.— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur f 6duard Olimann in Gießen, gaſſe Lit. A. Nr. 256. 6 eih und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. esepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für Scheniri 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: T Wr.— f. 1 M 50 Pf. 2 Wk.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 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Die arme Anna, eine wahre Ge⸗ ſchichte 3 3 181 —— Lo n„ o der zwei Tage in der ſächſiſchen Schweiz. Es war ein klarer, heitrer Sommertag, als Graf Theodor Rheiners Dresden ver⸗ ließ, um eine Wanderung in die ſaͤch⸗ ſiſche Schweiz zu beginnen. Raſch zogen ihn, nach dem fluͤchti⸗ gen Reiſeplan, den er ſich entworfen, die muntern Roſſe auf der ſchoͤnen Stra⸗ ße uͤber Pillnitz bis nach Graupe, in deſſen Naͤhe der Liebethaler Grund zuerſt ſeine maleriſchen Anſichten ihm oͤffnete, und er den Wagen auf einem fahrbaren Nebenweg vorausſandte, um zu Fuß, von einem Fuͤhrer geleitet, das Merk⸗ wuͤrdigſte der Umgegend in Augenſchein zu nehmen. 1* 1 11 11 2 ½ In einem zwar gebirgigen, aber nicht ſo pitoresken Lande aufgewachſen, das er jetzt in ſeinem vier und zwanzig⸗ ſten Jahre zum erſtenmal verließ, um ſich durch kleinere Ausflüge innerhalb Deutſchlands zu einer groͤßern Reiſe in die intereſſanteſten Laͤnder Europa's vor⸗ zubereiten, machten dieſe Felscoloſſen, die oft mit den wunderbarſten Formen in's Blau des Himmels ragen, dieſe Fich⸗ ten und Birken, die auf ſteilen un⸗ wirthbaren Abhaͤngen wurzeln, ohne daß man begreift, wie ſie aus dem ſtarren, unfruchtbaren Stein, der ihren Fuß feſt haͤlt, die noͤthige Nahrung ſaugen koͤn⸗ nen; dieſe aus jeder Schlucht hervor⸗ ſproſſende und rankende Vegetation, die gleichſam Kraͤnze um die wildeſten Maſ⸗ ſen windet, einen eben ſo befremdenden als anziehenden Eindruck auf ihn. Hoͤchſt reizend lag bald, als er, — zum Theil auf Stufen, den Weg er⸗ klimmt hatte, der eine Zeitlang eben, am kuͤhlbeſchatteten Rande des Felſen⸗ thales fortfuͤhrt, die Lochmuͤhle in finſterer Tiefe zu ſeinen Fuͤßen, und die Weſenitz, die gerade von dieſem Stand⸗ punkt, auf dem die Wanderer zu ver⸗ weilen pflegen, mehrere Kruͤmmungen bildet, ſchlang ſich wie ein ſilbernes Band durch die enge Kluft, welche die wunderbare Landſchaft in ihrem Schooße traͤgt. Waͤhrend er ſo ſtand, mit ganzer voller Seele verſunken in den Anblick die⸗ ſer ernſt romantiſchen Gegend, wurde er mehrere, zum Theil weibliche Geſtalten gewahr, die eben uͤber die ſteinerne Bruͤ⸗ cke hinter der Muͤhle ſchritten.— So tief unter ihm, erſchienen ſie ihm nur in liliputaniſcher Große; doch nahm ſich das helle Gelb der Strohhuͤte und das feurige Roth der Shawls zwi⸗ ſchen den braͤunlich grauen Felſenwaͤnden und dem friſchen Gruͤn der Baͤume, die dieſen feuchten Grund beſchatten, gar anmuthig aus, und ungern ſah er die beiden Damen, von mehrern maͤnnlichen Begleitern umgeben, die Stelle verlaſ⸗ ſen, die ſie durch ihre Gegenwart ge⸗ ſchmuͤckt hatten, um die ſteile Treppe hinauf zu ſteigen, die aus dieſer Felſen⸗ welt hinaus nach Lohmen fuͤhrt. Die eine, welche vermoge ihrer leich⸗ ten jugendlichen Beweglichkeit verrieth, daß ſie die juͤngere ſei, verweilte laͤnger noch als die andere auf dieſem Stand⸗ punkt. Sie ſchien eine Skizze dieſer an⸗ muthigen Umgebung in ihr Taſchenbuch einzutragen, und Theodor folgte mit Huͤlfe ſeines Fernglaſes jeder ihrer Be⸗ wegungen, aus denen Anmuth und Gra⸗ zie ihm hervor zu gehen ſchienen. Waͤh⸗ — rend die etwas ſchwerfaͤllige Gefaͤhrtin, von ihren Begleitern ſorglich unterſtuͤtzt, die Stufen hinauf geleitet wurde, ſchaute jene ſich von allen Seiten unten um, als wollte ſie dieſe Anſichten tief in ihre Seele praͤgen— dann folgte ſie leichten Schritts den Uebrigen, ſie ſchnell einho⸗ lend, und mit ihnen veſchwideie Als Theodor zur M ihle hinab ſtieg und nun auf derſelben Stelle ſich befand, wo er kurz vorher die Dame erblickt, ſah er am Fuß der Treppe ein kunſtreich ge⸗ ſticktes Schnupftuch liegen, das niemand anders, als eine ſeiner Vorgangerinnen verloren haben konnte, und zwar nur die, die den Beſchluß des Zuges ge⸗ macht hatte. Er hob es auf und es genau, nach einem Namen ſuchend, der es ihm vielleicht moglich machen koͤnn⸗ te, ſeine Beſitzerin zu erfragen, um s ihr wieder auszuliefern. Wirk⸗ lich entdeckte er auch auf zartem Spi⸗ tengrund zierlich geſtickte Buchſtaben, welche Lony bildeten. Er ſteckte es ein, und da er mit Recht vermuthete, die Damen in Lohmen wieder anzutreffen, ſo verdoppelte er ſeine Schritte dahin. Doch ehe er noch die Schwelle des Wirths⸗ hauſes erreichte, flog ſchon ein leichter Wagen mit ihnen dicht an ihm voruͤber, und ein paar Augen, deren wunderhelle Klarheit gleich einem Geſtirn des Him⸗ mels in ſeine Seele ſtrahlte, blickten ihn im Voruͤbereilen ſo leuchtend und ſeclen⸗ voll an, daß ihm war, als tönne er dieſes Blicks nimmer wieber im Wi vrergeſſen. Vergebens forſcht er im Wirtho⸗ hauſe nach der Reiſegeſellſchaft, die es eben verlaſſen, und nach den kleinſten —,— Umſtaͤnden, die ſie betraf. Denn jetzt/ ſeit das Auge dieſer Unbekannten gleich einer ſtillen, aber gewaltigen Flamme ſein Inneres ergriffen hatte, dunkte ihm es zwiefach noͤthig, ſie wieder aufzufin⸗ den. Allein niemand konnte ihm die Auskunft geben, die er wuͤnſchte. Ein Miethkutſcher aus Dresden war es, der ſie fuhr; Mutter und Tochter— doch man wußte weder ihren Namen, noch ihre Herkunft— ſchienen, von einem Be⸗ dienten und von zwei Fuͤhrern begleitet, ſich gleich ihm einen Beſuch der ſaͤchſi⸗ ſchen Schweiz vorgeſetzt zu haben, und zu der Baſtei fuͤhrte die nächſte Richtung ihres Weges. So bewahrte er ſich we⸗ nigſtens die Hoffnung, ihnen auf ſeinen fernern Wanderungen wieder zu begeg⸗ nen, und nach nur fluͤchtigem Aufent⸗ halt, um ſo wenig Zeit wie moͤglich zu verlieren, folgte er ihnen nach, da er — 10— ₰ vermuthete, daß ſie auf der Baſtei Mit⸗ tag halten wuͤrden. Wenige Jahre vorher bot dieſe hohe Felſenzinne, die in ihrer Art wohl einzig in der Welt iſt, noch ein ſchauerliches Bild der Abgeſchiedenheit und der tief⸗ ſten Einſamkeit dar. Jetzt aber hat die nicht undankbare Speculation eines Wir⸗ thes, der ſich im Sommer hier aufhält, eine Menge Huͤtten erbaut, in denen man eine anſtaͤndige Bewirthung findet, und die ſtets von Fremden wimmeln, die von der wunderbaren Groͤße dieſer umſicht angezogen, in zahlloſer Menge hieher wallfahrten. Ehemals waren nur regelloſe Laute der Natur, das Heulen des Sturms, das Rollen des Donners, oder der ſchnell voruͤber ſchwebende Ge⸗ ſang eines Vogels die einzigen Tone, die das feierliche Schweigen unterbrachenz jetzt greift eine vollzahlige, frohlich ſchmet⸗ ternde Muſik das Ohr der Wanderer, und wuͤrzt ihr Mahl durch muntere Me⸗ lodieen. Theodor duͤnkte ſich wie in einen Feengarten verſetzt. So hoch uͤber das niedere Treiben der Erde erhoben, war es ihm, als waͤren dieſe Huͤtten durch die Beruͤhrung eines Zauberſtabs entſtanden, und als muͤßten ſie plötzlich wieder ver⸗ ſchwinden, waͤhrend die muthigen Klaͤnge eines Marſches, der eben geſpielt wurde, ſeltſam berauſchend in ſein Inneres dran⸗ gen. Lebhaft aufgeregt, ja beinahe exal⸗ tirt, draͤngte er ſich dicht an allen Huͤt⸗ ten voruͤber; denn die dunkle Hoffnung, den Augen ſeiner Unbekannten wieder zu begegnen, machte ihn kuͤhn— jedoch ver⸗ vergebens; nirgends belebte ihre erſehnte Erſcheinung die mannichfachen Gruppen, die er uͤberſah, und reſignirt kehrte er endlich zu dem Platz wieder zuruͤck, auf — 12— den er ein einfaches Mittagsmahl beſtellt hatte. Es war ſehr naturlich, daß die ma⸗ jeſtätiſche Schoͤnheit dieſer Gegend ſeinen Sinn bald von den phantaſtiſchen Wuͤn⸗ ſchen und Lraͤumen abzog, die unwill⸗ rührlich wie ein Nebel in ſein ſonſt ſo klares Gemuͤth gedrungen waren. Auf dem engen Gipfel des weit vorſpringen⸗ den, tauſend Fuß uͤber der Elbe er⸗ habenen Felſenhornes ſtehend, das durch ſeine ſtil abgeſchnittene, gleichſam auf⸗ gemauert ſcheinende Form der ganen Felſenmaſſe den Namen: Baſtei, gegeben hat, ſchweifte ſein Blick weit hinaus aber die blaͤhenden und fruchtbaren Ge⸗ filde Sachſens, welche die Elbe durch⸗ ſrohmt, um auf Bohmens Gebirgen auszuruhn, die den Horizont in blauer Ferne begraͤnzen. Reben ihm ſtand ſein Fuͤhret, ihm mit auswendig gelernter Gelaͤufigkeit alle die Coloſſen der Steinwelt nennend„ die ſich vor ihm aufthuͤrmten. Doch nur halb hoͤrte er ihm zu. Denn, dachte er bei ſich ſelbſt, wie ſchwinden die Namen, dieſer Hall der Menſchenzunge, die ihn erfand, vor der unausſprechlichen Groͤße einer ſolchen Natur, gleich einem nichti⸗ gen Hauche dahin. Jahrtauſende werden vergehen, ohne daß die Zeit mit ihrem zerſtoͤrenden Gange dieſe von der All⸗ macht gegruͤndeten Säulen zu ſturzen vermag, waͤhrend ihre Benennungen wohl laͤngſt als Klang im Reiche der Ver⸗ geſſenheit vertoͤnten. Er ſollte indeß doch ſchon in dem⸗ ſelben Augenblick, wo er— ſein Ohr von dem Fuͤhrer abwendend— dieß dachte, erfahren, daß ein RName nicht immer etwas Gleichgultiges ſey. Denn: Lony! hoͤrte er dicht hinter ſich rufen, — und von ſuͤßem Schrecken ergriffen, ſah er ſich um, und erblickte ſeine Unbe⸗ kannte, die eben auf ihre Mutter zu⸗ eilte, und ihm nun zum zweitenmale den Himmel jener Augen aufthat, vor deren milden, ſanft verklaͤrten Schimmer die ganze Erde daͤmmernd ihm vetſchwand. Er blieb, verloren in ihrem Anblick, ſtehen, doch ſie bemerkte ihn nur fluch⸗ tig, denn die unermeßlich weite Land⸗ ſchaft nahm alle ihre Aufmerkſamkeit hin und mit ſchwindelndem Erſtaunen und Entzucken beugte ſie ſich uͤber die Bruſt⸗ wehr hinab, ihr reiches Bild ſo treu wie moglich im Spiegel ihrer Seele aufzu⸗ faſſen. Endlich, als die Ausrufungen und Bemerkungen der Mutter ſie aus der Liefe ſchweigender Bewunderung wieder in's wirkliche Leben zuruͤck riefen, wurde ſie den Juͤngling gewahr, der an ihrer Seite gluͤhte und bebte. Denn obgleich nicht fremd in den Kreiſen weiblicher JFugend und Schoͤnheit, hatte doch nim⸗ mer eine Erſcheinung wie dieſe durch den vollſten Zauber der ſiegreichſten Anmuth ihn ergriffen, um— das weisſagte ihm ſein ahnendes Herz— ihn auf ewig zu feſſeln. Nach einer Reihe ſtumm hinge⸗ brachter Minuten fuͤhlte er denn doch, daß dieſes ſtille Anſchauen durch ſeine Laͤnge unſchicklich und lächerlich wer⸗ de. Er ſtrebte daher, ſich zu faſſen, und nahte Lony mit beſcheidenem An⸗ ſtand, ihr das Schnupftuch zu uͤberrei⸗ chen, das ſie als ihr Eigenthum aner⸗ fannte und dankbar aus ſeinen Haͤnden zuruͤck empfing. Sehr begreiflich entſpann ſich jetzt eine Unterredung, die, wenn auch blos aus den gewoͤhnlichen, gleichguͤltigen Hoͤf⸗ ——— — 16— lchkeitsformeln und Gemeinſpruͤchen be⸗ ſtehend, ihn dennoch lebhaft intereſſirte, obgleich nur die gern plaudernde Mutter ſie fortſetzte, nicht Lony, deren ſanſter Ernſt die ihr angeborne Wuͤrde bis zur Hoheit ſteigerte, und Theodor den Muth benahm, ſie, wie er ſo gern gethan haͤtte, oͤfterer anzureden, um ſie ſe in das Geſpräch zu ziehen. Es duͤnkte ihm indeſſen ſchon ein Gluͤck, nur in ihrer Nähe weilen zu duͤr⸗ fen, und ihre vollendete Schoͤnheit ſpie⸗ gelte ſich immer klarer, immer unvergeß⸗ licher in ſeiner Seele ab. Schwarz wie Cbenhol; war ihr Haar, und die da⸗ durch noch gehobene blendende Durch⸗ ſichtigkeit ihrer Haut machte ſie der wei⸗ ßen Roſe ähnlich, deren Kelch nur der leiſe Anhauch einer zarten Roͤthe faͤrbt. Doch obgleich ihren W Wangen die friſche Bluͤthe nie geſtoͤrter Geſundheit fehlte, und — und die unendliche Zartheit ihrer Geſtalt und ihrer Zuͤge verrieth, daß ihre geiſtige Kraft die korperliche weit uͤberwiege, ſo ſtahl ſich ihr Blick deshalb um ſo ſeelen⸗ voller und ruͤhrender in's Herz. Ihre ſprechende Phyſiognomie, die bei Heiter⸗ keit oder Ernſt immer von dem lieblich⸗ ſten Ausdruck belebt wurde, ihr ſchoͤn geformter Mund, der, wenn er ſprach oder lächelte die ſchimmernden Perlenrei⸗ hen der makelloſeſten Zaͤhne mehr ahnen als ſehen ließ, ihre reine jungfraͤuliche Stirn, ihr ſchlanker edler Wuchs, die Anmuth, die uͤber alle ihre Bewegungen ausgegoſſen war, alles dieß machte in der That ihre äußere Erſcheinung eben ſo auffallend als bezaubernd. Der zunaͤchſt liegende Gegenſtand der Unterhaltung war der gemeinſchaft⸗ liche Reiſezweck, den ſie ſich vorgeſetzt hatten, und die naͤhere Beſtimmung deſ⸗ 2 —————— ſelben. Obgleich Theodor ſich fuͤr den fol⸗ genden Tag eigentlich einen ganz andern Weg vorgezeichnet hatte, als den, den die Mutter ihm als den ihrigen nannte, ſo war er doch ſchlau genug, die Gele⸗ genheit bei'm Stirnhaar zu faſſen, und ſich das Anſehen zu geben, als waͤ⸗ ren ihre Plane auch die ſeinigen geweſen⸗ Von Schandau aus, wo man uͤber⸗ nachten wollte, beabſichtigten näͤmlich die Damen, den Kuhſtall, den kleinen und großen Winterberg und das Prebiſchthor zu beſchen, und Theodor, der durch ſein ehrerbietiges Betragen und das ſchoͤne Creditiv, das die Ratur in ſein Antlitz ſchrieb, ſchnell das Zutrauen und Wohl⸗ wollen ſeiner neuen Bekanntinnen erwor⸗ ben hatte, erhielt leicht von ihnen die Erlaubniß, ſie auf ihrer morgenden Wan⸗ derung begleiten zu duͤrfen. Mit jener unſchuldigen Liſt, die gar oft die erſte — Liebe erweckt, ſtellte er ſich auf eine ſo glaubhafte Weiſe ermuͤdet, und bedau⸗ erte ſo unbefangen, ſeinen Wagen in der Abſicht nach Rathewalde geſchickt zu ha⸗ ben, um den Amſelgrund zu Fuß zu durchwandern, daß die Mutter mit der gefaͤlligen Verbindlichkeit des guten Tons ihn einlud, mit ihnen nach Schandau zu fahren. Wie ſelig war fuͤr S dieß Se uͤberſitzen in dem engen Raume, der ſie traulich umſchloß„ dieſe bald alle fremd⸗ artige Steifheit einer neuen Bekannt⸗ ſchaft abſtreifende Unterhaltung, die im⸗ mer heitrer wurde, dieſe wohlthuende Freundlichkeit, mit der Mutter und Toch⸗ ter ihn behandelten. Dieſe erſtere, et⸗ was neugierig, forſchte jetzt nach ſeinem Namen, und er nannte ihn mit Vergnü⸗ gen, um ein Recht zu haben, auch nach dem ihrigen zu fragen. Sie erzaͤhlte 2 6 ihm, daß ſie die Gattin des Banquiers Wiener in ſey, daß ſie nach dem Gebrauch des Carlöbades einen kurzen Aufenthalt in Dresden noch als erhei⸗ ternde Nachkur betrachte, und ihrer Toch⸗ ter, welche ſich läͤngſt geſehnt, die wirk⸗ liche Schweiz zu bereiſen, wenigſtens die Bekanntſchaft der ſaͤchſiſchen zu machen verſprochen habe, ehe ſie in ihre ferne fiache Heimath zurück gingen. Man kam zeitig genug in Schan⸗ dau an, um noch einige der reizendſten Punkte in der Naͤhe aufzuſuchen. Ein ſanft aufwaͤrts fuͤhrender Weg, zum cheil von Stufen unterbrochen, leitet zu einem Felſenvorſprung, die Carlsruh genannt, empor, wo unter einem Schat⸗ ten gebenden Sonnenſchitm das Auge die anmuthigſte Landſchaft uͤberſchaut. che ſie jedoch die Carlöruhe erreich⸗ ten, zog eine Boͤſte, links in einer Fel⸗ ſenniſche ſtehend, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich. Sie erkannten, als ſie naͤher tra⸗ ten, daß es Luther ſey, dem man am Reformationsfeſte dieſe Stätte gewidmet hatte. Theodor, in der katholiſchen Re⸗ ligion erzogen und mit kindlichem Glau⸗ ben und feſter Ueberzeugung an ihr haͤn⸗ gend, konnte nicht anders, als abge⸗ wandten Gemuͤths vor dem Bilde eines Mannes ſtehen, der bei allen perſoͤnlichen Vorzuͤgen des Muthes und der Kraft, die er ihm einraͤumte, doch, ſeiner Mei⸗ nung nach, das Heiligſte ihm angetaſtet, und mit den Mißbraͤuchen auch Vieles, was er als weſentlich ehrte, verworfen hatte. Er war indeß, vermoͤge ſeiner milden Sinnesart und der aufgeklaͤrten Erziehung, welche er erhalten, tolerant genug, um die Proteſtanten als ſeine Bruͤder zu betrachten, ob es ihm gleich einen geheimen Schmerz erregte, ſie, ſei⸗ — — 22— nem Urtheile nach, im Zuchune wan⸗ zu ſehen. Es gewaͤhrte ihm daher jetzt ein un⸗ endlich freudiges Gefuͤhl, als er bemerkte, daß Mutter und Tochter ſich ebenfalls kalt abwendeten, und da dieſer Augen⸗ blick ihm guͤnſtigerweiſe ganz geeignet ſchien, um ſich, in ſeinen Augen, eine ſehr wichtige Entſcheidung zu verſchaffen, ſo bekaͤmpfte er die leiſe Blodigkeit, die ihn abhalten wollte, an Lony die Frage zu richten: ob ſie der proteſtantiſchen Lehre zugethan ſey?— Sie antwortete im ruhigſten Ton: ich weiß nur daß, nicht aber wie ſie exiſtirt; denn um in ſeinem Glauben nicht irre zu werden, finde ich, muß man vermeiden, die Religionsan⸗ ſichten Anderer kennen zu lernen. Man wuͤrde doch nur Unſicherheit da eintau⸗ ſchen, wo Feſtigkeit allein das Gemuͤth und das innere Gluck vor dem Schwan⸗ ken bewahrt. Entzuͤckt hoͤrte Theodor ihr zu. Es ſchien ihm jetzt durch dieſe hoͤchſte un⸗ ſichtbare Gemeinſchaft, die zwiſchen ihnen waltete, noch ein neues, zaͤrteres Band zu entſtehen, als durch die Macht ihrer Schoͤnheit, die ihn bereits umſtrickte, und je mehr bei naͤherer Bekanntſchaft Lony's klarer Verſtand und ihre reine Gemuͤthlichkeit aus dem Schleier hervor zu blicken wagte, mit dem jungfraͤuliche Schuͤchternheit ſie umhuͤllte, je deutlicher ward er ſich der Vorſtellung bewußt, wie reizend es ſeyn muͤſſe, an der Seite ei⸗ nes ſolchen Weſens Leben zuzu⸗ bringen. Zwar beachtete er wohl die Un⸗ gleichheit des Standes. Seine Familie gehoͤrte zu dem älteſten und vornehmſten Adel des Landes, und wenn auch von jenem lächerlichen Ahnenſtolze frei, der ſich oft auf den Ruhm einer langen Reihe von Vorfahren ſtuͤtzt, ohne ihre Verdienſte geerbt zu haben, ſo war ihm der Vorzug doch keinesweges gleichguͤltig, von ſo edler Abkunft abzuſtammen, und es blieb das beſtaͤndige Ziel ſeines Stre⸗ bens, ſich in ritterlicher wnbabehſict ihrer wuͤrdig zu bezeigen. Indeß wußte er, daß ſeinen vorur⸗ theilsſteien Eltern die Liebenswuͤrdigkeit und Tugend ſeiner kuͤnftigen Braut einſt eine willkommenere Mitgift ſeyn werde, als Rang und Reichthum, obgleich von dieſem letzteren, den er weder bedurfte, noch wuͤnſchte, Lony's ganze Umgebung auf das beſtimmteſte zeigte. Ihre Klei⸗ dung, die, mit aller Einfachheit eines edlen Geſchmacks gewaͤhlt, doch faſt an Pracht graͤnzte, und die Art, wie ſie bei den haͤufigen Veranlaſſungen Almoſen zu ſpenden, die ſie mit beinahe furſtlicher Freigebigkeit ertheilte, ließ mit Recht vermuthen, daß Pluto ihrer Wiege eben ſo hold geweſen ſey, als die es waren. Die Daͤmmerung breitete ſchon g⸗ ren grauen Flor uͤber die Gegend, als ſie zu ihrem Gaſthof, dem Badehaus, zuruͤck kehrten. Sie fanden den freien, mit Baͤumen beſetzten Platz vor demſel⸗ ben, wie gewoͤhnlich jeden Abend ge⸗ ſchieht, durch zwei Pechpfannen, auf Saͤulen ruhend, erleuchtet. Das flak⸗ kernde Licht, das ſie ausſtroͤmten, um⸗ wob die im Abendwind fluͤſternden und bebenden Zweige mit einer ganz eigenen Verklaͤrung, und wenn der Wiederſchein dieſer dunklen Flamme Lony's zartes Antlitz traf, ſchien die weiße Roſe zur rothen umgewandelt, und wie eine feu⸗ rige Aurora zu ergluͤhen. Theodor wagte es, in dieſem, wie durch magiſche Blitze erhellten Halbdun⸗ kel, ihre Hand zu faſſen, und indem er, kein Fremdling in den Millionen Wel⸗ ten, die vom tiefblauen Firmament herab ſtrahlten, ihr die herrlichſten unter den Sternbildern nannte, welche gleichſam laͤ⸗ chelnd auf ſie niederſchauten, fuͤhlte er durch die Traulichkeit ihrer Fragen und die Gedankenfuͤlle, die ſie mit unſchuldi⸗ ger Offenheit vor ihm ausſprach, ſich immer inniger mit ihr befreundet, ſo, daß ihm war, als ſey es keine neue, heut zum erſtenmal geſehene Bekanntin neben der er wandle, ſondern eine liebe Ju⸗ gendgefaͤhrtin, beſtimmt von dem Go⸗ ſchick, ihm einſt noch mehr zu werden. Mit kindlicher Unbefangenheit, in die ſich aber der heiligſte Ernſt des Le⸗ bens miſchte, erzaͤhlte ſie ihm, wie ſie ſonſt als ein kleines Mädchen in ganz eigenen Phantaſieen geſchwaͤrmt, und die Sterne als Augen Gottes betrachtet ha⸗ be, die des Nachts die Welt behuͤteten, waͤhrend ſie am Tage ſeiner unſichtbaren Obhut uͤberlaſſen ſey. Ich war gluͤcklich, ſagte ſie, wenn ich noch am ſpaͤten Abend, oder gar in tiefer Nacht in den Garten, oder wenig⸗ ſtens auf den Balkon an meiner Eltern Hauſe hinaus ſchleichen konnte. Dann blickt' ich hinauf zu dem guͤtigen Weſen, das alle die Herrlichkeiten erſchaffen hatte, die im bleichen Sternenlicht mir doppelt hehr und feierlich erſchienen, und indem ich mit ihm redete, trug ich ihm alle meine Fleinen, mir aber ſehr wichtig vor⸗ kommenden Anliegen vor, und empfahl ihm, was mir theuer in frommen Gebeten. Schon in meiner friteſen Kindheit, fuhr ſie fort, wirkten die Abendſtunden anders und bedeutungsvoller auf mich, als der Tag mit ſeinem grellen Schimmer und ſeinem unruhig rauſchenden Getoſe. Es war mir, als habe man in ſolchem zerſtreuenden Gewuͤhle nicht Zeit, ſich in ſtiller Sammlung mit ſich ſelber zu be⸗ rathen, und das Gemuͤth zu hoͤhern An⸗ ſichten zu erheben. Noch jetzt ergreift mich faſt derſelbe Schauer der Ehrfurcht, mit dem ich den Tempel des Herrn be⸗ trete, wenn ich in nachtlicher Stille un⸗ ter dem hohen Dom des ſterndurchblitzten Abendhimmels wandele— mich oft hin⸗ auf ſehnend in ſeine fernen friedlichen Regionen. Wie? unterbrach ſi ie Theoder, Sie ſehnen ſich von einer Erde hinweg, deren Mai Ihnen erſt bluͤht, und wo tauſend Anſpruche, die Sie zu machen berechtigt ſind, Ihnen die freundlichſte i ver⸗ prechen? Ja, ja! ſagte die Mutter, die, ohne daß ſie es bemerkten, dieſer Unter⸗ redung zugehoͤrt hatte, leſen Sie dem albernen Maͤdchen nur recht den Text. Es iſt vielleicht die zu ſchnelle, zu befliſ⸗ ſene Gewaͤhrung jedes ihrer Wuͤnſche, die ihr keine neuen mehr zu thun geſtattet, und der Ueberfluß in allem, was zu den Annehmlichkeiten eines ſorgenloſen Da⸗ ſeyns gehoͤrt, der ſie ſo uͤberſaͤttigt, wes⸗ halb das Leben ihr kein Genuß, ſondern oft vollig gleichguͤltig iſt. Und doch— ob wir gleich einſehen, daß ein wenig Noth mitunter das Salz und die Wuͤrze einer behaglichen Exiſtenz iſt— doch koͤn⸗ nen weder ihr Vater noch ich uns ent⸗ ſchließen, ihr, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, den Brodkorb ein wenig hoͤher zu hängen. Iſt ſie ja doch unſer einziges Gluck, unſere einzige Hoff⸗ nung, und ſie mit allem zu uͤberhaͤufen, — 30— was die Gluͤcksguͤter, die uns zu Theil geworden ſind, uns nur immer erlauben, macht die hoͤchſte W von uns ar⸗ men Eltern aus. Lony hatte, waͤhrend ſie ſo ſprach, eine ihrer Haͤnde gefaßt, und lehnte ihr ſchoͤnes Antlitz zaͤrtlich an der Mutter Schulter. Meine liebe, meine guͤtige Mutter! erwiederte ſie, wie undankbar muß ich mir erſcheinen, wenn meine un⸗ bedachten Aeußerungen Sie betruben konn⸗ ten. Gewiß, ich erkenne es mit der tief⸗ ſten Ruͤhrung, i in welchen liebevollen Schutz mich der Himmel gab, als er mich in's Daſehn rief, und ich preiſe das Loos, das mich den beſten Eltern unterord⸗ nete. Aber demohngeachtet kann ich es nicht verhehlen, daß alles, was kaͤuf⸗ lich iſt, mein Sehnen nicht befriedigt, und daß ich feſt uͤberzeugt bin, die Welt wird mir das Ideal von Gluͤck nie ge⸗ — waͤhren, das meine Seele ſich entworfen hat, und das allein mir genuͤgen kann. Doch wozu, fuhr ſie, gleichſam ſich ſelbſt unterbrechend und uͤber ihre Auf⸗ richtigkeit erſchreckend, fort— wozu dieſe Eroͤrterung meines truͤben, vielleicht ver⸗ kehrten Sinnes! Ich weiß nicht, welche wunderbare Macht mein Innerſtes ſo plotzlich erſchloſſen hat, da es ſonſt ſo gern tief in ſich verbirgt, was es hie⸗ nieden draͤngt und druͤckt. Es entſtand eine Pauſe, waͤhrend welcher Theodor ihr bewegt in die glän⸗ zenden Augen ſah, und die Mutter leiſe ſich eine Thraͤne trocknete. Dieſe elegiſche Stimmung, nahm Lony das Wort wieder, iſt nicht wohl⸗ thuend fuͤr uns. Leider, ſetzte ſie, ſich zur Heiterkeit zwingend, hinzu— leider iſt es ſchon ſo ſpaͤt, daß wir nicht mehr Zeit haben, uns in eine beſſere — 3— zu verſetzen; denn mein Mutterchen muß Kraͤfte ſammeln zum morgenden Tagewerk. Daher iſt es wohl rathſam, daß wir zu Bette gehn. Sie neigte ſich hierauf mit all der ihr eigenen Anmuth vor Theodor, und fuͤhrte liebkoſend die noch immer mit ih⸗ rer Wehmuth kaͤmpfende Mutter in's Haus. Lange weilte Theodor noch unten im Freien, vom tiefen Schweigen der Racht umfangen, um uͤber die wunder⸗ bare Erſcheinung eines Maͤdchens nach⸗ zudenken, das, ſo hoch geſtellt vom Gluͤck und von der Natur, doch ſchon mit ihrem Schickſale zerfallen ſchien. Sollte ſie lieben? vielleicht ungluͤck⸗ lich lieben? dachte er ſchmerzlich, doch ſein Herz verwarf dieſe Frage; denn Lony konnte nicht unerwiedert eine Nei⸗ gung verſchenken, die gewiß jeden Mann zum zum glucklichſten Sterblichen erheben wuͤrde. Vielleicht, ſo beſchwichtigte er ſeine Zweifel, iſt dieſer Hang zur Schwermuth nur das unbeſtimmte Sehnen eines tief⸗ fuͤhlenden Herzens, das noch nicht ge⸗ funden hat, was es bedarf, um gluͤck⸗ lich zu ſehn.— Eine leiſe Hoffnung, der er verteaute, fuͤſterte ihm zu, daß es ihm vielleicht beſchieden ſey, ſie durch Liebe und Treue mit dem Leben freudig n auszuſoͤhnen. Der ſchoͤnſte Morgen mine am andern Tage die Ausfuͤhrung der gemach⸗ ten Plane, und gleich dem naͤchtlichen Schatten, welche die aufgehende Sonne verdraͤngt hatte, war auch Lony's faſt zu Truͤbſinn gewordener Ernſt einer ru⸗ higen Heiterkeit gewichen, die ihr ganzes Weſen verkläͤrte. Wahrſcheinlich hatte ſie ſich mit der Mutter verſtaͤndigt; denn auch dieſe ſchien froh und zufrieden, und 3 — des Geſpraͤchs von geſtern Abend wurde nicht mehr gedacht. Sie fuhren bis zur Heidemuͤhle, wo der Lichtenhainer Waſſerfall maleriſch uͤber eine Felſengrotte herab ſtroͤmt, um — in einem Becken ſich ſammelnd— als beſcheidnes Baͤchlein durch gruͤne Wie⸗ ſengruͤnde hin zu rieſeln. Einer der Fuͤh⸗ rer vertraute ihnen, daß ein gerade an⸗ weſender Landmann die Macht beſitze, die Waſſerfuͤlle dieſer reizenden Cascade zu verdoppeln, indem er dieſe oberhalb des Felſens, vermittelſt eines Dammes, den er aber ſehr gern gegen eine kleine Verguͤtung aufhebe, in willkuͤhrliche Graͤnzen gebannt habe. Man lachte herz⸗ lich uͤber dieſe neue Art von Specula⸗ lation, und entließ den Bauer, reich be⸗ ſchenkt, mit dem Auftrag, ſeine Schleuſe zu oͤffnen, und den armen Gefangenen los zu laſſen, der denn auch bald in be⸗ freiter Kraft brauſend und ſchaͤumend vor ihnen niederſturzte. Als ſie von dieſem Schauſpiel geſaͤttigt waren, beſtiegen die Damen die Tragſeſſel, die ihrer warteten, und Theodor ſchwang ſich auf das ein⸗ zige Maulthier, das zum Behufe des Bergſteigens in Schandau zu haben iſt. So erhob ſich der Zug, von mehreren Fuͤhrern begleitet, um durch die friſchen Wieſen und uͤber die reich umbuͤſchten Anhoͤhen zu jener wunderbaren Hoͤhle hin⸗ auf zu klimmen, die einſt in den Schre⸗ cken und Gefahren des dreißigjaͤhrigen Kriegs den bedraͤngten Landleuten und ihren Heerden ein ſichres Aſhl verlieh, und deshalb von ihnen der Kuhſtall ge⸗ nannt wurde. Wie von einem durch Farrenkraut und Epheu uͤppig umkraͤnzten Felſenrah⸗ men eingefaßt, blickte der blaue Himmel 3* und unter ihm, Gipfel an Gipfel rei⸗ hend, die waldige Berglandſchaft den Ankommenden entgegen, und Theodor ſpornte ſein Thier, um voraus zu ei⸗ len, und Lonh bei'm die Hand zu bieten. Wie reizend war nicht der Anblick, als die ſchlanke Nymphengeſtalt auf ih⸗ rem ſchwebenden Sitze gleichſam wie im Triumph getragen, in der hochgewoͤlbten Grotte einzog. Ruͤſtig, ihre ſchoͤne Laſt kaum fuͤhlend, ſchritten die Seſſeltraͤger unter den langen Stangen einher, auf denen der leicht geſchnitzte Armſtuhl ruhte, der Lony trug, waͤhrend ſie unter der Buͤrde der wohlbeleibten Mutter ſeufzten und nur langſam, nicht ohne Anſtren⸗ gung ſich vorwaͤrts bewegten. Lony hatte den Hut abgenommen und hielt ihn, mit friſchem Gruͤn und Waldblumen umwunden, die ihr Theo⸗ dor unterwegs gepfluͤckt hatte, in der Hand. Ihr ſchwarzes, glaͤnzendes Haar war daher in ſeiner ſeltenen Schoͤnheit und Foͤlle vdllig ſichtbar, und die rei⸗ chen Flechten und Locken, welche kunſt⸗ los, aber hochſt anmuthig geordnet, ihr Haupt umgaben, machten, naͤchſt zwei großen Diamanten vom reinſten Waſſer, die in ihren Ohren blitzten, die einzige Zierde deſſelben aus. Ein dunkelrothes Reiſekleid von ſchwerem Seidenzeug, durch die lichte Umgebung eines blendend wei⸗ ßen Shawls gemildert, ſchmiegte ſich in edlem Faltenwurf um ihren reizenden Wuchs, und verklärten durch den Con⸗ traſt ſeiner brennenden Farbe ihre lilien⸗ weißen Wangen zu einer S mondli⸗ chen Blaͤſſe. Froh und ſcherzend hatte das Ta⸗ gewerk begonnen, doch Theodor merkte bald, daß Lony's Stimmung nur ein ſanftes Eingehen in fremde Heiterkeit, nicht dieſe Heiterkeit ſelbſt war, die von einem ſtillen reſignirten Kummer in ih⸗ rem Gemuͤth verdraͤngt zu werden ſchien. Wenn ſie unbeobachtet ſich ſelbſt uͤberlaſ⸗ ſen blieb, war ſie ernſt und in ſich ver⸗ ſunken— aber ſie fuͤhlte die Groͤße die⸗ ſer Natur in ihrem ganzen namenloſen Umfang, und oft verrieth ein feuchter, zaͤrtlicher Blick, oder der innige Haͤnde⸗ druck kindlicher Liebe der Mutter, wie dankbar ſie ſuͤr einen Genuß war, der ihre Seele erhob und beſchwichtigte. Nach kurzer Raſt brachen ſie wieder auf, um den kleinen und großen Win⸗ terberg zu erſteigen. Steil und ſchlupftig wurde oft der Pfad, der hinauf fuͤhrt, und Theodor, welcher fuͤrchtete, die Traͤ⸗ ger koͤnnten ausgleiten, verließ ſein Maul⸗ thier, um jeden Augenblick frei und un⸗ gehindert zum Schutze der Damen bereit zu ſeyn. Die herzliche heh„ die ſich in ſeinen Beſorgniſſen und in ſeiner Aufmerkſamkeit ausſprach, lenkte ihm das fruͤher ſchon gewonnene Herz der Mutter noch freundlicher zu, und auch Lony erkannte dankbar ſeine Guͤte, und zehn ſie durch den himmliſchen Zauber ihres Lächelns. Die Ausſicht vom kleinen Win⸗ terberg hielt ſie nicht lange feſt, ſo man⸗ nichfach ſie auch durch die Menge blauer und ſchwaͤrzlich naͤher tretender Berge, und durch die gruͤnen, ſonnigen Thaͤler iſt. unſere Wanderer ſehnten ſich nach einer ausgebreitetern Umſicht, wie der große Winterberg, nach dem Zeugniß ihrer Fuͤh⸗ rer, ſie verſprach, und bald war auch dieſer erreicht, und das enge Bretterhuͤtt⸗ chen, das zum Schutz und Trotb der — 40— Witterung auf ſeiner hoͤchſten Spitze er⸗ baut iſt, nahm ſie gaſtlich ein in ſei⸗ nen beſchraͤnkten Raum, indeß ein dienſt⸗ fertiger Wirth aus ſeiner weiter unten liegenden Anſiedelung herbei eilte, ihnen ſeine wenigen ländlichen Vorraͤthe zu ei⸗ nem frugalen Mahle anzubieten. Waͤhrend dies bereitet wurde, uͤber⸗ ſchauten ſie entzuckt den unermeßlich wei⸗ ten Kreis, der ſich vor ihnen aufthat, und begruͤßten Boͤhmen, das mit ſeinen waldbedeckten Bergen und freundlichen Gefilden tief zu ihren Fuͤßen lag, indeß des Rieſengebirges Gipfelreihe, vom Duft der Ferne am Rand des Horizonts um⸗ daͤmmert, wie in einem blaͤulichen Nebel zerfloß. Spiegelklar ſchien die breite Elbe mitten durch dieſe Berge ſich ihre Bahn zu brechen, und verfolgte ſie in ſtiller Majeſtat, Fahrzeuge verſchiedener Art auf ihrem Ruͤcken ſchaukelnd. — 41— Schwarzgraue Baſalttruͤmmer draͤng⸗ ten ſich oft aus dem uͤppigen Gruͤn her⸗ vor, das ſelbſt die ſtarrſten Maſſen um⸗ kleidet, und die innige Verbindung, mit der ſich das friſche kraͤftige Leben der Vegetation an die unwirthbare Oede die⸗ ſer rieſenhaften Felſenwelt anknuͤpft, that dem Auge wohl, indem es das S zu dem Erhabenen fugte. Wie herrlich iſt es hier, rief Lony aus, wie entzuͤckt eine ſolche Anſicht das Auge, und wie troͤſtlich ſpricht ſie in ihrer wundervollen Groͤße zu dem Ge⸗ muͤth. Selbſt wer auf die hoͤchſten irdi⸗ ſchen Guͤter verzichtet hat, muß doch auf einer ſolchen Stelle fuͤhlen, daß er nicht verlaſſen iſt, wenn er ſich nur der Natur an den treuen, unwandelbaren Buſen wirft. Ja, ein volles, warmes, unver⸗ ſchrobenes Gefuͤhl kann nicht verarmen; wenn es nur mit Ernſt den rechten Weg — des Heils im Leben ſucht, ſo wird es ihn auch finden— er heißt: Gott und die Natur. Es glänzte bei dieſen Worten eine Thraͤne in ihren Augen, die langſam uͤber die vom Feuer der Begeiſterung ſanft er⸗ gluͤhte Wange rollte— doch die Freude uͤber dieſen unſchuldsvollen, herzerheben⸗ den Genuß trocknete ſie ſchnell, und die eine Hand ihrer Mutter, die andere Theodor reichend, fuͤhrte ſie, kindlich hei⸗ ter geworden, beide zu dem Tiſch, wo das Mahl ihrer wartete. Die unterhaltung wandte ſich 1 auf Familienverhaͤltniſſe, und Madam Wiener, welche die Neugier, die man Evens Toͤchtern als einen Erbfehler Schuld giebt, nicht ganz verleugnen konnte, forſchte genau und ausfuͤhrlich nach den naͤhern Umſtaͤnden, die Theodor betrafen. Sie ſchien uͤberhaupt nicht auf derſelben — 46— Stufe der Bildung wie Lony zu ſtehen, und nicht das leicht erregte, leicht ver⸗ letzte Gefuͤhl derſelben zu beſitzen. Eine große Gutmuͤthigkeit und Geradheit des Sinnes aber, die ſich in ihrem ganzen Weſen ausſprach, verſohnte demohnge⸗ achtet unwillkuhrlich mit ihrer Feinheit. Theodor ergriff gern die Veranlaſ⸗ ſung, die ſie ihm bot, von ſeinen from⸗ men, kindlich verehrten Eltern, und vor⸗ zuͤglich von ſeiner Mutter zu reden, de⸗ ren Bild er als das vollendete Ideal weiblicher Wurde und weiblichen Wer⸗ thes in der Seele trug. So manches Wort von gediegenem Inhalt, ſagte er, wird leichthin ausge⸗ ſprochen und gemißdeutet oder gemiß⸗ braucht. So iſt auch der Inbegriff al⸗ les Goͤttlichen hienieden, der wahrhaft chriſtliche Sinn, gar manchmal ſchon uberſchen, und ſo ſelten in ſeinem gan⸗ zen Umfang erkannt worden, als er wirklich ſelten gefunden wird. In den Gemuͤthern meiner Eltern, ſo wie in ih⸗ rem Wandel, darf ich behaupten, ſpricht er ſich in ſeiner vollen Reinheit aus, und ich wuͤnſchte nur, ich konnte ſie Ih⸗ nen einſt zufuͤhren, um Sie davon zu uberzeugen. In Allem, was ſie unternehmen oder tragen muͤſſen, iſt die Religion der Stuͤtzpunkt ihrer Kraft und ihres Wil⸗ lens, und die Sonne, die auch dunkle Wege ihnen verklaͤrt. Was ihnen auch des Schickſals Strenge auferlegt— es kommt von Gott!— was ſie auch leiden muͤſſen— Chriſtus hat mehr gelit⸗ ten— und zu ihm aufblickend in viel ge⸗ pruͤftem, aber treu bewaͤhrtem Glauben, verſohnt ſie der Gedanke an ihn mit allen Bitterkeiten, die das Leben gar oft im Becher ſeiner Erfahrungen den Men⸗ ſchen darreicht. Streng gegen ſich ſelbſt, aber duldſam und milde gegen Andere, der Welt nicht abgeſtorben, doch alles auf ein hoͤheres Daſeyn beziehend, eifrig in der Erfuͤllung ihrer Religionspflichten, aber deshalb nicht intolerant gegen An⸗ dersdenkende, und obgleich weit entfernt von eigentlicher Proſelytenmacherei, doch ſtets bemuͤht, die Irrenden ſanft auf den rechten Weg zu leiten und ſie in dem zu beſtaͤrken, was das Chriſtenthum in ſei⸗ ner ganzen Lauterkeit fodert— einfach in ihren Beduͤrfniſſen, aber freigebig und aufopfernd, wo es darauf ankommt, die Noth Anderer zu lindern, oder durch Wohlthaͤtigkeit zu verhoͤten—— das ſind die Hauptzuͤge aus dem Charakter und dem Leben meiner Eltern, und ſie koͤnnen begreifen, daß ich ſtolz darauf bin, von ihnen abzuſtammen. Sehr bewegt hatte Lony ihm zuge⸗ hoͤrt. Ja, ſagte ſie dann leiſe, als er ſchwieg, mit der Ruͤhrung kaͤmpfend, die der Ton ihrer bebenden Stimme verrieth, ja es erhebt uͤber das niedere Treiben der Erde, wenn wir feſt an unſerm Glauben haͤngen, und handeln, wie er gebietet. Ach— die Kunſt zu leben iſt ſo ſchwer! Schiffen wir doch auf einem gefahrvollen Meere, wo wir nicht ahnen, wie ſchnell der blaue Himmel ſich ſchwärzen, und die ruhig klare Waſſerflaͤche in wildem Auf⸗ ruhr ſich empoͤren wird. Wenn dann die Stuͤrme unſer Segel zu zerreißen ſtreben, und der Abgrund ſchaͤumend ſich vor uns oͤffnet— da findet der, der auf Gott vertraut, jene errettende Kraft in der Religion, die uͤber alle irdiſche Noth ihn emportraͤgt— durch ſeinen Glauben iſt er auch bei drohendem Un⸗ tergang des Steuers und des Compaſſes gewiß. Ach— fruͤh hat mein ſehnendes Herz nach ſolcher Gewißheit verlangt, wie die eingekerkerte Blume dem Licht⸗ ſtrahl ſich zuwendet, der in ihr Dunkel faͤllt. Fruͤh iſt alles Uebrige mir unhalt⸗ bar und ſchwankend erſchienen— und ſtets wird ſie der Stab ſeyn, der auf rauhem oder ebenem Wege mich aufrecht erhaͤlt. Es erſchuͤttert dich zu ſehr, von ſol⸗ chen Gegenſtaͤnden zu reden, unterbrach ſie die Mutter, und wir werden uͤber⸗ haupt zu ernſt in dieſen Stunden, die nicht den wichtigſten Angelegenheiten der Menſchen, ſondern einem unſchuldigen Lebensgenuß gewidmet ſind. O zuͤrnen Sie nicht, rief Theodor feurig aus. Dieſe Blicke, die ich in das Gemuͤth Ihrer Tochter that— ſie oͤffne⸗ ten mir den Himmel, und ewig werd' — — ich ſtreben, die heilige Ueberzeugung zu bewahren, die ſie theilt. Man brach auf. Es ging nun zum Prebiſchthore hinunter, und ſchwei⸗ gend, tief in Gedanken verſenkt, aber freudig und muthvoll in ſeinem Innern, ſchritt Theodor an der Seite der Frauen dahin, den Lebensplan ſeiner Zukunft ordnend, der nun aus dem Gebiete ſuͤßer Fraͤume ſich zu einem wirklichen Daſeyn zu geſtalten begann. Wie der Bliß in ſtinet Schnelle trifft und zuͤndet, ſo hatte Lony durch perſonlichen Reiz den Weg durch's Auge zu ſeinem Herzen gefunden. Aber daß dieſe flͤchtige Jugendneigung ſo maͤch⸗ tig, ſo unaufhaltſam fortſchreiten ſollte, um nun als Beruf ſeines Lebens ihm zu erſcheinen, das uͤberraſchte ihn ſelbſt— doch es entflammte nur mehr und mehr die Gluth der Wuͤnſche, die ſeine Ver⸗ nunft — 49— nunft rechtfertigte, und der Ernſt ſeines Gemuͤths heiligte. Es bedarf nicht der Jahre, dachte er, um, nach Schillers Rath, zu pruͤ⸗ fen:„ob ſich das Herz zum Herzen fin⸗ det.“ Schnelle Wahrnehmungen 5 auf den Scharfblick der Liebe gegruͤndet, fluch⸗ tige Beobachtungen, die aber, gleich ei⸗ nem moraliſchen Senkblei, tief in das geliebte Weſen dringen, leiſten oft eine treuere Buͤrgſchaft, als ein langer, ge⸗ nauer Umgang und die feſte Gewißheit von Lony's Vortrefflichkeit, die meine Seele erfullt, koͤnnte nicht klarer in mei⸗ nem Innern ſich beſtaͤtigen, wenn ſo viel Jahre neben ihr mir hingeſchwunden waͤ⸗ ren, als Stunden uns vereinigten. Er beſchloß, ſich ein Gluck zu ſichern, deſſen Beſitz ihm, bei Lony's Vorzuͤgen, leicht ſtreitig gemacht werden konnte, und die guͤnſtige Gelegenheit zu einer Erklaä⸗ 4 rung fand ſich bald. Denn als ſie nun zum Prebiſchthor gelangt waren, jener hohen, majeſtaͤtiſchen Woͤlbung, die hun⸗ dert und zwanzig Fuß empor ſteigend, ihren kuͤhn geſchwungenen Bogen auf Felſentruͤmmern ruhen laͤßt, und die ſchoͤnſte Landſchaft lu luftig einrahmt, frag⸗ ten die Fuͤhrer, ob man nicht oberhalb der Bruͤcke, die dieſes gewaltige, von der Hand der Natur aufgemauerte Thor auf ſeinem Haupte traͤgt, der herrlichen Aus⸗ ſicht genießen wolle, ehe man hinab zu ſeinem innern Raume ſteige. Die Mutter verzichtete darauf, denn ihr ſchwindelte bereits bei'm bloßen An⸗ blick dieſes in's Blau der Luͤfte kuͤhn hinaus tretenden Felſenſtegs. Sie lehnte ſich aber keineswegs gegen Lony's Wuͤn⸗ ſche auf, und geſtattete ihr, waͤhrend ſie ſich die Felſentreppe hinunter leiten ließ, um in dem gleichſam wie ein Schwal⸗ benneſt an dem ſcharfen Abhang ange⸗ klebten Wirthshaus den Kaffee zu beſtel⸗ len, unter Theodor's Schutz und von ihm gefuͤhrt, die gefahrvoll ſcheinende Bahn zu betreten.— Da ſtand er nun auf dem ſchmalen Pfad, der an beiden Seiten mit Abgruͤn⸗ den umgeben, ſie von der uͤbrigen Um⸗ gebung trennte und gleichſam iſolirte. Lony's Arm ruhte in dem ſeinen, indeß ihr Auge freudetrunken die weite Gegend uͤberflog, und bald auf dem nahen, la⸗ chenden Boͤhmen, bald auf dem blauen, zartgewobenen Duftgebilde des Leutmeri⸗ tzer Kreiſes, bald wiederum auf des Schneebergs erhabener Krone ruhte, die ernſt und feierlich die ungehegte 5 uͤberragt. Theodor ſah wenig oder nichtz von allen dieſen Herrlichkeiten. Der Drang des vollen Herzens, die zauberi⸗ 4* ſche Naͤhe der Geliebten, das Sehnen, vor ihr auszuſprechen, was er empfand, die ſchuͤchterne Erwartung, wie ſie es aufnehmen werde, die ſelige Hoffnung, die ihn ermuthigte und Troſt in den Sturm ſeiner Seele fluͤſterte—— alles dieß bewegte ihn mit leidenſchaftlichem Ungeſtuͤm und verſchloß ſeinen Sinn vor den mannichfaltigen Schönheiten der Na⸗ tur, in denen Lonh unbefangen ſchwelgte. Dieß, rief ſie nach einer langen Pauſe, iſt doch das Koſtlichſte von allem, was wir bisher ſahen! O, wie wird mir's ſchwer werden, mich von dieſem Felſenparadies zu trennen— wie muͤh⸗ ſam werde ich, nachdem ich dieſen Zau⸗ berkelch gekoſtet, mich wieder in das flache Land eingewoͤhnen, das mein Schick⸗ ſal mir als Heimath angewieſen hat!— Moͤchten Sie geneigt ſehn, es mit einem ſchonern zu vertauſchen, unterbrach ſie Theodor, tiefergluͤhend und mit unſi⸗ cher bewegter Stimme. Nicht ſo ſtarre, pitoreske Felſenwaͤnde umringen mein vaͤterliches Schloß, wohl aber hohe waldbewachſene Berge, die mit reich um⸗ buͤſchten Wieſen abwechſeln, und frucht⸗ bare Gefilde ſchuͤtzend uͤberſchauen. Dort, fuhr er, kuͤhner geworden, fort, in einem der lieblichſten Thäler, durch das ein kleiner, aber ſilberklarer Fluß ſeine nur erfriſchenden, nie verheerenden Wel⸗ len waͤlzt, von bluͤhenden Gaͤrten und Frucht⸗Hainen umgeben, und von ural⸗ ten Linden beſchattet, dort liegt der Wohn⸗ ſitz meiner Ahnen— einſt auch der mei⸗ nige. Dort leben meine Eltern— wuͤr⸗ dig einer ſolchen Tochter, die mein hoch⸗ ſtes Gluͤck wäre, ihnen zuzufuͤhren, und die ſie gewiß mit ihrem Segen gegruͤßen wuͤrden.