2 2 —————6 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okkmann in Gießen, * Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. 7 1. Oflensein der Bibliothek. Vie Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M 50 F 2 Pf. 3 „ „„ 5„ 5 Auswärtige Abonnenton haben für Hin⸗ und Zurückſendun der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Abendſonne goß ihren Purpur über Land und Meer, und verklärte Si⸗ ciliens reizende Küſte durch den goldenen Duft ihrer zauberiſchen We Linde Luͤfte ſůͤuſelten in den Wipie nde Pinien und Cipreſſen, und vuſh ten die Schwuͤle des Tages, welche Sanſts Schloſſes verbannt hatte. Sett . berufen„ſeinen Namen auf die Nachwelt 6 und eilte hinaus, die ſchwerbeladene Bruſt im Freien zu erleichtern, und ſich an dem Anblicke der Gegend zu weiden, die nun bald gleich einem aufgerollten Gemaͤlde, hinter öden Mauern ihr verſchwinden ſollte. Denn ein frommes Gelubde ihrer verſtorbenen Mutter hatte ſie dem Klo⸗ ſter geweiht, und ihr Vater, ein harter, rauh Vann, ſah in dieſer trüben Be⸗ . k ng ein willkommenes Mittel, ihrer los zu werden, und ſeine Güter unge⸗ theilt auf den Sohn zu vererben, der— † 3 5 13 und des Glanzes bedurfte, ihn aufrecht zu erhalten. Unaufhaltſam war die geit heran geeilt, die ſie mit einer ewigen Trennung von der Welt bedrohte, und in wenig Tagen ſollte ſie die Wiege ih⸗ rer Kindheit, die ſüße Heinath verlaſſen, um ſie mit der kloſterlichen Einſamkeit zu vertauſchen, vor der ihr ſchauderte. Noch einmal wollte ſie die Gefilde grußen in denen ſie unbeachtet und ſich ſelber uͤberlaſſen, aber glucklich durch dieſe Fuͤlle von Freiheit aufgewachſen war,— noch einmal den Fluthen Lebe⸗ wohl ſagen, die in ihre unſchuldsv Uen Spiele gerauſcht hatten, und von 3 — 3 9„ 3 Hainen Abſchied nehmen, in deren Schat⸗ ten ſie ſich einſt des Morgens ihrer Ta⸗ ge erfreute.— Alles ſtimmte ſie zur Wehmuth, denn wenn gleich weder die finſtere Gleichgultigkeit, die in dem Cha⸗ 4 a tet ihres Vaters lag, noch der leicht⸗ mi von ihr abgewendete Sinn des einzigen Bruders ihr mit Liebe begegnete, ſo vergalt ihr weiches Gemuͤth doch nicht Gleiches mit Gleichem. Innig hing ſie 5 an den theuren Verwandtenz von denen ſie ſich ungern trennte, ob ſie gleich ſich nicht abläͤugnen konnte, daß dieſe mit kater Gefühloſigleit dem Augenblick des —— ———— 8 — * — ** 9 Scheidens entgegenblickten,— ja, ihn ſogar zu beſchleunigen ſuchten. In ſtille Schwermuth verſunken delte k dem Ufer hin, um von der Abendroͤthe beſchienen, friſchen Duft der Fruͤhe oder im e, und ſchaute hinaus in das Meer, das einer lichtblauen Ebene gleich, ſich in unermeßliche Ferne verbreitete. Wenn dann ein weißes Se⸗ gel,— kaum dem Auge ſichtbar,— am Saume des Horizont's voruͤber⸗ ſchwebte, da knuͤpfte ihre Sehnſucht oft leiſe Wuͤnſche an ſeinen eilenden Flug,— 10 den ſie in Gedanken verfolgte. Zwar lag der Nebel der Unwiſſenheit auf den Bildern ihrer Traͤume und ihrer Fanta⸗ 3 „ ſie, denn kein Unterricht hatte ihre Be„ griſfe berichtigt, und ihre Anſichten auf⸗ geklärt,— aber ſie ahnete doch ein Jen⸗ ₰ ſeits dieſer wallenden Fluthen, und be⸗ trachtete die Schiffe als eine Bruͤcke, die es mit dem Diesſeits verband. Ob dort wohl auch Kloͤſter ſind, die wie ein dum⸗ pfts Grab die bluͤhende Jugend verſchlin⸗ ʒen dachte ſie dann, und tiefer verſank ſie in melancholiſches Sinnen. Denn wenn auch eine belehrende Antwort ihre Frage er⸗ ⸗ 11 laͤutert haͤtte, wuͤrde ihr unwiderrufliches Schickſal dennoch daſſelbe geblieben ſehn So ſaß ſie auch heute, und ließ den Blick weit umherſchweifen auf der ſchoͤnen Gegend, an deren Anſchauen ſich ihr Herz ſo oft erquickt und erhoben hatte. Seitwaͤrts blickte das vaͤterliche Schloß in edler Bauart aus dem hellen Gruͤn der Oel- und Mandelbaͤume hervor, die ſeine Gaͤrten ſchmuͤckten, und mit ſtiller Trauer ſuchte ſie ſeinen Umriß in ihr Gedaͤchtniß zu pragen, da ſie esjun bald in der Wirklichkeit nicht mehr ſehen ſollte. Da, ploͤtzlich, vernahm ſie hinter 6 ſich ein verworrenes Geräuſch, das ſie 42 mitten in dieſer Stille der ſchweigenden was gleicht ihrem Entſetzen, als ſie ſich nahen, durch Baͤume verſteckten Bucht gelandet waren, und— mit wildem Ju⸗ ſie ergriffen, und mit ſich fortſchleppten. Ihr Huͤlfsgeſchrei wuͤrde ungehoͤrt dieſer Einſamkeit verhallt ſeyn, auch e n man ſie nicht durch ein Tuch, das nan ihr vor den Mund hielt, verhindert hätte, irgend einen Laut auszuſtoßen. So erreichte ſie, eine Beute roher Ge⸗ Natur und des ruhigen Nachdenkens er⸗ ſchreckte. Sie blickte ſich um,— doch von Corſaren umringt ſah, die in einer bel ſich ihres ſchoͤnen Raubes erſteuend— 13 walt, das Boot, das ſchnell zu dem nahe vor Anker liegenden Schiffe hin ruderte. b ohnmaͤchtig brachte man ſie hinauf, und als ſie aus der ſtarren Betaͤubung eines grenzenloſen Schreckens wieder zu ſch“ kam, ſah ſie Siciliens Kuſte ſchon weit in den Hintergrund zuruͤckgewichen, und die Fenſter ihres Vaterhauſes, von den letzten Strahlen der ſinkenden Sonne er⸗ gluhend, blinkten ihr gleichſam ein ewi⸗ ges Lebewohl zu, bis auch ſie in abend⸗ licher Daͤmmerung verſchwanden. Zwar vermochte Camilla's Unerfahren⸗ heit den ganzen Umfang der Gefahren nicht zu begreifen, der n ihrer gegen waͤrtigen Lage ſie moöglicherweiſe be⸗ ——— drohte,— aber dennoch folterte eine na⸗ menloſe Angſt ihr Herz, als ſie ſich der Willkuͤhr dieſer rohen Barbaren Preis gegeben ſah, und nur die Sorgfalt und 15 wurde, konnte ſie einigermaßen beruhi⸗ gen. einen hohen Kaufpreis auf dem Sklaven⸗ markt erwarten ließ, dem ſie beſtimmt war, ſo wagte es keiner ihrer Raubet ihr anders als in tiefer Ehrfurcht zu na⸗ hen, und damit Gram und Sorge nicht als giftiger Mehlthau zerſtͤrend auf die Bluͤthe dieſer himmliſchen Reize fallen moͤchte, that man alles, ſie aufzurich⸗ ten, und zu erheitern. Doch ſehr bald verdraͤngte ein neu⸗ es Abentheuer, abermals mit Schrecken verbunden, das eben erſt ett Denn da ihre blendende Schönheit 16 Es ließ ſich naͤmlich ein Schiff auf der Hoͤhe des Meeres ſehen, das mit vollen Segeln, und— wie man ſchnell gewahr wurde,— in feindſeligen Ab⸗ ſichten herbeiflog, und durch die mit einem Kreuz bezeichnete Fahne, die es aufſteck⸗ te, ſich als ein chriſtliches Fahrzeug zu erkennen gab. WMehrere deutſche Ritter,(es war in der Zeit der Kreuzzuge) die von dem heiligen Grabe in ihre Heimath zuruͤck⸗ kehrten, befanden ſich darauf, und hiel⸗ ten es ihrer Pflicht gemaͤß, und ver⸗ dienſtlich, die Seerauber anzugreifen, die „ ——————————— ————————— 17 „ ſie durch untruͤgliche chen an der Es begann ein wuͤthend waͤhrend S n graͤßlichen Stuͤrmen die rme Camilla faſt dem Entſetzen erlag. Schon war der Sieg der Chriſten ent⸗ ſchieden. Sie hatten das feindliche Ver⸗ deck erſtiegen, und mehrere der Corſaren walzten ſich bereits ſchwer verwundet in ihrem Blute, als einer derſelben, dem Feinde ſeine ſchoͤne Beute mißgönnend, ſich wieder aufraffte, und die zitternde Camilla aus dem Winkel, in dem ſie ſich verborgen hatte, hervorriß. Den hoch⸗ geſchwungenen Dolch in ſeiner Rechten, Sicilianerin, wollte er eben ihre zarte Bruſt durch⸗ bohren, als Otto von Waldſtetten, ein tapferer Ritter, dazwiſchen trat, und durch einen wohlgefuͤhrten Hieb ſeinen Arm auf immer laͤhmte. Er ſtuͤrzte zu Vo⸗ den, und Otto faßte die ſinkende Camil⸗ la auf, die,— als ſie bereits von dem morderiſchen Eiſen getroffen,— einem pleichen Marmorbilde glich, aber auch in der todtenaͤhnlichen Ohnmacht, die ſie überfallen hatte, noch den ganzen Zauber ihrer wundervollen Schoͤnheit behauptete. Das Gefecht war beendigt. Man warf die gebliebenen Feinde uͤber Bord, und ſchlug die uͤbrigen in Feſſeln, und 19 waͤhrend die anderen Ritter dies, und die Bemannung und Fuͤhrung des erbeu⸗ teten Raubſchiffes anordneten, war Otto ſchweigend in das Gluͤck vertieft, das durch Camilla's Eroberung gleich einer warmen Frühlingsſonne ſeine Zukunft anzuſtrahlen ſchien. Seine Tapferkeit hatte unlaͤugbar viel zum Siege beigetragen,— ſie hatte das Leben der Gefangenen gerettet,— es war daher billig, ſie ihm zum Eigen⸗ thum zu uͤberlaſſen, und ſeine Waffen⸗ bruͤder, ob ſie gleich die Empfindung der hoͤchſten Bewunderung mit ihm theil⸗ ten, machten ihin jedoch ihren wohlver⸗ dienten Beſitz nicht ſtreitig. Sein wacke⸗ rer, ehrenfeſter Sinn naͤhrte jedoch keine uͤppigen Wuͤnſche, wie plotzlich aufwal⸗ lende Leidenſchaft ſie oft entflammt. Das ſchoͤne Marmorbild wiederum zu beleben 5 und es nach goͤttlichen und menſchlichen Geſetzen im chriſtlichen Verein der Ehe 3 ſich dereinſt anzueignen, war ſein Vor⸗ ſatz, und Camilla's Bekehrung, falls ſie, wie er faſt befuͤrchtete, eine Heidin ſey, zuförderſt das innigſte Verlangen ſeiner Sesle. Doch wie angenehm wurde er uͤber⸗ raſcht, als Camilla endlich zum Bewußt⸗ ſehn erwachte, und mit Toͤnen, deren S und melodiſck ſchen Sprache ihm nicht unbekannt, und auch er verehrte, um ihren Sch rief, und mit dem heiligen Kreuzes, vor dem auch e e n ſeir* Knig — beugte, ſich verwahrte. Er ſah dadurch, daß ſie eine gute Chriſtin war, und ihr Werth ſtieg durch dieſe Entdeckung nur noch hoͤher in ſei⸗ nen Augen. Da er auf ſeiner Wallfahrt nach Jeruſalem ſich eine lange Zeit hatte in Genua verweilen muͤſſen, um dort nach dem gelobten Lande ſich einzuſ ſchif⸗ fen, ſo waren manche Worte der 2% W er konnte ſich, vermittelſt ihrer Huͤlfe, Camillen nothduͤrftig verſtaͤndlich machen, und ſie eben ſo verſtehen. Doch da eine ſo unzulaͤngliche Unterhaltung ihm nicht genügte, ſo ſtrebte er weniger, ſich mit ihr in ihrer Mutterſprache zu unterreden, als ſie in der ſeinigen zu unterrichten. So rauh und abſtoßend ihr auch, an ſuͤdlichen Wohllaut gewoͤhnt, die deutſche Mundart vorkam, ſo fuͤgte ſie ſich doch willig und gelehrig ſeinen Wuͤn⸗ ſchen, und als ſie endlich den Boden ſeines Vaterlandes betrat, und er ſie auf ſein einſames Bergſchloß geleitete, das in den duſteren Waldrevieren des Harzes 23 lag, wo ſeine Mutter, Frau Jutta von Waldſtetten, bisher das Amt der Haus⸗ frau verſehen hatte, ſetzte dieſe durch tägliche Uebung den begonnenen Unter⸗ richt fort, der Camillen bei ihrer leich⸗ ten Faſſungsgabe bald dahin brachte, ſich richtig und anmuthig im Deutſchen auszudruͤcken. 3. Dieſen Zeitpunkt hatte der biedere Otto nur erwartet, um ihr ſein Herz zu eroͤff⸗ — nen. Nicht die Gewalt uͤber ſie, die — ihm der Zufall einraͤumte, der ſie in ſei⸗ ne Willkuͤhr gegeben, wollte er benutzen, ſondern ihrer vollen Ueberzeugung, ihrer unerzwungenen Einwilligung ſein Gluͤck verdanken.