verſprechungen, der Gewandheit dieſes überlegenen Verſtandes, in der Scheu vor ſeiner imponirenden Perſönlichkeit und verlaſſen von jenem Muthe, wie ihn untergeordnete Gemüther aus der Zahl der Genoſſen zu ſchöpfen pflegen, fügte ſich einer nach dem andern in den Willen des Grafen und unterzeichnete ſeinen Beitrag an Geld, an Schiffen und Leuten. Während dieſes vor ſich ging, war Lanfranc im Vatikane geſchäf⸗ tig. Der berüchtigte Hildebrand war damals Pontifex der römiſchen Kirche. Dieſer außerordentliche Mann, ein ächter Geiſtesgenoſſe Lan⸗ franc's, hegte vor Allem einen Lieblingsplan, deſſen Gelingen in der That die zeitliche Obermacht der römiſchen Päbſte begründete— er wollte nichts Geringeres als die blos geiſtliche Obergewalt des heili⸗ gen Stuhles in die wirkliche Herrſchaft über die Staaten der Chri⸗ ſtenheit umwandeln. Die nächſten Werkzeuge für dieſen Rieſen⸗ plan waren die Normannen, welche durch den Arm des Abenteu⸗ rers Robert Guiscard das Land Neapel unter St. Peters Banner er⸗ obert hatten: die meiſten der alſo in Italien erſtandenen normänniſchen Grafſchaften und Herzogthümer hatten ſich ſelbſt als Lehen der Kirche erklärt, und der Nachfolger des Apoſtels durfte wohl hoffen, mit Hülfe der normänniſchen Prieſterritter ſeine Souveränität über Italien aus⸗ zubreiten und von da den Königen jenſeits der Alpen ſeine Geſetze zu diktiren. So ward es Lanfranc ein Leichtes, Hildebrands Hülfe für Wil⸗ liams Anſprüche zu gewinnen. Der tiefblickende Erzbiſchof von Rom erkannte auf den erſten Blick die ungeheure Uebermacht, welche der Kirche ſchon dadurch zuwachſen mußte, daß ſie ſich das Recht anmaßte, über Kronen zu verfügen, rivaliſirende Fürſten ihrem Richterſpruche 539 zu unterwerfen und die Männer ihrer Wahl auf die Throne des Nor⸗ dens zu ſetzen. Ueberdies war die ſächſiſche Kirche trotz ihres ſklavi⸗ ſchen Aberglaubens der Sache Roms eher ſchädlich, denn ſelbſt der fromme Edward hatte den Pabſt durch Vorenthalten des alten Peters⸗ groſchens beleidigt und die Simonie— ein von dem Pabſte beſonders verpöntes Verbrechen— war in England gäng und gäbe. So kam es, daß Hildebrand in der Kardinalsverſammlung viel⸗ fache Unterſtützung fand, als er ihr Harolds Schwur, die Verletzung der heiligen Reliquien vortrug und verlangte, daß man den frommen Normannen, dieſen wahren Freunden der römiſchen Kirche, erlauben ſolle, die barbariſchen Sachſen“ in ächte Chriſten umzuwandeln, und daß William als Erbe eines Thrones zu beſtätigen ſey, der ihm von Edward verheißen und durch Harolds Meineid verwirkt worden. Nichts deſto weniger— zur Ehre der Menſchheit und jener Verſammlung ſey es geſagt— regte ſich ein frommer Widerſtand gegen dieſen Groß⸗ handel mit Menſchenrechten, dieſe Sanktion des bewaffneten Anfalles gegen ein chriſtliches Volk.„Es iſt ſchändlich,“ ſagten die Guten, „den Mord zu authoriſiren.“ Allein Hildebrand war allmächtig und überwog dieſe Stimmen. William ſaß eben am Feſtmahle mit ſeinen Baronen, als Lan⸗ franc vor ſeinen Thoren abſtieg und die Halle betrat. „Heil Dir, König von England!“ rief er.„Ich bringe die Bulle, welche Harold und ſeine Anhänger excommunicirt, bringe Dir als Geſchenk der römiſchen Kirche das Reich und die Königswürde von England. Ich bringe Dir die Fahne, geweiht von dem Erben des * Es iſt merkwürdig zu erfahren, wie England als ein faſt heidniſches Land dargeſtellt und wie deſſen Eroberung als ein frommes wohlwollendes Chriſtenwerk— eine Art Miſſion zur Bekehrung der Wilden— angeſehen wurde. Und das Alles während England unter der ſchwerſten Kirchenknechtſchaft ſeufzte, und die Mönche ein Drittheil des ganzen Landes beſaßen! Das Herz von England hat aber auch dieſen Bund des Pabſtes mit dem Eroberer nie vergeben und die Füße des eindringenden Normannen haben die Saat der Religionsreform tief in den ſächſiſchen Boden getreten. 540 Apoſtels, und den Ring, der die koſtbare Reliquie St. Peters enthält! Wer wird Dich jetzt noch verlaſſen wollen? Berufe Deinen Heerbann, nicht in der Normandie allein, ſondern in jedem Lande und Reiche, wo die Kirche verehrt wird. Das iſt der erſte Kreuzeszug!“ Und jetzt gab ſie ſich zu erkennen— dieſe Macht der Kirche! Sobald die Sanktion und die Geſchenke des Pabſtes bekannt wurden, rührte ſich der ganze Kontinent wie auf den Klang der Trompete in den Kreuzzügen, zu welchen dieſer Krieg den Vorläufer bildete. In der Maine und in Anjou, aus Poitou und der Bretagne, aus Frank⸗ reich und Flandern, in Aquitanien und Burgund blitzten die Speere und jagten die Kriegsroſſe; die Raubritter in den jetzt altersgrauen Schlöſſern am Rhein, die Jäger und Banditen vom Fuße der Alpen; Barone und Ritter, Schelme und Landſtreicher— ſie alle verſammel⸗ ten ſich um die Fahne der Kirche zur Plünderung von England; denn neben der heiligen Bulle des Pabſtes erklang der kriegeriſche Heeres⸗ ruf:„reicher Sold und weite Ländereien für Jeden, der dem Grafen William mit Speer und Schwert und Armbruſt dienen will.“ Und der Herzog ſagte zu Fitzosborne, als er die ſchönen Gefilde von England in normänniſche Lehen zertheilte: „Harold hat nicht die Geiſteskraft, ſeinen Leuten das Geringſte von Dem, was mir gehört, zu verſprechen: ich aber habe das Recht, meinen Anhängern Das, was mein iſt und auch ſein Eigenthum zu verheißen. Der muß der Sieger ſeyn, der ſowohl ſein eigenes Be⸗ ſitzthum wie das des Feindes wegzugeben vermag.“* Auf dem ganzen Feſtlande Europa's betrachtete man Englands König als verflucht, Williams Unternehmung aber als heilig, und Miütter, welche ſchon erblaßten, wenn ihre Söhne auf die Bärenjagd zogen, ſchickten ihre Lieblinge, auf daß ſie ihre Namen zum Heil ihrer Seele der angeſchwollenen Muſterrolle Williams des Normannen ein⸗ * Wilhelm von Poitiers. Der naive Scharfſinn dieſes Banditen⸗ beweiſes und die Verachtung des Normannen vor Harolds Mangel an„Gei⸗ ſtesſtärke“ ſind höchſt bezeichnende Charakterzüge. 2 d x 6 541 verleibten. Jeder Hafen in Neuſtrien wimmelte in furchtbarer Ge⸗ ſchäftigkeit; in allen Wäldern hörte man die Art, wie ſie die Stämme für die Schiffe fällte; von jedem Ambos flogen die Funken vom Ham⸗ mer, der das Eiſen zu Helm und Schwert verarbeitete. Alles ſchien den auserleſenen Sohn der Kirche zu begünſtigen. Conan, Graf von Bretagne, machte als geſetzlicher Erbe Anſpruch auf das Herzogthum der Normandie: wenige Tage nach ſeiner Erklärung ſtarb Conan, wie früher ſein Vater durch die Mündung ſeines Horns und das Gewebe ſeiner Handſchuhe vergiftet, und der neue Graf der Bretagne ſchickte ſeine Söhne, um gegen Harold zu Felde zu ziehen. Das geſammte Kriegsheer verſammelte ſich auf der Rhede von St. Valery an der Mündung der Somme. Aber die Winde blieben lange Zeit feindſelig und der Regen ſiel in Strömen. Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Und nun, während der Kriegsgott an der Mündung der Somme nach England dürſtete, beſtieg Harold Hardrada, der letzte und berühm⸗ teſte der Seekönige, ſeine Galeere, die ſchlankſte und ſtärkſte einer Flotte von dreihundert Segeln, welche die Gewäſſer um Solundir bedeckte. Und ein Mann Namens Gyrdir am Borde des königlichen Schiffes träumte einen Traum.“ Er ſah ein großes Zauberweib mit einer Gabel in der einen und einem Troge in der andern Hand** auf einer der Suleninſeln ſtehen; er ſah ſie über die ganze Flotte hinfliegen— bei jedem der dreihundert Schiffe ſah er ſie; und ein * Sunorro Sturleſon. ** Weiß auch der ſkandinaviſche Gelehrte, warum der Trog mit den Bildern ſkandinaviſcher Zauberkunſt ſo eng verknüpft war? Man erkannte die Hexe daran, wenn ſie von hinten geſehen eine trogähnliche Geſtalt hatte, und es muß dieſem Aberglauben irgend ein Symbol alter Mythologie zu Grunde liegen. 5⁴2 Vogel ſaß auf dem Spiegel jedes Schiffes und dieſer Vogel war ein Rabe; und er hörte das Zauberweib folgenden Geſang anſtimmen: „Aus Oſten ich lock ihn, Im Weſten ich halt' ihn; Beim Feſtmahl ich wittre Rare Biſſen und füttre Rothen Trank, weiße Beine. „Die Raben, ſie grüßen Und wachen zu Füßen: Durch Winde und Meer Blutgeruch zieht daher, Und die Raben, ſie grüßen Ihren Theil an den Beinen. „Durch Winde und Flammen Wir ſegeln zuſammen; Ich ſegle mit Raben; Ich wache mit Raben; Ich hol' mir von Raben Meinen Theil an den Beinen.“ Da war auch ein Mann Namens Thord“ auf einem Schiffe in des Königs Nähe und auch er träumte einen Traum. Er ſah die Flotte dem Lande ſich nahen und dieſes Land war England. Und am Lande ſtand eine zwiefache Schlachtreihe und viele Banner wehten auf beiden Seiten. Und vor dem Heere des Landvolks ritt ein rieſiges Hexenweib auf einem Wolf; der Wolf trug eines Mannes Leiche im Maul und das Blut träufelte ſtromweiſe von ſeinen Kinnladen; und ſobald der Wolf den Leichnam verſpeist hatte, warf das Hexenweib einen zweiten in ſeinen Rachen und ſo einen nach dem andern, und der Wolf zermalmte und verſchlang ſie alle. Und das Zauberweib ſang folgenden Geſang: „Grünwogend Gefilde Iſt völlig verdeckt Vom Blitzen der Schilde, Vom Wogen der Banner Die da flattern im Wind. * Snorro Sturleſon. 543 ar ein„Doch Skade von droben n: Durchdringet die Stahlwand Mit Adlerblick ſchauend Was die Erde will bergen. Ueber'm Rauſchen der Banner Sie wiegt ihr Gefieder, Mit Schatten bezeichnend Die Stirne des Königs. „Spricht ſein richtender Scherge: Wolfsrachen— du berge Gebeine und Fleiſch Blutbeſpritzet und feiſt; Sie krachen und dröhnen Unter Fängen und Zähnen. Und ich reite voraus Der Heißhungrigen Graus, Mit dem König! „Grimmer Wolf, ſtopf den Wanſt, Voll genug ſoll er ſeyn: Zott'’ger Rachen, Hungerwanſt, Dein ſey'n ſie und mein! „Aermer fällt ſchon das Feſt . Für Vogel und Beeſt; en auf Doch die Hexe vorall eſiges Nimmt das Beſte vom Mahl: he im ¹ Und die Hexe ſoll haben ; und Den König zum Laben, nweib Wenn ſie reitet voraus, Den Schlächtern ein Graus, id der Mit dem König!“ ſang Und König Harold träumte einen Traum. Und er ſah vor ſich ſeinen Bruder St. Olaf. Und der Todte richtete an den Skalden⸗ könig dieſen Geſang: „Kühn wie Du in der Schlacht, Gleich Dir froh in der Halle, Schien der Tag meiner Macht: Kommt die Nacht— und ich falle! ffe in ih die nd am 544 „Wie kleinlaut iſt der Tod, Und wie trotzig das Leben; Wie flüchtig der Odem Zwiſchen Schlummer und Streben! 1 „Die Erde zu klein Dem Tritte des Helden— Zwei Schritte— dem Grabſchrein Des Todten ſie gelten! „Doch mächtig das Reich, Das ſcheinet ſo ſchmal, Aller Stämme zugleich, Hat Raum für ſie all'!“ Aber Harold Hardrada verachtete Hexenweib und Traum und ſeine Flotten ſegelten weiter. Toſtig begegnete ihm dieſſeits der Ork⸗ neyinſeln und die mächtige Armada erreichte bald darauf die Küſten von England. Sie landeten zu Cleveland,“ und vor dem Tritte der ſchrecklichen Nordmänner flohen oder unterwarfen ſich die Küſtenbewohner. Mit Raub und Beute ſegelten ſie weiter nach Scarborough; aber dort hausten wackere Städter hinter ſtarken Mauern. Die Nordmänner erſtiegen einen Hügel über der Stadt, errichteten einen rieſigen Holz⸗ ſtoß und warfen die brennenden Stämme auf die Dächer herab. Ein Haus nach dem andern wurde vom Feuer ergriffen und durch die krachenden Flammen ſtürzten Hardrada's Leute. Groß war das Blut⸗ bad, reich die Beute, und die Stadt, erſchreckt und entvölkert, unter⸗ warf ſich dem Schwert und den Flammen. Den Humber und die Ouſe hinauf ſegelte die Flotte und landete vor Richall, nicht weit von York; doch Morcar, der Earl von Northum⸗ brien, brach mit ſeiner geſammten Streitmacht heraus— lauter hohen handfeſten Männern von dem großen Stamme der Anglo⸗Dänen. Hardrada entfaltete ſeine Flagge, genannt Land⸗Eyda, der * Snorro Sturleſon. —— v C I n und Ork⸗ büſten lichen Mit dort änner Holz⸗ Ein h die Blut⸗ inter⸗ ndete hum⸗ ohen der 545 „Verheerer der Welt“,* und einen Kriegsgeſang anſtimmend führte er ſeine Leute zum Angriff. Der Kampf war heftig aber kurz. Die engliſchen Truppen wur⸗ den geſchlagen und flohen nach York; der Weltverwüſter wurde im Triumph bis vor die Thore dieſer Stadt getragen. Ein verbannter Häuptling, wenn auch noch ſo verhaßt und tyranniſch, beſitzt doch immer einige Freunde unter dem verzweifelten und geſetzloſen Theile des Volks, und bei Schwachen und Memmen wird der Erfolg immer auch Bundesgenoſſen wecken— ſo kam es, daß viele Northumbrier auf Toſtigs Seite traten. Unter der Beſatzung der Stadt entſtand Zwie⸗ tracht und Meuterei; Morcar war außer Stands, das Stadtvolk zu bemeiſtern und wurde mit ſeinem dem König und Lande getreuen An⸗ hange vertrieben, worauf ſich York bereit erklärte, dem feindlichen Eroberer ſeine Thore zu öffnen. Auf die Nachricht, daß der Feind im Norden des Landes ſtehe, mußte König Harold die Streitkräfte, mit denen er im Süden den verzögerten Einfall Williams bewacht hatte, zurückziehen. Man war jetzt tief im September; acht Monate waren verſtrichen, ſeit der Nor⸗ manne ſeine prahleriſche Drohung vom Stapel gelaſſen hatte. War wohl noch anzunehmen, daß er einen Angriff wagen würde?— Doch ob dieſer Feind noch kommen mochte oder nicht— er war jedenfalls entfernt und Hardrada ſtand im Herzen des Landes! Nachdem York alſo kapitulirt hatte, war die ganze Umgegend eingeſchüchtert und mußte ſich unterwerfen; Toſtig und Hardrada waren fröhlich und guter Dinge, denn viele Tage, ſo rechneten ſie, mußten vergehen, bis Harold, der König, vom Süden des Reiches bis in den Norden gelangen konnte. Das Lager der Norweger ſtand an der Stanfordbrücke und heute * So wird das Wort von Thierry überſetzt— Andere nehmen„Land⸗ verwüſter“. Im Däniſchen heißt es Land⸗Ode, im Isländiſchen— Land⸗ Eydo. S. Anm. zu Thierry's Geſchichte der Eroberung von Eng⸗ land, III. Bd. Bulwer, Harold. 4 35 1 4. 546 wollte man förmlich in York einziehen; die Schiffe lagen drüben im Fluſſe und ein großer Theil des Heeres befand ſich bei den Schiffen. Der Tag war warm, Hardrada's Leute hatten ihre ſchweren Rüſtungen abgelegt und machten ſich„einen guten Tag“, ſprachen von der Plün⸗ derung Yorks, ſpotteten über die ſächſiſche Tapferkeit, mit lüſternen Gedanken der ſächſiſchen Mädchen ſich erinnernd, welche die ſächſiſchen Männer ſchutzlos gelaſſen hatten— als ſich plöͤtzlich zwiſchen ihnen und der Stadt eine große Staubwolke erhob. Hoch ſtieg ſie empor und wälzte ſich reißend dahin, und aus dem Innern der Wolke blitzten Speere und Schilde. „Was für eine Armee naht ſich von dort drüben?“ fragte Harold Hardrada. „Sie kommt gewiß aus der Stadt, die wir als Eroberer zu be⸗ treten im Begriffe ſtehen,“ meinte Toſtig;„es ſind ohne Zweiſel die befreundeten Northumbrier, welche jenen Morcar verlaſſen haben und zu mir übertreten.“ Nah und näher kam das Heer, und das Leuchten ſeiner Waffen war gleich dem Schimmern des Eiſes. „Vorwärts mit dem Weltverwüſter!“ befahl Harold Hardrada; „ſtellt euch auf, ergreift die Waffen!“ Und drei ſeiner ſchnellfüßigſten Jünglinge ausleſend, entſandte er ſie zu der Streitmacht am Fluſſe mit dem Befehl, daß ſie ihm ſchleunig zu Hülfe kommen ſollte, denn ſchon ſah man durch Wolken und Speere die Flagge des engliſchen Koͤnigs. In der Nacht zuvor war nämlich König Harold ohne Wiſſen der Angreifer in die Stadt eingezogen, hatte die Meuterei gedämpft, die Stadtbewohner ermuthigt und kam jetzt wie ein Blitzſtrahl von den Winden dahergetragen, um Englands Himmel von den Wolken aus Norden zu ſäubern. Beide Heere nahmen eiligſt ihre Stellung; Hardrada for⸗ mirte ſeine Streiter in Form eines Kreiſes in langen aber nicht tiefen Linien, deren Flügel ſich rückwärts bogen, bis ſie Schild an Schild en im hiffen. ungen Plün⸗ ernen iſchen n und ſempor litzten Harold zu be⸗ el die n und n war drada; ndte er leunig 5peere ämlich zogen, d kam lands for⸗ tiefen Schild 547 wieder zuſammentrafen.“ Die in der vorderſten Reihe ſtellten ihre Speere auf den Boden, ſo daß die Spitzen den feindlichen Reitern bis zur Bruſt reichten; das zweite Glied hielt die Schäfte noch tiefer in gleicher Linie mit der Bruſt der Pferde, ſo daß gegen den Angriff der Reiterei eine doppelte Palliſade gebildet war. In der Mitte dieſes Kreiſes ſtand der Weltverwüſter, umgeben von einem Walle von Schilden; hinter dieſem Walle ſand der König mit ſeiner Leibwache den gewohn⸗ ten Platz für den Anfang der Schlacht. Toſtig dagegen mit ſeinem northumbriſchen Löwenbanner und dem Häuflein ſeiner Auserleſenen ſtand in der vorderen Schlachtlinie. Während das feindliche Heer ſich alſo formirte, ordnete der eng⸗ liſche König ſeine Streitmacht mit der weit überlegenen Taktik eines Feldherrn, den ſeine militäriſche Erfahrung hoch über die Kriegsweiſe der Dänen geſtellt hatte. Dieſe unter ſeiner Leitung ſeither noch immer unbeſiegte Kampfformation hatte die Geſtalt eines Keils oder Dreiecks, ſo daß ſeine Leute beim Angriff den ſeindlichen Geſchoſſen die ſchmalſte Fläche darboten und bei der Vertheidigung nach drei Seiten zumal Front machten. König Harold muſterte die feſt an⸗ ſchließenden Linien und wendete ſich dann zu Gurth, der an ſeiner Seite ritt. „Wäre nicht der Eine in jenem feindlichen Heere— mit welcher Freude wollten wir dieſe Nordmänner angreifen!“ bemerkte der König. „Ich verſtehe Dich,“ gab Gurth traurig zur Antwort;„derſelbe Gedanke an jenen Einen macht, daß auch mein Arm ſich gelähmt füͤhlt!“ Der König ſchwieg nachſinnend und ließ das Naſenſtück an ſeinem Helme nieder. „Folgt mir, meine Thane,“ befahl er plötzlich dem Häuflein von Reitern in ſeiner Umgebung. Und ſein Roß anſpornend ſprengte König Harold geradewegs gegen denjenigen Theil der feindlichen Front, wo Toſtig's northum⸗ * Snorro Sturleſon. 35* 548 briſches Banner über die Speere hervorragte. Verwundert aber ſchweigend folgten ihm die zwanzig Thane. Vor der grimmigen Schlachtreihe und dicht bei Toſtig's Banner parirte der König ſeinen Renner und rief: „Iſt Toſtig, der Sohn Godwins und Githa's, bei dem Banner der northumbriſchen Grafſchaft?“ Mit geöffnetem Helm, den norwegiſchen Mantel über die Rüſtung geworfen, näherte ſich Earl Toſtig beim Klange dieſer Stimme und ritt zu dem Sprechenden.* „Was willſt Du von mir, kühner Gegner?“ Der ſächſiſche Reitersmann ſchwieg und ſeine tiefe Stimme zitterte in zärtlicher Regung, als er leiſe erwiederte: „Dein Bruder, König Harold, entbietet Dir ſeinen Gruß. Laß nicht die Söhne aus derſelben Wiege auf dem Boden ihrer Väter un⸗ natürlichen Krieg gegen einander führen.“ „Was will Harold der König ſeinem Bruder geben?“ fragte Toſtig.„Northumbrien hat er bereits dem Sohne aus dem Hauſe ſeines Feindes bewilligt.“ Der Sachſe zögerte und einer von den Reitern neben ihm nahm das Wort. „Wenn Northumbrien Dich wieder aufnehmen will, ſo ſollſt Du Northumbrien haben und der König wird dann ſeine frühere Graſſchaft Weſſer an Morcar vergeben; wenn die Northumbrier Dich verwerfen, ſo ſollſt Du alle Grafſchaften bekommen, welche König Harold ſeinem Gurth verſprochen hat.“ „Gut,“ meinte Toſtig und ſchien wie unſchlüſſig zu ſchwei⸗ gen, als König Harold Hardrada, von dieſem Zwiegeſpräche unter⸗ richtet, mit ſeinem goldgleißenden Helm auf kohlſchwarzem Roſſe vor den Reihen daherſprengte. * S. Snorro Sturleſon über dieſe perſönliche Unterredung zwiſchen Harold und Toſtig. Der Bericht unterſcheidet ſich von den ſächſiſchen Chro⸗ niſten, iſt aber in dieſem ſpeziellen Punkt wohl ebenſo genau wie dieſe. ——— —— aber nigen einen anner ſtung und tterte Laß r un⸗ ragte Hauſe nahm t Du ſchaft erfen, inem wei⸗ nter⸗ vor iſchen Chro⸗ 549 „Ha!“ murmelte Toſtig ſich umwendend, als die Rieſengeſtalt des norwegiſchen Königs ihren langen Schatten über den Boden warf. „Und wenn ich das Anerbieten annehme, was will Harold, God⸗⸗ wins Sohn, meinem Freunde und Bundesgenoſſen Hardrada von Norwegen geben?“ Bei dieſen Worten erhob der ſächſiſche Ritter ſein Haupt und be⸗ trachtete die breite Stirne Hardrada's, indem er laut und deutlich ant⸗ wortete: „Sieben Fuß engliſchen Bodens zu ſeinem Grabe oder da er größer iſt als andere Menſchenkinder ſo viel drüber als ſein Leichnam bedarf.“ „Dann gehe zurück und ſage meinem Bruder Harold, er möge ſich zur Schlacht rüſten, denn nie ſollen Norwegens Skalden und Krieger ſagen, daß Toſtig ihren König in ſeinen Handel verlockte, um ihn dann an ſeinen Feind zu verrathen. Er kam hieher und ſo auch ich, um wie ein tapferer Mann zu gewinnen oder den Tod des Tapfern zu ſterben!“ Hier hörte man einen Reiter von jugendlicherer ſeinerer Geſtalt als die andern dem ſächſiſchen Könige zuflüſtern: „Zögere nicht länger, ſonſt möchten Deine Leute Verrath fürchten!“ „Das Band iſt von meinem Herzen geriſſen, o Haco, und dieſes Herz fliegt zu England zurück,“ lautete des Königs Antwort. Er winkte mit der Hand, drehte ſein Roß und ritt davon. Har⸗ drada's Auge folgte dem Reiter. „Und wer iſt der Mann, der ſo gut geſprochen?““ fragte er ruhig. „König Harold!“ gab Toſtig kurz zur Antwort. „Wie!“ rief der Norweger erröthend,„warum hat man mir das nicht früher geſagt? Nie wäre er ſonſt zurückgekehrt— hätte nie mehr von der Entſcheidung dieſes Tages geſprochen!“ 65 * Snorro Sturleſon. 550 Bei all ſeiner Wildheit, ſeinem Neid und Groll gegen Harold, bei ſeiner ganzen Verrätherei an England ſchlummerten doch noch einige rohe verwirrte Begriffe von Ehre in der Bruſt des Sachſen und ſtolz erwiederte er: „Unklug war Harold's Kommen und groß ſeine Gefahr; aber er kam, um mir Frieden und Herrſchaft anzubieten. Hätte ich ihn ver⸗ rathen, ich wäre nicht ſein Feind— ich waͤre ſein Mörder geweſen!“ Der nordiſche König lächelte beifällig und wendete ſich mit der trockenen Anſprache an ſeine Häuptlinge: „Jener Mann war zwar kürzer als manche von uns, aber er ſaß feſt im Steigbügel.“ Und nun begann dieſe außergewöhnliche Erſcheinung, welche alle Typen eines für immer im Grabe entſchwundenen Zeitalters in ſich vereinigte und um ſo intereſſanter iſt, als wir in ihr den Stamm vor uns ſehen, von welchem die Normannen entſprangen, mit einer vollen melodiſchen Stimme, tiefklingend wie eine Orgel, den improvi⸗ ſirten Kriegsgeſang anzuſtimmen. Mitten im Verſe hielt Hardrada inne, indem er mit vollendeter Ruhe ſagte: „Der Vers reimt ſich ſchlecht: ich muß es beſſer verſuchen.“* Er fuhr mit der Hand über die Stirne, beſann ſich eine Weile und fuhr dann wie begeiſtert fort, während ſein ſchönes Geſicht in poetiſcher Warme leuchtete. Das Lied, die Worte, der Rythmus wie der Augenblick ſtimmten ſo ganz zu ſeinem und ſeiner Leute Enthuſiasmus, daß das Ganze eine unbeſchreibliche Wirkung hervorbrachte— ähnlich dem Runenzauber, der einſt die Berſerker, wie es hieß, mit der an ihnen gerühmten Kriegs⸗ wuth erfüllt hatte. Feſt und langſam rückte unterdeſſen die ſächſiſche Phalanx heran, und in wenigen Minuten hatte die Schlacht begonnen. Den Anfang machte ein Angriff der(niemals zahlreichen) engliſchen Reiterei unter Haco's und Leofwine's Anführung: allein die doppelte Palliſade der * Snorro Sturleſon. rold, noch und der er ver⸗ ſen!“ t der er ſaß e alle s in tamm einer rovi⸗ drada 3* Weile icht in umten e eine auber, riegs⸗ heran, nfang unter de der 551 Norweger bildete eine unüberſteigliche Schranke und die Reiter, von der Außenwand zurückweichend, ritten um den eiſernen Zirkel, indem ihre Speere und Wurſſpieße nur geringen Schaden verurſachten. König Harold war mittlerweile abgeſtiegen und marſchirte nach ſeiner Gewohnheit mit dem Hauptkorps des Fußvolks: er nahm ſeinen Standpunkt in dem hohlen Raume des dreieckigen Keils, von wo er am beſten ſeine Befehle erlaſſen konnte. Toſtig's Poſten vermeidend, ließ er ſeinen Schlachthaufen gerade im Centrum des Feindes halten, wo der Weltverwüſter, hoch über dem inneren Walle der Schilde flat⸗ ternd, die Anweſenheit des rieſigen Hardrada verkündete. Die Luft war jetzt buchſtäblich von Pfeilen und Speeren verfin⸗ ſtert und in dieſem Krieg der Geſchoſſe waren die Sachſen weniger ge⸗ ſchickt als die Nordmänner. Gleichwohl wollte König Harold die Hitze ſeiner Leute noch immer zurückhalten, welche von den Ge⸗ ſchoſſen ſchwer bedrängt, ſich nach dem Handgemenge mit dem Gegner ſehnten. Auf einer kleinen Anhöhe ſtehend, wo er mehr als der ge⸗ ringſte Soldat exponirt war, beobachtete er ruhig die Angriffe der Reiter und wartete auf den Augenblick, wo die Norweger, wie er vor⸗ ausſah, durch ſein eigenes Zögern wie durch die ſchwachen Anfälle der Reiterei ermuthigt, ihre Speere vom Boden aufrichten und ſelbſt zum Angriffe vorgehen würden.. Dieſer Augenblick kam: durch das Geklirr und Geraſſel der Waffen, wie durch die Kriegsgeſänge ihres Königs und ſeines Skal⸗ denchores angeſtachelt, trennten ſich die Nordmänner, unfähig ihren Feuereifer zurückzuhalten, und rückten gegen die Sachſen. „Greift zur Streitaxt, und nun zum Angriff!“ rief Harold, den Mittelpunkt der Schlachtlinie verlaſſend, um ſich an die Spitze des Keiles zu ſtellen. Die Wucht dieſer kunſtreichen Phalanx war furchtbar: ſie drang durch den Ring der Norweger, ſpaltete den Wall ihrer Schilde, und König Harold's Streitart war die erſte, welche dieſe Stahlmauer zer⸗ 5⁵² ſplitterte, ſein Schritt der erſte, der in den innerſten vom Weltver⸗ wüſter bewachten Zirkel eindrang. Da trat ihm unter dem Schatten dieſer mächtigen Flagge Harold Hardrada gleichfalls zu Fuß entgegen; ſingend und jauchzend ſprang er mit langen Schritten in das dickſte Schlachtgewühl. Er hatte den Schild bei Seite geworfen und ſchwang mit beiden Händen ſein rieſi⸗ ges Schwert, einen nach dem andern niederhauend, bis er ſich freie Bahn geöffnet hatte und die Engländer, vor dieſer Geſtalt von ſchein⸗ bar übermenſchlicher Höhe und Stärke zurückweichend, nur einen Mann auf ſeinem Wege ließen, der ihm feſt und ſtandhaft entgegentrat. In dieſem Augenblicke ſchien der ganze Streit nicht mehr einem vergleichungsweiſe neueren Zeitalter anzugehören— er hatte den Charakter des entfernteſten Alterthums angenommen, und Thor und Odin ſchienen auf Erden zurückgekehrt. Hinter dem thurmhohen Ti⸗ tanen kamen ſeine Skalden, das wilde Haar unter ihren Helmen her⸗ vorflatternd, und trunken von dem Wahnſinne der Schlacht ihre Hymnen anſtimmend; der Weltverwüſter wehte brauſend hinterdrein, ſo daß der gewaltige Rabe, der auf ſeinen Falten abgemalt war, von grauſigem Leben beſeelt ſchien. Ihm gegenüber, allein und ruhig, mit wach⸗ ſamem Auge und erhobener Streitaxt, den Fuß zum Sprunge oder Anfalle bereit, aber zur Abwehr der Flucht feſt wie eine Eiche im Boden wurzelnd— ſtand der Letzte der Sachſenkönige. Da kam Hardrada, und nieder fuhr ſein Schwert; König Ha⸗ rolds Schild ward entzwei geſpalten und die Wucht des Hiebes warf ihn ſelber aufs Knie; aber raſch wie der Blitz dieſes Schwertes auf die Füße ſpringend, während Hardrada, von der Heftigkeit ſeines Schlages noch nicht zu ſich gekommen, noch immer den Kopf geneigt hatte, traf ihn der Sachſe mit ſeiner Art ſo donnernd auf den Helm, daß der Rieſe wankte, ſein Schwert fallen ließ und zurücktaumelte, während ſeine Skalden und Häuptlinge ſich um ihn ſchaarten. König Harolds Standhaftigkeit rettete die Engländer vor der Flucht, denn als ſie ihn jetzt faſt allein im Gedränge und immer vor⸗ ——— wärte ſie ſie drang gleich ſobal von und ſeine das ihm ihn mit Pfei ein! über emp 5⁵⁸³ wärts gegen die Rabenflagge ſich durchhauen ſahen— da ſammelten ſie ſich einnüthig und mit dem Rufe„Aus! Aus! Heiliges Kreuz!“ drangen ſie zu ihm vor, und der Kampf wogte nunmehr heiß und gleichmäßig Mann gegen Mann. Hardrada war unterdeſſen etwas abſeits getragen worden, und ſobald man ihm den beſchädigten Helm löste, erholte er ſich wieder von jenem Schlage— dem gewichtigſten, der je ſein Auge verdunkelt und ſeine Hand gelähmt hatte. Den Helm zu Boden werfend, daß ſeine hellen Locken wie Sonnenſtrahlen glitzerten, ſtürzte er wieder in das Handgemenge zurück. Aufs Neue ſanken Helm und Panzer vor ihm zu Boden; abermals gewahrte er durch die Menge den Arm, der ihn getroffen hatte; abermals ſprang er auf ihn los, um den Krieg mit einem Schlage zu beenden— als ihm von fernem Bogen ein Pfeil durch die Kehle drang, die nicht länger vom Helme geſchützt war; ein Laut, ähnlich dem Weheruf eines Todtengeſangs, kam abgebrochen über ſeine von Blut überſtrömten Lippen, und ſeine Waffen wild emporwerfend, ſtürzte er— eine Leiche— zu Boden. Bei dieſem Anblicke erhoben die Nordmänner einen ſo furchtbaren Schrei der Klage, des Schreckens und Zornes, daß der Kampf für den Augenblick gänzlich aufhörte. „Vorwärts!“ rief der Sachſenkönig;„engliſcher Boden möge den Eindringling verſchlingen! Vorwärts gegen die Standarte, und der Tag iſt unſer!“ „Vorwärts gegen die Standarte!“ wiederholte Haco, der das Roß unterm Leibe verloren hatte und blutbedeckt von fremden Wunden dem König nunmehr zur Seite ſprang. Hoch und grimmig erhob ſich die Standarte, und die Fahne flaggte und ſeufzte im Wind wie wenn der Rabe Stimme beſäße, als plötzlich dicht zwiſchen Harold und dem Banner ſein Bruder Toſtig emportauchte— er, wohl bekannt durch die gleiſende Rüſtung, die Goldſtickerei ſeines Mantels, wie durch das trotzige Lachen und die herausfordernde Stimme. 554 „Gleichviel!“ rief Haco;„ſchlag zu, o König— es gilt Deine Krone!“ Harolds Hand griff krampfhaft nach Haco's Arm; er ſenkte die Streitart, drehte ſich um und ging ſchaudernd weiter. Beide Heere hielten inne im Angriff, denn beide Theile waren in große Unordnung gerathen und gönnten ſich gerne eine Pauſe, um die eigene zerriſſene Schlachtſtellung wieder herzuſtellen. Die Nordmänner waren übrigens nicht die Krieger, welche wegen eines erſchlagenen Führers zurückwichen— im Gegentheil, jetzt da ihre Tapferkeit noch durch Rachluſt geſteigert wurde, waren ſie mehr als je zum Kampfe entſchloſſen; gleichwohl wäre ohne Toſtigs raſche Ent⸗ ſchloſſenheit, mit der er ſich zu der Standarte durchgehauen hatte, der Tag ſchon jetzt entſchieden geweſen. Während der Pauſe rief Harold ſeinem Gurth und bat ihn in großer Erſchütterung: „Im Namen der Natur, Gurth, o Gurth, gehe um Gottes⸗ willen zu Toſtig; jetzt da Hardrada todt iſt, bewege, o bewege ihn zum Frieden. Biete, was wir nur immer mit Ehren bieten können — Leben und freien Rückzug für jeden Norweger.“ O erſpare mir, erſpare mir das Blut eines Bruders!“ Gurth lüftete ſeinen Helm und küßte die bepanzerte Rechte des Königs. „Ich gehe,“ ſagte er; und baarhaupts mit einem einzigen Trom⸗ peter näherte er ſich den feindlichen Reihen. Harold erwartete ihn in großer Aufregung, und Niemand konnte ahnen, welch bittere grauenhafte Gedanken ſein Herz bewegten, das auf dieſem Pfade zur Macht ein Band nach dem andern hatte löſen ſehen. 1 Er durfte nicht lange warten, denn noch ehe Gurth zurückkam, »Sharon Turner's Angelſachſen, II. Bd. S. 396.— Snorro Sturleſon. verna ſchla⸗ giſche gab, verla lich! ange kurz jedo hiel wen derſ ſe die len in n die egen ihre als Ent⸗ —, der hn in ottes⸗ e ihn önnen mir, te des rrom⸗ onnte das löſen kkam, orro 555 vernahm er aus dem einmüthigen Wuthſchrei, vermiſcht mit dem An⸗ ſchlagen zahlloſer Schilde, daß die Sendung mißglückt war. Toſtig hatte Gurth nicht anders als in Gegenwart der norwe⸗ giſchen Häuptlinge anhören wollen, und als er ſeine Botſchaft preis⸗ gab, riefen ſie alle: „Lieber wollen wir Seit' an Seite fallen,“* als ein Schlachtfeld verlaſſen, wo unſer König erſchlagen wurde.“ „Du hörſt ſie,“ ſprach Toſtig:„wie ſie ſprechen, ſo ſpreche ich.“ „Auch dieſe Schuld iſt nicht mein, o Gott!“ rief Harold, feier⸗ lich die Hand erhebend.„Nun denn, an die Pflicht.“ Die norwegiſche Verſtärkung war unterdeſſen von den Schiffen angelangt, was den augenblicklich wieder ausbrechenden Streit auf kurze Zeit kritiſch und unſicher machte. Harolds Feldherrntalent war jedoch ebenſo vollendet, wie ſeine Tapferkeit kühn geweſen war; er hielt ſeine Leute feſt in der unzerbrechlichen Schlachtordnung, und wenn auch einzelne Splitter abgeriſſen wurden, ſo nahm doch jeder derſelben die Form des unwiderſtehlichen Keiles an. Ein einziger Norweger vertheidigte lange Zeit den Uebergang über die Stanfordbrücke; nicht weniger als vierzig Sachſen ſollen von ſeinem Arme gefallen ſeyn. Der engliſche König ließ ihm voll Groß⸗ muth nicht nur das Leben, ſondern auch einen Ehrenpreis für ſeine Tapferkeit zuſichern; der Wikinger wollte ſich jedoch nicht ergeben, und ſiel zuletzt durch Haco's Wurfſpieß.. Als wäre in ihm der unerbittliche Kriegsgott der Norweger ver⸗ körpert geweſen— ſo war mit ihm die letzte Hoffnung der Wikinger geſtorben. Sie ſielen buchſtäblich, wo ſie ſtanden, viele ſtarben ohne Schwertſtreich aus bloßer Erſchöpfung und unter der Schwere ihrer Rüſtung.** Mit einbrechender Nacht ſtand Harold inmitten der zer⸗ * Snorro Sturleſon. ** Die raſche Folge der Ereigniſſe ließ dem ſächſiſchen Heere nicht die Zeit, die Erſchlagenen zu beerdigen, und die Gebeine der Eingedrungenen bedeckten noch manche Jahre ſpäter das grauſige Schlachtfeld. 556 trümmerten Schildmauer, den Fuß auf der Leiche des Fahnenträͤgers, die Hand am Stabe des Weltverwüſters. „Dort drüben trägt man Deines Bruders Leichnam,“ füſterte Haco dem König ins Ohr, während er ſein Schwert vom Blute rei⸗ nigte und in der Scheide verſorgte. Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Der junge Olaf, Hardrada's Sohn, war dem Gemetzel glücklich entronnen. Eine ſtarke Abtheilung der Norweger war bei den Schiffen zurück geblieben— unter ihnen einige kluge alte Häuptlinge, welche, das wahrſcheinliche Reſultat des Tages vorausſehend und wohl wiſſend, daß Hardrada das Feld, wo er den Weltverwüſter aufgepflanzt, nicht anders denn als Sieger oder als Leichnam verlaſſen würde, den Prin⸗ zen faſt mit Gewalt vom Theilnehmen an ſeines Vaters Schickſal zu⸗ rückgehalten hatten. Ehe dieſe Schiffe jedoch in See ſtechen konnten, hatten ihnen die kräftigen Maßregeln des ſächſiſchen Königs bereits den Rückzug abgeſchnitten, und ihre Schilde als Wall um die Maſten thür⸗ mend, beſchloſſen die kühnen Wikinger wenigſtens als Männer zu ſterben. In der Frühe kam jedoch König Harold in eigener Perſon an das Flußufer, und hinter ihm, die Lanzen auf dem Boden ſchleppend, ein feierlicher Zug mit der Leiche des Skaldenkönigs. Am Ufer wurde Halt gemacht, und ein Boot mit einem Mönche ruderte gegen die norwegiſche Flotte, um die Häuptlinge zu einer Deputation, an ihrer Spitze den jungen Prinzen ſelber, aufzufordern, welche den Leichnam ihres Königs in Empfang nehmen und die Vorſchläge des Sachſen vernehmen follte. Die Wikinger waren auf keine Präliminarien vor dem erwarteten Gemetzel gefaßt geweſen, und zögerten nicht, das Anerbieten anzu⸗ nehmen. Zwoͤlf der berühmteſten Häuptlinge, die noch am Leben waren, ſtiegen mit Olaf ſelber in das Boot, und zwiſchen ſeinen Brüdern Leofwine und Gurth ſtehend, redete ſie Harold alſo an: „Euer König bekriegte ein Volk, das ihn nicht beleidigt hatte; er he ſeine Bedi ſchad in m den; erler! ſind? Schi biete Küſt — ſchof den daß der d todte als Aug der auf hob Bal Gol Trã Nor 5⁵⁷ er hat es gebüßt— wir kriegen nicht gegen die Todten. Erweiſet ſeinen Ueberreſten die Ehren, wie ſie den Tapferen gebühren; ohne Bedingung oder Löſegeld überliefern wir Euch, was uns nicht länger ſchaden kann.