— Erſtaunt entzog Lony ihm, waͤhrend er ſo ſprach, ihren Arm, und ſah ihn furchtſam forſchend an, als traue ſie ih⸗ ren Ohren nicht. Wie, Herr Graf! antwortete ſie dann, verſteh ich Sie recht? Sie wollten—— Sdi m Ihre Hand bitten, fiel Theodor lebhaft ein, die mich, mit Ih⸗ tem Herzen verbunden, zum beneidens⸗ wertheſten Menſchen auf Erden machen wuͤrde. Ich ſehe, daß meine ſchnelle Erklaͤrung Sie befremdet. Sie weicht ab von dem gewohnlichen Schlendrian, der eines langen Zeitraumes bedarf, ſich zu beſinnen, was ihm frommt, und dennoch oft fehlgreift in der Wahl, die erſt nach Jahren ihn beſtimmte. Ihr erſter Anblick gewann Ihnen mein Herz, und Ihre liebenswuͤrdigen Eigen⸗ ſchaften und Ihr Charakterwerth werden es auf ewig zu feſſeln verſtehen. War⸗ um ſollte das ſußeſte und baͤngſte Gluͤck ſo langſam nur aus ſtiller Ahnung in ſichere Gewißheit uͤbergehen? wie eine Frucht, die aus der Bluͤthe erſt durch herbe Uebergange zum Punkt der Reife ſich entwickelt. Und warum ſollte das Gute nur darum nicht gut ſeyn, weil es ohne Zoͤgern, in raſcher Vollendung und ſchnell entſchieden ſich ausſpricht. Lony hoͤrte, ſichtbar erſchuͤttert, ſei⸗ ner Rede zu. Ihr noch kurz vorher durch innere Bewegung einer holden Roſe gleichendes Antlitz erbleichte, wie der Schnee, vor dem die Gluth der Mor⸗ genrothe weicht— ihre Augen erhoben ſich mit dem Ausdruck eines namenloſen Schmerzes zum Himmel— ihre blaß ge⸗ wordenen Lippen ſchienen zu beten, und es bedurfte einiger Momente, ehe ſie ſo viel Faſſung gewann, um ſprechen zu koͤnnen. Dann wandte ſie ſich, ihrer Ge⸗ 56— fuͤhle wieder maͤchtig, mit Wuͤrde zu Theodor. Ihr Antrag uͤberraſcht mich eben ſo ſehr als er mich ruͤhrt, Herr Graf, ſagte ſie, und nie wird in mir der Dank fuͤr das Vertrauen erlo⸗ ſchen, das Sie mir nach ſo kurzer Be⸗ kanntſchaft beweiſen. Vielleicht wuͤrde es mir, was meinen Charakter be⸗ trifft, gelingen, es einſt zu rechtferti⸗ gen; allein mein Schickſal will, daß alle Gefuͤhle, die ich Ihnen widmen darf, ſich nur auf Achtung und die innigſte Dank⸗ barkeit beſchraͤnken ſollen. Wie? rief Theodor außer ſich, ſo ſind Sie nicht mehr frei—— Ich bin es, verſetzte ſie, und werde es ewig bleiben. Ein Strahl von Hoffnung kehrte, trotz dieſer abweiſenden Erklaͤrung, in Theodor's Seele zuruͤck. Welche Urſa⸗ che Sie auch beſtimmen mag, ſo feſt re⸗ — 57— ſignirt ſich von meinen Wuͤnſchen abzu⸗ wenden, ſprach er, ſo werden Sie mir doch erlauben— vorausgeſetzt, daß es keine Abneigung gegen mich ſey— mich Ihrer nahern Pruͤfung zu unterwerfen, um Ihnen zu beweiſen, wie innig meine Ergebenheit und wie unerſchutterlich der Vorſatz iſt, Ihnen mein ganzes Leben zu weihen. Erwarten Sie nichts von der Zeit, antwortete Lony. Ich darf Sie nicht ermuntern, in Ihren Bewerbungen fort⸗ zufahren; denn ob ich gleich nicht laäugne, daß Sie mir waͤhrend unſers kurzen Bei⸗ ſammenſeyns theuer geworden ſind— theurer, als noch je ein Mann mir war — ſo muß ich doch der Pflicht mich fuͤgen, die mir Entſagung gebietet⸗— Doch nichts mehr in dieſem Augenblick. Vergoͤnnen Sie mir, in einer ruhigern Stunde, Ihnen das duͤſtere Raͤthſel zu — 6— löſen, das, wie ich ſehe, Sie ſchmerz⸗ lich bewegt, und das) nicht ohne herben Kampf mit meinem widerſtrebenden Her⸗ zen, mich zwingt, fuͤr jetzt und fuͤr im⸗ mer jede Hoffnung auf meinen S itz zu vernichten. Glauben Sie mir, fuhr ſt pr als Theodor ſtarr und finſter, ohne ein Wott zu erwiedern, vor ihr ſtehen blieb, glau⸗ ben Sie mir, es wird mir ſchwer, mit dieſer Entſchiedenheit den Stab uͤber mein eigenes Herz zů brechen— aber eine un⸗ ermeßliche Kluft, die keine menſchliche Willkuͤhr hinweg räumen kann, tritt trennend zwiſchen uns. Ich erkenne es, und demuͤthige mich unter die gewichtige Hand, die dort oben unſere Schickſale lenkt, und auch das meine beſtimmte. eie blieben noch eine Zeitlang auf der Naturbruͤcke ſtehen, welche die Woͤl⸗ bung dieſer ungeheuern Pforte aber wie veraͤndert ſchien jetzt Beiden al⸗ les rings umher— wie verblichen der goldene Schimmer der Beleuchtung— wie verſunken die Groͤße dieſer Formen— wie verſcheucht die ſchone Harmonie, die alle Gegenſtaͤnde zauberiſch verband. Ach, der Augenblick, der dem jugendlichen Ge⸗ muͤth ſeine liebſten Hoffnungen raubt, verloͤſcht gewaltſam den Reitz des Da⸗ ſehns und wandelt ſelbſt Paradieſe, in denen wir verweilen, in oͤde Wuͤſten um. Erſt die Zeit ruft nach und nach und leiſe die einzelnen Sonnenblicke wieder hervor, die der Schmerz vertilgte oder umſchleierte. Danm tritt die Natur uns wieder naͤher, und ſpricht mildernd und tro⸗ ſtend zu unſerm Herzen, die tiefen Wunden heilend, und zur Narbe umgeſtaltend.— Schweigend ſtiegen ſie die Treppe nun hinunter, wo die Mutter bereits froͤh⸗ lich im innern Raume des Thors bei der — 60— Kaffeekanne ſaß, und ſie einlud, ſich gleich ihr an dem braunen levantiſchen Trank zu erquicken. Lony nahm ſich zuſammen. Kindliche Liebe gab ihr Kraft und Ge⸗ wandtheit, die ſchmerzliche Verſtorung zu verdecken, die ihr und Theodor's Gemuͤth umduͤſterte. Denn ſie ehrte die Heiterkeit der Mutter und ſuchte ſie zu ſchonen, in⸗ dem ſie ihre von tiefer Wehmuth getrubte Stimmung ihr verbarg. Sie redete viel, und ſuchte ſich dabei zur Munterkeit zu zwingen— doch hätte ein beobachtender Kenner des menſchlichen Herzens wohl leicht gemerkt, daß ihre Seele nur ſelten bei dem war, was ihre Lippen ſprachen. Man hatte fruher beſchloſſen, die ſchoͤnen Gruͤnde, die hinab nach Hirnis⸗ kretſchen fuͤhren, zu Fuß zu durchwan⸗ dern. Dort, in der Gondel, die ih⸗ rer auf der Elbe harrte, um ſie nach Schandau zuruͤck zu fuͤhren, durften ſie — 61— Ruh' und Erholung nach der angenehmen Ermuͤdung erwarten, die ſie ſich von die⸗ ſem Gange verſprachen. Doch ſo ſehr ſich Theodor erſt uͤber dieſen Plan gefreut hatte, ſo wenig gewaͤhrte die Ausfuͤhrung ihm nun— denn tiefer Schmerz war jetzt ſein Gefaͤhrte, und in ſich gekehrt, nur mit Traͤumen zerſtorten Glucks und vergeb⸗ licher Hoffnung beſchäftigt, ſah er nicht, wie die Gegend vom Abendſchimmer roſig verklaͤrt wurde, und dadurch nur immer lieblicher erſchien, und wie der dunkle Wald von den Strahlen der ſinkenden Sonne durchblitzt, in gruͤnem Feuer brannte. Er hoͤrte nicht, wie der Bach neben ihm mit ſeinen klaren Wellen ihm ein Abend⸗ lied rauſchte, und wie die Zweige leiſe fluͤſterten, als wollten ſie ſein aufgereg⸗ tes Gefuhl ſanft beſchwichtigen— denn ſolche Melodieen verſteht nur der Gluͤck⸗ liche. Ihm aber war der Sinn dazu verſchloſſen, und truͤbe und muthlos ſtarrte er in's Leben, und vor ſich nieder. Es konnte daher nicht fehlen, daß Madam Wiener ſeine Stimmung den⸗ noch wahrnahm, ſo vermittelnd auch Lo⸗ ny's Bemuͤhung dazwiſchen trat, um es zu verhindern. Schon wollte ſie forſchen, was dem werthen Reiſegefaͤhrten begegnet ſeyh, doch ein Wink ihrer Tochter, der ihr ſpaͤterhin eine genugthuende Ausein⸗ anderſetzung verſprach, unterdruͤckte jede Frage, und ziemlich einſylbig beſtieg man die Gondel, die raſch auf dem brei⸗ ten Strome mit ihnen dahin glitt, waͤh⸗ rend der in tieferen Purpur ergluͤhende Himmel eine immer magiſchere Wechſel⸗ wirkung von Licht und Schatten, Däm⸗ merung und Roſenglanz auf den Gipfeln und Schluchten hervor rief, an denen ſie voruber ſchwebten, bis die eintretende Daͤmmerung alles ernſt und leiſe mit ih⸗ rem grauen Mantel uͤberhuͤllte, und ein⸗ zelne Sterne, die, wie goldene Funken im tiefblauen Aether entglommen, nun auf der ruhig wallenden Flaͤche des Stroms ihr zitterndes Bild im Wiederſchein rei⸗ zend verdoppelten. Es begann ſchon dunkel zu wenden, als ſie die wirthliche Schwelle des Ba⸗ dehanſes in Schandau wieder erreichtem Die Pechfackeln loderten bereits in hohen Flammen, und erleuchteten den Platz vor dem Hauſe, die Luft mit harzigen Duͤf⸗ ten erfullend, die aus dem hoch wirbeln⸗ den Rauchwoͤlkchen ſich entwickelten, waͤh⸗ rend der aufgehende Mond ſein blaſſes Silber auf die ruhige Gegend goß, und durch das wunderſame Zwielicht einer doppelten Beleuchtung rings umher a06 gar ſeltſam erhellen half. Da wir denn doch wohl morgen fruh den Anſtrengungen des heuti⸗ gen Weges ein wenig mehr Zeit als ge⸗ woͤhnlich zum Schlaf noͤthig haben moͤch⸗ ten, ſagte die Mutter, ſo ſchlage ich vor, daß wir jetzt zur Ruhe gehen, und erſt Morgen berathſchlagen, welche neue Wan⸗ derung wir unternehmen wollen. Lony ſtand bei dieſen Worten, ange⸗ ſtrahlt vom Monde und zugleich von den ungleich ſchwankenden Flammen der Pechpfannen vor Theodor. Ihr Blick ruhte mit unausſprechlichem Ausdruck auf ihm— das Weh der vergangenen Stun⸗ den und der Schmerz eines langen Ab⸗ ſchieds lag in ihm, und die gute Nacht, mit der ſie von ihm hinweg ging, klang ſeinem tiefbewegten Herzen faſt wie ein Lebewohl auf ewig. Er begab ſich auf ſein Zimmer, und blieb lange noch, ſchmerzlich im Inner⸗ ſten ergriffen, am Fenſter ſtehen, bis die Fackeln erloſchen, der Mond hinter die wal⸗ waldigen Berge ſank, und es rings um ihn her finſter wie in ſeiner Seele wurde. Da warf er ſich auf ſein Lager, aber erſt gegen Morgen wiegte ihn korperliche Ermuͤdung und geiſtige Erſchoͤpfung in einen leichten Schlummer, der ſich bis tief in den Tag hinein verlaͤngerte. Es war ihm waͤhrend dieſes Schlum⸗ mers, als vernehme er in der Morgen⸗ daͤmmerung das Rollen eines Wagens, das, immer leiſer und leiſer werdend, in der Ferne ſich verlor. Doch es ſtoͤrte ihn nicht— wie einen undeutlichen Traum wuͤrde er es wieder vergeſſen haben, waͤre er nicht ſpaͤter auf eine traurige Weiſe daran erinnert worden. Ahnungslos blickte er bei ſeinen Er⸗ wachen dem hellen Sonnenſchein entge⸗ gen, der ſein Zimmer vergoldete und Lo⸗ ny's Bild, durch die Hoffnung verklaͤrt, ſie nun bald zu ſehen, begruͤßte ihn im 5 — 66— Geiſt mit himmliſcher Freundlichkcit durch die Wolken, mit denen es die Wehmuth der Erinnerung umgab. Er klingelte. Der Kellner trat her⸗ ein, ihm ſein Fruͤhſtuͤck zu bringen. Doch was glich ſeiner Beſtuͤrzung, ſeinem Schmerz, als er ihm zugleich die Gruͤße der Damen ausrichtete, welche, wie er erzaͤhlte, in aller Fruͤhe nach Dresden zuruͤckgereiſt waͤren. Die Urſache dieſes ſchnellen Entſchluſſes, trug mir die juͤn⸗ gere auf, wuͤrde Ihnen dieſer Brief er⸗ klaͤren, ſetzte er hinzu, uͤbergab Theodor das verhaͤngnißvolle Blatt, und ließ ihn allein. In der heftigſten Aufregung ſei⸗ nes Gemuͤthes zerriß er das Siegel, und las folgendes: „Ich bin eine Juͤdin— fuͤhlen Sie die unuͤberſehbare Trennung, mit der dieß Bekennntiß unſere Wege durchſchnei⸗ det, und wie unmöglich es mir war, Ih⸗ nen eine Hoffnung zu geben, der mein unwiderrufliches Loos widerſprach?— Schon in meiner fruͤheſten Jugend habe ich die ganze Schwere deſſelben empfun⸗ den, denn in mancher truͤben Stunde des Nachdenkens und in mancher kraͤnkenden Erfahrung meines Lebens wurde es mir klar, welch rauhe Kluft mein Volk und mich von den ſchoͤnſten Menſchenrechten ſcheidet, und wie inhuman die Graͤnzlinie gezogen ward, hinter die man unſere An⸗ ſpruͤche auf Gluͤck und Freiheit zuruͤck draͤngt. Oft ſehnte ſich mein Buſen nach freieren Athemzuͤgen, mein Geiſt erkannte, daß mein Herz in meiner Lage nicht gluͤcklich werden kann. Doch dieß Bewußtſeyn war noch von wohl⸗ thaͤtiger Daͤmmerung umhuͤllt; aber bald ſollte es zu meinem Ungluͤck vor mir ta⸗ gen— und ſeit ein Zufall mir das neue Teſtament zufuͤhrte, und ich im 5* — 68— heißen Fieberdurſt der unbefriedigten Seele es las und wieder las— ſeitdem trat dieſe bange Wahrheit immer unablaͤug⸗ barer hervor, und das Troſtloſe, Man⸗ gelhafte meiner Religion, das ich fruher nur geahnet hatte, ward ich jetzt— mit mir ſelbſt entzweit— in jammervoller Ge⸗ wißheit gewahr. Ich verſank in Schwer⸗ muth. Mein edler Vater bemerkte mein Gruͤbeln. Er, der mit dem Blute ſeines Herzens meine Zufriedenheit erkaufen moͤchte, ließ nicht ab, zu forſchen, was mir ſey— und ich bekannte ihm das traurige Schwanken meines unſicher ge⸗ wordenen Sinnes, und flehte zu ſeinen Fuͤßen um Beruhigung.“ „Mein Kind, ſprach er nach lan⸗ gem Nachſinnen mit wehmuͤthigem Ernſt, trage gelaſſen das Loos, das der Gott unſrer Väter uͤber Dich verhaͤngte, denn ſeiner ſtarken Hand vermagſt Du nimmer —— zu entrinnen, und ſie liegt ſchwer, nicht nur auf Dir, ſondern auf unſerm gan⸗ zen Volke. Wir wandeln hienieden nicht im Lande der Heimath— wir muͤſſen den Hohn und die Verachtung ſtolzer Chriſten ertragen, und tief eingewurzeltes Vorurtheil und lang verjaͤhrte Gewohn⸗ heit werden ewig die Scheidewand be⸗ ſchuͤtzen, die zwiſchen ihnen und uns ſchroff und finſter ſich aufgebaut hat. Wollteſt Du Dich auch durch die Taufe losreißen aus unſter Gemeinſchaft— Du wuͤrdeſt ungluͤcklicher ſeyn, als jetzt. Denn koͤnnteſt Du auch die Trennung von Deinen Eltern, die die Abtruͤnnige verbannen muͤßten aus ihrem Angeſicht — koͤnnteſt Du den Haß und die Ver⸗ folgung Deiner jetzigen Mitbruͤder und — herber noch als dieſes— die Kälte und Geringſchaͤtzung Deiner neuen Glau⸗ pensgenoſſen ertragen, die Dich doch nie — 70— mit wahrer Ueberzeugung als eine der Ihrigen betrachten wuͤrden, ſo muͤßte dennoch innerer Zwieſpalt, vielleicht Reue, Dich bald aufteiben. Denn nimmermehr vermag der Menſch das, was er ſein ganzes Leben hindurch als heilig betrach⸗ tete, ſo auf einmal gaͤnzlich abzuſtreifen, wie ein unbequemes Kleid, und die neue Lehre wuͤrde ſich quaalvoll in Dir mit der alten verwirren, und ſo Deinen Frie⸗ den ſtoͤren. Daher erhebe Deine Seele durch Gebet zu dem, der ja un ſer Al⸗ ler Vater iſt, halte ſeine Gebote, und glaube feſt an eine Zukunft, die uns einſt erſcheinen wird, unſere Wunden zu heilen und unſte Schmach und Truͤbſal zu enden.“ „So ſprach mein Vater zu und oͤfterer noch kam er zuruͤck auf Ge⸗ genſtaͤnde, die mein Seelenheil und mein zeitliches Wohl umfaßten. Darf der —— —— Menſch das letztere beachten, wenn es gilt, das erſte zu erhalten oder zu erwer— ben?— Ich habe einſehen lernen, daß ich einſam durch das Leben gehen werde. Denn von den Maͤnnern meines Glau⸗ bens wendet ſich mein zu einem edlen Stolz erzogener Sinn in unbezwinglicher Abneigung ab, weil ich gefunden habe, daß die Armen groͤßtentheils ohne Kenntniſſe, oft tief verdorben, unwahr und betrugeriſch, die Reichen uͤbermuͤthig, bei mangelhafter Geiſtes- und Herzens⸗ bildung mit einem oberftaͤchlichen Firniß gleißend uͤbertuͤncht, leer, und ſehr oft noch weit verſunkener wie die Armen— beide aber blind und taub gegen alle hoͤ⸗ here Zwecke, nur in merkantiliſchem Ei⸗ fer ſich ihrer ſelbſt und ihres Berufs hienieden bewußt ſind.“ „Daher war es ſchon laͤngſt Vorſatz, unverheirathet meine Tage zu be⸗ ſchließen; denn nichts in der Welt konnte mich vermoͤgen, einem Manne meine Hand zu geben, den ich nicht achten kann. Gewiß zuͤrnen Sie nicht, wenn mein Gefuͤhl nach Ihrem geſtrigen Ge⸗ ſtandniß mir gebot, Sie ſo ſchnell als moͤglich, und fuͤr immer, zu fliehen. Denn ich geſtehe Ihnen— und moͤge dieß Wort den ewigen Abſchied verſuͤßen, den ich jetzt nehme— Sie ſind mir nicht gleichgultig geblieben, und waͤren Sie ein Mann meines Standes und meiner Religion, ſo wuͤrde die Neigung, die ich fuͤr Sie fuͤhle, ſich bald zur innigſten Liebe entflammen. So aber durfte die Knoſpe dieſes himmliſchen Gefuͤhls mir nur keimen, um unaufgebluͤht wieder zu verwelken, und nicht die Roſen ihres vol⸗ len Zaubers, ſondern nur Dornen, wel⸗ che tief und unheilbar verwunden, waren meinem darbenden Herzen beſchieden.⸗ „Nach dieſer offenen Erklaͤrung, die ich der Wahrheit, Ihnen und mir ſchul⸗ dig war, darf ich erwarten, daß Sie meine Meinung von Ihrem hohen Cha⸗ rakterwerth rechtfertigen, und keinen Schritt thun werden, mich aufzuſuchen. Erſt nach Jahren, wenn eine angemeſſenere Wahl Sie mit einer wuͤrdigen Gefaͤhr⸗ tin Ihres Lebens vereint und die alles pruͤfende Zeit das haͤusliche Gluͤck, das ich ihnen wuͤnſche, befeſtigt und bewaͤhrt hat— erſt dann duͤrfte ich mir es ge⸗ ſtatten, Ihnen wieder zu begegnen— — aber wie des Thaues Perlen das hin⸗ ſchmachtende Gras erftiſchen, ſo wuͤrde es dann mein Herz erquicken, Sie wie⸗ der zu ſehen. Fuͤrchten Sie nicht, mir dann als ein Fremder zu nahen. Mein Gemuͤth wird treu und rein Ihr Bild in ſchweſterlicher Innigkeit bewahren, und — 74— keinem andern Manne neben Ihnen Al⸗ täre in ſeinem Innerſten erbauen.“ „Bis dahin wandele der Gedanke: Lony war eine Juͤdin, und wird es bleiben, das Wohlwollen, das Sie mir ſchenkten, in jene ruhige Freundſchaft um, die auch unter verſchiedenen Glau⸗ bensgenoſſen beſtehen kann. Erheben Sie mit heiligem Ernſt, gleich mir, Ihre Seele zu Gott, der einſt, wenn dieſe Huͤlle fallt, den Sectengeiſt verloͤſchen, und uns Allen ſeine Vaterarme oͤff⸗ nen wird. Ewig, im reinſten Sinne des Worts Ihre Lony.“ Schwer, ſehr ſchwer wurde es The⸗ odor, die Sehnſucht zu bekaͤmpfen, wel⸗ che die liebenswuͤrdige Iſraelitin in ſei⸗ nem Herzen entflammt hatte, und ein langer Zeitraum verſtrich, che die Ver⸗ nunft ſo viel Gewalt uͤber ihn gewann, die Stimme der Reigung zu uͤbertaͤuben⸗ Endlich nach Jahren, als er den Wunſch ſeiner Eltern und Lony's— erfullt, und durch eine nicht leidenſchaftliche, ſondern ruhig geprufte Wahl eine Gattin gefun⸗ den hatte, die ſeiner werth war, da wagte er, an der Seite derſelben, die ſeine erſte Jugendliebe wußte, Lony's Wohn⸗ ort zu betreten, und ſie aufzuſuchen. Doch— Bluͤthen, wie Lony, fuhren auf Erden ein kraͤnkelndes Daſeyn, denn ihre Heimath iſt der Himmel. Statt ihrer ſelbſt fand er nur das Grab, das ſie bedeckte. Sie hatte ihre Eltern, die das Opfer eines boͤsartigen Nervenfie⸗ bers wurden, nur wenig Jahre uͤberlebt; doch nach allen Nachrichten, die er uͤber ſie und ihre letzten Stunden einzog, war ſie gern und willig geſtorben, und wie — d6— der Muͤde ſich zufrieden zut Ruhe legt, hatte ſie freudig dem Tode das ſchoͤns Haupt entgegen geneigt. unvergeſſen aber lebte die Erinne⸗ rung an ſie unter ihren Mitbuͤrgern noch fort, und milde Stiftungen, die ſie von ihrem großen Vermoͤgen fuͤr die Armen ihres Glaubens ſowohl, wie fuͤr die andern Confeſſionen hinterließ, werden ihr Andenken, das in Theodor's Buſen unausloͤſchlich fortdauert, auch in ihrer Vaterſtadt noch ſpat auf die dankbare Nachwelt bringen. X 3 Hubert. Sanet Es war am heiligen Oſtermorgen, als die fromme Floribena, Gemahlin des Herzog Huberts von Aquitanien, Roſen⸗ kranz und Schleier ergriff, um an ge⸗ weihter Stelle ihre Andacht zu verrichten. In einer traulichen Stunde, deren einflußreichen Zauber ſie immer nur zum Guten zu benutzen pflegte, hatte der rauhe, waidmaͤnniſch geſinnte Gatte ihr verſprochen, ſie auf dieſem Gange zu be⸗ gleiten. Denn er war der Kirche und ihren ehrwuͤrdigen Ceremonieen abhold, und es bedurfte vieler Bitten und Ueber⸗ redungen, um ihn einmal auf eine Stunde ſeinen wilden Ergoͤtzlichkeiten zu entziehen, und zu dem Tempel des Herrn hin zu ge⸗ leiten, deſſen Woͤlbung alsdann im dum⸗ pfen Mismuth ſeiner Seele auf ſeinen Schultern zu laſten, und deſſen Mauern ihn zu erdrucken ſchienen. Swar wußte Floribena wohl, daß nur freiwillige Opfer dem Hoͤchſten gefal⸗ len, und daß eine halb erzwungene An⸗ naͤherung, waͤhrend das abgewendete Gemuͤth ſich mit weltlichen Dingen be⸗ ſchaͤftigt, keinen Werth vor ihm hat. Indeß hoffte ſie, es werde einmal ploͤtz⸗ lich ein Strahl der Erkenntniß in Hu⸗ berts Herz fallen, und was ihm jetzt peinlich und widerlich war, dann Be⸗ duͤrfniß ſeiner Seele und Nahrung ſei⸗ nes Geiſtes werden. Denn ſi ie liebte ihn innig, und ſein ewiges Wohl lag ihr naher am Herzen als ſeine zeitlichen Freu⸗ den— wiewohl ſie auch dieſe in gedul⸗ diger Selbſtverlaͤugnung ihm goͤnnte, und nicht nicht klagte, nur im Stillen ſeußzte, wenn ſeine uͤbertriebene Neigung zur Jagd ihn taͤglich von ihr entfernte, und er ſuͤßern Genuß im Dunkel oͤder Waͤl⸗ der, wo er den Baͤr und die fuͤchtige Hindin verfolgte, als an ihrer Seite in ruhiger Haͤuslichkeit fand. Bereit, in ſtiller Demuth Gott zu dienen, trat ſie jetzt aus ihrem Gemache hervor, wo ſie durch Gebet und Buß⸗ uͤbungen ſich wuͤrdig vorbereitet hatte, die heilige Meſſe zu feiern, und war⸗ tete nur des Gemahls, um den Weg zur nahen Kirche anzutreten. Da aber ſchlug Hundegebell verletzend an ihr Ohr und mit dem toͤdtenden Geſchoß der Jagd bewaffnet, ſchritt Hubert aus ſeiner Kammer, waͤhrend das Roß, das ihn auf dieſen Zuͤgen zu tragen pflegte, an des Hauſes Pforte ſeiner harrte, und, ungeduldig ſtampfend und ſcharrend, mit muthigem Gewieher ihn zu rufen ſchien. Wie, mein Geliebter Herr und Ge⸗ mahl, ſprach die erſchrockene Herzogin, habt Ihr vergeſſen, daß Ihr mir gelobtet, heute, am Tage der Auferſtehung unſers Heilandes, Euer Gebet an den Stufen des Altars zu verrichten, und— wie es einem Chriſten ziemt— Gott um die Vergebung Eurer Suͤnden anzuflehen? Nicht vergeſſen, Floribena! entgeg⸗ nete der Herzog, aber ich werde ein an⸗ deres Mal zu gelegener Zeit mein Wort Euch loͤſen. Ein wilder Eber hat ſich durch das Dickicht gedraͤngt; ihm nach⸗ zuſpuͤren zieh ich hinaus, und Eile thut Noth, damit er mir nicht entwiſche. Raſch wollte er hierauf an ihr vor⸗ uͤber gehen, doch Floribena trat ihm zuͤr⸗ nend in den Weg, und hub, ihn zuruͤck⸗ haltend, an: Was iſt der Verluſt eines — Ebers, oder das Vergnuͤgen, ihn zu er⸗ legen, gegen die Verſaͤumniß Eurer Pflicht und gegen das uͤble Beiſpiel, das Ihr Euren Unterthanen gebt? Nicht von mir will ich reden, der Ihr als Zei⸗ chen Eurer Liebe mir verheißen habt, heute zur geweihten Staͤtte zu folgen, um Euer Gemuͤth von weltlichen Gedan⸗ ken zu reinigen, und es zu dem zu er⸗ heben, der der Born der Gnade iſt. Aber ich beſchwoͤre Euch um Eurer ſelbſt willen, der Ihr nur zu nachlaͤßig in den frommen Obliegenheiten ſeyd, welche die Religion uns anbefiehlt, und um de⸗ rer willen, die billig zu Euch, als zu einem Vorbilde, empor ſchauen ſollten, und die Euch ſo ſelten in den heiligen Ringmauern der Kirche erblicken— laßt nur heute ab von Eurem Streben, und dient dem Herrn, nicht aber der ſchnoden Luſt, die Euch ja taͤglich zur Uebung des 6* — Waidwerks antreibt, und die ihr Mor⸗ gen, ſo Ihr wollt, in ihrem ganzen Um⸗ fang genießen könnt. Wie, thoͤrichtes Weib! unterbrach ſie der Herzog entruͤſtet, ihre nach ihm ausgeſtreckte Hand zuruͤck ſtoßend; duͤrft Ihr es wagen, mir Einhalt zu thun, wenn mein Wille eine ſchuldloſe Ergotz⸗ lichkeit begehrt? Muß ich gerade vor dem Altar knicen, um Gott zu verehren, und kann ich nicht auch ſeiner gedenken, wo das Hifthorn ſchallt, und Ruͤdenge⸗ bell ihm eine Hymne ſinzt? Hebt Euch weg von mir, und wagt es nimmer wie⸗ der, mir ſtdrend in den Weg zu kom⸗ men, wenn ich meiner Neigung nachgehe. Nicht immer mocht' ich ſo gemäßigt, wie heute, die laͤſtigen Ermahnungen aufneh⸗ men, durch die Ihr Euch be⸗ muͤht, mich zi ändern. Stolz nd krotig wandte er ſich bei dieſen Worten von ihr ab, ſchwang ſich auf das ſeiner wartende Roß, und ſprengte, von ſeinen klaffenden Hunden von dannen. Floribena ſtand einige Momente tief betruͤbt und ſchauete ihm nach; dann zog ſie den Schleier uͤber ihre weinenden Au⸗ gen, und trat ohne ihn, nur von ihren Jungfrauen und den Knappen und Die⸗ nern des Hauſes gefolgt, den Gang an, nauf welchen ſie ſo gerne den Gemahl, zur chriſtlichen Einkehr in ſich ſelbſt, zur Demuͤthigung vor Gott und zur Erlan⸗ gung jenes herzerhebenden Troſtes, den der Mund des Prieſters ge⸗ leitet haͤtte. Als ſie nun enſan dort miet wo ſie ſo oft dem Himmel ſchon ihre Bitten vortrug und ihre Sorgen anheim ſtellte, gedachte ſie zuerſt unter heißen Thraͤnen und mit inbrunſtigem Gebet ſei⸗ 55— ner, der leichtſinnig jetzt auf ſeinem Jagdreviere ſich umhertrieb, und ſeinen Sinn abwandte von der Feier des Ta⸗ ges, der der ganzen Chriſtenheit heilig iſt, um ihn auf nichtige Dinge zu rich⸗ ten. Sie flehte um die Erleuchtung ſei⸗ nes Herzens, das außerdem gut und edel, und deſſen hauptſaͤchlichſter Fehler ſeine Leidenſchaft zur Jagd war. Nicht um meinetwillen, ſeufzte ihre zerknirſchte Seele, bete ich mit Angſt und Jammer fuͤr die Beſſerung des ver⸗ blendeten Gatten, ſondern um ſeinetwillen — damit ſein Gemuͤth nicht verſchmach⸗ te, indem es der heilſamen Labung kirch⸗ lichen Segens entbehrt— damit ſein Herz nicht verlerne, im Tempel des Ewi⸗ gen ſich zu Gott zu erheben und ihn an⸗ zurufen im Staub und in der Aſche, wie es uns ſuͤndhaften Menſchen zukommt! Als ſie ſo den beklommenen Bu⸗ — — — ſen vor dem hoͤchſten Weſen erleichtert hatte, kehrte eine ſanfte Beruhigung, ein ſußer Friede in ihr Innerſtes zuruͤck. Sie ſtillte ihre Thraͤnen, und ſtand ge⸗ troͤſtet auf; denn es war ihr, als ob eine leiſe, aber untruͤgliche Stimme ihr prophezeihe, daß von dieſer Stunde an Hubert ſein Leben aͤndern werde— und in der ſeligen Ahnung dieſes Gluͤcks bot ſie dem Himmel das Opfer ihrer bluͤ⸗ henden Tage an, die ſie um ſolchen Preis geneigt ſey, ihm, von der Welt und ih⸗ ren Lockungen geſchieden, in kloſterlichen Mauern zu widmen. Indeſſen trabte Hubert unmuthövoll uͤber Berg und Thal; doch uͤberließ er es ſeiner Begleitung allein, den wilden Eber aufzuſuchen; denn im Innerſten verſtimmt durch der Gattin Unzufrieden⸗ heit mit ihm, hatte er die Luſt verlo⸗ ren, ſeine Spur zu verfolgen, und ein „ —— Gefuͤhl, das faſt der Reue glich, zog ihn heimwaͤrts, ſie wiederum zu ver⸗ ſohnen. Aber er widerſtrebte der beſſeren Re⸗ gung, und ſein eheherrlicher Stolz fluͤ⸗ ſterte ihm zu, daß er nicht alſo durch Folgſamkeit Floribenen in dem kuͤhnen Unternehmen, ihn zu meiſtern, beſtär⸗ ken muͤſſe. Er ſendete, da die Sonne bereits hoch ſtand, ſeine Leute zuruͤck, und ver⸗ tiefte ſich, Floribenen durch eine lan⸗ gere Abweſenheit recht empfindlich zu ſtrafen, in den noch unbelaubten Irr⸗ wegen ſeines Forſtes, bis Ermuͤdung ihn zwang, vom Roſſe abzuſteigen, um durch einen kurzen Schlummer ſich zu erquicken.