— Er geſtand ihr, daß er ſie auf das 25 herzlichſte liebe und ehre, und gelobte, wenn ſie ihm als Gattin angehoͤren wolle, ihr Wohl und ihre Zufriedenheit zu dem wichtigſten Geſchaͤft ſeiner Zu⸗ kunft zu machen. Wie ein väterlicher Freund, der mit der Ruhe der Vernunft und der Erfahrung die Verhaͤltniſſe er⸗ mißt, ſtellte er ihr vor, daß, ſie in ihre ferne Heimath zuruͤck zu bringen, bei den Gefahren, die ſie ſelbſt erlebt habe, ein hoͤchſt ſchwieriges, faſt unmögliches Unternehmen ſey, und geſetzt, es gelänge, ſo wuͤrde bei den ihm geſchilderten Ge⸗ ſinnungen ihres Vaters, und ihres Bru⸗ ders däs Kloſter, das ſie fuͤrchte, um ſo ſcherer ihr Loos ſeyn, da es ſchon fruͤ⸗ her ihre Beſtimmung geweſen. Daher bat er ſie, ſich zu pruͤfen, ob ſie ihm ihr Herz und ihre Hand ge⸗ währen, und ſich an die deutſche Sitte gewohnen koͤnne, die,— das gab er freilich zu,— gegen die Verfeinerung ihres Vaterlandes etwas ungehobelt er⸗ ſcheine, die aber ſeine treue Zuneigung ihr verſußen ſolle. Er entwarf ihr, ohne den verſchoͤnernden Pinſel der Eigenliebe zu gebrauchen, ein Bild ſeiner einfachen, ſchlichten Sinnesweiſe und ſeines Be⸗ rufs als Hausvater, den er aus ſeinem Hang zu ſtillen Familienfreuden, aus ſeiner immer gleichen Laune und ſeiner — 27 feſten Anhanglichkeit an die Gegenſtände, 6 die er einmal mit Liebe umfaßt habe, hervorleitete. Seine Geſtalt, nicht eben mit den Vorzuͤgen aͤußerer Schoͤnheit geſchmuckt, doch aber auch nicht ab⸗ ſtoßend, oder widerlich, gewann durch die Beſcheidenheit, mit der er ſie ſelbſt in Schatten ſtellte, indem er ſie fur häß⸗ lich erklaͤrte, und die unverkennbare Red⸗ lichkeit ſeines Charakters, die ſich in jedem ſeiner Zuͤge ausdruͤckte, lieh ihm, eben um der Demuth willen, mit der ſie verbunden war, ſogar ein recht wohl⸗ gefaͤlliges, alle beſſere Menſchen fuͤr ihn einnehmendes Anſehen. ———— 28 Camilla war beſtuͤrzt uͤber ſeinen Antrag, ob er ihr gleich nicht ganz un⸗ erwartet kam. Sie nahm die Friſt der Bedenkzeit an, die er ihr freiwillig an⸗ bot, und zog ſich in ihr Kaͤmmerlein zu⸗ ruͤck, dort mit ſich ſelbſt, und mit den Heiligen, die ſie in dieſer Criſis ihrer irdiſchen Verhältniſſe um Beiſtand an⸗ 2 — rief, auf das angelegentlichſte zu bera⸗ then. * 4. ohl ſcheuchte manche innere Einwen⸗ dung das Ja zuruͤck, das Dankbarkeit ſie auszuſprechen mahnte, denn ſie liebte Otto nicht, wenn ſie gleich den Werth ſeines Gemuͤths und ſeiner keuſchen ehrfurchtsvollen Neigung erkannte. Auch hatte es ihren zarten Buſen mit ahnungsvollem Schauer durchbebt, wie ſie nun zum erſtenmahl die Nacht der deutſchen Wälder betrst, über denen 30 ein umwoͤlkter Himmel, ernſt, und oft finſter, wie die Nation, unter der ſie jetzt lebte, ſich ausſpannte. Und als ſie uͤber die Schwelle der gothiſch ge⸗ bauten Burg ſchritt, deren mißgeformte graue Mauern duͤſter hinter ſchwarzen Tannen und hundertjaͤhrigen Eichen ſich verbargen, wandelte ſie ein Grauſen an, indem ſie ſehnend des immer lächelnden, hellen Himmels in Sicilien, des berau⸗ ſchenden Duſtes der dortigen Kräuter und Bluthen, deren Aroma die klaren Lufte erfült, und des heiteren Marmor⸗ ſchloſſes gedachte, wo die Wiege ihrer Kindheitgeſtand en hatte. 9 3 beduͤrftigen Lage, und Stto's Edelmuth, dem ſie ſich ſo ſehr verpflichtet fuͤhlte, behielten die Oberhand uͤber die wider⸗ ſtrebenden Empfindungen ihres Herzens, und nachdem ſie lange mit ſich ſelbſt gekämpft, geweint und gebetet hatte, trat ſie entſchloſſen und in ſtiller Erge⸗ bung 1 ihm ihre Zuſtimmung in Das das ſie dadurch erregte, glänzte auch auf ſie in ſanftem Wiederſchein zwück, wie der dunkle Mond ihm die Sonne ihre Strahlen borgt. Sie erkannte jetzt den 1 32 eigentlichen Zweck ihres Daſeyns, und es erweckte eine wehmuͤthige Freudigkeit, eine milde Beruhigung in ihrer Seele, als ſie wahrnahm, wie ſehr es in ihrer Macht ſtand, gluͤcklich zu machen, wenn auch nicht es zu ſeyn. Denn Otto ſowohl als ſeine alte Mutter, die den reizenden Fremdling ſo liebgewonnen hatte, als habe ſie ihn ſel⸗ ber unter ihrem Herzen getragen, ſegne⸗ ten dieſen Entſchluß, der ihre Wuͤnſche kroͤnte, und ſogar das Hausgeſinde freute ſich der holden Gebieterin, deren Guͤte und Sanftmuth es gern die zügel ſeines Schickſals vertraute, — Sa.E 33 Camilla bemuͤhte ſich jetzt mit ver⸗ doppeltem Ernſt, da einheimiſch zu wer⸗ den, wo ihr Beruf ſie fuͤr immer zu feſ⸗ ſeln ſchien. Sie lernte unter Frau Jut⸗ ta's Anleitung den Heerd beſorgen, und der Haushaltung vorſtehn, ſo wie ruͤſtig, den Zofen ein aufmunterndes Beiſpiel, an Spindel und Webſtuhl arbeiten. Bald, da Gelehrigkeit und der beſte Wille ihr Streben unterſtutzte, ward ihr alles gelaͤufig, was ſie zu uͤben unter⸗ nahm, und ſie durfte nun mit vollem Recht Anſpruͤche auf die Wuͤrde einer ritterlichen Hausfrau machen. Die Vermaͤhlung, die man aufge⸗ Sicilianerin, 3 34 ſchoben hatte, weil Camilla's große Be⸗ ſcheidenheit darauf beſtand, ſich erſt die 3 häuslichen Erfahrungen und Geſchicklich⸗ keiten erwerben zu muͤſſen, welche die damalige Zeit ſtreng von den deutſchen Hauswirthinnen foderte, ward nun voll⸗ zogen, und Otto's immer inniger wer⸗ dende Liebe und ſeine Zufriedenheit lohnte ihr das Opfer, das ſie ihm mit ihrer Hand gebracht hatte, und ſoͤhnte ſie nach und nach mit ihrem wunderbaren Schick⸗ ſal, und ihrer Verbannung unter einen — Himmel aus. 1 ————————— So war ein Jahr verfloſſen, und im⸗ mer daͤmmernder verſchwebten die Bilder der Vergangenheit vor ihrer Seele,— immer linder wurde der Schmerz des Heimwehs, der noch dann und wann an ihrem Innern nagte. Sie ſchloß ſich mehr und mehr an ihren Gatten an, deſ⸗ ſen treues, redliches Gemüth in ſeiner feſten Zuverläſſigkeit ihr täglich werther urde; Frau Jutta's muͤtterliches 3u⸗ ——— — 3* 8—*— 5 ————— 36 trauen, das ſie ſich bald durch ihr kind⸗ liches Benehmen erwarb, gewaͤhrte ihr den ſtillen Frieden, der aus dem Be⸗ wußtſeyn erfuͤllter Pflicht hervorgeht, und die wirthlichen Geſchaͤfte, denen ſie ſich Anfangs nur darum unterzogen hatte, weil ſie es zu muͤſſen glaubte, gewannen jetzt ein näheres Intereſſe fuͤr ſie, und erſchienen ihr nicht mehr ſeelen⸗ los und bloß mechaniſch, da ſie den Fleiß und die Ordnung, mit welchen ſie die⸗ ſelben betrieb, als eine nuͤtzliche und eh⸗ renvolle Mitwirkung zu dem Wohlſtand ihres Hauſes betrachtete. So kehrte, unvermerkt und leiſe, 37 die Zufriedenheit, die ſie Andern ge⸗ waährte, in ihr eigenes Herz ein, und als ein ſchoner Knabe, den ſie gebahr, das Band ihrer Ehe nur noch feſter und heiliger zuſammenzog, glaubte ſie im Gefuͤhl des Muttergluͤcks und der Se⸗ ligkeit, die ihrem Otto aus dem Beſitz des geliebten Kindes erwuchs, das ihr jetzt nichts mehr zu wuͤnſchen uͤbrig blei⸗ be, und daß ſie ganz gluͤcklich ſey. Doch nur ſelten, vielleicht nie, gonnt das Geſchick uns armen Sterblichen die⸗ ſen neidenswerthen Wahn, und oft zer⸗ ſtoͤrt es ihn gerade dann, wenn er feſte Wurzeln ſchlaͤgt in der Stele und, wie 2 ——————— ————————— — 58 —— ein heller verheißungsvoller Stern, den wir unwandelbar glauben, das Dunkel unſerer Bahn verklaͤrt. Auch Camilla erfuhr dieſes traurige Entzaubern ihrer Meinung. Denn als ſie einſt neben ihrem Gatten, das Kind auf den Imen in dem Gefuhl der ſelig⸗ ſten Befriedigung auf dem Soͤller ihrer Burg ſtand, und hinab ſchaute in die waldige Gegend, deren dunkle Schatten ſonſt ſo finſter drohend, jetzt aber nnch den mitden Einfuß der Gewohr⸗ heit und des inneren Wohlbehagens, das ſie ſich erworben, ſchön und anmuthig erſchienen, gab hoch über ihnen der 39. Thurmwaͤrter das ſchmetternde Zeiche . daß Gäſte ſich naheten. Schon wollte ſie, nach Frauenſitte damaliger Zeit, zum haͤuslichen Heerde eilen, das Mahl anzuordnen,— aber eine unſichtbare Macht hemmte ihre Schritte, und in wunderbarer Bewegung betrachtete ſie den ſchimmernden Zug, der jetzt über die niedergelaſſene Bruͤcke ritt. Auf einem ſchneeweißen Zelter, der durch ſeinen ſtolzen Gang den Vorzug auszudrucken ſchien, der ihm wurde, den— Herrn des Troſſes zu tragen, ſaß 7 funkelnder Ruͤſtung ein Ritter, deſſen 40 hohe maͤnnliche Anmuth ihr Auge i kuhrlich feſt hielt. Er hatte das Viſir aufgeſchlagen, und je naͤher er kam, je edler und an⸗ ziehender entwickelten ſich ſeine ſchoͤnen Zuͤge, je ſtrahlender ſchien ſein feuriges Auge, das aufwaͤrts blickend, Otto mit freundlichem Wink begrůͤßte. Dieſer, der an den Farben und an den dem blanken Schilde eingeprãgten Zeichen ſeinen Jugendfreund, Hulderich von Wendelſtein, einen der reichſten Ritter des Rheingau's, erkannte, nannte ihn als ſolchen ſeiner Gattin, und eilte froͤh⸗ ich hinab, den lang entbehrten Waffen⸗ 5 — 4 gefaͤhrten zu empfangen, an deſſen Seite . er fruͤher manches Turnier beſucht und manchen Kampf in Scherz und Ernſt be⸗ ſtanden hatte. —,——————— 6. Eamilla blieb, in ſeltſame Traume ver⸗ ſunken, noch einige Momente ſtehn,— dann ermannte ſie ſich, um zu der Be⸗ wirthung ſo zahlreicher Gaͤſte Anſtalt zu treffen, bei welchem Beſtreben die noch immer ruͤſtige Frau Jutta ihr treulich zu Huͤlſe kam. Aber die beſonnene Gewandtheit, mit der ſie ſonſt in aͤhnlichen Fällen, 43 am gaſtfreien Heerde zu walten verſtand, ſchien heute voͤllig von ihr gewichen. Auffallend zerſtreut, war es augenſchein⸗ lich, daß ſie nicht wußte, was ſie that, da ihre Gedanken nicht an den Geſchaͤf⸗ ten Antheil nahmen, die ihre Hände me⸗ chaniſch vollbrachten. Frau Jutta ſchob auf die Beſtuͤrzung über einen ſo ſtarken, wenn gleich freund⸗ ſchaftlichen Ueberfall dieſe Stimmung, die ſie noch nie an ihrer Schwiegertochter wahr⸗ genommen. Sie ereiferte ſich uͤber Hulde⸗ richs Unbeſcheidenheit, der, wohl wiſſend, daß Otto nur ein maͤßiges Vermoͤgen zu Theil geworden, bei keinem ſeiner zwar 44 ſeltenen Beſuche, das große Gefolg zu⸗ ruͤcklaſſe, das ſeinen Reichthum und ſeine Prunkſucht prahleriſch verkuͤnde, und Kuͤche und Keller derer, wo er Gaſt⸗ freiheit genieße, unbarmherzig leere. Dieſe unmuthigen Aeußerungen weck⸗ ten Camilla gleichſam aus dem Seelen⸗ ſchlummer, der ihre Sinne umfing. Mit Warme vertheidigte ſiesden Ritter gegen 6 den Ladel der Alten, und ſuchte dieſe zu einer mildern Anſicht zu bewegen, indem ſie ihr darthat, daß in einem durch oͤffentliche Unſicherheit ſo oft ge⸗ föhrdeten Lande es wohl einer ſtarken Begleitung beduͤrfe, um unangefochten . einen ſo weiten Zug zu unternehmen. Indeſſen wurden die ſchweren Hum⸗ pen voll goldenen Rebenſaftes gegoſſen, um dem Ritter, und denen, die zunachſt um ſeine Perſon waren, zum Bewillkom⸗ mungsgruß gereicht zu werden, waͤhrend die Knappen und Buben in der Halle des Hauſes des klaren Methes ſich er⸗ freuten. Da rief Otto ſeine Gattin, daß ſie dem Gaſt den Becher credenze. Wie gern hätte ſie ſich geweigert, doch ihr fehlte ein triftiger Vorwand, und die Ruhe des Geiſtes, die nöthig geweſen 2 46 wäre, um irgend einen zu erfinden. Er⸗ rothend trat ſie in das Gemach, und neigte ſich fittſam, den