n————— ℳc ————. Leihbiblivthek. dentſcher, engliſcher und franzs öſiſcher Literatur 1 Gdnard Oltmann in biefem Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Feſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Sitt ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens hr bis Abends§ Uhr offen. 2 esepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit dines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe en entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und — . beträ 1 ₰ 4 für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 e 5 T.——— 3 aut Monat: 1Mt. 1 W 5 Pf 2 Mt. 4 2 5. Answärtige Wonnente ben für Hin⸗ und 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.. 6. Schadenersatz. 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Eugenia von Silberſtedt an Sophie von Welling. —— So waͤre denn das Ziel meiner Reiſe er⸗ reicht, und nicht mehr grau umwoͤlkt, gleich einem in ſich ſelbſt zerfließenden Nebelbilde, ſondern endlich geſtaltet, wenn auch eben nicht lächlend, liegt meine Zukunft vor mir. Wie ſie ſich freuen werden, die liebloſen Verwandten, denen meine unbeſchuͤzte Exi⸗ ſtenz zur Laſt fiel, daß ich nun, wie man zu ſagen pflegt, eine Verſorgung gefunden, und ſie mich los ſind.— Als ob mit einer Verſorgung alle Anſpruche eines jugendlich fuͤhlenden Herzens an das Leben erfuͤllt wä⸗ ren!— Und wenn ich's aufmerkſam be⸗ trachte— wie unſicher ſchwankend iſt die meinige. Schwankend, weil ich noch gar nicht einmal weiß, wie ich gefalle— ſchwan⸗ kender, weil der fluͤchtige Ueberblick, mit dem ich die kloͤſterliche Zuruͤckgezogenheit meiner 8 neuen Lage uͤberſchaue, mir weiſſagt, daß ich ſie wohl ſchwerlich lange aushalten werde. Doch— ſei dem, wie ihm wolle— die Gegenwart geſtattet mir wenigſtens, mein von ſo manchen Demuͤthigungen der Vergan⸗ genheit niedergedruͤcktes Haupt wieder zu er⸗ heben, und ich werde ausruhen hier von den Drangſalen, durch welche beleidigter Stolz und gekraͤnkte Eigenliebe mein Innerſtes ſo vielfach verlezten. Denn laß mich Dir nochmals daß nur dieſe Empfindungen, kein tiefer ein⸗ greifendes Gefuͤhl, mir die ſchonungsloſe Trennung ſchmerzlich machten, durch die ſich Benndorf damals gerade im entſcheidenden Augenblick, wo ich mir neben ihm eine be⸗ hagliche Exiſtenz fuͤr das Leben gegruͤndet zu haben glaubte, von mir losriß, um zu dem albernen Gaͤnschen zuruͤck zu kehren, mit dem er fruͤher verlobt war. Ein wenig Verdruß uͤber meine eigene Unbeholfenheit kam dazu. Warum ließ ich ihn einen Blick in meine Karten thun? Warum konnt' ich der kin⸗ diſchen Betroffenheit nicht wehren, die bei 9 ſeinem Erforſchen meiner fruͤheren Verhaͤlt⸗ niſſe mich als ſchuldig vor ihm erſcheinen ließ? Warum war die Heftigkeit, die ich ſonſt zu gaͤngeln vermag, wie ein fuͤgſames Lamm, diesmahl ſtärker in mir, als die Klugheit, um zu verrathen, daß blos ſein großes Vermoͤgen und der Wunſch einer ſelbſt⸗ ſtändigen Lage, nicht ſeine Perſoͤnlichkeit, mich bewogen hatte, ihn ſeiner ſentimentalen Braut abſpenſtig zu machen, der ich ihn rrecht gern gegoͤnnt haben wuͤrde, waͤre Rang und Reichthum nicht die Mitgabe geweſen, die er ihr brachte?— Doch— wie die Aerzte auch aus bit⸗ teren Kraͤutern wohlthaͤtige Arzeneien berei⸗ ten, ſo will auch ich aus all' dieſen Unbe⸗ ſonnenheiten, Uebereilungen und Verkehrthei⸗ ten, die ich mir vorwerfen muß, Vortheil ziehen, und durch ein kuͤnftig beſſer berechne⸗ tes, ja bis auf die geringfuͤgigſten Kleinig⸗ keiten bedachtes Betragen diejenigen feſter umſtricken, die vielleicht wiederum in mein Netz flattern moͤchten. 10 Was mir allein bei ſeinem, ſelten ſich mir aufdringenden Andenken noch eine un⸗ angenehme Regung giebt, iſt das Gefuͤhl der Ohnmacht, daß ich nicht im Stande war, ihn zu der Zuruͤckgabe meiner Briefe zu ver⸗ moͤgen, und daß ich ungeahndet die herbe Erklärung hinnehmen mußte: er bewahre ſie nur, um ſich mit Abſcheu meiner Raͤnkeſucht und Falſchheit zu erinnern, und im Noth⸗ fall, wenn ich wieder ein ſchnoͤdes Spiel mit dem Gluͤck eines liebenden Paares treiben wuͤrde, mich zu entlarven. So ſind die Menſchen! Sie beſchön⸗ gen nur gar zu gern die eigenen Fehler, in⸗ dem ſie ſie auf andere ſchieben. Wenn die Motte aus ihrem dunklen Winkel freiwillig herbei geflogen kommt, an der ſtrahlenden Kerze ſich zu ſonnen und zu waͤrmen, wenn ſie geblendet,(weil die Natur ſie nicht ſchuf, des Lichtes Fuͤlle zu ertragen,) in immer en⸗ geren Kreiſen ſie umflattert, bis die Flamme mit verzehrender Zunge ſie ergreift, und ihr die Fluͤgel verſengt, und ſie zuckend zur Erde fallt— traͤgt denn die Kerze allein die 7 — 11 Schuld?— Waͤre das armſelige Inſekt im Schatten ſeiner Verborgenheit geblieben— dies tragiſche Schickſal wuͤrde ihm nicht be⸗ gegnet ſein. So auch hier. Doch genug, und ſchon viel zu viel von einem Gegen⸗ ſtande, der mir zu gleichguͤltig war, um die Erinnerung an ihn in meine neue Laufbahn mit hinuͤber nehmen zu moͤgen. Jezt laß mich Dir erzählen, Du ein⸗ zige Freundinn, die an meinem Schickſal den warmen Antheil wahrer Anhaͤnglichkeit nimmt, wie es mir ſeit unſerer Trennung ergangen iſt, und wenn ich auch gleich nur noch mit ungewiſſer Hand Dir die Skizze meiner neuen Verhältniſſe entwerfen kann, ſo ſiehſt Du in ihren mangelhaften Zuͤgen doch das Beſtre⸗ ben, Dir alles mitzutheilen, was mich be⸗ trifft, und die nächſten Tage ſollen berichti⸗ gen oder ergänzen, was meiner heutigen Be⸗ ſchreibung fehlt. Ich langte mit dem Poſtwagen in N.„ der nur drei Meilen von hier gelegenen Stadt an, wo ich meine lezte Baarſchaft zu⸗ ſammen raffte, um mir einen Wagen zu mie⸗ 12 then, der mich an den Ort meiner Beſtim, mung brachte. Denn ich geſtehe Dir, daß ich fuͤrchtete, meine Ankunft mit der ordi⸗ nairen Poſt koͤnne Einfluß auf meinen Em⸗ pfang, ſo wie auf die kuͤnftig zu erwartende Behandlung haben, und da man in der Welt nur fur das gilt, wofuͤr man ſich giebt, ſo muß man wohlweislich ſelbſt die kleinen Ne⸗ benumſtaͤnde nicht aus der Acht laſſen, die dazu beitragen koͤnnen, uns in der n anderer zu heben. Als ich nun ſo allein mir. Betrachtungen uͤberlaſſen, in dem Wagen ſaß, und mit jedem Schritt der Pferde mich meinem Ziele näherte, da— ich laͤugne es nicht— verweilte ich mit nagendem Schmerz hei der Vergleichung zwiſchen ſonſt und jezt, und Thränen, nicht der Wehmuth, ſon⸗ dern der Bitterkeit, traten mir in's Auge⸗ Warum mußte ich als die einzige Toch⸗ ter reicher, angeſehener Eltern geboren, in Glanz und Ueberfluß erzogen, und zu Er⸗ wartungen berechtigt werden, die das Joch der Dienſtbarkeit mir nur als Mittel, die 13 Annehmlichkeiten des Lebens bequemer zu ge⸗ nießen, nicht als eine Buͤrde zeigten, die mich ſelbſt einſt beugen koͤnnte? War es ein Wunder, wenn die ploͤtzliche Verarmung meiner Familie und meine voͤllige Neuheit in der peinlichen Lage, die aus ihr hervor⸗ ging, mich um ſo tiefer zu Boden druͤckte, je hoͤher ich zu ſtehn waͤhnte? Daß mein Vater den Bankerott nicht überlebte, den ſein Hang zum Spiel und ſein verſchwenderiſcher Aufwand, welchen ich in meiner Sorgloſigkeit fuͤr die natuͤrliche Folge eines ſicheren und ungemeſſenen Reich⸗ thums hielt, herbeigezogen hatte, war ein groͤßeres Gluͤck, als uns Hinterbliebenen zu Theil ward. Zu rechter Zeit entzog ihn ein Schlagfluß dem Elend— und unſern Vor⸗ wuͤrfen; deſto mehr aber hatte ich mich nun mit meiner Mutter zu plagen, die, noch weit verwoͤhnter als ich durch die Genuͤſſe des Wohlſtands, langſam an dem zehrenden Gifte dahin ſtarb, das zuruͤck gewieſene An⸗ ſpruͤche, verſagte Wuͤnſche und nie gekannte Entbehrungen ihr bei dem Bewußtſein tro⸗ ———— 14 pfenweis zuzaͤhlten, mich nicht zum Dulden und Tragen erzogen zu haben. Ach— was mich aber bei dem ſchreck⸗ lichen Wechſek, den ich erfuhr, am meiſten ſchmerzte, war die Wahrnehmung, daß alle unſere ſogenannten Freunde uns den Ruͤcken wandten, ſobald die Sonne des Gluͤcks uns nicht mehr ſchien. Als noch zelle ronleuchter uͤber unſern reichbeſetzten Tafeln ſchwebten, und Gaſtfrei⸗ heit und Liberalitaͤt unſere Thuͤren weit ge⸗ oͤffnet hielt, damals, ach! unmſchwaͤrmte mich ein Heer von Bewunderern, die ſelbſt meine Fehler, entweder als treffliche Anlagen zu irgend einer Tugend und Vollkommenheit, oder als ſchoͤn und kuͤhn entwickelte Origi⸗ nalität prieſen— jeder meiner Einfaͤlle wurde als geiſtreich und witzig wiederholt— jeder Wunſch, den ich ausſprach, als Befehl betrachtet,— jeder Wink meiner oft despo⸗ tiſchen Willkuͤhr gleich einem Geſetz befolgt. Und nun dieſer herbe, grelle Uebergang vom linden Honig der Schmeichelei bis zu dem bit⸗ teren Wermuthskelch voͤlliger Verlaſſenheit— 15 bis zu der tiefen Erniedrigung des Die⸗ ners, denn auch die bezahlte Geſell⸗ ſchafterin dient ja!— Und nicht blos die ſo genannten Freunde, auch die Verwandten— freilich hatten wir uns in beſſeren Tagen nicht viel um ſie be⸗ kuͤmmert, da ſie unſerer Sinnesart und un⸗ ſerem Geſchmack nicht zuſagten— auch die Verwandten wendeten ſich kalt von meinem Ungluͤck ab, und— mir froſtig Reſignation empfelend— war alles, was ſie fuͤr mich zu thun beſchloſſen, daß der eine mir eine Stelle als Aſchenbroͤdel in ſeiner Wirthſchaft antrug— ein anderer mir ſein karges Stuͤcklein Brod unter der Bedingung reichen wollte, ſeine ungezogenen Kinder in Spra⸗ chen und in Muſik zu unterrichten— ein dritter, um mein wahres Heil beſorgt, mit froͤmmelndem Eifer das Unkraut meines fri⸗ volen Herzens auszujaͤten, und mich als kuͤnftige Betſchweſter an die pietiſtiſche Stille ſeines Hauſes anzuheften gedachte. Die Widerſezlichkeit, mit der ich mich dei den kurzen Verſuchen dieſer verſchiedenen, 16 meiner Denkungsart ſo vollig heterogenen Lbensweiſen benahm, entflammte ſtatt ihr Mitleid und ihren Beiſtand, nur ihren Groll, und ich, die einſt vermeinte Erbin eines die ſorgenfreiſte Unabhängigkeit mit verſprechenden Vermögens, mußte dem Him⸗ 1 mel danken, daß es Deiner treuen Fuͤrſorge fuͤr mich u dieſem Labyrinth man⸗ 6 — nigfacher Quale entziehen, und mir in einer Gegend, wo ich zu unbekannt bin, als daß mein Ruf mir ſchaden koͤnnte, die von vielen als annehmbar geprieſene Stelle einer Geſellſchafterin in dieſem Hauſe zu verſchaffen⸗ Da bin ich denn nun ſeit geſtern, ob⸗ ſchon noch voͤllig ein Fremdling, da dieſe wenigen Stunden mir nur eine fluͤchtige, vielleicht täuſchende Ueberſicht geſtatteten. Ich kam gegen Abend an. Die Däm⸗ merung webte eben ihren grauen Schleier uͤber der vielgeruͤhmten Gegend, die ich nur in undeutlichen Umriſſen erblickte, und es war, als wenn ihr melancholiſcher Nebel auch meine Sinne umwoͤlkte, in welchen eben ſo wenig ein Strahl der Freundlichkeit glänste, 17 als der Natur, die ſchon in herbſtlichen Schauern erbebt, noch ein Strahl der bereits geſunkenen Sonne leuchtete. Obgleich mitten in einer lebhaften Re⸗ ſidenz hielten wir doch an einer Thorfahrt, die durch einen großen, mit hohen Bäumen umgebenen Hof das anſehnliche Haus faſt kloſterlich von dem Gewuͤhl der Straße ſchei⸗ det. Ich rollte hinein— Mir war, als ſet ich nun abgeſchnitten von der Welt, und mit unruhig klopfendem Herzen ſtieg ich aus, und folgte dem Bedienten, der meine Ankunft ſchnell der Graͤfin meldete, und wieder heras kam, mich zu ihr zu fuͤhren. Durch mehrere, einfach, aber nicht praͤch⸗ tig moͤblirte Zimmer ſchritt ich einem Cabinet zu, das man oͤffnete, um mich in das Aller⸗ heiligſte des Aufenthalts meiner kuͤnftigen Gebieterin einzulaſſen. Eine Alabaſterlampe verbreitete ihr däͤm⸗ merndes Mondlicht uͤber den engen Raum, den nur ein Sopha, auf dem die Graͤfin ruhend lag, ein Schreibtiſch, einige Seſſel, 15* 18 ein Stickrahmen und das lebensgroße Bild eines Mannes, das, dem Sopha gegenuͤber, einen betraͤchtlichen Theil der Wand einnahm, ausfuͤllte. Eine Art von Kammerfrau, aber wie ich in den erſten Minuten ſchon weg hatte, von ihrer Dame mehr als Freundin behandelt, hatte wahrſcheinlich neben der Graͤfin geſeſſen, und ihr vorgeleſen, denn vor dem leeren, Wr Sophatiſch geruͤckten Stuhl lag ein aufgeſchlagenes Buch, und ſie zog ſich auch nur durch mein Eintreten unterbrochen, keineswegs verdrängt, in den Hintergrund zuruͤck. Die Graͤfin, eine feine, aͤtheriſche Ge⸗ ſtalt, auf deren bleichen Wangen trotz der Jugend ihrer Jahre nicht mehr die friſchen Roſen der Geſundheit bluͤh'n, richtete ſich auf, als ich ihr nahete, und empfing mich mit wohlwollender Hoͤflichkeit. Sie iſt weniger faſt als mitteler Größe, ſchlank und zart gebaut, mit einem Antliz, in deſſen wirklich angenehmen Zuͤgen eine ſtille Schwermuth den hervorſtechendſten Aus⸗ druck bildet. Ganz in weiß, mehr nonnen⸗ —— haft verhuͤllt, als gekleidet, ſo daß ſelbſt das Haar durch ein weiß geſticktes, am Kinn ge⸗ knuͤpftes Tuch faſt bedeckt war, hatte ſie, vielleicht ohne es zu wiſſen, oder zu wollen, die ſchwere Aufgabe geloͤſet, blaß und krank und truͤbe— der Welt gleichſam abgeſtorben, und dennoch anmuthig zu erſcheinen. Ich kann Ihnen heute nur fluͤchtig danken, ſagte ſie mit einer leiſen, aber me⸗ lodiſchen Stimme, als ſie mich eingeladen hatte, neben ihr auf dem Sopha Platz zu nehmen, daß Sie kuͤnftig zuweilen meine Einſamkeit theilen, und ſie durch Ihren freundlichen Umgang verſchoͤnern wollen. Ich leide oft, und heute eben wieder, an einem Kopfſchmerz, der mich unfaͤhig macht, viel zu reden; auch werden Die von der Reiſe ermuͤdet ſein, und der Ruhe und Erholung beduͤrfen. Moͤcht' es Ihnen wohl werden in dieſem Hauſe, ſezte ſie, meine Hand druͤ⸗ ckend, hinzu. Alles was von mir abhaͤngt, dazu beizutragen, werd' ich gewiß mit Freu⸗ den thun. ———— 20 Die Kammerfrau nahete ſich jezt, da ſie ſah, daß ihre Herrin gleich einer welken Blume ihr Haupt auf die Sophakiſſen nie⸗ der ſenkte. Sie brachte ſie in eine bequemere Lage, und bot ihr einen Flacon an, deſſen ſtärkende Wohlgeruͤche ihre matten Lebensgei⸗ ſter wieder ermunterten. Während dieſer huͤlfreichen Proceduren ruhten meine Augen auf dem gegenuͤber hän⸗ genden Bilde aus, das einen Mann von ſeltener Schoͤnheit, noch in der vollſten, feu⸗ rigſten Jugendbluͤthe darſtellt. Die edlen, regelmaͤßigen Zuͤge dieſes Angeſichts ſcheinen von innerem Leben zu ſtrahlen, und das ſchoͤne braune, ſonnenklare Auge blickt hell und muthig, faſt moͤcht ich ſagen: gebietend, um ſich her. Die reiche Huſarenuniform, die ihn ſchmuͤckt, hebt ſeinen ſtolzen koͤnigli⸗ chen Anſtand noch glaͤnzender hervor. Unter Truͤmmern ſtehend, die den Vorgrund bilden, ſtuͤßt er ſich mit dem einen Arm auf eine gebrochene, von Epheu uͤppig umrankte Saͤule, waͤhrend er mit der andern, nachlaͤßig herab⸗ geſunkenen Hand auf dem zu ihm aufſchauen⸗ — 21 den Kopf eines großen zottigen Hundes ruht, der zu ſeinen Fuͤßen ſitzt. Der landſchaftliche Hintergrund zeigt in blauer Ferne ein Fel⸗ ſenſchloß, und einen breiten Strom, der in maleriſchen Krimmungen hinter waldigen Gebirgen verſchwindet. Zeige Fraulein Silberſtedt die ihr be⸗ ſtimmten Zimmer, meine gute Johanna, ſagte die Graͤfin mit matter Stimme zu der Zofe, die halb zur Graͤfin, halb zu mir ge⸗ wendet, den ihr gewordenen Auftrag durch eine Verbeugung beantwortete, die neben der Zuſage des Gehorchens mir zugleich einen Wink zum Aufbruch gab. Ich beurlaubte mich alſo, und folgte ihr neugierig in die Gemaͤcher, die ſie mir an⸗ wies, welche durch ihre vornehm anſtaͤndige, faſt moͤcht' ich ſagen, glaͤnzende Einrichtung meine kuͤhnſten Erwartungen weit uͤbertrafen. Denn gar oft hab' ich ſonſt in angeſe⸗ henen Familien bemerkt, und zwar ohne es damals zu misbilligen, daß Gouvernante, Hofmeiſter oder Geſellſchafterin, dieſe ge⸗ woͤhnlich mit Hochmuth behandelten, unter⸗ — 22 geordneten Mitglieder des haͤuslichen Kreiſes in die ſchlechteſt Winkel des Hauſes ge⸗ ſteckt, und mit weniger Ruͤckſicht unterge— bracht waren, als das Lieblingsroß des Haus⸗ herrn, oder dit Bologneſer der Gebieterin. Auch mir haͤtte ja ein ſo widriges Loos fal⸗ len koͤnnen, aber keineswegs, freundlich und hell ſprach mich gleich bei'm Eintritt das durch viele Spiegel belebte Wohnzimmer, gemuͤthlich einladend das daran graͤnzende, mit ſchoͤnen Gemaͤlden geſchmuͤckte Boudoir, und angenehm beruhigend das mit gruͤher Seide drappirte Schlafgemach au, in wel⸗ chem ich alle Erforderniſſe der Toilette in reichem Ueberfluß vorfand. Eine ſehr be⸗ queme Garderobe, die an das Zimmer des Mädchens ſtoͤßt, das ausſchließlich zu meiner Bedienung angewieſen iſt, vollendet den Cy⸗ elus des gefaͤlligen, mir beſtimmten Raumes, und die Erfullung jedes Anſpruches, den ich nur immer haͤtte machen koͤnnen. Was mich aber beſonders, theils als achtſame Zuvor⸗ kommenheit, theils als Mittel, manchem dringenden Beduͤrfnis abzuhelfen, freute, war, 23 daß wie ich den eleganten Schreibtiſch oͤff⸗ nete, den man mir eingeraͤtmt hat, der halb⸗ jährige mir ausgemachte Gehalt in blinken⸗ dem Golde mir bereits entgegen ſtrahlte. um mir nichts zu vergebtn, that ich in⸗ deß gegen die Kammerfrau, als ſei alles nur ſo, wie ich ein Recht hatte, es zu fodern, und mich mit Herablaßung um ihre Gunſt bewerbend, da ich ſchnell begriff, daß ſie keine unwichtige Perſon hier im Hauſe vorſtellt, und mir daran gelegen war, mich durch ihre Hälfe vorläͤaſig zu orientiren, bat ich ſie, mir doch eine fluͤchtige Ueberſicht der im Hauſe obwaltenden Verhaͤltniße und meiner kuͤnftigen Pflichten zu gewaͤhren. Mit einer behutſameren Zuruͤckhaltung, als ſonſt Perſonen ihres Standes aͤußern, wenn man ihnen Zutrauen beweiſt, ging ſie in die Beantwortung meiner Fragen ein, und berichtete mich nur im Allgemeinen, daß die Graͤfin ein Engel an Sanftmuth und Guͤte ſei, aber theils ihrer Neigung, theils ihrer Kraͤnklichkeit wegen, in der tiefſten Ein⸗ gezogenheit lebe. Vor zwei Jahren verlor 24 ſie den einzigen Sohn, einen herrlichen drei⸗ jaͤhrigen Knaben, an dem ihre ganze Seele hing. Seit dem hat ihre Geſundheit ſo unendlich gelitten, daß ſie gewiſſermaßen da⸗ durch genoͤthigt ward, ſich in die groͤßte Stille zuruͤck zu ziehen. Trauriges Loos, dacht' ich, einen Blick auf mich und meine individuelle Lage werfend, auf den Umgang einer kraͤnklichen, melancholiſchen Frau be⸗ ſchraͤnkt zu ſein, und rings von den Freu⸗ den des Lebens umrauſcht, unter Tantalus Qualen meine bluͤhenden Tage in truͤbſinni⸗ ger Einſamkeit verſchmachten zu ſollen!— Und der Graf? fragt' ich weiter.— Der Graf, verſezte Johanna etwas zoͤgerud, iſt ein Mann, der die Welt und ihre Er⸗ gözlichkeiten liebt. Er iſt wenig zu Hauſe. Kleine Reiſen entfernen ihn oft auf laͤngere Zeit— die Vergnuͤgungen, oder vielmehr Zerſtreuungen des Stadtlebens täglich. Die Graͤfin iſt viel allein, und damit ſeine öftere Abweſenheit ihr nicht allzu fuͤhlbar werde, hat er ſelbſt darauf gedrungen, daß ſie ſich N. — —— eine Geſellſchafterin waͤhlen moͤchte, um we⸗ niger einſam zu ſeyn, und ſich ihrer Trauer nicht ſo ungeſtoͤrt und ſchwaͤrmeriſch hinzu⸗ geben. Sie verließ mich nun, und ich wan⸗ derte noch lange unruhig und verſtimmt in meinen Zimmern umher, ehe ich mich zur Ruhe begab, ohne jedoch Schlaf finden zu koͤnnen. Denn dieſe Zimmer— ſie haben ſeit jener Schilderung der hieſigen Lebens⸗ weiſe etwas kerkerhaftes in meinen Augen— wenigſtens kommen ſie mir bei aller Eleganz, die ſie heiter ſchmuͤckt, wie der Kaͤficht vor, hinter deſſen vergoldeten Staäben der Vogel vergeblich flattern und ſich in die friſche Luft der Freiheit hinaus ſehnen wird. Heute, wo ich nun erwartungsvoll all' den Anſpruͤchen entgegen ſah, die man an mich machen werde, bin ich auf die langwei⸗ ligſte Art faſt ganz mir ſelber uͤberlaſſen ge⸗ blieben. Ich glaubte, der Hoͤflichkeit gemaͤß, die Frage: wenn ich der Graͤfin aufwarten duͤrfe, an Johanna richten zu muͤſſen, allein die Antwort, die Graͤfin werde mich ſelbſt in — —————— meinen Zimmern aufſuchen, hat mich den ganzen Morgen in vergeblicher Spannung gehalten, und ich ſchließe dieſe Zeilen, ohne Dir mehr ſagen zu koͤnnen, als daß ich— was meine aͤußere Lage betrifft— bis zum Ueberfluß verſorgt bin, doch mit der trauri⸗ gen Wahrſcheinlichkeit, an dem Mangel zu leiden, was des Daſeins eigentlichen Reiz ausmacht, wohin ich das Pikante der ge⸗ ſelligen Genuͤſſe, das Sehen und Geſehen⸗ werden rechne, auf das ich nicht hoffen darf, da es meine Beſtimmung zu ſein ſcheint, mich hier kloͤſterlich einzuſperren⸗ Zweiter Brief. Gräſin Agnes von Wallbrunn an Bertha von Roſen. Meine innig geliebte Bertha, mit wehmuͤ⸗ thiger Freude habe ich die Nachricht Deiner Zuruͤckkunft in's Vaterland erhalten. Ach— daß demohngeachtet noch ein nur allzuweiter Raum uns trennt— daß eine lange Zeit noch vergehen wird, ehe ich Dich wieder ſehen, und an das Herz ſinken darf, das— ſo warm mit dem meinigen verſchwiſtert— alles Wohl und Wehe mei⸗ ner Kindheit und meiner erſten Jugend mit mir theilte, das weckt bei allem Entzuͤcken uͤber Deine Naͤhe wieder die unbefriedigte Be⸗ wegung einer leidenſchaftlichen Sehnſucht in mir, deren ich mich nicht mehr fähig glaubte. Dein langer Aufenthalt in fremden Laͤn⸗ dern geſtattete wegen der Unſicherheit unſeres Briefwechſels mir nur einzelne undeutliche Winke uͤber die Schickſale und Gefuͤhle, die 2* 28 ſeit Jahren die Ruhe meines Gemuͤths oft ſo ſtuͤrmiſch unterbrachen. Doch— daß ich litt, haſt Du mit mir empfunden, und daß ich hoffnungslos in's Leben blicke, hab ich Dir nicht verhehlt. Du verließeſt mich vor ſechs Jahren, als Du den Brautkranz um die Locken des begluͤckten Maͤdchen wandeſt, dem der Beſitz des Geliebten nun den Himmel einer ver⸗ meintlich unzerſtoͤrbaren Liebe aufſchloß. Die Briefe, die ich Dir nach Frankreich ſchrieb, enthielten die Begeiſterung eines Herzens, das ſich ganz dem Gluͤck hingegeben hatte, und das in dem ſuͤßen Wahn ſchwaͤrmte, es koͤnne ewig ſo dauern. Doch, meine Freun⸗ dinn, die Maͤnner lieben anders als wir. Wo wir mit der ganzen Kraft unſerer Seele, mit der innigſten Tiefe der Empfindung, mit der heiligſten Treue den geliebten Gegenſtand fuͤr dieſes und jenes Leben umfaſſen, entführt ſie oft ein bunter Traum der Zerſtreuung, der Reiz der Neuheit, und der Wunſch nach Abwechſelung ihren beſſeren Gefuͤhlen, und wir erfahren vielleicht nur das allgemeine 29 Loos unſeres Geſchlechts, wenn uns der Wan⸗ kelmuth deſſen betruͤbt, deſſen Liebe unſere individuelle Seligkeit ſchuf. War es die mir angeborene Schuͤchtern— heit, die bei'm erſten Ahuen vom Erkalten meines Mannes ſchreckhaft in ſich ſelbſt zu⸗ ruͤckbebte, und beinahe zur Verſchloſſenheit ward, oder die Unmoͤglichkeit, meinen Schmerz eben ſo wie meine Klagen zu unterdrucken, die ihn, der das Froͤhliche liebt und ſucht, nur noch weiter von mir entfernte— ge⸗ nug ich ſah, wie das langſame Abſterben ei— ner Pflanze, an deren Wurzeln ein Wurm nagt, mein eheliches Gluͤck nach und nach dahin welken, und mir blieb nur die herz— liche Freundlichkeit, die Leo's wohlwollendes Gemuͤth allen Menſchen gewöhrt. Und doch war gerade das, was ich einſt als ganz beſonderes Eigenthum mein nannte, der hoͤchſte Zauber meines Lebens. Sein Streben, nur bei mir zu ſeyn, der feſte, an ſeiner Liebesglut entzuͤndete Glaube, daß er ſeine Welt in mir finde, wie ich die meinige in ihm, ſeine unbegrenzte Hinge— 30 bung, die mich mit jeder Wallung ſeines Buſens vertraut machte, weil alle dieſe Wal⸗ lungen rein waren— ach, alles dies hatte mein verwoͤhntes Herz ſo unausſprechlich be⸗ gluͤckt— und alle Huld und Goͤte außer dieſen freien Gaben des Gemuͤths ließen mich arm, da ich anfing, jene zu entbehren. Doch— vielleicht verdiente ich als ge⸗ rechte Strafe dieſen traurigen Wechſel. Zu abgoͤttiſch hatte ich ihn wohl geliebt— zu wonnevoll mich berauſcht in einem Gluͤck, das, ſeiner Natur nach, mit Schmetterlings⸗ flugeln durch das Leben ſchwebt, und wohl nur ſelten den bunten Farbenſtaub derſelben unvermiſcht bis zum Ziele traͤgt. Auch blieb mir noch die heiligſte Wonne des Daſeins— eine Wonne, die ich mit Ihm theilte, und die durch zartere Bande noch, als die erſte Jugendliebe webt, uns mit einander verknuͤpfte. Mein Kind, mein holder Emil—— vergieb, daß brennende Thranen auf dies Blatt fallen, und die Zei⸗ len verdunkeln, durch die das tief verwun⸗ dete Mutterherz ſich ausſpricht. Du weißt, daß ich den theueren mir nur ſo kurz ge⸗ ſchenkten Knaben an der ſchrecklichſten aller Kinderkrankheiten, an der Braͤune, verlor — aber Du weißt nicht, wie ſein Ringen nach Huͤlfe in der Qual des langſamen Er⸗ ſtickens, ſein Flehen, ihm beizuſtehn, ſein Vertrauen in den ſicheren Schutz der Mut⸗ terliebe, mit dem er, mich krampfhaft um⸗ ſchlingend, und ſeinen lezten Athemzug in meinentBuſen verhauchend, nur in meinen Armen Linderung ſeiner graͤßlichen Leiden zu finden hoffte— ach Du weißt nicht, und kannſt es auch nicht wiſſen, wie dies alles mein Herz entſezlicher noch zerriß, als ſein Verluſt, den ich ruhiger ertragen haͤtte, waͤre der Tod ihm als ſanfter Schlummer erſchie⸗ nen, ihn in die Heimat der Unſchuld hin⸗ uͤber zu fuͤhren. In dieſen Stunden, deren ſchwarzer Schatten meinen Weg bis zum Grabe ver⸗ finſtern wird, flammte noch einmal wie ein Stern der Verheißung ein troͤſtliches Licht fuͤr mich in Leo's Innern auf, aber ach, es erloſch wie ein Meteor, das fluchtig uͤber 32 die dunkele Wolke hinſtreift, die es erhellte. Leo's Schmerz, der an tobender Heftigkeit den meinen noch uͤbertraf, gewaͤhrte mir den traurigen Troſt, meine Gefuͤhle, wie einſt, im Wiederſchein der ſeinigen zu erblicken, und mit unſeren heißen Thraͤnen, die ſich vermiſchten, ſchienen unſere Seelen von neuem in einander zu fließen. Doch bald faßte er ſich wieder. Sein Gemuͤth, leicht geſinnt, und an den Freuden der Welt haͤngend, wandte ſich ſchaudernd von den Bildern der Melancholie und des Todes ab, die der Verluſt unſeres Lieblings um uns aufgerufen hatte, und ſich in Zer⸗ ſtreuungen ſtuͤrzend, die ſein Gefuͤhl uͤber⸗ taͤubten, blieb mir, nachdem er vergebens geſtrebt hatte, mich auf dieſem Pfad mit ſich fort zu ziehen, nur die ſchmerzlichſte Verein⸗ zelung, die mein Ungluͤck in meinen Augen verdoppelt. Sieh, meine Geliebte, aus dieſer un⸗ vollkommenen, oft von dem bitteren Weh meiner Erinnerungen unterbrochenen Skizze, 33 was mich abhielt, Dir oͤfterer und weniger einſylbig zu ſchreiben. Aus dem Zuſtand der troſtloſeſten Ver⸗ zweiflung raffte ich mich endlich vermittelſt des Beiſtand's der Religion wieder empor, und die Zeit mit ihrer Milde half den Auf⸗ ruhr beſaͤnftigen, der mein Herz zu brechen drohte. Als ich vom unſaͤglichſten Schmerz zu ſtillerer Wehmuth uͤberging, zog es mich ſo oft mit neubelebter Innigkeit zu Dir hin, und ich nahm dann wohl die Feder in die Hand, Dir Worte der Liebe in die Ferne zu ſenden. Aber unwillkuhrlich zog ſich mein Innerſtes widerſtrebend zuſammen, wenn ich die Geſchichte meiner Leiden vor Dir auf⸗ rollen wollte, wie ein Leichentuch, unter dem die Bluͤthenzeit meines Lebens ſchlaͤft, und zu dieſer Schwaͤche meiner Seele, die in dem oͤfteren Wechſel Deines Aufenthalts eine Entſchuldigung fuͤr ihr Schweigen fand, ge⸗ ſellte ſich noch Kraͤnklichkeit des Koͤrpers, die mich oft vom Schreibtiſch entfernte, wenn die Sehnſucht nach Dir, Du traute Geſpielin meiner Jugend, mich zu ihm hinzog. 34 Jezt aber, nun Du zuruͤck gekehrt biſt in die lang verlaſſene Heimat, und Deines Vaters Verlangen nach philoſophiſcher Zu⸗ ruͤckgezogenheit mir Buͤrge iſt, daß er keinen neuen Geſandtſchaftspoſten wieder annehmen, ſondern ruhig ſich und Dir kuͤnftig auf ſei⸗ nen Guͤtern leben wird, jezt iſt das Beduͤrf⸗ niß, Dir, wie ſonſt, jede leiſe Regung mei⸗ nes Herzens mitzutheilen, maͤchtig in mir aufgewacht, und ich gab Dir dieſe fluͤchtige Schilderung, damit Du nicht bei unſerem naͤchſten Wiederſehen meinſt, Du findeſt— obſchon anders durch Zeit und Verhaͤltniſſe geſtaltet— die Gluͤckliche wieder, der Du bei'm Abſchied die braͤutliche Myrte um das ſorgenfreie Haupt ſchlangſt. Mache Dich gefaßt, dem Abdruck tiefer Leiden in meinen Zuͤgen zu begegnen. Doch— wie auch der Schmerz die ſchwache Huͤlle veraͤndert und zerſtoͤrt hat— meine Freundſchaft fuͤr Dich iſt dieſelbe geblieben, und nicht mehr heiter, aber treu bis in den Tod ſchlaͤgt mein Herz Dir entgegen. D rnittnenr Periise qß⸗ Eugenia an Sophien. Kaum hatte ich meinen Brief an Dich ge⸗ ſchloſſen, als die Graͤfin zu mir eintrat. Ich muß geſtehen, ihre Erſcheinung, vom hellen Licht des Tages umſtrahlt, frap⸗ pirte mich auf eine eigene wunderbare Weiſe. Sie kam mir mit dieſer zarten, gleichſam ſchwebenden Geſtalt, die ein himmelblaues Gewand umfloß, mit dieſem frommen, faſt verklaͤrtem Angeſicht, von goldenen Locken umweht, wie ein Seraph vor, dem nur noch die großen ſchwanenweißen Fluͤgel fehlen, um ſich uͤber die Erde empor zu ſchwingen. Ich weiß nicht recht, wie ich es nennen ſoll— iſt es Wuͤrde des Charakters, Adel der Ge⸗ ſinnung, Groͤße der Seele— oder al⸗ les dies zuſammen vereint, was bei aller Demuth ihres Weſens ihr die irdiſche Ho⸗ heit verleiht, die, mir gegen uͤber, mich ver⸗ 36 legen, bloͤde ſogar, erſcheinen ließ, indem ſie mir— gewiß ohne es zu wollen— imponirte. Ich muß mit Ihnen reden, hub ſie nach den erſten Begruͤßungen an, und ich hoffe, Sie ſind gleich mir der Meinung, daß nur Geradheit des Sinnes und der Erkla⸗ rungen das Unbehagliche einer neuen Be⸗ kanntſchaft mildert, indem ſie Zutrauen ein⸗ flößt und vergeſſen macht, daß ſich Fremde gegen uͤber ſtehen. Was werd' ich hoͤren ſollen? dacht' ich innerlich erbebend, und die kloͤſterlichſten Be⸗ dingungen ahnend, doch ſie ergriff muthein⸗ floͤßend meine Hand, und mich zum Sopha fuͤhrend, mußt' ich mich zu ihr worauf ſie fortfuhr. Wir haben Sie eingeladen, unſere de. genoſſin, die Freundinn unſerer guten und boͤſen Stunden zu ſein. Eine ſolche, auf deren Charakter ich bauen zu koͤnnen hoffe, darf nicht unbekannt mit unſeren Verhaͤlt⸗ niſſen und Neigungen bleiben, und ich bin gekommen, Ihnen offen zu ſagen, was, wie ich glaube, Ihnen zu wiſſen noͤthig iſt. 33 Daß meine Kraͤnklichkeit mich von den munteren geſelligen Kreiſen, die mein Mann liebt, zuruͤck haͤlt, iſt eine traurige Fuͤgung des Schickſals, der ich mich geduldig unter⸗ werfen muß. Ich habe viel gelitten, und leide noch— denn wo quillt die wohlthaͤtige Lethe, die in einer Mutter den ſchmerzlichen Verluſt ihres einzigen Kindes zu erloͤſchen im Stande waͤre?— Seit jener Zeit— zu furchtbar, um mir ihr Andenken in die⸗ ſen Augenblicken erneuern zu moͤgen— iſt mir nur ertraͤglich in ſtiller Zuruͤckgezogen⸗ heit, und laute Freude, ich geſtehe es, ver⸗ lezt wie ein greller Miston mein Inneres, dem die tiefſte Ruhe, die nladenſte Ein⸗ ſamkeit am beſten zuſagt. Nun waͤre es aber unbillig, wenn 6 begehrte, daß mein Mann, der ſich in hei⸗ teren Unterhaltungen wohl gefaͤllt, ſie des⸗ wegen in ſeinem Hauſe entbehren ſollte, weis ich ſie nicht theilen kann. Er hat in der lezten Zeit die Freuden der Geſelligkeit groͤßtentheils auswaͤrts ge⸗ ſucht, und oft den Wunſch geaͤußert, auch bei —— ſich Kreiſe zu verſammeln, die nicht blos auf maͤnnliche Geſellſchaft beſchraͤnkt, ſich mit ihm zu dem Zmeck, frohlich zu ſeyn, verei⸗ nigen moͤchten. Bei dieſer Gelegenheit die Honneurs zu machen, da die Frau des Hau⸗ ſes es nicht vermag, iſt daher eine der wich⸗ tigſten Pflichten, die ich Ihnen an's Herz lege. Denn obgleich Wallbrunns Guͤte fuͤr mich hauptſaͤchlich beabſichtigte, durch ihre Gegenwart die ihm gar zu monoton ſchei⸗ nende Stille meines Krankenzimmers zu ver⸗ ſchoͤnern, ſo bekenn' ich Ihnen aufrichtig, daß eben dieſe Stille mir lieb iſt, und daß ich mir niemals weniger verlaſſen ſcheine, als wenn ich allein bin. Auch berechtigt Sie Ihre Jugend und Ihre bluͤhende Geſund⸗ heit zu den Genuͤſſen eines frohen Umgangs, die ich Ihnen von ganzem Herzen goͤnne, und die Sie in meiner Abgeſchiedenheit ver⸗ geblich ſuchen wuͤrden. Deshalb bitte ich, mein Fräulein, leben Sie an meiner Statt fuͤr die Welt, und ſein Sie die freundliche Vermittlerin zwiſchen dem Geſchmack meines 39 Mannes, und meinen Neigungen und Schwaͤchen. Du kannſt denken, meine beſte Sophie, daß mir, die ich mich noch kurz vorher zu dem oͤden Leben einer barmherzigen Schwe⸗ ſter vom Orden der Krankenpflege verdammt glaubte, dieſe mich zu ganz anderen Erwar⸗ tungen aufmunternden Worte gar lieblich er⸗ klangen. Um jedoch bei der Graͤfin nicht anzuſtoßen, ſtellt' ich mich, als ob ich es vor⸗ gezogen haben wuͤrde, mich nur auf die mir weit ſuͤßere Pflicht, ihr zu nuͤzzen, beſchraͤnkt zu ſehen, und als ob Kich mehr um ihren Befehl, als meinem angeborenen Hang zu folgen, einwilligte, den munteren Cirkeln vorzuſtehn, auf die ich mich unbeſchreiblich freue. Ich werde in dieſen Tagen, ſprach ſie weiter, ſobald mein Befinden es mir nur ir⸗ gend erlaubt, ſelbſt mit Ihnen zu den ange⸗ ſehenſten Familien der Stadt fahren, um Sie vorzuſtellen und bekannt zu machen. Denn obgleich Ihre angenehme Perſoͤnlich⸗ keit keiner anderen Empfehlung bedarf, als 40 ſich ſelbſt, ſo muͤſſen wir doch die Formen beobachten, die die Convenienz nun einmal vorgeſchrieben hat. Ich neigte mich dankbar; ſie erroͤthete, wollte noch etwas ſagen, brach aber ab, und verſank in momentanes Sinnen, wobei ihr ſtarr vor ſich niederblickendes Auge ſich truͤbte, und eine Thräne langſam uͤber ihre bleiche Wange rollte. 6 Dieſe Wahrnehmung ſezte mich in Ver⸗ legenheit. Was ſollte ich beginnen? Sie ignoriren— wie ich am liebſten gethan haͤtte, wuͤrde mir den Schein der Gefuͤhllo⸗ ſigkeit gegeben haben, den ein ſo ſentimen⸗ tales Weſen nicht leicht verzeiht— und darauf eingehen, konnte eine larmoyante Scene veranlaßen, wie ich ſie haſſe— und daneben auch fuͤr Zudringlichkeit gelten. Sie ſelbſt jedoch beendete meine Unge⸗ wißheit, was in dieſem verfaͤnglichen Augen⸗ blick fuͤr mich zu thun ſei, indem ſie ſich zu mir wandte, und laͤchelnd unter ihren Thra⸗ nen mit weicher Stimme zu mir ſagte: Ver⸗ geben Sie, daß ich mich einige Momente den 41 truͤben Ideen hingab, die nur allzuoft bei mir einkehren. Ich will Ihnen nicht ver⸗ hehlen, was ich dachte, und— ſezte ſie, ſich zu jener Heiterkeit zwingend, die ernſte Dinge gern als Scherz behandeln moͤchte, hinzu— ich will ſelbſt auf die Gefahr, von Ihnen ausgelacht zu werden, mein Innerſtes vor Ihnen ausſprechen. Wenn auch nicht unſer groͤßter Dichter ſchon bemerkt haͤtte, daß nichts bedeutender in jedem Zuſtand, als die Dazwiſchenkunſt eines Dritten iſt, ſo wuͤrde ſich einem acht⸗ ſamen Verſtande gewiß irgend einmal von ſelbſt dieſe Anſicht aufdringen, die in jedem fuͤhlenden Gemuͤthe, wenn auch nur dunkel, herrſcht. Vielleicht ſtrͤubt' ich mich auch blos deswegen gegen die gutgemeinten Ab⸗ ſichten meines Gemahls, mir ſchon fruͤher eine freundliche Hausgenoſſin geben zu wol⸗ len, weil mein Herz mich ahnen ließ, daß eben durch eine ſolche Dazwiſchenkunft alles ſich ſo ganz anders geſtalten werde. Der Menſch haͤngt nun einmal an ſei⸗ nen Gewohuheiten, und an dem verjaͤhrten N„ — 42 Treiben ſeines Lebens. Er liebt das Dau⸗ ernde, laͤngſt beſeſſene, in einer bleibenden Form feſt zu halten, ſo daß eine Veraͤnde⸗ rung ihm nur ſelten als Verbeſſerung er⸗ ſcheinen will, wenn ſie ihn aus dem ſtillen Gleis einer werthgewordenen Einfoͤrmigkeit hinaus draͤngt. Und doch iſt es hier, wo gleichſam meine häusliche Zufriedenheit am Scheidewege ſteht, ſo leicht moͤglich, daß al⸗ les beſſer werde, ſtatt verworrener und truͤber. Verſteh' ich Sie recht, Frau Graͤfin— — ſtammelte ich verlegen, denn ich ſah ein, daß ich doch durch irgend ein Wort der Er⸗ wiederung die Pauſe ausfuͤllen muͤſſe, die wieder eintrat, als ſie ihr Tuch hervorzog, die Augen zu trocknen, die jezt immer ſtroͤ⸗ mender uͤberfloſſen. Sein Sie der gute Engel dieſes Hau⸗ ſes, ſprach ſie mit Nachdruck, indem ſie meine Hand ergriff. Mit richtigem Tact, mit Schonung und Milde ausgeſtattet, wird es Ihnen beicht werden, üͤberall wohlthuend einzuwirken, und der Segen eines Herzens, 43 das vielleicht nicht lange mehr auf Erden ſchlagt, ſoll es Ihnen lohnen. Nur halb den Sinn ihrer Worte be⸗ greifend, erſezte mein Combinationsvermogen (deſſen Thaͤtigkeit, wie Du weißt, meine See⸗ lenkraͤfte in ſteter Uebung erhaͤlt, was mir dunkel blieb. So ſpricht nur die Angſt der Eiferſucht, die einen geliebten Gegenſtand zu verlieren fuͤrchtet, dacht' ich bei mir ſelbſt, und ſo allein druͤckt ſich jene demuͤthige, ro⸗ mantiſche Liebe aus, die— höheren Anſpruͤ⸗ chen gegen uͤber als ſie ſich zu machen er— lauben darf— ihr Gluͤck und ihren Frieden ahnungsvoll gefaͤhrdet glaubt. Ein Geraͤuſch, das ploͤzlich auf dem Hofe entſtand, uͤberhob mich der unangeneh⸗ men Nothwendigkeit, mich zu Dingen an⸗ heiſchig zu machen, denen mein Inneres wahrſcheinlich nicht gewachſen geweſen waͤre, und als ein Bedienter herein trat, der Gräfin die Zuruͤckkunft ihres Gemahls zu melden, und ſie ſchnell aufſtand, um zu ſei⸗ nem Empfang hinweg zu eilen, flüſterte ich 44 in die Umarmung, mit der ſie von mir ſchied, blos die leicht hingeworfenen, nichts ſagen⸗ den Worte: ich hoffe, Sie werden mit mir zufrieden ſein. Vierter Brief. Dieſelbe an Sophien. Gratulire Dir und mir zu kuͤnftig hoffent⸗ lich intereſſanteren Briefen, meine theuere Sophie, als die waren, durch die ich die Schilderung meiner Ankunft, und meiner erſten Anſichten verſuchte, denn der Sauer⸗ teig des Pikanten, durch den ich ſo gern die Stille eines einfoͤrmigen Lebens in und ne⸗ ben mir in Gährung ſetze, ſchein nicht aus⸗ bleiben zu wollen, und von dem inneren Muͤſſiggang, den ich aͤrger fuͤrchte, als den Tod, wird kuͤnftig keine Rede ſein. Ich hatte eben meine Toilette fuͤr den Mittag beendet, und meinen vorigen, in un⸗ geduldiger Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, geſchriebenen Brief abge⸗ ſchickt, als der Graf ſich bei mir melden ließ, um meine Bekanntſchaft zu machen. Du ſiehſt, man läßt es hier im Hauſe weder an guten Ton, noch an dem fehlen, 46 was mir das behagliche Gefuͤhl gewaͤhren kann, daß ich keineswegs in dienſtbarer Ab⸗ haͤngigkeit, ſondern durch jede Ruͤckſicht der Hoͤflichkeit ausgezeichnet und ermuthigt, auf gleichen Fuß mit denen ſehen ſoll, die— mich bezahlen. Der Graf war noch in ſeinem Zimmer, als er mir ſeinen Beſuch verkuͤnden ließ, folglich hatte ich Zeit, noch einen pruͤfenden Blick in den Spiegel zu werfen, und ich geſtehe Dir, vor der ich keinen Gedanken verheimliche, daß dieſer Blick mir zwiefachen Muth gab, ihm entgegen zu treten. Denn es mußte mir allerdings daran liegen, ihm nicht zu misfallen, und— wie man oft erlebt, daß der männliche Geſchmack gern von einem Extrem zum andern flattert, und die Contraſte liebt, die ihm auf eine unerwartete Weiſe begegnen— ſo durfte ich nicht befuͤrchten, daß ſich mein dunkler Lok⸗ kenkopf, und mein ſchwarzes, blitzendes Auge neben der blonden Glorie und den bittenden Vergißmeinnichtsaugen ſeiner Frau zu mei⸗ nem Nachtheil ausnehmen werde. Wenn 47 dort kraͤnkliches Hinſchmachten und Schwer⸗ muth die Bluͤthe der Geſundheit gebrochen, und alle friſchen Farben verloͤſcht hat, ſo bluͤhten ſie um ſo blendender auf meinen Wangen, da— wie Dir bekannt iſt— un— ſere koͤſtlichen, vielfach erprobten und bewaͤhr⸗ ten Pariſer Recepte durch Kunſt uner⸗ gruͤndlich nachhelfen, wo ſich die Natur zu karg bezeigt. Nachdem ich mein durch Neugier und Erwartung ſonderbar erregtes Herz zu einem ruhigeren Klopfen gezwungen, und— dem Anſchein nach ganz gleichguͤltig bei einer fei⸗ nen Arbeit beſchaͤftigt— mich niedergeſetzt hatte, hoͤrte ich Sporen vor meiner Thuͤr klirren— ſie ward geoͤffnet, und der Graf trat ein. Ich geſtehe, daß mir nicht leicht, faſt moͤcht' ich ſagen: nie, ein Mann begegnet iſt, den eine wahrhaft maͤnnliche Schoͤnheit, verbunden mit dem feinſten Anſtand und der leichteſten Gewandtheit ſo empfielt. Hatte mich der fluͤchtige, halb verſtohlene Blick, den ich auf ſein Bild warf, ſchon fuͤr ihn — 48 eingenommen— wie um ſo mehr mußte es jezt die Wirklichkeit thun, die dieſes Bild ſo weit uͤbertraf. Auch er ſchien uͤberraſcht von meinem Anblick. Vielleicht war ich in der Beſchrei⸗ bung oder in ſeiner Vorſtellung von mir ihm alter, verbluͤhter, haͤßlicher erſchienen— ich weiß es nicht— ſo viel iſt aber gewiß, daß die momentane Betroffenheit ſeines Weſens, und das, einem Weltmann wie ihm wohl nur ſelten anfliegende Befangene der erſten Unterhaltung nicht eben ungunſtig von dem Urtheil ſprach, daß er im Srillen uͤber faͤllte. Dieſe Bemerkung machte mich tahn. Da er die erſten Momente hindurch fort⸗ fuhr, mich ſtaunend und ernſt, aber mit un⸗ verkennbaren Zeichen des Wohlgefallens zu betrachten, ſo nahm ich, als er mir zu lange ſchwieg, das Wort, ihn zu begruͤßen, und indem ich mir Muͤhe gab, Wuͤrde und Be⸗ ſcheidenheit in meinem Benehmen auf die anziehendſte Weiſe mit einander zu verſchmel⸗ zen, ſteigerte ich den Antheil an mir, der aus ſeiner Bewunderung hervorging, ſo hoch, wie mir eben fuͤr dieſen Augenblick zweckmaͤ⸗ ßig ſchien. Denn es waͤre mir ein leichtes geweſen, ihm auf der Stelle den Kopf zu verdrehen— aber ich liebe ſo ſchnelle Siege nicht. Man bemaͤchtigt ſich ſeiner Eroberun⸗ gen weit ſicherer, wenn man ſie langſam macht, Nach einem kurzen Beiſammenſein, in dem wir wenig mehr, als jene Gemeinplätze abhandelten, welche gewoͤhnlich eine erſte Un⸗ terhaltung einleiten, bot er mir den Arm, mich zu Tiſch zu fuͤhren, und da wir die Graͤfin noch nicht im Speiſeſaal fanden, und ich, um bei ihrem Kommen nicht Verdacht zu erregen, ſeine immer ausſchließlicher auf mich gerichtete Aufmerkſamkeit auf andere Gegenſtaͤnde lenken wollte, ohne mich jedoch dabei in Schatten zu ſtellen, ſo nahm ich die Gelegenheit wahr, uͤber einige dort haͤn⸗ gende Gemaͤlde ein kunſtrichterliches Urtheil zu faͤllen, und ihm leiſe dadurch anzudeuten, daß ich auch in dieſem Gebiet der Kunſt kein Fremdling ſei. 50 Doch, als nach einer ziemlich monoto⸗ nen Mahlzeit, bei welcher die Graͤfin mehr ſeufzte, als ſprach, er mich bat, ihm von meinem ihm bereits vielfach geprieſenen Ta⸗ lent fuͤr die Muſik eine Probe zu geben, ſuchte ich durch die Einwendung, daß man die Liebe und den Eifer, mit dem ich von je her dieſe uns der Erde entruͤckende Kunſt geuͤbt, nur allzuoft mit der Vorausſetzung eines glaͤnzenden Talents verwechſelt habe, ſeine Erwartung herab zu ſtimmen, um ſie deſto ſicherer zu uͤbertreffen, und ohne Wei⸗ gerung folgte ich ihm in das Nebenzimmer, wo ein herrlicher Fluͤgel ſtand. Ich begann mit einer einfachen Melo⸗ die, die aber in allen Modificationen von der kraͤftigſten Fuͤlle bis zum leiſeſten Ver⸗ hallen des gleichſam hinſterbenden Hauches uͤbergeht, und durch das tiefe Gefuͤhl, mit dem der Componiſt ſie ausſtattete, den Weg zu keiner Bruſt verfehlt, obgleich alle Kuͤn⸗ N ſteleien fern von ihrer großartigen Einfalt geblieben ſind. Ich ſah, daß die Graͤfin ſich die M —j—j———— ü —————————— ————— trocknete, und daß ihr Gemahl auf das in⸗ nigſte ergriffen war. Er geſtand mir, nach— dem er mich mit Lobſpruͤchen uͤberhaͤuft hatte, daß Muſik eine ſeiner Leidenſchaften ſei, und daß der Tag, an dem er verhindert werde, ihr wenigſtens eine Stunde zu widmen, ihm als verloren erſcheine. Es iſt nicht der geringſte Schmerz mei⸗ nes Lebens, unterbrach ihn die Graͤfin, in⸗ dem ſie liebevoll den Arm um ihn ſchlang, daß meine allzureizbar gewordenen Nerven und meine ſchwache Bruſt mir nicht mehr geſtatten, dieſen Genuß mit Dir zu theilen. Ach— es waren ſchoͤne Stunden, Leo! die wir ſonſt an dieſer Stelle verlebten!