* Er waͤhlte ſich dazu einen freien Platz, wo eine mit ſanftem Gruͤn beklei⸗ dete Anhoͤhe ihm ein weiches Lager bot⸗ — 89— Es war ein ſchoͤner Apriltag, fruͤh⸗ zeitig hatten, von einer ungewohnlich warmen Sonne beguͤnſtigt, Schluͤſſel⸗ blumen und Veilchen ſich hervor gewagt, und den in jugendlicher Friſche entſproß⸗ ten Raſen zum bunten Teppich umge⸗ ſchaffen. Gleich einem hehren blauen Zelt ſpannte ſich der wolkenloſe Him⸗ mel uͤber ihm aus; Lerchen, die in un⸗ ſichtbarer Hohe trillernd ſchwebten, lie⸗ ßen ihre holden Melodieen froͤhlich er⸗ ſchallen, und eine tiefe Ruhe herrſchte in der Natur, die in neuerwachender Schoͤnheit das Feſt der Auferſtehung be⸗ grußte. ² Da ſtreckte ſich Hubert, ſuͤß be⸗ rauſcht von Duͤften und Toͤnen, und halb geblendet von dem Glanz des Azurs, der ſich uͤber ihm woͤlbte, auf den Ra⸗ ſen hin, und ſeine Gedanken verdam⸗ merten ſanft zu einer anmuthigen Be⸗ X — wußtloſigkeit— es war ihm ſelbſt nicht klar, ob wachend, oder in der Fuͤlle bal⸗ ſamiſchen Schlummers. Und ſi iehe, da daͤuchte ihm, als ob ein leiſes Geraͤuſch ihn ermuntere, und er erblickte einen ſchneeweißen Hirſch ne⸗ ben ſich, der zwiſchen dem goldenen Ge⸗ weihe ein hohes Kruzifir trug, und der, ohne Furcht oder Bangigkeit zu verra⸗ then, ſich dicht vor ihm hinſtellte, und mit ſeelenvollen, gleichſam betruͤbten Au⸗ gen ihn anſchaute. Da ergriff Hubert den Wurfpieg, der neben ihm lag, aber es war, als ſey der Arm gelähmt, der ihn erheben wollte, und unerſchrocken ſtand der Hirſch da, als wolle er die blendend weiße Bruſt dem Todesſtoß bieten, während der treue Hund, der Hubert ſtets als Jagdgefaͤhrte zu begleiten pflegte, wie — 6— von einem Zauberſchlag, befangen, re⸗ gungölos an ſeiner Seite lag. Und ploͤtzlich ertonte eine Stimme, die mit geheimnißvoller Allmacht ſich den Weg in das Herz des wilden Jaͤgers bahnte, und eine Mahnung drang in ſein Ohr, die ihn aufs tiefſte erſchuͤt⸗ terte und Angſiſchweiß auf ſeine Stirn, Thraͤnen in ſein Auge trieb„ waͤhrend ſeine Haͤnde, bb zitternd, ſich falteten. Abzulaſſen von ſeiner ausſchweifen⸗ den Waidmannsluſt, und das bisher nicht beachtete Wohl ſeiner Seele dieſen rauhen Ergotzlichkeiten vorzuziehen, um nicht am Tage des Gerichts, welchem Keiner entgeht, einer allzu ſtrengen Re⸗ chenſchaft anheim zu fallen, war der Sinn der Warnung, die, wie von En⸗ gelzungen geſprochen, ſeine ſonſt jedem Zureden feſt widerſtehende Vrſt mit — 92— der Gewalt der innigſten Ueberzeugung fullte, und die Kraft in ihm erweckte, ſeine bis jetzt durch Miöbrauch entweihte Neigung in einem frommen Geluͤbde der Entſagung dem Herrn zu opfern. Als er ſich aufraffte, war die Sonne bereits im Untergehen begriffen, und das Abendroth goß ſeinen Purpur uͤber die Erde. Die Erſcheinung war berſchwun⸗ den, und ungewiß, ob er ſie mit leibli⸗ chen Augen geſchaut, oder nur im lebhaf⸗ ten Traum erblickt habe, dachte er nach uber ihr holdſeliges Bild und die Worte, die ſie geſprochen— und der Entſchluß befeſtigte ſich in ſeiner Secle, zu hal⸗ ten, was er in ſeinem Innerſten Gott gelobt, und ſein maͤnnlich bluͤhendes Le⸗ ben der Kirche zu weihen. Da kehrte er heim, und die fromme Floribena ſegnete den Vorſatz, den er ihr vertraute, nach Rom zu wallfahrten, um — 93— von dem Statthe lter Chriſti Vergebung ſeiner Suͤnden und die Genehmigung zu erlangen, ſein Daſeyn, ſo wie ſeine Guͤ⸗ ter kuͤnftig zur Ehre des Hoͤchſten zu verwenden. Sie theilte ihm ebenfalls das Geloͤbde mit, das ſie aus reiner Liebe zu ihm um den Preis ſeiner Beſ⸗ ſerung gethan; und als der von ihr ſchied, 1 ging ſie in ein Kloſter, nachdem ſie Flo⸗ ribert, ihr Soͤhnlein, einer frommen Bräderſchaft uͤbergeben hatte, die ihn zur Ehre Gottes und zur F. der Menſchen erzog. Hubert aber n duch einen exemplariſchen Wandel die Verſaͤumniſſe ſeiner wild Pntſhtn Vergangenheit wieder gut, und obgleich ſtets die tiefſte Demuth ihn in den Staub freiwilliger Erniedrigung beugte, ſo wurde er doch, eben der Tugenden wegen, die er ſich er⸗ warb, zu hohen kirchlichen Aemtern be⸗ rufen. Er ſtarb als Biſchoff von Luͤt tich im Jahr 727., in welcher Wuͤrde ſein Sohn Floribert ihm nachfolgte. Spaͤterhin ward Hubert unter die Heiligen verſetzt, und— ſeiner fruͤhern Neigung eingedenk— iſt er ſeitdem der Schutzpatron der Jagd und ihrer Ge⸗ noſſen. Zuſammenkunft Kaiſer Friedrich des Vierten mit Herzog Karl von Burgund zu Trier. 68 Nachdem Karl von Burgund, der pracht⸗ liebendſte und ſtolzeſte Fuͤrſt ſeiner Zeit, bei Friedrich dem Vierten gebuͤhrend an⸗ geſucht hatte, ihm die Lehn uͤber das Fuͤrſtenthum Geldern zu ertheilen, und die Stadt Trier zu dieſem Zwecke als Ort der Zuſammenkunft gewaͤhlt wor⸗ den war, begab ſich der Kaiſer, be⸗ gleitet von ſeinem damals vierzehnjähri⸗ gen Sohne Maximilian und einer ſo zahlreichen und glaͤnzenden Begleitung, wie es ihm der Wuͤrde ſeines Ranges angemeſſen ſchien, am neun und zwan⸗ zigſten September 1473. gegen Abend dahin. 7 Drei Viertel⸗Meilen von der Stadt wurde er durch den Erzbiſchof Johan⸗ nes im Gefolge von vierhundert Gra⸗ fen, Rittern und Edelleuten, welche alle in Harniſch und rothen Waffenrocken, auch mit rothgefarbten Lanzen verſehen, und auf das Zierlichſte beritten waren, feierlich empfangen und eingeholt. Der Kaiſer begann ſeinen Aufent⸗ halt in Trier mit einer inbruͤnſtigen An⸗ dacht, knieend vor dem Hochaltar der Domkirche verrichtet, indeß daß Glo⸗ ckengeläute aller Kirchen ſein frommes Gebet begleitete, und das Te Deum jaudamus geſungen wurde, ſeine Ankunft zu verherrlichen. Hierauf geleitete man ihn in den erzbiſchoͤflichen Polaſt, der zu ſeiner Aufnahme bereit war. So feſt man nun auch glaubte, daß der Einzug des Kaiſer mit allem ihm gebuͤhrenden Aufwande erfolgt ſey, X * — —— ſo verdunkelte ihn doch die Annaͤherung des eitlen und verſchwenderiſchen Her⸗ zogs Karl von Burgund gar ſehr, in⸗ dem er nicht, wie im fuͤrſtlichen Geleite zu einer friedſamen Zuſammenkunft, ſon⸗ dern von einem zahlreichen Heere umge⸗ ben, wie einer Schlacht entgegen gehend, erſchienen waͤre, haͤtte der Prunk dieſes Aufzuges, da alle, bis auf den gering⸗ ſten Waffenknecht hinab, in Sammet und Seide, mit Gold und Silber ge⸗ ſtickt, gekleidet waren, nicht auf feſtli⸗ ches Gepraͤnge, ſtatt auf kriegeriſche Ab⸗ ſichten gedeutet. Acht tauſend koſtbar geſchmuͤckte Ritter und Reiſige, und ſechstauſend Armbruſt⸗Schuͤtzen zu Fuß hatte er aus ſeinen Fuͤrſtenthuͤmern und Grafſchaf⸗ ten erleſen, ihn bei dieſer Gelegenheit mit nie vorher geſehenem Glanze zu um⸗ ringen. Doch der engere Ausſchuß, der 7* ſeine Perſon umgab, beſtand aus geiſt⸗ lichen und weltlichen Fuͤrſten, Grafen und Rittern des goldnen Vließes, die durch die Menge der edlen Metalle, Perlen und Steine, welche ihre Ruͤſtun⸗ gen und Waffenrocke ſchmuͤckten, ſchon das hoͤchſte Maaß irdiſcher Herrlichkeit erſchoͤpft haben wuͤrden, haͤtte nicht mit⸗ ten unter ihnen der Herzog ſelbſt wie eine ſtrahlende Sonne geleuchtet, und durch ſeinen Anblick bewieſen, daß es moͤglich ſey, eine ſolche Pracht noch zehnfach zu uͤbertreffen. Er trug nämlich, wie die Nach⸗ richten jener Zeit verkuͤnden, uͤber ſei⸗ nem goldenen, mit Perlen und Juwe⸗ len beſaͤeten Kuͤraſſe„ein kuͤnſtliches „Mäntelein von klarem, gezogenem Gol⸗ „de, mit Diamanten, Rubinen, Sma⸗ „ragden und andern großen, trefflichen „Steinen beſetzt, welches von Kenntniß⸗ — 10 „„vollen auf zweimal hundert tauſend „Dukaten geſchätzt worden.“— Sogar die Pferde, welche ihn und ſeine Großen trugen, waren mit blitzendem Stahl be⸗ kleidet, uͤber dem durchſichtige, von Gold gewebte Tuͤcher wehten, die mit ſilber⸗ nen Schellen behangt waren, welche dann„im Gang und Sprung, gleich „einem Cymbelwerke, das ſchoͤnſte Ge⸗ „läut machten, und den Trompetenruf „als mit einem lieblichen Klangſpiele „vermaͤhlten.“ Weniger reich, indeß! doch ſtan⸗ desgemaͤß und durch ſeine edle Einfach⸗ heit nur um ſo wuͤrdevoller, erſchien der Kaiſer, der herablaſſend genug war, dem Herzog entgegen zu ziehen. Ihm vor⸗ aus ritten die Edelknaben und Grafen ſeines Gefolges, alle mit entbloßten Haͤuptern, die Koͤcher voll Pfeile an der — Seite fuͤhrend, aber ungeharniſcht, denn Friedrich wollte, daß bei dieſer freund⸗ lich geſinnten Zuſammenkunft Niemand, außer ſeiner Leibwache, ſich in Ruͤſtung zeigen ſolle. Hinter den Grafen kamen ſechszehn Trompeter mit zwei Heerpauken, an dieſe ſchloſſen ſich die kaiſerlichen He⸗ rolde, und dann die Fuͤrſten. Hierauf folgte der Erzherzog Maximilian, der in ſeiner noch zarten, jugendlichen Schoͤne einem Seraph glich, der herab geſtiegen iſt, den Himmel mit der Erde zu ver⸗ ſohnen. In ſchwarzen Sammet geklei⸗ det, floſſen von ſeinem unbedeckten Haupte lange, goldgelbe Locken herab, und ſeine klaren Augen ſtrahlten mu⸗ thig, doch beſcheiden, waͤhrend er mit aͤußerer Ruhe, aber feſter, kraͤftiger Hand den lichtbraunen Hengſt zu lenken wuß⸗ ½. — 103— te, der unter ihm mit kuͤhnem Schnau⸗ ben und Spruͤngen nach Erledigung des Zuͤgels ſtrebte, und ſich baͤumen wollte, aber ſeinem zwar noch kaum dem Juͤng⸗ lingsalter angehoͤrenden, doch der edlen Reitkunſt ſchon vollkommen kundigen Herrn gehorchen mußte. Hinter ihm ritten die beiden Erz⸗ biſchoͤfe und Kurfuͤrſten von Coln und Trier, alsdann der Reichs⸗Erbmarſchall, Adolph von Pappenheim, dem Kaiſer das bloße Schwerdt vortragend. Nun erſchien der Kaiſer ſelbſt, auf einem milch⸗ weißen Hengſte reitend und in Goldſtoff gekleidet, ein großes, koſtbar gearbeitetes und mit Edelſteinen beſetztes, goldenes Kreuz auf der Bruſt tragend. Nach ihm ritten die Biſchoͤfe, an die ſich wie⸗ derum ein Trupp Edelleute anreihte, die den Beſchluß des Zuges ausmachten. — 104— Als die beiden Fuͤrſten zuſammen trafen, wollte Herzog Karl vom Pferde ſteigen, dem Kaiſer ſeine Ehrfurcht zu beweiſen, aber jener geſtattete es nicht, ſondern beſchleunigte die Schritte ſeines Roſſes, um es guͤtevoll zu verhindern. Karl von Burgund fuͤhlte ſich ſehr ge⸗ ſchmeichelt durch eine Hoͤflichkeit, deren er im umgekehrten Falle wohl nicht faͤ⸗ hig geweſen waͤre. Er nahm ſeinen Helm vom Haupte, und neigte ſich ſo tief, als er es, zu Pferde ſitzend, ver⸗ mochte, indeß der Kaiſer ihm mit rit⸗ terlichem Handſchlage die Rechte bot, und ihn willkommen hieß. Nach einem kurzen Geſpraͤche wurde der Herzog den anmuthigen Fuͤrſtenjuͤngling Maximilian gewahr, der beſcheiden in der Entfer⸗ nung hielt, und erſt einen Wink von ſeinem kaiſerlichen Vater erwartete, um ſich zu naͤhern. Der Herzog betrachtete den Juͤng⸗ ling mit ſichtbarem Wohlgefallen, wel⸗ ches durch die allerdings einnehmende Perſoͤnlichkeit des jungen Erzherzoges ge⸗ rechtfertigt wurde. Der Anſtand, den hohe Geburt und Sitte nicht allein, ſon⸗ dern hauptſaͤchlich angeborner Adel des Gemuͤths und Hoheit der Seele gewaͤh⸗ ren, und der ſich. weniger beſchreiben, als an dem Eindrucke bemerken laͤßt, den er ſiegreich auf ſeine Uumgebung macht, diente ihm in der Einfachheit ſeines Aufzuges ſtatt allen Schmuckes, und wuͤrde unter Tauſenden ihn ausge⸗ zeichnet haben. Mit Rieſenſchritten war er aus einer dumpfen und wenig ver⸗ ſprechenden Kindheit, wo ihm ſogar die Sprache ſchwer ſiel, der Entwickelung entgegen geeilt, die jetzt zu den glaͤn⸗ zendſten Hoffnungen berechtigte. Nach⸗ dem det ftemme und kluge Kaiſer be⸗ — 106— merkt hatte, daß die fruͤhern Lehrer die⸗ ſes ſeines einzigen Sohnes den Weg einer gar zu großen Strenge eingeſchla⸗ gen waren, um ihm die Wiſſenſchaften einzupraͤgen, oft einzubl aͤuen, verord⸗ nete er andere, welche die Gabe beſſer verſtanden, ihren Unterricht angenehm zu machen, und die Fähigkeiten ihres Zoͤg⸗ lings zu wecken, die unter einer ver⸗ Fehrten Behandlung faſt verloren gegan⸗ gen wären. Seine Meinung uͤber die zweckmaͤßige Erziehung eines Fuͤrſten war:„Es iſt zwar hochnoͤtig, daß „einer Edlen Pflanzen, die zum hohen „Baum erwachſen, auch Land und Leute „uͤberſchatten ſoll, die Laſterſchoͤßlinge „der erſten Jugend mit gehoͤriger Schaͤrfe „abgeſtutzet werden: man muß aber „das Meſſer nicht zu tief anſetzen, da⸗ „mit der Kern unverletzet bleibe. Und „inſonderheit hat man das Waſſer der — 107— Weisheit, welches der annoch unerfah⸗ Jugend bitter ſchmecket, und wi⸗ „derlich eingehet, mit Beſcheidenheit zu „wuͤrzen, und den Rand des Gefaßes, „der dieſe der Unwiſſenheit Arzenei ein⸗ „floßet, mit dem Honig der Genemheit „anzuſußen, im Fall man ſolche wohl „wuͤrkſam verlanget.“ Der Erzherzog Maximilian bewies durch ſein Beiſpiel die Richtigkeit der Grundſaͤtze ſeines Vaters. Wohlgear⸗ tete Kinder edler Abkunft, mit de⸗ nen ihn der Kaiſer gemeinſchaftlich er⸗ ziehen und unterrichten ließ, regten ſeinen Ehrgeiz auf, und brachten ihm Neigung zu den Beſchäftigungen bei, die ſie freundlich mit ihm theilten. So machte er ſich alle Kenntniſſe zu ei⸗ gen, die ihmt in ſeinem Stande und bei ſeinen kuͤnftigen Ausſichten zu wiſ⸗ 15— ſen noͤthig waren, und er konnte mit Recht ſchon damals fuͤr einen der voll⸗ kommenſten Prinzen ſeiner Zeit gelten, wo Andere in ſeinem Alter, noch un⸗ wiſſend und kindiſch, mehr mit Spielen, als mit Lernen ihre Zeit verbringen. Da ein Regenſchauer den bis⸗ her hellen und heitern Tag zu truͤben begann, ſo ruͤſtete ſich der Kaiſer ſammt ſeinem Gefolge zur Ruͤckkehr nach Trier, und wie dringend er auch die Beglei⸗ tung des Herzogs ablehnte, ſo ließ ſich dieſer doch nicht davon abhalten. In⸗ deſſen geſtattete der Kaiſer das zahlrei⸗ che und praͤchtige Geleite, mit welchem er ihn umgab, nur bis innerhalb der Thore, nicht bis zu dem noch weit ab⸗ gelegenen erzbiſchoͤflichen Pallaſte, und der Herzog mußte gehorchen, und nach dem Kloſter St. Maximi, vor der Stadt, zuruͤck kehren, wo fuͤr ihn und die An⸗ geſehenſten ſeiner Umgebung die nung bereitet war. Den folgenden Tag ermangelte er jedoch nicht, dem Kaiſer ſeine Aufwar⸗ tung zu machen. Funfzig der vornehm⸗ ſten Herren, in Goldſtoff gekleidet, der mit orientaliſchen Perlen geſtickt war, umgaben ihn auf dieſem Zuge, auf dem er ſelbſt in einem koͤſtlichen Purpur und Gold gemiſchten Rock, mit großen Edel⸗ ſteinen beſetzt und mit Hermelin gefuͤt⸗ tert, erſchien, auf dem Haupte einen goldenen Hut tragend, der mit Diaman⸗ ten gleichſam uͤberſaͤett war, und durch einen noch nie geſehenen Schmuck, naͤm⸗ lich eine von Juwelen geformte Reiher⸗ feder, eine glanzvolle Zierde enthielt. Sehr abſtechend war es dagegen, — 6 daß der Kaiſer, ſo wie der Erzher⸗ zog Maximilian, in zwar wohlanſtaͤndi⸗ ger, aber einfacher Haustracht erſchie⸗ nen, als waͤren ſie in ſtiller Wuͤrde des Charakters ſich bewußt, wie innerer Werth der aͤußeren Ueppigkeit und des Prunks nicht bedarf. Sie trugen kein anderes Ehrenzeichen ihres Ranges, als die Kette des Ordens der Mäßigkeit, die in einer Reihe kleiner goldener Kannen beſtand, aus welchen ſchoͤne Bluͤmchen hervor ſahen, und an denen ein zier⸗ liches Marienbild befeſtigt war, waͤh⸗ rend Karl von Burgund alle Orden da⸗ maliger Zeit an ſich ſchimmern ließ, und ſogar, um es beſſer in die Augen fallen zu laſſen, das von ſeinem Schwa⸗ ger, Koͤnig Eduard von England, er⸗ haltene goldene Hoſenband, ſtatt, wie Gebrauch war, um das Knie, um den Arm geſchlungen hatte. — 111— Der Kaiſer ging ihm einige Stu⸗ fen der Treppe hinab entgegen, und be⸗ grußte ihn. mit Freundlichkeit. Als aber Herzog Karl mit eitlem, ſelbſtgefaͤlli⸗ gem Lächeln ſagte, wie er ſich gluͤck⸗ lich preiſe, daß ein ſo großer Kaiſer ſei⸗ netwegen einen ſo weiten Weg gemacht, um ihm zu Gefallen zu leben, erwachte in Friedrich des Vierten Bruſt der edle kaiſerliche Stolz, der es fuͤr Pflicht hielt, einen Uebermuͤthigen in die Graͤnzen der Beſcheidenheit zuruͤck zu weiſen. Er ant⸗ wortete daher: „Daß es bei den roͤmiſchen Kai⸗ „ſern, beſonders aus dem Hauſe Oe⸗ „ſterreich, nichts Ungewoͤhnliches ſey, „mit der ihnen von Gott verliehenen „Majeſtaͤt ihres Standes und Beru⸗ „fes, gleich wie die Sonne mit ihren „Strahlen, Jedermann nahe und ferne „allermeiſt aber ihre und des Reiches — 112— „liebe getreue Fuͤrſten zu beleuchten, um „ſie dadurch im ſchuldigen Gehorſam zu „beſtaͤrken, und wie die kaiſerliche Pflicht, „ihm die Lehn zu ertheilen, wichtig ge⸗ „nug ſey, um ſonder alle Nebenabſich⸗ „ten eine ſo weite Reiſe zu veranlaſſen.