2 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Cdnard Ottmann in Gieſßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wr.— Vf. 1 Wr 5 P 2 W — — ,— 5. Auswärtige onnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ „ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene unv Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —,—— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und defecte Bücher(namentlich bei olchen mit Kupfern ꝛc.) nuß der —— 2 3 — 4—————————————— ů— 5 * 3 . 5 N N 6 5 6 3 * 5 Bilder der großen Wert. In Erzählungen. Von der Verfaſſerin des Lichts im Huͤttchen u. ſ. w. Quedlinburg und Leipzig, 5d e 6 o tr. 18 2 6 — — w—— 3 S 2————— 2——————— B ——— —. Meiner verehrten Freundin der verwittweten Frau Miniſterin Amalie von Voigt, gebornen Hufeland, in Weimar, liebevoll gewidmet von der Verfaſſerin. — 1 „—— „— ( 4 — 7 5 V SOC. — 7 —— —— — F h 4. Das gebrochene Herz. Der weibliche Sonderling. Anſelma von Norfeld, oder: der Pagenſtreich. — Das gebrochene Herz⸗ Une allen Herzen, die in der Reſidenz dem Tage entgegen ſchlugen, der dur ch die Vermählung des Kronprinzen zu einem frohlichen Volksfeſt für alle ſeine Unter⸗ thanen werden ſollte, regte wohl keines ſich ſo ſchmerzlich in der beklonmnenen Bruſt, als das, deſſen tiefes Gefuͤhl ſeine Beſitzerin, Grafin Klotilde von Warburg, um ihren goldenen Lebensfrieden betro⸗ gen hatte. Sie war die Tochter des Miniſters Warburg aus ſeiner erſten Ehe, und hatte während ihres jungen Lebens— 10 wiewohl in langſamen Zuͤgen— bereits den Kelch eines Schmerzes geleert, deſſen Bitterkeit zerſtoͤrend an ihrer Jugend⸗ bluͤthe nagte. 5. Sie verlor nämlich ihre Mutter in einem Alter, wo ſie noch unfaähig war, den hohen Werth derſelben zu begreifen. Doch das Andenken dieſer edlen Frau hatte ſich in ſo manchem Gemuͤth erhal⸗ ten, daß die Schilderung, was ſie gewe⸗ ſen, einen um ſo tieferen Schatten von Trauer über ihr Daſeyn goß, da ihre Nachfolgerin kein Mutterherz fuͤr ſie in die Verbindung brachte, die ſie mit ihrem Vater ſchloß, ſondern alle Liebe und Sorgfalt, deren ſie faͤhig war, Philip⸗ pinen, dem einzigen Kinde, gewaͤhrte, ——,——— 14 das der Tod unter mehreren anderen allein ihr verſchont hatte. Graf Warburg, der Liebling und Veritaute ſeines Herrn, lebte ganz in dem Sonnenſchein der königlichen Gunſt, und kuͤmmerte ſich wenig um die inneren Verhaͤltniſſe des eigenen Hauſes, wenn nur der außere Glanz derſelben ſeinen Foderungen und ſeinem Einfluß entſprach. Er uͤberließ es ſeiner Gemahlin ganz allein, die Erziehung der Tochter zu lei⸗ ten, und dieſe ſah mit Mißvergnugen, wie reich die Natur das Stiefkind be⸗ gabt und ausgeſtattet hatte, waͤhrend Philippine, der Liebling ihres Herzens, nur mit Muͤhe ſich die noͤthigen Kennt⸗ niſſe und Fertigkeiten erwarb, die eine 12 wenigſtens oberfchtiche Politur in ber großen Welt verlangt. Fruͤh in ſich ſelbſt zuruͤckgeſcheucht, und durch die Liebloſigkeit des mütterli⸗ chen und ſchweſterlichen Betragens ver⸗ ſchloſſen gemacht, trug Klotilde den Schmerz des Alleinſeyns mitten im Ge⸗ wuͤhl rauſchender Kreiſe in ſich umher. Denn wenn auch jedes unbefangene Auge ihre ſeltenen Vorzuͤge anerkannte, ſo wagte man doch nur gleichſam verſtohlen, ihnen zu huldigen, weil jedes Beifallzei⸗ chen, ihr als ein Tribut der Gerechtigkeit gezollt, die neidiſche Stiefmutter erbit⸗ terte, und— ſtatt Klotilden wohl zu thun— ihre Lage nur um ſo dornenvol⸗ ler machte. Auch war es keincswegs 13 Beifall, wornach ihre Seele duͤrſtete— ſie bedurfte Liebe, um in ſeliger Erwie⸗ derung die Kraͤfte ihres Gemüths zu ent⸗ wickeln, und zu erhoͤhen. Abgeſchnitten aber von Allem, was ſonſt die Jugend in froher Hingebung mit Geſpielen glei⸗ chen Alters vereint, gönnte man ihr nur die todte Welt, die das Wiſſen, nicht das wirkliche Leben umſchließt, und ſie hatte keine Freundin, keinen Freund, ſon⸗ dern bloß Ideale, die ſie im Buſen trug, und die unerfuͤllte Sehnſucht, ihnen in der Wirklichkeit zu begegnen. Da ſchien der Zeitpunkt ſich zu na⸗ hen, wo dieſer Wunſch ſich auf die herr⸗ lichſte Weiſe erfullen ſollte. Der Kron⸗ prinz, ein Juͤngling, den perſoͤnliche 14 Trefflichkeit noch auf einen hoͤhern Stand⸗ punkt geſtellt hatte, als das Gluͤck, wurde von ſeinem Vater dem Grafen empfoh⸗ len, um von ihm in die Geheimniſſe der Staatskunſt eingeweiht zu werden, deren Kenntniß ſein hoher Beruf als kuͤnftiger Regent erforderte. Der erfahrene Miniſter fand ſich durch das Vertrauen ſeines Koͤnigs geehrt; auch ſchmeichelte es ſeinem Vortheile, ſo wie ſeinem Stolze, der aufgehenden Sonne dieſelben warmen Strahlen abzugewin⸗ nen, mit denen die untergehende ihn be⸗ ſchien. Er ſuchte daher dem Prinzen nicht nur ſeinen Unterricht, ſondern auch ſein Haus angenehm zu machen, und alle Kuͤnſte des geſelligen Lebens wurden * — F* 15 aufgeboten, ihm nach den oft trockenen Unterhaltungen uͤber den Gang der Ge⸗ ſchaͤfte, die auf des Koͤnigs Befehl der eigentliche Zweck ihres Beiſammenſeyns waren, Erholung im engen Cirkel ſeiner Familie zu gewaͤhren. Der unverdorbene Sinn des Prinzen, der mit richtigem Urtheil und feuriger Begeiſterung fuͤr alles Gute und Schoͤne verſchmolzen war, neigte ſich bald mit jener Verehrung, die dem gediegenen menſchlichen Werth gebuͤhrt, zu Klotilden hin, deren unterdruckte Lage ihm nicht gntging, und die durch die ſanfte Erge⸗ bung, mit welcher ſie die Dornenkrone en trug, ſeine ganße 6 5 X 16 gend doch zu lebensklug, um ſich ihrer ſcheinbar annehmen zu wollen, weil er dadurch nur die Buͤrde ihrer geheimen Drangſale doppelt erſchwert haben wuͤrde, ſuchte er durch leichte, nichts ſagende Galanterien, die er Philippinen erwies, der Eitelkeit der 65 zu ſchmeicheln, die in ihnen eine Auszeichnung erblicte, welche den Verdienſten ihrer Tochter an⸗ gemeſſen war, und, dadurch in roſenfar⸗ ———————— bene Laune verſetzt, weniger ſcharf und ſtrafend gegen Klotilden, die ſie vollig überſehen glaubte, ſich benahm. Doch des Prinzen ſtille Suntun weilte ſtets bei 3 und in w Grade, i 17 ſtieg auch die Achtung, die ihr Charakter ihm einfloͤßte, und die Ueberzeugung, wie ſehr ſie ein beſſeres Loos verdiene. Klotilde ahnete den Eindruck nicht, den ſie auf das Herz des Juͤnglings ge⸗ macht hatte, der in ſeiner bluͤhenden Schoͤnheit, mit dem ſtrahlenden Geiſt und dem gluͤhenden Gefuͤhl als der Inbe⸗ griff maͤnnlicher Vollkommenheit vor ihrer Seele ſtand; aber um ſo unbeſorg⸗ ter uberließ ſie ſich dem ſtillen Zug ihres Innern, der ſie hinriß, ſich an ſeinem Anblick zů weiben, und an den Blitzen in er geiſtigen Kraft, an der wohlthuen⸗ en Wirme ſeines Herzens ſich zu er⸗ Ihr wurde das Talent fuͤr die Sneb, daß die Kunſt in ihr ausge⸗ Bilder 2 18 bildet, und die Natur mit einem Wohl⸗ laut der Stimme vermaͤhlt hatte, der unwiderſtehlich den Weg zum Herzen fand. Denn wenn ſie ſang, war es ihr, als duͤrfe ſie mit Geiſterſtimme zu ihm reden, und ſein ſtilles Sinnen, ſein in ihre Toͤne vertieftes Hingeben dunkte ihr eine Antwort auf manche leiſe Frage, eine Erwiederung manches innigen Grußes, den die mädchenhaft bloͤden Lippen nim⸗ mer gewagt haͤtten, anders, als allego⸗ riſch vor ihm auszuſprechen. Der Niniſterin war es höchſt unan⸗ genehm, daß Muſik, die Lieblingsneigun des Prinzen, ſo manche Stunde der Un⸗ terhaltung ausfüllte, weil Phili pine dann nur eine ſehr untergeordnete Rolle 19 zu ſpielen vermochte. Gern haͤtte ſie das Fortepiano, und die, die es ſo meiſter⸗ haft zu behandeln und zu begleiten ver⸗ ſtand, ganz aus ihrem Zimmer verwie⸗ ſen; aber der Prinz kannte nun ſchon die ſuͤß berauſchenden Klaͤnge, die Klotilde hervor zu zaubern wußte, und da er außerdem die Zurückgeſetzte⸗ oft Gekraͤnkte, nur ſtumm und ſchweigend, voll ernſter 5 Wehmuth ſich i ſich im gegenüber erblickte, ſo ſchien es ſeinem immer lebhafter mit ihr beſchaͤftigten, und ihrer Anmuth huldi⸗ genden Herzen, als ſey dieſe Art, ſie zu vernehmen ein zarter Faden, der ihn in das Labyrinth ihrer innern Schwermuth leite, und ihn gleichſam zum Vertrauten der Schmerzen einweihe, die er ſie dulden 20 ſah, ohne noch mit ſich ſelbſt einig zu ſeyn, auf welche Weiſe er ſie am wirk⸗ ſamſten zu lindern vermöge. Da er, bei aller offenen Gewandtheit der Zunge, doch mit der Feinheit eines Hofmanns ſich huͤtete, die Eigenliebe der Miniſterin und Philippinens zu kraͤnken, ſo waren dieſe weit entfernt, in ihm ein perſoͤnliches Intereſſe an Klotilden vor⸗ auszuſetzen, ſondern ſie hielten ganz allein fuͤr Freude an der Muſik, was in. ihm gluͤhender Antheil und Bewunderung ihrer eigenſten Individualität war. So verſtrich ungefaͤhr ein Jahr, ſeit der Kronprinz erſt woͤchentlich mehrere Male, dann taͤglich, das Haus des Mi⸗ niſters beſuchte, und obſchon er waͤhrend 1 6 21 dieſer Zeit nur wenige Worte mit Klo⸗ tilden gewechſelt hatte, ſo gab es doch vielleicht kein inniger mit einander im Herzen verknuͤpftes, kein ſich in den ge⸗ heimſten Tiefen des Gemuͤths ſo ganz er⸗ kennendes Paar in der Reſidenz, als eben ſie und ihn. Da drohte eine Badereiſe, die die Miniſterin, ihrer Geſundheit we⸗ gen, mit Philippinen zu unternehmen be⸗ ſchloß, den geſelligen Verkehr im Hauſe auf eine Zeitlang zu unterbrechen. Denn obgleich Klotilde zur Pflege des Vaters und zur Fuͤhrung des Hausweſens zuruͤck⸗ gelaſſen wurde, ſo war es doch keines⸗ wegs ſchicklich, in Abweſenheit der Mut⸗ ter maͤnnliche Beſuche zu empfangen, und man hatte ihr die ſtrengſte Einſamkeit 22 waͤhrend der zwei Monate langen Ent⸗ fernung ihrer Mutter und Schweſter, als eine unerlaͤßliche Bedingung ihres Wohl⸗ verhaltens vorgeſchrieben. Wenn gleich der Prinz, als verſtehe es ſich von ſelbſt, ſich den Anordnungen zu fuͤgen ſchien, durch welche die Mini⸗ ſterip ihm zu erkennen gab, daß mit ihr und ihrem Liebling die Seele des Hau⸗ ſes auf eine Zeitlang entweiche, und daß letzteres, bloß von Klotilden bewohnt, fuͤr ihn ſo lange unzugaͤnglich bleiben werde, ſo wußte er doch den Durſt nach Beleh⸗ rung ſo gluͤcklich zu erkuͤnſteln, daß der Miniſter ihm den Wunſch, wenigſtens ſeinen Unterricht, wenn auch nicht die geſelligen Unterhaltungen waͤhrend dieſer 0)3 40 Zeit fortzuſetzen, nicht verſagen konnte. Er kam daher, nach wie vor, jeden Tag auf eine Stunde— doch gelang es ihm nicht, die geheime Abſicht zu erreichen⸗ die dieſer ſcheinbar großen Wißbegierde zum Grunde lag— Klotilden nämlich zu ſehen, und vielleicht ein paar unbe⸗ lauſchte Worte mit ihr zu ſprechen. Denn der Miniſter beobachtete ſtets mit der größten Foͤrmlichkeit das ganze Ceremo⸗ niel, das ſeinem Range gebuͤhrte, und ſo fand er ihn jedesmal zu ſeinem Em⸗ pfange unter dem Portal, wenn er an⸗ kam, und konnte ſich auf keine Weiſe ſeiner perſoͤnlichen Begleitung, wenn er wieder ging, bis zu ſeinem Wagen ent⸗ ledigen. 24 Um dieſer läſtigen Hoͤflichkeit, und dem Zwange, der ſich ſeinen Wuͤnſchen entgegen ſtellte, endlich zu entgehen, be⸗ gab er ſich eines Tages zu einer unge⸗ wöhnlichen Zeit in die Wohnung des Miniſters, der, wie er wußte, nicht zu Hauſe war, und da er ſchon fruͤher durch leiſe Erkundigungen erfahren hatte, daß Klotilde ſich groͤßtentheils im Garten aufhalte, nahm er unter dem Vorwande, des Grafen Zuruͤckkunft erwarten zu wol⸗ len, ſeinen Weg dahin. Eine hohe Lindenallee fuͤhrte zu dem Pavillon, in deſſen zierlich eingerichtetem Salon die Miniſterin oft glaͤnzende Ge⸗ ſellſchaften gegeben hatte. Aber jetzt ſchien er unbewohnt. Die Kupferſtiche, die 25 Meublen waren ſorgſam verhuͤllt, die Thuͤren verſchloſſen und eine traurige Leere gaͤhnte ihn an, als er durch eines der Fenſter hinein ſah, und nicht erblickte, was er ſuchte. Schon gab er die Hoffnung auf, Klotilden hier zu finden, als er einen ſchmalen Pfad entdeckte, der ſeitwarts neben der eigentlichen Thuͤre des Hauſes hinweg durch das dichte Gruͤn der Ge⸗ buſche ſich zu ſchlaͤngeln ſchien, um ſich im Hintergrunde der Schatten zu verlie⸗ ren, die das Haus umgaben. Zugleich foderten ſanfte Harfentoͤne, in einzelnen Accorden gegriffen, ihn gleichſam auf, dieſen verheißungsvollen Weg zu betre⸗ ten. Wirklich führte er auch zum Ziele, 6 zu einem Seitenkabinet nämlich, das, neben der Kuͤche, weder glaͤnzend, noch elegant, urſpruͤnglich zu dem Aufenthalte der Dienſtboten eingerichtet ſeyn mochte, und das die Verſchuͤchterte allein wagte, waͤhrend der Abweſenheit der Stiefmut⸗ ter ſich anzueignen. Behutſam ſich heran ſchleichend, fand er ſie an der offenen Thur ſitzend, die Harfe in den ſchoͤnen Armen haltend, der ſie zuweilen einige wehmuͤthige, aber me⸗ lodiſche Laute entlockte, und den milden traurigen Blick auf das kleine Blumen⸗ beet geſenkt, das zu ihren Fuͤßen blühte. Wenig Sonne drang hier hinein, daher kraͤnkelten die Pflanzen auch, die ſie hier ſo liebend pflegte, und gewährten— den „ 27 Einfluß vollen Lichts, und voller Waͤrme entbehrend— nicht die farbenſtrahlenden Bluͤthen, die ihnen eigentlich die Natur verleiht, ſondern nur ihr eigenes, blei⸗ ches Abbild, denn auch ihr ſchien ja, verhuͤllt durch duͤſtere Wolken, nur wenig Sonne im Leben. Seitwaͤrts ſtand der Stickrahmen, der, wie er wußte, ſie ſchon lange mit einer muͤhſamen Arbeit fuͤr ihre Stiefmutter beſchaͤftigte, und neben ihr ruhte ein kleines Huͤndchen, oft zu ihr aufblickend, als wolle es durch die Treue und Ergebenheit, die es zu beſee⸗ len ſchien, den tiefen Ernſt mildern und zerſtreuen, mit welchem ſie die Verlaſſen⸗ heit ihres Standpunkts im Leben zu be⸗ trachten ſchien. 28 Dies kleine Thier, wachſam lauſchend auf jedes Geraͤuſch, wurde zuerſt ſeine Naͤhe gewahr, und ſprang empor, ihm bellend den Eingang zu dieſem Aſyl ſtil⸗ ler Schwermuth zu verwehren. Betrof⸗ fen richtete Klotilde ſich auf— da trat ihr die Geſtalt entgegen, die eben ihre Phantaſie in wachenden Traͤumen beſchäf⸗ tigt hatte, und nun zum erſten Mal ver⸗ nahm ſie ſein mit Innigkeit an ſie ge⸗ richtetes Wort, das nicht, wie im Kreiſe der Ihrigen, ſich ſorgſam innerhalb der Schranken der Convenienz erhielt, ſondern das glühende Herz ausſprach, ihr ſo lange ſchon im Stillen eigen. Liebe und Antheil. Sie wußte nicht in der ſeligen Be⸗ S— 29 taͤubung dieſer Augenblicke, ob ſie wache oder traͤume— aber ihr war, als muͤſſe es ſo ſeyn— als koͤnne das ſtumme Verſtaͤndniß einer langen Vergangenheit ſich nur an eine enge, unauflosliche Ver⸗ bindung der Zukunft anknüpfen. Die trennenden Verhaͤltniſſe ihrer äußeren Lage waren ihren Augen entſchwunden— eine andere Lebensluft, als ſonſt, wehte um ſie her, und trug auf ſtarkem Fittig ſie empor in das Gebiet einer Hoffnung, der ſich nimmer noch ihre Seele erſchloſſen hatte. Was ſie eigentlich wuͤnſchte und hoffte— ſie hatte kein klares Bild da⸗ von in ihrem umnachteten, aber plötzlich durch himmliſche Strahlen verklaͤrten Ge⸗ muͤth— aber ſie gab ſich willenlos der 30 ſuͤßen geiſtigen Gewalt hin, die aus dem vereinzelten Daſeyn, in dem ſie ihre Ju⸗ gend bisher vertrauert hatte, ſie in die Paradieſes⸗Aue einer idealiſchen Liebe hinůbet zog. Auch der Prinz ſchwelgte in dem Ent⸗ zuͤcken des erſten Seelentauſches, der ſein Leben kroͤnte. In die reinen, Troſt und Zuverſicht verheißenden Sterne ihrer Au⸗ gen ſchauend, hatte ſich die karge Welt fuͤr ihn verwandelt; nichts ſchien ihm mehr profan, denn geheiligt durch die Lauterkeit ſeiner Gefuͤhle war auch ihm die Wirklichkeit mit ihren ſtoͤrenden An⸗ ſpruͤchen entruͤckt, und eine beſſere Re⸗ gion, als die, wo die Convenienz mit eiſernem Zepter herrſcht, oͤffnete dem Se⸗ 31 ligen ihre ſtrahlenden Pforten.— Die Schwierigkeiten, ſich oft ungehindert ſpre⸗ chen zu koͤnnen, und die Vorſicht, welche die ſtrengſte Verhuͤllung ihres Einverſtaͤnd⸗ niſſes gebot, veranlaßte die Verabredung eines Briefwechſels, der mit eben der In⸗ nigkeit begann und fortgeſetzt wurde, mit der Beide ſchon laͤngſt auch ohne Erklaͤ⸗ rung einander angehoͤrten. Der Prinz that Klotilden Vorſchlaͤge, ihre Lage zu verbeſſern, und ſie in Verhaͤltniſſe zu bringen, die ihrer wuͤrdiger waren, als der Aufenthalt bei einer Stiefmutter, die ſich ſtets bemuͤhte, das werthloſe eigene Kind auf ihre Koſten hervorzuheben. Aber Klotilde fühlte ſich jetzt ja ſo glůc⸗ lich!— Die truͤben Nebel, welche ihr S 32 Morgenroth verdunkelten, waren jetzt ploͤtzlich in aͤtherblauen Tag verwandelt, den die Sonne der Liebe vergoldete. Sie war zufrieden mit ihrem Schickſal, und hatte es lieb gewonnen, da es ihrer Mei⸗ nung nach mitten unter den erlittenen Schmerzen ihr den hoͤchſten Preis des Lebens darreichte, wie aus Dornengebuͤſch die Koͤnigin der Blumen, die duftende Roſe ergluͤht. Wie von unſichtbaren Haͤnden hatten Beide die Weihe eines ewigen Bundes einpfangen, und die jugendliche Schwaͤr⸗ merei der erſten Liebe, die die reinſten, unverdorbenſten Herzen am gewaltigſten ergreift, waltete auch in ihren Gefuͤhlen mit heiligem Zauber, und ſchuf die Welt 6 3 33 ihnen zu einem Feenlande um, in wel⸗ chem ſie nur ſich, und tauſend zarte, ge⸗ heimnißvolle Wunder der Liebe erblickten. Denn mit unſichtbaren, aber maͤchti⸗ gen Banden ſchienen ſie ſich in dieſem Zuſtand eines wonnevollen Rauſches mit der ganzen Natur verknuͤpft, und fanden Beziehung auf ſich in Allem, was auch die gewoͤhnlichſten Erſcheinungen des Le⸗ bens boten. Wandelten ſie im Freien, ſo war jeder Hauch der Luft ihnen ein Seufzer der Sehnſucht, oder ein Gruß der Innigkeit— ſaßen ſie einſam da⸗ heim, ſo dünkte jedes ſich von dem Geiſte des Andern umſchwebt, und widmete der ahnungsvoll ertraͤumten Naͤhe ſeine zaͤrt⸗ lichſten Gedanken. Ja, ſelbſt in der Bilder. 3 34 ſtaben ihrer Namen, und waͤhnten, eine hoͤhere Hand habe Carl und Ctotilde in's Blau des Himmels geſchrieben. So dachten ſie in der Neuheit und Unſchuld ihrer Herzen nicht an eine Moͤg⸗ lichkeit, die ſie enger noch vereinigen, oder auch— trennen könne. Der Sil⸗ verblick des Daſeyns, der nur in der erſten Liebe aufflammt, und alles rings um ſich her idealiſch verklaͤrt, kann ſchon ſeiner Eigenthuͤmlichkeit nach, nicht dauern. Glucklich ſind die zu preiſen, denen ſein Glanz nicht urplotzlich in finſterer Nacht verſchwindet, ſeine reine Gluth nicht in ſchmalen Mondesſichel, wenn ſie uͤber ihnen am dunklen Abendhimmel ſchim⸗ merte, erblickten Beide den Anfangsbuch⸗ 35 trube Aſche verſinkt.— Monate waren vergangen, ſeit der Prinz und Klotilde in ihrer geheimen Verbindung die Wuͤrze ihres Lebens fanden.— Da ſchlug auch ihnen die Stunde der Entzauberung und die kalte Wirklichkeit trat wieder in alle ihre Rechte. Schon laͤngſt hatte der Koͤnig, ſo wie das Land, gewuͤnſcht, den Thronerben vermaͤhlt zu ſehen, und eine nachbarliche Fuͤrſtentochter aus einem hohen Hauſe war aus politiſchen Gruͤnden ihm zur Braut beſtimmt. Jetzt formten ſich die bisher nur leicht hingeworfenen Winke und Anſpielungen zu einem beſtimmten Antrag; doch wie erſtaunt war man, den Prinzen erklaͤren zu hoͤren, daß er 36 ſich nie vermaͤhlen werde. Denn er er⸗ kannte wohl dunkel die Macht der gebie⸗ tenden Convenienz, die ihn durch ihre eiſernen Schranken von dem Beſitz der Geliebten ſchied. Aber wie haͤtte ſein volles, ihr ſo ganz gehoͤrendes Herz außer ihr eine Wahl treffen koͤnnen? Er bebte vor dem Gedanken einer Untreue zurück, und— die Thronfolge durch eine Reihe bluͤhender Bruͤder geſichert— glaubte er ſich auf keine Weiſe verpflichtet, außer dem Gluͤck der Haͤuslichkeit, um das er die untergeordneten Staͤnde beneidete, auch ſeine Freiheit, und die Achtung fuͤr ſich ſelbſt, die ihm nur auf ſeine Feſtig⸗ keit und Treue begruͤndet ſchien, der Po⸗ litik zum Opfer zu bringen. 37 Klotilde erfuhr— nicht durch ihn— ſondern durch die haͤuslichen, unmuthigen Mittheilungen ihres Vaters die Vorſchläge, die dem Geliebten geſchehen waren, und ſeine Weigerung. O wie flammte ihre Seele im freudigſten Stolze auf, ſo ſeine Geſinnung bewaͤhrt, ſeine Beſtändigkeit ſich geſichert zu wiſſen. Indeß— nur dem Blitz glich dies Entzuͤcken, der mo⸗ mentan erhellt, und dann um ſo ſchwär⸗ zer die Nacht erſcheinen läßt, durch die er zuckte. Zu verworren waren ihr die Faͤden des aͤußern Lebensmechanismus, als daß ihre ſchwache Hand ſie haäͤtte lenken wollen, aber die bange Ueberzeu⸗ gung richtete ſich gleich einem mitternäch⸗ tigen Schatten in ihrer Secle auf, daß 38 es an i hr ſey, ihn an Selbſtverlaͤugnung und Großmuth zu uͤbertreffen, und daß die Pflicht nicht nur gegen ihn, ſondern auch gegen ſein Land ihr gebiete— ihm zu entſagen. Sie ſchrieb ihm dies, und foderte ihn auf, dem Willen ſeines Vaters, und den Wuͤnſchen ſeines Volkes nachzugeben. Tiefe Kränkung„Zweifel an ihrer Liebe, und Schmerz, ſich verkannt zu ſehen, athmete in ſeiner Antwort. Er bat ſie, nie eine Foderung zu wiederholen, in der ſich eine Kaͤlte ihres Herzens ausſpreche, die er nicht zu ertragen vermoͤge, und unbeweglich gegen jegliches Zureden ſich auflehnend, beharrte er in dem Entſchluß, den er bereits ausgeſprochen. 39 Der Koͤnig unterhielt ſich lange mit ſeinen Vertrauten über die geheimnißvolle urſache der ſo entſchiedenen Abneigung des Prinzen, welche ihren politiſchen Plänen in den Weg trat, und uͤber die Mittel, ſie zu erforſchen. Man muth⸗ maßte eine geheime Liebe, und beſchloß, ihn beobachten zu laſſen; aber ſein Leben lag ſo einfach und klar da, daß es ſich gleichſam bis auf den Grund durchſchauen, und doch nichts gewahr werden ließ, was zu irgend einem Reſultate haͤtte fuͤhren ksnnen. Der Miniſter ſelbſt, ſich voͤllig ſicher glaubend, da der Prinz in ſeinem Beiſeyn ſich ſtets gegen ſeine Toͤchter in den abgemeſſenſten Schranken verbindli⸗ cher, aber demungeachtet kalter Hoͤflich⸗ 40 keit erhielt, gab Rathſchläge, wie man am leichteſten zu einer Entdeckung gelangen koͤnne, und vermochte den Koͤnig zu ſeiner Einwilligung, in einer von ihm veran⸗ laßten Abweſenheit des Prinzen, deſſen Schreibtiſch unterſuchen zu laſſen. Dieſer verrätheriſche Eingriff in die Rechte eines Anderen beſtrafte ſich am urheber deſſelben, wie oft eine zuͤchti⸗ gende Nemeſis dem Vergehen auf dem Fuße folgt. Denn als man wirklich in einem geheimen Fache des Schreibtiſches ein Portefeuille fand, das Baͤnder, Lok⸗ ken, vertrocknete Blumen, und ähnliche Trophaͤen ſchwaͤrmeriſcher Jugendliebe, und neben dieſen auch ein kleines Packet Briefe von einer zarten weiblichen Hand 41 enthielt, und der Koͤnig, der gegenwaͤr⸗ tig war, raſch zugriff, um endlich zu entdecken, wer die im Stillen ſo Gefeierte ſey, die ſeinem Sohne den ebenburtigen Eheſtand verleide, taumelte der Miniſter todtenbleich zuruͤck, denn er erkannte die Schriftzüge ſeiner Tochter Klotilde. »Wie,« ſprach der Koͤnig mit bitte⸗ rem Ton, nachdem er einige dieſer Briefe fluͤchtig durchblaͤttert hatte,»mußte aus Ihrem Hauſe die Schlange hervorgehen, die meinen Frieden vergiftet? Mit Zu⸗ trauen ſah ich meinen Sohn unter Ihren Augen— ich ahnete nicht, daß er gerade da in der ſchlimmſten Geſellſchaft ſey, die er haͤtte finden können.« Der Schrecken, und als er wieder 42 faͤhig war, zu ſprechen, die beſtimmte, durch die ehrerbietigſten Betheuerungen verſtaͤrkte Erklaͤrung des Miniſters, daß er auch nicht die entfernteſte Vermuthung von dieſem Einverſtndniß gehabt habe, zeugte fuͤr ſeine Unſchuld. Doch da er den Koͤnig noch nicht völlig davon uͤber⸗ fuͤhrt ſah, erbot er ſich zu jedem Beweis derſelben, indem er das Schickſal ſeiner Tochter ganz der Willkuͤhr des Monar⸗ chen uͤberließ. Man legte alles ſorgfältig wieder auf den Platz, wo man es gefunden denn Handlungen dieſer Art ſind gewöhnlich mit einer Feigheit verknuͤpft, die es nicht wagt, ſie freimuͤthig zu bekennen, und außer ſich vor Verdruß beurlaubte ſich ——— 43 Graf Warburg von dem Koͤnig, mit dem Verſprechen, ſeine Tochter ſogleich vor den Richterſtuhl der unerbittlichſten vaͤ⸗ terlichen Strenge zu ziehen, und jede Maßregel zu treffen, die eine ſo unvor⸗ ſichtige und ſtrafbare Liebe auf der Stelle aufzuloͤſen im Stande ſey. Harmlos, in ſelige Träume und Er⸗ innerungen vertieft, ſaß Klotilde in ihrem einſamen Gemache, wo ſie ſich ſiets ſo gluͤcklich fuͤhlte, und ahnete nicht, welch ein finſteres Gewoͤlk am Horizont ihres Lebens aufzog, und welcher verheerende Sturm ihrer wartete. Da ſtuͤrzte die Miniſterin, einer Furie gleich, zu ihr herein, froh, endlich ein⸗ mal eine Gelegenheit gefunden zu haben, 44 dem bitteren Groll, den ſie naͤhrte, einen Schein der Rechtſertigung zu geben. Hohnlaäͤchelnd, mit von Schadenfreude und Jronie verzerrter Miene, folgte ihr Philippine, ſie als Fuͤrſtenbraut vegruͤ⸗ ßend, und ſich der Gnade der kuͤnftigen Majeſtät empfehlend. Schrecklicher aber noch, als die Schmaͤhungen der Stief⸗ mutter, und der ſchneidende Spott der herzloſen Schweſter war der furchtbare ernſte Grimm in den Zuͤgen des Vaters, der zuletzt hetein trat, einen Blick der Vernichtung auf die Ungluckliche ſchleu⸗ dernd, und mit der kaͤlteſten, mit Ver⸗ achtung gemiſchten Haͤrte das anatomi⸗ ſche Meſſer der ſtrengſten Unterſuchung an die zarten Verhaͤltniſſe ihres Herzens 45 ſetzte, um mit ihrem Geſtaͤndniß auch das Geluͤbde zu erpreſſen, freiwillig und ſo⸗ gleich dem Bunde dieſer ſchwärmeriſchen Liebe zu entſagen. Klotilde ſah das heilige Geheimniß ihres Herzens entbuͤllt, und ſo neu und unerfahren auch ihr Blick in's Leben war, ſo fühlte ſie doch, jetzt ſey Alles aus⸗ und ihr zerknicktes Daſeyn nun beſchloſ⸗ ſen. Sie erklaͤrte daher, nicht ohne jene Wuͤrde, die das goͤttliche Gepraͤge der Unſchuld auch dann noch behauptet, wenn Verfolgung uber ihren Frieden ſiegt, den ganzen Zuſammenhang ihrer reinen Ver⸗ bindung, und zugleich, daß das Gluͤck des Geliebten ihr ſtets theurer, als das eigene geweſen, daß ſie keine ſträfliche 46 Hoffnung ſich erlaubt, ſondern nur, un⸗ bewußt und unbekuͤmmert, wie ihr Loos ſich geſtalten werde, dem unwiderſtehli⸗ chen Zuge ſich überlaſſen habe, der ſie im Innerſten ihrer Seele auffodere, ſeine zarte Neigung zu erwiedern. Man ent⸗ riß ihr die geliebten pfander derſelben, ſeine Briefe, die werthloſen, nur durch die Geſinnung unſchätzbar gewordenen— Gaben, durch welche er ſie hoch genug geehrt hatte, um nicht den Glanz ſeines Ranges, ſondern allein die Innigkeit ſeiner Hingebung auf ſie uͤberzutragen, und ließ ſie jetzt allein, doch ſcharf be⸗ wacht, ob ſie gleich weder den Willen noch die Kraft zu irgend einem geheimen Schritte hatte, den man befuͤrchtete. 47 Der Miniſter fuhr ſogleich wieder zum Koͤnig ihm Rechenſchaft von ſeinen gemachten Entdeckungen abzulegen, und ſeinen Haͤnden die Zeichen der leiden⸗ ſchaftlichen Verirrung ſeines Sohnes zu uberliefern. Nach langem, unſchluſſigem Berathen, wurbe jetzt entſchieden, daß der Kammerherr Mindenau, ein flacher, fuͤgſamer, zu Allem zu gebrauchender Hofling, ſich mit Klotilden vermählen, dann ſogleich einen fernen, in politiſcher Hinſicht unbedeutenden Geſandtſchafts⸗ poſten, den zu verwalten, ſeine beſchraͤnk⸗ ten Geiſteskraͤfte hinreichten, üͤbernehmen und nit ſeiner Gattin auf der Stelle ab⸗ reiſen ſolle, ehe noch der Kronprinz von der unternommenen Reiſe zuruͤckkehre, * 3 ½ 1 ² 48 Als man Klotilden dieſen Plan mit einer Sicherheit vortrug, als ſey es un⸗ moͤglich, daß ihr zerknirrſchtes Gemuͤth ſich eine Einwendung erlauben werde, be⸗ antwortete ſie ihn nur mit einem ruhi⸗ hen, aber unwiderruflich feſt entſchiede⸗ nen Nein. Aller Muth, alle Kraft zum Widerſtande, fruͤh verſchuͤchtert— ihr ſonſt in den gewohnlichen Vorfaͤllen des Lebens fehlte, ſchien ſich in dieſem Nein zu concentriren, und ſelbſt der ſchroffe, unbewegliche Vater wurde von der ſiegenden Gewalt betroffen, mit der ſie es ausſprach. »Warum,« ſagte ſie ſanft ſ einer Pauſe,»ſoll ich zum zwiefachen Opfer werden? Man fodert die Vermaͤhlung 49 des Prinzen zum Beſten ſeines Landes — vielleicht auch ſeiner ſelbſt— nun wohl!— ich uͤberſtimme mein blutendes Herz, das denn doch, wie ich jetzt einſehe, in ſeiner innerſten Tiefe Wuͤnſche naährte, die ich mir ſelber nicht geſtand, und die nur der Schmerz jetzt erſt hervor an's Licht riß. Man goͤnne mir eine einzige unge⸗ ſtörte Unterredung mit Ihm, und iſt es mir nach dieſer nicht gelungen, Ihn zur Ge⸗ waͤhrung des Wunſches zu ſtimmen, den er bisher ſo feſt entſchloſſen zuruͤckwies, dann — ein krampfhaftes Zittern durchbebte ihren zarten Koͤrper— dann willige ich ein, mich mit dem Kammerherrn zu ver⸗ maͤhlen— außerdem aber nicht, denn mein eigentlicher Braͤutigam iſt— der Tod. Litder. 4 3 * 3 1 1 1 3 . 4 1 —— 50 Da ſie in dieſem Entſchluſſe weder durch Gruͤnde, noch durch Drohungen zu erſchuͤttern war, ſo befahl der Koͤnig, daß man ihr willfahren ſolle, und kaum war der Prinz zuruͤckgekehrt, kaum hatte er, gluͤhender Sehnſucht voll, die Schwelle der Geliebten betreten, ſich— wenn auch unter zwangvoller Umgebung— an ihrem lang entbehrten Anblick zu weiden, und, was er im Erguß der waͤrmſten Innig⸗ keit ihr unterwegs geſchrieben, in einem unbeobachteten Augenblick ihr in die Hand zu druͤcken, als man ihn ohne Weiteres in ein Zimmer fuͤhrte, wo er ſie allein fand, und wo man ihn ungeſtoͤrt mit ihr beiſammen ließ. h Erfteut uͤber 5 ſolche, noch nie vor⸗ 3 7. „ 51 her erfahrene Gunſt des Zufalls, wie er glaubte, eilte er heiter auf ſie zu; aber er bebte zuruͤck vor der Blaͤſſe ihrer ſo ſchnell verbluͤhten Wangen, vor dem durch geheime Thraͤnen erloſchenen Auge, das ernſt und trube ihn anſtarrte, ohne in ſeinen Blicken, wie ſonſt, ihm den Him⸗ mel erwiederter Liebe und inniger Freude des Wiederſehens, wie er erwartete, ent⸗ gegen zu tragen. Klotilde entdeckte ihm, daß auf irgend eine Weiſe, die ihr ein dunkles Räthſel ſey, ihr Geheimniß verrathen worden, und daß ihr Schickſal ſie bedrohe, einem Manne vermaͤhlt zu werden, den ſie ver⸗ achte, wenn Er nicht großmuͤthig ſey, und durch den Entſchluß, der ihm be⸗ 52 ſtimmten wuͤrdigen Braut ſeine Hand zu reichen, ihr die Freiheit erkaufen wolle, uͤber ſich ſelbſt zu verfugen, und ihr Leben unver⸗ maͤhlt, in ſtiller Einſamkeit zuzubringen. Drei Stunden waren ſie beiſammen. Wel⸗ cher Gruͤnde, welcher Bitten, welcher Macht der Ueberredung ſie ſich weiter noch be⸗ diente, blieb in ewiges Dunkel gehuͤllt, denn nie erſorſchte ein Sterblicher den naͤhern Inhalt des Geſpraͤchs, deſſen Re⸗ ſultat war, daß der Prinz, zerruttet vom tiefſten Schmerz der Seele, ſie verließ und als nun die Ihrigen neugierig hinzu eilten, man ſie in dumpfer, der Ohn⸗ macht aͤhnlichen Betaͤubung zuruͤck geblie⸗ ben fand, und nur nach Stunden erſt ſie wieder zu hellem, klarem Bewußtſeyn zu * 53 ermuntern vermochte.— Haͤtte der Prinz ahnen koͤnnen, wie man die unrechtlichſten Mittel nicht geſcheut, ſeine Verhältniſſe zu erforſchen, ſo wuͤrde er, trotz der Ent⸗ deckung derſelben, fortgefahren haben, ſich gegen die Verbindung aufzulehnen, die man ſo ſehnlich wuͤnſchte. Jetzt aber, wo er die Ueberzeugung in ſich aufge⸗ nommen hatte, daß ſeine Einwilligung das einzige Mittel ſey, Klotilden zu ret⸗ ten, und ſie vor rauher Begegnung zu ſchuͤtzen, jetzt, wo vielleicht eine leiſe Hoffnung ihm zufluͤſterte, daß ihr ihm ſo theurer Umgang, ihre, ihm ſo be⸗ waͤhrte Geſinnung nicht für immer, und um ſo weniger dann ihm verloren ſey, wenn ſie unvermählt bleibe,— jetzt weigerte 54 er ſich nicht länger, den Rückſichten der Staatsklugheit ſeine Hand zum Opfer zu bringen, und er beauftragte den Miniſter kalt und ernſt, unter der Be⸗ dingung, Klotilden ihrer wuͤrdig zu be⸗ handeln, und ihr ferner keine ungezie⸗ menden Vorſchlaͤge zu thun, ſeinem Vater ſein Jawort zu der laͤngſt beſchloſſenen Vermaͤhlung zu uͤberbringen.* Mit der groͤßten Eile, als koͤnne es den ſeit dieſem Augenblick in der tieſſten Melancholie ſeine Tage hintraͤumenden Braͤutigam wieder gereuen, betrieb man die foͤrmliche Anwerbung, und die Ver⸗ maͤhlung durch Procuration, und bald darauf erſchien die Stunde, welche die koͤnigliche Braut zur Beſtätigung dieſes 55 Bundes an die Seite des Verlobten ver⸗ ſetzte.— Nit welchen Empfindungen vernahm Klotilde in ihrer Einſamkeit den Jubel der Menge, das Glockengelaͤute der Stadt, den dumpfen Donner der Kanonen, der die Ankommende begruͤßte. Wie ſchnitt die rauſchende Muſik, die in allen Stra⸗ ßen ſchallte, durch ihre Seele, und wie vertiefte die ſtrahlende Illumination, die am Abend die ganze Reſidenz feenhaft verklaͤrte, die naͤchtliche Finſterniß noch, die in ihrem Gemuͤth herrſchte. Das fluͤchtige Gehen und Kommen mehrerer Bekannten trug tropfenweis das Gift zu ihrem innerſten Vernichten herbei. Denn ahnungslos, wie unheilbar jedes Wort 56 die Liebende verletze, erzaͤhlte man die kleinen Nebenumſtaͤnde, die mit der An⸗ . kunft der hohen Braut verbunden waren, von ihrer Schonheit, die denn doch die ſchroffe Eisrinde vom Herzen des bisher ſo unempfindlichen Prinzen hinweg zu thauen ſcheine, von dem bewundernden Wohlwollen, mit welchem er ſie anſchaue, von ber achtungsvollen Zärtlichkeit, mit der er ihr begegne. Boshaft glitten bei ſolchen, großtentheils nur aus den indivi⸗ duellen Anſichten der Erzähler geſchoͤpf⸗ ten Beobachtungen, die Blicke der Mut⸗ ter und Schweſter an Klotilden vor⸗ uͤber, und theilten ſich dann, haͤmiſch lächelnd und einander zuwinkend, die Bemerkungen mit, die ſie gegenſeitig von — 57 dem peinlichen Eindruck gemacht hatten, welche dergleichen Geſpraͤche bei ihr her⸗ vorbrachten. Am folgenden Tage wurden alle cvur⸗ faͤhigen Damen zur Praͤſentation zu der neuvermaͤhlten Kronprinzeſſin beſchieden. Klotilde zweifelte nicht, man werde menſchlich genug ſeyn, ſie davon auszu⸗ ſchließen; allein der Stolz ihres Vaters, der vielleicht hie und da eine geheime, ſeiner Ehre nachtheilige Muthmaßung des Vorgefallenen unter dem Publikum be⸗ fuͤrchtete, und der durch dieſen Zwang dem Koͤnig beweiſen wollte, wie fremd vaͤterliche Schonung ſeinem Herzen ſey, und die Grauſamkeit der Stiefmutter, die ſich an ihrem Schmerz weidete, und 58 ihr nicht vergeben konnte, daß der Prinz ſie in ſeiner ſtillen, obzwar nicht begluͤk⸗ kenden Neigung, der, ihrer Meinung nach, weit gluͤhendere Huldigung verdie⸗ nenden Philippine vorgezogen hatte, be⸗ ſtanden darauf, daß ſie, wie man ſich ausdruͤckte, ſich zuſammen nehmen, und die Familie begleiten ſolle. Geduldig, wie das Lamm ſich ſeinem blutigen Schickſal unterwirft, willigte Klotilde ein, den Kelch dieſer Pruͤfungen bis auf die Hefen zu leeren, und als der Abend nahte, ſchmuckte ſie ſich feſtlich, wie es der Veranlaſſung gebuͤhrte, und ſank dann in duͤſtrer Einkehr in ſich ſelbſt, vertieft in die Fuͤlle emes namenloſen Grams, auf das Sopha, die Stunde zu 59 erwarten, die das bitiere Opfer ihrer Gegenwart foderte. Da fuhr endlich der Wagen vor; doch ſie erwachte nicht aus der ſtillen Betaͤu⸗ bung, die ſie umfing, bis Philippine her⸗ eintrat, ſie abzuholen, und bei dem An⸗ blick ihrer halb wieder zerſtoͤrten Toilette in laute Ausrufungen ausbrach: »Mein Gott! was haſt Du gemacht?« ſchrie ſie,»muß man ſich doch auf jede Weiſe Deiner ſchaͤmen! Wie eine Ophe⸗ lia ſiehſt Du aus mit den wild verwirr⸗ ten Haaren, die Orangenbluͤthen durch Dein unachtſames Anlehnen des Kopfes ganz zerknickt. Da ermunterte ſich Klotilde aus dem wohlthatigen Schlummer ihrer Seele. 5 60 „Ja, Du haſt Recht,⸗ ſprach ſie,»meine Bluͤthen ſind zerknickt— mir waͤre beſſer, ich bliebe.⸗— Jetzt kam die Mut⸗ ter, zurnend uͤber die lange Zoͤgerung, erblickte Klotildens in Unordnung gera⸗ thene Friſur, löſete ſcheltend den weißen Blumenkranz aus den zerſtörten Locken, und befahl eilig der Kammerfrau, den erſten beſten Turban aus ihrer Garderobe herbei zu bringen, um damit das Haupt der halb Bewußtloſen anſtaͤndig zu be⸗ decken. Von Purpurſammet und Silberflor kunſtvoll in einander gewunden, und mit hohen, ſchwankenden Federn geſchmuͤckt, war der Kopfputz, den die Eilende ergrif⸗ fen hatte. Die mit blendendem Schim⸗ 61 mer vermählte feurige Farbe ſchien der verblichenen Wange, des glanzloſen Au⸗ ges der Dulderin zu ſpotten. Willig aber, und ohne den Spiegel noch eines Blicks zu wuͤrdigen, ließ Klotilde die Mutter gewaͤhren, und ſolgte ihr, im Innerſten zerknirrſcht, doch fromm, erge⸗ ben, und mit aͤußerlicher Faſſung. Daß die Audienz, welche die Kron⸗ prinzeſſin den Damen zu ertheilen geſon⸗ nen war, nur kurz dauern werde, war die Hoffnung ihres brechenden Herzens, und ihr Troſt. Jetzt hielt der Wagen am Portal des Schloſſes— leiſe ſchwebte ſie die Treppe hinauf, die ſein Fuß ſo oft betrat— ſtill umfingen ſie die Waͤnde der Zimmer, die auch ihn oft umſchloſſen. 62 Durch die lange Reihe der Gemaͤcher dem Thronzimmer der Prinzeſſin ſich nahend, war ihr, als ſchritte ſie zetzt zum Richt⸗ platz das demuthige, ſchmerzerfuhte Haupt dem letzten Streiche darzubieten, den ſie auf Erden noch zu fuͤrchten hatte. Die Thuren rauſchten auf. Umgeben von all' dem Glanz und der Wuͤrde ihres Standes, ſtand die neuvermaͤhlte Fuͤrſtin unter einem Thronhimmel, von Juweelen funkelnd, und durch die Heiterkeit des ſchoͤnen Looſes verklaͤrt, das einen der herrlichſten Juͤnglinge ihr zum Gemahl beſchieden. Die Oberhofmeiſterin ſtellte die eintretenden Damen ihr vor. Der Sitte gemaß, zog Klotilde auf die nach⸗ druͤckliche Erinnerung der unfreundlichen 63 Mutter, den Handſchuh ab, um die Hand der Prinzeſſin an ihre Lippen zu fuͤhren. Doch dieſe wandte ſich ſchaudernd von der Todeskaͤlte ihrer Beruͤhrung weg, blickte in das mit Leichenfarbe uͤberzogene Antlitz des Fraͤuleins, ſah das Schwan⸗ ken, und das brechende Auge, an deſſen dunkeln Wimpern eine Thraͤne perlte, und rief angſtvoll:»Die Graͤfin ſcheint krank — man bringe ſie hinweg!⸗— Halb beſinnungslos wurde Klotilde in den Wagen mehr getragen, als ge⸗ fuͤhrt, und ehe ſie noch das vaterliche Haus erreicht hatte, ergriff bereits der heftigſte Fieberfroſt ihre Glieder. Man brachte ſie zu Bette, und rief den Arzt. Der aber ſchuttelte das graue, wohl er⸗ 64 fahrene Haupt, denn hier ſchwieg ſeine Kunſt, und fur ſolche Leiden wußte er keine Mittel. Und doch blieb der Becher der Linde⸗ rung der Ungluͤcklichen nicht fern, und ſie erreichte ihn mit ihren durſtenden Lip⸗ pen. Denn an die Stelle des Arztes trat der milde Genius, der hienieden alle Wunden heilet, und ſanft beruͤhrte er das verweinte Auge.—— Da trockne⸗ 6 alle Thraͤnen— liebend legte er ſeine Hand auf ihr Herz— da ſtand es ſtill, und brach, um jenſeits freier und froher wieder zu ſchlagen, Bilber. —————— 1. Die Flügelthüren rauſchten auf; im Begriff zu gehen, blieb Graf Hermann von Weiler noch einen Moment, um ab⸗ zuwarten, welcher Beſuch ihm bei ſeiner Verwandtin, der Majorin von Auenfeld, abloͤſen werde. Doch faſt zur Bildſäule erſtarrt über die glaͤnzende Erſcheinung, die wie auf ätheriſchen Sohlen einher⸗ ſchwebte, veigaß er, daß er bereits Ab⸗ ſched genommen, und ſtand— ſeine ganze Seele im unverwandten Auge tra⸗ 68 gend— der lieblichen Madchengeſtalt ge⸗ genuͤber, die der Majorin als Fraͤulein von Strahlenberg angekuͤndigt ward. Nur wenige Minuten aber verweilte die Hochgefeierte in dieſem Kreiſe, da, wie ſie ſagte, noch eine Menge nothwendig abzu⸗ ſtattender Convenienzbeſuche Mſpiüche auf ihre Zeit machten, bevor ſie— ein herz⸗ gewinnendes Lächeln ſchuf dieſe Hoͤflich⸗ keit ſchnell in Herzlichkeit um— unter den fluͤchtig gemachten Bekanntſchaften eine engere Auswahl nach ihrer Neigung zu treffen vermoͤge. Als ſie wieder verſchwunden war, trat die Majorin mit Hermann an das Fen⸗ ſter. Der praͤchtige engliſche Wagen, 30 wunderſchoͤnen Iſabellen beſpannt, und — 69 die glaͤnzende Livree der Bedienten deu⸗ teten auf Reichthum waͤhrend die hoͤchſte Simplicität in ihrem Anzuge waltete, der nicht durch Pracht, ſonden bloß durch ihre perſönliche Anmuth gehoben wurde. „Wer iſt eigentlich das ſonderbare Weſen, das ſo allein, und doch ſo ſicher vei aller Jugendlichkeit des ſonſt ſo ſcheuen Mädchenſtandes auftritt?« fragte Her⸗ mann, und die Majorin nahm die Gele⸗ genheit wahr, ihm auseinander zu ſetzen, daß Fräulein Strahlenberg die erſte Par⸗ thie des Landes, aber nicht ohne kleine Eigenheiten ſey, die ihr— vielleicht nicht ganz mit Unrecht— den Namen eines Sonderlings zugezogen hätten. Schoͤn, jung und reich, trete ſie jetzt zum erſten 70 — Mal in der Reſidenz auf, wo die junge, heirathsluſtige Maͤnnerwelt, die durch den Ruf ihrer Reize, ſo wie ihres Vermoͤ⸗ gens angezen, ſie bereits auf ihrem einſamen Landſitze umſchwaͤrmten, ihr nicht mehr fremd ſey, da, wie man ſage, ſie mehreren darunter bereits fruͤher ein 3 zierliches Koͤrbchen ausgetheilt habe. Mit einem etwas ſpoͤttiſchen Lacheln fragte Hermann:»Nun will ſie vielleicht dem Kloſter ihre Reize und Guͤter zu⸗ wenden oder iſt der Rechte noch nicht erſchienen, dem es vorbehalten iſt, ihre grauſamen Entſchluͤſſe wankend zu ma⸗ chen 2* Das weiß ich nicht,⸗ verſetzte die Maiorin;»wohl aber, daß ſich Jeder — — 2 L 2— t M Gluͤck wünſchen durfte, dem es gelaͤnge, eine ſo glaͤnzende Eroberung zu machen. Sch empfehle ſie Ihnen, lieber Vetter, verſuchen Sie Ihr Heil.« „Fuͤr mich haͤngt die ſchoͤne Frucht zu hoch, entgegnete Hermann mit ſchlauer Miene, indem er ſie verließ. Seine wohl⸗ erfahrene Couſine aber las in ſeinen Zu⸗ gen, daß er in der Abſicht ſchied, ihren Rath zu befolgen. 2. Hermann war länger als fuͤnf Jahre von ſeiner Vaterſtadt entfernt geweſen, und erſt ſeit wenig Tagen in ſie zuruͤck⸗ gekehrt. Er hatte dieſen Zeitraum theils 72 auf einer auswaͤrtigen Univerſität, theils auf Reiſen zugebracht, und trat jetzt, ge⸗ wiſſermaßen fremd geworden, in den Kreis zuruͤck, in dem er aufgewachſen war. Da nun die Vormuͤnder des Fraͤu⸗ leins erſt in ſeiner Abweſenheit die Herr⸗ ſchaft kauften, welche ſie bewohnte, und ſie bis dahin in ihrer weit entfernten Heimath gelebt hatte, ſo war es ſehr natuͤrlich, daß er die erſte Kunde von ihrer Exiſtenz jetzt durch die perſoͤnliche Bekanntſchaft erhielt, dle ihm der Zufall mit ihr zu machen vergoͤnnt hatte. Je unverhohlener er aber ſich ſelbſt den Ein⸗ druck geſtehen mußte, den ihre liebens⸗ wuͤrdige Erſcheinung auf ſein durch Gott Amors Pfeile bisher nur leicht geritztes *— — 73 Herz hervorgezaubert, je ſorgſamer forſchte er jetzt allenthalben, doch ohne ſeinen naͤheren Antheil zu verrathen, nach Allem, was ſie betraf, um ſich ein klares Bild ihrer Eigenthuͤmlichkeit zu entwerfen, wo⸗ durch die huldigende Bewerbung, mit der er beſchloſſen hatte, ſich in die Reihen ihrer Bewunderer zu ſtellen, erleichtert und beguͤnſtigt werde. Sehr verſchieden waren die Stimmen uͤber ſie; doch darin trafen die meiſten uͤberein, daß 1 launenhafter, bizarrer, und oft unbeugſamer Charakter ihre glaͤn⸗ zenden Eigenſchaften nicht ſelten verdun⸗ kele, und daß ſie mit herzloſer Koketterie mehrere Männer an ſich gezogen habe, um ſie dann den Qualen der getäuſchten 2 74 Hoffnung, und der beleidigten Eitelkeit Preis zu geben. Was man ihr aber am meiſten zum Verbrechen machte, war eine Verbindung, die ſie mit Ottocar, einem nur wenige Jahre älteren Jugenbfreund Hermanns, gehabt hatte. Dieſer, mit einer einfachen, aber durchaus achtungswerthen Frau vermaͤhlt, hatte bei der uebernahme ihrer neu er⸗ kauften Guͤter, die vorher fuͤrſtliches Ei⸗ genthum waren, Geſchaͤfte mit ihren Vor⸗ muͤndern abzumachen, die ſein Beruf als Staatsdiener ihm auferlegte, und die ihn Monate lang in die bezaubernde Naͤhe des Fraͤuleins bannten. Hier ging es ihm wie dem geflügel⸗ N — 3 6 ten Inſect, das die ſchimmernde Kerze, ſtatt ſie zu fliehen, geblendet, in immer engeren Kreiſen umflattert, bis die Flam⸗ me, die nicht beſtimmt iſt, ihm wohlthaͤ⸗ tige Waͤrme zu ſpenden, es durch ſeine zehrende Glut in Aſche verwandelt. Helena ſo hieß das Fraͤulein, wufßte durch ihre Schoͤnheit und die Anmuth ihres Betragens ſich ſeiner ganz zu bemaͤchti⸗ gen, und verhehlte keineswegs, daß auch er der Mann ihrer Wahl ſey. Sie naͤhrte ſeine ſtrafbare Neigung, indem ſie jede Regung derſelben auf das glühendſte er⸗ wiederte. Auf die ungluͤckliche Gattin, der man nichts zum Vorwurf machen konnte, als daß ſie weniger ſchön als die 3 in ungetrubter Jugendfriſche prangende 76 Helena war wurde keine Růcſi cht ge⸗ nommen— unbarmheriig ſprach Ottocar das Wort: Scheidung vor ihr aus, das ſie aus dem Kreiſe ihres rechtmaͤßi⸗ gen haͤuslichen Gluͤckes, und aus dem Paradieſe aller ihrer Erinnerungen und Hoffnungen in die unwirthbare Oede der Verlaſſenheit hinaus trieb. Selbſt als Mutter wurde ſie auf das tieſſte gekraͤnkt, indem Ottocar, der ſonſt mit der zaͤrtlich⸗ ſten Vaterliebe ganz in den beiden Kna⸗ ben lebte, die ſie ihm geboren, jetzt auch von dieſen Unſchuldigen ſein Gemuͤth ab⸗ wendete, und als letztes Opfer von ihr foderte, ſich mit ihnen ſo weit zu entfer⸗ nen, daß nur die Geldzahlungen, die er zu leiſten verſprach, nicht ihr Anblick ihn 77 jemals wieder an ſeine ehemaligen Ver⸗ haͤltniſſe zu mahnen im Stande ſey. 3. Wer mißbilligt es nicht, daß Helena dieſe Grauſamkeiten geſchehen ließ— Nur eine der Trunkenheit gleichende Lei⸗ denſchaft konnte ihre Einwilligung in ein ſolches Verfahren erklaͤren.—— Doch raͤthſelhafter noch war es, dieſen Rauſch plotzlich bei ihr in die groͤßte Nuͤchtern⸗ heit uͤbergehen zu ſehen. Denn als nun alle Hinderniſſe uͤberwunden waren, als die gebeugte, moraliſch gemißhandelte Frau mit ihren Kindern laͤngſt das Land ihrer Jugend verlaſſen hatte, aus dem 78 des Gatten Barbarei ſie jagte— als alle Anſtalten zur Vermaͤhlung ſchon ge⸗ troffen, und der Hochzeitstag nur um eine Woche noch entfernt war— da ſchien es auf einmal, als mache die Nemeſis, die nicht immer gerade ſichtbar neben dem Verbrecher durch's Leben geht, ihre ewigen Rechte geltend, indem ſie gleichen Wankelmuth in Helena's Herzen weckte, als der war, der Ottocar zu ſo frevel⸗ haften Beginnen gegen ſeine ſchuldloſe Frau hingeriſſen hatte. Ein unerklaͤrli⸗ cher Widerwille machte ihr ſeine Naͤhe ploͤtzlich verhaßt— ſie konnte ſeinen An⸗ blick nicht mehr ertragen, und weder ſeine Bitten noch ſeine Betheuerungen, daß er das Ungluͤck, ihr gleichgultig geworden zu 79 ſeyn, nicht uͤberleben werde, vermochte die Hartherzige zu ruͤhren. Mit der ru⸗. pigſten Feſtigkeit kündigte ſie ihm an, daß nichts in der Welt ſie bewegen wer⸗ de, ihm ihre Hand zu geben, und nach zahlloſen vergeblichen Verſuchen, ſie wie⸗ der zu gewinnen, mußte er das Schloß verlaſſen, das er noch vor wenig Tagen bereits als ſein Eigenthum betrachten durſte. Außer ſich, von allen ſeinen Him⸗ meln herabgeſtürzt, durch die furchtbarſte Leidenſchaft zu Helena gequaͤlt, von ſei⸗ nem Gewiſſen gemartert, das ſein Miß⸗ geſchick ihm als gerechte Strafe fur ſeine Treuloſigkeit gegen Weib und Kinder darſtellte, kehrte er in die Reſidenz, aber nicht in den Wirkungskreis des Geſchaͤft⸗ 80 * lebens zuruͤck. Denn die Verzweiflung, die aus getaͤuſchter Liebe, aus gekraͤnktem Stolze und dem demuͤthigenden Mitleiden ſeiner Freunde hervorging, machte es ihm unmöglich, an einem Orte zu weilen, der einſt der Schauplatz ſeines ſtill⸗beſchränk⸗ ten, aber reinen haͤuslichen Gluͤcks gewe⸗ ſen war, und an dem er gehofft hatte, bald mit allem Glanz aufzutreten, mit dem Helena's ſchimmernde Vorzüge ſeinen neuen Lebensweg zu verklaͤren verſprachen. Der eben ausgebrochene Krieg zeigte ihm auf ſeinen blutigen Schlachtfeldern einen Zufluchtsort vor den Geißeln des Gewiſ⸗ ſens, und vor den Schmerzen betrogener Hoffnung— er ſchloß ſich an ein Corps Freiwilliger an, und war ſo gluͤcklich, den v 81 Tod, den er ſuchte, im erſten Siege, den er erringen half, zu finden. 4 —* Dieſe Erzaͤhlung, aus glaubwuͤrdigen. Quellen geſchoͤpft und beſtätigt, loͤſchte faſt die Flamme des feſten maͤnnlichen Eindrucks in Hermann's Seele wieder aus; denn er konnte ſich nicht ableugnen⸗ daß ein weibliches Weſen mit einem ſol⸗ chen Charakter, beſitze es auch die Reize einer Huldgöttin, und die Schätze Peru's, dennoch einen fuͤhlenden Mann nur un⸗ gluͤcklich machen muͤſſe. Auch hoͤrte er mit immer ſteigenderem Befremden von mehreren Seiten ihres Hanges zum Geiz Bilder. 6 . 82 erwaͤhnen ein Laſter, deſſen Engher⸗ zigkeit ihm in dem zarten Buſen einer Frau noch wiberlicher, als bei ſeinem eigenen Geſchlecht erſchien. Die Armen der Stadt, die angelockt von dem Rufe ihres Reichthums, wie der Muͤckenſchwarm von der Sonne, ihr Haus umlagerten, „ kehrten unzufrieden zuruͤck, denn nur die kleinſte aller Silbermunzen, kaum hinrei⸗ chend, um dem momentanen Hunger zu wehren, war Alles, was ſie ihnen rei⸗ chen ließ, und ſo genau auch ein alter Diener, dem ſie das Amt eines Almoſe⸗ niers ubertragen hatte, nach den Beduͤrf⸗ niſſen und Beſchwerden eines jeden Ein⸗ zelnen forſchte um ſeiner Gebieterin bar⸗ über zu berichten, ſo wurde doch Nie⸗ „ 83 — mand ausgezeichnet, und— wie druͤk⸗ kend, und das Mitleid in Anſpruch neh⸗ mend auch immer das Schickſal Vieler ſeyn mochte— es blieb ſtets bei der klei⸗ nen kargen Gabe, die vom Anfang an fuͤr Jeden beſtimmt war. ſelbſt ſtrebte in ihrer aͤußeren Er⸗ ſcheinung ſo einfach zu ſeyn, als waͤre ſie nicht die Erbin von mehr als einer halben Million, ſondern ein Kind der be⸗ ſchränkteſten Armuth. Umſonſt breiteten Kaufleute und Putz⸗ und Galanteriehänd⸗ ler alle Erzeugniſſe des Lurus und der Pracht vor ihr aus, und hofften durch die Beſitzerin eines ſo großen Vermoͤgens den Abſatz ihrer theuerſten Artikel zu er⸗ langen. Mit einer, an einem Maͤdchen 84 unerhoͤrten Gleichguͤltigkeit ſah ſie uͤber den eiteln Schimmer hinweg, und wähl⸗ te, wenn ſie etwas bedurfte, das ſim⸗ pelſte aus dem offenbaren Grunde, weil es das wohlfeilſte war. Zwar ſchien der Glanz page und ihrer Bedienung dieſ Hang zur Sparſamkeit zu widerſprechen, aber nur ſo lange, bis man erfuhr, daß ſie Beides, ſo wie den groͤßten Theil ihres Vermoͤgens von einem Oheim erbte, der zu der Erhaltung derſelben eine bedeu⸗ tende Summe ausgeſetzt, und ihr zur Pflicht gemacht habe, weder ſeine treuen Diener, noch Pferd' und Wagen jemals abzuſchaffen. Wie wenig aber dieſer unfteiwillge 2——————— 85 Luxus ihrer Neigung angemeſſen war, zeigte ihr ſtilles, haͤusliches Leben, wo nur gefällige Anmuth, aber kein Ueber⸗ fluß aus allen ihren Einrichtungen ſprach. Im ſchlichten weißen Kleide, deſſen ein⸗ zige iz die hochſte Sauberkeit, und der mis riſche Faltenwurf war, den ihre edlen Formen unwillkuͤhrlich hervorbrach⸗ ten, keine andere Zierde ihres Haup⸗ tes, als das ſchoͤne braune Haar, in rei⸗ chen Flechten und Locken aufgewunden, glich ſie unter den uͤbrigen Damen der Stadt der ſchlanken Lilie, die im bunten Tulpenbeete bluͤht. ————— 5. 8 Durch die von ihr erlangte Charak⸗ 8 4 1 1 86 teriſit verlor Hermann die Luſt, ſich ihr in Beziehung auf ſich ſelbſt zu naͤheren — es muͤſſe denn als Raͤcher ſeines Freun⸗ des geſchehen duͤrfen, deſſen jammervolles Loos er weder vergeſſen noch verſchmer⸗ zen konnte. Immer ſtand das des ungluͤcklichen Ottocar vor ſein eele. Zwar vermochte er nicht, ihn zu recht⸗ fertigen, noch weniger aber die, die ein ſo grauſames Spiel mit ſeinem Herzen getrieben, und ſtatt ihn zu ſeiner Pflicht zurückzuführen, durch eine abſichtlich ge⸗ nährte, auf den hoͤchſten Gipfel geſtei⸗ gerte, und dann verſchmaͤhte Liebe in den Tod getrieben hatte. So wenig Auszeichnung er nun auch, um ihre Eitelkeit zu kränken, ihr in meh⸗ — N —————————— 87 reren Geſellſchaften bewieſen hatte, ſo fugte es doch der Zufall, daß er auf einem Balle— wo die unwiderſtehliche Grazie ihres Tanzes, und ihres ganzen Benehmens ſein Auge gegen ſeinen Wil⸗ len beſtach, und ihn hinriß, mit ihr zu tanzen— in ein Geſpraͤch mit ihr ge⸗ rieth, das ihm, wollte er nicht geradezu unhoͤflich ſeyn, die Verpflichtung auſez legte, ſie den folgenden Tag zu beſuchen. Sie hatte naͤmlich erfahren, daß er von ſeinen Reiſen ein Portefeuille inter⸗ eſſanter Handzeichnungen mitgebracht ha⸗ ve, die— wenn auch nur fluchtig ſtiz⸗ zirt— voch eine Idee von den herrlich⸗ ſten Gegenſtaͤnden der Natur und der Kunſt zu erwecken im Stande waren, 88 denen man ſie nachgebildet hatte.— Sie wuͤnſchte dieſe Zeichnnngen zu ſehen, und er verſprach, ſie ihr zu ſchicken.„Aber Sie můſſen ſich entſchließen, mitzukom⸗ men, ſey es auch nur als Commentar,⸗ ſagte ſie mit holdſeligem Laͤcheln.»Das bloß ſtumme Anſchauen wuͤrde nur einen kalten Eindruck auf mich machen„koͤnnte ich nicht durch Fragen meine Unwiſſenheit aufhellen, und meine unſicheren Urtheile berichtigen. Erſt die Erklaͤrung gibt ſol⸗ chen todten Umriſſen Licht und Leben, und daher erwarte ich von Ihrer freund— lichen Bereitwilligkeit, daß Sie nichts halb thun, ſondern Ihre Kunſtſchatze begleiten werden.-— 89 Hermann wollte ſich uͤberreden, daß ihm dieſe Zumuthung unangenehm ſey, aber die Macht der Schoͤnheit hatte ſich, wenn er es gleich nicht eingeſtehen moch⸗ te, auch an ihm bewährt. Es lag in Helenen's Zuͤgen ein Zauber, der nicht nur zu entzuͤcken, ſondern auch zu ver⸗ ſohnen wußte, und mitten in dem ſin⸗ ſtern Groll, den ſein Herz gegen ſie naͤhrte, daͤmmerte der Lichtſtrahl einer Hoffnung auf, daß das Geruͤcht ihr viel⸗ leicht Unrecht thue. p Sie hatte ihn um die Theeſtunde zu ſich beſchieden. Es wurde an dem Abend gerade eine neue Oper gegeben. Muͤh⸗ 90 ſam wand ſich Hermann durch das Ge⸗ dränge der rollenden Wagen, bis er die etwas abo gene Straße erreichte, in der ung ſich befand, die ſie für den Winter gemiethet hatte, und die durch ein zwar anſtändiges, aber hoͤchſt einfa⸗ ches Local den vom Publicum ihr ge⸗ machten Vorwurf der groͤßten Sparſam⸗ keit nicht wiberſprach. Wie oft trifft man in dieſer Schein liebenden Welt Bronce, Marmor und reiche Vergoldung auf Schraͤnken an, in denen nur wenig wirkliches Gold be⸗ wahrt wird. Die edelſten Hölzer In⸗. diens muͤſſen— wenn gleich erborgt— zu den gemeinſten Geräthſchaften dienen — die koſtbarſten Teppiche bedecken fuͤr — 91 die rauhere Jahrszeit die kunſtlich einge⸗ legten Fußböden, und zahlloſe S machen— wenn gleich u be t von Kron⸗ und Wandleucht ern ſchimmernd, und in breiten Spiegelwaͤn⸗ den ſich vervielfältigend, die Nacht dem Tage gleich. Hier, wo ein ſo ſolider Reichthum zu Allem, was käuflich iſt, berechtigt hatte, ſchien der umgekehrte Fall als Regel angenommen worden zu ſeyn.— Freundlich— dies war das einzige Prädicat, das man den Zimmern einer ſo reichen Erbin veilegen konnte. Nir⸗ gends ſtrahlte die Sucht zu glaͤnzen, nir⸗ gends eine uͤppige Begänſtigung des Lu⸗ xus, nirgends das Streben hervor) durch 1 3 . 11 3 ₰ 1 NW 1 4 4 . 1 14 3 1 6 b 1 1 1 3 ein koſtbares Mobiliar mit den Einrich⸗ tungen der meiſten Haͤuſer zu wetteifern, oder nen gleich zu ſtellen. In einem traulichen Kabinet, deſſen uͤne Papiertapete dem Auge wohl that, 6 Helena, im ſimplen Hauskleide, ne⸗ ben Fraͤulein Wellbach ihrer Erzieherin, an einem Tiſch, auf dem eine gruͤn um⸗ ſchirmte Lampe brannte. Das Ganze ſprach, obgleich nur durch die hoͤchſte Ein⸗ fachheit ſich auszeichnend, den Hereintre⸗ tenden ſo heimathlich an, wie er ſich nie in den glanzvoll verzierten Prunkſälen der prächtigſten Pallaͤſte gefuͤhlt hatte. „ 93 Er naͤherte ſich Helenen mit innigem Wohlgefallen, und nur als er unte den Gemeinſpruͤchen der erſten Begri Aeußerung hinwarf, wie er fürchte, daß ſein Beſuch ſie um den Genuß der neuen Oper bringe, deren ſie vielleicht nicht ge⸗ dacht habe, als ſie ihm geſtern zu kom⸗ men erlaubte, und ſie lachend erwiederte: „O keineswegs, ich bin eine viel zu gute Wirthin, um anders als in hoͤchſt ſelte⸗ nen, nothgedrungenen Fällen das Theater zu beſuchen⸗— und da kehrte die Erin⸗ nerung aller ihr vom Publicum gemach⸗ ten Beſchuldigungen, und das leiſe Miß⸗ trauen, das dieſe in ihm erregt hatten, in ſeine Seele zuruͤck. „O Geiz, Wurzel alles Uebels!“ dachte 94* er mißmuthig uͤber den truben Schatten, den ein ſolcher Fehler auf dieſe glanzende ung warf, und dieſe herben, nur lbſt ausgeſprochenen Worte moch⸗ ten ſich in ſeinen finſter gewordenen Zü⸗ gen ſpiegeln. Denn, mißbilligend auf Helena blickend, ſagte Fraͤulein Wellbach: „Welche Vermuthungen hat Ihre Unvor⸗ ſichtigkeit nun ſchon wieder erweckt?— Ich kann es nicht zugeben, daß meine Freundin ſich ſelbſt verleumdet,“ fuhr ſie, gegen Hermann gewendet, fort.»Schlimm genug, daß es Andere thun. Helena liebt eine weiſe Beſchraͤnkung ihrer Ausgaben, aber nicht, wie man meint, um Schätze zu ſammeln, ſondern um wohlzuthun, und es hat einen ganz beſonderen Reiz 95 1 1 für ſie, durch eigene Entbehrungen und kleine Opfer ſich den Genuß des Gebens zu wuͤrzen, da es doch gar zu mechaniſch iſt, ihn bloß einem vollen Geldbeutel zu verdanken. So lindert der Ertrag meh⸗ rerer Theaterbillets, die ſie ſich verſagte, in dieſem Augenblick die Sorgen einer armen Woͤchnerin, welche die Hand nicht ahnet, die ihr ſo großmuͤthig Huͤlfe ſpendete.« 8. „Was machen Sie?⸗ unterbrach ſie Helena faſt zuͤrnend, und mit dem Er⸗ roͤthen hoher Verlegenheit.— „Ich ſage die Wahrheit, verſetzte 96 trifft, auch auf mich zurück, und ich freue mich, daß es nichts bedarf, als die Bewe⸗ gungsgruͤnde zu enthuͤllen, die Ihre mit⸗ unter etwas befremdlichen Shss veranlaſſen.⸗ mich ſeiner zu erwehren, »Was werden Sie von mir denken?« ſagte Helena in unerkünſtelter Verwir⸗ rung, indem ſie ſchuͤchtern und gleichſam ſich gegen ihn entſchuldigend, die ſchoͤnen Augen zu ihm empor hob.»Statt als eine fluͤchtig gemachte, voͤllig neue Be⸗ kanntſchaft nur die Oberflaͤche unſerer Fraͤulein Wellbach,»und zwar, um mich ſelbſt wo moͤglich zu rechtfertigen. Denn, da ich Sie erzogen habe, ſo faͤllt ſehr natuͤrlich ein Theil des Tadels, der Sie um 97 Verhaältniſſe zu beſtreifen, weiht Sie die Unzufriedenheit meiner Freundin mit mir gleich in die Geheimniſſe derſelben ein, und es bleibt mir nichts uͤbrig als durch ein offenherziges Bekenntniß ihre Andeu⸗ tungen zu erläutern. ch kann nicht leugnen daß die be⸗ ſonnene Einfachheit, die meine guten El⸗ tern ſich zum Grundgeſetz meiner Erzie⸗ hung gemacht hatten, und worin ſie hier von meiner ſcheltenden zweiten Mutter ſo treu und zweckmäßig unterſtutzt wur⸗ den, mich fuͤr immer gelehrt hat, die Guͤter des Lebens nicht zu überſchätzen, ſondern nach ihrem eigenthuͤmlichen Werth zu wuͤrdigen.« »Man gewoͤhnte mich, wofuͤr ich Gott Bllder. X 98 danke, wenig Beduͤrfniſſe zu haben, und in dem Wohle Anderer mein eigenes zu finden. Alles Ueberfluͤſſige wurde mir als ein Nothbehelf der Schwaͤche dar⸗ geſtellt, und ſelbſt das Nothwendige er⸗ ſchien mir zuweilen als Ueberfluß, wenn ich es mit dem Mangel wwit den Andere litten.« „So waren es die erſten Freuden meines Lebens, deren ich mir bewußt bin, wenn ich mit moinem Fruͤhſtuͤck den Hun⸗ ger irgend eines armen Kindes ſtilen, oder durch die Verzichtleiſtung auf ein neues Kleid die Bloͤße deſſelben decken durfte, und nie lächelte meine fromme Mutter zufriedener, ja, ich moͤchte ſagen, ſegnender auf mich herab, als wenn 99 ich durch Fleiß, Aufmerkſamkeit und Selbſtverleugnung irgend etwas geſchaf⸗ fen, erhalten, oder entbehrt hatte, was der huͤlfloſen Armuth zum Troſt gereichte.⸗ „So brachten Beiſpiele und Lehren mich dahin, daß es mir zur anderen Na⸗ tur wurde, mich auf das ſparſamſte zu behelſen, und das Nuͤtzliche zur Baſis alles deſſen zu machen, was in meinen Augen als ſchoͤn galt. Bei Allem, was ich mir gewaͤhrte, bedachte ich immer erſt, wie viel Noth rings um mich her eine vernünftige Einſchränkung und eine be⸗ ſcheidene Auswahl meiner Beduͤrfniſſe zu lindern vermoͤge, und dieſe Vorſtellung verleidete mir allen Glanz und eitelen Schimmer, der ſonſt wohl zu den bunten 100 Seifenblaſen gehören mag, mit denen die Jugend gerne ſpielt.⸗ B »In der feſten Ueberzeugung, nicht wohlhabend zu ſeyn, und nur auf die mir verliehene Ktaft und die Faͤhigkeit, arbeiten und entbehren zu koͤnnen, die Sicherheit meiner kuͤnftigen Exiſtenz demuͤthig grunden zu müſſen, verlor ich dieſe geliebten Eltern, und mit ihnen den Glauben an die Beſchraͤnkung unſerer Lage, die das friedliche Element meiner Seele geweſen war. Sie hatten, allen aͤußeren Prunk verſchmaͤhend, ſich die lockenden Freuden der Welt verſagt, um dem inneren Beruf zu folgen, der ſie antrieb, im Stillen die Thraͤnen der Duͤrftigkeit zu trocknen. Wie viele arme 101¹ Wittwen erfreueten ſich durch ihre Milde des heiteren Abendroths, das nach einem ſtuͤrmiſchen Lebenstag ihnen aufging— wie manche huͤlfloſe Waiſe, die phyſiſch oder moraliſch ohne ſie zu Grunde gegan⸗ gen waͤre, wurde durch ihre Furſorge zu einem guten und nützlichen Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft gebildet— welche große Anzahl braver Hausväter, die un⸗ tet der Laſt unverſchuldeter Widerwärtig⸗ keiten ſeufzten, erhob ihre geheime aber kraͤftige Unterſtuͤtzung zu neuem Muth und neuer Thaͤtigkeit und gründete ſo den Wohlſtand ganzer Familien, wo vor⸗ her Hoffnungsloſigkeit und Verzweiflung herrſchte— wie viele Kranke wurden durch ihren Beiſtand gepflegt, geheilt, er⸗ 1 102 quickt— wie viele—— doch genug! Vergeben Sie, daß die Erinnerung an die aufopfernde Guͤte meiner Eltern mich ſo weitſchweifig machte. Ihr letzter Se⸗ gen weihte mich zu der pflicht ein, in ihrem Geiſte fortzuhandeln, und das ſo ohne Verdienſt mir zu Theil gewordene Vermoͤgen zu frommen Zwecken, als ein Gemeingut der Armen zu verwalten« 9. »Sie ſehen, fuhr Helena fort,»es iſt nicht das Streben, mich auszeichnen zu wollen, ſondern nur die Macht einer fruͤhen, von der Vernunft gebilligten Ge⸗ wohnheit, die mich mit unſichtbarem Zau⸗ 103 ber noͤthigt, mir ſelber treu zu bleiben, in⸗ dem ich mich ſtreng innerhalb des Gleiſes erhalte, das die Genuͤgſamkeit mir vor⸗ zeichnet. Schmerzliche Erfahrungen, die ich gemacht habe, entzweiten mich fuͤr immer mit der Hoffnung auf ein näheres Giuck, als das, das aus der Vollziehung meiner Plane mir hervorgehen wird, aber — dem Himmel ſey Dank— ich habe ja gelernt, mich ſelbſt uͤber dem Wohle Anderer zu vergeſſen, und eben dieſe Plane halfen mir in den ſchwerſten Stun⸗ den meines Lebens meinen Frieden be⸗ wahren. Und auch fur mich blieb noch viel uͤbrig, wenn auch das Gebaͤude mei⸗ ner kuͤhnſten Wuͤnſche zertruͤmmert ward Thomſon rief durch ſeine gehaltvollen 104 Worte es mir zuerſt in die muthloſe Seele, ehe noch klares, eigenes Auf⸗ ſchauen mich darauf hingewieſen hatte, und es iſt mir, als ob ich die Summe meines wahren Vermögens zuſammen rechne, wenn ich mir vorſage: An ele- gant sufficiency, content, retirement, enral quiet, friendship, books, progres- sive virtue, and approving Heaven.(Ein freundliches Auskommen, Zufriedenheit, Zu⸗ ruͤckgezogenheit, laͤndliche Stille, Freund⸗ ſchaft und Buͤcher, Erhebung zur Tugend und der Beifall Gottes.) »Dies iſt mir geblieben— bin ich nicht reich?« ſetzte ſie hinzu, und lächelte, waͤhrend Thraͤnen in ihre ſchoͤnen Augen traten. Hermann fuͤhlte ſich ſo wunder⸗ 6 105 bar ergriffen, wie noch nie zuvor in ſei⸗ nem Leben, und er wußte es Helenen Dank, daß ſie— ſelbſt ſehr bewegt— ſich auf einige Augenblicke zuräckzog, weil et dadurch Zeit gewann, die Faſſung wieder zu erlangen, die faſt in ſeiner Ruͤhrung untergegangen war. 10. »In der That,« ſagte Fraͤulein Well⸗ vach nach einer Pauſe, ves iſt ein ganz eigenes Verhaͤltniß, Herr Graf, in dem wir einander gegenüber ſtehen. Wer hat wohl noch je eine neue Bekanntſchaft mit Eroffnung ſeiner innerſten Geſinnung be⸗ gonnen? Weiß ich doch ſelbſt kaum, ob 106 es das Zutrauen, das Ihr erſter Anblick einfloͤßt, oder nur allein der Drang mei⸗ nes vollen Herzens war, der mich fort⸗ riß, Motive zu eroͤrtern, die die Welt oft ſo bitter verkennt. Wie dem aber auch ſey, ſo laſſen Sie uns kuͤnftig Sie als einen Freund betrachten, da wir Sie ſchon zum Vertrauten gewaͤhlt haben, und indem Sie ſuchen, Helenens ſtets reinen, aber oft ſo traurig mißverſtande⸗ nen und ſo hart beurtheilten Handlungen auf den Grund zu kommen, wird es der Bitte kaum beduͤrfen, ihr Vertheidiger gegen die Schmähungen zu ſeyn, die zu⸗ weilen gleich giftigen Pfeilen ſie treffen ⸗ Hermann hatte nur Zeit, es fluͤchtig zu goben, denn in dieſen Augenbic 107 trat Helena wieder zu ihnen, und forſchte unbefangen und heiter, als ſey nichts vorgefallen nach dem Inhalt der Mappe, welche bald ihre Schaͤtze vor ihr ausbrei⸗ tete. Mit kindlich warmem Antheil und innigem Vergnugen betrachtete ſie Alles, ſchoͤpfte Belehrung aus ſeinen Erklaͤrun⸗ gen, und ſagte mit liebenswuͤrdiger Frei⸗ muͤthigkeit ihre Meinung⸗ die zwar kein regelrechtes Kunſturtheil, aber frei von jeder Anmaßung war, und durch angebo⸗ renen Sinn für das Schoͤne, und richti⸗ gen, wenn gleich nicht geubten Geſchmack geleitet wurde. So gingen die Stunden des Beiſam⸗ menſeyns in traulicher Unterhaltung uber Gegenſtände der Kunſt und des Lebens ₰ 106 ſchneller dahin, als ſie Hermann jemals in der Mitte glänzender Feſte verſtrichen waren, und zu ſeinem Erſtaunen erin⸗ nerte ihn das, einem dumpfen, fernen Donner gleichende Rollen der Wagen, daß die Oper beendigt, und folglich un⸗ beſtreitbar, wenn gleich unmerklich, ein Zeitraum vergangen ſey, der ihn nun ſchicklicher Weiſe an den Aufbruch mahnte. »Sie finden uns oft zu Hauſe, wenn Sie es der Muͤhe werth halten wollen, uns aufzuſuchen, ſagte ihm Helena bei'm Abſchied.»Die Geſchaͤfte, die mich hie⸗ her zogen, werden mich wahrſcheinlich den ganzen Winter feſſeln, und ich wuͤrde mich freuen, wenn ich unter den wenigen Perſonen, die meine beſondere Achtung 5 109 zu einem naͤheren Umgang erkoren hat, auch Sie zaͤhlen duͤrfte.⸗ 11. Dieſe Worte drangen troſtend in Her⸗ mann's ſchmerzlich aufgeregtes Gefuͤhl. Denn auf eine hoͤchſt ſonderbare Weiſe fand er ſein Inneres umgewandelt, und nicht nur ploͤtzlich von den Vorurtheilen gereinigt, die er gegen Helenen genaͤhrt, und mitgebracht hatte, ſondern mit einer Innigkeit zu ihr hingezogen die ſich auf Verehrung gruͤndete. Er, den ſonſt die Leere eines unveſchäftigten Herzens in den Strudel der Zerſtreuungen zog, wo er Uebertaͤubung ſeiner ſtill verſchwiege⸗ ————— 3 3 3 1 3 1 . 4 i 3 1* 6 3 110 nen Sehnſucht, wenn auch nicht Befrie⸗ digung fand, hatte jetzt in dieſem eng abgeſchloſſenen, nur durch ſich ſelbſt ge⸗ haltvollen Cirkel die erſte Ahnung von wahrem Gluͤck und von dem beſeligenden Frieden ſchöner Haͤuslichkeit empfangen, und wie von einer ſtrahlend aufſteigen⸗ den Sonne duͤnkte ihm die Schattenſeite des Lebens nun durch leiſe Hoffnung ver⸗ kaͤrt Von dieſem Abend an, der gleichſam wie der Wendepunkt ſeines bisherigen Wandels ihm erſchien, widmete er alle ſeine Zeit dem ſchoͤnen Frembling, der ihn ſtets mit Wohlwollen und Freund⸗ lichkeit empfing, und durch eine, bäld vom tiefſten Ernſi des Lebens, bald vom hei⸗ 1¹1 teren Scherz ausgehende Unterhaltung das Beiſammenſeyn auf eine Art zu wür⸗ zen wußte, die ihn mit Widerwillen von dem zwar glaͤnzenden, aber ſeelenloſen Treiben der großen Welt abwendete. Nur ſelten erſchien ſie im Gewuͤhl zahlreicher Aſſembleen, die dem Sinne fuͤr aͤchte Geſelligkeit oft ſo wenig gewaͤhren; doch wo ſie auch auſtrat, waren ſtets die Grazien der zarteſten Weiblichkeit an ihrer Seite, und feſt und ſicher, aber da⸗ vei jungfraͤulich und beſcheiden, behaup⸗ tete ſie immer den Platz in der Geſell⸗ ſchaft, den ihr ſittlicher Werth, und ihr Selbſtgefuͤhl ihr anwieſen. 112 12. Wie oft, wenn Hermann durch die achtungsvolle Guͤte, mit der ſie ihn be⸗ handelte, ſich in ſuͤße Träume wiegte, draͤngte das Geſtaͤndniß ſeiner Neigung fuͤr ſie ſich bereits auf ſeine Lippen— aber inneres Zagen hielt ihn dann zu⸗ ruͤck, es auszuſprechen. Es war ihm in ſolchen Augenblicken, als ſteige Ottocars blutende Geſtalt aus dem fruͤhen Grabe, das ihn barg und als fluſtere der Todte, deſſen Herz ſie brach, Worte der War⸗ nung in ſein Ohr, die ihn erbeben mach⸗ ten, und ihn tief in ſich ſelbſt zuruͤck⸗ ſcheuchten. So trat in der innigſten An⸗ naͤherung ſeines Gefuhls dies Schreckbild 113 Schauder erweckend, zwiſchen ihn und ſie, und krampfhaft zog ſich dann ſeine Bruſt zuſammen, und wehrte dem Aus⸗ bruch des tiefſten Gefuͤhls, das zu ihr hinſtrebte, wie die eingeſchloſſene Blume ſich dem goldenen Licht des Tages ent⸗ gegen draͤngt. Erſt mußte das dunkle Räthſel ihres Betragens gegen ſeinen ungluͤcklichen Freund ihm befriedigend geloͤſet werden, ehe er es uͤber ſich gewinnen konnte, ih⸗ rem Charakter zu trauen, und ihr den Wunſch zu verkuͤnden, ihr ſein ganzes Leben widmen zu duͤrfen. Da ſie aber nie dieſes Theils ihrer Vergangenheit er⸗ wähnte, was ſeine Furcht, ſie müge ſich ſchuldig fuͤhlen, nur um ſo duͤſterer be⸗ Bilder. 8 114 ſtätigte, und da Fräulein Wellbach, von der er Aufſchluß verlangte, ihn aus dem Grunde, daß ſie kein Recht habe, Hele⸗ nens Geheimniſſe zu verrathen, an ſie ſelbſt verwies, ſo nahm er ſich vor, nun nicht laͤnger zu zoͤgern, um uͤber die marternden Zweifel ſeiner Seele entſchie⸗ den zu ſeyn. Dem Schein nach leicht hingeworfen, obgleich nur mit gewaltſamer Anſtren⸗ gung hervorgebracht, erwaͤhnte er einſt an einem ſtillen Abend, als er ſie allein traf, ſeines ſo fruͤh untergegangenen Ju⸗ gendfreundes, und des Dunkels, das für ihn auf der voͤlligen Zertrummerung ſei⸗ nes Gluͤcks und ſeines Daſeyns ruhe. Helena wurde ſichtbar durch den * 115 Klang des Namens erſchüttert, der ihr einſt ſo theuer geweſen war. Ein tiefer Ernſt ſcheuchte ſchnell aus ihren Zuͤgen das heitere unbefangene Lächeln ihrer vor⸗ her ruhigen Stimmung, und Wehmuth umflorte den Glanz der ſchoͤnen Augen, die ſie ſenkte, aber im naͤchſten Moment wiederum— jedoch in Thranen ſchwim⸗ mend— zu Hermann erhob. „War es Zufall oder Abſicht« ſprach ſie,»weshalb Sie des Todten gedenken, der die ſchoͤnſten Guͤter meines Jugend⸗ lebens mit in ſeine Gruft hinabnahm, und deſſen Namen ich nur dann ausſpre⸗ che, wenn mein heißes Gebet in ſtiller Einſamkeit die Machte des Himmels be⸗ ſchwört, ihm ſeine Sunden zu vergeben?« 116 Suͤnden?« wiederholte Hermann nicht ohne einige Bitterkeit, denn ſeinem beklommenen Herzen duͤnkten ihre Worte bereits ein umhuͤlltes Geſtaͤndniß ihrer Schuld, ſo wie ihrer unausloͤſchlichen Liebe zu dem Todten.»Ich habe haupt⸗ ſachlich nur von ſeinem Unglück gehört.⸗ „Begangene Suͤnde iſt ja auch das größte Ungluͤck, das dem Menſchen widerfahren kann,« verſetzte Helena. „Doch— ohne uns um Worte ſtreiten zu wollen— ich verſtehe den Vorwurf, der fuͤr mich in Ihrem Blicke und in Ihrem Tone liegt, und da Ihre Freund⸗ ſchaft mir werth geworden iſt, und ich hof⸗ fen varf ſie werde mir noch oft auf mei⸗ nem ernſten, einſamen Berufsweg durch's — 117 Leben eine wohlthätige Stütz ſeyn, ſo mache ich eine Ausnahme von der mir feſt vorgeſetzten Regel, indem ich das Schweigen breche, das ich mit über mein Verhaͤltniß zu Ottocar gelobt habe.⸗ 13. „Ich habe Ihnen ſchon fruͤher geſagt, daß meine Eltern mich voͤllig unwiſſend*— uͤber das betraͤchtliche Vermoͤgen erzogen,. das ſie mir hinterließen. Sie hatten mich gelehrt, es zu entbehren, und entdeckten es mir erſt auf ihrem Sterbebette, um es mit als eine Frucht vielfaͤltiger An⸗ ſtrengungen und Entſagungen zu zeigen, die bei einer Anwendung nach ihrem 118 Willen der leidenden Menſchheit noch nach Jahrhunderten Troſt und Huͤlfe und Erquickung zu gewaͤhren im Stande, und beſtimmt ſey.« „Unſere ſparſam gefuͤhrte, von allem aͤußeren Schimmer ſowohl als innerem ueberfluß weit entfernte Haushaltung, und die faſt herrenhutiſche Zuruͤckgezogen⸗ heit, in der wir lebten, hatten keine Vermuthung erwecken koͤnnen, daß wir reich waren. Kaum aber verbreitete ſich durch die mir von meinen Eltern verord⸗ neten Vormuͤnder das Geruͤcht der an⸗ ſehnlichen Erbſchaft, die ich gethan, als ich mich— kaum ſechzehn Jahre alt— von einer Menge Bewerbern umſchwaͤrmt ſah, die ſaͤmmtlich ſchwuren, nur mich 1¹9 ſchon lange in der Stille geliebt zu ha⸗ ben, und ohne mich nicht leben zu koͤn⸗ nen.« „Um dieſe wunderbaren, ſo ganz ge⸗ gen meinen Willen eingefloͤßten Leiden⸗ ſchaften zu verdoppeln, ſtarb ein Oheim, der mir ein noch bedeutenderes Vermoͤ⸗ gen hinterließ, als ich bereits beſaß. Jetzt drohten meine Liebhaber ſogar mit Selbſt⸗ mord. Ihr Verlangen, wo nicht mein Herz⸗ doch wenigſtens mein Geld zu eſitzen, ſtieg zu einer Hohe, vor der mir ſchwindelte. Es waren die erſten Blicke, die ich in die wilde Gaͤhrung menſchlichen Eigennutzes that, der ſo oft die heiligſten Gefuhle entweiht, indem er ſie zu haben vorgibt. Sie demuͤthigten 1 120 mich aufs tiefſte, und ich ſegnete den Einfall meiner Vormuͤnder, die es vor⸗ theilhaft fanden, einen Theil meiner geerb⸗ ten Summen in Landgüter anzulegen, und zu dieſem Behuf die im hieſigen Fuͤrſtenthume zum Verkauf ausgebotene Herrſchaft ſich erſahen.« »Gern ſchied ich von einer Gegend, die ſeit dem Tode meiner Eltern mir nur ſchmerzliche Erinnerungen bot, und un⸗ bekuͤmmert, vb meine zärtlichen Liebha⸗ ber Dolche, Gift oder Piſtolen waͤhlen wuͤrden, um ihre Verheißungen zu erful⸗ len, verließ ich die alte Heimath, um mir eine neue zu gruͤnden. Ich habe jedoch— dem Himmel ſey Dank— nicht gehoͤrt, daß irgend einer ſeine Drohung * 12¹ realiſirt, und ſein Leben der Verzweiflung uͤber meine Grauſamkeit zum Opfer ge⸗ bracht haͤtte.« 14. „Jetzt hebt eine ernſtere, ach, eine unvergeßliche und ſchwer zu verſchmer⸗ zende Epoche meines Schickſals an— naͤmlich die Bekanntſchaft mit Ottocar. Ich darf wohl nicht erſt die Votur⸗ theile ſchildern, mit denen ich bei den ge⸗ machten Erfahrungen jede Bewerbung um mich betrachtete? Mein gedemuͤthigtes Selbſtgefuͤhl, das meine Perſon nur als eine zu duldende Zugabe zu meinem Ver⸗ mogen anſah, hatte mich mißtrauiſch ge⸗ . 122 gen die Motive einer jeden Annäherung gemacht, und ich ſehnte mich nach den Jahren der Muͤndigkeit, um dies Ver⸗ moͤgen, das ich nicht als mein betrach⸗ tete, los zu werden. Gleichwohl ver⸗ ſchwieg ich dieſen Entſchluß, aus Furcht, meine Vormuͤnder moͤchten ihm Hinder⸗ niſſe in den Weg legen.« »Wie ſo verſchieden aber von den faden Schmeicheleien, und der kriechenden Zudringlichkeit meiner fruͤhern Bewerber, war Ottocar's Betragen gegen mich, in dem lange ſich nur der Wiederſchein eines tief bewegten Gemuͤthes ohne Hoffnung und ohne Anſpruch verrieth. Ein unwi⸗ derſtehlicher Zauber ſchien ihn an meine Naͤhe zu ketten.— Es war, als habe 123 er nur Augen, nur Ohren fuͤr mich. Mein Lächeln vermochte ſeine tiefſte Schwermuth zu verſcheuchen— mein Ernſt erregte ſeine Trauer. Mir alle Roſen der Freude, der Kunſt, des Wiſ⸗ ſens zu ſtreuen, dunkte ihm der höchſte Genuß des Daſeyns, und nur, wenn es ihm gelang, meinen Lebensweg zu ſchmuk⸗ ken und zu verſchönern, ſchien er Beru⸗ higung und Zufriedenheit auf dem eige⸗ nen zu finden.« 2 „Es war kein Wunder, daß die an⸗ ziehende Schwärmerei ſeines Weſens ne⸗ ben dem mir ſo gediegen ſcheinenden Ge halt ſeines Geiſtes und Charakters, und einer maͤnnlich ſchoͤnen Geſtalt mein Herz, e das noch nie geliebt hatte, auf das leb⸗ 124 hafteſte zu intereſſiren begann. Die an Anbetung graͤnzende ſtille Verehrung ſei⸗ nes Benehmens gegen mich rührte mich innigſt, da ich ſein beſcheidenes Verſtum⸗ men als das Kennzeichen wahrer Liebe betrachtete. Er hatte oft von ſeinen ver⸗ waͤndtſchaftlichen Verhältniſſen, nie aber von ſeiner Verbeirathung geſprochen. In⸗ dem ich ihn alſo für völlig frei hiät, konnte keine Ahnung, daß meine Nei⸗ gung andere, geheiligtere Rechte beein⸗ traͤchtigte, die ſuͤße Hoffnung trüben, mit der ich, liebend und geliebt, in die Zu⸗ Snft zu blicken wagte.« 45, »Bei der ihm eigenen Gewandtheit in Geſchaͤften war bald alles abgethan, was zur Uebernahme der Güter erfordert wurde; doch als freundlicher Rathgeber, als aufmerkſam meinen Vortheil wahr⸗ nehmender Freund, wünſchte er mir, als meine Vormuͤnder nach der erſten Ein⸗ richtung, die ſie getroffen, ſich wieder in ihre Heimath begeben hatten, könftig zur Seite ſtehen zu duͤrfen, und daher theilte er ſeine Zeit zwiſchen der Reſidenz, an die ſein Beruf ihn band, und zwiſchen meinem Schloſſe, wo, wie er wähnte, der Himmel ſtets ihm aufging. Dankbar das Streben mir zu nuͤtzen, ſo wie alle 126 ſeine Vorzüge erkennend, und ohne alle Verſtellung ihm mein Inneres zeigend, loͤſete ſich endlich das Siegel des Schwei⸗ gens von ſeinen Lippen. Er geſtand mir, daß ſeit meinem erſten Anblick die hef⸗ tigſte Leidenſchaft fuͤr mich in ihm er⸗ wacht ſey daß nur die Furcht, man moͤchte ihm eigennuͤtzige Abſichten zu⸗ trauen, ihn bei meinem großen Vermoͤgen ſo lange abgehalten habe, ſich zu erkla⸗ ren, und daß der Beſitz meiner Hand und meines Herzens der hoͤchſte, einzigſte Wunſch ſeiner Seele ſey.« 5»Wie gern lauſcht' ich dem Syrenen⸗ geſang der Liebe, der zum erſten Mal ein Echo in der Tiefe meiner Bruſt fand — wie ſelig traͤumt' ich mir die Zukunft an ſeiner Seite— wie wandte ſich mein Sinn von allem ab, was nicht Er war, und was nicht Ihn betraf!— Ja, die Bezauberung, die er uͤber mich ubte, ging ſo weit, daß ſie mich ſchwankend in dem Vorſatz machte, im Geiſt meiner verklaͤr⸗ ten Eltern zu handeln. Ob er mich gleich uberzeugt hatte, daß er mich um meiner Selbſt willen liebte, ſo erfreute ihn doch der goldene Schimmer des Reichthums, der kuͤnftig ſein Leben umſtrahlen ſollte. Fuͤr ſeinen Hang zur Wohlthaͤtigkeit bot ihm die Fuͤlle des Ueberfluſſes ſo manche Befriedigung, fur ſeinen Kunſt und pracht liebenden Geſchmack ſo manchen Genuß, für die Liberalitaͤt ſeines der Seſelligkei huldigenden Sinnes ſo vielfache Freude in einer glänzenden, gaſtfreien Einrich⸗ tung dar, daß ich— ſeine Wuͤnſche hoͤher als die meinen ſtellend— nur mit Zit⸗ tern daran dachte, ihm etwas von mei⸗ nem Vermoͤgen zu entziehen, um es from⸗ men Zwecken zu widmen.« 6 — 16. Schon hatte die geheimnißvolle Ma⸗ 3 gie ſeiner Gewalt uͤber mich, mich ſo völlig umſtrickt, daß alle früher entwor⸗ fenen Plane, die mein Herz und meine Vernunft, ſo wie die Ueberzeugung von der Billigung meiner Eltern geheiligt hat⸗ te, in den Hintergrund meiner Seele tra⸗ ten, wo ich ſie als unausfuͤhrbar betrach⸗ tete, da es mir als die eyſte, wichtigſte M 129 meiner Pflichten erſchien, meine Wuͤnſche dem Willen und der beſſern Einſicht deſ⸗ ſen aufzuopfern, den ich mir zum Gatten erkoren hatte.— Da weckte mich das Ge⸗ ſchick mit rauhet Hand aus dem wonne⸗ vollen Traum meiner Liebe. Mit größerem Entſetzen, als wenn ich, Blumen ſuchend, einer Schlange begegnet ware, vernahm ich durch Zufall— wenn es anders Zu⸗ faͤlle gibt— daß Ottocar vermählt ge⸗ weſen und Vater ſey, und daß er mit einer Härte ſonder gleichen die Leichtig⸗ keit benutzt habe, mit der nach den hie⸗ ſigen Geſetzen Eheſcheidungen bewirkt werdeh, um ſeine unſchuldige Gattin ſammt den Kindern zu verſtoßen, und— mir anzugehoͤren.— Schon war der Bilder. 9 130 4 Hochzeitstag beſtimmt, den ich als die Beſtaͤtigung meines hoͤchſten, reinſten Gluͤcks betrachtete„ als dieſe graͤßliche Nachricht, wie ein Blitz aus blauem Himmel, mich traf, um meine Hoffnung, ſo wie meine irdiſche Seligkeit zu zer⸗ truͤmmern. Kaum wollte ich ihr glauben, denn, ach, wer zweifelt nicht gern an ſeinem Elend!— Doch zu genau beſchrie⸗ ben mir Augenzeugen den Jammer der Ungluͤcklichen, die ſich ſo gemuthlos der Verblendung einer neuen Leidenſchaft auf⸗ geopfert ſah. Ich mußte mich mit dem ſchrecklichen Gedanken befreunden, daß Ottocar meiner Liebe unwuͤrdig— folg⸗ lich fuͤr mich verloren ſey.« Er war gerade abweſend, als ich 131 dieſe Schreckenskunde erfahren hatte. Doch als er nun wiederkehrte, ein wonnetrun⸗ kener Bräutigam, der, an die Schwelle ſeines Ziels gelangt, mit ſtolzer Zuver⸗ ſicht in's freudige Leben blickt, und ſich nun ſicher duͤnkt vor den Tuͤcken eines trennenden Geſchickes, als ich mit dem tiefſten Ernſt, hinter dem ſich mein na⸗ menloſer Schmerz verbarg, ihm die Frage vorlegte, ob es wahr ſey, was das Ge⸗ rücht mir verkundet, da fürzte er erblei⸗ chend, vernichtet, zu meinen Fuͤßen nie⸗ der, und empfand vielleicht zum erſten Mal den Fluch der böſen That, der, ihn aus dem Schlummer der Gewiſſenloſig⸗ keit weckend, von da an, gleich der Ne⸗ meſis, ihn durch's Leben krieb.⸗ 14 „Von dieſer Stunde an ſah ich ihn nicht wieder. Jetzt noch ſeine Hand an⸗ zunehmen, waͤre mir als Tempelraub er⸗ ſchienen, und wo haͤtte ich wieder Glau⸗ ben an ſeine Redlichkeit, Zutrauen zu ſeinem Edelmuth, Hoffnung auf ſeine Treue gefunden?— Mit der verlorenen Achtung für ihn ging zwar mein ſüßeſtes Gluͤck zu Grabe— aber eines rettete ich doch im ſchmerzlichen Streben, ohne Ruͤck⸗ ſicht auf mein Herz nach miuk Ueber⸗ zeugung zu handeln— die Achtung naͤmlich fuͤr mich ſelbſt, die mir der Gedanke erhielt, keinen Theil an ſeinem Verbrechen zu haben.« v— M 133 »Indem ich ihm ſchrieb, und ihn 6 mahnte, das Vergangene, ſo weit es moͤglich ſey, wieder gut zu machen, und die ſchuldloſe Gattin wieder mit ſich zu verſöhnen, verſprach ich ihm un⸗ ter dieſer Bedingung meine Verzeihung — ja, meine Freundſchaft ſogar. Doch der von blinder Leidenſchaft Bethoͤrte wolte Alles oder Nichts. Wohl ſah ich ein, daß wo die Genien des Ver⸗ trauens einmal verſcheucht ſind, ſie ſchwerlich wiederkehren, und daß er mit ihnen, die er ſelbſt aus dem Hiie ſei⸗ ner beklagenswerthen Frau„ttieben, die Baſis alles menſchlichen, und insbe⸗ ſondere des ehelichen Glückes entbehren werde. Aber durfte der ein ungetrübtes 134 Loos vom Schickſal verlangen, der bär⸗ bariſch genug war, die Stimme der Na⸗ tur zu verleugnen, und das Weſen auf⸗ zuopfern, das ſich liebend ihm hingege⸗ ben, und von ihm Schutz und Schirm, und Treue, erwartet hatte?— In der Erfuͤllung ſeiner Vaterpflichten, und in dem Streben, durch ſtille Reue und Buße der Gattin ſchwer beleidigtes Gemuth ſich wieder zuzuwenden, ſchien mir allein eine moraliſche Rettung fuͤr ihn zu liegen. Deshalb foderte ich ihn auch auf das dringendſte dazu auf— doch umſonſt.— Mir blieb daher nichts übrig, als ihn den Dämonen zu überlaſſen, die ihn ge⸗ fangen hielten, und ſtandhaft mir ſelbſt, und dem treu zu bleiben, was ich für 135 Recht erkannte.— Deshalb verbannte ich ihn und ſeine Briefe unwiderruf⸗ lich, und auf ewig aus meinem Ange⸗ ſicht. Doch— was ich ihm ver⸗ barg, darf ich Ihnen wohl geſtehen — ich ſchied von den Traͤumen met⸗ ner Hoffnung ſchmerzlicher, wie der Sterbende vom goldenen Licht des Tages ſcheidet.⸗ 18. »In mich gekehrt, und in verdoppel⸗ ter Wirkſamkeit Waffen gegen das tiefe Weh meines Innern ſuchend, ſprach ich Ottocars Namen gegen Niemand mehr aus, und ſelbſt meine muͤtterliche Freun⸗ 136 X din Wellbach hoͤrte nur ſelten eine Klage um das verſchwundene Gluͤck der Ver⸗ gangenheit von mir. Daß man allent⸗ halben glaubte, ich ſey mit Ottocar ein⸗ verſtanden in der unwuͤrdigen Art, durch die er ſeine Freiheit wieder errungen hat⸗ te erfuhr ich erſt ſpaͤt; doch die Rein⸗ heit meines Bewußtſeyns linderte die Be⸗ ſchaͤmung, mich verkannt zu ſehen. Als ich in den Zeitungen las, daß er, toll⸗ kuͤhn die Gefahr aufſuchend, um ſein be⸗ flecktes Leben los zu werden, unter den Fugeln der Feinde gefallen ſey, glaubt' ich ſeinem Andenken ein wurdiges Todten⸗ opfer zu bringen, indem ich ſeine unglück⸗ liche Frau aufſuchte, ſie mit dem wahren Verlauf der Dinge bekannt machte, und ſie, die nur nothduͤrftig vor Mangel ge⸗ ſchuͤtzt war, bertedete, fuͤr ſich und ihre Kinder eine anſtaͤndige Verſorgung von mir anzunehmen⸗ p „Dies, lieber Freund,« fuhr Helena fort, indem ſie mit dem unbefangenen Blick der Unſchuld, doch von der Weh⸗ muth ihrer Erinnerungen bewegt, zu Her⸗ mann aufſchaute,»iſt die treue Skizze meines Lebens. Moͤge es ihr gelungen ſeyn, mich in Ihren Augen zu rechtfer⸗ tigen, denn Ihre gute Meinung iſt mir theuer—— doch werden Sie mir zu⸗ trauen, daß ich ſie nicht auf Koſten der Wahrheit zu erwerben ſtrebte.⸗ Hermann war in die freudigſten Räh⸗ rung verſunken. Rein, wie eine« eilige 138 ſtand die Geliebte vor ihm, und 6 haͤtte jetzt anbeten moͤgen wo er ſonſt zu ta⸗ deln ſich befugt glaubte. Wie nach einem warmen Fruͤhlingsregen die ſtarre Bruſt der Erde ſich erweicht, und zahlloſe Knos⸗ pen hervortreibt, aus denen der Bluͤthen⸗ flor des Maien ſich entwickelt: ſo regten ſich auch in ſeinem Herzen vielfache Träume, Ahnungen und Wuͤnſche, die ihn mit ſuͤßer Bangigkeit beklemmten. Worte aber hatte er nicht in dieſer reichen Stunde ſeines Lebens. Sie ſchieden laͤchelnd, und wenn gleich ſtumm, doch mit beredter Innigkeit aus⸗ einander, denn ihre Seelen verſtanden ſich. Als er aber am folgenden Abend, wie gewoͤhnlich, ſie zu beſuchen kam, fand 139 er ſtatt ihrer nur ihre wuͤrdige Erziehe⸗ rin. Das Fraͤulein habe ſich eingeſchloſſen, hieß es, es ſey mit dringenden Geſchaͤf⸗ ten uͤberhaͤuft, und bitte ihn, ſie einige Tage ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen. Sie ſel⸗ ber werde ihn einladen, ſobald es ihr moͤglich ſey, ſich ſeines Beſuchs wiederum zu erfreuen. 8 Betroffen uͤber dieſe Botſchaft, die Fraͤulein Wellbach nicht ausrichtete, ohne ſich gutmuͤthig ſchalkhaft an ſeiner Un⸗ ruhe zu ergotzen, wollte Hermann nach den Gruͤnden forſchen, weshalb ihn Hekena ſo lange— ihm ſchien es eine — 140 Ewigkeit— aus ihrer Naͤhe verbannte. Doch die mutterliche Freundin ſeiner Ge⸗ liebten hatte ihm ſchon fruͤher Proben von ihrer ſtrengen Verſchwiegenheit gege⸗ ben. Otgleich unleugbar von Helenen in das Geheimniß gezogen, fluͤchtete ſie ſich wieder hinter die ſchuͤtzende Aegide der Behauptung, daß nicht ſie berechtigt ſey, von Dingen zu ſprechen, die Helena ihm noch verhehlen zu wollen ſcheine, und er konnte ihr kein Wort entlocken, das einen Lichtſtrahl in die Finſterniß ſeiner unbeſtimmten Vermuthungen geworfen haͤtte. Fh Doch ſchon am andern Morgen glaubte er, es werde ihm tagen, denn ein Bedien⸗ 1 ter Helenens erſchien in ſeinem Vorzim⸗ 14⁴¹ mer, und brachte ihm von ſeiner Gebie⸗ terin einen Brief, deſſen Anblick ihn in⸗ niger entzuckte, als die Erſcheinung der Taube, die das Oelblatt im Schnabel trug, einſt die ſehnſuchtsvoll auf ſie hof⸗ fenden Bewohner der Arche, welche auf der Suͤndfluth ſchwankte. „Sie haben mir das ſchoͤne Recht ge⸗ geben. Sie meinen Freund nennen zu durfen,« ſchrieb ihm Helena.„Wundern Sie Sich daher nicht, wenn ich, ge⸗ wohnt, Wort und That mit einander zu verbinden, von Ihnen daſſelbe begehre. Eine gerichtliche Procedur, der ich mich unterwerfen muß, hat mich an die ſtete unmuͤndigkeit der Frauen, und an die Nothwendigkeit erinnert, mir einen Cur⸗ 142 tor zu erwaͤhlen, der guͤtig durch ſeine. Unterſchrift bekraͤftige, was ich vorhabe. Wollen Sie mir den Freundſchaftsdienſt erweiſen, dieſer zu ſeyn, und— da ich Ihr Ja hierauf nicht bezweifle— über⸗ norgen Abend um ſieben Uhr zu Ihrer Freundin kommen, ſo werden Sie erfah⸗ ren, zu welchen Verfuͤgungen ſie Ihre Beiſtimmung ſich erbittet—⸗ Hermann antwortete ihr, daß ihn nichts gluͤcklicher mache, als wenn ſie ganz uͤber ihn gebiete. Wie gern waͤre er ſchon heute gekommen, leider aber mußte er ſich ihrem ſo beſtimmt ausge⸗ ſprochenen Willen unterwerfen, und ge⸗ duldig, oder vielmehr ungeduldig den . ihm vorgeſchriebenen Zeitraum erwarten, 143 ehe des Wiederſehens Gluͤck froͤhlich ihm läͤchelte. Man wird indeſſen begreifen, daß er ſich einer faſt pedantiſchen Puͤnkt⸗“ lichkeit befleißigte, um ſeinen Prüfungs⸗ termin nicht zu verlaͤngern. Nicht ohne das Herzklopfen einer un⸗ gewöhnlichen Erwartung trat er mit dem Schlag ſieben Uhr in Helenens Zimmer. Er fand ſie feſtlicher gekleidet, als je, und in einer Stimmung, die durch freu⸗ dige Ruͤhrung und Wehmuth ihr ganzes Weſen zu verklaͤren ſchien. Außer Fraͤu⸗ lein Wellbach umgaben ſie mehrere Mit⸗ glieder der furſtlichen Regierung, deren 144 Gegenwart ſie ſich erbeten hatte, um in ihre Haͤnde— die Entſagungsacte ihres ganzen Vermogens niederzulegen. Mit der liebenswürdigſten Beſcheiden⸗ heit erklaͤrte ſie, daß ſie den Vorzug, reich zu ſeyn, ſtets als eine Anweiſung von Oben betrachtet habe, ihn zum Beſten der leidenden Menſchheit anzu⸗ wenden. Nicht das Loos einer Menge Straßen⸗ bettler feſtzuſetzen, ſey ihr Wille; denn die genaueſte Beobachtung und eine viel⸗ fache Erfahrung habe ſie belehrt, daß dieſe zudringliche und verſunkene Claſſe von Armen ſelten mehr als ein Almoſen verdiene, das ſie nur vor dem augenblick⸗ tichen Hunger ſchütze, weshalb ſie ſich 145 längſt zum Geſetz gemacht habe, ihr nie mehr zu ſpenden.« „Aber die Wittwe, die mit dem Gat⸗ ten zugleich den Verſorger verloren— huͤlfloſe Waiſen, oder von unnatuͤrlichen und ſchlechten Eltern verlaſſene, oder ver⸗ ſaͤumte Kinder, die— ohne koͤrperliche und geiſtige Pflege aufwachſend— viel⸗ leicht dem Tode, oder dem Laſter, als fruͤhe Opfer anheim fallen würden— arme Kranke, die, ohne die Mittel zu haben, ſich helfen, heilen, und ſtärken zu können, ſo oft die Beute eines unter gu⸗ ter aͤrztlicher Behandlung leicht zu he⸗ benden Uebels werden, und endlich das hohe, muͤde Alter der arbeitenden Volks⸗ 146 klaſſen, das nicht ſelten ohne Schonung ynd Erquickung als eine Buͤrde der Nach⸗ kommenſchaft behandelt wird, dem abge⸗ laubten Baume gleich, in deſſen durren Zweigen der Sturmwind tobt, ohne daß irgend Jemand daran denkt, daß auch er einſt gruͤn und friſch war, und wohl⸗ thuenden Schatten in den Jahren ſeiner Kraft gab—— alle dieſe, vom Gluͤck Verwahrloſete ihres nächſten Kreiſes ſchie⸗ nen ihr eine heilige Anwartſchaft auf Beiſtand und Unterſtuͤtzung zu haben, und freudig ſey ſie bereit, die auf das Gebot ihres Herzens und nach ihrer reif⸗ lichſten Ueberlegung entworfenen Stiftun⸗ gen fuͤr ſaͤmmtlich erwaͤhnte Partheien durch eine gerichtliche Abtretung ihres 5 147 Vermögens für immer zu ſichern.— Sie habe ſich, fuhr ſie errothend, und mit zuͤchtig geſenkten Augen fort, da ſie nicht willens ſey, ſich zu vermaͤhlen, in zweitau⸗ ſend Thalern jährlicher Rente, eine freilich verhaͤltnißmaͤßig weit groͤßere Summe, zu ihrem eigenen Unterhalte ausbedungen, als ſie beduͤrfe, und— verdiene. Aber das Vergnuͤgen, hie und da in der Stille kleine Wohlthaten ſpenden zu koͤnnen, der Wunſch, die Freuden der Geſelligkeit in einer gaſtfreien und anſtaͤndigen Aufnah⸗ me ihrer Freunde zu genießen, und vor allem der Vorſatz, alles, was ſich davon eruͤbrigen laſſe, theils zur Verbeſſerung ihrer Anſtalten zu verwenden, theils den⸗ ſelben dereinſt zu hinterlaſſen, werde ſie 148 hoffentlich von dem Vorwurf der Unge⸗ nuͤgſamkeit, und der Selbſtſucht, den man ihr machen könne, reinigen. 8 21. Als ſie ſchwieg, brachen die in Akten⸗ ſtaub ergrauten, nicht eben ſehr mit en⸗ thuſiaſtiſchen Aufopferungen bekannten Maͤnner in laute Lobeserhebungen ihres *— gemeinnuͤtzigen Verfahrens aus, und voll⸗ zogen die gerichtlichen Foͤrmlichkeiten, welche Helenens wohlthätiger Schoͤpfung noch fuͤr kommende Jahrhunderte Schutz und Dauer verbuͤrgen ſollten. Hermanns Beifall miſchte ſich nicht in die Ausru⸗ fungen der Bewunderung, mit denen 149 man ſie uͤberhaͤufte, aber er ſtrahlte in ſeinem freudig funkelnden Auge, und mit inniger Bereitwilligkeit unterſchrieb er alles, was Helena von ihm ver⸗ langte. Nach abgeſchloſſenem Geſchaͤft bewir⸗ thete ſie die Geſellſchaft mit der ihr ei⸗ genthumlichen, anmuthsvollen, gleich weit von Geiz und von Verſchwendung ent⸗ fernten Weiſe, und aͤchte Froͤhlichkeit kre⸗ denzte den edlen Rebenſaft, der⸗ gewuͤrzt — durch Scherz und Lachen, die Tafel um⸗ kreiſete. Doch nicht er— ein ſchoͤneres Feuer, als aus des Weines Golde flammt — begeiſterte Hermann im ſtillen Nach⸗ ſinnen, im nur halben Eingehen in die muntere Unterhaltung der uͤbrigen, und 150 er blieb, als man ſich trennte, unter dem Vorwande, ſeinen Wagen zu erwarten, noch zuruͤck, weil ihm war, als muͤſſe ſich jetzt das Schickſal ſeiner Zukunft entſcheiden. Sh Helena war ein wenig verwundert über ſein Zogern, da der ſchonſte Mond⸗ ſchein die heitere Winternacht erleuchtete, und er ſonſt immer nur bei'm uͤbelſten Wetter ſich hatte abholen laſſen. Doch konnte er wahrnehmen, daß es ihr nicht N unangenehm ſey, ihn noch laͤnger bei ſich zu ſehen, und freundlich noͤthigte ſie ihn, ſich zu ihr auf das Sopha zu ſetzen.— Doch wie erſtaunte ſie, als er, ihre Hand mit Innigkeit ergreifend, und ſie 151 an ſeine warmen Lippen druckend, aus⸗ rief:»Holdes, angebetetes Mädchen, dieſe wenigen Stunden haben mich gluͤcklicher gemacht, als irgend etwas vorher in meinem Leben„ denn ſie haben mir den Muth verliehen, meine gluͤhenden Wuͤn⸗ ſche vor Ihnen auszuſprechen. Seit Sie nicht mehr reich ſind, bin ich es gewor⸗ den. O Helena, wenn keine unuͤberwind⸗ liche Abneigung Sie von mir zurückſtößt, ſo vertrauen Sie meiner Liebe Ihr Schickſal an. Reichen Sie mir die theure Hand, die in Ihren Tugenden mir die glänzendſte Ausſteuer mitbringt, und wid⸗ men Sie, ich beſchwore Sie darum, den Reſt Ihres Vermoͤgens, deß ich nicht be⸗ darf, da ich wohlhabend genug für uns 152 Beibe bin, ebenfalls den frommen Stif⸗ tungen, die Ihren Namen ſegnend auf die Nachwelt bringen werden. Moͤge er beſtimmt ſeyn, arme Braͤute auszuſtatten, deren Myrthenkranz nicht ſelten von Dornen durchflochten iſt. Ich will nichts, als Sie, und wenn, da ich bereits ſo glůͤcklich war, mir Ihr Zutrauen und Ihre Achtung zu erwerben, Ihr Herz ſich nicht von meiner Liebe abwendet, ſo bin ich durch Ihren Beſitz der neidens⸗ wertheſte Mann auf Erden.« 22. Ueberraſcht und erſchuͤttert neigte ſich Helena zu ihm herab, und ſuchte ihre 15⁵3 tiefe Bewegung hinter einem leiſen An⸗ ſtrich von Scherz zu verbergen.„Es ziemt ſich fuͤrwahr nicht fuͤr den ehrwur⸗ digen Charakter eines Cunators,« ſagte ſie, vein armes Maͤdchen, das ſich ihm anvertrauet hat, zu einer Schwachheit verleiten zu wollen. Denn haben Sie nicht eben erſt vorhin gehoͤrt, daß ich er⸗ klärte: ich ſey nicht willens, mich jemals zu vermaͤhlen? Und ſtatt mich, wie es einer Reſpectsperſon gebuͤhrt, in dieſem loͤblichen Vorſatze zu beſtaͤrken, wollten Sie mich wankend darin machen, und mich nöthigen, mir in den Augen der ehrenfeſten Maͤnner, welche Zeugen meiner Aeußerung waren, ein Dementi zu ge⸗ ben?«— 154 Dieſe muͤhſam, in maäͤdchenhafter Ver⸗ wirrung hervorgebrachten Worte, verkuͤn⸗ digten Hermann prophetiſch die Erhoͤrung ſeiner Wuͤnſche, und die Thraͤne freudi⸗ ger Ruͤhrung, die der Gedanke: um ihrer ſelbſtwillen geliebt zu ſeyn, ihr entlockte, beſtaͤtigten ihm ſein Gluͤck. In ihrem jungfraͤulichen Erroͤthen ging ihm die Morgenroͤthe einer ſeligen Zu⸗ kunft auf, und er vernahm bald das braͤutliche Ja von ihren Lippen. Wie ſehr war man in den glaͤnzen⸗ den Cirkeln der Reſidenz uͤber dieſe neue Sonderbarkeit erſtaunt, als die Verlo⸗ bung des liebenden Paares bekannt wurde. Faſt eine Million zu beſitzen, und freiwillig auf ſie zn reſigniren, um 155 der Huͤlfsbedurftigkeit Aſyle zu erbauen, war ein ſo unerhoͤrter Fall, daß er den Meiſten als ein Vorbote baldigſt ausbre⸗ chenden Wahnſinns vorkam, und man bedauerte mitleidig den armen Grafen, der in der Verblendung der Leidenſchaft das Wageſtuͤck unternehmen wollte, ſich mit einem ſo wunderlichen Geſchoͤpf zu verbinden. Die Majorin von Auenfeld aber, die als Hermann's Verwandtin ſehr oft die läͤndliche Einſamkeit theilte, in welche die Liebenden ſich zuruͤckzogen, verſicherte jedesmal, wenn ſie von ihnen zuruck⸗ kehrte, ſo ernſt und nachdrucksvoll, daß es kein gluͤcklicheres Paar im Lande gebe, und daß Helenens groͤßter Reich⸗ 156 thum ſtets in ihrer perſönlichen Liebens⸗ wuͤrdigkeit und in ihrem ſittlichen Werth beſtanden habe, daß man ſich endlich entſchloß, ihr zu glauben. „ — — — — S + = 8 8 — — 1.— — = oder Pagenſtreich. der Es machte nur wenig Aufſehen an einem großen und glaͤnzenden deutſchen Hofe, wo man den Wechſel aller Scenen gewohnt war, als eine neue Hofdame auftrat, die ſich nicht durch ſchimmernde Eigenſchaften, ſondern nur durch Jugend, Unſchuld und Beſcheidenheit auszeichnete. Fraͤulein Anſelma von Norfeld, ſo hieß ſie, war auf dem Lande, ſtill und einfach, im Schooße der Familienliebe und der Haͤuslichkeit, erzogen worden. Ihr Vater, ein verdienter Officier, war im Dienſte ſeines Fuͤrſten gefallen, und 160 man hatte ſeine Wittwe und ſeine Kinder wenigſtens durch eine anſtändige Verſor⸗ gung fuͤr ihren unerſetzlichen Verluſt zu entſchaͤdigen geſucht. Eine maͤßige Penſion fuͤr die Mut⸗ ter, eine Hofdamenſtelle fuͤr Anſelma, und ein Platz unter den Pagen fuͤr Fritz, ih⸗ an eilfjährigen Bruder, waren die erſten Aufwallungen der fuͤrſtlichen Gnade bei der Nachricht von dem heldenmuͤthigen Ende eines ſo tapferen Kriegers. Doch weit entfernt. die Thraͤnen der verwaiſe⸗ ten Familie dadurch zu trocknen, floſſen ſie nur bitterer bei der Nothwendigkeit, ſich trennen zu muͤſſen, die ihre unver⸗ meidliche Folge war. Denn Frau von Norfeld fühlte ſich 161 an ein kleines halb verſchuldetes Landgut bas ganze hinterlaſſene Vermoͤgen ih⸗ res verſtorbenen Mannes, und ſein Lieb⸗ lingsaufenthalt— ſo unaufloͤslich gebun⸗ den, daß die Sorge, es gut zu verwal⸗ ten, ihr auch dann nicht erlaubt haͤtte, es zu verlaſſen, wenn ihre Einkuͤnfte be⸗ deutend genug geweſen waͤren, um in der theueren Reſidenz leben zu können.+ Sie ließ daher ihre Kinder, nicht ohne Wehmuth, doch ruhig, in die weite ge⸗ räuſchvolle Ferne ziehen, und indem ſie hoffte, Reinheit des Herzens werde ihr ſchutzender Engel in allen Gefahren ſeyn, machte ſie es der achtzehnjaͤhrigen An⸗ ſelma noch insbeſondere zur Pflicht, mit mehr als ſchweſterlichem, mit muͤt⸗ Viwer. 11 162 terlichem Auge ſogar, uͤber den lebhaf⸗ ten, fuͤr den Pagenſtand wenig paſſen⸗ den Bruder zu wachen. 31 Anſelma fand ſich, als der Schmerz des Abſchieds uͤberwunden war, durch die Zerſtreuungen der Reiſe erheitert. Auch ſchoͤpfte ſie aus der Tieſe ihres Buſens Troſt fuͤr das Weh der Trennung, und Muth und Freude im Hinblick auf die verſchleierte Zukunft, der ſie entgegen ging. Denn ſie hatte fruͤher, da ihr Va⸗ ter noch lebte, eine Bekanntſchaft gemacht, die einen warmen Antheil in ihrem Ins neren erweckte, und ſeitdem war ihre vor⸗ her ſo ruhige Fantaſie mit Bildern er⸗ füllt, denen keimende Liebe ein roſiges Colorit lieh.— ——— — W M M N* 163 Bernhard Norfeld naͤmlich, ein ent⸗ fernter Verwandter, der unter dem Regi⸗ ment ihres Vaters diente, und ihn oft Wochen lang begleitet hatte, wenn er daheim bei den Seinigen ſich von den Beſchwerden ſeiner rauhen Bahn erholte, war durch die Liebenswuͤrdigkeit ſeiner Perſon und ſeines Gemuͤths ihr immer theuerer und theuerer geworden, und jetzt, wo der nahe Friede ihn mit Lorbeern be⸗ kraͤnzt, zuruͤck in die Reſidenz fuͤhren ſollte, die ſein Standquartier war, jetzt fand ſie durch die Ausſicht, ihn wieder zu ſehen, und mitten in fremder kalter Welt an ihm einen Freund, einen Rath⸗ geber zu beſitzen, daß das Schickſal eben nicht ſtiefmutterlich fuͤr ſie geſorgt habe. ————————————————— 2 ———— 164 Neu in allen Gebräuchen des Hoſ⸗ lebens, doch von der Natur mit feinem Tact und Grazie verſehen, lernte ſie un⸗ ter der Aufſicht einer ſtrengen pedanti⸗ ſchen Oberhofmeiſterin ſich bald in alle kleinen Eigenheiten ihres Standes finden, und die Wahrheit ihres Charakters, die fromme Guͤte ihres ganzen Weſens, und ihre kindliche Unbefangenheit machte ſie, ohne auffallende Schoͤnheit, doch zu einer ſehr lieblichen Erſcheinung. Stets beſcheiden und anſpruchslos hielt ſie zwar immer ihr Urtheil uͤber Gegenſtaͤnde zuruͤck, die ihr fremd warenz wurde es aber gefodert, ſo trug es unverkennbar das Gepraͤge der Aufrich⸗ keit und Naivetät, welche beide bekannt⸗ 165 lich im gewoͤhnlichen Hofleben Fremd⸗ linge ſind. Die Fürſtin, die ſo ſelten Gelegenheit gehabt hatte, in eine reine, noch unver⸗ wahrloſete Seele zu blicken, fand ſo Man⸗ ches in Anſelma's Eigenthuͤmlichkeit was ſie überraſchte und verwunderte, und— ſey es auch nur der Neuheit wegen— ſie unterhielt. Sie konnte ſich nicht er⸗ wehren, einige ruͤckſichtsloſe, ſonderbar ſcheinende Anmerkungen, die ſie ihr ab⸗ gefragt hatte, zu erwähnen. Dadurch lenkte ſie zuerſt die Blicke ihres zweiten Sohnes, Victor, auf das bis dahin nicht von ihm beachtete Maͤdchen, das jedoch bald anfing, nicht nur von Seiten ihrer auffallenden Neuheit in der Welt betrach⸗ 166 tet, ihm intereſſant zu werden.— Prinz Victor, der in dem fröhlichen Kreiſe eines uͤppigen, ungezuͤgelten Muͤßiggangs her⸗ angewachſen war, hatte kein anderes Ge⸗ ſchaͤft, als das Daſeyn zu genießen. Sein lebhafter Geiſt und ſeine warme Fantaſie machte ihn zum Liebling ſeiner Mutter, deren manchmal etwas finſteres Gemuͤth er oft— ſey es auch nur durch Mit⸗ theilungen aus dem Innern ſeines bun⸗ ten und leichtſinnigen Lebens— zu er⸗ heitern wußte, und die daher jede ſeiner Launen ſchonte, vertheidigte und ſchuͤtzte. Schon unzaͤhlige Male hatte er mit berechnender Schlauheit den Roman ge⸗ woͤhnlicher Liebesverhältniſſe vom Anfang bis zu Ende durchgeſpielt, und ſich oft 167 ſetbſt überredet, daß er wirklich fühle, was er denen verſicherte, die ſeine Eitel⸗ keit, Sinnlichkeit oder Langeweile ſich zu Opfern auserkoren hatte. Aber wenn er nun ſtufenweiſe die ganze Scala der Erwartung und Erhoͤrung durchgegangen war, geſellte ſich der Ueberdruß, jener ungebetene Gaſt, der gern in Pallaͤſten einkehrt, zu den Wallungen ſeiner Leiden⸗ ſchaft, kuhlte ſie von dem hoͤchſten Grade erkuͤnſtelter Treibhauswaͤrme bis zum eiſi⸗ gen Erſtarren ab, und ließ unmuthig ſeinen Blick nach neuen Gegenſtaͤnden umherſchweifen, die ſeinen Sinn zu rei⸗ zen und zu vergnuͤgen im Stande waren. In einem ſolchen Zeitpunkt begegnete ihm das friſche Landmaͤdchen, das ſo 168 fromm und harmlos, zwar nicht regel⸗ mäßig ſchoͤn, aber recht huͤbſch in der Fülle der Geſundheit und der Jugend ihm ſo nahe ſtand, und von deren Herzen er hoffen durfte, der erſte Eroberer zu ſeyn. Er zeichnete ſie ſchnell, jedoch Anderen ſo unbemerkt wie möglich, auf jene feine, wohlthuende Weiſe aus, die als unwill⸗ kuͤhrlicher Verraͤther eines zarten Antheils dem geuͤbten Weltmann ſo leicht zu er⸗ heucheln iſt, und obgleich Anſelma nichts von Anſpruͤchen und Anmaßungen wußte, ſo erkannte ſie doch bald, und nicht ohne ſtilles Wohlgefallen, die beſondere und achtungsvolle Aufmerkſamkeit, die ihr der Prinz erwies. Es gehoͤrte längſt unter die Mun, 169 die er befolgte, erſt den individuellen Charakter eines jeden weiblichen Weſens zu ſtudiren, das er zu gewinnen ſich vor⸗ geſetzt hatte. Leicht wurde es ihm als⸗ dann, die ſchwachen Seiten aufzufinden, die er benutzen mußte, um zu ſeinem Zweck zu gelangen. Bei Anſelma, die frei von Eitelkeit und Eigennutz war, wurde es ihm ſchwer, irgend etwas zu entdecken, was ihn auf dieſe Weiſe ihr naͤher braͤchte. Endlich erkannte er in der Liebe zu ihrem Bru⸗ der den Weg zu einem zarteren Verſtaͤnd⸗ niß, als bisher die Convenienz, und An⸗ ſelma's eigene Schuͤchternheit zwiſchen ihnen geſtattete. Indem er den wilden Knaben mehrere Male von Strafen be⸗ 170 freiete, zum Ausſpenden glaͤnzender Wohl⸗ thaten erwaͤhlte, und ihn oft ſelbſt er⸗ mahnte und belehrte, überwand nach und nach ſchweſterliche Dankbarkeit, und die Ueberzeugung, daß er ein guter Menſch ſey, ihre bloͤde Zuruͤckhaltung, mit der ſie bis jetzt nur ſeinem Stande, nicht ihm ſelbſt Achtung erwieſen hatte. Leiſe wußte er ſich zu ihr hinzudrängen, und in dem tiefen Gefühl fuͤr alles Schöne und Gute, das er zu erkuͤnſteln vermochte, ſchienen verwandte Geſinnungen ihr von ſeinen Lippen zu begegnen. Völlig allein ſtehend unter Menſchen, denen außere Form öfters mehr galt, als innerer Werth und wahre Empfindung, that es ihr wohl, eine gleichgeſinnte Seele zu 171 finden, die ſo freundlich ſich zu ihr hin⸗ neigte, und da er unter mancherlei Vor⸗ wand, und ſelbſt begunſtigt von ſeiner Mutter in vielfach wiederholten Beſuchen ſich ihr planmaͤßig naͤherte, ſo gewoͤhnte ſie ſich an ſeinen Umgang, und behan⸗ delte ihn bald mit der zutraulichen Offen⸗ heit, die in ihrem Charakter lag, und die ihr eine Pflicht der Freundſchaft duͤnkte. Schon glaubte er einige Schritte vor⸗ waͤrts in ſeiner leiſen Bewerbung gehen zu duͤrfen, als ploͤtzlich unerwartet der Zufall zu ſeiner Beſchaͤmung ihn entdek⸗ ken ließ, wie weit entfernt er noch von dem Beſitz ihres Herzens war, das ein anderes Bild bereits erfullte. Denn als er eines Tages zu ihr hin⸗ eilte, feſt entſchloſſen, ſie nun den durch mannichfache Uebungen des Darſtellens ihm gelaufig gewordenen Schmerz eines zagenden, mit gluͤhender Liebe kaͤmpfenden Gemuͤthes errathen zu laſſen, fand er ſie im Leſen eines Briefs vertieft, auf ihrem Sopha. »So beſchäftigt?« fragte er nach eini⸗ gen Momenten, in denen er, unbemerkt von ihr, ihr gegenuͤber ſtand. Anſelma erſchrak ein wenig doch ſeine BGegenwart konnte nicht den Glanz der ſeligen Zufriedenheit verloͤſchen, die ihr Auge verklaͤrte. Sie ſtand auf, und be⸗ grßte ihn ehrerbietig, aber das tiefere Ergluͤhen ihrer Wangen, der ſtrahlend . * 173 ſich von ihm abwendende Blick, das un⸗ willkuͤhrliche Zuruͤckſinken in das Meer ſußer Traͤume, das ſie offenbar umwogte, alles dies uͤberzeugte ihn, daß irgend etwas Wichtiges ihr begegnet ſeyn muͤſſe, und ſie mit zudringlichen Fragen beſtur⸗ mend, erfuhr er gar bald, daß ſie ſo eben von ihrem. Vetter Norfeld einen ſie tief ruͤhrenden, und ſie erfreuenden Brief erhalten habe. Unter der Maske des wärmſten Antheils an allem, was ihr Wohl und Wehe betreffe, bat der Prinz, ihm nicht vorzuenthalten, was ihr ſo werth ſcheine. Anſelma, deren bewegtes Herz ſich nach Mittheilung ſehnte, reichte ihm das Blatt hin, und er las Folgen⸗ des: N — 474 »Mitten im Geraͤuſch der Waffen, un im Kampf mit Beſchwerden und Gefahr iſt Ihr Andenken, theure Anſelma! den⸗ noch ſtets mir zu Seite geblieben, und oft zog es meinen Sinn ſo mächtig in die liebe Heimath zuruͤck, daß ich alle meine Feſtigkeit und Willenskraft aufbie⸗ ten mußte, um unerſchuͤttert die ernſten Pflichten meines Berufs zu üben.« »Mannichmal ſchon wollte ich Ihnen ſchreiben— doch wir verlernen hier im Felde faſt die Kuͤnſte des Friedens, und es wird mir beinahe leichter, mit dem Degen, als mit der Feder umzugehen. Doch jetzt— da das Geruͤcht mir ſagt, daß Sie Hofdame geworden ſind— jetzt — o Anſelma! verzeihen Sie meinen Be⸗ 175 ſorgniſſen— jetzt ergreife ich ſie, und wuͤrde Ihnen ſchreiben, wenn auch der Donner der Kanonen neben mir hallte, und die naͤchſte Minute beſtimmt waͤre, mich in die blutigſte, vielleicht letzte Schlacht meines Lebens zu rufen.⸗ »Sie ſind Hofdame geworden— ach. Anſelma! das hat mich ſchmerzlich erſchuͤt⸗ tert. Es iſt ein glatter Boden, auf dem Sie ſtehen— o fallen Sie nicht. Ich kann meine Worte nicht ſo ordnen, daß ſie meinem innigen Gefuͤhl genuͤgen, ſonſt wollte ich mit aller Kraft der Beredſam⸗ keit Sie beſchwoͤren, vorſichtig und wach⸗ ſam zu ſeyn. Denn da, wo Sie jetzt leben, ſehen Sie weit mehr Larven als menſchliche Geſichter, und Liſt und Schmei— 176 chelei werden ſich oft mit einander ver⸗ ſchwoͤren, Ihren Frieden, folglich auch Ihr Gluͤck zu untergraben« Ich weiß keine Entſchulbigung fuͤr die Kühnheit, Sie warnen zu wollen, als die, die in meinen Geſinnungen fur Sie liegt. Daher, wenn es mich recht⸗ fertigen kann, geſtehe ich Ihnen, daß mein unzertrennlichſter Begleiter, ſeit ich Sie verließ, der Gedanke war, wenn ich heimkehre— wie die Wahrſcheinlichkeit mir jetzt bald verſpricht— Ihnen ein Geheimniß zu entdecken, das mein Herz ſchon laͤngſt erfuͤllte, und das ich nur verſchwieg weil mein ungewiſſes Schick⸗ ſal es mir zur Pflicht machte« »Koͤnnen Sie errathen, was ich Ih⸗ — ₰ * 177 nen zu bekennen habe?— Daß ich Sie lebe, daß Ihr Beſitz— waͤre er auch erſt nach Jahren zu erreichen— mir noth⸗ wendig, ja unentbehrlich iſt zu meinem Lebensglůck— das, Anſelma! iſt's, was die Sorge um Sie ſo unruhig mir ans Herz legt. O moͤchte bald eine Zeile von Ihrer Hand mir ſagen, ob Sie mir zu hoffen erlauben.⸗ Verſchaͤmt errothend, aber mit freu⸗ dig bewegtem Gefuͤhl, und mit fragenden Blicken, ſeiner Theilnahme gewiß, erwar⸗ tete Anſelma den Gluͤckwunſch des Prin⸗ zen. Denn daß ſie Bernhards Empfin⸗ dungen erwiedere, meinte ihr liebꝛerfull⸗ ter Sinn, koͤnne keinem Zweifel unter⸗ worfen ſeyn. * 178 Der erfahrene Weltmann, der wohl wußte, daß es keinen herberen Schmerz, kein ätzenderes Gift fuͤr ein zartfuͤhlendes weibliches Gemuth gibt als Herabſez⸗ zung des Geliebten, reichte ihr den Brief ernſt zuruͤck, und ſeufzte. »Anſelma!« ſprach er nach einer Weile, „Ihr richtiger Tact, und das Bewußtſeyn Ihres Werthes iſt mir Buͤrge, daß Sie kein Wort ſchreiben oder ſpäterhin aus⸗ ſprechen werden, was dieſen anmaßenden Thoren zu hoffen berechtigen koͤnnte. Welche Beleidigung, Ihrer ſtarken, rei⸗ nen Seele zu mißtrauen— welcher Man⸗ gel an Achtung, die ſittliche Wuͤrde ihres Charakters zu bezweifeln, und Sie zu warnen, als waͤren Sie der Verworfenen 179 * eine, die bei der leiſeſten Veranlaſſung auf der Bahn des Rechten zu ſtraucheln vermag⸗ »Daß er uns hier bei Hofe mit ſo ſchauderhaften Farben ſchildert,« fuhr er fort,»verzeihe ich dem jungen, unwiſſen⸗ den Soldaten, der nur im rohen Gewuͤhl der Bivouaks, oder in der Wachtſtube Gelegenheit hatte, ſeine Menſchenkenntniß zu ſammeln, und der wohl niemals tie⸗ fer als in den Geiſt der— Antichamber eingedrungen iſt. Wenn er den Boden ſo glatt findet, auf dem wir ſtehen, ſo iſt wohl nut ſeine eigene ungeſchicklichkeit daran Schuld, die ſich nicht aufrecht zu er⸗ halten weiß. Denn daß auch hier echte Freundſchaft, echte Treue gedeihen kann, 130 daß die Blüthe der Empfindung, und alles Schoͤne und Wahre auch hier her⸗ vorſproßt, ſoll Ihnen mein Beiſpiel, und meine ewig Ihnen gewidmete Ergeben⸗ heit beweiſen.⸗ Anſelma fuͤhlte ſich beſchaͤmt und ge⸗ kraͤnkt, doch ſtand ſie keinen Augenblick an, ihren Freund zu vertheidigen. Denn wenn er auch ſeine Beſorgniſſe um ſie ubertrieben und vielleicht nicht ganz ſo zart geaͤußert hatte, wie man von einer kälteren überlegung erwarten durfte, ſo lagen doch Gruͤnde der Entſchuldigung und der Dankbarkeit genug fuͤr ſie in dem herzlichen Wohlwollen, das er ihr ſtets bewieſen hatte, und das er auch in 5 dem Wunſche, ihr das Gluͤck ſeiner gan⸗ 181 zen Zukunft anzuvertrauen, ſo unverkenn⸗ bar und achtungsvoll ihr bezeugte. Er war ihr ſo innig gut— war es ihr ſtets geweſen— und ſie konnte ihn nicht aus ihrem Lehen hinwegdenken, ohne es ver⸗ oͤdet zu ſehen. Daher beſtritt ſie mit Waͤrme den ungerechten Tadel des Prin⸗ zen, doch ſeine Argliſt fand ſtets neue Urſachen, die Mißbilligung zu unterſtüz⸗ zen, die er— ſcheinbar von der waͤrm⸗ ſten Theilnahme hingeriſſen, ihr aus⸗ ſprach. »Und welche unverſchamte Zumu⸗ thung, nahm er wiederum das Wort, »Ihr Loos an das Seinige knupfen zu wollen. Wie inſolent macht doch oft der Egvismus und blinde Eigenliebe und V 182 Selbſtſucht die Menſchen! Was kann er Ihnen bieten, als ein kuͤmmerliches Da⸗ ſeyn im Dunkel der Armuth und der Sorge? und warum ſucht er Sie mit ſeiner eigennutzigen Liebe auf dem Wege zu verwirren, der Sie, ſobald Sie nur wollen, zu einem hoͤheren, wurdigeren Gluͤcke füßren wird.« Anſelma kaͤmpfte mit Thraͤnen der Empfindlichkeit, die ihr ins Auge traten. Er hielt ſie fuͤr gewonnen, und glaubte deutlicher reden zu duͤrfen. „Ja, Anſelma,« ſprach er weiter, „ich laͤugne nicht, daß die ſtille Vereh⸗ rung, die Ihr erſter Anblick mir einfloͤßte, ſich nach und nach durch die Reize Ih⸗ res näheren Umganges in die zarteſte 183 ehrfurchtsvollſte Liebe umgewandelt hat. Aber, bei Gott! Sie wuͤrden nie dies Geſtändniß von mir vernommen haben, waͤre ich mir nicht der reinſten Abſichten, und der Macht, ſo wie des Willens be⸗ wußt, Ihr Leben zu verſchoͤnern. Denn welch ein Elender iſt der Mann, der nicht im Stande iſt, Wuͤnſche zu ver⸗ ſchweigen, die unertraͤglich mit dem Gluͤck des geliebten Gegenſtandes ſind. Sollte meine Liebe zu Ihnen mich auch verzeh⸗ ren mit aller Glut des mächtigſten, un⸗ geheuerſten Ungeſtums— ich wuͤrde den⸗ noch Sie tief in meine Bruſt verſchloſſen haben, wenn ich, arm und unbedeu⸗ tend, wie Ihr Vetter, Ihnen nur ein mißtrauiſches Herz voller Anmaßungen, 184 und ein Loos voll Kummer anzubieten haͤtte.⸗ Bebend uͤber das, was ſie vernom⸗ men, erhob Anſelma den ſchuͤchternen Blick zu ſeinem flammenden Auge, aber ſie ſenkte ihn eben ſo ſchnell wieder zur Erde, da der Ausdruck gluhender Leiden⸗ ſchaft, der ihr in allen ſeinen Zugen be⸗ gegnete, ſie— ohne ihr verſtaͤndlich zu ſeyn— unwillkuͤhrlich in ſich ſelbſt zu⸗ ruͤckſchreckte. Die unerwartete Erklaͤrung einer Liebe, deren Daſeyn ſie auch nicht auf das leiſeſte geahnet hatte, beklemmte ihre Bruſt mit banger Sorge. Die Stimme in ihrem J Innern, die bisher in allen, freilich nur unwichtigen Vorfaͤllen ihres Lebens, welche ſie zu handeln 185 zwangen, uͤber Recht und Unrecht ent⸗ ſchieden hatte, ſprach das Urtheil mit Beſtimmtheit uͤber ihn aus, daß ſie den Prinzen nicht hören duͤrfe— daß ſie jede Hoffnung vernichten muͤſſe, die durch eine ſo grelle Verſchiedenheit der Staͤnde ſchon allein verdammt werde, ſelbſt wenn auch die tiefſte Neigung ihres Herzens dafuͤr ſpraͤche. Und dieſes Herz, das einem argloſen, aber weit von Liebe entfernten Wohlwol⸗ len fur ihn ſich hingegeben hatte— welch eine dunkele Welt fuͤhlte es in ſich ent⸗ keimen! Bernhards treue Anhaͤnglichkeit ſchien ihr der Schutz und Schirm ihrer Zukunft— alle ihre Gedanken und Em⸗ pfindungen kehrten ſich zu ihm hin, wie — —————— 186 die eingeſchloſſene Blume ſich nach dem Lichtſtrahl wendet, der in ihren Kerker dringt. Aber ſie konnte ſich demungeach⸗ tet nicht verhehlen, daß des Prinzen kal⸗ ter Tadel und die Bitterkeit ſeiner Be⸗ merkungen ſie von ihrem Himmel herab⸗ geſturzt, und in die rauhe, nicht mehr begeiſternde Wirklichkeit zuruͤck verſetzt hatte. Denn ſo ſchneidend ſeine Anſicht auch ihr warmes Gefuͤhl verletze, ſo ließ ſich doch nicht ablaͤugnen, daß manches Wahre ſich in ihr ausſprach und der ſchoͤne En⸗ thuſiasmus in ihr entfloh, jetzt, als Nach⸗ denken ſich wie eine loſchende Fluth über die freudige Flamme ihrer jugendlichen Hoffnungstraͤume ergoß. 187 Sie bereute das Zutrauen, das den Prinzen in ihr theueres Geheimniß ein⸗ weihte. Es war ihr, als ſey es durch ſein Mitwiſſen jetzt entheiligt, und doch bewaͤhrte ſich der Antheil ſo unverkenn⸗ bar, den er an ihrem Wohl und Wehe nahm, daß ſie ihm dieſen Blick in ihr Inneres ſchuldig zu ſeyn glaubte. Dieſe ſtill verſchwiegene Liebe, jetzt gleichſam unwillkuͤhrlich hervorgebrochen, ruͤhrte ſie — die ernſtlichen Abſichten, die durch das Geſtändniß derſelben hindurch ſchim⸗ merten, ſchmeichelten ihrer Unerfahren⸗ heit, indem ſie ihr, ihrer Meinung nach bewieſen, daß die Neigung, die ſie ihm eingeflößt hatte, ſtark genug ſey, ver⸗ jährte Vorurtheile und maͤchtige Hinder⸗ 188 niſſe zu beſiegen. So, im Zwieſpalt mit ſich ſelbſt, drang zum erſten Mal Ver⸗ wirrung in die reine Klarheit ihres In⸗ neren, und ein truͤber Schatten umdu⸗ ſterte den hellen Horizont ihres Lebens. Victor verſtand, was in ihr vorging. Es duͤnkte ihm fuͤr's erſte genug, den Saamen zur unzuftiedenheit, dieſem wu⸗ chernden Unkraut, in ihr vorher ſo ſeli⸗ ges Gemuͤth geworfen zu haben. Er wußte wohl, daß eine Begeiſterung, ein⸗ n geſtort, nie in ihrer vollen, erſten Waͤrme wiederkehrt, und dies bewirkt zu haben, ſchien ihm ein ſehr gelungener Anfang, den Plan, den er ſich vorge⸗ nommen hatte, zu verfolgen. Er verließ ſie daher, feſt uͤberzeugt, der Tropfen 189 Giſt, den er in ihr bewegtes Herz ge⸗ traͤufelt, werde in der Einſamkeit fort⸗ wirken, und er irrte ſich nicht. Als Anſelma allein war, dachte ſie nach über das Vorgefallene, und— wie von einem dunkeln Inſtinkt geleitet tas ſie, um ſich in die fröhliche Stim⸗ mung zuruͤckzuſetzen, mit der ſie ihn zuerſt geleſen hatte, Bernhards Brief noch einmal wieder. Doch umſonſt— Victors kalte Hand hatte den Morgen⸗ thau von den Bluthen ihrer Freude ab⸗ geſtreift; von einem verderblichen Mehl⸗ thau getroffen, w welkten ſie dahin, ohne noch entfaltet zu ſeyn; denn bange Sorge und ernſte überlegung draͤngten ſich jett in das ſuͤße, gedankenloſe Wohlbehagen, *— 190 in dem ſie noch kurz vorher ſich ſo glück⸗ lich fühlte. Deshalb verſcob ſie ihre Antwort, um wo möglich, jenen Silberblick des Lebens, der ihr Gemuth erhellt hatte, von der Zeit wieder zu erwarten. Denn alle die freundlichen Worte, die ihr Herz bei'm erſten Leſen dieſes Briefes auf ihn erwiederte, waren ſchuͤchtern verklungen — der ſuͤße Tumult in ihrem Inneren geſtillt, und eine Ruhe, die faſt der Kälte glich, hatte hemmend in die gewaltſame Bewegung ihrer Seele eingegriffen. Gleich⸗ wohl— ſo wunderbar vereinigen ſich oft Widerſpruͤche in einem Maͤdchenherzen— wenn auch ihre Phantaſie durch die Un⸗ terredung mit dem Prinzen von einer 191 Seite maͤchtig abgekuͤhlt, und von einer anderen ihre Eitelkeit, und ſelbſt ihr Ge⸗ fuͤhl durch das Geſtaͤndniß ſeiner Neigung in Anſpruch genommen war, erkannte ſie doch Bernhards redliche Abſicht nicht min⸗ der dankbar, als im erſten Augenblick, und betrachtete ſich als die Seinige, wenn auch Schonung gegen Victor ihr ein tie⸗ fes Schweigen daruͤber noch zur Pflicht zu machen ſchien. Die ſchoͤne Jahrszeit— es war in der Fuͤlle des blüthenreichen Mai's— hatte den Hof zum Landleben eingeladen, und mitten unter den froͤhlichen Zuruͤſtun⸗ gen dazu war's, als Anſelma jenen Brief bekommen hatte. Freudig ſah ſie, nach dem jungen * 192 Gruͤn ſich ſehnend, den Tagen entgegen, wo der Zwang des Hoflebens und der Etikette milbet zu werden verſprach, und wo ſie, im Freien, wenigſtens ein Schat⸗ tenbild der fruͤheren, genußteichen Zeit am Buſen der Natur zu haſchen hoffte. Das Luſtſchloß, das zum Sommer⸗ aufenthalte erkoren war, lag hart am Saume eines waldigen Gebirgs, das am⸗ phitheatraliſch hinter demſelben emporſtieg, und auf ſeinem hoͤchſten Gipfel die male⸗ riſche Ruine eines alten, in der Geſchichte nicht unberuhmten Schloſſes trug. Gruͤne Wieſen und reich angebauete Felder ver⸗ loren ſich auf der anderen Seite, von einem ſchiffbaren Fluß durchſchnitten, in eine unermeßliche, mit Doͤrfern und Flek⸗ 193 ken uͤberſaͤete Ferne, und gewaͤhrten den freien Ueberblick uͤber eine der ſchönſten. und fruchtbarſten Gegenden Deutſchlands. Anſelma, die in dem ſtill und eng beſchraͤnkten Thal ihrer Heimath nie den Reichthum einer ſolchen Natur geahnet hatte, fuͤhlte ihre Seele freudig erweitert, und berauſchte ſich, unbefangen wie ein Kind, das nach lang ertragener Strenge ſeinen Lieblingsſpielen zuruͤckgegeben iſt, in der zwangloſen Freiheit, mit der ihr geſtattet war, die Schoͤnheit dieſer, im Fruͤhlingsſchmuck doppelt herrlichen Ge⸗ gend zu genießen. Der fruͤhe Morgen fand ſie ſchon im Freien. Leicht und ſorglos huͤpfte ſie uͤber die gruͤnen Wieſen, oder erklimmte Bilder. 13 194 die majeſtaͤtiſchen Felſenſtufen, durch die das dunkelbeſchattete Gebirge ſich uͤber die 1 Flaͤche des Landes dem Himmel entgegen hob. Dort lauſchte ſie oſt, in holde, maͤdchenhafte Träume verſenkt, dem ein⸗ ſamen Liede der Nachtigall, das in ihrer Bruſt innigere Gefuͤhle, gleich emem lei⸗ ſen Echo erweckte. Wenn dann ihr Blick umherſchweifte, und die reichen Gefilde uͤberſah, deren weiten Umfang das Auge nicht hätte ſaf⸗ ſen koͤnnen, ohne geblendet und berauſcht von ſeiner Fuͤlle zu werden, hätte die Ferne ihn nicht durch ihren blaͤulichen Schleiet gemildert— dann ſchien ſie an der offenen Pforte ihrer Zukunft zu ſte⸗ hen— denn eben ſo unermeßlich und 195 blüͤhend, eben ſo im nebligen Helldunkel halber Verborgenheit dehnten ſich die Graͤnzen ihres kuͤnftigen Gluͤcks vor ihr aus, wenn ihre warme Einbildungskraft ſtrebte, dem langſamen Gange des Schick⸗ ſals zuvor zu kommen.— Glänzende Höfe nehmen, wenn ſie das Landleben als eine Abwechſelung in den Kreislauf ihrer Zeit verflechten, ihre gewohnten Feſte und Freuden mit in den ⸗ Schvoß der Natur, die, ohne die Aus⸗ ſchmuͤckung der Kunſt, ihren durch Luxus verwöhnten Sinnen zu einfach duͤnkt. Kaum waren daher die erſten Tage, und mit ihnen der Reiz der Neuheit verſchwun⸗ den, den die Einſamkeit darbot, als man darauf ſann, die Langeweile, die ſich dem 196 ſchimmernden Cirkel zuzugeſellen anfing, auf alle moͤgliche Weiſe zu verbannen. Die erſte Veranlaſſung zum unterbre⸗ chen der laͤndlichen Einförmigkeit gab die Ankunft des Prinzen Victor, der unter dem Vorwande dringender Geſchaͤfte erſt acht Tage ſpaͤter die Reſidenz verlaſſen hatte, weil er wuͤnſchte, daß Anſelma ihn vermiſſen moͤge. „Sie hatte, kindlich, wie ſonſt, ſich dem langentbehrten Genuß des Landle⸗ bens hingebend, dies freilich nicht gethan — indeß wirkte ſeine Erſcheinung, mit unverkennbaren Beweiſen inniger Erge⸗ benheit verbunden, doch recht angenehm auf ſie, da er ſich's zum Geſetz gemacht zu haben ſchien, von der Liebe, die er — W 197 fuͤr ſie zu fühlen vorgab, nicht durch Worte, ſondern nur durch zarte Aufmerk⸗ ſamkeiten zu ſprechen. Die Fuͤrſtin, die— wie ich ſchon fruͤher erwaͤhnt habe ſich von ſeinen phantaſtiſchen Launen und der zuweilen etwas daͤmoniſchen Lebendigkeit ſeines Geiſtes angenehm unterhalten und auf⸗ geregt fand, ernannte ihn ſcherzhaft mit der Bewilligung ihres Gemahls zu ihrem Maitre des plaisirs fuͤr den Sommer, und er brachte ſehr bald alles in froͤh⸗ liche Bewegung, um das Zutrauen zu rechtfertigen, dem er dieſe Ernennung zu danken hatte. Die gewoͤhnlichen Nothbehelfe hoſi⸗ ſcher Beluſtigungen, als da ſind: feſtliche v 198 Tafeln, Baͤlle Schauſpiele, Spazierfahr⸗ ten u. ſ. w. waren bald erſchoͤpft, und im Ganzen zu alltäglich in ſeinen Augen, um wiederholt zu ihnen ſeine S zu nehmen. 6 Denn er wuͤnſchte, nicht nur durch die Art der Ausfuͤhrung, ſondern auch durch ſeinen Erfindungsgeiſt zu glanzen. Daher kuͤndigte er als ein noch nie zu⸗ vor geſehenes Feſt 2 eine Maskerade im Freien an, bei welcher die ſtrengſte Ge⸗ heimhaltung jeder individuell gewaͤhlten Maske zum Behuf einer dann um ſo intereſſanteren Ueberraſchung zum uner⸗ läßlichen Geſetz gemacht wurde. Reitende Boten luden, um die Geſell⸗ ſchaft vollzähliger zu machen, den rings⸗ 199 umher wohnenden Landadel dazu ein, und in einem der vorzuͤglich reizendſten Theile des Waldes, den Victor zum Ver⸗ ſammlungsplatz erkor, und in deren Um⸗ kreiſe Schildwachen jedem voreilig neu⸗ gierigen Lauſcher den Zutritt wehrten, wurden unter der Huͤlle der tiefſten Heimlichkeit die umſichtigſten Anſtalten getroffen. Es war nicht zu leugnen, daß ſich ein ganz eigener, den ſchläfrigen Gang des gewoͤhnlichen Lebens pikant machen⸗ der Reiz aus dieſen Vorkehrungen ent⸗ wickelte, deren komiſcher Ernſt jegliche Erwartung ſpannte. Victor hatte den nöthigen Zuruſtungen der Herren und Damen einen Zeitraum von vierzehn Ta⸗ 200 gen geſtattet. Aber mancher Plan der Gefallſucht, manches Luftſchloß der Fan⸗ taſie, manches ſchimmernd ausgedachte Unternehmen drohte ſchon im Geiſt an den Schwierigkeiten zu ſcheitern, die ſich — ſechs Meilen von der Reſidenz ent⸗ fernt— in dem Herbeiſchaffen der unent⸗ vehrlichſten Luxusartikel ſtoͤrend in den Weg ſchoben. Wie angenehm war daher die Ueber⸗ raſchung, und wie ſehr erleichterte des Prinzen wohl erſonnenes Verfuͤgen die Ausfuͤhrung einer jeden Idee, als man eines Morgens eine nahe bei'm Schloß gelegene Allee, in der man am vorher⸗ gehenden Abend noch geluſtwandelt war, wie von einem Zauberſtab beruͤhrt, in 5 201 . einen Markt verwandelt fand, wo Mo⸗ denhaͤndler, Kaufleute und Putzmacherin⸗⸗ nen alles, was Eleganz und Prunkſucht zu fodern, und Luxus und Indüſtrie zu gewaͤhren vermoͤgen, in einer Doppetreihe zierlich geſchmückter Buden feil boten. Am Ende der Allee, welche auf der einen Seite durch ſinnig angebrachte Spie⸗ gel ſich noch mehr vertiefte, flatterte ein offenes Zelt von purpurfarbener Seide zwiſchen dem friſchen Gruͤn der Baume, wo Victor den ganzen, zum Hofe gehoͤrigen Kreis mit einem glaͤnzenden Fruͤhſtuͤck be⸗ wirthete und, an der allgemeinen Verwun⸗ derung ſich ergötzend, bat, mit dieſem zur Bequemlichkeit der Damen veranſtalteten Intermezzo freundlich vorlieb zu nehmen. 202 N Anſelma, noch ſo voͤllig neu in den feenhaft hervorgerufenen Genuͤſſen der großen Welt, und hoͤchſt empfaͤnglich fuͤr alles Frohliche, gerieth außer ſich uber dieſe, wahrend einer einzigen Nacht in aller Stille hervorgezauberte Veraͤnderung, Victors Beſtreben, ſeiner eigenen Lange⸗ weile zu eutfliehen, und— indem er die Kaſſe ſeiner Mutter und ſeine eigene er⸗ Pöpfte— ſeiner Eitelkeit den Triumph⸗ bogen allgemeiner Bewunderung zu er⸗ bauen, erſchien ihrer gutmuͤthigen Uner⸗ fahrenheit von einer ganz anderen edleren Seite. Wer ſo, dachte ſie, mit zartem Zuvorkommen mit Aufopfern ſeiner Zeit, ſeiner Muͤhe und ſeines Geldes, fuͤr die harmloſe Freude Anderer zu ſorgen ver⸗ 203 ſteht,— wer, ein Ganzes im Auge behal⸗ tend, ſo freundlich in jedes Einzelne ein⸗ gehend, mit üͤberirdiſch ſcheinender Kraft jedes Mißbehagen aus dem Wege raͤu⸗ mend, die Zufriedenheit ſeines Kreiſes ſich zum Ziel ſeines Strebens ſetzt, der muß, um es zu wollen ein guter, und, um es zu koͤnnen, ein kluger S ſeyn. Gut, und klug, und ſchön— aus dieſer Miſchung webt das Maͤdchenherz ſeine Ideale. Victor prangte in dem ſicheren Anſtand ſeiner ſtolzen Geſtalt mit dem Stempel eines hoöheren Adels, als ſein Gemuͤth in ſich trug, und der Schein des warmen, innigen Gefuͤhls, den er ſich zu geben wußte, galt Anſel⸗ 204 ma's noch nicht durch Erfahrung gereiſ⸗ tem Urtheil fur die Buͤrgſchaft einer aus⸗ gezeichneten Trefftichkeit. Durch die ober⸗ flächlichen Kenntniſſe, die er erhaſcht hat⸗ te, durch welche, gehoͤrig angebracht, er ſich oft die Miene eines gründlich Unter⸗ richteten, und vermittelſt zarter Beſchei⸗ denheit den wohl erworbenen Reichthum ſeines Geiſtes Zurückhaltenden zu geben wußte, lendete er auch von dieſer Seite die zu ſeiner Bildung ſtaunend hinauf⸗ blickende Anſelma, und es war kein Wun⸗ der, wenn ſo mannichfaches Uebergewicht, das er ſich uͤber andere Manner anzu⸗ maßen verſtand, und das ſich theils in den Vorzugen ſeines Ranges, theils in ſeiner Dreiſtigkeit, theils in der Unbedeu⸗ X 205 tenheit der Anderen gruͤndete, Anſelma nur als die gerechte Wuͤrdigung der ſel⸗ tenſten Verdienſte erſchien. Nachdem die Augen der Geſellſchaft ſich an den zierlichen, mit der hoͤchſten Eleganz geordneten Luxusartikeln gewei⸗ det hatten, wollte ein Jeder, eingedenk. der Bedurfniſſe ſeines Planes zur Mas⸗ kerade, eifrig fuͤr ſich waͤhlen. Aber Victor machte begreiſtich, daß nur die tiefſte Heimlichkeit der Einkaͤufe die Verſchwiegenheit ſichern koͤnne, die den zu erſcheinenden Masken den Triumph einer voͤlligen ueberraſchung erwerben ſolle, und die launigen Maßregeln, die er vorſchlug, dieſen Zweck zu erreichen, trugen ſehr viel dazu bei, die Unterhal⸗ 206 tung dieſes heiteren Morgens zu beleben. — Der Zauber des Geheimniſſes, der uͤber Allem waltete, das Beſtreben, ge⸗ genſeitige Muthmaßungen zu taͤuſchen, oder irre zu fuͤhren, die den froͤhlichſten Humor erweckenden Verſuche, einander zu uͤberliſten, um ſich dann deſto mehr uͤber einander verwundern zu können— alles dieſes vereinigte ſich, die der Mas⸗ kerade noch vorausgehenden Tage durch Scherz und geſellige Freuden zu würzen. Endlich dämmerte der Morgen des frohen Tages, deſſen Beſchluß durch die Maskerade gekroͤnt werden ſollte, und als die erſten Sterne, von dem bunten Farbenglanz einer reichen Illumination faſt verdunkelt, zu ſchimmern begannen, 207 begann auch das Feſt.— Von allen Sei⸗ ten traten, wie durch einen Zauberſpruch beſchworen, idealiſirte und in die Huͤlle des Geheimniſſes geborgene Weſen aus den dunklen Laubgaͤngen des Waldes her⸗ vor, die an einander voruͤbergingen, fremd — und doch einander ſo bekannt. Die kraͤftige Ritterzeit hatte aus laͤngſt ver⸗ witterten Tagen ihre bluͤhendſten Repraͤ⸗ ſentanten in ſtahlbewaffneten Heldenjüng⸗ lingen, und ſittigen Fraͤuleins des Mit⸗ telalters heraufgeſendet, die— goldene Spindeln in den Haͤnden drehend— in hohen Spitzenkragen ſtolz umher ſchritten — aus Arcadien ſchienen ſchmachtende Schaͤfer ausgewandert zu ſeyn— man⸗ hes laͤngſt ſaͤculariſirte Kloſter ließ ſeine 2 208 Mönche und Nonnen ſich in das bunte Maskengewuͤhl miſchen, und ſelbſt der Otymp war aus ſeinen goldenen Hoͤhen hernieder geſtiegen, und verſchmähte es nicht, an einem Kreiſe Theil zu nehmen, der ſich in reicher Mannichfaltigkeit aus den Trachten aller Nationen bildete, und die heterogenſten Perſoͤnlichkeiten an ein⸗ ander reihte. Obgleich Victor, um durch verviel⸗ fachten Genuß den Lohn der Muͤhe ein zuerndten, welche die Anordnung dieſes Feſtes ihm verurſacht hatte, verſchiedene Masken im Dickicht des Waldes für ſich bereit halten ließ, um, gleich dem Cha⸗ maleon, in mehreren Farben zu ſchim⸗ mern; ſo glaubte er doch, der erſte Ein⸗ 200 druck werde der haftendſte ſeyn, und hatte daher nicht die Huͤlle der Unkenntlichkeit, ſondern das praͤchtige Coſtuͤm des Don Carlos zu ſeiner erſten Erſcheinung ge⸗ waͤhlt, der— weder eine Eliſabeth ſu⸗ chend, noch eine Eboli fliehend— nur die ſchuͤchterne, aber trotz ihrer Bloͤdigkeit ganz von der Neuheit dieſes Schauplatzes berauſchte Anſelma mit den Blicken ver⸗ ſchlang. Es iſt nicht zu leugnen, daß die ſpa⸗ niſche ritterliche Tracht, von Silberſtoff und blauem Sammet kunſtreich zuſam⸗ mengefugt, und der von einem Wald wei⸗ ßer Straußfedern umnickte, mit koͤſtlichen Juwelen aufgeſchlagene Hut ihn hoͤchſt vortheilhaft kleidete. Oft ſchon hatte ihm iwer. — 210 dies in mancher vorlaͤufigen Probe der Spiegel verrathen, und mit dem ganzen Triumph, der in dem ſelbſtgefälligen Be⸗ wußtſeyn lag, hier nicht nur der Erſte, ſondern auch der Glaͤnzendſte zu ſeyn⸗ verfolgte er die auf den fluchtigſten Blick von ihm erkannte, zaghafte Gaͤrtnerin, die, das ſchoͤne Haar in langen Flechten unter dem großen Strohhut niederwal⸗ lend, im zierlichen Corſet, das das Eben⸗ maaß ihrer reizenden Geſtalt in das vollſte Licht ſetzte, einen Korb voll Blumen und Fruͤchte vor ſich her trug, und nicht ohne Verlegenheit denen, die ſie anzureden und zu belagern ſtrebten, mit vollen Händen ausſpendete, um ihnen keine Gaben, wenn auch manche Antwort, ſchuldig zu bleiben. 211 Faſt geblendet von des Prinzen koͤ⸗ niglichem Anſtand und Glanz geſtand ſich ihr klopfendes Herz, daß er der Schoͤnſte ſey, und die Huldigungen, mit denen er ſie auszeichnete, fingen an, ihrer Eitelkeit zu ſchmeicheln, und ihren Stolz zu ver⸗ gnuͤgen. Doch auch ein waͤrmerer An⸗ theil, als der, den befriedigte Eigenliebe nimmt, miſchte ſich in ihre Empfindun⸗ gen, und als ſie auf ſeine Bitte um eine Blume ihm eine Lilie aus ihrem Korbe reichte, durchzuckte ſein Blick und Haͤnde⸗ druck ſie zu gluͤhend, als daß ſie es haͤtte tadeln moͤgen, daß er die, wie er ſagte, kalte farbloſe Bluͤthe wegwarf, und mit allem Feuer der Leidenſchaft, mit aller Kuͤhnheit der dreiſteſten Anmaßung nach „ —— —— — — 212 der purpurbrennenden Roſe griff⸗ die al⸗ lein werth ſey, von der Liebe begehrt und empfangen zu werden. Da buͤckte ſich eine graue Schatten⸗ geſtalt, die Anſelma auf allen ihren Schrit⸗ ten, jedoch in veſcheidener Ferne gefolgt war, hob die Lilie auf, und barg ſie ſeuſzend an ihrem Buſen. Aengſtlich hatte ſich Anſelma von ihrer Nähe bedruͤckt gefuhlt. Die ſtarre, leb⸗ loſe Maske, die keinen andern Ausdruck, als den eines ſchmerzlichen, unveränderli⸗ chen Leidens hatte, und der tief aus ihr hervorglimmende Blick, der ſie nie ver⸗ ließ, mochte ſie einſam wandeln, oder ſich im dichieſten Gewühl verlieren, wirk⸗ te; ſeltſam beklemmend, auf ihr der Hei⸗ 2¹13 terkeit geoffnetes Herz. unwilkkuͤrlich aber ruhrte es ſie, ihr von dem Prinzen in ſtolzer Verſchmaͤhung weggeworfenes Geſchenk ſo ſorgſam aufgehoben, und be⸗ wahrt zu ſehen. Sie wandte ſich daher von dem gefährlichen Syrenengeſang ab, mit dem Victors Schmeicheleien ihr Ohr beſtuͤrmten. „Liebſt Du die Blumen, grauer Scu ten,« redete ſie ihn an,„ſo ſollſt Du nicht aus niederem Staube ſie Dir er⸗ leſen. Waͤhle Dir aus meinem Korbe, welche Dir am beſten gefällt. Ernſt das Haupt ſchuttelnd, verſetzte der Schatten:„Laß mich immer die Lilie, das Sinnbild der Unſchuld, von ihrem tie⸗ fen Fall erheben. Leichtſinnig gabſt Du — 2¹⁴ ſie weg, aber man achtete ſie nicht, denn nur Verwandtes verſteht ſie zu lieben, und dem Zertreten nahe, rettete ich kaum noch unentweiht ihr preisgegebenes Leben. O huͤte fortan ſorgfältiger die heilige Bluͤthe, die ein Symbol der Maͤdchen⸗ wuͤrde und weiblichen Reinheit iſt.⸗ Bei dieſen Worten legte der Schat⸗ ten die Lilie wieder in den Korb, und waͤhlte ſich die Nachtviole, die— ver⸗ achtet bei Seite geſchoben— von Nie⸗ manden noch begehrt worden war. »Warum die Unſcheinbare?« fragte Anſelma, ein wenig empfindlich durch ſeine Reden aus dem fröhlichen Rauſch geweckt, der ihre Sinne ergriffen hatte. »Iſt Dein Ernſt ſo ſtrenge, daß er ſogar 2¹⁵ den Blumen ihre holde Farbe nicht ver⸗ geben kann?— Wähle Dit eine gefäll⸗ gere Geſtalt als dieſe, die nur da iſt, um durch ihren finſteren Anblick den bunten Schein der üͤbrigen zu heben.⸗ Aber der Schatten nahm dennoch die Nachtviole, und ſagte mit traurig tiefer Bedeutung:»Laß mir die Blume⸗ die nicht ſchimmert, wohl aber duftet. Sie iſt— verkannt und zurckgeſetzt, wie ich — ein treues Bild meiner Geſinnung. Denn auch ich ſchimmere nicht; aber alle Kraͤfte meiner Seele moͤchte ich anwen⸗ den, Dir zu nutzen, Dich zu begluͤcken. Du ſcheinſt auf dem Blumenbeet des Le⸗ bens Deine Hand nach der eitlen, farbi⸗ gen Tulpe ausgeſtreckt zu haben—— 21¹6 möge nimmer Deine Wahl Dich gereuen, wenn einſt der Geiſt der Erkenntniß Dir ihre gehaltloſe Leere in ihrem ganzen Umfange zeigt.⸗ Als er dies geſprochen hatte, trat er ſchweigend zuruͤck, und verlor ſich im Gedraͤnge der Masken, die, den Prinzen neben Anſelma bemerkend, ſich wie ein Bienenſchwarm um ſie verſammelten, theils neidiſch ſie beobachtend, theils ſchmeichelnd ſie umſummend. Aber in Anſelma's Buſen war ein Stachel zurückgeblieben, der bei jeder Er⸗ innerung an das ſich regte, was der ge⸗ heimnißvolle Schatten ihr gleich einer Stimme der Warnung zugefluͤſtert hatte. Wer war der Unbekannte, der bisher 217 nur um ihretwillen in dieſen Kreis ſich gemiſcht zu haben ſchien, und mit ſo ſtrenge pruͤfendem Blick ihr Benehmen er⸗ wogen hatte. War es denn ſo ſtrafbar, der wohlwollenden Innigkeit des Prinzen ihr Ohr zu leihen, und zum Dank für ſein offenbar ihr nur geweihtes Beſtre⸗ ven, ihr Freude zu machen, ein wenig freundlich gegen ihn zu ſeyn?— Ein wenig verſtimmt, aber doch bald wieder ſich ſammelnd, und von neuem den ju⸗ gendlichen, leicht ſeine Stimmungen wech⸗ ſelnden Sinn der Fröhlichkeit zuwendend, ſchlug ſie ſich die duͤſtere Erſcheinung aus den Gedanken, wie ſie ſie aus den Au⸗ gen verloren hatte. 3 Victor, der während ihrer Unterhal⸗ 218 tung mit dem Schatten die Huldigungen der Menge uͤber die geſchmackvolle Aus⸗* wahl ſeiner Maske, und die Bemerkun⸗ gen, wie vortrefflich ſie ihm kleide, und wie ſehr ſie durch ſeinen ritterlichen An⸗ ſtand noch gehoben werde, als einen Tri⸗ but angenommen hatte, der— ſeiner kindiſchen Eitelkeit gezollt— ihm ſchmei⸗ chelte, ward jetzt durch Fritz daran ge⸗ mahnt, daß die Stunde ſchon voruͤber ſey, die er zu einer Umwechſelung ſeiner Kleidung beſtimmt hatte. Aber im ſtolzen Bewußtſeyn, wie ſehr er als Don Carlos gefalle, konnte er ſich noch nicht entſchließen, ſtatt den Uebergang der Raupe in den Schmetter⸗ ling, ihn umgekehrt zu machen. Denn — —— 5 2¹9 der Tempelherr, deſſen Coſtum er zu ſeiner zweiten Erſcheinung gewaͤhlt hatte, drohte ja im einfach verhuͤllenden Falten⸗ wurf des weiten Mantels ſeine kunſtvoll ſtudirte Grazie zu verbergen, und uͤber⸗ haupt durch ſeine ganze Farbloſigkeit ihm — ſtatt, daß er jetzt ſtrahlend alle Au⸗ gen auf ſich zog— unbarmherzig in das Dunkel der Unbemerktheit zuruͤckzuſchie⸗ ben, das fuͤr ſeine Eigenliebe der uner⸗ traͤglichſte Standpunkt war. Er ſandte alſo den ungeduldigen Pa⸗ gen, der ſich ſehnte, die Toilette ſeines Herrn zu beenden, um dann auch gaf⸗ fend Theil an dem Feſte zu nehmen, mit der Weiſung wieder in den einſamen Waoldverſteck, der zur Umkleidung be⸗ 2²0 ſtimmt war, zuruͤck, daß er harren ſolle bis es ihm belieben werde, ſich einzufin⸗ den.— Für den lebhaften, zerſtreuungs⸗ ſüchtigen Knaben, der ſich mächtiger, als irgend Einer der Geſellſchaft von der bun⸗ ten Mannichfaltigkeit des Gewühls, von dem feenhaften Glanz der Erleuchtung und den frohen Toͤnen der ſchmetternden Muſik angezogen fuͤhlte, war dies eine ſchwere Aufgabe und ein hartes Gebot. Er kannte indeß den Prinzen, der vei aller ſcheinbaren Humanitaͤt doch auf eine faſt deſpotiſche Weiſe die genaueſte Befolgung ſeines Willens verlangte, und einen großen Theil der Menſchen als Va⸗ ſchinen anſah, nur darum exiſtirend, um jeden ſeiner Winke in ſtummer Unterwer⸗ 221 fung zu erfullen. Ueberdies wollte er es als eine große Auszeichnung betrachtet wiſſen, die er Anſelma's Bruder erwies, daß er diesmal ihm die Ehre angethan. ihn ſtatt des Kammerdieners in das Ge⸗ heimniß der Toilette zu ziehen. Es half daher nichts; murrend im Innern, aber von außen mit jener be⸗ fliſſenen Bereitwilligkeit, die das Hof⸗ leben der dienenden Klaſſe als ihre eigent⸗ lichſte Maske aufdringt, und die auch Fritz ſich bereits angeeignet hatte, mußte er aus dem lichten, ſtrahlenden Kreiſe geſelliger Freude ſich wieder in den dun⸗ keln, fernen Hintergrund des Waldes zuruckziehen.— Hier, einſam mit ſeiner Fackel ſich ——— 222 ſelbſt uberlaſſen, erſchienen ihm, durch flackerndes Licht beleuchtet, die Rieſenge⸗ ſtalten der alten knorrigen Eichen doppelt ſchauerlich, und, nur von weitem den verhallenden Klang der munteren Inſtru⸗ mente vernehmend, und am Himmel den bleichen Widerſchein der heiteren Erleuch⸗ tung erblickend, geſellte ſich zu dem bit⸗ tern Unmuth des Entbehrens auch noch die Folter der Langenweile. „Vergebens ſann er hin und her, wie er durch irgend einen knabenhaften Muth⸗ willen, der ſich ausuͤben ließe, das Ein⸗ foͤrmige ſeiner abgeſonderten Situation unterbrechen, und auch nebenher durch Stoͤrung der allgemeinen Luſt, dem einen Streich ſpielen könne, der ihn davon 3 223 ausgeſchloſſen.— Den Wald in Brand zu ſtecken, ſchien ihm denn doch ein zu großes und zu gefaͤhrliches Unternehmen, wenn er es auch mit ſeiner ſchwachen Fackel zu vollbringen vermocht haͤtte, und weiter ließ ihm ſeine ode Abgeſchiedenheit nichts zu thun uͤbrig. Da vernahm er — nicht eben wie Muſik, aber doch ge⸗ nau ſo erfteulich fur ſein Ohr, ein nach⸗ barliches Grunzen, das ihn auf die wohl⸗ begruͤndete Vermuthung brachte, daß er nicht der einzige in dieſe Stille Verbannte ſey. Geſchwind erhob er ſeine Fackel, um zu unterſuchen, woher dieſe wunderlichen Toͤne kamen, und ſiehe, er entdeckte nicht weit von der Stätte ſeiner ungeduldigen Erwartung ein Rudel wilder Schweine, 224 in einem weiten Bezirke von einer Bret⸗ terwand kunſtgemaß umſtellt, um trotz der fuͤr dieſe Art von Jagd noch nicht regelrechten, fruͤhen Jahrszeit, bei der nahe angekuͤndigten Ankunft eines frem⸗ den Fuͤrſten, dem ein ſolches Vergnuͤgen unbekannt war, und der den Wunſch dar⸗ nach geaͤußert hatte, ſogleich zu einer großen Jagd in Bereitſchaft zu ſeyn. Leicht hatte Fritz ſich auf den obern Rand ihrer bretternen Umgebung ge⸗ ſchwungen, um zu ſehen, was denn ei⸗ gentlich da unten vorgehe, und der pa⸗ niſche Schrecken, den das Hinabſchim⸗ mern ſeiner Fackel unter die lichtſcheuen Bewohner dieſer Unterwelt erregte, be⸗ luſtigte ihn nach kindiſcher Art nicht nur + 225 ungemein, ſondern erweckte auch in ihm die Idee eines noch weiter auszubreiten⸗ den Scherzes. Wenn er naͤmlich den ungebetenen Gaͤſten Eintritt in die glaͤnzende Masken⸗ verſammlung verſchaffte wie verſchieden, und in der Beobachtung komiſch ergotzend fuͤr den Zuſchauer mußte der Eindruck ſeyn, den ihr ploͤtzliches, und unerwarte⸗ tes Auftreten hervorzubringen verſprach! Auf ſeine ſchnellen Fuße ſich verlaſſend, glaubte er unbeſorgt vor Entdeckung oder Ueberraſchung, Zeuge dieſer Scenen zu ſeyn, und— ehe Jemand daran denken wuͤrde, ihn aufzuſuchen— wieder zuruͤck eilen zu koͤnnen. Gedacht, gethan! Den eigentlichen Bilder. 15 226 Pagenſtreichen geht ſelten eine lange Un⸗ terredung zuvor. Fritz fand den feſt ver⸗ riegelten Eingang, den er ſogleich oͤffnete, und ohne die Gefahr zu kennen, oder zu ahnen, deren Opfer er ſehr leicht haͤtte werden koͤnnen, ſtuͤrzte er, die Fackel ſchwingend, unter die ſcheu ſich zuſam⸗ mendraͤngenden Thiere, und jagte ſie aus ihrem Verſteck heraus auf den Weg, der. *——* in gerader Linie zu dem freien Platz im Walde fuhrte, welcher der Geſellſchaft zum Verſammlungsorte diente. Hier hatte eben Don Carlos ſeiner Gaͤrtnerin Hand ergriffen, und unter den heiligſten Betheuerungen, die ſein Mund entweihte da ſein Herz ihrer ſpottete, ihr die Wahrheit und Ewigkeit einer Liebe S 27 verſichert, die ſelbſt den martervollſten Lod nicht ſcheuen werde, ſich ihr zu be⸗ waͤhren. Auch der Schatten hatte ſich ihr wie⸗ der genähert, doch in trauriges Schwei⸗ gen verſunken, ſtand er ſeitwaͤrts, durch des Prinzen ihm feindſelige Nähe von ihr zuruͤckgedraͤngt. Da mit einem Male erſcholl ein greller und allgemeiner Aus⸗ ruf des Schreckens— die Muſik ſchwieg — die Tanzenden ſtoben aus einander— verwirrt lief Alles zuſammen, und ſuchte durch die Flucht ſich vor der nahen Ge⸗ fahr zu retten.— Und als habe Circe ihre Zaubergarten aufgethan, grunzten die durch die Beleuchtung geblendeten, und durch Fritzens Verfolgung in Wuth gera⸗ 223 thenen Ebet heran, und drohten, ſchaͤu⸗ mend, und mit blinkenden Hauern be⸗ waffnet, Jedem, der ihnen in den Wurf kam, Wunden, wo nicht gar den Tod. Prinz Victor, dieſen Schreckens anblick gewahr werdend, yrraß die eben ausge⸗ ſprochenen Geluͤbde, und uͤberließ die er⸗ ſchrockene Anſelma, auf die gerade eines der grimmigſten Thiere losging, ſich ſel⸗ ber, oder auch dem zweifelhaften Schutze des Schickſals. Ueber Hals und Kopf entfloh er, doch verfolgt von dieſen graß⸗ lichen Geſtalten, bis zu einer ſchlanken Tanne, an der er auf Koſten des Silber⸗ ſtoffs und des blauen Sammets empor⸗ kletterte, ſein theueres Leben zu retten. Doch nicht lange gewaͤhrte ſie dem 229 Feigen einen ſchuͤtzenden Zufluchtsort. Kaum hatte der unbemerkte, ungeachtete Schatten, der uͤberſehen in der Ferne ſtand, mit Blitzesſchnelle ein Schwerdt unter ſeinem grauen Mantel hervorgezo⸗ gen, es zu Anſelma's Schutz geſchwungen, und das, ihr Leben gefaͤhrdende Thier damit durchbohrt, als die Tanne den Er⸗ ſchrockenen nicht laͤnger beherbergen konn⸗ te, da ſie zu ſchwach war, ihn zu tragen. Sie brach, und mit einem Angſtruf her⸗ abgleitend, wuͤrde er eine Beute der unter ihm ſich wild umher tummelnden Thiere geworden ſeyn, wenn nicht auch zu ihm der huͤlfreiche Genius geeilt wäre, der eben Anſelma gerettet und in Sicher⸗ eit gebracht hatte, und nun mit Ge⸗ 230 wandtheit und Kraſt ſich der neuen Ge⸗ fahr entgegen ſtuͤrzte. »Der Prinz! der Prinz! er iſt ver⸗ loren!« ertoͤnte das dumpfe Geſchrei de⸗ rer, die ihn hatten fallen ſehen. Zwar nicht kuͤhn genug, um zu ſeiner Rettung herbeieilen zu mögen, aber von den Fol⸗ gen eines ſo wichtigen Unglucks ergriffen, erfuͤllten ſie mit einem allgemeinen Klage⸗ ruf die Luͤfte— er war gleichſam der Tribut der feilen Hofſchranzen, die zur Huͤlfe keine Kraft weiter in ſich als nur in den gellenden Toͤnen ihrer Kehlen fuͤhlten. Die Fuͤrſtin, von Mutterangſt faſt vernichtet, ſank ohnmächtig in die Arme ihrer Begleiterinnen. Anſelma war, ſo wie ſie ſich, gleich⸗ 231 ſam durch ein Wunder, der Gefahr ent⸗ riſſen ſah, zu ihrer Gebieterin hingeeilt. Sie ehrte den Schmerz der Mutter, wenn äuch des Sohnes Benehmen ſchon in die⸗ ſem erſten Augenblick der wiederkehrenden Beſonnenheit ihr eben ſo lächerlich als veraͤchtlich erſchien. Knieend vor der durch den Schrecken in bleichen Marmor ver⸗ wandelten Fürſtin, die man ſchnell ſeit⸗ waͤrts getragen, und dort auf eine Ra⸗ ſenbank niedergelegt hatte, war ſie eifrig bemuͤht um ſie, und hatte bald die Freu⸗ de, ſie wieder die Augen aufſchlagen, und in's Leben zuruͤckkehren zu ſehen. Doch der erſte Moment des ihr wie⸗ der geſchenkten Bewußtſeyns rief auch die entſetzliche Urſach in ihr Gedaͤchtniß zuruͤck, 232 die es ihr geraubt hatte; indeß, ehe ſich noch ihre Angſt erneuern konnte, wurde ſie ſchon durch den Anblick ihres wohlbe⸗ haltenen Lieblings verſcheucht. 4 ˙ Denn an ſeinen Arm den Prinzen ſtutzend, der erſt jetzt anfing, ſich zu erho⸗ len, und ſein aͤngſtliches Zittern zu be⸗ kaͤmpfen, weil ihm denn doch einfiel, wie lächerlich es ſey, wenn er nicht nur als Flüchtling vor dem drohenden Anblick der Gefahr, ſondern auch noch im Nachhall derſelben erbebe leitete der Schatten, dem in ſeinem huͤlfreichen Eifer Mantel und Maske entfallen war, ihn zu ſeiner Mut⸗ ter hin. Anſelma erhob den ſchuͤchternen Blick zu dem Schutzgeiſt, der, ſich ſelbſt ver⸗ 233 geſſend, ſie ſo muthig errettet hatte, und mit dem leiſen Ausruf:»Bernhard! mein geliebter Vetter!« ſenkte ſie das Auge wieder, indem das Sen noch inni⸗ geren Gefuͤhlen, als bloß der Dankbar⸗ keit ihm entgegen ſchlug. Kaum hatte die Fuͤrſtin ihren Victor in die Arme geſchloſſen, und ſich freudig uͤberzeugt, daß nur ſeine koſtbare Huͤlle von der rauhen Tannenrinde, nicht aber ſeine Haut von den Zaͤhnen der Eber ver⸗ letzt worden ſey, als ſie, von der innig⸗ ſten Erkenntlichkeit durchdrungen, ſich zu ſeinem Retter wandte. Zwar kannte ſie ihn nicht, aber er hatte ſie ja aus der hoͤchſten Angſt geriſ⸗ ſen, und das Liebſte ihr mit eigener Ge⸗ 234 fahr geſchuͤtzt und erhalten. Daher zog ſie einen glaͤnzenben Solitair von ihrem Finger, und ihn Bernhard hinreichend, ſagte ſie:»Nehinen Sie dies einſtweilen als ein Pfand meiner ewigen Dankbar⸗ keit.⸗ ken endlich ſo viel Beſonnenheit erlangt, um einzuſehen, daß es einen unausloͤſchli⸗ chen Flecken auf ſie werfen werde, wenn ſie nicht ebenfalls ihr Scherflein des Muthes und der Thaͤtigkeit zur allgemeinen Si⸗ cherheit beitrügen. Mit Schaͤfer- und Pil⸗ gerſtaͤben bewaffnet, wie ihr Coſtuͤm es nun eben wollte, und vor Allem durch das ſchmetternde Geſchrei unterſtuͤtzt mit welchem ſie vereint auf die gereizten Thiere Unterdeſſen hatten die uͤbrigen Mas⸗ 235 losgingen, gelang es ihnen, dieſe in das Dickicht des Waldes zuruͤckzujagen, und den vorher der Freude gewidmeten Platz von ihrer beängſtigenden Gegenwart zu befreien. Doch war es ſehr begreiflich, daß nach dieſer Unterbrechung das Feſt vor der Zeit beendigt wurde. Jetzt erſt nahete ſich Bernhard Anſel⸗ ma, auf die er bisher nur ſtumme, ernſte Blicke richtete, und ſie, ihren zarten Arm in den ſeinigen legend, erwählte ihn zu ihrem Begleiter auf dem Heimwege in's Schloß, um ihr Dankgefuͤhl auszuſpre⸗ chen, Auskunft uͤber ſeine ploͤtzliche Er⸗ ſcheinung zu erhalten, und nebenher— ſich zu rechtfertigen. Sie erfuhr, daß er, gequaͤlt durch 236 Ungewißheit und marternde Sorgen end⸗ lich, da ſein Brief immer unbeantwortet geblieben, Urlaub genommen hatte, um unerkannt an Ort und Stelle ſich ſelber zu uͤberzeugen, ob ſeine Hoffnung ver⸗ geblich, und ſein Glaube an Anſelma's moraliſchen Werth eine Taͤuſchung ſey. Er kam zufaͤllig an dem Tage an, deſſen Abend die Maskerade beſchließen ſollte, und ſo ſich verhuͤllend, wie es die Eib, und die wenigen vom Lurus und der Sucht zu glaͤnzen uͤbrig gelaſſenen Huͤlfsmittel geſtatteten, drängte er ſich in ihre Näͤhe, nicht ohne die Qualen bit⸗ terer Eiferſucht, ſie von dem Prinzen ſtets mit Huldigungen verfolgt, und dieſe freundlich von ihr aufgenommen zu ſehen. ——,— 237 Doch nur zu ſchnell gelang es der Kraft der Wahrheit, die auf Anſelma's Lippe wohnte, die duͤſtere Verſtimmung, welche von dieſer Beobachtung in ihm zuruͤckgeblieben war, wiederum in mildes Vertrauen umzuwandeln. Die Fuͤrſtin erinnerte ſich bald ihres Wortes, und ver⸗ wendete ſich mit ſo warmem Eifer fuͤr ſeine Befoͤrderung, zu der ſeine militairi⸗ ſchen Verdienſte ihm freilich ſchon fruͤher Anſpruͤche gaben, daß er einen hoͤheren und eintraͤglicheren Poſten erhielt, den er ſchwerlich ohne die Mitwirkung des Gluͤcks ſo fruͤh erlangt haben wuͤrde. Anſelma wurde ſeine Gattin, und Fritz, der unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit dem liebenden Paare ge⸗ 238 ſtand, daß er die Veranlaſſung des ge⸗ habten Schreckens geweſen war, wurde im Herzen von ihnen, ſo ſehr ſie auch uͤbrigens ſeinen veruͤbten Muthwillen miß⸗ billigten, als der gute Genius dankbar anerkannt, der das Gluͤck ihrer Liebe und ihres Lebens befördert hatte. ⸗ 5 ——————— —— Folgende neue Unterhaltungsſchriften ſind mit Recht zu empfehlen: Aline, oder Trennung und Wiederſehen. Roman von Julius Eremita, Verfaſſer des Romans:„die Ruinen des Berg⸗ ſchloſſes Ceſarini.“ Z. 1 Thlr. Geheimniß, das, oder der Kampf mit dem Herzen. Ein Roman von der Verfaſſerin der„Verirrungen.“ 8. 4 Thlr. Hildebrandt, C., Heinrich der Vogel⸗ ſteller und die Hunnen. Ein hiſtoriſch⸗ romantiſches Gemaͤlde aus dem zehnten Jahrhundert. 8. 1 Thlr. 4 Ggr. Koͤhler, Fr., der Raͤuberhauptmann. Roman. 8. 1 Thlr. Marie, oder Lohn der Treue. 8. 20 Ggr. Prinz Clito der Verſolgte, oder der Bru⸗ derkrieg. Ein hiſtoriſch⸗romantiſches Gemaͤlde vom Verfaſſer des„Albert von 3 Theile 8. 3 Thlr. 4 Egr. Strohhuͤttchen, bas. Ein Roman vom Verfaſſer des Pfarrhauſes zu Lieben⸗ thal. 3 Theile. 8. 3 Thlr.