— Was Dich betrifft, junger Prinz,“ fuhr der König in mitleidigem Tone fort, als er den ſtolzen, aber tiefen Kummer in den Zügen des ſtattlichen Olafs gewahrte—„wirſt Du hieraus nicht erlernen, daß Odins Kriege ein Verrath an dem Glauben des Kreuzes ſind? Wir haben geſiegt, wollen aber keine Metzelei. Nehmet ſo viel Schiffe, als Ihr für die Ueberlebenden bedürfet; drei und zwanzig biete ich Euch zur Ueberfahrt. Kehret zu Euren einheimiſchen Küſten zurück und ſchützet ſie, wie wir die unſerigen geſchützt haben. — Seyd Ihr zufrieden?“ Unter den Häuptlingen befand ſich ein ernſter Prieſter, der Bi⸗ ſchof der Orkaden— er trat vor und beugte ſein Knie vor dem Könige. „O Herr von England,“ begann er,„geſtern beſiegteſt Du nur den Leib— heute aber die Seele. Nie wieder möge es geſchehen, daß die großherzigen Nordmänner die Küſte des Mannes angreifen, der die Todten ehrt und die Lebenden ſchont.“ „Amen!“ riefen die Häuptlinge und knieten ſämmtlich vor Harold. Der junge Prinz ſtand einen Augenblick unentſchloſſen, denn ſein todter Vater lag vor ihm auf der Bahre, und Rache galt noch immer als eine Tugend in dem Herzen eines Seekönigs; als er aber ſeine Augen zu Harold aufſchlug, da ſchien die milde, ſanfte Majeſtät auf der Stirne des Sachſen einen unwiderſtehlichen, begütigenden Einfluß auf ihn zu üben, und die rechte Hand dem Könige entgegenſtreckend, hob er die andere hoch empor und betheuerte laut: „Ewige Treue und Freundſchaft mit Dir und England!“ Die Häuptlinge ſtanden nun auf und ſammelten ſich um die Bahre; aber keine Hand lüftete im Angeſichte des ſtegreichen Feindes das Goldtuch, das den Leichnam des berühmten Königs bedeckte. Die Träger der Bahre bewegten ſich langſam gegen das Boot, und die Norweger folgten mit abgemeſſenen Leichenſchritten. Erſt als die 558 Bahre am Bord der königlichen Galeere aufgeſtellt wurde, ließ ſich die laute, tiefe und ſchauerliche Wehklage vernehmen, welcher ein überlebender Skalde einen Ausbruch wilden Geſanges nachſchickte. Die Norweger hatten bald ihre Vorkehrungen zur Abfahrt ge⸗ troffen; die zu ihrer Begleitung verwilligten Schiffe lichteten die Anker und ſegelten den Strom hinab. „Da gleiten die letzten Segel, welche jemals die verwüſtende Rabenflagge an Englands Küſten tragen ſollen,“ bemerkte Harold, der die Schiffe vom Flußufer aus bewachte. Und in der That hatten dieſe ſeither faſt unüberwindlichen Krie⸗ ger auf jenem Felde die größte Niederlage erlitten, die ſie noch jemals erfahren hatten. Auf jener Bahre lag der letzte Sohn der Berſerker und Seekönige, und zu Deiner Ehre ſey es geſagt, o Harold, daß der Weltverwüſter nicht von dem Normann, ſondern von Dir, dem ächten Sachſenherzen, auf engliſchem Boden niedergeworfen wurde.* „So ſey es,“ verſetzte Haco;„und ſo wird es wohl auch geſche⸗ hen. Nur vergiß nicht den Abkömmling der Nordmänner, den Grafen von Rouen!“ Harold fuhr zuſammen und wendete ſich an ſeine Häuptlinge. „Stoßt in die Trompeten und ſammelt Euch um mich. Wir mar⸗ ſchiren nach York: dort ſoll die Grafſchaft neu geordnet und die Beute geſammelt werden, dann geht es zurück an die ſüdlichen Küſten. Erſt aber kniee nieder, Haco, Du Sohn meines Bruder Sweyn. Deine Thaten wurden im Lichte des Himmels, im Angeſichte der Krieger auf offenem Felde verrichtet; ſo ſollen auch Deine Ehren Dich finden! Nicht mit dem eitlen Tande der normänniſchen Ritterſchaft will ich Dich bekleiden; dafür aber ſeyſt Du zum Mitgliede der älteren Brüder⸗ ſchaft als Miniſter und miles erhoben. Ich gürte um Deine Lenden * Unter der folgenden Regierung ſegelten zwar die Dänen unter König Sweyns Bruder Asbiorn den Humber hinauf— das geſchah aber um den Engländern beizuſtehen, nicht um ſie anzufallen, und der Normanne er⸗ kaufte ihre Abfahrt, er erzwang ſie nicht. ——,— mein mein als unter Knal ſeine Tage Nam Stad Sitt ſeine Brüt an de einge jung hatte lang Frer Har Ang ſachf war ſchw ſchli Frer nicht ſchü Anb ſelbe Alle 559 eß ſich mein eigenes Wehrgehänge von ächtem Silber, lege in Deine Hand er ein mein eigenes Schwert aus reinem Stahl und heiße Dich aufſtehen, um e. als Earl von Hertford und Eſſer in Rath und Feldlager Deine Stelle art ge⸗ unter den Proceres von England einzunehmen. Nicht mir danke, en die Knabe,“ flüſterte der König, während er ſich über die bleiche Wange ſeines Neffen beugte:„von mir ſollte der Dank ausgehen. An dem ſtende Tage, der Toſtigs Verbrechen und Tod beleuchtete, haſt Du den arold, Namen meines Bruders Sweyn gereinigt! Nun, auf nach unſerer Stadt York!“ Krie⸗ 8 In jener Stadt wurde feſtliches Bankett gehalten und nach der emals Sitte der ſächſiſchen Monarchen durfte der König beim Siegesfeſte rſerker ſeiner Thane nicht fehlen. Er ſaß oben an der Tafel zwiſchen ſeinen „daß Brüdern. Morcar, den ſeine Abreiſe aus der Stadt der Theilnahme „ dem an der Schlacht beraubt hatte, war heute mit ſeinem Bruder Edwin rde.* eingetroffen, den er zur Hilfe herbeigerufen hatte, und wenn auch die eſche⸗ jungen Earls den Ruhm beneideten, an dem ſie keinen Theil erhalten rafen hatten, ſo beruhte dieſer Neid wenigſtens auf edlen Beweggründen. Heiter und lärmend war das Feſtmahl, und lebendiger Geſang(ſeit e. langer Zeit in England vernachläſſigt) erwachte, wie er bei Ruhm und mar⸗ Freude immer erwachen wird. Wie in den Tagen Alfreds wanderte die Beute Harfe von Hand zu Hand, rauhe Kriegsgeſänge unter dem Griffe des Erſt Anglo⸗Dänen, feinere ſinnigere Lieder aber zu der Stimme des Angel⸗ Deine ſachſen anſtimmend. Allein Toſtigs Gedächtniß— ſo ſchuldbeladen es er auf war— ein Bruder im Kriege gegen den Bruder erſchlagen— lag nden! ſchwer auf Harolds Seele; doch hatte er England ſein Leben ſo aus⸗ ll ich ſchließlich gewidmet— kannte ſo wenig anderes Weh oder andere üder⸗ Freude, als die ſeines Vaterlandes, daß es ihm allmählig, wenn auch enden nicht ohne große Anſtrengung gelang, ſeine düſtere Stimmung abzu⸗ ſchütteln. Muſik und Geſang, Wein und Lichterglanz und der ſtolze Reniß Anblick dieſer langen Reihen tapferer Männer, deren Herzen für die⸗ ne er⸗ ſelbe Sache geſchlagen, deren Hände für ſie triumphirt hatten— dies Alles half ſeine Sinne an die Luſt der Stunde feſſeln. ——,— 5— 560 Als die Nacht heranrückte, erhob ſich Leofwine, der ebenſo beliebt beim Bankette, wie Gurth im Rathe war, um ein Drink⸗hael vor⸗ zuſchlagen— eine Sitte, welche den bezeichnendſten unſerer modernen Geſellſchaftsgebräuche in ſo entferntes Alterthum zurückführt. Der Lärm des Mahles verſtummte, ſobald der junge Earl mit ſeinem ein⸗ nehmenden Geſichte aufſtand. Mit geziemendem Anſtand entblößte er ſein Haupt“ und begann mit gefaßter Miene: „Indem ich meinen Herrn, den König, und dieſe edle Verſamm⸗ lung, in welcher ſich ſo Viele befinden, von denen mein beabſichtigter Vorſchlag wohl mit beſſerem Rechte ausginge— um Verzeihung bitte, möchte ich Euch nur erinnern, daß William, Graf der Normannen, einen Vergnügungsausflug von derſelben Art wie der unſeres letzten Beſuchs Harold Hardrada im Schilde führt.“ Verächtliches Lachen ſchallte durch die Halle. „Und da wir Engländer ein gaſtliches Volk ſind und Jeden, der es verlangt, für eine Nacht zu Tiſch und Bett aufnehmen, ſo dürfte eines Tages Willkomm wohl Alles ſeyn, was der Graf der Norman⸗ nen von unſeren engliſchen Händen bedürfen wird.“ Erhitzt von dem fröhlichen Uebermuthe des Weins, brüllten die Trinker lauten Beifall. „Drum dieſes Drink⸗hael für William von Rouen! Und um mich eines Sprichworts zu bedienen, das jetzt in Jedermanns Munde geht und das, wie ich hoffe, unſere Kinder und Kindeskinder auswen⸗ dig lernen werden— da er nach unſerem engliſchen Boden lüſtern iſt, ſo ſeyen ihm aus freien Stücken„ſieben Fuß Landes“ für immer ver⸗ willigt!“ „Drink⸗hael William dem Normannen!“ riefen die Schmau⸗ ſenden, und Jeder nahm mit ſpöttiſcher Förmlichkeit die Mütze ab, küßte die Hand und verbeugte ſich.*„Drink⸗hael William dem Normannen!“— Dieſer Ruf wälzte ſich vom Boden bis zum Dache, * Die Sachſen ſaßen nämlich mit bedecktem Haupte beim Mahle. ** Henry. —— —. beliebt l vor⸗ dernen Der n ein⸗ ßte er amm⸗ ztigter bitte, annen, letzten 1, der dürfte rman⸗ en die id um Nunde Swen⸗ n iſt, r ver⸗ mau⸗ e ab, i dem ache, 561 als mitten in dem Lärm ein mit Staub und Schmutz bedeckter Mann in die Halle ſtürzte, durch die Reihen der Bankettirer auf Harolds Thronſeſſel zueilte und in den lauten Ruf ausbrach:„William, der Normanne, hat an den Küſten von Suſſex ſein Lager aufgeſchlagen und mit dem mächtigſten Heere, das man noch je in England geſehen, verheert er das Land fern und nah!“ Zwölftes Buch. Das Feld von Haſtings. Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. In der Tiefe des Forſtlandes, wo Hilda's Wohnung lag, ſah man die ſtillen Schatten des herbſtlichen Laubes auf den trägen Waſ⸗ ſern eines düſteren Teiches wiederſcheinen. Wie dies in alten Forſten in der Nachbarſchaft menſchlicher Woh⸗ nungen faſt immer getroffen wird, waren auch hier die Bäume durch wiederholtes Abhauen zu Zwergen ausgewachſen und die Zweige ſchoſſen aus den knorrigen Stämmen der geköpften Eichen und Buchen; die Stämme ſelbſt, von rieſigem Umfang und mit Mooſen und weißen Schimmelflecken oder Epheuranken bedeckt, deuteten auf hohes Alter; aber die Aeſte, welche ihr hinſchmachtendes verſtümmeltes Leben er⸗ zeugte, verliefen entweder dünn und ſchwach in zahlloſe Ausläufer oder concentrirten ſich um ein einſames abgeriſſenes Glied, das von der Art des Holzhauers verſchont worden. So kam es, daß die Bäume alle Arten von krummen, unförmlichen, fantaſtiſchen Geſtalten an⸗ nahmen, welche trotz der geräuſchloſen Einſamkeit, die ſie umgab, durch Bulwer, Harold. 36 ——-———— 562 ihr ſichtbares Alter und ihren Verfall die Verheerung und Plünderung des Menſchen verkündeten. Es war um die erſte Nachtwache, als der herbſtliche Mond am hellſten und glänzendſten leuchtete. Auf der andern Seite des Sumpfes konnte man von Zeit zu Zeit die Geweihe des Wildes bemerken, das ſorglos in dem Farrenkraute raſchelte, wo es ſein Lager aufgeſchlagen hatte; durch die näheren Lichtungen ſchlichen Haaſen und Kaninchen zu Spiel oder Jagd, oder die Fledermaus flatterte langſam zur Aufſtöbe⸗ rung der Waldmotte. Aus dem dichteſten Theile des Gehölzes vernahm man einen lang⸗ ſamen Menſchentritt, und Hilda, welche zum Vorſchein kam, blieb vor den Waſſern des Teiches ſtehen. Die heitere verſteinerte Ruhe ihrer Züge war dahin, Kummer und Leidenſchaft hatten die Seele der Vala mitten in ihrer geträumten Sicherheit vor Menſchenſorgen— wie ſie ſie bei anderen vorauszuſehen ſich anmaßte— ergriffen. Die Züge ihres Antlitzes waren tief und von Gram ausgehöhlt— das Alter hatte ſich mit raſchen Schritten genaht und das Licht ihres Auges war unſicher und raſtlos, als ob die ſtolze Vernunft, in ihrem Hochmuthe erſchreckt, endlich doch zu wanken begänne. „Einſam, allein!“ murmelte ſie halblaut vor ſich hin—„ja, immer und immer allein! Und die Enkelin, die ich erzogen hatte, um die Mutter von Königen zu werden— deren Schickſal ſeit der Wiege an Liebe und Königswürde gefeſſelt ſchien— in welcher ich in meinem hoffnungsvollen Wachen, in meiner liebenden Achtſamkeit das ſüße Menſchenleben abermals zu durchkoſten meinte— ſie iſt von meinem Herde gewichen— verlaſſen und mit gebrochenem Herzen im Schatten des dürren Kloſters dem Grabe entgegenwelkend! Iſt denn meine ganze Kunſt nichts weiter als Lüge? Sind die Götter, welche einſt Odin aus dem ſcythiſchen Oſten herüberführten— ſind ſie nur die gaukelnden Feinde, welche der verzagte Chriſt verabſcheut? Schau: der Weinmond iſt gekommen; noch wenige Nächte— und die Sonne, welche, wie alle meine Prophezeiungen verkündeten, die Verbindung des hera ſchen Seit verlo ſchw Val vern wori ſo ſti unte Teich höre einer Schl legen „wo War Eile und Ban Geb werd ihre der die aber rung d am npfes das lagen en zu ſtöbe⸗ lang⸗ b vor ihrer Vala vie ſie Züge Alter 8 war muthe —„ja, 2, um Wiege einem ſüße einem hatten meine e einſt ur die Schau! bonne, ndung 563 des Koͤnigs mit der Maid beſcheinen ſollte, wird den bezeichneten Tag heraufbringen; aber Aldytha lebt, Editha welkt noch immer, und zwi⸗ ſchen der Verlobten und dem Altare ſteht der Krieg noch immer auf Seiten der Kirche. Wahrlich, wahrlich, mein Geiſt hat ſeine Kraft verloren und verläßt mich gebeugt im Schrecken der Nacht— ein ſchwaches, hoffnungsloſes, betagtes, kinderloſes Weib!“ Thränen menſchlicher Schwäche rollten über die Wangen der Vala. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein Lachen von einem Weſen vernehmen, das einem gefallenen Baumſtamme oder einem Troge, worin die Hirten ihr Vieh zu tränken pflegen, ähnlich geſehen hatte— ſo ſtill, ſo undeutlich und geſtaltlos war es unter den ſchlanken Weiden, unter Nachtſchatten und kriechenden Schlingpflanzen am Rande des Teiches gelegen. Das Lachen klang leiſe und war furchtbar anzu⸗ hören. Langſam regte ſich das Ding, erhob ſich und gewann die Umriſſe einer Menſchengeſtalt, bis die Prophetin die Hexe erkannte, deren Schlaf ſie am Sachſengrabe geſtört hatte. „Wo iſt das Banner?“ rief die Hexe, ihre Hand auf Hilda's Arm legend und ihr mit feuchten triefenden Augen in's Geſicht ſchauend— „wo iſt das Banner, das Deine Mägde für Harold den Earl gewoben? Warum legteſt Du dieſes Liebeswerk für Harold den König bei Seite? Eile nach Haus: laß Deine Mägde Tag und Nacht daran arbeiten und mache es ſtark mit Runen und Zauberſprüchen. Ueberſende das Banner Harold dem König als Hochzeitgabe, denn der Tag ſeiner Geburt wird dennoch ſein Vermählungstag mit Editha der Schönen werden.“ Hilda betrachtete die häßliche Geſtalt vor ihr, und ſo ſehr war ihre Seele von ihrem anmaßenden Stolze zurückgekommen, daß ſtatt der Verachtung, womit eine ſo ſchmutzige Schülerin der großen Kunſt die königgeborene Prophetin früher erfüllt hätte, ihre Adern vor abergläubiſchem Grauen prickelten. „Biſt Du eine Sterbliche gleich mir,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, 36 ⁸ 56 4½ „oder eines jener Weſen, wie ſie die Schäfer gar oft in Nebel und Regen vor ihren ſchattenhaften Heerden einhertreiben ſehen? Eines jener Weſen, von denen Niemand weiß, ob ſie der Erde oder Helheim angehören? ob ſie jemals das Loos und die Bedingungen des Fleiſches gekannt haben oder nur eine abſcheuliche Zwiſchenſtufe zwiſchen Leib und Seele, gleich verhaßt bei Göttern und Menſchen, ausmachen?“ Die ſchauerliche Hexe ſchüttelte das Haupt, als ob ſie die Ant⸗ wort auf dieſe Frage verweigere. „Setzen wir uns nieder,“ murmelte ſie,„ſetzen wir uns nieder bei dem dumpfen Todtenpfuhle, und wenn Du weiſe ſeyn willſt, wie ich bin, ſo wecke all Deine Unbilden, fülle Deine Seele mit Haß und laß Deine Gedanken zu Flüchen werden. Nichts iſt auf Erden ſtark als der Wille, und der Haß iſt für den Willen wie das Eiſen in der Hand des Kriegers.“ „Ha!“ flüſterte Hilda,„ſo gehörſt Du doch zu jener verfluchten Brut, deren Zauberkunſt nicht einer hochſtrebenden Seele, wohl aber einem teufliſchen Herzen entſpringt. Zwiſchen uns beſteht keine Ver⸗ bindung: ich gehöre zu dem Geſchlechte Derer, welche Prieſter und Könige als Orakel des Himmels verehrten und hochhielten, und eher will ich die Menſchlichkeit von Hoffnung und Liebe zugeben und meine Lehre dadurch herabwürdigen, als durch den Schimmer des Zornes erleuchtet werden, welchen Lock und Rana gegen die Kinder der Men⸗ ſchen hegen.“— „Wie!“ rief die Hexe mit wilder Verachtung—„biſt Du ſo elend und kindiſch, daß Du weißt, wie eine Andere Deine Editha er⸗ ſetzt und alle die Pläne Deines Lebens vernichtet hat, ohne gleichwohl Haß gegen den Mann zu empfinden, der ſie und Dich alſo beleidigt hat?— den Mann, der nie König geworden wäre, wenn Du ihm nicht den Ehrgeiz des Herrſchers eingehaucht hätteſt? Das bedenke und fluche ihm!“ 3 „Mein Fluch würde das Herz treffen, das mit dem ſeinen ver⸗ wachſen iſt,“ gab Hilda zur Antwort,„und,“ fuhr ſie plötzlich fort, Alt hten aber Ver⸗ und eher heine rnes Nen⸗ t ſo mer⸗ vohl digt ihm enke ver⸗ fort, 565 wie wenn ſie ihrem eigenen Drange entrinnen wollte,„ſagteſt Du mir nicht eben vorhin, das Unrecht werde wieder gut gemacht und die Ver⸗ lobte werde dennoch am beſtimmten Tage ſein Weib werden?“ „Hal ſo eile nach Haus!— Eile heim und webe das Zauberge⸗ webe des Banners; ſticke es mit Zimmen und Gold, würdig der Stan⸗ darte eines Königs, denn ich ſage Dir, wo dieſes Banner aufgepflanzt iſt, da wird Editha ihren Angebeteten mit bräutlichen Armen umfangen, und die Hwata, die Du am Bautaſtein und im Tempel der rächenden Brittengötter geleſen haſt, wird in Erfüllung gehen!“ „Dunkle Tochter von Hela,“ erwiederte die Prophetin—„ſey es nun Gott oder Dämon, der Dich begeiſterte— ich vernehme in mei⸗ nem Geiſte eine Stimme, welche mir ſagt, daß Du eine Wahrheit er⸗ ſchaut haſt, die meine Lehre nicht zu erreichen vermochte. Du biſt arm und obdachlos; ich will Deinem Alter Wohlſtand verleihen, wenn Du mit mir vor Thors Altar treten und durch Deine Galdra die Räthſel löſen willſt, die mich ſelbſt verblüfft haben.— Alles, was ich vorausſah, iſt eingetroffen, aber in ganz anderem Sinne, als ihn meine Seele aus Rune und Traum, aus Blatt und Quelle, aus Stern und Scinläca geleſen hatte. Mein⸗Gatte, in ſeiner Jugend erſchlagen; meine Tochter, vor Kummer wahnſinnig; ihr Gemahl, am eigenen Herde ermordet; Sweyn, den ich wie mein eigenes Kind liebte—“ die Vala ſchwieg, gegen ihre eigenen Regungen ankämpfend—„ich liebte ſie Alle,“ ſtammelte ſie, die Hände faltend,„und für ſie erforſchte ich die Zukunft. Sie verſprach nur Gutes; ich lockte die Armen in ihr Schickſal, und wenn dieſes eintraf— ach, da ging das Verſprechen in Erfüllung! aber wie?— Und nun, Cditha, die Letzte meines Stam⸗ mes; Harold, der Stolz meines Stolzes!— ſprich, Du Weſen des Schreckens und der Nacht, kannſt du das Gewebe entwirren, worin meine Seele, ſchwach wie die Fliege im Netze der Spinne, ſich ab⸗ kämpft?“ „In der dritten Nacht von heute an will ich mit Dir bei Thors Altare ſtehen, und das unerrathene ungekannte Räthſel meiner Meiſter, 566 denen Du pflichtgetreu gedient haſt, für Dich löſen; noch ehe dann die Sonne emporſteigt, ſoll das größte Geheimniß, das die Erde kennt, vor Deiner Seele enthüllt ſeyn!“ Eine Wolke zog über den Mond, während die Hexe ſprach, und ehe das Licht wieder hervorbrach, war ſie verſchwunden. In dem düſteren Pfuhle ſah man nur noch die Waſſerratte durch das üppige Schilfgras ſchwimmen; im Walde flatterten die grauen Schwingen der Eule ſchwerfällig durch die Lichtungen, und im Graſe funkelten die rothen Augen der fleckigen Kröte. Hilda wanderte langſam nach Hauſe, und ihre Mägde arbeiteten die ganze Nacht an dem bezauberten Banner. Dieſe ganze Nacht heulten die Wächterhunde im Hofe durch den zertrümmerten Periſtyl — heulten in Wuth und Schrecken, und unter dem Gitterfenſter des Zimmers, wo die Mägde das Banner ſtickten und die Prophetin ihren Zauberſpruch murmelte, kauerte gleichfalls murmelnd ein dunkles ge⸗ ſtaltloſes Weſen, das jene Hunde vor Wuth und Furcht anheulten. Sechsundſiebenzigſtes Kapitel. Im Pallaſte zu Weſtminſter deutete Alles auf die Verwirrung und Rathloſigkeit der grauenvollen Zeiten, Alles bis auf das Bera⸗ thungszimmer, wo Harold, der die Nacht zuvor angekommen war, mit ſeinen Thanen verkehrte. Es war Abend: Höfe und Hallen wimmel⸗ ten von Bewaffneten und faſt mit jeder Stunde kamen Reiter und Boten von den Küſten von Suſſer. Auf den Gängen ſah man Grup⸗ pen von Mönchen, flüſternd wie ſie am Tage von König Edwards Tode flüſternd beiſammen geſtanden hatten. Bleich und nachdenklich ging Stigand zwiſchen ihnen hin und her, und die Mönchskutten ſammelten ſich raſchelnd um den Erzbiſchof, um Muth und Rath aus ſeinem Munde zu ſchöpfen. „Sollen wir mit des Koͤnigs Heere ausziehen,“ fragte ein junger rung Zera⸗ „mit mel⸗ und jrup⸗ Tode ging elten inem nger 567 Mönch, kecker als die Uebrigen,„um die Streiter durch Geſang und Gebet zu begeiſtern?“ „Thor!“ ſagte der habſüchtige Prälat,„Thor! Wenn wir alſo thun, und der Normanne Sieger bleibt— was ſoll aus unſeren Ab⸗ teien und Kloſterländereien werden? Der Herzog bekriegt nur Harold, nicht England. Wenn er Harold erſchlägt—“ „Was dann?“ „Dann bleibt uns noch der Atheling übrig. So laßt uns hier bleiben und den letzten Prinzen aus Cerdies Hauſe bewachen,“ flüſterte Stigand und huſchte weiter. In dem Zimmer, wo Edward ſeinen Geiſt aufgegeben hatte, harrte die verwittwete Königin mit ihrer Nachfolgerin Aldytha nebſt Githa und einigen andern Frauen auf die Entſcheidung des Staatsraths. An einem der Fenſter, Hand in Hand, ſtanden des heiteren Leofwine’s Braut und Gurths junge ſchöne Neuvermählte. Githa ſaß allein, das Antlitz troſtlos über ihre Hände beugend und das Schickſal ihres verrä⸗ theriſchen Sohnes beklagend, während die Wunden, welche ihr erſt neu⸗ lich Thyra's reineper Tod geſchlagen, noch friſch bluteten. Edwards fromme Wittwe verſuchte umſonſt durch gläubige Beſchwörung Al⸗ dythen zu tröſten, welche ihre Worte kaum beachtete, ſondern immer wieder in ungeduldigem Schreck auffuhr und vor ſich hinmurmelte: „Soll ich auch dieſe Krone verlieren?“ In dem Berathungszimmer herrſchte hitziger Streit darüber, ob man William ſogleich auf dem Schlachtfelde entgegentreten oder die Entſcheidung verſchieben wollte, bis ſämmtliche Streitkräfte, welche Harold auf ſeinem Eilmarſche von York her auszuheben befohlen hatte, ſein Heer verſtärken könnten. „Wenn wir uns vor dem Feinde zurückziehen und ihn bei Annä⸗ herung des Winters in einem ihm ſremden Lande zurücklaſſen, ſo muß es ihm bald an Nahrung gebrechen, meinte Gurth. Auf London zu mar⸗ ſchiren wird er kaum wagen: wenn er es thut, ſind wir jedenfalls beſſer 568 gefaßt, ihm zu begegnen. Ich ſtimme nicht dafür, daß man Alles auf eine einzige Schlacht ankommen läßt.“ „Wie! ſo kannſt Du wählen?“ rief Vebba unwillig.„So hätte Dein Vater ſicherlich nicht gewählt; auch iſt es nicht die Meinung der Sachſen von Kent. Der Normanne verwüſtet alle Ländereien Deiner Unterthanen, Lord Harold, und lebt von Plünderung wie ein Räuber in König Alfreds Reiche. Glaubſt Du, die Leute werden ſich zum Kampfe für ihr Vaterland mehr ermuthigt fühlen, wenn ſie hören, daß ihr König vor der Gefahr zurückbebt?“ „Wohl und weiſe geſprochen,“ bemerkte Haco, und aller Augen richteten ſich auf den jugendlichen Sohn von Sweyn als denjenigen, der den Charakter der feindlichen Armee und die Geſchicklichkeit ihres Anführers am Beſten kannte.„Wir haben jetzt ein Heer um uns, das von dem Siege über einen ſeither unüberwindlichen Feind begeiſtert iſt: wer den Norweger überwunden, wird vor dem Normannen nicht zurückweichen. Der Sieg beruht mehr auf der Kampfluſt, als auf der Uebermacht: jede Stunde Verzug dämpft dieſe Hitze. Sind wir ſicher, daß der Aufſchub unſere Anzahl vermehren wird? Was ich am meiſten fürchte, iſt nicht das Schwert des normänniſchen Herzogs, wohl aber ſeine Liſt. Verlaßt Euch darauf, wenn wir uns nicht bald ihm entge⸗ genſtellen, ſo marſchirt er gerades Wegs gegen London; unterwegs läßt er verkündigen, daß er nicht komme, um den Thron in Beſitz zu nehmen, ſondern um Harold zu ſtrafen; im Uebrigen wolle er bei dem Ausſpruche des Witan oder vielleicht bei dem des römiſchen Pontifer verharren. Die Furcht vor ſeinem ungehemmten Heere wird ſich wie ein paniſcher Schrecken durch das Land verbreiten; Manche werden durch ſeine falſchen Vorwände angelockt, Viele durch ſeine Streit⸗ macht eingeſchüchtert werden, welchen der König nicht entgegenzutreten wagt. Wenn er bis zur Stadt vordringt— glaubt Ihr, ihre Krämer und Kaufleute werden ſich nicht vor dem Gedanken an Plünderung und Zerſtörung entſetzen? Beim erſten Hauſe, das in Flammen auſgeht, werden ſie ſich zur Kapitulation bereit zeigen. Die Stadt iſt bei einer Bel läſſ des bale zog der Ede uns exiſ vin gre für und Wi und ſell ſch ſer obe 569 Belagerung nur ſchwer zu halten; ihre Mauern ſind lange vernach⸗ läſſigt und die Normänner in Belagerungen berühmt. Die Würde des Königs iſt noch neu, und ſind wir da wohl ſo einig, daß nicht Ka⸗ bale und Zwietracht unter uns ſelbſt ausbrechen könnte? Wenn der Her⸗ zog— wie dies ganz ſicher iſt— im Namen der Kirche auftritt: wird da der Klerus nicht einen neuen Bewerber— vielleicht gar den Knaben Edgar— als Thronprätendenten aufſtellen? Und ſind wir erſt unter uns ſelbſt geſpalten, wie unrühmlich müßten wir da fallen! Ueberdies exiſtiren in unſerem Lande, wo die Bande zwiſchen Provinz und Pro⸗ vinz niemals ſonderlich eng geknüpft waren, noch mancherlei Ab⸗ grenzungen, welche das Volk ſelbſtſüchtig machen: die Northumbrier, fürcht' ich, werden ſich nicht rühren, um London zu Hülfe zu eilen, und Mercia wird ſich in unſerer Gefahr entfernt halten. Gelingt es William, London in Beſitz zu nehmen, ſo wird ganz England zerriſſen und entmuthigt; jede Grafſchaft, ja jede Stadt denkt dann nur an ſich ſelbſt. Glaubt nicht, daß der Aufſchub die Stärke des Feindes er⸗ ſchöpfen würde!— nein, nur unſere eigene würde er aufzehren. Un⸗ ſer Schatz iſt ohnehin unbedeutend genug: wenn William London er⸗ obert, ſo iſt er ſein nebſt all dem Reichthum unſerer Bürger. Wie wollen wir eine Armee erhalten, wenn wir nicht das Volk in Kontri⸗ bution ſetzen und ſo ſeine Unzufriedenheit erregen? Wo dieſe Armee decken? Wo ſind unſere Veſten, unſere Gebirge? Der Verzöge⸗ rungskrieg taugt nur für ein Land mit Felſen und Engpäſſen, oder mit Schlöſſern und Bollwerken. Thane und Krieger, Ihr habt keine Schlöſſer als Eure eherne Bruſt: gebt dieſe auf und Ihr ſeyd verloren.“ Allgemeines Beifallsgemurmel beſchloß Haco's Rede, deren weiſe Behauptungen(von unſeren Geſchichtſchreibern überſehen,) auf den edelſten Beweggrund tapferer Männer, nämlich auf raſchen Wider⸗ ſtand gegen ſchändlichen Angriff hinausliefen. Jetzt erhob ſich König Harold. „Ich danke Euch, Engländer, für dieſen Beifall, womit Ihr meine eigenen Gedanken aus Haco’s Munde begrüßt habt. Soll von mir — 570 geſagt werden, daß Euer König ſeinem eigenen Bruder entgegen⸗ eilte, um ihn von dem Boden des beſchimpften Englands zu verjagen, daß er aber vor dem Schwerte des normänniſchen Fremdlings zurück⸗ wich? Mit Recht dürften meine braven Unterthanen mein Banner verlaſſen, wenn es unthätig über dieſen Pallaſtesmauern flatterte, wäh⸗ rend der bewaffnete Angreifer ſein Lager im Herzen von England auf⸗ ſchlüge. Durch Aufſchub kann Williams Streitmacht— wie ſie auch beſchaffen ſeyn möge— nicht vermindert werden, dagegen würde ſeine Sache durch unſere verzagte Furcht nur ſtärker. Wie groß ſein Heer ſey, wiſſen wir nicht genau; die Berichte wechſeln mit jedem Boten, ſie ſchwellen und vermindern ſeine Armee mit jeder Stunde. Haben wir jetzt nicht unſere ſtahlfeſteſten Veteranen— die Blüthe unſerer Heere— haben wir nicht die kampfluſtigſten Geiſter— die Beſieger Hardrada's um uns? Mit Recht ſagt Gurth, daß nicht Alles durch eine einzige Schlacht gefährdet werden ſollte; nur Harold ſoll die Gefahr gelten— warum aber England? Nehmen wir an, wir gewinnen den Tag: je ſchneller wir fertig werden, deſto größer unſer Ruhm, deſto dauernder der einheimiſche wie der auswärtige Friede, deſſen beſte Grundlage in dem Gefühle der Macht liegt, welche keinerlei Unbill un⸗ geſtraft herausfordern darf. Setzen wir den Fall, wir verlieren: ein Verluſt kann durch den wackeren Tod eines Königs zum Gewinne wer⸗ den. Warum ſollte unſer Vorbild nicht alle Ueberlebenden erwecken und vereinigen? Was gibt wohl das edlere Beiſpiel und das zum Schutze unſeres Landes geeigneter iſt— die lebenden Häuptlinge, welche feigherzig den Rücken drehen, oder die ruhmreichen Todten, mit der Stirne gegen den Feind gewendet! Komme was da wolle, Leben oder Tod— wir wollen wenigſtens die Zahl der Normänner verdün⸗ nen und die Wälle unſerer Leichen ihrem Marſche entgegenſetzen. So können wir dem übrigen England zeigen, wie Männer ihr Geburts⸗ land vertheidigen ſollen! Und wenn, wie ich glaube und bete, in jeder engliſchen Bruſt ein Herz gleich Harolds ſchlägt— was liegt daran, wenn auch ein König fällt? Freiheit iſt doch unſterblich.“ gen⸗ gen, rück⸗ nner väh⸗ auf⸗ auch ſeine Heer oten, haben ſerer ieger eine lefahr n den deſto beſte Ulun⸗ : ein wer⸗ ecken zum inge, mit eeben dün⸗ So urts⸗ jeder ran, 571 Mit dieſen Worten zog er ſein Schwert aus dem Wehrgehänge. Jede Klinge flog bei dieſem Zeichen aus der Scheide, und Harolds Herz ſchlug wenigſtens in dieſer Berathungshalle in jeglicher Bruſt. Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Die Häuptlinge zerſtreuten ſich, um ihre Truppen für den morgi⸗ gen Marſch zu ordnen; Harold und ſeine Verwandten dagegen betra⸗ ten das Gemach, wo die Frauen die Entſcheidung des Rathes abwar⸗ teten, denn jetzt hatte wirklich ihre Scheideſtunde geſchlagen. Der Kö⸗ nig hatte beſchloſſen, nach Vollendung ſeiner kriegeriſchen Vorkehrun⸗ gen die Nacht in der Abtei von Waltham zuzubringen, während ſeine Brüder mit ihren Truppen in der Stadt oder deren Vorſtädten ſich einquartirten; Haco allein blieb bei dem Theile des Heeres, der in dem Pallaſte oder deſſen Nähe übernachtete. Kaum hatten ſie das Zimmer betreten, als auch jedes Herz ſeine Hälfte gefunden hatte und mitten in der gemiſchten Geſellſchaft nur noch des Andern bewußt war. Hier beugte Gurth ſein edles Haupt über das weinende Antlitz der jungen Gattin, die ſich zum letztenmale an ſeine Bruſt anklammerte. Dort war der heitere Leofwine bemüht, die Jungfrau, die er zur Gefährtin eines Lebens erkoren hatte, das durch ſeinen fröhlichen Geiſt zu einem fortgeſetzten Feſttage wurde, mit lächelnder Lippe, aber zitternder Stimme in einem Athem zu ſchelten und zu beruhigen, indem er ihre nicht länger ſpröde Wange mit Küſſen bedeckte. Kalt war der Kuß, welchen Harold auf Aldythens Stirne drückte; mit einer Anwandlung von Widerwillen und der bitteren Erinnerung an eine edlere Liebe tröſtete er ſie in ihrer Furcht, welche nur aus ſelbſt⸗ ſüchtigen Gedanken entſprang. 4„Ach Harold,“ ſchluchzte Aldytha,„ſey nicht unbeſonnen in Dei⸗ ner Tapferkeit: bewahre Dein Leben um meinetwillen. Ohne Dich— was bin ich? Iſt es denn auch ſicher für mich, hier zu bleiben? Wäre 572 es nicht beſſer, nach York zu fliehen oder bei Malcolm, dem Schotten, Obdach zu ſuchen?“ „Späteſtens in drei Tagen ſind Deine Brüder in London,“ erwie⸗ derte Harold.„Richte Dich nach ihrem Rathe; handle wie ſie es Dir auf die Nachricht meines Sieges oder Falles eingeben werden.“ Er ſchwieg plötzlich, denn dicht neben ſich hörte er Gurths Ge⸗ mahlin mit gebrochener Stimme ihrem Gatten antworten: „Denke nicht an mich, Geliebter; Dein ganzes Herz ſoll nunmehr England gehören. Und wenn— wenn—“ die Stimme verſagte ihr einen Augenblick, bis ſie ſtolz fortfuhr:„ja auch dann iſt Dein Weib ſicher, denn ſie wird ihren Gebieter und ihr Vaterland nicht überleben!“ Der König verließ ſeine Gemahlin und küßte die Gattin ſeines Bruders. „Edles Herz!“ ſprach er;„wenn wir ſolche Frauen zu Weibern und Müttern haben, dann kann England den Fall von tauſend Königen überleben.“ Von ihr wendete er ſich zu Githa und kniete vor ihr nieder. Sie ſchlang ihre Arme um ſeine breite Bruſt und weinte bitterlich. „Sage—o ſage, Harold, daß ich Dir Toſtigs Tod nicht vorge⸗ worfen habe. Den letzten Geboten Godwins meines Herrn gehorchend, habe ich Dir in Allem Recht gegeben; aber laß mich jetzt nicht auch Dich verlieren. Sie gehen mit Dir, all' meine übrigen Söhne, bis auf den verbannten Wolnoth— ihn, den ich jetzt nie wieder ſehen werde. O Harold!— laß nicht mein letztes Alter kinderlos werden!“ „Mutter— theure, theure Mutter! Wenn Du Deine Arme ſo um meinen Nacken ſchlingſt, fühle ich neues Leben, ein neues Herz in mir erwachen! Nein, nie haſt Du mir meines Bruders Tod— nie irgend Etwas vorgeworfen, was des Mannes vornehmſte Pflicht ver⸗ langte. Murre nicht, wenn dieſe Pflicht uns noch immer gebietet! Durch Dich ſind wir die Söhne königlicher Helden; freie Sachſen ſind die Ahnen meines Vaters. Freue Dich, daß Du noch drei Söhne übrig haſt, für deren Arme Du Gottes Segen und den ſeiner Heiligen 573 erflehen magſt, und über deren Gräbern Du keine Thräͤnen der Scham vergießen ſollſt, wenn ſie fallen ſollten!“ Da konnte König Edwards Wittwe, welche Harold, das Kru⸗ zifir in den Händen, mit offenem Munde und marmorbleichen Wangen zugehört hatte, ihr menſchliches, ächt weibliches Herz nicht länger zu⸗ rückhalten: ſie eilte auf ihn zu, während er noch immer vor Githa kniete— kniete neben ihm nieder und ſchloß ihn mit verzweifelnder Zärtlichkeit in ihre Arme. „O Bruder, Bruder,“ rief ſie,„den ich ſo zaͤrtlich liebte, als jede andere Liebe mir verboten ſchien— als er, der mir eine Krone gab, ſein Herz mir verweigerte— da ich Deines edlen Verſprechens geden⸗ kend und auf Deine zarten Troſtesworte horchend der Tage von ehedem gedachte, wo Du mein gelehriger Zögling geweſen und wir Beide glän⸗ zende Träume von künftigem Glück und Ruhm zuſammen träumten— da ich Dich liebte, ach nur allzuſehr liebte, wie eine ſchwache Mutter ihren ſterblichen Sohn lieben mag, und zu Gott flehte, daß er mein Herz von der Erde erlöſe— o Harold! jetzt vergib mir all' meine Kälte. Ich ſchaudere vor Deinem Entſchluſſe. Ich fürchte Dein Zu⸗ ſammentreffen mit dem Manne, welchem zu gehorchen ein Eid Dir auflegt. Nein, zürne nicht— ich beuge mich vor Deinem Willen, mein Bruder und König! Ich weiß, daß Du gewählt haſt, wie Dein Gewiſſen es billigt und Deine Pflicht es gebietet. Aber komme zurück“ (flüſterte ſie)—„Du, der Du gleich mir den häuslichen Herd dem Altare Deines Vaterlandes zum Opfer gebracht haſt— und ich will den Himmel nie mehr bitten, daß ich Dich weniger lieben möge— mein Bruder, o mein Bruder!“ Im ganzen Zimmer vernahm man jetzt nichts weiter, als leiſes Schluchzen und gebrochene Worte. Alle drängten ſich nach einer Stelle — Leofwine und ſeine Verlobte— Gurth und ſeine junge Gattin— ſogar die ſelbſtſüchtige Aldytha, durch die Berührung der erhabenen Scene geadelt— ſie alle drängten ſich um Githa, die Mutter der drei Schutzwächter des dem Unglück geweihten Landes; Alle knieten 574 neben Harold vor ihr nieder. Da mit einem Male erhob ſich die ver⸗ wittwete Königin, die jungfräuliche Gemahlin von Cerdies letztem Er⸗ ben und ſprach mit ergebener Inbrunſt das heilige Kreuz hoch über ihre gebeugten Häupter erhebend: „O Herr der Heerſchaaren! Wir Kinder der Zeit und des Zwei⸗ fels, zitternd im Dunkeln, wagen nicht es auf uns zu nehmen und Deinen untrüglichen Willen zu befragen. Kummer und Tod wie Leben und Freude hängen an dem Odem einer gnädigen Allmacht und allſehenden Weisheit; aus den Stunden des Uebels in geheimnißvollem Kreis⸗ laufe leiteſt Du ab die Ewigkeit des Guten. Dein Wille geſchehe auf Erden wie im Himmel.' Wenn unſer menſchliches Flehen Deinen feſten Rathſchlüſſen nicht entgegen iſt, Du Leiter aller Dinge, ſo beſchütze unſere Lieben, die Bollwerke unſerer Heimath und Altäre, die Söhne, welche das Land als Opfer darbringt. Möge Dein Engel wie vordem von Iſaaks Herzen des Schwertes Schneide von ihnen ablenken! Wenn aber ihr Leben verurtheilt iſt, ſo möge der Tod ihre Sünden ſühnen und Du, o Beherrſcher der Völker, vor welchem Jahrhunderte wie Augenblicke und Generationen nur wie der Sand am Meere ſind— mögeſt ihre Seelen freiſprechen und gnädig aufnehmen!“ Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Vor dem Altar der Abteikirche zu Waltham kniete in jener Nacht Editha im Gebete für Harold. Sie hatte in einem kleinen an die berühmtere Anſtalt von Wal⸗ tham anſtoßenden Nonnenkloſter ihren Wohnſitz aufgeſchlagen, zuvor aber Hilda verſprochen, ihr Noviziat nicht vor Harolds Geburtstag antreten zu wollen. Sie ſelbſt glaubte nicht länger an die Vorzeichen und Prophezeiungen, welche ihre Jugend getäuſcht und ihr Leben ver⸗ finſtert hatten, vielmehr war ihr ſtets ſo reiner Geiſt in der verwand⸗ teren Luft unſerer heiligen Kirche immer ruhiger und reſignirter gewor⸗ den. Allein die Nachricht von der Ankunft des Normanns und der ſiegr ſtille Reli Alte ſter und emp und nig. der dete verl Arr als bel⸗ Saͤ ger ſich nie go⸗ — ver⸗ Er⸗ über bwei⸗ einen und enden reis⸗ ſe auf eſten hhütze öhne, rdem Genn ehnen wie nd— Nacht Wal⸗ zuvor tstag ichen ver⸗ dand⸗ wor⸗ der 575 ſiegreichen Rückkehr des Königs in ſeine Hauptſtadt hatte ſogar dieſe ſtille Abgeſchiedenheit erreicht, und die Liebe, die ſich bei ihr mit der Religion verbunden hatte, leitete ihre Schritte nach jenem einſamen Altare. Während ſie dort im Mondſtrahle kniete, der durch die hohen Fen⸗ ſter hereinbrach, wurde ſie plötzlich durch den Lärm nahender Fußtritte und murmelnder Stimmen aufgeſchreckt. Voll Unruhe richtete ſie ſich empor— die Kirchthüre ward aufgeriſſen— Fackeln näherten ſich— und unter den Mönchen zwiſchen Osgood und Ailred erſchien der Kö⸗ nig. Er wollte in dieſer letzten Nacht vor ſeinem Marſche die Gebete der frommen Brüderſchaft anrufen und vor dem von ihm ſelbſt gegrün⸗ deten Altare flehen, daß ſeine einzige Sünde gebrochener Treue und verletzten Eidſchwures in der Stunde der Noth ſeines Landes ſeinen Arm nicht lähmen und nicht auf ſeiner Seele laſten möge. Editha unterdrückte den Schrei, der ihr auf den Lippen ſchwebte, als die Fackeln das bleiche ſtille und melancholiſche Geſicht Harolds beleuchteten, und ſchlich ſich unter den Bogen der dicken ſächſiſchen Säulen in den Schatten der anſtoßenden Wände. Die Monche wie der König, mit ihrem heiligen Amte beſchäftigt, gewahrten nicht dieſe einſame zurückweichende Geſtalt. Sie nahten ſich dem Altare und die Meſſe begann; dann kniete der König demüthig nieder, ohne daß irgend Jemand ſein Gebet vernahm. Als aber Os⸗ good das heilige Kreuz über das gebeugte Haupt des betenden Königs hielt, da neigte ſich ſichtbar das Bild an dem Kruzifixe— urſprünglich ein Geſchenk des Prälaten Alred, das vor Alters dem erſten Gründer der ſächſiſchen Kirche, dem heiligen Auguſtin, angehört haben und nach dem Aberglauben der Zeit mit wunderbaren Kräſten begabt ſeyn ſollte. Sichtbarlich neigte ſich das bleiche geiſterhafte Bildniß des duldenden Gottes über dem Haupte des Knieenden; ſey es nun, daß die Klam⸗ mern des Kreuzes locker geworden, oder aus welchem andern Grunde es geſchah— in den Augen der geſammten Prieſterſchaft hatte ſich das Bildniß geneigt. 576 Ein Schauer des Schreckens ergriff jedes Herz, nur zwei ausge⸗ nommen: Editha war zu entfernt geſtanden, um das Wunder zu be⸗ merken, und der König, den dieſes Omen zu verurtheilen ſchien, hatte ſein Antlitz in den gefalteten Händen begraben. Schwer war ſein Herz, und er bedurfte keiner anderen Warnung als dieſer eigenen dü⸗ ſteren Stimmung. Lange und ſchweigend betete der König, und als er ſich endlich erhob und die Moͤnche mit zitternden ganz veränderten Stimmen den Schlußgeſang anſtimmten, ſtahl ſich Editha geräuſchlos durch eine der Seitenthüren in das anſtoßende Nonnenkloſter und in die Einſamkeit ihrer eigenen Zelle. Dort ſaß ſie ganz betäubt von der heftigen Er⸗ ſchütterung, in welche ſie durch Harolds plötzlichen Anblick verſetzt worden. Wie hatte ihm das zärtliche Menſchenherz entgegengeſchla⸗ gen! Zweimal hatte ſie ihn nunmehr bei feierlichen Kirchenceremo⸗ nien insgeheim, ſcheu und ohne Zeugen nur ganz von ferne betrachtet — in der Stunde ſeines Pompes mit der Krone auf der Stirne, und jetzt in der Stunde der Gefahr und Todesangſt, welche das geſalbte Haupt zur Erde gebeugt hatte. Zu dem Pomp, den ſie nicht theilen durfte, hatte ſie gejubelt; aber jetzt— jetzt— ach wie gerne wäre ſie jetzt neben dieſer demüthigen Geſtalt niedergekniet, wie gerne hätte ſie in Harolds lautloſes Gebet eingeſtimmt! Die Fackeln leuchteten im Hofe drunten; die Kirche war aber⸗ mals verlaſſen und in ſtummer Proceſſion zogen die Mönche in ihr Kloſter zurück; nur ein einziger Mann blieb ſtehen und wendete ſich nach dem Thore des beſcheideneren Nonnenkloſters; ein Klopfen ließ ſich an dem großen Eichenthore vernehmen und der Wächterhund ſchlug an. Editha fuhr zuſammen, drückte ihre Hand auf'’s Herz und zit⸗ terte. Schritte nahten ihrer Thüre— die Aebtiſſin trat ein und rief fie hinunter, um den Abſchiedsgruß ihres Vetters, des Königs, zu empfangen. Harold ſtand in der einfachen Kloſterhalle, eine einzige Kerze brannte dünn und ſchlank auf dem Eichentiſche. Die Aebtiſſin führte isge⸗ u be⸗ hatte ſein n dü⸗ dlich nden e der mkeit Er⸗ rſetzt ſchla⸗ emo⸗ ichtet und haupt rfte, jetzt ie in hber⸗ ihr ſich ließ hlug zit⸗ rief zu erze prte 577 Edithen an der Hand und entfernte ſich auf ein Zeichen des Königs. So war das verlobte und getrennte Paar noch einmal auf Erden allein zuſammen. „Editha,“ begann der König mit einer Stimme, welcher ihr Ohr allein den inneren Kampf anmerkte,„glaube nicht, daß ich gekommen ſey, um Deine heilige Ruhe zu ſtören oder das Gedächtniß einer un⸗ widerruflichen Vergangenheit ſündlicher Weiſe auf's Neue zu wecken: wo ich einſt nach der alten Sitte unſerer Väter Deinen Namen auf meine Bruſt geſchrieben, da ſteht nun der Name der Gebieterin, die Dich erſetzt hat. Die Vergangenheit ſchmilzt in die Ewigkeit über; aber ich konnte nicht einem Felde entgegenziehen, von wo kein Wieder⸗ kommen iſt, und wo ich gegen Vorurtheile, welche die Menſchen furcht⸗ bar nennen, Krone und Leben einzuſetzen beſchloſſen habe— ohne Dich, den reinen Schutzengel meiner glücklicheren Tage, noch einmal zu ſehen! Deine Verzeihung für all' den Kummer, den ich(als grauſamen Lohn für ſo ausdauernde, großherzige und göttliche Liebe!)— in der Finſterniß menſchlicher Hoffnungen und Träume über Dich gebracht habe— Deine Verzeihung will ich mir nicht erbitten. Du biſt viel⸗ leicht die Einzige auf Erden, welche Harolds Seele kennt, und wenn er Dir weh gethan hat, ſo ſiehſt Du in dem Verletzer wie in der Verletzten nur die Kinder der eiſernen Pflicht, die Diener des gebie⸗ tenden Himmels. Nicht Deine Verzeihung erflehe ich— aber— aber— Editha, heilige Maid, engelgleiche Seele!— Deinen— Deinen Segen!“ Seine Stimme wankte und er neigte ſein ſtolzes Haupt wie vor einer Heiligen. „O daß ich die Macht hätte, Dich zu ſegnen!“ rief Editha, den Ausbruch ihrer Thränen mit heroiſcher Anſtrengung bemeiſternd; „und mich dünkt, ich habe ſie— nicht durch meine eigenen Tugenden, ſondern durch Alles, was ich Dir verdanke! Der Dankbare hat immer die Macht zu ſegnen; und was danke ich nicht Dir und jener Liebe, an welcher der Gram ſogar geheiligt iſt? Ich war ein armes Kind im Bulwer, Harold. 37 578 Hauſe des Heiden— da ſtieg Deine Liebe und mit ihr das Lächeln Gottes auf mich herab! In dieſer Liebe erwachte mein Geiſt und empfing ſeine Taufe: jeder Gedanke, der ſich von der Erde aufſchwang und im Himmel verlor, wurde durch Dich in mein Herz gehaucht! Hätteſt Du mich, Dein Geſchöpf, Deine Sklavin, zur Sünde ver⸗ lockt— ſie wäre mir durch Deine Stimme geweiht erſchienen; doch Du ſagteſt: ächte Liebe iſt ugend— und ſo verehrte ich die Tugend, indem ich Dich liebte. Durch Deinen Umgang geläutert und geſtärkt, gewann ich durch Dich die Kraft, Dir zu entſagen— durch Dich die Zuflucht unter Gottes Fittige— durch Dich die feſte Zuverſicht, daß unſere Verbindung dennoch ſtattfinden wird— nicht auf der vergäng⸗ lichen Erde, wie unſere arme Hilda träumt— wohl aber dort, o dort vor den himmliſchen Altären in dem Lande, wo alle Geiſter mit Liebe erfüllt ſind! Ja, Du Seele Harold's! Es liegt Kraft und Weihe in dem Segen, welchen die durch Dich erlöste und gehobene Seele über Dich ausgießt.“ So ſchön, ſo unähnlich der gewöhnlichen Schönheit der Erde ſah die Jungfrau bei dieſen Worten, als ſie ihre Hände, nicht mehr in menſchlicher Leidenſchaft zitternd, auf das königliche Haupt legte— daß eine Seele aus dem Paradieſe, wenn ſie ſichtbar werden könnte, in keiner andern als dieſer Geſtalt vor ſterblichen Augen erſcheinen würde! Beide ſchwiegen eine Weile, und in dieſem Schweigen ſchwand die Düſterkeit aus Harold's Herzen, das ſich zu erhabener Heiterkeit emporſchwang, ſo daß es ungeſchreckt der Zukunft in's Auge ſchauen konnte. Keine Umarmung, kein Abſchiedskuß entweihte das Scheiden dieſer edlen Seelen— ein Scheiden auf der Schwelle des Grabes. Es war nur der Geiſt, der über den Erdenkloß in die unbegränzte Ewigkeit hinausſchauend, den Geiſt umfaßte. Erſt als die Nachtluft ſeine Stirne kühlte und das Mondlicht auf den Dächern und Wet⸗ terfahnen des ihm anvertrauten Landes ruhte, war der Mann der tiſſi einz ihre mal Nie Aug nah und rold vor bis reſt Gre ter heln und vang icht! ver⸗ doch gend, tärkt, h die daß gäng⸗ dort Liebe Veihe über ge ſah hr in te— unte, ſeinen wand ſerkeit ſauen eiden abes. nzte tluft Wet⸗ kann 579 wiederum der menſchliche Held: erſt als ſie wieder allein im einſamen Stübchen ſaß und die Schrecken des nahenden Schlachtfeldes den En⸗ gel aus ihren Gedanken verjagten, war die begeiſterte Jungfrau noch einmal das weinende Weib. Kurz nach Sonnenaufgang kam die Aebtiſſin, welche mit God⸗ wins Hauſe entfernt verwandt war, um Cdithen zu beſuchen; dieſe war jedoch mit ihrer eigenen Furcht ſo ſehr beſchäftigt, daß ſie die Un⸗ ruhe der Anderen nicht bemerkte. Das vermeinte Wunder, wonach ſich das heilige Bildniß über dem knieenden König geneigt, hatte in beiden Klöſtern den tiefſten Schrecken verbreitet, und ſo groß war die Unruhe der beiden Brüder Osgood und Alred, daß ſie in der einfachen dankbaren Ergebenheit für ihren königlichen Wohlthäter dem Impulſe ihres zärtlichen leichtgläubigen Herzens gehorchend, das Kloſter mit der Morgendämmerung verlaſſen hatten, um dem Marſche des Königs zu folgen und in der Nähe des furchtbaren Schlachtfeldes zu wachen und zu beten. Editha horchte, gab aber keine Antwort— der Schrecken der Aeb⸗ tiſſin ſteckte ſie an; das Beiſpiel der beiden Mönche weckte in ihr den einzigen Gedanken, welcher den alpähnlichen Traum durchbrach, der ihre Vernunſt ſogar betäubte: als die Aebtiſſin gegen Mittag aber⸗ mals auf ihr Zimmer kam, war Editha fort— fort und allein— Niemand wußte warum— Niemand ahnte wohin. Der volle Glanz des engliſchen Heeres leuchtete Harold in die Augen, als er mit Sonnenaufgang der Brücke der Hauptſtadt ſich nahte. Ueber dieſe Brücke kam der ſtattliche Zug, Streitärte, Speere und Banner im Sonnenſtrahle glitzernd. Gott erhalte König Ha⸗ rold!— ſo ſchallte der laute freudige Ruf, als die Streiter an ihm vorüberzogen— weit hinüber hallend über die Wogen des Stromes bis zu dem Echo in der verfallenen Römerveſte und den von Canut reſtaurirten Hallen, bis er chorähnlich in den Geſang der Moͤnche am Grabe Sebbas in der Paulskirche und vor Edwin's Gruft in St. Pe⸗ ter einſtimmte. 32— 580 Mit erheitertem Antlitz und leuchtenden Augen grüßte der König die Reihen ſeiner Krieger und ſchloß ſich dann dem Nachtrab an, wo die unvordenkliche Sitte der ſächſiſchen Monarchen das königliche Banner zwiſchen den Bürgern von London und den Männern aus Middleſex aufzuſtellen gebot. Als er emporſchaute, ſah er nicht ſeine alte Standarte mit Kreuz und Tigerköpfen, ſondern ein fremdartiges prachtvolles Banner: auf goldenem Felde die Geſtalt eines ſechtenden Kriegers, die Waffen mit orientaliſchen Perlen bedeckt und die Ein⸗ faſſung in der aufſteigenden Sonne von Rubinen, Smaragden und Amethyſten leuchtend. Während er voll Verwunderung dieſes blen⸗ dende Feldzeichen betrachtete, näherte ſich Haco, der neben dem Fah⸗ nenträger ritt, und überreichte ihm einen Brief. „Geſtern Nacht,“ erzählte er,„nachdem Du den Pallaſt verlaſſen hatteſt, trafen beſonders aus Hertfordſhire und Eſſex viele Rekruten ein: die ſtattlichſten und handfeſteſten von allen in Waffen und Geſtalt waren Hilda's Lehensleute. Sie brachten dieſes Banner, woran die Vala all' die Edelſteine verſchwendet hat, welche von Odin, dem Gründer aller Throne des Nordens, durch lange Reihen nordiſcher Vorfahren auf ſie übergegangen ſind. So wenigſtens ſagte der Bote, den unſere Baſe mitſandte.“ Haco hatte die Seide um den Brief bereits durchſchnitten und las deſſen Inhalt, welcher folgendermaßen lautete: „König von England, ich vergebe Dir das gebrochene Herz mei⸗ ner Enkelin. Wen das Land ernährt, der ſollte auch das Land ver⸗ theidigen: derohalben ſende ich Dir als Tribut die beſten Früchte in Feld und Wald, welche um das Haus, das mein Gemahl durch Ca⸗ nuts Gnade erhielt, wachſen— nämlich feſte Herzen und ſtarke Arme! Da Hilda wie Harold durch Deine Mutter Githa von dem Kriegs⸗ gotte des Nordens abſtammt, deſſen Geſchlecht niemals ausſterben wird, ſo nimm, o Vertheidiger der ſächſiſchen Odinskinder, das Ban⸗ ner, das ich mit den Edelſteinen geſtickt habe, welche das Haupt der Aſas aus dem Orient mitbrachte. Feſt wie die Liebe ſey Dein Fuß, eönig „ wo gZliche aus ſeine tiges enden Ein⸗ und blen⸗ Fah⸗ aſſen ruten eſtalt n die dem ſcher Bote, und mei⸗ ver⸗ ſte in Ca⸗ me! egs⸗ erben Ban⸗ der Fuß, . 581 ſtark wie der Tod Deine Hand unter dem Schatten, welchen Hilda's Banner— unter dem Glanze, welchen Odins Juwelen auf die Stirne des Königs werfen! So begrüßt Hilda, die Tochter von Monarchen, ihren Harold, den Führer von Männern.“ Als Harold von dem Briefe aufſchaute, fuhr Haco fort: „Du kannſt Dir kaum denken, welchen ermunternden Eindruck dieſes Banner, das man für bezaubert hält und welches Odins Name allein ſchon heilig machen würde, wenigſtens bei Deinen wilden Anglo⸗Dänen im ganzen Heere hervorgebracht hat.“ „Das iſt gut, Haco,“ erwiederte Harold lächelnd.„Laßt den Prieſter noch ſeinen Segen zu Hilda's Zauber fügen, und der Himmel wird uns jede Magie verzeihen, welche die Herzen, ſo ſeine Altäre vertheidigen, zu größerer Tapferkeit anfeuert. Wir wollen ein Stück Wegs zurückbleiben, denn das Heer muß an dem Hügel mit dem Crom⸗ lech und Grabſteine vorüberkommen, und dort wird Hilda ſicherlich unſeren Marſch bewachen; wir wollen dann einige Augenblicke bei ihr verweilen, um ihr für das Banner aber mit noch größerem Rechte für ihre Leute zu danken. Sind nicht jene kernfeſten Burſche, welche ſo hoch gewachſen und wohlgeordnet, ſämmtlich bepanzert, den Lon⸗ donern Bürgern voranreiten— Hilda's Beitrag zu unſerem Heer⸗ banne?“ „Ja— die ſind es,“ gab Haco zur Antwort. Der König wendete ſein Roß, um ſie mit ſeinem königlichen Gruße anzureden und ſofort nebſt Haco noch weiter zum Nachtrabe zurückzu⸗ reiten, anſcheinend mit Beſichtigung der zahlreichen Wägen beſchäftigt, welche, wie dies bei der ſächſiſchen Armee als Regel galt, Geſchoſſe und Lebensmittel nachführten und zur Verſtärkung der Lagerverſchan⸗ zung dienten. Als ſie des Hügels anſichtig wurden, wo das Haupt⸗ korps der Armee ihnen bereits vorangezogen war, ſtieg der König mit Sweyns Sohne ab und betrat den weiten Umkreis der celtiſchen Ruine. Neben dem teutoniſchen Altare erblickten ſie zwei völlig regungs⸗ 582 loſe Geſtalten: die eine war wie im Schlafe oder Tode auf dem Boden ausgeſtreckt; die andere ſaß neben ihr, als wollte ſie die Schlafende hüten oder den Leichnam bewachen. Das Geſicht der Letzteren, mit den Händen verhüllt, war nicht ſichtbar; an dem der Anderen aber er⸗ kannten die beiden Nahenden die däniſche Prophetin. Der Tod in ſei⸗ nen furchtbarſten Zügen war auf dieſes geiſterhafte Antlitz geſchrieben; Angſt und unbeſchreibliches Wehe ſprach aus der hohlen Wange, den verzerrten Lippen und dem wilden verglasten Blicke der offenen Augen. Auf den Schreckensruf, womit die Ankömmlinge das furchtbare Schweigen unterbrachen, regte ſich die noch Lebende und erhob das Haupt, ihr Geſicht immer noch auf die Hände ſtützend— nie hatte man einen nordiſchen Vampyr mitteufliſcheren erſchreckenderen Zügen neben dem beraubten Grabe kauern ſehen. „Wer und was biſt Du?“ fragte der König,„und warum liegt Hilda's edle Leiche ſo ungeehrt unter freiem Himmel? Iſt das die Hand der Natur? Haco, Haco, ſo blicken die Augen, ſo ſchauen die Züge Derer, welche die Angſt vor grauſamem Morde todtet, noch ehe der Stahl ſie getroffen hat. Sprich, Hexe, biſt Du taub?“ „Durchſuchet den Körper,“ gab dieſe zur Antwort;„Ihr findet keine Wunde! Betrachte die Kehle— nirgends ein Zeichen des tödt⸗ lichen Griffes! Ich habe das ſchon öfter erlebt. Du wirſt kein ſol⸗ ches Merkmal an dieſer Leiche entdecken, denn richtig haſt Du geſagt: Das Entſetzen hat ſie getödtet! Ha, ha! ſie wollte erfah⸗ ren und ſie hat erfahren; ſie wollte den Todten und den Dämon er⸗ wecken— ſie hat ſie geweckt; ſie wollte das Räthſel löſen— ſie hat es gelöst. Bleicher König und düſterer Jüngling— wollt Ihr hören, was Hilda ſprach— he? Fragt ſie in der Schattenwelt, wo ſie Euch erwartet! Ha! Auch Ihr möchtet über die Zukunft aufgeklärt werden, möchtet durch die Geheimniſſe der Hölle zum Himmel empor⸗ klimmen. Würmer! Würmer! kriecht zurück zur Erde! Eine einzige Nacht, wie ſie die Hexe, die Ihr verachtet, als ihre höchſte Luſtbarkeit genießt, würde Eure Adern erkälten, würde das Leben in Eurem Aug⸗ — ende mit er⸗ ſei⸗ ben; den gen. bare das atte igen liegt die die ehe ndet tödt⸗ ſol⸗ Du fah⸗ er⸗ ſie Ihr o ſie klärt por⸗ zige rkeit apfel erſtarren und Eure Leichen ähnlich der Todten, welche hier vor Euren Füßen liegt, der Verwunderung und dem Schrecken überlaſſen!“ „Ho!“ rief der König mit dem Fuße ſtampfend:„fort Haco; wecke die Diener, rufe die Hausmägde, bringe Knappen und Ceorls, um die⸗ ſen ſcheußlichen Raben zu bewachen.“ Haco gehorchte; als er jedoch mit den ſchaudernden und entſetzten Begleitern zurückkehrte, war die Hexe fort und der König lehnte mit niedergeſchlagenen Blicken und einem von Nachdenken getrübten und verfinſterten Geſichte an dem Altare. Der Körper der Vala wurde ins Haus getragen, und der König aus ſeiner Träumerei erwachend, hieß ſie die Prieſter rufen und befahl, für die geſchiedene Seele Meſſen zu leſen. Dann kniete er nieder, ſchloß mit frommer Hand die ſtarren Augen, glättete die Züge und drückte ſeinen trauernden Kuß auf die eiſige Stirne. Sobald dies geſchehen war, nahm er Haco's Arm und kehrte mit ihm nach der Stelle zurück, wo ſie ihre Roſſe gelaſſen hatten. „Was für Unheil hat Dir die Hexe prophezeit?“ fragte Haco ruhig, während ſie den Hügel hinabſtiegen, ohne Scheu und Ueber⸗ raſchung zu verrathen, welche Regungen dieſer düſteren gefaßten un⸗ empfindlichen Natur gänzlich unbekannt ſchienen. „Haco,“ gab der König zur Antwort,„dort drüben an den Küſten von Suſſer liegt die ganze Zukunft, welche unſere Augen jetzt erfor⸗ ſchen und der zu begegnen unſere Herzen ſich feſtigen ſollten. Dieſe Zeichen und Erſcheinungen ſind blos die Geſpenſter einer todten Reli⸗ gion, aus dem Grabe der furchtbaren Heidenzeit herübergeſendet— ſie können uns erſchrecken, aber nicht von unſerer Pflicht verlocken. Schau, wie wir uns umſehen, erblickſt Du die Ueberreſte aller Glaubensbekennt⸗ niſſe, welche jemals die Herzen der Menſchen mit weſenloſem Grauen erfüllt haben— hier der Tempel des Britten— dort das Gotteshaus des Römers— der verwitternde Altar unſeres Ahnherrn Thor! Ent⸗ ſchwundene Jahrhunderte liegen in dieſen zerſtreuten Symbolen zer⸗ trümmert um uns her. Ein neues Zeitalter, ein neuer Glaube iſt an⸗ gebrochen: halten wir uns an die klaren Wahrheiten vor unſern Augen — an die Pflicht hienieden: das Wiſſen kommt erſt ſpäter.“ „Dieſes ſpäter— iſt es nicht nahe?“ murmelte Haco. Schweigend ſtiegen ſie zu Pferde, und ehe ſie das Heer wieder erreichten, hielten ſie mit gemeinſamem Antriebe an, um hinter ſich zu ſchauen. Grauenvoll in ihrer Verlaſſenheit erhob ſich Tempel und Al⸗ tar! Mit Hilda's räthſelhaftem Tode ſchien ihr letzter zögernder Ge⸗ nius— der Schutzgeiſt des finſteren und wilden, des kriegeriſchen und zaubermächtigen Nordens für immer verſchieden zu ſeyn. Am vorde⸗ ren Waldrande, düſter und geſtaltlos, ſtand jene namenloſe Hexe im Schatten, und deutete mit ausgeſtrecktem Arm und undeutlicher dro⸗ hender Gebärde nach ihnen herüber, als ob bei allem Religionswechſel, bei aller Einfachheit des Glaubens, bei aller Klarheit des Wirklichen dem Gränzlande zwiſchen Sichtbarem und Unſichtbarem ein Aberglaube angeboren wäre, der immer wieder ſeine Prieſter und Bekenner finden wird, bis der volle krönende Glanz des Himmels jeden Schatten aus der Welt verſcheucht hat! Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Auf der weiten Ebene zwiſchen Pevenſey und Haſtings hatte Herzog William ſeine Schaaren aufgeſtellt. Im Rücken des Lagers hatte er ein hölzernes Kaſtell erbaut, das im Falle eines Rückzugs zum Zufluchtsorte dienen ſollte und wozu die Materialien mit herüber gebracht worden waren. Seine Schiffe hatte er auf die offene See zurückgeſchickt und durchlöchert, ſo daß ſeinen vielfach gemiſchten Streitern der Ge⸗ danke an eine Rückkehr ohne Sieg völlig abgeſchnitten war. Seine Vorpoſten erſtreckten ſich Meilen weit ins Land und ſicherten das Heer Tag und Nacht vor Ueberfällen. Das ausgewählte Terrain paßte voll⸗ kommen für die Manöver einer Reiterei, wie man ſie in England oder vielleicht in der ganzen Welt noch nie zuvor geſehen hatte, da ſie faſt aus lauter Rittern beſtand, von denen faſt jeder zum Heerführer tauglich war. geſetz plane ſorgf ver e eines jeder Schl unern und Der die a theile die F wort dem ſende Hau war deckt lichk * alte Civ Nor tern keh tiefe kam vol Ath een 585 Auf dieſem Felde muſterte William ſeine Armee und war unaus⸗ geſetzt mit Entwerſen, mit Umändern und Rekapituliren all der Schlacht⸗ plane beſchäftigt, welche der große Tag ins Leben rufen mochte. Am ſorgfältigſten, am anhaltendſten und genaueſten betrieb er das Manö⸗ ver eines verſtellten Rückzugs: kein Regiſſeur wird vor Aufführung eines modernen Schauſpiels die Stellung, die Blicke und Gebärden jeder Rolle ſorgſamer anordnen, um ein Gemälde darzuſtellen, an deſſen Schluſſe der Vorhang mit betäubendem Applauſe fallen ſoll, als dieſer unermüdliche Heerführer jedem Einzelnen wie jeder Bewegung Zeit und Stelle anwies, um ſeinem tapferen Gegner eine Schlinge zu legen. Der Angriff des Fußvolks, ihr Zurückweichen, ihr verſtellter Schrecken, die abgebrochenen Verzweiflungsrufe— ihr Rückzug, anfänglich nur theilweiſe und widerſtrebend, dann ſcheinbar übereilt und allgemein— die Flucht und ihre ſorgfältige Verwirrung— ſodann das Loſungs⸗ wort, die blitzähnliche Sammlung, das Hervorbrechen der Reiterei aus dem Hinterhalt, das Ueberflügeln des nachſetzenden Feindes, die Ab⸗ ſendung eines Korps von Pikenmännern, um die Sachſen von ihrer Hauptmacht und dem verlorenen Terrain abzuſchneiden— dies Alles war mit der vollendetſten Meiſterſchaft in der Upokriſis— dem ver⸗ deckten Spiele— des Krieges angeordnet und wurde mit der Geſchick⸗ lichkeit geübter Veteranen aufgefaßt. Nicht mehr gegen die rohen Helden des Nordens mit ihrer ver⸗ alteten unverbeſſerten Strategie haſt Du anzuknüpfen, o Harold! Die Civiliſation der Schlacht erwartet Dich diesmal— die Mannheit des Nordens, geführt mit der vollen Ueberlegenheit des Römers! Eben als William mitten unter glitzernden Speeren, unter flat⸗ ternden Fahnen und neu ſich bildenden Linien, unter fliehenden, zurück⸗ kehrenden, wendenden und drehenden Roſſen mit blitzenden Augen und tiefer Donnerſtimme Fußvolk und Reiter in dieſem Unterrichte übte, kam Mallet de Graville, der einen der Außenpoſten kommandirte, in vollem Laufe dahergeſprengt und meldete keuchend und nur mit Mühe Athem ſchöpfend: 586 „König Harold naht ſich mit ſeinem Heer in ſtürmiſcher Eile. Ihr Abſicht iſt offenbar, uns unvermuthet zu überfallen.“ „Halt!“ rief der Herzog, ſeine Hand erhebend, und die Ritter um ihn her hielten in der vollkommenſten Mannszucht. Nachdem er ſo⸗ fort ſeinem Bruder Odo, Fitzosborne und etlichen andern Anführern einige kurze aber deutliche Befehle ertheilt hatte, ſtellte er ſich an die Spitze einer zahlreichen Kavalkade ſeiner Ritter und ſprengte eiligſt nach dem Außenpoſten, welchen Mallet verlaſſen hatte— um ſich den nahenden Feind zu betrachten. Ueber die Ebene weg ging es durch einen Wald, der bereits ſein trauriges Herbſtkolorit angenommen hatte; ſobald dieſer hinter ihnen lag, ſahen ſie die ſächſiſchen Speere über den Rand der ſanften jenſeitigen Hügel emporragen. Aber ſelbſt dieſe kurze Zeit, welche genügt hatte, um William vor das Angeſicht des Feindes zu bringen, hatte auch unter der Anordnung ſeiner Generale hingereicht, um der weiten Ebene des Feldlagers die ganze Ordnung eines ſchlachtbereiten Heeres mit⸗ zutheilen. William hatte mittlerweile eine Anhöhe erſtiegen, und als er ſich von den Speeren auf den Hügelſpitzen zu ſeinen eigenen raſch formirten Linien in der Ebene zurückwandte, ſagte er mit ernſtem Lächeln: „Wenn der ſächſiſche Uſurpator ſich dort auf der Höhe jener Hügel befindet, ſo wird er uns wohl noch Zeit zu athmen vergönnen. St. Michael gibt uns ſeine Krone, ſeinen Körper aber den Raben in die Hände, wenn er herabzukommen wagen ſollte.“ Und wie der Herzog in ſeiner kriegeriſchen Erfahrung mit mili⸗ täriſchem Auge vorausgeſehen hatte— ſo geſchah es. Die Speere hielten auf den Hügeln ſtille, denn der engliſche General mußte wohl bald bemerkt haben, daß es hier keinen Hardrada zu überraſchen gab, daß die vernommenen Nachrichten weder die Zahl noch die Streitbar⸗ keit und Mannszucht der Normannen übertrieben hatten und daß die Schlacht nicht für den Kühnen, ſondern für den Vorſichtigen den Aus⸗ ſchlag geben würde. Eile. r um er ſo⸗ hrern n die iligſt h den ſein iihnen tigen atte, auch Sbene mit⸗ d als raſch nſtem Hügel St. in die mili⸗ peere wohl gab, tbar⸗ ß die Aus⸗ — 587 „Er thut Recht,“ bemerkte William nachſinnend,„und glaubt nur ja nicht, meine Quens, daß wir einen hitzköpfigen Thoren unter Harolds Eiſenhelm finden werden.— Wie heißt dieſes durch Hügel und Thäler durchſchnittene Terrain auf unſerer Karte? Es iſt doch auffallend, daß wir ſeine Stärke überſehen haben und es alſo in die Hand des Feindes fallen ließen. Wie iſt ſein Name? Kann keiner unter Euch ſich erinnern?“ „Ein ſächſiſcher Bauer nannte es Senlac“* oder Sanglac oder wie der Name in ihrem unmuſtikaliſchen Kauderwälſch lauten mochte,“ verſetzte de Graville. „Meiner Treu!“ betheuerte Grantmesnil„mich dünkt, der Name wird ſpäter bekannt genug klingen; nicht wie Kauderwelſch lautet er in meinem Ohre, wohl aber wie ein ominöſer bezeichnender Name— Sanglac, Sanguelac— der Blutſee.“ „Sanguelac!“ wiederholte der Herzog betroffen;„wo habe ich dieſen Namen ſchon gehört? Es muß zwiſchen Schlafen und Wachen geſchehen ſeyn. Sanguelac, Sanguelac!— Du nennſt ihn ganz richtig, denn einen See voll Blut haben wir in der That zu durch⸗ waten!“ „Ei,“ meinte de Graville,„Dein Aſtrologe prophezeite ja, Du werdeſt das Reich ohne Schlacht gewinnen.“ „Armer Aſtrolog!“ entgegnete William;„das Schiff, worauf er ſegelte, ging verloren. Der iſt ein Eſel in der That, der Andere zu warnen ſich anmaßt, während er keinen Zoll breit vorausſieht, wie ſein eigenes Schickſal ſich geſtalten wird! Eine Schlacht werden wir haben — allerdings; nur jetzt noch nicht. Höre mich, Guillaume; Du biſt einſt der Gaſt dieſes Uſurpators geweſen; Du ſchienſt mir einige Liebe für ihn zu hegen— eine ganz natürliche Liebe, da Du einmal an ſeiner Seite gefochten: willſt Du mit Hugues Maigrot dem Mönch * Das Schlachtfeld von Haſtings ſcheint vor der Eroberung„Senlac“, nachher„Sanguelac“ geheißen zu haben. 588 zu dem ſächſiſchen Heere hinübergehen und meine Botſchaft dort un⸗ terſtützen?“ Der ſtolze gewiſſenhafte Normanne bekreuzte ſich dreimal, ehe er antwortete. 4 „Es gab eine Zeit, Graf William, wo ich es als Ehre betrachtet hätte, mit Harold dem wackeren Earl zu parlamentiren; jetzt aber, da er die Krone auf dem Haupte trägt, erachte ich es als Schmach und Schande, mit einem ungetreuen Ritter und meineidigen Manne Worte zu wechſeln.“ „Gleichwohl ſollſt Du mir dieſe Gunſt erweiſen,“ bemerlte William, den Ritter etwas bei Seite führend;„denn ich kann Dir nicht verhehlen, daß ich den Ausgang der Schlacht nicht ohne Aengſt⸗ lichkeit betrachte. Jene Männer ſind von dem friſchen Triumphe über den größten Krieger Norwegens erhitzt; ſie werden auf ihrem eigenen Boden und unter einem Führer fechten, den ich ſorgfältiger als Cäſars Commentarien ſtudirt habe und an welchem mich ſogar die Schuld des Meineids nicht gegen ſeine Befähigung als großer General verblenden wird. Können wir unſer Ziel jetzt noch ohne Schlacht erreichen, ſo iſt Dir reicher Lohn gewiß, und ich will dann Deinen Aſtrologen als einen weiſen, wenn auch unglücklichen Mann gelten laſſen.“ „In der That,“ meinte de Graville ernſthaft,„es wäre unhöflich gegen das Andenken des Sternguckers, wenn man ſich nicht bemühen wollte, ſeine Wiſſenſchaft als lauter zu erweiſen, und die Chaldäer—“ „Der Henker hole Deine Chaldäer!“ brummte der Herzog.„Reite mit mir in's Lager zurück, damit ich Dir meine Botſchaft übergebe und den Moͤnch gehoͤrig inſtruire.“ „De Graville,“ begann der Herzog von Neuem, während ſie gegen die Linien ritten,„meine Meinung iſt kurz dieſe. Ich glaube nicht, daß Harold mein Erbieten annehmen und auf ſeine Krone ver⸗ zichten wird; aber ich will wenigſtens Zwietracht, vielleicht gar Empö⸗ rung unter ſeinen Hauptleuten ausſtreuen; ſie ſollen erfahren, daß die Kirche alle Diejenigen, welche gegen mein geweihtes Banner kämpfen, mit i dem l beein ſeine keit z den ſ geſcht ich w plötzl. des g Hüge verſch zu ſte der E getro einer und Grã liſire tig y bergq Ver konn wehn ritt Wer einen dem nor 589 mit ihrem Fluche verfolgt. Ich verlange alſo nicht von Dir, daß Du dem Uſurpator zu ſchmeicheln ſucheſt und Deine Ritterwürde dadurch beeinträͤchtigeſt; nein, kühn ſollſt Du ihn des Meineids anklagen und ſeine Lehensleute aufrühren. Vielleicht daß ſie ihn zur Nachgiebig⸗ keit zwingen oder gar ſein Banner verlaſſen: im ſchlimmſten Falle wer⸗ den ſie durch das volle Bewußtſeyn ihrer ſchuldbeladenen Sache ein⸗ geſchüchtert.“ „Ha, jetzt begreife ich Dich, edler Graf; verlaß Dich auf mich, ich werde ſprechen, wie es einem Ritter und Normannen geziemt.“ Mittlerweile hatte Harold die gänzliche Hoffnungsloſigkeit jedes plötzlichen Anfalles eingeſehen und als kluger General den Vortheil des gewonnenen Terrains zu benützen gewußt, indem er ſich die ganze Hügelreihe entlang hinter tiefen Gräben und künſtlichen Palliſaden zu verſchanzen begann. Es iſt unmöglich, noch jetzt auf jenem Punkte zu ſtehen, ohne die militäriſche Geſchicklichkeit anzuerkennen, womit der Sachſe ſeine Stellung genommen und ſeine Vorſichtsmaßregeln getroffen hatte. Das Hauptkorps ſeiner Truppen umringte er mit einer vollkommenen Bruſtwehr gegen den Anfall der Reiterei: Pfähle und ſtarke Schanzkörbe mit Weidengeflechten verbunden und durch tiefe Gräͤben geſchützt, dienten dazu, die Wirkung einer Waffe zu neutra⸗ liſiren, welche Harold faſt ganz abging, und worin William übermäch⸗ tig war, wobei die Beſchaffenheit des Bodens den Feind nöthigte, bergauf zu marſchiren und anzugreiſen, während die Sachſen aus ihren Verſchanzungen ſie mit allen Arten von Geſchoſſen überſchütten konnten. Helfend, belebend, ermunternd und anordnend, während die Bruſt⸗ wehren raſch emporſtiegen und die Gräben eiligſt ausgehöhlt wurden, ritt der König von England auf ſeinem Zelter von Linie zu Linie, von Werk zu Werke, als er auſſchauend ſeinen Neffen Haco gewahrte, der einen Mönch und einen Krieger— dem Wimpel an ſeinem Speere und dem Kreuz auf ſeinem Schilde nach zu ſchließen ein Mitglied der normänniſchen Ritterſchaft— den Abhang herauf geleitete. —„ 590 Gurth und Leofwine nebſt denjenigen Thanen, welche Graſſchaf⸗ ten beſehligten, waren eben um ihren Führer verſammelt, um ſeine Inſtruktionen einzuholen. Der König ſtieg ab und winkte ihnen zu folgen, indem er nach dem Punkte voranging, wo eben erſt ſein könig⸗ liches Banner aufgepflanzt worden war. Dort machte er Halt und ſagte mit ernſtem Lächeln: „Ich bemerke, daß der normänniſche Graf ſeine Boten an uns abſchickte, und es ziemt ſich, daß Ihr, die Vertheidiger von England, mit mir vernehmet, was der Normanne zu ſagen hat.“ „Iſt es was anderes als die Bitte, daß wir ſeine Leute nach Rouen zurückkehren laſſen, ſo iſt ſeine Botſchaft unnütz und kurz unſere Antwort,“ erklärte Vebba, der entſchloſſene Than aus Kent. 3 Inzwiſchen näherte ſich der Mönch mit dem normänniſchen Ritter und Beide blieben in kurzer Entfernung ſtehen, während Haco mit der kurzen Meldung vortrat: „Dieſe Männer fand ich auf unſeren Außenpoſten; ſie verlangen mit dem Könige zu reden.“ „Unter ſeiner Standarte will der König den normänniſchen Ein⸗ dringling anhören,“ erwiederte Harold;„heiße ſie reden.“ Daſſelbe blaßgelbe klägliche und ominöſe Geſicht, das Harold ſchon früher in den Hallen von Weſtminſter geſehen hatte, präſentirte ſich einem Todtenkopfe ähnlich aus dem groben Benedictinergewande der Brüderſchaft von Caen herausſchauend, und der Mönch begann folgendermaßen: „Im Namen Williams, Herzogs der Normannen im Feld, Gra⸗ fen von Rouen in der Halle, Prätendenten aller Throne der Angeln, Schotten und Wallonen, wie ſie ſein Vetter Edward im Beſitz hatte — komme ich zu Harold, ſeinem Lehensmanne und Earl.“ „Aendere Deine Titel oder pack Dich fort,“ rief Harold trotzig, während ſeine Stirne nicht länger in milder Majeſtät thronte, ſondern finſter wie die Mitternacht anzuſehen war.„Was ſagt William, der Graf von B „ alſo,“ ganz Du D 7 Krone um de rückzu Rathe Zweit Du o Abt d Altar Harol erhör geben mich ſetze bin, j Land Recht ſehr Alles in ſt jedoe wiede uns pland, nach nſere Ritter it der ungen Ein⸗ darold ntirte vande egann Gra⸗ igeln, hatte otzig, ndern n, der 591 Graf der Ausländer, zu Harold, dem König der Angeln und Baſileus von Britannien?“ „Indem ich gegen Deine Anmaßung proteſtire, antworte ich Dir alſo,“ verſetzte Hugues Maigrot.„Erſtlich bietet er Dir abermals ganz Northumbrien bis zum Reiche des ſchottiſchen Unterkönigs, wenn Du Dein Gelübde erfüllen und ihm die Krone abtreten willſt.“ „Hierauf habe ich ſchon geantwortet— es ſteht mir nicht zu, die Krone zu vergeben, und mein Volk iſt in Waffen um mich verſammelt, um den König ſeiner Wahl zu vertheidigen.— Was weiter?“ „Ferner erbietet ſich William, ſeine Truppen aus dem Lande zu⸗ rückzuziehen, wenn Du Dich mit Deinen Häuptlingen und Deinem Rathe dem Spruche unſeres allerheiligſten Pontifer, Alexanders des Zweiten, unterwerfen und ſeiner Entſcheidung anheimſtellen willſt, ob Du oder mein Lehensherr das meiſte Recht zum Throne haben.“ „Dies zu beantworten, ſey mir als Geiſtlichem erlaubt,“ rief der Abt des großen Kloſters von Peterboro', der, die Sache von Thron und Altar als eine gemeinſame betrachtend, ſich mit dem Abte von Hide Harold's Marſche angeſchloſſen hatte.