ſchweren Pokal mit bebender Hand vom Schenktiſch he⸗ bend. Leiſe beruͤhrte ſie ſeinen Rand mit ihren purpurnen Lippen, und bot ihn dann dem Ritter, der, als ſey er ver⸗ ſteinert von ihrem Anblick, ſeine bren⸗ nenden Augen nicht von ihr abzuwenden vermochte. Camilla, immer tiefer ergluͤ⸗ hend, ſenkte die ihrigen, und bat ihren Herrn in lieblichet Verwirrung, ſich wie⸗ der entfernen zu duͤrfen. Doch dieſer, ſtolz auf die Krone der Frauen, welche r ſein nannte, hielt ſie feſt, und rieß, 6 47 triumphirend auf ſie zeigend: Lraun, Bruder Hulderich! hier ſiehſt Du die koſtbarſte Beute, ſo ich je mit meinem guten Schwerdte erobert, und zehnfach wuͤrde ich noch den Kampf mit wuͤthen⸗ den Seeraͤubern beginnen, galte es aber⸗ mals ſie, die Perle der Weiber, zu ge⸗ winnen. Bei dieſen Worten, die ihm ein Räthſel waren, faßte ſie Hulderich, wo moͤglich, noch feſter in's Auge, und Flammen loderten auf ſeinen Wangen auf, als er gewahrte, welchen Eindruck ſeine Gegenwart auf die himmliſch ſchoͤ⸗ ne Frau hervorgebracht hatte, die in bem — 7 7 S———— ————— 48 ängſtlichen Zagen ihrer Verlegenheit nür neue Anmuth entwickelte⸗ Endlich wurde ihr geſtattet, ſich zu entfernen, und nun theilte Otto ſeinem Freunde mit, auf welche wunderbare Weiſe er zu dem Kleinod gelangt ſey⸗ das— ohne die geſammten deutſchen Frauen und Fräuleins verachten zu wol⸗ ſen,— doch alle, die er bisher geſehen, übertreffe, wie die königliche Roſe den punten Teppich der Wieſe, auf dem nur duftloſe Feldblümlein ſproſſen. Er ließ hiehei nicht nur ihrer Schoͤnheit, ſondern auch ihrem ftoͤmmen häuslichen Begin⸗ nenz ihret kindlichen Unterwuͤrſigkeit un⸗ 49 ter Frau Jutta's Oberherrſchaft, und ihrer zarten Mutterliebe fuͤr den Saͤug⸗ ling, den ſie ihm geſchenkt, volle Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, und ſtellte ſie auf dieſe Weiſe durch ſeine Schilberung nicht nur als ein Wunder des Leibes, ſondern auch der Seele, Hulderich dar. ——————————— Sicilianerin. 7. Zehnfach wollteſt Du den Kampf mit den Barbaren wiederum wagen, um ſie Dir, wenn es ſeyn muͤßte, von neuem zu erobern? unterbrach ihn Hulderich voll Feuer. O wie hat der Beſitz Dich ſchon abgeſtumpft gegen den wah⸗ ren Werth eines ſo herrlichen Weibes!— Tanſendmal ſich für ſie in die dr⸗ hendſten Gefahren, ja in den Tod zu — ſtürzen,— wie könnte man das Leben wohl zu einem hoͤheren Preiſe einſetzen? — das waͤre ſchier noch zu wenig fuͤr die Moͤglichkeit gethan, einen ſolchen Engel des Himmels ſich zum Eigenthum zu erwerben!— Otto's argloſer Sinn betrachtete ⁰ dieſe Aeußerung nur als gerechtes und ehrenvolles Anerkennen ſeines Gluͤcks. „Er ahnete nicht, daß eine ſtrafbare Lei⸗ denſchaft, ſchnell, gleich der Flamme, S 3 die ein Blitz entzuͤndete, in Hulderichs Buſen aufgelodert war. Unbefangen freute er ſich ſeines Uurtheils, ſo wie uͤberhaupt ſeines Beſuchs, und von ſi 52 nem chelichen Gluͤck nun auf Waffentha⸗ ten und vaterlaͤndiſche Angelegenheiten ubergehend, erfuhr er, daß ſein Freund nur darum ſeine Schloͤſſer am Rhein verlaſſen habe, um zu Goslar dem Reichs⸗ tage beizuwohnen, und daß er gern die⸗ ger Trennung endlich einmahl wieder mit ihm, dem trauten Genoſſen ſeiner 5 Fugend, zu letzen. In ſeinem Gefolg, und in ſeinem Solde Waffendienſte thuend, befand ſich ein armer Ritter, Kurt genant, mit deſ⸗ S. ſen von der Natur ſtiefmuͤtterlich behan⸗ delten, abſchreckenden Aeußeren, wie ſen Umweg gemacht, um ſich nach lan⸗ ——— 5 S Hulderich ſagte, erſt eine nähere Be⸗ kanntſchaft mit ſeinen guten Eigenſchaf⸗ ten verſoͤhne. Roth war ſein Haar und ſein Bart, und finſter der unſtaͤte Blick ſeines ſcheuen Auges, das ſelten dem Blick eines Anderen gerade begegnete. Die platt eingedruͤckte Naſe, die aufge⸗ worfenen Lippen und die faltenreiche Stirn vollendeten ſeine Haͤßlichkeit. Doch hatte Dankbarkeit fuͤr die freundliche 4 Begegnung, die er erfuhr, ihn ſo ganz zum Eigenthum ſeines Herrn geweiht, vaß er bereit ſchien, ſein Leben für ihn zu laſſen. Dieſe ſne Ergebenheit redete allerdings ſehr zu ſeinem Vortheil, 54 und bewog Otto, den Anfangs ein un⸗ willkuͤhrliches Grauen in ſeiner Nähe faßte, ſeiner Sinnesart zu vertrauen, wenn auch die aͤußere Huͤlle, die der Menſch ſo gern als einen Spiegel der Seele betrachtet, dieſer nicht entſprach. Die Bewirthung der Gäſte erfoderte, daß ſich Otto fuͤr einige Stunden der Unterhaltung derſelben entzog, um dem edlen Waidwerk obzuliegen. Er fragte Hulderich, ob er Luſt ha⸗ be, ihn auf den Kriegszug zu geleiten, den er eben gegen den wilden Eber und das fluͤchtige Reh beginnen wolle; aber dieſer entſchuldigte ſich fur diesmahl mit 55 großer Ermuͤdung, die ihn ermahne, fuͤr eine kurze Zeit der Ruhe zu pflegen. Er bat indeß Otto, an ſeiner Statt Kurt der ein gar wackerer Jaͤger ſey, mitzu⸗ nehmen. Otto war es zufrieden, und ſprengte, von dieſem begleitet, in den Wald, waͤhrend Hulderich, mehr der Einſamkeit und der Sammlung ſeines Gemuͤths, als des Schlafs beduͤrfend, in den kuͤhlen Schatten des Burggartens umherirrte, wo ihn im Geiſt Camilla's liebliche Geſtalt umſchwebte. 8. Wie ſo anders war es ſeit wenigen Stunden in ſeinem Herzen geworden.— Laͤngſt ſchon hatt' er die Abſicht, ſich ein Weib zu erwaͤhlen, das ſeinen bisher nur wilden bachantiſchen Freuden gewidmeten Hausaltar mit den Roſen der Sitte und des ſanften häuslichen Gluͤcks zu kraͤnzen vermoͤge,— aber keine hatte noch jenen bleibenden Ein⸗ 57 druck auf ihn hervorgebracht, deſſen es bedurfte, um bei den vielfachen An⸗ ſpruͤchen, die er machte, ſich fuͤr das ganze Leben befriedigt zu fuͤhlen. Und jetzt, wo er zum erſtenmahl das Ideal, das ſeine kuhne Fantaſie ſich von der künftigen Gefährtin ſeiner Tage entworfen, in der Wirklichkeit, und anmuthsvoller als er es je getraͤumt, er⸗ blickte,— jetzt, wo jeder Schlag des tief bewegten Herzens nur ſie erſehnt jeder ſtille Gedanke nur nach ihr trach⸗ tete, und dem brennenden Wunſch nach ihrem Beſitz ſich die Unmäglichkeit nt ihrer bodenloſen Kluft entgegen ke— — 58 jetzt mußte et als die Gattin eines Andern die finden, die,— das ſagte. ihm eine nicht zu uͤbertaͤubende Stimme in ſeinem Innern,— allein faͤhig war, ſeine ſtolzen Hoffnungen auf Liebesgluͤck zu erfuͤllen,— ja ſogar noch zu uͤber⸗ treffen. Der ſchmerzliche Zwieſpalt, den die begehrlichen Foderungen der Sehnſucht, gegen die Rechte der Freundſchaft erwo⸗ gen, in ſeinem Gemuͤth hervorbrachten, verſenkte ihn in ein tiefes, mißmuthiges Sinnen,— daher ward er Camilla, welche gleich ihm in den Schattengingen des Gartens luſtwandelte, nicht eher ge⸗ 59 wahr bis er dicht vor ihr ſtand, vor ihrer Naͤhe, wie vor der Erſcheinung einer himmliſchen, ehrfurchtsvoll und freudig zuruͤckbebend. Sie pflegte ſich oft im Gruͤnen zu ergehen, um ihr Kind in den Schlaf zu lullen, welcher leichter in freier Luft, unter Vogelgeſang und Bluͤthenduͤften, als in den engen Mauern ihrer Kammer, dem regſamen Kleinen nahte. Auch jetzt trug ſie ihn zu dieſem Endzweck auf ihren Armen,— doch 6 die ſchoͤnen ſchwarzen Augen, ſein muͤtterliches Erbtheil waren noch gar munter unter den langen Vim⸗ 60 pern hervor, und freundlich ſtreckte es, den Ritter anlächelnd, die kleinen Haͤn⸗— de nach den bunten Farben ſeines Kol⸗ lers aus, die mit Gold und Stahl ver⸗ ziert, gegen Ottos ſchmuckloſe Eiſen⸗ tracht, ſich, wie die Herrlichkeit fuͤrſt⸗ lichen Glanzes, gegen die unſcheinbare Einfachheit eines niederen Dieners, ver⸗ hielten. Zu ſpät, um ihm ausweichen zu können, bemerkte Camilla den gefaͤhr⸗ lichen Gaſt, den ſie in ſeinem Gemach der Ruhe pflegend, glaubte. Auch ihre Gedanken waren nur mit ſeinem maͤnn⸗ lich ſchönen Bilde beſchaͤftigt geweſen, 61 und zürnend uͤber ſich ſelbſt, daß ſie der Gewalt einer aufkeimenden Leiden⸗ ſchaft, die ſie in ihrem unruhigen Bu⸗ ſen empfand, nicht ſo kraͤftig zu wehren vermochte, als Pflicht und Tugend es heiſchten, bebte ſein unerwarteter An⸗ blick gleich einem elektriſchen Schlage, durch alle ihre Nerven. Sie ſtanden ſich einige Momente gegen uͤber, ohne zu reden, denn zu — bewegt waren beide, da ſie, wie durch einen Zauberſtab beruͤhrt, gegenſeitig in den Flammen der verderblichen Sehn⸗ ſehnſucht glühten, die bei'm erſten Be⸗ 62 gegnen ſie bereits mit einer Allmacht ergriffen hatten, denen ſie vergebens Widerſtand zu leiſten ſich bemuͤhten. Endlich faßte Hulderich die nach ihm ausgeſtreckte Hand des Knaben, und uberwältigt von Verlangen und Weh⸗ muth druͤckte er ſie an ſeine Lippen, dem er ſagte: O wie beneidenswerth iſ— der, der Dich ſein nennt,— denn er iſt ja Camilla's Gatte. Camilla entgegnete eröthend: Und Euer Freund, Ritter!—— dieſer 64 Vorzug iſt groͤßer als der Beſitz eines unbedeutenden Weibes, wie ich. Verkennt nur immer Eueren eigenen Werth, antwortete Hulderich,— mir hat ihn Euer erſter Anblick in's Herz gegraben, und nimmer wird da der Glaube an ihn erloͤſchen. O warum verſagte mir das Schickſal das Gluͤck, Euch aus Raͤuberhaͤnden zu befreien?— frendig wuͤrde ich mein Blut fuͤr Euch vergoſſen, ja mein Daſeyn der Seligkeit geopfert haben, Euch— ſey es auch in den letzten Augenblicken meines Lebens— mein nennen zu duͤrfen. Nicht alſo redet, edler Herr! unter⸗ 65 brach ihn Camilla, ihre hervorquellenden Thraͤnen ihm verbergend, indem ſie ſich ſeitwarts wandte. Es ziemt Otto's Weibe nicht, dieſe Sprache anzuhoͤren, noch Euch, mein Ohr damit zu beleidi⸗ gen. Sie wollte gehn, aber Hulderich faßte ihre widerſtrebende Hand, und ermuthigt durch die Perlen des er⸗ ſchuͤtterten Gemuͤths, die uͤber ihre Ro⸗ ſenwangen rollten, rief er mit dem tief⸗ ſten Schmerz aus: Ich muß Euere Strenge ehren, ob ſie mich gleich nicht heilen wird. Ihr habt Recht, Camilla! es iſt Pflicht zu verſtummen, und ich Sicilianerin. 66 will ſie erfullen, koſte es auch mein Le⸗ ben, das ohnehin von heute an, wo es von jeglicher Hoffnung ſcheidet, mir nichts mehr gilt. Aber ehe ich Euch laſſe, beantwortet mir eine Frage,— beantwortet mir ſie aufrichtig, ich be⸗ ſchwoͤre Euch, als ſtuͤndet Ihr vor Gott, der Rechenſchaft von Eueren geheimſten Gedanken fodert. Was begehrt Ihr zu wiſſen? fluͤ⸗ ſterte ahnungsvoll Camilla. Wuͤrdet Ihr, fuhr er fort, wenn mein guter Stern mir gegoͤnnt haͤtte, Euch an Otto's Statt zu befreien, wuͤr⸗ det Ihr auch mir dieſe Hand willig und — 67 freudig gewährt haben, die ihm den Himmel auf Erden erſchloß? Camilla bedachte ſich. Die hohe Roͤthe, die auf ihren Wangen aufſtieg, der verſchaͤmt ihn meidende Blick und die zitternde Unruh, welche ihr wallender Buſen verrieth, antwortete gunſtig, ob⸗ gleich ihr Mund zögette, das Ja aus⸗ zuſprechen, das die leidenſchaftliche Be⸗ wegung ihres ganzen Weſens ihm be⸗ reits kund that. Und wuͤrdet Ihr, fuhr er dringen⸗ der fort, wenn jene hoͤhere Macht, wel⸗ che die Tage der Sterblichen beſtimmt, Feſſeln uͤber Otto geböte,— wenn die der Pflicht zerbraͤchen, die Euch jetzt binden, und Ihr wiederum frei waͤret,— wuͤrdet Ihr dann meine heiße Liebe ver⸗ ſchmaͤhen, wenn ich es wagte, ehrlich um Euch zu werben? O haltet ein, rief hier Camilla, ver⸗ lentet mich nicht zu der Suͤnde einer Ant⸗ wort. Kehrt, wenn Ihr großmuͤthig ſeyn wollt, uuf's baldigſte zuruͤck in Eue⸗ re Heimath, und ſtoͤrt nicht laͤnger den Frieden eines Herzens, das ſich glucklich fuhlte, bis Ihr erſchienet, es aus ſeinem ſuͤßen Wahn zu wecken. 