— — 2 2, — 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mrk.— Pf. 1 Wr. 50 Pf 2M.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Nicht ohne die Furcht, daß die Erzaͤh⸗ lung, die ich hier dem Publikum biete, durch ihre allzugroße Einfachheit mißfal⸗ len werde, entlaſſe ich ſie aus der ſtil⸗ len Haſt meines Pultes, und blicke ihr ängſtlich nach in das kunſtrichterliche * VT und ſtrenge Treiben der Welt, in das gleichwohl manche Ruͤckſicht, die mir heilig ſeyn muß, ſie unerbittlich hin⸗ aus ſtößt. Sie bewegt ſich innerhalb eines ſehr beſchraͤnkten Kreiſes. Kein buntes Abentheuer, kein ritterlicher Prunkzug, keine ſchauerliche Ahnung oder Geiſtererſcheinung wuͤrzt die ganz gewohnlichen Schickſale meiner Helden, und weder die in ſiebenfache Schleier gehullte Myſtik hat ihren verſchoͤnern⸗ den Nebel uͤber den kargen Stoff ge⸗ vIT haucht, der eines ſolchen magiſchen Duftes gar ſehr bedurfte, um regelrecht nach den neueren Foberungen der Leſewelt zu erſchei⸗ nen, noch hat die Jronie ihn mit ihren leiſe ſtechenden, et dennoch reizenden Dornen durchwebt. Auch iſt ein Mäd⸗ chen, das mit Liebe und Zutrauen an dem Geliebten haͤngt und ſich von ihm betrogen und herzlos verlaſſen ſieht, kein Gegenſtand„der durch Neuheit intereſ⸗ ſiren koͤnnte, da das Leben uns zu oft Vorfaͤlle dieſer Art vor's Auge ſtellt, VL1T als daß auch der Roman noch noͤthig haͤtte, ſie zu ſchaffen. 5 Demungeachtet lieben manche Le⸗ ſer die beſcheidene Einfalt einer Dar⸗ 1 ſtellung, die ihre Situationen nicht aus den Sphaͤren einer exaltirten Wunder⸗ welt herabzieht, ſondern ſie aus dem ſtillen buͤrgerlichen Leben ſchoͤpft, und keinen Anſpruch macht, zu erſchuͤttern 1 oder zu imponiren, indem ſich ihr hoͤch⸗ 4 ————————— — 2S 9— 1* ſter Wunſch erfuͤllt, wenn es ihr gelingt, durch Wahrheit der Gefuͤhle und des Colorits die Theilnahme gleichgeſtimm⸗ ter Gemuͤther zu erregen. 3 Daher wird meine ſchmuckloſe Cla⸗ ra, ſo ſchuͤchtern ſie auch iſt, dennoch hoffentlich einen kleinen wohlwollenden Cirkel finden, der ſie freundlich auf⸗ nimmt, und ihr verzeiht, daß ſie auch 1 ohne kuͤhn erfundene Verwickelungen und — ertravagante Kreuz⸗ und Querzuͤge es wagte, die oft rauhe Heerſtraße der Oeffentlichkeit zu betreten. C. ⸗ 5 1 — o der im Huͤttchen. das Licht — worrenheit meiner Lage, in die Angſt Er ſter Vrief Clara Felſing an Auguſte Meier. —— Zuͤrne nicht, geliebte Freundin, daß meine Briefe Dir ſo ſelten fuͤr die Freu⸗ de danken, die mir die Deinigen gewaͤh⸗ ren. Wenn Du einen Blick in die Ver⸗ meines Herzens thun koͤnnteſt,—— Du wuͤrdeſt Mitleid mit mir haben, ſtatt mich der Traͤgheit zu beſchuldigen. —— 14 Monate ſind vergangen, ſeit ich Dir zuletzt ſchrieb, aber, o Gott! wie truͤbe war ihr Wandel, wie furchtbar die Aus⸗ ſicht, der ſie mich naͤherten. Meine theure Mutter liegt jetzt hoffnungslos darnieder, und ſelbſt der milde Einfluß der beſſern Jahreszeit, die mit allen Seg⸗ nungen des Lenzes zu uns zuruͤckgekehrt iſt, vermag nichts mehr uͤber ihren ent⸗ kräfteten, langſam hinſchmachtenden Zu⸗ ſtand, der die Gefilde meiner Zukunft mir wie einen ſchauerlichen Kirchhof dar⸗ ſtellt, in dem ich nur ihr geoͤffnetes Grab erblicke. So iſt denn auch mein Leben ſehr 2. 15 bald am Ziele, und ich ſehe es als be⸗ ſchloſſen an, wenn auch das Ungluͤck den dunklen Faden deſſelben noch durch lan⸗ ge, traurige Jahre fortſpinnen ſollte. Denn glaube nicht, daß ich ſo ſchwach bin, ferner noch der Hoffnung zu vertrauen, die mich nun ſchon ſo lan⸗ ge und ſo bitter getaͤuſcht hat. Er iſt todt,—— ſonſt wuͤrde doch endlich einmal ein Zeichen ſeines Daſeyns und ſeiner Liebe meine troſtloſe Einſamkeit erfreuen. Welcher Strich Landes ſein Blut getrunken hat,— welcher Boden ihm die letzte Ruheſtätte hienieden ge⸗ waͤhrt,—— ich weiß es nicht,—— 16 nur daß er dahin iſt, ſagt mir die ban⸗ ge Ahnung meines Herzens. Daß ich jetzt nicht mahlen kann, und zwiefach durch dies Entbehren mei⸗ ner Lieblingsbeſchaͤftigung leide, wirſt Du begreifen. Die Pflege meiner Mut⸗ ter nimmt alle meine Zeit und Aufmerk⸗ ſamkeit dahin; meine Tage ſind unru⸗ hig, und meine Nächte oft ohne Schlaf. Wie gerne ſuchte ich an der geliebten Staffelei, wie wohl oft ſonſt geſchah, meinen Kummer zu beſchwichtigen, und — eine freundliche Blumenwelt um mich her ſchaffend,— die Dornen mei⸗ nes Looſes zu vergeſſen, aber es geht ———— 17 nicht. Denn gar zu oft mußt' ich die Palette niederlegen, um zu irgend einer Huͤlfsleiſtung herbei zu eilen. Dazu kommen die haͤuslichen Arbeiten, die doch auch gethan ſeyn wollen, da die gute Anna nur in den ſpaͤteren Abend— ſtunden mir zuweilen beiſtehen kann. Auch der Geruch der Farben fiel den ſchwachen Nerven meiner guten Mutter nach und nach beſchwerlich, und reizte ihren Huſten. So habe ich denn die letzten, fluͤchtigen Arbeiten, die ich als einen Broderwerb betrachtete, durch An⸗ na in das benachbarte Landſtaͤdtchen zum Verkauf geſchickt, und die wenigen Clara. 2 18 Thaler, die ich dafuͤr loͤſete, friſten ne⸗ ben dem Verkauf einzelner Sachen, die ich mich zwinge, fuͤr entbehrlich zu hal⸗ ten, unſere gramerfüllten Tage. Demohngeachtet kann ich mich nicht entſchließen, das diamantene Kreuz zu verkaufen das Deine aufopfernde Freund⸗ ſchaft den dringenden Beduͤrfniſſen mei⸗ ner Lage ſo großmuͤthig darbot. Oſt betrachte ich es mit freudiger Wehmuth, und ſchon manchmal haben Thraͤnen der Ruͤhrung und der Dankbarkeit ſeinen hellen Schimmer getruͤbt. Denn ich er⸗ kenne ganz Deine ſich ſelbſt verlaͤug⸗ nende Liebe, die in ihm mir das Theu⸗ 19 erſte reichte, was es als Beſitzthum fur Dich auf Erden giebt. Ich weiß, es iſt Dir heilig, da es das Vermächtniß Deiner verklaͤrten Mutter iſt, und nur, wenn ich nichts, gar nichts mehr habe, die meinige auf ihrem Sterbelager zu laben, werde ich Dein Verlangen erful⸗ len, es zu dieſem frommen Zweck anzu⸗ wenden,—— aber ich bete ſtuͤndlich, daß mich Gott vor dieſem ſchrecklichen Augenblick bewahren moͤge. —— —ů ů můÜů ——————— 3weiter Brief. Wilibald an Walther. Diesmahl, mein guter Walther, hat Deine freundſchaftliche Theilnahme ge⸗ irrt, und ich kann Deine Anfrage mit den beſten Nachrichten meines Wohlbe⸗ ſindens beantworten. Nicht ich bedurfte Aesculaps Huͤlfe, als Du meine munte⸗ ren Apfelſchimmel an meinen leichteſten 1 21 Wagen geſpannt, vor Doctor Herberts Thuͤr wiehern und ſtampfen Förteſt, um ihn zu mir abzuholen. Eine arme alte Frau, deren Bekanntſchaft ich in einer der vergangenen Naͤchte erſt gemacht hatte, nahm durch ihre Leiden mein Mitgefuͤhl ſo ſehr in Anſpruch, daß ich ihr den Troſt aͤrztlichen Raths und Beiſtandes zu verſchaffen wuͤnſchte. Abſichtlich habe ich recht ſcharf be⸗ tont, daß der Gegenſtand meiner Sorge alt iſt, aber dem ohngeachtet ſehe ich Dich ahnungsvoll laͤcheln, und Deine ſchalkhafte Fantaſie wird ihre hellſten Farben miſchen, um das naͤchtliche Abentheuer, das ich ——— Dich hier errathen laſſe, vor Dir auszu⸗ mahlen. Spare Dir die Muͤhe, und nimm lieber mit einer recht ehrlichen Beichte vorlieb, Wenn auch eben nicht aus Neigung zur Landwirthſchaft, doch reſignirt mich dem Gebot der Vernunft unterwerfend, kehrte ich von unſeren froͤhlichen Reiſen heim, um nun ſelbſt die Verwaltung meines väterlichen Gutes anzutreten, die — beilaͤufig geſagt,— in den Haͤnden eines eigennuͤtzigen Vormundes wohl eben nicht zu meinem Vortheil gediehen war. Ehe ich den lange verlaſſen geweſe⸗ nen Wohnſitz meiner Vorfahren mir 23 freundlich eingerichtet, und mich von den hunten Abwechſelungen eines zer⸗ ſtreuten Weltlebens etwas entwoͤhnt hatte, beſchlich mich wohl zuweilen mit der Langenweile Hand in Hand die uble Laune, und wenn ich Dir in dem unmuthigen Gefuͤhl: es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey, Kla⸗ gen uͤber Klagen ſandte, ſo hatteſt Du vollkommen Recht, ihnen zu glauben, und mich zu bedauern; denn ſie brachen aus dem Innern eines leeren, ſehnſuchts⸗ vollen Herzens hervor, das wie ein ver⸗ zogenes Kind nach allem langte, was es 24 ſah, ohne die Befriedigung zu finden, die es ſuchte. Endlich, nach manchem vergeblichen Streben gewann ich die Erfahrung, daß ſie nur aus wohlgeordneten Beſchafti⸗ gungen und nützlicher Thaͤtigkeit hervor⸗ geht, und nun wurde ich mit vollem warmen Eifer Landwirth. Ich nahm mich meiner vernachlaͤſſigten Felder, mei⸗ ner verſauerten Wieſen und der veroͤde⸗ ten Waͤlder an, erweiterte und verſchoͤ⸗ nerte meine Gaͤrten, ſuchte durch einen kraͤftigen Viehſtapel meine Ställe zu be⸗ reichern, und hatte nicht mehr Zeit, an die Träume jenes angenehmen Muͤſſig⸗ 25 gangs zu denken, denen ich die letzt ver⸗ gangenen Jahre in unbefangener Sorg⸗ loſigkeit der Jugend widmete. Damit auch Spätherbſt und Winter mir nicht die unzufriedene Stimmung, der ich kaum entronnen war, zuruͤckzubringen vermoͤchten, ſchuf ich nebenher den alten Sitz meiner Ahnen, was ſeine innere, unbeholfene Einrichtung betraf, in eine heitere Wohnung um, wo eine nicht große, aber ich darf behaupten auserle⸗ ſene Bibliothek mir jetzt Zuflucht vor den Launen der Witterung, und— den eigenen gewaͤhrt. Zum gluͤcklichen Fortgang meines 26 Strebens und Wirkens gehoͤrte vorzug⸗ lich eine genaue Bekanntſchaft mit der Localitaͤt meines Aufenthaltes, und ich ließ mir es angelegen ſeyn, mich gehö⸗ rig zu vrientiren, ſo wie auch die Men⸗ ſchen von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, die das Schicſal mir, als Gutsherrn, untergeordnet hat. Ich fand einen treuherzigen Schlag von Leuten, die das Wohlwollen, das ich ihnen mit unverſtelltem Herzen erwies, dankbar hinnahmen, und erwiederten. Bald war mir keiner der fleißigen Haus⸗ vaͤter mehr fremd. Zutraulich naheten ſie mir, und theilten mir oft aus dem 27 Schatz ihrer laͤndl ichen Erfahrungen einen Rath mit, der mich Neuling in der Kunſt zu wirthſchaften, vor Scha⸗ den und Verdruß bewahrte. Ich be⸗ ſuchte ſie wiederum zuweilen in ihren Wohnungen, freute mich wo ich Wohl⸗ ſtand fand, und ſuchte Armuth und Noth zu lindern, wo ſie mir begegneten. Nur eine der Huͤtten, die weit ent⸗ legen, dem Saume des Waldes einſam ſich anſchloß, hatte ich nie betreten, weil ich auf meine Anfrage, wer ſie bewohne, zur Antwort erhielt, daß eine alte, kraͤnk⸗ liche Predigerwittwe ſie gemiethet habe, 28 um dort ungeſtört den Abend ihrer Tage zu verleben. Oft genug faßte ich jedoch dieſe Huͤtte in's Auge, da ich ſie aus meinem Fenſter ſehen konnte, und 6 fing an, ſie nach und wach unbekannter Weiſe lieb zu gewin⸗ nen, da ſie trotz ihrer ſchmuckloſen Bauart dem da gerade etwas unbelebten Streif der Gegend einen Anſtrich von Bewohntſeyn verleiht, der die Landſchaft verſchoͤnert. Manchmal, wenn ich in aller Fruͤhe an's Fenſter trat, wirbelte ſchon ein blaues Rauchwölkchen aus ihrem niederen Schorn⸗ ſtein empor in die klare Morgenluft, und geſchaͤſtig ſah ich mit Huͤlfe meines 29 Fernglaſes weibliche Geſtalten in Hof und Gaͤrtchen ſich regen. Was mir aber beſonders auffiel, war, daß— mochte es auch noch ſo ſpaͤt ſeyn,— ſtets Licht durch die kleinen Fenſter ſchimmerte, und immer fort leuchtete, wenn auch alles rings umher in Dunkel⸗ heit verſunken war. Ich gewoͤhnte mich nach und nach, wenn ich von meinen ſpäten Wanderun⸗ gen nach Hauſe kam, dieſen Schimmer als einen Leitſtern zu betrachten, ver⸗ mittelſt deſſen ich mich auch in nächt⸗ licher Finſterniß in der Gegend zurecht zu finden wußte, und— gleichſam 30 mechaniſch,— trat ich jedesmahl, ehe ich zur Ruhe ging, vorher an's Fenſter, um nach meinem Lichtchen zu ſehen. Indeß wuͤrde ſein Schein mich ver⸗ muthlich nie in ſeinen engeren Kreis ge⸗ zogen haben, wenn es nicht der Zufall gethan haͤtte. Ich verirrte mich naͤm⸗ lich vor einigen Tagen im Walde, und — einen unrechten Weg einſchlagend,— uͤberraſchte mich die Nacht. Endlich, nach langem Umhertappen fand ich einen Ausgang aus dem Dik⸗ kicht und ſiehe! da ſchimmerten mir die hellen Fenſter meines Schloſſes, wo man mich wahrſcheinlich laͤngſt erwartet hatte, heimathlich entgegen, und noch ein anderes, beſcheideneres Lichtchen ſtrahlte mir zur Seite. Es drang aus dem Huͤttchen hervor, das meiner Fantaſie ſo manchmal in der Ferne gleich einer Capelle erſchienen war, in welcher from⸗ me Andacht eine immer brennende Lam⸗ pe geſtiftet. Da ich wußte, daß unter der gruͤ⸗ nen Flaͤche, die von da zu meiner Woh⸗ nung fuͤhrt, ſich eine ſumpfige Wieſe befindet, ſo trat ich in der Abſicht her⸗ an, anzuklopfen, und mir eine Laterne und Auskunft zu erbitten, wie ich jene vermeidend, am beſten nach Hauſe 32 kaͤme. Aber als ich mich dem Fenſter naͤherte, fuͤhlte ich mich durch das, was ich erblickte, unwillkuͤhrlich feſt gehalten. Ich uͤberſah naͤmlich ein duͤrftiges Gemach, das nach allem, was ich rings umher wahrnahm, ein Krankenzimmer war. In einem, durch dunkle Gardinen verhangenen Bett ſaß aufgerichtet und durch Kiſſen unterſtuͤtzt, eine abgezehrte Frauengeſtalt, aus deren eingeſunkenen Zuͤgen, und erloſchenen Augen langes und tiefes Leiden ſprach. Dicht am Fenſter, wo ich lauſchte, ſtand ein junges Maͤdchen, eben bemüht, — 33 aus einem Arzneiglas, das ſie in der Hand hielt, Tropfen in einen Loͤffel ab⸗ zuzählen. Ihre Schoͤnheit, die mich frappirte, war gleichſam durch den Flor ſtiller Schwermuth umſchleiert, und bei aller Lieblichkeit der erſten Jugend fehlte ihr doch die Bluͤthe derſelben, die der Gram von ihren Wangen geſtreift zu haben ſchien. Unverwandt ſchaute ich das reine, 6 regelmaͤßige Oval ihres Geſichts an, und die langen, dunklen Augenwimpern, die geſenkt waren, da ihr Blick auf dem ruhte, was ſie eben mit ſo vieler Sorg⸗ ſamkeit beſchäftigte. Ihr reiches brau⸗ Clara. 34 nes Haar war in Flechten aufgewunden, und ſcheitelte ſich uͤber einer Stirn, die als der Sitz der reinſten jungfraͤulichen Un⸗ ſchuld, einen Raphael hätte zu den ſchoͤn⸗ ſten aller Madonnen begeiſtern muͤſſen. Die etwas blaſſen Lippen umſchwebte ein milder Ernſt, und als ſie nun die dunklen, ſeelenvollen Augen erhob, war mir, als gehe ein himmliſches Geſtirn vor mir auf, denn ein ganz eigener, wunderbarer Glanz der hoͤchſten Lauter⸗ keit und Klarheit ſtrahlte aus ihnen her⸗ vor. Sie nahm jetzt die neben ihr ſtehen⸗ de Lampe, und trat zum Bett der Kran⸗ 35 ken hin, ihr die Arzenei einzugeben. Mit Blicken der Zufriedenheit, und— ich moͤchte ſagen, des Segens,— ruhte dieſe auf dem lieblichen Kinde, das, wie ich jetzt vernahm, ihre Tochter war, da ſie ſie Mutter nannte. Sanft beugte ſie ſich herab zu der Leidenden, und ſuchte das matte Haupt derſelben ſorglich zu unterſtuͤtzen, waͤhrend ſie mit einer De⸗ muth, die ſie noch mehr verſchoͤnte, den Dank zuruͤck wies, den die kranke Mut⸗ ter ihrer Geduld und Gute, und ihrer kindlichen Aufopferung zollte. Ich blieb eine lange Zeit in dieſen Anblick verloren ſteh'n, hoͤrte noch Clara, 36 ſo natate die Mutter dies holde Weſen, mit leiſer, melodiſcher Stimme und dem Ausdruck inniger Andacht den Abendſe⸗ gen vorleſen, ſah dann, wie ſie die Kiſ⸗ ſen der Kranken zurecht ſchob, die Vor⸗ hange zuzog, und die Lampe ſo ſtellte, daß ihr Schein nicht beunruhigen konnte. Hierauf trug ſie einen Strohſack herbei, legte ihn zu den Fuͤßen des Bettes nie⸗ der, und bereitete ſich ein Lager, deſſen Aermlichkeit wenig Erholung verſprach. Ganz angekleidet, vermuthlich um auf jeden Wink bereit zu ſeyn, ſenkte ſie ſich auf die kniſternde Matratze nieder und ihre gefalteten Hande ſtill erhebend,„ 37 als bete ſie, goß der Schlummer bald ſeinen wohlthätigen Balſamkelch uͤber die Ermattete aus. Es that mir wohl, mir vorzuſagen, daß nun nach und nach die truͤbe Wirk⸗ lichkeit vor ihrem Geiſte erbleiche, und jede Sorge in ſuͤßer Bewußtloſigkeit ihr dahin ſchwinde.— Moͤchten Traäume der Hoffnung Dich erquicken, armes Maͤd⸗ chen! dacht' ich geruͤhrt, und moͤchten ſie im Schlafe der Unſchuld, der ſo linde Dir die muͤdgeweinten Augen zudruckt, Dir nicht den truͤben Spiegel Deiner Zukunft vorhalten, ſondern die Geneſung Deiner Muͤtter Dir zeigen, die Dein 38 frommes Gebet ſo innig zu erflehen ſchien!— Mit dieſem Wunſch, der aber leider! keine Wahrſcheinlichkeit der Er⸗ fullung mir darbot, zog ich mich zuruͤck, und ſuchte den Heimweg. N Dritter Brief. Derſelbe an Walther. Du kannſt Dir leicht denken, daß ich noch denſelben Abend, als ich zu Haus kam, naͤhere grkundigungen uͤber eine Familie einzog, die ſchon— glaub' es meinem Herzen,— durch ihr Ungluͤck mich intereſſirt haben wuͤrde, haͤtte die freigebige Natur auch die Tochter weni⸗ ger mit Anmuth ausgeſtattet. 40 Doch Franz, mein ſchlauer, ſonſt alles wiſſender, alles und am liebſten das Geheimnißvolle erforſchender Vertrau⸗ ter, konnte mir keine weitere Auskunft geben, als die ich mir ſelbſt ſchon ver⸗ ſchafft hatte. Indeß gelobte er mit all' dem Eifer und der Bereitwilligkeit, mit der er uns ſo oft bei unſeren kleinen Abentheuern behuͤlflich war, mir am an⸗ deren Tage naͤhere Kunde zu bringen, und er hielt Wort. Die Prediger-Wittwe, deren Mann nicht hier, ſondern in der glänzenden Reſidenz B. ein geiſtliches Amt verwaltete, zog verarmt, durch eine 41 Reihe von Widerwaͤrtigkeiten, welche ſie nach ſeinem Tode trafen, nur deshalb hieher, werl ein treues Dienſtmaͤdchen, das ſie einſt als eine huͤlfloſe Waiſe zu ſich genommen, ſie dazu veranlaßte. Dieſe hatte den bibliſchen Spruch erfuͤllt, wel⸗ cher gebietet, daß das Weib dem Man⸗ ne folge, und als ſie ihren Geliebten, der als hieſiger Schulmeiſter angeſtellt wurde, hieher begleitet hatte, ſchlug ſie ihren neuen Wohnort der ehemaligen Gebieterin vor, da dieſe gerade in dem Fall war, eines laͤndlichen Aſyls zu be⸗ duͤrfen. Clara, die die ſorgſamſte Er⸗ ziehung genoſſen, war nach dem Tode 22 ihres Vaters Geſellſchafterin in einem angeſehenen Hauſe geworden. Der Wunſch, die Lage ihrer Mutter zu er⸗ leichtern, hatte ſie zu dem ſchmerzlichen Entſchluß vermocht, ſich von ihr zu tren⸗ nen. Sie unterſtutzte ſie durch ihren Gehalt, bis die zunehmende Kraͤnklich⸗ keit derſelben nach und nach immer mehr bedurfte, und vorzuͤglich das, was jene durch ihre uͤbernommenen Verbindlichkei⸗ ten gefeſſelt, ihr nicht gewaͤhren konnte — Pflege naͤmlich, welche die Leidende am liebſten von einer Tochter empfing, deren himmliſche Sanftmuth und Gute ſie ganz zu einem ſo traurigen Geſchaͤft eignete. 3 43 Sie beſchloſſen daher, mit den Truͤm⸗ mern ihres Vermoͤgens, das die Theue⸗ rung der Reſidenz taͤglich verringerte, irgendwo auf dem Lande ein wohlfeiles Unterkommen zu ſuchen, und am liebſten weit entfernt von einem Ort zu leben, wo ſie einſt die Freuden des Wohlſtandes gekannt und mit Vielen getheilt hatten. Dieſe, dem Muͤckenſchwarme gleich, der verſchwindet, wenn die Sonne nicht mehr ſcheint, zogen ſich jetzt ſcheu vor ihrer Duͤrftigkeit zuruͤck, und brachten dadurch den Entſchluß um ſo ſchneller zur Aus⸗ fuhrung, ſich dem Schauplatz ihrer ehe⸗ maligen günſtigeren Verhältniſſe fuͤr immer zu entziehen. 11 44 Zur treuen Anna, die ſie in patri⸗ archaliſcher Hetzlichteit ſtets als ein Mitglied ihrer Familie betrachtet hatten, ſehnten ſich jetzt beide. Denn wenn gleich die weitere Entfernung ihre Reiſe koſtſpieliger machte, als eine Verſetzung ihres Aufenthaltes in eines der nahe bei der Stadt gelegenen Doͤrfer geweſen waͤre; ſo verſprach doch die groͤßere Wohlfeilheit aller Lebensbedürfniſſe dort, die Schoͤnheit der Gegend, und die Nähe der wackeren Frau, die ihnen ſo dankbar ergeben war, ihm hinreichenden Erſatz dafüͤr, und es lag uͤberdem eine traurige Beruhigung fuͤr ſie in dem Ge⸗ ———— 45 danken, ſpurlos da zu verſchwinden, wo bald eine immer zunehmende Armuth ſie zu Gegenſtänden eines kraͤnkelnden Mit⸗ leids gemacht haben wuͤrden. Die enge Schulwohnung hatte jedoch nicht Raum, ſie zu faſſen. Anna mie⸗ thete ihnen daher fuͤr einen geringen Preis das kleine, leerſtehende Haͤuschen, das einem Bauer gehoͤrte, und brachte ſo viel Zeit, als ſie nur immer ihrer Wirthſchaft, ſo wie Mann und Kinder entziehen konnte, bei ihrer ehemaligen, ſo gutigen Herrſchaft zu, die ſchwereren Arbeiten der zartgebauten Clara abneh⸗ mend, und in den leichteren ſie wenig⸗ ſtens unterſtuͤtzend. gai— 2—— S——— ——=—=—== 46 So haben ſie bereits faſt ein Jahr ſtill und eingezogen dort gelebt. Statt daß aber Landluft und Ruhe, dieſe bei⸗ den ſonſt ſo wohlthaͤtigen Linderungs⸗ mittel, einer kranken Bruſt die gehoffte Wirkung auf die ſehr erſchuͤtterte Ge⸗ ſundheit der Mutter hätte hervorbringen ſollen, ſo verſchlimmerte ſich ihr Zuſtand immer mehr und mehr, und langſam ſah die geaͤngſtigte Tochter ſie dem Gra⸗ be zu welken. Dies erzählte mir Franz, und Du kannſt denken, daß mein Antheil dadurch nicht kaͤlter wurde. Vor allen Dingen wuͤnſchte ich,— aber in das ſtrengſte 1 . 47 Incognito gehuͤllt, die perſoͤnliche Be⸗ kanntſchaft dieſer Menſchen zu machen, um mit eigenen Augen mich zu uͤberzeu⸗ gen, wie ihnen wohl am beſten zu hel⸗ fen ſey, ohne mich gerade dazu zu ver⸗ pflichten. Dies Verlangen, das ich Franz mittheilte, verſetzte dieſen auf einmahl aus dem bisher proſaiſchen bürgerlichen Leben, das ihm ſo trocken erſcheint, in ſein eigentlichſtes Element, die Intrigue. Er bat mich, nur noch vier und zwan⸗ zig Stunden mich zu gedulden, um eine dunkele Peruͤcke und allerhand zu der vorhabenden Mummerei gehoͤrige Dinge 48 anzuſchaffen; doch da die Sehnſucht in meinem Innern ſich nicht ſo lange be⸗ ſchwichtigen ließ, ſchlich ich, als der Abend daͤmmerte, bereits wieder auf die Lauer zu meinem Huͤttchen hin, und der Erfolg war belohnender noch als ge⸗ ſtern. Diesmahl war Anna gegenwaͤrtig, und wie ich aus dem Geſprach ſchloß, in der Abſicht gekommen, die Nacht bei der Kranken zu wachen. Sie bat wenig⸗ ſtens Clara auf's dringendſte, ſich doch zur Ruhe zu verfuͤgen, und endlich emmahl durch ununterbrochenen Schlaf zu er⸗ quicken. Die Mutter unterſtutzte dieſe 49 Bitte, und Clara ſchien nachzugeben, 6 wenigſtens zog ſie ſich in die angrenzen⸗ de Kammer zuruͤck, deren geoͤffnete Fen⸗ e ſter mir eine freie Durchſicht geſtattet r haben wuͤrden, waͤre ſie nicht ohne Licht geblieben. Denn die bleichen Strahlen des Mondes, der eben aufgegangen war, vermochten nicht ſie zu erhellen; ſie brachen ſich am dichten Laub des bluͤhen⸗ den Apfelbaumes, der die Huͤtte be⸗ , M ſchattet. In ſeinem Wipfel ſaß eine Nachtigall, die durch einzelne ſchuͤchterne Anklänge die tiefe Stille rings umher melodiſch beſeellte. Ich draͤngte mich nahe an die Wand, Clara. 4 50 wo hohes Jasmingebuͤſch mich hinlaͤnglich vor dem Entdeckt werden ſchuͤtzte. Ich hoͤrte Clara ſeufzen, und ſich entkleiden. Jetzt trat Anna zu ihr herein,— die offen gebliebene Thuͤr vergönnte dem außen ſtehenden Lämpchen die Dunkelheit in Důmmerung zu verwandeln, und mir, wenigſtens in einigen Umriſſen zu erkennen, was ſich in dieſer Daͤmmerung bewegte. Noch nicht zu Bett? fragte Anna im Ton der Verwunderung.— Ich weiß nicht, wie mir iſt, ant⸗ wortete Clara. Obgleich durch die letz⸗ ten beiden Naͤchte ſehr ermuͤdet, bin ich 51 doch noch ſo wach, als ſey es mir un⸗ moͤglich, die Augen zu ſchließen. Was macht die Mutter? Schläͤft ſie?— Ich glaub' es, verſetzte Anna, we⸗ nigſtens iſt ſie ganz ſtill. So bleibe noch ein wenig bei mir, ſprach Clara mit dem ſanfteſten Aus⸗ druck freundlicher Bitte. Wir haben lange kein ruhiges Wort mit einander re⸗ den koͤnnen, und doch thut es mir ſo wohl, Dir mein Herz mit allen ſeinen Sorgen außzuſchließen. Laß uns an's Fenſter geh'n, ſo wird die Mutter, wenn ſie auch wacht, unſer Gefluͤſter auf keinen Fall vernehmen koͤnnen. Auch ſcheint 52 der Mond dort ſo hell auf die Wieſen, und die Nachtigall ſchlagt ſo lieblich,— ein ſolcher Abend it es wohl werth, daß man ihm eine Stunde Schlaf op⸗ fert, und die balſamiſche Luft erquickt gewiß ſo wohlthaͤtig, wie der Schlum⸗ mer. Anna naͤherte ſich, und beide lehn⸗ ten ſich nun in's Fenſter, nicht ahnend, daß dicht neben ihnen ein Lauſcher ſtand, der mit gluͤhender Beſchaͤmung, und doch unbezwinglicher Neugier ſich in ihre vertrauten Mittheilungen draͤngte. 3 Sage mir jetzt, fuhr Clara fort, 53 aber wahr und offen, wie es Deine Pflicht iſt, wie findeſt Du die Mutter? Anna zögerte ein paar Augenblicke mit der Antwort. Sie wollen die Wahr⸗ heit wiſſen, gutes Kind, antwortete ſie dann, da muß ich Ihnen freilich ſagen, daß ſie mir ſeit vorgeſtern ſehr deraͤn⸗ dert vorkommt. Mich duͤnkt, ſie iſt in dieſer Zeit auffallend matter und pinfal⸗ liger geworden, als ſie ſchon war. So hat meine Angſt mich nicht ge⸗ taͤuſcht, erwiederte Clara. Auch mir ſchien es, als wuͤrde ihre Stimme im⸗ mer leiſer, ihr Athemzug beengter, und als fuhlt' ich ihre Pulsſchlaͤge ſchwächer. —f— 54 Ach,— das wird ſo fortgehn, bis die letztem Lebenskraft in bangen Kampfe auf⸗ gerieben iſt, und der Tod ihr die Lin⸗ derung gewaͤhrt, die meine Liebe ihr lei⸗ der nicht verſchaffen konnte.— Es entſtand eine Pauſe, ich hoͤrte ſie leiſe weinen. Anna flüſterte ihr Worte des Troſtes und der Ermuthigung zu⸗— ſie ſtrebte ſich zu faſſen, und ſprach dann weiter: Es iſt nicht mein Schickſal, gute, treue Seele, was mich bekummert. Du weißt, ich blicke ergeben in eine Zu⸗ kunft die mir nichts mehr bietet, als die Vereitlung aller meiner Wuͤnſche.— 55 Aber daß ich ihr, der theueren Mutter, ihre Treue und Sorgfalt ſo gar nicht vergelten, ihren hinſchmachtenden Zu⸗ ſtand ihr ſo wenig erleichtern kann,— das bricht mir das Herz, ſo oft ich dar⸗ an denke. Denn was mich betrifft, ſo weiß ich, wenn der entſetzliche Fall nun eintritt, den ich kommen ſehe, daß ich Selbſtverlaͤugnung genug beſitzen werde, mich in dieſe voͤllige Vereinzelung meiner Lage zu fuͤgen. Armuth iſt ja nur dann eine unertraͤgliche Buͤrde, wenn ſie uns hindert, denen, die wir lieben, wohl zu thun,—— meine einfachen Beduͤrf⸗ niſſe wird die Arbeit meiner Haͤnde mir 56 gewinnen, bis ich einen Dienſt finde, wo ich, ſey es auch auf die muͤhevollſte Weiſe, mein Leben friſten, und nuͤtzen kann. Die gute Anna konnte ihre Thraͤ⸗ nen nicht nhen zuruͤckhalten. Meinen letzten Biſſen Brod theil ich mit Ihnen, ſchluchzte ſie, nur ſprechen Sie nicht von Dienen, denn ich kann es nicht ie Sie mir jemahls in einer ſolchen Lage zu denken. Und glauben Sie mir, es muß und wird Ihnen dereinſt noch wohl⸗ ergehn. Der Lohn bleibt nicht aus für Ihre kindliche Liebe, und für Ihre mu⸗ 57 ſterhafte Pflichterfuͤllung, nur verlieren Sie den Muth nicht. Ich betrachte auch die Pruͤfungen, die mir der Himmel ſchickt, nicht als Ungluͤck, dem ich meine moraliſche Kraft durch fruchtloſe Klagen aufopfere, ver⸗ ſetzte Clara, ſondern als Mittel, immer beſſer, und beſſer zu werden, indem ich die Nichtigkeiten der Welt erkenne, und mich von ihnen losreiße, um mir den wahren Frieden zu erverben, der nicht an irdiſche Hoffnungen geknuͤpft iſt. Wenn ich nur noch um meinetwilen zu leiden habe, werde ich wenig leiden,— aber bis dahin—— 1 58 Pier huſtete die Mutter. Beide eilten in das Krankenzimmer, wo ſie, ver⸗ wundert, Clara noch zu ſehen, ihr mit liebreichem Ernſt verwies, daß ſie gezoͤ⸗ gert habe, zur Ruhe zu gehen. Sie mußte es jedoch geſchehen laſſen, daß ſie erſt von ihrer Hand beruhigende Trop⸗ fen empfing,— dann uͤberließ ſie die theuere Kranke Anna's treuer Aufſicht, und verfugte ſich wieder in die Kammer, wo ich nichts mehr von ihr hoͤrte. Vinrter Brief. Derſelbe an Walther. Das tiefſte Mitleid in der Seele tra⸗ gend, ſchlich ich heim, und konnte kaum den anderen Tag erwarten, um durch Troſt und Hulfe die kummerbollen Ge⸗ muͤther dieſer edlen Menſchen aufzurich⸗ ten. Doch leider! mußte ich wiederum 60 bis zum Abend harren; eher ließ ſich die Maskerade nicht beginnen, die ich nun einmahl begehrt hatte, da ich ſie fuͤr zweckmaßig hielt. Als aber die Daͤmmerung ihren grauen Flor auf alle Gegenſtaͤnde brei⸗ tete, trat ich mit Franz, der durch Huͤlfe einer braͤunlichen Farbe mir ein ſuͤdliches Colorit, und vermittelſt der falſchen Haare, die er fur mich kommen ließ, einen ſchwarzen Lockenkopf gege⸗ ben,(was mich beides voͤllig unkennt⸗ lich machte) in meine eigene Livree ge⸗ huͤllt, den Weg zum Huͤttchen an, und zwar diesmahl nicht um zu lauſchen, 61 ſondern um es in meiner Verkleidung freimuͤthig und unbefangen zu betreten. Franz trug einen Korb mit Wein, und anderen Staͤrkungsmitteln und Er⸗ friſchungen. Dicht am Eingang der Huͤtte uͤbergab er mir denſelben, indem er— ſich nun in die Rolle des Kam⸗ merdieners werfend, unter deſſen Wuͤrde es iſt, ſich ſelbſt mit einer ſolchen Buͤr⸗ de zu befaſſen,— mich als einen ihm untergeordneten Diener, der auf ſeinen Befehl die Laſt getragen, in das Inner⸗ ſte des Krankenzimmers einfuͤhrte. Hier fanden wir Nutter und Toch⸗ ter mit einander allein. Clara ſchien 62 aus einem Erbauungsbuch vorgeleſen zu haben; wenigſtens vernahm ich den Wohl⸗ klang ihrer ſuͤßen Stimme, bis unſer Anklopfen ſie unterbrach, und ſie hielt m das Buch in der Hand⸗ aus dem ſie vielleicht Troſt geſchoͤpft und gewaͤhrt hatte, als ſie uns die Thuͤr oͤffnete, und erſtaunt nach unſerem Begehren fragte. Mit vieler Dreiſtigkeit nahm Franz nun das Wort, ſich auf eine vornehme Weiſe als meinen Kammerdiener anzu⸗ künbigen. Mein Herr, fuhr er fort, hat zu ſeinem großen Bedauern erfahren, daß eine Kranke hier in ſeiner Naͤhe leidet. 63 Er nimmt ſich die Erlaubniß, nach ſei⸗ nen Kraͤften ihren Zuſtand lindern zu duͤrfen, und wird zu dieſem Zweck mor⸗ gen den beruͤhmten Doctor Herbert aus A.„„ holen laſſen, um ihr den wirkſamſten aͤrztlichen Beiſtand zu ver⸗ ſchaffen, der hier zu haben iſt. Bis dahin bittet er, die Erfriſchungen guͤtig anzunehmen, die ich beauftragt bin, hier⸗ mit zu uͤberreichen. Indem er mir hier mit aller Arro⸗ ganz des ſich übetlegen fühlenden Be⸗ dientenranges einen gebieteriſchen Wink ertheilte, ſetzte ich den Korb nieder, und buͤckte mich, ihn auszupacken,— mehr 113 r12chn Su etEr. e —————— 64 noch, um in dieſem Geſchaͤft einen Ablei⸗ ter der Verwirrung zu ſuchen, die ſich, trotz meines Incognito's— und vielleicht eben deswegen— meiner bemachtigte, als ihm zu gehorchen. In dem großen Korbe befand ſich ein kleiner, mit eingemachten Fruͤchten und Gelee's gefuͤllt, zwiſchen welche ich eine Rolle Gold geſchoben hatte. Ich uͤberreichte ihn Clara mit all' der Verle⸗ genheit des eigentlichen Gebers dieſer Gabe, die, wie ich in ihren Zuͤgen las, durch ihre Schwere ihr ſogleich auffiel, und ihrem ſcharfen Blick nicht lange den eigentlichen Gehalt derſelben verbarg. 65 Ihr ſchönes, aber bleiches Geſicht erroͤthete, der weißen Roſe gleich, deren Kelch ein morgenroͤthlicher Schimmer umſpielt. Ein leiſes Beben ſchien ihre Nerven zu erſchuͤttern, ſeufzend hob ſich ihre Bruſt, und aͤngſtlich fragend heftete ſie ihr Auge auf das Antlitz der Mutter, als wolle ſie den Eindruck erforſchen, den dieſe unerwartete Huͤlfe auf ſie ma⸗ che. Dieſe aber hob den matten Blick, in den ſich eine Thraͤne draͤngte, empor, als wolle ſie betend danken, und nun ſaͤumte Clara nicht laͤnger, anzunehmen, was ihrem uͤberraſchten Sinn gleichſam von oben geſendet ſchien. Clara⸗ 65 Ich bin ſo geruͤhrt uͤber die wohl⸗ thätige Geſinnung Ihres edlen Herrn, ſprach die Mutter, daß ich die Groͤße meines Dankes nur fuͤhlen, nicht aus⸗ ſprechen kann. Thut auch nicht noͤthig, verſetzte Franz, indem er ſich mit dem laͤcherlich⸗ ſten Pathos in v Bruſt warf. Mein Herr ſucht ſein hauptſaͤchlichſtes Vergnuͤ⸗ gen darin, daß er Ungluͤckliche troͤſtet, und ihre Noth lindert. Er gleicht der Sonne, die durch ihre Strahlen auch das niedrigſte Gewuͤrm zu erwaͤrmen ſtrebt, und dem wohlihůtigen Regen, der auch die verwelkten Blumen—— 67 Ich unterbrach durch einen derben Fußtritt, den ich ihm unvermerkt beibrachte, den Fluß ſeiner ſelbſtgefaͤlligen Bered⸗ ſamkeit, und er blieb mitten in der Lob⸗ rede ſtecken, die er mir zu meiner großen Beſchaͤmung hielt. Ich habe ſchon manches von ſeiner wohlwollenden Guͤte vernommen, fuhr die Kranke fort, doch ohne zu ahnen, daß ſie ſich auch auf mich erſtrecken wuͤr⸗ de, die ich in meiner gaͤnzlichen Zuruͤck⸗ gezogenheit nicht einmahl glauben durfte, von ihm bemerkt zu werden. Sonſt — in beſſeren Tagen— da war meine Hand auch ſtets willig geoͤffnet, Anderen 68 wohl zu thun, und den ſchonen Spruch: Geben iſt ſeliger als Nehmen, hab' ich in ſeinem ganzen Umfang em⸗ pfunden. Doch heute fuͤhl' ich, daß auch Nehmen eine große Wonne gewaͤhrt, wenn Menſchenfreundlichkeit und Milde ſich herablaͤßt, den unverſchuldeten Druck der Armuth zu erleichtern, und unſere Thraͤnen ſchonend zu trocknen. Wir zogen uns jetzt zuruͤck. Clara leuchtete uns bis an die Hausthur, wo auch ſie ihrem dankdurchgluͤhten Herzen Luft machte, und in wenigen, aber in⸗ nig geruͤhrten Worten es ausſprach, wie dieſer unerwartete Beiſtand, und haupt⸗ 69 ſaͤchlich die ihrer Mutter verſprochene aͤrztliche Huͤlfe ſie mit neuem Muth, ſo wie mit Troſt erfuͤlle. Wie ſchoͤn war ſie nicht in der Ver⸗ klaͤrung ihrer frommen Freude. Reinere Perlen, als das Meer in ſeinem Schooße traͤgt, rollten uͤber ihre zartgeformten Wangen, und erhoͤhten den Glanz der großen ſternenklaren Augen, deren Aus⸗ druck es verkuͤndet, wie ſie bereits den tiefſten Ernſt, ja den ganzen Schmerz des Lebens erfahren. Ohne mich weiter zu beachten, als daß der freundliche Gruß, mit dem ſie 70 uns verabſchiedete, ſich auch auf mich erſtreckte, trug ſie Franz auf, mir den Segen des Himmels fuͤr meine Theil⸗ nahme zu wuͤnſchen, und ich fand ihn bereits in dem Bewußtſeyn, Dornen aus ihrem Wege hinweggeräumt, und ihr Ge⸗ muͤth mit neuer Hoffnung belebt zu ha⸗ ben. Wie manchmal hab' ich nicht in Bezug auf dieſes oder jenes weibliche Weſen von wahrer Hoheit, Groͤße der Seele, und Adel der Geſinnung ſprechen hoͤren. Jetzt, ſeit ich Clara kenne, finde ich erſt den Sinn dieſer Worte verkoͤr⸗ 7 7 — 71 pert, denn in ihr ſtellt ſich trotz dieſer niederbeugenden Lage, in der vielleicht nur ſelten eine Frau ihre ganze Wuͤrde bewahrt, jene ſtille, Ehrfurcht gebietende Erhabenheit dar, die demuͤthig auf einem Thron, ſo wie fern von jeder Erniedri⸗ gung in der tiefſten Armuth bleibt, weil ſie der Abglanz des reinſten und edelſten Gemuͤthes iſt. Berauſcht, doch nein, das iſt nicht der rechte Ausdruck, durchdrungen von dieſem Bilde ging ich zu Haus, und ſehnte mich nach dem zoͤgernden Morgenroth, dem nur darum meine Wuͤnſche voraus eil⸗ ⸗ 3 3 1 1 72 ten, um ihr durch des Arztes Beiſtand die Innigkeit meiner Theilnahme zu bezeugen. ———,— ——————————7———— — Fuͤnſter Brref Clara an Auguſte. Wie muthlos ſchied ich von Dir, meine Auguſte, als der leiſe Zuruf meiner Mutter mich neulich veranlaßte, die Fe⸗ der nieder zu legen, und jetzt,— wie beruhigt, ja ich moͤchte ſagen, getroͤſtet nehme ich ſie wieder auf. Ach, möchten doch die Reichen das 74 Gefuͤhl der Seligkeit teiten können, das eine Wohlthat zu rechter Zeit, das heißt: in den Stunden der Noth empfangen, in der Seele deſſen erweckt, der ſich ver⸗ laſſen und verloren glaubte. Nicht auf irdiſche Huͤlfe rechnete ich mehr, denn rings umher war es dunkel, und kein Strahl einer Hoffnung, daß es hienie⸗ den beſſer werden koͤnnte, wollte meinen oöden Pfad erhellen. Da ſandte mir Gott ſeiner guten Engel einen, und nun blicke ich mit Zuverſicht in die Zukunft. Denn wenn ich auch die ſchwere Aufga⸗ be meines Lebens nicht geloͤſet finde, ſo 75 fuͤhle ich doch wieder Kraft in meinem Innern, ihre Raͤthſel zu tragen. Ich ſchrieb Dir nicht, daß ſchon ſeit geraumer Zeit, Wilibald, der Beſitzer dieſes Gutes, von ſeinen Reiſen zuruck⸗ gekehrt iſt, und es bewohnt. So ganz zuruͤckgezogen von Allem, was Geſelligkeit heißt, und nur auf die Ausübung meiner Pflichten und auf den umgeng der treuen Anna beſchraͤnkt, ließ mich dieſe Nachricht gleichgultig, und deswegen theilte ich ſie Dir auch nicht mit. Ich hoͤrte wohl ſo manche Aeuße⸗ rung uͤber ihn, die mir ſeine angeneh⸗ me Perſoͤnlichkeit und die Liberalität ſei⸗ 76 ner Denkungsart verbuͤrgte, aber nie dacht' ich mir ſeine Bekanntſchaft als moͤglich, und nie kam der Wunſch, ſie zu machen, in meine Seele. Denn zu beſchaftigt mit meinen Schmerzen und Sorgen duͤnkt' ich mich von allem Ver⸗ kehr mit der Außenwelt wie durch einen breiten, wuͤſten Strom geſchieden, und wenn ich ſeiner erwaͤhnen hoͤrte, war mir, als ſtehe er am jenſeitigen, uner⸗ reichbaren Ufer, um ſpurlos, dem leeren unbeſtimmten Schatten gleich, wiederum vor mir zu verſchwinden. Jetzt aber,— o wie haͤtt' ich glau⸗ ben können, daß er zu meinem Erretter —— 77 aus dem tiefſten Elend beſtimmt ſey,— jetzt, wo er erfahren, daß nicht weit von ihm ein Paar Ungluͤckliche leiden, hat er, nur von ſeinem edlen Herzen aufgefordert, Rath, Troſt und Huͤlfe uns geſandt, und ſich dadurch die heiligſten Rechte auf meine ewige Dankbarkeit er⸗ worben. Seine reichliche Unterſtuͤtzung bannte auf lange den Mangel aus un⸗ ſerem genuͤgſamen Kreis, und der treff⸗ liche Arzt, den er aus der drei Meilen weit entlegenen Stadt holen ließ, hat ſchon durch ſeinen Scharfblick und ſeine Mittel die druͤckendſten Beſchwerden mei⸗ ner guten Mutter gehoben, und mich 78 durch die Möglichkeit neu beſeelt, daß ſie mir noch einige Jahre erhalten blei⸗ ben koͤnne. Wie iſt mir ſeitdem ſo anders ge⸗ worden, wenn gleich jene furchtbare Un⸗ gewißheit, die mein individuelles Gluͤck betrifft, noch immer wie ein Felſen auf meiner Bruſt laſtet. Keinen Brief ſeit beinahe einem langen, zntet Jahre,—— wie kann ich mir dies entſetzliche Schweigen anders deuten als durch die Beſtaͤtigung der Furcht, wel⸗ che nun ſchon ſo lange heimlich, einem giftigen Wurme gleich, an der Bläthe meines Lebens nagt. 79 So ſind die Roſen einer froͤhlich hoffenden Jugend, die mir einſt ſo lieb⸗ lich dufteten, denn nun entblaͤttert, und fuͤr mich habe ich nichts mehr zu erwar⸗ ten. Aber dennoch ſegne ich die wohl⸗ thätige Hand, die— wenigſtens fuͤr die naͤchſte Spanne Zeit,— die Sorgen vertilgte, welche mich ſo tief verletzten, und mir es möglich machten, der beſten Mutter mehr Pflege und Erquickung zu gewaͤhren, als ſonſt. Daß ich hoſſen darf, ſie noch ferner zu behalten, muß mich mit dem herben Schmerz eines in ſeinen innerſten Tiefen zertruͤmmerten Daſeyns verſoͤhnen. 80 Mit welchem eigenen, ſeltſam zwi⸗ ſchen Wohl und Wehe ſchwankenden Ge⸗ fuͤhl ich uͤbrigens zum erſtenmahl in meinem Leben Wohlthaten von einer fremden Hand empfing, brauche ich Dir wohl nicht zu ſchildern. Du kennſt mich, und haſt oft ohne Worte in meiner Seele geleſen. Indeß geboten mir die heiligſten Ruckſichten, den Stolz zu uͤber⸗ winden, der ſich ſtraͤuben wollte, zu nehmen, wo ich niemals geben kann. Denn bloß dieſer Tauſchhandel wechſel⸗ ſeitiger Verpflichtungen, ſey er auch nicht ganz gleich, ebnet die Bahn des menſchlichen Lebens, auf der unerwie⸗ 31 derte Dienſte fuͤr ein zartfuͤhlendes Herz ein rauher Stein des Anſtoßes ſind, den nur die Macht, vergelten zu koͤnnen, hinwegraͤumt. Unſere Lage war nach und nach zu dem Punkt gelangt, wo Verzweiflung — ihr dumpfes Vorgefuͤhl hatte mich be⸗ reits ergriffen, mich zu vernichten drohte, denn jede Quelle, aus der ich Beruhi⸗ gung zu ſchoͤpfen verſuchte, verſiegte troſtlos in der unendlichen Huͤlfloſigkeit, in die ich mich verſunken ſah. Der Arzt aus dem benachbarten Landſtaͤdt⸗ chen, deſſen Tropfen und Mirturen meiner guten Mutter zwar nichts hal⸗ Clara. 6 — — 82 fen, aber doch momentan linderten, und mir daher unentbehrlicher ſchienen, als der karge Biſſen Brot, durch ben ich meinen Hunger ſtillte, hatte mit dem groben Eigennutz einer gemeinen Ratur die bisher immer verzoͤgerte Be⸗ zahlung ſeiner Muͤhen verlangt, und ohne Ruͤckſicht auf unſere jammervolle Bebrängniß mit der Ausſetzung ſeiner Beſuche und gerichtlichem Verklagen gebroht. Das wenige, uͤber das ich noch gebieten konnte, ſo wie die zahl⸗ loſen ſtillen Opfer, welche die gute, aber ſelbſt duͤrftige Anna mir zur Er⸗ leichterung meines Zuſtandes brachte, 83 wandte ich an, meine Mutter uͤber das gaͤnzlich Verarmte unſerer Umſtaͤnde zu taͤuſchen, indem ich, nur beſorgt, ihr — nichts mangeln zu laſſen, auf beſſere Zeiten hoffte, um dann die weniger dringenden Verbindlichkeiten abzutra⸗ gen, die mir obliegen. Schon hatte ich manchmal, nicht ohne die bitterſte Em⸗ pfindung Dein Kreuz betrachtet, und bereits halb entſchloſſen, von dieſer theu⸗ ren Gabe Deiner Liebe Gebrauch zu machen, bewaͤhrte ſich durch Wilibalds Edelmuth mir der herrliche Spruch: Wenn die Noth am groͤßten, iſt die Huͤlfe am naͤchſten. 84 So iſt mein Schickſal denn von au⸗ ßen milder geworden, und in der ſtill verſchwiegenen Bruſt naͤhr' ich allein noch den Kummer meiner Liebe. Zuͤrne nicht, Du einzige Vertraute, daß ich in Klagen die lang' entbehrte Erleichterung meines Innern ſuche und Dir geſtehe, daß ich mich oft zuruck traͤume in die nun verſchwundenen Paradieſe der Ver⸗ gangenheit, wo ich Woldemar kennen und lieben lernte, und an ſeiner Seite waͤhnte, den Weg durch's Leben einſt mit Ruhe und Freudigkeit zuruͤck zu legen. Ach,— daß er ſo fruͤh, und ohne mich, zum Ziel gelangen mußte,— daß ich ſo bald allein und verlaſſen da⸗ ſtehe, und die vergeblichen Hoffnungen meines Herzens beweinen ſollte.— Dennoch, o belaͤchele die Wider⸗ ſpruͤche meines ſchwachen Sinnes nicht; dennoch, ob ich gleich fuͤrchte, glaube ſogar, daß der Geliebte jenes ernſte Ziel erreicht hat, das mich fur dieſes Erden⸗ daſeyn von ihm trennt, dennoch will ich ihm noch einmahl ſchreiben. Lebt er— und manchmahl flüſtert eine leiſe Stimme mir dieſe Moͤglichkeit zu, um mich wieder aufzurichten, wenn ich der NMuthloſigkeit erliegen will,— ſo kann dieſer Brief ihn doch vielleicht erreichen, 86 wenn äuch die fruheren verloren gingen; und iſt er todt,— meine Feher ſtockt bei dieſen Worten, die mir Schauder erregen,— ach, dann moͤge ſich immer⸗ hin der Schleier verſchieben, der mein heiligſtes Geheimniß der Welt, und ſelbſt dem treuen Mutterherzen verbirgt, das, eingeweiht in daſſelbe, zwiefach um mich, und mit mir, gelitten haͤtte. Dann bin ich fertig mit meinem Schickſal, und ge⸗ hoͤre einzig noch dem wehmuͤthigen Be⸗ ruf an, meine kindlichen Pflichten zu erfüllen. —— Sech ſter Brief. Clara an Woldemar. Noch einmahl gebe ich den bangen Ge⸗ fuhlen meiner Sehnſucht Worte, und ſchreibe Dir, Geliebter! ungewiß, ob ich Dich unter den Lebenden oder Tod⸗ ten ſuchen muß. Hat Gott mein heißes Flehen erhoͤrt, erfteuſt Du Dich noch des goldenen Lichts der Sonne,— 88 erreicht Dich dies Blatt wirklich, nach⸗ 4 dem ſo viele andere nur zu wahrſchein⸗ lich verloren gegangen ſind, o ſo be⸗ ſchwoͤre ich Dich, ende die Angſt, die an meinem Leben zehrt, und gieb durch eine Zeile Deiner Hand meinem zagen⸗ den Herzen ſeinen Muth und ſeinen Glauben wieder. Ich durfte es nicht mißbilligen, Woldemar, ja ich mußte es ehren, daß der ſchoͤne Enthuſiasmus Deiner Seele Dich hinriß, der Sache der ungluͤck⸗ lichen Griechen Deinen Arm zu leihen. Vom tiefſten Weh erſchuͤttert, aber ge⸗ faßt,— Du weißt es,— ſah ich — 89 Dich von mir gehen. Doch wann kehrſt Du wieder, oder doch wenigſtens ein Zeichen von Dir, daß Du noch lebſt, und meiner gedenkeſt? Von allem Zuſammenhang mit der Welt losgeriſſen, verirrt ſich nur ſelten ein Zeitungsblatt bis zu mir, und in dieſer qualenden Ungewißheit ſtehen die Gräuel des Krie⸗ ges, in deſſen blutige Gefahren Dein Muth und Dein Mitleid Dich verfloch⸗ ten hat, wachend und im Traume vor mir, und martern durch die entſetzlichſte Angſt um Dich mein ohnehin gebeug⸗ tes Gemuͤth. Denn ſtatt, daß in der laͤndlichen 90 Stille unſeres jetzigen Aufenthaltes die Geſundheit meiner Mutter ſich haͤtte wie⸗ der befeſtigen ſollen, wie ich hoffte, nahte ſich mir truͤber als jemals die Beſorgniß, ſie zu verlieren. Erſt ſeit den letzten Wochen erholt ſie ſich wie⸗ der ein wenig. Gott gebe, daß es nicht das letzte Aufſtammen der Lampe ſey, die zu verloͤſchen droht. Vergieb, Geliebter! daß ich zu ſchwach bin, die Traurigkeit zu unter⸗ *— druͤcken oder, zu verbergen, die meine Seele fullt. Hab' ich doch niemand in der Welt, der mir näher ſtuͤnde,— niemand, der ein heiligeres Recht auf 6 P — — 9¹ mein Vertrauen beſitzt, als Du. Auch will ich ohne Murren tragen, was mir das Schickſal auflegt, wenn nur Du die Stuͤtze meiner Hoffnung, das Gluͤck meiner Zukunft bleibſt. Aber laß mich nicht laͤnger ohne Nachricht. Dies kurze Leben,— es dehnt ſich zu Ewigkeiten der Qual aus, wenn keine Stimme antwortet auf den Schmerzenslaut der Sehnſucht, der in der liebenden Bruſt erklingt O ſchreibe mir bald, damit das Daſeyn mir wieder heller werde, und behalte im treuen Her⸗ zen 2 Deine Clara. Siebenter Brief. Wilibald an Walther. Eine geraume Zeit iſt verſtrichen, ſeit Du zuletzt von mir hoͤrteſt. Ich war zerſtreut, mißmuthig, gedankenvoll, und daher nicht geſtimmt, an ſchriftlicher unterhaltung Behagen zu finden. Auch verdro mich,— ich laͤugne es nicht,— Dein Brief, und hauptſächlich die Aeuße⸗ „ 93 rung darin: wie weit ich in meinem Ro⸗ man fortgeruͤckt ſey?— Ach, mein Freund! vielleicht wäre mir beſſer, wenn ich mich nur von den leichten Feſſeln eines Romans umſtrickt fuͤhlte, als jetzt, wo mir manchmal iſt, als betriebe ich die wichtigſte Angelegenheit meines Le⸗ bens, und als ſtuͤnde ich an dem Wen⸗ depunkt, der mein ganzes kunſtiges Geſchick entſcheiden ſoll. Ich habe, ſeit ich Dir zuletzt ſchrieb, mich Claren nun unter meiner eigenen Geſtalt genaͤhert, bin guͤtig von ihr aufgenommen worden, und ſehe ſie ſeit⸗ dem faſt taͤglich. Die Mutter blickt mir 94 mit Dankbarkeit und einem wohlwollen⸗ den Zutrauen, Clara mit mildem Ernſt enigegen, wenn ich komme. Sie ver⸗ goͤnnen mir beide, ihrem truͤben Schick⸗ ſal nachzuhelfen, und ſie mit den Noth⸗ wendigkeiten zu verſehen, die ſie beduͤr⸗ fen; aber Clara eignet ſich, wie ich deutlich ſehe, nichts davon perſoͤnlich zu, und betrachtet, was ich thue, nur als das Streben ihrer Mutter beizuſtehn, nicht auch ihr,—— vielleicht in der Abſicht, mir keine Verbindlichkeiten haben zu wollen. Von ihr ſelbſt iſt nie die Rede, wenn ſie, wie oft geſchieht, mir ihre Freude ausdruͤckt, daß ich 95 durch Aufmerkſamkeiten aller Art das ſinkende Leben ihrer Mutter zu erheitern ſuche, und ich bin uͤberzeugt, daß nur die Pflege, welche ſie bedarf, und die Unmoͤglichkeit, ſie ohne Unterſtuͤtzung ihr leiſten zu koͤnnen, ſie um der kind⸗ lichen Liebe willen bewegt, meinen Huͤlfsleiſtungen nicht zu widerſtreben. Dieſer jungfräuliche Stolz, dieſes Aufrechthalten ihrer weiblichen Wuͤrde mitten in tiefer Armuth und in ſo be⸗ engenden Verhaͤltniſſen, leiht ihr, wenn es mich gleich oft ſchmerzt, noch einen hoͤheren Reiz in meinen Augen, und ich fuͤhle mich mit der innigſten Verch⸗ 96 rung, mit der waͤrmſten Anerkennung ihres Werthes zu dieſem ſeltenen Ge⸗ ſchoͤpf hingezogen. Auch mag es wohl ſeyn, da ich eben kein Meiſter in der Verſtellungs⸗ kunſt bin, daß ſich manchmahl meine Gefuͤhle, ihr gegenuͤber, verrathen; aber kein Blick, kein Lächeln, vielweniger ein Wort von ihren Lippen naͤhrt mei⸗ ne Neigung, und muntert mich auf, ſie ihr zu geſtehen. Sie iſt ruhig, freund⸗ lich, aber zuruͤckgezogen und kalt, und g dieſe Wahrnehmung, die meinen Muth niederſchlägt, je hoͤher ſie auch meine Sehnſucht entflammt, bewirkt die — 97 Verſtimmung meiner Laune, die ich Dir klagte. Denn,— ich hatte zwar den Ge⸗ danken, mich zu verheirathen, noch weit hinausgeſchoben, in die ungewiſſe Zukunft, von der ich verlangte, daß ſie mir erſt ein Weſen zufuͤhren ſollte, faͤhig den Foderungen meines Herzens und Verſtandes zu genuͤgen. Aber jetzt, wo ſo unerwartet mir dies Weſen entgegen tritt,— wo ich finde, daß es alles in ſich vereinigt, was meine kuͤhnſten Wuͤnſche nur immer begehren koͤnnten, — jetzt vermiſſe ich, was ich vor Allem zur Ermuthigung bedarf, um einen ern⸗ Clara. 7 1 3 31 . —————————— 98 ſten Schritt zu wagen, jene leiſe, be⸗ gluͤckende Erwiederung nämlich, ohne die meine Liebe ſelbſt in der Seligkeit des Beſitzes ſich verarmt ſcheinen und darben wuͤrde, und zagend ſtehe ich dem Ziel ſo nahe,—— und darf doch nicht hoffen, es zu erreichen. Seit ihre Mutter durch Doctor Herberts Geſchicklichkeit und eine ſtaͤr⸗ kendere Diat wieder auf dem Wege der Beſſerung ſich befindet, iſt Clara zu ihrer Lieblingsbeſchäftigung, der Blu⸗ menmalerei, zurüchgekehtt, und oft finde ich ſie an der Staffelei, wie ſie,— ſelbſt einer reinen Lilie gleichend,— 99 den Fruhling feſthaͤlt in ihren Werken, und die Natur in ihren geheimſten Win⸗ ken belauſcht, um ſie treu, wie in einem Spiegel aufgefangen, wieder zu geben. Bei dieſer Arbeit ſcheint lebhafter wie bei jeder anderen, der aslch Frohſinn wieder in ihr zu erwachen, den der truͤbe Ernſt des Lebens und ihres Looſes unterdruͤckt hat, und nie ſeh ich ſie heiterer, als wenn ſie die Palette in der Hand, und einen bluͤ⸗ henden Strauß vor ſich, den Schmelz der Farben nachahmt, und die kleinſten Eigenthumlichkeiten ihrer duftenden Vor⸗ bilder erſpaäht. * 100 Ich habe erforſcht, daß ſie ihre Kunſt nicht nur als einen Gegenſtand der Erheiterung, ſondern auch als ein Huͤlfsmitttel betrachtet, ihre Lage zu verbeſſern, und durch eigenen Erwerb ſich zu verſchaffen, was ſie ſtreng mei⸗ ner zaͤrtlichen Fuͤrſorge verſagt, ihr zu ihren individuellen Beduͤrfniſſen anzu⸗ bieten. 2 Sie ließ bisher dieſe Bilder, in deren geiſtreicher Anordnung ſich ſowohl ihr Talent, als ihr reiner Sinn aus⸗ ſpricht, in der umliegenden, ſo wenig kunſtliebenden als kunſtverſtaͤndigen Ge⸗ 101 gend fuͤr einen Spottpreis verkaufen. Durch die gewandte Vermittelung mei⸗ nes Franz habe ich ſie aufgeſpuͤrt, und indem ich ihren Beſitzern reichlichen Vor⸗ theil gewaͤhrte, ſie ſämmtlich zuruͤck ge⸗ kauft. Doch weiß Clara nichts davon, daß ich, was als ein Werk ihrer Haͤnde mir ſo theuer iſt, mir aneignete, und auch nur Franz iſt in das Geheimniß gezogen, weshalb das Cabinet, deſſen Waͤnde ſie ſchmuͤckte, gleichſam das Allerheiligſte meines Hauſes, fuͤr jeden Anderen unzugaͤnglich, und jetzt mein 102 liebſter Aufenthalt iſt. Oft ſitze ich dort, mein Blumenlericon in der Hand, und ſuche die ſeelenvolle Bedeutung, die ſie, wie ich meine, in jede ihrer Schopfungen gelegt haben muͤſſe, zu ergruͤnden. Wenn ich dann die gluͤhen⸗ de Roſe, vom Gruͤn der Myrthe, das ſie umgiebt, feuriger noch hervorgehoben neben der blauen Winde und den zar⸗ ten Ranken des Frlaͤngerjeliebers er⸗ vlice, dann— o laͤchle immer uͤber Deinen Freund, den Liebe und Sehn⸗ ſucht zum Schwaͤrmer machen, dann leſe ich in der Verſchlingung eins ſol⸗ 103 8 — ₰ 2 — — 2— 5 — — — — —— — 6 —— — — — — 68 8 — — 8 — — — — 7 — — — — — 8 S — S — — — — — — — — — 8 realiſiren moͤge. Achter Brief. Derſelbe an Warther. Es freut mich, daß Deine Verſetzung nach B. und die mit jeder Ver⸗ aͤnderung eines Wohnorts verbundenen Stoͤrungen und Geſchaͤfte unſeren Brief⸗ wechſel nicht, wie ich fuͤrchtete, unter⸗ brachen, und ich danke Dir hetzlich, mein beſter Walther, fur den liebevollen 105 Brief, durch den Du mich zu ermuntern, und auf eine beſſere Zeit zu vertroſten ſuchſt. Wohl haſt Du Recht, ein ſolches Gluͤck, wie ich an Clara's Seite mir es traͤume, kann nur langſam, durch Treue und Ergebenheit erworben, nicht im Sturme erobert werden, und ich will mich begnuͤgen, daß die Gegenwart mir fuͤr jetzt wenigſtens den Wonnekelch ihres zwangloſen Umgangs reicht, und zu verdienen ſuchen, daß die Zukunſt einſt noch mehr fuͤr mich thue. Welcher zarten, innigen Theilnah⸗ me, welches lebhaften Mitgefuͤhls Cla⸗ 106 ra faͤhig iſt, beweiſen mir außer der lie⸗ bevollen Milde, mit der ſie ihren nach⸗ ſten Kreis umfaßt, ihre Aeußerungen uͤber das harte Loos der Griechen, das die Zeitungen uns jetzt durch ſo ſchau⸗ derhafte Thatſachen ſchildern. Lange hatten die politiſchen Nach⸗ richten ſie nur zerſtuͤckelt, und mangel⸗ haft erreicht, weil ſie niemand kannte, der ſie ihr haͤtte mittheilen koͤnnen, und ſie uͤberhaupt nur ſehr unregelmaͤßig in dieſe friedliche Einſamkeit drangen. Denn da die Welthaͤndel mich we⸗ nig intereſſiren, ſo forſchte ich nicht nach ihrer Kunde, und erſt, ſeit ſie 107 mich ſo freundlich darum bat, halte ich Zeitungen aller Art, jedoch auch jetzt noch mehr, um ihr gefällig zu ſeyn, als um zu wiſſen, was vorgeht, um Europa in ſeinem Gleichgewicht zu er⸗ halten. Das hoͤchſte Vergnuͤgen, das ich aus ihnen ſchoͤpfe, beſteht darin, ſie ihr zu bringen, um mir von ihr vorle⸗ ſen, oder lieber noch erzaͤhlen zu laſſen, was ſie eben gerade Wichtiges verkuͤnden. Wie gluͤht von edlem Unwillen ihre zartgeformte Wange, und wie lebhaft blitzt das ſanfte Auge, wenn die Bar⸗ barei des Tuͤrkenkriegs wieder neie Grauſamkeiten erfunden hat, die Grie⸗ 108 * chen heimzuſuchen, fuͤr die ſie ſich nun einmahl mit holder Partheilichkeit er⸗ klaͤrt. Kam nie der Gedanke in Ihre Seele, fragte ſie mich neulich, den Un⸗ terdrüͤckten beizuſtehn, als dieſer ſchreck⸗ lichſte aller Kriege begann? Nein, verſetzte ich ganz ehrlich, denn die Energie hat mir immer gefehlt, die dazu gehoͤrt, um uͤber den Kosmo⸗ politen den Bürger zu vergeſſen. Die Welt hat allerdings Anſpruͤche an unſere Kraft und an unſeren Eifer, aber zu naͤchſt doch der enge Kreis, der uns von unſerer Beſtimmung als Wir⸗ . 109 kungskreis angewieſen ward, und dem wir verbunden ſind, unſere Thaͤtigkeit zu widmen. Mich empoͤren dieſe alles menſchliche Gefuͤhl verletzenden Graͤuel, — ich möchte drein ſchlagen, um dem Unweſen zu ſteuern,—— aber ich bin nicht Enthuſiaſt genug, um mich ſelbſt zu taͤuſchen, und mich zu uͤberreden, daß mein Mitwirken in dieſer fremden Sache andere Reſultate hervorbringen koͤnnte, als meinen eigenen Untergang, und ſo entſchloſſen ich fuͤr irgend eine Gefahr, die mein Vaterland bedrohte, Leib und Leben in die Schanze ſchlagen wuͤrde, ſo ruhig bleibe ich in dieſem Fall 11⁰. auf der Stelle, die mein Beruf mir ein⸗ räumte, und ſuche, indem ich mich be⸗ muͤhe, meine Schuldigkeit zu thun, ſie ſo wuͤrdig auszufullen, als ich vermag. Sie verſank in Nachdenken. Ich glaube, ſie pruͤfte den Gehalt meiner Worte, doch ohne Mißbilligung, denn himmliſche Gute lag in dem Laͤcheln, mit dem ſie das Auge zu mir aufſchlug, und hold und freundlich wie immer war die Art, mit der ſie mich entließ. Neunter Brief. Elara an Auguſte. Mit zitternder Hand und hochaufklop⸗ fendem Herzen, meine Auguſte, beant⸗ worte ich Deinen Brief. Wie, Er iſt da?— ſchreibſt Du mir, und ſcheinſt vorauszuſehen, ich muͤſſe dies laͤngſt wiſſen,— muͤſſe freu⸗ dig berauſcht von dieſer Nachricht viel⸗ leicht kaum Zeit haben, die Zeilen zu leſen, durch die Du mir Deinen Gluͤck⸗ wunſch darbringſt? S Ach!— dieſer Gluͤckwunſch,— er entzuckt mich, denn er deutet auf ſeine Wiederkehr,— und doch ſchreiöt Dir noch immer die Ein⸗ ſame und Verlaſſene, die nun ſeit ſo langer Zeit den bitteren Kelch des Ent⸗ ſagens leerte, und kein Wort von ſeiner Hand hat mir beſtaͤtigt, was Du mir verkuͤndeſt. Welche bange Zweifel ſteigen, gleich Geſpenſtern in meiner Seele auf, mich zu aͤngſtigen und zu erſchrecken. Sollte ſeine Mutter—— doch hinweg mit u 113 jedem unwuͤrdigen Verdacht, der meinen ſe ien Glauben an Ihn erſchuͤttern koͤnnte. Ach! wenn Dein Wunſch, meine Leiden geendigt zu ſehn, Dich nur nicht bewo⸗ gen hat, einem falſchen Geruͤcht zu trau⸗ en,—— wenn es nur wirklich wahr iſt, daß er zuruͤckkehrte,— wenn Du nur mit eigenen Augen ihn geſehen haͤt⸗ teſt!— Vergieb, geliebte Freundin, meine Unruhe, und das Zagen meiner, der Hoffnung faſt entwoͤhnten Bruſt. Ich komme mir vor, wie der Schiffbruͤchige, den der Sturm auf einen oͤden Felſen Clara. 8 114 warf. Troſtlos ſtarrt er hinaus in die weite, unuͤberſehliche Waſſerwuͤſte, da duͤnkt dem nach Huͤlfe umherſpaͤhenden Auge ein weißer Punkt der dort am fernen Horizont aufdaͤmmert, ein ret⸗ tendes Segel zu ſeyn. Die Leere des rauſchenden Gewäſſers hebt ihn zwiefach hervor,— das hochklopfende Herz ah⸗ net, hofft, und wünſcht: es ſey ein Schiff, das von verlaſſener Klippe ihn wieder hinuͤber tragen wird in bewohnte und befreundete Welten; aber wer weiß es, ob nicht Fantaſie und Sehnſucht ihn tauſchten, und ob das Segel, an 115 das er die Moͤglichkeit ſeiner Rettung knuͤpft, nicht ein Nebeldunſt iſt, der he ſo ſchnell wieder verſchwindet, als er erſchien.. Doch wozu dieſe Folter der Unge⸗ wißheit noch laͤnger tragen?— Hab⸗ ich nicht in Wilibald einen Freund, deſſen theilnehmende Guͤte immer meine Traurigkeit ehrte, ohne nach ihrem Grund zu forſchen,—— wird die auf⸗ opfernde Hingebung, die er mir ſo oft bewieſen, ſich mir gerade jetzt, wo es meinen Frieden gilt, verſagen? O nein, — ihn will ich mit vollem Vertrauen 116 um die Löſung eines Räthſels bitten, von deſſen Aufklaͤrung meine ganze Ru⸗ he abhaͤngt. S Wilibald an Walther. Diesmahl, mein Freund, ſchreibe ich Dir nicht in der Abſicht, Dir wie ſonſt die kleinen Vorfaͤlle meines laͤndlichen Lebens, oder die Gefuͤhle meines inniger als je bewegten Herzens mitzutheilen; fragen will ich Dich,— Dir einen Auftrag geben,—— von Deiner Ent⸗ 118 ſcheidung Wohl oder Weh erwarten, wenn auch nicht mittelbar, doch durch den Wiederhall eines Gemuͤths auf mich zuruͤckwirkend, das— wie es auch kom⸗ me,— auf ewig mit dem meinigen ver⸗ ſchwiſtert iſt. Die Verworrenheit dieſer Zeilen wird Dir verrathen, wie es um mich ſteht, habe Witleid mit meinem Zuſtand, und entziehe mir Deine Theilnahme nicht. Der Auftrag, den ich Deiner ſchleu⸗ nigſten Beſorgung anempfehle, beſteht darin, perfoͤnlich bei dem Banquier Wolf nachzufragen, ob Baron Wolde⸗ —.— 119 mar, deſſen Geſchaͤfte er betreibt, und der vor anderthalb Jahren auszog, die Sache der Griechen vertheidigen zu hel⸗ fen, jetzt, wie ein Geruͤcht uns uͤberre⸗ den will, heimgekehrt ſey, und in B. ſich befinde. Ich ſende Dir meinen Franz, dem ich befohlen habe, mit Courierpferden auf's ſchleunigſte vorwaͤrts zu ſtreben, um recht bald mit einer entſcheidenden Gewißheit hieruͤber zuruͤck zu kehren. Denn die innere Spannung, die zwiſchen Furcht und Hoffnung wie zwiſchen Tod und Leben ſchwebt,— ſie iſt ein nagen⸗ des Gift, das an der Bluͤthe der Ge⸗ ——————— — 120 ſundheit zehrt, und den Frieden der Seele vernichtet. Daher eile, o eile, mein Freund, und ſende bald ein zuver⸗ läſſiges Ja oder Nein auf meine Frage. Mir iſt der Kopf wuͤſte, und das Hetz droht, unter der Laſt eines unge⸗ heueren Schmerzes ſtill zu ſtehn. O duͤrft' ich zu Dir fliehn, um Dir auszu⸗ ſprechen, was ſo ſchwer auf mir ruht, und mit eiſerner Gewalt die gruͤne Saat meiner ſchoͤnſten Hoffnungen zer⸗ tritt.— um Franz nicht aufzuhalten, drucke ich mich fur jetzt ſo kurz und un⸗ deutlich aus. Doch kaum ſeh ich ihn auf meinem fluͤchtigſten Renner der naͤch⸗ 121 ſten Station entgegen fliegen, ſo kehr' ich zum Schreibtiſch zuruͤck, Dir die dunkle Hieroglyphe zu loͤſen, die meine Empfindung ſo gewaltſam in Anſpruch nimmt, und meine Gedanken unablaͤſſig beſchäftigt. Eilfter Brieſf. Derſelbe an Denſelben. Ich halte Wort, mein theuerer Wal⸗ ther, und indem ich in Deinen treuen Bu⸗ ſen ausſchuͤtte, was den meinigen bewegt, wird mir hoffentlich eine kurze Erleich⸗ terung zu Theil werden. So athmet der Wanderer hoch auf, der ſeine uner⸗ traͤgliche Buͤrde auf die Schultern des 123 Gefaͤhrten ſenkt, und erſt wenn er ſie wieder auf den eigenen Nacken nimmt, kehrt die Beklemmung zuruͤck, mit der ihre Schwere ihn zu erſticken droht. Doch— ſtill von mir ſelbſt. Nicht an ſich darf der Menſch denken, dem es Ernſt iſt um das Wohl derer, die er liebt, und warum uͤberhaupt mich bekla⸗ gen? Iſt doch der noch immer gluͤcklich genug, dem das Schickſal vergönnt, in dem Dornenkranz der eigenen Stirn Ro⸗ ſen fur die Geliebte zu finden. Ich hatte Dir geſchrieben, welche Aufmerkſamkeit Clara dem Fortgang der griechiſch⸗türkiſchen Angelegenheiten 124 ſchenkte. Ach, es war, ihrer Humanität— unbeſchadet, nicht ein allgemeines, ſon⸗ dern ein ſehr individuelles Intereſſe, was ſie dazu bewog, und die roſenfar⸗ bene Binde der Taͤuſchung, die mir dies verhuͤllte, iſt nun von meinen Augen gefallen. — Denn nachdem ſie in den letzten Tagen aͤngſtlicher als je nach Nachrich⸗ ten geforſcht, ſah ich ſie plötzlich in die ſchmerzlichſte Unruh, in die tiefſte Trau⸗ rigkeit verſunken. In der Meinung, daß irgend eme, ihre Mutter und ihre hauslichen Ver⸗ hältniſſe betreffende Sorge ſie beküm⸗ — ) 125 mere, und daß es vielleicht in meiner Macht ſtehe, ſie zu lindern, wagte ich es, in ſie zu dringen. Sie lieh meiner Bitte um ihr Vertrauen, ein guͤtiges Ohrz; ſanft und lieblich war das mit Wehmuth verſchmolzene Laͤcheln, innig der Druck der zarten Hand, mit dem ſie mir fuͤr meine Theilnahme dankte, aber das bange Geheimniß wollte nicht aus der bedraͤngten Bruſt, und ein Strom von Thraͤnen war die erſte Antwort, die ich auf meine zaͤrtlich beſorgten Fra⸗ gen erhielt. Dieſer Anblick erſchütterte mich tief. Ich hatte ſie nie weinen, hatte nur dann 126 und wann einen Tropfen dieſes herrliche Auge, wie des Thaues Perlen den Kelch eines Veilchens verklären ſehn, und litt ietzt doppelt, als ich den Schmerz wahr⸗ nahm, der ſich ſo unverkennbar in ihrem ganzen Weſen ausſprach. Was iſt Ihnen, Clara? rief ich beſtuͤrzt. Entdecken Sie mir die Urſach dieſer Thraͤnen, und glauben Sie, daß ich es als den ſchoͤnſten Beruf meines Daſeyns betrachte, ſie zu wenn ich kann. Sie bedurfte einiger Minuten, um ſich zu faſſen. Theurer Freund, ſagte ſie dann,— denn nicht wahr, ſo darf 127 ich Sie nennen? Wer haͤtte wohl mehr noch im Leben fuͤr mich gethan, als Sie? wer mit ſanfterem Mitleid, mit in⸗ nigerem Eingehen in meine Sorgen und Beduͤrfniſſe mir geholfen, als ich an der Schwelle der Verzweiflung ſtand, und nicht mehr wußte, wie ich meine leiden⸗ de Mutter pflegen, und mein kummer⸗ volles Daſeyn ertragen ſollte. Koͤnnte mein Dank, meine unbegraͤnzte Ergeben⸗ heit Ihnen lohnen,— ach, das iſt ja Alles, was ich habe, Ihre unausſprech⸗ liche Guͤte zu vergelten! Ihre Zufriedenheit, theuere Clara, unterbrach ich ſie entzuͤckt durch das 128 Wohlwollen, das ſie mir bewies, Ihre Heiterkeit, die die meinige bedingt, waͤ⸗ ren der hoͤchſte Lohn fuͤr mich, wenn ich anders mir bewußt waͤre, Lohn zu verdienen. Aber ich ſehe Sie betrubt, und ſinne vergebens, was es wohl ſeyn mag, das die Klarheit dieſer himmliſchen Augen bewoͤlkt, und ob ich nicht im Stande bin, ihren Kummer zu heben, oder wenigſtens zu lindern. Lindern? o ja, verſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer, aber heben, das vermag nur die Zeit. Und doch,— Sie koͤnnten ihr vorgreifen, und die marternde Ungewißheit abkuͤrzen, die 120 meinen Muth und meine Kraft uberwaͤltigt. Sie könnten es, und mein unbegraͤnz⸗ tes Zutrauen zu Ihrer Guͤte ſagt mit daß ſie es auch wollen. So gewaͤh⸗ ren Sie mir denn die Bitte, von deren Erfuͤllung das Ende meiner Qualen ab⸗ haͤngt. Senden Sie einen ſicheren Bo⸗ ten nach B„und laſſen Sie den Banquier Wolf dort fragen, ob Baron Woldemar, deſſen Geſchaͤfte er beſorgt, und der ſeit laͤnger als anderthalb Jah⸗ ren abweſend war, um fuͤr die Sache der Griechen gegen die Tuͤrken zu kaͤm⸗ pfen, zuruͤckgekehrt iſt, und wo er in dieſem Falle ſich befindet. Clara⸗ 9 — — 130 Die Ahnungen, die ſich unwillkuͤhr⸗ lich mir aufdrangen, und die ihr gluͤhen⸗ des Erroͤthen, ihr geſenkter, gleichſam ſcheu ſich von mir abwendender Blick mir beſtätigte, machten mein Herz erbe⸗ ben; ich bezwang jedoch die menſchlichen Regungen, die es bewegten, die ich zwar — eben weil ſie menſchlich ſind,— entſchuldigen, aber der Pflicht, Clara zu beruhigen, unterordnen mußte, und ſtatt lange zu combiniren, eilte ich, zu handeln, wie ſie es wuͤnſchte. Indem ich Franz befahl, ſich auf der Stelle reiſefertig zu machen, ſchrieb ich die wenigen Zeilen, welche er Dir uͤberbracht haben wird, 131 und kehrte dann wieder zu Claren zu⸗ rück. Sie empfing mich mit dem dankbar geruͤhrten Laͤcheln eines Herzens, das auf die Willfahrigkeit der Freundſchaſt ſeine letzte Hoffnung ſtuͤtzt. Die Mutter ſchlummerte, ſie veranlaßte mich, in den kleinen Garten mit ihr umher zu gehn. Lreblich duftete der Blumenflor, der ſie als Gaͤrtnerin preiſet, und die ganze freundliche Anordnung, ſo wie die ſinni⸗ ge Benutzung des engen Raumes, wo⸗ durch dies ſonſt oͤde, nur Dornen und Diſteln tragende Plätzchen nun in den anmuthigſten Aufenthalt umgeſchaffen iſt, 132 ſprach zwiefach heute, als ein Werk von Ihr, zu meinem wehmuͤthig aufgeregten Innern. Wir rangen nach gleichgultigen Ge⸗ genſtaͤnden der Unterhaltung,— welch ein ſchweres Unternehmen, wenn das Herz ſo voll iſt. Ich mochte die Saite nicht beruͤhren, deren fluͤchtiges Erklin⸗ gen bereits den Mißton eines ahnungs⸗ vollen Schmerzes in mir geweckt hatte, aber plotzlich ſtand Clara ſtill, als fuhle ſie, es ſey an ihr, zu reden. Mit niedergeſchlagenen Augen, aus denen einzelne Thraͤnen ſich über ihre Wangen ſtahlen, ſagte ſie: ich bin Ih⸗ 133 nen eine Erklaͤrung ſchuldig, aber nicht allein deswegen breche ich das Schwei⸗ gen, das ich bisher zum Geſetz meines ſtillen Kummers mir gemacht hatte, ſon⸗ dern weil mich das innige Zutrauen, das Sie mir eingefloͤßt haben, auffodert, Jh⸗ nen mein heiligſtes Geheimniß zu ent⸗ decken. Was werd' ich hoͤren muͤſſen! ſeufzte mein Herz,— doch zu ergriffen von der Bevegung der eigenen Bruſt, achtete ſie in dieſen Augenblick auf die meinige nicht, und fuhr, erſchuͤttert zwar, doch nicht ohne jene ſanfte Wuͤrde, die der Unſchuld ziemt, in der uͤberwallenden Ergießung ihres Innern fort: 134 Ich hoffte, nach dem Tode meines Vaters die ſchon damals mißliche Lage meiner Mutter zu verbeſſern, wenn ich eine Stelle annähme, die ſie von den Koſten meines Unterhaltes befreite, und mich in den Stand ſetzte, ſie durch mei⸗ ne Erſparniſſe noch zu unterſtuͤtzen. Das Haus der Baronin Woldemar, die eine Geſellſchafterin ſuchte, wurde mir vorgeſchlagen, und ich pries mich gluͤcklich, ein Unterkommen zu finden, das meinen Abſichten entſprach, und mir noch außerdem die Annehmlichkeiten eines gebildeten, geſelligen Lebens ge⸗ ſtattete. —,————————— 135 Zwar war die Sinnesart der Baro⸗ nin nicht eben geeignet, mich zu einer herzlichen Annaͤherung zu ermuntern; doch erkannte ich die Vortheile meiner Lage, ſtrebte ſorgſam, die übernommenen Verbindlichkeiten zu erfuͤllen, und fand in meinem Bewußtſeyn die Kraft, man⸗ ches Unangenehme, das mein Gefuͤhl verletzte, zu tragen. Doch bald,— ſie erroͤthete, ab⸗ waͤrts ſehend, und auch ich wandte mei⸗ nen Blick zur Seite, bis der wieder feſter gewordene Ton ihrer bebenden Stimme mir verkuͤndete, daß ſie ſich hinlaͤnglich gefaßt habe, um mit Ruhe — 136 fortzufahren,— bald erſchien der Zeit⸗ punkt, wo die unbefangene Stille mei⸗ nes Herzens, die meine Zufriedenheit ſchuf verſchwinden ſollte. Der Sohn der Baronin kam von der Academie zuruͤck, und nahm, ſich um eine Anſtellung bewerbend, ſeinen Aufenthalt in dem muͤtterlichen Hauſe. Seine Liebenswuͤrdigkeit, ſein heller Ver⸗ ſtand, mehr noch als alles dies, das zarte und tiefe Gefuͤhl, das in jeder ſeiner Aeußerungen ſich ausdruͤckte, ge⸗ wann meine Neigung, und auch ich durfte nicht verhehlen, einen Ein⸗ druck auf ihn gemacht zu haben, der fuͤr das ganze Leben begruͤndet ſchien, 137 — Wohl ſah ich die Schwierigkeiten einer Verbindung auf ewig zwiſchen uns ein, und ſtrebte, ihm auf das ſorgfaͤl⸗ tigſte das Geheimniß meiner Gegenliebe zu verbergen. Denn ſein Gluͤck war mir heiliger als das meine, und ich kannte die Geſinnung ſeiner Mutter ſchon genau genug, um zu wiſſen, daß ihr Ahnenſtolz, ſo wie ihre Ueberſchaͤz⸗ zung der zeitlichen Guter, die mir abgin⸗ gen, ihre Einwilligung bezweifeln ließ. Standhaft wies ich daher lange ihn zuruͤck, aber endlich trug doch ſeine Ueberredung, ſein Kummer, der ſichtlich ſeine blühende Geſundheit untergrub, 136 ſein feierlicher Schwur, nie eine Andere, als mich, zur Gefährtin ſeines Lebens erwahlen,(ein Umſtand, der, wie er behauptete, ſeine Mutter endlich ſchon fuͤr unſere Vereinigung ſtimmen werde) den Sieg über meine ſtrenge Zuruͤckge⸗ zogenheit davon. Ich weihte mich ihm durch das Geſtaͤndniß meiner Liebe zu dem gemeinſchaftlichen Wohl und Wehe unſerer ganzen Zukunft, und wir be⸗ ſchoſſen, unſeren Bund auf das heim⸗ lichſte zu verſchleiern, um erſt nach und nach, nicht durch heftiges Beſtürmen, ſondern durch das ſanfte Bemuͤhen der, Liebe und Ehrerbietung den Beifall der ſiengen Mutter zu erwerben. 139 So gingen mehrere Monate hin, — die ſchönſten meines Lebens. Mir genügte die ſtille Seligkeit, welche die Liebe gleich einer Glorie uͤber mein Da⸗ ſeyn goß, mir fuͤllte die Nähe meines Freundes Gemuͤth und Außenwelt mit uberſchwaͤnklichem Gluͤck, und, ſeines Beſitzes gewiß, blickt' ich, ruhig mich der Gegenwart erfreuend, in die Zu⸗ kunft. Aber nicht ſo Er. Die Unthätig⸗ keit, zu der widrige Verhältniſſe ihn verdammten, da ſie ſeine Anſtellung erſchwerten, der Zwang, der unſer Ein⸗ verſtändniß beherrſchte, und uns oft die 6 1½ 1 1 140 koſtbarſten Stunden ſtahl, ſein tebhafte⸗ res Gefuͤhl, welches das meine zwar nicht an ieſe und Innigkeit, wohl aber an Feuer und vnnte Ungeduld ubertraf, alles dies truͤbte ſeine Stim⸗ mung, und erregte Unzufriedenheit und WMißmuth in ſeiner Seele. Da brachen jene ſchrecklichen Gaͤh⸗ rungen aus, die in der Wuth der Tuͤr⸗ ken den Untergang der Griechen bezweck⸗ ten. Niemand vermochte ohne Schau⸗ der, niemand ohne den Wunſch, helſen zu koͤnnen, die Graͤuel anzuhoͤren, durch welche barbariſche Grauſamkeit ein un⸗ terdrücktes Volk gemartert wurde, weil 141 es den Muth hatte, ſeine Ketten zerbre⸗ chen zu wollen. Die Zeitungen gewan⸗ nen jetzt in unſerem Kreiſe ein lebhaftes, obwohl trauriges Intereſſe. Ach,. ich ahnete damals noch nicht, wenn ich ſie vorlas, und Woldemar in gerechter Empoͤrung uͤber die Entſetzlichkeiten knirſchte, von denen ſie erfuͤllt waren, daß er uͤber einen Plan bruͤtete, der den tiefſten Schmerz uͤber mich verhaͤngen ſollte. Er etklärte nämlich plößlich, daß er entſchloſſen ſey, ſein Leben der guten Sache zu weihen, und gegen die Tuͤrken zu kaͤmpfen. Weder die Bitten und 142 Thraͤnen ſeiner Mutter, noch die ſtumme Angſt, mit der ich rang, vermochte ſei⸗ nen Entſchluß zu aͤndern,— er blieb unwiderruflich, und bald ſah ich ihn von mir ziehen. Wohl mußte ich die Kraft bewun⸗ dern, die von allen Freuden eines ſiche⸗ ren Wohllebens ihn losriß, um fern von der Geliebten, die um ihn trauerte, ein Leben der Gefahr und des Entbehrens zu beginnen. Denn wenn auch nein Herz darüber blutete, ſtellte meine Ach⸗ tung ihn nur um ſo hoͤher, und ſtolz auf ſeinen Charakter, war ich feſt uber⸗ 143 zeugt, der Himmel werde ein ſo from⸗ mes Unternehmen ſchuͤtzen. Anfangs,— ſie ſtockte, und eine Thraͤne rollte uͤber die im Weh der Er⸗ innerung erbleichten Wangen— an⸗ fangs begruͤßten oſt Briefe mich als Boten ſeiner Liebe. Sie waren die hel⸗ len Punkte in meiner dunklen Nacht, denn von jetzt an verfinſterte ſich mein Schickſal. Meine Mutter erkrankte ernſtlicher, und verlangte, wenn ſie es auch nicht ausſprach, in ſtiller Sehnſucht nach der Pflege ihres Kindes. Die Baronin, deren Beſorgniß um den ein⸗ zigen Sohn ſich nicht als Trauer, ſon⸗ 144 dern als uͤble Laune ausdrückte, begegnete mir in den Anfaͤllen derſelben mit belei⸗ digendem Uebermuth und kraͤnkender Zu⸗ ruͤckſetzung. Statt daß meine ſteten Aufmerkſamkeiten, und mein Bemuͤhen, ihr gefaͤllig zu ſeyn, mir von ihrer Seite haͤtten ein ſchonendes Betragen erwerben ſollen, würde ſie immer anmaßender und haͤrter, und behandelte mich am Ende ſo ruͤckſichtslos, daß mein Selbſtgefuhl mich auffoderte, ſie zu verlaſſen⸗ Doch kaͤmpfte ich, um Woldemars willen noch lange mit mir ſelbſt, ehe ich dieſen mir aufgedrungenen Vorſutz ausfuͤhrte,— endlich aber entſchied die — 145 immer zunehmende Schwäche meiner Mutter, und lieh mir einen Vorwand, mich mit Schonung von der Baronin zu trennen. Ich kehrte unter die mutterliche Obhut zuruͤck, und erfullte meine kind⸗ lichen Pflichten mit treuer Liebe und Sorgſamkeit, aber mit tief betruͤbter Seele, denn jetzt wurden Woldemar's Briefe ſeltner, und die ſchrecklichſte Un⸗ gewißheit breitete ihr Dunkel uͤber den Weg, den er ſo muthvoll betreten. Un⸗ fälle aller Art vereinigten ſich, unſere haͤusliche Exiſtenz zu verkuͤmmern, denn wir verloren in kurzer Zeit ohne unſere Clara. 10 146 Schuld, den groͤßten Theil des geringen* Vermoͤgens, das uns geblieben war. Wir ſahen ein, daß wir nun nicht laͤn⸗ ger in der theueren Reſidenz leben konn⸗ ten. Dieſe Wahrnehmung, ſo wie die Hoffnung, daß meiner Mutter die Land⸗ luft, die ſie ſo liebt, wohlthun werde brachte uns zu dem Entſchluß, uns in einer Gegend anzuſiedeln, wo wir an„ der guten Anna eine treue, gepruͤſte Freundin hatten. Wir zogen hierher, aber ob ich gleich unter der verabredeten Adreſſe Woldemar auf's genaueſte von allem benachrichtigte, und nur aus Schonung 147 ſeines Zartgefuͤhls ihm die unwuͤrdige Behandlung ſeiner Mutter, ſo wie die Schattenſeite meines ſo truͤbe geworde⸗ nen Schickſals verhehlte, ſo blieben doch ſeine Briefe jetzt gaͤnzlich aus, und ver⸗ 6 gebens hoffte ich, durch viele bange Mo⸗ nate hindurch von einem Tag zum an⸗ dern auf ein Zeichen ſeines Lebens, bis 1. 8 ini an eine Freundin,— die einzige Vertraute * e„* meines Verhaͤltniſſes,— die in der Naͤhe von B. lebt⸗ mir gluͤck⸗ wuͤnſchend ſchrieb, er ſey zuruͤckgekom⸗ men, weil er, gleich ſo vielen Andern, das Vergebliche ſeines edelmuͤthigen Stre⸗ bens eingeſehen habe⸗ 148 Dieſe Nachricht, von der ich nicht weiß, ob ich ſie glauben oder bezwei⸗ feln ſoll, nagt jetzt an meiner Ruhe, an meinem Leben. Noch immer faͤhrt Wol⸗ demar fort, ſtumm zu bleiben, wie das Grab; dies bewog mich, Sie um Ihre Vermittelung zu hitten, daß ich endlich beſtimmt erfahre, ob das Gerucht ſeiner Zuruͤckkunft gegruͤndet iſt, oder nicht. Denn dieſe Unſicherheit meiner Vermu⸗ thungen, dieſes quaälende Schwanken zwiſchen Furcht und Hoffnung ertrag ich nicht laͤnger.“ Du kannſt Dir leicht denken, was ich bei dieſem offenen Geſtändniß em⸗ 149 pfand, und wie ſehr alle meine Gedan⸗ ken und Gefuͤhle auf Deine Antwort ge⸗ richtet ſind, der ich ungeduldig entgegen blicke. Was ſie auch enthaält, und wie weit auch mein truͤbes Verhaͤngniß durch Clara's Neigung die Kluft geriſſen hat, die nun zwiſchen ſie und meine Wuͤn⸗ ſche treten muß, ſo wird ſie doch nim⸗ mer meinem Herzen fremder werden als jetzt, und es waͤre eine Verletzung der geheiligten Rechte, die das Vertrauen ſich erwirbt, wenn ich nicht alles auf⸗ bieten wollte, was in meiner Macht ſteht, ſie zu beruhigen, und ihr zu 150 nuͤtzen. Mit tiefem, aber ſtummen Schmerz, doch mit unwanbelbarer An⸗ hänglichkeit werde ich einſt vielleicht ſo⸗ gar die Faſſung gewinnen, ſie in den Armen eines Anderen zu ſehen, werde mit Verlaͤugnung meiner ſelbſt mich ih⸗ rer Zufriedenheit freuen, und mir nur den Wunſch noch erlauben, daß der, den ſie gewaͤhlt hat, und der ſo viel glucklicher iſt, als ich, ihrer auch wuͤrdi⸗ ger ſey. Lebe wohl, mein Freund! ich bin geſammelt, ruhig und ergeben; aber demohngeachtet fuhl' ich wohl, daß das 15¹ Schone aus meinem Daſeyn nun dahi iſt, und daß die Natur mein Herz ge⸗ ſchaffen hatte, um einmahl nur im Le⸗ ben zu lieben. 3 wölfter Brief. Walther an Wilibald. WVergieb, mein beſter Willibald, wenn ich Deinen Franz laͤnger aufgehalten ha⸗ be, als die Ungeduld, mit der Du auf die Beantwortung Deiner Frage dringſt, es mir eigentlich geſtattet haben ſollte. Aber zu oft getäuſcht im Leben, pflege ich jetzt ſelbſt in weniger wichtigen Faͤl⸗ R 153 len nur der eigenen Beobachtung zu trauen, wie nicht dann um ſo viel mehr, wenn, wie es hier ſcheint, es das Wohl oder Wehe eines Freundes zu entſcheiden gilt. Ich verfuͤgte mich gleich nach der Ankunft Deines Boten zu dem Ban⸗ quier Wolf, einem wackeren Mann, den ich ſchon lange kenne, und deſſen Men⸗ ſchenkenntniß und geſundem Urtheil ich vertraue. Er ſagte mir auf meine Erkundi⸗ gung nach Baron Woldemar, daß er wirklich von ſeinem Ritterzug zuruckge⸗ kehrt ſey, und vor wenig Augenblicken 154 erſt ſein Comtoir, wo er eine gahlung empfangen, verlaſſen habe. Auf meine Frage, wie lange er ſich wieder in der Heimath befinde, verſetzte er, daß es wohl ohngefaͤhr zwei Monate per ſey, und als ich Verwunderung pe⸗ zeugte, daß er ſo ſchnell dies Ausbauern erfodernde Abentheuer beſchloſſen, ant⸗ wortete er laͤchelnd: Wie die Mehrzahl unſerer jetzigen jungen Herren iſt, wun⸗ dert mich dies keinesweges, ja, im Ge⸗ gentheil, es kommt mir vor, als ſey es ganz in der Ordnung. Denn die meiſten ſind wohl einer fluͤchtigen, enthuſiaſti⸗ ſchen Aufwallung fähig, aber ſo wie 135 ihre Deutſchthuͤmlerei mehr in einer rau⸗ hen Schaale, als in einem kraftigen Kern beſteht, ſo iſt auch Eifer und Selbſtverlaͤugnung mehr auf ihren Lip⸗ pen, als in ihrem Herzen. Baron Wol⸗ demar, von den praͤchtigen und beque⸗ men Gewohnheiten eines behaglichen Wohllebens uͤberſaͤttigt, fand es vielleicht intereſſant, die allgemeine Theilnahme villigend, uͤber einen heldenmuͤthigen Entſchluß und ein ruͤhmliches Beſtreben zu erfahren. Es ſchmeichelte ſeiner Eitel⸗ keit, ſich bewundert und gelobt zu ſehen, und die Trunkenheit der Eigenliebe, die in dieſem oͤffentlichen Beifall ihre Trium⸗ 15⁵6 phe feierte, verwechſelte er wahrſchein⸗ lich, wie es dem Eitlen ſo leicht begeg⸗ net, mit der Trunkenheit jenes Muthes, der nach Thalen durſtet. So zog er aus, doch je naͤher ſeinem Ziele, je kuͤh⸗ ler wurde ſeine Stimmung. Ungewohnte Strapazen, eine laͤſtige, mit dem Man⸗ gel kaͤmpfende Lebensweiſe und wohl nicht eben zutrauliches Entgegenkommen derer, deren Parthie er ergriffen hatte, ſchreckten ihn ab, ſich noch laͤnger Ge⸗ fahren auszuſetzen, die niemand beachtete, niemand ruͤhmte. Daher fand er es ge⸗ rathener, zu der Mama zuruͤck zu kehren, die ohnehin nur unter der Bedingung, 157 daß er ſein theueres Leben nicht Preis gebe, in ſeine Entfernung gewilligt, und laͤngſt den Wunſch gehegt hatte, daß er ſich ſtandesmaͤßig verheirathen moͤchte. Jetzt iſt dies, glaub' ich, im Werke, doch kann ich es nicht mit Beſtimmtheit behaupten; aber daß Baron Woldemar nicht hi nicht mehr in Griechenland, ſon⸗ dern ſogar hier in der Reſidenz ſich befindet, darf ich verſichern, da ich, wie geſagt, ihn erſt vor wenig Momenten in mei⸗ nem Hauſe geſprochen habe.— Dieſe Nachricht genuͤgte mir nur halb, wenn gleich durch ſie mein Auf⸗ trag bereits erfuͤllt war. Aus Deinem 158 Brief,— offenbar in der tieſſten Ge⸗ uͤthsbewegung geſchrieben, und aus Franzens abgebrochenen Erzaͤhlungen ſtrebte meine Einbildungskraft ſich eine Skizze Deines Seelenzuſtandes zu ent⸗ werfen, und da ſchien es mir, als könne nur die genaueſte Ausfuͤhrlichkeit Dir Be⸗ ruhigung gewaͤhren. Ich beſchloß alſo, ſelbſt zu Woldemar zu gehen, und war ſo gluͤcklich, ihn zu Haus zu treffen. Eine huͤbſche, gewandte-Geſtalt,— ſo eine Art von Weiblingen, wie ſie ſeit des biedern Goͤtz von Berlichingen Zeit noch immer zu Tauſenden in der Welt umherlaufen, um mit geſchmeidiger Zun⸗ . 159 ge und gleißneriſchem Angeſic t leichtgläu⸗ bige Madchen zu bethören,— empfing mich, und zwar mit ſo piel zuvorkom⸗ mender Hoͤflichkeit, als eine neue Be⸗ kanntſ ſchaft nur immer fodern kann. Er“ hat den Ton und Anſtand eines keinerauhe Ecke wird an ihm ſichtbar, alles iſt Weichheit, Rundung und Nilde, ja er ſcheint ſo glatt, wie gewiſſe Muͤnzen, die im Cours der Welt ihr eigenthuͤm⸗ liches Gepraͤge verloren haben, aber auch ſo verwiſcht noch gelten und glaͤn⸗ zen koͤnnen. Es ſchimmerte ein ſanftes Laächeln in ſeinem Geſicht, das mich, den 160 der Ernſt des Lebens erzogen hat, durch ſeine Anmuth würde beſtochen haben, weil einer, der gewohnt iſt, im Schat⸗ ten zu wandeln, gern einmahl prd an die warme Sonne tritt, wenn nicht zugleich etwas Berechnetes, faſt möcht ich ſagen, Lauerndes in ſeinen Augen, mich aufmerkſam und mißtrauiſch gemacht hätte. Denn es iſt unlängbar, im Au⸗ ge thront die Seele. Wem der treue, gerade Blick ermangelt, der, wie ein xed⸗ licher Gegner, ſich jedem fremden Auge furchtl aber doch beſcheiden ſtellt, um deſſen Wahrheit im Charakter, bild' ich mir ein, muͤſſ' es ubel ausſehen, denn nur 161 die Scheu, erkannt zu werden, leitet ihn ————— ſeitwaͤrts, wenn der Mann dem Manne gegenuͤber ſteht.— ——— Auf meine Entſchuldigung, daß eine geheime Theilnahme an ſeinem Schick⸗ ſal mich beauftragt habe, nach ſeiner Rückkehr zu forſchen, und daß ich um nicht falſche Geruͤchte zu verkuͤnden, nur ihm ſelbſt zu glauben entſchloſſen, und daher gekommen ſey ihn aufzu⸗ ſuchen, erroͤthete er mit allen Zeichen der Verlegenheit, faſt moͤchte ich ſagen, des boͤſen Gewiſſens. i——˙——— Ich bin allerdings ſeit einigen Mo⸗ naten wieder in den Schooß meiner Fa⸗ Clara. 11 162 milie zuruͤckgekehrt, ſagte er, weil der Erfolg meiner Anſtrengungen mir nicht lohnend genug fuͤr die unſaͤglichen Auf⸗ opferungen ſchien, die ich meinem Legen Antheil an dem Ungluͤck eines unterjoch⸗ ten Volkes brachte; aber ich wuͤßte doch nicht, daß irgend jemand, der ein TeLt nach mir zu fragen hat, mit meiner Zurückkunft unbekannt geblie⸗ ben waͤre. Es giebt eine Theilnahme, welche unetwunſcht iſt, und daher laſtig falt, fuhr er mit Heftigkeit fort, denn es war, als ob das Bewußtſeyn begangenen Un⸗ echts, das ſich in ſeinem ganzen Weſen ————+— 163 ausdruͤckte, ihn, wie es zu gehen pflegt, eben ſo ſehr erzurne, als beſchäme. Ver⸗ zeihen Sie, ſetzte er hinzu, da ich ihm ſehr ernſt und feſt in die unſtaͤten Au⸗ gen ſchaute, ich ſage dies ganz ohne Be⸗ zug auf Ihre gefaͤllige Verwendung. Meine Auftraͤge gehen nicht weiter, erwiederte ich, und ſchickte mich an, ihn zu verlaſſen. Sehr verlegen fluͤſterte er noch etwas von dem Vergnuͤgen, meine Bekanntſchaft gemacht zu haben, ſo wie von der Hoffnung, ſie fortzuſetzen; aber ich warf ihm einen Blick zu, vor dem er verſtummte, und ging. Dies, mein guter Wilibald, iſt 164 alles, was ich Dir mittheilen konnte. es Deinen Erwartungen entſpre⸗ chen, und moͤchten dieſe Zeilen Dich ru⸗ higer finden, wie Du warſt, als Du mir ſchriebſt. Sehnſuchtsvoll blicke ich dem verheißenen Aufſchluß Deiner ſo be⸗ wegten Stimmung entgegen; denn ver⸗ mag ich gleich manches zu combiniren, ſo fehlt mir doch die Beſtaͤtigung meiner Vermuthungen, die ich erſt von Dir erwarte. Sobald die erſte Einrichtung, die mein veraͤnderter Wirkungskreis erfodert, voruber, und mein Geſchaͤftsleben wieder ſo geordnet iſt, daß ich mit Ruhe einige denn mich verlangt mit Wochen abweſend ſeyn kann, werd' ich der herzlichſten Ungeduld, Dich zu ſehen, 2 — 8 — S S — — 8 und mich ſelbſt zu uͤberzeugen, wie es Dir geht. Dreizehnter Brief. Clara an Woldemar. Die Ungewißheit, ob meine Briefe den Baron Woldemar wirklich erreicht haben, giebt mir noch einmahl die Feder in die Hand, um darnach zu fragen. Ein ent⸗ ſcheidendes Wort hierüber iſt die letzte Bitte, die ich mir erlaube. ————— X Vierzehnter Brief. Woldemar an EClara. Wie ſchwer, wie unendlich ſchwer, mei⸗ ne himmliſche Clara, wird mir heute das ſonſt ſo beglückende Geſchäft, Dir zu ſchreiben. Und doch, was ich Dir auch zu ſagen habe, holder Engel, ich verzage nicht,— denn ich kenne Dich 168 ja. Manchmahl äußerteſt Du im Voll⸗ gefuͤhl Deiner zarten Neigung zu mir, daß mein Gluͤck Dir heiliger ſey, als das Deine, und der ſchoͤne Heroismus Deines Charakters laͤßt mich nicht zwei⸗ feln, daß— wo ein Opfer erforderlich iſt, es zu begrunden,— Du mit freu⸗ digem Muthe es bringen wirß. Ich habe Deine Briefe ethalten, aber nicht beantwortet, da meine kind⸗ llichen Pflichten 695 der Rath meiner Vernunft es mir unterſagten. Ach! ich 2 wuͤrde, wenn ich mit thoͤrichtem Eigen⸗ ſiun auf der Fortdauer einer Verbindung 169 beſtehen wollte, die unſere jugendliche Unbeſonnenheit ſchloß, Dir nur ein kum⸗ mervolles Loos, verfinſtert von dem Flu⸗ che meiner zuͤrnenden Mutter und von den conventionellen Nachtheilen, die aus der Ungleichheit der Staͤnde hervorge⸗ hen, bieten können„ und daher laß uns ein Verhaͤltniß enden, das nicht zu un⸗ ſerem Frieden dient. Vergieb, daß ich gieb, ſtoͤrend in Dein Leben eingriff, und in dem Wahn, Dir einſt angehoͤren zu dür⸗ fen, mich um Dein Herz bewarb. Mö⸗ ge es bald einem Gluͤcklicheren ſchlagen. Meine tiefſte Verehrung, meine herz⸗ 170 lichſte Theilnahme wird Dich bis an's Grab begleiten, und ſo, im ſchöneren Sinn fahre ich fort, mich Dein zu nen⸗ nen, wie auch Du ewig die meine ſeyn wirſt. — Hier entſtand eine lange Pauſe zwi⸗ ſchen den Briefen, welche die einſachen Begebenheiten darſtellten, denn Clara verſtummte in dem Schmerz, ſich nicht nur in ihren Hoffnungen, ſondern auch in dem Charakter des Geliebten betrogen zu haben, und Walthers Beſuch endete fuͤr eine geraume Zeit ſeinen Brieſwech⸗ ſel mit Wilibald. Welch ein peinlicher Auftrag war B 3 ————————— — — — — — —F —. 172 es fur dieſen letzteren, Clara mit dem Erfolg ſgr Sendung bekannt zu machen. Denn es giebt fur S. edles Gemuͤth nichts Qualvolleres auf Erden, als die Nothwendigfeit, bas Weſen, das ihm am theuerſten im Le⸗ ben iſt, auf's tiefſte betruben zu muͤſſen. Indeſſen erleichterte Clarens, durch LLeiden bereits geprüfter, und in ſtiller Froͤmmigkeit geſammelter Sinn, ihm durch eine wahrhaſt religioſe Faſſung dies ſchwere Geſchaͤft. Sie vernahm den weſentlichſten In⸗ halt von Walthers Brief noch unter den geiſtigen Fieberſchauern, die der 173 Kampf zwiſchen Furcht und Hoffnung in ihrer Seele erregte, und bald erroͤ⸗ thend, bald erblaſſend, erfuhr ſe Wolde⸗ mars wirklich längſt erfolgte Zuruͤckkunft, und ſein unwuͤrdiges Benehmen, das— er konnte nicht bezweifeln, daß ſie es war, die durch Walther nach ihm forſchte,— bereits ihr Schickſal zu eniſcheiden ſchien. Doch ihr feſter Glaube an den Mann, der ſo innig ſich zu ihrem Her⸗ zen gedraͤngt, und der ohne eigentlichen Charakterwerth durch vorgeſpiegelte Flos⸗ keln ſich und ſie uͤber ſeine flache Sin⸗ nesart getaͤuſcht hatte, indem er ihr,— 174 7 wie der Kieſel oft durch prunkend an⸗ geſchliffene Facetten den Diamant nach⸗ ahmt,— in dem blendenden Lichte des reinſten Seelenadels und des hoͤchſten Zartgefuͤhls, zu erſcheinen wußte, konnte trotz der Sicherheit der Quelle, aus der dieſe Nachrichten floſſen, nicht ſo auf einmahl vernichtet werden. Sie bat, daß Wilibald ſeine Ge⸗ faͤlligkeiten kroͤnen, und, da es auf das Wohl und Wehe ihrer ganzen Zu⸗ kunft ankomme, noch einmahl, zum let⸗ tenmahl! ihr behuͤlflich ſeyn moͤge, Wol⸗ demar ſelbſt durch einige Zeilen zu na⸗ hen. — 175 Sie ſchrieb die wenigen Worte, die den Inhalt des dreizehnten Briefes aus⸗ machen, denn ſie glaubte ſich und Wol⸗ demar und den Traͤumen einer ſeligen Vergangenheit es ſchuldig zu ſeyn, nicht ohne eine beſtimmte Erklärung von ſei⸗ ner Seite ihr Verhältniß zu ihm als aufgeloͤſet zu betrachten. Franz ward abermals zum Boten auserſehen. Er kehrte mit dem vierzehn⸗ ten Briefe zuruͤck, aber ſo ergeben ſich auch Clara glaubte, ſo uͤberwältigte doch Woldemar's Heuchelei, und der Wißbrauch eines vorgeſpiegelten flicht⸗ gefuͤhls, hinter dem ſich ſein Wankel⸗ 8 ———— ———— 6 2 2——+„— — — 176 muth verbarg, ihr Gemuͤth ſo ſehr durch — — die gerechteſte Empoͤrung, daß ſie die Kraft verlor, dieſe bitterſte aller Erfah⸗ rungen zu tragen. Eine tiefe Ohnmacht, mit der ein lebensgefaͤhrliches hitziges Fieber begann, ſtreckte die Ungluͤckliche zu Boden. Denn fuͤr ein edles weibliches Weſen iſt der Unwerth des Geliebten eben ſo ſchmerz⸗ lich, als ſeine Untreue. Beides aber. mit einander verbunden, und als bittere Frucht vom Baume der Erkenntniß, dem Gemuͤth aufgedrungen, loͤſcht im Inner⸗ ſten der Seele fuͤr lange Jahre, wo nicht fuͤr immer, mit dem Glauben an 177 die Menſchen auch den Muth und das Selbſtvertrauen aus, durch die haupt⸗ 1 ſaͤchlich ſich der innere Friede begruͤndet. Wochen vergingen, ehe der Strahl eines deutlichen Bewußtſeyns wieder in der dunkelen Nacht anbrach, die ihren Geiſt umhuͤllte. Ihre Fantaſieen verrie⸗ then der Mutter das traurige Geheim⸗ niß, das ſie ſo lange ſchonend ihr ver⸗ borgen, weil ſie dadurch nur Schmerz und Sorge, keine Freude, ihr mitzuthei⸗ len hatte. Wilibald, der ſich mit der Tiefgebeugten zu der aufmerkſamſten Pflege der geliebten Kranken vereinigte, verhehlte ihr nicht, wie theuer ſie ſeinem 178 Herzen war, obſchon ſein feines Ge⸗ fühl keinesweges ihm geſtattete, Hoff⸗ nungen auf die Truͤmmern zu bauen, in die das Gluͤck der Geliebten zuſam⸗ men geſtuͤrzt war. Als Clara wieder anfing, ſich zu erholen, und in ihren einſamen Thraͤnen und dem Gebet um Kraft, Linderung ihres Schmerzes, ſo wie Troſt in der Ueberzeugung fand, daß der Betrogene doch immer gluͤcklicher in ſich als der Betruͤger iſt, ſtrebte Wilibald mit ſanf⸗ ter Schonung, ſie von ihrer Schwer⸗ muth abzuziehen, und dem Leben wieder zuzuwenden. 179 Er wußte, daß laute Zerſtreuungen nichts uͤber ein Herz vermoͤgen, das mit ungewoͤhnlicher Tiefe ſeine Neigungen, und ſeinen Kummer umfaßt, aber er ſuchte dieſen Kummer zu beſchwichtigen, indem er mit der treueſten Hingebung ſich bemuͤhte, nur jene edleren Erhei⸗ terungen zu erſinnen und ihr vorzuſchla⸗ gen, die den Geiſt beſchäftigen, ſtatt ihn zu betaͤuben. So ermunterte er ſie, der Malerei wieder groͤßtentheils ihre Zeit zu wid⸗ men, und dieſe troͤſtliche Kunſt, die dem, der ſich vertrauensvoll ihr weiht, in den ihr geheiligten Stunden gleich dem Le⸗ — — — 3*— —— —— —————————— 180 the in wohlthaͤtiges Vergeſſen ſeiner Lei⸗ den wiegt, bewaͤhrte auch an ihr, wie er gehofft und gewuͤnſcht hatte, jenen leiſe lindernden Zauber, der zur Beruhigung fuͤhrt, und er glaubte mit Recht, ſchon viel gewonnen, als er ſah, wie ſie durch ſeine ſorgſame pſychologiſche Be⸗ 5 handlung unterſtutzt, ſich von dem ſtil⸗ len Bruͤten über ihren Gram nach und nach wieder zur Wirkſamkeit in ihrem Beruf, und zu einer zerſtreuenden Tha⸗ tigkeit ermuthigte. WMan koͤnnte ſagen: wie viele thei⸗ len das Loos, verlaſſen zu werden, und wiſſen ſich zu tröſten. Es iſt — 181 wahr, es giebt weibliche Weſen, deren Seelenvermoͤgen in ſtumpfer Rohheit unentwickelt geblieben iſt,— deren be⸗ ſchränktes geiſtiges Daſeyn, oder voͤllig erſtarrter, unbelebter moraliſcher Sinn eben ſo wenig ſittlicher Empfindungen, als heller Begriffe faͤhig iſt. Solche, in deren dumpfen Gemuͤthern das Licht der Liebe nur aufflammte, wie ein Irrlicht auf feuchtem Moorgrund, um in ſich ſelber wieder zu erloͤſchen, wiſſen zu vergeſſen und zu verſchmerzen.— Aber wehe denen, die Naturanlage und Erziehung auf eine hoͤhere Stufe ſtellten,— die durch eine aufgeklaͤrte 132 Religion, ein lebhaftes Gefuhl fuͤr Recht und Unrecht, durch Zartheit der Geſinnungen ihr inneres Leben zu einem Grade entwickelt haben, der ihnen den ganzen Umfang menſchlicher Wuͤrde im eigenen Buſen zeigt; die bei aller De⸗ muth, welche ſich noch weit vom Ziel der Vollendung erblickt, doch ſich bewußt ſind, ihm naͤher und immer näher zu kommen, und durch den Gewinn intel⸗ lectueller und moraliſcher Cultur, den ſie ſich erworben, ſich zu einer Hoͤhe empor geſchwungen haben, wo Niedrigkeit und Schmach unheilbar verwunden. Clara, die zu den letzteren gehörte, ————— 183 glich den Schwerverwundeten, die nur des geſchickteſten Arztes Hand zu heilen vermag. Sie hatte in Woldemar das Ideal zu finden geglaubt, das jedes Maͤdchen als den Abgott ſtiller Traͤume im Herzen traͤgt, um es außer ſich zu ſuchen. Unfaͤhig zu taͤuſchen und zu heucheln, traute ſie arglos den Huldi⸗ gungen, durch die ſeine exaltirte Fantaſie in jenen Stunden des Beiſammenſeyns ſich vielleicht ſehl betrog und ſich zu ſeinem Gluͤck ſo nothwendig waͤhnend, wie er es zu dem ihrigen ſchien, hatte ſie mit vollem Vertrauen zu dem Ernſt und der Ausdauer ſeiner Neigung ihr 184 Leben für beſchloſſen angeſehn, da es ihm mit der heiligſten Treue gewidmet war. Wo quiltt ein Balſam fuͤr das bit⸗ terſte Weh hienieden, mit dem ein lie⸗ bendes Herz ſich nicht nur in ſeinen Erwartungen, ſondern auch, was noch weit brennender ſchmerzt, in dem Cha⸗ rakterwerth des Geliebten betrogen ſieht? Haͤtte Clara ihn noch achten koͤnnen, ihn, der ſie ſo herzlos verließ, und der die Schmach, zu der ihn ſeine Unbeſtaͤn⸗ digkeit herabwuͤrdigte, doppelt trugeriſch, noch hinter der ſchimmernden Huͤlle kind⸗ lichen Pflichtgefühls zu verbergen ſirebte, — — 185 ſo wäre ihr das Daſeyn doch nicht ſo voͤllig verarmt, das Herz nicht in den geheimſten Wurzeln ſeiner Kraft verletzt erſchienen. Wilibalds uneigennuͤtzige, mehr aus ſeiner warmen Theilnahme an ihrem Mißgeſchick, als aus ſeiner Liebe fuͤr Clara hervorgehenden Bemuͤhungen, ſie, wie die vom rauhen Sturm gebeugte Blume, durch den milden Sonnenſchein der Innigkeit wieder empor zu richten, waren nicht vergebens, und an ihrer Seite ſitzend, wenn ſie arbeitete, ihr vor⸗ leſend, oder auch in ſtillgemaͤßigter, nicht rauſchender Heiterkeit Geſpraͤche ——,— 136 perbeiführend, die durch freunblichen Austauſch der Gedanken ſie von ihrer — Traurigkeit abzogen, gelang es ihm, wieder Laͤcheln auf ihre Lippen, und den ruhigen Glanz der Zufriedenheit in ihr Auge zuruͤck zu rufen. Durch Dankbar⸗ keit ihm ſo unausſprechlich ſchon verbun⸗ den, hatte der nicht prunkende, aber ge⸗ diegene Werth ſeines kindlich reinen offe⸗ nen Gemuͤths ihre Achtung fuͤr ihn im⸗ mer herzlicher erhoͤht, und ohne ſich noch ſelbſt klar zu verſtehen, lag doch bereits als verrätheriſches Kennzeichen einer zartkei⸗ menden Neigung ein ſüßer Genuß für 187 ſie darin, fuͤr ihn zu arbeiten, um ihn zu erfreuen. So war fortan jedes Bild ihres ſchoͤpferiſchen Pinſels nur ihm gewidmet, und mit tiefer Ruͤhrung erkannte ſie, als er ſie eines Tages in ſein Cabinet fuͤhrte, und ſie ihre fruͤheren, einſt aus Noth verkauften Arbeiten zierlich gefaßt und geordnet, an den Waͤnden erblickte, auch hierin die ſtill perſchwiegene Liebe, die heimlich und beſcheiden geſucht hatte, alles zu ſammeln, was von ihren Haͤn⸗ den hervorgegangen war. Die Art, wie er fuͤr die Beduͤrfniſſe der Mutter zu ſor⸗ gen fortfuhr, war ſo ſchonend und kind⸗ 188 lich, daß ſein Zuvorkommen jedes ibr0 Wuͤnſche, auch das zarteſte Gefuͤhl nicht hatte verwunden koͤnnen, und daher ent⸗ haͤlt der funfzehnte Brief als Beſchluß dieſes kleinen Romans aus der wirk⸗ lichen Welt kein im Reich der Seelen⸗ kunde auffallendes Wunder, wenn er verkuͤndet, daß Wilibalds treue Anhaͤng⸗ lichkeit in Clarens Erwiederung und Beſitz endlich ihren Lohn fand. — j Funfzehnter Brief. Wilibald an Walther. Theile mein Gluͤck, geliebter Freund, jetzt nur durch den fluͤchtigen Umriß, den ich Dir gebe, aber ſo bald Du kannſt, durch eigene Anſchauung, indem Du meine dringende Bitte erfuͤllſt, zu mir zu kommen, ſobald Du nir immer wieder einige Wochen Deinen Berufs⸗ 190 arbeiten entziehen kannſt. Clara iſt meine Verlobte. Schuͤchternheit, aus der Ehrfurcht hervorgehend, die ihr Charak⸗ ter mir eingefloßt hat, und dann— Du weißt es,— der quaͤlende Gedanke, daß des Treuloſen Bild wohl noch im⸗ mer im Allerheiligſten ihrer Seele herr⸗ ſche, verſchloß bisher hermetiſch meine Lippen, denn ich glaubte zu viel zu ver⸗ lieren, wenn ich durch ein voreiliges Geſtändniß meiner Liebe ihr Vertrauen vielleicht zuruͤckſtieße. Geſtern aber— wir ſaßen unter dem Apfelbaum, unter dem ich ſie einſt belauſchte, deſſen dama⸗ lige Bluͤthen, jetzt in purpurne Fruͤchte 191 verwandelt, über unſeren Haͤupteren im milden Wehen der nun herbſtlichen Luft ſich ſchaukelten,— geſtern las ich Cla⸗ ren und ihrer Mutter(hatte der Zufall oder mein guter Genius meine Wahl geleitet ²) einzelne Scenen aus Götz von Berlichingen vor. Und als ich die Stelle traf, wo Sickingen um Maria wirbt, und im Gefuͤhl der redlichen Neigung und der Willens⸗ kraft ſagt: Trauſt Du mir nicht zu, daß ich den Schatten eines Elen⸗ den ſollte verjagen koͤnnen?— da überwältigte mich der Sinn dieſer Worte,— ich mußte das Buch hinlegen, aber ich wagte nicht zu ſagen, welches Sehnen meine Bruſt ſo ungeſtuͤm be⸗ ſturmte, bis ich aufſah, und Clarens ſchoͤne Augen furchtſam, aber mild und troſtverheißend mich anblickten, waͤhrend auch ihr die Arbeit entſunken war, und ihre holden Wangen gleich dem Morgen⸗ roth ergluͤhten. Da riß es mich zu ihr hin, und niederknieend, und mein Ge⸗ ſicht in ihren Händen verbergend, ſeufzte ich leiſe: duͤrft' auch ich hoffen, daß ich den Schatten eines Elenden verjagen koͤnnte!— Ihr Haͤndedruck ſagte, Du darfſt es, und bald beſtätigten auch ihre Lippen dem Gluͤcklichen ſein Gluͤck, denn 193 nichts mehr fehlt, als Deine Gegen⸗ wart, um vollkommen zu ſeyn. In wenig Tagen fuͤhre ich meine Braut als Gattin in mein Schloß. Aber es wuͤrde meiner Freude doch etwas ſehr Weſentliches fehlen, wenn d Licht im Huͤttchen, das ſo freundlich als ein Stern der Verheißung mir ſchimmerte, bis das Hoͤchſte, was der Menſch im&. ben ahnen, hoſfen und verlangen kann, mir in Erfuͤllung ging, nun verloͤſchen, und in naͤchtliche Finſterniß verſchwinden ſollte. Waͤr ich Katholik,— ich verwan⸗ delte den vormaligen Aufenthalt der Ge⸗ Clara. 13 194 liebten in eine Capelle, und eine immer brennende Lampe wuͤrde jeden Abend mir die Erinnerung erneuen, daß ich dort mein ſuͤßeſtes Gluͤck auf Erden fand,— als Proteſtant aber widme ich es guten Werken, wie man zu ſagen pſtegt⸗ Es ſey ein Krankenhaus fuͤr ale, die in meinen Kreiſe eines ſolchen n⸗ Aſyls beduͤrfen, und auch der Fremdling, der ſiech und heimathslos herbei ſchwankt, trete ein, und finde pflege und Erholung in ſeinen mir ſo heiligen Mauern. Indem ich ſie erwei⸗ tere, und arme unverſorgte Wittwen 195 aus den mir zugehorigen Doͤrfern, als Waͤrterinnen der Kranken dort unter⸗ bringe, erreiche ich zwiefach den Zweck, zu helfen und zu nützen, und handle beſſer in Clarens und ihrer edlen Mut⸗ ter Sinn, als wenn ich den Ueberfluß, den ein guͤnſtiges Geſchick mir gab, auf die uͤppigen Altaͤre des Lurus und der Verſchwendung niederlegte. So wird das Licht, deſſen ſtiles Leuchten mich auf den Weg des Gluͤcks leitet, auch manchem Anderen ein hel⸗ ler Punkt im Leben ſeyn, und beſchei⸗ den ſtrahlend, ſoll es ſelbſt dann noch 196 fort beſtehen, wenn der Genius des Todes laͤngſt die Fackel meines Da⸗ ſeyns verloͤſcht hat. ——————— — † * 6 ₰ At e, 5 ½ —— S————— —— - 2 ——— —=„— — — 1 — —. ——