“ Sie begaben ſich hierauf nebſt dem Erzherzoge Maximilian in ein von ih⸗ rem beiderſeitigen Hofſtaate abgeſonder⸗ tes Zimmer, wo ſie ſich eine Stunde mit einander unterhielten. Bei'm Ab⸗ ſchiede erſuchte der Herzog den Kaiſer auf das Dringendſte, ihm doch den fol⸗ genden Tag die Ehre ſeines Beſuches zu goͤnnen, und als er die Zuſage ſeines Verlangens empfangen hatte, kam er zu der verabredeten Stunde mit großem Gepraͤnge abermals zur Stadt, ihn ehr⸗ erbietig abzuholen. — Der — 113— Der Kaiſer war diesmal ebenfalls praͤchtig angekleidet, doch wurde die Koſt⸗ barkeit ſeiner Tracht wiederum von dem verſchwenderiſchen Glanze verdunkelt, wel⸗ cher Herzog Karl umſtrahlte. Um un⸗ geſtoͤrter ſich von einer gewiſſen wichti⸗ gen Angelegenheit unterhalten zu koͤn⸗ nen, mußte Erzherzog Maximilian auf Befehl ſeines Vaters zu Hauſe bleiben, und kaum hatten beide Fuͤrſten in Ge⸗ genwart der Kurfurſten und einiger we⸗ nigen ihrer vertrauteſten Raͤthe und Die⸗ ner, das Noͤthige abgeredet, was uͤber die Verlehnung von Geldern zu verfuͤgen war, als ſich das Geſpraͤch auf das ſchon fruͤher ſchriftlich angeknuͤpfte Heirathspro⸗ jekt zwiſchen Erzherzog Maximilian und der reichſten Erbin Eüropa's, Maria, Karl von Burgunds einziger Tochter, lenkte. Der Herzog auf's Hoͤchſte von der Anmuth und den viel verſprechenden Ei⸗ 8 — 41— genſchaften ſeines kuͤnftigen Eidams ein⸗ genommen„erklaͤrte ſich bereitwillig, ihm, ſo bald es das jetzt noch ſo zarte Al⸗ ter der fuͤr einander Beſtimmten erlau⸗ ben werde, ſeine Tochter zu vermählen, und geſtattete bis dahin einen Briefwech⸗ ſel zwiſchen ihnen, damit die jugendli⸗ chen Gemuͤther ſich, der Entfernung zum Trotz, ungeſtoͤrt einander naͤhern, und ſich gegenſeitig ausſprechen koͤnnten. Da die Unterhandlungen und Be⸗ ſchluͤſſe, welche eine ſo wichtige Verab⸗ redung betrafen, bis ſpaͤt am Abend dauerten, ſo hatte das Gefolge des Her⸗ zogs mehrere hundert Fackeln angezuͤn⸗ det, mit welchen ſie, ihren Herrn an der Spitze, dem Kaiſer, als er ſich hin⸗ weg begab, wiederum nach der Stadt und zu ſeiner Wohnung leuchteten. Eeinige Tage daravuf gab Herzog Karl dem Kaiſer ein Feſt in dem Kloſter — 115— ſeines gegenwaͤrtigen Aufenthaltes, das ihm und ſeinen einfachen biedern Deut⸗ ſchen, welche mit den Verfeinerungen des Luxus und der Kunſt, ſo wie det geſelligen Genuͤſſe vollig unbekannt wa⸗ ren, wie von Feenhaͤnden bereitet ſchien. Es begann mit einer feierlichen Andacht in der Kirche, welche Karl auf das Herrlichſte hatte verzieren laſ⸗ ſen. Die zwoͤlf Apoſtel, von vergolde⸗ tem Silber, umgaben in Mannesgroͤße den Hochaltar, auf dem das Kreuz des heiligen Andreas, Schutzpatrons von Burgund, das mit zahlloſen Diamanten beſetzt war, von brennenden Kerzen um⸗ ringt ſtand. Einige Stufen niedriger ſah man noch viele andre ſilberne vergoldete Heiligenbilder, ebenfalls in menſchlicher Groͤße, unter denen ſich der heilige Georg und die heilige Barbara, als vollendete Kunſtwerke der damaligen Zeit, aus⸗ 8* zeichneten. In der Mitte derſelben ſtand eine koloſſale Lilie, die von Gold ge⸗ trieben und mit ſo vielen Diamanten beſetzt war, daß man den Werth des Metalles und der Steine auf zweimal hunderttauſend Kronen ſchaͤtzte. Der Kaiſer war hochſt uberraſcht und ganz betroffen von dieſer Pracht, und konnte ſich nicht enthalten, vieles zu betaſten und zu loben. Die ganze Kirche war uͤbrigens mit koſtbar gewirk⸗ ten Tapeten behangen, welche die Lei⸗ densgeſchichte Chriſti in der groͤßten An⸗ ſchaulichkeit und mit den austiſenſen Farben darſtellte. Der Erzbiſchof von Trier hielt in eigener Perſon das Hochamt, und Her⸗ zog Karls Kapelle entzuͤckte jedes Ohr durch ihr vortreffliches Spiel, ſo wie ſeine Hofſaͤnger durch ihren den Geſang. — 117— Nach beendigter Meſſe nahm der verbindliche Wirth den Kaiſer, ſo wie den jungen Erzherzog bei der Hand, und fuͤhrte beide in einen Prachtſaal, deſſen Waͤnde gleichfallsnmit koͤſtlichen Teppi⸗ chen prangten, die den Brand von Tro⸗ ja, die Eroberung des goldenen Vlie⸗ ßes, und aͤhnliche Gegenſtaͤnde, mit ei⸗ ner ſo taͤuſchenden Farbengluth und Wahrheit ausdruͤckten, daß die Deut⸗ ſchen es kaum fuͤr wirklich hielten, und ſich, gleich ihrem Kaiſer, durch Beruͤh⸗ rung erſt uͤberzeugen mußten, daß es kein Blendwerk ihrer Sinne ſeh. 4 Mitten in dem Saale ſtand ein neunzehn Stufen erhoͤhter Kredenztiſch, der rund umher bis oben an mit gol⸗ denen, ſilbernen und vergoldeten Pracht⸗ gefaͤßen umſtellt war. Drei andere un⸗ geheure Liſche trugen einen ähnlichen Reichthum von Silber und Gold, und — aus dieſem waͤhlte Herzog Karl ein gro⸗ ßes goldenes Becken, nebſt einer Kan⸗ ne, trug ſolches vor den Kaiſer, und bat ſich die Ehre aus, ihm Waſſer auf die Haͤnde gießen zu duͤrfen. Als die Höflichkeit deſſelben ſolches nicht zu⸗ laſſen wollte, ging er damit zum Erz⸗ herzoge Mapimilian, welcher uͤber dies ihm ungewohnte verbindliche Anſinnen ſchamroth wurde, und, mit einer tie⸗ fen Verbeugung es ablehnend, ſich hin⸗ ter ſeinen kaiſerlichen Vater zuruͤck zog, der ſich nicht enthalten konnte, mit dem Herzoge die Verwirrung des liebenswuͤr⸗ digen jungen Fuͤrſten zu belacheln. Es wurde an achtzehn Tafeln ge⸗ ſpeiſt, auf welche man drei Gänge der auserleſenſten Speiſen, jeden aus zwei und vierzig Gerichten beſtehend, folglich in Allem hundert und ſechs und zwanzig Schuͤſſeln, die Schauge⸗ — 1— richte nicht mit gerechnet, auftrug. Eine zahlreiche Menge von Fuͤrſten und Gra⸗ fen, in Goldſtoff gekleidet, bedienten die Perſon des Kaiſers. Dem jungen Erzherzoge waren acht Grafen, welche Gewaͤnder von Silberſtoff trugen, zu gleichem Zwecke zugeordnet. Nach voll⸗ endeter Mahlzeit wurde auf jede Ta⸗ ſel ein großer, kunſtreich gearbeiteter goldner Pokal, gefuͤllt mit dem beſten Weine; geſtellt, aus welchem die Anwe⸗ ſenden nach einander den zu damali⸗ ger Zeit gebraͤuchlichen Trunk der Liebe, auch den St. Johannistrunk genannt, ſich gegenſeitig zubrachten. Mit ihm beſchloß das Gaſtmahl, das vier Stun⸗ den gedauert hatte.— Man betrachtete noch eine Weile die Kunſtwerke und Herrlichkeiten, die ringsum die Blicke an ſich zogen; dann verfugte ſich der Kaiſer mit den Sei⸗ — 120— nen wieder in die Kirche, hoͤrte die Veſper ſingen, und empfing von dem Erzbiſchofe zu' Trier den Segen, wor⸗ auf er wohlgemuthet ſich von ſeinem fuͤrſtlichen Wirthe beurlaubte, und, von dieſem begleitet, wieder zur Stadt ritt. Einige Tage darauf verordnete der Kaiſer zur Ergotzlichkeit des Herzogs ein Stechſpiel, um ihm und ſeinen Bur⸗ gundern einen Begriff von der Stärke und ritterlichen Gewandtheit ſeiner Deut⸗ ſchen zu geben. Sie konnten nicht um⸗ hin, die Kraft und unerſchutterlichkeit der Ritter zu bewundern, welche in den ſchwerſten Ruͤſtungen ſich mit Leichtig⸗ keit bewegten, und oft ſo hart zuſam⸗ men trafen, daß ihre Lanzen in Stuͤcke ſprangen, ohne daß ſie dadurch auch nur im Mindeſten im Sattel ſich reg⸗ ten. Ihr einfacher Aufzug aber, der ſtatt Gold und Silber nur Stahl und — Eiſen) ihrer Feſtigkeit angemeſſen, zeigte, kam den durch Schimmer verwoͤhnten Burgundern aͤrmlich vor, und war der Gegenſtand unziemlichen Geſpoͤttes, wel⸗ ches aber die Deutſchen, wohl wiſſend, daß nur der ſtarke Arm, nicht der geſtickte Aermel den Mann macht, ſtill verachteten. Unter dieſen und ähnlichen Feſten war endlich der Tag der Belehnung her⸗ an gekommen, und den ſechsten Novem⸗ ber ging dieſe feierliche Handlung oͤffent⸗ lich auf einem großen freien Platze zu Trier vor ſich. Man hatte einen Thron errichtet, welchen Friedrich der Vierte im kaiſerlichen Ornate beſtieg. Es umgab ihn ein weißes, prieſterliches Gewand von Damaſt, uͤber welches eine roth ſammetne Stola ſich kreuzte. Der Man⸗ tel war cbenfalls roth, auf ihm ſah man den kaiſerlichen Adler mit Doppel⸗ haͤuptern, und einer Kante ringsum, von Perlen geſtickt. uebrigens trug er eine geſchloſſene goldene Krone. Die Kurfuͤr⸗ ſten und andere Großen des Reichs um⸗ ſtanden ihn, und Erzherzog Maximilian, ebenfalls in einem rothen, mit Hermelin gefuͤtterten Mantel, trug, ſtatt des ab⸗ weſenden Kurfuͤrſten von Brandenburg, den Stcepter. 3 Hierauf naheten ſich die von Gra⸗ ſm getragenen blauen Fahnen von Gel⸗ dern, ſo wie die ſilbernen der Graf⸗ ſchaft Zutphen voraus, mit lieblichem Glockengetoͤn der durch ſilberne Schel⸗ ten geſchmuͤckten Roſſe, Herzog Karl, ein ſchwarz ſammetnes Barett auf dem Haupte tragend, das dem nachtlichen Himmel zu vergleichen war, wenn er, mit zahlloſen Sternen beſaͤett, funkelt. Ein langer, weiter Fuͤrſtenmantel von Purpur wehete um ſeine reiche Tracht, als er abſtieg und in tiefer Unterwuͤr⸗ — 123— figkeit vor den Kaiſer niederknieete. Es wurde hierbei, ſo wie auch ſchon fruͤher, als der Kaiſer ſich auf ſeinen Thron verfuͤgte, dermaßen in die Trompeten geſtoßen, daß jeder andere Laut in die⸗ ſen ſchmetternden, eine geraume Weile anhaltenden Toͤnen unterging. 4 35 Jetzt traten die Geſandten der bei⸗ den Fuͤrſten von Juͤlich und Bergen hinzu, im Namen ihrer Gebieter auf alle an Geldern haftenden Anſpruͤche Verzicht leiſtend. Man reichte dem Kai⸗ ſer ſein Schwert, welches der Herzog mit zwei Fingern beruͤhrte, indem er den Eid nachſprach, welchen der Erzbi⸗ von Mainz ihm vorlas: „daß er naͤmlich zeitlebens dem Kaiſer Friedrich, ſo wie dem Reiche gehorſam „und behuͤlflich zu ſehn, und in al⸗ ler Treue, ſo oft es verlangt werde, „ihm beizuſtehen, ſich verpflichte.“ — 124— Hierauf belehnte ihn der Kaiſer, in⸗ dem er ihm das Panner reichte. Et erhob ſich nun wieder, und druͤckte durch eine dreimalige tiefe Verbeugung, mit welcher er, ruckwaͤrts ſchreitend, ſich wie⸗ derum vom Throns entfernte, ſeinen Dank fuͤr dieſe kaiſerliche Huld und Gnade aus. Da dem Kaiſer viel an der ein⸗ ſtigen Vermaͤhlung ſeines Sohnes mit der Erbin von Burgund gelegen wär, ſo fuͤgte er ſich geduldig in mancherlei Eigenheiten des Herzogs, die, vermöge ſeiner Prachtliebe, Eitelkeit und Ver⸗ ſchwendung, faſt den Thorheiten glichen, und einem unverſchrobenen deutſchen Sinne nicht behagen konnten. Doch als der Koͤnig von Frankreich durch ein geheimes Schreiben ihn von den liſti⸗ gen Anſchlaͤgen dieſes hochmuͤthigen Fuͤr⸗ ſten warnte, der nach nichts Geringe⸗ rem ſtrebte, als ſich eine Koͤnigskrone — 125— auf's Haupt zu ſetzen, und Friedrich durch Forſchen ſeiner Getreuen erfuhr, er habe ſich wirklich bereits mit koͤnig⸗ licher Krone, Scepter, Reichsapfel und Panner verſehen, halte auch einen Thron im Stillen in Bereitſchaft, und werde naͤchſtens mit dem Anſuchen hervor tre⸗ ten, daß der Kaiſer ihm die konigliche Wuͤrde ertheilen moͤge, da gerieth Frie⸗ drich der Vierte in große Verlegenheit, und ergriff einen zimlich ungeſchickten Ausweg, ſich aus dieſer unangenehmen Lage heraus zu ziehen. Er brach naͤmlich urplotzlich auf, ohne von dem Herzoge Abſchied zu neh⸗ men. Durch den Grafen Ulrich von Montfort, den er in dieſer Abſicht zuruͤck ließ, that er ihm kund, daß dringende und unaufſchiebliche Geſchaͤfte ihn zu dieſem eilfertigen Aufbruche ge⸗ zwungen haͤtten, daß er dem Herzoge — 126— für alle erwieſene Hoͤflichkeit danke, und ihm verſichern laſſe, daß das unter ih⸗ nen verabredete Projekt einer Vermählung zwiſchen Erzherzog Maximilian und ſeiner Tochter Maria in voller Kraft beſtehen, und zu ſeiner Zeit vollzogen werden ſolle. Herzog Karl, welcher ſich bereits im Stillen ſchmeichelte, den Kaiſer vollig fur ſich und ſeine ehrſuͤchtigen Plane gewon⸗ nen zu haben, gerieth in Wuth uͤber dieſe Nachricht. Doch wußte er ſich zu beherrſchen, und hinter einer falſchen Freundlichkeit gegen Graf ulrich von Montfort den Zorn zu verbergen, mit welchem ihn dieſe vor aller Welt erlittene, beſchaͤmende Demuͤthigung erfuͤllte. Er brach nun ebenfalls ſchleunig auf, und zog, das tiefſte Gefuͤhl der Kraͤnkung in der Bruſt, und uͤber Entwuͤrfen der Rache bruͤtend, von dannen. — Das L— — — N — — Urtheil * Vor Zeiten lebte in Frankreich ein Pfar⸗ rer, der ſich nicht eben des vorſichtig⸗ ſten Lebenswandels befleißigte, und be⸗ ſonders durch eine ſchoͤne Haushaͤlterin, die ſeine Wirthſchaft fuͤhrte, und von ihm ſehr in Ehren gehalten wurde, in einen etwas zweideutigen Ruf gekom⸗ men war. Seine Mutter, die bei ihm lebte, und mit geſchaͤftiger Zunge und ſtets of⸗ fenem Ohr gar genauen Antheil an den urtheilen und Meinungen der Nach⸗ barſchaft nahm, erfuhr mit großem Misfallen, daß auch andere glaubten, was ſie langſt in der Stille vermuthet hatte, daß nemlich ihr Sohn eine zärt⸗ lichere Neigung fuͤr ſeine Haushaͤlterin fuͤhle, als ſein Stand ihm erlaubte. Sie ſetzte ihn deshalb zur Rede, und ſuchte ihn zu dem Entſchluß zu be⸗ wegen, ein Maͤdchen zu verabſchieden, das durch ihr von Allen ſtrafbar gedeu⸗ tetes Verhaͤltniß zu ihm den eigenen guten Ramen verlor, und den ſeinigen untergrub. Doch ſeh es, daß er wirk⸗ lich Liebe fuͤr ſie empfand, oder wollte nur ſein Eigenſinn ſich nicht einem frem⸗ den Eingriff in ſeine Rechte unterwer⸗ fen— genug, er ſchlug mit Heftigkeit das Begehren der Mutter ab, und er⸗ kläͤrte, er werde keine Aenderung in ſei⸗ nem Hausweſen treffen. Da ſeine Mutter die Entfernung des Verdacht erregenden Gegenſtandes fuͤr die einzige Art hielt, wie die Un⸗ beſcholtenheit ſeines Rufs wieder zu er⸗ „ — 131— langen ſey, welche— hauptſaͤchlich im prieſterlichen Stande— die Bedin⸗ gung der ſo nothwendigen allgemeinen Achtung iſt, ſo ließ ſie nicht nach, ihn erſt mit Bitten, dann mit Heftig⸗ keit zu beſtuͤrmen, und es entſtand hieraus, trotz ihrem ſonſt einigen und friedlichen Leben, ein Streit zwiſchen ih⸗ nen, wo muͤtterliche Klugheit und Maͤßi⸗ gung und kindliche Ehrerbietung aus den Augen geſetzt wurden, und der damit endigte, daß die Mutter erklaͤrte, ſie werde nicht laͤnger in ſeinem Hauſe ver⸗ weilen, um nicht der Welt als Hehlerin ſeiner geheimen Suͤnden zu erſcheinen, worauf der Sohn erwiederte, es ſolle ihm lieb ſehn, wenn durch ihre Entfer⸗ nung der von ihr geſtoͤrte Friede ſeines Lebenð wieder hergeſtellt werde. Außer ſich uͤber dieſes Wort„ das, ſtatt ſie bittend zuruͤck zu halten, ihr 9 5 gleichſam die Thuͤre wies, griff die em⸗ poͤrte Mutter zu dem letzten Mittel, ihn zu ſchrecken, indem ſie drohte, nach der Stadt zu gehen, die der Sitz eines Bi⸗ ſchefs war, und ihn bei dieſem wegen ſeiner Auffuͤhrung ſowohl, als wegen der von ihm erlittenen rauhen und pflichtwi⸗ drigen Behandlung zu verklagen. Als nun aber der trotzige und verſtockte Sohn durch den bloßen Gedanken eines ſolchen Vorhabens nur noch mehr gereitzt wurde, und er im hohniſchen Ton der tiefſten Er⸗ bitterung ihr anrieth, ſie moge eilen, einen Vorſatz auszufuͤhren, der ihrer ganz wuͤrdig ſey, rannte ſie in der Trunken⸗ heit ihres blinden Zorns wirklich zum Hauſe hinaus, und kam wohlbehalten zu der nicht weit entlegenen Stadt, wo ſie ſich dem Biſchof zu Fuͤßen warf, und ihn anflehte, ihren Sohn, deſſen leicht⸗ ſinnigen Lebenswandel ſie muͤtterlich zu — 133— beſſern ſich bemuͤht habe, zu einer Aende⸗ rung deſſelben zu bewegen, und zugleich ihn zu ſeinen kindlichen Pflichten zuruͤck zu fuͤhren. Der Biſchof, oͤffentlich um ſo ſtren⸗ ger, da er im Geheim gegen ſich ſelbſt ſehr nachſichtig war, auch ſich nicht ſon⸗ derlich um ſeinen Sprengel bekuͤmmerte, und der daher, wenn ſich eine bequeme Gelegenheit zu ſtrafen zeigte, ſie mit Vergnugen ergriff, um ohne weitere Muͤhe eigener Anſicht und Unterſuchung ſich das Anſehen eines achtſamen und gerechten Richters zu geben, nahm ſie, hoͤchlich entruſtet uͤber den Gegenſtand ihrer Kla⸗ ge, mit Goͤte auf. Er verſprach ihr eine vollkommene Genugthuung, indem er ihr zuſagte, morgen ſchon, wo er ohnedies Gericht halte, ihren Sohn vor⸗ fodern zu laſſen, und ihn auf eine Weiſe zu zuchtigen, die nicht ohne den beſten — 134— Erfolg bleiben ſolle. Zugleich gebot er ihr, ſich ebenfalls am andern Tage ein⸗ zufinden, um ihre Klagen in ſeinem Bei⸗ ſeyn zu wiederholen, und Zeugin ſeiner Beſtrafung zu ſeyn. Doch— Mutterzorn gleicht dem Fruͤh⸗ lingsſchnee, der vom erſten Sonnenſtrahl dahin ſchmilzt. Kaum hatte in der ſchlaf⸗ loſen Nacht nach dieſem Tage des Zwi⸗ ſtes und der aufgeregten Leidenſchaft die ungluͤckliche Mutter weniger das Huͤlf⸗ loſe ihrer jetzigen Lage, als die Folgen uͤberlegt, die ihre Anklage auf das Schick⸗ ſal ihres Sohnes haben konnte, haben mußte, als das Gefuͤhl der von ihm erfahrenen tiefen Kraͤnkung der verzweif⸗ lungsvollen Ueberzeugung wich, hoͤchſt wahrſcheinlich ſein Ungluͤck veranlaßt zu haben. Haͤtten Thränen der Reue und des Jammers, die ſtromweis uͤber ihre ein⸗ — 135— geſunkenen Wangen floſſen, das Geſche⸗ hene ungeſchehen machen können, wie gern wuͤrde ſie ihre ſalzige Fluth noch verdoppelt, und ſich die ſchwerſte Buͤ⸗ ßung auferlegt haben. Angſtvoll rang ſie die Haͤnde, denn der Biſchof hatte in ſeinem Amtseifer ſo Einiges von raͤudigen Schaafen fallen laſſen, die er aus der ihm untergebenen Heerde auszumaͤrzen bereits laͤngſt ſich vorgenommen habe, und es war ihr unzweifolhaft, daß ſich dieſe Worte auf ihren Sohn bezogen⸗ den die Beſchuldigungen ſeiner eigenen Mutter ja mit Recht in des Biſchofs Au⸗ gen als einen Verworfenen herabwurdi⸗ gen mußten, welchen der entweihten Prieſterwurde zu entſetzen, vielleicht eine Pflicht der Kirche ſchien.— Kaum daͤmmerte der Morgen, der eine ihr ſo furchtbare Entſcheidung brin⸗ gen ſollte, als ſie ſich aufmachte, den — 136— Biſchof um Gnade anzuflehen; aber die Trabanten, die ſeinen Pallaſt bewachten, wieſen ſie in dieſer fruͤhen Stunde ab, wo der geiſtliche Herr noch auf weichen Polſtern ruhte, und von den Opfern und Entſagungen ſeines Standes, die er zu bringen und zu uͤben, viel zu ſchwach war, wenigſtens— traͤumte. Sie mußte daher den Aufruhr ihrer Seele, den bittern Gram ihres Herzens, die Reue uͤber den liebloſen Schritt, den ſie gethan, und das mit dem Schmerz herber Beleidigung kaͤmpfende Gefuͤhl der Mutterliebe zu dem Einzigen, den ſie je geboren, noch ſo lange ungehoͤrt und un⸗ beſchwichtigt mit ſich umher tragen, bis die Schicklichkeit die Pforten des Audi⸗ enzſaals ofnete, und die zum Halten des Gerichts anberaumte Zeit erſchienen war. Da aber ſchwand faſt jede Ausſicht, den Biſchof allein zu ſprechen, denn ein — 437— Schwarm Vorgeladener und Bittender draͤngte ſich mit ihr zugleich hinein, und erfullte, jeder ſein Anliegen als das wichtigſte betrachtend, den weiten Saal mit unziemlichem Geraͤuſch, bis die Thaͤ⸗ ren aufgingen, die in die inneren Ge⸗ maͤcher fuͤhrten, und der Biſchof durch die ſtumme Macht des Krummſtabes, den er trug, gleichſam das verworrene Getoͤſe beſchwoͤrend, und es in tiefe Sſtille verwandelnd, herein trat. Da die beklagenswerthe Mutter, die ſeine Ankunft zitternd erwartete, alt und ſehr haͤßlich war, ſo glaubte er, ſich durch eine beſondere Herablaſſung gegen ſie in der milden Glorie aͤcht chriſtli⸗ cher, von aͤußern Vorzuͤgen unbeſto⸗ chener Geſinnung zu zeigen. Er ermu⸗ thigte ſie daher, ganz gegen ihre Er⸗ wartung, durch einen gnädigen Wink, ſich ihm zu nahen. Doch als ſie, die⸗ — 138— ſen benutzend, vor ihn niederknieete, ihre Klage widerrief, und ihn mis Thraͤnen beſchwor, ihren Sohn nicht zu einer Re⸗ chenſchaft zu ziehen, von welcher ſie ihn hiermit freiſpreche. Da ſie in der Ver⸗ blendung des Zorns nur ſeine Hand⸗ lungen in einem ſtrafbaren Licht erblickt habe. Da entbrannte er, mitleidölos gegen ihren zerknirſchten Seſean„ im hoͤchſten Unwillen. Wie donnerte er ſie ie an, Su6 Ihr, daß Gott nur darum die Macht zu zuͤchtigen in meine Hand gelegt hat, um von dem Wankelmuth alter Weiber ver⸗ hoͤhnt zu werden?— Laͤngſt ſchon ſind mir die ein Dorn im Auge geweſen, die die Pflichten unſers heiligen Stan⸗ des uͤbertreten, und wenn ich auch acht⸗ los auf meinem biſchoͤflichen Stuhl zu ſitzen ſcheine, ſo entgeht mir doch nichts, was meine Aufmerkſamkeit und meine — 139— Ahndung verdient. Euer Sohn iſt mir daher ſchon lange als ein Menſch be⸗ kannt, der ſeinem ehrwuͤrdigen Beruf Schande macht, und er ſoll ſicherlich, das glaubet mir, um Eures albernen Widerrufs willen, der ſtrengſten Vor⸗ haltung ſeines unſittlichen Betragens nicht entgehen. 36 Mit dieſen Worten drehete er ihr ſtolz den Ruͤcken zu, und wendete ſich auf eine andere Seite. Die arme alte Frau gab ihre Sache nun verloren. In dumpfen Schmerz vertieft, ſtarrte ſie eine Weile vor ſich nieder. Doch plotz⸗ lich bewäͤhrte ſich, wie durch eine Ein⸗ gebung von oben, das Sprichwort an ihr, daß oft, wenn die Noth am grß⸗ ten, die Huͤlfe am naͤchſten iſt. Denn es kam ihr ein Gedanke ein, wie es vielleicht moglich ſey, ihren Sohn der Sttenge des Biſchofs zu entzichen, und dieſe auf einen Anderen zu waͤl⸗ zen. Als daher eben ein ihr voͤlllg un⸗ bekannter, rothgluͤhender und wohlbe⸗ leibter Geiſtlicher ſich hervordraͤngte, um irgend ein Anliegen dem Biſchof ehr⸗ furchtsvoll vorzutragen, rief ſie in der Verzweiflung ihrer Todesangſt, die ihr durch ihn den einzigen Ausweg aus die⸗ ſer verwickelten Lage zeigte, laut umd mit Heftigkeit aus: nun, Herr! da iſt mein Sohn; richtet ihn, aber laßt nicht die Gerechtigkeit allein, laßt— Eure Gnade walten.— Der Geiſtliche wähnte nicht, daß Er durch dieſe Rede gemeint ſeyh. Wie betroffen ward er daher, als der Bi⸗ ſchoff in einem ſehr entruͤſteten und har⸗ ten Ton ihn anredete, und ihm ſein un⸗ kindliches Betragen gegen ſeine Mutter vorwarf, die er durch Ungehorſam und uͤble Auffuͤhrung aus ſeinem Hauſe ge⸗ — 141— trieben habe, waͤhrend er, von ihr ſo⸗ wohl, wie von Andern, eines ſuͤndhaf⸗ ten umgangs mit einer Buhlerin be⸗ ſchuldigt, der Kirche und der Welt ein nicht laͤnger zu duldendes Aergerniß gebe. Der Geiſtliche wurde durch dieſen unerwarteten Empfang ſo verlegen, daß ſein erſchrockenes und befangenes Be⸗ nehren wirklich den Regungen eines nicht ganz ſchuldloſen Gewiſſens glich⸗ Seine hochrothen Wangen entbrannten noch dunkler vor Schaam und Unmuth, und der Angſtſchweiß trat in hellen Per⸗ len auf ſeine Stirn, gleichſam ein fal⸗ ſches Zeugniß fuͤr die Wahrheit der An⸗ klage abzulegen, von der ſein Bewußt⸗ ſeyn ihn frei ſprach. Doch nach einigen ihm hoͤchſt peinlichen Minuten hatte er ſeine Faſſung wieder erlangt, und nun betheuerte er in tiefer Demuth, daß er die Pflichten kindlicher Liebe und des Ge⸗ horſams zu genau kenne, um ſie jemals freventlich zu uͤbertreten, daß aber ſeine Mutter, leider! ſchon ſeit laͤnger als zehn Jahren todt, und dieſe Frau hier ihm durchaus fremd ſey. Nichtswuͤrdiger!— rief hier der Biſchof, der, bei ſeiner hohen Meinung von ſich ſelber, ſich fuͤr unfehlbar hielt, und bei dem Zeugniß der Alten, die ja doch wohl ihren eigenen Sohn kennen mußte, ohnehin keine naͤhere Unterſu⸗ chung der Sache fuͤr nothwendig erach⸗ tete— ſo iſt alſo das Maaß Eurer Schande noch nicht voll? Nicht genug, daß Ihr Eure beklagenswerthe Mut⸗ ter in Eurem Hauſe ſchlecht behandelt, und ſie dadurch gezwungen habt, es zu verlaſſen, um Schutz und Beiſtand bei meiner Gerechtigkeit zu ſuchen, ſo treibt Ihr Eure Frechheit noch gar ſo weit, ſie vollig zu verlaͤugnen?— Aber Ihr 0 ſolit fuͤr den Verſuch, mich zu hinterge⸗ hen, und mein Ohr durch eine unver⸗ ſchaͤmte Luͤge zu beleidigen, nur um ſo haͤrter buͤßen. Ihr ſeyd Eures Amtes entſetzt, und moͤgt in dem tief⸗ ſten Kerker meines Gerichtshofs bei Fa⸗ ſten und Kaſteien ſo lange ſitzen, bis Euer Leib, der ein Bild der Voͤllerei iſt, ſeine uͤppige Fuͤlle verloren, und Eure Seele ſich gebeſſert hat.