„Noch nie war es in England erhört, daß der geiſtliche Oberhirte von Rom uns unſere Könige zu geben hätte.“ „Und,“ ergänzte Harold mit bitterem Lächeln,„der Pabſt hat mich bereits vor ſeinen Richterſtuhl gefordert, als ob Englands Ge⸗ ſetze im Vatikane gehandhabt würden! Wenn ich anders recht berichtet bin, ſo hat der Pabſt bereits zu entſcheiden geruht, daß unſer ſächſiſches Land dem Normannen gebühre. Ich verwerfe einen Richter, der kein Recht der Entſcheidung beſitzt, und verlache einen Spruch, der ebenſo ſehr den Himmel inſultirt, wie er die Menſchen beleidigt.— Iſt das Alles?“ „Ein letztes Anerbieten bleibt noch übrig,“ erwiederte der Mönch in ſtrengem Tone.„Dieſer Ritter wird es Dir kund geben. Ehe ich jedoch ſcheide und Dich mit den Deinen der göttlichen Rache überliefere, wiederhole ich die Worte eines mächtigeren Häuptlings als William 592 von Rouen. So ſpricht Seine Heiligkeit, welche Macht hat zu binden und zu löſen, zu ſegnen und zu fluchen:— Harold, Du Meineidiger, Du biſt verflucht! Auf Dir wie auf Allen, welche die Hand für Deine Sache erheben, ruht das Interdikt der Kirche. Du biſt ausgeſtoßen aus der Familie der Chriſten. Auf Deinem Lande mit ſeinem ganzen Volk und Adel, bis zu den Thieren des Feldes und dem Vogel in der Luft, ja bis zu dem Saamen und dem Sämann, der Ernte wie dem Schnitter, ruht Gottes Fluch! Die Bulle des Vatikans iſt im Zelte des Normannen; St. Peters Banner weiht jene Heere für den Dienſt des Himmels. So greift ſie nur an: Ihr zieht aus wie die Aſſyrier und der Engel des Herrn erwartet Euch auf dem Wege!“ Bei dieſen Worten, welche den engliſchen Führern zum erſten⸗ male kundgaben, daß ihr König mitſammt ſeinem Reiche unter dem furchtbaren Banne der Kirche ſtand, betrachteten ſich Thane und Aebte mit geiſterbleichen Mienen. Ein ſichtbarer Schauer ging durch die ganze kriegeriſche Verſammlung; nur drei Männer, Harold, Gurth und Haco ſchienen unberührt zu bleiben. Der König war über die Unverſchämtheit des Mönches ſo ſehr entrüſtet und verachtete dermaßen einen Blitzſtrahl, der, ohne ſich auf ſein Haupt zu beſchränken, die Freiheiten einer ganzen Nation zu ver⸗ ſengen ſich anmaßte, daß er auf den Sprecher losging und(wie die normänniſchen Chroniſten behaupten) ſogar die Hand wider ihn auf⸗ hob, als ob er den Verläumder zu Boden ſchlagen wollte. Gurth trat dazwiſchen und ſtellte ſich mit ſeinem klaren, von tugendhaftem In⸗ grimme leuchtenden Auge zwiſchen Moͤnch und König. 3 „O Du,“ rief er,„mit den Worten des Glaubens auf den Lip⸗ pen und den Ränken der Argliſt im Herzen— hülle Dein Haupt in Deine Kapuze und ſchleiche zurück zu Deinem Gebieter. Hörtet Ihr nicht, Ihr Thane und Aebte— hörtet Ihr nicht, wie dieſer ſchlechte falſche Mann wie zum Frieden und aus Liebe zur Gerechtigkeit Euch anbot, daß der Pabſt zwiſchen Eurem König und dem Normannen entſcheiden ſolle? Und gleichwohl war es dem Mönche wohl bekannt, daß de Ihr i unter er Eu zu ver abergt Gerec fängli nichts 6 dem 6 ohne ſchlich geſpr wie ei dieſe in ſei den T nunm lage d rückw Nacke völlig von( Schü und d die b ben, einſt Br ſinden piger, Deine oßen anzen in der dem Zelte Dienſt ſſyrier erſten⸗ r dem Aebte ſch die Gurth o ſehr ch auf u ver⸗ vie die n auf⸗ h trat In⸗ n Lip⸗ upt in et Ihr blechte Euch annen kannt, —— 593 daß der Pabſt die Sache bereits zum Voraus entſchieden hatte. Wäret Ihr in die Falle gegangen— es bliebe Euch nichts übrig, als Euch unter einem Richterſpruche zu beugen, der ſich herausnahm, noch ehe er Euch vor Gericht lud, über ein freies Volk und ein altes Königreich zu verfügen!“ „Das iſt wahr, das iſt wahr!“ riefen die Thane, von ihrem erſten abergläubiſchen Schrecken ſich erholend und in ihrem ächt engliſchen Gerechtigkeitsſinne über die Treuloſigkeit empört, die ſich in den an⸗ fänglichen Eröffnungen des Prieſters verſteckt hatte.„Wir wollen nichts mehr hören, fort mit dem verrätheriſchen Boten.“ Die blaſſe Miene des Mönches wurde noch bläſſer; verblüfft von dem Sturme des Unwillens, den er hervorgerufen hatte, vielleicht nicht ohne Furcht vor den finſteren Geſichtern, die er auf ſich gerichtet ſah, ſchlich er hinter ſeinen Kameraden, den Ritter, der bis jetzt kein Wort geſprochen, ſondern das Geſicht von dem Helme bedeckt regungslos wie eine eherne Bildſäule dageſtanden hatte. Und in der That mochten dieſe beiden Geſandten, der eine in ſeinem Mönchsgewande, der andere in ſeiner Rüſtung von Erz, als Vorbilder und Repräſentanten der bei⸗ den Mächte— Ritterſchaft und Kirche— angeſehen werden, welche nunmehr gegen Harold und ſein England losgelaſſen wurden. Der Krieger war es auch, der nach dieſer augenblicklichen Nieder⸗ lage des Prieſters für ihn in die Schranken trat, und ſeinen Helm zu⸗ rückwerfend, daß die Stahlhaube ganz auf dem Ausſchnitt des Nackens ruhte und das hochmüthige Geſicht und halbgeſchorene Haupt völlig entblößte, begann Mallet de Graville wie folgt: „Der Bann der Kirche ruht auf Euch, Krieger und Häuptlinge von England; nur das Verbrechen eines Einzigen hat ihn verſchuldet! Schüttelt ihn von Euch ab: auf ſeinem Haupte allein bleibe der Fluch und deſſen Folgen. Harold, genannt König von England— ſintemalen die beiden milderen Anerbieten meines Kameraden fehlgeſchlagen ha⸗ ben, ſpricht William der Normanne durch den Mund ſeines Ritters, einſt Deines Gaſtes, Deines Bewunderers und Freundes: obgleich Bulwer, Harold. 38 594 ſechzigtauſend Krieger unter dem Banner des Apoſtels ſeines Winkes eige harren(und ſo viel ich von Deiner Streitkraft ſehe, kannſt Du auf wie Deiner ſchuldigen Seite kaum über ein Drittel dieſer Anzahl gebieten), ring will Graf William dennoch jeden anderen Vortheil als den ſeines ſtar⸗ bera ken Armes und ſeiner guten Sache bei Seite legen, und hier, in Gegen⸗ ſoll wart Deiner Thane, fordere ich Dich in ſeinem Namen auf, die Herr⸗ ſeine ſchaft über dieſes Reich durch den Zweikampf zu entſcheiden. Zu Roß dige und im Panzer, mit Schwert und mit Speer, Ritter gegen Ritter, ſond Mann gegen Mann— willſt Du es alſo mit William dem Norman⸗ nen aufnehmen?“ dem Noch ehe Harold der erſten Eingebung einer Tapferkeit, welche Chrei ſogar ſeine ſchlimmſten normänniſchen Verläumder in den ſpäteren Zei⸗ Dich ten triumphirender Verhöhnung niemals zu läugnen wagten— Gehör geben konnte, übernahmen die Thane ſelber faſt einſtimmig die Antwort. der „Kein Kampf zwiſchen Mann und Mann ſoll über die Freiheiten von Tauſenden entſcheiden!“ entfe „Nimmermehr,“ rief Gurth.„Es wäre ein Schimpf für das ganze Volk, wenn man dieſes als einen Streit zwiſchen zwei Häupt⸗ lingen— wer von ihnen die Krone tragen ſoll— betrachten wollte. Sobald der Angreifer in unſerem Lande ſteht, gilt der Krieg der Na⸗ tion, nicht blos dem König. Durch dieſes Anerbieten allein ſchon be⸗ zur weist jener normänniſche Graf, der nicht einmal unſere Sprache ver⸗ ſteht, wie wenig er die Geſetze kennt, wonach, unter unſeren eingebo⸗ „ renen Königen, wir Alle ein ebenſo großes Intereſſe wie der König ſelbſt an unſerem Vaterlande nehmen.“ „Du haſt von dieſen Lippen die Antwort Englands vernommen, Sir de Graville,“ bemerkte Harold;„ich ſelbſt kann ſie nur billigen die und wiederholen. Ich will die Krone nicht gegen Grafſchaft und Schande an William vertauſchen. Ich will mich nicht dem Richter⸗ ſpruche eines Pabſtes unterwerfen, der die Freiheit mit dem Fluche zu belegen wagte. Ich will den Grundſatz, der in dieſen Reichen den König mit ſeinem Volke verkettet, nicht alſo verletzen, daß ich meinem ——— 595 eigenen Arme das Recht anmaßte, über das Geburtsrecht der lebenden wie der ungeborenen Geſchlechter zu verfügen, noch will ich den ge⸗ ringſten Söldner unter meinem Banner der Freude und des Ruhmes berauben, für ſein Vaterland zu kämpfen. Wenn William mich ſucht, ſoll er mich finden, wo der Krieg am heftigſten tobt, wo die Leichen ſeiner Leute die Ebenen am dichteſten bedecken, dieſes Banner verthei⸗ digend oder das ſeine anfallend. Und ſo ſoll nicht Mönch und Pabſt, ſondern Gott in ſeiner Weisheit ſoll zwiſchen uns entſcheiden!“ „So ſey es,“ ſagte Mallet de Graville feierlich, ſein Geſicht mit dem Helme bedeckend.„Hüte Dich, abtrünniger Ritter, meineidiger Chriſt, uſurpirender König! Die Gebeine der Todten fechten wider Dich.“ „Und die fleiſchloſen Hände der Heiligen lenken die Heerſchaaren der Lebenden,“ ſchloß der Mönch. Und ohne Gruß oder Verbeugung wendeten ſich die Boten und entfernten ſich ſchweigend. Achtzigſtes Kapitel. Dieſer und der ganze folgende Tag wurden von beiden Heeren zur Vervollſtändigung ihrer Vorkehrungen verwendet. William wollte den Kampf ſo lange er konnte hinausſchieben, denn er war nicht ohne Hoffnung, daß Harold ſeine furchtbare Stel⸗ lung verlaſſen und ſelbſt zum Angriffe ſchreiten würde. Ueberdies wünſchte er ſeinen Prälaten und Prieſtern volle Zeit zu laſſen, um den feurigen Fanatismus aller unter dem Kirchenbanner Kämpfenden durch die Darlegung von Williams Mäßigung bei ſeiner Gefandtſchaft und Harolds anmaßender Schuld bei deren Verwerfung auf's Aeußerſte zu entflammen. Auf der anderen Seite war ſür Harold jeder Aufſchub von Vor⸗ theil, inſofern er ihm erlaubte, ſeine Verſchanzungen noch wirkſamer zu machen und den Verſtärkungen, die er zu ſich beſchieden oder die der 38° 596 Patriotismus des Landes aufgeboten hatte, Zeit zum Eintreffen zu vergönnen. Aber ach! dieſe Verſtärkungen waren ſchwach und unbe⸗ deutend; nur wenige Nachzügler aus der unmittelbaren Nachbarſchaft ſtellten ſich ein— von London dagegen kam keine Hülfe, kein zorniges Land ergoß die Schaaren ſeiner ſchwärmenden Bevölkerung! In der That, ſchon Harolds Ruhm und das Glück, das ſeine Waffen ſeither begleitet hatte, vermehrte die ſtumpfe Lethargie ſeines Volkes. Daß er, der ſo eben die furchtbaren Norweger mit dem mäch⸗ tigen Hardrada an ihrer Spitze überwunden hatte, dieſen zierlichen „Franzmännern“, wie man die Normannen nannte, von denen die Engländer in ihrer inſulariſchen Unbekanntſchaft mit dem Feſtland nur wenig wußten, und welche ſie bei Godwins Rückkehr nach allen Rich⸗ tungen hatten fliehen ſehen— daß er ſolchen Leutchen unterliegen ſollte, war für ihre Einbildungskraft eine ganz undenkbare Annahme. Das war noch nicht Alles: in London war bereits eine Kabale zu Gunſten des Athelings eingeleitet worden. Die Anſprüche der Ge⸗ burt laſſen ſich nie ſo ganz bei Seite ſchieben, ohne daß ſich ſelbſt für den unwürdigſten Erben einer alten Linie manche Anhänger finden ſollten. Die klugen Handelsleute hielten es für das Beſte, ſich an dem jetzigen Kampfe des regierenden Königs mit dem normänniſchen Prä⸗ tendenten nicht thätig für Erſteren zu betheiligen; einer großen An⸗ zahl vermeinter Staatsmänner erſchien es für das Land am gerathenſten, für jetzt neutral zu bleiben. Im ſchlimmſten Falle— wenn Harold geſchlagen oder getödtet wurde— war es da nicht weiſe, ſeine Kraft zur Unterſtützung des Atheling aufzuſparen? William konnte wohl perſönliche Urſachen zum Streite wider Harold haben— gegen Edgar aber konnten keine ſolche exiſtiren: Godwins Sohn mochte er wohl ab⸗ ſetzen— dürfte er es aber wagen, Cerdic's Abkömmling, den natür⸗ lichen Erben Edward's, vom Throne zu ſtoßen? Man darf nicht ohne Grund annehmen, daß Stigand mit einem großen Theile des ſächſi⸗ ſchen Klerus an der Spitze dieſer Fraktion ſtand. Die Haupturſachen ſolchen Abfalles lagen jedoch nicht in der ——————— ·ꝝ· 597 Anhänglichkeit an dieſen oder jenen Häuptling, ſondern in der ſelbſt⸗ ſüchtigen Trägheit, in dem verſtockten Eigenſinn, in dem langen Frieden und dem entnervenden Aberglauben, der die Sehnen der altſächſiſchen Mannheit gelockert hatte— in jener Gleichgültigkeit für hergebrachte Dinge, wie ſie die Verachtung gegen alte Namen und Geſchlechter erzeugen mußte— in jenem furchtſamen Geiſte der Berechnung, wie ſie die übertriebene Schätzung des Reichthums nach ſich zog, und welche die Leute abgeneigt machte, Handel und Wandel, Haus und Hof für die Gefahren des Krieges zu verlaſſen und ihre Be⸗ ſitzungen zu gefährden, falls der Ausländer überwiegen ſollte. Sie waren ja an Könige ausländiſchen Stammes gewöhnt und hatten ſich unter Canut ganz wohl befunden. Da gab es Viele, welche ſagten:„was liegt daran, wer auf dem Throne ſitzt: iſt ja doch jeder König an unſere Geſetze gebunden!“ Dazwiſchen hörte man auch den Lieblingsgrundſatz aller trägen Gemüther:„'s iſt noch Zeit genug! Eine Schlacht verloren, heißt noch nicht England gewonnen. Wir werden flink genug bei der Hand ſeyn, wenn Harold geſchlagen wird.“ Zu all dieſen Urſachen der Apathie und Abtrünnigkeit kamen die hochmüthigen Eiferſüchteleien der verſchiedenen noch nicht zu einem Reiche verſchmolzenen Völkerſtämme. Die northumbriſchen Dänen, unbelehrt ſogar durch ihre neuliche Rettung vor den Norwegern, be⸗ trachteten mit undankbarer Kälte einen Krieg, der ſich bis jetzt auf die ſüdlichen Küſten beſchränkte; das weite Gebiet Mercias zeigte ſich wenn auch mit beſſerer Entſchuldigung ebenſo läſſig, während die beiden jungen Earls, zu neu in ihren Stellen, um auf die ihnen untergebene Bevölkerung großen Einfluß zu üben, auch wenn ſie in ihrer Haupt⸗ ſtadt geweſen wären— in London zögerten, ohne Zweifel um gegen die Intriguen zu Gunſten des Atheling anzuſtreben— ſo wenig hatte die Heirath mit Aldythen in der Stunde ſeiner peinlichſten Gefahr dem guten Harold jene Macht eingetragen, um deren willen er auf das Glück ſeines Lebens verzichten mußte! 598 Auch dürfen wir bei Aufzählung der Urſachen, welche in dieſer grauenvollen Kriſe den Arm von England ſchwächten, des Fluches der Sklaverei unter den Theowen nicht vergeſſen, der den niedrigſten Theil der Bevölkerung für die Vertheidigung des Landes gänzlich theilnahm⸗ los ließ. Zu ſpät— ja leider zu ſpät für die nachfolgenden nutzloſen Metzeleien erhob ſich der Geiſt des Landes nach der Verletzung aller Gelübde unter der ehernen Ferſe des normänniſchen Gebieters! Hätte dieſer Geiſt nur auf einen Tag für Harold ſeine ganze Macht entfaltet — wo wären jene Jahrhunderte der Knechtſchaft geblieben?— O Schmach jenen Abtrünnigen— aber Segen, reichen Segen den an⸗ weſenden Kämpfern. So war außer den mageren Linien jenes unſterblichen Heeres, das ſich auf dem Felde von Haſtings verſchanzt hatte, keine weitere Hoffnung für England übrig. Dort ſollen— ein eitles Denkmal armſeligen Stolzes— die Liſten der räuberiſchen Angreifer für immer aufbewahrt bleiben! Wo aber, Ihr heiligen Helden des vaterländiſchen Bodens— wo ſtehen Eure Namen verzeichnet? Ja, möge das Gebet der jungfräulichen Königin dort oben aufgeſchrieben werden, möget Ihr, Geiſter der ruhmreichen Todten, beim Klange der letzten Poſaune frei von jeder Sünde aus Euren Gräbern aufſteigen, und Eure Namen, verloren für die Erde— mögen ſie hell und mackellos legchten zwiſchen denen der himmliſchen Geweihten! Trüb zogen die Schatten des Abends, und bleich durch die eilen⸗ den Wolken ſchimmerten die aufſteigenden Sterne, als Harold mit Haco, Leofwine und Gurth in ſeinem Zelte ſaß. Alle Vorkehrungen waren getroffen, und vor ihnen ſtand ein Mann halb franzöſiſchen Urſprungs, der eben aus dem normänniſchen Lager zurückgekehrt war. „Du miſchteſt Dich alſo unentdeckt unter die Fremdlinge? 2“ fragte der König. „Nein, nicht unentdeckt, Mylord. Ich begegnete einem Ritter, den ich ſpäter Mallet de Graville nennen hörte. Dieſer ſchien argliſtig meinen Worten zu glauben und ließ mir mit herablaſſender Höoflichkeit Trank von H anzuſen führte ſie wär ſtehlich Verwe theile flink: Raſen den T verkof Aderr uns g Hund Nach 599 Trank und Speiſe reichen, bis er plötzlich ſagte: Du biſt ein Spion von Harold und blos gekommen, um Dir die Stärke der Normänner anzuſehen. Du ſollſt Deinen Willen haben— folge mir! Hiemit füͤhrte er mich, beſtürzt wie ich war, durch die feindlichen Reihen, und ſie wären in der That zahllos wie der Sand am Meere und unwider⸗ ſtehlich wie die Wogen der See, wenn ich nicht, ſo ſonderbar Dir ſolches auch ſcheinen mag, o König— wenn ich nicht mehr Mönche als Krieger wahrgenommen hätte.“ „Wie— Du ſcherzeſt!“ rief Gurth überraſcht. „Nein; Tauſende und aber Tauſende lagen knieend im Gebet, und ihre Köpfe zeigten alle die Tonſur der Prieſter.“ .„Prieſter ſind ſie nicht,“ rief Harold mit ruhigem Lächeln,„wohl e aber beherzte Krieger und furchtloſe Ritter.“ ul 3 Er fuhr ſodann fort, den Spion auszufragen, und ſein Lächeln t verſchwand bei der Aufzählung nicht allein der Menge der Streiter, r n ſondern auch ihres ungeheuren Vorraths an Geſchoſſen und der faſt t unglaublichen Anzahl ihrer Reiterei. 1 Sobald der Spion entlaſſen war, wendete ſich der König an ſeine e ¹ Verwandten. .„Was meint Ihr?“ ſagte er;„wollen wir nicht lieber ſelbſt ur⸗ n theilen? Die Nacht wird alsbald finſter werden— unſere Roſſe ſind flink und nicht mit Eiſen beſchlagen wie die der Normänner— der Raſen geräuſchlos— was meint Ihr?“ „Ein luſtiger Einfall!“ rief der heitere Leofwine.„Ich möchte den Bären wohl gerne in ſeinem Lager ſehen, ehe er meinen Speer verkoſten wird.“ „Und ich,“ verſetzte Gurth,„fühle ein ſo raſtloſes Fieber in meinen Adern, daß ich es gerne an der Nachtluft abkühlen möchte.— Laßt uns gehen: ich kenne alle Wege der Umgegend, denn ich bin oft mit Hund und Falken hieher gekommen. Wir müſſen nur warten, bis die Nacht tiefer und lautloſer geworden.“ Ddie Wolken hatten ſich über die ganze Himmelsfläche ausgebrei⸗ ——— uu 600 tet und hingen ſchwer hernieder; über den Vertiefungen lagerten kalte graue Nebel, als die vier ſächſiſchen Häuptlinge ihren geheimen und gefährlichen Gang antraten. Reiter nehmen ſie mit ſich keinen, Auch von den Fußknappen nicht einen; Von Rüſtung und Waffen unbeſchwert, Einzig mit Schild, mit Speer und Schwert.“* Sobald ſie ihre eigenen Schildwachen hinter ſich hatten, führte ſie Gurth in einen Wald, wobei ſie ſich nach den gelegentlichen Licht⸗ ſtreifen richteten, welche durch die Oeffnungen des unregelmäßigen Pfades aus dem rothen Glühen des normänniſchen Lagers herüber⸗ brachen. William hatte ſeine Armee bis auf etwa zwei Meilen gegen die vorderſten ſächſiſchen Außenpoſten vorgeſchoben, und ſeine Linien in den engſten Raum zuſammengedrängt, ſo daß die Späher durch das Licht der Fackeln und Wachfeuer in den Stand geſetzt wurden, ſich einen ziemlich genauen Begriff von dem nahen furchtbaren Feinde zu bilden, dem ſie morgen begegnen ſollten. Der Punkt,“ den ſie inne hatten, bildete eine Anhöhe in dem tiefen Schatten des Waldes; vor ihnen einer jener kreiten Gräben, wie ſie auf den ſächſiſchen Gränz⸗ marken üblich waren, ſo daß ſie ſelbſt im Falle der Entdeckung eine nicht leicht zu überſchreitende Schranke zwiſchen ſich und dem Feinde hatten. In regelmäßigen Linien und Straßen dehnten ſich Hütten aus *„Ne meinent od els chevalier, Varlet à pie ne eskuier, Ne nul d'els n'a armes portée Forz sol escu, Jance, et espée.“ Roman de Rou, II. Th. V. 12126. ** Ke d'une angarde u ils'estuient Cels de l'ost virent, ki pres furent.— Roman de Rou, II. Th. V. 12126. (Von einer Höh', wo ſie ſich fanden, Die Feind ſie ſah'n, die nahe ſtanden.) Baum mit br Pavill man d dern, Lande des K Drach Allent den al ben de ſah m ſchen von 5 ligter kehrut die vi teren Herzeo Glock liche ſtumn die S einen ſend dieſer und? lichen ſes I über 601 Baumäſten für die geringeren Soldaten, welche in gedrängten Reihen mit breiten Durchblicken zu den Zelten der Ritter und den ſtattlicheren Pavillons der Grafen und Prälaten aufwärts führten. Dort ſah man die Banner von Bretagne und Anjou, von Burgend und Flan⸗ dern, ſogar das Feldzeichen von Frankreich, das die Freiwilligen dieſes Landes angenommen hatten, und gerade in der Mitte der Hauptſtadt des Krieges das prachtvolle Zelt des Herzogs ſelber mit einem goldenen Drachen über dem Stabe, an welchem die päbſtliche Fahne ſich blähte. Allenthalben im Lager vernahm man das Hämmern der Wafeenſchmiede, den abgemeſſenen Schritt der Schildwachen, das Scharren und Schnau⸗ ben der zahlloſen Roſſe. Längs der Linien zwiſchen Hütte und Zelt ſah man hohe Geſtalten mit Panzern, Schwertern und Speeren zwi⸗ ſchen Schmiden und Schwertfegern hin⸗ und hergehen. Kein Lärm von Zechenden, kein Lachen eines Trinkgelages ließ ſich in dem gehei⸗ ligten Lager vernehmen; Alles war wach, aber mit den ernſten Vor⸗ kehrungen gedankenvoller Menſchen beſchäftigt. Es war ſo ſtill, daß die vier Sachſen auf ihrem ſtummen Poſten mitten aus dem entfern⸗ teren Lärme das gegenſeitige peinliche Athmen heraushören konnten. Endlich vernahm man aus zwei Zelten rechts und links neben des Herzogs Pavillon ein ſchwaches Klingeln wie von tiefen ſilbernen Glocken. Auf dieſes Zeichen entſtand eine allgemeine deutlich erſicht⸗ liche Bewegung im ganzen Feldlager; der Lärm des Hämmerns ver⸗ ſtummte und aus jeder grünen Hütte, aus jedem grauen Zelte ſchwärmten die Streiter; Reihen lebender Menſchen ſäumten die Lagergaſſen, nur einen ſchmalen Durchgang in der Mitte freilaſſend. Mehr als tau⸗ ſend Fackeln leuchteten in der Umfaſſung, und die Sachſen ſahen bei dieſer Helle Proceſſionen von Prieſtern in vollem Ornate mit Kreuz und Rauchfaß die verſchiedenen Zugänge herabkommen. Die Geiſt⸗ lichen blieben ſtehen und die Krieger knieten nieder; dann kam ein lei⸗ ſes Murmeln wie von Beichtenden und die Prieſter breiteten die Hände über die Menge wie zur Abſolution und zum Segen. Plötzlich ſah man Odo von Bayeurx ſelber im weißen Chorhemd 602 und das Kreuz in der Rechten von den Außenpoſten des Lagers kom⸗ dritte W mend aus einem der Querpfade auftauchen. Sogar zu den geringſten Teufel und niedrigſten Söldnern des Heeres— mochten ſie nun ehrlichem Tages d Gewerbe und friedlichem Berufe oder dem Abſchaume von Europa's Un Hefe, den Wegelagerern aus den Alpen, den Kehlabſchneidern vom die haͤng Rheine angehört haben— ſogar zu den Niedrigſten trat der geſalbte fortwäh Bruder des Herzogs, der hochmüthigſte Prälat in der Chriſtenheit, die mun deſſen Sinn eben damals auf den Biſchofsſtuhl zu Rom gerichtet war hatten. — er trat zu ihnen, um ihre Beichte zu hören und ihnen ſeinen Segen S und die Akſolution zu ertheilen. Und die rothen Wachfeuer leuchteten vorüber auf ſeinem ſtolzen Geſicht und ſeinen fleckenloſen Gewändern, während beiſamn die Kinder des Zorns dieſen Boten des Friedens kniend umringten. entgeger Harold's Fauſt faßte nach Gurths Arme, und ſeine alte Verach⸗ D tung vor dem Mönchsweſen machte ſich in ſeinem bitteren Lächeln, feuer gr ſeinen gemurmelten Worten Luft. Aber Gurth's Geſicht war muth⸗ Hand n los und traurig. teren C Und nun, da Hütten und Zelte ihre lebenden Bewohner von ſich unter d gaben, konnten ſie in der That die ungeheure Ueberzahl, wogegen ſie denderer zu ſtreiten hatten und neben ihr jenen tödtlichen Eifer, jenen erhabenen deutete Fanatismus bemerken, der von einem Ende dieſer Kriegerſtadt bis zum halla ne andern die Ungerechtigkeit heiligte, dem Ehrgeize den Heroismus des 58 Märtyrers verlieh und das Flüſtern gieriger Habſucht mit dem Selbſt⸗ ſang, i lobe der Heiligen vermiſchte! langen Kein Wort wurde zwiſchen den vier Sachſen gewechſelt. Als St. Al jedoch die Prieſterproceſſion nach den entfernteren Quartieren des La⸗ gerinne gers zog, als die Soldaten in ihrer Nachbarſchaft unter den Baracken Serxwo verſchwanden und die Fackeln gleich dem Schweife zurückweichender hübſch Sterne nach den hinteren Gaſſen des Lagers ſich bewegten, da Füßen hörte man Gurth einen tiefen Seufzer ausſtoßen, während er den 46 Kopf ſeines Pferdes von der Scene wegwandte. beſten Kaum hatten ſie die Mitte des Waldes erreicht, als ein feierlicher ſchaute Geſang von dem Lager herübertonte. Die Nacht war jetzt in die 2* 608 dritte Wache“ getreten, wo nach dem Glauben jener Zeit Engel und Teufel gleich thätig waren, weßhalb die kirchliche Eintheilung des Tages durch einen Kloſtergeſang bezeichnet und geheiligt wurde. Unausſprechlich ernſt, feierlich und klagend tönte der Geſang durch die hängenden Zweige und die ſchwere Finſterniß der Luft; er zitterte fortwährend in den Ohren der Reiter, bis ſie den Wald verlaſſen und die munteren Wachfeuer ihres eigenen Lagers als Wegzeiger vor ſich hatten. Sie ritten raſch aber ſchweigend an den eigenen Schildwachen vorüber, und als ſie die Anhöhen erreichten, wo ihre Streitmacht dicht beiſammen lag— wie ganz anders waren die Laute, die ihnen hier entgegen kamen! Die Mannſchaft war in großen Kreiſen um die mächtigen Lager⸗ feuer gruppirt, während Alehörner und Flaſchen luſtig von Hand zu Hand wanderten; lautes Drink⸗hael uud Was⸗hael, Ausbrüche mun⸗ teren Gelächters, Bruchſtücke alter Geſänge aus den Zeiten Athelſtans, unter den Haufen der Anglo⸗Dänen mit der weit anregenderen zün⸗ denderen Poeſie der nordiſchen Piraten abwechſelnd— dies Alles deutete auf die frühere Heidenzeit, wo der Krieg eine Luſt und Wal⸗ halla noch ein Himmel war. „Meiner Treu!“ rief Leofwine ſich aufheiternd,„das iſt ein Ge⸗ ſang, iſt ein Anblick, der Einem nach dem kläglichen Geplärr und den langen Geſichtern der Glatzköpfe im innerſten Herzen wohl thut. Bei St. Alban! ich muß geſtehen— ich fühlte mein Blut zu Eiszapfen gerinnen, als jener Grabgeſang durch das Gehölz hereinbrach. Hallo, Serwolf, mein Tapferer, reiche uns jenes volle Horn, und bleibe mir hübſch in den Gränzen, Herr Schwelger; wir brauchen morgen ſtäte Füße und kühle Köpfe.“ „Serwolf, der mit einem Haufen von Harolds Veteranen eben im beſten Zuge war, ſprang bei dem Gruße des jungen Earls empor und ſchaute ihm liebend in das lächelnde Geſicht. * Mitternacht. 60⁴ „Beachte, was mein Bruder Dich geheißen, Sexwolf,“ ſagte Harold ſtreng;„die Hände, welche morgen ihre Speere gegen uns ab⸗ ſchleudern, werden nicht von nächtlichem Trinkgelage zittern.“ „Die unſeren eben ſo wenig, mein Herr und König,“ erwiederte der kühne Serwolf;„untere Köpfe können eben ſowohl Trinken wie Schläge vertragen; und“(hier ſank ſeine Stimme zum Flüſtern herab)—„es geht das Gerücht, die Ueberzahl unſerer Gegner ſey ſo, daß ich nicht um alle Grafſchaften Deines ſchönen Bruders unſere Leute heute Nacht anders denn luſtig ſehen möchte.“ Harold gab keine Antwort, ſondern ritt weiter, und als er jetzt den kühnen Sack ſen aus Kent, den unvermiſchten Sohnen des ſächſi⸗ ſchen Bodens und ſpeciellen Anhängern von Godwins Hauſe zu Ge⸗ ſichte kam, da ſchallte ſein Name ſo herzlich, ſo freudig und ergeben aus ihrem Munde, daß er ſein königliches Herz aufwallen fühlte. Er ſtieg ab, um in ihren Kreis zu treten, und mit der hohen Offen⸗ heit eines edlen und durch ſeinen Edelmuth populären Häuptlings richtete er an Jeden ein belebendes Wort oder erheiterndes Lächeln. „In weniger als einer Stunde,“ fuhr er dann ernſthafter fort, „muß alles Trinkgelage aufhören— meine Boten werden die Runde machen; und dann geſunden Schlaf, meine wackeren Trinker, und lu⸗ ſtiges Aufſtehen mit der Lerche!“ „Wie Ihr wollt, wie Ihr wollt, theurer König,“ ſchrie Vebba als Sprecher der Krieger.„Fürchtet nicht für uns— in Leben und Tod ſind wir Euer.“ „In Leben und Tod gehören wir Euch und der Freiheit,“ wieder⸗ holten die kentiſchen Männer. Vollkommenere Mannszucht und geziemenderes Schweigen wurde getroffen, als er ſich dem königlichen Zelte neben der Standarte nahte, denn um dieſe Standarte lagerte die eigene Leibwache des Königs und die Freiwilligen aus London und Middleſer— einſichtigere Männer als die Maſſe des Heeres, und darum beſſer bewußt der Macht des normänniſchen Schwertes. 4 das L Endlic vertra ſeinem thräne äußer! viellei Glaul nicht, Herze wardf Heilig dieſer am T dieſes nicht verpf krüm Schy den d Kriee laſſe hiſch unter lange welch “ ſagte ns ab⸗ viederte Trinken Flüſtern ſey ſo, unſere ler jetzt ſächſt⸗ zu Ge⸗ ergeben ſe. Offen⸗ ptlings heln. r fort, Runde nd lu⸗ Vebba n und dieder⸗ wurde nahte, s und änner t des 695 Harold trat in ſein Zelt und warf ſich in tiefer Träumerei auf das Lager, während ſeine Brüder und Haco ihn ſchweigend bewachten. Endlich nahte ſich Gurth, und mit einer Ehrfurcht, wie ſie in dem vertraulichen Verkehre zwiſchen Beiden nur ſelten vorkam, kniete er neben ſeinem Bruder nieder und faßte Harolds Hand, indem er ihm mit thränenfeuchten Blicken voll in's Geſicht ſchaute. „O Harold!“ hub er an,„noch nie habe ich Dir eine Bitte ge⸗ äußert, die Du nicht gewährt hätteſt: erfülle auch dieſe— die ſchwerſte vielleicht für Dich, aber auch von allen die dringendſte für mich! Glaube nicht, o geliebter Bruder und verehrter König!— glaube nicht, daß ich mit ſchwacher Ehrerbietung die rauhe Hand auf Deine tiefſte Herzenswunde lege; aber wie Du auch überraſcht oder gezwungen wardſt— ſo viel iſt ſicher, daß Du William auf die Reliquien der Heiligen einen Eid ſchwurſt. Vermeide die Schlacht, denn ich ſehe, dieſer Gedanke waltet jetzt in Deiner Seele— er verfolgte Dich heute am Tage in den Worten des Mönchs, und Nachts in dem Anblicke dieſes grauenvollen Lagers.— Vermeide dieſe Schlacht! ſtelle Dich nicht in Waffen gegen den Mann, welchem Du Dich durch Eidſchwur verpflichtet!“ „Gurth, Gurth!“ rief der König bleich und vor Schmerz ſich krümmend. „Wir,“ fuhr ſein Bruder fort,„wir wenigſtens haben keinen Schwur geleiſtet, ſind keines Meineides angeklagt, und vergeblich wur⸗ den die Donner des Vatikans auf unſere Häupter geſchleudert. Unſer Krieg iſt gerecht: wir vertheidigen blos unſer Vaterland. So über⸗ laſſe uns denn den morgigen Kampf; Du ziehe nach London und hebe feiſche Heere aus: wenn wir ſiegen, iſt die Gefahr vorüber, wenn wir unterliegen, wirſt Du uns rächen und England iſt nicht verloren, ſo lange Du noch lebſt.“ „Gurth, Gurth!“ rief Harold abermals mit einer Stimme, in welcher der ſchneidende Vorwurf durchklang. „Gurths Rath iſt gut,“ äußerte Haco kurzweg;„die Weisheit — 606 ſeiner Worte iſt nicht zu bezweifeln. Des Königs Verwandte ſollten die Truppen führen; der König ſelbſt möge mit ſeinen Leibwachen nach London eilen und unterwegs das ganze Land zur Wüſte machen,“ ſo daß William, auch wenn er uns ſchlägt, nirgends Lebensmittel vor⸗ findet; er iſt dann in einem Lande ohne Nahrung und ſein Sieg hier wird ihn nichts nützen, denn noch ehe er vor die Thore von London marſchiren kann, wird mein Lehensherr eine Streitmacht um ſich ver⸗ ſammelt haben, die der ſeinigen vollkommen gewachſen iſt.“ „Wahrhaftig,“ betheuerte Leofwine,„der junge Haco ſpricht wie ein Graubart und hat nicht umſonſt in Rouen gelebt. Höre ihn, mein Harold, und überlaſſe es uns, die Normänner noch ſchärfer zu ſchee⸗ ren, als der Barbier ſie bereits geſchoren hat.“. Harold wandte Ohr und Auge zu Jedem der Sprechenden, und als Leofwine geendet hatte, erwiederte er lächelnd: „Ihr hattet Recht, meine Brüder, mich wegen eines Gedankens zu ſchelten, der mir, noch ehe Ihr ſprachet, in den Sinn gekommen war.“ „Mit der ganzen Armee nach London zu ziehen und dem Nor⸗ mannen die Schlacht zu verweigern, bis unſere Streitkräfte den ſeini⸗ gen gleicher geworden?“ fiel Gurth dem König ängſtlich in die Rede. „Das war mein Gedanke,“ geſtand Harold überraſcht. „So dachte auch ich einen Augenblick,“ verſetzte Gurth traurig; „jetzt aber iſt's zu ſpät. Eine ſolche Maßregel würde uns jetzt die ganze Schmach einer Flucht und keinen einzigen von den Vortheilen eines Rückzuges einbringen. Der Bannfluch der Kirche würde be⸗ kannt; unſere Prieſter, eingeſchüchtert und beunruhigt, könnten ihn gegen uns kehren. Die ganze Bevölkerung würde gebeugt und ent⸗ muthigt; neue Thronbewerber ſtünden auf und das Reich wäͤre ge⸗ ſpalten.— Nein, es iſt unmöglich!“ „Unmöglich,“ wiederholte Harold ruhig.„Wenn aber die * Dieſer Rath wird von dem normänniſchen Chroniſten dem Gurth zu⸗ geſchrieben: er widerſpricht jedoch ſo ſehr dem Charakter dieſes Helden, daß wir ihn lieber dem unbedenklichen Verſtande Haco's in den Mund legten. — — 607 ſollten kankens war.“ Nor⸗ ſeini⸗ Rede. aurig; tzt die theilen de be⸗ en ihn d ent⸗ re ge⸗ er die th zu⸗ „ daß en. Armee ſich nicht zurückziehen kann, ſo iſt der Anführer doch gewiß von allen Maͤnnern der Erſte, welcher Stand halten muß. Ich, Curth, ſoll Andere einem Schickſale überlaſſen, vor welchem ich fliehe!— ſoll dem gottloſen Fluche des Pabſtes dadurch Gewicht geben, daß ich vor ſeinem eitlen Donner zurückweiche! Ich einen Eid beſtätigen und ſanktioniren, von welchem alle Geſetze mich freiſprechen müſſen, indem ich die Sache des Landes verlaſſe, durch deſſen Beſchützung ich mich ſelber reinige! Ich ſoll Anderen die Todesqual der Märtyrer oder den Ruhm des Sieges überlaſſen! Gurth, Du biſt grauſamer als der Normanne! Und ich, Du Sohn von Sweyn, ich, ich ſoll das Land verlaſſen, das meiner Sorge anvertraut iſt, ſoll die Felder ver⸗ heeren, die ich nicht zu behaupten vermag! O Haco, das hieße in der That den Verräther und Abtrünnigen machen. Nein, wie groß auch immer die Sünde meines Schwures ſeyn mag— nie werde ich glau⸗ ben, daß der Himmel Millionen von Menſchen um des Irrthums ei⸗ nes Einzigen willen ſtrafen kann. Laß die Gebeine der Todten wider uns ſtreiten; im Leben waren ſie Menſchen wie wir ſelbſt, und kein Heiliger im Kalender ſteht ſo hoch wie die Freien, die für ihren Herd und ihre Altäre kämpfen. Auch ſehe ich ſogar in dieſer großen Un⸗ gleichheit der Anzahl keinen Grund, um uns zu beunruhigen. Wir brauchen blos unſere Verſchanzungen feſtzuhalten und Mann an Mann unſere unüberwindliche Linie zu behaupten, dann werden die Wogen an unſeren Felſen zerſchellen, und noch ehe die morgige Sonne nieder⸗ ſinkt, werden wir ſie wie die Ebbe verlaufen und die Todten des ge⸗ täuſchten Anführers am Strande zurücklaſſen ſehen.“ „Fahrt wohl, ihr meine liebenden Verwandten; küſſet mich, meine Brüder; küſſe mich auf die Wange, mein Haco! Geht nun in Eure Zelte. Schlummert im Frieden und erwacht mit der Trompete zu dem frohen Muthe eines edlen Krieges!“ Langſam verließen die Earls ihren König; am langſamſten von allen der zogernde Gurth. Als Harold endlich allein war, wa f er einen raſchen unruhigen Blick um ſich, und eilte dann nach dem einfa⸗ ——iü-’ö⸗—gsõ=yõ— 608 chen bildloſen Krucifix, das im hinteren Ende des Zeltes auf ſeinem Fußgeſtelle ruhte. Dort ſiel er auf die Kniee und ſtammelte mit hoch⸗ athmender Bruſt und indem ſeine Geſtalt in der Heftigkeit der Leiden⸗ ſchaft erbebte: „Iſt meine Sünde unverzeihlich, mein Eid unwiderruflich— dann, o Herr der Heerſchaaren, auf mich, auf mich allein falle Dein Fluch! Nicht auf ſie, nicht auf ſie— nicht auf England!