Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. OfHensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ochenilich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————————— auf 1 Monat: T V— 1 N. W. 2 N Pr. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſener, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſi das, zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ij auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, Lauchtdafür zu ſtehen haben. — ——— — 3 6 † , iti WDer inſame vom wilden Werge NHach dem Franzöſiſchen des Vicomte d' Arlincourt 3 82 r ahhc. 6 — PR e PtoePl. — 3355535355455555322432332 06ceteeeteee Erſt e 5 Bnch Nicht fern vom Murtner See, mitten in den Ge⸗ birgen des alten Helvetiens, in der Tiefe eines Tha⸗ les, das von einers wilden Gießbache durchſchnitten und von dichten Wäldern umgeben iſt, erhob ſich im fünfzehnten Jahrhunderte das Kloſter von Underlach. Einige Tage vor der berüchtigten Schlacht bey Mur⸗ ten hatte Carl der Kühne dieſe Abtey und ihre Schätze der gierigen Wuth ſeiner Soldaten überlaſſen. Alle Mönche von Underlach waren ermordet worden⸗ Der Fels, auf welchem die Häupter dieſer Unglücklichen ſielen, wurde noch den Reiſenden von den Hirten der Umgegend gezeigt. Ein Wunder ſogar erhielt, nach der Erzählung der Gebirgsbewohner, das Andenken an dieſe grauſame That des allzu berühmten Burgun⸗ ders. Der Stein, welcher zum Blutgerüſte für die frommen Opfer diente, hatte die Farben des Mordes behalten. Von ſeinem röthlichen Granite ſchien noch das Blut der gewürgten Prieſter zu rinnen; und als Denkmahl des Gräuels wurde dieſer Fels, der am ufer des Baches lag, und die unvertilgbaren Spu⸗ ren des Verbrechens trug, der Schreckensfels genannt. Seit dieſem traurigen Ereigniſſe waren mehrere Jahre verfloſſen; der junge Herzog von Lothringen, Réné, war wieder in den Beſitz ſeiner Staaten ein⸗ getreten, welche ihm die Burgunder entriſſen hatten. über Carl den Kühnen hatte er den unvergeßlichen Sieg bey Nancy errungen. Unweit der Mauern die⸗ ſer Stadt war der Leichnam Carl's, entſtellt und un⸗ erkennbar, aus einem gefrornen Teiche hervor gezogen worden, wo ſein Edelknabe verſicherte, daß er ihn, durchbohrt von einem tödtlichen Stiche, während des Kampfes habe fallen ſehen. Schen ſeit geraumer Zeit hatten die Schweizer, befreyt von dieſem furchtbaren Feinde, ihren Sieg durch öffentliche Freudenfeſte ge⸗ feyert; und ſo wie ganz Helvetien genoß damahls auch das Thal von Underlach eines tiefen Friedens. Das Zweygeſpann der Nacht rollte ſchweigend über die Flächen des Himmels, der Schnee fiel in unter die alten Bogengänge des Kloſters von Under⸗ lach. Der Beſitzer der Abtey, ein durch die Laſt der Jahre niedergebeugter Greis, der Freyherr von Her⸗ Herde des Thurmes, den er bewohnte, und ſchritt ſam zu der Capelle, wo er jeden⸗ ſein Ge⸗ bet zum Ewigen richtete. Hingeſunken am Fuße des Hochaltars, ſprach Herſtall:»Großer Gott! verzeihe dem Unglücke die großen Flocken, und die Winde blieſen mit Heftigkeit ſall, entzündete ſeine Lampe. am faſt erloſchenen lage, Sollte mich der Tod vergeſſen haben? Ach! ſeit lange ſchon das Leben für mich ½ eins ———— —— ohne zu antworten, einen Augenblick ſeinen jungen Schützling. Gleich jenen himmliſchen Jungfrauen nen Tagen des Lebens ſich bildet, welche ertönten, heilige Schatten! ſprecht; habe ch zicht— lange genug in den Finſterniſſen dieſes Lebens umher⸗ geirret? Habe ich nicht verdient, daß der Himmel mir endlich jene Pforte des Lichtes öffne, wi der Menſch das Grab nennt ¹6 So ſprach er: das Geſchrey des Lrauervogels und der Sturm des Winters unterbrachen allein die Stille der Nacht. Herſtall erhob ſich, umgeben von den Graäbern der Abtey, bleich, unbeweglich, ſeine Lampe in der Hand; mit ſeinen hohlen Wangen, durch⸗ furcht von Thränen, erſchien er als der Geiſt des Kum⸗ mers, der über der Aſche der Verſtorbenen ſchwebte. Ein leichtes Geräuſch rief ihn zu ſich ſelbſt zurück. Die ſanfte Stimme der Unſchuld ſprach den Nahmen Herſtall aus; und der Greis bemerkte, daß neben ihm die zarte und empfindſame Elodie kniete und weinte. Sie allein, eine junge Waiſe und Nichte Her ſtalls, bewohn⸗ te mit ihm das Kloſter.—»Mein Vater«, ſprach die fanfte Jungfrau,»Du verlangſt vom Himmel den Tod; und was ſoll aus mir auf der Erde werden Indem ſie dieſe Worte ſprach, drückte ſie die ſtarre Hand des Greiſes an ihr Herz; ihre S Stimme erſtarb auf ihren und ſtille Thränen vollendeten ihren Vorwurf. Nur der Hlaſſe Schin von Serſtals d S reuchtete dieſe rührende Scene: der Greis betrachtete, welche die Phantaſie des Menſchen in den 4 Reiche ſeiner Träume ſucht, und welche ſein Herz im Alter der Liebe ruft, erſchien Elodie auf der Erde, friſcher als die Roſe am Morgen, reiner als die duftenden Lüfte des Frühlings. Die Anmuth ihrer Bewegungen glich der Vollendung ihrer Züge; Elodie, weiß wie das Bett des Thales, ſchön wie das entſtehende Licht auf den Gebirgen des Morgens, übertraf unter den dun⸗ keln Wölbungen der Capelle jedes ideale Bild; ſie glich einem herrlichen Traume. An den Ufern des Scamandrus hätte ſie an die Geliebte des Paris er⸗ innert; in Theſſalien's Gefilden hätte Apollo geglaubt, ſeine Daphne zu erblicken, und unter dem Himmel Arkadiens hätte Alpheus ſie für Arethuſa gehalten. »Unglückliche!« ſprach Herſtall mit dumpfer Stimme, indem er ſein Geſicht abwendete wie beklage ich dich! Darauf durchſchritt der Greis den dunkeln Raum der Kirche, und ging, begleitet von der Waiſe, in den hohen Thurm der Abtey zurück. Der Freyherr von Herſtall hatte ſeine früheren Jahre am Burgunder Hofe verlebt, und in den Feld⸗ lagern ſeinen Nahmen berühmt gemacht. In Liebe entbrannt für eine der glänzendſten Schönheiten des Hofes, war er ihr angebetheter Gemahl geworden. Die Geburt eines Kindes hatte allen ſeinen Wünſchen die Krone gegeben: nie glitten glücklichere Liebende den ungeſtümen Strom des Lebens hinab. Aber ein dauerndes Glück iſt nicht leicht das Loos eines Menſchen; alles zußere Wohlergehen iſt oft nur ein Vorſpiel des Unglücks, und verbreitet ien t einen unhei rigenden Sh das S —— 2— 7 .. ſchwand ſie dem väterlichen Geſtade. Die Tochter beachtet; ihm blieb nun nichts mehr in der 5 der grauſame Verbündete des Todes, bekränzt ſeine Günſtlinge mit Blumen, nur um ſie geſchmückt zum Opfertode zu ſchicken;... Herſtall verlor ſeine theure Gefährtinn. Seine ganze Zuneigung und alle ſeine Hoffnun⸗ gen richtete er nun auf ſeine Tochter: die junge Fre⸗ na, geſchmückt mit auffallender Schönheit, wurde bald der Stolz und der Abgott ihres Vaters. Die Herzoginn von Aroville, eine entfernte Verwandte, hatte bey ihrem Tode ihr unermeßliches Vermögen dem einzigen Kinde des Freyherrn vermacht. Durch ihre Geburt, ihre Reichthümer, ihre Reitze ſchien Irena zu dem glänzendſten Loſe berufen zu ſeyn. Carl der Kühne, der mächtigſte unter den Für⸗ ſten Europa's, der berühmteſte unter den Helden des Jahrhunderts, kam, ſeine Perſon den Blicken Ire⸗ na's vorzuſtellen, und ſchien ſelbſt lebhaft von ihren Reitzen eingenommen. Die ſchöne Erbinn wurde von allen Lockungen der Liebe umringt, und bald ent⸗ Herſtalls war von Carl dem Kühnen geraubt worden, wie die Tochter der Ceres von dem Fürſten der Unter⸗ wert; aber leider floß kein Lethe⸗Strom an den S ten, wo Irena wohnte. 3 Der Freyherr überließ ſich der ſchrecklichſten Ver⸗ zweiflung: Stunden, Tage, Monathe verfloſſen, S und das Schickſal Irena's blieb unbekannt. Herſtall hatte in der ganzen Welt nichts als nur ſeine er mit Eiferſucht ſtrebte, und das Herz Irena's hatte ſich ganz von ihm gewendet. Auf dieſe durch ihre Reitze blendende Tochter hatte er gewiſſer Maßen ſei⸗ nen Stolz gegründet, und eben dieſe irre geführte Tochter war ſeine Schande geworden. Der edle Krie⸗ ger hatte ſich vom Hofe zurück gezogen. In ſeinem entfernten Zufluchtsorte wurde ihm ein Brief zuge⸗ ſchickt; eine unbekannte Hand hatte folgende Zeilen geſchrieben:»Herſtall, die unglückliche und reuige »Irena erhebt von ihrem Sterbebette ihre Stimme zu vihrem Vater. Sie ruft Dich; eile, Dich ihrer Bitte vzu fügen, wenn Du die letzten Seufzer von dem »Opfer des treuloſen Carl's aufnehmen willſt.« Herſtall erfuhr endlich den Aufenthalt Irena's: er flog zu dem alten Schloſſe, wo ſie einſam und verlaſſen ihre Verirrungen büßte. Er kam an, er⸗ kannte die Thürme des alten Lehengebäudes, ſchon be⸗ fand er ſich in der Mitte der Eingangs⸗Allee, und —— plötzlich öffnen ſich die Gitterthore des Schloſ⸗ ſes, ein Leichenwagen fährt aus ſeinen weiten Höfen, von heiligen Geſängen ertönen die Lüfte... Herſtall ſeine unglückliche Tochter nicht wieder ſehen. Jrena war Mutter geworden. Ihr unter Thre nen gebornes Kind hatte nur halb ſeine Augen i öffnen können, um ſie auf immer wieder zu ſchließen. Die Gruft ſchloß beyde Opfer ein. Herſtall folgte dem Trauerzuge. Er ließ ſeiner Tochter ein prächtiges Grabmahl errichten. Er grün⸗ 5 dete in ihre m Nahmen mehrere Zufluchtsörter für Un⸗ — 4— —½ —2 S ganzes Erbe vertheilte er unter die Dürftigen der Provinz; und da er ſeine Laufbahn 3 fern von den Menſchen zu beſchließen wünſchte, um in der Stille ſein Unglück zu beweinen, ſo verbarg er 2 ſein Leben in die einſamen Gegenden der Schweiz. Indeß kündigte die Erſcheinung der Schwalbe unter den alten Bogengangen des Kloſters den Ge⸗ birgsbewohnern die Rückkehr der Blüthenzeit an. Das Thal von Underlach, mitten unter den rauhen Felſen der Schweiz, wie die Haſe in der Sandwüſte, hauchte ſchon aus ſeinen lachenden Gebüſchen, und von ſei⸗ nen geſchmückten Wieſen die zarten Lüfte des Früh⸗ lings, die herrlichen Wohlgerüche der Natur. Von den kleinen Thürmen der Abtey erblickte man in blauer Ferne die Alpen, deren ſchneebedeckte Gipfel als ſelt⸗ ſame Pyramiden oder blendende Obelisken ſich erhe⸗ ben. Indem ſie dem Auge des Reiſenden ihre nackten Seitenwände weiß und kahl entgegen ſtellen, erſchei⸗ nen ihre drohenden Gipfel als die rieſenhaften Skelette der Natur. In der Entfernung zeigen ihre ſchroffen Spitzen, ihre trotzigen und rauhen Geſtalten der ge⸗ täuſchten Einbildungskraft perſpectiviſche Säulengänge, eckige Pfeiler und Hallen. Dieſe Felſen tragen noch den erhabenen Charakter der Schöpfung: durch den phantaſtiſchen Dunſt der Lüfte zeigen ſie ſich als die Palläſte der Zeit, als die Obelisken früher Sehehn derte, als die Tempel der Natur. In der Umgegend des Dörfchens von underiach ſtellen ſich einige dieſer ſchreckenden Gebirge mehr in 5 * der Nähe dar. Eine der Straßen, welche in die ngen Thäler hinabführen, ſchlängelt ſich an ein 8 er wäre durch irgend eine vulcaniſche Erſchütterung halb umgeſtürzt worden. Die Spitze dieſes Felſens iſt mit ewigem Schnee bedeckt, glänzend wie in ſei⸗ nen erſten Tagen, deſſen unwandelbare Weiße um ſo ſtrahlender glänzt, da ſie über den blumenreichen Wieſen, durchdufteten Gebüſchen und grünen Wal⸗ dungen von Underlach ſich befindet. Ein reißender Waoldſtrom ſtürzt ſich mitten durch s Thal, welches dunkle Tannen und Druidenhaine mit ihrem geheimnißvollen Gürtel umgeben. Die Fel⸗ ſen, durch welche dieſer Strom ſeinen Lauf gesff⸗ net hat, werfen verſchlungene Weinreben über ſein tiefes Bett hin, welche eben der Frühling neu wie⸗ der belebt hatte. Durch dieſe ländlichen Wölbun⸗ gegen den Grasteppich des Kloſters fließt ruhig und klar ihr ſilbernes Kryſtall. Schon hat Flora, auf ihrem duftenden Wagen von Zephyren gezogen, aus ihrer jungfräulichen Urne Philomele vereinigt mit dem ſanften Gemurmel der Loos der Natur! jeder Frühling gibt ihr wieder Leben und Munterkeit; der hundertjährige Baum grünt wieder bey dem belebenden Hauche der Zeit der Liebe: die Pflanze lebt wieder auf mit der Morgentöthe: d ganze Schöpfung feyert die Rückkehr der ſchönen T die aber S Opfer über⸗ lichen Felſen hin, von welchem man glauben ſollte, gen entflieht die Welle ſchäumend, und weiter hin ihre himmliſchen Geſchenke über Helvetien geſtreut⸗ fallenden Wellen ihre melodiſchen Accorde. Glückliches Du nur, 3 Menſch, du König der Schöpfung durch ſich in den Hain des, Kloſters.— Wer häuft mit Leiden, oder irregeführt durch Sinnenreitze, erkaltet durch die Jahre, oder trunken aus Jugend, du allein in der Natur erhebſt dich nicht wieder neu mit der Morgenröthe, du nur wirſt nicht wieder be⸗ lebt mit dem Frühlinge. Vertieft in fromme Betrachtungen, überblickte die Waiſe des Kloſters durch die vergitterten Fenſter ihres Thürmchens das reitzende Thal. Von der Abend⸗ ſeite und nach dem Murtner See hin feſſelte ein hohes, mit Wald bedecktes Gebirge ganz beſonders ihre Auf⸗ merkſamkeit.—»Mutter Urſula,«(ſprach ſie zur al⸗ ten Schließ zerinn des Kloſters)»wie glänzend die letzten Strahlen der Sonne ſind, welche ſie auf die⸗ ſen ungeheuren Felſen wirft!«—»Heilige Jungfrauk wendet Eure Blicke ab; dieſer Fels iſt der wilde Berg.«—„Haben in der Mitte dieſer dichten Gehölze,« fuhr die Waiſe fort, vunſere Gebirgsleute 6 8 nicht einige Sennhütten? 4—„Sennhütten auf dem wilden Berge! wiederholte Urſula mit Schauder; und wer ſollte es wagen, dorthin ſeinen Aufenthalt zu verlegen Elodie lächelte.— Dieſer Wald iſt alſo wohl recht ſchrecklich? dieſes Gebirge wohl recht gefürchtet?. 6— es wohnt dort der Einſam e.« Bey dieſer Entotk erbebte Mutter urſta, er⸗ ſchreckt durch den Nahmen, den ſie eben ausgeſprochen hatte. Die Nichte Herſtall wagten vicht weiter zu fra⸗ gen, aus Furcht ſie zu kränken; eichten Schrittes ging ſie die Treppe des Thurmes hinab, und verlor 10 die er verbreitet hat.« ßenden Ufern des Ladon. „Geheim, doch mit liebendem Sinn dieſer Einſame vom wilden Berge ſeyn, wiederholte ſich Elodie? ſein bloßer Nahme flößt Schrecken ein, und die ganze Gegend erſchallt doch von Wohlthaten, Mit ſchnellen Schritten durchlief ſie den Park. An einem breiten Graben, der die Gärten des Sloſters von den Wieſen des Dörfchens trennt, erhebt ſich auf einem blumigen Hügel ein ländliches Gartenhaus, aus welchem das Auge das ganze Thal beherrſcht. Hier ſetzte ſich Elodie nieder. Der Himmel, leicht beſdet mit purpurnen Wolken, ließ nur in Zwiſchenräumen die Strahlen der untergehenden Sonne durchleuchten. Die Gipfel fernhin liegender Gebirge fingen an, ſich im Halbdunkel in den Dünſten des Horizontes zu verlie⸗ ren. Einige junge Hirten, vereint mit den Mädchen des Thales, tanzten mitten auf dem Grasplatze im Kreiſe. Aus ihren Zügen leuchtete der Frohſinn, wie aus ihren Blicken die Liebe. Die Hüte der Schäferin⸗ nen umkrchzten die Blumenguirlanden des Frühlings, „und die langen Flechten ihrer Haare wurden von Ze⸗ phyren geſchaukelt. So ſcherzten einſt, beym Klange der Flöte Pan's, die Nymphen Arkadien's auf den rei⸗ Jetzt ließ die wohltönende Stimme kines Bergbe⸗ wohners folgenden neuen Geſang hören: »Ihr, denen bey Schmerzen und Sehnen Ein Fremder getrocknet die Thränen, »O, fallt vor den Einſamen hin!« 3 — „Doch die ihr vor leerem Gebilde „Vor Geiſtern und Todten erbebt, „Ihr Hirten der frohen Gefilde, »„Entflieht, wo der Einſame lebt Um auf den heimiſchen Geſang zu hören: hatten die übrigen einen Augenblick ihre fröhlichen Tänze un⸗ terbrochen. Die Töne waren verklungen.»Entflieht, „wo der Einſame lebtl« wiederhohlten im Chor die jungen Nymphen von Underlach; und während der fröhliche Rundgeſang die ältern Bewohner der einſa⸗ men Gegend um die glückliche Jugend verſammelte, wiederhohlte in der Ferne das Echo:»Entflieht, »wo der Einſame lebtl« Der ländliche Geſang begann wieder⸗„ »Ihr, die ihr euch liebend gefunden, Verfolgte von feindlichem Sinn, »Wenn ſchützend ein Gott euch verbunden? „O, fallt vor den Einſamen hin! 6 „Doch die ihr argwöhnenden Herzens! „Erkennt in der düſteren Macht Nur Zeichen des Laſters, des Schmerzens; „Flieht, Greiſe.... der Einſame wacht! Flieht, Greiſe, der Einſame wacht/e wiederholte der muntere Haufen. Die Tänze begannen wieder, aber der Himmel hatte ſich umzogen, die letz⸗ ten Strahlen der Sonne wurden verſchleyert durch eine Gewitterwolke, und die Jungfrau bemerkte erſtaunt, daß der frohe Geſang des Hirten, und die ahnungs⸗ vollen Worte ſeiner Strophen, die des Bergbewohners und das klagende Murmeln des Gießbaches, der heitere Teppich der Wieſe und der dü— ſter umzogene Himmel,— daß alles im Thale in Widerſpruch ſtand. »Ihr, welche verborgenes Walten »Beſchützte im niederen Haus, »Am Rande des Tod's euch erhalten: »O, weicht nicht dem Einſamen aus!.. 4 * »Wenn Blut doch den Durſt ihm nur ſtillte, »Dem Heuchler in ende Mien »Wenn Schlangen die Blume verhüllte!. »Ihr Jungfrauen, eilt zu entfliehn“ »Ihr Jungfrauen, eilt zuentfliehnl« wiederholte der ländliche Chor. Die Schatten des 6 Abends fingen an, ſich über den Wald auszubreiten. 4 6 Die jungen Bewohner des Dörfchens entfernten ſich, indem ſie, ſich umſchlungen haltend, ihre ungezwun⸗ genen Tänze noch fortſetzten. Schon unterſchied die Waiſe des Kloſters kaum noch im Hintergrunde der Wieſe und durch die Bäume die Kleidung der Hirten. Die Gruppen junger Mädchen zerſtreuten und verloren ſich unweit des Fluſſes, wie die Najaden Atolien's an den Ufern d des Achelous: ihre Stimmen verloren ſich in dem weiten Raume der Lüfte, wie die Erinnerun⸗ gen in dem Herzen des Menſchen. Elodie hörte nur noch einige ferne Töne, einige früchtige Accorde, aber ihre aufgeregte Phantaſie hielt dis Verſe des Hirten feſt, und die nächtlichen Lüfte ſchienen ohne i an 6 S dieſe letten Worte 5 . — — — Ich ſtieß einen Schrey des 13 des Berggeſanges zu tragen:»Ihr J enofrautn veilt zu entfliehnl« Da kam der Freyherr von Herſtall auf ſeine Nichte zu, begleitet von Vater Anſelm, einem ver⸗ ehrten Prieſter und würdigen Diener des Altares, dem alten Pfarrer des Dörfchens Underlach. Aus ihren Träumereyen geweckt durch die Annäherung ihres Pfle⸗ gevaters, wandte die Waiſe ihre Schritte nach dem KFloſter zurück.— Verehrter Anſelm,« ſprach ſie nach einigen Augenblicken des Schweigens,»habt Ihr je⸗ mahls den Einſamen vom wilden Berge geſehen?7«— „Ein einziges Mahl,« antwortete der über die Frage erſtaunte Prieſter.«—»Iſt er ein Greis 7« fuhr das junge Mädchen fort.—»Seine Züge ſind mir noch unbekannt. 6 »Eines Abends kam ich von Avanches zurück fuhr Anſelm fort,»und ging längs des Murtner Sees hin: ein kalter Nordwind blies über das verlaſſene ufer, finſtere Wolken verſchleyerten das Geſtirn der Nacht; und der Schnee, der mit ſeinem Teppiche die Fläche und die Felſen bedeckte, ſchien allein die Na⸗ tur zu erleuchten. Plötzlich bemerkte ich eine Barke, welche den von den Winden bewegten und mit Eis⸗ ſchollen bedeckten See zu durchfahren ſuchte. Ein Fi⸗ ſcher, eine junge Frau, ein ſchwaches Kind füllten den ſchwankenden Nachen. Mit Hülfe der Ruder ſtieß ſchon das kleine Fahrzeug an das Ufer, da wurde die Barke von einem Windſtoße gegen einen Felſen geworfen, und zerſchellt verſank ſie unter 14 bald erſchien der Fiſcher wieder auf der Oberfläche des Waſſers; ſeine Frau, die er gerettet hatte, hielt er in die Höhe. Sie erreichten das Ufer. Der ermattete Fiſcher verlor hier den Gebrauch ſeiner Sinne; aber ſeine Gattinn fiel auf die Kniee, und ihren Lip— pen entfuhr das durchdringende Geſchrey: Mein Kind!„mein Find'e „In dieſem Augenblicke erſchien ein Unbekannter von majeſtätiſchem Wuchſe am Ufer des Sees. Indem er den ſchwarzen Mantel, der ihn umhüllte, von ſich warf, ſprang er mitten in die Wellen. Durch Eis⸗ ſchollen bahnt er ſich einen Weg, erreicht den Fels, an welchem der Nachen ſcheiterte, taucht unter, verſchwindet einen Augenblick; darauf wie ein Gott der Gewäſſer auf einem Felſen des Geſtades er⸗ hebt er ſich, ſchwimmend mit der einen Hand, mit der andern das ſchwache Geſchöpf haltend, das er den Schlünden des Sees entriſſen hatte.« »Die zärtliche Mutter fällt zu ſeinen Füßen. In Thränen ſchwimmend umfaßt ſie ſeine Kniee; an ihrem Buſen erwarmt ſie wieder ihr armes erſtorbenes Kind⸗ Ich eile zu ihnen: der Fremde bemerkt mich, und be⸗ deckt ſich ſogleich wieder mit ſeinem Mantel.—»Ich vempfehle euch dieſe Unglücklichen,« ſagte er zu mir, wollendet ihr mein Werk; und der Erſtaunen erre⸗ »gende Mann iſt verſchwunden.« »In geringer Entfernung war die Hütte des Fi⸗ ſchers. Lichte Moch taumelnd erhebt er ſich: die junge Frau Der Unglückliche öffnet wieder ſeine Augen dem ützt die Schritte ihres Gatten; ich trage das 8 15 Kind in meinen Armen; wir kommen bis zum ländli⸗ chen Dache: hier war eben ſchon durch eine wohlthä⸗ thige Hand ein großes Feuer entzündet worden. Die erſtarrten Glieder des halb erſtorbenen Paares bele⸗ ben ſich wieder am rettenden Herde. Das Kind kehrt in's Leben zurück; und ich bemerke, indem ich mich von der anziehenden Familie trenne, daß von der unſicht⸗ baren Macht, von dem Unbekannten des wilden Ber⸗ ges, eine volle Goldbörſe auf dem Tiſche der Hütte zu⸗ rückgelaſſen worden iſt.« Ganz hingeriſſen vergoß Elodie bey der Erzäh⸗ lung Anſelm's wechſelsweiſe Thränen des Schreckens und der Rührung.— v»Und ihr ſahet, ſprach ſie, die Züge dieſes edelmüthigen Fremden nicht?«—»Nein, ich konnte mich ihm nicht nähern. Die Nacht war fin⸗ ſter; ich hörte nur ſeine Stimme.«—»Und wie habt ihr ihn für den Einſamen erkennen können 7«»Nach dem Gemälde, welches mir die Gebirgsbewohner von ihm entwarfen, nach ſeiner edlen Geſtalt, nach ſeinem geheimnißvollen Betragen, nach ſeinem ausgezeichne⸗ ten Muthe, nach ſeiner anerkannten Wohlthätigkeit.« Herſtall näherte ſich nun ſeinem Freunde— »Ihr habt,« ſagte er zu ihm, vdieſen ſonderbaren Mann nicht wieder zu ſehen geſucht?«—»Ich würde mich vergebens bemüht haben. Der Einſame entzieht ſich den Blicken Aller, er vermeidet jede Unterredung, entgeht allen Nachforſchungen, und läßt ſich auch von den Unglücklichen, welche er rettet, nur aus der Ferne beobachten. Seine Geſichtszüge ſind den Bewohnern dieſer Gegenden kaum noch bekannt. In tauſend ver⸗ 16 ſchiedenen Trachten, in tauſend fremdartigen Geſtal⸗ ten zeigt er ſich, ſagt man, im Thale, und das Volk, erſtaunt über das Wunderbare, ihn nicht zu ſehen, wo es ihn ſehen zu müſſen glaubte, ſucht ihn, wo er nicht geſehen werden kann. Daher die unbegreiflichen Erzählungen der Gebirgsleute. Der Eine behauptet, ihn des Abends geſehen zu haben, wie er über den See ging, und feſten Fußes auf dem Waſſer einher⸗ ſchritt, wie der Apoſtel auf den Ruf des Herrn. Ein Anderer ſah ihn von einem Felſen in den Strom hin⸗ abſpringen, in der Geſtalt eines Schwanes; gleich dem Könige der Ligurier am Grabmahle des Phaeton. Die Eine, welche auf ihrem Sterbebette aus ſeiner Hand den Trank empfing, welcher ſie dem Leben wie⸗ der gab, verſichert, daß er ihr erſchienen ſey, die Stirne bekränzt mit einem Lichtkreiſe, wie der Engel des Berges Golgotha bey der Verkündigung der Auf⸗ erſtehung. Eine Andere, durch ſeine edelmüthigen Ge⸗ ſchenke aus dem Elende gerettet, behauptet, ihn mit⸗ ten in einem Gewitter auf einem flammenden Wagen in den Lüften ſchweben geſehen zu haben, gleich Elias des Jordan's Ufern. Endlich als Gegenſtand der — e, des Schreckens und der Bewunderung gilt der Einſame des wilden Berges für den Geiſt des Geheim⸗ niſſes, für den Helden der Wohlthätigkeit, und den Mann der Wunder.« „Welch eine ſeltſame Zeichnung!« rief Herſtall aus.»Aber Ihr, Anſelm, was denkt Ihr wohl von ihm 26—„Ich wage noch nicht, ihn zu beurtheilen ſeine Handlungen kündigen eine große Seele an; und . dennoch immer frey von Vorwurf! Ach! würde doch dennoch, wider meinen Willen fürchte ich ihn. Es gibt große Böſewichte, die großen Männern gleichen. 4 »Ein Böſewicht ſprach Elodie erſchreckt; »„Er! Ihr hieltet ihn dafür«... werfe ſelbſt mit Schrecken dieſen Gedanken; aber, warum ſich mit der Hülle des Geheimniſſes bedecken? warum den Anblick der Menſchen fliehen? warum nur, die wilden Thiere, mitten in Höhlen, Felſen und Wäldern ſich gefallen? warum die Wege zu ſeinem Aufenthalte unzugänglich machen, durch magiſche Er⸗ ſcheinungen, und Handlungen, vor welchen das leicht⸗ gläubige Volk erſchrickt? Meine Tochter, nicht auf dieſe Weiſe zeichnet ſich, nach meiner Meinung, der unbeſcholtene Mann eine Bahn durch's Leben. Die Tu⸗ gend geht ohne Schleyer einher, das Geheimniß iſt nicht für ſie. Der vorwurfsfreye Sterbliche läßt gern in ſeinem Herzen leſen; er fürchtet nicht das Licht; »Rein, ich ver⸗ * er haßt weder, noch flieht er ſeines Gleichen. Wehe dei Manne, der aus Furcht vor Menſchen ſein Leben mit Finſterniß und Blendwerk umgeben zu müſſen glaubt!« »Noch wollen wir den Einſamen nicht verdam⸗ men,« ſagte Herſtall; vielleicht hat bloß Unglück ihn abſtoßend gemacht. Der Täuſchung des nichtigen Le⸗ bensglanzes benommen, findet er vielleicht jetzt nur in der Einſamkeit Reitze. Iſt darin ein Verbrechen? Liegt darin auch nur ein Irrthum? Wie viele fromme Einſiedler haben nicht ihre letzten Tage in geheimniß⸗ velle Zurückgezogenheit begraben, und ihre Seele war J keit heitere Tage zu finden glaubte; der 1 Ruhe auf bewegten Wellen dachte; der ich ild des in der volkreichen Wüſte der des ungliche die heilige Pflicht, welche mich an dieſe Waiſe bindet, weit entfernt von Men⸗ ſchen ein von Vorwürfen des Gewiſſens freyes Leben tief in eine umzugängliche Eins 6de verborgen haben.« »Der Unbekannte dieſer Thäleyhaßt nicht ſeine Rebenmenſchen, weil er, mitleidsvoll bey ihren Lei⸗ den, ſich oft als ihren Retter gezeigt hat: er flieht ſie nicht, weil er überall erſchien, wo die Töne des Schmerzes und der Verzweiflung ſich hören ließen. Warum alſo Verbrechen vermuthen, wo Alles Tugend ankündigt?« »Ich kann mich täuſchen,« antwortete Anſelm; vich habe Unrecht, ich bemühe mich, es zu glauben; ich verurtheile mich; und dennoch iſt es mir unmög⸗ lich, den unergründlichen Mann nicht zu fürchten, der einem finſtern Schlunde gleicht, in welchem das Senkbley vergebens den Grund ſucht.« So ſprach er, und unter den Mauern der Abtey trennten ſich die bey⸗ den Freunde. Entfernt von der Welt, und ganz ſeinen from⸗ men Pflichten geweiht, hatte Anſelm friedlich ſeine Tage in Helvetien verlebt; ein einziges Ereigniß hatte ſein Leben getrübt, und ſein Herz zerriſſen. Der Freund ſeiner Jugend, der Prior von Underlach, war vor 5 ſeinen von den Soldaten Carl's des Kühnen 19 ermordet worden, und er ſelbſt war nur durch ein Wunder der Wuth der Burgunder entgangen. Anſelm beſaß alle evangeliſchen Tugenden der Volkslehrer der erſten Jahrhunderte, aber er verband mit dieſen die unduldſame Strenge der Prieſter des fünfzehnten Jahrhundertes. Wenn Anſelm dem An⸗ triebe ſeines Herzens folgte, ſo zeigte er ſich immer als ein nachgiebiger Apoſtel; aber wo er ſeine Grund⸗ ſätze zur Richtſchnur hatte, war er manchmahl ein fa⸗ natiſcher Diener des Herrn. Er glich gewöhnlich einem friedlichen Fluſſe, welcher als eine wohlthätige Welle dahin fließt, und dennoch, gleich einem entzündeten Vulcane, konnte er, ergriffen von plötzlicher Begei⸗ ſterung, auf verirrte Sterbliche Blitz und Donner ſchleu⸗ dern. Begabt mit tiefem Gefühl und heroiſchem Muthe, bereit ſich für ſeinen Nächſten zu opfern, hielt er auch kein Opfer, keine Anſtrengung der chriſtlichen Liebe für unmöglich. Einfach, aber begeiſtert; ruhig aber ſchwärmeriſch, vereinigte Anſelm in ſich allein zwey merkwürdige Menſchen, zwey ſich entgegen geſetzte Naturen; dieſer Fenelon des Thales hätte ein Sa⸗ muel ſeyn können. Elodie hatte eben ihr achtzehntes Jehr erreicht. Erzogen in der Einſamkeit, einfach, natürlich und rein, hatte ſie von der Welt ſprechen hören, von ihren Vergnügungen, von ihrer Herrlichkeit und von ihren Gefahren, ohne daran einen Gedanken zu knü⸗ pfen: das Thal von Underlach war ihre Welt, es war hinreichend für ihre Wünſche. Sie hatte andere Him⸗ melsſtriche, andere Länder rühmen hören, ohne je⸗ mahls zu wünſchen, ſie kennen zu lernen. Und in der That, wenn ſie von den kleinen Thürmen der Abtey ihre Blicke über die bezaubeunden Ufer des Murtner Sees ausſandte, oder ſie zum Himmelsgewölbe erhob, hatte ſie nöthig, die Welt zu durchlaufen, um die Welt und die Herrlichkeit des Schöpfers zu bewun⸗ dern? Ein einziger Punct des Erdballs iſt hinreichend zur Bewunderung für ein ganzes Leben, wie der bloße kahmen Gottes für alle Gedanken einer frommen Elodie, unbekannt mit den menſchlichen Leiden⸗ ſchaften, welche ihre Einbildungskraft kaum begreifen konnte, vermochte es nicht, an Mächte des Böſen zu glauben; und dennoch mehr zitternd als das ſcheue Reh beym Nahen des Jägers, oft geängſtiget von lee⸗ ren Schreckbildern, fuhr ſie zuſammen beym leichte⸗ ſten Gerauſche, und ward beſorgt bey dem geringſten Ereigniſſe. Schwach wie das Schilf des Sees, be⸗ durfte ſie einer feſten Stütze, auf welche ſie ihr Nach⸗ denken heften, zu der ſie ihr ſanftes Bitten erheben, zu welcher ſie ihre Unſchuld flüchten konnte. Die Bergbewohner, obgleich daran gewohnt, ſie in's Thal hiabſteigen zu ſehen, blieben immer ſtehen bey ihrem Anblicke, von Bewunderung hingeriſſen. Indem ſie ihr mit den Augen durch die Baumgrup⸗ pen um die Abtey folgten, konnten ſie kaum ſich über⸗ reden, daß ihre entzückenden Formen nicht die eines himliſchen Geiſtes wären, der auf kurze Zeit in ihrer ** U vV* F— 3 Mitte erſchienen ſey. Die Schönheit der Waiſe, ihre Hoheit, ihre Anmuth ſchienen ihnen übernatürlich: und ——,—— ⸗———— 21 das ganze Thal hatte ihr den Nahmen taube gegeben. Als Tochter des Grafen von Saint⸗Maur war Elodie bey ihrer Geburt ſchon beſtimmt, einſt uner⸗ meßlichen Reichthum und das Erbe eines berühmten Nahmens zu beſitzen, und Alles hatte ſie verloren; aber wenigſtens kannte auch die Waiſe nicht das Ver⸗ langen nach der Welt, da ſie nichts von derſelben kennen gelernt hatte. Der Graf von Saint-Maur war in den Staa⸗ ten Philipp's des Guten, Herzogs von Burgund, ge⸗ boren, und hatte die erſten kriegeriſchen Unternehmun⸗ gen des Grafen von Charolais geleitet, der ſeirdem Carl der Kühné geworden war. Ludwig XlI., damahls Kronprinz von Frankreich, hatte ſich, dem väterlichen Zorne entfliehend, an den Hof Philipp's geflüchtet, und mit dem jungen Sohne dieſes Herzogs durch brüderliche Freundſchaft verbunden. Der Graf von Saint⸗Maur, obgleich viel älter cii beyde Peinzen, war ihr Gefährte bey ihren Vergnügungen, und ver⸗ ließ ſie nur ſelten; aber in ſo entgegen geſetzten Cha⸗ rakteren, wie Carl und Ludwig waren, konnten die Gefühle der Zuneigung nicht dauernd ſeyn. Ludwig, voll unergründlicher Verſtellung, war nie mehr zu fürchten, als wenn er es am wenigſten ſeyn zu können ſchien. Je mehr Worte der Freund⸗ ſchaft über ſeine Lippen gingen, deſto mehr Gedanken des Haſſes wohnten in ſeinem Herzen. Eiferſüchtig und falſch, verzieh er weder überlegenhkit noch Macht. Hohes zu demüthigen, Niedriges zu en be⸗ 22 ſtändig ſein leitender Grundfatz. Ehrſüchtig, meinei⸗ dig und blutgierig, ſpottete er aller edlen Gefühle und glaubte nur an das Laſter; abergläubiſch ohne Fröm⸗ migkeit, war er weder Sohn noch Vater, weder Gatte noch Freund; und dennoch erhielt er den Bey⸗ nahmen eines Wiederherſtellers des Reichs. Wäre es demnach denn wahr, zu ſagen, man könne— alle Eigenſchaften eines Königs und nicht eine Tugend⸗ eines Chriſten haben? Carl hingegen, der junge Gefährte Ludwig's, von Natur großmüthig und aufrichtig, ließ nur zu ſehr im Grunde ſeiner Seele leſen: er war begeiſtert und hochherzig; aber er überließ ſich ohne Rückhalt der Heftigkeit ſeiner Leidenſchaften, er kündigte ſchon in ſeiner früheſten Jugend den wilden Krieger, den unbezwingbaren Fürſten an, welchem die Geſchichte den Beynahmen des Kühnen, des Schrecklichen, des Verwegenen geben ſollte. Bald rief der Tod Carl's VII. den Kronprinzen auf den Thron, und der Krieg zwiſchen Frankreich und Burgund wurde erklärt. Carl, begleitet von dem Grafen von Saint⸗Maur, zieht aus an der Spitze der Heere ſeines Vaters, erringt den glorreichen Sieg bey Montlhery, iſt auf dem Puncte, Ludwig KlI. zum Gefangenen zu machen, und belagert ſchon Paris. 8 Der König knüpft Unterhandlungen an: der be⸗ rüchtigte Vertrag von Conflans wird von den beyden Fürſten unterzeichnet, und der ſiegende Held kehrt in ſeine Staaten zurück. —— ꝛ 23 Da ſtarb Philipp der Gute. Carl, der nun Herzog von Burgund wurde, überließ ſich der ganzen Heftigkeit ſeines Charakters, und im Vertrauen auf ſeine glänzende Tapferkeit ſetzte er ſeinem Ehrgeitze keine weiteren Gränzen. Indem er unzählige Abgaben erhob, um die Koſten für die Heere zu beſtreiten, welche er unterhielt, hatte er gleich dem Könige von Epirus die Welt zu unterjochen ſich vorgenommen, ehe er ſich der Ruhe hingeben wollte. Er hatte mehrere Staaten mit Burgund vereinigt, und wollte noch Lothringen damit verbinden. Indem er ehrſüchtige Abſichten auf Elſaß hegte, und darauf rechnete, ſich der Schweiz zu bemächtigen, nahm er ſich vor, ſeine Herrſchaft bis nach Deutſchland zu erweitern, ein bel⸗ giſches Königreich zu gründen, und den Kaiſer Maxi⸗ milian ſelbſt zu nöthigen, ihm für dasſelbe die Krone aufzuſetzen. Der Graf von Saint⸗Maur, Gemahl der Schwe⸗ ſter des Freyherrn von Herſtall, Elodiens Vater, mit Reichthümern beladen, mit Ehrenſtellen überhäuft, hatte nie ſeinen Fürſten verlaſſen; und da er, geliebt vom Volke und vom Heere, am Hofe die höchſte Aus⸗ zeichnung genoß, wagte er es, den kriegeriſchen Ent⸗ würfen ſeines Herrn ſich zu widerſetzen. Ludwig Kl., beunruhigt über die Vergrößerung Burgund's, hatte ſchon durch ſeine Kundſchafter den Geiſt der Zwie⸗ tracht unter die Heere Carl's, und den Geiſt des Auf⸗ ruhrs in ſeine Provinzen geſtreut. Der Graf von Saint⸗Maur glaubte ſich bey einem Helden, der ſein ehemahliger Zögling war, einige ernſte Vorſtellun⸗ — . gen erlauben zu dürfen. Er ließ ihn das Gefährliche ſeiner Lage durchblicken, und ſagte dem Eroberer ſeine Unglücksfälle voraus.»Mein Fürſt,« fagte der Graf beym Schluſſe ſeiner Rede, vſeit der langen Zeit, da ich berufen wurde, Euer Heer zu befehligen, habe ich oft Euer Vertrauen erhalten, und immer Eure Ach⸗ tung verdient. Wenn heute mein Rath Euch belei⸗ digen konnte, ſo erlaubet mir, mich vom Hofe zurück zu ziehen; ich würde nicht bleiben können, wo ich nicht zu nützen vermag.« Seinem jungen Fürſten treu ergeben entfernte ſich der Graf von Saint-Maur, betrübt und ſeufzend. Langſam ging er über die königliche Gallerie. Carl folgte ihm mit den Augen. Damahls verband der Her⸗ zog von Burgund mit ſeinen Heldentugenden noch eine feurige, gefühlvolle Seele, und war weit davon ent⸗ fernt, jenes Ungeheuer zu ſeyn, welches ſpäter, als ein Opfer ſeiner eignen Wuth, das Schrecken ſeiner Zeitgenoſſen mit ſich in's Grab nehmen ſollte: Carl wollte eben ſeinen Freund zurückrufen, als im Hof⸗ raume ſeines Pallaſtes ein ſchreckender Lärm ſich hören ließ. Ein Aufruhr war ausgebrochen; und das Volk in Waffen wogte gegen den königlichen Pal⸗ laſt, unter wildem Geſchrey. Der Herzog horchte, und aus der tönenden Menge unterſchied er den Ruf:—»Es lebe Saint⸗Maur l4 Die Garde des Fürſten ſuchte die Stürmenden zurück zu treiben: ein blutiger Kampf war entſtanden. Carl der Kühne ergriff ſein Schwert, und begleitet von einigen Edlen war er im Begriff, ſich auf die Enſ⸗ S S —. ————— —,——— — —. — 25— pörer zu ſtuͤrzen. Da ſtellte ſich ihm Saint-Maur entgegen, und für das Leben ſeines Herrn fürchtend, wollte er ihn zurückhalten.— WVerräther, laß mich s rief der Fürſt wüthend.—»Es lebe Saint-Maͤur« ſchrie in der Ferne die empörte Menge. Da wendete ſich Carl zu ſeinen Kriegern, und ſeiner nicht mehr mächtig rief er aus:— Hier, hier iſt das Haupt der Verſchwörung; kurz ſey ſein Triumphla Im Augenblicke von allen Seiten umringt, fiel Saint⸗Maur, von ſeinem Blute überſtrömt; und die öffentliche Stimme klagte den Fürſten an, ſelbſt ſeinen alten Freund geopfert zu haben. Carl befand ſich mitten unter den Kämpfenden. Sein Anblick und ſeine Tapferkeit hatten augenblick⸗ lich die Empörer zerſtreut. Alles fiel oder floh vor ſei⸗ nem Schwerte: und ſchon waren die Häupter der Ver⸗ ſchwörung gefangen. Als Sieger kehrte der Fürſt in ſeinen königlichen Sitz zurück, und genoß ſeines Triumphes; aber auf einmahl both ſich der Leichnam Saint-Maur's, den man aus dem Pallaſte hinaus ſchleppte, ſeinen Bli⸗ cken dar, und machte ihn erzittern, und die That des Helden ſchien auch die eines Mörders! Ein Verbrechen zieht immer noch andere nach ſich. Der Herzog von Burgund erklärt den Grafen Saint⸗Maur des Hochverraths ſchuldig.— Man hat ihn niedergehauen,« ſagte er, vin dem Augenblicke, da er ſich an die Spitze der Empörer ſtellen wollte, welche ihn riefen; und der Staat iſt von ſeinem grau⸗ ſamſten Feinde befreyt worden.« Der Einſame. 2 ———— ————— — —————————— —————* — 36— Der blutende Leichnam des angeblichen Hauptes der Empörung wurde der Wuth der Menge Preis gegeben. Ein Machtſpruch confiscirte zum Vortheile des Fürſten die unermeßlichen Güter des Opfers; die Witwe Saint-Maur's entfloh in die Gebirge Helve⸗ tien's und nahm von allen ihren Schdtzen nur die arme Waiſe von Underlach mit ſich. Der Freyherr von Herſtall wohnte damahls an den Ufern des Murten⸗Sees, unweit des Kloſters, in deſſen Beſitz er ſich ſpäter ſetzte. Die Gräfinn von Saint⸗Maur hatte ſich ſterbend in die Arme ihres Bruders geworfen; ihr Unglück, ihre Flucht, ihre Leiden hatten ihre Kräfte erſchöpft, und die Mutter Elodiens ſtand bald am Rande des Grabes.—„Her⸗ ſtall,« ſagte die Unglückliche wenige Tage vor ihrem Tode, vich empfehle Dir meine Tochter; niemahls ver⸗ laſſe ſie, wenn es möglich iſt, dieſes friedliche Thal! ſie wiſſe nichts von den Herrlichkeiten des Lebens, und was dieſe ihren Beſitzern koſten! Wenn ich in der Hütte eines Bergbewohners geboren worden wäre, wohl hätte mein Leben wie das Waſſer des Waldſtro⸗ mes von einem Ungewitter getrübt werden können: aber nach dem Weichen des Sturmes würde ich auch noch den Azur heiterer Tage wiederſtrahlen. O mein Bruder, möchte Elodie von Dir in aller Einfachheit der Sitten einer frühern Zeit erzogen werden; ſpreche mit ihr von Fürſten und Höfen nur wie von den Klip⸗ pen des Ocean's, welchen ſich bloß kühne Schiffer na⸗ hen dürfen.« Die Mutter Elodiens wurde in die Gruft der ——— — 37— Kloſtercapelle begraben, und ihr letzter Wunſch ward erhört. Der Freyherr von Herſtall, ſelbſt vom Un⸗ glücke gebeugt, entſagte für immer der Welt, und widmete ſein ganzes Leben der verlaſſenen Waiſe⸗ 8 wey tes Buch Un die Stunde des Frühmahles hatten ſich in den al⸗ ten Gemächern der Abtey Elodie, Anſelm und der Frey⸗ herr von Herſtall verſammelt.—»Mein Vater,(ſagte plötzlich die Tochter Saint-Maur's, indem ſie ſich zum Prediger von Underlach wandte) unweit des Murten⸗ Sees erhebt ſich ein Fels, dem die Bewohner dieſer Gegenden ſich nicht zu nahen wagen. Auf ſeiner ſchrecklichen Spitze, ſagen ſie, erſcheint ſeit mehreren Jahrhunderten eine blutende Schreckgeſtalt. Woher kömmt dieſe Furcht des Volks? was hat man von den Erzählungen des Thales zu denken? was iſt das für ein Phantom?«—»Wenn ihr die Schweiz durch⸗ reiſt hättet,« antwortete Anſelm, vihr würdet mich nicht über den Aberglauben befragen, der euch in Erſtaunen ſetzt. Jedes Dorf unſerer Gebirge hat ſein Wunder. Hier iſt es ein Geſpenſt, das ſich in einem Scharlachmantel zeigt; in Valengin iſt es eine Quelle, aus welcher eine feurige Schlange aufziſcht; zu Beraix iſt es eine alte Weide, welche Orakel er— theilt; zu Verrieres iſt es ein allein ſtehender Thurin, — 98— welcher ſich zuweilen fort bewegt, zu Merligen iſt es eine ſchwarze Ciſterne, welche eine weiße Fee bewohnt; zu Grindelwald iſt es eine Säule, welche ſich auf einige Minuten in einen Waſſerfall verwandelt, wenn eine Jungfrau des Cantons am ſechſten Tage des Mon⸗ des ſtirbt. überhaupt gibt es in dem Jahrhunderte, in welchem wir leben, nicht Einen Weiler Helvetien's, der nicht ſeine Erſcheinung und ſeinen Zauberer hätte.« »Der Menſch, eine unvollkommene Skizze, ein von der Gottheit verlöſchtes Bild, Anfangs geſchaffen für einen wundervollen Aufenthalt, aber ſeit ſeinem Falle hingeworfen auf ein Land der Verbannung und des Ueberganges, ſcheint hier die geſtörte Idee ſeiner frühern Beſtimmung beyzubehalten: er trägt in ſich das unbeſtimmte, geheimnißvolle Bedürfniß nach überna⸗ türlichen Dingen. Geſchaffen für unſterbliche Wohnun⸗ gen, unſtät in dieſem Leben und gleichſam von ſeinem Standpuncte verrückt, zeigt er ſich gierig nach allem, was ihn ſeiner traurigen Wirklichkeit entreißt. Indem er die Wunder einer anderen Welt vorausſetzt, ſeufzt er beſtändig nach einem Wunder auf dieſem Erdballe, wo das größte Wunder er ſich ſelbſt, und das Erſtau⸗ nungswürdigſte ſeine Denkkraft iſt.« MNie ſah ein Gebirgsbewohner die blutende Schreckgeſtalt, aber alte überlieferungen haben ihr Erſcheinen als wahr beurkundet; ſeit Jahrhunderten haben die Väter ihre Kinder damit geſchreckt, welche ſich einer Art Ruchloſigkeit ſchuldig zu machen glau⸗ ben S6„wenn ſie dieſelben nicht auf ihre Ab⸗ 3₰ kömmlinge fortpflanzten, ſo wie ſie ſelbſt ſolche von ihren Vorältern erhalten haben. Sie würden fürchten, das Andenken an dieſe ihre Vorältern zu beſchimpfen, wenn ſie einen Augenblick an der Wahrheit ihrer Er⸗ zdhlungen zweifelten. So pflanzen ſich Irrthümer unter uns fort, Irrthümer, welche auf dem Lande manchmahl ihren Nutzen haben können. Fabelhafte Erzählungen erhalten das Volk bisweilen in einem heiligen Schrecken vor Verbrechen; ſie geben ſeinen Gedanken eine Richtung nach dem Ewigen; ſie ſpre⸗ chen zu ihm von einem andern Leben; ſie empfehlen ihm das Gebeth; und um es vor böſen Mächten zu retten, ziehen ſie es zum Altare, zu den Füßen des göttlichen Beſchützers menſchlicher Schwachheit.« »Wie oft hat ein einfaches Kreutz⸗ ein geheim⸗ nißvoller Roſenkranz, ein geheiligter Zweig, ein wun⸗ dervolles Bild, Freude, Hoffnung und Vertrauen in die dürftige Hütte gebracht! Der unglückliche Dorf⸗ bewohner hat es nöthig, ſich mit Schutz und Troſt zu umringen. Je mehr ſeine Gewohnheiten, ſeine Sitten, ſeine Täuſchungen ſogar von der traurigen Dienſtbarkeit des Lebens ſeine Gedanken entfernen, um ſie in höhere Regionen zu erheben, deſto weniger erſcheinen ihm ſeine Ketten drückend.« »Oft liegt ein Irrthum nahe an der Wahrheit: um ſeinen Lauf zu hemmen, muß man ſeinen Ur⸗ ſprung bekämpfen, ſo wie um einen Fluß auszutrock⸗ nen, man ſeine Quelle verſiegen laſſen muß: alsdann tritt Materielles an die Stelle des Geiſtigen, Ver⸗ ſtand an die Stelle des Gefühls, und Vernunftſchlüſſe S—— müſſen früheres Entzürken erſetzen. Der Menſch iſt nichts mehr, als ein vom Blitz getroffener Verbannter, der auf eine dürre Wüſte gefallen iſt. Herſtall, glau⸗ ben Sie mir, unter den Menſchen, mitten unter den Finſterniſſen dieſes Lebens iſt das Licht der Phi⸗ loſophie ein Leuchtthurm des Todes, der nur ein Chaos rhellt.« Anſelm war aufgeſtanden, indem er dieſe Worte ausſprach, und lenkte ſeine Schritte nach der Seite des Murten-Sees.»Gegen Morgen hin, ſagte er, iſt der Fels, wo ſich die angebliche Schreckgeſtalt zeigt: Ach! er war Zeuge eines ſchrecklichen Schauſpiels. Auf dieſem verhängnißvollen Felſen geboth der Herzog von Burgund die Ermordung aller Mönche dieſes Klo⸗ ſters; von der Spitze dieſes Felſens rollten die Häup⸗ ter der Opfer ſeiner Wuth in den Grund des Wald⸗ ſtromes. Ein ſchreckenvoller Tag! Noch glaube ich den unglücklichen Prior von Underlach zu ſehen, den Freund meiner Jugend, weggeriſſen von den Altären durch die Trabanten eines Ungeheuers, und zum Tode hin⸗ geſchleppt als ein entſagender Märtyrer... O meine Tochter, möchten doch nie die Fürſten der Erde unſern verſteckten Thälern nahen können l« Nach einem ziemlich langen Stillſchweigen ſprach Herſtall:»Ich habe gehört, daß ſeit der ſchrecklichen Plünderung der Abtey die blutende Schreckgeſtalt auf der Feldſpitze den Gebirgsbewohnern wieder erſchienen ſey, und daß Alle die Züge des Priors von Underlach in ihr erkannt hätten... Aber laſſen wir dieſe Sagen: der Morgen iſt ſchön; kommt, mein würdi⸗ * — 5 ger Freund, noch ein Mahl wollen wir die ſchönen Tage des Frühlings genießen; für uns wird dieſe Jahreszeit vielleicht die letzte ſeyn.« Als ſie in die Gärten des Priorats hinab ʒrſehe waren, entfernte ſich Elodie von den beyden Greiſen, und verlor ſich in die theuren Haine ihrer Kindheit. Ange⸗ langt an dem ragenden Hügel, von dem aus ſie Tags zuvor den Geſängen der Gebirgsbewohner ihr Ohr ge⸗ liehen hatte, blieb ſie ſtehn: ſie glaubte im Sande die Spuren fremder Fußtritte zu bemerken. Sie trat ein in das Landhaus: ein von ihr vergeſſenes Körb⸗ chen war dort zurück geblieben, aber eine unbekannte Hand hatte daraus ein blaues Band entwendet, das ihr als Gürtel diente. Erſtaunt ſetzte ſich die Jung⸗ frau unter das ländliche Dach, und blieb einen Au⸗ genblick unbeweglich und nachdenkend. Plötzlich und haſtig erhob ſie ſich, ergriffen von einem unbeſtimm⸗ ten Schrecken. Ihre Einbildungskraft, ſeit einigen Tagen durch ſeltſame Erzählungen aufgeregt, warf ungewohnte Farben auf die Gegenſtände, welche ſie umgaben. Durch das dichte Gitterwerk des Fenſters im Landhauſe ſchien ihr ein ſchwarzer Mantel durch das Laubwerk hin zu gleiten: ſie glaubte eine Art entflohener Klage aus dem nahen Gebüſche zu hören; es ſchien ihr, als ob ein fürchterlicher Blick auf ſie geheftet ſey; ſie floh nach dem Kloſter, und ihr flüch⸗ tiger Lauf ſchien der eines leichten Gewölkes, das von den Abendlüften getrieben wird. Mehrere Tage hindurch wagte die Waiſe tih⸗ ſich von ihrem ehrwürdigen Beſchützer zu enrfernen: — 32— ſie ging gar nicht in das Sommerhaus. Sie fürchtete ſich in den Gärten der Abtey allein zu verweilen; das Verſchwinden des blauen Bandes kehrte unaufhörlich in ihre Gedanken zurück. Nach und nach jedoch über⸗ wand Elodie ihre eingebildete Furcht und düſteren Gedanken, ſie gewann wieder ihre Heiterkeit, ſie hörte auf mit Schatten und Geſpenſtern ſich zu be⸗ ſchäftigen, und unterließ ſelbſt, nach dem Einſamen vom wilden Berge zu fragen. Ihre einförmigen Tage floſſen in Frieden dahin: Elodie, gleich der Frühlings⸗ roſe, welche noch nicht das glühende Wehen des Stur⸗ mes getroffen hat, ſchritt vertrauensvoll in ihrem Leben fort, wie die Lerche am Morgen in die azurnen Gefilde eines reinen Himmels ſich erhebt. Eine ein⸗ zige Beſorgniß trübte ihr Leben: Herſtall, ihr einzi⸗ ger Führer, ihre einzige Stütze, von langen Leiden verzehrt, ſchien in das Grab hinab zu ſteigen. Die Vesperglocke hatte eben die Gläubigen des Thales zum Abendgebethe gerufen, ſchon verſammelte die Capelle des Priorats, als einzige Kirche des Dörf⸗ chens, die von der Arbeit zurück gekehrten Bewohner. Elodie befand ſich unter dem heiligen Gewölbe, und ihr heißes Gebeth flehte vom höchſten Weſen die Er⸗ haltung ihres Pflegevaters; die Schatten des Abends bedeckten das Kloſter; die Hymne des Prieſters, der Lobgeſang der Gebirgsleute und die ſanften Stimmen der Kinder hatten, indem ſie ſich im Chore zum ewi⸗ gen Dom erhoben, die Seele Elodiens in eine fromme und heilige Trauer verſenkt. Plötzlich entriß ſie ihren 9 5 frommen Betrachtungen ein dumpfer Seufzer, der — S„ — — 33— ganz in ihrer Nähe ausgeſtoßen wurde. Bey der ſchwa⸗ chen Beleuchtung, welche durch die alten Fenſter der Seiten⸗Capelle drang, in welche ſie ſich zurück gezo⸗ gen hatte, bemerkte ſie, in der Nähe eines Bogen⸗ ganges im Schiffe der Kirche, einen Fremden, der, in das lange Kleid eines Miſſionärs gehüllt, auf den heiligen Boden hingeſunken war. Er bethete mit Inbrunſt, und aus ſeinem Buſen war der Klageton entflohen, durch welchen die Waiſe beunruhigt wurde. Alle Bewohner von Underlach waren Elodien be⸗ kannt; Anſelm war der einzige Prieſter der Gegend: der Fremde konnte folglich nur ein frommer Reiſender ſeyn, der die Kirche des Thales beſuchte. Die Nichte Herſtall's beobachtete ihn aufmerkſam, ſeine Züge wa⸗ ren ihr verborgen, ſein Kopf war an eine Säule ge⸗ lehnt; und ſein in dieſem Augenblicke unbeweglicher Sörper ſchien eben ſo leblos, als der Marmor, wel⸗ cher ihn ſtützte. Das Abendgebeth war beendigt: ein tiefes Schwei⸗ gen folgte den heiligen Geſängen. Die Menge verlor ſich langſam unter dem Säulengange, und der Engel des Gebeths nahm wieder ſeinen Aufſchwung zu dem unſterblichen Throne. Elodie warf noch einen letzten Rückblick auf den Unbekannten, der unter dem ver⸗ laſſenen Bogen zurückgeblieben war, darauf entfernte ſie ſich aus der Kirche durch einen unterirdiſchen Gang, der mit einer Gallerie in Verbindung ſtand, welche an die Kloſtergärten ſtieß. Sie hatte das Ende der Stufen des Ganges er⸗ reicht, und ging durch die düſtere Gallerie, den alten — 34— Speiſeſaal des Kloſters. Hinter ihr ließ ſich ein leich⸗ tes Geräuſch hören: es folgte jemand ihren Schritten. Unter dieſen einſamen Gewölben zeigte ſich eine rieſen⸗ hafte Geſtalt in der Dunkelheit, und ſchritt auf ſie zu. Die furchtſame Elodie erkannte den Religioſen aus der Capelle wieder. Er war allein; ſein Anblick hatte nichts Schreckendes; ſein hoher Wuchs geboth Achtung; ſeine vuhige Haltung war voll Majeſtät, die Schön⸗ heit ſeiner Perſon, das Edle ſeines Ganges, Alles an ihm kuͤndigte Ueberlegenheit an, Alles an ihm ent⸗ den großen Mann. Die erſte Bewegung der Waiſe war zu fliehen, und dennoch blieb ſie regungslos ſtehen. Beym letz⸗ ten Scheine des Tages ſuchte ſie die Züge des Frem⸗ den zu unterſcheiden. Er näherte ſich, und über⸗ gab ſchweigend der jungen Tochter der Abtey einen blauen Gürtel, den er unter ſeinem Kleide hervorzog. Welch Erſtaunen: es war das aus dem Gartenhauſe entwendete Band. Sprachlos und verſteinert erhob Elodie einen ſcheuen Blick zum Fremden, den ihre Ein⸗ bildungskraft ihr ſchon als ein übernatürliches Weſen darſtellte. Zitternd wartete ſie.... ohne ſich er⸗ klären zu können, welche fremde Macht ihre Schritte feßle, ihre Stimme erſtarren mache, ihre Gedanken beherrſche. »Du Mädchen von Underlach,« ſagte endlich der Unbekannte, vverzeihe einem Manne des Unglücks, der, wenig Herr der Empfindungen ſeines Herzens, glaubte, daß ein Band, welches die Unſchuld getragen hätte, als ein himmliſcher Zauber, ſeinen düſtern 3 — 3— Aufenthalt entſühnen, und ſeiner Seele die Ruhe wie⸗ der geben könne.« Er unterbrach ſich: ſeine Stimme war dumpf und gepreßt; darauf fuhr er weiter fort: „Der Unſinnige hat ſeinen Irtthum erkannt, und ich komme, ſein Unrecht zu verbeſſern. Der Zauber, den er für ſeinen Retter hielt, weit entfernt, die Wunden ſeiner Seele zu heilen, brachte in ſie nur neues Gift, und gleich einer rächenden Flamme that er nichts, als ſeine Wunde aufregen⸗ Es gibt eine ewige Gerechtigkeit... Nimm den unheilbringen⸗ den Gürtel zurück. der Unglückliche war nicht würdig ihn zu beſitzen hier iſt er. Manchmahl, Engel des Thales, wenn er dir wieder in's Auge fällt, beklage den Schuldigen, der dir denſelben geraubt hatte.« In dieſem Augenblicke beleuchtete ein ſchwacher Lichtſtrahl das Angeſicht des Unbekannten. Seine ſchö⸗ nen ſchwarzen Augen waren nicht auf ſie gerichtet; ſein Blick war zum Himmel erhoben, und dieſer Blick ſollte nie ſich aus dem Andenken der Waiſe verwiſchen. Alles was das Unglück Zerreißendes, was die Entſa⸗ gung Edles, was die Seele Ausdrucksvolles, was der Gedanke Beredtes hat, war im höchſten Gräde in dieſem erhabenen Blicke vereinigt. Ungeachtet der Dunkelheit konnte Elodie die männlich ſchönen Züge dieſes außerordentlichen Mannes wahrnehmen. Sie betrachtete, bewunderte ihn und zitterte„ Ach! dieſes plötzliche Zittern, war es ein Vorgefühl?!.. Die Tochter Saint-Maurs wagte endlich ihre 66— Lippen zu öffnen.—»Fremdling, ich glaube an die Wahrheit eurer Worte, aber nennet mir den Unhlück⸗ lichen, der ſich dieſes Bandes bemächtigte; ich ver⸗ zeihe ihm.« Du verzeiheſt ihm,« verſetzte lebhaft der Unbe⸗ kannte; ves iſt genug, er ſoll es wiſſen.« »Er ſoll es wiſſen 74 wiederholte Elodie; vnicht alſo«s.„ſie wollte hinzufügen:»Ihr ſeyd es le aber dieſe Worte erſtarben auf ihren Lippen. Darauf zog der Fremde ſanft die Waiſe hin zu einem Fenſter der Gallerie. Seine Hand zitterte; er zeigte gen Himmel. »Hier:« rief er aus,»wenn Reue den Abgrund ver⸗ ſchließt, ja, hier allein wird er dir ſagen können: Ich liebe Dich ls Er ſprach's, und etwas Unheilverkündendes ging von ſeinen Lippen auf ſeinen Blick über. Erſchreckt durch den wilden Ausdruck ſeiner Töne, wich Elodie zurück, und wollte ſich entfernen.—„Edle Waiſe,« fügte er hinzu,„zittre nicht.. was vermag der Unglückliche gegen dich! Niedergeſchmettert von der Rache des Himmels, iſt ihm keine Macht geblieben. Sieh dieſe Schatten, welche den Wald bedecken; ſie ſind weniger dicht, als diejenigen, welche ſein Schick⸗ ſal verhüllen.« Darauf fuhr er plötzlich mit Heftigkeit, und wie außer ſich ſelbſt fort.—»Was hab⸗ ich geſprochen! Wer! ich, dich bewegen, ihn nicht zu fürchten: Ich dich beruhigen! Nein: die ganze Natur ruft in die⸗ ſem Augenblicke durch meine Stimme dir zu: Fliehe 5 — 3— ihn, junge Blume des Thales, ſein Hauch iſt ver⸗ giftend, ſeine Gegenwart kündigt den Tod an!«— „Laſſet mich,« ſagte Elodie, indem ſie zu fliehen ſuchte, und blieb unbeweglich vor Schrecken: Laſſet mich ich kann euch nicht begreifen.« Wieder zu ſich ſelbſt gekommen, und mit einem ruhigern Tone nahm der unerforſchliche Mann das Wort:— vIch halte euch keineswegs zurück; nichts hemmt eure Schritte. Du, Taube des Kloſters! nein, nie mögen nächtliche Lüfte zu deinem Ohre jene kla⸗ genden Laute tragen, vor welchen die Glieder erſtar⸗ ren. Lebe wohl; bethe!.... Ferne ſey von mir der Gedanke, dir jemahls zu ſagen: Liebe le Indem er dieß letzte Wort ausſprach, floh er plötzlich. Wie von einer ungeheuren Laſt befreyt, erlangte die Nichte Herſtall's bald wieder den Gebrauch ihrer Sinne: ſie durchlief mit Haſt die Gallerie, die Gärten und den Hofraum der Abtey; ſodann flüchtete ſie ſich, nachdem ſie die Treppe ihres Thürmchens em⸗ porgeſtiegen war, noch voll Unruhe, tief in ihre Zelle. Ein ſtürmiſcher Wind hatte ſich erhoben, und blies mit Wuth unter die äußern Bogenwölbungen des Floſters. Der Regen fing an, in Strömen zu fallen, und das alte Kloſter ſchien erſchüttert durch den Orcan. Das Fenſter der Waiſe, vom Sturme geſchlagen, flog klirrend auf; und die Tochter Saint-Maur's, von Schrecken ergriffen, betrachtete das ewige Gewölbe, das nach allen Richtungen von dichtem Gewölke über⸗ zogen war, und die der Erde drohenden Himmel. Ach! in dieſem Augenblicke glich die Verwirrung ihrer Ge⸗ ———— ——————ꝓÜÜů danken jener der Natur: nicht beachtend das Sauſen der entfeſſelten Winde, die um das Thal ſich ſtritten, bemerkte ſie kaum, daß das Waſſer mit Heftigkeit gegen ihr zerſchlagenes Fenſter ſchlug, und bis zu ih⸗ ren Füßen floß; die Jungfrau dachte nur an den ge⸗ heimnißvollen Unbekannten aus der Capelle. Seine be⸗ wundernswürdige Schönheit, ſeine irren Reden, ſeine rührende Stimme, und beſonders ſein erhobener Blick beſchäftigten unaufhörlich ihre Gedanken. Manchmahl glaubte ſie ſich getäuſcht von einem ſonderbaren Traume, und ſuchte an der Wirklichkeit der Ereigniſſe dieſes Abends zu zweifeln; aber ihre Hand hielt noch den in der Gallerie zurück erhaltenen blauen Gürtel. Wie konnte ſie den nächtlichen Vorfall in Zweifel ziehen, deſſen kleinſte Umſtände ihrer Erinnerung gegenwärtig waren! Indem ſie vorſtürzte zu dem vom Sturme zer— ſchlagenen Fenſter, und die Augen zum Himmel erhob, rief ſie aus: Hier, wenn Reue den Abgrund verſchließt, hier allein wird er mir ſa⸗ gen können: Ich liebe Dichle „O mein Gott! fuhr die zitternde Jungfrau fort, was bereitet mir das Schickſal! Woher dieſe plötzliche Zerrüttung meines ganzen Seyns durch einige uner⸗ klärbare Worte aus dem Munde eines Unbekann⸗ ten?. Sollte dieß eine ſchreckliche Vorbedeutung ſeyn? Aber mit welch einem ſanften Tone ſprach er: Ich liebe Dich! Ach! der Schuldige, für den er meine Verzeihung erflehte, war er, nur er konnte es ſehn; hätte er von einem andern geſprochen, wäre er 1 ſ 3 3 P 1 3 1 zi 1. , 1 ¹ 3 1 11 ————— — — 39— wohl ſo ausdrucksvoll, ſo rührend geweſen? Woher dann auf einmahl dieſe Unheil drohende Sprache? Woher dieſe Töne der Gewiſſensangſt und der Ver⸗ zweiflung? Woher jener ſchreckende Wahnſinn? Sollte er eine böſe Macht ſeyn, die mitten in den Finſter⸗ niſſen erſchienen wäre?.. Aber dieſer himmliſche Blick!.. Die flehende und unglückliche Tugend kann nicht einen frommeren, einen erhabenern zum Himmel richten. Allmächtiger Gott, erleuchte meine Schwach⸗ heit; habe Mitleid mit der Unſchuldls Die Winde legten ſich; Elodie, bleich und zit⸗ ternd, ging zu Herſtall hinab. Der Greis bemerkte ohne Erſtaunen ihre Verwirrung: er ſchrieb ſie dem Schrecken zu, welchen ihr der Sturm verurſacht ha⸗ ben konnte; aber nie verbarg die Waiſe auch den unbe⸗ deutendſten ihrer Gedanken ihrem verehrten Beſchützer. Die Verſtellung war ihrer Seele fremd; ſie erzählte ihm unbefangen ihr Erſchrecken im Gartenhauſe, das Verſchwinden ihres Bandes, und den Vorfall in der Gallerie.— »Und dieß war das erſte Mahl,« ſagte Herſtall, „daß dieſer Fremde vor Deinen Blicken erſchien?— »Mein Vater,« antwortete das junge Mädchen,»ſeit einigen Wochen glaubte ich zu bemerken, daß in den Gärten der Abtey meine Schritte beſtändig von einem unſichtbaren und geheimnißvollen Weſen begleitet wür⸗ den. Fremdes Geräuſch um mich, unerwartete Töne ſtörten meine gewohnten Spatziergänge; und oft, von einem geheimen Schauder ergriffen, hatte ich Furcht, mich vom Floſter zu entfernen. Indem ich jedoch 1 3 40— meine Beunruhigung nur der Schwachheit meiner Einbildungskraft zuſchrieb, wagte ich nicht bis dieſen Tag, euch davon Nachricht zu geben.«—»Aber wer könnte dieſer außerordentliche Mann ſeyn k... wieder⸗ holte Herſtall bey ſich.»Alle Bewohner der Gegend mir bekannt; keiner gleicht dem Greis unterbrach ſich, plötzlich rief er dann aus:»Am Ende iſt es doch nicht„—»Wer?4 verſetzte die Waiſe, indem ſie ſich unruhig vom Sitze erhob und ihm näher trat.—»Der Einſame vom wil⸗ den Berge.« Bey dieſem Rahmen durchlief ein plötzlicher Schauer die Glieder Elodiens: ſtuhl zurück, und blieb unbeweglich und ſtumm. Die Thüre öffnete ſich, und Vater Anſelm trat ein zu dem ſchweigenden Paare.— Ein großes Un⸗ glück hat eben das Dörfchen erſchreckt,« ſagte der ver⸗ ſie fiel in ihren Arm⸗ ehrte Pfarrherr.»Während der Sturm verwüſtend das Thal durchzog, wurde die Hütte der alten Mar⸗ celine, die am Fuße des Gebirges von Underlach liegt, von einer Lawine umgeſtürzt, und in den Grund des Wellen.«— vUnd was iſt aus Marcelinen geworden?6 rief Elodie.—»Niemand 4 umgekommen,« fuhr An⸗ ſelm fort. „Ich kenne nicht die nähern Umſtände dieſer ſchreck lichen Begebenheit, welche noch die Nacht mit ihrem Waldſtromes geſchleudert, und ihre Trümmer ſogar ſind verſchwunden, fortgeriſſen von den ungeſtümen Schleyer bedeckt. Der Sturm hat unſere Gegend ver⸗ wüſtet; die arme Marceline hat das Wenige verloren, was ſie beſaß, und die grauſamſte Dürftigkeit droht ihren letzten Tagen.«— »Ach! daß ich nicht das Vermögen meiner Vor⸗ altern beſitze,« ſagte mit leiſer Stimme die Waiſe.— „Morgen«, erwiederte Herſtall,»morgen, mein lieber Anſelm, wollen wir Marcelinen tröſten.« Schon ſeit langer Zeit hatte Marceline im Thale von Underlach ſich niedergelaſſen. Nie hatte jemand entdecken können, in welchem Lande ſie geboren war, wer ſie erzogen, wo ſie ihre Jugend verlebt hatte. Große Unglücksfälle hatten ſie gebeugt, ſagte man; aber Marceline, für welche die Erinnerungen ſchmerz⸗ lich waren, vermied mit Sorgfalt jeden Gegenſtand der Unterhaltung, der ihr Unglück ihr zurückrufen konnte. 1 Ihre Erziehung war ohne Zweifel ſorgfältig ge⸗ weſen, denn ihre Sprache war rein und bemerkens⸗ werth durch ihre Kraft. Ihre Kleidung war die der Dorfbewohnerinnen, ihre Manieren waren einfach, und dennoch war nichts gewählter als ihre Ausdrücke, nichts mehr begeiſtert als ihre Gefühle, nichts feuri⸗ ger als ihre Geſpräche; ein Gegenſtand des Staunens und der Bewunderung, war ſie das Orakel des Thales. Die Gebirgsbewohner kamen, um ſie zu Rathe zu ziehen, hörten ſie mit Entzücken, befolgten gewiſſen⸗ haft ihre Anweiſungen, und gleich der Sybille der Bructer war Marceline die Prophetinn des Thales. Bey den Strahlen des Tages ſtieg Elodie aus ihrer * — 42— Zelle herab: der Schlaf hatte nicht ihre Augenlieder ſchließen können; die Ruhe war aus ihrer Seele ge⸗ flohen. Indeß zerſtreute doch ihre düſtern Träume der Gedanke, daß ſie dem Unglücke Troſt bringen könne. Begleitet von Herſtall und Anſelm lenkte ſie ihre Schritte nach der alten Wohnung Marcelinens, und ſchon fühlte ſie ſich weniger beengt. Die reine Mor⸗ genluft, das Erſcheinen der Morgenröthe, der ange⸗ nehme Duft der Wieſenblumen, die Stimme der Waldſänger: Alles lächelte ihrer jungen Phantaſie ent⸗ gegen„ Und bald war der Schmerz aus ihrer Seele gewichen, wie der Sturm des verfloſſenen Abends von dem Himmel des Thales. Aber auf welch eine Zerſtörung trafen unweit von Marcelinens Aufenthalt die Blicke der Bewohner des Priorats! welche ſchrecklichen Verwüſtungen hatte der Sturm angerichtet! Zerbrochene Felsſtücke, ent⸗ wurzelte Eichen waren von der Höhe des Gebirges bis auf den Grund des Waldſtromes herabgerollt: ſie hat⸗ ten ſein altes Bett verſchüttet, ſeine reißenden Wel⸗ len hatten ſich einen andern Weg gebahnt und die be⸗ nachbarten Wieſen zerſtört. Das fruchtbringende Land war mit dürrem Sande bedeckt, neue Schluchten durch⸗ höhlten das Thal, und mehrere Familien, in's Ver⸗ 3 —„—— c———„——— —„———— derben geſtürzt durch dieß unerwartete Unglück, be⸗ 1 weinten ihre verlorne Ernte mitten unter den zer⸗ ſtreuten Trümmern ihrer verwüſteten Wohnungen. Auf mühvoll und eiligſt geſchlagenen Brücken iber zerſtörte Wieſen, welche nach allen Richtungen zahl . und die Waiſe an das verlaſſene Ufer, auf welchem ſonſt Marcelinens Hütte ſtand: ſie war über den Ab⸗ hang des Fluſſes hin gebaut geweſen. Eine ſchreckliche Maſſe von Erde und Felsſtücken, welche von den Ge⸗ birgswänden los geriſſen worden war, hatte das ländliche Gebäude fortgeſchleudert: ſeine Grundlagen ſogar waren verſchwunden. An der Stelle der Hütte zeigte ſich jetzt ein weiter Schlund, und im Grunde desſelben ſprwelte ein ſchwefeliges Waſſer, aus wel⸗ chem ein dumpfes Geſtöhne erſcholl; der Engel der Verwüſtung ſchien aus den Tiefen dieſes Abgrunds ſeine Stimme zu erheben. Am Ufer des neuen Gießbaches bemerkte die Jung⸗ frau Marcelinen. Sie eilte zu ihr: und in ſchmerz⸗ licher Theilnahme, welche dieſes traurige Schauſpiel ihr verurſachen mußte, wollte ſie, die Augen ſchon von Thränen gefüllt, mit ihr von ihrem Unglücke ſprechen. „Liebenswürdiges Kind,« unterbrach Marceline ſie, „weinet nicht; mein Unglück iſt ſchon mehr als gehoben. Der Blitz hat in das Thal geſchlagen, aber das ver⸗ ſühnende Geſtirn leuchtet auf dem Gebirge« »Seht le fuhr ſie fort, indem ſie einen mit Gold⸗ ſtücken gefüllten Beutel öffnete:»Hier iſt Geld, wovon ich drey Hütten wie diejenige, welche ich verloren habe, wieder erbauen kann.«—»O, gute Alte,« rief Elodie durchdrungen von Freude,»der Himmel iſt gerecht⸗ Eure letzten Tage werden glückliche Tage ſeyn: aber welche wohlthuende Hand hat Euch ſo ſchnell gehol⸗ fen«—»Was la rief Marceline mit Begeiſterung, 1 6 412 13 7 6 8 6 3 6 6 6 13 3 55 . . 3 — — — — „was! edle Tochter des Kloſters, Ihr fragt noch, welche rettende Hand ſich über die Unglücklichen unſe⸗ rer Cantone ausſtreckt? Da, nicht weit von uns, ſeht dieſen hohen Berg, welchen dichter Wald umgibt.. Von dort aus zeigt ſich den Menſchen der Genius des 1 Wohlthuns; von dort ſteigt der Einſame herab.« »Und Ihr habt ihn dieſen Morgen geſehen?a ſagte lebhaft die Waiſe.—»Dieſen Morgen? verſetzte 1 Marceline:»nicht ſo lange ließ er auf ſich warten; die ganze Nacht würde ich geweint haben! Läßt er eine Stunde Leid ertragen, wenn er ſogleich zu Hülfe eilen kann? Dieſe Nacht, nach dem Sturze der Lawine und der Vernichtung meiner Hütte, als ich auf dem ver⸗ wüſteten die Luft mit meinem Geſchrey erfüllte, iſt mir der rettende Genius mitten im Sturme erſchienen. Ich glaube ihn noch zu ſehen hier. am Ufer des Stromes, dieſen ſchwarzen Tannen gegen über. Sein Gang war ruhig und ſeine Stirne unerſchrocken: indem er mitten aus dem Sturme hervorging, war er ein Strahl der Hoffnung in der Nacht des Unglücks.« »Ein unbegreiflicher Mann!« ſagte Herſtall.— »Schwarz war er gekleidet,« fuhr Marceline fort; vein langes Gewand umhüllte ihn, aber die Schönheit ſei⸗ ner Formen, das Ebenmaaß ſeines majeſtätiſchen Wuch⸗ ſes zeichneten ſich vollkommen unter den Falten ſeines Miſſionärkleides.«—„Seines Miſſionärkleides rief Elodie aus, indem ſie den Arm ePa ergriff.»Ach! Ihr hattet Recht.« Beunruhigt, aber dennoch nicht mißvergnügt, be⸗ fragte ſie Marcelinen über ihren Wohlthäter. Seine 1. — 5— Kleidung, ſeinen Gang, ſeinen Ton, ſeinen Blick, Alles hatte Marceline genau beſchrieben; und die Toch⸗ ter Saint⸗Maur's konnte nicht mehr zweifeln, daß der Unbekannte aus der Capelle der Einſame vom wil⸗ den Berge ſey. Die beyden Greiſe nahmen ihren Weg nach der Abtey zurück, nachdem ſie den Unglücklichſten im Thale Hülfe und Troſt gebracht hatten. Gedankenvoll und ſchweigend ging die Waiſe vor ihnen her; ſie wieder⸗ holte ſich die begeiſterten Worte der alten Marceline:— »Rein,« ſagte ſie zu ſich ſelbſt;»dieſer wohlthuende Ge⸗ nius, dieß Geſtirn vom Gebirge, dieſer rettende Geiſt, der Einſame: er kann nicht eine böſe Macht ſeyn⸗ Man macht ihm ſein geheimnißvolles Leben zum Vor⸗ wurf! Aber Gott ſelbſt, iſt er nicht durchaus Geheim⸗ niß? Man beſchuldigt ihn, daß er die Geſellſchaft der Menſchen fliehe! aber haben nicht ſelbſt die heiligſten Sterblichen zu ihrem Aufenthalte die thebaniſchen Wü⸗ ſten gewählt? Eine betrachtende und fromme Seele liebt die Einſamkeit und das Geheimniß.« Seit dem Beſuche in der Hütte Marcelinens ſtieß Elodie nicht mehr die Erinnerung an die Ereig⸗ niſſe in der Gallerie mit ſchreckensvollen Gedanken zu⸗ rück. Ihre Furcht, auf ihren Spatziergängen verfolgt zu werden, hatte ſich gänzlich zerſtreut; und wenn mitten in den Gärten des Kloſters irgend ein leichtes Geräuſch ſich in ihrer Nähe hören ließ, ſo war ihre Unruhe nicht mehr die des Schreckens. Ohne ſich Re⸗ chenſchaft zu geben von ihrem unbeſtimmten Verlan⸗ gen, hatte die Waiſe mehrmahls den Park durchlau⸗ — 36— fen, mit der geheimen Hoffnung, ſich beobachter zu ſehen; ihre Augen ſuchten auf dem Sande die Spur fremder Fußtritte, und ihr Körbchen wurde eines Abends faſt mit Willen im Gartenhauſe nochmahls vergeſſen. Vergebliche Erwartung! Kein Vorfall wollte ihre Einſamkeit ſtören, keine Erſcheinung ihre Blicke mehr in Erſtaunen ſetzen; kein geheimnißvolles Weſen irrte um ſie her im dichten Laubwerk der Gebüſche. Unruhig, betrübt und ſeufzend kehrte das junge Mäd⸗ chen in ihre Zelle zurück, und indem ſie ſich ſelbſt befragte, und ihre früheren bangen Schrecken be⸗ dauerte, konnte ſie ihre neuen Gefühle nicht begrei⸗ fen, noch auch ihre neuen Gedanken ſich deutlich machen. Ein Gedanke war es, der vorzüglich ihre Seele beſchäftigte: der, deſſen Unterredung mit ihr ſie nicht vergeſſen konnte, hatte ſich ihr in einem Ordenskleide genähert. Sollte er ſein Leben dem Ewigen geweiht haben? Sollte er durch heilige Gelübde an die Altäre gebunden ſeyn? Gequält durch ſolche Betrachtungen. begab ſie ſich, ohne daß ſie die Urſache davon zu er⸗ forſchen ſuchte, zu dem ländlichen Dache, unter wel⸗ chem für jenen Augenblick Marceline in der Rähe des Floſters wohnte. Marceline ſprach ſo gern von dem Einſamen! ſie war ſo gut unterrichtet von allen wohl⸗ thätigen Handlungen, durch welche er ſich zu erken⸗ nen gegeben hatte! ſie war mit ſo vieler Mühe beſchäftigt, die geheimnißvollen Schleyer zu lüften, mit welchen er ſich umhüllte!—»Gute Marceline,« ſagte Elodie, nachdem ſie ihr einige kleine Geſchenke W*— * 9 —— — 4)— gebothen und ihren Dank empfangen hatte: vwird eure neue Hütte bald vollendet ſeyn? es iſt ſchon lange, daß man daran arbeitet.«—»Gott und der Einſame ſeyen geprieſen,« antwortete die Sybille des Dörfchens; vvor dem Herbſte noch werde ich in meiner neuen Behauſung wohnen.«—»Habt Ihr ſie wieder auf der Wieſe erbaut?—»Davor bewahre mich der Himmel! ich habe ſie auf einer Anhöhe errichtet, von der aus ich beſtändig meine Augen zu dem Auserwähl⸗ ten vom wilden Berge werde erheben könnenz er allein und der Ewige werden an jedem Tage bis zu meiner letzten Stunde der Gegenſtand meiner erſten Gedan⸗ ken, meiner erſten Blicke und meiner erſten Bitten ſeyn..—»Der Einſame iſt ohne Zweifel ein Diener des Herrn?« ſagte das junge Mädchen mit wankender Stimme.— MNein,« antwortete Marceline; und eine lebhafte Röthe färbte die Wangen der Waiſe. »Seyd Ihr deſſen gewiß,« fügte Elodie hinzu, deren Blick von neuem Glanze ſtrahlte.—»Ich möchte wagen, es zu verſichern. Wenn er ſich dem Dienſte des Altares geweiht hätte, würde er nicht das Ordens⸗ kleid ablegen; und er zeigte ſich doch nur ein einzi⸗ ges Mahl mit demſelben bekleidet. Meine Meinung mag euch ſonderbar erſcheinen, aber ich glaube mich gewiß nicht zu täuſchen; der Einſame, den ich häufig beobachtet habe, iſt mehr⸗für den Purpur als für das härene Gewand geboren, und der Helm eines Helden würde mehr für ſeine hohe Stirne paſſen, als die Ca⸗ putze eines Miſſionärs.« »Der Purpur!«„. wiederholte Elodie mit 6 gedämpfter Stimme.—»Das Gold mangelt ſeinen edelmüthigen Händen nicht mehr, als der Muth ſeiner großen Seele,« fuhr Marceline fort.— MNein, nur zwey Weſen kenne ich auf der Erde, die durch ihre Gefühle und durch ihre Schönheit über die menſch⸗ liche Natur erhaben ſind; den Adler vom wilden Berge und die Taube des Kloſters.« Bey dieſen Worten erhob ſich die Jungfrau be⸗ ſtürzt und beunruhigt.—»Gute Marceline,« ſagte ſie, vich verlaſſe Euch: die Nacht bricht herein; ich werde wieder kommen.« Etodiens Tage floſſen in Frieden dahin; ihre gewohn⸗ ten Beſchäftigungen ließen keine lange Weile in ihre Seele dringen. Seit jenem traurigen Orcane hatte kein ſtörendes Ereigniß das Thal betroffen, und der Einſame, ſeit dem wie unſichtbar geworden, ſchien die Gegend verlaſſen zu haben. Es gibt eine Zeit, in welcher traurige Betrach⸗ tungen die Seele nur leichthin berühren, ſie ſind ſel⸗ ten düſter, ſelbſt mitten im Unglück. Sie gleichen den Eisvögeln, welche, indem ſie mit Schnelligkeit über die aufgeregten Wogen des Meeres hinfliegen, mitten in ſturmvollen Nächten, nur weiße Flügel ausbreiten. Im Frühlinge des Lebens kann das Leiden ohne Zwei⸗ 8 8— — * fel ſchmerzlich ſeyn, aber bis zu jenem Schmerze eines ſpäteren Alters kann dieſe ſchöne Jahreszeit noch nicht hindurch dringen. Nachdem die Waiſe der Abtey es dahin gebracht hatte, das Gewölk ihrer Gedanken zu zerſtreuen, hatte ſie auch ihre Lebhaftigkeit wieder erlangt; der Fremde aus der Gallerie verlor ſich allmählich aus ihren Ge⸗ danken, und die Ruhe wurde in ihrem Herzen wieder hergeſtellt. Die neue Wohnung Marcelinens ſtieg ſchnell empor. Oft ging Elodie hin, ſie zu beſuchen; aber immer vermied ſie mit Sorgfalt jenen Gegenſtand der Unterhaltung, der allein den dankbaren Schützling des Einſamen erfreute. Der Frühling mit ſeinem ſchaffenden Hauche hatte der Natur allen ihren Glanz wieder gegeben. Die letzten Spuren von der Verwüſtung des Stur⸗ mes waren verſchwunden, und das ganze Thal, indem es ſeine ländliche Pracht und die Schätze ſeiner Ge⸗ filde dem Auge des Reiſenden zur Schau ſtellte, ſchien eine Vaſe voll Wohlgerüche. Wie die Grasmücke, welche das Aufblicken in einen heitern Himmel begei⸗ ſtert, und deren melodiſche Geſänge nur tief in blu⸗ migen Gebüſchen und unter azurnen Gewölben ſich hören laſſen; ſo nahm auch die Jungfrau vohn Klo⸗ ſter ihre Laute, erweckt von der Morgenröthe, und begeiſtert durch die Reitze des Thales, und ging, um unweit des Priorats ihre ſanfte Stimme mit jener der Sänger im Gebüſche zu verſchmelzen. Der Himmel war rein und ohne Gewölk; die Der Einſame. 1. 3 56— Blumen der Wieſe hatten die Lüfte durchduftet; und das Schweigen des friedlichen Morgens wurde nur durch die Accorde der Nachtigall und das ferne Ge⸗ murmel des Waſſerfalles unterbrochen. Bey dem Waldſtrome blieb Elodie ſtehen, ſetzte ſich an ſein romantiſches Ufer, und vermählte die luftigen Töne ihrer Laute mit dem leiſen Geräuſche der Gewäſſer, welche auf einem Bette von Kieſel da⸗ hin rollten. Eine ländliche Brücke, welche von zwey Felſen aus über den Strom geſchlagen war, erhob ſich neben ihr in einem mahleriſchen Bogen, umkränzt von einer Gruppe Tannen. Entzückt von dieſer aus⸗ geſuchten Stelle ſang das junge Maädchen folgende. Worte: »O Frühling, Erwachen der ſchönen Natur 2 Wie frendig erblick ich dich wieder; ₰ Des Morgenroths Stimme, ſie wecket die Flur Zu fröhlichem Leben nun wieder. Du liebliche Hoffnung, vortreffliches Bild, Du zeigſt einen Blick uns in Eden; Gib ſtrahlend nun wieder vom Himmelsgefild Den Frühling der Unſchuld für jeden« p »Beherrſcher der Zeiten, du Schöpfer im Wald, Auf Bergen, auf Fluren, im Haine, Der Menſch iſt dein Werk wohl von hohem Gehalt, Wenn auch nicht vor allen das reine! Du, der du uns eilende Stunden verlieh'n, Du Richter mit göttlicher Wage, Laß nicht mit dem Frühling mir rauſchend entflieh'n Der Unſchuld erheiternde Tage — 51— »Ihr brauſenden Stürme mit thränender Fluth Im traurigen Lebensgetümmel, Ihr wurdet zur Prüfung, zwar ſtreng aber gut, Dem Staube beſchieden vom Himmel. Ruhm denen, die trauriges Schickſal noch ſpät Im Meere von Unglück gebettet, Und die noch auf ſchwankendem, berſtendem Bret Die Unſchuld im Hafen gerettet l« Mit den Wohlgerüchen des Thales ſtieg die klangvolle Stimme Elodiens zu den unſterblichen Woh⸗ nungen. Am Ufer des Waldſtromes nachläſſig hin⸗ gelehnt an den Stamm einer alten Tanne, unter⸗ brach die Waiſe ihren Geſang, und von den Zephyrn getragen hallten ihre letzten Accorde fern im Walde wieder, wie die klagenden Seufzer von Malvina's Harfe tief in den Höhlen von Morven. Am Bogen der Brücke hing Elodie ihre Laute auf, und verſun⸗ ken in ſüße Traume ſchien es ihr, als ob ſie von den harmoniſchen Stimmen der Natur ihre letzten Töne wiederholen hörte. Das Geſtirn des Tages vergoldete die Gipfel der Gebirge, da ſah ſie plötzlich auf der Höhe von Under⸗ lach, längs des Pfades, der nach dem Dörfchen führte, ſeltſame Lichter blitzen. Es waren Helme, Schilde, Lanzen, von den Strahlen der Sonne be⸗ leuchtet. Zahlreiche Krieger kamen vom Gebirge her⸗ ab, und der reine Stahl ihrer glänzenden Rüſtungen ſchimmerte aus der Ferne. Die Tochter Saint⸗Maur's betrachtete einen Augenblick regungslos dieſes für ſie völlig neue Schauſpiel. Das Wiehern der Roſſe, das — Gold ihrer Geſchirre, der blendende Helm der Krie⸗ ger, der weiße Helmbuſch der Ritter, ihre Paniere, ihre Schilde, ihre Sinnbilder, ihre Schärpen, ihre Wapen, alle dieſe kriegeriſchen Zauber entzückten ihre neugierigen Blicke. Dieſe Truppen rückten indeß vor⸗ wärts: bald ſchon ſind ſie am Fuße des Gebirges; ſie nehmen ihren Weg nach der Brücke hin. Die Waiſe, wieder zu ſich ſelbſt gekommen aus ihrem Erſtaunen und Entzücken, empfindet nur noch ein Gefühl des Schreckens. In Eile flieht ſie nach der Abtey, und läßt ihre Laute am Bogen aufgehängt zurück. Erſtaunt über das Erſcheinen eines kriegeriſchen Haufens mitten in den friedlichen Gebirgen von un derlach, wußte Herſtall nicht, welche Vermuthung er aus dieſem unerwarteten Ereigniſſe ziehen ſollte, als ein verwirrter Lärm von Waffen und Pferden ſich im Hofe des Kloſters hören ließ. Der Führer der fremden Reiter, Graf Ecbert von Norindall, erſchien vor Herſtall, und bald war Alles aufgeklärt. Seit der Niederlage und dem Tode Carl's des Kühnen war der Herzog von Lothringen als Sieger in ſeine Hauptſtadt zurück gekehrt und regierte in Frie⸗ den ſeine Staaten. Aber Ludwig XI. herrſchte noch, und dieſer Fürſt konnte nicht die unter den benachbar⸗ ten Völkern hergeſtellte Ruhe ertragen. Nachdem er Anfangs den Herzog von Burgund, Lothringen zu er⸗ obern verleitet, und im Tractate von Solothurn ver⸗ ſprochen hatte, ihm hierin kein Hinderniß entgegen zu ſtellen; nachdem er in der Folge dieſe Beſitznahme Carl's ihm für verhaßt erklärt hatte; nachdem er ſeitdem die 5. — — 3 Rechte René's unterſtützt oder zu unterſtützen geſchie⸗ nen hatte, der von ihm als einziger Herr von Lothrin⸗ gen erklärt worden war; behauptete er plötzlich, daß dieſes nähmliche Lothringen durch ſeine Frauen ihm als Erbe hätte zufallen ſollen, und ſeine Truppen rückten gegen Nancy. Schon hatte ſich der König von Frankreich der dem Herzoge von Lothringen gehörigen Provinzen Barroi's bemächtigt. René verlangte dringend Hülfe vom deutſchen Kaiſer, und hob von allen Seiten Truppen aus zur Vertheidigung ſeines Gebiethes. Die Cantone der Schweitz nahmen lebhaften Antheil an dem von ſeinem Volke angebetheten jun⸗ gen Fürſten. Der Graf Ecbert von Norindall war vom Herzoge von Lothringen abgeſchickt worden, bey der helvetiſchen Republik um kräftige Verſtärkungen nachzuſuchen; und nachdem er zum Theil den Zweck ſeiner wichtigen Sendung erreicht hatte, durchzog eben er, der edle Führer, der Freund René's, bey ſeiner Rückkehr nach Nancy, begleitet von einer zahlreichen Bedeckung, das ruhige Thal von Underlach. Die Familie des Grafen Ecbert war Herſtallen bekannt, und der Greis nahm den edlen Ritter freu⸗ dig auf. Ecbert hatte ſeine früheſte Jugend am Hofe Carl's des Kühnen verlebt; als ein vertrauter Freund dieſes Fürſten hatte er ihn überall bey ſeinen kriege⸗ riſchen Unternehmungen begleitet. An dem Tage, an welchem der Held von Burgund unterlag, war Ecbert unter den Mauern von Nancy gefangen worden⸗ René hatte die hohe Tapferkeit des Grafen von Norindall — 54— rühmen hören, er ſuchte alſo dieſen berühmten Krie⸗ ger an ſich zu feſſeln. Den Tod dieſes Fürſten, wel⸗ cher ungeachtet ſeiner Gewaltthaten ſo ſehr von Ecbert geliebt worden war, hatte derſelbe vernommen, und ſein zerriſſenes Herz überließ ſich der Bitterkeit ſeiner Flagen. Der Herzog von Lothringen ging nun ihn aufzuſuchen, und vergoß wie der untröſtliche Ecbert Thränen um den Herzog von Burgund; und von jenem Tage an fand dieſer, ſo gefühlvoll in ſeinen edelmü⸗ thigen Sorgen, nur in der Umgebung René's einige Linderung ſeiner Schmerzen. Der Dankbarkeit folgte die Zuneigung; die Tugenden des Herzogs von Lothrin⸗ gen öffneten das Herz Ecbert's dem Gefühle der Freund⸗ ſchaft, und überhäuft mit Gunſtbezeigungen des Für⸗ ſten, wollte er bald nicht mehr nach Burgund zurücke kehren, wo Carl nicht mehr herrſchte, wo nur grau⸗ ſame Erinnerungen ihn erwarteten; er nahm ſeinen bleibenden Aufenthalt am Hofe zu Nancy und wurde einer der vorzüglichſten Feldherren des lothringiſchen Heeres. Ecbert ſtand noch im Frühlinge ſeines Lebens, und beſaß alle Tugenden eines Helden. Ohne von ho⸗ „ hem Wuchſe zu ſeyn, ohne vollkommene Schönheit zu beſitzen, zog der Graf von Norindall dennoch unter den glänzendſten Rittern die Blicke der Menge auf ſich, ſelbſt wenn er von dem Glanze ſeines Ranges entklei⸗ det war. Irgend ein höherer Geiſt ſchien um ſeine Perſon zu ſchweben und Achtung gegen ihn zu gebie⸗ then. Sein Auge, voll Ausdruck und Feuer, durchdrang die geheimſten Gedanken. Man tadelte an ihm ſeine —— —8 ———— — Stille; aber oft iſt das Herz desjenigen, deſſen Lip⸗ pen karg an Worten ſind, reich an Gefühl. Indem er die öffentliche Bewunderung ſich unter⸗ warf, indem er den Gleichgültigen Lobſprüche abnö⸗ thigte, verbreitete er über ſeine Feinde gleichſam ein magiſches Netz, welches ihnen Stillſchweigen aufer⸗ legte. Ruhig und ernſt, ſchien er völlig Herr ſeiner ſelbſt, und dennoch konnte ſeine feurige und leidenſchaftliche Seele oft nicht ſeine ſtürmiſchen Gefühle unterdrücken. Er hatte die Freundſchaft bis zur Schwärmerey geſtei- gert: hätte er die Liebe gekannt, vielleicht hätte er ſie bis zum Wahnſinn getrieben. Das brennende Feuer ſeiner Gefühle ſtrahlte ſelten wieder auf ſeinen regungs⸗ loſen Zügen. Fromm und groß erhob er ſein Herz zum Himmel, ſelbſt in Augenblicken, wo ihn der Beob⸗ achter für ganz an die Erde gefeſſelt halten mußte, und ſo wie die erhabenſten Gedanken aus ſeinem hohen Geiſte hervorgehen konnten, ſo konnten von ſeiner großen Seele die heldenmüthigſten Opfer erlangt werden. Entfernt von der menſchlichen Geſellſchaft hatte ſich Herſtall ſeit lange nicht in einer kriegeriſchen Ge⸗ ſellſchaft befunden. Die Ritter Ecbert's umringten ihn; er betrachtete ſie ſeufzend. Ehemahls glänzte er gleich ihnen im Felde, ehmahls kannte auch er die Lockun⸗ gen des Ruhms; ehmahls wurde er gleich ihnen be⸗ wundert... Heute, fragt man auch nur, ob er gelebt habe!. Dazu genöthigt, ſich den Vertheidigern Lothrin⸗ gens gaſtfrey zu zeigen, ließ Herſtall für das Bankett — 56— des Abends die große Gallerie des Kloſters vorbereiten, welche eine Menge Lichter erleuchten ſollten. Schon war dieſer weite Raum von den edlen Gefährten des Grafen von Norindall angefüllt: da trat Herſtall in ihre Mitte. Eine neue Antigone, eine junge Schöne unterſtützte ſeine zitternden Schritte. Warum ertönte der ganze Saal von einem langen Laute der Bewun⸗ derung?. Die Jungfrau von Underlach ihren Schleyer gehoben. Welch ein Anblick für das junge Maädchen! Aue Blicke waren auf ſie gerichtet; ſie allein, ſie wagte nicht den ihrigen zu erheben. Weniger reitzend erſchien Armida mitten in dem Lager der Kreutzfahrer. Schwei⸗ gend ſaß Elodie bey dem Bankette neben dem Grafen von Norindall. Zum erſten Mahl betrachtete Ecbert eine junge Schöne, ohne ſich zu bemühen, ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zu ziehen: die Ritter beobachteten ihren Führer. Wird er endlich die Liebe kennen lernen? Die Reitze der Waiſe ſchienen ihn in Erſtaunen zu ſetzen; aber neben ihr zeigte ſich keine Bewegung auf ſeinen Zügen. Sein Mund war ſtumm, er ſchien nach⸗ zudenken. Man könnte ſagen, daß er, indem er ſein Herz zu Rathe zog, insgeheim ſich fragte, ob der Augenblick zu lieben gekommen ſey.; Elodie wagte endlich einen furchtſamen Blick auf die Verſammlung, welche ſie umgab. Welch eine neue Scene für ſie!... Dieſe durch ihre Tapferkeit und Jugend ſo ſchönen Ritter, dieſe glänzenden Rü⸗ ſtungen, die ragenden Helmbi iſche, der Glanz von tauſend Lichtern, dieſe Bewunderung, welche ſie je⸗ * — S — F — 57— nen Helden einflößte, die, verglichen mit den Gebirgs⸗ bewohnern, ihr als Halbgötter erſchienen, alles in einem Augenblicke vermengte ihre Gedanken, blendete ihre Augen, verwirrte ihre Seele. »Wie! ſo jung und ſchön;« ſagte éndlich der Graf von Norindall zu ihr,»und ganz allein in dieſem Klo⸗ ſter?«— Die männliche und klangvolle Stimme des Führers dieſer Krieger verwirrte die Waiſe, ihr Blick be⸗ gegnete dem Blicke Ecbert's, ſie erröthete.—»In dieſem Kloſter,« antwortete ſie, vbin ich nicht ganz allein: als Pflegetochter Herſtall's lebe ich bey ihm recht glücklich«—»Und eure friedlichen Tage vergehen hier ohne Langweile? ℳ—»Wie ſollte ich Lang⸗ weile empfinden! alle meine Augenblicke ſind beſchäf⸗ tigt; ich wünſche weder, noch erwarte oder ſehne ich mich nach andern Vergnügungen«—»Aber ihr habt ſie noch nie gekannt?« rief Ecbert aus.—»Iſt es denn auch ein Glück, ſie zu kennen?« antwortete in Unſchuld die Waiſe. Das Mahl war beendigt: der Graf von Norin⸗ dall erhob ſich: er ergriff die zitternde Hand der Nichte Herſtalls, und kehrte mit ihr in den Saal der Abtey zurück. Ecbert war die Gallerie hindurch gegangen. Als er an den Scheideweg gekommen war, der von der einen Seite nach der Capelle und von der andern nach den Gemächern des Priorats führte, wich Elodie zurück, und ſtieß einen Schrey aus: ſie hatte geglaubt, in der Dunkelheit eine geheimnißvolle Geſtalt dahin gleiten und verſchwinden zu ſehen. Es war an dem nähmlichen Orte, an welchem der Einſame zum erſten — 58— Mahl zu ihr ſprach... Sollte er es abermahls g weſen ſeyn!... Ecbert, der nicht wußte, welch ein Gegenſtand ihren Schrecken verurſachen konnte, befragte Elodie; ſie ſchrieb denſelben der Schwachheit ihrer Nerven zu, welche vor der Finſterniß und den unterirdiſchen Orten ſchauderten.—»Schwache Lianenranke,« ſprach Ecbert leiſe zu ihr,»möchteſt du die Ceder als Stütze verſchmä⸗ hen?«— Indem er dieſe Worte ausſprach war ſein Ton voll Zärtlichkeit, und ſeine Hand drückte leiſe die Hand der Waiſe. Elodie beſchleunigte ihre Schritte, und, ſchwieg; was auch hätte ſie antworten können! Die Tochter Saint⸗Maur's langte wieder auf Zelle an, und obwohl lebhaft aufgeregt, wagte ſie nicht ſich darüber zu befragen. Zum erſten Mahle hatte ſie ſich in einem glänzenden Eirkel als den Ge⸗ genſtand der Huldigungen einer geſchäftigen Menge geſehen, ſie hatte ſich bewundert geſehen von den edlen Friegern Lothringen's. Der Freund René's, der be⸗ rühmte Held, um deſſen Herz ohne Zweifel die aus⸗ gezeichnetſten Schönheiten des Hofes von Nancy ſich eifrig bemühten, der Graf von Norindall hatte nur mit ihr beſchäftigt geſchienen; ſeine gewöhnlich ern⸗ ſten Blicke hatten ſich mit Zärtlichkeit auf ſie gerichtet; ſeine Stimme ſchien bewegt, wenn er mit ihr ſprach. Sollte ſie ihm zu gefallen gewußt ſollte ſie ſchon geliebt ſeyn? Tauſend gemiſchte Gefühle verwirrten ihre Gedan⸗ ken. Wie prächtig muß der Hof von Lothringen ſeyn, wo die Ritter des mächtigen René, die Tapfern des * 3 ——— — 59 ₰ muthvollen Ecbert, ſich verſammeln! Welche Ehre ₰ diejenigen umgeben, welche die Vorſehung dieſen zu* Gefährtinnen beſtimmt! Welch Entzücken, einſt dort ihren Schritten folgen! Wie ſtrahlend müſſen die Pal⸗ läſte ſeyn, wo die Großen der Erde ſich verſammeln! Und wenn die Söhne des Ruhmes zu den Füßen der Schönheit ſich werfen: welch ein Triumph für jene, welche den Zepter der Liebe hält! Ein Gefühl des Stolzes machte das Herz der Waiſe ſchlagen. Ecbert, der berühmte Ecbert, war die⸗ ſen Abend ihr nicht zu Füßen gefallen, aber vielleicht morgen!. Elodie öffnete das vergitterte Fenſter ihrer Zelle, und indem ſie ſich ſelbſt über ihre Gedan⸗ ken Vorwürfe machte, erflehte ſie Vergebung vom Ewi⸗ gen, ohne genau zu wiſſen, für welchen Fehler. Die Sterne funkelten am Firmamente, das Geſtirn der Macht durchlief ſchweigend das Himmelsgewölbe, und übergoß die Natur mit Silberſchein. Der Blick des jungen Mädchens wendete ſich nach dem wilden Berge und alles ihr Denken fiel wieder auf den Einſamen. Der Graf von Rorindall, ſeine Ritter, der Hof von Lothringen: in einem Augenblicke war Alles vergeſſen.— „Ach,« rief Elodie,»kein glänzender Helm ſchmückt ſeine Stirne; kein wehender Buſch wallt ſtolz auf ſeinem Haupte; nicht Gold und edle Steine bedecken ſein Kleid, keine Schärpe des Ruhmes oder der Liebe um⸗ gürtet ihn; und wie ſchön dennoch erſchien er unter ſeinem härenen Kleide in dieſer nähmlichen Gallerie, in welcher die Gefährten Ecberts ſich verſammelten! Welch göttliches Feuer glänzte in ſeinem Blicke! Welche ma⸗ 65— Ritter verdunkelt, wenn er plötzlich in ihrer Mitte unter kriegeriſcher Rüſtung erſchienen wäre!. Sollte er es geweſen ſeyn, der in der Dunkelheit vor mir durch den Gang zur Capelle ging, oder hat meine Phantaſie mich getauſcht? Unbegreiflicher Mann, der du Wohlthaten verbreiteſt, und ſelbſt unglücklich ſcheinſt, mir ſprachſt du von Gewiſſensbiſſen!... Aber was und was du ſeyn magſt; ich, die ich noch nicht begrei⸗ fen kann, was ich ſelbſt bin, und was ich empfinde la Die Jungfrau von Underlach lieh bey dieſen Wor⸗ ten ihr Ohr der Stimme des Stromes; er ſchien zu ihr einen ſchwermüthigen Gedanken aus dem Thale dungen ihrer Seele Elodie erinnerte ſich, daß ihre Laute an der Bogenwölbung der Brücke aufge⸗ hängt zurückgeblieben war; ſie ſchloß ihr Fenſter, und fond bald auf ihrem jungfräulichen Lager den und den Schlaf der Unſchuld wieder. Das Tagesgeſtirn ſtieg ſtrahlend aus dem Par⸗ ni Aurora's. Alles ſchlief im Kloſter. Die Tochter Saint-Maur's erhob ſich und ging, begleitet von Mut⸗ ter Urſula, nach dem verlaſſenen Ufer, wo ſie ihre Laute wieder zu finden hoffte. Das Wetter war heiter. Die Zephyre allein ſcherzten im Gehölze des Thales. Elodie war faſt bis an die Brücke gekommen; plötzlich blieb ſie ſtehen Auf welch einen Gegenſtand traf en ihre Blicke! Verborgen im Hintergrund eines 8 eſtätiſche Haltung! Wie hätte er alle lothringiſchen du zeigſt dich als den Engel der Tugend, und mit ſage ich! ſoll ich zu begreifen ſuchen, was du denkeſt, zu tragen, eine Klage im Einklange mit den Empfin⸗ — 61—* Gebüſches, hinter dichtem Laube blieb die Vi un⸗ beweglich. Am Rande des Stromes, am nämlichen Plätze, wo Tags zuvor Elodie die Rückkehr des Frühlings be⸗ ſang, hielt ein Bergbewohner ihre vergeſſene Laute, und lockte eben aus derſelben die melodiſcheſten Töne. Aufrecht ſtehend und an eine Tanne gelehnt, unter⸗ brach er einen Augenblick ſeine ſanften Accorde. Seine Kleidung war die der Gebirgsjäger. Zu ſeinen Füßen lag ſein Bogen, deſſen Sehne abgeſpannt war. Ein todtes Reh, das ein blutender Pfeil durchdrang, lag in der Rähe auf dem Raſen. So wie die tapfern Scy⸗ then, hervorgegangen aus den Höhlen des Nordens, den füdlichen Völkern als die Könige des Krieges erſchie⸗ nen, ſo erſchien der Bergbewohner, ein verwildeter Apollo, als der Gott des Waldes. Seine majeſtätiſche Geſtalt erhob ſich über das Ufer wie die Ceder auf dem Libanon. Seine nervigen Glieder, ſeine furcht⸗ bare Stärke verkündigten den für den Kampf gebore⸗ nen Helden, den an den Sieg gewöhnten Alciden. Wenn Zorn und Wuth ſeiner Seele ſich würden be⸗ mächtiget haben, er hätte ohne Zweifel Rolands gi⸗ gantiſches Raſen erneuern können; aber Ruhe herrſchte in ſeinen Zügen; ſeine klangvolle Stimme verband ſich mit den reinen Tönen ſeiner Leyer, und die Na⸗ tur ſchien mit Entzücken den neuen Orpheus zu hören. O Erſtaunen! die nähmliche Melodie, welche am Abende vorher Elodie geſungen hatte, wurde vom Ge⸗ birgsbewohner wiederholt. Es waren faſt die nähmlichen Ausdrücke, die nähmlichen Worte, welche der Jäger — 6 hören ließ, und dennoch welch ein verſchiedener Sinn. Die Jungfrau hörte, und konnte nicht ihren Ohren glauben. „O Frühling, Erwachen der ſchönen Natur, „Nur trauervoll ſeh' ich dich wieder; »Des Morgenroths Stimme, ſie weckt mir die Flur „Zu fröhlichem Leben nicht wieder. „Du liebliche Hoffnung, du herrliches Bild, NNicht zeigſt du mir Freude hinieden; „Nicht gibſt du mir ſtrahlend vom Himmelsgefild »Der Unſchuld entzückenden Frieden. »„Ich habe geflehet zur ſchützenden Macht „Der Tugend mit himmliſchem Walten „Ich hab' ſie geſehen in leuchtender Pracht »Bey lächelnden Frühlingsgeſtalten. »Allein mich umſtrickten die Schrecken der Nacht »Schon früh, wie im düſteren Grabe, „Seit mich mein Geſchick um das beſte gebracht, Dich Unſchuld, du herrlichſte Gabe.« Bey dieſen letzten Tönen verhallte die ſchwermü⸗ thige und klagende Stimme des Bergbewohners in den den Felſen, wie der feyerliche Geſang des Geiſtes der Reue im Aufenthalte der Verſöhnung. Eine tödt⸗ ren. Es ſchien ihr, als ob eine unheilvolle Binde ſchmerzlich ihre Stirn umſchlöſſe, und als ob eine bleierne Laſt ihr auf's Herz gefallen ſey. Der Gebirgs⸗ jöger hatte ſeine Augen zum Himmel erhoben; die ſiche Kälte machte plötzlich die Glieder Elodiens erſtar⸗ Jungfrau erkannte dieſen Blick wieder.. dieſen erhabenen Blick, deſſen unauslöſchliches Bild in den ——— —— — 63— Grund ihrer Seele gegraben war. Beym letzten Scheine des Tages hatte ſie nur undeutlich die männlichen Züge des Unbekannten aus der Copelle ſehen können; bey den erſten Strahlen der Morgenröthe erkannte ſie die⸗ ſelben wieder, und betrachtete ſie mit Bewunderung. Nie war vollkommnere Schönheit einem Sterblichen 1 zu Theil geworden. Warum aber deckte der Ausdruck des Leidens und der Verzweiflung mit ihren traurigen Schatten die edle Stirne des Einſamen?„ Wo⸗ her ſeine bittern Erinnerungen an die Vergangen⸗ 3 heit?... Woher dieſer traurige Reugeſang?.. O ſanfte Jungfrau des Thales! ſchön wie die Gefähr⸗ . tinn des erſten Menſchen, rein wie das erſte Gebeth der Kindheit: entferne dich!... Ach! es iſt geſche⸗ hen um die Roſe, wenn der rauhe Nord ſie umſtürmt⸗ Der ſchöne Jäger hing die Laute wieder am Brü⸗ ckenbogen des Gießbaches auf: er hob ſein Reh auf, warf es nachläſſig über ſeine Schulter, und befeſtigte es unter ſeinem Köcher: gleich einem Nimrod hob er ſeinen Bogen auf, und indem er ſich vom ufer ent⸗ fernte, ließ er einen langen Seufzer aus ſeiner be⸗ klommenen Bruſt entfliehen. Schnellen Schrittes ging er über die Brücke, erklimmte den Fußſteig des Ge⸗ birges und verſchwand zwiſchen den Tannen. Schon war er fern. Elodie erlangte wieder Be⸗ wegung; ſie flog zur kühnen Bogenwölbung, und nahm ihre Laute zurück. Urſula, beſtürzt und erſtaunt, wußte nicht, was ſie vom unbekannten Sänger den⸗ ken ſollte, und wagte einige Fragen; aber die Waiſe, ganz betroffen, hörte ſie nicht, noch weniger antwor⸗ 2— 2 K— — 64— tete ſie ihr. Sie ſchlug wieder den Weg nach dem Priorate ein; die Hütte Marcelinens ſtand vor ihrem Blicke, unwillkührlich lenkte ſie dahin ihre Schritte; hier unterm ländlichen Dache wurde nur vom Einſa⸗ men geſprochen. Die begeiſterte Marceline bemerkte die Richte Herſtall's, und flog ihr entgegen.—»Kommet, En⸗ gel des Kloſters,« ſagte ſie,»kommt, der wunderbare Mann wacht auch über Euer Schickſal.— Was hab ich euch nicht alles zu hinterbringen— vlber mein 4 Schickſal?« wiederholte das junge Mädchen errs⸗ ₰ thend!—»Ich komme von der Abtey, ich ſuchte 3 euch,« erwiederte feyerlich Marceline, indem ſie die⸗ ſelbe bey Seite zog.„Höret mich: geſtern Abends, auf der nähmlichen Stelle iſt er vor mir erſchienen; hier habe ich wieder den Einſamen geſehen. Morgen, ſagte er zu mir, ſuche die Jungfrau von Underlach auf, und wiederhohle ihr dieſe Worte:»Der Her⸗ zog von Lothringen hat ſeine Schweſter dem Grafen von Norindall verſprochen: die aufkeimende Liebe Ecbert's für eine andere als ſeine Verlobte, kann hier für Alle einen Abgrund des Unglücks öffnen.« »O Himmel!l« rief Elodie, vzu euch hat er dieſe Worte geſprochen?«—»Und hat mir aufgetragen, euch davon zu benachrichtigen.«.—,»Und was le fuhr die Waiſe fort,»kaum ſind die lothringiſchen Truppen im Kloſter angekommen, und ſchon kennt der Einſame ihren Führer, ſeinen Nahmen, ſeine Verbindungen ſeine Beſtimmung bis zu dem Geheimniſſe ſeiner auf 3„ —— keimenden Liebe!«—»Indem er mir den Auftrag gab,« fügte Marceline hinzu,»war ſein Ton düſter und Un⸗ heil verkündend, ſeine Stirne ernſt und drohend. Der Mond beleuchtete ſein bleiches Antlitz, und ohne die wundervolle Schönheit ſeiner Züge würde ich Mühe gehabt haben, ihn wieder zu erkennen. Seine Stimme, deren Stärke er zu mäßigen ſuchte, ſchien das erſte Wehen eines Sturmes, und ſein Blick das erſte Leuch⸗ ten eines Brandes.« Nach dieſem ſchrecklichen Bilde ſprach Marceline weiter, indem ſie Elodie nach dem Floſter zurück⸗ führte:—»Edles Mädchen, fürchtet nicht die War⸗ nung des ſchützenden Geiſtes vom Gebirge; nichts ſcheint ihm unbekannt, und alles ſcheint ihm möglich zu ſeyn: Fliehet Ecbert vön Norindall und tchnet auf den Einſamen.« Viettes Buch. Drey Tage verweilten der Graf von Norindall und ſeine Gefährten in der Abtey. Ecbert kämpfte verge⸗ bens gegen die Liebe, welche Elodie ihm eingeflößt hatte; jeden Augenblick wuchs das glühende Feuer ſei⸗ ner Gefühle; und das Geheimniß ſeines Se war ſeinen Kriegern nicht verborgen. Seit der Ankunft der lothringiſchen Ritter hatte das Tagsgeſtirn vier Mahl die Natur beleuchtet. Die — Tochter Saint-Maurs ſtieg herab aus ihrem Thürm⸗ chen um die Stunde, da die treue Gefährtinn des Landmannes das Frühmahl für ihre junge Familie bereitet. Die Ritter René's hatten wieder ihre Roſſe beſtiegen, mit ihren Waffen ſich umgürtet, und eben das Kloſter verlaſſen, um ihren Weg nach Nanch zu nehmen. Drey Ritter allein waren nicht ihren Schrit⸗ ten gefolgt, und in dieſer Zahl befand ſich der Graf von Norindall: er erwarte, wie er ſagte, die Rück⸗ kehr eines treuen Abgeſandten, der ihm von dem Ober— haupte eines Schweizer-Cantons eine wichtige Ant⸗ wort nach Underlach bringen ſollte. Ecbert hatte einen Theil ſeiner Staatsgeheimniſſe dem Freyherrn von Herſtall anvertraut, der Greis nahm lebhaften An⸗ theil an dem Herzoge von Lothringen, und noch meh⸗ rere Tage hindurch ſollte der René's das Prio⸗ rat bewohnen. Die Jungfrau von Underlach durchlief die blumi⸗ gen Gebüſche des alten Kloſters, und plötzlich ſtand an der Krümmung einer Allee der Graf von Norindall vor ihrem Blicke.—»Liebenswürdige Waife,« ſagte Ecbert,»an dieſem Morgen ſollte ich dieſen Ort ver⸗ laſſen; noch bin ich hier. Welches iſt der ſüße Zauber, der mich hier zurückhält?„ Welches iſt die unbe⸗ kannte Macht, die mich feſſelt?.. Ach! bis auf dieſen Tag hatte ich an dieſem Zauber gezweifelt, und dieſer Macht getrotzt..—»Ritter,« antwortete das junge Mädchen beſtürzt,»wollen wir zur Abtey zurück kehren.« Sie entfernte ſich, Ecbett hielt ſie zurück:— ————— — — 67— „Noch ein Wort,«rief er aus,»und ihr ſeyd frey. Wenn der Freund des Herzogs von Lothringen zu euern Fü⸗ ßen ſtürzte und in dieſem Augenblicke euch nicht den Glanz ſeiner Schätze und ſeines Ranges böthe, die euch nicht zu blenden vermöchten, aber die Huldigung eines aufrichtigen Herzens, das zum erſten Mahl von Liebe glüht: was würdet ihr ihm antworten— „Daß er nicht mehr Herr ſeines Schickſals ſey,« ſagte Elodie,„daß er ſein Wort ſchon gegeben habe, und daß die erhabene Schweſter René's allein die Gemah⸗ linn des Grafen Ecbert von Norindall ſeyn dürfe.« Bey dieſen unerwarteten Worten blieb Ecbert ſtumm vor Erſtaunen: vergebens wollte er ſeine Ver⸗ wirrung verbergen; der Ausdruck ſeines Blickes, das leichte Zittern ſeiner Lippen, die Bläſſe ſeiner Farbe enthüllten die Bewegung ſeiner Seele. „Was habe ich gehört! Ein unbeſtimmter Plan, kaum wenigen innigen Vertrauten René's bekannt; ein Geheimniß, von dem der Hof zu Rancy noch keine Kenntniß hat, ein geheim gehaltener Gedanke des Für⸗ ſten wurde euch in dieſer fernen Einſamkeit entdeckt s Elodie ſchwieg, und ging langſam neben dem Gra⸗ fen her.—»Es iſt wahr,« fuhr Ecbert fort, vder Her⸗ zog von Lothringen hat mich gewürdigt, mir ſeine Schweſter vorzuſchlagen; aber keine geheiligte Verbin⸗ dung verpflichtet mich: ohne die Ehre zu verletzen, kann ich noch die beabſichtigte Vermählung von mir weiſen. Was ſage ich! meine Pflicht ſelbſt gebiethet mir heute, dieſe Verbindung abzubrechen: ich würde die fürſtliche Schweſter des Herzogs nicht glücklich machen 6 können. Es gibt nur Weſen auf Erden, das die Gefährtinn Ecbert's werden könnte.« »Wohl werde ich die Freundſchaft René's verlie⸗ ren, wohl werde ich ſeinen Zorn auf mich laden, aber die Liebe hat ganz meine Seele verändert: Ruhm, Reichthum, Würden, ihr ſeyd nichts in meinen Au⸗ gen: Elodie, himmliſches Mädchen, ein Lächeln! und ich werde glauben, die Erde zu verlaſſen: Under⸗ lach wird mein Elyſium.« 8 Sein Athem war beengt, ſeine glühenden Worte folgten ſich ſtürmiſch. Die Neuheit dieſer Sprache ſetzte die Waiſe in Erſtaunen: ſie beſchleunigte ihre Schritte und ſchwieg.—»Ihr antwortet mir nichts,« verſetzte Ecbert mit Leidenſchaft.»Elodie, o laßt mich um euern Beſitz aller Pracht des Lebens entſagen! Als einem unbekannten Jäger im Gebirge, als einem ein⸗ „fachen Fiſcher im Thale, bleibe mir auf der Erde nur eine Hütte, nur ein Nachen: aber nur Flodie ſey in der Hütte, nur Elodie ſey im Nachen! Stürme des Lebens, brechet über die mächtigen Häupter herein! hier werde ich in Ruhe dem Blitze Trotz biethen. Liebe, erweiche für mich das Herz der Waiſe; ich werde hier meine höchſte Glückſeligkeit finden.« Er ſprach's: die Begeiſterung ſeines Gefühls ſtrahlte aus ſeinen Blicken; die Jungfrau war bewegt, ſie war gerührt, aber dennoch war Ecbert nicht geliebt. »Graf von Norindall,« ſprach ſie endlich, vver⸗ zeihet meinem Schweigen. Reden, wie ich ſie eben hörte, ſind meinem Ohre fremd, ich wüßte nicht dar⸗ auf zu antworten. Warum mit mir von chelicher Verbindung ſprechen! Der Freyherr von Herſtal i es, der über mein Schickſal zu entſcheiden hat! War⸗ um mit mir von Liebe ſprechen! ich darf dieſe Sprache nicht hören.« Bey dieſen Worten, waren ſie an's Klo⸗ ſter zurück gekommen, die Tochter Saint⸗Maur's trennte ſich von Eebert. Mehrere Tage waren verſtrichen. Die Waiſe hatte beſtändig den Grafen vermieden; ſie erſchien nur ſelten im Saale der Abtey, und ging nicht mehr in die Gärten hinab. Der Freyherr ließ ſeine Richte rufen. Er war allein: Eebert hatte ihn eben verlaſſen. Der Greis empfing die Waiſe mit ſeiner gewöhnlichen Zärtlich⸗ keit; und mit feyerlicher Stimme er an ſe folgende Worte: »Höre mich, liebe Elodie, ohne nich zu unter⸗ brechen. In den glücklichen Tagen meiner Jugend wagte ich es, vom Himmel eine verlängerte Laufbahn zu erbitten. Ach! ich war weit entfernt zu denken, daß dieß ſo viel wäre, als einen langen Todeskampf erflehen. O meine Irene, angebethete Tochter! mein wahrhaftes Leben hat mit dem deinigen geendet; dein Vater, ein kaum belebter Schatten, ganz dir gehö⸗ rig durch ſeine Gedanken, hat dich nur in den der Menſchen überlebt.« „Ich fühle es, das Ende meiner Leiden iſt ge⸗ kommen: bald, ich hoffe es, werde ich mich wieder mit derjenigen vereinigen, welche eine trauervolle Er⸗ ſcheinung zerſtörte, indem ſie die Erde durchzog. Du al⸗ tein, meine Richte, hätteſt hier meinen bittern Schmerz — 70— zu ſtillen vermocht, wenn Troſt in meine Seele hätte dringen können; aber wie die verzweifelnde Löwinn, welche, vom wilden Jäger verfolgt, Zeuginn war von dem Tode ihrer letzten Jungen, ſo habe ich den grauſamen Mann das geliebte Weſen mir entreißen ſehen, das allein mein Leben erfreute; und wer auch mein Leiden zu mildern hätte verſuchen wollen, er hätte nur auf der Aſche Irena's über mein Unglück mir zu ſpotten geſchienen. lodie, du ſchwaches Rohr vom öden Ufer, ich zitterte, der Sturm möchte nach meinem Scheiden auch deinen ſchwachen Stengel brechen; aber ein mäch⸗ tiger Beſchützer zeigt und erbiethet ſich, die Stelle des Greiſes einzunehmen, der bereit iſt abzutreten. Rimm die edle Stütze an, welche der Ewige dir zu ſchicken ſcheint; und keine Beſorgniß wird den Frieden, die Hoffnung und die Freuden meines Sterbebettes trüben können.« Der Greis unterbrach ſich einen Augenblick. Un⸗ geachtet der Anſtrengungen der Waiſe entquollen den⸗ noch Thränen ihren langen Augenwimpern. Herſtall fuhr fort:—»Der Graf von Norindall hat eben die⸗ ſen Morgen deine Hand von mir verlangt. Sein Ver⸗ mögen, ſein Rang, ſein Ruf, ſeine Jugend, ſeine Tapferkeit, Alles ſtrahlt an ihm in einem reinen Glanze und ohne Flecken; was ſoll ich ihm antwor⸗ ten? Allein in dieſem abgelegenen Kloſter haſt du nur unſere rauhen Bergbewohner kennen lernen; dein Herz hat noch nicht ſprechen können, und der Graf von Norindall iſt würdig, geliebt zu werden.« ————.——— — 71— »Deine Einwilligung zu dieſer erwünſchten Ver⸗ bindung würde alle meine Wünſche krönen; fern je⸗ doch ſey von mir das Streben, deinen Gefühlen Zwang anzulegen: öffne mir dein Herz. Elodie iſt völlig Herrinn ihrer ſelbſt.« Bey dieſen letzten Worten, mit dem liebreichſten Tone ausgeſprochen, fühlte die ſchüchterne Jungfrau ihren Muth wieder erwachen. »Mein Vater,« ſprach ſie,»der tapfere Ecbert iſt ohne Zweifel zu hohen Beſtimmungen berufen, und ich bin nicht würdig, ſeine Gefährtinn zu ſeyn; erzogen mitten in Gebirgen würde ich im Glanze des Hofes nicht an meinem Platze ſeyn; die wilden Blumen unſe⸗ rer Thäler erſterben, wenn ſie in andere Himmelsſtriche verpflanzt werden. Soll ich nach königlichen Wohnun⸗ gen ſtreben, da es ein Pallaſt war, in dem mein Va⸗ ter gemordet wurde. O! erinnert euch der letzten Bit⸗ ten der unglücklichen Witwe Saint-Maur's. Beden⸗ ket, daß meine Mutter in ihren letzten Augenblicken an euch dieſe Worte wandte: Nie, wenn es möglich iſt, verlaſſe Elodie dieſes friedliche Thal! ſie wiſſe nicht, was die Herrlichkeiten des Lebens ſind, und was ſie ihren Beſitzern koſten! ℳ »Nun denn,« rief Herſtall aus,»der Graf von No⸗ rindall iſt bereit, um deinetwillen dem Hofe von Lo⸗ thringen zu entſagen, ſich des Ranges zu entkleiden, den er einnimmt, die Ehrenbezeigungen zu fliehen, die ihn umgeben, und in dieſe ländliche Einöde zu kommen, um ſein ganzes Leben dir zu widmen. So viele Opfer beweiſen ſo viel Liebe, daß du nicht utet unempfindlich dafür bleiben können.« Mein Vater,« unterbrach ihn die Waiſe,»dauern die erſten Entzückungen der Liebe ewig?. ſind übertriebene Entſchlüſſe unabänderlich!. Ach! eine ſolche Erhebung iſt nur ein Schwung, ſie hat nie einen feſten Grund. Ecbert verſpricht mir heute dieſe Opfer, wer wird mir morgen Bürge ſeyn ge⸗ gen die Reue7« »Ihr habt mir befohlen, ohne Verſtellung zu ſprechen. Ich würde es vorziehen, in dieſen Gebirgen mein Leben dem Dienſte der Altädre zu weihen, als am Hofe zu leben, und dem letzten Willen meiner Mut⸗ ter ungehorſam zu werden. Erſchreckt durch den lei⸗ denſchaftlichen Charakter Eebert's, würde ich Beden⸗ ken tragen, mein Schickſal ihm anzuvertrauen; und frey in ihrer Wahl würde die Tochter Saint-Maur's nie die Gattinn des Grafen von Norindall werden.« Indem ſie dieſe Worte ausſprach, war ihre Stimme zuverſichtlich. Die Feſtigkeit ihres Tons ſetzte Herſtallen in Erſtaunen. Ihr Entſchluß ſchien uner⸗ ſchütterlich. Der Greis mißbilligte ihre Weigerung, aber das letzte Lebewohl einer innig geliebten Schweſter war wieder in ſeinem Gedächtniſſe erwacht. Er hatte verſprochen, nie den Gefühlen Elodiens Zwang anzu⸗ legen: ſeine Verſprechungen mußten ihm heilig bleiben. Wer aber vermöchte den Schmerz Ecbert's zu mahlen! die Waiſe hat ſeine Hand verſchmäht; die Waiſe hat ſeine Wünſche verworfen! Ohne bewegt zu ſcheinen, kam er, um aus Herſtalls Munde das Ur⸗ — — — 73— theil zu hören, das über ſein Schickſal entſchied. Seine Verzweiflung war regungslos, und ſtumm ſeine Wuth. »Verehrungswürdiger Greis,« ſagte er, indem er leicht die Hand des Freyherrn drückte; vnoch dieſen Abend werde ich dieſen gaſtlichen Boden verlaſſen haben; wollte der Himmel, daß nie meine Schritte ihn betre⸗ ten hätten l« So ſprach er und entfernte ſich. Am Tage vorher hatte ſein geheimer Bothe ihm die Antwort gebracht, welche er erwartete. Der Befehl zur Abreiſe wurde gegeben. Tauſend unheilvolle und verwirrte Plane wälzten ſich durch ſeine Seele. Sein angeborner Edelmuth bekaͤmpfte vergeblich den heftigen Zorn, welcher ihn be⸗ wegte. Er fühlte, daß die Macht des Böſen in ihm den Sieg über die Tugend davon tragen könnte. Ver⸗ gebens flehte er zum Himmel, und verlangte von ihm Hülfe gegen ſeine Leidenſchaft; nichts konnte ſeine Heftigkeit ſtillen. Außer ſich ſelbſt ſuchte er Elodien auf, er wußte nicht, was er ihr ſagen ſollte; er wußte nicht, was er zu thun im Begriff war; es war ihm ſelbſt nicht deutlich, was er beabſichtigte: aber es war ihm Bedürfniß, ſie zu ſehen. Endlich fand er ſie auf.—»Ich reiſe ab,« ſagte er zu ihr,»Ihr wünſcht es, Ihr befehlt es. Auf immer werde ich Euch und das Glück fliehen.... HO! ſaget mir wenigſtens, ſaget mir, daß Ihr mich beklaget!« 3 Elodie betrachtete ihn. Einen Augenblick ſchwankte ſie. Sie war gerührt von ſeinem Schmerze, und dennoch fand ſie, um ihm zu antwor⸗ Der Einſame. 1. 4 5 ten, nichts als die Worte:—„Lebt wohl, edler Ritter.« Der Graf von Norindall beſtieg ſein ſchnauben⸗ des Roß; ohne Hoffnung, ohne Troſt entfernte er ſich von der Abtey. Die beyden Krieger, welche ihn be⸗ gleiteten, bemerkten mit Schrecken das Abgebrochene ſeiner Antworten, das fürchterliche Feuer ſeiner Blicke, den Ungeſtüm ſeiner Eile. Schon lange hatte ſich die Sonne in's Meer getaucht. Ecbert ſpornte ohne Un⸗ terlaß die Seiten ſeines Streitroſſes, und achtete nicht des weiten Raumes, den er durchlaufen war. Sein Roß fiel endlich erſchöpft unter ihm. S In welchen Gegenden befand er ſich? er wußte es nicht. Wohin richtete er ſeine Schritte? was war ihm daran gelegen. Welches waren ſeine Plane? nur zu bald ſollten ſie bekannt werden. Roſſe, das Geräuſch der Waffen, die tönenden Stim⸗ men der Ritter erhallten nicht mehr unter den Gewöl⸗ ben der Abtey. Die Tochter Saint⸗Maur's machte ſich geheime Vorwürfe, nicht über die Weigerung gegen die Vorſchläge Ecbert's, ſondern über ihre kränkenden Ant⸗ worten, über ihr kaltes Lebewohl. Noch einen drohenden Blick hatte der Graf von Norindall der Waiſe zuge⸗ worfen, als er ſich raſch von ihr entfernte. Eine un⸗ beſtimmte Ahnung beunruhigte das junge Mädchen: Vielleicht ſtürmt in dieſem Augenblicke irgend ein Un⸗ gewitter über ihrem Haupte. Doch Ecbert iſt ein Held; ſeine Seele iſt voll Großmuth; durch welche ſchuld⸗ ½ volle Handlung ſollte er wagen, ſein Leben zu Die kriegeriſche Trompete, das Wiehern der — N ——————————— — 5— flecken! Ach, das heldenmüthigſte Herz hat, wie die ſchönſte Jahreszeit, ſeine heiteren Tage und ſeine Stürme. Mag doch ein unempfindlicher und kal⸗ ter Menſch, der ohne gute Eigenſchaften geboren iſt, ſich rühmen, frey von Laſtern gelebt zu haben; wird er jemahls Bewunderung einflößen?„ Ach! alle Blicke werden ſich mehr nach jenen Sterblichen einer höheren Natur wenden, welche glühende Begeiſterung zwar nicht immer auf himmliſchen Höhen erhalten hat, die aber doch wenigſtens im Fallen nicht ihre Fittige verloren haben, und welche, bereit einen neuen erha⸗ benen Aufſchwung nach hohen Regionen zu nehmen, nie ſich erniedrigt haben in den ſchimpflichen Kreis menſchlicher Lauheit. Ohne das Bild des Einſamen, ohne ſeine letzte Erſcheinung an der Brücke des Waldſtromes, vielleicht ſelbſt ohne ſein letztes Geſpräch mit Marcelinen würde Elodie in ihrer Antwort an den Freyherrn geſchwankt haben. Aber der neue Beweis von dem lebhaften An⸗ theile, den der bewundernswürdige Bewohner des wilden Berges ihr gegeben, hatte ihre ganze Seele befangen. Der Einſame durchdrang die geheimſten Abſichten des Fürſten von Lothringen. Die Großen der Ede und ihr Schickſal waren ihm bekannt. Wer iſt nün dieß höhere Weſen, das aus der Tiefe ſeiner Einſam⸗ keit bis in die noch unbeſtimmten Gedanken der Höfe dringt? Wer iſt dieſes geheimnißvolle Geſtirn des Ge⸗ birges, deſſen ſchützende Strahlen mit Liebe auf ſie herabzuſteigen, und ſie im tiefſten Thale zu ſuchen ** — 76— ſcheinen? Vielleicht iſt es nur ein ſchützender Genius: die Stimmen der Dankbarkeit ſchallen allein in ſeinem Ohre wieder, und ſolche Concerte ſind nicht die der Geiſter des Abgrunds. Stolz darauf, von einem Manne geliebt zu werden, der ihr höher als alle Männer ſchien, empfand die Waiſe nichts für dieſen Ecbert, deſſen Glanz ſie einen Augenblick geblendet hatte, gleich dem flüchtigen Intereſſe, welches dem Reiſenden die merk⸗ würdige Lage einer Landſchaft einflößt, welche er im Vorübergehen und in der Eile bewundert, und welche er nicht wieder zu ſehen glaubt. Herſtall war jeden Augenblick darauf gefaßt, das Leben zu verlaſſen. Das Kloſter, die Ländereyen, welche von demſelben abhingen, alles was er beſaß, ſollte Elodiens Erbe ſeyn. Aber allein in dem Priorate, ohne Hülfe, ohne Führer: was ſollte aus der jungen Waiſe werden? Eine entfernte Verwandte Herſtall's, welche lange am Hofe von Lothringen gelebt hatte, beſaß in der Schweiz mehrere Schlöſſer. Zu ihr nahm der Greis ſeine Zuflucht. Ein wohlthätiges Werk der Gräfinn Imberg vorſchlagen, hieß den Wunſch ih⸗ res Herzens erfüllen. Es war gewiß, daß trotz ihres Alters und ihrer Schwäche nicht anſtehen wutde zu kommen, und die Unſchuld in Schutz zu nehmen; Herſtall wandte ſich an ſie mit den leb⸗ hafteſten Bitten zu Gunſten ſeiner Nichte; er flehte, ſie möchte die Waiſe würdigen, nach ſeinem Tode, die Stelle einer M bey ihr zu vertreten. — 77— zeit. Der Einſame ſtieg nicht mehr vom Gebirge her⸗ ab, er ſchien das Thal vergeſſen zu haben. Die Jung⸗ frau wurde mit jedem Tage trauriger und nachdenken⸗ der. Kein Ereigniß ſtörte die Einförmigkeit ihres Le⸗ bens; dieſe Stille beunruhigte, dieſe Kegungsloſigkeit bewegte ſie. Das Lächeln verſchönerte nicht mehr ihre Roſenlippen; ihr Gang war langſamer geworden; ſie begab ſich öfter nach der Capelle, um zu bethen; das Erwachen Aurora's ſah ſie nicht mehr begeiſtert und froh; die Saiten ihrer Laute waren abgeſpannt; ihre Blumen verſchmachteten, von ihr vergeſſen: woher kamen alle dieſe Veränderungen? aus einem einzigen Gedanken. Sonſt ſchien ihr alles im Thale lächelnd und be⸗ lebt: heute erſchien ihr Underlach düſter und wüſt. Seufzend betrachtete die Waiſe aus der Abtey von dem ihr theuren Gartenhauſe den Schnee, womit die Alpen, ungeachtet der brennenden Hitze der Sonne, weiß bedeckt bleiben: Warum iſt doch ihr Herz nicht eben ſo kalt, als dieſe ewigen Maſſen, welche der glühenden Hitze des Sommers trotzen? O, wie viele Stürme haben dieſe Höhen durchzogen, ohne etwas an ihrer Geſtalt zu verändern! Junge Blume Helve⸗ tien's, kaum iſt ein Wehen des Sturmes leicht an dir vorübergezogen, und ſchon biſt du nicht mehr dieſelbe. Ein leichter Regen umhüllte die Gipfel von Un⸗ derlach, und gab ihnen in dieſem Augenblicke phanta⸗ ſtiſche Formen; weißliche Wolken, die tauſend ſonder⸗ bare Geſtalten annahmen, liefen, gleich undeutlichen Li htgemählden, über die Mitte öder Felſen dahin. Die Strahlen der Sonne, welche ſchnell dieſe nebligen Dünſte verzehrten, erhellten in Zwiſchenrdumen den Ge⸗ ſichtskreis; und dann zeigte der ſich zerreißende Schleyer der Gebirge, wie durch Zauber geſchaffen, in mehre⸗ ren weiten Offnungen luftige Säulenhallen, Tannen⸗ gebüſche und Felſentempel, die über das Thal und über das Gewölk emporragten. Aber dieſe magiſchen Gemählde, dieſe phantaſti⸗ ſchen Zauberbilder der Natur wurden von Elodien kaum bemerkt. Abenddunkel fing an, ſich über den Wald zu verbreiten:»Wieder ein Tag vergangen! rief das junge Mädchen aus, und entfernte ſich aus dem Gartenhauſe. Indem ſie noch den Schnee betrachtete, welcher den Gipfel der nächſten Felsſpitze bedeckte, ſprach ſie: »Wie viele Tage und Jahre hat er ſo entfliehen ſehen, dieſer weiße Schleyer, welcher das Gebirge umkränzt! die Jahrhunderte achten ihn mehr, als das menſchliche Geſchlecht. Er hat die alten Patriarchen überlebt, hun⸗ dertjährige Eichen, kriegeriſche Monumente. Er wird noch da ſeyn. lange, lange nachher, wenn ſchon das Dörfchen Underlach die Waiſe aus der Abtey ver⸗ geſſen, und aufgehört hat, den Nahmen des Einſamen zu ſegnen.« Da durchbrach ein heftiger Stoß die Thüre des Parks, welche nach der Feldſeite hin ging, und plötz⸗ lich ſtand ein Krieger, gerüſtet vom Kopfe bis zum Fuße vor den Blicken der Jungfrau. Wie die Nymphe Hesperien's beym Anblicke von Priamus Sohne, ſo * wollte das junge Mädchen fliehen; der Unbekannte hielt ſie zurück, er hob ſein Viſier:„Ich bin es,« ſagte er mit wildem Tone, Elodie erkannte Ecbert:»Was wollt ihr von mir!« rief ſie aus.—»Folget mir.« Bey dieſen Worten ergriff der Graf von Norin⸗ dall die zitternde Hand der Waiſe; aber ſeine Hand zitterte noch mehr, und die rauhe Heftigkeit ſeiner Bewegungen zeigte von dem Aufruhre ſeines Geiſtes: »Laßt mich,« ſagte die Nichte Herſtall's, vum des Him⸗ mels Willen habt Mitleid mit mir—»Du haſt kein Mitleid mit Ecbert gehabt.« Er ſprach's, und zog ſie fort trotz ihres Sträubens und ſchmerzhaften Stöhnens: ein Wagen, von meh⸗ reren Kriegern bewacht, erwartete das Opfer, welches er fortriß. Nahe an der Thüre des Parks fiel Elodie auf die Knie.»Ecbert, edler Ecbert, haltet ein! Nein, Ihr ſeyd nicht eines Verbrechens fähig: kommt zu euch ſelbſt, hochherziger Ritter; zum erſten Mahl ſolltet ihr taub ſeyn für die jammernde Stimme der Unſchuld?« So hingeſunken, die Augen mit Thranen über⸗ goſſen, wie ſchön war ſie in ihrem Schmerze! wie ſtark in ihrer Schwachheit! Ecbert antwortete nichts, aber er beobachtete ſie.. einen Augenblick hielt er an ſeine große Seele war erſchüttert; dieß war ſeine erſte ſchuldvolle That: er ſcheuete ſich, ſie zu unternehmen; ihm ſchauderte nun, ſie auszuführen. »Stehe auf, himmliſches Geſchöpf! ſtehe auf,« ſagte der Krieger erweicht; ich vielmehr falle zu dei nen Füßen. Nein, ich bin kein Ungeheuer, ſondern bethe dich an; ich wurde nicht dazu geboren, ein fei⸗ ger Räuber zu ſeyn, aber ich kann nicht leben ohne dich. Die Ehre iſt mir werth, die Tugend iſt mir theuer, aber meine Liebe zu dir trägt den Sieg da⸗ von über Ehre und Tugend. Reine Jungfrau, rette mich vor Verbrechen: noch kann ich dich frey laſſen.. widerrufe deine frühere Weigerung; rufe Ecbert nach der Abtey zurück. Sprich, ich verlange nur Ein Wort Ein einziges Wort der Hoffnung.« So ſprach der Graf von Rorindall und lehnte ſich taumelnd und wie betroffen an die Mauer, um ſein Urtheil zu erwarten. Das Schlagen ſeines Her⸗ zens war das des Wahnſinnes; ſeinen Helm, deſſen Laſt ſein Haupt kaum ertragen konnte, hatte er her⸗ abgeworfen: ſeine Hand drückte ſeine brennende Stirne; ſein Geſicht war bleich und verſtört; er wünſchte und fürchtete eine Antwort. Die Hand Ecbert's hielt nicht mehr Elodien ge⸗ fangen. Der reuige Ecbert ſchien vernichtet. Die Toch⸗ ter Saint⸗Maur's, anſtatt ihm zu antworten, dachte nur daran ihm zu entfliehen. Der Augenblick ſchien ihr paſſend; das Dunkel der Nacht ſchien ihre Flucht zu begünſtigen: in ſchnellem Laufe ſtürzte ſie nach dem benachbarten Gebüſche, und hoffte im dichten Laube zu verſchwinden. Wie aus tiefem Schlafe plötzlich erwacht, ver⸗ folgte der Graf von Norindall die Flüchtige, welche die weiße Farbe ihres Gewandes verrieth. Vergebens berührte kaum die Waiſe, gleich der Gazelle Arme⸗ nien's vor dem Araber der Wüſte, im Fluge mit ihren — 81— leichten Füßen die Erde, ſchon fiel ſie wieder in die Gewalt des Räubers. „Es iſt entſchieden!« rief Ecbert wüthend, indem er ſie mit Gewalt nach der Thüre des Parks zurück⸗ ſchleppte,»du willſt dein Verderben; du willſt das meinige; unſer Schickſal gehe in Erfüllung!. Wie! nicht ein Wort des Mitleids! nicht einen trö⸗ ſtenden Blick! Dann ſetzte er hinzu mit dem Ausdrucke des Schmerzes und der Verzweiflung:»Grauſame, war es denn ein ſo ſchreckliches Loos die Gattinn Ecbert's zu ſeyn!... Weißt du, daß mehr als Eine Schöne geheim nach dem ſeufzte, den du verſchmäheſt!.. Ach! Ecbert hatte noch nicht geliebt.. O wie be⸗ klagt er jetzt diejenigen, deren Wünſche er verworfen hat!„ Elodie, ihr haſſet mich, ich haſſe mich ſelbſt; wohlan, wagt es, mir's zu ſagen; überſchüttet mich mit den Ausdrücken eurer Feindſchaft, eures Unwillens; bald werden wir das Thal durchlaufen ha⸗ ben; der Strom iſt da. zeiget mir den Ab⸗ grund.. ich werde gehorchen. und ihr ſeyd dann frey.« Die wilde Zärtlichkeit ſeiner Töne, ſein leiden⸗ ſchaftvoller Wahnſinn, der innere Kampf ſeiner Liebe, ſeiner Reue und ſeiner Wuth preßten ſchmerzlich das empfindſame Herz Elodiens. Ohne Kraft ihm zu wider⸗ ſtehen, beraubt aller Hülfe, zum Mitleid bewegt und in Verzweiflung ſtieß ſie nicht mehr vergebliches Ge⸗ ſchrey aus; aber ihr klagender Blick hörte nicht auf⸗ — 83— zu dem grauſamen Krieger zu flehen, der den Anblick ihrer Leiden nicht ertragen konnte. Sie folgten dem Wege nach dem Dorfe. Seine Bewohner, zurück gezogen in ihre ländlichen Wohnun⸗ gen, bemerkten nicht die Rauber. In dieſem Augenblicke ging das Nachtgewölk aus dichten Wolken hervor, welche ſeine ſilberne Scheibe verhüllten; Ecbert ent⸗ fernte ſein Roß nicht von dem Wogen Elodiens: ſie waren an die Brücke des Stromes gekommen. Von welcher ſchrecklichen Stimme ertönt da plötz⸗ lich der Wald?. Wer iſt dieſer rieſige Krieger, der am Ende der Brücke dem Räuber den übergang wehrt? Was iſt dieß für ein Wappenſchild, das durch ſeinen weiten Umfang an den Schild von Thetis Sohne erinnert? Was ſind dieß für funkelnde Waffen, welche die Helle des Nachtgeſtirnes widerſtrahlen? Schon haben die Krieger Ecbert's den kühnen Strei⸗ ter angegriffen, der allein ihre Schritte zu hemmen wagt. Alle ihre Schwerter haben ſich auf ein Mahl über ſeinem Haupte erhoben. Die Klingen kreutzen ſich, unzählige Funken ſprühen aus ihnen. In der Ferne hallt das Klirren der Waffen wieder. Vom Geräuſche des Kampfes ertönt das Echo der Gebirge: auf der Seite Etbert's iſt die Mehrzahl und die Tapferkeit; aber am Ende der Brücke herrſcht die Kühnheit und der Tod. Elodie betrachtete erſchreckt den Unbekannten aus dem Walde. Ruhig mitten im Getöſe, das ihn um⸗ ringte, erhob er ſeine ſtolze Stirne unerſchütterlich. Sein leuchtendes Schwert ſcheint der blitzende Stab ——,—— —— — ,ͤ——————— —— des Erzengels an den Thoren von Eden; und auf ſei⸗ nem goldenen Helme weht ein ſchwarzer Buſch, gleich einem Trauerflore auf einem Siegesdenkmahle. Der gigantiſche Kämpfer ſtreckt jeden zu Boden⸗ der ſich ihm nahet; er zerſchmettert jeden, den er er⸗ reicht: ſo zeigte ſich der Retter Rom's, als er allein die Bricke der Tiber vertheidigte. Die Gefährten Ec⸗ bert's rollten in den Strom hinab. Wüthend ſtürzt nun der Graf von Norindall, das Schwert in der Hand, auf den unermüdlichen Sieger. O neues Er⸗ ſtaunen! Bey ſeinem Anblicke weicht der tapfere Fremde einige Schritte zurück, und mit gebiethender Geberde ſcheint er ihm zu ſagen: Halte ein l« Erſtaunt hemmt Ecbert einen Augenblick ſeine Hiebe. Der geheimnißvolle Mann, wie daran gewohnt, über ihn zu gebiethen, ſcheint das Recht zu haben, ihm Befehle zu geben. Indem er den ungeheuren Schild ab⸗ legte, der ſeine bewundernswürdigen Formen verbarg, hob er das Viſier ſeines Helmes. Ein Schimmer des Mondes beleuchtete die glänzende Stirne des Sohnes des Sieges. Sein Blick warf lichte Strahlen; weni⸗ ger ſchön, weniger prangend in Ruhm erſchien auf dem Gipfel des Berges Ida der König der Götter, wenn er Blitze ſchleuderte. Die Jungfrau erkannte den Jäger vom Gebirge: dieſer Retter war der Einſame. Welcher plötzliche Schrecken bemächtigte ſich Ec⸗ vert's! die Züge des Siegers ſchienen ihm bekannt. Woher kam dieſe unbegreifliche Verwirrung des tapfern Grafen von Norindall?. Alle ſeine Sinne waren — verworren. Indem er mit den Augen eine Erſcheinung anſtarrt, welche er vielleicht für eine übernatürliche hielt, weicht auch er zurück, ſein Schild entfällt ihm, er wirft ſein Schwert von ſich, und ſtürzt auf die Knie, und ſeine bittenden Hände flehen zu dem ſtol— zen Feinde. Den Lippen Ecbert's entfuhren einige verwirrte Worte, welche Elodie nicht faſſen konnte. Er ſchien nur ein Wort vom wilden und ſchweigenden Geiſte zu verlangen, der mit einer Geberde ihn zu vernich⸗ ten ſchien; aber vergeblich erwartete er dieß Wort.. Plötzlich erhob er ſich, er wollte dem triumphirenden Krieger nahen, welchen er theils mit Schrecken theils mit Bewunderung betrachtete, aber der Einſame ſtreckte ſeine Hand aus, und dieß Zeichen ſtieß ihn zurück. Gelehnt an einen Felſen, ließ der unüberwind⸗ liche Held das PViſier ſeines Helmes wieder herab. S Wind aus dem Walde bewegte die ſchwarzen Federn, welche über ſeinem Haupte wehten, und ſchien trau⸗ rige Klagen um ihn zu verbreiten, welche das lang⸗ gedehnte Murmeln des Stromes kund machte. Das düſtere Geſtirn verſchwand hinter einer Wolke, und der Paladin in blendenden Waffen ſchien nichts wei— ter als ein ſchwarzes Phantom, bereit irgend ein To⸗ desurtheil zu verkündigen. Kein Wort hatte der Einſame geſprochen, und dennoch hatte Ecbert die erwartete Antwort erhalten. Indem er ſeinen ſiegreichen Stahl erhob, zeigte er mit ſeiner blutenden Spitze dem Grafen von Norin⸗ dall die Spitze des wilden Berges, welchen ein letzter ———— ——— — — — ——— —— nächtlicher Strahl erleuchtete. Ecbert hatte das geheim⸗ nißvolle Zeichen der unwiderſtehlichen Macht verſtan⸗ den.—„Ich eile, Dich dort zu erwarten,« rief er aus, und eiligſt floh er nach dem gefürchteten Felſen. Darauf näherte ſich der Einſame dem Wagen der Waiſe, befahl und der Führer nahm zitternd und unterwürfig wieder den Weg nach dem Kloſter. Auf eines der Roſſe der Krieger, welche er überwunden hatte, ſchwang ſich der unerſchrockene Gebiether, und begleitete das junge Madchen, welches er gerettet hatte. Mit welcher Anmuth lenkte der Held die Zügel ſeines Roſſes! mit welcher kriegeriſchen Lebhaftigkeit ſetzte er über die Schluchten! Wie zähmte er die Hef⸗ tigkeit des ungeſtümen Streitroſſes! Ach! wundervolle Thaten haben gewiß ſein Leben verherrlicht, unzählige Lorbern müſſen ſeine erhabene Stirn geſchmückt haben. Auf dem Felde der Ehre, wie viele Feinde mag da dieſe ſchreckliche Hand überwunden, welch ein Glanz ihn umgeben haben unter dieſen Waffen, die er faſt nie verlaſſen zu haben ſcheint!.. Aber ſchon ertön⸗ ten in den umwölbten Höfen des Kloſters von Under⸗ lach die Pferdehufe und die Räder von Elodiens Ge⸗ ſpann.. Der Einſame war verſchwunden. Funftes Buch. Herſtan preßte die Waiſe in ſeine Arme. unterrich⸗ tet von allen Umſtänden dieſer unſeligen Entführung — 36— ſegnete er den Allmächtigen, der die Unſchuld beſchützte, und den rettenden Krieger, deſſen die göttliche Hand ſich bedient hatte. Aber wie ſollte man dem Einſamen ſeine Dank— barkeit bezeigen? Auf dem wilden Berge hatte er ſich unzugänglich zu machen gewußt: ein Verſuch ihm zu nahen, war in ſeinen Augen eine Unbeſcheidenheit, eine Undankbarkeit und faſt ein Verbrechen. Sein unabwend⸗ barer Zorn drohete dem Verwegenen, der, in der Hoff⸗ nung ihn zu ſprechen, den ſchroffen Felſen emporklet⸗ terte. Nach den Volkserzählungen hatten ſchreckliche Strafen mehrere Kühne getroffen, welche bis zu der Ein⸗ ſiedeley des Berges gekommen waren. Man wußte dieſe Opfer nicht zu nennen, aber man hielt ſich für über— zeugt von ihrer Züchtigung; man wußte nicht, woher dieſe Unglücklichen kamen, aber man behauptete ihr Verſchwinden: mit leiſer Stimme erzählte man ſich ihr ſchreckliches Schickſal, ihr trauriges Ende, und unbe— ſtimmte Schrecken begleiteten die unbegreiflichen Er— zählungen. Kein Bewohner von Underlach würde es von nun an gewagt haben, dem Zorne des Wunder⸗ mannes ſich auszuſetzen. Ein Bannfluch des Einſamen war ein vom Blitze abgelöſter Funke; man glaubte feſt, daß er, wenn er auf den Schuldigen falle, zu ſeinen Füßen einen bodenloſen Abgrund öffnen würde, an deſſen Rande die Vergebung ohne Stimme, die Hoff⸗ nung ohne Schimmer ſey. Wie umſchloſſen von geheimnißvollem Rebel, von einem Zauberkreiſe, iſt der Unbekannte von ſeinen Mit⸗ menſchen getrennt, und ſcheint auf dem Gipfel ſeines —,— —————— — — 87— öden Felſens eine höhere Region zu bewohnen, deren Luft zu athmen, kein anderer als er nur das Recht hat. Wo nun iſt ſeine Wohnung errichtet? Wie iſt ſeine Einſiedlerhütte gebaut?... Das erſchreckte Volk wagte über dieſen Gegenſtand ſelbſt nicht in der Stille ſeiner niedern Wohnungen ſich Antwort zu 3e es enthielt ſich ſelbſt aller Muthmaßungen. Anſelm war bey Herſtall.— Elodie, der Ermü⸗ dung erliegend, hatte ſich dem Schlafe überlaſſen. Her⸗ ſtall fragte ſeinen Freund um Rath. Er fürchtete irgend eine neue Feindſeligkeit vom Grafen von Norindall. Sein Wunſch wäre es, ſich augenblicklich aus dem Thale zu entfernen. Vielleicht, meinte er ferner, wäre es klug, das Leben der Waiſe an irgend einem unbekannten ſtil⸗ len Aufenthalte zu verbergen, bis das Andenken an ſie aus dem Herzen Ecbert's ſich vertilgt haben würde. Anſelm aber beſtritt dieſes Vorhaben.—„Uber⸗ eilet euch nicht in der Annahme eines Entſchluſſes, ſagte der verehrungswürdige Geiſtliche:»Ecbert, ſagt ihr, hat ſich auf den gefürchteten wilden Berg bege⸗ ben? Was wird aus ihm ſelbſt werden K..»Warten wir es ab.«—»Was! ihr denkt, daß er wieder erſchei⸗ nen könnte*«— Man kann nichts denken, nichts er⸗ rathen, nichts erforſchen; ſobald der Einſame die Macht hat, in die Nacht künftiger Ereigniſſe i Warten wir es ab.« Während des folgenden Tages konnte ſich die Toch⸗ ter Saint⸗Maur's, welche die ſchrecklichen Scenen des vorigen Abends darniedergedrückt hatten, nicht von ihrem brennenden Lager p SWn ſtörten ihren Schlaf. Ihre Augen ſahen nichts als Schreckgeſtalten und Kampf. Herſtall wachte bey ihr voll Unruhe, und vergaß ſeine eigenen Leiden. Die Ju⸗ gend Elodiens hatte bald über ein vorübergehendes übel geſiegt. Sie ſtieg aus ihrer Zelle herab. Die reine Luft der Thäler hatte bald ihre Sinne erfriſcht; und Ruhe war in ihre Seele zurückgekehrt. Ein Schreiben vom Grafen von Norindall wurde an die Jungfrau abgegeben. Sie übergab es ihrem Pflegevater. Herſtall las ihr den Inhalt: Ecbert bat Elodien um Vergebung. Das Gerücht von dem gefaß⸗ ten Entſchluſſe Herſtall's, die Abtey zu verlaſſen, war bis an ſein Ohr gedrungen. Er bat die Waiſe, nicht mehr ſeine Gewaltthätigkeiten zu fürchten, und an ſeine Reue zu glauben. Er bat um eine Unterredung mit ihr. Sie möchte, flehte er, darein willigen, ſein letztes Lebewohl zu empfangen, noch ein Mahl ihn zu hören... ſodann wolle er für immer Helvetien verlaſſen. Vorwürfe des Gewiſſens, Schmerz und Verzweif⸗ lung hatten das rührende Schreiben des Grafen dictirt. Herſtall konnte in die Gefühle, welche er enthielt, kei⸗ nen Zweifel ſetzen; jeder ſeiner Ausdrücke trug das Siegel der Wahrheit. Ecbert ſchien zu dem ſchmerzhaf⸗ teſten Opfer entſchieden. Seine reuige Seele hatte ent⸗ ſagt. Konnte ſeine letzte Bitte an die Waiſe abgeſchla⸗ gen werden? Herſtall nahm es auf ſich, ihm zu ant⸗ worten. Elodie ſollte am folgenden Tage das Lebewohl des Grafen von Norindall empfangen. Die Stunde der Unterredung nahte. Die Tochter Saint⸗Maur's, lebhaft bewegt, erwartete den Freund — René's in dem Saale der Abtey. Dieſer Augenblick war peinlich für Elodien, und ach! er war es noch weit mehr für Ecbert. Die Thüre öffnete ſich, der Graf erſchien. War dieß der junge glänzende Ritter, ſo wie er zum erſten Mahl ſich ihrem Blicke gezeigt hatte, umringt von den Edlen Lothringen's? Welche Veränderung in wenigen Tagen! ſeine ſchönen ſchwarzen Augen hatten ihren lebhaften Glanz verloren⸗ Sein matter Blick drückte nur einen finſtern Schmerz aus. Die Niedergeſchlagen⸗ heit lag auf ſeinen entfärbten Zügen, und die Sichel ſchien vor der Zeit ihre Kraft an ſeiner Jugend erprobt zu haben. Daran gewöhnt, die heftigen Eindrücke ſeiner Seele zu verbergen, ſchien der Freund René's ſtill und ruhig; aber ach! der bis in ſeine Quelle getrübte Strom, deſſen Gewäſſer der Sturm empört hat, und der, wenn der Himmel ſich erheitert, ſeinen gewohnten Lauf wie⸗ der annimmt, kann wohl friedliche, aber nicht mehr reine Wellen dahin rollen. »Edle Tochter St.⸗Maur's,« ſagte Ecbert,»dem Schuldigen einen Augenblick der Unterredung zugeſtehen, iſt ſo viel, als ihm die Hoffnung der Verzeihung ge⸗ ben Eine unglückliche Leidenſchaft hat mich irre geführt; aber die Reue leitet mich zu euren Füßen. Der ungeſtüme Charakter des Grafen von Norindall hört auf, euch zu beunruhigen: Ecbert iſt nicht mehr zu fürchten... In dieſem Augenblicke entſagt er auf. immer Elodien, der Liebe, ehelicher Verbindung, dem . Glücke; warum kann er nicht noch hinzufügen. dem Leben le »Ritter,« antwortete die Waiſe, vich kann nicht an der Aufrichtigkeit eurer Worte zweifeln; ſprecht nicht mehr von Verirrung und Reue; euer Unrecht iſt verbeſſert, und ich habe alles vergeſſen.« »Ihr verzeihet mir,« erwiederte Eebert,»dieß iſt genug: ich habe nun nichts mehr auf der Erde zu er⸗ warten. Das Leben biethet mir jetzt nur noch eine un⸗ geheuere Leere, und in ihrem Hintergrunde iſt ewige Nacht. Elodie, möchtet ihr glücklich ſeyn können; mein Opfer iſt vollbracht; meine Seele hat entſagt; ich habe dießſeits nichts mehr zu hoſſen, als das Grab.« Der Graf von Norindall erhob ſich; eine Thräne der Rührung floß aus den Augen Elodiens. Ecbert entfernte ſich. »Ecbert,« ſprach das junge Mädchen; und dieß mit zarter Stimme ausgeſprochene Wort hielt den Krie— ger feſt; eiligſt kehrte er zurück.—»Schonet meiner ls rief er aus, veure rührende Stimme dringe nicht mehr an mein Ohr, oder ich falle zu euren Füßen! der ſanfte Blick begegne nicht dem meinigen, oder keine menſchliche Gewalt wird mich von dieſem Orte reißen können, und ich werde alle meine dem Einſamen ge⸗ leiſteten Schwüre vergeſſen la »Alle eure dem Einſamen geleiſteten Schwüre 26 wiederholte die erſtaunte Jungfrau. „Ja, alle meine Schwüre,« erwiederte Ecbert mit Hitze.»Würdet ihr es glauben, ich habe ihm geſchwo⸗ ren, euch zu fliehen ich habe ihm geſchworen, 4 3 . — t ——————— — 91— eure Ruhe nicht zu trüben... Er hat es gefordert, der Unmenſch! und doch hat er meine Thranen fließen ſehen die erſten, welche ich vergoſſen habe.« Der Freund René's durchmaß den Saal mit gro⸗ ßen Schritten, ſeine Stimme war gedämpft; verge⸗ bens hatte er den Tönen des Schmerzes den Weg ver⸗ ſchließen wollen. Von dem großen Söller der Abtey, von dem aus man das Thal überſchauet, ſuchten ſeine Blicke den wilden Berg.—»Unglücklicher Mann, du haltſt dich alſo in dieſem Augenblicke für mehr bekla⸗ genswerth als mich l« Jedes Wort des Grafen von Norindall ſteigerte die Verwirrung der Waiſe.—»Echert,« ſagte ſie, vverdanke ich denn dem Einſamen eure edle Reue, eure edelmüthigen Entſchlüſſe?«..—»HO, fraget mich nicht kK unterbrach ſie der Krieger mit einer An von Wuth.»Ich kann ſeine Geheimniſſe nicht verrathen. Ihr fürchtet ſie kennen zu lernen.« Nach einigen Augenblicken fuhr er beruhigter fort, indem er ſich ihr näherte:»Elodie, ich hätte das Glück 6 eures Lebens machen können; ich fühlte mich würdig euer Gemahl zu ſeyn; der Himmel hatte es nicht ge⸗ wollt. Ich war ohne Zweifel nicht für ein ſo beglücktes Loos geboren... Empfanget mein letztes Lebewohl. Wenn jemahls meine Hülfe derjenigen nützlich ſeyn kann, über welche der Einſame wacht; ſo verfüget, ſo lange dieß Herz ſchlagen wird, über den unglücklichen Grafen von Norindall. Welche Hoheit tritt in dieſe leidenſchaftliche Seele, welche euch anbethet, und euch entſagt: aber ihr könnt dieſe Seele b vo — 92— ſchauen. Durch Gewalt hätte Ecbert euren Beſitz er⸗ langen können: als Gemahl Elodiens würde er durch ſeine Tugenden, durch ſeine Ergebenheit und durch ſeine Zärtlichkeit Verzeihung für eine vorübergehende Verirrung erworben haben. Die glückliche Elodie hätte der Liebe die Gewaltthätigkeiten der Liebe verziehen; Ecbert hätte ſeine Gefährtinn für ſein theuerſtes, höch⸗ ſtes Gut auf der Erde gehalten; er hätte ſie umringt mit aller Pracht des Ruhmes und des Ueberfluſſes, mit allen Herrlichkeiten des Lebens; er hätte ſchon hienie⸗ den im voraus himmliſche Seligkeit genoſſen. Auf die⸗ ſem Wege der Hoffnung, der Liebe, der Trunkenheit und des Glückes iſt nun Ecbert ſtehen geblieben... Freywillig hat er ſein Auge von dieſer bezaubernden Ausſicht gewendet; er hat die Finſterniß, ein Richts, die Verzweiflung vorgezogen. Sanfte Taube, indem ich mich von euch losreiße, wage ich nicht ein Anden⸗ ken zu hoffen, und dennoch hat vielleicht Niemand mehr als ich euer Mitleid verdient.« Als der Graf von Norindall dieſe Worte geſpro⸗ chen hatte, verließ er ſchnell die Waiſe. Allein nun zurück geblieben, ſtieß Elodie einen tiefen Seufzer aus. Die große Seele Ecbert's hatte ſich in dieſer kur⸗ zen Zeit entfaltet. Sollte ſich Elodie enthalten können, einen ſo edlen Krieger zu beklagen, der mit zärtlicher Selbſtverläugnung ſich opfert, um ihre Ruhe und ihr Glück zu ſichern! Ein ſchreckliches Geheimniß blieb in ſeinem Buſen begraben; aber die Waiſe iſt überzeugt, daß, je mehr der geheimnißvolle Schleyer ſich heben ———— ———— werde, deſto erhabener werde auch die Aufopferung Ecbert's erſcheinen. Herſtall ließ ſich von Elodien mehrmahls die letzte Unterredung mit René's Freund wiederholen: ſein Erſtaunen ſtieg mit jedem Tage. Der Einſame hatte alſo von Eebert das Opfer ſeiner Liebe verlangt! Wie aber konnte der unberühmte Eremit des Gebirges dem mächtigen Grafen von Norindall ſeinen Willen zum Geſetze machen? Und mit welchem Rechte machte er ſich zum Richter über ſein Schickſal? Der Greis konnte das Bedauern nicht verhehlen, welches er darüber fühlte, daß er ſeine Nichte nicht hatte bewegen können, Ecbert zum Altare zu folgen. Wie edel und großmüthig erſchien ihm die Seele dieſes Kriegers! Wird Elodie jemahls einen berühmteren Ge⸗ mahl, ein zärtlicheres Herz, einen edelmüthigeren Hel⸗ den finden! Herſtall hatte vor Zeiten die Liebe gekannt; er hatte die Menſchen erforſcht; er konnte ſich die Gleich⸗ gültigkeit Elodiens gegen Ecbert nicht erklären, als durch den einzigen Gedanken: ein Anderer hat ihr Herz entzückt. Der junge, glänzende, unerſchrockene Graf von Rorindall vereinigte alles in ſich, was der Schön⸗ heit gefallen kann; alles, was die Jugend reitzt; alles, was das Herz der Frauen gefangen nimmt; und den⸗ noch konnte nichts, weder der Glanz ſeines Ranges, noch ſeine männlichen und ſtolzen Züge, ſein Ruhm, ſeine Schätze, ſein Nahme, ſeine Tugenden: nichts konnte die Waiſe zu ſeinem Vortheile rühren. Erzogen in der Einſamkeit, gewohnt nur wilde Hirten zu ſehen⸗ konnte Elodie den Glanz, der René's Freund umgab, den erſten von den Großen der Erde, der ihrem Blicke ſich zeigte, betrachten, ohne geblendet zu werden! Der ſchöne Graf von Norindall bethet ſie an: er mahlt ihr ſeine Gefühle mit dem Feuer der Jugend und der Lie⸗ be; er legt zu ihren Füßen ſein Glück, ſeine Würden; er erhebt ſie zu den höchſten Ehrenſtellen, oder opfert ihr dieſe; und die arme Waiſe eines entfernten Thales weiſet die glänzendſten Anerbiethungen zurück, ver⸗ ſchmäht den anmuthigſten Krieger, und ſcheint unem⸗ pfindlich gegen die leidenſchaftlichſte Liebe!— Ja,« wiederholte ſich Herſtall, vein Anderer hat ihr Herz gerührt.« Als werther Vertrauter des Freyherrn, wohnte Anſelm nahe beym Kloſter: er widmete ſeinem Freunde alle Stunden der Muße, welche ſeine Pflichten ihm übrig ließen. Aus lebhaftem Antheile an dem Geſchicke Elodiens tadelte Anſelm das Betragen Herſtall's. Ge⸗ bietheriſch in ſeinem Wollen, ſo bald er es für weiſe hielt, ſah der Pfarrherr von Underlach, in gewiſſen Umſtänden, in der Sanftmuth nur eine Schwäche und in der Güte nur einen Fehler. »War es euch geziemend,« ſagte Anſelm,»dem Eigenſinne eines Kindes nachzugeben? In dieſer Welt ſoll ein Vater, als das Bild des Ewigen, welcher ge⸗ biethet und nicht um Rath fragt, in dieſer Welt ſoll ein Vater(und der ſeyd ihr für Elodien) allein das Schickſal ſeines Kindes lenken. Als höherer Richter, überlege er lange ſeine Entſcheidungen! aber wenn er der Gerechtigkeit derſelben gewiß iſt, ſo ſpreche er ſie —— aus! ſeine Pflicht ſchreibt es ihm vor. Der Graf von Norindall hätte das Glück des Mädchens gemacht; ihr waret davon überzeugt, ihr hättet ſogleich die Hoch⸗ zeitsfackel entzünden ſollen.« WVielleicht wird noch ein Tag kommen, an dem Elodie, aber leider zu ſpät, ihre Weigerung bereuen wird; an dem ſie das Recht haben wird, euch zu ſagen: „Ihr waret mein Vater, warum habt ihr nicht die Vermahlung befohlen, welche mein Glück gemacht hätte? Ich war jung, ohne Uberlegung, ohne Erfah⸗ rung, warum habt ihr mir Gehör gegeben. Be⸗ fraget die Sonne, bey der Rückkehr des Frühlings, die Pflanzen des Thales, um über ſie ihre Strahlen, ihr Feuer und Leben auszugießen*4 Herſtall, überhäuft mit den Vorwürfen Anſelm's, überließ ſich ſpäter Reue. Jedoch der letzte Wille ſeiner Schweſter diente ſeiner Handlungsweiſe zur Entſchul⸗ digung: er vertraute dem verehrten Pfarrer ſeine Un⸗ ruhe in Beziehung auf die verborgenen Gefühle ſeiner Tochter; er verbarg ihm keine ſeiner Beſorgniſſe; er theilte ihm alle ſeine Gedanken mit. »Wer aber,« rief Anſelm aus,»hat in dieſen ab⸗ gelegenen Thälern das Herz Elodiens für ſich einneh⸗ men können?«—»Wer?« antwortete Herſtall:»der, den die ganze Gegend bewundert und fürchtet; der, deſ⸗ ſen Leben eine ungelöſte Aufgabe, deſſen Macht ein Wunder iſt; der, deſſen Nahme auf allen Lippen, deſ⸗ ſen Wohlthaten in jedem Gedächtniſſe teben; jener Mann der Geheimniſſe und des Zaubers.„— Was höre ich! wäre es möglich! Der Einſame vom wilden Ber⸗ — 96— ge7«— vEr ſelbſt.—»Sie haben ſich geſehen 20— »Mehrmahls.«—»Sie haben ſich geſprochen 1. »In der Gallerie des Kloſters.—»Und wie ſollte er ſie lieben können?6...»Höret mich!— Die Toch⸗ ter Saint⸗Maur's iſt in dem Alter der Träume und der Begeiſterung. Der Einſame iſt, wie man ſagt, noch jung und der ſchönſte unter den Sterblichen. Schon früher, als ſie ihn kannte, war ſie nur mit ihm beſchäf⸗ tigt; die wundervollen Erzählungen hatten ihre Phan⸗ taſie entflammt. Indem Elodie unaufhörlich die ſelte⸗ nen Thaten, die heroiſchen Handlungen, die glänzen⸗ den Wohlthaten, die erhabenen Züge erzählen hörte, hatte ſie ſich ihn, ſelbſt bevor ſie ihn ſah, als einen 2 ſchützenden Gott vorgeſtellt, der zu den Menſchen her⸗ abgekommen ſey. Umgeben von räthſelhaften Begeben⸗ heiten, Geheimniſſen und Wundern war ihr plötzlich dieſer Geiſt des Gebirges erſchienen. Die Schön⸗ heit ſeiner Perſon war ein neuer Zauber; ein faſt himm⸗ liſches Weſen warf auf ſie einen Blick voll Liebe.. Wie ſollte ſie ſo vielem Zauber widerſtehen!« »Der Unbekannte vom wilden Berge iſt alſo von den Reitzen der Waiſe gefeſſelt?“—»Könnte ich dar⸗ an zweifeln! Unſichtbar bindet er ſich an ihre Schritte, und beſchäftigt ſich beſtändig mit ihrz er ſcheint einge⸗ weiht in alle Geheimniſſe der Erde; unterrichtet von allen vergangenen Begebenheiten; er enthüllt ihr ſelbſt künftige Handlungen. Die Großen des Hofes von Nanch ſind ihm bekannt. Durch ihn hatte Elodie die beabſich⸗ tigte Vermählung Ecbert's mit der Prinzeſſinn von Lothringen erfahren, und er war es, deſſen heldenmü⸗ 2— —— thige Tapferkeit die Waiſe den Händen ihrer Entfüh⸗ rer entriß.« »Der Einſame iſt ohne Zweifel ein ſchrecklicher Krieger. Allein hat er auf der Brücke des Stromes die ganze Truppe des Grafen von Norindall niederge⸗ ſtreckt Hättet Ihr doch Elodien die nähern Um⸗ ſtände dieſes überraſchenden Kampfes erzählen hören! Mit welchem Feuer mahlte ſie dieſen neuen Achilles, deſſen Schild bloß, wenn er ihn über ſeine Feinde er⸗ hob, über ein ganzes Heer triumphirte! Mit welcher Bewunderung ſtellte ſie dieſen Mann des Sieges dar, der unter ſeinen kriegeriſchen Waffen glänzte, wie der Führer der Erzengel unter himmliſchen Panieren!... Leider hat mir ihre Begeiſterung ihre Liebe enthüllt.« »Und was für Hoffnungen hat ſie? Wie können eure Entwurfe beſchaffen ſeyn 2« »Der Einſame iſt kein gewöhnlicher Menſch, alles beweiſet mir dieß. Anſelm, werdet ihr es glauben, er hat den Grafen von Rorindall ſeinen Befehlen unterworfen! Der berühmte Freund des Herzogs von Lothringen iſt dem Unbekannten des wilden Berges zu Füßen gefallen: der Einſame hat von Ecbert das Opfer ſeiner Liebe gefordert; und der leidenſchaftliche Verehrer Elodien's hat ihm geſchworen, dieſe Gegend für immer zu fliehen. Kann ich nun ſowohl an der Macht des Siegers über Ecbert als an ſeiner Liebe zu der Waiſe zweifeln?... Ich will ihn auf dem wilden Berge aufſuchen.«—»Ihr, Herſtall 20—»Warum dieß Erſchrecken? Ich kenne die Volksſagen, welche ein ſchreckliches Ende jedem Kühnen drohen, der es Der Einſame. 1. wagt, ohne ſeinen Befehl den wilden Berg zu erſteigen, und ſich ſeiner Wohnung zu nahern; aber ſoll ich davon abgeſchreckt werden? Wäre es wahr, daß er einige Un⸗ vorſichtige beſtraft hätte, welche bis zu ſeinem Hinter⸗ halte gedrungen wären, um ſeinen Frieden zu ſtören; ſo hat nicht der Pflegevater derjenigen, welche er liebt, ſeine Gewaltthätigkeiten zu fürchten. Nicht Reugierde iſt das Gefühl, welches meine Schritte zu ſeiner ge⸗ heimnißvollen Wohnung leiten ſoll: das Glück Elodiens, vielleicht auch das ſeinige, machen dieſe Unterredung nöthig.« »Was! Ihr hättet die ſeltſame Idee gefaßt, eure Richte mit dem Einſamen zu verbinden 4...— Ich habe mir keinen Plan gebildet; ich kann noch keinen Entſchluß faſſen; aber ich werde den überwinder Ec⸗ berts ſehen.«—»Ihr werdet ihn ſehen! ſaget ihr; weil ihr es verlangt; ich wünſche es.«—„Ihr zwei⸗ felt, daß ich bis zu ihm komme?«—„Ich erwarte von dem Einſamen nur das Ungewöhnliche, das Uberna⸗ türliche, und Unbegreifliche.« »Aber es wird ſich um ſein eignes Schickſal han⸗ deln ſagte Herſtall lebhaft,»endlich muß das Geheim⸗ niß ſich aufklären«...— Das Geheimniß ls unter⸗ brach Anſelm mit prophetiſchem Tone:»Wehe euch, wenn ihr an ſeinen Schleyer rührt!... Herſtall! wer ſich einem Abgrunde nähern will, läuft Gefahr, verſchlungen zu werden. Es gibt keinen Bergbewohner in Underlach, der euch nicht mit mir zuriefe: Er⸗ klimmet nicht den wilden Bergle 3 Een was thut mir der Volkswahn! ich nicht an ſeine Zauberkraft; der Sieger Ecbert's iſt nur ein Menſch: durch edelmüthige Züge hat er große Tu⸗ genden an den Tag gelegt; was habe ich von ihm zu fürchten! Die Wohlthaten, welche er verbreitet hat, ſind zuverläſſige Handlungen; die ſchuldvollen Hand⸗ lungen, welche man ihm zum Vorwurfe macht, ſind nur unbeſtimmte Vermuthungen. Mein Entſchluß iſt unerſchütterlich; morgen werde ich den Einſamen auf— ſuchen..— Morgen,« ſagte Anſelm, indem er auf⸗ ſtand; ves iſt genug: ich will morgen für euch bethen.« Die Tochter St.⸗Maur's wußte, daß Herſtall den Entſchluß gefaßt hatte, ſich nach dem wilden Berge zu begeben, und eine Unterredung mit dem ſonderbaren Manne zu ſuchen, der ſich für beauftragt hielt, über ſie zu wachen. Die Jungfrau war weit davon entfernt, ſich zu ſchmeicheln, daß dieſe Unterredung ein Ergebniß herbeyführen könnte, welches ſie dunkel wünſchte, aber bey dem ſie nicht mit ihren Gedanken zu verweilen wagte; indeß ſchien ihr doch eine geheime Stimme zu ſagen, daß ein wichtiges Ereigniß ſich entwickeln, und daß es ihr Schickſal ändern werde. Je mehr Elodie den Augenblick herannahen ſah, wo der Freyherr von Herſtall ſeine Schritte nach dem gefürchteten Berge lenken wollte, mit deſto glühenderm Feuer ſtiegen ihre Gebethe zum höchſten Richter. Eine gränzenloſe Unruhe irrte über ihre ſonſt ruhigen Züge, ihre haſtigen Bewegungen verriethen den Aufruhr ihrer Seele. Plötzlich ſah man ſie ohne Veranlaſſung zittern. Sie ſprach und antwortete mit übereilung, ohne ſelbſt den Sinn ihrer Worte zu verſtehen. Das Ge räuſch erſchreckte ſie, der kleinſte Gegenſtand ſetzte ſie in Erſtaunen, die unbedeutendſte Frage verwirrte ſie. Zu aufrichtig um etwas zu heucheln, zu natürlich um ſich Zwang anzulegen, ſchien ſie halb verwirrt. Herſtall beobachtete, verſtand ſie, und beſchleunigt den Augen⸗ lick ſeiner Abreiſe. Das Geſtirn des Tages war in der Hälfte ſeines Laufes, der Greis hatte die Abtey verlaſſen; ſchon war er ohne Zweifel zur ſtillen Wohnung des Einſamen ge⸗ kommen. Die Stunden ſchwanden. Elodie ſetzte ſich auf den großen Balcon des Kloſters, und hielt beſtändig ihre Blicke auf die Straße vom wilden Berge geheftet, nur einen Augenblick manchmahl dieſelben abwendend, um ſie zum Himmel zu erheben. Die Liebe in dem Herzen der Unſchuld iſt ein Gefühl der Andacht. Der empfind⸗ ſamen Seele iſt es ſo ſehr ein Bedürfniß zu bethen, als es ihr Bedürfniß iſt zu lieben. Die Föniginn der Geſtirne berührte den Horizont, und ihre goldene Scheibe, halb umſchleyert, beleuchtete nur noch den Gipfel der Berge. Herſtall ſollte nun nach dem Priorate zurück ſeyn; woher dieſes lange Zögern? Was könnte ihm widerfahren ſeyn? Tief in dem Her⸗ en der Waiſe folgte Schrecken der Ungeduld: bald werden die Schatten des Abends das Dörfchen bedecken und in weiter Ferne, weder auf dem Fußſteige vom Walde, noch auf irgend einer Straße nach dem Thale zeigt ſich Herſtall ihrem Blicke. Die letzten Strahlen der ſinkenden Sonne haben einen röthlichen Streif über den Gipfel des wilden Berges gezogen... Plätzlich — 101— durchzückt ein Schauer die Jungfrau, ſie glaubt zwi⸗ ſchen ſich und dem Gebirge einen blutigen Stab wan⸗ deln zu ſehen. unwillkührlich ſtößt ſie einen Schrey aus. Mutter Urſula lief herbey: die Waiſe hatte eiligſt den Balcon verlaſſen; die Verwirrung ihres Geiſtes hatte den höchſten Grad erreicht.—„Folget mir l6 ſprach das junge Maädchen außer ſich ſelbſt.—»An welchen Ort?«—„Auf den wilden Berg.«— Auf den wilden Berg!« wiederholte Urſula erſchrekt. „Ich befehle es euch⸗« Zum erſten Mahle ſprach Elodie dieß Wort aus: ihre Stimme war feſt, ihr Blick ſtreng, und Mutter Urſula, beſtürzt vor Erſtaunen, folgte ſchweigend ihren Schritten. Von Mittaß her häufte ſich dichtes Gewölk: die Sonne war gänzlich verſchwunden; kein Lüftchen be⸗ wegte die Bäume des Thales; die Natur ſchien friedlich, aber dieſe Stille ging dem Sturme vorher. Die bren⸗ nende Schwüle der Luft, der aufgeſchreckte Flug der Vögel, ein fernes Brauſen, drohende Blitze, ein ſchwar⸗ zer Vorhang, der ſich über den Azur des Himmels zog, Alles verkündete einen Gewitterſturm, Elodie hatte nichts bemerkt. Sie war über den Wieſengrund hingeeilt: nichts hatte die Schnelligkeit ihres Laufes ſchwächen können. Jenſeits des Stromes, am Eingange in den Wald, nahe am Fuße des wilden Berges, blieb ſie einen Augenblick ſtehen, um wieder Kräfte zu ſammeln. „Um des Himmels willen! was wollt ihr thun?« — . 1 1 4 1 1 1 3 it 1 9 4 — 102— rief Mutter Urſula aus, von Mattigkeit überwältigt, und vor Schrecken ſtarr.— Herſtall,« antwortete die Waiſe ganz in Thränen aufgelöſt,»mein Beſchützer, mein Vater, Herſtall iſt ſeit dieſem Morgen in der Woh⸗ nung des Einſamen.« »Er, großer Gott lK unterbrach Urſula;»der Un⸗ glückliche! er iſt verloren.—»Ich eile, ihn aufzu⸗ ſuchen, verſetzte die zitternde Elodie.«—»Zu euren Füßen flehe ich,« rief die beſtürzte Urſula aus,»habt Mitleid mit mir! habt Mitleid mit euch! gehet nicht weiter: dort herrſcht der Tod.«—»Wie kann mich der Tod ſchrecken! Herſtall, von der Laſt der Jahre gebeugt, konnte erſchöpft von Müdigkeit mitten unter Felſen und im Walde niederſinken. Vielleicht hat er in tieſem Augenblicke Hülfe nöthig, vielleicht ruft er mich.. Nein, keine menſchliche Gewalt ſollte mich zurückhalten.«—»Ihr werdet beyde umkommen.«— Sb werde ich meine Pflicht erfüllt haben.« Indem die Jungfrau dieſe Worte ausſprach, drang ſie in den Wald: Mutter Urſula ſprang herbey, er— griff ihr weißes Kleid, und gleich einer Sterbenden warf ſie ſich zu ihren Füßen.—»Kehret nach dem Floſter zurück,« ſprach das junge Mädchen erweicht, vich erlaube es euch. Ich werde allein gehen.. aber laßt mich!—„Ich euch verlaſſen! nie Hört ihr den Sturm brauſen?... Der Himmel ſelbſt widerſetzt ſich eurem Vorhaben, was wollt ihr un⸗ ternehmen! Gerechter Gott! Rächender Gott! zer⸗ ſchmettere den hölliſchen Berg!«—„Kehre zurück!« — — 103— rief Elodie mit dem Tone des Zornes und der Verzweif⸗ lung: vverlaß mich Ein wüthender Orcan erhob ſich: das lange Rol⸗ len des Donners erſchütterte den Wald; zwiſchen ſchwar⸗ zen Tannen brüllten die entfeſſelten Winde. Der Sturm ergoß ſich über die Höhen um das Thal... Mutter Urſula lag faſt leblos zu den Füßen Elodiens.— „Himmliſcher Retter der Unſchuld,« rief die Waiſe aus, vunterſtütze mich.« Der Schleyer, welcher ihr Haupt bedeckte, war vom Sturmwinde fortgeriſſen worden: die aufgelöſten Locken ihrer langen Haare wehten verſtört um ihre Stirne und Schultern. Der Regen floß in Strömen, dichte Nacht bedeckte den Wald, den von Zeit zu Zeit die röthlichen Feuer des Gewitters erhellten. Elodie erhob Mutter Urſula, und zog ſie mit Anſtrengung zu einer nahen Eiche, indem ſie ihre ſtarren Glieder unterſtützte; auch da noch aufrecht an den ſchützenden Baum gelehnt erſchien die ſanfte Jungfrau, bleich und voll Ergebung in ihr Schickſal, geſchlagen vom Sturme, bey dem drohenden Leuchten der Blitze, un⸗ veweglich und ſchweigend mitten in den Finſterniſſen der Unterwelt, auch da noch erſchien ſie als eine weiße Erſcheinung aus dem Elyſium- Indeß verging das ungeſtüme Wetter, ein Licht⸗ ſtrahl glänzte gegen Abend hin; der Donner rollte nicht mehr über dem Gebirge. Die laute Stimme des Orcans brüllte nur noch in der Ferne: gegen Morgen hin am Horizonte thürmten ſich die Wolken; das Blau heiterer Tage war wieder erſchienen. Die niedergedrückte — — 104— Pflanze erhob wieder ihren feuchten Stengel, der be⸗ ruhigte Vogel fand wieder ſeinen lieblichen Geſang; die Natur, gleich einer jungen aufgeſchreckten Nymphe, welche ſchwarze Satyrn verfolgten, ſchien eine Pauſe zu machen und neu Athem zu ſchöpfen, nachdem ſie ſchrecklichen Gefahren entronnen war. Ach vergebens erheiterte ſich der Himmel, der Sturm lag noch tief in Elodiens Herzen. Ihre Glie⸗ der waren erſtarrt, ihr Kopf brennend, und das Feuer ihres Blickes war das des Wahnſinns. Die Wege wa⸗ ren überſchwemmt: unweit rollte der Strom mit Ge— räuſch ſeine neuen ſandigen Wellen. Meue Schluch⸗ ten, die durch das Gewitter ausgehöhlt worden waren, ſtürzten ſich jäh von den Höhen, und durchſchnitten die Pfade des Waldes; umgeſtürzte Bäume verſchloſſen die Wege. Aber für die Waiſe gab es keine Hinder⸗ niſſe, keine Schrecken mehr: ſie war nicht mehr die zitternde Taube des Kloſters; unter ihren zarten und ſchüchternen Formen verbarg Elodie eine ſtarke Seele, welche nur eine große Begebenheit erwartete, um ihre Kraft zu entwickeln. Mutter Urſula hatte den Gebrauch ihrer Sinne wieder erhalten; ihr flehender Blick befragte ihre junge Herrinn über den Entſchluß, welchen ſie zu faſſen in Begriff war. Elodie hatte ihre ſtumme Bitte verſtanben: ſie ſchwieg, aber mit der Hand zeigte ſie auf den Weg zum Kloſter, und ſchlug ſelbſt den Fuß⸗ ſteig nach dem wilden Berge ein. Eine lange Strecke Wegs trennte ſie ſchon ven Urſula, welche ihr in der Ferne zu folgen ſuchte, und . — 105— ſich zu der Aufopferung ihres Lebens entſchieden zu haben ſchien. Plötzlich ſchiug ein tiefes Stöhnen an Elodiens Ohr: ſie ſchauderte... Dieſer klagende Laut, der in geringer Entfernung ausgeſtoßen wurde, ſchien ihr der letzte Seufzer irgend eines Ungläcklichen zu ſeyn: ſie ſprang gegen eine Baumgruppe hin, aus welcher der ſchmerzliche Ton hervorgegangen war. Sie bemerkte bey dem letzten Scheine des Tages einen leb⸗ loſen Gegenſtand auf den Raſen hingeſtreckt. Ein ſchwar⸗ zes Kleid bedeckte ihn: vielleicht entzieht es ihr den ſchreckensvollen Anblick eines von einem Räuber ver⸗ laſſenen Leichnams. Die Waiſe ſammelt ihre Kraft, tritt näͤher, hebt den Trauermantel auf, und. erkennt Herſtall. Bey dieſem ſchrecklichen Anblicke ertönten die Lüfte von dem durchdringenden Wehklagen der Jung⸗ frau. Niedergeſunken, hingebeugt über den erblaßten Körper ihres Vaters ſuchte ſie ihn wieder aufzurichten und rief ihn mit den zärtlichſten Nahmen. Urſula war zu Elodien gee lt.»Der Unmenſch,« rief ſie aus, ver hat ihn gemordet. Ich hatte es voraus geſehen. Wie⸗ der ein Opfer.«—»Gemordet,« wiederholte die Waiſe mit Schrecken,»wo iſt denn die Wunde? wo das Blut Und ihre zitternden Hände, ihre beſtürzten Blicke ſuchten vergebens die Spuren eines Mordes.— WViel⸗ leicht aber,« verſetzte ſie, viſt er nur in Ohnmacht ge⸗ ſunken. Die Ermüdung vom Wege ſein hohes Alter. dieſer unſelige Sturm.. und für mich hat er ſo ſeine Tage hingeopfert! ich ſollte Schuld an — ſeinem Tode haben!... Urſula, eilt nach dem Dorfe; Urſula, ſchnelle Hülfe kann ihm vielleicht das Leben wieder geben.« Die Alte gehorchte: ſie beſchleunigte ihre Schritte, ſo ſehr ihr Alter und ihre Kräfte es erlaubten; aber ſie war weit davon entfernt, die Hoffnung zu theilen. »Es iſt um ihn geſchehen!« ſagte ſie zu ſch mit leiſer Stimme; ver hat es ſich ſelbſt zugezogen.« Die Tochter Saint⸗Maur's war allein geblieben bey dem Greiſe, der ohne Bewegung auf das feuchte Heidekraut des Waldes hingeſtreckt lag. Zwiſchen ihren Händen ſuchte ſie die erſtarrten Glieder ihres Vaters wieder zu erwärmen. Ihre heißen Thränen benetzten das entfärbte Geſicht Herſtall's. Sie ſprach zu ihm, ſie fragte, und in ihrer Verwirrung unterbrach ſie ſich, um eine Antwort zu erwarten... darauf, über⸗ zeugt, daß er aufgehört habe zu leben, überließ ſie ſich dem lbermaße ihres Schmerzes. Endlich kam Urſula zurück. Zwey Hirten und Mar⸗ celine begleiteten ſie. Beym Anblicke dieſer letzteren er⸗ hob ſich Elodie, und mit thränenden Augen ſtürzte ſie in ihre Arme. Während die Hirten eine Tragbahre bereiteten, auf welcher ſie Herſtallen nach der Abtey bringen woll⸗ ten, ſuchte Marceline die Waiſe zu beruhigen. „Iſt er noch am Leben?« rief Elodie aus. Marce⸗ line bückte ſich zu dem Leichname des Greiſes nieder, legte die Hand auf ſein Herz, ſchien einen Augenblick zu horchen, und ſprach dann die Worte aus:—»„Er lebt.« — —,———— — — Elodie ſtieß ein Freudengeſchrey aus.—»Sollte er alſo ſein Oper verfehlt haben!« ſprach Urſula mit Erſtaunen.—»Könntet ihr eine Merdthat vermu⸗ then?« unterbrach Marceline lebhaft.—»Ob ich eine Mordthat vermuthe?«. wiederholte Ur⸗ ſula: Herſtall kommt vom wilden Berge.« Bey dieſer Antwort wendete ſich die erzürnte Mar⸗ celine mit Verachtung weg. Die Hirten ſtiegen mit dem Leichname Herſtall's vom Gebirge herab. Unterſtützt von Marceline folgte Elodie dieſer Art Leichenzug, und ſchweigend ſchritt das Gefolge der Troſtloſigkeit und des Todes über die öden Höfe der Abtey. Viertes Buch. Au⸗ Hülfe der Kunſt wurde an dem Greiſe verſchwen⸗ det. Die verzweifelnde Elodie verließ nicht das Haupt des Bettes, auf dem ihr Pflegevater bey Anbruch des Tages noch ohne Bewegung ausgeſtreckt lag. Anſelm, der Aesculap des Thales, verwendete vergeblich an ihm alle ſeine Sorgfalt, er hatte keine Hoffnung mehr, ſein Leben zu erhalten. Kein Laut der Hoffnung ging aus ſeinem Munde, und das Schweigen des guten Predigers war die Andeutung von Herſtalls Tod. Die Thränen Elodien's, ihre ſchreckliche Bläſſe, ihr dumpfes Geſtöhne erweichten den ehrwürdigen Anſelm. Indem er ſie auf den Schlag vorzubeteiten — 108— ſuchte) der ihr einen zweyten Vater rauben ſollte, ſprach er zu ihr: Meine Tochter, wenn Gott die reine Seele Herſtall's zu ſich ruft, ſo wollen wir 6ven Richterſpruch ſegnen, der ſeine Leiden endet; die himmliſchen Thore öffnen ſich ihm: ſchon feyern die Harmonien des Himmels das nahe Scheiden des neuen Auserwählten. Indem ſich die azurne Wölbung öffnet, ruft ihn ſchon der Engel der letzten Seufzer zur ewigen Seligkeit. Das Ster⸗ belager des Gerechten iſt ein geheiligter Bogen, auf welchem der Geiſt Gottes herabſteigt. Entfernet euch, fleckenloſe Jungfrau! hier ſeyd ihr allein zu bedauern.« »Rein,« rief das junge Mädchen aus,»nein, ich werde ſein Sterbebett nicht verlaſſen K. In dieſem Augenblicke traf eine leichte Bewegung Herſtall's ihr Auge: ein Strahl der Hoffnung leuchtete in ihrer Seele auf. Neue Bemühungen, die erſtarrten Glieder des Greiſes wieder zu beleben, wurden mit Erfolg angewendet. Eine leichte Röthe farbte das Geſicht des Sterbenden, und ſeine Augen öffneten ſich wieder dem Lichte. Herſtall ſchien auf einige Augenblicke die theuren Gegenſtände wieder zu erkennen, welche ihn umgaben. Seine Blicke hefteten ſich mit dem zärtlichſten, ſchmerz— lichſten Ausdrucke auf die Waiſe. Er ſuchte einige Worte an ſie zu richten: vergebliche Anſtrengung! ſeine Bewegungen waren gelähmt, und ſeine Z war ſtumm! ——.—ͤ.—— „ Elodie näherte ſich Anſelm.—»O mein — 109— ſprach ſie vtäuſchet mich nicht: ſollte dieſer Zuſtand„ 6 natürlich ſeyn?... Sollte ein Böſewicht den Augen⸗ blick ſeines Todes haben beſchleunigen wollen? iſt Her⸗ ſtall das Opfer eines grauſamen Feindes 2« „Nichts beweiſt es« antwortete Anſelm.— »Und ihr argwöhnet auch kein Verbrechen*«— „Wenn ein Verbrechen begangen worden iſt, ſo hat es wenigſtens keine Spur zurückgelaſſen. Herſtall iſt in dem Walde vom Schlage getroffen worden. Keine ſtrafbare Hand, kein mörderiſches Eiſen haben ſich über ihn erhoben. Die Ermüdung vom langen Wege, der Sturm, und vielleicht irgend eine allzuheftige Ge⸗ müthsbewegung hat den traurigen Fall beſchleunigt, den ich ſchon lange für ihn befürchtete.« Von welcher drückenden Laſt hatte dieſe Antwort . das Herz der Waiſe befreyt! ihr Blut floß freyert durch ihre Adern. Aber ach! gleich dem Schreckenspropheten, der unter den Mauern von Salomons Tempel rief: Wehe über Jeruſalem! fuhr Anſelm mit weisſagender Stimme alſo fort: »Ein dunkler Schleyer bedeckt die Umſtände, welche dem Falle Herſtall's mitten im Walde vorher⸗ gingen. Könnten wir ihn heben, vielleicht würde ein ſchrecklich Geheimniß.... Jedoch dem höchſten We⸗ ſen kommt es zu, für verborgenen und ungeſtraften Frevel Rache zu nehmen. Es gibt noch einen anderen 2 Richterſtuhl als den menſchlicher Gerechtigkeit. Die Stimme der Verdammung wird aus der Wüſte ſich erheben Wie ein irdenes Geſchirt wird die Rie⸗ ſengeſtalt zerſchmettert werden— Vergeblich würde — 110— das Verbrechen ſeinen Thron des Truges erheben; und wenn es auf den Höhen der Erde triumphirt, ſo iſt der Blitz noch über dem Gebirge.« Indem er dieſe Worte ausſprach, gehörte weder ſein Ton noch ſein Blick der Erde an. Eine überna⸗ türliche Macht hatte ſeine Rede gebothen. Die Jung⸗ frau bebte Ihr Haupt war ſchweigend auf die Bruſt geſunken und Thränen quollen auf's Neue aus ihren Augen. Indeß war ein Tag mehr in den Abgrund geſun— ken, in welchen die Monathe, Jahre und Jahrhunderte eilend ſich ſtürzen. Elodie war hinauf in ihre Zelle geſtiegen, und rief vergebens den Schlaf für einige Stunden herbey, der ihr neue Kraft geben ſollte, bey ihrem ſterbenden Vater zu wachen; der Schlaf glitt über ihre Augenlieder dahin, wie der Troſt über ihre Seele. Sie kehrte zu Herſtall zurück und war allein mit ihm. Der Greis konnte nicht zu ihr ſprechen, aber ſein Blick, ausdrucksvoller als jemahls, ſchien die Waiſe zu bitten, ſie möchte ihn fragen; als ob er die Hoff⸗ nung gefaßt hätte, ihr durch ein anderes Mittel als durch die Sprache zu antworten.—»O mein Vater,« ſagte Elodie,»verlaſſet euer Kind nicht l« Ihre Hand hielt die Hand des Greiſes, es ſchien ihr, als ob dieſe ſie leiſe gedrückt hätte.—»Der un⸗ glückliche Gang,« fuhr ſie fort, vohne die Ermüdung eines ſo läſtigen Weges, ohne eure Unterredung mit dem Einſamen vielleicht 4 —.———— —— — 111— Die Waiſe hielt erſchreckt inne. Bey dem Nahmen des Einſamen ſchien Herſtall von plötzlichem Abſcheu ergriffen zu werden. Sein Auge war belebt, ein Strahl der Wuth ergoß ſich aus ihm. Seine Seele ſuchte, um ſich verſtändlich zu machen, die Schranken zu durch⸗ brechen, welche ſie hemmten. Eine heftige Anſtrengung, wie das letzte Zucken der Glieder, hatte ſeinen zittern⸗ den Lippen die Bewegung wiedergegeben. Einige halb erſtickte Töne, einige kaum verſtändliche Worte bahnten ſich einen Weg. Elodie hörte:»„Das Ungeheuer!.. Ach! Unglückliche!.. Fliehe ls Das Feuer ſeines Blickes war verſchwunden; ſeine Glieder waren wieder erſtarrt, ſeine Stimme wieder erſtorben; ſein Hauch war eiſig kalt entflohen; wie ein Trauerflor zog es ſchnell über ſeine ſchon entſtell⸗ ten Züge. Es war um ihn geſchehen! zwiſchen die Jungfrau und den Sterbenden hatte der Engel mit Trauerflügeln den Vorhang der Ewigkeit gezogen. Schon mehrere Tage hatte dieſer Gerechte ſeine Laufbahn beſchloſſen: und jetzt war es die Waiſe, welche Anſelm dem Leben wieder zu gewinnen ſuchte. Wie ganz vernichtet, ſchien ſie unempfindlich für ſeine zärt⸗ liche Sorgfalt. Ihre Geſichtsfarbe war gänzlich erlo⸗ ſchen; ihre Stimme nur noch ein klagendes Seufzen, und ihr Leben ein fortwährender Schmerz. Die vom Sturme niedergeſchlagene Blume er⸗ hob endlich wieder ihren ſchlaffen Stengel— Elodie ent⸗ ging der Senſe des Todes. Aber ach! der einzigen Stütze ihrer Jugend beraubt, ſchmerzte es ſie, ihn —— überlebt zu haben; ſie wagte nicht ihre Gedanken auf die Zukunft zu richten, der ſie entgegen ging. lach dem Söller des Kloſters hatten ſie ihre wankenden Schritte getragen: Hier ſandte ſie ſchweigend ihre Blicke in die Ferne. Das Geſpann des leuchtenden Gottes durchlief ſchwei⸗ gend die ätheriſchen Räume: ſein Feuer zerſtroute die Dünſte, welche die Gebirge umkränzten; und die weißen Gipfel ſchneebedeckter Felſen löſten ſich blen⸗ dend vom azurnen Horizonte. Die Wieſe war mit Blumen geſchmückt. Die Natur erſchien in den Augen der Waiſe wieder ſchön und rein, wie in den erſten Tagen der Schöpfung. In der Ferne murmelte das fal⸗ lende Waſſer, deſſen ſilberne Wellen hinſchlängelnd den duftenden Grasplatz theilten. Die Lüfte ertönten von dem fröhlichen Concerte der Sänger im Gebüſche.— »Ach!« rief die Waiſe mit klagender Stimme,»außer meinem Daſeyn und meinem Schickſale, außer dieſem unglücklichen Herzen, das der Kummer überwältigt, iſt nichts in der Natur verändert.« So ſprach ſie, und ihre Thränen floſſen in Strö⸗ men. Ach! ſcheint nicht ein heiterer und reiner Him— mel, eine lachende Gegend den vom Schmerz zerriſſe⸗ nen und vom Unglück gebrochenen Herzen bitterer Spott! Welch Bedauern auch hienieden der erſtorbene Genius und der verſchwundene Gerechte hinterläßt; der Himmel weiht ihm nicht eine Thräne, die Erde nicht einen Seufzer! Die Natur folgt ihrem ge⸗ wohnten Gange. Gleichgültig gegen den Menſchen, der ſie für ſich geſchaffen glaubt, bemerkt ſie ſeine . ———— 5 46 Tages ging ſie allein durch den Park, und am Fuße des — 113— Geburt nicht mehr, als ſie ſich um ſeinen Tod be⸗ kümmert. Der letzte Wille Herſtall's wurde vollzogen. Im Hintergrunde des Kloſtergartens war ein Hügel, um— ſchattet von hohen Bäumen, deren dichtes Laub die Strahlen der Sonne auffing. Da ruhte ſeine ſterb⸗ liche Hülle. Kein Denkmahl der Trauer ſollte hier er⸗ richtet werden, kein Stein ſollte ſein Grab bedecken, keine prunkende Inſchrift ſollte ſeine Tugenden nennen. Der Pflegevater Elodien's verboth dieſes Todtenge⸗ pränge, dieſe Eitelkeit des Staubes. Ein einfaches ländliches Kreutz erhob ſich beſcheiden über ſeiner Grab⸗ ſtätte. Der ehrwürdige Pfarrer von Underlach verließ nur ſelten das junge Mädchen, deſſen einzige Stütze er geblieben war. Durch ſeine aufmerkſame Sorgfalt und ſeine frommen Unterredungen ſuchte er die Wun⸗ den ihrer Seele zu vernarben. Er hatte ſeinen Reffen, den jungen Conrad, abgeſchickt, um den Tod Her⸗ ſtall's der Gräfinn Imberg anzuzeigen. Mit jedem Tage erwartete er die Rückkehr Conrad's und die Ant⸗ wort der Gräfinn. Vielleicht, dachte er ſich, wird die neue Beſchützerinn Elodiens ſelbſt zu ihr in's Kloſter kommen. Ihre Wohnung war vorbereitet. Der gute Anſelm hatte für alles geſorgt. Elodie hatte ihre Kräfte wieder erlangt: der erſte Gedanke nach ihrer Geneſunz war, zum Grabe Herſtall's zu gehen, um zu bethen. Beym Sinken des Trauerhügels blieb ſie ſtehen, fiel zur Erde und weinte. »„O mein Vater,« ſagte Elodie, veine Fremde bin ich nun auf dem Erdball, was habe ich von der Zeit zu erwarten? Anhäufung meiner Leiden. Was habe ich von den Menſchen zu erwarten? Mitleid. O möch⸗ tet ihr durch eure Bitten vom Herrn meine Erlö⸗ ſung erlangen; und möchten ſich vor mir die trauri— gen Schranken des Lebens brechen, um mir bis zu euch einen himmliſchen Pfad zu öffnen.« An das einfache Kreutz gelehnt, verſunken in ihre frommen Betrachtungen ließ Elodie die Augenblicke fliehen, ohne ihr Verſchwinden zu bemerken. Indem ſie mit Schrecken die Erinnerung an den Einſamen von ſich ſtieß, wiederholte ſie ſich die letzten Worte ihres ſterbenden Vaters. Der Mann vom wilden Berge, dieſe geheimnißvolle Macht war für ſie nicht mehr eine Macht des Himmels, und dennoch konnte ſie ſich ihn nicht als den Genius des Böſen vorſtellen. Seit dei Tode Herſtall's hatte ſich in der Tiefe ihres Herzens eine Art von Schrecken mit dem Nahmen des Einſa⸗ men verbunden; vielleicht hätte ſie den Muth gehabt ihn zu fliehen, aber ſie hatte nicht die Kraft, ihn zu vergeſſen. Nur noch ſcheidende Strahlen der Sonne erheſ ten das Todtengebüſch. Selbſt erſtaunt über ihr lan⸗ ges Träumen, erſtarrt von der feuchten Abendluft, bleich wie das Blatt der Espe bey dem Scheine des Mondlichtes, erhob die Jungfrau langſam ihr ſchwer laſtendes Haupt; auf wen ſſiel da ihr Blick. Vor ihr aufrechtſtehend, gelehnt an den T Trauerbaum, betrach⸗ tete ſie ſchweigend der Jäger vom Gebirge, ſchön wie* — 115— an dem Tage, wo er ihr zuerſt erſchien, ihre Laute haltend, gleich Orpheus in den glücklichen Schatten, unbeweglich wie die Statue eines Trauer-Monuments. Sein rechter Arm hielt nachläſſig einen Theil ſeines Mantels, der von ſeinen Schultern ſich gelöſt hatte, und gefaltet lag wie das königliche Kleid der Cäſare. um ſeine männliche und entblößte Stirne wehten un⸗ ordentlich ſeine braunen und buſchigen Haare. Der Mond, der durch das Laubwerk drang, ſchien ihn mit einer ſilbernen Schärpe zu umgürten, und ſein zittern⸗ des Licht umgab ihn mit magiſchem Scheine. Weniger glänzend durch Schönheit hielt Endymion in den Hai⸗ nen von Elis Dianens Geſpann auf. Weniger verfüh⸗ rrrriſch erſchien der Hippolyt der Wälder in den Au⸗ gen der Nymphen Griechenland's. Die ruhige Haltung des Siegers über Ecbert, der rührende Ausdruck ſeines Blickes, die Heiterkeit ſeiner Miene hatten in einem Augenblicke aus dem Herzen Elodiens ſowohl alle widrigen Erinnerungen, als jene ſchreckenden Betrachtungen, verjagt. Durch ſei- nen bloßen Anblick wurde jener ganze traurige Eindruck verwiſcht, und ſchon hatte der Zauberer vom Gebirge ſeine ganze Macht über ſie wieder erlangt. Die Waiſe glaubte aus ſeinen Augen eine fromme Thräne auf das Grab Herſtall's fallen zu ſehen. Seine Gegenwart in dieſem Trauergebüſche, dieſe letzte Hul⸗ digung, welche er dem Andenken ihres Vaters erwies, hatten die Seele Elodiens mit geheimer Freude, mit zärtlicher Dankbarkeit erfüllt: Der Einſame war in ihrem Herzen gerechtfertigt. Ein glänzendes Licht hatte plötzlich ihre finſteren Gedanken erleuchtet; ſchien ihr, als ob ein göttlicher Hauch alles Gewöl vom Horizonte getrieben hätte. Elodie war nicht allein in der Welt, ihr Lebenslauf war für ſie Richt mehr ein Gang in der Wüſte; und wenn ſie ſich aufs Neue vor der Grabſtätte niederwarf, ſo war es nicht mehr das nähmliche Gebeth, welch ſie zum Him⸗ mel richtete. »Er, ein Ungeheuer! er, ein Mörder!« ſagte ſich in ihrem Herzen die Waiſe.»Ach! wenn die Tu⸗ gend in menſchlicher Hülle hier herabſtiege, ſie würde nicht eine himmliſchere Geſtalt wählen können. laſſen haben: ſollte ich den veſuzunn des Ir⸗ wahnes glauben 26 ⸗ Der Einſame trat zu ihr. „Ihr konntet mich für ſchuldig halten.. 4— anklagen wegen Herſtall's Tod?. 4 Dieſe Worte entſprachen den geheimen Gedan⸗ ken Elodiens. Der geheimnißvolle Mann drang alſo bis in die Tiefen ihrer Seele. Die beſtürzte Waiſe men hatte ſo ſanft in ihrem Herzen wiedergetönt!... Seine ausdrucksvolle Stimme war ein ſo mächtiger Zauber!.„ Elodie wagte nicht zu ſprechen, aus Furcht ſie möchte ſie nicht mehr hören.— Reine, fleckenloſe Jungfrau, ich wollte euch wiederſehen, um mich in eueren Augen zu rechtfertigen. über den ſterb⸗ lichen überreſten Herſtall's, vor dieſem heiligen Herſtallen konnte im Tode das volle Bewußtſeyn ver⸗ er mit dem Tone des Vorwurfs; vihr konntet mich wollte ihn nicht unterbrechen; die Stimme des Einſa— — — 117— Kreutze, in Gegenwart des Himmels ſchwör ich, nie hat der Einſame ſich auf dem wilden Berge mit gend einem Verbrechen beſudelt.« 6 So ſprach er, und ſeine über das geheiligte Zei⸗ chen der Erlöſung erhobene Hand ſchien jede irdiſche oder himliſche Gewalt aufzufordern, ſeine feyerlichen Worte Lügen zu ſtrafen. Herſtall,« fuhr er fort, wenn ich dein Leben an⸗ getaſtet habe, wenn ich auch je nur dieſen Gedanken gehabt habe; ſo erhebe ſich deine drohende Stimme aus dem Sarge!... Wenn ich die Wahrheit verletzt habe, ſo verklage augenblicklich den Verbrecher l Heftig ſchlug das Herz der Waiſe, aber ihre Un⸗ ruhe war nicht mehr die des Schreckens, aller Arg⸗ wohn war entfernt, alle Beſtürzung zerſtreut; und weit entfernt, dieſen gegenwärtigen Augenblick zu fürch⸗ ten, hätte ſie gerne noch ſeine Dauer verlängern wol⸗ len.—„Ich ſehe es,« fuhr der Einſame fort, vthr glaubt meinen Worten: ich bin vor euch gerechtfer⸗ tigt.... Lebt wohl.«. Er wollte ſich entfernen. Verzeihet ihr mir den ungerechten Argwohn*« ſagte ſchüchtern die Waiſe. »Der Schein klagte mich an,« antwortete er,»und ihr konntet mich für ſchuldig halten. übrigens ſeit lange ſchon unter dem Gewichte menſchlicher Verdam⸗ mungsſprüche gefallen, erſtaune ich nicht mehr über Ungerechtigkeiten.«»Ihr verlaßt mich,« ſprach Elodie, da ſie ihn aus dem Gebüſche gehen ſah.« WVielleicht auf immer.« Bey dieſer Antwort machte die Jungfrau unwill⸗ — 118— kührlich eine Bewegung ihn zurückhalten; und der Schmerz war auf ihrem reitzenden Geſichte ausgedrückt. »Und wie l« erwiederte der Einſame, vihr beehrtet mich mit eurem Bedauern?«»Waret ihr denn nicht mein Be⸗ freyer?« antwortete das junge Mädchen lebhaft bewegt. Mit dieſem Worte,»mein Befreyer,« drückte ihre Stimme mehr aus als Dankbarkeit. Der Einſame war nicht mehr Herr der Gefühle, welche ihn drückten.— »Engel des Kloſters,« rief er aus,»haltet mich nicht zurück, ihr verderbet euch ſelbſt.« Und der unbegreifliche Mann ſchien ſie zurück zu— ſtoßen. Elodie zog ſich erſchreckt zurück. Ihr Herz ſchloß ſich wieder ſchmerzlich. Ahnungsvolle Gedanken ſtiegen in Menge in ihr auf, um ſie zu verfolgen. Zu dem Trauerkreutze flüchtete ſie ſich, wie unter einen ſchützenden Bogen, und ihre Thränen floſſen in Menge. In ſeinem Innerſten ergriffen, vergaß der Jäger vom Gebirge alle ſeine Entſchlüſſe: er fiel zu ihren Füßen. »Du haſt es gewollt, du entriſſeſt mir das un⸗ glückſelige Geſtändniß... Wohlan! ja, ich liebe dich! Du allein, gleich einer himmliſchen Morgenröthe, welche mitten in der Finſterniß erſchien, haſt mich in's Leben zurückgerufen. Nun gibt es für mich hinieden nichts . 14 3 als Elodien, aber dieſe Elodie wird nie die Meine ſeyn können.« »Nie l« wiederholte die Waiſe, und in dieſem Worte der Zärtlichkeit und der Verzweiflung hatte ſich ihr ganzes Herz geöffnet. »Blicke um dich,« fuhr er mit Verwirrung fort: „ 4 — — 3 3 16 . 5 — — 119— „dieſer blumige Raſen verbirgt den Tod; dieſes lachende Gebüſch iſt ein Grab: Unglückliche! mein Schickſal gleicht dieſem trügeriſchen Raſen, und meine Liebe die⸗ ſem Trauergebüſch!« »Angebethetes Mädchen! laß mich dich fliehen: laß mich auf einem Meere der Leiden und der Verzweif⸗ lung umherirren, den Fluthen hingegeben, vom Sturme verfolgt, vom Blitze durchzückt; es iſt ſo der Richter⸗ ſpruch des Himmels; ich unterwerfe mich meinem Schick⸗ ſale; aber allein wenigſtens laß mich Schiffbrüchigen in den tiefſten Abgrund hinabſtürzen! Noch iſt es Zeit!„ Rette dich l« »Mein Wahnſinn ſchreckt dich,« fügte er hinzu: »Elodie, ſuche nicht den Mann des Verhängniſſes zu vegreifen; begnüge dich, ihn zurückzuſtoßen. Engel der Erde! gleich den Geiſtern des Himmels verſchließe mir den Eingang in deine Wohnung.« Die Jungfrau, ſtarr vor Schrecken, fühlte hre Fnie unter ſich wanken.—»Stehet auf, Grauſamer!« ſagte ſie zu ihm.»Ach, was könnte ich euch antwor⸗ ten! ihr habt mir das Herz zerriſſen.« Der Einſame ſah ſie wanken: er wollte ſie auf⸗ recht erhalten; er ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib; und das junge Mädchen, gleichſam einen Augenblick des Gebrauchs ihrer Sinne beraubt, ließ ſanft ihr Haupt auf ſeine Bruſt ſinken; ſo wie ſich die weiße Blume des Epheus an den Ulmbaum des Thales ſchmiegt. Das jungfräuliche Licht des Geſtirnes der Liebe beleuchtete ihre himmliſchen Züge. Ihre langen Augenwimpern, halb geſchloſſen, verſchleyerten ihren ſanften Blick. 20— Weniger ſchön erſchien Pſyche am Rande des verhäng⸗ nißvollen Abgrundes, als Zephyr die Ohnmächtige ent⸗ führte. Der Unbekannte aus der Wüſte betrachtete ſie ſchweigend, ein glühendes Feuer floß durch ſeine Adern... Plötzlich rief er mit dem Ausdrucke der höchſten Leidenſchaft:—„Elodie, iſt es wahr?... Elodie, liebſt du mich 1... Kein wilder Ausdruck war mehr in ſeinem Blicke, keine Verwirrung auf ſeinen Zügen, zärtlich drückte er die heiß geliebte Waiſe an ſein Herz. Bey der ſanften Frage der Liebe kam die Jungfrau wieder zu ſich ſelbſt: ſanft ſtieß ſie den Ein⸗ ſamen zurück, erröthend wand ſie ſich aus ſeinen Armen, und antwortete ihm dieſe Worte:—»Ob ich euch liebe? wozu könnte dieß Geſtändniß dienen. Habt ihr mi nicht geſagt, daß Elodie nie die eurige ſeyn könne k« Der Einſame ſchien eine Antwort zu ſcheuen; tauſend verſchiedene Gefühle beſtritten ſich auf einmahl in ihm; er entfernte ſich haſtig; mit großen Schritten durchlief er das Gebüſch: darauf kam er plötzlich zur Waiſe zurück; und indem er mit Ungeſtüm das Still⸗ ſchweigen brach, rief er aus:— vUnd wie könnte ich hoffen, daß Elodie je die meine werden wollte! Um⸗ herirrend, verbannt und unglücklich, was kann ich einer Gattinn biethen? Einen Felſen der Verbannung, eine wilde Hütte, einen unbekannten Nahmen, ein unglück⸗ liches Daſeyn 1« „Allein und verlaſſen,« antwortete Elodie, vohne Rltern, ohne Reichthum, ohne Stütze, was habe ich denn mehr als ihr auf dieſer Erde?.6 —— ℳ — 121— vO bezauberndes Mädchen le unterbrach mit Ent⸗ zücken der Jäger vom Gebirge:»dieſe Worte veraͤndern mein ganzes Schickſal: der Blitz hat ſich über meinem Haupte gewendet.. Du liebſt mich? Ach, der Himmel wird mir verziehen haben: noch kann ich alſo Freude hoffen. Wohlan! folge mir! du wirſt nicht mehr allein und verlaſſen ſeyn: ich werde deine Stütze, dein Vater, dein Gatte: ich werde Alles für meine Elodie ſeyn. Ich habe nur eine Hütte mitten unter öden Felſen, aber bey dir werde ich dort der glückliche Sohn der Natur, der Bevorrechtete des Lebens ſeyn. Nur ein Herz habe ich dir anzubiethen, aber dieſes Herz iſt voll glühender Liebe. Unſchuldige Taube! o, komme um meinen Aufenthalt zu entſühnen! komme, wie eine Tochter des Himmels den Abgrund in ein Elyſium zu verwandeln! Gleich dem wandernden Vo⸗ gel, der ohne feſten Schutzort, ohne beſtimmtes Vater⸗ land auf der Erde ſich nur an ſeine theuere Gefährtinn hält, ſo werde ich in meiner Einſamkeit keine anderen Schätze haben, als deine Liebe, keine andere Erin⸗ nerung als an deine Opfer, keinen andern Zauber als deine Gegenwart.« »Allein mitten in unſern Gebirgen, fern von menſchlicher Gewalt, umgeben von dem Gewölke der Liebe und des Entzückens, werden wir unſere Tage verleben: unſere ſtillen Freuden werden keinen Meid erwecken. Ach! ich habe die Größe gekannt, und habe ſie haſſen lernen; ich habe Reichthümer beſeſſen, und habe ſie von mir geworfen; ich war vom Ruhme ge⸗ liebt, und habe ihn verflucht. O reine Jungfrau, in Der Einſame.. 6 unſerm Erdenthale voll Elend iſt die Liebe das einzige höhere Gut. Als Strahlenkrone des Herzens iſt die Liebe hienieden ein der himmliſchen Seligkeit entflohe⸗ ner Strahl, ein Abglanz der Wonne eines andern Le⸗ bens: antworte, Elodie, antworte, willſt du ihr dein Schickſal vertauen*« Indem der Gebirgsjäger dieſe letzten Worte aus⸗ ſprach, ergriff er die Hand der Waiſe, und führte ſie aus dem Gebüſche. Gerührt, beſtürzt erhob ſie ihre Augen zum Himmel, ſie ſchien ihn um Rath zu fra⸗ gen, und widerſtand nur noch ſchwach. Aber der Mond verſchwand hinter dem Horizönte, dichte Wolken be⸗ deckten die Natur, und das lange Wehen der Winde tönte im fernen Walde wie eine klagende Stimme, welche für die Unſchuld Hülfe herbey rief. »Haltet ein!s rief Elodie plötzlich aus,»um Got⸗ Willen haltet ein. Wohin führt ihr mih „Auf den wilden Berg! zur Liebe! zum Glücke!« ant⸗ wortete der Einſame, und ſchneller noch zog er das junge Mädchen fort. Die Waiſe hatte ihren Muth wieder erlangt:— Mein,« antwortete ſie mit Feſtigkeit: vich darf nur einem Gemahle folgen: nur nachdem wir vom Altare gegangen, hättet ihr das Recht, über mich zu ver⸗ fügen.« »Es gibt Altäre in der Wüſte,« rief der Einſame 7 mit der leidenſchaftlichſten lberſpannung; vüberall nimmt der Ewige die Schwüre der Menſchen auf; überall entzundon ſich die Fackeln der Liebe und ehe⸗ licher Verbindung. Wage es⸗ dich mir zu vertrauen⸗ 8 + —— — 123— zarte Blume des Thales! ich ſchwöre es, deinen jung⸗ fräulichen Glanz nicht zu beflecken. Ein Diener des Himmels ſoll unſer Geſchick vereinen. Komme, dein Gemahl wird deiner würdig ſeyn; dein hochzeitliches Lager ſoll ſich rein erhalten. O meine Elodie, willige ein, mir zu folgen. Die erſten Führer meines Früh⸗ lings, die erſten Gefühle meines Lebens, die Ehre, die Biederkeit, Begeiſterung und Tugend hat meine Liebe zu dir mir wieder gegeben.« »Nein,« wiederholte Elodie mit flehender Stim⸗ me, und ſeinen Bemühungen widerſtrebend: vnein, ich darf euch nicht folgen: Laßt mich!« Bey dieſem rührenden Rufe der unſchuld hielt der Einſame ein. Mit Blitzesſchnelle war der Augen⸗ blick der Begeiſterung vergangen; gleich einem luftigen Nebel verſchwanden die zauberiſchen Bilder. Dem gött⸗ lichen Traume folgte ein ſchreckliches Erwachen: traurige Erinnerungen entriſſen ihm die Täuſchungen; ſchnell aufſteigende Gedanken riefen ihn zu ſich ſelbſt zurück Der unerklärbare Mann ließ Elodiens Hand ʒuruc ſinken. „Verzeihet,« ſprach er zu ihr,»einen Augenblick des Wahnſinns„. Ihr mich lieben! was wage ich zu hoffen! Ihr mir auf den öden Felſen felgen! war ich eines ſolchen Opfers werth? Nein; meine unſinni⸗ gen Wünſche konnten nur den Himmel und die Erde erzürnen... Ich weiß an mir Gechiotet u kben Ihr ſeyd frey* Wie verändert war ſein Ton! nie zene ſic lebhafter Bedauern, Schmerz, Reue und Verzweif⸗ u———————————— — 124— lung. Die Waiſe war frey und dennoch blieb ſie un⸗ beweglich an ſeiner Seite wie angefeſſelt.»Kehret nach dem Kloſter zurück,« fuhr er mit dumpfer Stimme fort:»Neue Bewohner, eine neue Stütze werden dort euch die Stelle eures Pflegevaters erſetzen. Möchtet ihr glücklich ſeyn können!.. Was mich betrifft, ich verbanne mich morgen aus dem Thale. Jenſeits des Murten⸗Sees, fern von Underlach, auf einem ent⸗ legenen Berge, von dem aus man die Spitze des hohen Kloſterthurmes entdeckt, will ich mein Grab mir gra⸗ ben. Eine vorübergehende Helle, welche durch die Dun⸗ kelheit dringt, macht die Finſterniß, welche ihr folgt, nur noch ſchrecklicher. Bald wird der Tod, meine ein⸗ ige Hoffnung, meine Qual geendet haben Lebt wohl. Wenn irgend ein Unglück eure Tage bedrohen ſollte, wenn die Gegenwart des Einſamen von irgend ner letzten Stunde wird mein Auge nicht aufhören nach dem hohen Thurme der Abtey ſich zu richten, zün⸗ det dort des Nachts eine Leuchte an, und ihr werdet mich wieder erſcheinen ſehen.« Er ſprach's, und plötzlich riß er ſich von der Jung⸗ durch die Schatten des Laubes. Unglückliche Elodie! dieſer Abend wird nie aus deinem Gedächtniſſe ſich verlöſchen. * 3 2 einer Gefahr euch noch retten könnte,— bis zu mei⸗ frau los, eilte aus dem loſtergarten und floh ſchnell —— —— S 2 Zr wey Mahl hatte das Himmelsgeſtirn ſenen Lauf vollendet ſeit der Erſcheinung des Einſamen am Grabe Herſtalls. Conrad war noch nicht in die Pfarrwohnung Anſelm's zurück, und dieſer wußte nicht mehr, wie er ſich ſein langes Wegbleiben erklären ſollte. Conrad hatte kaum ſein fünfzehntes Jahr erreicht: welch ein Unfall ſollte ihm zugeſtoßen ſeyn? So jung, ohne Führer in den Gebirgen umher ſchweifend, konnte er ſich verirrt haben; welche Gefahren droheten dann ſeinem Leben... Vielleicht konnte er der Ermüdung einer langen Reiſe nicht widerſtehen. Der beunruhigte Anſelm zählte die Augenblicke mit Ungeduld. Conrad war der Sohn einer theuren Schweſter; Conrad war ſein Zögling; ſeine Zärtlichkeit gegen ihn war außer⸗ ordentlich; er bereuete die Bothſchaft, womit er ihn beauftragt hatte; er fing an, an ſeiner Rückkehr zu verzweifeln. Von ihrem ſchweigenden Geſpanne verbreitete die Gattinn des Erebus einen dichten Schleyer über das Sternengewölbe. Die zwölfte Stunde der Nacht hatte chlagen: plötzlich traf ein heftiger Schlag das Thor des Presbyteriats: der alte Pfarrer erwachte mit Er⸗ ſ Ohne Zweifel war es ſein Pflegeſohn. Eiligſt ſtand er auf, zündete ſeine Lampe an, und lief ſelbſt, um ſeine gaſtfreye Wohnung zu öffnen. Ein Unbekannter von hoher Geſtalt ſtand vor ihm, ſeine Hand hielt eine ungeheure mit B gefärbte 3 Keule, von allen Seiten floß das WVuſſe — — 126— Kleidern. So zeigte ſich den Augen des Oneus Her⸗ kules als überwinder des Fluſſes Achelous. Der Fremde trug einen lebloſen Körper. Faſt der Müdigkeit erliegend, ſchien er nur noch mit Mühe zu athmen. Er trat näher, und bey dem ſchwachen Schei⸗ ne ſeiner Lampe ſah der alte Pfarrer unter ſeinen Ar⸗ men den Körper ſeines theuern Conrad's, des Bewußt⸗ ſeyns beraubt, bleich und mit Blut befleckt. Anſelm wich vor Schrecken zurück.— Fürchtet nichts,« ſagte der Unbekannte,»dieſes Blut iſt das mei⸗ nige; ich habe es vergoſſen, um Conrad zu retten.«— »Er iſt todt,« rief ſchmerzlich der Greis. »Er iſt in Ohnmacht gefallen; eilet ihm beyzu⸗ ſtehen.« Ein großes Feuer wurde angezündet. Der Frem⸗ de legte ſeine Bürde auf ein Bett, das vor dem Herde aufgeſchlagen worden war. Die Kleider des jungen Conrad's waren ganz durchdrungen von Waſſer; ſeine Glieder waren erſtarrt; langſam kehrte er in's Leben zurück. »Ihr habt ihn gerettet,« rief Anſelm mit dem Tone der Dankbarkeit, vaber an welchem Orte?«— »Am Ufer des Stromes.«—»Aus welchen Gefah⸗ ren?70—„Aus Mörderklingen.«—»Was! ihr allein?« — Mit Hülfe des Himmels.«—»Muthvoller Unbekannter! wer ſeyd ihr denn?«—»Der Mann vom wilden Berge.“— Bey dieſem Nahmen blieb der Geiſtliche wie ver⸗ einert„unbeweglich und lautlos. Darauf brach er ſein Schweigen:»Wer ihr auch ſeyn möget, „— — 127— . — e 1 meine Dankbarkeit gebührt euch. Dieſe edelmüthige Aufopferung 4 S Der Einſame unterbrach ihn. Eine Art wilder 8 Verachtung zeigte ſich auf ſeinen Zügen: ſeine Stimme „ war rauh und ſein Lächeln bitter.—»„Dankbarkeit,« wiederholte er,»gibt es dieſe wohl unter den Menſchen l« Der erſtaunte Anſelm betrachtete ihn mit Rüh⸗ rung.— vUnbegreiflicher Mann le ſagte er,»das Miß⸗ geſchick erſchöpft wohl an euch ſeine Pfeile: aber iſt eine große Seele, wie die eurige, nicht erhaben über das Schickſal! Die himmliſche Gerechtigkeit„— „Die himmliſche Gerechtigkeit..« verſetzte der Ein⸗ ſame mit gepreßter Wuth.—»Haltet ein!K unterbrach ihn ſeiner Seits der Greis mit heiliger Kraft, vhaltet ein! Ihr waret im Begriffe zu läſtern.« Der ſchreckliche Mann konnte der Stimme des Dieners des Himmels nicht widerſtehen; ſeine unbe⸗ zwingbare Seele wich dem Aufſchwunge der Tugend und der Frömmigkeit. Er ſchwieg; die Wuth ſeines Blickes war erloſchen.—»Mein Sohn,« fuhr der Geiſtliche mit dem Ausdrucke der zärtlichſten Theilnahme fort, — indem er ſich ihm näherte; vihr ſeyd verwundet*«— „Perwundet!. wiederholte der Einſame mit ver⸗ wirrtem Tone, als ob er erſt die Bedeutung dieſes Wor⸗ tes zu faſſen ſuchte;»verwundet!— was liegt daran!«— „Laßt mich eure Wunden verbinden.«—»Meine Wun⸗ den ſind unheilbar;« und der Mann vom wilden Berge . legte die Hand auf ſein Herz. 5 Er hatte mehrere Schritte gemacht, u ſich zu entfernen: Anſelm hielt ihn zurück.—»Edler Retter Conrad's, verlaßt mich noch nicht; würdiget mich, für dieſe Nacht eine Ruheſtätte anzunehmen, und einige Erquickung unter dieſem gaſtfreyen Dache zu genießen.« Die Stimme des Greiſes war flehend. „Rein« antwortete der Einſame, vich will keinen Zufluchtsort als Felſenhöhlen, ich will keine Ruhe als unter Grabesſteinen.« Verirrte Seele le rief der Prieſter mit Schmerz; »meine Tröſtungen 4 »Habe ich ſie von euch verlangt?. 4 unter⸗ brach mit Hoheit der unbeugſame Sterbliche.»Ich er⸗ warte ſie weder von Gott noch von Menſchen. Wendet euch zu Conrad, eurem Sohne.«—»So unglücklich auch mein Sohn ſeyn mag,« antwortete lebhaft An⸗ ſelm;»Mann, der ihr zugleich über und unter der Menſchheit ſtehet! welche Sprache waget ihr zu führen l« Bey dieſen Worten ganz wieder zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen, ſprach der Einſame ruhig und mit feherlichem Tone: »Anſelm, deine Meinung von mir war mir ſeit lange bekannt. Verkündiger des Evangeliums, ſey weniger ſtreng, ſey menſchenfreundlicher in deinen Ur⸗ iſt nicht immer die des Verbrechens; und wäre ich eben ſchuldig als unglücklich: bedenke, daß die letzten Worte des Erlöſers der Menſchen Worte der Vergebung Zweck deiner Sendung unter die Menſchen iſt los u⸗ Wechen und nicht zu verdammen.« theilen! der Schein trügt. Die Nacht des Geheimniſſes waren. Diener des Gottes der Barmherzigkeit! Der — ₰+ — 129— Kaum hatte der Einſame dieſe Worte ausgeſpro⸗ chen, ſo war er ſchon weit entfernt vom Presbyteriate. Die glänzende und ſtrahlenreiche Aurore hatte ſich aus ihrem Lichtpallaſte geſchwungen, und jagte vor ihren ſchimmernden Roſen auf Gold⸗und Purpurgewölk die Schatten der Nacht einher. Marceline war in der Ab⸗ tey. Als ſie bey der Waiſe eingeführt war, rief ſie aus: »Conrad iſt zurück, er iſt faſt aus dem Schattenreiche gekommen.« Die Jungfrau ſah ſie mit Erſtaunen an⸗ Marceline fuhr fort: „Conrad hatte die Gräfinn Imberg geſehen. Mit ihrer Antwort und einigen Geſchenken für Anſelm bela⸗ den kam er in das Presbyteriat zurück; aber auf ſeiner Reiſe hatte der Unvorſichtige die koſtbaren Geſchenke ſehen laſſen, welche er trug; und bey dem Waldſtrome erwarteten ihn dieſe Nacht Meuchelmörder.« »Umringt von Räubern ſtieß der Nefſe Anſelm's durchdringendes Geſchrey aus. Im Augenblicke erſchien der Held der Rechte des Herrn. Allein, bewaffnet mit einer blitzſchleudernden Keule wirft er zu Boden, ſchmet⸗ tert er nieder, ſchlachtet er hin den Führer und die Vantt. Ein Einziger entkam ſeinen Streichen, der Schändliche rächte ſich im Fliehen: Conrad war in den Strom geſtürzt worden⸗« „Der Einſame, von Leichnamen umringt, und ver⸗ wundet, harte keine Feinde mehr zu bekämpfen; aber er bemerkte, daß der Zögling Anſelms verſchwunden war⸗ Die Kleider des Opfers ſchwanmen ouf der Obelliche des Stromes; der Sieger warf ſich Mitten in pen Ste⸗ del, und zum zweyten Mahl wurdz Raſelm ge n Fr —— — — 130— »überwältigt von Müdigkeit, blutend, erſchöpft, unterlag er nun wohl ſeinen Schmerzen? Nein, ſo lange ihm noch einiges Leben blieb, gehört es den Un⸗ glücklichen. Der erhabene Genius trug eine ganze Stunde weit den naſſen und ſtarren Körper des jun⸗ gen Conrad's, und Vater Anſelm erhielt ſeinen Pflege⸗ ſohn wieder«. »Aber der Einſame wurde verwundet l« rief die Waiſe in Schrecken geſetzt.—»Seine Wunde war leicht,« antwortete Marceline.— Iſt er bey Anſelm geblieben?«—»Der ſtrahlenliebende Adler wohnt nur in den Wolken.« Der Pfarrer des Dörfchens kam in's Floſter. Elodie verließ Marcelinen, und flog ihm zum Empfange ent⸗ gegen. Anſelm hielt ein Papier in der Hand.»Hier iſt,« ſagte er, vein Schreiben von der Gräfinn Imberg. Morgen werdet ihr ſie hier empfangen.«—»Schon l« antwortete Elodie.»O mein Vater, werde ich das Thal von Underlach verlaſſen müſſen 24 »Ich kenne die Abſichten eurer Beſchützerinn nicht: theures Madchen, ſind wir denn Herren unfres Schick⸗ ſals 26— Die Waiſe hatte das Schreiben der Gräfinn gele⸗ ſen, welche lebhaften Antheil an ihrem Schickſale zu nehmen ſchien. Ihre Ausdrücke waren liebevoll; ſie meldete ihre Ankunft in der Abtey, und ihre Geſin⸗ nungen ſchienen eben ſo edel als wohlwollend. »Ihr ſagt mir nichts von Conrad?« ſagte Elodie nach kurzem Stillſchweigen.—„Er iſt außer Gefahr,« antwortete Anſelm.— MHat er euch die nähern Um⸗ —— — —— — 134— ſtände ſeiner traurigen Begebenheit erzählt?«—„Ge⸗ wiß, und die Tapferkeit des Kriegers, dem er ſein Le⸗ ben verdankt, kann nicht aus ſeinen Gedanken weichen: ſeine BVegeiſterung kommt ſeiner Dankbarkeit gleich.« »Ihr habt ihn geſehen?« antwortete die Waiſe mit Ver⸗ wirrung.—»Wen?. Den Einſamen? Er zeigte ſich nur einige Augenblicke meinen Augen.« »Ihr habt mit ihm geſprochen?«—»Er entzog ſich ſchnell den Dankesbezeigungen, welche ich ſeinem Heldenmuthe erweiſen wollte. Aber vergebens hat er mich geflohen; der edelmüthige Retter Conrad's wird ewig meinem Andenken gegenwärtig bleiben.«—»Und dennoch iſt dieſer edelmüthige Retter Conrad's dem Arg⸗ wohne des Haſſes und den Pfeilen der Verleumdung ausgeſebt!«— Meine Tochter,« antwortete Anſelm, „uber dieſen erſtaunenswürdigen Mann wollen wir ein frommes Stillſchweigen beobachten. Gott allein vermag ihn zu begreifen, Gott allein kann ihn richten.« Der Geiſtliche wechſelte bey dieſen Worten den Gegenſtand der Unterredung, und befragte Elodien über die Vorbereitungen, welche die Ankunft der vornehmen Verwandten Herſtall's nöthig machte. Durch ihr Ver⸗ mögen und ihren Rang an die Genüſſe des Lebens ge⸗ wohnt, ſollte jetzt die Gräfinn Imberg im Kloſter nur Entbehrungen finden. Kein Luxus herrſchte in den Ge⸗ mächern des gothiſchen Gebdudes. Dennoch wünſchte die Tochter St. Maur's, daß der Aufenthalt ihrer Hind⸗ heit ihrer Beſchützerinn einige Reitze biethen möchte, damit ſie vielleicht darein willigte, den n Theil der ſchönen Jahreszeit hier zuzu rin en Richts 3 1 1 5 — 132— hatte ſie verſäumt, um das Innere des Kloſters zi verſchönern: alle Hausgeräthe wurden neu en und ihre alte mit Staub bedeckte Vergoldung kam wie⸗ der zum Vorſchein: duftende Blumenkörbe ſchmückten die weiten Säle der Abtey, und die Waiſe hatte nur noch zu warten und zu hoffen. Aurora im dämmernden Gewande öffnete die Thore des Morgens. Die friedlichen Bewohner des Thales lagen noch im tiefen Schlafe, als ein verwirrter Lärm von Wagen und Pferden ſich im Priorate hören ließ. Diejenige, welche bey der Nichte Herſtall's Mutterſtelle vertreten ſollte, kam eben an; eine zahlreiche Bedeckung ete ihren Schritten: Ehrenhüther, Pagen, Krieger gingen vor ihr her, und in den weiten Höfen des Klo⸗ ſters herrſchte überall Unordnung, Getümmel und Ver⸗ wirrung. Elodie ging eiligſt die große Treppe der Abtey herab, und empfing auf der Hausflur die Gräfinn Im— berg: ein glänzendes Gefolge umgab ſie, und in ihrer Nähe war ein Ritter mit hohem Helmbuſche, dig gerüſtet. Die hohe Verwandte Herſtalls umarmte Elodien, drückte ſie mit Zärtlichkeit an ihren Buſen, und beobach⸗ tete ſie mit einem von Bewunderung gemiſchten Er⸗ ſtaunen. Ihre Schönheit, ihre Beſcheidenheit, ihre Stimme, ihre Anmuth, alles an ihr ſchien ſie zu ent⸗ zucken. »Liebenswürdige Elodie K ſagte ſie zu ihr, indem ſie ihr den Krieger vorſtellte, welcher ſie begleitete; vmein theuerſter Freund, das Haupt einer der ausge⸗ ————— —— — 133— zeichnetſten Familien Deutſchland's, der Befreundete der erſten Herrſcher des Nordens, der Fürſt Palzo, war ſo gefällig mich durch dieſe Gebirge zu geleiten. Er hat mir verſprochen, ſich einige Tage in dieſer Abtey aufzuhal⸗ ten; und ich bemühe mich meinen tapfern Ritter meiner adoptirten Nichte zu empfehlen.« Die Waiſe grüßte tief ſich verneigend den. ſten Palzo, deſſen Blicke beſtändig auf ſie geheftet 3 blieben. Die Gräfinn ſchien zufrieden mit den Gemächern, welche man für ſie bereitet hatte. Gefällig und liebreich von Natur, ſchien ſie nicht abgeſchreckt durch den düſtern Anblick der gewölbten Gallerien, durch welche ſie ging: ſie hatte keine Einrichtung getadelt, ſie beklagte ſich nicht über Müdigkeit; und trennte ſich nur mit Bedauern von Elodien, um einige Augenblicke Ruhe zu genießen. Die Jungfrau überließ ſich, ſo bald ſie war, ihren Betrachtungen. Die Gräfinn ſchien wohlwollend, gefühlvoll, edelmüthig; und dennoch fühlte ſie ihr Herz nicht zu ihr gezogen. In ihrer Rede herrſchte edle Ein⸗ fachheit, aber welcher Prunk umgab ſie. Sie hatte den „ Fürſten Palzo der Waiſe vorgeſtellt, aber wie hatte ſie die Titel ihres Freundes aufgezählt! Ihr Blick war ſanft und wohlwollend, aber wie ſtolz herablaſſend war er auch! Sie hatte Elodien ihre Richte genannt, aber welche überlegenheit ſelbſt in der Zärtlichkeit ihres Tons.—»Herſtall!K ſagte die Waiſe bey ſich ſelbſt, vhier, ich fühle es, hatte ich ſonſt einen habe ich nur noch eine Beſchützerinn.« Die Gräfinn Imberg, älter ſchon als Herſtall im Augenblicke ſeines Todes geweſen war, bewahrte noch * ⸗ —— *——— 6 — 134— einige liberreſte von Schönheit. Zu aller Zeit war die Bewunderung an ihre Schritte gefeſſelt geweſen; aber in den Tagen ihres Frühlings hatte dieſes Gefühl, das einzige, welches ſie einzuflößen gewußt hatte, nur die Plage ihres Lebens ausgemacht; eine Frau iſt nicht bloß darum ſchön, um bewundert zu werden. Die Jahre hatten ihre Rectze zerſtört; ſie harte die Liebe nicht gebiethen können, ſo wollte ſie die Mei⸗ nung unterjochen. Ihr Vermögen erlaubte ihr dieſen Aufwand, ſie blendete die Männer durch ihre Pracht und Freygebig⸗ keit. Ihrem Herzen, welches nicht hatte lieben können, war die Zeit und die von der Natur gegebene Anlage, die Menſchen zu erforſchen, gegeben eine empfindſame Seele ſieht alles durch einen Schleyer, eine kalte Seele ſieht alles in ſeiner Nacktheit. Geſchickt in der Verſtellung, war die Gräfinn Imberg dennoch bekühmt wegen ihrer Aufrichtigkeit. Sie ſchien beſtändig damit beſchäftigt, mit der Nacht des Geheimniſſes ihre großmüthigen und wohlthätigen Hondlungen zu bedecken, und dennoch verbreiteten durch ihre Gewandtheit vergrößernde Erzählungen die gering⸗ fügigſten Umſtände derſelben. Sie war eines erhabenen Zuges fähig, aber ſie mußte dabey bemerkt werden. Un⸗ umſchränkt in ihrem Willen, ſchien ſie dennoch gewöhn⸗ lich ganz den ihrigen denjenigen zum Opfer zu bringen, welche ſie umgaben. Sie rühmte ſich eines Lebens, das kein ſchuldvoller Irrthum befleckt habe; ihr beſchränkter Geiſt, der ſeine Handlungen wie ſeine Worte genau — 135— abwog, nannte die ihm eigene Leere Tiefe, und ſeine Unfruchtbarkeit Tugend. Die Gräfinn, welche alle Thorheiten der Welt in ihrem Gefolge hatte, ſprach vom Luxus nur mit Ver⸗ achtung; aber ſie habe, ſagte ſie, ſich darein ergeben, ſeine laſtenden Ketten um ihres Standes und ihrer Pflicht willen zu tragen. Obgleich begierig die Gelegen⸗ heit ſuchend, ſich durch Ertheilung ihres Schutzes aus⸗ zuzeichnen, nahm ſie dennoch keinen Antheil an ihrem Schützlinge; oögleich allen Unglücklichen ſich widmend, kannte ſie doch keinen derſelben; obgleich ſelbſt herriſch, eiferte ſie doch gegen Tyranney; obſchon ſelbſt ehrgei⸗ tzig, pries ſie doch nur das Glück eines unbekannten Lebens; wenn auch ſelbſt edelmüthig mit Prahlerey, ſtellte ſie doch alles dem Himmel anheim, und glaubte dabey ſelbſt nur an irdiſche Dinge; vornehm endlich in ihren Manieren, anmuthig in ihren Bewegungen, leutſelig in ihren Reden war ſie die Abgöttinn der denge und das Orakel ihrer zahlreichen Bewunderer. Der Fürſt Palzo hatte das reifere Alter des Le⸗ bens erreicht. Geſchmückt mit einem ausgezeichneten Nahmen, als Feldherr im Dienſte des Herzogs von Lothringen, als Beſitzer unermeßlicher Güter, murrte er gegen das Schickſal und beklagte ſich über ſeine Stren⸗ ge. Hinterliſtig und treulos ſtrebte er nach der höchſten Gewalt. Verwegen und doch zugleich feig, arbeitete er durch heimliche Ränke darauf hin, ſeinen Regenten zu entthronen. Als geſchickter Aufwiegler, beſaß er die F6ſt den ee der M ri die — 136— ter Redner kannte er die glänzende Wirkung der Bilder und gewagten Ausdrücke; und endlich, indem er die Augen der Menge nach Gefallen verblendete, wußte niemand beſſer als er in ſeine Reden die Zauberworte von Unabhängigkeit und Freyheit zu ſtreuen. Der Fürſt Palzo war nie ausgezeichnet geweſen, weder durch ſeine körperliche Größe noch durch ſeine Schönheit; aber ſeine Züge waren regelmäßig und ſeine Haltung hatte Würde. Sein höhniſches Lächeln, ſeine ernſte Stirne, ſein ſpottender Blick kündigten den Au⸗ gen des tiefen Beobachters den ſtolzen Mann an, der aus Ehrgeitz den Menſchen befahl, und aus Grundſatz ſie verachtete. Die leere Glocke ſeines Herzens, ſtark angeſchlagen durch ſeine Sinne, hatte nie andere als trügeriſche, wohl manchmahl hellklingende, aber immer unreine, wohl manchmahl kraftvolle, aber nie erhabene Töne wiedergegeben. Eine glänzende Erziehung war über ihn hingegan⸗ gen, wie das Licht: ber die Pflanzen; ſie hatte ſeinem Weſen Farbe gegebe ohne an ſeiner Natur etwas zu ändern. Geſchmeidig am Hofe, wenn es ſeine Zwecke heiſchten, vermochte er es leicht über ſich, die Thüren eines Pallaſtes mochten ſo niedrig ſeyn, als ſie immer wollten, zu einem Zwerge ſich herabzubücken, um hin⸗ einzugehen, wenn er nur beym Herausgehen der Menge als ein Coloß erſcheinen konnte. Zügellos in der Liebe, überließ er ſich dem Aus⸗ bruche ſeiner erſten Regungen, und glich einem Steuer⸗ zu erhalten, und den Haß zu verbreiten. Als gewand⸗ manne, der während des Sturmes unter Segel geht: „ — 137— in der Politik aber vorſichtig und verſtellt, erhob und ſtillte er die Stürme, als ob er über die Elemente herr⸗ ſche. Manchmahl verſchwenderiſch, aber ohne Freygebig⸗ keit; manchmahl wohlthätig, aber ohne Gerechtigkeit, zeigte er ſich prachtvoll und galt für großmüthig. Aus der Oberfläche ſeiner Seele ſchien die Tugend einige Wohlgerüche zu hauchen, wie über den Rand eines faulenden Gefäßes einige Blumen ſich erheben können. Ludwig der XI. hatte den Fürſten Palzo bemerkt: ein ſolcher Mann peßte vollkommen für ſeine politi⸗ ſchen Zwecke. Die Umwälzungen der benachbarten Staa⸗ ten hatten immer ſein Reich vergrößert. Indem er vor⸗ gab, den erſchütterten Thronen zu Hülfe zu eilen, trug er nur dazu bey, ſie vollends zu ſtürzen. Auf den Trüm⸗ mern wußte er ſich zu erheben, und auf den Zerüttun⸗ gen befeſtigte er ſich. Zahlreiche Mißvergnügte trieben ſich in Nanch umher. Die Anhänger Carl's des Kühnen erinnerten an den glänzenden Hof des Eroberers. Einige Krieger bedauerten den Mann der Schlachten, und einige in ungnade gefallene Staatsbeamte ihre verlorenen Stel⸗ len. Die Ehrgeitzigen bewaffneten die Leidenſchaften und die Aufwiegler ſtreueten den Samen des Aufruhrs. Ludwig der Xl. im Kriege mit René, ſchon Herr einer ſeiner Provinzen, ſchürte das Feuer der Zwietracht in Nancy. Geheime Unterhandlungen zwiſchen ſeinen Miniſtern und dem Fürſten Palzo waren eingeleitet worden, und eine ausgedehnte Verſchwörung entſpann ſich. Von der Weſtſeite griffen Ludwig's Heere Lothrin⸗. gen an; an der Südſeite, nahe am Murten⸗See er⸗ 8. 6 . wartete eine drohende Partey vereinigter Lothringer und verſammelter Ehrſüchtigen, unterſtützt von Frank⸗ reich, nur einen Führer, um die Fahne des Aufruhrs zu erheben, und gegen Nancy vorzurücken. Das Gold der Verräther hatte heimlich ganze Haufen Bergbe⸗ wohner beſoldet. Ihr Anführer wurde gewählt, es war der Fürſt Palzo. Er begab ſich nach Helvetien, wo viele Verſchworene ihn erwarteten; und vom Murten⸗ See ſollte der Blitz ausgehen, der René vernichten ſollte. Sobald die Fahne des Aufruhrs auf der Schwei⸗ zergränze aufgepflanzt ſeyn würde, ſollten die Unzu⸗ friedenen von Nanchy, die offenen Feinde des Herzogs von Lothringen, die Enthuſiaſten für die Freyheit, die alten Bewunderer Carl's des Kühnen, in Haufen zu dem Mittelpuncte der Empörung herbeyſtrömen, und Ludwig der Rl. ſollte ihnen nach Epinal entgegenrücken, damit ſich dort das ganze Heer vereinigen könnte. Der Herzog von Lothringen ſollte von allen Seiten umringt werden, und die Agenten des Königs von Frankreich ließen den Fürſten Palzo die unumſchränkte Herrſchaft über eine Provinz hoffen. Die Reiſe der Gräfinn Imberg nach der Abtey von Underlach unterſtützte vortrefflich die Entwürfe des Anführers der Inſurgenten. Unter dem Vorwande eine Freundinn zu begleiten, hatte er den Hof von Loth⸗ ringen verlaſſen, und war nach Murten gereiſet, um von dem Kloſter aus, wohin ſich der Treuloſe zu be⸗ graben ſchien, die Rebellen zu bewaffnen. Alle ſeine Plane waren entworfen, die Gräfinn Imberg ſchien ———— —,— — 139 mit keinem unbekannt, und der ſchaͤndliche Anſchlag ſollte eiligſt zur Ausführung kommen. Welche Veränderung im Kloſter! zahlreiche Die⸗ ner berölkerten die ſonſt öden Höfe, mit Wappen geſchmückte Paniere wurden auf die Thürme geſteckt, Wachen hütheten alle Ausgänge des alten Gebäudes, und Edelknaben ritten unbändige Roſſe zu. Hörner, Pfeifen, Heerpauken ertönten zu jeder Stunde des Tages. Die Trommel wurde geſchlagen, die Trom⸗ pete ſchmetterte: eine Bedeckung hatte den Fürſten begleitet; er muſterte ſeine Soldaten; er prüfte ihre Waffen; er übte ihre Tapferkeit; er zog ſie zuſammen; er ſprach zu ihnen: alles war Bewe⸗ gung, Lebhaftigkeit, Tumult in der Abtey, und das friedliche Kloſter war eine kriegeriſche Feſte ge⸗ worden. Die ſchüchterne Jungfrau begriff nichts von den neuen Scenen, welche vor ihren Blicken ſich ereigne⸗ ten: was bedeuteten dieſe nächtlichen Verſammlungen ſeit der Ankunft des Fürſten? Warum dieſe Zurüſtun⸗ gen zum Kampfe? Was waren das für zahlreiche Stimmen, die oft des Nachts in den unterirdiſchen Gewölben des Kloſters ertönten? Woher kam dieſe Menge Waffen, die heimlich in den unterirdiſchen Räumen des Hauptthurmes aufgehäuft wurden? War⸗ um dieſes geheimnißvolle Ausgehen des Fürſten zu al⸗ len Stunden der Nacht? Was waren das für Nach⸗ richten, die er ſo häuſig erhielt? Wohin gingen ale jene Eilbothen„die nach allen Straßen ausgeſchickt wurden? Was bedeuteten die Verkleidungen Prn. — 140— Kundſchafter? Die zitternde Elodie ahnete irgend ein fremdartiges, trauriges Ereigniß. Der Fürſt Palzo hatte die Waiſe nicht ſehen können, ohne ſie zu bewundern: er konnte ſie nicht ken⸗ nen lernen, ohne den Wunſch zu hegen, ſie für ſich zu gewinnen, und ſeine Leidenſchaft legte ſich offen an den Tag. Aufgebracht über ſeine vermeſſenen Hoff— nungen, erſchreckt durch ſeine kühne Sprache, flüch⸗ tete ſich Elodie zur Gräfinn und wagte nicht ſich einen Augenblick von ihr zu entfernen. In welcher ſchrecklichen Lage befand ſich Elodie! Dem Pater Anſelm war der Zutritt in's Kloſter vom Fürſten unterſagt worden, weil dieſer die Rathſchläge und den Einfluß desſelben fürchtete. Die Jungfrau wagte nicht über die Kloſtermauern hinaus zu gehen, welche Palzo's Trabanten bewachten. überall folgte der Fürſt ihren Schritten, ſeine Liebe kannte keine Zurückhaltung mehr, ſeine Heftigkeit keinen Zügel; und die unglückliche Gefangene befand ſich in der Ge⸗ walt eines ehrgeitzigen und laſterhaften Mannes, über den Ehre, Gerechtigkeit und Tugend nie einige Macht geübt hatten. Die Waiſe hatte keine Hoffnung mehr als ihre Beſchützerinn; aber die Gräfinn war dem unterneh⸗ menden Heerführer zugethan, deſſen Stirn ſie ſchon mit einer Krone geſchmückt zu ſehen glaubte. Der Fürſt mahlte ihr ſeine Gefühle gegen Elodien; er hatte von ihr die Hand ihrer angenommenen Nichte ver⸗ langt. Dieſe ihre Richte konnte demnach eines Tages vielleicht unumſchränkte Herrſcherinn ſeyn! Sollte die —— — 141— Gräfinn einen Augenblick anſtehen, Palzo's Wünſche zu erfüllen? Geſchmeichelt durch die edelmüthigen An⸗ erbiethungen des Fürſten, welcher, von Liebe verlei⸗ tet, das Mißverhältniß der Verbindung zu vergeſſen geneigt war, ſchwor ſie, daß die Waiſe ſeine Gattinn werden ſollte; und ihre Befehle wurden gegeben, da⸗ mit die gewünſchte Vermählung baldmöglichſt gefeyert werden könnte. Feſt in ihren Entſchließungen, herriſch in ihrem Willen, aber wie immer unter trügeriſcher Außenſeite ihre geheimen Gedanken verhüllend, ließ die Gräfinn eines Morgens ihre Richte zu ſich kommen. Nie hatte ihre Stimme zarter geſchienen, nie hatte ſich ihr Lä⸗ cheln anmuthsvoller gezeigt, nie waren ihre Manieren liebkoſender geweſen. Nach einer prunkvollen Aufzählung der Titel und Beſitzungen des Fürſten Palzo, nach einer umſtändli⸗ chen Erzählung der Heldenthaten ſeines Lebens, nach einer langen Lobrede auf ſeine Tugenden und ſeine Wohlthätigkeit, machte die Gräfinn ſie mit den ſchmei⸗ chelhaften Vorſchlägen bekannt, welche er ihr zu ma⸗ chen ſie würdige. Mit ihrer gewohnten Beredtſamkeit ließ ſie die glänzenden Vortheile der vorgeſchlagenen Verbindung wieder hervortreten: ſie mahlte mit En⸗ thuſiasmus die leidenſchaftliche Liebe des Fürſten, und die innige überzeugung„ daß Elodie glücklich ſeyn würde, ſchien das einzige Gefühl zu ſeyn, welches ſie zum Vortheile des berühmten Kriegers entſchieden hätte.—»Liebenswürdiges Kind,« ſagte ſie, indem ſie ihre Rede ſchloß,„folget dem Fürſten zum Altare; — 142— die Liebe, die Ehre, Reichthum und Ruhm werden euer Daſeyn umgeben. Wie ſegne ich den Himmel, der mich in dieſe Gegend geführt hat, um das Glück einer verlaſſenen Waiſe zu ſichern! Mächtig durch eure Reichthümer, werdet ihr überfluß und Freude unter alle Hütten von Underlach bringen; mächtig durch euren Rang, wendet ihr der Stolz und die Freude eurer Familie ſeyn; mächtig durch eure Reitze, werdet ihr die Zierde des Hofes von Lothringen ſeyn; mächtig durch eure Tugenden, werdet ihr die reinen Sitten unſererer Vorfahren dahin zurückführen. O theure Elodie, wer weiß, ob euch der Ewige, indem er den Helden, der euch anbethet, zu höhern Beſtimmungen ruft, euch nicht eine Krone bereitet“ Ungeachtet der Kunſt ihrer Rede hatte dennoch die Gräfinn das Herz der Waiſe nicht bewegen können: kein Gemählde konnte ſie entzücken, keine Anerbiethung verblenden. Sie, die vor kurzem den Muth gehabt hatte, der reinen und edelmüthigen Liebe, den rührenden Bitten des ſchönen und hochherzigen Ecbert's zu wider⸗ ſtehen: konnte ſie durch die Aufzählung der Titel und Reichthümer eines Ehrſüchtigen verleitet werden? Ru⸗ hig ohne Kälte, feſt ohne Kühnheit erhob ſich Elodie mit Würde, und antwortete: Edle Frau, ich kenne das Schickſal nicht, wel⸗ ches der Himmel mir vorbehalten hat; aber ich ſtrebe nicht nach einer Krone; der Glanz des Lebens ſcheint mir nicht auch das Glück deſſelben zu beſtimmen. Er⸗ zogen in der Dunkelheit glaube ich mich nicht zu einem hohen pltze auf der Erde berufen, und der Kloſter⸗ — ——————— —————— ſchleyer würde beſſer für meine Stirne paſſen, als das Diadem einer Fürſtinn. Ich werde nicht die Ge⸗ birge Helvetien's verlaſſen; der letzte Wille meiner Mut⸗ ter macht mir dieß zum Geſetz. Erlaubt mir alſo die ruhmvolle Verbindung zurückzuweiſen, welche mir vor⸗ geſchlagen wurde. Dankbarkeit iſt das einzige Gefühl, welches der Fürſt Palzo von Elodien erwarten darf.« So ſprach ſie und entfernte ſich. Die Gräfinn Imberg, betroffen vor Erſtaunen, ſuchte ſie vergebens zurück zu halten; aber nichts dennoch ſollte den Ent⸗ ſchluß der Freundinn Palzo's ändern. Zu fein, um ihren Zorn merken zu laſſen, hüthete ſie ſich wohl, durch Heftigkeit eine Seele zu reitzen, deren Kraft ſie erkannt hatte. Die Gräfinn hatte die widerſpenſtigſten Geiſter zu zähmen gewußt. Ein Ver⸗ ſuch der Sanftmuth ſollte der Anwendung der Gewalt vorhergehen. Feſte, Huldigungen, Vergnügungen, alle Verführungen der Liebe und Schmeicheley um⸗ ringten jetzt von allen Seiten das Herz der Waiſe. Ach die Treuloſigkeit hat tauſendfältige Waffen; die Unſchuld hat keine andern als ſich ſelbſt. Die Stunde des Abendeſſens hatte geſchlagen: Elodie ging wieder zu der Gräfinn Imberg; ſie erwar⸗ tete ihre Vorwürfe, ihren Zorn, ihre Mißbilligung; aber unerſchütterlich in ihrer Weigerung, feſt entſchloſ⸗ ren, dem Ungewitter zu trotzen, verbarg ſie unter einer ruhigen und heitern Stirne ihre unrh ih⸗ ſen Schmerz. 6 Ein liebreiches Lächeln der Gräfinn b fren Ihr liebkoſender Blick ſuchte ite mit Zärtlichkeit. Kein Vorwurf, keine Flage kam über ihre Lippen. Sie ſchien nur von der Beſorgniß beunruhigt, ihre junge Freundinn betrübt haben zu können. Ihre Ausdrücke waren die einer über das Schickſal ihrer Tochter beſorgten, und einzig mit ih⸗ rem Glücke beſchäftigten Mutter. Der Fürſt Palzo, eben ſo zärtlich, aber achtungsvoller, hörte auf, Elodien mit jener beleidigenden Zutraulichkeit zu behandeln, welche der wahren Liebe fremd iſt. Seine Aufmerkſam⸗ keiten waren zart, ſeine Blicke ſchmeichelnd, ſeine Worte zurückhaltend. Die furchtſame Waiſe hatte ſeine Gegenwart nicht mehr zu fürchten, und mehr⸗ mahls wendete ſich ihr Blick mit Dankbarkeit auf ihre Beſchützerinn. Es war Nacht. Elodie hatte ſich in ihre Zelle zu⸗ rückgezogen, und an's Fenſter geſetzt; wenig geneigt zur Ruhe, und ganz in ihre traurigen Betrachtungen verloren, dachte ſie an Herſtall, und fühlte, daß ihre Thränen floſſen. Sonſt hatte Elodie allein das Klo⸗ ſter bewohnt, und es ſchien ihr mit theuren Weſen angefüllt. Heute ſchloß dieſer alterthümliche Aufenthalt in ſich eine zahlreiche Menge, un ur für ſie nur eine Wüſte. Auf den fernen Gipfeln der Gebirge irrten alle ihre Gedanken umher, dorthin verſetzte ſich ihr ganzes Seyn; die dürren Felſen des Mur⸗ ten⸗Sees zeigten ſich ihrem Blicke wie bezaubert. Ach! um das Weltall zu beleben, um die Matur durch zauberiſche Prismen zu betrachten, was bedarf der Menſch, der mitten unter die Menſchen hingeſtellt iſt?— Ein Herz, das dem ſeinigen entſpricht. Es ———— ———— gibt keinen wirklich allein Stehenden, als den Un⸗ empfindlichen; es gibt keinen wahrhaft Verbannten als den Vergeſſenen. Die Stunden flohen. Plötzlich ſah Elodie auf einem der Felſen, welche das Thal beherrſchten, eine ihr unbekannte Flamme ſich erheben. Sie leuchtete einen Augenblick und verſchwand. Auf dem Gipfel des entgegengeſetzten Felſens erhob ſich ſchnell auch eine gleiche Flamme, und verſchwand eben ſo: es wa⸗ ren Zeichen, welche ſich entſprachen. Längs des ge⸗ krümmten Pfades, der nach der Brücke des Stromes hinabführte, bemerkte ſie eine zahlreiche Truppe be⸗ waffneter Bergbewohner, welche eiligſt ſich mitten in den Wald ſtürzten. Wo bildeten ſich dieſe finſtern Banden? Welches Haupt verſammelte dieſe regelloſen Horden? Die aufgeſchreckte Waiſe konnte ſich nicht mehr dem Schlafe hingeben, und an die eiſer⸗ nen Stäbe ibres Fenſters geſtützt, beobachtete ſie im⸗ merfort die fremdartigen Bewegungen welche ſich auf den Höhen um das Thal bemerkbar machten; und die nächtlichen Signale, welche von Ferne zu Ferne rings um das Kloſter her ſich wiederholten. Kaum brach noch ein Stray der Morgendämmerung hervor. Ein geräuſchvoller Lärm von Stimmen, Waffen und Roſſen ſchlug an das Ohr Elodiens. Kamen neue Fremdlinge im Priorate an? Sind das die Eilbothen, welche der Fürſt empfing oder abgehen ließ? Bedro⸗ hen Gefahren die Gegend? Behuthſam öffnete dre Waiſe die Thür ihrer Zelle, ging leiſe über den lan⸗ gen Corridor des Kloſters, und durch eines der hohen Der Einſame. 1. 5 S Fenſter auf der Mittagsſeite warf ſie einen verſtohle⸗ nen Blick auf den großen Hof der Abtey. Gerüſtet vom Kopfe bis zum Fuß beſtieg der Fürſt einen feurigen Renner. Mit einem violetfarbe⸗ nen Mantel bedeckte er ſein Panzerhemd, und den glatten Stahl ſeines Bruſtharniſches. Von ſeinem ſchwarzen Helme nahm er die weiße Feder. Keine Schärpe umſchlang ſeine Hüften, kein Ehrenzeichen lag auf ſeiner Bruſt. Er ließ das Viſier herab; und düſter wie eine Herbſtnacht ſprengte er aus dem Git— terthore des Kloſters, begleitet von einigen Kriegern, die eben ſo geheimnißvoll waren als ihr Führer. Was für Betrachtungen konnte Elodie aus Pal⸗ zos ungewöhnlichem Betragen ziehen! Es unterlag keinem Zweifel, eine große Unternehmung beſchäf⸗ tigte die Gedanken des Fürſten. Aber eine ſo finſtere Verſchwörung konnte nur ein Verbrechen ſeyn. Dieſe nächtlichen Wanderungen, dieſe Verkleidungen, dieſe Signale, dieſe Verſammlungen, dieſe Wechſelſchrei⸗ ben, alles verkündigte ſchreckliche Ränke, heimliche Anſchläge. Ein Ungewitter bildete ſich, es erhob ſich eben aus Underlach, aber an welchen Orten, über welchen Häuptern ſollte ſeine ſchwarze Wuth ausbre⸗ chen? Wenn das Kloſter der Heerd einer Verſchwö⸗ rung war, konnte vielleicht auch das Kloſter vom Blitze getroffen werden. Die Rache des Himmels, dachte die Waiſe bey ſich, wird ohne Zweifel die Meineidi⸗ gen vertilgen; aber das Thal konnte der Schauplatz eines Kampfes, eines Blutbades werden, und was ſollte dann aus der zarten Jungfrau werden! *— Ahnungsvolle Gedanken ſchreckte ihre Seele. An⸗ ſelm konnte ſie nicht um Rath fragen: der Zutritt in die Abtey war ihm unterſagt, und ſie ſelbſt war darin eine Gefangene. Allein war ſie in dieſem Augenblicke, ohne Führer, ohne Stütze. Welchen Entſchluß nun faſſen! Wohin nach Hülfe ſich wenden!—»Wenn ich die Leuchte des Thurmes anzündete le ſagte ſich heimlich die Waiſe.»Wenn ich den Einſamen herbey rief!.. Aber er ſelbſt ja, was könnte er thun?... Die Wa⸗ chen des Fürſten verſagten allen Fremden den Eintritt in's Kloſter. Ein verwegener Krieger, ein Liebender in Verzweiflung, der Mann vom wilden Berge, er allein würde im Stande ſeyn, den Eingang zu erzwingen, Palzo's Wachen zu überwinden, und ihnen Elodien zu entreißen. Aber ach! vielleicht würde er, von der Mehrzahl zbermai unterliegen, und ich hätte ſeinen Tod veranlaßt.« Dieſer ſchreckliche Gedanke hielt ſie zurück.— »Noch will ich warten,« ſagte ſie. Vielleicht überlaſſe ich mich eingebildeten Schreckniſſen: die Gräfinn Im⸗ berg behandelt mich wie ihre Tochter, der Fürſt hat ſein Betragen gegen mich geändert; noch droht mir keine dringende Gefahr; ich will das Leben des Einſa⸗ men alſo auch keiner Gefahr ausſetzen. Nein, ich will 3 die Leuchte des Thurmes nur erſt im Augenblicke einer traurigen Entſcheidung entzünden, nur eſ i 88 4 gen der Verzweiflung.« Seit lange hatte es die Richte gerſtall⸗ nicht ge⸗. wagt, in die Kloſtergär ten hinab zu gehen, aus Furcht vor einem Zuſammentreffen mit Palzo. Die Wergen röthe erhellte den Himmel; der Fürſt hatte ſich aus dem Thale entfernt, furchtlos flog die Waiſe nach dem ländlichen Pavillon, dem Zeugen der Spiele ihrer Kind⸗ heit; und glücklich in der Erinnerung an die Vergan⸗ genheit, ſuchte ſie einen Augenblick die Gegenwart zu vergeſſen. Das Gartenhaus beherrſchte die Wieſengründe von Underlach. Aus der Ferne hatte Marceline Elodien be⸗ merkt; in ſchnellen Schritten lief ſie auf dieſe zu; die Thüre des Parks ſtand offen, und Marceline war bey Elodien. »Endlich ſeh' ich Euch wieder,« rief die Sybille des Dörfchens mit Begeiſterung aus:»was für Ereig⸗ niſſe haben ſeit wenigen Tagen unſern abgelegenen Can⸗ ton durchlaufen! Eine prophetiſche Stimme hat ſich auf dem Cederngipfel unſers Thales erhoben; ſonſt war das Floſter unſer Zion; das Verbrechen thront im Aller⸗ heiligſten; wehe dem Tempel!« „O Himmel, was wollt Ihr damit ſagen*« rief das junge Mädchen erſchreckt.—»Waiſe Taube, über Eurem Haupte ſchwebt der Raubvogel, er öffnet ſeine blutenden Krallen.. Fliehet, wenn es noch Zeit iſt— Wohin?«—»In das Gebirge; es iſt nicht eine unter unſern Hütten, welche Euch nicht einen ſichern Zufluchtsort biethen ſollte.«—»Wer ſoll mich ba ſchützen 7«—»Der Himmel, er bleibt unſere ein⸗ zige Hülfe. Das Geſtirn unſerer Thäler iſt in den Wol⸗ ken verſchwunden; hier iſt kein Hafen mehr für Schiff⸗ brüchige; kein Gidron mehr, um die Philiſtäer nieder zu ſchmettern.« 3 8 & Qu „Der Einſame hat alſo die Gegend verlaſſen*« „Seit dem Tage, an welchem er Conrad rettete. Elodie, eine ungeheure Verſchwörung bildet ſich in dieſen Thã⸗ lern. Die Höhlen des Waldes hallen von rebelliſchen Lauten wieder. Ich habe geſpäht, ich habe gehorcht, ich habe gehört; irregeführte Bergbewohner eilen zu den Waffen; Lothringen iſt bedroht; Frankreich beſoldet die Empörten; der Fürſt Palzo iſt ein Verrather, und das Thal von Underlach eine Räuberhöhle... Aber man könnte uns beobachten, ich verlaſſe euch. O? ſchlafet nicht ein am Rande des Abgrundes la Ende des erſten Theiles. 3 5 — — —