Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Gieſten, 8 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende SLeih und geſebedingungen. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher:—4 Bücher: 6 Bücher: Monat: Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Plötzlich ertön⸗ ten im Kloſter kriegeriſche Geſänge, und eine geräuſch⸗ volle Muſik. Elodie erhob ſich, und ihre Blicke nach der Seite des Parks wendend, bemerkte ſie die Vor⸗ bereitungen zu einem glänzenden Feſte. In der Mitte des Gartens hatten ſich Triumphbögen erhoben, als ob ſie Armida's Zauberſtab geſchaffen hätte. Auf dem Wieſenteppiche war ein Amphitheater von grünem Laube, über welchem Lorberkronen und Roſenguirlanden verſchlungen hingen⸗ Hier ſah man einen Tempel, der Schönheit geweiht; dort eine Grotte, der Liebe gehei⸗ ligt; weiter entfernt zeigte ſich ein Tanzſaal, umgeben von Siten für einzahlreiches Orcheſter; überall end⸗ lich umſchlangeñ ſich Schriftzüge, überall glänzten die Farben der zarten Jungfrau von linderlach. Aus ihrem Fenſter betrachtete Elodie mit Erſtau⸗ nen die prachtvollen Zurüſtungen. Zauberiſche Gebände, pittoreske Gruppirungen, magiſche Verzierungen bothen ſich überall dem Auge dar. In dieſem Augenblicke ſchritt gegen das Thürmchen, welchen die Tochter St. Maus bewohnte, eine Anzahl junger Krieger vor, mit weißen z Der Einſame. 2. 1 — Rüſtungen bekleidet, welche den Nahmen Elodiens, um⸗ kränzt von Immortellen, in goldenen Buchſtaben auf azurblauen Schilden trugen. Alle hatten blaue Schär⸗ pen; ein Gürtel von derſelben Farbe umſchlang gewöhn⸗ lich den Leib Elodiens. Am Fuße der alten Mauer hiel⸗ ten die Ritter, und mit wohltönenden Stimmen, wel⸗ che kriegeriſche Harfen begleiteten„ließen ſie folgen⸗ den Geſang hören: »Bey dem frohen Geſang der Söhne des ſiegenden Gottes Wache, du Tochter des Thals, erhebe Dich, liebliches Mädchen, Gern auf der Schönheit Reitz hin gleiten die Strahlen des Ruhmes. Fern von dir nur donn're der Blitz, dir, himmliſch Er⸗ wachen Eines heiter beglückenden Tags, iſt die Stirne gewölbet Nur für Kronenſchmuck, für Liebe das fühlende Herz nur.« »Weßhalb eilt der Held auf blutgetränkte Geſilde? Welchen Lohn hofft er für ſchwer errungene Siege? Einen Palmenzweig, ein liebendes Lächeln der Schönheit. Himmliſche Tochter, o heiter prangende Blume der Un⸗ „ ſchuld, n neuer Tagdir! Rede„—i Wort nur pferſte Held hier.⸗ Glänzend erſcheint ei Reiner Liebe erwartet als Lohn der ta Die Thür der Zelle öffnete ſich, und die Gräfinn Imberg ſtreckte ihre Arme der Waiſe entgegen:— »Kommet, theures Mädchen,« ſagte ſie,»kommet! das Kloſter und das Thal begrüßen feſtlich die Jungfrau von Underlach am Jahrestage ihrer Geburt; wenn die —— ——— ₰ Set zu 6 Füßen⸗ ei die riſchen ſer Tag für die Bergbewohner ein Tag der Dankbar⸗ keit iſt, ſo muß er für mich noch mehr ſeyn: ihnen gab dieſer glückliche Tag nur eine Wohlthäterinn; hat et aber mir nicht eine Tochter gegeben?6 Dankbar für dieſe ſchmeichelhafte Aufmerkſamkeit, für dieſe zärtliche Sprache, und beſonders für den rüh⸗ renden Ausdruck ihrer Stimme, drückte die Tochter St. Maur's ihre Beſchützerinn an ihr Herz; und für einen Augenblick hatte eine ſüße Täuſchung ſie über⸗ redet, daß ſie wirklich eine Mutter gefunden habe. Die Gräfinn zog ſie ſanft fort. In der Tiefe der großen Gallerie des Kloſters, unter einem beſternten Thronhimmel, zeigte ſich ein erhobener Sitz, umge⸗ ben von kriegeriſchen Trophäen. Geführt von ihrer Wohlthäterinn hatte die Waiſe die Stufen dieſer Art von Thron beſtiegen, und hier aufrecht ſtehend, un⸗ beweglich vor Erſtaunen, erſchien ſie beym Aufſchlagen ihrer Augenlieder als Galatee auf den Altarſtufen der Lite. Plötzlich erſchien Fürſt Palzo in voller Rüſtung, die von Gold und edlen Steinen glänzte, umringt von einem prunkvollen Gefolge von Rittern, Knappen und Pagen; blau waren ihre Schärpen, ihre Paniere und ihre Helmbüſche: ſie ſchritten auf Elodien zu, und ſchnell neigten ſich alle Lanzen, alle Schwerte und Schilde vor der Waiſe der Abtey; der Fürſt Palzo ſelbſt ließ ſich auf ein Knie nieder, und legte ſein nd — »Fern nur donn're der Blitz, dir, himmliſch Erwachen Eines heiter beglückenden Tags, iſt die Stirne gewölbet Nur für Kronenſchmuck, für Liebe das fühlende Herz nur.« Darauf erſchienen die Hirten, die Bergbewohner und jungen Mädchen von Underlach im Hintergrunde der Gallerie: ſie waren weiß gekleidet und geſchmückt mit blauen Bändern; ſie trugen die Gaben des Dörf⸗ chens, und bedeckten die Stufen des Thrones mit ihren Blumen⸗ und Fruchtkörbchen. Freude glänzte auf ihren Zügen, und die Jungfrau vergoß Thränen der Rüh⸗ rung, während der ländliche Chor in Abtheilungen den zweyten Schluß des kriegeriſchen Geſanges wiederholte: „Himmliſche Tochter, o heiter prangende Blume der Un⸗ ſchuld, Glänzend erſcheint ein neuer Tag dir! Rede.. ein Wort nur Reiner Liebe erwartet als Lohn der tapferſte Held hier.« Aber welche überraſchungen waren der Waiſe be⸗ reitet. Elodie wurde auf einen Wagen in Geſtalt einer Seemuſchel gehoben, über welchem ſich eine blaue Decke erhob; und von den Bergbewohnern und jungen Mäd⸗ chen nach dem Amphitheater gezogen, das auf dem Grasteppiche errichtet war: die Ritter, die Knappen, die Pagen bildeten das glänzende Gefolge der jungen Nymphe, und die kriegeriſche Muſik ging vor dem Triumphzuge her. Weniger ſchön erſchien Cytherea, als ſie in den Amathuſiſchen Hainen, von Tritonen gezogen, von Nereiden begleitet, von Amoretten um ringt, den Spielen des Mars vorſtand. 5 Auf einem vergoldeten Söller hatte ſich die Herr⸗ ſcherinn des Thales niedergelaſſen. Welch ein Schau⸗ ſpiel traf nun ihre Blicke! Ein weiter Circus lag vor ihr: die Schranken wurden geöffnet, und der Wahl⸗ ſpruch der Turniere ertönte von den zum Kampfe Ge⸗ rüſteten:»Krieg den Helden! Liebe den Frauenl Völlig gerüſtete Krieger ſtürzten zum Kampfe her⸗ vor mit geſenktem Viſiere, mit eingelegter Lanze. Ihre Tapferkeit, ihr Anſtand, ihre Gewandtheit entzückten die Jungfrau. Von häufigen Hieben ertönten die Schil⸗ de; und ihren furchtbaren Schwertern entfuhren ſprü— hende Blitze. Die Deviſe aller Kämpfenden war dieſelbe;»Lie⸗ be und Ruhm.« Die Helden des Turniers beſtiegen wieder ihre edlen Roſſe, ſenkten ihre wehenden Fahnen am erhöheten Sitze, und neigten ihre tapfern Häupter zu den Füßen der Schönheit. Mit Entzücken und Er⸗ ſtaunen lächelte die Königinn des Ritterfeſtes den ſie⸗ genden Kämpfern zu. Mit weißer Hand, wie daran gewöhnt, ähnlichen Spielen vorzuſtehen, löſte die an⸗ muthsvolle Nymphe den Helm der Sieger, krönte ihr Haupt, und vertheilte die Preiſe des Muthes: in leb⸗ hafter Bewegung hatte ſie noch nie ſo ſchön geſchienen, die Begeiſterung, welche ihr dieſe kriegeriſchen Kämpfe, dieſes ganze ritterliche Feſt einflößten, mahlte ſich auf ihrem Geſichte, und verbreitete noch neuen Glanz über ihre bezaubernden Züge. Dieſe Ausbrüche des Ent⸗ 3 5 tie zückens, welche die Schönheit Elodiens erregte, ſo faſt göttlichen Huldigungen, welche wit wurden, dieſe vor Tapferkeit und Ruhm laut geworde⸗ nen Töne, der heitere Himmel, dieſe zaubervollen Ge⸗ büſche, dieſe begeiſternden Geſänge, dieſe Wunder der Kunſt mitten unter den Wundern der Natur: Alles vereinigte ſich, Trunkenheit und Entzücken in die Tiefe ihrer Seele zu bringen. Ein glänzendes Gaſtmahl erwartete die Helden des Feſtes. Unter einem, mitten in den Gebüſchen er⸗ richteten Zelte, war die Tafel bereitet. Waffenbündel vertraten die Stelle der Säulen, und ſtützten die gold⸗ gezierte Decke, die unter dem Laubwerk ausgeſpannt war; azurblaue Bänder hielten die Feſtgehänge, und Blumen⸗Guirlanden bekranzten das Gewölbe. Alle Zauber, alle Ergetzungen umgaben die Waiſe. Erſt mit dem Abende ging das Mahl zu Ende; Elodie trat aus dem Zelte, ſollte ſie ihren Augen trauen? glänzende Lichter waren den Strahlen des Tages ge⸗ folgt, alle Gebüſche waren erleuchtet; tauſendfarbige Feuer warfen unter dem Laube ihre magiſchen Strah⸗ len. Wie ein entflammter Erdball erhob ſich das Kloſter ſtolz über die hell glänzenden Geſtirne, womit der be⸗ zauberte Park beſdet war. Die friedliche Quelle, wel⸗ che die Gärten durchſchnitt, warf dieſen Strahlenglanz zurück; ſie ſchien auf dem Grasplatze über kryſtallene Flächen, über azurne Flitter, über Silberſtaub, Per⸗ len und Diamanten zu rollen, Alle Träume des Mor⸗ genlandes, alle Wunder des Feenreiches, alle Blend⸗ werke der Fabel verwirklichten ſich für Elodien. überall bildeten ſich Tänze, überall tönten Freu⸗ dengeſänge: jeder Baum hatte ſeine Driade, jedes ————— ——,— —, — 5— Gebüſch ſeine Gottheit. Die Gräfinn hatte ſich einen Augenblick von der Waiſe entfernt, da benützte der Fürſt Palzo die Verwirrung, das Entzücken, die Trun⸗ kenheit, welche die junge Königinn des Thales em⸗ pfand. Er zog ſie ſchnell nach einem entlegenen Gebü⸗ ſche hin, wo ſich ein Tempel Hymen's erhob, den eine Gruppe Sylphiden umgab; er fiel zu ihren Füßen, und rief aus:—»Angebethetes Mädchen, öffne mir dieſen Tempel l« Elodie erhob ihre Augen zu dem erleuchteten Ge⸗ bäude, welches der Fürſt ihr zeigte. Eine himmliſche Melodie ließ ſich hören: es ſchien, als ob Töne aus den Sphären des Himmels auf Wolken hier herabge⸗ ſtiegen wären, und als ob von den erſten der Engel die Harfen des Himmels berührt würden. Die Töne hatten geendet: die Thüre des Tempels öffnete ſich, und der Strahlenglanz eines wundervollen Innern blendete die Waiſe. Blitze ſprühten aus dem⸗ ſelben, wie aus dem den Töchtern Fingal's verſprochenen Meteoren⸗Pallaſte Im Hintergrunde des Heiligthums ſtrahlte der Altar Hymen's, getragen von Purpur⸗ und Azurgewölk: ringsum brannten Weihrauch und Gewür⸗ ze in goldenen Räucherbecken. Gleich den jungen Schwär⸗ men Cytherens ſprang mitten aus dieſem Gewölk ein Haufe Amoretten: dieſe neuen Kinder Cypria's ſchwan⸗ gen ihre leuchtenden Fackeln, und eilten zur neuen Hebe, bothen ihr den Ambroſiakelch, umſchlangen ſie mit einem Blumengürtel, und ſuchten ſie ſanft nach dem Ein⸗ gange des Olymps zu ziehen, der alle Wohlgerüche Arabien's von ſich hauchte. — 5— Der Fürſt Palzo war zu den Füßen Elodiens geblieben, und etwas Beredteres noch als ſeine Bitte ſchien aus ſeinen Blicken zu ſprechen. Die Waiſe glaubte ſich von einem Traume getauſcht und ſuchte ihren Geiſt zu ſammeln. Faſt wider ihren Willen fortgezogen durch die Lockungen, welche ſie umgaben, befand ſie ſich an den Stufen des Tempels und ſchon glaubte Palzo zu triumphiren. Der Altar Hymen's hatte die Aufmerkſamkeit der Waiſe gefeſſelt; die verſchlungenen Nahmen Palzo's und Elodien's glänzten in ſtrahlenden Buchſtaben. Welch plötzlicher Gedanke durchzückte ihren Geiſt! Den Tem⸗ pel erſteigen war eine ſchweigende Bewilligung der Wünſche des Fürſten; dem Altare ſich nähern, hieß faſt ihre Treue verpfänden. Sie blieb ſtehen.. Das Entzücken ſchwand, ein Schauder ergriff ſie; ſie ſtieß die jungen Amoretten, welche ſie zum trügeriſchen Pallaſte zogen, von ſich; ſie entwand ſich den Blumen⸗ ketten, welche ſie feſſelten, und wich e 32 in die Tiefe des Gebüſches. Der Fürſt eilte auf ſie zu; er wollte ſie nach de Tempel zurückführen: das zarte Flehen der Liebe ging über ſeine Lippen; als plötzlich ein Krieger, gerüſtet vom Kopf bis zum Fuß ſeinen Blicken ſich zeigte, ihm ein verſiegeltes Schreiben übergab, ſchweigend grüßte und verſchwand. Wüthend über dieſe unerwartete Er ſcheinun hatte der Fürſt das Schreiben ergriffen, und zitterte beym Erblicken des Siegels: mit Heftigkeit riß er den Um⸗ ſchlag ab, durchlief die Bothſchaft, und erblaßte. Die — 0— Tochter St. Maur's benützte dieſe ſo günſtige Gelegen⸗ heit, und entfloh aus dem Gebüſche, ſuchte auf allen Seiten die Gräfinn, fand ſie endlich wieder, und der⸗ ſelben ihre äußerſte Verwirrung verbergend, wünſchte ſie ſich Glück, daß ſie den Gefahren der Verführung den böſen Täuſchungen des Abends ſich hatte entziehen können. Der Fürſt hatte ſich bald wieder zu der Waiſe geſellt. Schon geſchickt darin, den heftigen Wallungen ſeines Gemüths eine falſche Außenſeite zu geben, ver— barg er mit Sorgfalt den geheimen Verdruß, der ihn verzehrte. Er ſchien nicht im geringſten geängſtet durch die dringende Bothſchaft, welche er erhalten hatte: ſein Geſicht hatte weder eine Spur von Beſorgniß noch von Unruhe beybehalten; und in der Nähe Elodiens ſchienen weder ſeine geſchäftigen Sorgen, noch ſeine Sprache oder Liebe, ſchien nichts an ihm verändert. Aber alles hatte ſich für Elodien umgeſtaltet; ihre Trunkenheit war verſchwunden: das Prisma hatte ſeine Farben, der Garten ſeine Wunder verloren, alles um ſie her war wieder entzaubert. Die Abſichten des Für⸗ ſten waren ihr entſchleyert worden; der Zweck des Fe⸗ ſtes und ſeiner Blendwerke waren ihr bekannt. Sie beklagte ſich über ſehr große Müdigkeit; die Tänze und Geſänge hatten keinen Reitz mehr für ſie: kein Ge⸗ mählde entzückte mehr ihre Sinne. Ihr Blick war theil⸗ nahmlos, ihre Stimme traurig und leidend geworden. Sie erwartete mit Ungeduld das Ende der Vergnü⸗ gungen, welche anfingen, ihr unerträglich zu werden: und endlich entfernte ſie ſich, glücklich ſich den Huldi⸗ — 10— gungen entziehen zu können, welche ſie von nun an nicht mehr trunken machen konnten. Gegen die Mitte des folgenden Tages begab ſich die Tochter St. Maur's in den Saal der Abtey: die Gräfinn Imberg wünſchte ſie dort einen Augenblick allein zu ſprechen: Elodie ſah den Zweck der verlangten Unterredung voraus; ſie ahnete neue Nachſtellungen und ſammelte alle Kräfte ihres Geiſtes; ſie ſchickte ſich an, mit Feſtigkeit gegen das Ungewitter zu kämpfen, welches ihr drohte. Die Gräfinn Imberg breitete wie gewöhnlich ihrer Nichte die Arme entgegen, und nachdem ſie dieſelbe hatte zu ſich ſetzen laſſen, ſprach ſie mit dem ſanfteſteg Tone zu ihr: »Von der Vorſehung mit der Sorge beladen, über die Waiſe von Underlach zu wachen, war ich in dieſe Gegend gekommen, um das mir auferlegte Werk zu vollbringen; aber anſtatt einer zu erfüllenden Pflicht war mir hier der reinſte Genuß aufbehalten. Theure Elodie! der Himmel hatte mir ein Kind verſagt; ich fühle im Grunde meines Herzens, daß er heute endlich meine Bitten erhört hat. Ich habe eine Tochter erhal⸗ ten, ich beſitze eine Tochter, und ich will ganz ihre Mutter ſeyn: mein Vermögen iſt beträchtlich, ihr wißt es, und dieß Vermögen ſoll euch gehören. Euch beſtimme ich meine Reichthümer; und ich werde das koſt⸗ barſte Gegengeſchenk erhalten, wenn meine Pflegetoch⸗ ter mir ihr Herz zuwendet.« Gerührt von dieſer Rede tadelte ſich die vertrau⸗ ungsvolle Elodie insgeheim über ihre voreilig gefaßte 6 Meinung gegen diejenige, welche nicht einen Augenblick ihre Liebe und ihren Edelmuth verläugnete; ſie wollte eben ihre Dankbarkeit hervorbrechen laſſen, als ihre Wohlthäterinn noch fortfuhr: »Geliebteſte Tochter, meine Pflicht verbindet mich nun euer Leben zu ſichern, und euren Rang in der Welt zu beſtimmen, ehe meine Laufbahn zu Ende geht. Der Fürſt Palzo bethet euch an: ich will euch nichts mehr von ſeiner hohen Geburt, von ſeinen unermeßli⸗ chen Reichthümern ſagen; der Geiſt meiner Elodie iſt erhabener als die Herrlichkeiten des Lebens. Von der Höhe, auf welche ihre Tugenden ſie geſtellt haben, ſieht ſie auf die eitlen Rieſengeſtalten der Erde wie zu ihren Füßen herab. Deßhalb habe ich nicht die Macht Palzo's, oder den Glanz ſeines Ruhmes, ſondern ſein Herz zu erforſchen geſucht, und ſeine leidenſchaftliche Anhänglichkeit, ſo wie ſeine edlen Geſinnungen waren es, die meine Wahl zu ſeinem Vortheile entſchieden haben. Liebenswürdige Waiſe! ſeine Liebe für eure Reitze geht bis zum Wahnſinne, ſeine Bewunderung eurer Tugenden bis zur Abgötterey. Welcher erhabenen Fürſtinn hat man ſo glänzende Feſte dargebracht? Wel⸗ che Schönheit empfing mehr glänzende Huldigungen? Ach! ohne Zweifel läßt endlich das empfindſame Herz meiner Elodie dem hochherzigen Krieger Gerechtigkeit widerfahren, welcher ſie zu den Stufen des Altars ruft. Der größte Held Lothringen's iſt allein der ſchönſen Jungfrau der Schweiz würdig.« Die Gräfinn Imberg hätte noch länger int gobe. ₰ des Fürſten Palzo fortfahren können. Erweicht durch * — 12— die liebevollen Erklärungen ihrer Pflegemutter, durch⸗ drungen von ihren Wohlthaten, aber verzweifelnd über die Beharrlichkeit in ihren Wünſchen, dachte die Toch⸗ ter Saint-Maur's gar nicht daran, ſie zu unterbrechen. Aus Furcht jedoch, ein allzulanges Schweigen möchte eine ſtille Einwilligung ſcheinen, antwortete ſie endlich? »„O meine Mutter! da ihr mir gütigſt dieſe Benennung zugeſtehen wollt, wie könnte ich euch meine Dankbar⸗ keit, meine Zärtlichkeit ausdrücken! Eure Güte hat alle Hoffn ungen der Waiſe überwogen: nie ſoll ſie aus meinem Gedächtniſſe kommen; aber, ach! werdet ihr mir eine neue Weigerung verzeihen? Das Ver⸗ mögen, welches mir Herſtall hinterlaſſen hat, reicht hin, um mein Leben zu ſichern; ich ſtrebe nach keinem anderen. Die Schätze der Gräfinn Imberg wütden, wenn ich ſie hätte annehmen können, keinen andern Werth gehabt haben, als den, daß ſie die Gabe der Freundſchaft, das Geſchenk einer Mutter wären. Was den Fürſten Palzo betrifft, ſo habe ich, ein noch allzu junges Mädchen, kaum noch Zeit gehabt, ihn kennen zu lernen, und kann ſeine Liebe nicht erwiedern: mein Herz, das ihn nicht zu lieben vermöchte, iſt wenigſtens unfdhig, ihn zu täuſchen; und ich fühle mich nicht einer Verbindung würdig, welche mich allzu ſehr über meine Beſtimmung erheben würde.« Die Gräfinn verbarg ihren Unwillen und Zorn, und ſchien nicht im mindeſten diuch dieſe Antwort be⸗ leidigt:»Liebenswürdige Elodie,« erwiederte ſie,»fern von mir ſey der Gedanke, euren Gefühlen Zwang an⸗ zulegen, und euren Willen zu beſchränken! Nach dem —— — Wunſche, den ihr mir zu erkennen gegeben habt, wat ich entſchloſſen, die vorgeſchlagene Verbindung aufzu⸗ ſchieben und zu warten, bis die Zeit euren Geiſt er⸗ hellt, und die Beharrlichkeit des Fürſten euer Herz er⸗ weicht haben würde. Je mehr ihr Palzo kennen gelernt hättet, deſto mehr würdet ihr ihn geſchätzt, und die Liebe ſelbſt würde eure Verbindung gebothen haben. Aber aller Verzug iſt unmöglich geworden: der Fürſt kann nicht länger im Kloſter verweilen, und es iſt nun Zeit, euch einen Theil ſeiner Geheimniſſe zu enthüllen. Palzo, ein Freund des Königs von Frankreich, und unterſtützt von den nordiſchen Höfen, ſteht an der Spitze eines kriegeriſchen Heeres, iſt bereit in Lothringen ein⸗ zufallen und bahnt ſich eben einen Weg zum Throne⸗ Mit ihm und für ihn kämpft Ludwig XI. Es iſt mir nicht erlaubt, mich weiter über dieſen Gegenſtand zu erklären: wiſſet nur, daß eine wichtige Bothſchaft, die er geſtern Abends während des Feſtes erhielt, ihm Nach⸗ richt gibt, daß der Schleyer, welcher ſeine große Un⸗ ternehmung bedeckt, anfängt von ſeinen Feinden gelüf⸗ tet zu werden; daß die Zeit gekommen iſt, ſeine gro⸗. ßen Plane auszuführen, mit den ſchrecklichen Streichen zu treffen, welche er bereitet hat, und ſich einen Erfolg zu ſichern, der nicht zweifelhaft ſcheint: jeder Aufſchub kann nur noch unheilbringend ſeyn; und die Krone er⸗ wartet den Sieger.« »Der Fürſt hat alſo keinen Augenblick mehr zu verlieren; er muß Helvetien verlaſſen und dahin eilen, wo ihn der Ruhm erwartet; aber eben ſo leidenſchaft⸗ lich in der Liebe, als unerſchrocken im Kampfe, möchte — 14— Palzo, nur geſchmückt mit dem Nahmen eures Gat⸗ ten, ſich auf die Felder des Sieges ſtürzen.« So ſprach ſie: ihre heuchleriſchen Worte und ihre künſtlichen Enthüllungen machten auf die Waiſe eine ganz entgegen geſetzte Wirkung als ſie erwartet hatte. Die Tochter Saint⸗Maur's richtete an ſie dieſe kraft⸗ vollen Worte: Mein Entſchluß iſt eben dadurch befeſtigt worden. Ein rechtnäßiges Diadem hätte meine Blicke nicht blen⸗ den können; ein durch Genalt erlangter Thron würde meinen Abſcheu erregen. Die finſtere Bahn der Ver⸗ ſchwörung iſt nicht der Weg zum Ruhme, und nie wird ein Haupt von Rebellen der Gatte Elodien's ſeyn.« Bey dieſen mit eben ſo viel Würde als Zuverſicht geſprochenen Worten geboth noch die aufgebrachte Grd⸗ finn ihrem Zorne. Ihre Stirn war nur ernſt und feyerlich. „Alternloſes Maädchen,« ſprach ſie,»die Beſchlüſſe eines Kindes ſind keine Hinderniſſe für eine Mutter. Weil weder die Worte der Sanftmuth, noch der Liebe einige Gewalt über eure Geſinnungen übten; weil we⸗ der die Macht der Wohlthaten, noch die Bitten der Liebe eure Weigerung wankend machen können; ſo bin ich den Manen Herſtall's, ſo bin ich meiner perſönlichen Würde, dem Himmel ſelbſt, der euch meiner Sorge anvertraut hat, den unerſchütterlichen Ausſpruch ſchul⸗ dig, den ich eben bekannt machen will: Bevor die Mor⸗ genröthe drey Mahl den Horizont erleuchtet, wird der Fürſt Palzo euer Gatte ſeyn l« Bey dieſen Worten ſtand die Gräfinn auf, ohne eine Antwort abzuwarten, warf einen Blick des Un⸗ willens und der Verachtung auf die Waiſe, und be— gab ſich in ihre Zimmer. Schon wurden die Befehle der Gräfinn vollzogen: die Vermählung Elodien's mit Palzo wurde feyerlich be⸗ kannt gemacht, koſtbare Behänge verdeckten die Mauern der alterthümlichen Capellez der mit zahlreichen Opfer⸗ gaben bedeckte Altar wurde mit prächtigen Leuchtern geſchmückt. Reiche Teppiche zierten das innere Heilig⸗ thum: von allen Seiten beſchleunigte man die Vorbe⸗ reitungen zur hochzeitlichen Feyer. Der Ausſpruch der Gräfinn war unwiderruflich, und das Schickſal der Waiſe ohne Rettung beſtimmt. Der verhängnißvolle Augenblick rückte heran: nur ein Mittel gab es, die Gräfinn zu lenken. In der Macht der Tyrannen, welche ſie beobachteten, ſah die unglückliche Gefangene die Stunden mit Schrecken ſchwinden. Ihr Entſchluß war gefaßt! Verzweiflung herrſchte in ihrer Seele: ſie wollte die Leuchte des Thurmes anzünden. Wer könnte ihr helfen, wenn nicht der Mann der Wunder! wer ſie retten, wenn nicht der Einſame!„. 6 Mit ihrem ſternenbeſäeten Mantel deckte die Nacht das Himmelsgewölbe. Die Bergbewohner, wel⸗ che in der Capelle mit den Zurüſtungen für die verhäßte Verbindung beſchäftigt waren, hatten lange ſchon ihre Arbeit verlaſſen. Morpheus hatte ſeinen Mohn über das Kloſter geſtreut; da ging die Jungfrau leichten Schrittes über den langen Corridor der Abtey, und wendete ſich, mit einer Lampe in der Hand, nach der 6 Treppe des großen Thurmes. Schon ſtieg ſie ihre Stu⸗ fen hinauf, als ein dumpfes Geräuſch plötzlich ſie auf⸗ hielt. Mehrere Krieger kamen von der Höhe des feſten Thurmes herab: ſie ertheilten die Befehle ihres Herrn an mehrere Gebirgsbewohner, die geheimen Bothen der Rebellen. Elodie befand ſich ihnen im Wege. Eine niedere Thür, welche auf die Treppe ging, zeigte ſich ihrem Blicke; ſie öffnete dieſelbe, und flüchtete ſich in eine enge, dunkle Gallerie, welche mit dem entgegen⸗ geſetzten Thurme in Verbindung ſtand. 4 Die Krieger gingen ſchnellen Schrittes he bn ſie ſprachen leiſe zu den Bergbewohnern, und waren ſelbſt. als ſolche verkleidet.»Ja,« ſagte einer der Füh⸗ rer,»mit Anbruch des Tages ſollen ſie ſich auf dem“ Schreckensfelſen verſammeln!«. 21.— Auf dem Schreckensfelſenke. ni derholte ein Bergbewohner mit Schauder.—»Soll⸗ ten eure Tapfern,« unterbrach ihn der Führer mit Verach⸗ tung, Furcht haben vor der blutenden S chreck⸗ geſtalt?. Dann müßten ſie ſich aus unſern Rei⸗ hen entfernen, der Fürſt bedarf keiner Soldaten, wel⸗ che ein Schatten in Furcht ſetzen kann.« Aber die blutende Schreckgeſtalt!a... vEs iſt genug. Keine Worte mehr. Der Fürſt hät dieſen Ort zur Verſammlung beſtimmt. Er befiehlt... ihr gehorcht!« Der Bergbewohner murmelte noch fort... aber die Stimmen verloren ſich in der Ferne; die Krieger waren nun am Fuße des Thurmes, die Waiſe hörte nicht mehr das Gerauſch ihrer Schritte: haſtig trat — 37— ſie aus ihrem finſtern Hinterhalte, und ſetzte ihren Weg ungehindert fort. »Warum nun dieſe neue Verſammlung der Re⸗ bellen?« ſprach Elodie bey ſich; viſt das Ungewitter auf dem Puncte, ſich zu entladen?.. Aber erſt über⸗ morgen will Palzo mich zum Altare ſchleppen! Ach, gewiß hat er mich als erſtes Opfer gewählt; und die Trauerfackel meiner Hochzeit ſoll vor jener des blutigen Krieges ſich entzünden. Ich muß eilen; die Leuchte ſoll brennen.« Eine neue Hero ſtieg ſie auf die Zinne des Thur⸗ mes, und allein hier am Fuße der Leuchte rief ſie einen zweyten Leander. Schon durchdrang die Helle ihres Feuers weithin die Dunkelheit der Nacht. Der Him⸗ mel war rein, das Wetter ruhig, die Sterne flimmer⸗ ten am Firmamente, und nur leichte Zephyre beweg⸗ ten den Schleyer Elodien's. Auf dem rettenden Thur⸗ me fil die Jungfrau auf ihre Knie, und das Auge auf die Gebirge des Murten-Sees gerichtet, rief ſie mit klagender Stimme:»Einſamer! Elodie ruft dich.« Und gewöhnt an die Wunder des Mannes vom wilden Berge überredete ſie ſich, er habe ſie hören können; ſie horchte, ob nicht die Seufzer eines nächt⸗ lichen Hauches ihr Antwort brächten. Gleich einem glücklichen Schatten blieb Elodie ſo hingeſunken, einen Augenblick unbeweglich; ihr vom Lichte übergoſſenes Gewand lieh ihrer Geſtalt ätheriſche Formen. Wie ein nächtlicher Stern erſchien ſie auf dem Thurme, unbekannt und ſchweigend: oder viel⸗ mehr, weiß, in ſchwärmeriſcher Stellung, und von der brennenden Leuchte beſchienen, ſtand ſie da, gleich der flüchtigen und phantaſtiſchen Hoffnung, ein blaſſes Nebelbild, aus dem ein Strahl des Himmels entfuhr. Des Erebus Geliebte, die Mutter der Träume, hatte die Hälfte des nächtlichen Laufes vollendet, als Elodie die Zinne des Thurmes verließ, und in ihre Zelle leiſe und ungehindert herabſtieg. Sie verſuchte, ſich der Ruhe zu überlaſſen; vergebliche Bemühung! der Schlaf floh ihre Augenlieder; und auf ihrem bren⸗ nenden Lager verbreiteten ſich um ſie Schmerz, Unruhe, Furcht und Schlafloſigkeit. Kaum hatte die Morgendämmerung den Horizont verſilbert, ſo konnte die Waiſe, obgleich von Mattig⸗ kleit niedergedrückt, nicht mehr ihren aufgeregten Sin⸗ nen gebiethen; ſie ſtand auf: Gebeth iſt die einzige Zuflucht des Unglücks. Noch ehe Aurora die Bewohner des Schloſſes erweckt hatte, begab ſich Elodie nach der Capelle; welches auch ihre Leiden ſeyn mochten, hier kam immer Troſt in ihr Herz. Als ein heilender Bal⸗ ſam für die Wunden der Seele iſt das Gebeth der ge⸗ heiligte Faden, welcher die Erde mit dem Himmel ver⸗ bindet: durch das Gebeth kann aus den Wohnungen der Unſterblichen der göttliche Hauch des Unerforſch⸗ lichen auf die Menſchen ſich herablaſſen. Fünf Mahl hatte die Uhr an die hohe Glocke der Abtey nach der Stunde der Mitternacht geſchlagen, ſeit Elodie die Leuchte des Thurmes verlaſſen hatte. Von den Stufen des Altars wandte ſie ſich nach der ſchwei⸗ genden Gruft, wo die ſterbliche Hülle ihrer Mutter ruhte. Trauerlampen brannten hier Tag und Nacht, und nur ihr bleiches Licht erhellte das düſtere Monu⸗ ment. Geſtützt auf die Grabesurne erhob ſich die Jung⸗ frau im Geiſte zu dem himmliſchen Aufenthalte, von wo aus ihre Mutter gewiß ſie in dieſem Augenit betrachtete: da erregte ein leiſes Geräuſch ihre Auf⸗ merkſamkeit. Im Hintetgrunde der Gruft öffnete ſich eine unterirdiſche Thür, welche bis jetzt der Waiſe un⸗ bekannt geweſen war, und der Mann vom wilden. Berge erſchien vor ihrem Blicke. Er war vollſtändig gewapnet. Ein vergoldeter Helm, den ſchwarze Federn umſchatteten, bedeckte ſeine kriegeriſche Stirn, welche ſonſt gewiß des Lor⸗ bers gewohnt war. Ein Schwert blitzte in ſeiner Hand; ein Panzerhemd umſchlang ſeinen ſtarken Leib; ein ſchwarzes Wehrgehange diente ihm anſtatt der Schärpe: wie Pyrrhus am Grabeshügel des Achilles, wie Oreſtes im Pallaſte des Aegiſthus, wie Arſaces am Grabe des 3 Ninus, ſchien er ein ſchrecklicher Kämpfer zur Rache 4 gerufen. Die Tochter Saint-Maur's konnte nicht einen Schrey der übert aſchung und Freude zurückhalten.— »Seyd ihr da kK ſprach ſie, und ſprang voll Entzücken gegen ihn vor. vAch! der Himmel beſchützt Elodien, ſchon iſt mein Gebeth erhört.« Drauf ſchlug ſie, ver⸗ wiert durch dieſe ſchnelle Regung die Augen nieder und erröthete. »Elodie ruft mich,« antwortete der Einſame; vwelche Befehle hat ſie mir zu geben?6 Seine Haltung war ernſt und ſtreng, ſein Ton dumpf, ſein Blick düſter, ſeine Sprache kalt. Die ein⸗ geſchüchterte Jungfrau betrachtete ihn mit Erſtaunen. Welche Veränderung auf ſeinen durch Leiden angegriffe⸗ nen Zügen! düſter und niedergeſchlagen ſchien der Ein⸗ ſame das Leben wie eine Bürde zu tragen, deren er ſich, er fühlte es mit Wuth, nur durch eine gewalt⸗ ſame That, durch einen verzweifelten Entſchluß würde entledigen können. Seine Worte waren kurz, ſein Ge— ſicht bleich und wild; ſeine Geſichtsbildung hatte völlig den Ausdruck der Irre; aber doch drang in der Nähe Elodien's etwas Mildes, Ergebenes durch die drohende Hülle, welche ihn umſchloß. »Welche Befehle ich euch zu geben habe?« wieder⸗ holte Elodie mit dem ſanfteſten Tone.»Hale ich das Recht, euch Befehle zu geben 26 »Redet,« antwortete der Mann vom wilden Ber⸗ ge;»möget ihr nun das Recht haben, mir zu befehlen, oder nicht, ich bin bereit euch zu gehorchen: für euch habe ich dieſe kriegeriſchen Waffen wieder ergriffen, und ich hatte geſchworen, mich nie mehr damit zu be⸗ decken, für euch habe ich wieder dieſes Schwert aus der Scheide gezogen, das ich auf immer mit Abſcheu von mir geworfen hatte, und für euch nur fühle ich noch dieß Herz ſchlagen, das ich mir vorgeſetzt hatte, unempfindlich und eiſig kalt zu machen.« Indem der Einſame dieſe Worte ſprach, hatte ſeine Stimme allmählig an ihrer Rauhheit verloren. »Elodie,« fuhr er fort,»antwortet mir, warum habt ihr mich zu euch gerufen«—»Dieſe Capelle,« ſprach die Waiſe, viſt für die Vermählung Elodien's mit Palzo geſchmückt, und ihr fragt mich, warum ich euch rufe s Auf dieſe Antwort ſchwang der leidenſchaftliche Krieger ſein Schwert mit Ungeſtüm; ſeine unbezähm⸗ bare Aufwallung ſiegte über ſeine Vernunft: drohende Blitze durchzückten ſein Geſicht; wüthend und wie im Wahnſinne rief er:— MNochmahls Blut denn; noch nicht genug hat dieſes Schwert vergoſſen!. Füh⸗ ret mich zu Palzo.« „Großer Gott,« ſprach die Jungfrau erſchreckt, »was wollt ihr thun!« Zitternd und mit Thränen ſuchte ſie ihn zurückzuhalten, ſie ergriff ſeine Hand und drückte ſie zwiſchen den ihrigen. Der unbegreifliche Mann zitterte. Der Zauber dieſer Berührung hatte ſein ganzes Weſen verändert, unwillkürlich führte er die theure Hand, welche er hielt, an ſeine Lippen; das Feuer, das durch ſeine Adern floß, war nicht mehr das der Wuth: der Löwe aus der Wüſte hatte ſeine Wildheit verloren. »Verzeihet,« fuhr er mit Ruhe fort,»bey dem Nahmen Palzo's, bey dem Nahmen des Vermeſſenen, der es wagt, nach eurer Hand zu ſtreben, trübte mei⸗ nen Geiſt eine Regung des Unwillens, des Zorns und Ingrimms, die ich nicht zu unterdrücken vermochte. Zerſtreut eure Beforgniſſe, der Treuloſe ſoll geſtürzt werden, aber er ſoll nicht unter meinen Streichen fal⸗ len: der Verräther wird ſterben, aber der Anblick ſei⸗ ner Todesſtrafe ſoll nicht euch dargebothen werden. »Theure Elodie,« fuhr er fort, vnoch eh das helle Feuer des Leuchtthurms meine Hülfe angefleht hatte, war von mir ſchon alles vorbereitet, um euch der Ge⸗ walt eurer Tyrannen zu entziehen: ich wachte über euer „ Schickſal, denn ich hatte den Schlag voraus geſehen, der euch drohte: Palzo wird nicht euer Gemahl werden l« »Und wer wird denn die Fackeln Hymen's verls⸗ ſchen k« erwiederte die Tochter Saint⸗Maur's.— Ich.« —»Ihr! o ich bitte euch, wagt nicht euer Leben 1— »Kein Blut wird fließen: ich werde das Gebirge nicht verlaſſen.«—»Und wer wird denn kommen, mich zu retten 70—„Die Abgeſandten des Einſamen.«— »Und ihr verſprecht mir,« wiederholte lebhaft Elodie, vihr ſchwört mir, euer Leben nicht der Gefahr auszu⸗ ſetzen 76 Bey dem ſanften Tone der Waiſe, bey der leb⸗ haften Theilnahme, die ſie ihm zeigte, bey ihrer zar⸗ ten Bitte ſuchte der Einſame ſehr gerührt ſeine Be⸗ wegung zu verbergen: kaum wagte er, ſie anzublicken und ſprach haſtig: »Durch einen unterirdiſchen Gang, der bloß mir bekannt war, konnte ich mich geheim durch dieſe ſtille Gruft ſicher in's Kloſter bringen. Bewaffnet, aus Furcht bemerkt oder überraſcht zu werden, hatte ich die Hoffnung, ungehindert bis zu euch zu kommen: ein 3 geheimes Vorgefühl hatte mir es verkündet. überzeugt von eurer Unruhe, kam ich ſie zu zerſtreuen: noch ein⸗ mahl, fürchtet nicht dieſe Vermählung, die nie voll⸗ zogen werden wird. Ich habe mein Verſprechen gehal⸗ te Ihr habt meine Hülfe angerufen, es ſoll euch geholfen werden; ihr habt auf meine Ergeben⸗ heit gerechnet, ihr ſollt gerettet werden.« So hatte er geſprochen, und war eben im Be⸗ ——— — 23— griffe, durch die geheime Thür der Gruft wieder zu ver⸗ ſchwinden; da rief Elodie:»Haltet! wie! ſchon... Der Einſame kam zu ihr zurück.—»Sonſt habt ihr mich zurück geſtoßen, warum wollt ihr mich heute halten?..0O ihr, deren Andenken und Bild ich überall in mir trage, wie der ſtarke Wind Gewölk und Ungewitter führt: werdet ihr nie Mitleid mit mir haben 76 Nicht mehr hatte er die Kraft ſich zu zähmen, mit Ungeſtüm fiel er zu ihren Füßen.—»Was hab' ich geſagt! du mich beklagen!... Nein, du haſt Recht, ich bin deines Mitleids nicht werth; verſchließe dein Ohr meinem Seufzen; ich bin ein Unſinniger, ich bethe dich an, ach! und meine Liebe iſt die einzige Tugend, die ich aus meinem Schiffbruche gerettet habe. Du Engel an Schönheit! indem deine Hand die mei⸗ nige drückte, hat ſie von ihr die Flecken verwiſcht!... Deine Gegenwart ſcheint die Luft zu reinigen, welche ich athme, aber dein Blick, kann er mich von Schuld befreyen!. Ich Unglücklicher! fern von dir, wie ausgeſtrichen aus dem Lebensbuche, irre ich nur im Schooße der Finſterniſſe umher, und flehe nur um Vernichtung.. Elodie, du weinſt! Ach, ich ſehe es! meine Leiden rühren dich Mein unbegreifliches Schickſal erweckt deine Theilnahme.. »Du wirſt mich nicht mehr zurückſtoßen.. Vollende alſo dein Werk, dein Herz ſpreche mich frey! und der Himmel wird mir verzeihen. Liebe mich, und ich werde gerettet ſeyn.«—»Ihr werdet es ſeyn«. antwor⸗ tete Elodie, erweicht und überwunden.—„Wohlan,s 6 unterbrach ſiu Mann vom wilden Berge mit Leiden⸗ ſchaft:»Wohlan denn, ſo ſchwöre hier, niemahls einem anderen zu gehören als mir!«— Auf dieſem Gra⸗ — ſprach die Waiſe, und wich erſchreckt zu⸗ rück.—„Was hindert dich l« antwortete der Einſame mit Heftigkeit:»der Tod iſt eben ſo geheiligt als das Leben, und ich bin der Mann der Gräber 4 Die Jungfrau wich der unwiderſtehlichen Geiſtes⸗ übermacht des Kriegers: wie über einen hochzeitlichen Altar erhob ſie die Hand über den Aſchenkrug; und unter dem Grabgewölbe bey m Scheine der Trauer⸗ lampen, ſprach ſie mir fe cher Stimme den Eid: »Ich ſchwöre, nie einem anderen als ihm zu gehören.« »Und ich,« rief der Einſame, vich werde keine andere Gattinn haben als Elodie. Ja, Elodie oder den Tod! den Himmel oder die Hölle le In dieſem Augenblicke ließ die große Glocke der Abtey ihren Trauerton hören, wie ein Todtengelaͤute für die letzten Seufzer. Die erſchreckte Elodie fühlte ihr Blut in den Adern erſtarren, ein kalter Schweiß benetzte ihre Stirn: ſie ließ ihren Kopf auf die Schul⸗ ter des Einſamen ſinken. »Großer Gott lK ſprach Beſtürzung, was iſt das für eine ſchreckende Stilhme? was hat ſie aus⸗ geſprochen? iſt das der Hochzeitsſegen 4 Die langtönenden Glockenſchläge ließen ſich aups neue hören, die Waiſe kam wieder zu ſich. Es war die Stunde des Frühgebeths, und an jedem Morgen nach Anbruch des Tages weckten die Töne das Thal. „i „—„„„— —— —. n⸗»Wir müſſen uns trennen,« ſprach Elodie. m Sie warf noch einen Blick der Liebe, der Trauer a⸗ und des Schmerzes auf den Einſamen, trat aus der u Gruft, verſchloß die unterirdiſche Thür und eernte ne ſich aus der Capelle. as 8⸗ 8 Ne un t B r⸗ De erſte Strahl Aurora's hatte kaum den Himmel d: ecrhellt, als der Fürſt Palzo ſich mit einer zahlreichen «„ Bedeckung nach dem Schreckensfelſen begab, wo ſich ne die Empörten verſammeln ſollten. Auf ſeinem ſorgen⸗ en vollen Geſichte mahlte ſich Unruhe, ſeine Worte waren rauh, ſein Blick unſtär. Der entſcheidende Tag nahte, er und welche Feſtigkeit auch immer das Haupt einer Ver⸗ te ſchwörung entfalte, oft iſt doch für dasſelbe jenes ſtille te Rachdenken, welches den Schreckniſſen des Sturmes ß vorher geht, in gewiſſer Rückſicht dem Todeskampfe „ähnlich, welcher die letzte Stunde begleitet. Der Fürſt hielt am Fuße des Schreckensfelſens: 3 ſeine Stirne hatte ihre ruhige Zuverſicht und ihren ge⸗ biethenden Ernſt wieder erlangt. Als gewandter Staats⸗ mann wußte er ſich zu beherrſchen, und mit der Farbe der Kühnheit bedeckte er das geheime Bangen, welches ihn verzehrte. Mehrere Hauptleute der Banden erwar⸗ teten ihn aber ſo wie ihre Abgeſandten nach der Abtey es vorahs ſahen, hatten die bewaffneten Bergbewoh⸗ ner, welche Palzo auf dieſen abgelegenen Bergflächen Der Einſame.. 2 — 6 — ſollte, es verweigert, ſich auf den Schreckens⸗ fels zu begeben. ih Die abergläubiſchen Bewohner dieſer Gegend wür⸗ den ſich mit Unerſchrockenheit zum gewiſſeſten Tode auf be die Mordgefilde geſtürzt haben, und doch wagten ſie he nicht, ſich dem Felſen zu nahen, auf deſſen Gipfel das at blutende Phantom erſchien; ihre unbezwungene, be wilde Tapferkeit erſchrack vor keiner wirklichen Gefahr, Z und ſchwand vor einer übernatürlichen Erſcheinung.* Der Unwille des Fürſten war außerordentlich: je⸗ di der Verzug konnte Unglück bringen; dennoch verbarg AL er ſeine Unruhe, und indem er die Vornehmſten unter ſi den Verſchwornen um ſich verſammelte, zeigte er ihnen 9 ein neues Schreiben der franzöſiſchen Miniſter, welche ihm alle Verſprechungen Ludwig's des Xl. wiederholten. Er kündigte ihnen außerdem noch an, daß ein Theil der Lothringiſchen Truppen nur ein Zeichen von ihm 5 erwarte, um ſich gegen René zu empören, ſich unter e ſeine Fahnen zu reihen, und ihm die Thore von R i zu öffnen. w Nach dem Plane der Verſchworenen ſollte das g ganze ſüdliche Lothringen von Epinal an eine abge⸗ in ſonderte Provinz bilden, deren Gränze ſich bis zum Murtner⸗Cantone erſtrecken, und deren unumſchränkte Herrſchaft dem Fürſten Palzo überlaſſen werden ſollte. te — Nancy, Lüneville, Metz, Bar und der übrige Theil d der Staaten René's hingegen ſollten Frankreich ein⸗ ſt verleibt werden. Sobald die Fahne der Empörung ſi ſich F wen würde, ſollte das Heer Ludwig's des X„ 2—— Palzo entgegen rücken, und von Epinal aus ſollten ihre vereinigten Truppen gegen Nancy vordringen. Nach einer viel verſprechenden Rede des Fürſten bemächtigte ſich neue Begeiſterung aller Empörungs⸗ häupter. Der Schwur der Treue wurde von ihnen auf's Neue mit Begeiſterung geleiſtet: Palzo lächelte bey ihren lärmenden Ausrufungen, und gab ihnen den Befehl, in drey Tagen um Mitternacht alle ihre bewaff⸗ neten Krieger auf derſelben Fläche zu verſammeln, wo, die Schweizer ſchon über die Burgunder geſiegt hatten⸗ Von dieſem allgemeinen Verſammlungsorte aus ſollten 7 ſie ſich ſogleich gegen Epinal wenden, wohin die lothrin⸗⸗ giſchen und franzöſiſchen Truppen kommen würden, um ſich mit ihnen zu vereinigen. Als der Plan der Verſchwörung beſtimmt feſtgeß ſetzt war, trennten ſich die Anführer: ſchon lange hatt ſich Aurora düſter und umſchleyert über die Gebirge ge⸗ hoben, der Himmel war mit Wolken bedeckt: der Fürſt ſchlug wieder den Weg nach der Abtey ein. Mitten im Walde hielt er ſein Roß an, vertraute mehrere wichtige geheime Bothſchaften den verſchiedenen Krie⸗ gern, welche ihn begleiteten, und ritt allein wieder in's Thal herab. Vertieft in düſtere Gedanken ließ Palzo die Zügel ſeines Roſſes hängen, welches, bald ſich vom gebahn⸗ ten Wege verirrend, dem Zufalle überlaſſen, ihn quer durch Tannen und Felſen trug. Plötzlich aber blieb es ſtehen, und dieſes Unterbrechen der Bewegung rief den Fürſten zu ſich ſelbſt zurück. Er bemerkte, daß h S. verirrt hatte, eine tiefe Schlucht lag vor ihm; vh ℳ — X —— —— an Gefahr zu denken ſpornte er heftig die Seiten ſei⸗ nes Roſſes: das wilde Thier ſetzte nach dem entgegen⸗ geſetzten Rande, aber einer ſeiner Hinterfüße hatte ſich in eine Baumwurzel verhängt, und Palzo ſtürzte zurück in die Tiefe des breiten Grabens. Verwundet erhob er ſich; ſeine Kleider waren zer⸗ riſſen, aber ſeine Beſchädigungen waren leicht. Er hing ſich an Geſträuche und Felſen, und ſo gelang es ihm mit Anſtrengung, aus der Schlucht zu kommen: ver⸗ geblich bemühte er ſich, auch ſein Pferd wieder heraus zu ziehen, er ſah ſich genöthiget es zu verlaſſen, und . langſam ſchleppte er ſich zu Fuße nach der Gegend des Kloſters hin. Zerſchlagen und blutend ſuchte er den Weg wieder zu finden, auf's Gerathewohl irrte er tief im Walde umher, erſchöpft vor Müdigkeit hielt er am Rande eines breiten Abgrundes, der ihm den Weg verſchloß, und in deſſen Tiefe er den Waldſtrom brauſen hörte. Der Fürſt ſetzte ſich einen Augenblick, um wieder Kraft zu gewinnen, auf den ſteilen Felſen, von dem aus ſein Auge die Tiefe des Abgrundes zu meſſen ſuchte; aber dichte Finſterniß verbarg ihm dieſelbe; er hörte nur die Gewäſſer, welche unter Felſen hervor ſprudelten, und ſich brauſend in ausgehöhlte Wölbungen ſtürzten. Da erhob ſich bis zu ihm eine menſchliche Stimme aus der finſtern Mitte dieſes weiten Schlundes: ein Höl⸗ lengeſang ertönte aus dem Innern der Erde. Sollten dieß die Weisſagungen des Abgrundes, ſollten dieß die Töne des Fürſten der Untert ſeyn? Va un; terſchied dieſe Worte: ——„(—+„)—, „%—, — Gmpörer, Verhaßter! Deine Stunde hat geſchlagen, Dein ſchwarzer Plan iſt entdeckt, Verhaßt der Erde und dem Himmel, Gehſt du, Palzo, deinem Verderben entgegen. Gegen dich, Palzo, ſteigt dieſe Stimme Aus finſterm Abgrund. Du ſchmückeſt den Hochzeitaltar? Weißt du nicht, daß oft ſchon der Himmel Die unſchuld beſchützte? Was erleuchteten deinem Opfer Hymen's Entzündete Fackeln? Einen finſtern Abgrund. Deine Stunde hat geſchlagen. bereue! Zum Himmel erhebe dein Gebeth! An deinem Halſe ſeh' ich des Todes blutige Sichel: Dein Urtheil ſprach der Ewige; es verkündet dir's Der finſtere Abgrund. Der Fürſt blieb ſtarr vor Schrecken; ein Zittern durch den ganzen Körper ergriff ihn, ſein verwirrter Blick heftete ſich auf den ſchrecklichen Abgrund, ob vielleicht aus demſelben ſich eben eine drohende Geiſter⸗ geſtalt erheben würde: ſein Geſicht verzog ſich, ſein Blut erſtarrte, ſeine Zähne klapperten, ſeine Haare ſtanden zu Berg, von ſeiner Stirn floß ein kalter Schweiß. Ein rauher Schrey entfuhr ſeiner Bruſt; die Todtenfarbe ſeiner Züge trug das Gepräge des Wahnſinnes. Düſteres Schweigen folgte wieder dem Trauer⸗ geſange des Abgrunds; taumelnd und betit ehet —— —— ——— — ab; ſeine Wunden waren leicht; er verbarg ſie bis auf die kleinſten Spuren, und begab ſich mit i3 hei⸗ 3 ſich Palzo; er floh den Rand des ſchrecklichen atgrund, wo ſein Urtheil eben geſprochen worden war: außer ſich ſelbſt erkletterte er die gefährlichſten Felſen, durchbrach die dickſten Gebüſche, ſetzte über die breiteſten Schli ch⸗ ten und befand ſich endlich im Thale. Die friſche Morgenluft belebte hier wieder ſin Sinne, ſchlug ſeinen verwirrten Geiſt nieder, und er⸗ neuerte den Umlauf ſeines Blutes. Er athmete endlich wieder freyer, aber ſeine Augen waren verſtört, ſein Kopf brennend, und ſeine zitternden Knie trugen ihn kaum. Nach ſeiner Rückkehr in's Kloſter vergrub ſich der und nur nach und nach verminderte ſich in ſeinen Ge— danken der ſchreckliche Eindruck des Höllengeſanges. Fürſt in ſeine Zimmer, entzog ſich den Blicken u 3 3 Tiefe des Schlundes führte, konnte einen Unbekannten verbergen... ahber dieſer Unbekannte konnte gegen ihn nur feindlich geſinnt ſeyn; und das Ereigniß, über⸗ natürlich oder nicht, war auf jeden Fall eine traurige Vorbedeutung.. Der Fürſt legte ſeine mit Blut befleckten Kleider terer Stirn zur Gräfinn Imberg. Vielleicht waren die aus dem Abgrunde hervorgegange⸗ nen Töne keine übernatürlichen; irgend ein verborge ner, in den Felſen gehauener Pfad, der bis in die Reiche Hochzeitsgeſchenke, welche paʒc mit un geduld von Nancy erwartet hatte, waren angekommen, und eben im großen Saale der Abtey ausgebreitet wors —,„——,— ———„+—— — den. Die prächtigſten Gaben des Reichthums, die reich⸗ ſten Erzeugniſſe der Kunſt waren prunkvoll pon der Gräfinn vor den Augen der Waiſe ausgebreitet wor⸗ den: aber die Tochter Saint⸗Maur's ließ nachläſſig ihre Blicke hinſchweifen über den blendenden Schmuck und die koſtbaren Steine, welche ihr dargereicht wur⸗ den. Nichts ſetzte ſie in Erſtaunen, nichts entzückte ſie; und wie eine bloße Zuſchauerinn eines Feſtes, wie die gaſtlich Geladene zu einer fremden Hochzeit, beſah ſie mit der Neugierde der Theilnahmloſigkeit die Pracht⸗ geſchenke, welche ihr die Liebe both. Die Gräfinn betrachtete Elodien; die eiſige Kälte ihrer Antworten, ihre zerſtreuten Blicke, ihr faſt ſpöt⸗ tiſches Lächeln, ihre verachtende Ruhe hatten alle Ge⸗ danken der Gräſinn verwirrt. Keine Beſtürzung, keine Unruhe bewegten die Waiſe; unempfänglich und ſchwei⸗ gend zeigte ſie weder Erſtaunen, noch Frohſinn, noch Traurigkeit, und ungeachtet ihrer tiefen Kenntniß des menſchlichen Herzens konnte die Gräfinn nichts von dem fremdartigen Betragen ihrer Nichte begreifen, konnte ſie weder von ihren unbekaunten Gefühlen, noch von ihren geheimen Gedanken etwas enthüllen. Der Tag verfloß ohne irgend einen bemerkens⸗ werthen Vorfall. Wie oft waren die Augen der Waiſe auf die Murtner Gebirge gerichter!. Wie oft hatten ſie auf der Straße nach der Abtey die Abge⸗ ſandten des Einſamen geſucht! Die verheißene Hülfe kam nicht, und doch ſollte der folgende Tag Hymen's Fackel entzünden. kacht bedeckte den Erdkreis. Der Fürſt Palzo 5— 32— ſchien auf dem Gipfel des Glückes zu ſchweben: end⸗ lich ſollten ſeine Wünſche erfüllt werden; mit welcher 3 Ungeduld erwartete er den neuen Morgen!„ Die Ruhe der Waiſe ſchien ihm ein günſtiges Zeichen, und ohne die Prophezeihung des Abgrundes würde ſein von Hoffnung und Freude trunkenes Herz ſich nur den Em⸗ pfindungen der Liebe überlaſſen haben. Die vertrauungsvolle Elodie konnte gegen die Verſprechungen des Mannes vom wilden Berge keine Zweifel hegen, ſie war daher in ihrer friedlich ſtillen Wohnung feſt entſchlafen, und erwachte erſt beym ſchrey! ſie ſprang ans Fenſter.. Was bemerkte ſie wehte auf der Spitze der Thürme. Die ausgeſtellten gefangen worden; ohne Kampf hatten ſich die Truppen René's aller Poſten, aller Ausgänge des Kloſters be⸗ mächtigt, und wie eine durch überfall eingenommene kriegeriſche Feſte war das Kloſter in die Hände eines neuen Herrn gekommen. Beſtürzt und außer Faſſung gebracht erſchien die Gräfinn Imberg vor der Waiſe; Verzweiflung herrſchte in ihrer Seele; Schrecken ſtand auf ihrer Stirne, und die Beſchützerinn war es jetzt, die zu ihrem Schützling flehte. Im Nahmen des Herzogs von Lothringen war Palzo als ein des Hochverraths Schuldiger gefangen — früheſten Strahlen der Sonne. Welch Geräuſch ſchlug an ihr Ohr! welcher Lärm! welch ein verwirrtes Ge⸗ da! Das Kloſter war ringsum von zahlreichen Trup⸗ pen umgeben: die Fahne des Herzogs von Lothringen genommen worden; ſeine Hände wurden mit Ketten Wachen, unvermuthet angegriffen, waren entwaffnet und ———— ₰ ——-—.— 0 — 33— beladen, er ſelbſt wurde auf Befehl des Anführers der Krieger René's, und dieſer Anführer war der Graf von Norindall, in die Gefängniſſe der Abtey geworfen. Die Freundinn, die Vertraute des Fürſten Palzo, war ohne Zweifel in die entdeckte Verſchwörung ver⸗ wickelt: vielleicht ſollte auch ſie als Mitſchuldige feſt⸗ gehalten werden! Die Gräfinn wußte von der Liebe Ecbert's zu Elodien: dieſe Liebe konnte ſie von dem drohenden Unglücke retten; ſie flüchtete ſich zu der Jungfrau. Gerührt von der Verzweiflung der Gräfinn ver⸗ gaß die empfindſame Elodie ihre Verfolgungen und ihre Grauſamkeit, und dachte nur daran, ihre Beſtürzung zu zerſtreuen. Mit dem Tone der Reue und der Zärt⸗ lichkeit ſprach die ränkevolle Freundinn Palzo's:— „Der Treuloſe, wie er mich betrogen hat!. Ich war im Begriff, ihm meine Tochter zu opfern! ich war im Begriff, meine Elodie mit einem Haupte von Empörern zu verbinden!.. Verwickelt in die ent⸗ ſetzlichſte Verſchwörung werde ich vielleicht umkommen; meine Leichtgläubigkeit verdient eine ſchreckliche Züch⸗ tigung. Ich muß ſchuldig erſcheinen; aber, geliebteſte Tochter! ich mache mir nur darüber Vorwürfe, euer Herz haben zwingen zu wollen; einen Tag noch, und ihr waret ein Opfer meiner Tyranney!.. O, mag René mich in den tiefſten Kerker verſenken, mag die ganze Erde mich verdammen: aber nur Elodie ver⸗ zeihe mir, und ohne Klagen will ich mein Sc erdulden.« X Ihr Ton ſchien der der Wahrheit; die uſ leichtgldubig; die Tochter St. Maur's beruhigte ihre Beſchützerinn, und ging eiligſt zum Grafen von No— rindall herab. Ecbert erwartete Elodien: ungeachtet ſeiner An⸗ ſtrengungen ſich zu überwinden, ungeachtet des innern Kampfes ſeine Gefühle zu verbergen, wurde der edle Graf von Norindall, den tauſend Erinnerungen beſtürm⸗ ten, beſtürzt beym Anblicke der Waiſe. Er ſetzte ihr den Zweck ſeiner Sendung auseinander, er enthüllte ihr die ungeheure Verſchwörung, von welcher die un⸗ trüglichſten Beweiſe den Händen des Herzogs von Lothringen übergeben worden waren, und ſchloß end⸗ lich mit folgenden Worten:»Der Fürſt Palzo, als Haupt der Verſchworenen, iſt mit Ketten beladen. Der hohe Rath der Schweiz hat die Verhaftung des⸗ ſelben in dieſen Staaten erlaubt. Palzo wird von ei⸗ nem Kriegsrathe in Nancy gerichtet werden; ein ſchimpf⸗ licher Tod erwartet ihn; ſeine Mitſchuldigen in Loth⸗ ringen werden zu gleicher Zeit verhaftet; und die To⸗ desſtrafe ihres Führers ſoll den Rebellen ein ſchrecken⸗ des Beyſpiel werden.«—»Edler Ritter,« ſprach Elo⸗ 5 die, vaber wer hat denn euren Fürſten das Complott Palzo's enthüllen können 14 »Wer 74 antwortete Ecbert,»der Einſame.« »Und wie hat er ſelbſt das Complott entdeckt? wie hat er es dem Herzoge von Lothringen hinterbrin⸗ gen können?«„Was liegt daran,« rief Ecbert aus,»durch welche Mittel er das Verbrechen vereitelt. habe! Es iſt ihm gelungen, dieß iſt genug. Der Mann vom wilden Berge wurde geboren, die ————————— zer ausſtieß: Dieſen Morgen, gerade dieſen Morgen ſollte Palzo euch zum Altare führen. Der Unglückliche! liche Binde ſchlingen. Der glühende Hauch des Unglücks tinn eines deutſchen Fürſten.« — 35— Welt in Erſtaunen zu ſetzen. Selbſt heute noch: er ſpreche ein Wort, und dieß Wort kann das Schickſal Europa's ändern. Er trete hervor aus dem Gebirge, und er kann alle Welt überraſchen.« »Er4 unterbrach ihn Elodie, vo Himmel, er⸗ klärt euch«— Ohne auf dieſe Worte zu antworten⸗ betrachtete Ecbert die koſtbaren Geſchenke des Fürſten, die noch rings im großen Saale des Kloſters ausge⸗ breitet waren, und ſprach, indem er einen tiefen Seuf⸗ wie beklage ich ihn! Darauf, indem er einen Schleyer aufhob, von unſchätzbarer Arbeit, oben geziert mit einem Diadem aus Blumen, fuhr er mit Bitterkeit fort:— Nie, nie wird meine Hand um die Stirne einer Braut die hochzeit⸗ hat mir die Fackel Hymen's verlöſcht, wie er die Blu⸗ mengewinde der Liebe vertrocknet hat.« —„Und die Schweſter des Herzogs von Lothrin⸗ gen„ fuhr die Waiſe mit zagender Stimme fort.—»Konnte dieß Herz,« unterbrach Ecbert mit Leidenſchaft, noch für eine Andere ſchlagen⸗ nachdem es euch geliebt hatte?... Kann kalter Ehrgeiß die Stelle heißer Liebe erſetzen?.. Ecbert fiel ſeinem Fürſten zu Füßen, und öffnete ihm ſeine ganze Seele: Rens hat ihm ſeine Weigerung verziehen, und die Schweſter des Herzogs von Lothringen iſt heute die glückliche Gat⸗ Im Innerſtés ergriffen fürchtete Elodie dem h —————— L 5 renden Blicke des hochherzigen Ecbert zu begegnen.— »Graf von Norindall,« ſprach ſie,»ich verdanke euch heute mehr als das Leben, eure Hülfe.. 4 »Nichts ſeyd ihr mir ſchuldig« unterbrach ſie Ecbert lebhaft, valles habt ihr dem Einſamen zu danken.« —»Edelmüthiger Mann! Ihr weiſet meine Dank⸗ barkeit von euch„ℳ—»Grauſame, habt ihr nicht meine Liebe zurückgewieſen« Da verließ die Jung⸗ frau dieſen Gegenſtand der Unterhaltung, und wagte ein Wort über die Gräſinn Imberg. Nach den Befeh⸗ len René's ſollte die Freundinn Palzo's nach Nancy geführt, und dort verhört werden. Elodie vertheidigte mit Wärme die Sache ihrer Beſchützerinn, und der Graf von Norindall verſprach ihr ſeine kräftige Ver⸗ wendung bey dem Fürſten Lothringen's. Ecbert ſollte am folgenden Tage die Schweiz ver⸗ laſſen; ſollte nun die Waiſe im Kloſter zurückbleiben, indeß ihre Gegenwart in Nancy und ihle Bitten zur Rettung der Gräfinn beytragen konnten?... Sollte ſie diejenige in ihrem Unglücke verlaſſen, welche in der Zeit des Glücks eine lange und beſchwerliche Reiſe un⸗ ternommen hatte, um zu ihr zu kommen und bey ihr Mutterſtelle zu vertreten?„Rein, die Ehre geboth ihr ein edelmüthiges Opfer: aber ach! ſie mußte ſich L 8 von dem Einſamen entfernen! Wie ſollte ſie ſich von ihrem mächtigen Beſchützer trennen! wie ſollte ſie ſo das Weſen fliehen, an welches ſie gleichſam ihr Schick⸗ ſal gebunden hatte! Großer Gott, welch ein mächtiger 5 urd . 3 3 — — —— —— —— —* N — —— — — ——— — 2. — 35— Kampf tobte in ihrem Herzen! welche ſchreckliche Mar⸗ ter zerriß ihre Seele! Endlich ſiegte die Pflicht über die Liebe: es war beſtimmt, Elodie wollte nicht die Beſchützerinn verlaſ⸗ ſen, welche Herſtall für ſie gewählt hatte, ſo lange Gefahren und Mißgeſchick ihrem Leben drohten; aber wenn die Gräfinn wieder frey geworden und glücklich wäre, wollte die ſanfte Tochter Helvetien's wieder zu⸗ rückkommen, um ihre Tage im Kloſter von Underlach zu beſchließen. Als der Graf von Norindall von dieſem endlichen Entſchluſſe Elodien's unterrichtet worden war, dachte er es ſich mit heimlicher Freude, daß er nun ihr Führer, ihr Vertheidiger, und daß er nun lange Zeit hindurch nicht von ihr getrennt werden würde. Die Waiſe kehrte zur Gräfinn zurück und wieder⸗ holte ihr die Verſprechungen Ecbert's: ſie theilte der⸗ ſelben ihren gefaßten Entſchluß mit, die Abtey auf einige Zeit zu verlaſſen, und die Dankbarkeit der Grä⸗ finn brach in das lebhafteſte Entzücken aus. Der Eintritt in's Kloſter war den Bewohnern des Thales nicht mehr verſagt; Vater Anſelm war bey ſeiner jungen Freundinn. Voll Freude, ſie jeder Gefahr entgangen zu ſehen, ſprach der alte Pfarrer;»Wer hat euch durch das Entdecken der Verſchwörung von eurer ſchrecklichen Gefangenſchaft befreyen können 7«—»Der Beglücker unſerer Thäler, der Ein ſame.« — Wieder der Einſamelk entgegnete Anſelm, und der Ausdruck ſeines Geſichtes war voll Kunimer. —„Elodies, fuhr er lebhaft fort,»habt ihr den — 38— Mann vom wilden Berge ſeit der Ankunft des ver— rätheriſchen Palzo in dieſen Gegenden wieder geſehen*4 —»Ja,« antwortete das junge argloſe Mädchen erröthend:—»Wer rief ihn hierher?«—„Elodie.«— »Um euch zu vertheidigen?«—»Um mich zu retten.« Anſelm ſchwieg einen Augenblick: Meine Toch⸗ ter,« fuhr er dann fort, vantwortet mir aufrichtig: Hat der Einſame jemahls von Liebe mit euch geſpro⸗ chen?« Auf dieſe mit ernſtem Tone geſprochene Frage antwortete Elodie, indem ſie auf Anſelm einen Blick warf, voll Zärtlichkeit und Sanftmuth:—„Mein Va⸗ ter, ſollte es ihr verbothen ſeyn zu lieben 74 Anſelm empfand eine lebhafte Bewegung; dieſe Antwort konnte ihm keinen Zweifel laſſen.— All⸗ mächtiger Gott,« ſprach er,»dein Wille geſchehe! 4 Die Jungfrau kündigte hierauf dem Greiſe den gefaßten Entſchluß an, die Grafinn Imberg nach Nancy zu begleiten, ſie vor ihren Richtern zu vertheidigen, und ſodann nach Helvetien zurückzukommen. Obgleich der alte Pfarrer in ſeinen Gedanken die ſchuldige Freun⸗ dinn Palzo's verdammte, ſo mußte er doch den edel⸗ müthigen Geſinnungen der Waiſe ſeinen Bevyfall ge⸗ ben. Die Reiſe trennte ſie überdieß von dem Einſa⸗ men, wenigſtens auf eine gewiſſe Zeit. Konnte nicht irgend ein mächtiger Ritter des Lothringiſchen Hofes ihr den Unbekannten vom Gebirge vergeſſen machen? Der Himmel rief vielleicht die Tochter St. Maur's nach Nancy, um dort über ihr Schickſal zu beſtimmen. An⸗ ſelm billigte ihre Abreiſe und ſagte S ein zärtliches ————— — —— — 7 Während der Vorbereitungen zur Reiſe hatte Elo⸗ die nicht ihren Muth wanken fühlen; aber in dem Au⸗ genblicke, wo ſie das Thal verlaſſen ſollte, wäre er bey⸗ nahe von ihr gewichen.— Geliebtes Thal,« rief ſie aus, vvon dir alſo ſoll ich mich entfernen:— wo werde ich bleich und welk hinfallen, eine verlaſſene Pflanze, entriſſen dem Felſen meiner Geburt, und getrieben vom ſtürmenden Winde! ℳ Ihre Augen hatten ſich nach den Gebirgen des Murten⸗See's gewendet: ein ſchmerzlicher Seufzer be⸗ zeugte ihren geheimen Kummer; wenn ſie wenigſtens den, der allein ihr Herz beſchäftigte, von den Beweg⸗ gründen ihrer unbeſtimmten Entfernung hätte benach⸗ richtigen können.... Aber wem könnte ſie eine ſolche Bothſchaft anvertrauen! Wer in Underlach würde ſie auf ſich nehmen! Kein Bewohner der Gegend wagte es, ſich dem Einſamen zu nahen! Nach erhaltenen Befehlen ſollte Ecbert um Mit⸗ ternacht durch die Gegend des Murten⸗Seels mit ſeinen Gefangenen ziehen, um jeden Aufſtand von Seiten der Rebellen zu vermeiden. Elodie und die Gräfinn zogen auf prächtig geſchirrten Maulthieren längs des Thales hin. Die Bewohner desſelben hatten ihre Abreiſe erfahren; obgleich beruhigt durch ihr Verſprechen einer baldigen Rückkehr nach der Abtey, drängten ſie ſich doch mit Schmerz um ſie; Thränen floſſen aus ihren Augen, und ihr ſtummes Lebewohl zerriß der Waiſe das Herz. Die Schatten verdichteten ſich auf der Ebene, welche die Sonne nicht mehr erleuchtete: aber die ſchneeigen Gipfel der Gebirge glaͤnzten noch im Lichte, und waren —..—— nee —————————— —— — anp ————————— ——— mit einem weiten Purpurmantel bedeckt. Die Luft war gelinde und rein, das Dörfchen in Ruhe und Frie⸗ den; die rothgelben Farben des Herbſtes ſchattirten das Grün der Wälder; die ſcheue Gemſe zeigte ſich hier und da auf öden Felſen; der Lämmergeyer ſchwebte langſam über Wolken dahin, und der Strom rollte ſein klares Waſſer. Nie hatte die Natur der Waiſe ſo ſchön geſchienen; nie war ihr der Anblick des Thales ſo entzückend vorgekommen. Ach! ſo iſt nun das menſch⸗ liche Herz, oft fühlt es den Werth deſſen, was es be⸗ ſizt, nur erſt im Augenblicke des Verluſtes. Mehr zu kiagen als zum Genuſſe beſtimmt, ſchätzt es das„was — es hatte, wenn es dasſelbe nicht mehr hat, und ent⸗ behrt. Sollten ſich demnach die Augen des Menſchen nur öffnen, wenn ſie weinen?. Schon verloren ſich die grauen Mauern des Klo⸗ ſters in der Ferne, ſeine hohen Thürme erhoben ſich ſchweigend, bewohnt von Nachtvögeln und umſchlun⸗ gen von Epheuranken: der Wind blies durch ihre Ber⸗ ſtungen. Keine menſchlichen Schritte ertönten jetzt auf ihren Zinnen, die nur mit den Wolken in Verbindung zu ſtehen ſchienen. Als noch Ehrfurcht gebiethende Rui⸗ nen ſchienen ſie dem Reiſenden ein trauriges Lebewohl zu ſagen, der, weniger glücklich als ſie, die Zerſtörung ahnet, die Zeit berechnet, und die Sichel kennt, welche ihn trifft. Von Wachen umgeben und mit Ketten beladen 8 ſchritt der Fürſt Palzo vor dem Zuge her. Die Trup⸗ pen des Grafen von Norindall zogen langſam zwiſchen wey ſchroffen Felſen hindurch. Plötzlich wurde die Toch⸗ ter St. Maur's durch einen in ihrer Nähe ausgeſpro⸗ chenen Rahmen wie durch einen Zauber aus ihrem tie⸗ fen Nachdenken geweckt. Wie mächtig dieß Wort ihre Aufmerkſamkeit erregte! wie es bis in ihr Herz wie⸗ dertönte! Sie war am„wilden Berge! Von allen Seiten zeigten ſich um Elodien hohe Gebirge, die Feſten der Natur, deren weite Wälle ihre ßöff weißlichen Schußöffnungen bis in die Wolken empor⸗ trugen: Als erhabene ewige Eispalläſte, in welchen die Lawinen ſich bilden, zeigten dieſe kühnen Felsſpitzen, bis zu welchem Puncte die Erde dem Himmel ſich nä⸗ hern könne. Ihr coloſſaler Anblick erhebt den Men⸗ ſchen, dieſen König der Natur, deſſen Gedanke die Hö⸗ hen Erdballs ſo weit überſteigt, als ſeine Seele die Wunder der Schöpfung. Elodie befand ſich am Fuße des gefürchteten Ge⸗ birges. Ecbert und einige Ritter umringten ſie. Ihre Augen hefteten ſich ſtarr auf den geheimnißvollen Wald, ihr Herz ſchlug heftig. Die Waiſe war über⸗ zeugt, daß der Mann, der bis in die geheimen Gedan⸗ ken der Fürſten und der Höfe dringe, ihre Anordnun— gen zur Abreiſe geſehen habe, und ihren Plan der Rückkehr kenne: ohne Zweifel hatte der Einſame auch die Stunde ihres Zuges durch dieſe öden Schluchten er⸗ fahren, er war gewiß gegenwärtig: er wird, dachte ſie, noch einen Scheideblick auf mich haben werfen wollen.. Ach, daß ſie nicht dieſem Blicke begegnen konnte! Auf dem Abhange des Gebire gs durch Tannen und Fichten bemerkte Elodie undeutlich eine wilde Wohnung. Je mehr ſie dieſelbe betrachtete, deſto mehr feſſelten — 42— die Gegenſtände, welche ſie zu unterſcheiden ſuchte, ihre Aufmerkſamkeit. An einem ungeheuren Granit-Block erhob ſich ein einfaches Gebäude, deſſen Mauern aus Baumſtämmen, und deſſen Dach aus Schilf beſtanden. Nahe bey der fremdartigen Wohnung, welche einzelne Waldſtreifen halb verdeckten, erhob ſich eine Art Sie⸗ gesdenkmahl aus Waffen. Ein an dieſer kriegeriſchen Zuſammenſtellung aufgehängter Wappenſchild warf die letzten Strahlen des Tages zurück. Und, o welch Er⸗ ſtaunen, Ecbert machte bey dieſem Anblicke Halt, gab ſeinen Gefährten ein Zeichen, und plötzlich bey dem langen Wirbel der Trommel neigten ſich ehrfurchtsvoll ihre Häupter, und ihre Lanzen ſenkten ſich mit De⸗ muth vor der wilden Hütte des Einſamen. Der Waffengruß war vorüber; der Freund Re⸗ né's verfolgte ſeinen Weg, ohne daß er das Erſtaunen der Waiſe zu bemerken ſchien.— Was hatte dieſe auffallende Huldigung zu bedeuten, die dem Manne am wilden Berg erwieſen wurde! Wie! vor dem bloßen Waffenſchmucke des Einſamen beugte ſich der Graf von Norindall!. Wie ſollte ſie ſich dieß Geheimniß erklären! Die Truppen Ecbert's hatten ihren Marſch be⸗ ſchleunigt, ſchon waren ſie durch die engen Päſſe des wilden Berges gezogen, und ritten längs des Mur⸗ ten⸗Sees hin. Die Nacht brach herein, ſie kamen an den Schreckensfels, und hier drohte ihnen die ſchreck⸗ lichſte Gefahr. Die Rebellen hatten die geſantennhi Pal⸗ zo's erfahren. Die Abreiſe Ecbert's, den Weg, den er ——— —— nehmen ſollte, der Augenblick ſeines PVorüberziehens, Alles war ihnen bekannt. Die Häupter der Empörten hatten beſchloſſen, den Fürſten zu retten; in der Nähe des Schreckensfelſens erwarteten ihre in den Hinter⸗ halt gelegten Bergbewohner den Freund René's, um ſeine Truppen unvermuthet anzugreifen, ſie in die Flucht zu ſchlagen und den Gefangenen zu befreyen. Der Graf von Norindall entfernte ſich nur ſelten von Elodien. Aufmerkſam auf jede ihrer Bewegun⸗ gen, wollte er ſie mit aller Macht ſeiner Seele, mit der ganzen Kraft ſeines Lebens umringen. Alles ſetzte ihn für ſie in Unruhe, die Bitterkeit ihres Schmerzes, indem ſie zum erſten Mahl das Land ihrer Geburt ver⸗ ließ, die Beſchwerlichkeit der Reiſe, die feuchte Nacht⸗ luft, ſelbſt auch das Rauſchen des Waldes. Nach ziemlich langem Schweigen wandte ſich die Gräfinn zu Ecbert und ſprach:—»„Was iſt das für ein ſchroffer Felſen, der, überzogen mit röthlicher Farbe, aus den Höhlen der Unterwelt ſich abgelöſt zu haben ſcheint? Sein gigantiſcher Schatten erſtreckt ſich weit hin, wie ein drohendes Geſpenſt.... Sollte es der Wind ſeyn, deſſen trauervolle Klagen ich durch die Fel⸗ ſenritzen tönen hörte? Ritter, wo ſind wir? Hier iſt die Luft ſelbſt von Schreckniſſen ſchwanger... Graf von Norindall, wohin führet Ihr uns*« Ihre Stimme zitterte, und ihre Züge mahlten den Schrecken.—»Dieſer Felſen iſt der Schreckens⸗ fels,« antwortete Echert:»Der Aberglaube des Volks hat die Annäherung zu ihm mit furchtbaren Gefahren erfüllt. Hier war es, wo die Mönche des Kloſters von ————˙‧———— 8 —— — 44— inderlach unter den Streichen einer grauſamen Horde ſtarben. Hier iſt es, nach den Sagen der Gebirgsleute, wo das blutende Phantom 4 „Ecbert lK unterbrach die Waiſe aufgeſchreckt, ventfernen wir uns*« Die Jungfrau hatte kaum dieſe Worte geſprochen als aus dem dichten Walde durchdringendes Geſchrey drang. Eine Wolke von Pfeilen durchflog die Lüfte, von Speeren und Soldaten ſtarrten die Felſen, und von allen Seiten hatten die empörten Gebirgsbewoh⸗ ner die Truppen Ecbert's eingeſchloſſen. Ein fürchterlicher Kampf begann nahe am Schre⸗ ckensfelſen; die Wachen Palzo's fielen von ihrem Blute überſtrömt, die Ketten des Fürſten waren gebrochen, und ſchon ſtrirt das Haupt der Rebellen, bewaffnet mit einem blitzenden Schwerte, an der Spitze ſeiner Be⸗ freyer. Ecbert ließ ſeine Stimme ertönen; er ermuthigte ſeine von Schrecken ergriffenen Krieger, er ſammelte ſeine zerſtreuten Truppen, und ſeine alles wagende Kühnheit machte die Angreifenden erbleichen. Auf den gefährlichſten Stellen, mitten im ſchreckenvollſten Ge⸗ tümmel erhob ſich ſein Helmbuſch, ſtolz wie eine Sie⸗ gesfahne. Die Nacht breitete über die Kämpfenden ihren Trauerflor; auf ihren Knien erhob am Schreckensfelſen die unglückliche Waiſe ihre flehenden Hände zum Him⸗ mel: Die Gräfinn hatte ſie verlaſſen, die Treuloſe hatte, die Seiten ihres Thieres ſpornend, ſich unter. das Panier der Empörer geflüchtet. Mehrmahls ſchö — 45— hatte der mörderiſche Pfeil am Ohre der Waiſe hin die Luft durchſchnitten. Ecbert vertheidigte wie ein un⸗ durchdringlicher Wall die nächſte Umgebung des Schre⸗ ckensfelſens, wie ein blutender Löwe kämpfte er mit der Wuth der Verweiflung. Indeß hatte die Tapfer⸗ keit über die Mehrzahl geſiegt; Verwirrung herrſchte in den Reihen der Empörer, ihre Leichen bedeckten die Erde: der Fürſt Palzo ſuchte die Tochter St. Maur's; da er nicht die Truppen Ecbert's vertilgen konnte, ſo wollte er wenigſtens vor ſeiner Flucht mit den Ge⸗ birgsbewohnern ſich derjenigen bemächtigen, die er an⸗ bethete: am Fuße des berüchtigten Felſens hatte er ſie eben bemerkt; er ſtürzte hin auf ſein Opfer, und war im Begriffe ſich desſelben zu bemächtigen... als zwiſchen ihn und ſie, Graf Norindall trat. Von der Rache gewaffnet ſchlugen ſich die beyden Krieger, als unverſöhnliche Nebenbuhler mit aller Hef⸗ tigkeit des Haſſes, mit allem Ungeſtüm der Wuth, ihr Blut überſtrömte ihre Rüſtungen; beyde ſchienen un⸗ beſiegbar. Da durchdrang ein Wurfſpieß, von einem Bergbewohner geſchleudert, den Bruſtharniſch Eobert's und blieb in ſeiner Seite haften: der tapfere Graf wollte dieß todbringende Geſchoß herausziehen, aber das Eiſen war in ſeiner Wunde gebrochen. Ecbert fühlte, daß ſeine Kräfte abnahmen, und doch kämpfte er noch. Ihm blieb noch die Kraft des Geiſtes, und dieſe See⸗ lenſtärke iſt eine von den Sinnen unabhängige Macht, ein feſſelloſes Leben, welches alle Hinderniſſe einer un⸗ erſchöpften Natur überſteigt, und wie ein neuer Hauch die Vernichtung belebt. — 46— Die Jungfrau ſtieß ein Angſtgeſchrey aus, und nie ließ Verzweiflung eine ſchmerzendere Stimme hö⸗ ren; ſie hatte Ecbert wanken ſehen; ach! kein Heil gab es nun mehr für ſie, der Fürſt Palzo triumphirte. Da dräng im entſcheidenden Augenblicke ein fürch⸗ terlicher Knall aus dem Schreckensfelſen, auf ſeinem Gipfel erhob ſich eine glänzende Flamme; der ganze Wald war durch rothe glühende Feuer erleuchtet, wel⸗ che dicker Rauch einhullte; die Erde erbebte, ein ſchwar⸗ zer Wirbel ſtieg in gekrümmter Sdule zum Himmel. Ein verpeſteter Geruch verbreitete ſich aus dieſem höl⸗ liſchen Gewölke, in dem eine drohende und übernatur⸗ liche Stimme erſcholl; die Wolke zertheilte ſich und wie auf einem Flammenwagen, wie aus der Mitte eines Meteors erſchien das blutende Phantom. Welch Geſchrey erſcholl unter den Bergbewohnern! Schrecken und Verwirrung hatten den höchſten Grad erreicht, ihre Haare ſträubten ſich auf den Köpfen, er⸗ griffen von Furcht und Entſetzen blieben einige ver⸗ ſteinert und ohne Bewegung, wie des Phyneus Käm⸗ pfer vor dem Haupte der Gorgo, andere flohen nach dem Walde, und liefen ihr mit Schrecken bezeichnetes Antlitz in finſteren Höhlen zu verbergen; die meiſten fielen auf ihre Knie, und ließen ſich von den Siegern feſſeln; alle fleheten um den Tod; alle erwarteten, daß ein Abgrund ſich öffne, ſie zu verſchlingen. Die Krieger Ecbert's hatten keine Feinde mehr zu bekämpfen. Der Fürſt Palzo betrachtete das Schreckbild; die gigantiſche Geſtalt war mit einem Scharlachmantel be⸗ kleidet, und Blut ſchien aus ihren dichten Haaren zu rinnen. Mitten im Schwefeldampfe, der ſie umgab, erhob ſich der Bogen des Fürſten der Unterwelt, gleich einer ſchwarzen Schlange, in den Händen der feuri⸗ gen Geſtalt, und das Todesgeſchoß lag bereit, abge⸗ ſchnellt zu werden. Das funkelnde Auge der geſpenſti⸗ ſchen Geſtalt rollte hin und her in ſeiner Höhle, es ſchien die Gegenſtände verzehren zu müſſen, auf welche es ſich heften würde. Sein Blick ſchien das Leuchten eines vulcaniſchen Ausbruches, ſeine Stimme der ver⸗ hangnißvolle Ton des jüngſten Gerichts. Die Natur ſchwieg erſchreckt, das Rauſchen des Waldes hatte auf⸗ gehört, dumpfe Schauer durchfuhren die Luft. Wer geboth hier?. war es der Himmel oder die Hölle? Der Graf von Norindall widerſtand noch den häufigen Streichen, mit welchen ihn Palzo beſtürmte; die Waiſe erhob zu ihnen ihre irrenden Augen. Warum hört plötzlich Palzo auf, nach ſeinem Gegner zu ſchla⸗ gen?. Warum beugt ſich plötzlich ſeine kühne, mit einer Siegesfeder geſchmückte Stirn?.. Warum entfallt das Schwert ſeiner Hand? Warum fällt er entſeelt zur Erde?... Von dem Bogen der bluten⸗ den Schreckgeſtalt iſt der Todespfeil gekommen, Palzo iſt nicht mehr. Die Jungfrau unterlag den heftigen Erſchütte⸗ rungen, welche ſie nach einander trafen. Der Graf Norindall war gerettet; die Waiſe dankte dem Ewi⸗ gen; und indem ſie noch einen letzten Vlick nach dem Schreckensfelſen warf, ſah ſie in eben dieſem Augen⸗ blicke die blutende Schreckgeſtalt zu ihr herab ſteigen ihre Sinne ſchwanden. S —— S ——————. 2 — 48— „ 3 ehntes Buch. Einige Strahlen, als Vorbothen des Tages, hatten die Schatten aus dem ätheriſchen Raume verjagt. Die Bäume des Waldes, feucht vom Morgenthaue, und von Zephyrn bewegt, ſchüttelten ihre dunkeln Kronen. Der letzte Erntemonath war entflohen, ſchon entfiel verdorrtes Laub dem erzeugenden Aſte; ſchön wie der goldene Strahl des Himmelsgeſtirnes bey ſeinem Sin⸗ ken, ſchmückte die Natur mit tauſend Farben die Haine und Hügel. Entzückend iſt die Rückkehr der Blumenzeit, aber noch ergreifender iſt das Scheiden der ſchönen Tage. Die Nichte Herſtall's trat wieder in's Leben; ihre noch verwirrten Gedanken konnten nicht das ſie um⸗ gebende Dunkel durchdringen; doch ſchien es ihr, als ob ſie, vom Sturmwind im Wirbel getrieben, mit Schnelligkeit die Räume der Luft durchſchneide. Matt öffneten ſich ihre Augenlieder; ſie unterſchied nicht die Gegenſtände, doch war ſie nicht im Traume. Wie der Vogel des Thales, den der Aar vom Gebirge ergriff, ſo fühlte ſie ſich fortgeführt von einer unbekannten Macht, deren reißender Schwung durch kein Hinder⸗ niß gehemmt wurde. So durchſchritt in des ſtürmiſchen Boreas Macht die Nymphe Orithya, vom Stt getragen, den Strom Jliſſus. Elodie erlangre wieder ihre Denkkraft; mit dem Leben erwachte auch wieder die Erinnerung. Bey dem — erſten Scheine des Tages warf ſie einen ſcheuen Blick auf die unbekannte Geſtalt, welche ihr ſchwer laſten⸗ des Haupt ſtützte. O Schrecken! bedeckt mit ei⸗ nem rothen Mantel, deſſen lange Falten ſie umſchloſ⸗ ſen, befand ſie ſich in den Armen der blutigen Schreck⸗ geſtalt. Schnellen Schrittes erklomm dieſe das Gebirge, und drang in den Wald; ſchreckend wie ein zerſtören⸗ des Meteor glitt ſie hin durch die Schatten, und floh eilend durch Felſen und Abgründe. Leicht wie ein phan⸗ taſtiſch wirbelnder Wind ſchien ſie ungeduldig in ſeinem Laufe nur eine Nebelgeſtalt mit ſich zu führen: ſchwei⸗ gend, wie eine Unheil bringende Erſcheinung, ſchien ſie wedek dem Leben noch dem Tode anzugehören. Die Tochter St. Maur's ſtieß einen tiefen Seuf⸗ zer aus, und ihre Augen ſchloſſen ſich mit Schrecken.— »Elodie! Elodie!« rief eine zarte, flehende Stim⸗ me. O! wie dieſer bekannte Ton in dem Herzen der Waiſe wiedertönte! Die erſten Strahlen der Sonne erheben weniger ſchnell die durch eine Sturmesnacht niedergeſchlagene Blume, das Waſſer der Quelle in der Wüſte, wenn es an die Lippen des im Sande der Wüſte Sara verirrten Reiſenden gebracht wird, führt nicht ſo ſchnell in's Leben zurück; ein Accord aus den Lobgeſängen des Himmels hätte weniger Entzücken ge⸗ bothen. Elodie öffnete ihr Auge dem Rufe der Liebe und des Schmerzes, und ſchon verſchmolz ſich ihr Blick mit dem Blicke des Einſamen., Er hatte ſeinen Lauf gehemmt; er hielt ſie in den Der Einſame.„. Armen, und ſchloß ſie an ſein Se W die Zung — eeeeetac ————— e n.—— ——————* ———, e —— 5 frau von Underlach lag in ſüßer Trunkenheit von Neuem ohne Bewegung, aber es war nicht die Stille der Empfindungsloſigkeit, es war die Ruhe eines entzücken⸗ den Traumes; bey ihr war das Aufhören der Bewe⸗ gung nur die Furcht des Erwachens. Der Einſame war noch mit dem blutenden Ge⸗ wande der Schreckgeſtalt bekleidet, deren äußeres An⸗ ſehen er angenommen hatte; aber es hatte keine Schreck⸗ niſſe mehr für die Waiſe! Was war für ſie die Schreckens⸗ tracht, ſchlug ja doch unter dem Gewande des fürch⸗ terlichen Mannes das Herz des innig Geliebten! Zephyre liebkoſten die Morgendämmerung, und ſpielten mit den blonden Haaren der Waiſe, welche aufgelöſt und zerſtreut über ihre Schultern fielen; ihre wallenden Locken berührten leicht die Lippen des Ein⸗ ſamen. Einen Augenblick wankt er.. er fürchtet den Schleyer der Unſchuld zu entweihen; ſanft ſtreicht er ſie weg. aber das leiſe Wehen des Morgens führt ſie ihm wieder zu: da widerſteht er nicht mehr dem feurigen Verlangen, das er bekämpfte; und auf die Ringe von Elodiens langen Haaren wagt er es, einen ſanften Kuß zu drücken. Süße, elektriſche Kraft der Liebe! Als ob er ihre Lippen berührt hätte, ſo empfand Elodie in ihrem K ganzen Weſen den glühenden Kuß. Der Blick des Einſamen, glänzender, zärtlicher als jemahls, beun⸗ ruhigte die Waiſe; ohne die Gefahr zu kennen, ahnete ſie das Nahen derſelben. In den Armen des ſchönen Jägers vom Gebirge fühlte ſie ein unbekanntes Feuer durch ihre Adern rollen. Die Schläge ihres Herzens nig Geliebten ſchlug noch ſtürmiſcher. Plötzlich etzit der Stirne Elodiens; ihr Athem miſchte ſich. k—** 8. 1 3 hemmte ihre Schritte, nichts zerſtreute ihre Gedan⸗ Plötzlich zeigte ſich vor ihr ein Siegesdenkmahl aus 3 Waffen: nicht ferne lag eine Einſiedeley umgeben vovn Bäumen. Elodie erkannte wieder den Wappenſchild, welchen der Graf Eecbert am Abende vorher begrüßt 1 dem Einſamen wandte:»Wohin führt ihr mich?«— 0 folgten ſtürmiſch auf einander, aber das Herz des in⸗ terte der Einſame; ſeine Bewegungen, einen Augen⸗ 1 blick vorher noch ſo ruhig und gemeſſen, wurden rauh und heftig; ſeine leidenſchaftsvolle Stimme murmelte unverſtändliche Töne; ſeine Stirne beugte ſich nach Die Tochter St. Maur's entwand ſich augenblic ¹ lich den Armen des Einſamen.—»„Ich kann gehen,« ſprach ſie, vich kann euch folgenz« und erſchrocken ent⸗ fernte ſie ſich von ihrem Befreyer. Ohne zu überlegen, wohin ihre Schritte ſie führ⸗ 6 ten, ohne Abſicht und ohne Ziel erſtieg ſie weiter fort 1 das Gebirge, irrte ſie tief im Walde umher: nichts ken. So floh des Peneus Tochter vor dem Schäfer— 1 hatte.—»Wo bin ich?« ſprach ſie, indem ſie ſich zu »Ich war es, der euch folgte,« antwortete traurig der— Jäger vom Gebirge.—»Was iſt dieß für eine Ge⸗ gend?«—»Der wilde Berg..—„Was iſt dieß für eine Wohnung?«—„Die Klausnerhütte des ſameme 4 — —————— — glücksmann Helvetiens ſeiner Gefährtinn biethen könnte. Allein mit ſeinen Erinnerungen ließ er ſich hier nieder unter dem Trauerbaume, auf dürrer Haide, und lebt von dem Waſſer des Stromes, von Wurzeln, wilden Früchten und einigen bittern Kräutern.« »Elodie, iſt das der Gatte, den Unſchuld und Schönheit wählen ſollten!. Ach! er hat kein Va⸗ terland, führt keinen Titel, iſt jetzt ſelbſt ohne Nah⸗ men, und hat nicht einmahl ein reines Herz darzubie⸗ then.„Sanfte Taube! Meide das Dach des Un⸗ glücklichen, fliehe den Mann vom wilden Berge!«— »Ach lW antwortete die Waiſe gerührt,»nie habe ich die Unglücklichen geflohen le Bey dieſen Worten verklärte ein bitteres Lächeln nur halb die ſchwarzen Augenbraunen des Einſamen. Er naherte ſich der Waffen⸗Trophee, und indem er auf den Schild zeigte, von dem ein königliches Wappen wiederglaͤnzte, erwiedert' er:»Nicht immer bin ich geweſen, was ich heute bin: es gab eine Zeit, wo mein Nahme, vom Ruhme getragen, in ganz Europa wiederhallte. Ach! von meinen frühern Siegen iſt dieſer Schild das einzige, was mir blieb.« Er ergriff die Hand Elodiens, und fügte mit Ent⸗ zücken hinzu:—»Sprich: haben Glück, Ruhm und Hoheit einige Reitze für dich?... Noch kann ich ſie dir biethen. Ich habe nur ein Wort zu ſprechen und mein Schickſal erregt wieder mehr Erſtaunen als je⸗ mahls Dieſes Wort nur mit Entſetzen würde ich es ſprechen; doch was liegt daran, verfüge mein ganzes Leben.« — S2 N„ digt le rief mit Begeiſterung der glückliche Jäger vom fuhr er mit leidenſchaftlicher Stimme fort,»nimm ſie berg hat aufgehört zu leben; ihr Maulthier wurde — »Immer habe ich die Würden der Erde von mir gewieſen,« antwortete die Waiſe. Dann nach einem augenblicklichen Schweigen ſprach ſie weiter:—»Laßt mich die Einſiedeley ſehen.« Sie ſprach's und richtete ihre Schritte nach der ein⸗ 4½ ſamen Wohnung: ſie trat unter das ländliche Dach.— „Du Ruheſtätte des Einſamen, du biſt nun entſün⸗ Gebirge, und fiel zu Elodiens Füßen:— WVollende,« an als die Wohnung der Liebe! ſey die Gattinn des Verbannten!«—„Nun wohlan le ſprach Elodie,»nen⸗ net mir meinen Gatten„ℳ—»So muß ich ihn denn nennen,« unterbrach der Einſame, und Entſetzen mahlte ſich auf ſeinen Zügen:»Elodie, wenn dieſer Nahme, als eine unſelige Enthüllung mir euer Herz rauben würde! »Sprecht ihn ohne Furcht aus K antwortete das junge Mädchen. 1 Der Einſame überließ ſich dem ſtürmiſchen Aus⸗ bruche ſeiner Dankbarkeit, und rief:—»O meine in⸗ nig Geliebte, du ſollſt befriedigt werden. Mein Nahme, meine Verirrungen, meine Schickſale, mein Leben ſol⸗ len dir morgen bekannt werden; meine ganze Seele will ich vor dir aufſchließen, und will dein Urtheil er⸗ warten. Aber um des Himmels willen verlaſſe nicht dieſe Felſen, weiche nicht von dirſer wilden Wohnung. Ecbert wurde verwundet nach dem Kloſter gebracht, wo ſeine wilden Soldaten gebiethen. Die Gräfinn Im⸗ — 5— ſcheu vor den Flammen des Schreckensfelſens, und ſtürzte ſie in den Strom. Laß alſo mich nun auf der Erde deine einzige Zuflucht ſeyn! Ich ſchwöre es bey dem Allmächtigen, die Jungfrau von Underlach an die⸗ ſen Orten als ein höheres Weſen zu achten, welchem zu nahen der ganzen Menſchheit verbothen iſt. Bis zu dem Augenblicke, wo der Altar unſere Schwüre auf⸗ genommen haben wird, ſoll meine Einſiedeley, von Elo⸗ dien bewohnt, ein Heiligthum ſeyn, welches meine Ge⸗ genwart nicht zu entweihen wagen wird, und ich werde mich dir nur nahen wie der Bundeslade, welche nie eine ruchloſe Hand berühren durfte.« »Damit beſchäftigt, die Geſchichte des Verbann⸗ ten aufzuzeichnen, der dir morgen ſeinen Nahmen ent⸗ hüllen wird, werde ich mich entfernt halten unter den Bäumen im Walde; aber wenigſtens werde ich deine Stimme hören können, und dein Hauch, dein Leben, irgend etwas wird kommen, um den einſamen Ort, wo ich ſchreiben werde, noch mit deinem Zauber zu erfüllen.« Welch Feuer glänzte in ſeinem Blicke! welche Zärtlichkeit lag in ſeinen Worten!... Das Auge, von Thränen feucht, lächelte die Tochter St. Maur's bey ſeinem Entzücken: ſo entfährt oft aus ſtürmiſchem Ge⸗ wölk ein Strahl heiterer Tage.. »Elodie,s fuhr der Einſame fort, pft ſchon konnte ich mich deiner bemächtigen, und nimmer ließ ich dich frey; ich ſah dich in meiner Gewalt, und ich gehorchte dir. Als ich dich in meinen Armen hielt, fühlte ich den glühenden Trank der Liebe meine Sinne und meinen — Geiſt verwirren; ein einziger deiner Töne ſiegte über) — 1 — die ganze Nche meines Weſens. Könnteſt du nun zweifeln an deiner Zauberkraft über den Mann vom wilden Berge? Ach! warum hat er nicht immer um ſich dich, reine Jungfrau, gehabt, um ſich auf den Pfaden der Tugend zu erhalten!.. Noch wenige Stunden, und du wirſt über mich dein Urtheil geſprochen haben!... Gefallen von dem Gipfel der Macht bedaure ich nichts von der Vergangenheit, als die reinen Tage meiner Jugend. O, antworte mir, angebethetes Mädchen, wirſt du in meiner Hütte bleiben?. 4 Elodie ſchlug die Augen nieder und ſeufzte; leb⸗ haft ergriffen, und von Mattigkeit überwältigt, ant⸗ wortete ſie endlich:—»Kaum erhalte ich nich auf⸗ recht; ich könnte nicht weiter gehen.« Und auf einen aus Binſen geflochtenen Sitz, der das Innere der Hütte umſchloß, fiel ſie bleich und zitternd nieder. »Du vertraueſt dich mir an k rief der Einſame aus, trunken von Dankbarkeit und Freude.»O ſchönſtes Geſchöpf des Himmels, das ich der Erde entreiße! in der Hütte der Verbannung, von mir allein bewundert, von mir allein angebethet, wirſt du mit deinem Schick⸗ ſale zufrieden ſeyn?... Was ſage ich! ach! haſt du nicht ſchon alle Geſchenke des Glückes verſchmdht! Doch was du an Reichthum, an Würden, an Macht verlierſt; durch Liebe werde ich es dir zu erſetzen wiſſen.« So ſproch er: ein ſpärliches Mahl war unter dem Laubwerk bereitet; dahin führte er ſeine Geliebte. Die Natur ſchien ihnen zuzulächeln: der Himmel be⸗ deckte ſie, wie ein Strahlendach, mit ſeinem azurnen Schleyer, die Sanger des Gebüſches feyerten ihre Se⸗ —— ——————— — ——— ———— ———— —— —— 56— ligkeit; die Luft, gleich einem Götterdunſte aus Blu⸗ men und Früchten des Thales, hauchte um ſie die Wohlgerüche der Liebe; die Wüſte war von Harmonien angefüllt, und die glänzende reine Aurora erleuchtete dieß neue Eden. Indeß hatte ſich der Einſame mit Mühe von der Waiſe getrennt, und den ganzen Tag hindurch ſchrieb er die traurigen Ereigniſſe ſeines Lebens. Die Stunden verfloſſen mit Schnelligkeit, die Schatten folgten dem Lichte. Elodie hatte ſich in dem Raume eingeſchloſſen, wo ihr beſcheidenes Lager errichtet war: Der ſchöne Jäger kam dem geheiligten Ort nicht nahe, den das geliebte Mädchen bewohnte, und die ganze Nacht hin⸗ durch, gelehnt an die Thüre der Einſiedeley, wachte er allein und ſetzte das angefangene Werk fort. Die Gottheit der Nacht war in die Mitte ihres Kreislaufes gekommen und breitete von ihrem elfen⸗ beinernen Throne ihren bleyernen Scepter hin über die in Schlaf verſenkte Erde, da erwachte die Nichte Herſtall's mit einem dumpfen Seufzer. Unfern, außer⸗ halb der Hütte, ſchien ihr der Mann des wilden Ber⸗ ges, wie erſchreckt durch eine entſetzliche Erſcheinung, dem kläglichſten Wahnſinne hingegeben. Elodie glaubte ihn zu hören, wie er ſich hin auf die dürre Haide warf, und in unverſtändlichen Worten, in erſtickten Klagen einem rächenden Gotte zu antworten ſchien, der vor— ſeinen Augen erſchienen ſey, um das Endurtheil über ihn zu ſprechen.—»Gnade l«„ rief er mit herz⸗ zerreißender Stimme, Gnade« und Todtenſtille folgte dem Laute der Verzweiflung. 3 — 57— Wie lange hatte dieſe Nacht der Waiſe geſchie⸗ nen!... Mit der Morgenröthe ſah ſie den Mann der Geheimmniſſe wieder. Düſter und ſchweigend ſchien er durch irgend ein übernatürliches Ereigniß zur Erde gebeugt. Ein entſetzlicher Gedanke beſchäftigte ausſchlie⸗ 1 ßend ſeinen Geiſt; und gleich einem zum Tode beſtimm⸗ ten Opfer ging er mit geſenkter Stirne einher. Indem er ſich von der Einſiedeley entfernte, nahm er ſeine Arbeit wieder vor: Elodie hatte nicht gewagt, ihn zu fragen; mit dem Untergange der Sonne ſoll⸗ ten die undurchdringlichen Geheimniſſe des Einſamen ihr enthüllt werden. Unruhig und getrennt von ihm überließ ſich die Tochter der Abtey den finſterſten Ah⸗ nungen. Was ſollte ſie erfahren!... Welches ſollte hr Schickſal ſeyn! Ach, wie ſchrecklich iſt das Heran⸗ * nahen des Augenblickes, der über das ganze Leben ent⸗ 5 ſcheiden ſoll! Endlich hatte ſich die Königinn der Geſtirne hin⸗ ter den Horizont verſenkt, noch vergoldete ſie mit ihrem verlöſchenden Feuer die Felſen der Schweiz.—„Sind das für mich die letzten Strahlen des Glücks!„ ſprach die Waiſe; und chr Auge ſuchte den Einſamen. Er erſchien: ſein Geſicht war bleich und entſtellt; ſein Blick Unglück drohend und wild, und ein ſchwar⸗ zer Mantel umhüllte ihn.—„Folget mir,« ſprach er mit wildem, rauhem Tone, und eilig ſtieg er das Ge⸗ birge herab. Er trat aus dem Walde, er ging über den Strom: und nach der Murtner Fläche richtete er ſeinen ſchre⸗ ckenden Lauf, gleich jenem erſten Mörder, indem er ———,——— — aus dem Aufenthalte Abel's floh, getrieben vom Ver⸗ dammungsurtheile. Von nächtlichen Schatten gejagt, verſchwand völlig der Tag. Dichter Nebel, der ſich aus den Thälern er⸗ hob, bedeckte die Gebirge und verſchleyerte die Natur⸗ Durch ſchwarze Dünſte folgte die Tochter des Kloſters ihrem ſchweigenden Führer; mit niedergeſchlagenen Au⸗ * gen ging ſie einher, und empfand das Vorgefühl irgend eines ſchrecklichen Ereigniſſes. Plötzlich unweit des Murten⸗Sees blieb der Einſame ſtehen. Der Wind führte an das Ohr der Waiſe das forttönende Brauſen der Wellen, welche ſich traurig am verödeten Sandufer brachen. Sie blickte um ſich Allmächtiger Gott! an welchem Orte befand ſie ſich? am Eingange eines Monumenrs, aus menſchlichen Gebeinen gewölbt; unter einem Triumphbogen, den die Rache der Grau⸗ ſamkeit errichtet hatte*). immel, wo bin ich?« ſprach das Mädchen.— In dem Murtner Beinhauſe,« antwortete der Mann vom wilden Berge,»und ich bin Carl der Kühne,« Der Einſame ſprach's, und indem er ſeinen ſchwar⸗ zen Mantel abwarf, erſchien er, als der Erobeter ges wappnet, mitten im weiten Grabmahle des Verbre⸗ chens, wie auf einem Throne aus Leichnamen errich⸗ tet, und ſtand da gleich einem Erzengel, der vom Blitze * geſchleudert aus dem Pallaſte des Ruhms tief in die Marterhöhle gefallen. ) Dieſes Beinhaus war vor der Revolution noch faſt ganz erhal⸗ ten: es wurde von den Franzoſen während der Kriege der Re⸗ publik zerſtört; doch findet man noch Spuren davon. 8. — „Carl der Kühne l« wiederhohlte mit dem Tone des höchſten Schreckens die unglückliche Elodie. Ihr! der blutdürſtende Herzog von Burgund;»Ihr, der Mör⸗ der meines Vaters.« Und das junge Mädchen ſtützte ſich durchbebt u taumelnd an eine jener Todesſäulen. »Ja,« erwiederte er mit einer Art von Wuth, ir ich bin der unverſöhnliche Burgunder; der Mann, der einſt die Geiſel Europa's war. Der Himmel der* Himmel ſelbſt hat mir gebothen, meinen euch nur in dieſer hölliſchen Grotte zu entdecken, welche alle Erinnerungen, alle Schreckniſſe 1 meines Lebens umgeben. In der letzten Nacht iſt auf mein ſchuldvolz les Haupt der Engel der Racheurtheile herabgeſtiegen; die Stimme des Ewigen hab' ich vernommen⸗ ſie hat befohlen. ich mußte gehorchen„ hier bin ich.« Von ſeiner bleichen Stirne floß kalter Schweiß; ſein cher einſt lebte, auf die Aſche von S Blick war verſtört, ſein Athmen abgebrochen, und ſeine Stimme kaum menſchlich.—»Sprecht* fuhr er fort⸗ „fluchet mir. Der Allmaͤchtige will es gewiß, weil dieſe fürchterliche Scene geboth, weil er von mir dieß beyſpielloſe Opfer verlangte. Meine Ankläger umringen mich ich höre ihr klägliches Geſchrey Das Menſchengeſchlecht ſtö ſtößt mich von ſich, der Himmel ver⸗ wirft mich; Tochter St. Maur's, fluche mir, ich habe mein Sie verdient.« o ſprach der unglückliche Cart und faſt leblos er in dem fürchterlichen Beinhauſe nieder, umnd ſeine Stirne blieb niedergedrückt in den Staub, wel⸗ —— —— ———— — —————— »Carl rief Elodie außer ſich ſelbſt,»Carl, ſtehet auf.«—»Wer ruft mich la ſprach der Einſame, auf deſſen Zügen der Wahnſinn ſich mahlte.„Iſt es die ſeufzende Stimme meines dahin gewürgten Volkes?. Iſt es der Abgrund, welcher den Tyrannen mft? Iſt es die göttliche Gerechtigkeit, welche über den blut⸗ dürſtenden Mann das Urtheil ſpricht?«— Mein,« ſprach die Waiſe, welche ihre Seelenkraft wieder er⸗ langte:„der Himmel iſt verſöhnt. Seine Gerechtigkeit hat gezüchtiget, ſeine Barmherzigkeit verzeiht.« Bey dieſen Worten erhob der Mann vom wilden Berge ſein kraftloſes Haupt; mit Erſtaunen blickte er zu Elodien auf; in ſeinen Zügen lag noch Verwir⸗ rung, aber ſein Wahnſinn hatte ſich geſtillt; ſeinem Auge entfiel eine Thräne. »Wiederhol' es noch einmahl,« ſprach er:»Der Himmel iſt verſöhnt, ſeine Barmherzigkeit verzeiht; haſt du nicht dieſe Worte geſprochen? Du, rettender Engel, Strahl der Hoffnung und des Heils! vollende deine götrliche Sendung, nimm von mir die Sünde im Nahmen des Ewigen l« »In der Enſiedeley le rief Elodie. Und gleich in ihrem flüchtigen Laufe jener unbe⸗ kannten Geſtirne, welche am nächtlichen Himmelsge⸗ wölbe dahin gleiten, ſtürzte ſie fort, floh nach dem Walde, fand wieder den Pfad zum wilden Berge, und, bald angelangt bey der Wohnung des Einſamen, iel ſie erſchöpft in der Hütte nieder. Einige Augenblicke war die Waiſe des Gebrau⸗ — ches ihrer Sinne beraubt geblieben. Der unglückliche das ſo lange Zeit durch grauſame S verwi it unt 32 — 6— Carl von Burgund erſchien wieder vor ihrem Blicke; er ndherte ſich, reichte ihr einen geſchriebenen Heft dar, und richtete an ſie folgende Worte:— Dieß enthält mein ganzes Leben, hier iſt die Erzählung aller meiner Frevel. Tochter St. Maur's, leſet und urtheilt. Richt werde ich mich vor eurem Blicke zeigen, bis ihr inir es gebothen habt. Wenn meine Verbrechen euch gebüßt ſcheinen, wenn Mitleid zu eurem Herzen ſpricht, wenn die Unſchuld der Reue verzeiht; ſo richtet an mich einige Worte der Hoffnung, und legt eure Schrift in die Höhlung der alten Weide, unten am Wege zum Gebirge. Fern von euch will ich mein Urtheil erwarten.« So ſprach er mit hohler Stimme, und die Mat⸗ tigkeit der Verzweiflung war auf ſeinem Geſichte aus⸗ gedrückt: er ſuchte ſeine Leiden zu verbergen, und wandte die Augen ab; er wollte nicht zu ſeinem Vor⸗ theile diejenige rühren, welche er ſelbſt ſich zum Richter gewählt hatte... Elodie verſuchte, ihm zu antworten, aber die Kräfte mangelten ihr, und ſchon hatte der Einſame die Hütte verlaſſen. Die Waiſe war allein; ſie hielt in ihrer Hand den verhängnißvollen Heft; o wie häufig ſollten ihre Thränen beym Leſen dieſes fürchterlichen Schreibens fließen! Eift Buch. »Car der VI. herrſchte über Frankreich, und es war endlich wieder Friede in ſeinem unglü ücklichen Reiche, ſo wunderbar durch eine bloße Hirtinn gerettet wor⸗ den war. Auf heftige Stürme waren nun heitere Tage gefolgt, und durch ganz Europa verſprach der ermüdete Sinn der Krieger, verbunden mit der Erſchöpfung des * Staatsſchatzes, den Völkern lange Ruhe. »Der Sohn Carl des VII., damahls Dauphin und ſpäter Ludwig der XI., war angeklagt worden, die ſchöne Agnes Sorel vergiftet, und durch Kränkung ſeine erſte Gemahlinn, Magaretha von Schottland, in's Grab gebracht zu haben; begierig nach der Regie⸗ rung, hatte er eben zum zweyten Mahl eine Verſchwö⸗ rung gegen ſeinen Vater geſtiftet, und auch dieß neue Complott war geſcheitert. Jung, und mit Verbrechen belaſtet, verbannt, und von der väterlichen Rache ver⸗ folgt, flüchtete er ſich zum Herzoge von Burgund, Lud⸗ wig dem Gütigen, und verlangte eine Freyſtätte an ſei⸗ nem Hofe. »Philipp haßte Carl den VII., die Ermordung ſei⸗ nes Vaters, des berühmten Johannohne F urcht, der an der Brücke von Montereau, in Gegenwart des jungen Monarchen, verübt worden war, ſchien ihm noch nicht genugſam gerächt. Er nahm den Flüchtigen mit allen Ehrenbezeigungen auf, die er dem muthmaß⸗ lichen Erben der Krone Frankreich's ſchuldig zu ſeyn glaubte: ein prächtiger Pallaſt wurde dem Fürſten an⸗ gebothen; glänzende Feſte wurden ihm gegeben. Ich trat damahls in den Frühling meines Lebens; der galliſche Fönigsſohn, voller Ränke und Verſtellung, trug auf ſeiner Stirn das Gepräge der Tugend und Aufrichtigkeit. Bald wußte er ſich in meinen — 63— für alle Verbrechen zu rechtfertigen, deren ſein Vater ihn anklagte. Carl der VI. ſchien mir ein entartetes Ungeheuer und der Dauphin ein edles Opfer. In den rührendſten Ausdrücken, mit allen Ergießungen der Tugend und des Gefühls both mir Ludwig ſeine Freundſchaft, und mein Herz ſchlug mit Entzücken dem ſeinigen entgegen. Leichtgläubig, glühend und voll Lei⸗ denſchaft, war ich damahls weit entfernt zu denken, daß die Anhänglichkeit der Fürſten wie vertrocknetes Laub iſt, das der Wind nach Gefallen bald das Gebirge bald in den Sumpf führt. „Carl der VII. forderte ſeinen Sohn zurüch, den ihm Philipp verweigerte, und ſchien für den Augen⸗ blick Burgund zu bedrohen.—»Mag er ganz Frank⸗ reich bewaffnen, rief ich bey dieſer Nachricht aus, indem ich mit Ungeſtüm mein Schwert ergriff; ſo lange der Graf von Charolais dieſes Eiſen aus ſeiner Scheide wird ziehen können, ſoll keiner von den Trabanten Carl's ſich Ludwigen nahen.« »Der Dauphin lächelte bey dieſem Ausbruche mei⸗ ner Hitze, und die Zeichen ſeiner Dankharkeit brachten⸗ neue Begeiſterung in meine Seele. Ich war ſtolz dar⸗ auf, der Beſchützer und Freund eines Sohns Frank⸗ reich's zu ſeyn; aber ach! der künftige Nachfolger Carl's des VII. betrachtete in ſeinen geheimen C Gedankon den Beſchützer nur als ein Werkzeug, und den t nur als einen Diener. »Von allen Edlen des Burgutet Soſes wg es allein der Graf von St. Maur, den ich von meiner Sindheit an zum innigſten Vertrauten e ———————— . —————*———— ——— —————————— — —————————————— — 64— Als berühmter Krieger, hatte er meine erſten Schritte in den Feldlagern geleitet; er war mir in allen mei⸗ nen Unternehmungen gefolgt; er war bey allen mei⸗ nen Vergnügungen. Ein tiefer Beobachter, ein ſtren⸗ ger Richter, hatte er das Herz des Dauphins erforſcht. »Graf von Charolais,« ſagte er eines Tages, ver⸗ laubt mir, die übertriebene Zuneigung zu tadeln, wel⸗ che ihr gegen den Sohn Carl des VII. hegt. Eure Ge⸗ fühle, welche ungetheilt ſind, können das Unglück eu⸗ res Lebens machen. Ungeachtet des künſtlichen Schleyers, mit welchem der Dauphin ſich bedeckt, habe ich Treu⸗ oſigkeit entdeckt, da, wo ihr Freundſchaft zu ſehen glaubt.« »So redete er zu mirz aber erzürnt über eine ſolche Sprache vermied ich von dieſem Tage an den Grafen von St. Maur; er verlor mein Vertrauen; dem arg⸗ liſtigen, treuloſen Prinzen opferte ich den aufrichtigen und ergebenen Mann. »Der Baron von Herſtall ſtellte nun am Hofe Philipp' ſeine Tochter Irena vor, welche eine ent⸗ fernte Verwandte, die Herzoginn von Aroville, ſter⸗ bend zu ihrer Univerſal⸗Erbinn ernannt hatte. Nie hatte ſich eine auffallendere Schönheit in Burgund gezeigt; Irena wurde der Gegenſtand aller Unterhaltungen und aller Blicke; ein Haufe von Anbethern drängte ſich zu den Schritten der Erbinn von Aroville, des glän⸗ zenden Idol's des Hofes. Ich theilte das allgemeine Entzücken; Elodie war noch nicht vor meinen Blicken erſchienen; Irena war mir das Meiſterwerk des Him —— ————— mels, und ich nahm Bewunderung für Liebe. 3 — 65— „Damahls ſtarb Carl der VII., und auf den Dau⸗ phin fiel der Verdacht der Vergiftung ſeines Vaters. Der Thron rief Ludwigen. Ganz der Freundſchaft mich hingebend, entfernte ich mich von Irena, verließ Burgund, und flog im Gefolge des neuen Herrſchers nach Frankreich. »Ludwig überhäufte mich an Se Hofe mit Ge⸗ ſchenken, aber es waren die Gaben eines Fürſten an einen Vaſallen: vergebens ſuchte ich den Freund, ich fand nur den Monarchen. Dieſer ſchnelle Wechſel ver⸗ wundete mein Herz, und des Zwanges müde, den ich mir auflegte, verlangte ich von Ludwig eine be⸗ ſondere Unterredung; ich erhielt ſie; er war allein in ſeinem Cabinette; wie früher wollte ich mich in ſeine Arme werfen, um an ihn die ſanften Vorwürfe des Gefühls zu richten, da trat er einige Schritte zurück, und hielt mir ein verſiegeltes Schreiben vor:»Graf von Charolais,« ſprach er mit aller Hoheit eines un⸗ umſchränkten Herrſchers, vich bin überzeugt von eurer Ergebenheit, ich bin euch Dankbarkeit ſchuldig; ich vertraue euch die Verwaltung der Normandie an; hier iſt eure Ernennung. Morgen werdet ihr nach Rouen abreiſen; wohin eure Pflicht euch ruft. Fahret fort, das Vertrauen und die wohlwollenden Geſinnungen eures Königs zu verdienen.« »Ludwig entfernte ſich bey dieſen Worten. Verſtei⸗ nert vor Erſtaunen und Unwillen, blieb ich einen Au⸗ genblick ohne Bewegung.. dann ſtürzte ich wüthend fort aus dem Pallaſte.« »Mein Unwille äußerte ſich in heftigen Ausdrü⸗ cken über den Mann, der ſanft und gütig im Unglücke, undankbar und heroiſch im Glücke ſich gegen mich zeigte. »Der Graf von St. Maur hatte mich nach Paris begleitet. In meiner Wuth wollte ich an Ludwig ſchreiben, ſeine Geſchenke mit Verachtung von mir werfen, und am nähmlichen Tage ſein Königreich flie⸗ hen. Die weiſen Rathſchläge St. Maur's brachten mich dahin, meine aufbrauſenden Entſchließungen zu ändern: hätten ſie doch auch meine Leiden ſtillen können! Die erſten Wunden im Frühlinge des Lebens ſind ſo ſchmerz⸗ lich!. Der Menſch iſt noch nicht an die Menſchen gewöhnt; ſeine Erfahrung hat noch nicht ſeine Lauf⸗ bahn entzaubert. Außer dem ſtechenden Schmerze des Gefühls empfand ich noch die Scham, betrogen worden zu ſeyn; ich bedauerte meine verſchwundenen Täuſchun⸗ gen. Zum erſten Mahle fühlte ich in dieſe glühende, argloſe Seele, welche Ludwig eben zerriſſen hatte, Ver⸗ achtung des Menſchengeſchlechtes ſich ſchleichen. St. Maur hatte Recht in ſeinem Urtheile über den Dau⸗ phin; aber gedemüthigt in ſeiner Gegenwart, verzieh ich ihm kaum dieſen Triumph, und wollte in ſeinem Scharfſinne, das verſteckte Laſter zu entdecken, nur ſeine innere lberzeugung von der allgemeinen Ver⸗ derbtheit erkennen, die ſich auf ihn ſelbſt und ſeines Gleichen gründete. »Dennoch folgſam ſeinen Porſchligen, ich Paris, und übernahm die Verwaltung der Normandie. Ludwig hatte mir eben ſeine Gleichgültigkeit bewieſen, er zögerte auch zicht mich von ſeinem Haſſe zu zeugen.s — 67— »Einige Jahre vor dem Tode Carl's des VII. hut⸗ ich den Herzog von der Bretagne kennen gelernt: ju⸗ gendlicher Wetteifer waffnete uns gegen einander; in⸗ nerhalb der Turnierſchranken hatte ich ihn bekämpft, und Ludwig kannte wohl unſere gegenſeitige Feind⸗ ſchaft. Kaum war ich in der Normandie eingeſetzt, ſo ſchickte der König von Frankreich dahin einen ſeiner Statthalter mit außerordentlichen Vollmachten, welche die des Gouverneurs zu nichts machten: und dieſer Statthalter war der Herzog von der Bretagne. »Auf dieſen verrätheriſchen Zug, auf dieſe neue Beſchimpfung wollte ich meinem wüthenden Zorne freyen Lauf laſſen: St. Maur hatte noch die Gewandt⸗ heit ihn zu unterdrücken. Aber indem er die Ausbrüche einer tugendhaften Seele mißbilligte, lehrte er mich die Menſchen täuſchen; er gewöhnte Carl, ſein Gefühl dem Vortheile zum Opfer zu bringen; er lehrte mich den edlen Aufſchwung des Herzens durch kalte Berech⸗ nungen des Verſtandes erſetzen. Er erſtickte völlig in mir jene fruchtbringenden Keime der Begeiſterung und Rechtlichkeit, welche bey freyer Entwickelung nur gute Früchte getragen haben würden. Das unterdrückte Feuer wurde ein verwüſtender Vulcan, der nur in gewaltſa⸗ men Ausbrüchen ſeine Kraft äußerte; und die Stimme der Kluhheit führte mich nur zum Verbrechen. — waren ſeit Seit er klärte Feinde k — jeden Tag mein Leben; bald brachte mich ein Todes⸗ trank an den Rand des Grabes. Meine Kraft und meine Jugend ſiegten über das Gift, ich kam in's Leben zurück; aber keine menſchliche Gewalt vermochte nun das Hervorbrechen meiner Wuth zu mäßigen; ich erkläͤrte Ludwig den KI. für einen Treu⸗ loſen, für einen Verräther, für einen Giftmiſcher und Vatermörder: ich verkündigte ihm das Schrecken der Er⸗ de, die Rache des Himmels, und indem ich ihm darauf ſeine verabſcheute Ernennung mit Verachtung zurück⸗ ſchickte, eilte ich, Burgund gegen Frankreich zu waffnen. »Der heuchleriſche Mann ſchien tief ergriffen bey meinen Anklagen. Indem er ſich vor den Augen der Welt zu rechtfertigen ſuchte, rief er die Fürſten ſeines Geblütes, die Edlen ſeines Hofs, die Deputirten der Städte zuſammen; um ſein ganzes Leben zu reinigen, ſprach er zu dieſer Verſammlung mit eben ſo viel Kühn⸗ heit als Talent, und endigte damit, ſie zu ſeinem Rich⸗ ter zu ernennen. Aber der Tyrann hatte die Glieder ſeines Gerichts gewählt, der Verbrecher wurde feyerlich losgeſprochen. »Dennoch waren auf mein Kriegs- und Rache⸗ geſchrey die berühmteſten Häupter des franzöſiſchen Reichs gegen Ludwig den Kl. aufgeſtanden, und ſchon hatten ſich mit mir verbunden der Herzog von Bour⸗ bon, Schwager des Monarchen, der Herzog von Alen⸗ con, der Graf von Armagnac, der Herr von Albret, der Herzog von Nemours, der Graf von Maine, der Herzog von Calabrien, der Graf von Dunois, und endlich noch der Herzog von der Bretagne ſelbſt. — 69— »Dieſe mächtigen Verbündeten*) bewaffneten ihre Vaſallen: die Empörung gegen Ludwig wurde allgemein, und alle Kräfte der Monarchie bedrohten auf einmahl den Tyrannen, der als einzigen Bundes⸗ genoſſen nur den Herzog von Mailand nennen konnte, den berüchtigten Baſtard, Franz Sforza. »An der Spitze eines tapfern Heeres eilte ich zum Kampfe; bald flohen die Truppen Ludwig's vor den Burgundern. Von allen Seiten fielen Lorbern auf mein Haupt, und der Sieg folgte meinen Panieren. Mein Vorrücken war nichts als eine Reihe von Trium⸗ phen, die Städte Frankreich's öffneten mir ihre Thore, die Völker nannten mich ihren Befreyer; ich zerſtreute alle meine Feinde, ich überwand alle Hinderniſſe, ich war vor den Thoren von Paris, und der Graf von Cha⸗ rolais wurde ſchon in ganz Europa Carl der Schreck⸗ liche genannt. »Ludwig der XI. hatte die ganze Macht bey der Hauptſtadt zuſammengezogen. Ein entſcheidendes Tref⸗ fen wurde in der Fläche von Longjumeau geliefert Der König von Frankreich ſtritt in demſelben perſön⸗ lich, ſetzte mehrmahls ſein Leben in Gefahr, fiel mitten in ſeinen Reihen erſchöpft von Müdigkeit, und wurde beſinnunglos in das Schloß Montlheri gebracht. Der Sieg gehörte den Burgundern. Die franzöſiſchen Heer⸗ führer erklärren Ludwig den XKl. für des Thrones ver⸗ luſtig, und ſein Bruder, der Herzog von Berry, *) Dieſer Krieg wurde der Krieg des öffentlichen Wohls genannt.(Man vergl. über dielhiſtoriſche Wahrheit der Erzäh⸗ kung Carls des Kühnen Anquetil, Duolos, Paniel, Mézerzi ete.) — 70— wurde auf dem Schlachtfelde von den wkndetei ſten zum Könige ausgerufen. »Ich belagerte Paris; Ludwig verließ ſeine Haupt⸗ ſtadt; heimlich wandte er ſich an mich mit ſeinen Bit⸗ ten, rief mir unſere frühern Gefühle in's Gedächtniß, und flehte zu ſeinem alten Freunde: er verlangte von mir die Unterredung eines Augenblickes, und auf meine Redlichkeit bauend, wollte er ſich ohne Begleitung, ohne Schutz, allein in mein Lager begeben. »Ich hatte eben erſt die Bahn der Rache betreten; und auf dieſem für mich neuen Boden waren meine Schritte noch nicht feſt. Der unglückliche Ludwig der XI. erinnerte mich an den flüchtigen Dauphin: ich glaubte in ſeinen rührenden Ausdrücken Schmerz, Reue, Wahr⸗ heit zu erkennen. Sein Unglück rührte mich, ſein Ver⸗ trauen entwaffnete mich; die Heucheley triumphirte: ich antwortete dem Könige:—»Ich erwarte dich.« »Meine Truppen waren bey Bercy gelagert: die liberreſte des königlichen Heers breiteten ſich auf der andern Seite der Seine aus; der Beherrſcher Frank⸗ reich's ſetzte in einem ſchwachen Fahrzeuge über den Fluß, allein ſtieg er mitten unter ſeinen Feinden an's Land; ich hatte bis auf den letzten Augenblick an einem ſolchen Beweiſe des Vertrauens gezweifelt. Auf dem ufer ſchritt er mir entgegen: mein Herz ſchlug heftig, in ſeinem erſten Blicke fand ich wieder jenen Dauphin, den ich ſo ſehr geliebt hatte, es war nicht mehr Lud⸗ wig der Kl., es war der geliebte Gefährte meiner Ju- gend, ich eilte ihm entgegen:—»Wer kommt da mir entgegen k« redete er mich an.—»Dein Brider,« antwortete ich ihm. Und ich ſtürzte mich in ſeine Armẽ. »Elodie, nie werde ich dieſen Tag vergeſſen; ich war abermahls der Betrogene, aber ich war glücklich. Ludwig machte ſich ein Spiel aus meiner Leichtgldubig⸗ keit, aber ich war mit mir ſelbſt zufrieden. Ich verließ den Pfad des heftigen Zornes, ich kam auf meine hoch⸗ herzigen Geſinnungen zurück; ich fand wieder die Be⸗ geiſterung meines Frühlings, ich nahm in mir wieder das frühere Leben auf. »Der König benutzte dieſe edelmüthige Begei⸗ ſterung: leicht erhielt er den Frieden, der Vertrag von Conflans wurde unterzeichnet. Der Monarch verſprach allen, den Burgundern anhängigen Fürſten, neue Be⸗ ſitzungen, neue Würden.- Das Bündniß wurde aufge⸗ löſt, und bis nach Villers⸗le⸗Bel von Ludwig gleichſam im Triumphe zurückbegleitet, ſchlug ich wieder den Weg nach Burgund ein. »Ach! wenn die Lippen des Kriegers einmahl vom Becher des Ruhmes gekoſtet haben, ſo verlöſcht nie mehr in ihm der Durſt nach Kampf. Schon hatten meine Siege meinen Nahmen berühmt gemacht; noch wollte ich meinen Ruf vergrößern. Die Lütticher be⸗ drohten Burgund, ich rückte gegen ſie zu Felde, und unter⸗ warf ſie; der wankelmüthige Sieg begleitete überall mei⸗ ne Waffen, reichte mir nichts als Palmen, verſprach mir nichts als Kronen, und bereitete mir nur einen Abgrund. »Indeß verlette Ludwig der XI. unaufhörlich den Vertrag von Conflans: geſchickt hatte er Verwirrung und Zwieſpalt in alle feindliche Provinzen geſtreut, ——2— und unter allen auf einander eiferſüchtigen Fürſten fürchtete er nicht mehr eine Verbrüderung: die Flam⸗ men der Zwietracht, welche ſeine Kunſtgriffe anfachten, und den Haß, den ſeine Ränke nährten, ſicherten ihn vor den Gefahren eines neuen Bündniſſes. Nun erſt zeigte er ſich ohne Furcht und öffentlich treulos: jene franzöſiſchen Fürſten, welchen er Reichthümer und Ehrenſtellen verſprochen hatte, wurden gefangen ge⸗ nommen, beraubt und geächtet. Meine theuerſten Freun⸗ de wurden geopfert. Triſtan,[Eremite, mit dem Bey⸗ nahmen der Henker des Königs, war der Voll⸗ ſtrecker ſeiner Rache. Ludwig fand ein Gefallen daran, ſeine Opfer würgen zu ſehen; Triſtan wechſelte die Art der Todesſtrafe, um ſeinem grauſamen Könige noch mehr zu gefallen. Der Tyrann verband Aberglau⸗ ben mit Wildheit, er geboth die Verbrechen, leitete den Verrath, war bey den Mordthaten zugegen, und dann beſchäftigte er ſich nur mit Bethen und Wallfahr⸗ ten, trug nur das Kreutz und Roſenkränze, und ſchwor nur unter der Anrufung von heiligen Bildern und Reliquien. »Die vornehmſten Familien Frankreich's, welche durch früher geleiſtete Dienſte Rechte erlangt hatten, fielen in Ungnade; Männer, die an einem glorreichen Nahmen feſthielten, den zu beflecken ſie ſich gehuthet haben würden, konnten nicht für den Deſpoten paſſen, der nur knechtiſche Werkzeuge wollte. Ludwig hatte Große ſeiner eigenen Schöpfung nöthig, die er ohne Furcht ſtürzen, und nach Gefallen in den Staub zurück treten laſſen konnte. Die gemeinſten Böſewichte wur⸗ den zu den erſten Stellen des Adels, zu den erſten Staatsämtern erhoben: aber gleich einem Zwerge, der, hingeſtellt auf den Gipfel der Alpen, erhöht wird, ohne deßhalb größer zu werden, ſo blieb der mächtige Mann, der nahe bis zum Throne geſtiegen war, dennoch ein Verworfener. Ludwig gab vor, die Stände auszuglei⸗ chen: er ſetzte alle Titel herab, er entwürdigte alle Würden. Tyrannen demüthigen gern alles, um über alles hervorzuragen: gleiche Entwurdigung des Ganzen paßt für den Deſpotismus. Die Staaten des Herzogs von Burgund waren von den Kundſchaftern Ludwig's bevölkert. Auf ihre Lockungen empörte ſich die Stadt Dinant: mein Vater befahl mir, gegen die Rebellen auszurücken, ich be⸗ lagerte ihre Feſtung. Stolz darauf von Ludwigen un⸗ terſtützt zu werden, von dem ſie Hülfe erwarteten, führ⸗ ten ſie auf ihren Wällen eine unförmliche Statue mei⸗ nes Vaters umher, die ſie in ein Bett mit faulendem Moraſte gelegt hatten, und riefen den unter den Mau⸗ ern des Platzes ſtehenden Burgundern zu:»Sehet hier den Sitz der Kröte, eures Herzogs!*) Dieſe Empörung, dieſer Krieg und die in Frank⸗ reich vorgefallenen Schreckensſcenen waren die Folge des Vertrags von Conflans. Dieß war der Preis für meine Redlichkeit, dieß die Belohnung ſür meine edel⸗ müthige Handlung: meine Tugenden fingen an mir als Schwachheiten, und meine großmüthigen Handlun⸗ gen als unverzeihliche S zu erſcheinen. *) Siehe alle Geſchichtsſchreiber. Der Einſame 2. ————— »Noch leiſtete die Stadt Dinant Widerſtand, aber ihr Sturz wurde gewiß. Um die Empörten über die Ge⸗ fahren zu belehren, welche ſie bedrohten, ſchickte ich — einen Herold an dieſelben, ſie ließen ihn hängen. Ich ſchrieb an ſie, und ſchickte ihnen mein Schreiben durch ein unſchuldiges Kind, welches ſein Alter ſchützen ſollte; ſie ließen es unbarmherzig morden. Um meine Wuth zu reitzen, und mich zu Verbrechen zu waffnen, ſchie⸗ nen alle Höllenmächte gegen mich entfeſſelt zu ſeyn. »Bald wurde die Stadt auf's dußerſte gebracht: ihre Beſatzung hatte keine Hoffnung mehr, ihre Mau⸗ ern ſtürzten von allen Seiten zuſammen, ein allgemei⸗ ner Sturm wurde angeordnet. Da gewahrten nun die Bewohner Dinant's, aber leider zu ſpät, den Abgrund, den ſie ſich durch ihren Wahnſinn gegraben hatten; ſie wurden genöthigt, ſich auf Gnade und Ungnade zu er⸗ geben. Noch indeß rächte ich mich nicht, ich nahm die Feſte in Beſitz und wartete die Entſcheidung meines Vaters ab. Philipp befand ſich zu Bouwignes; er be⸗ fahl die Zerſtörung der empörten Stadt, und unter⸗ zeichnete das Todesurtheil aller ihrer Bewohner. »Hier begannen die Schreckniſſe und Grauſamkei⸗ ten meines Lebens. Ich gehorchte den Befehlen meines PVaters. Außer den Greiſen, Weibern und Kindern, die ich aus dem unterworfenen Platze jagen ließ, wurde die ganze Bevölkerung Dinant's nieder gemacht. Zwey und zwey an einander gefeſſelt, wurden acht hundert der vornehmſten Rebellen in die Maas geſtürzt, und die geplünderte Stadt nahm ihr Ende in den verzehren⸗ den Flammen. — 1„ S n b 5—— — 5— Philipp ſtarb kurze Zeit nach dieſer traurigen Belagerung, und meine übernahme der Krone des Herzogthums Burgund wurde durch einen ſchrecklichen Mord bezeichnet... O reine Jungfrau! meine Feder verſagt mir, in dieſer ſchrecklichen Erzählung fortzufah⸗ ren.. Ihr werdet zittern.. Ach! dennoch muß ich vollenden; keine meiner Greuelthaten ſoll Euch ver⸗ borgen bleiben. »Ich begab mich nach Dinant, wo eben mein Vater in's Grab geſenkt worden war. Das Gold Lud⸗ wig's des RKI. und ſeine Ränke hatten alle Gemüther gegen mich aufgebracht, und auf ſein Anſtiften empör⸗ ten ſich die Lütticher auf's Neue, brachen den Frieden, eilten zu den Waffen, und bemächtigten ſich der Stadt Huy an der Maas. „Dazu genöthigt, neue Abgaben zu erheben, und neue Truppen zu verſammeln, war ich im Begriffe einen neuen Krieg zu beginnen, als Anzeichen einer Empörung in meiner Hauptſtadt und ſelbſt in meinem Heere ſich offenbarten. Der Graf von Saint⸗Maur, der von meinen Soldaten angebethete Feldherr, erſchien eines Tages vor mir: ernſt und faſt drohend tadelte er meine Entſchlüſſe, und widerſetzte ſich meinem Vor⸗ haben, die Lütticher zu bekriegen, und doch war nie ein Krieg gerechter geweſen als dieſer. Der Feind, wel⸗ cher mich angriff, hatte zwey Mahl ſeine Verträge ver⸗ letzt, zwey Mahl ſeine Schwüre gebrochen, und mein Zorn war gerecht. Erbittert durch die Treuloſigkeit, deren beſtändiges Opfer ich geweſen war, wies ich mit Ungeſtüm den Rath Saint⸗Maur's von nir f ——— — ————̃ „— — käe — 5 hingegen zeigte mir ſogleich die Niederlegung ſeines Amtes an.— Und was, rief ich aus, indem ich ihn ſich entfernen ſah, er nennt ſich meinen Freund und verläßt mich in den Tagen der Gefahr? »Plötzlich verkündigte mir ſchreckliches Geſchrey, das aus demſelben Hofe des Pallaſtes ertönte, daß eben ein Aufruhr ausgebrochen ſey, meine Garde kämpf⸗ te gegen die Rebellen. Unter den Ausrufungen der Stürmenden vernahm ich das Geſchrey: Tod dem Tyrann! es lebe Saint⸗Maur! An den Ver⸗ rath der Freundſchaft gewöhnt, zweifelte ich bey mir nicht mehr, daß der Graf ein zweyter Ludwig ſey: ich waffnete mich, und begleitet von mehreren Rittern eilte ich mich mit meinen Vertheidigern zu vereinigen. Auf der Treppe des Pallaſtes begegnete mir Saint⸗ Maur, der, herzueilend, mich zurückhalten wollte.— Verräther, ſprach ich zu ihm, laß mich! Jenes un⸗ glückliche Geſchrey der Empörten drang noch an mein Ohr; mein Kopf wurde verwirrt. Ich ſah in dem Grafen, der meine Schritte hemmte, nur einen Mör⸗ der, bereit mich niederzuſchlagen: mit Wuth ſtieß ich ihn zurück, zeigte ihn meinen Kriegern, und rief aus: Hier iſt das Haupt der Verſchwornen! Augenblicklich wurde Saint⸗Maur umringt von meinen grauſamen Trabanten, und mit einem mörderiſchen Schwerte zu Boden geſchlagen. Feige Höflinge, immer eifrig für das PVerbrechen, beeilten ſich einen Heerführer zu opfern, deſſen ſtrenge Moral ſie haßten, indem ſie vorgaben, dem Fürſten und dem Vaterlande zu dienen. Elodie! euer unglücklicher Vater fiel todt zu meinen Füßen; aber wenigſtens, ich rufe den Himmel zum Zeugen, hat nicht meine Hand ſich in ſeinem Blute gebadet. „Ich erſchien unter den Rebellen, ich kämpfte und ſiegte: aber ein Mord war dem Siege vorherge⸗ gangen. Dazu genöthigt, den Tod Saint⸗Maur's vor den Augen meines Hofs zu rechtfertigen, ließ ich, ob⸗ gleich wenig überzeugt von der Treuloſigkeit des Gra⸗ fen, ſein Andenken durch einen ſchändlichen Richter⸗ ſpruch brandmarken; alle ſeine Güter wurden ſeiner Familie entriſſen und eingezogen, und ſeine unglück⸗ liche Witwe ging in einen fernen Verbannungsort, um dort den Reſt ihres Lebens zu verbergen. »Die Lütticher hatten ſich wieder bis auf eine Zahl von 30,000 verſammelt, und bedrohten immer noch meine Provinzen. Endlich zog ich gegen dieſe küh⸗ nen Feinde, und erlangte einen vollſtändigen Sieg über ſie. Die Stadt Saintron fiel in meine Gewalt, Tongern ergab ſich auf Gnade und Ungnade; aber überall beſchimpfte ich meinen Ruhm durch meine Rache. „Ich kehrte in meine Hauptſtadt zurück: tiefe Ruhe herrſchte daſelbſt; ich hatte den Aufruhr erſtickt, ich hatte meine Feinde unterjocht, zu Dijon erwarteten glänzende Feſte den Sieger. Mein Volk ſah mich mit Begeiſterung wieder: ich verſammelte um mich einen prächtigen Hofſtaat, ich rief an denſelben Spiel und Vergnügungen. Ich ſah Irena wieder, und die ſchöne Erbinn von Aroville erlangte wieder ihre frühere Ge⸗ walt über mich. — 75 »Elodie, ſoll ich fortfahren!... ich umringte die Tochter Herſtall's mit allen Verführungen des Ruhms und der Liebe: ich verſprach ſie zum Altare zu führen, ſo bald politiſche Ereigniſſe mir es erlauben würden: ich ſchwor ihr ewige Beſtändigkeit; Irena glaubte meinen Schwüren, und fliehend aus dem väter⸗ lichen Hauſe, kam ſie, ſich mir hingebend und voll Vertrauen, in die ferne Abgeſchiedenheit eines Schloſ⸗ ſes von Burgund. »Damahls brachte mir jeder Tag die Nacheicht von einigen neuen Treuloſigkeiten Ludwig's, der in Tours Deputirte, Prädlaten und Krieger verſammelt, und eben den Vertrag von Conflans gerichtlich für nichtig hatte erklären laſſen, weil er durch Gewalt und Empörung ihm abgenöthigt worden ſey. Eduard, der König von England, ſchlug mir vor, gegenſeitig un— ſere Kräfte gegen den meineidigen Monarchen zu verei⸗ nigen, und both mir zu gleicher Zeit die Hand ſeiner Schweſter, Margaretha von York; die Liebe verboth mir dieſe glänzende Verbindung, das Wohl meines Volkes hingegen heiſchte ſie von mir: Staatsklugheit und Ehrgeitz ſprachen mächtig zu meiner Seele; Irena wurde geopfert. Ich flog der königlichen Braut entge⸗ gen, und ſchon hatte die Kirche zu Dam den Scht der Gatten empfangen. »Wenige Tage nach der Hochzeitfeyer entfernte ich mich insgeheim, und eilte nach dem Schloſſe, wrl⸗ ches Irena bewohnte. Ungeachtet der Vorſichtsmaßre⸗ geln, welche ich getroffen hatte, ihr meine Untreue zu verbergen, hatte die Erbinn von Aroville dennoch * n —— alles entdeckt, und in derſelben Nacht war ſie ver⸗ ſchwunden. Mein Schmerz war tief; meine Nachfor⸗ ſchungen blieben fruchtlos, das Schickſal Irena's war fortan mit einem undurchdringlichen Schleyer bedeckt. »Bey der Nachricht von dem gefaßten Beſchluſſe der Verſammlung zu Tours hatte ich Ludwigen den Krieg erklärt. Ich führte ſelbſt meine ſiegreichen Trup⸗ pen, überſchritt die Gränzen ſeines Königreichs und begann die Feindſeligkeiten. Das franzöſiſche Lager war vor mir, in ihm herrſchte der Schrecken; die Schlacht ſollte entſcheidend ſeyn. Werdet ihr es glauben, Elodie? der Sohn Carl's des VII., fürchtend den Ausgang des Kampfes, ſchrieb noch einen Friedensbrief an ſeinen alten Bruder, und verlangte von ihm auf's Neue eine beſondere Unterredung zu Péronne, einer Stadt in der Gewalt der Burgunder, und Carl hatte nochmahls die Schwachheit darein zu willigen und ihn zu hören. »Ludwig der XKl. verließ ſein Heer. Ohne Beglei⸗ tung, ohne Schutz begab er ſich zu mir: mit ſeiner — unwiderſtehlichen Kunſt fing er ſchon an, ſich wegen ſeiner Verräthereyen, ſeines Meineides, ſeiner Mord⸗ thaten zu rechtfertigen, als ein Eilbothe mir die Nach⸗ richt von einem plötzlichen Aufſtande der von Frank⸗ reich beſoldeten Lütticher brachte, und ich erfuhr, daß Ludwig am nämlichen Tage, wo er an mich ſchrieb, um die bewilligte Unterredung zu erflehen, durch eine zweyte dringende Sendung Lüttich gegen mich empörte. »Meine Wuth kannte keine Gränzen. Ludwig war in meiner Gewalt; ich überſchütte ihn mit der gan⸗ zen Laſt meines Zornes, ich überhäufte ihn mit den 8 beleidigendſten Nahmen, mit den ſchimpflichſten Be— nennungen, ich bedrohte ſogar ſein Leben. Vergebens betheuerte Ludwig ſeine Unſchuld, vergebens ſchwor er, daß er, weit entfernt, die Lütticher bewaffnet zu haben, vielmehr bereit ſey, ſelbſt ſie zu bekampfen; nichts konnte die Heftigkeit meines Zornes mäßigen. Ich hielt den Monarchen als Gefangenen zurück, und ihn ſeinen Gewiſſensbiſſen. »Einige Tage waren verfloſſen. Aus den Fenſtern ſeines Gefängniſſes ſah Ludwig der XI. den ſchrecklichen Thurm, in welchem der Graf Herbert von Verman⸗ dois im Jahre 923 Carl den Einfältigen eingeſchloſſen hatte, der daſelbſt Krone und Leben verlor; Scham, Schrecken und Verzweiflung zerriſſen wechſelsweiſe ſeine Seele. Es hing nur von mir ab, ihn vom Throne zu ſtürzen, einen ſeiner Brüder zu krönen, oder mir ſelbſt die Stirn mit ſeinem Diadem zu ſchmücken. Meine früheren Siege, meine Macht und mein Nahme er⸗ laubten mir jede Unterneh mung uud ſicherten mir jeden Erfolg. Damahls konnte ein Wort von mir die Ge⸗ ſtalt Europa's ändern. Nachdem ich einmahl die des Verbrechens betreten, ſollte ich zurückweichen!.. Es war mir leicht, indem ich mich der Staaten meines Gefangenen bemächtigte, die Zü üchtigung Ludwig's des XI. durch ſeine Untreue, die Beſitznahme durch den Ruhm zu rechtfertigen. Frankreich hätte den kühnen Eroberer bewundert, und die Schandflecke des Verraths wären unter den Palmen des Sieges verſchwunden. »Heftig beſtürmt wagte ich es gegen die Macht des zu ringen, welche ſich nach und nach mei— —— —— ner Seele bemächtigte. Zum letzten Mahle ließ der Himmel auf Carl einen ſchützenden Strahl fallen; ich eilte in das Gemach, in dem der Monarch, dem Schrecken hingegeben, ſein Urtheil erwartete.— Iſt eure Reue aufrichtig? rief ich ihm zu. Iſt es wahr, daß ihr nicht die Lütticher bewaffnet habt? iſt es wahr, daß ihr, geneigt mir zu folgen, bereit ſeyd, ſie zu be⸗ kämpfen?— Meine Stimme war Verderben verkün⸗ dend, mein Blick voll Wuth, meine Geberden drohend; Gnade herrſchte in meinem Herzen, aber Zorn lag auf meiner Stirn. „Ludwig der Xl., in Schrecken geſetzt, ſprach alle Schwüre, welche ich verlangte. Der Friede wurde be⸗ ſchworen, auf das Kreutz Carl's des Großen; und der König von Frankreich zog in meinem Gefolge gegen die Lütticher. Wie ein niederer Vaſall ſteckte er meine Feldzeichen auf, ſtritt er unter meinen Fahnen, und mein Heer zog nach mehreren glücklichen Gefech⸗ ten triumphirend in die Mauern Lüttich's ein. „Um dieſe Zeit bemerkte ich unter den Helden Burgund's den jungen Ecbert. Begeiſtert für Ruhm und Ehre, hatte er ſeine Stirn mit Lorbern bedeckt, überall wo ſein Arm geſtritten hatte. Ecbert ſchien mir würdig mein Waffenbruder zu ſeyn; ich zog ihn in die Nähe meiner Perſon, ich überhäufte ihn mit Auszeich⸗ nungen, ich ernannte ihn zum Grafen von Norindall. Seine Bewunderung meiner Tapferkeit brachte ihn zum Vergeſſen ſeiner ſelbſt, ſeine Ergebenheit zur Schwärmerey, ſo glühend ſeine Einbildungskraft war, ſo rein war auch ſeine Seele. Echert bemerkte, daß — 82— ich ihn liebte, und ſeine Anhanglichkeit an ſeinen Für⸗ ſten wurde von nun an eine Art von Abgötterey. »Allein an den Ufern der Maas erwartete eine der erſten Züchtigungen des Himmels den ſchuldigen Carl. Nicht fern von den Mauern der belagerten Stadt ritt ich begleitet von Ecbert und einigen Rittern durch einen dichten Wald; finſtere Nacht umhüllte die Erde: von meinem Wege verirrt, bemerkte ich in der Ferne durch Tannen ſchimmernd ein Licht, gegen welches ich mich wendete: es erhob ſich dort ein alterthümliches Ritterſchloß. Ich bat um gaſtliche Aufnahme für eini⸗ ge Stunden, und erhielt ſie. Kein Herr, ſagte man, bewohne in dieſem Augenblicke die Gemächer, und dennoch verſchwendeten geſchäftige Diener an uns die äußerſte Sorgfalt. Man führte mich in ein großes düſteres Gemach. überwältigt von Müdigkeit warf ich mich noch völlig gewaffnet auf mein Bett, und bald ſchloß ein erquicken⸗ der Schlaf meine müden Augenlieder. »Plötzlich weckte mich ein leiſes Geräuſch: bey dem bleichen Scheine der verglimmenden Lampe ſah ich vor mir die düſtern Tapeten des geheimnißvollen Ge⸗ maches ſich bewegen, ſie öffneten ſich und bald erſchien der Wiederſchein einer weißen, verſchleyerten Ge⸗ ſtalt auf dem Dunkel des ſchwarzen Gewebes. Schwei⸗ gend und wie ein irrender Dunſt ſchritt die Unbekannte aus der Tiefe des Saales mit einer Lampe in der Hand auf mich zu: ihre nackten Arme, von blendender Weiße, ſchienen durchſichtig wie der Opal Arabien's: ihre lan⸗ gen, ſchwarzen Haare, welche verwirrt um ihr bleiches, 7 — ₰ entſtelltes und mit einem teichten Flore bedecktes Ge⸗ ſicht wehten, die Langſamkeit ihrer Bewegungen⸗ alles an ihr war geſpenſtiſch. Ihre ätheriſchen Formen hät⸗ ten die Blicke bezaubert, wenn nicht etwas Unbeſtimm⸗ tes, Außernatürliches traurige Farben auf ſie gewor⸗ fen hätte. „Mit kalter, eiſiger Hand berührte ſie meine gli⸗ hende Rechte, hob den Schleyer, hielt ihre Lampe ſich an's Geſicht, und zeigte mir unter ſchmerzlich entſtell⸗ ten Zügen den ſchreckenden Schatten himmliſcher Schön⸗ i Erkenne, wenn du es vermagſt, ſprach ſie zu mir, die junge, ſchöne, glänzende Erbinn von Aro⸗ ville! Hier iſt ſie, ein Schatten, zu dem du ſie ge⸗ macht haſt! Betrachte dein Werk.« »Jrena l rief ich aus, indem ich auf ſie zuſtürzte. —„Folge mir,« ſprach die unglückliche, und nach dem geheimen Gange floh ſie wie eine Luftblaſe, welche ein reißender Windſtoß treibt. »Ohne zu bemerken, wohin ich ging, folgte ich eiligſt ihren Schritten, und bald ſah ich ſie ſtehen blei⸗ ben in einer weiten, ſchwarz behangenen Rundung vor einer Art Grabmahl, über dem ein Thronhimmel des Todes ſich wölbte. »Bey dem Trauerlichte der Leuchter betrachtete ich Irena: welche ſchreckliche Veränderung! Ihr ſtarres Herz ſchien kaum zu ſchlagen, auf ihre bleiche Stirn war Wahnſinn gezeichnet; ihre blaſſen Lippen waren unbelebt; man hätte geglaubt, daß das Blut in ihren Adern nicht mehr fließe; kein Hauch ſchien aus ihrem 3 ſtummen Munde zu gehen; ihr Auge war o — 5— gung, und ihr heller, feſter Blick, der nichts Menſch⸗ liches hatte, ſchien doch auch nichts Himmliſches zu haben. »Die Tochter Herſtall's lächelte bitter: ſie hob das Leichentuch.— Es iſt nicht, ſprach ſie zu mir, das hochzeitliche Lager deiner Gattinn, es iſt die glück⸗ liche Wiege deines Sohnes.« »Und tief im Sarge bemerkte ich den Leichnam eines Kindes.— Er ſchläft, ſagte Irena. Junger, edler Sohn Burgund's! Heil und Friede deiner Un⸗ ſchuld! Darauf betrachtete ſie mich auf's Neue mit einem krampfhaften Lächeln:— Nicht wahr, Carl, er ſchläft?. Ach, er täuſcht mich nicht, er!... »Beſtürzt und voll Verzweiflung ſtieß ich ein Kla⸗ gegeſchrey aus, und fiel zu den Füßen meines Opfers. —»Der Grauſame,« rief Irena, ver hat ſeinen Sohn aufgeweckt! Wenn er ihn auch erwürgte!... Das Ungeheuer, die Mutter war ihm noch nicht genug.« »Und wieder nach dem Grabmahle ſich wendend, löſchte ſie alle Lichter aus, und verſchwand in der Fin⸗ ſterniß.« »Wie Danaus in der Tiefe der Unterwelt von Eumeniden verfolgt, ſtieß ich ein durchdringendes Ge⸗ ſchrey aus. Ich ſuchte Irena, auf's Gerathewohl lief ich durch finſtere Gallerien„und in einem dunkeln Gange fiel ich endlich beſinnungslos nieder. »Als ich mein Bewußtſeyn wieder erlangte, fand ich mich von Ecbert und meinen Rittern umgeben, welche mein Geſchrey herbeygezogen hatte. Keiner von das Mitleid des Siegers anflehte, und der gänzlichen chen, und die er aufgewiegelt hatte, ſpeiſte er friedlich — 835— ihnen war in das Trauergewölbe gekommen: der nächt⸗ liche Vorfall blieb für ſie ein Geheimniß. „Aurora war wieder erſchienen; ein Eilbothe brach⸗ te mir die Nachricht, daß ein Ausfall der Lütticher eben Schrecken im Lager der Burgunder verbreite. Ich ver⸗ ließ das traurige Schloß, und eilte meinen Tod im Kampfe zu ſuchen. Drey Tage nachher hörte die un⸗ glückliche Tochter Herſtall's auf zu leben.« „Unter den Wällen Lüttich's wurde ein Haupt⸗ ſturm angeordnet. Als einer der erſten drang ich durch die Breſche: alles floh vor mer, oder fiel unter meinen Streichen, und der grauſame Carl, außer ſich gebracht durch Wuth und Verzweiflung, gab der erſchreckten Welt das Schauſpiel der Ermordung der ganzen Be⸗ völkerung, die ſich in die Kirchen geflüchtet hatte, der Verbrennung einer weit umfaſſenden Stadt, welche Verwüſtung eines Bodens, der dem Auge nur noch die über einen Blutſee zuſammen gehäuften Trümmer darbiethet. »Während dieſer ſchrecklichen Mord⸗Scenen, wäh⸗ rend das Schwert der Burgunder die Unglücklichen würgte, welchen Ludwig der XI. ſeine Hülfe verſpro⸗ bey dem Scheine der Flammenwirbel, welche die Stadt verſchlangen; er fraß mit in ſich ſeine Schande und ſeine Gewiſſensbiſſe; und indem er ſein Ohr dem Jam⸗ mergeſchrey ſeiner Opfer lieh, pries er den Ruhm die⸗ ſes ſchreckenvollen Tages. Der gefangene Monarch forderte wieder ſeine — 85— Freyheit: ich machte mir's zur Pflicht, ſie ihm zu ge⸗ ben. Er ſchlug den Weg nach ſeiner Hauptſtadt ein, und bezeichnete durch neue Grauſamkeiten ſeine Wie⸗ dergelangung zur Macht. Sein theuerſter Günſtling, La Balue, welchen er von einem Müllerburſchen zum Biſchof und Cardinal erhoben hatte, wurde auf ſeinen Befehl gefangen genommen, in einen eiſernen Käſich von acht Fuß im Vierecke eingeſchloſſen, und mitten hin in einen Thurm geſetzt; 11 Jahre erwartete er. den Tod, der ſeine Pein endi gte. Ludwig verfolgte den Lauf ſeiner Rache, er ließ ß den Grafen von Armagnac. erdolchen, die Gräfinn auf eine grauſame Weiſe töd— ten, und die edelſten Großen des Reichs auf der Schlei⸗ fe umher ſchleppen. »Aber, o der höchſten Unredlichkeit! der König von Frankreich, dem ich ſo oft verziehen hatte, rief auf's Neue eine Verſammlung von Edlen, und forderte 7 mich auf, vor derſelben zu erſcheinen, als Verräther und Meineidiger: ſodann ließ er mich durch einen ent— würdigenden Spruch der Pairs des Verbrechens der f verletzten Majeſtät für ſchuldig und überwieſen erklä⸗ ren. Ludwig der Kl. hatte bedeutende Streitkrafte ver⸗ ſammelt, ich hatte meine Truppen entlaſſen: mitten im Winter fielen die Franzoſen in meine Staaten ein. »Wieder ergriff ich die Waffen, ſchlug meine Fein⸗ de zurück, ſiegte abermahls und rückte nach der Picar⸗ die vor. Eduard, König von England, ein treuer Verbündeter Burgund's, bereitete dort eine Landung vor. Der Herzog von Guyenne, der unwürdig von ſeinem Bruder Ludwig dem Xl. behandelt worden war, 2 —— ——— — 8* meldete mir, daß er ſich mit mir gegen den gemein⸗ ſchaftlichen Feind vereinige, und ſeine Truppen zogen gegen Paris. Mehrere andere Fürſten, welche der Kö⸗ nig von Frankreich der Reihe nach zum Beſten gehabt hatte, verſtärkten das neue Bündniß. Ludwig ſchien ohne Rettung verloren; der Himmel, oder vielmehr die Hölle, half ihm. Dem Herzoge von Guyenne wurde ein vergifteter Pfirſich gebracht; der Fürſt ſtarb nach den heftigſten Schmerzen. Dieſes feigen Brudermor⸗ des klagte ganz Europa Ludwigen an, der, indem er tiefe Betrübniß heuchelte, öffentliche neuntägige Ge⸗ bethe anſtellte, und bey dieſer Gelegenheit das Angelus einſetzte*). »Zu dieſer Zeit hatte ich mit Burgund vereinigt die Grafſchaft Pfird und Elſaß; noch hatte ich damit verbunden die Grafſchaften Macon, Auxerre, Artois, das Herzogthum Geldern und Zutphen; mehrere Städte 3 an der Somme, und ich war einer der mächtigſten Fürſten des Continents geworden. Flandern und Hol⸗ land gehörten mir anz; ich hatte mein Gebieth nach der Seite von Deutſchland hin außerordentlich ver⸗ größert; ich hatte Abſichten auf Lothringen. „Margarethe von York lebte nicht mehr; ich hatte nur ein Kind, und Maria war die einzige Erbinn mei⸗ ner weiten Beſitzungen. Der Kaiſer Friedrich verlangte von mir die Hand meiner Marie, die noch in einem zarten Alter war, für ſeinen Sohn; und um dieſe Verbindung von mir zu erlangen, ſchmeichelte er mei⸗ *) Der Herzog von Guyenne war beym untergange der Sonne geſtorben. —— —— . — ben zu ziehen?.. eine Reihe glücklicher Ereigniſſe. 17) — 60— nem Ehrgeitze, und trieb mich an, die Eroberung Lothringen's zu unternehmen. Durch einen geheimen Vertrag verſprach er mir, meine Staaten zu einem Königreiche zu erheben, mich ſelbſt mit dem Diadem zu ſchmücken, und mich zu einem Könige von Bel— giſch⸗Gallien zu ernennen. »Verführt durch ſolche Hoffnungen willigte ich in die gewünſchte Verbindung. Der Tod des Herzogs von Guyenne hatte den gegen Ludwig den Xl. gebildeten Bund aufgelöſet; ich verließ die Picardie. Auf den Antrieb Frankreichs hatte der Herzog von Lothringen meine Gränzen bedroht, ich ſtürzte mich auf ſeine Truppen: bald war die ganze Provinz unterworfen, und ſchon wurde Nancy belagert. Indem der König von Frankreich den Herzog René zum Kriege waffnete, hatte er ihm geſchworen, perſönlich ihn zu unterſtützen und zu vertheidigen. Leere Verſprechungen! weder Lud⸗ wig der XI. noch ſeine Krieger erſchienen, um ihm zu helfen, und ich zog triumphirend in Nancy ein. »Was bedarf es, um einen Eroberer in's Verder⸗ Von der Gunſt des Sieges auf den Gipfel gehoben, hielt ich mich für unbeſiegbar: Hannibal hatte ich mir zum Vorbild genommen. Wie er hatte ich einen über⸗ gang über die Alpen im Plane, und ſah mich ſchon als Herrn über Italien, einen Theil von Frankreich und das mittägige Deutſchland. Meine Krönung als König von Belgiſch⸗Gallien ſollte in Trier geſchehen; der Kaiſer Friedrich erwar⸗ tete mich dort. Auf meinem Zuge nach dieſer Stadt 3n machte ich Anſtalten, mich eines Theils der Schweiz zu bemächtigen. Begleitet von dem glänzendſten Gefolge, verſehen mit Scepter und Diadem, reiſte ich ab. Die Schweizer-Kantone, von meinen Plänen unterrichtet, ſchickten mehrere Geſandtſchaften, um meine Gerechtig⸗ keit anzuflehen.—»Was hofft ihr in unſerm un⸗ fruchtbaren Lande zu gewinnen?« ſagten ſie zu mir: valle unſere zuſammengehäuften Reichthümer ſind nicht ſo viel werth, als die Zäume eurer Roſſe, oder die Spo⸗ ren eurer Ritter.« Fruchtloſe Bitten! ich befand mich vor den Tho⸗ ren von Granſee. Ein tapferer Widerſtand hielt mich auf, ich überſtieg alle Hinderniſſe: die Stadt ergab ſich auf Gnade und Ungnade. Ach! in dem Wahnſinne des Siegs ließ Carl, damahls der Kühne genannt, die Hälfte ihrer Bewohner hängen, und die anderen in den See von Reufchatel ſtürzen. »Aber dieſes Werk der Grauſamkeit, weit entfernt die Schweizer zu ſchrecken, empörte ganz Helvetien.— „Die Gebirgsbe wohner,« ſagte man mir, vrückten von der Rache geleitet gegen mich an.«—»Sie ſind nicht ſo thöricht*)6antwortete ich. Darauf nun, anſtatt ſie im flachen Lande zu erwarten, wo meine Reiterey allein ſie vernichtet hätte, ſetzte ich meinen Marſch fort bis in die Mitte der Alpen, und drang in die engſten Päſſe.„* »In die Tiefe einer engen Schlucht, die faſt ſenk⸗ recht bis in die Wolken ragende Felſen umſchloſſen⸗ —.—————— „ Man vergleiche aue Geſchichtſchreiber. drang ich eben vor, und ſchritt mit blindem Vertrauen vorwärts; da erſchienen plötzlich auf dem Gipfel die⸗ ſer drohenden Felsſpitzen die Gebirgsbewohner. Sie überſchütteten ihre Feinde mit einem Hagel von Pfei⸗ len, ſtürzten auf ſie Felsblöcke herab, und brachten Un⸗ ordnung und Verwirrung in die vordern Reihen des Heeres. Die Burgunder wollten eiligſt durch den en— gen Paß dringen; eine ſchwere eiſerne Kette*), welche quer über die Straße gezogen und zu beyden Seiten in den Granit befeſtigt war, hielt dieſe Unglücklichen auf; von allen Höhen wurden ſie niedergeſchmettert und überwunden ohne kämpfen zu können. Die Pferde und Ritter wurden niedergeworfen, ein Haufen von Leichnamen verſchüttete den engen Pfad, Schrecken bemeiſterte ſich Aller Herzen, die Stimme der Führer wurde verkannt, die Truppen trennten, die Unfälle ver⸗ vielfachten ſich, und die Verwirrung wurde allgemein. »Zelte**), Geſchoſſe, Kriegsgeſpanne, Schätze, Scepter, Mantel, Krone, alles fiel in die Gewalt der Bergbewohner. Herren ſo vieler Koſtbarkeiten, deren Werth ſie nicht kannten, hielten ſie Silberwerk für Zinn, und verkauften zu niedrigen Preiſen die koſtba ren Stoffe und Kleider, welche ſie nicht zerriſſen. Einer meiner Diamanten wurde als Glas hingegeben, und „ 5. Dieſe Kette iſt noch vorhanden, die Schweizer zeigen ſie mit Stolz den Reiſenden.. Bn Bern bewahrt man noch die Tapeten auf, welche das Zelt Carl's des Kühnen bildeten, zu der Zeit ſeiner Niederlage in der Schweiz. Sie ſind als Erzeugniſſe des öten Jahrhunderts bemerkenswerth. „ einem Prieſter der Gegend für einen Gulden über⸗ laſſen*). »Zweymahl hatte ich an dieſem verhängnißvollen Tage das Leben Ecberrs gerettet. Gegen das Ende des Tages getrennt von ihm, verlaſſen von allen den Mei⸗ nigen, floh ich allein durch die Gebirge; und der Held Burgund's, das Schrecken Frankreich's, der Mann der Siege, irrte ohne Hülfe und verwundet umher, und ſiel endlich leblos nieder an einer Druiden⸗Eiche, auf feindlichem Boden, am Ufer eines unbekannten Stromes. »Wie ſollte ich meine Verzweiflung ausdrücken. Meine Siege, ich mußte es wiſſen, hatten den Neid aller mit mir wetteifernden Fürſten erregt; ſie bewun⸗ derten und haßten mich. Gedemüthigr, beſiegt, hörte ich an mein Ohr das Freudengeſchrey von gans Europa dringen. Schon ſah ich die feigen Verehrer Fortunen's ſich vereinigen, und den geſunkenen Sieger völlig zu Boden zu drücken. Indem ich mit Tollheit am Fuße eines einſam ſtehenden Felſens mich umherwälzte, und mit großem Geſchrey den Tod forderte, hauchte ich meine Wuth in Gottesläſterungen aus. Plötzlich bedeckte ein dichter Schleyer die Natur, der Himmel verdunkelte, meine Gedanken verwirrten ſich; das Waſſer des Stro⸗ mes ſchien mir blutend, die Aſte des Waldes ſchienen mir eben ſo viel über meinem Haupte aufgehängte Dolche, an der Stelle der Felſen ſah ich Leichenhau⸗ das Schilfrohr zeigren ſich fen, die Raſenſtücke und *) Berſelbe iſt jetzt der zweyte Diamant Werth von zwey Millionen⸗ ——————— der Kronez er hat den — 92— mir als aus dem Abgrunde ſich hebende Flammen, und wie Prometheus im Kaukaſus erwartete ich die gieri⸗ gen Geyer.« Ein bläulicher Dunſt haͤufte und verdichtete ſich am Rande des Stromes; der nächtliche Wind bewegte ihn, dieſer verbreitete das unförmliche Gewölk, führte es in die Höhe, und als unſichtbarer Bildner zog er daraus hervor ein gigantiſches Skelett. Bey dieſem fürchterlichen Anblicke drang zugleich aus dem Walde ein entſetzliches Getöſe: die blutende Welle wallte auf, und Blitze leuchteten am Himmel.—»Carl«, rief das Geſpenſt,»deine Herrſchaft iſt zu Ende. Von Fall zu Fall, von Marter zu Marter, von Abgrund zu Abgrund wirſt du bis in's Grab hinrollen.« »So ſprach's: ein Donnerſchlag erſchallte, die Wolke zertheilte ſich, und die ſchreckliche Geſtalt war ver⸗ ſchwunden. »Ludwig indeß überließ ſich bey der Nachricht von meiner Riederlage den Ausbrüchen einer unmäßigen Freude. Der junge Herzog von Lothringen war an ſeinem Hofe; er verſah ihn mit Truppen, und René zog gegen Nancy. Franzöſiſche Kundſchafter, in Mönche verkleidet, begaben ſich nach der Schweiz, von allen Seiten predigten ſie einen Kreuzzug gegen die Bur⸗ gunder, und die ganze Bevölkerung Helvetiens waff⸗ nete ſich auf das Geſchrey der Rache und Freyheit. »Dachte ich nun darauf, mich zu vertheidigen? war ich bemüht, meine Krieger wieder zu ſammeln? erlangte ich wieder meine frühere Thatkraft? Rein, die ſchreckliche Erſcheinung am Strome hatte mein gan⸗ — 93— zes Weſen verändert. Entfärbt, verſtörten Blickes, zer⸗ fleiſcht von Gewiſſensbiſſen, bezeichnet mit dem Siegel göttlicher Verwerfung, machte ich keine Entwürfe, hatte ich keine Gedanken mehr; ganze Stunden hindurch blieb ich ohne Bewegung, ohne Worte, ohne Gedanken; und plötzlich gleich einem entzündeten Gebirge erwachte ich aus der tiefſten Ruhe, um einen Strom von Ver⸗ wünſchungen der glühenden Schlacken des Wahnſinnes auszuſtoßen. »In einem ſolchen Anfalle von Geiſtesverwirrung ſtieß ich den Rath aller meiner Ritter von mir, unge⸗ achtet der vortheilhaften Stellung der Schweizer⸗Trup⸗ pen, ungeachtet ihrer ungeheuren überzahl wollte ich den Kampf, und der Reſt meines Heeres kam um am Strande des Murten⸗Sees. Dort wurde aus den Ge⸗ beinen meiner unglücklichen Burgunder jenes ſchreckliche Denkmahl errichtet, welches den kommendeu Jahrhun⸗ derten meine Wuth und meinen Wahnſinn bezeichnen ſoll. „So wie immer Siege meinem erſten Siege folg⸗ ten, ſo folgten neue Unfälle meinem erſten Unfalle. Leicht konnte ich noch die überreſte meiner Macht ret⸗ ten, und einen Theil meiner Eroberungen erhalten. Meine Gegenwart, mein Nahme, meine Tapferkeit reichten hin, um Allen Achtung zu gebiethen. Europa kannte meine Kühnheit, es erwartete die kraftvollen Vußerungen meines Genius; unthätig blieb ich verſun⸗ ken in den Dumpfſinn der Vernichtung. Man hätte geſagt, daß ich eine Art Ruhm damit verbinde, mich eben ſo unbegreiflich im Unglück als im Glück zu zei„ gen: man hätte glauben können, daß ich ſtolz wäre bey meinen Unfällen, wie ich es bey meinen Siegen g eweſen war; und daß, indem ich das Erhabene in die übertreibung ſetze, ich ein libermaß der Demüthi⸗ gung ſuchte, wie ich nach dem Gipfel der Macht ge⸗ ſtrebt hatte. »Unterſtützt vom Könige von Frankreich hatte der Herzog von Lothringen Nancy wieder genommen. Die Nachricht davon ward mir überbracht; augenblicklich verließ ich Helvetien. Ich hatte meine Haare und mei⸗ nen Bart wachſen laſſen, verluſtig der Würde des Men⸗ ſchen und den wilden Thieren gleich, ein neuer Nebu⸗ kadnezar warf ich um mich nur wilde Blicke, ließ nur rauhes Geſtöhne hören. »Ecbert und einige tapfere Krieger waren mir treu geblieben; noch geboth ich über mehrere geringe Heeresabtheilungen; der Peiniger der Menſchheit hatte, um ſein Leben zu beſchließen, nichts als den Uberreſt ſeiner Vertheidiger zum Tode zu führen. Mitten im rauhſten Winter, durch Schneeſtürme, die von eiſigem Winde getrieben wurden, eilte ich ſinnlos gegen Nanch. Meine Truppen waren erſchöpft und gering an Zahl, der Herzog von Lothringen hatte bedeutende Streit⸗ kräfte, und ausgeruhte Soldaten. Unter den Mauern von Nancy lieferte ich René ein Treffen: der Aus⸗ gang des Kampfes blieb nicht lange zweifelhaft. Von den hohen Wällen herab zerſchmetterten die Lothrin⸗ ger die Burgunder, auf der gefrorenen Fläche ſtürzten überall die wankenden Pferde; die belagernden Rit⸗ ter, gerüſtet vom Kopfe bis zum Fuße, und erſtarrt — — — 9 von der Kälte, konnten ſich nicht wieder erheben. Ich fiel durchbohrt von Stichen; und unter dem Eiſe eines Teiches verſchwand Carl der Kühne. „Das Gerücht von meinem Tode verbreitete ſich ſchnell. Die dem Schwerte entronnenen Burgunder fielen in die Gewalt der Feinde. René zog wieder tri⸗ umphirend in Nancy ein, und unter den Leichnamen auf dem Schlachtfelde ließ er vergebens den berühmten Carl von Burgund ſuchen*). »Doch ich lebte noch... Ein Edelknabe hatte mir das Leben gerettet: gerade da ich ſterbend ſank, fing die Nacht an die Erde zu bedecken; um die Bur⸗ gunder war es geſchehen. Der junge Edelknabe wollte den Siegern meine ſterbliche Hülle entreißen: unter Begünſtigung der Dunkelheit hatte er mich allein in eine benachbarte Hütte im Walde getragen; nach Ver⸗ lauf einiger Stunden öffnete ich wieder die Augen. Wie ein Menſch, der aus einem langen Todesſchlafe erwacht, und deſſen Erinnerungen erlöſcht ſind, betrach⸗ tete ich mit ſtarrem Blicke meinen Befreyer, der am Haupte meines Bettes mit ängſtlicher Beſorgniß meine Rückkehr in's Leben erwartete. Mit Ruhe befragte ich ihn: Meine Gedanken fanden ſich nach und nach wie⸗ der, ohne Erſchütterung hörte ich die Erzählung meiner letzten Riederlage: plötzlich ergriff ich dann mit Hef⸗ tigkeit die Hand meines Edelknaben:. 2 »Schwör⸗ mir«, rief ich aus,»treu den Befehl zu erfüllen, deßeich dir geben wile *) Man vergleiche Anquetil und andere Geſchichtſe 46 in dem des Kaiſers von Der ſie — »Er ſprach den verlangten Schwur, und ich fuhr alſo fort:»René hält mich für todt, haſt du geſagt; ich will es ſeyn für die ganze Welt; mein Entſchluß iſt unwiderruflich gefaßt. Mit Schimpf erniedrigt, will Carl der Kühne nicht mehr vor den Augen der Welt erſcheinen. Kehre vor der Morgendämmerung auf das Schlachtfeld zurück, wähle unter den Todten einen Krieger, deſſen hoher Wuchs am meiſten dem meinigen gleich kommt: umhülle ſeinen KFörper mit meinem Gewande; entſtelle ſeine Züge, bedecke ihn mit Wun⸗ den, verberge ihn unter das Eis des Teiches, aus dem 8 du mich gezogen haſt: und gehe, meinen Tod zur Ge⸗ wißheit zu machen, indem du meine überreſte dem Sie⸗ ger angibſt. »Der treue Edelknabe gehorchte pünctlich: der Fürſt von Lothringen ließ eine prächtige Todtenfeyer dem unbekannten Krieger halten, der Carl den Küh⸗ nen vorſtellte, und die ganze Welt mußte an meinen Tod glauben. »Bald geheilt von meinen Wunden, entſchloß ich mich, mein Daſeyn tief in die undurchdringlichſte Ein⸗ ſamkeit zu begraben: von mir werfend die Trauer brin⸗ gende Größe; und dem bangen Gefühle entfliehend, entehrt wieder auf die Bühne der Welt zu treten, be⸗ dauerte ich nur meine Tochter, welche je wieder zu ſe⸗ hen ich für immer aufgab. »Ich war überzeugt, daß Ludwig dar Nl. die Rechte der Erbinn Burgund's achten würdey elche er mit dem Dabphin zu verbinden wünſchte. überdieß lag es — gegen jeden Feind zu vertheidigen. Ich war alſo i ruhigt über das Schickſal Mariens, mein Verſchwin⸗ den gab Europa den Frieden; die gegen mich neidi⸗ ſchen Fürſten hätten den ſchuldigen Eroberer verfolgt, biederer Weiſe konnten ſie nicht die unſchuldige Waiſe angreifen: durch meine Verbannung rettete ich Bur⸗ gund und meine Tochter. „So erhielt das Opfer meiner Perſon durch Sine Zweck etwas Edelmüthiges und Hochherziges? mit Ent⸗ zücken fand ich wieder in meiner Seele einen Funken von Tugend. Mein Edelknabe erneute mir den Schwur, nie meine Geheimniſſe zu verrathen, und ich entzog mein Antlitz den Blicken Aller, und wanderte allein fort nach der Schweiz.*) »Nahe am Murten⸗See hielt ich mich einige Zeit auf: ich ſah die Schweizer mit der Erbauung des be⸗ kannten Beinhauſes beſchäftigt, und wandte mein Haupt mit Schrecken Der wilde Berg zeigte ſich meinen Blicken: en überlieferungen machte dem Volke das Nahen zu demſelben furchtbar; dieſer Ort ſchien für den Mann paſſend, der die Menſchen fliehen wollte; ein alter Waldbruder hatte ihn bewohnt, ich nahm ſeine verlaſſene Wohnung in Beſitz, und durch einige 8 *) Die Staaten Burgund's wollten nicht an den Tod Carl's des Kühnen glauben. Man vergl. über dieſen Gegenſtand Herrn Duclos, histoire de Pouis XI., T. 3. P⸗ 66.»Das Volk zweifelte kange am Tode Carl's. Einige ſagten, er habe ſich in eine Ein⸗ öde zurückgezogen, andere, er ſey nach Jeruſalei gepilgert⸗ Dieſe vorgefaßte Meinung war bey Einigen ſo feſt, daß ſie Geld ausliehen, das bey der Rückkehr dieſes. wieder ge zahlt werden ſollte«. Der Einſame. 2. —— Gaukeleyen, welche den unwiſſenden Bergbewohnern als übernatürlich erſchienen, machte ich die Klausner⸗ hütte des Einſamen noch unzugänglicher und gefürch⸗ teter als jemahls. »Entſchloſſen, die Rache des Himmels wo möglich durch Reue und Büßungen zu entwaffnen, hatte ich abſichtlich den Schauplatz meiner letzten übelthaten zum Boden meiner Verbannung gewählt. Von meiner ein⸗ ſamen Wohnung aus erblickte ich den See Neufchatel und das Murtner⸗Beinhaus. Richt ferne von mir er⸗ hob ſich der Schreckensfels, wo meine grauſame Horde, die Schweiz durchziehend, die Mönche von Underlach gemordet hatte! und dieſer Felſen ſtand gleich einem rächenden Phantom beſtändig vor meinem Blicke. »Allein, obgleich umringt von Anklägern und Rich⸗ tern, kniete ich bey meiner einſamen Wohnung nieder, und indem ich meine Verbrechen zurück rief, flehte ich um Vergebung bey den Menſchen, und um Gnade bey dem Himmel, aber der Ewige verwarf mein Gebeth, und kein Hoffnungsſtrahl leuchtete auf dem Gebirge. Ach! was war aus der glücklichen Zeit meiner Jugend ge⸗ worden, wo meine zum Himmel erhobenen Gedanken glänzend und rein wie die Heerſchaaren der Engel auf der Leiter des Patriarchen wieder zur Erde herabſtiegen! „Einige Koſtbarkeiten hatte ich mit mir davon ge⸗ tragen; ich ertheilte davon Wohlthaten in der Gegend; ich unterſtützte die Dürftigen, ich kam den Unglücklichen zu Hülfe. Man ſegnete den Einſamen, und der Ein⸗ ſame fluchte ſich ſelbſt: der Tröſter von Underlach trug ein untröſtliches Herz; und die Rückkehr zur Tugend * —** —— war zu ſpät, als daß ſie eine Rückkehr zum Glück hätte ſeyn können. „In den Hütten, in welche ich hinabſtieg, mitten in den Thälern, welche ich durchlief, überall wohin ich meine Schritte lenkte, hörte ich den Nahmen Elodiens von der Dankbarkeit und Bewunderung ausſprechen. Ich wünſchte dieſe von den Gebirgsbewohnern ſo hoch gehaltene Taube des Kloſters zu ſehen: geheim folgte ich Euren Schritten; ich ſah Euch und die Liebe, als eine neue Rache des Fimnmels fügte noch eine Strafe zu den Qualen meines Daſeyns. vIch fühlte nun, daß ich zum erſten Mahl liebte. Irena hatte mich durch ihre Schönheit entzückt, aber nie hatte ſie mir dieſe glühende Liebe eingeflößt, dieſe fromme Achtung, dieſe leidenſchaftliche Verehrung, welche mich kennen zu lehren Elodien allein beſtimmt war. Lange folgte ich irrend eurer Spur, und wagte nicht, mich eurem Blicke zu zeigen. In dem Pavil⸗ lon des Parks bemaͤchtigte ich mich eines Abends Eures ürtels, und freudetrunken kehrte ich in meine Ein⸗ ſamkeit zurück, als ob ich den Talisman der Tugend wieder gefunden hätte. Ich legte ihn an mein Herz. Ach, gleich einem Läene Feuet er es u verzehren! vIch faßte den Entſchluß, Euch den ungtichrin genden Gürtel zurückzugeben: das Verlangen, mich 5 zu nähern, und Euch zu ſprechen, beſtimmte mich. Ich mußte Euch voll Wahnſinn ſcheinen, ich mußte Euch ſchrecken: und dennoch ſah ich euch erweicht, als in der Gallerie des Sitz gegen Himmel Fien* — wagte, an Euch jene räthſelhaften Worte zu richten: »Hier, wenn Reue den Abgrund verſchließt, ja, hierallein wirder euch ſagen können: ich liebe euch.«— Dieſe Unterredung zerrüttete meine Vernunft noch mehr. Wer? ich! ich wagte es, die Tochter St. Maur's zu lieben! ich verſetzte mich in die Vergangen⸗ heit, und ſchien mir hoffenswerther als ſemahls. Carl der Kühne richtete ſeine Blicke nach dem Schreckensfelſen, nach dem See von Neufchatel und nach dem Murtner Beinhauſe, und wälzte ſich verzweifelnd in dem Heide⸗ kraut der Wüſte, oder in den Höhlen des Waldes:— „Ungeheuer, bedarfſt du noch eines Opfers Aus Furcht, mein unreiner Hauch möchte den Aufenthalt Elodiens entweihen, näherte ich mich nicht mehr dem Kloſter, wo bald darauf der Graf von No⸗ rindall ankam. Unter ſeinen Kriegern befand ſich der Edelknabe, dem ich das Leben dankte: er kannte mei⸗ nen verborgenen Aufenthalt, heimlich kam er, mich zu ſehen, und von ihm erfuhr ich die in Vorſchlah gebrachte Verbindung Ecbert's mit der Schweſter des Herzogs von Lothringen. „Gefeſſelt von den Reitzen Elodiens, verließ d* Freund René's nicht das Thal von Underlach: Marce⸗ linen trug ich auf, Euch von den frühern Verbindlich⸗ keiten des Grafen von Norindall zu unterrichten; und durch den mir ergebenen Edelknaben war es endlich, daß ich die Anträge Ecbert's und Eure Weigerung, ſeine Abreiſe und den Plan der Entführung erfuhr, er im Sinne hatte. * 1 — 101— „Elodie, wie groß mußte Euer Erſtaunen ſeyn, als an der Brücke des Stromes der Graf Ecbert Carl den Kühnen wieder erkannte, und ihn für eine Geiſter⸗ geſtalt hielt; als er auf ſeinen Knien die Arme zu ſei⸗ nem Waffenbruder erhob!... Ach, meine Zuſam⸗ menkunft mit ihm auf dem wilden wird nie aus meinem Gedächtniſſe kommen. »Ich kannte die leicht zu ergreifende Seele Ecbert's, ich hatte nicht an der ſchrecklichen Wirkung gezweifelt, welche mein Anblick auf ihn machen würde. Zweymahl hatte ich auf dem Felde der Ehre ſein Leben gerettet: ich wußte, daß bey meinem bloßen Rahmen noch ſeine Thränen floſſen; ich wußte, daß er, meine Verbrechen entſchuldigend, ſich nur an meine Tugenden erinnerte; und ich war überzeugt, daß ſeine ſchwärmeriſche Er⸗ gebenheit für den glücklichen Herzog von Burgund nicht weniger rühmlich wieder aufleben würde für den un— glücklichen Einſamen. „Kein Ausdruck könnte das freudige Entzücken des edlen Ecbert's bezeichnen, als ich in der Hütte des wilden Berges ihn an mein Herz ſchloß. Mit aller Hin⸗ gebung der Freundſchaft bekannte ich ihm meine Liebe zu der Waiſe aus der Abtey: ich ſah ſeine Thränen fließen und hatte den Muth, von ihm das lichſte Opfer zu verlangen„. »Der hochherzige Ecbert fiel mir zu Füßen.«— „O mein Fürſt,« rief der edle Krieger aus, vo mein Freund, Elodie ſey der tröſtende Engel deines Exils!... Nein, ich will nicht ſo grauſam ſeyn, dir nach dem das letzte Bret zu S 18 — 102— ich ſchwöre es dir, nie werde ich deine Geheimniſſe ver⸗ rathen: für immer will ich Elodien fliehen„Ich opfere dir Liebe, eheliche Verbindung, Ruhe, Glück und Leben.« „Bey dieſen Worten riß er ſich aus meinen Ar⸗ men und ich ſah den Unglücklichen erſt am Schreckens⸗ felſen wieder, wo ich ſein Leben rettete.« »Ecbert hielt ſeinen Schwur, aber ein Gewiſſens⸗ vorwurf mehr zerriß meine Seele. Ich fühlte mich unwürdig, der Gatte Elodiens zu ſeyn; und ich hatte eben einen Bund zerriſſen, der ohne Zweifel ihr Glück gemacht hätte; der junge, tapfere, tugendhafte Ecbert verdiente allein die Jungfrau von Underlach. »Ich war allein, zurückgezogen in meine einſame Wohnung; da öffnete ſich plötzlich die Thüre, und ich ſah Herſtall.—»Ihr hier le rief ich aus. Ein Lichtſtrahl beleuchtete eben meine Züge. Der Greis ſtieß einen Schrey des Schreckens aus: er er⸗ kannte Carl den Kühnen. »Ich warf mich ihm zu Füßen.— Herſtall! verzeihe dem Unglücke, der Reue, der Verzweiflung, oder nimm dieſes Schwert und räche dich le »Der Greis ſtieß mich mit Abſcheu zurück.— »Mörder meines Bruders le rief er mit aller ſeiner Kraft, Mörder meiner Irena! Du Peiniger mei⸗ ner ganzen Familie! wer! ich dir verzeihen? 4. Niemahls.« 3 So ſprach er und fiel erſchöpft auf eine Bank in der Hütte.— vUnerbittlicher Mann,« fuhr ich mit zitternder Stimme fort, indem ich meine flehenden — der, hingeſtreckt vor dir, deine Knie umfaßt!« 6 — 103— Hnde nach ihm ausſtreckte:„kannſt du Carl den Küh⸗ nen wieber erkennen, den wilden, ſtolzen, unbeugſa⸗ men Burgunder, in dieſem ungücklichen Verbannten⸗ »Ungeheuer, entferne dichK ſprach Herſtall mit Grimm, und erhob ſich plötzlich;»du ſprichſt von Vor⸗ würfen des Gewiſſens, und ſinneſt auf neue Verbre⸗ chen. Kann mir's unbewußt bleiben⸗ du ſuchſt Elodien zu entführen; Unmenſch! zwiſchen ihr und dir erheben ſich das kalte Grab Irena's und der blutende Schatten St. Maur's.« 2 »Herſtall la rief ich aus, ſchone meiner! Möge Mitleid!«.. Aber Wuth leuchtete in ſeinen Blicken, er unterbrach mich:—»Ich höre die Stimme deiner Opfer Sie rufen mir zu: Räche uns! Blut⸗ menſch! was nützen mir deine Gewiſſensbiſſe? Für dich gibt es kein Mitleid! Möchten die Verwünſchungen des Himmels gleich den meinigen dich bis in deine letzee Stunde verfolgen! und möchten die Schreckniſſe dei⸗ nes Todes den Verbrechen deines Lebens gleichen« „Herſtall eilte hinweg: ich blieb vernichtet wie vom Blitze getroffen. Die letzten Worte des Greiſes tönten an mein Ohr wie Verdammungsurtheile des Rache⸗ gottes. Von dieſem Augenblicke an glaubte ich mich ohne Rettung verworfen, für immer verloren: und mit meinem Schwerte würde ich meinen Lebensfaden zerſchnitten haben, wenn mein Arm nicht aller Kraft, meine Seele alles Willens, meine Glieder aller Be⸗ wegung beraubt geblieben wären. — 104— »In dieſem ſchrecklichen Zuſtande, in dieſer Vor⸗ empfindung der Hölle, brachte ich eine ganze Woche zu. Plötzlich erfuhr ich den Tod Herſtalls, und zit⸗ terte, Elodie möchte gegen mich den Verdacht hegen, einen Angriff auf ſein Leben gemacht zu haben. Ich drang in den Park des Kloſters.. ſonderbares Schickſal! Am Grabe des Greiſes, der mir geflucht hatte, war es, wo der erſte Tag der Hoffnung mir entgegen glänzte. Ich erkannte, daß ich geliebt wurde. »Aber wie ſchnell fuhr dieſes Emporleuchten des Glückes dahin! Ich fühlte das Schreckliche mei⸗ ner Lage, und das gräßliche Schickſal, welches ich der Unſchuld bereitete. Der Fluch Herſtall's kam wie⸗ der in meine Gedanken. Der Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht war ſchrecklich, aber meine edleren Ge⸗ fühle ſiegten, ich ſagte Euch Lebewohl und eilte, fern vom wilden Berge ein anderes Land der Verbannung und des Schmerzes zu ſuchen. »Unterrichtet von den Ränken des Verſchwörers balzo, ſah ich die Gefahr voraus, welche euch drohte, und lange ehe die Fackel auf dem Thurme mir geleuch tet hatte, war ich darauf bedacht, die ſchändlichen Pläne des fürſtlichen Empörer-Hauptes zu vereiteln. Durch Ecbert unterrichtete ich den Hof zu Lothringen— von dem Complotte zu Underlach; und als ich Euch in der Capelle wieder ſah, wußte ich, daß der Graf von Morindall ſchon von Nancy abgegangen ſey, und zu Euerer Rettung herbey kommen würde. 6 »O allzu theure Elodie! ich war zu Euch gekom⸗ men mit dem tſchtuſe⸗ nicht ein Wort von Liebe zu — 105— ſprechen; aber bey Eurem Anblicke wurden alle meine Entſchließungen wie ein Traum zu nichte: vergebens wandte ich mich von Eurem Blicke, ich hörte Eure rüh⸗ rende Stimme.. und Ihr ſahet mich zu Euren Füßen. „Der Fürſt Palzo wurde verhaftet! Ihr beſtimm⸗ tet Euch der Gräfinn zu folgen. Von dem Gipfel des wilden Berges ſah ich den Zug vorbey kommen, welcher mir mehr als das Leben wegführte; ich glaubte den Tod zu empfinden, der wie die kalte Klinge des Todes über mein Herz hinging. „Am Tage vorher hatte ich, verborgen in einer tiefen Höhle nahe am Strome von Underlach, Palzo durch einen prophetiſchen Geſang erſchreckt. Am Tage Eurer Abreiſe ſelbſt hatte ich den Plan entdeckt, welchen die Rebellen ſich gebildet hatten, ihren gefangenen Führer zu befreyen⸗ Um die Truppen Ecbert's zu ret⸗ ten, welche den bewaffneten Bergbewohnern an Zahl nicht gleich kamen, war ich vor Euch auf den Schreckens⸗ felſen gegangen. In der ungeheuern Höhle des fürch⸗ terlichen Felſens hatte ich harziges Holz, brennbare Stoffe, eine Menge Schwefel, Pech und Pulver zu⸗ ſammengepreßt. Mitten im Kampfe, den die Rebellen begonnen hatten, verkündigte der heftigſte Knall den leichtgläubigen Bergbewohnern die ſchreckliche Erſchei⸗ nung des blutenden Phantoms. Bekleidet mit einem purpurfarbenen Mantel ging ich mitten aus den Flam⸗ men hervor, vernichtete die empörten Truppen, tödtete den treuloſen Palzo, und entriß Ecbert dem Tode.« »O theure Elodie! als ich in Eurer Ohnmacht 5 . — 106— Euch erhob, und nach dem wilden Berge tragend Euc in meine Arme drückte, glaubte ich, trunken von Freude und Liebe, den Himmel ſich öffnen zu ſehen.. Der Nachtwind trug an mein Ohr nur Töne des Frie⸗ dens und der Liebe; mit Wonne zog ich in mich die ſanfte und reine Luft des Waldes, und glaubte mich mit der ganzen Natur verſöhnt. Die Unſchuld ruhte an meiner Bruſt; ihre Berührung ſchien mich gereinigt zu haben; die Erinnerung meiner Verbrechen floh wie ein altes Chaos, das eine neue Morgenröthe zerſtreut. Meine leidenſchaftliche Seele öffnete ſich wieder allen Tugenden, indem ſie für die Hoffnung wieder auf⸗ lebte. Ruhm, Reichthum, Thron und Macht, wie verächtlich erſcheint ihr in den Augen des Verbannten vom Gebirge! er hatte mehr als euch, mehr als alle Pracht der Erde wieder gefunden: vom Himmel ſich frey geſprochen glaubend, hatte er ſeinen Gott wie⸗ der gefunden. »Mein Auge erhob ſi mit Dank zum blauen 3 Gewölbe; es flehte nicht um Gnade zum Schöpfer, es läſterte nicht mehr, es zweifelte nicht mehr: zum er⸗ ſten Mahl ſeit den Tagen meiner Unſchuld dankte ich dem höchſten Richter, ſegnete ich die göttliche Güte. Der Ewige hatte mir eben Elodien anvertraut, und wie die Taube aus der Arche den geretteten Menſchen das Ende der Rache des Himmels verkündete, ſo ſchien ſie mir den Zweig der Gnade, welcher der gelauterten Erde wieder entſproſſen war, zu biethen. »Ihr kamet in's Leben zurück, Ihr nahmet mei⸗ nen Zufluchtsort an; wie glücklich war dieſer Tag! —,— —,— aber welche Nacht folgte ihm!... Ich legte mich nieder an der Thüre des geheiligten Umkreiſes, in dem meine Elodie ruhte, und übepließ mich dem ſanfteſten Schlafe: da erſchien mir plötzlich im Schlafe die Ge⸗ ſpenſtergeſtalt des Stromes; ihre Stirne trug eine blutende Krone; ein zerriſſenes Purpurgewand bedeckte die Todtenfarbe ihres Körpers, und Schlangen benag⸗ ten ihr Herz⸗ „Carl,« ſprach zu mir der Schatten;»der Himmel iſt verſöhnt, deine Reue hat ſeine Gerechtigkeit ent⸗ waffnet; aber damit dir ganz vom Ewigen vergeben werde, mußt du dem Befehle gehorchen, den ich dir zu verkünden komme. Im Beinhauſe von Murten, umgeben von allen Erinnerungen an dein Leben, am Denkmahle des Verbrechens und des Todes ſollſt du deinen Nahmen der Waiſe von Underlach verkünden: Gott gebiethet es, gehorche.« »Bey dieſem ſchrecklichen Richterſpruche ſtieß ich ein ſchmerzliches Geſchrey aus, ich flehte um das Mitleid der Geſtalt; ſie wies mich zurück und verſchwand. Ich erwachte, mein Geiſt war verwirrt, mein Leib mit kaltem Schweiße übergoſſen, und die Haare ſtanden mir vor Schrecken zu Berge. Drey Mahl ſchloß gegen mein Streben der Schlaf meine Augenlieder, drey Mahl wiederholte ſich der Traum. Ich kann nicht zwei⸗ feln an dem Willen des Himmels: am Tage meines erſten Unfalls hatte die Geſtalt vom Strome mich nicht getäuſcht, indem ſie mir eine Reihe von Unglücksfällen verkündigte: jetzt verhieß ſie mir die Pergebung des Himmels, wenn ich dem vorgeſchriebenen Befehle ge⸗ — 108— orhte ch die ewige Gnade konnte nur turh die grauſamſten Opfer erkauft werden: ich ergab mich und gehorchte. »Ich bin am Schluſſe: ich habe meine ſchrecklichen Geſtändniſſe beendigt? habe ich den Becher des Unglücks erſchöpft? Tochter Saint⸗Maur's, ich erwarte Euer Urtheil. Welches es auch ſey, ſprecht es ohne Furcht aus; ich ſchwöre es Euch, keine Klage, kein Vorwurf ſoll durch den Unglücklichen vom wilden Berge euch beunruhigen. Wenn Carl von Euch verurtheilt wird, ſo werdet Ihr ihn nie wieder ſehen: wenn Ihr ihn frey— ſprecht O Elodie, ich wage es nicht bey dieſem Gedanken zu verweilen. Kommt es mir zu, noch an Glück zu glauben?. Der Himmel bewillige mir Vergebung, ich darf ſie hoffen; aber eine Belohnung, darf ich dieſe erwarten! »Gleich einem Verbrecher, den das Blutgerüſt erwartet, zitterte ich unwillkührlich jeden Augenblick... Ich meinte, daß ein heftigerer Blitzſchlag, als alle, welche mich getroffen hatten, ein noch ſchrecklicherer Bannfluch, als der Herſtall's, mein geächtetes Haupt zerſchmettern würde. Wenn meine Ahnungen in Er⸗ füllung gehen, wenn Euer Herz mich zurück ſtößt, dann lebe wohl, himmliſches Mädchen, lebe wohl, theure Elodie!. Mich unterwerfend und ergebend gehe ich von hier.. Vielleicht wird Gott, der uns auf der Erde trennte, im Himmel uns vereinigen. O! daß mir nur dieſer ſüße Gedanke nicht geraubt werde! von ihm geſtützt, werde ich mit Entzücken in das mir un⸗ bekannte Grab hinab ſteigen, welches mich erwartet, — 109— und auf dem keine Thräne des Mitleids vergoſſen wer⸗ den wird!... Lebe wohl, tröſtende Leuchte für die Reue und den Schmerz! jungfräuliche Blume, deren himmliſchen Duft ich einen Augenblick athmete, aber deren Reinheit unbefleckt geblieben iſt! Heiteres Bild aus himmliſchen Regionen! Hoffnung, Liebe, Glück, lebet wohl!« ———— 8 wolftes Buch. Di Jungfrau von Underlach hatte den geſchriebenen Heft geleſen. O! ungeachtet ſeiner Verirrungen, wie groß erſchien in ihren Augen dieſer Carl, vor dem die Welt gezittert hatte; dieſer Carl, welcher der Welt entſagte! Welche Verirrungen, aber welche Reue! Welche Verbrechen, aber welche Büßungen! Wie er ihre Theibnahme erregte, wie bewundernswürdig er ihr ſchien, dieſer geächtete, reuige, von der ganzen Natur vergeſſene Held von Burgund!... Der mit dem Purpur geſchmückte, erobernde, ſiegreiche Carl war nur ein beglückter Fürſt; jener Carl aber auf dem öden Gebirge, der freywillig ſich aller Hoheit entkleidete, der bis zu dem letzten Grade der Erniedrigung herab⸗ ſtieg, und dennoch das Leben ertrug, ſchien ihr erha⸗ ben über die menſchliche Natur. Wos ſollte Elodie nun dem Unglücklichen antwor⸗ ten, der zu ihr flehte? Sollte der von aller Welt ver⸗ laſſene Carl ſich zurück geſtoßen ſehen von dem einzigen — Weſen, das ihn noch an das Leben band?.. Der Zorn des Himmels war beſänftigt: ſollte Elodie un⸗ beugſamer ſeyn als der Himmel?... Sollte ſie ihm, indem ſie ihn wieder in Verzweiflung verſenkte, den Abgrund öffnen, da der Allmächtige ihn auf die Wege der Unſterblichkeit rief? Nein, ihr Entſchluß iſt gefaßt, die Waiſe aus der Abtey kann, darf nur ein Engel des Friedens und der Vergebung ſeyn: ihr ſcheint es, als ob Gott ſelbſt ſie gewählt habe, um den Mann der Reue zu tröſten, um ihn auf dem Pfade der Tu⸗ gend, den er wieder betreten hat, zu befeſtigen, um ihn endlich wieder der Ruhe und dem Glücke zuzu⸗ führen. Die Jungfrau wankte nicht, und als ob ſie eine heilige Pflicht erfülle, ſchrieb ſie mit ſicherer Hand einige Zeilen: ſie wurden eiligſt in die Höhlung der alten Weide unten am Pfade zum Gebirge nieder⸗ gelegt: 5 »Ihr waret jehr ſtrafbar, aber die Gnade des »Himmels iſt noch größer, als die übelthaten der Men⸗ „ſchen. Ach! möchte es wahr ſeyn, daß ich für euch vein vom Ewigen ernannter Richter wäre! Carl! die »Stimme der Unſchuld iſt nicht donnernd; die »Jugend iſt nachſichtsvoll; das Schilfrohr kann nicht zur Keule dienen, und eine Jungfrau war immer nur mit einer Sendung des Heils beauftragt. In meinen »Augen haben eure Bekenntniſſe euer ganzes Weſen vverändert; aber ſie haben nicht mein Herz umgewan⸗ »delt. Ich habe geleſen, geweint und verziehen.« Die Waiſe zählte die Augenblicke mit Ungeduld... 3 — Stolz darauf, die einzige Stütze des berühmten Für⸗ ſten von Burgund geworden, die ganze Welt für den ſiegenden Helden zu ſeyn, dem ſonſt der bezwungene Erdkreis nicht hätte genügen können, genoß ſie im voraus das Entzücken, das ihr Brief hervorbringen ſollte. Ihre reine Seele, glücklich in dem Gedanken, eine andere Seele entſündiget zu haben, machte ſich aus ihrer Liebe eine Tugend, aus ſeinem Glücke eine Pflicht; die Verzeihung, welche ſie ihm verkündigt hatte, ſchien ihr von Gott eingegeben, und die Zu⸗ kunft in den Farben eines magiſchen Gemähldes öffnete ſch vor ihr, geſchmückt mit allen Täuſchungen der Ju⸗ gend, Begeiſterung und Liebe. Aber ſchon war der Einſame in der Hütte, Carl war bey Elodien. O wie ſüß ſind die erſten Geſtänd⸗ nniſſe gegenſeitiger Liebe! Die Waiſe ließ ihr Herz ſpre⸗ hen, und der glückliche Herzog von Burgund fürchtet nichts mehr, als das übermaß ſeiner Seligkeit; ach, oft begegnet hienieden der zu weit getriebenen Freude noch der Schmerz⸗ Die Einſiedeley, der Wald, der Felſen, die Ein⸗ sde, alles war vor ihren Blicken verſchwunden. Sie befanden ſich nicht mehr auf dieſer Erde, ſie irrten in jenen zauberiſchen Regionen, zu welchen ſich auf Augen⸗ blicke beglückte Liebende erheben, welche das Schickſal zuſammen führte. Alle Vorſchläge Carl's wurden von der Waiſe ge⸗ billigt. Der Herzog von Burgund wollte noch ferner⸗ verborgen vor den Augen der Welt leben; er wollte auf dem wilden Berge„aber in der Nähe der Vielge⸗ — 112— liebten wohnen; die Hütte ſollte wieder neu erbaut werden; die Liebe, die Zauberinn der Natur, ſollte allein ihre Arbeiten leiten; und ein Pallaſt wurde für die Waiſe die Hütte des Einſamen, ein Thron für Carln der Felſen, welchen Elodie bewohnte!... Nach dem Plane des Fürſten ſollte die Tochter Saint⸗Maur's Anſelm aufſuchen. Der würdige Pfar⸗ rer von Underlach konnte nicht vergeſſen haben, daß Conrad, ſein geliebter Reffe, das Leben dem Einſamen danke; er ſollte die beyden Liebenden in der Capelle der Abtey vereinigen: keine irdiſche Macht hatte das Recht, ſich der Verbindung der Waiſe zu widerſetzen. Elodie war ihrer Familie unbekannt; Carl war von allen Menſchen vergeſſen; ſie wollten Eines für das Andere leben; ſie wollten ſelbſt nicht im Weltall zwey ver⸗ ſchiedene Weſon ausmachen. In dem reinſten Entzücken der Seele, in der ſüßeſten Begeiſterung des Gefühls hatten beyde nicht das Dahineilen der flüchtigen Stunden bemerkt. Ach! dieſe grauſamen Töchter der Zeit tragen jede ihre Si⸗ chel in der Hand, mit welcher ſie ausgehen, die Freu⸗ den der Menſchen hinwegzuraffen, faſt in dem Maaße, wie er ſie genießt. Wie ein ſchnelles Leuchten des menſchlichen Glücks war der Tag hingeflohen. Gegen Abend ſtieg Elodie das Gebirge herab, geſtützt auf ihren Freund, ihren Beſchützer, ihren Geliebten, ihren Gatten. Am Stro⸗ me trennten ſie ſich: die Waiſe begab ſich nach der Wohnung Anſelm's, und der Fürſt nach dem Kloſter. Carl wollte ſeinen edelmüthigen Waffenbruder wieder⸗ ₰ 113— ſehen, er wollte den hochherzigen Echert in ſeine Arme ſchließen: ſeine dem Glücke wieder geöffnete Seele war voll von Dank und Zärtlichkeit. Ach, Verzeihung und Mitleid dem Manne, deſſen reinſte Gefühle am Buſen des Unglücks erſtarren, und ſich verharten muß⸗ ten, gleich dem Waſſer, welches in die Erde dringt und unter dem Felſen friert!„„ Aber Haß und Verachtung der unempfindlichen Seele, welche, wenn das Glück als ein himmliſcher Thau von Reuem auf ſie herabſteigt, nicht um ſich die Freuden des Froh⸗ ſinis, des Wohlthuns und der Liebe verbreitet!... Anſelm ſah die Tochter Saint⸗Maur's nahen; er ſtieß einen Schrey der überraſchung aus: welche Freude rurchdrang ſeine Seele, mit welcher Aufmerkſamkeit lieh er ſein Ohr der Erzählung ihrer Befreyung!.. Außer dem Nahmen und den Geheimniſſen des Ein⸗ ſamen hatte Elodie dem Vater Anſelm nichts verhehlt. Ihre Wünſche, ihre Entſchlüſſe und die Beweggründe ihres Beſuches, alles hatte ſie ihrem alten Freunde entdeckt. Anſelm hatte ſie angehört, ohne ſie zu unter⸗ brechen; aber öfter als ein Mahl waren tiefe Seufter ſeinem Buſen entſchlupft. Elodie bemerkte mit Rüh⸗ rung, daß ſeine Augen mit Thränen gefüllt waren, mit Unruhe erwartete ſie ſeine Antwort. „Alſo um die Gattinn des geheimnißvollen Ein⸗ ſamen zu werden,« ſprach endlich der verehrungswür⸗ dige Greis, vum die Gattinn zu werden von einem Manne ohne Nahmen, ohne Rang, ohne Vermögen, ——————— 6— —— hat die ſanfte Jungfrau die Hand des edlen, tugend⸗ 2 ————— ————— ————— ——— ——————— —— —— ——— — 114— haften und mächtigen Grafen von Norindall ausge⸗ ſchlagen la vAch fuhr er fort,»der Himmel hat mir keine Rechte über Elodien gegeben; verlaſſene Waiſe, ihr ſeyd Herrinn eurer Selbſt. Was vermöchten die klugen Meinungen eines Greiſes, die kalten Worte der Ver⸗ nunft gegen die glühenden Erklärungen der Liebe, ge⸗ gen die hinreißende Verführung des Herzens! Doch, meine Tochter, antwortet mit Aufrichtigkeit: indem ihr euch bereitet, euer Schickſal in die Hände des fremden Unbekannten vom wilden Berge zu legen; wenn vielleicht ein Abgrund vor euch wäre, bey meiner flehenden Stimme, fühlet ihr nicht euren Entſchluß wanken, und wird euer Herz nicht von einem unwider⸗ ſtehlichen Schauer ergriffen? ℳ—»Nein, mein Vater,« unterbrach ihn die Waiſe mit Feſtigkeit.»Die Seele des Einſamen iſt vor mir aufgeſchloſſen, ich fürchte nichts, indem ich ihm mein Schickſal vertraue, und glaube, daß der Himmel ſelbſt mir meinen Ent⸗ ſchluß eingab.«—»Ihr liebt!« ſprach der Greis.— »Möchte ich Gattinn ſeyn, wenn ich nicht liebte! antwortete das junge Mädchen. »Anſelm,« fügte ſie hinzu, vverſagt es ctien nicht, ihre Verbindung zu ſegnen. Kommt, um am Fuße des Altars den Segen des Allmächtigen auf die Waiſe und ihren Gatten herab zu rufen: möchte durch euch die Verbindung meiner Hand mit der„4— »Eines Unbekannten, eines Abenteurers vielleicht 1s rief Anſelm mit Schmerz.— Eines Abenteurers ls.. wriederholte Elodie mit Unwillen,»welch beleidigendes — 115— Wort habt ihr ausgeſprochen!„ Ziemt es euch, ſo vom edelmüthigen Retter Conrad's zu ſprechen 26 Darauf fuhr ſie mit kraftvoller⸗ feyerlicher Stim⸗ me alſo fort: Reben dem, den die Jungfrau von Underlach ſich erwählt hat, iſt der mächtige Graf von. Norindall nur ein dunkler Sterblicher ohne Ruf. Der Mann, dem ſie heute ihr Herz gibt, würde morgen, wenn er es wollte, gleich den hohen Mächten der Erde mit Pracht ſich erheben. Seiner Geburt und ſeinem Range nach iſt die Waiſe der Abtey vielmehr des Ein⸗ ſamen unwürdiger, als er es ihrer iſt. Stolz auf ihren Gatten, in die Wüſte zurück gezogen, will Elodie auf dem wilden Berge nur der Liebe gehorchen„„aber ſie könnte dem Ruhme gebiethen.« Begeiſterung leuchtete in ihrem Blicke. Beſtürzt vor Erſtaunen, ſprach Anſelm:»Elodie, ſeine Geheim⸗ niſſe ſind euch alſo bekannt?. Soo ſprecht endlich, welches iſt ſein Nahmek«—»An Gottes Altar,« antwortete die Waiſe, vwill er ſelbſt euch denſelben enthüllen. Unter dem Gewölbe der Kloſter⸗Capelle ſoll zum letzten Mahle dieſer Nahme aus ſeinem Munde gehen. Dem Ruhme, der Größe, dem menſchlich eit⸗ len Gepränge entſagt der Einſame für immer. Sollte es ein Diener des Himmels ſeyn, der ihm dieß zum Vorwurfe machte*6 Bey jedem Worte Elodiens wuchs das Erſtaunen Anſelm's.— Mein Vater,« fuhr ſie fort, vbey eurer Zärtlichkeit für mich, bey dem Himmel ſelbſt, der mir dieſe Verbindung gebothen zu haben ſcheint! ſchwöret mir, daß ihr nie der Welt das Daſeyn des Mannes — 116— entdecken werdet, der nicht mehr unter den Menſchen herrſchen, und der euch ſeinen Nahmen nur in Gegen⸗ wart des Ewigen vertrauen will.« »Ich ſchwöre es,« ſprach Anſelm. Und der Greis bezweifelte nicht mehr, daß der Verbannte vom wilden Berge eine erlauchte Perſon ſey. Hätte Elodie, die reine, vorwurfsfreye Jungfrau, ihn ſo geliebt, wenn nicht einige Tugenden ihn ihrer würdig gezeigt hätten?.„. Anſelm beſtritt nicht mehr ihre unerſchütterliche Beſtimmung; und am folgenden Tage bey den letzten Strahlen der Sonne wollte er fie insgeheim in der Capelle der Abtey mit dem Einſamen verbinden. Die Waiſe richtete ihre Schritte wieder nach dem wilden Berget vergebens ſuchte Anſelm ſie im Presby⸗ teriate zurückzuhalten. Sie hatte gefürchtet, ſie möchte den Fürſten beleidigen, und Zweifel in ſeine Seele zu ſetzen ſcheinen, wenn ſie auch nur einen Tag aufhöre, ſich ſeiner Rechtlichkeit zu vertrauen. Am Abende vor der hochzeitlichen Feyer wäre ihn zu verlaſſen grauſam geweſen; Carl hatte ihrer Gegenwart, ſie ſeiner Liebe nöthig. Mit welchem Entzücken fanden ſie ſich wieder!... Mit welchem zarten Vertrauen unterhielten ſie ſich vor der friedlichen Wohnung, auf der Haide des Waldes von ihrem gegenwärtigem und zukünftigem Glücke! Ach, das vergangene war nichts mehr als ein bloßer Traum. Eins neben dem andern, hatten ſie ſich am Felſen der Hütte unter den einſamen Laubgewölben nieder geſetzt, ſie hörten weder das ſanfte Zittern der Zephyre, welche im Laube ſpielten, noch das ferne Murmeln der Waſ⸗ ſerfälle, noch die harmoniſchen Töne der Sänger des Waldes: ſie liehen das Ohr nur den vollen Tönen der Liebe, den glühenden Worten des Gefühls; und wenn ein beredtes Schweigen ihren leidenſchaftlichen Geſprä⸗ chen folgte, ſo hörten ſie nur das Seufzen und das Schlagen ihrer Herzen. dit Bedauern zog ſich die Tochter der Abtey un⸗ ter das ländliche Dach zurück, wohin die nächtliche Stunde ſie rief. Sie mußte den Einſamen verlaſſen, und jeder Augenblick, den ſie fern von ihm zubrachte, ſchien ihr ein Raub an ihrem Glücke. Ein eben ſo bie⸗ derer Krieger als zärtlicher Liebender, wachte Carl am Heiligthume der Unſchuld mit Begeiſterung und Ach⸗ tung, und unter der Obhuth der Liebe, in der Macht des leidenſchaftlichſten aller Menſchen entſchlief die ſchönſte unter den Jungfrauen, voll Vertrauen, glücklich und rein. Die leichten, nicht tiefen Wunden Ecbert's waren ſchon vernarbt. Carl hatte ſeinen Waffenbruder wieder geſehen und hatte ihn von ſeinem Glücke unterrichtet. Welches Opfers war nicht der edelmüthige Graf von Norindall fähig! Er verſprach Carl zum Altar zu begleiten, und Zeuge des ehelichen Schwurs zu ſeyn⸗ der für immer ihn von Elodien trennen ſollte. Wie lange ſchien die Nacht dem Fürſten! Endlich kam Aurora hervor: aber wie wenig war die Natur mit dem freudigen Herzen des Einſamen im Ein⸗ klange!. Das Himmelsgewölbe war mit dunklen Wolken beladen, und fern am finſtern Horizont erhoben — — 118— ſich weiß und unglückſchwanger die Eisgebirge, wie ne⸗ belige Geſpenſter. Die Taube des Kloſters war aus der Hütte her⸗ vorgegangen; ſie betrachtete den Himmel und zitterte... Am Abende vorher hätte man geſagt, daß die ganze Natur ihrer Seligkeit zulächle; warum ſchien nun die erwachende Morgenröthe ein böſer Bothe, der irgend eine ſchreckende Nachricht bringe?.. Aber welch' Entzücken ſchuf nicht die Liebe. Bey dem erſten Laute Carl's verſchwand die Unruhe Elo⸗ diens: es war kein Sturm mehr in den Lüften, kein Gewölk am Himmel: was kümmerte ſie die ganze Na⸗ tur!„bey ihr war der Geliebte. In der Trunkenheit des reinſten Genuſſes, in der Erwartung ſeines höchſten Glückes ſah Carl den Tag vorgehen. Das Geſtirn mit dem belebenden Feuer hatte ihn nicht erhellt. Eine Gewitterwolke verdeckte das Thal, und ein ſtürmiſcher Südwind, der aus glü⸗ henden Wüſten entflohen, zog nach den eiſigen Ber⸗ gen. Die Waiſe und der Fürſt ſtiegen herab aus ihrer einſamen Wohnung, und unter Begünſtigung der n gingen ſie unbemerkt durch das friedliche Dörfchen Underlach, ſie kamen zum Kloſter und endlich in die Capelle. Hymen's Fackeln waren entzündet: der Weih⸗ rauch brannte in goldenen Gefäßen. Elodie kniete nie⸗ der im Innern des Heiligthums; Echert erwartete die beyden Gatten; er war bleich und leidend; er wagte es nicht, auf die Waiſe zu blicken. Anſelm ſtand am Altare, ſein Antlitz war traurig und ernſt: er ſollte nun den Nahmen hören, den ihm der Einſame bloß in Gegenwart des Ewigen entdecken wollte: der ſchwei⸗ gende Greis glich einem Richter; ſein forſchender Blick war beſtändig mit Schrecken auf Carl gerichtet, und mitleidsvoll auf Elodien. Die Ceremonie begann: neben Elodien auf die Knie geſenkt, wagte der Einſame noch nicht dem Him⸗ mel zu danken, er konnte ſich den Grund davon nicht erklären; aber am Fuße des hochzeitlichen Altars ſuchte er, zitternd wie am Fuße eines Rache⸗Tribunals, ver⸗ gebens den Gott der Gnade, er ſah nur den Gott des Schreckens. Der Pfarrer von Underlach näherte ſich den Lie⸗ benden, und mit feyerlichem Tone fragte er den künf⸗ tigen Gatten, welchen Nahmen und Titel er unter den Menſchen führe. Der Einſame erzitterte, als ob die Frage ihn in Erſtaunen ſetze, als ob er nicht darauf antworten ſolle.. Er zögerte, mit unſichrer Stim⸗ me ſprach er endlich die Worte:—»Carl von Bur⸗ gund.« Bis zum Altare wankte Anſelm erſchreckt zurück, ſeine Haare ſträubten ſich auf dem Kopfe, ſeine Knie zitterten unter ihm; mit ſeinen Händen bedeckte er die Augen, und ſtieß einen Schrey des Entſetzens aus, und das ſchrecklichſte Schweigen folgte dieſen Tönen der Beſtürzung, welche wiederholt von dem Echo der alterthümlichen Bogengänge unter finſtern Gewölben verhallten, wie der Nothſchuß der Schiffbrüchigen un⸗ ter dem dichten Gewölk des Sturmes. Plötzlich erhob Anſelm, wie prophetiſch begeiſtert, ——————————————————————————————————— 4— — 120— ſeine Blicke zum Himmelsgewölbe, und außer ſich ſelbſt ſtürzte er wieder auf Carl zu; ein unbekanntes Feuer ſprühte aus ſeinen drohenden Augen. So erſchien einſt der erzürnte Moſes, als er die Geſetztafeln zerbrechend vom Berge Sinai herabſtieg, vor den abgöttiſchen Juden. Die Stirne Anſelm's wiederſtrahlte den Glanz ei⸗ nes Blitzes, das Rollen des Donners ſchien ſeine Stim⸗ me zu begleiten: mitten aus Blitzen ſchien der Mann der Rache des Himmels hervorzugehen:—„Carl der Küh⸗ ne!„rief er aus:»Du Geiſel der Völker! welche Macht konnte dich wieder aus dem Grabe ziehen!... Mörder St. Maur's! am Altare des Herrn wagſt du deine blutende Hand der Tochter deines Opfers zu bie⸗ then?. Schändlicher Verführer! ſieh den irren 4 Schatten Irena's gegen dich vordringen, und zu deinen Füßen den entſtellten Leichnam ihres Kindes werfen!. 8 Gottvergeſſener Krieger! horche auf, hörſt du nicht das Geſchrey aller Mönche dieſes Kloſters, die auf dem Schreckensfelſen gemordet wurden?.. Du Henker der Menſchheit! die Erde wirft dich von ſich, und die heiligen Tempel ſtoßen dich zurück.. Fliehe, Unge⸗ heuer, entweihe nicht mehr dieſen Vorhof durch deine verworfene Gegenwart. Im Nahmen des Ewigen er⸗ hebe ich jetzt meine Stimme: verflucht ſey der verbre⸗ cheriſche Mann, der blutgierige Eroberer, der Gott⸗ vergeſſene, Ruchloſe! Fluch Carl dem Kühnen, Fluch!« Und das Eccho der finſtern Wölbungen wieder⸗ holte von allen Seiten:— Fluch! Fluch!s ² A——— 3 — 121— und zugleich erſchütterte ein heftiger Orcan, gleich einem neuen Diener der Strafe und des Zornes, das heilige Gebäude. Die Erde dröhnte: das fromme Denk⸗ mahl zitterte auf ſeinen alten Grundfeſten. Der Wind blies mit Heftigkeit durch die alten Kirchenfenſter: er brach und ſchlug ſie zuſammen, und ſtürzte ſie im Wirbel bis zum Fuße des Altars: die Kerzen verloſchen, und die Kirche war wieder in Finſterniß verſenkt; die Glocke des Thurmes, vom Sturme bewegt, ſchlug an. Elodie erkannte den verhängnißvollen Ton, der ihrem erſten Schwur an der Leichengruft folgte.—»Iſt das der Hochzeitsſegen 2« rief ſie aus. Und der Marmor des Grabmahls nahm ihren entſeelten Körper auf. Gleich Heliodor im Tempel von Jetuſalem vor dem Engel mit flammendem Blicke war der unglück⸗ liche Herzog von Burgund mit niedergekehrter Stirn in den Staub geſunken. Ein tödlicher Schauer lief durch ſeine Adern; ſein erſtarrtes Blut blieb ſtehen; ſein irres Auge ſchloß ſich, ſeine Glieder wurden ſteif⸗ ſeine Bewegungen zuckend, er ſtieß dumpfes Geſtöhn aus: und auf einige Augenblicke verlor er Stimme, Gefühl und Gedanken. Carl öffnete wieder ſeine Augen: der Graf von Norindall hielt ihn in ſeinen Armen. Bey dem bloßen Scheine einer Kerze, welche der Wind wieder angefacht hatte, ſuchte der Fürſt um ſich die Jungfrau; aber von Anſelm nach der Abtey getragen, war ſie aus der Ca⸗ pelle verſchwunden. Der heilige Unkreis war verödet, der Fluch und der Tod hatten daraus die Liebe und hochzeitliche Feyer vertrieben: ſelbſt in den Wohlge Der Einſame.. 6 ——— ———————— „ 2 ——————————— ————————.— 3„ F.—*—— —— —— chen des Weihrauchs herrſ chte der Hauch des Schreckens. Keine menſchlichen Tritte, keine ſterbliche Stimme bra⸗ chen das ſchreckliche Schweigen der Gräber. Unter die⸗ ſen unſeligen Gewölben war alles von der Verſtoßung getroffen, und Carl hörte nichts, als dann und wann das heiſere Schreyen des Trauervogels, welcher die ver⸗ laſſenen Gallerien durchflog. Unheilbare Schmerzen ſind ſtumm wie das Grab; die von Carl hatten das höchſte Maaß menſchlicher Lei⸗ den erreicht. Unbeweglich vor Betaubnng, ſtarrte er, ſeinem eigenen Bilde gleich, ſeinen Freund an, als ob Ecbert's Andenken aus ſeinem Gedächtniſſe verwiſcht wäre. Er erhob ſich und ging, als ob er ſich verſichern wollte, daß er Bewegung und Leben erhalten habe; er berührte ſich mit Erſtaunen, als ob er ſich zum erſten Mahl befühle; er ſprach mit tiefer Stimme, als ob er ſich frage, wer er ſey⸗ Er entfernte ſich von Eebert und verlor ſich un⸗ ter die dunklen Gewölbe der Abtey. Sein Blick war verſtört, ſein Gang ſtürmiſch; an einer Säule ließ er ſich nieder, neigte ſeine Stirn zur Erde, ließ ſeinen Lip⸗ pen einige unzuſammenhängende Worte, einige ſelt⸗ ſame Laute entſchlüpfen, und ſchien geheimnißvoll ſich mit unſichtbaren Mächten zu unterhalten. Ecbert nd⸗ herte ſich, er ſprach zu ihm... Carl geboth ihm mit einer Geberde Stillſchweigen, als ob er eine an⸗ dere unbekannte Stimme höre. Der Gewitterſturm war vorüber. Dem Grafen von Norindall, der immer bey ſeinem Freunde blieb, gelang es, ihn aus der verhängnißvollen Kirche zu ent⸗ 1 — 123— fernen: er zog ihn fort und vermied die Abtey. Aber plötzlich blieb Carl ſtehen, und ſtieß Echert rück.—»Wohin gehe ich?.„ rief er aus.— Auf den wilden Berg.«—»Wer beſiehlt es?«—»Elodie.« Und dieſer faſt zufälliger Weiſe ausgeſprochene Nahme äußerte auf ihn eine magiſche Wirkung. Der Herzog von Burgund folgte ohne Widerſtand ſeinem Führer. In fortdauerndem Wahnſinne überſchritt er den Strom, durchſtreift' er den Wald, erkletterte er das Gebirge; und aus Mitleid ohne Zweifel hatte ihn der Himmel ſeiner Vernunft beraubt; er trat, nachdem er an ſeine Wohnung gekommen, in dieſelbe, ohne zu wiſſen, von wo er ausgegangen, noch woher er gekommen ſey. Unter dem ländlichen Dache der Verbannung un⸗ terlag endlich Carl dem lübermaaße ſeiner Leiden; ver⸗ nichtet fiel er auf die Binſenmatten der Hütte. Wie eine Bleymaſſe lag er in einem Todesſchlaf, der ſeine Glieder erſtarrte; und die Ruhe der Empfiüdloſigkeit unterbrach in ihm auf einige Stunden die Qual ſeines Daſeyns.* Die Nacht beſchleunigte ihren Lauf und verdichtete ihre Schleyer. Der Regen ſiel in langen Strömen. Nicht weniger unglücklich als ſein Fürſt wachte der Graf von Norindall bey dem entſeelten Körper Carls. Plötzlich rief ihn eine Stimme: Ecbert erhob ſich, Va⸗ ter Anſelm ſtand vor ihm. Von Erſtaunen ergriffen chwieg der edle Krieger. Ein erſtes des Zorns unterdrückend wandte er ſein Haupt.. darauf bit⸗ ter lächelnd, zeigte er mit dem Finger dem Greiſe den unglücklichen, der ohne Bewegung lag, ſogtet * — 124— »Da ſeht ihn; donnert noch ferner auf ihn herab, un⸗ verſöhnlicher Diener der Rache des Himmels, betrach⸗ tet euer Opfer! Am öden Felſen der Verbannung, unter dem Strohdache des Mangels ſeht ihr dieſen lebloſen Körper, dieſen ohne Hülfe verſcheidenden Mann, der aus den Palläſten geworfen, von den Altären zu⸗ rückgeſtoßen worden iſt. Seht hier den überwin⸗ der Europa's, den mächtigſten Fürſten, den Helden des Jahrhunderts, ſeht hier Carl den Kühnen„Seyd ihr befriedigt?« Das Angeſicht Anſelm's war von Thranen feucht.— »Der Himmel hat es ſo gewollt,« ſprach der Greis. Ich pabe meine Pflicht erfüllt als Diener des Altars, ich komme mein Tagwerk zu vollenden als Hirt der Men⸗ ſchen. So wie euer Herz, und vielleicht noch mehr, iſt das meine zerriſſen. O Ecbert, als ich den Blitz auf Carl von Burgund ſchleuderte, wurde ich fortgeriſſen von einer unwiderſtehlichen Macht, die ſtärker war als mein Gedanke, mächtiger als mein Wille. Mein Mund hat Worte geſprochen, mir ſelbſt unerwartet; mein Fluch ging über meine Lippen, aber er kam nicht aus meiner Seele. Eine übernatürliche Macht ausſchließend handelte in mir. Als ein Orcan des Himmels donnerte ich im Kloſter, als Greis vom Thale komme ich in die Einſiedeley um zu weinen.« WMitleid, Schmerz, Wahrheit, chriſtliche Liebe drückten ihren erhabenen Charakter auf die Züge An⸗ ſelm's. Ecbert ſtieß den Greis nicht mehr zurück, als er ſeine Thränen, ſeine von den Jahren gebleichten Haare bemerkte, als er ſeine ſeufzende Stimme, ſeine kla⸗ gende Rechtfertigung hörte; Eebert ſeufzte und ſeine Vorwürfe verſiegten. „Edelmüthiger Graf von Norindall,«fuhr Anſelm fort,»ungeachtet der Dunkelheit, der Gefahren des Weges, und meines vorgerückten Alters wollte ich dieſe Nacht mit euch ſprechen. Der Himmel hat mir Kräfte verliehen, bis zu euch zu kommen: ſein Zorn kann ſich noch ſtillen, das Ende der rächenden Züchtigungen iſt vielleicht gekommen. O, ſaget Carln, da er mich nicht hören kann, ſaget ihm gewiß, daß ich nicht an der Vor⸗ ſehung verzweifle, und daß hiernieden kein übel unver⸗ beſſerlich iſt.« »„Wie«rief Ecbert,»Ihr könntet hoffen?— »Die Hoffnung iſt eine Tochter des Himmels,« unter⸗ brach der Greis: vwir wollen ſie nicht zurückſtoßen. Der Ewige, der durch meine Stimme den Fluch ſprach, kann durch meine Stimme auch Vergebung verkünden. Aber, Ecbert, um Carln und die Waiſe zu retten, laßt euch durch meinen Rath leiten! unterſtützet ihr die Bemü⸗ hungen eines Greiſes W—»Ach,« ſprach Ecbert mit Feuer, vverfüget über mein ganzes Leben. Befehlt, ich gehorche! ſprecht was ſoll ich thun?. »Haltet Carl in der Einſiedeley zurück, und einige Tage hindurch ſey ihm der Zutritt in die Abtey ver⸗ ſagt. Die Tochter St. Maur's liegt am Tode, die ge⸗ ringſte Aufregung kann ihre Tage endigen; der Anblick des Fürſten in dieſem Augenblicke würde ihr den Todes⸗ ſtoß geben. Weder er noch ich dürfen vor ihr erſcheinen. dien zu wachen Ecbert, hüthet Carln, ich kehre ic um über dieſen Worten war er im Begrif die Hütte zu verlaſſen: nichts ſchreckte ihn, weder der Wald, noch der Strom, noch die Stürme, noch die Finſterniß. Seine Kleider waren durchnäßt, ſeine Glieder von der Kälte ſtarr; Anſelm bemerkte nichts, fühlte nichts: ſeine glühende, fromme Seele hatte ihre ſterbliche Hülle gleichſam vergeſſen; mit Freuden würde er um den Preis ſeines Lebens den geſchleuderten Fluch wie⸗ der erkaufen. Indem er noch einen Scheideblick auf den Herzog von Burgund warf, erhob er die ſtarre Hand des Fürſten, und ſprach, indem er ſeine Schritte zur Rück⸗ kehr wandte:»Unglücklicher, ein Mahl in meinem ben bin ich doch grauſam geweſen l« »Gerechter Gott,« fuhr er fort, indem er ſich auf die Knie warf, und die Hand Carl's in der ſeini⸗ gen drückte:»Gott der Barmherzigkeit, wenn irgend eine gute Handlung meines Lebens Belohnung ver⸗ dienen könnte, ſo bewillige mir die, um welche ich flehe: Rette Carl, rette Elodien!« »Höchſter Lenker der Schickſale! wenn es hier eines Sühnopfers bedarf, nimm mich, ich willige dar⸗ ein; verdamme den Reſt meiner Tage zu den grau⸗ ſamſten Büßungen, ich ergebe mich; aber nur mögen Carl und Elodie vereint und glückliche Tage finden l« »Carl, hier bringe ich dir den Shwt nicht mehr will ich das Bußkleid verlaſſen; nur von wilden Kräutern will ich leben; nur mit dem Waſſer des Strömes will ich mich tränken; nur auf Aſche will ——————— ——— —— — —— ——FܓܓÜYY —— 6* — 5*. ——————— ich ruhen. Möge ein Leben voll Entbehrung und 4 Martern den Ewigen für dich beſänftigen, und bis auf die letzte Spur die ſchrecklichen Schläge verſchwinden laſſen, welche ich wider meinen Willen dir beygebracht habe l«— 3 Seine ganze Seele mahlte ſich in ſeinen feurigen Reden, ſein glühendes Gebeth war das religiöſer Be⸗ geiſterung. Der Greis both ſich dem Allmächtigen zum Opfer, mit Begeiſterung flehte er um verſöhnende Bü⸗ ßungen; um ſie dem Glück und dem Leben wieder zu geben, weihte er ſich dem Leiden, wollte er der Mär⸗ 6 tyrer ſeiner Opfer ſeyn. Schon lange hatte der Greis ſeinen Weg zurück nach dem Kloſter genommen, als der Herzog von Bur⸗ gund wieder in's Leben kam. Die erſten Strahlen des Tages erleuchteten die Hütte.—»Elodie, Elodie K... rief Carl aus, indem er ſeine Blicke um ſich warf: 6 aber die ſanfte Stimme der Waiſe antworkete nicht mehr dem Rufe der Liebe. —— Der Fürſt erlangte wieder ſeine Beſinnung: die finſterſte Niedergeſchlagenheit lag auf ſeinen Zügen; ſeine Ruhe war der letzte Abſchnitt ſeiner Leiden; ſeine Ergebung war nicht Segen bringend, ſeine düſtere Geiſtesſammlung war moraliſche Vernichtung. Carl hatte in ſeinem Leben alle Klagen des Unglücks erſchöpft, alles Geſchrey der Wuth, alle Seufzer innerer Qual, alle Töne der Verzweiflung. Ach! bey ihm war dieſes Schweigen unter allen Kußerungen des Schmerzes die Noch behielt der Graf von Norindall einige Hoff⸗ — 128— nung: er erzaͤhlte den Beweggrund desſelben und ſeine rührende Bitte. Kaum wieder geneſen von ſeinen Wunden, hatte Ecbert bleich und leidend in der Hütte gewacht, er opferte ſich für ſeinen Waffenbruder. Carl betrachtete ihn, hörte ihn, und nach und nach öffnete ſich wieder ſeine Seele den Regungen des Gefühls: eine flüchtige Thräne fiel von ſeinem Augenliede. Ecbert ſtürzte in ſeine Arme:—»Weine,« rief er aus,»weine; der Himmel und die Erde erwarteten dieſe Thräne.« „Die Erde!« antwortete der Fürſt,»die Erde erwartet von mir nichts mehr als meine ſterbliche Hülle; und der Himmele. »Der Himmel,« unterbrach Ecbert,»der Himmel iſt entwaffnet; Hymen's Fackeln können ſich noch ent⸗ zünden.« Carl antwortete nichts. Ecbert zeigte ſeinen Ge⸗ danken nur tröſtende Bilder, ließ nur die Hoffnung ſprechen. Den Wünſchen ſeines Freundes folgend, ver⸗ ließ der Fürſt die Einſiedeley nicht; aber zwey Tage vergingen in der tödtendſten Bangigkeit; von der Ab⸗ tey kam keine Nachricht!. und der Graf von No⸗ rindall fürchtete, ſich von Carl zu entfernen!.. Welch ſchreckliche Ungewißheit! Ecbert fing an, ſich von Anſelm verlaſſen zu glauben, und Anſelm hatte doch nicht aufgehört, ihm geheime Bothen zu ſchicken, um ihn von dem verzweifelten Zuſtande der Waiſe und von den Fortſchritten der Krankheit zu unterrichten; aber keiner von ihnen hatte es gewagt, das fürchterliche Gebirge zu erſteigen, und durch ihre falſchen Berichte wurde der Greis hintergangen. ———— . — 129— Die frühe Morgenröthe des dritten Tages brach eben über dem Thale hervor: Carl konnte nicht länger die ſchreckliche Angſt, welche ihn verzehrte, ertragen. Der Wachſamkeit Ecbert's zu entfliehen war ſein ein⸗ ziger Wunſch, ſein einziger Gedanke geworden. Ein Geräuſch ließ ſich hören unten am Pfade, der zur Ein⸗ ſiedeley führte.—»Man kommtl« rief Carl. Der Graf von Norindall eilte ungeſtüm hervor und ſtieg das Ge⸗ birge herab;.. vergebliches Suchen, unnützes War⸗ ten!.. Ecbert kehrte verzweifelnd zur Hütte zu⸗ rück. Der Fürſt war verſchwunden. Schon war der Herzog von Burgund über den Strom; er eilte durch das Thal: die Thür des Parks zur Abtey war offen; er ging in den Garten.. Aber wie ſollte er ſich bey Elodien einführen? alles ſchlief im Priorate. Nach dem unterirdiſchen Gange, der mit der Capelle in Verbindung ſtand, richtete er ſeine Schritte. Wenn er nicht innerhalb der Kloſter⸗ mauern zur Waiſe kommen konnte, hoffte er wenig⸗ ſtens irgend einen Diener zu begegnen, wel her ihm von ihrem Schickſale Nachricht geben könnte. Vor dem Gebüſche, in welchem die Aſche Her⸗ ſtall's ruhte, blieb Carl ſtehen: hier hatte er zuerſt erfahren, daß ſie ihn liebe. Im Vorübergehen wollte er das Gebüſch der Liebe und des Todes begrüßen: er ſchritt weiter vor, er theilte mit ſeinen Armen das Laub: ſollte er ſeinen Augen trauen!„. Weiß wie die Schneeflocke an den Tannen der Alpen, gebeugt wie der weinende Aſt der Trauerweide an der Quelle, lehnte ſich ein bleicher, klagender Schatten ermattet — — ———— —————— — 130— an das Trauerkreutz. Carl näherte ſich mit einem Her⸗ zen, das von Furcht und Hoffnung ſchlug; die Jung⸗ frau des einſamen Gebüſches erhob ihr entfärbtes Ant⸗ litz, ſie bemerkte ihn.— Carl,« rief ſie aus. Sic wollte auf ihn zueilen; aber kraftlos fiel ſie auf dem Trauerhügel zu ſeinen Füßen. »Elodie,« rief der Fürſt beſtürzt, indem er die Unglückliche aufhob:»Ihr hier!«.. Großer Gott, wie waren ihre Züge durch Leiden gewelkt! und doch wie ſchön war ſie noch!—»Sie wachten um mich,« antwortete die Waiſe im Wahnſinn:»der Schlaf hat wider ihren Willen ihre Augenlieder geſchloſſen; in einem irren Augenblicke bin ich meinen Wächtern ent⸗ flohen: ich wollte hierher, um hier zu ſterben.« Sie erhielt nach und nach wieder ihre Kräfte:— „Carl,« fuhr ſie fort, vich ahnete, daß wir uns noch wieder ſehen würden. Hier hat Elodie zuerſt ihre Liebe geſtanden, hier wird Elodie dem Daſeyn ihr letztes Lebewohl ſagen.«— Mein,« erwiederte Carl mit Heſtigkeit;»nein, nichts wird mir nun mehr meine Elodie entreißen: nein, das Grab ſelbſt könnte uns nicht trennen.« »Wenn meine Kräfte mir es geſtattet hätten,« ſprach die Waiſe mit ſchwacher, ſterbender Stimme, »ſo wäre ich auf den wilden Berg gekommen Ach! ich war ſo glücklich in der Einſiedeley.. Der unbarmherzige Tod hätte es wohl nicht gewagt, über mich herzufallen; die Liebe hätte den Grabesſtein nicht öffnen laſſen. Der Hauch der Liebe iſt ſo glühend, iſt dieſer Hauch nicht das Leben«. — —— — 131— „O, rede nicht vom Tode!« unterbrach ſie Carl voll Verzweiflung;»nur von Liebe laß uns ſprechen. Komm, du wünſcheſt nach der Einſiedeley zurückzu⸗ kehren, laß uns gehen!... Du kannſt nicht gehen: wohlan! ich will dich in meinen Armen hintragen. Dort iſt der Himmel mitleidsvoll; dort lacht uns die ganze Natur; dorthin ruft uns die Liebe, dort erwar⸗ tet uns das Glück.«—»Das Glück,« wiederholte Elo⸗ die; vja, dort wohnt das Glück.. laß uns gehen.« Sie ſprach's und wollte ſich erheben, aber Todesſchauer waren in ihre Adern gedrungen. Ein Nebel zog ſich über ihre Augen, wie ein Schatten der letzten Augen⸗ blicke. Sie ſank zurück, indem ſie ſprach:„Carl, ein Fluch liegt zwiſchen uns... Nein, ich werde nicht in die Einſiedeley kommen: ich fühle es, ich werde den wilden Berg nicht wieder ſehen... O, warum bin ich doch herab gegangen!.. Die Stimme der Jungfrau war erloſchen: faſt ſank ſie in Ohnmacht. Der Fürſt zog ſie aus dem Ge⸗ büſche: Liebe, Wuth, Verzweiflung, Wahnſinn herrſch⸗ ten in allen ſeinen Worten, leuchteten aus allen ſeinen Bewegungen.—»Halt einle ſprach Elodie, die ihre Beſinnung wieder erlangte, vo mein Geliebter! halte ein! Erblickt man von hier den wilden Berg?„. erkennt man von hier die Hütte des Einſamen? Grau⸗ ſamer Tod, einen Augenblick noch!... Noch einen einzigen Blick! den letzten Seufter nach dem Elyſium dieſer Erde!«... »Elodie! Elodie kK rief Carl, dem Kummer ſeiner — 132— Seele unterliegend;»ſpreche nicht ſo; meine Kräfte verlaſſen mich, du entreißeſt mir das Leben.«. D'rauf ſie auf eine Raſenbank niederlaſſend fuhr ſ er fort:»Was ſprichſt du von Fluch! Anſelm, iwei 1. ihn zurückzunehmen, hat verſprochen, uns zu vereinen. Der Himmel vergibt endlich... und ſobald Elodie. zum Altare wird zurückkehren können, will Anſelm im ₰ Nahmen des Allmächtigen Carl und ſeine Geliebte ſegnen.« »Was höre ich lK ſprach die Waiſe;»der„ verzeiht! Ich ſollte deine Gattinn werden?. wir könnten noch glücklich ſeyn?«... 5 Der Blick Elodiens belebte ſich wieder, ihr Herz 5 ſchlug heftig; ein leichtes Roth färbte ihre Wangen; ein Strahl der Freude erſchien wieder auf ihren nieder⸗ geſchlagenen Zügen: die ſterbende Waiſe ward plötzlich 1 wieder die ſchöne Jungfrau: Carl faßte wieder Hoff⸗ nung. „Ja,4 le er mit Entzücken; zauf dem wilden Berge, in der Sſee werden wir das Glück wieder finden le Elodie erhob ſich wankend.— ſprach ſie, „welch ein ſüßer Augenblick! welche Trunkenheit empfin⸗ de ich!. Nein, nie habe ich ſo geliebt; öffne die Arme für deine Gattinn; ich will näher deine Stimme hören O Carl, es iſt mir Bedürfniß, dein Herz an dem meinigen ſchlagen zu fühlen, ich muß deinen Hauch athmen, ich bedarf deines ganzen Lebens. Die ſanfte Tochter der Abtey lag in den Armen ihres Gatten; mit Leidenſchaft preßte er ſie an ſein b ——— 5— 133— Herz: das Haupt der Waiſe hatte ſich ſanft an ſeine Bruſt geneigt: ein tiefer Seufzer entfuhr ihren Lippen; ſie ſprach den Nahmen des Einſamen aus.„ Carl 6 glaubte ſeine Geliebte gerettet... und ſeine Geliebte hatte aufgehört zu leben. S 5— 3 Der unglückliche Herzog von Burgund ſtieß ein 3 Klagegeſchrey aus. Elodie war nicht mehr! Er 3 legte den Leichnam der angebetheten Jungfrau auf das Grab Herſtalls; dann mit Wuth ſich an der Erde wäl⸗ 6 zend, biß er in den Raſen des Grabmahls mit den guckungen einer wahnſinnigen Bewußtloſigkeit, raufte 15 ſich das Haar, und entſtellte mit raſenden Händen ſein Geſicht. Die Augen Elodiens waren geſchloſſen.. 3 Sie war dahin; das einzige Licht, das für ihn noch auf der Erde glänzte, war für ewig erloſchen. Ver⸗ 1 wirrung, Schrecken und Vernichtung umhüllten ihn 4 mit ihrer dichten Finſterniß. Ach, Carl der Kühne, dazu beſtimmt, alle Qualen des Lebens zu erdulden, ſollte von dem höchſten Gipfel menſchlicher Glückſelig— keit fallen, um ſtufenweiſe alle Martern des Lebens zu empfinden, um alle Schreckniſſe und die volle Ver⸗ zweiflung im Thale des Unglücks zu erfahren. Schreckende Regungsloſigkeit folgte den heftigſten Anfällen von Wahnſinn. Carl ſchien einige Augenblicke hindurch ſich mit ſeiner Geliebten im Aufenthalte des ewigen Friedens wieder vereinigt zu haben. Da erhob er wieder ſeine verſtörte Stirne, welche das Blut von den Wunden befleckte, die er ſich in ſeinen Wuthanfällen gemacht hatte. Richt ferne vom Fürſten kniete eben ein Prieſter, bethete mit Inbrunſt — — 134— und vergoß bittere Thränen bey der entſeelten Jung⸗ frau. Carl erkannte Anſelm. »Barbar,« rief er aus und erhob ſich zürnend, „du willſt Thränen vergießen!... Du weinen! wer hat ſie niedergeſchlagen? wer ſie in's Grab ge⸗ ſtürzt? Ha! dein Mitleid iſt nur eine neue Beleidi⸗ gung; entferne dich, Ungeheuer! oder ich füge noch ein Verbrechen mehr zu den übelthaten meines Lebens! Ja, ich will, ich muß dich ihren klagenden Manen opfern: wenn ich noch nicht ihr habe folgen können, ſo war es darum, weil ich ſie zu rächen hatte.« Indem er dieß ſprach, ergriff er in Ermangelung eines Schwertes einen ungeheuren Stein, der zum Markſteine am Grabe Herſtall's diente, und gleich dem blutdürſtenden Geyer, der ſich auf den ſchutzloſen Vogel ſtürzt, hatte der Fürſt den Tod über das Haupt An⸗ ſelm's erhoben. »Schlage l« ſprach der Greis mit Nuhe, und ohne ſeine ehrwürdige Stirn zu beugen,—»ſchlage Unglück⸗ licher, und wage es, dich noch für die Ewigkeit von ihr zu trennen le Erſtaunt über den Ton des Greiſes, über ſein⸗ Ergebung, ſeinen Muth und den erhabenen Ausdruck ſeines Blickes hielt Carl ſeinen Streich zurück:— Nein,« rief er aus, vſie iſt hier... todt auch ge⸗ biethet ſie noch meinem Geiſte... Du ſollſt nicht ſterben. Ein Verbrechen, Rache, waren ſchrecklich in ihren Augen: ſie iſt hier... Ich will nicht die Luft entweihen, welche ſie eben noch athmete..„ Ihr letzter Hauch umſchwebt mich noch, ich höre ihn, er ß — 135— ſpricht zu mir. H! antworte Elodie! haſt du nicht eben mir zugerufen. Halte einle Und Carl fiel mit irren Sinnen bey ſeiner Ge⸗ liebten auf die Knie, beugte ſich gegen ſie und fragte noch, und wiederholte in jammernden Tönen: vAnt⸗ worte, Elodie, antworte!... es iſt dein Geliebter, der dich ruft.« Der Greis theilte den Schmerz und die Angſt Carl's. „Elodie,« rief auch er aus,»ſchützender Engel! kannſt du nicht ſeiner Stimme antworten?... O du, die du ihn ſo ſehr geliebt haſt, du gieße wenig⸗ ſtens aus den unſterblichen Wohnungen, in welchen du ſchon verweilſt, tröſtenden Balſam auf die Wun⸗ den des Unglücklichen! Bey dieſer rührenden Bitte betrachtete der Fürſt erſtaunt den Greis. Die Augen voll Thränen und zum Himmelsgewölbe erhoben, erflehte Anſelm für Carl die göttliche Barmherzigkeit. Sein weißes Haar, ſein from⸗ mes Gewand, ſeine begeiſterte Stimme, alles an ihm „ rrinnerte an den Mann der Wüſte, zu dem der Ewige. ſprach, oder an den Apoſtel des Evangeliums, der die gefallene Seele zu Gott zurück rief. »Du betheſt für mich?« ſprach der Fürſt mit dum⸗ pfer Stimme, aber ohne Zorn:»„Grauſamer, haſt du . deinen Fluch vergeſſen?«..—»Ich dachte nur an dein Unglück,« antworteie Anſelm mit Geiſteskraft. „Carl, für kurze Zeit hat dich der Ewige von dem Engel getrennt, den er dir nur ſandte, um dich zu ihm ½ zurück u führen: willſt du die Hoffnung des Himmels * — 136— täuſchen?. Willſt du durch ſündige Handlungen, durch ein gottloſes Ende dich in den Abgrund zurück ſtürzen?. Willſt du, daß die geliebte Jungfrau, welche dich ruft, noch im Aufenthalte unvergänglicher Seligkeit Thränen um dich vergieße?«—»Sie ruft mich! wiederholte Carl mit irrem Geiſte. »„Horcht l« r ſprach's und ſeine Blicke nach dem Trauer⸗ kreutze wendend, glaubte er einen Lichtſtrahl auf die Waiſe des Kloſters herabfallen zu ſehen; die Züge Elodiens glänzten in überirdiſchem Lichte. Das Ge⸗ büſch war wie von einem Weihrauchgewölke durchduf⸗ tet; und es ſchien, als ob in den höhern Räumen der Luft eine himmliſche Stimme den Nahmen Carl aus⸗ geſprochen hätte. »Anſelm la rief der Fürſt außer ſich ſelbſt,»ſie hat zu mir geredet. ſie erwartet mich. Aber wer ſoll die Hinderniſſe heben, welche mich von ihr tren— nen? wer ſoll mir den Himmel öffnen?1— »Wer antwortete Anſelm, von heiliger Begeiſterung ergriffen;»der, dem als Nachfolger der Apoſtel, die Macht verliehen wurde, zu verdammen und loszuſpre— chen, zu binden und zu löſen.. ein Diener des Herrn, Anſelm ſelbſt.« »Ihr, Grauſamer!... rief Carl und wich mit Schrecken zurück.—»Allmächtiger Gott,« fuhr An⸗ ſelm fort,»nimm den Unglücklichen zu dir. Was ver⸗ mag ich Schwacher ohne deine Hülfe! Geiſt Gottes, erfülle mich! daß das Waſſer des ewigen Lebens vom trocknen Felſen fließe! daß in der ſinſtern Wüſte himm⸗ — — 7„ —— . ———————— liſches Licht ſich verbreite! Worte des Friedens und des Weils, durchdringet Carl's Herz! Letzte Kräfte meines Lebens, ſchwinget euch auf aus mir, daß ich ihn und daß ich ſterbe!« Bey dieſen Worten unterbrach ihn Carl mit Hef⸗ tigkeit, von unbekannter Macht bezwungen, von un⸗ widerſtehlicher Regung getrieben:— Gerechter Gott, der du auch die Schickſale Elodiens lenkteſt, noch nicht genug ſind alſo die Verbrechen meines Lebens gebüßt!.. Wohlan, das letzte, 6 grauſamſte Zeugniß menſchlicher Unterwerfung entreißeſt du mir. Ich falle dem Manne zu Füßen, der mir alles auf der Erde entriſſen, der mir mehr als das Leben genommen hat! Ich er⸗ flehe meine Vergebung von dem Manne, der gegen mich der grauſamſte unter den Menſchen war. Hier, er iſt der Mörder Elodiens, und ich will ihn meinen Vater nennen.« Darauf kniend vor Anſelm fuhr er fort:»Die⸗ ner des Hekrn, nimm deinen Fluch von mir! jede Schranke zwiſchen mir und Elodien falle! Entſündige Carl den Kühnen, öffne ihm die Pfade der Unſterb⸗ lichkeit!.. Mein Vater, ſegne mich.« Indem er dieſe letzten Worte ſprach, erſtarb ihm die Stimme auf den Lippen. Das ſchreckliche Opfer war vollbracht; ſeine Kräfte verließen ihn. Am Fuße des Kreutzes, das er uhfaß hielt, blieb Car vernich⸗ tet liegen. »Barmherziger Richter!s ſprach nſen mit aer Erhebung des chriſtlichen Glaubens; ves iſt vollbracht, du vergibſt; ich fühle es, dein himmliſches Feuer iſt — 138— auf mich herab gekommen, du ſprichſt, du begeiſterſt mich 4 Der Hüther der Gläubigen unterbrach ſich einen Augenblick, als ob er eine Harinonie des Himmels höre, als ob er verborgene Worte des Unſichtbaren vernähme, drauf mit faſt übermenſchlicher Stimme fuhr er fort: »Carl von Burgund! deine Reue hat den Ewigen gerührt; deine Leiden haben deine übelthaten verſöhnt: im Nahmen des gütigen Gottes, im Nahmen des ret⸗ tenden Gottes, alle deine Sünden ſind dir vergeben.« So ſprach er, ſein Blick glänzte, ſeine Stirn ſtrahlte; ſein weißes Haar umgab ihn mit einer glän⸗ zenden Glorie, er war Johannes, der die Wüſte er⸗ leuchtete; er war Elias auf dem Berge Karmel, wel— cher der Natur wieder Leben gab. „ O Macht der Religion! O Wunder der Fröm⸗ migkeit! Der berüchtigte Carl von Burgund, benom⸗ men aller ſeiner Größe, entkleidet alles ſeines Ruhmes, verloren für jede Hoffnung, todt für alle Seligkeit, fühlt auf die Stimme eines einfachen Dieners des Herrn, am Fuße eines geringen Kreutzes unerwarteten Frieden, ſelige Trunkenheit in ſeiner Seele emporſtei⸗ gen; der Erinnerung wie der Gewiſſensangſt entflie⸗ hend, unverhoffte Tröſtungen empfangend, hat Carl an den erſten Pforten des Himmels weit hinter ſich die Erde gelaſſen⸗ Es erſchien der Graf von Norindall am Eingange des Gebüſches: er hatte alles vernommen, alles ge⸗ hört.—»Ecbert,« redete zu ihm Anſelm, ventreißt eu⸗ 42 —————————— ,— — ren Freund dieſem traurigen Orte! Ich habe für die Waiſe des Kloſters die letzten Pflichten zu erfüllen.« Ecbert fürchtete das Widerſtreben Carl's; wie groß war ſein Erſtaunen! Der Fürſt hörte ihn an, und antwortete nichts, aber er erhob ſich und folgte ihm. Schon hatten beyde ſchweigend das Gebirge erſtiegen, und waren zur Einſiedeley gekommen. Ach! auch der Graf von Norindall hatte in Elodien das einzige We⸗ ſen verloren, für welches ſein Herz hätte ſchlagen kön⸗ nen; und genöthigt ſeine Thränen zurückzuhalten, mußte er, indeß eigne Schmerzen insgeheim ihn verzehrten, Tröſtungen ſpenden, da er doch ſelbſt untröſtlich war. Ein unbekanntes Vorhaben ſchien alle Gedanken Carl's zu verzehren; ruhig wie die Empfindungsloſigkeit, ſtumm wie der Tod, das Auge beſtändig auf den Hori⸗ zont geheftet, ſchien er nur durch die Ungeduld geplagt, den Tag ſich neigen zu ſehen. Die Nacht näherte ſich endlich, Carl brach das Schweigen.—»Ecbert,« ſagte er, wenn du mich noch liebſt, ſo höre meine letzte Bitte, vernimm meinen letzten Wunſch..—»Sprich,« ant⸗ wortete Ecbert; ach! könnte ich dir etwas verſagen?.„ »Laß mich,« erwiederte Carl vier und zwanzig Stun⸗ den allein in der Einſiedeley; frage mich nicht, weder was meine Abſicht, noch welches meine Hoffnung iſt. aber bey meinem Unglücke, bey deiner Freundſchaft, verſage es nicht deinem Waffenbruder: ich ſchwöre dir, nicht Hand an mein Leben zu legen, und nicht dieſe Gegend zu verlaſſen. Morgen am Abend um die nähm⸗ liche Stunde komme zu deinem Freunde zurück, du wirſt ihn in der Einſiedeley finden.« 6 — — 140— Der Graf von Norindall wußte ſich die geheime Abſicht Carl's nicht zu erkldren, aber er mußte ſich ſei⸗ ner Bitte fügen. Er war im Begriff ſich zu entfernen, ſchon hatte er die Schwelle der Hütte überſchritten.— »Ecbert,« rief ihm Carl mit zarter, klagender Stimme nach, vein Wort noch!. Theurer, edelmüthiger Ecbert, bevor du mich verläßſt, verzeihe mir die ſchreck— lichen Leiden, welche ich über dich brachte: verzeihe mir die Thränen, welche ich dir verurſachte: verzeihe mir deine Martern und dein Unglücke »Ich!s rief Ecbert aus, vich dir verzeihen! Haſt du glauben können, daß die Opfer der Freund⸗ ſchaft eine Marter ſeyen! daß die Ergebenheit ein Un⸗ glück ſey! O mein Fürſt, mein Freund! war ich nicht dein Waffengenoſſe? hatteſt du nicht das Recht alles von meinem Herzen zu verlangen, alles zu er⸗ warten?«* »Ohne mich,«erwiederte Carl bitter, wäre ſie deine Gattinn geworden; ohne mich würde der Graf von Norindall und die Jungfrau von Underlach als vereinte Liebende glücklich gelebt haben. Ich habe dir den Ge⸗ genſtand deiner Liebe entführt; ich habe dir dieß Glück entriſſen; und ich habe mich ihrer nur bemächtigt, um ſie in's Grab zu ſtürzen. Ach! ſo war mein Schickſal; eine Geiſel für alle Geſchöpfe, die mich liebten, habe ich um mich nur Schrecken, Schmerz und Tod verbrei⸗ tet. Viele Herzen ſchlugen Carln entgegen, er nahm ſie nur auf, um ſie zu zerreißen.« Was ſprichſt du?« unterbrach ihn Ecbert leb⸗ haft.»Welcher Fürſt verbreitete um ſich ſo viele Wohl⸗ — ————— ——— 4 ———————— — 141— thaten als du? wer kannte die Freundſchaft beſſer? Wer auf dem Gipfel menſchlicher Größe, als Gebiether über Könige, als Beſieger der Völker, als Held der Welt: wer würdigte den unberühmten Ecbert, auf ihn einen ſchützenden, freundſchaftlichen Blick zu werfen? Wer bekleidete mich mit Würden? Wer hat mir drey⸗ mahl das Leben gerettet*« „Carl,« fuhr er fort, vich verdankte dir meine Erhebung, meine Titel, meine Reichthümer; von die⸗ ſem Tage an entſage ich Allem; fern von Palläſten und Höfen werde ich von nun an keine andere Wohnung haben als deine Hütte, kein anderes Daſeyn als dein Leben. Auf dem dürren, öden Erdballe will ich nichts mehr ſehen, Keinem mehr folgen, Niemanden mehr lie⸗ ben als Carl, nicht den vom Glücke begünſtigten, und vom Ruhme gekrönten Carl von Burgund, ſondern meinen Waffenbruder, den Einſamen vom wilden Berge.« Der Herzog von Burgund bedeckte ſich die Augen mit den Händen; das Schluchzen erſtickte ihn faſt, kaum athmete er.— Nein,« ſprach der Unglückliche, als ob er ſich ſelbſt antwortete;»nein, er war kein Ungeheuer, der ſo geliebt werden konnte le. »Carl,« fuhr Ecbert fort,»bedenke, daß dir Nie⸗ mand mehr auf der Erde übrig geblieben iſt, als ich; antworte: Willſt du mir deine Einſiedeley öffnen? Zu lebhaft bedrängt konnte der Fürſt kein Wort hervorbringen, aber er ſtreckte die Arme nach dem hoch⸗ herzigen Ecbert aus; er ſchloß ihn mit Entzücken an ſein Herz; und die beyden Verbannten hielten ſich ei⸗ — 142— nige Augenblicke, ohne Bewegung und in Thränen zer⸗ fließend, umfaßt. Der Graf von Norindall entriß ſich zuerſt dieſer ſchmerzlichen Seene. »Ich muß dich verlaſſen„„ſprach er;„her es iſt nur für eine kurze Zeit, und es wird das letzte Mahl ſeyn.«— Das letzte Mahl lK wiederholte Carl, bebend. »Morgen,« erwiederte Ecbert, vwerden wir uns hier wiede finden; morgen werden wir uns nicht mehr trennen.« Bey dieſen Worten drang er in den Wald.— »Ecbert,« rief Carl im ſchmerzlichſten Tone,»mein theu⸗ rer Ecbert, lebe wohl!« Welch jammernder Ausdruck lag in dieſem letzten Rufe! Ach! es ſchien ihm, als ob er zum letzten Mahle ſeinen Freund umarmt hätte. Warum mußte ſich in den unbeſtimmten Raum der Lüfte der Klageton Carl's verlieren! wäre er bis zu ſeinem Waffenbruder gedrun⸗ gen, er hätte ihr Schickſal geändert. Norindall war ſchon weit vom wilden Berge: lange war der Fürſt ihm mit den Augen durch die Bäume gefolgt. Plötzlich ſprang er zurück in ſeine Hütte, warf ſich auf das verlaſſene Lager, auf welchem ſeine Geliebte geruht hatte, und rief ſie in klagenden Tö⸗ nen:—»Elodie, theure Elodie! hier warſt du unter meinem Schutze. Hier ſollte ich dich beſitzen... hier ſchlug für mich dein Herz... Du biſt nicht mehr, und ich weile wieder allein K Die Nacht bedeckte ganz Underlach mit ihren dichten Schatten; Carl führte endlich ſein Vorhaben aus. Schon ſtieg er vom wilden Berge hexrab; er wen⸗ dete ſich nach dem Kloſter und ſchon befand er ſich im Park. Einige überreſte von den glänzenden Verzierun⸗ gen bey dem Feſte, welches der Fürſt Palzo der Waiſe gegeben hatte, erhoben ſich noch auf dem Grasplatze. Unerkannt, verkleidet und verborgen unter der Menge hatte Carl die Zauber dieſes Tages mit angeſehen. Der Mond ging eben bleich am Horizonte auf, nebelig wie das Geſtirn der Trauergefilde. Carl befand ſich am Cir⸗ cus, wo die Lothringiſchen Ritter kämpften. Hier war es, wo auf einem Triumphwagen gezogen, gleich der Königinn Cythäreens, Elodie, ſtrahlend von Jugend, Hoffnung, Liebe und Schönheit, die Sieger im Tur⸗ niere bekränzte. Hier war es, wo die Stimmen der krie⸗ geriſchen Sänger, begleitet von tönenden Harfen, die ſchönſte der Jungfrauen in dieſen Worten preiſend er⸗ hoben. »Fern von dir nur donn're der Blitz, dir, himm⸗ liſch Erwachen Eines heiter beglückenden Tags, iſt die Stirne gewölbet. Nur für Kronenſchmuck, für Liebe das fühlende Herz nur.« Ach! er hatte getroffen, der Blitz!.„Dieſe Zauberblume, deren Glanz ſonſt das Thal blendete,, war nicht mehr der Stolz der Natur, dieſe ſo geliebte Jungfrau nicht mehr die Königinn der Feſte; ſie ſollte nie mehr weder den lärmenden Ruf der Begeiſterung, noch die zärtlichen Seufzer der Liebe hören. Wie ein leichter Schatten war ſie durch das 3 gegangen ſie war vorüber. Carln entführ ein tiefer Seufzer; ſchnellen Schric⸗ 3 4 tes floh er aus den der Waiſe theuren Gebüſchen. O0 ——— — wie ſchrecklich ſind die Erinnerungen der Liebe„welche auf den Marmor des Grabes fallen!... Durch den unterirdiſchen Gang, welcher ſonſt die Schritte Carl's zu Elodien geleitet hatte, kam er auch jetzt in die Capelle. Großer Gott! welch ein Schau⸗ ſpiel both ſich hier ſeinen Blicken dar! der geheiligte Umkreis war wie für einen Feſttag geſchmückt; weiße Behänge ſchmückten das alte Gemäuer; in Vaſen vom koſtbarſten Metall dampften überall Weihrauch und Myrrhen; reiche Teppiche bedeckten den Fußboden des Tempels; tauſend Wohlgerüche füllten die Luft; Hy⸗ mens Fackeln woren angezündet; ſie beleuchteten.. den Tod! Am Fuße des Altars, auf einer prächtigen Erhö⸗ hung, über welcher ein Thronhimmel von blendender Weiße emporragte; vier ſilberne Sdulen ſtützten ihn: Guirlanden von jungfrdulichen Roſen fielen in Feſtge⸗ hängen um das Trauergerüſt, durchſichtiger Flor und weiße Gewinde umgaben den Leichenthron, und der flimmernde Glanz der Lichter, wiederſtrahlend vom ſil— bernen Dom auf die Blumenguirlanden und die fun⸗ kelnden Säulen, machten aus dem Trauergemache ei⸗ nen Tempel des Lichtes. Der Herzog von Burgund befand ſich am Fuße des Todtenmonuments, welches die Pracht des Lebens umringte: ausgeſtreckt auf dem ſtillen Lager ſchlief die ſanfte Jungfrau den Schlaf der Ewigkeit. Ein weißer Schleyer verhüllte ihre Engelszüge; ein Jungfrauen⸗ kranz lag auf ihrer Stirn; ach, das Sinnbild der Un⸗ ſchuld iſt auch der Hochzeitsſchmuck. 1 — 145— Die Capelle war verödet, das tiefſte Schweigen herrſchte daſelbſt. Bey dem Trauergerüſte auf die Knie fallend, rief er aus: Himmliſche Jungfrau, dieß iſt dein hochzeitliches Lager! dieß die Pracht unſerer Ver⸗ einigung! Mein ſchreckliches Schickſal geht in Erfül⸗ lung. Unglückliches Opfer! was ſagte ich, als ich dir zum erſten Mahle erſchien? Fliehe, zarte Blumedes Thales, mein Hauch iſt verpeſtet, mei⸗ ne Gegenwart kündigt den Tod an. Was ſprach ich zu dir unter eben dieſen Mauern, am Tage unſerer erſten Schwüre? ich ſeyder Mann der Gräberl« Er ſprach's, und mit gebeugter Stirn ſchlug er gegen den Marmor des Heiligthums:— Himmli⸗ ſches Mädchen„« fuhr er plötzlich mit irrer Miene fort, du wollteſt auf dem wilden Berge ſterben: dein letz⸗ ter Laut rief den Einſamen, dein letzter Blick ſuchte ſeine ſtille Wohnung... Wohlan, deine letzten Wün⸗ ſche ſollen erfüllt werden: die Hütte des Verbannten wird deine ſterbliche Hülle aufnehmen..„ Dort wirſt du in ſüßerem Schlafe ruhen, dort will ich an deinem Grabe wachen, dort werden auf deinem Sarge die letzten Flammen der Liebe verlöſchen. Dieſen Mor⸗ gen konnten meine Arme dich nicht glücklich und noch voll Leben nach dem wilden Berge tragen; entſeelt ſollen ſie dich dahin bringen. Carl nur ſoll die letzten Pflichten dir erfüllen, und dein Grab ſoll nur ſeine letzten Seufzer aufnehmen.«. Er ſteigt die Erhöhung empor, nähert ſich dem Trauerbette, hebt den weißen Schleyer, welcher die Der Einſame.. Züge der Waiſe verdeckt, und die Arme ihr entgegen breitend, ruft er im Tone der Liebe und des Wahn⸗ ſinns aus: Komm', komm' an das Herz deines Gat⸗ ten! War dieß nicht dein letztes Aufleben!.. Elo⸗ die! ich höre dich noch; ja, du rufſt mir zu:»Es iſt mir Bedürfniß deinen Hauch zu athmen; ich Betstt deines ganzen Lebens.« Carl, die Arme nach ihr ausgeſtreckt, S ſich. als ob das übermaß der Liebe und des Schmer⸗ zes ihm ein Wunder ſchuldig ſey; als ob die Waiſe auf ſeinen leidenſchaftlichen Ruf vom Grabe ſich erhe⸗ ben, und an ſein Herz ſtürzen würde. Gott! wie ſchön ſie noch war! Bekränzt mit weißen Roſen, eine friedliche Jungfrau, ſchien ſie noch im Tode zu lächeln. Weiß wie der reine Alabaſter waren ihre langen geſenkten Augenlieder wie von einem ſüßen Schlafe geſchloſſen; ihre erſtarrten Hände hielten einen Lilienſtrauß, den ſie an ihren Buſen zu drücken ſchien. Bey der Heiter⸗ keit ihrer Züge hätte man glauben ſollen, daß ein ſe⸗ liger Traum ſie mit Entzücken umgaukle, und der Him⸗ mel ſchien das Meiſterwerk der Natur nur auf Augen⸗ plicke der Erde entnommen zu haben. Carl hatte ſich plötzlich nach dem Trauerlager gebeugt; ſanft ſchlang er ſeine Arme um das junge Mädchen, als ob er fürchte, ſie zu verletzten, als ob er beſorge, ſie zu erwecken;— eiligen Schrittes floh er dann aus der Capelle, und gleich dem Alciden, als er Alceſte den ſchattigen Ufern entriß, ſchneller als der Sturmesblitz floh er nach dem wilden Berge. Schon hatte der Fürſt die Brücke des Stromes — 147— im Rücken. Bey dem bleichen Schimmer der Racht erkannte er wieder den Baum, an dem die Tochter des Sloſters zu ihrer wohltönenden Lyra den Frühling und die Natur beſungen hatte.. Ach, es gab kei⸗ nen Frühling, keine Natur, keine klangreiche Lyra mehr für den aus dem ganzen Weltall Verbannten. Ein Nachtwind bewegte die Zweige des Waldes. Allmächtiger Gott! warum bleibt Carlplötzlich ſtehen 2.. warum verſagen ihm ſeine Kräfte?.. woher dieß fürchterliche Erzittern?... 2ch, ein Windhauch hatte an ſein Geſicht das zerſtreute Haar der Waiſe getrieben; ihre wehenden Locken hatten die Lippen des Fürſten berührt; es waren dieſelben Ringe, auf welche er freudetrunken und voll Hoffnung den erſten Kuß der Liebe gedrückt hatte. Damahls lag auch die Jung⸗ frau in ſeinen Armen; aber damahls fühlte er ihr Herz an dem ſeinie“, damahlv geyver F b n e ſie liebte.. Carl konnte ſeinen Weg nicht fortſetzen faſt an der Thüre der Einſiedeley hatten ihn alle Kräfte eines Weſens auf ein Mahl verlaſſen; ſeine plötzliche Lähmung glich einer Unterbrechung ſeines Daſeyns. Worauf hefteten ſich ſeine Blicke?.. Ach, auf die⸗ ſelben Bäume, unter deren Schatten, wenige Tage zuvor, die Waiſe, auf ihn geſtützt, ihn von ihrer Liebe unterhalten hatte. Am Fuße einer alten Eiche legte er ſeine Geliebte nieder: er kniete neben ihr, ſprach kein Wort, vergoß keine Thräne. Auf die Züge Elodiens hatte er wieder die lange Hülle gedeckt, und hier erſt hätte man ge⸗ —————— glaubt, daß ſie eben für ihn von der Erde verſchwun⸗ den ſey; ſein Auge, zum Himmelsgewölbe erhoben, ſuchte ſie jetzt im Aufenthalte der Seligen. Er ſchien ſie zu rufen„ mit ihr zu ſprechen. und doch hatten ſeine Lippen keine Bewegung mehr..„ alles ging vor tief in ſeinem Herzen. In dem Felſen, an welchen die Einſiedeley ge⸗ lehnt war, breitete ſich eine weite Höhlung aus, welche ein ungeheurer Stein verſchloß. Carl wußte nicht, zu welchem Gebrauche dieſe geheimnißvolle Urne beſtimmt geweſen war; er wollte ſich ihrer als Grab für die Un⸗ ſchuld hedienen. Nach einigen Augenblicken ſchreckenvoller Ruhe erhob ſich der Fürſt; ehe er ſeine unglückliche Gefähr⸗ tinn wieder in ſeine Arme faßte, ergriff er einen Ring ihres langen Haares.— vElodie,« rief er aus, vbe⸗ i bi eſte Gabe der Liebe ſeyn.« Er legte die Locke auf ſein Herz. Carl erhob den Stein des Felſens; er ſenkte den erſtarrten Körper der Waiſe in die von der Natur be⸗ reitete Grabesſtätte, und mit faſt erloſchener Stimme rief er aus, bevor er dieſelbe ſchloß:»Lebe wohl, ſchönſte, reinſte der Jungfrauen! für immer entſchwindeſt du meinen Blicken. So wie ich meinen Ruhm befleckte, ſo habe ich deine Jugend hingerafft, deine Schönheit gebrochen. Himmliſches Mädchen, ſchlafe im Felſen des Schmerzes und der Verbannung! ruhe in Frieden auf dem Boden der Reue und der Liebe! Lebe“ wohl, du Trunkenheit zärtlicher Wünſche! Lebet alle 4* 4 2— — 149— wohl ihr Hoffnungen der Erde!. Du, die du mich zur Tugend zurück führteſt, die du allein hienie⸗ den reine, leidenſchaftliche Liebe mich kennen lehrteſt! Wunder der Schöpfung, Elodie, Elodie! ſchlummre ſanft.. Er ſprach's, ſeine Stimme erſtarb: ſeine ſonſt ſo kriegeriſche ſtolze Stirn ſank ſchwer belaſtet an den öden Felſen. Die Natur ſchien zu ſchweigen, um das Lebewohl des Fürſten zu hören; lange Stille folgte ſeinen letzten Worten. Plötzlich drang ein dumpfes Stöhnen aus ſeiner Bruſt, wie die letzten Zuckungen des Lebens, wie die fürchterliche Auflöſung der menſch⸗ lichen Natur. In dieſem Augenblicke warf der Ewige auf den Herzog von Burgund einen Blick des Erbar⸗ mens und Mitleids: ſeine Leiden endigten, der Him⸗ mel öffnete ſich... Carl war verſchieden. ——— Scchluß. 3 Lange ſchon waren Elodie und der Einſame todt, da kam ein Ritter vom Lothringiſchen Hofe, der die Schweitz durchreiſte, auch durch das Thal von Under⸗ lach; er hörte von dem Manne vom wilden Berge ſprechen, deſſen Nahme unbekannt geblieben war; aber deſſen Wohlthaten und Wunder noch in dem Andenken Aller fortlebten. Noch wurde von der ganzen Gegend, von allen Bergbewohnern die junge Tochter der Abtey faſt vergöttert. Am Todestage der Waiſe wachte Marceline bey ihrem Trauerlager in der Capelle; der Leichnam des jungen Mädchens verſchwand, und am folgenden Tage erzählte Marceline, wie folgt: »Gegen Mitternacht hatte ich mich einige Augen⸗ * blicke aus dem geheiligten Umkreiſe entfernt; da ich DDer Einſame.. in den Tempel zurückkam, hörte ich plötzlich die fernen 5 ——— * 4 — 150— Töne einer himmliſchen Harfe; ich eilte zum Trauer⸗ gerüſte. die reine Jungfrau war verſchwunden, on den Erzengeln hinweggeführt. Das Gewölbe des Tempels ſchien noch geöffnet, und ein Gold⸗umſäum⸗ tes Gewölk, welches über dem Heiligthume ſchwebte, hauchte himmliſche Wohlgerüche.« 3 Anſelm, erſchöpft durch die Faſten, Kaſteyun⸗ gen und Bußübungen, welche er ſich auferlegte, hatte die Waiſe des Kloſters nur ein Jahr überlebt. Der fremde Ritter erfuhr, daß ein Eremit die Hütte des Einſamen bewohne. Voll Begierde, dieſen geheimnollen, ſtillen Aufenthalt zu beſuchen, erſtieg er den wilden Berg, und bemerkte einen Anachore⸗ ten, der am Felſen neben der Hütte kniete. Sein 3 Gebeth achtend, wagte er nicht ſogleich ſich zu nähern; aber bald ſchien ihm die Regungsloſigkeit des heiligen Mannes die des Todes zu ſeyn. Er trat ihm näher ſeine Beſorgniſſe beſtätigten ſich; der Eremit hatte auf⸗ gehört zu leben, aber erſt vor einigen Stunden: ſeine Glieder hatten noch einige Wärme behaltan. Der Ritter betrachtete aufmerkſam die Züge des Waldbruders; er glaubte ſie wieder zu erkennen, ob ſie gleich von Leiden und Unglück durchfurcht worden waren. Lebhaft ergriffen, ſuchte er ſeine Vermuthun— gen zu erhellen; er hob den ſchwarzen Mantel des Einſamen, und fand auf ſeinem Herzen eine Locke on blonden Haaren, welche häufige Thränen gebadet hatten. Er entblößte ſeine Brnſt; ach! kein Zwei⸗ fel mehr: auf ein bekanntes Ehrenzeichen fielen ſeine Blicke, es machte ſeine Muthmaßungen zur Gewiß⸗ heit. Der Krieger ſtieß einen durchdringenden Schrey aus.—»O mein erſter Waffengenoſſe! o mein Füh⸗ rer! ſo mußte ich dich wieder finden K.. Der Nitter erkannte den Grafen Ecbert von