“ Einundachtzigſtes Kapitel. Den vierzehnten Oktober 1066 am Tage des heiligen Calixtus war das normänniſche Heer in Schlachtordnung aufgeſtellt. Die Früh⸗ meſſe war vorüber; Odo und der Biſchof von Coutance hatten die Truppen geſegnet und deren Gelübde empfangen, am Jahrestage die⸗ ſes vierzehnten Oktobers nie wieder Fleiſch eſſen zu wollen. Odo hatte ſeinen ſchneeweißen Renner beſtiegen und die Reiterei bereits zum Empfange ſeines Bruders des Herzogs aufgeſtellt. Die Armee war in drei Heerhaufen eingetheilt. Roger de Mont⸗ gommeri und William Fitzosborne führten den erſten; bei ihnen waren die Truppen aus der Picardie, aus der Grafſchaft Boulogne und die feurigen Franken; Geoffric Martel und der berühmte deutſche Fürſt Hugo. Alain Fergant, Herzog der Bretagne und Aimeri, Lord von Thouars führten den zweiten, der die Hauptmaſſe der Bundesgenoſſen aus der Bretagne, der Maine und Poitou in ſich begriff. Beide Heerhaufen waren jedoch mit Normannen unter ihren eigenen inlän⸗ diſchen Führern vermiſcht. Die dritte Heeresabtheilung umfaßte die Blüthe des kriegeriſchen Europa's, die berühmteſten Helden des normänniſchen Stammes; mochten ſie nun, wie die Sires von Beaufou und Harcourt, Abbeville, de Molun, Montſichet, Grantmesnil, Lacie, d'Aincourt und d'Asnie⸗ res die franzöſiſchen Titel führen, in welche ihre uralten ſkandinaviſchen —OQ—Q—ꝭ—C—Q—Q—Q—Q—Q—Q—Q—Q—Q— ſon. jedog Notl auch tegie erſt Reſe ſten ſtung Schi zur weni giſche Toſti Toſte wegi nenn Hith Bulr in di genãh volle gefü⸗ * B. rtus rüh⸗ die die⸗ Odo reits kont⸗ aren d die Fürſt von ſſen peide län⸗ en es; ille, nie⸗ hen —— 609 Namen umgeſtaltet worden waren, oder mochten ſie wie die Osborne und Tonſtain, die Mallet und Bulwer, die Brand und Bruſe* neben ihren zierlicheren Titeln die alten Namen beibehalten, welche über die ganze Oſtſee Schrecken verbreitet hatten. Dieſen Heerhaufen kommandirte Herzog William in eigener Per⸗ ſon. Hier war die Hauptmaſſe jener unvergleichlichen Reiterei, welche jedoch Befehl hatte, jede der beiden andern Diviſionen— wie es die Noth erforderte— zu unterſtützen. Mit dieſem Korps marſchirte auch die Reſerve, denn es iſt merkwürdig zu leſen, wie William's Stra⸗ tegie in Vielem der des letzten großen Eroberers ähnlich war und zu⸗ erſt auf die Wirkung des Angriffs, dann aber auf eine maſſenhafte Reſerve baute, welche den Feind im rechten Augenblicke auf dem ſchwäch⸗ ſten Punkte zu packen habe. Die ganze Reiterei war in vollſtändiger Stahl⸗ oder Kettenrü⸗ ſtung,“** mit Speeren, großen Schwertern und langen birnförmigen Schilden bewaffnet, welche als Deviſe ein Kreuz oder einen Drachen zur Schau trugen.*** Die Bogenſchützen, von denen William nicht wenig erwartete, waren zahlreich in jedem der drei Armeekorps ver⸗ * Osborne— Abbiorn— einer der verbreitetſten däniſchen und norwe⸗ giſchen Namen. Tonſtain, Touſtain oder Toſtain, daſſelbe was Toſti oder Toſtig— däniſch.(Harold's Bruder heißt in den normänniſchen Chroniken Toſtain oder Touſtain.) Der Name Brand kommt im Däniſchen und Nor⸗ wegiſchen häufig vor; Bulwer, ſo auch Bulver, iſt norwegiſch— letztere Be⸗ nennung erſcheint in Chroniken lange vor der Eroberung(woher Bulver⸗ Hithe); der berühmte Skalde und Krieger in Harold Hardrada's Armee hieß Bulvar oder Bölver. Bruſe, der Ahnherr des unſterblichen Schotten, trägt in dieſem berühmteſten aller Namen das Zeugniß ſeiner ſkandinaviſchen Geburt. ** Dieſe Panzerketten ſcheinen damals noch auf Leinwand: Tuch auf⸗ genäht worden zu ſeyn. In der ſpäteren Zeit der Kreuzzüge waren ſie kunſt⸗ voller gearbeitet— die Kettenglieder ohne jede andere Unterlage in einander gefügt. *** S. die Stickereien zu Bayeux. Bulwer, Harold. 39 610 treten* und weit leichter— nur mit Helmen, ledernen oder gepolſter⸗ ten Panzerhemden und Beinſchienen oder Kamaſchen— bewaffnet. Ehe jedoch die Führer und Häuptlinge auf ihre verſchiedenen Poſten ſich verfügten, verſammelten ſie ſich bei William. Dieſen hatte Fitzosborne zeitig geweckt und er war noch nicht in ſeinen ſchwe⸗ ren Harniſch gehüllt, damit Jedermann an ſeinem Halſe einige von den Reliquien ſehen konnte, die er aus der Zahl derer, worauf Harold ſei⸗ nen fatalen Schwur geleiſtet, auserleſen hatte. Auf einer Anhöhe vor der Front ſeiner Linien ſtehend, das geweihte Banner hinter ihm und Bayard, ſeinen ſpaniſchen Streithengſt, von den Reitknechten zur Seite gehalten, converſirte der Herzog in lebhaftem Tone mit ſeinen Baronen, oftmals auf die Reliquien deutend. Dann legte er vor Aller Augen ſeinen Harniſch an, wobei ihm ſeine Knappen in der Haſt das Rückenſtück zuerſt reichten. Die abergläubiſchen Normannen be⸗ trachteten dies als ein ſchlimmes Vorzeichen. „Pah!“ rief der raſchbeſonnene Führer;„nicht auf Vorzeichen oder Ahnungen, ſondern auf Gott vertraue ich! Und dies iſt in der That ein gutes Omen, das den Zweifelhafteſten ermuthigen ſollte, denn es bedeutet, daß der Letzte der Erſte— daß das Herzogthum ein Königreich und der Graf ein König werden wird! Heda, Rou de Terni, als erblicher Standartenträger behaupte Dein Recht und halte ſtandhaft an jener heiligen Fahne.“ „Grant merci,“ ſagte de Terni,„nicht heute ſoll die Fahne von mir getragen werden, denn ich brauche meinen rechten Arm zur Füh⸗ rung des Schwerts und meinen linken zum Halten des Zügels und meines ſchützenden Schildes.“ „Du haſt Recht, und wir können einen ſolchen Krieger nur ſchwer entbehren.— Gautier Giffart, Sire de Longueville, Dir ſey die Fahne anvertraut.“ „Beau Sire,“ erwiederte Gautier;„par Dex, Merci. Mein * Die Armbruſt kommt auf den Stickereien zu Bayeux nirgends vor— die normänniſchen Bogen ſind nicht lang. lſter⸗ . henen ieſen hwe⸗ mden ſei⸗ höhe ihm nzur einen vor Haſt nbe⸗ ichen der ollte, mein u de halte von Füh⸗ und hwer die Nein ur— Haupt iſt grau, mein Arm iſt ſchwach, und die wenige Stärke, die mir übrig geblieben, möchte ich dazu verwenden, die Engländer an der Spitze meiner Leute zurückzudrängen.“ „Per la resplendar Dé,“ rief William zürnend—„ſeyd Ihr gemeint, meine ſtolzen Vaſallen, mir in dieſer großen Noth zu ent⸗ ſtehen?“ „Nein,“ verſetzte Gautier;„aber ich habe eine große Schaar von Reitern und Söldnern— werden dieſe ohne den alten Mann an ihrer Spitze gleich tapfer kämpfen?“ „So tritt Du vor, Tonſtain le Blanc, Sohn von Rou,“ gebot William;„Dir ſey die Fahne anvertraut, welche noch vor Einbruch der Nacht über der Stirne Deines Königs wehen ſoll!“ Ein junger Ritter, ſchlank und kräftig gleich ſeinem rieſigen Ahnherrn, trat vor und legte die Hand an's Banner. William war nun bis auf den Helm vollſtändig gewappnet und ſprang mit einem Satze auf ſein Streitroß. Ein Ruf der Bewunde⸗ rung ſchallte durch die Reihen der Ritter und Grafen. „Saht Ihr noch je einen ſo ſtattlichen König?“* rief der Vi⸗ comte de Thouars. Der Ruf wurde von den Linien erwiedert und wiederhallte weit und breit durch das Heer, als William mit ſeiner vollen Majeſtät in Miene und Haltung dahinſprengte und die Hand erhebend den lauten Jubel verſtummen machte, worauf er hell wie eine Trompete mit ſilber⸗ nem Klange' ſeine Schlachtrede alſo begann: „Normänner und Krieger, längſt berühmt im Munde der Men⸗ ſchen und jetzo geweiht durch den Segen der Kirche!— Ich habe Euch nicht blos um meiner Sache willen über die weite See herübergeführt — was ich gewinne, gewinnt auch Ihr. Erobere ich das Land, ſo ſollt Ihr es mit mir theilen. Thut Euer Beſtes und ſchonet Nie⸗ mand— kein Rückzug und keinen Pardon! Ich bin nicht wegen mei⸗ ner Sache allein hieher gekommen, ſondern um unſere ganze Nation * Beau rei, heißt's in der Chronik. 39° 612 für die Treuloſigkeiten jener Engländer zu rächen. Sie ſchlachteten unſere Verwandten, die Dänen, in der Nacht von St. Brice; ſie mor⸗ deten Alfred, den Bruder ihres letzten Königs, und metzelten die Nor⸗ mannen, welche mit ihm waren. Dort ſtehen ſie— Verbrecher, die ihr Gericht erwarten! und Ihr ſeyd die Richter! Noch nie waren jene Engländer ſogar in einer guten Sache durch ihren Kriegsruhm oder ſoldatiſchen Geiſt berühmt.* Bedenket, wie leicht die Dänen ſie un⸗ terjochten! Seyd Ihr geringer als die Dänen, bin ich weniger als Canut! Durch den Sieg erlangt Ihr Rache, Ruhm, Ehren, Län⸗ dereien, Beute— ja eine Beute, welche Eure wildeſten Träume über⸗ ſteigt. Eine Niederlage— auch nur der Verluſt des Schlachtfeldes— überliefert Euch rettungslos dem Schwerte des Feindes! Ein Ent⸗ rinnen gibt es nicht, denn die Schiffe ſind unbrauchbar: vor Euch habt Ihr den Feind, hinter Euch den Ocean!— Normänner, erin⸗ nert Euch der Thaten Eurer Landsleute in Sicilien! Sehet vor Euch ein Sicilien, noch reicher als jenes! Lordſchaften und Ländereien den Lebenden— Ruhm und ewiges Heil allen Denen, die unter dem Banner der Kirche ſterben! So ſtimmet denn an den Ruf der nor⸗ männiſchen Krieger, jenen Ruf, vor welchem die kühnſten Palatine Bur⸗ gunds und Frankreichs ſooft gefbohen— Noͤtre Dame et Dex aide!?“** Mittlerweile hatte Harold, nicht minder wachſam und in ſeiner Strategie nicht weniger geſchickt, das Heer der Engländer geordnet. Er formirte zwei Heerhaufen— den einen vor der Front der Ver⸗ ſchanzungen, den andern hinter dieſen. Bei dem erſten waren es die Männer von Kent, welche ſeit unvordenklichen Zeiten die Ehre des Vortritts unter Hengiſts berühmtem Banner, dem bleichen Streit⸗ roſſe— für ſich anſprachen. Dieſe Streitmacht war in der Form des anglo⸗däniſchen Keils aufgeſtellt; die vorderſten Reihen des Dreiecks in ſchwerer Rüſtung, alle mit ihren großen Streitärten bewaffnet und mit rieſigen Schilden ſich ſchützend. Hinter dieſen Reihen im Innern *. Wilhelm von Poitiers. **„Dieu nous aide.“ — 613 des Keiles ſtanden die Bogenſchützen, durch die vorderen Glieder der Schwerbewaffneten gedeckt; während die wenigen Reiter— gering an Anzahl, verglichen mit der normänniſchen Kavallerie— kunſtreich auf ſolchen Punkten vertheilt waren, wo ſie die furchtbaren Geſchwader, mit denen ſie blos ſcharmuziren ſollten, ohne ſich der Gefahr eines wirklichen Zuſammentreffens auszuſetzen, am Beſten beunruhigen und zertheilen konnten. Andere Haufen von Leichtbewaffneten, Schleude⸗ rer, Bogenſchützen und Leute mit Wurfſpeeren waren an ſorgfältig ausgewählten Stellen vertheilt, wie ſie gerade hinter Bäumen, Ge⸗ büſchen und Gräben am beſten Schutz fanden. Die Northumbrier (das heißt die ganze kriegeriſche Bevölkerung nördlich vom Humber mit Einſchluß von Yorkſhire, Weſtmoreland„Cumberland u. ſ. w.) — zu ihrer damaligen Schande und ſpäterem Verderben geſchah es— fehlten auf dem Schlachtfelde bis auf einige Wenige, die ſich auf Ha⸗ rold's Marſche nach London an ihn angeſchloſſen hatten: dafür ſah man aber die gemiſchten Stämme von Hertfordſhire und Eſſex mit den reinen Sachſen aus Suſſer und Surrey und einer ſtarken Abthei⸗ lung derber Anglo⸗Dänen aus Lincolnſhire, Ely und Norfolk nebſt den Kriegern aus Dorſet, Somerſet und Glouceſter— ſie alle halb von brittiſchem Blute abſtammend. Sie waren ſämmtlich nach jener rührenden ergreifenden Taktik geordnet, wie ſie eine Nation bezeichnete, welche mehr an Vertheidi⸗ gung als an Eroberung gewöhnt war. Das Haupt jeder Familie führte ſeine Verwandten und Söhne auf's Schlachtfeld; je zehn Fa⸗ milien(dies nannte man ein Tything) waren unter ihrem eigenen er⸗ wählten Hauptmanne vereinigt; zehn ſolcher Tythings hatten wieder einen höheren Führer, der dem Volke im Frieden theuer war, und ſo breitete ſich der heilige Cirkel über Haushalt, Dorf und Stadt, daß die Krieger, unter ihrem Earl zu einer Grafſchaft verbunden, unter den Augen ihrer eigenen Verwandten, ihrer Freunde, Nachbarn und erwählten Häuptlinge in den Kampf gingen. Was Wunder, wenn ſie tapfer fochten! 614 Die zweite Heeresabtheilung begriff Harold's Hausdiener oder Leibwache— die Veteranen, welche ſeiner Familie beſonders anhäng⸗ lich waren— die Gerährten ſeiner ſiegreichen Feldzüge— eine auser⸗ leſene Bande kriegeriſcher Oſtangeln— die Soͤldner aus London und Middleſex, welche ſowohl in Bewaffnung und Mannszucht als in krie⸗ geriſchem Geiſte und athletiſcher Abhärtung zu den ſtahlfeſteſten aller Truppen gehörten, wie ſchon ihre Abſtammung von den kriegeriſchen Dänen und den kernigen Sachſen bewährte. Zu dieſer Diviſion gehörte auch die Reſerve. Sie war ganz von Palliſaden und Bruſtwehren umringt, welche blos drei Ausgänge hatten, wo die Vertheidiger ausfallen oder der Vortrab im Nothfalle den Rückzug decken konnte. Alle Schwerbewaffneten trugen Panzer und Schilde, ähnlich denen der Normannen, nur weniger gewichtig; die Leichtbewaffneten hatten eine Tunika von abgenähter Leinwand oder Leder, Helme aus letzterem Stoffe, Speere, Wurſſpieſe, Schwerter und Keulen. Die Hauptwaffe des Heeres bildete jedoch der große Schild und die mächtige Streitaxt, geſchwungen von Männern, welche der Mehrzahl der Normannen, deren Race theils durch Zwiſchenheirathen mit den zarteren Franken, theils durch die hochmüthige Verachtung des Fußdienſtes abgenommen hatte, an Statur und Muskelkraft überlegen waren. Auf einem leichten behenden Renner, der nicht zum Reiterkampfe beſtimmt war,(es galt nämlich als Sitte der engliſchen Könige, zum Zeichen, daß da, wo ſie ſtritten, von keinem Rückzug die Rede war, zu Fuß zu fechten,)“ ſondern den Reiter nur raſch von Linie zu Linie tragen ſollte, ſprengte König Harold, umgeben von ſeinen Brüdern, an die Spitze des Vortrabs. Sein Haupt war wie das ſeines großen Gegners entblößt, und einen auffallenderen Kontraſt konnte es nicht geben, als ihn die breite runzelloſe Stirne des Sachſen mit ihren * Als daher Earl Warwick, der Königsmacher, in der Schlacht hei Bar⸗ net ſein Roß erſchlug und zu Fuß kämpfte, folgte er nur der alten traditio⸗ nellen Sitte ſächſiſcher Häuptlinge. ——-— — 1 2 615 ſchönen Locken, dem Zeichen der Freiheit und königlicher Würde, auf der Stirne geſcheitelt und bis zur Schulter herabreichend, das klare ſtandhafte blaue Auge, die Wange von königlichen Sorgen angegriffen, aber nun von männlichem Stolze geröthet, die aufrechte eiſenfeſte Geſtalt, mager in ihrem graziöſen Ebenmaß und all' des theatraliſchen Pompes entbehrend, welchen William in ſeiner Haltung zur Schau trug— einen größeren Kontraſt konnte es nicht geben, als ihn der einfache ernſte Heldenkönig darbot, verglichen mit der von heſtigem Jähzorn und politiſcher Argliſt gefurchten Stirne, dem in mönchiſcher Affekta⸗ tion geſchorenen Haupte, dem ſchwarzen funkelnden Tigerauge und den rieſigen Verhältniſſen, welche den Betrachtenden in Geſtalt und Haltung des gebietenden Normannen einſchüchterten. Tief und laut und herzlich wie der Kriegsruf, womit William von ſeinen Ge⸗ ſchwadern begrüßt worden, war der, welcher den König des engliſchen Heeres bewillkommte: klar und voll und wohlgeübt im Sturme der Volksverſammlung drang ſeine Stimme die lauſchenden Reihen hinab. „Heute, o Freunde und Engländer, Söhne unſeres gemeinſamen Vaterlandes— heute fechtet Ihr für die Freiheit. Der Graf der Normannen hat zwar eine mächtige Armee; ich will Euch deren Stärke nicht verhehlen. Dieſe Armee hat er geſammelt, indem er jedem Manne einen Antheil an Englands Raub verſprach. Schon hat er an Hof und Lager die Ländereien dieſes Königreichs vertheilt, und trotzig ſind die Räuber, die in der Hoffnung auf Plünderung fechten! Aber er kann ſeinem größten Häuptlinge keine edleren Güter verſpre⸗ „chen, als ich ſie meinen geringſten Freien anbiete— ich meine Freiheit, Recht und Geſetz auf dem Boden ſeiner Väter! Ihr habt gehört von dem Elend, das unſer Land in alten Zeiten unter den Dänen zu erdul⸗ den hatte; es war gering, verglichen mit dem, was Ihr von dem Nor⸗ mannen erwarten dürfet. Der Däne war in Sprache und Geſetz mit uns verwandt, und wer kann jetzt den Sachſen vom Dänen unterſchei⸗ den? Jene aber würden Euch in einer Sprache die Ihr nicht kennt 616 und nach einem Geſetze regieren, das die Krone nach dem Rechte des Schwertes anſpricht und das Land unter die Söldlinge einer Armee vertheilt. Wir tauften den Dänen, und die Kirche zähmte ſeine wilde Seele zum Frieden: jene Männer aber machen die Kirche ſelbſt zu ihrem Bundesgenoſſen und marſchiren unter ihrem zur ſchändlichſten aller menſchlichen Unbilden entweihten Banner in Schlacht und Blut⸗ bad. Der Auswurf aller Nationen ſteht Euch gegenüber: Ihr fechtet als Brüder unter den Augen Eurer Väter und erwählten Häuptlinge, fechtet für die Weiber, die Ihr vor dem Lüſtling bewahren— für die Kinder, die Ihr vor ewiger Knechtſchaft erretten möchtet— fechtet für die Altäre, welche jenes Banner bedroht! Der ausländiſche Prieſter iſt ein ebenſo ſtrenger und grauſamer Tyrann, wie Ihr den ausländi⸗ ſchen Baron und König finden werdet! Daß mir Keiner von Rückzug träume: jeder Zoll, den Ihr zurückweichet, gehört dem Boden Eures Geburtslandes. Was mich betrifft— ich will auf dieſem Schlachtfeld Alles einſetzen. Denkt, daß mein Auge auf Euch ruht, wo Ihr auch ſeyn möget; wo eine Linie wankt oder weicht, werdet Ihr mitten unter Euch die Stimme Eures Königs vernehmen. Haltet feſt an Euren Gliedern; erinnert Euch, Ihr, die Ihr mit mir gegen Hardrada foch⸗ tet— erinnert Euch, daß unſere Waffen dann erſt ſiegten, als die Nordmänner in unbeſonnenen Ausfällen ihre gedrängte Schlachtord⸗ nung auflösten. Laßt Euch ihren tödtlichen Fehler zur Warnung dienen: brechet nie aus Euren Kampfreihen, und mit dem Worte eines Kriegers, der noch nie ohne Sieg das Schlachtfeld verließ, ſage ich Euch— Ihr könnt nicht geſchlagen werden. Noch während ich rede, ſchwellen die Winde die Segel der norwegiſchen Schiffe, welche⸗ Hardrada's Leiche nach Hauſe tragen. Vollendet heute den neulichen Triumph Englands, auf daß Ihr auf dieſen Hügeln einen neuen Berg von beſiegten Todten anhäufet! Und wenn einſt in fernen Zeiten und fremden Landen Skalden und Wahrſager die Tapferen um einer kühnen Waffenthat in heiliger Sache verrichtet preiſen werden, ſo ſollen ſie ſagen: ————— er w Heere geſchl lung unſer den J lange welch ware ſchim die F wider vor i tiſche das 617 ter war tapfer, wie Die, welche an Harold's Seite fochten und die Heere des hochmüthigen Normannen von Englands Raſen fegten.““ Kaum hatten die ſtürmiſchen Hurrah's der Sachſen dieſe Rede geſchloſſen, als ſie nordweſtlich von Haſtings der erſten Heeresabthei⸗ lung des Feindes anſichtig wurden. „Wenn das Alles iſt, was ſie auszuſenden wagen, ſo iſt der Tag unſer,“ ſagte Harold zu Gurth, als er dieſe Diviſion bemerkte, ohne den Marſch der anderen Abtheilungen zu gewahren. „Blick dorthin!“ verſetzte der düſtere Haco und deutete auf die lange Schlachtreihe, die nunmehr aus dem Walde vorbrach, durch welchen die ſächſiſchen Späher die Nacht zuvor gekommen; und kaum waren dieſe Kohorten aufmarſchirt, als ein dritter Heerhaufen, die ſchimmernde Ritterſchaar unter dem Herzoge ſelber, heranrückte. Alle drei Diviſionen ſchritten gleichzeitig zum Angriff, zwei gegen die Flügel des ſächſiſchen Vortrabs, die dritte— die Normannen— wider die Verſchanzungen. Mitten in der herzoglichen Heerſchaar wehte die geweihte Fahne; vor ihr und der ganzen Linie ritt ein merkwürdiger Krieger von gigan⸗ tiſcher Größe. Und der Krieger ſang: „Stimmend an den luſt'gen Sang Von Roland und von Charlemagne, Von jenen auch, unſterblich All', So fielen einſt zu Roncesval.“* Und die Ritter, ihre Hymnen und Litaneien aufgebend, ſtimmten ein in den kriegeriſchen Chor, der ſich durch die geſchloſſenen Helme heißer genug ausnahm. Der Sänger, der vor dem Herzog und dem Reitergeſchwader her⸗ * Devant li Dus alout cantant De Karlemaine à de Rollant. Ed' Olever e des Vassalls Ki morurent en Ronchevals. Roman de Rou, II. Th. V. 13151. Franzöſiſche Alterthumsforſcher haben ſich alle erdenkliche Mühe gegeben, das alte Rolandslied aufzufinden— bis jetzt vergeblich. 618 ritt, ſchien außer ſich in der Begeiſterung der Schlacht. Während. dem ſe des Singens ſein Schwert gleich einem Gaukler in die Luft werfend, Speer fing er es gewandt im Niederfallen auf“ und ſchwang es mit wilder Gebärde, bis er, unfähig ſeine wilde Fröhlichkeit zurückzuhalten, ſeinem nämli Roſſe die Sporen einſetzte und bis vor die Front einer Abtheilung geeilt ſächſiſcher Reiter hingaloppirte. die no „Ein Taillefer! Ein Taillefer!“ rief er, die Feinde mit Stimme einen und Gebärde zum Einzelkampfe herausfordernd. Siche Ein feuriger junger Than, der die romaniſche Sprache verſtand, neben brach vor und kreuzte ſein Schwert mit dem Poeten; aber Taillefer hatte kaum ſein Schwert mehr mit der Kunſtfertigkeit eines Gauklers leute als mit der eigentlichen Fechtkunſt eines Ritters zum zweitenmale in die Luft geworfen und mit unglaublicher Behendigkeit aufgefangen, als Lands er dem unglücklichen Sachſen den Kopf bis zum Kinn ſpaltete und mit ten A wildem Lachen und Jubel über ſeinen Körper wegſetzte, um ſeine Aus⸗ Gele forderung zu erneuern. Ein Zweiter ritt vor und theilte daſſelbe Schickſal. ſollten Der Reſt der engliſchen Reiter betrachtete ſich mit entſetzten ſang Blicken: der jauchzende, ſingende, gaukelnde Rieſe ſchien ihnen kein Verſe Ritter, ſondern ein Teufel; und dieſer einzige Zwiſchenfall, welcher der Schlacht im Anblicke des ganzen Feldes voranging, hätte wohl hinge⸗ reicht, die Kampfeshitze der Engländer zu dämpfen, wenn nicht Leof⸗ wine, von dem Könige mit einer Botſchaft nach den Verſchanzungen entſendet, vor den Reiterhaufen geſprengt wäre. Sein munterer etwa⸗ Geiſt fühlte ſich durch den Uebermuth des Normannen und die offen⸗ im R bare Beſtürzung der ſächſiſchen Reiter angeſtachelt, und ſeiner ernſteren Waff Pfli hten vergeſſend, ſpornte er ſeinen leichten halbgeharniſchten Renner Heer⸗ gegen den normänniſchen Rieſen. Ohne ſein Schwert zu ziehen, blos und den Speer über ſeinem Haupte ſchwingend und ſeine Geſtalt mit dem beide Schilde deckend, rief er in romaniſcher Sprache: die e „Geh' und ſinge den Furien vor, Du krächzender Orpheus.“ wied Taillefer machte einen Ausfall; ſein Schwert zerſplitterte aber an * W. Pict. Chron. de Nor. 3 taug 619 dem ſächſiſchen Schilde und im ſelben Augenblicke fiel er, von dem Speere des Sachſen durchbohrt, eine Leiche unter die Hufe ſeines Roſſes. Ein Wehegeſchrei, worein ſelbſt William einſtimmte,(dieſer war nämlich, ſtolz auf die Künſte ſeines Poeten, zu der vorderſten Linie voran⸗ geeilt, um dieſes neueſte Zuſammentreffen mitanzuſehen,) drang durch die normänniſchen Reihen, während Leofwine bedächtig auf ſie zuritt, einen Augenblick anhielt und dann ſeinen Speer mit ſo tödtlicher Sicherheit in ihre Mitte abſchleuderte, daß ein junger Ritter, der zweite neben William, in ſeinem Sattel wankte und ſtöhnend niederſank. „Nun Ihr Normänner, wie gefallen Euch die ſächſiſchen Spiel⸗ leute?“ rief Leofwine, langſam umdrehend. Sobald er den Reiterhaufen erreicht hatte, ermahnte er ſeine Landsleute, die erhaltenen Befehle ſorgfältig zu beachten und den direk⸗ ten Angriff der normänniſchen Ritter zu vermeiden, wogegen ſie jede Gelegenheit zur Beläſtigung und Ablenkung der Zerſtreuten benützen ſollten. Als wäre er durch den normänniſchen Minſtrel begeiſtert, ſang er ſofort mit heller Stimme einen ſächſiſchen Vers und ritt in die Verſchanzungen. Zweiundachtzigſtes Kapitel. Die beiden Brüder von Waltham, Osgood und Ailred, hatten etwas nach Tagesanbruch den Punkt erreicht, wo etwa eine halbe Meile im Rücken von Harolds Palliſaden die Laſtthiere, welche die ſchweren Waffen und Geſchoſſe, das Gepäck und die Fourage des ſächſiſchen Heeres getragen, hinter dem eingezäunten Hofe eines Pachthauſes und in deſſen Nähe aufgeſtellt waren. Mancherlei Menſchen von beiden Geſchlechtern und verſchiedenem Range waren dort verſammelt, die einen in athemloſer Erwartung, andere in ſorgloſem Geplauder, wieder andere in inbrünſtigem Gebet. Der Herr des Pachthofes war mit ſeinen Söhnen und den hiezu tauglichen Ceorls ſeines Haushaltes unter Gurth als dem Earl der 620 Grafſchaft zu des Königs Streitkräften geſtoßen;“ aber viele betagten Theowen, welche über den Kriegsdienſt hinaus waren, und junge Kin⸗ der, die erſten indolent und gleichgültig, die letzten neugierig plaudernd, lebendig und heiter, ſtanden in Gruppen zuſammen. Auch einige Soldatenweiber waren zu ſehen, welche ihren Männern, wie gewöhnlich bei ſächſiſchen Expeditionen, ins Feld gefolgt waren; neben ihnen die Frauen manches Hlafords aus den benachbarten Diſtrikten, welche ihren Gebietern nicht minder treu als die Weiber geringerer Männer, durch ihre engliſchen Herzen zu der Stelle der Entſcheidung gezogen wurden. Eine kleine halbverfallene Holzkapelle ſtand mit weit geöff⸗ neten Thüren etwas weiter rückwärts— eine Freiſtätte im Falle der Noth, deren Inneres von knieenden Betern wimmelte. Die beiden Mönche traten mit frommer Heiterkeit zu einigen ihrer Berufsgenoſſen, die ſich über die niedere Mauer lehnten und ihre Blicke auf das ſtarrende Schlachtfeld hefteten. Etwas abſeits von ihnen wie von Allen ſtand ein Weib, den Schleier über's Geſicht ge⸗ zogen, ſtumm in ihren unbekannten Gedanken. Allmälig als der Marſch der normänniſchen Maſſen hohler klang, und Trompeten, Pfeiſen und Schreien in manchem ſtürmiſchen Anfalle die Luft erfüllte, kamen die beiden Aebte im ſächſiſchen Lager mit den ſie begleiten⸗ den Mönchen von den Verſchanzungen her gegen den Pachthof geritten. Emſig und voller Haſt drängten ſich die Gruppen um dieſe neuen Ankömmlinge. „Die Schlacht hat begonnen,“ ſagte der Abt von Hide ernſthaft. „Betet zu Gott für England, denn nie hat ſeinem Volke größere Ge⸗ fahr von Menſchenhänden gedroht.“ Das Weib fuhr zuſammen und ſchauderte bei dieſen Worten. „Und der König, der König?“ rief ſie plötzlich mit bebender Stimme;„wo iſt er?— der König?“ * Nach Sir F. Palgrave's ſcharfſinniger Vermuthung war nänlich bei der Zerſtücklung der großen Grafſchaft Weſſer in Folge Harold’s Thronbeſteigung der Theil, welcher Suſſerx(die frühere Statthalterei ſeines Großvaters Wol⸗ noth) begriff, an Gurth gefallen. „ Stand er jetzt heftigſt D bald vo glaubte hin ih ganze( die blei T liebte d gaben die Ka 1 S in ſich und im Rücken ſie den einen Roſſe. Vorw wunde ſeinen beorde daß zu ſetzten bewaf deſſen des T hgten Kin⸗ ernd, inige nlich n die pelche nner, bogen beöff⸗ e der igen ihre von t ge⸗ „und Luft iten⸗ tten. euen zZaft. Ge⸗ nder der ung Vol⸗ 621 „Tochter,“ erklärte der Abt,„des Königs Poſten iſt neben ſeiner Standarte, ich verließ ihn jedoch an der Spitze ſeiner Truppen. Wo er jetzt ſeyn mag, weiß ich nicht— jedenfalls da wo der Feind am heftigſten drängt.“ Die beiden Aebte ſtiegen ab und traten in den Hof, um ſich als⸗ bald von ſämmtlichen Weibern umringt zu ſehen; die armen Seelen glaubten nämlich, die frommen Männer müßten über das ganze Feld hin ihre Gatten geſehen haben, denn jeder war zu Muth, als ob die ganze Gotteswelt nur an dem einzigen Leben hinge, in welchem ſie, die bleiche Zitternde, exiſtirte. Trotz all ſeiner Fehler der Unwiſſenheit und des Aberglaubens liebte der ſächſiſche Klerus wenigſtens ſeine Heerde, und die guten Aebte gaben allen Troſt, der ihnen zu Gebot ſtand, und verfügten ſich dann in die Kapelle, wohin ihnen alle folgten, ſo viele daſelbſt Raum fanden. Der Krieg raste jetzt allenthalben. Die beiden Heerestheile der Angreifer, welche die Bundesgenoſſen in ſich begriffen, hatten den engliſchen Vortrab umſonſt zu umflügeln und im Rücken zu nehmen verſucht— dieſe edle Phalanx hatte keinen Rücken. Am tiefſten und ſtärkſten an der Baſis des Dreiecks ſtreckte ſte dem Feinde allenthalben eine Front entgegen; ihre Schilde bildeten einen Wall gegen die Spieße, ihre Speere eine Palliſade gegen die Roſſe. Unfähig zu den Verſchanzungen zu gelangen, ſo lange dieſe Vorwache das Terrain behauptete, hatte William, nachdem er mit be⸗ wundernder Ueberraſchung deren Stärke in der Nähe betrachtet— ſeinen Plan geändert und ſeine Ritterſchaft zu den anderen Heerhaufen beordert; ſofort mußte ſich die Armee in viele Geſchwader theilen, ſo daß zwiſchen den Bogenſchützen, welche den Hagel ihrer Geſchoſſe fort⸗ ſetzten, breite Zwiſchenräume gelaſſen wurden, worauf er ſein ſchwer⸗ bewaffnetes Fußvolk von allen Seiten gegen den Keil anrücken ließ, um deſſen Reihen für den erwarteten Anfall der Reiterei zu durchbrechen. Harold, noch immer zwiſchen den Männern von Kent in der Mitte des Vortrabs, wurde nicht müde, ſeine Leute mit Hand und Stimme 622 zu beleben; als die Normannen jetzt dichter anrückten, ſchwang er ſich von ſeinem Roſſe und ſchritt mit ſeiner mächtigen Streitaxt dahin, wo der gefährlichſte Anfall drohte. Jetzt kam der Anprall— der Kampf Mann gegen Mann: Speer und Lanze wurden bei Seite geworfen, von jetzt an waltete nur Schwert und Streitart. Aber vor den dichtgedrängten Reihen der Engländer mit ihrer phyſiſchen Stärke und ihrer langjährigen Uebung in den ihnen eigenthümlichen Waffen wurde das normänniſche Fußvolk wie von der Sichel der Schnitter niedergemäht. Umſonſt donnerten in Zwiſchenräumen die wiederholten Angriffe der hitzigen Ritter: um⸗ ſonſt— die Speere und Bolzen trafen ſie alle. Durch die Gegenwart ihres Königs belebt, der gleich dem ge⸗ ringſten Soldaten unter ihnen kämpfte, aber mit raſchem Blicke jede Bewegung vorherſah und ſeine Stimme immer zur Warnung erhob, wichen die Männer aus Kent nicht einen Fuß breit aus ihren unbe⸗ zwinglichen Reihen. Das normänniſche Fußvolk wankte und wich; Schritt fur Schritt, ohne ihre Schlachtordnung zu brechen, drängten die Engländer nach, und ihr Kriegsruf:„Aus! Aus! Heiliges Kreuz!“ übertönte weit das ermattende:„Ha Rou! Ha Rou!— Nötre Dame!“ „Per la resplendar Dé!“ tobte William.„Unſere Soldaten ſind blos Weiber in der Tracht von Normannen. Ho; Speere zum Luft⸗ machen! Mit mir zum Angriff, Sires D'Aumale und De Littain— mit mir, wackerer Bruſe und De Mortain; mit mir De Graville und Grantmesnil— Dev aide! Noͤtre Dame.“ Und an der Spitze ſeiner kühnſten Ritter brach William wie ein Blitzſtrahl über die Schilde und Streitäxte her. — Harold, welcher kaum eine Minute zuvor in einer hinteren Reihe geſtanden, war bereits auf dieſen Angriff gefaßt. Auf ſein Geheiß kniete das vorderſte Glied nieder, ſo daß nur ſeine Schilde und die Spitzen der Speere gegen die Roſſe gekehrt waren, während hinter ihnen, die Art in beiden Fäuſten, die zweite Reihe zum Niederſchmet⸗ tern bereit ſtand und aus dem Herzen des Keils die Geſchoſſe der Bogen der an furchtb nem R ſeinem Reihe baren ſinken feindlie ſtarke E aus de beſte, Reihen 3 war il ihn au S der gr Felde genan Seite eine 1 ſtand verſch „jene leiſtet 628 Bogenſchützen hervorbrachen. Nieder in den Staub ſtürzte die Halfte der angreifenden Ritter. Bruſe wankte im Sattel. D Aumale's furchtbare Rechte fiel von der Art abgehauen; De Graville, von ſei⸗ nem Roſſe geſchleudert, rollte Harold zu Füßen, und William, von ſeinem mächtigen Renner und ſeiner koloſſalen Stärke in die dritte Reihe getragen, wo ſeine eiſerne Keule rechts und links mit furcht⸗ baren Streichen hauste, fühlte plötzlich ſein Roß unter ihm zuſammen⸗ ſinken und hatte kaum Zeit, zurückzuhufen und außer den Bereich der feindlichen Waffen zu gelangen, als ſein ſpaniſcher Hengſt, durch das ſtarke Panzerhemd furchtbar getroffen, todt zu Boden ſtürzte. Seine Ritter ſammelten ſich um ihn: zwanzig Barone ſprangen aus dem Sattel, um ihm ihre Roſſe abzutreten. Er nahm das nächſte beſte, ſprang auf ſeine Füße und in den Steigbügel, und ritt zu ſeinen Reihen zurück. De Graville's Helm, deſſen Bande durch den Sturz losgebrochen, war ihm unterdeſſen vom Haupte gefallen, und eben als Harold gegen ihn ausholen wollte, erkannte er ſeinen Gaſt. Mit der Hand das Nachdrängen ſeiner Leute zurückhaltend, rief der großmüthige König mit kurzen Worten: „Stehe auf und entferne Dich!— Es iſt keine Zeit auf dieſem Felde Gefangene zu machen. Er, den Du einen abtrünnigen Ritter genannt, iſt Dir ein ſächſiſcher Wirth geweſen. Du haſt an ſeiner Seite gefochten und ſollſt nicht von ſeiner Hand ſterben!— Geh.“ Nicht ein Wort ſprach De Graville; ſein dunkles Auge verweilte eine Minute lang mit Mitleid und Ehrfurcht auf dem König: dann ſtand er ſachte auf, drehte ſich um, und langſam, als ob er zu fliehen verſchmähte, ſchritt er über die Leichen ſeiner Landsleute zurück. „Halt, alle Hände!“ befahl der König ſeinen Bogenſchützen, „jener Mann hat unſer Salz gekoſtet und uns früher gute Dienſte ge⸗ leiſtet. Er hat ſein Wehrgeld bezahlt.“ Kein einziger Speer wurde abgeſchleudert. Das normänniſche Fußvolk, zuvor ſchon zurückweichend, hatte 624 nicht ſobald den Herzog(den es an ſeinem Roſſe und an ſeiner Rüſtung erkannte) zu Boden ſtürzen ſehen, als Alle mit dem lauten Rufe —„der Herzog iſt todt!“ ſich umdrehten und in Unordnung eiligſt flohen. Das Glück des Tages hatte ſich nahezu zu Gunſten der Sachſen gewendet, und die Verwirrung der Normänner, als der Ruf—„der Herzog iſt todt!“— ſie erreichte und rings im Heere umlief, wäre unwiderbringlich geweſen, wenn Harold zu Verfolgung des errungenen Votheils genügende Reiterei beſeſſen hätte, oder wenn William nicht ſelbſt mitten unter die Flüchtlinge eingedrungen wäre, wenn er nicht ſeinen Helm auf den Nacken zurückgeworfen und ſein Geſicht, flam⸗ mend von wilder Tapferkeit und trotziger Verachtung, gezeigt hätte. „Ich lebe, Ihr Schurken!“ donnerte er laut.„Seht das Geſicht Eures Führers, der noch nie einem Feiglinge vergab! Ha, zittert mehr vor mir als vor jenen Engländern, ſo ſehr ſie auch verdammt und verflucht ſind! Ihr— Normänner! Ihr! Ich erröthe über Euch.“ Und den Vorderſten mit der Fläche ſeines Schwertes nieder⸗ ſchlagend, ſcheltend, anſtachelnd, drohend, verſprechend— Alles in einem Athem— gelang es ihm endlich, der Flucht Einhalt zu thun, die Reihen von Neuem zu formiren und ihnen den allgemeinen Schre⸗ cken auszutreiben. Als er ſofort ſeine eigenen erwählten Ritter er⸗ reichte und das Feld überſchaute, gewahrte er eine durch die vorge⸗ rückte Stellung des ſächſiſchen Vortrabs entſtandene Lücke, mittelſt deren ſeine Ritter zu den Verſchanzungen gelangen mochten. Er be⸗ ſann ſich eine Weile und ſein noch immer entblößtes Antlitz hellte ſich auf, während er nachſann. Im Umſchauen erkannte er Mallet De Graville, der ſich wieder beritten gemacht hatte, und ſagte kurz: „Pardex, theurer Ritter, wir wähnten Euch bereits bei St. Mi⸗ chael!— Freuet Euch, daß Ihr noch lebt, um bald ein engliſcher Earl zu heißen. Schaut auf, bringt Fitzosborne das Loſungswort, Li Hardiz passent avant!*— Fort und reitet raſch.“ *„Die Kühnen rücken vor.“ T währer deren des Ta Reiter. T Ritterf Vortre A den S führt, er den Führer welche legene von H manne beträch erreich einſan entfer! bückter 7 Bule 6²2⁵ De Graville verbeugte ſich und flog pfeilſchnell über die Ebene. „Jetzt, meine Grafen und Ritter,“ fuhr William munter fort, während er ſeinen Helm ſchloß und ſich von ſeinem Knappen einen an⸗ deren Speer reichen ließ;„jetzt will ich Euch den großen Zeitvertreib des Tages geben. Vertheilt die Loſung, Sire de Tancarville, an jeden Reiter.— Greift an!— Auf die Standarte!“ Die Loſung ging weiter, die Roſſe bäumten und Williams ganze Ritterſchaar ergoß ſich über die Ebene in den Rücken des ſächſiſchen Vortrabs und gegen die Verſchanzungen. Als Harold, dieſen neuen Plan entdeckend, ſeine Gegenwart bei den Schanzen nöthiger ſah, ließ er die Bataillone, die er ſeither ge⸗ führt, Halt machen, und indem er den Befehl an Leoſwine abtrat, gab er den Truppen noch einmal die kurze aber ſtrenge Ermahnung, ihre Führer wohl zu beachten und um keinen Preis den Keil zu brechen, welcher ihre einzige Stärke gegen die Reiterei wie gegen die über⸗ legene Anzahl des Feindes bildete. Dann ſtieg er zu Pferd, um einzig von Haco begleitet eiligſt davon zu ſprengen. Da er die den Nor⸗ mannen entgegengeſetzte Richtung einzuhalten hatte, ſo mußte er einen beträchtlichen Umweg machen, um die Rückſeite der Verſchanzungen zu erreichen, und der Pachthof mit ſeinen wachſamen Gruppen kam ihm hiebei zu Geſicht. Man konnte die Gewänder der Frauen unterſchei⸗ den und Haco ſagte zu ihm: „Dort warten die Weiber, um die lebenden Sieger zu bewill⸗ kommen.