40. Sie konnte ihre Thraͤnen nicht länger zuruͤckhalten— unaufhaltſam brachen ſie hervor, und die Tiefe ihres Schmerzes gebot Hulderich Ehrfurcht, und maͤßigte das Entzuͤcken, mit dem er ſich geliebt glaubte. Euer Wille iſt mir heilig, ſagte er. Ich werde auf einen Vorwand ſinnen, um Euere Burg ſo bald als moglich zu 70 verlaſſen, aber ich nehme Euer Bild in meinem blutenden Herzen mit, und laſſe Euch das meine zuruͤck, dem die Gluth meiner Liebe die Macht verleihen wird, Euch in ſtillen Stunden zu umſchweben. Doch,— laßt mich nicht ziehen von Euch, ohne den Gehorſam, mit dem ich mich Euch unterwarf, durch ein Pfand Eueres Wohlwollens zu belohnen. Gebt mir, als ein Vermaͤchtniß, dies Tuch von Euerem Guͤrtel, das die heiligen Thränen getrunken hat, welche mein un⸗ geſtum von Euch erpreßte,— es ſoll auch die meinen bewahren, wenn Sehn⸗ X ſucht und Gram fortan die Jugendblüthe 6 meines Lebens zernagen. Bei dieſen Worten truͤbte ſich ſein bisher funkelnder Blick, und wie ein feuchtes Thaugewoͤlke den Glanz der [. Sterne huͤllt, ſo umflorte Wehmuth ſein ſchoͤnes Auge, und helle Tropfen perlten an den dunkeln Wimpern, und rannen uber ſeine braͤunlichen Wangen. Camilla, durch dieſen Anblick auf's innigſte erſchuttert, reichte ihm das Tuch, das er begehrte, und zugleich ihre Hand, warm und achtungsvoll die ſeine druk⸗ kend. Gott ſegne Eueren Entſchluß, ſprach ſie, er wird mir meine Ruhe wie⸗ 72 der geben, und das muß auch Euch Frieden in der Ferne verleihen. Hierauf wandte ſie ſich, und ging. — Hulderich aber blieb wie eingewur⸗ zelt ſtehn, und folgte ihr mit durſtigen Blicken, bis die ſchlanke, zarte Geſtalt, deren Anmuth ſich ſo unausloͤſchlich ſei⸗ nem Inneren eingeprägt hatte, gleich dem Mond hinter dem Dunkel einer Wolke, 5 Schatten der Bäume ihm verſchwand. Als Otto, beladen mit der Beute der Jagd, am Abend heimkehrte, und nun biiin Klung der Becher ſich des lang entbehrten Freundes recht genith⸗ 73 lich zu erfreuen gedachte, brachte die Nachricht, daß er ſchon morgen wieder aufzubrechen Willens ſey, einen Mißton in der friedlichen Harmonie ſeiner Stim⸗ mung hervor, und unmuthig forſchte er nach der Urſach einer ſo ſchleunigen Trennung, die er ſich umſonſt zu ver⸗ ſchieben bemuͤhte. Da ſeine Bitten fruchtlos blieben, holte er Camilla herbei, in der Hoff⸗ nung, es werde ihr beſſer gelingen, als ihm, Hulderich zu uͤberreden. uch ſtammelte ſie wirklich einige leiſe Worte, die einer Einladung glichen, aber in dem Blick, den ſie ſchuͤchtern zu ihm Si. lag eine ernſte Mahnung, ſeines Wortes eingedenk zu ſeyn, und Hul⸗ derich blieb feſt bei ſeiner Weigerung, als deren Gruͤnde er dringende Geſchaͤfte am Hoflager des Kaiſers vorgab. So brach er denn wirklich am fol⸗ genden Morgen auf, und Camilla, die ſich gern in die entlegenſte Einſamkeit zuruͤckgezogen hätte, konnte dem Schmerz nicht ausweichen, ihm auf Befehl ihres Gatten Lebewohl zu ſagen. Sie that es zitternd. Mit aͤußerer Fuſſung, wie ſie dem Manne ziemt, em⸗ pfing Hulderich ihren Abſchiedsgruß; aber ſein Erbleichen, und der umflorte⸗ 1 75 Blick ſeines Auges druͤckte das namen⸗ loſe Leiden aus, das in ſeinem Buſen wuͤhlte. 11. Otio war beſchaͤftigt, ſche Ruͤſtung um⸗ zuſchnallen, denn er wollte dem Freun⸗ de das Geleite geben. Dieſen unbe⸗ obachteten Moment benutzte Hulderich, ſich Camillen noch einmal zu naͤheren. Ich bleib' Euch treu bis in den Tod! ſprach er leiſe. Ich werd' Euch nie vergeſſen!— ſeufzte ſie. Da trat Stto zwiſchen beide, und— ſieieden. N 4 77 Mit welchen qualvollen Gefuͤhlen kehrte Camilla in ihr einſames Gemach zuruͤck. Sie hatte keine Thraͤnen, aber um ſo herber war ihr Schmerz, um ſo duͤſterer ihre Zukunft, die kein Strahl des Troſtes erhellte. Sehnſucht, Reue, Abneigung gegen ihre Verhältniſſe, und Vorwuͤrfe der Undankbarkeit, die ſie ſich uͤber ihre Unzufriedenheit mit dem Schick⸗ ſal machte, wechſelten in ihrem zerriſſe⸗ nen Gemuͤth, und verſcheuchten am Ta⸗ ge jenen ſtillen Gleichmuth, den ſie ſonſt beſaß, und Nachts den erquickenden Schlaf, der ihr ehmals Staͤrke gab, die 78 Pflichten der Hausfrau in nützlicher Thaätigkeit zu erfuͤllen. Dazu kam noch, daß bald nach Hulderichs Abreiſe ihr Kind, ohne ſich wieder erholen zu koͤnnen, an einer ge⸗ woͤhnlichen Kinderkrankheit erkrankte. Hät⸗ te die aufmerkſamſte Fuͤrſorge, die innigſte Pflege der Mutterliebe es retten koͤnnen — es waͤre ihr erhalten geblieben. Aber wie die Frucht, die vom Wurme geſtochen iſt, trotz Sonnenſchein und Regen welkt, und vor der Zeit abfaͤllt, ſo ſank es nach langem Hinſchmachten in's unerbitt⸗ liche Grab, und mit ihm das letzte Band, 79 das Camillen an ihr freudenloſes Daſeyn knuͤpfte. Ihr Schmerz war grenzenlos, und er wurde noch bitterer, da ſie ihn mit einem Gatten theilte, deſſen Werth ſie tief in ihrem Innerſten erkannte, von dem aber die unuͤberwindliche Gewalt ihrer ſtrafbaren Leidenſchaſt ihre Neigung abgewendet hatte. Wie oft wuͤnſchte ſie in den Tagen dieſer Leiden, daß ſie der finſteren B⸗ ſchränkung des Kloſters, dem ſie einſt beſtimmt war, nimmer entronnen waͤre, — ja, daß ſie noch jetzt in ihm ein Aſyl gegen den Sturm ihres zerriſſenen Bu⸗ 80 ſens ſuchen duͤrfte. Denn unertraͤglich duͤnkte es ihr, den nun veroödeten, aber ach, noch vielleicht langen Pfad ihres Lebens weiter gehn zu muͤſſen, und ihre ungeduldige Sehnſucht wuͤnſchte das Ziel derſelben herbei, und hoffte und erflehte nichts mehr von dem Schickſal, als eine Ruheſtätte neben dem Grabe ihres Kin⸗ 12. Es war ſehr natuͤrlich, daß der redliche Otto durch dieſe gaͤnzliche Veraͤnderung des einſt ſo ruhig heiter geſtimmten Wei⸗ bes unendlich litt, ob er gleich keines⸗ wegs ahnete, welch ein giftiger Pfeil eigentlich ihr Herz durchbohrt hatte. Von Natur nicht zu ſcharfen Be⸗ obachtungen geeignet, glaubte er, die Krankheit und der Buf folgende Tod Sicilianerin. 6 82 des Kindes, das auch er ſo zaͤrtlich liebte, ſey die einzige Urſach des Trubſinns, dem ſich Camilla ruͤckſichtslos ergab. Vergebens ſuchte er, maͤnnlich ſei⸗ nen eigenen Schmerz bezwingend, ſie zu troͤſten und zu erheiteren, aber nicht mehr wie ſonſt, brachte ſeine Gegenwart ihr Freude. Sie ſchien nur ruhig, wenn ſie ſich in der tiefſten Zuruͤckgezogenheit ganz allein mit ſich ſelber, ihrer un⸗ mäßigen Traurigkeit uberlaſſen durfte, und jeder Verſuch, ſie in dieſem gefähr⸗ lichen Hinbrüten über ihren Gram zu ſthren, und zu zerſtreuen, reizte bloß 83 ihre Ungeduld, ohne ſeinen Zweck zu er⸗ reichen. Frau Jutta ſah mit Wehmuth den Verfall des haͤuslichen Gluͤcks, das ſonſt auch ihre Tage mit erheitert hatte. Durch den Tod des heiß von ihr geliebten En⸗ kels war ihr Herz gebrochen worden, und Camilla's dem Tiefſinn ſich naͤhern⸗ t de Schwermuth und der ſtille Kummer 3 ihres Sohnes waren nicht geeignet, neu⸗ „ es Oel auf die verloͤſchende Lampe ihres Lebens zu gießen. Alt, und muͤde eines 6 u muͤhevollen, zuletzt noch ſo getrubten 3 Daſeyns, neigte auch ſie ihr Haupt, und ſtarb,—— gluͤcklich genug, um 84 nicht den volligen Untergang ihres Stam⸗ mes zu erleben, der ſo nahe bevorſtand. Denn als wenige Wochen nach ihrem Tode Otto einſt, wie er oft zu thun pflegte, ſeinem oͤden Trauerhauſe entrann, um im Dickicht des Waldes Erheiterung in ſeinem Lieblingsvergnuͤgen, der Jagd, zu ſuchen, kehrte er nicht zur gewohn⸗ lichen Zeit am Abend heim, und die Macht brach an, ohne ihn zurückzuführen. Dieſe Wahrnehmung weckte durch die Beſorgniſſe, welche ſie einfloßte, Ca⸗ milla aus dem Todesſchlummer ihrer nicht mehr mit der Außenwelt beſchaͤftig⸗ ten Seele. Sie ſchickte ihre Diener mit 35 Fackeln aus, den vermeintlich Verirrten zu ſuchen, und durch ihr Rufen auf den rechten Weg zu leiten. Aber umſonſt— nur das Echo gab neckend die Toͤne zu⸗ ruͤck, mit denen man das Ohr des Ver⸗ lorenen zu erreichen hoffte, und die Suchenden mußten mit anbrechendem Tage ohne ihn vor ihrer von Angſt ge⸗ folterten Gebieterin erſcheinen, um ihr die traurige Kunde zu bringen, daß man ihn nirgends gefunden habe. Welch eine entſetzliche Nacht hatte Camilla verlebt. Unter heißen Gebeten und ſtroͤmenden Thraͤnen war ſie ihr ver⸗ ſtrichen, und ihr gemartertes Herz that * 1 86 zahlloſe Gelubde, wie ſie kuͤnftig ſich uͤberwinden wolle, um Otto wieder ſo gluͤcklich, wie ehedem zu machen. Denn ſie konnte ſich es nicht ablaͤugnen, daß ihre duͤſtere Stimmung es war, die ihn oͤfterer als ſonſt zu der rauhen Luſt des Jagens hinaus getrieben hatte. 13. Aber das Geſchick wollte ihr die Be⸗ ruhigung nicht goͤnnen, dieſe Geluͤbde zu erfuͤllen. Denn als man am anderen Morgen die Nachſuchungen um Otto er⸗ neuerte, fand man endlich— ſeine Lei⸗ che,— die, von mehreren Wunden durch⸗ vohrt, allem Anſchein nach dem Meuchel⸗ mord zum Opfer gefallen war. Denn wenn man auch in der erſten 88 Betaͤubung des Schreckens waͤhnte, ir⸗ gend ein wildes Thier des Waldes, viel⸗ leicht ein Eber, habe mit ſcharfem Zahn die Bruſt des Ungluͤcklichen ſo zerfleiſcht, ſo widerſprach doch eine naͤhere Unter⸗ ſuchung dieſer Meinung, und ein Buͤſchel ſtruppiger, feuerrother Haare, die Otto in der durch den Todeskrampf feſt ge⸗ ballten Fauſt hielt, zeugte deutlich fur das Gegentheil, ohne jedoch zu irgend einer Spur zu dienen, auf der man ſei⸗ nen Moͤrder errathen oder verfolgen konnte. Camilla empfing den Leichnam ihres Gatten mit tiefer Wehmuth, aber ge⸗ 89 faßt. Ihr ſchien der Tod kein Uebel, und ſelig pries ſie die uͤberwunden hat⸗ ten. Nur die gewaltſame Art, mit der eine rauhe Hand ihm die Pforten jenes Ueberganges in ein beſſeres Daſeyn oͤff⸗ nete, rief ihre ſchmerzlichen Thraͤnen her⸗ vor, nicht ſein Verluſt, denn ſie dachte ihn ſich jetzt gluͤcklich, und mit den Maͤn⸗ geln und Haͤrten ſeines Looſes verſoͤhnt. Daher goͤnnte ſie ihm die Ruhe im Gra⸗ be, die das Leben, wie es ſich in der letzten Zeit geſtaltet, ihm verweigert, wenigſtens oft geſtoͤrt haben wuͤrde. Als ſie ſeine Ueberreſte mit frommer Feierlichkeit zur Erde beſtattet hatte, 90 übergab ſie einem ſeiner entfernten Ver⸗ wandten, der Anſpruͤche auf das nun gi geſtorbene Erbe machte, die Burg, ſammt allem, was ſie enthielt, und ſuchte, nachdem er ihr die ſparſam ge⸗ nug beſtimmten Mittel zu ihrem noth⸗ duͤrftigen Unterhalt verſprochen, Zuflucht in einem nah gelegenen Frauenklvſter, wo ſie als Koſtgaͤngerin ihr truͤbes Le⸗ ven zu beſchließen gedachte. Es war ſehr naturlich, daß in der nur durch Andachtsubungen unterbro⸗ chenen Einſamkeit ihrer jetzigen Exiſtenz die Bilder der Vergangenheit heller vor ihre Seele traten, und daß auch Hul⸗ ———————— 91 derichs nie vergeſſene, nur von den letz⸗ ten traurigen Ereigniſſen gewaltſam zu⸗ ruͤckgedraͤngte Erinnerung ſich von neu in ihr belebte. „Wenn jene hoͤhere Macht, die uͤber die Tage der Sterblichen entſchei⸗ det, einſt uͤber Otto geboͤte, und Ihr wieder frei wuͤrdet,“—— war es nicht ſo, was er einſt zu mir in jener ——“ ůů ů ˙ ˙ ũůÜ˖ꝓFÜ⅛ᷓ,—, Stunde ſprach, die uͤber mein inneres„ Geſchick auf ewig entſchied?—— So fragte i ſich manchmal, doch ſie ſtrebte dann ihren Gedanken eine andere Rich⸗ tung zu geben, und die in ihr aufwal⸗ lenden Gefuͤhle zu unterdruͤcken. Fleißi⸗ 92 ger als jemals griff ſie zur Nadel und zur Spindel, oder ſchlang die fein ge⸗ wonnenen Faͤden in zierliche Gewebe, und oft ſtand ſie auf, um vor dem Bilde der Mutter aller Gnaden ihre Knie zu beugen. Wenn ſie dann mit frommer Inbrunſt um die Ruhe derer gefleht hatte, die ihr im Leben werth geweſen, dann dachte ſie wohl an ſich — un ihren freudeloſen Zuſtand. Doch 6 ie andere Bitte als um Frieden des —— und um die ſchwere, ihr ſo frem e Kunſt, vergeſſen zu können, ent⸗ weihte ihre Lippen. Denn ihr reſig⸗ 9 60 nirter Sinn glaubte mit dem Daſeyn hienieden fertig zu ſeyn, und ſah es bereits abgeſchloſſen hinter ſich liegen. N 14. Doch anders hatte das Schickſal es be⸗ ſchloſſen, denn wenige Wochen waren ihr erſt in jener monotonen, ſchwermuͤ⸗ thigen Zuruͤckgezogenheit derſtrichen, da erſchien einſt ein glaͤnzender Ritterzug an h in ſeiner Spitze befand, begehrte achtungsvoll aber dringend, Gehoͤr von der Wittwe Otto's von Walbſtätten. ———————— 95 Welch eine ſelige Zauberwelt er⸗ weckte dieſer Name in ihrer muͤhſam zur Ruhe gekaͤmpften Seele!— Erneu⸗ ert ſtanden, vom Glanz der Liebe um⸗ ſtrahlt, jene Stunden vor ihr, wo ſie ihn ſah, um nimmer wieder von ſeinem Bilde zu laſſen. Sie hatte es fuͤr ihre Pflicht gehalten, nicht eigenmaͤchtig die Hoffnungen zu naͤhren, welche fuͤr ihn nur allzu kühn vom Grabe ihres Gatten empor zu ſproſſen wagten, und ſtrenge verſagte ſie ſich, um Otto's Manen ein Sühnopfer jenes unwillührlicen Eindrucks darzubringen, dem ſie zu ſchwach geweſen war, den Eingang in —— 96 das Innerſte ihres Herzens zu wehren, Hulderich Nachricht von ihrem Wittwen⸗ ſtande zu geben, indem ſie ohne Erwar⸗ tung oder Hoffnung, ihr von innen und außen ſchroff beſchränktes Nonnenle⸗ ben weiter fuͤhrte. Jetzt aber fuͤhlte ſie bei der Kunde: er ſey da, daß ſie an einem maͤchtigen Wendepunkt ihres Looſes ſtehe,—— und ihre Feſſeln geloͤſet, ohne ſich einen anderen Vorwurf machen zu koͤnnen, als den, nur im Allerheiligſten ihrer verſchwiegenen Bruſt, nicht in der Wirk⸗ lichkeit, dem Ideal ihres Herzens Altaͤre erbaut zu haben,— durfte ſie getroſt 97 jetzt ſich den keimenden Hoffnungen einer ſchöneren Zukunft überlaſſen, da ſie nun nicht mehr ſtrafbar waren. Hulderich nahte ihr mit dem Aus⸗ druck inniger Ergebenheit und freudiger Liebe, aber zugleich auch mit der Trauer tiefen Mitgefuͤhls, durch die Erinnerung an Otto's gewaltſamen Tod in ihm er⸗ regt. Nachdem er, die Thraͤnen ehrend, welche Camilla bei dem Andenken ihres Verluſtes vergoß, lange mit ihr von der unergründlichen Art deſſelben geſprochen, wagte er es, den naſſen Blick der hol⸗ den Wittwe vom Dunkel jener ſchauer⸗ vollen Gruft abzuleiten, um ihn der Sicilianerin. 98 Ausſicht in ein volles, ſchimmerndes Le⸗ bensgluͤck zuzulenken, das an ſeiner Hand und an ſeinem liebenden Herzen ſich ihr darbot. Er ſagte ihr, daß ihm der Zufall die Nachricht von Otto's Ermordung in weiter Ferne kund gethan, als er unter Turnieren und ritterlichen Uebungen geſucht habe, die Martern ſeiner vergeblichen Sehuſucht zu uͤbertaͤuben. Kaum habe ſein gendte Herz ihr glauben wollen,— — doch als ſie durch einen ausgeſandten Brten beſtätigt worden ſey, habe er ſich aufgemacht, ſie an die kurze aber wonnige 99 Zeit ihrer Bekanntſchaft zu mahnen, und — um ſie zu werben. Camilla vernahm nicht ohne das ſtille Entzuͤcken dankbarer Erwiederung das Geſtaͤndniß, daß der Gedanke an ſie ſeit ihrer Trennung ihm in jede Zerſtreu⸗ ung ſeines buntbewegten Lebens gefolgt ſey, und daß, waͤre auch nimmer eine Ausſicht ihm geworden, ſie wieder zu ſehen, dennoch ſein Herz zeitlebens nur dem Schatten ihres Andenkens ge⸗ huldigt haben wuͤrde.— So viel Liebe, ſo viel Treue jetzt, wo ſie es durfte, zu belohnen, ſchien ihr Pflicht, und nach⸗ bem ſie bloß ſittſam eingewenbet, daß 100 der Wohlſtand den Frauen nicht geſtatte, vor Ablauf des Trauerjahrs neue Bande zu knuͤpfen, gelobte ſie ihm von ganzem Herzen, nach dieſer Friſt die Seine zu werden. 15. Camilla hielt Wort, und folgte ihm, als nun dieſer Zeitraum zu Ende ging, als Gattin auf ſeine Schloͤſſer, die an des Rheines bluͤhenden Ufern gelegen, ein Bild der Heiterkeit, des Ueberfluſſes, und der Pracht vor ihr ſich aufſtellten, wie ſie es in ihrer vorigen einfachen, ſehr oft beſchraͤnkten Lage nie geträumt 102 Es war ihr, als athme ſie dort des Suͤdens vaterlaͤndiſche Luͤfte wieder ein, und als ſey mit dem duͤſteren Harzgebir⸗ ge, das ihre bisherige Wohnung um⸗ ſchloß, auch der Gram hinter ihr zuruͤck⸗ geblieben, der ſo lange an ihrem Leben genagt hatte. Wie die Blume, die in froſtiger Atmoſphaͤre nur ein kraͤnkelndes Daſeyn erſchloß, unter einen milderen Himmel verſetzt, und von warmen Son⸗ nenſchein durchglüht, jetzt mit einem Mal in lichteren Farben aufbricht, und in uͤppigerem Grun ſich ausbreitet: ſo bluͤhte auch Camilla unter dem beſeligenden Einfluß glucklicher Liebe in ueuer Ju⸗ 103 gendſchoͤnheit und in kindlichem Frohſinn wieder auf. Waͤhrend des gemaͤchlich heiteren Lebens, das ſie an der Seite ihres Gat⸗ ten fuͤhrte, beſtrebte ſie ſich, ſeinen Ge⸗ ſchmack in allem zu erforſchen, was von ihr abhing, ihm zu verſchaffen und zu gewaͤhren. 3 So waren ſeine Dienſtmannen ihm kein gleichguͤltiger Gegenſtand, da an manche ihn ein beſonderes Vertrauen, an manche die Macht der Gewohnheit vorzugsweiſe zu binden ſchien. Vor allen aber war Kurt der aus⸗ erwaͤhlte Genoſſe ſeiner Gunſt, und 104 konnte ſie gleich nicht begreifen, wie eine ſo abſtoßende Geſtalt, ein ſo in ſich ge⸗ kehrtes, faſt feindſelig zu nennendes We⸗ ſen ihm ſo werth ſeyn konne, ſo ſtrebte ſie dennoch mit der ihr eigenen, herzge⸗ winnenden Anmuth, ihm gefallig zu ſeyn; und ihn mit all' den Annehmlichkeiten zu uͤberhaͤufen, welche die Willkuhr der Hausfrau ihren Untergebenen als Aus⸗ zeichnung zu ſpenden vermag. So dankbar aber auch jeder andere Diener den Werth und die Holdſeligkeit ſeiner Gebieterin erkannte, ſo kalt blieb Kurt bei ihren Bemuͤhungen, ihn als den Liebling ihres Gemahls vorzuglich zu ——— ———— — 1 ——— S———————— —— wuͤrfigkeit entgegen ſetzte. ehren. Finſter zog er ſich ſtets zuruͤck, wenn ſie ihn aufſuchte, um ſich mit ihm zu unterhalten, und ſelbſt gegen Hul⸗ derich, der ihm in allen ſeinen Wuͤnſchen mit einer faſt fuͤrſtlichen Freigebigkeit zuvorkam, und ihn auf das zarteſte und liebevollſte behandelte, war ſein Beneh⸗ men rauh und duͤſter. Oft ſchien es ſo⸗ gar, als haͤtten beide die Rollen ver⸗ tauſcht, die ihnen ihre Beſtimmung an⸗ gewieſen, und als ſey Kurt befehlshabe⸗ riſch und ſtorriſch gegen ſeinen Herrn, während jener ſeinen oft unerträglichen Launen nur die ſtille Demuth der Unter⸗ 106 Dieſe Schwaͤche, die Camillen ein Raͤthſel in Hulderichs ſonſt p wikbeubt⸗ em Charakter war, ſchien zuzunehmen, je mehr ſich Kurts Gemuͤthszuſtand in —— immer tiefere Schwermuth verdunkelte. Es war, als ob ſeine Naͤhe den Schat⸗ ten einer finſteren Melancholie auch uͤber ſeine Seele verbreitete, und als ob trotz des unendlichen Gluͤcks, das er ſichtbar in ihrem Beſitz zu finden ſchien, dennoch ein giftiger Wurm an ſeinem Innerſten nage. So gingen mehrere Monate hin, und der blaue Himmel ihres Liebesglucks wuͤrde in ungetruͤbter Heiterkeit geſtrahlt — — 107 haben, waͤre nicht Kurt die ſchwarze Ge⸗ witterwolke geweſen, die ihn verduͤſterte. Er wurde jetzt auch koͤrperlich krank, aber die ſorgſamſte Pflege, welche Ca⸗ milla ihm eigenhaͤndig angedeihen ließ, milderte weder das Weh ſeines Koͤrpers noch ſeiner Seele, ſondern regte den Daͤmon boͤſer Laune, der ihn beherrſchte, nur um ſo bitterer in ihm auf, je freund⸗ licher ſie ſich ihm naͤherte, um ihm huͤlf⸗ reich zu ſeyn. Hulderich erkannte Anfangs mit Wohlgefallen und Dank ihr aufmerkſa⸗ mes Beſtreben, doch bald fand er, daß Kurts Graͤmlichkeit und ſein herriſcher 108 Ton ihre Nachſicht mißbrauche, und der Achtung nicht angemeſſen ſey, die ihre Wuͤrde als Gebieterin mit Recht fodern durfte. Er bat ſie, kunftig ihren Zofen die Pflege des Kranken zu uͤberlaſſen, und ſich nicht laͤnger ſeiner muͤrriſchen Begegnung auszuſetzen. Camilla fugte ſich nur widerſtrebend ſeinem Willen, da ihr menſchenfreunbliches Gemuͤth das tiefſte Mitleid mit dem Unglucklichen empfand. 16. Nach einiger Zeit aͤußerte er den Wunſch in's Kloſter zu gehen. Hulderich gab ſich alle Muͤhe, ihn davon abzuhalten. Er ſtellte ihm vor, daß ein werkthätiges Leben dem Himmel vielleicht eben ſo wohlgefalle, und weit mehr dem inne⸗ ren Drang nach Befriedigung entſpreche, als die unfruchtbare Selbſtbeſchauung geiſtlichen Müßiggangs. Doch Kurt 11¹0 verwarf mit Ungeſium alle Einwendun⸗ gen, die ihm gemacht wurden, und wehrte Hulderichs gut gemeinte Ermah⸗ nungen nicht ſelten mit den Worten: „Ihr ſeyd von den Luͤſten der Welt be⸗ rauſcht, und habt keine Religion,“ auf eine rauhe Weiſe von ſich ab.— Eines und man durfte nicht zweifeln, daß 6 er den Auffoderungen ſeiner unruhigen Seele folgend, in heiligen Mauern Zu⸗ flucht gegen die Beängſtigungen ſeines Innern geſucht habe. Camilla verwunderte ſich, wie dieſe Begebenheit ihren Gemahl auf's tiefſte Morgens fand man ſeine Kammer leer, 8 111 zu beugen und zu erſchuͤttern vermochte. Sie redete ihm liebevoll zu, und ſuchte ihn durch die Vorſtellung zu beruhigen, daß man einem ſo durch innere, unausge⸗ ſprochene Kaͤmpfe gequaͤlten Gemuͤth es nicht verargen muͤſſe, wenn es Troſt in geiſtlichem Zuſpruch und in der Erleich⸗ terung der Beichte zu finden ſtrebe. Denn lngſt war es ihr vorgekom⸗ men, als ſey Kurts Gewiſſen durch ir⸗ gend eine geheime Unthat belaſtet, die ungeweihten Ohren zu vertrauen, ihn eine gewiſſe Scheu abhielt, und Hulde⸗ richs eigenes Urtheil uͤber Kurt, und ſeine leicht hingeworfenen Erwaͤhnungen S———. 412 der Zuͤgelloſigkeit ſeines Jugendlebens, von welchem ſich ſo manche Erinnerung unter ſeinen Waffenbruͤdern erhalten hatte, beſtätigte ſie in dieſer Vermu⸗ thung nur noch mehr. Zu ihrem Erſtaunen aber brachten die Gruͤnde, durch die ſie Hulderich uͤber die Entweichung ſeines Guͤnſtlings zu beſchwichtigen bemuͤht war, eine ganz ent⸗ gegengeſetzte Wirkung hervor, als ſie be⸗ abſichtigte. Ungeſtuͤm warf er ſich auf's Pferd, um wo möglich abzuaͤndern, was ihm ſo unertraͤglich duͤnkte. Zum er⸗ ſten Mal, ohne auf die freundlichen Bit⸗ ten zu hören, mit denen ſie ihn zuruͤck „ ————————— ——— 113 zu halten ſuchte, ſprengte er von dan⸗ nen und ließ ſie beſtuͤrzt allein, ohne daß ſie im Stande war, dieſe ſeltſame Aufregung ſeines ganzen Weſens zu be⸗ 6 Doch ach, nur allzubald ſollte ein grelles Licht in das Dunkel der Ahnun⸗ gen fallen, die ihren Buſen zu beklem⸗ men begannen. Denn ſpaͤt am Abend kehrte er zuruͤck, entſtellt, bleich von Blute triefend.— Sie empfing ihn zit⸗ ternd. Ihre Lippen wagten nicht zu fragen, aber ihr Auge ruhte forſchend auf ſeinen zerſtörten Zuͤgen, und ge⸗ Sicilianerin. 8 114 wahrte erſchrocken ſeine blutbedeckte Klei⸗ dung, Siehſt Du dieſe Flecken? ſprach er endlich mit bitterem Laͤcheln. Das iſt geweihtes Blut. Ich will Dir nicht ver⸗ hehlen, was Du ſehr bald auf eine ent⸗ ſetzliche Weiſe erfahren wirſt. Was iſt's? was haſt Du gethan? rief Camilla, der Angſt faſt erliegend. Da nahm er ihre Hand, und ſchaute mit wildem Blick tief in ihr ſchönes Auge, indem er ausrief: Weißt Du, was Dich mir zum Weibe erwarb? Es war der Mord, den Kurt auf mein Geheiß an Deinem Gatten veruͤbte, und jetzt 115 naht die Vergeltung, die nimmer aus⸗ bleibt auf Erden. Entſetzt von dieſem furchtbaren Ge⸗ ſtaͤndniß, ſank Camilla zuſammen, doch ſchonungslos riß Hulderich ſie wieder empor, und ſprach: hoͤre weiter. Kurt konnte die Sehnſucht nicht er⸗ tragen, in der ich mich nach Deinem Be⸗ ſitz verzehrte,— er ſelbſt kam mir ent⸗ gegen in dem ſchwarzen Verlangen mei⸗ ner Seele.— Jetzt aber wird ihm die Buͤrde dieſer That zu ſchwer. 2Er hat im Kloſter gebeichtet. Der Prieſter ge⸗ bot mir als Suͤhnopfer, unſere Ehe zu trennen, meine Guͤter der Kirche zu 116 weihen, und nach Rom zu pilgern, um dort an St. Peters Stuhl in Reue und Demuth mich zu entſuͤndigen. Ich wollte ihm den verraͤtheriſchen Mund verſchlie⸗ ßen, ünd bohrte mein Schwerdt in ſeine Bruſt,—— doch mit ſeinem letzten Seufzer hauchte er die Kunde meines Verbrechens in des Biſchofs Ohr, und wir ſind verloren. 17. Ohnmachtig ſtuͤrzte Camilla neben ihm hin, und verzweiflungsvoll ſtarrte Hul⸗ derich das ſchoͤne, jetzt einer Leiche glei⸗ vev chende Weib an, deren Exiſtenz er zer⸗ riſſen,— deren Frieden er ſeiner Lei⸗ denſchaft geopfert hatte. Er uͤberließ ſie der Sorgfalt ihrer Frauen, doch ihr beklagenswerther Zuſtand ſpornte ihn zu dem Verſuche an, ſie vor den Schrecken 118 der Heimathloſigkeit und der Flucht zu bewahren. Mit dem Entſchluß, ſich in ſeiner Veſte zu vertheidigen, bot er ſeine Rei⸗ ſigen auf. Bereitwillig ſcheinend, ſtell⸗ ten ſich die treuen Vaſallen und Knechte in großer Zohl, aber nicht, wie ſonſt, heiteren Muthes, wenn ſein Zeichen ſie zum ehrlichen Kampfe rief, ſondern nie⸗ dergeſchlagen und traurig ein. Denn das Gerücht hatte ſchnell den entſeßlichen Vorgang verbreitet, und den Schleier von Hulderichs bisher ſo ſittlich ſcheinenden Verhaͤltniſſen geriſſen. Durch Meuchelmord ihrer Pflicht und 119 ihres Eides entbunden, durften ſie ihm nicht ihren Beiſtand in einer ſo frevel⸗ haften Sache gewaͤhren. Flieht, ſpra⸗ chen ſie abgewandt und wehmuthsvoll, wir verrathen Euch nicht; aber wir duͤr⸗ fen Euch nicht ſchutzen vor der gerechten Strafe, ſo die Kirche uͤber Euch ver⸗ haͤngt. Schon ſind die Soͤldner nahe, die der Biſchof aufgerufen hat, Euch zu fahen,— flieht,— damit die Rache Euch nicht ereile. Stuͤrmiſch war die Nacht herange⸗ zogen, und dichte Finſterniß ruhte auf der Gegend. Von Allem verlaſſen, blieb Hulderich nur die Flucht übrig, doch 7 120 die Frage: wird Camilla mir folgen wollen?— die ſein zagendes Gemuͤth an ſich ſelbſt that, erſchuͤtterte ihn tie⸗ fer als die Naͤhe der ſchrecklichſten Ge⸗ fahren. Camilla hatte ſich indeſſen aus der Tiefe ihres Jammers emporgerafft. Ihr dem Leben ſich wieder aufſchließender Blic traf auf Hulderich, der, zerknirſcht vor ihr niederſinkend, ausrief: Was be⸗ ſchließeſt Du uͤber mich, Camilla? Wird Deine reine Seele ſich von dem Ver⸗ brecher abwenden, der nur dosün dieſe ſchwere Schuld auf ſein Gewiſſen lud, weil er ohne Dich nicht leben konnte, 3 ——— —— 12⁴ ſo verlaß mich. Aber ſey barmherzig, und goͤnne mir dann, ehe Du ſcheideſt, den Tod, der mir leichter wird, als die Trennung von Dir,—— tröſte mich durch Deine Verzeihung, und laß mich dann zu Deinen Fuͤßen ſterben. Zitternd hob ihn die Geliebte auf, und ſchloß ihn an ihr Hetz, das, von ſeinen Leiden ergriffen, trotz des Ab⸗ ſcheu's uͤber ſeine That, nur noch feſter ſich mit ihen vernigt ſühte unglücklicher! ſprach ſie, ich ſchau⸗ dere zuruͤck vor der entſetzlichen Hand⸗ lung, die Du in der Verblendung der Leidenſchaft begangen,— aber 122 ich laſſe Dich nicht. Wie es auch ausfalle,—— ich bin Dein Loos — zu theilen entſchloſſen, und vielleicht ge⸗ lingt es mir, in Selbſtvetläugnung und Buße mit Dir vereinigt, Dich mit den himmliſchen Maͤchten, und mit den Men⸗ ſchen wiederum zu verſoͤhnen. Vermittelſt eines unterirdiſchen Gan⸗ ges, der in's Freie fuͤhrte, verließen ſie das Schloß, und eilten durch un⸗ eſene Gefilde in das Dicicht des Waldes, wo eine Felſenhöhle, welche Hulderich kannte, ihnen ein kummer⸗ liches Obdach gegen das Toben des Wet⸗ ters verſprach.— „ ——— — 18. In den alten Eichen ſauſte der Wind, und brach ihre knorrigen Aeſte,— Re⸗ genſtroͤme ſtuͤrzten hernieder, und kein Sternlein leuchtete vom dunkeln Himmel f ihre wild verworrene Bahn hernie⸗ 3 . ehr als einmahl furchtete Camilla, ſ. muthig ſie ſich auch zuſammennahm, der Anſtrengung zu unterliegen, bis Hul⸗ derich, ihre tiefe Erſchoͤpfung merkend, 124 ſie auf ſeinen Ruͤcken lud, und glůcklich mit ihr das Aſyl erreichte, das manch⸗ mal auf einſamer Jagd bei plotzlich ein⸗ tretenden Launen der Witterung ihn ein. ſchuͤtzendes Ruheplaͤtzchen gewaͤhrt hatte. Jetzt ſchwieg der Aufruhr in der Natur, der Regen hoͤrte auf, und leiſe nur ſaͤuſelten die aufgeregten Luͤfte in 3 den hohen Gipfeln der Baäume. Eine Quelle, die im Innern Kluft entſprang, war die einzige Camilla tru quickung der Ermattetgg. eine koͤſtliche Perlenſ ihrem Buſen. 125 Ach wie gern haͤtte ſie den reichen Schmuck dahin gegeben, um in dieſer Einoͤde nur die aller unentbehr⸗ lichſten Beduͤrfniſſe des taͤglichen Lebens zu erkaufen. Mit Ungeduld erwarteten ſie den Tag, doch banger Ahnung voll, was er ihnen bringen werde. Camilla erkannte tief und mit zer⸗ tiſſenem Herzen das Unrecht ihres Gat⸗ ten, aber Liebe und Mitleid ketteten ſie Rnnoch in 4 verzweiflungsvollen Lage inniger als je an ihn, und kein Vorwurf, keine Klage verwundete ſeine Seele noch tiefer, die jetzt alle Qualen 126 der Verdammniß in bitterer Reue und im Vorgefuͤhl der nahenden Strafe empfand. Da roͤthete ſich ploͤtzlich der Him⸗ mel uͤber ihnen,— aber ach, es war keine Aurora, die den goldenen Aufgang der Sonne verkuͤndet. Hell ſpielte Flammenſchein um die bemooſeten Baum⸗ ſtaͤmme vor der Hoͤhle, und flackernd ſtraͤuche ein. Hulderich erkletterte einen nahen Felſen, der weitin das Land hin⸗ ein ſchaute. Er wollte ſehen, welch Me⸗ kläre,— aber muthlos, tief gebeugt, faßte ein greller Saum die niederen Ge⸗ 5 teor ſo ſeltſam die finſtere Nacht ver⸗ 127 und erſchuͤttert, kehrte er zuruͤck. Es war ſein freundlicher Wohnſitz, das pohe Schloß ſeiner Ahnen, das preis gegeben, in Rauch aufging, und die weit verbrei⸗ tete Glut ſeines brennenden Bildes im Rhein abſpiegelte, der erhellt und ge⸗ faͤrbt von den himmelan ſtrebenden— —— Feuerſaͤulen, wie ein purpurnes Band durch die naͤchtliche Gegend dahin zog. — Jetzt verſchwand die letzte Hoffnung, die er noch bisher im Krampf des Schmer⸗ zes ſeſigehalten hatte; denn dieſe lodern⸗ den Flammen, welche mit gefraͤßigen Zungen ſeine Habe verzehrten, ſprachen ohne Worte aus, daß das Entſetzlichſte 6 klärt, und ſammt ſeinem Vermoͤgen der vertilgenden Rache der Kirche anheim gefallen ſey. Laß uns ſterben! ſprach er im dum⸗ pfen Ton des Verzagens zu Camilla in⸗ dem er ſein Schwerdt zog, bereit, ſich die Bruſt zu durchſtoßen. Doch dieſe entwand es ihm liebevol, und goß durch Troſt und Innigkeit lin⸗ des Oel in die brauſenden Wellen maͤnn⸗ licher Verzweiflung. Mit fromm erge⸗ benem Sinn, den das Bewußtſeyn der unſchuld ſtarkt, faßte ſie dieſe neue Schickung geduldig auf, in der ſie eine geſchehen, daß er in Bann und Acht et 129 eriente und ihrem Seelenheil nüt⸗ liche Zuͤchtigung erblickte. Nicht Bann und Acht moͤge Dich n Geliebter! ſprach ſie. Wenn der Tag anbricht, will ich zum Biſchof gehn, er wird den Bitten meiner Liebe nicht widerſtehen koͤnnen, wenn anders menſchliche Gefuͤhle ſein Herz erwaͤr⸗ nen. Ich will ſeine Kniee umfaſſen, und ſeine Gnade anrufen, daß ſeine ſtra⸗ fende Hand nicht zu ſchwer auf uns laſte, und Alles, nur nicht Trennung — uͤber uns verhaͤnge. Er nehme Dei⸗ ne Guter, und bereichere Kloͤſter und Kirchen mit ihnen, damit fromme Gebete Sicilianerin. 9 130 deten Gatten, und das geweihte Blut, das Du vergoſſen, beſchwichtigen. Wir ſelbſt wollen mit unerbittlicher Strenge unſer ganzes uͤbriges Leben der Buße widmen, aber nur nicht getrennt. Vereint mit Dir wird mir die Liebe eine goldene Glorie um unſere xrmuth we⸗ ben, und mich ſtarken in dem Beſtreben, Dir die Schatten der Abgeſchiedenen verſoͤhnen zu helfen. das zuͤrnende Andenken meines hingemor⸗ ——————— 19. Hulderich hoͤrte, Beruhigung aus der Zuverſicht ihrer reinen Seele ſchöpfend, der lieben Troͤſterin zu, und willigte ein, ſie mit anbrechendem Tage zu ent⸗ laſſen, da er ſein Schickſal keiner treu⸗ eren Hand vertrauen konnte. Ohnehin haͤtte das Huͤlfloſe und Ver⸗ laſſene ihrer Lage ſie zu einem entſchei⸗ denden Schritt treiben muͤſſen, da der 132 karge Boden des Waldes außer einigen wilden Beeren nichts hervorbrachte, was zu menſchlicher Nahrung brauchbar ge⸗ weſen waͤre. Er erwartete von Camil⸗ la's Vermittelung, der, wie er nach ſei⸗ nem eigenen Gefuͤhl ſchloß, niemand zu widerſtehen im Stande ſey, den beſten Ausgang der ſelbſt verſchuldeten Drang⸗ ſale, die er mit tiefem Erkennen der großen Suͤnde, ſo er durch Kurts Arm* und die Ermordung des Prieſters began⸗ gen, als eine gerechte Strafe derſelben anfah. gleich töblich ermaitet durch die körperlichen Beſchwerden des vorigen Ta⸗ 133 ges, und die ſchlafloſe Nacht, die unter allen Schauern der baͤngſten Erwartung ihr verging,— mehr noch durch die Qualen, mit denen ihr Gemuͤth den als Moͤrder erblickte, den ſie ſo hoch in ih⸗ rer Achtung geſtellt, und in der rein⸗ ſten Unbeſcholtenheit ſich getraͤumt hatte, gab ihr doch der Gedanke, fuͤr ihn zu handeln, neuen Muth und neue Kraſt, und mit der Wuͤrde, die der Unſchuld ziemt, doch nicht ohne jene Demuth, welche die Erfuͤllung ihrer Bitten als hohe Gunſt betrachtet, trat ſie vor den Befremdet verweilte dieſer, ein 134 Kenner weiblicher Schoͤnheit, auf den Reizen Camilla's, die in der tiefen Er⸗ ſchuͤtterung ihres ganzen Weſens nur um ſo ruͤhrender erſchienen. Sie kniete vor ihm nieder, und hob die dunkeln, in Thraͤnen ſchwimmenden Augen zu ihm auf,— ihm war, als erſchließe ſich mit ihnen ein Meer der Wonne.— Gnade! ſtammelten ihre be⸗ benden Lippen. Gnade fuͤr meinen Gatten, und durch ihn auch fuͤr mich, ſchuldlos bin an ſeinem Verge⸗ hen, die ich aber nur leben mag in ſei⸗ nem Beſitz.— Wer iſt Euer Gatte, holde Frau? 3 135* entgegnete der Biſchof, ſie aufhebend, und zu einem Seſſel fuͤhrend. Als ſie jedoch Hulderichs Namen nannte, ver⸗ finſterten ſich ſeine Mienen. Mit ge⸗ runzelter Stirn und zuͤrnendem Ton ſprach er: Wie koͤnnt Ihr, wenn Ihr ſein Verbrechen nicht theiltet, es wagen, Gnade fuͤr einen zwiefachen Moͤrder zu erflehen? Camilla ſtrebte nicht, Hulderichs That zu entſchuldigen, denn ihrem Her⸗ zen, das ſie auf's tieſſte erwarf, ſh⸗ ten dazu die Gruͤnde. Sie bit un Strafe,— nur nicht an Leib unt Le⸗ ben. Verbannung aus der Heimath 136 ſchoͤnen Gauen, Einziehung ſeines ſaͤmmt⸗ lichen Vermoͤgens, und Auferlegung har⸗ ter, taͤglich zu uͤbender Buße, meinte ſie, ſey ein der Gerechtigkeit genug thu⸗ endes Suͤhnopfer, da der Tod, wenn er ſolchen uͤber ihren Gemahl verhaͤnge, ja auch ſie, die Schuldloſe, mit vernich⸗ ten werde. Waͤhrend ſie alle Beredſamkeit an⸗ wandte, die dem zarten Erbarmen der Liebe zur Vertheidigung des Geliebten zu Gebot ſteht, gelang es ihr, das kalte Herz des Biſchofs zu erwaͤrmen, jedoch auf eine andere Weiſe, als ſie ahnete und wuͤnſchte. In ſtraͤflicher Leidenſchaft 137 gegen ſie entbrannt, dachte er nur darauf, wie es moͤglich ſey, das luͤſterne Ver⸗ langen ſeines Buſens zu befriedigen. Doch daß Hulderich ihm dabei im Wege ſtand, leuchtete nur zu klar aus der In⸗ nigkeit hervor, mit der ſie ihn zu ver⸗ treten ſuchte. Teufliſche Liſt und Verſtellung wa⸗ ren Hauptzuͤge in dem Charakter des Biſchofs; ſie kamen ihm auch jetzt zu Huͤlfe, der Ungluͤcklichen die Regungen en— ſeines uͤppigen Herzens zu verbergen. Nachdem er ein wenig nachgeſonnen hatte, war ſein Plan gemacht, und mit —— falſcher Freundlichkeit und angenommener 138 vaͤterlicher Wuͤrde naͤherte er ſich Ca⸗ milla, die mit aͤngſtlichen Blicken an den ſeinen hing, um in ihnen wo moͤglich die Entſcheidung ihres Schickſals zu leſen. 20. Und wenn es mir nun möglich wäre, Eueren Gemahl zu begnadigen, fragte er ſie, wuͤrdet Ihr, die zarte, der ſorg⸗ ſamſten Pflege gewohnte und beduͤrftige Frau, das Elend ſeiner Verbannung wirklich mit ihm theilen? Von ganzem Herzen! erwiederte Ca⸗ milla, ohne ſich zu bedenken. Iſt es doch die Pflicht der Frauen, den Kelch .——————— ——— 140 ihrer Beſtimmung zu leeren, gleich⸗ viel, ob Wermuth ihn verbittert, oder Honig ihn verſuͤßt. Ich wuͤrde ſeine Seele vor der Verzweiflung bewahren, und durch ſtetes Abwenden von allem Irdiſchen und unſer vereintes Gebet ſie wiederum auf den Weg hinleiten, wo in Reue und Buße allein Linderung fuͤr ſie zu hoffen ſteht. Dieſe Perlenſchnur, ſprach der Biſchof weiter, deren Glanz Euerer ge⸗ genwaͤrtigen Lage ſo wenig angemeſſen iſt, thut mir auch ohne Worte kund, daß Ihr weltlichen Schmuck und Eitel⸗ keit liebt. Auch iſt es der Jugend eines Euer Daſeyn fortzuſchleppen. — E X. —* 141 ———— ſchönen Weibes keinesweges zu verargen, ——— —— wenn ſie die angeborene Anmuth durch zarte Pflege und ſorgſame Zierde zu er⸗ halten und zu erhoͤhen ſtrebt. Bedenkt doch, wie ſchwer es Euch fallen duͤrfte, im herben Entbehren einer gänzlichen Verarmung, ohne Obdach, oft wohl ohne Nahrung, —— — —.——— Camilla ſah ihn mit einem Blick an, in dem Muth und Feſtigkeit des Willens ſich ſpiegelte. Beurtheilt mich nicht nach dieſem Ueberbleibſel einer beſſeren Zeit, ſprach ſie, das ich, ſo werth es mir auch im⸗ mer war, zu wenig in dieſem Augen⸗ 142 blick beachtete, um es abzulegen, da es ſich, wie ich wohl fuͤhle, nicht zu dieſer von Dornen zerriſſenen, und von Regen durchnaͤßten Kleidung,— am allerwe⸗ nigſten aber, wie Ihr ſehr richtig be⸗ merkt habt, fuͤr meine jetzige Lage ſchickt. So legt denn dies Kleinod ab, das Euerer duͤrftigen Zukunft Hohn ſpricht, ſiel der Biſchof ein. Beglaubigt da⸗ durch, daß Ihr ſtark genug ſeyd, dem herben Mangel die Stirn zu bieten, und ſtiftet durch ſeinen Werth eine Meſſe fuͤt die Seelen derer, ſo duh die ſtrafbare Hand Eueres Mannes ſielen. 143 Ohne Murren loͤſete Camilla die Perlenſchnur ab, und reichte ſie dem Biſchof. Jetzt, ſchoͤne Frau, ſprach dieſer, moͤget Ihr der Ruhe und der Erholung pflegen. Auch fuͤr Eueren Gatten ſoll geſorgt werden. Doch hoffet nicht, ihn in den erſten ſechs Monden wieder zu ſehen. Dieſe Friſt der Trennung von einem Weibe, wie Ihr, iſt— das em⸗ pfind' ich,— dem Verurtheilten gewiß bereits der Vorſchmack der Hoͤlle. Hat er ſie uͤberſtanden, und eine wahrhafte Erkenntniß und Reue bewaͤhrt, dann möge Euer ihm von neuem geſchenkter —— 3 ¹ 1 — ———————— 144 Beſitz ihm wieder den irdiſchen Himmel verleihen, den er ohnſtreitig in Eueren Armen genießt. Camilla, von der Sehnſucht nach dem Geliebten überwältigt, vor Verlan⸗ gen brennend, ihm in ſeiner grauenvol⸗ ten Einſamkeit Troſt, Hoffnung, und— was er vor allem jetzt bedurfte,— Er⸗ quickung zu bringen, umſchlang des Biſchofs Kniee, um dieſe Gunſt zu er⸗ langen, doch umſonſt. Die widerliche Freundlichkeit, mit der er ihr auswich, ſcheuchte ſie zwar, ohne ſich es erklaͤ⸗ ren zu können, weshalb, tief in ſich ſel⸗ ber zuruͤck; doch traute ſie ihr in ſo weit, * — 3 145 daß ſie glaubte, er werde Wort halten, als er ihr verſprach, ſogleich Nahrungs⸗ mittel in Hulderichs oͤden Aufenthalt zu ſenden, und ihm ſelbſt, bis weiteres uber ihn verhaͤngt ſey, einen leidlichen Auf⸗ enthalt im Burgverließ bereiten zu laſſen. Sicilianerin. 10 ———— 21. „ Der beruhigende Gedanke, nach Verlauf der Pruͤfungszeit wieder mit Hulderich vereinigt zu ſeyn, vielleicht— wenn es ihr gelaͤnge, den Biſchof mehr und mehr zu gewinnen, aus den Truͤmmern ihres ehemaligen Gluͤcks eine ſtille Huͤtte zu etbauen, machte ſie endlich nachgiebig gegen die harten Maßregeln, die er, wie er ſagte, ſeinem Beruf als geiſt⸗ * 147 licher Richter ſchuldig ſey, und als man ihr bald darauf einen Gruß von ihrem Gemahl, und die Nachricht brachte, er ſey in ſeinem Gefaͤngniß angelangt, und fuͤge ſich willig der nur allzu linden Strafe, ſchlug ihr Herz nicht mehr ſo beklommen, und zaͤhlte in ſtiller Erge⸗ bung die Tage, die noch zwiſchen jetzt und dem Wiederſehen lagen. Man fuͤhrte ſie in ein Gemach, deſ⸗ ſen auserleſene Pracht ès nehr zu einim Prunkzimmer, als zu einem Orte eig⸗ nete, der eine Gefangene in ſtrengem Verwahrſam zu halten beſtimmt war. In vielfachen Farben ergluͤhend, drang ——— —— ——————————— ———. 148 das Sonnenlicht durch das bunte Gins der Fenſter frohlich zu ihr ein,— uͤppig ſchwellend, und mit goldverbrämtem Purpurſammet bedeckt, lud bas Lotter⸗ bettlein ſie zu behaglicher Ruhe, waͤh⸗ rend ein weicher Teppich, den friſchen Schmelz der Wieſen nachahmend, ſich über den Boden verbreitete. Alle Ge⸗ ſchirre, mit denen man ſie bediente, wa⸗ ren von ſchimmerndem Silber, ihre Ta⸗ fel auf des Biſchofs Befehl mit den auserleſenſten Leckerbiſſen verſorgt, und der edelſte Wein, durch den er ſonſt nur ſich ſelber zu laben pflegte, perlte in Gold ctedenzt, in ihrem Becher. 149 So wenig auch Glanz und Ueber⸗ fluß um der ſinnlichen Genuͤſſe willen, die ſie gewaͤhren, ihr kummervolles Gemuͤth zu erfreuen vermochte, ſo nahm ſie doch dankbar die Aufmerkſamkeiten, mit denen man ſie nicht als eine Ein⸗ gekerkerte, ſondern als eine Fuͤrſtin be⸗ handelte, die man zu ehren befliſſen iſt, als ein guͤnſtiges Wahrzeichen auf, wel⸗ ches ſie zur Hoffnung ermuthigte. Sowohl der Natur ihrer Ver⸗ haͤltniſſe, als ihrer Neigung nach, ver⸗ ließ ſie jedoch die ihr zur Wohnung angewieſenen Raͤume in der biſchoͤflichen ———— — — 150 Burg nie. Denn ſie verſchmaͤhte den Balſam der freien Luft, auch wenn ₰ er ihr ungehindert vergoͤnnt worden waͤre, da Hulderich ihn entbehren mußte, und abgeſchieden von allem menſchlichen Umgang, den Biſchof und ihre Frauen ausgenommen, lebte ſie einſam, wie fruͤher in dem Kloſter, das ſie in ihrem Wittwenſtande bezog, ihre traurigen Ta⸗ ge dahin. Das Verlangen, ſich ſelbſt zu uber⸗ zeugen, ob ſie nach ſeinen Anordnun⸗ gen mit allen Nothwendigkeiten und Benuͤſſen des Lebens verſehen ſey, diente X —— dem Biſchof Anfangs zum Vorwand 8 0 7 ſie täglich ſpaͤterhin ſchien er aus Gewohnheit, und aus jenem unſchuldigen Wohlwol⸗ len ſo oft abſichtslos, erſcheinen lange Zeit keit, mit der er ihr begegnete, fuͤr die Regungen nahme zu halten, und, bei dem Ueber⸗ gewicht der Gewalt, die er uͤber ihr Schickſal hatte, ſie als eine gute Vor⸗ bedeutung deſſelben zu betrachten. Mit frommem, 151 mehrere Male zu beſuchen, zu kommen, das rein und Camillen nur ſchmeichelhaft konnte. So fuhr ſie eine arglos fort, die Freundlich⸗ 0 menſchenfreundlicher Theil⸗ kindlichem Sinn ſtrebte 152 ſie darnac ſich ſeiner Guͤte immer wuͤr⸗ diger zu machen, und freute ſich, in ſeiner ſtets zunehmenden Gunſt die Be⸗ ſätigung zu finden, daß dieſes Streben ihr nicht mißlang. 22. Wie gern hätte ſie mit einem engen, ſchmuckloſen Gemache, wie gern mit der duͤrftigſten Nahrung ſich begnuͤgt, waͤre ihr nur vergoͤnnt geweſen, beides mit Hulderich zu theilen. Die Furcht, daß er in ſeiner ſtrengen Haft vielleicht Mangel leide, vergällte ihr oft den Ueber⸗ fluß, der ſich ſo reich um ſie her verbrei⸗ tete, und nicht bloß Sehnſucht nach ſei⸗ 154 nem Wiederſehn, auch Sorge um ihn nagte bisweilen ſchmerzlich an ihrem lie⸗ benden Herzen. Doch wenn ſie die Frauen, die der Biſchof ihr zur Bedienung gegeben, nach ihm befragte, und ſie bei allem, was ihnen heilig ſey, beſchwur, ihr nicht die Wahrheit zu verhehlen, da hoͤrte ſie ſtets nur wohlthuende Nachrichten von ihm und ſeinem Ergehen, und ſie zähtte dann, von neuem beruhigt, dem Him⸗ mel vertrauend, und von dem Menſchen der Trennung, die noch zwiſchen jetzt und der Wiedervereinigung lagen. das Beſte hoffend, die freudenloſen Tage 155 Nach gerade aber, wenn der Bi⸗ ſchof ſie durch Schmeicheleien oder ein mehr als vaͤterliches Koſen zum Erroͤ⸗ then zwang, wollte wohl die Ahnung unlauterer Abſichten, ſo fremdartig ſie auch immer ihrem fleckenloſen Gemüth war, in ihr aufdaͤmmern. Indeß ihre Argloſigkeit verwarf ſie dann wieder, und die von ihrer fruͤhſten Jugend an ihr eingepraͤgte Ehrfurcht fuͤr den geiſt— lichen Stand, behauptete auch hier ihre Rechte, bis ihm endlich die Maske der Gleißnerei entfiel und er in der ganzen Verworfenheit ſeiner Luͤſte ſich ihr dar⸗ ſtellte. den Widerſtand der hoͤchſten Empoͤrung 156 Welch eine furchtbare Lage fuͤr Ca⸗ milla!— Ihr Gefuͤhl, ihre Grundſatze ſchauderten voll Abſcheu vor dem Begeh⸗ ren des frechen Wolluͤſtlings zuruͤck,— ihr Verſtand hingegen rieth ihr, da ihr Herz um Hulderich zitterte, ihn zu ſcho⸗ nen. Vergebens bot ſie mit weiblicher Sanftmuth und Milde alles auf, was Sittlichkeit und Tugend nur vermoͤgen, — ſtatt ihn von ſich zu entfernen, ward er nur um ſo gluhender zu ihr hingezo⸗ gen, und endlich blieb der Geangſtigten, auf's aͤußerſte Getriebenen nichts uͤbrig als ſeiner Thaten geweſen war, die Wider⸗ ſeinen ſie bedrohenden Gewaltthaͤtigkeiten entgegen zu ſetzen. Jetzt, als der Elende ſah, wie un⸗ erſchuͤtterlicher Ernſt es ihr war, ihm zu widerſtehen, und wie vergeblich er ſich bemühte, ſie durch Geſchenke und Hul⸗ digungen zu gewinnen, oder auch durch Strenge und Drohungen einzuſchuͤchtern, verwandelte ſich ſeine zuͤgelloſe, den Na⸗ men Liebe entweihende Begierde in eben ſo heftigen Haß, und raſend vor Wuth, ſich mit der tiefſten Verachtung verſchmäht zu ſehen, gebot er einem ſeiner Diener, der ſchon manchmal der Helfershelſer 168 ſpenſtige in das unterſte Burgverließ zu geleiten, damit ſie dort, wo innerhalb feuchter, dunkler Mauern, Molch und Unke ihr Weſen trieben, von ihm ver⸗ laſſen und vergeſſen, zur Einſicht ihrer Unbeſonnenheit und zur Reue uͤber ſeine verlorene Gunſt gelangen moge. 3 Willig, wie ein Lamm ſeinem Moͤr⸗ der zur Schlachtbank folgt, unterwarf ſich Camilla dem Gebot ſeines Zorns, und dankte Gott, von ſeiner verhaßten Naͤhe befreit zu ſeyn. — Schweigend ſchritt ſie hinter dem Diener her, der— eine Lampe, und die kargen, ihr beſchiedenen Nahrungs⸗ 159 Treppe, die hinab fuͤhrte, nur ſpaͤrlich beleuchtete. Wie aus einem geoͤffneten Grabe wehte ein dumpfer Modergeruch ihr entgegen, und eine feuchte Kaͤlte durchſchauerte ſie, als ſie am Ziele an⸗ langte. Tropfen hingen an dieſen don der Zeit geſchwaͤrzten Waͤnden, und kein Lichtſtrahl drang von außen in die tiefe Gruft, in der ſie nach der Drohung des in Wuth entbrannten Biſchofs ihre künftigen Tage vertrauern ſollte. It Ihr Begleiter hing die Lampe an einer eiſernen Kette in der Mitte ihres „ 160 len war, einen Krug Waſſer und ein Stuͤck Brod auf den naſſen Boden nie⸗ der, der ihr hinfort ſtatt Bettes, Tiſches und Stuhles dienen mußte. Im Begriff, ſich ſtumm, wie er ſie hergeleitet hatte, wieder zu entfernen, blieb er zůgernd, als habe er etwas auf dem Herzen, ſte⸗ hen. Camilla benutzte dieſen Augenblick, ihn noch zuruͤck zu halten. 23. Ich kenne Dich nicht, rief ſie aus, aber Du biſt ja ein Menſch, und wirſt Er⸗ barmen mit meinem Unglůͤck haben. Da⸗ her ſage mir, ehe Du mich verlaͤßt, um aller Heiligen willen beſchwoͤr' ich Dich, ſage mir, wie es meinem Gatten ergeht, damit in dieſer grauenvollen Einſamkeit nicht noch eine gänzliche Ungewißheit über ſein Lvos mich martete. Sicilianerin. 4 162 Wie es Euerem Gatteu ergeht? wiederholte der Diener erſtaunt. Hat denn ſchon jetzt der Schrecken dieſes Aufenthalts Euere Sinne verwirrt, daß Ihr eine ſolche Frage thut?— Eein furchtbares Geheimniß ahnend, doch den Schleier, der es barg, mit kühner Hand zerreißend, gebot ihm Ca⸗ milla, zu reden, und ihr Aufſchluß über dieſe räthſelhaften Worte zu geben. Wie? fuhr er fort, Ihr waret es ja ſelbſt, die die Perlenſchnur als Loc⸗ peiſe hergab, ihn aus ſeinem Verſtc, wo er ſich vielleicht wie ein Löwe ge⸗ wehrt haben wuͤrde, hewor ans Lages. 163 licht zu rufen. Arglos folgte er dem bekannten Zeichen, das, wie er ver⸗ meinte, ihn zu Euch leiten ſollte, und daher wurde es uns leicht, des eigenen Blutes zu ſchonen, und nur das ſeinige zu vergießen. So habt Ihr, fragte Camilla ſtam⸗ melnd, indem ihr Haar ſich ſtraͤubte,— Ihn erſtochen, auf des Biſchofs Befehl, antwortete der Diener gleich⸗ muͤthig, als ſey von einem gewöhnlichen Vorfall die Rede. Und da Ihr— ſchon mehreren iſt es ſo ergangen, deten der Biſchof nach gepflogener Luſt iber⸗ drüſſig wurde,— wohl nimmer wider 164 fuhrte, aufwaͤrts ſteigen werdet, ſo will ich mich eines Auftrags entledigen, den kampf ſich walzte, mir an Euch gab. Freilich erfahrt Ihr ihn ein wenig ſpaͤt, aber fruͤher, als Ihr noch bei un⸗ ſerem Herrn in Gnaden ſtandet, waͤr' es wohl nicht gerathen geweſen, Euch dergleichen auszurichten. Camilla war entſetzt zu Boden ge⸗ Kelch des Jammers bis auf die Hefen 15 Was trug mein gemordeter Gatte die Treppe, die Euch hier herunter Euer Gatte, als er ſchon im Todes⸗ ſunken,— doch ihre Seele durſtete, den —— —— — ————— —— 165 Dir auf? ſprach ſie mit einer dumpfen, faſt tonloſen Stimme, ihn mit ſtieren Blicken anſtarrend. Seht, verſetzte jener, als er bereits fuhlen mochte, daß es bald mit ihm aus⸗ ſeyn werde, rief er mich naher zu ſich, und fragte: Wer gab Euch die Perlen⸗ ſchnur?— Wer ſonſt, als Euer Weib, entgegnete ich. Vielleicht hat unſer Herr ſelbſt im trauten Liebesgekoſe ſie ihr vom Buſen gelöſet,— wenigſtens zeigt die Gunſt, die er ihr erweiſet, daß ſie den Platz bei ihm einnehmen wird, der — ſeit ſeine ſchoͤne Haushaͤlterin vor drei Monden im Kindbett ſiurb,— unbe⸗ 166 ſetzt war.— Was ſagſt Du, Bube! fuhr er graͤßlich auf, und raffte ſeine weni⸗ gen Kräfte noch zuſammen, mich zu zuͤchtigen fuͤr die unwillkommene Kunde. Doch ich trat zuruͤck von ſeinem Sterbe⸗ lager, das der moosbedeckte Boden des Waldes gleich einem blutigen Teppich unter ſeinem zuckenden Koͤrper breitete, und indem ich ihm lachend zurief: Geht nur immer getroſt aus der Welt, edler Ritter, Euer Weib iſt gut verſorgt, denn Ihr wißt es ja, daß der Biſchof ſchoͤne Frauen liebt, wenn ſie nicht grau⸗ ſam ſind,—— da riß er ein Tuͤchlein aus ſeinem Buſen hervor, und auf die —— . — 167 tiefſte ſeiner klaffenden Wunden es drük⸗ kend, warf er mir es zu, und ſagte: Bring ihr dies Tuch, das Liebespfand, das ſie mir einſt geſchenkt in einer fei⸗ erlichen Stunde. Sage ihr, mein Herz⸗ blut, das es benetzt, rufe ſie auf, zu fliehen, ehe es zu ſpät fur ihre Tugend und fuͤr ihre Ehre iſt,— drohe ihr mit meinem Fluch, wenn ſie meine letzte Bitte nicht erfullt, und zwinge ſie, es zu thun, bei Deiner Seligkeit beſchwör ich Dich um dieſen einzigen Dienſt. Empfange, wenn Du mir gehorchſt, meine Vergebung und meinen Segen.— 6 Da ſtarb er,— mir ſchauerte die Haut, 3 168 — allein ich durft' es nicht wagen, Euch früher mit dieſem Auftrag bekannt zu machen, Zei er das Mißfallen des Biſchofs erregt haben wuͤrde. Doch heute, als er mir mit Mienen, die ich wohl verſtand, andeutete, Euch hier einzuſperren, da ſteckt ich das Liebes⸗ pfand zu mir, das Euer Herr Euch ſen⸗ det. Denn wenn auch der Fluch deſſen, der in Bann und Acht verfiel, nicht ſchadet, ſo kann doch vielleicht der Se⸗ gen nuͤtzen. Hier warf er ihr den Beweis der Wahrheit ſeiner Erzaͤhlung hin, und ging,— nur dumpf und wie von einem — S— — — 169 ſchweren Traum umfangen, hoͤrte ſi noch hinter ihm die Riegel klirren und die Schluſſel raſſeln,— dann umfing eine tiefe Grabesſtille, in der ſie jeden einzelnen Schlag ihres zerriſſenen Her⸗ zens vernahm, ſie mit allen Schauern der Einſamkeit und der Erinnerung. 24. So war er denn dahin, er, um deſſent⸗ willen die Welt ihr noch gelaͤchelt hatte, im Roſenglanz der Liebe und im friſchen Grun der Hofnng!— Bebend raffte ſi ie ſich vom Boden auf, und trat zu Lampe, in ihrem bleichen Schein das Tuch bera⸗ das ſie als die . Gabe ſchmerzlich fuͤßer Gunſt er⸗ kannte, die ſie einſt in dem Garten ih⸗ — res erſten Gemahls ihm gewaͤhrt, u 3 das er ſeitdem ſo werth gehalten, daß er es ſtets auf ſeinem Herzen tiug. Die dunklen Flecken, die ſein Blut gefärbt, duͤnkten ihr eine Schrift, ihrer Seele wohl vernehmlich, die er aus der Gruft ihr ſandte,— Worte, welche die blaſſen Lippen des Todten aus einer anderen Welt ihr zuriefen. Alles Grauen ihrer grabähnlichen Abgeſchiedenheit und eines abgeſchloſſe⸗ nen, aber noch manches Jammers, wenn auch keiner Freude mehr faͤhigen Le⸗ bens umfing ſie,— ihre Sinne ver⸗ wirrten ſich; und zeigten ihr nur einen Ausgang aus bieſen Mauern,— nur einen Fuͤhrer aus dieſer Noth— den Juͤngling namlich, der mit umgekehrter Fackel den Muͤden ſeine Ruheſtaͤtte an⸗ weiſet, und den Leidenden Balſam in die zerriſſene Bruſt traͤufelt. Zwar nahete er ihr mit abgewen⸗ detem Geſicht, nicht mit der ruhigen Zuverſicht des Berufs und der Heili⸗ gung— aber ihre gemarterte Seele ſtrebte dem Retter entgegen, wenn gleich auf verbotenen Wegen. Ihr langes Haar zur Feſſel ſchlingend, und es an der Kette befeſtigend, welche die Lampe getragen, endete ein kurzer Kampf die — Qualen der ungluͤcklichen, und ſanſt 173 ſchwebte ihr Geiſt hinuͤber in das Land der Liebe und der Verſoͤhnung, wo alle Thraͤnen trocknen, und wo keine Tren⸗ nung mehr iſt. Dort hat gewiß die ewige Barmherzigkeit ihr die Suͤnde verziehen, daß ſie ungerufen kam, ehe noch ihre Stunde geſchlagen, und 3 ſtiller Frieden, wie nur hoͤhere Sphaͤren ihn verleihen, iſt der Lohn des Schmer⸗ zes, den ſie hienieden erduldet.— Den Biſchof aber überſel ein Schauder, als er die entſetzliche Kunde emahm, und heiſam ſclug der Schr⸗ 174 ken an ſeine Bruſt und zuͤndete der Selbſterkenntniß grelle Fackel in ſeiner Seele an. Sein voriges Leben rich⸗ tete ſich aus dem Grabe der Vergan⸗ genheit wieder auf, und uͤberhaͤufte ihn mit Vorwuͤrfen uͤber ſo manchen veruͤb⸗ ten Frevel, die wenigſtens den Vorſatz begruͤndeten, ſeine noch uͤbrigen Tage der Reue und der Beſſerung zu wid⸗ men. Er ließ das ungluͤckliche Opfer, das ſeine Härte zum verzweiflungsvol⸗ len Selbſtmord getrieben hatte, feier⸗ lich beſtatten, und durch einen reine⸗ ren Wandel ihr fortan ein wuͤrdiges 175 Todtenopfer bringend, las er taͤglich eine Meſſe fuͤr die Ruhe ihrer Seele und ihrer Gebeine. Folgende empfehlenswerthe Unterhal⸗ tungsſchriften ſind in allen Buch⸗ handlungen Deutſchlands um bei⸗ geſekte Preiſe zu haben: Lady Glami, oder der Kerker von Stir⸗ ling. Ein Roman nach Walter Scott von Heinrich Muͤller. 3 Theile. 8. —3 Thlr. 4 Gr. „ . füute Wahrſagung. Ritters, Pfaffen⸗ und Geiſtergeſchichte von§. Albiny, 2 Verfaſſer des grauen Felſenmaͤnnchen. Theile. 8. 3 Thlr 4 Gr. Lodo, die Lautenſpielerin, und andere eniune von Tei dem Wande⸗ einen, Heni von, oder die er⸗ 2 — ——— — . —— 3