— Wie ſo manchmal fand uns die Mitternacht noch hier, und wie oft hob uns der Zauber der Toͤne gemeinſchaftlich uͤber dieſe Welt empor, und erſchloß uns eine ſchoͤnere, als es hie⸗ nieden giebt, im Reich der Harmonie. Jezt bin ich nur noch ein Miston in Deinem Le⸗ ben, und das thut mir ſo weh. Liebes Kind, verſezte der Graf, indem er ziemlich lau ihre zaͤrtliche Annaͤherung 3* 52 mehr ertrug, als erwiederte, laß doch ab, Dich unnuͤtzer Weiſe zu quaͤlen. Immer umfaſſen Deine Gedanken verlorene Guͤter, die keine Macht Dir wieder giebt, und ſtets weilt Deine Sehnſucht auf der Vergangen⸗ heit, ſtatt muthig und hoffend den Blick in die Zukunft zu richten. Voruͤbergehend iſt Alles auf Erden— warum ſollte es der Gram nicht endlich auch ſein, der an Dei⸗ nem Leben nagt? Die Wehmuth, welche ſichtbar das zarte Weſen durchzitterte, ſchien ihn zu bewegen. Freundlich ihr Kinn erhebend, um das ge⸗ ſenkte, blaſſe Geſicht aufzurichten, fuhr er in einem milderen Tone fort: 1 6 Du erinnerſt Dich unſerer glacklichen muſicaliſchen Stunden, meine Agnes! warum nicht auch derer, wo wir zuſammen laſen? warum nicht, was wir laſen?— Weißt Du noch, wie wir uns einſt an Buͤffons ſchoͤner Klarheit, und an der Lebensweisheit erfreuten, die ſo gediegen und bewährt ſeine ſchön geordnete Wiſſenſchaft durchwebt? Ge⸗ 6 53 denkſt Du ſeines Grundſatzes nicht mehr, daß man das Auge nie auf den zuruͤckgeleg⸗ ten Weg wenden muͤſſe, ſondern vorwaͤrts, immer vorwaͤrts auf die neue Bahn⸗ die wir betreten ſollen? Es iſt etwas wahres an dieſem Rath, entgegnete die Graͤfin, aber nur fuͤr einen Mann, wie er, der blos den Zwecken des Verſtandes und ſeinem Studium ſein Da⸗ ſein widmete.— Da— aber auch da al⸗ lein— kann der oͤftere Ruͤckblick auf das Vergangene dem Streben nach einer weite⸗ ren Entwickelung nachtheilig ſein. Wir ar⸗ men Menſchen aber, die wir mehr mit dem Gemuͤth als mit dem Geiſte leben, muͤſſen unſer Gluͤck oft auf dem Standpunkt ſuchen, auf dem wir nicht mehr ſtehen, und ach, Leo! wie um ſo vieles aͤrmer wuͤrde ich ſein, duͤrft' ich nicht ruͤckwaͤrts ſchauen. Dieſe unbeſonnene, vom Schmerz, der ſie uͤberwaͤltigte, hervorgerufene Aeußerung ſchien offenbar die Eigenliebe des Gemahls zu verlezzen, und mit der Ungeduld, die ich ſchon oft bei Ehemaͤnnern wahrgenommen 54 habe, wenn ihnen der etwas elegiſche Ton ihrer Frauen langweilig wird, ſagte er ziem⸗ lich haſtig und hart: Nun, ſo fahre denn fort, Dich ſelbſt zu peinigen, wenn Du die⸗ ſem Verlangen nicht widerſtehen kannſt— aber bedenke, daß ein ſo ungluͤckſeliger Hang allmaͤlig alles von Dir entfernen wird, was hellere Anſichten hat, und ſich nicht eben zu der Rolle eines Klageweibes berufen fuͤhlt. Dieſe Worte, die ſelbſt mir durch die Seele ſchnitten, machten die Arme gleichſam erſtarren. Ich will mich beſſern, Leo! ſagte ſie leiſe, gewiß, ich will mich beſſern, ſezte ſie muͤhſam nach Faſſung ringend, hinzu, in⸗ dem ſie ſich hinweg begab. Fuͤnfter Brief. Fortſezzung. — Unentſchloſſen, was ich thun ſollte, blieb ich einige Momente ſtehn, und nahm, erzuͤrnt uͤber den Grafen, eine Hoheit gegen ihn an, die ihn befremden und ihm imponiren mußte. Denn konnt' ich gleich der ſentimentalen Frau nicht Recht geben, die beſtändig die blauen Himmel ihrer Augen regnen laͤßt, und den Mund, wie es ſcheint, groͤßtentheils nur oͤffnet, um zu ſeufzen und zu klagen, wodurch aller Effekt, den ſie vielleicht beab⸗ ſichtigt, verloren geht, ſo fuͤhlte ich doch durch ſein Benehmen gegen ſie mein Geſchlecht in ihr beleidigt, und das erforderte Strafe. Auch las ich wohl in den verlegenen, aber gluͤhenden Blicken, mit denen er mich firirte, daß ich vieles wagen und obh nur bei ihm gewinnen konntc. Denn es iſt unglaublich, was die kei⸗ mende, und im erſten Entwickeln fortſchrei⸗ 56 tende Neigung eines Mannes alles zu dul⸗ den und zu tragen vermag. Kein Blick un⸗ ſerer Augen geht in dieſem Zeitpunkt verlo⸗ ren, kein leiſer Wink bleibt unbeachtet, und jede unſerer Launen, die ſpaͤter fuͤhllos uͤber⸗ ſehen werden, weil man ſie uͤberſehen will, oder die wohl gar zum Gegenſtande bitterer Ruͤge dienen, iſt Anfangs ein heiliges Ge⸗ ſetz, das unbedingt uͤber die wichtigſten Hand⸗ lungen entſcheidet. Wehe dem weiblichen Geſchopf, das bei ſolcher Wahrnehmung verſaͤumt, die Zuͤgel ſtraff zu halten, an denen ſie den Selaven leitet, der außerdem nur gar zu leicht zum Herrn wird, und dem jungen Vogel gleicht, dem— je ſorgſamer ihn die Mutter nährt — um ſo ſchneller die Fluͤgel vnh die ihn ihr entfuͤhren, Sie ſehen mich misbilligend an, mein Fraulein, nahm er endlich das Wort, aber ich bitte Sie, richten Sie nicht zu ſtrenge— wenigſtens nicht, ohne mich zu hoͤren. Ich habe Sie gehoͤrt, Herr Graf, entgegnete ich, und—— ſo neu auch un⸗ 52 ſere Bekanntſchaft iſt— ſo muß ich doch hinzufuͤgen: mit Erſtaunen. Nicht als ob ich mir ein Urtheil uͤber ihr Betragen anmaßen moͤchte, das mir in keinem Fall ziemen wuͤrde— aber die Bemerkung kann ich nicht unterdruͤcken, daß die kalte Lieblo⸗ ſigkeit, mit der Sie Ihre Frau Gemahlin entließen, mir nicht eben geeignet ſcheint, ein tief betruͤbtes und gebeugtes Gemuͤth zu er⸗ heben. Liebloſigkeit! rief er mit Feuer aus, o wie ſo ganz anders, als ich bin, muß ich Ihnen vorkommen, wenn Sie mir dieſe zu⸗ trauen koͤnnen. Ich liebe meine Frau, und wuͤrde alles in der Welt thun, ſie gluͤcklich zu machen— ich ſchaͤzze die vortrefflichen Ei⸗ genſchaften ihres Charakters, wie ſie es ver⸗ dienen— aber ich geſtehe, ihr Hang zur Schwermuth koͤnnte mich zur Verzweiflung oder zur Gleichguͤltigkeit bringen. Wir verloren, wie Sie wiſſen werden, unſer einziges Kind, einen herrlichen Kna⸗ ben, der die Freude und die Hoffnung auch meines Lebens war. Aber kann ein ewiger 58 Jammer ihn uns wieder geben?— Und geſezt auch, was ich zugeſtehen will, daß eine Mutter tiefer fuͤhlt, als das durch den Kampf mit oft rauhen Verhaͤltniſſen geſtaͤhl⸗ tere Maͤnnerherz, ſo muß doch ſelbſt in dem weichſten Gemuͤthe endlich vermittelſt des Einfluſſes der Vernunft eine gewiße Faſſung entſtehen, die den Schmerz wenigſtens zu be⸗ herrſchen weiß. Welch eine gedruͤckte Lage fuͤr mich, wenn ich nach Haus komme, im⸗ mer naſſen Augen zu begegnen, keinen An⸗ klang des Frohſinns, keiner Hoffnung beſſe⸗ rer Tage mehr.— Gewiß, wenn Sie billig ſein wollen, ſo werden Sie entſchuldigen, daß mein in der Verſtellungskunſt ungeuͤbter Sinn zuweilen aufbrauſt, oder auch, wie eben jezt, aber— ich betheure es— gegen meinen Willen geſchah, kalt und bitter ſich ausſpricht. Ich gebe Ihnen Recht, war meine Antwort, daß nichts ſo ſehr ermuͤdet, als ein 5 Schmerz, dem weder mit Troſt noch Ver⸗ nunftgruͤnden beizukommen iſt. Aber iſt es nicht die Pflicht des Staͤrkeren, das ſchwä⸗ —.—— 59 chere Weſen, das nicht zu ſeiner Kraft em⸗ por reicht, wenigſtens milde zu ſtuͤzzen, wenn es darauf beharrt, ſich nicht erheben zu wol⸗ len?— Ich bin noch ſo neu in Ihrem Hauſe, ſagte ich, gleichſam mich entſchuldi⸗ gend, hinzu, daß die Furcht, unbeſcheiden zu ſcheinen, mir Schweigen uͤber ſo zarte Ver— hältniſſe auferlegen ſollte, wenn ich nicht das lebhafteſte Verlangen fuͤhlte, durch mein Hin⸗ zutreten ſie, ſo viel in meiner Macht ſteht, zu ebenen und freundlicher zu machen. Bewegt, und ich darf ſagen, bewundernd hoͤrte der Graf mir zu. Herrliches Maͤd⸗ chen, rief er aus, indem er meine Hand an ſeine Lippen druͤckte, es war des Schickſals hoͤchſte Gunſt, die Sie in mein veroͤdetes Haus fuͤhrte. Sie werden es mir wieder zum Tempel des Gluͤcks und der Zufrieden⸗ heit umwandeln, und mir durch Ihre Naͤhe ein ſchoͤneres Aſyl bereiten, als das, das ich ſo lange in rauſchenden Zerſtreuungen ſuchte, um die Leere meines unbefriedigten Herzens zu uͤbertäuben. Der Blick, mit dem er dieſe Worte 66 * 2 60 gleitete, drang ſchmerzlich ſuͤß in mein In⸗ neres, und haͤtte mich beinahe in der mir vorgeſezten Rolle zum Schwanken gebracht. Denn es liegt in ſeinem großen, funkelnden braunen Auge ein ſo wunderſames Gemiſch von Kuͤhnheit, Schwaͤrmerei und Feuer, wie es mir noch nimmer in Männerblicken be⸗ gegnet iſt, und die Natur that wohl daran, es mit langen, dunklen Wimpern zu um⸗ ſchatten, weil außerdem der Glanz, der es beſeelt, ſchwer zu ertragen waͤre. 6 Ich muß mich wirklich waffnen, um dieſen Augen gegen uͤber das zu bleiben, was ich mir vorgenommen habe— nicht ein ju⸗ gendlich fuͤhlendes Maͤdchen, deren Herz an ſolchen Sonnen leicht hinſchmelzen wuͤrde, ſondern die kalt berechnende Kokette, die, um ſich an den fruͤheren Erfahrungen eines bit⸗ teren Schickſals zu raͤchen, ihr Spiel mit Männerherzen treibt, ſtatt ſich liebend ihnen hinzugeben, und die ſichs zum feſten Grund⸗ ſatz ihrer Lebensphiloſophie gemacht hat, nur den leichten Bluͤthenſtaub ihres noch uͤbrigen Jugendſommers genießend abzuſtreifen— —,— „————————— 61 nicht mehr das Skelet der Blumen, die der Vergaͤnglichkeit gehoͤren, anatomiſch er orſchen und beſitzen zu wollen. Ich redete ihm nun zu, ſeine Gemah⸗ lin aufzuſuchen, um durch Freundlichkeit den herben Eindruck ſeiner harten Rede auf ſie wieder zu vertilgen. Folgſam, wie ein wohl⸗ erzogenes Kind, fuͤgte er ſich meinem Willen und ging. Du wunderſt Dich wahrſcheinlich, meine Sophie, uͤber dieſe zarte Guͤte, die Du ſo eigentlich nicht an mir gewohnt biſt, und die Du vielleicht Schwaͤche ſchelten wirſt. Aber bedenke, daß ſie nicht Eingebung des Her⸗ zens, ſondern der Klugheit iſt. Denn wenn ich nicht der Friedensengel dieſes Hauſes vorlaͤufig wenigſtens ſcheine, werde ich nimmer, wie es doch zu meinem Wohlbehagen nothig iſt, bei Mann und Frau jenes Ueber⸗ gewicht erlangen, das ich bedarf, um beide zu beherrſchen. Sechster Brief. Gräfin Agnes von Wallbrunn an Bertha von Roſen. Lange habe ich gezoͤgert, Deinen lieben Brief zu beantworten, meine Bertha! und doch ſchrieb ich Dir ſeit ſeinem Empfang ſo viel in Gedanken, daß Deine Zeit ſchwerlich aus⸗ reichen wuͤrde, alles zu leſen, wenn dieſe un⸗ ſichtbare Schrift ſich verkoͤrpern koͤnnte. Wie thut doch ein Wort der Liebe aus treuem Herzen ſo wohl. Ach— meine kranke Bruſt fuͤhlt jezt nur Wunden— und die Dolchſpizzen, welche ſie verurſachen. Wo ſoll ich anfangen, geliebte Freun⸗ dinn, Dir ein Bild meiner gegenwaͤrtigen Lage zu entwerfen? Manches, was ich mir ſelbſt verhehlen, oder wenigſtens ausreden moͤchte, wie einen thoͤrichten Wahn, wird dann um ſo eiſerner geſtaltet in's Leben tre⸗ ren, wenn ich ihm Worte geliehen, und es vor Dir ausgeſprochen habe. Und doch— ich muß!— Du darfſt eben ſo wenig ein 63 Fremdling in meinem Hauſe, als in meinem Herzen ſein. Ich glaube nicht, daß ich in meinem Briefe an Dich einer Hausgenoſſin erwähnte, die Leo mit freundlicher Gewalt als Geſell⸗ ſchafterin mir aufdrang, weil er meinte, die große Einſamkeit, der ich mich hingab, da ſie ja das eigentliche Element eines kummer⸗ vollen Herzens iſt, werde meinen Hang zur Schwermuth naͤhren. Leo iſt gut, das glaube mir, wenn auch manche ſeiner zu raſchen und zu wenig den Schein beachtenden Handlungen dem Ta⸗ del einer ſcharf ſittlichen Kritik nicht leicht entgehen moͤchten. Er wuͤnſcht wirklich, ich darf es nicht bezweifeln, mich zufrieden zu ſehn, aber die Vergangenheit iſt ihm vergan⸗ gen— und ungern ſieht er mich ihren hei⸗ ligen Schatten beſchwoͤren, weshalb ich mir denn auch vorgenommen habe, kuͤnftig zu ſchweigen, um nicht durch unnuͤzze Klagen ſeine Laune zu verderben, ohne daß es mir gelingen wuͤrde, ſein Herz zu ruͤhren. Ihm war die Liebe, die die Seele mei⸗ ———— ——————,— 64 nes Lebens iſt, nur eine irdiſche Flamme, die der Hauch der Zeit, ſtatt ſie hoͤher an⸗ zufachen, verloͤſchte. Waͤre mir der gluͤckliche Leichtſinn beſchieden, der in jede Form ſich ſchmiegen, und ſelbſt mit den Schmerzen, die ihm das Schickſal ſendet, zu ſpielen und zu ſcherzen vermag, ſo wäre mir es vielleicht gelungen, mich auf dem Standpunkt zu er⸗ halten, auf den mich einſt ſeine Leidenſchaft ſtellte, und den ich durch Treue und Innig⸗ keit ewig zu behaupten hoffte. Aber meine ſtille Trauer uͤber das all⸗ mählige troſtloſe Verbleichen des Gluͤcks, das ſonſt in dem Beſitz ſeines Herzens mir ſtrahlte, meine namenloſe Betruͤbnis uͤber den Verluſt des holdſeligen Kindes, in dem ich Ihn zwiefach geliebt hatte, und die durch Seelenleiden in mir entwickelte Kraͤnklichkeit, welche den Bluͤthenſchimmer der Jugend ſchnell, und vor der Zeit, von meinen Wan⸗ gen ſtreifte— alles dies hat ſeine Neigung zu mir erſt erkältet, dann zerſtört, und mich nach und nach, aber durch die qualvollſten uebergaͤnge mit der ſchrecklichen Gewißheit 65 vertraut gemacht, daß er aufgehoͤrt hat, mich zu lieben. Wie niederſchlagend auch dieſe Ueberzeu⸗ gung immer ſein mochte, ſie war dennoch linder Balſam gegen das Gift, das ſpaͤtere Tage mir reichten. Denn liegt wirklich nicht, wie ſo viele behaupten, im Charakter des Mannes jene Ausdauer liebender Geſinnung, wie die Na tur ſie in die Bruſt des Weibes ſenkte, nimmt der unbeſchraͤnktere Kreis, den die Verhaͤltniſſe um ihn ziehen, die vielſeitigere, ernſtere Ausbildung des Geiſtes, die ſeine Anſichten erweitert, und ſeiner Thaͤtigkeit hoͤhere Motive giebt, und die dadurch er⸗ langte unbedingte innere Freiheit ſein See⸗ lenvermoͤgen ſo mannichfach in Anſpruch, daß ihm nur ein kleiner Theil uͤbrig bleibt, ihn fluͤchtig an ſeine Liebe zu wenden, waͤhrend wir, wenn wir einmal unſer Herz vergeben haben, nur in dem Gefuͤhl athmen und gei⸗ ſtig fortdauern, das uns an den Geliebten knuͤpft— ich weiß es nicht— aber meine Erfahrungen laſſen mich es nicht beſtreiten, 5* 66 und ſo muͤßte ich mich fuͤgen in das Unver⸗ meidliche, das, wohl nur wenige einzelne Faͤlle ausgenommen⸗ als allgemeines Loos der Frauen, ſo bitter es auch iſt, mich mit dem meinigen verſoͤhnen duͤrfte. Aber nicht genug, daß die traurige Wahrnehmung von Leo's gegen mich immer mehr ſich abwendenden Gemuͤths mich auf's tiefſte beugte— ich ſollte noch herberes in der Ahnung kennen lernen, die ſich bald in mir zu der Gewißheit verſtärkte, daß er eine Andere liebt.— Hatte die Hoffnung vor⸗. her noch troͤſtend mir zur Seite geſtanden⸗ und manchmal in beruhigenden Traͤumen aus den Truͤmmern meiner Vergangenheit mir eine neue Zukunft erbauen helfen, ſo ſtarre ich jest muthlos vor mich hin, und habe mich ſelbſt und das Leben aufgegeben. Doch ich greife meiner betruͤbten Er⸗ zählung zu ſehr vor. Vergieb dem wuͤſten Kopf Deiner Freundinn, meine Bertha, der, zu erfuͤllt mit allem, was mich quaͤlt, kaum mehr denken, wenigſtens nicht ſeine Gedan⸗ ken ordnen kann. 1 n 67 Da mein Mann, wie Du weißt, die Muſik leidenſchaftlich liebt, ſo ſollte bei der Wahl einer Geſellſchafterin, auf der er be⸗ ſtand, darauf geſehen werden, daß die kuͤnf⸗ tige Gefaͤhrtinn unſeres Lebens nicht ohne Talent dafuͤr ſei. Es gehoͤrte ſonſt zu unſerer Lebensord— nung, daß wir Abends nach Tiſch noch lange ſpielten und ſangen. Wenn auch irgend et⸗ was uns im Lauf des Tages unſanft beruͤhrt oder verſtimmt hatte, ſo loͤſete ſich doch alles mild beruhigend im Strom des Wohllauts auf, der unſer Tagewerk harmoniſch beſchloß. Wie ſchmerzte es mich, als meine ſchwankende Geſundheit mich noͤthigte, mich von dieſem ſeligen Genuß auszuſchließen, und wie oft hab' ich im Stillen geweint, wenn die Toͤne ſeiner einſamen Phantaſieen elegiſch klagend zu mir heruͤber klangen, und unſere Stimmen nicht mehr wie ſonſt in einem Accord zuſammenfloſſen. Es mußte mich daher in Leo's Seele freuen, als uns Fraͤulein Eugenia von Sil⸗ berſtedt, ein Maͤdchen von mittleren Jahren, 68 — empfolen wurde, das vermoͤge einer fruͤher erhaltenen glaͤnzenden Erziehung in den ſchoͤ⸗ nen Kuͤnſten wohl unterrichtet, namentlich in der Muſik Meiſterin, und dabei mit dem Ton der großen Welt bekannt, ganz dazu geeignet ſein ſollte, die Honneurs eines halb verwaiſeten Hauſes zu machen. Unglucksfälle hatten ihre Familie vom ſchimmerndſten Wohlſtand bis zur tiefſten Armuth herabgebracht; ihre Eltern waren ein Opfer dieſes ſchrecklichen Wechſels ge⸗ worden, herzloſe Verwandte hatten ſich von ihr zuruͤckgezogen, und ſie ihrem traurigen Geſchick uͤberlaſſen, das nur eine einzige Freundinn, dieſelbe, welche durch die dritte Hand ſie uns empfal, durch ihren Beiſtand zu mildern ſich beſtrebte. Aus allen dieſen einzelnen Zig ſezte meine geſ— chaͤftige Phantaſie ſich das Bild eines wuͤrdigen, durch den Ernſt des Lebens ge⸗ pruͤften und gelaͤuterten weiblichen Weſens zuſammen, und da man mein Mitleid in Anſpruch nahm, und mir vorſtellte, daß meine Einwilligung der ungewiſſen Exiſtenz einer 69 Ungluͤcklichen Sicherheit gewaͤhren werde, zö⸗ gerte ich nicht laͤnger, unſer Haus als ihr Aſyl zu betrachten, und mit der moͤglichſten Schonung, unter ſo vortheilhaften Bedin⸗ gungen, als ich vermochte, ihr eine Stelle als Geſellſchafterin bei uns anbieten zu laſſen. Sie kam, und ich geſtehe Dir offen, daß ihr erſter Anblick mich beſtuͤrzte. Von mittleren Jahren hatte man ſie mir geſchil⸗ dert, von traurigen Erfahrungen auf einen dornenvollen Pfad gefuͤhrt—— wie uͤber⸗ raſcht war ich daher, als eine ſtrahlende Schoͤnheit in der Fuͤlle der Lebensluſt und des ungebeugten Mucthes ſtolz vor mir auf⸗ trat, und auch nicht durch den leiſeſten Zug mich ahnen ließ, daß ſie einſt durch die herbe Schule des Ungluͤcks gegangen. Iſt es eine gluͤcklichere Organiſation, als ſonſt gewoͤhnlich uns Frauen zu Theil wird, die wir dem weichen Thon gleichen, in den ein bitterer Kummer nur allzuleicht ſeine Spuren einpraͤgt, oder iſt es Leicht⸗ ſinn, Fuͤhlloſigkeit, die ſtatt einer hoͤheren 70 inwohnenden Kraft ſie ſchuͤzten— ich er⸗ laube mir kein Urtheil daruͤber— aber ſo 1 viel iſt gewiß, dieſen blizzenden ſchwarzen Augen traut man nicht zu, daß je ein See⸗ lenleiden ſie truͤbte, und uͤber dieſe friſch bluͤhenden Wangen ſcheint nie eine Thraͤne gefloſſen zu ſeyn. Sehr kuͤhne und pruͤfende Blicke, die ſie in den erſten Momenten unſerer Bekannt⸗ ſchaft, als ſie ſich unbeobachtet glaubte, auf das Bild meines Mannes warf, verliehen ihr einen unweiblichen Ausdruck von Glut und Leidenſchaft, und lehrten mich eine nie vorher empfundene Angſt kennen, die nem⸗ lich, die durch die Wahrſcheinlichkeit eines gegenſeitigen Gefallens ſich mir aufdrang. Wenn ihr ſittliches Gefuͤhl ſie nicht durch Grundſätze gewaffnet hat, denen das Wohl oder Wehe anderer heilig iſt, dacht' ich mir, wie wird es dann moöglich ſein, den Eindruͤcken zu widerſtehn, die Lev's liebeus⸗ wuͤrdige Perſoͤnlichkeit und die herzgewinnende Anmuth ſeines Weſens auf ſie machen wird? — Und Er, der nur noch der mitleidige ———— 74 Freund ſeines verbluͤhten, kraͤnkelnden Wei⸗ bes iſt, wird er bei ſeiner lebhaften Em⸗ pfaͤnglichkeit, und ſeinem fuͤr alles Schoͤne leicht ergluͤhenden Sinn dieſe bezaubernde Erſcheinung ungeſtraft um ſich ſehen, ohne von ihr geblendet, ergriffen, und leidenſchaft⸗ lich zu ihr hingezogen zu werden?— Ich brachte eine ſchlafloſe Nacht zu, indem ich vertraut mit den Moͤglichkeiten zu werden ſuchte, die gleich ſchwuͤlen Gewitter⸗ wolken meinen Horizont verdunkelten, und indem ich uͤber die Mittel nachſann, ihnen zu begegnen. 3 Ich will ſie zwingen, mich zu lieben, war das Reſultat meiner Ueberlegungen, in⸗ dem ich ihr Achtung und Zutrauen zeige, und alles fuͤr ſie thue, was ich nur immer ver⸗ mag, ihr Leben zu begluͤcken. Dies wird ſie zur Schonung bewegen, denn welche Ver⸗ dorbenheit muͤßte ich vorausſezzen, wenn ſie dennoch, dennoch! dem Fluͤſtern verbotener Wuͤnſche nach ihrer Neigung Gehoͤr gaͤbe, die das heilige Eigenthum meiner Vergan⸗ genheit war, oder auch nur ein frivoles 1 Spiel mit dem Herzen triebe, in deſſen Be⸗ ſiz ich einſt meinen Himmel fand. I„ch weihte ſie alſo in die Hoffnungen ein, die ich von ihr hegte, ſo weit nemlich die Behutſamkeit, welche ſo zarte Verhältniſſe fordern, es geſtatteten, und eine gewiſſe braͤutliche Schaam es zuließ, die mir lieber geboten haͤtte, die Schwaͤche meines fuͤrchten⸗ den Gemuͤths in ſiebenfache Schleier zu ver⸗ huͤllen, als ſie auszuſprechen. ESie ſchien mir geneigt, auf eine wuͤr⸗ dige und feſte Weiſe in mein Verlangen ein⸗ zugehn, das ich nur leiſe ihr anzudeuten wagte, weil ich von der Sicherheit ihres ſchnellen Tact's erwartete, daß ſie das uͤbrige errathen werde. Demohngeachtet— b mein weiſſagendes Herz— ſoh ich mit banger Beklommenheit ihrem Zuſammentreffen mit Leo entgegen, und— laß mich weinen⸗ Bertha! an Deiner Bruſt, in die ich zu⸗ trauensvoll den bitterſten Schmerz meines Lebens ergieße— was ich in prophetiſcher Ahnung befuͤrchtete, traf ein. Ich ſah, wie ihre auffallende Schonheit, ihre gläͤnzenden 73 Talente, und die Gabe, ſie geltend zu ma— chen, gleich einem zuͤndenden Blitz ihn in Flammen ſezten, und wie ſie ſeitdem der Ge⸗ genſtand iſt, der ihn ausſchließlich beſchäf⸗ tigt, beherrſcht und entzuͤckt. Ich mußte abbrechen, und in einer Stunde ſtiller Sammlung die Kraft und Faſ— ſung ſuchen, die ich zum Weiterſchreiben, und ach— mehr als dies— zum Weiter⸗ leben bedarf. Auf mein Lager mich werfend, das meine heißen Thraͤnen benezten, kam endlich Ruhe in den Sturm meines Ge⸗ muͤths, und Stille in die Aufgeregtheit mei⸗ nes Schmerzes. Wollte ich in meiner jezzigen Stimmung, die Gott mir erhalten moͤge, pruͤfen, was ich Dir geſchrieben, ich wuͤrde dieſen Brief vernichten, der Dir nur ein redender Beweis weiblicher Eiferſucht und Schwaͤche ſein muß— aber nimm ihn dennoch hin, Ge⸗ liebte! als ein Zeichen des Vertrauens, das wie ſonſt in den harmloſen Tagen unſerer Kindheit nichts vor Dir verbergen mochte, ——— 2———— 74 —— was in und neben mir vorging. Der Krampf hat nachgelaſſen, der meine Seele uͤberwaͤl⸗ tigte, und ſie findet einen Ausweg aus dem Labyrinthe ihrer Leiden, den ſie in Demuth und Entäußerung zu wandeln beſchloſſen hat. So klar aber auch das Bild meiner Zu⸗ kunft, und der Pflichten, die ſie mir aufer⸗ legt, vor meinem Inneren ſteht, ſo iſt doch mein Darſtellungsvermoͤgen, durch ſo manche Kämpfe zerruͤttet, noch nicht kraftvoll und ſicher genug, Dich jezt ſchon mit den Anſich⸗ ten und Vorſaͤtzen bekannt zu machen, zu denen ich mich ermuthigt habe, und auch koͤr⸗ perliche Ermattung zwingt mich, die Feder wegzulegen. Bald aber nehme ich ſie wie⸗ der auf, und dann ſollſt Du hoffentlich nicht tadeln, was ich ergriffen habe. —— — Sinhenter Brief⸗ Eugenia an Sophien. We⸗ ich eigentlich will, fragſt Du mich, wunderliches Mädchen? Als ob Du, die Du mehr als irgend ein Menſch auf Erden mein Innerſtes erforſcht haſt, Dir nicht ſelbſt dieſe Frage beantworten koͤnnteſt.— Doch, da Du nun einmal thuſt, als ſei mein offen vor Dir liegendes Herz Dir eine terra incognita geworden, ſo will ich mich bereit⸗ willig dazu verſtehn, jeden Punkt Deines Briefes gewiſſenhaft und aufrichtig zu beant⸗ worten. Alſo: erſte Frage.„Ob ich den Plan habe, mit dem Grafen unklugerweiſe eine Liebſchaft anzuſpinnen, die nichts als haͤus⸗ liche Entzweiung, und eine dadurch veran⸗ laßte misvergnuͤgte Lage auch fuͤr mich be⸗ wirken koͤnne?“ Antwort. Ich bin ohne Plan hier her gekommen, wenigſtens was den Grafen be⸗ 4 X 76 trifft. Ich muͤßte falſch gegen Dich und mich ſein, wenn ich indeſſen ablaͤugnen woll— te, recht gut bemerkt zu haben, daß mein erſter Anblick wie ein electriſcher Schlag ſein Herz durchzuckte, und daß jede Stunde des Beiſammenſeins den Eindruck vertieft hat, den ich unwillkuͤhrlich auf ihn machte. Daß ich nun nicht widerſtrebe, mir von dem ſchoͤnſten und liebenswuͤrdigſten Manne, den ich je geſehen, huldigen zu laſſen, ſondern mich, wenigſtens dem Schein nach, der ja im Leben mehr als die That gerichtet wird, leidend verhalte,— wer koͤnn!' es mir ver⸗ argen, da ich mit Beſonnenheit verfahre, und trotz der Hinneigung meines Gefuͤhls zu ihm, doch aus Ueberlegung mit ſo ſchrof⸗ fen Schranken mich umbaue, als nur immer die Tugend in eigener Perſon aufthuͤrmen koͤnnte. Zweite Frage.„Wird die Graͤfin, wenn ſie bemerkt, daß zwiſchen Dir und ih⸗ rem Gemahl ein Einverſtaͤndniß herrſcht, das ihre Rechte kraͤnkt, nicht wohlbegruͤndete urſach haben, ſich uͤber Undank zu beklagen, — „ da ſie ſich ſo bereitwillig gezeigt hat, Deinen Aufenthalt in ihrem Hauſe angenehm zu machen, und Dich als Freundinn zu be⸗ handeln.“ Antwort. Liebes Kind, die Graͤfin iſt eines jener ſchwachſinnigen, gutmuthigen Geſchoͤpfe, deren Scharfblick gar ſehr durch den Nebel umſchleiert iſt, der ihre ſchwaͤrme— riſchen Anſichten vom Leben truͤbt. Hochſt wahrſcheinlich wird ſie nichts merken— wenigſtens nicht, daß ich mitunter thäͤtig bin, wo ich unthaͤtig ſcheine. Wenn ich uͤbrigens uͤberlege, wie wenig der Flammenſinn dieſes Mannes zu dieſem bleichen, aͤtheriſchen Mond⸗ ſcheinweſen paßt— wie eine ſolche Natur ſo gar nicht geſchaffen iſt, ihn zu begreifen, folglich auch zu begluͤcken, ſo darf ich mich wohl bei mir ſelbſt entſchuldigen, wenn ich großartigere Ruͤckſichten nehme, als eine be— engte Konvenienz oder eine duͤrftige Moral mir vorzeichnen wuͤrde. Dritte Frage.„Haſt Du auch be⸗ dacht, daß wenn die Graͤfin die Intrigue entdeckt, die Du leichten Sinnes anzuknuͤ— 78 pfen ſuchſt, ſie Dich leicht des vortheilhaften Zufluchtsortes wieder berauben kann, der ſo uͤber unſere Erwartung ſich nach Deinem volligen Geſchmack geſtaltet hat?“ Antwort. Nein, meine gute, allzu⸗ beſorgte Sophie, das kann ſie nicht, denn ich wuͤrde dann Minen ſpringen laſſen, die es ihr auf eine unſanfte Art verwehren wuͤrden. Ich habe bereits ſo viel Gewalt uͤber den Grafen erlangt, daß ich nur einen Theil der⸗ ſelben zu benuzzen brauche, um mich von ihm gegen jedermann, ſelbſt ſeine Frau nicht aus⸗ genommen, geſchuͤzt zu ſehn. Schonen will ich die Kraͤnkelnde, ſo lange ich kann— aber ſollte ſie mich und meine Stellung im Leben anfechten, dann biet' ich ihr muthig die Stirn zur Selbſtwehr, und glaube mir, ich bleibe gewiß Siegerin, wenn ſie ſo thoͤ⸗ richt ſein ſollte, ſich in einen Kampf mit mir einzulaſſen. Vierte Frage.„Wohin ſoll es fuͤh⸗ ren, wenn der Graf nun auch wirklich fuͤr Dich in der heftigſten Leidenſchaft entbrennt? Haſt Du vergeſſen, daß er verheiratet iſt⸗ 79 und wird nicht ſelbſt die leiſeſte Vermuthung einer geheimen Verbindung mit ihm jede moͤgliche anſtäͤndige Partie entfernen, die Du vielleicht zu machen Gelegenheit hät— teſt?“ Antwort. Die Ehe iſt nicht ge⸗ rade mein hoͤchſtes Streben, wiewohl ich mir vorgeſezt habe, einer glänzenden Verſorgung nicht auszuweichen, wenn ſich eine ſolche mir anbieten ſollte. Aber, wie geſagt, nur un— abhaͤngig und glaͤnzend verſorgt, nicht um der Ehe willen verheiratet zu ſein, iſt mein Wunſch, und daher wuͤrde ich ſelbſt einen alten, haͤßlichen und widerwaͤrtigen Mann nicht ausſchlagen, wenn er mir nur Reich⸗ thum und einen ausgezeichneten Rang zur dorgengabe braͤchte. Dann aber ſteh' ich Dir freilich nicht dafuͤr ein, daß der Graf nicht bei mir aus einem ſchmachtenden Lieb⸗ haber ein beguͤnſtigter wuͤrde— doch auch nur erſt dann.— Uebrigens— er iſt ver⸗ heiratet, ſagſt Du, aber wird er dies im— mer bleiben? Kann nicht der Tod den ſchwachen Lebensfunken ausloͤſchen, der noch 80 in der kraftloſen Bruſt ſeiner Gattin gluͤht?— Oder kann er— erſchrick nicht vor dem Geſpenſt, das ich aus dem Reich der Mog⸗ lichkeit herauf beſchwoͤre, ohne ſelbſt daran zu glauben— kann er nicht geſchieden werden? Doch— laſſen wir dies Frag' und Antwortſpiel, und der Zukunft ihren dunke⸗ len Schleier, den ſie ſchon luͤften wird, wenn ſie ſich zur Gegenwart umwandelt. Du ſollſt mir Schritt vor Schritt folgen auf meiner Bahn, wie Du es ſeit meiner fruͤhſten Jugend thateſt, und gewiß wirſt Du mir am Ende Deinen Beifall nicht verſagen. Seit meinem lezten Briefe bin ich denn nun wirklich in die hoͤheren Cirkel eingefuͤhrt, in denen ich mich kuͤnftig des Daſeins freuen ſoll, aber nicht durch die Graͤfin geſchah es, wie ſie mir anfangs verheißen. Bei ihrer ſteten Hinfaͤlligkeit zauderte ſie zu lange, um nicht die Ungeduld ihres Gemahls zu reizen, der, wie ich merkte, gern je eher je lieber mit mir prunken wollte. Er ſchlug ihr da⸗ her vor, dies ſie nur ermudende Geſchäft 81 ——— ſeiner Couſine, der Generalin Mohrungen, zu uͤberlaſſen, und ihr reſignirter, widerſtands— loſer Sinn, der ſich in alles fuͤgt, was ihr Leo begehrt, war es zufrieden. Dieſe Couſine, die mir uͤbrigens eine ſehr gewoͤhnliche Frau ſcheint, wurde nun zu einem Beſuch bei der Graͤfin veranlaßt, um mich kennen zu lernen, und ſehr bereit— willig uͤbernahm ſie den Auftrag, mich in Haͤuſern vorzuſtellen, die der Graf ihr eigen⸗ haͤndig durch eine lange Liſte bezeichnet hatte. Ich fand uͤberall eine ſehr ausgezeichnete Aufnahme, denn ich bemuͤhte mich, den Ton zu treffen, der eine neu auftretende weibliche Erſcheinung in der Geſellſchaft empfielt, und ſo wenig es auch meine wahre Geſin— nung war, die ihn mir dietirte, ſo darf ich doch behaupten, daß er mir gelang, weil viel geuͤbte Kunſt am Ende, wenn auch nicht zur wirklichen, doch, wie man zu ſagen pflegt, zur anderen Natur wird. Da es, um einen bedeutenden Stand⸗ punkt im geſelligen Leben einzunehmen und zu behaupten, am wichtigſten iſt, zuerſt die 82 Frauen fuͤr ſich zu gewinnen, ſo war ich, wie Du Dir leicht denken kannſt, aͤußerſt beſcheiden, untergeordnet und faſt demuͤthig zuvorkommend gegen ſie. Den alten Her— ren, die auch eine Stimme bei'm allgemeinen urtheil haben, und ſie oft recht laut geltend machen, begegnete ich mit kindlicher Freund⸗ lichkeit— den juͤngeren ernſt und kalt. Denn ich mußte jeden Schein von Koketterie vermeiden, und hatte Selbſtgefuͤhl genug, um zu glauben, daß es bei ihnen fuͤrs erſte weiter nichts als meines Anblicks beduͤrfe, um ſie fuͤr mich einzunehmen. mich jeder Cirkel als ein wuͤnſchenswerthes kuͤnftiges Mitglied deſſelben annahm, und daß uͤberall Wohlwollen und Guͤte mich em⸗ pfing und entließ. Zufrieden mit dieſen er⸗ ſten Schritten, die mich in der Meinung, dem gefaͤhrlichſten Gegner, den wir haben, feſtgeſetzt, und mir den Weg zu kuͤnftigen Operationen gebahnt hatten, kehrte ich nach vollendetem Cyelus nach Haus zuruͤck, wo die Generalin mit breiter Umſtaͤndlichkeit der So konnte es denn nicht fehlen, daß 83 Graͤfin wie dem Grafen den ungemeſſenen Beifall mittheilte, den ich erhalten, und die Lobſpruͤche wiederholte, die man ihr uͤber mich in die Ohren gefluͤſtert. Die Beſcheidenheit gebot mir, mich von dieſer Unterhaltung zu⸗ ruͤck zu ziehen, und ich glaube, daß ſie da⸗ durch nur um ſo freimuͤthiger geworden iſt. Ich erhielt hierauf, wie es ſich von ſelbſt verſteht, eine Menge Gegenbeſuche und Einladungen, die ich auf den Rath der Graͤ⸗ fin annahm. Die erſte große Geſellſchaft, in der ich auftrat, war in dem Hauſe eines hieſigen Miniſters, deſſen Frau, wie mir die Gene⸗ ralin ſagte, nicht im beſten Ruf ſteht, da man ſie in einem ſehr intimen Einverſtaͤnd⸗ niß mit Prinz Adolph, dem zweiten Sphn des Koͤnigs, glaubt. Ich fragte die Graͤfin, ob dem wirklich ſo ſei, indem ich that, als ob ihre Entſchei⸗ dung erſt meinen Entſchluß, mit ihr umzu⸗ gehen oder nicht, beſtimmen ſolle. Dieſer argloſe Taubenſinn aber, der von niemand Boͤſes glauben oder ſprechen mag, ließ ſich 84 auf kein Urtheil uͤber ſie ein. Der Schein iſt oft ſo ganz anders, als die Wieklichkeit; daher kann dieſe Frau auch wohl leicht beſ⸗ ſer ſein, als ihr Ruf— und waͤre ſie es nicht, ſo ziemt es doch mir nicht, ſie zu rich⸗ ten.— Dies war alles, was ich uͤber die⸗ ſen Punkt von ihr herausbrachte, und wir fuhren hin. Wenn ich ſage: wir, ſo mein' ich den Grafen und mich, denn man iſt ſchon gewohnt, daß ſeine Gemahlin, in die engen Räume ihrer Zimmer gebannt, ſich von allen rauſchenden geſelligen Vergnuͤgungen los ge— macht hat. 2 Der hell erleuchtete Salon empfing uns bereits mit dem Gewuͤhl einer zahlreichen Verſammlung, durch die wir uns faſt haͤtten draͤngen muͤſſen, um zu der Frau des Hau⸗ ſes zu gelangen, welche nach hieſiger Sitte ihren Sopha nicht verlaͤßt. Aber meine Er⸗ ſcheinung am Arm des Grafen verlor ſich nicht unbemerkt unter der Menge— betrof⸗ fen wich man rechts und links aus einander, „ uns Platz zu machen; doch ſo viel ich mit 85 oft ſittſam niedergeſchlagenem Auge bemerken konnte, war der Eindruck nicht zu meinem Nachtheil, den mein Anblick bewirkte, und das Gemurmel der ſich einander zufluͤſtern⸗ den Bewunderung drang melodiſch in mein lauſchendes Ohr. Ich geſtehe Dir, daß ich nicht unzufrieden mit mir ſelber war, und daß mein Spiegel mir bei'm lezten Ab⸗ ſchiedsblick, den ich ihm zuwarf, verſicherte, daß ich dreiſt die Vergleichung mit den ge⸗ feierteſten Schoͤnheiten der Stadt aushalten koͤnne, vor denen ich ja ohnehin einen gar maͤchtigen Reiz fuͤr Maͤnneraugen— den der Neuheit naͤmlich— voraus hatte. Du wirſt mir nicht zumuthen, geliebte Freundinn, daß ich trotz Deiner Aufforde⸗ rung, recht weitlaͤuftig zu ſein, mich uͤber die eigentlichen Duzendmenſchen auslaſſen ſoll, die gewiſſermaßen die Scheidemuͤnze der Ge⸗ ſellſchaft bilden, weil ſie ein und daſſelbe Gepraͤge der Oberflaͤchlichkeit und Unbedeu⸗ tendheit tragen. Kaum daß meine Zeit aus⸗ reichen wird, Dich von den einzelnen inter⸗ eſſanten Gegenſtänden zu unterhalten, die —m——— 86 mir begegnen. Daß auch die täglichen Vor⸗ gäͤnge der Cirkel, in welchen— wie irgend ein geiſtreicher Schriftſteller ſagt— vjeder „ſeine Rechnung fuͤr einen verlorenen Abend »vollſtaͤndig ſaldirt zu haben glaubt, wenn »es ihm geſtattet geweſen, die Langeweile, „welche er empfunden, mit der, die von ihm vausgegangen, zu bezahlen“, keinen eben mit⸗ theilenswerthen Stoff bieten, brauch' ich Dir wohl nicht zu ſagen. Ich betrachte dieſe Kreiſe auch nicht um ihrer ſelbſt willen als Genuß, ſondern als Motive hoͤherer Art, denn man ſieht in ihnen, und— wird ge⸗ ſehen. Die Miniſterin ſaß, wie ich Dir ſchon ſagte, auf ihrem Sopha. Neben ihr lehnte nachlaͤßig zu ihr herabgebeugt, um ihr etwas vertraulich zuzufluͤſtern, eine hohe, hagere kännergeſtalt, aus deren tief gefurchten Zuͤ⸗ gen und der krankhaft gelben Farbe ein Ge⸗ ſundheitszuſtand ſprach, wie er gewoͤhnlich aus einem wild verrauſchten Leben entſteht. Wie der Bliz einer Gewitternacht zuckend uber Ruinen fahrt, ſo flammten zuweilen 87 — ſeine eingeſunkenen Augen empor, die Spu⸗ ren ehemaliger Schoͤnheit in ſeinem Geſicht. gleichſam aufzufriſchen, wie verblichene Ge⸗ maͤlde, die, indem ſie mit Waſſer benezt werden, fuͤr einen Moment aus ihrer Ver— dunkelung hervortreten, bald aber wiederum dem Blick des Zuſchauers in der vorigen Un⸗ deutlichkeit verſchwinden. Seine Lippen, welche ausſahen, als haͤtten bittere Sarcas— men ihren bleibenden Wohnſiz auf ihnen aufgeſchlagen, trugen ſelbſt in ihr Lächeln etwas ſcharfes, ſchneidendes uͤber, das allem, was man Treu und Glauben in der Welt nennt, ſpottend Hohn zu ſprechen ſchien. Dies war der erſte Eindruck(bei mir immer der entſcheidende) den dieſer uͤberſaͤt⸗ tigte, im Meer der Luͤſte halb verſunkene Weltmann auf mich machte. Seine ſchwarze Kleidung nur durch einige Sterne und Kreuze auf der Bruſt gehoben, ließ ſeine urſpruͤng⸗ lich wohl athletiſche Geſtalt noch hagerer und vertrockneter erſcheinen, als außerdem vielleicht geſchehen waͤre. Aus dieſen Ordens⸗ Decorationen, und der Auszeichnung, mit 88 welcher der Graf ihn begruͤßte, ſchloß ich ſchon fruͤher, als er mir vorgeſtellt wurde, daß es Prinz Adolph, der Verehrer der Mi⸗ niſterin ſei, den ich in ihm kennen lernte, und der mich mit einem Blick faßte, als ſei es moͤglich, daß der ausgebrannte Vulkan ſeines Herzens ſich wohl gar noch einmal zu neuer Glut entzuͤnden koͤnne. Welch ein Unterſchied, als Leo— Du erlaubſt mir wohl, ihn der Kuͤrze wegen ſo zu nennen— neben dieſem gewiß entarteten und verſunkenen Wuͤſtling ſtand. Dieſe Fuͤlle von geiſtiger und phyſiſcher Kraft, die aus ſeinem Auge blizt, die edle Haltung, der maͤnnliche Stolz, der nur als Wuͤrde ſich ausſpricht, und doch dabei dieſe natuͤrliche Einfachheit bei ſo glaͤnzenden Ei⸗ genſchaften, dieſe Beſcheidenheit bei ſo viel Verdienſt— wer koͤnnte ſie wahrnehmen, und durch einen ſolchen Contraſt nur noch ſchimmernder gehoben ſehn, ohne ihm Be⸗ wunderung zu zollen?