“ „Oder ihre Gebieter unter den Todten zu ſuchen!“ gab Harold zur Antwort.„Wer wird nach uns ſehen, Haco, wenn wir fallen?“ Kaum hatte das Wort ſeine Lippen verlaſſen, als er unter einem einſamen Dornbuſch, kaum einen Bogenſchuß von den Verſchanzungen entfernt, ein Weib ſitzen ſah. Der König blickte ſcharf nach der ge⸗ bückten verſchleierten Geſtalt. „Arme Unglückliche!“ murmelte er,„ihr Herz iſt in der Schlacht! Bulwer, Harold. 40 — Weiter weg! Weiter weg!— Der Krieg dringt bis hierher!“ rief er laut.. Beim Klange dieſer Stimme erhob ſich das Weib, breitete ihre Arme aus und ſprang ihm entgegen. Alleein die ſächſiſchen Häupt⸗ linge hatten ihre Geſichter bereits nach dem benachbarten Eingange der Bruſtwehr gewendet, ohne ihre Bewegung zu gewahren, während das Trappeln der heranſtürmenden Roſſe, das Brüllen und Toben des lärmenden Kriegs den Weheruf ihrer ſchwachen Stimme übertäubte. „Ich habe ihn noch einmal— noch ein Mal gehört! Gott ſey gelobt!“ flüſterte das Weib und ſetzte ſich wieder ruhig unter den ein⸗ ſamen Dornbuſch. Als Harold und Haco innerhalb der Baſtion abſtiegen, ertönte der Ruf:„der König— der König! Heiliges Kreuz!“ noch zeitig genug, um die Streitmacht, welche nunmehr dem vollen Anpralle der normänniſchen Reiterei ausgeſetzt war, am vorderen Ende zu vereinigen. Das Weidengeflecht der Wälle war bereits von den Hufen der Roſſe und den Hieben der Schwerter niedergeworfen; die ſcharfen Spitzen an den Stirnſchilden der normänniſchen Streitroſſe bohrten bereits in die Verſchanzung, als Harold mitten im Höhepunkte des Gefechts anlangte. Mit ihm wandte ſich die Fluth; nicht einer der hitzigen Reiter verließ die Schanzen, die ſie bereits überſprungen hat⸗ ten; unter den gewichtigen Streitärten ſtürzte Roß und Rüſtung nie⸗ der, und William, abermals zurückgewieſen, mußte ſeine Reiterei in der widerſtrebenden Ueberzeugung zurückziehen, daß dieſe Bruſtwehren, ſo bemannt, ſich nicht durch Reiterchargen erobern ließen. Langſam zogen die Ritter den Abhang des Hügels hinab, und ohne Harolds Warnungsruf hätten die Engländer, durch dieſen An⸗ blick befeuert, ihre Veſte der Verfolgung halber verlaſſen. Die alſo gewonnene Pauſe wurde raſch und kräftig zur Wiederherſtellung der Palliſaden verwendet. Sobald das geſchehen war, wendete ſich Harold in fröhlichem Tone zu Haco und den umſtehenden Thanen: „Mit des Himmels Hülfe werden wir den Tag dennoch gewinnen! Wißt J mir ſeit meiner Jugend des No hatte: aberma Geburt welche! oder der klang e⸗ durch de H der übe Stahl * Nach T 14. Okt o r d 627 Wißt Ihr nicht, daß es mein Geburtstag iſt— der Tag, an welchem mir ſeither im Frieden wie im Kriege noch Alles glückte.— Der Tag meiner Geburt?“ „Dein Geburtstag!“ wiederholte Haco überraſcht. „Ja— wußteſt Du's nicht?“ „Nein!— ſonderbar!— Es iſt auch Herzog Williams Geburts⸗ tag.— Was würden die Aſtrologen zu dem Zuſammentreffen dieſer Sterne ſagen?* Harolds Wange erbleichte, aber ſein Helm verbarg die Bläſſe— der Arm ſank ihm am Leibe herab. Der merkwürdige Traum ſeiner Jugend kam ihm wieder deutlich vor Augen, wie er ihn vor der Halle des Normannen beim Anblicke der geſpenſtigen Reliquien geſehen hatte: da war abermals jene ſchattenhafte Hand aus den Wolken— abermals jene murmelnde Stimme:„ſchau das Geſtirn, das bei der Geburt des Siegers leuchtete;“ abermals hörte er Hilda's Worte, welche den Traum deuteten— abermals jenen Geſang, den der Todte oder der Erzfeind der ſtarren Vala in den Mund gelegt hatte. Noch klang er ihm in den Ohren; dumpf wie eine Todtenglocke läutete er durch das Brüllen der Schlacht— Nimmer Raubt Gewalt der Krone Schimmer: Bis die Todten ohn’ Erbarmen Hetzen Kriegsroſſ' um den Armen; Bis die Sonn' im letzten Lauf Ruft die Gegenſterne auf: Wann das Kriegsroß um den Armen Todte tummeln ohn'’ Erbarmen. Hier ſchwand die Viſion, es erſtarb der Geſang wie der Hauch, der über den Stahlſpiegel hinzieht. Der Hauch war fort— der feſte Stahl abermals helle und der König fühlte ſich plötzlich durch lautes * Harolds Geburtstag fiel unzweifelhaft auf den vierzehnten Oktober. Nach Mr. Roscoe(„Leben Williams des Eroberers“) war auch William am 14. Oktober geboren. 40* 628 Rufen und Schreien, das, von dem gellenden Siegesrufe der Norman⸗ nen übertäubt, von dem entfernteren Ende des Kampfplatzes herüber⸗ drang, zum Bewußtſeyn der Gegenwart zurückgerufen. Das an Fitzosborne abgegangene Loſungswort hatte dieſem Füh⸗ rer den Befehl überbracht, den Scheinangriff gegen die ſächſiſche Vor⸗ hut und ſpäter die verſtellte Flucht zu beginnen, und ſo kunſtvoll war dieſe Kriegsliſt eingeübt, daß die kühnen Engländer trotz der feierlichen Befehle Harold's, ja ſogar dem Warnungsrufe Leofwine's entgegen, der bei aller Raſchblütigkeit und Leichtherzigkeit das volle Geſchick eines Heerführers beſaß— nachdem ihr Blut durch den langen Kampf und anſcheinenden Sieg entflammt war, der Verfolgung nicht wider⸗ ſtehen konnten. Voll Ungeſtüm vorbrechend, lösten ſie die Ordnung ihrer ſeither unbezwinglichen Phalanx, und zwar um ſo hitziger, da die Normannen, ohne es zu wiſſen, die Richtung nach einem mit Fallen und Gruben unterbrochenen Theile des Schlachtfeldes genommen hatten, wo die Engländer ihren Feind vollends zu vernichten hofften. Der Augenblick, da William's Ritter ſich von den Bruſtwehren zurückzogen, war derſelbe, wo dieſer unheilvolle Fehler begangen wurde, und William, mit einem wilden Lachen rachſüchtigen Jubels nach den aufgelösten Sachſen deutend, ſetzte ſeinem Roſſe die Sporen in die Seite und vereinigte ſich nebſt ſeiner ganzen Ritterſchaar mit den Geſchwadern aus Poitou und Boulogne, welche gegen die ge⸗ trennte Schlachtlinie einſchwenkten. Schon hatte das normänniſche Fußvolk umgedreht— ſchon waren die Reiter, zwiſchen den Gehölzen in der Nähe der Gruben im Hinterhalt aufgeſtellt, donnernd einge⸗ brochen. Die ganze ſeither ſo unüberwindliche Vorhut wurde nieder⸗ geworfen— Trupp von Trupp getrennt und eingeſchloſſen, und hin⸗ ten, vorn, rechts und links von den eindringenden Reitern abgeſchnitten. Gurth hatte allein mit den Männern aus Surrey und Suſſer Stand gehalten, war aber jetzt gezwungen, zur Unterſtützung der zer⸗ ſtreuten Kameraden vorzurücken, und da dies in geſchloſſener Ordnung geſchah, ſo gelang es ihm nicht nur, dem Gemetzel eine Zeit lang Ein⸗ halt z wenden Feind eigenen lage d ausgef A Fehler Uebern Geoffr neuen ſchen d ſo daß ſäumt zu kön Geber nung „Sche Vebbe ſich ſe 4 in Fo ſchwu trotz! Abhã loſen rade fünfl chun 629 halt zu thun, ſondern ſogar den Tag halb und halb von Neuem zu wenden. Bei ſeiner genauen Kenntniß der Gegend lockte Gurth den Feind in die Gruben, welche etwa hundert Schritte hinter ihrem eigenen Hinterhalte verſteckt lagen, und ſo groß war dort die Nieder⸗ lage der Ausländer, daß die Gräben buchſtäblich von ihren Leichen ausgefüllt geweſen ſeyn ſollen. Allein ſo ſehr auch Tapferkeit und Geſchicklichkeit den früheren Fehler auszugleichen ſuchte, ſo konnte der Kampf gegen ſolche Uebermacht nicht lange aufrecht erhalten werden. Ueberdies hatten Geoffroi Martel und die ihm beigeordneten Anführer auf einen neuen Befehl des Herzogs mit ihrer ganzen Diviſion den Raum zwi⸗ ſchen den Schanzen und dem entfernteren Schlachtfelde eingenommen, ſo daß Harold, als er den Fuß der Anhöhe ganz mit Rüſtungen be⸗ ſäumt ſah, die Hoffnung aufgeben mußte, ſeiner Vorhut zu Hülfe eilen zu können. So mußte er feſten Fußes zuſehen und konnte nur durch Geberden und unterdrückte Rufe ſeine Regungen von Furcht und Hoff⸗ nung äußern. „Tapferer Gurth! Wackerer Leofwine!“ rief er dazwiſchen⸗ „Schaut auf ihre Fahnen! Recht, recht; brav gefochten, mannhafter Vebba! Ha! Sie kommen hieher. Der Keil dringt durch— er haut ſich ſeinen Pfad durch das Herz des Feindes.“ Und in der That, zwar immer noch getrennt, aber jedes Häufchen in Form eines Keils geformt und die Schilde über ihre Häupter ge⸗ ſchw ungen, kamen die Engländer durch den Hagel von Geſchoſſen und trotz des Anprallens der Reiter hier und dort durch die Ebene an den Abhängen herauf gegen die Verſchanzung: aber im Rücken von zahl⸗ loſen Feinden gedrängt, liefen ſie den furchtbaren Reihen Martel's ge⸗ rade in den Rachen. Länger konnte der König nicht mehr an ſich halten: er wählte fünfhundert ſeiner bravſten und geübteſten Veteranen, die ſich verglei⸗ chungsweiſe noch friſch fühlten, und befahl den Uebrigen, unverrückt 630 Stand zu halten. So ſtürmte er den Hügel hinab und brach uner⸗ wartet in den Rücken der gemiſchten Normannen und Bretonen. Dieſer Ausfall, ebenſo verzweifelt als wohlberechnet, diente dazu, den Rückzug der kämpfenden Sachſen zu decken und zu begünſtigen. Viele wurden freilich abgeſchnitten; aber Gurth, Leofwine und Vebba hieben ſich mit ihren Kameraden zu Harold durch und erreichten die Schanzen, dicht gefolgt von dem näheren Feinde, der abermals unter den Siegesrufen der Engländer zurückgeworfen wurde. Aber ach! Klein war die Bande, welche alſo gerettet worden, und hoffnungslos der Gedanke, daß die noch lebenden und über die Ebenen zerſtreuten Häuflein ſie überhaupt noch erreichen und verſtär⸗ ken konnten. Gleichwohl fanden ſich unter dieſen zerſtreuten Ueber⸗ bleibſeln vielleicht noch die Einzigen, welche ihre Kenntniß der Ge⸗ gend benützend und am Siege verzweifelnd dem Schlachtfelde von Sangu e lac durch die Flucht entrannen. Innerhalb der Verſchanzungen war übrigens noch Keiner, der den Muth verloren hätte: der Tag war ſchon weit vorgerückt, noch war keine Breſche in den Außenwerken entſtanden, die Stellung ſchien ebenſo uneinnehmbar wie eine ſteinerne Veſte, und ehrlich geſtanden fühlten ſich ſogar die tapferſten Normannen entmuthigt, wenn ſie nach jener Höhe ſchauten, welche ſelbſt Williams Angriff zurückgewieſen hatte. Der Herzog hatte in dem neueſten Handgemenge mehr als eine Wunde davongetragen und ſchon ſein drittes Roß war heute un⸗ ter ihm gefallen. Das Blutbad unter Rittern und Edlen war furcht⸗ bar geweſen, denn ſie hatten ſich allenthalben mit der verzweifeltſten Tapferkeit erponirt, und während William den Untergang der einen Hälfte der engliſchen Armee überſchaute, hörte er überall mit Beſchã⸗ mung und Ingrimm ein Murren des Mißmuths und der Hoffnungs⸗ loſigkeit, wenn ſeine Leute ſich die Ausſicht vorhielten, jene Höhen erklimmen zu müſſen, wo der tapfere Ueberreſt der ſächſiſchen Vorhut Zuflucht gefunden hatte. In dieſem kritiſchen Augenblicke ritt Odo von Bayeur, der ſich ſeithen Rücke hervo ſtändi das furcht Selbſ Prieſt kam d Schre ges 3 Woll Ernd Kirch laßt einen neber ſeine Kirch des mith ſein gedr Ver die bew um ſorg ner⸗ azu, gen. ebba die nter den, die ſtär⸗ ber⸗ Ge⸗ von der och hien den ſen als un⸗ ht⸗ ten 681 ſeither mit der Maſſe von Mönchen, welche das Heer begleiteten, im Rücken der Schlachtlinie aufgehalten hatte,* auf das offene Feld hervor, wo ſämmtliche Linien ſich neu formirten. Er war in voll⸗ ſtändiger Rüſtung, das weiße Chorhemd über den Harniſch geworfen, das Haupt entblöst und in der Rechten das Kreuz vorantragend. Eine furchtbare Keule mit lederner Schlinge hing an ſeiner Fauſt, um zur Selbſtvertheidigung gebraucht zu werden, da die Kirchenregeln dem Prieſter das Angreifen verboten. Hinter Odo's milchweißem Renner kam die ganze Reſerve, noch friſch und unerſchöpft, unberührt von dem Schrecken ihrer Kameraden und durch die lange Verzögerung des Sie⸗ ges zu wildegn Zorne angeſtachelt. „Wie nun— wie nun?“ rief der Prälat;„wollt Ihr ermatten? Wollt Ihr wanken, während die Garben gefallen ſind und Ihr die Erndte blos noch aufzuleſen braucht! Wie nun, Ihr Söhne der Kirche! Ihr Krieger des Kreuzes und Rächer der Heiligen! Ver⸗ laßt Euren Grafen, wenn Ihr wollt; aber weicht nicht zurück vor einem mächtigeren Gebieter! Schaut her, ich reite Seit' an Seite neben meinem Bruder, baarhaupts und das Kreuz in der Hand. Wer ſeinen Lehensherrn verläßt, iſt blos ein Feigling— wer aber der Kirche untreu wird, iſt ein Abtrünniger!“ Der wilde Ruf der Reſerve ſchloß dieſe Anrede, und die Worte des Prälaten wie die phyſiſche Verſtärkung, die er zu ihrer Unterſtützung mitbrachte, erfüllten die Armee mit neuem Leben. 5 Und nun rückte Williams ganzes mächtiges Heer, zahllos, daß ſeine Reihen mit dem grauen Horizonte zu verſchwimmen ſchienen, dicht gedräͤngt, feſten Fußes und wohlgeordnet von allen Seiten gegen die Verſchanzung. Die Nutzloſigkeit ſeiner Reiterei einſehend, ſo lange die Bruſtwehren nicht überſtiegen waren, ſtellte William das ſchwer⸗ bewaffnete Fußvolk, Speerträger und Bogenſchützen in die erſte Reihe, um den Eintritt in die Palliſaden zu eröffnen, deren Ausgänge jetzt ſorgfältig verſchloſſen waren. * William Pict. 632 Während ſie alſo die Hügel hinanrückten, wendete ſich Harold an Haco und fragte:— „Wo iſt Deine Streitaxt?“ „Harold,“ erwiederte Haco mit einer ſogar an ihm ungewohnten düſteren Trauer,„ich will jetzt bloß noch Dein Schildträger ſeyn, denn ſo lange der Tag dauert, mußt Du die Streitart mit beiden Händen regieren und Dein Schild iſt für Dich nutzlos. Drum kämpfe Du— ich will Dich decken.“ „Du liebſt mich alſo, Sohn von Sweyn?— ich habe zuweilen daran gezweifelt.“ „Ich liebe Dich als die beſſere Hälfte meines Lebans, denn mit Dir hat auch mein Daſeyn ein Ende; es iſt mein Herz, das dieſer Schild bedeckt, wenn ich Harolds Bruſt beſchütze.“ „Ich möchte Dich leben heißen, armer Jüngling,“ flüſterte Ha⸗ rold;„doch was wäre das Leben, wenn dieſer Tag verloren ginge? Glücklich ſind dann nur Die, welche ſterben.“ Kaum hatten dieſe Worte ſeine Lippen verlaſſen, als er an die Bruſtwehr ſprang und mit einem plötzlichen Schwunge ſeiner Art einen Helm, der darüber hervorguckte, zu Boden ſchlug. Aber Helm auf Helm folgt nach; Schwarm an Schwarm kommen ſie heran und ſammeln ſich wie die Wölfe um den Reiſenden, wie die Bären um die Barke. Zahllos trotz ihres Verluſtes dringen ſie ein! Die Pfeile der Normannen verdunkeln die Luft; wo nur ein Arm, ein Glied, eine Stirne ſichtbar wird, da ſchwirren die Geſchoſſe mit tödt⸗ licher Sicherheit. Sie erklimmen die Palliſaden, die Vorderſten fallen unter der ſächſiſchen Streitart; aber neue Tauſende dringen nach, um⸗ ſonſt iſt Harolds Stärke, vergeblich wäre ſie geweſen, auch wenn ſie jeden der anweſenden Sachſen belebt hätte! Die erſte Reihe der Verſchanzungen iſt erſtiegen— niedergehauen, zuſammengetreten, iſt ſie bedeckt mit den Leichen der Gefallenen.„Ha Rou! Ha Rou! Notre Dame! Notre Dame!“ to‚nt der ſchrille Freu⸗ denruf, die Roſſe ſchnauben und ſetzen in die Mitte des Kreiſes. Hoch in der Luft ſchwingt William die mächtige Keule und dicht neben ihm blitzt das Kreuz der Kirche. „Vorwärts, Normannen!— Grafſchaft und Land!“ brüllt der Herzog. „Vorwärts, Ihr Söhne der Kirche! Himmel und ewiges Heil!“ ruft Odo's Stimme. Die erſte Bruſtwehr liegt darnieder; die Sachſen— Schritt an Schritt, Zoll um Zoll werden in die zweite Umfaſſung zurückge⸗ drängt. Derſelbe Angriff, wüthender Kampf, Brüllen und Schreien — auch die zweite gibt nach. Und nun im Centrum der dritten, vor den Augen der Normannen ſtolz in die Lüfte ragend, leuchtet in den Strahlen der weſtlichen Sonne goldgeſtickt und in myſtiſchen Edel⸗ ſteinen funkelnd die Standarte von Englands König! Dort ſteht die Reſerve des engliſchen Heeres; dort die Helden, welche noch nie eine Niederlage erfahren— unerſchöpft durch den Kampf— kriegsmuthig und hochherzig. Rings um ſie ragten dickere, ſtärkere und höhere Bruſtwehren, mit Ketten an hölzerne Pfeiler und eiſerne Stäbe be⸗ feſtigt, und mit Karren, Bagagewägen und aufgethürmten Holz⸗ haufen ausgefüllt— Barrikaden, vor welchen ſelbſt William verſtei⸗ nert inne hielt und Odo einen Ruf ausſtieß, wie er ſich nicht für den Mund eines Prieſters geziemte. Um die Standarte vor der erſten Reihe ihrer Leute ſtanden Gurth, Leofwine, Haco und Harold, Letzterer auf ſeine Art ſich lehnend, denn er war an vielen Stellen ſchwer verwundet und das Blut träufelte durch die Ketten ſeines Panzerhemds. Lebe, Harold; lebe, und das ſächſiſche England wird nicht ſterben! Die engliſchen Bogenſchützen waren nie zahlreich geweſen; die Meiſten hatten bei der Vorhut gedient, und die Geſchoſſe derer inner⸗ halb der Wälle waren aufgebraucht, ſo daß der Feind Zeit zum Athem⸗ holen gewann. Die normänniſchen Pfeile flogen inzwiſchen in dichten Wolken, aber William bemerkte mit Leidweſen, daß ſie nur gegen die Bruſtwehren und hohen Barrikaden anprallten, ohne das beabſichtigte 634 Blutbad anzurichten. Er beſann ſich eine Weile und beorderte dann einen ſeiner Ritter, um drei von den Anführern der Bogenſchützen zu ihm zu rufen.. „Seht Ihr nicht, maladroits,““ ſchimpfte der Herzog, ſobald ſie neben ſeinem Streitroſſe ſtanden,„daß Eure Speere und Bolzen harmlos an dieſen Weidenwällen abprallen. Schießt in die Luft und laßt den Pfeil ſenkrecht— wie die Rache der Heiligen— direkt vom Himmel auf die innen Stehenden herabfallen! Reich mir Deinen Bo⸗ gen, Schütze— ſo!“ Mit dieſen Worten ſpannte er den Bogen, während er zu Pferde ſaß; der Pfeil flog ab und fiel nur wenige Fuß von der Standarte mitten in der Reſerve nieder. „So, jene Standarte ſey Euer Ziel,“ gebot der Herzog, den Bo⸗ gen zurückgebend. Die Schützen entfernten ſich, der Befehl lief rings durch ihre Banden, und wenige Augenblicke ſpäter kam der eiſerne Regen vom Himmel herab. Er traf das engliſche Heer wie ein Ueberfall, drang durch Lederkappen, ſogar durch Eiſenhelme, und gerade die Ueber⸗ raſchung, womit ſie inſtinktartig aufſchauten, brachte den Meiſten den Tod. Dumpfes Stöhnen wie von vielen Getroffenen drang durch die Verſchanzungen dem Normannen zu Ohren. „Nun müſſen ſie entweder ihre Schilde gebrauchen, um ihre Häupter zu decken— dann ſind ihre Aexte nutzlos— oder während ſie mit der Art dreinſchlagen, fallen ſie durch das Geſchoß,“ bemerkte der Herzog.„Jetzt vorwärts gegen die Wälle. Schau! ich ſehe meine Krone ſchon auf jener Standarte ſchweben!“ Aber trotz deſſen bleiben die Engländer Sieger; die Dicke der Palliſaden, der vergleichungsweiſe ſchmale Raum der letzten Umfaſ⸗ ſung, der ſich deßhalb auch mit ihrer geringen Macht leichter bemannen und behaupten ließ, trotzen allen anderen Waffen als denen der Scharf⸗ ſchützen. Jeder Normann, der die Bruſtwehr zu erſteigen wagt, wird * Tölpel. 8 685 im Augenblicke niedergeſchlagen und ſein Körper unter die Hufe der ſcheuen Roſſe geſchleudert. Die Sonne ſenkt ſich näher und näher gegen den rothen Horizont. „Muth!“ ruft Harolds Stimme;„haltet Euch nur bis zum Ein⸗ bruch der Nacht und wir ſind gerettet. Muth und Freiheit!“ „Harold und das heilige Kreuz!“ lautet die Antwort. Trotz dieſer Niederlage beſchließt William, abermals ſeine fatale Kriegsliſt zu wagen. Er merkt ſich den Theil der Umfaſſung, der von dem Hauptangriffspunkte und darum auch von dem allſehenden Auge Harolds, deſſen ermunternde Stimme er mitten unter dem tobenden Lärm immer wieder erkannte, am weiteſten entfernt lag. Dort waren die Palliſaden am ſchwächſten und der Boden am wenigſten ausgeho⸗ ben; aber dort hielten auch Männer Wache, auf deren Geſchicklichkeit in Handhabung des Schildes und der Streitaxt Harold am feſteſten vertrauen konnte— die Anglo⸗Dänen nämlich, aus ſeiner ehemaligen oſtangliſchen Grafſchaft. Dorthin entſendete der Herzog eine auser⸗ wählte Kolonne ſeines ſchwerbewaffneten Fußvolks, von ihm ſelbſt in ſeiner Lieblingsliſt beſonders unterrichtet und von einer Bande Bo⸗ genſchützen begleitet, während er ſelbſt mit ſeinem Bruder Odo an der Spitze einer beträchtlichen Ritterſchaar unter dem Sohne des großen Roger de Beaumont zu gleicher Zeit die anſtoßende Hochebene, wo jetzt das Städtchen Battle ſteht, einnahm, um das Manöver zu überwachen und zu unterſtützen. Die Kolonne rückte gegen den bezeichneten Punkt vor, und nach kurzem ſurchtbaren Handgemenge gelang es ihr, in die Bruſtwehr eine weite Breſche zu legen. Dieſer vorübergehende Erfolg ermunterte jedoch die belagerten Vertheidiger nur noch mehr zu neuen Anſtrengungen, und in wiederholten Ausfällen ſtreckten ſie eine Linie des Feindes nach der andern unter den Hieben ihrer Streitärte zu Boden. Die Ko⸗ lonne der ſchwerbewaffneten Normänner zieht ſich den Abhang hinab — ſie wankt— wendet ſich in Unordnung— weicht zurück und flieht; nur die Bogenſchützen halten noch Stand in der Mitte des Abhangs 636 — dieſe ſcheinen den Engländern eine leichte Beute— die Verſuchung iſt unwiderſtehlich. Längſt gepeinigt und durch die Geſchoſſe erbittert, folgen die Anglo⸗Dänen den Normännern auf der Ferſe; ſie wollen den Bogenſchützen den Garaus machen und laſſen die Breſche hinter ihnen weit offen. „Vorwaͤrts,“ donnert William und galoppirt gegen die Lücke. „Vorwärts,“ ruft Odo;„ich ſehe die Hände der Heiligen in der Luft! Vorwärts! Es iſt der Tod, der unſere Kriegsroſſe um die Le⸗ benden tummelt!“ Vorwärts ſtürzen die normänniſchen Ritter; aber Harold ſteht bereits in der Breſche, von Herzen umgeben, welche darnach brennen, das zertrümmerte Bollwerk mit ihren Leibern zu erſetzen. „Schließt die Schilde! Haltet feſt!“ ruft ſeine königliche Stimme. Vor ihm hoch zu Roß ſtanden Bruſe und Grantmesnil, ihre Speere auf ſeiner Bruſt, welche von Haco mit dem Schilde bedeckt wird. Seine Art mit beiden Händen hoch erhebend, zerſplittert der König Grantmesnil's Speer; mit geſpaltenem Schädel ſtürzt Bruſe's Renner, und Roß und Ritter rollen auf den blutigen Raſen. Aber ein Hieb von de Lacy's Schwert hat den ſchützenden Schild Haco's niedergeſchlagen. Der Sohn von Sweyn ſinkt auf die Kniee; mit geſchwungenen Schwertern und drohenden Keulen brechen die nor⸗ männiſchen Ritter durch die Breſche. „Schau auf, ſchau auf und ſchütze Dein Haupt,“ warnt Haco's Schickſalsſtimme den König. Auf dieſen Ruf erhebt der König die flammenden Augen. Warum hält er inne? Warum entſinkt die Streitart ſeinen Händen? Indem er das Haupt aufrichtet, fährt das tödtliche Geſchoß auf ihn nieder, es trifft das aufſchauende Antlitz und bohrt ſich in den furchtloſen Aug⸗ apfel. Er wankt, taumelt einige Schritte zurück und ſinkt am Fuße ſeiner prachtvollen Standarte nieder. Mit verzweifelter Hand und zitternd in Todesnoth zerbricht er die Spitze des Pfeiles, daß der Wiederhaken ſtecken bleibt. —— Gurth kniet über ihm. „Fahre fort,“ ſtöhnt der König,„verhehle meinen Tod! Heili⸗ ges Kreuz! England zu Hülfe! Wehe— wehe!“ Noch einen Augenblick ſich zuſammenraffend, ſpringt er auf, ballt ſeine Fauſt und ſtürzt als Leiche nieder. Im ſelben Augenblick ſieht man eine Reihe von Sachſen durch den gleichzeitigen Anfall der Reiter gegen die Standarte zurückge⸗ drängt, und der Körper des Königs wird mit Haufen von Erſchlage⸗ nen bedeckt. Mit geſpaltenem Helm, das Geſicht ganz von Blut überſtrömt, aber immer noch ruhig in ſeiner geiſterhaften Bläſſe ſiel Haco, der Schickſalsbote, unter den Vorderſten dieſer Erſchlagenen. Er ſank mit dem Haupte auf Harolds Bruſt, küßte die blutende Wange mit blutigen Lippen, ſtöhnte und ſtarb. Durch Verzweiflung mit übermenſchlicher Stärke begabt, ſtellte ſich Gurth über die Leichen ſeiner Verwandten und kämpfte allein gegen die Ritter; das letzte Häuflein des engliſchen Heeres, in dieſer drohenden Gefahr um die Standarte ſich ſammelnd, treibt noch ein⸗ mal die Angreifenden zurück. Aber die ganze Umfaſſung war nunmehr mit Feinden angefüllt; die dunkelnde Luft wimmelte von luſtigen Bannern und Wimpeln. Hoch über allen ragte die Keule des Eroberers; hoch über allen leuch⸗ tete des Kreuz des Prälaten. Nicht ein Einziger unter den Englän⸗ dern ergriff die Flucht, alle ſammelten ſich um die Standarte und fielen mordend und gemordet. Mann an Mann ſtürzten Hildas Lehens⸗ leute unter dem bezauberten Banner. Da ſtarb der treue Sexwolf. Da ſtarb der wackere Godrith, ſeine fantaſtiſche Jugendliebe zu den normänniſchen Sitten im Tode manches Normannen ſühnend. Und der letzte von den Kentern, welche aus der zerſprengten Vorhut in dieſen Kreis des unausweichlichen Schlachtens entronnen waren— auch Vebba ſtarb mit ſeinem engliſchen Herzen. Sogar noch in jenem Zeitalter, da der Teutone noch das Blut 638 3 Odins des Halbgottes in ſeinen Adern trug— ſogar damals ver⸗ mochte ein Einzelner der Macht der Ueberzahl zu trotzen. Durch die Menge ſahen die Normannen mit bewundernder Scheu— hier dicht vor ihren Roſſen einen einzelnen Krieger, vor deſſen Art jeder Speer zerſchellte, jeder Helm niederſank— dort neben der Standarte bruſt⸗ hoch mit Erſchlagenen umgeben, einen noch furchtbareren Kämpfer, der mitten in dem allgemeinen Untergange unbeſiegt blieb. Der Erſte fiel endlich unter Roger de Montgomeri's Keule, und ſo ſtarb unbekannt dem normänniſchen Dichter, der zwar die Thaten, aber nicht die Namen in ſeinen Verſen aufbewahrte, lachend ſogar noch im Tode, der junge Leofwine. Immer noch neben dem bezauber⸗ ten Banner ragt der Andere; über ihm flattert die myſtiſche Standarte. mit ihrem wackeren Feldzeichen, dem vereinzelten„fechtenden Manne“, ließ Wi umringt von den Edelſteinen, welche einſt in Odins Krone geblitzt Ueber d hatten. tern au „Dein ſey die Ehre, dieſe ſtolze Flagge zu Falle zu bringen,“ ſächſiſch rief William an einen ſeiner berühmteſten und begünſtigten Ritter, ſuchen. Robert de Teſſin, ſich wendend. zwei der Außer ſich vor Freude ſtürzte der Ritter darauf los, um unter der muthlof Art des eigenſinnigen Vertheidigers niederzuſinken.— Gegenſ „Zauberei,“ rief Fitzosborne,„Zauberei! Das iſt kein Menſch, S ſondern der Erzfeind!“ 3„L „Schont ihn, ſchont den Tapferen,“ riefen in Einem Athem Söhne Bruſe, d'Aincourt und de Graville. der Kir Bei dieſem Gnadenrufe poll Zorn ſich umwendend, ſprengte Wil⸗ 3 liam über die Leichen weg, während Touſtain das heilige Banner dicht hinter ihm trug, daß es ſeinen Helm beſchattete; ſo erreichte er den Fuß der Standarte und einen Augenblick lang war es ein Einzelkampf zwiſchen dem Ritter⸗Herzog und dem ſächſiſchen Helden. Und auch jetzt fiel dieſer tapfere Häuptling nicht vom Schwerte des Normannen„Der He beſiegt, ſondern von hundert Wunden erſchöpft, und es war rein ver⸗ mit grof 1 639 geblich, wenn des Herzogs Pallaſch ihn noch im Fallen durchbohrte. So ſtarb Gurth— der Letzte beim Banner.* Die Sonne war untergegangen, der erſte Stern ſtand am Him⸗ mel, der„fechtende Mann“ lag am Boden, und auf der Stelle, wo jetzt einſam und zertrümmert zwiſchen faulenden Waſſerpfuhlen der Altarſtein der Schlachtabtei ſteht, erhob ſich der glitzernde Drache, der das geweihte Banner des normänniſchen Siegers überragte. Dreiundachtzigſtes Kapitel. Dicht bei ſeinem Banner mitten unter den Haufen der Todten ließ William der Eroberer ſein Zelt aufſchlagen und ſetzte ſich zu Tiſche. Ueber die ganze Ebene fern und nah ſah man Fackeln gleich Irrlich⸗ tern auf einem Sumpfe ſich hinbewegen, denn der Herzog hatte den ſächſiſchen Frauen erlaubt, die Leiber ihrer gefallenen Männer aufzu⸗ ſuchen. Während er ſo unter Plaudern und Lachen da ſaß, traten zwei demüthige Mönche in ſein Zelt und ihre gedrückte Miene, ihre muthloſen Geſichter, ihre groben Gewänder bildeten einen kläglichen Gegenſatz gegen die Freude und den Glanz des Siegesmahles. Sie traten vor den Eroberer und knieten nieder. „Steht auf, Söhne der Kirche,“ ſagte William mild,„denn Söhne der Kirche ſind auch wir! Glaubt nicht, daß wir die Rechte der Kirche angreifen werden— wir, die wir gekommen ſind, um ſie zu * Waee ſagt: „Guert(Gurth) vit Engleiz amenuisier. Vi K'il n'i ont nul recovrier.“ etc. (Gurth ſah Englands Macht entſchwinden, Ohne Hoffnung mehr zu finden.) „Der Herzog trieb mit ſolcher Heftigkeit vorwärts, daß er ihn erreichte und mit großer Gewalt(par grand air) zu Boden ſchlug. Ich weiß nicht, ob er an jenem Hiebe ſtarb; aber es heißt, er habe ihn niedergeſtreckt.“ 640 rächen. Nein, wir haben bereits geſchworen, auf dieſer Stelle eine und Abtei zu errichten, welche die ſtolzeſte des Landes werden und wo für Dere ewige Zeiten für die braven Normannen, die auf dieſem Schlachtfelde recht ſielen, wie für mein und meiner Gemahlin Seelenheil Meſſe geleſen ihm werden ſoll.“ „Ohne Zweifel,“ meinte Odo höhniſch,„haben dieſe heiligen als e Männer bereits von Deiner frommen Abſicht gehört und kommen, um war, ſich Zellen in der künftigen Abtei auszubitten.“ trat „Nicht ſo,“ erwiederte Osgood traurig, und in barbariſcher Nach⸗ verne ahmung des Normänniſchen;„wir haben unſer eigenes geliebtes Klo⸗ ſter zu Waltham, von dem Fürſten, den Deine Waffen geſchlagen, reich Du ausgeſtattet. Wir begehren blos die Erlaubniß, den Leichnam unſeres ihrer Wohlthäters Harold, der kaum noch König von ganz England gewe⸗ ſen, in unſerem geweihten Kloſter begraben zu dürfen.“ entfe Des Herzogs Stirne verfinſterte ſich. wallt „Und ſieh,“ ergänzte Ailred eifrig, eine lederne Taſche hervorzie⸗ ſelbſt hend,„wir haben alles Gold mitgebracht, was unſere armen Truhen tete v enthielten, denn wir mißtrauten dieſem Tage“— und er ſchüttete die gleich glitzernden Goldſtücke zu des Eroberers Füßen. „Nein!“ rief William trotzig,„wir nehmen kein Gold für eines Mant Verräthers Leiche; nein, ſelbſt wenn Githa, des Uſurpators Mutter, hügel den Sohn in dieſem ſchimmernden Metalle aufzuwiegen ſich erböte— ner a unbeerdigt bleibe der von der Kirche Verfluchte und die Raubvögel mals ſollen ihre Jungen mit ſeinem Aaſe füttern.“ Engl Ein Murmeln, zwiefältig in Ton und Bedeutung, ließ ſich in der zerma Verſammlung vernehmen: das eine ein Zeichen der Billigung, von todter wilden in ihrem Triumphe übermüthigen Söldnern herſtammend, das andere das der großherzigen Entrüſtung und des unwilligen Erſtau⸗ morb nens, von der großen Mehrzahl der normänniſchen Edlen ausgegangen. die ed Doch Williams Stirne blieb finſter und ſeine Augen ſtrenge, denn hatte. ſeine Klugheit beſtärkte ihn in ſeiner Leidenſchaft, und nur dadurch, daß er das Gedächtniß und die Sache des todten Königs als entehrt Bu 641 und verflucht brandmarkte, konnte er die durchgängige Beraubung aller Derer, welche wider ihn gefochten und die Confiscationen der Ländereien rechtfertigen, welche ſeine eigenen Grafen und Ritter als Lohn von ihm erwarteten. Das Murmeln war eben zu ergreifendem Schweigen erſtorben, als ein Weib, das den Mönchen unbemerkt und unbeachtet gefolgt war, mit raſchem geräuſchloſem Schritt vor des Herzogs Fußſchemel trat und ohne ein Knie vor ihm zu beugen mit leiſer aber für Alle vernehmbarer Stimme in die Worte ausbrach: „Normanne, im Namen der Frauen von England ſage ich Dir, Du darfſt dem Helden, der in der Vertheidigung ihres Herdes und ihrer Kinder ſtarb, nicht ſolches Unrecht anthun!“ Bevor ſie ſprach, hatte ſie ihren Schleier zurückgeworfen; ihr entfeſſeltes Haar, im Schimmer der Bankettlichter wie Gold glitzernd, wallte über ihre Schultern, und jene wunderbare Schönheit, welche ſelbſt unter den Damen von England nicht ihres Gleichen hatte, leuch⸗ tete vor den Augen des betroffenen Herzogs und ſeiner athemloſen Ritter gleich der Erſcheinung eines anklagenden Engels. Nur zweimal in ihrem Leben ſollte Editha jenen furchtbaren Mann ſehen: das erſtemal als ſie faſt noch Kind am Fuße des Grab⸗ hügels ſtand und durch den Feſttagspomp ſeiner Trompeten und Ban⸗ ner aus ihren Lieblingsträumereien geweckt wurde, und dann aber⸗ mals in der Stunde ſeines Triumphes und unter den Trümmern von England auf dem Felde von Sanguelac, da ihre Seele, das zerbrochene zermalmte Herz überlebend, mit der Treue des erhabenen Weibes den todten Helden vertheidigte. So ſtand ſie, ohne zu zittern oder ein Knie zu beugen, mit mar⸗ morbleicher Wange und ſtolzem Blicke dem Eroberer gegenüber, und die edlen Barone äußerten ihren kühnen Beifall, ſobald ſie geendet hatte. „Wer biſt Du?“ fragte William, wenn nicht eingeſchuͤchtert, doch⸗ Bulwer, Harold. 41 642 wenigſtens erſtaunt.„Mich dünkt, ich habe Dein Geſicht ſchon früher geſehen; Du biſt nicht Harolds Weib oder Schweſter?“ „ ‚Gefürchteter Herr,“ antwortete Osgood,„ſie war Harold's Verlobte; da ihnen aber die Kirche als in entferntem Grade Verwand⸗ ten die Ehe verbot, ſo gehorchten ſie der Kirche.“ Mitten aus der Menge der Bankettirenden trat Mallet de Graville. „O mein Lehensherr,“ ſagte er,„Du haſt mir Graſſchaft und Ländereien verſprochen; ſtatt dieſer unverdienten Gaben gewähre mir das Recht, Harold's Ueberreſte zu ehren und zu beerdigen. Erſt heute verdanke ich ihm mein Leben: laß mich dafür geben, ſo viel ich noch vermag— ein Grab!?! William ſchwieg; aber das deutlich ausgeſprochene Gefühl der Verſammlung und vielleicht ſeine eigene beſſere Natur, welche, ſo ſehr ſte auch durch Argliſt beſchmutzt und durch deſpotiſchen Grimm ver⸗ härtet wurde, gleichwohl heroiſch und großmüthig angelegt war— trug den Sieg davon. „Du appellirſt nicht vergeblich an die normänniſche Ritterlichkeit, o Dame,“ ſagte er ſanft:„Dein Vorwurf war gerecht und ich bereue meine haſtige Aufwallung. Mallet de Graville, Deine Bitte iſt ge⸗ währt; Deiner Wahl ſey der Begräbnißplatz, Deiner Sorge das Lei⸗ chenbegängniß des Mannes überlaſſen, deſſen Seele dem menſchlichen Gerichte entrückt iſt.“ Das Feſtmahl war vorüber; William der Eroberer ſchlief auf ſeinem Lager und um ihn ſchlummerten ſeine normänniſchen Ritter, von künftigen Baronieen träumend; noch immer durchzogen die trau⸗ rigen Fackeln die Verwüſtung des Todes und durch die Stille der Nacht hörte man fern und nah das Wehklagen der Frauen. Von den Brüdern aus Waltham begleitet und von Fackelträgern gefolgt, war Mallet de Graville noch immer mit Aufſuchung des kö⸗ niglichen Todten beſchäftigt— aber ſein Suchen war vergeblich. Höher liſcher geſper hatten furcht nicht Wund Müttt einzeln die B der N bräuch leid, 9 2 dem„ des H „fechte wenn 4 freudit hierhen 2 Fahne * wir in ihres K wenigſt deren i rüher vold's vand⸗ et de t und e mir heute noch l der ſehr ver⸗ ar— chkeit, bereue ſt ge⸗ 3 Lei⸗ lichen f auf titter, trau⸗ Nacht ägern 2s kö⸗ blich. Höher und ſtiller ſtieg der herbſtliche Mond bis zur Höhe der melancho⸗ liſchen Mitternacht und lieh dem Schimmer der rötheren Lichter ſeine geſpenſtige Hülfe. Gleich beim Heraustreten aus dem Pavillon hatten ſie Editha vermißt; ſie hatte ſie allein verlaſſen und war in der furchtbaren Wildniß verloren gegangen.. „Vielleicht haben wir den geſuchten Leichnam ſchon geſehen und nicht erkannt,“ äußerte Ailred muthlos.„Das Geſicht kann durch Wunden entſtellt ſeyn, und deßhalb beſuchen die ſächſiſchen Weiber und Mütter unſere Schlachtfelder, weil ſie Diejenigen, die ſie ſuchen, an einzelnen außer dem Haushalte unbekannten Zeichen entdecken.“* „Ah ich begreife Dich,“ erwiederte der Normanne;„Du meinſt die Buchſtaben oder Denkſprüche, welche Eure Krieger als Unterpfand der Neigung oder als eingebildeten Zauber gegen Unheil Euren Ge⸗ bräͤuchen gemäß ihrer Geſtalt aufzudrücken pflegen.“ „So iſt's,“ gab der Moͤnch zur Antwort;„und darum thut mir's leid, daß wir das Mädchen als Führerin verloren haben.“ Während dieſes Geſpräches hatten ſie ſich faſt verzweifelnd zu dem Pavillon des Herzogs zurückgewendet. „Seht,“ rief de Graville„wie nah jenes einſame Weib dem Zelte des Herzogs— ja ſogar dem Fuße der heiligen Fahne, welche den „ſechtenden Mann“ erſetzte, gekommen iſt. Pardex, mein Herz blutet, wenn ich ſehe, wie ſie ſich abmüht, die ſchweren Todten aufzuheben.