— Die Trabanten, welche ſtets ge⸗ genwaͤrtig waren, um die Befehle des Biſchofs auf der Stelle zu vollziehen, traten hierauf ſogleich herbei, um ihn hinweg zu fuͤhren, und das uͤber ihn ausgeſprochene Urtheil zu vollſtrecken. Da warf ſich der arme, geaͤngſtete Geiſtliche, der ſchon gehoͤrt hatte, daß bei der Rechthaberei des Biſchofs auch in der beſten Sache Widerſpruch und Ein⸗ wendungen nur Oel in's Feuer gegoſ⸗ ſen ſey, außer ſich, vor ſeinem geiſtli⸗ chen Oberhaupte in den Staub, und bat um Gnade, indem er gelobte, Alles zu thun, was man nur immer von ihm verlangen, und ihm auferlegen werde. Dieſe Unterwuͤrfigkeit beſänftigte ei⸗ nigermaßen den hochfahrenden Sinn des Biſchofs, der ſeinen zornigen Ton nun um etwas herab ſtimmte. Es iſt mir lieb, wenn Ihr Euer Unrecht einſeht, ſprach er, denn Erkenntniß iſt der erſte Schritt zur Beſſerung, und dieſe bei den ſuͤndhaften Untergebenen meines Spren⸗ gels das hoͤchſte Ziel meiner frommen Wuͤnſche. Doch kann ich blos unter zwei Bedingungen mein voriges urtheil widerrufen und Euch verzeihen. Die erſte iſt, daß Ihr Eure alte Mutter wie⸗ der mit Euch nehmt, und ſie ferner in Eurem Hauſe wohnen laßt, aber nicht als — 145— als den Gegenſtand Eures Unmuths und Curer trotzigen Ungeduld, ſondern in⸗ dem Ihr ihr die beſte Pflege gewäͤhrt, die nur immer das hinwelkende Alter erhalten und erquicken kann. Die zweite iſt, daß ihr ſofort Eure ſchoͤne Haus⸗ hälterin verabſchiedet, und Euch beflei⸗ ßigt, kuͤnftig nur Dienerinnen zu wäh⸗ len, die uͤber die verfuhreriſchen Jahre der Jugend hinaus, und nicht mit leib⸗ licher Schoͤnheit verſehen ſind, welche der Satan nur gar zu oft zu Fallſtri⸗ cken gebraucht, um maännliche ugend zu erſchuͤttern, Der Geiſtliche, welcher wehl e ein⸗ ſah, daß nur erſt eine ruhigere Zeit ihm verſtatten werde, ſich zu rechtfertigen, und ſeine vollkommenſte Unſchuld uͤber die ihm zur Laſt gelegten Anklagepunkte darzuthun, entfernte ſich eiligſt, um ſich ſo bald als moͤglich der ſchwaͤlen und 10 beſchaͤmenden Atmoſphaͤre dieſes Saals zu entziehen, in welcher ihm zweifelhaft wurde, ob der Biſchof verruͤckt ſch, oder er. Es folgten ihm, auf Befehl des Er⸗ ſteren, einige ſeiner Diener, die beauf⸗ tragt waren, die Alte zu ihm aufs Pferd herauf zu heben, und ſich zu uberzeugen, daß die Abreiſe im vollſten Frieden muͤt⸗ terlicher und kindlicher Sm vor ſich gegangen ſey. Die arme„bis jetzt nur noch zach beruhigte Frau nahm ſich vor, erſt wenn ſie in der Wohnung ihres Adop⸗ tivſohnes angekommen ſeyn werde, ihm Aufſchluß uͤber dieſen ſonderbaren Vor⸗ fall zu geben, und auch er verſchob bis dahin die ſo natuͤrliche Frage nach der urſach der ihm aufgedrungenen, unwill⸗ kommenen Sohnespflichten, die er ſo bald als moglich abzuſchuͤtteln, die groͤßte Luſt hatte. Sehr verdrießlich warf er, — 147— da die Trabanten des Biſchofs ihm be⸗ fahlen, ſeine Mutter durch eine warme Huͤlle vor Erkaͤltung zu ſchuͤtzen, ſeinen grauen Regenmantel ihr uͤber den Kopf, und ſo gleichſam wie in einem Sacke ſteckend, doch zufrieden, daß dieſe Ver⸗ ſchleierung ihren Anblick dem wahrſchein⸗ lichen Spotte der Menſchen entzog, ließ ſie ſich von dem alten, lebensſatten Gaul, der unter ſeiner zwiefachen Buͤrde keuchte— ſie wußte ſelbſt nicht, wo⸗ hin?— von dannen tragen. Doch noch nicht lange hatten ſie die Stadt im Ruͤcken, als der raſche Trab eines muthigen, jugendlichen Roſ⸗ ſes ihnen entgegen kam, und eine ihr wohlbekannte Stimme, die ihre Nerven mit Wehmuth und Entzuͤcken durch⸗ bebte, den Geiſtlichen, der ſie wider ſeinen Willen in den Armen hielt, be⸗ gruͤßte. Es war ihr Sohn. Lauter 10* ———— — wie in den Zeiten ihrer Jugend, von der erſten Liebe bewegt, klopfte ihr Herz bei dem Gedanken ſeiner Naͤhe, und ſie huͤllte ſich dichter in den Regenmantel⸗ der ſie ſeinen Blicken verbarg. Beide Geiſtliche hatten eine ober⸗ fläͤchliche Bekanntſchaft mit einander, da ſie ſich zuweilen in Geſchaͤften der Kirche an einem dritten Orte ſahen. Daher that der Adoptioſohn an den wirklichen die Frage, wo er hingedenke? und als dieſer erwiederte: zum Bi⸗ ſchof, der ihn vorgeladen habe, konnte jener ſich der Ausbruͤche ſeines bitterſten. Mismuths nicht erwehren. Nun, rief er aus, ſo gehe es Euch beſſer als mir, der ich, ſtatt ihm eine wichtige Angelegenheit vorzutragen, wel⸗ che die Urſache meines Kommens war, mit einem alten, vermuthlich wahnſin⸗ nigen Weibe wieder nach Hauſe kehre, — 149— das öffentlich behauptet, meine Mut⸗ ter zu ſeyn, und das auch der Biſchof ohne weitere Unterſuchung dafuͤr aner⸗ kannt hat. Nur unter der Bedingung, fuͤr ihre Pflege zu ſorgen, hat er die Entſetzung von meinem Amte widerru⸗ fen, das ich durch kindlichen Ungehor⸗ ſam und ſonſtige ſchlechte Auffuͤhrung verwirkt haben ſollte, und fuͤrwahr, lieber Freund! ſaͤße nicht in dieſem läſti⸗ gen Buͤndel, das ich mit mir ſchlep⸗ pe, der lebendige Beweis fuͤr die Wahr⸗ heit meines Misgeſchickes vor mir, ſo wuͤrde ich glauben, daß haͤtte. Er luͤftete hierbei ein wenig die Hůle der Alten, die nun ihrem Sohn ſichtbar wurde, und die beſchaͤmt die Augen niederſchlug, um den ſeini⸗ gen nicht zu begegnen. Sonderbares Ereigniß!— rief dieſer aus, ohne zu — 6150— verrathen, wie ſehr, was er ſah und hoͤrte, ſein Innerſtes erſchuͤtterte. In⸗ deß freut es mich, daß ich Euch be⸗ gegnet bin, weil ich Euch vielleicht nütz⸗ lich ſeyn kann. Ich habe heute mei⸗ ne Haushaͤlterin entlaſſen, und es war meine Abſicht, wenn ich in die Stadt kaͤme, mir dort eine andere an⸗ ſtaͤndige und geſetzte Perſon zur Fuͤh⸗ rung meiner kleinen Wirthſchaft zu din⸗ gen. Sollte dieſe gute Frau, die Ihr da auf Eurem Pferde habt, und die mir dennoch ganz vernuͤnftig ausſieht, geneigt ſeyn, mir zu dieſem Zweck zu folgen, ſo waͤre uns Beiden geholfen, und ich gebe hiermit das feierliche Verſprechen, daß es ihr nie gereuen ſoll. Die Mutter, welche ſich kaum der Thraͤnen enthalten konnte, nickte ihm freundlich zu, und ſtreckte, ſtatt aller Ankvott, die Arnie nachihi aus. Ihe ſeyd mein guter Engel, ſprach der Geiſt⸗ liche, indem er abſprang) und— als koͤnne ſich ſein Amtsbruder wieder an⸗ ders beſinnen— Anſtalten machte, ihm die aufgedrungene Gefährtin ſogleich zu äberliefern. Rechnet bei allen vorkom⸗ menden Gelegenheiten auf meine eifrig⸗ ſten Begondienſte— Hier boſtieg et ſein mltes Pfird wieder, daͤs, ſich erleich⸗ tett fuͤhlend, nun etwas mit S. ttabte rů nnm 4 101 1h13 1it 3 34 honni Der reuige Sohn aber, der,. Mutter und ihren ſchnell verrauchenden Jähzorn kennend, den Zuſammenhang des wunderbaren Vorfalls halb und halb wenigſtens ahnete, druͤckte ſie mit In⸗ nigkeit an ſeine Bruſt, und ſagte: Ihr findet mein Haus geſaͤubert von Allem, was Euch misfallen konnte, liebe Mut⸗ 1* ter, und käͤnftig ſoll nur Euer Wille und Eure beſſere Einſicht uͤber die Wahl weiner Dienſtboten, und uͤber die Einrich⸗ tungen meines Hausweſens entſcheiden. Wollt Ihr mir, indem ich Euch dies 5 h das Seen ißen Die konnte vor Rhuns nicht ſprechen, aber ihre Thra⸗ nen ſagten Jat— Sie kehrten nun in ihre Wohnung zuruͤck, und lebten, bis der Tod ſie trennte, in Liebe und in un⸗ getrubter Eintracht mit einander. e7 . 1£. „ Dar 1 191 . M 130— 7112t 12011 7 ² 7 Koͤnig Siegmund Auguſt von Polen und 3 ſeine Gemahlinnen. 6 n h — — ——————— ——„ 1 3„ — 3 5 . X „7„ . ₰ 4„ Es bedurfte, nach dem im Jahr 1546 erfolgten Tode Konig Siegmund des Er⸗ ſten von Polen keiner neuen Koͤnigswahl⸗ da bereits fruͤher ſein Sohn, Siegmund Auguſt, als kunftiger Herrſcher angenome men und unter der Bedingung gekront worden war, ſich bis zum Tode ſeines Vaters aller Eingriffe in die Regierung zu enthalten. So bald aber die königliche Leiche beſtattet, und die Exequien in Cra⸗ cau vollendet waren, trat er das ſchwere Amt der Koͤnigswuͤrde thaͤtig anz doch der erſte Anfang zeigte ihm ſchon, wie die offentliche Meinung gar oft von ge⸗ ringfugigen Dingen abhaͤngt. Denn da das Trauermahl, das er bei der Beerdi⸗ gung ſeines Vaters zu geben hatte, an einem Mittwoch fiel, ein Tag, an wel⸗ chem die Polen kein Fleiſch auf ihrer Ta⸗ fel dulden, und er, mit deutſcher Sitte vertraut, und ihr folgend, dieſe Gewohn⸗ heit nicht beachtet hatte, gab er dadurch ein allgemeines Aergerniß, das ſich mur⸗ rend aͤußerte, und ſeiner perſoͤnlichen Ent⸗ ſchuldigung und des ſchnellen Herbeiſchaf⸗ fens von Fiſchen und andern Faſten⸗ ſpeiſen bedurfte, um nicht, der Flamme 2„ vie unter der W B enmnd Auguſt in ſeinem acht und zwanzigſten Jahre, denn er war den erſten Auguſt 1520. geboren. Die Koͤnigin Bona, ſeine Mutter, ver⸗ zaͤrtelte ihn ſehr, und vereitelte durch ihre uͤbertriebene Liebe und PVerweiche⸗ lung das Bemuͤhen ſeines Lehrers, eines — 157— klugen und gelehrten Sicilianers, der M. Andreas hieß, ihn mit Ernſt und Eifer zum Fleiß anzuhalten, und ihm eine Bildung zu geben, die ſeines einſtigen hohen Standpunktes wuͤrdig ſch. Da ſie wuͤnſchte, ihn ſiets um ſich zu haben, beſchwerten ſich die Staͤnde oͤffentlich daruber, und brachten es dahin, daß der Prinz im ſiebzehnten Jahre ſeines Alters endlich aus den mutterlichen Ge⸗ maͤchern weggenommen und ihm neben M. Andreas noch Peter Opolinsky als Hofmeiſter zugegeben wurde, der ſich be⸗ ſtrebte, die nachtheiligen Eindruͤcke weib⸗ lichen Einfluſſes auf ihn zu verloſchen, und mit angemeſſenern zu vertauſchen. Hierauf machte ihn der Konig zum Herzoge von Lithauen, und Kaiſer Fer⸗ dinand der Erſte vermaͤhlte ihm ſeine Tochter Eliſabeth, eine ſchone und mit jeder holden Frabentugend geſchmuckte Prinzeſſin, deren Loos es aber war, kaum dem Leben erbluͤht, ſchon wieder zu ſterben, indem im Jahre 1545. nach einer zweijaͤhrigen Ehe ein plotzlicher Tod in Abweſenheit ihres Gemahls, der ſich gerade bei ſeinem Vater in Cracau be⸗ fand, ſie in ihrem achtzehnten Jahre, und vicht ohne den Verdacht einer Vegif tung dahin raffte. war es, daß dieſe junge e Fürſin, die Jeden fuͤr ſich einzunehmen wußte, und allgemein gelicbt und geſchätzt war, nur das ſtets von ihr abgewendete Herz ihrer Schwie⸗ germutter, der Koͤnigin Bona, nicht zu gewinnen verſtand. Da ſie es an kind⸗ licher Ehrerbietung und Unterwerfung nicht fehlen ließ, auch das Gluͤck ihres Ge⸗ mahls, dem ſie auf das Innigſte erge⸗ ben war zu machen ſchien, ſo läßt ſich dies Räthſel nur durch die ſeltſfame muͤt⸗ terliche Eiferſucht erklaͤren, die ſich nicht daran gewoͤhnen konnte, eine Nebenbuh⸗ lerin in dem Herzen ihres Sohnes zu dulden, wo ſie ſ S lein vwerſh i Otlech giuhu mit ſe⸗ ner dem beſten Vernehmen gelebt und ihren FTod herzlich beklagt hatte, ſo lehrten ihn doch erſt ſpaͤtere Zeiten die Gewalt der Liebe in ihrem ganzen Umfange kennen, die ihm bisher fremd geblieben war. Er ſah naͤmlich die junge und reizende Wittwe, Barbara Radzivil, die als die ſchonſte Frau ihres Zeitalters bewundert, abet auch um ihrer korperlichen und geiſtigen Vorzuͤge wil⸗ len ſehr vielfaͤltig beneidet und verlaͤum⸗ det wurde. Obwohl Siegmund Auguſts⸗ 43 * ſturige vewerbun ſie nicht gleichgůltig ließ, ſo wußte ſie doch durch Ernſt und edlen Stolz ihn in den Schranken der großten Achtung fur ſie zu erhalten, und ihn zu uͤberzeugen, daß ihre Gunſt nicht außet det Ehe zu gewinnen ſey. Da er fuͤrchtete die Zuſtimmung ſeines Vaters zu einem ſolchen Bunde nicht zu erlan⸗ gen, ſo ſchloß et ihn heimlich, indem er ſich im Jahre 1545. nur wenige Mo⸗ nate nach dem Abſterben ſeiner erſten Gemahlin/ in aller Fon nit ver⸗ maͤhlte. Trotz der vchutntet, mit wel⸗ cher er das Geheimniß zu bewahren, und den umgang mit der Geliebten zu ver⸗ ſchleiern ſtrebte, wollte doch, wie es zu gehen pflegt, hier und da etwas davon verlautbaren. Indeß wurde es weit mehr bezweifelt, als geglaubt, und die Stände waren daher nicht wenig uͤberraſcht, als er er nach dem Tode ſeines Vaters ſie dͤf⸗ fentlich als ſeine Gemahlin erklaͤrte. Un⸗ zufriedenheit und Murren uͤber eine Wahl, die das Haus des Koͤnigs ſo innig mit den Familien ſeiner Unterthanen ver⸗ zweigte, und den letztern Vorrechte ein⸗ raͤumte, welche die Quelle manches Zwi⸗ ſtes, mancher Ueberhebung und Anſpruͤ⸗ che ſehn konnten, verbreitete ſich unter der Menge, und bei dem Reichstage, der bald nach dieſer Entdeckung in Pe⸗ terkau gehalten wurde, uͤbernahm es Jo⸗ hann Sirokovsky, es zur Sprache zu bringen. Nachdem Sirokovöky dem Koͤnig, wie es gebraͤuchlich war, zum Antritt ſeiner Regierung Gluͤck gewuͤnſcht, ſtellte er ihm vor, daß er durch eine nicht er⸗ zwungene oder erliſtete, ſondern voͤllig freiwillige Wahl den Thron beſtiegen, weil der Jagelloniſche Stamm ſtets das 11 — 162— hochſte Vertrauen des Landes beſeſſen, und ſich den Ruhm erworben habe, die Koͤnigswuͤrde um ſeiner Tugenden wil⸗ len zu verdienen. Deshalb erwarte man zuverſichtlich, daß auch er nicht durch Worte, ſondern durch die That bewei⸗ ſen werde, wie er den Vorzug erkenne, von ſo glorreichen Vorfahren abzuſtam⸗ men und an der Spitze eines freien Vol⸗ kes zu ſtehen, und wie es Pflicht ſey, die Ehre ſeines Hauſes, die ſeine Ahnen ihm unbefleckt hinterlaſſen, eben ſo auf die ſpaͤteſte Zukunft zu bringen. Siegmund Auguſt unterbrach den Sprecher, indem er antwortete, es ſey ſein feſter Vorſatz, in die ruhmwuͤrdigen Fußtapfen ſeiner Vorfahren zu treten, und ſo zu regieren, wie es das Wohl des Landes und ſeiner Unterthanen er⸗ fordere.— Hierauf wollte er zu Geſchaͤf⸗ ten uͤbergehen, vielleicht, weil er ahnete, — 3 daß jetzt eine ſein Herz ſehr nahe ange⸗ hende Sache mit rauher Hand beruͤhrt, und mit finſterm Sinne getadelt werden wurde; doch er vermochte nicht, die Er⸗ bitterten von dieſem Gegenſtande abzulen⸗ ken. Man warf kuͤhn die Frage auf: ob man eine Ehe billigen duͤrfe, welche heimlich, ohne Vorwiſſen ſeiner koͤnig⸗ lichen Aeltern und des Reichsrathes geſchloſſen, und daher wider gottliche und menſchliche Geſetze ſch. Solche Schwaͤger, als die Verbindung mit einer Unterthanin ihm bringe, ſtuͤnden dem Lande nicht an, und es ſeh um ſo mehr eine Entwuͤrdigung der Majeſtaͤt, den Thron mit einer Gemahlin zu theilen, die ihm nicht ebenbuͤrtig ſey, da ihm die Wahl unter den Toͤchtern der maͤchtig⸗ ſten Monarchen frei ſtehe, wie ja ſchon Kaiſer Ferdinand der Erſte gezeigt, in⸗ dem er ihm mit Freuden die liebenswerthe 4 — 164— Prinzeſſin zur Ehe gegeben habe, die ein allzu fruͤher Tod, zur allgemeinen Trauer des Landes, von ſeiner Seite geriſſen. Da man in den Zuͤgen des Koͤnigs Entruͤſtung wahrnahm, und ſeine hoch⸗ gluͤhenden Wangen und funkelnden Augen den Ausbruch derſelben drohten, ſo grif⸗ fen die Staͤnde zu einem Mittel der Ue⸗ berredung, was ihnen ihr Stolz nie vor⸗ her noch erlaubt. Sie knieeten naͤmlich vor ihm nieder, und beſchworen ihn, bei Allem, was heilig, doch um der Wohl⸗ fahrt des Reichs willen, dieſe unge⸗ ziemende Ehe aufzulbſen, und nach Ge⸗ fallen eine andere„ ſeinem Stande gemaß, einzugehen. 31 Die demuͤthige untrmerfung, die man nicht gewohnt war, an dieſen kecken und hochmuͤthigen Maͤnnern wahrzuneh⸗ men, ruͤhrte Siegmund Anguſt, obgleich ſie die Feſtigkeit ſeiner Grundſätze nicht —— zum Wanken brachte. Er ſtand vom Throne auf und entbloͤßte ſein Haupt, indem er bat, ihm einige Momente zur Sammlung ſeines aufgeregten Gemuͤths zu goͤnnen. Hierauf erwiederte er tief bewegt, daß die erſte Pflicht eines Man⸗ nes ſey, ſein Wort zu halten, und daß ſein Charakter unmoͤglich ihr Zutrauen erwerben koͤnne, wenn er falſch und meineidig an dem Geringſten ſeiner Un⸗ terthanen zu handeln faͤhig ſey, wie um ſo weniger noch, wenn er dem Weibe ſeiner Herzenswahl die Treue braͤche, auf die ſie ihr Gluͤck gruͤnde, und die er Ihr, wie ſich ſelber, ſchuldig ſey. Dieſe Worte des Koͤnigs, mit tiefem Ge⸗ fuͤhl, aber auch zugleich mit unerſchuͤtter⸗ lichem Ernſte geſprochen, erbitterten den Senat noch mehr, ſtatt ihn zu verſoͤh⸗ nen. Man drang nur um ſo lebhaf⸗ ter in ihn, ſeine Unbedachtſamkeit wie⸗ — 166— der gut zu machen, und ſeine Gemahlin zu verſtoßen, die Niemand als Koͤnigin zu achten ſich entſchließen werde. Auch die Biſchoͤfe vereinigten ihr Mißfallen uͤber dieſe Verbindung mit den Unzufrie⸗ denen, die ſich dagegen auflehnten; man erklaͤrte dieſe Ehe fuͤr eine Winkelehe, und Siegmund Auguſt nicht befugt, gleich andern Maͤnnern, nach der ſtumpfſinni⸗ gen Anſicht des beſchraͤnkten buͤrgerlichen Lebens, ein voreilig gegebenes Wort zu halten, indem koͤnigliche Verpflichtun⸗ gen uͤber menſchliche gingen, und ihm von Reichswegen hoͤhere Ruͤckſichten oblaͤ⸗ gen. Wild verworren ſtritten die Stim⸗ men durch einander; die eine behauptete, nach einem Spruche des Euripides, wenn man das Recht beugen ſolle, ſo muͤſſe man eb nur um eines Konigreiches wil⸗ len beugen, ſonſt ſolle man in Gottes⸗ furcht beharren. Die andere rief: es — 167— ſey weniger gefaͤhrlich, wenn die Tuͤrken feindlich in Polen einfielen und es ver⸗ wuͤſteten, als daß dieſe Gemahlin ſich mit dem Range einer wirklichen Konigin von Polen bruͤſte.— Doch es gab auch billiger denkende Menſchen unter den aufgeregten Strei⸗ tenden. Unter andern ſagte ein ehrwuͤr⸗ diger Greis, daß er zwar keinesweges die Heirath des Konigs billige, aber eben ſo wenig darauf dringen koͤnne, ſie wieder aufzuheben; denn es ſeh am Ende immer noch beſſer, die Republik zu be⸗ leidigen, als Gott, der die Heiligkeit der Ehen beſchͤtze. Ein anderer ſetzte hinzu, es wuͤrde wohl Niemand ſo thöricht ſeyn, dem Koͤnige zu rathen, er moͤge ſich den Fuß ausrenken laſſen. Wenn es aber einmal geſchehen ſey, muͤſſe man denſelben nicht mit dem Schwerte abhauen, ſondern ſich bemuͤhen, ihn, ſo — 168— gut es eben gehen wolle, wieder ein⸗ zurenken. Deſſen ungeachtet beharrte die Mehr⸗ zahl der Verſammlung mit Ungeſtum auf dem Wunſche, ein ſo unſchickliches und den Stolz der Nation kraͤnkendes Buͤnd⸗ niß zu vernichten; doch Siegmund Au⸗ guſt blieb unbeweglich, wie der Felſen, der der wilden Brandung des Meeres trotzt. Als jetzt ein neuer Tadler auf⸗ trat, ihm mit kecker Stimme zu ſagen, daß im Irrthume befangene Koͤnige der Sonne glichen, welche eine Verfinſte⸗ rung ihres Glanzes und ihrer Waͤrme beraubt, und die alsdann die ganze Na⸗ tur zu trauern zwinge, weil ſie ihr nicht nuͤtze— ſo auch leide das Wohl des Gemeinweſens unter den Uebereilungen ihrer Herrſcher; da entbrannte der lang zuruͤck gedraͤngte Zorn des Koͤnigs zu einer Heftigkeit, die ihn hinriß, der Ver⸗ — 169— ſummlung mit gebietriſchem Tone gen zu befehlen. Dies hatte noch keiner ſeiner Vor⸗ fahren gewagt dem verſammelten Senate gegenuͤber zu thun. Grimm und Wuth uͤber dieſe Beleidigung geſellte ſich noch zu dem vorhergehenden Misvergnuͤgen, und der Woiwode Raphael Leszinsky ſtellte in einer eindringenden Rede die ungebuͤhrliche Aufwallung des Koͤnigs in ein ſo helles Licht, daß dieſer von ſei⸗ nem Unrecht uͤberfuͤhrt wurde, und, zur Maͤßigung zuruͤck gekehrt, erklaͤrte, es ſey ihm nicht in den Sinn gekommen, die Freiheit der Stimmen aufzuheben, und er werde ſie pflichtgemäß bei allen Vorfaͤllen hoͤren und pruͤfen, die des Reichs Vortheil und Regierung betref⸗ fen. In ſeinen haͤuslichen Angelegen⸗ heiten aber ſey Jedem vergoͤnnt, un⸗ nutze Einmiſchungen zurͤck zu weiſen, — 170— oder Rathſchlaͤge, deren man nicht be⸗ duͤrfe, ſo wie Zumuthungen, die man verabſcheue, abzulehnen. Daher erklaͤre er zum letzten Male, daß er ſich nie von ſeiner Gemahlin trennen werde, und daß ſeine Aufforderung zum Stillſchwei⸗ gen ſich lediglich darauf beziehe, daß er uͤber eine Sache, uͤber die er voͤllig einig mit ſich ſelbſt und mit ſeinem Gewiſſen ſey, nichts mehr hoͤren wolle. Denn fuͤrwahr, fuͤgte er mit wuͤr⸗ devollem Ernſte hinzu; die Krone Polens iſt mir theuer, und mit meinem Blute wuͤrde ich ſie mir zu erhalten ſtreben. Einer Nichtswuͤrdigkeit aber moͤchte ich ſie nicht verdanken, und wenn man mich noͤthigen wollte, ſie durch eheliche Un⸗ treue auf meinem Haupte zu befeſtigen, wuͤrde ich lieber auf das Reich verzich⸗ ten, und mich erinnern, daß ich auch Herzog von Lithauen bin. — 171— Sey es, daß dies maͤnnliche Be⸗ tragen unwillkuͤhrlich den Widerſpenſtigen Achtung einfloͤßte, oder daß die ſtrahlende Schonheit und Anmuth ſeiner Gattin durch ihren Zauber die abgeneigten Ge⸗ muͤther gewann, kurz, nach einiger Zeit ſtraͤubte ſich Niemand mehr, ſie als recht⸗ maͤßige Koͤnigin anzuerkennen, und ſie des Platzes wuͤrdig zu halten, den die treue Liebe ihres Gemahls ihr an ſeiner Seite auf dem Throne einraͤumte. Ihre eifrigſten Feinde wurden jetzt, nachdem ſie ſie naͤhet kennen lernten, ihre feurig⸗ ſten Bewunderer. Sogar die Konigin Bona, die am hartnaͤckigſten gegen dieſe Wahl ihres Sohnes gekaͤmpft hatte, be⸗ gruͤßte ſie als Mutter, und wuͤrdigte ſie der zaͤrtlichſten Behandlung, ſo wie des hingebendſten Vertrauens. Der Enthu⸗ ſiasmus, den ſie zu erwecken wußte, ging ſo weit, daß man dem Koͤnige Vor⸗ ſchlaͤge zu ihrer feierlichen Krönung machte, die er mit Freuden annahm, da es ihn begluͤckte, ſeine Liebe nicht nur in ſeinem Herzen, ſondern auch vor de Welt zu ehren. Doch genoß Barbara Rdzil den ſuͤßen Triumph nicht lange, den ihre Reize und die treue Anhaͤnglichkeit ihres Gemahls ihr verſchafften, denn ſie lebte nur noch ſechs Monate nach dieſer öffent⸗ lichen Huldigung, welche ihr die ihr ſo lange beſtrittene Wuͤrde als Koͤnigin durch die Heiligkeit der Salbung beſtä⸗ tigte, und ſo gläͤnzend ihr Sieg uͤber die feindlichen Gemuͤther und uͤber die Vor⸗ urtheile war, die in ihrem Wege lagen, ſo quaalvoll war der Tod, der ihre ſchimmernde Laufbahn endigte. Der Wunſch nämlich, Kinder von einem Manne zu haben, den ſeine be⸗ waͤhrte Geſinnung hoͤher noch in ihren — 173— Augen ſtellte, als ſein Rang, bewog ſie, nach dem Rathe unwiſſender Aerzte, ſcharfe Arzeneien einzunehmen, von deren Wir⸗ kung ſie ſich die Erfuͤllung ihrer Sehn⸗ ſucht verſprach. Statt deſſen aber wur⸗ den ihre Saͤfte verdorben, und es bildete ſich ein krebsartiges Uebel an ihrer Bruſt, das ihre Schoͤnheit, und bald darauf ihr Leben