— ——————— Leihbibliothetk᷑ deutſcher, engliſcher 2 franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmunn in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Teſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Ruckgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgs: 5. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 S „3 6 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder vefecte Buch ein Theil eines gröheren Werkes, ſo iſi der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihpzeit. D ieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S— Marie Henriquez Worales. Erzählung der Grace Aguilar. (Das Cedernthal.) Frei bearbeitet und mit einem Vorworte verſehen von — J. Piza. Oldenburg, 1856. Verlag von Ferdinand Schmidt. — „ 5 4 ₰ e — Bu aufhör den daut licht fir iner der nißigen die iſte bgeſen duunsſe ihung tinr blo niht beg tagn, der Etji hung fnenn Vorwort. Bedenkt man, welche Fluth von Ueberſetzungen unaufhörlich von Stuttgart und Leipzig her über den deutſchen Büchermarkt hinſtrömt, ſo mag es leicht für ein pretentiöſes Gebahren gelten, wenn ich einer der ausländiſchen Literatur entlehnten Erzählung mäßigen Umfangs, die im glücklichſten Falle, wie die meiſten ihrer zahlreichen Schweſtern, geleſen und vergeſſen wird, die Beigabe eines eigenen Vorworts vorausſende. Indeſſen darf ich zu meiner Entſchul— digung anführen, daß meine Arbeit nicht den Namen einer bloßen Ueberſetzung verdient Ich habe mich nicht begnügt, Capitel für Capitel wörtlich zu über⸗ tragen, ſondern überall verſucht, theils den Kern der Erzählung aus der Fülle ausſchmückender Schil— derungen zu retten, theils müßiges Beiwerk zu ent— fernen und ſo den Unfang des Ganzen zu ermäßigen. IV Des Engländers Behagen an der concreten Welt verträgt weitläufigere Erpoſitionen, breitere Schilde⸗ rungen und ausführlichere hiſtoriſche Excurſe, als der deutſche Geſchmack ſich zumuthen läßt, und ſelbſt dem Vorgang der W. Scottſchen Romane, der bei uns ſo manche Nachbildungen in ähnlichem Genre her⸗ vorrief, hat es bis jetzt nicht gelingen wollen, das In tereſſe für deſcriptive Darſtellung mit der T heilnahme an erzählenden und räſonnirenden Partien auszugleichen. Selbſt den Mangel an ſtofflichem Inhalt ſind wir geneigt, bei dem Romanſchreiber zu wenn er uns nur mit leidlichem Geſchicke über die Dürftig— feit der Erfindung durch das Surrogat tii gewiſſen poetiſirenden Scholaſtik hinwegzutäuſchen weiß. Wir ertragen leichter die blaſſe Waſſerfarbe der Reflexion, als das lebendige Colorit concreter Verhältniſſe, wäh⸗ rend der geſchichtliche Sinn des Engländers jede winzige Aeußerlichkeit als den Ausfluß der dargeſtell⸗ ten Zeit und ihrer Richtung erfaßt und geduldig die zahlreichen Fäden verfolgt, welche zwiſchen der wech⸗ ſelnden Erſcheinung und ihrem ewigen Grunde ge⸗ ſchäftig hin- und hereilen. Das Warum? wird ſich Jeder leicht beantworten, der nicht in romantiſcher Verblendung die Literatur als das willkürliche Pro⸗ dukt bevorzugter Geiſter und das Genie für voraus— ſetzungslos erklärt, ſondern die Wirklichkeit, die breite Fülle des Gegebenen, des Volkes mannigfache Er⸗ ſcheinung, mit einem Worte: das nationale Leben als den einzig ergiebigen Boden betrachtet, auf ——— —— welchem treibt un In ſcheint, für das ſigfeit ſceinune dern aut währen, der idea und geſt wo der iſt. Re eines g der and Geiſtes pſocholo Tugend ſonit a und S h lie der Ve fallen 1 Lben! lung it gm zuht her⸗ In⸗ ean hen. wir venn ftig⸗ iſſen rion, wäh⸗ jede ſtell⸗ die wech⸗ e ge⸗ ſich Pro⸗ raus⸗ breite e Er⸗ Leben auf M V welchem der Baum der Dichtung Blüthen und Früchte treibt und zeitigt. Indeß läßt ſich unſere Verfaſſerin, wie es mir ſcheint, von dem ihren Landsleuten eigenen Sinne für das Pragmatiſche zur Ausſchreitung und Maß— loſigkeit verleiten. Aengſtlich bemüht, jeder Er⸗ ſcheinung nicht nur gewiſſenhafte Motivirung, ſon⸗ dern auch genügenden, äußerlichen Abſchluß zu ge⸗ währen, weiß ſie die epiſche Ausführlichkeit nicht mit der idealen Tendenz ihrer Erzählung auszugleichen und geſtattet dem Detail ſelbſt da noch Spielraum, wo der künſtleriſche Geſammtzweck bereits erledigt iſt. Reich an idealem Sinne und von der Totalität eines großen Gedankens getragen, vermag ſie auf der andern Seite nicht, von der Schöpfung ihres Geiſtes zu ſcheiden, ohne, ſelbſt auf Koſten der pſychologiſchen Wahrheit, Laſter und jede Tugend gebührend vergolten zu wiſſen und erinnert ſomit an die in der literariſchen Welt nicht ſeltene, peinliche Genauigkeit einſeitiger Moraliſten, die Lohn und Strafe wie eine Dividende vertheilen möchten. Ich ließ hier, ohne, wie ich meine, den Intentionen der Verfaſſerin Gewalt anzuthun, das Unweſentliche fallen und erachtete den Rahmen für ausgefüllt, wo Leben und Schickſale der Heldin, in deren Darſtel— lung ich dem Originale treu gefolgt bin, zum Abſchluſſe gelangen. Somit glaube ich das auf dem Titel gebrauchte Prädikat einer freien Ueberſetzung gerechtftrtigt VI zu haben. Im Uebrigen weiß ich, daß es ein ge— wagtes und undankbares Geſchäft iſt, bei der Ver— pflanzung ausländiſcher Geiſteserzeugniſſe in ſelbſt— ſtändiger Thätigkeit die Grenzen der bloßen Ueber⸗— ſetzung zu verlaſſen und begebe mich gern jedes An— ſpruches auf Lob, wenn es mir nur gelingt, die Thätigkeit unſerer Grace Aguilar, welche in der engliſchen und amerikaniſchen Preſſe vielfach und rühmlich beſprochen worden, in Deutſchland trotz der nicht geringen literariſchen Thätigkeit ihrer kurzen Laufbahn kaum den Namen nach gekannt iſt, der Aufmerkſamkeit deutſcher Leſer näher zu rücken. Eine ausführliche Beſprechung des Lebens und Wirkens unſerer Verfaſſerin bringt unter ſämmtlichen deutſchen Blättern nur das Magazin f. d. Literatur des Aus⸗ landes, und wir glauben daher, unſern Leſern keinen unwillkommenen Dienſt zu erweiſen, wenn wir der genannten Zeitſchrift folgende, urſprünglich von Mrs. S. C. Hall(einer irländiſchen Schriftſtellerin) im Art Nournal veröffentlichte Mittheilungen auszugs⸗ weiſe entnehmen: „Grace Aguilar, die einzige Tochter des Emanuel und der Sarah Aguilar, ward in Hackney im Juni des Jahres 1816 geboren. Sie war von ſo zarter und gebrechlicher Natur, daß ihre Eltern ſie an die See nach Haſtings brachten, als ſie vier Jahr alt war. Das Leſen lernte ſie faſt von ſelbſt, und wenn ſie ſich ein Geſchenk wählte, zog ſie ſtets ein Buch vor. Von ihrem ſiebenten Jahre an führte dies außerordentliche Mädchen ein Tag dachte, eintrug Frau, r ales S Johr v „Guſto ſung au wurde. Fit nur we diglich ausbilde ſie ſpäte Euiſchlo unterſtü Fider vermoch — währen Mädche Zwecke müßten et ſie wodurt dr chr ſt, in berlan 33 Wlgel Eine kens chen und nach Das ein hrem dchen — m ————— —— ———— —— VII ein Tagebuch, worin ſie Alles, was ſie ſah, hörte und dachte, mit der ſtrengſten Berückſichtigung der Wahrheit eintrug. Ihre Mutter, eine hochgebildete und begabte Frau, richtete gern ihrer Tochter Geiſt auf das Studium alles Schönen und Wahren. Ehe dieſe ihr zwölftes Jahr vollendet hatte, ſchrieb ſie ein kleines Drama, „Guſtav Waſa“ betitelt; es war dies eine Hinwei⸗ ſung auf das, was ſpäter ihre herrſchende Leidenſchaft wurde. Ein Leben, wie das von Grace Aguilar, bietet nur wenig Ereigniſſe und Abwechſelung dar; es iſt le⸗ diglich ein Bericht darüber, wie ſie ihre Talente hoch ausbildete, ihre FPflichten liebevoll erfüllte, und wie ſie ſpäter einen großen Vorſatz faßte und mit ſtoiſcher Entſchloſſenheit dabei beharrte, bis ſie, von Polſtern unterſtützt und von heftigen Schmerzen ergriffen, die Feder nicht mehr in den zitternden Fingern zu halten vermochte. Durch den Rath einer Freundin angeſpornt, welche, während ſie die mannigfaltigen Talente des jungen Mädchens bewunderte, einſah, daß, um einem großen Zwecke zu genügen, dieſe Talente koncentrirt werden müßten, flehte Grace Aguilar inbrünſtig zu Gott, daß er ſie in den Stand ſetzen möchte, etwas zu leiſten, wodurch ſie den Charakter ihres Volkes in den Augen der chriſtlichen Welt und, was noch wichtiger war und iſt, in ſeiner eigenen Schätzung erheben könnte. Sie verlangte danach, ihren Glaubensgenoſſen die„Urkunden Jsraels“(The Records of Frael) vor Augen zu führen 8 vl1 und die„Frauen JIsraels“(The Women of ſsrael), jene heldenmüthigen Frauen, auf die jede Nation mit Recht ſtolz ſein würde, ihrer Bewunderung vorzuhalten. Das junge jüdiſche Mädchen, mit wenig oder gar keiner literariſchen Bekanntſchaft, kaum wiſſend, wie ſie die Dinge an's Tageslicht bringen ſollte, hielt ihre Abſicht eine Zeit lang verborgen und theilte ſie dann der Mutter mit, von der ſie mit Sicherheit Unterſtützung in Allem, was hehr und heilig war, erwarten durfte. Zuerſt überſetzte ſie ein kleines Werk aus dem Fran— zöſiſchen unter dem Titel:„Israel vertheidigt“ (srael Defended); im„Zauberkranz“(The Mogie Wreath) verſuchte ſie ihre poetiſchen Flügel, und ihre geiſtige Kraft fühlend, ſchwang ſie ſich aufwärts in der Sache ihres Volkes; ſie ſchrieb den„Einfluß des Hauſes“(Home lnfluence) und den„Geiſt des Judenthums(The Spirit of Judaism). Der trium⸗ phirende Geiſt wurde jedoch bald durch des Körpers Schwäche gehemmt. Im Frühling des Jahres 1838 wurde ſie von den Maſern ergriffen, und von dieſer Krankheit iſt ſie nie wieder vollkommen geneſen. Bald fing ſie das Werk an, welches allein hinreichend iſt ihren Ruf zu begründen und zu krönen— ſie ſchrieb „die Frauen Israels“(The Women of lsrael). Aber während ihre geiſtigen Kräfte zunahmen, erlitt ſie wiederholte Anfälle von körperlicher Krankheit, und ihre einſt volle und anmuthige Geſtalt war nur noch ein Schatten. Der Arzt empfahl Veränderung der Luft und der Gegend; zuweilen raffte ſie ſich wieder auf, dennoch * ſullt ſich noch im götzen; durfte ih rirf ihr dis ihr; Die und der wie ſehr mit ſo Ihr eſt betrift, genomm hriſtlich begrüßte und en Glanzes ihr übe nur ih den d ſelt, 6 den“ „Chan deren ndn — 7 Wtere und Noch rael), mit alten. keiner die bſicht utter llem, ran gt“ lagie IX ſtellte ſich keine bleibende Beſſerung ein. Die Muſik war noch immer, wie von je her, ihr Troſt und ihr Er⸗ götzen; allein ſie mußte ihr Harfenſpiel aufgeben und durfte ihre Stimme nur ſelten üben; trotz alledem aber rief ihr Geiſt:„Vorwärts, vorwärts,“ und jede Stunde, die ihr zu Gebote ſtand, ward der Feder gewidmet. Die„Urkunden Israels,“ die„Frauen Jsraels“ und der„jüdiſche Glaube“(The Jewish Faith) beweiſen, wie ſehr ſie mit Herz und Liebe in der Sache, die ſie mit ſo vieler Kraft zu ihrer eigenen gemacht, arbeitete. Ihr erſtes Werk, welches ihr eigenes Volk ſo beſonders betrifft, wurde von den engliſchen Juden nur kalt auf⸗ genommen; hingegen in Amerika(wo die Juden ihren chriſtlichen Mitgliedern vollkommen gleich geſtellt ſind) begrüßte man dieſen aufgehenden Stern mit Freuden und erwartete mit Sehnſucht, ihn im Höhepunkte ſeines Glanzes zu ſehen. Briefe und Glückwünſche kamen zu ihr über das Atlantiſche Meer, und ſelbſt die, welche nur ihre flüchtigen Skizsen geleſen hatten, bewunderten den edlen Eifer und die fromme Energie, welche ſie be⸗ ſeelte, wenn ſie über die Juden ſchrieb. Eine kleine„Geſchichte der engliſchen Ju⸗ den“(„Hislory of che English Jews,“ mitgetheilt in „Chambers' Miscellanies“*) übertrifft vielleicht ihre an⸗ deren Schriften an Styl und Vollendung— die Sätze ſind mehr zuſammengedrängt, die Belehrung reicher an Intereſſe. Es war, wie wir glauben, ihre letzte Arbeit, und ſie hatte große Freude an deren Veröffentlichung. Nach Beendigung dieſes Werkes hatte ſie beſchloſſen, die X deutſchen Bäder zu beſuchen und, ſoweit es ihre zuneh⸗ mende Schwäche geſtatten würde, die Geſellſchaft ihres älteſten Bruders, welcher damals in Frankfurt die Muſik Eine Kunſt, in der er jetzt ſo ausgezeichnet iſt) ſtudirte, zu genießen. Vor ihrer Abreiſe ſchon fühlte ſie zuweilen, daß ihre Tage gezählt ſeien; dieſ jedoch vor ihrer Mutter, ſtillen und heiteren Geduld es Gefühl verbarg ſie ſie ertrug ihre Leiden mit der „welche den Genuß erhöhete, ſie zu ſehen und ſprechen zu hören. Zuweilen glaubte ſie wirklich, ihr Leben dürfte noch ein wenig länger ver⸗ ſchont bleiben, um ihre Mutter zu tröſten, um Ziuge der Auszeichnung zu ſein, welche ihren Bruder gewiß noch belohnen müſſe, und den Ruf zu genießen, der ihr res eigenen Volkes, ſowohl in England, als in Amerika jetzt, beſonders von Seiten il zu Theil wurde. Ihren Freunden treu ergeben, bedauerte ſie, nicht von ihnen Allen Abſchied nehmen zu können; nahm immermehr überhand; von Polſtern unterſtützt, fuhr ſie noch täglich fort zu ſchreiben, bis ihre Aerzte ihr ausdrücklich befahlen, ſich und letzten Genu ſſes“ zu enthalten. Als die Zeit ihrer Abreiſe nach Deutſchland heran⸗ gekommen war, f allein ihre Schwäche dieſes, ihres„größten fanden ihre Freunde es ſchwer, von ihr Abſchied zu nehmen, denn letzte Mal ſein, daß ſie dieſe zarte, abgemagerte Hand drücken dürften; jedoch i ſie glaubten, es würde das hre hellſtralenden Augen und ihr hoffnungsvolles Lächeln 1 ießen keine Verſtimmung auf⸗ kommen. Sie verließ England am 16. Juni 1847, verweilte einige Wochen in Frankfurt und reiſte dann in die Bäder n tinſt in überfallen geſchaff ſi, awe Todes, u war ſe d durch Zeic dur ihre ſch wige abgezhrte Die lezte die Vort ihn vut Pilen liebenden wärts z beggun nannten acer zu welher ing un wird ge Perk n J 31. Ih tf betr Praf re zuneh⸗ aft ihres die Muſik ſtudirte, zuweilen, rbarg ſie mit der erhöhete, glaubte lger ver⸗ n Ziuge gewiß der ihr ſowohl Ihren ihnen chwäche terſtützt, eAerzte ößten heran⸗ von ihr rde das Hand und ihr gauf⸗ 1847, dann XI in die Bäder von Langenſchwalbach. Doch weder Bäder noch Mineralwaſſer brachten ihr Erleichterung; einſt in der Nacht wurde ſie von heſtigen Krämpfen überfallen und den folgenden Tag wieder nach Frankfurt geſchafft. Feſt überzeugt, daß Geneſung nun unmöglich ſei, erwartete ſie ruhig und gefaßt die Ankunft des Todes, und obſchon die Sprache ſie verlaſſen hatte, ſo war ſie doch im Stande, ihre Bedürfniſſe und Wünſche durch Zeichen mitzutheilen. Ihr ſehnlichſter Wunſch war r, ihre Mutter zu tröſten; und wenn auch ihre Zunge 3. weigerte, ihr Amt zu verrichten, ſo flehten doch jene abgezehrten Finger die Mutter an, geduldig zu ſein. Die letzte Bewegung, die ihre Finger machten, war, um die Worte„obſchon er mich tödte, doch will ich auf ihn vertrauen,“ zu buchſtabiren; und als dieſe ihrem Villen nicht mehr Folge leiſten wollten, pflegten ihre liebenden Augen ihre Mutter zu ſucheu und dann auf⸗ wärts zu blicken, andeutend, daß ſie ſich einſt wieder begegnen würden. Sie ſtarb im September des ge⸗ nannten Jahres. Sie liegt auf dem jüdiſchen Gottes⸗ acker zu Frankfurt am Main begraben; auf dem Steine, welcher das Grab bezeichnet, befindet ſich ein Schmetter⸗ ling und fünf Sterne, darunter die Inſchrift:„Sie wird gerühmt von den Früchten ihrer Hände, und ihre Werke werden ſie loben in den Thoren.“ Spr. Cap. 31, V. 31. Ihr Tod wurde beſonders in England und Amerika tief betrauert; auswärtige Freunde ergoſſen ſich in Klagen, Privatfreunde drückten ihren Schmerz in Poeſie und NI Proſa aus, und die verſchiedenen Journale beider Hemiſphären ſprachen von ihr mit der Achtung und Bewunderung, die ſie ſo reichlich verdiente. Für ihr eigenes Volk war ihr Verluſt unberechenbar groß; ſie war ein goldenes Glied in der Berbindung zwiſchen Chriſten und Juden; von Beiden gleich geachtet und bewundert, brachte ſie die Einen den Anderen in Liebe näher und verdiente, indem ſie in einem hohen Maße dazu beitrug, das Vorurtheil zu vernichten und gegenſeitige Liebe ein⸗ zuprägen, den Dank des wahren Chriſten eben ſo ſehr. als den des gewiſſenhaften Juden. Im Laufe der Zeit lernte auch, wie bereits erwähnt, ihr eigenes Volk ſie nach Verdienſt ſchätzen und eine kurz vor ihrer Abreiſe nach Deutſchland an ſie gerichtete Zuſchrift mehrerer jü⸗ diſchen Frauen Englands iſt ein ſchöner Beweis der rühmlichen Anerkennung, welche ihr heiliges Streben in näheren und weiteren Kreiſen fand. Unter Grace Aguilar's Werken von allgemeinem Charakter iſt der„Einfluß des Hauſes“ vielleicht das beliebteſte; das Nachſtück dazu„der Mutter Be⸗ lohnung“(The Mother's Recompense), obſchon erſt im Jahre 1851 veröffentlicht, war bereits 1836 geſchrieben. Das„Cedernthal“(The vale of Cedars iſt eine Er⸗ zählung von jüdiſchem Glauben und Dulden, auf merk⸗ würdigen Thatſachen beruhend, die ſie durch Leute ihres eigenen Glaubens kennen lernte. Die Anordnung war *) Der Originaltitel der vorliegenden Etzählung. J. P hier ſchw und Pi Schönhe Nängen und Ge und Va duß, we der Ver willen de Mörder Jü ſuzufüg ähnlicht ſihlung ſie die ſamnt und ſe ein rül Kötper ien ge eines den S Mitgl Ander wil, in de ſchicht peicht XIII beider hier ſchwierig, wie es ſtets ſchwierig iſt, das Einfache und Würdige zu verſchönern, ohne deſſen Wirkung und Schönheit zu zerſtören; aber ſie wußte zuſammenzu⸗ drängen und zu vergeiſtigen, und alle ihre Gedanken und Gefühle waren in die Eſſenz der himmliſchen Liebe und Wahrheit getaucht. Wir find feſt davon überzeugt, daß, wenn dieſes junge Weib in den ſchrecklichen Zeiten der Verfolgung gelebt hätte, ſie um ihres Glaubens willen den Scheiterhaufen beſtiegen und ſterbend für ihre ig und Für ihr ſie war Chriſten undert, e un beitrug, be ein⸗ o ſcht, WMoörder gebetet haben würde.“ er Zeit olk ſie Ich habe dieſen Rittheilungen nur wenig hin⸗ Abreiſe zuzufügen. Den Leſern wird die unverkennbare Geiſtes⸗ rer ji⸗ ähnlichkeit der Verfaſſerin mit der Heldin ihrer Er⸗ is der zählung nicht entgehen. Wohl unbewußt übertrug ben in ſie die eigene hingebende Begeiſterung für den ange— ſtammten Glauben auf die Trägerin ihrer Intentionen meinem und ſchuf in Mariens Leiden und Märtyrerthum ieleicht ein rührendes Abbild des eigenen Lebens, das trotz er Be— Körperſchwäche und Krankheit einem großen Gedan⸗ eſt im ten geweiht blieb, und ob der raſtloſen Thätigkeit rieben. eines unabläſſig aufſtrebenden Geiſtes allzufrüh in inr Er⸗ den Staub ſank. Ihre Marie iſt kein propagirendes ₰ et Mitglied einer Kirche, das enthuſiaſtiſch und eifervoll vc Andersglaubende unter das Joch des Dogma's beugen will, ſondern die Tochter eines verſtoßenen Volkes, die, in den Traditionen einer tauſendjährigen Leidensge⸗ ſchichte aufgewachſen, nur in der Intenſivität eines * ichen Gemüthslebens Stärke und Halt findet, und 13 XIV welcher die Sitte und der Glaube ihrer Väter nicht zu dürren Lehrſätzen und Geboten, ſondern zu Her⸗ zenswahrheiten geworden. Man mißverſtehe mich —. 6 hier nicht. Der Verfaſſerin Abſicht war es nicht, das Judenthum im Kampfe mit der herrſchenden Kirche als höher berechtigt hinzuſtellen; nicht der alberne Streit über die objectiv größere oder geringere Richtigkeit dieſer oder jener Dogmen ſollte erledigt werden— es galt hier nur, dem allgemeinen und De ewigen Gedanken, daß die höchſte und heiligſte Wahrheit in des Menſchen unerſchütter— licher Selbſttreue liegt, ſinnlichen und indivi— nit duellen Ausdruck zu geben. tuſt Lin köſtliche Ki warf ihrel Hamburg den 9. October 1855. wei ſſe hen ge J. Piza. ii tnt holz übern Rbens ve wälzten ſ nanchen; Und barüh ippigs „ Unblic und Val bugnan Rtation, ſonn be dNach 1 ½ 1 — — I. Der brennenden Hitze eines Sommertages war die köſtliche Kühle eines ſtillen Abends gefolgt. Die Sonne warf ihre letzten, roſigen Strahlen auf einen wilden Berg⸗ pfad Mittelſpaniens. Ungeheure Steinmaſſen und rieſen⸗ hafte Bäume ſtritten um die Herrſchaft über den Weg; zwei Felſen neigten von entgegengeſetzten Seiten her ihre Kuppen gegeneinander, und ſelbſt die ſchmale Kluft, welche ſie trennte, war derart von wilden Blumen und Strauch⸗ holz überwachſen, daß auch die ſchmächtigſte Geſtalt ver⸗ gebens verſucht hätte, ſich durchzuwinden. Weiterhin wälzten ſich toſende Waßſermaſſen, im reißenden Laufe manchen zackigen Zweig, manches Felsſtück fortſchnellend, und berührten den Saum eines Waldes, deſſen dichtes und üppiges Wachsthum einen ebenſo wilden als großartigen Anblick darbot. Dieſe ganze Gruppe von Fels, Waſſer und Wald ward an beiden Seiten von himmelhohen Bergmauern eingeſchloſſen, die, am Fuße voll reicher Ve⸗ getation, bei allmälig ſteigender Höhe immer dünner und ſpärlicher bewachſen, endlich ihre kahlen, von der Abend⸗ ſonne beſchienenen Häupter in leuchtenden Umriſſen an den Nachthimmel lehnten. Daß der rauhe Bergpfad, der 1 ſich durch dieſe Wildniß ſchlangenähnlich dahinwand, in eine bewohnte Gegend und nicht vielmehr mitten in die ungeheure, quer durch Spanien laufende Kette der Sierra Toledo führen ſollte, war undenkbar Eines Menſchen Füße hatten ihn augenſcheinlich ſelten betreten, und doch wurde gerade an dieſem Abend ein einſamer Wanderer hier ſicht⸗ bar. Seine Geſtalt war zart, wie die eines Kindes, aber von ſchönem Verhältniß, ſeine Bewegungen waren ſo an— muthig und leicht, daß die Hinderniſſe des Weges, die ein wuchtvollerer Körper und ſchwererer Tritt nur mit Anſtrengung beſiegt hätte, von ihm kaum bemerkt ſchie⸗ nen. Die große Barettfeder, welche ſich über ſeine Stirn neigte, ließ das dunkelblaue, raſtlos ſchweifende Auge, die feine Geſichtsbildung und das üppig quellende, braune Haar unverdeckt. Seine Züge waren nicht von regel⸗ mäßiger Schönheit, aber geiſtvoll und von einem ſo ge⸗ winnenden Ausdruck der Treue, daß ſie jede innere Regung rein wie ein Kriſtallſpiegel zurückgaben. Daß der Beſucher dieſer Wildniß nicht zu den Söh⸗ nen Spaniens gehörte, wird der Leſer nach der gegebenen Beſchreibung ohne Mühe errathen haben. Arthur Stanley war, wie ſein Name beſagte, ein Engländer, und zwar von hoher Abkunft, einer der Viel len, welche durch die unglückſeligen Kämpfe der weißen und rothen Roſe in freiwillige Verbannung getrieben waren. Er und ſein Bruder Edwin waren, kaum fünfzehn Jahr alt, in Ge⸗ fangenſchaft gerathen. Drei Jahre hatten Beide im Kerker geſchmachtet, als Eduard, der das immer noch mächtige Geſchlecht der Stanl ley zu verſöhnen wünſchte, den Jing N lingen Fui ihm Vhnst ſchiden, u Brüder zu zu veruth auf denk ii uch ling des Unthät ngonien, ſohlen we erten ge hit, ſche hohnichi und Mil doh inj Hand in ing, dr wurb, gi Arhur e jiht un ſis vor uf den ind unt ürland Fit bſoſſ doh hi und ſre — chen Füße och wurde hier ſicht⸗ des, aber n ſo an⸗ ges, die nur mit rkt ſchie⸗ ſe Stirn uge, die braune n regel⸗ ſo ge⸗ Regung egebenen Stanleh nd zwar urch die Roſe in und ſein in Ge m erker mächtige en Jin — lingen Freiheit und Ehre anbot, wenn ſie ſich herbeiließen, ihm Lehnstreue zu ſchwören. Beide weigerten ſich ent⸗ ſchieden, und Eduard war grauſam genug, den Einen der Brüder zum Tode, den andern zu lebenslänglichem Kerker zu verurtheilen. Sie looſten und Edwin Stanley ſtarb 5 auf dem Blutgerüſte. Einige Zeit darauf gelang es Arthur, zu entweichen. Nach längerem Aufenthalt in der Provence wandte er ſich, des unthätigen Lebens überdrüſſig, an den Hof von Ar⸗ ragonien, deſſen dereinſtigem Erben er nachdrücklich em— pfohlen war. Die Kriege, welche damals Spanien ver⸗ heerten, gaben dem thatenluſtigen Jüngling bald Gelegen⸗ heit, ſich auszuzeichnen. Mochte ſich auch die unnahbare, hochmüthige Zurückhaltung der Spanier in Vorurtheil und Mißliebe gegen Ausländer gefallen, ſo gewährten ſie doch in jener Großmuth, welche gern mit dem Stolze Hand in Hand geht, dem jungen, alleinſtehenden Fremd⸗ ling, der offen und vertrauensvoll um ihre Freundſchaft warb, gütige und rückſichtsvolle Aufnahme. Bald wurde Arthur Stanley zur edlen Ritterſchaft von Spanien ge⸗ zählt und als eifriger Vorkämpfer der Intereſſen des Kö⸗ nigs von Sicilien genannt; aber dennoch blieb er ſtolz auf den Namen und das Selbſtgefühl eines Engländers, und unternahm es in jugendlicher Begeiſterung, ſein Va⸗ terland in der Fremde durch ſich zu verherrlichen. Fünf Jahre waren ſeit Arthurs Ankunft in Spanien verfloſſen. Er zählte jetzt fünfundzwanzig Jahre und doch hätte ihn Mancher für jünger gehalten, ſo frank und frei war ſein Weſen, ſo unbefangen ſprach ſich ſein . —1 Gemüth bald in harmloſem Frohſinn, bald in raſcher Erregung aus. Und doch war ſeit funfzehn Monaten dieſe glückliche Stimmung durch ſteigenden Trübſinn ver⸗ düſtert. Mochte auch Arthur ſeiner Umgebung unverän⸗ dert erſcheinen, er ſelbſt war ſich wohl bewußt, wie alle ſeine Gefühle in ihrer ganzen Gluth von einem Weſen angezogen wurden, das in undurchdringliches Geheimniß gehüllt ſchien. Nur wenn er im Dienſte Ferdinands zu lauernder Kriegsliſt, zu Eilmärſchen und gefahrdrohendem Kampfe gerufen ward, fühlte er ſeine alte Sicherheit wie— derkehren, aber wenn das Toben der Schlacht vorüber, dann trieb ihn der entfeſſelte Drang einer quälenden Angſt immer wieder hinaus in die Einſamkeit. So durchſtreifte er meilenweit das Land, wohl wiſſend, was er ſuchte, aber nicht, wohin er ging. So war Arthur auf den beſchriebenen Pfad gera⸗ then. Willenlos ſchritt er über alle Hinderniſſe hinweg, nicht daran denkend, wohin er wohl gerathen möchte, als plötzlich ein gewaltiger Felſen faſt ſenkrecht vor ihm in die Höhe ſtieg, und ſeinen Schritten ſowohl, als ſeinen Grübeleien gebieteriſch Halt gebot. Ein Ausweg war nicht vorhanden. Rings um ihn ragten aufgethürmte Berge gen Himmel, der Pfad war ſo gekrümmt, daß der einſame Wanderer vergeblich zurückſchaute, zu erſpähen, wie er hierhergekommen. Umzukehren ſchien eben ſo un⸗ möglich als vorzudringen. Auch hatte die Sonne ſich ſchon geneigt, oder war von den hohen Bergmauern ver⸗ deckt, denn plötzlich lagerte ſich Finſterniß um ihn her und ließ ihn nur mit Anſtrengung die ſchwarze Maſſe dr vor ih einen Wes dieſen zu v cbene Bahn tel tingföm das Schwer hinuufzuklet Bäune bot ſinen ſüße nſichee Be ſinuntuſin ſine Siche dos ſilich nich ſch wie ein ſin Blit ſbentneli als die du diſſ( Athe bot ihm die Ratur iſen h hon unſe fi vor i jiheſ lyftg hn Gun in raſcher Monaten bſinn ver⸗ unerän⸗ wie alle em Weſen eheimniß nands zu rohendem cheit wie⸗ vorüber, den Angſt uchſtreifte er ſuchte, fad gera⸗ hinweg, chte, als ihm in ls ſeinen weg war gethürmte daß der erſpähen⸗ n ſo un onne ſich nern vel⸗ ihn her ze Mſe 1 der vor ihm aufſteigenden Felswand erkennen. Nur einen Weg ſah Stanley vor ſich— er ſchickte ſich an, dieſen zu verſuchen. Muthiger noch, als wenn ſich eine ebene Bahn vor ihm geöffnet hätte, warf er ſeinen Man⸗ tel ringförmig zuſammengerollt über die Schulter, zog das Schwert in die Höhe und begann den jähen Pfad hinaufzuklettern. Dünnes Strauchwerk und verkümmerte Bäume boten hier und da ſeinen Händen einen Halt und ſeinen Füßen einen Ruhepunkt jedoch ein Fehltritt, eine unſichere Bewegung, und unrettbar mußte er zerſchmettert hinunterſtürzen— doch gerade in der Gefahr ſah Arthur ſeine Sicherheit. Das Ende ſeiner mühſamen Wanderung ließ ſich freilich nicht abſehen, dennüber den Felsgipfel, welcher ſich wie eine dunkle Spitze am Horizont abzeichnete, reichte ſein Blick nicht hinaus, aber wohlthuender war doch die abenteuerliche Stimmung des unternommenen Wagniſſes, als die dumpfe Gleichgültigkeit, mit welcher er kurz vor⸗ her dieſe Einöde betreten. Athemlos erreichte Arthur den Gipfel, und nun gähnte vor ihm ein Abgrund, finſter und grundlos, als ob hier die Natur einſt in wildem Grimme den Felſen auseinander⸗ geriſſen hätte. Die ebene Fläche des Gipfels, auf wel⸗ chem unſer Wanderer ſtand, maß kaum einen Quadrat⸗ fuß, vor ihm klaffte der Abgrund, hinter ihm ſenkte ſich die jäheſte Seite des Felſens, faſt kahl und unbewachſen, ſchlüpfrig von beſtändig ſickernder Näſſe, die unten anf dem Grunde einen tiefen, ſchwarzen Teich bildete. Arthur ſchaute unverwandt vor ſich, bis ſein Auge die Breite 6 der Kluft ſicher gemeſſen hatte. Dann packte er einen verdorrten Stamm, der Stamm zitterte, wich— ein Augenblick noch und Stanley war verloren; aber in die⸗ ſem Augenblick ließ er ſeine Stütze fahren und voll⸗ führte, wie von unſichtbaren Mächten fortgeſchnellt, den Sprung. Vom Uebermaaß der Anſtrengung erſchöpft, ſank er ins Gras, kaum fähig, einen beſtimmten Blick auf ſeine Umgebung zu werfen. So wunderbar aber war der Wechſel der Scene, welche ſich urplötzlich vor Arthurs Augen ausbreitete, daß er voll Erſtaunen aufſprang. Ein Hügel, von üppigem Gras, Korn und Laubwerk in reizender Abwechſelung be⸗ deckt, erhob ſich allmälig in ſanfter Anſchwellung, und führte dann, leicht geſenkt, in ein kleines Thal, wo Drangen⸗ und Kaſtanienbäume, Fichten und Linden, Palmen und Cedern in prangender Fülle wuchſen. Zur Linken lag ein Häuschen, faſt ganz unter Bäumen verſteckt. Dicht davor ſprühte eine Quelle ihre ſtäubenden Waſſerſtrahlen auf bunte, duftende Blumenbeete und half die wilde, aber edle Schönheit dieſes Aſyls vollenden, welches die Natur im Verein mit Menſchenhänden gebildet hatte. Arthur, entſchloſſen, den Genius des Ortes zu erſpähen, ſprang den Abhang hinunter und ſcheuchte durch ſein plötzliches Erſcheinen einige Ziegen auf, die friedlich im Thale graſ'ten. Kein lebendes Weſen war weithin ſichtbar, und un⸗ ſer Wanderer beſchloß nun in der ihm eigenen ſorgloſen Art, die Oertlichkeiten ringsumher zu beſichtigen, bevor er die Gaſtfreundſchaft des Häuschens in Anſpruch nahm. Ein ſchmaler Pfad führte ihn einem dichten Hain zu, in deſſen tieſſten erathendet! von fiſten C Oder Pildwe gungu und und Glock, ſchlt, ſo hi ſtud er in Buu, als a Stimne vor die Wiſe! Hhmn ſchli havor aber luſchte At den Tönen wälig in iterzing u du Gevißl wat der G noch imme adrichnde Jnere in Kuchte ih ſund Art außen wi los in dn in iche Gi te er einen ich— ein ber in die⸗ und voll hnellt, den chöpft, ſank Blick auf e Sdcene, eitete, daß tüppigem ſelung be⸗ ung, und Drangen⸗ lmen und en lag ein icht davor ahlen auf ilde, aber die Natur Arthur, n, ſprang plötzliches egraſ ten. und u ſorgloſen m, bevor uch nahm in zu, in deſſen tieſſtem Grunde ein kleines Gebäude von ſchwer zu errathender Beſtimmung errichtet war. Es war viereckig, von feſten Cederblöcken, und obgleich mit keinerlei Schnitz⸗ oder Bildwerk verziert, doch nach einem beſtimmten Plane genau und ſorgfältig aufgeführt. Hätten nicht Thürmchen und Glocke, das gewöhnliche Beiwerk einer Kapelle, ge⸗ fehlt, ſo hätte es Arthur für eine ſolche gehalten. So ſtand er in Nachdenken verloren vor dieſem räthelhaften Bau, als aus deſſen Innern der Geſang einer weiblichen Stimme von ſchönem, hellem Klange an ſein Ohr drang. Die Weiſe war langſam und feierlich und ließ auf eine Hymne ſchließen, auch traten einzelne Wörter beſtimmt hervor, aber ſie gehörten einer fremden Sprache an. Lange lauſchte Arthur dieſer glockenreinen Stimme, die zuerſt in den Tönen tiefer Trauer und Verlaſſenheit klagte, dann allmälig in den zuverſichtlicheren Ausdruck leiſer Hoffnung überging und endlich im ausbrechenden Jubel frohlocken⸗ der Gewißheit die reinſte Herzensfreude verkündete. Schon war der Geſang verſtummt, als unſeres Wanderers Blicke noch immer unverrückt auf dem Gebäude ruhten. Die erdrückende Wucht ſtürmiſcher Gefühle trieb ſein ganzes Innere in pochenden Pulsſchlägen auf und nieder, und machte ihm jeden Laut, jede Bewegung unmöglich. So ſtand Arthur da, im Innern mächtig arbeitend, nach außen wie in Stein verwandelt, da öffnete ſich geräuſch⸗ los eine Thüre, die, kunſtvoll in die Mauer gefügt, nur dem eingeweihten Auge erkennbar war— und eine weib⸗ liche Geſtalt ſtand vor ihm. l. Die Erſcheinung, welche ſo unerwartet dem Fremd⸗ linge begegnete, ließ ihn alle Mühſeligkeit vergeſſen, unter welcher er in dieſe Einſamkeit gelangt war. Es wäre vergeblich, hier eine Schilderung der einzelnen Reize die⸗ ſer im ſchönſten Ebenmaaße gebauten Geſtalt zu verſuchen, da ſie alle zurücktraten vor dem heiligen Ausdrucke der Geſichtszüge, die kaum dieſer Welt anzugehören ſchienen und doch ſo unbeſchreiblich edel des Weibes wahrſtes, reinſtes Weſen ausſprachen. Des Mädchens Anzug war eigenthümlich. Ein Röckchen von dunkelblauer Seide reichte bis an die Knöchel und ließ den ſchöngeformten Fuß un⸗ bedeckt; ein blaßgelbes, golddurchwebtes Jäckchen ward oben am Halſe von einem Medaillon zuſammengehalten, die Aermel lagen knapp an den Schultern, und fielen dann, allmälig erweitert, auf das Handgelenk, jede Bewegung des runden, weichen Armes verrathend. Durch die Ra⸗ benſchwärze der üppig niederwallenden Locken blitzte der Silberſaum des zurückgeworſenen Kragens, während ein einfaches Stirnband den keuſchen, klaſſiſchen Ausdruck voll⸗ enden half. Arthur und Wirklich ſo wylößlich Mädchen we ntgegengeſtt Feſſch, in „Marie und leidenſc hingeſunhn gſongn. Um Blick liſn Muer iht Haupt ſih aus. Longe hhtn ſungn Gli Geſün diß ſim Nurie hör ung ſchi Schmutzli „Un Pores g dinr Li ſtets uſt hß unſer hich u O „D m Fremd⸗ ſen, unter Es wäre Reize die⸗ verſuchen, drucke der nſchienen wahrſtes, nzug war ide reichte Fuß un⸗ ward oben alten, die len dahn⸗ Bewegung die Ra⸗ blitte der hrend ein ruck voll⸗ Arthur ſchwankte mitten inne zwiſchen Erinnerung und Wirklichkeit, zwiſchen Vergangenheit und Gegenwart, ſo urplötzlich überwältigt hatte ihn dieſe Erſcheinung. Das Mädchen wandte ſich, ohne ihn zu gewahren, nach der entgegengeſetzten Seite, und erſt dieſe Bewegung löſ'te die Feſſeln, in die ſein ganzes Weſen geſchlagen ſchien. „Marie!“ rief er, und warf ſich ihr ſo unerwartet und leidenſchaftlich in den Weg, daß ſie vor Schrecken hingeſunken wäre, hätte er ſie nicht in ſeinen Armen auf⸗ gefangen. Sie verſuchte, ſich ihm zu entreißen, aber, vom Blicke ſeines Auges getroffen, ließ ſie mit einem leiſen Ausruf, in dem ſich Schreck und Freude miſchten, ihr Haupt auf ſeine Schulter ſinken und brach in Thrä⸗ nen aus. Lange währte es, ehe die Liebenden an Trennung dachten. Arthur rief Marien jene erſten Stunden ihres jungen Glückes zurück, da ſeine freundlichen Worte ihr das Geſtändniß ihrer Liebe entlockt hatten, und klagte nun, daß ſeine Pflicht ihm allzubald Trennung geboten hatte. Marie hörte ſchweigend zu, aber weder Furcht noch Hoff⸗ nung ſchien ſie zu lebhafterer Theilnahme zu ſtimmen. Schmerzlich bewegt fragte endlich Arthur: „Und ſo muß ich doch jenes unſeligen, räthſelhaften Wortes gedenken, mit dem Du die beglückende Gewißheit Deiner Liebe mir vergällteſt und deren Deutung Du mir ſtets verſagteſt? Iſt es denn wahr, was Du ſpracheſt, daß unſere Verbindung unmöglich, ja daß es Sünde ſei, mich zu lieben?“ „O wohl ſprach ich Wahrheit,“ entgegnete Marie. — „Es waren ſo ſtürmiſche und doch ſo wohlthuende Ge— fühle, die mich vergeſſen ließen, in welche Verzweiflung mein unbeſonnenes Geſtändniß mich ſtürzen mußte und Dich— wenn Deine Liebe der meinigen glich.“ Und nun beſchwor ſie Arthur, ihm den Sinn jener Worte, die ſie einſt beim Scheiden geſprochen hatte, nicht vorzuenthalten. Eine eilige Aufforderung, zum Heere zu ſtoßen, hatte ihn damals bald nach jener peinlichen Er⸗ klärung ins Lager geführt, und als er ſeine Pflicht er⸗ füllt hatte und zurückgekehrt war, war Marie verſchwunden. Don Alberto hatte freilich geſagt, ſeine Frau ſei nach dem Süden des Landes abgereiſ't, und Marie, die eine Zeit lang ſein Gaſt geweſen, hätte das väterliche Dach wieder aufgeſucht, aber wo dies väterliche Dach lag, hatte er ſtandhaft verſchwiegen, und alle Verſuche Arthurs, durch offene oder verſteckte Fragen Auskunft zu erhalten, waren vergeblich geweſen. Doch nun hatten ſie ſich wie— dergefunden, warum mußten ſie ſich wieder trennen? Warum durfte er nicht ihren Vater aufſuchen und ſeinen Segen, ſeine Einwilligung erflehen? Arthurs Worte wa— ren ſo feurig, der Ton ſeiner Rede ſo leidenſchaftlich, und dennoch konnte Marie immer nur dieſelben traurigen Worte wiederholen, mit welchen ſie einſt von dem Geliebten geſchie⸗ den war. Sie beſchwor ihn, ſie zu verlaſſen, dies verborgene Thal zu vergeſſen, da ihr und ihrem Vater Gefahr dro⸗ hete, wenn es je entdeckt würde. Es mußte dies Thal ein inhaltsſchweres Geheimniß bergen, denn erſt als Arthur Marien auf ſeine Ehre betheuert hatte, niemals zu ver⸗ rathen, wohin ihn an dieſem Abend ſein Fuß geführt hatt, wur durch das Höchſt geſt eie hier ol Imer un Frogen, un verieth die erzehrien. „Biſt ldlich ver „On ſit einen Hund fir Ruug ab „Und in ſo u inſan u Ncht un „Hei durßluch Vuſche Schichſal biſchwor Vorten, haſt du 1b inte beſchwo ſ ten huende Ge⸗ zerzweiflung mußte und ch.“ Sinn jenet hatte, nicht n Heere zu lichen Er⸗ Pflicht er⸗ ſchwunden. ſei nach die eine liche Dach lag, hatte Arthurs, erhalten, ie ſich wie⸗ trenen? und ſeinen Borte wa⸗ tlich, und gen Worte ten geſchie⸗ verborgene fahr dro⸗ Thal ls Arthur zu ver⸗ ß geführt — hatte, wurde dieſe ruhiger. Aber ſeine Reugier war durch das Räthſelhafte dieſes ganzen Erlebniſſes aufs Höchſte geſpannt. Welches verhängnißvolle Geheimniß wal⸗ tete hier ob? Warum war es Sünde, ihn zu lieben? Immer unabweisbarer beſtürmte er Marien mit dieſen Fragen, und der Angſtſchweiß, der auf ſeine Stirn trat, verrieth die Qualen, die ob dieſer Ungewißheit ſein Herz verzehrten. „Biſt Du die Verlobte eines Andern?“ fragte er endlich verzagt. „O nein, Arthur!“ betheuerte Marie.„Ich werde nie einem Andern angehören. Es fordert Niemand dieſe Hand für einen Fremden; o, dieſe Prüfung iſt ſchwer genug, aber ſie iſt Alles, was ich zu tragen habe!“ „Und warum denn das herbe Wort: Sünde, für eine ſo reine Liebe? Marie, warum ſendeſt Du mich einſam und troſtlos von Dir, da doch keine menſchliche Macht uns trennt?“ „Keine menſchliche Macht, aber der Zorn Gottes, der Fluch eines Vaters; ach, es iſt furchtbar, dieſen zu trotzen! Verſuche mich nicht länger, überlaſſe mich dem quallvollen Schickſal, das meine eigene Schwäche auf mich herab⸗ beſchworen. Dringe nicht länger in mich mit freundlichen Worten, ſie erſchweren mir meine Pflicht. Ach, warum haſt Du mich je geliebt?“ Aber dieſer leidende Ton, dieſe gebrochene Stimme konnte Stanley's Bitten nicht hemmen. Immer wieder beſchwor er Marien, das Geheimniß zu enthüllen, welches ſie trennte. Sollte es nicht in ſeiner Macht ſtehen, Hin⸗ derniſſe zu beſiegen, wenn er ſie kannte? Marie hörte eine Weile mit abgewandtem Geſicht zu, doch als ihr Blick wieder dem ſeinigen begegnete, erſchreckte ihn die Marmor⸗ bläſſe, welche ſich über dieſe edlen Züge gelagert hatte. „Nun denn, es ſei!“ ſprach ſie endlich gefaßt.„Du ſollſt erfahren, welche unüberſteigliche Schranke uns trennt, denn Du biſt zu ehrenhaſt, um uns zu verrathen. Ach, es war nicht die Furcht vor Entdeckung, die mich trieb, vor Dir zu ſchweigen; ich zitterte nur vor dem Gedanken, ein Gegenſtand Deiner Verachtung, Deines Abſcheues zu werden.“ „Verachtung, Abſcheu!? Marie, Du raſeſt!“ rief Arthur ungeſtüm. Und dennoch, als ſie es ausſprach, als Marie mit bleichen Lippen, doch feſtem Tone, das Geheimniß offen⸗ barte, wich Arthur zurück, ließ die Hand fahren, die er eben noch in die ſeinige gedrückt hatte, und warf auf ſie einen Blick, in welchem ſich Abneigung und Liebe wun⸗ derbar begegneten. Seine ganze Geſtalt zuckte, wie von plötzlicher unerklärlicher Angſt überfallen. „Du weißt nun Alles,“ fuhr Marie nach einer Weile fort. Sie hatte jenen Blick wohl gewahrt, ſie ahnte, wie jäh und unerbittlich dieſe Mittheilung alle Bande zwiſchen ihr und Stanley zerſchneiden mußte, und ſtand nun vor ihm mit auf der Bruſt gefaltenen Händen, de⸗ müthig wie eine Magd. „Sennor Stanley, jetzt brauche ich Euch nicht mehr zu bitten, mich zu verlaſſen. Sagt nur, daß Ihr mir die Täuſchung vergebt, die ich unwillentlich begehen mußte, . und dann vel werdet bald „Niema ſeiner nicht! mein ſchönes Vos gelen Murig, wele wit mic! 6 Nn gboten, ſchſt lben, ſin!“ „Unden Nidchen de tifung ſaſt ilſt dun ohn ſinz Qu janſt jn Dein e Pib tun „Und Du kanſt hate.„ uchen pri iun Echt dit in buunthei benählen ſüßt di ie hörte hr Blick Rarmor⸗ rt hatte. t.„Du trennt, . Ach, ch trieb, edanken, 1 eues zu rief nrie mit ß offen⸗ die et f auf ſie be wun⸗ wie von uer Weile e ahnte, le Bande nd ſind nden, de⸗ icht mehr Ihr mir n mußte, — 13— und dann vergeßt mich. Bedenkt, was ich bin, und Ihr werdet bald aufhören, mich zu lieben.“ „Niemals, niemals!“ rief Stanley, und warf ſich, ſeiner nicht mächtig, zu ihren Füßen.„Zieh mit mir in mein ſchönes Vaterland, wer wird wiſſen, was Du biſt? Was gelten mir Stamm und Blut? Ich kenne nur die Maria, welche ich liebte und ewig lieben werde. Zieh' mit mic! Eduard hat mir aufs Neue Ehren und Wür⸗ den geboten, um Deinetwillen will ich unter ſeiner Herr⸗ ſchaft leben; gehöre mir an, und wir werden glücklich ſein!“ „Und mein Vater?“ ſprach tonlos das unglückliche Mädchen, denn Arthurs edelmüthige Liebe machte ihr die Prüfung faſt zu ſchwer.„Willſt Du auch ihn beſchützen? Willſt Du meinetwegen vergeſſen, was er iſt, und ihm Sohn ſein?“— Arthur wandte ſich ſeufzend von ihr.— „Du kannſt es nicht, ich wußte es wohl. Habe Dank für Deine edle Liebe, aber es kann nicht ſein— Dein Weib kann ich nicht werden!“ „Und dennoch ſprichſt Du von Liebe? Es iſt Lüge, Du kannſt mich nicht lieben!“ fuhr Arthur auf, als ob plötzliche Enttäuſchung das Herz ſeiner Hoffnung getroffen hatte.„Ich wollte Spanien und die Gunſt ſeines Mon⸗ archen preisgeben, ich wollte in Knechtſchaft leben unter dem Scepter eines Tyrannen, nur um durch meine Liebe Dir eine traute Heimath zu ſchaffen. Ich wollte das Vorurtheil der Welt vergeſſen, das reine Blut der Stanley vermählen mit dem trüben Strome, der in Deinen Adern fließt, Dein Volk, Deine Abkunft, Alles vergeſſen, nur Dich nicht! Und was thuſt Du für mich? Du ſtößeſt mich zurück, Du heißeſt mich gehen, und dennoch ſprichſt Du von Liebe! Es iſt Lüge, Du liebſt einen Andern!“ „Ja,“ erwiederte Marie,„Du haſt wahr geſprochen. Deine Worte rufen mir zurück, was ich in dieſem ſchwe⸗ ren Kampfe faſt vergeſſen hatte. Es giebt eine Liebe, ſtärker als Alles, was ich für Dich fühle. Ich könnte Alles aufgeben, nur nicht den Gott meiner Väter!“ Es waren wenige und einfache Worte, aber der Ton, in welchem ſie geſprochen wurden, raubte Arthur jede Hoffnung. Er ſchritt haſtig auf und nieder, vergebens nach Ruhe ringend. Ihn hatte dieſer Schlag ganz un⸗ vorbereitet getroffen, für Marien war er gefallen in jenem Augenblick, da ſie vor funfßzehn Monaten ſchieden, und das einzige Flehen ihres jungen, liebenden Herzens war nur geweſen, daß Stanley ſie vergeſſen, ſie nimmer wie⸗ derſehen möchte. Aber das ſollte nicht ſein, ſie hatte ſich ſtark geglaubt, und nun genügte ein Blick ſeines Auges, ein Ton ſeiner Stimme, um ihr zu ſagen, wie nichtig ihr Traum geweſen. „Ich will Dir gehorchen,“ ſagte Stanley endlich, „ich will Dich jetzt verlaſſen, aber nicht für immer. Nein, nein, wenn Du mich wirklich liebſt, wird die Zeit Dich nicht ändern. Die heiligen Bande, welche Dich noch von mir trennen, wird einſt die Natur zerreißen, Du wirſt allein ſtehen auf der Erde und mein werden trotz des Stammes, dem Du entſproſſen biſt.“ „Das hoffe nicht! Arthur, es wäre beſſer, Du haßteſt mich, wie Dein Volk unſer verſtoßenes Geſchlecht haßt. Ih kan De dos arne M iend undin! ſo waſch en Umarmung Lhorheit! bringen, we ſigte ſe hin vandte,„6 U Fole „Nicht ging ſchwei nend endlo e himm let. S uh unſi Uudelt Mari bie und lche dih Rlangt, e laten. 4 ſog eine nit Nihe urh u d dem ſil ſun ſtinend h mit Du ſtößeſ noch ſprichſt Wndern!“ geſprochen. ieſem ſchwe⸗ eine Liebe, Ich könnte äter!“ er der Ton, Arthur jede vergebens gan n⸗ en in jenem ieden, und etzens wa immer wie⸗ t, ſie hatte Blick ſeines ſagen, wie cy endlich, Nein, u nmel. ie Zeit Dich ich noch von Du wirſt des n trotz des Ddu haßteſt chlecht haßt Ich kann Deine liebreichen Worte nicht tragen,“ ſtammelte das arme Mädchen, willenlos an des Engländers Bruſt ſin⸗ kend und in langverhaltene Thränen ausbrechend. Doch eben ſo raſch ermannte ſie ſich, um ſich Arthurs leidenſchaftlicher Umarmung zu entreißen, und rief entſchloſſen:„Es iſt Thorheit! Meinem Vater und Dir würde es Gefahr bringen, wenn Du länger hier zögerteſt. NRicht dahin!“ fügte ſie hinzu, als ſein Blick ſich fragend nach dem Hügel wandte,„es giebt noch einen anderen und bequemeren Weg. Folge mir. Du wirſt nichts verrathen?“ „Nichts!“ war Arthurs feierliche Antwort, und Marie ging ſchweigend voran. Er folgte ihr auf einen anſchei⸗ nend endloſen Irrpfad, bis ſie endlich ſtill ſtand vor einer himmelhohen, rings um das Thal laufenden Felſen⸗ mauer. Sie bog einiges dichte Geſträuch zurück, wie durch unſichtbare Bewegung flog eine Thür auf und eine Wendeltreppe ward ſichtbar. Marie ging wieder voran und Arthur eilte ihr nach. Hier und da drang durch ſchmale Riſſe ein trübes, ſpär⸗ liches Licht auf die unebene Treppe, bis beide, oben an⸗ gelangt, einen niedrigen, vielfach gewundenen Gang be⸗ traten. Wieder erhob ſich eine Mauer vor ihnen, wieder flog eine Thür auf, die ſich hinter ihnen ſchloß. Nur mit Mühe wanden ſie ſich mehrere hundert Schritte weit durch verſchlungenes Buſchwerk und Dornengeſträuch, das dem Auge jede Fernſicht raubte, als plötzlich Marie ſtill ſtand und Arthur befremdet umherblickte. Eine an⸗ ſcheinend unbegränzte Fläche, deren ebener Raſen zum Theil mit Felstrümmern beſäet war, dehnte ſich ſtundenweit — 16— vor ihm aus. In großen Stücken und wie in wilder Verwirrung hingeſtreut, ſchienen dieſe Steinmaſſen von eines wüthenden Rieſen Hand mitten in dieſe Ebene ge⸗ ſchleudert. Die Felsmauer, welche ſich kurz vorher un⸗ ſeren Wanderern geöffnet hatte, war nirgend mehr ſichtbar, und vergebens ſpähte Arthur nach allen Seiten, um zu entdecken, in welcher Richtung er hierhergekommen. „Der Weg ſieht ſchauriger aus, als er iſt,“ ſagte endlich Marie.„Halte Dich links; obgleich es der min⸗ deſtbetretene Pfad iſt, wird er Dich zu einem ſicheren Ob⸗ dach führen; morgen aber, beim Lichte der aufgehenden Sonne, wirſt Du ein Grenzſtädtchen gewahren und dann der gebahnten Straße folgen. Die Nacht überfällt uns raſch, Du darfſt nicht länger weilen, Arthur.“ Und dennoch weilte er, bis er Marien, die ihn immer wieder beſchwor, ſie zu verlaſſen, das Geſtändniß ihrer Liebe aufs Neue entlockt, bis ſie ihm wieder gelobt hatte, daß kein Anderer je an ſeine Stelle treten ſollte. Und ſo ſchieden ſie. Noch wenige Minuten und keine Spur einer menſchlichen Geſtalt ward auf der weiten Ebene geſehen. Au ſilge uns volen Sch den zyiſ Unugenie luſren A ſihhng Voh hie zhl huzige lundſtich rar det birgönnt iu hen Ingwit ſilen U Mhentn kuftuſn ſner Hu wie in wilder mnaſſen von ſe Ebene ge⸗ rz vorher un⸗ mehr ſichtbar, eiten, um zu ommen. r iſt,“ ſagte es der min⸗ ſicheten Ob⸗ t aufgehenden ren und dann uberfällt uns ur.“ die ihn immel ſtändniß ihret e gelobt hatt, ſollte. Und nd keine Spur weiten Cbent III. Aus der ſtillen Zurückgezogenheit des Cedernthales ſolge uns der Leſer eine kleine Weile auf den geräuſch⸗ vollen Schauplatz der Geſchichte und des Staatslebens, denn zwiſchen dem glänzenden Hofe von Caſtilien und Arragonien und dem beſcheidenen Aſyle, das ſich eben vor unſeren Augen aufgethan, laufen die Fäden unſerer Er⸗ zählung unabläſſig anknüpfend hin und her. Nach langjährigen Zwiſtigkeiten und Kämpfen gingen die zahlreichen kleineren Reiche Spaniens bis auf das bergigte Navarra und die von den Mauren innegehaltenen Landſtriche in Caſtilien und Arragonien auf. In beiden war die Regierungsform monarchiſch, aber in Arragonien vergönnten die verfaſſungsmäßigen Rechte der Junta und der Hermandad dem Privatwillen des Herrſchers weniger Tragweite, während ſeit Heinrichs III. Tode(1404) Ca⸗ ſtilien unter dem Scepter ſchwacher und übelwollender Regenten dem Untergange zueilte. Johann 1I. war ein kraftloſer, aber von guten Eigenſchaften nicht ganz verlaſ⸗ ſener Herrſcher, doch ſeinem in erſter Che erzeugten Sohne 2 Heinrich fehlte ſelbſt der gute Wille. Geſchöpfe ſeiner Gunſt lenkten ihn und den Staat. Im Lande wurden Geſetz und Recht machtlos; die rohe Begierde, vor keiner Schandthat zurückbebend, drang frech in die Wohnungen der Bürger, während Mord und Raub die Heer⸗ ſtraßen unſicher machten. Um allem Unheil die Krone aufzuſetzen, ließ ſich Heinrich von ſeiner Gemahlin Blanca von Navarra ſcheiden und vermählte ſich mit der eben ſo ehrſüchtigen als gewiſſenloſen Johanna von Portugal, unter deren Einfluß der Hof von Caſtilien, den einſt Zucht und Sitte geſchmückt hatten, nun vollends zum Tummelplatze wüſter Leidenſchaften und ſchamloſer Intriguen herabſank. Fünf Jahre blieb dieſe Ehe kinder⸗ los, und ſchon betrachtete man ſtillſchweigend den jugend⸗ lichen Alfonſo, der nebſt ſeiner Schweſter Iſabella aus des verſtorbenen Königs zweiter Ehe entſproſſen war, als nächſten und unbeſtrittenen Thronerben, da genas die Kö⸗ nigin einer Tochter und Heinrich beeilte ſich, dieſe zu ſei⸗ ner Nachfolgerin zu erklären. Indeſſen war das ſträfliche Verhältniß, in welchem die Königin zum Marquis von Villena ſtand, ruchbar geworden, und zu tief wurzelten noch in den Männern des Caſtiliſchen Adels die Grund⸗ ſätze einer ruhmvollen Vergangenheit, als daß ſie auch dieſe letzte und größte Schmach widerſtandslos über ſich ergehen ließen. Die edelſten Würdenträger des Reiches erklärten alsbald ohne Rückhalt auf einer feierlichen Ver⸗ ſammlung zu Avila, daß ſie jenes Kind nicht als des Königs Tochter anerkännten und daß der ehrvergeſſene Heinrich jedes Recht an Krone und Reich verwirkt hätte. Sie entth König au Wie Nes Bürg nißolle ſezte den Freilich n jurick, al Munges, 1 ſüchſen 1 ſchwach diſſe Nach inſimm Uohtr3 Der tkanntn inandv hielt. hden ber dur das jun lidet, in Vulle Pbellen Meen N ung bo Er in chöpfe ſeiner mnde wurden , vor keinet Wohnungen b die Heer⸗ ldie Krone Gemahlin lte ſich mit ohanna von Caſtilien, wn vollends ſchamloſer Ehe kinder⸗ den jugend⸗ ſabella aus en war, als nas die Kö⸗ dieſe zu ſei⸗ das ſräfliche Narquis von ef wurzelten die Grund⸗ daß ſi auch los über ſich des Reiches ierlichen Ver⸗ icht als des hwergeſene mwirkt häte 19— Sie entthronten ihn in elfigie und riefen Alfonſo zum König aus. Wiederum brachen überall im Reiche die Flammen des Bürgerkrieges hervor; ſelbſt der plötzliche und geheim⸗ nißvolle Tod des jungen Alfonſo konnte dem heraneilen⸗ den Verderben nicht wehren, denn der verbündete Adel ſetzte den Krieg im Namen der Infantin Iſabella fort. Freilich wies dieſe die ihr angebotene Krone entſchloſſen zurück, aber ſie benutzte die Hülfe ihres mächtigen An⸗ hanges, um ſich durch einen Vertrag mit Heinrich zur nächſten Thronerbin erklären zu laſſen. Heinrich war ſchwach genug, einzuwilligen, und trat indirect durch dieſe Nachgiebigkeit auf die Seite derer, welche in Ueber⸗ einſtimmung mit der öffentlichen Meinung ſeine vorgebliche Tochter Johanna für ein untergeſchobenes Kind erklärten. Der durch Vertrag und öffentliche Zuſtimmung an⸗ erkannten Thronerbin fehlte es nicht an Bewerbern; Fer⸗ dinand von Sicilien war der Glückliche, der ihr Jawort erhielt. Freilich ſuchte Heinrich, von ſeinem nimmer ru⸗ henden Weibe aufgeſtachelt, dieſe Verbindung zu hindern, aber durch den Beiſtand des Erzbiſchofs von Toledo ward das junge Paar zu Valladolid heimlich getraut. Ver⸗ kleidet, von nur vier Cavalieren begleitet, zog Ferdinand in Valladolid ein, und ſo beſchränkt waren ſeine und Iſabellens Mittel, daß ſie, denen ſpäter die Schätze der neuen Welt zu Gebote ſtanden, die Koſten der Vermäh⸗ lung von einem der Cavaliere entlehnen mußten. Erbittert nahm Heinrich aufs Neue den Kampf auf. In einem Manifeſte verkündigte er eidlich, daß er die 2 . 30 Prinzeſſin Johanna für ſeine Tochter hielt und wider⸗ rief den Vertrag mit Iſabellen. Ferdinand und Iſabella rüſteten, aber Heinrichs Tod verhinderte die Erneuerung des unſeligen Bürgerkrieges. In der Schlacht bei Fero unterlag auch die Kriegsmacht des Königs von Portugal, der Johanna gereirathet und ihre Anſprüche zu den ſei⸗ nigen gemacht hatte, und dem hart geprüften Caſtilien ward endlich der Friede wiedergegeben. In den Stürmen und Gefahren, welche dieſer ſchwer errungenen Ruhe vorangingen, hatte ſich mancher brave Krieger in treuer ausdauernder Anhänglichkeit an das königliche Paar bewährt. Mancher in der Chriſtenheit hochberühmte Ritter kämpfte mit der ganzen romantiſchen Hingebung jener Zeit unter dem Banner Ferdinands und Iſabellens. Schon neigte ſich das Mittelalter ſeinem Ende zu, aber noch führte ein ritterlicher König ſeine wackeren Mannen gegen den Feind, noch ſtand eine in Glanz und Hoheit ſtrahlende Königin bereit, ihre treuen Kämpen mit den Zeichen ihrer Gunſt zu ſchmücken, und zum letzten Male verklärte die ſcheidende Sonne des Rit⸗ terthums den Hof von Spanien mit ihrem roſigen Lichte. Solch ein ritterlicher, in allen Lagen bewährter Cha⸗ rakter war Don Ferdinand Morales. Im jugendlichen Alter von ſechszehn Jahren, als Page des Gonzalo de Lara, war er Zeuge der Verſammlung von Avila ge⸗ weſen. Seine Jugend, ſein ſtillernſtes Weſen, vielleicht auch ſeine auffallende Schönheit zog den jungen Alfonſo an, und bald umſchlang das Band der innigſten Freund⸗ ſchaft die Herzen der beiden gleichaltrigen Jünglinge. Doch allz Vund, un gegangene lich geliel ſi zog in einr der Ergeh ofernder iniger B ſelte er i den Wni iten, wor lung ſtrec das Herrſ ollbeſtz Nannm ſicht die hichſen jl ſtoher indert d und anſp ing de — u wider⸗ und Jſabella Doch allzubald trennte der Tod den raſchgeſchloſſenen Erneuerung Bund, und trauernd ſtand Morales am Sarge des heim⸗ acht bei Fero gegangenen Freundes. Iſabella, die ihren Bruder zärt⸗ on Portugal, lich geliebt hatte, wußte dieſe Anhänglichkeit zu ſchätzen, zu den ſei ſie zog Morales in ihre Umgebung, und er diente ihr ten Caſtilien in einer Zeit, da Verrath und Argliſt unter der Maske 1 der Ergebenheit ſie umſtellten, mit unwandelbarer, auf⸗ dieſer ſchwer opfernder Treue. Er war Iſabellens auserwählter und einziger Bote an Ferdinand, ſein bedeutendes Vermögen ſtellte er ihr und ihrem Verlobten zur Verfügung, unter den Wenigen, welche Ferdinand nach Valladolid beglei⸗ teten, war auch Morales, und die Koſten der Vermäh⸗ lung ſtreckte er bereitwillig vor. Es war natürlich, daß das Herrſcherpaar in den Zeiten der Sicherheit und im Vollbeſitze der königlichen Macht den edlen treubewährten Mann mit Beweiſen der Dankbarkeit überhäufte, aber nicht die überſchwänglichſten Gunſtbezeugungen, nicht die höchſten Würden und Ehren konnten dies biedere Gemüth. zu ſtolzer Ueberhebung ſtimmen. Morales blieb unver⸗ ändert derſelbe, frei und offen gegen ſeines Gleichen, mild und anſpruchslos gegen Untergebene: der beſcheidene Lieb⸗ ling des Hofes und der Armee. mcher brave eit an das Chriſtenheit omantiſchen inands und Uter ſeinem König ſeine nd eine in ihre treuen nücken, und ne des Rit⸗ ſigen Lichte ährter Cha⸗ jugendlichen Gorzalo de 1Abila ge n, vielleicht gen Afonſo ſten Freund⸗ Jünglinge IV. Trotz der Geſunkenheit der öffentlichen Zuſtände hatte der Reichthum Spaniens nicht abgenommen. Seit Jahrhunderten lebten in Caſtilien, Arragonien, Navarra und den mauriſchen Diſtricten zerſtreut, zahlreiche Juden, deren größerer Theil, trotz der Ungunſt ruheloſer Zeiten, die finanziellen und commerziellen Intereſſen des Landes hütete. Sie waren gehaßt und verachtet, oft den grau⸗ ſamſten Verfolgungen preisgegeben, aber zu einer Zeit, da innere Zerrüttung das Mark des Landes verzehrte, ihrer Wohlhabenheit wegen unentbehrlich. Nicht alle je⸗ doch beſaßen Selbſtverleugnung oder Stumpfſinn genug, um die Bürde des öffentlichen Vorurtheils willig zu tra⸗ gen, und ſo gab es eine Klaſſe von Juden, welche ins⸗ geheim dem väterlichen Glauben und deſſen Gebräuchen treu ergeben, öffentlich ſo untadelhafte Katholiken ſchienen, daß man ſie arglos in Staat und Kirche zu hohen Wür⸗ den beförderte. Unverbrüchlich und heilig ward dies Ge⸗ heimniß Jahrhunderte lang von den heimlichen Anhängern des Moſaismus bewahrt, denn furchtbar hätten Kirche und Staat die Verwegenen geſtraft, die es wagten, vor den Augen det ſcheinen m liches Bei nicht jene ingzführt deſſen wei des unbeka Eine wild die( blen zug doß dies! Sychien aßerorden buflhun beſodem torur m Ggen di nthig u ung, abe ſin St himlich ſorzuſch Syanien die öffent M iuße ſortwuch uſchſt. huerde innal 23 Augen der Welt als gläubige Kinder der Kirche zu er⸗ ſcheinen und in verborgenen Zuſammenkünften ihr öffent⸗ liches Bekenntniß Lügen zu ſtrafen. Noch war freilich nicht jene ſchreckliche Geißel der Juden, die Inquiſition, eingeführt, wohl aber criſtirte ein geheimes Tribunal, deſſen weitreichende Gewalt ſelbſt den Herrſchern des Lan⸗ des unbekannt war. Einer weitverbreiteten, aber irrigen Anſicht zufolge wird die Gründung der Inquiſition Ferdinand und Iſa⸗ bellen zugeſchrieben; genauere Forſchungen jedoch ergeben, daß dies Tribunal ſchon einige Jahrhunderte früher in Spahien beſtand und vornehmlich in Arragonien eine außerordentliche Thätigkeit entwickelte. Die Inquiſitoren verfuhren ſchon damals mit der rückſichtsloſeſten Strenge, beſoldeten heimliche Spione und verhängten Einkerkerung, Tortur und heimliche Ermordung über die Angeklagten. Gegen dieſen Mißbrauch geiſtlicher Gewalt erhob ſich ein⸗ müthig und mit zeitweiligem Erfolge die ganze Bevölke⸗ rung, aber die Inquiſitoren wichen nur ſcheinbar dieſem erſten Sturmlauf der öffentlichen Entrüſtung, um ſpäter Zuſtände mmen. Seit en, Navarra reiche Juden, loſer Zeiten, des Landes ft den gral⸗ einer Zäit, es verzehrte, Nicht alle je⸗ ffinn heimlich ihre unheilvolle Thätigkeit deſto nachdrücklicher rilig zu*. fortzuſetzen. Zudem wandten die blutigen Kriege, welche wilhe Spanien während einer Reihe von Jahren verheerten, 1 Gtriucer die öffentliche Aufmerkſamkeit faſt ausſchließlich dem Gange itn ſchiltn der äußeren Ereigniſſe zu und begünſtigten vollends die hohen Pi fortwuchernde Verzweigung und Ausbreitung dieſer Kör⸗ ard dies Ge⸗ perſchaft. Manche Familie beweinte das unerklärliche und Anhängern dauernde Verſchwinden eines theuren Gliedes, denn wer n Kirche und vor den einmal als Angeklagter die unterirdiſchen Gemächer der en, geheimen Inquiſition betreten hatte, ſah nie das Tages⸗ ßüinde hiel licht wieder. Die kräftigen Maßregeln, welche Ferdinand von füf und Iſabella zur Wiederherſtellung der öffentlichen Sicher⸗ Etrickgürt heit ergriffen, waren den Inquiſitoren nur eine Mahnung Vorſchein zu größerer Vorſicht. Nach wie vor wölbten ſich, den die volkrei Geſetzen des Landes zum Hohne, unter den Häuſern und Fanihe w 3 Paläſten der volkreichſten Städte unterirdiſche Gänge, die e u ſi von dem Angſtgeſchrei und Todesröcheln der gequälten regen, ſche Opfer wiederhallten. Gide gem Wenigen nur gelang es, durch eine an das Wun⸗ mun mand derbare ſtreifende Fügung, den ſchon ausgeſtreckten Klauen nichlich al . der Inquiſition zu entſchlüpfen— dieſer Wenigen einer worden 1 war Julian Henriquez, Mariens Großvater, der erſte Be⸗ Henr wohner des vorhin beſchriebenen Thales. Vor der weit⸗ Pibe, ei reichenden geheimen Macht, in deren Kerkern er ſchon ge⸗ t ſch zwe ſchmachtet hatte, fand er hier Zuflucht und Sicherheit, warn git und ſchuf während eines fünfjährigen Aufenthaltes, von hieſlbe ge keinem menſchlichen Auge geſehen, dieſen entlegenen Schlupf⸗ dbat en 16 winkel zu einem trauten Aſyl für ſich und die Seinigen Unglckli um. Schien ſchon die Natur ſelbſt dies Fleckchen Erde ſe die ve zu einem unzugänglichen Verſteck beſtimmt zu haben, ſo lebenden war es Julians geſchickte und unermüdliche Thätigkeit, In die deſſen Abſperrung von der übrigen bewohnten Welt ur ein erfolgreich vollendete. hliant außer de tath zur Die Nachforſchungen der geheimen Inquiſition, deren Händen Henriquez auf ſo unerklärliche Weiſe entronnen war, wurden anfangs freilich auf das eifrigſte betrieben, dann aber bei völliger Erfolgloſigkeit lauer und läſſiger fortgeſetzt und zuletzt gänzlich eingeſtellt. Freunde und ſinr L Rnglin und ſch 5 ſie das Tage⸗ Feinde hielten ihn für todt, und als er nach Verlauf che Ferdinand von fünf Jahren, in eine Mönchskutte gehüllt, mit dem ntlichen Sicher⸗ Strickgürtel eines wandernden Kloſterbruders wieder zum eine Mahnung— Vorſchein kam, betrat er unbeargwohnt und unerkannt bten ſich, den die volkreichſten Städte. Nur mit Mühe fand er ſeine Familie wieder, und nicht gewöhnlicher Vorſicht bedurfte es, um ſie, ohne durch ihr Verſchwinden Verdacht zu er⸗ regen, ſicher nach dem Cedernthale zu geleiten; aber am Ende gelang es doch, und das häusliche Glück, welches nun manches Jahr in dieſen Räumen waltete, belohnte reichlich alle Mühen und Gefahren, mit denen es erkauft Häuſern und he Gänge, die der gequälten an das Wun⸗ treckten Klauen Waigen einet worden. der erſt Be⸗ Henriquez nächſte Verwandtſchaft beſtand aus ſeinem Weibe, einem Sohne und einer Tochter; überdies hatte Vor der weit⸗ er ſich zweier Neffen und einer Nichte angenommen. Dieſe waren Kinder ſeiner Schweſter, welche ihren Gatten durch dieſelbe geheime Macht verloren hatte, der Henriquez wun⸗ derbar entkommen war. Nach langem Jammer war die Unglückliche an gebrochenem Herzen geſtorben, nachdem ſie die verlaſſenen Waiſen der treuen Obhut ihres über⸗ heben ſ lebenden Bruders anbefohlen hatte. . itgtit Im Laufe der Jahre wurde das Cedernthal nicht nur ein ſicherer, ſondern auch ein reizender Aufenthalt. ner ſchon ge⸗ d Sicherheit fenthaltes, von genen Schlupf⸗ die Seinigen Fleckchen Erde wohnn Ut Julian kehrte niemals von ſeinen Ausflügen wieder, ohne außer dem Nothwendigen auch allerlei Schmuck und Zier⸗ niſtion nath zurückzubringen. Der kleine Tempel ward unter eiſe umm ſeiner Leitung von den Händen der heranwachſenden rigſe mn iſun Frunde und ieben, Zünglinge erbaut, und nun begingen ſie wieder freudig 3 und ſicher vor Verfolgung den langentbehrten Gottes⸗ 26— dienſt ihrer Väter. Auch war die kleine Familie nicht ohne Erlebniſſe. Heirathen zwiſchen Vettern und Muhmen wurden geſtiftet und vermehrten die Zahl der Thalbe⸗ wohner; wie aber überall neben dem aufblühenden Leben der Tod ſeine Sichel ſchärft, ſo ſank auch hier manches theure Glied der Verwandtſchaft ins Grab. Auch, Tren⸗ nungen gab es, denn Ferdinand und Joſephine zogen hinaus in das bewegte Leben der Außenwelt, während Manuel, Henriquez Sohn, und ſeine Richte Marianne ihr einziges Glück unwandelbar in der ſtillen Abgeſchie⸗ denheit des Thales fanden. Auch Henriquez zweiter Reffe, Julian, hatte geliebt, aber ſein Bruder war der glück⸗ lichere Bewerber Mariannens geweſen, und ſtill entſagend, doch unfähig, länger in der Nähe der noch immer Ge⸗ liebten zu weilen, hatte der Verſchmähte dem Schauplatz ſeiner Kindheit Lebewohl geſagt. Er war von Jugend auf ſchwermüthig und ſtill geweſen, das Andenken an ſeines Vaters Schickſal war tief und unauslöſchlich in ſein Herz gegraben, und mit heiligem Eide hatte er ge⸗ lobt, den fluchwürdigen Mord als Mann dereinſt zu rä⸗ chen. Eine Jeit lang vermochte die Liebe zu Joſephinen ihn milder zu ſtimmen, doch als das herbe Leid der Entſagung ihn getroffen, mußten jene finſteren Rache⸗ pläne den Schmerz verſchmähter Liebe betäuben helfen, und lebhafter als je kehrte das alte Gelübde in ſeine Er⸗ innerung zurück. Julians Bruder und deſſen Weib ſuchten immer wieder das Cedernthal auf, mindeſtens fehlten ſie nie, wenn die großen Hauptfeſte, welche um die Oſter- und Nichaeliszeit ſie in Begle des Glaube hatte det b vot ſeinen kener ſeine ju ſehen n den Mugen v ange unter ſuch den a lin untr Iuwandun ſalerten ih Der 9 abe uhm barland er ſche glich die wat doch ihr Vet waren eſſt ſuden th Mn ältere Nnnals ei dieſer hin ſinn Po hie vuli us nn ſine Fi Familie nicht und Muhmen der Thalbe⸗ ühenden Leben hier manches Auch, Tren⸗ ephine zogen elt, während te Marianne len Abgeſchie⸗ zweiter Neff, t der glic⸗ till entſagend, immet Ge⸗ Schauplat von Jugend Andenken an slöſchlich in hatte et ge⸗ reinſt zu rä⸗ u Jvſcphinen rbe Leid der ſteren Rache⸗ äuben helfen, in ſeine Er⸗ hten immer lten ſie nle, Oſter⸗ und — 57 Michaeliszeit fallen, begangen wurden. Gar oft kamen ſie in Begleitung treuer Freunde, die durch das Band des Glaubens dieſer Brüderſchaft verbunden waren. So hatte der betagte Gründer dieſes Aſyls die Freude, noch vor ſeinem Hinſcheiden ein ganzes Häuflein geheimer Be⸗ kenner ſeines Glaubens in dieſer Einſamkeit verſammelt zu ſehen; nur ſeinen Reffen Julian ſuchten ſeine brechen⸗ den Augen vergebens. Und ſo ſchlummerte Henriquez ſchon lange unter dem Raſen des kleinen Friedhofes, ein Feſt nach dem andern kam heran und immer noch fehlte Ju⸗ lian unter den Andächtigen; da endlich glaubten ſeine Verwandten, er ſei ſeinem Oheim nachgefolgt, und ſie be⸗ trauerten ihn wie einen Verſtorbenen. Der glücklichere Bruder erfreute ſich nur einer kurzen, aber ruhmvollen Laufbahn; er fiel im Kampfe für das Vaterland und ſeine Wittwe kehrte mit einem im zarteſten Alter ſtehenden Sohne in das Cedernthal zurück. Ob⸗ gleich die Vettern an demſelben Tage geheirathet hatten, war doch Manuels Tochter Marie um zehn Jahre jünger als ihr Vetter Ferdinand Morales, denn Mirjam und Manuel waren erſt nach zwölfjähriger Ehe der langerſehnten Eltern⸗ freuden theilhaftig geworden, und die kleine Maria hatte dem älteren Ferdinand anfangs mehr als ein Gegenſtand, denn als eine Genoſſin ſeiner Spiele gegolten Bald zog auch dieſet hinaus als Page des Gonzalo de Lara, der einſt mit ſeinem Vater Glück und Leid des Krieges getheilt hatte, aber nie verließ ihn der Gedanke an das reizende Kind und das traute Cedernthal, und freudig eilte er, wenn ſeine Pflicht es geſtattete, von Zeit zu Zeit in die Arme 26— und die Umgebung ſeiner Lieben zurück. Allmälig wurde die kleine Marie ein anmuthiges Mädchen, und bald ſtand ſie als liebliche Jungfrau vor ihrem Jugendgeſpielen. Immer theurer ward dieſem nun das heimathliche Thal, ſo einſam es auch dort geworden, denn nur Marie und ihr Vater hüteten noch mit einigen Dienern das freund⸗ liche Aſyl; die Anderen waren entweder in die Welt hin⸗ ausgezogen, oder ruheten unter den Grabhügeln des Friedhofes. Ein Beſuch, den Donna Emilia de Caſtro den be⸗ freundeten Thalbewohnern machte, wurde die Veranlaſſung zu Mariens erſtem Ausfluge in die Welt. Hätte Mirjam noch gelebt, ſo würde ſie ihre Tochter, die ſtillſchweigend längſt für Ferdinand beſtimmt war, nur als deſſen Weib aus dem Thale entlaſſen haben. Aber dieſer feine, ah— nungsvolle Sinn der Furcht gehört nur den Frauen, und Mirjams Mund war längſt verſtummt, ihre mütterlichen Rathſchläge waren längſt mit ihr begraben. Manuel dachte in väterlichem Stolze nur an die ſeltene Schön⸗ heit ſeiner Tochter und wie man ſie allerorten bewun⸗ dern und liebgewinnen würde. So übergab er Marien der Sorgfalt der Donna Emilia de Caſtro. Ferdinand wünſchte er allerdings in ſeiner Tochter Nähe zu wiſſen, aber dieſer, durch Aufträge der Königin ferngehalten, er⸗ fuhr nicht einmal, daß ſeine Muhme das Thal verlaſſen hatte. Manuel fühlte ſich zu ſicher in dem Bewußtſein, daß die Macht des angeſtammten Glaubens ſeiner Tochter Herz vor jeder Gefahr bewahren müßte. Selbſt ſeinen thwerſen W um Bettet,! Uſcht dn ulannt hat wn Muhm Marien wa Stanlch w inſohn un ſinet Hand Ruhhter Se 6i wa Arthurt Stine z Mgen die ſciedenhe iht und do ſi ſmnilie nes ſolche in döllig ſand ſich ſußzt viel hi ſo ſü Mam hal zri niiggee Peſen, d uſhen kimnn ilen gu lmälig wurde nd bald ſtand tgendgeſpielen. athliche Thal, ur Marie und n das freund⸗ die Welt hin⸗ abhügeln des aſtro den be⸗ Veranlaſſung Hätte Mirjam ſtilſchweigend ls deſſen Weib ſet feine, ah⸗ Frauen, und te mütterlichen ben. Manuel ſelten Schön⸗ rorten bewul⸗ b er Marien ʒerdinund ihe zu wiſſn, mgehalten⸗ Thal verlaſſen 0. Bewußſſin, ſeiner Lochle gelbſt ſeinen — 29— theuerſten Wunſch, Mariens dereinſtige Verbindung mit ih⸗ rem Vetter, verſchwieg er ihr und erwartete in ruhiger Zu⸗ verſicht den Tag, da Ferdinand, deſſen Neigung er längſt erkannt hatte, kommen würde, um die Hand ſeiner ſchö⸗ nen Muhme zu werben. Und ſo war Niemand, der Marien warnte, als im täglichen Umgange mit Arthur Stanley neue und innige Gefühle in ihr junges Herz einzogen, und ſeine Gegenwart, ſeine Stimme, der Druck ſeiner Hand ſie mit den Wonneſchauern tief innerer, nie geahnter Seligkeit erfüllte. Es war freilich nur ein flüchtiger Traum, denn einſt, als Arthur dringend zu ihrem Herzen ſprach, ſie anflehete, die Seine zu werden, ſtiegen plötzlich vor ihren inneren Augen die unüberſteiglichen Schranken ihrer Glaubens⸗ verſchiedenheit auf gleich ſchwarzen Schatten, die zwiſchen ihr und dem geliebten Fremdling lagerten. Wohl konnte ſie Familie und Glauben opfern, aber die Möglichkeit eines ſolchen Schrittes war dem unbefangenen Sinne Ma⸗ riens völlig fremd; ihr ſchlichtes, kindliches Gemüth ver⸗ ſtand ſich nicht auf die Dialektik der Verhältniſſe, ſie ſeufzte vielmehr zerknirſcht unter dem Bewußtſein, ihr Herz ſo ſündiger Liebe geöffnet zu haben. Manuel Henriquez führte ſeine Tochter ins Cedern⸗ thal zurück, ohne Ahnung der Gefahren, deren er ſie preisgegeben hatte. Sie war immer ſinnend und ſtill geweſen, darum konnte ihn ihr ernſtes Weſen nicht über⸗ raſchen. Fünfzehn Monate hindurch verſuchte ſie, jede Funfz Erinnerung an Arthur zu bannen, und nur in dem ſtillen Bekenntniß, daß ſie durch ihre Liebe zu ihm ſchwer 0 an Gott geſündigt hätte, ſeinem Andenken Raum zu geben. Schon gelang es der Zeit und dem Gebet, Marien über dieſen erſten ſchweren Kampf hinwegzutragen, ſchon wähnte ſie ſich Siegerin über ihr langgeprüftes Herz, als Arthurs unerwartete Erſcheinung den kaum gewonnenen Frieden unwiederbringlich verſcheuchte und jedem todtgeglaubtem Gefühle neues Leben einhauchte. Wohl blieb Marie unerſchütterlich in jener peinlichen Zuſammenkunft, wohl beſaß ſie Selbſtverläugnung genug, den ungeſtümen Mann in ihr verhängnißvolles Geheimniß einzuweihen, damit er ihrer vergeſſen und ſeine Liebe in Abſcheu verwandeln möchte, aber als er auch dieſer Schranke nicht achtete, da ſchloß ſie willenlos den edelmüthigen, zagloſen Fremdling immer tiefer in ihr Herz, ſo verzweiflungsvoll ſie auch ringen mochte, ſeiner nicht mehr zu gedenken. Gar oft ſehnte ſie ſich, ihrem gequältem Herzen Er⸗ leichterung zu gewähren und ihrem Vater Alles, Alles zu ſagen, aber nur zu wohl wußte ſie, daß ein ſolches Geſtändniß ihn nicht nur betrüben, ſondern auch zu har⸗ ten Worten ſtimmen mußte, und wie ſchonungslos ſie ſich auch ſelbſt verdammte, ſo zitterte ſie doch vor dem Gedanken, die Regungen ihres tiefinnerſten Lebens von Andern verurtheilt zu wiſſen. Zur Zeit, da Arthur ſo unerwartet das Cedernthal beſuchte, war Manuel Henriquez zufällig in die Umge⸗ gend verreiſt, aber er blieb länger als gewöhnlich aus, und ſowohl Marie als die Diener des Hauſes ſahen ſeiner Rückkehr unruhig entgegen. Endlich kam er. Ihn hatten, als er ſich eben zur Rückreiſe anſchickte, eigenthümliche von vorüber überſallen v von einm Er nahm d ſchreckte ihn Augn zu und Marie trübte dam Iber jner gweſen, d haltend büher un jtt der 3 ſl halten. ſhwichte ud ſin ſu tiſer ſnhn D iſin Enſ laum zu geben. Marien über ſchon wähnte rz, als Arthurs nnenen Frieden todtgeglaubten blieb Marie uenkunft, wohl eſtümen Mann weihen, damit eu verwandeln cht achtete, da oſen Frndling voll ſie auch n. ſtem Herzen Er⸗ er Alles, Alles daß ein ſolches n auch z har⸗ honungslos ſie doch vor den ten Lebens von das Gedernthal in die Umge hnlich aus, ewb hen ſeiner ſſes ſa Ihn hatten iguthünlih — 31— von vorübergehender Bewußtloſigkeit begleitete Froſtſchauer überfallen und größere Schwäche zurückgelaſſen, als ſich von einem ſo raſch beſiegten Unwohlſein erwarten ließ. Er nahm die Sache indeß nicht allzuernſt, denn der Tod ſchreckte ihn nicht, und nur die Befürchtung, vielleicht ſeine Augen zu ſchließen, ehe ſie ſeinen heißeſten Wunſch erfüllt und Marien als Ferdinand Morales Weib geſehen hätten, trübte dann und wann ſeine heitere, gefaßte Stimmung. Aber jener erſte Anfall war nur der Vorläufer anderer geweſen, die bald leicht und raſch vorübergehend, bald anhaltend und todtdrohend wiederkehrten. Hatte Marie bisher um ihrer ſelbſt willen geſchwiegen, ſo gebot ihr jetzt der Zuſtand ihres Vaters, ſolche Mittheilung fern zu halten. Sie wußte, daß jede Aufregung den alten geſchwächten Mann unfehlbar in heftigere Rückfälle ſtürzen und ſeine Lebenstage verkürzen mußte, und beſchloß da⸗ her, tiefer als je ihr Geheimniß in ihre Bruſt zu ver⸗ ſenken. Doch ach, wie eitel ſind unſere weiſeſten und beſten Entſchlüſſe! Eine einzige Stunde veränderte Alles! V. Die Bewohner des Cedernthales bauten jedes Jahr um Michaelis ein Zelt aus Zweigen auf und hei⸗ ligten durch dieſe Sitte ein uraltes Feſt, welches geſtiftet worden zum Andenken an die Zeit, da ihre Väter in der Wüſte Hütten bewohnt hatten. Große Zweige von Palmen, Cedern, Weiden, Akazien und Eichen wurden zu dichten Wänden gefügt und oben zu einem Dache ver⸗ flochteg welches der klaren Bläue des ſüdlichen Himmels den Durchblick nicht verſagte. Das Innere zierten reiche Blumengewinde und Sträuße, die in koſtbaren Vaſen vom Laubdache herabhingen. Auf den Tiſchen prangten Trauben, Orangen, Granatäpfel, kurz alle Früchte des Thales in voller Reife, und allerlei Backwerk, von Ma⸗ riens emſiger Hand hergerichtet, verſchönerte das Mahl, welches während der Dauer dieſes Feſtes nur in der Laubhütte eingenommen ward. Zum Laubhüttenfeſte hatten ſich ſonſt viele von Henriquez Glaubensbrüdern im Thale verſammelt, aber diesmal waren er, Marie und die Diener allein die Fiiernden. rcht enpfi mit Mühe wilche ihn fühlte er Bewuftloſ hittenfiſt nungätages glückich ül weis auf! ſolche Ge lur di N ſuſt ſin ju muth zuf das U lhe, u Ungeduld noch inm Es Lohter ſo Nanuc Mari, a bgan, iut ihn( uch dies Lode ihr bolln M dun zg ſulr des Jahr und hei⸗ s gſtiftet Väter in weige von n wurden Dache ver⸗ nHimmels run reiche en baſen npungtn Fricht des von Ma⸗ 6 Mahl⸗ ur in der viele von melt, allein die Feiernden. Das Ausbleiben der erwarteten Gäſte ſtörte recht empfindlich des alten Mannes Feſtfreude, und nur mit Mühe verbarg er vor ſeinem Kinde die Befürchtungen, welche ihm aus dieſer Enttäuſchung erwuchſen. Zudem fühlte er noch die Nachwehen eines jener Anfälle von Bewußtloſigkeit, der ihn fünf Tage vor dem Laub⸗ hüttenfeſte am Schluſſe des großen Faſt- und Verſöh⸗ nungstages heimgeſucht hatte. Er hatte freilich Alles glücklich überwunden und tröſtete Marien mit dem Hin⸗ weis auf das lange, beſchwerliche Faſten, das ihn in ſolche Gefahr gebracht hätte, aber er erkannte dennoch klar die Nähe ſeines Todes, und erwartete nur die An⸗ kunft ſeines Neffen, um ihn zum Geſtändniß ſeiner Liebe zu ermuthigen, mit Marien zu verbinden und beide dann auf das Unvermeidliche vorzubereiten. Was war natür⸗ licher, als daß jede Stunde, die verfloß, ſeine ängſtliche Ungeduld vergrößerte— und doch erſchien Ferdinand noch immer nicht.—„ Es war am Vorabend des Sabbaths. Vater und Tochter ſaßen ſchweigend in dem lieblichen Zelte. Auf Manuels Stirn lag der Ausdruck tiefer Beſorgniß, und Marie, auf welcher die unheimliche Stille ſchwer zu laſten begann, ſchlang ihren Arm um des Vaters Hals und bat ihn aufs Innigſte, ihr die Urſache ſeines Kummers auch diesmal mitzutheilen, wie er es immer ſeit dem Tode ihrer Mutter gethan. Henriquez konnte dieſer liebe⸗ vollen Aufforderung nicht widerſtehen. Und ſo ſprach er denn gegen Marien aus, daß er ſeine Lebenskräfte in ſchneller Abnahme ſchwinden fühlte, daß er jedoch ohne 3 — 5— widerſtrebende Angſt ſein Ende erwartete, wenn er nur noch die Erfüllung ſeines langgehegten Wunſches ſehen und Ferdinand, der längſt in Ton und Blick ſeine Liebe zu Marien verrathen hätte, als Sohn an ſein Herz drücken könnte. Marie hatte das Unerwartete vernommen, und ſo bleich wurden ihr Wange und Lippe, daß Manuel ſie ängſtlich in ſeine Arme ſchloß und durch freundliches Zu⸗ reden einen Schmerz zu lindern verſuchte, den er der plötz⸗ lichen Erwähnung ſeines nahegeglaubten Todes zuſchrieb. Er ſchilderte alle Seligkeit eines Lebens, das von des edlen Ferdinands Liebe verſchönert würde; höheres Glück, als ihr je gewinkt hätte, innigere Liebe, als ſelbſt ein Vater ihr bieten könnte, ſollte ſie fortan über jede trübe Erinnerung hinwegtragen— aber Marie ſchwieg, von der unerwarteten Mittheilung überwältigt, unfähig, auch nur mit einem Worte des Vaters Rede zu unterbrechen. Erſt als er ſie bat, zu ihm zu ſprechen, ſeinem Tode nicht ſo bange entgegenzuſehen, erhob ſich ihr innerſtes Weſen in ſeiner vollen, allerreinſten Wahrheit gegen den Irrthum, in welchem ihr Vater befangen war. Die Erwähnung ſeines nahen Todes— wie ſehr mufßte ſie ſich bei dieſem Selbſtgeſtändniß haſſen— war ihr minder furchtbar er⸗ ſchienen, als der Wunſch, den er vorher erfüllt ſehen wollte. Sie entriß ſich ſeinen Armen, ſank vor ihm auf die Kniee, barg ihr Geſicht in ſeiner Hand und entdeckte ihm ſtammelnd und ſchluchzend Alles. Wie konnte ſie ihrem edlen Vetter ſo großes Unrecht thun? Wie konnte ſie die Seinige werden, da doch ihr Herz, ihre Gedanken, ja ihr ganzes Leben von dem Andenken eines Anderen — Nur abet ſo gen ſpra Liche, der zurücfuht und Behe „Na ſommn Sunmes, Meine To ihn Vul nich urlaf — En ti Hriu ſt eſag „Jat ſine gnie ihn außu dine Vor Vehe! 9 Hbe ich ſchlen, ja ude doch lan ſin hnſu Hent uur zu m ohmni et nur s ſehen ne Liebe dricken n, und nurl ſie hes Zu⸗ er plötz⸗ ſchrieb. on des Glück, bſt ein e trübe von der uch nur Erſt nicht ſo eſen in rthum, ähnung i dieſem ſtbar er⸗ t ſehen ihm auf entdeckte konnte Wie . ihre n eines Anderen erfüllt waren? Und wer war dieſer Andere!? — Nur einmal wagte ſie zu ihrem Vater aufzublicken, aber ſo furchtbar war die Erregung, die aus ſeinen Zü⸗ gen ſprach, ſo ſichtbar der Kampf des Zornes und der Liebe, der des alten Mannes Herz durchtobte, daß ſie bange zurückfuhr und ihr Antlitz in den Staub beugte, in Angſt und Beben ihr Urtheil erharrend. „Marie, Marie! Alſo ſprichſt Du, das Kind meiner frommen Mirjam! Du, der letzte Sproß eines alten Stammes, der nie von ſo unreinem Triebe entweiht wurde! Meine Tochter liebt den Fremdling und ſtößt den Sohn ihres Volkes zurück! O mein Gott, warum haſt Du mich verlaſſen? Hätteſt Du mich doch vorher ſterben laſſen!“ — Ein tiefer, ſchwerer Seußzer folgte dieſen Worten, die Henriquez zitternd und mit dem ganzen Aufwande ſeiner faſt verſagenden Stimme geſprochen hatte. „Vater,“ bat das unglückliche Mädchen, indem ſie ſeine Knie krampfhaft umfaßte und noch immer nicht zu ihm außublicken wagte,„ſprich nicht alſo! Ich will Deine Vorwürfe, Deinen Zorn ertragen, aber nicht ſolches Wehe! Bedenke, was ich gelitten habe und noch leide. Habe ich geſündigt, ſo wird die Strafe mich nicht ver⸗ fehlen, ja ſie hat mich ſchon ſchwer genug getroffen. So rede doch zu mir nur ein Wort der Liebe oder, wenn es denn ſein muß, des Zornes, aber nicht dieſe Sprache der Verzweiflung!“ Henriquez rang nach Worten, aber die Bewegung war zu mächtig, Marie ſprang auf, ihn zu ſtützen, als er ohnmächtig hinſank. Unſäglich litt ſie, als ſie ver⸗ 3* 3 ſuchte, ihn ins Leben zurückzurufen. Wohl hatte ſie ſchon oft ihren Vater bewußtlos geſehen, aber lag es ihr dies⸗ mal fern, ſich ſelbſt für die Urſache dieſes neuen Anfalls zu halten? Mußte ſie nicht denken, daß ihre Sünde den Vater getödtet hätte, daß er vielleicht nie wieder erwachen würde, um ihr zu ſagen, daß er ihr vergäbe und ſie ſegnete? War es Wunder, daß ſie in jenen bangen Augenblicken, da der alte Mann in ihren Armen zwiſchen Tod und Leben ſchwebte, gelobte, ihren Willen dem ſeinigen zu unterwerfen, ja, wenn er es verlangte, jeden Gedanken an Alles, was ihr theuer war, unwiederbringlich fern zu bannen, wenn er nur einmal wieder zu ihr ſpräche?— Und ihr Gelübde ſchien ſchnell erhört. Allmälig und unter ſchweren Kämpfen rangen ſich ihres Vaters Lebens⸗ geiſter empor, ſeine halberſtarrten Blicke begegneten den ihrigen wieder, er riß ſeine Tochter krampfhaft an ſich, aber im nächſten Augenblick ſtieß er ſie, wenn auch ſanft, doch entſchloſſen von ſich, bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen und weinte. Selbſt den gleichgültigen Zuſchauer ſtimmen Män⸗ nerthränen zur Theilnahme— dem eigenen Kinde mußten ſie Folterqualen bringen! „Ich habe geſündigt,“ ſprach endlich gefaßter Marie, „und hätte ich das Weſen jener Gefühle gekannt, ſo würde ich ihnen nimmer Raum gegönnt haben. Aber ich erwachte zu ſpät, mein ganzes Daſein war in Feſſeln geſchlagen. Dennoch will ich fortan mich dieſer Erinne⸗ rung entreißen, der Schmerz ſoll mir willkommen ſein, wenn ich damit Dein Herz der Freude zurückgeben kann. Pefihl, nur Dir! „U hind?“ wenn er bliebe ſo Stine we berült i „En tigucz, n Nariens nand er nand füt Du m d von de 1 ilgen du Gatten ſt lenen, al Mar ihrn Va rird me hutet,“ Uilen i un inen „M ſit loſn ilſt du Stimm — ſie ſchon Befiehl, thue nach Gefallen— hinfort gehöre ich hr dies⸗ nur Dir!“ Anfalls„Und Du wirſt Ferdinand nicht zurückweiſen, mein inde den Kind?“ erwachen„Wird er denn ſeine Hand in die meine legen wollen, und ſe wenn er Alles erfährt? Und wenn ihm Alles verſchwiegen bangen bliebe, ſo könnte ich ja doch nicht mit reinem Herzen die 6 wiſchen Seine werden. Wenn er mich liebt, wie Du ſagteſt, ſo ſeinigen vergälte ich ja alle ſeine Liebe mit Hintergehung!“ danken„Entdecke ihm nichts, mein Kind,“ erwiederte Hen⸗ ſen ſi riquez, mühſam mit der Aufregung kämpfend, welche äche?— Mariens letzte Worte hervorgerufen hatten.„Laß Nie⸗ mand erfahren, was vorgefallen iſt. Erſpare Ferdi⸗ nand für jetzt den Gram einer ſolchen Entdeckung! Biſt Du erſt die Seine, dann wird die Zeit das Vergangene von der Tafel Deines Gedächtniſſes löſchen und alle Sünde tilgen durch die unerſchütterliche Treue, die Du Deinem Gatten ſchenken wirſt. Ich weiß, Du wirſt ihn lieben lernen, als ob Du nie einen Andern geliebt hätteſt.“ Marie ſtand lange in ſich gekehrt und ſprach dann, ihrem Vater kaum hörbar:„Wenn Leiden ſühnen, ſo wird meine Buße vollkommen ſein. Doch ſage mir, Vater,“ fügte ſie ſchüchtern hinzu,„wenn ich Deinem Willen folge, begehe ich nicht doch ein ſchweres Unrecht älig und 3 Lebens⸗ neten den an ſich, uch ſanft, it beiden en Män⸗ e mußten er Marie, ant, ſo an einem Andern?“ n. Aber„Müßteſt Du denn nicht die Liebe dieſes Fremdlings in Feſſeln mit loſen, nie zu erfüllenden Hoffnungen täuſchen? Oder et krim willſt Du ihm Deine Hand reichen, wenn Deines Vaters men ſein, Stimme Dich nicht mehr erreichen kann?“ ben kann⸗ „O niemals!“ hauchte Marie erſchüttert. „Was anders wäre alſo das Ende Eurer Leiden⸗ ſchaft, als Elend und Verzweiflung? Du wäreſt ewig verſucht, Alles für ihn außzuopfern und Deine Seele mit einem Meineide zu beflecken! Und wenn Du gar alle Bande zerſchnitteſt, die Dich an Deine Väter, an den Gott Iſraels knüpfen, wäreſt Du dann glücklicher? Nein, mein Kind, Du biſt frei; das Wort eines unerfahrenen Mädchens iſt bedeutungslos. Du begehſt kein Unrecht an dem Fremdling, wenn Du nicht länger ſeine nichtigen Hoffnungen nährſt. Folge mir, und Alles iſt vergeben und vergeſſen und Du biſt wieder meine Marie, meiner Mirjam Kind!“ Marie ſchwieg. Doch obgleich ſie nichts erwiederte, war ſie doch von ihres Vaters Worten nicht überzeugt worden. Sie hatte Arthur nicht verſchwiegen, daß ſie ihm nie angehören konnte, aber ſie hatte ihm ihre Liebe geſtanden— wofür mußte er ſie halten, wenn er ſie als das Weib eines Andern wiederſah? Und durfte ſie Fer⸗ dinands Liebe mit einem Herzen vergelten, das nicht mehr ihr gehörte? Sie fühlte, daß eine ruhigere Stunde kom⸗ men mußte, um ſie dieſen quälenden Zweifeln zu ent⸗ reißen und zu beſonnenem Entſchluſſe zu führen, aber zum Entſchluſſe blieb keine Zeit, denn noch harrte Hen⸗ riquez des zuſtimmenden Wortes, als die Zweige am Ein⸗ gange des Zeltes zurückgebogen wurden und eine hohe, männliche Geſtalt auf der Schwelle ſtand. Marie ſprang auf mit einem unterdrückten Schrei. Sollte ſchon jetzt die Erfüllung des kaum gethanen Gelübdes gefordert werden? ſit fteud und fide „Fürchtet kennt mi Ales, w den ſehnl rif untr — 39— werden?— S r S fü Eintretende nahm Mariens Schreck uſ wig ge Ueberraſchung, und indem er ſei Serle mit Sn von ſich gar alle kennt mich vor mir? Oder an den Alles 5 icht mehr?“ Henrique ß er? Nein, in iniger Freude rfahrenen 8 mit ſeinen ſchwachen Armen und nrecht an reudenthränen:„mein Sohn, mein Sohn!“ nichtigen 1 vergeben „meinet wiederte, überzeugt daß ſie hre Liebe ſie als ſie Fer⸗ icht mehr nde kom⸗ zu ent⸗ en, abet trte Hen⸗ am Ein⸗ ine hohe, ie ſprang chon jetzt gefordert VI. Nur eine Woche brachte Ferdinand Morales im Ce⸗ dernthale zu. Lange ſchon hatte er die Abſicht gehegt, um Marie Henriquez zu werben, aber die Stürme des Krieges hatten ihm nicht erlaubt, an die gemüthlichen Freuden des Hauſes zu denken. Jetzt, nach geſchloſſenem Frieden, eilte der jugendliche Held ungeſäumt in das ge⸗ liebte Thal, um die Gewährung des langerſehnten Glückes von Marien zu erflehen. Er wollte, wenn ihm ſeine Bewerbung gelungen, nach zwei Monaten zurückkehren, um ſich erſt heimlich nach den Gebräuchen ſeiner Glau⸗ bensbrüder zu vermählen, bevor die Trauung vor den Augen der katholiſchen Welt vollzogen würde. Aber wie verändert fand Ferdinand Alles! Marie ſprang ihm nicht, wie früher, in kindlicher Freude ent⸗ gegen; ſie war ſtill und ernſt und ſchien ſeiner Begegnung auszuweichen. Henriquez ergriff nicht mehr ſeine Hand, um ihn durch die neuen Thalanlagen zu führen— ein bleicher, zitternder Greis ſtand vor ihm, der die Freude des plötzlichen Wiederſehens kaum zu tragen vermochte. Ferdi linger hin in Sttah „Sie we witſt mi Lben tn heltige, nimmer au bei diſen Fiagen die und nichte Die tnt Nari ſt zuic worden, le jninander Mari luß das biſitigen, wus kon Külne hrnſch gworden wen un lhe ſi ſtnig ſi ſolcher krinn ſein 9 Ferdinand durfte die Ausſprache ſeiner Wünſche nicht länger hinausſchieben. Manuel war nicht überraſcht, aber ein Strahl der Freude blitzte aus ſeinen matten Augen. „Sie war Dir längſt beſtimmt,“ ſagte er ergriffen,„Du wirſt mein Kind hegen und auf Deinen Armen durchs Leben tragen. Ferdinand, es iſt nicht jeder Tag wie der heutige, aber Du wirſt unbeirrt derſelbe bleiben und nimmer aufhören, Marien zu lieben!“ Ferdinand blickte bei dieſen Worten befremdet auf, aber er durfte nicht durch Fragen die Aufregung des ſchwachen Mannes vermehren im Ce⸗ und reichte ihm die Hand, wie in feierlicher Zuſage. tgehegt, Die Gegenwart der beiden Männer nicht ahnend, rme des trat Marie ein; ſie wollte umkehren, aber Henriqucz hielt üthlichen ſie zurück; er ſagte ihr, ſein innigſtes Gebet ſei erhört worden, legte dann ihre und Ferdinands Hände ſegnend loſſenem ineinander und ließ Beide allein. e⸗ . Marie ſtand dem Verlobten ſchweigend gegenüber. m ſeine Auf das Zärtlichſte bat ſie dieſer, des Vaters Wort zu ickehren, beſtätigen, ſeine treue, warme Liebe nicht zurückzuweiſen, 5 Glau⸗ was konnte ſie erwiedern? Sie hatte ihn als Jugend⸗ „Augen geſpielen geliebt, als Jüngling und Helden verehrt, ſeiner S. Ehren ſich freudig gerühmt, als ob ſie ihr ſelbſt zu Theil nari geworden— es war ihr, als müßte ſie ſich an ſeine Bruſt werfen und die Geſchichte ihres Herzens ihm anvertrauen. Aber ſie hatte ihrem Vater Schweigen gelobt und ſie geun ſchwieg. Weinend wandte ſie ſich ab und betheuerte, ſie 5 ſei ſolcher Liebe nicht werth, aber Ferdinand nahm ihre 3 Thränen und Worte für ein verſchämtes Ja, ſchloß ſie ie 6 5 an ſein Herz und erzählte ihr mit leuchtendem Auge und rmo e⸗ —— glühender Wange von Ferdinands und Iſabellens könig⸗ licher Huld und von den Ehren, die ſie ihm verliehen. Während der beiden Monate, welche zwiſchen Ferdi⸗ nands Abreiſe und Wiederkehr lagen, rang Marie unter unſäglichen Seelenqualen nach Kraft, das Unabwendbare gefaßt zu tragen. Sie flehte Gott an, ſie zu ſtärken, damit ſie ihrem künftigen Gatten nicht nur in äußerer Pflichterfüllung, ſondern auch im Herzen Treue bewahren könnte. Tiefer aber, als aller Schmerz der Entſagung, beugte ſie der Gedanke, daß Arthur ſie als eines Andern Weib wiederſehen und der ſchnödeſten Untreue zeihen konnte. Ihr eigenes Leid— ſo glaubte ſie unerſchütterlich— war die Strafe ihrer ſündigen Liebe und ſie trug es mit ſchwererkämpfter Faſſung, aber dem Gedanken an Arthurs Verzweiflung konnte ſie nicht entfliechen. Sie hatte an jenem Abend gelobt, nie einem Andern angehören zu wollen, und es war ihr, als hallten die Worte dieſes Verſprechens unabläſſig in ihrem Innern wieder, als müßte ſie vor Arthurs vorwurfsvollem Blicke vernichtet zuſam⸗ menſinken. Manuel Henriquez gedachte nie wieder vor Marien des Geſtändniſſes, welches ſie ihm vor Ferdinands An⸗ kunft gemacht hatte, vielmehr überhäufte er ſie mit Lieb⸗ koſungen und dankte ihr unabläſſig für das hohe Glück, welches ihre Einwilligung ihm bereitete. Die Freude ſchien ihn zu verjüngen. Seine Anfälle wiederholten ſich nicht; es war, als ob er Geſundheit und Lebensfülle wieder gewonnen hätte, ſo emſig leitete er die Zurüſtungen zur Hochzeit, ſo kindlich vergnügt durchſtöberte er alle Räume des Hauſe würde. J ſuchte, we Reüben h nach ini ſchmeiden es ſih mi ſliſt mußte, wie ſralen. Det dinand kan ſolle nicht teten Se ind zu die an deren hung ink ſith, welc dieſe Beſti dnen ſic an Emilien ollen Er lüit. Henti ſoch Ferdi Sin glic in in dn won Pew Mſund s könig⸗ ichen. en Ferdi⸗ rie untet wendbare u ſtärken, näußerer bewahren tſagung, 3 Andern n konnte. erlich— ¹g e mit Arthurs hatte an hören zu rte dieſes ls müßte et zuſam⸗ Marien ands An⸗ nit Lieb⸗ he Glück ude ſchien ſich nicht; le wieder ngen zur le Räume des Hauſes, zu ſehen, ob auch Alles geziemend hergerichtet würde. Ja, eines Morgens, als Marie ihn vergeblich ſuchte, war er in aller Frühe mit ſeinem alten Diener Reüben hinausgezogen, um Einkäufe zu machen und erſt nach einigen Tagen kehrte er mit den koſtbarſten Ge⸗ ſchmeiden und reichſten Seidenſtoffen zurück. Er wollte es ſich nicht nehmen laſſen, für den Schmuck ſeiner Marie ſelbſt zu ſorgen; die Braut eines Ferdinand Morales mußte, wie er ſagte, an ihrem Hochzeitstage Alles über⸗ ſtralen. Der anberaumte Tag war nicht mehr fern. Fer⸗ dinand kam, ihn zu begrüßen, doch nicht allein. Marie ſollte nicht ohne das Geleit einer Freundin vor den Altar treten. So hatte er in zarter Aufmerkſamkeit verfügt und zu dieſem Ende Donna Emilia de Caſtro auserſehen, an deren Hand ſeine Verlobte einſt ihren erſten zaghaften Gang in die große Welt gewagt hatte. Ferdinand ahnte nicht, welchen Stürmen der Erinnerung er Marien durch dieſe Beſtimmung preisgab, und als die beiden Freun⸗ dinnen ſich wiederſahen, als Marie ſich unter Thränen an Emiliens Bruſt warf, glaubte er durch den bedeutungs⸗ vollen Ernſt der bevorſtehenden Feierlichkeit Alles er⸗ klärt. Henriquez ſchien diesmal weder Mariens Aufregung noch Ferdinands Gegenwart beſonderen Antheil zu ſchenken. Sein Blick ruhte unverwandt auf einem Manne, der mit⸗ ten in dem kleinen, zu dieſem Feſte herbeigeeilten Häuflein von Verwandten und Freunden unbekannt und fremd daſtand. Der Mann war als Mönch gekleidet, hatte aber die Kappe zurückgeworfen und betrachtete unausgeſetzt Marien, die ſich erröthend abwandte. „Wende Dich nicht ab, mein Kind!“ ſagte der Fremde, und Henriquez fuhr zuſammen bei dem Klange dieſer Stimme, die längſt entſchwundene Erinnerungen aus der Vergangenheit heraufbeſchwor.„Wohl bin ich Dir fremd, aber Du biſt es mir nicht. Es iſt, als ob Deine Mutter wieder vor mir ſtände.— Manuel, haſt Du Julian ganz vergeſſen?“ Noch hatte er nicht geendet, da hielt ſchon Manuel ihn ſchluchzend umſchlungen. Zwiſchen Trennung und Wiederſehen lagen fünfundzwanzig Jahre, ihr Haar war gebleicht, aber die Bruderliebe war nicht alt geworden und die Bande der Familie, von jeher mächtig unter dieſem Volke, hatten ſich weder gelockert, noch gelöſt. Manuel Henriquez Stimmung blieb nach dieſer außerordentlichen Erregung auch in den nächſten Tagen fieberhaft bewegt, und Marie konnte trotz der Nähe der gefürchteten Stunde nur an ihren Vater denken, deſſen Leben ſie durch das Vorgefallene ernſtlicher als je gefähr⸗ det glaubte. Ferdinand war anſpruchslos in ſeiner Liebe. Seine Gefühle waren innig und wahr und zu Mariens Auf⸗ richtigkeit hegte er ungetrübtes Vertrauen. Wohl mochte es ihm nicht entgehen, daß ſie ſeine Liebe nicht mit glei⸗ cher Hingebung erwiederte, aber wie konnte er, der ſie ſeit ihrer früheſten Kindheit bewacht und gehütet, dem ſie ſtets ihr junges Herz rückhaltslos geöffnet hatte, der Ah⸗ nung Raum geben, daß ſie vor ihm ein Geheimniß hegte? bin wahr Gdelſein giſählten ſi glaubt nicht mit Der verſamme nicht min ung. S Muuem a iſch, von attuche be huvorſpri hohe Ade Unfen mi biden Sii wiht di kin dam Stzung Ciut: mn Eu ſprungen bene Ve Ide diſſ nit inn Juli hutt, die Mi Uhr nen 1h ausgeſetzt ſagte det n Klange metungen bin ich als ob uel, haſt Manuel ing und aar war eworden ig unter elöſt. ch dieſer n Tagen Nähe der i, deſſen Sleine ens Auf⸗ hl mochte nit glei⸗ der ſie dem ſi „det Ah⸗ iß hegte! 45— Ein wahrhaft kindliches Vertrauen zierte wie ein ſeltener Edelſtein dieſen männlichen, durch Welt und Erfahrung geſtählten Charakter, und Marie wußte, wie feſt er an ſie glaubte— und doch war es zu ſpät, ſie durfte ihn nicht enttäuſchen. Der Hochzeitstag war gekommen. Die Geſellſchaft verſammelte ſich in dem kleinen Tempel, deſſen Inneres nicht minder eigenthümlich war, als ſeine äußere Erſchei⸗ nung. Schmucklos, von polirtem Cedernholz, waren die Mauern aufgeführt. In der Mitte ſtand ein erhabener Tiſch, von einem Geländer umgeben und mit einem Bro⸗ kattuche bedeckt. In der öſtlichen Mauer ruhte, zur Hälfte hervorſpringend, wie ein halbeingemauerter Schrank, eine hohe Lade, oben bogenförmig gerundet und darüber zwei Tafeln mit fremdartiger, goldener Inſchrift tragend. Zu beiden Seiten der Lade erhoben ſich zwei vergoldete Säulen, welche die obere Wölbung ſammt den Tafeln ſtützten. Eine Lampe von gediegenem Silber, deren Licht alter Satzung gemäß nie verlöſchen durfte, hing an ſeidener Schnur von der Decke herab. Als ſich die Geſellſchaft den Stufen, welche zur Lade hinaufführten, näherte, ſprangen deren beide Thürflügel auf und ſieben, um ſil⸗ berne Walzen gewickelte Pergamentrollen wurden ſichtbar. Jede dieſer Rollen war mit reichem Stoff bekleidet und mit einem ſilbernen Aufſatz voll kleiner Glocken verziert. Julian Morales ſollte, weil er es beſonders gewünſcht hatte, die üblichen Gebete bei der Ceremonie verleſen. Um drei Uhr Nachmittags ſah man ihn zwiſchen den geöff⸗ neten Thürflügeln der Lade; vor ihm ſtanden auf weißer — 0— Marmorplatte Braut und Bräutigam, bedeckt von einem Baldachin, den vier ſilberne Stangen trugen. Das üppige Haar der Braut war aufgeflochten und bis auf zwei volle Locken, die ihr Stirn und Wange beſchatteten, unter einem morgenländiſchen Kopfputz verſteckt. Ihr Anzug war weiß, das Jäckchen von geſponnenem Golde reich durchwebt, das Antlitz verbarg bis gegen das Ende der Feierlichkeit, wo ihr geweihter Wein zum Koſten gereicht ward, ein dichter Schleier. Weder Henriquez, deſſen Aufregung unbeſchreiblich war, noch Morales, den die Weihe des Augenblickes gänz⸗ lich erfüllte, bemerkte die beſorgte Theilnahme, mit welcher die Anweſenden Marien betrachteten, als der Schleier ihre Züge nicht mehr verbarg. Ihre bleichen, regungsloſen Lippen ſtimmten, wie durch wunderbare Beredſamkeit, Aller Herzen zu unerklärlichem Mitleid. Sie war lieb⸗ reizend, aber es war der Reiz einer Marmorſtatue; auf ihrem Antlitz prägte ſich vollkommene Ruhe aus, aber es war der traurige Ausdruck ſtiller Ergebung. Morales ſchmückte ihren Finger mit dem Trauringe, warf dann nach altem Brauche den eben geleerten Kriſtallbecher auf die Marmorplatte zu ſeinen Füßen, daß er klirrend zer⸗ ſprang— und die feierliche Handlung war zu Ende. Marie aber erwachte erſt wie aus traumartiger Erſtarrung, als ihr Vater krampfhaft fie umſchlang, mit ungeſtümer Zärtlichkeit ſie ſegnete und ſeine köſtliche Tochter nannte, die an dieſem Tage nach zwanzig Jahren kindlicher Er⸗ gebenheit und Liebe ſein Glück endgültig beſiegelte. Nach der Trauung begab ſich der Zug in das Haus jurick, w Frichte in wor das die Güſte Paliſt, 1 ſe damach künftun ſc ſchung in ſih in der Uinter befoſen n ſibem wei Nult J gbet. Na Mr abet a in Beuf m ir Bl ſtens ent uf heniy bl ſin nihn e ugnblit ſint eln ſizn dro benri j Ditu ſilmin ſu Dar uh einem on einem s üppige wei volle ter einem var weiß, urchwebt, erlichkeit, ard, ein hreiblich kes gänz⸗ t welcher leier ihre ngsloſen dſamkeit, var lieb⸗ tue; auf 1s, aber Morales uf dann echer auf rtend zer⸗ zu Ende. ſtarrung⸗ ngeſtümer rnannte lichet Er⸗ elte. das Haus —— zurück, wo Blumen in Alabaſtervaſen und ſchwellende Früchte in ſilbernen Körben den Tiſch zierten. Wohl war das Mahl einfach, der Wein nicht auserleſen, aber die Gäſte gedachten nicht blos des Genuſſes. Stralende Paläſte, rauſchende Freuden winkten ihnen draußen, wenn ſie darnach gelüſtete, doch über dieſen geheimen Zuſammen⸗ künften ſchwebte die Weihe eines uralten Glaubens und ſchlang ein unlösbares Band um die Herzen Derer, die ſich in der Verborgenheit dieſes Thales begrüßen durften. Unter lebhafter und ungezwungener Unterhaltung verfloſſen mehrere Stunden. Der Tag neigte ſich und ſilberne weihrauchduſtende Lampen wurden auf den Tiſch geſtellt. Julian erhob ſich und ſprach das übliche Dank⸗ gebet. Marie blickte unterdeſſen ſchweigend vor ſich nie⸗ der, abet als Julian die letzten Worte geſprochen und ſie im Begriff war, ſich mit Donna Emilia zurückzuziehen, traf ihr Blick ihren Vater, und ein jäher Schrei des Ent⸗ ſetzens entrang ſich ihrer Bruſt. Die fieberhafte Röthe auf Henriquez Wangen war einer bläulichen Bläſſe, der Glanz ſeiner Augen einem ſtieren, gläſernen Blicke ge⸗ wichen. Sein Körper, kalt wie Stein, wurde im nächſten Augenblick von furchtbaren Zuckungen geſchüttelt, und be⸗ ſtürzt eilte Reüben herbei, um ſeinen Herrn, der hinzu⸗ ſtürzen drohte, mit ſeinen Armen zu ſtützen. Henriquez wurde auf ſein Zimmer gebracht und jedes Mittel angewandt, aber ſelbſt die Geſchicklichkeit des heilkundigen Julian war wirkungslos. An ſeinem Lager kniete Marie, mit ihren ſchwarzen, weitgeöffneten Augen nach einem leiſen Zeichen der Bewegung in ſeinen Zügen ſpähend, aber vergebens; mehr als eine Stunde verging i und noch immer lag er todtengleich. Verzweifelnd preßte ji hn Marie ſeine kalten, feuchten Hände in den ihrigen, als guihtn wollte ſie ihnen Leben und Wärme mittheilen; kein Laut, ſitt kein Seußzer entſchlüpfte dem Herzen des unglücklichen Ein Mädchens— da flog eine leichte, faſt unmerkliche Röthe über ſuhlin die blaſſen Wangen Manuels, und ſeine Augenlider hoben ſ N ſich einen Augenblick, um ſich eben ſo raſch wieder zu ſenken. ſu Marien allein war dieſe allen Uebrigen unſichtbare Ver⸗ Sln änderung nicht entgangen.„Vater,“ ſchrie ſie ſchmerzvoll— auf,„um Gotteswillen, ſprich wieder zu mir, ſag', daß nn Du mir vergiebſt, mich ſegneſt!“ „Vergeben?“ wiederholte ſchwach der ſterbende Mann, den die volle, zum letztenmal auflodernde Gluth der Vater⸗ liebe noch eine kurze Weile des Todeskampfes enthob. vuß „Was hätte ich Dir zu vergeben? Du biſt ja Ferdinands Weib und haſt dieſem ſchrecklichen Augenblick den Stachel genommen. Mein köſtliches Kind— könnte ich nur noch einmal Dein Antlitz ſehen, aber es iſt dunkel— Nacht überall.“ Marie warf ſich an ihres Vaters Bruſt und bedeckte 5 i ſeine Wangen mit Küſſen. Er ließ ſeine Hand machtlos 6 über ihr Geſicht gleiten, als könnte dieſe Berührung die geliebten Züge ſeinem Auge näher bringen; dann rief er ch un do Unver ler ſo ve ſ wich in den Ferdinand. Noch bewegten ſich ſeine Lippen, aber kein w lult vernehmliches Wort ward gehört. uſut zu *„Zweifle nicht an mir,“ rief Ferdinand,„der Du Still mir mehr als Vater geweſen biſt! Als Knabe, als Jüng⸗, ling habe ich Dein Kind geliebt mit vergötternder Liebe, — de vazing werde ich ſie jetzt, da ſie nur mich hat, minder hegen in preßie und lieben? O glaube mir, wenn Hingebung Glück n als gewähren kann, ſo ſoll kein Schmerz, den Menſchenhand hin Lut, abzuwehren vermag, Marien nahe treten!“ nlidichen Eine wunderbare Helle zerſtreute noch einmal die Föthe über furchtbaren Schatten, welche auf Manuels Zügen lager⸗ idet hoben ten.„Mein Sohn,“ ſprach er leiſe,„ich ſegne Dich— zu ſenten und auch Dich, mein tiefgebeugtes Kind! Julian, Bru⸗ tbar Ver⸗ der, lege mich neben Mirjam— nicht darum kamſt Du ſchmerzvoll— aber— nun iſt Alles gut. Kinder, Freunde, ſendet ſag, daß unſern Lobgeſang zum Himmel auf— das Bekenntniß unſeres Glaubens— noch einmal die vertrauten Laute nde Mann, unſerer Väter!“ der Vater⸗ Sein Wunſch ward erfüllt; himmelwärts ſchwang s enthob. ſich ein Pſalm in halblautgeſungenen Tönen, jedem Frem⸗ ſerdinands den unverſtändlich, den verſammelten Glaubensbrüdern en Stachel aber ſo vertraut wie ihre Mutterſprache. Nur Mariens nur noch helle, weiche Stimme, welche ſonſt in rührender Innigkeit — Nacht über dem Geſange der Gemeinde geſchwebt hatte, ward diesmal nicht gehört. Als der Pſalm zu Ende war und 7 d bedeckte das Gebet für den Sterbenden folgte, erhob ſich mit mäch⸗ machtlos tiger Anſtrengung Henriquez, faltete die Hände, ſprach hrung die deutlich und mit feſter Stimme die letzten feierlichen Worte, mn rif er das uralte Bekenntniß ſeines Volkes ²)— und fiel dann abet kein entſeelt zurück. Stille herrſchte rings umher, Minute auf Minute der Du erging, doch Marie blieb regungslos. Schonend löſt als Jüng⸗ ndet Liebe) 8 B. M. Cap. 6, V. 4. Don Ferdinand ihre Arme von der Leiche ihres Vaters und verſuchte, ſie aus dieſem traurig ſtillen Zimmer fort⸗ zuführen. Aber mit wildem, ſtrafendem Blicke ſchaute ſie zu ihrem Manne auf, ſtieß ihn mit der Kraft einer Wahnſinnigen zurück und ſank neben der ſtarren, todes⸗ grauen Hülle des Entſchlafenen nieder. den Fr wohnte — in Sege ſich als volle V ſtt 1 ſile, ſru v m Fj Ihr Ha Roſſen chlaun ſuſſs a Fdine Nnin iſnd Rumn Mähun iſe res Vaters mmer fort⸗ icke ſchaute Kraft einer ren, todes⸗ VII. Seit anderthalb Jahren lag Manuel Henriquez auf dem Friedhofe des Cedernthales begraben. Marie be⸗ wohnte ſeitdem mit Ferdinand einen prächtigen Palaſt in Segovia; aus der ſtillen lieblichen Heimath ſah ſie ſich, als Gattin eines Gobernador, mitten in das geräuſch— volle Leben einer der volkreichſten Städte Caſtiliens ver⸗ ſetzt. Aus der Bewohnerin eines einſamen Thales, der ſtillen, ſorgſamen Pflegerin eines kranken Vaters war eine Frau von hohem Anſehn und Range geworden, die ſich den Pflichten ihrer neuen Stellung nicht entziehen durfte. Ihr Haus war ſtets gefüllt mit Freunden und Amts⸗ genoſſen ihres Mannes, und nicht ſelten mußte ſie einem ſchlauen Bittſteller, der ſie um Verwendung ihres Ein⸗ fluſſes anſprach, Gehör ſchenken. Dennoch vermied ſie es, Ferdinand in die Kreiſe zu folgen, die ihn als den all— gemein verehrten Liebling des Hofes und des Volkes wett⸗ eifernd feierten. Sie weilte am liebſten in den ſtillen Räumen ihrer Privatgemächer, und nur bei ihrer Ver⸗ mählung, welche nunmehr mit allen Formen der katho— liſchen Kirche und dem ihrem Reichthum und Range 4* gebührenden Glanze gefeiert worden, hatte ſie ſich öffent⸗ lich gezeigt. Ihre Geſundheit war, als ſie mit ihrem Gatten das Cedernthal verließ, von den letzten Ereigniſſen tief erſchüttert und ſie bedurfte der Einſamkeit, um all⸗ mälig zu dauerndem Wohlſein zurückzukehren. Gern hätte ſie Ferdinand voll freudigen Stolzes zur Theilhaberin ſeiner Ehren gemacht, aber wo ſolche Rückſicht gebot, beſchied er ſich gern und leiſtete ſelbſt auf die Erfüllung ſeines ſehnlichſten Wunſches, ſeine junge Frau dem königlichen Paare vorzuſtellen, einſtweilen Verzicht. Marie hatte nicht vergebens gebetet und gerungen. Arthur hatte einen ehrenvollen Poſten in Sizilien erhal— ten, und es war nicht wahrſcheinlich, daß er ihr ſobald wieder begegnete. Und dennoch war ſie nicht glücklich. Es war ihr unſeliges Geſchick, ihres Mannes edle Offen⸗ heit durch Täuſchung vergelten zu müſſen. Wäre Fer⸗ dinands Vertrauen minder feſt, ſeine Liebe minder innig geweſen, ſo hätte ſie wohl Alles leichter getragen; aber das Bewußtſein, verſtellt und unwahr neben einem ſol— chen Manne zu ſtehen, vergällte ihr jede Stunde ihres jungen Lebens. Oft fühlte ſich die Unglückliche unwider⸗ ſtehlich getrieben, Ferdinands Knie zu umfaſſen und ihn zu bitten, daß er nicht länger ihr gequältes Herz mit ſo harmloſer, vertrauensvoller Liebe folterte— aber ſie mußte ſchweigen. Was konnte ſolches Geſtändniß jetzt nützen? Daß ſie einen Andern geliebt, konnte Ferdinand verzeihen, aber durfte er erfahren, daß Marie, als ſie mit ihm am Traualtare geſtanden, ein Geheimniß ihres Herzens vor ihm bewahrt hatte? Un Firdin Don L Staats war u Alen und, w biſchlich gbweis Stin A Nnnoch ſegt zu und S hnung duchw Vuhr de Ehr Und Ri Nungl Don L in gehe und Ge ſihrt u Di huhn unſihig huu t hn ſun ſich öfent Unter den Spaniern von edler Abkunft, welche Don mit ihrm Ferdinand Morales Haus beſuchten, war ein gewiſſer Ereigniſen Don Luis Garcia, ein Mann, der in Kirchen- und t um alk Staatsangelegenheiten, im Felde und im Rathe thätig 3 war und deſſen wirklicher Rang und Charakter dennoch en Stolzo Allen unbekannt ſchien. Er war von ungezwungenem wo ſolche und, wie Einige meinten, einnehmendem Weſen, und doch e ſelbſt auf beſchlich Alle, die in ſeine Nähe kamen, ein eben ſo un⸗ eine junge abweisbares, als räthſelhaftes Gefühl der Befangenheit. en Verzicht. Sein Aeußeres verrieth das blühendſte Lebensalter, und gerungen. dennoch ſchien er allen Freuden des Genuſſes längſt ent⸗ lien echal⸗ ſagt zu haben. Mit finſterem Ernſte übte er Demuth ihr ſobald und Selbſtkaſteiung; freiwilliges Faſten und andere Ent⸗ t glücklich behrungen, Nächte, wie es hieß, in büßender Zerknirſchung edle Offen⸗ durchwacht, reiche Spenden an Schutzheilige und deren Wäre Fer⸗ Verehrer, vollkommene Ertödtung jeder Leidenſchaft, ſelbſt nder innig des Ehrgeizes, erwarben ihm die Verehrung der Prieſter gen; aber und Mönche, an welchen die gute Stadt Segovia keinen Mangel litt. Und doch regte ſich im Herzen Aller, die Don Luis Garcia's Lob mit den Lippen verkündeten, nmider⸗ ein geheimer Widerſpruch— es war, als ob ſein Leben— dihn und Gebahren dem wohlgefügten Beweiſe glich, der über⸗ ſ führt und doch nicht überzeugt. 2 5. Don Ferdinand Morales blieb von dieſen wider⸗ ſprechenden Eindrücken unberührt. Selber der Verſtellung k„— unfähig, ſuchte er ſie nie bei Andern; ſein offener, rück⸗ vemihen⸗ haltsloſer Sinn ließ ſich zu keinem Vorurtheil herbei. ihn an Er ahnte nicht, daß der Glanz ſeines Hauſes, ſein Reich⸗ thum und die Fülle der Gunſt, welche ihm Herrſcher einem ſol⸗ nde ihres rzens vor und Volk gewährten, den Mann, welchem er arglos Hand und Herz öffnete, zu giftigen Haſſe entflammten, und daß gar bald in Don Luis Bruſt die erſten loſen Eindrücke des Neides zu wohlerſonnenen, feingefügten Plänen gereift waren. Spanien war, wie wir vorhin beſchrieben, lange der Tummelplatz der gröblichſten Willkür und Zuchtloſig⸗ keit geweſen. Das enſſittlichende Beiſpiel des Hofes war jedem Mächtigen ein Freibrief ſchrankenloſer Leidenſchaft geworden und ſelbſt die Kirche war nicht mächtig genug, die Heiligkeit des Hauſes vor Entweihung zu ſchützen. Zügelloſe Begierde war oft die einzige Urſache mörderi⸗ ſcher Angriffe und Unſchuld, Ehre und Tugend fielen als machtloſe Opfer einer Zeit, da keine Strafe den Frevel ereilte und die Leidenſchaft für die ausſchließliche Lenkerin der Dinge galt. Ferdinands und Iſabellens kräftiges Einſchreiten hatte freilich dieſe furchtbaren Mißbräuche abgeſtellt. Die öffent⸗ liche Sicherheit wurde nicht mehr von frechen Attentaten bedroht, aber kein Geſetz erreichte die Schlupfwinkel Derer, die nur ſcheinbar und äußerlich den Nacken unter das Joch der neuen Ordnung beugten, um dieſe aus dem Hinter⸗ halt nächtlicher Verborgenheit auf Tod und Leben zu bekämpfen. Zu dieſen geſchworenen Feinden des neu⸗ erſtandenen Geſetzes zählte Don Luis Garcia, ein Mann, deſſen geheimes Amt, im Widerſpruch mit ſeinen perſön⸗ lichen Leidenſchaften, die Ertödtung jedes Eigenwillens und Fernhaltung von aller Theilnahme an Leid und Freude der Geſellſchaft heiſchte. ℳ * Lir in det und wo Leon g auſſchlu Herſche ſihtlich Dauer, tiit no der bevo ichteit ſhon ih und Ru bach 1 Naußen brchen M nt Abr welt ab dn au ſ gela thatſich bomnte Don 2 itennſ Röhr in d nſtre rglos Hand n, und daß indrücke des ereift waren. ben, lange Zuchtloſig⸗ Hofes war Leidenſchaft ſig genug, u ſchützen. emörderi⸗ fielen als den Frevel he Lenkerin reiten hatte Die öffent⸗ Attentaten nkel Derer, das Joch m Hinter⸗ Leben zu des nell⸗ ein Mann, en perſön⸗ genwillens Leid und 55— Länger als ein Jahr hatte Don Ferdinand Morales in der Nähe ſeiner jungen Gattin gelebt und nur dann und wann einen kurzen Ausflug nach Valladolid und Leon gemacht, wo Iſabella abwechſelnd ihr Hoflager aufſchlug. Jetzt traf ihn unerwartet der Befehl, das Herrſcherpaar nach Arragonien zu begleiten. Voraus⸗ ſichtlich war ſeine Abweſenheit diesmal von längerer Dauer, und ſo gehorchte er nur widerſtrebend. Aber tiefer noch als Ferdinand empfand Marie das Troſtloſe der bevorſtehenden Vereinſamung. In gemüthlicher Häus⸗ lichkeit, in der NRähe eines ſie vergötternden Mannes wollte ſchon ihr ſchwergeprüftes Herz allmälig wieder zu Faſſung und Ruhe erſtarken, als dieſe unſelige Trennung herein⸗ brach und ſie auf's Neue fürchten ließ, es möchte draußen das Vergangene die Decke des Geheimniſſes durch⸗ brechen und Morales Glauben an ſie untergraben. Morales ging und Marie ſchloß ſich während ſei⸗ ner Abweſenheit vor jeder Berührung mit der Außen⸗ welt ab. Um ſo größer war ihr Erſtaunen, als gegen den ausdrücklichen Sinn ihrer Befehle ein Fremder vor ſie gelaſſen wurde. Es war Don Luis Garcia. Nur thatſächliche Flucht— und dazu war ſie zu ſtolz— konnte ihr die Unterhaltung, welche folgte, erſparen. Don Luis blieb gleichgültig gegen den Unwillen des überraſchten Weibes. Er bewegte ſich anfangs in den gewöhnlichen Formen eines alltäglichen Geſpräches und ging dann allmälig von nichtsſagenden Redensarten zu ernſterer Weiſe über. Seine Stimme wurde weich und verrieth gefühlvolle Theilnahme— eine Theilnahme, welche Marien vom Scheitel bis zur Sohle mit Eiſeskälte durch⸗ ſchauerte und ihr Antlitz mit Marmorbläſſe färbte. War es denn möglich, daß ihr verhängnißvolles Geheimniß, das, wie ſie doch glauben durfte, nur ihr und Stanley bekannt war, den Späherblicken dieſes Mannes enthüllt worden? War es denn ſo weit gekommen, daß dieſer Don Luis, den ſie immer nur mit Widerwillen in Mo⸗ rales Nähe geſehen hatte, ihre erſte Liebe die Urſache ſei⸗ nes Mitgefühls nennen und ſich rühmen durfte, ihr größere Theilnahme zu ſchenken, als ſelbſt ihr argloſer Gatte ihr gewähren konnte? Warum war jedes ihrer Organe ſo erſtarrt, daß ſie in dieſem Augenblick ſprachlos dem zu⸗ dringlichen Manne gegenüberſtand? Don Luis fuhr in beredter Weiſe fort, aber unver⸗ ſtanden wie inhaltsloſer Schall klangen ſeine Worte an ihr Ohr, bis er in Ton und Miene geſteigerte Erregung verrieth. Wie ein Blitztrahl traf urplötzlich eine Ahnung das eben noch regungsloſe Weib. Sie durchblickte die Abſicht des Beſuchers und in gewaltigem Ausbruche des edelſten Zornes kehrten ihr Stimme und Faſſung wieder. Es war die volle Majeſtät des Weibes, die ſich in dieſer tiefſten Entrüſtung ſo glorreich und überwältigend erhob, daß ſelbſt Don Luis, ſo wohlerfahren er auch war in jedweder Argliſt, erlag und ſich geſtehen mußte, daß hier alle Verſtellung fruchtlos und nur von der Gewalt Er⸗ folg zu hoffen war. Während dieſes für Marien furchtbaren Auftritts hatte ſie ſtandhaft ihre Haltung bewahrt, aber als ſie ſich wieder allein ſah, ſtand ſie zitternd, als ob die Schrecken dn Vid in ſchim hungen eine geh war u volltom unn gug, an dieſe wolte ſi ſihrden. lingt v ſl d imin, wf liſs Ge ſe ſihſ 6 hohn wh ſih In pſſinſch rhein ſukſn, M geil Und zur ngen, in u kälte durch⸗ tbte. War Geheimniß, d Stanley es enthüllt daß dieſer nin Mo⸗ rſache ſei⸗ hr größere Gatte ihr organe ſo dem zu⸗ er unver⸗ Worte an Erregung Ahnung lickte die ruche des wieder. in dieſer d erhob, war in daß hier valt Er⸗ Auſtritts als ſie ob die Schrecken des Todes wider ſie heranzögen. Sie hatte den Widerſacher durch die Macht der weiblichen Würde in ſchimpfliche Flucht gejagt, aber unter entſetzlichen Dro⸗ hungen war er gewichen; Marie hatte Hindeutungen auf eine geheime Macht vernommen, deren Haupt Don Luis war, und an deren ausgedehnter Gewalt ſelbſt die Macht⸗ vollkommenheit der Herrſcher zu Schanden wurde. Es waren geheimnißvolle Worte, aber dennoch verſtändlich genug, um ſie zu überzeugen, daß ſie jede Erinnerung an dieſe Stunde tief in ihre Bruſt verſenken mußte, wollte ſie nicht Sicherheit und Leben ihres Mannes ge⸗ fährden. Aber ein anderes Geheimniß durfte Marie nicht länger verſchweigen: Don Luis Mitwiſſenſchaft, ein Räth⸗ ſel, das ſelbſt ihre kühnſten Vermuthungen nicht löſen konnten, galt ihr für unzweifelhaft, und ſie erkannte, daß ſie ſeiner Gewalt nur durch ein offenes, rückhalts⸗ loſes Geſtändniß entrinnen konnte. Beſſer war es, daß ſie ſelbſt Morales Herzen wehe that, als daß ein Feind es hohnlachend zerriß: das fühlte ſie klar— und doch fuhr ſie bebend vor dieſer Aufgabe zuſammen. Indeſſen täuſchte ſich Marie über Don Luis Mit⸗ wiſſenſchaft. Gewohnt, auf der Oberfläche der äußeren Erſcheinung die tief innerſten Geheimniſſe der Menſchen zu leſen, wußte er bald mit der durchdringenden Schärfe des geübteſten Blickes jede empfindliche Stelle zu erſpähen und zur geeigneten Stunde mit lange vorbereitetem, ſicherm Streiche zu treffen. So war es ihm auch hier nicht ent⸗ gangen, daß Marie die Liebe Ferdinands nicht mit glei⸗ cher Gluth erwiederte; die ablehnende Zurückhaltung, mit — welcher ſie oft ihres Mannes herzlicher Offenheit begegnete, hatte den feinſpürenden Intriganten zu der Vermuthung geführt, daß verborgene, unausgeſprochene Gefühle hier obwalteten, und ihn zu dem Verſuche getrieben, während Don Ferdinands Abweſenheit dem alleinſtehenden Weibe durch Ueberraſchung ihr Geheimniß zu entlocken. Der ſtarre Schrecken, mit welchem Marie in ſeinen allgemein gehaltenen Worten Anſpielungen auf die Geſchichte ihres Herzens zu erkennen glaubte, hatte ihn belehrt, daß ſeine Vermuthungen richtig geweſen. Und dennoch war der erſte Erfolg ſeines ſchlau erſonnenen Planes nur Schimpf und Schande geweſen, beſchämt und vernichtet war er von einem Weibe worden— was war natürlicher, als daß die Windsbraut der Leidenſchaft auf's Neue entfeſſelt und ſchnaubend ſein Inneres durchtobte! Zu feſt jedoch war Don Luis Vertrauen auf die vielfach erprobte Kunſt ſeiner Verſtellung, als daß ein einmaliges Mißlingen ihn zu unbeſonnener Ueberſtürzung fortgeriſſen hätte. Wohl ſchrieb ſich jedes Erlebniß mit eiſernem Griffel in dieſes Mannes Bruſt, wohl rang unter der Hülle ſeines kalten, bewegungsloſen Ernſtes ein verzehrendes Feuer nach Befreiung— aber mit Rieſen⸗ gewalt wälzte er vor die Höhle der Leidenſchaften den Stein der Selbſtbeherrſchung und wartete in heuchleriſcher Ruhe, bis die Umſtände, entweder in glücklicher Fügung, oder von ſeiner ſicheren Hand gelenkt, ihm reichliche Mit⸗ tel zu Rache und Triumph an die Hand gaben. 5 ihrs ch heinch Jbele ſadina 6t. Ja uld ſo gilgenh ilic bi den lnſchlb ſuttiot ner bis ihn pl ius ſu Du, de M ich ſier we lujig tbegegnete, ermuthung efühle hier während den Weibe cken. Der allgemein ichte ihres daß ſeine war der Schimpf t war er icher, als entfeſſelt auf die daß ein rſtürzung bniß mit ohl rang rnſtes ein it Rieſe⸗ aften den chleriſcher Fügung, liche Mit⸗ VIII. In ihrem Bondoir, auf einem Polſter zu den Füßen ihres eben zurückgekehrten Mannes ſaß Marie und lauſchte theilnehmend ſeinen Mittheilungen über Ferdinands und Iſabellens weitausſchauende Pläne. Er erzählte ihr, daß Ferdinand Großmeiſter der drei bedeutendſten Ritterorden: St. Jago, Compoſtella und Alcantara geworden war und ſomit hinreichende Macht erlangt hatte, ihre An⸗ gelegenheiten in ſeinem Sinne zu ordnen und zu leiten. „Freilich,“ fügte er hinzu,„wird der Einfluß des Adels bei dem aufſtrebenden Wachsthum der königlichen Gewalt unfehlbar von ſeiner Höhe herabſinken, aber der wahre Patriot begrüßt freudig den Tag, der das Volk aus ſei⸗ ner bisherigen Stellung zu thätigem Antheil beruft und ihm phyſiſche und moraliſche Hebung verheißt. Doch das ſind zu ernſte Dinge für Dich, mein Kind— weißt Du, daß die Königin mir es recht übel genommen hat, daß ich ohne Dich an ihrem Hofe erſchien? Ihre Neu⸗ gier war durch Donna Emilia, welche Dich und Deine Vorzüge mit begeiſterten Worten pries, ſo geſpannt, daß —60 ſie mich recht vorwurfsvoll anſah, als ich mich ohne Deine Begleitung zu ihrem Hoflager einfand. Nicht ein⸗ mal die Rückſichten, welche ich Deiner Geſundheit ſchul⸗ dig bin, wollte ſie gelten laſſen und meinte, ich hätte hätte Dich auf meinen Armen nach Arragonien tragen—“ „Oder mich gar nicht verlaſſen ſollen!“ fiel Marie mit plötzlicher und unwillkürlicher Bewegung ein.„Ferdi⸗ nand, Du darfſt nicht wieder von mir gehen, es iſt recht öde und troſtlos in dieſem Hauſe, wenn Du fern biſt.“ „Vergiß nicht, daß Du eines Kriegers Weib biſt,“ erwiederte Morales mit ſanftem Tadel,„und daß Du den Schmerz der Trennung ertragen lernen mußt. Zu⸗ dem wirſt Du nicht allein ſtehen, wenn der Ruf zu Thaten an mich ergeht. Du wirſt zuvor Deine Königin ſehen und lieben; ihre ſchützende Huld ſoll dereinſt, wenn ich draußen auf dem Felde der Ehre in Gefahr und Kampf weile, Dir Schirm und Troſt gewähren.“ „Kampf und Gefahr?“ fragte Marie ängſtlich.„Ich glaubte, es ſei nun Alles gut, und der Friede wohnte in unſerem Lande.“ „Wohl iſt Friede in den Erbländern unſerer Herr⸗ ſcher,“ antwortete Morales,„aber wir haben keine Bürg⸗ ſchaft für ſeine Dauer, ſo lange noch eine der ſchönſten Provinzen Spaniens den Mauren gehört. Nach Granada blickt König Ferdinand; ungeduldig harrt er dem Tage entgegen, wo er ſiegreich an der Spitze ſeines Heeres in die Thore der herrlichen Stadt einzieht. Er will Grün⸗ der der einigen ſpaniſchen Monarchie werden, damit er dereinſt ſeinen Kindern ein ungetheiltes Land hinterlaſſe, und ſtin itgende Plan,! ſüten! fort,„ Lbens Rriger ſort in hinausſt ſol ich ſunkit „O iſtte ſ zwiſchen ſünigin biſch! Urhren „U ſu 0 „6 i Fin gber wo Muſch ſi ind inne jingn iuncht nich mich ohne Richt ein⸗ heit ſchul⸗ ich hätte tragen—“ fiel Marie „Ferdi⸗ es iſt recht ern biſt.“ meib biſt,“ daß Du ßt. Zu⸗ Juf zu eKönigin ſt, wenn ahr und ch.„Ich wohnte ter Hert⸗ ne Bürg⸗ ſchönſten Granada em Tage eeres in l Grin⸗ amit er nterlaſſe, — und ſein Reich ſoll größer und herrlicher daſtehen, als irgend eines in Europa. Gewiß, das iſt ein glorreicher Plan, den jeder ſpaniſche Krieger mit Freuden unter⸗ ſtützen wird. Nicht wahr, Marie,“ fuhr er begeiſtert fort,„wenn auch Dein Ferdinand alle Seligkeit ſeines Lebens in Deiner Rähe findet, ſo wirſt Du dennoch dem Krieger verzeihen, wenn er freudig von Deiner Seite fort in den ruhmvollen Kampf für Spaniens Größe hinausſtürzt!“ „Ich werde ſtolz auf Dich ſein, Ferdinand, aber ſoll ich es Dir verſchweigen, daß ich der langen Ein⸗ ſamkeit recht bange entgegenſehe?“ „O fürchte nicht, daß ich allzubald hinaus müſſe,“ tröſtete ſie liebkoſend Morales,„gar Manches liegt noch zwiſchen Plan und Ausführung. Zunächſt wird die Königin unſerer guten alten Stadt Segovia ihren erſten Beſuch machen. Du wirſt ſie kennen lernen, wirſt ſie verehren, wie ich ſie verehre.“ „Und doch heißt es, ſie ſei ſtreng und finſter?“ fragte Marie halblaut. „Gegen die Parteigänger des Bürgerkrieges, gegen die Feinde ihrer erleuchteten Abſichten iſt ſie es gewiß aber was hätteſt Du zu fürchten, Marie? Sie lieſt des Menſchen Herz in ſeinen Zügen und was anders wird ſie in den Deinen finden, als Liebreiz und Güte? Noch erinnere ich mich des Adlerblickes, mit welchem ſie den jungen Stanley, Ferdinands Liebling, zum erſten Mal betrachtete— aber dem prüfenden Blicke folgte eiſ huld⸗ reiches Lächeln, ſie hatte den Werth des Mannes erkannt. Seitdem ſteht Stanley nicht minder hoch in ihrer als in Ferdinands Gunſt, und es heißt, das königliche Paar werde ihn aus Sizilien zurückrufen, um zu den beab⸗ ſichtigten Unternehmungen ſeines Heldenarmes verſichert zu ſein.“ Marie hatte ſich abgewandt, um die glühende Röthe zu verbergen, welche bei den letztgehörten Worten über ihre blaſſen Züge fuhr und auch ihrem Manne nicht entgangen wäre, wenn nicht in demſelben Augenblick ein Diener die Thür geöffnet hätte, um die Ankunft könig⸗ licher Beamter zu melden. Morales eilte hinaus und kehrte mit einem wohl⸗ verwahrten, das königliche Handſiegel tragenden Paket zurück. Er war bald ſo ausſchließlich in das Leſen der erhaltenen Depeſchen vertieft, daß er für den Augenblick ſelbſt der Gegenwart ſeines Weibes vergaß. Marie aber dankte Gott für dieſe willkommene Unterbrechung, denn nun durfte ſie unbemerkt verſuchen, den jähen Schrecken, mit welchem die Hindeutung auf Arthur's Rückkehr ſie erfüllte, zu bewältigen, und konnte mindeſtens äußerlich ruhig den freudigen Blicken ihres Mannes wieder begegnen. „Es iſt, wie ich dachte,“ ſagte endlich aufblickend Morales,„die Königin wird ihr Hoflager auf einige Monate nach Segovia verlegen und beauftragt mich, für die Inſtandſetzung des Schloſſes zu ſorgen. Und nun höre, Marie,“ fügte er aufſtehend zu,„was unſere königliche Gebieterin weiter ſchreibt: Den glänzenden Edelſtein, der, wie wir gehört, Euer Haus ſchmückt, dürft Ihr nicht länger ver⸗ „6 durh d nö zu blitte e ih ſch h ene und mn nit uns iſ bechl ſiht all niſen beniten. Al ugſt un Urthur vor Se jihn! ſi, bite ihrer als gliche Paar den beab⸗ verſichett ende Röthe orten über mne nicht enblick ein nft könig⸗ em wohl⸗ en Paket Leſen der lugenblick arie aber ng, denn Schrecken, ckkehr ſie zußerlich begegnen. ufblickend uf einige gt nich, Und nun s unſere gehört, nger ver⸗ bergen. Wir möchten gern ſelbſt den Werth des vielgeprieſenen Juwels beurtheilen, um zu ſehen, ob der lorbeerbekränzte Kriegsheld auch den Preis der Schönheit zu ſuchen und zu gewinnen ver⸗ ſtand.“ „Ich ſoll alſo doch an den Hofk fragte Marie. „Gewiß, das ſollſt Du,“ entgegnete Morales,„um durch Deine beſcheidenen Vorzüge die Ehren Deines Man⸗ nes zu vermehren. Doch“— und bei dieſen Worten blickte er in ein Papier, welches er in der Hand hielt— „ich ſehe aus dieſen Zeilen Gonzalo's, daß Arthur Stan⸗ ley einen Aufruhr in Sizilien glücklich unterdrückt hat und nun nach hergeſtellter Ruhe zurückberufen iſt, um mit uns gegen die Mauren zu ziehen. Alſo der Krieg iſt beſchloſſen! So werden denn unſere königlichen Gäſte nicht allzulange in dieſer guten Stadt bleiben und wir müſſen uns beeilen, ihnen einen würdigen Empfang zu bereiten.“ ** — Als Marie ſich wieder allein ſah, ſank ſie, von Angſt und Entſetzen überwältigt, machtlos in einen Seſſel. Arthur ſollte zurückkehren, vielleicht gar die Herrſcher noch vor Segovia begrüßen und mit ihnen in die Stadt ein⸗ ziehen! Sie wagte nicht, es zu denken; nur beten konnte ſie, beten mit wilder, verzweifelter Inbrunſt, daß ſolches nicht geſchehen möchte. Großartig waren die Anſtalten, welche Don Ferdi⸗ nand Morales zur Bewillkommnung der hohen Gäſte traf. Nicht allein das Schloß in Segovia ließ er auf — das Prächtigſte herrichten, auch ſein eigenes Haus, in welchem er dem Königspaar ein großartiges Banquet zu geben beabſichtigte, wurde mit allen Mitteln, die Reich⸗ thum und kunſtgebildeter Geſchmack gewährten, in den Sitz der ſtralendſten Pracht verwandelt. Kaum waren die Vorbereitungen zu Ende, als Mo⸗ rales durch eine Avantgarde von der Nähe der Herrſcher benachrichtigt wurde und eilends aufbrach, um ſie an der Spitze eines ſtattlichen Aufzuges bürgerlicher und militäriſcher Beamter einzuholen und in die Stadt zu begleiten. Marie hatte ſich verſchleiert an ein Fenſter geſtellt, um den herannahenden Zug zu überſehen. Die Stadt bot ein Bild der Bewegung und freudigen Ungeduld. Von Häuſern und Thürmen flatterten Fahnen, die Bal⸗ kone waren mit den reichſten Teppichen geſchmückt und angefüllt mit Frauen jedes Ranges, die wetteifernd ihre Anzüge zur Schau trugen und im coquetten Gebrauch von Fächern und Schleiern die Fülle ihrer Reize bald entfalteten, bald verhüllten. Von den Kirchthürmen herab ſcholl ununterbrochenes Glockengeläute und vermengte ſich mit dem Klange kriegeriſcher Muſik, wenn einzelne Trup⸗ penabtheilungen einzogen und mit Jubelgeſchrei be⸗ willkommt wurden. Selbſt Marie, welche in dem un⸗ abſehbaren Zuge nur einen Einzigen ſuchte, ließ ſich von dem wachſenden Jubel fortreißen und folgte freudigen Blickes den wechſelnden Gruppen, welche ununterbrochen, wie eine nie endende Fluth, durch die lange Hauptſtraße hinwogten. Sta Veranen ßuß und doß ſi d teln und und Gol Geſtalt b wohnte, Spun u blitzun in Iamnli wlnde Sihulun lſſger tö nit den iu ſch und wuch Iimen nheure ehuſter Fydl und die ſung als Sijili gün hiel An Joſt u eun r ſhale Silt ihre es Haus, in Banquet zu ln, die Reich⸗ rten, in den nde, als Mo⸗ der Hertſcher um ſie an gerlicher und ie Stadt zu enſter geſtellt, Die Stadt n Ungeduld. en, die Bal⸗ hmückt und teifernd ihre n Gebrauch Reize bald rmen hetab mengte ſich zelne Trup⸗ eſchei be⸗ n dem un⸗ ß ſich von freudigen terbrochen, auptſtraße Stattliche Krieger jedes Alters, vom weißbärtigen Veteranen bis zum rothwangigen Jüngling, zogen zu Fuß und zu Pferde vorüber, bald in Rüſtungen, ſo blank, daß ſie das Auge der Zuſchauer blendeten, bald in Män⸗ teln und Wappenröcken vom reichſten Sammt, mit Silber und Goldſchlitzen verziert. Schlachtroſſe von herrlicher Geſtalt bäumten ſich ungeduldig, als ob ſie die unge⸗ wohnte, langſame Marſchweiſe verſchmähten, ragende Speere und fleckenloſe Schilde, von Knappen getragen, blitzten im Scheine der Mittagsſonne, hochgeſchwungene Banner ließen ihre Wimpel luſtig im Winde flattern, und wallende Federn wogten von den blanken Helmen auf die Schultern der Reiter herab. Immer lauter und unab⸗ läſſiger tönte das ſchwellende Jubelgeſchrei der Menge, mit dem hellen Geſchmetter der Trompeten wechſelte der kurze ſcharfe Ton des Trommelſchlages, immer mächtiger und wuchtvoller brauſ'te der Glockenklang von allen Thürmen der Stadt, bis zuletzt Alles in einer einzigen ungeheuren Tonfülle verſchwamm, die weithin dröhnend die Luft erzittern machte und das ermüdete Ohr betäubte. Endlich verkündete das plötzlich ſtockende Gedränge und die raſche Bewegung zahlloſer Köpfe nach einer Richtung das Herannahen des Herrſcherpaares. Von einer aus Siziliern und Arragoneſen gebildeten Garde um⸗ geben hielt König Ferdinand auf rabenſchwarzem, feuri— gem Roſſe ſeinen Einzug und wurde unter lautem Zu— ruf erkannt und begrüßt; aber mächtiger noch erhob ſich der ſchallende Jubel des Volkes, als Iſabelle an der Seite ihres Gemahls nach allen Seiten verbindlich grüßte, 5 während ſie den milchweißen Zelter mit anmuthiger Leich⸗ tigkeit lenkte. Marie hatte nicht ſobald die Königin erkannt, als ſie von einem unerklärlichen, freudigen Gefühle ergriffen wurde. Es war ihr, als thäte ſich ihr Herz weit auf, als weilte ein guter Engel in ihrer Nähe, um Troſt und Frieden in ihr zerriſſenes Leben zu tragen. Wie in einem Zauber befangen, weilten ihre Blicke unabläſſig auf der Herrſcherin, und je länger ihr angeſtrengtes Auge hinſchaute, deſto widerſtandsloſer gab ſie ſich dieſem ge⸗ heimnißvollen, aber wohlthätigen Eindrucke hin. Noch folgte ſie träumeriſch jeder Bewegung Iſabellens, als der Anblick ihres Mannes, welcher ſich eifrig mit dem König unterhielt, ſie zur vollen Wirklichkeit der feſtlichen Scene zurückrief. Morales Wangen waren geröthet von froher Erregung als er an ſeinem Hauſe vorüberritt und Marien am Fenſter gewahrte, lüftete er voll freudigen Stolzes ſein Barett und verbeugte ſich ſo tief, als gälte es noch heute, um das Herz ſeiner heißgeliebten Donna ritterlich zu werben. ** * Der Zug war vorüber. Marie hatte das Gefolge des Königs und der Königin mit ſcharſprüfendem Blick gemuſtert— und Arthur Stanley war nicht darunter. Tief und voll aufathmend ſank ſie auf die Knie, bedeckte das Geſicht mit beiden Händen und ließ alle Gefühle ihres ſtürmiſch bewegten Herzens in einem innigen Dank⸗ gebete hinſtrömen. H Vo Shiße N Azog, belun g agrede hogn D in wll hhben indnc uthiger Leich⸗ erkannt, als ühle ergrifen erz weit auf, m Tſt gen. Wie in unabläſſig rengtes Auge h dieſem ge⸗ hin. Noch ens, als der dem König lichen Seene von ftoher und Marien gen Stolhes älte es noch na rittetlich das Gejolge inden Blit ht daruntet. nie, bedeckte ule Gefühl nigen Dan⸗ IX. Don Luis Garcia hatte ſich dem Zuge, an deſſen Spitze Morales zu Bewillkommnung der königlichen Gäſte auszog, angeſchloſſen. Der Ruf ſeines ſtrengen und demüthigen Wandels war auch zu Ferdinand und Iſa⸗ bellen gedrungen, und Morales, der gern und eifrig die Intereſſen eines Landsmannes förderte, hatte ihn vorge⸗ ſtellt. Don Luis wurde gnädig aufgenommen, und doch fühlten ſich die Herrſcher, ohne es einander zu geſtehen, durch ein unerklärliches Etwas in des Mannes Weſen getäuſcht. Sie waren bei ihrem Einzuge in die Stadt in gewandten und wohldurchdachten Worten von ihm angeredet worden, und dennoch fanden ſich beide nicht bewogen, ihn in ihre Umgebung zu ziehen. Der Abend des Feſtes kam heran und Marie ſtand im vollen Glanze ihrer durch eine geſchmackvolle Toilette gehobenen Schönheit bereit, an der Hand ihres Gatten in den Saal zu treten. Ihr ſchönes, reiches Haar ſchlängelte ſich in Ringen über die zarten Wimpern nach dem Hinter⸗ 5 kopfe und bildete dort, von einem Diamantſchmuck durch⸗ flochten, eine Krone, von der ein weiter Schleier, wie ein Halbmantel auf die Schultern herabfiel. Der Ueber⸗ wurf von blauem Brokat, von Silberfäden reich durch⸗ webt, blitzte im Lichte unzähliger Lampen; ſchwere Perlen faßten die loſen Aermel über der Armbeuge zuſammen und umſäumten den breiten, zurückgeworfenen Kragen, der den zarten Hals und den herrlichen Fall ihrer Schul⸗ tern den entzückten Blicken nicht entzog, während reich⸗ geſtickte, ſeidene Pantoffeln, in welchen die zarten Füßchen ruhten, den Schmuck des ſchönſten Weibes vollendeten. Nichts konnte den lauten Ausdruck unverſtellter Be⸗ wunderung hemmen, als Marie, von Don Ferdinand Morales geführt, eintrat und huldigend vor dem Herrſcher⸗ paare niederkniete. Ferdinand blickte einen Augenblick überraſcht auf ſie herab, dann reichte er ihr ſchnell die Hand zum Aufſtehen und belehrte ſie ſcherzend, daß der Herrin des Hauſes ihren Gäſten gegenüber ſolche Stellung nicht ziemte. Iſabellens Auge aber wurde feucht, als Marie ihr zum erſten Male gegenüberſtand. War es die wunderbare Vollkommenheit dieſer zarten Geſtalt, welche die Königin zu Thränen rührte, oder erkannte vielleicht ihr tiefblickendes Auge allein die leiſen, trübenden Schat⸗ ten, welche auf dieſen ſchönen Zügen ruhten? „Wir wollen Euch nicht ſchelten, Sennor, weil Ihr Euren Schatz ſo eiferſüchtig hütetet,“ ſprach Iſabelle nach einer Weile, zu Morales gewandt, während Marie durch die milde Weiſe der Königin ermuthigt, die Begrüßungen und Gal delte,„es Ihr ihn „Un ewiederte Erregung lich iſ.“ „Ya ninheit, ich nimm Uir hegte Ungehun bisher, wohnen!“ Nor ſch um gifiuun gben. Nu ſinnde Nihe in ſlt 2 dnrti itunſth lun um uſwol uß ſi riznde ſhnitt hmuck durch⸗ chleier, wie Der Ueber⸗ reich durch⸗ were Perlen zuſammen nen Kragen, rer Schul⸗ hrend reich⸗ die zarten en Weibes rſtelltet Be⸗ Ferdinand nHerrſcher⸗ Augenblick ſchnell die , daß der e Stellung feucht, als ar es die alt, welche te vielleicht den Schat⸗ weil Ihr abel nach arie durch grüßungen und Galanterien ihrer Gäſte entgegennahm und erwie⸗ derte,„es iſt ein Edelſtein, zu rein, zu koſtbar, als daß Ihr ihn jedem Auge bloßſtellen dürftet.“ „Und doch fürchte ich nicht für ſie, gnädige Königin,“ erwiederte Morales, während ſeine Augen von freudiger Erregung leuchteten,„ſie iſt eben ſo wahr, als ſie lieb⸗ lich iſt.“ „Das bezweifle ich nicht; aber die heilige Seelen⸗ reinheit, die aus dieſem lieben Antlitze ſtralt, möchte ich nimmer durch minder reine Umgebung getrübt ſehen. Wir hegten die Abſicht, Donna Maria in unſere nächſte Umgebung zu berufen, aber nein— laßt ſie, wie bisher, im Heiligthum Eures Herzens und Hauſes wohnen!“ Morales verbeugte ſich tief, und die Königin erhob ſich, um ſich am Arme ihres Gemahls durch die weit geöffneten Flügelthüren in die anſtoßende Halle zu be⸗ geben. Nur andeuten, nicht beſchreiben können wir die ſtralende Herrlichkeit, welche hier die ununterbrochene Reihe in einander gehender Säle vor Aller Augen ent⸗ faltete. Bald blickten die erſtaunten Gäſte zu den hohen, domartig gewölbten Kuppeln auf, bald ſahen ſie, ſeltſam überraſcht, im Spiegelſaale ihr eigenes Bild von Pfei⸗ lern und Wänden hundertfach zurückgeworfen. Von den kunſtvoll geſchliffenen, kriſtallenen Kronleuchtern herab ergoß ſich ein ſtrahlendes Lichtmeer und beleuchtete die reizende Farbenpracht der Decorationen, welche die Wände ſchmückten— doch kaum hatte die Geſellſchaft ſich dem erſten entzückenden Eindruck dieſer Prachtfülle hingegeben, als ein ſchallendes Trompetenſignal ſie in den Garten rief, wo urplötzlich, wie auf einen Zauberſchlag, eine glänzende Illumination die weiten Räume erhellte. Aus marmornen Fontainen ſtiegen Silberſtralen empor in die ſtille Nachtluft und fielen auf zahlloſe Beete nieder, deren farbenreiche Blumen im Lichte kleiner, unter den Blättern verborgener Lampen wie große Juwelen funkelten. Aus der Tiefe des Gebüſches, deſſen ſchwarzes Düſter mit den illuminirten Partien herrlich contraſtirte, ſcholl lieb⸗ liche Muſik und ergötzte das Ohr der Gäſte, deren Auge unter dem Eindrucke der endlos wechſelnden Scene er⸗ müdete. Doch wir überlaſſen die Ausmalung der Einzel⸗ heiten der Phantaſie unſerer Leſer und bitten dieſe, uns in den Banquetſaal zu folgen, wo der Klang des Tam⸗ burins die Gäſte zum Mahle ruft. Als ſich König Ferdinand an Iſabellens Seite unter dem Thronhimmel niederließ, fiel ſein Blick auf die Ge⸗ mälde, welche mit den Decorationen abwechſelnd, rings an den Wänden hingen, und freudig überraſcht ſah er hier die glorreichſten Züge aus der Geſchichte Spaniens von den erſten Waffenthaten des Don Palayo und der Bergbewohner Aſturiens, welche den erſten Strauß für die Freiheit des Landes beſtanden, bis zu ſeiner und Iſabellens Thronbeſteigung verſinnlicht. Dem Könige gegenüber waren in ſinnreicher-Weiſe Darſtellungen aus der jüngſten Zeit angebracht. Hier ſah man die Infan⸗ tin Iſabella in ſtolzer, würdevoller Haltung die ihr von dun Perſch ſinte in von Arra Fudinand dolid. A verſtorber hohe Sti un den der Nat wehmüth „Ho inen T Grfgte „Ni wort. wilhe d Nuti, winen an mein t mir Ah, es ſinr n 3 ihn“ nf tniund den Verſchwörern angebotene Krone zurückweiſen, daneben feierte ein meiſterhaft ausgeführtes Bild die Vereinigung von Arragonien und Caſtilien durch die Vermählung Ferdinands und Iſabellens in der Kathedrale von Valla⸗ dolid. Alles aber übertraf ein lebensgroßes Portrait des verſtorbenen Prinzen Alfonſo; das glänzende Auge, die hohe Stirn und vor Allem der ſanfte Ausdruck, welcher um den feinen Mund ſpielte, waren mit ſeltener Treue der Natur abgelauſcht und ſtimmten die Königin zu wehmüthiger Erinnerung. „Hatteſt Du je einen Bruder?“ fragte ſie Marien in einem Tone, der unvergeßlich in der Erinnerung der Gefragten fortlebte. „Niemals, königliche Frau!“ lautete die Ant⸗ e hingegeben, den Garten erſchlag, eine erhellte. Aus nempor in Beete niedet, , unter den len funkelten. Düſter mit ſcholl lieb⸗ deren Auge Stene er⸗ der Einzel⸗ 6 wort. „So kannſt Du auch nicht die Wehmuth nachfühlen, welche dies Gemälde in mir wachruft. Glaube mir, Marie, gern entſagte ich der Krone und ſtiege herab von* Site un meinem königlichen Sitze, wenn ich Alfonſo noch einmal uf die Gr an mein Herz drücken könnte, wie in jener Nacht, da tlnd, rings et mir ſo freudig und hoffnungsvoll Lebewohl ſagte. aſcht ſah Ach, es war für immer!..... Und Morales gedenkt te Spaniens ſeiner noch bisweilen?“ yo und 3„Er ſpricht gar oft und mit tiefem Schmerze von gtrauß ſir ihm,“ erwiederte Marie. ſeinet und Iſabella drückte Mariens Hand und wandte ſich gleich em Könige darauf, um den erſten gefüllten Pokal, welchen Morales llungen aus knieend überreichte, entgegenzunehmen. die Infan⸗ Rauſchender und ſchwungvoller ſcholl die kriegeriſche die ihr von —— Muſik durch den Saal, perlend funkelte der ſpaniſche Wein in den gefüllten Bechern und ließ das Blut in den Adern der königlich bewirtheten Gäſte feuriger rollen. Traulicher, als ſonſt die Etikette geſtattete, flüſterte man⸗ cher Cavalier ſein Herzensgeheimniß der ſchönen Nachbarin zu, die mit Schleier und Fächer ein reizend cokettes Spiel trieb. Ein Scherz verdrängte den andern, muntere Rede und Gegenrede begegneten ſich und erweckten ein lautes Gelächter, das ſich die lange Tiſchreihe entlang wachſend fortpflanzte und ſelbſt den ernſteren Gaſt un⸗ widerſtehlich in den Strudel des allgemeinen Behagens hineinriß. Mitten in dieſer rauſchenden Feſtfreude trat, von den erregten Gäſten nicht bemerkt, ein Diener ein und meldete die Ankunft eines neuen Gaſtes, den Morales augenblicks zu bewillkommnen eilte. Auch Marie hatte, durch ⸗die Unterhaltung der Königin gefeſſelt, weder den Diener, noch ihres Mannes Entfernung gewahrt, bis ein freudiger Ausruf des Königs ihre Aufmerkſamkeit erregte und ihre Blicke den Flügelthüren des Saales zulenkte. Aber plötzlich, als hätte ein furchtbarer, von unſichtbarer Hand geführter Schlag ſie getroffen, fuhr ſie zurück; form⸗ und geſtaltlos verſchwamm ringsum Alles vor ihren erſtarrenden Blicken, wie ein einziger betäubender Donnerlaut hallte das verworrene Getöſe in ihren Ohren nach, und nur mit dem äußerſten Aufwande ihrer Geiſtes⸗ gegenwart gelang es ihr, den Stuhl der Königin zu faſſen, um nicht unter der Wucht des jähen Schreckens zuſammenzuſinken. Det rickgekchrt Banguet Stit auf ſchaſt mi der ſpaniſche das Blut in wiger rollen. uſterte man⸗ nNachbarin en coetes mn, muntere rweckten ein ihe entlang Gaſt un⸗ Behagens trat, von rein und n Morales karie hatte, weder den rt, bis ein keit erregte s zulenkte. unſichtbarer ſie zurück Alles vor betäubender ren Ohren rer Geiſtes⸗ önigin zu Schreckens Der Eingetretene war Arthur. Von Sizilien zu⸗ rückgekehrt, hatte er erfahren, daß er den König auf dem Banquet finden würde und ſtand nun an Morales Seite auf der Schwelle des Saales, die muntere Geſell⸗ ſchaft mit leuchtenden Augen überſchauend. X. „Willkommen, Don Arthur, Sennor Stanley— oder wie ſonſt Euch Euere nordiſchen Landsleute nennen mögen!“ rief der König in der heiterſten Feſtlaune und ſtreckte ſeine Hand aus, welche der Angeredete heraneilend küßte.„Wollt Ihr uns denn wirklich zu Eurem Schuld⸗ ner machen?“ „Das werde ich nie können, mein König!“ er⸗ wiederte Stanley ernſt. Dankbar freilich begrüße ich jede Gelegenheit, mich in Treue und Anhänglichkeit Eurem Dienſte zu weihen, aber wer ſo viel empfangen, als Ihr, huldreicher Monarch, mir gewährtet, kann ſelbſt mit der Aufopferung ſeines Lebens Euch nicht zum Schuldner machen.“ „Nun denn, ich glaube an die Aufrichtigkeit Eurer Worte; ich möchte lieber mir ſelber, als Euch mißtrauen. Morgen wollen wir Eurem Bericht Gehör ſchenken, für heute genüge es Euch, zu erfahren, daß wir mit Eurer Verwaltung Siziliens zufrieden ſind. Doch bedürfen wir Eurer jetzt dringender hier als drüben, wo Euer Nach⸗ ſolget oh Iht geba koſtet da ſpendet. unhebli willlomn noch hie „Hi dn ſi vortrat. Rnigin, ſchlaftn Hliſe m Abs Re als er7 Nn wun ſi hiren! aszuha itedies inden Athur burgehe iiſchin ſo Jon hn G word Sinn Stanley— eute nennen tlaune und heraneilend em Schuld⸗ önig!“ et⸗ üße ich jede keit Eurem n, als Ihr, bſt mit der Schuldner gkeit Eurer mißtrauen. henken, für mit Eurer ürfen wir ßuer Nach⸗ folger ohne Schwierigkeit den Weg verfolgen wird, den Ihr gebahnt. Nun aber nehmt Theil an dem Feſte und koſtet den Feuerwein, den unſer ritterlicher Wirth uns ſpendet. Doch,“ fügte der König hinzu, indem er ſuchend umherblickte,„unſere ſchöne Wirthin hat Euch noch nicht willkommen geheißen? So eben war Donna Maria noch hier. 6 „Hier bin ich, königlicher Herr!“ ſagte Marie, in⸗ dem ſie hinter der Draperie des königlichen Sitzes her⸗ vortrat. Sie ſtand ruhig, in feſter Haltung neben der Königin, jeder verſagende Sinn war zurückgekehrt, jeder erſchlaffende Nerv wieder angeſpannt, und ſelbſt die Bläſſe auf Wangen und Lippen begann der Farbe des Lebens zu weichen. Regungslos, wie vom Blitze getroffen, ſtand Arthur, als er Marien in dieſer Umgebung wieder ſah. War es denn Marie, jene Marie aus dem Cedernthale? Und wenn ſie es war, wie konnte ſie einem Andern ange⸗ hören? Hatte ſie ihm nicht ihr heiliges Wort gegeben, auszuharren in unwandelbarer Treue? Und hätte nicht überdies ihr Glaube auch ihre Verbindung mit Morales hindern müſſen? So lauteten die Fragen, mit denen Arthur im Nu ſein eigenes Herz beſtürmte, und die er vergebens zu beantworten ſtrebte. So widerſprechend erſchien ihm Alles, was er in dieſem Augenblick erlebte, ſo ganz unmöglich dünkte es ihm, daß die Jüdin aus dem Cedernthale die Frau des Gobernador von Segovia geworden, daß er trotzig das Zeugniß ſeiner eigenen Sinne Lügen ſtrafte, mit gewaltſamer Faſſung Mariens 6 Bewillkommnung ehrfurchtsvoll erwiederte und dann ſeine Waffengefährten aufſuchte. Die Feſtlichkeiten neigten ſich ihrem Ende zu. Schon waren Ferdinand und Iſabelle und mit ihnen der größere Theil der Geladenen aufgebrochen. Nur vereinzelt ſchlen⸗ derte noch hie und da ein Trupp durch Säle und Gär⸗ ten, und Marie, welche mit fiebernden Pulſen die Pflich⸗ ten dieſes Abends erfüllt hatte, verließ die ſchwülen Räume, um im erfriſchenden Hauche der Nacht ihr ge⸗ preßtes Herz zu erleichtern. Faſt unbewußt hatte ſie ihr Lieblingsplätzchen an einem von überhängenden Weiden umſäumten Teiche erreicht, der wie flüſſiges Silber im Mondlichte ſchimmerte und jeden Gegenſtand ſeiner Um— gebung voll und klar zurückſpiegelte. „Marie!“ rief in dieſem Augenblick Stanley, der unter gleichen Empfindungen den Feſtſälen entflohen war —„kannſt Du es wirklich ſein, Marie? So treulos, ſo—“ aber eine haſtige Bewegung des erſchreckten Wei— bes gebot ſeinen Worten Einhalt. Marie wollte fliehen, doch die Kraft verſagte ihr. Unfähig, von der Stelle zu weichen, ſtand ſie, dem Zuſammenſinken nahe, zitternd und wortlos vor Arthur. „Sprich,“ begann Arthur wieder mit hohler, er— ſchöpfter Stimme,„ſprich nur ein Wort! Meine Sinne treiben ein falſches Spiel mit mir und necken mich mit der Aehnlichkeit eines Mädchens, das ich liebe. Auch ſie heißt Marie, ihre Stimme iſt ſanft und hell, wie die Deine— aber es kann nicht ſein, es iſt der tolle Traum eines wüſten Gehirns! Um Gotteswillen ſprich! Eage, da biſt, die i „Un doch ſiſte gethan, dern, n ich gehöt „Ju ſolſt du haſt Wah teue verk ſchinheili Glit mur „Au ih 6 ni h due it zuv „N „och nu ieſ tf 9 Uhd wi Uir min nd bei ohod ſhen un, ſund N Uoln dann ſeine zu. Schon der größere nzelt ſchlen⸗ und Gär⸗ die Pflich⸗ e ſchwülen cht ihr ge⸗ ite ſie ihr en Weiden Silber im einer Um⸗ anley, der lohen war o treulos, ckten Wei⸗ lte fliehen, der Stelle e, zitternd hohler, er⸗ ine Sinne nich mit be Auch hell, wie der tolle un ſprich! —— Sage, daß es nur Schein iſt, daß Du nicht die Marie biſt, die ich in meinem Herzen trage!“ „Und doch bin ich's!“ antwortete Marie in leiſem, doch feſtem Tone.„Ich habe Dir ſchlimmes Unrecht gethan, doch jetzt iſt es zu ſpät, es läßt ſich weder än⸗ dern, noch erklären. Verlaßt mich, Sennor Stanley, ich gehöre einem Andern!“ „Zu ſpät, Dich zu erklären? Beim Himmel, das ſollſt Du!“ rief Arthur wild und aufbrauſend.„Du haſt Wahrheit in Lüge, Seelenreinheit in ſchwarze Un⸗ treue verkehrt, Du ſollſt Dich nicht bergen hinter dem ſcheinheiligen Gehorſam gegen einen Andern, da Du vor Gott nur mir gehörſt— Du ſollſt ſprechen—“ „Nun, ich werde ſprechen, aber dieſen Abend kann ich es nicht,“ unterbrach ihn Marie.„Bei der Liebe, die Du einſt für mich gefühlt, beſchwöre ich Dich, mich jetzt zu verlaſſen!“ „Nun denn, ich gehe,“ verſetzte Arthur verbiſſen, „doch nur, um Dich ſpäter wieder zu ſehen. Du müß⸗ teſt tief gefallen ſein, wenn Du mir jede Rechtfertigung, und wäre ſie auch noch ſo nichtig, verſagen könnteſt. Wir müſſen uns jetzt trennen, aber ich ſchwöre Dir“— und bei dieſen Worten klang ſeine Stimme wild und drohend—„ich ſchwöre Dir, wir werden uns wieder⸗ ſehen!“ Und ſchnell, ehe noch die letzten Worte verhallt waren, wandte ſich Arthur dem Ausgange des Gartens zu und verſchwand. Der Mond brach in dieſem Augenblick aus dichten Wolken hervor und goß die ganze Fülle ſeines Lichtes über den Teich. Unwillkürlich fielen Mariens Blicke auf die ſchimmernde Fläche, aber entſetzt wich ſie zurück, als der Waſſerſpiegel die Umriſſe einer andern dicht verhüll⸗ ten Geſtalt zurückwarf. Es war Don Luis Garcia, welcher auf Morales Einladung ebenfalls dem Banquet beigewohnt hatte. Seinen immer wachſamen Blicken allein war weder die peinliche Befangenheit Mariens bei Arthurs Bewillkommnung, noch der flüchtige, aber ver⸗ zweiflungsvolle Ansdruck in den Zügen des Engländers entgangen; unabläſſig hatte er ſeitdem beider Bewegungen beobachtet und unbemerkt ſie bis an dieſe Stelle verfolgt, wo er, im Düſter des Gebüſches lauſchend, die längſt erſehnte, vollgültigſte Beſtätigung ſeiner Vermuthungen erhielt. Sein dämoniſch leuchtendes Auge ſagte Marien, daß er Alles geſehen und gehört hatte; den Baſilisken⸗ blick feſt auf ſie gerichtet, zog er ſich langſam in den tiefen Schatten des Gebüſches zurück. Wie durch Zauber⸗ macht gebannt, ſtand die Unglückliche noch minutenlang, willenlos die Stelle anſtierend, wo der böſe Feind ihres Lebens verſchwunden war. Plötzlich vernahm ſie Geräuſch von Stimmen und Schritten; es war Don Ferdinand, welcher ſich, unruhig über ſeines Weibes längeres Ausbleiben, mit einigen Dienern in den Garten begeben hatte, ſie zu ſuchen. Athemlos eilte Marie den Kommenden entgegen und warf ſich blaß und zitternd an ihres Mannes Bruſt. Gern wäre ſie ihm zu Füßen geſtürzt, um ihm Alles, Alles zu ſagen, gern hätte ſie ihn beſchworen, ſie nie wieder von ſeiner Seite zu laſſen, ſie vor Arthur, ja vor ihrem — ignen mgunſchl ſtlenden erſloſſin Lihyn Haupt 8 tt ihre auftegent wird ſol ſiin n und vert Ui glü Noh i dun be ln ab gt is Blicke auf e zurck, als dicht verhüll uis Garcig, em Banuet men Blicken Mariens bei ſe, aber ver⸗ Engländers Bewegungen elle verfolgt, die längſt rmuthungen gte Marien, Baſilisken⸗ am in den rch Zauber⸗ inutenlang, Feind ihres immen und h, unruhig nit einigen zu ſuchen. und warf uſt Gern lles, Alles nie wieder vor ihrem — eigenen Selbſt zu ſchützen— aber als ſie aus ſeinen engumſchließenden Armen zu ihm aufblickte und den ſtralenden Widerſchein der Freude gewahrte, welche der verfloſſene Tag ihm gebracht, da vermochte ſie nicht, ihre Lippen zur Klage zu öffnen; enger nur ſchloß ſie ihr Haupt an ſeine Bruſt und brach in Thränen aus. „Du biſt erſchöpft, Marie,“ ſagte Morales, indem er ihre Wangen ſtreichelte.„Es war Alles für Dich zu aufregend, zu ermüdend. Doch ſei getroſt, ſolches Feſt wird ſobald nicht wiederkehren. Zudem weiß die Kö⸗ nigin, wie ungern Du Dich Deinem Stilleben enttiehſt und verlangt nicht, daß Du Dich an den Hof begebeſt. Wie glücklich bin ich, daß Du fortan nur mir gehörſt! Noch einmal lächle mich an, meine theure Marie und dann begieb Dich zur Ruhe.“ Und von ihrem liebkoſenden Manne halb geführt, halb getragen, kehrte Marie in ihre Gemächer zurick. XI. „Gewiß Pedro, wer den jungen Sennor nicht kennt, muß glauben t ſei nicht bei Sinnen; mitten in der Nacht ſtampft er mit den Füßen, daß der Boden dröhnt, und dabei murmelt er immer ſo grimmig in den Bart, daß Einem angſt und bange werden könnte, wenn er nicht ein ſo hübſches Geſicht hätte und ſo melancholiſch ausſähe.“ In dieſen und ähnlichen Bemerkungen erging ſich die alte Juana Lopez gegen ihren Mann, nachdem vor ungefähr vierzehn Tagen Arthur Stanley in ihr Haus gezogen war. Den Angeredeten verſetzte die Er⸗ wähnung ſeines Hausgenoſſen in die übelſte Laune. „Sennor Stanley,“ brummte er,„kommt von der wüſten Inſel im Norden, wo ſie einander die Kehle abſchneiden, und von ihm iſt auch nichts Beſſeres zu erwarten.“ „Aber er muß doch noch recht jung geweſen ſein, als er England verließ,“ meinte Juana,„da er ſchon ſo lange in des Königs Dienſten ſteht.“ „Dummes Zeug,“ erwiderte Pedro, den es wie viele Andere wurmte, daß ein Ausländer des Königs Vertrauen gnoß,„ NMut, ſe „Ei Die Put lieg kin men hu ihn nie vadteht was ſie hilen L Muſchen „ ſtz Ju Gländ ſint lis gifinte not Sta d joe zingr nicht kennt, tten in der den dröhnt, nden Bart, e, wenn et nelancholiſch ngen erging m, nachdem ley in ihr gte die Er⸗ lſte Laune. der wüſten abſchneiden, nen.“ eweſen ſein, a er ſchon es wie viele Vertrauen genoß,„das fremde Blut treibt man doch nicht aus. Nun, ſie werden ihn ſchon kennen lernen!“ „Ei was, Pedro! Sieh nur das junge Geſicht an! Die pure Unſchuld! Lauter Milch und Blut! Darin liegt kein Gedanke an Böſes. Aber er hat einen gehei⸗ men Kummer, das glaube ich ganz gewiß, denn ich habe ihn nie lachen geſehen.“ „Fades Geſchwätz!“ fuhr Pedro auf. Euch Weibern verdreht das Bischen Fratze den Kopf. Ich weiß nicht, was ſie an der weißen Haut, den blauen Augen und hellen Locken finden— ich möchte mich nicht ſo unter Menſchen ſehen laſſen, aber ihr Weiber ſeid blind!“ „Dich blendet das Vorurtheil, alter Pedro,“ ver⸗ ſetzte Juana und nun dauerte der Wortkrieg über des Engländers Werth und Unwerth noch eine geraume Weile fort, bis der Alte ſich übellaunig trollte. Seine milder geſinnte Ehehälfte aber ging in die Küche, um für Sen⸗ nor Stanley ein ſchmackhaftes Abendeſſen zu bereiten, das jedoch zu ihrem Aerger das Schickſal ſeiner Vor⸗ gänger theilte und unberührt wieder vom Tiſche kam. „* Stanley hatte Marien in Sinn und That ſtand⸗ hafte Treue bewahrt. Ihm war, was jeden Andern zu⸗ rückgeſchreckt hätte: ihre Abkunft von einem in den Augen der Welt verworfenen Volke, ein Sporn zur unermüd⸗ lichen Verfolgung ſeines Zieles geworden. Er beſaß jene romantiſche Sinnesart, die allen Schwierigkeiten mit ge⸗ ſteigertem Enthuſiasmus trotzt und ſelbſt gegen das Un⸗ 6. — 6 mögliche die Wucht der Leidenſchaft kehrt. Er vermochte für die Geliebte, welche die Macht der Verhältniſſe ihm verſagen wollte, alle Güter des Lebens von ſich zu ſchleu⸗ dern, ſo lange ihm nur die Ehre, das ſtralende Ideal jener Zeit, unverſehrt blieb, und ſetzte bei Marien gleiche Gefühle voraus. Er wähnte, ſie hätte nur um ihres Vaters Willen ihre Verbindung unmöglich genannt und hoffte zuverſichtlich, ſie würde, wenn dies letzte Band, das ſie noch an ihr Volk knüpfte, zerſchnitten wäre, ihm bereitwillig folgen; doch, daß der Glaube ihrer Väter tief und unlösbar mit ihrem eigenſten Selbſt ver⸗ wachſen war, daß in ihrem Herzen langgenährte und unvergeſſene religiöſe Eindrücke nachtönten, denen ſie ſo wenig abtrünnig werden konnte, als er ſeiner Ehre— das ahnte er nicht. Und nun hatte er Marien als eines Andern Weib wiedergeſehen. Tag und Nacht grübelte er über dieſe furchtbare Enttäuſchung, jedes Wort, das ſie an jenem Abend im Cedernthale zu ihm geſprochen, rief er in ſein Gedächtniß zurück, unabläſſig folterte er ſeine Einbil⸗ dungskraft, um nur den Schatten einer Entſchuldigung für ihre Untreue zu finden, aber vergebens; kein Stral des Lichts drang in dieſe Nacht der Zweifel, ihm blieb kein anderer Ausweg, als ſich in den Aberglauben ſeiner Zeit zu flüchten und ſich ſowohl als Morales für Opfer eines hölliſchen Zaubers zu halten, den Marie von ihrem verworfenen Volke gelernt hätte. Durch ſeine öftere Anweſenheit bei Hofe war Arthur zu ſtrenger Selbſtbeherrſchung gezwungen; um ſo un⸗ vecha et, d Zim bahre ging ſiner ohne Uuſt daß über ſhol diſt ine g ſ hr Und ſh ſih U tmochte ſe ihm ſchleu⸗ Ideal gleiche nihtes it und Band, wäre, ihrer ſt ver⸗ e und ſie ſo r6 Weib dieſe jenem ſein inbil⸗ gung Stral blieb ſeiner für Rarie rthur un⸗ verhaltener brach der Aufruhr ſeiner Gefühle aus, wenn er, durch keine Rückſicht gehemmt, ſich allein auf ſeinem Zimmer befand. Unbekümmert, ob er durch ſolches Ge⸗ bahren das Beftemden der übrigen Hausbewohner erregte, ging er dann ſtundenlang auf und nieder und machte ſeinem bedrängten Innern in lauten Selbſtgeſprächen Luft. So hatte Arthur ungefähr vierzehn Tage verlebt, ohne Marien wieder aufzuſuchen. Oefters führten ihn Aufträge des Königs in Morales Haus, doch er fühlte, daß er die ruhige Kälte, mit welcher er Marien gegen⸗ über treten wollte, immer noch vergebens erſtrebte und ſchob die Ausführung dieſes Vorſatzes hinaus. Unter⸗ deſſen aber gewöhnte er ſich allmälig und unbewußt, einen Theil ſeiner Erbitterung auf Morales zu übertra⸗ gen, der, wie ihm ſchien, ohne Schwierigkeit und Wider⸗ ſtand an ſeine Stelle getreten war. Er konnte nicht ohne Ingrimm ſeinen glücklicheren Nebenbuhler ſehen— und doch war er dieſem, wie mancher Ritter am ſpani⸗ ſchen Hofe, tief verpflichtet und wagte nicht ſich zu ge⸗ ſtehen, wie das giftige Kraut des Neides in ſeiner Bruſt Wurzeln ſchlug und üppig fortwucherte. Wieder führte ihn eine Botſchaft des Königs zu Don Ferdinand Morales. Unterwegs wurde er höflicher, als ſich nach ihrer oberflächlichen, auf dem letzten Ban⸗ quet gemachten v erwarten ließ, von Don Luis angeredet. „Wohin ſo früh?“ fragte Don Luis. „Zu Don Ferdinand Morales,“ antwortete der offenherzige Engländer. 6— — „Vom Könige etwa?“ Stanley in ſeiner gewöhnlichen, zerſtreuten Stim⸗ mung antwortete mit einem kurzen Ja, ohne weitet ſei⸗ nes Begleiters zu achten, deſſen zudringliche Fragen er ſonſt kurz abgewieſen hätte. „Don Ferdinand Morales ſteht bei König und Volk in gleicher Gunſt,“ fuhr Garcia fort, nachdem er eine Weile neben Stanley hergegangen war.„Es iſt ein ſeltener Fall; der Günſtling eines Monarchen genießt ſelten die Liebe der Unterthanen.“ „Mag wohl ſein,“ verſetzte Arthur mit kurzem, faſt barſchem Tone und heftiger Kopfbewegung. „Wir mögen ihn glücklich preiſen,“ meinte Don Luis.„Er iſt der Abgott des Landes, reich an Schätzen und Ehren, und dazu hat ihm der Himmel ein ſeltenes Weib geſchenkt, den Genuß dieſer Güter mit ihr zu theilen. Sahet Ihr je ein Weſen“— und bei dieſen Worten ſtand er ſtill und blickte Stanley ſcheinbar un⸗ befangen und gerade in die Augen—„das Marie Mo⸗ rales an inneren und äußeren Vorzügen glich?“ Eine augenblickliche, jedem Andern kaum bemerk⸗ bare Röthe flog bei dieſer unerwarteten Wendung des Geſpräches über Arthur's Züge. Wohl wiſſend, welchen Sturm er in ſeines Begleiters Bruſt heraufbeſchwor, erging ſich Don Luis in wortthen Lobreden auf Donna Maria, auf die innige Liebe, die ſie ihrem Gatten ſchenkte und die ſeltene Harmonie ihrer Gemüther, bis vor dem Eingange zu Morales Hauſe Arthur ſich ver⸗ abſchiedete. ten Stim⸗ wiitet ſei⸗ Fragen et önig und nachdem er „Es iſt en genießt kurzem, 3 inte Don Schätzen nſeltenes ihr zu bei dieſen nbar un⸗ arie Mo⸗ bemetk⸗ ung des welchen beſchwot, Donna Gatten her, bis ſch ver⸗ Don Luis hüllte die Arme in den Mantel und ſchlich in ſeiner gewöhnlichen, demüthigen Haltung, mit geſenktem Haupte weiter. Dann lenkte er plötzlich, nach beiden Seiten ſchielend, ob er nicht bemerkt würde, ſeine Schritte dem Garten zu, welcher ſich rings um Morales Haus weithin ausdehnte. Er trat auf einem Seitenpfade ein, ſah ſich vorſichtig um, und ſchloß die kleine Thür hinter ſich ſorgfältig ab. Nur mit Mühe konnte Arthur, von Don Luis ſchlau berechneten Worten entzündet, vor Morales ſeine Faſſung behaupten. Oft war er nahe daran, die For⸗ men, welche ihm die königliche Sendung gebot, mit un⸗ verhaltener Heftigkeit zu durchbrechen und dem verhaßten Nebenbuhler den vollen Ausdruck ſeines Grolles ins Antlitz zu ſchleudern, aber Morales offene und freundliche Weiſe Nach einer Weile trennten ſich Beide: entwaffnete ihn. olge der erhaltenen Botſchaft ſich auf Morales, um in F das Schloß zu begeben, Arthur, um die einſame Um⸗ gebung der Stadt aufzuſuchen. Aufgeregt und haſtig ſchritt dieſer an den nächſten Häuſern vorüber, bis er unter vergeblichem Ringen nach Selbſtbeherrſchung, ſtill ſtand. Er hatte von den Fenſtern des Audienzzimmers, die ſich nach dem Garten öffneten, Marien gewahrt, und zu mächtig wurde das erlangen, ſie noch einmal zu f arum ſie ihn ſo namenlos ſehen und zu erfa elend gemacht hatte. Kaum wiſſend, was er that, lenkte er ſeine Schritte zurück, eilte durch die Halle des Hauſes in den Garten und ſtand nach wenigen Minuten vor Marien. XII. Don Ferdinand hatte kaum ſeine Wohnung ver⸗ laſſen, als Don Luis ihm wie von ungefähr begegnete und ihn mit tiefverſtimmtem Ausdruck begrüßte. Theil— nehmend fragte ihn Morales nach der Urſache ſeiner Niedergeſchlagenheit. „Es betpifft nicht mich, mein Freund, ſondern mei⸗ nen Nächſten, den ich liebe, wie mich ſelbſt,“ erwiederte Don Luis langſam und ernſt.„Es giebt Fälle, in denen Pflicht und Neigung in einem peinlichen Wider⸗ ſpruche ſtehen. Mein friedliebendes Gemüth macht es mir ſo unendlich ſchwer, zu ſprechen, und doch ſagt mir die Pflicht, daß Stillſchweige rzu ärgerem Unheil führen kann. So werde i Zweifeln und Un⸗ ſchlüſſigkeit gequält und ließe mir gern durch einen An⸗ dern rathen.“ „Wollt Ihr meine Meinung hören, guter Freund,“ verſetzte Morales,„ſo muß ich um mehr Deutlichkeit —.— — bitten. Ihr ſprecht in Räthſeln. Ueberdies wird es mir ſchwer zu glauben, daß einen Mann Eures Characters jemals in der Ausübung ſeiner Pflicht Zweifel beirren können.“ „Ginge es mich an, entſchlußlos, aber mir bl entweder einen Freund der oder die Sünde fortwährend vor ſo wäre ich keinen Augenblick eibt nur die traurige Wahl, Verzweiflung preiszugeben meinen Augen zu ſehen.“ „Und was iſt es denn mit dieſem wichtigen Falle?“ fragte Morales. Ich war ſo unglücklich, die Un⸗ „Hört mich an! die von ihrem Manne als mug ver⸗ treue einer Frau zu entdecken, begegnete das treueſte Weib der Erde vergöttert wird. Ihr erſter Theil Geliebter iſt zurückgekehrt und hält noch immer ihr Herz f Sie haben ſich unter dem Schutze der Nacht che ſeiner gefangen. geſehen und weitere Zuſammenkünfte verabredet— wer dern mii weiß, wie rieſengroß der Frevel heranwächſt! Ich möchte erwiederte die Pflichtvergeſſene auf den Weg der Tugend zurück⸗ zülle, in rufen, möchte den argloſen Ehemann warnen— aber iſt es nicht ein gefährlich Ding, zwiſchen Mann und n Wider⸗ Weib zu treten?“ macht es ſugt mir„Wenn Ihr Euch keiner Täuſchung hingebt, wenn m Unheil Eure Anklage auf ſicherem Grunde ruht, ſo iſt es Eure und Un⸗ Pflicht zu ſprechen.“ nen An⸗ Und zu wem?“ „Zu dem, der die Irrende zu hüten berufen iſt, zu ihrem Manne.“ — „Ich ſoll alſo die grauſamſten Qualen der Ent⸗ täuſchung über den Argloſen verhängen, ein Herz, in welchem bisher der Himmel wohnte, tief in Kummer und Verzweiflung tauchen?“ „Kümmert den Arzt des Kranken Wehe, wenn er ſchmerzende Wunden unterſucht und das kranke Fleiſch wegſchneidet? Sein Beruf mag nicht beneidenswerth ſein, aber nothwendig und heilbringend iſt er. Darum ſprecht es immerhin aus gegen den verletzten Ehemann, offen, aber ſchonend. Thut noch mehr: rathet ihm, eben ſo offen als ſchonend zu der Schuldigen zu reden, und Ihr dürft hoffen, das erſt entſtehende Unrecht im Keime zu erſticken. Ein Wort zur Zeit kann die Be⸗ thörte noch in die Arme der Pflicht zurückführen und die geſtörte Eintracht dauernd befeſtigen.“ Don Luis blickte dem Sprechenden in das offene, treuherzige Antlitz, ſinnend, nicht ob er ihn ſchonen ſollte, ſondern ob ſein Anſchlag mißlingen könnte. Doch nicht lange zögerte er; ein Stümper war er in der Kunſt, Phyſiognomien zu leſen, wenn Arthur nicht in dieſem Augenblick bei Marien war. Es galt, die Zeit zu be⸗ nutzen.„Gott gebe Euch Kraft, armer Freund!“ ſagte er, indem er ſeine Hand auf Morales Arm legte, mit ſo leiſer, klagender Stimme, daß dieſer todtenblaß zu⸗ ſammenfuhr, als ob ein jäher Riß ſein Herz geſpalten hätte. Ein wilder Schrei wollte ſich aus der Tiefe ſei⸗ ner Bruſt hervorringen, aber er gelangte nicht über die kraftloſen, bleichen Lippen. Regungslos ſtanden Beide einander gegenüber, und erſt nach minutenlangem Schwei⸗ zu gel Sulnſ uhig hr — e5— der Ent⸗ gen gelang es Morales, mit dem ganzen Aufwande ſeiner Herz, in Seelenſtärke, ſich zu ermannen. mmer und„Ich verſtehe Euch, Don Luis,“ ſprach er anſcheinend ruhig.„Ich bin der beleidigte Chemann. Sprecht die wenn er Wahrheit; ich will Euch anhören!“ nke Fleiſch Don Luis bedurfte keiner weiteren Aufforderung. idenwerth Er hatte an jenem Abend genug erfahren. Langſam Darm und zurückhaltend, als ob er aus Schonung gegen den Ehemann, geliebten Freund mancher ſchlimmen Vermuthung keinen thet ihm, Ausdruck zu geben wagte, maß er ſeine Worte, wie eben zu reden, ſo viele Dolchſtiche, dem zuckenden Herzen zu. Don Ferdinand hörte den Bericht zu Ende, ohne durch die leiſeſte Bewegung zu verrathen, was in ihm vorging; nur bei der Erwähnung jener Banquetnacht fuhr es wie convulſiviſches Zittern über ſeine Züge; es war dieſelbe Nacht, wo er ſie blaß und zitternd im Garten gefunden, wo ſie heiße Thränen vergoſſen hatte. Aber waren nicht die Thränen an ſeiner Bruſt geweint? — Es konnte nicht ſein! „Ich habe Euch angehört,“ ſprach endlich Morales und warf auf Don Luis einen durchbohrenden Blick nrecht im die Be⸗ nund die as offene, nen ſollte, Doch nicht er Kunſt, in dieſem jt zu be⸗ ſeines großen, braunen Auges, dem der verhärtete Heuch⸗ ugte mit ler ruhig begegnete.„Iſt Wahrheit in Eurer Erzählung, bluß zu⸗ ſo danke ich Euch— iſt ſie erlogen, habt Ihr gewagt, ſaltn mein Ohr nur mit einem einzigen Worte der Verleum⸗ 4 ſe⸗ dung zu beflecken, ſo hütet Euch, mir wieder auf mei⸗ zber di nem Pfade zu begegnen; ich wäre ſonſt verſucht, Euch ze geide 1 zu zertreten, wie ein niedriges Inſekt, das mich ge⸗ den Beide ſochen!⸗ ——= Und kaum hatte Morales ausgeſprochen, als er ſich nach ſeinem Hauſe zurückwandte. Don Luis blickte ihm einen Augenblick teufliſch lächelnd nach und ſchlich dann in den Garten zurück. als er ſih blicte ihm ſchlich dan XIII. „Iſt die Sennora zu Hauſe?“ fragte Don Ferdi⸗ nand das Kammermädchen ſeiner Frau. „Sennora iſt im Garten,“ erwiederte das Mädchen. „Allein? Warum begleiteſt Du ſie nicht, wie ge⸗ wöhnlich, Manuella?“ „Ich war in ihrer NRähe, gnädiger Herr! Erſt vor zehn Minuten entließ ſie mich.“ Don Ferdinand ließ ſich die Richtung bezeichnen, welche ſeine Frau eingeſchlagen hatte und ging in den Garten, ſie zu ſuchen. Es war ein reizender Schatten⸗ pfad. Lange Reihen von Drangenbäumen hauchten den Duft ihrer Blüthen über die Anlagen hin und führten zu einem üppigen Raſenplatze, aus deſſen Mitte das Waſſet einer Fontäne in großen Bogen gleich Silber⸗ flocken emporſchoß. Die ſtäubenden Stralen fielen vor einer Laube nieder, die Morales ſelbſt aus den kräftigſten Schößlingen des Cedernthales gepflanzt hatte. Hierher hatte et Marien geführt, als ſie zum erſten Male an ſeinem Arme die weiten Räume ſeiner herrlichen Beſitzung durchſchritt, und die Laube in dankbarer Erinnerung an die ſtillen Freuden des Cedernthales Heimath ge⸗ nännt. Noch hatte Morales das Ende der Allee nicht er⸗ reicht, als abwechſelnd bald Marien's, bald eines Unbe⸗ kannten Stimme ſein Ohr traf. Sie war alſo nicht allein. Wer konnte dieſer Andere ſein? Er horchte aufmerkſam und erkannte mit Entſetzen die Stimme Stanley's, vor dem ihn Don Luis gewarnt hatte.„Es kann nicht ſein! Mein Ohr iſt in böſen Einflüſtrungen befangen und täuſcht mich“— mit ſolchen Gedanken ſuchte Don Ferdinand ſeine Sinne Lügen zu ſtrafen, ſich Marien zu nähern und ſie in gewohnter Weiſe zu be⸗ grüßen, aber der Verſuch überſtieg ſeine Kräfte. Willen⸗ los ſank er auf eine Gartenbank, begrub ſein Geſicht in beiden Händen, um nichts zu ſehen, nichts zu hören, bis ihm Faſſung und Ruhe zurückkehrten. Aber mochte er auch ſeine Augen vor Allem, was ſich ihnen auf⸗ drängte, ſtandhaft verſchließen: dem Ohre konnte er nicht wehren, Worte zu vernehmen, die wie Dolchſpitzen in ſein Herz fuhren. „Und keinen Grund, wäre er auch noch ſo haltlos, noch ſo nichtig, willſt Du mich erfahren laſſen? Du willſt den Meineid, den Du nicht rechtfertigen kannſt, nicht einmal entſchuldigen?“ So klang die aufgeregte Stimme Arthur Stanley's durch die ſtille Einſam⸗ feit des Gartens.„Längſt wußte ich, daß Schön⸗ heit und Reichthum Deinem treuloſen Geſchlechte Alles ſid al iien N D ſuig Uns fi ſo hr en Beſtzung Erinnetung imath ge⸗ e nicht er⸗ eines Unbe⸗ alſo nicht Er horchte e Stimme hatte.„Es ſüſtrungen Gedanken trafen, ſich eiſe zu be⸗ e PVillen⸗ zu hören, ber mocht hnen auf⸗ ut er nicht ſtiten in ſo haltlos, ſen! Du n kannſt, aufgergi Einſam⸗ Schön⸗ chu A ſind, aber an Dich glaubte ich, Dich hielt ich für aus⸗ erleſen— und nach ſechs kurzen Monaten ſchon konnteſt Du Deiner Liebe, Deines Gelübdes vergeſſen und leicht⸗ fertig die Schranken durchbrechen, die, wie Du ſagteſt, uns für immer trennten! Wahrhaftig, recht viel für ſo kurze Zeit!“ Und er lachte bitter und höhniſch. „Kurze Zeit,“ ſagte Marie mit matter Stimme, „aber lang genug für Alles, was ſie mir auferlegte.“ „Was wurde Dir auferlegt?“ verſetzte Arthur.„Der verzärtelte Liebling eines mächtigen Herrſcherpaares, der Abgott einer Nation kam, ſah und ſiegte. Was galt Deiner Ehrſucht das armſelige Herz eines Fremdlings, der nichts beſitzt, als ſein gutes Schwert? O ich Thor, der ich einem Weibe vertraute und Wahrheit ſuchte in Deinen ſanftklingenden Worten! Daß ich einfältig ge⸗ nug war, jenen Thränen zu glauben, die Du bei un⸗ ſerer Trennung weinteſt! Du logſt; keine Schranke ſtand zwiſchen Dir und mir, wie dürfteſt Du ſonſt Morales Weib ſein? Du haſt mich nie geliebt. Jenes erſte Lächeln, mit dem Du mein Herz trafeſt, war ſo heuch⸗ leriſch, wie Deine Abſchiedsthränen. Du wollteſt Dich nur an meiner Liebe weiden, um Deiner Eitelkeit einen Triumph zu bereiten und das letzte Glück, das dem Verbannten winkte, hohnlachend zu zertrümmern! Und doch liebe ich Dich— o mein Gott— ſo tief! ſo tief!“ „Arthur,“ antwortete Marie zitternd,„ich habe Dir Unrecht gethan, ſchlimmes Unrecht, aber belaſte mein Andenken nicht mit Vorwürfen, die ich nicht verdiene. Wäre ich verworfen genug geweſen, die heiligſten Ge⸗ fühle Deines Herzens wach zu rufen, um ſie ſpäter mit Hohn und Spott zu überſchütten, hätte ich dann von der Hoffnungsloſigkeit unſerer Liebe geſprochen? Würde ich Dich beſchworen haben, mich zu verlaſſen, ja mich zu vergeſſen, wenn ich nicht zu wohl gefühlt hätte, wie ſehr ich Dich liebte? O Arthur, vermehre nicht die Qualen dieſer Stunde durch ungerechte Anklagen! Ich habe Dir wehe gethan durch meine unglückſelige Schön⸗ heit, durch meine zu ſchnell von Dir erkannte Liebe, aber mehr habe ich mir nicht vorzuwerfen. Ich habe Dir nie verſchwiegen, daß ein unbeugſames Verhängniß über uns waltete, daß ich nimmer die Deine werden konnte!“ „Und doch heiratheteſt Du Morales! Mußte nicht jenes Verhängniß auch ihn unerbittlich von Dir ſcheiden? Iſt er ein Anderer, als ich? Sagteſt Du nicht einſt, Deine Hand ſei keinem Andern verpfändet, Du ſeieſt frei und wolleſt es bleiben, weil nur mir Dein Herz gehörte?“ „So glaubt denn von mir, Sennor Stanley,“ entgegnete Marie feſt,„was das Herz Euch glauben heißt; haltet mich für treulos und meineidig, nur ver⸗ geßt mich. Reißt mein Andenken aus Eurem Herzen, gönnt einer Unwürdigen keinen Eurer Gedanken! Dichter und undurchdringlicher für Euch als je iſt der Schleier des Geheimniſſes, der mich und mein Schickſal verhüllt, und den ich nicht einmal zu meiner Rechtfertigung lüften darf. Laßt immerhin Eure Liebe ob meiner Uuloſit nich“ wurf ſi ih ion unt Mibe Nign ihn in ſed ſhhg witn dß nich Retre dß ſchi wir ſtch wil ſch ſh die ſi ſi it iligſen Ge⸗ e ſpäter mit dann on en PVürde en, ja mich t hätte, wie re nicht die lagen! Ihh elige Schön⸗ annte Liebe, Ich habe Lerhängniß ine werden Mußte nicht it ſcheiden! nicht einſt, u ſeiſt frei Dein Herz Stnley“ ch ghuben „ nn ver⸗ rem Herzen⸗ Dichtet der Schleier al verhüͤllt chtfertigung ob meiner Treuloſigkeit zu Verachtung werden— aber verlaßt mich!“ „Ich will nicht!“ brach Arthur ungeſtüm aus und warf ſich ihr in wilder Leidenſchaft zu Füßen.„Marie, ich kann Dich nicht ſo verlaſſen. Sag' mir, daß uner⸗ warteter Zwang und nicht Dein freier Wille Dich zum Weibe dieſes ſtolzen Spaniers machte; ſag', daß Deine Neigung nicht gefragt wurde, daß keines Deiner Worte ihn in dem Wahn beſtärkte, von Dir geliebt zu werden, ſag'“ daß Dein Herz nicht aufgehört hat, für mich zu ſchlagen— und ich will Deiner ſegnend gedenken!“ „Das fordert nicht, Sennor Stanley. Solche Worte wären freche Verletzung der Weibespflicht— und wiſſet, daß mehr als Pflicht, daß Dankbarkeit und Verehrung mich an den Mann ketten, der zwiſchen Euch und mich getreten. Nein, Sennor, Ihr könnt nicht ernſtlich wollen, daß ich ſo tief ſinke. Steht auf! Solches Gebahren ſchändet Euch und mich, ſteht auf und verlaßt mich— wir dürfen uns nimmer ohne Zeugen wieder ſehen!“ Arthur zitterte unter dem erſtickenden Drange wider⸗ ſtrebender Gefühle vergebens kämpfte er gegen den über⸗ wältigenden Eindruck der Würde, welche in dieſen ein⸗ fachen Worten lag. Noch hatte Marie nicht eine einzige, ſchwache Entſchuldigung verſucht, und ſchon bereute er die grauſame Ungerechtigkeit der Anklagen, mit denen er ſie überhäuft hatte. Willenlos ſtand er auf und wandte ſich, um ſeine Bewegung zu verbergen, ſeitwärts— als er aufblickte und Don Ferdinand Morales gewahrte. Dahin war Stanley's mildere Stimmung. Der — 5— tobende Grimm der Leidenſchaft, welchen Mariens würde⸗ volle Haltung fern gehalten hatte, entlud ſich jetzt in ſchrankenloſer Heftigkeit gegen Morales. Die ungeahnte Nähe des Verhaßten, der ihn aus Mariens Herzen ver⸗ drängt hatte, ließ Arthur glauben, er ſei in dieſer Unter⸗ redung ſchändlich belauſcht worden und ſteigerte die Er⸗ regtheit ſeiner Stimmung faſt zum Wahnſinn. Sein Schwert flog aus der Scheide und mit dem Tone eines Tobſüchtigen rief er:„Tyrann, Feigling! Willſt Du auch den Spion ſpielen? War es nicht genug, mir einen Schatz zu rauben, deſſen Werth Deine blöden Augen nie erkennen werden? Ihre Liebe gehörte mir, ehe Du zwiſchen uns trateſt, ehe Du durch niedrige Künſte und Gewalt ſie zwangeſt, Dir zu gehören! Willſt Du mir ausweichen, Dich weigern, meinem Schwerte zu begegnen? Zieh oder ich heiße Dich einen Feigling Angeſichts aller Welt!“ Mit einem ſchwachen Schrei warf ſich Marie zwiſchen beide Männer, aber ihr verſagte die Kraft. Sie wäre hingeſtürzt, hätte nicht Morales ſie mit dem linken Arm aufgefangen. Sie war jedoch nicht bewußtlos, vielmehr war jeder ihrer Sinne überreizt und durch dieſe auf⸗ regende Scene zu mehr als natürlicher Schärfe geſteigert. Um ſie im Falle aufzuhalten, war Morales nur einen Schritt vorgetreten, dann ſtand er da, groß und edel, in hoher, ehrfurchtgebietender Geſtalt, mit dem linken Arme Marien umfaſſend, den rechten zur Abwehr gegen Arthur erhebend. „Stecke Dein Schwert ein,“ ſagte er gelaſſen und ihtet jonig nit D wilſt. aber j Jingl ſo wi wid nir, ſicht üinh horh hört Und Dyn Fi da nn 6u ſe ſ iens würde⸗ ſich jett in ie ungtahnte Herzen ver⸗ dieſer Unte⸗ gette die Er⸗ ſinn. Sein Tone eines Willſt Du genug, nir löden Augen nit, che Du Künſte und lſt Du mir zu begegwnt geſchts aller arie zwiſhn Sie wire linken Amn os, vielmehr ch diſſe uß n getig c mr inn und cdel⸗ in linken Amt ggen Arthur guſn m richtete ſein großes Auge mit mehr kummervollem als zornigem Ausdruck auf den Gegner.„Ich will nicht mit Dir kämpfen, magſt Du mich auch heißen, wie Du willſt. Ich fürchte weder Dein Schwert, noch Dich, aber jetzt heiße ich Dich von dannen gehen, unglücklicher Jüngling. Iſt dieſe gewaltſame Stimmung erſt vorüber, ſo wird Deine Unbeſonnenheit Dich reuen und ſchwerer wird es Dir werden, Dich ſelbſt nicht zu haſſen, als mir, Dir zu verzeihen. Geh, Du biſt jetzt Deiner nicht mächtig— das hieße nicht mit gleichen Waffen kämpfen!“ Stanley ſenkte unwillkürlich das Schwert.„Ich ge⸗ horche Euch,“ ſagte er dumpf und tonlos,„aber zuvor hört mich, Don Ferdinand! Bis jetzt waren wir Freunde und Waffengefährten— mit dieſem Augenblick iſt jedes Band zwiſchen uns für immer zerriſſen! Ich bin Euer Feind, der geſchworen hat, Euer Leben zu nehmen oder das ſeinige zu verlieren. Ich will Euch zwingen, mei⸗ nen Waffen zu begegnen, und wenn Ihr mir ausweicht, Euch verfolgen bis an der Welt Ende, um Euch hämi⸗ ſchen, feigen Spion zu züchtigen!“ Ein bitteres Hohnlachen geſellte Arthur zu dieſen giftigen Worten und ſtieß mit heftigem Ruck ſein Schwert in die Scheide zurück. Der Schritt ſeines be⸗ ſpornten Fußes ward noch eine kurze Weile gehört, dann war Alles ſtill— und Mann und Weib ſtanden ſchwei⸗ gend neben einander. 5 Es war eine lange, peinliche Pauſe. Noch immer ſtand Morales unverändert da in Haltung und Blick. 98— Es ſprach nur ein Gefühl, nur ein Gedanke aus die⸗ ſen gemeißelten Zügen, denen Marie ſchüchtern zu be⸗ gegnen verſuchte, aber vergebens— das ſchwache Weib ſank unter dem wuchtenden Eindruck des Erlebten in ihres Mannes Armen zuſammen. XIV. In den erſten peinlichen Augenblicken des wieder⸗ erwachten Bewußtſeins ſandte Marie ihre Blicke vergeblich ſuchend durch das Gemach, in welches ſie Morales auf ſeinen Armen getragen hatte. Schmerzlich mußte ſie es empfinden, daß heute zum erſten Mal ihr Gatte von ihr gewichen war und ſie fremder Sorgfalt überlaſſen hatte. Eine Weile ſaß ſie aufgerichtet und reihte alle Einzel⸗ heiten jener Stunde, jedes Wort, das geſprochen, jede Empfindung, von der ſie überwältigt worden, zu qual⸗ voller Erinnerung aneinander. Warum konnte ſie nicht ſterben? So fragte ſie ſich verzweifelnd, als ſie des grau⸗ ſen Erlebniſſes gedachte, das ihr dieſer Tag gebracht. Warum mußte es ihre unſelige Beſtimmung ſein, das Glück derer zu vernichten, die ſie liebten?— Und doch mußte ſie ſich geſtehen, daß ſie ſeit jenem unheilvollen Augenblicke inniger als je ihren Gatten liebte, daß ſie ſeiner kummervollen Züge unabläſſig gedachte und nur mit Entſetzen der Erinnerung an Arthurs wutherfüllte Drohung Raum gönnte. — 100— „Sennor iſt fortgegangen, als Ihr Euch zu erholen anfinget,“ bemerkte Mariens Kammermädchen, welche aus den beredten Blicken ihrer Herrin errathen hatte, wen ſie ſuchte.„Er wartete, bis Euer Bewußtſein zurückkehrte und brach dann nach dem Schloſſe auf, wohin man ihn entboten hatte.“ „Nach dem Schloſſe!“ wiederholte Marie für ſich. „Er wird mit brechendem Herzen ſeine Pflicht thun, ſei⸗ nen Platz einnehmen und ſeines Amtes warten; ſie wer⸗ den ſeine Ruhe, ſeine Weisheit preiſen und Keiner ahnt, daß ſein Weib, ſein geliebtes Weib ſeinen hohen Geiſt in den Staub gebeugt und den Glanz ſeines Hauſes ge⸗ trübt hat. Gieb wohl Acht, wenn er zurückkehrt,“ fügte ſie laut hinzu,„und bleibe Du allein in meiner Nähe.“ Unter Schweigen und Sinnen war faſt eine Stunde verfloſſen, als plötzlich Marie aufſprang, haſtig ein Ge⸗ wand überwarf und dann ſtehen blieb, als ob ſie auf ein entferntes Geräuſch horchte. Nach einigen Minuten wandte ſie ſich zu ihrer Dienerin und ſagte in beſtimm— tem Tone:„Sennor iſt zurückgekehrt. Rufe Alberich!“ Der Page kam, und ſie fragte ihn, ob Fremde mit Morales gekommen. „Nein, Sennora, er iſt allein,“ lautete die Antwort. „Er ging ſogleich in ſein Cabinet und wollte nicht ge⸗ ſtört werden.“ Nach zehn Minuten ſtand Marie in ihres Mannes Cabinet, aber ſie wurde nicht von ihm bemerkt. Zum eun er vo nr 6 hlic — d mch herbſt hatt glic d daß Pir ſich an on i b h zu echolen welche aus atte, wen ſie zuruckkehrte wohin man rie für ſich. ſt thun, ſei⸗ en; ſie wer⸗ keiner ahnt, hohen Geiſt Hauſes ge⸗ urückkehrt,“ in meiner ine Stunde tig ein Gl⸗ ob ſi auf nWinuten n beſtimm⸗ Alberich!“ ob Fremde ie Antwort. te nicht g⸗ s Mannes rkt. Zum — 101— erſten Mal überhörte er ihren leichten Schritt. Seitdem er von Mariens Seite gewichen war, hatte er mit eher⸗ ner Gewalt den unſäglichen Schmerz niedergehalten und Blick und Ton im königlichen Rathe ſtandhaft beherrſcht — doch hier in der Stille ſeines Gemaches unterlag der mächtige Wille und toſend ſchlugen die Wellen des herbſten Leidens über ihm zuſammen. Nichts anderes hatte er aus dieſem Schiffbruch ſeines ganzen Lebens⸗ glückes gerettet, als die traurige, unerbittliche Wahrheit, daß er nie geliebt worden. Erſt jetzt hellte ihm die Wirklichkeit dieſes Tages alle Erinnerungen aus dem Cedernthale zu furchtbarem Verſtändniß auf, jetzt erſt be⸗ griff er, warum ihn Henriquez flehentlich gebeten hatte, Marien unwandelbar zu ſchützen und zu lieben— und er ward inne, daß Vater und Tochter ihn ſchwer getäuſcht hatten. „Ferdinand,“ rief eine von Seelenangſt faſt er⸗ ſtickte Stimme und aufblickend ſah Morales ſein Weib an ſeiner Seite knien.„Ferdinand, wende Dich nicht von mir, haſſe mich nicht. Ich habe ja nur Dich!“ Er verſuchte, ihr ſeine Hand zu entziehen, aber der leidende Ton dieſer Worte überwältigte ihn. Er ſchlang ſeinen Arm um ſie, zog ſie an ſich, und große, heiße Thränen entrollten den Augen des ſtarken Mannes. Leiſe und flehentlich bat ihn Marie, ſie zu hören, ehe er ſie verdammte. „Nicht ſo,“ erwiederte er und verſuchte ſie aufzu⸗ richten. „Doch, doch, Ferdinand! Ich will nicht aufſtehen, bis Du ſagſt, daß Du mir vergiebſt und Dein Weib — 102 wieder an Dein Herz ſchließen willſt. Ich habe nicht an Dir geſündigt. Wäre ich treulos in Gedanken oder Worten, ſo flehete ich Dich nicht kniend um Vergebung, ſondern krümmte mich zu Deinen Füßen und ſtürbe. O wüßteſt Du, wie oft ich mich geſehnt, Dir Alles zu bekennen, wie ſehr ich gelitten unter dem Bewußtſein, alle Deine Liebe, all Dein harmloſes Vertrauen nur mit Täuſchung zu vergelten! Du ahnſt es nicht, wie ich unabläſſig zitterte, daß ein Anderer Dir Alles verrathen könnte— ach hätte nicht dieſer Tag ſo tiefes Wehe ge⸗ bracht, ſo möchte ich ihn ſegnen, daß er mich der Wahr⸗ heit zurückgiebt!“ „Du haſt mich alſo nie geliebt, warſt treu nur aus Pflichtgefühl und nicht aus Liebe?— Marie, werde ich Dein Geſtändniß tragen können?“ „Ja, Ferdinand, denn ich liebe Dich! Nächſt Gott kannſt nur Du mir Ruhe und Frieden wieder geben. Die erſten Flammen jugendlicher Leidenſchaft, die jener Fremdling anfachte, ehe ich den Abgrund ahnte, dem ich zueilte, konnte ich Dir nicht bieten, aber jetzt hänge ich an Dir allein und gehöre nur Dir. O rufe mich zu⸗ rück an Dein Herz und laß mich dort ewig ruhn. Ver⸗ gieb mir, Ferdinand, gieb mir Deine Liebe wieder— rette mich vor meinem eignen Selbſt!“ „Nun und immer!“ rief Ferdinand, alles Seelen⸗ leidens vergeſſend und zog Marien mit ſanfter Gewalt an ſeine Seite.„Dein kindliches Vertrauen gilt Jahren des reinſten Glückes gleich. Was Du erlebt und gelitten, er⸗ zähle getroſt und fürchte Richts!“ N Lon de zu ſchl ſten erſloſ Gewiſ Mhi her h hur 5 Gen ſch habe nicht anken oder Vergebung, und ſtürbe. ir Alles zu Bewußtſein, en nur mit t, wie ich vertathen Wehe ge⸗ der Wahr⸗ u nur aus werde ich ächſt Gott et geben. d die jenet te, den ich hänge ich emich zu⸗ ruhn. Ver⸗ wieder— les Seelen Gewalt un Juhren di gelitten, el⸗ her an ſich zog — 0 Marie gehorchte, und es war ihr, als ob ihr Herz, von der ſchweren Bürde langer Leidensjahre befreit, neu zu ſchlagen begann. Was ſie ſeit ihrem und Arthurs erſtem Begegnen bis zu dem peinlichen Auftritt des kaum verfloſſenen Tages ertebt, alle Zweifel, die ſie gehegt, die Gewiſſensbiſſe, unter denen ſie gelitten hatte— Alles enthüllte ſie ihrem Manne, der ſie unbewußt immer nä⸗ und manches ſchmerzliche Gefühl, das heilung unausbleiblich bereiten mußte, ob Er hatte, ihm dieſe Mitt ihrer kindlichen, rührenden Offenheit überwand. Schloſſe zurückkehrte und die Stille ſeines nur ſchwarze Schatten geſehen, die — und als er vom Gemaches aufſuchte, ſich um ſein ganzes künftiges Leben lagerten jetzt war beiden unter den leuchtenden Stralen der ſiegen⸗ den Wahrheit ein neuer Morgen angebrochen! „Und Arthur?“ fragte Marie, als ſie geer und ſah ihrem Manne mit dem furchtloſen Blicke der Herzensreinheit in's Antlitz.„Du wirſt ihm vergeben, Ferdinand? Er wußte nicht, was er' ſprach.“ „Vertraue mir, Marie! Ich bedaure ihn und ver⸗ gebe ihm. Er wird mich noch achten lernen trotz Allem, was zwiſchen uns liegt.“ Wochen vergingen und Marie fühlte ſich zum Vollgefühle einer ruhigen, glücklichen Stimmung Sie mußte ſich geſtehen, daß das Be⸗ lches ſie an ihrem idet hatte, allmälig emporgetragen. wußtſein des geheimen Unrechts, we die beſtändige Furcht vor Ent⸗ deckung des Vergangenen weit grauſamer ihr Herz zer⸗ fleiſcht hatten, als alle Erinnerung an ältere Gefühle. Manne begangen und — 104— Nur im Gebete noch gedachte ſie Arthur Stanley's, wenn ſie den Gott ihrer Väter anflehte, Ruhe und Frieden in das Herz des unglücklichen Verbannten zu tragen. Aber wie konnte dieſer zu milderen Gefühlen zurückkehren, da er ſich von ihr verrathen glaubte? Wie konnte er ihr vergeben, da er nie erfahren durfte, warum die Schran⸗ ken, die ihn von Marien trennten, für Morales nicht vorhanden waren? * Don Luis ſah ſich getäuſcht. Er hatte in trium⸗ phirender Gewißheit gewähnt, den Keim ewiger Ent⸗ zweiung in das Herz der Gatten zu tragen und mußte nun ſich überzeugen, daß Morales ſeinem Weibe inniger und wärmer hingegeben war, als zuvor, daß die Un— ruhe, welche Marien ſeit ihrer Verheirathung verfolgt hatte, gewichen war und ſie ihres Mannes Liebe unbe⸗ fangen und herzlich erwiederte. Aber wenn auch ge⸗ ſchlagen, war Don Luis doch nicht beſiegt. Je ſtolzer und kälter er von Morales behandelt wurde, je kürzer und wortkarger dieſer jede ſeiner Anreden abfertigte, deſto glühender loderte die Rachſucht auf in ſeiner Bruſt, ſchwellte ſein giftiges Herz und trieb ihn, die Ausfüh⸗ rung ſeiner Anſchläge zu beſchleunigen. mlehs, wenn d Frieden in ragen. Aber ücktehren, da konnte er ihr die Schtan⸗ Norales nicht e in trium⸗ (wiger Ent⸗ und mußte ibe inniger aß die Un⸗ ng verfolgt Liebe unbe⸗ n auch ge⸗ e ſtolzet e je kürzer rtigte, deſto ner Bruſt, die Ausfüh⸗ WV. Ferdinand und Iſabella pflegten am Schluſſe jedes Monats die Weiſeſten und Fähigſten ihres Hofes zu ver⸗ ſammeln, um über ſtaatliche und kirchliche Intereſſen vertraulich zu verhandeln. Es war eine natürliche Folge des Anſehens, welches Morales genoß, daß ſeine Stimme in ſolchem Rathe nicht fehlen durfte, und wirklich war auch diesmal gegen den Schluß des Monats die übliche Ladung an ihn ergangen. Je näher indeß der anbe⸗ raumte Tag riückte, deſto bänger und beklommener wurde ſeine Stimmung. Er fühlte ſich in Geiſt und Herzen von einem nie gekannten Drucke belaſtet, den er weder zu erklären, noch zu bannen wußte. Es war ihm, als zöge ein unabwendbares Unheil immer drohender gegen dieſen Tag heran und nur mit dem ganzen Aufwande ſeiner Selbſtbeherrſchung gelang es ihm, unbefangen wie ſonſt vor Marien zu erſcheinen. Doch als der Abend kam und er zum Abſchied in ſeines Weibes Zimmer trat, brach die langgehegte Angſt überwältigend hervor und — 106— legte ſich erſtickend um ſein Herz. Er ſchlang ſeinen Arm um Marien und ſtand ſchweigend neben ihr. „Du willſt ſchon aufbrechen?“ fragte Marie.„Sonſt pflegten die Verſammlungen auf dem Schloſſe ſpäter ihren Anfang zu nehmen.“ „Allerdings, Marie,“ erwiederte Morales,„aber ich werde mich dieſen Abend nicht, wie ſonſt, zu Pferde dort— hin begeben. Ich fühle mich ſeltſam beklommen und ziehe es vor, mir durch mäßige Bewegung in der Abend— luft Erleichterung zu verſchaffen.“ Marie blickte ängſtlich auf. Er war recht blaß, und auf ſeiner Stirn ſtanden Schweißtropfen.„Dir iſt nicht wohl,“ ſagte ſie beſorgt.„Gehe heut' Abend nicht auf's Schloß, Ferdinand— bleibe bei mir; man wird Deiner nicht ſo dringend bedürfen.“ Morales ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Ich muß gehen, denn ich wüßte mein Ausbleiben nicht zu ent⸗ ſchuldigen. Ich wollte, es wäre jeder andere Abend; gar gern bliebe ich heute bei Dir— indeß das ſind eitle Wünſche. Ich habe nie vor dem Rufe der Pflicht gezittert, Gott allein mag wiſſen, was diesmal meinen Muth in Bande ſchlägt! Doch das Alles wird vor dem friſchen Hauche der Rachtluft verfliegen, drum ſieh mich nicht ſo ängſtlich an, theure Marie!“ „Die Luft iſt nicht friſch,“ ſagte Marie,„kein Blatt am Baum regt ſich, kein kühlendes Lüftchen bringt Er⸗ quickung. Es iſt eine recht ſchwüle Stille, und ich glaube, es zieht ein ſchweres Gewitter herauf.“ „Immerhin, ſo mag wohl die unerträgliche Schwüle — ſ wich Giwitet ih that ſhrän. ſticd ni Er in. dih ben wen un ſ ſhob Mn gſeinen Am arie.„Sonſt eſpäter ihren ommen und der Abend⸗ recht blaß, .„Dir iſt Abend nicht man wird „Ich muß cht zu ent⸗ ere Aben das ſind der Pflicht mal meinen rd vor dem n ſich mich „kein Blatt bringt Er ich glaub, he Schwüle — ſo drückend auf mir laſten. Oder fürchteſt Du, das Gewitter werde mir Schaden bringen? Beruhige Dich; ich that Unrecht, Dich mit thörichten Ahnungen zu er— ſchrecken. Faſſe Dich, Marie und mache mir den Ab⸗ ſchied nicht ſchwer!“ Er küßte ſie, wie zum Scheiden, aber dennoch zö⸗ gerte er in augenſcheinlicher Unentſchloſſenheit, bis er, von einem plötzlichen unwiderſtehlichen Antriebe fortge⸗ riſſen, ſie ſtürmiſch an ſein Herz drückte und leiſe ſprach: „Gott ſchütze Dich nun und immerdar, mein geliebtes Weib!“..... Im nächſten Augenblick war Marie allein. Als Morales ſein Haus verlies, drang eine ſchwere, drückende Luft auf ihn ein. Die Straße war bei dieſer beklemmenden Schwüle menſchenleer, und überall wurden wegen des heraußziehenden Unwetters Fenſter und Thi⸗ ren ſorgfältig geſchloſſen. Immer ſchwärzer und dichter ſchoben ſich Gewitterwolken an der Himmelsdecke zuſam⸗ men und das Zwielicht der Dämmerung ging urplötzlich in tiefe Finſterniß über. Morales blickte unwillkürlich nach Weſten, wo erſt vor einer halben Stunde die Sonne in ſtralendem Glanze hinter einer Anhöhe verſchwunden war, und die undurchdringliche Schwärze noch nicht jede Spur des Abendroths zu bedecken ſchien. Auf dem Rande des Hügels ruhte, weithin gelagert, eine hochrothe Wolke, doch nicht in der herrlichen Farbe des Abendroths ſpie⸗ lend, ſondern wie von unſichtbarer Hand tief in Blut getaucht. Vergebens ſuchte Ferdinand das Auge von dieſer unheimlichen Erſcheinung abzuwenden, die ſich — 108— langſam in Bewegung ſetzte. Obgleich die Wolke ſichtlich ſhoh an Umfang abnahm, ſo blieb ihr doch unverändert die⸗ n ſelbe blutrothe Farbe, welche mit der tiefen Schwärze Shhf des Himmels ſchauerlich contraſtirte. Langſam ging ölhin Morales in der Richtung nach dem Schloſſe vorwärts, l leg von Zeit zu Zeit aufblickend und von eiskalten Schauern iſnl durchrieſelt, als jene unheimliche Erſcheinung unabläſſig mnde vor ihm hertrieb. Blitzſtralen fuhren durch die Nacht, ſi der Donner grollte in der Ferne, und immer noch eilte nſ die Wolke dem nächtlichen Wanderer voran, um über ifn der entlegenſten Stelle des Weges, bekannt unter dem i wil Namen Calle Soledad wie feſtgebannt zu ſtehen. Dort hn verkleinerte ſich allmälig die blutrothe Maſſe vor Morales Ud angeſtrengten Blicken, bis ſie in dem Augenblick, da ſie hi an der erwähnten Stelle über ſeinem Haupte ſtand, in ugi ſchwarze Schatten zerfloß und unbegrenzte Finſterniß in. ringsum Alles bedeckte. n it hu An demſelben Abend kam Arthur ungefähr eine ſide Stunde vor Sonnenuntergang nach Hauſe. Von der Hitze und den dienſtlichen Geſchäften des Tages erſchöpft, ſuſ ſchnallte er haſtig ſein Schwert los, ſchleuderte es nach— ith läſſig hin und warf ſich, nachdem er einen wie gewöhnlich ſn bereitſtehenden Becher Wein geleert hatte, auf ſein Lager. Ei Bald war er in ſo tiefen Schlaf verſunken, daß er kaum ſin zu athmen ſchien. n Es mochten einige Stunden vergangen ſein, als 6 plötzlich ein laut brüllender, langhinrollender Donner⸗ w Polke ſichtlich verändert die⸗ fen Schwätze ngſam ging ſſe vorwärts, ten Schauern g unabläſſig h die Nacht, er noch eilte „m über untet dem ehen. Dort or Morales lick, da ſi ſtand, in inſterniß geführ eine Von det s eſſchpft tu es na⸗ gewöhnlich ſin Lager. ß er kaum ſein, als r Donner⸗ — 109— ſchlag den Schläfer weckte. Arthur fuhr von ſeinem Lager auf, aber die ſchwärzeſte Nacht umgab ihn. Der Schlaf hatte ihm keine Erquickung gebracht, er fühlte ſein Gehirn von unerträglichem Drucke belaſtet. Ihm war, als legte ſich die dichte Finſterniß, wie ein ungeheurer Eiſenklumpen erſtickend auf ſeine Bruſt. Wie, um ſich von dem unveränderten Daſein der gewohnten Gegen⸗ ſtände zu überzeugen, taſtete er mit beiden Händen um⸗ her, ſprang dann auf, ſuchte den Weg zum Fenſter und öffnete es haſtig. Die entfeſſelten Mächte, welche draußen in wilder Empörung durch einander raſ'ten, waren Ar⸗ thur, dem eine nie gekannte, dörrende Gluth in Mark und Gebein wühlte, willkommen. Ein Blitztral fuhr ſpielend über die ſpiegelhelle Scheide ſeines Schwertes; er gürtete es um und warf ſeinen Mantel über die Schul⸗ tern. Damit beſchäftigt, fuhr er abſichtslos mit der Hand über den obern Theil der Scheide, aber erſtaunt hielt er inne, als er den Griff des Schwertes vermißte. Vergeblich fühlte und taſtete er an der Scheide auf und nieder— der Griff fehlte, die Scheide war leer. Umſonſt quälte ſich Arthur mit Vermuthungen, um⸗ ſonſt ſuchte er ſeinem Gedächtniß eine Erklärung dieſer räthſelhaften Thatſache zu entringen— je mehr er nach⸗ ſann, deſto verworrener wurden ſeine Gedanken. Seine Stirn brannte, wie von glühenden Reifen umſchloſſen, ſeine Lippen waren trocken und ausgedörrt und kaum vermochte er ſicheren Schrittes das Zimmer zu durchmeſſen. Er rief nach Licht und erſchrak vor dem hohlen, un⸗ natürlichen Klange ſeiner eigenen Stimme. Pedro und — 110— Juana, die ſich vor einer Stunde zur Ruhe begeben hatten, und denen dieſe nächtlichen Zimmerwanderungen nichts Neues mehr waren, kümmerten ſich wenig um den Ruf nach Licht, zumal da er nicht wiederholt wurde. Doch als ſie wenige Minuten darauf Sennor Stanley die Thür aufreißen und aus dem Hauſe ſtürzen hörten, mußte nothgedrungen die alte Juana ihrem Manne darin beipflichten, daß Jeder, der um dieſe Stunde in ſo ſchrecklicher Nacht das Haus verließe, nur Werke der Finſterniß im Schilde führen könnte. Arthur's Weg wurde hin und wieder von lebhaften Blitzſtralen erhellt. Das Toben der entfeſſelten Elemente ſchien ihn ſich ſelbſt wiederzugeben und von dem uner⸗ erklärlichen Drucke zu befreien, der ihn hinausgetrieben hatte. Mechaniſch, vielleicht auch um einigen Waffen⸗ gefährten, die um dieſe Zeit aus dem königlichen Rathe zurückkehren mußten, zu begegnen, und ſich in ihrer Ge⸗ ſellſchaft ſeiner peinlichen Stimmung zu entſchlagen, ſchlug er die gewohnte Richtung nach dem Schloſſe ein. Als er ſich der Calle Soledad näherte, wurde der Weg plötzlich ſchlüpfrig von einer dicken Flüſſigkeit, die deut⸗ licher zu erkennen die Dunkelheit ihn hinderte. Schon wollte Stanley unbekümmert die eingeſchlagene Richtung verfolgen, als er ſtolperte und auf einen ſchweren quer über dem Wege liegenden Körper fiel. Nachdem er ſich wieder aufgerichtet hatte, erkannte er beim Lichte eines Blitzſtrales, daß dieſelbe klebrige Flüſſigkeit, welche rings den Boden bedeckte, auch an ſeinen Kleidern und Hän⸗ den haftete. Von Schrecken erſtarrt blieb Arthur Stanley Ruhe begeben nerwanderungen ſch wenig um iederholt wurde. Sennot Stanleh ſtürzen hörten, ihrem Mame ieſe Stunde in nur Werke der von lebhaften ſelten Element on dem une⸗ hinausgetrieben nigen Paffn⸗ iglichen Jathe in ihrr Ge⸗ u entſchlagen, nSchloſt ein urde der Wig gt, die deut⸗ nderte. Schon agene hichtun ſchweren quer uhten ur ſih n Lichte eims welche rings d Hän⸗ tanleh — ern un lrthur= — 111— ſtehen, bleich und geiſterhaft, wie ein Marmorbild. Kein Laut, kein Schrei entfuhr ihm. Der Donner rollte über ſeinem Haupte und Blitz auf Blitz umſpielte neckiſch den ſeltſamen Gaſt, der regungslos und betäubt neben der Urſache ſeines Entſetzens ſtand. XVI. Eine Reihe der Edelſten und Weiſeſten Kaſtiliens und Arragoniens war unter dem Vorſitze des Königs im Schloſſe verſammelt, aber Keiner wagte, die Berathung zu eröffnen. Unter dem Eindrucke des Unwetters, welches draußen tobte, hatte ſich Aller eine dumpfe, gedrückte Stimmung bemächtigt und ſtatt der lebhaften Unterhal⸗ tung, die ſonſt den Tiſch umkreiſ'te, ſchlich diesmal nur leiſes Flüſtern von Mund zu Mund. Schon mehr als zwei Stunden waren nach der feſtgeſetzten Zeit verfloſſen, und noch immer wurde Mo⸗ rales erwartet. Wiederholt hatten die Gäſte ſowohl als der König nach ſeinem leerſtehenden Sitze geblickt, aber Keiner wagte, ſeinem Befremden Worte zu geben. Mo⸗ rales hatte nie gefehlt, wenn der König rief— warum blieb er heute zurück? Ein zackiger, blendend heller Blitzſtral fuhr plötzlich weithin durch den Saal und wurde faſt unmittelbar von einem Donnerſchlage begleitet, ſo laut und brüllend, als oh iu ucht — Unter von wunde h6 ir( V0l „ n Kaſtiliens Königs in Berathung ters, welhei ſe, gedrückte en Unterhal diesmal nut en nach der wurde Mo⸗ ſowohl ab geblt, obt geben No⸗ — wurum ihr plöblih nittelbat von brüllend⸗ al 44 — 3 ob tauſend Kanonen zugleich ſich entluden und unter der Wucht des Schalles die Erde erzittern ließen. „Ich beneide Keinen, der zu dieſer Stunde nicht unter ſicherem Dache iſt,“ bemerkte halblaut der Herzog von Murcia. „Es iſt vielleicht der vorauseilende Schatten kom⸗ menden Unheils,“ meinte Don Felix de Eſtaban. Sol⸗ ches Unwetter war von je das Vorzeichen eines Unglücks für Spanien.“ „Nun,“ brach der König plötzlich aus, indem er der vorwiegenden geheimen Beſorgniß Aller unverhohlen Aus⸗ druck lieh,„wenn Sennor Morales in dieſem Un⸗ wetter ein Leids widerfahren iſt, ſo hat es allerdings ſchweres Unheil über Spanien gebracht. Wer ſah ihn zuletzt?“ Don Felix de Eſtaban antwortete, daß er Ferdinand Morales noch vor Sonnenuntergang geſehen und aus ſeinem Munde den Vorſatz vernommen hätte, die Bera⸗ thung zu beſuchen. „Dann iſt ein Unglück geſchehen!“ rief der König mit ſchlecht verhehlter Angſt.„Wir thaten Unrecht, ſo viel Zeit zu verlieren. Don Alonzo de Aguilar, laßt einen Trupp Soldaten unter Eurer Anführung jeden Weg, der von dieſem Schloſſe zu Don Ferdinands Hauſe führt, durchſuchen, und findet Ihr keine Spur des Ver⸗ mißten, ſo fragt nach ihm in ſeinem Hauſe— aber kehrt nicht ohne Nachricht zurück!“ „Vielleicht iſt Donna Maria leidend,“ bemerkte der Herzog von Murcia. 8 — 114— „Donna Maria?“ unterbrach ihn der König. Dann kennt Ihr Morales nicht. Er thäte dennoch ſeine Pflicht, und wäre es auch mit brechendem Herzen. Nur ſchwere Krankheit oder Tod verhindert ihn!“ Don Alonzo hatte bereits den Saal verlaſſen und unheimlicher noch als zuvor wurde das Schweigen, wel⸗ ches durch die Verſammlung ging. Jeder fühlte die Wahrheit der Worte, mit welchen der König ſeine Be⸗ ſorgniß ausſprach und ſah der Wiederkehr Don Alon⸗ zo's mit ängſtlicher Spannung entgegen. So war faſt eine Stunde vergangen, als vom Schloßhofe ein wüſter, verworrener Lärm heraufdrang. „So ſchnell kann Don Alonzo nicht zurückkehren,“ bemerkte der Herzog von Murcia; doch kaum hatte der König, welcher aufmerkſam lauſchte, dem Sprechenden ein ungeduldiges Zeichen zum Schweigen gegeben, als die Thüren des Saales auflogen und Don Alonzo eintrat. „Ihr Heiligen des Himmels!“ rief König Ferdinand und willenlos ſtimmte ſeine Umgebung in den Ausruf ein, als der Zurückgekehrte mit todtenbleichen Wangen und verſtörten Blicken dem nächſten Sitze zuſchwankte. „In des Himmels Namen, welchen Schrecken ſeid Ihr begegnet, daß Ihr, der Tapferſten einer, verzagen konntet? Wo iſt Morales? Habt Ihr ihn gefunden?“ „Ja,“ murmelte Don Alonzo, ſichtbar nach Kraft ringend. „Und wo iſt er? Warum kommt er nicht hierher? Warum achtet er nicht unſerer königlichen Ladung?“ fuhr wilch Uon ihn Geft önig. Dam ſeine Pflicht, Nur ſchwere erlaſſen und weigen, wel⸗ r fühlte die ig ſeine Be⸗ Don Aon o war faſt ein wüſtek, rückkehren,“ m hatte der Sprechenden egeben, albs on Alne gFerdinand d Ausruf en Wangen uſchwankt⸗ hrecken ſeid r, verjugen gfunden“ nach Kraſt or ht hierher! 7 Ladung“ — 115— fuhr der König fort und verrieth durch die Unruhe, mit welcher er Frage auf Frage häufte, wie ſehr er Don Alonzo's Antwort fürchtete.„So ſprecht doch, was hielt ihn zurück?“ fügte er nach einer Weile hinzu, da der Gefragte fortwährend ſchwieg. „Der Tod!“ antwortete Don Alonzo und hauchte die ganze Wucht des lang verhaltenen Schmerzes in das einzige Wort. Langſam ſtand er auf, kniete vor dem Könige nieder und ſprach in jenem tiefen, concentrirten Tone, der kein Ohr verfehlt: „Mein König, er iſt ermordet!“ „Ermordet!“ ſchrie Ferdinand auf und zahllos wiederholt ſcholl das Schreckenswort durch den Saal. „Ermordet!? Don Alonzo—“ und bei dieſem Worte legte er, ſeine gewöhnliche Zurückhaltung vergeſſend, die Hand auf des Angeredeten Schulter—„wie kann das ſein? Wer konnte die Mörderfauſt erheben gegen ihn, den unſer Volk nicht minder liebte, als wir? Un⸗ möglich! Ihr ſahet eine Leiche und der Schreck ver⸗ wirrte Eure Sinne— aber Morales war es nicht!“ „Gnädiger Herr, auch ich glaubte es nicht,“ ver⸗ ſetzte Don Alonzo de Aguilar,„aber der Leib des ermor⸗ deten Kriegers, welcher unten in der Halle liegt, iſt der blutige Zeuge meiner Worte.“ Ohne ein Wort zu erwiedern, verließ der König den Saal und eilte die lange, gewundene Treppe hinab in die Halle, wo der Gemordete mit einem Mantel be⸗ deckt auf einer Bahre lag und von Soldaten bewacht wurde. Ferdinand trat heran, ſchon ſtreckte er die Hand — 116— aus, den erſchlagenen Leib aufzudecken, aber zitternd zog er ſie zurück, als vermöchte er nicht ſo raſch das Unglaubliche mit eigenen Augen beſtätigt zu ſehen. Einen Augenblick ſtand er mitteninne zwiſchen Verzagtheit und Entſchluß, dann riß er mit einem jähen Rucke die Decke von dem Leichnam. Da lag die edle Geſtalt kalt und ſtarr im Tode! Ferdinand ſtrich das rabenſchwarze Haar, wel⸗ ches von geronnenem Blute klebte, von der marmor⸗ weißen, hohen Stirn und blickte lange in das gebrochene Auge, deſſen mächtiger Feuerblick für immer entflohen war. Auf Wangen und Lippen lag die fahle Bläſſe des Todes und die krampfhaft geballte Linke bezeugte den ſtarken, ſtechenden Schmerz des Todeskampfes. Der meuchleriſche Stoß war von hinten und mit teufliſcher Sicherheit geführt worden, denn des Gemordeten rechte Hand ruhte ſteif an dem Griffe des noch unentblößten Schwertes: es war die letzte, unwillkürliche Bewegung des entfliehenden Lebens geweſen. Eiskalter Schauer durchrieſelte die Umgebung des Königs, als dieſer die Leiche aufdeckte. Es war ein An⸗ blick, der manchem abgehärteten Krieger Thränen ent⸗ lockte und die tapferſten Herzen überwältigte. Erſt all⸗ mälig ſammelten ſich die Gemüther zu klarem Bewußt⸗ ſein des ungeheuren Verluſtes, den König und Volk er⸗ litten hatten und entluden ſich in einem wilden Schrei nach Rache. „Und wer hat die niederträchtige That begangen?“ fragte der König.„Sagt an, Don Alonzo, habt Ihr keine Spur des Meuchelmörders entdeckt?“ Blic titt theil ittend zog er Unglaubliche en Augenblick nd Entſchluß, ecke von dem und ſtar im Haar, wel der mamor⸗ as gebrochene ner entflohen fahle Bläſſe bezeugte den npfes. Der nit teuflſchet ordeten richte unntblößten Bewegun ngebung des war ein Thränen ent⸗ te Erſt al⸗ rem Pewußt⸗ und Lolk er ilden Schu . 7 begangen habt Fr — 117— „Mehr als Spur,“ erwiederte der Gefragte,„ wir haben uns ſeiner verſichert!“ „Wohlan,“ rief Ferdinand mit zornfunkelndem Blicke,„führt ihn hierher, damit wir ihn über ſeine un⸗ ritterliche That vernehmen und zum Martertode verur⸗ theilen! Stellt ihn ſeinem Opfer gegenüber!“ Alonzo winkte einigen Soldaten, welche den Ge⸗ fangenen hereinführten. Hut und Mantel wurden ihm abgenommen— es war Arthur Stanley. Seine Kleider und Hände waren mit Blut beſudelt, ſeine Augen unterlaufen und matt; ſchlaff und zitternd, mit geſenk⸗ tem Haupte ſtand er mitten in der Halle, als müßte er unter der Gewalt der durchbohrenden Blicke, welche ihn rings betrachteten, widerſtandslos zuſammenſinken. „Stanley!!“ brach der König aus, und in dem⸗ ſelben Augenblick flogen Flüche und Verwünſchungen lauter und ſurchtbarer als zuvor von Mund zu Mund„Tod dem niederträchtigen Engländer! Tod dem undankbaren Fremdling! Tortur und Tod!“ ſo ſcholl es wild und wüſt durch die Halle, und nur mit Mühe gelang es, den Gefangenen vor der Wuth der empörten Soldaten zu ſchützen. „Er war mein Feind,“ murmelte Stanley, ohne zu bedenken, welch gewichtiges Zeugniß er gegen ſich ſelbſt ablegte,„er raubte mir mein Glück und trug Jammer und Verzweiflung in mein junges Leben. Ich ſchwor, ſein Leben zu nehmen oder das meinige zu verlieren— aber nicht alſo wollte ich mich rächen, ſein Mörder bin ich nicht. Mein Leben möchte ich dahin geben, um — 118— dieſen, der kalt und blutig daliegt, zurückzurufen und um Vergebung zu bitten für den Haß, den meine Bruſt wider ihn hegte; aber berührt habe ich ihn nie, mein Schwert iſt fleckenlos!“ „Du lügſt, Verräther!“ fuhr Don Felix de Eſtaban auf— und hielt die abgebrochene Hälfte einer Klinge empor, deren Reſt noch in der Wunde des Ermordeten ſtak.„Sieh hier den Stahl, den wir neben der Leiche im Blute fanden. Wir kennen Dein engliſches Schwert zu wohl, es giebt kein ähnliches in ganz Spanien. Es zerſprang bei dem Stoße, weil es, ehrenhafter als ſein Träger, ſolche Schandthat nicht überdauern konnte!“ Ein dumpfer Ausruf des Schreckens entfuhr Arthur, als er den Griff ſeines Schwertes in Don Felix de Eſta⸗ bans Hand erblickte. Seine Schuld war unwiderleglich dargethan, denn mehr bedurfte es nicht, um ſelbſt den Ungläubigſten zu überzeugen. Stürmiſch ſchaarten ſich die Anweſenden um den König und forderten ihn auf, den niederträchtigen Mörder, der ſolchen Beweiſen gegen⸗ über verſtummen müßte, ohne Verzug zum Tode zu verurtheilen. Ferdinand lehnte indeß jede Veränderung des ge⸗ wöhnlichen Verfahrens entſchieden ab.„Man ſoll nicht ſagen,“ ſprach er,„daß wir den Ausländer verdammen, ohne ſeine Vertheidigung zu hören. Wir alle ſtehen noch zu ſehr unter dem Banne des jähen Schreckens, als daß wir das Für und Wider in dieſer Sache ruhig prüfen könnten. Nach ſieben Tagen wollen wir gewiſſenhaft und leidenſchaftslos die Schuld des Angeklagten erwägen, kzurufen und meine Puiſt hn nie, min it de Eſtaban einet Klinge Ermordeten en der Viche ſches Schwert panien. Es fter als ſein konnte!“ fuhr Arthur, lir de Eſt⸗ — n ſelbſt den ſchaarten ſch ten ihn auf, weiſen gegeh um Tode zu rung des 9e nicht ſan ſoll! r verdamm⸗ lle ſtehen noch nö, als daß en ruhi 9 prüfen gwiſſe nhat n nwägel⸗ — 119— bis dahin bleibe er der Obhut des Don Felix de Eſtaban überantwortet, um vor ſeinen Richter geführt zu werden, wenn es verlangt wird. Und nun fort mit dem un⸗ ritterlichen Meuchelmörder!“ Schon ſchickten ſich die Soldaten an, auf Don Felir Wink den Gefangenen enger zu umſchließen, als dieſer ſich mit der Kraft der Verzweiflung einen Weg mitten durch ſeine Wächter bahnte und zu des Königs Füßen niederſtürzte„Ich bin nicht Don Ferdinand's Mörder,“ rief er mit dem Ausdruck der unſäglichſten Qual.„Ich habe nicht den ſcheußlichen Verrath an Ehre und Ritter⸗ pflicht begangen, deſſen Ihr mich zeihet! Verdammt mich, nehmt mein Leben, denn was ſoll mir ein Daſein, auf welchem der faule Schimpf der Ehrloſigkeit laſtet“ Aber unſchuldig bin ich, das ſchwöre ich hier neben der Leiche des Ermordeten und rufe ihn auf bei Allem, was heilig iſt im Himmel und auf Erden, wenn ich falſch ſchwöre, ſich zu erheben und meine Schuld durch ein Zeichen darzuthun!“ Todtenſtille folgte auf dieſe ſchauerliche Berufung. Unwillkürlich wandten ſich Aller Blicke der Leiche zu, denn noch herrſchte der Wahn, daß der Todte Zeugniß ablegen könnte wider ſeinen Mörder. Aengſtlich pochten die tapferſten Herzen, Wangen, die ein thatenreiches Leben gebräunt hatte, erbleichten— aber keines der Zeichen, die nach dem Glauben jener Zeit an die Stelle menſch⸗ licher Einſicht treten konnten, ward kund: das geronnene Blut floß nicht wieder, das Auge blieb gebrochen und — 120— die kalte Hand rührte ſich nicht, um mit dem Finger auf den Gefangenen zu weiſen. ** * Die Königin hatte ſich in derſelben Nacht während des tobenden Unwetters erhoben und bald darauf mit Befremden das verworrene Getöſe vernommen, welches aus dem Schloßhofe und der Halle heraufdrang. Sie befahl einer ihrer Dienerinnen, ſich nach der Urſache die⸗ ſer ungewöhnlichen Störung zu erkundigen und traute ihren Sinnen nicht, als dieſe mit der Nachricht zurück⸗ kehrte, Don Ferdinand Morales liege erſchlagen in der Halle und Arthur Stanley ſei ſein Mörder. Nicht einen Augenblick zögerte Iſabelle, um den wahren Grund dieſes, wie ſie feſt glaubte, unſinnigen Gerüchtes zu erfahren. Doch kaum hatte ſie die Halle erreicht, als ihr Arthur mit ſeinen Wächtern begegnete und ein Blick auf ſeinen blutbefleckten Anzug ihr ſagte, daß ſie die volle Wahrheit gehört hatte. Weder der König, noch ſeine Umgebung, welche ſich in der weiten, ſpärlich beleuchteten Halle zerſtreut hatte, bemerkte Iſa⸗ bellens Eintritt. Ungeſehen näherte ſie ſich der Leiche, kein Schrei des Entſetzens entfuhr ihr, aber indem ſie ſich weithin über die entſeelte Hülle neigte, rief ſie ſchmerzvoll: „Deine arme, arme Marie!“ Die Wirkung dieſer Worte war elektriſch. Bis da⸗ hin hatte ſich Jeder widerſtandslos dem betäubenden Eindrucke des Ereigniſſes hingegeben und Keiner des den Finger unglücklichen, verlaſſenen Weibes gedacht, das jüngſt noch in der Fülle des Glückes und der Schönheit an der Seite deſſelben Mannes geglänzt hatte, der nun auf der Bahre lag. Die ungeahnte Gegenwart der Königin und ihr 5 acht während ergreifender Ausruf entlockte manchem Auge Thränen 1 daruf mit und ſtimmte jedes Herz zu weicher Theilnahme.„Segen nen, wilchs über Dich, Du treues Frauenherz!“ rief Ferdinand, in⸗ drang Sie dem er Iſabellen mit ſanſter Gewalt von der Leiche Urſache die⸗ fortzog.„Wohl haben wir Alle um den Todten ge⸗ klagt, aber Du mußttſt kommen, damit wir auch der ueberlebenden gedächten! Wer ſoll der Unglücklichen die Trauerbotſchaft überbringen? Wer wird vermögen, ihren Schmerz zu ſehen und zu lindern?“ „Ich!“ antwortete Iſabelle mit ſchwer errungerer Feſtigkeit. Noch einen Blick warf ſie auf die Bahre, dann nahm ſie ſichtlich erſchöpft den Arm ihres Gemahls. rn begegnetr„Laß uns für jetzt dieſe Stätte meiden, Ferdinand,“ ihr ſegte ſprach ſie tief ſeufzend,„wir haben die Edelſten unſeres Pedu det Hofes, den einen als Leiche, den andern als Mörder wiedergeſehn— es war eine furchtbare Nacht für uns und unſer Reich!“ und traute richt zurüc⸗ agen in der e, um den unſimigen ſie die Hall der weiten, emnkte Iſe⸗ det Leiche, 5 r indem ſi 4.. Allmälig leerte ſich die Halle, und nur der Erſchlagene ſe, rif blieb zurück, um deſſen bleiche Lippen die erſten Stralen des anbrechenden Tages ſpielten. 5. Bis da⸗ beluubenden Keinet des ——— m————— XVII. Lange noch ſtand Marie am Fenſter und blickte Don Ferdinand nach. Es war ihr nicht entgangen, daß er vergebens geſucht hatte, ſeine gewohnte Ruhe vor ihr zu behaupten und unabläſſig hallten die tiefbewegten Worte ſeines Abſchieds in ihrer Seele nach. Es war ihr, als müßte ſie hinauseilen und den geliebten Mann, deſſen Geſtalt bereits im ungewiſſen Scheine des Zwie⸗ lichts vor ihren Blicken verſchwand, an ihre Seite zurück⸗ rufen, um ihm wieder und immer wieder zu ſagen, daß ſein Vertrauen ſie glücklich machte und daß ſie keine an⸗ dere Liebe als die ſeine begehrte. Vergebens verſuchte ſie, dieſe trübe Stimmung durch die Hoffnung auf Fer⸗ dinands baldige Wiederkehr zu verſcheuchen— ſie fühlte ſich einſamer und verlaſſener als je und ſandte unab⸗ läſſig ihre Blicke weit aus, ob nicht ihr Gatte, dem heranziehenden Unwetter auszuweichen, ſeine Schritte zu⸗ rücklenkte. Ein jäher Blitztral, begleitet von einem furchtbaren Donnerſchlage, fuhr plötzlich blendend über Mariens Antlitz und ſcheuchte ſie auf einen Augenblick — 123— vom Fenſter zurück. Doch ſchnell entriß ſie ſich dem betäubenden Eindruck, um aufs Neue hinzublicken und die Rückkehr Ferdinands zu erwarten— aber undurch⸗ dringliche Finſterniß verhüllte draußen Alles, nur eine 1 blutrothe Wolke zog mitten im Leuchten der Blitze und unter dem Brüllen des Donners in gerader Richtung an der Himmelsdecke hin, gleich als wollte ſie der Verlaſſenen. den Pfad bezeichnen, den der Mann wandelte, welchen ihre Blicke vergebens ſuchten. und blickt entgangen, Das Unwetter ließ nach, und Marie begab ſich zur Ruhe und ſchlief bis zum Morgen. Schon ſtand die Sonne hoch am Himmel, als ſie mit einem jähen Schrei bten Mann, aus ängſtlichen Träumen auffuhr. Ihr erſter Gedanke de Zni⸗ war das Lebewohl ihres Mannes, das unausgeſetzt in ihrer Erinnerung nachtönte, und ängſtlich ſchellte ſie ihrem Kammermädchen, um zu erfahren, ob Ferdinand bereits zurückgekehrt war. Manuella erſchien und ant⸗ wortete verneinend. te Ruhe vor tiefbewegten Es war . Seite zurüc⸗ ſagen, daß ie keine an⸗ verſuchte 3 2 5„So ſchicke nach dem Palaſt und laß fragen, ob i9 uf e⸗ man ihn dort länger als gewöhnlich zurückhält,“ verſetzte ſ ſihl Marie und ſtand haſtig auf, um eine flüchtige Toilette ndie un⸗ zu machen. Kaum hatte ſie dieſe vollendet, als ein Page Futt, den eintrat mit der Meldung, daß Männer mit einer Schritt i⸗ Sänfte vor dem Hauſe hielten und den Befehl an Ma⸗ von einem rien überbrächten, ohne Verzug im Schloſſe zu er⸗ ndend übe ſcheinen. zugenbli — 124— „O Herrin, theuerſte Herrin, laßt mich Euch be⸗ h gleiten,“ fügte der Page, in Thränen ausbrechend, hinzu.. „Sie ſind Alle ſo ſtill— es muß etwas Schlimmes geſchehen ſein.“ „Schweig,“ unterbrach Manuella den Knaben, als ſie die Wirkung gewahrte, welche ſeine Worte auf Ma⸗ rien hervorbrachten.„Du tödteſt unſere Herrin mit Deinen unklugen Reden.“ „Tödten?! Wer iſt getödtet?“ fuhr Maria auf. „Wo iſt Ferdinand?“ „Sennor iſt noch im Schloſſe, theuerſte Herrin,“ antwortete Manuella raſch.„Dort bedarf man ſeiner noch, und die Königin ſchickt eine Sänfte, weil ſie auch Eure Gegenwart wünſcht.“ Mit dieſen Worten warf ſie Marien, die halb bewußtlos Alles mit ſich geſchehen ließ, ihre Mantille um und geleitete ſie an die Sänfte. Kaum aber war dieſe in Bewegung, als Manuella mit plötzlicher Veränderung in Ton und Haltung des Pagen Hand ergriff und mit dem Ausdruck der tiefſten Seelen⸗ angſt ihm auftrug, der Sänfte zu folgen und eiligſt Kunde vom Schloſſe zurückzubringen. Wie lange es währte, bis ſie vor der Königin ſtand, wußte Marie nicht. Auf dem Wege nach dem Schloſſe drängten ſich Gedanken zuſammenhangslos und verworren in ihrem Gehirn. Sie eilte mit ihren Ver⸗ muthungen an die entfernteſten Grenzen der Möglichkeit, aber vergebens: ſie vermochte nicht das Ausbleiben ihres Gatten und noch weniger ihre eigne ſchleunige Ladung zu erklären. Sollte Stanley ihr Geheimniß verrathen ch Euch be⸗ chend, hinzu. Schlimmes Knaben, als auf Ma⸗ Herrin mit Maria auf. ſte Herrin,“ man ſeiner eil ſie auch orten warf ch geſchehen die Sänft. amuella mit des Pagen ſten Seelen und eiligſt det Körigin nach den ngslo und ihren Ver⸗ Nöglichkit, leiben ihres ige Ladung verrathen — 125— haben, um ſie und Morales zu verderben?— Es konnte nicht ſein— wortbrüchig war er nicht!— Aber konnte er ſich nicht durch ihre vermeintliche Untreue ſeines Wortes entbunden glauben, und hatte er nicht mit den furchtbarſten Drohungen Rache gelobt?... Die Sänfte wurde niedergeſetzt. Marie betrat die Halle des Schloſſes und blickte umher, ob nicht Morales ihr entgegeneilte, aber umſonſt hoffte die Aermſte auf Gruß und Willkommen. Todtenſtill war Alles rings umher. Männer und Frauen gingen ſchweigend an ihr vorüber und ſchienen ſie mit tiefem Mitleid zu betrachten. Kein Wort, kein Laut erreichte ihr Ohr. In unſäglicher Angſt verſuchte ſie nach Don Ferdinand Morales zu fragen, aber ihre Worte erſtarben in einem tonloſen Zittern der Stimme. Nach einigen Minuten ſtand ſie vor der Königin. Sie hatte es erfahren. Schonend und vorſihtig, um die lähmende Wirkung des urplötzlichen Entſetzens abzuwenden, hatte Iſabelle der Unglücklichen das Ge⸗ ſchehene mitgetheilt; mit dem innigſten Antheil, der viel⸗ mehr eine nahe Herzensfreundin, als eine Königin ver⸗ rieth, hatte ſie geſprochen, aber zu tröſten vermochte ſie in dieſem Augenblicke nicht. Marie gab ſich völlig dem jähen Eindrucke der gräßlichen Kunde hin und ließ im Ausbruche ihres Schmerzes mitten unter Schluchzen und Klagen Worte laut werden, die ihrer königlichen Freundin — 126— unverſtändlich waren. Noch hatte dieſe über Don Fer⸗ dinand's Todesart geſchwiegen, und doch ſchien Marie Alles mit Blut und Mord in Verbindung zu bringen und unter wilden Verwünſchungen und in zuſammen⸗ hangsloſen Worten ſich ſelbſt als die unſelige Urſache des grauſen Ereigniſſes anzuklagen.„Warum erreichte der Tod nicht mich?“ wiederholte ſie händeringend. „Gerade jetzt gingſt Du von mir— jetzt, da ich gelernt hatte, Dich zu lieben, jetzt, da Du jeden Schmerz, den Dir um meinetwillen die Vergangenheit gebracht, ver⸗ zeihen konnteſt: jetzt läſſeſt Du mich allein, freund- und troſtlos hier zurück!“ „Nicht freund⸗ und troſtlos, ſo lange Iſabelle lebt!“ rief tief ergriffen die Königin, indem ſie näher zu Marien trat und ihre glühende Stirn an ihre Bruſt legte.„Weine, armes Kind! Um ſolchen Verluſt müſſen Thränen fließen, und langer Zeit wird es bedürfen, um die überfluthenden Wogen Deines Schmerzes in das Bette ſtillgefaßter Entſagung zu leiten. Aber zerfleiſche nicht Dein Herz mit ungerechten Selbſtanklagen, die grau⸗ ſamer noch ſind als die Wirklichkeit!“ Doch Marie ſank zu Iſabellens Füßen nieder und ſchluchzte heftiger als zuvor.„Ihr wißt es nicht, Königin, wie ſehr ich geliebt war,“ rief ſie verzweifelnd. „Sagt doch, daß ich ihn noch einmal wiederſehen ſoll, daß ſein Leben noch zaudert zu entfliehen, um mir noch einmal zu ſagen, daß er mir vergiebt. Laßt mich doch nur ſeine Stimme hören und ich will ruhig ſein und Alles tragen!“ er Don Fer⸗ ſchien Marie z bringen zuſammen⸗ elige Urſache um crreichte änderingend. a ich gelernt chmetz, den bracht, ver⸗ freund⸗ und ige Jſabell nſie näher ihre Bruſt luſt müſſen dürfen, um es in das n zerſliſce die gral⸗ nirdet und es nicht, erzweifind. rſchen ſoll n nit noch nich doh 5 g ſein und — 127— „Du ſollſt ihn ſehen, Marie, wenn das Dich tröſten kann. Aber ihn hören!.... Gott gebe, es könnte ge⸗ ſchehen! Um Spaniens und ſeiner Herrſcher willen, wie vielmehr deinetwegen möchte ich Gott inbrünſtig bit⸗ ten, daß es ihm gefiele, die Stimme Deines Gatten von den Todten wieder zu erwecken— ach der Stoß war nur zu gut geführt!“ „Der Stoß? Welcher Stoß?“ ſchrie Marie keuchend auf, und der wilde Blick ihres thränenloſen Auges er⸗ ſchreckte Iſabellen, welcher die letzten Worte wider ihren Willen entſchlüpft waren. „Ich meine, Du ſprachſt ſelbſt von Gewaltthätigkeit,“ hub nach einer Weile die Königin an.„Antworte mir, Marie: Kannteſt Du auch nur Einen, der aus Haß oder Rache ſeine Hand gegen Morales erheben konnte?“ Marie wagte nicht aufzublicken; ſie begrub ihr Ant⸗ litz in Iſabellens Gewande und flüſterte kaum hörbar: „Ihn verfolgte Keiner!“ „Keiner!?“ wiederholte faſt unwillig Iſabelle. „Dann widerſprichſt Du Dir ſelbſt, Marie. Doch,“ fügte ſie ſanfter hinzu, indem ſie vergebens verſuchte, ſie aufzurichten,„wenn wirklich der Mann, den wir in Gewahrſam haben, die ſchwarze That begangen hat, ſo kannſt Du den Feind Deines Gatten nicht kennen. Es iſt Alles geheimnißvoll, ſelbſt Deine Worte ſind mir räthſelhaft— doch zuvörderſt ſoll der Mord gerächt werden.“ „Mord? Wer war ſein Mörder?“ ſchrie Marie, von jäher Ahnung durchzuckt.„Wer erhob das Schwert — 128— gegen Ferdinand? Sagte ich, er hatte keinen Feind? O Gott, er wurde gehaßt, glühend gehaßt— und ich, ich war die Schöpferin dieſes Haſſes! Aber nein— er konnte ihn nicht morden! Königin,“ und bei dieſen Worten umklammerte ſie Iſabellens Knie,„um Gottes⸗ willen! Meine Gedanken verwirren ſich— wer war der Mörder?“ „Ein Mann, den Du nur kurze Zeit und flüchtig gekannt haſt, arme Dulderin,“ antwortete Iſabelle,„ein Mann, der am wenigſten ſolcher That fähig ſchien. Selbſt jetzt noch, wo Alles wider ihn zeugt, wird es uns ſchwer, an Arthur Stanley's Schuld zu glauben.“ „Stanley!?“ wiederholte Marie mit einem gel⸗ lenden, durchdringenden Schrei. Und als das Wort über ihre Lippen gekommen war, ſtand ſie einen Augen⸗ blick mit wild ſtierendem Blicke aufrecht vor der Königin und ſtürzte dann laut⸗ und regungslos, wie ein todter Körper zu ihren Füßen nieder. ekeinen Feindt aßt— und ich, Aber nin— und bei dieſen „um Gottes⸗ — wer war Zeit und lüchtig te Jſabell,„in at ſihig ſchin. zugt, wird 6 zu glauben“ mit einem gel als dus Vort ſe einen Auge vor der Königin wie ein todter XVIII. Am fünften Abend nach jener verhängnißvollen Nacht wurde Morales Leiche der Gruſt übergeben. Der König ſelbſt, aller Abzeichen ſeines Ranges entblößt, ging in langem Trauermantel dem Zuge der vornehmſten Edlen von Arragonien und Kaſtilien voran. Dieſen folgten mit geſenkten Waffen die tapferen Schaaren, welche der Verſtorbene ſo oft zum Siege geführt und mit denen er Iſabellens Thronbeſteigung ſo wacker er⸗ kämpft hatte, nebſt ſämmtlichen Dienern aus Morales Hauſe und zahlloſen Bürgern der Stadt Segovia, welche ſich herandrängten, dem allgemein beweinten Todten das letzte Geleite zu geben. Die Kathedrale war überfüllt und ſchauerlich und ergreifend die Feierlichkeit, während welcher man den Staub dem Staube wiedergab und die letzten, vergäng⸗ lichen Reſte eines abgöttiſch verehrten Mannes den Augen der Menſchen für immer entzog. Der Sarg von Eben⸗ holz und Silber war, wie es die Sitte bei der Beſtat⸗ tung hoher Staatsdiener und Geiſtlicher ſorderte, halb 9 „ — 130— geöffnet, und ließ das Geſicht des Verſtorbenen unbedeckt. S. Nach dem Geſange wurde der Deckel niedergeſchroben und Geſt der Sarg, welcher bis dahin vor dem Altar geſtanden jut hatte, langſam in die Kirchengewölbe hinuntergelaſſen. 3uh Ein Requiem, von mehr als hundert Sängern angeſtimmt ur und von ſchwellendem Orgeltone durchbrauſt, ſcholl wie ein ergreifender Scheidegruß der begrabenen Hülle nach ſch — und die Feierlichkeit war zu Ende. Und 5 ſtil 2 ff Noch manchen Tag wurden Meſſen geleſen für die En Seelenruhe des Abgeſchiedenen, aber ſchon um dieſelbe füſ Mitternacht verſammelte ſich, während noch über ihren ber Häuptern die letzten Töne des Requiems nachklangen, hin eine Schaar fremder Männer in den Gewölben der Ka⸗ hol thedrale. Es waren Mönche und reiſende Brüder, von Ho einigen der höchſten Adligen begleitet. In grobe Män⸗ wo tel und Kutten gehüllt, trugen ſie durch die Gänge der m unterirdiſchen Halle einen Sarg, welcher dem eben bei⸗ ln geſetzten auf's Täuſchendſte nachgebildet war. Dieſer de wurde aufgehoben und am Eingange des Gewölbes in ſu eine geheime Niſche geſchoben, während das mitgebrachte ſ Bretterhäuschen den leergewordenen Platz im Gewölbe in ausfüllte. Still und ſchweigend, wie ſie gekommen waren, C gingen die Männer von dannen. In der folgenden m Nacht aber, um dieſelbe Stunde, erſchienen ſie wieder, 6e verhüllten den Sarg, in welchem Morales ruhete, mit gu einem ſchwarzen Leichentuche und ſchafften den geliebten 6 Todten auf einem dem Anſcheine nach dem Kloſter von lie unbedeckt. roben und geſtanden tergelaſſen. mgiſtimnt ſcholl wie ülle nach n für die n dieſelbe bet ihren chklangen, der Ka⸗ der, von be Wän⸗ änge der cben bei⸗ Dieſer völbes in tgebracht Gewölbe en waren, folgenden ewieder, hete, mit geliebten oſtet von — 131— St. Francisko gehörenden Wagen aus Segovia fort. Die Geſellſchaft bewegte ſich langſam vorwärts und reiſte nur zur Nachtzeit. Unterwegs verringerte ſich allmälig ihre Zahl, bis ihrer am Eingange einer weiten, wüſten Ebene nur noch vier neben dem Wagen hergingen. Schneller als vorher eilte der kleine Zug über dieſe Ebene, wand ſich mühſam durch einen von Buſchwerk verdeckten Gang und machte Halt vor einem rieſigen Felſen, der jähe und ſteil gen Himmel ragte. Von kundiger Hand berührt, öffnete ſich in dem formloſen Geſtein eine Thür, der Sarg wurde vom Wagen gehoben und über jenen engen, finſtern Gang und jene Wendeltreppe, welche unſere Leſer bereits aus dem Anfange unſerer Erzählung kennen, hinab in das Cedernthal getragen. Hier ſtanden vier hohe Staatsdiener, welche einen kurzen Urlaub vom Hofe erhalten und auf verſchiedenen Wegen das ihnen wohlbekannte Aſyl erreicht hatten, bereit, den Zug zu empfangen. Sie ſchritten mit den eben Angekommenen langſam dem kleinen Tempel zu, ſetzten vor deſſen Thür den Sarg nieder und umzogen dieſen wiederholt in lang⸗ ſamer Proceſſion und unter Abſingung eines Trauer⸗ pſalms. Schon war neben Manuel Henriquez Ruheſtätte ein Grab gehöhlt auf dem kleinen Friedhofe, der, von Cedern und Cypreſſen dicht umzäunt, in einiger Entfer⸗ nung vom Tempel lag— denn nach den Geſetzen dieſer Genoſſenſchaft durfte die Wohnung der Todten nicht grenzen an ein Haus, das der Verehrung des lebendigen Gottes geweiht war. Dorthin trugen ſie den Sarg und ließen ihn während eines kurzen Gebetes langſam hinab⸗ 9* — 132— gleiten. Das Grab ward zugeworfen und Ferdinand Morales ruhte nun neben ſeinen Lieben, die ihm dem Blute und dem Glauben nach verwandt waren. Ehe der Morgen tagte, waren Alle verſchwun⸗ den; nur einige Diener aus Morales Hauſe, deren Be⸗ wachung das Cedernthal anvertraut war, blieben zurück. Kein ſtolzes Bild bezeichnete jene einfachen Gräber— die Denkmäler der Todten waren in den Herzen der Ueberlebenden errichtet. Aber in der Kathedrale von Segovia erhob ſich ein majeſtätiſches Monument zum Andenken an Ferdinand Morales, als Tribut der Dank⸗ barkeit des Herrſcherpaares und der Liebe eines ganzen Volkes. Ferdinand ihm dem erſchwun⸗ deren Be⸗ en jurick räber— erzen der rale von ent zum et Dank⸗ s ganzen XIX. Am Abend vor der Gerichtsſitzung ſuchte Iſabelle ganz ohne Begleitung ihren Gemahl in ſeinem Privat⸗ cabinet auf und fand ihn ſo emſig in ſeine Arbeiten vertieft, daß ſie ihn anredete, bevor er ſie bemerkte. „Sei mir willkommen!“ ſprach Ferdinand, indem er aufſtand und die Königin an einen mit Karten und Plänen bedeckten Tiſch führte.„Ich ſehnte mich, Dir Mittheilungen über unſern beabſichtigten Kampf gegen die Mauren zu machen. Es wird uns gemeldet, daß die Straße nach Alhama faſt vertheidigungslos iſt, deshalb müſſen die Operationen in dieſer Richtung begonnen werden. Aber Du ſcheinſt zerſtreut, Iſabelle,“ fügte er hinzu, als er ihre Theilnahmsloſigkeit bemerkte,„Deine Gedanken ſind anderswo.“ „Deine Pläne wider die Mauren erinnern mich ſchmerzlich an Don Ferdinand Morales, der noch jüngſt in der Verſammlung unſerer Räthe die Bedeutung — 134— dieſer Unternehmung für unſere Monarchie mit hinreißen⸗ der Beredſamkeit entwickelte. Noch ſehe ich ſein großes, von patriotiſcher Begeiſterung leuchtendes Auge, noch höre ich den Ton ſeiner weichen, vollen Stimme, die nun auf ewig verſtummt iſt— für uns und für ſein trauerndes Weib!“ „Wie geht es Donna Maria?“ fragte der König. „Noch immer iſt ſie blaß und thränenlos ſeit jener langen Ohnmacht, die wir für den Tod hielten. Selbſt der Anblick ihres Gatten, den ich ihr geſtattete, vermochte nicht, dieſe marmorne Ruhe zu brechen und ihr bittres Wehe durch einen Thränenſtrom zu lindern. Um ihret⸗ willen komme ich zu Dir.“ „Um ihretwillen?“ verſetzte Ferdinand erſtaunt. „Was könnte Deine Sorgfalt mir zu thun überlaſſen?“ „Iſt es wahr, daß ſie morgen als Zeuge gegen den Angeklagten vor den Richtern erſcheinen ſoll?“ „Es muß ſein, Iſabelle!“ entgegnete der König ernſt.„Ich weiß keinen anderen Ausweg— es darf uns kein Zeugniß vorenthalten bleiben, das zur Ent— deckung des Mörders führen kann. Don Luis Garcia's Ausſage iſt, wenn ſie in keinem Punkte von der Wahr⸗ heit abweicht, genügend, Arthur Stanley zu verurtheilen. Er hat eidlich erklärt, daß er Stanley das Schwert ge⸗ gen Morales ziehen ſah und dieſem unverſöhnlichen Haß auf Tod und Leben ſchwören hörte; ja, er verweiſ't uns auf Donna Maria's Zeugniß, die, wie er angiebt, dieſem Auftritt beigewohnt hat und über die Motive des blutigen Haſſes, welchen Stanley gegen Mot ich 2 ſtnd ſchſt aler iebt Gbit Gen wede dan 6hr hinreißen⸗ n großes, ge, noch mme, die d für ſein König. ſeit jener Selbſt vermochte hr bittres Um ihret⸗ erſtaunt. erlaſſen?“ gegen den er König es darf zur Ent⸗ Garcias et Wahr⸗ turtheilen. chwert g⸗ nlichen t ju, et e, wie et über die cy gegen — 135— Morales hegte, Auskunft geben kann. Dennoch halte ich Don Luis für einen doppelzüngigen Heuchler, da er ſtandhaft verſchweigt, auf welchem Wege er ſeine Zeugen⸗ ſchaft ermöglicht hat. Marien's Ausſage muß uns daher aller Zweifel überheben. Beſtätigt ſie Garcia's Worte, giebt ſie Auskunft über Stanley's uns Allen unerklärliche Erbitterung gegen Morales, beſchwört ſie, daß er in ihrer Gegenwart ſolche Drohungen ausgeſprochen, ſo kann ich weder hoffen, noch verſuchen, den Angeklagten zu retten. Aber widerſpricht ſie Garcia's Angaben, erklärt ſie eidlich, daß ihr weder Arthur's Haß gegen ihren verſtorbenen Gatten, noch deſſen Urſache bekannt iſt, ſo ſollen andere Beweiſe mich nicht kümmern. Zufall oder Tücke mag den vielfach beneideten Ausländer in das Netz verwickelt haben, und uns wird es obliegen, ihm Freiheit und Ehre wiederzugeben.“ „Aber erſchweren wir nicht die Prüfung, welche der ..—— 6.* Himmel Marien auferlegt hat, wenn wir Zeugniß wider Arthur von ihr fordern?“ „Warum?“ fragte Ferdinand ſtutzend.„Du kannſt doch nicht meinen—“ „Ich meine nichts, ich weiß nichts!“ unterbrach ihn Iſabelle ſchnell.„Ich habe keine anderen Gründe, als theilnahmsvolle Gefühle für ein ſchwaches Weib, das unter dem erlebten, namenloſen Unglück zuſammen⸗ zuſinken droht und weder der gaffenden Neugier zahl— loſer Zuhörer, noch den finſtern Blicken der verſammelten Häupter der Hermandad preisgegeben werden darf. Giebt es denn keinen Weg, die Oeffentlichkeit zu vermeiden, und — 136— doch Deine Abſicht zu erreichen? Würde es nicht genügen, wenn Donna Maria in meinen Gemächern, vor mir, ihrer Königin, nachdem ſie unſerem ehrwürdigen Pater Francisko den Eid geleiſtet hätte, ihr Zeugniß für oder wider den Angeklagten ablegte?“ „Aber wird dieſes geheime Verfahren die Freunde des Gemordeten befriedigen?“ fragte Ferdinand langſam und bedenklich. „Wird ihnen nicht das Wort ihrer Königin geni⸗ gen?“ fragte Iſabelle ſtolz.„Welcher Edle von Caſtilien zweifelt, wenn Iſabelle ſpricht: Es iſt ſo?— Ich werde Donna Maria vernehmen, und beſtätigt ſie Gar⸗ cia's Bericht, ſo bedarf es nicht erſt ihres öffentlichen Erſcheinens, um Stanley zu verurtheilen. Widerſpricht ſie jedoch den Worten des Anklägers, ſo ſollen Beide vor mir einander gegenüber treten, und die Wahrheit wird an's Licht kommen. Ich kann nicht anders— die verlaſſene Dulderin hat ſich hülfeſuchend an meine Bruſt geworfen— ich muß ihr zur Seite ſtehen, wie eine Freundin und Mutter!“ ** „ Bevor noch Iſabella ihre Gemächer erreicht hatte, war ihr Plan gebildet. Schon in jener Stunde, da Marie unter den erſten Eindrücken des jungen Schmerzes ihre geheimſten Gefühle durch abgeriſſene Aeußerungen verrieth, hatte die Königin dunkel geahnt, was Don Luis Ausſagen ihr jetzt beſtätigten. Sie ſelbſt hatte darum in jener todgleichen Ohnmacht der Unglücklichen Hilſe beuf dern Luut welt ſun Un gin ſiß vot und Nit ſu lad ſt hol w ihr zu A 1 genügen, vor mir, en Pater füt oder Freunde langſam in geni⸗ Caſtilien — 3 ſie Gar⸗ entlichen erſpricht en Beide Wahtheit ders— n meine hen, wie ht haſte, inde, da chmerzes erungen a Don ſt hatte icklichen — 137— Hülfe geleiſtet und ſich über ſie geneigt, damit kein un⸗ berufenes Ohr die erſten Worte der Wiedererwachenden vernähme— aber ihre Vorſicht war überflüſſig geweſen kein Laut war über dieſe dürren, aſchgrauen Lippen gekommen. * Marie hatte ein liebevolles Anerbieten Iſabellens, welches ihr erlaubte, ihrem großen, nun verödeten Hauſe fern bleiben und ihre vertrauteſten Dienerinnen in ihre umgebung berufen zu dürfen, freudig und dankbar an⸗ genommen. In einem der Zimmer des königlichen Schloſſes ſaß ſie am Abend vor dem Verhör, in Gedanken verloren, vor einem Stickrahmen, als die Thür geöffnet wurde und die Königin, von einem Pagen begleitet, eintrat. Mit tiefer Verbeugung trat dieſer vor Marien und ſprach zu ihr im Namen des Königs: „Ferdinand, König von Arragonien und Kaſtilien, entbietet ſeinen Gruß an Marie Henriquez Morales und ladet ſie, morgen um neun Uhr in feierlicher Gerichts⸗ ſizung zu erſcheinen, um die wider Arthur Stanley er⸗ hobenen Beſchuldigungen, als ſei er ein Feind des ver⸗ ewigten Don Ferdinand Morales geweſen und habe in ihrer Gegenwart mörderiſche Abſichten wider Letzteren ausge⸗ ſprochen, durch ihre Ausſage zu beſtätigen oder zu entkräften.“ Marie hörte überraſcht und ſchweigend dem Pagen zu, der ſich nach ausgerichteter Botſchaft zurückzog. Angſtvoll preßte ſie die zarten Finger gegen ihre Stirn, als wollte ſie ſich zu entſchlußreifem Handeln aufraffen. Was hatte der Page geſprochen?... Sie ſollte vor — 138— dem Gerichtshofe erſcheinen und wider Arthur zeugen! Sie ſollte die Worte, welche ihm in jener unbewachten Stunde entflohen waren und unauslöſchlich in ihrem Willenlos ließ ſie die begonnene Arbeit den Händen ent⸗ gleiten und verſuchte nicht, ſie wieder aufzunehmen. „Marie,“ rief Iſabelle, und wie aus ſchwerem Traume fuhr die faſt Bewußtloſe auf, um den theil⸗ nahmsvollen Blicken der Königin zu begegnen„O könig⸗ liche Frau,“ flehte ſie, indem ſie aufſprang und ſich vor Iſabellen auf die Knie warf,„erſpart mir zu thun, was mir ſo eben auferlegt worden!“ „Was könnte ich Dir erſparen, armes Kind? Du wirſt uns nichts verſchweigen, wenn es gilt, den Mörder Deines Gatten zu überführen— Du wirſt nicht aus falſch verſtandenem Mitleid ihn vor der Strenge des Geſetzes retten wollen!“ „Nein— nein,“ rief Marie,„der Mörder mag ſter⸗ ben, aber nicht Stanley! Wer ſagte, daß er Morales erſchlug? Warum häuft man die Schmach ſolcher An⸗ klage auf ſeinen fleckenloſen Namen? Verdammet den Miſſethäter, aber Arthur iſt es nicht; ich weiß, daß er es nicht iſt!.... Wollt Ihr auch ihn erſchlagen?“ Marie ahnte nicht, welchen Verdacht in Iſabellens Bruſt ihre leidenſchaftlichen Betheuerungen beſtätigten. Sie wollte ſich aufrichten, aber getroffen von dem ſtreng prüfenden Blicke der Königin ſank ſie zurück. „Wie kannſt Du wiſſen, daß Arthur Deinen Gat⸗ ten nicht erſchlug?.. Woher Deine lebhafte Ueberzeugung von kenſt ief e autw woh Pah Gat duß h. zeugen! bewachten in ihren inden ent⸗ men. ſchwerem den theil⸗ O könig⸗ ſich vor un, was d? Du Mörder icht aus enge des ag ſter⸗ Morales her A⸗ net den daß er gen“ ſabellens ätigten. nſtreng n Gat⸗ eugung — 139— von der Unſchuld eines Mannes, den Du nur flüchtig kennſt?“ fragte Iſabella langſam und ernſt. Marie ſchwieg einen Augenblick, dann grub ſie ihr tief erröthendes Antlitz in das Gewand der Königin und antwortete zitternd: „Habt Geduld mit mir, Königin! Haltet mich für wahnſinnig, doch ſtellt mir keine Fragen! Iſt es nicht Wahnſinn, Euch um Schonung für den Mörder meines Gatten zu bitten? Er mag ſterben, aber verlangt nicht, daß meine Lippen ſein Urtheil ſprechen!.... 2 „Fürchte nichts, Marie,“ verſetzte Iſabella mild, „ich will Dir keine Frage ſtellen, nichts von Dir for⸗ dern, was Dir wehe thun kann, wenn nicht der unver⸗ rückbare Gang des Rechts es erheiſcht. Wohl ahne ich, daß der Strom Deines Seel enſchmerzes aus doppelter Quelle fließt, aber für ſchuldig halte ich Dich nicht. Drum blicke zaglos auf, mein armes Kind! Ich bin keine ſtreng gebietende Herrſcherin, ſo ſehr auch die Pflicht, die wir Dir auferlegen, Dir widerſtreben mag. Es ſind ſchwere Beſchuldigungen wider Arthur Stanley vorge⸗ bracht, die wir trotz unſeres Mißtrauens gegen den An⸗ kläger berückſichtigen müſſen. Deines Zeugniſſes be⸗ dürfen wir jetzt, um Stanley zu überführen oder freizu⸗ ſprechen.“ „Meines Zeugniſſes?“ fragte Marie.„Mein ſchwa⸗ ches Wort wäre bedeutungsvoll genug, ihn zu retten? Ihn retten!“ wiederholte ſie, und ein plötzliches Leuchten der Hoffnung fuhr über ihre blaſſen Züge, wie der matte Stral der Winterſonne über eine Schnerfläche. — . — 140— „Faſſe Dich, und Du ſollſt Alles erfahren,“ verſetzte Iſabelle, indem ſie mild ihre Hand auf Mariens geſenk⸗ tes Haupt legte.„Gern hätte ich Dir das Unvermeid⸗ liche erſpart, aber Alles, was ich Dir gewähren kann, iſt nur eine Erleichterung deſſen, was Dir zu erfüllen obliegt.“ Und nun theilte ſie umſtändlich den Inhalt von Don Luis Garcia's Ausſagen mit. Als ſie geendet, blickte ſie Marien eine Weile fragend an, und erſt, als dieſe ſchweigend und erwiederungslos in ihrer früheren Stellung verharte, fügte ſie hinzu:„Es iſt Dir nun vergönnt, Dein Zeugniß in unſerer Gegenwart abzu⸗ legen und Deine Worte, die Du eidlich vor einem Prie⸗ ſter Gottes bekräftigen wirſt, ſollen nicht minder gültig ſein, als wären ſie vor dem verſammelten Gerichtshofe geſprochen.“ Eine kurze Pauſe erfolgte. Dann plötzlich richtete ſich Marie hoch auf und ſprach feſt und entſchloſſen: „Königin, Ihr habt mich, die geringſte und unglück⸗ lichſte Eurer Dienerinnen mit überſchwenglicher Güte an Euer Herz geſchloſſen, aber mein unſeliges Verhängniß wird mich undankbar und Eurer Liebe, die ich höher ſchätze als mein Leben, unwerth erſcheinen laſſen. Hört mich an. Nicht in Eure Hände will ich mein Zeugniß niederlegen, ſondern morgen vor den verſammelten Rich⸗ tern und allem Volke erſcheinen. Fragt nicht: Warum? Es iſt unabänderlich beſchloſſen. Ich ſchwankte nur, weil die Botſchaft von meinem königlichen Herrn ſo un— erwartet kam— aber nun iſt Alles vorüber. O könig⸗ liche Frau“— und bei dieſen Worten ſank ſie weinend zu Jſ iner! Gures As. hrge berſtt Diin währ wird Erfi Nt luch ſhw hiu verſetzte ns geſenk⸗ lnvermeid⸗ wen kann, u erfüllen en Inhalt e geendet, erſt, als früheren Dir mn ut abzl⸗ em Prie⸗ er gültig richtshoſe h richtete ſchloſſen: unglic⸗ Güte an chängniß ch höher zugniß un hich Pomm! fte nur, ſo Un⸗ d könig⸗ weinend — 141— zu Iſabellens Füßen nieder—„ich vergaß, daß ich einer Königin gegenüber ſtand und ſchüttete, uneingedenk Eures hohen Ranges, mein gequältes Herz vor Euch aus. Vergebt mir und gewährt mir als Zeichen Eurer Vergebung nur noch eine Bitte!“ „Ich habe Dir nichts zu vergeben, Du gutes Kind,“ verſetzte Iſabelle und verſuchte Marien aufzurichten,„ſprich Deine Bitte vertrauensvoll aus— ich werde ſie ge⸗ währen.“ „So redet Ihr heute, königliche Frau, und doch wird ein Tag kommen, da Euer Herz ſich gegen die Erfüllung Eures Verſprechens empören wird. Ihr wer⸗ det morgen das Unwahrſcheinlichſte erfahren, Ihr werdet Euch ſträuben, meinen Worten zu glauben und doch ſchwöre ich Euch bei dem Himmel, der ſich über unſeren Häuptern wölbt, daß ich Wahrheit reden werde! Blickt nicht ſo befremdet auf mich nieder; was Euch jetzt dunkel und geheimnißvoll erſcheint, wird ſich Euch morgen zu furchtbarem Verſtändniß aufhellen, und mehr als je werde ich Eurer ſchützenden Hand bedürfen. Dann, Königin, verdammt mich nicht, was Ihr auch hören möget, und ſtoßet mich nicht von Euch, wenn Ihr mich je geliebt habt!“ „Wenn keine abſichtsvoll begangene und unbereute Sünde Dich belaſtet, ſo werde ich Dich ſchützen, Du räthſelhaftes und dennoch mir ſo theures Kind! Doch jeßt ſammle Dich unter dem Beiſtande der Heiligen in Gebet und Betrachtung zu dem ſchweren Werke, das der kommende Tag von Dir heiſcht!“ — 142— Sie reichte Marien die Hand zum Kuſſe— ſie wußte nicht, wie ſehr ihre Güte der armen Dulderin die Ausführung ihres verhängnißvollen Entſchluſſes erſchwerte. Sh ſow Mit wil ſil ih ſhl lin lh Ne un ahe n Un ſe— ſi Dulderin ntſchluſſes XX. Nie zuvor hatte eine ſö allgemeine Spannung alle Schichten der Bevölkerung durchdrungen. Aus Segovia ſowohl als aus den umliegenden Ortſchaften ſtrömten mit Tagesanbruch Städter und Landleute in zahlloſen Schaaren herbei, um einer Verhandlung beizuwohnen, welche den verwickeltſten und unerhörteſten aller Rechts⸗ fälle zur Entſcheidung führen ſollte. Der Liebling des Hofes und der Nation, der eben ſo heldenmüthige als tapfere Don Ferdinand Morales war meuchlings er⸗ ſchlagen und für ſeinen Mörder galt der junge Eng⸗ länder, deſſen ganze Vergangenheit mit dieſer verruchten That in ſo ſchreiendem Widerſpruche ſtand. Wohl konnte die Vermuthung Raum gewinnen, daß Beide in raſcher und heißblütiger Entzweiung das Schwert gezogen— aber der Stoß war, wie die tödtliche Wunde auswies, durch den Rücken des Ermordeten gedrungen, und alle Umſtände vereinigten ſich zu faſt unwiderleglicher An⸗ klage wider einen Mann, der an ritterlichem Sinne und — 144— Offenheit in Wort und That den Edelſten des ſpaniſchen Volks gleichſtand! Die dumpfen Glockenſchläge der Kathedrale verkün⸗ deten die neunte Stunde, als die Flügelthüren am oberen Ende der Halle weit geöffnet wurden und die Vertreter der Santa Hermandad') nebſt den ehrwürdigen Vätern des benachbarten Franciskanerkloſters und den vornehmſten Vertretern des Kaſtiliſchen Adels, als näch⸗ ſten Landsleuten des Verſtorbenen, langſam eintraten. Sie ließen ſich in einem Halbkreiſe nieder, deſſen innere Fläche für den Angeklagten, die Ankläger und Zeugen offen blieb und von dem übrigen von Zuſchauern faſt überfüllten Raume der Halle durch eine dreifache Reihe Soldaten, wie durch eine Barriere getrennt war. Nicht lange währte es, ſo trat auch König Ferdinand, von wenigen Edeln und Pagen begleitet ein. Schweigend nahm er die Begrüßungen der Verſammelten, welche ſich ehrfurchtsvoll erhoben, entgegen, winkte ihnen, ſich zu ſetzen und begann nach einer kurzen Weile alſo: „Ihr Herren und heiligen Väter und Ihr, Genoſſen der Santa Hermandad, nicht brauche ich Euch zu wieder⸗ holen, welches außerordentliche Ereigniß Euch in dieſen Räumen zuſammenführt. Wären der Gemordete und der vermuthliche Mörder unſerm Herzen minder theuer geweſen, ſo hätten wir ihre Sache ausſchließlich in den *) Bündniß der vereinigten Städte Kaſtiliens und Arra⸗ goniens, welche zum Schutze der Reiſenden und zur Verfolgung von Verbrechern ein anſehnliches Truppencorps unterhielten und Männer aus ihrer Mitte zu Richtern beſtellten. ſpaniſchen le verkün⸗ am oberen Vertreter twürdigen und den als näch⸗ eintraten. ſen innere d Zeugen mern fiſt che Reihe n. Nicht and, von chweigend welche ſih t, ſih j : Genoſſn zu wieder⸗ in dieſen ordete und der theut ich in den und An⸗ Verfolgung chiclen und — 145— Händen Derer gelaſſen, deren Amt die Verwaltung der Gerechtigkeit iſt, und hätten uns nur die uns zuſtehende Beſtätigung oder Verwerfung ihres Spruches vorbehalten. In dem vorliegenden Falle aber hat uns Iſabelle, un⸗ ſere Gemahlin und Theilhaberin unſerer königlichen Ge⸗ walt entboten, ſie als Oberlehnsherrin des Verſtorbenen zu vertreten und das Verfahren wider den Angeklagten zu leiten. Auch uns geſtattet die Prärogative unſerer Souveränität über Arthur Stanley, als ſein unmittelbarer Richter das Todesurtheil zu ſprechen, aber wir ſind nicht Willens, uns mit ſo ſchwerer Verantwortlichkeit zu be⸗ laſten. Der Angeklagte iſt ein ſchutzlos ſtehender Fremd⸗ ling, der ſchon darum unſere Theilnahme verdient; zu⸗ dem hat er uns in Spanien und Sizilien ſo hingebend gedient, daß ſelbſt die ſchwere Beſchuldigung, welche jetzt wider ihn vorgebracht wird, unſre dankbare Erinnerung an ſeine bewährte Treue nicht verwiſchen kann. Wir können nur mit Widerſtreben glauben, daß ein junger, hochherziger Krieger, deſſen Herz von ritterlichen Gefühlen geſchwellt ſchien, ein verächtlicher, niederträchtiger Feig⸗ ling, ein mitternächtlicher Meuchelmörder werden konnte. Darum begehren wir von Euch Männern der Santa Hermandad, von Euch ehrwürdigen Vätern und endlich von Euch edlen Standesgenoſſen des Erſchlagenen, die wir den erwählten Vertretern der vereinigten Städte zur Mitwirkung beigeſellt haben, in dieſem ſchwierigen Rechts⸗ falle Beiſtand und Rath. Prüfet unbefangen und mit gutem Bedacht die Beweiſe für und wider den Beklagten, aber laſſet nicht die Gerechtigkeit zum Deckmantel eines nationalen ie 5 10 — 146— Vorurtheils werden. Laſſet nicht Europa ſagen, daß ein Mann, der dem Tyrannen ſeines Vaterlandes, ſeinem Feinde entfloh und ſich an den Buſen des Spaniſchen Volkes warf, um dort Schutz und Freundſchaft zu finden, beide nicht fand. Ihr, die wir heute als Richter verſammelt haben, bedenket wohl, was wir dem Ausländer, der freiwillig der Unſre geworden, ſchuldig ſind— doch wenn nach ſtrenger, vorurtheilsfreier Prüfung Ihr den Gefangenen ſchuldig findet, ſo ſprecht es rückhaltslos aus, und das Recht habe ſeinen Lauf, denn die Schrift ſagt: Wer Blut vergießt, deſſen Blut ſoll wieder ver⸗ goſſen werden!.. Und nun führt den Gefangenen vor.“ Ein Murmeln der allgemeinen Zuſtimmung durch⸗ lief die Halle, und Aller Blicke wandten ſich dem Ein⸗ gange zu. Arthur Stanley wurde, ſchwer gefeſſelt, zwi⸗ ſchen zwei Reihen Bewaffneter vorgeführt. Sein Anzug, den er nicht hatte wechſeln dürfen, war mit dunkeln, fahlen Flecken bedeckt und ſchlotterte um ſeinen abge⸗ magerten Körper. Seine Wange war gebleicht, ſeine Miene verſtört; das reiche Haar lag feucht und glanzlos auf der blaſſen Stirn— und doch ſprach aus ſeiner ganzen von dem Erlittenen ſchwer gedrückten Erſcheinung ein Ausdruck, der jeden Argwohn fern hielt. Er blickte ſeſt und ruhig umher, verbeugte ſich einen Augenblick tief vor dem Könige und kehrte dann ſogleich wieder zu der würdevollen Haltung zurück, die ſelbſt Leid und Trübſal nicht zu beugen vermochten. „Arthur Stanley,“ redete ihn der König an,„wir haben von Don Felir de Eſtaban erfahren, daß Ihr i daß ein nem Feinde hen Volkes nden, beide verſammlt under, der — doch gIht den ückhaltslos die Schrift vieder ver⸗ enen vor.“ ng dunch⸗ dem Ein⸗ eſſlt zwi⸗ ein Wzug, t dunkeln, nen abge icht, ſeine dglanlo aus ſeinet Er hlickte ich wicdet Lrid und an,„vir I — 147— die dargebotene Vergünſtigung, Euch durch rechtskundige Freunde vertheidigen zu laſſen, zurückgewieſen habt. Iſt Eure Ehre von ſo winzigem Belang, daß Ihr ſie keiner Verantwortung werth haltet? Oder ſeid Ihr wirklich, wie uns geſagt iſt, geſonnen, dem Verfahren ſei⸗ nen Lauf zu laſſen, und jedem Verſuch, ein milderes Urtheil zu erlangen, hartnäckig zu entſagen? Das hieße ſtillſchweigend Eure Schuld bekennen; denn wenn Ihr Euch keines Verbrechens bewußt ſeid, ſo dürft Ihr Eure Verurtheilung nicht für unabwendbar halten, oder Ihr müßtet die Gerechtigkeit Gottes bezweifeln, der eben ſo leicht die Unſchuld an den Tag zu bringen, als den Schuldigen zu treffen weiß. Bevor wir alſo unſern Richtern den Befehl zu Unterſuchung und Spruch erthei⸗ len, heißen wir Euch reden, damit wir erfahren, warum Ihr, der Ihr unabläſſig Eure Unſchuld betheuert, einen ſo widerſpruchsvollen Entſchluß faſſen konntet. Iſt Euch das Leben ſo werthlos, daß Ihr es im Ueberdruß von Euch werfen möchtet? Als Herrſcher und Richter gebie⸗ ten wir Euch zu antworten, damit die Unterſuchung nicht erſchwert und nicht das Blut eines Unſchuldigen durch unſern Spruch vergoſſen werde. Laßt mich nicht den als feigen Meuchelmörder verdammen, der meinem Herzen als Freund nahe ſtand! Antwortet: Warum dieſer Ueberdruß am Leben? Woher dieſe Nichtachtung Eurer Ehre und Eures Namens?“ Feierliche Stille ſchwebte über der Verſammlung. Arthur war von des Königs Worten ſichtbar bewegt und nur mühſam unterdrückte er das Zittern ſeiner Stimme, 10* — als er antwortete„Was ſoll mir eine fruchtloſe Verthei⸗ digung? Betheurungen vermögen nichts wider Beweiſe, vermögen nicht Ehre und Leben zu retten. Mein könig⸗ licher Herr, mein Entſchluß ſollte nur jede unnöthige Ver⸗ längerung eines Verfahrens erſparen, das meine Ehre in den Staub tritt. Stünde mir ein einziger Beweis, und wäre er noch ſo winzig, zu Gebote, ich würde ihn Euch nicht vorenthalten, denn ſchon die Ehrerbietung vor dem fleckenloſen Namen meines Vaters geböte mir, die Stirn wider ſolche Schmach kühn zu erheben. Aber mir fehlt jeder Beweis! Ich kann Euch nur wiederholen, daß ich kein Mörder bin, aber keine der Ausſagen, die wider mich zeugen, kann ich Lügen ſtrafen, denn mein Herz war in Haß gegen Morales entbrannt und ich ſchwor, ſein Leben zu nehmen oder das meine zu verlieren. Aber wäre er auch mein Feind geweſen, hätte er wirklich die ganze Fülle des Haſſes verdient, die ich, wie ich jetzt fühle, ohne Urſache und in ſündiger Verblendung gegen ihn hegte, ſo würde ich doch nimmer durch mitternächt⸗ lichen Mord meine Rachſucht zu befriedigen geſucht haben. Ich trachtete nach ſeinem Blute, aber nur in ehrlichem Zweikampfe wollte ich ihm gegenüberſtehen. Darum haltet mein Schweigen nicht für Geſtändniß. Ehe das ehrloſe Grab, das mich angähnt, meine Gebeine um⸗ fängt, ſollt Ihr mit meinem Willen mich nicht für ſo verworfen halten, als ich in dieſer unglücklichen Ver⸗ kettung der Umſtände Euch erſcheinen muß. Nein,“ fuhr Stanley fort, indem er die rechte Hand, ſoweit es ſeine Feſſeln geſtatteten, erhob,„hier und auf dem Blut⸗ geri Mei Rich in ſe Verthe⸗ Beweiſe, ein tomg⸗ thige Ver⸗ e Ehte in weis, und ihn Euch or dem die Stirn mir fehlt daß ich ie widet nein Hetz h ſchwor, en. Aber irklich die e ich jetzt ing gegen itternächt ht haben. ehrlichen Darum Che das eine um⸗ nicht für ichen Ver⸗ in“ fuhr t es ſtine en Blu⸗ gerüſte, jetzt und mit dem letzten Herzſchlage will ich laut meine Unſchuld verkünden. Ich rufe den allmächtigen Richter im Himmel und alle Heiligen an, ſie zu bezeu— gen, und ſie wird an den Tag kommen, wenn dereinſt mein Leib im ehrloſen Grabe modert und nur noch meinem Andenken die Ehre wiedergegeben werden kann. Ich bin nicht Don Ferdinand's Mörder! Ich weiß, daß mir jedes Mittel fehlt, dieſer Betheurung Beweiskraft zu geben, aber wenn dereinſt die Entdeckung des wah⸗ ren Mörders meine Unſchuld unwiderleglich darthut, dann möget Ihr meiner Worte gedenken und nicht länger glau⸗ ben, daß ich an dem Könige und dem Volke, die mich großmüthig und vertrauensvoll aufnahmen, ſo nieder⸗ trächtige Vergeltung übte!“ „Wenn Ihr denn ſo felſenfeſt das Bewußtſein Eurer Unſchuld in Euch tragt, warum wollt Ihr nicht einmal einen Verſuch zu Eurer Vertheidigung wagen?“ fragte Pater Francisko, der Prior der Franciskaner.„Wißt Ihr nicht, daß vor dem Throne des Höchſten ein ſolches Preisgeben Eures Lebens dem Selbſtmorde gleich geachtet wird? Es kann nicht anders ſein wenn Ihr unſchul— dig ſeid, müßt Ihr Beweiſe haben.“ „Ich habe keine,“ verſetzte Stanley ruhig.„Ich habe nur Worte— unnd wer glaubt an dieſe? Wer von Allen, die hier anweſend ſind, würde nicht kopf— ſchüttelnd die ſonderbare Mähr vernehmen, daß ich in derſelben Nacht, als der Mord geſchah, von Angſt und Beklemmung gepeinigt, mitten in das tobende Unwetter hinausſtürzte, daß ich das Fehlen der Klinge ſchon beim — 150— Umgürten bemerkte und dennoch, ohne ſie zu ſuchen, meiner Behauſung entrann? Wer würde glauben, daß der Zufall und keine Abſicht mich in die Calle Soledad führte, daß ein Fall über den Körper des Don Ferdinand Morales mir Hände und Kleider mit demſelben Blute tränkte, das den Boden färbte, und daß beim Anblick des Leichnams die Erſtarrung des eiſigen Schreckens mich an die Stelle des verübten Mordes bannte? Mußte mir nicht die Kraft gebrechen, Hülfe und Mord zu ſchreien, da der Mann, nach deſſen Blute ich getrachtet, deſſen Tod ich erſehnt hatte, plötzlich in ſeinem Blute ſchwim⸗ mend zu meinen Füßen lag?“ Von den Schauern der Erinnerung an jene fürchter⸗ liche Nacht durchbebt hielt Arthur inne; erſchöpft lehnte er ſich an einen der ihm zunächſt ſtehenden Soldaten, und erſt nach einer langen Pauſe, die keiner der Anwe⸗ ſenden mit einem Athemzuge zu unterbrechen wagte, fuhr er, indem er ſich zum Könige wandte, langſam fort: „Laßt nun das Verhör beginnen, mein gnädiger Herr! Daß die ſchmerzliche Erinnerung an den Gemordeten, der Eurem Herzen als Freund ſo nahe ſtand, Eure Theil⸗ nahme für mich ſchwer beſchuldigten Mann nicht min⸗ dern konnte, verpflichtet mich Euch zu neuem Danke, und nur, um Euch zu beweiſen, daß ich dieſer Theil⸗ nahme nie unwerth war, nur darum möchte ich leben. Doch mich, der ich mich ſo tief, wenn auch nicht in Thaten, doch in Gedanken an Don Ferdinand Morales vergangen habe— mich kann die Vorſehung nicht wür⸗ digen, ein Werkzeug ihrer Gerechtigkeit zu werden und durch antw ich d das ſprn icht ine gu ſtun der el nch Uin u ſichen, uben, daß Soledad Ferdinand ben Blute m Anblick ckens mich ſußte mit ſchreien, et, deſſen ſchwim⸗ fürchtet⸗ pft lehnte Soldaten, e Anwe⸗ gte, fuht am fort: get Herr! mordeten, ure Theil cht min⸗ n Danke ſer Theil⸗ ich leben. nicht in Morales icht wür⸗ wen und — 151 durch mich den wahren Mörder ſeinen Richtern zu über⸗ antworten. Mein königlicher Herr, zu lange ſchon habe ich die Geduld dieſer Verſammlung mißbraucht— laßt das Verhör beginnen!“ Die Wirkung dieſer Anrede war gewaltig. Es ſprach aus Stanley's ungeſuchten Worten eine eindring⸗ liche Kraft, die nur der Unſchuld eigen iſt und ſelbſt die unerſchütterlichen Vertreter der Santa Hermandad milder gegen den Angeklagten ſtimmte. Nur der Prior des Franciskanerkloſters gebot ohne Verzug, von den Schauern der gehörten Erzählung ſcheinbar unberührt, dem Don Felir de Eſtaban, die Zeugen vorzuführen und ließ ſie nach ihrem Erſcheinen durch einen der frommen Väter vereidigen. XXI. Don Alonzo de Aguilar's Ausſage war ſehr einfach. Er beſchrieb genau die Stelle, wo er den Leichnam ent⸗ deckt und die Lage, in welcher ſich derſelbe befunden hatte, und wie ſowohl die fieberhafte Aufregung Stan⸗ ley's, als deſſen blutbefleckte Hände und Kleider ihn be⸗ wogen hätten, ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen, ehe noch ſein zerbrochenes Schwert neben dem Leichnam gefunden worden. Der Bericht wurde von denen, die Don Alonzo in jener Nacht auf Befehl des Königs begleitet hatten, in allen Einzelnheiten beſtätigt. Minder ausführlich, aber für Soldaten und Bürger ebenſo überzeugend war das Zeugniß des alten Pedro. Er erzählte geſchwätzig, Stanley habe ſich, ſeitdem er in ſein Haus gezogen, immer aufgeregt und unuhig gezeigt und oft in lauten Selbſtgeſprächen den Ausruf: Blut und Rache wie⸗ derholt. Es habe immer geſchienen, als ob dem Eng— länder etwas fehlte, denn mehr als die Hälfte der für ihn bereiteten Koſt ſei unberührt von ſeinem Tiſche ge⸗ kommen; in jener grauſigen Gewitternacht aber habe hö wu ds ehr einfach. chnam ent⸗ N befunden ung Stn⸗ er ihn be⸗ n, che noch n gefunden don Alonzo t hatten, msführlich uzend wat eſchwätig, 1 gezogel, tin lauten ache wi⸗ dn Eig aber habe — 4153— Arthur Stanley von Sonnenuntergang bis gegen elf Uhr feſt geſchlafen, dann plötzlich wie ein Raſender die Thür aufgeriſſen und in ſtürmiſcher Haſt das Haus verlaſſen. Die alte Juana beſtätigte ihres Mannes Ausſage mit dem Hinzufügen, daß ſie vergebens vorher Sennor Stan⸗ ley zum Abendbrot zu wecken verſucht hätte;— aber dem Pater Francisko ſchien dies Alles nicht zu genügen. „Habt Ihr unter den zuſammenhangsloſen Reden des Angeklagten jemals den Ausdruck: Mord deutlich unter⸗ ſchieden?“ fragte er— und mit Recht, denn mag auch unſeren Rechtsbegriffen zufolge nach den Ausſagen der Zeugen und dem Selbſtgeſtändniß des Angeklagten eine ſolche Frage überflüſſig erſcheinen, ſo war ſie doch ge— rechtfertigt zu einer Zeit, da Worte, wie Blut und Rache unter Kriegern nichts Anderes beſagten, als den Entſchluß, in ſogenanntem ehrlichem Kampfe ihren Streit zu ſchlichten. Pedro ſann nach und antwortete verneinend. „Hörtet Ihr Arthur Stanley niemals einen Namen ausſprechen, der auf das Ziel ſeiner Rachſucht zu deu⸗ ten war?“ Auch dieſe Frage verneinte Pedro raſch, aber der Mund der alten Juana verzog ſich zu einem verſchmitzten Lächeln, das dem Prior nicht entging. „Ehrwürdiger Vater, verzeiht,“ ſagte die Alte,„ich hörte den jungen Mann öfters den Namen Marie aus⸗ rufen. Beſonders fiel mir dies an einem Mittage auf, als ich ihm ſein Mahl auf's Zimmer brachte.“ Eine glühende Röthe färbte plötzlich Arthur's Wangen — 154— und Stirn. Der König fuhr betroffen auf und Viele der Anweſenden blickten einander fragend an. „Um welche Zeit in der Nacht verließ der Gefangene ſein Zimmer?“ fuhr der Prior fort. „Gerade, als die große Glocke der Kathedrale Elf ſchlug,“ antworteten gleichzeitig Pedro und Juana. „Hörtet Ihr nichts weiter als ſeine beſchleunigten Schritte? Verlangte er nicht Eure Dienſte? Rief er nicht etwa nach Licht? Bedenkt, Ihr ſeid vereidigt,“ fuhr Pater Francisko in ſtrengem Tone fort, da beide Eheleute verlegen ſchwiegen.„Die Kirche ſtraft den Meineid! Sprach Sennor Stanley oder nicht?“ „Er rief nach Licht, aber—“ antwortete Pedro ſtockend. „Ihr hattet nicht Luſt, ſo ſpät das Bett zu ver⸗ laſſen und mögt nun leicht durch die Folgen Eurer Bequemlichkeit den Tod eines Unſchuldigen beſchleunigen und die Entdeckung des wahren Mörders verhindern! Ihr behauptet, Sennor Stanley ſei nach Sonnenunter⸗ gang nach Hauſe gekommen und habe von der Zeit an bis gegen elf Uhr ſo feſt geſchlafen, daß Ihr ihn nicht einmal zum Abendbrot wecken konntet. So feſt ſchläft Keiner, der Mordpläne hegt. Dann ſagtet Ihr, er habe nach Licht gerufen und Ihr habet verſäumt, es ihm zu bringen. Sennor Stanley will darauf ſein Schwert vermißt und ohne daſſelbe das Haus verlaſſen haben. Hättet Ihr ſein Begehren erfüllt, ſo würdet Ihr uns jetzt ſagen können, ob der Gefangene wirklich ſein Schwert vermißte. Doch Ihr räumt ein, daß er nach Licht guriſe der 6 hars wohl der irſ dacht hin Ubet ig — ghe iht bliib Iht Por der —— S— und Biele Gefangene hedrale Elf uan. chleunigten Rief er vereidigt,“ da beide ſtraft den tete Pedro tt zu ver⸗ zen Curer chleunigen erhindern! menunter⸗ t Zeit an ihn nicht iſ ſchlüft r er habe s ihm zu Schwert en haben Ihr uns nSchwu nach Acht — 155— gerufen— das ſcheint mir doch unwahrſcheinlich, wenn der Gefangene wirklich mit der Abſicht des Mordes das Haus verließ.“ „Die Abſicht des Mordes mag Sennor Stanley wohl in jenem Augenblick nicht gehabt haben,“ warf der Oberſte der Santa Hermandad dazwiſchen.„Wenn für ſeine Rachſucht, für ſeine dem Verſtorbenen mit Be⸗ dacht zugefügte Beleidigung und langgenährte Erbitterung kein Zeugniß vorläge, ſo hätte Eure Folgerung Grund. Aber Rachgier läßt nicht wohl eine Gelegenheit zur Sät⸗ tigung ungenützt vorübergehen.“ „Wir haben die Beweiſe für des Angeklagten lang⸗ gehegte Feindſchaft und wohlerſonnenen Racheplan noch nicht geprüft,“ erwiederte Pater Francisko ruhig.„Uns bleibt noch ein höchſt wichtiger Umſtand zu berückſichtigen. Ihr dürft alſo mit Sicherheit behaupten,“ fuhr er, Pedro anblickend, fort,„daß die Glocke Elf ſchlug, als der junge Engländer Euer Haus verließ?“ „Richt ſchwören darf ich, ehrwürdiger Herr, denn Juana und ich brachten einen Theil dieſer Zeit bei einem RNachbar zu; aber nach unſerer Rückkehr holte Juana Sennor Stanley's Abendeſſen wieder herunter und fand ihn noch ſchlafend und zwar unverändert in der früheren Lage, ſo daß ſich nicht wohl annehmen ließ, er habe ſich während der ganzen Zeit auch nur leiſe gerührt.“ „War Sennor Stanley unterdeſſen allein im Hauſe geweſen?“ „Nein, unſere Magd Beta war in dem Zimmer gerade unter ſeiner Wohnung beſchäftigt.“ — 156— „Laßt ſie hierher kommen!“ Dem Befehl konnte um ſo raſcher Folge geleiſtet werden, da Beta aus leicht begreiflicher Neugier ſich be⸗ reits unter den Zuhörern eingefunden hatte. Sie trat vor und der Prior fragte ſie, ob ſie während der Ab⸗ weſenheit ihrer Herrſchaft irgend ein Geräuſch im Hauſe vernommen hätte. Sie ſagte aus, daß ſie allerdings meinte, leiſe ſchleichende Tritte und ein Geräuſch, wie wenn hinten im Hauſe eine Thür zugeklappt würde, ge⸗ hört zu haben, aber das Alles ſei ſo undeutlich ge— weſen, daß es ihren bereits ſchläfrigen Sinnen mehr traumartig als wirklich erſchienen wäre zudem hätte ſie, von den erſten Schlägen des furchtbaren Gewitters erſchreckt, nicht gewagt, das Zimmer zu verlaſſen; auch ſei die Stille im Hauſe bis zur Rückkehr Pedro's und Juana's nicht weiter geſtört worden. „Um welche Zeit geſchah dies?“ fragte Pater Francisko. „Es mochte wohl neun Uhr ſein,“ antwortete Beta. Der König und der Prior wurden ſichtbar bedenk⸗ lich; der Oberſte der Santa Hermandad jedoch erklärte entſchieden, daß das Alles ihn in ſeiner bereits ausge⸗ ſprochenen Meinung beſtärkte. Bis dahin hatte Arthur Stanley nicht einen Augen⸗ blick ſeine Ruhe verleugnet, doch jetzt ſchien plötzlich eine Ahnung in ihm aufzudämmern, die ihn zu einer un— willkürlichen Bewegung veranlaßte. „Ihr verlangt zu ſprechen, Sennor Stanley,“ be⸗ muit ſchen ſchte wahr Pin Shl lch hen Shu Nor de nein der d wuch ge geleiſtet ſier ſich be⸗ Sie trat id der Ab⸗ im Hauſe allerdings äuſch, wie würde, ge⸗ eutlich ge⸗ men mehr dem hatte Gewitters ſſen; auch dros und gte Pater antwortete ar bedent⸗ ch erklärt its ausg⸗ en Augel⸗ özlich ein einer uh⸗ nleh,“ be — 157— merkte der König, als Beta abgetreten war.„Wir wün⸗ ſchen Euch zu hören.“ „Ich möchte nur bemerken, königlicher Herr,“ ver⸗ ſetzte Stanley,„daß die Auſage der Magd nichts Un⸗ wahrſcheinliches enthält. Ich bin feſt überzeugt, daß der Wein, welchen ich an jenem Abend trank, mit einem Schlaftrunk verſetzt war, und daß derſelbe geheime Feind, welcher das Getränk miſchte, während meines todähnli⸗ chen Schlafes in mein Zimmer gelangt iſt und mein Schwert entwandt hat, um mich mit der Anklage des Mordes zu belaſten. Die tiefe Stille im Hauſe machte es der Magd möglich, die leiſen Tritte zu hören, welche mein Ohr nicht erreichen konnten. Auch hätte ich in ver kurzen Stunde, welche Pedro und Juana außerhalb des Hauſes zubrachten, nicht Zeit genug gehabt, zu er⸗ wachen, aufzuſtehen, den Mord zu begehen und zu ſo vollkommen täuſchendem Anſchein des Schlafes zurück⸗ zukehren. Und wäre dies Alles dennoch möglich geweſen und wirklich geſchehen— welcher Wahnwitz hätte mich wieder an die Stelle des verübten Mordes getrieben und dort jeden Verſuch zur Flucht vergeſſen laſſen?“ „Kein Wahnwitz, ſondern das Gewiſſen!“ erwie⸗ derte der Oberſte der Santa Hermandad.„Die Gewalt des göttlichen Geiſtes, den Ihr entweiht hattet, und der Euch in gerechter Vergeltung mit Blindheit ſchlug, daß Ihr Euch willenlos in die Hände Eurer irdiſchen Rich⸗ ter liefern mußtet. Die Finſterniß jener Nacht laſtete ſchwer auf Euren verſtörten Sinnen und das Unwetter überfiel Euch mit lähmendem Schrecken. So hat der — 158— gerechte Richter im Himmel es ſelbſt gefügt, daß Ihr über Euer Schlachtopfer hinſtürztet und von Grauſen überwältigt wurdet. Euer früheres Leben war, wie wir mit Sicherheit erfahren haben, makellos— gerade darum traf Euch das Bewußtſein des erſten Verbrechens mit zermalmender Gewalt.“ „Verzeiht,“ verſetzte Pater Francisko nachdrücklich. „Eure Folgerungen überſtürzen ſich. Es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß die Magd, welche behauptet, bis zur Rück⸗ kehr ihrer Herrſchaft kein weiteres Geräuſch vernommen zu haben, die Schritte des eintretenden Sennor Stanley überhört haben ſollte; und da Juana gleich darauf ſein Zimmer betrat und ihn unverändert in der früheren Lage und in gleichem Zuſtande wiederfand, ſo müſſen wir den Vermuthungen des Sennor Stanley einige Wahrſcheinlichkeit zuerkennen.“ „Wer aber ſagt Euch, ehrwürdiger Vater,“ hub der Oberſte der Hermandad wieder an, daß der Mord nicht kurz vorher, ehe man den Leichnam ſammt dem Mörder auffand, begangen wurde?“ Pater Francisko ließ ſtatt aller Antwort den Schloß⸗ verwalter des Verſtorbenen vortreten und fragte nach der üblichen Vereidigung, um welche Stunde ſein Herr ſich in jener Nacht auf den Weg gemacht hätte. „Gerade, als es ein Viertel vor Neun ſchlug,“ er⸗ wiederte der Gefragte. „War das nicht ungewöhnlich früh, da doch die Sitzung im Palaſte erſt um zehn Uhr beginnen ſollte, und die Entfernung von Don Ferdinand Morales Hauſe tie not el 6t gge Une verl Sol lhr Wos ſhi lht abe ſin unt Her unt ter St edaß Ihr on Grauſen ar, wie wir rade darum techens mit chdricklich. nicht wahr⸗ is zur Rüc⸗ vernommen or Stonlch darguf ſein et früheren ſo müſſen nley einige atet,“ hub der Mord ſammt den den Schlo⸗ fragte nach e ſin ben tte. ſclug“ e men ſolle⸗ rales Hauſt — 159— für einen Fußgänger höchſtens vierzig Minuten betragen kann?“ „Und doch iſt es ſo, ehrwürdiger Vater,“ antwor⸗ tete der Schloßverwalter.„Lopez und ich fragten Sen⸗ nor Morales, wen er zur Begleitung wünſchte, und er erklärte, allein gehen zu wollen, wie er ſchon oft gethan. Er ſah leidend aus und mußte recht zerſtreut ſein, denn gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit ließ er unſern Gruß unerwiedert, als er das Haus verließ.“ „Wenn er nun ein Viertel vor Neun das Haus verließ, wann, meint Ihr, konnte er alsdann die Calle Soledad erreichen?“ „Zwiſchen zehn und fünfzehn Minuten nach neun Uhr— er müßte ſich denn unterwegs aufgehalten haben, was jedoch nicht ſeine urſprüngliche Abſicht zu ſein ſchien.“ „Dann wäre der Mord zwiſchen neun und zehn Uhr geſchehen,“ folgerte der Prior.„Sennor Stanley aber hörten ſeine Wirthsleute erſt um elf Uhr ausgehen — dadurch wird ſeine Behauptung, daß der Mord vor ſeiner Ankunft in der Calle Soledad geſchehen ſei, unterſtützt.“ „Was aber beweiſt denn,“ warf der Oberſte der Hermandad ein,„daß Don Ferdinand Morales nicht unterwegs aufgehalten wurde? Bis jetzt iſt nichts wei⸗ ter als die Stunde ſeines Aufbruches ermittelt.“ Die Verſammlung im Schloſſe ſollte um zehn Uhr Statt finden,“ verſetzte Pater Francisko.„Morales war pünktlich und kann ſich nicht wohl freiwillig ſo ſehr — 160— verſpätet haben, daß er nicht die Calle Soledad in mindeſtens einer Stunde erreicht hätte.“ „Aber konnte nicht die von ſeinem Schloßverwalter erwähnte Unpäßlichkeit ſeine Ankunft im Palaſte ver⸗ zögern?“ fragte der Oberſte der Hermandad. „Allerdings, aber es liegt ein Zeugniß vor, welchem zufolge Don Ferdinand Morales ſeit wenigſtens drei Stunden todt war, als er in die Halle des Palaſtes getragen wurde. Der Arzt Benedicto, welchem wir dieſe Erklärung verdanken, wird ſie vor dieſer Verſammlung wiederholen.“ Benedicto, der Arzt des königlichen Hauſes trat vor und beſtätigte die Worte des Priors mit dem Hinzu⸗ fügen, daß er gleich nach der Ankunft des Leichnams eine genaue Unterſuchung angeſtellt, aber trotz der ange⸗ ſtrengteſten Bemühungen nicht ein einziges ſchwaches Lebenszeichen entdeckt hätte.“ „Um welche Zeit geſchah dies?“ „Es war eine halbe Stunde ſeit Mitternacht ver⸗ floſſen.“ Soledad in loßverwalter Palaſte ver⸗ or, welchem 3 drei des Palaſtes m wir dieſe erſammlung ſes trat vor dem Hinzu⸗ Leichnams ſchwaches ternacht vel⸗ — XXII. Aengſtliche Stille folgte der Erklärung des Arztes. Die Richter waren ſichtbar verſtimmt über den wider⸗ ſprechenden Charakter der verſchiedenen Ausſagen und begannen an der endlichen Aufhellung dieſes räthſelhaften Thatbeſtandes, deſſen verworrene Einzelheiten alles menſch⸗ lichen Scharfſinns ſpotteten, zu verzweifeln. „Unſere Aufgabe,“ hub endlich der Prior an, nach⸗ dem er vergebens einer Meinungsäußerung des Oberſten der Santa Hermandad entgegengeſehen hatte,„iſt eine der ſchwierigſten. Wäre uns ein gültiger Beweis gelie⸗ fert, daß der Gefangene wirklich an jenem Abend von Sonnenuntergang bis elf Uhr giſchlafen und während dieſer Zeit das Haus nicht verlaſſen hätte, ſo müßte das Gutachten des Arztes Benedicto jede andere der uns vor⸗ liegenden Ausſagen überwiegen. Nach der bisher ermit⸗ telten Sachlage jedoch ſind das Geräuſch und die leiſen. Tritte, welche die Magd Beta gehört hat, für unſeren Fall von der höchſten Bedeutung. Die Zeit, um welche 11 2 — 162— dieſe Wahrnehmung geſchah, iſt feſtgeſtellt und tritt durch des Arztes Zeugniß zu dem Morde in un leugbare Be⸗ ziehung. Ob aber jenes Geräuſch und jene verſtohlenen Schritte dem Beklagten oder dem von dieſem vermuthe⸗ ten Entwender ſeines Schwertes zuzuſchreiben ſeien— das, Ihr Herren und Brüder, unterliegt nun Eurem Ur⸗ theil. Wo es ſich um Leben und Tod handelt, kann meine vereinzelte Anſicht wenig bedeuten. Ich bin, wie Euch nicht wohl entgangen ſein kann, geneigt, an die Unſchuld Sennor Stanley's zu glauben mein diesmaliger Bruder im Amte jedoch, das Haupt der Santa Her⸗ mandad, glaubt eben ſo feſt an die Schuld des Ange⸗ klagten. Ausſagen und Thatbeſtand ſind, ſoweit es thunlich war, ermittelt und liegen nun vor, ſo zuſam⸗ menhangslos und widerſpruchsvoll, daß ſie gleichzeitig die entgegengeſetzteſten Anſichten zu unterſtützen geeignet ſind. Euer Spruch entſcheide nun!“ „Dennoch,“ bemerkte hier der Oberſte der Santa Hermandad,„bleibt uns noch der wichtigſte Beweis, welcher allein die Lücken der vor uns niedergelegten Aus⸗ ſagen auszufüllen im Stande iſt, zu führen übrig. Als geſchworner Diener der Gerechtigkeit werde ich von kei⸗ nem Vorurtheile geleitet, aber das Moment, welches wir bisher unberückſichtigt ließen, iſt bedeutungsvoll genug, um nicht nur meine individuelle Meinung zu beſtimmen, ſondern auch dem allgemeinen Urtheil ſeine unverrück⸗ bare Richtung zu geben ich meine die unverſöhnliche Rache, welche der Gefangene dem Verewigten geſchworen hatte, ſeine wochenlang gehegte und offen ausgeſprochene nd nitt durh leugbare Be⸗ verſtohlenen u vermuthe⸗ ben ſeien— n Eurem U⸗ ndelt, kann ch bin, wie eigt, an die diesmaliget Santa Her⸗ d des Ange⸗ ſoweit es ſo zuſam⸗ gleichitig zen geeignet der Santa ſte Beweis, legten Au⸗ übrig. A ch von kei⸗ welches wit voll genug, beſtimmen, unverric⸗ verſohnliche geſchworin geſprochene — 163— Feindſchaft wider denſelben und ſeinen Entſchluß, die Sättigung ſeiner Rachgier mit Gefahr des eigenen Lebens zu erlangen. Wäre es nicht möglich, daß Don Ferdi⸗ nand Morales ſich geweigert hätte, dem Angeklagten im Zweikampf zu begegnen und deſſen unbezähmbare Lei⸗ denſchaft durch dieſe Weigerung zu mitternächtlichem Meuchelmorde geſtachelt hätte? Laſſen wir uns darum nicht beſtechen von Sennor Stanley's freiwilligem Selbſt⸗ geſtändniß, das er nur, um durch den Schein der Auf⸗ richtigkeit ein günſtigeres Vorurtheil bei ſeinen Richtern zu erwecken, geleiſtet haben mag! Wenden wir vielmehr unſere völlige und ungetheilte Aufmerkſamkeit dem Weſen und den Motiven ſeines Haſſes wider den Erſchlagenen zu— ergründen wir dieſe, bevor wir zum Spruche ſchreiten!“ „So ſei es!“ ſprach der König und ein beifälliges Murmeln der Verſammlung folgte den Worten des Ober⸗ ſten der Hermandad.„Es ſind zu dieſem Ende noch zwei Zeugen zu vernehmen und— bei allen Heiligen! — wenn ihre Ausſagen auch nur in dem winzigſten Punkte von einander abweichen, ſoll dem Gefangenen Friſt gewährt werden!“ Der Oberſte der Hermandad ertheilte den nöthigen Beſehl— und Don Luis Garcia ſtand vor der Ver⸗ ſammlung. Es erregte nicht geringes Erſtaunen, daß ein Mann, den man allen weltlichen Händeln fremd, nur in unabläſſige, demüthige Selbſtbetrachtung und fromme Bußübungen verſenkt glaubte, an dieſer Stelle und in dieſer Sache als der wichtigſte aller Zeugen — 164— erſchien. Niemand aber war betroffener, als Arthur Stanley ſelbſt. Und als nun Don Luis Bericht er⸗ ſtattete über den ſtürmiſchen Auftritt zwiſchen dem Er⸗ mordeten und dem Angcklagten, als er faſt wörtlich die Drohungen Stanley's wiederholte, da vermochte dieſer nicht länger das empörte Gefühl der allertiefſten Ent⸗ rüſtung zurückzudrängen.„Niederträchtiger, ehrloſer Schuft!“ brach er ſo plötzlich und ingrimmig aus, daß minder dies unehrerbietige Verhalten vor den Augen und Ohren des Königs und der Richter, als das jähe Auf⸗ geben ſeiner bisher bewahrten Ruhe, Aller Blicke auf ihn wandte—„wo warſt Du während dieſer Unterredung? So genau Alles erhorchen und dennoch verborgen blei⸗ ben konnte nur ein freiwilliger Spion! Nicht als zu⸗ fälliger Zeuge, ſondern als abſichtsvoller Lauſcher warſt Du zugegen? Wie ſollte Dich ein Zufall in den ent⸗ legenſten Theil des Gartens geführt und dort zurückge⸗ halten haben? Verrätheriſcher Bube, an Deiner Aus⸗ ſage alſo, die Du auf ſolchem Wege ermöglicht haſt, hängt Leben oder Tod?— Nun, es mag ſein!“ „Nein, es ſoll nicht ſein!“ trat der König dazwi⸗ ſchen, ohne die Erwiederung des Priors oder des Ober⸗ ſten der Hermandad abzuwarten.„Auch wir halten eine alſo erwirkte Zeugenſchaft für werth⸗ und bedeutungslos. Wollt Ihr, Don Luis Garcia, nicht auf den weiteren Verfolg Eurer Ausſage verzichten, ſo erklärt uns, was Euch bewog, den Garten des Verewigten in einem ſo verhaͤngnißvollen Augenblick zu betreten— oder nennt uns einen anderen Zeugen. Der freiwillige Horcher iſt — be Arhur in unſeren Augen nicht minder ehrlos als der Lügner i rricht er und darf vor Männern und Rittern nicht fordern, ge⸗ dem Er⸗ hört zu werden!“ ortlich die Mit der tiefſten Demuth in Ton und Miene erwie⸗ htr dieſer derte Don Luis, daß es ihn ſchmerzte, ob ſeines ſtrengen 3 ſſten Ent⸗ Gerechtigkeitsſinnes das königliche Mißfallen erregen zu chrloſer müſſen, daß er, was ſeine Perſon beträfe, geduldig jeden gus, daß Argwohn zu tragen bereit wäre, die Wahrſcheinlichkeit lugen und ſeiner Ausſagen jedoch gegen allen Zweifel vertheidigen ähe Auſ⸗ müßte.„Es lebt noch Eine, die mein Zeugniß bekräf⸗ auf ihn tigen muß,“ fügte er hinzu,„ich habe ſie meinem könig⸗ eruedung lichen Herrn bereits genannt.“ tgen ble⸗„So iſt es,“ erwiederte der König und winkte t als jl⸗ Don Felir de Eſtaban, der gleich darauf die Halle ter manſ verließ. den ent⸗ zrrickge⸗ inet Au⸗ licht haſt, in!“ ig dajwi⸗ des Ober⸗ alun ein uunglo nwin uns, wa einm ſo oder nnt horhtt it XIII. Don Luis hatte zu ſichtbar eine unedle Handlung durch phraſenhafte Ausflüchte zu verdecken geſucht, als daß ſelbſt der Ruf ſeines ſtrengkirchlichen Wandels ihn vor Verdacht ſchützen konnte. In unſern Tagen würde frei⸗ lich eine Juſtiz, die jede auf indiskrete Weiſe erlangte Zeugenſchaft als ungültig verwürfe, willkürlich und grillenhaft erſcheinen, aber noch war das Zeitalter unſe⸗ rer Erzählung durchweht und durchdrungen von jenem mitteralterlichen Princip der ritterlichen Ehre, deſſen zähe Lebensfähigkeit am längſten dem Andrange der neueren Bildung widerſtand. Nicht Einer der Richter hätte in dieſem Falle anders geſprochen— um ſo höher war die allgemeine Neugier auf die Erſcheinung des verkündeten Zeugen geſpannt. Arthur war in fieberhafter Bewegung; ſeine Wange röthete ſich und erblaßte in pfeilſchnellem Wechſel, ſeine Augen ſtierten krampfhaft nach den Thü⸗ ren der Halle— als dieſe ſich öffneten und Felix de Eſtaban mit Donna Maria eintrat. Sie lüftete den Handlung t, als daß z ihn vor würd ftei⸗ ſe erlangt irlich und alter unſe von jenem deſen zühe der neueren thätt in iu wur b verkündeten Bewegung ſilſchnelen dn Thir ir de den d Fel lüftet 167 Schleier und überblickte mit tiefer, faſt unnatürlicher Ruhe die Verſammlung. Sie war bleich und abge— magert von Kummer und Angſt; ihr dunkles Auge er⸗ ſchien größer durch die Abgefallenheit ihrer Züge, und mit den blaſſen Wangen und Lippen contraſtirten ſelt⸗ ſam die ſchwarzen Wimpern, an denen nicht eine Thräne hing. Sie trat wenige Schritte vor, verneigte ſich vor dem Könige und warf dann einen feſten, forſchenden Blick auf den Gefangenen. Was in jenem kurzen Augen⸗ blick in ihrer Seele vorging, wußte nur ſie „Setzt Euch, Donna Maria Morales!“ ſagte der König, indem er nur mit Mühe die Rührung überwand, welche ihn bei dem Anblick der tiefgebeugten Wittwe er— griff.„Gern hätten wir Euch dieſer Vorladung über⸗ hoben, denn es thut uns weh, Eurer ſtillen Trauer Euch rückſichtslos entreißen zu müſſen, aber die Gerechtigkeit bedarf Eurer Ausſage— von Euch hängt es ab, ob dieſer Gefangene dem Leben zurückgegeben wird oder un⸗ rettbar dem Tode verfällt. Doch ſetzt Euch zuvor!“ „O nein, gnädiger Herr,“ erwiederte Marie,„ſchenkt mir nicht größere Rückſicht, als jedem anderen Zeugen. Meine Kraft wird mich nicht verlaſſen—“ und ſie winkte ablehnend dem Don Felix de Eſtaban, der im Begriffe war, ihr einen Sitz anzubieten. Der König überließ es nicht dem Prior, dem ſchwer⸗ geprüften Weibe die Reſultate der bisherigen Unterſuchung mitzutheilen. Er ſelbſt berichtete ihr klar und beſtimmt, welche Ausſagen für und wider den Angeklagten vor⸗ lagen und forderte ſie alsdann auf, zu erklären, ob ihr die Urſache des Haſſes, welchen Arthur Stanley gegen Morales hegte, bekannt geworden, ob der Angeklagte ſich in ihrer Gegenwart entehrender Ausdrücke wider den Verſtorbenen bedient und Drohungen ausgeſprochen hätte, aus denen ſein Verlangen nach des Letzteren Tode her⸗ vorginge, ob ſie mit Grund annehmen dürfte, daß Don Ferdinand Morales ſich je geweigert hätte, Arthur Stan⸗ ley in ehrlichem Zweikampfe zu begegnen, oder daß ſolche Weigerung von ihm beabſichtigt worden und ſomit den Angeklagten vermocht hätte, ſeine Rachſucht durch Mord zu befriedigen.„Ehrwürdiger Vater,“ fuhr Fer⸗ dinand fort,„wollet ihr nun den üblichen Eid zuer⸗ kennen.“ Alsbald erhob ſich Pater Francisko von ſeinem Sitze, ergriff das große, reichgearbeitete Silbercrucifir und trat vor Marien hin. „Marie Henriquez Morales,“ ſprach er,„biſt Du Dir wohl bewußt der Heiligkeit der Worte, die auszu⸗ ſprechen wir von Dir heiſchen? Dann ſchwöre, die Wahrheit zu ſprechen, die volle Wahrheit und nur die Wahrheit! Schwöre bei dem heiligen Symbol, welches meine Hand trägt, bei dem unausſprechlichen Namen des Vaters, bei dem Fleiſch und Blut, der Auferſtehung und dem Leben unſeres Herrn und Erlöſers Chriſtus Jeſus, bei dem heiligen Geiſte, bei der alleinſeligmachenden Dreieinigkeit, bei der Gemeinſchaft der Heiligen und Märtyrer! Schwöre, meine Tochter, und Segen oder Fluch hafte an Deiner Ferſe, je nach der Wahrheit oder Lüge Deines Schwures!“ nly gn geklagte ſich wider den ochen hätte, Tode her⸗ „daf Don thur Stan⸗ oder daß und ſomit ucht durch fuhr Fir⸗ Eid zuer⸗ on ſeinem lberttuft „biſt Du die ausjle wöre, die d nur die l, welches Namen des chung und ſius Jeſts, machenden ligen und egen ode hrheit oder — 169— Die tiefen, ernſten Züge des Priors waren von heiliger Begeiſterung verklärt. Als er ſo vor Marien ſtand, mit einer Hand das Crucifir ſchwingend, die an— dere weihevoll erhebend, ſchien ſeine Geſtalt ſich zu un“ gewöhnlicher Größe zu erheben, und der feierliche Ernſt ſeiner Worte, in denen eine furchtbare Mahnung an eine ewige Vergeltung lag, durchſchauerte die Verſammlung. Tiefe, andächtige Stille folgte ſeiner Anrede. Nur Ar⸗ thur zitterte in namenloſer Erregung, denn, hatte Marie wahr geſprochen, ſo konnte ſie in dieſer Form nicht ſchwören. Doch, ehe er noch ſeiner Zweifel ſich klar be⸗ wußt ward, wurde ſchon der feſte und entſchloſſene Ton ihrer Stimme gehört. „Ehrwürdiger Vater,“ begann ſie,„ich danke Euch für Eure Ermahnung. Glaubt mir, ich bin über die hohe und verhängnißvolle Bedeutung meiner Ausſage wohl unterrichtet, aber vergebens hofft mein königlicher Herr, vergebens hofft Ihr, ſeine verſammelten Räthe, durch mich das Schickſal des Angeklagten entſchieden zu ſehen. Mein Zeugniß iſt werthlos! Ich gehöre jenem Geſchlechte an, deſſen Wort als werth- und geltungslos verworfen wird von den Richtern Spaniens! Ich kann den geforderten Eid nicht leiſten, denn ich bekenne mich nicht zu dem Glauben, auf welchen er geſchworen wird: Ich bin eine Jüdin!“ Ein einziger wilder Schrei des Entſetzens drang aus tauſend Kehlen und ſcholl mit donnerähnlicher Ge⸗ walt durch die weite Halle. Pater Francisko wich un⸗ ſicheren Schrittes zurück, als wollte er vor der unreinen Nähe Marien's flichen, und ſtand dann wie feſtgewurzelt, mit den Händen krampfhaft das Crucifir umklammernd und das blaſſe, hinfällige Weſen anſtarrend, das ſolche Frevelworte geſprochen hatte. Die anweſenden Patres erhoben ſich, wie ein Mann und bildeten einen Halb⸗ kreis um ihren Obern, bereit, auf deſſen leiſeſten Wink den Fluch der Kirche auf die Verworfene herabz zurufen. Die Adelsbrüder des Verſtorbenen und die Vertreter der Santa Hermandad fuhren von ihren Sitzen empor; ſelbſt König Ferdinand verlor einen Augenblick ſeine un⸗ erſchütterliche Haltung, und in wilder Bewegung wälzten ſich die Zuhörer, wie eine einzige ungeheure Woge heran, um, die Reihen der Soldaten durchbrechend, dem Mittel⸗ punkt des Auftritts näher zu ſein. Mitten in dieſer tumultuariſchen Bewegung ſtürzte Arthur, von ſeinen Wächtern nicht gehindert, in un⸗ widerſtehlichem Drange vorwärts und warf ſich Marien zu Füßen. „Marie, Marie,“ rief er mit unterdrückter, halb⸗ lauter Stimme aus— und nur ſie hörte ſeine Worte —„warum thateſt Du das? Warum l leiſteteſt Du nicht den verlangten Eid, der mich verdammen mußte? Maric, ſolcher Aufopferung bin ich nicht werth!“ „So haſt Du ihn doch erſchlagen? Habe ich mich in Dir getäuſcht, Arthur?“ fragte ſie und ihre Hand, welche machtlos auf ſeiner Schulter ruhte, zitterte heftig. „Nein!“ rief Arthur in einem Tone und mit einem Blicke, der Marien urplötzlich überzeugte. ſtgewurzelt, lammernd das ſolche den Patres inen Halb⸗ ſſten Pink tabzuruſen ertreter der n empor ſeine un⸗ ig wälzten oge heran, m Nittel⸗ ng ſtürte t, in un⸗ h Marien ter, halb⸗ ne Worte Du nicht Marie, ich mich re Fand, zitterte it einen Der König hatte unterdeſſen bemerkt, daß der Prior zu gefaßterer Stimmung zurückkehrte. Obgleich ſelbſt ein eifriger Katholik, konnte er es nicht über ſich gewinnen, die erklärte Freundin und Schutzbefohlene ſeiner könig⸗ lichen Gemahlin der unmittelbaren Gewalt der Kirche zu überantworten.„Haltet ein!“ rief er ſchnell, als Pater Francisko reden wollte.„Seid nicht vorſchnell in ſolcher Sache, ehrwürdiger Vater! Sonderbare und ſchlimme Worte hat dies Weib geſprochen— aber ſie ſind bedeutungslos, ſie müſſen es ſein. Jammer und Aufregung haben ihr Gehirn verrückt, ſie iſt von Sinnen. Seht, wie ſie den Gefangenen anſtarrt! Spricht aus dieſem Blicke ein ungetrübter Geiſt? Bei allen Heiligen, wir thaten Unrecht, ſie hierher zu rufen! Zurück, Ihr frommen Väter! Man entferne den Gefangenen und führe Donna Maria in ihre Gemächer zurück!“ „Erlaubt, königlicher Herr!“ erwiederte der Prior ernſt.„Donna Maria hat ruhig und in wohlerwogener Abſicht geſprochen; es war nicht die Raſerei einer Irren. Laßt nicht die Ungläubige von dannen gehen, ohne ſich ehrfurchtsvoll vor dem heiligen Symbol niederzuwerfen, das ſie frech geläſtert hat! Hütet Eure Seele vor dem ewigen Höllenfeuer und ſtöret nicht die Wege meiner Pflicht!“ „Während Pater Francisko alſo ſprach, verſuchten Arthur's Wächter, ihn von Marien fortzureißen; er rang nach Befreiung, um die Bedrohte ſchützen zu können— aber vergebens. Doch der Blick, den ſie in dieſem Augenblicke der Trennung auf ihn warf, gehörte nicht — mehr jener Ruhe an, die ſie ſchwer erkämpft und lang be⸗ hauptet hatte— ihr Geiſt begann umter der Wucht des ſelbſtgefaßten und mit Ueberbietung der eigenen Kraft ausgeführten Entſchluſſes zu erliegen. Es war ein furchtbares Geſtändniß von unabſeh⸗ barer Tragweite. Sie hatte nicht nur durch dies Be⸗ kenntniß jahrelanger Verſtellung die Rache der Kirche, die Grauſamkeiten jenes ſchrecklichen, geheimen Tribu⸗ nals, das ihr aus den Traditionen ihrer Familie wohl bekannt war, heraufbeſchworen— ihr drohte auch der erbitterte Zorn ihrer eigenen Glaubensgenoſſen, die nun durch den unerwarteten Verrath einer Tochter ihres eigenen Volkes ihre Sicherheit gefährdet ſehen mußten. Wohl hatte Marie dies vor ihrer Erklärung erwogen, ſie hatte ſich für ſtark genug gehalten, Alles zu tragen, wenn ſie nur die furchtbare Pflicht umgehen konnte, Worte auszuſprechen, die Stanley auf's Blutgerüſt füh⸗ ren mußten; aber jetzt, da ſie geſprochen hatte, wurde ſie von der entſetzlichen Ahnung aller der Qualen und des Jammers, die ihrer nun unfehlbar harrten, über⸗ wältigt. Unheimliche Geſtalten huſchten wie Geſpenſter vor ihrem Geiſtesauge vorüber; bald ſah ſie aus den geöffneten Gräbern des Cedernthales ihre Verwandten emporſteigen und die fleiſchloſen Hände zum Fluche em⸗ porheben, bald hörte ſie rings umher das Knarren der Folterinſtrumente und die ächzenden Stimmen gequälter Opfer. Ein dunkles Gefühl, daß ſie durch ihr Geſtänd⸗ niß von dem Bußen ihres Volkes ſich losgeriſſen und erbarmungsloſen Gewalten preisgegeben hätte, überwäl⸗ tig mi Un — dlang b⸗ tigte ſie, ihre Sinne verwirrten ſich, und als der Prior Vuft ds mit dem Crucifir wieder vor ihr ſtand und ſie knieen men Kraft und anbeten hieß, brach ſie in ein wildes, krampfhaftes Gelächter aus und ſtürzte dann regungslos, mit geſchloſſe⸗ mabſeh⸗ nen Augen zu Boden.. dies Be⸗„Sagte ich nicht, ſie iſt von Sinnen? Wozu thut er Kitche, man ihr Gewalt an?“ rief der König entrüſtet, indem Tribr⸗ er durch ein gebieteriſches Zeichen die Mönche fortwies ilie wohl und ſich über Marien beugte. Mehrere Adlige folgten h ach ſeinem Beiſpiele und ſuchten der Ohnmächtigen Beiſtand oſſen, die zu leiſten, aber vergebens: Don Felix de Eſtaban mußte ter ihres ſie endlich auf ſeinen Armen aus der Halle tragen. 6 nußten. Als Ferdinand auf ſeinen Sitz zurückkehrte, traf ſein Blick den Gefangenen, deſſen vergebliches Ringen, ſich 5 ſeinen Wächtern zu entreißen und Marien nachzuſtürzen, nicht unbemerkt blieb und Manchen zu ſtillen Vermuthungen und Deutungen veranlaßte. Die Ruhe war endlich wieder hergeſtellt und der Oberſte der Hermandad fragte den Gefangenen, ob er ogen, ſie tagen, konnte, rüſt ſih⸗ wunde len und 1 t, über⸗ noch Etwas zu ſeiner Vertheidigung vorzubringen hätte. ne Arthur antwortete verneinend und der Hermano ſtellte e nun die Reſultate der Unterſuchung zuſammen. Obgleich 2 d aus den 5* die Wittwe des Verſtorbenen als Ungläubige nicht für wandten 1 n oder wider Arthur Stanley zeugen konnte, ſo genügte uche S. 2 8 doch, ſeiner Anſicht zufolge, der aus den übrigen Zeugen⸗ ren de ausſagen, aus den Umſtänden und endlich aus des Ge⸗ fangenen Selbſtgeſtändniß ermittelte Thatbeſtand, um jeden Zweifel zu heben. Er wandte ſich nun in kurzer Anrede an die anweſenden Adligen, Prieſter und Herma⸗ equältet Feſtund⸗ en und bemwül⸗ — 174— nos und forderte ſie auf, über des Angeklagten Schickſal zu entſcheiden. Eine lange, ängſtliche Pauſe ging dem Spruche voran. Er wurde endlich verkündet: die bei weitem überwiegende Mehrheit erklärte Arthur Stanley für ſchul⸗ dig, und das Todesurtheil ward demgemäß gefällt. Doch alsbald erhob ſich der Herzog von Murcia und verlangte nicht nur im Namen ſeiner Genoſſen in der Pairswürde, ſondern auch im Auftrage der Königin Iſabella, der ſouveränen Lehnsherrin des Verſtorbenen, daß in Rück⸗ ſicht auf die verwickelten und widerſprechenden Umſtände, auf des Gefangenen frühere Stellung und ſeine ſtandhaft betheuerte Unſchuld, eine Monatsfriſt liegen ſollte zwiſchen dem Urtheil und ſeiner Vollſtreckung; mittlerweile wären durch ganz Spanien öffentliche Gebete um die Entdeckung des wahren Mörders oder um ein Zeichen der etwaigen Un⸗ ſchuld Arthur Stanley's anzuordnen. Nach Verlauf die⸗ ſer Friſt ſollte, wenn ſich keine Aenderung des bisher ermittelten Thatbeſtandes ergäbe, ein Gerüſt in der Calle Soledad auf der Stelle des verübten Mordes errichtet, dort der Gefangene öffentlich aller Ehren und Rechte der Ritterſchaft für verluſtig erklärt, ſein Schwert vor ſeinen Augen zerbrochen und er ſodann, wie es das Geſetz forderte, nach Art der gemeinſten Miſſethäter durch den Strick vom Leben zum Tode gebracht werden. Ferdinand und der Prior betrachteten Stanley aufmerkſam, während das Urtheil verkündet wurde, aber es war ſchwer, den Ausdruck ſeiner Züge zu er⸗ we ſch Ma Ueh Schicſſal Sptuche i weitem für ſchul⸗ lt. Doch verlangte irswürde, in Rück⸗ Umſtände, ſtandhaſt ezwiſchen ile wären nideckung gigen Un rlauf di⸗ es bisher der Calle errichte, d Rechte hwert vor ees das Niſethäter gebruhh Stonleh ge zu 175— rathen. Seine Blicke waren unverwandt auf die Thür gerichtet, durch welche Marie fortgetragen worden— er ſchien gerade in dieſem furchtbaren Augenblick an ſich ſelbſt am wenigſten zu denken. Der König dankte ſodann den Mitgliedern des Gerichtshofes auf's Freundlichſte für ihren Beiſtand in ſo ſchwieriger Sache und erklärte ſich als Souverän des Angeklagten mit dem Verlangen der Königin und der Kaſtiliſchen Granden einverſtanden. Doch die öffentliche Aufregung wurde durch den Schluß der Unterſuchung nicht vermindert: der Schrecken über Morales Ermordung wich neuer und größerer Be— ſtürzung. Bürger, Adlige und Prieſter ſah man auf allen öffentlichen Plätzen in gedrängten Gruppen zuſammenſtehen und in eifriger Unterredung das neue Ereigniß des Tages ausbeuten. Fragen und Ver⸗ muthungen drängten ſich in überſtürzender Folge, aber Niemand wußte Donna Maria's eben ſo räthſelhafte, als unglaubliche Ausſage zu deuten. Nur Don Luis bewahrte mitten in dieſer auf⸗ und abfluthenden Be— wegung der Gemüther unveränderlich denſelben kalten, ſchnöden Ausdruck der Theilnahmsloſigkeit. Er war, nachdem der König ſein Zeugniß verworfen hatte, wäh⸗ rend der übrigen Dauer des Verhörs nicht von ſeinem Platze gewichen, und nur aufmerkſame Beobachter hatten die ſpürenden Blicke bemerkt, die er unter dichten, ſchat⸗ tigen Brauen hervor auf ſeine Umgebung warf. Und als das Urtheil geſprochen war, durcheilte er die Stadt nach allen Richtungen, lauſchte, um die Stimmung der 6 ——— — 176— Bevölkerung zu erkunden, ſcheinbar gleichgültig den um⸗ laufenden Gerüchten, und floh dann vor dem hellen Tages⸗ lichte in die dunkeln Schlupfwinkel ſeiner hölliſchen Ge⸗ noſſen, um teufliſche Anſchläge zu erſinnen und mit einer Schnelligkeit auszuführen, die keinem in Freveln minder Erfahrenen glaublich ſchien. ltig den um⸗ hellen Tages⸗ ölliſchen Ge⸗ ind mit einer eweln minder XXIV. Iſabella harrte, von ihren vertrauteſten Hofdamen umgeben, dem Ende der Unterſuchung entgegen. Die Zeit verging langſam und mit jeder Stunde, die verfloß, wuchs die theilnahmsvolle Spannung der Königin, bis Inez Pas, die Jüngſte dieſes Kreiſes, ſich heimlich fort⸗ ſtahl, um ihre Gebieterin mit Nachrichten über den Ver⸗ lauf des Verhörs zu überraſchen. Doch kaum waren wenige Minuten verfloſſen, als ſie mit dem Ausdrucke des allerhöchſten Schreckens zurückkehrte. „Königin,“ rief das junge Mädchen, indem ſie, jeder durch die Etikette gebotenen Schranke vergeſſend, auf Iſabellen zuflog,„die Aufregung hat ſie getödtet! Sie ſtirbt!“ „Wer?“ rief Iſabelle und erhob ſich beſtürzt von ihrem Sitze—„Wer ſtirbt? Sprich es aus in der heiligen Jungfrau Namen!“ „Donna Maria, die arme unglückliche Marie! Don Felir hat ſie ſo eben auf ſeinen Armen aus der 12 — 178— Halle getragen. Ich habe ſie geſehen— ſie ſieht einer Leiche gleich! Ich verſuchte, ſie wachzurufen, aber ich vermochte es nicht. Rettet ſie, gnädige Gebieterin! Laßt ſie nicht ſterben!“ Augenblicks befahl Iſabelle ihrer ſämmtlichen Um⸗ gebung, der Unglücklichen Beiſtund zu leiſten und behielt nur Inez Pas zurück, um, wenn möglich, Näheres zu erfahren. „Haſt Du niemals eine Ohnmächtige geſehen,“ fragte ſie Inez,„daß Dich ſolcher Anblick aller Faſſung beraubt?“ „O es iſt mehr, als Ohnmacht, meine königliche Gebieterin,“ antwortete die Gefragte zitternd.„Vor ihrer Thür ſind Wachen aufgeſtellt, und man erzählt ſo grauſige Dinge, die ich weder glauben, noch wieder⸗ holen mag!“ „Der Anblick einer Bewußtloſen ſcheint anſteckend auf Dich zu wirken,“ verſetzte Iſabella lächelnd.„Was haſt Du denn für grauſige Märchen gehört, Du furcht⸗ ſames Kind?“ „O ſcherzt nicht, Königin!“ rief Inez Pas faſt athemlos.„Sie ſagen, Marie ſei eine Ketzerin, nein — Schlimmeres noch eine Ungläubige! Sie ſoll ſich geweigert haben, den Eid zu leiſten, weil ſie nicht un⸗ ſerer heiligen Kirche angehörte— ſie ſoll das Kreuz geläſtert und entweiht und ſich laut als eine Jüdin, als eine abſcheuliche, ungläubige Jüdin bekannt haben!“ Iſabelle wich einen Augenblick in ſchreckensvoller Bewegung zurück, doch raſch gewann ſie ihre frühere ſicht einer n, aber ich tetin! Aft ntlichen Um⸗ und behielt ch, Näheres ge geſehen,“ ler Faſſung ſe königlich mnd.„Vor m etzählt ſo noch wieder⸗ nt anſtckend elnd.„Pos Du furht i Pns ſii rin, win Sit ſoll ſich ₰ — 179— Haltung wieder und fragte die junge Inez langſam und bedächtig:„Was erzählte man Dir? Laß es mich noch einmal hören!— Eine Jüdin?!— Es kann nicht ſein — der Schreck hat Deine Sinne verwirrt.“ Doch ehe noch Inez Pas ihre Erzählung mit grö⸗ ßerer Faſſung wiederholt hatte, hörte Iſabella auf, an der Wahrheit des Gehörten zu zweifeln.„Meine dun⸗ keln und räthſelhaften Worte werden ſich zu furchbarem Verſtändniß aufhellen—“ ſo hatte Marie geſprochen, und ihre Vorausſagung war nun erfüllt. ** Lange noch ſtand Iſabelle ſinnend, in ſich ſelbſt verloren, und gedachte des Verſprechens, das ſie Donna Maria gegeben hatte, als ein Geräuſch auf dem Corridor hörbar wurde und gleich darauf der König eintrat. Er wiederholte, was ſie bereits wußte und fragte ſie, ob Marie während des vorhergehenden Abends Nichts geäußert hätte, das ſich im Zuſammenhange mit dem nunmehr Geſchehenen deuten ließe. Iſabelle ver⸗ ſchwieg ihrem Gemahl nicht, daß Marie mit vollem Bewußtſein die Enthüllung unerhörter Dinge verheißen und in Vorausſicht der Verfolgungen, die ſie freiwillig wider ſich heraufbeſchwören würde, ſich der königlichen Gnade überantwortet hatte. Ferdinand ging mißmuthig im Zimmer auf nieder. „Wer hätte ahnen können,“ rief er nach einer Weile aus,„daß Don Ferdinands Weib eine Jüdin war! Wie konnte er nur ſein Gewiſſen über eine ſolche Ver⸗ 12* — 180— bindung beſchwichtigen? Wo mochte er ſie gefunden haben?... Und nun dieſe wahnwitzige Selbſtauf⸗ opferung, das Unbegreiflichſte von Allem!“ „Minder unbegreiflich, als Du glaubſt,“ verſetzte Iſabelle.„Du wirſt früh genug erfahren, was Marien zu dieſem Schritte vermochte Doch laß uns nicht be⸗ dauern, daß ihr Geheimniß nun offenbar geworden. Sie mag ſich jetzt von dem Eindrucke der Ereigniſſe er⸗ holen, die in dieſer Woche zerſchmetternd auf ſie ein⸗ drangen, und dann unter dem Beiſtande der frommen Väter ihrem Wahnglauben entſagen, damit ſie hier und dort des Glückes und der Seligkeit theilhaftig werde!“ „Deine Abſichten ſind edel,“ erwiederte Ferdinand, „doch rufe nicht allzufrüh die Hülfe der Geiſtlichen an! Die Kirche würde Marien anklagen, nicht nur unſern heiligen Glauben, dem ſie Jahre lang anzugehören ſchien, durch Verſtellung entweiht, ſondern auch Morales Herz durch hölliſche Zauberkünſte umſtrickt zu haben— und Du weißt, welches Loos ihrer dann harrt!“ Iſabelle blickte betroffen auf.„Das darf nicht ge⸗ ſchehen!“ erklärte ſie entſchieden.„Seit jenem glanz⸗ vollen Abend, da ich Marien zum erſten Male ſah, fühle ich mich unwiderſtehlich zu ihr gezogen, und jetzt, da ſie namenlos unglücklich um meinen Schutz fleht, vermag ich trotz ihres verhängnißvollen Selbſtgeſtändniſſes nicht, ſie zurückzuſtoßen!“ „Und warum wollteſt Du Dein Herz der Verlaſſe⸗ nen entfremden?“ fragte der König.„Wäre Marie gleich vielen Genoſſen ihres verruchten Unglaubens, eine ſie gefunden eSelbſtuf⸗ ſt,“ verſezte was Marien ins nicht be⸗ t gewotden. Freigniſſe er⸗ auf ſie ein⸗ der ſrommen ſie hiet und ig wade!“ e Ferdinand, iſtlichen an! nur unſern hören ſchien, ſorales Hetz ben— und arf nicht g⸗ enen glan le ſuh, fühle jeht, da ſi leht, vermag „ dniſſes nicht, dor Verlaſt Marie s, ine Wate lauben —81— jener Verworfenen, die unſer Reich mit ihren Irrlehren verpeſten und nur nach Gold und Wucher trachten, ſo überließen wir ſie dem ſelbſtverſchuldeten Schickſal. Aber die Gattin unſeres theuren Morales, die ſo lange im vertrauten Umgange mit eifrigen Katholiken gelebt hat, gehört im Grunde zu uns und hat ihre Abkunft nur in irgend einer geheimnißvollen Abſicht enthüllt.— Doch bei allen Heiligen ſie ſoll gerettet werden!“ „Aber wie?“ fragte Iſabelle ängſtlich.„Wird Pater Francisko glauben, daß ſie im Wahnſinn ge⸗ ſprochen?“ „Schwerlich,“ antwortete der König kopfſchüttelnd. „Pater Francisko iſt, wie wir, feſt überzeugt, daß Marie aus freiem Antrieb und bei völlig ungetrübtem Bewußt⸗ ſein ſich als eine Jüdin bekannt hat und dringt nun in mich, die Ungläubige geiſtlichen Händen zu übergeben. Du allein, die Du von den Dienern unſeres Glaubens als ein eifriges und treues Kind der Kirche verehrt wirſt, vermagſt ſie zu ſchützen. Verbiete den frommen Vätern allen Zutritt zu ihr, ſage ihnen der Wahrheit gemäß, daß Marie leidend und nicht im Stande iſt, irgend welchen Zuſpruch zu empfangen, und ſie werden Dir glauben. Unterdeſſen überlaß ihre Pflege nur den be⸗ währteſten Deiner Dienerinnen, ihr ſelbſt aber geſtatte nicht, die Schwelle ihrer Gemächer zu überſchreiten. Wenn es alsdann gilt, ſ Bruſt unſerer heiligen Mutter, der Kirche, zu legen, wird Pater Dioniſio, deſſen mildere Sinnesart uns Allen wohlbekannt iſt, leichter Zugang zu ihrem Herzen ie als reuiges Kind an die ————— — finden, als der ſtrenge Pater Francisko oder Dein fin⸗ ſterer Beichtvater Torquemada.“ Die Königin war nicht lange unentſchloſſen. Zum großen Erſtaunen der Wachen betrat ſie furchtlos das Zimmer der erklärten Jüdin und gewährte ihr ſelbſt liebevoll Beiſtand. Mehrere ihrer Dienerinnen, deren Neugier jetzt, da die Kunde des Geſchehenen mit allen üblichen Uebertreibungen von Mund zu Mund ging, mehr als befriedigt war, begannen alsbald mit Schrecken an die gefährliche Nähe der Ungläubigen zu denken und beſchworen ihre Gebieterin, als dieſe zum erſten Male mit dem Arzte Benedicto aus Mariens Gemächern zu⸗ rücktehrte, ihr Seelenheil nicht der Verbündeten des bö⸗ ſen Feindes preiszugeben und die Zuchtmittel der Kirche über die Verruchte zu verhängen, die den edlen Morales in das ewige Höllenfeuer geſtürzt hätte. Und nicht nur dem Fanatismus ihrer nächſten Umgebung mußte Iſabelle widerſtehen— eine ſchwerere Aufgabe harrte ihrer, als am folgenden Tage der Prior des Franciskanerkloſters im Schloſſe erſchien und im Namen der Kirche Mariens Auslieferung forderte. Doch Iſabellens einmal gefaßter Entſchluß war unabänderlich. Sie erklärte dem frommen Vater entſchieden, daß ſie der Wittwe des Don Ferdinand Morales ihren Schutz zu⸗ geſichert hätte und nicht Willens wäre, ihr königliches Wort zu brechen. Vergebens hob der Prior hervor, daß eine Jüdin nicht mit einer Königin unter einem Dache wohnen dürfte, daß Iſabellens übelangebrachte Milde dem Unglauben Vorſchub leiſtete und ſie, wenn er Dein fin oſn Zun urchtlos das te ihr ſelhſ inen, dern un mit alln Mund ging, mit Schreckin denken und erſen Male mächern zl⸗ deten ds bö⸗ tel der Kche den Moralts hrer nüchſen ne ſchwerere ge der Prior in und im rderte. Doch unnbindul. n doß ſi der n Schitz hr förigliche Prior hetwot, nter einen elngbth — 183 3 nicht dem Argwohn, doch der Rüge der katholiſchen Kirche ausſetzte.— Iſabelle blieb unerbittlich und ant⸗ wortete lächelnd, daß ſie den Ruf ihrer nie bezweifelten, ſtrengen Kirchlichkeit durch die Beſchirmung einer Jüdin, die durch eigenes Geſtändniß ihrem Unglauben ein Ziel geſetzt, nicht zu gefährden fürchtete. Als Pater Francisko ſah, daß er den entſchloſſenen giderſtand der Königin nicht zu brechen vermochte, be⸗ gnügte er ſich, freien Zutritt zu der Ungläubigen zu fordern, damit er ſie mindeſtens durch ernſte ermahnende Rede über ihr Seelenheil belehren könnte. Doch auch die ſem Begehren weigerte ſich Iſabelle entſchieden, Folge zu leiſten.„Marie Morales iſt krank,“ erklärte ſie, „ſchwer krank. Ihr ſelbſt habt ihr wahnſinniges Ge⸗ lächter gehört, als ſie vor Euren Augen zu Boden ſtürzte. Schonet ihrer, bis ſie leiblich und geiſtig er⸗ ſtarkt und fähig iſt, frommem Zuſpruche ihr Ohr zu leihen!“ Pater Francisko war ſtreng, aber nicht hart. Es war ihm ein Gräuel, eine erklärte Ungläubige unter dem Schutze der frömmſten Fürſtin der Chriſtenheit zu ſchen, aber dem fanatiſchen Rigorismus vieler ſeiner Brüder blieb er fremd. Als er erfuhr, daß Iſabelle mit entſchiedenem Ernſte an Mariens Bekehrung dachte, enthielt er ſich jeder weiteren Forderung, doch empfahl er ihr mit den eindringlichſten Worten, nach der Gene⸗ ſung der Ungläubigen kein Mittel unverſucht zu laſſen, und wenn Güte nicht fruchtete, zur Strenge ihre Zuflucht zu nehmen. Bis dahin ſollte Marie von allem Umgange — 184— mit jüngeren Perſonen ausgeſchloſſen bleiben und nur gewiſſenhaften, tadelloſen Katholiken Zutritt zu ihr ge⸗ währt werden. Dieſen Wünſchen des frommen Vaters ſagte Iſabelle bereitwillige Erfüllung zu und erlaubte ihm überdies, das Haus des Don Ferdinand Morales zu durchſuchen, um etwanige Bücher und Gegenſtände, die dem verabſcheuten Cultus der Ungläubigen angehör⸗ ten, zu vernichten. * Ein halber Monat war verfloſſen, als Schloß und Stadt von Segovia auf's Neue in die äußerſte Beſtür⸗ zung verſetzt wurden: Marie war verſchwunden! n und mur zu ihr ge men Paters id erlaubte nd Norales Fegenſtände, en angehör⸗ Schloß und rſte Beſtür⸗ wunden! XXV. Alle erdenklichen Mittel waren aufgeboten, geheime Maßregeln von allen Behörden des Reichs zur Habhaft⸗ werdung Verdächtiger ergriffen worden, Gebete ſtiegen täglich zum Himmel auf, daß, falls Arthur Stanley das Verbrechen nicht begangen hätte, ein ſicheres Zeichen ſeiner Unſchuld kund werden möchte— aber vergebens. Immer näher rückte der Tag der Urtheilsvollſtreckung, ohne daß der Stand der Dinge die geringſte Aenderung erfuhr. Wiederholt ſah ſich der König von der kleinen Zahl Derer, welche an des Gefangenen Schuld nicht glauben mochte, mit den nachdrücklichſten Fürbitten beſtürmt, aber ſein entſchieden ausgeſprochener Wille, das Reich vor der Wiederkehr ſo ſchwarzer Verbrechen zu ſchützen, mußte jeder Herzensregung Schweigen gebieten. Die Santa Hermandad, in ihrem Beſtande und ihren Vollmachten durch Ferdinand und Iſabella auf's Neue beſtätigt, hatte durch den Mund ihrer Vertreter den Angeklagten ſchul⸗ dig geſprochen, die Adelsgenoſſen des Verſtorbenen und — 186— die Geiſtlichen, welche in dieſem außerordentlichen Falle durch die königliche Prärogative zur Theilnahme am Verfahren berufen worden, hatten ſich mit bedeutender Majorität dem Urtheile der Hermanos angeſchloſſen— wie durfte jetzt ein königlicher Machtſpruch in die ord⸗ nungsmäßige Thätigkeit des Gerichtes eingreifen, ohne dem kaum wiedererſtarkten Rechtsgefühle der Nation die ſchwerſte Wunde zu ſchlagen und die Feinde der öffent⸗ lichen Sicherheit zu erneueten Attentaten zu ermuthigen? Wohl durften Ferdinand und Iſabelle dem Verurtheilten Gnade gewähren— aber war Begnadigung, die weder des Angeklagten Ehre retten, noch der beleidigten Ge— rechtigkeit Genugthuung geben konnte, etwas Anderes als Schuldigſprechung? Stanley ſelbſt blieb jeder Hoffnung fremd. Der Umſtand, daß ſein Schwert, mit welchem er Morales Blut zu vergießen gelobt hatte, wirklich in des Ermor⸗ deten Todeswunde gefunden worden, verſenkte ihn in tiefernſte Betrachtungen. Bald hielt er das Geſchehene für ein ſchweres Gericht, das über ſeine unheilvollen Abſichten erging und machte ſich das vernichtende Selbſt⸗ geſtändniß, vor dem ewigen Richter, der die Abſicht der That gleich achtet, als Mörder dazuſtehen, bald gedachte er des ſchuldlos gefallenen Morales und hielt ſich und den Gemordeten für Opfer einer tückiſchen Macht, die im Verborgenen ſchlich und deren geheime Wege das blöde Auge irdiſcher Richter nicht zu entdecken vermochte. Der Gedanke an einen ſo ſchmachvollen Tod erfüllte Arthur mit Entſetzen. Und dennoch wäre es dem milden ichen Falle ahme am bedeutender chloſſen— n die ord⸗ ifen, ohne Ration die der öffent⸗ muthigen! erurtheilten die weder digten Ge 6 Andetes und. Der er Morales des Ermor⸗ te ihn in Geſchehen nheilvoll ude Selbſ⸗ Abſicht der d gedochte tt ſich und Nuct, di Veg d vemochte Lod erfülle den nilden — 7— Zuſpruche des Franciskanerpriors gelungen, den Gefange⸗ nen zu endlicher Ergebung in das Unvermeidliche zu ſtimmen, wenn nicht dieſen die Frinnerung an Marien unabläſſig in die ſtürmiſche Fluth leidenſchaftlicher Ge⸗ fühle zurückgeſchleudert hätte. Marie war wieder frei und hatte, ihn zu retten, das furchtbare Geheimniß ent⸗ hüllt— ſie war ihm theurer als je!——— Und dennoch ſollte er ſterben! Von Don Felir de Eſtaban, ſeinem Wächter, erfuhr Arthur, daß Marie auf dem Wege der Geneſung und unter Iſabellens Schutze vor Verfolgung ſicher war. Sie hatte, als ſie den Wunſch des Priors erfuhr, der Sennora, in deren Obhut ſie ſtand, bereitwillig geſtan⸗ den, daß man durch eine Tapetenthür in der Wand ihres Schlafzimmers in ein kleines Cabinet gelangen und dort die vermutheten Bücher und Gegenſtände finden würde. Die Entdeckung dieſes geheimen Gemaches hatte, wie Don Felix de Eſtaban weiter erzählte, den ganzen Hof in die äußerſte Ueberraſchung verſetzt. Wie hatte es Morales, dem die Herzen der ſchönſten und edelſten Spanierinnen entgegenſchlugen, über ſich gewinnen kön⸗ nen, einer Jüdin nicht nur ſeine Hand zu reichen, ſon⸗ dern auch die Ausübung eines von Gott und Menſchen verworfenen Cultus unter ſeinem Dache zu geſtatten?— Es war ein nicht zu löſendes Räthſel. Die Kirche, wel⸗ cher der Verſtorbene nicht mehr Rede ſtehen konnte, mußte ſich begnügen, die vorgefundenen Bücher voll Ketzerthum und Aberglauben dem Feuer zu übergeben und die ſilbernen Lampen, welche man an dem bezeich⸗ —— neten Orte entdeckte, zu einem Bilde der heiligen Jung⸗ frau für die Franciskanerkirche umſchmelzen zu laſſen. Damit auch keine Spur der entdeckten Gräuel übrig bliebe, wurde der Eingang zu dem geheimen Cabinet, nachdem dieſes durchräuchert und mit Weihwaſſer be⸗ ſprengt und das Zeichen des Kreuzes tief in die Wände eingebrannt worden, unkenntlich gemacht und dicht ver— mauert. Die ausgedehnten Beſitzungen aber, welche Don Ferdinand Morales beſeſſen hatte, ſollten, da ſeine Wittwe eine Ungläubige und ſomit unfähig zu erben war, der Krone anheimfallen und Marien erſt, wenn ſie, durch Iſabellens gnadenreiche Abſichten bekehrt, öffentlich das Kreuz umfaßt hätte, zurückgegeben werden. Dieſe Mittheilungen dienten nur dazu, Arthur zu unwiderſtehlicher Sehnſucht nach Leben und Freiheit zu entzünden. In der Aufregung der wechſelvollſten Stim⸗ mung wurde er bald auf die ſonnige Höhe der kühnſten Hoffnungen emporgetragen, bald in die tiefſte Nacht troſtloſer Zweifel zurückgeworfen. Marie konnte Ka⸗ tholikin und die Seine werden! Sie mußte ihn lieben, da ſie ja verſucht hatte, ihn zu retten! Selbſt das Dunkel, welches bisher über ihrer vermeintlichen Untreue geſchwebt hatte, ſchien zu ſchwinden, da er den wah— ren Grund ihrer Verbindung mit Morales leiſe zu ahnen begann— aber eben ſo ſchnell ſchlug er bei kälterer Ueberlegung den luftigen Bau enthuſiaſtiſcher Hoffnungen in Trümmer. Hatte Marie je nur mit einem Worte ſich bereit erklärt, den Glauben ihrer Väter zu verlaſſen? Mußte ſie ihn lieben, weil ſie ihn durch ihre Ausſage — 189— gen Jung⸗ nicht verderben wollte? Und durfte er Morales mit dem zu laſſn. Vorwurfe des Irrglaubens belaſten, da er an ſich ſelbſt mel übrig erſahren hatte, welche Schonung er den Ueberzeugungen n Cabinet, der Geliebten zu gewähren fähig war?— Und wenn waſſer be⸗ wirklich ſeine gewagteſten Vermuthungen begründet wa⸗ 3 dir Vände ren: wenn Marie ihn noch liebte und ſeinetwegen Chriſtin k werden konnte— mußte nicht Alles vor dem eiskalten. Hauche der unerbittlichen Wirklichkeit zerſtieben? War nicht Alles zu ſpät, da ſchon der Henker die Hand nach dicht ver⸗ et, welche da ſeine zu ahn ſeinem jungen Leben ausſtreckte? wenn ſi, öffentlich Arthur zl Friheit; ſun Stin⸗ kühnſten onnte Ko⸗ ihn lieben, Selbſt das en Unttele den waß⸗ zu ahnen bei kälteret offnungen n Potn nſn re Musſage XXVI. An einem der nächſten Tage betrat Don Felix mit ſo verſtörtem Ausſehen des Gefangenen Zelle, daß dieſer kaum nach dem Geſchehenen zu fragen wagte. Marie war auf unerklärliche Weiſe und ſpurlos vom Schloſſe verſchwunden. Den vor ihrem Zimmer aufgeſtellten Wachen war von dem tief entrüſteten Königspaar eine eidliche Erklärung abgenommen worden, daß Niemand die Schwelle zu ihrem Gemache überſchritten hätte, und nur einige der Damen, welche im anſtoßenden Zimmer ſchlie⸗ fen, erinnerten ſich nach vielen eindringlichen Fragen der Königin, zwiſchen Schlafen und Wachen einen halblauten Schrei gehört, denſelben jedoch, da unmittelbar darauf tiefe Stille eingetreten wäre, nicht weiter beobachtet zu haben. Und dieſer unterdrückte Schrei allein ſollte nun, wie Don Felix de Eſtaban weiter berichtete, die Ver⸗ muthung Iſabellens rechtfertigen, daß Mariens Entfer⸗ nung unfreiwillig war. Frlir nit daß dieſer t. Narie n Schloſe ten Wachen ne eidliche mand die und nur mrr ſchli⸗ Frngen der ulllouun bar dunuf obachtt jl ſolle nul, die Ver⸗ ns Enſſt⸗ e — — 191— „Pater Francisko! der Arm der Kirche!“ rief Stanley. „Pater Francisko hat feierlich geſchworen,“ fuhr Don Felix fort,„daß weder er noch einer ſeiner Brüder einen ſo verwegenen Angriff auf das Hausrecht der Herrſcher gewagt hat. Torquemada iſt der Einzige, den ſolcher Verdacht treffen könnte, aber er iſt zur Zeit abweſend 5 — auch hätte er nicht ungeſehen mit Marien aus dem Schloſſe verſchwinden können.“ „Konnte ſie nicht freiwillig entweichen?“ fragte Stanley.„Jener Schrei, den die Hofdamen gehört haben wollen, mag ein Spiel ihrer Einbildungskraft geweſen ſein. Iſt es denn ſo unwahrſcheinlich, daß Marie aus Angſt vor ihrem künftigen Schickſale die Flucht ergriff?“ „Dann müßte eine Spur ihres Weges aufzufinden ſein,“ erwiederte Don Felix de Eſtaban.„Ungeſehen entweichen konnte ſie nur mit Hülfe der ſchwarzen Kunſt, die dieſem verfluchten Volke wohl bekannt iſt. Hätte ſie in menſchlicher Geſtalt die Schwelle ihres Gemaches über⸗ ſchritten, ſo wäre ſie von den Wachen angehalten wor⸗ den, und durch das Fenſter kann ſie ebenſowenig ent⸗ kommen ſein, da dieſe am Morgen nach ihrem Ver⸗ ſchwinden feſt verſchloſſen waren, wie am Abend vorher. Und ſelbſt wenn ſie den jähen Sprung in den Schloß⸗ hof vollführt hätte, wie ſollte ſie über die hohen, wohl⸗ bewachten Mauern gelangt ſein?— Es müſſen doch wohl hölliſche Zauberkünſte ſein— der Teufel verbirgt ſich gar oft in ſchöner Geſtalt: die Heiligen mögen uns — 192— bewahren, denn wir wiſſen nicht, auf wen es die Hölle zunächſt abgeſehen hat!“ „Es iſt dieſelbe finſtere Macht, die meinen Unter⸗ gang ſucht und Morales meuchlings geopfert hat,“ ver⸗ ſetzte Stanley nach einigem Sinnen.„Ein hölliſcher Feind hat ſeine Werkſtätte rings um uns aufgeſchlagen, Morales iſt dahin, Marie iſt ihm gefolgt und ich werde der Rächſte ſein. Dann mag vielleicht das Reich der Dämone zertrümmert und den Heiligen des Himmels der endliche Triumph werden!“ „Wollte Gott, die Jüdin wäre nie in unſere Nähe gedrungen!“ bemerkte Don Felir achſelzuckend.„Ihr verworfenes Volk bringt unſern armen Chriſtenſeelen nur Unheil und Gefahr!“ Unwillkürlich ballte Arthur die Hand und ſchleu⸗ derte einen herausfordernden Blick auf ſeinen Wächter, als dürfte in ſeiner Nähe kein verletzendes Wort wider Marien ungeſtraft bleiben— doch eben ſo ſchnell beſann er ſich klüglich und ſeine Bewegung ging, von Don Felir unbemerkt, vorüber. ** Noch drei kurze Tage— und die Friſt war abge⸗ laufen! Pater Francisko ſtellte ſich täglich ein, um Stanley durch Troſt und Ermahnung vorzubereiten. Unter dem unverletzlichen Siegel des Beichtgeheimniſſes geſtand ihm Arthur ſeine langgehegte Liebe zu Marien und die Gründe ſeines Haſſes wider Ferdinand Morales— es die Höll neinen Unter⸗ rt hat,“ ver⸗ in hölliſcher ufgeſchlagen, nd ich werde as Reich der des Himmels unſere Nähe cend.„Ihr ſtenſeelen nur und ſchle inen Wichter, Vort widet ſchnell beſann g, bon Don iſ wut obg⸗ lich ein, un vorjuberinn gighimiſs e i Marien d Norales W — 193 doch unerſchütterlich betheuerte er ſeine Unſchuld und unwandelbare Ueberzeugung, daß derſelbe Feind, der Marien ihres Gatten beraubt und ſie der Obhut ihrer Wächter entführt hätte, auch ſeinen Tod ſuchte. Seinen Richtern verzieh er gern— er fühlte, daß nach den vorliegenden Ausſagen und Umſtänden das Urtheil nicht anders lauten konnte, und daß er ſelbſt als Richter in gleichem Falle den Angeklagten ſchuldig geſprochen hätte. Noch einmal eilte Pater Francisko, nachdem er Arthur die Abſolution ertheilt hatte, zum Könige und bat mit den beredteſten Worten um Verlängerung der Friſt— doch umſonſt. Ferdinand hatte dem Obern der Santa Hermandad ſein königliches Wort gegeben, daß nur, wenn gewichtige Umſtände zu Gunſten Arthur's ſprächen, die Vollſtreckung des Urtheils Aufſchub erfahren ſollte— und unverändert blieb die Hinrichtung auf die zwölfte Stunde des einmal feſtgeſetzten Tages anberaumt. Der Tag graute, und Pater Francisko trat zu dem Gefangenen ein. Er fand ihn ruhig und gefaßt. Mit den rührenſten Worten bat Arthur den frommen Vater, Marien, wenn ſie je wieder gefunden würde, zu ſagen, wie treu und unwandelbar er ſie bis zum letzten Athem⸗ zuge geliebt hätte, vor Allem aber ſie gütig und ſcho⸗ nend zu behandeln und nur in Sanftmuth, nicht in eifervollem Zorne zur einzigen Quelle des Seelenheils zu führen. Tief ergriffen verſprach der Prior, wenn mög— lich der Irregeleiteten zu ſchonen und legte dann ſeine Hand ſegnend auf Arthur's Haupt, der betend nieder⸗ 13 — 194— kniete. Die Glocke verkündete, daß die letzte Viertelſtunde ſeines Lebens angebrochen war und che noch ihr Klang verhallte, hörte man den ſchweren Tritt der Wachen auf dem Gange. Don Felix de Eſtaban trat ſchweigend ein, der Prior blickte ihn durchdringend an, als wollte er aus ſeinen Zügen die Bewilligung weiteren Aufſchubs errathen— er hatte vergebens gehofft. Die Stunde war gekommen und Arthur Stanley wurde zum Tode geführt. Viertelſtunde och ihr Klang rWochen auf chweigend ein, als wollie et ten Auſſchubs Die Stunde de zum Lode XXVII. Als Marie ſich vor den verſammelten Richtern und Zuhörern rückhaltslos zum Judenthume bekannte, war ſie von dem Entſchluſſe beſeelt, mit Aufopferung ihres eigenen Lebens Arthur's Rettung zu erkaufen. Wohl wußte ſie, daß ſelbſt die Königin ihr fortan nur um den Preis der Bekehrung Schutz gewähren konnte, wohl hatte ſie der erbarmungsloſen Gewalt gedacht, der ihr Schickſal unabwendbar verfallen mußte— aber freudig wollte ſie ſich in Qualen und Tod ſtürzen, wenn ſie hoffen durfte, durch die Hingabe eines werthlos geworde⸗ nen und verödeten Daſeins einen Unſchuldigen aus Schmach und Feſſeln zur Ehre und Freiheit zurückzurufen. Und nun war Alles vergebens! Schaudernd mußte ſie ſich geſtehen, daß ſie nicht nur ſich ſelbſt preisgegeben, ſondern auch wider die geheimen Genoſſen ihres Glau⸗ bens den unheilvollſten Argwohn heraufbeſchworen hatte. Seit Jahrhunderten war Tauſenden am Hofe und im Volke, Adligen und Prieſtern, Bürgern und Bauern der 13* —— — —— S — 196— jüdiſche Glaube als ein theures, unverletzliches Geheim⸗ niß vererbt worden— und jetzt brach der Verrath aus dem eigenen Schooße der Bekenner hervor und drohte wider zahlloſe edle Geſchlechter die unverſöhnliche Rache der herrſchenden Kirche zu entfeſſeln. Im Bewußtſein dieſer ſchwer laſtenden Verantwort⸗ lichkeit gelobte ſich Marie mit unwandelbarem Entſchluſſe, zu retten, was zu retten war, und zuvörderſt das An⸗ denken ihres Gatten vor jedem Argwohn zu bewahren. Konnte auch ihn keine Verfolgung mehr erreichen, ſo durfte es doch um ihrer Brüder und Schweſtern willen nimmer ruchbar werden, daß ein Kaſtiliſcher Grande, ein Mann, der von der Herrſcher Gunſt und des Vol⸗ kes Liebe getragen worden, nur äußerlich dem Katholi⸗ zismus angehört hatte. Daß er ein Ehebündniß mit einer Jüdin geſchloſſen, mußte freilich befremden, aber Marie durfte hoffen, durch den Hinweis auf frühere Fälle ähnlicher Art und durch die unerſchütterliche Behauptung, daß Morales nur aus liebevoller Schonung ihren Glau⸗ ben geduldet, ſelbſt aber der katholiſchen Kirche treu an⸗ gehört hätte, ihre Worte mit dem Scheine der Glaub⸗ würdigkeit zu umgeben und die Aufregung, welche ſich ob des unerhörten Ereigniſſes aller Gemüther bemächtigt hatte, zu beſchwichtigen. Iſabelle hatte Marien, ſeitdem dieſe mit ſchnellen Schritten ihrer Geneſung entgegenging, nicht wiederge⸗ ſehen. Sie mußte ihren Gefühlen der Theilnahme für die vielgeprüfte Dulderin Gewalt anthun, damit ſie nicht Gefahr liefe, zum Schaden ihrer Seele ohne Abſcheu die MW ches Geheim⸗ Verrath aus und drohte hnliche Rache Vrrantwott⸗ n Entſchluſſe, Nerſt das A⸗ u bewahren. erreichen, ſo veſtern willn ſcher Grande, und des Vol⸗ dem bün enden, frihere Fůll Behauptung, ihren Glau⸗ rche treu an⸗ der Gl lgub⸗ welc lhe ſih er benicht igt nit ſhneln icht w wiederge⸗ eilnoh hme fir amit tſi ſich eAbſch 1 —— —— — 197— Nähe einer Ungläubigen zu ſuchen. Sie wollte laut ihres gegebenen Wortes und unwiderruflichen Entſchluſſes die Jüdin in die Arme der katholiſchen Kirche führen, ja, wenn liebevolle Ueberredung nicht fruchtete, ihre Zu⸗ flucht zu unerbittlicher Strenge nehmen und bedurfte zu ſolchem Werke der ganzen Entſchloſſenheit eines durch weichere Gefühle unbeirrten Charakters. „* * Vierzehn Tage waren ſeit dem verhängnißvollen Tage des Verhörs verfloſſen. Marie hatte ſich Abends erſchöpft in ihren Kleidern auf's Bett geworfen und war bald in ſo tiefen Schlaf geſunken, daß ihre Hüterin, um ſie nicht zu ſtören, ſich leiſe zurückgezogen. Doch nicht lange hatte ſie die langentbehrte Wohlthat genoſſen, als quälende Traumbilder ſie aus ſüßer Ruhe aufſcheuch⸗ ten und ihre Stirn mit kaltem Angſtſchweiß bedeckten. Sie hörte Arthur's Todesurtheil laut verkünden, ſie ſah ihn auf dem Blutgerüſte und eilte in ſeine geöffneten Arme, um mit ihm zu ſterben— und daneben ſtand der Henker, widerlich lachend, als er zwei Opfer ſtatt eines erblickte, und immer teufliſcher verzerrte ſich ſein Geſicht, bis ihr aus den unbekannten, allmälig verän⸗ derten Zügen der höhniſche Ausdruck des Don Luis Garcia entgegengrinſ'te. Schon ſah ſie die Henkersknechte thätig, ſchon fühlte ſie ſich vom Hauche ihres Athems berührt— da erbebte das Gerüſt, und vor ihr gähnte eine tiefe, finſtere Kluft, aus deren Grunde ihr er⸗ mordeter Gatte aufſtieg und ihr winkte, zu folgen. Und er begann die Lippen zu bewegen, aber es war nicht ſeine Stimme, die da rief:„Marie Henriquez Mo⸗ rales, mache Dich auf und folge!“ Dieſe Worte klangen ſo deutlich, als wären ſie in der unmittelbarſten Nähe der Schlaſenden geſprochen— und ſie waren es. Er⸗ ſchrocken fuhr Marie auf, noch lag ſie auf ihrem Bette, aber es mußte mit ihr durch den Fußboden des Zimmers weggeſunken ſein, denn vor ihr ſtand ein Mann, der mit erhobenen Händen das Kreuz ſchwang. Er hatte das Geſicht tief verhüllt, ſein Leib war von einer Kutte umſchloſſen, den ein hänfener Strick zuſammenhielt. Hatte er jene Worte geſprochen? Sie wußte es nicht. Sie ſah nur, daß er ſich ihr näherte und fühlte ſich mit ſtarker Fauſt gepackt und von ihrem Lager gehoben, das, wie durch unſichtbare Hände getragen, vor ihren Blicken in die Höhe ging. „* Als Marie ſich umblickte, fand ſie ſich in einer ſo ſchreckensvollen Umgebung, daß ſie meinte, viele Meilen weit von Segovia fortgeſchleppt zu ſein. Sie ſtand in⸗ mitten einer gewölbten, unterirdiſchen Halle, deren zahl⸗ reiche Ausgänge und Zellen ſich weithin auszudehnen ſchienen. Die Räume waren durch Fackeln erhellt, deren trüber Schein die Schrecken, welche ſich ringsumher dem Blicke enthüllten, unheimlich beleuchteten. Hier ſtanden Folterwerkzeuge jeder Art, dort ſchlichen geſpenſtiſche Geſtalten, mit grober Sarſche begleitet und dem Hanf⸗ ſic den der Al 72) es war uez Mo⸗ klangen en Nähe es. Er m Bette, Zimmers nn, det Fr hatte et Kutte t. Hatte ht. Sie ſich mit gehoben, or ihren einer ſo eMeilen ſtond in⸗ un jhl zudehnen lt deren nhet dem ſonden ſpunſiſh en Hanf — 199— ſtrick umgürtet, gebückt durch die niedrigen Gänge. Mit dem Kreuze, dem Symbol des göttlichen Friedens auf der Bruſt waren ſie beſchäftigt, über ihre Mitmenſchen Qualen zu verhängen, deren Beſchreibung die Annalen der Geſchichte zur ewigen Schmach ihrer Urheber aufbe⸗ wahren. Und es war nicht der bloße Anblick der Tortur⸗ inſtrumente, der Marien erſchreckte— aus den halbdun⸗ keln Gängen her drang das Schreien und Stöhnen der unglücklichen Opfer und der brutale Hohn ihrer Quäler an ihr Ohr, ihre gemartete Einbildungskraft ergänzte und vergrößerte, was ihre Blicke nicht erreichte und ihre Bruſt begann ſich zu heben, als wollte ſie mit den Ge⸗ folterten zum Himmel aufſchreien. In Mark und Ge⸗ bein erzitternd, erkannte ſie mit der Schnelligkeit des Gedankens den Schauplatz des ſchrecklichen Tribunals, von deſſen Exiſtenz ſie ſchon in früheſter Jugend gehört hatte der geheimen Inquiſition, der ihr eigener Groß⸗ vater, Julian Henriquez, entflohen war, und die den minder glücklichen Vorfahr ihres ermordeten Gatten ge⸗ foltert und verbrannt hatte. Einen Augenblick ſtand ſie wort- und bewegungs⸗ los, dann preßte ſie beide Hände krampfhaft feſt an ihre Schläfen, ſank zu den Füßen ihres Führers nieder und verſuchte, ſein Mitleid anzuflehen; doch ihre blaſſen Lip⸗ pen zitterten vor vergeblicher Anſtrengung— nur ein Schrei entfuhr ihr ſo ſchrillend, ſo wild, daß ſelbſt ihr Führer einen Augenblick zurückſchrak.„Närrin,“ mur⸗ melte er endlich, als er ſie mit nervigen Fäuſten auf⸗ richtete,„ich habe keine Macht, Dir zu helfen. Komm — 200— vor den Obern, dem wir gehorchen müſſen. Ihn bitte um Gnade, nicht mich!“ Er ſchleppte Marien in einen Verſchlag, der am obern Ende der Halle durch einen ſchwarzen Vorhang abgekleidet war. Hier ſaß am ſchwarzbehangenen Tiſche der Großinquiſitor nebſt einem Sekretär und zwei Ge⸗ noſſen ſeines Amtes. Alle trugen Larven von ſchwar—⸗ zem Krepp, um vor der Möglichkeit der Wiedererkennung geſichert zu ſein— aber die Stimme des Mannes, der Marien als Großinquiſitor bezeichnet wurde, durch⸗ fuhr ſie wie ein elektriſcher Schlag. Einen Augenblick ſtand ſie faſſungslos, dann ſchien ihre ganze Geſtalt ſich ſtolz zu heben, ihr großes Auge, ihr feiner Mund hatten nur einen Ausdruck tiefſter Verachtung. Pfeilſchnell enthüllte ein einziger Blick, der wie ein leuchtender Blitz⸗ ſtral aus dem Auge des Großinquiſitors niederfuhr, der Gefangenen die ganze Reihe der Ereigniſſe, die ihr bis⸗ her als unentwirrbares Geheimniß erſchienen waren. Daß Morales ihre frühere Liebe zu Arthur erfahren hatte, ſeine Ermordung, der Verdacht, welcher auf Stan⸗ ley ruhte, ihre Berufung zur Zeugenſchaft: Alles, das fühlte ſie klar, ruhte in der Hand eines Menſchen und entfloß einer heimlichen, verworfenen Leidenſchaft, deren Flammen ſie einſt rein und keuſch verſchmäht hatte. Sie täuſchte ſich nicht; ihr Loos lag in Don Luis Garcia's Händen. Umſonſt verſuchte der Großinquiſitor dem ſtolzen, durchdringenden Blicke Mariens zu begegnen— er fühlte, daß er entlarvt war. Eine unerklärliche Regung durch⸗ zu m Ihn bitte der am Vorhang en Tiſche zwei Ge⸗ ſchwar⸗ rkennung Nannes, e, durch⸗ lugenblic eſtalt ſih nd hatten zeilſchnel der Blit⸗ fuhr, det ihr bis⸗ 1 waren. erfahren uf Stan⸗ lles, das ſchen und ſt, dereu ht hatte Don Auis n ſtohzen⸗ er fühlte ng duch⸗ — S— zuckte ihn. Furcht konnte es nicht ſein, denn er bedurfte nur eines einzigen Winkes, um das hülfloſe Weib zu Folter und Tod zu verurtheilen— und dennoch zitterte er. Ihm war, als müßte er ſich ſelber haſſen, und mit dem Hauche der Erbitterung die Gluth ſeiner Leidenſchaft zu hellerem Brande anfachen— doch es war nicht Zeit, dieſer Anwandlung Raum zu gönnen. In tiefem, lang— ſamem Tone eröffnete er das Verhör. Marie hatte ſich offen zum Ketzerthume bekannt und war darum der Tortur nicht mehr unterworfen, ſie konnte nur noch zum Flammentode verdammt werden. Aber ihre eigene Schuld ſollte, wie der Großinquiſitor ausſprach, aus äußerſt er⸗ heblichen Gründen erſt ſpäterer Ahndung unterliegen. Zuvörderſt begehrte er Auskunft von ihr, ob ihr ver— ſtorbener Gatte ebenfalls ihrem Ketzerglauben angehört hätte, und als ſie dieſe Frage mit entſchiedener Vernei⸗ nung beantwortet, wurde ein Namensverzeichniß der edel⸗ ſten Familien Spaniens verleſen und ihr vorgelegt mit der Weiſung, diejenigen zu bezeichnen, die heimlich zu dem Unglauben ihrer Väter zurückgekehrt wären. Marie verweigerte jede fernere Ausſage. Immer wieder wurden dieſelben Fragen erneut, und als ſie hart⸗ näckig ſchwieg, die Werkzeuge der Tortur unter ſchreckli⸗ chen Drohungen herbeigeſchleppt, doch vergebens. Das Tribunal erkannte die Fruchtloſigkeit jedes weiteren Ver⸗ ſuches und Don Luis erklärte, der Gefangenen ſollte gnädige Friſt gewährt werden, um in einſamer Haft ihren endlichen Entſchluß reiflich zu überlegen.„Eine Rückſicht,“ fügte er in einem Tone hinzu, der Marien — 202— tiefer durchſchanerte, als der Anblick aller um ſie ver⸗ ſammelten Schrecken,„die wir nur ihrer Jugend und ihrem Geſchlechte gewähren!“ Tage und Nächte mochten vergehen: die arme Ge⸗ fangene wußte es nicht, denn wornach ſollte ſie die Stun⸗ den zählen? Ihre Nahrung ward ihr durch ein in der Mauer angebrachtes Loch zugeſchoben, kein Wächter be⸗ trat ihre dem Tageslicht verſchloſſene Zelle, damit nicht der Anblick eines menſchlichen Weſens die Qualen ihrer Einſamkeit lindern und ihr Hoffnung auf Mitleid er⸗ wecken konnte. So verging Stunde auf Stunde, ſie wußte nicht, ob draußen die Sonne am Himmel ſtand oder das Dunkel der Nacht die Erde verhüllte— da wich einſt plötzlich die Finſterniß ihres Kerkers und ſie gewahrte eine Lampe in der Hand eines vermummten Mannes. Ein Schrei der tiefſten Todesangſt entfuhr ihr, ein einziges ungeſprochenes Wort flehte inbrün⸗ ſtig den Himmel um Kraft an, und ſie ſtand vor Don Luis aufrecht und ruhig— wie einſt in jener Stunde ihres Triumphes. ² Garcia verſuchte keine Verſtellung mehr. Er warf die Kapuze zurück und blickte Marien mit dem wilden, unverhohlnen Ausdrucke der verwerflichſten Leidenſchaft an. Bald lüſtern lauernd, bald drohend befleckte er das Ohr des engelreinen Weibes mit den zuchtloſen Reden der roheſten Begier, mit den ſchrecklichſten Farben ſchilderte e ih ihres unde Zug igen hülf Einſ rief ſuhr nicht nr als ſiſil zuck velſ lert Glg tödt per tod kön ſie ve⸗ nd und me Gl⸗ eStun⸗ in det hter be⸗ it nicht nihrer leid e⸗ de, ſi l ſtand — d und ſe ummten enfuhr inbrün⸗ Don Stunde r warf wilden, oſt an⸗ Oht a6* — 203— er ihr die ſchärfſten Grade der Folter, die jedes Glied ihres Leibes in langſamer Pein zermalmen würde, doch unverändert ſpielte um ihren wortloſen Mund derſelbe Zug tiefſter Verachtung. Verzweifelnd ballte Don Luis die Fauſt wider die eigene Bruſt, als er auf's Neue vor der Würde dieſes hülfloſeſten aller Geſchöpfe zu Schanden wurde.„Alſo Einſamkeit, Kerkernacht vermögen nichts über Dich!“ rief er in ohnmächtiger Wuth.„Wohlan, Du ſollſt er— fahren, was ich vermag. Du glaubſt meinen Drohungen nicht; aber wiſſe, Du haſt die Werkzeuge der Tortur nur geſehen, nicht gefühlt. Qualen, denen Stärkere, als Du, unterlagen, kann ein einziger meiner Blicke ent— feſſeln und Dein gebrechlicher Leib liegt ohnmächtig zuckend unter den Füßen der Folterknechte!“ „Der gebrechlichſte Leib kann am Ende nur ſterben,“ verſetzte Marie tonlos—„ſterben— das haben Ed⸗ lere und Beſſere vor mir gethan!“ „Sterben?“ wiederholte Garcia höhniſch lachend. Glaubſt Du, wir verſtehen unſer Handwerk ſo ſchlecht? Ich ſage Dir, der Schmerz allein hat nicht Gewalt zu tödten; wir wiſſen zu wohl, was ein menſchlicher Kör⸗ per zu tragen vernag, als daß ein vorſchneller Folter⸗ tod uns um das Ziel unſerer Abſichten betrügen könnte.“ „Befreie mich von Deiner verhaßten Nähe und ge⸗ biete Deinen Folterknechten, mich zu martern,“ ſagte Marie, indem ſie ſich verächtlich umwandte.„Meine Seele ſehnt ſich, dem gequälten Leibe zu entfliehen—“ — 204— „Seele!“ fuhr Don Luis auf.„Du ſchwateſt vortrefflich! Hat denn eine Jüdin eine Seele? Und wenn es wäre, ſo thäteſt Du wohl, mir zu folgen, da⸗ mit Du des Heiles theilhaftig würdeſt, daß den Gläu⸗ bigen bereitet iſt!“ „Menſch,“ brach Marie entrüſtet aus,„Dein Heil ſollte ich theilen? Großer Gott meiner Väter, wie lange noch läſſeſt du Menſchen, gleich dieſem, Gewalt, die Kin⸗ der Deines verſtoßenen Volkes in Deinem Namen zu verfolgen?“ Bei dieſen Worten faltete ſie die Hände wie zum Gebete und blickte ſchmerzvoll in die Höhe. „Du haſt mein Herz mit neuer Kraft geſtählt,“ fuhr ſie nach einer Weile fort, indem ſie ihrem Peiniger ruhig anſah,„ein Heil, das uns verſagt iſt und Deiner har⸗ ret, will ich mit meinem letzten Hauche zurückſtoßen!“ „Fade Witzeleien,“ lachte Don Luis.„Briſte Dich mit Deiner Todesverachtung, aber ehe Du ſtirbſt, ſollſt Du mir gehören. Treib Deinen närriſchen Starrſinn nicht zu weit! Du biſt in meine Macht gegeben, kein Schrei dringt aus dieſen Mauern an eines Menſchen Ohr. Wer kann Dich vor mir retten?“ „Gott!“ rief die Gefangene mit hellem Tone und übermenſchlicher Kraft, daß Garcia unwillkürlich zurückfuhr und ſcheu umherblickte, als hätte er die Stimme eines Dritten gehört—„der Gott, den Du in Worten und Thaten läſterſt, gebietet Dir, zu weichen!“ „Ich trotze ihm!“ Und bei dieſem Worten trat Don Luis näher, Shhr ſchnel ten Zeich „Du Als niedr ich, erfüll Dein den eg Dein ihn mir Gun er w erwi könn wird weig weni Er ſchwateſt er Und gen, do⸗ n Gläu⸗ Nin Heil vie lange die Kin⸗ men ju ie Hände die Höhe. fuhr ſe et mhig iner har⸗ oßen!“ üſe Dich bſt, ſolſt Starrſin hen, kein Mrnſchen em Tone vilkirich Stimme Worten rat rien n „Zurück!“ ſchrie das heroiſche Weib.„Noch einen Schritt— und Gott vergebe mir, was ich thue!“ Sie ſchüttelte ihr reiches Haar nieder, theilte es blitz⸗ ſchnell und ſchlang es mit beiden Händen um ihren zar⸗ ten Hals— ruhig mit Garcia's erſtem Schritte das Zeichen zu ihrer Selbſterdroſſelung erwartend. „Thörin,“ murmelte er, erſchrocken zurückweichend. „Du kennſt nicht die Gewalt, die Du herausforderſt. Als Du einſt hochmüthig mich verſchmähteſt, und wie niedriges Gewürm aus Deiner Nähe ſtießeſt— da ſchwor ich, mich zu rächen. Und weißt Du, wie dieſer Schwur erfüllt ward? Wer führte Morales dahin, wo er Dich Deine eigene Treuloſigkeit bekennen hörte? Wer entbot den tödtlichen Streich und beſtimmte die Waffe, mit der er geführt ward? Wer wälzte die Schuld dem Abgott Deiner Seele zu und rief Dich zur Zeugenſchaft wider ihn auf? Wer anders als ich? Und nun wähnſt Du, mir zu entfliehen?— Ich ſage Dir: verwirf meine Gunſt, und Arthur Stanley ſtirbt— nimm ſie an und er wird leben!“ „Um ſolchen Preis wird Arthur nicht leben wollen,“ erwiederte Marie unbeirrt.„Ein ſo erkauftes Daſein könnte er nur verachten!“ „Vielleicht, wenn er den Preis erführe. Aber er wird nur hören, daß Du ihn retten konnteſt und Dich weigerteſt, die Hand zu bieten!“ „Und Du wähnſt, er würde Dir glauben? So wenig, als ich ihn je für meines Gatten Mörder hielt. Er wird nicht ſterben,“ fuhr Marie zuverſichtlich fort, — 206— „ſeine Unſchuld rettet ihn, doch Dein Verbrechen wird aller Welt kund werden!“ „Närrin,“ rief Garcia höhniſch,„ſelbſt wenn Du Flügel hätteſt, gelangteſt Du doch nicht durch die ſteinernen Mauern, die Dich umſchließen. Verflüchtige Dich, wenn Du kannſt, zu Luftatomen, dringe hinaus, erzähle Deine Geſchichte, klage Don Luis Garcia an— Wer wird Dich anhören? Oder glaubſt Du, ich hätte mich einem Weſen offenbart, das mich verrathen könnte? Mein bloßes Wertzeug, der willige Diener meiner Rache, der Morales erſchlug, weil ich es ihm befahl, durfte nicht leben, damit er nicht verſucht würde, meinen Ruf zu gefährden. Ich erſchlug ihn mit eigener Hand— nun frage Dich: wird Stanley leben, wenn ich ſage: er ſoll ſterben?“ Marie antwortete nicht.„Ich gehe,“ fuhr Don Luis nach einer Weile fort,„doch noch einmal rufe ich Dir zu: Wähle! Gehorche mir, und Du biſt aller Qualen ledig und Stanley iſt gerettet. Verwirf meine Gunſt— und der Engländer ſtirbt. Wir aber ſehen uns wieder, wo Tortur und Folterknechte meines Winkes harren, um Dich mit jedem Athemzuge tauſendfache Todespein koſten zu laſſen. Dann eile hinaus, wenn Du kannſt, und klage der Welt, was Du erfahren! Wer wird einer Jüdin glauben, daß etwas Anderes als der Eifer in Chriſti Dienſt mich beſeelte?“ Marie ſchien Don Luis letzte Worte nicht gehört zu haben. Sie ſtand mit aufwärts gerichtetem Blicke, ihre Züge athmeten die Ruhe eines über Nacht und Tod ſtar Luis als ₰ Lipp Mun hen wird wen Du ſteinernen ich, wenn erzhle Pr ätte mich önnt ner Rache, l, durft inen Fuf Hand— ich ſage fuhr Don uf ich hiſt all irf min ber ſchen es Winkes uſfihe wenn Du n Po 3 als der geir en giü 5 lacht un Tod triumphirenden Geiſtes. Und als ſie ſich wandte, ſtarrte ſie, wie aus tiefem Traume auffahrend, Don Luis an.„Siehe,“ ſprach ſie langſam und zuverſichtlich, als wäre es ihr durch Engelslippen kund geworden, „Stanley's Schickſal ruht nicht in Deiner Hand!“ Don Luis ſchwieg, aber Marie gewahrte, wie ſeine Lippen leichenblaß wurden und Schaum vor ſeinen Mund trat, als ihn der zagloſe Blick ihres Auges traf. Die Thür ihrer Zelle flog dumpf und ſchwer in's Schloß — Marie war allein. Lange zitterte ſie vor der Wieder⸗ kehr ihres Peinigers, dann preßte ſie die Hand gegen ihre Stirn und mit langem, tiefem Athemzuge ſank ſie nieder und brach in Thränen aus. XXVIII. Zu bald ſollte Marie erfahren, daß Don Luis nicht zauderte, ſeine Drohungen zu erfüllen. Zwei Tage nach jenem Auftritt wurde ſie wieder vor das Tribunal der geheimen Inquiſition geſchleppt, dieſelben Fragen wurden ihr vorgelegt— doch ſie ließ ſich zu keiner Auskunft herbei. Wir wollen dem Leſer die Beſchreibung der Qualen erſparen, die das ſchwache, hinfällige Weih auf des Großinquiſitors Geheiß erdulden mußte. Eine Phantaſie, die ſich an Schauern weidet, mag die Geſchichtsbücher Spaniens aufſchlagen, um aus den Aufzeichnungen der eigenen Mitglieder dieſes Tribunals zu erſahren, daß die Wirklichkeit dieſer Gräuel jede Erfindung des Romans weit hinter ſich läßt. Doch Mariens Gebet um mehr als menſchliche Kraft war erhört worden: kein Schmerzensſchrei entrang ſich ihrer Bruſt. Sie ſah Don Luis an ihrer Seite, ſie hörte ihn flüſtern, daß es noch Zeit wäre— und Lis nicht Tuge nach ribunal der gen wurden rwtunt der Qualen des h auf des e Phantaſi, ichtzbiche „or hnungen du ren, daß die 3 Ronans * nunſchl hri entran ihrer Stit — und te würdigte ihn keiner Antwort. Schon wollte Garcia, erboſt über ihre ewig gleiche Ruhe die ſchärfſten Grade der Tortur verhängen, als plötzlich die Furcht in ihm aufſtieg, daß ein unvorhergeſehener Tod ihm das Ziel ſeiner Lüſte auf immer entrücken möchte. Schnell winkte er dem Familiaren, inne zu halten und ließ ſein Opfer in den Kerker zurückbringen, um dort ſein weiteres Be⸗ lieben zu erfahren. In ihrer Zelle angekommen, ſank Marie, von Schmerzen überwältigt, zuſammen und lag manche Stunde da, unfähig, den neben ihr ſtehenden Waſſerkrug an die ausgedörrten, brennenden Lippen zu führen. Und als nach Stunden und Tagen ihre Leiden ſich zu min⸗ dern begannen, gedachte ſie mit Schrecken, daß man die Wiederkehr ihrer Kräfte nur erwartete, um auf's Neue den kaum geneſenen Leib auf der Folterbank zu zer⸗ fleiſchen. Eines Abends— wann? wußte ſie nicht, doch nach den erlittenen Schmerzen zu zählen, mußten viele Tage und Nöchte ſeit dem letzten Verhör verfloſſen ſein— war Marie in tiefen Schlaf gefallen und ſah ſich im Traume in das Cedernthal, den lieblichen Schauplatz ihrer Jugendjahre, verſetzt. Sie hörte wieder die Stimme ihrer Mutter, ſie begegnete dem Blicke ihrer Tauben⸗ augen, legte, wie ſie in früheſter, glücklicher Kindheit gethan, das Haupt an ihre Bruſt, und der Friede Got⸗ tes lagerte ſich ſanft und köſtlich über ihre Seele. So ruhte ſie eine Weile, von lieblichen Bildern umſpielt, bis ein halblauter Ruf ſie dem glücklichen Traume entriß. 14 ———— S — — 210— „Marie, meine geliebte Marie!“ flüſterte es in ihrer Nähe, und ein milder Hauch fächelte ihre Wange. Die Stimme klang ſo mild und liebevoll, daß ſelbſt das verhaßte Gewand eines Familiaren, in welchem die un⸗ bekannte Erſcheinung vor ihren kaum geöffneten Augen ſtand, ſie ſchrecken konnte. „Haſt Du mich vergeſſen, mein Kind? Doch nein,—“ ſprach der fremde Mann,„ſag' nur, daß Du mir ver⸗ traueſt, und ich will Dich retten. Deine Widerſacher ſind in dieſer Nacht nicht verſammelt, der Erzfeind iſt fern auf den Ruf des Königs, dem Don Luis gehorchen muß, wenn auch der Großinquiſitor widerſtreben möchte. Willſt Du mit mir gehen, mein Kind?“ „Wohin Du willſt!“ flüſterte Marie„Die Stimme konnte mich nicht täuſchen. Aber es iſt Alles vergebens, fuhr ſie klagend fort,„ich kann mich nicht aufrichten!“ „Deſſen bedarf es nicht. Meine Schultern ſollen Dich tragen. Faſſe nur die Laterne, Marie und ſprich nicht ein Wort— der Gott unſerer Väter wird uns beiſtehen!“ Er hob ſie ſanft empor und die Hoffnung auf Erlöſung aus ihres Peinigers Gewalt gab ihr Kraft, die Leuchte zu halten. Sie verließen den Kerker und durcheilten viele lange, tief unter der Erde gehöhlte Gänge. Alles war ſtil und finſter, wie das Grab, aber der fremde Mann mußte mit dieſen verſchlungenen Irrpfaden wohl vertraut ſein, denn ſorglos, der leichten Bürde nicht achtend, ſchritt er unaufhaltſam vorwärts. Nach einer Weile ſtanden Beide unter dem geſtirn⸗ ten Nachthimmel. Wohl eine Stunde Weges eilte der ſelbſt das m die un⸗ ten Augen mir vel⸗ Widerſacher zſiind iſt gehorchen ſen möchte. ie Stimme vergebels, uſtichten. ltern ſollen und ſprich wird uns e Hoffnun⸗ t gab iht den Krtu tde gehöhlte dns Grob tſhlunnn det licht vorwirs dem gfim eilte d e0 Fremde unermüdlich fort, bis er weit aus dem Bereiche der Stadt eine Höhle erreichte, wo er Marien ein weiches Mooslager bereitete. Er bereitete ſodann einen kühlen⸗ den Kräutertrank für das erſchöpfte Weib, legte ihr Haupt auf ſeine Knie und ſprach:„Trink, geliebtes Kind meiner Schweſter, damit Du zu Leben und Gene⸗ ſung zurücktehreſt!“ Marie blickte, während ſie gierig trank, befremdet auf. Ihr Befreier hatte die Familiarentracht abgeworfen und mit der Kutte eines Benedictinermönchs vertauſcht; die Kapuze war zurückgeſchlagen— die wohlbekannten Züge ihres Oheims Julian blickten ſie ſtralend an. Jeder ihrer Pulſe zitterte fiebriſch vor freudigem Schrecken, im Nu ſchlang ſie den linken Arm, der unter den Quetſchungen der Folter bewegungsfähig geblieben war, um den Hals des theuren Verwandten, und barg weinend ihr Haupt an ſeiner Bruſt. Durch fortwährende Benetzung mit einer kühlenden Flüſſigkeit linderte Julian allmälig den verzehrenden Schmerz, welcher in dem gelähmten Arme ſeiner Richte brannte. Er löſtte die flatternden Locken von ihren Schläfen und tränkte dieſe mit ſtärkender Eſſenz ihr ſchwarzes Gewand erſetzte er durch den Anzug eines jungen Novizen und verbarg ihr volles Haar unter einem weißen, leinenen Käppchen; dann reichte er ihr einen friſchen, von ſeiner kundigen Hand bereiteten Trank 14* —= 212— und trug ſie auf ihr Lager zurück, wo ſie viele Stunden lang ſchlief— ſüß und ruhig wie ein Kind. Julian Morales war, wie er oft pflegte, in Mönchs⸗ kleidern nach Segovia gekommen und hatte dort die überraſchende Kunde von Morales Ermordung und Ma⸗ riens unbegreiflichem Geſtändniß vernommen. Er war ſodann in der Nähe des Palaſtes geblieben, doch da es bald verlautete, daß ſeine Nichte unter dem beſonderen Schutze der Königin ſtand, hatte er mit richtigem Blicke erkannt, daß ſeine Gegenwart leicht neue Verwickelungen heraufführen konnte, und ſchon war er im Begriffe, Segovia zu verlaſſen, als Mariens geheimnißvolles Ver⸗ ſchwinden neues Aufſehen erregte. Julian mochte leicht der Einzige unter Tauſenden ſein, der dies unbegreifliche Ereigniß zu erklären wußte. Ihm waren die Wege der geheimen Inquiſition nur all⸗ zuwohl bekannt. Einſt hatte er, wie der Anfang unſe— rer Erzählung berichtet, in früher Jugend den Richtern dieſes Tribunals, den Mördern ſeines Vaters Rache ge⸗ lobt, und, um ſein Gelübde zu erfüllen, zehn Jahre im Dienſte der Inquiſition zugebracht. Und wirklich war der Tod von Don Garcia's Vorgängern in tiefes Ge⸗ heimniß gehüllt. Einige Diener des Tribunals flüſterten einander verſtohlen zu, er ſei an einem ſchleichenden Gifte geſtorben, andere wollten wiſſen, der Mörder habe ihn in tiefer Nacht aufgeſucht, ihm ein Geſtändniß ſei⸗ ner ſämmtlichen Verbrechen abgedrungen und ihn dann mit bloßen Händen erwürgt. Ob Julian Morales zu dieſen Gerüchten in irgend einer Beziehung ſtand, laſſen wir —— Stunden unentſchieden, doch wiſſen wir, daß ein zehnjähriger Aufenthalt in jenen unterirdiſchen Räumen ihn wohl— Mönchs⸗ vertraut machte mit allen ihren geheimſten Winkeln und dort die Ausgängen, die theils zu den Häuſern harmloſer Bür⸗ nd N⸗ ger, theils in öde Wüſteneien führten, die ſonſt keines Er war Menſchen Fuß betrat. Zu geeigneter Zeit war er ſodann 6 da 6 dem verhaßten Dienſte entflohen, und in dem frommen, ſonderen wohlwollenden Benedictiner, der bald in allen Städten glice und Dörfern Spaniens ein lieber Gaſt war, vermuthete Niemand den früheren Familiaren der Inquiſition. Ohne Mühe errieth Julian Marien's nunmehrigen Aufenthalt. Er beſchloß ſie zu retten, aber er zitterte vor dem Verzuge, welchen die Vorbereitungen zu dieſem uuſdn Werke erforderten. Er mußte zuvörderſt wieder in den mit Dienſt der Inquiſition treten, und es bedurfte mindeſtens einer Woche, che ſeine Aufnahme bewerkſtelligt wurde. p Mit einem Herzen, das vor Wehe zerſpringen wollte, ſtand er dann unter den Familiaren, unfähig, Marien 3 zu helfen, einer ſtummer Zeuge ihrer Leiden. Nur ein ocht Umſtand erfüllte ihn mit freudiger Hoffnung Er wußte, Jahre m daß man der Unglücklichen nach der erſten Tortur Zeit ſich war 2— 8* tich zur Wiederherſtellung vergonnte, um ſie dann geſchärften f.3 Ge⸗ tleſes Foltergraden zu unterwerfen— dieſe Friſt erwartete er lüſterte um ſein Vorhaben ſchleunigſt in's Werk zu ſetzen eichenden Wohl hatte ihn Mariens freiwilliges Geſtändniß rder huh in tiefes Erſtaunen verſetzt, doch es war nicht Zeit, mniß ſir ſich über dieſen räthſelhaften Schritt Aufklärung zu ver⸗ dann ſchaffen. Er wußte, daß ſie unglücklich war und ſchrieb zu dieſn Alles der Verzweiflung über den Tod ihres Gatten zu wll ſanen* — 214— Gerüchte und Vermuthungen über Stanley's wirkliches Verhältniß zu ſeiner Nichte und Morales würdigte er kaum der Beachtung— es erſchien ihm Alles als eitles Gerede. * Am zweiten Abend nach der Flucht ſetzten Julian und Marie ihre Reiſe fort. Pater Ambroſius— alſo müſſen wir Julian fortann nennen, da er ſich in die Tracht eines Benediktiners gehüllt hat— hatte in einem nahe liegenden Dorfe ein Maulthier für den jungen No⸗ vizen beſorgt, und ſo gelangten ſie über die Berge, welche die Grenze zwiſchen dem heutigen Alt- und Neu⸗ kaſtilien bilden. Beide erwähnten ihres Reiſezieles mit keinem Worte. Im ſtillem Einverſtändniß zogen ſie dem Cedernthale, dem einzigen Plätzchen zu, das ihnen Ruhe und Sicherheit verhieß. Zwei Tagereiſen lagen bereits hinter ihnen, als ſie Abends in ein kleines, zwiſchen Bergen verſtecktes Dorf gelangten, wo ihre Ankunft allgemeine Bewegung her⸗ vorrief. Perez, der vornehmſte der Dorfbewohner, eilte dem Pater Ambroſius entgegen und bat ihn, in ſein Haus zu treten, wo ein Sterbender unaufhörlich nach einem Prieſter ſchrie, um eine Todſünde zu beichten. Er war, wie Perez erzählte, mit den deutlichſten Anzeichen verſuchten Mordes auf der Hälfte des Weges nach Se⸗ govia in einem verfallenen, ſeichten Brunnen gefunden worden und ſeine Mörder mußten ihn für todt gehalten, und um ſeine Leiche zu verbergen, in den Brunnen ge⸗ worf gegal hort, lang pfleg hatte ein Itz. und und ein ern den Ster war rfül und ine zu ſ ins leut ters Ger durf ſchlo gleit ſe Pie 215 worfen haben. Aber zufällig waren Landleute vorüber⸗ gegangen, hatten das Wimmern des Unglücklichen ge⸗ hört, ihn befreit und in's Dorf geſchafft. Eine Zeit⸗ lang war er mit anſcheinend günſtigem Erfolge ge⸗ pflegt worden, aber mit der Rückkehr ſeiner Kräfte hatten ſich furchtbare Gewiſſensbiſſe und mit dieſen eine unſelige Aufregung und heftige Fieber eingeſtellt. Jetzt, nachdem der Kranke zehn Tage zwiſchen Leben und Tod geſchwebt, war der kalte Brand hinzu getreten und ſomit jede Hoffnung auf Rettung vereitelt. Wie ein Raſender ſchrie er nach einem Geiſtlichen, dem er nicht nur beichten, ſondern auch eine Botſchaft an den König auftragen wollte. Man hatte verſucht, dem Sterbenden zu willfahren, aber keine Stadt, kein Kloſter war nahe genug, um zeitig genug ſeinen Wunſch zu erfüllen. So wurde denn Pater Ambroſius freudigſt begrüßt und als ein Gottgeſandter betrachtet, der gekommen war, einem armen Sünder noch vor dem Sterben Abſolution zu ſpenden. Nachdem er mit dem Novizen und Percz in's Haus geeilt war, führte dieſer Marien, die den Land— leuten als Bruder Ernſt vorgeſtellt wurde, auf des Pa⸗ ters Wunſch in ein abgelegenes Zimmer, wo ſie, allem Geräuſche entrückt, ſich ungeſtört der Ruhe hingeben durfte. Aber trotz der äußerſten Erſchöpfung lag Marie ſchlaflos da; Erfriſchungen ſtanden vor ihr, doch, ob⸗ gleich ihre Lippen trocken und ausgedörrt waren, wandte ſie ſich mit Widerwillen ab und harrte ungeduldig der Wiederkehr Julians. Endlich kam dieſer. Er ſchloß — — 216— ſorgfältig die Thür und flüſterte dann ſeiner Nichte kaum hörbar in's Ohr:„Mein Kind, es iſt der Finger Got⸗ tes! Der Unglückliche, an deſſen Sterbelager ich trat—“ „Iſt der Mörder meines Gatten!“ unterbrach ihn Marie mit dem zuverſichtlichen Ausdruck tiefſter Ueber⸗ zeugung.„Ich wußte es ſchon, da ich Perez Rede ge⸗ hört hatte. Wir dürfen jetzt nur an Eines denken: Stanley iſt unſchuldig und muß gerettet werden!“ „Das ſoll er— wenn irgend möglich,“ verſetzte Julian,„doch weiß ich nicht, wie in dieſer kurzen Friſt die Kunde nach Segovia gelangen ſoll. Der Kranke beſchwört mich, ihn nicht zu verlaſſen und befindet ſich in ſo fürchterlicher Aufregung, daß wir jeden Augenblick beſorgen müſſen, er werde ſich Gewalt anthun und da— durch ſeiner Ausſage jede Geltung rauben. Wir ſind freilich nicht viel über zwanzig Stunden von Segovia entfernt, aber die Straßen ſind ſchlecht und—“ „Haben wir Zeit?“ fiel Marie ungeduldig ein. „Sage mir, daß die Zeit hinreicht, ſo iſt jeder andere Einwurf nichtig.“ „Soll Arthur gerettet werden, ſo muß es morgen vor der zwölften Stunde geſchehen. Der Bote müßte ſpäteſtens um Mitternacht abgefertigt werden und ein kräftiges Pferd ihm zu Gebote ſtehen. Aber wie ſoll einer dieſer ängſtlichen, unbeholfenen Landleute vor den König oder den Oberſten der Hermanos gelangen und ſeinen Bericht klar genug vortragen, um Aufſchub und ſchleu⸗ nige Abſendung eines Beglaubigten zur Aufnahme der Beichte zu erwirken? Gern bräche ich ſelber auf nach ſchte kaum ger Got⸗ verſczte rzen Friſt er Kranke uldig ein det andelt es morgen ote mißt Segovia, aber die Lebenskräfte des Kranken werden nicht mehr zwei Tage vorhalten, und ich darf weder ihn noch Dich verlaſſen!“ „Du wirſt hier bleiben, Oheim,“ erwiederte Marie entſchloſſen,„und ich werde die Botſchaft ausrichten. Sieh mich nicht an, als ob meine Worte verworren und ſinnlos wären— gäbe es einen anderen Ausweg, ſo ſpräche ich nicht alſo, aber er muß gerettet werden!“ „Und wieder willſt Du Deine Sicherheit, vielleicht Dein Leben opfern?“ fragte Julian bekümmert.„Marie, was iſt Dir dieſer Fremde, daß Du Dich zweimal ſeinet⸗ wegen dem Untergange preisgiebſt. Dein Leben gilt mir mehr als das ſeine— ich darf Dich nicht ziehen laſſen!“ „Du mußt?“ verſetzte Marie in höchſter Aufregung. „Wenn Stanley ſtirbt, ſo kommt ſein Blut über mich!“ Und nun erzählte ſie ihrem Oheim Alles — „Und Du liebſt ihn noch?“ fragte Julian mit finſterer, vorwurfsvoller Miene, nachdem er ſchweigend zugehört hatte.„Du liebſt ihn, einen Nazarener— Du, Kind eines unbefleckten Stammes? Und darum Dein Eifer, ihn zu retten?“ „Ich muß ihn retten, weil er unſchuldig iſt, weil er mehr als zuviel um meinetwillen getragen hat!“ ver⸗ etzte Marie, und Thränen erſtickten ihre Stimme.„In illem Anderen thuſt Du mir Unrecht. Glaube mir, er vird mir nie näher ſtehen, als jetzt!“ Es war Julian unmöglich, dem ſanften Vorwurfe u widerſtehen, der in dieſen Worten lag. Er drückte Marien an ſeine Bruſt, flehte Gottes Segen auf ſie herab — 218— und ſagte ihr die Gewährung ihrer Bitte zu, wenn ſie ihm heilig verſpräche, ihre Verkleidung nicht abzulegen und ohne Zögern mit Perez, den er ihr als Begleiter mitgeben würde, zurückzukehren. Um Mitternacht ſtanden zwei kräftige Roſſe geſattelt. Perez hatte, wie er ſagte, elf Stunden vor Segovia Gelegenheit, die Pferde zu wechſeln, und verſprach, mit dem jungen Bruder Ernſt zeitig genug im Schloſſe ein⸗ zutreffen. Noch einmal empfahl ihm Pater Ambroſius den Novizen, der ungewöhnlich zart und unfähig wäre, den rechten Arm zu gebrauchen, zu gans beſonderer Ob⸗ hut und Fürſorge, ſegnete ſie— und fort ſprengten Beide. Nur zweimal hielten die Reiter an, um den Pfer⸗ den eine kurze Raſt zu gönnen. Marie war ſo ganz von ihrer Aufgabe erfüllt, daß ſie die eigene Erſchöpfung nicht fühlte. Jede Stunde, die zurückgelegt war, ſiel wie eine eiſerne Laſt von ihrer Bruſt. Gegen ſechs Uhr Morgens erreichten ſie das von Perez bezeichnete Gaſt⸗ haus, erhielten zwei tüchtige Roſſe und hatten kaum etwas Brot und Obſt genoſſen, als der Wirth fragte: „Nach Segovia?“ „Jawohl,“ antwortete Perez, indem er dem Novi⸗ zen auf's Pferd half.„Pater Ambroſius ſendet uns mit wichtiger Botſchaft dahin.“ „So ſollte er Euch früher erpedirt haben,“ meinte M wenn ſe abzulegen Begleiter geſattelt. Stgobia roch, nit hloſſe ein⸗ Anbroſius hig wär, dun Ol⸗ ſpungin den Pfer⸗ r ſo galz iſchöpfung wat, ſul ſch Uhr hnen Gaſ⸗ uinn ſun h fragie den N ovl⸗ 9 ſedit un „meinte n“ w —— der Wirth.„Ihr wäret dann noch zeitig genug gekom⸗ men, um Alles anzuſehen!“ „Weßhalb?“ fragte Perez ſchnell. „Wißt Ihr denn gar nicht, was in der Welt vor⸗ geht?“ verſetzte der Wirth.„Heute iſt ja die feierliche Hinrichtung des Engländers, der Don Ferdinand Mora⸗ les ermordet hat. Wenn mich nicht die Wirthſchaft zu⸗ rückhielte, ſo wäre ich auch in Segovia, aber—“ Ein lauter Schrei unterbrach den Sprechenden, und Perez wandte ſich eilig um, um den Novizen aufzu⸗ fangen, der in jähem Schrecken vom Pferde zu ſtürzen drohte.„Vorwärts,“ rief Marie völlig außer ſich. „Vorwärts, um Gotteswillen, oder es iſt zu ſpät!“ Sie gab dem Pferde die Sporen und ſprengte davon, Perez mit ihr— und erſtaunt ſah der Wirth den Rei⸗ ſenden nach. Dahin jagten die Reiter auf unwegſamen Pfaden über Moor und Haide, über Bach und Graben, durch Wald und Feld, ohne Aufenthalt im ſchärfſten Galopp. Marie fühlte, daß ihre Kräfte verſagten, ihre Finger drohten ſchlaff am Halſe des Pferdes herabzugleiten, aber mit der Kraft einer Verzweifelnden trotzte ſie ihrer Schwäche, packte krampfhaft die Zügel, und Perez trieb mit Hand und Mund die Thiere zu noch ſchnellerem Laufe an. Plötzlich ſchrien Beide laut auf— die Thürme von Segovia wurden ſichtbar. Marie richtete blitzſchnell ihre Blicke nach Süden:— noch ſtand die Sonne nicht in der vollen Mittagshöhe, noch lag eine Viertelſtunde —— vor ihnen. Schon begannen die Roſſe den Kopf zu ſenken, ihre Schritte ſchwankten, aber der Ruf des un⸗ ermüdlichen Perez feuerte ſie zur letzten und äußerſten An⸗ ſtrengung an Kalter Schweiß trat auf Mariens Stirn, ihre Pulſe ſchienen zu ſtocken, da ritten ſie durch das erſte Thor und überſahen von der Höhe eines Hügels, über welchen die Straße führte, die weite, prächtige Stadt. Das Schloß war nur noch um eines Steinwurfs Weite entfernt, das Ziel ihrer Mühen ſchien erreicht, als dumpf und ſchwer gedämpfter Trommelklang von der Stadt herüberſcholl. Sie ſahen ungeheure Menſchenwogen in einer Richtung vorwärts ſtrömen, die Calle Soledad ſchien nur eine einzige Maſſe von Köpfen, aus deren Mitte das gewaltige Blutgerüſt emporſtieg, Soldaten marſchirten auf und führten einen Mann gefangen in ihrer Mitte— und vorwärts ſtürzten die Reiter dem Schloſſe zu. Marie blickte unverwandt nach der Calle Soledad, ſie ſah Bewegung auf dem Gerüſte, und mit tiefem, dröhnendem Klange verkündete die Glocke der Kathedrale die Mittagsſtunde! en Kopf zu uf des un⸗ ußerſten An⸗ riens Stirn, e durch das ines Hügels, chtige Stadt. wurfs Weite t als dunyf der Stdt enwogen in lle Soledad aus dere 1 Soldatel geſangen in itn dem ſch der Calle te, und wit Glocke der Vergebens hatten Ferdinand und Iſabelle bis zur letzten Minute gehofft, Arthur Stanley zu retten. Der verhängnißvolle Tag war gekommen, eine Morgenſtunde nach der andern verging, aber kein Bote langte aus den Provinzen ihres Reiches an, keine Kunde von ent⸗ deckter Spur des wahren Mörders drang zu ihnen. Schmerzbewegt, in tiefer Erregung ſchritten Beide in der Schloßhalle ſchweigend neben einander auf und nieder, als die Thürme von Segovia mit ehernem Munde aus⸗ ſprachen, daß Arthur Stanley's letzte Lebensſtunde ver⸗ floſſen war. „Da läutet die Todtenglocke für ein braves Ritter⸗ herz!“ brach Ferdinand endlich das dumpfe Schweigen. „Iſt er unſchuldig, wofür ich ihn noch immer halte, ſo vergebe Gott dem Mörder!“ Doch kaum hatte er ge⸗ ſprochen, kaum war der letzte Glockenſchlag verklungen, als lautes Rufen vom Schloßhofe her gehört wurde. Pfeilſchnell eilte der König dem Eingange der Halle zu und riß die Flügelthüren weit auf, um zu horchen. —. —— 5 — 222— „Es ſucht Jemand den König,“ rief er nach einem Augenblicke laut.„Folge mir, Iſabelle!“ Doch ehe noch Ferdinand die Thür erreichen konnte, ſtürzte ſchon ein Benediktinernovize, von einem Landmanne begleitet, in die Halle. Athemlos, mit faſt unvernehmlicher, zitternder Stimme keuchte der junge Bruder ſeine Botſchaft her⸗ vor.„Arthur Stanley iſt unſchuldig! Der Mörder iſt entdeckt! Er liegt ſterbend zwanzig Stunden weit von hier. Dorthin ſendet, laßt ihn beichten, doch zögert nicht. Seht, das Gerüſte iſt aufgerichtet, der Arm des Henkers iſt gehoben— gebietet ihm Einhalt, ehe es zu ſpät iſt““ Mehr vermochte der erſchöpfte Novize nicht hervorzubringen; noch wollte er auf das Zeugniß ſeines Begleiters verweiſen, doch vergebens rangen ſeine zittern⸗ den Lippen nach einem Laute— er ergriff die Hand eines naheſtehenden Soldaten und ſank blaß und ſprach⸗ los nieder. Kaum hatte der König die erſten Worte der Bot⸗ ſchaft vernommen, als er ſchon einem Soldaten ſeiner Leibgarde mit kurzen Worten die nöthigen Weiſungen er⸗ theilte. Der Mann bedurfte keines zweiten Befehls; mit Blitzesſchnelle eilte er aus der Halle über den Schloß⸗ hof, theilte dem Erſten, der ihm auſſtieß, die Worte des Königs mit, dieſer rief ſie einem Andern zu und im Nu erreichte die Kunde ſchnell, wie die Flamme vor dem Winde dahin läuft, in tauſendfacher Wiederholung von Munde zu Munde getragen, das Ohr des Don Felix de Eſta⸗ ban, der ungeſäumt dem bereitſtehenden Henker Halt gebot. nach einem Doch ehe ſtützte ſchon ne beglite, zitternder otſchaft her⸗ Wördet iſt n weit von doch ſögert et Ann des t, che es zu Novize nicht ugniß ſeines ſeine jittern⸗ ff di Hund und ſyrach rte der Bot ldatn geiſungen Veſchls mi dn Schlo des ſeinet ie Worte zu und in en m vord rholung vo ſt⸗ lr de — 223— „Weshalb der Verzug?“ fragte der Oberſte der Hermandad, der vermöge ſeines Amtes an den Stufen des Gerüſtes ſtand.„Seht hin und hört!“ rief ihm Don Felir zu, als er den heraneilenden Soldaten er⸗ kannte und dieſer den erhaltenen Befehl mit Donner⸗ ſtimme dem Henker zuſchrie.„Geprieſen ſeien die Heili— gen des Himmels! Er iſt gerettet! Der Mörder iſt entdeckt!“ Und nun ſcholl im Augenblick aus vielen tauſend Kehlen ein brauſender Jubelruf zum Himmel, ſo laut und betäubend, wie der brüllende Donner, der durch das Gebirge dahin fährt und von Felswand zu Fels⸗ wand allmächtig wiederhallt. Arthur's Ohr erreichte die ſchwellende Stimmenfluth in dem Augenblicke, da des Henkers Hand ſeine Schul⸗ ter berührte; ſeinen verſtörten Sinnen war Alles unver⸗ ſtändlich, und ſelbſt als Don Felix ihm im höchſten Freudenrauſche zurief:„Steht auf, Stanley, Eure Un⸗ ſchuld iſt kund geworden,“ konnte er die volle Wirklich⸗ keit des urplötzlichen Wechſels nicht faſſen. Alle ſeine Glieder flogen, wie von jähem Krampfe gepackt, ſein Antlitz war leichenblaß. Er legte die zitternde Hand auf Pater Francisko's Arm— aber er vermochte keinen Laut hervorzubringen. „Es iſt wahr, mein theurer Sohn,“ ſprach der würdige Mann,„die Sünde, welche Du in Gedanken begingſt, iſt geſühnt, und die Gnade des Herrn hat ſich herrlich offenbart. Wir haben nicht vergebens gebetet — der Schuldige iſt gefunden!“ — 224— An dieſen Worten durfte Arthur nicht zweifeln; er barg ſein Haupt an des Prieſters Bruſt und brach in lautes Schluchzen aus. Unterdeſſen fragte der König, da des Novizen Zu⸗ ſtand jede weitere Auskunft unmöglich machte, Perez nach allen Umſtänden dieſer außerordentlichen Entdeckung. Dieſer wußte jedoch nur zu erzählen, daß Pater Ambro⸗ ſius die Auffindung und Pflege des Kranken eine be⸗ ſondere göttliche Fügung genannt und erklärt hätte, daß deſſen Wunſch, den König von dem Inhalte ſeiner Beichte unterrichtet zu wiſſen, keineswegs Raſerei geweſen wäre. Auch habe der Pater den ſchwächlichen Novizen nur der Dringlichkeit der Sache wegen und weil ſein Gewand und ſeine fertigere Rede ihm leichter Zutritt zum König verſchaffen würden, nach Segovia entſandt, ihm ſelber aber, ſeinem Begleiter, aufgetragen, die von dem jungen Bruder Ernſt ausgeſprochene Bitte um ſchleunige Abſen— dung beglaubigter Perſonen nach dem näher bezeichneten Dorfe, da der Tod ſich dem Leidenden mit raſchen Schritten näherte, auf's Dringendſte zu unterſtützen und den Novizen alsdann ungeſäumt zurückzubringen. Kaum hatten Pater Franzisko und Don Felir mit Arthur das Schloß betreten, als ſchon Don Alonzo de Aguilar mit einem kleinen Trupp Soldaten und einigen Hermanos nach dem Dorfe aufbrach; den Landmann Perez aber hielt der König zurück, um ſpäter deſſen zweifeln er ld brach in ovizen Zl⸗ Perz nach Entdeckung ſter Ambro⸗ ken eine be⸗ hätte, daß einer Beichte weſen ware en nur de in Gewand zum König ihm ſilber dem jungel nige Abſeh⸗ hezeichnetel it raſchen ſtutzen und ngen nFrli mit Monzo de und einigen La dnan er deſſen pa — 225— Bericht mit der zu erwartenden näheren Ausſage des Novizen den Hermanos zur Prüfung und Vergleichung vorzulegen. Iſabelle hatte unterdeſſen ſchweigend den ganzen Vorgang beobachtet. Sie ſtutzte, als ſie die Stimme des Novizen hörte, aber ſie beherrſchte ſich und folgte ruhigen und ſcharfen Blickes dem weiteren Verlauf der Dinge. Erſt als ſie ſah, daß man ſich vergebens be⸗ mühte, den jungen Bruder Ernſt zur Beſinnung zurück⸗ zurufen, näherte ſie ſich dieſem. Sie hieß Alle zurück⸗ treten, um, wie ſie ſagte, dem Ohnmächtigen den unge⸗ hinderten Zuzug der friſchen Luft zu gewähren und ent— fernte nicht erſt das mit ungewöhnlicher Sorgfalt be⸗ feſtigte Käppchen— ein Blick auf die feinen, blaſſen Züge genügte ihr. Nachdem unter dem Beiſtande der Königin die Bande der ſtarren Ohnmacht ſich gelöſt hatten, überließ ſie den jungen Novizen der Obhut der Leibgarde und begab ſich in die Nähe des Königs, doch nichts deſto weniger gewahrte ihr aufmerkſames Auge, wie Ernſt, der ſich mühſam erhob, einen ſuchenden Blick auf die Haupt⸗ gruppe warf und eine volle Minute lang Arthur Stan⸗ ley mit einem Ausdruck betrachtete, den ſie allein zu deuten vermochte. König Ferdinand aber redete dem ſchwachen Knaben freundlich zu und hieß ihn näher treten, was dieſer mit ſichtbarem Widerſtreben that. Auf die Frage, ob er weitere Mittheilungen zu machen hätte, antwortete er mit unſicherer, leiſer Stimme, daß, wenn Männer zur 15 — 226— Niederſchreibung der erwähnten Beichte abgeſandt wür⸗ den, ſeine Sendung erledigt wäre, und er um die Gnade bäte, mit Perez in das bezeichnete Dorf und unter die Obhut des Paters Ambroſius zurückzukehren. „Das darfſt Du nicht, ohne vorher meinen Dank zu empfangen, mein jugendlicher Retter!“ rief Stanley bewegt.„Mit Lebensgefahr haſt Du mir, dem fremden, unbekannten Manne, Rettung aus Schande und Tod ge⸗ bracht— reiche mir mindeſtens Deine Hand und ver⸗ ſprich mir, wenn Du je meiner bedarfſt, ſei es für Dich oder Andere, unbedenklich meine Hülfe zu fordern.“ Der junge Bruder willfahrte ſchweigend, und Arthur ſtand einen Augenblick, von einer unerklärlichen Regung durchzittert, als die kleine zarte Hand in der ſeinigen ruhte und der Blick des großen dunkeln Auges unverwandt auf ſeinen Zügen weilte. Und doch wußte er nicht, woher dieſes Gefühl— vor ihm ſtand ja nur ein Benediktinernovize, der der dargebotenen Dienſte ſchwerlich jemals bedurfte. Schon war der junge Bruder Ernſt im Begriffe, Perez Hand zu faſſen, und mit dieſem die Halle zu verlaſſen, als Pater Francisko mit ernſten Worten auf das Gefährliche dieſes Beginnens hinwies und ſich er⸗ bot, den Novizen unter ſeine Obhut zu nehmen, bis er durch Ruhe und Pflege hinreichend gekräftigt, die Rück⸗ reiſe antreten dürfte. Doch ſchnell erhob ſich die Kö⸗ nigin und trat mit freundlicher, doch entſchiedener Rede dem Wunſche des Priors entgegen: „Ueberlaßt es mir, ehrwürdiger Vater, für dies — 227— ſchwache Kind zu ſorgen. Wir haben zudem noch einige die Gyapo. die Gnde Fragen an ihn zu richten, ehe wir ihn an der Hand mn di dieſes Landmanns unter die Aufſicht des Paters Ambro⸗ ſius zurückkehren laſſen. Folge mir, junger Bruder!“ fügte iun Dank ſie hinzu, indem ſie ſich zu Ernſt wandte, der ſich ängſtlich f Stanleh an Perez ſchmiegte— doch Blick und Wort der Köni⸗ 4 nfrenden, gin heiſchten Gehorſam und langſamen Schrittes folgte d Tod ge ihr der junge Benediktinernovize aus der Halle. und ver⸗ füt Dich ern“ end, und rklärlichen nd in der eln Auges och wußt d ja nur u Dirnſte 1 Begrift, Holle jl orten uf d ſich e en, his e die Rüc⸗ die K dunr e fir dis XXX. Schweigend ſchritten Beide durch Corridore und Säle, bis Iſabellens Cabinet ſich öffnete. Sie winkte dem Novizen, heranzutreten, aber keine Frage kam über ihre Lippen, nur einen durchdringenden Blick ließ ſie über ſeine leichenblaſſe Züge ſchweifen. Verſtellung war hier nutzlos. Marie warf das leinene Käppchen ab, fiel auf die Knie und bat, indem ſie ihr Antlitz tief in das Gewand der Königin begrub, um Gnade. „Und wieder wollteſt Du mich täuſchen, Marie?“ fragte Iſabelle vorwurfsvoll.„Wie ſoll ich Dein unbe⸗ greifliches Betragen erklären? Weshalb floheſt Du mei⸗ nen Schutz? Wozu dieſe Verkleidung?“ Marie rang vergebens nach Worten. Die unſäg⸗ liche Erſchöpfung, der ſie mit jedem Augenblick zu erlie⸗ gen drohte, der plötzliche Uebergang von athemloſer Angſt vor Verſpätung zur freudigen Gewißheit, daß Arthur gerettet, der ſichtbare Unwille der Königin, der ſie ſich idore und ie winkte kam übet ließ ſi lung wor pchen ob, it tief in Marie“ ein unbe Du mi ie unſig⸗ n erlie⸗ zu 5 oſer ngſt f Arthut n ſe ſü — 229— mit der Zuverſicht eines Kindes genähert hatte— Alles wogte in dieſer Stunde, gleich entfeſſelten Fluthen, wider das ſchwer bedrängte Weib heran. Worte hatte ſie nicht, jeder Verſuch, zu ſprechen, ward durch Schluchzen erſtickt. „Sprich,“ fuhr die Königin ſanfter fort.„Sag nur, warum floheſt Du? Glaubteſt Du, ich würde Dir ob Deines Geſtändniſſes meinen angelobten Schutz entzogen und mein gegebenes Wort gebrochen haben?“ „Ich floh nicht freiwillig, gnädige Königin,“ ver⸗ ſetzte Marie zitternd.„Ich wäre gern Eure Gefangene geblieben, aber man ſchleppte mich gewaltſam fort und ließ mich Schrecken und Gräuel ſehen und erfahren, de⸗ ren Andenken mein ſchwaches Gehirn kaum zu tragen vermag. O meine Gebieterin, verfügt über mich nach Eurem Belieben, nur ſchickt mich nicht wieder an jenen furchtbaren Ort!“ „Was ſagſt Du, Marie? Wer konnte Dich wider unſern Willen unſerem Schutze entreißen? Es kann nicht ſein. Die jähen Erlebniſſe dieſes Tages laſten ſchwer und umnachtend auf Deiner Beſinnung; es war vielleicht nicht wohlgethan, daß wir Dich jetzt zu ſprechen baten. Ruhe und Einſamkeit—“ „Einſamkeit!! Nein, nein, laßt mich bei Euch bleiben!“ ſchrie Marie im überſtrömenden Erguſſe ihres gequälten Herzens auf.„Er hat mich einmal Eurer Obhut entführt— ich weiß, er kann und wird es wie⸗ der thun. Nicht um meines Glaubens Willen ſchleppte er mich dorthin und ſpottete meiner Qualen— er wollte nur ſeine verſchmähte Leidenſchaft rächen, denn — 230— wo durfte die Jüdin hoffen, einen Beſchützer zu finden? O mächtige Herrſcherin, entlaßt mich nicht wieder aus Eurer Nähe! Don Luis würde mich wieder, Eurer königlichen Gewalt zum Hohne, davon ſchleppen!“ „Don Luis!?“ wiederholte Iſabelle, immer feſter überzeugt, daß Mariens Geiſt unter dem Eindrucke der letzten Ereigniſſe gelitten hatte—„Marie, Du raſeſt!“ „Raſe ich?“ wiederholte das unglückliche Weib und fuhr unwillkürlich mit der rechten Hand nach der Stirn. „Es mag wohl ſein, es war vielleicht nur ein wilder, wüſter Traum, aus dem ich jetzt erſt erwache— aber ſeht her, Königin: wenn es nicht Wirklichkeit, Mark und Bein erſchütternde Wirklichkeit war, woher dieſer Arm?“ .. Und entſetzt fuhr Iſabelle zurück, als Marie die Binde von ihrem rechten Arm löſ'te, und das verkrüp⸗ pelte Glied von der Schulter bis zur Handwurzel ge⸗ lähmt und welk herabhing. „Armes, unglückliches Kind!“ ſprach die Königin, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen,„konnteſt Du glauben, daß ich ſolches Wehe über Dich verhängte? Wer hat Dich alſo mißhandelt? Sammle Dich und erzähle mir Alles— wer hat alſo unſere königliche Ge⸗ walt verhöhnt?“ „Don Luis Garcia, Don Luis,“ wiederholte Ma⸗ rie, indem ſie ängſtlich umherblickte und ſich wie ein furchtſames Kind an die Königin klammerte.„O rrettet mich vor ihm— ich könnte die Tortur ertragen, aber nicht ſeine Worte!“ „Don Luis?“ fragte die Königin außer ſich.„Welche — 231— Tortur ſteht ihm zu Gebote? Wer— was iſt er, mein armes Kind, daß Deine Lippen zittern, ſeinen Namen zu nennen?“ „Iſt es denn Alles meiner Königin unbekannt?“ verſetzte die Gefragte. Iſt denn ſein Amt Euch eben ſo verborgen, wie ſein ſchwarzes Herz! Habt Ihr denn nie von jener geheimen Inquiſition gehört, die Eurer Herrſchergewalt ſpottet und die Edelſten Eurer Untertha⸗ nen heimlich hinſchlachtet? Dorthin hat man mich ent— führt, dort war er Großmeiſter, und er wird mich wieder Eurem Schutze entreißen, wenn Ihr mich von Euch ſtoßt! Rettet mich vor den herzzerſchneidenden Klagetönen, vor den Scenen jenes unnennbaren Jam— mers, deren Bild unabläſſig vor meinen Blicken auf⸗ ſteigt!“ „Ich will Dich retten, mein Kind!“ rief die Kö⸗ nigin tief erregt.„Furchtbar ſollen dieſe Unthaten auf ihren Urheber zurückfallen! Zittre nicht; biſt Du auch das Kind eines verworfenen Glaubens, ſo ſoll doch mit unſerem Willen nicht ſchnöde Willkür über Dich zu Ge⸗ richt ſitzen! Ich liebe Dich allzuſehr und Gott wird mir dieſe Liebe verzeihen. Du darfſt uns nicht mehr ver— laſſen, damit Dir noch Freude und Heil erwachſe, auf Erden und im Himmel!“ Zu jeder anderen Zeit würde Marie die Abſichten ihrer königlichen Beſchützerin ſchaudernd erkannt haben, doch jetzt weidete ſie, deren Leben durch die Anſchläge eines geheimen, hölliſchen Feindes vergiftet wurde, ſich an dem troſtvollen Gefühle wiedergewonnener Sicherheit — 232— und gedachte, von Iſabellens Huld beſeligt, nicht des Preiſes, um welchen ſie dieſe Ruhe erkaufen ſollte. *„ Auf Iſabellens wiederholte Nachfrage verſchwieg Marie, die Bedeutung ihrer Worte wohl erwägend, daß ſie mit Pater Ambroſius verwandt war. Ihm waren, wie ſie der Wahrheit gemäß ausſagte, von den Mitglie⸗ dern ihrer Verwandtſchaft viele Dienſte erwieſen worden und er hatte gelobt, ſich dankbar zu erweiſen. Darum war er in die Kerker der geheimen Inquiſition gedrungen, um ſie zu retten und ſtand jetzt im Begriffe, ſie an die Grenze von Kaſtilien in ihre Heimath zurückzuführen, wo allein Don Luis Garcia's zahlreiche Spione ſie nicht erreichen konnten. „Und wie konnte Dich Pater Ambroſius trotz Dei⸗ nes leidenden Zuſtandes mit ſolcher Botſchaft entſenden?“ fragte die Königin, nachdem ſie Mariens Erzählung ge⸗ hört hatte. „Das, gnädige Gebieterin,“ erwiederte Marie raſch, indem feurige Röthe plötzlich über ihre Züge flog,„ge⸗ ſchah nur, weil ich aus eigenem, freiem Antriebe mich dieſer Reiſe unterzog. Es war mein unglückliches Loos, die Urſache aller dieſer unheilvollen Verwicklungen zu werden— ſo war es auch meine Pflicht, Stanley zu retten, wenn ich konnte.“ „Und Du wäreſt mit Perez zurückgekehrt, wenn ich Dich nicht trotz Deiner Verkleidung erkannt hätte?“ nicht des Alte. verſchwieg igend, daß m waren, n Mitglie en worden Darm gedrungen, ſie an die czuführen, n ſie nich wotz di ntſenden!“ hlung ge grie raſch ſlog,„ riebe mih iches Loos, lungen zl ianleh i wen iß 7 ite — 233— „Gewiß, meine Königin!“ erwiederte Marie feſt, und ihre Wangen deckte wieder die frühere Bläſſe. Iſabelle warf einen ſcharfen, prüfenden Blick auf das räthſelhafte Weib und ſchwieg. Sie ließ ſodann eine ihrer vertrauteſten Dienerinnen herbeirufen und über⸗ gab dieſer die Wittwe des Don Ferdinand Morales zur ſorgfältigen Obhut mit der beſtimmten Weiſung, über deren nunmehrige Rückkehr und Anweſenheit unverbrüch⸗ liches Schweigen zu beobachten. XXMXI. Am andern Morgen wurde dem König zu ſeiner freudigen Ueberraſchung gemeldet, daß man den kranken Mann mit der äußerſten, ſeinem Zuſtande gebührenden Vorſicht nach Segovia geſchafft hatte. Die Beichte war allerdings niedergeſchrieben worden, doch hatte ſich der Beichtende in unerklärlicher Angſt geweigert, den Ramen des Mannes zu nennen, in deſſen Auftrag und Gehorſam er gehandelt hatte. Zudem hatte er weit über das Ge⸗ ſtändniß der begangeneu That hinaus Dinge von ſo un— geahnter und folgenſchwerer Bedeutung ausgeſagt, daß es den Hermanos nach kurzer Berathung am rathſamſten erſchienen war, des Königs eigene Zeugenſchaft zu er⸗ möglichen und zu dieſem Ende mit dem Kranken nach Segovia zurückzukehren. Zuerſt ward Perez herzugerufen, um die Identität des vor ihm Liegenden mit dem zwiſchen Segovia und⸗ ſeinem Dorfe in einem Brunnen gefundenen Menſchen zu beſchwören— alsdann begann der Familiar, der zu ſeiner n kranken hührenden eichte wal ſich der n Namen Gehorſam n ſo u ogt, duß thſamſtn ſt zu e⸗ nken nah adenttit ovia Me nſcheh iltal, N und — 235— dringend zu ſprechen begehrte, in leiſem, faſt unver⸗ ſtändlichem Tone ſeine düſtre, ſchaurige Erzählung. Die Entrüſtung des Königs und der auf ſein Ge⸗ heiß Anweſenden ſtieg auf's Aeußerſte, als das unent⸗ wirrbare Dunkel, welches ſeit lange das Verſchwinden manches lieben Genoſſen verhüllte, alſo gelichtet ward. Gebeugten Hauptes, mit gefalteten Händen ſaß Pater Francisko neben dem Kranken. Kein Ausdruck des Ab⸗ ſcheus entfuhr ſeinen zuſammengepreßten Lippen, aber ſein ganzes Innere erbebte unter der Wucht des tieſen Schmerzes, den ihm ſolche Entweihung ſeiner heißgelieb⸗ ten Kirche bereitete. Und als Alles vorüber war, eilte er kummervoll der Einſamkeit ſeines Kloſters zu und begrub ſich dort Tag und Nacht in Bußübung und Selbſtkaſteiung, als wollte er durch die eigne Zerknir— ſchung die Schuld ſeiner Brüder ſühnen und den Zorn eines ſtrafenden Gottes abwenden, in deſſen Namen ſolche Frevel begangen worden. Grauſen erregend waren die Einzelheiten, welche man erfuhr, unbegreiflich erſchien es, daß den Herrſchern ſowohl als den Dienern der Gerechtigkeit verborgen durch ganz Spanien eine ſo wohl organiſirte, weit rei⸗ chende Macht beſtehen konnte— und doch waren die Ausſagen des Beichtenden zu bündig, um irgend einen Zweifel zuzulaſſen. Auch wußte man, daß ſchon vor Jahrhunderten die geheime Inquiſition in Kaſtilien und Arragonien gegründet worden, und daß die Annalen dieſer Königreiche, obgleich ſie wiederholt von Ausbrüchen der Volkswuth wider dieſe dunkle Gewalt Kunde geben, — 236— deren gänzliche Ausrottung nirgend meldeten, aber man hatte bei der Wiederkehr geordneter Zuſtände und dem Wachsthum der königlichen Macht ſich einer ſtolzen, ver⸗ derblichen Sicherheit hingegeben, man hatte zuverſichtlich geglaubt, daß alle geheimen Frevel vor der Strenge und Rückſichtsloſigkeit des neu erſtandenen Geſetzes wie Spreu zerſtieben würden, und die geheime Inquiſition hatte durch die allerſchlauſte Vorſicht und tiefe Verborgenheit ihres Thuns dieſe Zuverſicht genährt— ſie war in Vergeſſen⸗ heit gerathen! Zuerſt hatte der Kranke ängſtlich und zurückhaltend geſprochen, als fürchtete er die Strafe ſeiner Enthüllun⸗ gen, doch als er ſeine Mitwirkung bei dem letzten und ſchändlichſten aller Verbrechen bekannte, begann ſeine tonloſe Stimme ſich ausdrucksvoll zu erheben. Durch die ſtrengſte und härteſte Erziehung gewöhnt, als Fami⸗ liar dem Willen ſeines Obern fraglos zu gehorchen und nie durch ein Wort oder Zeichen anzudeuten, daß er ſich anderen Menſchen gleich achtete, hatte er auf Befehl des Großinquiſitors an jenem Abend in Stanley's Wein einen Schlaftrunk gemiſcht, und als dieſer ſeine volle Wirkung ausübte, das Schwert von deſſen Zimmer ent— wandt. Hierauf hatte er dem Don Ferdinand Morales in der Calle Soledad aufgelauert und, da ſeiner Be⸗ rechnung zufolge Stanley noch nicht erwacht ſein konnte, beabſichtigt, der erhaltenen Weiſung gemäß, auf deſſen Zimmer zurückzukehren und ihn durch das Geräuſch des Eintretens deſto nachdrücklicher zu verdächtigen. Aber es war das erſte Mal, daß ihm von ſeinem Obern ein abet man und dem olzen, ver⸗ verſichtlich trenge und wie Spru hatte durch heit ihres Vergeſſn⸗ rückhaltend Enthüllun⸗ leßzten und ann ſein n. Durch als Fami⸗ chen und aß er ſch Befehl des Vei eine voll mmer ent dMorales ſinet be in konn⸗ auf deſin räuſch de en. Ube gbem — 237— Mord zugetheilt worden; er entſetzte ſich vor der Größe des begangenen Verbrechens und fühlte ſich, zumal bei dem tobenden Unwetter und der tiefen Finſterniß jener Nacht, nicht ſtark genug, ſeinen Auftrag ganz auszu⸗ führen. Auch war er noch Reuling in Segovia und befand ſich, nachdem er eine ganze Stunde umhergewan⸗ dert war, nicht vor Stanley's Hauſe, ſondern wieder in der Calle Soledad, dicht vor Don Ferdinand's Leiche. Vom eiskalten Schrecken überwältigt, war er nun hinter einen niedrigen Erdwall gekrochen, um dort das Ende des Unwetters abzuwarten und dann die übrigen Be⸗ fehle ſeines Obern zu erfüllen. Er hatte ſchon eine Weile hinter dem Erdwalle zugebracht, als zu ſeinem großen Erſtaunen Stanley, den er beim Aufleuchten eines Blitzſtrals erkannte, ſich der Stelle des verübten Mordes näherte und der Länge nach über die Leiche hinſtürzte. Bald darauf hatte er auch des Engländers Verhaftung geſehen, die Verwünſchungen, unter welchen man dieſem laut die Schuld des begangenen Mordes wälzte, gehört und war dann zu ſeinem Auftraggeber zurückgekehrt. Der Familiar war den Grundſätzen ſeiner Erzie⸗ hung untreu geworden: er hatte über den Zweck ſeines Auftrages zu denken gewagt und nicht begriffen, warum Don Ferdinand Morales, einer der höchſtſtehenden und verehrteſten Männer des Reiches der geheimen Inquiſition geopfert und Stanley in die Folgen dieſer That ver⸗ wickelt wurde. Ein Genoſſe, gegen den er ein unbe⸗ dachtes Wort geäußert hatte, mußte ihn verrathen haben, 23 denn einige Tage nach dem Verhör erhielt er Befehl vom Großinquiſitor, mit dieſem eine Reiſe anzutreten. Er ahnte nicht, was ſeiner harrte und brach arglos auf. Ungefähr zehn Stunden von Segovia in einer öden, einſamen Gegend befahl ihm ſein Oberer, ſtill zu ſtehen und den Zweck dieſer Reiſe zu vernehmen. Er erklärte ihm dann mit dürren Worten, daß, nachdem ſich durch die Ausſage der Magd Beta herausgeſtellt hätte, wie er — der Familiar— nach geſchehener Tödtung des Don Ferdinand Morales nicht, der erhaltenen Weiſung gemäß, in die Wohnung Arthur Stanley's zurückgekehrt wäre, ſondern nach eigenem Gutdünken gehandelt, ſomit die Anklage ihrer hauptſächlichſten Begründung beraubt und mittelbar die Gewährung der nunmehrigen vierwöchent⸗ lichen Friſt ermöglicht hätte— er nach den Geſetzen der geheimen Inquiſition nicht länger leben dürfte. Und in demſelben Augenblicke traf ihn der tödtliche Streich, der ihn zu Boden fällte. Erſt der brennende Schmerz ſeiner Wunde gab ihn der Beſinnung zurück, und als er aus ſtarrer, todähnlicher Bewußtloſigkeit erwachte, lag er in einem Brunnen, in welchen ihn offenbar ſein Mörder für todt hinabgeſtürzt hatte. Seine erſte Lebens⸗ regung war der Wunſch, ſich zu rächen. Durch vor⸗ überziehende Bauern gerettet, hatte er gehofft, da die Heilung ſeiner Wunde anfangs glücklich von Statten ging, das Geſchehene dem Könige und dem Oberſten der Hermanos ſelbſt zu enthüllen, aber bald war er durch Gewiſſensbiſſe und ſchreckliche Bilder aus ſeinem früheren Leben der ganzen Wuth eines verzehrenden Fiebers und er Beſchl zutreten. rglos auf. net öden, zu ſtehen r ecklarte ſich durh te, wie et des Don 10 gemäß, hrt wale, ſomit die raubt und erwöchent⸗ n Geſehin irfte. Und e Streich Schmen und al erwachte bar ſin ſte Lebens⸗ berſten del ch 1 friherel er d 3 und cbers 1n — 239— wilden Raſereien preisgegeben worden, und nur in zeit⸗ weiligen lichten Zwiſchenräumen zur Beſinnung erwacht, um verzweiflungsvoll nach einem Prieſter zu ſchreien, der ſeine Beichte dem Könige überbrächte. Der Familiar ſchwieg erſchöpft und erſt nach einer Weile wagte Ferdinand, die karg zugemeſſene Friſt zu den allernöthigſten Fragen zu benutzen. Er ließ ſich von dem Sterbenden über die unterirdiſchen Räumlich⸗ keiten der geheimen Inquiſition unterrichten und erfuhr mit Entſetzen, daß in der allernächſten Nähe ſeines Schloſſes, ja, im eigentlichen Sinne des Wortes unter ſeinen Füßen dieſe Orgien der Hölle gefeiert worden. „Und iſt der Anſtifter dieſer Verbrechen,“ fuhr der der König fort,„der, welcher durch Deine Hand Morales tödtete und Stanley in die Hand des Henkers gab, auch Dein Mörder?“ Der Mann antwortete bejahend. „Und unter welchen Namen kennt man ihn?“ Ein unbeſchreiblicher Ausdruck flog über das er⸗ bleichende Antlitz des Sterbenden. Er richtete ſich mit dem ganzen Aufwande ſeiner ſchwindenden Lebenskräfte auf, faßte mit krampfhaft gebogenen Fingern Ferdinands Gewand, um dieſen näher an ſein Lager zu ziehen und flüſterte: „Er gilt für den Weiſeſten und Frömmſten, aber um Mitternacht waltet er im Reiche des Satans— Ihr nennt ihn Don Luis Garcia. Ich wurde das vierte Opfer, aber auch ſein Ankläger. Nur ſein Tod— doch hier verſagte die Sprache dem Sterbenden und ſeine letzten — 240— Worte verklangen in lautem Röcheln. Furchtbare Con⸗ vulſionen verkündeten den eintretenden Todeskampf ſchüt⸗ telten den erkaltenden Körper und verzerrten die bereits aſchgrauen Züge, daß ſelbſt die Herzhafteſten, von Schauern durchbebt, ſich abwandten. Nur Stanley, der bisher unverwandt, ohne aufzuathmen, dieſen Bekennt⸗ niſſen gelauſcht hatte und unbewußt immer näher ge⸗ treten war, ſprang jetzt auf dem Sterbenden zu und ſchrie:„Du nannteſt Dich das vierte Opfer— noch einen Namen haſt Du verſchwiegen!“ Doch vergebens harrte Stanley der Antwort. Die Augen des Verſcheidenden ſtierten ausdruckslos auf, roll⸗ ten noch einmal in ihren Höhlen und erſtarrten. chtbare Con⸗ ampf ſchüt⸗ en die bereits aſteſten, von Stanleh, der ieſen Bekennt⸗ er näher ge⸗ nden zu und pfet— noch ntwort. Die los auf wolk trten. XMXII. Den Geſtändniſſen des Familiaren folgten häufige und lange Sitzungen des königlichen Rathes, die jedoch im Wefentlichen ohne beſtimmtes Ergebniß blieben. Ein Befehl, die Diener der Inquiſition mit allen zu Gebote ſtehenden Mitteln zu verfolgen und zur Rechenſchaft zu ziehen, war freilich leicht zu erlaſſen, aber der Ausfüh⸗ rung ſtellten ſich unberechenbare Schwierigkeiten entgegen. Man hatte hier mit einem geheimen Organ des römiſchen Hofes und ſeinen Schützlingen zu thun, die der Arim der weltlichen Gerechtigkeit, felbſt wenn er ſie erreichen konnte, zu ergreifen zauderte. Es wurde daher einmü⸗ thig beſchloſſen, die Rückkehr des abweſenden Torquemada, des Beichtvaters der Königin, abzuwarten, um ſich der ſtillſchweigend anerkannten Autorität dieſes entſchloſſenen und vielerfahrnen Prieſters zu unterwerfen. Nur die Einleitung eines enetgiſchen Verfahrens gegen Don Luis, deſſen furchtbares Verbrechen zu ſchützen weder weltliche noch geiſtliche Behörden ſich vermeſſen konnten, durfte 16 keine Zögerung erfahren. der Königin wurde eine Proklamation erlaſſen und auf allen öffentlichen Plätzen Segovia's laut verleſen, des Inhalts, daß, nachdem Don Luis Garcia durch zuverläſ⸗ ſige Ausſage vieler außerordentlichen Verbrechen beſchuldigt, insbeſondere aber angeklagt worden, die Ermordung des Don Ferdinand Morales veranſtaltet, durch liſtige Len⸗ kung und Benutzung der Umſtände den Verdacht dieſes Mordes auf Arthur Stanley gewälzt und endlich den Diener ſeiner Verruchtheit mit eigener Hand erſchlagen zu haben: jeder Spanier ohne Unterſchied des Ranges und Standes aufgefordert würde, zur Entdeckung des genannten Don Luis Garcia mitzuwirken und denſelben, wenn möglich, der Strenge des Geſetzes zu überliefern. Dieſe Proklamation wurde durch zahlreiche Abdrücke ver⸗ vielfältigt und, von einer genauen Beſchreibung der be⸗ treffenden Perſönlichkeit begleitet, in alle Städte, Dör⸗ fer und Weiler des Reichs verſandt, und gleichzeitig an ſämmtliche Behörden Spaniens die umfaſſendſte und Im Namen des Königs und geeignetſte Weiſung zur Habhaftwerdung des Verbrechers erlaſſen— aber vergebens. Wochen und Monate ver⸗ gingen in fruchtloſen Bemühungen: Don Luis war ſpurlos verſchwunden. Da reiſte Pater Francisko in heiligem Eifer, die Kirche von ihrem unwürdigſten Mit⸗ gliede zu befreien, mit den nöthigen Vollmachten ver⸗ ſehen, nach Rom, trug dem Papſte in einer Audienz die Sache vor und beſchwor dieſen, die Excommunication über den verworfenſten aller Heuchler auszuſprechen, der den Namen der heiligen Kirche zu den unerhörteſten es Königs und laſſen und auf twverleſen, des durch zuverläſ hen beſchuldigt, rmordung des ſch liſige Ln⸗ Perdacht dieſes d endlich den and erſchlagen ddes Ranges Fntdekung des und denſelben, zu überliefem Abdricke ver⸗ eibung der be Stidte, Dör⸗ nd glichitig nfuſſendſte und es Verbrichts dMonate bel⸗ on Auis wor ßrncso in üdigſtn Nit⸗ Umachtn ver er Andien die onmnintio uſprechen⸗ der unerhörtſi — 243— Freveln mißbraucht hatte. Alexander der Sechſte je⸗ doch, in einem ſchmach⸗ und laſterbefleckten Leben er⸗ graut und unfähig, in den reinen, unentweihten Geiſt des Franciskanerpriors einzutreten, lächelte mitlei⸗ dig und erwiederte, der Sendling des ſpaniſchen Hofes möchte ſich mit ſeiner Botſchaft wohl etwas verſpätet haben, denn der würdige, eifrige Diener Roms, deſſen Beſtrafung man wünſchte, habe bereits, nachdem er zu den Füßen des heiligen Stuhles ein reumüthiges Be⸗ kenntniß ſeiner Verirrungen niedergelegt, Abſolution er— halten und ſei nun vermöge ſeines durch Buße geläuter⸗ ten Sinnes und ſeiner glänzenden Fähigkeiten im Be⸗ griffe, zu den höchſten Würden der Kirche emporzu⸗ ſteigen. Vergebens erſchöpfte ſich Pater Francisko in Gegen⸗ vorſtellungen und redete freier vor dem Kirchenfürſten, als dieſer in ſeiner unmittelbarſten Nähe zu geſtatten pflegte:— Alexander der Sechſte hatte dem Ausbruche der bitterſten Enttäuſchung nur ein höhniſches Achſel⸗ zucken entgegenzuſetzen, und tiefgebeugt kehrte der wahr⸗ haft fromme, gottergebene Prior nach Spanien zurück. Noch an demſelben Tage, da der Familiar durch ſein umfaſſendes Geſtändniß Arthur Stanley von allem Verdacht gereinigt hatte, wurde dieſer in der Kathedrale von Segovia im Beiſein des verſammelten Adels, der Staatsdiener und Prieſter, ſowie der vornehmſten Bürger 16* — 244— feierlich für unſchuldig erklärt. Die Sporen, welche ſchimpflich von ſeinen Ferſen geriſſen waren, wurden ihm durch den Herzog von Murcia wieder angelegt, ſeine Ritterwürde vom Könige auf's Neue beſtätigt und von Iſabellen ihm ein Schwert mit echter Toledoklinge und juwelenbeſetzten Griffe überreicht, das beſtimmt war, die Waffe zu erſetzen, deren Verluſt ihn in unverdiente Schmach und Trübſal geſtürzt hatte. Arthur's Wangen brannten— und doch lag ein tiefer Schatten auf ſeinen Zügen, den weder die groß⸗ artige Feierlichkeit, noch die erwieſenen Ehren zu ſcheuchen vermochten. Sehnſüchtig blickte er den Herrſchern nach, als dieſe die Kirche verließen und ſtürzte in unwider⸗ ſtehlichem Drange aus der Menge, der er ſich einen Augenblick in heiterer Unterhaltung zugeſellt hatte, her⸗ vor, um vor Iſabellen niederzuknien. Kaum hörbar, nur ihr verſtändlich, flüſterte er:„Iſt ſie noch in Don Luis Gewalt, ſo erwartet nicht Torquemada's Rücktehr; es möchte dann zu ſpät ſein!“ Schnell neigte ſich Iſabelle zu dem Ohre des Knieenden und antwortete leiſe:„Sie iſt in Sicherheit!“ Und Arthur faßte den Saum ihres Gewandes und küßte ihn inbrünſtig Am Abend deſſelben Tages ſtand Stanley im An⸗ ſchauen des prachtvollen Geſchenkes verſunken, welches ihm von der Hand der Königin verehrt worden. Halb unwillkürlich faßte er den koſtbaren Griff und ent⸗ blößte das blitzende Schwert, als ein beſchriebenes Blatt, welches um die Klinge gewickelt war, zu Boden fil. Heh Ihm jnet liche Ohn Nar kine ſein jwei iht dan 1 weche vurden igehgt, ſt und oflinge war, erdiente ag ein egroß⸗ hechen n nach, nwidet⸗ einen te, her⸗ hörbar, noch in madas hre des aheit!“ es und in U welches beb d ant hrirben u Boden = fiel. Eilig hob er es auf und las mit laut klopfendem Herzen: „Dem Sennor Stanley im Vertrauen dieſe Zeilen: Das Auge der Liebe, das jede Verſtellung durchdringen ſollte, war diesmal minder ſcharf, als Frauenblick. Diejenige, an deren Schickſal, wie wir meinen, Sennor Stanley Antheil nimmt, und deren Bemühungen er Leben und Ehre ver⸗ dankt, befindet ſich unter dem Schutze ihrer Kö— nigin. Dies diene dem wunderbar Geretteten zur vorläufigen Beruhigung und bleibe jedem Andern verſchwiegen.“ Iſabelle R. Arthur drückte das koſtbare Schreiben im Rauſche des Entzückens an die Lippen. Wieder und immer wie— der las er die lieben Zeilen, als könnte er mit dem durchdringenden Blick ſeiner freudeleuchtenden Augen jeden Buchſtaben auf ewig in ſein dankerfülltes Herz pflanzen. Ihm war, als fühlte er wieder die ſanfte Berührung jener zarten Hand, als begegnete er wieder jenen lieb⸗ lichen Augen— und er begriff Alles. Der arme, zur Ohnmacht erſchöpfte Knabe, der junge Novize war Marie! Ohne die Verweigerung ihres Zeugniſſes wäre ihm keine Friſt bewilligt, ſondern der Tod durch Henkershand ſein Loos geworden— und nun hatte ſie ihn zum zweiten Male gerettet! Vor ſeiner glühenden Sehnſucht, ihr auf den Knien für ihre edelmüthige Aufopferung zu danken, trat ſelbſt der Eindruck des verlebten, Tages zurück. Die Ungewißheit über das freudigen Schickſal, ————— — welches Marie nach Torquemada's Ankunft erwartete, marterte ſein übervolles Herz und nur die Hoffnung, daß ſie den Wünſchen Iſabellens nicht widerſtehen, das Chriſtenthum bekennen und dann für immer ihm ange⸗ hören würde, um ein tief in Nacht und Grauen ge⸗ tauchtes Leben mit den Sonnenblicken ihrer Liebe zu verklären, gewährte ihm Troſt inmitten dieſer bangen Zweifel. nft etwartet, die Hoffnung, derſtehen, das net ihm ange⸗ d Grauen ge⸗ hrer Liebe zu dieſer bangen XXXIII. Nie zuvor war die Ankunft des finſtern Torquemada ſo freudig begrüßt worden. Er wurde ohne Verzug von dem Vorgefallenen benachrichtigt und ſein Rath aufs Dringendſte erbeten. Der unerſchütterliche Mann zeigte ſich jedoch weder überraſcht noch entrüſtet, ſondern er⸗ klärte, in ſo wichtiger, inhaltsſchwerer Sache erſt nach reiflicher Erwägung entſcheiden zu können und erbat ſich zu dieſem Ende einige Tage Bedenkzeit. Und als er endlich ſeine Anſicht kund gab, ſahen ſich Ferdinand und Iſabella in ihren Erwartungen ſchwer getäuſcht. Aller⸗ dings ſprach ſich Torquemada offen wider die ſtattge⸗ habte Entweihung des katholiſchen Glaubens aus, aber die königliche Abſicht, die Inquiſition innerhalb der Grenzen des Reiches ganz und gar aufzuheben, verwarf er entſchieden. Es mußte, wie er mit großer Bered⸗ ſamkeit entwickelte, dieſes Inſtitut in die gebührenden Schranken zurückgewieſen und durch höhere Autorität — gezügelt werden, um ſodann den Augen der Herrſcher und der geiſtlichen Würdenträger jederzeit offenen Ein⸗ blick in ſeine Thätigkeit zu geſtatten und ein ſchätzbares Werkzeug zum Heile und zur Säuberung der katholiſchen Kirche zu ſein. Er that durch eine ſchlau berechnete und fein gefügte Beweisführung dar, daß jeder Schritt zur Vertilgung einer ſo weit verbreiteten und wohlorgani⸗ ſirten Macht nutzlos wäre, daß dieſe vielmehr fortdauern und, ſo lange ihr die öffentliche Anerkennung verſagt bliebe, nach wie vor zur Heimlichkeit und Willkür ihre Zuflucht nehmen würde. Er erklärte ohne Rückhalt die Ausrottung der geheimen Inquiſition für eine gebie⸗ teriſche Nothwendigkeit, fügte aber hinzu, daß die Kirche zu ſolcher Maßregel ihren Arm nicht bieten dürfte, wenn nicht auf den Trümmern dieſes Tribunals vor den Augen der ganzen europäiſchen Welt ein„heiliges Amt“ errichtet und ohne Vorbehalt als ein Inſtitut anerkannt würde, das auf den bürgerlichen und kirch⸗ lichen Geſetzen Spaniens ruhte. Am leichteſten wurde Ferdinand durch Torquemada's blendende Beredſamkeit gewonnen. Er glaubte, in dem neu zu begründenden heiligen Amte, das der Aufſicht der Monarchen unterliegen ſollte, ein Werkzeug und einen Zuwachs der königlichen Macht zu gewinnen und ließ ſich gern überreden, daß der beabſichtigte Feld⸗ zug wider die Mauren am Beſten eingeleitet würde durch die Gründung und öffentliche Anerkennung der heiligen Inquiſition, der die Aufgabe zufiele, alle Hei⸗ den zur läuternden, alleinſeligmachenden Lehre der rö⸗ der Herrſcher offenen Ein⸗ in ſchätbares r katholiſchen erechnete und Schtitt zur wohlorgani hr fortdauern nung verſagt Villküt ihre Rückhalt die eine gebi⸗ aß die Kirhe dürſte, wenn uls vor den „heiliges ein Inſtitut n und kich⸗ orguemadas lbte, in den der Auſſcht ertzeug und u gewimen ichtigte ßeld⸗ leitt würde kennung del ſe all bi⸗ ehre der — 249— miſchen Kirche zu bekehren. Schwerer wurde es dem eifrigen und gewandten Diener Roms, die Königin, ſein Beichtkind, für ſeine Anſicht zu gewinnen. Er ſprach ſich voll Abſcheu gegen die im Namen der allerheiligſten Kirche begangenen Verbrechen aus, verbürgte ſich, nicht zu ruhen, bis die Diener der geheimen Inquiſition den Händen der Gerechtigkeit überliefert und ihre unterirdi⸗ ſchen Schlupfwinkel ſpurlos vernichtet wären— aber unerſchütterlich forderte er die öffentliche Einſetzung des heiligen Amtes. Mit eindringlicher Ermahnung wandte er ſich an Iſabellens mütterliche Fürſorge für das Seelenheil ihres Volkes und ſuchte ſie mit allen ſeinem Scharfſinn zu Gebote ſtehenden Beweiſen zu überzeugen, daß es die Pflicht einer echt katholiſchen Fürſtin wäre, die Kirche Gottes zu fördern und zu ſäubern— dennoch widerſtand Iſabelle lange. Und als ſie endlich zuſtimmte, geſchah es unter Thränen. Ihr war, als lägen die Annalen der Nachwelt aufgerollt vor ihren weitſchauen⸗ den Blicken, als leſe ſie darin die Schmach und den Fall des ſchönen Landes, das ſie voll edlen Stolzes vor allen Reichen Europa's auf die höchſte Stufe der Wohlfahrt und Macht emportragen wollte. Ihrem Beichtvater entdeckte Iſabelle rückhaltsloſer und offener, als ſie gegen Ferdinand gethan, Mariens Geſchichte und ihre eigenen Abſichten. Wohlgefällig vernahm Torquemada ihren ernſten Willen, die Un⸗ — 250— gläubige zu bekehren, aber mit dem ſtrengſten Ernſte forderte er die Anwendung der rückſichtsloſeſten Härte, wenn milde Ermahnung hartnäckig zurückgewieſen würde. Nachdrücklich hob er hervor, daß, wenn ein eifriger Katholik, wie Don Ferdinand Morales, ein Weib aus einem von Gott verworfenen Geſchlechte ehelichen und den Dienſt des ſchwärzeſten Unglaubens in ſeinem Hauſe dulden konnte, nur noch das Mittel der heili⸗ gen Inquiſition übrig bliebe, um die Söhne Spa⸗ niens fortan vor unheiligen Verbindungen zu bewah⸗ ren. Und als Iſabelle ihn zweifelnd anblickte und von der Schonung ſprach, die man einem durch körper⸗ liche Leiden und Schickſalsſchläge gebeugten Weibe ſchul⸗ dete, fragte er ſie voll bittern Vorwurfs, ob nicht jede Rückſicht ſchweigen müßte, wenn es gälte, die Kirche vor Befleckung und Verfall zu ſchützen, ob es nicht eine gnädige Fügung Gottes geweſen, daß Morales und Mariens Ehe kinderlos geblieben, und ob nicht endlich ohne ein energiſches Auftreten der Kirchenge⸗ walt, die edelſten Geſchlechter des Landes in Unglau⸗ ben und Ketzerthum verſinken würden, da ruchloſe Mütter, von der ſündhaften Nachſicht ihrer Gatten begünſtigt, die Seele der Kinder mit fluchwürdigen Irrlehren verpeſteten? Dieſer Beweisführung wußte Iſabelle nicht zu widerſtehen. Sie verſprach— nicht ohne den ge— heimen Nebengedanken, durch Arthur zu erreichen, was vielleicht der Ueberredung der Prieſter mißlingen würde igſten Ernſte ſeſten Härt, ieſen würde. ein eiftiger n Wiib aus elichen und in ſeinem l der heil⸗ öhne Spe⸗ zu bewah⸗ nblicte und urch körper⸗ Weibe ſchul⸗ b nicht jde die Kirhe b es nicht aß Morales dob nicht Firchenge⸗ in Unglau⸗ da nihloſt rer Gattn uchwürdigen nicht ſ ne den g — 251— — wenn Milde fehlſchlagen ſollte, vor keinem Mittel 5 der Härte zurückzuſchrecken. Und erſt jetzt ſpendete Torquemada ihrem frommen Vorhaben den gewünſch⸗ ten Segen. XXXIV. Die Zeit war gekommen, da Ferdinand ohne Ge⸗ fahr für die innere Ruhe des Reiches den längſt entwor⸗ fenen Feldzug wieder die Mauren eröffnen durfte. Der Adel verließ ſeine Beſitzungen, um in den ſtehenden Heeren, welche fortan an die Stelle des mittelalterlichen Heerbannes traten, den alten Glanz des Ritterthums zu entfalten, und Truppen wurden in aller Stille an den wichtigſten Punkten des Landes aufgeſtellt. Ferdinand benutzte unterdeſſen die kurze Friſt vor dem Ausbruche der Feindſeligkeiten, um mit Iſabellen ſeine Güter zu beſuchen und durch dieſen Ausflug in ſo kritiſcher Zeit die Mauren, welche ohnehin durch innere Zwiſtigkeiten unter ſich zerfallen, den feindlichen Rüſtungen nur flüch⸗ tige Aufmerkſamkeit ſchenkten, über den Zeitpunkt der Unternehmung deſto nachdrücklicher zu täuſchen. Bevor jedoch das Herrſcherpaar Segovia verließ, zog Stanley an der Spitze einer Heeresabtheilung gen Süden, um eine ſtarke Grenzfeſtung, welche den Aus⸗ d ohne Ge⸗ igſt entwol⸗ urfte. Der n ſtehenden telalterlichen terthums j lle an den Ferdinnd Ausbrucht Güter zu itiſcher Jit iſigtin mr ſich itpunkt det en 6 ia verließ, heilung en den Aus — 253— gangspunkt der Operationen bilden ſollte, mit genügen⸗ den Streitkräften zu beſetzen. Vor ſeinem Aufbruche war er noch ſo glücklich, durch Iſabellens Vermittelung in ſcheinbar zufälligem Zuſammentreffen Marien zu ſehen. Sie war unter dem Einfluſſe der beſonderen Obhut und Pflege, deren ſie ſich unter dem Schutze der Königin er⸗ freute, allmälig aus der niederbeugenden Gewalt des Leidens zur Geneſung und Faſſung erſtarkt, und ſtille Ergebung hatte den nagenden Schmerz herber Erinne⸗ rungen ſanft aus ihrem Herzen gelöſ't. Sie erblaßte, als ſie Arthur wiederſah, aber die Ruhe, welche ſie end⸗ lich unter Thränen errungen hatte, verließ ſie nicht. Nur einmal zitterte ihre Stimme— es war, als ſie Arthur beſchwor, des Vergangenen nicht mehr zu geden⸗ ken und ihm betheuerte, daß Alles, was ſie für ihn ge⸗ than, nicht der Dankbarkeit werth wäre, die er ſo warm an den Tag legte. Schon wollte er mit dem gewohn⸗ ten Ungeſtüm ſeiner tiefgewurzelten Leidenſchaft antwor⸗ ten— aber vor Mariens tiefernſter Haltung mußte er ſtill die Blicke ſenken. Sie war nicht mehr das ſchüch⸗ terne, hingebende Mädchen, das unbewußt dem geliebten Manne mit jedem Worte, jeder Bewegung das Geheim⸗ niß ihres Herzens verrieth— vor ihm ſtand das viel⸗ geprüſte Weib, das nur noch zu entſagen wußte. Und dennoch wagte Arthur zu hoffen. Als er ſchied, ſprach Iſabelle troſtvolle Worte, verhieß ihm huldreich, Mariens verödetes Herz, wenn auch erſt nach Monaten und Jah⸗ ren, den früheren Gefühlen zurückzugeben und ſeine ſehnlichſten Wünſche durch ihr königliches Wort zu unter⸗ — 254— ſtützen: und er verließ Segovia mit leichtem, hoffnung⸗ geſchwelltem Herzen. So floſſen Wochen und Monate in immer gleichem Gange ohne erhebliche äußere Ereigniſſe hin. Und den⸗ noch fühlte Marie, daß dieſe glückliche Ruhe, gleich der trügeriſchen Stille vor dem Unwetter, nur die kurze Friſt war, welche neuer Trübſal voranging— ſie wußte, daß kein Kind ihres Volkes ſtraflos in die höheren Kreiſe der Geſellſchaft trat. Und ſie trog ſich nicht. Wieder ſchlug ihr die Stunde der Prüfung, und obgleich ſie gefaßt und vorbereitet war, verrieth doch das Zittern, mit welchem ſie den Willen der Königin vernahm, wie wenig ſelbſt der entſagungsvollſte Sinn ein junges Hers zu Leiden geſchickt macht. Iſabelle hatte, wie ſie in milden, doch entſchiedenen Worten ausſprach, Marien volle Friſt nicht nur zu leiblicher Geneſung, ſondern auch zur Wiederkehr ihrer Gemüthsruhe vergönnt in der ſichern Erwartung, daß ſie den einzigen ihr auferlegten Beweis eines dankbaren Herzens liefern und mit aufrichtiger Sammlung die Heilswahrheiten des katholiſchen Glaubens erwägen würde, um ſodann in unausbleiblicher Folge das Kreuz zu umfaſſen.„Du mußt es längſt empfunden haben,“ ſprach Iſabelle,„daß Du als Jüdin Dich nicht meiner Huld erfreuen darſſt und wirſt darum die Belehrung des Pater Dioniſiv empfangen, welchen wir zu dieſem hoffnung⸗ r gleichen Und den⸗ gleich de kurze Friſt ſie wußte, ie höheren ſich nicht d obglit as Zittern, ahm, wi unges ben nſchiedenen r i tkehr ihu tung, diß dankbare mlung erwägen n hu „ haben“ icht min gelchung ieſehl 255— 1 Werke auserſehen haben. Wir werden Dir von heute an nicht mehr den Anblick unſerer Perſon gewähren, damit Du Dich ganz und ungetheilt der heiligen Auf⸗ gabe hingeben könneſt. Doch wenn Du, durch das Wort des heiligen Mannes erleuchtet, Dich entſcheiden wirſt, mit uns den Erlöſer der Welt zu verehren, ſollſt Du öffentlich als Erbin der Güter Deines verewigten Gat⸗ ten anerkannt werden, die Erſte und Liebſte an unſerm Hofe ſein, und ein Leben voll ſeliger Freude wird jede leiſe Erinnerung an Vergangenes aus Deinem Gedächt⸗ niſſe bannen.“ Marien's Lippen bewegten ſich, doch Iſabelle ſchien keiner Einrede achten zu wollen und fuhr in ſtrengem Tone fort:„Ich verlange nur Gehorſam. Ich kann nicht glauben, daß alle Liebe und Güte, die Dir zu Theil geworden, ſpurlos an Deinem Herzen vorübergehen konnte, daß Du hartnäckig biſt, wie Dein verblendetes Volk, das nur der rauhen Strenge weicht. Darum ſollſt Du durch das milde Wort des frommen Prieſters zum Heile geführt werden und Härte erſt erfahren, wenn Du, undankbar und ſtarrſinnig, uns zwingſt, Dich mit allen Uebrigen Deines verworfenen Stammes gleich zu ſtellen!“ Und ohne eine Antwort zu erwarten, wandte ſich Iſabelle, und Marie kehrte ſtill und gebeugt in ihre Gemächer zurück. XXXV. Mariens frühere Prüfungen waren bittere Seelen⸗ leiden und Folterqualen geweſen; von beiden blieb ſie diesmal verſchont, und dennoch harrte ihrer ein tiefer, unſäglicher Schmerz. Wider Grauſamkeit und Hohn hatte ſie ſich in edlem Selbſtbewußtſein und tiefinniger Zuverſicht behauptet— doch Pater Dioniſio war milde und freundlich. Durchdrungen von der Ueberzeugung, daß ohne den Glauben, welchen die Kirche forderte, keine Soele Erlöſung hoffen durfte, begann er mit aufrichtiger Hingebung das ihm aufgetragene Werk, und je öfter er Marien in ihrer Einſamkeit beſuchte, deſto ſehnlicher wünſchte er ſie zu retten, deſto ſchmerzlicher beklagte er ihren Widerſtand. Er beſchwor ſie mit den rührendſten Bitten, ihren und ihrer Väter Wahnglauben zu verlaſſen, ſchilderte ihr mit der Gluth eines begeiſterten Katholiken den Frieden des Gewiſſens, der ſie als gutes Kind der Kirche hienieden beglücken, und die ungetrübte Seligkeit, bittere Stele⸗ eiden blich ſie ihnr in tießt, it und Hohn und tüfiniger ſſo war milde Ueberjeugu forderte, keine mit auftichtige j öftr er ſchrlih und deſto her belugte it den ihnnſu en zu verlaſſet, tten Kußelin gutes Kind der übte Silgket — 257— die einſt im Jenſeits ihr Antheil ſein würde, aber je eifriger der fromme Mann in ſie drang, deſto lebhafter erkannte ſie, daß ſie nicht abſchwören konnte, was ſie ls das Erbtheil dreier Jahrtauſende im Herzen bewahrte. Sie vermochte die Dogmen der Kirche, welche Pater D — ioniſio ihr wiederholt und unermüdlich vortrug, weder aufzunehmen, noch zu widerlegen; die Beweiſe, mit wel⸗ chen der ehrwürdige Mann ſeine Lehren zu ſtützen ſuchte, blieben ihr fremd und unverſtändlich— ſie fühlte nur, daß ſie ſich einer tiefen, reichen, mit dem Inhalte ihres ganzen Lebens genährten Gemüthswelt entſchlagen mußte, um nur das Verſtändniß der Glaubensſätze zu verſuchen, die ihr vorgetragen wurden. Je lauter und mahnungs⸗ voller Pater Dioniſio ſprach, deſto mächtiger erſtanden in Marien die Erinnerungen aus früher Jugendzeit, ſie hörte wieder die uralten, einfachen Weiſen, die in jenem kleinen Tempel geſungen worden, ſie ſah wieder ihre längſt entſchlafene Mutter unter Segensſprüchen die Lam⸗ pen anzünden, welche an Sabbath- und Feſtabenden ſo traut und freundlich das Zimmer erhellten, ſie ſaß im Geiſte wieder neben den Ihrigen in der prangenden Laubhütte, die ihre Hände ſinnvoll geſchmückt hatten— und ein tiefes, unnennbares Heimweh nach dem ſtillen Frieden des Cedernthales erfaßte ſie und ließ die Welt, welche Pater Dioniſio ihr zu eröffnen trachtete, öde und troſtlos erſcheinen. Wohl gab es Stunden, in denen ſie ſehnſüchtig zu den Herrlichkeiten aufblickte, die ein einziges Wörtchen ihr erſchließen ſollte, wohl betete ſie unter Thränen, daß es ihr möglich werden möchte, die 17 — 258— Ueberzeugung, welche man von ihr verlangte, zu faſſen, wohl war es ihr oft, als müßte ſie ſich der ſchwärzeſten Undankbarkeit wider ihre königliche Beſchützerin zeihen, aber es lebte eine Stimme in ihr, deren Mahnung ſie nicht entfliehen konnte, und die ihr unabläſſig zurief: Im Herzen kannſt Du nicht Chriſtin werden und in Worten allein darfſt Du es nimmer ſein! So waren unter fruchtloſen Bemühungen des from⸗ men Paters mehr als drei Monate verfloſſen. Von Tag zu Tag hatte er beſſeren Erfolg gehofft, ſeinen Eifer geſteigert und alle Heiligen um einen gedeihlichen Aus⸗ gang ſeines frommen Vorhabens angefleht, doch Alles war vergeblich, und ſo wandte er ſich endlich in tiefſter Zerknirſchung an die Königin, erklärte ſich für unfähig, Marien zu bekehren und bat, dieſe Aufgabe einem fähi⸗ geren Manne zuzutheilen. Bitter enttäuſcht erfuhr Iſa⸗ belle, daß ſelbſt der ſanfteſte, menſchenfreundlichſte Prieſter Segovia's fernere Rachſicht in dieſem Falle für fruchtlos erklärte und entſchloß ſich nun, wiewohl mit innerem Widerſtreben, den Rath ihres Beichtvaters einzuholen. Torquemada hörte ſie an mit gerunzelter Stirn und zu⸗ ſammengepreßten Lippen. Ihn überraſchte, wie er ſagte, das Alles nicht; es wäre Alles gekommen, wie er erwar⸗ tet hätte, denn das ungläubige Volk der Juden verſtände durch ſchwarze Künſte Auge und Herz aller Derer zu blenden und zu umſtricken, die ſeine Bekehrung auf dem Wege der Milde verſuchten. Zu dieſer Einſicht wäre auch Pater Dioniſio gekommen gleich Allen, die ſich ge⸗ ſcheut hätten, Ketzerthum durch rückſichtsloſe Strenge zu gte, zu faſſen, Nt ſchwärzeſtn ützrin zeihen, Mohnung ſe blüſſg zurift eruen und in ngen des fron⸗ in. Von Log ſtinen Eiſtt eihlichen Aus⸗ t, doch A lich in tüſſer hfür unfhig, be einen ſiht ht erfuhr Iſt⸗ dlichſe Priſſtr d fir fuchtl l nit inneren t einuhol Stir und wir et ſiht⸗ erwo änd wie et zuden vert ler Derer i al hrung ol do Ginſcht win ot Enngi — 259— bekämpfen. Nicht länger dürfte nun, da kein Mittel der Güte unverſucht geblieben, die Herrſcherin eines katholi⸗ ſchen Reichs zaudern, ihr Verſprechen zu erfüllen, denn nur Folter und Flamme oder gänzliche Vertreibung könnte Spanien retten vor dem Untergange durch die giftige Brut des von Gott verfluchten Stammes. Noch einmal verſuchte Pater Dioniſio mit der gan⸗ zen Fülle ſeiner Beredſamkeit Mariens Widerſtand zu brechen; aus ſeinen ängſtlichen Mienen und dringenden Bitten ſprach eine verſteckte Warnung vor dem ſchreckli— chen Looſe, das ihr hartnäckiger Unglaube heraufbeſchwor, doch ihre Entſcheidung fiel, wie er gefürchtet hatte. Tief ging ihr die unverſtellte Betrübniß des ehr⸗ würdigen Mannes zu Herzen, händeringend flehte ſie noch einmal um Verſtändniß der Lehre, die ſie mit dem Ohre vernommen, doch mit dem Herzen nicht erfaßt hatte, noch einmal rief ſie in verzeihlicher Schwäche die Vorſtellung alles Glanzes und Glückes zu Hülfe, zu de⸗ nen ſie aus Jammer und Verachtung emporſteigen ſollte — aber jene Stimme ihres Innern war mächtiger als Schwäche und Verſuchung, und zitternd, aber entſchloſſen vernahm ſie alsbald den Befehl, vor ihrer Königin zu erſcheinen. „Wir haben Dich hierher entboten, Marie,“ ſprach die Königin mit dem Ausdruck des tiefſten Ernſtes,„um aus Deinem eigenen Munde einen Entſchluß zu verneh men, den uns Pater Dioniſio mitgetheilt hat, dem wir jedoch nicht Glauben ſchenken mögen, ohne ihn von Dir beſtätigt zu hören. Wäreſt Du nicht durch die ſchweren Prüfungen Deines jungen Lebens und herrliche Eigen ſchaften Deines Herzens uns lieb und theuer geworden, ſo hätten wir längſt dem Andrängen der frommen Väter nachgegeben und der Erfüllung ihres Verlangens kein Hinderniß bereitet. Wir ſuchen Dich mit beiſpielloſer Scho⸗ nung und unermüdlicher Langmuth einem verworfenen Glauben zu entreißen, geben uns dem Tadel der Kirche preis, um Dich mit ſanfter Hand auf den alleinigen Pfad des Friedens zu führen— und Du biſt hart⸗ näckig, undankbar genug, unſere Härte herauszufordern und einen Schritt von uns zu erzwingen, vor dem un⸗ ſer Herz zurückbebt!“ M arl „ſprach Ernſes„Un U h al, il zu vernh dem wi n von Dit h die ſchweren uel liche Eige to. tlangel 1 govordo nmen Vütel 16 hin „Cho ſpielloſer Scho ver erworfen del der gich den 0 lleinige 1 mujfor v biſt hut den r den ul Marie vermochte nichts zu erwiedern. Schluchzend bedeckte ſie das Geſicht mit beiden Händen, und ihre Thränen floſſen durch die zarten Finger. „Nicht Thränen begehren wir, Marie,“ fuhr Iſa⸗ bella nach einer Pauſe fort.„Wir verlangen nur einen Beweis Deines dankbaren Herzens: die Annahme einer Lehre, ohne welche das Erdenleben reizlos, das Jenſeits ohne Seligkeit iſt. Du ſollſt den furchtbaren Irrthümern Deines Wahnglaubens entſagen, deſſen Anhänger von Menſchen verachtet und von Gott verworfen ſind.“ „Ja, die Menſchen verachten uns, gnädige Königin,“ verſetzte Marie gefaßter,„aber Gott verwirft uns nicht! Haß und Hohn, die uns treffen, können nur die heilige Wahrheit beſiegeln, daß wir einſt die auserwählten Kinder Gottes waren, die er nach ſeinem heiligen Worte glorreich wieder erheben wird.“ „Marie,“ erwiederte die Königin ablenkend,„nach⸗ dem alle Mühe des Pater Dioniſio vergebens geweſen, wäre es thöricht, wenn wir aufs Neue über Deine Irr— thümer mit Dir rechten wollten. Du ſtehſt hier vor uns, um Deinen endlichen Entſchluß auszuſprechen. Noch einmal frage ich Dich: Iſt es ebenſo wenig den Lehren des Pater Dioniſio, als unſerer eigenen Lang⸗ muth gelungen, Deinen Starrſinn zu brechen?“ „O könnte ich doch glauben nach Eurem Wunſch!“ rief Marie.„Hätten doch jene Lehren mir Ueberzeugung gebracht! Königin, ich könnte freudig mein Leben für Euch hinopfern, um Euch einen Beweis meiner tiefinni— gen Dankbarkeit zu geben— aber was Ihr fordert, — 262 vermag ich nicht zu gewähren. Mag immerhin unſer Bekenntniß dem Wahne angehören— es iſt kein Gewand, das wir nach Belieben wechſeln können. Verdammt mich nicht als fühllos und verhärtet, weil mein Glaube mir höher ſteht, als Eure Liebe, die doch nächſt jenem mein theuerſtes Gut iſt!“ „Dein theuerſtes Gut?“ wiederholte Iſabella lang⸗ ſam und beziehungsvoll.„Ich glaube kaum— doch davon ſpäter!— Marie, ich habe meinem Beichtvater verſprochen, in dieſer Angelegenheit nicht läſſig zu ſein. Er hat mich gelehrt, daß meine Zuneigung zu Dir mich nicht zur Fflichtvergeſſenheit verleiten darf. Nicht nur als einem Mitgliede der katholiſchen Kirche, ſondern auch als der Herrſcherin eines katholiſchen Reiches liegt es mir ob, Ketzerei und Unglauben mit rückſichtsloſem Eifer und eiſerner Strenge auszurotten. Alſo befiehlt unſere heilige Kirche im Namen des Erlöſers— darum höre: Du haſt uns lange über Deinen Glauben getäuſcht— das ſei Dir verziehen um Deines edlen Gatten willen. Doch, wenn ich Dich jetzt zu Deinem Volke zurückkehren ließe, ſo geſtattete ich ſtillſchweigend die Fortdauer fre⸗ velhafter Ehebündniſſe, ermuthigte die Heuchelei und gäbe meine Unterthanen der Vermiſchung mit dem gif⸗ tigen Blute des Judenvolkes preis. Darum mußt Du Chriſtin werden. Der Plan, für welchen wir uns ent— ſchieden haben, wird Dich endlich zur Ueberzeugung füh⸗ ren, doch bedingt er lange Jahre geiſtiger und leiblicher Kaſteiung.“ Mariens Lippen zitterten; ſie blickte mit weit geöffneten mmerhin unſet ſt kein Gewand, erdammt mich in Glaube mit hſt jinen mein Iſabella lang⸗ kaum— doch uem Beichtvatet läſſig zu ſin ig zu Dit mich rf Nicht nur ſondem auch s liegt es mir htsloſem Eiſe hefihlt unſer darum höle n getäuſcht— Fatten wil te zurickhtun Fortdauer füe geucheli uh mit den iß tum mußt D nwir uns it betzehgun ih iblichel rund leiblie eöffnei tweit gebſ — 263— Augen in ahnungsvollem Entſetzen die Königin an— aber ſie ſchwieg. „Du haſt mehr als einmal vom Tode geſprochen,“ fuhr die Königin fort,„doch hoffe nicht, daß er Dir gewährt werde. Wir dürfen Deine Seele nicht ewigen Höllenqualen hingeben, ohne das Aeußerſte verſucht zu haben. Du haſt vielleicht von jenen frommen Schweſtern gehört, die der Erde Freuden und Bande opfern, um ſich Chriſto zu weihen und ihr Leben in Buße und Kaſteiung hinzubringen. Das Kloſter St. Urſula iſt die Schule dieſer allerſtrengſten Zucht; dorthin wirſt Du geſandt werden, um Demuth und Glauben zu ler⸗ nen, die Du jetzt verwirfſt. Bedenke wohl, was dieſer Entſchluß über Dich verhängt! Selbſt uns, einer Chriſtin, erſcheinen die Tage, welchen Du in jenem Kloſter ent— gegengehſt, ſo ſchrecklich, daß wir gern, wenn Du uns die Hand bieten wollteſt, auf mildere Weiſe Deine Seele retteten. Die Aebtiſſin von St. Urſula hat in der rauhen, nachſichtsloſen Zucht langer Jahre jede weib⸗ liche Schwäche beſiegt und wird nicht erſchlaffen, wenn es gilt, den Widerſtand einer verſtockten Ungläubigen zu brechen. Biſt Du einmal ihr übergeben, ſo hoffe nicht mehr auf die Theilnahme unſeres Herzens, das wir Dir allzu rückhaltslos geöffnet haben. Was dort Dir auferlegt wird, mußt Du hinnehmen— ſei es auch Tortur und Tod. Um Deiner ſelbſt willen bedenke, was Dir bevorſteht, ehe es zu ſpät iſt, ehe die Pforten des Kloſters ſich hinter Dir ſchließen und Du in ſchwe— ren Prüfungen vergebens die Gnade Deiner königlichen — 264— Beſchützerin anrufſt— ich werde Dich dann nicht mehr hören dürfen!“ „Wenn ich den Verluſt Eurer Huld ertragen kann, ſo iſt mir nichts zu ſchwer,“ verſetzte Marie langſam und tiefbewegt.„Es liegt größere Qual in dem Ge⸗ danken, Euch, meine gnädige Königin, nicht wieder zu ſehen, in Euren Augen fühllos und undankbar zu er⸗ ſcheinen, als in aller Körper- und Seelenpein, die jenes Kloſter für mich aufbewahrt.“ „Marie!“ rief Iſabelle, von der Sprache dieſes treuen Herzens ergriffen, und Marie warf ſich auf die Knie und bedeckte ihre Hand mit Küſſen und Thränen. „Es darf nicht ſein,“ ſprach die Königin nach einer Weile, aber ſie entzog der Knieenden ihre Hand nicht und blickte ihr ſchmerzlich gerührt in das farbloſe Antlitz.„Es iſt das letzte Mal; es mag die Wirkung Eurer Zauberkünſte ſein— und ich will dafür büßen!“ Und eine Weile ſtand Iſabella ſinnend und wortlos, als erwartete ſie Mariens letzten und unwiderruflichen Entſchluß. Doch vergebens— Marie hatte ihr nichts zu ſagen. „Noch einen Weg,“ begann endlich die Königin wieder,„liegt offen vor Dir. Lange war es unſer Wunſch, das Andenken Deiner unglücklichen Vergangen⸗ heit aus Deinem Gedächtniſſe zu tilgen und Dir eine Zukunft zu bereiten, ſo heiter, als Dein früheres Leben gramerfüllt war. So hat uns denn unſer Beichtvater erlauht, zu verſuchen, ob wir Dich nicht durch Ausſichten auf irdiſches Glück zum ewigen Heile führen könnten. ann nicht mehr ettragen kann, Marie langſam U in dem Ge⸗ nicht wieder zu dankbar zu er⸗ Zeelenpein, die Sprache dieſes urf ſich auf die nd Thränen. Königin nach den ihre Hand in dos farbloſt g die Virkung daſür büßen“ und wortlo, nwideruflichen ihr nichts il h die Königin war es unſtr Vergange und Dir eine el früheres Lben ſer Beichtau urch Ausſchte hren konnte —— Marie, giebt es nicht eine Liebe, die Deinem Herzen theurer iſt, als die unſere? Verſuche nicht zu leugnen, was wir ſeit jener Stunde wußten, da wir Dir Arthur's vermeintliche Miſſethat verkündeten. Warum ſonſt hät⸗ teſt Du ſo flehentlich um ſeine Rettung gebeten? Aus welchem andern Grunde hätteſt Du wohl Deinen Glau⸗ ben geſtanden, als um durch Dein Zeugniß ihn nicht zu verderben? Warum kehrteſt Du zu Gefahr und Drang⸗ ſal zurück, da Sicherheit vor Dir lag, und wagteſt Dein Leben, um das ſeine zu retten? Antworte wahr⸗ haftig: Du liebſt Stanley?“ „Ich habe ihn geliebt, gnädige Herrin!“ „Und Du liebſt ihn nicht mehr? Marie, ich glaube, es wäre weniger Sünde, ihn jetzt zu lieben, als damals.“ „Gnädige Herrſcherin,“ erwiederte Marie,„wer kann dem Herzen gebieten? Es war meine erſte Liebe. Aber nie habe ich gegen meinen edlen Gatten geſündigt. Er erfuhr Alles, bevor er von mir genommen ward und vergab mir. O wäre er mir nur geblieben, ſo hätte ſeine Liebe, ſein kindliches Zutrauen jeder Erinne⸗ rung an Arthur den Stachel genommen!“ „Ich glaube Dir, armes Kind,“ verſetzte Iſabelle. „Aber warum reichteſt Du Morales Deine Hand, da Du doch Arthur liebteſt?“ Einen Augenblick hielt Marie inne, dann antwor⸗ tete ſie mit unſicherer Stimme: „Mein Vater wollte es.“ „Dein Vater? Er gab Deine Hand einem Chriſten?“ „Er war im Sterben und Keiner fand ſich, ſeine — 266— Marie zu ſchützen. Er liebte und bewunderte Ferdinand Morales, der nie unſer Geſchlecht verachtet und verfolgt hatte. Einſt hatte er unſerem Hauſe wichtige Dienſte geleiſtet, und als er meine Hand begehrte und mich in meinem Glauben zu ſchützen ſchwor, ſegnete uns mein Vater, ehe er ſeine Augen für immer ſchloß. Ich weiß es— ich war ſchwach und that Unrecht, aber durfte ich meinem ſterbenden Vater geſtehen, daß ich einen Andern liebte? O gnädige Herrin, Tag und Nacht betete ich, daß ich Arthur nie wieder ſehen möchte, bis er meinem Herzen fremd geworden wäre!“ „Und nun,“ fragte die Königin,„da Morales todt und Arthur ſchuldlos iſt, iſt keines Deiner früheren Gefühle wiedererwacht? Arthur liebt Dich, Marie, ſo treu und wahr, wie ſelten ein Mann geliebt hat. Warum willſt Du ihn zurückſtoßen?“ „Und was ſollte die Jüdin an ſeiner Seite? Müßte nicht ſeine Liebe mir zur unaufhörlichen Verſuchung werden, von meinem Gotte abzufallen?“ „Nein— aber Dich mit Gott zu verſöhnen!“ antwortete Iſabelle.„Noch lagert eine düſtre Wolke zwiſchen Dir und dem Herrn der Welt, aber die Liebe zu dem jungen Engländer wird ſie verſcheuchen und Dich zu dem einzigen Borne des Heiles, zum Erlöſer führen, den Stanley verehrt. Ein Wort von Dir— und Du biſt Stanley's Weib! O ſprich es aus, Ma⸗ rie und laß mich erfahren, daß ich Dich von ewigen Qualen gerettet und in Dein Erdenleben ein Vorgefühl der himmliſchen Freuden getragen habe, die dereinſt jedes erte Ferdinand und vurfolgt ichtige Dienſt und mich in ete uns min . Ih weiß t, aber durte aß ich einen gund Nht n möchte, bis Morales todt einer frühere h, Marie, ſo glliebt hat. gite! Nift Verſ uchunh nverſöhnen⸗ diſtre Polke aber die Licbe 5 rſcheuchen und zum Frlöſer von Dir es als, No fromme Kind unſerer Kirche drüben erwarten. Erſpare Deinem Freunde und Deiner Königin den herben Schmerz⸗ Dich auf immer zu verlieren!“ „O könnte ich es doch!“ rief Marie, in unſäglicher Bewegung die Hände ringend.„Könnte ich doch Ge⸗ horſam lernen und Ueberzeugung gewinnen. Ich ſollte Stanley angehören, dies verlaſſene Herz ſollte an dem ſeinigen ruhen, ich könnte mich an ſeiner Bruſt aus⸗ weinen, ſeine Liebe würde mich ſchützen— und das Alles für ein einziges, winziges Wort? O warum kann ich es nicht ausſprechen? Was will die Stimme in mir, die wig ruft: Du darſſt es nicht, denn Du glaubſt nicht? Du darfſt nicht das Kreuz umfaſſen und im Her⸗ zen eine Jüdin bleiben—“ „Unfaſſe das Kreuz und es wird Dir Ueberzeugung bringen!“ ſprach Iſabelle.„Laß Deine Lippen Chriſtum bekennen und die Gewalt ſeines Namens wird ſo groß ſein, daß er bald auch in Deinem Herzen wohnen wird! Schwöre die läſterlichen Irrthümer Deines Volkes ab, empfange die Taufe und Du biſt Stanley's Weib!“ „Nein, nein, nein! Sprecht ſolche Worte nicht wieder, ſeid gnädig und verſuchet nicht länger dies ſchwache Herz!“ rief Marie flehentlich. „Nur unſere Gnade heißt uns alſo ſprechen,“ er⸗ wiederte Iſabelle, welche fühlte, daß der entſcheidende Augenblick gekommen war.„Triff Deine Wahl, Marie! Von einem einzigen Wörtchen hängt Alles ab— ver⸗ weigerſt Du es, ſo kennſt Du Dein Loos!“ Aber mit Iſabellens Feſtigkeit kehrte auch Mariens — 268— Entſchloſſenheit zurück. Eine Weile noch lag ſie knieend vor der Königin und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. Ein Heer der widerſprechendſten Gefühle be— ſtürmte in dieſem furchtbaren Augenblick das ſchwache Frauenherz. Immer kehrte die Verſuchung wieder, das verlangte Wort zu ſprechen und eines Glückes theilhaftig zu werden, deſſen bloße Vorſtellung ſie mit ſchwindeln⸗ der Freude erfüllte— und immer ward dies Wort von jener lauten Stimme ihres Innern zurückgedrängt. Es war ein ſchrecklicher Kampf— doch alsbald erhob ſich Marie langſam, und ihre marmorbleichen Züge trugen das Gepräge der Entſchloſſenheit.„Es iſt vor über,“ ſprach ſie.„Alle Schwäche iſt beſiegt, Königin, verhängt nun Alles über mich— ich muß es tragen, denn das Wort, welches Ihr begehrt, kann ich nicht ausſprechen. Ich entſage Eurer Huld und Arthurs Liebe. So will es das Geheiß Gottes und er wird mich ſtärken, ihm zu folgen. Laßt nun Kerker, Tortur und Tod wider dies gebrochene Herz heranziehen— es mag ſein: ich kann nicht von mir ſelber abfallen!“ Schwer getroffen ward Iſabelle von dieſer uner⸗ warteten Entſcheidung, doch zu hehr war die Begeiſterung für den eigenen Glauben, welche in ihrem Buſen lebte, als daß nicht aus Mariens heroiſchem Entſchluſſe eine verwandte Stimme zu ihrem Herzen ſprechen ſollte. Sie verabſcheute die Lehre der Juden, aber der Geiſt der Selbſtverleugnung, welcher ein Kind des verworfenen Stammes trieb, dieſer Lehre die heißeſten, leidenſchaft⸗ O lichſten Gefühle zum Opfer zu bringen, erinnerte ſie ag ſi knitend unwillkürlich an die Ledgeſchicht chriſtlicher Märtyrer, t mit beiden und unmöglich war es ihr, dem ganzen Ernſte ihres Gefühle be Glaubenseifers, wie ſie beabſichtigt hatte, in dieſem pus ſchwacht Augenblick Ausdruck zu geben.„Mir müſſen alſo die— wieder das jenigen herbeirufen laſſen, unter deren Obhut Du fortan leben wirſt,“ ſagte ſie mit ſchwer errungener Faſſung und ſchellte. Aber ehe noch Jemand aus ihrer Umge— tes theilhaſtig it ſchwindehn d die Vort bung erſchien, trat die junge Infantin ein und ſprang miccringt in lauter Frude ihrer Mutter entgegen. alabeld wö Marie gewahrte nicht ſobald den milderen Ausdruck in den Zügen der Königin, deren Ernſt vergeblich dem liebkoſenden Kinde zu widerſtehen ſuchte, als ſie, einer 18 bleichen Zuge raſchen Eingebung folgend, niederſtürzte und Iſabellens Knie umklammerte. uh 6„Königin,“ flehete ſie,„ich verlange nichts— laßt mch mich nur in meine Heimath zurückkehren. Ich will ja und nicht zu meinem Volke gehen, denn dort würde man und mich zurückſtoßen, da ich einen Chriſten geliebt: in mei— kerke, Tor nem einſamen Hauſe, wo nur noch zwei hochbetagte ziehen— 6 Diener meines Vaters leben, werde ich Niemandem ſcha— bſallen“ den, mit Niemanden verkehren. Laßt mein brechendes dieſer un Herz dort noch eine Weile ſchlagen und dann neben Pegiſttun meinen Eltern ruhen. Ich ſchwöre Euch, jenes Plätzchen b, k B Buſen bl nie wieder zu verlaſſen, nie mein eigenes Volk, noch das niſhluſt 3 Eurige außuſuchen; ich will der Menſchheit abgeſtorben nſollte S ſein, als wölbte ſich ſchon das Grab über mir, als der Geiſt dr wäre ich von Kloſtermauern umſchloſſen! Warum wollt wwuſin Ihr mich Euren grauſamen, unerbittlichen Dienern über⸗ ſiduſhit geben? Wird es nicht Qual genug ſein, Eurer lieb⸗ nimte reichen Huld und Arthur zu entſagen? Bittet für mich, Infantin,“ flehte ſie, zu dem Kinde gewandt, das ihr theilnehmend näher trat,„bittet für mich! Königin, das Schickſal des Krieges, den Eure Waffen jetzt ent⸗ ſcheiden, könnte die Infantin von Spanien in die Hände jener Mauren führen, die Euren Glauben nicht minder verabſcheuen, als Ihr den meinen— und wenn Euer Kind dann wählen müßte, wie Ihr mir zu wählen be⸗ fehlt, ſo fragt Euch, wie es entſcheiden ſollte!“ Iſabelle ſtand betroffen.„Mutter, liebe Mutter,“ bat die Infantin, mit ihren unſchuldigen, klugen Augen zu ihr aufblickend,„laß die arme Marie nicht ſo wei⸗ nen.“ Und Iſabelle drückte überwältigt ihr Kind, als ob ſie es aus großer Gefahr gerettet ſähe, an's Herz und verließ dann ſchnell und erwiederungslos das Gemach. ittet für mich, andt, das ihr ich! Königin, zffen jett ent⸗ n in die Hände n nicht minder und wen Eue zu wählen be ſollte!“ liebe Mutter, klugen Augen e nicht ſo wi⸗ ihr Kind, al ähe, ans Ho erungslos da XXXVI. König Ferdinand hatte ſein Hauptquartier in Sevilla aufgeſchlagen, um von dort aus den Beginn der Unternehmungen zu leiten; doch ſchneller, noch als ſich ahnen ließ, ſammelten die Mauren ihre zerſplitterten Kräfte und nahmen durch einen kühnen Handſtreich Za⸗ hara. Mit Blitzeseile brach Arthur Stanley an der Seite des Marques von Cadir auf und rächte durch die Einnahme der Feſtung Alhama den Schimpf, der den ſpaniſchen Waffen angethan war. Verzweifelnd ſuchten die Mauren ihre Feinde aus dem Beſitze einer Stadt zu vertreiben, die mit Recht als die Schwelle der Haupt⸗ ſtadt betrachtet wurde, doch ihre Angriffe wurden ſtand⸗ haft zurückgewieſen, und ſie mußten ſich bequemen, den langſamen Weg einer regelmäßigen Belagerung ein⸗ zuſchlagen. Allmälig ſchnitten ſie den Spaniern alle Zufuhr ab, mit unſäglicher Ausdauer änderten ſie den Lauf des Fluſſes, der die Belagerten mit Waſſer ver⸗ ſorgte; doch ihr Stern war im Sinken und weder Heldenmuth noch Kriegsliſt vermochten den Siegeszug des ſpaniſchen Heeres aufzuhalten, als der Herzog von Medina Sidonia mit Entſatztruppen vor Alhama er⸗ ſchien und die Belagerer zwang, ſich in ſchleuniger Flucht vor der Uebermacht des zahlreichen Feindes zu⸗ rückzuziehen. Freudig eilte Arthur Stanley nach Sevilla, um in eigener Perſon dem Könige die Siegeskunde zu über⸗ bringen. Ohne Verzug ſandte dieſer, der keinen getreueren Boten zu finden wußte, den jungen Helden an Iſabellen, die ungeduldig zu Sarragoſſa harrte, daß es ihr ver⸗ gönnt würde, an der Seite ihres königlichen Gemahls in das Lager ihrer bewährten Krieger einzuziehen und dieſe durch den Einfluß ihrer gewinnenden Gegenwart zu Thatenluſt und heldenmüthiger Ausdauer zu ent⸗ flammen. Ruhig und würdevoll ließ ſich die Königin im Beiſein ihrer Räthe und Diener über den Verlauf der bisherigen Unternehmungen Bericht erſtatten und nahm ſodann die Wünſche und Aufträge ihres Gemahls aus Arthur's Händen entgegen. Und doch wollte es dieſem ſcheinen, als erregte ſeine unerwartete Ankunft im Hof⸗ lager von Saragoſſa Iſabellens tiefſte Bekümmerniß. Er glaubte in ihren theilnahmsvollen Blicken zu leſen, daß nur die Rückſichten, welche ihre Umgebung ihr auß⸗ erlegten, ſie zurückhielten, über ſeine Herzensangelegenheit zu ihm zu ſprechen und ihm zu ſagen, daß die troſt⸗ reichen Worte, mit welchen ſie ihn vor dem Beginn des Feldzuges verabſchiedet hatte, eitel geweſen. Helvzut. den Siegeizg der Herzog von r Alhama e in ſchleuniger en Feindes zu Sevilla, um in kunde zu über einen getreeren nan Iſabellen aß es ihr ver lichen Gmahls inzuziehen und den Gegenwalt dauer zl ehl ie Königin in en Verlauf d und nahh 6 ten Gemahls 4 ollte es dieſen nkunſt in Hof gekimmen licken zl leſch bung iht auf ntangilgunb“ aß die tül daß n Begin 4 — 273— Nicht lange ſollte er in Ungewißheit harren, denn ehe noch der Tag ſich neigte, ließ ihn Iſabelle zu einer Privataudienz entbieten. Sie fühlte, daß es gerathener war, den jungen, ritterlichen Kämpen über die volle Wirklichkeit der Verhältniſſe aufzuklären, als länger Hoff⸗ nungen zu nähren, die doch nimmer erfüllt werden konnten. „Thor, der ich war,“ rief Stanley, von dem ſchmerz⸗ lichen Eindruck der vernommenen Mittheilungen über⸗ wältigt,„daß ich jemals einen andern Ausgang hoffte! Sie konnte Hoffnung, Freude, ja ſelbſt das Leben opfern, aber nicht den Glauben ihres Volkes, der ſie geheimniß⸗ voll, wie mit Zaubergewalt, in Bande ſchlug. Königin,“ fragte er in leidenſchaftlicher Haſt,„Ihr habt ſie darum nicht in Elend und Leid geſchickt, nicht den ſtrengen Dienern unſerer heiligen Kirche übergeben?.... Das konntet Ihr nicht!“ „Gewiß nicht,“ erwiederte Iſabelle.„Doch durften wir Dir ihre Hand nicht gewähren, da ſie hartnäckig in ihrem Unglauben verharrte. Uns aber iſt eine harte Buße für unſere Schwäche auferlegt worden, denn ſchwer haben wir durch unſere Läſſigkeit im Glauben geſündigt und darum der Kirche unſer heiliges Wort verpfändet, Alles aufzuwenden, um dies verworfene Ge— ſchlecht mit ſeinem fluchwürdigen Irrglauben von unſerem Reiche fern zu halten. Nur dem unglücklichen Weibe, dem ich Schutz verſprochen hatte und das zitternd zu meinen Füßen um Schonung flehte, die letzte Bitte ver⸗ ſagen— das vermochte ich nicht!“ 18 ———— — 274— „Ihre letzte Bitte?“ „Ja, die letzte Bitte, deren Gewährung ſie von ihrer Königin erflehte. Vielleicht wird ſie dennoch ihre Irrthümer erkennen und abſchwören und die Gnade des Himmels in ihrer Einſamkeit ſie erleuch— ten— aber es iſt kaum zu hoffen. Sie bat uns, ihr die Rückkehr in ihre Heimath zu geſtatten und gelobte uns feierlich, dieſe nie wieder zu verlaſſen, und weder ihr Volk, noch das unſere außzuſuchen.“ „Iſt ſie dort,“ rief Arthur im Ausbruch ſchmerz⸗ licher Freude,„ſo lohne Euch Gott, was Ihr ge⸗ than!“ „Ja, ſie iſt dort,“ verſetzte Iſabelle,„denn ihr Wort wird ſie halten, obgleich ſie Jüdin iſt. Im Novizengewande ward ſie von Pater Dioniſio an die Grenze von Kaſtilien geführt— Weiteres wiſſen wir nicht, auch wollten wir nicht erfahren, wo ihre Heimath liegt.“ Arthur ſchwieg eine Weile, dann beſchwor er knieend mit der Beredſamkeit eines liebenden Herzens die Königin, ihm eine kurze Friſt zu gewähren, um nur ein einziges Mal noch Marien in ihrem fernen und einſamen Zufluchtsorte zu ſehen. Er fühlte ſich unfähig, ewige Trennung von ihr ohne ein letztes Lebe⸗ wohl zu tragen und verpfändete ſeine ritterliche Ehre, der Königin Willen zu ehren und keiner Verſuchung zu heimlicher Verbindung zu weichen. Und Iſabelle— vielleicht von ſchwacher Hoffnung bewegt, daß es Arthur gelingen möchte, was ſie vergebens erſtrebt hatte— ſie von dennoch und die e erlech⸗ hat uns, d gelobte nd weder ſchmetz⸗ hr ge⸗ denn iht iſt. In o an die viſen wir Himath chwor Heriens hren, un m ſunn ihlu ſih te Lhl⸗ ſiche Chre, uchung ju ſabelle— Arthut hatte— — 275— weigerte es ihm nicht.„Ein Wort des Widerrufs,“ fügte ſie beim Scheiden hinzu,„und ſie iſt Euer, und ich werde Euch ſegnen, daß Ihr ſie uns wiedergegeben!“ Eine Stunde ſpäter ſah man Arthur Stanley auf muthigem Renner mit Blitzesſchnelle feldeinwärts jagen. XXXVIII. Das erſte Roth der herrlich aufgehenden Sonne lagerte über dem Cedernthale und vergoldete allen Reiz und alle Pracht, die dieſem lieblichen Aſyle aus früherer Zeit geblieben waren und von der Hand ſeiner betagten Hüter ſorgfältig erhalten und gepflegt wurden. Reuben und Ruth, das letzte überlebende Dienerpaar aus Hen⸗ riquez Hauſe, hatten ihre nächſten Verwandten aus den Gefahren der chriſtlichen Umgebung an dieſen Ort des trauten Stilllebens gerufen und, wenn die Zeit der hohen Feſttage heranrückte, jedem Genoſſen ihres Glaubens, der den alten Gott Iſraels anbeten wollte, im feſtlich ge— ſchmückten Hauſe empfangen und bewirthet. Auch hatte ſich in jüngſter Zeit noch ein Mitbewohner zu ihnen geſellt: der ruheloſen Wanderungen müde war auch Ju⸗ lian Morales zum Schauplatz ſeiner Kindheit zurückge⸗ kehrt, und nur noch, um Kunde über ſeine Richte einzu— ziehen, hatte er hin und wieder die Benediktinerkutte hervorgeſucht und das Thal auf kurze Zeit verlaſſen. n Sonne allen Reiz frütherer hetagten Reubeh aus Her⸗ aus den Ort des der hohen bens, der feſtich ge luch hatte zu ihnen nuch I urickge⸗ hte einzl⸗ ktinrtute verlaſſen Mariens Geſchick war ſeine einzige Sorge, doch, nach⸗ dem er erfahren hatte, daß ſie von Iſabellen zurickge⸗ halten und beſchützt wurde, ſtellte er ſeine ſpärlichen Streifzüge in die Außenwelt gänzlich ein. Er hatte nichts mehr zu erfragen: der Schutz, welcher einer Jüdin ge⸗ währt wurde, konnte, wie er zweifellos glaubte, nur um den Preis ihres Glaubens erkauft werden. Und ſo trachtete der betagte Mann wirklich, das Bild ſeiner Nichte, die er aus Kerkernacht gerettet und dem Folter— tode entriſſen hatte, von der Tafel ſeines Herzens zu löſchen und jeden Gedanken an das vielgeliebte Kind ſeiner Schweſter fern zu bannen— ſo feſt überzeugt war er, daß der Einfluß der Königin und Arthur Stanley's Bitten Marien endlich ihrem väterlichen Glau⸗ ben entfremden und in die Arme der herrſchenden Kirche führen müßten. Elf Monate waren ſeit Ferdinand Morales Tode verfloſſen, da ging Julian früher als gewöhnlich in den kleinen Tempel, las die für ſolchen Tag vorgeſchriebenen Gebete und ging dann hinaus, um das Grab des theu⸗ ren Verſtorbenen zu beſuchen. Doch als er das Thor des kleinen Friedhofs öffnete, gewahrte er zu ſeinem Er⸗ ſtaunen, daß auf der Stätte, der er ſeine Schritte zu⸗ lenkte, eine menſchliche Geſtalt bewegungslos hingeſtreckt lag. Athemlos eilte er näher, er erkannte das ihm wohlbekannte Novizengewand— es war Marie! Sie war auf der Königin Geheiß von Pater Dioniſio bis zur Grenze von Kaſtilien geführt worden, und hatte dieſem beim Abſchiede zugeſagt, nur in langſamen Tage— — 278— reiſen in ihre Heimath zurückzukehren. Doch als der wür⸗ dige Prieſter ſie verlaſſen hatte, wurde das Heimweh allzuſtark und unwiderſtehlich, und ſie eilte mit dem letzten Aufwande ihrer Kräfte dem Cedernthale zu. Es war in der feuchten, ſtürmiſchen Herbſtzeit, und ihr längſt geſchwächter Körper begann endlich der Erſchöpfung zu erliegen. Aus Furcht, entdeckt zu werden, hielt ſie ſich der gebahnten Straße und jeder Menſchenwohnung fern, und als ſie unweit der Heimath die Nacht überraſchte, trieb es ſie in raſtloſer Sehnſucht trotz Sturm und Finſterniß weiter und immer weiter, bis auf den Druck ihrer Hand jene wohlbekannte Felſenwand ſich öffnete. Als ſie endlich über Treppen und Gänge geeilt war und ihr Fuß den Boden des geliebten Aſyls betrat, wandte ſie ſtill betend das Haupt nach Oſten, wo der kleine Tempel des Cedernthales lag. Das Unwetter ſchwieg, herrlich wölbte ſich der ſternenbeſäete Himmel über dem Thale, und wie in beſſeren Tagen, drang wieder das Plätſchern der raſtlos ſtrömenden Quelle an Mariens Ohr. Von fern her ſchimmerten im Mondlichte die weißen Leichenſteine des Friedhofs; ihr war, als riefen ihr die verklärten Geiſter ihres Stammes das erſte Will⸗ kommen in der Heimath zu, und halb unbewußt lenkte ſie ihre Schritte den Wohnungen der Todten zu, ehe ſie an das gaſtliche Haus ihrer Väter klopfte. Willenlos lies ſie den Blick über die Aufſchriften der Leichenſteine gleiten, und ſchmerzlich überraſcht las ſie auch Morales Namen. Sie hatte nie erfahren, daß er hierher getragen worden, denn ſeit jener Schreckensnacht, da ihn Mauchel⸗ s der wül⸗ Heimweh mit dem zu. Ge ihr längſt pfung zu elt ſie ſich wung furn, beraſchte, tunn und den Duuck h öffnete. war und t, wandte det kleine ſchwieg, über dem ieder das Nariens lichte die gls riefen ſte Vil ußt lenke u cheſi Willenlo icheſtin Norl 1 getrngen MWuche ——,—— mord von ihrer Seite geriſſen, war Julian der Einzige ihres Volks geweſen, der wenige Tage lang ihre Nähe ſuchte. Wehmüthige Erinnerungen an die ſelige Zeit ihrer Kindheit, da der Verſtorbene noch ihr harmloſer Geſpiele geweſen, erfaßte ſie, und überwältigt von dem ſchmerzlichen Gedanken, daß, wäre er nur verſchont worden, alles Leid ihr fern geblieben wäre, ſank ſie auf den feuchten Raſen nieder— aufgelöſt in der einzigen Sehnſucht, dort unten neben Ferdinands modernder Hülle zu ruhen. Der Leſer erlaſſe es uns, die Scene des Wieder⸗ ſehens zu ſchildern. Julian geleitete die ſchwankende Marie in's Haus, wo er ſie durch Ruhe und heilkundige Pflege wiederherzuſtellen dachte. Aber ſeine Hoffnung war eitel: ihre Kraft war gebrochen, ihre zarte Geſtalt ſchwand ſchnell dahin. Sichtlich lockerer und loſer wur⸗ den die Bande ihres Leibes, doch klarer und ungetrübter trat der Ausdruck ihres engelreinen Geiſtes in ihre Züge— Als ſie in jener Nacht auf das Grab ihres Gatten hingeſunken war, hatte ſie dem Tode in's Auge geblickt, und nicht wie ein finſterer Fürſt des Schreckens war er ihr erſchienen, ſondern wie ein Engel des Lichtes, der die ſchwachen, ſterblichen Glieder mit ſanftem Finger löſet und die befreite Seele der ewigen Heimath zuträgt. Und Julian durfte nicht trauern, denn Mariens Sen⸗ dung war erfüllt. Sie war, von Qual und Drangſal umlagert, ſich ſelber treu geblieben und hatte ein Opfer dargebracht, deſſen Größe nur der kannte, dem es ge⸗ weiht worden. — 280— Wieder war das Laubhüttenfeſt gekommen. Noch einmal hatte Marie, das Laubzelt zu ſchmücken, Kränze gewunden und prangende Früchte auf den Tiſch geſtellt. Mit ſchwacher Hand zündete ſie am Feſtabend die Lam— pen an ließ ſich dann auf weichem, ſchwellendem Sitze nieder, um durch die loſe gefügten Zweige in das rei⸗ zende Thal zu blicken. Ein Stral der ſcheidenden Sonne fiel durch das ſchräge Laubdach und umſpielte die lieb⸗ lichen Züge der Leidenden, die mit leuchtendem Auge zu ihrem Oheim von den gemüthlichen Freuden dieſes uralten Feſtes ſprach. Auch manches theuren Hauptes gedachte ſie, das einſt um dieſe Zeit in der Laubhütte und dem kleinen Tempel geſehen worden und nun im Schooße der Erde gebettet lag— bis Julian ſich anſchickte, das Zelt zu verlaſſen, um den Abendgottesdienſt im Tempel zu begehen. Doch plötzlich richtete ſich Marie hoch auf; mit dem Blicke einer Seherin rief ſie:„er kommt!“ und faßte zitternd ihres Oheims Hand. „Ich höre nichts,“ verſetzte Julian, nachdem er eine Weile aufmerkſam gehorcht hatte. „Hörſt Du es noch nicht,“ ſchrie Marie in höchſter Erregung auf,„es iſt ja ſein Schritt“— und macht⸗ los ſank ſie zurück. In demſelben Augenblick wurden die Zweige haſtig zurückgebogen, und Stauley trat ein.„Marie, ſo muß ich Dich wiederſehen!“ rief er wehmüthig aus und ſtürzte weinend zu ihren Füßen nieder. nen. Noch en, Kränze ſch giſtell. d die Lam⸗ ndem Sitze in das rei⸗ den Sonne te die lieb⸗ ndem Auge lden dieſes n Hauptes Laubhütte demn im anſchickt, sdienſt im ſch Marie f ſie„ nd. achden e in höchſter und nach⸗ eige haſtig ſurie, ſo aus und ——— — Wohl eine Stunde verging, ehe Marie ſich von der jähen Aufregung, die Arthur's unerwartete Ankunft ihr bereitete, erholen konnte. Unfähig, den Gefühlen ihrer Freude über den ſo lange und heißerſehnten Augenblick Worte zu leihen, lag ſie da, und preßte Arthur's Hand in die ihrige.„Julian,“ flüſterte ſie endlich und ſtreckte ihrem Oheim, der ſie ſtill und ängſtlich beobachtete, matt ihre Linke entgegen,„laß immerhin meine Hand in der eines Mannes ruhen, der Deine Marie ſo innig geliebt hat. Und Du, Arthur,“ ſprach ſie, indem ſie den Angeredeten bittend anblickte,„verabſcheue nicht den Mann meines Volkes, ohne welchen der Kerker der In— quiſition mein Grab und ehrloſer Tod Dein Loos ge⸗ worden wäre!“ Und Arthur und Julian blickten ſchweigend zu einander auf und drückten ſich in ſtillem Einverſtändniß die Hände. Nach einer Weile bat Marie ihren Oheim, ſie auf— zurichten und die Zweige in der Laubwand des Zeltes zurückzubiegen.„Ich habe noch zu Euch zu reden,“ ſagte ſie,„und der kühle Luftzug wird mir Kraft geben. Die Abendluft iſt milde und friſch, es iſt, als ob ſie die Geiſter unſerer Brüder und Schweſtern, die draußen für ihren Glauben ſtarben, auf ihren Schwingen in unſer Cedernthal herabtrüge. Arthur, in ſolcher Stunde magſt Du einſt meiner gedenken!“ „Wann werde ich Dein nicht gedenken,“ rief Stanley tief bewegt.„Die lauteſten Donner der Kirche könnten Dein Bild nicht aus meinem Herzen reißen, nicht den —— Glauben an den Himmel erſchüttern, der Deiner reinen Seele aufbewahrt iſt!“ „Weil Du liebſt, Arthur! Weil Deine Liebe zu Marien mächtiger iſt, als Dein Abſcheu vor ihrem Stamme. Darum weiß ich auch, daß Du alle Schuld vergeben haſt, mit der Du mich bis zu dieſer Stunde beladen wähnteſt. Jetzt magſt Du erfahren, daß ich an Iſabellens Hofe die Wahrheit nicht ausſprechen durfte, um nicht ſchweres Leid über die Kinder meines Volkes zu bringen. Arthur, nicht einem Chriſten reichte ich die Hand. Morales und ich waren in früher Jugend verlobt worden, ohne daß ich es wußte, und als die Zeit herankam, durfte ich nicht durch mein Ge⸗ ſtändniß das Herz meines dahinſiechenden Vaters brechen und mein junges Haupt mit ſeinem Fluche Ferdinand Morales war mein Vetter, dem Volke Iſrael entſproſſen, wie ich!“ „So ſegne Dich Gott für dieſe Worte!“ rief Arthur in ſchmerzlicher Freude und drückte einen Kuß auf Mariens Stirn, doch entſetzt fuhr er zurück— ſeine Lippen hatte kalter Todesſchweiß genetzt! Sie lächelte ſchwach, koſtete einen ſtärkenden Trank, den Julian ihr reichte und hob dann nach einer Weile an:„Es iſt jetzt Alles gut; ich mußte Dir es ſagen, damit Du nicht meiner als einer Treuloſen gedächteſt. Und Iſabelle, meine großmüthige, huldreiche Königin,“ fuhr ſie, ſchwä⸗ cher werdend, fort— ſo leiſe, ſo unvernehmlich, Arthur ſich über ſie neigte, um keines ihrer Worte zu verlieren,„Arthur, Du ſollſt ihr die Schuld meiner — 283— iner weinen Dankbarkeit entrichten. Ich weiß, daß ihr Glaube mich verdammt, aber ihr Herz liebt mich dennoch. Sage ne Liche zu ihr, daß ich mit meinem letzten Athemzuge ſie ſegne— vor ihtem doch es iſt ſchon ſo finſter,“ unterbrach ſie ſich raſch alle Schuld und blickte mit ihren erlöſchenden Augen umher,„Oheim, ſer Stunde iſt es nicht Zeit zum Abendgebet?“ doß ich Und ihre Lippen bewegten ſich ſtill, und lautlos ausſprechen betete ſie die Worte, welche allabendlich ihr Volk zum der meines Herrn der Welt aufſendet: n Chriſten„Du läſſeſt den Tag ſchwinden und in flüher führſt die Nacht herauf— gelobt ſeiſt ußte, und Si§err, den Du e Abend werden mein Ge⸗ läſſeſt!“ urs brohen Und ihres Lebens Abend war gekommen....— e belaſen. Tiefer und tiefer ſank ihr Haupt an Arthur's Bruſt und ſtill und lautlos war es rings umher. Die Nacht brach herein, kein Lüftchen regte ſich, und immer noch Arthu tniete Arthur vor der Entſchlafenen, als fürchtete er ihre guß auf Ruhe zu ſtören. Da ließ zum letzten Male Julian zolke Iſtael Morales, der in einem herben, ſturmvollen Leben zu i liheh weinen verlernt hatte, ſeine Hand über die theuren Züge zulin ihr gleiten und führte dann Arthur mit ſanfter Gewalt von Ule 2 ₰ ihrem Lager. Das Licht der Lampen fiel voll und tdu ſtralend auf das liebreizende Antlitz— da lag die ent⸗ dam** ble ſeelte Hülle, ein klaſſiſches Bild himmliſcher Ruhe, wie d Jabe⸗ 3 tni Marmor, von Gottes Hand geformt! ſe mlich, dß Porle zu „ meinet Ui Sſch lu ß. Julian Morales und Arthur Stanley knieten auf Mariens Grabe, die neben der Ruheſtätte beſtattet lag. Und Beide erhoben ſich und Grenzmauer zu, die Feder gehorchte der ihrer Eltern ſchritten der Berührung, die geheime Thür öffnete ſich. Noch einmal wandte ſich der jugendliche, gefeierte Held aus König Ferdinand's chriſtlichem Heere und lag wehmüthig ſtill an der Bruſt des verſtoßenen Juden, der ſegnend ſeine Hand erhob; noch einen Blick ſandte Julian dem Scheidenden nach, der über die Ebene dahin ſprengte— und die Felſen⸗ thür ſchloß ſich, und keine Spur einer Menſchenwohnung ward rings geſehen. Druck von Gerhard Stalling in Oldenburg. —— knieten auf ihrer Eltern ſchritten der Berührung, wandte ſih Ferdinands der Pruſt and echob; nden nach, die Filſen⸗ enwohnung rey ornrol Shart Green NVellow Red Magenta