“ Die Mönche näherten ſich der Stelle und Osgood rief faſt mit freudiger Stimme: „Es iſt Editha die Schöne! Hierher mit den Fackeln! Geſchwind hierher!“ Die Leichen waren mit unehrerbietiger Haſt zu beiden Seiten der Fahne weggeräumt worden, um für das Banner des Croberers und * Dieſe Annahme wird wohl als richtig zugegeben werden, denn wenn wir in den ſächſiſchen Annalen leſen, daß Todte an beſonderen Merkmalen ihres Körpers erkannt wurden, ſo laſſen ſich dieſe Zeichen am deutlichſten oder wenigſtens am natürlichſten durch die Gewohnheit des Punktirens erklären, deren in der Malmesbury Chronik erwähnt wird.. 6ʃ⁴44 deſſen Feſtpavillon Raum zu gewinnen: ſo lagen ſie über einander ge⸗ thürmt in dieſem heiligen Bette. Und das Weib war ſchweigend und ohne ein anderes Licht als das des Monds mit ihrer Nachſuchung beſchäftigt. Als ſie ſich nahten, winkte ſie ungeduldig mit der Hand, wie wenn ſie auf den Todten eiferſüchtig wäre; gleichwie ſie aber ihre Hülfe nicht verlangt hatte, ſo machte ſie auch keinen Verſuch, ſich ihr zu widerſetzen. Leiſe ſtöhnend hielt ſie in ihrem Geſchäfte inne und kniete nieder, um ſie zu bewachen; traurig ſchüttelte ſie den Kopf, als ein Helm nach dem andern gelöst wurde und die Fackeln die ernſten todtenbleichen Stirnen beleuchteten. Endlich fielen die Lichter roth und voll auf Haco's geiſterhaftes Antlitz— im Tode noch ebenſo ſtolz und traurig wie im Leben. „Des Königs Neffe: dann iſt der König gewiß nahe,“ rief de Grraville. Ein Schauer zitterte über des Weibes Geſtalt und ihr Stoͤhnen verſtummte. Sie enthüllten das Geſicht einer zweiten Leiche, und tief betrübt und von Grauen betroffen wendeten ſich Ritter und Mönche bei dem erſten Blicke von dieſem Schauſpiele ab, denn das Geſicht war gänz⸗ lich entſtellt und von Wunden zerriſſen, und nichts war mehr zu ent⸗ decken, als die verwüſtete Majeſtät deſſen, was einſt Menſch geweſen. Nur Cdithens Herzen entfuhr ein wilder Schrei beim Anblicke dieſes Geſichtes. Sie ſprang auf, ſchob die Mönche mit wilder zorniger Gebärde bei Seite, und beugte ſich über das Antlitz, um mit ihrem langen Haare das geronnene Blut davon abzuwiſchen, worauf ſie mit krampf⸗ haften Fingern die Schnallen des Bruſtharniſches zu löſen ſuchte. Der Ritter kniete nieder, um ihr beizuſtehen. „Nein, nein,“ ächzte ſie.„Er iſt mein— jetzt mein!“ Ihre Hände bluteten, als der Panzer endlich ihren Anſtrengun⸗ gen nachgab; die Tunika darunter war ganz mit Blut übergoſſen. Sie öffnet⸗ zen w darun tirt. Todte mit W redete war; mählt gütig, ſie und lange — H (ſo ſa⸗ wiſſen Abſch ſo war die M ſein C Norm ritter! wußte könne würd * ** S. N er ge⸗ eigend chung „wie r ihre ich ihr e und ff, als rnſten rroth o ſtolz rief de öhnen etrübt i dem gänz⸗ u ent⸗ veſen. dieſes bärde angen ampf⸗ 645 öffnete die Falten und auf der Bruſt dicht über dem verſtummten Her⸗ zen war mit altſächſiſchen Buchſtaben das Wort EDJITH A und darunter mit friſcherer Handſchrift der Name ENGLAND einpunk⸗ tirt.„Seht, ſeht!“ rief ſie in herzzerreißendem Tone, und den Todten in ihre Arme faſſend, küßte ſie ſeine Lippen und rief ihm laut mit Worten der zärtlichſten Liebkoſung, als ob ſie den Liebenden an⸗ redete. Alle Anweſenden wußten jetzt, daß ihre Nachforſchung zu Ende war; Alle wußten, daß die Augen der Liebe den Todten erkannt hatten. „Vermählt, vermählt,“ murmelte die Verlobte;„endlich ver⸗ mählt! O Harold, Harold! die Schickſalsſchweſtern waren treu und gütig,“ und ihr Haupt ſanft auf die Bruſt des Todten legend, lächelte ſte und verſched.—————————— Am Oſtende des Chors in der Abtei zu Waltham zeigte man lange das Grab des letzten Sachſenkönigs, mit den rührenden Worten — Harold Infelix“— überſchrieben. Aber nicht unter dieſem Steine (ſo ſagt wenigſtens derjenige Chroniſt, der die Wahrheit am beſten wiſſen ſollte)** verweste der Staub des Mannes, in deſſen Grabe ein Abſchnitt der menſchlichen Geſchichte beerdigt lag. „Sein Leichnam möge die Küſte bewachen, welche ſein Leben ſo wahnſinnig vertheidigte,“ ſagte William der Normanne.„Laßt die Meereswogen ſeine Todtenklage heulen und ſein Grab umgürten; ſein Geiſt möge das Land beſchützen, das jetzt an die Herrſchaft der Normannen übergegangen.“ Mallet de Graville billigte das Wort ſeines Herrn, denn ſein ritterliches Herz verwandelte den geheimen Hohn in Ehre, und er wußte wohl, daß Harold ſich keinen Begräbnißplatz hätte wählen können, der ſeines engliſchen Geiſtes und ſeines ächten Römertodes würdiger geweſen wäre.— *„Harold, der Unglückliche.“ ** Der Normanne Wilhelm von Poitiers, Harold's Zeitgenoſſe.— S. Note P. Die Gruft zu Waltham hätte die treue Aſche der Verlobten aus⸗ geſchloſſen, deren Herz am Buſen des gefallenen Todten gebrochen war; ſanfter war ihr das Grab unter der Kuppel des Himmels und geheiligt durch den bräutlichen Todtengeſang der ewigrollenden Meereswogen. So ließ Mallet de Graville mit jenem Sinne für Poeſie und Liebe, der bei einem normänniſchen Ritter einen Theil ſeiner Re⸗ ligion ausmachte, die edlen Entſeelten, die das Leben getrennt hatte, wenigſtens im Tode vereinen. Am Meeresufer, nicht weit von der Stelle, wo William an's Land geſprungen war, auf dem geweihten Begraͤbnißgrunde, der eine kleine ſächſiſche Kapelle einſchloß, umfing ein Grab die beiden Verlobten, während die Gruft zu Waltham blos einen leeren Namen ehrte.* Acht Jahrhunderte ſind dahingegangen, und wo iſt der Nor⸗ manne— wo der Sachſe? Die kleine Urne, welche für den mächtigen Exroberer genügte,“*“ iſt ſogar ihres Staubes beraubt; aber der grab⸗ loſe Schatten des königlichen Freien bewacht noch immer die Küſten und ruht auf den Wogen. Auf manchem geräuſchloſen Felde, Ihr ſächſiſchen Helden, haben Eure Hinterbliebenen mit Gedanken ſtatt der Armeen den Sieg von den normänniſchen Ueberwindern zurückerobert, und ſo oft die Freiheit mit beſſerem Glücke der Gewalt widerſteht, ſo oft die Gerechtigkeit, die alte Niederlage ſühnend, den bewaffneten Betrug, der das Unrecht heiligen möchte, niederwirft— ebenſo oft magſt Du lächeln, o Seele unſeres ſächſiſchen Harold's, befriedigt lächeln über dem ſächſiſchen Volke! * Note P. **⁴ Rex magnus parva jacet hic Guilielmus in urna, Sufficit et magno parva Domus Domino. (Wilhelm der große König in kleiner Urne hier liegt er, Iſt das Haus auch nur klein, reicht's für den mächtigſten Herrn.) So lautet des Eroberers Grabſchrift bei Gemiticen. Seine Gebeine ſollen mehrere Jahrhunderte ſpäter ausgegraben worden ſeyn. 3 ochen 3 und enden 2e und Re⸗ hatte, n der eihten nfing blos Nor⸗ tigen grab⸗ üſten Ihr ſtatt bert, , ſo neten o oft edigt rn.) ebeine aus⸗ Anmerkungen. A. Ueber William des Erſten Statur findet man verſchiedene Angaben in den Chroniken; Einige ſtellen ihn dar als einen Rieſen, Andere nur von mitt⸗ lerer Größe. Betrachtet man die Geneigtheit des Volkes, auf die Geſtalt eines Helden die Eigenſchaften ſeines Geiſtes überzutragen, und laſſen wir den auf die Größe der(wie man vorgibt) ausgegrabenen Gebeine gegründeten Beweis ganz außer Frage— denn die Autoritäten, auf die er ſich beruft, ſind wirklich noch weit weniger glaubwürdig, als die, welche das Skelett des my⸗ thiſchen Gawaine zu acht Fuß Länge angeben— ſo müſſen wir in Betreff der phyſiſchen Verhältniſſe derjenigen Annahme den Vorzug geben, welche mit den gewöhnlichen Naturgeſetzen am beſten im Einklange ſteht. Es iſt in der That eine Seltenheit, wenn der Geſtalt eines Rieſen ein großer Verſtand innewohnt. B. Jagdgeſetze vor der Eroberung. Unter den ſächſiſchen Königen durfte man zwar auf ſeinem eigenen Grunde jagen, doch war dies ein Vorrecht, das faſt nur den Thanen zu gut kam; auf angebautem Boden oder Grafſchaftsland war überdies nicht dieſelbe Jagd zu finden, wie in den wüſten Strecken, welche unter dem Namen des Forſtlandes zumeiſt den Königen gehörten. In einem Geſetze, deſſen in einem Bande der Schatzkammer gedacht wird, erklärt Edward:„ich will, daß alle Männer ſich des Jagens in meinen Waldungen enthalten und daß mein Wille bei Todesſtrafe befolgt werde.“* Edgar, der Lieblingsmonarch der Mönche und in der That einer der po⸗ pulärſten der ſächſiſchen Könige, war in ſeinen Forſtgeſetzen ſo ſtreng, daß Thane ſo gut wie geringere Landeigenthümer murrten, da ſie gewöhnt waren, * Thomſon'’s Verſuche über die Magna Charta. 648 die Waldungen zu Waide und Viehfutter zu benützen. Canuts Jagdgeſetze ſollten als ein liberales Zugeſtändniß an die öffentliche Meinung in dieſem Punkte gelten: ſie ſind beſtimmter als Edgars Verordnungen, aber immer noch furchtbar hart: wenn ein Freier ein Wild des Königs tödtete oder deſſen Förſter ſchlug, ſo verlor er ſeine Freiheit und ward zum weißen Theowen, das heißt, er wurde Verbrechern gleich geachtet. Gleichwohl erlaubte Canut den Biſchöffen, Aebten und Thanen, in ſeinen Waldungen zu jagen— ein Privilegium, das von Heinrich III. wiederhergeſtellt wurde. Nach der Er⸗ oberung war der Adel von den königlichen Jagden ausgeſchloſſen und bat deßhalb ſchon unter Williams I. Regierung ſeine Parks einzäunen zu dürfen; ſchon zur Zeit ſeines Sohnes Heinrichs I. waren ſolche Parke ſo gewöhnlich, daß ſie ebenſoſehr ein Gegenſtand der Lächerlichkeit wie der Beſchwerde wurden. OC. Lanfranc, der erſte anglo⸗normänniſche Erzbiſchof von Canterbury. Lanfrane war in jeder Hinſicht einer der merkwürdigſten Männer des eilften Jahrhunderts. Er ward ums Jahr 1005 zu Pavia geboren; ſeine Familie war von Adel, denn ſein Vater zählte zu der Magiſtratur der lom⸗ bardiſchen Hauptſtadt Pavia. Von früheſter Jugend an widmete er ſich mit dem ganzen Eifer eines Gelehrten den freien Künſten, insbeſondere dem Stu⸗ dium der bürgerlichen und kirchlichen Jurisprudenz. Er ſtudirte zu Köln und trat ſpäter in ſeinem Vaterlande als theoretiſcher und praktiſcher Rechtslehrer auf.„Noch als ganz jung triumphirte er über die fähigſten Advokaten, und der Strom ſeiner Beredtſamkeit verwirrte die ſpitzfindigſten Rhetoriker,“ ſo ſagt einer ſeiner Chroniſten. Seine Entſcheidungen wurden von den ita⸗ lieniſchen Rechtsgelehrten und Tribunalen als Autorität anerkannt. So viel aus ſeiner Geſchichte und ſeinem beſonderen Renommée hervorgeht,(denn von unſeren heutigen Gelehrten können wohl nur wenige auf mehr als theilweiſe oberflächliche Bekanntſchaft mit ſeinen Schriften Anſpruch machen)— erging ſich ſein Geiſt gerne in den Spitzfindigkeiten der Kaſuiſtiker; allein ſein Sinn war doch zu groß und weitſichtig für ſolche Studien, welche das höhere Gei⸗ ſtesvermögen zwar ergötzen, aber nie befriedigen, und er bekam die blos ge⸗ ſetzliche Dialektik bei Zeiten ſatt. Die großen, abſorbirenden Myſterien des chriſtlichen Glaubens und der römiſchen Kirche(groß und abſorbirend in dem Maße, als der religiöſe Glaube ihre Annahmen als ſchon bewieſene mathema⸗ tiſche Sätze anerkennt) beſchäftigten bald ſeine Einbildungskraft und prüften ſeine forſchende Vernunft bis in ihre innerſte Tiefe. Die Chronik von Knyg⸗ thon wich rückg ken, eine was Knah „Ebe Dein verſch mäch in di findu gang Man im 3 Herl lehrte dama Lage wuche einem die N ging wie d cogne genief L gegen Heira er wi gnade hörte. Willie liche den 3 3 * **½ 3—— 649 ſetze thon erzählt eine intereſſante Anekdote aus ſeinem Leben während dieſer ſeiner ſem wichtigſten Kriſe. Er hatte ſich nach einer abgelegenen Stelle der Seine zu⸗ mer rückgezogen, um über das geheimnißvolle Weſen der Dreieinigkeit nachzuden⸗ eſſen ken, als er einen Knaben das Waſſer des vor ihm ſtrömenden Fluſſes in ven, einen kleinen Brunnen ſchöpfen ſah. Seine Neugier war rege und er fragte, inut was der Knabe vor habe.„Jene Tiefe in dieſen Brunnen zu leeren,“ gab der ein Knabe zur Antwort.„Das kannſt Du nie vollbringen,“ meinte der Eelehrte. Er⸗„Ebenſo wenig als Du die Tiefe, über welche Du nachſinnſt, in den Brunnen bat Deiner Vernunft ſchöpfen wirſt,“ erwiederte der Knabe. Mit dieſen Worten fen; verſchwand der Sprecher und Lanfranc, auf die Hoffnung verzichtend, das lich, mächtige Geheimniß zu ergründen, warf ſich mit einem Male dem Glauben den. in die Arme und nahm ſeinen Aufenthalt in dem Kloſter zu Bec. Die Erzählung iſt vielleicht eine Legende, aber jedenfalls keine leere Er⸗ findung. Er gab ſie wohl ſelbſt als eine Parabel, um durch ſie den Ideen⸗ gang zu erklären, der ſeine Laufbahn entſchieden hatte. In der Blüthe ſeiner on Mannsjahre um's Jahr 1042, als er in ſeinem ſiebenunddreißigſten Jahre und im Zenith ſeines gelehrten Rufes ſtand, eröffnete er in dem erſt kürzlich unter Herluin, ſeinem erſten Abte, gegründeten Kloſter zu Bec eine Schule für Ge⸗ des lehrte, welche eine der berühmteſten im Weſten von Europa wurde, und das eine damals noch unbekannte Kloſter, welches durch die Abgeſchiedenheit ſeiner m⸗ Lage und ſeine ärmliche Ausſtattung die Wahl des Lombarden auf ſich lenkte, mit wuchs unter ſeinem Einfluſſe zur Akademie ſeines Zeitalters heran.„Unter tu⸗ einem ſolchen Meiſter,“ ſagt Orderie* in ſeiner reizenden Chronik,„empfingen ind die Normannen ihren erſten Unterricht in der Literatur; aus dieſer Schul⸗ rer ging jene Maſſe beredter Philoſophen hervor, welche die Theologie ebenſo ſehr ind wie die Wiſſenſchaft ſchmückten. Aus Frankreich und Flandern, aus der Gas⸗ ſo cogne und Bretagne ſtrömten die Schüler herbei, um ſeinen Unterricht zu ta⸗ genießen.“ iel Lanfranc hatte anfänglich, wie wir oben im Texte oberflächlich angedeutet, on gegen Williams Heirath mit Mathilde von Flandern Partei genommen— eine iſe Heirath, welche den formalen Regeln der römiſchen Kirche offen zuwir erlief; ng er wurde deßhalb von dem hitzigen Herzog verbannt, obwohl Williams Un⸗ nn gnade auf den im Tert erwähnten anſtändigen Scherz(jocus decens) auf⸗. ei⸗ hörte. Zu Rom jedoch bot er all' ſeinen Einfluß und ſeine Beredtſamkeit zu ge⸗ Williams Gunſten auf, und der große Normanne hatte wirklich die ſchließ⸗ es liche Sanktion ſeiner Ehe und den Widerruf des ſein Reich erkommuniciren⸗ m den Interdikts blos dem Gelehrten von Pavia zu verdanken.** a⸗ Zu Rom wohnte er anno 1059(dem Jahre, wo die Normandie e* Orderic. vital. Iib. 4. g⸗.** Das Datum von Williams Vermählung wird in der engliſchen und *———— 5— 3 650 förmlich von dem Kirchenbanne erlöst wurde) dem bekannten Concile bei, vor welchem der berühmte Berenger, Erzbiſchof von Angers— gegen den er eine polemiſche Controverſe geführt hatte, welche mehr als alles Andere ſeinen Ruf am päbſtlichen Hof befeſtigte— ſeine Ketzereien über die wirkliche Gegen⸗ wart in dem Sakramente des Abendmahls abſchwor. Im Jahre 1062 oder 1063 erhob Herzog William den Lombarden gegen deſſen eigenen Willen(denn Lanfranc liebte die Freiheit der Wiſſenſchaft auf⸗ richtig und mehr als gewöhnliche Macht) zum Abte von St. Stephan zu Caen. Von dieſer Zeit an übte er den unbeſchränkteſten Einfluß über ſeinen ſtolzen Gebieter. Der gleichzeitige Hiſtoriker Wilhelm von Poitiers ſagt:„William reſpektirte ihn wie einen Vater, ehrte ihn wie einen Lehrer und liebte ihn wie einen Sohn oder Bruder.“ Er vertraute ihm alle ſeine Plane und über⸗ ließ ihm die oberſte Leitung der Kirchenverordnungen in der ganzen Norman⸗ die. Nicht weniger ausgezeichnet durch ſeine praktiſche Gewandtheit in Ge⸗ ſchäften als durch ſeine ſeltene Frömmigkeit und theologiſche Gelahrtheit er⸗ reichte Lanfrane wirklich das ächte Ideal eines Gelehrten, welchem nichts was menſchlich iſt fremd ſeyn ſollte, deſſen Cloſet blos eine Eremitenzelle iſt, wenn es nicht anvers zu einem Mikrokosmus wird, der den Markt wie das Forum umfaßt— des Gelehrten, der mit dem reflektiven Theile ſeiner Natur die höhere Region der Philoſophie erfaßt, durch den thatkräftigen aber in den Hauptbrennpunkt des Handelns gezogen wird, denn Gelehrſamkeit iſt blos die Mutter der Ideen und dieſe ſind die Erzeuger der That. Nach der Eroberung wurde Lanfranc als Prälat von Canterbury der zweite Mann im Königreiche— ein Glück für England wäre es vielleicht ge⸗ weſen, wenn er der erſte geworden wäre, denn alle Anekdoten über ihn be⸗ weiſen eine tiefe aufrichtige Theilnahme für die unterdrückte Bevölkerung. Allein William, der König der Engländer, ſtand nicht mehr unter demſelben Einfluſſe, wie ihn Lanfranc über den Herzog der Normannen geübt hatte. Der Gelehrte hatte den Ehrgeizigen gekräftigt und vermochte nur noch wenig über den Eroberer. Lanfranc war freilich kein fehlerloſer Charakter: er war Prieſter, Ad⸗ vokat und Weltmann— drei Rollen, welche beſonders im eilften Jahrhundert nur ſchwer zur Vollkommenheit zu verſchmelzen waren. Aber er ſteht jeden⸗ falls ſowohl in der Ueberlegenheit ſeiner Tugenden, wie in dem Freiſeyn von den gewöhnlichen Laſtern in glänzendem rieſengroßem Gegenſatze gegen den normänniſchen Geſchichte verſchieden angegeben, fällt aber nach den Meiſten 1051—52. Pluquet ſagt in einer Note zu ſeiner Ausgabe des Roman de Rou, die Chronik von Tours ſey die einzige Autorität für das Datum dieſer Ver⸗ heirathung, und dort wird das Jahr 1053 angeführt. Es ſcheint, die päbſt⸗ liche Exkommunikation wurde erſt 1059 förmlich zurückgenommen und die ei⸗ gentliche Dispenſation zur Che nicht früher als 1063 extheilt. n 65¹1 Reſt unſerer damaligen Prieſterſchaft. Er betrachtete die Grauſamkeiten Odo’s von Bayeur mit Abſcheu, widerſetzte ſich ihm voller Feſtigkeit und un⸗ tergrub zuletzt deſſen Macht zur Freude von ganz England. Er ſpornte mäch⸗ tig zum Lernen und gab ſeinen Mönchen ein hohes Beiſpiel, wie man ſich von den käuflichen Sünden ihrer Kaſte frei machen müſſe; er legte den Grund zu einem mächtigen glänzenden Klerus, der nur darum, weil es ihm an ſpä⸗ teren Lanfranc's gebrach, jenen Grad von Civiliſation hervorzurufen verfehlte, wozu ihn Lanfranc als Werkzeug auserſehen hatte. Er weigerte ſich, Wil⸗ liam Rufus zu krönen, ſo lange dieſer König nicht nach Recht und Geſetz zu regieren geſchworen hatte, und ſtarb geehrt und geliebt von dem ſächſiſchen Volke, trotzdem daß er ein Uſurpator geweſen war. Gelehrter und Morgenſtern in dem finſteren Zeitalter des Trugs und der Gewalt!— es iſt leichter, Dein Leben zu preiſen, als durch die Länge der Jahrhunderte all' die unſichtbaren unermeßlichen Wohlthaten zu verfolgen, welche ein einziger Gelehrter in den Seelen, die er erweckt, in den Gedanken, die er anregt, durch ſein Leben in dieſer Welt zurückläßt.* D. Edwards des Bekenners Erwiderung gegen Magnus von Dänemark, als dieſer ſeine Krone beanſpruchte. Bei ſeltenen Gelegenheiten war Edward nicht ohne einen Anſtrich edlen ritterlichen Weſens. Snorro Sturleſon erzählt uns eine männliche geiſtreiche Antwort, welche der Bekenner dem Magnus ertheilte, der als Canuts Erbe auf die eng⸗ liſche Krone Anſpruch machte; ſie ſchloß alſo:„Nun ſtarb Hardicanut und da ging der Entſchluß des Volks dahin, mich hier in England zum Könige zu nehmen. So lange ich keinen königlichen Titel beſaß, diente ich meinen Obe⸗ ren in Allem wie Einer, der durch Geburt keinen Anſpruch auf Land oder Königreich hat. Nun aber habe ich den Königstitel empfangen und bin als König geſalbt; ich habe wie vor mir mein Vater meine königliche Würde und Autorität begründet, und ſo lange ich lebe, werde ich nicht auf meinen Titel verzichten. Wenn König Magnus mit einem Heere kommt, werde ich kein zweites gegen ihn ſammeln; aber er ſoll erſt dann Gelegenheit haben, England einzunehmen, wenn er mir das Leben genommen hat. Hinterbringt ihm dieſe meine Worte.“ * Wer ſich für die Gewährsmänner obiger Skizze wie für manche merk⸗ würdige Anekdote über Lanfranc's Charakter intereſſirt, leſe Orderic. Vital. lor. De Knyghton. lip. I. Gervasius und das Leben Lanfranc's in der Sammlung ſeiner Werke. 652² Wenn wir dieſe Antwort als authentiſch annehmen dürfen, ſo iſt ſie dop⸗ pelt merkwürdig als Beweis, daß Edward ſeinen Titel auf den Entſchluß des Volkes ihn zum König zu nehmen begründete und ſeine erblichen Anſprüche im Vergleiche damit als Nichts achtete. Dieſes ſowohl wie überhaupt der Ton der Antwort— beſonders die Stelle, wo er ausſpricht, daß er ſeine Ver⸗ theidigung nicht der Armee, ſondern dem Volke anvertraue— macht es wahr⸗ ſcheinlich, daß Godwin die Antwort diktirte; und in der That, Edward ſelbſt hätte ſie weder in's Sächſiſche noch in’s Däniſche einkleiden können. Aber der König bleibt jedenfalls zu dem Lobe, das er verdient, gleich berechtigt, ob er ſie nun ſelbſt abfaßte oder ihren wackeren Ton und fürſtliche Geſinnung blos billigte und ſanktionirte. E. Herolde. So Vieles von dem„Stolze, dem Pompe und Aufwande,“ der das rit⸗ terliche Zeitalter begleitete, wird von dieſen Gefährten der Prinzen und Ver⸗ kündigern edler Thanen entlehnt, daß es den Leſer wohl intereſſiren dürfte, wenn ich ihm kurz zuſammenſtelle, was unſere beſten Alterthumskenner über deren erſtes Erſcheinen in unſerer Geſchichte geſagt haben. Camden meint,(etwas zu voreilig, fürchte ich,)„ihr Anſehen, Ehre und Namen habe in den Zeiten Karls des Großen begonnen.“ Die erſte Erwäh⸗ nung von Herolden in England fällt in die Regierung Edward's III.— eine Regierung, in welcher das Ritterweſen ſeinen glänzendſten Gipfel erreicht hatte. Whitlock ſagt:„einige leiten den Namen Herold von Herauld, einem ſächſiſchen Worte(alter Krieger oder Altmeiſter bedeutend) ab, weil die He⸗ rolde urſprünglich aus den Veteranen gewählt wurden.“ Joſeph Holland er⸗ zählt:„ich finde, daß Malcolm König der Schotten einen Herold an William den Eroberer ſandte, um wegen des Friedens zu unterhandeln, während beide Heere in Schlachtordnung ſtanden.“ Agard behauptet:„zur Zeit der Erobe⸗ rung waren Herolde noch nicht gebräuchlich,“ und bemerkt richtig, daß der Eroberer einen Mönch als Boten an König Harold abſandte Hier möchte ich noch beifügen, daß auch in den altfranzöſiſchen und nor⸗ männiſchen Chroniken Mönche und Prieſter das Amt der Herolde verrichten. So ſchickt Karl der Einfältige einen Erzbiſchof zur Unterhandlung mit Rolf⸗ ganger; Ludwig der Fromme einen„weiſen und klugen Abt“ an Mormon, Häuptling der Bretonen. In den ſächſiſchen Zeiten war der Nuntius(ein Wort, das noch im heraldiſchen Latein gebraucht wird) der regelmäßige Ge⸗ ſandte des Königs wie der großen Earls. Sein ſächſiſcher Name hieß bode (Bote), und war-bode(Kriegsbote), wenn er zu feindlichen Verhandlungen wel 653 verwendet wurde. Die Geſandten zwiſchen Godwin und dem König mögen wohl dem allgemeinen Sinne der Chronik zufolge gewiſſe Thane geweſen ſeyn, e welche als Vermittler auftraten. F. Die Fylgia oder der Schutzgeiſt. Dieſer liebliche Aberglaube in der ſkandinaviſchen Religion iſt um ſo bemerkenswerther, als er im Glauben der eigentlichen Teutonen nicht vor⸗ kommt und mit dem guten Engel oder Schutzgeiſte der Perſer enge zuſam⸗ menhängt. Er bildet deshalb einen der Beweiſe für die aſiatiſche Abſtam⸗ mung der Nordmänner. Die Fylgia(begleitender Geiſt) wurde immer als weibliches Weſen dargeſtellt. Ihr Einfluß war nicht durchaus günſtig, obwohl letzteres ihr Hauptmerkmal ausmacht. Wurde ſie vernachläſſigt, ſo war ſie der Rache fähig, zeigte aber die ganze Hingebung ihres Geſchlechts, wenn ſie geziemend behandelt wurde. Mr. Grenville Pigott in ſeinem neuen populären„Hand⸗ buch ſkandinaviſcher Mythologie“ erzählt eine intereſſante Legende in Betreff einer dieſer übernatürlichen Damen: „Ein ſkandinaviſcher Krieger, Halfred Vandrädakald hatte den chriſtlichen 1 Glauben angenommen. Als er nun von einer, wie er glaubte, tödtlichen Krank⸗ heit befallen wurde, fürchtete er natürlich, ein Geiſt, der ihn durch ſein heid⸗ niſches Leben begleitet, dürfe ihm nicht in jene andere Welt folgen, wo deſſen Geſellſchaft ihn in verdrießliche Geſchichten verwickeln könnte. Die hartnäckige Fylgia wandelte gleichwohl in Geſtalt eines ſchönen Mädchens auf den Wogen der See hinter ſeinem Wikingerſchiffe her und kam ſo nahe, daß die ganze Schiffsmannſchaſt ſie erblickte. Halfred, ſeine Fylgia erkennend, ſagte ihr mit dürren Worten, daß ihre Verbindung für immer ein Ende habe. Die ver⸗ laſſene Fylgia beſaß aber auch ihren Stolz und fragte nun Thorold,„ob er ſie haben wolle.“ Dieſer war ungalant genug, ſie auszuſchlagen; Halfred der jüngere aber ſagte:„Mädchen, ich will Dich nehmen.“* In den verſchiedenen Nordlandsſagen gibt es viele Anekdoten über dieſe Geiſter, welche immer reizend erſcheinen, weil ſie ihren weniger irdiſchen At⸗ tributen ſtets etwas vom Charakter des Weibes beimiſchen. Die in ihrem Daſeyn verkörperte Poeſie iſt von ſanfterem menſchlicherem Charakter, als er ſonſt in den ſtrengen rieſigen Dämonen der ſkandinaviſchen Mythologie er⸗ ſichtlich iſt. * Pigott's ſkandinaviſche Mythologie, S. 360. Half. Vand. Saga. 654 G.. Earl Godwin's Abſtammung. Sharon Turner bringt aus der Knytlinga Saga, was er eine Erklä⸗ rung über Godwin's Laufbahn und Verwandtſchaft nennt, worüber keine anderen Dokumente exiſtiren. Sie lautet:„Ulf, ein däniſcher Häuptling, ver⸗ folgte nach der Schlacht von Skorſtein zwiſchen Canut und Edmund Ironſides die engliſchen Flüchtlinge in einen Wald, wo er ſich verirrte und gegen Mor⸗ gen einen ſächſiſchen Jüngling traf, der das Vieh auf die Waide trieb. Er verlangte von ihm, er ſolle ihn in Sicherheit zu Canuts Schiffen weiſen und bot ihm als Führerlohn einen goldenen Ring; der junge Hirte verſchmähte jedoch dieſe Gabe der Beſtechung, barg aber den Dänen in der Hütte ſeines Vaters(der als bloßer Bauer geſchildert wird) und geleitete ihn am andern Morgen in das däniſche Lager. Vorher aber hatte der Vater des Jünglings dem Ulf vorgeſtellt, daß ſein Sohn Godwin, nachdem er einem Dänen zur Flucht verholfen, nicht mehr ſicher bei ſeinen Landsleuten bleiben könne und erſuchte ihn deßhalb, das Glück ſeines Sohnes bei Canut anzubahnen. Der Däne verſprach es und hielt Wort: daher Godwin’s Aufſchwung.“ Thierry in ſeiner„Ceſchichte der normänniſchen Eroberung“ erzählt dieſelbe Geſchichte nach der Autorität von Torfaeus Hist: Rer. Norweg. Nun brauche ich wohl keinen mit unſerer früheren Geſchichte Vertrauten zu ſagen, daß die nordiſchen Chroniken, wimmelnd von romantiſchen Sagen und Legenden, gegen unſere eigenen Memoiren niemals als Autorität gelten können, wenn ſie auch zuweilen als Ergänzung von Auslaſſungen in letzteren nicht ohne Werth ſind, und zum Unglück für dieſe hübſche Geſchichte ſprechen wider ſie die direkten Behauptungen der beſten Autoritäten, die wir beſitzen, nämlich der Sachſenchronik und Florence’'s von Worceſter. Die Sachſenchronik erzählt ausdrücklich, daß Godwin’s Vater Childe von Suſſer(Florence nennt ihn Miniſter oder Than von Suſſer)* und daß Wolnoth ein Neffe Edric's, des allmächtigen Earls oder Herzogs von Mercia geweſen. Florence beſtätigt dieſe Behauptung noch überdies durch den Stammbaum, der ſich folgender⸗ maßen ableiten läßt: *„Suthsaxonum ministram Wolfnothem.“ Flor. Wig. des ſter Syly Gan richt gen Suſ in ganz noth Kön von ſiſch und die neu 6⁵⁵ Edrie heirathete Egelric, mit dem Beinamen Leofwine. Edgith, Tochter König Ethelred's II. Egelmar. — Wolnoth. — Godwin. So war dieſer„alte Bauer“— wie die nordiſchen Chroniken den Wol⸗ noth nennen— unſeren unzweifelhafteſten Autoritäten zu Folge ein Than aus einem der wichtigſten Theile Englands und Mitglied der mächtigſten Familie des Königreichs. Wenn unſere ſächſiſchen Gewährsmänner überhaupt noch der Hülfe von Muthmaßungen bedürften, ſo lohnt ſich's wohl kaum der Frage, wofür die größere Wahrſcheinlichkeit ſpreche, ob dafür, daß ein ſächſiſcher Hirtenſohn in wenigen Jahren zu ſolcher Macht gelangte, daß er die Schwe⸗ ſter des däniſchen Eroberers und Königs heirathete, oder dafür, daß dieſe Ehe dem fähigſten Gliede eines ſchon vorher mit der ſächſiſchen Königslinie verwandten Hauſes übertragen worden ſeyn dürfte, das ſeine Macht nach dem Falle ſeines Hauptes, des verrätheriſchen Edrie Streone, offenbar noch beibe⸗ hielt. Sogar nach der Eroberung wird einer von Streones Neffen Edricus Sylvaticus als ein„ſehr mächtiger Than“ genannt.(Simon Dunelm.). Im Ganzen ſcheint der im Texte gegebene Bericht über Godwin’s Laufbahn der richtigſte, den unſere nur auf geringe hiſtoriſche Kenntniß baſirte Vermuthun⸗ gen zulaſſen. Im Jahre des Herrn 1009 ſchlägt Wolnoth, Childe oder Than von Suſſer, die Flotte Ethelreds unter ſeinem Oheim Brightrie und bricht alſo in Empörung aus. Wenn ſomit Canut fünf Jahre ſpäter 1014 von der ganzen Flotte zum König erwählt wird, ſo läßt ſich vermuthen, daß Wol⸗ noth und Godwin ſein Sohn ſeiner Sache anhingen und daß Godwin dem Könige ſpäter als ein junger Edelmann von großen. Hoffnungen vorgeſtellt, von dieſem ſcharfblickenden Regenten begünſtigt und als Mittel, die ſäch⸗ ſiſchen Thane für ſich zu gewinnen, zuletzt mit der Hand ſeiner Schweſter und zum zweitenmale mit der ſeiner Nichte beehrt wurde. H. Der Mangel an Veſten in England. Die Sachſen waren arge Zerſtörer: ſie zertrümmerten die Kaſtelle, welche die Britten von den Römern überkommen hatten, und bauten nur ſehr wenig neue, ſo daß das Land für die Dänen offen blieb, Alfred, dieſen Mangel wohl 656 fühlend, reparirte die Mauern von London und andern Städten und empfahl ſeinen Edlen und Prälaten auf's Dringendſte, die Erbauung von feſten Schlöſſern, ohne ſie jedoch dazu zu bringen. Seine hochſinnige Tochter Elfleda war die einzige Nachahmerin ſeines Beiſpiels: ſie erbaute acht Schlöſſer in drei Jahren.* So kam es, daß die Engländer in einem Lande, deſſen Beſchaffenheit über⸗ haupt keinen langwierigen Krieg zuläßt, fortwährend von dem Ausgange ei⸗ ner einzigen regelmäßigen Schlacht abhingen. Nach der Eroberung— unter Johanns Regierung— war es in der That das ſtarke Schloß von Dover, mit deſſen Belagerung Prinz Louis ſo viele Zeit verlor, was das Reich von England vor einer franzöſiſchen Dynaſtie rettete, und es iſt merkwürdig zu beobachten, wie das Land in ſpäteren Perioden, da die Veſten wieder in Ver⸗ fall geriethen, nach jedem bedeutenden Siege einer der ſtreitenden Parteien ſo leicht erobert wurde. In dieſer Beziehung ſind die Kriege der beiden Roſen reich an Belehrung. Die Handvoll ausländiſcher Söldlinge, wodurch Heinrich VII. ſeine Krone gewann, obwohl der wirkliche Erbe, der Earl von Warwick,(Ed⸗ ward's IV. Kinder als ungeſetzlich zugegeben, was ſie nach den Gebräuchen der Kirche auch wirklich waren) durch Richards Niederlage bei Bosworth ſeinen Anſpruch niemals verloren hatte— der Marſch des Prätendenten nach Derby — die Beſtürzung, die er durch ganz England verbreitete, und die Gewißheit ſeines Gelingens, wenn er vorgerückt wäre— der leichte Sieg Williams III. zu einer Zeit, da die Maſſe der Nation ſeiner Sache widerſtrebte— ſind lau⸗ ter warnungsvolle Thatſachen, gegen welche wir noch jetzt eben ſo blind ſind, wie wir es in Alfreds Tagen waren. I. Die Ruinen von Penmaen⸗mawr. 8 . In Camden's Britannia ſteht eine Schilderung der merkwürdigen Ueberreſte, die wir im Texte als letzten Zufluchtsort Gryffyth's ap Llewellyn angegeben haben— der Bericht iſt einem Manuſcript Sir John Wynne'’s aus Carls I. Zeit entnommen. Dabei ſind denn auf's Genaueſte beſchrieben seingeſtürzte Mauern von ausnehmend ſtarker Bauart, von einem dreifachen Walle umgeben, und zwiſchen jedem Walle die Grundmauern von wenigſtens hundert Thürmen, innerhalb der Wälle ſechs Schritte im Durchmeſſer faſ⸗ ſend. Dieſes Schloß ſcheint, ſo lange es ſtand, uneinnehmbar geweſen zu ſeyn; nirgends gab es einen Punkt, von wo man es angreifen konnte; der Hügel war ſehr hoch, ſteil und felſig und die Wälle ungemein ſtark, der Pfad zum Eingange führte in vielen Windungen aufwärts, ſo daß hundert Männer. „* Asser, de Reb. Gest. Alf. S. 17 u. 18. 657 ſich gegen eine ganze Legion vertheidigen konnten, und doch ſcheinen dieſe Waͤlle Raum für zwanzigtauſend Mann geboten zu haben. „Nach der Tradition unſerer Vorfahren war dies der ſtärkſte Zufluchts⸗ oder Vertheidigungsort, den die alten Britten im ganzen Snowdongebirge hatten; überdies beweist die Größe des Werkes, daß es eine fürſtliche, durch Natur und Kunſt verſtärkte Veſte war.“* Im Jahre 1771 beſtieg jedoch Gouverneur Pownall dieſes Pemnaen⸗ mawr, beſichtigte die Ueberreſte und publicirte ſeinen Bericht in der Archäolo⸗ gie, Bd. III, S. 305, nebſt einer Skizze des Berges und der Mauern auf deſſen Gipfel. Der Gouverneur meint, es ſey niemals eine Befeſtigung geweſen, glaubt vielmehr, die innere Umfaſſung habe ein Druidengrab enthalten, auch ſey kein Raum für Unterkunft der Truppen vorhanden und die Mauern ſeyen nicht der Art, daß ſie Schutz gewähren und zugleich den Vortheil bieten, von ihnen herab ſich vertheidigen zu können— kurz der Ort ſey nichts weiter, als einer von den Hügeln, welche die Druiden der Gottesverehrung geweiht hatten. Er fügt übrigens bei,„Mr. Pennant ſey zweimal über das Gebirge gegangen und beabſichtige eine genaue Unterſuchung vorzunehmen, von wel⸗ cher man, nach der Kenntniß und Genauigkeit dieſes großen Alterthumsfor⸗ ſchers zu ſchließen, Vieles erwarten dürfe.“ Wir wenden uns zunächſt zu Mr. Pennant und finden, daß er dem Gouverneur geradezu widerſpricht.„Ich habe dieſen berühmten Felſen mehr als einmal beſucht,“ ſagt er,**„um die Befeſtigung zu beſichtigen, welche Camden nach einigen Notizen jenes verſtändigen alten Baronets, Sir John Wynne’s von Gwidir, beſchrieben; ich habe ſeinen Bericht durchaus genau erfunden. „Die Frontlinien von drei wenn nicht gar vier Mauern präſentirten ſich eine über der andern. Ich maß die eine Mauer und fand ſie damals 9 Fuß hoch und 7 ½ Fuß dick.“(Gouverneur Pownall hatte ſie gleichfalls gemeſſen und eben ſo dick, aber nur fünf Fuß hoch angegeben.)„Zwiſchen den Mauern waren allenthalben unzählige meiſt kreisrunde Gebäude. Dieſe waren viel höher geweſen, wie man ſchon aus den in die Tiefe herabgefallenen Steinen erſieht, und hatten einſt wahrſcheinlich die Form von Thürmen, wie Sir John es angibt. Ihr Durchmeſſer iſt durchſchnittlich 12—18 Fuß, was doch gewiß Raum genug zur Unterkunft gewährte; die Mauern waren an einigen Stellen von anderen ebenſo ſtarken durchſchnitten. Dieſe Veſte der Bretonen iſt genau von derſelben Art wie die zu Carn Madryn, Carn Boduan und Tre'r Caer. „Der Punkt war höchſt umſichtig gewählt, um den Durchgang nach Ang⸗ leſey und den entlegeneren Theilen des Landes zu decken, und muß ſeiner * Camden. Caernarvonſhire. ** Pennant: Wales, II. Bd. S. 146. Bulwer, Harold. 42 EEEREEEEEEEmmE—— 658 immenſen Stärke nach zu ſchließen höchſtens durch Hunger einnehmbar gewe⸗ ſen ſeyn, da er gegen die See hin durch ſeine natürliche Steilheit unerſteiglich und an den ſonſtigen Abhängen in der erwähnten Weiſe befeſtigt war.“ Soweit Pennant versus Pownall!„Wer ſoll entſcheiden, wenn Dok⸗ toren ſtreiten?“— Die Anſicht dieſer beiden Alterthumskenner iſt mancherlei „Bedenklichkeiten unterworfen. Gouverneur Pownall mochte wohl ein beſſerer Beurtheiler militäriſcher Schutzwehren ſeyn, als Pennant; aber er hat of⸗ fenbar nur eine unvollkommene Kenntniß von den Veſten, wie ſie für die Kriegführung der alten Bretonen vollkommen genügt haben mochten— über⸗ dies war er durch Bryant’s Fabeleien über„hohe Plätze u. ſ. w.