— Strahlend gleich⸗ ſam in der Glorie eines unbefleckten Charak⸗ ters und Wandels erſchien er in ſeiner bluͤ⸗ 89 henden Schonheit und in der ſtillen Groͤße ſeines gediegenen Werths, neben der zerruͤt⸗ teten Jugend des Prinzen und ſeiner zer— ſtoͤrten Geſundheit, die wohl auch einſt friſch und ſtark aus den Haͤnden der Natur kam, aber einmal dem Laſter hingegeben, nach den mechaniſchen Geſezzen des Falles ſchnell und immer ſchneller verſank, und den Juͤngling an Jahren zum Greiſe umſchuf. Ach— alle ſolche Bemerkungen, die ich gleichwohl vorzugsweiſe aufſuche, weil ſie mir das hoͤchſte pſychologiſche Intereſſe ein⸗ flößen— ſie thun mir nicht wohl, denn ſie mahnen mich vermittelſt meiner ſeltſamen Art, alles zu combiniren und auf mich zu beziehen, an meine eigene, wenn auch nicht àußere Entſtellung, und an die moraliſche Herabwuͤrdigung, in der ich mich manchmal erblicke. Und wie eine fern verklungene Sage in wehmuͤthigen Reminiscenzen aus den Fluten der Vergeſſenheit wieder auf⸗ taucht, die uͤber ſie hinrauſchten, ſo faͤllt mir die Zeit der Unſchuld wieder ein, in der ich einſt gluͤcklich war, und ihr Bild — 90 tritt, wie der Cherub mit dem flammenden Schwerte, vor meine Seele, mich zu mah⸗ nen, daß ich das Paradies ihrer Heimat verlaſſen habe, in das man nimmer zuruͤck⸗ kehrt, es muͤßte denn die Reue, die aber nur in einem weichlichen Gemuͤthe, nicht in dem meinen, keimen kann, ſeine heiligen Pforten wieder erſchließen. 3 Ja, es war eine ſchoͤne Zeit, als ich noch hoffte, liebte, betete!— Warum trat ein Boͤſewicht die Blumen, die meine reine Bruſt ſchmuͤckten, in den Staub?— War es freiwillig, oder eine Folge des herben Kam⸗ pfes, den ich ſchon im Lenz des Lebens mit dem Geſchick beginnen mußte, daß ich den Glauben an die Menſchheit aufgab, und den Vorſatz, gut zu ſein, wie eine laͤcherliche Thorheit verbannte?— Ach, ſeitdem blieb ich keines hoͤheren Zweckes mir bewußt—— die guten Engel wichen, verſcheucht und ver⸗ hoͤhnt, aus meiner Seele, und die Daͤmonen zogen ein, um ſie nimmer wieder zu verlaſ⸗ ſen. Das einzige Ziel, das ich noch verfolgte, war das, jede Kraft aufzubieten, um dreiſt und entſchloſſen der feindlich geſinnten Welt gegen uͤber zu ſtehn, und aus meinem Da⸗ ſein wenigſtens ein großartiges Kunſtwerk zu bilden, da der Stoff, der urſprunglich zu einer wuͤrdigeren Beſtimmung in mir lag, unbarmherzig von dem Verhaͤngniß zerſtoͤrt wurde. Doch— laſſen wir das, und wenden wir uns von der Vergangenheit, die mich ſtets, wenn ich ſie im Spiegel der Erinne⸗ rung betrachte, wie eine uͤbel geheilte Wunde ſchmerzt, in den feenartig ſchimmernden Saal zuruͤck, wo ich, um conſequent in der Rolle zu bleiben, die ich mir als die vortheilhafteſte gewaͤhlt habe, in einer beſcheidenen Zuruck⸗ haltung, welche keineswegs das zart geſchuͤrzte Nez der Koketterie ahnen ließ, mich der Aufmerkſamkeit der Menge, ſo wie der Ein⸗ zelnen, erfreute. Es war beſonders der Prinz, der ſich mit allen Zeichen eines immer ſteigenderen Antheils an mir, in meine Naͤhe draͤngte, dem ich aber durchaus nur die ſeinem Range gebuͤhrende Auszeichnung bewies, weil es 92 hier in mehr als einem Sinne— ſam zu ſein. Denn ich durfte den uni ſeiner Ge⸗ liebten nicht reizen, und die unbehagliche Furcht, daß ich ihr gefäͤhrlich werden koͤnne, gar nicht in ihr aufkommen laſſen, um mir ihr Wohlwollen zu erhalten, daß mir in mancher Hinſicht nuͤzlich ſein kann. Ich habe naͤmlich bemerkt, daß in den Jahren und Verhaͤltniſſen der Miniſterin, die an der bedenklichen Grenze ſteht, welche die Sommerfluren weiblicher Jugend vom oden Stoppelfeld des Herbſtes trennt, wo nur noch einzelne Aehren des Genuſſes zu ſammeln ſind, eine verbotene Liebe zwiefach heftig in ihren Anſpruͤchen, und zwirfach furchtbar in ihrer Eiferſucht iſt, ſo daß man nicht ungeſtraft den Verſuch 6 ſie zu be⸗ — Zudem koͤunte die Hulbigung eines all⸗ un als Libertin anerkannten Mannes kaum meiner Eitelkeit ſchmeicheln, uͤbrigens aber meinen anderweitigen Plänen eher hin— derlich als guͤnſtig ſein. Denn ſolche Re⸗ — dtabchd 93 — gungen eines an der Glut der Leidenſchaft verwelkten Herzens ſchmelzen dahin, wie leichter Reif, und ſind eben ſo wenig Liebe, als der Reif Eis. Doch geſezt auch, ſie wuͤrden Liebe,— was koͤnnte ſie mir ge⸗ waͤhren, und— hier finde ich die Wieder⸗ holung der Frage ganz an ihrer Stelle, die Du mir in Beziehung auf Leo thateſt: wo⸗ hin ſollt' es fuͤhren, und was koͤnnt' ich da— mit wollen?— Ich wich daher allen Anniherunzen mit jener leicht gewandten Art aus, die den Bei⸗ fall, der ihr wird, mehr zu ignoriren, als abzulehnen ſcheint, und die folglich weder aufmuntert, noch beleidigt. Durch dieſe ſtreng beobachtete Neutralitat, die mir meinen Eintritt in die hieſige große Welt durchaus erſt ſichern muß, erlangt' ich wenigſtens die Genugthuung, daß die ſaͤmmtlichen Frauen mit mir zufrieden, und die Maͤnner— kei⸗ neswegs hoffnungslos ſchienen. — Achter Brief⸗ Eugenia an Sophien. J fuͤrchte nicht, liebſte Sophie, Deine Geduld durch meine langen Briefe zu ermu den, denn Du ſelbſt haſt mich ja zu der treuſten Wahrheit und Umſtaͤndlichkeit auf⸗ gefordert. Daher wuͤrde ich das Buch, das die lezte Poſt Dir ſtatt eines eigentlichen Briefes brachte, mit Freuden noch verlaͤngert haben, wenn die maͤchtig gebietende Despo⸗ tin, die Zeit, es mir geſtattet haͤtte. Immer weniger, je bunter bewegt mein hieſiges Leben wird, je vielfachere Anſpruͤche, je lauter ausgeſprochene Forderungen an mich gemacht werden, reiche ich mit dem Maas der Stunden aus, und doch iſt es das drin⸗ gende Beduͤrfnis meines nur gegen Dich offenen Herzens, Dir alles mitzutheilen, was mir begegnet, und was ich empfinde, daß ich lieber einen Theil meines Schlafs Dir opfern, als aufhoͤren will, ferner mein Wohl und Wehe in Deine treue Bruſt zu ergießen. 95 So laß mich denn fortfahren in dieſer einſamen Mitternacht, die jede Stoͤrung ent⸗ fernt,— laß mich den dunklen Flor von meinem innerſten Thun und Treiben auf⸗ rollen, der— wie ein wohlgeordnetes Thea⸗ ter nicht die geheime Mechanik verraͤth, welche die Illuſionen der Zuſchauer hervor⸗ bringt— der Welt ebenfalls die ſtillen Faͤ⸗ den verbirgt, an denen ich die Ereigniſſe lenke, die mir wuͤnſchenswerth oder wider⸗ lich ſind. Ich hatte mich auf der Aſſemblee bei der Miniſterin mit ſo beſonnener, wohl be⸗ rechneter Klugheit betragen, daß ich mich ſelbſt loben muß, und das allgemeine Wohlwollen, das mir entgegen kam, bewies mir, daß es mir durch ſchlaue Umſicht und Verſtellung gelungen war, auch den hetero⸗ genſten Gegenſtaͤnden genug zu thun. Es iſt nicht hinlänglich im geſelligen Leben, mit Geiſt ſprechen zu koͤnnen? man muß auch mit Geiſt zuzuhoͤren wiſſen, und oft empfielt dies leztere mehr wie das erſtere. 96 So lauſcht' ich den Gemeinplaͤtzen und oft Plattheiten der aͤlteren Perſonen mit einer Aufmerkſamkeit, kals waͤren es Hrakel⸗ ſpruͤche, und erlangte dadurch, daß ſie mich als hoͤchſt verſtaͤndig anerkannten, waͤhrend ein hie und da leicht hingeworfenes Wort, ein indirecter Lobſpruch, ein Beifall verkuͤn⸗ dendes Laͤcheln auch die juͤngeren mit mir zufrieden ſtellte, und ich bei alle dem Leo nicht aus den Augen verlor, der ganz in mei⸗ nen Anblick verſunken, jede meiner Bewe⸗ gungen huͤtete. Des Prinzen Galanterien lehnte ich, wie ich Dir ſchon geſagt, mit Feinheit ab, oder ſchien ſie nicht zu bemer⸗ ken; gleichwohl linderte ich doch dann und wann in einem unbelauſchten Moment meine ſtarre Kaͤlte durch einen warmen Hauch der Hoffnung, um ihn nicht ganz abzuſchrecken. Denn voͤllig gleichguͤltig iſt mir ſeine Huldigung doch nicht. Zwar laͤßt ſie das Herz leer, allein der Goͤtze Eitelkeit ver⸗ langt ja auch mit unter ein Opfer, und zu einer Epiſode im Roman meines Lebens iſt er immer zu brauchen, zumal da der Neid 97 eines großen Theils meines Geſchſechts uͤber eine ſolche wenigſtens in conventioneller Hin⸗ ſicht glaͤnzende Eroberung ihr einen eigenen pikanten Reiz giebt, der freilich nur dem Range des Prinzen, und der Macht, die in ſeinen Verhäͤltniſſen liegt, nicht ſeiner Per⸗ ſoͤnlichkeit gilt. Auch kann ſeine fortgeſezte Bewerbung Leo, der wie ein ſchuͤchternes Kind mich ſeine Geſinnung und ſeine Gefuͤhle nur ah— nen läßt, ſtatt ſie in Worte einzukleiden, mir naͤher bringen, und die Furcht, mich zu verlieren, ehe er mich noch beſeſſen hat, ihm die Zunge loͤſen. Sieh, ſo gebrauche ich in meiner Kriegs⸗ liſt den einen Liebhaber, um den anderen zu meinem Vortheil zu ſtimmen. Alles dies aber muß ſcheinbar von ſelbſt kommen, wie die Bewegung des Kameels, von dem man behauptet, daß die Araber, um ihm Spruͤnge zu lehren, es auf einen Boden von Eiſen⸗ blech fuͤhren, unter welchem Feuer lodert. Je brennender die verborgene Hizze wird, je hoͤher hebt das Thier die Fuͤße, und ſo 5 98 bildet jene unterirdiſche Glut eine Art von Tanz, der durch nichts von außen veranlaßt zu werden ſcheint, und doch keineswegs will⸗ kuͤhrlich iſt. Die Leidenſchaft meiner Anbe⸗ ter fuͤr mich iſt dieſes gluͤhende Blech— ich naͤhre nur im Geheim die Flamme— — moͤgen ſie ihre Spruͤnge dann ſelbſt ver⸗ antworten. —.— Neunter Brief. Vertha von Roſen an Gräfin Agnes von Wallbrunn. Dene Briefe, meine gute fromme Agnes, erfuͤllen mich mit der waͤrmſten Theilnahme an dem Kummer, der an Deinem Herzen nagt, aber ich habe es bisher verſchoben, Dir ausfuͤhrlich zu antworten, weil ich nicht un⸗ thaͤtig mit Dir weinen und klagen, ſondern wo moͤglich durch treu gemeinten Rath Dir nuͤzzen wollte, und dazu bedurfte es der Zeit und der ruhigen Ueberlegung, die aus ihr hervor geht. Denn mein Wunſch, wie mein Zweck, iſt, zu verſuchen, ob ſich aus den Truͤmmern Deines idealiſchen Gluͤcks— freilich kein ſtolzer Tempel oder Palaſt— aber doch we⸗ nigſtens eine harmloſe Wohnung erbauen laͤßt, uͤber deren Schwelle Genuͤgſamkeit und Friede Dir zu einem neuen Abſchnitt Deines Lebens folgen koͤnnte. Deshalb mochte ich nicht ſchreiben, ohne voͤllig geſammelt zu ſein, 5* 100 und ohne mich im Beſiz jener ruhigen Klar⸗ heit zu fuͤhlen, welche weiß, was ſie will, und auch die Mittel zu waͤhlen vermag, die im Stande ſind, einen vernuͤnftigen Ent— zweck zu erreichen. Liebes, liebes Kind! ich kann wohl das Weh ermeſſen, mit dem Du von den holden Traͤumen Deiner Hoffnung ſchiedeſt— ich begreife es, wie Dir das Leben ploͤzlich dun⸗ kel ſchien, als der Liebe goldner Stern Dir erloſch.— Aber iſt er denn auch wirklich erloſchen?— Wie, wenn ein Woͤlkchen nur Dir ſeinen Schein entzogen haͤtte— ein Woͤlkchen— von Dir ſelbſt vielleicht heran gefuͤhrt?— Denn ſo ſtrahlend rein Du auch vor meiner Seele ſtehſt, die ſtets in Dir das Ideal verklaͤrter Weiblichkeit er⸗ blickte, ſo kann ich Dich doch in mancher Beziehung nicht von aller Schuld frei ſpre⸗ chen, und da es die Pflicht der Freundſchaft iſt, ſtreng zu ſein, ſo will ich Dir ohne alle Schonung, die Du vielleicht erwarteſt, Deine Fehler vorruͤcken. Allzugroße, himmliſche Guͤte iſt der erſte, 101 und wichtigſte. Denn wie das reine Metall des Goldes erſt durch Kupferzuſaz zum Ge⸗ brauch faͤhig gemacht werden muß, weil ſeine Weichheit ſich ſonſt nicht formen ließe, ſo ſoll das lautere Gold der Menſchlichkeit eben⸗ falls erſt durch einen Zuſaz gehaͤrtet werden, den Lebensklugheit, Selbſtbeherrſchung und ein feſter Wille ihm verleihen, und wodurch es gleichſam geſtaͤhlt wird gegen die Angriffe, die es ſonſt unausbleiblich in der Welt verlezzen. Die Maͤnner, glaube das meinen viel⸗ fachen Beobachtungen, werden lau und uͤber⸗ muͤthig, wenn eine unbeſchraͤnkte Milde ih— nen ſchon im voraus Verzeihung fuͤr jede Vernachläßigung oder Verirrung verſpricht. Sie wollen, daß man ihnen imponire, und nur dann hat die zaͤrtliche Hingebung eines weiblichen Gemuͤths Werth in ihren Augen, wenn ſie nicht als das Werk der Schwaͤche er⸗ ſcheint, und ohne in den Forderungen zu ſchwan⸗ ken, die ſie mit Recht machen darf, niemals durch zu linde Guͤte und Demuth ſich etwas von ihrer Wuͤrde vergiebt. 7 102 Sie wollen ferner im Kreis des haͤus⸗ lichen Lebens erheitert werden, und es iſt eine alte wohlgepruͤfte Erfahrung, daß ſie die ſeltenen Thraͤnen, die ſie im Auge der Geliebten ſchimmern ſehn, als reine Per⸗ len verehren, waͤhrend die, welche die Gat— tin oft gerechter Weiſe in reicher Fuͤlle ver⸗ gießt, ihnen nur gemeines Waſſer duͤnken, das ſeinen magiſchen Glanz verloren hat, weil die Gewohnheit etwas Entzauberndes mit ſich fuͤhrt, und gleichguͤltig macht. Muß noch uͤberdem ein Ehemann die Thraͤnen, die das Auge ſeiner Gattin roͤthen, als ſtummen Vorwurf ſeiner Kaͤlte, Lieblo⸗ ſigkeit oder Untreue betrachten, ſo werden ſie zum aͤzenden Gifte, das ſein Herz wund brennt, ſeine Geduld ermuͤdet, und ihn er⸗ bittert. Sie verleihen ihm dann ein in ſei⸗ ner Meinung wohlbegruͤndetes Recht, ſich von ihnen abzuwenden, und außerhalb ſeines Hauſes die Erholung und die Lebensfreuden zu ſuchen, die er innerhalb deſſelben nicht mehr findet. Wenn nun noch obendrein ein Mann 103 ſanguiniſch, oder, wie Campe dies fremde Wort uͤberſezt, leichtbluͤtig iſt, wie Dein Leo, wenn bei ihm die ihm angeborene Froͤhlich⸗ keit des Sinnes durchaus auch eine heitere umgebung bedarf und verlangt, weil ihm uur allein in ihr wohl iſt, wenn er beim Tode ſeines einzigen Kindes heftig und ſchmerzvoll ergriffen, aber doch bald ſich mu⸗ thig wieder aufrafft, und ſich mit maͤnnlicher Kraft gewaltſam losringt von den Banden der Traurigkeit, die ihn eine kurze Zeit laͤh⸗ mend umſchlangen— waͤhrend Du, arme dutter! die Du die Buͤrde der Beſſeren Deines Geſchlechts trägſt: tief und unwan⸗ delbar zu fuͤhlen, ohne den zarteſten Beiſtand der Liebe, ohne die innigſte Aufopferung, Selbſtverlaͤugnung und Hingebung des Ge⸗ liebten, die er Dich vermiſſen laͤßt, Dich nicht wieder aus dem dunklen Abgrund des Schmerzes erheben kannſt, in den Dein Ver⸗ luſt Dich ſtieß, ſo fuͤhren, wenn jeder ſich in ſeinen momentanen Stimmungen gehen läßt, dieſe Verſchiedenheiten der Charaktere und der Anſichten endlich ſehr natuͤrlich die 104 gefahrvolle Criſis herbei, an der Du jezt ſtehſt, und die ich Dir ſo gerne helfen moͤchte, glorreich zu uͤberwinden. Denn, meine Freundinn, Du, die Du ſelbſt von der fruͤhſten Kindheit an bis in's Jungfrauenalter und weiter, fuͤr alle, die Dich kannten, die verkoͤrperte Geſtaltung ſittlichen Werths und weiblicher Tugend warſt— ſuche nicht außer Dir, was Dein Gemůth zu leiſten vermag, und laß Dich herab zu den irdiſchen Unvollkommenheiten des Geliebten, da Du doch nur vergebens ſtrebſt, ihn zu Dir empor auf gleiche Stufe zu heben. Gewiß, ich ſpreche meine innerſte Ueberzeugung aus, gewiß iſt Leo in jeder Bedeutung einer der beſſeren Maͤnner. Sein ritterlicher Sinn, ſeine offene Geradheit, ſeine herzliche Guͤte machen ihn Deiner An⸗ haͤnglichkeit werth, aber ſie ſprechen ihn nicht frei von den Fehlern, die als Erbtheil des Geſchlechts in der Natur des Mannes ge⸗ gruͤndet ſind. Eine kurze Zeit hindurch, als noch die Lebensſonne warm und hell auf Euere Bahn ſchien, und ein blauer Himmel „ —————— 3 105 ſich freundlich uͤber Euch woͤlbte, vermochte er gleichen Schritt mit Dir zu halten— aber als dunkele Schatten herein brachen, und Kummer das Laͤcheln der Freude aus Deinen Zuͤgen verdraͤngte— da blieb er hinter Dir zuruͤck; nicht weil er aufgehoͤrt hat, Dich zu lieben, ſondern weil ſeine In⸗ dividualität ſich Deine Art zu denken und zu empfinden nicht aneignen kann, und er ſich daher in Deiner Naͤhe und unbehaglich fuͤhlt. Deshalb folge meinem Rath, Geliebte! und biete jede moraliſche Kraft in Dir auf, Dein wankendes Gluͤck Dir zu bewahren, indem Du es auf's neue befeſtigſt. Ueber⸗ winde Deinen Schmerz, ſtatt Ihn durch die Aeußerung deſſelben immer mehr von Dir zu entfernen; gehe freundlich theilneh⸗ mend, wie ſonſt, in ſeinen Geſchmack ein, und noͤthige ihn nicht, ſeine Neigungen zu verbergen, indem Du, gebeugt und gekraͤnkt, ihm ſtets den ſchneidenden Contraſt darſtellſt, der zwiſchen Deiner und ſeiner Lb art beſteht. 106 Fodere endlich von ihm weder äußerlich noch im Inneren des Herzens mehr, als er leiſten kann. Nur wir Frauen wiſſen eigent⸗ lich zu lieben, wie man lieben ſoll, und wir muͤſſen uns begnuͤgen, wenn ſtatt der glei⸗ chen, treu fuͤr's ganze Leben ausdauernden Erwiederung, wie wir ſie wuͤnſchen, wenig⸗ ſtens eine innige Anerkennung unſer Lohn wird. 1 Und dieſe, meine Agnes! kann Dir nicht fehlen. Die hoͤchſte Achtung, die waͤrmſte Theilnahme, das heiligſte Vertrauen — es ſind auch Guͤter, deren Beſiz um ſo theuerer iſt, da ſie ſich erwerben laſſen, und die um ſo ruhiger begluͤcken, da ſie dem Wechſel nicht unterworfen ſind, dem die lei⸗ denſchaftliche Liebe eines maͤnnlichen Herzens fruͤh oder ſpaͤt immer unterliegt. Und dieſe Guͤter, ſie ſind ſchon Dein, und muͤſſen Dir in immer reicherem Maaße werden. Du traͤgſt, wenn Du dieſe ſtillen Uebergaͤnge aus dem lebhaften Freudenrauſch des erſten Le⸗ bensgluͤcks zu einer reinen, herzlichen, keiner Taͤuſchung mehr unterworfenen Freundſchaft 107 mit dem pruͤfenden Blick der Billigkeit be⸗ trachteſt, nur das allgemeine Loos der Frauen, das ſchon darum ſchoͤner iſt, als das, was vielen Deiner Mitſchweſtern fiel, weil Leo, wie ich ſchon geſagt habe, unſtreitig beſſer iſt, als die meiſten Maͤnner. So wie das ganze Leben ein ſtetes Fortſchreiten, Entwickeln und Veraͤndern iſt, und die Bluͤthe, die im Fruͤhling duftet, Bienen durch ihren Honigſtoff lockt, und Schmetterlinge durch ihren Farbenglanz an⸗ zieht— nach und nach ſich entblättert— aber nicht, um zu vergehen— ſondern um als Frucht fortzudauern, deren gediegene Fuͤlle den Herbſt verſchoͤnert, und den Winter labt, bis der Cyelus des irdiſchen Daſeins ſich vollendet hat, ſo auch die Ehe, die ihrer Eigenthuͤmlichkeit nach nicht den Reiz der Flitterwochen auf ihren langen Weg verbrei⸗ ten kann, aber immer noch gluͤcklich zu prei⸗ ſen iſt, wenn die Bluͤthe jugendlicher Liebe in ihr ſich in die erquickende Frucht einer unvergaͤnglichen Freundſchaft verwandelt. Was aber Deine Geſellſchafterin betrifft, 108 ſo hoffe ich, daß ſie nicht eine und dieſelbe Perſon mit jener Fraͤulein Silberſtedt iſt, von deren zerſtoͤrtem Ruf ich, ob ich ſie zwar nicht perſoͤnlich, ſondern nur durch einige meiner Freunde kenne, viel und mancherlei gehoͤrt habe. Von blendender Schoͤnheit, ſchlau und talentvoll, hat ſie, wie man ſagt, ihre fruͤhſte Jugend ſchon durch Intriguen entweiht, welche ſie nicht nur unwürdig, in Deiner Naͤhe zu leben, ſondern ſelbſt gefaͤhr⸗ tch fuͤr jedes Haus machen, das ihr pu betritt. Waͤre es dieſelbe— und mancher Zug Deiner Schilderung gleicht dem Bilde, das man mir von ihr entworfen, ſo muͤßte ich auf das entſchiedenſte Dir rathen, eine ſolche Hausgenoſſin ſo bald als moͤglich, und unter jeder Bedingung zu entfernen. Denn nach allem, was ich von ihr weiß, iſt ihr nichts heilig in der Welt, am wenigſten die Ruhe der Frauen, wenn die Maͤnner ſchwach ge⸗ nug ſind, ſich zum Spielwerk ihrer Koketterie und ihrer herzloſen Liſt herab zu wuͤrdigen. Statt ſie durch Dein offenes Zutrauen zu 109 gewinnen, wuͤrdeſt Du in ihr eine Schlange in Deinem Buſen naͤhren, die Dich zur Ver⸗ geltung aller Deiner Guͤte auf das ſchmerz⸗ lichſte zu verwunden im Stande waͤre. Denn ihr Undank gegen empfangene Wohl⸗ thaten, ihre Sucht, zu glaͤnzen und ſich uͤber ihr Geſchlecht zu erheben, das in ſeinen hei⸗ ligſten und ehrwuͤrdigſten Tugenden ihr ge⸗ rade am laͤcherlichſten iſt, ihre Gabe, ſich zu verſtellen, und jede Rolle zu ſpielen, die ſie fuͤr ihre Zwecke eben gerade dienlich haͤlt, al⸗ les dies hat, wie ich hoͤre, einen allgemeinen Widerwillen gegen ſie in ihrem ehemaligen Kreiſe erregt, und nur im Auslande iſt es ihr, wie man ſagt, gelungen, eine Verſor⸗ gung zu finden, die ſie in ihrer Heimat vergeblich ſuchte. Moͤchte der Ehrenplaz an Deiner Sei⸗ te, meine reine, argloſe Agnes, den Du ihr ſo freundlich eingeraͤumt haſt, nicht dieſe Verſorgung ſein, aber beinahe fuͤrchte ich es. Doch— auch dann iſt hoffentlich noch nichts verloren. Ich werde alles aufbieten, Dir recht bald die beſtimmteſten Nachrichten uͤber 110 ſie zu verſchaffen, um Dich in den Stand zu ſezzen, mit Ernſt und Nachdruck gegen ſie zu verfahren. Dann entferne ſie, ehe es zu ſpaͤt wird, und rette ſo den Frieden Dei⸗ nes Herzens und Deines Hauſes. —.—— ————— Zee hnter Brieof⸗ Eugenia an Sophien. Wie der Landmann vor ſeinem Felde ſteht, auf dem Garben uͤber Garben ſich haͤufen, um ſeine Scheuer mit dem reichen Segen des Ueberfluſſes zu fuͤllen, ſo, meine theuere Sophie! ſtehe auch ich in dieſer ſpaͤten naͤcht⸗ lichen Stunde vor der Anſicht meines heut verlebten Tages, deſſen Skizze ich Dir eben ſchriftlich zu entwerfen im Begriff bin, und blicke zufrieden auf die Erfolge zuruͤck, die meine Bemuͤhungen kroͤnten. Wuͤnſche mir Gluͤck, Du liebe theilneh⸗ mende Freundinn, die mich ganz begreift, und Seelenſtaͤrke genug hat, um uͤber die gewohnliche Beſchraͤnkung weiblichen Sinnes hinaus zu gehen, und die Verhaͤltniſſe des Lebens vernuͤnftig und philoſophiſch zu be⸗ trachten— wuͤnſche mir Gluͤck, denn ich bin dem Ziele, das meine geheimſte Sehn⸗ ſucht ſich erkor, heute um vieles näher ge⸗ kommen. 42 Leo hat mir waͤhrend dieſer ganzen lez⸗ ten Zeit die ſcheue Ehrfurcht eines tief be⸗ wegten Gemuͤths, und die unruhige Bewun⸗ derung eines liebegluͤhenden Herzens ausge⸗ druͤckt, das aber noch nicht einig mit ſich ſelbſt war, ob es ſich ſeinen Flammen hin— geben duͤrfe, oder nicht. Ich vermied, um nichts zu aeteiten, mit ihm allein zu ſein. Das Verlangen nach einer ungeſtoͤrten Unterhaltung mit mir, das ich ihm nur allzudeutlich anmerkte, ſollte erſt bis zur Ungeduld geſteigert werden, da⸗ mit die Gewaͤhrung mir dann hoͤhere Rechte auf ſeine Dankbarkeit, und eine groͤßere Ge⸗ walt uͤber ſeine Empfindungen gaͤbe. Da er aber ſo ernſt und eifrig ſtrebte, mir zu begegnen, ſo kamen doch einzelne Viertelſtunden, wo ich ihm nicht ausweichen konnte, und die ich daher, ſo ſehr ich ſie nuch abſichtlich verkuͤrzte, ſo gut als moͤglich zu benuzzen ſuchte, um den Boden vorlaͤufig urbar zu machen, auf den ich ſpaͤterhin das Gruͤn meiner Hoffnung zu pflanzen gedachte. Und glaube mir, manches in dieſen fluch⸗ 3 tigen Geſpraͤchen leicht hingeworfene Wort von mir, war wirklich ein Saamenkorn, das in ſeinem Innern keimen und wuchern, und vielfältige Fruͤchte fuͤr mich tragen wird. Steckt doch ein Hauch, eine Beruͤhrung uns koͤrperlich mit Krankheitsſtoff an, und zwingt die geſunde Natur zum ſchnellen Er⸗ liegen— und geiſtig follte es nicht moͤg⸗ lich ſein, ein narcotiſches Gift mitzutheilen, das Eindruͤcke bewirkt, die wie ein moraliſches Fieber die Seele in Aufruhr bringen, oder ſie wenigſtens zu dem Punkt hinleiten, wo die Erkenntniß unſeres Vortheils ſie haben will? Nicht immer iſt der Gedanke, und ſein Dollmetſcher, das Wort, ein zuͤndender Bliz, der auf der Stelle das, was er trifft, in Flammen ſezt. Oft ſchlummert eine Bemer⸗ kung, eine Frage, eine Antwort lange in des Menſchen Bruſt, aber dann erwacht ſie ſchnell und zu rechter Zeit, und hat nun die befremdende Neuheit verloren, und den inne⸗ ren Sinn mit ſich befreundet, ſo daß es ihr gelingt, leiſe die Grundſäͤzze zu unterminiren, 114 die uns laͤſtig ſind, und die, wenn ſie erſt zu wanken anfangen, ſich leicht uͤber den Hauſen werfen laſſen. So ſprach ich einmal, ohne mir nur von ferne das Anſehn zu geben, als koͤnne irgend eine Beziehung zum Grunde liegen, von den langweiligen, truͤbſinnigen Geſchoͤ⸗ pfen meines Geſchlechts, deren Tugend nur Käͤlte des Gemuͤths ſei, und die nur jene Liebe kennen und gewaͤhren, die durch An⸗ ſpruͤche plagt, ſtatt ihr eigenes Ich vergeſſen, und ſich bis zu jenem Gipfel der Selbſtver⸗ laͤugnung erheben zu koͤnnen, von welchem das Gluͤck des Geliebten heiliger und ſuͤßer, als das eigene erſcheint. Ich miſchte in meine Aeußerungen ſo viel charakteriſtiſche Zuͤge, und doch ſo wenig auffallend, wie moͤglich, in meine Rede verwebt, und mit ſo voͤlliger Unbefangenheit vorgetragen, daß er durchaus nicht glauben konnte, die Wider⸗ haken, die ich mit ſo viel Geſchicklichkeit ihm in's Herz warf, ſeien abſichtlich von meiner Hand dahin geſchleudert worden. Ich ſprach ferner von Ehen, wo der —— 115 eine Theil an phyſiſcher und moraliſcher Milzſucht leidend, dem anderen das herzliche Wohlbehagen und die reine, gemuͤthliche Freude am Leben, die eine Folge ſeiner gluͤck⸗ licheren Organiſation iſt, zum Verbrechen an⸗ rechnet, und aus allen Kraͤften ſtrebt, ihn von ſeiner heiteren Hoͤhe in die Grabestiefen eigener Schwermuth hinab zu ziehen. Seine Seufzer, ſein Verſinken in ſtilles Nachſin⸗ nen, die lebhaften Ausrufungen, mit denen er mir Recht gab, daß eine ſo ungleiche Ver⸗ bindung den einen Theil nur vernichten koͤnne, ohne dem anderen zu helfen, alles dies ver⸗ rieth mir, daß meine Worte auf kein un⸗ fruchtbares Land gefallen waren, und daß ſie in ſtiller Einſamkeit wohl immer tiefere Wur⸗ zeln ſchlagen werden. So vorbereitet, und gleichſam von den Wirbeln einer inneren Revolution ergriffen, beſchloß Leo ſehr ploͤzlich, eine muſikaliſche Abendunterhaltung zu geben, und nachdem er mit ziemlicher Lauheit ſeine ſeit einigen Tagen mehr als gewoͤhnlich leidende Frau erſucht hatte, ſich doch ja keinen Zwang auf⸗ 116 zulegen, um die Wirthin zu machen, ſondern ungeſtoͤrt in ihrem Zimmer zu bleiben, da er ſich von mir die Gewogenheit erbitten wolle, ihre Stelle zu vertreten, ſo wurden die Gaͤſte auf heute eingeladen. Der Prinz war unter ihrer Zahl. Denn da er, der vorher nur den Einfall gehabt hatte, die Graͤfin zu beſuchen, ſehr bald nach jener Geſellſchaft, wo ich ihn kennen lernte, in der Abſicht hier vorgefahren, aber nicht angenommen worden war, ſo glaubte Leo, der mit ihm in mancherlei militairiſchen Be⸗ ziehungen ſteht, der Hoͤflichkeit das Opfer bringen und ihn ebenfalls einladen zu muͤſ⸗ ſen, obgleich eine geheime, ihm ſelbſt wohl noch nicht klare Eiferſucht ihn leiſe zu be⸗ unruhigen ſchien, wenn er daran denken mochte, dieſem doch von manchen Seiten ge⸗ gefaͤhrlichen Gegner Gelegenheit zu einem oͤfteren Zutritt in meine Naͤhe zu verſchaffen. ch benuzte die unumſchraͤnkte Gewalt, die er mir im Hauſe uͤbertragen hatte, um das noͤthige zu verfuͤgen, und Du weißt, daß die Gabe, Feſte anzuordnen, mir gleich⸗ ——— 117 ſam angeboren, und durch oͤftere Uebung nur um ſo mehr in mir ausgebildet worden iſt. Mit wenigen, leicht und geraͤuſchlos zu treffenden Veraͤnderungen uͤberraſcht' ich ſelbſt Leo, indem ich gewiſſermaßen eine neue, ſtrah⸗ lende Welt aus dem an ſich ſchoͤnen Local geſchaffen hatte, das bisher ſo wenig zweck⸗ mäͤßig benuzt worden war. Decoration, Em⸗ pfang und Bewirthung ließen ihm gewiß nichts zu wuͤnſchen uͤbrig, und das freudige Erſtaunen, das ſich in ſeinen funkelnden, mir uͤberall nachfolgenden Blicken verrieth, die Billigung, die in ſeinem Laͤcheln lag, der Dank und die wohlthuende Achtung, die er auf alle Weiſe mir ausdruͤckte, waren der erſte Triumph, den ich genoß, jedoch— wie das Morgenroth blos den Aufgang der Sonne verkuͤndet— nur erſt ber Anbeginn eines groͤßeren. 8 15 Denn als ich nun mit der zuvorkom⸗ mendſten Freundlichkeit jedem der Gaͤſte ir⸗ gend eine Aufmerkſamkeit erwieſen, oder ein verbindliches Wort geſagt, und dadurch alle in die behaglichſte Stimmung verſezt hatte, 118 in der die Empfaͤnglichkeit fuͤr geſelliges Ver⸗ gnuͤgen am lebhafteſten iſt, weil jeder ſich, wie man zu ſagen pflegt, à son aise fuͤhlt, begann die Muſik mit einer Sinfonie von Beethoven, die ganz geſchaffen iſt, als Ein— leitung zu hoͤheren Kunſtgenuͤſſen zu dienen. Nicht ohne lebhaftes Herzklopfen horte e die lezten Toͤne derſelben verhallen. Du wirſt leicht glauben, daß mir in der„ Sicherheit, mit der ich meiner Kraft und Fertigkeit mir bewußt bin, kein Gedanke an Furcht, oder gar Verlegenheit ſtoͤrend entgegen treten konnte. Es war blos ungeduldiges Verlangen nach dem Moment, wo ich mir, wie ich mit Beſtimmtheit vor⸗ aus ſah, einen ungeheuern Beifall erwerben durfte, und ich begriff, wie es dem muthigen Krieger wohl ſein mag, der ſehnſuchtsvoll das Zeichen zur Schlacht erwartet, um im Gewuͤhl des Kampfes neue Lorbeeren zu ernten. Mit der ehrerbietig an mich gerichteten Bitte, zu ſingen, fuͤhrte mich Leo zum Fluͤ⸗ gel, den ich ſo hatte ſtellen laſſen, daß er 119 von Seet frei geſehen werden konnte. Ohne um ein Fag breit von der Bahn des ſittlichſten und wuͤrdevollſten Anſtands abzuweichen, welche die Grazien unſerem Geſchlechte als richtigen Weg, zu gefallen, vorgezeichnet haben, verſchmaͤhte ich jene kleinlichen Mittel, wodurch mittelmaͤßige und mit unter auch gute Dilettantinnen gar oft ihr Verdienſt zu erhoͤhen glauben, als da ſind: die falſche Beſcheidenheit des Weigerns, wodurch ſie die Probe ihres Talents nur durch Sturm und Beſchwoͤrung erobern laſ— ſen wollen, ohne zu bedenken, daß dadurch thoͤrichter Weiſe die Erwartungen, folglich auch die Anſpruͤche, immer hoͤher geſpannt werden— oder auch das ihren Leiſtungen vorhergehende Raͤuſpern und Huſten, durch deſſen Mistoͤne ſie das Ohr, welches ſie zu entzuͤcken wuͤnſchen, erſt unangenehm beleidi⸗ gen, und gewiſſermaßen verſtimmen. Ich war ſicher, daß ich bei der geregel⸗ ten Ausbildung meiner Kehle, aus der eben die große Biegſamkeit und Gelaͤufigkeit mei⸗ 120 ——————— ner Stimme ſich entwickelt, und bei meinem Auffaſſen und Durchdringen des Geiſtes der Compoſition, wodurch ich ihn gleich mir zu eigen mache, nichts weiter bedurfte, um zu gefallen, als mich ruhig in den gewohnten Beſtrebungen gehen zu laſſen. Ich hub mit einem Adagio in lang ge⸗ haltenen Noten an, das, ich mochte ſagen, wie ein leiſer Seufzer der Liebe begann, und immer ſchwellender bis zum iteſten Allegro ſich verſtärkte. 1 Wiet wo meine Stimme, gleich einer Herrſcherin im weiten Reich der Töne, nun ihren vollſten Umfang entwickelte„ und— wie wenn es ein bequemes Spiel, und nicht der Erfolg langer, unendlicher Anſtrengungen ſei— vom ungeſtrichenen G bis faſt zum Gipfel des dreigeſtrichenen E hinauf rollte, und wieder nieder ſank, und die weit aus⸗ gefuͤhrte Cadence, mit der dies Singſtuck, das ich immer heimlich meinen Triumphge⸗ ſang nenne, ſchließt, durch einen lang aus⸗ dauernden, ſanft empor ſteigenden, mehrere Minuten ſich erhaltenden und dann wieder . hinabſchwebenden, gleichſam hinſterbenden Triller beendete, da geriethen meine Zuhoͤrer außer ſich, und: gottlich! himmliſch! Engel! eine zweite Catalani!— das waren die einzelnen Worte, die aus den unarticulirten Toͤnen der allgemeinen Bewunderung und des rauſchenden Beifalls ſich vernehmbar machten. Ich erwiederte dieſe tobenden Huldi⸗ gungen durch eine tiefe Verbeugung, durch die ich, geſenkten Blickes, und tief unter der behutſam aufgetragenen Schminke ergluͤhend, der Verſammlung dankte, welche ganz treu⸗ herzig dies durch den ihr freilich unſichtbar gebliebenen Kraftaufwand und die Freude uͤber den guͤnſtigen Erfolg meiner Bemuͤhung hervor gerufene Erroͤthen fuͤr die Wirkung maͤdchenhaft beſcheidener Demuth und der Ueberraſchung zu halten ſchien. Unter der Menge, die ſich zu mir her⸗ andrängte, mich mit Lobſpruͤchen zu uͤberhaͤu⸗ fen, fand ich Leo nicht— ihn— den ich doch hauptſaͤchlich geſtrebt hatte, zu erſchut⸗ tern und zu entzuͤcken, und dem zu Ehren, 6 122 als ich ihn fruͤher unter den Zuhoͤrern mir gerade gegen uͤber fand, ich mich wohl gehuͤ— tet hatte, die allerhoͤchſte Hoͤhe meiner Doͤne zu zeigen, weil dieſe durch den nothwendig dabei verzerrten Mund den Eindruck der Bewunderung ſtoͤren, den ich bei Ihm doch lieber meiner Perſoͤnlichkeit, als meiner Stimme goͤnne. Mein Auge ſuchte ihn jezt im— Gewuͤhl auf, und ſah ihn blaß und ſtill an einen Pfeiler gelehnt, und in tiefen Gedan⸗ ken vor ſich nieder ſchauend. Wie aus ei⸗ nem Tranm ſchien er ſich zu ermuntern, und es duͤnkte mich, als ob mein Blick, der ab⸗ ſichtlich ſo lange auf ihm verweilte, bis er ihn bemerkte, gleich einem electriſchen Schlag durch alle ſeine Nerven bebe. Jezt nahte auch er ſich mir. Die mo⸗ mentane Blaͤſſe, die als Folge des tief er⸗ regten Gemuͤths ihm angewandelt war, wich nun wieder der friſchen Farbe des bluͤhend⸗ ſten Lebens— ſeine Augen ſtrahlten wo moͤglich noch heller und verklaͤrter als ge⸗ woͤhnlich— er war unendlich ſchoͤn in dieſen 123 ſtummen Momenten, die verſtaͤndlicher als alles, was die Redekunſt bietet, zu meinem Herzen ſprachen. Zufrieden, ihn ſo zu ſehen, wie ich ihn haben wollte, beantwortete ich nur durch ein Laͤcheln, deſſen ſiegreichen Einfluß ich ſchon manchmal in aͤhnlichen Lagen erprobte, die ſchweigende Anbetung, die in ſeiner ganzen Haltung gegen mich lag. Dann wandte ich mich ab, um den mitunter uͤbel verhehlten Neid der Damen, welche auffallend ſtill und verlegen geworden waren, durch die hinge⸗ bendſte Hoͤflichkeit mit den Aeußerungen des Beifalls zu verſoͤhnen, welche die Maͤnner — ſie voͤllig uͤberſehend— von allen Seiten mir darbrachten. *„. 6* Eilſter Brief Fortſezzung des Vorigen. Ich wollte nicht nur die befriedigen, die als Kenner alle die Schwierigkeiten zu beurthei⸗ len wiſſen, welche mit einem großartig ein⸗ fachen und doch glänzenden Bravourgeſang verbunden ſind— auch denen wuͤnſchte ich genug zu thun, die den ſentimentalen Ge⸗ ſang, ſei es als Hauch der Liebesklage und der Sehnſucht, oder als ſchauerliche Bal⸗ lade, oder als naives Volkslied vorziehen. Deshalb ſchob ich, durch vielfache Auf⸗ forderungen bewogen, zwiſchen die Pauſen der Inſtrumentalmuſik mehrere ſolcher lieb⸗ lichen Kleinigkeiten ein, weil— wie in dem Ernſt des Lebens, wo oft ein Sonnenſtrahl der Luſt, der hinein blizt, die hoͤchſte Wir⸗ kung thut— die menſchliche Stimme auch 5 hier Gelegenheit hat, ihren ganzen Reiz am wrirkſamſten zu entfalten. 7 125 Kleine aber gemuͤthvolle und gut ge⸗ waͤhlte Lieder, zweckmaͤßig componirt, ver⸗ fehlen ſelten, troz der engen Grenzen ihres Umfangs, und der Einfachheit des Vortrags, den ſie gebieten, den Weg zum Herzen, da ſie, ich moͤchte wohl ſagen, mehr das Ge— fuͤhl als den Geiſt der Kunſt im Men⸗ ſchen anſprechen. E Eines derſelben, in ſchwaͤbiſcher Mund⸗ art, hat noch uͤberall, wo ich es geſungen, den Zauber bewaͤhrt, der in ſeiner lieblichen Einfalt und der kindlich gemuͤthlichen Nai⸗ vität der Worte, ſo wie des Dialectes liegt. Ich trug es vor, wie man ſoll und muß, und der Erfolg, der mir jedes Ohr gewann, belohnte glaͤnzend meine Muͤhe. Ein dichter Kreis hatte ſich um mich verſammelt, doch am naheſten draͤngte ſich der Prinz an meine Seite, und ſo entſtand nach mannichfachen Exclamationen uͤber die Vollkraft und den Silberlaut meiner Stim⸗ me, und die vielſeitige Ausbildung und Ge⸗ wandtheit meines ihm goͤttlich erſcheinenden Talents, die ich, um Dir nicht langweilig 426 zu werden, ganz beſcheiden mit Stillſchwei⸗ gen uͤbergehe, folgender Dialog zwiſchen uns. „Man traͤgt die allemanniſchen Lieder jezt in unſer gewöhnliches Deutſch uͤber, ais wäͤren ſie in einer Sprache des Auslands ge⸗ ſchrieben,“ ſagte der Prinz.„Mir ſcheint, man thaͤte beſſer, ſich mit ihrer originellen, wunderſam ruͤhrenden Eigenthuͤmlichkeit zu befreunden, um ſie ſo, wie ſie ſind, zu ge⸗ nießen, denn jede Uebertragung, ſei es auch die gelungenſte, muß meiner Meinung nach dieſen koͤſtlichen Erzeugniſſen etwas von. Anmuth rauben.“ „Ew. Koͤnigl. Hoheit haben ganz— verſezte ich, ſobald der Ueberſezzer nicht mit warmen Gemuͤth den Geiſt und die Weiſe des allemanniſchen Dichters auffaßt, und ſo⸗ bald er ſich nicht ſtreng enthaͤlt, der fremd⸗ artigen Erſcheinung etwas zu rauben, oder ſie durch eigene Zuthat zu veraͤndern und zu verwaͤſſern. Die ſchwaͤbiſche Sprache ſchmiegt ſich ſo traulich in ihnen an den Gedanken — ſie iſt als die treuherzige Naturſtimme eines kraͤftigen, unverbildeten, in Redlichkeit 427 und Treue verbruͤderten Volkes uͤberhaupt eben ſo geeignet fuͤr das Volkslied und den naiven Geſang, als ſie ſich wenig zu den hoͤheren Dichtungsarten, namentlich der Ode und der Elegie paſſen wuͤrde. Wem daher dieſe Mundart gelaͤufig iſt, wer ſie ohne An⸗ ſtoß vortragen und verſtehen kann, den wird ſie allerdings unangetaſtet in ihrer unſchulds⸗ vollen Anmuth inniger ergreifen, als in der Uebertragung, die denn doch mitunter un⸗ willkuͤhrlich manches feierlich gekuͤnſtelte in den holden Ausdruck lebendig einfacher Herz⸗ lichkeit bringt. Aber fuͤr die, welche nur mit unſicherem Pruͤfen und vergeblichen An⸗ ſtrengungen dem Dichter zu folgen verſuchen, iſt das Unternehmen, ihnen den oft ſo innig bewegenden Gedanken in einer verſtaͤnd⸗ licheren Ausſprache zu zem ver⸗ dienſtlich.“ „Ich muß bekennen, erwiederte der prinß, daß ich nur die Ankuͤndigung ſolcher Ueber⸗ ſezzungen, nicht eine derſelben ſelbſt noch gele— ſen habe, und daß daher blos meine Abnei⸗ gung im Allgemeinen vor allem Ueberſezten, 128 ————————— kein Urtheil insbeſondere uͤber dieſe Ver⸗ ſuche aus mir ſpricht.“ „Ich weiß mehrere einzelne gehtn. gungen, nahm ich wiederum das Wort, die recht zart den kindlichen Sinn dieſer lieb⸗ lichen Dichtungen in ſeiner urſpruͤnglichen Reinheit bewahrt haben, ob ſie ihn gleich in eine uns bekanntere Sprache uͤberſezten. Mir fallen zum Beweis meiner Behauptung einige Strophen aus dem Sommerabend, von Adrian verdeutſcht, ein, aus welchen ich nur die Schilderung der lezten Momente des Sonnenuntergangs heraus heben moͤchte, um Ew. Koͤniglichen Hoheit ein Beiſpiel aufzu⸗ ſtellen, wie gelungen das Beſtreben iſt, die holdſelige Einfalt der Natur ſelbſt in einer gebildeteren Einkleidung beizubehalten.“ Er forderte mich lebhaft dazu auf, und das war es eben, was ich wollte. Ohne mich von ſeinem feſt und gluͤhend auf mich gerichteten Blick irre machen zu laffen, hub ich nun an, und ſagte mit all' dem hinreiſ⸗ ſenden Ausdruck, den ich mir durch genaue Kenntniß und Benutzung meines Organs, 129 durch ſeelenvolle Modulation und ſchnellen Tact, der fuͤr jedes Wort gleich auf der Stelle die richtigſte Betonung zu finden weiß, im Gebiet der Redekunſt erworben habe, dieſe Verſe her, die das abendliche Scheiden der Sonne bezeichnen: Darum iſt ſie auch nun ſo müd', und braucht zum Schlaf kein Abendlied. Sieh, wie ſie ſich, von Schweiß benezt, Tief athmend auf den Berg dort ſezt. Jezt lächelt ſe zum erſtenmal, Jezt ſagt ſie: ſchlafet wohi zumal! Sie iſt hinab!— Auf Wiederſehn! Seht auf dem Thurm den Hahn ſich drehn. Er ſchaut ihr nach, ſo lang er kann. Warum ſtarrt ſie der Vorwiz an? Run, bald beſtraft ſie dich, du Thor, Uund nimmt den rothen Schleier vor. Herrlich! Trefflich! O wem das Gluͤck beſchieden waͤre, Ihnen Tagelang zuhoͤren zu duͤrfen! rief der Prinz voll Entzuͤcken, indem er meine Hand kuͤßte. Mit jenem bitteren Unmuth des Reides, der ſich gewalt⸗ ſam zu lächeln zwingt, weil er wohl fuͤhlt, 130 daß er in ſeiner wahren Geſtalt gar zu wi— derwaͤrtig erſchiene, miſchte ſich die Miniſte⸗ rin jezt in die Unterhaltung⸗ Mur an den Tert, nicht an den Vor⸗ trag ſich haltend, da ſie mich vermuthlich eben ſo wenig loben mochte, als ſie mich ta⸗ deln konnte, ſagte ſie, mir einen haͤmiſchen Seitenblick zuwerfend: Sie ſind ſehr en⸗ thuſiasmirt, gnaͤdigſter Herr, und ich waͤre es gern mit Ihnen, aber ſo etwas beſonde⸗ res kann ich denn doch eben nicht daran finden. Das:»mit Schweiß benezt' fuͤhrt der Fantaſie wenigſtens kein edles Bild zu. Wer es von den Lippen des Fraͤuleins ausſprechen hoͤrt, antwortete der Prinz ſchnell und ſcharf, ohne ſie weiter zu beach⸗ ten, dem verwandelt es ſich, poetiſch verklaͤrt, in die Perlen des Abendthau's, die man ja mit Recht zu dem Reinſten auf Erden zaͤhlt. Ich wollte abbrechen— keineswegs um meine Rivalin zu ſchonen, denn ihre Bit⸗ terkeit fing an, mich zu ergoͤzzen, da ſie mir das ſicherſte Zeugniß meines Sieges uͤber 131 ihre Reize gab, und ich nun ſchon feſten Fuß gefaßt zu haben glaube, um mich zu behaupten, und allmaͤhlig weiter zu gehn; wohl aber, weil noch eine andere Eiferſucht erregt zu ſein ſchien— mir unendlich ſchmei⸗ chelhafter und ſuͤßer— ich meine die, die aus Leo's umwoͤlktem Blick, ſeinen finſter zuſammen gezogenen Augenbraunen, und dem truͤben Schweigen, mit dem er ſich zuruͤck zog, zu meinem Herzen ſprach. Doch der Prinz nahm jezt durch eine geſchickte Wendung eine Stellung, die von der einen Seite die uͤbrigen gleichſam von mir abſchnitt, und ſie— ſelbſt die Miniſte⸗ rin nicht ausgenommen— in eine Entfer⸗ nung verwies, von wo aus ſie wohl wenig von unſerem Geſpraͤch verſtehen konnten, da auf der anderen Seite der Fluͤgel, neben dem ich ſtand, eine Art von Schutzmauer bildete. Er brach von neuen in alles erſchoͤpfende Lobſpruͤche aus, und als er das Univerſelle meiner Bildung ruͤhmte, war ich es mir ſelbſt ſchuldig, dieſe Eindruͤcke, die ich auf ſeinen reizbaren Sinn gemacht hatte, zu ver⸗ 132 ſtärken, indem ich mit vorſichtiger Hand den Schleier luͤftete, der noch mehr Geſchicklich⸗ keiten verbarg, und, ſcheinbar ablehnend, er⸗ wiederte, daß kein eigentlicher Beruf durch ausgezeichnetes Talent, ſondern nur der oft bittere Kampf mit den Verhaͤltniſſen mich in das Heiligthum der Kunſt eingefuͤhrt habe, wo ich Troſt fuͤr manchen Kummer gefunden. Ich habe in einem Kreiſe gelebt, ſprach ich, wo es mir oblag, meine Umgebung zu unterhalten, und ſie bald auf dieſe, bald auf jene Weiſe vor dem zehrenden Gifte der Langenweile zu bewahren, das leere und ge⸗ muͤthloſe Menſchen nur allzuoft ſelbſt mitten in der Fuͤlle des Ueberfluſſes quaͤlt, wenn ihnen innerer Reichthum verſagt ward. Was ich daher in haͤuslicher Stille, einzig zur Er⸗ heiterung meiner Eltern, mir durch die Gabe der Auffaſſung, durch meine warme Vorliebe fuͤr manche Zweige der Wiſſenſchaft, und durch mein Streben, hie und da im Gebiet des Schoͤnen kein Fremdling zu bleiben, mir angeeignet und erworben hatte, mußte ich zur taͤglichen Wuͤrze fader und ungeſalzener Un⸗ i ei— 133 terhaltung hingeben, und that es gern, weil ich wenigſtens in den Momenten kuͤnſtleriſcher Begeiſterung mich und mein— Loos vergaß. Ich ſagte dies mit jener Trauer in Ton und Mienen, die von der Haͤrte ei⸗ nes unwandelbaren Geſchicks durchdrungen, aber auch ergeben ſcheint, weil ſie es in frommer Demuth fuͤr den Beruf ihres Le⸗ bens hält. So bin ich, fuhr ich fort, durch ns von der Nothwendigkeit mir aufgezwungene Eindringen in die ſtille Tiefe der Kunſt im⸗ mer mehr mit ihr befreundet worden, und manches, was man jezt zu den geſelligen Ge⸗ nuͤſſen zaͤhlt, iſt mir nicht unbekannt geblie⸗ ben. Denn Darſtellungen aus der aͤlteren und neueren Sculptur, der italieniſchen und altdeutſchen Malerſchule, Deeclamation und pantomimiſche Scenen, mit Geſang abwech⸗ ſelnd, waren die Anſpruͤche, die man täglich an mich machte, und die ich auch willig er⸗ fuͤllte, ſo gut es meine beſchraͤnkten Kräfte erlaubten. Denn es iſt ja das Lvos derer, 134 die vom Schickſale verurtheilt ſind, von frem⸗ der Willkuͤhr abzuhaͤngen, ſich in die Launen und Forderungen anderer fuͤgen zu muͤſſen.— Was ich beabſichtigte durch meine elegi⸗ ſche Schilderung, geſchah. Mit dem Feuer der geruͤhrteſten Theilnahme, die ſich nicht allein an den Vorzuͤgen meiner Perſoͤnlich⸗ keit, ſondern auch an dem Druck meiner Verhaͤltniſſe entzuͤndet hatte, welche ich mit Vorbedacht in den zarten Duft der Schwer⸗ muth einhuͤllte, unterbrach er mich. Wie? rief er aus, dieſe reichen Gaben der Camoͤnen, die noch verherrlichten, was Ihnen die Natur im ſeltenen Ueberſchwang ihrer Gunſt verliehen— ſie mußten jemals ſich herabwuͤrdigen, dem ſchonungsloſen Be⸗ gehren anderer zu froͤhnen, ſtatt als freies Eigenthum zu begluͤcken, wie die Sonne, die nur ſcheint, wenn ſie will? O wie hart, wie ungerecht vertheilt oft das Schickſal ſeine Looſe!— Nicht ſo, gnädigſter Herr, verſezt' ich, indem ich, eine Thraͤne erzwingend, den Blick zu ihm erhob, weil mir gar wohl bewußt — 135 iſt, daß Thraͤnen mir gut ſtehn, und, ſtatt mein Auge zu roͤthen und zu truͤben, ihm nur zwiefachen Schimmer verliehen. Welcher Menſch duͤrfte fodern, immerdar gluͤcklich zu ſein?— Auch ich bin es geweſen, und das muß mir gnuͤgen. Glanz und Ueberfluß umſtanden meine Wiege, und eine freundliche Unabhaͤngigkeit ſchien durch das große Ver⸗ moͤgen meiner Eltern mir fuͤr immer geſi⸗ chert. Doch— auf welchen Reichthum duͤr⸗ fen wir hienieden mit Zuverlaͤßigkeit rechnen, wenn es nicht der iſt, den wir, durch Muͤhe und Selbſtuͤberwindung errungen, im In⸗ nerſten des Herzens tragen? Unverſchulde⸗ tes Ungluͤck zog die Verarmung der Meinen herbei, raubte als Folge des Grams mir die, die mir das Leben gaben, und ſtieß mich hinaus in die unwirthbare Hede einer mir fremden Welt, wo ich Gott danke, daß ich den Lebensunterhalt, den man mir reicht, wenigſtens durch einige S die ich uͤbe, vergelten kann. koͤchten Sie, erwiederte er, ich erbitte es mir mit der innigſten Verehrung, moͤch⸗ ten Sie mir vergoͤnnen, wieder gut zu ma⸗ chen, wo das Verhaͤngnis ſich an ihnen ver⸗ ſuͤndigte. Unſere Bekanntſchaft iſt noch neu, aber ſie hat mir ein Gefuͤhl eingefloßt, als ſei es mein wichtigſter Beruf, alle Dornen hinweg zu raͤumen, die Sie im ferneren Lauf Ihres Lebens verwunden koͤnnten. Rechnen Sie auf mich, mein Fraͤulein, wann und wo Sie meiner beduͤrfen, und bannen Sie, ich beſchwoͤre Sie darum, nicht grauſam den Zauber Ihrer Liebenswuͤrdigkeit in einen ſo engen Kreis. Laſſen Sie ſich dei Hofe vor⸗ ſtellen. Wie wuͤrde meine Mutter erfreut ſein, wenn unter den groͤßtentheils abge⸗ ſchmackten Larven ihres Gefolges ihr ein ſol⸗ ches Weſen voll Geiſt, Anmuth und Ge⸗ muth begegnete. Die Koͤnigin hat einen ſehr lebendigen Sinn fuͤr das Schoͤne und Gute, und dabei eine ſcharfe Unterſcheidungs⸗ gabe. Sie wuͤrde Ihren Werth ſchnell auf⸗ faſſen, und um Ihrentwillen ſicher eine Aus⸗ nahme von der allgemeinen Regel machen, der ſie ſich unterwirft, indem ſie gewoͤhnlich nicht ſelbſt die Perſonen ihres Hofſtaats „ 137 waͤhlt. Ich bin uͤberzeugt, es bedarf blos der fluͤchtigſten Bekanntſchaft, keiner Fuͤr⸗ ſprache, und ſie wuͤrde Ihnen in ihrer Naͤhe einen Platz einraͤumen, der Ihrer wuͤrdig waͤre. Mich ſanft neigend, und alle Huld der dankbarſten Freundlichkeit uͤber meine Zuͤge verbreitend, ſtrebte ich, dies Geſpraͤch zu en⸗ den, da von fern die Blicke der Miniſterin, wie giftige Pfeile mich trafen, und ich wohl einſah, ich muͤſſe abbrechen, um nicht allzu⸗ ſehr aufzufallen. Ehrerbietiges Verſtummen iſt auch Dank, gnädigſter Herr, antwortete ich ihMm. Ich kann nur wenig ſagen, aber ich fuͤhle ganz das Gluͤck, das in Ihrem Wohlwollen liegt, und bitte Ew. Koͤnigliche Hoheit, es mir zu bewahren— fuͤr jezt aber mich den Verhaͤlt⸗ niſſen zu uͤberlaſſem, in die ich nun einmal eingegangen bin, und von denen ich, ihrer Neuheit wegen, noch nicht weiß, ob ſie mir druͤckend, wie manche fruͤhere, oder ange⸗ nehm ſein werden. Bedarf ich aber jemals in meiner ſchwankenden Epiſtenz einer Stuͤzze, 138 ſo iſt es mir troͤſtlich, Ihre mir zugeſicherte Protection in Anſpruch nehmen, und mich mit Zuverſicht an Sie wenden zu duͤrfen. Mit dieſen Worten entſchluͤpft' ich ihm, und verlor mich im Gedraͤng der Menge. Ein rauſchendes Schlußchor beendete das Concert, worauf das Souper begann, das ich mit Huͤlfe der Generalin geordnet hatte, da dieſe alle Familienconnexionen, ſo wie jede freundſchaftliche Verbindung und jede Intrigue kennt. Die einzelnen, mit Blu⸗ men geſchmuͤckten kleinen Tiſche, auf denen es ſervirt wurde, beguͤnſtigten durch eine ge⸗ ſchickte Zuſammenſtellung derer, die Geſchmack an einande finden, das geſellige Vergnuͤgen; nur der Prinz war, wie ich merkte, unzu⸗ frieden mit ſeinem Plaz— aber ich konnte ihm nicht helfen. Ich hatte naͤmlich an den mit Oran⸗ genbluͤthen und Myrten vorzuͤglich ſorgſam decorirten Tiſch, der oben an ſtand, ihm ne⸗ ben der Miniſterin ſeine Stelle angewieſen, und, ſeinem Range angemeſſen, die vornehm⸗ ſten, aber deshalb nicht eben gerade reizend⸗ 139 ſten Damen, ſo wie den Grafen, als Wirth, ihm angereiht— mich ſelbſt aber ganz de— muͤthig in den tiefſten Hintergrund zu eini— gen alten Herren und Frauen geſezt, zu de⸗ nen ſonſt niemand ſo recht paſſen wollte, und die ich durch meine zuvorkommende Hoͤf⸗ lichkeit und den kindlichen Frohſinn, mit dem ich ſie zu unterhalten ſuchte, ſaͤmmtlich wie im Sturm eroberte. So gleichguͤltig mich nun auch der Beifall unbedeutender Men⸗ ſchen im Inneren laͤßt, ſo iſt die Stimme deſſelben, die oft dem oͤffentlichen Tadel ein heilſames Gleichgewicht haͤlt, niemals zu ver⸗ achten, und daher nahm ich mir vor, da ich doch gerade nichts beſſeres zu thun wußte, ſie fuͤr mich zu gewinnen, was denn auch ohne alle Schwierigkeiten gelang. Der Mismuth, den der Prinz an der Seite ſeiner erzuͤrnten Geliebten empfinden mochte, und die Langeweile, die ihm ver— muthlich der kleine Kreis uͤberhaupt verur⸗ ſachte, in dem er, gegen ſeine Reigung, zu praͤſidiren genoͤthigt war, machte, daß er ſehr fruͤh die Tafel aufhob, und dadurch 140 nicht nur ſich, ſondern auch mich von dem Zwang erloͤſete, der bleiern auf mir ruhte. Die Wagen waren bereits vorgefahren — man ging aus einander. Das bunte Ge⸗ wuͤhl der Scheidenden vergoͤnnte ihm nicht mehr, mir noch ein Wort insbeſondere zu ſagen, da ich ihn abſichtlich, doch ohne daß es ſo ſchien, vermied. Es genuͤgte mir, daß Leo wahrnahm, wie des Prinzen lester Blick mich noch verlangend ſuchte, und ſo lange als er konnte, auf mir verweilte— ja die⸗ ſer ſtumme Ausdruck ſeiner Huldigung war mir lieber, als haͤtte er mir noch einige Phraſen ſeines Beifalls in ſchwulſtigem Bom⸗ baſt zugefluͤſtert. Auch verfehlte meine Berechnung ihre Wirkung nicht— denn Leo, der ſonſt leb⸗ haft und verbindlich die Honneurs ſeines Hauſe zu machen pflegt, verabſchiedete ſich jezt mit duͤſterer Einſylbigkeit von dem Prin⸗ zen. Ein nagender Verdruß verfinſterte, gleich einer drohenden Gewitterwolke, ſeine Stirn— ſeine Augen ſchleuderten Blizze umher, die die leidenſchaftliche Aufgeregtheit 141 ſeiner Seele verkuͤndeten—— wer weiß, ob nicht eine ſtoͤrende und vieles vereitelnde Exploſion hervor gebrochen waͤre, haͤtt' ich nicht mit weiſer Umſicht und Maͤßigung den Enthuſiasmus des Prinzen fuͤr mich gezugelt, und ihm die Gelegenheit verſagt, ihn bei'm Abſchied klar und deutlich in Worten aus⸗ zuſprechen. Was ich mit dieſer ganzen Comoͤdie ei⸗ gentlich bezwecke? hoͤr' ich Dich fragen. Ei nun, liebes Kind, man iſt vermittelſt der klaren Logik der Vernunft verbunden, jeden moͤglichen Vortheil wahr zu nehmen, der ſich erlangen laͤßt. Den Prinzen, als Mann betrachtet, wuͤrde ich ſtolz und kalt in die Schranken zuruͤckweiſen, die mein Geſchmack unuͤberſteigbar zwiſchen ihm und mir auf⸗ baut, aber ſein Stand aͤndert die Sache. Ein Prinz hat lange Arme— und wenn ich auch nimmer von dieſen Armen um⸗ ſchlungen ſei mag, ſo koͤnnen ſie doch viel⸗ leicht dazu dienen, manches ſonſt mir fern liegende, mir darzureichen. Man kann nicht wiſſen. 142 Stiller und immer ſtiller ward es in den weiten Gemaͤchern, in denen noch kurz vorher das froͤhliche Geraͤuſch der Geſellig⸗ keit wie ein wogender Strom ſich ergoß— endlich verloren ſich die lezten Gaͤſte— die tief herunter gebrannten Kerzen mahnten, daß es ſpaͤt ſei, und auch ich ſehnte mich nach Einſamkeit, um von meinen vielfachen Anſtrengungen auszuruh'n. Doch wollt' ich noch erſt den Grafen erwarten, der den Prin⸗ zen hinab an ſeinen Wagen begleitet hatte. Endlich kam er, und fluͤchtig durch den Saal eilend, wo er im Vorbeigehen ein Myrten⸗ reis aus einer der Blumenvaſen nahm, ſuchte er mich in den angrenzenden Zimmern auf, und fand mich in einem der abgelegen⸗ ſten, das mit purpurrother Seide drappirt iſt, und blos durch alabaſterne Lampen mond⸗ lich erhellt war, wo ich in einer reizenden, doch hoͤchſt decenten Stellung auf den pur⸗ purnen Polſtern des Divans auszuruhen ſchien. Ein ſuͤßer Schauer bebt noch jezt durch alle meine Nerven, wenn ich mir im Geiſt — 143 wiederhole, wie ſchoͤn und gebietend, obgleich nicht in ſeiner gewoͤhnlichen Freundlichkeit, er vor mir ſtand, tiefen Ernſt im wieder ru— hig gewordenen Auge, Troz auf der freien Stirn, und dennoch ein mildes Laäͤcheln, wenn gleich nur das Laͤcheln der Wehmuth auf ſeinen Lippen. Ich habe Sie erwartet, Herr Graf, um Ihnen gute Nacht zu ſagen, redete ich ihn an, und legte alles Einſchmeichelnde der ſanfteſten Hingebung in meinen Ton. Moͤch⸗ ten ſie zufrieden mit dieſem Abend— we⸗ nigſtens mit mir ſein. Ich muß Ihnen danken, verſezte er, ſchwankend zwiſchen Wahrheit des Gefuͤhls und Zronie, daß Sie, Sie allein, dieſem Feſte Glanz und Seele verliehen, und waͤre ich mehr als ein unbedeutender Privatmann — waͤre ich zum Beiſpiel ein Prinz, dem eine entſcheidende Stimme gebuͤhrt, und der berufen iſt, Decorationen auszutheilen— ich wuͤrd' es unternehmen, den Lorbeerkranz um Ihre Stirn zu flechten, den die vollen⸗ dete Kuͤnſtlerin verdient. Auch mochte wohl 144 ein dunkles Verlangen darnach meine Hand regieren, als ich vorhin in die Blumenvaſe griff, aber— wie ſchon oft in meinem Le⸗ ben— ich griff fehl— und dieſe narco⸗ tiſche Giftpflanze war es, die ich ſtatt des Lorbeers faßte, und die ich Ihnen nicht zum Lohn fuͤr ſo herrlichen Genuß zu bieten wage. Wie, Herr Graf? Wer hat die un⸗ ſchuldige Myrte ſo bei Ihnen verlaumdet, daß Sie ſie fuͤr eine Giftpflanze erklaͤren? entgegnete ich mit leichtem Scherz. Immer habe ich gehoͤrt, daß gerade aus ihren Kraͤn⸗ zen ein Zauber duftet, der das Daſein himmliſch verklaͤrt, und dem nichts auf Er⸗ den gleich kommt.— Doch— dem ſei, wie ihm wolle— ich werfe mich nun ein⸗ mal zu ihrer Vertheidigerin auf, und ver⸗ urtheile Sie von Rechtswegen, ihr auf der Stelle Abbitte und Ehrenerklaͤrung zu thun. Nehmen Sie ſich immer der Verkann⸗ ten und Verläumdeten mit dieſer Waͤrme an? fragte er. Jummer! war meine Atr Iſt es 145 doch ein ſchoͤner Beruf der Humanitaͤt, den ich erkenne, und uͤbe, die Fehler anderer zu entſchuldigen und ihr Unrecht ſchonend aus⸗ zugleichen— wie nicht um ſo mehr, ſich der Unſchuld anzunehmen, die unverdienter Weiſe geſchmaͤht wird. O dieſer Charakterzug der Duldſamkeit und Milde, den Sie ſo ſchoͤn mir enthuͤllen, giebt mir den Muth, Sie auch fuͤr mich um Ihre Verwendung zu bitten, rief er aus. Entſchuldigen Sie mich— aber nur bei ſich allein— das Urtheil der ganzen uͤbrigen Welt iſt mir gleichguͤltig— entſchuldigen Sie mich, daß momentaner Unmuth und eine bittere Aufgeregtheit meines Weſens, die mir ſonſt nicht eigen iſt, und die nur daraus entſtand, weil ich Sie zu ſehr bewundere, mich unfaͤhig machte, dieſen Abend ſo zu ſein, wie ich haͤtte ſein ſollen— daß ich Ih⸗ nen ganz allein die Sorge fuͤr die Geſellſchaft uͤberließ, und durch meine uͤble Laune allent— halben nur ſtoͤrte, ſtatt Ihnen das ſchwere Geſchaͤft, ſie zu unterhalten, zu erleichtern. Wie doch ſelbſt die beſten Männer im⸗ . 146 mer ſo egoiſtiſch ſind, und ſich fuͤr nothwen⸗ dig, ja wohl gar fuͤr unentbehrlich halten, verſezt' ich muthwillig laͤchlend. Iſt denn nicht Alles auch ohne Sie recht gut gegan⸗ gen? Wohl wahr, Sie haben die muͤhevolle Aufgabe, die Ihnen wurde, mit himmliſcher Anmuth geloͤſet, erwiederte er, aber das ver⸗ ringert meine Schuld nicht.“ Seine Blicke wurden immer inniger und waͤrmer— immer bewegter der Laut ſeiner Stimme; ich fuͤhlte, daß ich kurz abbrechen muͤſſe, wollt' ich die draͤngende Knoſpe der Erklaͤrung, die am Sonnenſchein meiner unbefangenen Heiterkeit ſich zu oͤff⸗ nen begann, nicht zur vollen Bluͤthe ſich er⸗ ſchließen ſehen, und dazu iſt es noch zu fruh. 3 Wer ſein Unrecht einſieht, befindet ſich ſchon auf dem Weg der Beſſerung, ſagt' ich, ihm meine Hand entziehend, die er gefaßt hatte. Als ein Pfand derſelben, und daß Sie kuͤnftiger artiger ſein wollen, nehm' ich dieſen Myrtenzweig mit mir. Er ſoll Sie 3 † 147 mahnen, auf Ihrer Hut zu ſein, wenn ſich der Daͤmon der uͤblen Laune wieder unter— ſteht, Sie zu beſchleichen. Geben Sie her! Ich entwand ihm lachend und mit je⸗ nem den Maͤnnern ſo gefaͤhrlichen Gemiſch von Muthwillen, jungfraͤulicher Verſchaͤmt⸗ heit und Neckerei den Zweig, den er feſt zu halten ſtrebte. Seine Wangen ergluͤhten im Feuer der aufgeregten Leidenſchaft— mir war, als verkuͤnde die unruhige Bewegung ſeiner Bruſt das erhoͤhte Klopfen ſeines Her— zens— ſichtbar kaͤmpft' er mit ſich ſelbſt, ob er es wagen duͤrfe, mich in— Arme zu ſchließen. Ich erkannte die ſuͤße Gefahr dieſes Au⸗ genblicks, und entfloh. Himmliſches Maͤd⸗ chen! rief er mir noch nach, moͤchten Sie eine ſchoͤnere Bedeutung mit dieſen Zweigen verbinden. Es bedarf kuͤnftig keines ande⸗ ren Zeichens der Warnung fuͤr mich, als Ihre Blicke, die von nun an die Richtſchnur mei⸗ nes Lebens ſein ſollen. 2 ₰ℳ 3 w— Brie ß Grüſin Agnes an Bertha. Fennſt Du den ſchrecklichen Sinn der Worte, die die Kraſt des Handelns in uns lähmen, und wie ein eiſiger Winterfroſt die warmen Wuͤnſche unſeres Buſens erſtarren? Sie ſprechen die Entſcheidung meines Schick⸗ ſals aus— mit blutendem Herzen ſchreibe ich ſie nieder— ſie heißen: es iſt zu ſpaͤt!— I„ch habe Deinen Brief empfangen, und mit bitteren Thraͤnen manche Wahrheit Dei⸗ ner Bemerkungen erkannt, aber auch ſeit dem einſehen lernen, daß das, was Du mir zumutheſt, uͤber meine Kraͤfte geht. Ich wuͤrde kein Opfer ſcheuen, Dir zu folgen, aber ich vermag es nicht; denn ein in Aſche berſunkenes Feuer läßt ſich nicht auf Erden entflammen. Du hatteſt mir Verdacht in Deinem Briefe, aber kein Zeichen gegeben, woran ich erkennen konnte, ob meine Hausgenoſſin 149 wirklich ein und dieſelbe Perſon mit jenem beruͤchtigten Fraͤulein Silberſtedt ſei, das Du erwähnſt. Doch gelangte ich bald zufaͤllig daruͤber zur Gewißheit, denn als ſie meine Frage, ob ſie noch Geſchwiſter habe, verneinend be⸗ antwortete, und hinzu fuͤgte, daß ſie ihres Wiſſens die lezte ihres Namens ſei, konnte ich nicht laͤnger zweifeln. Ich ſah indeß, wie Leo ſich immer mehr und mehr in das Nez ihrer Anmuth und Schlauheit verſtrickte. Ein krankhaftes Mitleid, eine ſauerſuͤße Freundlichkeit, eine Schonung, wie die iſt, mit der man ſich zu der Unmuͤndigkeit eines Kindes herab läßt, war alles, was er mir noch widmete. Doch ſucht ich mich zum Hoffen zu ermuntern, und bei mir ſelbſt zu entſchuldigen, was mir ſo weh that. 5. Bertha hat Recht, dacht' ich mir, ich habe mir zu ſehr nachgegeben, habe mich ver⸗ weichlicht im ſteten Nachhaͤngen eines Schmer⸗ zes, in deſſen furchtbare Tiefe freilich der bluͤhende, das Leben noch in vollſter Jugend⸗ ——— „ ——————— 150 kraft und Heiterkeit umfaſſende Mann nicht eingehen konnte, da kein Mann, ſo herzlich er auch ſein Kind liebt, doch das Leid einer Mutter zu ermeſſen vermag. Ich habe ihn zu ſehr allein gelaſſen, warf ich mir ferner vor. Ich habe ihn ge⸗ woͤhnt, auswaͤrts die Freuden der Unterhal— tung zu ſuchen, die er ſonſt an meiner Seite fand. Vielleicht wenn ich mit aller Kraft eines feſten, redlichen Willens mich aufraffe, und er Frohſinn findet, wo er ſonſt nur be⸗ truͤbte Mienen und Thraͤnen ſah, weil ich, unfaͤhig mich zu verſtellen, immer ſo ganz wahr gegen ihn war, vielleicht wird er dann, weniger zuruͤck geſtoßen, ſich mir wieder naͤ⸗ hern, und ich werde ihn von neuem mir ge⸗ winnen. Mein Herz ſchlug laut bei dieſen Ge⸗ danken; ich betete mit Inbrunſt zu dem, der ja in den Schwachen maͤchtig iſt, und mir war, als ſei mein Flehen erhoͤrt.— fuͤhlte mich ſtaͤrker, und wähnte kuͤhn, e wagen zu duͤrfen, mich wenigſtens 3 des Hauſes in die Geſellſchaften zu miſchen, 151 die Leo jezt oͤfterer als je um ſich verſam⸗ melte, und in denen, wie ich vernahm, das Fraͤulein ſtets eben ſo glaͤnzend als anh die Wirthin machte. Als ich daher vor einigen Tagen er⸗ fuhr, Prinz Adolph habe ſich mit Leo zu ei⸗ ner Jagdpartie verbunden, und den Wunſch geaͤußert, nach Beendigung derſelben bei uns zu ſpeiſen, und Leo blos fluͤchtig hinwarf, welche Gaͤſte er noch außerdem als zu dem Prinzen paſſend, geladen habe, ſagte ich, ſo heiter als ich konnte: rechne nur immer noch auf einen Gaſt mehr, Liebſter? denn ich bin leidlich wohl, und habe mir vorge⸗ genommen, an der Geſellſchaft Theil zu neh⸗ men. Gar zu lange hab ich mich auf mein einſames Zimmer beſchraͤnken muͤſſen, und dadurch ſo oft Deine liebe Naͤhe entbehrt— jezt will ich verſuchen, ob ich mich nicht nach und nach wieder dem geſelligen Leben anſchließen kann, und ich hoffe, es ſoll gehn. Er ſchien einigermaßen betroffen uͤber das, was ich ſagte, doch war er nicht un⸗ freundlich, und die Hinderniſſe, die er mei⸗ 152 nem Entſchluß in den Weg zu ſchieben ſuch⸗ te, ſchienen ſich mehr auf ſeine Sorgfalt fuͤr mich, als auf die Abneigung zu gruͤnden, mich wieder in einem Cirkel zu ſehn, in dem er nun ſchon gewohnt iſt, mich zu ver⸗ miſſen. Ich widerlegte aber alle ſeine Einwen⸗ dungen, und blieb bei meinem Vorſatz. Wie ſorgſam ich den ganzen Morgen bemuͤht war, mein bischen Kraft zu ſammeln und zu ſtär⸗ ken, wie ich ſogar durch angenehme Zerſtreu⸗ ungen, und leichte, beluſtigende Lectuͤre mei⸗ nen ſeit langer Zeit nur allzuernſt geſammel⸗ ten Geiſt vorzubereiten ſuchte, um eine un⸗ befangene heitere Stimmung zu erlangen, das will ich Dir nur andeuten, meine Bet⸗ tha, nicht ausfuͤhrlich ſchildern, denn es wuͤrde zu weit fuͤhren. Meiner Johanna nothigten dieſe unge⸗ wohnten Zuruͤſtungen ein wehmuͤthiges La⸗ cheln ab— ach, ich haͤtte wohl merken koͤn⸗ nen, daß auch bei ihr im tiefen treuen Her⸗ en die duͤſtere Stimme meines Schickſals ſprach: es iſt zu ſpaͤt!— aber ich verſchloß 153 abſichtlich mein geiſtiges Auge vor allem, was mich auf dem Wege aufzuhalten drohte, den ich mit frommer Zuverſicht fuͤr den Weg meines Heil's hielt, und, mich ſo aufmerk⸗ ſam kleidend, wie moͤglich, verſchmaͤhte ich ſelbſt das eitele Licht des Schmuckes nicht, ob ich gleich ſeit Emils Tode nichts derglei⸗ chen getragen, als eine goldene Kapſel mit einer Locke von ſeinen Haaren, durch ein ſchwarzes Band um meinen Hals befeſtigt. Lange ſchon mußte ich ſie tief wie ein trau⸗ rig ſuͤßes Geheimniß verbergen, da Leo ihr Tragen misbilligte, indem er glaubte, daß jedes Zeichen, das mich an meinen herben Verluſt mahne, meine Trauer nur nähre. Auch jezt trennte ich mich nicht von dieſem Pfade der heiligſten Erinnerung, aber ein ſchimmerndes Geſchmeide, das Leo mir einſt als Braut geſchenkt, und daß er ſonſt immer vorzuͤglich gern an mir ſah, mußte diesmal meinen Anpuz vollenden, und meine geliebte Kapſel tief zu dem verſchwiegenen Herzen hinab dräͤngen, dem ſie unter allen lebloſen Beſizthuͤmern das theuerſte iſt. 154 Die Vittagsze it ruͤckte heran— die Jagd war voruͤber. Led hatte ſich bei ſei⸗ ner Zuruͤckkunft gleich in ſein Zimmer bege⸗ ben, um ſich umzukleiden; in gleicher Ab⸗ ſicht war der Prinz erſt in ſein Palais ge⸗ fahren. Ich befand mich in einer ſehn⸗ ſuchtsvollen Bewegung, die ich nur mit den Gefuͤhlen vergleichen kann, mit denen eine Braut den Heißgeliebten erwartet. Als ich ſeinen Gang in der angrenzen⸗ den Gallerie vernahm, hoffte ich, er werde auf einen Augenblick hu mir hereintreten— aber er ſchritt voruͤber. Es ſchmerzte mich freilich, doch ich entſchuldigte auch dies. Ach, die Liebe iſt ja auh im S den und Verzeihen. Da aber nun allmaͤhlig die— nachließ, die ich, weil ich es wollte, fuͤr Kraft erklaͤrt hatte, ſo nahm ich ſchnell meine Zu⸗ flucht zu einigen ſtaͤrkenden Tropfen, und ſezte mich dann ruhig auf den Sopha, waͤhrend der kurzen Zeit, bis zur Ankunft der Gaͤſte, mich noch, iu ni und zu ſchonen. 155 Endlich kam Leo— doch nicht, wie ich geglaubt hatte, freudig uͤberraſcht durch mei⸗ nen Anblick, der wenigſtens wie ein Schat⸗ ten der abgeſchiedenen ſchoͤnen Zeit ihm be— gegnen mußte, ſondern finſter, eiskalt, faſt moͤcht' ich ſagen: muͤrriſch. Du haſt Naphta genommen? war ſein erſtes Wort, indem er von allen meinen muͤh⸗ ſelig ihm zu Liebe getroffenen Anſtalten nichts zu bemerken ſchien. Iſt Dir ſchon wieder nicht wohl geworden? O nein, entgegnete ich, ich habe nur aus Vorſicht eine kleine S i8 no⸗ thig gehalten. Man wird glauben, ſich in einer po⸗ theke zu befinden, wenn Du ſo die Gaͤſte empfangen willſt, fuhr er verdrießlich fort. ueberhaupt, was ſoll der Zwang? Sobald es Dich angreift, thäteſt Du beſſer, in De⸗ nem Zimmer zu bleiben. Sein Ton, der den liebloſeſten Sinn ſeiner Worte noch mehr ſchaͤrfte, ſchnitt, wie Du Dir leicht denken kannſt, tief in meine Seele— ich erbebte im Innerſten, wie von 156 einem Fieberfroſt geſchuͤttelt, und fuͤhlte, daß meine das Weinen gewohnten Augen feucht wurden. Doch, Muth, Muth! rief ich mir zu, und kaͤmpfte die nahenden Thraͤnen zu⸗ ruͤck, indem ich aufſtand und eilig einen Fla⸗ con mit Fau de Cologne ergriff, um die ihm widerliche Spur der genommenen Tro⸗ pfen zu vertilgen. 84½ Habe heute ein wenig Nachſicht mit mir, Leo! bat ich ihn. Ich betrete gewiſſer⸗ maßen eine neue, wenigſtens mir fremd ge⸗ wordene Bahn; da muß ſich Deine Hand ſchuͤzzend uͤber mir ausſtrecken, wenn ich nicht ſtraucheln, oder gar fallen ſoll. Das Jollen eines Wagens, der an un⸗ ſerer Thuͤre hielt, erſparte ihm eine Antwort. Das wird der Prinz ſein, erwiederte er ha⸗ ſtig, bot mir mit kalter Hoͤflichkeit den Arm, und fuͤhrte mich in den Salon, wo das Fraͤu⸗ lein, ſtrahlend wie eine Fee, im friſcheſten Farbenglanz der Geſundheit und des wohl⸗ gewaͤhlteſten Puzzes uns entgegen trat. Ein Seitenblick auf Leo belehrte mich, wie ſein duͤſteres Auge jezt plozlich alle ſeine Leben⸗ 157 digkeit wieder fand, und mit Entzuͤcken und ausſchließlicher Hingebung ihre Reize faſt verſchlang, ſo daß er ſich nur gewaltſam los⸗ riß, um dem Prinzen entgegen zu gehn. Ach— dieſe Entdeckung goß einen ſehr bitteren Tropfen in meinen ohnehin ſchwe⸗ ren und truͤben Lebensbecher, aber ich dachte an Dich, Du treue aufmunternde Freundin, und Du unterſtuͤzteſt mich im Geiſte. Ich rang ernſt und muthig nach Faſſung, und ich darf behaupten: ich war gefaßt. Das Begruͤßen der Kommenden zer⸗ ſtreute und betäubte mich zugleich. Leo hatte, eingedenk ſeiner Regel, daß das ſchoͤnſte Maas geſelligen Genuſſes in einem Kreiſe enthalten ſei, der nicht uͤber die Zahl der Muſen hinaus gehe, und nicht unter die Zahl der Grazien ſich erſtrecke, um ſo ge⸗ fliſſentlicher nur wenig Gaͤſte geladen, da der Prinz ausdrucklich darum gebeten hatte, weil er es liebt, die Unterhaltung allgemein wer⸗ den zu ſehn. Alle waren erſtaunt, mich mitten unter ſich zu finden— ſie uͤberhäuften mich mit 158 Aeußerungen des Wohlwollens und der Theil⸗ nahme, die mich haͤtten ermuthigen koͤnnen, waͤre ich nicht alles dieſes Treibens ſo ent⸗ woͤhnt, daß ich mir vorkam, wie ein abge⸗ ſchiedener Geiſt, der nur momentan zu den Lebendigen zuruͤck gekehrt iſt, ohne mehr zu ihnen zu gehoͤren. n Seit geraumer Zeit iſt es eine Bedin⸗ gung conventioneller Hoͤflichkeit, die ſich von ſelbſt zu verſtehen ſcheint, daß zu den Cir⸗ keln, an denen der Prinz Theil nimmt, auch die Miniſterin B. eingeladen wird, von der man glaubt, daß ſie mit ihm in ſehr ver⸗ trauten Beziehungen ſtehe. r Ich bin nie in Verhaͤltniſſe dieſer Art eingedrungen, die— wenn ſie wirklich exi⸗ ſtiren— nicht vor meinen Richterſtuhl ge⸗ hören, und die, wenn nur eine argwoͤhniſche und uͤbelwollende Laune des Publikums ſie erfunden hat, den Schutz jedes Rechtlichge⸗ ſinnten gegen die Angriffe der Verläumdung verdienen. So viel hatt' ich wohl ſonſt, als ich noch ausging, bemerkt, daß Beide ſich vorzuͤglich gern und vertraut mit einander 159 unterhielten, und daß ein gegenſeitiger An⸗ theil unverkennbar war. Da ich aber zu denen gehoͤre, die arglos und feſt an die Moͤglichkeit und Reinheit einer Freundſchaft zwiſchen beiden Geſchlechtern glauben, ſo fand ich nichts auffallendes darin, und ließ ſie ge⸗ waͤhren, ohne mich weiter darum zu bekuͤm⸗ mern. 6 7 Jezt indeſſen bedurfte es keiner ſcharfen Beobachtung, zu der auch niemand unge⸗ ſchickter geweſen waͤre, als ich, um die große Veraͤnderung wahrzunehmen, die in dem Be⸗ tragen Beider gegen einander vorgegangen iſt. Die freundliche Zuneigung der Mini⸗ ſterin hat ſich in eine leidenſchaftliche, auf⸗ lauernde Geſpanntheit verwandelt, die— immerdar gereizt— bei der geringſten Ver⸗ anlaſſung in Bitterkeit uͤberfließt, und des Prinzen ehemalige ritterliche Courtoiſie gegen ſie, iſt in einen deutlich zur Schau getrage⸗ nen Ueberdruß, und in ein kaltes Beachten der Form, dem aber die Seele der Empfin⸗ dung fehlt, uͤbergegangen. Sitt denn Alles vergaͤnglich auf Erden? ————————— 160 ſeufzt' ich leiſe bei mir ſelbſt, als dieſe Be⸗ merkung ſich mir aufdrang. Doch bald wurde mir klar, was wohl die Urſach dieſer Umaͤnderung ſein mochte. Denn aus den feindſeligen Blicken der Miniſterin und den mitunter anzuͤglichen Worten, die ſie an das Fraͤulein richtete, und ach— laß mich es nur hinzufuͤgen— aus der Unruh, mit der Leo jede ihrer Bewegungen huͤtete, wenn ſie mit dem Prinzen ſprach⸗ oder ihm zulächelte, erkannte ich, daß dieſe neue Sonne auch ihn geblendet hat, und ſtoͤrend auch zwiſchen dieſe Verbindung getreten iſt. Ich uͤberzeugte mich hier zum erſten⸗ mal durch eigene Anſchauung, der ich allein in ſolchen Faͤllen glaube, daß der Ruf ihr wohl nicht Unrecht thun mag, wenn er, wie Du mir ſchriebſt, ſie in die Reihe ge⸗ gefährlicher Koketten ſtellt, die ungeſcheut mit dem Gluͤck und dem Frieden anderer ſpielen. Wie eſnn. ſhlau perechnet duͤnkte mir ihr Benehmen, als ich es— freilich mit den Augen des Argwohns— 2 pruͤfte. Sie lockte bald den einen durch Mienen und Blicke, bald beſchwichtigte ſie wiederum den andern durch dieſelben Mittel, indem ſie ahnen ließ, daß er der Begunſtigte ſei, waͤhrend ſie gegen uns Frauen, von de⸗ nen es ihr nicht entgehen konnte, daß die Miniſterin auf's hochſte gereizt, und ich ſehr betruͤbt war, ſich ſo conventionell artig, ſo verbindlich untergeordnet betrug, wie, ohne ſich irgend etwas zu vergeben, die feine Sitte und unſere gegenſeitige Stellung zu einander nur irgend fodern konnte. Das Geſpraͤch drehte ſich lange um die Tagesneuigkeiten, die gleich den Ephemeren nur aufflattern, um ſpurlos wieder zu ver⸗ ſchwinden. Es iſt nicht zu laͤugnen, es ging ein verſtimmender, jeden heiteren Aufſchwung der Unterhaltung unguͤnſtig hemmender Ton aus dem beleidigten Stolz und dem ohnſtrei⸗ tig tief gekraͤnkten Gefuͤhl der Miniſterin hervor, dem das Fraͤulein mit einer vielleicht nur ihr eigenen, ſicheren Gewandtheit zu begegnen wußte, wodurch es ihr gelang, 7** 162 manches auszugleichen, und ein leidliches Gleichgewicht zu erhalten. Den ſchweigen⸗ den Gram, der an meinem Herzen nagte, ſchien niemand zu bemerken, und ich dankte dem Himmel dafuͤr. Vielleicht hielt man mein Stillſein fuͤr Kraͤnklichkeit— oder man uͤberſah es auch, da die Hauptperſonen ſo ausſchließlich mit ihren eigenen Gemuͤths⸗ bewegungen beſchaͤftigt waren. Es war von dem Tode eines reichen Edelmanns die Rede, deſſen beträͤchtliche Lehnguͤter, da er keine Kinder hinterließ, jezt in fremde Haͤnde uͤbergegangen, und, wie man zu ſagen pflegt, lachenden Erben anheim gefallen ſind, Es hat etwas trauriges, bemerkte der Prinz, wenn ein alter beruͤhmter Name ausſtirbt, und es erregt immer meinen Un⸗ muth, wenn der, der als der lezte ſeines Stammes ihn traͤgt, ihn gleichguͤltig erlo⸗ ſchen ſieht, und die heilige Verpflichtung, ihn auf die Nachwelt zu bringen, nicht be⸗ achtet. Er war vermaͤhlt, gnaͤdigſter Herr, 163 unterbrach ihn die Miniſterin, aber er theilte das Loos Vieler— ſeine Ehe blieb kin⸗ derlos. Wir wiſſen aber Alle, nahm der Prinz wiederum das Wort, daß ihn ein Sohn aus einer fruͤheren nicht geſezmaͤßigen Verbin⸗ dung uͤberlebt hat, der, ſo wohlbegruͤndet auch ſeine Rechte vor dem Richterſtuhl der Natur ſein moͤgen, dennoch als Erbe nicht in Betracht kommen darf, und ſich mit der kargen Summe begnuͤgen muß, die ſein Va⸗ ter von den reichen Guͤtern vielleicht er⸗ uͤbrigte, den Fremde jezt genießen. Der Baron hatte den Eigenſinn, ſeine Hand nur einer Frau geben zu wollen, die er als be⸗ reits an einen aͤltlichen Mann verheiratet, kennen lernte, und die ſeine erſte Jugend⸗ liebe war. Er folgte der romantiſchen Grille, auf ihre wieder erlangte Freiheit warten zu wollen, und ſie ſollen denn auch, was man nicht immer ſolchen Heiraten nachſagt, recht vergnuͤgt mit einander gelebt haben— aber daß die mittlerweile herbſtlich gewordenen Jahre der Frau ſein Leben nicht mehr mit — 164 — Sproßlingen der Hoffnung erfreuen wuͤrden, war wohl voraus zu ſehn. Aber ich bitte Ew. Königliche Hoheit, verſezte die Miniſterin, wenn nun einmal der Entſchluß, nur die ſe Frau heiraten zu wollen, zur fixen Idee bei ihm geworden war, und ſein feſtes Verſprechen ihn wahr⸗ ſcheinlich noch uͤberdies gebunden hatte— was ſollte er thun? 4 Sich im erſten Jahre wieder ſcheiden laſſen, nachdem er durch die Trauung ſein voreilig verpfandetes Wort gegen ſie, ſo wie gegen ſich ſelbſt geloͤſet, und ſich mit den ſchwaͤrmeriſchen Forderungen ſeiner Vergan⸗ geuheit abgefunden hatte, antwortete er kurz, und mit einer gewiſſen verlezzenden Haͤrte, die mir nicht ohne Abſicht den Ton ſeiuer Stimme ſchneidender als gewoͤhnlich zu ma⸗ chen ſchien. Sobald eine Vereinigung nicht mehr zum Gluͤck fuͤhrt, iſt ſie zweckwidrig, und man thut wohl, ſie aufzuheben— ver⸗ ſteht ſich, mit alle der decenten Schonung, die ritterliches Ehrgefuͤhl und der verſchwie⸗ gene Dank fur einſt genoſſene ſchoͤne Stun⸗ 165 den dem Mann zur Pflicht machen.— Die Miniſterin erblaßte. Ich muß geſtehen, es miſchte ſich jezt das Fräulein in's Geſpraͤch, und zwar mit einer gewiſſen maͤdchenhaften Schuͤchternheit, die nur dem Drang des vollen Herzens nachzu⸗ geben ſchien, ob ſie gleich kuͤnſtlich andeutete, daß ſie wohl einſehe, wie Eroͤrterungen die⸗ ſer Art ſich nicht ganz fuͤr zarte Jungfraͤu⸗ lichkeit zieme; ich muß geſtehn, daß es mein Innerſtes mit Schaam und Empoͤrung fuͤllt, wenn ich in ſolchen Faͤllen mein Geſchlecht, ſtatt zart zuvorkommend, und mit leiſem Tact handeln, nur indolent, egoiſtiſch oder eigenſinnig erblicke. Wer wahrhaft liebt, ſollte jedes Opfers faͤhig ſein, und wo giebt es ein ſüͤßeres, heiligeres, als das, auf Koſten des eigenen Gluͤcks das des Geliebten zu ſchaffen? Weit lieber aber tragen die Frauen in herzloſer und er⸗ niedrigender Selbſtſucht den Schmerz, die Abneigung, den ueberdruß der Maͤnner, als daß ſie edel und herviſch ſich zu beherrſchen und zu reſigniren wuͤßten, um dem die Frei⸗ 166 — heit wieder zu geben, der ſie offenbar aus Irrthum an ſie verloren hat, und dem ihr Entbehren in freudenloſer Ehe zur druͤcken⸗ den Qual geworden iſt. Wie Sie ſich in Allem ſtrahlend uͤber Ihr Geſchlecht erheben, ſo auch hier, rief der Prinz⸗ leidenſchaftlich erregt, ihr zu. Die Frauen wuͤrden eine hoͤhere und unbe⸗ graͤnztere Achtung genießen, wenn die groß⸗ artigen, edlen Geſinnungen, die Sie eben ausgeſprochen haben, allgemeiner unter ihnen waͤren.— Leo ſagte nichts, aber er ver⸗ ſank ſtill und truͤbe in Nachdenken, aus dem nur ihre Stimme, die ſie von neuem erhob, ihn wieder weckte. WMir ſind mehrere Verbindungen bekannt, fuhr ſie fort, wo Kraͤnklichkeit des Leibes und der Seele von Seiten der Frau die einſt aus jugendlicher Verblendung ſchnell und unbedacht geſchlungenen Bande der Ehe im⸗ mer lokerer und peinlicher webte— wo ſtrenge Feudalrechte und unabaͤnderliche Ma⸗ joratsgeſezze, und mehr als dies das geheime Sehnen und Leiden des Mannes die kindes⸗ ————— ₰ —— 167 loſe Vereinigung zu trennen aufforderten— aber nein— die Frau wollte nun einmal nicht aus der bequemen Gewohnheit ihrer bisherigen Exiſtenz ſchreiten, gleichviel, ob der Schlendrian eines oͤden winterlichen un— erfreulichen Daſeins an ihrer Seite den Ge⸗ faͤhrten, der fuͤr eine hoͤhere Tendenz ſich berufen fuͤhlte, zur Verzweiflung oder auch zu dem geiſtigen Abſterben der kaͤlteſten Gleich⸗ guͤltigkeit bringe. Sie verſchmaͤhte die ſchoͤnſte Glorie, welche die Weiblichkeit— wenn auch nur unter Thraͤnen— erringen kann, die der Entſagu ng und des Selbſtvergeſſens, wo es das Wohl des Geliebten gilt. Ohne Liebe, denn Liebe denkt nicht an ſich, beharrte ſie darauf, denn Mann fuͤr den Fehlgriff ſeiner fluchti⸗ gen Jugend buͤßen, und ihn bis an das al⸗ lein erloͤſende Grab die Feſſel ſchleppen zu laſſen, die ſein Gluͤck und die Zufriedenheit, die er noch anderswo haͤtte finden koͤnnen, ₰ ſo wie die Moͤglichkeit vernichtete, ſich in blaͤhenden Kindern, durch eine gluͤcklichere Wahl erlangt, wieder aufleben zu ſehn. —·ů ‧ ˙ ů·ů̃ꝓůůũ+‧ů˖— ₰ 168 Gab es fuͤr ſolche Faͤlle nicht Mittels⸗ perſonen, fragte die Miniſterin ſarcaſtiſch, die behuͤlflich waren, vermittelſt ihrer Schei⸗ dewaſſernatur alte, von der Zeit ſane⸗ tionirte Verbindungen zu trennen, oder doch wenigſtens zu zerruͤtten? Gewiß, denn wo gaͤbe es ſulche nicht, verſezte das Fraͤulein mit dem ſanfteſten Ton der Beguͤtigung, der nur immer einem menſchlichen Sprachorgan zu Gebote ſtehen kann, doch habe ich mich niemals darum be⸗ kuͤmmert. Im Gegentheil, ich habe ſtets misbilligend mein Auge von denen wegge⸗ wandt, die vermeſſen eingreifen in die Zuͤgel eines Schickſals, das nur von Oben, oder durch die eigene Kraft derer gelenkt werden ſollte, denen es angeht. Um keinen Preis moͤchte ich ſelbſt die Verantwortung auf mich laden, mich in Verhaͤltniſſe zu miſchen, wie ich ſie eben ſchilderte, und wie ein auf⸗ merkſamer Blick in's Leben uns ſo vielfaͤltig zeigt. Ich weiß nur, daß wenn mir das Loos einer ſolchen Frau gefallen waͤre, ſchon der Stolz, der jedem edlen Charakter ein⸗ —= 169 wohnen muß, mich unterſtuͤzzen wuͤrde, ſo zu handeln, wie ich es meiner werth hielte. Dem Mitleiden die kuͤmmerliche Fort⸗ dauer einer Verbindung verdanken zu wollen, die nur als der Preis wahrer Liebe, nicht eines Wahns, der ſich einſt dafuͤr hielt, begluͤcken kann, das— ich bekenne es frei — waͤre uͤber meine Kraͤfte. Ich vermag Dir nicht zu ſchildern, meine Bertha, wie ihre Worte, und die Wirkung, die ſie auf Leo hervor zu bringen ſchienen, gleich gluͤhenden Dolchen in mein Inneres drangen. Und doch— galt das mir?— durft' ich auf mich beziehen, was der Zufall(denn wer wagt zu entſcheiden, ob offenbare Bos⸗ heit aus ihr ſprach) ſo ſchonungslos in die⸗ ſen frivolen Weltanſichten an's Licht rief? Und konnte nicht Misbilligung und Unwil⸗ len die duͤſtere Wolke auf Leo's reine Stirn herauf gefuͤhrt haben, in der die Beklommen⸗ heit meiner Ahnungen das bittere Getroffen⸗ ſein der eigenen, bis dahin noch ſchlummern⸗ 3 170 den Ueberzeugung, daß ſie Recht habe, wahr zu nehmen glaubte?— Du ſiehſt, ich ſtrebte, die finſteren Bil⸗ der von mir abzuwehren, die wie Geſpenſter, durch eine Zauberformel gerufen, mich um⸗ ringten. Gleichwohl war mir doch, als habe eine kalte, rauhe Hand mich zu einem Wen⸗ depunkt meines Schickſals hingeſtoßen— als ſei das Dunkel meiner Zukunft nun er⸗ hellt, und im Reich der Unermeßlichkeit, meinem Auge aufgethan, erſchaute ich die öde Wuͤſte meiner kommenden Tage. Ich erblickte mich ohne Ihn auf der ſchwan⸗ kenden Bahn des Lebens, und fand im ah⸗ nenden Vorgefuͤhl, daß alles, was ich bisher gelitten, leicht geweſen ſei gegen das unend⸗ liche Weh: getrennt von Ihm vielleicht ein beraubtes Daſein tragen zu muͤſſen. Aber ſiehe, auch die Nacht, die mich umgab, und in der ich bebend wandelte, hatte ihre Geſtirne, und neu ermuthigt hob ich zu ihnen den Blick empor, und ſchoͤpfte Troſt aus ihrem himmliſchen Lichte. Zwar fuͤhlte ich mein Herz ſehr verwundet, aber 45 Treue des Gemuͤths im reinſten Bewußtſein iſt ja der zuverlaͤßigſte Lebensbalſam— ich ſtillte lindernd, wenn auch nicht heilend, da— mit den Krampf meiner Schmerzen, und hielt mich aufrecht. So wuͤrde ich meine tiefſte Erſchuͤtte— rung verborgen haben, waͤre mein Koͤrper ſo Rark geweſen, wie mein Geiſt, der, als ſei von oben Kraft uͤber ihn gekommen, das bittere Weh zu uͤberwaͤltigen wußte. Aber die angreifende Spannung meiner Nerven, die ich, um nicht ſtoͤrend in die Geſellſchaft einzugreifen, eine ſcheinbare Unbefangenheit und Ruhe zu behaupten ſtrebte, ließ nur all⸗ zubald nach, und zwar um ſo mehr, da das Geſpräch jezt eine andere, gleichguͤltige Wen⸗ dung genommen hatte, die mir Zeit ließ, mich in den truͤben Nachhall des vorigen zu verſenken. Ich fuͤhlte die ermattende Be⸗ taͤubung heran nahen, die mir ſtets der Vor⸗ bote einer Ohnmacht iſt— ſie umzog meine Sinne mit einem Nebelflor, in dem jede Flarheit des Gedankens ſich verdunkelte. Der Prinz, an deſſen Seite ich ſaß, 172 hatte aus Höoflichkeit das Danaidengeſchaͤft uͤbernommen, mich eifrig zu unterhalten—. ich hoͤrte aber nur wie von Weitem das. Schwirren ſeines Ton's, ohne den Sinn ſeiner Worte zu faſſen. Da war mir ploͤz⸗ 4 lich, als ob eine innere geheimnißvolle Macht mich auffordere, meinen Blick— Staͤrkung ſuchend— auf Leo zu richten, wie die Blume, iſt ſie auch welk und ſchmachtend, dennoch immer nach der Sonne ſich ſehnt und ihrem Strahle ſich zuwendet. Aber— o meine Bertha! das war mehr, als ich ertragen konnte— er ſah mich mit ſo kalten, erſtorbenen Augen an— es begegnete mir in ihnen kein Wink der Er⸗ wiederung, keine Antwort auf die ſtumme Bitte: ſei mein Schuz und Schirm, wie Du das hoͤchſte Gut meines Herzens biſt!— Finſter blieben ſeine Mienen, faſt zuͤrnend ſah er das immer tiefere Erbleichen, das ich ſelbſt an dem ſtets eiſigeren Erkalten meiner Wangen fuͤhlte. Da verließ mich die Beſinnung, und ich ſank hin in eine Bewußtloſigkeit, die ilange lange mich dem Weh der Erde entruͤckte. — 173 Als ich wieder zu mir kam, war mir, als habe ich getraͤumt. Ich vernahm ein leiſes Klopfen— es war Leo's Herz, das an dem meinen ſchlug— in ſeinen Armen, der uͤber mich gebeugt, meine Athemzuͤge be⸗ lauſchte, ging des Tages Licht mir golden wieder auf! Obgleich ich ſehr erſchoͤpft war, miſchte ſich durch das Gefuͤhl ſeiner theilnehmenden Naͤhe doch eine unausſprechliche Seligkeit in die Zer⸗ vuͤttung meines Weſens. Ach— ſo zu ſter⸗ ben, Leo! hab ich mir immer gewuͤnſcht— an Deinem Herzen, und von Deinen Ar⸗ men umſchlungen!— das warem die erſten Worte, mit denen ich wieder das Leben be⸗ gruͤßte, aber Leo nahm ſie nicht ſo innig auf, wie ich ſie ausſprach. Nur keine Seene, liebes Kind! entgegnete er verlegen. Halte Dich ruhig, und laß Dich zu Bett bringen; nach dem Arzt iſt ſchon geſchickt. Ich bemerkte jezt, daß die Generalin Mohrungen und das Fraͤulein die Sorge um mich mit ihm getheilt hatten, aber ich lehnte ihren Beiſtand ab, und indem ich ſie — —————————————————————————ũᷓ——————— ⸗ 2 — 3 ———— 174 dringend bat, zur Geſellſchaft zuruͤck zu gehn, ſtuͤzt' ich mich, zerknirſcht im tiefſten Herzen, auf meine treue Johanna, die mich in mein Zimmer leitete, wo ein Thraͤnenſtrom meine gepreßte Bruſt erleichterte. Seitdem— ich habe mehrere Tage an dieſem Brief geſchrieben, da meine Schwaͤche mir keine ununterbrochene Beſchaͤftigung am Schreibtiſch zulaͤßt— ſeitdem waltet jener duͤſtere Geiſt zwiſchen uns, der als der Ver⸗ kuͤndiger einer ernſten Entſcheidung, die mir naht, mit dumpfem Schritt und drohender — Geberde einherſchleicht— meinem inneren Blick erkennbar, wenn auch von außen tie⸗ ſes Schweigen ihn umhuͤllt. Leo verſaͤumt nichts gegen mich, was die Schicklichkeit er⸗ fordern koͤnnte, aber ſeine Beſuche in meiner Einſamkeit ſind ſo regelmaͤßig, ſo abgemeſ⸗ ſen, daß mein durſtendes Herz nicht die Be⸗ friedigung in ihnen findet, nach der es ſich ſehnt, weil ſie nicht mehr als Zeichen herz⸗ licher Vertraulichkeit, und des Verlangens, ſich ſo wie ſonſt mir innig mitzutheilen, er⸗ ſcheinen. Deshalb habe ich auch noch nicht ————— gewagt, eine der kurzen Viertelſtunden, die er mir ſchenkt, zu der Erklaͤrung zu benuz⸗ zen, die zu einer kuͤnftigen Feſtſtellung un⸗ ſerer Verhaͤltniſſe im Leben ſo nothwendig iſt. Dieſe Ungewißheit indeß, das wenig⸗ ſtens noch nicht ausgeſprochene, wenn auch leider! klar genug von mir erkannte ſeiner ſo veraͤnderten Geſinnung gegen mich, das — ſo marternd es auch von der einen Seite iſt— von der andern gleichwohl meine Ner⸗ ven anſpannt, daß ich nicht ganz verſinke, weil mir iſt, als muͤſſe ich ſtreben und han⸗ deln, ſtatt allein muthlos zu dulden— ich will ſie enden, Bertha! ich verſpreche es Dir, ſobald eine der jezt ſo ſelten guͤnſtigen Stim⸗ mungen Leo's mich dazu aufmuntert, und mein naͤchſter Brief— o ſchließe mich ein in Dein Gebet, und trage auch Du mit Deinem reinen, frommen Sinn Gott die Angſt vor, mit der ich ringe— mein naͤch⸗ ſter Brief ſoll Dir die Kunde deſſen bringen, was ich zu hoffen oder zu fuͤrchten habe. ———— ————————————————————————————— 5 Dreizehnter Brief. Eugenia an Sophien. 2 — habe ich Dir nicht geſchrieben, liebſte Sophie! aber keinesweges aus Mangel, ſon⸗ dern, im Gegentheil, aus Fuͤlle des Stoffs, der mir und meiner Feder, wie man zu ſa⸗ gen pflegt, uͤber den Kopf gewachſen war. In dieſer Selbſtanklage liegt zugleich auch meine Entſchuldigung. Denn gewohnt, gegen Dich, und zwar nur allein gegen Dich auf Erden wahr zu ſein, haͤtt' ich mit einer breiten, und doch die Wirklichkeit nicht er⸗ reichenden Umſtaͤndlichkeit Dich in das Pa⸗ radies meiner Gegenwart einfuͤhren, und Dir beſchreiben ſollen, was eigentlich unbe⸗ ſchreiblich iſt— und dazu war meine Laune eben ſo wenig geeignet, wie das vom Sturme in ſeinem innerſten Grunde aufge⸗ wuͤhlte Meer ſich durch ein Machtwort be⸗ ſchwichtigen, und ſeine tobenden, ſchaumge⸗ kräuſelten Wellen in jene ruhige Fläche ver⸗ 177 wandeln kann, die das Bild des Himmels klar und hell auf ihrer Flaͤche abſpiegelt. Denn ich bin zuruͤckgekehrt in die Bluͤ⸗ thenzeit des Lebens und der Liebe, und den erſten Jugend⸗Zauber, der mir laͤngſt ver⸗ ronnen ſchien im freudenloſen Kampf mit der Welt und ihren oft druͤckenden Verhält⸗ niſſen, iſt, alles neu, und roſig verklaͤrend, mir wieder geſchenkt. Sollte die Darſtellung meines gegenwaͤrtigen Zuſtandes nur mit we⸗ nigen Strichen heute vor Dir ſkizzirt, Dir raͤthſelhaft duͤnken, ſo nimm die Loͤſung in den einfachen Worten hin: ich liebe— und bin wieder geliebt.— O meine theure Sophie, wie grau und flach und verwiſcht liegen die Bilder der Vergangenheit hinter mir, und wie tief er⸗ niedrigte ich die hohe Himmelstochter Liebe, die jezt erſt, zum erſtenmale jezt, allmaͤhlig in mein Inneres einkehrt, als ich fruͤher die herzloſe Intrigue, das kokette Spiel mit Maͤnnerhuldigungen, den Reiz der Eitelkeit und der Gefallſucht, ja ſelbſt die kindiſche Anhaͤnglichkeit an dem Verräther, der mein ——,——. zartes Alter und meine Unerfahrenheit mis⸗ brauchte, um mich zu verfüͤhren, und dann treulos zu verlaſſen, Liebe nannte. Jezt erſt, angebetet von dem ſchoͤnſten und liebens⸗ wuͤrdigſten Manne weiß ich, welch' eine See⸗ ligkeit ſie bieten kann, und wird gleich noch mancher Dorn meinen Fuß verwunden, ehe ich zum Tempel eines vollkommenen Gluͤcks, zum ruhigen Beſiz naͤmlich, gelange, dennoch würde ich zu ſeiner Schwelle hinſtreben, und muͤßt' ich uͤber gluͤhende Lava, ja— ich ſchaudere, indem ich's ſchreibe, aber es iſt wahr— muͤßt' ich durch die Höoͤlle draͤngen. Wo und wie und wann? ſeine Erklaͤ⸗ rung mich zu der gluͤcklichſten Sterblichen weihte, das erlaß mir mit dem traurigen Schwarz auf Weiß Dir zu erzaͤhlen, es bleibe einer muͤndlichen Mittheilung vorbe⸗ halten, die, dem Himmel ſei Dank! nicht fern ſein wird. Denn ſind meine Verhaͤltniſſe nur erſt ſo vor der Welt geordnet, wie ſie ſein muͤſ⸗ ſen⸗ ſo lade ich Dich zu mir ein. Der Gedanke, daß Du die Einzige warſt, die dem alten Freundſchaftsbunde treu blieb, und mich immer liebte, wie ich war, nicht wie ich vielleicht haͤtte ſein ſollen, legt mir eine ewige Verpflichtung gegen Dich auf, und Dir zu vergelten, ſo gut ich kann, wird fortan unter die ſuͤßeſten Freuden ge⸗ hoͤren, die meine kuͤnftige glaͤnzende Lage mir geſtattet. Zwar ſehe ich voraus, da ich Dich kenne, und weiß, daß Du den Muth, der mich beſeelt, eben ſo wenig mit mir theilſt, als meine Kraft, einen feſten Entſchluß aus⸗ zufuͤhren, ſtuͤrmte auch ein Heer feindſeliger Damonen mir entgegen, daß Du erſchrecken wirſt vor ſo mancher Nothwendigkeit, der ich mich unterziehen mußte, um mein Loos ſicher zu ſtellen, aber ich bitte Dich, miß mich nicht mit dem engherzigen Maasſtab eines gewoͤhnlichen Urtheils, nicht nach den, den Geſezzen einer uͤbertriebenen Sittlichkeit vorgezeichneten Beſchraͤnkungen, denen ſich mein freier, ſtolzer Sinn nicht fuͤgen kann⸗ Wenn der Silberblick des Daſeins in dem hoͤchſten Entzuͤcken uns naht, iſt es nicht gleich viel, und wird man darauf achten, zu welchem Thore es einzieht? Und wenn wir feſt ein Ziel in's Auge faſſen, an das der Himmel uns geknuͤpft ſcheint, wird es uns dann kuͤmmern, ob unſer eilender Fuß⸗ tritt, indem er es zu erreichen ſtrebt, die gruͤne Saat eines fremden Eigenthums nie⸗ der beugt, oder die Lieblingsblumen eines Anderen in den Staub tritt?— Fuͤr heute nichts mehr— die Wuͤrfel liegen. Laß mich in ſtolzer Sicherheit mir ſelbſt vertrauen, und lebe wohl. Vierzehnter Brief. Bertha von Roſen an Gräfin Agnes. Se kaͤrglich auch durch das immer zuneh⸗ mende Unwohlſein meines Vaters mir die Augenblicke zugemeſſen ſind, die ich am Schreibtiſch zubringen darf, ſo iſt Dein Schickſal, meine gute, leidende Agnes, doch zu ſehr die Angelegenheit meines Herzens geworden, als daß ich haͤtte ſäumen ſollen, die verſprochenen Nachrichten einzuziehen, und nun, nun ich ſie aus einer ſehr authen— tiſchen Quelle mir verſchafft habe, 6. Dir mitzutheilen. Liebe, theure Agnes, Du hegſt wirklich die Natter in Deinem Hauſe, deren giftiger Stich ſchon ſo manches Herz verwundete, und die um ſo gefaͤhrlicher iſt, in je bunte⸗ ren Farben ſie ſchillert. Als haͤtte Dein guter Genius mich gerade dahin gefuͤhrt, wo die ſicherſte Kunde mir werden konnte, wendete ich mich auf der kleinen Reiſe, die 182 mein Vater nach B... dem ehemaligen Auf⸗ enthaltsort der Silberſtedt, erlauben mußte, an eine ehemalige Jugendbekanntin, die auch Dir nicht fremd iſt, und die, wie ich erfah⸗ ren hatte, als die gluͤckliche Frau eines ſehr reichen, und— was mehr iſt— ſehr ach⸗ tungswerthen Mannes dort lebt. Erinnerſt Du Dich nicht aus unſerer Penſion an Luiſe Heldrung, jezt Frau von Benndorf, die ſanfte, freundliche Gefährtin e Spiele und unſeres Unterrichts, der wir beide ſo herzlich gut waren, und mit der wir einen vertrauteren Umgang angeknuͤpft haben wuͤrden, haͤtte die Freundſchaft, die uns damals ſchon ſo ausſchließlich mit ein⸗ ander verband, in unſeren Gemuͤthern Raum für eine zweite Verbindung gelaſſen?. Längſt wuͤnſchte ich, nur wenig Meilen von ihr entfernt, ſie einmal wieder zu ſehn, und jezt, wo ich eine ſo ſchwere Buͤrde in der Sorge um Dich auf meinem Herzen trug, nahete ich mich ihr mit Vertrauen, in der Hoffnung, ſie werde durch Bei⸗ ſtand leichter werden. unſeres unbefangenen Senbjulhlinze uns genſeitig mit einander verbindet, eine n, 183 Ich uͤbergehe, bis ſich einmal eine ru⸗ hige Stunde dazu findet, die Freude des Wiedererkennens, das die bluͤhenden Gefilde wieder aufſchloß. Nur ſo viel waͤhnen, weil es mit zur Sache ich ſelten noch eine Ehe getroffen der eine ſo innige Verehrung des Mannes, und ein ſo herzliches von Seiten der Frau, der Liebe, d higendere Buͤrgſchaft ihrer Dauer verliehen haͤtte. Die Zufriedenheit eines Poa⸗ res wirft, wie ich ſchon oft wahrgenommen habe, gleich einer erwaͤrmenden Sonne milde Strahlen in ein wohlwollendes Gemuͤth. Ich fuͤhlte mich bald nicht mehr fremd in ſo freundlicher Mitte, und kam ſchneller da⸗ durch zum Zweck meiner Reiſe, zu der Frazs nämlich: ob Luiſe ein snſe Fraulein Silberſtedt kenne. Bei Erwaͤhnung dieſes gamens erroͤ⸗ theten beide etwas betroffen, und ſahen ſich ſie 184 bedeutend an, wobei das ſchalkhafte Laͤcheln, mit dem Luiſe ihren Mann fixirte, mir nicht entging. Ja wohl kenne ich dieſe Dame, war endlich ihre Antwort. Sie hat einſt ver⸗ gewaltſam in mein Schickſal ein⸗ — aber Gott ſei Dank, jezt kann haͤuslichen Gluͤcks gewiß, mit die Pruͤfungen zuruͤck denken, die ereitete, wie der Schiffer, der den ſicheren Hafen erreicht hat, ſorglos auf die falſche, ſturmiſche Fluth blickt, die nun hin⸗ ter ihm liegt. Nicht nur mit Ruhe, ſogar mit einer Art von Dankbarkeit ſollteſt Du in Bezug auf dieſe Verworfene Deiner Vergangenheit gedenken, verſezte Benndorf, denn ſie hat Dir, obgleich ſehr gegen ihren Willen, Ver⸗ anlaſſung gegeben, Deinen reinen, edlen Cha⸗ rakter nur um ſo liebenswuͤrdiger zu ent⸗ n, jemehr ſie ihn zu verdunkeln ſtrebte. Ich trug nach dieſen Aeußerungen kein Bedenken, mich freimuͤrhig uͤber die Abſicht meines Forſchens auszulaſſen. Ich habe mir — 185 gedacht, ſagte Benndorf, daß ein ſolches Ge⸗ ſchoͤpf nicht auf halben Wege ſtehen bleiben wuͤrde. Neigung und Grundſaz vereinigen ſich bei ihr, das Boͤſe zum Zweck ihres Stre⸗ bens zu machen, denn ſie kennt keinen Ge⸗ genſtand, der in ihren Augen Schonung ver⸗ dient, als ihr eigenes Ich, das ſie gern zum Mittelpunkt, um den die ganze Welt ſich dreht, erhoͤhen moͤchte. So ſind Liſt und Intrigue das Element geworden, in dem ſie athmet, und eine nur allzureizende Auſſen⸗ ſeite mit einſchmeichelnden Talenten verbun⸗ den, macht ſie um ſo gefaͤhrlicher, je anlok⸗ kender ſie iſt. Dies Zeugniß, das keine Auf⸗ wallung meines ehemals ſo bitter von ihr gereizten Gefuͤhls, ſondern ein Zoll iſt, den ich der Wahrheit bringe, und das ich durch vielfaͤltige Beweiſe ihrer eigenen Hand bele⸗ gen kann, bin ich im Nothfall erbötig, dem Verblendeten, der ſich in ihre Rezze ver⸗ ſtrickt hat, darzulegen, um, wo moͤglich, ihn noch vom Untergang zu retten. Denn ſo ſehr Ehre und ritterliche Galanterie und ſelbſt die Klugheit Verſchwiegenheit in den 8** 186 zarteſten Verhaͤltniſſen des Lebeus gebieten, ſo iſt es hier, wo es gilt, eine Elende zu entlarven, und eine durch ſie geſtoͤrte Ehe wieder zu vereinigen, Pflicht zu verrathen, daß ſie die heiligſten Empfindungen nicht ſelbſt zu hegen, wohl aber zu ihrem Spiel⸗ werk herabzuwürdigen weiß. Ich erfuhr nun, wie dieſe Kokette durch das kuͤnſtliche Vorſpiegeln einer Leidenſchaft fuͤr ihn, die Augen des damals bereits Ver⸗ lobten zuerſt auf ſich gezogen, und er arglos geglaubt habe, dieſe heftige, ohne ſein Zu⸗ thun ihr eingefloͤßte Neigung ſchonen und auf eine ſanfte Weiſe heilen und ablehnen zu muͤſſen, wie ihre Schlauheit aber bei dem Zauber ihrer Perſoͤnlichkeit, und bei dem leiſe wirkenden Gift der feinſten Verläum⸗ dungen, die ſie gegen ſeine Braut auszu⸗ ſtreuen wußte, ihn immer feſter an ſie gezo⸗ gen, und von jener entfernt, und ihn zu dem Punkt gebracht habe, wo er im Begriff war, meineidig und bundbruͤchig zu werden, und ſeine fruͤhere Verbindung zu ioͤſen, um ihr ganz zu gehoͤren. 187 Da aber erfuhr er noch zu rechter Zeit, wie die geheuchelte Unſchuld und Reinheit ihres Weſens, die ihn ſo fuͤr ſie eingenom— men, daß er ſie fuͤr einen Engel des Lichts hielt, deſſen einzige menſchliche Verirrung ihre unwiderſtehliche Liebe zu ihm ſei, ſchon im fruͤhſten Morgenroth der Jugend ein Raub der Verfuͤhrung, der Verſtellung, und der Verlaͤugnung alles Guten geworden war, und in den Pruͤfungen, durch die er ſuchte, ihre Rechtfertigung oder ihr Bekenntniß zu erlangen, entfiel ihr, indem die Heftigkeit ſie hinriß, die Maske, die das wahre Antliz ihrer Seele verbarg, und er erkannte das teufliſche Gemuͤth, das nur aus eigenſuͤchti⸗ gen Motiven handelte, das ihn nie geliebt, ſondern nur um conventioneller Vortheile willen geſtrebt hatte, ihn von ſeiner Braut abwendig zu machen, deren ſtiller Gram, ſtatt ſie zu ruͤhren, ihrer Eitelkeit immer neue Triumphbogen zu erbauen ſchien. Sie hatte damals, wahrſcheinlich in der Kunſt, ſich zu beherrſchen, weniger noch ge⸗ uͤbt, als jezt, eine ſo unweibliche Wuth und 188 einen ſo furienhaften Sinn verrathen, daß ihr Betragen, durch das ſie Benndorfs nun entſchiedenes Abwenden von ihr ruͤgte, jeden, der Gelegenheit hatte, es zu beobachten, em⸗ poͤrte, und mit dem gerechten Abſcheu er⸗ fuͤllte, den es verdiente. Mehrere Briefe, die ſie im Rauſch des Zorns und der ge⸗ taͤuſchten Hoffnung an ihn ſchrieb, tragen das Gepraͤge eines verworfenen Charakters, der ſeitdem wohl geſtrebt haben mag, ſich ſorglicher zu umſchleiern, aber gewiß nicht, ſich zu beſſern. Geſcheut und geflohn ſelbſt von denen, die fruͤher ihrer verfuͤhreriſchen Anmuth und ihren Talenten huldigten, blieb ihr nur eine einzige, ihr, wie man ſagt, in der Denkungs⸗ art ziemlich aͤhnliche Freundin, die ſich ihrer annahm, und ihr durch auswaͤrtige Verbin— dungen die Stelle, die ſie zu Deinem Un— gluͤck einnimmt, verſchaffte, da ſich in der Gegend, wo man ſie kannte, die Thuͤr eines jeden rechtlichen Hauſes fuͤr ſie verſchloß. Mache nun jeden Gebrauch, der Dir gut duͤnkt, von dieſen Nachrichten, fuͤr deren 189 authentiſche Sicherheit ich mich verbuͤrge, und ſollte Dir, meine ſanfte, ſchuͤchterne Agnes, der Kampf mit den Raͤnken und Ka⸗ balen dieſes Geſchoͤpfs, und mit den ungluck⸗ lichen Verblendungen der dem Wahnſinn gleichenden Leidenſchaft, die ſie einzufloͤßen verſteht, zu ſchwer werden, ſo iſt Benndorf auf jeden Wink bereit, zu Dir zu eilen, um Deine Sache zu fuͤhren, und Leo zu entzau⸗ bern, indem er die Unwuͤrdige entlarvt. Funſzehiter Brief⸗ Eugenia an Sophien. E⸗ geht langſamer, meine theuere Sophie, als ich dachte, doch ich troͤſte mich mit der Ueberzeugung, daß es gewoͤhnlich die ſuͤßeſten Fruͤchte ſind, die nicht in der Glut des Treibhauſes, ſondern allmaͤhlig reifen. Leo's Weichheit, die zwar eine Schwaͤche iſt, aber eine ſehr liebenswuͤrdige, die ihn faſt noch verſchoͤnert, bebt vor allen entſcheidenden Schritten zuruͤck, und moͤchte ſie am liebſten der Zeit uͤbertragen, die ſichtbar den Gegen⸗ ſtand zerſtoͤrt, der uns noch im Wege ſteht. Auch ich moͤchte gern meiner Ungeduld gebieten, wuͤßte ich nur, daß ohne mein Zu⸗ thun ſich alles ſo ordnen wuͤrde, wie es ſein muß, um meinen Forderungen zu gnuͤgen. Aver wie ſelten ſchuͤttet der Zufall die gol⸗ dene Ernte des Genuſſes der Unthätig⸗ keit in den Schoos. Durch wohlberechne⸗ tes Handeln und betriebſame Klugheit muß 191 ſie errungen, erkaͤmpft, meinetwegen erſchli⸗ chen werden— jener innere Muͤßiggang, der ſich mit traͤger Indolenz auf die weiſe Fuͤgung des Geſchicks verlaͤßt, ſtatt kuͤhn und gewandt in das Getriebe ihres geheim⸗ ſten Mechanismus einzugreifen, erlangt ſelten etwas anderes, als die herbe Erkenntniß, daß er dafuͤr buͤßen muß, weil er in ſeiner thoͤrichten Verzagtheit verſaͤumte, ſich ſelbſt ſeine Bahn zu brechen, und die Gelegenheit dazu am Stirnhaar zu faſſen. Leo liebt mich mit allen Flammen ſeines heißen Herzens, und kann ſich ein S ohne mich nicht mehr denken. Gleichwohl ſtellt ſein zartes Gewiſſen eine Menge Schreckbilder vor ihm auf, welche die raſche Thätigkeit, mit der er mich errin— gen moͤchte, laͤhmen. Er fuͤrchtet, unheilbar zu verwunden, wohl gar zu toͤdten— und dieſe Vorſtellung zieht ſtets ſeine Hand zit⸗ ternd wieder zuruͤck, wenn ſie ſich bereits ausgeſtreckt hat, den Knoten zu zerhauen, der ſeine ehelichen Feſſeln zuſammen ſchuͤrtzt. Ich ermangele deſſenohngeachtet nicht, 192 mit all“ der Macht der Beredtſamkeit, die mir die Gewalt der Liebe uͤber ihn einraͤumt, ihm ſeine langweilig ſanfte und duldende Frau von Seiten zu zeigen, wo er ſie aus eigener Wahrnehmung noch nimmer erblickte. Ohne ſie direct anzugreifen, laſſe ich ihr indirect keine ihrer vielgeprieſenen Tu⸗ genden, denn fuͤr jede habe ich einen Namen, der ſie herabſezt. Ihre Ergebung behandle ich als Gleichguͤltigkeit— fuͤhlloſe Apathie— ihre Froͤmmigkeit als beſchraͤnkte Bigotterie, die an Formen klebt— ihre Geduld als Unempfindlichkeit, und die tiefe Schwermuth, die ſie jezt zu Boden druͤckt, als angeborenen Truͤbſinn, der ſich gern ſelbſt quaͤlt, und der das Gluͤck, einen ſolchen Mann zu beſizen, weder zu begreifen, noch zu genießen ver⸗ ſteht. Sehr behutſam muß ich indeſſen bei dieſem Verfahren zu Werke gehn, denn merkt Leo mit Beſtimmtheit, daß meine Aeuſ⸗ ſerungen ſie meinen, ſo nimmt er oft mit ſolchem Eifer ſich ihrer an, daß ich erſchrecke. unwillig aufbranſend behanptet er dann, 193 daß ich ihr Unrecht thue, und ſie verkenne. Leiſe lenk' ich in ſolchen gefaͤhrlichen Mo⸗ menten, wo ich zu weit gegangen bin, wie⸗ der ein, und begnuͤge mich eine Weile ganz im Stillen, und ihm ſelbſt unmerkbar, den Altar zu unterminiren, auf den ſeine Ver⸗ ehrung ihn noch jezt ſtellt, obgleich die Opfer— flamme ſeiner Liebe längſt fuͤr ſie erlo⸗ ſchen iſt. Nicht umſonſt hab ich die Kunſt ſtu⸗ dirt, meine Umgebung zu beherrſchen, und ihr meine Meinung, als waͤr's die eigene, unter zu ſchieben— nicht umſonſt in das Leben der Menſchen wie in einen Spiegel geſchaut, ihre Schwachheiten ergruͤndet, ihre Leidenſchaften erforſcht— weniger um ſie zu theilen, als um mich dafuͤr zu huͤten, oder ſie zu meinem Vortheil zu benuzzen. So mit Scharfſinn, Erfahrung und Men⸗ ſchenkenntniß ausgeruͤſtet, waͤge ich mit ſiche⸗ rer Hand mein Thun und Treiben ab, und verſuͤße mir durch die feſte Zuverſicht, den mir erkorenen Zweck zu erreichen, die Zeit, die bis dahin noch vergehen wird, die ſich 8 * denn freilich manchmal zu Ewigkeiten fuͤr mich ausdehnen will. Gegen die Gräfin bin ich jezt in ſeltenen Augenblicken, die ich allein bei ihr zubringe, anzuͤglich, bitter und hoͤhniſch. Ich werfe Bemerkungen hin, die ſie verlez⸗ zen, und ziehe mich doch mit Feinheit zu⸗ ruͤck, wenn ihr Taubenſinn auch dann und wann in Unmuth entbrennt, und mein Be⸗ tragen ahnden moͤchte. Sie ſieht das Ueber⸗ gewicht, das ich bei ihrem Gemahl erlangt habe, wie er mit ganzer Seele fuͤr mich ein⸗ genommen, und wie mein Wunſch fuͤr ihn Befehl, meine Bitte ſein Geſez iſt, und er gleichſam nur noch durch das Allmoſen mei⸗ ner Blicke geiſtig fortlebt. Daher wagt ſie wohl eben nicht gerade zu, mir ihre Unzu⸗ friedenheit zu bezeigen, nur vermeidet ſie meine Naͤhe, ſo viel ſie kann, und nimmt jeden Vorwand wahr, mich an ihrer Thuͤr abweiſen zu laſſen, weshalb ich ſie groͤßten⸗ theils nur bei Tiſch, und auch da nur ſelten ſehe, da ihre Kraͤnklichkeit zugenommen hat, und ſie nicht oft mehr ihr Zimmer verlaͤßt. 195 Sobald ich mich jedoch nicht mit ihr allein befinde, bin ich die Sanftmuth und Unterwuͤrfigkeit ſelbſt, und ſtrebe mit der zarteſten Beſcheidenheit, zu ihrer Pflege und Erheiterung beizutragen, um, wenn ſie dann meinen Dienſteifer mit ihrem tiefgekraͤnkten Gefuͤhl ablehnt, den Vorwurf der Ungerech⸗ tigkeit gegen mich, und einer kraͤnklichen Reizbarkeit auf ſie zu waͤlzen. So hoffe ich, ſie zu bearbeiten, daß end⸗ lich von ihr ſelbſt die Kataſtrophe ausgehen muß, die Leo ſeine Freiheit wieder giebt, und um kein Reizmittel unverſucht zu laſſen— wie ein geſchickter Arzt ja ſelbſt zu Giften greift, um tief eingewurzelte Uebel zu heben, eine langſam zoͤgernde Geneſung zu beſchleu⸗ nigen— ſo muntere ich hie und da den Prinzen in ſeinen Bewerbungen um mich auf, damit die Eiferſucht mit ihrer verbor⸗ genen Glut die Keime meiner Hoffnungen in Leo's Herzen zur Entwickelung treibt. Doch auch hierin mache ich mir die groͤßte Vorſicht zur Pflicht, denn ich habe ſchon manchmal bemerkt, daß die Eiferſucht einem 9* 196 Luftzug zu vergleichen iſt, der eine Flamme eben ſo wohl ausblaſen, als anfachen kann. Du ſiehſt, ich gehe ſyſtematiſch in mei⸗ nem Eroberungsplan zu Werke, uud habe, um mich in jeder Stellung zu behaupten, alle Haͤnde voll zu thun.. Aber eben dieſe erhoͤhte Thaͤtigkeit meines Seelenvermoͤgens iſt das Element, in dem ich mich geiſtig wohl befinde, und eine Entſchaͤdigung fuͤr das voll⸗ kommene Gluͤck, nach dem ich ſtrebe, ohne es noch erreichen zu koͤnnen. Denn wer ſich mit Freuden den Fluten des bewegteſten Lebens hingiebt, iſt ſelbſt im Verſinken in meinen Augen gluͤcklicher, als der, der ſich aͤngſtlich an das ſchuͤzzende Gelaͤnder anklam⸗ mert, das die breitgetretene Heerſtraße der Alltaglichkeit vor jedem Abgrund ſichert, und ſo wie nur aus dem Kampf der Sieg her⸗ vor geht, ſo werden wir auch nur im Kam⸗ pfe uns unſerer ganzen Kraft be⸗ wußt. Sechszehnter Brief. Leo an Eugenia. — Ausgeſchloſſen aus dem Zauberkreis Ihrer Einſamkeit, muß ich zu fremden Boten meine Zuflucht nehmen, um Ihnen zu na⸗ hen, und wo gaͤbe es beſcheidenere und lieb— lichere Abgeſandte, als die, die ich wage, mir zu waͤhlen, um Ihnen meine Sehnſucht und meine Verehrung auszudruͤcken. Dieſe Blu⸗ men, die ich ſelbſt mit Liebe und Sorge gezogen habe— ſie ſind gluͤcklicher in ihrem ſtumpfen Pflanzenleben, als ich. Sie duͤr⸗ fen Ihnen folgen, Eugenia! in die verſchwie⸗ gene Stille, in die Sie ſich zuruͤck ziehn— ſie duͤrfen mehr als dies— neben Ihnen leben und— ſterben. Warum verweigern Sie mir ſtets mit unerbittlicher Strenge den Zutritt zu Ihrem Zimmer? Iſt nicht darben, darben mitten in der Fuͤlle des Genuſſes ohnehin mein Loos, und Tantalus Qval die meine?— Ich 198 beſizze Ihr Herz— jene wonnevolle Stunde, in der ich den Muth fand, Ihnen meine gluͤhende Hingebung auszuſprechen, ſicherte mir Ihre Verzeihung zu, und entflammte mich zu der kuͤhnen Hoffnung, Ihnen nicht gleichguͤltig zu ſein. Aber ach, je mehr ſie in mir zur Gewißheit ward, und je feſter meine Zuverſicht ſich ſtaͤrkt, daß ich auch zu Ihrem kuͤnftigen Leben gehoͤre, wie Sie zu dem meinen, je ferner haͤlt mich Ihr Gebot von dem ſuͤßen Eldorado Ihrer Gegenwart, und je ſchroffer bildet Ihre Willkuͤhr die Scheidewand, die ohnehin oft genug drohend ſich zwiſchen uns ſtellt. Es iſt, als haͤtten Sie mir den Blick in das Feenland der ſe⸗ ligſten Traͤume nur geſtattet, um mir die Erfuͤllung, die ſie erſt kroͤnen und in Wirk⸗ lichkeit verwandeln muß, in unerreichbarer Ferne zu zeigen. Trauriges Verhaͤngnis, das mich ſo ſpaͤt erſt finden ließ, was ich bedurfte, um hienieden ſchon den Himmel zu beſizzen! Der geheimnisvolle Zug, der bei Ihrem er⸗ ſten Anblick mich zu Ihnen hinriß, und der auch in Ihrem Auge als leiſe Ahnung mir begegnete, die innige Uebereinſtimmung un⸗ ſerer Gefuͤhle und Geſinnungen, die ſich ſpa⸗ ter bewaͤhrte, und der volle Einklang unſerer Weſen ſind mir eine heilige Buͤrgſchaft, daß eine hoͤhere Abſicht uns fuͤr einander be— ſtimmte, und doch— welche Hinderniſſe ver⸗ ſperren mir den Weg zum Gluͤck— welche finſtere Gewalten draͤngen ſich feindſelig uns entgegen. Oft iſt mein Kopf ſo brennend und wuͤſte, daß er den heißen Steppen Arabiens gleicht, und das Gewicht einer ſchweren Ver⸗ antwortung druͤckt mich mit Centnerlaſt dar⸗ nieder. Dann iſt's mir klar: der Pfad zur Seligkeit darf nicht durch die Hoͤlle fuͤhren— rein muß das Bewußtſein von jeder ſtrafba⸗ ren Handlung bleiben, denn ein durch Schuld errungenes Gluͤck iſt keines— und die Wonne der Liebe darf nicht nur berauſchen⸗ wie ein narcotiſcher Trank, ſondern ſie muß fuͤr ihre irdiſche Dauer und fuͤr die Ewig⸗ keit den Menſchen veredeln und entzucken. In ſolchen Stunden der Erkenntniß 200 und des bangen Kampfes zwiſchen unaus⸗ ſprechlicher Leidenſchaft und ſtrenger Pflicht fuͤhl' ich mich— ausgeſchloſſen von Ihrer ſchmerzſtillenden Naͤhe— auf die traurigſte Weiſe allein. Dunkel iſt es dann rings um mich her, kein Troſt, wollte ich ihn ſelbſt uͤber den Sternen ſuchen, will mir Beruhi⸗ gung gewaͤhren, und die Flammen, die in meiner Seele lodern, drohen mich rettungs⸗ los zu verzehren. Daher, angebetetes Maͤdchen! verbannen Sie mich nicht aus Ihrem Angeſicht, das meine Sonne iſt im Leben. Der unmaänn⸗ liche Kleinmuth meiner Klagen, er entſteht nur aus dem unbefriedigten Sehnen, das, Ihnen ſo nahe, und doch unerbittlich von Ihnen getrennt, mich mit den ſuͤßeſten Hoff⸗ nungen meiner Zukunft entzweit. Wenn ich Sie ſehe, und Ihr himmliſches Auge mir ohne Zwang die Seligkeit der Verheißung verkuͤndet, wenn der holde Wohllaut Ihrer Stimme mein Weſen melodiſch durchzittert, und meine ganze Seele zu Ihnen hinſtrebt— dann fuͤhl ich die begluͤckende Kraft in mir, alles zu uͤberwinden, was ſich meinen Wuͤn⸗ ſchen entgegen ſtellt— alles— ſelbſt, ſelbſt das, vor dem ich einſam im Innerſten mei⸗ nes Gemuͤths erbebe. Ihr Athem iſt die Fruͤhlingsluft, an der die ſchroffe Eisrinde meiner winterlichen Ausſichten dahin ſchmilzt — neben Ihnen mein' ich, als muͤſſe eine Eingebung von Oben alle Knoten loͤſen, die gewaltſam zu zerhauen ein innerer Schauder mich zuruck hält, und wie von unſichtbarer Nacht finde ich mich auf den hoͤheren Stand⸗ punkt des Lebens gehoben, auf dem Sie ſtehn, und zu dem ich, fern von Ihrem Ant⸗ liz, mich nicht empor ſchwingen kann. Deshalb ſein Sie milde, Eugenia! und winken Sie mir freundlich die Gewaͤhrung der Bitte zu, um die ich flehe. So vieles, was nicht fuͤr das Ohr des Lauſchers taugt, hab' ich Ihnen zu ſagen— wo koͤnnt' es ſicherer geſchehen, als in der ungeſtoͤrten Ein⸗ ſamkeit Ihres Zimmers, wohin meine luͤſterne Fantaſie mich ſo oft verſezt, und wo Sie ſtets den heiß erſehnten Zutritt mir verwei⸗ gern. ————— Siebzehnter Brief. Eugenia an Leo. Man brachte mir vorhin auf Ihren Befehl die ſchoͤnen Hyazinthen, die Ihre eigene Pflege der rauhen Jahrszeit abgewann, und unbelauſcht in meinem ſtillen Zimmer be⸗ gruͤßt' ich ſie mit Inbrunſt als die Kinder Ihrer Sorge, und zugleich als ein ſtummes, theures Pfand Ihrer Freundlichkeit. Da— noch zuckt ein leiſer Schreck durch meine Nerven, und ein Gefuͤhl, wie es mich oft uͤberfaͤllt, wenn ich Ihre Naͤhe ahne, beklemmt mit ſuͤßem Bangen meine Bruſt— da blinkt mir aus dem dunklen Gruͤn der Blaͤtter, von den duftenden Glok⸗ ken uͤberwoͤlbt, ein fein zuſammen gefaltetes Blatt entgegen— ich ſtrecke die Hand dar⸗ nach aus— es iſt an mich gerichtet und von Ihnen. Raſch loͤſe ich das Siegel, mich des Inhalts zu bemaͤchtigen— mir iſt, als muͤſſe er mich zu einem Wendepunkt S—————— . 203 ——————————— meines Lebens fuͤhren, und bebend in einen Seſſel ſinkend, leſe ich, was Sie mir ſchrie⸗ ben mit ungeduldig klopfendem Herzen und mit Augen, die vom Thau der Wehmuth ſich verdunkeln. Haben Sie niemals von Schlangen ge⸗ hort, Leo! die unter Blumen lauſchen, und vielleicht gerade da nur um ſo gefaͤhrlicher ſind? Ihr Brief war eine ſolche Schlange fuͤr mich. Troz ſeiner Glätte, die ſich ſchmeichelnd anſchmiegt, dringt doch die Kaͤlte ſeiner innerſten Natur ſchaudernd an mein warmes Herz, und macht es erſtarren— in bunten Farben ſchillernd, wechſelt er nach Schlangenart mit jeder Wendung ſein zwei⸗ felhaftes Licht, und die feſten Ringe, die er um mich ſchlingt, wollen weniger mich um⸗ faſſen, als— vernichten. O haͤtte ich Sie niemals geſehn!— Frei und ruhig, wie ich Ihre Schwelle einſt betrat, duͤrfte ich ſie dann wieder ver⸗ laſſen, und die Erinnerung an den kurzen aber vergeblichen Traum einer Liebe, die wohl ein beſſeres Loos verdient haͤtte, wuͤrde 204 mir nicht gleich einem Fluche, der auf mei— nem ſchuldloſen Daſein haftet, auf den dunk⸗ len Weg folgen, der mich in eine oͤde, ver⸗ zweiflungsvolle Zukunft fuͤhrt. Doch— keine Klagen— noch weniger ein Wort, das einem Vorwurf gliche. Ich habe ſie durchſchaut, Leo! und wenn ich auch die einem charakterloſen Schwanken gleichende Unſchluͤſſigkeit Ihres durch Vorurtheile be⸗ fangenen Herzens nicht ehren kann, ſo ver— leiht mir die Liebe doch ſo viel Selbſtver⸗ laͤugnung und Kraft, ſie zu ſchonen. Ja, Leo! ich habe Sie geliebt mit der ganzen Innigkeit eines heißen, tiefen und feſten Gemuͤths, und ſo werde ich Sie ewig lieben. Ich ſpreche dies Bekenntniß jezt um ſo unverholener und offener vor Ih⸗ nen aus, da ich im Begriff bin, den un⸗ gluͤckſeligen Bund zu loͤſen, deſſen kurze Freude mich den Frieden meines Lebens ko— ſtet. Hab ich gefehlt, daß ich, hingeriſſen von meinem warmen Gefuͤhl, ihn einging, indem ich waͤhnte, eine Ehe wie die Ihrige ſei keine Ehe, da kalt und trennend ſich eine ————————————— ——,————— weite Kluft durch die Geſinnung zwi⸗ ſchen Sie und Ihre Gemahlin ſtellt, o ſo buͤße ich ſchwer genug durch die Leidenstage, die meine Zukunft bilden werden, denn bis zu meinem lezten Athemzug, das weiß ich, wird der Schmerz dauern, mich in Ihnen getäͤuſcht zu haben, und ſtatt linden Balſams, den ich beduͤrfte, wird die Reue ihr brennen⸗ des Gift in meine Wunden gießen. Und dennoch danke ich Ihnen, ſo ſchmerzlich zerruͤttet auch mein Innerſtes dadurch iſt, ich danke Ihnen, daß Ihre Un⸗ entſchiedenheit die roſenfarbene Binde von meinen Augen wegreißt, und mich in den Stand ſezt, das vergebliche meiner Erwar⸗ tungen einzuſehn, und den Entſchluß zu faſ⸗ ſen, der meiner wuͤrdig iſt. Wozu das laͤn⸗ gere Beben zweier Wagſchaalen, die mein Geſchick in unſicherer Hand haͤlt, und die im ſteten Wechſel eines unentſchloſſenen Stei⸗ gens und Fallens allmaͤhlig alle Energie der Seele durch die Qual der Ungewißheit ver⸗ nichten. Beſſer daß die kuͤhn empor lodernde Fackel meiner Hoffnung am Sturm verloͤſcht, 206 der ſie gewaltſam ergreift, als wenn ſie nach und nach, in vielfach verlaͤngerten Qualen, gleich dem Laͤmpchen, welchem Hel gebricht, ſchwaͤcher und ſchwaͤcher glimmen muͤßte, um endlich doch in Nacht und Dampf zu ver⸗ ſchwinden. Wenige Menſchen haben den Muth, gluͤcklich ſein zu wollen. Die meiſten ſcheuen die Muͤhe, ihr Schickſal mit Ernſt und Um⸗ ſicht eigenhaͤndig zu geſtalten, und tragen lieber die tauſendfachen Schmerzen und La⸗ ſten eines mit ihrer Neigung und Den⸗ kungsart voͤllig heterogenen Looſes, als daß ſie einen entſcheidenden Schritt thaͤten, es ihren Beduͤrfniſſen angemeſſen zu aͤndern. Die chineſiſche Mauer des Herkommens, die jeden freieren Aufflug hemmt, der alte Schlendrian der Gewohnheit, der ſich un⸗ gern um ſeine verjaͤhrten Rechte betruͤgen läßt, das qu'en dira t'on der Welt, und eine falſch verſtandene Gewiſſenhaftigkeit, die lieber ungluͤcklich iſt und ungluͤcklich macht, als durch einen raſchen Entſchluß eine gemeinſame Qual zu enden ſucht, die oft 207 nur mit einem langſamen Tode zu verglei⸗ chen iſt, deſſen Bitterkeit uns tropfenweis zugezaͤhlt wird, alles dies macht auch Ihnen, Leo! das Dulden leichter und wuͤnſchens⸗ werther, als das Handeln. Ein durch Schuld errungenes Gluͤck iſt keines, ſagen Sie, und ich ſtelle dagegen den Saz auf: eine nicht mit feſter Ueberzeugung und aus freier Wahl des Herzens und der Vernunft geſchloſſene Verbindung, die ſich fuͤrchtet, aus der lichtſcheuen Verborgenheit verbotener Liebe oͤffentlich hervor zu treten, gnuͤgt mir nicht, denn ſie wuͤrde mich in meinen eigenen Augen herab ſezzen, und ſtets mit Zweifeln martern, denen eine trau⸗ rige Gewißheit vorzuziehen iſt. Was Sie indeſſen Schuld nennen, Leo! waͤre nach meinen Anſichten nur ein gewoͤhnlicher Vorgang des Lebens geweſen, durch den die Geſezze wieder gut gemacht haͤtten, was einſt die Voreiligkeit der Ju⸗ gend durch einen Irrthum an Ihrem Schick⸗ ſal verdarb. Gewiß verehre ich die Verdienſte, und 208 die moraliſche Unbeſcholtenheit Ihrer Ge⸗ mahlin, obgleich wohl nicht zu laͤugnen iſt, daß ein kaltes Temperament ihr ihre Tugen⸗ den ſehr erleichtert, und daß manche derſel— ben den Froſtblumen gleichen, mit denen der Winter das Glas der Fenſterſcheiben ben hlt, und deren taͤuſchender Fruͤhling ſich vor je⸗ dem warmen Hauche in— nichts auflöſet. Die Welt ſtellt ihre Eigenſchaften hoch, denn ſie betet gern den Nimbus an, den die Ertodtung irdiſcher Gefuͤhle und die inne— ren Anſchauungen einer myſtiſchen und ſchwärmeriſchen Froͤmmigkeit um ein ſterbli⸗ ches Haupt weben. Aber machen dieſe Eigenſchaften, ſo ſehr ſie auch die Ziede eines Kloſters waͤren, ein eheliches Verhaͤltniß gluͤcklich? Genuͤgen ſie Ihnen, Leo! mit dem lebhaften, feurigen Gemuͤth, deſſen angeborener Frohſinn allen truͤben Nebeln abhold iſt? Entfremden ſie nicht dem Leben, das uns nun einmal eine guͤtige Vorſicht, nicht um uns zu quaͤlen, gab, ſondern um mit Dank und weiſer Maͤ⸗ ßigung uns ſeiner zu freuen. Phyſiſche 209 Kraͤnklichkeit, die Ihrer Gemahlin eine ſieche obwohl vielleicht noch lange Zukunft verſpricht, iſt nur allzuoft auch mit geiſtiger Schwaͤche verbunden, und beides zuſammen vereint, trägt ſich ſchwer, wenn die Verblendung ei⸗ ner ugendlichen Neigung aufgehoͤrt hat, al⸗ les, auch die Fehler, im idealiſchen Lichte wahr zu nehmen, und wenn die Illuſionen einer eingebildeten Liebe, eine nach der an⸗ deren, ſpurlos wie ein Lraum, der uns taͤuſchte, verſchwinden. Ich haͤtte Ihnen dies alles weit lieber geſagt, als geſchrieben, haͤtt' ich mir Kraft genug zugetraut, Ihnen gegen uͤber uner⸗ ſchuͤttert in dem Vorſaz zu bleiben, den eine bittere Nothwendigkeit mir aufdringt. Nur fern von Ihnen, theuerer Leo! vermag ich mein verwirrtes Gefuͤhl wieber in die Bahn zu lenken, die ſtrenge Entſagung ihm vor⸗ zeichnet. Auch iſt mein Zimmer, das Sie fuͤr das Aſyl ungeſtoͤrter Mittheilungen hal⸗ ten, mit Spionen der Eiferſucht umringt, denen ich keinen Stoff geben moͤchte, meinen guteu Ruf— den einzigen Reichthum, den 9 210 ich beſizze— durch ſcheinheilige Läſterungen zu zerſtoͤren.. Denn Sie ahnen in der argloſen Of⸗ ſenheit Ihres Charakters wohl nicht, welche Kraͤnkungen ich ſchon im Stillen erlitten habe— mit welchen dunklen Nezzen mich Haß und Neid umſpinnen, und wie es des ganzen Muthes und des reinſten Bewußt⸗ ſeins der Unſchuld bedarf, um den geheimen Kabalen und Verfolgungen zu entgehen, die meine Schritte belauern, und mich bedrohen und gefaͤhrden. Sie ſelbſt ſind indeß meh⸗ reremale Zeuge geweſen, wie ſchroff und ſchnoͤde Ihre Gemahlin meine freundlichſten Dienſtleiſtungen zuruͤck wies. Nur Ihre Ge⸗ genwart hat mich in ſolchen Augenblicken vor den bitteren Ausbruͤchen ihres Groll's geſchuͤzt, denn es ſcheint unter ihre Grund⸗ ſäzze zu gehoͤren, in Ihrer Gegenwart die Maske der Sanftmuth feſt zu halten, die ihr, allein mit mir, gar oft auf eine empo⸗ rende Weiſe entfaͤllt. Sie ſelbſt haben Jo⸗ hanna's feindſelige, faſt verachtende Blicke bemerkt, in denen ſich die Gemuͤthsſtimmung 211 ihrer Gebieterin gegen mich treulich abſpie⸗ gelt— daher vergoͤnnen Sie mir, alles zu vermeiden, was mich hindern koͤnnte, ſo un⸗ beſcholten aus Ihrem Hauſe zu gehen, wie ich es einſt betreten habe. Daß ich dieſes muß, ſteht klar vor mir, und iſt der unwiderrufliche Bannſpruch, der ſich zwiſchen mich und jedes Gluͤck auf Erden ſtellt, und wenn es wirklich wahr iſt, daß Sie mich lieben, o ſo beſchwoͤr' ich Sie, hindern Sie mich nicht an einem Schritte, den Pflicht und Ehre mir gebieten. Sie ſind mir zu theuer geworden, als daß ich laͤnger mit Ihnen vereint bleiben koͤnnte, ohne zu Grunde zu gehn. Heraus⸗ geriſſen aus dem ſtillen Gleichgewicht, in dem ſich einſt mein Inneres ſo zufrieden fuͤhlte, aus den goldnen, kuͤhnen Traͤumen meiner Hoffnung geweckt, am langſamen Feuer der Sehnſucht mich verzehrend, und Preis gege⸗ ben einer oft unwuͤrdigen Behandlung, die nur Schonung gegen Sie mich bisher ab⸗ hielt gehoͤrig zu ruͤgen, wuͤrde ich das Opfer dieſer ungluͤcklichen Verhaͤltniſſe werden, ohne 242 den ſchoͤnen Preis zu erringen, um den ich ſelbſt mein Leben darbringen moͤchte— Ihr Loos naͤmlich zu erleichtern, und— wenig⸗ ſtens in ſchweſterlicher Innigkeit— mich ungeſtoͤrt von Neid und Mistrauen, und von den Einwirkungen krank verſtimth⸗ ter Nerven auf ohnehin verkehrte Begriffe, Ihres Zutrauens und Ihrer Sowußhe zu erfreuen. Wahr und einfach hab' ich, um Ihnen ein Pfand meiner Achtung zu hinterlaſſen, meine ganze Seele vor Ihnen aufgeſchloſſen, und— fern von kuͤnſtlicher Verheimlichung und Falſchheit, die oft fuͤr Tugend gelten, ſo ſchwer ſie auch die Wahrheit beleidigen— es zu verbergen verſchmaͤht, daß ich Sie liebte, wie wenige nur zu lieben verſtehn, und daß dies Gefuͤhl, das Sie mir einge⸗ floßt haben, ſelbſt mit meinem Daſein nicht erloͤſchen wird. Die Verſchiedenheit unſerer Anſichten aber, und mein inniger Wunſch, Sie vor Reue zu ſchuͤzzen, läßt mir nichts zu hoffen uͤbrig, als daß getrennt von Ihnen meine Wunden, zwar nicht heilen— aber 213 ſaufter ſich verbluten werden. Goͤnnen Sie mir dieſen traurigen Troſt— es iſt der ein⸗ zige, der mir uͤbrig blieb⸗ Denn ich moͤchte das Streben zweier Liebenden zu dem ſchoͤnen Zweck einer ewigen Vereinigung mit den beiden Schwingen ver⸗ gleichen, die einen Vogel gemeinſchaftlich hoch uͤber den niederen Dunſtkreis der Erde in den reirſten Aether hinauf heben. Ein⸗ heit der Kraft im unzertrennlichen Schwung ſeiner Fluͤgel bildet die Harmonie des Gleich⸗ gewichts, die ihn kuͤhn und ſicher durch das Blau der Luͤfte empor traͤgt zum Thron der Sonne— laͤhme einen ſeiner Fluͤgel, und er ſinkt, nichts mehr vermoͤgend, hinab in den Staub.— So iſt auch mein Gluͤck in den Staub geſunken, da die Haͤlfte meiner Seele mich verließ, oder vielmehr im unent⸗ ſchloſſenen Schwanken und Beben vor dem Flug ſchwindelte, den mein mutherfuͤllter und vorurtheilsfreier Geiſt in Gefilden unternahm, die nicht außerhalb des Reichs der Moͤglich⸗ keiten liegen. Die Huͤlfloſigkeit meiner Lage geſtattet ————————————— mir nicht, wie ich am liebſten moͤchte, den Zufluchtsort, den Sie mir einſt vor den Stuͤrmen eines unverdienten Misgeſchicks in Ihrem Hauſe einräumten, auf der Stelle zu verlaſſen. Des Prinzen Theilnahme hat mir fruͤher eine ehrenvolle Anwartſchaft auf ſeinen Schuz und Beiſtand gegeben, wenn ich— wie ich damals nicht glaubte— je⸗ mals ihrer beduͤrfen ſollte. Ungern mahne ich ihn an ſein großmuͤthiges Anerbieten, denn ſo unſchuldig auch das Wohlwollen iſt, das er mir bezeigt, ſo verlangt mein nie befleckter guter Name— das einzige Klein⸗ od, das ich mein nennen darf— doch die zarteſten Ruckſichten, und ſelbſt eine Vermei⸗ dung alles Scheins. Daher werde ich nur erſt dann ſeine Vermittelung zu einem an⸗ ſtuͤndigen Unterkommen annehmen, wenn ich verſucht habe, ob die Freundin, auf die ich allein im Leben rechnen darf, mir nicht— weit von hier— eine Stelle verſchaffen kann, in der mir vergoͤnnt iſt, zu nüzzen, und— in ſtillem Gram zu verſchmachten. Schonen Sie bis dahin meines wunden 115 Herzens, Leo! und tragen Sie das Leben mit ſeinen Buͤrden feſt und ſtark. Einſt— jenſeits— wo alle Vorurtheile ſchwinden, und eine ewige Freiheit die Ketten der Erde ſprengt— da werden wir uns lieben duͤr⸗ fen! Ich kann nicht mehr— der Schmerz uͤberwaͤltigt mich— ach, daß er mich toͤd⸗ tete!— leben Sie wohl! Achtzehnter Brief. Agnes an Bertha. ———— Ich bin fertig mit dem Leben. O nimm mich auf an Deine mitleidsvolle Bruſt, und erweiche durch die Thraͤnen, die Du Deiner ungluͤcklichen Freundin weinſt, die ſtarre Rinde, die ſich um mein Herz gelegt hat, und die unbarmherzig jeden Athemzug der Hoffnung erſtickt. Eine dumpfe Betaͤu⸗ bung umſchleiert zuweilen meine Sinne, daß ich mich wie aus dem Schlaf ermuntern muß, um das Leben zu erkennen— und doch iſt ſie nicht wohlthaͤtig. Sie verbirgt mir nichts von meinem Elend, das wie ein finſterer Traum vor meiner Seele ſchwebt, ſondern huͤllt nur alles uͤbrige in einen Ne⸗ bel, worin jeder Troſt verſchwindet, wie blaſſe Sterne, die das dunkle Grau einer Wolke verſchlingt. Doch ich will mich ermannen, um Dir erzaͤhlen zu koͤnnen. Auch ſteht mir noch eine ſchwere Aufgabe bevor, die zu loͤſen all meine Kraͤfte erfordert, aber im Gefuͤhl mei⸗ ner Ohnmacht rufe ich von Oben jenen himm⸗ liſchen Beiſtand auf mich herab, der in dem Schwachen maͤchtig iſt, und auch mich unter⸗ ſtuͤzzen wird, wo ich zu erliegen waͤhne. Ich ſoll naͤmlich weiter leben, Bertha! ſoll ohne Murren ein Daſein ertragen, deſſen herbe Pruͤfungen mich zu Boden druͤcken, obgleich jene hoͤhere Hand ſie mir auferlegt, die wohl den ungeheuerſten Schmerz noͤthig fand, um mein Weſen zu laͤutern— ich ſoll des To⸗ des Bitterkeit uͤberwinden, die fuͤr mich in Leo's faſt bis zum Haß uͤbergegangener Ab⸗ neigung liegt, und gefaßt und ergeben den Kelch bis auf die Hefen leeren, den ein dun⸗ kles, aber von Gott ermaͤchtigtes Vbängniß mir reicht. Ja, von Gott kommt ales, was uns hienieden freut oder quält— ich will auch dieſe Schickung hinnehmen, als ſei ſie mir von ſeiner Vaterguͤte zugeſendet, um im ſchwerſten Leiden, das mich beugen konnte, den chriſtlichen Sinn zu bewähren, den er 10 218 von ſeinen Kindern fodert. Ich will Leo nicht wie einen Treuloſen betrachten, nur wie einen Kranken, Verirrten, den ich be⸗ ſtimmt bin, durch unermuͤdete Liebe und Ge⸗ duld wieder auf den Weg der Pflicht zu lei⸗ ten, den er verloren hat. Denn o! er bedarf der ſchuͤzzenden Fuͤrſorge und der Warnung, weil die Leidenſchaft, die ſich gleich einem bö⸗ ſen Geiſte ſeines ſonſt ſo reinen Herzens be⸗ maͤchtigt hat, nimmer zum Gluͤck fuͤhren güin Wäͤre es eine edle Liebe, die ſein Ge⸗ muͤth von mir abgewendet haͤtte, und ver⸗ diente das Weſen, dem er mich aufopfern will, ſeinen Beſiz, o glaube mir, ich wollte den Schmerz nicht achten, der auch dann noch meine Bruſt zerreißen wuͤrde, wenn ich ihn hingeben muͤßte, ihn, den ich fuͤr Zeit und Ewigkeit als mein betrachtete. Seine Zufriedenheit, das weiß ich, wuͤrde mir theue⸗ rer, als die meine ſein. Aber kann er ſie finden neben einer Ge⸗ fäͤhrtin, der alle Wahrheit des Charakters, alle Reinheit des Herzens fehlt, und die „ „ 219 fern von jener heiligen Scheu gegen das Un— recht nur im Doppelſinn und Hinterliſt, und in den unwuͤrdigen Labyrinthen der Intri⸗ gue ſich gefaͤllt?— Daher will ich muthig ausharren, ſo dornenvoll und rauh der Pfad auch iſt, auf dem ich wandeln muß. PVielleicht ſegnet er noch einſt die mit Haͤrte zuruͤckgeſtoßene Hand, die ſich ſo ſchonend ausſtreckt, ihn von einer Uebereilung zuruͤck zu halten, die ihn auf ewig mit ſeinem Gewiſſen entzweien muͤßte— vielleicht gelingt es meinem redli⸗ chen Bemuͤhen, ihn zu uͤberzeugen, wie treu ich es meine, und daß es nicht, wie er mich beſchuldigt, die bitteren Aufwallungen der Eiferſucht ſind, die meinen feſten Willen ge⸗ gen ſeine Wuͤnſche auflehnen, ſondern daß es wahre, ſich ſelbſt vergeſſende Liebe iſt, welche ihn aus der gefaͤhrlichen Trunkenheit aufruͤtteln moͤchte, die ihn an den Rand ei⸗ nes Abgrunds gefuͤhrt hat. Dieſer Zweck eines laͤngeren Daſeins, das— ich geſtehe Dir es offen— ſich nach jenem tiefen Schlummer ſehnt, aus dem kein Erwachen 10* 220 uns den Muͤhen dieſer Erde wieder giebt— er verdient es wohl, daß man das Leben fer⸗ ner trägt, und ſich ſtark macht gegen die Kaͤmpfe, die es uns bietet. So ernſtlich auch mein Vorſaz war, eine Erklärung zwiſchen Leo und mir zu ver⸗ anlaſſen, und ihm die unvortheilhafte Mei⸗ nung mitzutheilen, die ich, nicht nur auf Deine Warnung, ſondern auf manche eigene Beobachtung und Erfahrung geſtuͤzt und nun durch Deinen lezten Brief beſtätigt, von dem Fraͤulein gefaßt hatte, ſo erſchwerte mir ſein zerſtreutes, verſtimmtes und reizbares Weſen, und die in meiner Gegenwart ſichtbare Be⸗ fangenheit ſeines Gemuths die Ansfuͤhrung deſſelben doch ſehr, und ich ſchob ſie daher, immer auf einen guͤnſtigen Moment wartend, weiter hinaus, als ich wuͤnſchte. Endlich faßte ich den Muth, der dazu gehoͤrte, ihn, wie ich wohl mußte, in ſeiner warmen Partheilichkeit fuͤr ſie zu kraͤnken, und mit der ganzen Aufrichtigkeit, mit der ich ihn ſo gern in mein Inneres blicken laſſe, bekannt' ich ihm vorläufig erſt meine —— 221 Zweifel an ihrem moraliſchen Werth, und die Abneigung, die daraus in mir gegen ih⸗ ren Umgang entſtanden ſei. Er hoͤrte mir betroffen zu; eine dunkle Roͤthe, die in ſeinem Geſicht aufflammte, verrieth mir die Aufgeregtheit ſeines Innern, doch ſein abgewendeter Blick, in dem ſonſt ſich immer ſo klar ausdruͤckt, was in ſeiner Seele vorgeht, verbarg mir, wie er meine Offenheit aufnahm, bis ich die Bitte aus⸗ ſprach, mich wieder von einer Geſellſchafterin zu befreien, die— einer zauberiſchen Circe zu vergleichen— in dem unedlen Beſtreben herzloſer Gefallſucht und Eitelkeit mir die Zweideutigkeit ihres Charakters laͤngſt bewie⸗ ſen habe, und die, wie ich durch ſichere Nach⸗ richten wiſſe, auch in ihrer Heimat von dieſer Seite gekannt, geſcheut und verachtet Da wandte er raſch, mit einer Bewe⸗ gung des Unwillens und der Heftigkeit das abwaͤrts gekehrte Haupt zu mir, und ſein Auge funkelte ſo zornentbrannt, ſo duͤſter drohend mich an, daß ein Zittern durch alle 222 meine Nerven flog, und ich den Blick nicht aushalten konnte, mit dem er ſtrebte, mich zu durchbohren. Wie? rief er aus, und ſeine Snmm⸗ ſonſt fuͤr mich der ſüßeſte Wohllaut auf Er⸗ den, erhob ſich zu einer Staͤrke, deren zuͤr⸗ nender Ton mich im Innerſten erſchuͤtterte, ſo richtet ſich Deine milzſuͤchtige Verkehrt⸗ heit, die ſich bisher nur darin gefiel, ſich ſelbſt zu quaͤlen, jezt auch auf andere, und verunglimpft ſogar ein Weſen, das zu hoch uͤber Dir ſteht, als daß Du es— oder beurtheilen koͤnnteſt?— Dieſe Worte, Worte, wie ich ſie nie von ſeinen Lippen vernommen, mochte wohl in meiner kraftlos zuſammenbrechenden Geſtalt und in meinem tiefen Erblaſſen den zerſchmetternden Eindruck verkuͤnden, den ſie auf mich hervorgebracht hatten, denn er kam, mich anſtarrend, von der raſenden Ver⸗ wirrung ſeines Zorns wieder zu ſich, und gemäßigter, wenn kalt und— n er fort: Ich kenne Dich nicht b Agnes! 223 ſeit Dein Charakter ſich ſo verändert hat, oder auch ſeit mir die Schuppen von den Augen gefallen ſind, die mich verhinderten⸗ ihn fruͤher in ſeiner wahren Eigenthuͤmlich⸗ keit zu erblicken. Iſt das die unerſchoͤpfliche Guͤte, der ich ſonſt ſo unbedingt vertraute? Die wohlwollende Milde, die des Verkann⸗ ten ſich annahm, und Niemand verwarf, oder verurtheilte, weil ja die ewige Liebe, fur deren Geſandtin ich Dich hienieden hielt, auch nicht richtet, ſondern nur duldet und verzeiht. Damals erſchienſt Du mir wie eine Heilige, die ich haͤtte anbeten moͤgen— jezt aber, wo niedere Leidenſchaften ſich Dei⸗ ner bemächtigt haben, und der Neid Dir ſeine gelbe Brille leiht, um abſichtlich frem⸗ des Verdienſt in einem falſchen Lichte wahr⸗ zunehmen, und in Schatten zu ſtellen— jezt biſt Du mir nur noch ein ſehr gewoͤhn⸗ liches Weib, das ich tragen muß, ob ich es gleich nicht mehr achten kann. Deine Rede iſt hart, Leo! erwiederte ich ſo gefaßt wie moͤglich, doch ich verzeihe Dir, denn ſie kommt nicht aus Deinem Her⸗ 224 zen. Um ſo dringender aber wiederhole ich meine Bitte— entferne die, die ſeit ihrem Eintritt in dies Haus, wo ich ſie freundlich und vertrauensvoll aufnahm, nur Unfrieden geſtiftet, und mich oft mit empoͤrendem Ue⸗ bermuth, ja, ich koͤnne ſagen, mit Hohn, be⸗ handelt hat. Verſorge ſie auf's reichlichſte, daß es ihr wohl gehe, und auch nicht der leiſeſte Vorwurf auf uns hafte— aber weit von hier— wenigſtens nicht laͤnger inner⸗ halb dieſer Mauern, wo ſie, wie Du ſelbſt weißt, den Einfluß ihrer Talente und ihrer äußeren Vorzuͤge nur angewendet hat, uns einander zu entfremden, und ſich uns zu ſtellen. Er wurde bleich, und in ſeinem Innern ſchienen die gewaltſamſten Gemuͤthsbewegun⸗ gen zu arbeiten. Ich wähnte, der Geiſt der Erkenntniß ſei uͤber ihn gekommen, und es fange ſanft an zu tagen in ſeiner durch Lei⸗ denſchaft und Verfuͤhrung verfinſterten Seele. O liebſter Mann, fuhr ich im weichſten Ton der Liebe fort, mein muͤdes Haupt an ſeine Bruſt lehnend, Du ſagſt, Du achteſt mich — — 225 nicht mehr, aber nur im Rauſch des Zorus konnteſt Du dies rauhe Wort ausſprechen, das Deiner inneren Ueberzeugung gewiß eben ſo fern wie meinem Bewußtſein iſt. Laß nicht laͤnger Dein beſſeres Gefuͤhl uͤbertaͤu⸗ ben; ſei nachſichtig, ſei gerecht gegen die Mutter Deines Kindes, das, obgleich ſchon zum Engel verklaͤrt, mich dennoch fuͤr dieſes und jenes Leben mit zu heiligen Banden an Dich bindet, als daß eine Fremde durch ihre herzloſe Koketterie ſie loͤſen koͤnnte. Bei der Erinnerung an meinen holdſe⸗ ligen Knaben, den ich immer noch im Geiſte ſterbend ſehe, wie er in ſeinen lezten Augen⸗ blicken lächelte, als wolle er den Genius des Todes begruͤßen, der ſchon bereit ſtand, ihn in die wahre Heimat der Unſchuld empor zu tragen, da brach mein Herz, das bisher „„ eine feſte Standhaftigkeit errungen hatte. In Lhränen aufgeloſt, umfaßt ich ihn mit meinen zitternde Armen, denn ich fuͤhlte ſo recht innig: er ſei mir doch das Theuerſte auf der Welt, theuerer noch, als mir ſein ich wuͤrde ſo ſchwach ſein, 226 Ebenbild war, mein ſuͤßer Emil in dem ich ihn zwiefach liebte.—— Doch— o Bertha! meine Hand ſträubt ſich, es nieder zu ſchreiben— er ſtieß mich von ſich, und in der aͤußerſten Entruͤſtung aufſpringend, rief er mit halb von Wuth erſtickter Stimme: Beſchwoͤrſt Du nun noch die Todten in ihren Graͤbern, um Dir in Deinem raſenden Beginnen beizuſtehn? Aber ich habe Dich durchſchaut— es hilft Dir nichts mehr— Du machſt nur noch den Eindruck auf mich, den Du zu machen ver⸗ dienſt. Glaubſt Du wirklich, ein M ädchen, das in jeder Hinſicht ſo hoch ſteht, wie Eu⸗ genia, durch ein Stuͤck Geld abfinden, und um Deiner Eiferſucht genug zu thun— ſie ſchimpflich aus Deiner Nähe bannen zu 1 koͤnnen, wo ſie, wie ich laͤngſt weiß, alle die Kraͤnkungen von Dir gelitten hat, die Du ihr Schuld giebſt?— Un glaubſt Du, uzugeben, was eine Beleidigung auch nur r gewoͤhnlichſten Gaſtfreiheit waͤre„daß ein liebenswuͤrdiges Geſchoͤpf, das ſi ch mit dem vollen Vertrauen 2 — der Unſchuld auf meinen Schuz verlaͤßt, auf das unbarmherzigſte verlezt und gemißhandelt wuͤrde? Aber geſezt auch, ich verſtuͤnde mich in unmaͤnnlicher Nachgiebigkeit dazu, in Deine thoͤrichten Wuͤnſche einzugehn, und mich vor der Welt, ſo wie in meinen eige⸗ nen Augen herab zu ſezzen, und zugleich auf den lang entbehrten Reiz der Kuͤnſte und eines durch Verſtand und Anmuth verſchoͤ⸗ nerten haͤuslichen Umgangs Verzicht zu lei⸗ ſten— wuͤrdeſt Du gluͤcklicher werden? Ich bebte eſcgrockentt vor dem ſurchiba⸗ en Ernſt ſeiner Zuͤge, vor dem mir gans nden, ſchauerlichen Geiſt zuruͤck, der, als 3 ſei es ſein Zweck, jede meiner Hoffnungen vernichten, aus ſeinen Augen leuchtete. Doch er nahm keine Ruͤckſicht auf das Entſezzen, mit dem ich ihm zuhoͤrte n Mitleid mit meinem Zuſtand, der weder dieſer noch jener gr e ört, fuhr er mit einer wieder gewonnenen die mir aber ſchrecklicher noch S als das nuu ſeiner Hekhr war, fort: Ja, es iſt beſſer, rein eitzuſßuhe was in der Seele vorgeht, als laͤnger ſchwei⸗ gend in dieſem aufreibenden Kampfe mit Verhältniſſen fort zu leben, die ſich durch Vernunft und feſten Willen leicht ordnen laſſen. Du haſt die Bahn gebrochen durch Deinen Wunſch einer Aenderung— ich bin damit einverſtanden— ich bin's zufrieden, nur aber auf eine andere Art, als Du es wollteſt. Laß uns, da wir nicht mehr mit einander gluͤcklich ſind, verſuchen, ob wir es nicht ohne einander werden koͤnnen Das Leben iſt eine lange Bahn fuͤr die, bi noch fern von ſeiner Mitte ſtehn— wes⸗ halb es zwecklos aufopfern, um Vorurtheilen zu frohnen?— Der Himmel ſelbſt uns gewiſſermaßen losgeſprochen, ind das Kind uns nahm, deſſen Daſein u meinſchaftlich Pflichten auferlegte— es iſt, als haͤtte er uns dadurch die Freiheit wieder geben, und die Scheidung ſanetionirer wollen, die ich als den einzigen Weg „ 2 unſerer beiderſeitigen Zufriedenheit Dir vor⸗ ſchlage. Du wunderſt Dich, Bertha! daß ich mit ruhiger, feſter Hand, wie meine Schrift⸗ zuͤge Dir zeigen, dies alles niederſchreibe? O es giebt einen Punkt im Leben, wo die Schwäͤche wieder Stärke wird—— wehe denen aber, die ihn erreichen!— 6 Es war mir, als ſei ich in einem ſchwe⸗ ren Traum befangen— als habe mein Auge mich betrogen, und mir ein Blendwerk der Verſuchung gezeigt, das zuͤrnend meines Leo Geſtalt geliehen, um mich zu erſchrecken— als habe mein Ohr falſche Toͤne, Toͤne des Entſezzens, ſeinen Lippen fremd, dem . wirren Sinn zugefuͤhrt, der ſie kaum faſſen konnte Allein es iſt wohl wahr— Gott kommt nicht immer im ſanften Saͤuſeln— oͤfterer im Sturme, der unſer Innerſtes erſchuͤttert, aber ſein Beiſtand iſt uns nahe, wenn wir zu verſinken fuͤrchten— er weckt jede ſchlum⸗ — mernde Kraft in uns, um den Schmerz, den er zuläßt, muthig zu tragen. Sonderbares 230 Raͤthſel der menſchlichen Organiſation, das ſich nur durch die feſteſte Zuverſicht, durch das kindlichſte Vertrauen auf eine hoͤhere Macht, die unſer Geſchick leitet, erklaͤren läßt— meine Nerven fuͤhlten ſich in dieſen Augenblicken geſtaͤhlt, meine noch kurz vor⸗ her in phyſiſcher Ermattung zuſammen bre⸗ chenden Kniee zitterten nicht mehr. Zwar klang Scheidung, dies nie geahnete furchtbare Wort, in einem Tone ausgeſprochen, das mir war, als muͤſſe ich ihn ewig vernehmen, und als werde kein anderer jemals ſeinen Nachhall verdraͤngen, in meiner Seele fort, aber nur als eine un⸗ erhoͤrte Forderung an die Unmoͤglichkeit, die ſich ſchon von ſelbſt wieder legt, als der Wahnſinn eines Rauſches, der fuͤr Momente den Geliebten befallen konnte, der aber— ſo troͤſtete mich die leiſe Eingebung meines * Glaubens— bald ſeiner klaren Rechtlichkeit und ſeinem treuen, von der Verirrung ſich wieder findenden Gemuͤth weichen werde.— Doch da ich in meinem ſeltſam zerſtoͤrten Gehirn, und in meinem gebrochenen Herzen wecken. 234 nach einer Antwort ſuchte, ſchritt er mit raſcher Ungeduld zur Thuͤr, wo er ſich mit jener ſtolzen, edlen Haltung, die ihm eigen iſt, wandte, um mich noch durch einen Nach⸗ ſaz aus meinem dumpfen Hinbruͤten zu Was wir uns ferner noch zu ſagen ha⸗ ben moͤchten, ſprach er, meinen Blick ver⸗ meidend, geſchehe aus gegenſeitiger Schonung nicht muͤndlich, und auch ſchriftlich ſo kurz wie es nur immer moͤglich iſt. Ich werde kein Opfer ſcheuen, Deine Exiſtenz zu ſichern, und Dich von dieſer Seite zufrieden zu ſtel⸗ len. Auf Deine Ergebung und Bereitwil⸗ ligkeit wird es nun ankommen, ob ich kuͤnf⸗ tig Dich wie eine Freundin ehren kann, oder Dich als ein feindſeliges Weſen betrachten muß, das mein Gluͤck wenigſtens zu zerſtoren ſucht, da es nicht mehr im Stande iſt, es zu ſchaffen. So viel betheuere ich Dir aber, mein Vorſaz iſt unwiderruflich feſt. und wenn die ganze Welt ſich dagegen auflehnte — ſie wuͤrde ihn nicht erſchuͤttern. Hier ging er, meine Bertha, und ich blieb allein.— Allein— ja— das iſt das rechte Wort, meinen Seelenzuſtand, ſo wie meine äußere Lage zu bezeichnen. Doch — ſei unbeſorgt um mich, theuere, treue Freundin! Gott wird es wohl mit mir ma⸗ chen, und wenn Er mich nur nicht verläßt, den ich betend anrufe in den Stunden mei⸗ nes Jammers, ſo bin ich ja doch nicht al⸗ lein, denn ich ruhe dann in Vaterarmen, die mich wohl ſchirmen werden in den Stuͤrmen, die mir drohen. Bald ſchreibe ich Dir mehr— bis dahin denke mit liebevoller Theilnahme an mich, aber ruhig. —————C ———— Neunzehnter vrief Eugenia an Sopoiem Enolich, endlich! beſte Sophie, bin ich mei⸗ nem Ziele nahe. Eine wichtige Schwierig⸗ keit iſt uͤberwunden— alles uͤbrige, was ſich meinem Verlangen noch in den Weg ſtellt, wird leicht hinweg zu raͤumen ſein. Es iſt mir naͤmlich gelungen, Leo bis zu dem Muth einer Erklaͤrung zu entflam— men, und wenn ich gleich von ſeinem wei⸗ chen Herzen noch oͤftere Ruͤckfaͤlle einer fluͤch⸗ tigen·Reue erwarten muß, ſo ſteht er doch auf einem Punkt, wo er nicht mehr zuruͤck kann, und ich traue mir Macht genug zu, ihn nach und nach mit ſeinem Entſchluß Mg zu verſoͤhnen. Die Drohung, ſein Haus verlaſſen zu wollen, die hingeworfene Aeußerung, daß des Peinzen mir angebotene Protection mir viel⸗ leicht einen Zufluchtsort verſchaffen koͤnne, und mein raſtloſes Beſtreben, ſeine Geſin⸗ 10** *— nung gegen ſeine Gemahlin abzukuͤhlen, in⸗ dem ich ihren Charakter theils gerade zu, wo ich nur irgend einen Schein dafuͤr erlau⸗ ſchen konnte, theils durch Umwege, die oft noch ſicherer zum Zweck fuͤhren, als uͤbelwol⸗ lend gegen mich, nur mit der Maske der Sanftmuth geſchmuͤckt, uͤbrigens hochſt kalt und oberflaͤchlich ihm darſtellte— alles dies waren die Hebel, die durch die Glut der Leidenſchaft fuͤr mich in Bewegung geſezt, ihn endlich zum Handeln trieben. Doch laͤugne ich Dir nicht, es waren ſchauervolle Momente, als ex aus ihrem Zim⸗ mer zuruͤck kam, wo er ihr angekuͤndigt hatte, daß es ſein feſter Vorſaz ſei, ſich vo⸗ ihr zu trennen. Die ihm unnatuͤrliche Span⸗ nung der Haͤrte und der unwiderruflichen Entſchloſſenheit, zu der er ſich muͤhſam em⸗ por geſchraubt hatte, ließ nach, als er nun mit mir allein war, und verrieth ſich in ſeinen verſtoͤrten und entſtellten Zuͤgen. Eine ſeltſame Wehmuth und ein tiefes Erkrankt⸗ ſein im innerſten Leben war unverkennbar in der Bewegung, mit der er ſein mattes — 235 Haupt auf meine Schulter neigte, und nur leiſe die Worte ſtammelte: jezt bin ich Dein, — erkenne, wie ich Dich liebe. Daß ich nun alles aufbot, um Balſam in ſeine Wunde zu gießen, und ihn uͤber die herben Gefuͤhle hinweg zu helfen, die im Gefolge ſeiner Erinnerungen geſpenſterartig ihn quaͤlten, kannſt Du Dir weil es ſich von ſelbſt verſteht. 6n Ich hatte im Salon mit pochendem Her⸗ den die Entſcheidung erwartet, die er mir bringen wollte. Das öftere Durchgehn der Bedienten, und der freie Zutritt, den die genaueren Freunde des Hauſes dort haben, macht dieſen Aufenthalt fuͤr ein geheimes Geſpraͤch hoͤchſt unſicher und unbequem. Doch ſtandhaft hatte ich immer bisher ihm den Zutritt zu meinem Zimmer verweigert, wie gluͤhend ich auch ſelbſt nach ungeſtortem Alleinſein mit ihm mich ſehnte. Zezt aber — es müß Belohnungen, ſo wie Strafen geben— jezt, wo er mir das große Opfer gebracht, daß allein meinem Gluͤck Sicher⸗ heit und Dauer gewähren kann, jezt, wo er 236 in der tiefen Erſchoͤpfung ſeines durch ſchwere Kämpfe ermuͤdeten Herzens der Erholung, des troſtreichen Zuſpruchs, ja des ganzen Beiſtand's der Liebe bedurfte, die wie ein neues Morgenroth nach der truͤben Abend⸗ daͤmmerung ſeines bisherigen Lebens ihm leuchten ſoll, jezt ließ ich ab von meiner Strenge, und zwar um ſo mehr, da ich ein⸗ ſah, daß es beſſer ſei, ihn jezt ſo wenig wie moglich ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen. Sein ſchwermuthsvoll noch immer ge— beugtes Haupt erhebend, und ihn mit dem vollſten Ausdruck der Hingebung und Zaͤrt⸗ lichteit in die ſchoͤnen, von Gram umflorten Augen ſchauend, beruͤhrte ich zum erſtenmal freiwillig mit meinen warmen Lippen ſeinen kalten, bleich gewordenen Mund, indem ich mit maͤdchenhaftem Bangen, aber als ſei ich durch den Flammenſtrom meines Gefuͤhls hingeriſſen, zu ihm ſagte: So lege ich denn mein Gluͤck, mein Leben, und— was heiliger als beides iſt— meine Ehre in Deine Hand, und verſchließe Dir auch nicht laͤnger mein verſchwiegenes Zimmer, wo wir ——— ————— 237 ungeſtoͤrt uͤber unſere wichtigſten Angelegen⸗ heiten uns beſprechen köͤnnen. Komm, laß Dich hinfuͤhren, Du innig geliebter Mann, den ich nun bald den Meinen nennen darf;z freundlich und liebevoll wie in dies ſtille Aſyl unſeres nun nicht mehr verbotenen Gluͤcks will ich Dich kuͤnftig durch's Leben leiten, und alle Stuͤrme, mit denen unſer gemeinſames Schickſal uns bedrohen koͤnnte, ſollen leicht und ſanft neben Dir hinwehn an meiner treuen Bruſt, die ſie— mit Dir theilen wird. Dieſe Worte, das erſte Di mit ſinen Zauber, ſo wie der Kuß, durch den ich mich zu ſeinem Eigenthume weihte, goß wieder Roͤthe uͤber ſein erblaßtes Geſicht, und Strahlen in das ſchmerzerloſchene Auge. Entzuͤckt druͤckt' er mich an das Herz, deſſen matte Schlaͤge urploͤzlich wieder in jugendli⸗ cher Kuͤhnheit ſich verdoppelten, doch zuruͤck⸗ tretend, wehrt' ich mit mildem Ernſt, ſo viel es mich auch— ſn heiße Umar⸗ mung ab. Nicht eie ſprach ich im 238 ſchmelzenden Ton der ſanfteſten Bitte. Wenn alle Feſſeln abgeſtreift ſind, die Dich jezt noch binden, und Du am Altare mir das Geluͤbde ausgeſprochen haſt, das bis jezt nur die tiefſte Einſamkeit hoͤrte— dann — ich verbarg, wie im ſchuͤchternen Erroͤ⸗ then mein Geſicht an ſeine Bruſt; nach ei⸗ ner langen Pauſe, in der ich ihn zaͤrtlich an mich druͤckte, erhob ich es wieder, ſuchte ſtu⸗ fenweis aus der jungfraͤulichen Verwirrung, die ich erkuͤnſtelte, zu einer ruhigeren Hal⸗ tung uͤber zu gehn, und bot ihm laͤchelnd die Hand, ihn in mein Zimmer zu fuͤhren. Was ich durch dieſen Sieg uͤber mich ſelbſt an Seligkeit verlor, gewann ich an ſeiner Achtung, und an dem Anerkennen der hohen weiblichen Wuͤrde, die ich repraͤſentirte, wieder. Wie zu einem Weſen hoͤherer Ab⸗ kunft ſchaute er aus der Tiefe ſeiner flam⸗ menden Gefuhle zu mir auf, und mit unbe⸗ grenztem Vertrauen, und klarer Faſſung bei der Erwaͤhnung ſeiner, jezt vielleicht mit der Verzwei ung ringenden Gattin,(die ich ihm aber als ſehr bald beruhigt, vermoͤge ihrer 239 Beſchraͤnktheit und ihres kalten Tempera⸗ ments, darſtellte) folgte er mir, mir auf vielfache Weiſe zu wiederholen, wie er ganz und auf ewig der meine ſei. nmn e w 3wanzigſter Brief. Anes an Bettha. 6 Du willſt zu mir kommen, theuere, geliebte Freundin, um mir beizuſtehn? Willſt Dei⸗ nen alten kranken Vater verlaſſen, um theil⸗ nehmend die Thraͤnen trocknen zu helfen, die — wie Du glaubſt— mein Auge wund brennen?— Ach— ich habe keine Thraͤ⸗ nen. Dieſe Erleichterung, die ſonſt die wohlthaͤtige Natur mir in geringeren Gra⸗ den des Schmerzes ſandte, iſt mir noch nicht zu Theil geworden, ſeit Leo das furchtbare Wort: Scheidung ausſprach, das mich verſteinerte im dumpfen Erſtarren, ſtatt mein Inneres in Wehmuth aufzuloͤſen. Bleibe dort, wo Deine Pflichten Dich binden, gute Bertha! und laß mich allein den Kampf mit meinem Schickſal beſtehen. Helfen kannſt Du mir nicht— ach, helfen kann mir Niemand auf Erden, und es wuͤrde Leo duͤnken, als haͤtt' ich einen Bei⸗ ſtand gegen ihn angerufen, wenn Du er ſchie⸗ neſt, Rechenſchaft von ſeinem Betragen gegen mich zu fodern. Auch befinde ich mich zt in einer Exal⸗ tation, die mich wirklich ſtark genug macht, um allein zu ſtehen. Einſt— ſpaͤter— wenn ich vielleicht nicht habe hindern koͤn⸗ nen, was ich als mein groͤßtes Ungluͤck be⸗ trachte, da es das Ungluͤck des geliebten Mannes machen muß— wenn er troz aller Mahnungen ſich mit der Unwuͤrdigen ver⸗ bindet, deren liſtige Raͤnke ihn umſpinnen, und die ſeiner ſo wenig werth iſt, dann eile zu mir, und ſtuͤzze mich, meine Freundin! dann werde ich es dringender beduͤrfen, als jezt, wo ich noch immer hoffe, eine milde Stunde werde ſein Herz erweichen, und ſein Vertrauen, ſo wie das Beſſere in ſeinem Gemuͤth mir wieder zuwenden. Doch nein— ich will weder Dich täu⸗ ſchen, noch mich ſelbſt. Ich hoffe nicht mehr— ich weiß, er iſt unwiberrufich fuͤr mich verloren.— Und dennoch lebe ich, und es ſind wohl IE ₰ 8 242 — nicht die lezten Schritte meiner irdiſchen Wanderſchaft, die mich auf dieſen rauhen Pfad fuͤhrten, der erſt in langer, dunkler Perſpective am Grabe endigt. Meine Ner⸗ ven ſind auf das ſchmerzlichſte geſpannt— kein Schlaf druͤckt mir die muͤden Wimpern zu, und kuͤhlt meine heiße Stirn durch ſei⸗ nen labenden Balſam. Der ſtarre Hinblick in mein veroͤdetes Daſein zeigt mir nur Bilder des Schreckens, und ſo marternd kann die Angſt des boͤſen Gewiſſens kaum ſein, als die iſt, die unaufhoͤrlich an meinem ſchuldloſen Herzen nagt. Und dennoch lebe ich, Bertha! und werde vielleicht noch lange, lange leben muͤſſen. Als ich noch geliebt ward, warm und innig, wie üch liebte, da wuͤnſcht' ich immer den Kelch des Todes nach dem Geliebten erſt zu leeren, weil ich wohl fuͤhlte, daß dies die ſchwerſte Aufgabe ſei, und daß der am ſanfteſten hizuͤber ſchlummert, der in den Armen treuer Liebe ſtirbt. Doch jezt— o wie gern ſchiede ch von hinnen— wie lockend erſcheint mir der Genius X mit der umgekehrten Fackel als ein Bild idylliſcher Ruhe mitten in den Stüͤrmen, die verheerend mich umrauſchen. Jezt wuͤrde mein Verſchwinden aus der Reihe der Le⸗ bendigen ihn nicht betruͤben— er wuͤrde es vielleicht nur als ein hinweggeräumtes Hin⸗ derniß betrachten, das ſich zwiſchen ihn und die Erfuͤllung ſeiner trunkenen Wünſche draͤngt. Seine Thraͤnen wuͤrden, vertrocknet an der Glut der neuen Liebe, mit nicht fol⸗ gen— ſeine Klagen mich nicht zuruͤckrufen vom Ufer jenes weiten Oceans, den wir Ewigkeit nennen.— Und dennoch kann ich nicht ſterben— denn die Stunde zoͤgert noch, wo das Geheiß des Ewigen mich ab⸗ ruft in das Land des Friedens.—— So muß ich denn das Leben tragen, und will mich bemuͤhen, es mit jener from⸗ men Andacht zu thun, die alle ſcheinbaren Zufaͤlle auf ein höheres Daſein bezieht, mit jenem ſtill kräftigen Glauben, der dem Ge⸗ muͤth Schuz und Schirm iſt, wenn alles ringsum ſchwankt— mit jener Ergebung, die nicht die Tage zaͤhlt, welche der Kummer 11* „ 2 44 zu Ewigkeiten ausdehnt, ſondern ſie hin— nimmt ſchweigend und geduldig, wie Gott ſie auch ſende. Und wohl iſt es wahr— Klopſtock hatte Recht, als er ſprach:„es iſt kurz, ſehr kurz das Ewige dieſer Welt.“ Er ſprach es bei'm Tode ſeiner Meta, und dachte„an ihre Liebe, die nicht zum Aufhoͤren gemacht war“, die noch fortdauerte im Lande der Seligen, und ihre warmen Strahlen von Jenſeits in die Schauer ſeiner Einſamkeit warf.— Ach— die Liebe, mit der Leo mich liebte, war zum Aufhoͤren gemacht, und dennoch find' auch ich Troſt in den Worten: es iſt kurz, ſehr kurz das Ewige dieſer Welt. Hell oder duͤſter geht die Zeit ihren unwandelbaren Schritt dahin; ſie läßt ſich nicht aufhalten durch menſchli⸗ ches Entzuͤcken, dem ſie zu fluͤchtig verſchwin⸗ det— nicht ſchneller von hinnen treiben durch menſchlichen Schmerz, dem ſie zu zau⸗ dern ſcheint; aber unaufhaltſam und bald fuͤhrt ſie des Abends Kuͤhlung herbei, die auch den ſchwuͤlſten Lebenstag beruhigt, und —.—— wenn dann Moos uͤber den Huͤgeln der Entſchlafenen waͤchſt, und die Erde ſanft und muͤtterlich das arme gequaͤlte Herz in ihren Schvos genommen hat, dann iſt auch das bitterſte Weh zum Traume geworden, und ein ſchoͤneres Erwachen jenſeits hat es mit ſeinen irdiſchen Leiden verſoͤhnt. Leo hat ſeinen Geſchaͤftsfuͤhrer, einen kalten, trocknen Juriſten zu mir geſchickt, unſere kuͤnftigen Verhaͤltniſſe auf das be⸗ ſtimmteſte einzuleiten, und mir die Gruͤnde auseinander zu ſezzen, die eine gerichtliche Trennung gebieten. Dieſer Menſch hat mir viel von der Nothwendigkein vorgeſprochen, den Glanz und Namen eines alten Hauſes fortzupflanzen, und ſo ſchoͤne Guͤter an vecht⸗ maäßige Erben, nicht an gleichgultige Lehns⸗ vettern kommen zu laſſen, viel von meiner Pflicht, da mir der Himmel meinen Sohn genommen, duvch freiwillige Entſagung dazu beizutragen, daß ein ſo vornehmes und be⸗ ruͤhmtes Geſchlecht nicht ausſterbe, weil bei meiner ſo zerſtoͤrten Geſundheit mit Sicher⸗ heit zu vermuthen ſtehe, daß eine fernere 246 Ehe zwiſchen uns kinderlos bleiben werde. — O Leo! biſt Du es wirklich ſelbſt, der die Motive ſeiner Handlungsweiſe hinter ſo ſeichten Gruͤnden verſtecken will? Doch nein— ich erkenne Dich nicht in dieſer Falſchheit, die Deines offenen, ſonſt ſo gers— den Charakters unwuͤrdig iſt. Eben ſo leb⸗ haft als ich fuͤhlſt auch Du, daß es eine beſ⸗ ſere Unſterblichkeit giebt, als die des Namens, und daß— habe man auch immer mit der Huͤlle unſeres Emils Dein altes ehrwuͤrdiges Wappenſchild auf ewig eingegraben— das Verlangen, es fortdauern zu ſehn, kein un⸗ edles Begehren entſchuldigen koͤnnte. Es waren nur die Kunſtgriffe, deren Dein herz⸗ loſer Beauftragter ſich bediente, um wie er waͤhnt, ſicherer meine Einwilligung zu er⸗ langen. Eine neue Liebe hat ſich Deines Herzens, oder vielmehr eine heiße Trunken⸗ heit Deiner Sinne bemaͤchtigt. Denn was Du jezt Liebe nennſt, iſt nicht das heilige Gefuͤhl, das in den geheimſten Tiefen der Seele entſteht, um jene reine Vereinigung zu ſchließen, die länger dauert, als dieſer —————————————— 2 vergaͤngliche Lebenstraum. Die Verblendung dieſer Leidenſchaft macht Dich ſchwach und nachgiebig gegen die Rathſchläge der Boͤſen, aber Du ſelbſt biſt es nicht, in deſſen In⸗ nern ſolche Plaͤne entſtanden— nein— Du biſt die Klippe nicht, an der mein Da⸗ ſein ſo qualvoll ſcheitern ſoll.—— Indeß— ein verfuͤhrtes Herz, das ſich von ſeinen Pflichten losgerungen hat, und der Vernunft nicht mehr gehorcht, iſt nicht wieder in das alte Gleis zuruͤck zu lenken, bevor die langſam ſchreitende Erfahrung den Schleier luͤftet, den die IFlluſion eines ſtraf⸗ baren Verlangens uͤber Gegenſtaͤnde gebreitet hat, die einer wahren Liebe unwuͤrdig ſind. Einſt— und dieſer Glaube iſt der unver⸗ lierbare Theil meiner Hoffnung— einſt werden ihm die Augen aufgehn— fuͤr w iſt es aber alsdann zu ſpät. Ich ſuchte die ſchmerzlichen Wallungen meiner Bruſt zu beherrſchen, und erwiederte weiter nichts auf die mir gemachten Vor⸗ ſchlage, als daß ich mich ſelbſt mit meinem Mann uͤber unſere gemeinſchaftliche Zukunft 248 —.——————— berathen werde. Gerade dies aber ſchien ſein Geſchaͤftsträger verhindern zu wollen, und mir war, als wuͤrde ich in ſeiner zu⸗ dringlichen und ſchonungsloſen Dreiſtigkeit den Einfluß der feindſeligen gewahr, die al⸗ les beſticht, um zu ihrem Ziel zu gelangen, und mir das Theuerſte auf Erden zu rau⸗ ben. Er war naͤmlich im ſchroffen Gegenſaz ſeiner ehemaligen Unterwuͤrfigkeit gegen mich kuͤhn genug, mir zu erklaͤren, daß mein Ge⸗ mahl ihm voͤllig die Einleitung, ſo wie die Beendigung dieſer Angelegenheit uͤberlaſſen habe, und daß ich mich vergebens bemuͤhen werde, den einmal gefaßten Entſchluß, den er ſeinen bluͤhenden Jahren, ſo wie der Dauer ſeines Stammbaums ſchuldig ſei, ruͤckgängig zu machen. Meine empoͤrte Empfindlichkeit wußte ſich noch hinlaͤnglich zu faſſen, um ihm mit kalter Verachtung zu ſagen, daß ſein Ge⸗ ſchaͤft jezt zu Ende ſei. Er wollte noch vie⸗ les einwenden, aber ich raͤumte ihm ſchwei— gend das Feld, und betrat mein Zimmer erſt dann wieder, als er es verlaſſen hatte. 249 So ſtehn die Sachen, meine Bertha! doch noch einmal, ſtelle mich Dir nicht kraft⸗ los zuſammen gebrochen vor, in meiner Troſt⸗ loſigkeit und in dem tiefſten, herzzernagend— ſten Jammer, deſſen Kelch mir das Schickſal btetet. Meine Fibern ſind geſpannt durch die ungeheuere Erregung meines Innern, das mit dem Verhaͤngniß ringt— meine Nerven geſtaählt durch die Wichtigkeit des Kampfes, in welchem ich, wie der Schiff⸗ bruͤchige im Toſen der Wellen, die ihn zu verſchlingen drohen, nach einem Brette haſcht, nach Muth und Beſonnenheit ſtrebe, um mich zu retten aus dem Abgrund dieſer Lei⸗ den, oder auch— um wuͤrdig unter zu gehn. Daher kuͤmmere Dich nicht um mich, Ge⸗ liebte! aber ſei geiſtig bei mir durch die Kraft Deines Gebets, und durch den Segen Dei⸗ ner Liebe. Auf Nacht folgt Morgen— und endlich tagt doch der, dem keine Nacht mehr folgt. Dieſe Ueberzeugung leuchtet mit tauſend Strahlen in die Fin⸗ ſterniß meines Kummers—— ſie iſt ja 250 der lezte Stab, an den der Ungluͤckliche ſich hält— folglich auch der meine⸗ Lebe wohl! tn 1e . Ein und—— Srief. Sugenia an Sophien. Je es doch, als muͤßten alle Umſtaͤnde ſich vereinen, um mich immer mehr in den Rech⸗ ten zu befeſtigen, die ich mir angemaaßt habe, und zu gleicher Zeit, als wollte das Geſchick mir den Schneckengang ſeiner end⸗ lichen Entſcheidung verkuͤrzen, indem es manche kleine ergoͤzliche Epiſode in den ei⸗ gentlichen Hauptroman meines Lebens webt, und auf dieſe Weiſe mich vor Ungeduld uns Langeweile bewahrt. Lange, meine liebe Sophie, ih des Prinzen nicht gegen Dich erwaͤhnt— Du mußt aber nicht glauben, daß ich ihn deswegen ignorirte, weil er daſſelbe mit mir that. Ueberall, wo er mich fand, im Thea⸗ ter, in Geſellſchaften, auf den Spaziergan⸗ gen, wo die beau monde zu gewiſſen Stun⸗ den des Tages ſich zu verſammeln pflegt, zeichnete er mich fortwaͤhrend wit jener Acht⸗ 252 ſamkeit aus, die auf ein hoͤheres Intereſſe als das, deutet, welches das Gebot ritter⸗ licher Galanterie und der gewoͤhnlichen Hoͤf⸗ lichkeit einfloͤßt, und haͤtt' ich auch nicht, troz der Zuruͤckgezogenheit, in der ich mich immer, wenn ich beobachtet wurde, von ihm hielt, an ſeinem Betragen gegen mich ge⸗ merkt, daß er in meinen Feſſeln ſchmachte, ſo wuͤrde der eiferſuͤchtige Groll der Mini⸗ ſterin, der bei jeder oft vom Zaun gebroche⸗ nen Veranlaſſung mir fuͤhlbar ward, mich ganz unlaugbar davon unterrichtet haben. Es fehlte ihm indeß an der Gelegen⸗ heit, mich anders, als hoͤchſt fluͤchtig zu ſpre⸗ chen, denn die Graͤfin nimmt keinen Beſuch mehr an, und ob er ſich gleich verſchiedene⸗ male ausdruͤcklich bei mir melden ließ, mußt' ich doch aus mehreren Gruͤnden, wie wohl ungern, mir die Ehre verſagen, ihn in em⸗ pfangen. 5* Denn indem ich die nnt ſamkeit fuͤr meinen Ruf zu haben vorgebe, und auch nicht einmal den fernſten Schein irgend einer von der reinſten maͤdchenhaften Sittlichkeit abweichenden Handlung dulde, zeige ich Leo um ſo deutlicher, wie wichtig der Vorzug iſt, den ich ihm eingeraͤumt habe, und meine Hingebung an ihn erhaͤlt auf der einen Seite einen um ſo hoͤheren Werth fuͤr ihn, indem ſie auf der anderen ihn als Mann von Ehre verpflichtet, mir, da ich nur um ſeinetwillen eine Ausnahme von der Regel mache, die ich als das Ge⸗ ſez eines unbeſcholtenen Wandels betrachte, den glänzendſten Erſaz in ſeinem voͤlligen Beſiz zu geben. Da ich nun aber, ehe ich es ſo weit gebracht hatte, als jezt, nicht wußte, wozu ich die Leute vielleicht noch einmal brauchen koͤnnte, ſo huͤtete ich mich wohl, den Prin⸗ zen, den ich aͤußerlich in eine ſchroffe Ferne zuruͤckwies, ganz abzuſchrecken, ſondern ich fuhr fort, wenn es unbelauſcht geſchehen konnte, ihn hie und da durch ein verbindli⸗ ches Laͤcheln, einen ihm aufmunternd zuwin⸗ kenden Blick, oder ein ſchmeichelhaftes Wort mit der ſtrengen Form der Convenienz zu verſoͤhnen, die ich als unvermeidliche Schei⸗ dewand zwiſchen uns aufgebaut hatte. Spo⸗ terhin, als ich Leo's bereits gewiß war, und keiner Nebenprojecte mehr bedurfte, ſucht' ich— nicht um ihn fuͤr mich zu gewinnen — ſondern nur noch, um der Miniſterin — Haß zu vergelten, den Prinzen in ſei⸗ ner Vorliebe fuͤr mich zu befeſtigen, und die verbluͤhte und eiferſuͤchrige Geliebte auf jene feine Art bei ihm herabzuſezzen, und laͤcher⸗ lich zu machen, die nicht in ihren Abſichten, ſondern nur in ihren Wirkungen merklich iſt, und ſchon manches Buͤndniß, was fuͤr eine Ewigkeit gegründet ſchien, leiſe unter⸗ graben hat. Gegen Leo aber— ich nicht, mir das Anſehn zu geben, als erfordere es die groͤßte Wachſamkeit und den tiefſten Ernſt, den Huldigungen und Bewerbungen auszuweichen, mit denen mich der Prinz verfolge, und als ſei der feſte Wille, ihn entſchieden zuruͤckzuweiſen, eines der Motive, weshalb ich unerbittlicher als jemals auf der mir einmal gemachten Norm beharren muͤſſe, teinen maͤnnlichen Beſuch anzunehmen. 255 Vor einigen Tagen aber, wo mich der Prinz bitten ließ, ihm eine halbe Stunde Gehoͤr zu ſchenken, indem er mir etwas wichtiges zu ſagen habe, fuͤgt' ich mich mit Vergnuͤgen in die Nothwendigkeit, ihm ein téte à téte gewaͤhren zu muͤſſen. Leo's Un⸗ ruhe hieruͤber that meinem Herzen wohl, da ſie ein Zeichen ſeiner beſorgten Liebe war. Er ahnet in ſeiner liebenswerthen Beſchei⸗ denheit nicht, wie hoch die Natur ihn uͤber alle Manner ſtellte, und wie es folglich un⸗ möglich iſt, aus— 55— ihm vorzuziehen. So gern ich ihm nun auch unangeneh⸗ me, wiewohl blos in der Einbildung begruͤn⸗ dete Gefuͤhle erſpart haͤtte, ſo ließ ſich doch keine Urſach auffinden, einen Beſuch abzu⸗ lehnen, der unter dem Vorwand eines ganz beſonderen Zwecks ſich ankuͤndigte. Er wandte daher nichts gegen meinen Entſchluß, ihn anzunehmen, ein, und der Prinz er⸗ ſchien puͤnktlich zu der Stunde, die— beſtimmt hatte. Wie ſo ganz und unausſprechlich zu 256 Leo's Vortheil ſiel der Vergleich aus, den ich unwillkuͤhrlich im Geiſt zwiſchen ihm und dem Hereintretenden anſtellte, und wie ſelig pries ich im Stillen das Loos, das mir ihn, gerade ihn mit allen ſeinen Vorzuͤgen zum Eigenthum erwarb. Dieſer edle An⸗ ſtand, der Wuͤrde und Seelenadel, durch die Hlieblichſte Urbanität gemildert, in ſeinem We⸗ ſen ausdruͤckt, dies bluͤhende Colorit der friſchen kraftvollen Jugend, die herrlichen Augen, die in einem ſo eigenen Schimmer ſtrahlen, daß ſie an den funkelnden Abend⸗ ſtern erinnern, wenn er im ſtillen Gewaͤſſer ſich ſpiegelt, dieſe Grazie in jeder Bewegung, und dabei das wohlklingende Organ, das den Weg zum Innerſten des Herzens nie verfehlt, wie unterſcheidet es ihn nicht durch den vollen, maͤchtigen Zauber maͤnnlicher Schoͤnheit und Anmuth von jenem kraͤnklich bleichen, vor der Zeit verbluͤhten Fuͤrſtenſohn, der— aͤlter als ſeine Jahre erſcheinend— die Spuren eines wuͤſt verſchwelgten Da⸗ ſeins in ſeinen tief eingefallenen Zuͤgen, den erloſchenen Augen, und der umſonſt eine ju⸗ gendliche Leichtigkeit affektirenden Haltung zur Schau traͤgt.— Fuͤrwahr, ich kann es der nicht verargen, die bisher ſo gluͤcklich war, ſich Leo's Gattin zu nennen, wenn ſie ungern ihre Anſpruͤche an ihn aufgiebt. Aber die Ueberzeugung, daß niemand leb⸗ hafter als ich ſeinen Werth, ſo wie das Gluͤck ſeines Beſizzes zu fuͤhlen im Stande iſt, macht mich blind und taub gegen ihr ohnmaͤchtiges Ringen und ihre Klagen, und läßt mich feſt an dem eigenſuͤchtigen Spruͤch⸗ wort halten, daß„jeder denn doch ſich ſelbſt der naͤchſte iſt.“ Was der Prinz denn eigentlich von mir wollte? hoͤr ich Dich forſchen, und wirklich richtete meine Ungeduld ſehr bald dieſe näm⸗ liche Frage an ihn. Unter dem Siegel einer Verſchwiegenheit, die ich in Gedanken ihm nur bedingungsweis gelobte, und die ich da⸗ her Dir zu Liebe breche, vertraute er mir, wie er, ſeiner hieſigen Verhaͤltniſſe uͤberdruͤß⸗ ſig, ſich nach einem zwangloſeren Aufenthalt, und nebenher nach einem groͤßeren Wir⸗ kungskreis ſehne, als ihm hier zu Theil 11** 258 werde. Er habe daher die Abſicht, ſeinen koͤniglichen Vater um die erledigte Inſper⸗ tion eines Militairdiſtricts zu bitten, an die ſich zugleich die Stelle als Gouverneur von M anſchließen werde, welche Stadt ihm aus vielen Ruͤckſichten ein weit wuͤnſchens⸗ werther Wohnort ſei, als die Reſidenz, wo zahlloſe conventionelle Feſſeln, und der Druck alter ihm jezt laͤſtig gewordener Verbindun⸗ gen jeden ſeiner Schritte beenge. Ich hoͤrte ihm unbefangen, aber mit jener ausgezeichneten Aufmerkſamkeit zu, die eine lebhafte Theilnahme verbuͤrgt. Die mir angeborene Gabe, alles ſchnell zu combiniren und zu errathen, weckte wirklich eine Vermu⸗ thung deſſen, was folgen werde, in meiner Seele, doch ich griff der Zeit und ſeiner Beſtätigung keinesweges vor, die mich denn auch bald uͤberzeugten, daß ich nicht Unrecht gehabt. 44 Denn als ich fragte: und welche Be⸗ ziehung hat außer dem Schmerz, Ew. Koͤ⸗ nigliche Hoheit in unſeren Cirkeln kuͤnftig zu vermiſſen, dieſer Entſchluß auf mich?— 259 nahm er mit dem ſchwuͤlſtigſten Bombaſt, mit dem ich Dich von Rechtswegen verſchone, das Wort, mir ſeine brennende, unausſprech⸗ liche Leidenſchaft zu bekeunen, die nur in der Hoffnung, von mir gewuͤrdigt und er⸗ hoͤrt zu werden, ihm das Gluͤck ſeines Le⸗ bens und die dazu———— ver⸗ ſpreche. Mich hoͤchſt verwundert ſtellend, bat ich mir eine Erklaͤrung aus, in wie fern ich arme Unbedeutende bei der weiten Kluft un⸗ ſerer Verhaͤltniſſe im Stande ſei, die Gunſt zu rechtfertigen, die er mir ſo unverdient ſchenke, und nun ruckte er mit ſeinen Plä⸗ nen naͤher, bot mir unter den übertrieben⸗ ſten Exclamationen uͤber meine Vortrefflichkeit eine glänzende Verſorgung auf Zeitlebens an, wenn ich mich entſchließen koͤnne, ihm als ſeine Freundin in den neuen Kreis zu fol⸗ gen, den er ſich zu eroͤffnen im Begriff ſei, und ließ ſogar die Ausſicht einer Heirath zur linken Hand unter ſeinen Vorſchlaͤgen hervorleuchten, vielleicht um— dem Irrlicht 260 gleich, das auf Suͤmpfen tanzt— mich deſto ſicherer zu blenden. Nun geſtehe ich Dir freilich, daß, wenn mir dieſe Anträge zu einer Zeit gemacht wor⸗ den waͤren, wo ich noch dem ſchwankenden Rohr, das der Stuͤzze ermangelt, glich, und von jedem Windhauch hin und her geweht wurde, ich ſie ohne Bedenken angenommen haͤtte. Jezt aber, als die heimlich Verlobte des Grafen Wallbrunn, der Reich⸗ thum, Rang, Schoͤnheit und Anmuth mir bei einer kuͤnftig vor der Welt feierlich an⸗ erkannten Verbindung als Morgengabe mit⸗ bringt, lag ein ſolches Anerbieten tief unter meiner Wuͤrde, und dieſe behauptend, ſagte ich dem Prinzen ruhig, doch nicht ohne auf⸗ geregten Stolz, daß ich die Menge Gruͤnde, welche ich ſeinen Vorſchlagen entgegen zu ſezzen habe, in den einen zuſammen faſſen wolle, den ich ebenfalls ſeiner vorlaͤufigen Verſchwiegenheit anvertraue, daß naͤmlich we⸗ der mein Herz noch meine Hand mehr frei ſei—— deß ich ihn aber bäte, mir auch 261 in der Ferne wenigſtens ſein— ches Wohlwollen zu erhalten. Niemals habe ich gekraͤnkte Eigenliebe, beleidigte Empfindlichkeit und getaͤuſchte Hoff⸗ nung greller ausgedruͤckt in einem menſchli— chen Antliz geſehen, wie bei ihm. Die ver⸗ zogenen Kinder des Gluͤcks, zu deren Caſte er gehoͤrt, ſind ſo wenig an das Fehlſchlagen ihrer Wuͤnſche gewoͤhnt, daß jedes Scheitern derſelben ihren Unmuth auf das bitterſte reizt. Ich las in den widerlichen Verzer⸗ rungen ſeiner betroffenen und dadurch nicht angenehmer gewordenen Zuͤge den mit Mis⸗ vergnuͤgen vermiſchten Groll, der in ihm kochte, und gab in der Angſt, daß er mir aus Rachſucht ſchaden koͤnne, dem ihm mit⸗ getheilten, zum Gluͤck nur unbeſtimmt ange— deuteten Geheimniß ſchnell den Anſtrich, als ſei der, dem ich mich einſt zu verbinden ge⸗ denke, ein Gegenſtend der fruͤheſten Jugend⸗ liebe in meiner Heimat, ſeinen Verdacht gluͤcklich dadurch von Leo abwaͤlzend, der, wie ich aus mancher, von dem boshafteſten Hohn ſeiner Mienen begleiteten Einwendung erkannte, ihm der Beneidenswerthe ſchien, der ſeine Abſichten vereitelte. Er verließ mich hierauf, nachdem er mehrere vergebliche Verſuche gemacht hatte, wieder in den leichten Converſationston zu fallen, der keine tiefen Eindruͤcke merken laſ⸗ ſen, und mislungene Pläne oberflächlich be⸗ handeln will, und heute erfahre ich durch eine Abſchiedskarte, die mir gebracht ward, ſeine wirkliche Abreiſe nach M.... wo mir denn nichts von dieſer Bekanntſchaft uͤbrig bleibt, als allenfalls das ſchadenfrohe Vergnuͤgen, mich noch eine Weile an der Bekuͤmmerniß meiner giftigen Rivalin, der Miniſterin, zu weiden, die jezt— der verlaſſenen Dido gleich— ihrem Aeneas nachweint. Ich theilte, wie Du Dir leicht denken wirſt, Leo ſo viel von dieſem Vorgang mit, als ihm zu wiſſen noͤthig war, und ſparte die brillianten Farben nicht, um den mir gemachten Heiratsantrag, bei dem ich wohl weislich die linke Hand ignorirte, ihm in einem recht vortheilhaften Licht darzuſtellen, wobei das der Liebe zu ihm gebrachte Opfer 263 der Entſagung um ſo heller ſtrahlte, und ſeine innigſte Dankbarkeit in Anſpruch nahm. Wie ſuͤß iſt es doch, die Trophaͤen, die man erringt, der wahren Herzensneigung als freie Gabe darzubringen. Ach— ich moͤchte die ganze Welt erobern, und alle Maͤnner huldigend zu meinen Fuͤßen erblik⸗ ken, weniger, um mich daran zu ergoͤzzen, als um dem Geliebten ſagen zu koͤnnen: dieſe Triumphbogen wurden meiner Eitelkeit erbaut, aber um Deinetwillen laß' ich ſie in Truͤmmern zuſammen ſtuͤrzen, denn ich will nur Dir gehoͤren. zwet und wanoßer Brief. Agnes an ihren Gemahl. — Sende keinen Fremden, geliebter Leo, in der Abſicht an mich ab, daß er zwiſchen uns trete, und vermittele, was ich nur mit Dir ſelbſt auszumachen habe. Ernſt und duͤſter iſt das Leben geworden, das mir einſt an Deiner Seite ſo himmliſch lächelte, und al⸗ les hat ſich veraͤndert, wohin ich auch blicke — nur mein Herz nicht, das Dein Bild bis zu ſeinem lezten Schlage bewahren, und erſt dann aufhoͤren wird, Dein zu ſein, wenn eine hoͤhere Macht ihm ſtill zu ehn gebietet. Daher bedarf es nicht der Einmiſchung eines Dritten— woüde Dich allein an die⸗ ſes Herz, dem Dein Gluͤck heiliger iſt, als das eigene— ſage mir offen Deine Wuͤnſche, damit ich von Dir ſelbſt vernehme, was auſ⸗ ſerdem mir unglaublich duͤnkt, und daß ich— wenn denn alles vergebens iſt— wenigſtens den ſchmerzlichen Troſt habe, Dir, und 265 nicht den Raͤnken anderer als Opfer zu fallen. 1½ 260 Doch nein— vergieb, daß die Schreck⸗ bilder meiner aufgereizten Fantaſie den Glau⸗ ben an Dein beſſeres Selbſt erſchuttern kohn⸗ ten. Deine Aeußerungen riefen ſie freilich hervor, aber nur im Zorn, der ja auch ein Rauſch iſt, und den Menſchen fuͤr Momente ſeiner hoheren Geſinnung entfremdet. Nicht will ich zuruͤck denken an das furchtbare Wort: Scheidung, das Du vor mir aus⸗ ſprachſt— von der Tafel meines Gedächt⸗ niſſes ſei es verwiſcht, als habe es nimmer ſie befleckt— der tiefſten Vergeſſenheit gebe ich es Preis, fuͤr jezt und fuͤr immer. Denn Leo! ich kann mir nicht als moͤg⸗ lich denken, baß ſich je realiſiren ließe, was ſchon als bloßer Laut mein Innerſtes zer⸗ fleiſcht hat, und Du wirſt es nicht wollen. Meine Liebe zu Dir, die meine erſte war, und meine einzige bleiben wird, hat eine Tiefe und Feſtigkeit erlangt, die mich ſogar den entfernteſten Gedanken, als koͤnne ich je von Dir laſſen, wie eine Blasphemie be⸗ 12 266 trachten läßt, deren ich mich ſchämen muß. Du biſt mir ein Theil von mir ſelbſt ge⸗ worden— ja Du biſt mein eigentliches Ich, durch das ich mir allein bewußt bin, und athme. Daher beſchwoͤre ich Dich, kehre um auf dem unſeligen Wege, den eine vergaͤng⸗ liche Leidenſchaft nur Dir mit dem Roſen⸗ glanz eines ertraͤumten Gluͤcks beleuchtet⸗ Glaube mir, glaube Dir ſelbſt, wenn Du Dir wieder klar geworden biſt, daß es keine Seligkeit hienieden giebt, ohne den Frieden des Bewußtſeins, und daß ein reines Ge⸗ wiſſen, das uns die treue Erfuͤllung unſerer Pflichten bezeugt, das wahre Heil des Le⸗ bens, und der Engel Todes ſtunde iſt. Ich deenipe nicht, was Detiem beweg⸗ ten Gemuͤth jezt ſchwer zu leiſten, oder gar unmoͤglich waͤre, denn zu tief iſt der Pfad, auf dem wir vereinigt wandelten, jezt er⸗ ſchuͤttert und untergraben worden, als daß Du ſo ſchnell in das rechte Gleis zuruͤck keh⸗ ren koͤnnteſt, das nur Zeit, und die Beruhi⸗ gung, die ſie gewaͤhrt, wieder herſtellen wird. 267 Deshalb willige ich in eine Trennung— nur in keine gerichtliche, die durch den Scheidebrief den Bund der Herzen und der Haͤnde auf immer loͤſet. Aber ich bin es zufrieden, daß Jahre vergehen, waͤhrend Du, entfernt von mir, maͤnnlich darnach ringſt, den Frieden Deines Inneren wieder zu finden, der Dich dann mit dem Loos ver⸗ ſoͤhnen wird, das aus freier Wahl und durch die heiligſten Geſezze beſtäͤtigt, mich Dir zur Gefaͤhrtin Deines Lebens gab. Reiſe, theue⸗ rer Leo! erfuͤlle eine Sehnſucht, von deren Befriedigung Dich fruͤher die Anhaͤnglichkeit an mich zuruͤck hielt. Durchſtreife die ſchoͤn⸗ ſten Länder Europa's, in deren reiche Gefilde Deine Fantaſie Dich ſonſt ſo oft verſezte— ſie werden durch die Genuͤſſe der Natur und Kunſt, die ſie Dir darbieten, Deinen Sinn erheitern, und ihn allmählig von einer Nei⸗ gung abziehen, die— wollteſt Du fortfah⸗ ren, ihr nachzuhaͤngen— nicht zu meinem Untergang allein fuͤhren wuͤrde. Denn halte es nicht fuͤr eine Beſtre⸗ bung niederer Eiferſucht, die Flecken ſucht 12 5 268 — an dem Gegenſtand, der ihre Ruh gefährdet, ſondern fuͤr den unbefangenen Ausſpruch der Wahrheit, die ſich durch Beweiſe belegen läßt, wenn ich behaupte, daß eine Unwuͤrdige durch die dämoniſchen Einwirkungen ihrer Liſt und Koketterie Dich umſtrickt hat, ſtatt durch wirkliche Verdienſte Dich gefeſſelt zu haben. Indeß— waͤre es auch— haͤtte ſie wirklich durch den ſittlichen Werth, der ihr mangelt, die Gewalt aͤußerer Anmuth und einſchmeichelnder Talente verſtärkt, um un⸗ willkuͤhrlich Deinen Pflichten Dich abwendig zu machen— o Leo! denke an das nichtige unſerer irdiſchen Freuden, wenn Rechtthun nicht die Baſis iſt, auf die ſie ſich ſtuͤzzen; entweihe nicht das Ehrwuͤrdigſte, Heiligſte auf Erden, das in der feſten Verpflichtung einer unerſchuͤtterlichen Treue enthalten iſt. Je ſchwerer es Dir wird, je lohnender iſt einſt der Sieg nach dieſem Kampfe. Schmuͤcke Dich mit dieſer Krone der Selbſtuͤberwin⸗ dung, indem Du nicht, um einem fluͤchtigen Eindruck zu folgen, das Herz brichſt, das . 269 Dich ſo innig liebte. Unſere moraliſche Kraft hienieden wird durch das Beherrſchen unſerer Leidenſchaften gelaͤutert, und es ſind Bluͤthen, fur den Himmel gepfluͤckt, die aus dem Schmerz ſtrenger Entſagung hervorſproſ⸗ ſen, wie die Roſe aus Dornengeſtraͤuch. So wird auch Dir die Glorie des Bewußtſeins herrkich ſtrahlen, wenn Du Dein beſſeres Selbſt retteſt, und dadurch auch mich. Nicht ſoll ich die Todten beſchwoͤ⸗ ren, ſprachſt Du vor kurzem, als ich unſe⸗ res Kindes gedachte, dem ſich die Pforten der Ewigkeit ſo fruͤh oͤffneten, aber— 0 Leo!— wie koͤnnt' ich ſein vergeſſen, da ich es Dir geboren, und da ich Dich zwie⸗ fach in ihm kiebte. O glaube nicht in der Aufregung Deines von mir abgewandten Gefuͤhls, daß es ein Kunſtgriff ſei, durch den ich verſuchen moͤchte, Dich zu erweichen, wenn ich Dich mahne an die ſchrecklichen Augen⸗ blicke, wo gemeinſchaftlicher Schmerz uns noch inniger zu verknuͤpfen ſchien, als fruͤher gemeinſchaftliche Freuden— wo der Todes⸗ kampf unſeres Lieblings auch unſere Herzen 270 ——— mit Todesqual erfuͤllte, und ſeine kleinen Haͤndchen ſich nach uns ausſtreckten, uns Beide zu ſich hinabziehend zu der lezten Umarmung, in der ſein Leben entfloh. Dieſe ſtumme Sprache, die in den heiligſten Hie⸗ roglyphen uns zu ſagen ſchien: bleibt verei⸗ nigt, bis auch Ihr mir folgt!— o laß mich ſie in Dein Gedaͤchtniß zuruͤckrufen— Du haſt ſie damals verſtanden— uͤberhoͤre ſie auch jezt nicht. Als ich in jenen furcht⸗ baren Momenten, faſt aufgeloͤſet von Jam⸗ mer, in Deine Arme ſank, und unſere Thraͤ⸗ nen ſich vermiſchten— hätteſt Du da wohl fuͤr moͤglich gehalten, daß Du mich je ver⸗ laſſen wuͤrdeſt?— O laß das bleiche Bild unſeres ſterbenden Emils den Schuzgeiſt meines Lebens ſein— gieb einen Vorſaz auf, der mich in den Staub tritt— be⸗ wahre mir, als ſei es das Vermaͤchtnis des dahin geſchiedenen Engels, Deinen Be⸗ ſiz, auf den Liebe und Schmerz mir ſo unauflosliche Rechte geben) und bleibe, wenn Deine erloſchene Neigung zu mir ſich auch durch Zeit und Entfernung nicht wie⸗ —.— — — 27 ½ der anfachen laͤßt, bis in's Grab wenigſtens der treue Freund und Schuz Deiner Agnes. 4 * Drei und zwanzigſter Brief. Eugenin an Sophien. Wie im Kriege zwei feindlich gegen einan— der aufgeſtellte Partheien ſich bekaͤmpfen, und alles aufbieten, was offenbar oder heimlich ihre Plaͤne, ſich gegenſeitig zu vernichten, be⸗ guͤnſtigen kann, ſo, meine liebe Sophie, ſtehe ich meiner Rivalin gegenuͤber, und finde an ihr einen ſo tapferen Widerſtand, daß ich ihr nur Schrittweis das Terrain abgewinne, welches fruͤher das ihrige war. Doch— man muß den Muth nicht ſinken laſſen, und es iſt leicht, ihn zu bewah⸗ ren, wenn ein ſo hohes Ziel wie das meine lockend winkt, und am Ende alle Muͤhe zu belohnen verſpricht. Indeß, hielte ich dies Ziel nicht immer unablaͤßig mir vor Augen, ſo wuͤrde doch in manchen Momenten des Strebens, es zu erreichen, ein unwillkuͤhrli⸗ cher Schauder mich zuruck geſchreckt, und in 273 meinen Sehn Venſin wankend gemacht haben. Denn, fuͤrwahr, es iſt nicht leicht, die⸗ ſer Frau gegen uͤber zu ſtehn, und ich wuͤrde ſie bedauern und geſchont zu ſehen wuͤnſchen, waͤre nicht mein Gluͤck an das Zertruͤmmern des ihrigen gebunden. Wuͤßte ich, daß ſie bald ſtuͤrbe, was ihr larmoyantes zerkniktes Weſen allerdings erwarten laͤßt— ich ſtuͤnde noch jezt ſtill in meinem Beginnen, und er— wartete von der Zeit als ruhige Morgengabe das Gluͤck, was ich jezt mit Beben als ſtuͤr⸗ miſch erkaͤmpfte Eroberung an mich reiße. Aber man hat ſchon oͤfters den Fall“ erlebt, daß ein ſieches Daſein ſich um ſo länger fortſpinnt, je weniger Wahrſcheinlic⸗ keit fur ſeine Erhaltung war, und mit dreiſ⸗ ſig Jahren, die mein Taufſchein mir vor⸗ wirft, wenn auch mein Mund ſie verlaͤugnet, und mein Ausſehen ihnen widerſpricht, iſt es wohl endlich Zeit, an eine Verſorgung zu denken, und ſie mit Ernſt zu betreiben. Damit Du nun aber nicht glaubſt, daß ich nur kam, ſah, und ſiegte, und wie 27⁴ die Lilien auf dem Felde ein behagliches Le⸗ ben des Muͤſſiggangs und der ruhigen In⸗ dolenz im Sonnenſchein des Frohſinn's fuͤhre, will ich Dir eine boͤſe Stunde ſchildern, die ich heut erlebte, und Dir verſichern, daß ſelbſt die Erinnerung davon mich noch gleich einem Engel mit dem feurigen Schwerdt aus dem Paradieſe meiner Hoffnungen trei⸗ ben wuͤrde, haͤtte ich mich nicht gewaffnet gegen dieſe vorauszuſehenden Eindruͤcke, und mir unaufhoͤrlich vorgeſagt, daß, wer in der Welt Fruͤchte genießen will, auch die ſtach⸗ lichſte Huͤlſe nicht ſcheuen muͤſſe, um den ſuͤßen Kern, den ſie verbirgt, zu erlangen. Lev hatte nämlich einen Brief von ſei⸗ ner Frau empfangen, der bei der Weichheit ſeines leicht erregten, und ſich zur Milde hinneigenden Gemuths ihn tief erſchütterte. 3 Es gelang mir indeſſen, ihn wieder zu beruhigen. Die leiſeſte Andeutung, daß ich ſein eheliches Verhaͤltniß nicht ſtoͤren wolle, wenn er nicht aus voͤllig freier Wahl und Ueberzeugung es aufzuheben ſtark genug und entſchloſſen ſei, der fernſte Wink, daß ich — ——————— — ———— „— 275 an den Prinzen mich wenden wuͤrde, um durch ſeine mir angebotene Vermittelung vorlaͤufig ein angemeſſenes Unterkommen zu finden, wobei ich meine huͤlfloſe, jezt nur auf ihn angewieſene Lage, und meine Liebe zu ihm gleichſam unwillkuͤhrlich hervorblicken laſſe— alles dies bringt ihn außer ſich, und folglich zu allem, was ich will.“ I„ch betrachte in ſolchen Augenblicken, ohne mich dadurch beleidigt zu fuͤhlen, ſein oftmaliges Schwanken und Kaͤmpfen, wie man das zuckende Auflodern einer Lampe betrachtet, der das Hehl zum Weiterbrennen ausgegangen iſt, und die, der Natur der“ Sache nach convulſiviſch noch manchmal hel⸗ ler als zuvor aufflammt, ehe ſie ganz in Tod und Finſterniß dahin ſtirbt. Die ſuͤßen Reminiscenzen der erſten Jugendliebe, Ge⸗ wohnheit, tief eingepraͤgte Achtung vor ihrem moraliſchen Werth, die ich nur mit der ſorg⸗ ſamſten Umſicht und Behutſamkeit habe un⸗ tergraben koͤnnen, die Scheu der Herzens⸗ guͤte vor der unvermeidlichen Nothwendig— keit, zu verlezzen, vielleicht— die Furcht 276 uͤbertreibt ihre Anſichten immer— zu tod⸗ ten— die Erinnerung an das Kind, deſſen verklaͤrten Schatten ſie zu ihrem Beiſtand aufruft— ach— iſt's ein Wunder, wenn dieſer guälende Verein bei der wahrhaft lie⸗ benswüͤrdigen Schwäche ſeines wohlwollenden Charakters ſtufenweis, wie die Grade einer moraliſchen Folter auf ihn wirken? Indeß, wie geſagt, ich kann es nicht verdammen, da es zu natuͤrlich iſt, und mir durch ſeine ſchweren Kämpfe die Feſtigkeit verbuͤrgt, mit der er einſt an mir hangen wird. Daher laſſe ich ſeinen Schmerz un— gehindert austoben, weil er ſich da am ſicher⸗ ſten erſchoͤpft, und Widerſtand ihn nur noch mehr reizen, neben her ihm aber auch viel⸗ leicht ein Mistrauen gegen mich einfloͤßen wuͤrde, das ich durchaus nicht aufkommen laſſen darf. Wenn ich ihn nur erſt ganz mir zum Eigenthum errungen habe, werde ich dieſe Wunden ſchon zu heilen, und ſein Herz vor Ruͤckfaͤllen zu bewahren wiſſen. Es gluͤckte mir, ihm leiſe, und ohne daß er merkte, wie es mein innigſter Wunſch — 4)— 2„0 — war, zu dem Entſchluß hinzuleiten, ihr nicht zu antworten, und ſie nicht wieder zu ſehn. Damit nun auch von ihrer Seite keine neuen Schritte geſchehen moͤchten, die oft meinen Machinationen ſo drohend entgegen arbeiten, und ploͤzlich umſtuͤrzen, woran ich lange muͤh⸗ ſelig gebaut habe, benuzte ich ſeine mehr⸗ ſtuͤndige Abweſenheit in Geſchaͤften, um mir eine, freilich fuͤr beide Theile hoͤchſt unan⸗ genehme Zuſammenkunft mit der Graͤfin zu verſchaffen. Da ſie meine Beſuche, ſobald ſie ihr angekuͤndigt werden, hartnaͤckig verweigert, ſo trat ich unangemeldet zu ihr ein. Ich hatte mir vorgeuommen, in jenem hohen Ton der Ueberlegenheit zu ihr zu re⸗ den, der, wie ich meinte, der Schwachen, Muthloſen imponiren ſollte; aber nachdem ſie ſich von dem erſten Schrecken, mich ſo unerwartet vor ſich zu ſehen, etwas erholt hatte, ſchritt ſie mit ſo ruhiger Wuͤrde mir entgegen, daß ich alle meine Dreiſtigkeit auf⸗ rufen mußte, mich der Verlegenheit, ihr ge⸗ gen uͤber, zu erwehren. Ohne Unmuth oder 278 Haͤrte, aber mit tiefem mich beklemmenden Ernſt fragte ſie hierauf, was ich begehre? Eine Unterredung mit Ihnen, Frau Graͤfin, war meine Antwort. Sie ſcheint mir in unſeren Verhaͤltniſſen hoͤchſt nothwen⸗ dig, und wird vieles ebenen und abkuͤrzen, was ſonſt noch laͤſtig hindernd in unſere Plaͤne eingreift, ohne ſie doch vernichten zu koͤnnen. In unſere Plaͤne? verſezte ſie ſcharf betont, und mit einem Ausdruck von Ge⸗ ringſchaͤzzung, der meine Empfindlichkeit reiz⸗ te; ich wuͤßte nicht, daß Ihre Wege die meinen waͤren, und daß wir uns irgend et⸗ was zu ſagen haͤtten. Bei dieſen Worten wandte ſie ſich von mir ab, mir veraͤchtlich den Ruͤcken kehrend. Doch, ich wußte ihr Dank dafuͤr. Denn ſie entſtammte mich dadurch zu einer groͤße⸗ ren Kuͤhnheit, da ihr bleiches, wie durch Mondſchein verklaͤrtes Geſicht mit den vom Schmerz vertieften Zuͤgen mich außerdem faſt zum Mitleid bewogen haͤtte. und doch, Frau Graͤfin, erwiederte ich. Betrachten Sie mich, da Sie mich in mei⸗ —— 2 nen eigenen z nicht anerkennen wollen, als die Abgeſandtin Ihres ehemali⸗ gen Gemahls, die beauftragt iſt, Ihnen ſeine Antwort auf Ihren Brief auszurichten. Meines ehemaligen Gemahls? ſprach ſie, und ſezte ein gewaltiges Fragezeichen hinter dieſe Worte, waͤhrend die Glut der inneren Empörung, die in ihr aufzulodern begann, auf ihre Wangen uͤberſtroͤmte, und den fleckenloſen Schnee derſelben auf einige Augenblicke roſig uͤbergeß. Sie ſind ſehr dreiſt, ſezte ſie, ſich ſichtlich bekampfend hinzu, daß Sie ſich ſolcher beleidigenden Ausdruͤcke bedienen. Moͤchten Sie einſehen, wie unwuͤrdig die Rolle iſt, die Sie we ſpielen. Ich ſpiele keine Rolle, entgegnete q, und daß ich jede Sache bei ihrem rechten Namen nenne, muͤſſen Sie mir vergeben. Der Graf hat aufgehoͤrt, Sie zu lieben. Er ſieht ein, daß die Verſchiedenheit Ihrer Denkungsart von der ſeinen, uͤber die bei ſeiner Wahl nur jugendliche Unerfahrenheit ihn verblenden konnte, nicht zu einem ferne⸗ 280 ren zufriedenen Leben fuͤhren kann. Er thut mir die Ehre an, in mir zu finden, was er bedarf, um gluͤcklich zu ſein, und appellirt nun an die hochgeprieſene, jedes Opfers faͤhige Liebe, mit der Sie gegen ihn prunken, um ſeine Freiheit zuruͤckzufodern. Statt niedergebeugt zu werden, richtete ſie ſich mit ſtolzer Haltung empor, und es war, als ſaͤhe ich jezt verwirklicht, was ich einmal, in Stillings Schriften blaͤtternd, als einen phantaſtiſchen nur halb verſtande⸗ nen Ausdruck in meinem Gedaͤchtnis behielt: „die verborgene Majeſtät einer „gottgeweihten Seele trat in „ihren Zuͤgen hervor.“ So wenig Sie verdienen, daß ich Sie einer Antwort wuͤrdige, verſezte ſie mit einer Hoheit, die ſie uͤber ſich ſelbſt zu erheben ſchien, und die ich dieſem ſchwachen, verſchuͤchterten Weſen nie zugetraut haͤtte, ſo will ich Ihnen doch verſichern, daß wenn mein Mann mir ſeine Liebe entzogen haͤtte, um ſie einem beſſeren Gegenſtand zuzuwenden, ich fähig wäre, ſei⸗ uem Gluͤck das Opfer meines ganzen Lebens 281 zu bringen. Aber Sie?—— ein Schau⸗ der ſchien ſie zu ergreifen— nimmer, nim— mermehr!— Haͤtt' ich ihn je geliebt, wenn ich es dulden koͤnnte, daß ſein verfuͤhrtes und getaͤuſchtes Herz der Raub einer Elen⸗ den wuͤrde, die gach kurzem Rauſch ihn eben ſo unglucklich machen muͤßte, als ſie verwor⸗ fen iſt?— Dieſe Rede, Du wirſts begreifen, da Du mich kennſt, drang wie eine Brandrakete, alles entzuͤndend, in meine Seele. Ich ſah, daß das Lamm auch zuͤrnen und Widerſtand leiſten kann, und ihre zum erſtenmal hart, und mit dieſer mich ſchon allein erniedrigen⸗ den Grandezza ausgeſprochene Verachtung reizte mich zur Gegenwehr, und heiſchte Rache. Ich fuͤhlte, daß ich auf halbem Weg nicht ſtehen bleiben duͤrfte, und daß ich mir in meinen eigenen Augen ein Ridicuͤl zuzie⸗ hen wuͤrde, wollt' ich mich von der hochmuͤ⸗ thigen Ueberhebung dieſer romanhaften Tu⸗ gendheldin in die Flucht ſchlagen laſſen. Da⸗ her ließ ich eine Mine ſpringen, deren Wirk⸗ ſamkeit mir der Augenblick der Wuth, in 12** 282 dem ich mich befand, vorſpiegelte. Denn ganz darnieder ſchmettern mußte ich ſie jezt —— die Wahl der Mittel durften mich nicht ſehr bekuͤmmern. Indem ich alſo allen Hohn des troz ihres Straͤubens uͤber ſie zu erlangenden Triumphs in meinem Geſicht auszudruͤcken ſuchte, ruͤckte ich mit drohender Geberde, gleichſam von meinem aufgeregten Gefuͤhl hingeriſſen, ihr naͤher. Verſuchen Sie es, rief ich ihr zu, ob alle Beſtrebungen des Neides und der Feind⸗ ſeligkeit im Stande ſi ſind, meine Wuͤnſche zu vereiteln? Leo gehoͤrt mir— ja— und ginge der Weg zum Traualtar uͤber Ihr Grab— er wird und kann mich nicht ver⸗ laſſen. Denn nicht nur die Liebe ſichert mir ſeinen ewigen Beſiz— auch meine Ehre fodert den Gatten, das Kind, daß ich von ihm unter meinem Herzen trage, den Va⸗ ter— und die Stimme der Natur wird ſich nicht in ihm verlaͤugnen. Eine zweckmaͤßigere Erfindung haͤtte die ruhigſte Ueberlegung nicht erſinnen koͤnnen. * * 283 Sie war beſtraft— das verkuͤndete mir ihr ganzer Anblick— das Gift dieſer Luͤge wirkte ſchnell. Denn eh' ich mir es verſah, erſtarrte ſie zum Marmorbilde— die ein⸗ knickenden Kniee verriethen das ſinkende Le⸗ ben, das gleic m erblindende Auge, in dem plszlich jeder lunz erloſch, die phyſiſch ge⸗ brochene Kraft—— das war es, was ich wollte. Mit ſpottendem Gelaͤchter, das ich ſtreb⸗ „ſo grell als moͤglich in ihr von der Be⸗ — igkeit wohl halb verſchleiertes Ohr zu hallen, verließ ich ſi ie, und ſah nur noch bei'm lezten Blick, den ich auf ſie zuruͤckwarf, wie ſie mechaniſch nach einem Seſſel griff, aber unvermoͤgend ſich zu halten, auf dem Tep⸗ pich des Fußbodens zuſammen ſank. Froh uͤber meinen Sieg eilte ich nun in mein Zimmer. Niemand hatte mich ge⸗ ſehen; ſo durfte ich, wenn man die Folzen meines Beſuches gewahrte, dieſen dreiſt ver⸗ ſchweigen, oder ablaͤugnen, wenn man ihn — ſollte. Als ich aber eine Weile allein, und wie⸗ 284 der ruhig geworden war, da— ich ſchelte mich ſelbſt uͤber meine Thorheit, doch die ſchwache Menſchlichkeit behauptet immer ihre Rechte— da grauſete mir vor dem, was ich gethan, und ich wuͤnſchte es ungeſchehen, bis die Vernunft mir zufluͤſterte, es ſei Recht geweſen. ueberhaupt, wüs iſt denn unge⸗ heueres an dem Schickſal dieſer Schwaͤrme⸗ rin? Iſt nicht alles in der Welt dem Wech⸗ ſel unterworfen? Sogar der Mond geht unter, um den Antipoden zu leuchten, und dunkel wirds auf den Gefilden, die er ver⸗ ließ. Wie duͤrfte ſie denn verlangen, eine Ausnahme zu machen, und im ununterbro⸗ chenen Glanz des Daſeins bis an's Ziel zu wandeln? Waren nicht die erſten Regungen ſeiner begluͤckenden Jugendliebe ihr zugewen— det? Sie hat den Silberblick des Lebens genoſſen— was will ſie mehr? Uebrigens wird die Hpferflamme des verzichtenden Herzens eine neue Glorie um das Antliz der frommen Dulderin weben, und es waͤre ja Schade, ſie um dieſen Nim⸗ bus zu bringen. Auch üͤberwindet eine Ge⸗ —— 1 ———————— 285 duld, wie ſie ihr der Himmel verliehen, gewiß den tiefſten Schmerz, oder wenigſtens die Zeit, die unſer aller Arzt iſt, und der ich ihre Heilung uͤberlaſſe. 286 Mi dem Gefuͤhl teufliſcher Schadenfreude, in das jedoch unwillkuͤhrlich, als ſei es der Hauch der nahenden Nemeſis, die Schauder des Bewußtſeins ſich miſchten, war Eugenia wirklich ungeſehen, wie ſie Sophien ſchrieb, in ihr Zimmer zuruͤck gekehrt, und als nach einiger Zeit, waͤhrend Agnes in ohnmäͤchtiger Betaͤubung ſich ſelbſt uͤberlaſſen geblieben, Johannens lautes Huͤlfsgeſchrei das ganze Haus zuſammen rief, ſtuͤrzte auch ſie, ſich ſehr erſchrocken ſtellend, hervor, und fragte, was ſich denn begeben?— So herzlich die Graͤfin ihre treue Die⸗ nerin auch liebte, ſo hatte ihr Zartgefuͤhl ſie doch ſorgſam von den ſchmerzlichen Geheim⸗ niſſen ausgeſchloſſen, die ſie außer Gott nur ihrer einzigen Jugendfreundin zu offenbaren wagte, und die ſie, um ihrer milden, ſcho⸗ nenden Geſinnung gegen den Geliebten ge⸗ nug zu thun, am liebſten vor ſich ſelbſt ver— borgen haͤtte. Allein zu klar am Tage lag der Eindruck, den Eugenia auf Leo gemacht, ſo wie ihr Beſtreben, ihn immer mehr zu 287 verſtärken, um ihn von ſeiner Gattin abzu⸗ ziehn, und ſich ganz ſeiner zu bemaͤchtigen. Es war daher ſehr natuͤrlich, daß in Johan⸗ na's empoͤrtem, ihrer Gebieterin auf's in⸗ nigſte ergebenen Gemuͤthe nach und nach ein Widerwillen gegen dieſe Stoͤrerin ihres Frie⸗ dens entſtand, den ſie durch ſchweigende Ver⸗ achtung unverholen kund gab. Sie beantwortete deshalb ihre Frage, was der Graͤfin zugeſtoßen ſei, nicht; doch konnte ſie, zu ſehr ergriffen von der Noth⸗ wendigkeit, der Kranken beizuſtehn, nicht wehren, daß Eugenia ſich mit ihr zugleich in's Zimmer drängte, wo Agnes, einer Leiche aͤhnlich, mit weit offenen, aber gleichſam der Sehkraft beraubten Augen im Zuſtand dum⸗ pfer Bewußtloſigkeit noch auf dem Fußbo⸗ den lag. Die weiblichen Dienſtboten, die Jo⸗ hanna zur Huͤlfe herbei gerufen hatte, ver⸗ einigten ſich mit ihr, die Starre, Todten⸗ bleiche, auf den Divan zu tragen. Schluch⸗ zend knieten ſie vor ihr, die ſie ſterbend glaubten, nieder, und kuͤßten die Hand, die P 288 — ihnen ſtets im Leben wohlgethan, waͤhrend die Bedienten eilig fortgelaufen waren, den Arzt zu ſuchen, und Johanna ſich bemuͤhte, durch Einreibungen ſtarker Spirituſſe auf ihre kalte Marmorſtirn, und andere Noth⸗ behelfe des Augenblicks einen Funken des erloſchenen Bewußtſeins wieder zu erwecken. In dieſe Gruppe, durch Liebe und Treu gebildet, miſchte ſich auch Eugenia. Ohne ſich abweiſen zu laſſen, nahm ſie ſcheinbar mit dem lebhafteſten Eifer und der groͤßten Verwunderung uͤber dieſen Vorgang Theil an Johannens Huͤlfleiſtungen, und als ein Chirurg ſich einfand, der der Graͤfin eine Ader oͤffnete, belohnte nach und nach ein leiſes Aufathmen, eine Leben verkuͤndende, wiewohl krampfhaft zuckende Regung der bisher erſtarrten Glieder, das vereinte Be⸗ muͤhen, ſie wieder in's Daſein zuruͤck zu rufen. 1p 7 Doch kaum kehrte der Beſinnung noch halb umdaͤmmerter Strahl ihr wieder, kaum fing ſie an, die Umſtehenden zu erkennen, und vor allen Eugenien, die ſich mit der 289 freundlichſten Zuvorkommenheit zu ihr herab beugte, als ein Wehelaut, wie nur der tiefſte Schmerz, das grenzenloſeſte Entſezzen ihn ausſtoͤßt, von ihren Lippen ertoͤnte, und ſie ſchaudernd vor ihrem Anblick zuruͤckfuhr. Ihr Geſicht verhuͤllend ſank ſie nach einigen domenten der gewaltſamſten Gemuͤthsbewe⸗ gung von neuem in jene Ohnmacht zuruͤck, der man ſie mit Muͤhe entriſſen hatte, und lange ſchienen alle Verſuche, ſie wieder zu ſich zu bringen, vergeblich. Endlich gelang es der ärztlichen Kunſt, doch ſie vermochte nur dem gleichſam im Todeskrampf erſtarrten Koͤrper wieder ſo viel mechaniſche Beweglichkeit zu verleihen, als das phyſiſche Leben erforbert; das Licht des Geiſtes aber ſchien unwiederbringlich erloſchen, und durch die ihrem ganzen Schickſal ſo wie ihren Gefuͤhlen einen ſo graͤßlichen Um⸗ ſchwung gebende Luͤge Eugeniens in die Tiefe jenes ſtillen Wahnſinns verſenkt zu ſein, der im dumpfen Hinbruͤten einer unheilbaren, Schwermuth vor ſich niederſtarrend, niemand mehr erkennt, oder bemerkt, und kein Wort 13* erwiedert auf alle Fragen, mit denen man ihn beſtuͤrmt. Ohne zu ahnen, was vorgefallen ſei, trat Leo in ſein verſtoͤrtes Haus, wo ſeine tief betruͤbten Leute ihn mit der Nachricht von dem ploͤzlichen und unbegreiflichen Zu⸗ fall empfingen, der die Graͤfin betroffen. Er ſchwankte. Sollte er zu ihr gehn? — Die Gutmuͤthigkeit ſeines Herzens, der Nachhall wehmuͤthig ſuͤßer Erinnerungen, den die verklungene Harmonie der erſten Liebe noch einmal in ihm weckte, und Mitleid mit ihrem ihm ſo traurig geſchilderten Zuſtand foderten ihn dringend dazu auf, doch das feſtbeſchloſſene ſeiner neuen Lebenspläne, das zertruͤmmerte, nie mehr wieder herzuſtellende ſeiner ehemaligen Verhaͤltniſſe hielt ihn un⸗ entſchieden noch zuruͤck von der Schwelle, uͤber die er einſt ſo oft im Vollgenuß der reinſten haͤuslichen Freuden geſchritten war. Da oͤffnete ſich die Thuͤr, und Eugenia trat heraus. Ich hoͤrte Dich kommen, rief ſie ihm zu, indem ſie Phne alle Scheu vor ſeiner Umgebung ſich in ſeine Arme warf. 291 Der Hufſchlag Deines Roſſes war Muſik fuͤr mein lauſchendes Ohr, denn ach, ich ſehnte mich unendlich nach Dir, Geliebter! Ich habe boͤſe, boͤſe Stunden jezt erlebt!— Ein wenig, verlegen, und das Auge ſen⸗ kend vor den misbilligenden Blicken der ploͤz⸗ lich verſtummten Dienerſchaft, die ihn um⸗ ringte, machte ſich Leo ſanft aus der gluͤhen⸗ den Umarmung los, mit der ſie berechnet hatte, ihn, eben ihrer Heffentlichkeit wegen, ſich feſter als jemals zuzueignen. Zum er⸗ ſtenmal drang ein leiſer Zweifel an ihrem Zartgefuͤhl ſchmerzlich in ſeine Seele; denn dies Entgegenkommen, das in tiefſter Ein⸗ ſamkeit ihn entzuͤckt haben wuͤrde, ſchien jezt in ſeinen Augen ein Gefuͤhl zu profaniren, das ſich nicht ſittſam genug vor der Welt verſchleiern konnte, um ſich einigermaßen zu rechtfertigen. Durch dieſe inneren Vorgänge ver⸗ ſtimmt, die ſein Empfindungsvermoͤgen bitter aufregten, folgte er ihr, als ſie ihn mit ſich fortzog, um in ihrem Zimmer, wie ſie ſagte, ungeſtörter ihm zu klagen, was ſie alles ſo, — 13 „ 292 eben durch die furchtbarſten Anſchauungen erlitten, und welche thaͤtige Anordnungen ſie zur Abhuͤlfe dieſes die Graͤfin befallenen Ue⸗ bels getroffen. Als ſie aber in der leichtſin⸗ nigen Vorausſezzung, ſeiner nun gewiß zu ſein, ihre Erzaͤhlung mit den Worten be⸗ gann: ſie iſt verruͤckt geworden; die Anlage dazu hatte ſie ſchon längſt— da durchzuckte ihn von neuem wie ein Schwertſtreich, der ſein Innerſtes zerſchnitt, die Ahnung, daß eine ſo verlezzende, aller weiblichen Milde entfremdete Aeußerung nicht aus einem Her⸗ zen kommen konnte, wie das war, das einſt in Agnes Buſen ſo innig fuͤr ihn, und ſo ſanft und ſchonend fuͤr andere ſchlug. In— dem er mit Heftigkeit ausrief: das wolle Gott verhuͤten; ich wuͤrde nie wieder einen frohen Augenblick im Leben haben!— riß er ſich von ihr los, und eilte an das Kran— kenbett ſeiner Gattin. Tief erſchuͤtternd, wenn gleich weit ent⸗ fernt von aller Graͤßlichkeit, die Eugenia ihn hatte fuͤrchten laſſen) war der Anblick, der hier ſeiner wartete. Keine Bewegung, ————————— 293 nur die leiſen Athemzuͤge ihrer kranken Bruſt verriethen, daß der Quell des Lebens noch nicht in ihr verſiegt ſei, aber ihm duͤnkte, als hoͤre er die fallenden Tropfen der ihr hienieden noch zugemeſſenen Zeit, und als werde bald der lezte derſelben verrinnen. Bleich und eingeſunken waren ihre zarten Wangen; weit offen, aber dumpf vor ſich hinſtarrend, das ſonſt ſo klare Auge, das— dem blauen Himmel zu vergleichen— mild und guͤtig jedem ſtrahlte, der ihm nahte, und das ſelbſt von bitteren Thraͤnen oft ge⸗ voͤthet, dennoch immer ſanft und freundlich geblieben war. Der Anblick eines Menſchen, den wir fuͤr ſterbend halten, verfehlt, auch wenn er uns uͤbrigens gleichguͤltig iſt, nie den feier⸗ lichen Eindruck auf ein fuͤhlendes Gemuͤth, den eine ſo ernſte Mahnung an das Hinuͤber⸗ ſchreiten in die dunklen Gefilde eines zwei⸗ ten Lebens hervorbringt. Dieſer Chryſaliden⸗ zuſtand, in dem die eingeſponnene Raupe nach den Schmetteklingsfluͤgeln einer ewigen Freiheit ringt, das unwillkuͤhrliche Stveben, 294 die Bande des Koͤrpers abzuſtreifen, die lez— ten Traͤume des Bewußtſeins, die oft, gleich bunten Seifenblaſen, das muͤde Haupt um⸗ ſchweben,— alles dies läßt uns mit tiefem Erkennen der Nichtigkeit alles Irdiſchen in die immer duſterer emporſteigenden Schatten der Todesnacht blicken, in denen des Daſeins heilige Flamme zuckend auflodert, und dann verſchwindet. So wird bei dem Fremdeſten, der vor unſeren Augen die Schuld der Natur bezahlt, das Herz von Ernſt und Wehmuth ergriffen; wie um ſo mehr aber dann, wenn das We⸗ ſen, das wir ſterben ſehen, uns nahe ſtand, wenn wir es liebten, und von ihm geliebt wurden. In ſolchen Augenblicken, wo wir nicht mehr vermoͤgen, den in hoͤhere Regio⸗ nen entfliehenden Geiſt zuruͤck zu halten, oder auch nur die Leiden zu lindern, denen der Koͤrper erliegt, erquickt uns, wie milder Balſam, der eine brennende Wunde kuͤhlt, das Zeugniß des Bewußtſeins, daß wir einſt alles thaten, das Lebei zu beglucken, das jezt gleich einem fluͤchtigen Schatten zu ent⸗ 295 ſchweben droht, und dieſe Erinnerung ver⸗ ſoͤhnt noch ſpaät mit herben Opfern, die wir vormals dieſem Zweck brachten. Mahnt uns das Andenken der Vergan— genheit aber an das Gegentheil, haben wir in der Verblendung unſerer Leidenſchaften, in frevelhaftem Leichtſinn, oder in unbeſiegter Haͤrte des Gemuͤths das Grab oͤffnen helfen, das jezt unerbittlich die Huͤlle verſchlingt, die um unſertwillen das Gefaͤngniß einer ſchmerzerfuͤllten Seele war, dann miſchen ſich die Vorwuͤrfe des Gewiſſens quaͤlend noch in unſere Trauer, und nichts bannt den dunklen Geiſt der Reue, der aus dem Huͤgel empor ſteigt, den unſere Liebloſigkeit fruͤher noch woͤlbte, als die alles zum Ziele fuͤhrende Zeit, und der— einem Geſpenſte gleich— fortan unſeren Schritten folgt, und mit ſeinem truͤben Schatten in und neben uns den reinen Glanz des Daſeins verduͤſtert. Mit dem Vorgefuͤhl dieſes marternden Zuſtands, den er Un Spiegel ſeiner Zukunft erblickte, ſtand Leo an dem Leidenslager ſeiner 296 — Gattin, das er fuͤr ihr Sterbebett hielt, und ſeine heißen Thraͤnen fielen auf die kalten Haͤnde, die jezt nicht mehr den Druck der Innigkeit zu erwiedern vermochten, der fruͤ⸗ her ihrem darbenden Herzen Labſal geweſen waͤre. Vertilgt waren die Zweifel in ſeiner Bruſt, die Eugeniens teufliſche Liſt an dem entſchiedenen Werth ihres Charakters in ihm zu erregen geſucht hatte, und die Bilder je⸗ ner Zeit, wo ihr noch nicht vom tiefſten Weh des Lebens umfangenes Gemuͤth klar und offen in ſeiner ungetruͤbten Schoͤnheit vor ihm lag daͤmmerten vor ihm auf, wie eine holde Ferne, die Nebeldunſt einſt dem Auge entzog, die aber nun wieder hell her⸗ vortritt, wenn die Sonne mit ſiegender Ge⸗ walt ihren duftigen Schleier zerſtoͤrt. Ach— jezt konnte ſie die Zeichen ſeiner ungeheuchel⸗ ten Betruͤbnis nicht mehr als ein troͤſtendes Pfand der Theilnahme auffaſſen— nicht mehr das mild betonte, liebkoſende Wort vernehmen, mit dem ſein reuiges Gefuͤhl zu ihrem nur noch dumpf ſchlagenden Herzen ſprach, und wenn auch die neu erwachte Ue— — 297 berzeugung von der himmliſchen, ihr eigen— thuͤmlichen Guͤte ihm ſagte, daß ſie, die ganz Milde und Liebe war, nicht zuͤrnend und mit finſterm Groll dahin ſcheiden werde, ſon— dern ſanft verſoͤhnt, und den Urheber ihrer Schmerzen noch mit dem lezten ſtummen Athemzug ſegnend, ſo linderte dies ſeine Qualen doch nicht, denn: wird der Moͤrder dadurch entſuͤndigt, rief die Stimme der Verzweiflung in ſeinem Innern, wenn ſein Schlachtopfer mit brechenden Augen ihm zu⸗ winkt: ich habe Dir vergeben?— So hoffnungslos die bleiche Kranke ſei⸗ nen angſtvoll beklommenen Anſichten auch ſchien, ſo verzagten die Aerzte doch noch nicht ganz an ihrem Leben— nur forderten ſie die tiefſte Ruhe, und das Vermeiden je⸗ der Gemuͤthsbewegung, wenn ſie wieder zum Bewußtſein erwachen ſollte. Leider mußte er ſich vorſagen, daß ſein Anblick nicht wohl⸗ thätig auf ſie wirken koͤnne, und daß ſie wahrſcheinlich in den erſten Momenten der wiederkehrenden Beſinnung zu ſchwach ſein werde, ihn zu ertragen. Er entfernte ſich 298 alſo mit tief betruͤbter Seele, und ſchloß ſich ein, nachdem er Johanna befohlen, ihm von Zeit zu Zeit Nachricht von dem Befinden ihrer Gebieterin zu bringen. Mit welchen wilden, gewaltſam gaͤhren⸗ den Empfindungen vernahm Eugenia dies alles. Wie? ſollte ſie die faſt gereiften Fruͤchte einer langen Anſtrengung verlieren, die, wie ſie waͤhnte, kaum noch des lezten heißen Sonnenblicks bedurften, um ſuͤß und labend ihr fuͤr immer zuzufallen? Sollte Leo, deſſen humanes Gefuͤhl ſie jezt als die unwuͤrdigſte Schwaͤche in ihrem Inneren verwuͤnſchte, wirklich im Stande ſein, wie⸗ der umzukehren, dem Ziel ſo nahe, zu dem ſie Schritt vor Schritt mit ſchlauer Berech⸗ nung ihn hingeleitet?— Sie konnte es nicht faſſen, nicht glauben, denn dazu war er, wie ſie hoffte, den finſteren Maͤchten be⸗ reits zu tief verfallen, die ſie zur Erreichung ihrer Abſichten aufgeboten hatte— er konnte unmoͤglich, nachdem er bereits ſo entſchieden gehandelt, dieſem unmaͤnnlichen Wankelmuth, wie ſie ſein Betragen ſchalt, ihre ganze Exi⸗ 299 ſtenz zum Opfer bringen, die ſich mit allen Wurzeln des heißeſten Begehrens auf ſeine Leidenſchaft fuͤr ſie, ſo wie auf den Unter⸗ gang ſeiner Gemahlin zu gruͤnden ſtrebte.— Aufgeregt in ihrem tiefſten Inneren zu flammendem Zorn, zu bitterem Hohn gegen das Schickſal, gegen Leo, gegen ſich ſelbſt, rauſchte ſie am Spiegel voruͤber, der ihr entſtelltes Bild, ſchaudererregend, ihr zuwarf. Vor ſich ſelbſt erſchreckend, brachte dieſer An⸗ blick ſie ſchnell wieder zu ſich. Nicht ſo, fluͤſterte die Klugheit ihr zu, darf ſein Auge Dich erblicken. Sanft, duldend, gekraͤnkt, bereit zuruͤckzutreten, aber auch unvermeidlich dann der Verzweiſlung Preis gegeben, mußt Du bei dem naͤchſten Wiederſehen ihm erſchei⸗ nen, und durch eine tiefere Schmerzensfaͤhig⸗ keit, die Du zur Schau traͤgſt, ſeine Theil⸗ nahme von ſeiner Frau abziehen, um ſie Dir zuzuwenden. Nach dem gewoͤhnlichen Wider⸗ ſpruch, der das Gemuͤth der Menſchen re⸗ giert, ſezte der immer thaͤtige Geiſt der Spe⸗ culation in ihr hinzu, werden ſeine Wuͤnſche nach Deinem Beſiz um ſo gluͤhender erwa⸗ chen, wenn ſie ſcheinbar aufgehoͤrt haben, den Deinigen zu begegnen. Daher mußt Du Dich ſtellen, als wageſt Du nicht mehr, der Hoffnung zu vertrauen— deſto inniger wird die Muͤhe ſein, die er ſich giebt, ſie wieder in Dir anzufachen.— Als nach mehreren Stunden Johanna ihm meldete, daß die ſtarre Betaͤubung, in der die Graͤfin lag, ſich in einen milden Schlummer verwandelt habe, der endlich ihre muͤden Augenlieder zugedruͤckt, und daß die Aerzte eben von dem Balſam deſſelben ſich die vortheilhafteſte Wirkung verſpraͤchen, glaubte Leo Eugenien ſchuldig zu ſein, ihr dieſe troͤſtende Nachricht zu uberbringen, und die von innerer Erſchuͤtterung und Sorge uͤbertäubte Neigung zu ihr flammte feuriger als jemals wieder auf, als ſie, die er in ei— nem, ſein tiefſtes Gefuͤhl beleidigenden, faſt freudigem Affekt verlaſſen, ihm jezt weiblich ſanft, dem Anſchein nach ſehr ge⸗ beugt, aber mild, und unausſprechlich reizend in ihrer Traurigkeit, entgegen kam. Vergieb, meine Eugenia! redete er ſie — ůů ů ——————— 361 an, daß ich Dich ſo ungeſtuͤm verließ; aber welch ein Elender muͤßt' ich ſein, wenn ich gleichguͤltig bleiben köunte bei der Zerſtörung eines Weſens, das mir einſt ſo theuer war, und die, wie mein Gewiſſen mir vorwirft, wohl groͤßtentheils mein Werk iſt. Habe Mitleid mit dem gerechten Schmerz, den dieſer Gedanke in mir erregt. Ach— es iſt ein entſezliches Loos, im ſteten Kampf mit den Geboten ſeiner Ueberzeugung, und mit den heißen Wuͤnſchen ſeines Herzens zu ſein. Da nahm ſich Eugenia zuſammen, und mit heroiſchem Anſtand, gemildert durch den tiefſten Schmerz der Liebe, ſagte ſie: meine Liebe zu Dir iſt nicht von der engherzigen Art, daß ſie nur das eigene Gluck bedingt. Ich bin bereit, Deiner Ruhe jedes Opfer zu bringen, wenn ich die Schreckbilder, die ſie zerſtoͤren, auch nur fuͤr Chimaͤren erklaͤren muß. Laß immerhin das ſchoͤne Luftſchloß meiner Zuverſicht, das ſich auf die Wahrheit Deiner Empfindung fuͤr mich, auf Deine Feſtigkeit und Treue gruͤndete, in Trümmern 302 ſtuͤrzen, und unter dieſen Truͤmmern mich und meinen guten Namen begraben werden; wenn Du nur dann zufrieden biſt, will ich mir Muͤhe geben, es auch zu ſein, und ſo ſtill ergeben, wie gebrochene Kraft und ge⸗ täuſchte Hoffnung nur immer machen koͤn⸗ nen, den Richter unſeres ewigen Schickſals anflehen, daß er Dein Leben begluͤcke, und mich bald zu ſich empor rufe— hinweg von dieſer ſchwankenden Welt, wo ich nichts feſtes und zuverlaͤßiges fand, als die Gefuͤhle meiner eigenen Bruſt, die es zu meinem Ungluͤck waren. Sie wandte ſich bei dieſen Worten von ihm ab, um, gleichſam erſchoͤpft, und aufge⸗ loͤſet von dem namenloſen Weh, das ſie durchzitterte, in einen Seſſel zu ſinken. Im Glanz der Thraͤnen, die langſam uͤber ihre Wange rollten, ſchimmerten die ſchoͤnen, un⸗ beweglich gen Himmel gerichteten Augen zwiefach, waͤhrend ihre Zuͤge, von der Glo⸗ rie der ſchwerſten Entſagung, wie von einem Heiligenſchein umgeben, mit dem froͤmmſten Ausdruck der Reſignation und der Gott er⸗ 303 gebenen Geduld, nur dem das Leid ihres zerriſſenen Herzens zu klagen ſchien, dem ſie allein noch die Macht zutrauen durfte, es durch den Troſt der ewigen Liebe zu lindern. Leo, von dieſem Anblick und von dem edelmuͤthigen Schein ihrer Verzichtleiſtung ergriffen, die ſein argloſer Sinn keineswegs fuͤr Schein hielt, naͤherte ſich ihr voll lei⸗ denſchaftlicher Verehrung, aber mit tiefem Schmerz. O meine Geliebte! rief er aus, ich er⸗ kenne ganz in der Großmuth dieſer Geſin⸗ nungen die Milde Deiner ſchonenden Liebe, die mir das Heiligſte, was der Menſch be⸗ ſizt, den Frieden des Gewiſſens, er⸗ halten will, und meine innigſte Dankbarkeit, ſo wie die felſenfeſt jezt gegruͤndete Ueber⸗ zeugung von dem gediegenen Werth Deines Gemuͤths, knuͤpft mich unwandelbarer fuͤr dieſes und jenes Leben an Dich, als der Glanz Deiner uͤbrigen Vorzuͤge, die ſo ganz mein Herz erfuͤllen. Daher laß uns mit wuͤrdigem Ernſt die ſchweren Stunden er⸗ tragen, die der endlichen Entſcheidung unſe⸗ 204 res Schickſals noch voraus gehn. Nur die Huronen tanzen jubelnd auf Graͤbern— der ſittliche Menſch darf die Graͤnzlinie der Humanitaͤt nicht uͤberſchreiten, um durch roh entartete Barbarei und Haͤrte ſich ſelber zu entehren. Lieben kann ich ewig nur Dich, Eugenia!— aber zu toͤdten vermag ich nicht— ich bin kein Bube, und ſchaudere vor dem Mord eines ſchuldloſen Weſens zu⸗ ruͤck. O ſteh mir ferner bei mit Deiner ſtarken reinen Seele! Laß aus der Gruft, die ich ſchon gebffnet erblicke, ihr Opfer zu verſchlingen, nicht die Neſſel eines noch bren⸗ nenderen Vorwurfs, als bereits auf mir haftet, empor wuchern. Laß uns nach dem Segen der Verſoͤhnung ringen, und gemein⸗ ſchaftlich ein Leben ſchonen und ſtuͤzzen, das nur allzubald hinter der dunklen Pforte ver⸗ ſchwinden wird, die in jene furchtbare Welt fuͤhrt, aus der noch keiner wieder kehrte. Im bitteren Unmuth ergluͤhend war es Eugenien, als drohete der gefeſſelte Grimm ihres Buſens, ſeine Bande zu zerſprengen, und nur die viel geuͤbte, ihr gleichſam zur 2 305 anderen Natur gewordene Kunſt, ſich zu verſtellen, lieh ihr die noͤthige Gewalt uͤber ſich ſelbſt, die ſie bedurfte, um die wilde Empörung ihres Inneren hinter einem ſanf⸗ ten Anſchein zu verbergen. Denn ſie konnte ſich nicht verhehlen, daß ſie auf der ſich vorgezeichneten Bahn einen maͤchtigen Ruͤckſchritt gethan. hatte, und daß ſie, weiter als jemals, von dem Ziel entfernt ſtand, das ſie mit zehrender Unge⸗ duld zu erreichen ſtrebte. Stellten fruher nur die noch nicht beſeitigten Vechaͤltniſſe eine Scheidewand zwiſchen ſie und den Geliebten, ſo thuͤrmte jezt der Lichtſtrahl der Erkennt⸗ nis, unuͤberſteigbarer noch, ſie auf, der— einer beſſeren Welt entſtrahlend— in ſeine Seele gefallen war, und der Leidenſchaft un⸗ geſtuͤm auflodernde Flamme verdunkelte. Sie ſah ein, daß ſie in ihrem raſchen Eroberungs⸗ ſyſtem zu gewaltſam vorwaͤrts geeilt war, und daß ſie wieder einlenken muͤſſe, um nicht von dem bereits errungenen Stand⸗ punkt zuruͤck gedraͤngt zu werden. Mit der ſanfteſten Duldſamkeit alſo, — 306 die ſich nur immer erkuͤnſteln ließ, neigte ſie ſich zu dem Flehenden herab, der vor ihr nieder gekniet war, und ſein in Schmerz er⸗ bebendes Angeſicht in den gerungenen Haͤn⸗ den verbarg. Leo! geliebter Leo! fluͤſterte ſie, wie von der tiefſten Wehmuth durch— ſchauert, rechne ganz auf die, die ſich Dir auf ewig zum Eigenthum geweiht hat, und die— ich habe Dir es ſchon geſagt— kein Opfer ſcheuen wird, um Deiner verirren, von truͤben Fantomen geaͤngſtigten Seele die Beſchwichtigung zu verleihen, die nur immer aus Deiner voͤlligen Freiheit, und meiner guͤnzlichen Reſignation hervorgehen kann. Jezt aber bedarf Dein zerriſſenes Herz des Balſams, um nicht an ſeinen Wunden zu verbluten. O moͤchteſt Du in meiner un⸗ eigennuͤzzigen Liebe all' den Troſt finden, den ſie zu gewaͤhren vermag. Ich will ſie, und ſollte ich dem unnatuͤrlichen Kampfe auch erliegen, in die Schranken einer an⸗ ſpruchsloſen, veredelten Freundſchaft zuruck⸗ dräͤngen. Zu hoch und rein alsdann, als daß der Tadel der Welt ſie noch erreichen könnte, wird mir doch die Beruhigung ge⸗ ſtattet ſein: ewig Deine Freundin bleiben zu duͤrfen. Auch das iſt ſchon viel fuͤr ein Gemuͤth, das in jedem Gedanken und jedem Gefuͤhl nur Dich umfaßt.. Dieſe Aeußerungen einer milden, alle Selbſtſucht verlaͤugnenden Geſinnung, die nur ſeinen Frieden zu bezwecken, und dieſem freudig jedes eigene Gluͤck unterzuordnen ſchien, verfehlte ihre Wirkung auf Leo's dankbares Gemuͤth nicht. Denn— hatte auch ein fluͤchtiger Moment in ſeinen Augen ihre Maske geluftet, und ſie in entwuͤrdt⸗ gender Unzartheit ihm dargeſtellt, ſo blickte er doch jezt wie zu einer Heiligen zu ihr auf, die ihm anbetungswuͤrdiger als jemals duͤnkte. unter dem Vorwand, daß es Pflicht ſei, vermittelſt edler, dem Geiſt Nahrung und Erhebung gewaͤhrender Zerſtreuungen ſich von der finſteren Schattenſeite ſeines Lebens abzuwenden, die er fuͤr jezt doch nur unthaͤtig anzuſtarren vermochte, ſtatt ſie lich⸗ ten zu koͤnnen, wandte Eugenia den ganzen 308 Reichthum ihrer angeborenen und erworbe⸗ nen Talente auf, um ihm zu zeigen, was er in ihr beſeſſen, und— was er in ihr ver⸗ lieren wuͤrde. Da Muſik fuͤr ihn eine Stimme hoͤhe⸗ rer Sphaͤren war, die ſeine inneren Diſſo⸗ nanzen ſanft und milde zu loͤſen wußte, ſo uͤbte ſie— in welchen grellen und ſeltſamen Fugen auch immerhin das Saitenſpiel ihrer Seele erklang— dieſe zauberiſche Kunſt in ihrer ganzen Vollkommenheit, um ihn von ſeinem Gram abzuziehen, da der Verſtand ihr gebot, dieſen nicht offenbar zu bekäm⸗ pfen, ſondern nur durch freundliche Eindruͤcke zu ſchwächen und zu verwiſchen. Auf den toͤnenden Fluͤgeln ihres Geſanges, die ſich maͤchtig und immer mächtiger entfalteten, trug der Wohllaut ſeine Seele aus der mar⸗ tervollen Gegenwart in himmliſche Paradieſe empor, und ſie verfuhr auch hier, wie in allem, was ſie unternahm, und was zu ih⸗ rem Vortheil dienen konnte, nach einem wohlberechneten Syſtem„ das auf ihr tiefes 309 Studium der Schwaͤchen menſchlicher Natur ſich ſtuͤzte. Wohlweislich ließ ſie daher jezt die ſchwierigen Interwallen, und die durch ihre Rundung und Kraft ſo uͤberraſchenden Läufe ruhen, auf die ſie ſonſt, als auf den hoͤch⸗ ſten Triumph kuͤnſtleriſcher Anſtrengung, ſtolz war. Denn ſie wußte ſehr gnt, daß dieſe mehr das Urtheil des Kenners, als ſein Gefuͤhl anſprechen, und der guͤnſtigen Entſcheidung des erſteren laͤngſt verſichert, war jezt nur ihre Abſicht, das leztere bei Leo in ſeiner innerſten Tiefe aufzuregen. Weit ſicherer, als durch allen Schmuck der Kuͤnſtelei, und durch die verwickeltſten Paſſagen, fand ſie den. Wes zu ſeinem Her⸗ zen, wenn ſie, wie mehr als einmal geſchah, mit Pergoleſi's salve regina begann, und das himmliſche o dulcis o pia deſſelben, durch Laute, die dem dritten Himmel zu entſtammen ſchienen, in ſein Inneres hauchte, und dann, wenn dieſes durch den goldenen Schluſſel der Tonkunſt fur den vollen gluͤ⸗ henden Strom einer zärtlicheren Empfindung 310 geoͤffnet war, und ihr Auge voll Troſt und voll Verheißung den Gegenuͤberſtehenden in die beſſeren Welten entruͤcken half, die der wuͤrdevolle Vortrag jener hehren Melodie ihm erſchloß, dann ſtieg ſie in leiſen Abſtu⸗ fungen von dem Gipfel des ſich bis zu den Sternen erhebenden Ernſtes gleichſam auf die Erde, zu mild erwaͤrmenden und erwei⸗ chenden Klaͤngen herab, bis von den Liebe⸗ flammen durchlodert, jeder Ton zu einem Pfeil ward, den die maͤchtigſte aller Leiden⸗ ſchaften in ſein wehrloſes Herz ſandte. Zu den magiſchen Wirkungen einer Kunſt, in der ſie Meiſterin war, und die ſo viel uͤber ihn vermochte, geſellte ſich noch der Einfluß ihrer Schoͤnheit, die niemals ruͤhrender als jezt, im unterdruͤckten Schmerz, der ſich zu lächeln bemuͤhte, im Perlenglanz der Thraͤnen, die ſie verbergen wollte, und in der bebenden Wehmuth eines durch keinen friſchen Lebenshauch der Hoffnung mehr be⸗ wegten Buſens zu ſeinem Inneren ſprach. Zwiefach beſtuͤrmt durch die geheimnißvollen Maͤchte, die ſeine Willenskraft ſo oft uͤber⸗ 311 waͤltigten, zeigte ihm ſeine heiße Sehnſucht Eugeniens Beſiz als das hoͤchſte, einzige Ziel ſeiner Wuͤnſche, wäͤhrend der Zuſtand ſeiner Gattin Entſagung als eine herbe For⸗ derung der Pflicht von ſeinem zerriſſenen Herzen verlangte. Als Agnes aus einem langen, langen Schlaf erwachte, ſchien die ſchroffe Span⸗ nung ihrer Nerven ſich in einer linden Mattigkeit geloͤſet zu haben, und nicht mehr bewußtlos, aber gleichguͤltig, und voͤllig mit dem Daſein abgefunden, war es, als wan⸗ dele ſie in einer Welt, mit der ſie fuͤr im⸗ mer ihre Rechnung abgeſchloſſen, und nur hoͤchſt einſylbig, blos das Mechaniſche des Lebens beruͤhrend, waren die Laute, die Jo⸗ hanna's beharrliche Treue ihren bisher ver⸗ ſtummten Lippen abzugewinnen ſuchte, um ſich die troͤſtliche Ueberzeugung zu verſchaffen, daß ihre von dem bitterſten Weh uͤberflu⸗ tete Beſinnung jezt wieder klar geworden, und nur abgeſtumpft durch den Druck der Leiden, nicht aber fuͤr immer erſoſchen ſei. Wer ſie ſo ſah, wie ſie— die Bluͤthe — ihres Seins fruͤh gewelkt am ſengenden Strahl des Geſchicks— gleichſam in einem fortwaͤhrenden Traum, der eine wohlthaͤtige Nebelhuͤlle um das ſcharf verlezte Herz webte, einher ging, und das demuͤthige, ob⸗ gleich durch die reinſte weibliche Wuͤrde ver⸗ klärte Haupt ruhig in das Abendroth des untergehenden Lebens empor richtete, der konnte nicht ohne tiefe Trauer dieſe ruͤhrende Erſcheinung in ſich aufnehmen. Denn Rein⸗ heit der Seele uͤbt im Innern eine ſolche ſtille, ſiegende Gewalt, daß ſie auch den ver⸗ ſunkenſten Sinn, dem ſie klar wird, zur Anerkennung und Verehrung zwingt. Dun⸗ kel und ſchwer waren ihre Gefuͤhle, doch nicht duͤſter der ſtille Ernſt, mit dem ſie in ſich ſelbſt verſank, und nur das ſchmerzliche Lächeln, das zuweilen traͤumeriſch um ihre bleichen Llppen zuckte, erinnerte bei der kran⸗ ken Verſtoͤrtheit ihrer Zuͤge an eine Regen⸗ ſchwere Wolke, deren Saum der Abſchieds⸗ blick der ſinkenden Sonne vergoldet. Leo machte mehrere Verſuche, zart und vorſichtig ſich ihr zu nahen— doch jezt 313 ſchien das Unmoͤgliche moͤglich geworden zu ſein, und ſeine Gegenwart den Zauber fuͤr ſie verloren zu haben, der ſonſt alles um ſie her roſig verklaͤrte, wenn er bei ihr war. Denn wenn er ſchweigend neben ihr verweilte, bemerkte ſie ihn nicht, und ſaß oft lange an ſeiner Seite, ohne wahrzuneh⸗ men, daß eine fremde Naͤhe ihre Einſamkeit ſtoͤre. Wenn er aber gequaͤlt vom Gift der Reue und vom Schmerz uͤber einen Zuſtand, deſſen kummervolle Zerſtoͤrtheit ſein Werk war, er verſuchte, ihr Rede abzugewinnen, wodurch er das gewaltſam von ſeiner Hand zerriſſene Band der Mittheilung zwiſchen ihm und ihr ſanft vermittelnd wieder anzu⸗ knuͤpfen ſtrebte, dann ergriff ſie jedesmal, von dem ſonſt ſo harmoniſch ihr klingenden Ton ſeiner Stimme erſchreckt, ein heimliches Grauen mit unwillkuͤhrlichem Schauder— ihr Geſicht verhuͤllend, wandte ſie ſich von ihm hinweg, der fruͤher der Hoffnungsſtern ihres Lebens geweſen, und abwaͤrts winkend ſchien die einzige Forderung, die ſie an ihn machte— ſeine Entfernung zu ſein. 1⁴ 1 31 4 Auf dieſe mehrmals wiederholte Wahr⸗ nehmung riethen die Aerzte ihm jezt ſelbſt, ſie mit ſeinen Beſuchen vorlaͤufig zu verſcho⸗ nen. Sie verordneten der Kranken die milde Beſaͤnftigung des Landlebens, die aus der ungeſtoͤrteren Stille, den reineren Luͤften, und der ſeelenvollen Sprache der verjuͤngten Schoͤpfung im Fruͤhling hervor zu gehen pflegt, da die Natur— wie die Religion — Hieroglyphen hat, die— dem gleichmuͤ⸗ thigen Sinn unleſerlich— oft nur ein tie⸗ fes Leid zu entraͤthſeln vermag, um linden Troſt daraus zu ſchoͤpfen. Willenlos, ohne Zufriedenheit oder Ab⸗ neigung zu bezeigen, ließ ſich Agnes in den Wagen fuͤhren, der ſie zu dem nah gelegenen Landhaus brachte, wo ſie einſt ihre glucklich⸗ ſten Stunden in ungetruͤbtem Beiſammen⸗ ſein mit dem Manne verlebt hatte, dem ihre ganze Seele gehöͤrte, und in deſſen Garten unter Trauerweiden ſpaͤterhin der kleine Huͤ⸗ gel ſich woͤlbte, der ihres Emil's irdiſche Ueberreſte verbarg. Waͤhrend des Verſuchs, den man machte 7 315 ob groͤßere Ruhe von außen, die Einwirkung der ſchoͤnen Jahrszeit, die die Nerven durch das Leben im Freien beruhigt und ſtaͤrkt, ſelbſt der vielleicht durch tiefen Schmerz ih⸗ rem Gemuͤth ſeine Spannkraſt zuruͤck gebende Anblick des, ſonſt ſo oft mit ihren heißen Thraͤnen benezten Grabes, Agnes aus dieſem ſcheinbaren Seelenſchlaf zu wecken im Stande ſei, wollte die Schicklichkeit nicht geſtatten, daß Eugenia in einem Hauſe bliebe, das ohne Frau, wie ſie behauptete, kein anſtän⸗ diges Aſyl mehr fuͤr ſie ſei. Da Leo von ihrer gaͤnzlichen Entfernung, mit der ſie ihn mehreremale bedrohte, nichts hoͤren wollte, ſo nahm ſie die Vermittelung an, durch die er ihr einſtweilen im Hauſe der Generalin Mohrungen einen Aufenthalt begruͤndete, und wo ſeine taͤglichen Beſuche ſie fuͤr die weitere Kluft zu entſchaͤdigen ſuchten, die ſie jezt trennte. Indeß erfuͤllte das Auſſenbleiben aller Nachricht von Agnes ihre Freundin Bertha mit den baͤngſten Sorgen für ſie. Mehrere Briefe, durch die ſie nach der Urſach eines 346 ſo beunruhigenden Schweigens forſchte, be⸗ fanden ſich uneroͤffnet in Johanna's Ver⸗ wahrſam, da die Graͤfin, welche ihnen ſonſt mit Sehnſucht entgegen geſehen hatte, jezt, wenn ſie ihr dieſelben brachte, ſie uur einen Moment gleichguͤltig betrachtete, und ſie dann unerbrochen neben ſich hinlegte, auch auf Johannens Bitte, ſie doch endlich zu leſen, blos durch einen ſtarren obgleich aus⸗ drucksvollen Blick antwortete, der zu verkuͤn⸗ den ſchien, daß ſie nun auf einem Stand⸗ punkt ſtehe, wo ſie ſich mit allen Verbindun⸗ gen der Auſſenwelt abgefunden habe. Mit jeder Woche ſtieg indeß die Angſt der liebevollen Freundin, und endlich faßte ſie den Entſchluß, ſich mit eigenen Augen zu uͤberzeugen, wie es ihrer Agnes ergehe. Denn eine truͤbe Ahnung, die ſich nicht be⸗ ſchwichtigen ließ, ſagte ihr, daß ſie ihres treuen Beiſtands wohl beduͤrfe. Sie uͤberwand alſo muthig alle Hinder⸗ niſſe, die einer Reiſe zu ihr ſich in den Weg ſtellten, und die freundliche Bereitwil⸗ ligkeit des Benndorfiſchen Ehepaars, dem ſie — 312 ihren Kummer, ſo wie ihre Wuͤnſche anver— traut hatte, erleichterte ihr auf alle Weiſe die Ausfuͤhrung des Plans, von dem ſie ſich Beruhigung verſprach. Denn waͤhrend Benndorf ſich ihr zum Begleiter anbot, erbat ſich ſeine Gattin, während ihrer Abweſenheit die Pflege ihres tränkellden Vaters uͤbernehmen zu duͤrfen, und dieſer verweigerte ſeine Einwilligung keineswegs, da er einſah, daß ſeine Tochter nur auf dieſem Wege ihre durch Zweifel und orge geſtoͤrte Gemuͤthsruh wieder rde. Die Furcht, daß Eugeniens Intriguen⸗ geiſt endlich ganz uͤber die fromme, duldſame Agnes geſiegt haben moͤchte, und daß dieſe vielleicht ihrem Schmerz erlegen ſei, bildete waͤhrend dieſer mehrtaͤgigen Reiſe den duͤſte⸗ ren Hintergrund jeglicher Erwartung in Ber⸗ 3 tha's Seele, und den ausſchließlichen Stoff ihrer Geſpraͤche mit Benndorf, der nicht er⸗ mangelte, durch manchen einzelnen Zug von der Liſt und Verſchlagenheit des gefaͤhrlich⸗ ſten Geſchoͤpfs, das ſo feindſelig in Agnes * 318 Schickſal eingegriffen hatte, ſie in ihrem tie⸗ fen Abſcheu gegen ſie zu beſtaͤrken. Als Bertha aber einſt von der Unge⸗ wißheit ſprach, ob es gelingen werde, Leo die Angen uͤber ſie zu oͤffnen, enn⸗ dorf laͤchelnd: ſein Sie unb mag ſie auch noch ſo weit in k ſchon geuͤbten Kunſt gekommen ſein, die hef⸗ tigſte Leidenſchaft zu erwecken, und den Mann, der ſich ihr hingiebt, an dem Gaͤngelband der frevelhafteſten Willkuͤhr zu leiten— mein Anblick allein, das weiß ſie mitten in den kriegeriſcher er ihrer Eroberungspläne aus denk Felde zu ſchlagen, und waͤre ſie wirklich frech genug, mich verlaugnen zu wollen, ſo fuͤhre ich hier — indem er die volle Brieftaſche aus ſeinem Buſen hervorzog— Waffen bei mir, gegen die kein Vertheidigungszuſtand hilft. Sie kamen an, doch ſtatt ihrer Agnes, nach der Bertha ſich mit banger Wehmuth ſehnte, fand ſie nur das leere Haus, wo die um ihre gute Gebieterin bekuͤmmerten Dienſtboten ihr den traurigen Zuſtand der⸗ 319 ſelben andeuteten, und auf die Fragen nach Leo erwiederten, daß er bei der Generalin Mohrungen ſei, wo Fraͤulein Silberſtedt durch mimiſche Darſtellungen und Deelama⸗ tion verſprochen habe, die Geſellſchaft zu unterhalten. Eilen Sie zu Ihrer Freundin, ſprach Benndorf, indem er der Tiefbewegten wieder in den Wagen half, und uͤberlaſſen Sie es mir, mich unter die Zuſchauer der gefeierten Kuͤnſtlerin zu miſchen. Ich wette, wenn ſie den ungebetenen Gaſt erblickt, wird ſie der Geſellſchaft das unerwartete Schauſpiel ge⸗ ben, aus ihrer Rolle zu fallen, und ich freue mich auf dieſe Ueberraſchung, von der ich Ihnen, ſo wie von allem, was hier vorgeht, die treueſte Kunde verſpreche. miz Es war ſchon uͤber acht Uhr Abends, und mit Recht durfte er vermuthen, daß ezt die Darſtellung bald beginnen werde, in der Eugenia einen neuen Kranz des Ruhms zu erſtreben, und ſich Leo von einer Seite zu zeigen hoffte, wo ihr Talent ihm noch fremd war. Er erfuhr von den Bedienten 320 der Generalin, daß kein großer Cirkel ver⸗ ſammelt ſei, ſondern nur einige Auberwaͤhlte des taͤglichen Kreiſes, weil das Fraͤulein ſich geweigert habe, jezt, wo die Graͤfin Wall⸗ brunn ſich in einem bedenklichen Geſundheits⸗ zuſtand befinde, vor einer iahlteichen Verſammlung aufzutreten. Benndorf gab vor, daß er ein intimer Freund des Fraͤuleins ſei, und daß er durch ſein ploͤzliches Erſcheinen der ganzen Geſell⸗ ſchaft eine angenehme Ueberraſchung zu be⸗ reiten hoffe. Unter dieſem Vorwand bat er, ihm ein Plaͤzchen anzuweiſen, wo er unbemerkt den kuͤnſtleriſchen Beſtrebungen des Fraͤuleins zuſehen, und ſich den Augen⸗ blick waͤhlen koͤnne, den er am geeignetſten zum Hervortreten ſinde, und da er ſeine Bitte durch den klingenden Nachdruck einer unge⸗ meſſenen Freigebigkeit begleitete, ſo fuͤgte ſich alles gern und bereitwillig nach ſeinem Wunſch. Die leicht uͤberſehbare Anzahl der Ge⸗ ſellſchaft machte es unmoͤglich, ihm im Sa⸗ lon, wo man ihn ſogleich gewahr worden 3 waͤre, eine fuͤr ſeinen Zweck paſſende Stelle anzuweiſen, aber in einem angrenzenden Ca⸗ binet, wo man die Erfriſchungen ſervirte, ließ eine Glasthuͤr, von deren innerer Flaͤche ein ſeidener Vorhang niederwallte, unbemerkt das Ganze uͤberſchauen, und da der eine Fluͤgel derſelben, des oͤfteren Hin- und Her⸗ gehens wegen, immer geoͤffnet blieb, ſo war es moͤglich, ploͤzlich, ohne alles Geraͤuſch, wie ein Geſpenſt vor der Schuldigen zu er⸗ ſcheinen. Dieſe prangte, ohne zu ahnen, daß es das leztemal in ihrem Leben ſei, im vollſten Glanz der Anmuth, die Natur und Kunſt im ſchweſterlichen Bunde ihr verliehen, und Benndorfs läͤngſt vom Schleier der Verblen⸗ dung befreites Auge wurde von der Goöͤtter⸗ kraft der Schoͤnheit und dem namenloſen Zauber dieſer Geberden, dieſer Akzente, von dem magiſchen Reiz dieſer, die zarte Grenz⸗ linie des Edlen und Erhabenen, nicht mit einer einzigen Bewegung uͤberſchreitenden Geſtalt, ſo wie von der Beredtſamkeit ihrer Mienen ſo beſtochen, daß er mehrere Seenen 622 in ſchweigender Bewunderung mit anſah, waͤhrend der Vorſaz, ſie durch ſeinen Anblick nieder zu ſchmettern, wie die Erinnerung eines Traumes in ihm verdämmerte. Endlich ermannte er ſich, und in dem huldigenden Beifall, der die Gefeierte um⸗ rauſchte, wurde ihm das Ziel ſeines Hier⸗ ſeins wieder klar. Sie hatte ſich entfernt, um ſehr bald, anders drappirt, zu erſcheinen, und mit einer Scene aus Phaͤdra, deren tragiſche Wirkung auf die Zuſchauer ſie ſchon oft bei fruͤheren Verſuchen erprobt hatte, fuͤr diesmal ihre Darſtellungen zu beſchließen. Es war das vom Dichter dem innkrſten geheimſten Weſen weiblichen Schmerzes ab⸗ geſtohlene, furchtbar wahre Bild des, die ganze Nacht des Orcus aufſchließenden Jam⸗ mers, das ſie gewaͤhlt hatte, wo Phaͤdra mit den Worten beginnt: ils s'aimeront tou- jours!— die von ihren Lippen geſprochen, jeder Bruſt, die ſie vernommen, die tiefe Wunde des heißeſten Mitgefuͤhls ſchlug, und doch durch ihr Verſinken in den dunkelſten Abgrund der Verzweiflung die Thränen 323 gleichſam verſteinern ließ, die dem, jeder ih⸗ rer Bewegungen folgenden Auge, ſich ge⸗ waltſam aufdraͤngten. Vom Scheitel bis zur Sohle in das edelſte Coſtuͤm der Antike gehuͤllt, brachten die vortheilhaft gewaͤhlten Farben, und der grandioſe Faltenwurf, mit dem ſie ihre wei⸗ ten Gewaͤnder zu ordnen wußte, ſchon bei ihrem noch ſtummen Erſcheinen den glaͤn⸗ zendſten Eindruck hervor. Sie trat auf, als ſchwebe der ſie ver⸗ folgende Goͤtterzorn wie eine finſtere Wolke uͤber ihrem Haupte, aber nicht, um es zu beugen, ſondern um es darbieten zu muͤſſen, dem unausweichbaren Elend. Benndorf ſah nur das herrliche Profil des Antlizzes, deſſen Zuͤge ſich einſt ſo tief in ſein betrogenes Herz geprägt hatten, und die jezt, wie da⸗ mals, den Stempel eines Gefuͤhls trugen, das ihrem Inneren fremd war— nur den blendenden weißen Arm, der— ein Mei⸗ ſterſtuͤck der formenden Natur— in jeder wohlberechneten Regung das hochlodernde Aufflammen der vom Sturm des Verhaͤng⸗ 324 niſſes wu aſnn verkuͤnden half. Als ſie nun, wie von den en Furien ihres Schickſals getrieben, ſich mit den Worten: et je vis, et je soutiens la vie! ihm naͤherte, und ſtufenweis die dun⸗ kele Fuͤlle ihrer Seele bis zu dem Gipfel aller Qual hinaufſteigerte, die in dem ſchau— dervollen Ausbruch des erliegenden Gefuͤhls: fuyons dans la nuit infernale! liegt— da riß Benndorf, von den Reminiscenzen der Vergangenheit, und von dem Andenken der bitteren Kraͤnkungen uͤberwaͤltigt, die ſein gemishandeltes Herz einſt erlitten, ſich ent⸗ ſchloſſen auf, und? kennſt Du mich? — rief er mit donnernder Stimme, indem er vor ſie trat, den finſtergluͤhenden Blick feſt und unerſchuͤttert in ihre verzagende Seele bohrend. Glaubteſt Du wirklich in Deiner thoͤrichten Sicherheit, fuhr er fort, ich wuͤrde auf dieſen Augenblick verzichten, auf den die Nemeſis, der Du laͤngſt verfal⸗ len, mich angewieſen hat? Dich zu entlar⸗ ven kam ich hier her, damit Du das wirk⸗ ———— ————— —— —————————— 323 liche Leben nicht laͤnger als Buͤhne Deiner herzloſen Verſtellungskunſt entweihen, ſondern lieber dem Theater, wo man ſeine Illuſio⸗ nen doch nicht mit Familiengluͤck und See⸗ lenruh erkauft, Dein vielſeitiges Talent, zu betruͤgen, widmen moͤchteſt. Wie vom Bliz getroffen, der durch ei⸗ nen maͤchtigen Strahl die ſchlanke Pappel ſpaltet, und ihre gruͤn umlaubte Krone ver⸗ ſengt in den Staub ſtuͤrzt, ſo ſtand Eugenia, erſt aufkreiſchend in den grellen Toͤnen des Entſezzens, und dann vernichtet in der in⸗ nerſten Tiefe ihres Seins vor ihm, und fuͤhlte ſich von jeder Kraft, die ſie ſonſt un⸗ terſtuͤzte, verlaſſen, indem ſie, langſam in ſich zuſammen brechend, mit ſchlaff herabgeſunke⸗ nen Armen und dem wie eine welke Blume ſich neigenden Haupte, von Krämpfen ergrif⸗ fen, zu ſeinen Fuͤßen nieder fiel. Jezt hatte Leo die laͤhmenden Bande des Schreckens von ſich abgeſtreift. Faſſen konnte er dieſen Auftritt noch nicht, aber ſein Gefuͤhl rief ihn auf, die Geliebte vor jeder Schmähung und Verfolgung zu ſchuz⸗ 326 zen, und da er ſah, daß die Damen ſich um ſie verſammelten, um ihr beizuſtehn, und daß ſie die Augen wieder aufſchlug, um ſie mit dem Ausdruck der Todesangſt auf Benn⸗ dorf zu richten, ſo forderte er mit dem gan⸗ zen Ungeſtuͤm ſeiner aufgereizten Empfindung dieſen zu blutiger Rechenſchaft. Ich ſteh' Ihnen Rede, antwortete Benn⸗ dorf kalt, indem er die verhaͤngnisvolle Brief⸗ taſche halb geoͤffnet empor hielt, um Euge⸗ nien die Briefe zu zeigen, die— wie ſie wohl wußte— in Leo's Hand gefallen, eine augenblickliche und ewige Trennung veran⸗ laſſen mußten. Aber ehe wir den Degen ziehn, um unſer Blut fuͤr eine Unwuͤrdige zu verſprizzen, ſei es mir vergoͤnnt, durch dieſe Papiere das Recht zu beweiſen, das inſtige Verhaͤltniſſe mir auf dies Verfahren gaben. In einer ruhigeren Stunde, Herr Graf! ſuche ich Sie wieder auf. Er ging. Man machte Anſtalt, Aerzte herbei zu rufen, und Eugenien zu Bett zu bringen. Durch ein entſezliches Vorgefuͤhl gemartert, beſchwor Leo ſie um Aufklärung— k 327 allein ſie fuͤhlte, ſie ſei zu Ende— keine ſchlaue Caſuiſtik, kein noch ſo heuchleriſch er⸗ ſonnener Roman koͤnne mehr helfen, und das Ephemerendaſein ihrer raͤnkevollen und ent⸗ wuͤrdigten Epiſtenz ſei ausgelebt, Daher ſtieß ſie den ſonſt ſo heiß begehrten Gegenſtand ihrer Wuͤnſche gewaltſam von ſich, denn eine untruͤgliche Stimme in ihrem Buſen prophezeite ihr, ſie habe ihn auf ewig verlo⸗ ren, da ſeine Liebe zu ihr, Benndorf gegen uͤber, den graͤßlichen Seelentod der Entzaube⸗ rung ſterben muͤſſe, und auf nichts mehr rech⸗ nend, an jeder Hoffnung verzweifelnd, trozte der ſchnell gefaßte Entſchluß, deſſen Ausfuͤhrung ſie als das einzige erkannke, was thr uͤbrig blieb, jedem milden Gefuͤhl, das ſich ihr näher⸗ te, ſie zu erweichen, aufzurichten und u un⸗ terſtuͤzzen.§ Als Leo, ſpaͤt in der Nacht die Schwell ſeines Hauſes betrat, um zu verſuchen, ob Ruhe, wenn auch nicht Schlaf, auf ſeinem Lager ihn erwarte, uͤberreichte man ihm ein Paket. Er oͤffnete es; ein Blatt von Benn⸗ dorf war der Brieftaſche beigeſchloſſen, in 6 — 328 deren ſtrozzenden Inhalt er Eugeniens Hand — aber nicht das Gemuͤth erkannte, das ſeine ungluͤckſelige Verblendung ihr, mit al⸗ len Reizen ſittlicher Guͤte und Vollkommen⸗ heit geſchmuͤckt, angedichtet hatte. Benndorf gab ihm eine kurze Skizze ſeiner Vergan⸗ genheit, und den Flor wegſchiebend von Eu— geniens fruͤheren Verhaͤltniſſen, und ihrer Handlungsweiſe, uͤberließ er dann ihren ei⸗ genen Briefen, die ſchrecklichſten Ankläger ihrer Verworfenheit zu werden. Die Waͤrterin, der man Eugeniens Pflege uͤberlaſſen hatte, war, ermuͤdet von ihrem anfaͤnglichen Toben, eingeſchlummert, da ſie nun wieder ruhig geworden zu ein ſchien, und ſich ſtellte, als ſchlafe ſie ſelbſt. Kaum aber ſah ſie ſich unbeobachtet, ſo raffte ſich Eugenia auf, um bei dem Schein der nächtlichen Lampe, die ihre lezten Stun— den erhellte, das einzige Geſchaͤft zu vollzie⸗ hen, zu dem das brechende Herz ſie noch draͤngte. „Haſt Du nimmer die Sage gehoͤrt, ſchrieb ſie an Leo, die in dem heroiſchen .— —— ——— — Muthe des dem Menſchen ein beſchaͤmendes Beiſpiel. im Ungluͤck aufſtellt? — Rings umgeben von Glut, die eine un⸗ durchdringliche Mauer zwiſchen ihn und der Freiheit baut, verſucht er, den Kreis zu durchbrechen, in deſſen Mitte das Spiel ei⸗ nes grauſamen Muthwillens ihn bannte. Doch— wohin er ſich wendet, ſtreckt das Feuer, das ihn umringt, ſeine flammenden Zungen ihm entgegen. Entrinnen kanu er nicht— aber er verſchmaͤht, ſich müde zu kämpfen, bis er der unausweichbaren Qual erliegt. Hoch ringelt ſich ſein Schweif, mit dem toͤdtenden Stachel bewaffnet, uͤber ſei⸗ nem Haupte empor, und mit dem ſichern Tact des Inſtinkts weiß er die Stelle zu treffen, wo der Nerv des Lebens durch eine ſchnelle Vernichtung, die er ſich ſelbſt giebt, im Todeskampf erſtarrt, und langwierige Leiden ihm ſpart.“ „Ein ſolcher Zuſtand, Leo! iſt der meine. Sollte dieſes elende Inſect mich uͤbertreffen? Nein, ich uͤberlebe das Schickſal nicht, das ſo nnvermuthet üͤber mich einbrach, und das 14** —————— 330 ——— nur um ſo ſchwerer mir zu tragen waͤre, da ich es verſchuldet habe. Laͤngſt ſchon nahte mir in bangen Stunden der Unzufriedenheit mit meinem Looſe, oder in den leiſen Zuk⸗ kungen des Gewiſſens, die nicht immer das Geraͤuſch der Welt uͤbertaͤubt, als lezter Troſt, jene ſcheue Suͤnde, vor der die Menſchheit ſchaudert— der Sebbſtmord — der gewaltſam die Riegel des ehernen Thores ſprengt, das in ein finſteres Jen⸗ ſeits hinuͤber fuͤhrt, wo Lohn und Strafe unſerer warten, und ich betrachtete ihn mit unerſchrockenem Blick als einen Freund, im⸗ mer bereit, in unabſehbarer Noth zu meiner Rettung zu erſcheinen.“ „Jezt— wo alle meine Hoffnungen mich verlaſſen, und das Geſchick mit ſeinem ſchaͤrf⸗ ſten Pfeile mich ereilt— jeit vertrau ich ihm allein, und nicht vergebens. Denn in dem Gift, das ich— vielleicht aus dem ah⸗ nungsvollen Vorgefühl, es einſt zu beduͤrfen, — ſchon ſeit Jahren bei mir trug, reicht er mir, obgleich unter Schauern des Entſez⸗ ———— 334 zens, die Hand, mich hinaus aus dem Laby⸗ rinthe dieſes Lebens zu leiten. Was Du auch von mir bereits vernom⸗ men haſt, und was Du noch hoͤren wirſt, Leo— ich laͤugne nichts— ich entſchuldige mich nicht— aber ich flehe mit meinem lez⸗ ten Seufzer zu Dir: richte mich nicht zu hart— fluche mir nicht. Zwar habe ich ſchwer geſuͤndigt gegen Dich und Deine Gat⸗ tin— habe Deine häusliche Zufriedenheit geſtoͤrt, ſtatt ſie durch milde und freundliche Vermittelung zu befeſtigen, und durch nim⸗ mer ruhende Liſt, und die Intriguen der Gefallſucht Dich von Deiner Pflicht abwen⸗ dig gemacht, ſtatt Dich zu ihr zuruͤck zu fuͤhren—— habe Deine ſchuldloſe Fraun verlaͤumdet und gekraͤnkt, und durch das Vorgeben, ein Kind von Dir unter meinem Herzen zu tragen, ſie abſichtlich darnieder⸗ geſchmettert, und in den Zuſtand geſturzt, deſſen wunderbare Entſtehung allen, nur mit nicht, ein Räthſel war—— aber ich liebtt Dich, Leo!— Zum erſtenmal in einem vielfach eutweihten Daſein unterſtuͤzte mein Herz die Wuͤnſche des Verſtandes, denen ich jede beſſere Ueberzeugung zum Opfer brachte. Ich liebte Dich wahrhaft— das kann mich freilich nicht entſchuldigen—— aber es moͤge das befleckte Bild laͤutern, das von mir in Deinem Herzen zuruͤckbleibt⸗ und Dich mit mir verſoͤhnen.“ „Und ſo lebe nnnhil 5ch ſcheide gern, denn ich haͤtte es nicht ertragen, mich von Dir verlaſſen, gehaßt, verachtet zu ſehn. Mache, wenn es nicht zu ſpaͤt iſt, wieder gut, was meine flammende Leidenſchaft fuͤr Dich verſchuldete, und die Qual meiner lez⸗ ten Stunde mildere Deine Geſinnung gegen mich, und goͤnne mir— wenn auch unver⸗ dient— den Troſt Deines Andenkens.“ Als die Waͤrterin am Morgen erwachte, glaubte ſie, daß ihre Kranke noch ſchlafe, denn ſtill war ihre Naͤhe, und die feſt zu⸗ gezogenen Vorhaͤnge ihres Bettes ſchienen tiefer noch ihren ruhigen Schlummer zu verbuͤrgen, und zu ſchirmen. Doch als der Arzt tam, und man leiſe und behutſam die 7 6 — n Garbinen oͤffnete, um ihren Zuſtand zu be⸗ obachten, erblickte man ſie von dem Schmerz, der ihre Eingeweide zerriſſen hatte, krampf⸗ haft zuſammen gezogen— die Zuͤge entſtellt — das Auge weit offen, und im gräßlichſten Todeskampf gebrochen. Sie ſchlief wirklich, aber jenen tiefen, ſchauervollen Schlaf, dem kein Erwachen mehr folgt—— moͤge der Richter uͤber den Sternen ihr verzeihen. Der Schmerz der gemachten Entdeckun⸗ gen, die ſein Ideal der hoͤchſten weiblichen Vollendung in den Staub der Erniedrigung ſtuͤrzten, und das Entſezzen uͤber Eugeniens Tod, und die Art, wie er ſie betroffen, die man ihm mit ihrem hinterlaſſenen Briefe ſchonungslos hinterbrachte, wirkte ſo furcht⸗ bar auf Leo's durch vielfache Gemuͤthsbewe⸗ gungen ſchon lang vorher erſchuͤtterte Ner⸗ ven, daß er in eine ſchwere Krankheit ver⸗ fiel, aus deren Gefahren jedoch die Kraft der jugendlichen Natur, unterſtuͤzt durch die Kunſt der Aerzte, ihn endlich rettete. Monate waren vergangen, als er mit dem Gefuͤhl der in ihm einkehrendlu Gene⸗ X 4 , * ſung wieder in's Leben blickte—— wie ſo au⸗ ders erſchien es ihm jezt, als einſt!— Die Schuppen waren von ſeinen Ausen zehe— der Taͤuſchung Nebel zerronnen am Strahl der Er⸗ kenntniß, der in ſeine Seele hereinbrach, und aus dem tiefen Weh der Reue, die ſeine Bruſt zu er⸗ fuͤllen begann, ſtrebte ſein Gemuͤth, jene Heili⸗ gung zu ſchoͤpfen, die durch den Vorſaz, wieder gut zu machen, mit einer ſtrafbaren Preznſt heit verſoͤhnen hilft. Der Lehrer ſeiner fruͤhſten Jugend, ein wuͤr⸗ diger Geißtlicher, war auf die Nachricht von ſei⸗ ner Krankheit herbei geeilt, ſich des Verlaſſenen anzunehmen, den nur gemiethete Haͤnde bedien⸗ ten, und da die zartere Pflege der Liebe ihm ge⸗ brach, hielt er es fuͤr Pflicht, uͤber einem Leben zu wachen, deſſen Leitung am Morgen deſſelben ihm einſt anvertraut war. Zu ihm, den Leo ſtets durch kindliche Dankbarkeit und durch Vertrauen ehrte, wandte er ſich auch jezt, wo ſein in Weh⸗ muth zerſchmelzendes Herz ſich mit neu erwachter Liebe nach ſeiner Agnes ſehnte, und leiſe die Frage ausſprechend: wie es ihr ergehe? und: ob ſie ſeiner wohl zuͤrnend gedenke? lauſchte er ängſt⸗ lich forſchend auf den Ausdruck ſeiner Zuͤge, um wo möglich die Antwort früher noch zu errathen, zu hörin. Doch ſein väterlicher Freund, der immer, 3 —— wiewohl oft vergebens, ſich beſtrebt hatte, das weiche Gemuͤth des fuͤr jeden Eindruck empfaͤng⸗ lichen Zoͤglings, durch den ſtrengen Ernſt der Wahrheit zu kraͤftigen und zu ſtaͤhlen, verſchmaͤhte auch jezt jene ſanft gefaͤllige Schonung, die den Empfindungen ſchmeichelt, und an dem Menſchen Schattenbilder weſenloſer Illuſionen ſtatt der Ge⸗ ſtalten einer ungeſchmuͤckten it fuͤhrt Ihre Gattin tnn hnen nicht antbrine er, das Auge mitleidig von Lev's immer bleicher werdendem Antliz abwendend; ſie iſt vorausge⸗ gangen, Ihnen den Weg in die Ewigkeit zu zei⸗ gen; doch wenn es den frommen Abgeſchiedenen vergoͤnnt iſt, zu umſchweben, was ihnen hienie⸗ den am theuerſten war, ſo wird ſie als Ihr Schuz⸗ geiſt unſichtbar bei Ihnen weilen, und ſich Ihres Andenkens freuen, das ein mit Muth und Kraft wohlgeordnetes Leben kuͤnftig am ſchoͤnſten ehrt. Leo lehhte in ſtiller Ergebung aber voll un⸗ endlichen Schmerzes ſein Haupt ah des Freundes Bruſt— ſeine Thraͤnen floſſen ſanft— aber ſie waren kein unfruchtbares Todtenopfer—— edel, und ihrer wuͤrdig trug er den Reſt ſeines Lebens — bis das Grab ihn wieder mit ihr vereinte. Bertha war, von ihren Ahnungen getrieben, gerade zu der entſcheidenden Zeit angelangt, wo der matte Lebensſtern ihrer Freundin noch ein⸗ 336 ——— mal auſglaͤnzte, um dann fuͤr immer hinter des godes naͤchtlichen Gewoͤlken zu verſchwinden. In den Augenblicken, wo die Seele mit ih⸗ ren Banden rang, um in die Stille der Geiſter⸗ welt uͤberzugehn, fand ſie Bewußtſein und Spra⸗ che, und mit ihnen auch den Glauben an Lev wieder, der ihre lezten Stunden noch beſeligte. Wie ein banger Traum lag die Vergangen⸗ heit hinter ihr, und ſie wendete den fromm verklaͤr⸗ ten Blick von ihr ab, um ihn auf jene Zukunft zu richten, die im Morgenroth himmliſcher Hoff⸗ nung vor ihr tagte. Laͤngſt war ſie fertig mit dem irdiſchen Leben, und mitten in der Fuͤlle der Jugend bereits reif geworden zu dem Eintritt in das Land der Vollendung, wo ihr Emil als fruͤh gelaͤuterter Engel ihrer harrte, und wohin Leo, wie ſie mit ſeſter Zuverſicht glaubte, dereinſt ihr olgen! werde, um von menſchlichen Irrthuͤmern ge⸗ heilt, fuͤr alle Ewigkeit ihr anzugehoͤren. Richt mehr drangen die Schauder der lezten Begeben⸗ heiten in ihr fuͤr nichtiges Treiben der Welt ſchon geſchloſſenes Ohr, und ungeſtort ſchwang ſich ihr Geiſt hinauf zum urgquell des reinſten Lichts, von dem er ſtammte. Mild, dankbar und liebend, wie ſie gelebt hatte, ſchied ſie, verſohnt mit ihrem Schickſal, am Buſen der treuen Freundin dahin, und ruht nun friedlich unter den Trauerweiden, die den Huͤgel ihres Kindes beſchatten. ———— ——————— „ 3 . * * *. * „½ — 3 * ü