verzehrte. Hier erſt zeigte ſich die Treue ihre Gemahls in ihrer ganzen Reinheit. Nicht Augenluſt und ſinnliche Freuden konnten mehr Antheil an dem unermuͤdeten Eifer haben, mit welchem er ſie uͤbte. Er ver⸗ ließ ſie weder Tag noch Nacht, und that Alles, was die zaͤrtlichſte Pflege und die innigſte Sorgfalt nur immer zur Erleich⸗ terung ihres Zuſtandes beizutragen ver⸗ mochte. So geliebt Barbara Radzivil von ihrer Umgebung war, ſo konnte doch Niemand den mit dieſer graßlichen Krank⸗ —— heit verbundenen uͤbeln Geruch ertragen, der die Luft in ihrer Naͤhe verpeſtete. Nur ihr Gemahl ſcheuete ſeinen ſchaͤdli⸗ chen Einfluß nicht, und uͤberwand mu⸗ thig und liebevoll allen Ekel, um huͤlfreich zu ſeyn. Sie hoffte von einer Luftveraͤnderung einige Linderung zu erlangen, und ſehnte ſich, nach Niepolomitz gebracht zu wer⸗ den. Siegmund Auguſt ließ in der Ge⸗ ſchwindigkeit einen ſo großen Wagen fuͤr ſie verfertigen, daß ſie in allen Richtun⸗ gen durch Abwechſelung ihrer Lagen ſich Erleichterung gewaͤhren konnte. Er war, da er alle Bequemlichkeiten vereinigen mußte, von ſo ungeheurem Umfange ge⸗ rathen, daß das Thor von Cracau nicht geraͤumig genug war, ihn durchzulaſſen. Der Befehl, es zu dieſem Behufe einzurei⸗ ßen, war ſchon vom Koͤnige ertheilt worden, als die immer mehr uͤberhand nehmende — 175— Schwaͤche der Koͤnigin und ihr bald dar⸗ auf erfolgender Tod die Reiſe vereitelte. Sie ſtarb den zwoͤlften Mai 1551. in den Armen ihres Gatten, der ſie tief be⸗ trauerte, und ihren letzten Willen ehrte, indem er ihn auf das Puͤnktlichſte erfuͤllte. Sie hatte naͤmlich verlangt, nicht in Cra⸗ cau, ſondern in Willna ihre letzte Ruhe⸗ ſtaͤtte zu finden. Als man ihre Leiche dahin fuͤhrte, ritt der Koͤnig, innig be⸗ truͤbt, ſtets dicht hinter dem Sarge. Wenn aber der Zug durch ein Dorf oder eine Stadt kam, ſtieg er ab, und ging ehrerbietig, mit entbloͤßtem Haupte, zu Fuße hinter demſelben, wovon ihn auch der heftigſte Regen, der ſich ergoß, nicht abzuhalten vermochte. Da ſolche Selbſt⸗ verleugnung, Treue und Ausdauer nicht nur waͤhrend ihrer ſchmerzlichen Krank⸗ heit, ſondern auch noch nach ihrem Tode, ſchon damals eine Seltenheit war, die, 6— wie man glaubte, bei dem maͤnnlichen Geſchlecht nicht mit naturlichen Dingen zuging, ſo folgerte die Meinung der Zeit⸗ genoſſen daraus, daß Barbara Radzi⸗ vil nicht durch ihre eigenthuͤmlichen Vor⸗ zuͤge und guten Eigenſchaften, ſondern durch Zauberkuͤnſte und Hexerei ihren Gemahl ſo ganz fuͤr ſich gewonnen habe; ein Glaube, der ſich noch nach ſeiner dritten Vermaͤhlung unter dem Volke erhielt. ie So wenig der Koͤnig, trotz ſeiner blahenden Jahre, geneigt war, ſich von Neuem zu verbinden, ſo bewog ihn doch bei der Kinderloſigkeit ſeiner fruͤhern Ehen, der Wunſch ſeiner Unterthanen, und die dringende Bitte der Stände, abermals zu einer Wahl zu ſchreiten. Dieſe fiel auf eine Schweſter ſeiner er⸗ ſten Gemahlin, Katharina, Tochter Kai⸗ ſer Ferdinand des Erſten und Wittwe des des Herzogs Franz von Mantua. Pabſt Julius der Dritte machte der nahen Ver⸗ wandtſchaft wegen Schwierigkeiten, ehe er die Diſpenſation ertheilte. Endlich er⸗ folgte ſie, aber mit ihr nicht das Gluͤck, welches ſi ich viele dadurch fuͤr den auf ſeinem Throne jetzt ſo einſamen, und in ſeiner Trauer ſo Seehe König verſprochen hatten. Denn es war, als trete Beebe Radzivils Geiſt zuͤrnend zwiſchen dieſe kaum geſchloſſene Verbindung, um ſie wieder zu trennen. Siegmund Auguſt naͤmlich, der Alles, was die Verſtor⸗ bene einſt umgab, in den hoͤchſten Eh⸗ ren hielt, und der nie ermangelt hatte, ſie auf's Reichlichſte mit Allem zu verſe⸗ hen, was koͤnigliche Pracht nur immer der Schoͤnheit bieten kann, glaubte ſei⸗ ner neuen Gemahlin einen Beweis ſeiner Achtung zu geben, wenn er ihr den 3. * 42 Schmuck und die Kleider ſeiner un⸗ vergeßlichen Geliebten ſchenkte. Dieſe aber fand ſich, weniger aus Furcht, die ihr zu verzeihen geweſen waͤre, da Nie⸗ mand gern die Hinterlaſſenſchaft einer an Kreböſchaden Geſtorbenen gebrauchen mag, ſondern aus Stolz, durch ein ſolches Anſinnen auf das Heftigſte gedemuͤthigt und beleidigt. Mit mehr Aufrichtigkeit als Klugheit wies ſie Alles ſchnoͤde zu⸗ ruͤck, was ihre Vorgaͤngerin jemals be⸗ ruͤhrt hatte, indem ſie ſich verlauten ließ, ſie werde nie etwas tragen, was einem ſo tief unter ihr ſtehenden, von ihr ver⸗ achteten Weibe angehoͤrt habe. Dieſe ſeine verklaͤrte Gattin noch im Grabe kraͤnkende Beleidigung wandte ur⸗ prlotzlich das Gemuͤth des Koͤnigs von ihr ab. Er dachte von dieſem Augen⸗ blicke an, an eine Eheſcheidung, und er⸗ griff jeden Vorwand, ſie in's Werk zu — 179— ſetzen, obgleich unzählige Fuͤrbitten ſich beſtrebten, die Uneinigkeit wieder auszu⸗ gleichen, und der Bruder ſeiner Gemah⸗ lin, Kaiſer Maximilian der Zweite, auf dem Reichstage zu Speier die Chur⸗ und andern Fuͤrſten befragte, ob er nicht nach den vielfach gemachten vergeblichen Vorſtellungen durch eine Kriegserklärung ſuchen ſolle, ſeiner ſo zuruckgeſetzten und uͤbel behandelten Schweſter zu ihrem Rechte zu verhelfen. Der Churfuͤrſt von Brandenburg aber, Joachim der Zweite, ſtellte ihm als ein friedliebender und erfahrner Fuͤrſt vor, daß ſich wohl Schanzen und Mauern, aber nicht Her⸗ zen mit dem Schwerte erobern ließen, und es blieb daher der Koͤnigin Katha⸗ rina nichts zur Linderung ihres Schick⸗ ſals uͤbrig, als ſich freiwillig in ihre Heimath zuruͤck zu ziehen, wo ſie erſt in Wien, dann in Linz ihren Aufenthalt 12* — 180 un, um am. Dut —— bii von dieſer Zeit an unvermaͤhlt, und ging den 7. Julius 1572. in Kniſchin, an der lithauiſchen Grenze, wohin er ſich von Warſchau, der dort herrſchenden Peſt wegen, begeben hatte, im zwei und funf⸗ zigſten Jahre ſeines Alters in jenes beſ⸗ ſere Land hinuͤber, wo keine Trennung mehr iſt, und wo er— was das Ziel ſeiner ſteten Sehnſucht war— ſin ge⸗ liebte Barbara Radzivil wieder 1 den u e 3 * Die arme Anna. Eine wahre Geſchichte. Wenn die Dienſtbarkeit wirklich ein ſo ſchweres Joch iſt, wie man zu glauben pflegt, ſo mußte jeder, der Anna Will, die Magd eines angeſehenen Hauſes im Badeorte K... kannte, ſich und An⸗ dern eingeſtehen, daß ſie es mit eben ſo viel Grazie als Ergebung trug. Sie war die älteſte Tochter einer nach dem Tode des Vaters verarmten Handwerkerfamilie, und ſie zaͤhlte es nicht nur zu ihren Pflich⸗ ten, ſondern es machte auch ihre großte Freude aus, durch Selbſtverlaͤugnung, Sparſamkeit und ſtillen Fleiß die Ihri⸗ gen zu unterſtuͤtzen, um der Mutter Pfle⸗ ge, und den Geſchwiſtern eine — 184— Erziehung zu verſchaffen, die ihrem Stande angemeſſen, ihnen dereinſt ein rechtliches Fortkommen in der Welt ſichern konnte. Schoͤn und bluͤhend, wie die Roſe, die im Schatten ihren Kelch erſchloß, wußte ſie, ohne es zu wollen, die Augen aller Maͤnner auf ſich zu ziehen. Doch durch die lautere Unſchuld ihres Weſens und die reine Sittlichkeit ihres Wandels er⸗ warb ſie ſich auch die Gunſt der Fauen, und ihr Charakter, ſo wie ihre Auffuͤh⸗ rung, floͤßte jedem, der ſie ſah und be⸗ obachtete, eine Achtung ein, die ſie hoch uͤber den niedern Standpunkt ſtellte, den ein ungerechtes Schickſal ihr angewie⸗ ſen hatte. Indeß fuͤhlte ſie ſich glucklich in ihrem niedern Beruf. Sie erfreuete ſich des Wohlwollens ihrer Herrſchaft, die durch gutige Behandlung und durch Freigebig⸗ keit es zu vergelten ſuchte, daß ſie mit jugendlicher Kraft und verſtandiger Um⸗ ſicht Chriſtinen, einer zweiten Dienerin des Hauſes, die man fruͤher gehalten hat⸗ te, entbehrlich machte, und dadurch bei dem zaͤnkiſchen Sinn und den mannich⸗ fachen Fehlern dieſer letztern, dem oft un⸗ terbrochenen Hausfrieden ein wohlthuend ruhiges Gleichgewicht verlieh. Vergebens hatte Anna geſtrebt, Chri⸗ ſtinen durch ihr Beiſpiel und ihr freund⸗ liches Zureden zu einer Aenderung ihres Benehmens zu bewegen. Sanft und von Natur freundlich zuvorkommend, war immer ihr Bemuͤhen geweſen, ſie durch Gefaͤlligkeit und Guͤte zu gewinnen; doch bei der Auszeichnung, die ihr untadel⸗ haftes Betragen ihr von Seiten ihrer Herrſchaft zuzog, geſellte ſich giftiger Reid — 186— noch zu der Unverträglichkeit, die ein hervor ſtechender Charakterzug dieſes rohen Geſchoͤpfs war, und ſo kam es denn, daß man, von ihr ſelbſt dazu bewogen, ſie endlich entlaſſen mußte, da an eine Aen⸗ derung ihrer verjaͤhrten boͤſen Gewohn⸗ heiten und Untugenden nicht zu den⸗ ken war. Madam Meier, ſo hieß Anna's Ge⸗ bieterin, erbot ſich vergebens, wiederum eine Gehuͤlfin zur Beſorgung der haͤubli⸗ chen Geſchaͤfte anzunehmen. Anna fuͤhlte ſich ſtark genug, die noͤthigen Arbeiten allein zu verrichten, und verwaltete wirk⸗ lich ihre nicht leichten Dienſte auf eine Weiſe, die nichts zu wuͤnſchen oder zu vermiſſen uͤbrig ließ. †hre Anmuth, ſo wie ihre ſittſame Beſcheidenheit hatte ihr nicht nur den Beifall hoherer Staͤnde gewonnen; auch „ — 187— unter ihres Gleichen konnte es nicht fehlen, daß ſie als die Krone der Maͤd⸗ chen Aufſehen machte und Wuͤnſche er⸗ regte, die im Schooße der noch myſtiſch verſchleierten Zukunft ihr eine ihren An⸗ ſpruͤchen angemeſſene Verſorgung hoffen ließen.—— ees war nicht Eigennutz oder Hof⸗ fahrt, ſondern der reinſte Zug des Her⸗ zens, der mit allem Zauber der erſten Liebe ſie gerade zu Arnold, dem reichſten ihrer Bewerber, hinzog. Als einziger Sohn eines ſehr beguͤterten Muͤllers, war er in der Fuͤlle des Ueberfluſſes und des Wohllebens erzogen worden, und ſeine maͤnnlich ſchoͤne Geſtalt, ſein einnehmender Frohſinn, und ſein durch eine feinere Erziehung und durch Reiſen abgeſchliffenes Benehmen zeichnete ihn ſo vortheilhaft unter den jungen Maͤnnern — 188— dieſer Gegend aus, daß der geheime Wunſch der Jungfrauen, wie der Muͤl⸗ ler, eine naͤhere Verbindung mit ihm als das Ideal einer einſtigen Verſorgung be⸗ trachteten. Obgleich ſeine ſtolzen und geizigen Eltern hoͤher mit ihm hinaus wollten, als ihn einer armen Dienſtmagd zu verloben, und mit Recht einſahen, daß er nur waͤhlen durfe unter den Toͤchtern des Landes, ſo konnten ſie doch, nach langem Werben um Annens — Liebe, der feſten Entſchiedenheit nicht widerſtehen, mit der er ſich fuͤr ſie er⸗ klarte, und da der gute Ruf und die Lieb⸗ lichkeit des Maͤdchens, trotz ihrer Armuth, eine gar erfreuliche Mitgift war, ſo hat⸗ ten ſie bereits halb und halb ihre Einwil⸗ ligung gegeben, indem ſie ihm noch ein Jahr Bedenkzeit anempfahlen, ſich zu pruͤfen oder nach Gefallen anders zu be⸗ ſinnen, um nach Ablauf dieſer Friſt ihm —— die Muͤhle abzutreten, und ihm dann vol⸗ lig frei ʒu ſtellen, ob er ſeinem Herzen folgen wolle. i nnin mi i Weniger glaͤnzend, aber gediegener durch ernſte Feſtigkeit und durch ſchon ge⸗ laͤuterten und gepruͤften Charakterwerth, war Gottfried, ein Maurergeſelle, der ebenfalls mit langem, innigem, aber be⸗ ſcheidenem Bemuͤhen nach Annens Beſitz trachtete, und ſich ihres Zutrauens und ih⸗ rer hochſten Achtung, aber— nicht ihrer Liebe erfreuen durfte. Gern ſetzte ſie mit ihm die nachbarliche Bekanntſchaft und den trauten Umgang der fruͤhern Jugendzeit fort, der durch das Nebeneinanderwohnen ihrer beiderſeitigen Eltern beguͤnſtigt wor⸗ den war, und wenn ſie Rath bedurfte, oder in irgend einer Sorge Beiſtand vrauchte, wandte ſie ſich nicht an den Geliebten, da die innige Hingebung, mit der ſie an ihm hing, nicht frei von jener rein weiblichen Schuͤchternheit war, die in einem jugendlichen Gemuͤthe waͤhnt die Liebe zu profaniren, wenn ſie außerhalb ihrer heiligen Graͤnzen Anſpruͤche an ſie macht. Sie vertraute ſich dann immer Gottfried, der denn auch jedesmal Alles aufbot, was in ſeinen Kraͤften ſtand, um durch die treuſte Theilnahme und Freund⸗ ſchaft ihre Angelegenheiten zu den ſeinigen zu machen, und ihr zu beweiſen, daß fur ſie zu ſtreben und zu handeln, die Se ſeines Lebens ſey. Als er, ſüß getaͤuſcht durch. Sehnſucht und durch die zutrauens volle Freundlichkeit, die ſie ihm erwies, einſt wagte, ihr zu geſtehen, was ſeit Jahren ſchon mit ſtillem Verlangen im Innerſten ſeiner Seele ſich fuͤr ſie regte, bekannte ihm Anna offen, daß ſie bereits liebe, — 191— und ihm niemals anders als in ſchwe⸗ ſterlicher Herzlichkeit angehoͤren koͤnne. Mit tiefem Schmerz hoͤrte der Juͤng⸗ ling das Todesurtheil ſeiner Hoffnungen ausſprechen; doch er ermannte ſich, und nachdem er die Thränen leiſe getrocknet hatte, die in ſein ehrliches Auge traten, reichte er ihr die treue Rechte, die er ſo gern zum ewigen Bunde in die ihrige ge⸗ legt haͤtte, und beſchwor ſie mitten in dem Weh der herben Entſagung, ihm wenigſtens den Troſt zu goͤnnen, fort⸗ waͤhrend und in allen Verhaͤltniſſen der Zukunft ihn als ihren wahren Freund zu betrachten. Anna gelobte dies nicht nur, ſondern ſie hielt Wort— wußte ſie doch in ſtiller, wehmuͤthiger Ueberzeugung, daß ſie keine edlere Wahl fuͤr die ernſteren Beduͤrfniſſe ihres Gemuͤths treffen koͤnne, als ihn, der — 192— immer ſo fein fuhlend einging in ihre zar⸗ teſten Empfindungen, waͤhrend Arnold manchmal durch leichtfertigen Scherz, Spott und Jronie ſie im waͤrmſten Auf⸗ wallen ihres Herzens zuruͤck ſtieß und in ſch ſelbſt zuruͤck ſcheuchte, was ihre Liebe fuͤr ihn jedoch ſtets zu entſchuldigen ſuch⸗ te, wenn es gleich im Stillen ihr Zart⸗ gefuhl verletzte. Seit jener Erklarung beobachtete Gott⸗ ftied ein tiefes Schweigen uͤber ſeine Nei⸗ gung zu Anna, die demohngeachtet mit unausloſchlicher Innigkeit fortdauerte, und die drei durch ein geheimnißvolles Schickſal nahe zuſammen geſtellten Menſchen lebten eine Weile friedlich neben einander fort. Immer klarer und offener ſtellte ſich An⸗ na's Verhaͤltniß zu Arnold dem Publicum dar, das mit Wohlgefallen darauf hinſah, weilhjeder dem und ſittli⸗ chen — 193— chen Maͤdchen ein Gluͤck goͤnnte, das we⸗ nigſtens, nach fluchtiger Anſicht des Braͤu⸗ tigams und ſeiner beguͤnſtigten Lage, eins zu ſeyn ſchien. Madame Meier, die ſich die Freude nicht wollte nehmen laſſen, Anna, die ſie muͤtterlich liebte, auszuſtatten, hatte ſich nur noch ihre Huͤlfe im Lauf des Sommers ausbedungen, der diesmal durch die ganz ungewoͤhnliche, zahlreiche Menge der Badegäſte den kleinen Ort zu ei⸗ nem wimmelnden Ameiſenhaufen umſchuf. Auch in ihrem Hauſe waren, wie im⸗ mer, anſtaͤndige und angeſehene Fremde eingekehrt; denn wer fruͤher unter ihrem Dache gewohnt hatte, ſuchte es bei ei⸗ nem abermaligen Aufenthalte gern von Neuem auf, wozu neben den uͤbrigen Annehmlichkeiten, die eine elegante Woh⸗ nung gewährte, auch die gute Bedie⸗ 13 —— nung nicht wenig beitrug, die Anna einem Jeden mit eben ſo viel Zuvorkommenheit als Beſcheidenheit zu leiſten wußte. So hatte jetzt unter andern ein rei⸗ cher Banquier ſchon zum dritten Male, wahrend ſie hier diente, ſich die vormals bewohnten Zimmer lange voraus be⸗ ſtellt, und ein anſehnliches Geſchenk, das er Anna mitbrachte, bewies ſeine Zufrie⸗ denheit mit ihr, wie er auch gern jede Veranlaſſung ergriff, ihr gefälliges und anmuthiges Betragen, und die große Ordnungsliebe zu loben, die ſie in allen Geſchaͤften ſich zum nh Geſetz ge⸗ nat hatte. Wie groß war daher nach einigen Wochen ſeine Betroffenheit, als er am Morgen nach einem Ball, wo er ſpät nach Haus gekommen war, und Anna ihn, wie gewohnlich, erwartet hatte, um — 195— ihm zu ſeinem Zimmer zu leuchten, deſ⸗ ſen Schluͤſſel er, wenn er ausging, je⸗ desmal ihr uͤbergab, in ſeiner, freilich eben wegen ſeines unbegraͤnzten Zutrau⸗ ens in ihre Redlichkeit, unverſchloſſen ge⸗ weſenen Chatoulle bedeutende Summen in Gold vermißte, die er am Abend zu⸗ vor erſt hinein gelegt, und unter welchen die eine in einem kunſtreich mit Perlen geſtrickten Beutel enthalten war, der als eine Arbeit ſeiner fruͤh verlornen Gattin, ihm eigentlich noch wichtiger als die Sum⸗ me vorkam, die er umfaßte. Anfangs traute er ſeinen Augen nicht, doch als er ſich endlich nicht mehr ablaͤugnen konnte, daß er ſich nicht irre, ging er zu Madam Meier, ihr dieſe auch ihr nicht gleichguͤltige Wahrnehmung mit⸗ zutheilen, die ihr Haus, ſonſt in dem verdienten Ruf der groͤßten Sicherheit, in 13* — 196— ein höchſt nachtheiliges Licht ſtellte. Au⸗ ßer ſich vor Schreck und Sorn, und un⸗ vermoͤgend, ſich das Räthſel eines ſol⸗ chen Diebſtahls zu erklaͤren, hatte ſie nicht Gewalt genug uͤber ſich zu ſchwei⸗ gen, und ſo erfuhren alle Bewohner des Hauſes und bald die Rachbarſchaft, was vorgefallen war, waͤhrend Anna, ah⸗ nungslos, welch ein verheerender Gewit⸗ terſturm uͤber ſie einzubrechen im Begriff war, von dem ziemlich entlegenen Markte zuruck kehrte, wo ſie mit der ihr eigenen Gewandtheit und Sorgfalt den haͤuslichen 36 Tages eben eingekauft hatte. xtenleih wurde ir ganzes Ge⸗ ſicht, als Madam Meier, heftig gereitzt, ihr den Vorfall mit bebenden Lippen ent⸗ gegen ſtammelte und ſie auffoderte, ſich zu rechtfertigen, da ihrer Obhut der Schlůͤſ⸗ ſel anvertraut geweſen, und ganz klar er⸗ — 197— wieſen ſey, daß außer ihr Niemand das Zimmer betreten habe. Die Moͤglichkeit, daß ein ſchimpflicher Verdacht auf ſie fallen koͤnne, die das lauterſte Bewußt⸗ ſeyn in ſich trug, machte ſie, halb ſinnlos, wie eine Bildſaͤule erſtarren, und ſie war in dieſem Zuſtand unfaͤhig, Worte zu finden, um ihre Unſchuld dar⸗ zuthun, oder wenigſtens zu behaupten. Der Korb mit Lebensmitteln, den ſie trug, entſank ihrer zitternden Hand, ihr Haupt neigte ſich, der geknickten Lilie gleich, ihr Auge heftete ſich glanzlos und erloſchen an den Boden. Nur als die immer zunehmende Menge, die ſie umwogte, laut und mit geraͤuſchvollem Eifer auf eine Hausſuchung drang, die ſogleich mit ihrer Kammer begonnen wer⸗ den ſollte, kehrte ein Strahl des Lebens — es war der Hoffnung kurzes Leuch⸗ ten— in ihr erblaßtes Antlitz zuruͤck. — 198— Sie nickte dieſer Maaßregel unter ſchmerz⸗ lichem Laͤcheln Beifall zu, doch ſie war ſo erſchuͤttert, daß ſie nicht ohne Huͤlfe die Treppe zu erſteigen vermochte, um aufzuſchließen und um Zeugin der auf⸗ merkſamſten Unterſuchung zu ſehn. Man durchwuͤhlte mit ſchonungslo⸗ ſer Hand ihren Koffer und ihre Com⸗ mode, die beide als ein Muſter zierlicher Ordnungsliebe gelten konnten— man wendete Alles um— man riß ſogar das ſchneeweiße Bett aus einander, das durch ſeine große Sauberkeit verdiente, das Lager der reinſten jungfraͤulichen Unſchuld zu ſeyn— vergebens. Nirgends verrieth auch nur die leiſeſte Spur, daß ſie die Thaͤterin ſey, und faſt haͤtte man ange⸗ fangen, trotz der ſtets bewieſenen Glaub⸗ wuͤrdigkeit des Banquiers, ſeine Angabe zu bezweifeln, oder einen andern Gegen⸗ ſtand fuͤr den Verdacht zu ſuchen, als einer der Anweſenden einen bunten Schim⸗ mer ſeitwaͤrts unter der Commode ge⸗ wahr wurde. Man ruͤckte dieſe hinweg, und der vermißte C Geldbeutel, mit Perlen geſtrickt, lag, ſammt ſeinem goldenen Inhalt, vor aller Augen da. Bei dieſem Anblick und bei dem dumpfen Murmeln der Menge, das Er⸗ ſtaunen, Schreck und Abſcheu vor der dberwieſenen Verbrecherin ausdruckte und in Drohungen ausbrach, wodurch die ge⸗ recht ſcheinende Emporung ſich Luft mach⸗ te, verlor Anna das Bewußtſehn, ſturzte lebloð zur Erde. Welch ein entſetliches als ſie, durch geiſtige Mittel zuruͤck ge⸗ rufen, ihre Beſinnung wieder erhielt, und von der wohlthaͤtigen Taͤuſchung der erſten Augenblicke ablaſſen mußte, die ihr — 200— vorſpiegeln wollte, es ſech ein duͤſtrer Traum, der biher ihre Sinne umfangen. Nach einem kurzen Verhoͤr, in dem man ſich umſonſt bemuͤhte, ſie zum Geſtandniß der That, und zu der Erklärung zu brin⸗ gen, wo ſie die uͤbrige weit groͤßere Summe gelaſſen habe, welche nicht auf⸗ zufinden war, und worauf ſie immer mit der einfachen Betheurung, ſie wiſſe von nichts, und ſie ſey unſchuldig, geant⸗ wortet hatte, wurde ſie bis auf weitern Befehl der Wache uͤbergeben, die ſie in's Gefängniß fuͤhrte. Als ſie ſo, wie eine Hinſterbende, von deren Wangen die Roſen der Ge⸗ ſundheit auf ewig gewichen ſind, unter⸗ ſtutzt durch zwei ihr zu Waͤchtern be⸗ ſtimmte Diener der Gerechtigkeit, uͤber die Straße dahin ſchwankte, konnte der gutmuͤthige Banquier ſich kaum faſſen. Er bereuete es bitter, ſeinen Verluſt er⸗ — 201— waͤhnt zu haben, der ihm weniger em⸗ pfindlich war, als dieſer Anblick, und ronnte er gleich die tiefe, jammervolle Vernichtung ihres, Weſens nur als die wohlverdiente Strafe einer ſchweren Schuld betrachten, ſo war er doch nicht abgeneigt, dem Erbarmen Gehoͤr zu ge⸗ ben, um durch ſeine Vermittelung die Sache nieder zu ſchlagen, und der un⸗ gluͤcklichen Anna ihre Freiheit wieder zu verſchaffen. Er verwendete ſich mit Eifer und mit guͤnſtigem Erfolg fuͤr ſie, doch zu ſpät. Die Wuͤrfel ihres Schickſals waren bereits unabaͤnderlich gefallen, und der vernichtende Wurf hatte ihr Daſeyn in ſeinen tiefſten Wurzeln zerſchmettert. Vergebens hatte er naͤmlich weder Koſten, noch Bitten und Ueberredung ge⸗ ſcheut, ihre Entlaſſung aus dem Gefaͤng⸗ niß zu bewirken. Er verlaͤngerte ſogar — 202— ſeinen Aufenthalt noch, um erſt dieſen Zweck zu erreichen, der das Ziel ſeiner innigen Wuͤnſche war. Doch als es ihm nun gelang, und er mit einer ernſten Ermahnung, ſich kuͤnftig zu beſſern, von ihr Abſchied nahm, da brachten die kalt, faſt tonlos ausgeſprochenen Worte: ich bin unſchuldig! ihn außer Faſſung, da alle umſtaͤnde ſo waren, daß er dieſe Erwiederung nur fur das hartnackige Laͤug⸗ nen einer verſtockten Diebin halten konnte, ſo ſehr ihr im Gram ſchnell dahin ge⸗ welktes, aber doch noch immer lieblich das Auge beſtechendes Angeſicht dieſem Perdacht widerſprach. Er warf ihr, ehe er in den Wagen ſtieg, noch einige Gold⸗ ſtuͤcke zu; gleichguͤltig aber ließ ſie ſie tiegen, und ſchlich, von Madame Meier fuͤr immer aus dem Hauſe gewieſen, zu der kleinen abgelegenen Huͤtte hin, wo ihre Mutter wohnte. 4 Z̃i — O hätte ſie in der Liebe der Ihri⸗ gen Balſam fuͤr die tiefe Wunde, die das Schickſal ihr geſchlagen, und Ermun⸗ terung bei dem namenloſen Jammer ihres Herzens gefunden!— Statt deſſen aber wurde ihr der haͤrteſte Empfang, der nur immer ein Kind treffen kann, wenn es, zerknirſcht von Elend, und gebeugt durch korperliche Hinfaͤlligkeit, am mutterlichen Herzen Troſt, oder wenigſtens Schonung ſucht. Streng hatten von jeher die Leh⸗ ren, ſo wie das Beiſpiel ihrer Mutter ſie zur gewiſſenhafteſten Redlichkeit ange⸗ halten. Daher konnte das Statt gefun⸗ dene Ereigniß, welches das Geſpraͤch des ganzen kleinen Orts geworden war, und der damit verbundene Schimpf der Ge⸗ faͤngnißſtrafe nicht anders als empörend auf die Ihrigen wirken, die nun in ihr die Schande der Familie und das Hin⸗ derniß ihres kuͤnftigen Fortkommens er⸗ = blickten, da ſie bisher nur ihres guten Rufes wegen, bei der groͤßten Armuth, hatten beſtehen koͤnnen. Die Geſchwiſter zogen ſich ſcheu von ihr, wie von einer Verpeſteten, zuruͤck— die ergrimmte Mut⸗ ter wies ihr die Thuͤr, und verbot ihr, jemals wieder vor ihr Angeſicht zu kom⸗ men, damit die Welt ſehe, wie wenig ſie mit ihrer ſchlechten Auffuͤhrung ein⸗ verſtanden ſey— ja in der Heftigkeit des gereitzten Zorns, der bei Menſchen ohne Bildung leicht zu unheilbar verwundender Rohheit wird, rief ſie ihr noch nach, daß Arnold, weit entfernt, ſich und die Sei⸗ nen durch die Heirath mit einer Diebin zu entehren, ſie mit Verachtung ſitzen laſſe, und ſich mit der reichen Kauf⸗ mannstochter verlobt habe, die, wie Anna wohl wußte, ſchon laͤngſt ihre Netze nach ihm ausgebreitet hatte, und oft im Stil⸗ len durch manche Auszeichnung, die ihr — 205— Arnold erwies, der Gegenſtand ihrer ſtill verſchwiegenen, aber nagenden Eiferſucht und mancher heimlichen Thraͤne geweſen war. Zwar hoffte ſie nicht mehr auf ihn; denn kein Zeichen der Theilnahme oder des Andenkens hatte er ihr waͤhrend ihrer mehrwoͤchentlichen ſchmählichen Ge⸗ fangenſchaft gegeben, aber dennoch— das war zu viel!— Sie wankte hinweg. Wohin aber ſollte ſie ſich wenden? — Ihrem dumpfen Sinnen ſchien die Welt verſchloſſen— ihrem mit ihrer Ehre und mit ihren Hoffnungen zertruͤmmerten Lebensgluͤck keine andre Ausſicht mehr uͤbrig zu bleiben, als— das Grab. Ohne zu wiſſen, wohin? ſchlug ſie, die Stadt vermeidend, den durch Ge⸗ buͤſch fuͤhrenden Seitenweg ein, der nach der Landſtraße fuͤhrte. Dort ſetzte ſie ſich matt auf einen großen Stein, der da lag, verhuͤllte mit der Schuͤrze — 206— ihr Geſicht, und verſank mit ihren Ge⸗ danken in die bodenloſe Tiefe eines Ge⸗ ſchicks, das ſie weder zu„ noch iu Da Kit einem Male fühle ſi ſ e ein ſanftes Klopfen auf ihre Schulter und eine warme Hand faßte die ihrige, die kalt und leblos herab hing, und zog leiſe die Schuͤrze von ihren ſtarr verduͤſterten Augen hinweg. Es war Gottfried, der einige Wochen auf einem mehrere Stun⸗ — den weit entfernten Dorfe gearbeitet, und daher erſt ſpaͤt erfahren hatte, was vor⸗ gefallen war. Sogleich machte er ſich auf. Er kam in die Stadt, hoͤrte, ſie ſey auf Fuͤrbitte des Beſtohlenen frei ge⸗ geben, ſuchte ſie vergebens im Hauſe der Madame Meier und bei der Mutter, und war ihr nun nachgegangen, um, wo moͤg⸗ lich, ſie zu troͤſten und ihr beizuſtehen.— S O Anna! welch ein Ungluͤck hat Dich betroffen!— mehr vermochte er nicht zu ſagen, indem er ſich, lautweinend, ne⸗ ben ihr niederwarf.— Anna blickte ihn lange ſchweigend an. Ich danke Dir, daß Du es Ungluͤck nennſt, ſagte ſie leiſe. Gott moͤge Dir das lohnen!— Und was wird nun aus Dir? fragte er.— Ich weiß es nicht! war ihre Er⸗ wiederung. Sie ſprach aber dieſe Worte nicht im Tone der Sorge oder der Muth⸗ loſigkeit, ſondern mit einer Kaͤlte aus, die es klar verrieth, wie vollig ſie ſich auſpegcben hatte. um Arnold, fuhr er fort, den tie⸗ 66 Ingrimm muͤhſam bekaͤmpfend, der feige Schurke, der Dich im Elend ver⸗ laͤßt— der keinen Schritt gethan hat, ſich Deiner anzunehmen, Dir beizuſtehen, Dich vor der Welt wicder zu Ehren zu brin⸗ — 208— gen, und der jetzt, Deinen guten Namen vollends hoͤhnend in den Staub tretend, das hochmuͤthige Ding heirathet, das nicht werth iſt, die Riemen Deiner zu loͤſen.— Ach— er wußte in der bittern Auf⸗ regung ſeines ſo heftig ergriffenen Ge⸗ muͤthes nicht, daß jedes dieſer gut von ihm gemeinten Worte ein Dolchſtich war, der, Leben zerſchneidend, Anna's zarte Bruſt durchfuhr. Bleicher noch wurden ihre Wangen, und krampfhaft biß ſie, wie von einem Fieberfroſt geſchuttelt, die ſchoͤnen Zähne zuſammen. Er ſah, daß ſie die Erwahnung dieſes Gegenſtandes nicht ertragen konne, und brach ob. Laß uns jetzt auf Dein men denken, ſprach er im mildeſten Ton der Theilnahme und der Herzlichkeit. Zu meinen Eltern mag ich Dich fur's Erſte — 209— nicht bringen; denn ich kann mir vorſtel⸗ len, daß Du lieber weit weg als in der Vaterſtadt waͤreſt, wo Du ſo viel gelit⸗ ten. Aber ich laſſe Dich nicht— rechne auf mich im Leben wie im Tode. Bald habe ich ſo viel zuſammen geſpart, um Meiſter werden zu konnen. Ich habe mir vorgenommen, dazu einen Ort, weit von hier zu waͤhlen, wo Niemand uns kennt, und wo keine boshafte Zunge Dich ver⸗ unglimpfen und kraͤnken kann. Dann, fuhr er leiſe fort, das Auge ſenkend, wenn Du mich dann werth haͤltſt, Dir die Stelle jenes Nichtswuͤrdigen zu erſe⸗ tzen, der Deine Liebe gleißneriſch ge⸗ wann, aber ſie weder gehoͤrig ſchaͤtzte, noch verdiente, dann—— Sie winkte abwehrend, und ſeine Rede unterbrechend, ihm zu. Niemals, o niemals! ſtoͤhnte ſie mit den herzzerreißen⸗ 14 —— den Tonen des tiefſten Schmerzes. Ich wurde ja nur Schande Dir zur Mitgift zubringen, und Dein unbeflecktes Leben durch mein Schickſal verderben.— Gottfried fuͤhlte, daß es noch zu fruͤh ſey, um lebhafter in ſie zu dringen, aber die ſuͤßeſte Hoffnung ſeines Lebens regte die geknickten Schwingen in ſeiner Seele, und er ſprach weich und beguͤti⸗ gend: Spaͤterhin wollen wir auf dieſen Punkt zuruͤck kommen, Anna! fuͤr jetzt laß uns nur berathen, was wir fuͤr's Erſte anfangen. Ich meine, es iſt am beſten, ich bringe Dich zu meiner Muhme dort in das Wirthshaus an der Straße. Die halbe Stunde weit wirſt Du ja wohl gehen koͤnnen, wenn ich Dich fuͤhre. Erhole Dich nur hier im Schatten, lieb⸗ ſte Anna!— Ich laufe ſchnell hin, und bringe Alles in Ordnung, dann— die 211— Sonne ſteht ja noch hoch— komme ich wieder, und hole Dich ab, daß Du nach ſo viel Kummer endlich wieder zu guten Menſchen und zur Ruhe kommſt. Zur Ruhe, ja, zur Ruhe! ſeufzte ſie aus tiefer Bruſt, und ſtarrte lange ſchweigend vor ſich nieder. Geh denn, lieber Gottfried, fuhr ſie endlich fort, als er mit bedenklichen Blicken forſchend auf ihren gramzerſtorten Zuͤgen ruhte, geh, und bereite mir ein Obdach, wo ich mein muͤdes Haupt niederlegen kann. Dei⸗ ner Lieb' und Treue will ich es gern verdanken. Aber, ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, verſprich mir erſt etwas, ehe Du gehſt. Wenn ich etwan bald ſterben ſollte, ſo rechtfertige mich, ſo gut Du kannſt. Verſichere Allen, es ſey fern von meiner Seele geweſen, jemals einen Diebſtahl zu begehen. ueberwinde 14* — 212— Dich dann auch um meinetwillen, Golt⸗ fried, und geh zu Arnold. Sage ihm, und ihm vor Allen, ich habe unſchul⸗ dig gelitten, und daß auch er mich ver⸗ dammen konnte, ſey mein ſchwerſter Kum⸗ mer geweſen— doch haͤtte ich ihm verge⸗ ben, ſo wie auch, daß er abtruͤnnig von mir geworden, und Wort und Treue mir gebrochen. Ein Strom von heißen Thraͤnen, der hier aus ihren bis jetzt trocknen Au⸗ gen ſturzte, machte ſie verſtummen. Gott⸗ fried weinte mit ihr, und ſuchte ſie zu beruhigen, und durch milden Troſt und ſanftes Zureden ſie mit der Zukunft zu verſoͤhnen, die wie eine finſtere, ſternen⸗ loſe Nacht vor ihrer Seele ſtand. Es ſchien auch, als finde ſeine Freundlichkeit Eingang in ihr Gemuͤth, das ſich wie⸗ der zu ſammeln und zu ermuthigen be⸗ — 213— muͤhte. Sie ſelbſt mahnte ihn an das Fortgehn, damit et recht bald wieder zu⸗ ruͤck kehren koͤnne. Herzlich druͤckte ſie ihm noch die Hand, und nannte ihn ih⸗ ren guten Gottfried, ihren einzigen Freund auf Erden. Hoch uͤber ſich ſelbſt erho⸗ ben, und geehrt durch dieſe liebkoſenden Namen, die ihm ſo wohl thaten, und ihm deteinſt noch ſuͤßere hoffen ließen⸗ eilte er von dannen.—— Doch— als er nun wiederkehrte, war die Stätte leer, wo er ſie verlaſſen. Er dachte, ſie habe ſich tiefer in das Ge⸗ buͤſch zuruͤck gezogen, um unbeobachtet von den Voruͤbergehenden zu bleiben— er durchſuchte es vom Anfang bis zu Ende, immer ihren Namen rufend, ohne daß ein andrer Laut, als der leiſe Hall des Echo's ihm antwortete. Mit aͤngſt⸗ lich klopfendem Herzen lief er zur Stadt, ⸗ 1 ₰ 4 4 ₰ 1 ½ — 214— im Hauſe ihrer Mutter zu forſchen. Vielleicht hat ſie ihre Liebloſigkeit bereut, fuͤſterte die Stimme der Hoffnung ihm zu, vielleicht ſind die Geſchwiſter ihr nachgegangen, ſie zuruͤck zu holen. Doch umſonſt. Mit Schrecken vernahm die Mutter, deren Zorn wirklich bereits an⸗ fing, von Mitleid mit der Zerknirſchung der ungluͤcklichen, grauſam in's wuͤſte, oͤde Leben hinaus geſtoßenen Tochter verdraͤngt zu werden, daß man ſie ver⸗ miſſe. Auch ſie hatte ſie nicht geſehen. — Immer hoͤher ſtieg ſeine Angſt, die ihn vorwaͤrts trieb. Allenthalben, wo er ſie nur irgend vermuthen konnte, fragte er nach ihr— doch Niemand wußte ihm Auskunft zu geben.— Da endlich— die Sonne hatte ſich ſchon gencigt, und huͤllte rings umher die Gegend in den lichten Purpur des Abend⸗ ⸗ E———.——— —— ⸗ roths— da vernahm er an dem nicht fernen Ufer des Fluſſes ein verworrenes Rufen. Er eilte hinzu, und ſah mehrere Menſchen mit Haaken und Stangen, die ſich bemuͤhten, einen ertrunkenen menſch⸗ lichen Koͤrper aus dem Waſſer zu ziehen. Bebend, im Schauer der Ahnung, trat er naͤher— es war die Geliebte ſeines Herzens. Von namenloſer, aber ſtummer Be⸗ truͤbniß erfaßt, ſank er neben ihr nieder. Es war vielleicht kaum erſt eine Stunde verſtrichen, ſeit ſie dem naſſen Tode ſich preiß gegeben hatte. Noch erſchien daher das ſchone Antlitz unentſtellt, und die bleichen Wangen, von der Abendroͤthe an⸗ geſtrahlt, gluͤhten noch einmal im ſchein⸗ baren Schimmer der Geſundheit, den der Schmerz laͤngſt in der Wirklichkeit von ihnen abgeſtreift hatte. Die kleine zier⸗ — 216— zierliche Haube, die ſie zu tragen pflegte, war an einem Dornengebuͤſch des Ufers haͤngen geblieben, und das lange braune. Haar hatte ſich geloͤſet und umfloß ſie, ſich dicht an ihre reine jungfräͤuliche Stirn anſchmiegend mit ſeinen dunklen Wellen. Sanft geſchloſſen waren die ſonſt ſo freundlichen Augen, die nun nicht mehr weinen durften, und nicht das Entſetzen eines gewaltſamen Kampfes, ſondern der Frieden der Unſchuld und die Glorie des Siegs nach herbem Streit, ſtrahlte aus ihren verklaͤrten Zuͤgen. Man hatte ſie auf den Raſen nie⸗ dergelegt, bis eine Tragbahre hetbei ge⸗ holt wurde, ſie in die Stadt zu brin⸗ gen. Dort wurden Verſuche zu ihrer Wiederbelebung gemacht— aber umſonſt. Sie hatte bereits den Hafen erreicht, von dem Keiner in das ſtuͤrmiſche Meer des ——1— — 217— Lebens zuruck kehrt— ſie war und blieb todt— und wurde demnach ſehr bald ohne Sang und Klang in einen duͤſtern Winkel des Kirchhofs, wo man die Selbſt⸗ moͤrder einzuſcharren pflegte, begraben. Doch— ihre Ueberreſte ruhten nicht verlaſſen von allem menſchlichen Antheil in ihrer einſamen Gruft. Gottfried, der treue Gottfried beſuchte ſie taͤglich, um dort zu weinen, und fuͤr die Ruhe ihrer Seele zu beten. Er ſtand nur noch im Verkehr mit der Welt, um ihre Unſchuld zu verkuͤnden, an die jedoch Wenige glau⸗ ben wollten. Uebrigens arbeitete er ſtill und fleißig, wie er gewohnt war, vor ſich hin, doch nicht mit der Munterkeit des Geiſtes, die ſeine Geſellſchaft fruͤher unter ſeines Gleichen ſo beliebt machte. Stumm und ernſt, und in ſich gekehrt blieb er, wenn andere ſcherzten und lach⸗ ———— — 218— ten, und nur wenn der Feierabend kam, belebte eine leiſe Regung wehmuͤthiger Freudigkeit ſein Gemuͤth. Dann wan⸗ delte er hin zu Anna's Huͤgel— dort war ihm wohl, wie dem Fremdling, der ſeine Heimath erreicht hat. Doch mit Heftigkeit und Unmuth wies er jeden zu⸗ ruͤck, der ihm dahin zu folgen wagte, denn jede Stoͤrung ſchien ihm ein Raub an dem Gluͤck, das ihm in der Naͤhe ihres Grabes allein noch uͤbrig geblieben war auf Erden. 3 Auch nicht ſpurlos und ohne freund⸗ liche Bezeichnung ſollte die Unvergeßliche im dunkeln Schooß der Erde ruhen. Er mauerte ihr ein kleines Denkmal auf, ſtrich es weiß an, und grub in den mit⸗ telſten Stein ihren Namen mit ſchwarzer Schrift. Nie kam er, ohne irgend eine Blumengabe mitzubringen, die er auf die⸗ — ſen ihm heiligen Opferaltar ſeines Schmer⸗ zes niederlegte, und als der immer weiter fortſchreitende Herbſt nach und nach den Schmuck der Fluren vertilgte und die Baume entlaubte, deren Zweige er oft, in Ermangelung der Blumen, zu dieſem Zweck gewaͤhlt, gab ihm doch das finſtere Nadelgeholz noch ein trauriges Gruͤn, um damit das geliebte Grab zu bekraͤnzen, und weder die Stuͤrme des Spätjahrs, noch ſeine Regenſchauer vermochten ihn von der Stätte zu trennen, an der er ſich ihr naͤher glaubte. Er hatte Anna's letzte Bitte erfuͤlt, und ihre Auftraͤge an Arnold ausgerich⸗ tet, der mit aͤußerer, muͤhſam erzwunge⸗ ner Faſſung, aber innerlich tief erſchut⸗ tert, ſie anhoͤrte. Die Liebe zu ihr war nicht in ſeiner Bruſt erloſchen, ſon⸗ dern nur gewaltſam durch die Macht des Ehrgeizes und die Furcht vor Schande zuruͤck gedraͤngt. Auch jetzt— alle Um⸗ ſtaͤnde ſprachen ja gegen ſie— konnte er ſie noch immer nicht fur unſchuldig hal⸗ ten, wenn gleich ihre, gleichſam ſterbend, ausgeſprochene Verſicherung, daß ſie es ſey, ſein Innerſtes bewegte. Er erwie⸗ derte nichts auf Gottfrieds Mittheilung, aber ein Dorn blieb ſeitdem in ſeinem Herzen, der ſich quaalvoll in der Ein⸗ ſamkeit regte. Tieferen Glauben, als bei ihm, fan⸗ den Anna's letzte Worte bei der Mutter, zu deren Schmerz uͤber den Verluſt des ſonſt ſo wohlgearteten Kindes ſich nun noch innere Vorwuͤrfe uͤber ihre Haͤrte, und bittre Reue geſellte. Doch bald ſoll⸗ ten dieſe peinigenden Gefuͤhle, die vor der Zeit ihr Leben aufrieben, noch ei⸗ nen hohern Grad erreichen. Chriſtine, die uͤber Anna's allgemein geglaubten Dieb⸗ ſtahl und ſeine Beſtrafung mit aller Scha⸗ den⸗ —— denfreude eines boshaften Gemuͤths tri⸗ umphirt hatte, war gleichwohl durch ih⸗ ren Tod auf das Furchtbarſte erſchreckt worden, und es ſchien, als ſey ihr Leben an das ihrer ehemaligen Gefährtin ge⸗ fnuͤpft geweſen, und als ziehe der Geiſt der Vorausgegangenen ſie gewaltſam*6 zu den Pforten des Todes. Sie verfiel in eine ſchwere Krank⸗ heit, und die Ahnung, daß ſie nicht wie⸗ der aufkommen werde, wurde bald in ihr zur feſten Ueberzeugung, ſo wie fuͤr Andere zur unumſtoßlichen Gewißheit. Da vertraute ſie, unter den entſetzlichſten Quaalen der Reue und der Lodesangſt, ihrem Beichtvater, daß Anna wirklich ſchuldlos dahin geſchieden ſey. Rache uͤbend gegen ſie, die unwillkuͤhrlich durch ihr beſſeres Betragen ſie in der Gunſt ih⸗ rer Herrſchaft zuruck geſetzt, und, wie ſie waͤhnte, ſie um den einträglichen Dienſt 15 — 222— gebracht, habe ſie an jenem Ballabend, wo Anna, wie gewoͤhnlich bei ſolchen Ge⸗ legenheiten, mit ſtiller Handarbeit beſchaͤf⸗ tigt, die zuruͤck kehrenden Hausgenoſſen bei der nachtlichen Lampe erwartete, ſich in das, aus dieſem Grunde, noch unver⸗ ſchloſſene Haus eingeſchlichen, wo ihr durch ihren mehrjährigen Aufenthalt da⸗ ſelbſt jeder Raum ſo bekannt war, daß ſie ihn auch im Dunkeln zu finden wußte. Da ſie einſt aus Unachtſamkeit den Schluſſel zu dem jetzt von dem Banquier bewohnten Zimmer verloren hatte, den Madam Meier durch einen andern erſetzen ließ, und ſpaͤterhin der erſtere ſich wieder fand, hatte ſie, aus Furcht eines neuen Verweiſes uͤber ihre Unordnung, denſel⸗ ben unter ihren Sachen verborgen, und ſo war er, als ſie wegzog, in ihren Haͤnden geblieben, um jetzt das Werkzeug ihrer Rache u werden. — ———— — Mit leiſen Sohlen an den Wänden hinſchleichend, oͤffnete ſie ſacht das Zim⸗ mer, wo heller Mondſchein, der durch das Fenſter ſtrahlte, ihr alle Gegenſtaͤnde genau erkennen ließ. Die unverſchloßne, auf dem Tiſch ſtehende Chatoulle zeigte ihr den ſicherſten Weg, Anna— nicht zu verderben— wohl aber zu beſchimpfen, und auf das Tiefſte zu demuͤthigen. Sie entwandte ſchnell mit leiſer Hand den Geldbeutel und eine Rolle Dukaten, die man, nach ihrer Angabe, auch noch, um ihr Geſtaͤndniß zu bekraͤftigen, unberuͤhrt in ihrem Koffer fand, und nachdem ſie in Anna's Kammer die Haͤlfte ihres Rau⸗ bes unter die Commode geſchoben, nahm ſie die andre Haͤlfte mit, nicht in der Abſicht, ſich durch ſie zu bereichern, ſon⸗ dern um fuͤr die Gehaßte das Verhoͤr, das darnach forſchen mußte, deſto peinlicher zu machen. 15* — 224— Bald nach dieſem Bekenntniß, durch welches Anna noch im Grabe gerechtfer⸗ tigt wurde, ſtarb Chriſtine voll Verzweif⸗ lung, daß ihre unuͤberlegte Bosheit Fol⸗ gen gehabt hatte, die ſie nicht ſo in ih⸗ rem ganzen Umfange voraus geſehen. Die regſte Theilnahme und das allgemein⸗ ſte Bedauern ihres unverdienten Schick⸗ ſals war das Todtenopfer, das man dem Andenken der Ungluͤcklichen brachte, die — zu ſchwach, um von der Zeit und der Gerechtigkeit des Himmels zu erwarten, daß ihre Unſchuld noch hienieden darge⸗ than, und ſie glorreich von der entehren⸗ den Beſchuldigung ſich reinigen werde, die auf ihr haftete— in der Zerknirſchung des Schimpfs und der Verlaſſenheit nur in den kalten Armen des Todes noch ein Aſyl zu finden waͤhnte, und eigenmãchtig ihn herbei rief. Es wurde beſchloſſe, F Koſten ue — 225— Stadt, ihren Sarg aus jenem dunklen, verachteten Winkel wieder zu erheben, um ihn in der Mitte des Kirchhofs mit allen den Feierlichkeiten zu beſtatten, die, als Zoll der letzten Achtung, die geehrteſten Mitbuͤrger auf dieſem Wege zu begleiten pflegen. Auch wollte man ihr ein praͤch⸗ tiges Denkmal ſetzen; doch Gottfried, der als Anna's einzig treuer Freund ein Recht auf ihre ihm heiligen Ueberreſte zu haben glaubte, das auch Andern einleuchtete, widerſprach mit Eifer dieſem Plan, der, wie er meinte, die Ruhe der Todten ge⸗ ſtoͤrt, und ſie nicht reiner vor der Welt in der Glorie ihrer Unſchuld dargeſtellt haben wuͤrde, als ſie ſiets vor ſeinem trauernden Geiſte geſtanden hatte. Ihm war— durch manche Thraͤne geweiht— der Winkel lieb geworden, der ſein theu⸗ erſtes Kleinod im dunklen Schooße barg, und einen dringenden Vorſtellungen und — 226— Bitten gewährte man, daß alles ſo blieb, wie es war, und— daß er einſt mern duͤrfe an ihrer Seite. Friede ihrer Aſche!— Zwar ſcheint es ein herbes Loos, in der Bluͤthe der Jugend und der Hoffnung von hinnen zu ſcheiden, und eine ſchwere Schuld iſt's, ſich ſelber jenes geheimnißvolle Thor zu oͤffnen, uͤber deſſen Eingang eine hoͤhere Macht zu gebieten ſich vorbehalten hat. Doch— der Himmel verzeiht dem Schwa⸗ chen, und nimmt den Irrenden gnaͤdig auf, wenn er reinen Herzens ſich naht— und der Tod iſt ja kein Uebel fuͤr Fromme. Wenn er auch im Lenz des Lebens ſchon die freudig lodernde Fackel umkehrt, ſo ver⸗ kuͤndet uns der Glaube, daß ſie jenſeits in einem reinern Lichte wieder ſtrahlen wird. —— — In demſelben Verlage ſind nachſte⸗ hende empfehlungswerthe Schriften im Jahr 1527 erſchienen: Adolphie, M., Die Schwaneninſel. Eine ſchwediſche Novelle. 8. 1 thlr. 12 gr. Alben, W. v., Eliſe von Erlen. Ro⸗ man in 2 Theilen. 2 thlr. Arminia. Das Dreiblatt. Drei Er⸗ zaͤhlungen. S. 1 thlr. 6 gr. Bn hren, Ad., Die Erzaͤhlung auf er Flucht, fluͤchtig erzaͤhlt. 8. 1 thlr. Dalini, Bettina, Adelaide von Hohen⸗ ſtein. Roman. 8. 4 thlr. 6 gr. Ewald, das Salzbergwerk zu Wieliczka, Anhang zur Fuͤrſtentochter 8. 4 thlr. 3 gr. — der Weiberkrieg in Löwenberg. Er⸗ aus den 17. Jahrhundert 8. 1 thlr 6 gr. Kruſe, L., Waldemar der Sieger. Hiſtor. Roman nach B. S. Ingemann. Dem Däniſchen nacherzaͤhlt. 4 Thle. 8 5 thlr. Nelly, St., Tuenbinn herausgegeben v. Fanny Tarnow. 8. 1 ZM 6 gr. Niedmann, C., Heinrich der L Loͤwe; bio⸗ graphiſcher Roman. Mit Bildniß⸗ 1r. und 2r. Theil. 8. 2 thlr. 9 gr. —— deſſen 3r heil 1 thlr. 9 gr, 3 3 * ₰ * 1. Niedmann, E., Das Schickſalskätzchen. Humoriſtiſche Erzaͤhlung. 8. 4 thlr. Schmidt, H., Meine Reiſe in die neue Welt ꝛc.(Erz. 2r Bd.) 8. 1 thlr. 3 gr. Wo domerius, E., Der ſchwarze Born, der Egoiſt. 2 Erzähl. 8. 1 thlr 6 gr. —— Eliſabeth und Anna. Erzahlung aus der ruſſ· Geſch. 2 Thle. 8. 2 thlr. Arminia, die Stiefmutter, oder Edwin und Theodora. Eine Erzähl. 8. 1826. Anſten, J., Anna, ein Familiengemaͤlde, Aus dem Engliſchen uͤberſetzt v. W. A. Lindan. 2 Bde. 8. 1822. Camilla von Kreßburg, die Schickſalsbraut. 2 Theile. 8. 1824. Jördens, G., die Jahreszeiten des Ehe. Eine Erzählung. 8. 1822. —— die Vermählung. Ein Nacht⸗ ſtuck. Mit einem Muſikblatte. 8. 1822. Kruſe, L., ſieben Jahre. Ein Beitrag zur geheimen Hofgeſchichte eines nordi⸗ ſchen Reichs. 4 Theile. 8. 1824. —— Jugendgeſchichte des Herrn de WMorbiere. 3 Theile. 8. 1826. —— die Kleinſtaͤdtereien einer großen Stadt. Aus dem Franz. 8. 4 Theile. Melindor, H., Scherz und Ernſt auf einer Badereiſe. 8. 1826. — ————— „ 3 — 7 —— 4 5* . 9 —