“ lirre ge⸗ führt. Die wahrſcheinlichſte Annahme dürfte ſeyn, daß der Ort ſowohl Fort als Begräbnißplatz war und daß die Stärke des Punktes und der Vorrath an Steinen den Plan eingab, den ſchmalen Raum des mittleren Begräbniſſes mit Mauern zu umringen, welche zur Zuflucht wie zur Vertheidigung be⸗ ſtimmt waren. Was die kreisförmigen Gebäude betrifft, wodurch jene Alter⸗ thumsforſcher ſich in Verlegenheit bringen ließen, ſo iſt es auffallend, daß ſie die Berichte, welche am meiſten zu deren Erklärung dienen, überſehen zu ha⸗ ben ſcheinen. Strabo ſagt:„die Häuſer der Bretonen waren rund mit einem hohen Spitzdache;“ Cäſar ſchildert ſie als nur durch die Hausthüre erleuchtet, und auf der antoniniſchen Säule ſind ſie kreisförmig dargeſtellt mit einem einfachen oder doppelten Bogeneingang; ſie waren immer klein und ſcheinen blos ein einziges Zimmer umfaßt zu haben. Dieſe kreisförmigen Gebäude waren alſo nicht nothwendig Druidenzellen, wie vermuthet worden, vielleicht auch nicht eigentliche Thürme, wie Sir John Wynne behauptete, ſondern Woh⸗ nungen nach der Sitte brittiſcher Häuſer für die Inſaſſen oder die Garniſon der Umfaſſung. Will man noch die von Sir John Wynne erwähnten und ſonſt exiſtirende Traditionen des Ortes in Betracht ziehen, wonach in unmit⸗ telbarer Nachbarſchaft die Schauplätze ſagenhafter Schlachten zu ſuchen wä⸗ ren, ſo wird der Leſer hoffentlich die im Texte gegebene Beſchreibung als die⸗ jenige aufnehmen, welche die Natur und den Charakter dieſer höchſt intereſ⸗ ſanten Ueberbleibſel im eilften Jahrhundert und während Harold's denkwür⸗ digem Einfalle in Wales, der zwiſchen die Zeit Geraints oder Arthurs und Heinrichs II. mitten inne fällt— unter den ſtreitenden Autoritäten mit der höchſten Annäherung an Wahrheit ſchildert.* * Die noch exiſtirenden Reſte haben ſeit Pownall's und Pennant's Zeit ſehr abgenommen, und müſſen im Vergleiche mit den Mauern und Gebäuden, wie ſie in der Periode unſerer Erzählung beſtanden, in der That unbedeutend geworden ſeyn. —, 8 + 112&☛ 3 i r e V 659 K. Der Götze Bel. Monſ. Johanncau nimmt an, Bel oder Belinus ſey von dem griechiſchen Belos(Pfeil oder Wurfſpieß) abgeleitet und bedeute einen Bogenſchützen, weß⸗ halb das Wort als Beiname Apolls gelte.* Ich muß geſtehen, das ſcheint mir eine von den unrichtigen Anſichten der Gelehrten, aus vagen Wortverwandtſchaften abgeleitet. Wenn übrigens ir⸗ gend etwas an dieſer Annahme iſt, ſo bleibt es ebenſo wahrſcheinlich, daß Bel's Verehrung den Griechen von den Celten, als daß ſie dieſen von jenen überliefert wurde. In dieſem Punkte finden die Gelehrten einige höchſt intereſſante Fragen zu unterſuchen, nämlich 1) wann haben die Celten zuerſt Götzenbilder einge⸗ führt? 2) Dürfen wir der Verſicherung klaſſiſcher Autoritäten glauben, wo⸗ nach die Druiden urſprünglich keinen Götzendienſt zuließen? Iſt dies der Fall, ſo finden wir die Hauptgötzen der Druiden bei Lucan aufgezählt, und ſie mußten ſie alſo lange vor Lucan's Zeit eingeführt haben. Von wem konnte dies geſchehen? Von den Römern nicht wohl, denn die römiſchen Götter ha⸗ ben nicht die geringſte Aehnlichkeit mit den celtiſchen Götzen, ſodald wir letz⸗ tere genau unterſuchen; eben ſo wenig von den Teutonen, von deren Gott⸗ heiten die der Celten ſich gleichermaßen unterſcheiden. Haben wir vielleicht den klaſſiſchen Schriftſtellern nicht zu viel Glauben geſchenkt, wenn ſie ver⸗ ſichern, daß der druidiſche Gottesdienſt urſprünglich höchſt einfach geweſen? und wird man dann die druidiſchen Götzen nicht eben ſo alt finden, als die fernſten Spuren des celtiſchen Daſeyns? Mochten nicht die Cimmerier ſie aus der Zeit ihrer erſten traditionellen Einwanderung aus Oſten herüberge⸗ bracht haben, und iſt ihr Bel nicht identiſch mit der babyloniſchen Gottheit? L. Salben, wie die Herxen ſie gebrauchten. Lord Baco, wenn er von den bei den Hexen gebräuchlichen Salben ſpricht, ſtellt die Vermuthung auf, daß dieſe wirklich die Ausdünſtung hemmten und nach dem Kopfe trieben, wodurch Krämpfe und Viſionen veranlaßt wur⸗ den. Es ſcheint, daß alle Hexen, welche den Sabbath beſuchten, dieſe Salben anwendeten, und es liegt etwas ſehr Auffallendes in dem Umſtande, daß ihre Zeugniſſe über die Scenen, die ſie nicht mit dem Körper(den ſie hinter ſich ließen) wohl aber mit der Seele wahrgenommen zu haben erklärten, ganz mit einander übereinſtimmen, wie wenn dieſelben Salben und Zaubermittel * Johann. ap. Acad. Celt. III. Bd., S. 151. 42* ziemlich ähnliche Träume veranlaßt hätten. Für die Anhänger des Magnetis⸗ mus muß ich noch beifügen, daß nur von Wenigen beobachtet wurde, bis zu welchem Grade der Somnambulismus durch gewiſſe chemiſche Mittel geſteigert zu werden ſcheint; und wer etwa nicht an dieſes Agens glaubt, dagegen mit jenen jetzt vernachläſſigten Spezereien, denen die Arzneikunde des Mittelalters eigenthümliche Kräfte zuſchrieb, ſchon früher experimentirt hat, wird wohl die mächtige und ſo zu ſagen ſyſtematiſche Wirkung nicht abläugnen wollen, welche gewiſſe Stoffe auf die Einbildungskraft ſehr reizbarer Nervenkranken äußern. M. Hilda's Beſchwörungen. I. „Beim Urdarquell täglich Aus Baches Gebrüll, Die Nornen beſprengen Den Baum Ygg⸗Draftill.⸗ Der Baum Ygg⸗Draſill. Die ſkandinaviſchen Forſcher haben viel Gelehrſamkeit aufgeboten, um die Symbole zu bezeichnen, welche unter der Mythe des Ygg⸗Draſill oder großen Eſchenbaumes verſteckt ſeyn ſollen. Ich will den Leſer nicht damit langweilen, beſonders da große Syſteme auf ſehr kleine Vorlagen gebaut wurden und die aufgewendete Gelahrtheit ebenſo ſinnreich als unbefriedigend war: ich will mich mit Anführung der einfachen Mythe begnügen. Der Ygg⸗Draſill hat drei Wurzeln; zwei entſpringen in den unter⸗ irdiſchen Regionen, d. h. in der Heimath der Froſtrieſen, in Nifflheim (Nebelheim oder Hölle)— die dritte in dem himmliſchen Wohnſitze der Aſen. Seine Zweige, ſagt die Edda, breiten ſich über das ganze Weltall; ſeinen Stamm trägt die Erde. Unter ſeiner Wurzel, die ſich durch ganz Nifflheim ausbreitet und welche der Schlangenkönig fortwährend benagt, liegt die Quelle, woraus die hölliſchen Ströme fließen. Unter der Wurzel, die in das Land der Rieſen ausläuft, iſt Mimir’s Brunnen, worin alle Weisheit verſchloſſen iſt; aber unter der Wurzel, die in dem Lande der Götter liegt, iſt die Quelle Urdas, der Norne— hier ſitzen die Götter zu Gericht. Nahe dieſer Quelle ſteht ein ſchönes Gebäude, woraus die drei Jungfrauen Urda, Verdandi und Skulda(Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) hervortreten; ſie begießen den Eſchenbaum täglich aus der Urdaquelle, damit ſeine Zweige nicht abſter⸗ ben. Vier Haſen verſchlingen fortwährend die Knospen und Zweige des Eſchenhaums; auf ſeinen Aeſten ſitzt ein Adler, der in Vielem gar weiſe iſt; — 661 zwiſchen ſeinen Augen niſtet ein Falke und ein Eichhörnchen rennt am Baume auf und nieder, um Zwietracht zwiſchen der Schlange und dem Adler zu ſäen. So lautet in Kurzem der Bericht der Mythe. Was die verſchiedenen Interpretationen ihrer ſymboliſchen Bedeutung betrifft, ſo verweiſen wir den Leſer auf Mallets nördliche Alkerthümer und Pigotts ſkandina⸗ viſches Handbuch. N. Harold's Thronbeſteigung. Bekanntlich exiſtiren zweierlei Verſionen in Betreff Edward's des Be⸗ kenners letzter Verfügung über die engliſche Krone. Die normänniſchen Chro⸗ niſten behaupten erſtens, Edward habe William die Krone während ſeiner Verbannung in der Normandie verſprochen; zweitens, Siward, Earl von Northumbrien, Godwin und Leofrie haben durch einen Eid— serment de la main— betheuert, ihn nach Edward's Tod als Seigneur anerkennen zu wollen, und die Geiſeln Wolnoth und Haco ſeyen dem Herzog als Pfand dieſes Eides übergeben worden;* drittens, Edward habe ihm die Krone durch Teſtament vermacht. Laßt uns unterſuchen, wie weit dieſe drei Behauptungen die Wahrheit für ſich haben mögen.. Erſtens— Edward verſprach William die Krone während ſeines Aufent⸗ halts in der Normandie. Dies ſcheint allerdings wahrſcheinlich genug und wird indirekt durch die ſächſiſchen Chroniſten beſtätigt, wenn ſie einmüthig Edward's Warnungen er⸗ zählen, wodurch er Harold von ſeinem Beſuche am normänniſchen Hofe ab⸗ halten wollte. Edward mochten Williams Abſichten auf ſeine Krone wohl bekannt ſeyn(obwohl er bei jenen Warnungen ſeiner nicht erwähnte)— er mochte ſich wohl erinnern, wie ſehr er jene Abſichten durch ſein eigenes frü⸗ heres Verſprechen autoriſirt hatte; auch konnte er wohl wiſſen, welches die geheimen Zwecke waren, um derenwillen William die Geiſeln zurückhielt, und welche Vortheile er erſtreben würde, ſobald er Harold ſelbſt in ſeiner Gewalt hätte. Dieſes Verſprechen an ſich war jedoch offenbar für das engliſche Volk, überhaupt für Niemand als Edward bindend, der es ohne die Sanktion des Witan gar nicht erfüllen konnte. Daß William ſelbſt während Edward's Lebzeiten kein großes Gewicht auf jenes Verſprechen legte, iſt klar, denn hätte er's gethan, ſo wäre die beſte Zeit zu deſſen Geltendmachung die geweſen, als Edward den Atheling als präſumtiven Thronerben aus Deutſchland holen * Wilhelin von Poitiers. ließ, was eine virtuelle Aufhebung jenes Verſprechens war und wogegen William keine Klage oder Vorſtellung einreichte, überhaupt keinen Schritt zur Durchſetzung des Gelöbniſſes that. Zweitens— Godwin, Siward und Leofric hatten William den Lehens⸗ eid geleiſtet. Dies ſcheint eine Fabel ohne alle Begrindung. Wann ſollte dieſer Eid geleiſtet worden ſeyn?— Sicherlich nicht nach Harold's Beſuche, denn da⸗ mals waren ſie alle todt. Bei Edward's Thronbeſteigung? Dem widerſpricht offenbar die Stipulation, welche Godwin und die Häupter des Witan ſtellten, daß Edward nicht mit normänniſchen Helfern kommen dürfe, ſowie die offen⸗ kundige Eiferſucht gegen die Normannen, die ſie mit dem ganzen engliſchen Volke gemein hatten, welches Ethelred's Vermählung mit der Normannin Emma als Urſache der größten Calamitäten betrachtete; ihm widerſpricht endlich Edward's Verheirathung mit Godwin's Tochter— eine Ehe, welche, wie der Earl natürlich glaubte, dem Throne geſetzliche Erben geben würde.— In dem Zeitraum zwiſchen Edward’s Thronbeſteigung und Godwin's Ver⸗ bannung?— Nein; denn alle engliſchen wie auch die normänniſchen Chro⸗ niken ſtimmen darin überein, daß Godwin und ſein Haus den normänniſchen Günſtlingen das höchſte Uebelwollen bewieſen habe, während er dieſe, wenn er William's Nachfolge geahnt oder ſich auf irgend eine Art gegen ihn verbind⸗ lich gemacht hätte, natürlicherweiſe weit milder behandelt haben würde. God⸗ win’'s Verbannung war vielmehr gerade das Reſultat ſeines Bruches mit den Ausländern.— Bei Williams Beſuche in England?— Nein; denn der fand während Godwin’s Verbannung ſtatt und ſelbſt diejenigen Schriftſteller, welche Edwards früheres Gelübde anführen, erklären, daß damals über die Thronfolge nichts geſprochen wurde. So ſcheinen denn die normänniſchen Chroniſten das Datum dieſes vorge⸗ gebenen Eides auf Godwin’s Rückkehr aus der Verbannung zu beziehen, da ſie behaupten, die Geiſeln ſeyen als Unterpfand hiefür gegeben worden. Das iſt von Allem die monſtröſeſte Annahme, denn auf Godwin's Rückkehr folgt unmittelbar die Verbannung der normänniſchen Günſtlinge— die gänzliche Niederlage ihrer Partei in England— das Dekret des Witans, daß alle Un⸗ ruhen in England von den Normannen herrühren und der triumphirende Aufſchwung von Godwin's Hauſe. Läßt ſich da auch nur einen Augenblick lang annehmen, der große engliſche Earl habe ſich damals zu dem Verſprechen herbeigelaſſen, die Herrſchaft eben der Partei zu übertragen, die er vertrieben, und ſich und ſeine Anhänger der Rache eines Feindes auszuſetzen, den er für den Augenblick völlig zu Boden getreten hatte und den er auf dieſe Art ohne irgend einen Plan oder Beweggrund zu ſeinem eigenen wahrſcheinlichen Verderben in die Macht wieder eingeſetzt hätte? — 663 Bei näherer Unterſuchung muß dieſe Behauptung auch noch aus anderen Urſachen zu Boden fallen. Sie findet ſich nicht unter den Gründen, welche William bei ſeinen Geſandtſchaften an Harold anführt; ſie beruht vornämlich auf der Autorität Wilhelms von Poitiers, der, obwohl ein Zeitgenoſſe und in einigen rein normänniſchen Punkten ein guter Gewährsmann, in Allem was ſich auf die Engländer bezieht, ſogar in den beglaubigtſten anerkannteſten That⸗ ſachen die größte Unwiſſenheit an den Tag legt. Selbſt mit den Geiſeln be⸗ begeht er die auffallendſten Verſtöße: er ſagt, Edward habe ſie mit Bewilli⸗ gung ſeiner Edlen geſchickt und Robert, Erzbiſchof von Canterbury, habe ſie begleitet. Nun war aber dieſer bei Godwin's Rückkehr ſo ſchnell er konnte aus England entflohen, und war, bevor die Geiſeln überſchickt wurden, ja ſo⸗ gar noch ehe der Witan, der Edward mit Godwin ausſöhnte, ſich verſam⸗ melt hatte, halb ertrunken in der Normandie angelangt. Er ſagt, William habe Harold ſeinen jungen Bruder zurückgegeben, während es Haco der Neffe war, welcher zurückgegeben wurde; denn wir wiſſen aus normänniſchen wie aus ſächſiſchen Chroniken, daß Wolnoth erſt nach des Eroberers Tode freige⸗ laſſen und von Rufus aufs Neue eingekerkert wurde. Seine Parteilichkeit läßt ſich daraus beurtheilen, daß er verſichert, erſtlich: William habe keinem Nor⸗ mannen Etwas geſchenkt, was ungerechter Weiſe einem Engländer abgenom⸗ men worden, und zweitens, Odo, deſſen ſchauerliche Bedrückung ſogar den König empörte, habe an Gerechtigkeit nicht ſeines Gleichen gehabt und alle Engländer haben ihm willig gehorcht.“ So dürfen wir dieſe Behauptung als an ſich ſelbſt gänzlich grundlos ver⸗ laſſen, ohne die direkten ſächſiſchen Gewährsmänner gegen ſie anzuführen. Drittens— Edward habe William die Krone durch Teſtament vermacht. Von allen drei Behauptungen ſcheint der normänniſche Eroberer auf dieſe allein einen poſitiven Anſpruch gegründet zu haben.* Wo war aber dann * Man glaubt, in einer ſeiner Verfaſſungen habe er ſich auf dieſes Ver⸗ mächtniß bezogen:„Devicto Haroldo rege cum suis complicibus, qui mihi regnum prudentia Domini destinatum et beneſficio, concessionis Domini et cognati mei gloriosi regis Edwardi concessum conati sunt auferre.“(Nachdem König Harold und ſeine Mitverbrecher beſiegt ſind, welche das durch Gottes Weisheit mir beſtimmte und durch ſeine wie meines Vetters des ruhmreichen Königs Edward Gnade verwilligte Reich mir vorzuenthalten wagten.) Forentina. A. 3. Allein William's Wort iſt keineswegs zuver⸗ läſſig, denn er beſann ſich nie einen Augenblick, es zu brechen, und ſogar obige Verſicherung drückt nicht aus, daß ihm das Reich durch dward's Teſtament hinter⸗ laſſen, ſondern blos, daß es ihm beſtimmt und gegeben worden— welche Worte vielleicht einzig aus dem früher erwähnten Verſprechen Edward’s vor ſeiner Lhronbeſteinina hervorgehen. Dieſes Verſprechen mag wohl in den erſten Jahren ſeiner Regierung durch einige Botſchaften verſtärkt worden ſeyn, wobei der normänniſche Erzbiſchof von Canterbury die Rolle des Hauptin⸗ triguanten geſpielt zu haben ſcheint. das Teſtament? Warum wurde es nie producirt und producirbar? War es zerſtört— wo befanden ſich die Zeugen? Warum wurden ſie nicht vorge⸗ laden? Die teſtamentariſche Verordnung eines angelſächſiſchen Königs wurde jederzeit reſpektirt und hatte gewichtigen Einfluß auf die Thronfolge: nur war dabei abſolut erforderlich, daß ihre Aechtheit vor dem Witan* dargelegt wurde. Selbſt ein mündlicher Akt dieſer Art von Seite des ſterbenden Re⸗ genten war geſetzlich, wenn er von den Zuhörern beſtätigt wurde. Warum unterließ man, nachdem William Herr von England und als ſolcher purch eine nach London berufene Nationalverſammlung anerkannt war, während Alle, die den ſterbenden König gehört, am beſten geneigt geweſen wären, jedes Zeugniß zu William's Gunſten abzulegen, nicht allein um dem neuen Herrſcher zu ſchmei⸗ cheln, ſondern auch um den Nationalſtolz zu beſchwichtigen und die normän⸗ niſche Thronfolge durch einen populäreren Grund als den der bloßen Erobe⸗ rung zu rechtfertigen— warum unterließ man da, die Zeugen zur Bekräfti⸗ gung des Teſtamentes aufzurufen? Alred, Stigand und der Abt von Weſt⸗ minſter mußten an Edward's Sterbebette geſtanden haben, und alle Drei hatten ſich William einmüthig unterworfen. Hätten ſie irgend eine Zeugſchaft zu ſeinen Gunſten vorzubringen gehabt, würden ſie es nicht zu ihrer eigenen Rechtfertigung, als Kompliment für William, aus Pflichtgefühl gegen das Volk und als Wahrung des Geſetzes gegen die Gewalt mit Freuden gethan haben?— Aber kein derartiger Verſuch der Zeugenabhör wurde unternommen. Dieſen wenigen Daten— William's bloßer Verſicherung und der Ge⸗ währſchaft von Normännern gegenüber, welche von der Wahrheit nichts wiſſen konnten, dagegen allen Grund hatten die Fakten zu entſtellen— haben wir die poſitiven Verſicherungen der beſtmöglichen Autoritäten beizufügen. Die Sachſenchronik(ſchon an ſich ebenſo werthvoll, wie alle anderen Chroniſten zuſammen genommen) ſagt ausdrücklich, Edward habe Harald die Krone hinterlaſſen: „Der Weiſe gleichwohl Vermachte das Reich Hochgeborenem Manne— Harold ſelber, Dem edlen Earl. Er jederzeit Gehorchte getreulich Seinem wahren Gebieter Mit Worten und Thaten; Verſäumte auch Nichts Was nöthig war. Für den herrſchenden König.“ Florence von Woreeſter, der nächſtbeſte Gewährsmann,(beſonders dadurch * Palgrave: Commonwealth, 560. 8A 8 82222 — 665 werthvoll, daß er einzelne Auslaſſungen in der angelſächſiſchen Chronik er⸗ gänzt,) bemerkt mit deutlichen Worten,* der König habe Harold vor ſeinem Abſterben zum Nachfolger erkiest, dieſer ſey von den vornehmſten Häuptlingen ganz Englands gewählt und von Alred geſalbt worden. Hoveden, Simon (Dunelm.), die Beverley Chronik beſtätigen dieſe Angaben über Harold's Er⸗ nennung durch Edward. William von Malmesbury, der unter Heinrichs I. Regierung ſchrieb und für Harold nichts weniger als partheiiſch iſt, äußert ſelbſt ſeine Zweifel gegen Edward’'s Vermächtniß(nur nennt er hiefür einen ſehr ſchlechten Grund, nämlich„Edward werde wohl kaum ſeine Krone einem Manne überlaſſen haben, auf deſſen Macht er immer eiferſüchtig geweſen,“ denn es iſt kein Beweis vorhanden, daß Edward gegen Harold's Macht ebenſo wie gegen Godwin’s geeifert habe); dafür gibt uns Malmesbury in der übereinſtimmenden Meinung ſeiner Zeit eine weit werthvollere Autorität als ſeine eigene, wenn er erzählt,„die Engländer ſagen, das Diadem ſey Harold vom Könige vermacht worden.“ Dieſe Zeugniſſe ſind— gering geſagt— jedenfalls unendlich glaubwürdi⸗ ger als die paar engliſchen Chroniſten von vergleichungsweiſe unbedeutendem Anſehen(wie Wike) oder die partheiiſchen unwiſſenden normänniſchen Ge⸗ ſchichtſchreiber,*s welche ganz für William eingenommen ſind. Ich nehme deßhalb an, daß Edward die Krone dem Harold vermachte— daß Harold durch die Wahl des Witan den beſſeren Anſpruch für ſich hatte, darüber herrſcht kein Zweifel. Dagegen bringt Sir F. Palgrave die Anſicht vor:„Auch zugegeben, daß die Prälaten, Earls, Aldermänner und Thane von Weſſer und Oſtangeln Ha⸗ rold's Thronbeſteigung ſanktionirten, ſo konnte ihre Entſcheidung für die übri⸗ gen Königreiche(Provinzen) keineswegs als bindend erſcheinen, und die kurze Zeit zwiſchen Edward's Tode und Harold's Anerkennung ſchließt doch ganz und gar die Annahme aus, daß ihre Zuſtimmung auch nur eingeholt worden * Quo tumulato, subregulus Haroldus Godwini Dacis filius, quem rex ante suam decessionem regni successorem elegerat, a totius Ang- liae primatibus ad regale culmen electus die eodem ab Aldredo Eboraä- censi Archiepiscopo in regem est honorifice consecratus.— Flor. Wig. (Worauf Earl Harold, Herzog Godwins Sohn, den der König vor ſeinem Tode zum Nachfolger beſtimmt hatte, von den Häuptlingen Lan Englands zum Throne erwählt und am ſelben Tage von dem Erzbiſchof Alred von York zum König geſalbt wurde.) u* Einige dieſer normänniſchen Hiſtoriker erzählen eine abgeſchmackte Ge⸗ ſchichte, wie Harold einem Biſchofe die Krone aus der Hand genommen und ſich ſelber auf’s Haupt geſetzt habe. Die Stickereien von Bayeur— William's entſchiedenſte Advokaten— wiſſen nichts von dieſer Gewaltthat, vielmehr wird Harold's Krönung als durchaus friedlich dargeſtellt, wogegen(wie wir ſchon anderswo zeigten) Stigand ſtatt Alreds als Weihbiſchof figurirt, weil erſterer damals unter dem Banne des Pabſtes lag. ureiueeereeeire, ———— wäre.“ Hier muß mir dieſer große Schriftſteller bei all' meiner Verehrung die Vermuthung geſtatten, daß er, wie ich glaube, das Faktum außer Acht ließ, wie kurz vor Edward's Tode eine Verſammlung, ſo zahlreich, als ſie nur jemals zu einem Nationalwitan zuſammengekommen, zu dem Zwecke be⸗ rufen worden war, der Einweihung von Edward's großem Lebenswerke— der neuen Abtei und Kirche von Weſtminſter— anzuwohnen. Dieſe Ver⸗ ſammlung wird ſich in einer ſo kurzen und ängſtlichen Periode wie die der tödtlichen Krankheit des Königs, welche ihn verhindert zu haben ſcheint, der Ceremonie in Perſon beizuwohnen und wenige Tage nachher mit ſeinem Tode endete, gewiß nicht zerſtreut haben, ſo daß während jenes Zwiſchenraumes, der höchſtens eine Woche ausmachte,“ das ungewöhnlich zahlreiche Zuſammen⸗ treffen von Prälaten und Edlen aus allen Theilen des Reichs eine genügende Menge von Votanten ergab, um dem Witan Beſchlußkraft und Gewicht zu verleihen. Wäre dem nicht ſo geweſen, ſo würden die ſächſiſchen und noch mehr die normänniſchen Chroniſten wohl ſchwerlich unterlaſſen haben, über die Unrechtmäßigkeit der Wahl ihre Bemerkung zu machen, während kein Wort über die mangelnde Vollzähligkeit des Witan laut wird, und die zwei großen Fürſtenthümer Northumbrien und Mercia durch Harold's neuliche Heirath mit der Schweſter der beiden Earls an ihn gefeſſelt waren. Auch darf nicht vergeſſen werden, daß wenige Monate früher ein ſehr zahlreicher Witan zur Aburtheilung von Toſtig's und Morcar's rivaliſirenden Anſprüchen zu Orford geſeſſen hatte; die Entſcheidung des Witan beweist die Ausſöhnung der beiden Parteien Harold's und der jungen Earls, ratificirt durch ſeine Vermählung mit Aldythen. Wer ſich ſchon bei Parteikämpfen und Kabalen thätig betheiligt hat, wird die Wahrſcheinlichkeit der in meinem Romane aufgeſtellten Behauptung zugeben, daß die leitenden Häuptlinge mit Rückſicht auf Edward'’s Alter und Schwächlichkeit, wie nicht minder bei der dringenden Nothwendigkeit, die Anſprüche auf die Thronfolge im Voraus zu beſtimmen— zu einem wirklichen wenn auch geheimen Einverſtändniſſe gelangt waren. Es iſt ein gewöhnlicher Irrthum in der Geſchichte, ein Ereigniß als ein plötzliches anzunehmen, was ſchon der Natur der Dinge nach kein plötz⸗ liches ſeyn kann. Alle Maßregeln, welche Harold den Weg zum Throne bahnten, mußten ſchon lange vor dem Tage, da ihn der Witan unanimi om- nium consensu“** erwählte— im Stillen angezettelt geweſen ſeyn. Das Ergebniß meiner Unterſuchung aller Memoiren jener Zeit ſtimmt * Edward ſtarb am 5. Januar; Harold's Krönung ſoll am 12. ſtattge⸗ funden haben, doch iſt über das genaue Datum kein eſedidendes⸗ Zeugniß vorhanden. Einige geben ſogar zu verſtehen, er ſey den Tag nach Edward's Tode gekrönt worden, was doch kaum möglich iſt. * Vit, Harold. Chron. Angl. Norm. 4 —-— ᷣ 667 gleichfalls zu Harold's Gunſten und bringt mich zu der Ueberzeugung, daß Sir F. Palgrave in ſeiner bewundernswerthen Geſchichte des angelſächſiſchen Eng⸗ lands dem Letzten ſeiner Könige nur karge Gerechtigkeit erweist und daß ſeine eigenthümlichen politiſchen und konſtitutionellen Theorien wie ſeine Anhäng⸗ lichkeit an das Prinzip erblicher Thronfolge, wonach er meint,„Harold habe in keiner Hinſicht ein klares Recht auf die Krone gehabt,“ ſeinem Ausſpruche über Harold's Charakter und Anſprüche einigermaßen die Färbung eines Par⸗ teivorurtheiles anhängen. Meine tiefe Bewunderung für Sir F. Palgrave's Gelehrſamkeit und Scharfblick würde mir nicht erlauben, eine ſolche Bemer⸗ kung zu äußern, ohne ſämmtliche widerſtreitende Autoritäten, auf die er ſich ſelber beruft, ſorgfältig geprüft und abgewogen zu haben, und ſo muß ich denn bekennen, daß mir unter allen modernen Hiſtorikern Thierry den richtig⸗ ſten Begriff über die Hauptperſonen in der großen Tragödie des normänni⸗ ſchen Einfalles gegeben zu haben ſcheint, obwohl ich zu dem Glauben geneigt bin, daß er den unterdrückenden Einfluß der normänniſchen Dynaſtie, mit wel⸗ cher das Trauerſpiel ſchloß, bedeutend überſchätzte 0. Phyſiſche Eigenthümlichkeiten der Skandinavier. „Es iſt ein eigenthümlicher Umſtand, daß faſt bei allen Schwertern aus jenen Zeiten in der Waffenſammlung des antiquariſchen Muſeums zu Kopen⸗ hagen die Handgriffe eine weit kleinere Handform verrathen, als ſie bei allen Klaſſen moderner Völker zu finden iſt. Kein neuerer Stutzer würde auch mit der zarteſten Hand Raum genug finden, um eines der Schwerter dieſer Nord⸗ männer mit Bequemlichkeit ſchwingen zu können.“* Dieſe Eigenthümlichkeit wird von manchen Gelehrten nicht ohne Grund als Beweis für die orientaliſche Abſtammung der Skandinavier angeführt, wie auch die aſiatiſchen Skythen und viele von den früheren kriegeriſchen Stämmen, welche zwiſchen dem Oſten und Weſten Europa's umherſchwärm⸗ ten, nicht ſelten durch die blauen Augen und das gelbe Haar des Nordens ſich unterſchieden. Die phyſiſchen Attribute eines Gottes oder Helden dürfen in der Regel auch als die des Stammes betrachtet werden, welchem er angehört: die goldenen Locken eines Apoll und Achill gelten als ähnliche Charakter⸗ merkmale für die Nationen, deren Typen ſie ſind, und das blaue Auge der Minerva mag die abſurde Lehre, welche ſie mit der ägyptiſchen Naith iden⸗ tifiziren möchte— allein ſchon Lügen ſtrafen. Die Normänner behielten vielleicht länger als ihre Ahnen, die Skandina⸗ vier, dieſe etwas weibiſche Eigenheit kleiner Hände und Füße, und daher, * Laing's Note zu Snorro Sturleſon, III. Bd., S. 101. daß der ganze europäiſche Adel die Normänner als Muſter der Nachahmung betrachtete und die herrſchenden Familien mancher Länder ihre Häuſer auf deren Abkömmlinge zurückzuführen ſuchten— mag es kommen, daß dieſes Merkmal noch bis auf dieſen Tag lächerlicherweiſe als ein Zeichen edler Ab⸗ ſtammung angeſehen wird. Der Normanne bewahrte dieſe Eigenthümlichkeit länger als der Däne, weil ſeine Gewohnheit als Eroberer ihn jede Hand⸗ arbeit verſchmähen ließ, wie auch das Gehen unter ſeiner Ritterwürde war, ſo lange er ein Pferd zum Reiten ſinden konnte. Der Anglo⸗Normanne(die edelſte Gattung der großen Erobererfamilie) vermiſchte ſich übrigens in Blut wie in Sitten ſo innig mit dem Sachſen, daß dieſe phyſiſche Unterſcheidung mit dem Zeitalter des Ritterthums verſchwand. Jetzt iſt das ſächſiſche Blut in unſerer höchſten Ariſtokratie über das normänniſche weit vorherrſchend, und es wäre ebenſo vergeblich, die Söhne von Haſtings und Rollo an Fuß und Hand der alten aſiatiſchen Scythen erkennen zu wollen, als wenn man ſie an dem rothbraunen Haar und den hohen Zügen— dieſen ihren weiteren Ur⸗ ſprungstypen— zu unterſcheiden verſuchte. Hie und da laſſen ſich noch ſolche Familienzüge bei einfachen Landedelleuten verfolgen, welche ſeit unvordenk⸗ lichen Zeiten in den mit Anglodänen bevölkerten Grafſchaften wohnen und ſelten außer der Provinz heirathen; unter den weit gemiſchteren Abkömmlin⸗ gen der größeren Landbeſitzer unſerer Peerſchaft dagegen treten die ſächſiſchen Stammmerkmale und ganz beſonders die allen germaniſchen Völkern eigenen großen Ertremitäten auffallend hervor. — P. Harold's Begräbniß. Hier begegnen uns Zeugniſſe der widerſprechendſten Art. Der Mehrzahl der engliſchen Geſchichtſchreiber zufolge wurde Harold's Leichnam ohne Löſe⸗ geld ſeiner Mutter Githa ausgeliefert und zu Waltham beerdigt. Man er⸗ zählt ſogar eine Geſchichte von des Eroberers Großmuth, womit er einen Soldaten abdankte, der die Leiche des todten Helden mißhandelte. Wilhelm von Poitiers, des Herzogs eigener Kaplan, deſſen Schilderung der Schlacht mehr innere Wahrheit als der Reſt ſeiner Chronik zu beſitzen ſcheint, ſagt da, gegen ausdrücklich, William habe Githa's Anerbieten, den vermeinten Leichnam Harold's mit Gold aufwiegen zu wollen, zurückgewieſen und mit dem im Texte angeführten Hohne(„Laßt ihn die Küſten bewachen, die er ſo wahn⸗ ſinnig vertheidigte“) befohlen, ihn am Strande zu begraben— unter dem Vorwand, ein Mann, der durch ſeinen Geiz und ſeine Herrſchgier die Veran⸗ laſſung geworden, daß ſo viele Erſchlagene unbeerdigt lägen, habe für ſich ſelbſt kein ſey 4 Wah wirkl lange und ſtehun bekeh hatte. könne vieler wogeg Aufſe Seekü — im K. ſteht fünfzi Jahrk Schla und b niß, i kennen mag * der. ville'⸗ let(o eines Fami net( St. Ardle ſchul habe. ihl 669 kein Grab verdient. Orderie beſtätigt dieſen Bericht und ſagt, der Körper ſey William Mallet* zu dieſem Zwecke übergeben worden. Wilhelm von Poitiers hätte es jedenfalls am beſten wiſſen ſollen, und die Wahrſcheinlichkeit ſeiner Erzählung wird durch die Unſicherheit über Harold's wirkliche Beerdigung in gewiſſem Grade erhöht— eine Unſicherheit, welche lange Zeit vorherrſchte und ſogar einer von Giraldus Cambrenfis erzählten und in dem Harleianiſchen Manuſcript vorkommenden Geſchichte ihre Ent⸗ ſtehung gab, wonach Harold die Schlacht überlebte, in Cheſter ſich zum Mönch bekehrte und ehe er ſtarb mit Heinrich I. eine lange geheime Unterredung hatte. So abgeſchmackt dieſe Sage iſt, ſo hätte ſie doch kaum Glauben finden können, wenn Harold(wie die gewöhnliche Erzählung lautet) in Gegenwart vieler normänniſcher Barone in der Abtei zu Waltham beerdigt worden wäre, wogegen ſie ſich ſehr leicht verbreiten mochte, wenn ſein Leichnam ganz ohne Aufſehen einem normänniſchen Ritter übergeben wurde, um insgeheim an der Seeküſte begraben zu werden. Die Geſchichte von Osgood und Ailred, den Kindermeiſtern(Schullehrern im Kloſter), wie ſie von Palgrave erzählt und in dieſem Romane wiederholt iſt, ſteht in einem Manuſcripte der Walthamer Abtei und wurde irgendwo, etwa fünfzig bis ſechzig Jahre nach der Schlacht, d. h. alſo zu Anfang des zwölften Jahrhunderts, niedergeſchrieben. Die beiden Mönche folgten Harold aufs Schlachtfeld, wo ſie ſich ſo aufſtellten, daß ſie den Ausgang beobachten konnten, und boten hernach zehn Mark Golds für den Leichnam; ſie erhielten Erlaub⸗ niß, ihn zu ſuchen, und vermochten den verſtümmelten Körper nicht eher zu er⸗ kennen, bis Osgood mit der aufgefundenen Editha zurückkehrte. Dieſem nach mag die Entdeckung ſich erſt zwei bis drei Tage nach der Schlacht datiren. * Dieſer William Mallet war der Vater Robert Mallet'’s, des Gründers der Priorei von Eye in Suffolk(ein Zweig des Hauſes der Mallet de Gra⸗ ville’s).— Pluquet. Er war auch der Ahnherr jenes großen William Mal⸗ let(oder Malet, wie der alte ſkandinaviſche Name nunmehr verdorben iſt), eines der berühmten fünfundzwanzig„Conſervatoren“ der Magna Charta. Die Familie eriſtirt noch, und ich habe mich bei Sir Alexander Malet, Baro⸗ net(Ihrer Majeſtät Geſandter zu Stuttgart), bei Obriſtlieutenant Charles St. Lo Malet, dem ehrenwerthen William Windham Malet(Prediger zu Ardley) und anderen Gliedern dieſes alten Hauſes wegen der Freiheit zu ent⸗ ſauldigen, die ich mir mit dem Namen ihres tapferen Vorfahren genommen abe. 0SEod erssssaesaassesaneeanrreeeeeereee Seite 9 3 11 Berichtigungen. eile 1 v. u. lies Doomesday⸗Rolle ſtatt Domesday⸗Rolle. . wie daſſelbe ſt. wie ſich daſſelbe. . frühen ſt. frühern. . u. J. die Geſchicke ſt. das Geſchick. . einem ſt. meinem. I. mir ſt. nur. I. Schürzen ſt. Schürze. I. Höriger und Leibeigener ſt. Schiffer und Landmann. l. Säx ſt. Saſſanach. v. u. l. Wodans ſt. Wodens. l. der Plantagenets ſt. des P. I. überflüſſigen ſt. übrigen. v. u. I. zü Hals ſt. zu H. v. u. l. beſondere Wirkung ſt. beſonderen Werth. v. u. I. konnten ſtatt konnte. I. lauten ſt. lauter. l. die Ecken ſt. der Winkel. v. u. l. Ethelreds ſt. Etheldreds. v. u. I. eine ſt. ſeine. v. u. I. ſeinen ſt. ſeine. v. u. l. ſeine ſt. die. Rou ſt. Rau. v 1 v. v v v v. v I 1 1 1 v v I. —Ss SS . in ſt. von. . u. l. Traktaten ſt. Abhandlungen. der ſt. die. . u. l. den ſt. die. . u. I. Erſtgeborener ſt. erſtgeb. . u. l. ſeine Brüder ſt. ſein Bruder. u. I. Beiden ſt. Beide. . u. I. thätlicher ſt. tödtlicher. . u. I. anſprach ſt. beanſpruchte. . bekämpfender ſt. bekämpfenden. . Forſtland ſt. Feſtland. Landleuten ſt. Landsleuten. . Haſt ſt. Haß. . u. I. in leiſem ſt. im leiſen. . u. l. dieſem ſt. dem. ſeinem ſt. ſeiner. l. das ſt. und das. „ 5 2 2 „ 5 2 3 „ „ „ „ 2 83 83 3 „ 0 „ 0 „ „ 3 „ 83 A4 4.a2daaescsar* 2 2 2. 3 2 Seite 2 4 2 aA2raaa a a2 2 2 A 1 AAaaa AAAA a* 51 Zeile 13 7 „ „ „ — — 1r2arTs — — 2 — 00=genSee 5 2 — 2öBö=SéS==SS 200—RhnSSnnsssn — —,— 8 8 —— SOSSSOOSSS SSc⸗ — — — 80 5 SeESSS Se SSE SeSSSPSSSsSssPFPSPsSsSsSSPPSsSsFPsssss-esess 671 . u. I. unvordenkliche ſt. unvordenkbare. . Trappeln ſt. Trampeln. . u. l. Laing's ſt. Lang's. . u. l. geworden ſt. geweſen. inner⸗ ſt. inn⸗. in ernſtem ſt. im ernſten. u. l. den Mews ſt. dem M. Normannen ſt. Normanne. in königliches ſt. im königlichen. u. l. 11,000 ſt. 41,000. u. I. nicht ſt. nur. u. hatten ſich ſt. hatten. u. I Niederlaſſung ſt. Niederlage. zu leichtherzigem ſt. zum leichtherzigen. Gränzſtroms ſt. Gränzfluß'. u. l. camarade ſt. camerade. u. l. in ſt. zu. konnte ſt. könnte. je der ſt. jeder. u. l. der ſt. an die. u. l. werde ſt. würde. u. l. Waffen weggeworfen ſt. Waffen niedergeworfen. . Waiden ſt. Weiden. u. l. die ſt. jene. vorne ſt. vornen. . Andern ſt. Normanns. vollkommenes ſt. das Vollkommene. . freuen ſt. erfreuen. . u. I. Ataghar ſt. Ateghar. . u. l. Hilda's ſt. ihr. . u. I. höchſten ſt. tiefſten. nichts blieb ſt. nichts. u. l. erklärten ſt. erklärte. u. l. Nachdenkens geworden ſt. Nachdenkens. wie ſt. daß. ernſter ſt. ernſten. Fünfzehntes ſt. Achtzehntes. oft ſt. Oft. u. I. trauernden ſt. traurigen. auferzogen ſt. aufgezogen. u I. kennſt ſt. weißt. Häuptlinge ſt. Hauptleute. Leibeigenen ſt. Leibeigene. u. l. Abkömmlinge ſt. Ankömmlinge. erlitt ſt. erhielt. wir es ſt. es wir. Blicken ſt. Augen. u. I. die Vorhalle ſt, das Vorzimmer. u. I. Norweger ſt. Norwegen. ſey ſt. iſt. u. I. Dein ſt. Euer. Gnade ſt. Gnad. . u. I. der ſt. Eurer. —— 672 Seite 202 Zeile 1 l. in unwilligem ſt. im unwilligen. „ 209„ 3 v. u. I. da ja ſt. wie dann. „ 221„ 16 k. Berigen ſt. hungrigen. „ 224„ 7 v. 1. l. mit Bezug ſt. in Beziehung. „ 228„ 1 v. u. l. Beuge ſt. Berge. 233„ 2 lI. aus den ſt. der. „ 238„ 7 v. u. l. Beide ſt. ſie. „ 242„ 11! nichts ſt. nicht. „ 243„ 17 l. Letzterer ſt. der. „ 243„ ℳ4 v. u. l. Drinkhael ſt. Trinkhael. „ 247„ 11 I. Ceorls ſt. Earls. „ 262„ 8 v. u. I. müßte ſt. mußte. „ 267„ 7. für die ſt. für⸗ „ 267„ 15 l. vörjeführs ſt. angeführt. „ 267„ 13 v.. der Wunſch ſt. allein. „ 317„ 14 v. 1. 1. allen ſt. all' den. „ 329„ 14 v. u. I. die ſt. den. „ 334„ 13 v. u. l. Serichts ſt. Gerüchts. „ 369„ 17 1. Aſa ſt. Oſa. „ 382„ 1 v. u. l. Avense ſt. Aucence. „ 383„ 40 v. u. l. Chorhemden über„den Prachtgewändern ſt. Mitren iber die Prachtgewänder. „ 386 15 v. u. l. Beamter ſt. Beamten. „ 386„ 4 v. 1 l. Gerichte ſt. Gerüchte. „ 398„ 9 l. Ponthien ſt. Panther. „ 403„ 4 v. u. l. wenn⸗— wurde ſt. daß— wird. „ 481„ 16 l. varß ſt. w „ 496„ 2 v. u 1 Grloſung ſt. Löſung. „ 550„ 13 v. 1. l. ſtrich ſt. fuhr. 1„ 579„ 11 I. Ailred ſt. Alred. 6 „ 627„ 6 v. u. l. d ſt. à. Druck der J. B. Mechler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart.