eibiithet ſ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6duard Oftmann in en 3 Sloßgußſ Lit A Nr. 256. 8 Jeiß und Feſchebingungen. 1. vensein der Bibliothek. Die Vibliothet ſteht zur Em⸗ pfang e und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhrt b6 Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rucahe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. CAution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Weth n entſprechende Summe S welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet S nment Duſſelbe muß voraus bezahlt werden und Leri wheu 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 aufz Monatt 1 1 W 5W W S 5. Aohnenten haben für Hin⸗ und Zurückſen endung der Bücher auf ihre iter Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 5 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ j lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. iet njt auf 14 Tage feſtge eſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch zu haben. 3 . 3 Der Lohn einer Mutter. Lortſetzung der„Erziehungs-Reſultate“. Eine Erzählung für Mütter und Töchter von Grace Aguilar. Ueberſetzt nach der fünften Auflage des engliſchen Originals: „The mothers recompense“. Zweiter Band Leipzig. Voigt& Günther. 1859. Zweiter Theil. — Erſtes Kapitel. „Wer in dieſer munteren Geſellſchaft iſt nüchtern genug, um mir in einem Liebeswerke beizuſtehen?“ fragte Mrs. Hamilton eines Nachmittags, als ſie in das Zimmer ihrer Tochter trat, wo Emmeline, ihre jungen Freundinnen Lady Florence und Lady Emily Lyle, und ſelbſt die gewöhnlich ruhige Ellen beſchäftigt waren zu zeichnen und zu ſticken, während die heitere Rede, der harmloſe Scherz und das fröh⸗ liche Lachen wahrhaft unſchuldiger Freude die Luft erfüllte. „Ein großer Nothfall iſt mir vorgekommen,“ fuhr ſie fort,„in dem Almoſen und andere Unterſtützung nicht aus⸗ reichen; namentlich iſt Kleidung erforderlich. Kann eine von Euch ſich entſchließen, dieſe Kleinigkeiten auf ein paar Tage wegzulegen um ein gutes Werk zu thun? Ich habe ſchon alle Hände in Beſchäftigung geſetzt, und komme nun zu Euch, um weiteren Beiſtand zu haben. An Wen ſoll ich mich wenden?“ „An mich— an mich— an mich!“ riefen alle Stim⸗ men aus freien Stücken, und Alle drängten ſich um ſie, um zu fragen, was ſie brauchte und was für ein Nothfall es ſei, dem ſie ſteuern helfen ſollten. Mrs. Hamilton, dankbar und erfreut über ihre Bereit⸗ willigkeit, theilte ihnen lächelnd Alles mit, was ſie zu wiſſen wünſchten. Die einfache Erzählung entlockte der harmloſen Gruppe gar manchen Ausruf des Mitleids, und befeſtigte 1* in ihnen das Verlangen, zu helfen, wie es ihre Freundin an⸗ ordnen würde, und ſie nahmen ihre Arbeit mit wahren Freu⸗ denbezeugungen in Empfang. „Auch Du, Ellen?“ fragte Mrs. Hamilton lächelnd, „ich dächte Du hätteſt, einmal geſagt, Du hätteſt keine Zeit zur Arbeit?“ „Nur zu Putz nicht, liebe Tante, ich hoffe aber, Du haſt mich noch niemals vergebens in ſolchem Falle zu helfen auf⸗ gefordert,“ antwortete Ellen erröthend. „Nein, meine Liebe, meine Worte thaten Dir Unrecht. Aber Du ſcheinſt auch Zeit zum Putz gefunden zu haben, wenn dieſer allerliebſte Kranz Dein iſt,“ ſagte Mrs. Hamil⸗ ton, indem ſie ſich über den Rahmen ihrer Nichte nieder⸗ beugte und die Zartheit ihrer Blumen lobte. „O, ich habe jetzt zu Allem Zeit,“ rief Ellen in einem ſo ungewöhnlich lebhaftem Tone aus, daß nicht nur ihre Tante, ſondern auch ihre jungen Freundinnen ſie erſtaunt anſahen. „Ellen, Du wirſt immer unbegreiflicher,“ ſagte Emme⸗ line lachend,„wenn Edward nicht bald nach Hauſe kommt, da ich vermuthe, daß dieſe außerordentliche Stimmung durch die Erwartung ſeiner Heimkehr veranlaßt wird, ſo fürchte ich, fliegſt Du ihm im Geiſte auf halbem Wege über den Kanal entgegen. Mama, laſſe Dir rathen, und halte die Perſon Deiner Nichte ſcharf im Auge.“ „Ellen, Du biſt ſo voll Scherz und Muthwillen wie ich, ſo ruhig und geſetzt Du uns ſonſt ſchieneſt,“ ſage Lady Emily. „So? das freut mich,“ ſagte Mrs. Hamilton heiter. „Schäme Dich Deiner Fröhlichkeit nicht ſo ſehr, meine liebe Ellen, und lege Dich nicht auf Deine Arbeit, als wenn Du Dich eines großen Vergehens ſchuldig gemacht hätteſt; Du weißt, wie es mich immer freut, Dich glücklich zu ſehen,“ fügte ſie mit leiſerer Stimme hinzu, indem ſie ihre Hand ſcherzend auf den Kopf ihrer Nichte legte, die ſich über ihren Stickrahmen niederbeugte, um die Verwirrung zu verbergen, die Emmelinens Worte hervorgerufen hatte. Mrs. Hamilton blieb noch einige Zeit bei der jungen Geſellſchaft, und ging mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit auf alle ihre Freu⸗ den und Beſtrebungen ein, und als ſie dieſelben verließ, waren ſie vielleicht noch glücklicher als ſie dieſelben gefun⸗ den hatte. Die Veränderung in Ellens Weſen hatte die ganze Ge⸗ ſellſchaft bemerkt, die in Dakwood verſammelt war, und die Meiſten ſchrieben ſie der Hoffnung auf die Rückkehr des ſo lange abweſenden Edward zu. Das Unerklärliche, was früher ihr ganzes Benehmen bezeichnet hatte, war verſchwun⸗ den, es ſchien nichts mehr ihr Gemüth zu belaſten, was Mrs. Hamilton ſonſt bisweilen vermuthet hatte. Heiter, lebhaft, bisweilen ſelbſt ausgelaſſen, ſchien ſie glücklicher zu ſein, als ſie ſonſt geweſen war, und ihre Tante und ihr Onkel, die ſie wirklich wie ihr Kind liebten, freuten ſich der Veränderung, wiewohl ſie die eigentliche Urſache derſelben nicht kannten, nicht ahnten. Sie erwarb ſich die Gunſt Aller, ſelbſt die ernſte Herzogin von Rothbury, welche mit ihrer einzigen noch unverheiratheten Tochter, Lady Lucy, die dringende Einladung der Mrs. Hamilton nach Oakwood an⸗ genommen hatte, zeigte ſich freundlicher gegen ſie, und Sir George Wilmot, der ebenfalls zu Beſuch war, erklärte, wenn Edward bei ſeiner Rückkehr nicht ſtolz auf ſeine Schweſter wäre, würde er alles thun, was in ſeinen Kräften ſtände, um ſeine Beförderung zu verhindern. Mr. Hamilton und ſeine Familie hatten den größten Theil eines ſehr ſchönen Auguſt dazu verwandt, ihre Gäſte nach den maleriſchen und ſchönſten Punkten in der Gegend von Hakwood zu führen. Etwa acht Tage nach dem Vor⸗ gange den wir erzählt haben, fanden ſich St. Eval und Lady Gertrud am frühen Morgen zu einem Ausfluge ein, den die ganze, Geſellſchaft mit Ausnahme Mrs. Hamilton's und Ellens beabſichtigten. Der Graf und ſeine Schweſter waren ſogleich als eine ſehr angenehme Verſtärkung bewillkommnet worden, auch fehlte es dem jungen Grafen nicht an einer Entſchuldigung, daß er einen ganzen Tag die Schönheiten der Natur in Geſellſchaft ſeiner Braut genießen wollte, die ihm ſeit der aufrichtigen Erklärung ihres Schreckens, als ſie von Annie's Entführung gehört, und der ſich vollſtändig rechtfertigte, da ſie um Lord Alphingham's erſte Ehe wußte, womöglich noch lieber geworden war, und dieſer Ausflug wurde daher für Beide ein wahrer Genuß. Ellen lehnte es aus einem unbegreiflichen Grunde, den ihre jungen Freundinnen ſich nicht erklären konnten, ab, ſie zu begleiten, und behauptete, daß ſie von ſehr wichtigen Ge⸗ ſchäften zurückgehalten würde. „Edward kommt heute nicht, darum warte nicht auf ihn,“ waren Emmelinens letzte Worte geweſen. Die Ge⸗ ſellſchaft wollte in den Ruinen von Berry Pomeroy zu Mit⸗ tag eſſen und wurde erſt mit Dunkelwerden zum Thee zu⸗ rück erwartet. Es mochte ſieben Uhr Abends ſein, als Ellen leiſe in die Bibliothek eintrat, wo ihre Tante mit Schreiben beſchäftigt war, und ſich ſchweigend an ihre Seite ſtellte, als wenn ſie ſich fürchtete, ihre Tante zu unterbrechen. „Warte ein paar Minuten, meine Liebe, ich ſtehe Dir zu Dienſten, wenn Du meines Beiſtandes zu Herrichtung Dei⸗ ner Arbeit bedarfſt,“ ſagte Mrs. Hamilton, indem ſie auf ein paar Kinderhemdchen hinwies, die ſie in der Hand ihrer Nichte ſah. Ellen lächelte und gehorchte. Nach einigen Mi⸗ nuten legte Mrs. Hamilton ihre Schreiberei bei Seite und blickte auf, wie wenn ſie erwartete, daß ihre Nichte ſprechen würde. „Nun, Ellen, welche Schwierigkeit kannſt Du nicht über⸗ winden?“ „O nein, liebe Tante, meine Arbeit iſt fertig, ich brauche nur Deine Zuſtimmung,“ erwiderte Ellen. „Fertig?“ wiederholte ihre Tante erſtaunt.„Meine liebe Ellen, das iſt unmöglich; ich gab Dir erſt vor acht Tagen Auftrag, Du mußt die ganze Nacht gearbeitet haben, um fertig zu werden.“ „Das habe ich nicht gethan,“ erwiderte Ellen raſch. „Dann muß ich wirklich die einzelnen Sachen unter⸗ ſuchen,“ ſagte Mrs. Hamilton lachend,„denn ich kann mir nicht denken, daß dieſe außerordentliche Schnelligkeit ſau⸗ bere Arbeit geliefert hat, welche letztere ich der erſteren vorziehe.“ Ellen unterwarf ihre Arbeit, ohne zu antworten, den for⸗ ſchenden Blicken ihrer Tante und kniete auf einem Stuhle zu ihren Füßen, ohne ſich vor dem Urtheil zu fürchten, das dieſelbe fällen würde. „Wirklich, Ellen, ich neige mich Emmelinens Meinung zu, und glaube, daß eine magiſche Gewalt in Deiner Bruſt thätig iſt,“ bemerkte Mrs. Hamilton, als ſie die kleinen Sachen mit offenbaren Zeichen der Zufriedenheit zuſammen⸗ legte.„Wie Du die Fertigkeit erlangt haben kannſt, ſo nett und raſch zu arbeiten, während ich kaum eine Nadel in Dei⸗ ner Hand geſehen habe, kann ich nicht begreifen. Ich will Dich zu meiner Obernätherin ernennen, und ſage Dir außer⸗ dem meinen aufrichtigen Dank für den Beiſtand, den Du mir geleiſtet haſt.“ Ellen drückte die Hand ihrer Tante ſchweigend an ihre Lippen, denn eine Bewegung, die Mrs. Hamilton nicht be⸗ greifen konnte, erſtickte ihre Stimme. „Was fehlt Dir, meine Liebe, iſt Dir heute etwas zuge⸗ ſtoßen? Du ſiehſt bläſſer und ſchwermüthiger aus als ſonſt; ſage mir, was Du haſt“ „Erinnerſt Du Dich nicht, haſt Du vergeſſen, was ſich vor drei Jahren an demſelben Tage, in derſelben Stunde, in demſelben Zimmer ereignete?“ fragte Ellen faſt unhör⸗ bar, und ihre Wange wurde ſo weiß wie ihr Kleid, als ſie ſprach „Warum in einem ſolchen Augenblicke an die ſchmerz⸗ liche Vergangenheit erinnern, mein liebes Mädchen? Haſt Du ſie nicht durch dreijährige unabläſſige Redlichkeit und Tugend geſühnt? Ich hatte gehofft, daß die Erinner⸗ ung Dich ſchon lange nicht mehr guälte,“ erwiderte Mrs. Hamilton theilnehmend, indem ſie ihre Lippen auf die Stirn ihrer Nichte drückte. „Das kann, das wird nie der Fall ſein, bevor—“ eine ſtarke, faſt furchtbare Bewegung hinderte ſie, alles zu ſagen, was ſie wünſchte, und indem ſie Mrs. Hamilton eine kleine Brieftaſche in den Schvoß warf, ſie umſchlang und ihr Ge⸗ ſicht an ihrer Bruſt verbarg, flüſterte ſie mit einer vom Schluchzen erſtickten Stimme:„Es iſt der Betrag deſſen, was ich dort nahm, o nimm es und laß mir das Gefühl, daß es eine Schuld iſt, die ich bezahlt habe.“ „Ellen, meine Ellen, faſſe Dich,“ bat Mrs. Hamilton, welche ſich von der außerordentlichen Aufregung ihrer Nichte beunruhigt fühlte.„Sage mir, liebes Kind, was iſt der Inhalt dieſer Brieſtaſche, warum bitteſt Du mich ſo drin⸗ gend, ſie zu nehmen?“ Ellen kämpfte heftig mit ſich ſelbſt, riß die kleine Brief⸗ taſche auf und legte in die Hand ihrer Tante eine Anzahl Banknoten im Betrage jener, die ſie einſt ſo unglückſeliger Weiſe in Verſuchung geführt hatten.„Sie ſind mein, ganz mein, ich habe ſie mir ehrlich verdient, ich habe ſie mir er⸗ arbeitet. Um dazu Zeit zu gewinnen, lehnte ich es vorigen Winter ab, mit Dir in Geſellſchaft zu gehen; ich hatte ge⸗ hofft, daß ich meine Aufgabe ſchon lange zu Ende bringen würde, aber es war nicht eher möglich. O, ich dachte, ich würde nie, nie die ganze Summe verdienen, aber ich habe ſie nun, und nun ſage mir, daß ich meine Sünde theilweiſe ge— ſühnt, daß ich Deiner Liebe, Deiner Güte wieder würdiger bin, ſage mir, daß ich wirklich wieder Deine glückliche Ellen bin.“ Sie würde noch mehr geſagt haben, aber ſie konnte keine Worte finden, und Mrs. Hamilton blieb einige Minu⸗ ten vor Erſtaunen und Bewunderung ſtumm. „Meine Ellen, meine geliebte Ellen!“ rief ſie endlich aus, und Thränen ungeheuchelter Rührung miſchten ſich in die Küſſe, die ſie auf die Wangen ihrer Nichte drückte; „dieſer Augenblick belohnt mich für Alles. Ich habe mir nicht denken können, womit Du Dich beſchäftigteſt, wie konn⸗ teſt Du es ſo geheim vor mir halten? Wie konnteſt Du Zeit zu ſo anhaltender Arbeit ſinden, während ich nicht geſehen habe, daß Du Deine Studien und Deine Aufgaben vernach⸗ läſſigt hätteſt?“ „Ich dachte zuerſt, ich würde nie zum Ziele kommen,“ ——————— erwiderte Ellen ruhiger,„denn ſo lange Miß Harcourt bei uns war, hatte ich nur zwei Stunden vor dem Morgengebet, und bisweilen blieb ich eine oder zwei Stunden länger am Abend auf, aber nicht oft, denn ich fürchtete, Du würdeſt es entdecken und böſe ſein, denn ich konnte, ich durfte Dir nicht ſagen, womit ich beſchäftigt war. Den vorletzten Winter verdiente ich ſo viel mit Stickerei und feineren weiblichen Arbeiten, daß ich ſchon vor einem Jahre die ganze Summe verdient zu haben hoffte, aber ich täuſchte mich, denn hier konnte ich nur einfache Arbeiten machen, wobei ich nur we⸗ nig verdiente, denn ich konnte ſie nicht ſo raſch fertigen. Ich hatte gehofft, daß ich nicht nöthig haben würde, Deinem Wunſche entgegenzutreten, Dich und Emmelinen zu begleiten, aber ich ſah, daß die Summe noch nicht voll war, und ich mußte handeln, wie ich es gethan habe.“ „Und iſt es möglich, meine Ellen, daß Du Dein Ge⸗ heimniß Niemand anvertraut? daß Du bei dieſer langen und ſchwierigen Aufgabe von Niemand Theilnahme und Er⸗ muthigung verlangt haſt?“ „Ich würde ohne den freundlichen Beiſtand und Rath der guten Ellis weder angefangen haben, noch zu meinem Zwecke gekommen ſein. Ich wußte, daß meine liebe Tante großes Vertrauen auf ſie ſetzte, und ich dachte, wenn ſie meinen Plan nicht mißbilligte, würde ich nicht ſo ſehr unge⸗ horſam handeln, und mit ihrer Hülfe würde mein Geheimniß nicht ſo ſchwer zu wahren ſein. Sie verſchaffte mir Arbeit. Niemand von Denen, für die ich arbeitete, kennt meinen Na⸗ men, ſowie die Gründe, weshalb ich Arbeit ſuchte.“ „Und konnte ſie eine ſolche gahe billigen, meine Ellen? Konnte ſie Dir rathen, Dir ſo ſchmerzliche Selbſt— verleugnung aufzulegen?“ „Sie that alles Mögliche, um mir abzureden, und ver⸗ weigerte mir zuerſt entſchieden ihren Beiſtand; aber zuletzt erfüllte ſie meine Bitten, denn ſie ſah, daß ich nicht eher glücklich ſein würde, als bis ich die Vergangenheit mehr als eine Schuld betrachten könnte, denn als— als“— ſie ver⸗ ſtummte, dann fügte ſie hinzu:„Mein eigenwilliger Geiſt empörte ſich genug dagegen, und er war viel ſchwieriger zu bekämpfen als alle Gegengründe.“ „Und was hat Dich zu dieſer Selbſtverleugnung ver⸗ mocht, mein liebes Mädchen? Ich weiß noch nicht, ob ich Dich nicht für dieſe faſt nutzloſe Selbſtverleugnung und über die Täuſchung, die gegen mich darin liegt, ſchelten ſoll,“ ſagte Mrs. Hamilton mit vorwurfsvoller Zärtlichkeit. „Vergieb mir, o vergieb mir!“ rief Ellen aus, indem ſie ihre Hand ergriff.„Ich habe oft gefühlt, daß ich Dich hinterging, daß ich Dir das Vertrauen verſagte, welches ich Dir gelobt hatte, aber ich durfte es Dir nicht ſagen, denn ich wußte, Du würdeſt mich nicht fortarbeiten laſſen.“ „Das würde ich allerdings gethan haben, meine Ellen, und ſage mir, warum Du dies gethan haſt. Dachteſt Du wirklich, daß ſonſt nichts die Vergangenheit ſühnen könnte?“ „Ich fühlte, ich wußte, wiewohl Du mir Deine Gunſt, Dein Vertrauen wieder geſchenkt hatteſt, daß mein Gewiſſen ſich nicht beruhigen würde, weil ich geleſen:„Wenn der Böſe das Pfand zurückgiebt, wenn er wiedergiebt, was er geraubt hat und nach den Geſetzen des Lebens wandelt, ſo ſoll er ewiglich leben und nicht ſterben,“ und ich fühlte, ſo ſehr ich mich beſtreben konnte, tugendhaft und gut zu ſein, daß ich nicht um die Gnade Gottes bitten durfte, ſo lange ich nicht zurückgegeben, was ich genommen hatte.“ Es iſt unmöglich, durch bloße Beſchreibung der ſchmerz⸗ lichen Beredſamkeit der trauervollen Stimme Gerechtigkeit zu thun, womit ſie dieſe einfachen Worte ſprach, die zugleich jene Gedanken und Gefühle verriethen, welche ſo lange in Ellens ſanftem Herzen verborgen geweſen waren, der gehei— men Quelle, von der alle ihre Handlungen ausgegangen waren. Mrs. Hamilton fühlte, daß dieſe Enpfindung zu er⸗ haben, zu heilig für menſchliches Lob ſei; ſie ſchloß ihre Nichte an ihre Bruſt. „Möge der allmächtige Erforſcher der Herzen dieſes Opfer annehmen und Dich ſegnen, mein Kind. Du haſt es im Geheimen dargebracht. Wie rein müſſen die Gedanken ge⸗„ 11 weſen ſein, als Du Dich ſo beſchäftigteſt, wenn dies ihre Quelle war, und wir dürfen ſicher hoffen, daß ſie Annahme gefunden haben. Hätte die Bezahlung Deiner Schuld keine Selbſtverleugnung zur Folge gehabt, hätteſt Du nur Deinen Onkel gebeten, ſie von Deinem Vermögen bezahlt zu machen, ſo würde ich es nicht angenommen h haben: eine ſolche Be⸗ zahlung würde weder mir, noch ihm gefallen haben, dem meine Ellen, wie ich feſt glaube, zu gefallen ſuchte. Wenn aber jede Handlung in den letzten Jahren mir gezeigt hat, daß die Worte, die Du ſpracheſt, wirklich die Grundlage dieſer Selbſtüberwindung waren, ſo kann ich nun in aller Demuth hoffen, daß es ein dem Himmel angenehmes Opfer ſein wird. Ich will auch Deine Bitte nicht abſchlagen, meine liebſte Ellen, und ich nehme an, was Du ſo beharrlich und mühſam verdient haſt, es ſoll verwandt werden, um die Gebete Derjenigen, denen es als Unterſtützung dient, für uns Alle zu erkaufen. Laſſe Dich nicht wiederum durch die Erin⸗ nerung an die Vergangenheit beunruhigen, mein Kind. Du haſt mir allerdings Kummer und Sorge bereitet, aber dieſer Augenblick hat Alles wieder gut gemacht. Fahre fort, ſo ſtandhaft dem Wege zu folgen, den Du gewählt haſt, und unſere Ellen wird alle die Liebe verdienen, die ihr Diejeni⸗ gen ſchenken, denen ihr Wohl ſo ſehr am Herzen liegt.“ Einige Minuten herrſchte Stillſchweigen,i denn der feier⸗ liche Ton, mit dem ſie geſprochen, hatte eine entſprechende Saite berührt; aber die Gedanken der Waiſe erhoben ſich zum Himmel und baten um die Gnade, ſie auch ferner auf dem Wege bleiben zu laſſen, von dem ihre Tante geſprochen hatte, voll heißer Dankbarkeit, daß es ihr geſtattet worden ſei, ihre ſchwere Aufgabe zu Ende zu führen, und daß ſie auf ſolche Weiſe den Beifall ihrer zweiten Mutter, der Ver⸗ wandten, die ſie ſo ſehr ehrte und liebte, erlangt habe. „Dies alſo war die lange Aufgabe, die Deine zahlrei⸗ chen Berufsgeſchäfte am Tage Dich nicht erfüllen ließen, und Du benutzteſt daher die Zeit, die zur Erholung und zum Vergnügen beſtimmt war— dies die Aufgabe, die meiner kleinen Ellen ſo viel Muth gab, daß ſelbſt meine Kälte 12 keine andere Wirkung hatte, als daß ſie Dich bekümmerte. Was verdienſt Du daß Du mich ſo hintergangen? Ich kenne keine Strafe, die ſtreng genug wäre.“ Mrs. Ha⸗ milton hatte ihre ganze Heiterkeit zu Hülfe gerufen, denn ſie wünſchte jede Spur der Traurigkeit von dem Antlitze ihrer Nichte zu verbannen. Ellen richtete ſich auf, um ihr in demſelben heiteren Tone zu antworten; da fiel es ihnen auf, daß das ſcheidende Licht des Tages plötzlich verdunkelt wurde, als wenn der Schatten einer Geſtalt an den offenen Fenſtern in ihrer Nähe ſtünde. Es war indeß ſo finſter, daß nur die Umriſſe des Eindringlings ſichtbar waren, und Niemand als das Auge der Liebe würde ſie erkannt haben.“ Ellen ſprang plötzlich auf.„Edward!“ klang es von ihren Lippen und in der nächſten Sekunde war ein ſchöner, kräf⸗ tiger Jüngling durch das offene Fenſter geſprungen, und die lange getrennten Geſchwiſter lagen einander in den Armen. Nur eine Minute drückte er Ellen an ſeine Bruſt, dann ließ er ſie los, wandte ſich zu ſeiner Tante, und ſie begrüßten ſich als liebende Mutter und gehorſamer Sohn, denn das waren ſie ſich in den langen Jahren der Trennung geweſen. Häufig hatte ſich der feurige Jüngling zu Irrthum und Süude ver⸗ ſucht gefühlt, aber ihre Briefe waren ſein Talisman gewe⸗ ſen. Er dachte an die Jahre, die hinter ihm lagen, an ihre letzte Unterredung, wo jedes ihrer Worte ſich in ſein Herz eingegraben hatte; an die Aufopferung ſeiner Schweſter, an das Elend, das er einſt veranlaßt hatte: er dachte an dies Alles und blieb feſt— der Verſucher floh. Er ſtand vor ihnen in jugendlicher Schönheit, kein innerer Makel veran— laßte ihn, ſich von den zärtlichen Blicken ſeiner jungen Schweſter abzuwenden oder vor ihren Umarmungen zurück⸗ zuſchrecken, und welche Seligkeit iſt es, ſich ſo wieder zu ſehen, zu fühlen, daß die dahingeſchwundenen Jahre uns nicht entfremdet haben, daß die Entfernung unſere Liebe nicht vermindert hat, daß wir einander noch daſſelbe ſind, als da wir ſchieden, wiederum den liebenden Kuß zu füh⸗ len, den Klang der Stimme zu hören, die einen Strom von Erinnerungen in uns weckt! Verfloſſene Tage fliegen an uns 13 vorüber, Gefühle, Gedanken, Hoffnungen, die wir längſt todt glaubten, erwachen wieder, geweckt von dem geheimen Zau⸗ ber der wohlbekannten, wiewohl lange verſtummten Stimme. Mögen lange traurige Jahre verfloſſen ſein, mag die Jugend dem Mannesalter das letztere dem Greiſenthum gewichen ſein, dennoch iſt ſie immer dieſelbe— die Stimme, die wir einſt ge⸗ liebt haben, und Zeit, Schmerz und getäuſchte Hoffnungen ſind vergeſſen und wiederum freuen wir uns der Jugend in ihrer ungetrübten, heiteren Schönheit, der Gluth ihrer edlen Ge⸗ fühle, ihrer ſchönen Hoffnung.“ „Mutter, ja nun darf ich Dich wirklich Mutter nennen,“ rief Edward aus, als die Aufregung des plötzlichen Wieder⸗ ſehens ſich gelegt und er auf dem Sopha zwiſchen ſeiner Tante und ſeiner Schweſter ſaß, während er die Hand der erſteren feſthielt und ſeinen Arm liebkoſend um die letztere ſchlang.„Nun darf ich mich ruhig der Freude hingeben, Euch Beide wieder zu ſehen, nun darf ich ohne Furcht den Blicken meinens Onkels begegnen, keine Schuld, keine Schmach, keine Furcht drückt mein Herz. Dies war Dein Geſchenk,“ fuhr er fort, indem er eine kleine Bibel herauszog. „Ich las zuerſt darin, weil ſie Dein Eigenthum, weil ſie Dir lieb geweſen war, und dann kamen andere und hei⸗ ligere Gedanken und ich beugte mich vor dem Gott, den Du verehrteſt, und flehte, daß ſeine Hülfe mich ſtärken möge, und er erhörte mich.“ Mrs. Hamilton drückte ihm die Hand, ſprach aber nicht, und nach einer kurzen Pauſe wech⸗ ſelte Edward ſeinen Ton und den Gegenſtand des Geſprächs und fing an, mit ſeiner natürlichen Lebendigkeit eine flüchtige Erzählung von ſeiner Reiſe nach England zu geben. Eine ungewöhnlich raſche Fahrt gab ihm und all den jungen Leu⸗ ten die erwünſchte Gelegenheit, ganz unerwartet in ihre Heimath zurückzukehren. Das Schiff war erſt in der ver⸗ floſſenen Nacht oder vielmehr am verfloſſenen Morgen, denn es war 2 Uhr, in Plymouth; zu Mittag wurde das Schiff abgetakelt, die Mannſchaft entlaſſen und beurlaubt, und zum erſtenmale in ſeinen Leben, erklärte er lachend, habe er es langweilig gefunden, der Liebling des Capitains zu ſein, da 14 ſeine Gegenwart und ſeine Hülfe in Anſpruch genommen wurden, während ſein Herz in Oakwood geweſen, indeß ſei er endlich beurlaubt, habe ein Pferd genommen und ſei da— von geeilt. Indeß waren damit ſeine Hinderniſſe noch nicht zu Ende; ſein Pferd wurde lahm, als wenn es wüßte, wie Edward ſagte, daß ein Seemann nicht der rechte Reiter ſei. Er war genöthigt, das arme Thier der Obhut eines Land⸗ manns zu überlaſſen und zu Fuß zu gehen, wobei er das Dorf zu vermeiden ſuchte, aus Furcht, erkannt zu werden, ehe er es wünſchte; er rief ſein Gedächtniß zu Hülfe, ſchlug den Weg durch die Wieſen ein und erreichte Oakwood durch eine Seitenpforte. Erſtaunt, die Zimmer nach den Fenſtern zu ſchließen, an denen er vorüber kam, verlaſſen zu ſehen, fing er an zu fürchten, daß die ganze Familie in London ſei, aber der wohlbekannte Ton der Stimme ſeiner Tante zog ihn nach dem Bibliothekzimmer, gerade als er den Haupt⸗ eingang noch aufſuchte, um ſeine Zweifel gelöſt zu ſehen. Er ſtand einige Minuten da und blickte nach den beiden Weſen, die ihn lebhafter als alle Anderen in ſeinen Träumen bei Nacht und in ſeinen Gedanken bei Tage beſchäftigt hatten; er hatte gewünſcht, ſie zuerſt und allein zu treffen und ſein Wunſch war in Erfüllung gegangen. In der Seligkeit ihrer Gefühle hörte Ellen ihren Bruder vor Theilnahme zitternd zu und wagte kaum zu athmen, damit die liebe Stimme nicht ſchweigen, damit die Hand, die ſie gefaßt hielt, nicht verſchwinden, damit ſie nicht erwachen und finden ſollte, daß es nur ein ſchöner Traum ſei— Edward könne nicht wirklich zurückgekehrt ſein; und Mrs. Hamilton fühlte ſich ſo heftig erregt, als ſie den muthigen Retter ihres Gatten, das Kind ihrer Schwe⸗ ſter, ihr Ebenbild wieder ſah, daß ſie nur ſchwer die vielen Fragen thun konnte, zu denen ſie Liebe und Theilnahme veranlaßten. Edward hatte indeß kaum ſeine Erzählung beendet, als der Klang vieler und lebhafter Stimmen, das fröhliche La⸗ chen und andere Zeichen jugendlicher Heiterkeit die Rückkehr der Geſellſchaft von ihrem Ausfluge verkündeten. Es dauerte auch nicht lange, ſo rief Emmelinens Stimme wie gewöhnlich mit lautem Lachen nach ihrer Mutter, ohne deren Theilnahme kein Vergnügen vollſtändig für ſie war. „Laßt Euch nicht ſtören, liebe Kinder,“ ſagte Mrs. Ha⸗ milton, indem ſie aufſtand, da ſie wohl wußte, wie vielerlei die Waiſen nach ſo langer Trennung ſich gegenſeitig zu ſa— gen haben müßten, und da ſie mit jener warmen Theilnahme, die aus wahrer Herzensgüte entſpringt, ihren Wunſch er— kannte, noch einige Zeit allein bei einander zu bleiben.„Ihr ſollt nicht geſtört werden, bis der Thee auf dem Tiſche ſteht und wenn Du es wünſcheſt, Edward,“ fügte ſie lächelnd hin⸗ zu,„ſollſt Du das Vergnügen haben, Deinen Onkel und Deine Couſine angenehm zu überraſchen, wie Du es mit uns gethan haſt. Ich will meinen Wunſch unterdrücken, die glückliche Botſchaft von Deiner Rückkehr zu verkün⸗ digen.“ Sie ließ die Geſchwiſter allein und ſandte Robert mit einer Lampe zu ihnen, damit ſie das Vergnügen haben ſollten, ſich gegenſeitig zu ſehen, was die zunehmende Dunkelheit bisher nicht zugelaſſen hatte; und es war allerdings für Beide ein wahres Vergnügen. Edward hatte ſeine Schwe⸗ ſter verhältnißmäßig wohl verlaſſen, aber immer noch wa— ren die Spuren ihrer ſchweren Krankheit in ihren Zügen ausgeprägt geweſen, jetzt aber ſah er ſie ſtrahlend vor Ge⸗ ſundheit, Heiterkeit und Schönheit, ſo das er in dem ſchönen, anmuthigen Mädchen kaum das kränkliche, ſchwermüthige Kind erkannte, daß ſie ſonſt geweſen war. Auch konnte der Gegenſatz zwiſchen der gegenwärtigen Ellen und der Ellen von damals kaum auffallender ſein; damals verzehrte Schwermuth, Elend, inneres Fieber ihren Körper und präg⸗ ten ihre Wundenmale auf ihre Stirn, Reue und Schmerz hatten ſie niedergedrückt; und nun, als er zurückkehrte, war ihr Herz ſo frei, wie die Bergluft, ihre ſelbſtauferlegte Buße war vollendet, und nichts ſchreckte ſie zurück vor dem Glücke, ihrem Bruder die Stunden zu widmen. „Sage James, er ſoll hinüber nach dem Pfarrhauſe gehen und Mr. Howard bitten, uns heute Abend zu beſuchen, 16 wenn er nicht etwas Beſonderes vor hätte,“ ſagte Mrs. Ha⸗ milton, nachdem ſie die Bibliothek verlaſſen, zu Martyn, die eben durch die Halle ging. „Haſt Du heute Abend ſo ein beſonderes Verlangen nach unſerm würdigen Rektor, Emmeline?“ fragte Mr. Hamilton, indem er voll Bewunderung und Erſtaunen ſeiner Gemahlin ins Geſicht ſah, deſſen ausdrucksvolle Züge vergebens das innere Glück zu verbergen ſuchten. „Ein ſehr dringendes Verlangen,“ erwiderte ſie ſchel— miſch lächelnd. „Ich bin wirklich neugierig—“ „Es thut mir leid, lieber Arthur, aber ich liebe die Neu⸗ gier nicht und kann ſie nicht befriedigen.“ „Ach, Papa, das iſt ein Wink für Dich und zugleich für mich,“ rief Emmeline lachend aus, und die Zeit, bis die ganze Geſellſchaft verſammelt war, verfloß unter Vermu⸗ thungen, was Mrs. Hamilton möglicher Weiſe mit dem Rek⸗ tor zu ſchaffen habe, auf das heiterſte. „Sie können ſich darauf verlaſſen, Emmeline, Mama will die nöthigen Vorbereitungen zu Ihrer Hochzeit treffen,“ ſagte Lord St. Eval, der ſich hatte zureden laſſen, die Nacht in Hakwood zu bleiben.„Ihre Mutter hat einen Gatten für Sie ausgeſucht, und da ſie Ihr Widerſtreben fürchtet, ſo hat ſie nach Mr. Howard geſchickt, um ſogleich Alles in Ordnung zu bringen.“ „Dann hoffe ich der Auserwählte zu ſein,“ rief Lord Louis lachend aus,„es iſt ſonſt Niemand hier, ſo viel ich ſehe, den ſie ins Herz geſchloſſen haben könnte,“ fügte er hinzu, indem er ſchelmiſch um ſich blickte, während ein ſelt⸗ ſames ſchmerzliches Gefühl plötzlich Emmelinens Heiterkeit verdüſterte und ſie nicht antworten ließ. Eine dunkle Röthe färbte ihre Wange und ihre Stirn, und ſie wandte ſich mit einem bittenden Blicke zu ihrer Mutter. „Liebe Emmeline, Sie können doch ſicher nicht glau⸗ ben, daß in der Behauptung meines ſchelmiſchen Sohnes auch nur ein Fünkchen von Wahrheit liegt?“ ſagte die „ 6 —, 17 Marquiſe von Malvern mitleidig, wiewohl ſie ſich über ihre offenbare Niedergeſchlagenheit wunderte. „Und iſt Ihnen die Ehe ſo unangenehm, um auch nur daran zn denken?“ fragte Lord St. Eval, immer noch neckend. „Selbſt der Gedanke iſt mir furchtbar; ich liebe meine Freiheit zu ſehr,“ antwortete Emmeline, indem ſie ſich raſch zu ſammeln ſuchte und in ihrer gewöhnlichen Weiſe fortfuhr; aber als ihr Auge die Geſtalt des jungen Myrvin traf, der mit Herbert in einem entfernten Fenſter ſtand, verſagten ihr einen Augenblick die Worte. Er hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt und ſein graues Auge ruhte auf ihr mit einem faſt verzweifelten Ausdruck, denn die harmloſen Worte Lord Louis':„Sie kann ſonſt Niemand ins Herz geſchloſſen haben“ hatten ſein Herz getroffen. Lord Louis hatte ihn vergeſſen oder abſichtlich daran erin⸗ nert, daß er in der That in dieſem edlen Kreiſe eine Null ſei, daß er nach dieſer ſchönen Hand nicht ſtreben dürfe. Er ſah nach ihr und ſie begegnete ſeinem Blicke, und wenn dieſer innige, faſt ſchmerzliche Blick ihrem jungen argloſen Herzen verrieth, daß ſie geliebt werde, ſo war dies nicht das einzige Geheimniß, das ſie an dieſem Abend entdeckte. Mr. Hamilton war in zu lebhaftem Geſpräch mit Sir George Wilmot begriffen, um die ſchmerzliche Verwirrung ſeines Kindes zu bemerken, und Mrs. Hamilton war zu glück⸗ lich über Ellens Benehmen und Edward's Rückkehr, um der⸗ ſelben die Aufmerkſamkeit zu ſchenken, die ſie verdient hätte, und deshalb blieb ſie unbeachtet. „Mutter, es thut mir leid der Erſte ſein zu müſſen, der ein häusliches Unglück verkündet,“ ſagte Perey, nachdem er anſcheinend ſehr heiter ins Zimmer getreten war.„Robert hat plötzlich den Verſtand verloren; entweder iſt etwas Außer⸗ ordentliches vorgefallen, oder es ſteht uns etwas bevor, ſonſt muß der arme Burſche behext worden ſein. Du lächelſt, Mutter; auf Ehre, ich halte das nicht für ſo lächerlich.“ „Beruhige Dich, Percy, Dein Lieblingsdiener wird, wie ich nicht zweifle, wieder zu Sinnen kommen, ehe der Abend Der Lohn Mutter. II. 2 18 vorüber iſt; ich bin nicht im mindeſten beſorgt,“ erwiderte ſeine Mutter lächelnd. „Percy, Deine Mutter hat ſich heute in ein undurch— dringliches Geheimniß gehüllt, daher hoffe nicht, durch ſie etwas herauszubekommen,“ ſagte Lord St. Eval lächelnd, und die jungen Leute unterhielten ſich heiter mit Lady Ger⸗ trude und Karoline, bis Mr. Howard eintrat und zum Thee gerufen wurde. „Wo iſt Ellen?“ fragten mehrere Stimmen, als ſie ſich um den gaſtlichen Tiſch ſetzten und ihren Platz leer fanden, und auch Lord Wilmot fragte. „Sie wird bald kommen, Sir George,“ erwiderte Mrs. Hamilton, und zu einem Diener gewendet, bat ſie ihn, Miß Fortescue wiſſen zu laſſen, daß der Thee bereit ſtehe. „Ich will gehen, Madam. Bleibe, James und laß mich gehen,“ rief Robert raſch aus und ſprang mit einer ungewöhn⸗ lichen Hintenanſetzung ſeines gewohnten Reſpects zum Zim⸗ mer hinaus. „Na, da haben wir den Beweis; ſagte ich nicht, daß der Menſch verrückt ſei?“ ſagte Perey, und gleichſam zur Beſtä⸗ tigung ſeiner Worte erklang faſt unmittelbar darauf ein lauter Freudenruf aus dem Gefindezimmer. Mr. Hamilton blickte forſchend auf und dabei erblickte ſein Auge einen Gegenſtand, der ihn veranlaßte, mit einem Ausrufe des Erſtaunens und der Freude von ſeinem Stuhle aufzuſpringen, während Perey über Tiſche und Stühle ſprang, ohne Lord Louis' Frage zu beachten, ob Robert ihn angeſteckt habe, und dem lange abweſenden Verwandten, in dem er und Herbert den Retter ihres Vaters kannten, immer aufs Neue die Hand ſchüttelte. Herbert und ſeine Schweſter verließen gleichzeitig ihre Sitze und ſcharten ſich um ihn. Voll warmer Liebe begrüßte ſie Edward insgeſammt, beant⸗ wortete raſch die unzähligen Fragen Perey's und vertheidigte ſeine Schweſter gegen allen Antheil an ſeiner Verheimlichung, deren Herbert und Emmeline ſie lachend beſchuldigten. Auf ſeinen Wangen zeigte ſich eine Röthe faſt ſchmerzlicher Scham, als er die Augen aller der Fremden wie ſeiner Ver⸗ wandten auf ſich gerichtet ſah; aber als er ſich nach ſeiner Tante hinwandte, und ſein Auge auf die ehrwürdige Geſtalt ſeines verehrten Lehrers fiel, der abſeits ſtand und ſich über das Schauſpiel, das er vor ſich ſah, freute, als die Erinne⸗ rung an die frommen Worte, an den Troſt und die Beruhi⸗ gung, welche ſeine eindringliche Stimme in der Stunde größter Noth zu ihm geſprochen, an die Lehren ſeiner Kind⸗ heit und ſeiner erſten Jugend in ſeiner Seele anftauchten, war es mit Selbſtbeherrſchung, Zwang und Zurückhaltung zu Ende; er riß ſich von der neugierigen Gruppe, die ihn umgab, und ſelbſt von dem Arme ſeiner Schweſter los, ſprang auf ihn zu und ergriff Mr. Howard's Hände, ſeine Augen glänzten, ſeine Stimme zitterte und er rief aus:„Auch Mr. Howard, einer meiner beſten und gütigſten Freunde! Ellen ſagte mir nichts von dieſer unerwarteten Freude.“ „Auch mir iſt es eine ebenſo unerwartete Freude, lieber Sohn; wir haben Mrs Hamilton für dieſes raſche Zuſam⸗ mentreffen zu danken. Ich wußte nichts von dem Vergnü⸗ gen, was ſie mir bereitet hatte,“ erwiderte Mr. Howard, indem er Edward's Händedruck mit gleicher Wärme zurückgab. „Es hatte überhaupt Niemand etwas gewußt. Ich ſage in meinem Leben nicht wieder, daß eine Dame nichts geheim hal⸗ ten könne,“ ſagte der Marquis Malvern ſcherzend.„Mr. Hamilton, da Sie nicht geneigt ſcheinen, mir die Ehre zu er— weiſen, ſo muß ich Sie bitten, mich Ihrem tapfern Neffen vorzuſtellen, deſſen Name in der Geſchichte unſerer Flotte nicht unbekannt, wiewohl er nur ihren jüngern Offizieren angehört.“ „Entſchuldigen Sie, lieber Lord; Edward's plötzliche Erſcheinung hat mich alle Etiquette aus den Augen ſetzen laſſen. Erlauben Sie mir allen meinen guten Freunden den beſagten Edward Fortescue, Midſhipman am Bord des guten Schiffes Seiner Majeſtät Prinz William vorzuſtellen, und damit aller Zwang zwiſchen uns ein Ende nehme, ſchlage ich vor, einen Becher auf die Geſundheit und das Wohler⸗ gehen des zurückkehrenden Wanderers zu trinken.“ „Vortrefflich, lieber Vater, das iſt ein Vorſchlag, welchen 2* 20 ich von ganzem Herzen unterſtütze,“ rief Percy luſtig aus. „Denn dieſes Amphibium nimmt ſich unter uns wie ein Fiſch außerhalb des Waſſers aus, und wir laſſen hier keine Fremden zu. Edward, es iſt ein Stuhl für Dich neben meiner Mutter vorbehalten, die ganz danach ausſieht, Dich heute Abend zu ihrem Ritter zu erwählen; deshalb wollen wir Dir geſtatten, heute Abend dort zu ſitzen, wiewohl Dein Sitz in Zukunft 3 unter den jungen Damen ſein wird, denen ich Dich gelegent— lich nach Stand und Namen vorſtellen werde. Ellen, meine 1 kleine Couſine, wo biſt Du? Du mußt Dich heute begnügen Deinen Bruder anzuſehen, anſtatt bei ihm zu ſitzen. Ich kann eine ſolche Verletzung der Etiquette nicht dulden das iſt ganz unmöglich.“ ſ„Ich bin mit meinem Platze vollkommen zufrieden,“ er⸗ 3 widerte ſeine Coufine lächelnd, indem ſie ſich auf die Bitte der Marquiſe von Malvern zu ihr ſetzte. Alle Augen rich⸗ teten ſich auf Ellen mit einer Bewunderung, die, wären nicht 3 ihre Gedanken mit ihrem Bruder beſchäftigt geweſen, für ihre aufgeregten Gefühle wahrhaft peinlich geweſen ſein wür⸗ den. Lady Malvern wollte gern von ihrem Liebling münd⸗ lich das innige Entzücken ausſprechen hören, welches in allen ihren Zügen deutlich zu ſehen war, und durch ihre freund⸗ liche Theilnahme gelang es ihr, ihren Wunſch erfüllt zu ſehen. Die Geſundheit des jungen Seemannes wurde mit Enthuſiasmus getrunken, und Edward ſagte in zierlichen, wiewohl kurzen Worten ſeinen Dank, während die Güte aller Anweſenden, die Freundlichkeit der Fremden und die Freude, ſich wieder inmitten ſeiner Geliebten zu ſehen, es ihm bald ganz behaglich zu Muthe werden ließ. Ellen ſah ſich neugierig im Kreiſe der Freunde um, un den Eindruck zu beobachten, den Edward gemacht hatte, und ſelbſt ihre Liebe fand ſich vollſtändig befriedigt. Sir George Wilmot hatte nicht geſprochen, aber ſein Auge belebte ſich, als er ſich in dem tapfern jungen Seemann ſeine eigene Ju⸗ gendzeit zurückrief, während ihn einige trübe Erinnerungen ſtumm machten und ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit einen Zügel anlegten. Lord Malvern ſchien ſich faſt ebenſo ſehr zu intereſſiren wie Mr. Hamilton. Lady Gertrud's freundlicher Blick begeg⸗ nete dem ihrigen und ſagte durch ſeine ſtumme Beredſamkeit, wie lebhaft ſie Ellens Gefühle theilte und Lord St. Eval's Lächeln ſprach ſo viel Theilnahme aus, wiewohl ſeine natür⸗ liche Zurückhaltung ihn abhielt, Edward anzureden, während die jüngern Glieder der Geſellſchaft großes Vergnügen an den Anekdoten und Abenteuern zu finden ſchienen, die er erzählte. Myrvin ſah ihn forſchend an und verbannte eine Zeitlang in dem Beſtreben, in dem ſchönen männlichen Jüngling eine Aehnlichkeit mit dem bildhübſchen, doch leidenſchaftlichen und muthwilligen Knaben zu finden, den er zum erſten und letz⸗ ten Male in dem Dorfe Langwillan geſehen hatte, ſeine trü⸗ ben Gedanken. „Ich habe von meiner Freundin Ellen ſo viel von Ed⸗ ward gehört, daß ich ganz neugierig bin, ſeine Bekanntſchaft zu machen, und ich hoffe, daß Schloß Malvern ſich oft der Anweſenheit des tapfern jungen Seemanns zu erfreuen haben wird,“ ſagte die Marquiſe von Malvern freundlich, nachdem man ſich nach dem Geſellſchaftszimmer begeben hatte und fie auf Ellens Arm gelehnt auf den jungen Mann zutrat, der, nachdem er von Perey vorgeſtellt war, gegen Lady Florence und Lady Emily Lyle den Angenehmen ſpielte, während Lord Louis, der etwas Verſprechendes in ſeinem Geſicht fand, Frage auf Frage an ihn that, welche Edward in einer Weiſe beantwortete, die das beſtändige Lachen der Umſtehenden er⸗ regte, bis ein Wink ſeiner Tante ihn an ihre Seite rief. „Ich muß alſo Admiral Sir George Wilmot bitten, mei⸗ nen Neffen ſeiner Beachtung zu würdigen, da er ihm dieſelbe nicht ungebeten ſchenkt?“ ſagte ſie, indem ſie ſich dem greiſen Offizier näherte, der ein wenig abſeits ſaß und wie in tiefes Nachdenken verſunken, die Augen mit der Hand bedeckt hielt. „Sir George, ich beſchuldige Sie des Hochverraths gegen mich, die Herrin dieſer Feſte, daß Sie, der Sie gewöhnlich der heiterſte zu ſein pflegen, an einem Abend, wo Alles Luſt und Freude iſt, ſich trüben Gedanken hingeben. Welche Entſchul⸗ digung können Sie zu Ihrer Vertheidigung beibringen?“ 22 „Iſt Edward des hohen Vorrechts unwürdig, Seemann zu ſein, Sir George?“ flüſterte Ellen ſchelmiſch,„oder ſoll ſich Ihr Zorn gegen mich, daß ich heut Morgen nicht an Ihrem Ausfluge Theil nahm, auf ihn erſtrecken? Wollen Sie ihn nicht als Kameraden anſehen?“ 3 Nein, Ellen, ich muß noch lange Jahre Dienſte thun, 3 ich muß noch viele Lorbeeren ernten, ehe ich dieſen Titel . verdiene,“ ſagte Edward.„Der Name Sir George Wil⸗ 3 mot iſt zu wohl bekannt auf dem weiten Meere, als daß ich mehr als ein Wort der Ermuthigung von ihm hoffen könnte, oder im Stande wäre, ihm mit andern Gefühlen als denen tiefſter Ehrfurcht zu betrachten.“ 3„Ei, ei, junger Mann, Sie wollen das alte Schiff durch Ueberraſchung zur Uebergabe nöthigen; ſo wacker aus⸗ gerüſtet und bemannt wie Sie ſind, denken Sie mich durch Ihre Huldigungen dahin zu bringen, daß ich Ihnen mit gleicher Münze zahle,“ ſagte der alte Mann, indem er ſich 33 aus ſeiner Zerſtreuung aufmachte und lachte.„Leugnen 3 Sie es nicht, Jüngling, doch ich verzeihe Ihnen, denn ich bin ein alter Thor geweſen, Mrs. Hamilton. Ich erkläre mich ſchuldig und ergebe mich auf Gnade und Ungnade. Sie, Miß Ellen, Sie verdienen nichts von mir, nachdem Sie jedes höfliche Wort, das ich heute ausfindig machen konnte, um Sie zu überreden, unter meiner Leitung alle Segel auszuſpannen und hinauszufahren, anſtatt im Hafen zu bleiben, zurückgewieſen haben. Aber Scherz bei Seite, wenn Ihnen die Freundſchaft eines alten verwitterten Die⸗ ners Sr. Majeſtät Vergnügen macht, junger Mann, ſo biete ich Ihnen meine Hand mit all der Wärme und Aufrichtig⸗ 1 keit unſeres edlen Berufs. Um Ihres Onkels wie um Ihrer ſelbſt willen werde ich Ihnen gern meine beſten Dienſte widmen, um Ihnen die Beförderung zum Lieutenant zu verſchaffen.“ „Sie werden alſo nichts um meinet willen noch um mei⸗ ner Tante willen thun, deren Würde durch Ihre Schwer⸗ muth ſo verletzt worden iſt?“ ſagte Ellen, wie Mrs. Hamil⸗ ton lächelnd. ——— —* bH 65 „Ihre Tante würde mir meine Schwermuth vergeben, liebes Kind, wenn ſie ihre Urſache wüßte. Ich that Un⸗ recht, mich derſelben hinzugeben, aber ich konnte dieſe hei⸗ tern Züge nicht ſehen,“ und er legte ſeine zitternde Hand auf Edward's Arm,„ohne die Vergangenheit wieder mit Denen bevölkert zu ſehen, die heimgegangen find. Mrs. Ha⸗ milton, ich dachte wieder an den ſchönen Liebling meines alten Freundes, Ihres Vaters, die heitere, gedankenloſe, liebenswürdige Eleanor, ſie ſah ihm ähnlich in der Blüthe der Jugend und Friſche, als ich ſie zum letzten Male ſah: und ich dachte, als mein Auge auf die wohlbekannte Uni⸗ form fiel, ich würde noch an einen Andern erinnert, den Adoptivſohn meiner Liebe, den Liebling meiner kinderloſen Jahre, Charles, meinen tapfern, warmherzigen Charles! Faſt ſechs Jahre war er bei uns und erwarb ſich durch ſeinen Muth ein Lieutenantspatent, dann wechſelte er ſein Stand⸗ quartier und ſeinen Commandeur, und ich ſah ihn nicht wieder. So war er, und ich dachte, Eleanor und Charles ſtünden wieder vor mir, und ich ſehnte mich nach dem Freunde meiner frühern Jahre, um in ſeinem Enkel die Stimme ſeiner Eleanor, die Stimme, das Lachen und die Geſtalt ſeines Charles wieder zu erkennen. Vergeben Sie mir, lieben Kinder, ich habe Ihre Heiterkeit verſcheucht und mich ſelbſt traurig gemacht.“ Als er ſchwieg, folgte eine Pauſe, die Sir George unterbrach, indem er Edward anredete und ihn über ſeine Hoffnungen und Erwartungen rückſichtlich ſeiner Beför⸗ derung fragte, die, da ſeine ſechsjährige Dienſtzeit nun vorüber war, ſeinen Geiſt beſchäftigen durften, und über ſolcher Unterhaltung ſchwanden raſch alle Spuren der Trauer; und Ellen, die an ihrer Unterhaltung Theil nahm, weilte mit wiedergewonnener Heiterkeit in ihrer Nähe, bis die Glocke zum Abendgebet rief. Alle wohnten demſelben bei, mit Aus⸗ nahme des jungen Myrvin, der ſich bereits verabſchiedet hatte. Herbert war beſorgt wegen ſeines Freundes, und zwar aus vielen Gründen, die wir ſpäter auseinanderſetzen werden; es genüge hier nur, daß, da der junge Mann ſich 24 nicht eines Lebens zu befleißigen ſchien, wie es ſein Beruf verlangte, Mr. Howard und Mr. Hamilton eine kaum be— merkbare, aber ſchmerzlich empfundene Kälte gegen ihn zeig⸗ ten. Herbert hatte an dieſem Abend bemerkt, daß ſeine Wange bleich, ſein Auge hohl und ſein Benehmen oft ganz verwirrt war, und er hatte die Urſache ſeiner innern Störung aus ihm herauszulocken geſucht, aber ohne Erfolg; denn der junge Mann ſchien, wiewohl er offenbar ſehr unglücklich war, vor ſeinem Vertrauen zurückzuſchrecken, und Herbert, wiewohl es ihm leid that, ſtand von ſeinem freundlichen Bemühen ab. An dieſem Abend überließ Mr. Hamilton ſeinen Platz am Leſepult dem würdigen Geiſtlichen, der ſich auf die Pflichten ſeines heiligen Amtes ſo wohl verſtand. Er las die Abſchnitte für den Abend mit einer kurzen, aber genügenden Erklärung, und nach dem gewöhnlichen Gebete dankte er Gott inbrünſtig für die Rückkehr Deſſen, der, ſeit⸗ dem er umgeben von ſeiner Familie zum letzten Mal zu ſeinem Gott gebetet, vor den Verſuchungen und Ge⸗ fahren, denen er ausgeſetzt geweſen, durch ſeine Gnade bewahrt worden war und in Freude und Frieden hatte zurückkehren dürfen. Für Alle, bis auf die Waiſen und Mr. und Mrs. Hamilton, bezogen ſich ſeine Worte nur auf die Schrecken des Meeres, aber ſie wußten recht wohl, wo⸗ hin die Gedanken ihres Geiſtlichen gerichtet waren; ſie wuß⸗ ten, daß ſein glühender Dank ſeiner Bewahrung vor den Vergehungen, die er ſich bei ſeiner letzten Rückkehr hatte zu Schulden kommen laſſen, galt, ſie wußten, daß er ſeinen Schöpfer pries für die Verheißung der Tugend, die ſich ſei⸗ nem Auge darſtellte; ſeine Gnade hatte ihn in den Stand geſetzt, die Verſuchung zu überwinden und vergleichsweiſe unbefleckt in die Heimath ſeines Knabenalters zurückzu⸗ kehren. Edward ſtellte ſeine gegenwärtigen Gefühle denen gegen⸗ über, welche er am erſten Abend nach ſeiner letzten Rückkehr empfunden hatte, und Ellen dachte an das bittere Leid, an die öffentliche Schmach, welche ſie in derſelben Halle, an demſelben Abend vor drei Jahren betroffen hatte, und die — 8— N X— — —— jungen Herzen der beiden Waiſen waren von innigem Dank erfüllt. Die Gedanken aller Anweſenden waren beruhigt, als Mr. Howard aufhörte, und in der kurzen Zeit, die zwiſchen dem Schluſſe des Abendgebets und dem Ausein⸗ andergehen der Familie lag, ſtörte keine leichtſinnige oder frivole Unterhaltung den feierlichen, aber keineswegs trau⸗ rigen Eindruck, den die Gemüther empfangen hatten. „Ich kann heute Abend nicht von Dir ſcheiden, meine liebe Couſine,“ ſagte Edward ſchelmiſch, wiewohl mit leiſer Stimme, als er ſich der Stelle näherte, wo Karoline und St. Eval ſtanden,„ohne Dir meine wärmſten Glückwünſche für Deine Zukunft darzubringen, und ohne Dich zu bitten, mich Demjenigen vorzuſtellen, in dem ich einen neuen Ver⸗ wandetn zu begrüßen habe. Ich habe es ſchon den ganzen Abend gewünſcht, aber als ich frei war, fand ich Dich nicht.“ Karoline blickte offenbar erfreut in St. Eval's Geſicht, aber ehe ſie ſprechen konnte, hatte der junge Graf voll Wärme Edward's Hand ergriffen, und antwortete mit glei⸗ cher Aufrichtigkeit und Freundlichkeit. Bald nachher trennte ſich die ganze Geſellſchaft. Wollten wir unſerer jungen und dem Anſchein nach im⸗ mer noch kindlichen Freundin Emmeline Hamilton an dieſem Abend in ihr Zimmer folgen, ſo würden wir ſehen, daß das Lächeln, welches um ihren Mund geſpielt hatte, verſchwun⸗ den, daß die Röthe ihrer Wangen gebleicht war und ein paar helle Thränen floſſen langſam über ihre blaſſe Wange, als ſie in tiefes Nachdenken verſunken daſaß, ehe ſie ſich zu Bett begab. Sie hatte Fanny fortgeſchickt, da ſie ihrer Hülfe nicht länger bedürfe, und ihr langes Seidenhaar hing ſeines Zwanges entbunden in goldenen Locken um ſie her. Thränen fielen auf ihre Hand, ſie erſchrak, warf ihre Flech⸗ ten zurück, blickte furchtſam um ſich und fuhr mit ihrer Hand über die Augen, als wenn ſie dieſelben zurückdrängen wollte, aber erfolglos; es floſſen immer neue Thränen; ſie lehnte ſich mit übereinander geſchlagenen Armen auf das Kiſſen, und ſtützte den Kopf auf und weinte, wie ſie noch nie geweint hatte; und doch wußte ſie nicht warum. Sie 26 war traurig, ſehr traurig, aber das junge harmloſe Herz wußte nicht weshalb. Sie war immer noch ein Kind in ihrem Aeußern, in ihrer Heiterkeit und Luſt. Sie hielt ſich ſelbſt noch für ein Kind, aber ſie war es nicht.— Das Al⸗ ter der Elaſticität war entflohen und Emmeline war wirklich eine Jungfrau, eine denkende, fühlende, ja liebende Jung⸗ frau. Es mochte etwa eine Woche nach Edward's Rückkehr ſein, da ſah Mrs. Hamilton, als ſie eines Morgens in die Bibliothek eintrat, ihren Gatten, Mr. Howard und Edward im eifrigen Geſpräch, und der Letztere ſchien etwas aufgeregt zu ſein. Sie würde ſich wieder entfernt haben, da ſie zu un⸗ rechter Zeit gekommen zu ſein dachte; aber kaum hatte Ed⸗ ward ſie bemerkt, ſo ſprang er ihr entgegen, ergriff ihre beiden Hände und rief mit bittender Stimme aus:„Liebſte Tante, willſt Du nicht Deinen Einfluß auf meinen Onkel geltend machen und ihn dahinbringen, daß er die Summe nimmt, die ich von meinen Priſengeldern und andern Er— ſparniſſen erübrigt habe, um zu erſetzen, was vor drei Jahren verloren gegangen war. Um das Nöthige zu erſparen, habe ich mir alle unnöthigen Genüſſe verſagt; es hat mich vor Verſchwendung bewahrt; es hat mich abgehalten, wenn ich bisweilen in ſtarker Verſuchung war, zu ſpielen, oder die zweifelhaften Vergnügungen meiner Kameraden mitzumachen. Indem ich dieſe Summe ſparte, legte ich viele Fehler ab; ich lernte eintheilen und mich ſelbſt beherrſchen, und zu der Zeit, wo der ganze Betrag erſpart war, hatte ich meine Wünſche und üblen Neigungen überwunden. Ich ſehe darin 1 eine Schuld, die ich zu bezahlen mich verpflichtet hatte. Ich hoffte auf das Vergnügen, meiner lieben Schweſter ſagen zu können, daß ſie die Vergangenheit aus ihrem Gedächtniß gänzlich verbannen dürfe, denn ich ſchrieb nicht ein Wort von meiner Abſicht, damit ſie mir nicht fehlſchlüge, ehe ich zurückkehrte. Und nun will mir mein Onkel meine Bitte nicht gewähren; Mr. Howard will mich nicht unterſtützen, und ich ſehe nun, aus welchem Grunde es geſchieht,“ fuhr er in ſeine frühere Heftigkeit zurückfallend fort, indem er im Zimmer auf⸗ und abſchritt und eine dunkle Röthe auf 27 ſeiner Wange brannte;„mein Onkel will keine Schuld darin ſehen, er will mir nicht geſtatten, ſo weit es möglich iſt, das Vergehen meiner Schweſter zu ſühnen.“ „Du biſt in großem Irrthum, mein lieber Sohn,“ er⸗ widerte Mr. Hamilton,„das Benehmen Deiner Schweſter hat mir hinlänglich ihre Reue und Beſſerung bewieſen; ihre Tugenden und ihr tadelloſes Betragen haben die Vergangen⸗ heit völlig geſühnt, und daſſelbe iſt mit Dir der Fall. Ich kann Deine redlich verdienten Erſparniſſe nicht nehmen, blos weil ſie wirklich nicht nöthig ſind.“ „Aber wenn es mir Vergnügen macht, wenn es mich zufrieden ſtellt. Liebſte Tante, bitte für mich, Du weißt nicht, welche Erleichterung es mir verſchaffen wird,“ flehte Edward wieder, indem er ſtehen blieb und ſeiner Tante bit⸗ tend ins Geſicht ſah. „Nein, lieber Edward, verlange nichts Unmögliches,“ erwiderte ſie lächelnd;„ich kann nicht für Dich bitten; das Geld, das Du ſo gern los werden zu wollen ſcheinſt, muß in Deine Taſche zurückkehren, die Schuld Deiner Schweſter iſt bereits bezahlt!“ „Bezahlt?“ wiederholten Mr. Hamilton und Mr. Ho⸗ ward erſtaunt, während Edward ganz verwirrt daſtand. „Wie und von wem?“ „Von Ellen ſelbſt,“ entgegnete Mrs. Hamilton, und zu ihrem Gatten gewandt, fügte ſie hinzu:„ich würde es Dir ſchon geſagt haben, aber wir waren in den letzten zwei Tagen ſo viel beſchäftigt, daß wir keine Zeit zu einer ver— traulichen Unterhaltung hatten, und meine Ellen hatte mich gebeten, ihr Geheimniß blos Dich wiſſen zu laſſen; aber ſie würde zu Gunſten Mr. Howard's eine Ausnahme gemacht haben, hätte ich darum gebeten, denn ſeine vortrefflichen Lehren haben aller Wahrſcheinlichkeit nach ſehr viel dazu beigetragen, ſie zu dem Charakter zu machen, der ſie iſt; und was ihren Bruder anlangt, nun ſo ſoll er aus Mitleid die wunderbare Geſchichte hören,“ fügte ſie lächelnd hinzu, und kurz, aber mit ergreifender Genauigkeit erzählte ſie, was am Abend vor Edward's Rückkehr zwiſchen ihr und Ellen vorgefallen 7 28 war. Mr. Hamilton und Mr. Howard hörten erſtaunt zu, denn ſie kannten nicht die ruhige Beharrlichkeit, die unwan⸗ delbare Feſtigkeit, welche in Ellens Charakter lagen; ſie hatten keine Ahnung von ihrer tiefen Reue und ſie wußten nicht, wie lange dieſelbe ihre Handlungen geleitet und geläu⸗ tert hatte. Edward hatte ſein Geſicht mit den Händen be⸗ deckt, ſeine Arme ruhten auf dem Tiſche, denn er fühlte, daß nach dieſer Erzählung die beharrliche Anſtrengung und Selbſtverläugnung ſeiner Handlungsweiſe in Vergleich mit der Ellens in Nichts zuſammengeſunken ſei; der helle Glanz des Charakters ſeiner Schweſter hatte den ſeinen völlig in den Schatten geſtellt. „Und haſt Du Ellys gefragt, weißt Du, in welcher Weiſe ſie es möglich gemacht, im Geheimen ihr ſolchen Bei⸗ ſtand zu leiſten?“ fragte Mr. Hamilton mit großem In⸗ tereſſe. „Das that ich,“ erwiderte ſeine Gattin,„ich fragte noch denſelben Abend, denn ſelbſt Edward's unerwartete Rückkehr konnte ſeine Schweſter nicht aus meinen Gedanken verbannen. Sie erzählte mir, daß ſie zuerſt alles Mögliche gethan, um Ellen von ihrem Vorſatze abzubringen; als ſie aber gefunden habe, daß ihr Entſchluß unabänderlich feſtſtehe, auf irgend eine Weiſe ſo viel zu verdienen, um die Urſache ſo großen Elends ausgleichen zu können, ſo ging ſie mit Wärme auf ihren Plan ein und verſchaffte ihr mit Robert's Hülfe Arbeit aus einer Weißwaarenhandlung zu Plymouth. Sie fing mit der einfachſten Arbeit an, da aber dieſe ſo gut wurde, erhielt ſie dann feinere. In London ſtickte ſie, in⸗ dem ſie die Materialien von ihrem Taſchengelde kaufte, und ihr Sparpfennig machte daher große Fortſchritte. Trotz ihrem Unwohlbefinden im erſten Winter, den wir in London zubrachten, ſetzte ſie ihre mühſame Aufgabe beharrlich fort und ſtand beim kälteſten Wetter um ſechs Uhr auf, weshalb die vorſorgliche Ellys faſt am meiſten im ganzen Hauſe bei ihr einheizen ließ. Robert ſpielte den Vermittler hin und her, aber Niemand erfuhr ihren Namen oder ihren Stand, denn in ſeiner treuen Ergebenheit gegen Ellen ließ . er ſich die Mühe nicht verdrießen, ſeine Livrée wit einem einfachen Rocke zu vertauſchen, ſo oft ihm Ellys einen Auf⸗ trag ertheilte. Ihr Geheimniß iſt ſowohl vor uns, als vor ihren Arbeitgebern gut bewahrt worden. Viele, ja viele ſtumme Thränen ſollen, wie Ellys ſagt, die langweilige Ar⸗ beit der armen Ellen genetzt haben, es ſoll ſie manchen Kampf gekoſtet haben, ihrem Entſchluſſe treu zu bleiben und ſie nicht verzweifelt bei Seite zu werfen, und oft ſei ſie nach einem langen einſamen Abend Ellys um den Hals gefallen und habe vor Erſchöpfung und Kummer über die Vereite⸗ lung ihrer Hoffnung geweint, denn zuerſt habe die Arbeit kein Ende nehmen wollen; aber ſie ſei unerſchütterlich feſt geblieben, und habe ihre Sehnſucht bekämpft, mich zu be⸗ gleiten, wenn ich mit Emmeline Beſuche machte. „Und dieß war es alſo, was ihren Entſchluß veranlaßte, bis zum nächſten Jahre zu Hauſe zu bleiben,“ bemerkte Mr. Hamilton;„armes Kind, unſere Härte hat Dir die Arbeit nicht verſüßt.“ „Allerdings nicht; an dem Abend, wo Emmeline ein— geführt wurde, weinte ſie, wie Ellys ſagt, als wenn ihr das Herz brechen wollte, als wenn ſie ihr Geheimniß nicht länger bewahren könnte; aber ſie bekämpfte ſich und ſiegte, obwohl ſie öfter während meiner Entfremdung Verlangen trug, mir Alles zu geſtehen; doch die Furcht, daß ich ihr die Fortſetzung ihrer Arbeit verſagen würde, hielt ſie zurück.“ „Ich bin ſehr froh, daß ſie ihr Geheimniß bewahrt hat,“ ſagte Mr. Howard mit Wärme;„dieſe ruhige Aus⸗ dauer in Erfüllung einer ſchmerzlichen Pflicht hat mir weit mehr gefallen, als die Handlupg ſelbſt, wiewohl dieſelbe von den beſten Gefühlen geleitet war. Außerordentliche Opfer, die wir uns ſelbſt auflegen, ſind Gott, um deſſen willen ſie anſcheinend gebracht werden, im Allgemeinen nicht ſo angenehm, als die ruhige treue Erfüllung unſerer Pflichten — das eine erzeugt leicht Stolz, das andere führt zu wah⸗ rer Demuth; aber ich zweifle nicht, daß der himmliſche Va⸗ ter auf dieſen unerſchütterlichen Entſchluß bei einem ſo jungen Mädchen, der ſeinen Urſprung in wahrer Reue hatte 30 und von der thätigen Erfüllung aller Pflichten unterſtützt wurde, mit gnädigem Blicke herniederſchauen wird. Richten Sie ſich auf, Edward, auch Sie haben Ihre Pflicht erfüllt. Warum kann Sie das Verfahren Ihrer Schweſter ſo nieder⸗ ſchlagen, mein junger Freund?“ „Weil alle meine Anſtrengungen neben den ihren in Nichts zuſammenfallen. Ich dachte beſſer zu werden, ich hoffte, daß die Siege über meine Neigung die Vergangenheit ver⸗ geſſend machen würden; aber was ſind meine Opfer im Ver⸗ gleich mit den ihren? Ein ſchwaches, kränkliches, empfind⸗ ſames Weſen wie ſie iſt, ſo im Geheimen mit ihrem Fleiße die Summe zu verdienen, die ich, weil ſie mir ein paar kleine Opfer der Neigung koſtete, für ſo edel gewonnen hielt. Was ſ waren aber meine Bemühungen im Vergleich mit den ihrigen?“ „Sie waren faſt ebenſo groß für Dich, mein lieber Sohn, als die ihrigen für ſie,“ ſagte Mr. Hamilton freundlich, „auch Du haſt Recht gethan. Deine frühern Verirrungen waren bereits in meinen Augen, ſowie in denen Mr. Howard's und Deiner Tante vergeſſen, über das Vergnügen, das Dein ſpäteres Benehmen uns gewährte. Sie hatte nicht die Verſu⸗ chung zu koſtſpieligen Vergnügungen, wie Du; um dieſe Summe zu erſparen, mußteſt Du Dir manchen Genuß ver⸗ ſagt haben. Du haſt alſo vortrefflich gehandelt, theils um die gute Meinung Deiner Freunde wieder zn gewinnen, theils um Deiner Schweſter die volle Ruhe wieder zu geben. 1 Das erſtere haſt Du vollſtändig erreicht, in Betreff des zwei⸗ . ten wird Deine Schweſter, wenn ſie erfährt, was drei Jahre i lang der geheime Zweck Deines Lebens geweſen, Dir reichlich durch ihre Liebe vergelten. Ihr verdient Euch gegenſeitig, mein lieber Edward, und in dieſem Augenblicke nehme ich keinen Anſtand zu ſagen, daß ich ſtolz bin, ſo nahe verwandt mit zwei jungen Leuten zu ſein, die, ſo jung ſie ſind, ſo edel und beharrlich ihre Pflicht gegen Gott und die Menſchen er⸗ füllt haben.“ Der junge Forteseue ergriff die Hand ſeines Onkels und dann ſtürzte er ungeſtüm zum Zimmer hinaus.„ „Dieſer Knabe hat mir gelehrt, nie wieder zu verzweifeln, 9— ————, — e —— —— — — — NM NM— — 31 mein guter Freund,“ ſagte Mr. Hamilton zu dem Geiſtlichen gewandt.„Als er mich das letzte Mal verließ, hatte ich hoffen und doch fürchten gelernt; denn mir bangte, wenn er ich ſeinen frühern Verſuchungen ausgeſetzt ſah; und nun erkenne ich mit Freuden an, daß ich beſiegt bin, und geſtehe, daß Sie immer Recht hatten.“ Mr. Howard lächelte. „Und bereut nun mein Gatte, die Waiſen meiner Schwe⸗ ſter an Kindesſtatt angenommen zu haben?“ fragte Mrs. Hamilton, indem ſie ihren Arm in den ihres Gatten legte und ihm ſchmeichelnd ins Geſicht blickte. „Nein, liebſtes Weib; einmal allerdings, als Du im Begriff warſt, unter der Laſt der Sorge und des Kummers zuſammenzubrechen, die Dir Edward's und Ellens Beneh⸗ men verurſachte, murrte ich im Geheimen, daß uns der Wille des Vaters die Obhut der Mißrathenen anvertraut: ich fürchte, ich betrachtete ſie als die Störer des Friedens und der Eintracht der Familie, während es der Wille Gottes war. Ich war entrüſtet und gereizt gegen ſie, während ich mich hätte demüthig vor Gott beugen ſollen; ich bin in ihrer Per⸗ ſon geſegnet worden, während ich es nicht verdiente. Du hatteſt immer Vertrauen, meine Emmeline, wiewohl weit größeres Elend Dein Loos war. Du bereuteſt nie die Güte, die Dein Herz über ihre Verwaiſtheit bluten machte und Dich veranlaßte, ſie an Deine liebende Bruſt zu nehmen und ſie wie Deine eigenen Kinder zu pflegen. Ich weiß, daß Du in dieſem Augenblicke Deinen Lohn haſt.“ Mrs. Ha⸗ milton konnte nicht antworten, weil Edward zurückkehrte, der nach ſeiner Schweſter frug; er habe vergeblich alle Zim⸗ mer im Hauſe durchſucht, er könne ſie nicht finden. „Sie iſt mit Herbert nach dem Dorfe gegangen, um der armen Frau, an deren Geſchick ich ſo großen Antheil nehme, die Frucht ihrer Arbeit, einige Kinderwäſche zu bringen,“ erwiderte Mrs. Hamilton, und zu ihrem Gatten gewendet fuhr ſie fort:„Nun ſind wir wirklich allein, mein lieber Arthur, willſt Du mir nicht ein wenig von Deiner Zeit opfern und mir rathen, in welcher Weiſe ich die Summe, die Ellen in meine Hände gelegt hat, am beſten zum Vortheil dieſes un⸗ 32 glücklichen Weſens anlegen kann? Sieh mich nicht ſo bittend an, Edward, als wenn ich Deinen Sparpfennig eben⸗ falls nehmen ſollte, denn ich bleibe dabei und ſage es Dir ſo— gleich, daß ich es nicht thue.“ „Begleiten Sie mich, mein junger Freund, wir wollen Herbert und Ellen aufſuchen,“ ſagte Mr. Howard lächelnd; „ein Spaziergang iſt das beſte Mittel gegen fieberhaft auf⸗ geregte Nerven, wie die Ihren, und es wird mich freuen, in Ihrer Geſellſchaft zu ſein.“ Und Edward verbannte mit lebhaftem Vergnügen alle Spuren ſeiner frühern Aufregung und ging Arm in Arm mit dem Geiſtlichen weg, den er immer noch ſo verehrte und liebte, und er rief ſich in ſeiner Geſellſchaft viele Erinnerun⸗ gen aus ſeiner Jugend zurück, und erzählte in lebhafter Weiſe viele Abenteuer ſeiner letzten Fahrt. So ruhig dieſer Spaziergang war, ſo machte er doch Mr. Howard und ſeinem Zöglinge außerordentliches Ver⸗ gnügen, denn wiewohl der Erſtere den ganzen Ernſt und die Würde ſeines heiligen Berufs bewahrte, ſo wußte er doch mit der Jugend zu ſympathiſiren. Vermehrte Pflichten ſei⸗ nes Amtes hatten ihn veranlaßt, die Schule aufzugeben, welche er gehalten hatte, als wir ihn kennen lernten, und zwar zum außerordentlichen Bedauern des Lehrers wie der Schüler. Mr. Howard betrachtete die jungen Leute als die zarten Lämmer ſeiner Hürde, die er auf dem Pfade der Gnade zu führen und vor den Gefahren der Sünde zu hüten beauf⸗ tragt ſei; ihre Eltern möchten ſie vernachläſſigen oder in ihrer Unwiſſenheit einen falſchen Weg einſchlagen, er ſei der Hirte, der über die Heerde geſetzt ſei, und während er eifrig und unermüdlich die ältern Glieder ſeiner Gemeinde nach dem ewigen Felſen des Heils zu führen ſuchte, waren die jüngeren Gegenſtand ſeiner beſonderen Sorge. Für ſie war Alles glänzend, die Welt mit allen ihren gefährlichen Labyrinthen lag vor ihnen. Er ſah, er kannte ihre Unwiſſen⸗ heit und zitterte, während er betete, ſie ſo zu leiten, daß die Lehren ihres Pfarrers ſie von der Bahn der Unklugheit und der Sünde zurückhalten möchte. — — N M —* 33 „Wäre ich einer der römiſchen Väter, ſo würde ich ſagen: Benedicite, meine Kinder,“ ſagte er ſcherzend, als Herbert und Ellen dem Anſchein nach in ernſter Unterhaltung ſich ihnen näherten,„da ich aber blos ein einfacher Diener eines einfachen Glaubens bin, ſo begrüße ich Euch mit der Ver⸗ ſicherung, daß Ihr in Euren mitleidigen Bemühungen ge⸗ ſegnet ſeid.“ „Und wie, mein lieber Freund, erfuhren Sie, daß wir damit beſchäftigt waren?“ erwiderte Herbert lächelnd; „kann uns meine Mutter verrathen haben?“ „O, ſie iſt heute Morgen eine böſe Verrätherin geweſen, und hat allerlei Geheimniſſe und Miſſethaten enthüllt,“ ſagte Mr. Howard lächelnd und indem er Ellen einen ſchlauen Blick des Einverſtändniſſes zuwarf, während Edward ſeine Ungeduld kaum zügeln konnte, den Arm ſeiner Schweſter zu ergreifen und ſie mit ſich fortzuführen. „Auch wir haben vielerlei von Ihnen gehört,“ ſagte ſie, „wir haben in der Hütte, die wir verlaſſen, Ihren Namen ſehr oft ſegnen hören, wiewohl dort Ereigniſſe ſehr ſchmerz⸗ licher Natur eingetreten ſind.“ „Und warum, mein liebes Kind?“ ſagte Mr. Howard liebevoll. Glaubſt Du, daß es ſo traurig iſt zu ſterben?“ „Ich habe Unrecht, ich weiß es, den Tod ſo anzuſehen, Mr. Howard,“ erwiderte Ellen; aber dennoch muß es ein bitterer Trank ſein ſelbſt für die ſtärkſten und frömmſten Gemüther, alle, die wir lieben, auf Erden zurückzulaſſen, die zarten Bande der Liebe, die uns an die Welt feſſeln, zerrei⸗ ßen zu müſſen.“ „Glaubt nicht, meine lieben Kinder,“ ſagte Mr. Ho⸗ ward,„daß ich es für Unrecht halte, irdiſchen Neigungen uns hinzugeben. Weit entfernt; ſie ſind uns ertheilt, um uns das Leben zu verſüßen, unſer Herz voll Dank zu Dem zu erheben, der ſie uns gab, und wenn wir ſie ſo genießen, ſind ſie Gott wohlgefällig. Und wie fandet Ihr heute die arme Nanny?“ fügte er nach einer kurzen Pauſe hinzu. „Körperlich ſehr leidend, aber in einem glücklichen Ge⸗ müthszuſtande,“ erwiderte Eten,„den ſie ſee Der Lohn einer Mutter. II. 34 Ihnen verdankte; denn ſie ſagte mir, ehe meine Tante ſie gefunden und ſie unterge bracht, und ehe ſie Sie geſehen, ſei der Tod ihr etwas Schreckliches geweſen. Sie habe immer ihre Pflicht zu thun, ſich in der Jugend ihres Schöpfers zu erinnern geſucht, und ſie glaube, daß es ihr gelungen; als ſie aber erfahren, daß ſie ſterben müſſe, ſei ihr Alles anders vorgekommen; die Ausſicht auf den Tod ſei in der Ferne eine ganz andere geweſen, als nun in der Nähe. Sie ver⸗ langte nach einem Diener des Herrn, der für ſie betete, der ſie in den Augenblicken, wo die Schmerzen ſie von ernſten Gedanken zurückhielten, tröſtete, und es war rührend, ſie die Liebe ſegnend zu hören, die nicht nur ihrer Seele ihre Lei⸗ tung anvertraut, ſondern auch für ſo viele leibliche Bedürf⸗ niſſe Sorge getragen habe.“ „Und Sie haben die Pfiichten des geiſtlichen Amtes ge⸗ übt, ehe Sie den Prieſterrock angethan, mein lieber Herbert,“ ſagte Mr. Howard, indem er ſeinen jungen Freund mit Wohlgefallen anſah.„Ich werde mich wirklich freuen, Sie als einen jungen Bruder in meinem heiligen Amte zu be⸗ grüßen, denn bei Ihnen wird es wirklich Sache des Herzens und nicht des Intereſſes oder des Zwanges ſein. Ich wollte, Ihr Freund Arthur beſäße nur die Hälfte Ihres Eifers, oder Sie könnten ihm dieſelbe Liebe für ſeinen heiligen Be⸗ ruf einflößen, die Sie erfüllt.“ „Ich weiß nicht, was ich aus Arthur machen ſoll,“ ſagte Herbert betrübt,„er hat ſich in den letzten Monaten ſeltſam und unerklärlich geändert; als er ſeine Vikarſtelle antrat, fand ſein Benehmen den Beifall meines Vaters und den Ih⸗ rigen, und nun fürchte ich ſehr, hat er ſich Ihnen Beiden entfremdet.“ „Beurtheilen Sie ihn nicht ſo ſtreng und ohne Beweis, Mr. Howard,“ ſagte Ellen bittend.„Auch ich habe be⸗ merkt, daß er ſich verändert hat, wiewohl ich weiß, wie; aber um ſeines Vaters und meinetwillen, behandeln ſie ihn wenig⸗ ſtens in Gegenwart meines Onkels nicht kalt. Er hat viele Fehler, aber gewiß auch manche gute Eigenſchaften.“ „Das hoffe ich, aber ich wünſchte, daß er dieſelben nicht 35 ſo gefliſſentlich verſteckte und ſeinen Gemeindegliedern Ver⸗ anlaſſung gäbe, von ihrem Vikar allerlei Geſchichten von Vernachläſſigung zu erzählen, erwiderte Mr. Howard; aber wir wollen keine Anklage anſtellen, wenn der Angeklagte nicht zugegen iſt und ſich vertheidigen kann; und da ſind wir am Pfarrhauſe, ehe ich auch nur den ganzen Weg hinter mir zu haben glaubte. Wollen Sie eintreten, meine jungen Freunde, und das frugale Frühſtück eines alten Mannes theilen?“ Sie würden es mit Vergnügen gethan haben, aber Ellen hatte verſprochen, zum zweiten Frühſtück nach Dakwood zu⸗ rückzukehren, und ſie mußte deshalb danken, indeß fügte ſie hinzu, daß ihr Bruder und ihr Coufin dableiben könnten, denn das Pfarrhaus liege ſo nahe am Eingang des Parks, daß ſie recht gut allein zurückkehren könne; aber das war Mr. Howard's Abſicht nicht. Er wußte, wie ſehr ſich Ed— ward ſehnte, einige Minuten mit ſeiner Schweſter allein ſprechen zu können, und indem er ſcherzend Herbert zurück⸗ hielt und erklärte, daß er wenigſtens einen von ihnen haben müſſe, ließ er die Waiſen den Rückweg antreten und ertheilte Ellen zum Abſchied ſeinen Segen mit einer Wärme, die ſie für den Augenblick überraſchte, deren Bedeutung ſich aber in dem intereſſanten Geſpräche erklärte, welches zwiſchen ihr und ihrem Bruder folgte, ehe ſie das Haus erreichten, und wie der Ausbruch des Wohlgefallens von Seiten des Geiſt⸗ lichen, der ſie liebte, ihr junges Gemüth mit Freude erfüllte, ſo fügte ihr gegenſeitiges Vertrauen, das ſie ſich auf ihrem Spaziergange einander ſchenkten, ein neues Glied zu der Kette der Liebe, welche die Seelen der Geſchwiſter ſo zärtlich umfaßte. 3* 36 Zweites Kapitel. Es war die Stunde, wo Alles ſich zur Ruhe begab, und die Bewohner von Okawvod hatten ſich zu dem Zwecke ge⸗ trennt; aber Gedanken gemiſchter und widerſtreitender Na⸗ tur beſchäftigten dieſe Nacht Mrs. Hamilton's Seele und ließen kein Verlangen nach Schlaf aufkommen. Die Zahl ihrer Gäſte hatte ſich in letzter Woche vermehrt und ſie hatte freundlich und zuvorkommend die Rolle der Wirthin geſpielt; aber den ganzen Tag über hatte ſie ſich geſehnt allein zu ſein, und freudig und dankbar begrüßte ſie die Stunde, die ihr dieß geſtattete. Sie bedeckte ihre Augen mit der Hand und hing ihren Gedanken nach. Mütterlicher Ehrgeiz und Stolz ſank in dieſer ſtillen Stunde vor den ſtärkern Gefühlen müt⸗ terlicher Liebe zuſammen. Nur noch einige kurze Stunden, und das Kind ihrer Sorgen, ihrer glühenden Gebete vor dem Throne der Gnade war nicht länger eine Bewohnerin ihres Vaterhauſes, ihre Stelle in dieſem glücklichen Hauſe würde verwaiſt ſein. Am folgenden Morgen gehörte ihr Kind einem Andern an. Allerdings würden ſie nur einige Meilen von einander trennen, und er, dem ſie dieſe koſtbare Gabe anvertraute, war in allen Beziehungen der Gatte, den ſie für ihre Karoline gewählt haben würde, der Gatte, für den ſie unwillkürlich gebetet hatte. Er war tugendhaft, fromm, männlich und aufrichtig und er beſaß noch andere Eigenſchaften, die manchen Müttern noch glänzender erſchie— nen ſein würden; er war von edler Geburt, ja von hohem Range; aber alles dieß vergaß ſie über der Erinnerung, daß ſie ſich am folgenden Morgen von ihrem geliebten Schatze trennen müſſe, daß das köſtliche Band des mütterlichen Schutzes auf immer getrennt werden würde. Gedanken an die Vergängenheit miſchten ſich mit der Gegenwart und be— rührten noch mehr Gefühle der zärtlichen Mutter. Bisweilen hatte Karoline ihr bittern Schmerz bereitet, aber hohes Ver⸗ 37 gnügen in ſeiner Art hatte ſich darein gemiſcht. Nicht län⸗ ger ſollte ſie mit bebender Freude die Tugenden ſich ent⸗ wickeln ſehen, die unten ihren Augen aufgeblüht waren, ein Band ſollte zwiſchen ihnen gelöſt werden— und Mrs. Ha⸗ milton machte ſich Vorwürfe, daß ſie ſich ſo traurigen Ge⸗ fühlen hingab, während ſo viele Segnungen das Loos ihres Kindes verſchönern ſollten. Und dennoch, welche Mutter, die ſich ſo ſehr für ihre Kinder aufopferte, wie ſie es gethan hatte, konnte ſich von einem geliebten Kinde auch nur für kurze Zeit auch um ihres Glückes willen ohne Schmerz tren⸗ nen, ſo egoiſtiſch er ſein mochte, ſo ſelbſtſüchtig er vielleicht war? Denn Sorge um die Zukunft verdüſterten nicht die Ausſichten auf irdiſches Glück, ihr Vertrauen auf den Cha⸗ rakter St. Eval's war zu feſt begründet, es war nur ihr zärt⸗ liches Herz, welches eine Zeit lang verzweifelte. Ihr Ohr würde vergebens der Stimme lauſchen, die ſie ſo ſehr liebte, ihr Auge würde umſonſt die anmuthige Geſtalt, die ſchönen Züge ſuchen, auf denen es ſo gern geruht hatte. Neue Bande würden Karolinen die Stelle Derer erſetzen, die ſie verlaſſen hatte; neue Quelleu zärtlicher Gefühle, wie ſie ſolche noch nie empfunden, würden ſich in ihrem Herzen öffnen, und würde ſie dann noch immer ihre Mutter lieben, wie ſie es als Kind und als Jungfrau gethan hatte? Vergebens kämpfte ſie, dieſe Gefühle zu unterdrücken und an ihrer Statt Bilder des Glücks wach zu rufen, die ſie bisher allein geſehen hatte. Die milden Augen, die ſo ſelten für ſich weinten, vergoſſen heiße Thränen, und während ſie mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt war, hörte ſie nicht, wie die Thür leiſe und vor⸗ ſichtig geöffnet wurde, wußte ſie nicht, daß der geliebte Ge⸗ genſtand dieſer Thränen in das Zimmer getreten und neben ihr niedergekniet war.„Mutter“, flüſterte Karoline mit einer Stimme, die vor Bewegung eben ſo zitterte, wie die ihrige. Mrs. Hamilton erſchrak und ihre Lippen zuckten unter der Anſtrengung, die es ihr koſtete, ſie lächelnd zu begrüßen. „Mutter, meine theure Mutter, vergieb mir, daß ich Dich ſtöre, ich dachte nicht Dich ſo zu finden. O glaube nicht, daß es mir an der innigen Ehrfurcht fehlt, die mir Deine Güte, Deine Aufopferung zu empfinden gelehrt haben, wenn meine Liebe mich fragen heißt, warum Du weinſt? Darf ich nicht Deinen Kummer theilen, Mutter?“ „Es ſind nur ſelbſtſüchtige Thränen, mein Kind, denn ſie fließen bloß bei dem Gedanken, daß der morgende Tag meine Karoline entführt und das Herz ihrer Mutter eine Zeit lang ſo einſam und traurig zurückläßt, daß es ſelbſt nicht an das Glück denkt, das Dir bevorſteht, indem Du die Gattin Deſſen wirſt, den Du liebſt. Vergieb mir, meine Ka⸗ roline, ich hatte kein Recht zu weinen und zu ſolcher Zeit dieſe Beweiſe der Theilnahme zu erwarten.“ Stumm und weinend unſchlang Karoline ihre Mutter und drückte wiederholt ihre Hand an ihre Lippen.„Warum haſt Du Dich nicht zur Ruhe begeben mein Kind? Du wirſt nur wenige Stunden zum Schlafen haben, die kaum genügen werden, die flüchtigen Roſen auf dieſe bleichen Wan⸗ gen und den Glanz in dieſes betrübte Auge zurück zu rufen, meine Karoline;“ und die Mutter fuhr mit ihrer Hand lieb⸗ koſend über ihre Stirn und ſtrich das Haar auseinander, das, von dem Zwange des Kranzes von Feldblumen befreit, welcher es noch vor kurzem geſchmückt hatte, loſe herab hing. Sie ſah lange und gedankenvoll in das junge ſchöne Geſicht. „Du fragſt mich, warum ich mich nicht zur Ruhe be⸗ geben habe? Ich konnte es nicht; ich fühlte, ich konnte nicht von Dir ſcheiden, ohne Dich wegen der Vergangenheit um Ver⸗ zeihung gebeten zu haben, ohne zu wiſſen, daß Du mir wirklich verziehen haſt. Noch niemals iſt mir mein Benehmen in ſo wahren Farben erſchienen, es war ſo ſchwarz im Vergleich mit dem Deinen. Du wirſt mir morgen Deinen Segen ge⸗ ben, aber ach, er würde meinem Herzen nicht heilig ſein, wenn ich nicht bekennen wollte, daß ich Deiner Liebe unwür⸗ dig war, daß ich es noch bin Mutter, und wenn ich Dich nicht bäte, mir zu verzeihen, daß ich Dir ſo oft und ſo muth⸗ willig Schmerzen bereitet habe. O Du weißt nicht, wie bitter, wie vorwurfsvoll meine Fehler und Verirrungen mein Gemüth beſtürmten, als ich da ſaß und daran dachte, daß dieß die letzte Nacht ſei, wo Karoline Hamilton unter dieſem 39 Dache ſchlafen würde, daß wir uns morgen trennen würden und daß ich Dich verließe, ohne auch nur anzuerkennen, daß ich nicht die Hälfte Deiner Güte verdiente, ohne den Verſuch zu machen, die innige Dankbarkeit, die tiefe, ehrfurchtsvolle Liebe auszuſprechen, womit mein Herz gegen Dich erfüllt iſt. Mutter, liebſte Mutter, nenne mich nicht Deinen Segen, Dei⸗ nen Troſt, ich bin es nie geweſen; eigenſinnig und ungehorſam habe ich Dir viele Stunden vergiftet, die ſonſt glücklich ge⸗ weſen ſein würden. Mutter, liebe Mutter, ſage nur, daß Du mir vergiebſt, ſage nur, daß kein ſtiller Schmerz meinet⸗ wegen Dir zurückbleibt.“ „Dir vergeben, mein geliebtes Kind? O ſchon lange ſind Dir Deine kindlichen Fehler und Deine jugendlichen Verir⸗ rungen vergeben. Hätte der Groll ſo lange in meinem Herzen wohnen können, hätte die Erinnerung bei Augen⸗ blicken des Schmerzes weilen können, während in dieſem letz⸗ ten Jahre nicht ein Fehler, nicht ein Vergehen gegen die Pflicht und die Liebe Dein Benehmen befleckt hat? Wie meine andern Kinder biſt Du mein Segen, mein Troſt ge⸗ weſen, und Du warſt mir um ſo theurer, wenn ich an die Zweifel und Befürchtungen der Vergangenheit dachte. Schmerz haſt Du mir einſt bereitet, aber Du weißt nicht, wie ein einziger Beweis der Liebe, eine einzige Stunde der Aufopferung bei einem Kinde die Erinnerung an Monate des Schmerzes aus dem Herzen einer Mutter verwiſchen kann. Denke nicht mehr daran, was hinter Dir liegt, mein Kind; erinnere Dich nur, daß der Segen, das inbrünſtige Gebet Deiner Mutter Dich überall umſchweben wird, wo Du ſein wirſt; daß, wenn Dich jemals Krankheit oder Kummer treffen würde, ſo fern Du auch ſein möchteſt, Deine Mutter kommen und Dich pfle⸗ gen und erheitern, daß Deiner Mutter Herz Dir immer offen ſtehen wird.“ Karoline antwortete nicht, denn ihre Thränen benetzten die Hand, die ſie hielt, Thränen, nicht des Schmerzes, ſon⸗ dern der Freude, die ihre Trauer verſcheuchte. Sie beugte vor Mrs. Hamilton ihr Haupt und flüſterte:„Segne mich, meine Mutter.“ 40 „Möge der Gott unendlicher Liebe, der Vater ewiger Gnade, der gegen ſeine Diener immer ſo barmherzig geweſen, von ſeinem Strahlenthrone auf Dich niederblicken und Dich ſegnen, mein geliebtes Kind! Möge er das Ereigniß, das unſern getrübten Augen ſo viel Glück verheißt, heiligen und 3 ſegnen! Möge er mein Kind auf ſeinen Pfaden führen und das Gebet ſeiner Mutter erhören! Wir wollen uns heute 3 Nacht nicht trennen, um in der Einſamkeit zu beten, mein Kind; laß uns mit einander leſen und zu unſerm himm⸗ liſchen Vater ſprechen, wie wir es zu thun pflegten, als es meine Aufgabe war, Deine kindlichen Gedanken und Deine einfachen Gebete zu ihm empor zu richten, der ſie er⸗ hörte. Ich kann mich nicht von Dir trennen, bis ſich dieſe ſ 3 aufgeregten Gefühle gelegt haben, und das Gebet wird uns am beſten zum Ziele führen.“ Karoline blieb mit Freuden und ſie verrichteten mit einander ihre häusliche Andacht, wie ſie es immer zu thun pflegten, ehe ſie ſich zur Ruhe be— gaben. Er, zu dem ſie ſo inbrünſtig beteten, blickte nieder auf ſeine guten und getreuen Diener, und goß über die Seele der Mutter und die ihres Kindes den beruhigenden 3 Thau ſeines Segens aus. Der Morgen graute und ſo gewöhnlich dieſer Aus⸗ druck iſt, ſo müſſen wir doch ſagen, der Tag war ſchön, es war einer jener milden köſtlichen Septembertage, die Alle ken⸗ nen, welchen das Klima von Devonſhire bekannt iſt. Hei⸗ 1 ter blickte die Sonne aus fleckenloſer Bläue nieder und lugte ſt durch die Fenſter des eleganten kleinen Zimmers, welches der 3 Geſchmack ihrer Brautjungfern als Toilettenzimmer Karo⸗ ſ linens für den Tag geſchmückt hatte, und ihre hellen Strahlen ſpielten mit den koſtbaren Juwelen, die auf der Toilette aus⸗ ſ gebreitet waren und ſie mit neuem Glanze ſchmücken ſollten. Bisweilen ſiel ihr Licht auf das Antlitz der jungen Braut, das bald nachdenklich, bald lächelnd ſtrahlte, wenn ſie auf die— 6 freundlichen Worte Gertruds antwortete, oder auf die heitere 1 Unterhaltung ihrer jüngern Brautjungfern horchte, die voll Leben, Hoffnung und Unſchuld ſie wie Feen ihre Königin umſchwebten. Die Thränen, welche Emmelinens Augen an MN— W— 81 N 41 dieſem Morgen am Halſe ihrer Schweſter vergoſſen hatte, waren getrocknet, doch immer noch waren Spuren der Trauer auf ihrem lieben ſchönen Geſicht zurückgeblieben, die ſie ver⸗ gebens zu verbergen ſuchte, die aber als die Sorgen eines liebevollen Herzens betrachtet wurden, das von der Schweſter ſeiner Liebe ſcheiden mußte. Auch Lilla Graham war zu⸗ gegen und lächelte vor herzlicher Freude. Sie hatte die leichte Wolke auf Emmelinens Stirne bemerkt, und ſuchte ſie mit allen möglichen Künſten der Liebe zu vertreiben. Die Toilette der Braut war vollendet, bis auf die Ju⸗ welen, welche Ellen zu ordnen ſich erbeten hatte, und lächelnd trat ihr Lady Florence ihre Stelle an Karolinens Seite ab. „Um Edward's und meinetwillen, liebſte Karoline, bitte ich Dich, ſo ſehr Du auch mit koſtbareren Juwelen geſchmückt biſt, dieß zu tragen und es als die Gabe der aufrichtigſten Liebe, der wärmſten Gebete für Dein Wohl von uns zu tragen, die wir Dich ſo viele Jahre als unſere Schweſter betrachtet haben. So klein die Gabe iſt, wirſt Du ſie zurück⸗ weiſen?“ Und indem Ellen mit gerötheter Wange und zittern⸗ der Lippe ſprach, legte ſie ihrer Coufine ein Armband an, das aus ihrem und ihres Bruders Haar beſtand und ein echt goldenes Schloß hatte. Das Geflecht war ſchön und zart, während der auffallende Gegenſatz des pechſchwarzen und des hellblonden Haares, aus dem es beſtand, in Ver⸗ bindung mit dem werthvollen Schloſſe es zu einer nicht un— würdigen Gabe an ſolchem Tage machte. „Soll es mich an alle meine Unfreundlichkeit gegen Dich, Ellen, an meine Zeit des Stolzes erinnern?“ erwiderte Karo⸗ line mit leiſer Stimme, indem ſie ihre Couſine liebkoſend umarmte und ſie zärtlich küßte;„ich will Dein Geſchenk neh⸗ men, meine liebe Ellen, und es bisweilen in dieſem Lichte anſehen.“ „O ſprich nicht ſo, liebſte Karoline, ſonſt fühle ich mich geneigt, es Dir noch jetzt vom Arme zu nehmen und es Dich nie wieder ſehen zu laſſen; nein, laſſe es Dir vielmehr zur Erin⸗ nerung der armen Waiſen dienen, zu deren Lebensglück Du nicht das Wenigſte beigetragen haſt. Dankbar, liebevoll . 3 ſie am Altar niederknieten, dann erhob ſich Mr. Howard's 42 werden wir Deiner gedenken, liebe Karoline, o möge dieſe kleine Gabe in gleicher Weiſe Dich an uns erinnern.“ Die Wagen kamen ſpäter als erwartet wurde, und da Lady Gertrud bemerkte, daß Karoline etwas bleich war, wiewohl nichts Anderes von ihrer Aufregung zeigte, ſo ſuchte ſie durch ſcherzhaftere Geſpräche als ſie ſonſt zu führen pflegte, ihr die Zeit zu vertreiben bis der wichtige Augen⸗ blick kam. Er erſchien endlich, und Karoline ſtieg mit ſchwankendem Schritt in den Wagen, der ſie in Begleitung ihrer Eltern und Lady Gertrud's, welche bei ihr zu bleiben verſprochen hatte, nach der alten, ehrwürdigen Kirche führte. Die ſchönen Mädchen, welche die Rolle der Brautjungfern ſpiel⸗ ten, folgten auf dem Fuße, und noch drei andere Wagen enthielten die eingeladenen Hochzeitsgäſte. Nicht ein Menſch ließ ſich ſehen, der unterwegs durch Zurufe den Brautzug geſtört und die ſtille heilige Schönheit des Morgens unter⸗ brochen hätte; dennoch ſah man deutlich, daß man des Tages gedacht hatte, denn Guirlanden von den ſchönſten Blumen, die nach ihrer Zahl und Mannigfaltigkeit aus gar vielen Gärten gepflückt ſein mußten, ſchmückten die Hecken der grünen Gaſſen, durch welche ſie kamen, und gar manche bunte Flagge flatterte auf einer Eiche oder ſtattlichen Ulme im Winde. Alles war ſo ſtill und ruhig, daß, als der Wagen an der Vorhalle der Kirche anhielt, Karoline ihr inneres Zittern überwunden hatte und ihr Herz vielleicht nicht ſo ängſtlich ſchlug, als das ihrer Eltern, als ſie auf den Arm ihres ſtolzen und glücklichen Vaters geſtützt, ſtattlich, ja ſelbſt mit Würde die Kirche entlang ſchritt, wo Mr. Howard, der junge Myvin, Lord St. Eval, ſeine Eltern, Lord Louis, Percy, Herbert und Edward ſtanden, und ein leiſes, aber ausdruckvolles Lächeln St. Eval's ſtille Begrüßung erwi⸗ derte. Er konnte nicht ſprechen, er fühlte ſich zu glücklich, zu entzückt, um viele Worte zu machen, aber ſie brauchte nur in ſein ausdruckvolles Geſicht zu ſehen, und ſie wußte Alles, Alles. Es trat eine augenblickliche feierliche Pauſe ein, als — 43 Stimme und drang mit nachdrücklichem Tone an das Ohr der verſammelten Freunde und Verwandte der Braut und des Bräutigams. Ruhig und verſtändlich antwortete Karo⸗ line, ihre Wange war bleich, aber ihre Lippe zitterte nicht, und vielleicht war die Aufregung ihrer Mutter während der feierlichen Ceremonie größer als die ihre. Sie ſuchte ſich zu faſſen, ſie erhob ihre Seele im brünſtigen Gebete, daß der Segen ihres Gottes die Ceremonie, welcher ſie zu⸗ ſah, heiligen möge, und ehe ihr Kind aufſtand und ſich von ihrem jungen entzückten Gatten geführt, ihrer Mutter näherte, um ihren Segen und ihren Kuß zu empfangen, war ſie in den Stand geſetzt, Beides ohne ſichtbare Auf⸗ regung zu geben, außer daß ihre Tochter die raſchen Schläge ihres liebenden Herzens fühlen mochte, als dieſelbe ſie in ihre Arme ſchloß. Wir wollen nicht bei dem fröhlichen Feſte weilen, welches an dieſem wichtigen Tage in den herrſchaft⸗ lichen Hallen von Oakwood gefeiert wurde. Die Stunde war gekommen, wo Karoline, die junge Gräſin St. Eval dem Vaterhauſe Lebewohl ſagen mußte. Die nächſten Ver⸗ wandten der Braut und des Bräutigams hatten ſich mit ihnen auf Karolinens Bitten für einige Minuten in einem kleinen Zimmer verſammelt, bis der Wagen angekündigt werden würde; denn wiewohl ſie entſchloſſen war, ihre Ge⸗ fühle nicht zu verrathen, ſo konnte ſie es doch nicht ertra⸗ gen, von Denen, die ſie liebte, öffentlich Abſchied zu nehmen. Sie hatte ihr Brautkleid mit einem einfachen, doch eleganten Reiſeanzug bertauſcht und horchte demüthig und mit feuchten Augen den zärtlichen Worten ihrer Mutter, die ſie mit ihrem Arme umſchlungen hielt und ſie ein wenig bei Seite gezogen hatte, als wenn ſie ihre Abſchiedsworte nicht laut ſprechen könnte; da wurde ihre Aufmerkſamkeit durch eine Bemerkung Lord Malvern's und die Antwort ſeines Sohnes ſo auf ſich gelenkt, daß ſie ſich nach ihnen hinwandte. „Laſſe mich nicht wieder hören, daß Du ſagſt, unſere Gertrud ſähe nie lebhaft oder theilnehmend aus“, ſagte der Erſtere zur Marquiſe gewandt in triumphirenden Tone,„ſie iſt heute ſo heiter, vielleicht noch heiterer, als irgend Jemands 44 von uns, und man ſieht es dem guten Mädchen an. Gertrud, liebe Gertrud, ſpiegelt ſich das Glück Deines Bruders in Deiner Seele wieder?“ „Laß mich an ihrer Statt antworten,“ erwiederte St. Eval raſch.„Du weißt nicht, warum ſie ſo viel Grund hat, heiter auszuſehen, und ich hoffe, ſich auch glücklich zu fühlen. Sie ſieht ihr gutes Werk vor ſich, und edel, tugendhaft, wie ſie iſt, freut ſie ſich deſſen; ohne ſie würde ich dieſen Tag nie 3 geſehen haben, Karoline würde nicht die Meine geworden 3 ſein, und wir würden Beide einſam und unglücklich gelebt haben. Ja, theuerſte Gertrud,“ fuhr er fort,„ich fühle, wie viel ich Dir zu danken habe, wiewohl ich nur wenig ſage. Glücklich Jedermann, der von ſeiner Schweſter ſo viel Troſt, ſo viel Segen empfängt, wie ich von der meinen, und glück⸗ lich jedes Mädchen, deren Rathſchläge wie die Deinen nur von der Wahrheit geleitet ſind.“ „Der Graf und die Gräfin von St. Eval verließen Oak⸗ wood um 2 Uhr in einem eleganten Wagen mit vier ſtolzen Grauſchimmeln, um ſich auf ihr Gut in Cornwall, Schloß 3 Terryn zu begeben, und eine große Zahl vornehmer Freunde und Bekannten beklagten ihre frühe Abreiſe.“ So berichtete die Chronik in einem Artikel über dieſe Heirath, die noch längere Schilderungen derſelben enthielt, als wir zu ſchreiben Luſt haben. Ein auserwählte Geſellſchaft von Freunden des Marquis n Malern u Mr. Hamilton blieb zu Tiſche, und auf Percy und Lord Louis' Bitten ſchloß der Abend mit einem Tänzchen für die jüngern Gäſte. Der Tag war freudig ver⸗ bracht, und keine Wolke ſtörte den Schluß deſſelben. Mrs. Hamilton, die ermüdet war und deren Gedanken immer noch ihrem Kinde folgten, freute ſich, als ſie die Einſamkeit ihres Zimmers aufſuchen konnte; ihre Gedanken beſchäftig⸗ ten ſich mit ihrer Karoline, und ſie weilten dort ſo gern, daß. Emmelinens ausgelaſſene Luſtigkeit und ihre plötzliche Schwermuth ihr nicht ſo aufgefallen war, wie ſie es ſonſt gethan haben würden: ſie betrachtete dieſelben als die Wir⸗ Skung natürlicher Aufregung an einem ſo wichtigen Tage, — N „ 45 und ſie hatte keine Ahnung, daß von ihrer ganzen Familie das Herz ihrer Emmeline am ſchwerſten, daß ihr Gemüth von einer ſo verzweiflungsvollen Schwermuth bedrückt war, daß der Schlaf viele Stunden lang ihre Augen floh. Sie hatte ſich den Tag über zu bezwingen geſucht, und nun in der Stille der Nacht war der Rückſchlag der Gefühle zu heftig für das junge und bis vor Kurzem ſo gedankenlos heitere Herz, als daß ſie es hätte ertragen können. Ihre thränenſchweren Augen und ihre bleichen Wangen zogen allerdings am folgenden Morgen die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich, aber ſie wurden der Ermüdung in Folge der fröhlichen Nachtwache zugeſchrieben, und das arme Mädchen unterſtützte die Täuſchung und gehorchte gern dem ſcherzhaften Befehl ihrer Mutter, ſich einige Stunden niederzulegen, zur Strafe, daß ſie ſich ſo übermäßig aufgeregt habe. Auch Herbert's Vergnügen am vorigen Tage war durch Sorge gedrückt worden, und vielleicht berührte ſein Kum⸗ mer und der Schmerz ſeiner Schweſter aus einer und der— ſelben Urſache her, wie unſere Leſer im Verlauf der Geſchichte bald finden werden, wo Arthur Myrvin eine hervorragende Rolle ſpielt. Im nächſten Monat war Freude in den man⸗ nigfaltigſten feſtlichen Geſtalten der herrſchende Genius in Dakwood und ſeiner Umgebung. Während dieſer Zeit blieben die Familie Malvern und einige Univerſitäts⸗ Freunde von Percy und Herbert als Gäſte in Oakwood. Aber Mr. Hamilton's andere Freunde reiſten die Woche nach der Trauung wieder ab. Inzwiſchen weilten der junge Graf und die Gräfin von St. Eval auf ihrem ſchönen Landſitze Schloß Terryn, welches der Geſchmack des jungen Grafen in allen Beziehun— gen zu einem Wohnſitz gemacht hatte, wie er dem Range und den Gefühlen ſeiner Beſitzer entſprach. Nichts hinderte nun mehr unſere Freundin Ellen, an den Vergnügungen Theil zu nehmen, die ſich ihr darboten, und ſie gab ſich denſelben mit größerem Genuß hin, als ſie er⸗ wartet hatte, denn ſie befand ſich in der Geſellſchaft ihres Bruders, der verdientermaßen der Liebling Aller geworden 46 war, und Mrs. Hamilton hatte das Vergnügen, nicht nur Geſundheit, ſondern auch ungetrübte Heiterkeit auf dem Antlitz ihrer Nichte ſtrahlen zu ſehen. Mr. Graham kämpfte um Lilla's willen, die ihren El— tern mit jedem Tage lieber geworden war, denn ihr wahrer Charakter hatte ſich jetzt erſt entwickelt, mit ſeiner düſtern Laune und begleitete ſie überall, wohin ihr Wunſch ſie führte; und ihre Munterkeit, ihr natürliches Weſen und ihre thatkräftige Liebe, die ſie auf tauſenderlei Weiſe kund gab, um ihre nun wirklich kranke Mutter zu unterhalten, trugen viel dazu bei, die Entäuſchung vergeſſen zu machen, welche ihm das Betragen ſeiner äleern Tochter verurſacht hatte. Herbert bewahrte ſein Geheimniß im Stillen, Niemand ahnte es, daß er liebte, vielweniger daß er verlobt war. Faſt zwei Jahre der langen Zeit waren verfloſſen, die vor⸗ über gehen mußte, ehe Herbert hoffen konnte, Mary zu hei⸗ rathen. Sie waren ſehr raſch vorüber gegangen, und ſo konnte es auch mit der übrigen Zeit gehen; aber eine düſtere Ahnung lag auf Herbert's Herzen, wenn er in die Zukunft blickte, welche die Hoffnung ihres Reizes beraubte und ihn noch nachdenklicher machte, als er von Kindheit an geweſen war. Für Fremde, ſelbſt für ſeine eigene Familie war er immer derſelbe, nur ſeinem Gott vertraute er ſeine Gedan⸗ ken an. Sechs Wochen nach der Verheirathung Karolinens war Dakwood und ſeine Umgebung ſo ruhig, wie wir es in frühe⸗ Jahren kennen gelernt haben. Die Familie Lord Malvern's blieb auf die dringende Einladung des jungen Paares zehn Tage in Schloß Terryn und kehrte dann nach ihrem Gute in Dorſatſhirezurück, während Lady Gertrud noch einige Wochen bei ihrem Bruder und ſeiner Gattin gelaſſen wurde. Die jun⸗ gen Leute kehrten nach der Univerſität zurück. Lilla Gra⸗ ham blieb bis nach den Weihnachtsferien zu Hauſe, dann ſollte ſie noch ſechs Monate oder ein Jahr bei Mrs. Douglas, je nach dem Geſundheitszuſtande ihrer Mutter bleiben, die Moorlands nicht wieder verlaſſen wollte, und deshalb willigte — ft n — M X S 8 8S 62 —— 47 ihr Gatte gern ein, da zu bleiben, bis Mrs. Hamilton ihren jährlichen Beſuch in London machte. In dieſer Zeit er⸗ füllte auch Ellen in Begleitung ihres Bruders ihr Verſpre⸗ chen, ihren alten Freund Mr. Myrvin zu beſuchen, und ſie machte ihm die Freude, bis zur Mitte des Novembers in ſeinem hübſchen Pfarrhauſe zu bleiben. Auch Edward, an dem der gute alte Mann eben ſo viel Gefallen fand, als an ſeiner Schweſter, blieb während dieſer Zeit in Langwillan, mit Ausnahme von drei oder vier Ausflügen nach Dakwood und zuletzt nach Schloß Terryn, wo Mr. und Mrs. Hamilton mit Emmelinen ſich die wenigen letzten Wochen aufhielten, während er und ſeine Schweſter zum Beſuche im Pfarrhauſe waren. Ihre Geſellſchaft war für Mr. Myrvin in dieſer Zeit beſonders beruhigend, denn die Briefe ſeines Sohnes verurſachten ihm außerordentlichen Kummer und enthüllten Abſichten, die zu verſtehen, wir unſere Schritte zurücklenken müſſen. Drittes Kapitel. Der junge Myrvin war zu der Zeit, wo Karoline ſich verheirathete, länger als ein Jahr Mr. Howard's Vikar ge⸗ weſen. Zuerſt hatte, wie wir geſehen haben, das Beiſpiel Herbert's viel dazu gethan, ihn mit einem Berufe zu verſöh⸗ nen, der aus vielen Gründen ſeinen Gefühlen zuwider war. So oft er ſich in der Geſellſchaft ſeines Freundes befand, theilte er ihm ſeine Kämpfe mit dem Stolze und Ehrgeize mit, welche immer noch in ſeiner Bruſt ſchlummerten, trotz aller ſeiner Bemühungen und Vorſätze, ſie beſiegen und ver⸗ bannen zu wollen. So lange Herbert in ſeiner Nähe war, ging Alles gut; er verrichtete regelmäßig ſeine Pflicht in einer Weiſe, die den Rektor zufrieden ſtellte, und Mr. Hamilton fühlte ſich 48 reichlich belohnt für die Theilnahme, die er an ſeiner und ſeines Vaters Wohlfahrt gehegt hatte; als aber Herbert Dakwood verließ, kehrte Arthur's Widerwille gegen ſeine Beſchäftigung mit erneuter Kraft zurück, und neuerwachte Gefühle ſteigerten denſelben noch. Mit großer Mühe hatte Arthur, als er zuerſt mit Mr. Hamilton bekannt wurde, ſich vor der Gefahr für ſeinen Frieden zu hüten geſucht, die, wie er fühlte, in der Geſellſchaft ſo liebenswürdiger und anziehender Weſen lag, wie ſeine Töchter waren; aber ſeine Bemühungen waren vergebens, wie unſere Leſer bemerkt haben werden. In der Erſcheinung und dem ganzen Weſen Emmelinens lag ein ſo namenloſer, unbeſchreiblicher Zauber, dem er nicht widerſtehen konnte. Es dauerte einige Monate, ehe er den ganzen Umfang des Uebels erkannte, es geſchah vielleicht nicht eher, als bis Emmeline nach London zurück⸗ kehrte und Dakwood dem jungen Manne ſo einſam und ver— laſſen vorkam, daß er, wenn er in ſeinen alten Mauern weilte, Alles um ſich her vergaß, nur nicht daß ſchöne, glän⸗ zende Weſen, das ſeinen größten Reiz bildete. Als indeß dieſe ſchöne Geſtalt ſeinem Blicke entſchwunden war, er— wachte er zu dem Bewußtſein, wie trüglich ſeine Hoffnungen ſeien, und in der Erkenntniß die ihm ſelbſt in ſeiner Ver— zweiflung köſtlich war, daß er Emmeline Hamilton liebte, wurde ihm ſein Beruf immer mehr zuwider. Wäre er den Pfaden des Ehrgeizes gefolgt, wie es ſeine Neigung war, hätte er nur die Mittel gehabt, eine Stellung zu ſuchen, von der aus er endlich hätte höher ſteigen können, dann würde er ſich um die Hinderniſſe nicht gekümmert haben, ſeine Verbindung mit ihr würde nicht ſo ſchwer zu erlangen geweſen, oder wenigſtens würde er nicht mit ihr zuſammen⸗ gekommen ſein; und konnte er wünſchen, daß dies der Fall geweſen? Nein, das Elend in ſeiner furchtbarſten Geſtalt ſtand vor ihm, und dennoch war die Urſache dieſes Elends der einzige glänzende Stern, der ſeinem Looſe zu leuchten ſchien. Ein armer Landvikar ohne Hülfsmittel außer ſei⸗ nem Gehalte, außer Stande, ſich in den Augen der Welt Geltung zu verſchaffen, und ach, die Frucht vieljähriger nd ert ine hte tte ic ie, nd ine rkt te, 49 ſchwerer Arbeit, deren eine Hälfte genügt haben würde, ihn ſo weit unabhängig zu machen, daß er ſich ſeinen Beruf hätte ſelbſt wählen können, war verloren. So arm er war, konnte er jemals erwarten, die Hand Emmelinens beſitzen zu kön⸗ nen? Er fand, daß dies ganz unmöglich ſei, und mit Be⸗ trübniß erkannte er, daß er liebe, nur um zu verzweifeln. Dieſe widerſtreitenden Gefühle lenkten ſeine Gedanken ab, wie ſich leicht denken läßt, und waren Urſache, daß er ſeine geiſtlichen Pflichten nachläſſig erfüllte und in ſeinem Beneh⸗ men gegen Mr. Howard ſeltſam und wunderlich war; und unglücklicherweiſe war Jemand im Dorfe, der gern den ein⸗ fachſten Umſtand des jungen Vikars ausdeutete. Es war nicht wahrſcheinlich, daß der ſündhafte und aus⸗ ſchweifende Mann, der in Folge der Anſtrengung Mr. Ha⸗ milton's nicht nur die Pfründe von Langwillan, ſondern auch beinahe den Prieſterrock verloren hatte, dieſe Beleidi⸗ gung, wie er es nannte, ungerochen ertragen würde. Gegen den ältern Myrvin waren ſeine Bemühungen erfolglos, auch hatte er keine Luſt, es ein zweites Mal zu verſuchen, nachdem ihm das erſte Mal fehlgeſchlagen war; doch Arthur ſchien ihm ein ſicheres Racheziel. Auf Mr. Hamilton's Gut war eine ziemlich bedeutende Pachtung zu haben; es war ſehr leicht, daß ein Mann von niederem Stande darauf fortkam, aber ſchwer war es für einen grundſatzloſen Mann, wie er war. Dennoch wurde das Geſchäft gemacht, und der neue Nach⸗ bar, der durch ſein Aeußeres und ſeine Manieren einnahm, ſetzte ſich bald bei Allen in Gunſt, und zog ſelbſt durch ſei⸗ nen ſcheinbaren Fleiß und den regelmäßigen Beſuch des Got⸗ tesdienſtes, unterſtützt von ſeinem ruhigen, beſcheidenen Be⸗ tragen, die Blicke ſeines Herrn, Mr. Hamilton's auf ſich. Dieſer Mann hatte ſeine Pachtung etwa vier oder fünf Monate, nachdem Arthur zu Mr. Hamilton's Vikar beſtellt worden war, angetreten, und vorſichtig und dennoch erfolg⸗ reich verfolgte er ſeinen Zweck. Er arbeitete ſo vorſichtig, daß Niemand auf ihn, der von dem Vikar immer als ſeinem Freunde ſprach, das Vorurtheil, welches ſich langſam, aber ſicher gegen den Vikar verbreitete, zurückführen Der Lohn einer Mutter. II. 4 1 3 50 konnte. Es liefen Gerüchte um von Vergehungen, deren er ſich während ſeines Univerſitätslebens ſchuldig gemacht haben ſollte; mochten ſie wahr oder falſch ſein, ſie wurden von den Leichtgläubigen geglaubt und weiter verbreitet. Er war ein Wälſcher voll übler Eigenſchaften und namentlich voll Hoch⸗ muth, und unglücklicherweiſe wurde der letztere Gedanke durch Myrvin's Widerwillen gegen ſeinen Beruf beſtätigt, der ihn nicht dazu kommen ließ, ſich um die Freuden und Leiden ſeiner Gemeindeglieder zu kümmern und freundlich mit ihnen zu verkehren, wie es ein Diener Gottes thun ſoll. Wie oder wann dies Vorurtheil angefangen oder woher es entſprungen war, hätte Niemand von den guten Dörflern ſagen können, denn ſie wußten es wirklich ſelbſt nicht, und dennoch beſtand es, und Arthur wußte es. Er fühlte ſich verletzt, aber anſtatt ſich ihre gute Meinung zu erwerben und ihr Vorurtheil zu widerlegen zu ſuchen, war ſein Gemüth in ſo fieberhafter Aufregung, daß er ſich den bitterſten Ge⸗ fühlen gegen Diejenigen, mit welchen er zu thun hatte, hin⸗ gab und ſich noch mehr von der Erfüllung ſeiner Pflicht zurückzog. Es fanden ſich oft Fälle von Vernachläſſigung, und ſie wurden durch das Gerücht vergrößert. Der junge Vikar war nicht immer zur Hand, wenn ſeine Gegenwart er⸗ forderlich war, er ließ nie zurück, wo er zu finden ſein würde. Es ſch chlichen ſich in die Gemeinde, die zur Zeit ſeines Lorganger⸗ eine der ordentlichſten auf Mr. Hamilton's Be⸗ ſitzungen geweſen war, Mißbräuche ein— Mißbräuche bei den jüngern Leuten, worüber die Alten ein finſteres Geſicht machten und deren Urſache ſie in der Vernachläſſigung ihres Vikars fanden, wiewohl ſie ſchwerlich würden haben ſagen können, welche Mißbräuche der junge Myrvin unterſtützt hätte. Allerdings machte er ihnen keine Vorwürfe darüber, er bemerkte ſie vielleicht gar nicht, aber man ſagte und vielleicht mit Recht, daß er dann ſehr blind geweſen ſein müſſe. Die Dorfbewohner verſtanden nicht die Befangenheit des Geiſtes, welche uns blind gegen Alles macht, außer gegen den einen Gegenſtand unſerer Gedanken. Es wurden gegen den Rektor Klagen erhoben, der treu ten 51 ſeinem Amte die Gemeinde beſuchte, ſich erkundigte und Ge⸗ ſchichten von ſeinem Vikar hörte, die ihn erſchreckten, ſodaß er zuletzt in ſtrengem Tone mit Arthur über ſein nachläſſiges Verfahren ſprach. Es wäre beſſer für Arthur geweſen, wenn er während dieſer Zuſammenkunft ſeinen Stolz verbannt hätte, aber unglücklicherweiſe fühlte er ſich entrüſtet über Alles, was einem Tadel, ſelbſt von einem Vorgeſetzten, glich, ſein Stolz machte ſich mit voller Kraft geltend, und durch ſein hochmü⸗ thiges Stillſchweigen in Betreff einiger Anklagen, die gegen ihn vorgebracht wurden, durch ſeine unverhüllte Verachtung gegen Andere, beſtätigte er die üblen Gerüchte, die Mr. Ho⸗ ward über ihn gehört hatte. Mit milden Worten bat er, daß die Zukunft die Vergangenheit wieder gut machen möge, und daß Myrvin ſich erinnern wolle, welches heilige Amt er bekleide. Der unglückliche junge Mann hörte ihn an, ohne zu ant⸗ worten, aber als der Rektor ſich entfernt hatte, ſuchte er ru⸗ hig über die Anſchuldigungen nachzudenken, die gegen ihn erhoben worden waren, und er blickte in ſein Inneres, um zu ſehen, ob er ſie verdient habe. Vernachläſſigung ſeines Amtes, ja, er hatte ſich derſelben ſchuldig gemacht. Andere Anklagen von viel größerem Belange ließ er ſogleich fallen in der Ueberzeugung, daß der bloße Gedanke an ſolche Laſter nie, auch nur einen Augenblick ſeine Seele befleckt hätte, und er fühlte ſich in ſeiner Unſchuld und Rechtſchaffenheit ſo ſicher, daß er beſchloß, wie es viele Andere in gleichen Fällen thun, ſein Verfahren nicht zu ändern, damit man nicht ſagen könnte, daß er ſtillſchweigend die Wahrheit der Gerüchte gegen ihn zugeſtanden hätte. Wäre er bloß der Vernachläſſigung der Pflichten gegen ſeine Gemeinde angeklagt, ſo würde er viel⸗ leicht, wenn ſein unruhiger Geiſt es geſtattet, dieſelben ſorg⸗ ſamer beſorgt haben, aber ſein Stolz ließ es nicht zu, daß er die gute Meinung Derjenigen zu erlangen ſuchte, die blos das ins Auge zu faſſen ſchienen, was zu ſeinem Nachtheil ſprach. Sollte er Diejenigen zu verſöhnen ſuchen, die ihn nicht leiden konnten, wie er wohl wußte? Nein, der bloße Wille, es zu thun, würde ihm zum Vorwurf gemacht worden 4* 52 ſein, und in ſeiner Heftigkeit faßte er den Vorſatz, daß auch ferner Stolz und Hochmuth ſich in ſeinem Benehmen aus⸗ prägen ſollten. Was hatte es zu bedeuten, was die Leute dachten oder von ihm ſagten, wenn es nur nicht wahr wark Er kehrte ſich nicht daran, die Welt war nach ſeiner aufgereg⸗ ten Phantaſie eine Wüſte, in der nur eine ſüße Blume blühte, die zu rein, zu ſchön war, als daß er ſie berühren durfte ſein Loos war, wie er dachte, auf der Erde dahin zu krie⸗ chen, das ihre, wie ein Stern in den Höhen über ihm zu glänzen. Nicht lange nach Mr. Howard's Geſpräch mit ſeinen Vikar langten Mr. Hamilton und ſeine Gäſte in Dakwood an, und Herbert ſuchte ſogleich ſeinen Freund auf. Er war erſchrocken über die Veränderung, die er in ſeinem Außeren bemerkte, und die, wiewohl ſie ſich nicht entſchieden ausprägte, doch ganz unverkennbar war; er entdeckte bald, daß Arthur unglücklich, daß ſein Beruf ihm mehr als je zuwider war; aber die eigentliche Urſache dieſer Gefühle ſuchte er vergebens zu ergründen. Er ſah mit dem innigſten Bedauern, daß alle ſeine früheren Ermahnungen, ſeine dringenden Bitten, daß Arthur ausharren möge, bis er ſeinem Schöpfer ein williges Herz als Opfer darbringen könne, erfolglos geweſen wären: dennoch aber konnte ſein gutes Herz ſeinen Freund nicht verſtoßen, ſo entgegengeſetzt auch ihre Gefühle über einen Gegenſtand waren, der für Herbert eine Lebensfrage bildete. Es war ſeltſam, daß ein Charakter wie Herbert Hamil⸗ ton ſich Arthur Myrvin zum Freunde gewählt hatte, und dennoch war es ſo. Es mochte zuerſt Mitleid, Theilnahme geweſen ſein, was dieſe Freundſchaft veranlaßt hatte. Die Entrüſtung, welche die unverantwortliche Behandlung Ar⸗ thur's in ihm erweckte, die derſelbe als Famulus auf der Univerſität erfahren, hatte ein Intereſſe erregt, welches ihn zuerſt für ſeine vielen Fehler blind machte, und als er ſie entdeckte, bewahrte ihn der glühende Wunſch und die Hoff⸗ nung, daß er dazu beitragen könne, dieſelben von dem ſonſt edlen Charakter ſeines Freundes zu entfernen, immer noch ſeine Achtung und erhöhte dieſelbe ſogar. Wiewohl er ſich —— ute ens daß ein ſen und ber age nil⸗ und hme Die Ar⸗ der ihn oſſ⸗ onſt och ſich 53 während ſeiner Abweſenheit häufig von der Kürze und dem bisweilen ganz verwirrten Style in Arthur's Briefen verletzt fand, ſo hatte er ſich doch mit der Hoffnung geſchmeichelt, daß ſeine Vorſtellungen den erwünſchten Erfolg gehabt hätten und daß er ihn bei ſeiner Rückkehr verſöhnt und zufrieden in der Erfüllung ſeiner Pflichten finden würde. Wiederum wies er mit einer Güte, die Arthur veranlaßte, ihm die Hand zu drücken und dann im offenbaren Seelenkampfe im Zim⸗ mer auf⸗ und abzugehen, auf die Nothwendigkeit hin, nach⸗ dem er den geiſtlichen Stand gewählt, keine Mühe zu ſcheuen, um das Werk ſeines Meiſters auf Erden zu verrichten, und ſei⸗ nenunruhigen Geiſt zur Unterwerfung zu bringen. Arthurhörte ihm aufmerkſam und traurig zu, aber vergebens ſuchte ihm Herbert einen Theil der himmliſchen Liebe einzuflößen, die für ihn der Springquell des Lebens war. Arthur liebte leidenſchaftlich und dieß hinderte ihn ganz und gar den Him⸗ mel als das Ziel zu betrachten, um deſſen Willen man alle irdiſchen Plagen mit Freuden ertragen muß, und dennoch verrieth Herbert nicht eine Sylbe von dem Feuer, das ihn in⸗ nerlich verzehrte. Wäre er ein Anderer als Herbert Hamil⸗ ton geweſen, ſo würde der junge Mann in ſeinem Vertrauen Troſt geſucht und gefunden haben, aber den Bruder des We⸗ ſens, das er liebte, o, ihm konnte, durfte er es nicht ſagen. „Herbert,“ ſagte er mit heiſerer Stimme,„dürfte ich Dir das Geheimniß dieſes gequälten Herzens, die Urſache meines Unglücks verrathen, Du würdeſt mich bemitleiden, ſelbſt wenn Du mich verurtheilteſt; aber frage nicht darnach, frage nicht, es wird nie über meine Lippen kommen; bloß um Eins bitte ich Dich und ich thue es in Rückſicht auf die Achtung, die Du mir immer gezeigt haſt. Magſt Du meinen Charakter verleumden hören, mag mein Benehmen ſelbſt die böſen Ge⸗ rüchte zu beſtätigen ſcheinen, ſo glaube nicht daran; ich mag unglücklich, unklug, wahnfinnig ſein, aber nie, nie glaube, daß der Name Arthur Myrvin's ſich mit einer Schuld be— flecke. Herbert, verſprich mir dieß, und komme was da wolle, ſo werde ich wenigſtens einen Freund haben.“ Herbert ſah ihn voll Zweifel, Staunen und Kummer an, doch ein unwiderſtehlicher Drang trieb ihn, Alles zu ver⸗ 54 ſprechen, was er verlangte, und Myrvin ſah beruhigt aus; aber ſchmerzlich empfand er, wiewohl er es gegen ſeinen Freund nicht ausſprach, daß das Benehmen Mr. Hamilton's gegen ihn ſich geändert habe, daß Kälte und Zurückhaltung an die Stelle der Herzlichkeit und Güte getreten ſei. Der Wirbel einer heitern Saiſon in London hatte in der äußern Erſcheinung und in dem Benehmen Emmeline Hamilton's keine Veränderung hervorgebracht. Es war keine Feuerprobe für ſie geweſen, wie für ihre Schweſter. Sie verließ die große Welt ſo rein, ſo unſchuldig, wie ſie ſie be⸗ treten hatte. Sie wurde von Allen, die mit ihr in Berüh⸗ rung kamen, bewundert, aber man buhlte nicht um ihr Lächeln, um ihre Unterhaltung, wie es mit Karolinen der Fall ge⸗ weſen war, deßhalb waren ihre Verſuchungen nicht ſo groß, aber ſie war allgemein beliebt. Ihre Mutter wunderte ſich bisweilen, daß Emmeline, die ſonſt ſo empfänglich für alle Gefühle war, dennoch ſo unempfänglich ſür die Liebe blieb. Sie iſt immer noch daſ⸗ ſelbe unſchuldige Kind, dachte ſie, und fühlte ſich ſicher und zufrieden. Sie wußte nicht, ſo ſcharfblickend ſie ſonſt war, daß dies junge Herz bereits unbewußt gefeſſelt war, daß eine männliche Geſtalt, ein ſchwermüthiges, doch ausdrucks⸗ volles Geſicht keinem Andern den Zutritt geſtattete. Em⸗ meline wußte ſelbſt nicht, welchen Einfluß dies geheime Bild erlangt hatte, ſie ahnte nicht die ganze Wahrheit bis zu dem Abend, wo ſcherzend auf ihre Verheirathung angeſpielt wurde; dann aber leuchtete es ihr auf einmal ein und betäubte ihr junges Gemüth mit einem kaum erklärlichen, aber höchſt ſchmerzlichen Bewußtſein. Arthur Myrvin hatte Emmelinens Rückkehr nach Dakwood mit ſehr gemiſchten Gefühlen erwartet; ſie war vielleicht Braut, wie ihre Schweſter, er ſollte viel⸗ leicht Zeuge ihrer Trauung ſein oder mußte ſie ſelbſt verrich⸗ ten; er ſollte zuſehen, wie ſich Andere um ſie bewarben, wie ſie ihre Huldigung entgegennahm und ihnen lächelte, ohne daß ſie ihm einen Blick oder Gedanken ſchenkte, der gern für ſie geſtorben wäre. Der Gedanke war eine wahre Seelen⸗ qual für ihn, und die Leiden, welche die Erwartung dieſes W S v S 5 ——„ W W 55 geträumten Elends veranlaßt hatte, waren die Urſache der Veränderung geweſen, die Herbert in ſeinem Geſicht und ſeiner Geſtalt geſehen und bedauert hatte. Sie trafen ſich, und als wenn das Schickſal ihre geheime gegenſeitige Liebe begünſtigte, das erſte Mal, als Emmeline von London zurück⸗ gekehrt war, allein. Ungewohnt ſich zu beherrſchen, und da⸗ mals völlig bewußtlos, daß ſie etwas zu verbergen habe, wiewohl ſie ſich wunderte, warum alle ihre Pulſe ſchlugen und warum ihre Wange abwechſelnd erröthete und erbleichte, war ihre Aufregung und ihre offen ausgeſprochene Sorge über die Spuren von Leiden, die ſie bemerkte, wahrer Bal⸗ ſam für das wunde Herz des jungen Mannes, und ſeine drei oder vier Zuſammenkünfte mit ihr machten ihn ſo glücklich, daß ſeine Schwermuth faſt verſchwand; aber die Zeit, wo er ſich erleichtert fühlte, war nur von kurzer Dauer. Bald ſah er ſie, wie er erwartet hatte, von reichen und vornehmen jun⸗ gen Männern umgeben. Erfühlte, daß ſie ihn von oben herab anſahen; ſie dachten nicht an ihn, denn als Nebenbuhler war er ihrer eben ſo unwürdig, wie er außer Stande war, ein ſo erhabenes Weſen zu lieben; aber inmitten dieſer un⸗ glücklichen Gedanken erhob ſich einer, der nur eine kurze Zeit ſo glänzend, ſo freudig, ſo ſchön war, daß, ſo lange er dau⸗ erte, jeder Gegenſtand ſeine Strahlen theilte. Er ſpähte mit Augen, welche die Eiferſucht geſchärft hatte, nach einem auch noch ſo kleinen Zeichen, was ihm ſagen ſollte, daß ſie die Geſellſchaft Anderer der ſeinen vorzöge; wiewohl er die Sache von der ſchwärzeſten Seite anſah, fühlte er doch, daß der zaudernde Blick, der ſchüchterne Ton, womit ſie ihn neu⸗ lich angeredet, und deren Widerſpruch mit dem ſchelmiſchen Weſen, das früher ihren Verkehr mit ihm bezeichnet, ſeinem Herzen viel theurer ſein mußte, als die Heiterkeit, der ſie ſich Anderen gegenüber hingegeben hatte. Dieſe Veränderung in ihrem Benehmen blieb von ihrer Familie unbemerkt. Das Auge der Liebe betrachtete indeß dieſe kleinen Zei⸗ chen in einem ganz andern Lichte. Konnte ſie einen Mann lie⸗ ben, der ihrer ſo unwürdig war? Der bloße Gedanke daran ſchien ihn zu einem neuen und beſſern Menſchen zu machen. — 56 Er bedeckte ſeine Augen mit den Händen, damit kein äußeres Zeichen die ſeelige Täuſchung unterbrechen ſollte, dann fuhr er zuſammen, und die rückkehrende Erinnerung hatte augen⸗ blickliche Verzweiflung in ihrem Gefolge Selbſt wenn ſie ihn liebte, ſelbſt wenn ihre Eltern einwilligten, denn ſeine leb— hafte und aufgeregte Phantaſie bildete ſich in der einen Mi⸗ nute ein, was er in nüchternen Augenblicken für unmöglich hielt— ja ſelbſt wenn dieſe Schwierigkeiten überwunden wären, konnte er dies ſchöne und zarte Weſen aus dem rei⸗ chen und mit aller Bequemlichkeit ausgeſtatteten Elternhauſe in die Hütte der Armuth einführen? Was hatte er, um eine Frau zu ernähren, wie konnten ſie leben und was für Hoff⸗ nungen hatte er, auf irgend eine Weiſe ſein Vermögen zu vergrößern? Und regte er nicht ihre Liebe an, um ſie wie ſeine eigene verzweifeln zu laſſen? Und konnte ſi, ſo ſchön und zart ſie war, die Entbehrungen ſeines Looſes ertragen? Sie würde nie ohne die Einwilligung ihrer Eltern heirathen, und er würde nie ihr Jawort erhalten, und ſelbſt wenn es geſchähe, ſo habe er nichts, auch nicht die mindeſte Hoffnung, ſoviel zu erwerben, um ſie ernähren zu können; und wenn ſie ihn wirklich liebte, ſo würde er ſie vor ſeinen Augen kränkeln und abmagern ſehen, und das konnte er nicht er⸗ tragen; ſein eigenes Elend konnte er ertragen, aber nicht das ihrige Nein! Er ſchritt in dem kleinen Zimmer mit un⸗ regelmäßigen Schritten auf und ab, ſein Schickſal war be— ſtimmt, das ließ ſich nicht verhindern, aber in Betreff ihres Looſes war es vielleicht noch nicht zu ſpät. Er wollte ihren Anblick meiden, er wollte ſie für immer verlaſſen, er wollte den Zauber, der ihn an ſie feſſelte, brechen. Ehe ſein raſcher Gang bis in ſein enges Zimmer vollendet war, war ſein Entſchluß gefaßt, er wollte ſeiner Vikarſtelle entſagen und den gefährlichen Zauberkreis, in dem er weilte, verlaſſen. ⸗ Dennoch zauderte er. Wenn er zu anmaßend geweſen, ſo von Emmelinen zu denken, wenn er ihrem Herzen wirklich nichts galt, warum ſollte er ſich ſolch Leid anthun? Warum brauchte er ſich von ihr loszureißen? An dem Abend von Edward's Rückkehr wurde, während ihm in gewiſſem Sinne die hingeworfene Bemerkung Lord Louis' Kum⸗ mer verurſachte, durch die Aufregung Emmelinens ſein Schmerz gemildert, wiewohl er in ſeinem Vorſatze beſtärkt wurde. Vier Tage ſpäter, an dem Abend deſſelben Tages, wo Mr. Howard in Gegenwart Herbert's und ſeiner Ver⸗ wandten auf die Vernachläſſigung ſeiner Pflichten angeſpielt hatte, reichte er ſeinen Rücktritt ein; er verweigerte kalt und ſtolz jede Erklärung und gab keinen anderen Grund an, als daß er eine Stelle als Reiſebegleiter in einer adlichen Familie zu erhalten wünſchte. Mr. Howard war durch die falſchen Darſtellungen ſeiner Gemeindegenoſſen ſo ſehr gegen den jungen Mann eingenommen, daß er ſich über Myrvin's Ent⸗ ſchluß freute, da er mehr als einmal gefürchtet hatte, daß, wenn ſich ſein Benehmen nicht änderte, er gezwungen ſein würde, ihn ſelbſt zu entlaſſen. Doch, während er froh war, ſich eine Aufgabe erſpart zu ſehen, die ſeinem Wohlwollen zu ſehr widerſtrebte, konnte er ſich doch nicht enthalten, dieſen ſeltſamen und anſcheinend plötzlichen Entſchluß als ein ſtill⸗ ſchweigendes Eingeſtändniß vieler der Verirrungen zu be⸗ trachten, deren er beſchuldigt war. Bei ſolchen Anſichten kann es nicht Wunder nehmen, daß Mr. Howard auf den Rücktritt ſeines Vikars einging, doch, indem er es that, konnte er es nicht unterlaſſen, dem jungen Manne einigen guten Rath für die Zukunft ſeines Lebens mit auf den Weg zu geben, den Arthur, welcher ſah, daß ihn der Rektor durch die Brille des Vorurtheils betrachtete, nicht mit derſelben Freundlichkeit entgegennahm, womit er gegeben wurde. Er hörte ſchweigend zu, aber mit einer ſtolzen Miene, welche Mr. Howard's wirklich freund⸗ liche Abſichten zu ſeinen Gunſten zurückdrängte. Da der Rektor wußte, daß Mr. Hamilton von dem Vor⸗ falle unangenehm berührt werden würde, ſo theilte er ihm Myrvin's Abſichten erſt einige Wochen nach Karolinens Hoch⸗ zeit mit, als er ſich von dem Wunſche gedrungen fühlte, ſeine Zuſtimmung für einen jungen Geiſtlichen zu gewinnen, der ſein Schüler geweſen war und der gern eine Stelle in 58 Mr. Howard's Nähe haben wollte, weshalb ihm die Vikar⸗ ſtelle, die Arthur aufgegeben, gewiß eine ſehr angenehme Gabe ſein würde. Als Mr. Hamilton ſich Alles hatte er⸗ zählen laſſen, war er in höherem Grade geſtört, als es Mr. Howard erwartet hatte. Es ſchien, als wenn Arthur alle Bande der Dankbarkeit vergeſſen hätte, die Mr. Hamil⸗ ton's Dienſte gegen ſeinen Vater, ſelbſt abgeſehen von denen, die er ihm geleiſtet, gefordert hätten. Sein beſtimmter Ent⸗ ſchluß, keinen anderen als den oben erwähnten Grund für ſein Verfahren anzugeben, ſprach gegen ihn, und Mr. Hamil⸗ ton, der die vielen üblen Gerüchte kannte, welche über den jungen Mann in Umlauf waren, dachte ſogleich, daß er der Vikarſtelle entſagt, aus Furcht vor Entdeckung von Ver⸗ gehungen, die ein noch ernſteres Ende nehmen könnten. Auch Herbert war tiefbetrübt, daß ſein Freund ihn eine ſo wichtige Kunde von den Lippen eines Anderen habe erfah⸗ ren laſſen, anſtatt ſie ihm ſelbſt mitzutheilen. Dies erklärte alle die anſcheinenden Widerſprüche in Arthur's Benehmen im Laufe des letzten Monats, aber dies überraſchte und be⸗ kümmerte ihn; das Geheimniß erfüllte ihn mit Sorge und Trauer, denn Myrvin war offenbar entſchloſſen, es in keiner Weiſe zu löſen. Daß er in ungewöhnlichem Grade unzu— frieden war, erkannte das Auge der Freundſchaft nicht nur an dem Unſteten ſeines Benehmens, ſondern auch gn der bleichen Wange und dem hohlen Auge, und da in einem ſo empfänglichen Gemüth die Theilnahme für die Leiden Anderer immer rege war, ſo erlitt Herbert Hamilton's In⸗ tereſſe und Achtung für ſeinen Freund keine Schmälerung. Perecy war gereizt und beleidigt, Myrvin hatte ihn getäuſcht, ſein Benehmen gegen Mr. Hamilton ſchien ihm eben ſo un⸗ dankbar als unerklärlich, und dies veranlaßte das feurige Temperament des jungen Erben von Oakwood in Gegen⸗ wart Arthur's aufzuſprudeln, deſſen Sanftmuth und ſtummes Dulden ihn indeß nach kurzer Zeit beſchwichtigte und ihn veranlaßte, ſich mit ſeinem gewöhnlichen Freimuth über ſeine Heftigkeit zu entſchuldigen. Er war gerührt von der Weiſe des jungen Mannes, aber ſie blieben nicht auf dem⸗ 59 ſelben Fuße frrundſchaftlicher Vertraulichtẽt wie früher.— Mrs. Hamilton ließ ſich in Folge ihrer liebevollen Natur, die in Herbert's unveränderlicher Achtung eine Stütze fand, nicht herbei, den Erzählungen Glauben zu ſchenken, die über ihn im Umlauf waren. Sie bedauerte ſeinen Entſchluß, denn es ſchien ihr, als wenn er damit eigenſinnig die Freund⸗ ſchaft und die Theilnahme Derjenigen zurückſtieße, die ihm einen Dienſt leiſten könnten. Sie hatte keine Ahnung von dem wirklichen Beweggrunde ſeines Entſchluſſes, ſonſt würde ſie ihn eben ſo verehrt haben, wie ſie ihn jetzt bemitleidete; ſn zum erſten Male ließ Mrs. Hamilton ihr Scharfblick in Stich. Emmeline verbarg mit Erfolg ihre Gefühle, wie es Arthur gethan hatte; von ihrem Bruder Herbert hatte ſie zuerſt Myrvin's Abſichten vernommen. Sie hörte ſchweigend zu, aber ihre Lippe bebte und ihre Wange erbleichte, und als ſie die Einſamkeit ihres Zimmers aufſuchte, ſchafften ihr Thränen Erleichterung und ſetzten ſie in den Stand, ihren Vorſatz auszuführen, koſte es was es wolle, in Gegen⸗ wart ihrer Eltern daſſelbe heitere frohe Mädchen zu ſein, wie ſonſt, nicht in der Abſicht, ſie zu hintergehen, doch hatte ſie eingeſehen, daß ſie Arthur Myrvin liebte, und ſie hatte auch begriffen, daß es bei der Lage, in der ſie ſich befanden, unmöglich ſei, ſeine Gattin zu werden. Wäre wirklich das romantiſche Mädchen 5 weſen, wofür ſie ſo allgemein gehalten wurde, ſo würde ſie nun alles Mögliche gethan haben, um die Schwierigkeiten zu überwinden, indem ſie die Armuth als das einzige Merkmal wahrer Liebe angeſehen hatte. Sie würde ihre Einbildungs⸗ kraft mit Traumbildern genährt haben, wo ſie und Arthur tapfer gegen das Unglück kämpften, wenn ſie es nur mit ein⸗ ander theilten; ſie würde die Armuth mit einem Heiligen⸗ ſcheine begleitet und ſie willkommen geheißen und ſich ge⸗ freut haben, ſeine Gattin zu heißen; aber ſo waren ihre Ge⸗ fühle nicht beſchaffen. Die ſorgliche Hand mütterlicher Liebe hatte ihre Aufgabe erfüllt, und wiewohl Schwärmerei und Romantik im Allgemeinen die ſichtbarſten Züge ihres Charakters waren, ſo hatte ſie doch zugleich einen Fonds 60 von geſundem Menſchenverſtande, den wenige vermuthet haben würden, und deſſen Umfang ſelbſt ihre Eltern nicht kannten, und dieſer einfache Menſchenverſtand ließ ſie nicht das Opfer ihrer Einbildung werden. Emmeline liebte Arthur Myrvin, liebte ihn mit einer Innerlichkeit, einer Gluth, welche blos Diejenigen begreifen können, die eine ähnliche ſchwärmeriſche Gemüthsart beſitzen. Sie fühlte ſich überzeugt, daß ſie ihm nicht gleichgültig war, aber ſo ſehr es ihr junges Herz ſchmerzte aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach für immer von ihm ſcheiden zu ſollen, ſo ehrte ſie doch ſeinen Entſchluß; ſie wußte, ſie fühlte die Ur⸗ ſache deſſelben, und ſie freute ſich, daß er freiwillig ging, ehe ihre geheimen Gefüble entdeckt wurden. Trotz aller ihrer Bemühungen wurde ſie niedergeſchla⸗ gen, und zum Schluß der Feſtlichkeiten von Oakwood ſah ſie ſo blaß und mager aus, daß Mrs. Hamilton Mr. Mait⸗ land zu Rathe zog. Emmeline hatte ſich, ſoweit ſie es ohne Ungehorſam thun konnte, geweigert, ärztliche Hülfe herbeizurufen, und zitternd erwartete ſie ſeine Anſicht; als er indeß dieſelbe abgab, freute ſie ſich, daß er zu Rathe gezogen worden war, denn hätten ihre Eltern irgend eine Vermuthung über die wahre Urſache gehabt, ſie würde völlig widerlegt worden ſein. Er ſagte, ſie leide blos an den Folgen zu großer Aufregung. Ruhe und regelmäßiges Leben würden aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach die Geſundheit wie die Heiterkeit wieder geben. Ein leiſes und ſcheinbar bedeutungsloſes Lächeln ſpielte um ihre Lippen, als ihre Mutter wiederholte, was er geſagt hatte, und ſcherzend erklärte ſie, ſie würde ſtreng ſeinen Rath befolgen. Arthur hatte es unterlaſſen, ſeinem Vater ſeine Abſich⸗ ten mitzutheilen, denn er wußte wohl, ſie würden ihm Schmerz bereiten und großen Kummer verurſachen, und er verſchob es, bis ſeine Pläne für die Zukunft feſtgeſtellt wären. Er hatte ſelbſt Ellen und Edward, die immer noch ſeine Freunde waren, gebeten, während ihres Aufenthaltes in Langwillan ſo wenig als möglich von ihm zu ſprechen; wenn ſie aber von ſeinen Abſichten ſprächen, möchten ſie ihren ganzen Ein⸗ fluß auf ſeinen Vater anwenden, um ihn mit dieſer bittern Täuſchung ſeiner liebſten Hoffnungen zu verſöhnen. Er hatte den Vorſatz gefaßt, nicht nach Langwillan zurückzu⸗ kehren; es war ihm unerträglich, ſeinen Vater mit dem Be⸗ wußtſein wieder zu ſehen, daß er ſeinen Wünſchen entgegen⸗ gehandelt habe; er wollte es daher nicht eher thun, als bis er die Stellung erlangt, nach der er ſich ſo ſehr ſehnte. Aber da die Zeit, wo er ſeiner Vikarſtelle entſagen ſollte, ſich nun raſch näherte, ſäumte er nicht länger an ſeinen Vater zu ſchrei⸗ ben, und Ellen zeigte, wie ſehr ſie Vater und Sohn achtete, indem ſie Mr. Myrvin über ſeine Täuſchung zu beruhigen ſuchte, die allerdings außerordentlich war, wie ſein Sohn erwartet hatte. Es gelang ihr endlich ihn zu überzeugen, daß Arthur, weun er dieſe ſehr gewünſchte Stellung erhalten ſollte, wahrſcheinlich weiter kommen würde, als wenn er ſeine gegenwärtige Beſchäftigung behielte. Die Zeit, wo Arthur abgehen wollte, fiel einige Tage vor Weihnachten. Er begab ſich zu Mr. Hamilton an demſelben Morgen, an dem dieſer nach Exeter hinüber reiten wollte, um Ellen und ihren Bruder bei ihrer Rückkunft von Langwillan zu begrüßen. Für Arthur war dieſe Zuſammenkunft in der That eine peinliche. Von dem Augenblick an, wo ſein Entſchluß feſt ſtand, ſeine Entlaſſung zu nehmen, war ihm plötzlich die ſeelige Wahrheit aufgegangen, daß er geliebt werde; ein neuer Geiſt war in ihm erwacht, und inmitten eines tiefen Schmerzes, den er empfand, für immer von einem Weſen ſcheiden zu müſſen, das er ſo innig liebte, ſagte ihm ſein Gewiſſen, daß er recht handle, und gab ihm die Kraft aus⸗ zuharren. Sie ſetzte ihn in den Stand, ſeine Gereiztheit über Percy's Ungeſtüm zu beſiegen und den Schmerz zu un⸗ terdrücken, daß auch Herbert an ihm zweifelte. Er achtete und liebte Mr. Hamilton, und es war ihm ſchwer, ſein offen⸗ bares Mißfallen zu ertragen; doch ſelbſt dies hatte er, gekräf⸗ tigt durch ſeine geheimen, doch ehrenhaften Beweggründe, zu ermöglichen gewußt. Doch an dieſem Morgen klopfte ſein . ——— 62 Herz ängſtlich, denn am folgenden Tage würde er meilenweit von Oakwood ſein, um Emmelinen nie, nie wieder zu ſehen; er fühlte ſich körperlich ſchwach in Folge des langen geiſti⸗ gen Kampfes, und die ſtrengen Worte Mr. Hamilton's ver⸗ letzten ihn bis ins Innerſte. Mr. Hamilton war keiner von denen, die ihre Gefühle verbergen konnten. Wenm er ſich überhaupt für das Geſchick eines Anderen intereſſirte, mußte er ſprechen, ſo bitter auch in manchen Fällen ſeine Worte ſcheinen mochten. Als Freund ſeines Sohnes, als Opfer einer Zeit der Unterdrückung und Zurückſetzung, hatte der junge Myrvin ſeine Theilnahme zn ſehr erregt, als daß er ihn ſelbſt jetzt ganz verlaſſen ſollte, und er ſprach daher offen mit ihm, wie er dachte. „Sie ſtoßen einen Freund von ſich,“ ſagte er,„der im Stande und Willens war, Sie zu unterſtützen, anſcheinend ohne das mindeſte Bedauern, mit der größten Gleichgültig⸗ keit. Als dem lieben Freunde meines geſchätzten Sohnes ge⸗ hörte Ihnen meine ganze Theilnahme, und gern würde ich Alles gethan haben, was in meinen Kräften ſtand, um Ihre Abſichten zu fördern, wäre Ihr Benehmen ſo geweſen, wie ich es erwartete und verlangte; aber das ſcheint durchaus nicht der Fall geweſen zu ſein. Ihre unerklärliche Verzicht⸗ leiſtung auf eine Stelle, die, wiewohl ſie keine großen Vor⸗ theile bot, doch immer zu ſchätzen war, beſtätigt unglücklicher Weiſe die üblen Gerüchte, die ich gehört habe. Derſelbe unſtäte und ſchwankende Geiſt, der Sie zu reiſen drängte, anſtatt Sie ruhig Ihre heiligen Pflichten erfüllen zu laſſen, wird Sie vielleicht noch zu größeren Verirrungen führen, und ich warne Sie als Freund, denſelben bei Zeiten zu un⸗ terdrücken. Sie mögen mich mit meinen Bemerkungen für aufdringlich halten, ich ſpreche nur zu Ihrem Beſten, junger Mann, und wiewohl Ihre Vernachläſſigung der heiligen Pflichten Ihres Amtes meine Achtung für Sie nicht er— höhen konnte, ſo möchte ich Sie doch um ihres Vaters willen bitten, ſich zu errinnern, daß Ihr Beruf Pflichten der heiligſten Art umfaßt und Sie vor Gott und den Menſchen doppelt verantwortlich macht.“ 63 Arthur antwortete nicht. Seine Wange glühte und ſein Herz klopfte, aber es war der Vater Emmelinens, der Wohl⸗ thäter ſeines Vaters, der ſprach, und er hätte noch weit ſtrenger ſprechen können, und er würde nicht geantwortet haben; ſelbſt zur Vertheidigung ſeiner Unſchuld und Recht⸗ ſchaffenheit hätte er nicht ſprechen können; die Gabe der Rede ſchien ihn völlig verlaſſen zu haben. Man hätte nicht von ihm ſagen können, daß er hoffte, aber die Worte, die er hörte, bewieſen ihm, daß er die Achtung Mr. Hamilton's verloren habe, und dies ſteigerte ſeine Verzweiflung. Er richtete ſeine großen dunkelgrauen Augen flehend auf Mr. Hamilton's Geſicht, ſodaß dieſer noch lange Zeit nachher ſich mit ſchmerzlichen Gefühlen dieſes flehenden Blicks errin⸗ nerte, dann verbeugte er ſich ſtumm, doch ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer, ohne ein einziges Wort geſprochen zu haben. Mrs. Hamilton, die von ſeinen hageren Zügen und dem ſchwermüthigen Tone ſeiner Stimme betroffen war, als er ihr Lebewohl ſagte und ihr für alle ihrer Güte dankte, hatte ſich nie herbeigelaſſen, das Vorurtheil ihres Gatten gegen ihn zu theilen, und ſie lud ihn ein, ſie nach Moorlands zu begleiten, wo ſie Lady Ellen und Lilla verſprochen hatte, während der Abweſenheit ihres Gatten den Tag zuzubrin⸗ gen. Es lag eine ſo außerordentliche Güte in ihrem Weſen, die ſich auch in ihren Worten zeigte, daß Arthur ſich beruhigt und getröſtet fühlte; doch wurde es ihm ſchwer, mit ihr über die verſchiedenen gleichgültigen Dingen zu ſprechen, die ſie auf das Tapet brachte, auch konnte er ihr in Betreff ſeiner Pläne nicht antworten, und mit glühender Wange und ſchwankender Stimme geſtand er, daß ſie noch nicht feſt⸗ ſtünden. Er blickte in ihre ausdrucksvollen Züge, die der Theilnahme, welche ſie äußerte, entſprachen, und er hätte ihr gern die ganze Wahrheit geſtanden und ſie um Mitleid und Verzeihung gebeten, daß er es gewagt habe, ihr Kind zu lieben, aber er hielt an ſich, und ſie ſchieden freundlich von einander. „Emmeline iſt nach der Schule gegangen,“ ſagte Mrs. * 64 Hamilton ungefragt, und verrieth ſo, wie völlig frei ſie von allem Verdacht war,„und ſie wird von dort aus eine arme Frau am Ende des Dorfes beſuchen. Sie dürfen uns nicht verlaſſen, ohne ihr Lebewohl zu ſagen, ſonſt wird ſie denken, daß Sie ihr die muthwilligen Scherze, die Sie Ihnen immer geſpielt hat, nicht vergeſſen können.“ Arthur fuhr zuſammen, als er ihr ins Geſicht ſah, wie⸗ derum ſtieg in ihm der Wunſch auf, ihr Alles zu ſagen, aber er unterdrückte denſelben augenblicklich, und indem er ſich mit der tiefſten Ehrfurcht verbeugte, als er die ihm darge⸗ botene Hand drückte, entfernte er ſich raſch. Sollte er wirklich Emmelinen und zwar allein ſehen? Die Stimme ihrer Mutter hatte ihm geheißen ſie aufzuſuchen, aber dieſelben Beweggründe, die ihn veranlaßten, ſeiner Vikarſtelle zu entſagen, weckten nun das Gefühl in ihm, daß er beſſer thun würde, den Zauber ihrer Gegenwart zu fliehen, damit er nicht in einem Augenblicke der Aufregung verſucht würde, das Geheimniß ſeiner Liebe zu verrathen; aber wäh⸗ rend die Leidenſchaft mit der Pflicht kämpfte, ſah ſein Auge das Flattern ihres Gewandes, als Emmeline plötzlich aus einem Gebüſch hervortrat und langſam und, wie er dachte, traurig weiter ging, und der Kampf war entſchieden. „Ich will mich hüten, nicht ein Wort von Liebe ſoll über meine Lippen kommen, ich will ihr nur in das ſüße Geſicht ſehen und noch einmal die freundlichen Töne ihrer lieblichen Stimme hören, ehe wir für immer ſcheiden,“ dachte er und eilte vorwärts, ſo daß er bald an ihrer Seite war. Er glaubte den feſten Vorſatz zu haben und in ſeinem Entſchluß nicht wanken zu wollen, aber ſein Herz war bis ins Innerſte zerriſſen, und in dieſem Augenblicke war die Berſuchung zu groß, er konnte nicht von ihr ſcheiden und ihr den Glauben laſſen, den die Andern hatten. Konnte er es ertragen, daß ſie, um deren Lächeln er Tag und Nacht gearbeitet haben würde, ſo unwürdig von ihm denken ſollte, wie er von An⸗ dern dargeſtellt wurde? Nein er konnte es nicht, und in einem Augenblicke leidenſchaftlichen Gefühls hatte er ſeine * 65 Liebe geſtanden, der geheime Schatz ſeines brechenden Her⸗ zens war offenbart. Emmeline hörte zu und alle Glieder ihres zarten Kör⸗ vers bebten faſt krampfhaft, indem ſie um Faſſung kämpfte, da ſie ihm noch die Wahrheit zu verbergen wünſchte, daß ſie ihn wie ihr Leben liebe; aber der Kampf war vergebens; der Kummer, den der Anblick ſeines tiefen Elends dem jun⸗ gen, ſanften Herzen verurſachte, das von Kindheit an immer für andere geblutet hatte, war zu groß, und von einem unwiderſtehlichen Drange getrieben, geſtand ſie, daß ſie ſeine Liehe erwidere; denn ſie fühlte, wenn ſie nicht ſpräche, würde die außerordentliche Aufregung, die ſie nicht verbergen konnte, die Wahrheit verrathen. Aber in demſelben Augen⸗ blicke, wo ſie ihre unglückſelige Liebe verrieth, ſagte ſie ihm, daß ſie für immer ſcheiden müßten. Sie beſchwor ihn, um ihretwillen bei ſeinem Vorſatze zu bleiben und die Gegend von Oakwood zu verlaſſen. Sie dankte ihm mit all der Schwärmerei ihres Weſens für die Rückſicht, die er auf ihren Frieden genommen, indem ſie von vornherein überzeugt ge⸗ weſen ſei, daß er lieber ſeiner Vikarſtelle entſagt und den grauſamen Vorurtheilen aller ſeiner Umgebungen, ja ſelbſt denen ihres Vaters getrotzt, anſtatt ſein und ihr Geheimniß zu verrathen, anſtatt bei ihr zu bleiben, mit ihren Gefühlen zu ſpielen und ſie bei der Wärme ihrer Liebe zu ihm den Ge⸗ horſam, die Dankbarkeit, die Liebe vergeſſen zu machen, die ſie ihren Eltern ſchulde. „Warum ſollte ich Ihnen verbergen, daß ich die Liebe, die Achtung, die Sie mir bekannt und bewieſen haben, mit gleicher Stärke erwidere?“ fuhr das edle Mädchen fort, als ſie ſich dem Hauſe der Mrs. Langford näherten, wo ſiefühlte, daß die Unterredung enden mußte,— ſie konnte es nicht länger aushalten.„Ich würde das edle Herz eines Mannes, deſſen Schutz ich mein irdiſches Glück anvertrauen könnte, nicht ſo verwunden können, aber in der Lage, in der wir uns Beide befinden, müſſen wir uns den Beſchlüſſen Deſſen unterwerfen, der in ſeiner unendlichen Weisheit und Güte durch dieſe bit⸗ tere Prüfung unſere Liebe zu ihm auf die Probe ſtellen und Der Lohn einer Mutter. II. 5* 66 uns in Kummer und Trübſal läutern will. Erallein kennt den Umfang der Liebe, die wir zu einander haben, und er allein kann uns, wenn wir ihn bitten, die nöthige Kraft ge⸗ ben, den Sieg über uns ſelbſt zu erlangen. Wir ſcheiden, Arthur, und wenn nicht für immer, doch wenigſtens für lange Jahre. Vergeſſen Sie mich, Arthur, Sie haben mir durch Ihr ehrenhaftes Benehmen ein Geheimniß abge⸗ rungen, das mit mir ſterben ſollte, denn ich kannte und fühlte ſeine gänzliche Hoffnungsloſigkeit, und das müſſen auch Sie thun.“ Ihre Stimme ſchwankte zum erſtenmale und mit großer Anſtrengung fuhr ſie fort:„Ich verlange von Ihnen keine Aufklärung über die Gerüchte, die zu Ihrem Nachtheil in der Gegend im Umlauf ſind, denn ich glaube nicht daran. Sie haben einen geheimen Feind, deſſen Ränke einſt an den Tag kommen werden; vielleicht waren Sie nachläſſig, ſorglos, und ich bin die Urſache geweſen. Aber, lieber Arthur, er⸗ ſparen Sie mir das quälende Gefühl, daß eine unglückliche Liebe für ein Mädchen, das von Ihnen getrennt bleiben muß, einen Charakter rückſichtslos gemacht habe, der von Natur ſo gut, ſo edel iſt. Um meinetwillen geben Sie ſich nicht der Verzweiflung hin, ſchütteln Sie dieſe Unbekümmertheit ab und beweiſen Sie der Welt, daß ſie Ihnen Unrecht gethan hat, daß der Ruf Arthur Myrvin's ebenſo makellos iſt als ſein Name.“ Arthur blickte ihr ins Geſicht, ſo lange ſie ſprach; jedes Wort, das ſie ſagte, ſteigerte die Verehrung, die er für ſie fühlte; aber da die Reinheit, der Adel ihres Charakters ihm klarer denn je zum Bewußtſein kam, ſo fühlte er ſich nicht würdig, ſie zu beſitzen, und doch erhob ihn das Bewußtſein, daß ein ſolches Weſen ihn liebte, ihm ihre Liebe geſtand und bekannte, daß ſie ihm ohne Beſorgniß ihr irdiſches Glück an⸗ vertrauen könne, beſchwichtigte die krankhafte Empfindlich⸗ keit, die ihn gedrückt hatte, und ehe ihre ſüße Stimme aufgehört, ihn zu bitten, keine Anſtrengung zu ſcheuen und Dem zu vertrauen, der ihre beiderſeitige Prüfung ange⸗ ordnet habe, hatte er innerlich den Entſchluß gefaßt, ſich der 1 — — S 67 Aufgabe mit ganzer Kraft zu unterziehen und zu beweiſen, daß ſie ſich in ihm nicht geirrt habe, daß er ihre gute Mei⸗ nung verdienen würde. Er ſah ſie an, als wenn er ſich dieſe ſchönen kindlichen Züge für immer ins Gedächtniß ein⸗ prägen wollte. „Ich werde Ihnen gehorchen,“ ſagte er endlich mit einer Stimme, in der ſich ſeine ſtreitenden Gefühle ausſprachen, „Wir ſcheiden, und wenn ich nach Jahren zurückkehre, ſo ſehe ich Sie vielleicht als die glückliche Gattin eines Man⸗ nes wieder, der Ihrer in allen Beziehungen würdiger iſt; aber auch dann, wiewohl Ihre Liebe zu mir überwunden iſt, erinnern Sie ſich, daß Sie es ſind, die mir den Weg gezeigt hat, den ich, der Himmel ſei mein Zeuge, betreten will. Hätten Sie mich nicht anhören wollen, hätten Sie meine Liebe verachtet, hätten Sie mich unwillig über meine An— maßung verlaſſen, v Emmeline, dann würde ich vielleicht ge⸗ worden ſein, wofür man mich hält; aber nun haben Sie mir einen neuen Geiſt eingegeben. Die Erinnerung, daß Sie mich nicht für ganz unwürdig gehalten, wird mich nie, nie ganz verlaſſen, und dieſer Gedanke wird mich alle Verſuchung überwinden laſſen. Das eitle Verlangen nach einem andern Berufe ſoll mich nicht mehr quälen, es iſt genug, daß Sie mich nicht verachtet haben, und ſo ſchwer mir meine künfti⸗ gen Pflichten fallen mögen, ſo werde ich ſie mit einer Treue und einem Eifer verrichten, die mir Achtung, wenn nicht mehr verſchaffen und mein Gewiſſen mit meinem beleidigten Schöpfer verſöhnen ſollen. Wenn Sie in künftigen Jahren den Namen Arthur Myrvin mit Achtung und Liebe ausſpre— chen hören, werden Sie Ihr Werk ſehen und, o Emmeline, möge dieſer Gedanke, dieſe gute That den Beweis geben, welchen Segen ich auf Ihr Haupt herabflehe.“ Er hielt, von ſeiner Bewegung überwältigt, inne, und Emmeline ſuchte vergebens nach einer Antwort; ſie hatten den Eingang zu Mrs. Langford kleinem Garten erreicht und die Stunde war gekommen, wo ſie ſcheiden mußten. „Leben Sie wohl, theuerſter Arthur, Gott ſegne Sie und gebe Ihnen Frieden. Verlaſſen Sie mich nun,“ fügte ſie 5* nach einem augenblicklichen Befinnen hinzu. Aber Arthur 7 konnte nur ſeine Augen traurig auf ihr Geſicht richten, als wenn ihr letzter Blick ihn nie verlaſſen ſollte; dann drückte er plötzlich ihre Hand an ſeine bebenden Lippen. Ei— nen Augenblick ſah er das geliebte Weſen durch Thränen an, im nächſten war er fort. Emmeline lehnte ſich an die kleine Thür, eine tödtliche Schwäche überfiel ſie für einen Augenblick und lähmte ihr alle Glieder; mit Gewalt raffte ſie ſich zuſammen, trat in die Hütte und fühlte ſich ſehr erleichtert, als ſie fand, daß Mrs. Langford abweſend war. Sie ſank auf einen niederen Seſſel, und indem ſie ihr Geſicht mit den Händen bedeckte, brach ſie zum erſtenmale in Thränen aus; doch ſie hatte ihr Pflicht gethan, ſie hatte recht gehandelt und dieſer Gedanke ſetzte ſie in den Stand, die natürliche Schwäche zu beſiegen, welche ſie in kurzer Zeit völlig übermannte, und als Mrs. Langford zurückkehrte, war kein Zeichen von Aufregung mehr ſichtbar, ausgenommen eine größere Bläſſe als gewöhnlich, die ſich bei ihrem gegen⸗ wärtigen Krankheitszuſtande leicht der Ermüdung zuſchrei⸗ ben ließ. 8 Die Wittwe Langford beſaß eine Klugheit und einen Scharfblick, die wir bisweilen bei Perſonen ihres Standes finden, die aber in ihrem Falle durch langen Dienſt in Mr. Hamilton's Familie mit ſo viel Zartgefühl verbunden waren, daß ſie ihre Bemerkungen gewöhnlich viel geheimer hielt, als es Leute ihres Wirkungskreiſes zu thun pflegen. Es war ein Glück für unſere arme Emmeline, daß es ſo war, denn die Wittwe war zufällig Zeugin von Arthur's lei⸗ denſchaftlichem Abſchiede geweſen. Sie hörte die letzten Worte Beider, ſah den verzweifelnden Blick Arthur's, die Todtenbläſſe ihrer lieben Emmeline, und indem ſie dieſe Um— ſtände mit früheren Beobachtungen verknüpfte, kam ſie ſo— gleich hinter die Wahrheit, und mit jener Herzensgüte, auf die wir hingewieſen haben, entfernte ſie ſich und blieb ſo lange bei einer Nachbarin, bis ſie dachte, daß ihr junges 4 Fräulein Zeit genug gehabt habe, ſich zu ſammeln, anſtatt“ 2 1 69 daß ſie, wie die Meiſten gethan haben würden, in der Meinung, daß ſie ohnmächtig werden könne, auf ſie zugeeilt wäre und durch zudringliche Fragen und noch zudringlichere Theilnahme verrathen hätte, daß ihr Geheimniß entdeckt ſei. Mrs. Langford hütete ſich ſo zu handeln, wiewohl die⸗ ſes nicht das erſte Mal war, daß ſie die Wahrheit ahnte. Sie kannte Emmelinens Charakter zu gut und hing mit der wärm⸗ ſten Liebe an ihr. Da ſie in der Familie Mrs. Hamilton's ſeit Herbert's Geburt Kindermuhme geweſen, liebte ſie alle ihre Pfleglinge, aber Emmeline ſchien in Folge ihrer zarten Geſundheit, als ſie noch ein kleines Kind war, der beſondere Liebling der guten Frau geworden zu ſein. Zu der Zeit, als Karoline heirathete, war Miß Emme⸗ linens Zukunft natürlich der Gegenſtand der Geſpräche der Dienerſchaft geweſen, und einige hielten es nicht für ganz unwahrſcheinlich, daß, da Miß Hamilton eine Gräfin gewor⸗ den, Miß Emmeline eines Tages vielleicht eine Marquiſe, ja ſelbſt eine Herzogin werden würde. Wittwe Langford dachte anders, wiewohl ſie ihre Anſicht für ſich behielt und ſtumm blieb. Miß Emmeline, dachte ſie, würde viel glücklicher ſein in einem beſcheideneren Kreiſe und wenn ſie in der Nähe von Oakwood bliebe, als wenn ſie einen großen Lord heirathete, der ſie nöthigen würde, in Saus und Braus in der vornehmen Welt zu leben. Arthur Myrvin war zufällig ein großer Günſtling der Wittwe, und wenn er nur eine beſſere Pfründe erhielte und ſein Charakter feſter würde, und wenn Miß Emmeline ihn wirklich liebte, wie ſie dachte, ſo war ſie überzeugt, daß es nicht nur eine ſehr hübſche, ſondern auch eine ſehr glückliche Ehe geben würde. Die gute Wittwe war indeß ſehr beſorgt, ihrem jungen Fräulein nicht zu verrathen, daß ſie Zeuge ihres Abſchiedes geweſen ſei, denn, nachdem ſie ihr Vergnügen ausgeſprochen, ſie bei ſich zu ſehen, und ihrem Bedauern über ihre blaſſen Wangen Luft gemacht, brachte ſie verſchiedene gleichgültige Gegenſtände in Betreff des Dorfes aufs Tapet, da ſie wußte, daß Emmelineſich dafür intereſſirte, und ſchloß mit den Worten: 70 „Unſer junger Vikar reiſt alſo wirklich heute Abend mit der Poſtkutſche nach Exeter ab. Es thut mir ſehr leid, wie⸗ wohl ich es meinen unchriſtlichen Nachbarn nicht ſagen darf. Ich hätte nicht gedacht, daß der arme liebe Mr. Myrvin ſo bald abgehen würde.“ „Es geſchieht nicht zu bald, wenn alle Zungen gegen 3 ihn ſprechen gelernt haben,“ erwiderte Emmeline ruhig, 1 wiewohl eine plötzliche Röthe ihre Wangen bedeckte;„er mußte froh ſein, daß Mr. Howard ſeine Dienſte nicht län⸗ 6 ger bedurfte.“ „Aber, liebe Miß Emmeline, Sie glauben doch ſicher nicht ein Wort von allen den ärgerlichen Gerüchten über ihn?“ ſagte die Wittwe eifrig. „Ich will und werde nicht ohne überzeugendere Beweiſe daran glauben,“ erwiderte Emmeline feſt.„Mein Vater, fürchte ich, iſt ſehr gegen ihn eingenommen, und das ſcheint von einem Manne von ſeinen chriſtlichen Geſinnungen gegen ihn zu ſprechen.“ „Der gnädige Herr iſt durch falſche Gerüchte getäuſcht worden, mein liebes Fräulein, laſſen Sie ſich nicht dadurch täuſchen,“ ſagte die gute Frau mit einem Eifer, der ihre junge Freundin faſt in Erſtaunen ſetzte.„Ich bin feſt über⸗ * zeugt, er hat einen geheimen Feind in der Gemeinde, ich 6 weiß auch ziemlich genau, wer es iſt, und ich zweifle nicht, daß eines Tages alle ſeine Ränke an den Tag kommen und beweiſen werden, daß Mr. Myrvin ein ſo guter und vortreff⸗ licher junger Mann wie einer im Dorfe iſt. Ich weiß, wer der Schelm iſt, und unſer gnädiger Herr ſoll es eines Tages auch erfahren.“ Emmeline kämpfte, die Bitte zu unter⸗ drücken, die ſich auf ihre Lippen drängte, aber ſie konnte es nicht, und indem ſie die Hände der Wittwe ergriff, rief ſie mit aufgeregter Stimme aus:„O thun Sie das, decken Sie die Falſchheit, die Grauſamkeit dieſer Gerüchte auf, und ich, — oder vielmehr Arthur— Mr. Myrvin wird es Ihnen danken. Es iſt ſo grauſam, wenn der Charakter eines Man⸗ nes in ſo jungen Jahren verdächtigt wird, und er allein iſt 5 71 — es, worauf er ſeine Zukunft gründen kann; verſprechen Sie mir, daß Sie dieſen Vorſatz nicht vergeſſen wollen.“ „Ich verſpreche es Ihnen nach beſten Kräften, Miß Em⸗ meline,“ erwiderte Mrs. Langford, die ihren Verdacht im⸗ mer mehr beſtätigt fand.„Aber regen Sie ſich nicht ſo ſehr auf, liebes Herz. Mr. Maitland ſagte, daß Sie ſich ganz ruhig verhalten ſollten, und Sie haben ſich ſo ſehr ange⸗ ſtrengt, daß Sie zittern wie Espenlaub.“ „Meine Schwäche muß meine Thorheit entſchuldigen,“ erwiderte Emmeline, indem ſie durch ein Lächeln zwei oder drei Thränen zu unterdrücken ſuchte, die trotz ihres Wider⸗ ſtrebens über ihre bleichen Wangen niederfloſſen.„Be⸗ unruhigen Sie ſich nicht über mich, ich werde mich ſehr bald wieder erholen. Und wann glauben Sie Ihren Wunſch in Ausführung bringen zu können?“ „So bald noch nicht, mein junges Fräulein; ich habe bloß meine Verdachtsgründe, ich muß mich vorſehen, bis ich Beſtätigung finde. Ich verſichere Sie, daß es mir ſo ſehr am Herzen liegt, den Charakter des armen jungen Mannes ins rechte Licht zu ſtellen, wie Ihnen.“ Ein ſchwaches Lächeln ſpielte einen Augenblick um Em⸗ melinens Lippen, als ſie der guten Frau die Hand drückte und zu ihr ſagte, daß ſie zufrieden ſei. Sie blieb noch eine Zeitlang, dann raffte ſie ſich mit einiger Anſtrengung auf, beſuchte, wie ſie beabſichtigt hatte, zwei oder drei Hütten von armen Leuten und zwang ſich mit ſcheinbarer Theilnahme auf die Gegenſtände einzugehen, welche den Bewohnern derſelben am nächſten lagen. Auf ihrem einſamen Gange von dort nach Moorlands kämpfte ſie mit ſich ſelbſt, um ihre Gedanken nicht zu dem Gegenſtand ihrer Liebe zurückkehren zu laſſen, und indem ſie ihre junge ſchwärmeriſche Seele in inbrünſti⸗ gen Gebeten zu ihrem Schöpfer erhob, gelang es ihr endlich, die gewünſchte Faſſung zu erringen und in Moorlands ihre Mutter mit einem Lächeln und in ſcheinbar guter Laune zu begrüßen, die ſie auch nicht verließ, als Mrs. Hamilton ihr ſanfte Vorwürfe über ihre lange Abweſenheit und ihre Ueber⸗ mudung machte, der ſie die Bläſſe ihrer Wangen zuſchrieb, und die ſelbſt die Rückkehr Edward's und Ellens nach Oak⸗ wood und die vielen kleinen Vergnügungen, welche ihrer Wiedervereinigung folgten, nicht verſcheuchen konnten. Drei Wochen verfloſſen in aller Ruhe, Oakwood ward wieder der Sitz häuslicher Freuden. Der Graf und die Gräfin St. Eval brachten die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zu, was die allgemeine Freude in hohem Grade ſteigerte, und anſtatt vergebens nach einem lieben Geſicht in dem glück⸗ lichen Kreiſe zu ſuchen, der ſie am Weihnachtsabende und am Neujahrstage umgab, ſahen Mr. und Mrs. Hamilton an ihrem friedlichen Heerde noch einen Sohn, unter deſſen zärt⸗ lichem Einfluß der Charakter Karolinens zur ſchönſten Reife gedieh, und oft, wenn Mrs. Hamilton das Kind ihrer Sorge und dennoch ihrer innigſten Liebe anſah, empfand ſie, daß ſie in ihr bereits den Lohn einer Mutter empfangen habe. Edward's Urlaub dehnte ſich länger als gewöhnlich aus, ſein Schiff war abgetakelt und lag nun unbemannt bei den andern ſchwimmenden Burgen des Meeres. Seine Offiziere und Mannſchaften hatten ſich zerſtreut und es war ihnen noch keine andere Station angewieſen worden. Auch dachte der junge Fortesecue nicht wieder als Midſhipman das Schiff zu betreten; ſeine glühenden Hoffnungen, die Erwartungen einer geſchäftigen Phantaſie ſagten ihm, daß vielleicht ein Lieutenantsepaulet ſeine Schulter ſchmücken würde. Bei ſeiner erſten Heimkehr hatte er beſtändig von ſeiner Prüfung, von ſeiner Beförderung geſprochen, als aber die Zeit heran⸗ kam, wo er ſeinen Onkel zu dem Zwecke nach London be⸗ gleiten ſollte, war ſeine Beredſamkeit zu Ende. Karoline und ihr Gatte kehrten nach Schloß Terryn zurück, und kaum vier Wochen nach Myrvin's Abreiſe erhielt Emmeline aus Mrs. Langford's Händen einen höchſt beun⸗ ruhigenden Brief. Er war von Arthur, die tiefſte Seelenqual ſprach ſich in den Augen der Empfängerin in jeder Zeile aus, aber jener Gegenſtand, jener theuere und dennoch verbotene Ge⸗ genſtand ihrer gegenſeitigen Liebe war ſorgfältig vermieden; es hatte ihm offenbar einen Kampf gekoſtet, ſo ruhig und —„— W — W 73 leidenſchaftslos zu ſchreiben, und Emmeline dankte ihm für ſeine Vorſicht; er bat ſie blos, ihren Einfluß bei St. Eval zu benutzen, um ſeine Vermittelung bei ihrem Vater zu er⸗ bitten. Er hatte gehört, daß Lord Malvern einen Herrn ſuchte, der ſeinen Sohn Louis nach Deutſchland begleiten ſollte; er ſollte dort in den folgenden zwei Jahren ſeine Er⸗ ziehung beenden und ſich eine gründliche Kenntniß der Lite⸗ ratur und der Sprache des Landes zu erwerben ſuchen. Arthur hatte ſich zu der Stelle gemeldet, und da der Mar⸗ quis in ihm den jungen Geiſtlichen erkannte, den er oft in Dakwood geſehen hatte, empfing er ihn mit der größten Herzlichkeit und Güte. Als er gefragt wurde, aus welchen Gründen er auf ſeine Vikarſtelle verzichte, geſtand er offen, daß ein ſo ruhiges Leben ihm langweilig geweſen ſei, und daß das Verlangen zu reiſen in ihm den Wunſch geweckt habe, Hofmeiſter eines Jünglings zu werden, der im Begriff ſtehe, eine Reiſe zu machen. Er ſpielte ſelbſt auf die nach— theiligen Gerüchte über ſeine Perſon an, und geſtand mit Betrübniß, daß Vernachläſſigung ſeiner geiſtlichen Pflichten allerdings ein begründeter Vorwurf ſei, verſicherte aber den Marquis, daß ſich ſein Gewiſſen von jedem andern Vor⸗ wurfe frei fühle. Nicht ein einziges Vergehen könne gegen ihn vorgebracht werden. Er theilte ferner Emmelinen mit, daß nicht nur der Marquis, ſondern auch die Marquiſe und die ganze Familie ſehr zu ſeinen Gunſten geſtimmt wäre, namentlich Lord Louis, der erklärt habe, daß, wenn er nicht ihn zum Hofmeiſter haben ſolle, er gar keinen haben und auch nicht nach Deutſchland, oder überhaupt auf eine Schule gehen wolle. Der Marquis hatte verſprochen, ihm eine be⸗ ſtimmte Antwort zu geben, ſobald er Lord St. Eval zu Rathe gezogen. Er wiſſe, ſchloß Myrvin, daß ſie einen großen Einfluß auf den Grafen habe, und nur aus dieſem Grunde habe er es gewagt, an ſie zu ſchreiben. Emmeline dachte lange über den Brief nach. Hätte ſie den Eingebun⸗ gen ihrer Liebe gehorcht, dann würde ſie ſich gehütet haben, ihren Einfluß, ſei er auch noch ſo gering, anzuwenden, um ihn aus England zu entfernen— doch konnte ſie zaudern? — 74 Hatte ſie wirklich vergeſſen, ſelbſt dem Pfade der Pflicht zu folgen, auf den ſie ihn hingewieſen hatte? Die Augenblicke ihrer Unentſchloſſenheit waren kurz; ſie ſchrieb ſogleich an St. Eval zu Arthur's Gunſten, aber ſie faßte ihren Brief ſo vorſichtig und ruhig ab, daß kein Verdacht an ein wärmeres oder theilnehmenderes Gefühl entſtehen konnte. Sie ent— ſchuldigte ihre Kühnheit, daß ſie ſo im Geheimen an ihn ſchreibe, und fügte hinzu, ſie könne es nicht ertragen, daß ein ungerechtes und unbegründetes Vorurtheil die Ausſichten des ſo arg verleumdeten Mannes ſo grauſam zerſtören ſollte. Sie wußte wohl, daß ihr Vater dies Vorurtheil theilte, und bat deshalb St. Eval, ihren Antheil an der Unterhandlung nicht zu erwähnen. Lord St. Eval erfüllte gern ihre Wünſche. Sie war, wie wir wiſſen, immer ſein Liebling geweſen, er liebte ihre Harmloſigkeit und Heiterkeit, ja ſelbſt ihr ſchwärmeriſches Weſen; außerdem traf in dieſem Punkte ſeine Anſicht mit der ihrigen zuſammen. Er war überzengt, daß der junge Myrvin, er wußte nicht aus welchem Grunde, unzufrieden ſei, daß er aber die Verleumdungen, die ſich gegen ihn ver⸗ breitet hatten, nicht verdiente, und ſogleich nach Empfang von Emmelinens Briefe kam er unerwartet nach Langwillan, ſtellte mit Hülfe der Mrs. Langford Nachforſchungen an, und kehrte in der vollen Ueberzeugung, daß es ſicher für ſei⸗ nen Bruder nicht unvortheilhaft ſein würde, der Obhut und der Geſellſchaft Arthur Myrvin's übergeben zu werden, nach Schloß Terryn zurück. Er verlor keine Zeit, dieſe Anſicht ſeinem Vater mitzutheilen, und Emmeline erfuhr ſehr bald, daß die ganze Sache geordnet ſei. Lord Louis war außer ſich vor Freude, daß Arthur Myrvin, den er in Hakwood gern gehabt hatte, ſein Hofmeiſter ſein ſollte, und zu dieſer Nachricht kam bald die zweite, daß Arthur Myrvin und ſein Zögling in der zweiten Woche des Februars England ver⸗ laſſen hätten, um nach Hannover zu gehen, wo ſie ſich eine Zeitlang aufzuhalten beabſichtigten. Als Emmeline dies hörte, flüſterte ſie leiſe die Worte bei ſich:„Wird er mir nicht eine Zeile zum Abſchied ſchreiben, N — ehe er England verläßt?“ Aber ſie unterdrückte ſogleich den Gedanken, denn ſie fühlte, daß ſchon der bloße Wunſch eine Abweichung von der Regel der Selbſtbeherrſchung ſei, die ſie ſich und ihm auferlegt hatte; und ſollte ſie nicht den Brief, den lieben, theuren Brief, der ihr ſo theuer war, weil er von ihm kam, wiewohl er nicht ein Wort von Liebe ent⸗ hielt— ſollte ſie denſelben nicht verbrennen? Hatte ſie ein Recht, denſelben aufzubewahren, nachdem ſein Zweck er⸗ reicht war? Wußten ihre Eltern, daß ſie dieſen Brief be⸗ ſaß, daß er ihr ſo theuer ſei? Was würden ſie ſagen? Und täuſchte ſie dieſelben nicht, indem ſie eine Erinnerung an den Mann, den ſie zu vergeſſen beſchloſſen hatte, hegte und pflegte? Emmeline zog den koſtbaren Brief heraus und ſah ihn lange ſinnend an, als wenn der Schmerz der Tren⸗ nung von dem geliebten Schreiber zurückgerufen würde, wenn ſie den Brief vernichtete. Sie küßte denſelben und warf ihn dann nmit raſchem Entſchluß ins Feuer, das in dem Kamin brannte, und mit bleicher Wange und angehaltenem Athem betrachtete ſie die Vernichtung des erſten und letzten Zeichens, das ſie von dem Geliebten beſaß. Mrs. Hamilton's Sorge um Emmelinen minderte ſich nicht; ſie blieb noch immer blaß und mager, ihre Stimmung war ſehr ungleich, und die Energie, die ſonſt ein ſo hervor⸗ ragender Zug in ihrem Charakter geweſen war, ſchien ſie bisweilen ganz zu verlaſſen; und Mr. Maitland, welcher bemerkte, daß die außerodentliche Ruhe und Regelmäßigkeit des Lebens, die er früher empfohlen hatte, nicht ſo vortheil⸗ haft wirkte, als er gehofft, änderte ſeine Behandlungsweiſe und rieth zur Zerſtreuung und zu Vergnügungen, die mehr Kraftaufwand erforderten, als er zuerſt geſtattet hatte. Die arme Emmeline gab ſich alle mögliche Mühe, ihre Ge⸗ danken zu verbannen, um die Zärtlichkeit ihrer Eltern und Verwandten durch ein heiteres Weſen zu vergelten, aber der Schmerz war ihr noch etwas Neues; ihre erſte Prüfung war eine bittere, und zwar um ſo mehr, als ſie dieſelbe vor ihrer Mutter noch verheimlichte. Nach einiger Zeit gewann ſie es über ſich, ihren Wünſchen zu entſprechen, und es machte 76 ihrer Mutter Vergnügen, daß ſie ſich mit ihrer gewöhnlichen enthuſiaſtiſchen Freude über einen großen Ball zu freuen ſchien, den Admiral Lord N. zu Plymouth gab, und den, wie erwartet wurde, der Herzog und die Herzogin von Cla⸗ rence mit ihrer Gegenwart beehren ſollten. Ellen hoffte ängſtlich, daß ihr Bruder zur rechten Zeit nach Oakwood zurückkehren würde, um ſie begleiten zu können. Er hatte ſeine Prüfung mit dem beſten Erfolge beſtanden, doch auf Sir Edward Manly's Anrathen blieben ſie Beide in der Stadt, in der Hoffnung, daß, wenn ſie an Ort und Stelle 3 wären, der junge Ofſizier auf der Beförderungsliſte nicht vergeſſen werden würde. Er hoffe, ſchrieb Edward heiter, einen Grad höher nach Oakwood zurückzukehren, als er es verlaſſen habe. Viertes Kapitel. „Ellen, freue Dich,“ rief Emmeline aus, indem ſie in das Zimmer trat, wo ihre Mutter und ihre Couſine eines Nachmittags ſaßen.„Es kommt ein Wagen die Allee herab, und wiewohl ich ihn noch nicht unterſcheiden kann, ſo habe ich doch ſo viel vom zweiten Geſicht, daß es mir Papas Wagen zu ſein ſcheint. Edward ſchrieb, daß er iit uns nicht wiſſen laſſen wollte, wann er nach Hauſe käme, und deshalb liegt nichts Unwahrſcheinliches in dem Gedan⸗ 3 ken, daß er uns unerwartet eine Breitſeite geben will, wie 33 er es nennt. „Ich würde mich gern dem Feuer ausſetzen, wenn ich ihn ſicher hier vor Anker gehen ſehe,“ erwiderte Ellen lächelnd,„Lord N.s Ball würde ſeinen halben Reiz verlieren, 3 wenn er nicht da wäre.“ „Wie, trotz aller Deiner enthufiaſtiſchen Bewunderung — 3 3 —— W* 7 e — für Ihre königliche Hoheiten, die Du zu ſehen die Ehre haben wirſt? Pfui, ſchäme Dich, Ellen.“ „Trotz meiner enthufiaſtiſchen Bewunderung; ſage viel⸗ mehr der Deinen, liebe Emmeline, die meine iſt ſo ruhig, daß ſie nicht den Namen Enthuſiasmus verdient,“ erwiderte Ellen lachend,„auch hätte ich nicht gedacht, daß Du mir eine ſolche Ehre anthun und mir eine Eigenſchaft beilegen würdeſt, die in Deinen Augen ſo hohen Werth beſitzt.“ „Ich werde alt und lerne Weisheit,“ antwortete Em⸗ meline, indem ſie in ihrer ſcherzhaften Weiſe fortzufahren ſuchte,„und deshalb bewundere ich die Seelenruhe mehr als ſonſt.“ „Und deshalb biſt Du bisweilen ſo ſtumm und ſchwer⸗ müthig, um die Vergangenheit wieder gut zu machen, meine liebe Emmeline?“ bemerkte die Mutter etwas bekümmert. „Schwermüthig? Nein, liebſte Mutter, thue mir nicht unrecht, ich kann nicht ſchwermüthig ſein, wenn ſo viele Segnungen mich umgeben,“ erwiderte das liebevolle Mäd⸗ chen;„ſtumm mag ich bisweilen ſein, aber daß geſchiebt nur, weil ich mich vielleicht nicht ganz ſo kräftig fühle wie ſonſt, und weil es mir eine Anſtrengung koſten würde, über Kleinigkeiten ſo viel zu ſchwatzen, wie ich es früher zu thun pflegte.“ „Ich werde mich dann nicht eher beruhigen, meine liebe Emmeline, als bis Deine Kraft zurückkehrt und ich Dich wieder mit Vergnügen über Kleinigkeiten ſchwatzen höre.“ „Und dennoch lachteſt Du oft über mein romantiſches Weſen und ſagteſt mir, ich ſollte mich ſelbſt beherrſchen ler⸗ nen, liebſte Mutter, darf ich mir erlauben, Dich veränder⸗ lich zu nennen?“ erwiderte Emmeline lächelnd, indem ſie ihrer Mutter ins Geſicht ſah. Mrs. Hamilton ſah ſich verhindert zu antworten, indem ſie Ellen voll Freude ausrufen hörte, daß es Onkels Wa⸗ gen ſei und Edward ſein weißes Taſchentuch ſchwenke, als wenn er ungeduldig ſei, zu ihnen zu kommen, eine Unge⸗ duld, die raſch befriedigt wurde, indem er in das Zimmer ſprang; plötzlich aber blieb er an der Thür ſtehen, um * 78 ſeinen Onkel und einen andern Herrn eintreten zu laſſen, vor welch Letzterm er ehrfurchtsvoll ſalutirte, dann aber be— eilte er ſich, die ausgeſtreckte Hand ſeiner Schweſter und ſeiner Couſine zu ergreiſen. „Erlauben Sie mir, Madame,“ ſagte Sir Edward Manly, nachdem er die höfliche Begrüßung der Mrs. Ha⸗ milton mit großer Artigkeit erwidert hatte,„Ihnen zur Beförderung eines der tapferſten Offiziere und der edelſten Jünglinge der britiſchen Flotte Glück zu wünſchen und allen Anweſenden Lieutenant Fortescue von Sr. Majeſtät Fregatte Neptun vorzuſtellen, deren unbeſiegte und aner⸗ kannte Herrſchaft auf dem Meere er ohne Zweifel zu er⸗ halten wiſſen wird.“. „Auch ich zweifle nicht daran, Sir Edward,“ entgeg⸗ nete Mrs. Hamilton lächelnd, indem ſie die geröthete Wange ihres Neffen erblickte, und fügte hinzu, indem ſie ihm die Hand entgegenhielt:„Gott ſegne Dich, mein lieber Sohn, ich freue mich aufrichtig Deiner Beförderung, denn ich glaube, Du haſt ſie verdient.“ „Sie haben Recht, Madame, er hat ſie reichlich ver⸗ dient,“ erwiderte Sir Edward, indem er die letzten Worte ſo betonte, daß die Aufmerkſamkeit Aller erregt wurde. „Hamilton, ich habe gegen Sie über die Sache geſchwiegen, weil ich erſt in Gegenwart aller Derjenigen darüber ſpre— chen wollte, die einen ſo innigen Antheil an dem Schickſale des jungen Mannes nehmen. Der Jüngling,“ fügte er hinzu, indem er ſeine Hand auf Edward's Schulter legte, „der Jüngling, deſſen Gewiſſen ſich empörte, öffentliche Zeugniſſe ſeiner Verdienſte als Seemann anzunehmen, ſo lange ſein perſönlicher Charakter befleckt war, ſo lange dar⸗ auf ein Makel ruhte, der, wenn er bekannt würde, ſeine Be⸗ förderung verhindert hätte, wie er glaubte; der auf die Gefahr hin, ſeine liebſten Wünſche getäuſcht zu ſehen, Muth genug beſaß, ſeinem Capitain zu bekennen, daß ſein Logbuch in den erſten Jahren ſeines Seemannslebens nicht die Wahr⸗ heit ſage— der Jüngling,“ ſage ich,„der ſich in ſo edler Weiſe ſelbſt zu beherrſchen weiß, verdient es wohl, Andern N 2 N NMM— 7 W 79 zu befehlen. Wer die unheilvollen Folgen des Ungehor⸗ ſams ſo wohl kennt, wird feſt in der Zucht ſeiner Leute ſein, und wer ſo ſtreng gegen ſeine eigenen Fehler iſt, der wird mit denen Anderer Nachſicht haben. Das Schwert, das ihm für die Rettung der Mannſchaft der Syrene zu Theil geworden iſt, wird keine unehrenhafte Handlung beflecken, ſo lange er es vor ſich ſieht und ſich der Vergangenheit er— innert; und ich werde mich freuen, nach beſten Kräften das Glück Edward Fortescue's zu fördern, als wäre er mein eigner Sohn.“ Die Rückkehr Edward's, die Ehre, die ihm zu Theil ge⸗ worden, die Glückſeligkeit, die auf ſeinem Geſicht ſtrahlte, dies Alles ließ Ellen mit größerem Vergnügen dem Balle entgegenſehen, als ſie jemals an einer Feſtlichkeit dieſer Art empfunden batte, und Mrs. Hamilton ſagte bisweilen ſcherzbhaft, daß ſie und Emmeline die Rollen vertauſcht hätten, wiewohl Edward's ſtete Luſtigkeit, ſeine ſchnurrigen Erzählungen und ſein heiteres Lachen die gewöhnliche Stimmung der Letzteren einigermaßen zu heben und die Sorge ihrer Mutter theilweiſe zu zerſtreuen ſchienen. Der Feſtabend kam, und die Erwartung wurde nicht getäuſcht durch das Vergnügen, welches er bot. Der ganze Adel der Gegend meilenweit in der Runde hatte ſich in Rückſicht auf die königlichen Gäſte verſammelt, welche den Admiral mit ihrer erhabenen Gegenwart beehrt hatten, und Mrs. Hamilton's natürlicher Stolz fühlte ſich an dieſem Abend wirklich geſchmeichelt, als ſie ihre Karoline ſah, die nun zum erſtenmale ſeit ihrer Verheirathung öffentlich erſchien. Einfach und elegant, doch ſo reich ge⸗ kleidet, wie es ihrem Stande gebührte, zog ſie durch die anmuthige Würde ihrer großen und gebietenden Geſtalt, durch die Ruhe und Freiheit, welche alle ihre Bewegungen charakteriſirte, die Augen Aller, ſelbſt die ihrer königlichen Hoheiten, auf ſich. Wenn Lord St. Eval auf ſeine junge Frau ſtolz war, ſo werden ihm dies Wenige zum Vorwurf gemacht haben. Auch Lady Florence Lyle begleitete ihren Bruder und gab ſich mit ungeheucheltem Vergnügen ebenſo „— —— 80 wie Ellen und allem Anſcheine nach Emmeline, dem Genuſſe des Abends hin. Die glänzenden Uniformen der Armee und die ſchönen, aber weniger auffallenden der Flottenoffiziere, gaben den Sälen einen erhöhten Glanz und bildeten maleriſche Gruppen, die mit den eleganten Kleidern des ſchönen Geſchlechts einen eigenthümlichen Gegenſatz boten. Aber wir wollen bei dem zauberiſchen Schauſpiel nicht weilen, und wollen es nicht verſuchen, das Glück, welches die Feſtlichkeit der ganzen Geſellſchaft bereitete, oder das Entzücken zu ſchildern, wel⸗ ches Lieutenant Forteseue empfand, als Sir Edward Manly um die Ehre bat, ſeinen jungen Freund Sr. königlichen Hoheit, dem Herzog von Clarence, vorſtellen zu dür— fen. Bei einem Ereigniß nur müſſen wir uns ein wenig aufhalten, da es unſerer Freundin Ellen ein großes und unerwartetes Vergnügen machte. Edward und Ellen be— merkten eine Zeitlang gar nicht, daß eine Dame auf den Arm eines jungen hübſchen Mannes in Uniform gelehnt, in ihrer Nähe ſtand und ſie zum Gegenſtande ihrer for— ſchenden Blicke gemacht hatte. „Sie müſſen es ſein; dieſe Aehnlichkeit kann kein Frem— der haben,“ ſagte der junge Offizier in eindringlichem über— zeugendem Tone zu der Dame, die ſeine Mutter ſein konnte, und dieſe Worte zogen zuerſt die Aufmerkſamkeit der kleinen Gruppe auf ſich, wiewohl der Sprecher gar nicht zu ahnen ſchien, daß er belauſcht wurde.„Ich will ihn anreden und wenigſtens fragen.“ „Nein, nein Walter,“ erwiderte die Dame leiſe,„unſere Verhältniſſe haben ſich ſo geändert, daß ich nicht wünſchen kann, ſelbſt wenn ſie es wären, mich ihrem Gedächtniß auf⸗ zudrängen.“ Ein Ausruf unterdrückten Unmuths entſchlüpfte den Lippen des jungen Mannes, aber er unterdrückte denſelben augenblicklich und ſagte ehrfurchtsvoll und zärtlich:„Liebſte Mutter, ſprich nicht ſo, wenn(der Name war nicht zu hören) ſo geworden iſt, was ſie als Kind verſprach, ſo wird ſie 81 ſich freuen, die Freundin ihres Vaters, den Geſpielen ihrer Kindheit zu begrüßen.“ „Aber es iſt nicht möglich, Walter, dies ſchöne Mädchen gleicht nicht meinem armen Kinde, wiewohl ihr Bruder auffallende Aehnlichkeit mit denen haben kann, die wir kennen.“ „Haſt Du mir nicht oft geſagt, Mutter, daß wir uns nie ſo ſehr ändern, als wenn wir aus der Kindheit in die Jugend treten? Ellen war immer kränklich, nun mag ſie ſich wohlbefinden, und das iſt der ganze Unterſchied. Ich müßte mich ſehr irren, wenn dieſe großen, ſchwermüthigen Augen Jemand anderm angehören als—“ Er hielt plötzlich inne, denn Edward und Ellen, über⸗ zeugt, daß ſie der Gegenſtand der Unterhaltung ſein müß⸗ ten, und daß ſie einem Geſpräch zuhörten, daß nicht für ihre Ohren beſtimmt war, wandten ſich nach den Sprechern, die dem Erſtern vollkommen fremd zu ſein ſchienen, nicht aber der Letztern. Gefühle, Gedanken an ihre früheſte Kindheit beſtürmten ſie, als ſie der Dame ins Geſicht ſah, das nach ſeinem Ausdruck bekundete, daß Schmerz ihr Theil geweſen war: es hatte ſich gegen früher ſehr geändert, aber die Er⸗ innerung ſagte Ellen, daß ſie dieſes Geſicht ſchon geſehen habe. Eine Nacht des Schreckens und des Schmerzes däm⸗ merte vor ihren Augen, in der dies Geſicht liebevoll und beruhigend ſich über ſie gebeugt hatte; wo dieſe Stimme Worte der Liebe geſprochen, als ſelbſt die Worte der Mutter rauh und kalt waren. „Entſchuldigen Sie, Sir, aber iſt ihr Name nicht For⸗ tescue?“ fragte der junge Mann etwas zaudernd, als er Edward's Blicke begegnete. „Sie haben Etwas vor mir voraus, Sir,“ erwiderte derſelbe gleich freimüthig,„das iſt wirklich mein Name, aber den Ihrigen kann ich nicht errathen.“ „Entſchuldigen Sie, aber ſpreche ich nicht mit dem Sohne des Oberſten Fortescue, der während eines Schar⸗ mützels gegen die Eingebornen vor etwa zehn Jahren in Indien fiel?“ Der Lohn einer Mutter. H. 6 — 82 „Derſelbe, Sir.“ „Dann iſt es Mrs. Cameron; ich irrte mich nicht, ich wußte, ich konnte mich nicht irren,“ rief Ellen in freudigem Tone aus, ergriff die Hand der Dame und ſah ihr mit Augen in das Geſicht, die voll Thränen glänzten.„Und hätten Sie an mir vorüber gehen können, ohne ein Wort zu ſagen, daß meine Freundin, die Gattin von meines Vaters lieb⸗ ſtem Freunde mir ſo nahe ſei? Sie, liebſte Mrs. Came⸗ ron, Sie, die Sie mich in meiner Kindheit warteten und pflegten?“ Und Thränen der Erinnerung und des Ge— fühls floſſen auf die Hand, die ſie feſt hielt, während der junge Cameron ſie mit einer Bewunderung betrachtete, welche ihn völlig außer Stand ſetzte, auf die Fragen, die Erinnerungen der Jahre zu antworten, wo ſie mit ein— ander in Indien ſpielten, die Edward, welcher aus dem Ausruf ſeiner Schweſter erkannt hatte, wer er war, an ihn richtete. „Ich hätte nicht gedacht, daß Sie ſich meiner ſo treu⸗ lich, ſo liebevoll erinnern würden, meine liebe Ellen, nach⸗ dem ſo viele Jahre verronnen ſind,“ erwiderte Mrs. Ca⸗ meron, die von der Wärme ihrer jungen Freundin ſichtlich ergriffen war.„Ich hätte nicht gedacht, daß das Gedächt⸗ niß eines Kindes, wie Sie es waren, als wir uns trennten, ſo gut geweſen ſein könnte.“ „Dann müßte ſich meine Nichte alle dieſe Jahre her geirrt haben? und Sie verſtanden ſie nicht, wiewohl ſie es glaubte,“ ſagte Mrs. Hamilton mit einem Lächeln, indem ſie Ellens Aufregung zu Hülfe kam, welche der Gedanke an ihren vielbeklagten Vater und ſein Verhältniß zu Mrs. Cameron faſt ſchmerzlich gemacht hatte.„Ich hätte Ihnen ſagen können, daß ſie von dem Augenblicke an, wo ſie unter meine Obhut kam, Niemand vergeſſen haben wird, der einmal gütig gegen ſie war. Ich kenne Sie aus Ellens Berichten ſchon ſo lange, daß ich mich freue, Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen, um ſo mehr, als Ihnen meine arme Schweſter ſo viel Dank ſchuldete.“ Mrs. Cameron, der dieſe Anrede ſchmeichelte, ſam⸗ 83 melte ſich, denn der Anblick Ellens hatte viele traurige Er⸗ innerungen erweckt, da ſie inzwiſchen Wittwe geworden war, und antwortete Mrs. Hamilton in ihrer natürlichen und freundlichen Weiſe. Ellen ſah die ſchwarze Kleidung, die ſie trug, und wandte ſich fragend zu dem jungen Cameron, der raſch antwortete, weil er ihre Gedanken errieth.„Fra⸗ gen Sie nicht nach meinem Vater, der liegt neben Oberſt Fortescue; er theilte ſeine Lorbeern und ſein Grab.“ Ein Ausdruck tiefer Theilnahme zeigte ſich auf Ellens Geſicht und machte ihre Züge dem Blicke des jungen Man⸗ nes noch anziehender. „Du haſt, wie ich ſehe, viel zu fragen und zu ſagen, meine liebe Ellen,“ ſagte ihre Tante freundlich, als ſie ihre geröthete Wange und ihr flammendes Auge bemerkte;„viel⸗ leicht hat Mrs. Cameron die Güte, ſich mit Dir in eins die⸗ ſer ruhigen Erfriſchungszimmer zu ſetzen, wo Du unbemerkt ſprechen kannſt, ſo viel Du willſt.“ „Kann ich verlangen, daß meine liebe, junge Freundin den Freuden des Tanzes und der Geſellſ ſchaft von Freundin⸗ nen entſage, um der Erzählung einer alten Frau zu zu⸗ hören?“ ſagte Mrs. Cameron lächelnd. „Ich denke, Sie haben Ihre Antwort,“ erwiderte Mrs. Hamilton ſcherzhaft, als Ellen ihren Arm in den der Mrs. Cameron legte und ihr liebkoſend ins Geſicht blickte. Die Geſchichte, die Mrs. Cameron zu erzählen hatte, war raſch erzählt. Sie war nach England zurückgekehrt, denn Indien war ihr durch die vielen Verluſte, die ſie dort ge⸗ troffen hatten, peinlich geworden. Capitain Cameron war in einem Treffen zwei oder drei Jahre nach Mrs. Forteseue's Abreiſe gefallen, und von ſieben ſcheinbar geſunden Kindern, welche ſie gehabt hatte, als Ellen ſie kannte, hatte ſie nur noch drei. Nach dem Tode ihrer älteſten Tochter, eines blühen⸗ den Mädchens von 18 Jahren, litt ihre eigene Geſundheit ſo außerordentlich, daß ihr Sohn Walter, der für ihr Leben fürch⸗ tete, einen Wechſel vorgeſchlagen und in Folge deſſen Befehl erhalten hatte, mit ſeinem Regiment nach England zurück⸗ zukehren, denn er bekleidete jetzt die Stelle ſeines Vaters als 6*. 84 Capitain, und er überredete ſeine Mutter, ihn nebſt ſeiner Schweſter zu begleiten. Er wurde in Devonport einquartiert, wo er ſich die letzten acht Monate aufgehalten hatte und von den meiſten Land⸗ und Seeoffizieren, die ſeinen Vater gekannt und geachtet hatten, aufgeſucht und auf das Entgegenkom⸗ mendſte behandelt wurde; unter Andern auch von Lord N., der Mrs. Cameron gebeten hatte, ſeinem Balle die Ehre zu erweiſen und ihre Tochter Flora dort einzuführen, und ihren lieben Kindern ein Vergnügen zu machen, indem ſie ſich wie⸗ der einmal öffentlich zeigte. „Und dies iſt Walter, der gute Walter, der immer meine Parthie zu nehmen pflegte, wiewohl er mich ſchalt, daß ich immer ſo ſchwermüthig ausſähe,“ ſagte Ellen, nachdem ſie die Erzählung ihrer Freundin angehört, und indem ſie alle ihre Fragen in Betreff ihrer eigenen Perſon beantwortete, blickte ſie nach dem jungen Manne, der ſich wieder zu ihr ge⸗ ſellt hatte, und erröthete vor Schüchternheit über ihren Muth, ſo mit einem Manne zu ſprechen, der ihr ein Fremder ge⸗ worden war. Dem jungen Manne klopfte das Herz, als er ſich von dem ſchönen Mädchen an ſeiner Seite als Walter anreden hörte, und es wurde ihm ziemlich ſchwer, ſo viel Muth zu faſſen, um ſie zum Tanze aufzufordern, eine Aufforderung, die ſie ungezwungen annahm. Ellen fand auch Vergnügen darin, die Bekanntſchaft der ſchüchternen Flora zu erneuern, die ſie als kleines Kind von 7 Jahren verlaſſen hatte, und die nun zu einem ſchönen glänzenden Mädchen geworden war und ſich aufrichtig freute, ein Mädchen ihres Alters unter dieſer ſchillernden Schaar von Fremden zu ſinden. Es kamen an dieſem Abend nur noch wenige Ereigniſſe von Bedeutung vor, der Tanz dauerte mit unermüdeter Luſt fort, ſelbſt nachdem die königlichen Gäſte ſich verabſchiedet, und Freude war bis zu dem letzten Augenblick das vorherr⸗ ſchende Gefühl. Da Mr. und Mrs. Hamilton einmal mit Mrs. Came⸗ ron Bekanntſchaft angeknüpft hatten, und ſie erfuhren, daß dieſelbe in ihrer Nähe wohne, ſo ſetzten ſie das Verhältniß fort n 8 — M — 85 und wurden bald ſehr vertraut mit einander. Mrs. Fortes⸗ cue hatte ſie auf dem Todtenbette mehr als einmal als die Freunde ihres Gatten erwähnt, die auch ſehr gütig gegen ſie geweſen. Edward hatte von Capitain Cameron's Sorge für ihn und ſeinem guten Rath beim Abſchied, als er im Be⸗ griff ſtand, ſich nach England einzuſchiffen, erzählt, und Ellen hatte oft von Mrs. Cameron's Güte gegen ſie ge⸗ ſprochen, als ſie noch ein Kind geweſen. Alle Diejenigen, die ihrer Schweſter Freundlichkeiten er⸗ zeigt, hatten für Mrs. Hamilton etwas Anziehendes, und die Wittwe gewöhnte ſich bald ſo ſehr an ſie und ihre liebens⸗ würdige Familie, daß, als Walter plötzlich Befehlzrhielt, nach Irland zu gehen, ein Befehl, dem der junge Mann offenbar nur mit großem Widerſtreben gehorchte, ſie ſich mit Freuden bereit erklärte, ein kleines maleriſches Haus zwiſchen Moorlands und Oakwood zu miethen, was den jungen Leuten viele Freude machte, während die ſtille Ruhe ihres gegenwärtigen Lebens, die Geſellſchaft der Mrs. Hamilton und ihres würdigen Gatten, wie auch die des Mr. Ho⸗ ward der Wittwe eine Heiterkeit zurückgaben, die ſie ſeit dem Tode ihres Gatten nicht gekannt hatte, und nun zum erſten Male erfuhr Mrs. Hamilton die Einzelheiten über die früheſte Jugend der Waiſen, die dann ihrer Obhut an⸗ vertraut wurden, und die ſie ſeit neun Jahren zu wiſſen ge⸗ wünſcht hätte. Daß ihre Schweſter parteilich geweſen war ſehr leicht zu ſehen, aber den Anfang des Uebels und die vielen kleinen Prüfungen, die Ellen in ihrer Kindheit zu ertragen hatte, konnte ſie nur vermuthen, denn ſie vermochte es nicht über ſich zu gewinnen, ſie zu veranlaſſen, über einen Gegenſtand zu ſprechen, der im Mindeſten die Erinnerung an ihre Mutter geweckt haben würde. Die Kunde, die ſie nun erhielt, erklärte daher Alles, was ihr in Ellens Charakter ein Gegenſtand des Geheim⸗ niſſes und des Erſtaunens geweſen war, und die ſchmerz⸗ lichen Gefühle, welche in früheſter Jugend auf das Benehmen ihrer Nichte eingewirkt hatten, wurden Mrs. Hamilton klar und deutlich, und oft, wenn ſie Mrs. Cameron von den Leiden ihrer Kindheit und der Vernachläſſigung und Härte ihrer Mutter erzählen hörte, wünſchte Mrs. Hamilton„daß ſie dieſe Thatſachen von vornherein gekannt hätte, es wäre Allen viel Kummer erſpart worden. Sie würde vielleicht im Stande geweſen ſein, ſie ſo zu erziehen und ihre früh ver⸗ letzte Reizbarkeit ſo zu beſchwichtigen, daß das Elend der früheren Jahre hätte vermieden werden können; aber ſie ge⸗ ſtattete ſich nicht lange bei ſolchen Gedanken zu weilen, ſie liebte ihee Nichte nach der Erzählung, die ſie gehört hatte, mehr als je, und ſie dankte Gott, ſie ſo vor Geſundheit und Schönheit, und wie ſie hoffte, vor Glück ſtrahlen zu ſehen, wiewohl noch bisweilen ein dunklerer Schatten über ihre Stirn zog, als ſie daſelbſt zu ſehen wünſchte, und den Glanz ihres Auges trübte; aber er verurſachte ihr keine Sorge. Ellens Charakter hatte ſich niemals leichtfertiger Luſt zuge⸗ neigt, es wäre unnatürlich geweſen, wenn er es jetzt gethan hätte, und ſie glaubte, dieſer Schimmer von Schwermuth liege in ihrem Weſen, und daſſelbe dachte vielleicht die Waiſe ſelbſt. Einige Wochen nach Lord Ns Balle verließ Edward Dakwood wieder, um auf ſein Schiff zu gehen. Er ſchied heiter von ſeinen Verwandten, denn er wußte, daß ſeine Reiſe nur von kurzer Dauer ſein würde, und daß er nun, nachdem die erſte und ſchwierigſte Stufe der Beförderung gewonnen war, ſehr viele Gelegenheiten haben würde, einen Abſtecher zu machen und die Bewohner von Oakwood im Fluge wieder zu ſehen, und auch Ellen konnte ſeine Freude ſelbſt am Abend vor ſeiner Abreiſe theilen, denn dies war kein Abſchied, wie der erſte oder zweite. Sie hatte Alles zu hoffen und nur wenig zu fürchten; denn ihr Vertrauen auf Den, der ihren geliebten Bruder durch ſo viele Gefahren und Verſuchungen hindurch geführt hatte, war zu feſt begründet, als daß es jetzt hätte ſchwanken können. Selbſt Mrs. Ha⸗ milton war unbeſorgt, als ſie von dem Sohne ihrer Liebe, dem Retter ihres Gatten Abſchied nahm, und wiewohl Oak⸗ wood nach dem Scheiden des luſtigen Seemanns zuerſt etwas 87 Trauriges hatte, ſo war es doch nicht die Trauer des Schmerzes. Der Februar verfloß, und Mrs. Hamilton s Sorge um Emmelinen dauerte immer noch fort. Es gab Zeiten, ſie ſich getäuſcht durch das ſcheinbar lebhafte und— Weſen ihrer Tochter einigermaaßen beruhigt fühlte, aber die bleiche Wange, das trübe Auge, die Schlaffheit und bis⸗ weilen, wiewohl nicht oft, die Niedergeſchlagenheit, die ſich in alleu ihren Bewegungen kund gab, riefen ſehr raſch ihre Sorge und ihre Befürchtungen zurück. Mr. Maitland be⸗ griff ſie nicht. Wenn er einen Augenblick glaubte, daß es ein geiſtiges Leiden ſei, ſo war ihr Weſen das nächſtemal, wo er ſie ſah, ſo ganz anders, daß er in ſeinem Glauben ganz irre wurde, und daß er zu der Ueberzeugung gelangte, daß die Symptone, welche Mrs. Hamilton beunruhigten, in der That nichts zu ſagen hätten. Emmeline, die ent⸗ ſchloſſen war Alles zu thun, um ihn zu täuſchen, damit er nicht ihren Eeltern die wahre Urſache ihrer Leiden verrathen ſollte, raffte ſich immer zuſammen, ſo oft er kam, und ſchwatzte mit ihm, wie ſie es von Kindheit auf gethan hatte; deshalb war es kein Wunder, daß der würdige Arzt getäuſcht wurde, und oft, ſehr oft wünſchte das arme Mädchen, daß ſie ſich eben ſo leicht täuſchen könnte. Es waren nun ziemlich drei Monate verfloſſen, ſeit ſie und der junge Myrvin einen ſo ſchmerzlichen Abſchied genommen, und ihre Gefühle ſchienen immer mächtiger zu werden, anſtatt an Innigkeit zu verlie⸗ ren. Sie hatte gehofft, durch fleißige Beſchäftigung ſein Gedächtniß theilweiſe zu verwiſchen, aber es war vergebliche Mühe. Die Briefe von 2 Florence und Lady Emily Lyle erfüllten ſie mit fieberhaftem Intereſſe, denn durch ſie allein erfuhr ſie vorurtheilsfreie Nachrichten über Arthur, von deſſen Lobe die Briefe ihres Bruders Louis immer voll wären, und zwar in ſolchem Maaße, daß Lady Emily ſagte, ſie würde ſich in ihn verlieben, blos um einen Roman zu ſpielen. Die arme Emmeline fühlte bekümmert, daß ihre Gefühle ſehr wenig Romanhaftes hatten, und kalte Ver⸗ zweiflung erfaßte ſie. Sie ſehnte ſich nach dem Troſte müt⸗ 88 terlicher Theilnahme; aber ſein Ruf war noch nicht ge⸗ reinigt. Mrs. Hamilton mißtraute offenbar dem Lobe, in das ſich die Familie Malvern ſo verſchwenderiſch über den jungen Mann ergoß, und wie konnte ſie ihn verthei⸗ digen, wenn er der Anmaßung gegen ſie ſelbſt angeſchuldigt war? Er hatte ſich allerdings keine Anmaßung gegen ſie zu Schulden kommen laſſen, ja ſein Benehmen hatte ihn immer alle Ehre gemacht. Sie dachte aber, ihre Mutter würde böſe ſein und würde glauben, ſie hätte dem Gefühle roman⸗ tiſcher Bewunderung nachgehangen, bis es zu einer einge⸗ bildeten Leidenſchaft geworden ſei und ſie unglücklich gemacht habe. Vielleicht ſchimmerte trotz ihrer Verzweiflung immer noch eine unbekannte Hoffnung in ihrer Bruſt. Vielleicht miſchten ſich luftige Träume der Zukunft in das Dunkel der Gegenwart, und Emmeline bebte unbewußt, ſie durch das Verbot ihrer Eltern vernichtet zu ſehen. Dies war der ge⸗ wöhnliche Gang ihrer Gedanken, aber ein Augenblick der Aufregung verrieth, was, wie ſie gedacht hatte, niemals über ihre Lippen kommen ſolle. Einige Tage nach Edward's Abreiſe von Oakmvod, trat eines Nachmittags Mr. Hamilton, anſcheinend ſehr aufge⸗ regt, in das Wohnzimmer der Familie. Mrs. Hamilton und Ellen arbeiteten, und Emmeliue ſaß an einem kleinen Tiſche in der Niſche eines der tiefen gothiſchen Fenſter und ſchien ſtumm, doch eifrig mit Zeichnen beſchäftigt zu ſein. Sie wußte, daß ihr Vater an dieſem Morgen in das Dorf gegangen war, und ſie war wie ge— wöhnlich unruhig und fieberhaft aufgeregt, weil ſie mit oder ohne Grund fürchtete, daß ſie bei ſeiner Rückkehr etwas Un⸗ angenehmes über Arthur hören würde. Als ſie an dieſem Tage ihrem Vater ins Geſicht blickte, klopfte ihr das Herz und ihre Wange, die ſich vom Bücken geröthet hatte, wurde todtenbleich. „Was iſt im Dorfe vorgefallen, daß Du ſo ernſt aus⸗ ſiehſt, mein lieber Mann?“ fragte ſeine Gattin. „Ich bin in Verlegenheit, wie ich handeln ſoll, und tief bekümmert über die Nachricht, die ich erhalten habe; mein 89 Vorurtheil iſt nicht nur beſtätigt worden, es verſetzt mich ſogar in eine höchſt peinliche Lage, was ich über den unglück⸗ lichen jungen Mann erfahren habe.“ „Du ſprichſt ſehr unverſtändlich, lieber Mann, deshalb muß ich rathen, was Du meinſt: ich fürchte Du ſprichſt von dem jungen Myrvin,“ ſagte Mrs. Hamilton traurig. „Sie haben ihn doch nicht wieder verleumdet?“ bemerkte Ellen eifrig.„Der arme junge Mann iſt in weiter Ferne, warum nimmt man ſich immer noch Mühe, Dich und Mr. Howard gegen ihn einzunehmen?“ „Ich bewundere Deine Milde, mein liebes Mädchen, aber es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß ſie in dieſem Falle am unrechten Orte iſt. Es ſind Thatſachen ans Licht gekommen, die, wie ich fürchte und ſo unangenehm es mir iſt, mir die Verpflichtungen auflegen werden, an Lord Mal⸗ vern zu ſchreiben. Arthur Myrvin eignet ſich nicht zum Be⸗ gleiter ſeines Sohnes.“ „Sein armer, armer Vater,“ flüſterte Ellen, indem ſie ihre Arbeit fallen ließ und bekümmert, doch mit forſchendem Blick ihrem Onkel ius Geſicht ſah. „Aber ſind es Thatſachen, Arthur, ſind ſie bewieſen? denn ich bin feſt überzeugt, daß viel ungerechtfertigtes Vor⸗ urtheil gegen ihn im Dorfe herrſcht.“ „Sie ſind inſoweit bewieſen, daß, wenn man ſie mit ihm in Verbindung bringt, ein Geheimniß im Dorfe und auch ſeine Eile, unſere Gegend zu verlaſſen, ſich aufklärt. Du erinnerſt Dich an Mary Brookes?“ „Das arme Mädchrn, welches, wie es hieß, an der Schwindſucht ſtarb? Sehr gut.“ „Sie ſtarb nicht an der Schwindſucht, meine liebe Em⸗ meline; ich wünſchte, daß es der Fall geweſen wäre. Sie war ſchön, unſchuldig und weit über ihren Stand gebildet. Viele ſagen, daß ſie geliebt und in ihrem liebevollen Ver⸗ trauen Alles geglaubt habe, was der Verführer ihr ſagte. Sie verdiente ſein Weib zu ſein und ſie wurde ſein Opfer. Seine Beſuche bei ihrer alten Großmutter waren ſehr häufig, das weiß ich ſelbſt; er verließ ſie, und der bittere Schmerz über ſeine Untreue zerriß die Saiten des Lebens, welche die Reue bereits gelockert hatte; zehn Tage, nachdem Myrvin das Dorf verlaſſen, ſtarb ſie, indem ſie ein unglückliches Kind der Sünde und Schande in die Welt ſetzte. Ihre Großmutter, die immer ſchlecht ſah und hörte, war Anfangs ſtumm, da ſie anſcheinend der plötzliche Tod ihrer Mary betäubt hatte, und ſie pflegte das arme hülfloſe Kind, das ihr Liebling ihr hin⸗ terlaſſen. Auf einmal ſchien ſie zu erwachen und ein Verlan⸗ gen nach Rache gegen den Mörder ihres Kindes zu fühlen, das ich weniger leidenſchaftlich hätte wünſchen können. Sie bat mich mit faſt wahnſinniger Heftigkeit, ihr von dem grau⸗ ſamen Schurken Genugthuung zu verſchaffen, nannte ihn beim Namen und brachte ſo viele Beweiſe bei, welche ſie in ihrem ſtummen Schmerze verheimlicht hatte, daß ich nicht einen Augenblick zweifeln kann, wer der Vater dieſes armen Kindes, der grauſame herzloſe Moͤrder der Unſchuld und des Lebens ſeiner Mutter iſt.“ „Aber giebt es kein anderes Zeugniß, als das ihrige? Frau Williams iſt ſo ſchwachſinnig, daß ſie ſich ſo leicht hintergehen läßt,“ bemerkte Mrs. Hamilton nachdenklich. „Es iſt in der That eine traurige Geſchichte, und ich wünſchte nur, daß, wenn ſie wahr wär, ſie nicht bekannt würde, denn käme ſie ſeinem Vater zu Ohren—“ „So wird ſie ihm das Herz brechen, das weiß ich,“ un⸗ terbrach ſie Ellen, von ihren Gefühlen hingeriſſen.„O, ver⸗ urtheile ihn nicht ohne weitere Beweiſe,“ fügte ſie flehend hinzu. „Alle Forſchungen, die angeſtellt habe, beſtätigen die Ausfage der alten Frau,“ erwiderte Mr. Hamilton traurig. „Wir wiſſen, daß Myrvin's Leben auf der Univerſität rück⸗ ſichtslos und leichtſinnig war; alle Leute ſagen, daß er öfter Frau Williams Hütte als eine andere beſucht; hätte er ſeine Pflichten treuer erfüllt, ſo würden wir haben glauben können, daß er die arme Mary in ihren Leiden durch die Religion zu tröſten geſucht hätte, aber wir wiſſen, daß dies nicht ſeine Weiſe war. Jefferies beſtätigt die Erzählung der alten Frau und führt Umſtände an, deren Zeuge er war und die 91 zu deutlich ſprechen, als daß man daran zweifeln könnte. Und zeigt nicht ſeine übereilte Aufgabe einer bequemen Stelle, einer guten Pfründe ſeine Schuld deutlicher als irgend ein anderer Beweis? Warum weigerte er ſich, ſein Benehmen zu vertheidigen? War es nicht wahrſcheinlich, daß, wenn er ein ſolches Verbrechen auf ſeinem Gewiſſen hatte, jene Unruhe, die wir alle geſehen haben, jene außerordent⸗ liche Eile abzureiſen, die Folge ſein mußte? Er wollte nicht bleiben, um ſein Opfer ſterben zu ſehen, oder ein Kind der Sünde ernähren zu müſſen. Ueber ſeiner plötzlichen Abreiſe lag ein Geheimniß, aber nun iſt Alles nur zu klar.“ „Es iſt unwahr!“ rief mit überwältigender Kraft Em⸗ meline aus, indem ſie von ihrem Stuhle aufſprang und mit der Plötzlichkeit eines Traumgeſichts vor ihren Eltern ſtand, während eine hektiſche Gluth auf ihren Wangen brannte und ihren gewöhnlich ſo milden Augen einen ſchmerzlichen Glanz gab. Sie hatte wie bezaubert dageſeſſen und jedes Wort eingeſogen. Sie wußte, daß die Erzählung eine Lüge war, dennoch hatte jedes Wort ihr bereits glühendes Gehirn wie feuriges Eiſen getroffen, daß ſie es wagten, ſolche Gerüchte über ihn zu verbreiten, deſſen Ruf makellos war, ſeinen rei⸗ nen Namen mit einer Schandthat in Verbindung zu bringen, und daß auch ihr Vater daran glaubte. Sie weinte nicht, wie⸗ wohl ſich ihr Herz nach ſolcher Erleichterung ſehnte. Sie fiel nicht in Ohnmacht, wiewohl alle ihre Glieder die Kraft verloren hatten. Nach einer augenblicklichen Anſtrengung kehrte ihre Kraft zurück, und ſie trat vor.„Es iſt unwahr!“ rief ſie noch einmal aus, und ihre Eltern erſchraken über den heftigen Ton,„ſo unwahr, wie der Schurke, der es wagte, den guten Ruf eines Andern mit ſeinem eigenen Ver⸗ brechen zu beflecken. Arthur Myrvin iſt nicht der Vater dieſes Kindes, er war nicht der Verführer Mary Brookes'. Geht und fragt die Langford, ſie ſtand am Sterbebett der armen Mary, ſie vernahm von ihren kalten Lippen den Na⸗ men des Vaters ihres Kindes, ſie war allein bei ihr als ſie ſtarb. Fragt ſie, und ſie wird Euch den Elenden nennen, der alle Gemüther gegen den Guten, den Reinen, Edlen ein⸗ 92 genommen hat; den Schurken, den grauſamen, verächtlichen Schurken, der nicht eher ruhte, als bis ſeine Ränke die Tugend zu Grunde gerichtet; Jefferies, der frömmleriſche Heuchler, der Alle Herzen gewonnen hat, weil er ſo ſchön ſpricht, er, er allein iſt der Schuldige. Fragt ihn, laßt die Langford ihn fragen, ob die Sterbende die Unwahrheit ſagte, als ſie ſeinen Namen nannte, und ſeine Schuld wird auf ſeiner Stirn geſchrieben ſtehen. Arthur Myrvin beſuchte die Hütte; Mary hatte ein Vergehen gebeichtet und um ſeine Fürbitte gebeten; er milderte ihre körperlichen und geiſtigen Leiden, er nahm dem Tode ſeine Schrecken, und ſein einziger Kummer, als er das Dorf verließ, war, daß ſie ſeine Hülfe vermiſſen würde, denn jenes Vergehen konnte er keinem Zweiten bekennen; und nun wagen ſie ihn der Sünde zu zeihen, der ſo gut, ſo rein iſt.“— Ein zweites Mal hielt ſie inne, von ihrem Schmerze überwältigt, aber ehe ihr Vater oder ihre Mutter ſie anreden konnten, fuhr ſie in einem noch leidenſchaftlichern Tone fort:„Warum verließ Arthur Myr⸗ vin unſere Gegend? Weil er mich liebte— weil er wußte, daß ich ſeine Liebe erwiderte, und da er die gänzliche Hoff⸗ nungslofigkeit ſeiner Liebe ſah, ſo that er ſeine Pflicht und verließ mich, damit ich ihn vergeſſen und meinen Frieden wieder erlangen ſollte, indem ich einen Mann vergäße, den ich nie wieder ſehen würde. Er wollte mich verlaſſen, ohne mir ſeine Liebe zu erklären, aber das Geſtändniß entfloh ſeinen Lippen, und in derſelden Stunde trennten wir uns. Er liebte mich, er wußte, daß ich nie die Seine ſein konnte, und darum entſagte er ſeiner Stelle, darum entfernte er ſich, und hatte er Urſache darüber zu erröthen? Nein, ehrenhaft wie ſeine Liebe war, zu edel, zu aufopfernd, um etwas zu ver⸗ folgen, was Emmeline veranlaſſen konnte, aus Liebe zu ihm die Pflicht gegen ihre Eltern zu vergeſſen, ertrug er lieber alle Verleumdungen, ſelbſt das ungerechte Urtheil und die Härte meines Vaters, als daß er ſeine Liebe zu mir bekannte. Er iſt unſchuldig an allen Anklagen, die gegen ihn erhoben worden ſind— bis auf die reinſte, ehrenhafteſte Liebe zu mir, und o iſt dieſe wirklich ein Verbrechen? 93 Sie hatte bis zuletzt ruhig zu ſprechen geſucht, aber nun ſchluchzte ſie krampfhaft, und die letzten Worte wurden faſt unverſtändlich. Sie drückte beide Hände gegen ihr Herz und dann gegen ihre Schläfe, als wenn ſie ihr ſchmerzliches Klopfen ſtillen wollte; dann wollte ſie noch weiter ſprechen, aber ihr Bemühen war vergeblich, und ſie flog wie ein Pfeil zum Zimmer hinaus. Mr. und Mrs. Hamilton ſahen einander voll ſchmerz⸗ lichen Erſtaunens an, und Ellen, die tief ergriffen war, ſtand raſch auf, als hätte ſie die Abſicht, ihrer aufgeregten Coufine zu folgen, aber ihre Tante und ihr Onkel baten ſie zu blei⸗ ben, unter dem Einwande, daß Emmeline allein ſich raſcher ſammeln würde, und fragten ſie zugleich, ob ſie etwas von dem Geſtändniß gewußt hätte, das ſie ſo eben gehört. Sie antwortete der Wahrheit gemäß verneinend. Emmeline hatte kaum in ihrer Gegenwart von dem jungen Myrvin geſpro⸗ chen, da aber nun die Wahrheit enthüllt war, ſo ſtiegen in der Erinnerung beider Eltern viele kleine Umſtände auf, welche das Geſtändniß ihres Kindes beſtätigten und ihre ſchmerzlich erwachten Sorgen ſteigerten. Ihre Aufregung an dem Abend von Edward's Rückkehr, als Lord St. Eval ſie mit einer Heirath neckte, ihre außerordentliche Munterkeit und ihre ſpätere Niedergeſchlagenheit, ihre offenbare Kränk⸗ lichkeit ſeit Arthur's Abreiſe, Alles, Alles beſtätigte nur zu deutlich ihre Worte, und Mrs. Hamilton machte ſich bittere Vorwürfe, daß ſie keine Ahnung von der Wahrheit gehabt, daß ſie dem jungen Manne einen ſo vertraulichen Verkehr in ihrem Hauſe geſtattet, ohne zu bedenken, was daraus folgen möchte, und daß Emmeline in der That kein Kind mehr ſei, und daß ihre Gemüthsart ſtarken Gefühlen ganz beſonders zugänglich ſei. Einige Minuten lang kämpfte in Mr. Hamilton's Bruſt Stolz und Zorn gegen Arthur, daß er es gewagt habe, ein Mädchen zu lieben, das ſo weit über ihm ſtehe, wie ſein Kind, aber bald gewannen ſeine natürliche Liebe und Güte die Herrſchaft wieder. Konnte er ſich wundern über die Liebe zu einem ſo zärtlichen, ſo edlen, ſo anſchmiegenden 94 Mädchen, wie ſeine Emmeline? Würde er Arthur nicht für einen kalten Sonderling gehalten haben, hätte er ihre Reize unbemerkt gelaſſen und kein Gefühl für ſie gezeigt? Er erinnerte ſich der Geduld, der außerordentlichen Ruhe, die der unglückliche junge Mann immer gegen ihn gezeigt, und plötzlich und unbewußt empfand er, daß er ihm Unrecht gethan haben müſſe, daß er ſich zu Vorurtheilen habe ver— leiten laſſen. Wenn die Erzählung der Langford richtig war, und Jefferies gewagt hatte, einen Andern des Verbre⸗ chens zu beſchuldigen, das er ſelbſt begangen hatte, konnte er nicht in gleicher Weiſe durch falſche Gerüchte die ganze Nachbarſchaft gegen Arthur eingenommen haben? Aber während nach den Worten ſeines Kindes ſich alle ihre Ge⸗ fühle zu Gunſten des jungen Mannes geſtalteten, ſahen Mr. und Mrs. Hamilton mit nicht minderm Schmerz ein, daß Emmeline die Wahrheit geſprochen hatte. Sie hatte keine Hoffnung. Es ſchien Beiden unmöglich, daß ſie jemals ein⸗ willigen könnten, die Gattin Myrvin's in ihr zu ſehen, ſelbſt wenn ſein Charakter von den Flecken gereinigt würde, die denſelben betroffen. Konnten ſie einwilligen, ihr ſchwäch⸗ liches Kind, das im Schooße des Reichthums aufgewachſen war, den Leiden der Armuth Preis zu geben? Sie hatten ſich daran gewöhnt, Emmeline glücklich in ihren eigenen Kreiſen verheirathet zu ſehen, und ſie konnten ſich nicht ſo raſch an die Vernichtung der Hoffnungen gewöhnen, die ſie in ihrem Gemüthe ſo zärtlich gehegt hatten. Sie blieben noch einige Zeit im Geſpräch beieinander, dann begab ſich Mrs. Hamilton nach dem Zimmer ihres lei—⸗ denden Kindes, doch brachte ſie wenig Tröſtliches mit, außer der Verſicherung ihres Gatten, daß er kein Mittel unverſucht laſſen wollte, um hinter Jefferies' eigentlichen Charakter zu kommen und zu ermitteln, ob Arthur wirklich mit Unrecht beſchuldigt worden ſei. Mrs. Hamilton öffnete mit zitternder Hand Emmelinens Thür, und mit blutendem Herzen bei dem Anblick, den ſie vor ſich ſah, trat ſie ein und ſtand einige Minuten unbemerkt an ihrer Seite. Emmeline hatte ſich neben ihrem Sopha — — 95 auf die Knie geworfen, ſie hatte ihr Geſicht in den Händen begraben, während ihr ſchwacher Körper krampfhaft bebte, und tiefe Seufzer ihrer klopfenden Bruſt entſtiegen. Die blauen Adern an ihrem Halſe waren geſchwollen, als wenn ſie erſticken ſollte, und ihr ſchönes Haar, das ſich in ihrer Aufregung gelöſt hatte, hing unordentlich um ſie herum. „Emmeline,“ ſagte Mrs. Hamilton mit ſanfter, zittern⸗ der Stimme, aber ihr Kind hörte ſie nicht, und ſie ſchlang ihren Arm um ſie und ſuchte ſie an ſich zu ziehen. „Meine liebe Emmeline, ſprich, ich kann es nicht ertra⸗ gen, Dich ſo zu ſehen. Blicke mich an, liebes Kind, beruhige Dich um meinetwillen.“ 3 „Soll ich ſelbſt nicht weinen, willſt Du mir ſelbſt dieſen armſeligen Troſt verſagen?“ erwiderte Emmeline leiden⸗ ſchaftlich, denn der plötzliche Schmerz hatte alle ihre geiſtigen Fähigkeiten zerrüttet, und als ſie aufblickte, waren ihre Augen hohl, ihre Wangen dunkel geröthet und die Adern auf der Stirn angeſchwollen. „Weinen, würde Deine Mutter Dir dieſe Erleichterung verſagen, meine Emmeline? Könnteſt Du mich wirklich einer ſolchen Grauſamkeit beſchuldigen?“ erwiderte Mrs. Hamilton, indem ſie ſich über ſie beugte und von den gerö⸗ theten Schläfen das Haar zurückſtrich, welches ſie thränen⸗ feucht bedeckte; und als ſie dies that, fühlte Emmeline, wie die Thränen ihrer Mutter auf ihre glühende Stirn fielen⸗ Sie ſprang auf, ſah ſie zweifelnd an, und vor Erſchöpfung ſchwankend, würde ſie gefallen ſein, wenn nicht Mrs. Hamil⸗ ton ſie in ihren Armen aufgefangen hätte. Einen Augenblick bemühte ſich Emmeline, ſich von ihrer Umarmung loszureißen, dann aber mit einer plötzlichen Wand⸗ lung ihres Gefühls umſchlang ſie krampfhaft den Hals ihrer Mutter und brach in einen ſepn aber erleichternden Thrä⸗ nenſtrom aus. „Ich wollte mein Geheinniß nie, nie enthüllen,“ rief ſie mit einer faſt unhörbaren Stimme aus, indem ihre Mutter ſie auf das Sopha neben ſich ſetzte, ſie an ihr Herz drückte 96 und einige Minuten in jenem theilnehmenden Stillſchweigen verharrte, welches den Betrübten ſo wohl thut. 3„Und nun, nachdem es mir entriſſen, weiß ich nicht, was ich thun oder ſagen ſoll. O wenn ich etwas Verletzen⸗ des gegen Dich oder Papa geſprochen habe, ſo war es nicht wirklich meine Abſicht, ich wollte es nicht; aber man wagte Lügen zu verbreiten, und ich konnte nicht ruhig dabei ſitzen und es anhören,“ fügte ſie bebend hinzu. „Es lag nichts in Deinen Worten, mein liebes Kind, was uns perſönlich hätte Schmerz bereiten können,“ ſagte Mrs. Hamilton mit ihrem beruhigendſten Tone, indem ſie . immer und wieder ihre zitternden Lippen auf ihre glühende 3 Wange drückte und die immer noch fließenden Thränen weg⸗ zuküſſen ſuchte.„Laſſe Dich durch dieſe Gedanken nicht noch mehr beunruhigen, mein Kind.“ „Und kannſt Du mir vergeben, Mutter?“ ſagte Emme⸗ line und begrub ihr Geſicht noch tiefer in die Bruſt ihrer Mutter. „Dir vergeben, Emmeline? Liegt etwas in Deiner Be⸗ kanntſchaft mit Arthur Myrvin, was meiner Verzeihung be⸗ dürfte?“ erwiderte ihre Mutter in einem beſorgten und faſt unruhigen Tone. „O nein, nein, aber Du könnteſt glauben, daß ich mich meiner Schwachheit freiwillig hingegeben, daß ich ihr nach⸗ gehangen, bis ich mich ſelbſt ſo unglücklich gemacht, daß ich nach ſeiner Liebe verlangt, daß ich ihn ermuthigt habe; wahr⸗ haftig, das habe ich nicht. Ich habe ſchwer gekämpft, um ihn zu vergeſſen, nicht mehr an ihn zu denken, meine Heiterkeit wieder zu gewinnen, aber es gelang mir nicht. Ich fühle, ich weiß, daß ich nie wieder das fröhliche, leichtherzige Mäd⸗ chen ſein werde, was ich ſonſt war; Alles kommt mir ſo ver⸗ ändert vor.“ „Sprich nicht ſo, mein liebes Kind, dieß iſt die Sprache ————————— 6 der Verzweiflung, laſſe ſie nicht ein allzugroßes Ueberge⸗ . wicht gewinnen, mein liebſtes Kind. Wo iſt das feſte, gläu⸗ 3 bige Vertrauen, meine Emmeline, auf den Vater der Gnade, ¹ das ſo viele Jahre ihr Loos mit ſo unwandelbarem Glücke ge⸗ r⸗ eit] le, id⸗ che 7 iu⸗ de, 97 ſchmückt hat. Dunklere Wolken ſchweben über Dir, aber ſeine Gnade wird ſie verſcheuchen, vertraue auf ihn.“ Emmelinens krampfhaftes Schluchzen beruhigte ſich all⸗ mälig; die zärtlichen Worte der Theilnahme verfehlten nicht ihre Wirkung auf ein Herz, an das ſich die Liebe nie ver⸗ gebens wandte. „Und warum haſt Du die Urſache Deiner Leiden, die ſo deutlich ſichtbar waren, ſo ſorglich verheimlicht, meine Emmeline?“ fuhr ihre Mutter zärtlich fort.„Iſt es mög⸗ lich, daß ſich die Furcht, die Du einſt in einem Briefe an Mary bekannteſt, in Deine Liebe zu mir miſchte? Könnte die Furcht Dich wirklich zum Schweigen veranlaßt, kann Deine nur zu lebhafte Phantaſie Dich glauben gelaſſen haben, daß ich Dir Vorwürfe machen und Dir in dieſer traurigen Prüfung meine Theilnahme verſagen würde? Deine Be⸗ harrlichkeit, Dich zu beſchäftigen, Dein Beſtreben heiter zu ſein, beſtätigt Deine Verſicherung, daß Du nicht ſchwächli⸗ chen Gefühlen nachgehangen. Ich glaube Dir, mein Kind, und ich glaube auch, daß meine Emmeline dem jungen Myr⸗ vin nicht entgegen gekommen iſt. Sieh mich an, mein lie⸗ bes Kind, und ſage mir, daß Du Dich vor Deiner Mutter nicht fürchteſt, daß Du ſie nicht für hart hältſt.“ „Hart, o nein, nein!“ flüſterte das arme Mädchen, indem ſie immer noch ihren Hals umfaßte, als wenn ſie fürchtete, daß etwas fie trennen wollte.„O, ich bin launiſch, voll Einbildungen, elend; achte nicht auf meine unzuſammenhän⸗ genden Worte. Mutter, liebſte Mutter, laſſe mir das Ge⸗ fühl, daß Du mich noch liebſt, und ich will mein Herz lehren, ſich damit zu begnügen.“ „Aber wenn ich wirklich keine harte Mutter bin, ſo ſage mir Alles, meine liebe Emmeline, ſage mir, wann Du Dir zuerſt bewußt wurdeſt, daß Du Arthur Myrvin liebteſt. Er⸗ zähle mir Alles, was zwiſchen Euch vorgegangen iſt; ich verſpreche Dir, Dein Leid um ſeinetwillen nicht durch Vor—⸗ würfe zu vergrößern. Vertraue auf die Liebe Deiner Mutter, und Deine Prüfung wird nicht ſo ſchwer zu ertragen ſein.“ Emmeline bemühte ſich, ihre Faſſung wieder zu gewinnen, Der Lohn einer Mutter. II. 7 98 und erzählte getreulich alle Umſtände, die ſie und Arthur betrafen und die unſere Leſer bereits kennen; auch berührte ſie oberflächlich ihren Abſchied, deſſen ſie ſich ſelbſt jetzt nicht ohne Erneuerung des Schmerzes erinnern konnte, wie⸗ wohl einige Monate verfloſſen waren. Ihre Erzählung er— hob den Charakter Arthur's unbewußt in den Augen Mrs. Hamilton's, die viel zu edel und gut war, um bei einem ſo ehrenhaften und preiswürdigen Benehmen ungerührt zu bleiben.„Weine nicht mehr über die grauſamen Beſchul⸗ digungen gegen ihn, meine Liebe,“ ſagte ſie mit beruhigender Zärtlichkeit, als Emmelinens halb erſtickte Thränen wieder hervorbrachen, indem ſie von dem Kampfe ſprach, den ſie im Geheimen zu erdulden hatte, wenn in ihrer Gegenwart ſein Charakter verleumdet wurde.„Dein Vater wird nun kein Mittel unverſucht laſſen, um zu entdecken, ob die Beſchul⸗ digungen wahr oder falſch ſind. Einflüſterungen und Ge⸗ rüchte haben ſein Urtheil mehr als gewöhnlich befangen ge— macht. Er iſt zu Wittwe Langford gegangen, um ihre Er⸗ zählung von Jeffries zu hören, und wenn die letzte ſchwere Beſchuldigung, die er gegen Arthur verbreitet hat, wirklich ihn ſelbſt trifft, ſo wird es leicht ſein, ihn der andern Ver— läumdungen zu überführen, denn iſt in dieſem einen Falle die Wahrheit ermittelt, ſo iſt es klar, daß ſeine gemeinen Ränke die geheime Veranlaſſung des Vorurtheils gegen Myr⸗ vin, für das ſich noch kein rechter Grund gefunden, geweſen ſind. Du wirſt an Deines Vaters Eifer in dieſer Angele⸗ genheit nicht zweifeln, meine Emmeline, und Du kennſt ihn zu gut, um zu glauben, daß er einen Augenblick anſtehen würde, Mr. Myrvin zu bekennen, daß er ihm Unrecht gethan habe, wenn es ſich wirklich als unbegründet herausſtellt.“ „Und wenn ſein Charakter wirklich von allen Flecken ge⸗ reinigt iſt, wenn ſein Name von keinem Hauche getrübt wird und Alle ſeine hohe Tugend anerkennen, o dürfen wir dann hoffen? Mutter, Mutter, Du wirſt nicht unerbittlich ſein, Du wirſt Dein Kind nicht zum Unglück verurtheilen!“ rief Emmeline in einem Tone der Aufregung aus, der im ſtarken Gegenſatz zu der Hoffnungsloſigkeit ſtand, die ſich vorher in jedem ihrer Worte gezeigt hatte, und indem ſie ſich plötzlich aus den Armen ihrer Mutter losriß, warf ſie ſich vor ihr auf die Kniee und ergriff flehend ihre Hand:„Du wirſt Dich nicht weigern, uns glücklich zu machen, Du wirſt uns Deine Zuſtimmung nicht vorenthalten, von der allein das künftige Glück Deiner Emmeline abhängt. Du biſt immer ſo gut, ſo lieb, ſo zärtlich geweſen, o Du wirſt mich nicht zum Elend verurtheilen! O Mutter ſprich. Ich frage nicht darnach, wie viele Jahre ich warten muß, ſage mir nur, daß, wenn ſein Ruf von allen Anſchuldigungen gereinigt iſt, die man gegen ihn verbreitet hat, ich eines Tages die Seine ſein werde. Wende Dich nicht von mir, Mutter. O laſſe mich nicht verzweifeln, oder könnteſt Du mich dennoch zur Verzweiflung verurtheilen, weil er arm iſt?“ „Emmeline, Emmeline, quäle nicht mein Herz durch ſo grauſame Worte,“ erwiderte Mrs. Hamilton in einem ſo bekümmerten Tone, daß Emmelinens bittender Blick ſich ſenkte, und da ſie fühlte, daß keine Hoffnung war, ſuchte ſie vergebens ihre Thränen zurückzuhalten.„Verlange nicht dies Verſprechen von mir, mache mir nicht den bittern Schmerz, mich etwas ſagen zu laſſen, was in dieſem Augenblicke nur Dein Elend vergrößern würde. Du ſelbſt ſiehſt an den Worten, die Du geſprochen, die Unmöglichkeit einer ſolchen Verbindung. Warum, warum willſt Du mir die ſchmerzliche Pflicht auflegen, ſie zu wiederholen? Könnte ich einwilligen, Dich einem Manne zu geben, der Dir nicht einmal eine feſte Heimath zu bieten hat, deſſen Verdienſt kaum ausreicht, um ſich ſelbſt unterhalten zu können? Du kennſt nicht alle die Uebel einer ſolchen Verbindung, mein liebes Mädchen. Du biſt nicht geſchaffen, mit Armuth und Sorge zu kämpfen, die leidenſchaftliche Reizbarkeit und Unruhe zu ertragen, welche den jungen Myrvin charakteriſiren, wenn ſelbſt die ſchwerſten Anſchuldigungen widerlegt ſind. Und könnten wir uns gerechtfertigt fühlen, Dich Entbehrungen und Sor⸗ gen auszuſetzen, die unſer kalter Verſtand vorausſieht, wie⸗ wohl ſie das Auge der Liebe unberückſichtigt läßt? Sehr ſelten ſind jene Ehen glücklich, bei denen eine ſo gänzliche 2 100 Ungleichheit herrſcht, beſonders wenn, wie in dieſem Falle, der Vorrang auf Seiten der Frau liegt. Ich weiß, dies klingt wie die kalte Sprache des Verſtandes, meine Emmeline, ich weiß, daß dieſes warme zärtliche Herz ſich vor jedem Worte empört, aber halte mich nicht für grauſam und ziehe Dich nicht aus meiner Umarmung zurück. Wie kann ich Dich“ bitten, um meinetwillen gegen dieſe ſchmerzlichen Gefühle zu kämpfen, und dieſe unglückliche Liebe zu beſiegen, und den⸗ noch verlangt es meine Pflicht von mir, denn ich kann Dich nicht gewiſſer Armuth und endloſem Kummer preisgeben. Sprich, mein liebes Kind, verſprich mir, daß Du es ver⸗ ſuchen und Dich mit den Bemühungen Deines Vaters, Ar⸗ thur's Ruf von allen Verläumdungen zu reinigen, zufrieden ſtellen, daß Du weiter nichts verlangen willſt?“ Es folgte eine augenblickliche Pauſe. Mrs. Hamilton hatte in jedem Worte verrathen, welchen Schmerz es ihr ver⸗ urſachte, ſo zu ſprechen, während ihr Herz ſie drängte, ihr betrübtes Kind auf alle mögliche Weiſe zu beruhigen. Em⸗ meline wußte dies, und ſelbſt in dieſem Augenblicke konnte ſie es nicht ertragen, ihre Mutter bekümmert zu wiſſen und die Urſache zu ſein. Kindliche Liebe, kindliches Pflichtge⸗ fühl kämpfte einige Minuten ſchmerzlich mit der glühenden Leidenſchaft, unter der ihre innerſte Seele zitterte; aber ſie ſiegten, und als ſie aufblickte, floſſen ihre Thränen nicht mehr und nur die tödtliche Bläſſe der Wangen, das Beben der Lippen und der Augen verriethen die tiefe Bewegung, die noch in ihrem Gemüthe herrſchte. „Bekümmere Dich nicht ſo um mich, meine liebe, zu gü⸗ tige Mutter,“ erwiderte Emmeline mit einer Stimme, welche ruhig und gefaßt zu ſein ſchien, wiewohl körperliche Schwäche ihre Anſtrengungen vergeblich machte.„Ich wollte Dir keinen Schmerz bereiten, und doch habe ich's gethan. O laſſe Dich nicht von meinen thörichten Worten betrüben, Du, deren Liebe mir jedes Leid zu erſparen ſuchen würde. Mein Kopf iſt wirr, und es brennt darin wie Feuer, und ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll, aber es wird bald vorüber gehen und ich will dann alle Deine Wünſche zu erfüllen ſuchen. — W — „ Ich weiß, Du wirſt nicht ſo grauſam ſein, zu verlangen, daß ich einen Andern heirathen ſoll, und dieſes Bewußtſein genügt mir. Wenn nur ſein guter Ruf wieder hergeſtellt wird, ſo verſpreche ich Dir, alles Mögliche zu thun, um zu⸗ frieden zu ſein. Ich weiß, daß meine Liebe hoffnungslos war. Warum, o warum mußten es Deine Lippen beſtätigen?“ Und wiederum verbarg ſie ihre ſchmerzhaften Augen und ihre glühende Stirn an Mrs. Hamilton's Bruſt, während die ver⸗ zweifelnde Ruhe ihrer Stimme ihrer Mutter noch ſchmerzli⸗ cher klang, als da dieſelbe ihr tiefes Leid ausgeſprochen hatte. „Möge Gott in ſeiner Gnade Dich dafür ſegnen, mein liebes Kind,“ ſagte Mrs. Hamilton faſt unwillkürlich, als ſie in dieſer völligen Unterwerfung ihrer liebſten Hoffnungen unter den Willen ihrer Eltern den milden Charakter ihres Kindes im hellſten Glanze ſich entwickeln ſah.„Sage mir aber noch eins mein Kind, haſt Du von dieſem jungen Mann etwas gehört, ſeitdem er uns verlaſſen hat?“ „Er ſchrieb an mich und bat mich, meinen Einfluß bei St. Eval anzuwenden, um ihm die Stelle als Begleiter Lord Louis verſchaffen zu helfen,“ antwortete Emmeline.„Er berührte nicht mit einer Silbe, was zwiſchen uns vorgefallen war; ſein Brief enthielt blos dieſe Bitte, als wenn er mir beweiſen wollte, daß ſeine Abſicht, England zu verlaſſen und in ſtrengerer Erfüllung ſeiner Pflichten Ruhe zu ſuchen, nicht blos vorgeblich wäre.“ „Dann waren Deine Vorſtellungen die Veranlaſſung, daß Eugen ſich für Arthur ſo intereſſirte?“ fragte Mrs. Ha⸗ milton. Emmeline antwortete bejahend. „Und beantworteteſt Du ſeinen Brief?“ „Nein, Mamma, es genügte mir und ihm, daß ſeine Wünſche erfüllt wurden. Ich gab meinem geheimen Wunſche nicht nach, es zu thun. Weder Du, noch Papa, noch irgend Jemand von unſerer Familie wußte, was zwiſchen uns vor⸗ gegangen war. Da ich den feſten Entſchluß gefaßt hatte, mich ſelbſt zu beſiegen, ſo dachte ich nicht, daß ich Unrecht thäte, wenn ich dies Geheimniß zu wahren ſuchte; hätte ich ——— geben zu können ſchienen. 102 aber an ihn geſchrieben, oder wie es meine zärtliche Schwäche wollte, ſeinen lieben Brief behalten, ſo würde mein Gewiſſen meine Leiden noch geſteigert haben. So lange dies frei und ſchuldlos war, konnte ich immer noch Deinem Blicke und Deinem Lächeln begegnen und Deinen Kuß erwidern, ſo ſehr ich auch fühlte, daß mir das Herz brechen würde; aber wenn ich Dich ſo hintergangen, wenn ich ſo ſehr meine Pflicht aus den Augen geſetzt hätte, mit ihm in Briefwechſel zu tre⸗ ten, ohne daß Du es wußteſt, dann würde der Troſt Deiner Liebe mir für immer entflohen ſein.“ „Und hatte meine Emmeline wirklich Entſchloſſenheit genug, jenen Brief zu vernichten?“ fragte Mrs. Hamilton, und Erſtaunen miſchte ſich in die Bewunderung und Achtung, welche die Mutter für ihr Kind fühlte. „Es war meine Pflicht, Mutter, und ich erfüllte ſie,“ erwiderte Emmeline mit einer Einfachheit, welche die Augen ihrer Mutter mit Thränen füllte.„Hätte ich wirklich die Grundſätze vergeſſen können, die Du mir von früheſter Kind⸗ heit an einzuflößen ſuchteſt?“ Mrs. Hamilton ſchloß ſie an ihre Bruſt und drückte Küſſe der zärtlichſten Liebe auf ihre farbloſe glühende Stirn. „Ja,“ rief ſie aus,„meine Bemühungen ſind reichlich be⸗ lohnt, o daß meine Liebe Deine Sorgen beſchwichtigen könnte, wie Deine wandelloſe kindliche Liebe und Dein Pflicht⸗ gefühl mich beruhigt haben. Willſt Du um meinetwillen dieſe ſchmerzlichen Bemühungen, Dich ſelbſt zu beſiegen, die Du aus bloßem Pflichtgefühl anfingſt, fortſetzen, willſt Du das Herz Deiner Mutter erfreuen und mir den Troſt gönnen, bald wieder meine heitere, glückliche Emmeline in Dir zu ſehen?“ „Ich will's verſuchen,“ flüſterte Emmeline, indem ſie zu lächeln ſuchte, aber ach, es war ſo wenig ihr ſonſtiges Lächeln, es war ſo trüb und ſchwach, daß Mrs. Hamilton ſich raſch abwandte, um ihre Erſchütterung zu verbergen. In dieſem Augenblicke rief die Glocke zu Tiſche, und Emmeline ſprach in ihrer Miene eine Bitte aus, der ihre Lippen keine Worte Ihre Mutter verſtand ſie. — N MW*— — 103 „Ich will nicht verlangen, daß Du zu Tiſche kommſt, liebes Kind. Mache kein ſo trauriges Geſicht, Du wirſt dieſe Aufregung früher und beſſer allein überwinden, und Du haſt mich mit ſo großem Vertrauen zu Dir erfüllt,“ fügte ſie hinzu, indem ſie zu lächeln ſuchte,„daß ich Dich nicht auffordern werde, Dir eine Anſtrengung aufzuerlegen, der Du Dich nicht gewachſen fühlſt, ſelbſt wenn Du den ganzen Abend allein zu ſein wünſchteſt. Ich weiß, meine Emmeline wird ihre Einſamkeit nicht zu eitlen Klagen ver⸗ wenden.“ „Du lehrteſt mich, bei wem ich in meinen kindlichen Sor⸗ gen nach Troſt und Hülfe zu ſuchen hatte, und ich werde dieſe Lehre jetzt nicht vergeſſen, Mutter,“ antwortete Emmeline leiſe, doch ausdrucksvoll.„Laſſe mich nur einige Stunden allein ſein, und wenn ich nur dieſes Gefühl der Erſchöpfung überwinden kann, werde ich zum Thee zu Dir kommen.“ Mrs. Hamilton umarmte ſie ſchweigend und verließ ſie mit einem Herzen, das voll Zärtlichkeit ſchlug, wenn ſie an den ſanften, doch entſchiedenen Charakter ihres Kindes dachte, das ihr von Kindheit an keinen Schmerz und keine Sorge ge⸗ macht hatte. Jetzt allerdings machte es ihr Kummer, denn ach, es war nur zu klar, daß Emmeline unwandelbar liebte, daß es nicht blos eine augenblickliche Gluth, eine Leidenſchaft war, die mit dem Gegenſtande derſelben vorübergehen würde, ſondern eine Liebe, die, wie Mrs. Hamilton ahnungsvoll fühlte, fortdauern würde. Emmelinens Gemüth war nicht darnach geſchaffen, ſolche Gefühle leicht und ſorglos von ſich zu werfen; oft hatte ihre Mutter innerlich gezittert, wenn ſie dachte, daß ein ſolches Gefühl auf ihre Emmeline Einfluß gewönne, und nun war der gefürchtete Augenblick gekommen. Wie ſollte ſie handeln? Sie konnte in eine ſolche Verbin⸗ dung nicht einwilligen. Wenige Mütter beſaßen weniger Ehr⸗ geiz, als Mrs. Hamilton; wenige waren ſo nachſichtig, ſo aufopfernd gegen ihre Kinder, aber es würde eine Thorheit geweſen ſein, die fieberhaften Wünſche des armen Mädchens zu erfüllen. Arthur hatte ſich verpflichtet, während der Zeit ſeines Aufenthaltes in Deutſchland, die damals auf drei Jahre 3 3 104 beſtimmt war, bei Lord Louis Lyle zu bleiben. Der junge Myrvin hatte, das wußte ſie, keine Zukunft; aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach mußten Jahre vergehen, ehe er eine ſo gute Stelle bekommen konnte, um eine Frau und eine Familie an⸗ ſtändig ernähren zu können; und würde es nicht größere Grauſamkeit geweſen ſein, Emmeline in banger Hoffnung fortleben zu laſſen, als ſogleich an ihre Vernunft Berufung einzulegen und ſie zu bitten, bei der Liebe zu ihren Eltern dieſen ſchmerzlichen Sieg über ſich zu ringen, da ſie ihre Ein⸗ willigung nicht geben könnten? Es war ihr allerdings ſchmerz⸗ lich, das Leid ihres bekümmerten Kindes auf ſolche Weiſe vergrößern zu müſſen, doch war es der beſte Weg; denn hätte ſie verſprochen, ihre Einwilligung zu geben, daß ſie die Seine werden ſollte, wenn er ſie ernähren könnte, ſo würde das zwar für den Augenblick geholfen haben, aber es würde nur der Anfang eines unglücklichen Lebens geweſen ſein; ihre Jugend würde in der banger Sorge getäuſchter Hoffnung verwelkt ſein und dies würde auf die Dauer ihr größeren Schmerz bereitet haben, als wenn ſie ihr dies kurze und gewiſſe Leid zufügte. Die Herzen beider Eltern waren bekümmert, wenn ſie daran dachten, was ſie alles gelitten hatte, und was ſie für kurze Zeit noch leiden mußte, aber als ſie einmal den Weg erkannt hatten, den die Pflicht ihnen vorſchrieb, wichen ſie nicht davon ab, ſo ſchmerzlich es ihnen auch war. Mrs. Hamilton hatte Recht. Emmeline brachte ihre ein⸗ ſamen Stunden nicht mit eitlen Klagen zu, ſie ſuchte ſich zu ſammeln, die Laſt ihrer Sorgen Dem anzuvertrauen, der ſie ihr in ſeiner Liebe und Gnade auferlegt hatte, und ſie that es mit jenem reinen, einfachen, ſchönen Glauben, der ihr ſo eigen war, und eine Ruhe beſchlich endlich ihren ermüdeten Geiſt und ihren erſchöpften Körper, die ſie im Schlaf lullte, wäh⸗ rend ihre Lippen noch beteten. Nach einſtündigem Schlafe erwachte ſie und ihr Gemüth war gefaßt, wiewohl ſie körper⸗ lich noch fieberte. Das Gebet hatte ſeinen beruhigenden Ein⸗ fluß geübt, aber dieſe Ruhe war mehr die Windſtille nach einem Sturme, als ein natürliches Gefühl, und ſie fühlte es und fürchtete ſehr die Rückkehr des geiſtigen Kampfes, wie —— 105 Kranke die periodiſchen Anfälle ihres Schmerzes erwarten. Sie faßte den Vorſatz, der Erſchöpfung, die ſie immer noch fühlte, nicht nachzugeben. Sie begab ſich zum Thee, aller⸗ dings immer noch bleich, aber vollkommen gefaßt, und ſie lächelte ſelbſt ihren Vater an, der raſch aufſtand, als ſie matt und unerwartet in das Zimmer trat, und ſie zärtlich an ein Sopha führte, ſie nöthigte, ſich niederzulegen, und indem er ſich mit jener beruhigenden Zärtlichkeit, die ſie ſo ſehr liebte, über ſie beugte und ſich für den ganzen Abend an ihre Seite ſetzte, wiewohl er an der Unterhaltung über verſchie⸗ dene Gegenſtände, die Miß Hamilton und Ellen nicht fallen laſſen zu wollen ſchienen, theilnahm und ſie öfter daran Theil zu nehmen veranlaßte. Einmal im Laufe des Abends hatte Emmeline ihrem Vater flehend ins Geſicht geſehen, und dieſe rührende ſtille Beredſamkeit ſagte Alles, was ſie ſagen wollte, weit eindringlicher als Worte. „Das Recht ſoll walten, meine Emmeline,“ erwiderte er, indem er ſie ſanft an ſich zog und ſo leiſe ſprach, daß ſie es nur allein hörte.„Ich bin hart und vorurtheilsvoll ge⸗ weſen. und habe mich blindlings von einem verhältnißmäßig Fremden täuſchen laſſen, aber ich verſpreche Dir, Alles in unpartheiliche Erwägung zu ziehen. Ich habe dem unglück⸗ lichen jungen Manne großes Unrecht gethan, denn ich hätte mich erinnern ſollen, daß ſein Vater viele Feinde hat, und dieß mag einer von ihnen ſein, der ihm aus Rache zu ſchaden ſucht. Ich danke Arthur Myrvin für ſeine Nachſicht gegen mich, für ſein wahrhaft edles Benehmen gegen Dich— ſie können beide nur auf rechtſchaffenen Grundſätzen beruhen. Mrs. Langford hat Alles beſtätigt, was Du erzählteſt, und hat mir noch viele kleine Umſtände mitgetheilt, die Jefferies“ Charakter und ſeine gemeinen Ränke leicht ergründen laſſen werden, wenn ich ſie bei genauer Unterſuchung auf Wahr— heit begründet finde. Myrvin's Charakter ſoll von allem Verdacht gereinigt werden, wenn es in meiner Macht ſteht, mein liebes Kind; verlaſſe Dich eben ſo ſicher auf mein Ver⸗ ſprechen in dieſer Beziehung, wie ich auf das Deine vertraue, daß Du dann weiter nichts verlangen willſt.“ 106 Emmeline hatte ihren Kopf an ſeine Schulter gelegt; er hatte bemerkt, welche Erleichterung, welche Dankbarkeit ihr liebes Geſicht während ſeiner erſten Worte ausſprach, aber als er ſchloß, verbargen ſich ihre Augen an ſeine Bruſt, und er konnte nicht mehr darin leſen. Es war gut für die Fortdauer ſeines Entſchluſſes, daß es ſo war, denn die Verzweiflung, die ſich in jedem Zuge ihres Geſichts ausſprach, als er ſeine Rede ſchloß, würde ihn in der tiefſten Seele bekümmert haben. Wiewohl ihre Eltern Emmelinen zuredeten, ſich zeitig zu Bett zu begeben, ſo that ſie es doch erſt zur gewöhnlichen Stunde der Trennung nach dem Gebet. Ellens ſtumm be⸗ obachtendes Auge bemerkte, daß ſie nicht gern allein ſein wollte, und dieſer Gedanke verfolgte ſie ſo unaufhörlich, daß ſie, anſtatt ſich zur Ruhe zu begeben, in das Zimmer ihrer Couſine ging. Emmeline war allein, hatte ſich entkleidet und trug ein großes Umſchlagetuch über ihrem Schlafanzuge; aber anſtatt zu leſen, wie ſie es zu dieſer Stunde gewöhn⸗ lich that, lehnte ſie zerſtreut am Kamin und drückte ihre Hände an die Schläfe, während die flackernde Flamme einen rothen unnatürlichen Schein auf die bleichen Wangen warf. Ellen trat näher, aber ihre Couſine regte ſich nicht, und in⸗ dem ſie neben ihr niederkniete, mnſhlu 5 Emmeline mit ihren Armen. „Willſt Du nicht zu Bett gehen, tiebſte nelne Es iſt ſo ſpät und Du biſt heute ſo furchtbar aufgeregt geweſen. Sieh mich an und ſprich, meine liebe Couſine, ſonſt werde ich denken, daß es Dich verletzt hat, daß ich ſo viele Stunden habe vorübergehen laſſen, ohne zu Dir zu während ich wußte, daß Du ſo leidend warſt. O Du weißt nicht, wie ſehr ich mich geſehnt habe, Dich zu beſuchen, aber meine Tante ſagte, Du hätteſt gebeten, allein bleiben zu dürfen. Ich ſtand einige Stunden an Deiner Thür, aber es war alles ſo ſtill, daß ich dachte, es würde Dich ſtören, wenn ich einträte. Du beſchuldigſt mich nicht der Unfreundlichkeit, Emmeline?“ Aufgeweckt durch die zärtlichen Worte und die bittende — —— M — — W— N— —— — —————— 107 Stimme ihrer Couſine, widerſtand Emmeline ihrer Um⸗ armung nicht, ſondern klammerte ſich ſchweigend an ſie. „Du biſt krank, ſehr krank, liebſte Emmeline, bleib nicht ſo ſizen; um meinetwillen und Deiner Mutter willen ver⸗ 3 es, ob nicht der Schlaf dieſen Kopfſchmerz erleichtert, rief Ellen aus, die über die glühende Hitze und den raſchen Pulsſchlag von Emmelinens Stirn, die an ihrer Schulter ruhte, ſehr beunruhigt war. „Ich kann nicht ſchlafen, Ellen, es iſt vergebens, es zu verſuchen. Es iſt mir zu Muthe, als wenn meine Augen ſich nie wieder ſchließen wollten, als wenn ſeit voriger Nacht Jahre über mein Haupt dahin gezogen wären. Ich dachte, ich könnte nicht elender ſein, als ich es war, da wir ſchieden, und als ich ſeitdem geweſen bin, aber das war nichts— nichts dagegen. Ich dachte, ich hätte keine Hoffnung gehegt, denn ich wußte, daß es vergebens ſei, aber nun, nun fühle ich, daß ich es doch gethan haben muß, und ihre gänzliche Vernichtung beugt mich zur Erde nieder. O warum bin ich ſo verändert! Einſt war ich ſo froh, ſo frei, ſo voll Hoffnung, und blickte eben ſo glücklichen Tagen entgegen, wie die vergangenen geweſen waren, und was bin ich jetzt, und was iſt das Leben? Ein Zuſtand, dem alles Glück ent⸗ flohen und das im Gegenſatz zur Vergangenheit von um ſo düſtreren Schatten umhüllt iſt.“ „O ſprich nicht ſo,“ erwiderte Ellen, die durch den ver⸗ zweifelten Ton, in dem dieſe Worte geſagt wurden, faſt zu Thränen gerührt war.„Du biſt der Segen, der Troſt Deiner Eltern, Deiner Brüder, Aller, die Dich kennen, da⸗ her ſage nicht, daß Dein Leben freudlos ſei; ſeine ſchönſte Blume, ſein köſtlichſter Edelſtein mag verloren gegangen ſein, aber ſeiner Zeit werden andere erblühen, um dieſe Lücke auszufüllen. Du, derrn Gegenwart Andern ſolche Freude bringt, auch Du wirſt glücklich ſein. Du kannſt nicht lange ſo elend bleiben, wenn Du fühlſt, welche Macht Du haſt, um ſo viele von Deinen Mitgeſchöpfen glücklich zu machen, Du biſt jetzt krank, erſchöpft, und deshalb ſieht alles um Dich herum ſo düſter und ſchmerzlich aus, doch wenn Deine 108 Krankheit vorüber iſt, wirſt Du den Troſt nicht von Dir weiſen, der Dir noch geblieben. Haſt Du nicht ein gutes Gewiſſen, das Dich aufregt hält, das Bewußtſein, daß Du den Eltern, die Du ſo zärtlich liebſt, Deine Liebe und Dank⸗ barkeit bewieſen haſt, und glaubſt Du, daß Er, der mit väter⸗ lichem Auge auf den ſchwächſten Verſuch ſeiner Geſchöpfe ſieht, der um ſeinetwillen und in ſeinem Geiſte gemacht wird, dieſe Bruſt ohne Hilfe laſſen wird? Nein, meine Liebſte, er wird Dir beiſtehen und Dich ſtärken, er kann ſelbſt dieſer bittern Prüfung ihren Stachel nehmen.“ „Ich weiß es, ich fühle es,“ flüſterte Emmeline, indem ſie ſich immer noch an ihre Couſine klammerte, als wenn ſie in ihren Worten und in ihrer Gegenwart Troſt fände.„Ich weiß wohl, daß dieſe Prüfung an ſich nichts iſt, im Ver⸗ gleich mit denen, die in dieſer Stunde Tauſende meiner Mitmenſchen zu ertragen haben, und da ich dies weiß, ſo fühle ich mich nur um ſo elender, denn wenn ich ſo klage, wie darf ich hoffen, Erhörung meiner Gebete zu finden?“ „Dennoch zweifle nicht daran, meine liebe Emmeline, unſer Vater im Himmel urtheilt anders als der Menſch; der Menſch könnte dieſe ſcheinbare Schwäche verdammen, aber er thut es nicht, denn er kennt die perſönliche Kraft ſeiner Geſchöpfe, und darnach züchtigt er voll Liebe und Gnade. Er weiß, daß dies eine ſchwere Prüfung für ein ſo junges und zartes Mädchen iſt, und wenn Du Dein Herz zu ihm erhebſt, ſo zweifle nicht, daß Dein Gebet zu ſeiner Zeit Erhörung und Dein Schmerz Linderung finden wird. Ich fürchte, meine Worte klingen kalt, aber ich wünſchte Dich troſten zu können,“ und Thränen zitterten in Ellens Augen. „Und Du tröſteſt mich auch, Ellen, o ich fühle mich nicht ſo elend, wenn Du in meiner Nähe biſt, als wenn ich allein bin, wiewohl ſelbſt Du den Umfang meiner Leiden nicht errathen kannſt. Du weißt nicht, was Liebe heißt, und doch keine Hoffnung hegen zu dürfen, nein— keine,“ wiederholte ſie in flüſterndem Tone, als wenn ſie ſich über⸗ zeugen wollte, daß ſie wirklich keine Hoffnung habe, wie ſie geſagt; und es war nicht zu verwundern, daß ſie mit ihren Worten beſchäftigt nicht bemerkte, daß Ellens Wange plötz⸗ lich in tödtlicher Bläſſe mit der ihrigen wetteiferte; daß ihre Thränen getrocknet waren, als wenn ſie in dieſen großen dunkeln Augen, die mit einem Ausdruck auf ſie gerichtet waren, den ſie, wenn ſie denſelben geſehen, ſchwer verſtändlich gefunden haben würde, zu Eis geworden wären; daß die bleiche Lippe einige Minuten ſo bebte, daß ſie nicht ſprechen konnte, wie ſie gewollt hatte. „Geh zu Bett, liebſte Emmeline, Du darfſt wirklich nicht länger aufbleiben,“ ſagte Ellen endlich, indem ſie ihre Couſine zärtlich umſchlang und ſie auf die Wangen küßte. „Als ich krank war, wollteſt Du mir immer befehlen,“ fuhr ſie ſcherzend fort,„und ich war immer gut und folgſam; willſt Du nicht nach Deinem eignen Grundſatze handeln und mir nun Folge leiſten? Denke an Deine Mutter, wie beſorgt fie ſein würde, wenn Du krank wäreſt; ich verlaſſe Dich nicht eher, als bis Du ſchläfſt.“ 4 „Nein, nein, liebe Ellen, ich will Deine Güte nicht ſo mißbrauchen, ich will zu Bett gehen; ich habe Unrecht ge— than, ſo lange aufzubleiben, während ich Mama verſprach, alles zu thun, was in meinen Kräften ſtände, aber Du, Ellen, darfſt nicht bei mir bleiben. Ich fühle mich ſo er— ſchöpft, daß ich vielleicht raſcher ſchlafe, als ich erwarte, aber ſelbſt, wenn es nicht der Fall iſt, darfſt Du nicht auf⸗ bleiben.“ „Es thut nichts, liebe Couſine, ſei hübſch folgſam, und ich werde es vielleicht ebenfalls lernen,“ erwiderte Ellen ſcherzend, wiewohl ihre Wange ihre Bläſſe behielt. Emme⸗ line widerſtrebte nicht länger, und bald hatte Ellen den Troſt, ſie im Bett und ihre Augen geſchloſſen zu ſehen, als wenn ſie hoffte, einſchlafen zu können; aber nach einigen Minuten öffneten ſie ſich wieder, und da ſie ſah, daß Ellen bei ihr wachte, ſagte ſie:„Du wirſt am beſten thun, Ellen, mich zu verlaſſen, ich werde nicht ſchlafen können, wenn ich den⸗ ken muß, daß Du bei mir wachſt und Deine eigene Nacht⸗ ruhe opferſt. Ich bin nicht krank, meine liebe Couſine, ich 110 bin nur unglücklich, und das wird vielleicht nach einer kur⸗ zen Zeit wieder votübergehen, wie es heut Nachmittag der Fall war.“ Ellen küßte ſie noch einmal, ſchloß die Vorhänge und gehorchte ihr inſofern, als ſie ſich in ihr Zimmer, aber nicht in ihr Bett begab, ſie war viel zu unruhig, um dies zu thun. Emmeline war ſeit einigen Monaten ſehr leidend geweſen, und es ſchien ihren beobachtenden Auge, daß, nachdem durch die Entdeckung ihres lange bewahrten Geheimniſſes die Urſache ihrer Aufregung entfernt ſei, ihre Geſundheit wirk⸗ lich gelitten habe und ſie körperlich wie geiſtig krank ſei. Die Gluth ihrer Stirn und ihrer Hand, der raſche Puls⸗ ſchlag ihrer Schläfe hatten ſie als Zeichen des Fiebers beun⸗ ruhigt, und Ellen beſchloß mit jener ruhigen und raſchen Entſchiedenheit, welche jetzt einen ſo hervorragenden Zug ihres Charakters zu ſein ſchien, in das Zimmer ihrer Cou⸗ ſine zurückzukehren, ſobald dieſelbe eingeſchlafen wäre, und die Nacht über dort zu bleiben, um ſie, wenn ſie unruhig oder ſchlaflos wäre, durch ihre Gegenwart einigermaßen zu tröſten, und wenn die Fieberzeichen fortdauerten, beim erſten Morgengrauen nach Maitland zu ſchicken, ohne ihre Tante zu beunruhigen. „Du biſt nicht zur Sorge geſchaffen, meine Emmet itie“ ſagte ſie bei ſich, indem ſie ſich zu ihrem nächtlichen Beſuche tene und wärmere Kleider anzog. O gebe Gott, daß Dein Schmerz bald vorübergehe, ich kann es nicht ertragen, Dich ſo bekümmert zu ſehen, während Du zur Freude ge⸗ ſchaffen biſt. Meine eignen Sorgen kann ich ertragen, ohne durch ein Zeichen zu verrathen, daß ich innerlich leide, ich bin von früheſter Kindheit an geprüft worden, und es würde wirklich ſeltſam ſein, wenn ich nicht ſchiene, wofür Du mich hältſt. Ich weiß nicht, was Liebe iſt! Ich ſoll den Schmerz der völligen Hoffnungsloſigkeit nicht kennen, der meine arme Couſine niederbeugt! Ach Emmeline, Du kennſt ſolche Hoffnungsloſigkeit wie die meine nicht, ſo düſter Deine Aus⸗ ſichten ſind; Du kannſt die Theilnahme, die Liebe, den Troſt aller Derjenigen anſprechen, die Dir theuer ſind, Du brauchſt 111 nicht Deine Liebe zu verbergen, ſo unglücklich ſie iſt, denn ſie wird erwidert, Du wirſt geliebt; aber mein Herz muß im Geheimen verbluten, denn kein ſolcher Troſt begleitet ſeine verlorene Ruhe. Ich darf nicht nach Theilnahme ſuchen, oder ſagen, daß ich liebe; aber warum hänge ich dieſen Ge— danken nach?“ und ſie erſchrak, als wenn Jemand ihr kaum hörbares Alleingeſpräch gehört haben könnte.„Es iſt das Lvos der Frauen, zu leiden, das Loos der Männer, zu han⸗ deln, und das muß auch mein Loos ſein, und ich muß ſtill tragen, denn ſelbſt die Theilnahme meiner liebſten Verwand⸗ ten darf ich nicht in Anſpruch nehmen. O warum ſchäme ich mich, einen ſo guten, ſo erhabenen, ſo frommen Jüngling zu lieben, weil er mich nicht liebt, außer mit Bruderliebe, und weil ich weiß das er eine Andere liebt?“ Der zarte Körper der Waiſe erbebte vor innerem Kampfe; es gab Zeiten in ihren einſamen Stunden, wo ſolche Gedan⸗ ken ſich einſtellten, trotz aller ihrer Anſtrengungen, ſie zu ver⸗ treiben, und es gab nur einen Weg, jene Selbſtbeherrſchung zu behaupten, deren ſie ſo ſehr bedurfte und die ſie ſo be— ſtändig übte, bis ſie ihr zur zweiten Natur wurde. Sobald ſie bemerkte, daß ihre Gefühle ein ungebührliches Ueberge⸗ wicht erlangt hatten, ſank ſie auf ihre Knie und ergoß ſich in inbrünſtigen herzlichen Gebeten, den Ausflüſſen eines zer⸗ knirſchten Geiſtes, welche der Macht und der Gnade ver⸗ traute, an die er ſich wandte. Ihr Kummer verſchwand, und jedes Zeichen der Aufregung hatte ihr Geſicht verlaſſen, als ſie ihren Entſchluß in Ausführung brachte und zu ihrer Couſine zurückkehrte. Emmeline war unruhiger und fieberhafter aus ihrem kurzen Schlummer erwacht, als da ſie ihr Lager aufgeſucht hatte, und da ſie ſich in dem nervöſen und bangen Zuſtande befand, der der Nähe des Fiebers vorhergeht, ſo widerſetzte ſich das arme Mädchen nicht länger dem Entſchluſſe Ellens. Indem ſie ihre Hand zwiſchen die ihrigen nahm, die nun vom Fieber brannten, dankte ſie ihr mit gebrochener ſchwacher Stimme, daß ſie bei ihr geblieben ſei, und verſicherte ihr, daß ſie ſich nicht ſo krank oder unglücklich fühle, als wenn 112 ſie allein geblieben wäre. So beſorgt Ellen war, ſo wollte ſie ihre Tante doch nicht wecken, aber beim erſten Morgengrauen trat ſie leiſe in das Zimmer der Haushälterin, und es ge⸗ lang ihr ſie zu wecken, und ſie theilte ihr Emmelinens fieber— haften Zuſtand mit und bat ſie, nach Maitland zu ſenden. Ellis ſtand raſch auf, begleitete Ellen nach dem Zim⸗ mer ihrer Couſine und entſchied ſich, ihre Bitte augenblick⸗ lich zu erfüllen. Das Geſinde war bereits auf den Beinen, und es wurde ſogleich ein Diener abgeſchickt; aber wiewohl Ellen in dieſem Punkte beruhigt war, ließ ſie ſich doch von der guten Haushälterin nicht erbitten, ſich einige Stunden zur Ruhe zu legen; ſie hatte den Vorſatz gefaßt, ihren Poſten an dem Bett der Kranken Niemand als ihrer Tante zu über⸗ laſſen. Ellis ſtand⸗ von ihrem Verlangen ab, denn ein Wort von ihrem Liebling, was Ellen durch mancherlei Um⸗ ſtände geworden war, war immer für ſie genügend. Mrs. Hamilton und Mr. Maitland trafen ſich an Em⸗ melinens Thür zum Erſtaunen und zuerſt zur Beruhigung der erſtern, die ſich indeß bald verhältnißmäßig erleichtert fühlte, als ſie Ellens raſche Erzählung hörte, wiewohl ihre Sorge noch im hohen Grade zurückblieb, und zwar mit eini⸗ gem Grunde, denn Ellens Befürchtungen waren nicht unbe— gründet. Emmelinens Fieber nahm raſch zu, und eine Woche ſaßen ihre Eltern an ihrem Bett und verzweifelten faſt an ihrer Wiedergeneſung. Ihr zärtliches Herz brach faſt, wenn ſie ihre ſüße Stimme in den wilden Tönen des Fiebers Arthur's Namen ausrufen hörten und wenn ſie um ihre Einwilligung und ihren Segen bat, damit ſie wieder geſund würde; und kaum weniger ſchmerzlich war es, wenn man ſie in ihren lichten Stunden die Hand ihrer Mutter wiederholt ergreifen ſah und ſie mit einer vor Schwäche unverſtänd⸗ lichen Stimme flüſtern hörte:„Aengſtige Dich nicht um mich, meine liebe Mama, ich werde bald wieder geſund werden und aufs neue Deine glückliche Emmeline ſein. Ich kann nicht elend ſein, wenn Du und Papa und Ellen mich ſo zärt— lich lieben,“ und dann unſchlang ſie den Hals ihrer Mutter und küßte ſie, bis ſie an ihrer Bruſt in Schlaf ſank, wie ſie . 113 es in ihrer Kindheit oft gethan hatte, und das gute Mädchen wurde in dieſen Leidensſtunden Allen, die ſie ſchon vorher ſo zärtlich geliebt hatten, nur noch theuer; ſie hätten es faſt für unmöglich gehalten, daß ihre Liebe auf irgend eine Weiſe geſteigert werden könnte, und dennoch war es ſo. Es mußte ein ſeltſames Herz ſein, welches ein Weſen, wie Emmeline, es umklammern ſehen und dennoch ungerührt und kalt blei⸗ ben konnte, und überdies lag in Emmelinens Zuſtand gei⸗ ſtiger Schwäche etwas eigenthümlich Rührendes. Ihre Eltern fühlten, daß ſie die Veranlaſſung des Schmerzes waren, der ſie auf das Krankenlager geworfen hatte, und dennoch klam⸗ merte ihr Kind ſich an ſie an, als wenn ſie in der Inbrunſt ihrer Liebe zu ihnen ihre unglückliche Liebe zu vergeſſen und wieder glücklich zu werden ſuchen wollte. Die Zeit verfloß langſam, und es dauerte einige Wochen, ehe Emmeline ſo weit wieder hergeſtellt war, um das Zim⸗ mer verlaſſen zu können; und dann waren ihre bleichen Züge und ihr geſchwächter Körper ſo beſtändige, redende Zeichen ihres geiſtigen und leiblichen Fiebers, daß Mrs. Hamilton ſie nicht ohne Schmerz anſehen konnte. Sie war innerlich noch immer voll Unruhe, wiewohl ſie offenbar heiter zu ſein ſtrebte, und Mr. Maitland, dem einige nothwendige Punkte ihrer Erzählung mitgetheilt worden waren, ſprach ſeine Meinung dahin aus, daß immer noch ein geheimer Kummer auf ihrem Gemüthe laſte, der entfernt werden müßte; und die eigent⸗ liche Urſache dieſes Kummers erkannten ihre Eltern ſehr leicht. Mr. Hamilton, der bei ihrem zarten Geſundheitszu⸗ ſtande die Folgen der Aufregung fürchtete, hatte es unter⸗ laſſen, ihr mitzutheilen, was er während ihrer Krankheit zu Gunſten des jungen Myrvin gethan; als er aber Mr. Mait⸗ land's Urtheil hörte, waren ihre Eltern überzeugt, daß ſie ſich nach den bezüglichen Nachrichten ſehnte, und er beſchloß daher, ſie ſofort zu beruhigen. Mit der äußerſten Zartheit und Vorſicht ſpielte Mr. Ha⸗ milton auf den Gegenſtand an, und indem er ſich zu ihr ans Bett ſetzte, fragte er ſie ſcherzend, ab ſie ihm verſprechen wollte, um ſo raſcher wieder geſund zu werden, wenn er ihr Der Lohn einer Mutter. II. 5 8 114 die angenehme Botſchaft brächte, daß Arthur Myrvin's guter Ruf wieder hergeſtellt ſei, daß er ſeinen Feind entdeckt habe, daß ſeine Ränke ſich herausgeſtellt hätten, daß er ſelbſt das Dorf habe verlaſſen müſſen, und daß die ganze Bevölkerung jetzt eben ſo leidenſchaftlich für Arthur eingenommen ſei, wie ſie früher gegen ihn geweſen, und daß ſie ſich ſelbſt Vorwürfe machten, in ihrer Blindheit die gegen ihn verbreiteten müßi⸗ gen Gerüchte geglaubt und unterſtützt zu haben, von denen nicht ein einziges ſoweit begründet wäre, daß es einer unpar⸗ theiiſchen Prüfung Stand halten könne. Hätten ihre Eltern daran gezweifelt, welche Laſt auf Emmelinens Gemüth gelegen, ſo würde das plötzliche Licht, das in den getrübten Augen ſtrahlte, die Röthe, die auf den bleichen Wangen flammte, die raſche Bewegung, womit ſie ihres Vaters Hand ergriff und ihm ins Geſicht blickte, als wenn ſie fürchtete, daß er ſie täuſchen wollte, die Wahrheit verrathen haben. Mit einer Stimme, die in Folge der mäch⸗ tigen Bewegung kaum hörbar war, bat ſie ihn, ihr die Ein⸗ zelheiten zu erzählen, und er willigte mit Freuden ein. Er war ihrem Rathe gefolgt und hatte die Amme Lang⸗ ford dem grundſatzloſen Manne gegenüber geſtellt, der es gewagt hatte, einen Mitmenſchen eines Verbrechens zu be⸗ ſchuldigen, das er in der That ſelbſt begangen hatte, und ſo frech er war, war er doch, im Bewußtſein ſeiner Schuld, vor der Anklage erſchrocken, die eigentlich die Anklage der Ster⸗ benden war, und indem er ſich als den eigentlichen Verbrecher bekannte, bot er ihr eine große Summe, wenn ſie das Ge⸗ heimniß wahren wollte, die, wie ſich erwarten ließ, die Wittwe unwillig zurückwies. Es war leicht zu ermitteln, daß ſeine Ränke die alte Frau, Mary's Großmutter, beeinflußt hatten, ihn für ihren Freund und Arthur für ihren Feind zu halten; der ſchwache Verſtand des armen alten Geſchöpfs unterſtützte ſeine Pläne, während die Gerüchte, die er ſchlauer Weiſe gegen den unglücklichen jungen Mann in Umlauf geſetzt hatte, ſeine Erzählung be⸗ ſtätigten. Da er keine Ahnung hatte, daß die Wittwe Lang⸗ ford dem armen Mädchen, das ſeine Schurkerei zu Grunde e⸗ g⸗ de 415 gerichtet, eine zweite Mutter geweſen war, und daß ſie wahr⸗ ſcheinlich die Wahrheit gehört haben würde, und da er nicht wußte, daß ſie an ihrem Sterbebette geſtanden hatte, ſo ver⸗ breitete er ſeine Lüge, ohne ſich ein Gewiſſen daraus zu ma⸗ chen, und er hoffte dadurch ſeinen Patronen zu dienen, Myr⸗ vin in ihrer Gunſt zu untergraben und ſich völlig ſicher zu ſtellen. Mrs. Langford fand nun, daß für ſie die Zeit ge⸗ kommen ſei, hervorzutreten und Emmeline ihr Verſprechen zu erfüllen, die Unſchuld des jungen Myrvin beweiſen zu wollen, aber ſie wußte nicht, wie ſie es anfangen ſollte. Es war ihr daher ſehr angenehm, als Mr. Hamilton zu ihr kam und ſie fragte, und ſie verſprach ſeine Befehle getreulich zu erfüllen, nur bitte ſie, Mr. Myrvin's guten Ruf wieder herzuſtellen und den Pachter Jefferies aus dem Dorfe zu vertreiben, das, ſeitdem er ſich dort niedergelaſſen, ein Schau⸗ platz der Unordnung und Verwirrung geworden ſei; und ſie geſtand offen auf eine Frage Mr. Hamilton's, daß ſie um Mrs. Emmelinens wegen ſo beſorgt ſei; ſie ſei überzeugt, daß ſie an Mr. Myrvin's Schickſal Antheil nehme, und deß⸗ halb habe ſie das unglückliche Schickſal der armen Mary Brookes erzählt, um ihr zu beweiſen, daß der junge Mann ſeine Pflicht gethan habe. Die gute Wittwe hatte durch ſtillſchweigende, aber ſcharfe Beobachtung noch viele andere augenfällige Beweiſe von Jef⸗ ferie's ſchlechtem Betragen ausfindig gemacht, und hatte auch den überzeugenden Beweis geliefert, daß der junge Vikar ſein Amt nicht ſo vernachläſſigt, wie ihm nachgeſagt worden war. Sie theilte nun alle ihre Ermittelungen ihrem Herrn mit, der ſich ihrer nach Gutdünken bedienen ſollte, und ſie verſprach jeden Augenblick beſtätigen zu wollen, was ſie ge⸗ ſagt habe. Mr. Hamilton prüfte ſorgfältig die einzelnen Umſtände, überlegte kurze Zeit, welche Handlungsweiſe er einſchlagen wollte, und verſammelte endlich die vornehmſten Dorfbewohner in der Gemeindeſchule um ſich, theilte ihnen die wichtigſten Thatſachen, die er geſammelt hatte, mit und bat ſie um ihr unpartheiiſches Urtheil. Er geſtand, daß auch er gegen Mr. Myrvin eingenommen geweſen ſei, und deſſen 8* Leben, ſo lange er unter ihnen geweſen, mancherlei Umſtände zu einem unglücklichen gemacht hätten, daß er aber nun von Herzen ſeine Ungerechtigkeit bereue, denn er ſei überzeugt, daß der größte Theil Deſſen, was gegen ihn ausgeſagt wor⸗ den, unwahr ſei. Er bewies, daß die üblen Gerüchte von Jefferies ausgegangen ſeien, und er bat ſie, in Erwägung zu ziehen, ob ſie die Worte eines Mannes, gegen den ſo viele Zeugniſſe ſeiner Nichtswürdigkeit vorlägen, immer noch wie ſonſt wahr halten könnten, oder ob ſie wirklich im Stande wären, zu beweiſen, daß ſich ihr junger Vikar in Wahrheit der Vergehen ſchuldig gemacht hätte, deren er angeklagt worden ſei. Mr. Howard, der zugegen war, unterſtützte ſeine Worte, erkannte an, daß er ebenfalls gegen Mr. Myrvin eingenom⸗ men geweſen ſei, und fügte hinzu, daß er ſich nicht eher be⸗ ruhigt fühlen könnte, als bis er dies offen bekannt und ſeinen jungen Freund um Verzeihung gebeten habe, daß er ihm ſolches Unrecht angethan. Nichts iſt raſcher und vollſtändiger, als der Wechſel in den Anſichten des Volks. Die Schändlichkeit Jefferies', daß er ſein eigenes Verbrechen einem Unſchuldigen aufgebürdet, war den ehrlichen, ſchlichten Landleuten vollkommen genü⸗ gend; ſie verurtheilten ſich ſogleich ſelbſt, was ſie vielleicht nicht ſo bereitwillig gethan haben würden, wenn ihnen nicht Mr. Hamilton und ihr Pfarrer mit gutem Beiſpiele voran⸗ gegangen wären, und ſie vertheidigten und entſchuldigten Mr. Myrvin nicht nur vollſtändig, ſondern brachten auch in unglaublich kurzer Zeit ſo viele Anekdoten von der treuen Pflichterfüllung des jungen Mannes bei, daß, hätte nicht Mr. Hamilton die Leidenſchaftlichkeit der Volksgefühle ge⸗ kannt, die kleinen Mängel, die immer noch zurückblieben, wiewohl ſie durch die Erinnerung der geiſtigen Qualen ent⸗ ſchuldigt wurden, an denen Myrvin gelitten hatte, ohne Zweifel ebenſo vollſtändig verſchwunden ſein würden, wie die dunklen Schatten, die ſich an ſeinen Ruf geheftet hatten. In der Ueberzeugung, daß Arthur's Seelſorge, wie ſein Benehmen in andern Dingen, ganz anderer Art geweſen ſei, d 117 als ihm nachgeſagt worden, konnten ſich Mr. Howard und Mr. Hamilton nicht eher beruhigt fühlen, als bis ſie an ihn geſchrieben, offen ihre Ungerechtigkeit bekannt und ihn um Verzeihung rückſichtlich der Vergangenheit gebeten hatten, und ſie fügten die Verſicherung hinzu, daß, wenn ſein Be⸗ nehmen ſo beifällig bliebe, wie es gegenwärtig ſei, er immer in ihnen aufrichtige und thatkräftige Freunde finden würde. Mr. Hamilton fühlte, daß er dem jungen Manne viel, ſehr viel zu ſagen habe, aber er war einigermaßen in Ver⸗ legenheit, in welcher Weiſe er es thun ſollte. Er konnte nicht von ſeiner Tochter ſprechen, und dennoch hatte Myr⸗ vin's Benehmen gegen ſie ein Gefühl der Dankbarkeit und Bewunderung erweckt, das er nicht unterdrücken konnte. Viele Väter würden nur über die Anmaßung des jungen Mannes entrüſtet geweſen ſein, aber Mr. Hamilton war weder ſo unverſtändig, noch ſo gefühllos. Er war es ſelbſt, dachte er, der unklug gehandelt, indem er ihn auf ſo vertrau⸗ ten Fuß mit ſeinen Töchtern habe treten laſſen, es ſei nicht die Schuld des Leidenden. Myrvin habe allerdings wider ſeine Pflicht gehandelt, aber Mr. Hamilton wußte recht wohl, daß es ſehr wenig junge Männer gegeben, die gehandelt haben würden wie er, da er wußte, daß ſeine Liebe mit aller Schwär⸗ merei und Hingebung eines Gemüthes, wie das Emmelinens ſei, erwidert wurde. Wie Viele würden nur mit dieſen Ge⸗ fühlen geſpielt, ſie durch Zureden gequält haben, um ihrer Liebe willen ihre Pflicht zu vergeſſen; aber Arthur hatte es nicht gethan, und das Vaterherz ſchenkte ihm ſeine dankbare Achtung; während er die Hoffnungsloſigkeit ſeiner Liebe kannte, betrübte ihn der Kummer, den Arthur empfinden mußte, wie ihm ſeine Theilnahme ſagte. Nach längerem Nach⸗ denken, als er zu einer ſo einfachen Sache, wie einen Briefzu ſchreiben, nöthig zu haben geglaubt hätte, ging Mr. Hamilton an die Ausführung und behielt eine Abſchrift ſeines Briefes zurück, um ſeinem Kinde zu beweiſen, daß es ihm Ernſt mit der Verſicherung geweſen ſei, Arthur's Ehre wieder herſtellen zu wollen. Schmerzlich bewegt von der Erzählung, die ſie gehört hatte und von dem unerwarteten Vertrauen ihres 1 118 Vaters, warf Emmeline ihre Augen auf das Papier und las wie folgt: An den Vikar Arthur Myrvin in Hannover. Mein lieber Myrvin! Sie werden ohne Zweifel erſtaunt ſein, dieſen Brief, ſo kurz ich denſelben zu halten beabſichtige, von einem Manne zu erhalten, von dem Sie in nicht ſehr freundſchaftlicher Weiſe Abſchied nahmen, und der, ich ſage es mit Bedauern, Ihnen nur wenig Grund gegeben hat, ihn für Ihren Freund zu halten. Wenn Jemand ungerecht und von Vorurtheilen befangen geweſen iſt, ſo wird es ſeine ge⸗ bieteriſche Pflicht, ſo ſehr ſich ſein Stolz dagegen ſträuben mag, Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſteht, um in Wort und That Demjenigen, den er beleidigt hat, Genug⸗ thuung zu geben. In dieſem Falle, mein junger Freund, befinden wir uns gegenwärtig, und ich bin in Verlegenheit, wie ich am beſten mein Gefühl über Ihr ehrenvolles Benehmen und meine Ungerechtigkeit ausſprechen ſoll, die einen Grad von Härte in meinem Benehmen gegen Sie hervorrief, als wir ſchieden, die ich nun ſchmerzlich bereue. Es ſind Um⸗ ſtände in der Gemeinde, die einſt unter Ihrer Seelſorge ſtand, laut geworden, die nicht nur mich, ſondern auch Andere, die noch mehr gegen Sie eingenommen waren, überzeugt haben, daß Ihr guter Ruf durch die geheimen Ränke und die hin⸗ terliſtigen Darſtellungen eines Feindes und nicht durch die Schuld Ihres Benehmens befleckt wurde. Nachdem wir dies erfahren, bitten wir Ihr edles Gemüth um Vergebung wegen der Vergangenheit und bitten Sie, Diejenigen hinfort als Ihre aufrichtigen Freunde zu betrachten, die Sie unglückli⸗ cherweiſe mit gutem Grunde für etwas anderes zu halten be⸗ rechtigt waren. Was mich betrifft, mein lieber Myrvin, ſo zweifle ich nicht, daß Sie das thun werden, denn ich geſtehe Ihnen auf⸗ richtig, daß ich erſt jetzt Ihren Charakter wirklich kennen ge⸗ lernt habe. Als ich Sie zuerſt kennen lernte, intereſſirte ich mich für Sie als den Freund meines Sohnes und auch um . 149 Ihres Vaters willen, nun geſchieht es um Ihretwillen. Die verſchiedenen Stellungen, die wir im Leben einnehmen, die große Entfernung, welche die Umſtände zwiſchen uns ſetzen, werden Sie meine Anſicht nicht mißverſtehen laſſen, und wer⸗ den Sie abhalten, aus meinen freundlichen Worten Schlüſſe zu ziehen, die gerade das Gegentheil von Dem ſind, was ich beabſichtige. Deshalb zaudere ich nicht, zu geſtehen, daß ich Sie nicht nur achte, ſondern Ihnen auch von Herzen danke, Myrvin, daß Sie ſo ehrenhafte Gefühle gehegt haben, die Sie veranlaßten, Ihre Vikarſtelle aufzugeben und Oakwood zu verlaſſen. Ich that Ihnen Unrecht, großes Unrecht; Worte können nur ſchwach ein Unrecht wieder gut machen, wiewohl Worte die Waffe geweſen ſind, womit Ihnen das Unrecht zugefügt worden; dennoch bin ich überzeugt, Sie werden ſich nicht länger Ihrem Mißfallen hingeben, ſo na⸗ türlich es ſein würde; Sie werden ſich bereit erklären, ſich an den Vater Herbert's als Ihren bereitwilligen Freund zu wen⸗ den, wenn Sie deſſen jemals bedürfen ſollten. Glauben Sie mir, daß, wenn es in meiner Macht ſteht, Sie zu unterſtützen, Sie ſich nie vergebens an mich wenden werden. Ich höre mit Vergnügen, daß Lord Malvern Ihr guter Freund iſt, und meinerſeits werde ich es an nichts fehlen laſſen, um dieſe Freundſchaft ſo dauernd wie vortheilhaft zu machen helfen. Mrs. Hamilton läßt Ihnen ſagen, daß ich in dieſer Mittheilung meiner Gefühle auch die ihrigen geſchildert habe. Unrecht hat ſie Ihnen allerdings nie gethan, aber Bewunderung, Achtung und Dankbarkeit wohnen in ihrer Bruſt ſo aufrich⸗ tig, wie in der meinen. Fahren Sie fort, mein junger Freund, in dieſem unwandelbaren Hinblick auf die erhabenen Grund⸗ ſätze Ihres Weſens, auf die treue Erfüllung Ihrer Pflicht, trotz Vorurtheil und Verleumdung, wenn man ſich jemals wieder an Sie wagen ſollte, und Ihre Mitmenſchen werden Sie ſo warm, ſo aufrichtig achten, wie es thut Ihr aufrichtiger Freund Arthur Hamilton. 120 Emmelinens, als ſie zu leſen aufhörte, ſie gab das Papier ihrem Vater ebenſo ſtumm zurück, und indem ſie ſich von ihm wegwandte, bedeckte ſie ihr Geſicht mit den Händen. Mr. Hamilton errieth ſogleich, was in dieſem jungen und gequäl⸗ ten Herzen vor ſich ging. Er zog ſie an ſich und ſagte zärt⸗ lich:„Sprich, meine Emmeline, Du glaubſt nicht, daß er meine Gefühle mißdeuten kann, er wird nicht zweifeln, daß ſich mein Vorurtheil verloren hat?“ „O nein, nein,“ erwiderte ſie, nachdem ſie nach Faſſung gerungen,„Du haſt genug geſagt, lieber Papa, ich hätte nicht mehr erwarten können.“ Einen Augenblick hing ſie an ſeinem Halſe und bedeckte ſeine Wange mit Küſſen, dann zog ſie ſich ſanft aus ſeinen Armen zurück und verließ ruhig, aber raſch das Zimmer. Etwa eine Stunde mochte ſie weggeblieben ſein, und Mrs. Hamilton wollte ſie nicht ſtören; als ſie zurückkehrte, war keine Spur von Aufregung mehr zu ſehen. Sie war allerdings bleich und ihre Augen hatten ihren Glanz verloren, aber dies war gegenwärtig zu gewöhnlich, um darin die Wirkung einer großen Bewegung ſehen zu können, und es wurde nicht weiter beachtet, außer daß vielleicht das Benehmen ihrer Eltern und Ellens gegen ſie an dieſem Abende noch zärt⸗ licher war, als gewöhnlich. Noch einmal erwähnte ſpäter Mr. Hamilton den Namen Arthur Myrvin's, um von den freundlichen und befriedigenden Briefen zu ſprechen, die er und Mr. Howard von ihm erhalten hätten. Er wandte ſich an Ellen und ſagte ihr, daß Arthur in einer Weiſe geſchrie⸗ ben habe, die ſelbſt ihre freundlichen Gefühle gegen ihn zu⸗ frieden ſtellen würde. Emmeline miſchte ſich nicht in die Un⸗ terhaltung. Ihr Vater zeigte nicht den Willen, ſie den Brief leſen zu laſſen, und ſie unterdrückte die Sehnſucht ihres jun⸗ gen liebenden Herzens. Seit dieſer Stunde wurde der Name Arthur Myrvin in den Hallen von Oakwood nie wieder er⸗ wähnt. Er ſchien allerdings nicht gefliſſentlich von ihr ver⸗ mieden zu werden, aber dennoch wurde er nicht genannt, ſelbſt nicht von Percy und Herbert, ſowie von Karoline und Kein Wort, kein Laut kam von den glühenden Lippen — ihrem Gatten. Selbſt die Briefe von Lady Florence und Lady Emily Lyle machten ihn nicht mehr zu ihrem Haupt⸗ gegenſtande. Emmeline kannte das flüchtige Weſen der Letz⸗ teren und wunderte ſich deshalb nicht, daß ſie des Themas überdrüſſig geworden; auffälliger war es, daß Lady Flo⸗ rence den Erzieher ihres Lieblingsbruders ſo völlig uner⸗ wähnt ließ, aber ſie that es vielleicht in ihren Briefen an Ellen, und darnach hatte Emmeline nicht den Muth zu fragen. St. Eval ſprach nur von Lord Louis und ſprach die Hoff⸗ nung aus, daß er männlicher geworden wäre; aber wiewohl Emmeline zu ſolchen Zeiten wider ihren Willen ſich nach etwas Weiterem ſehnte, ſo drang doch der magiſche Name, der ihre Pulſe ſchlagen gemacht haben würde, niemals an ihr Ohr, und ihr aufgeregtes Gemüth ſank in Verzweiflung und Schwermuth, welche ſich durch die augenblickliche Aufregung, welche die Erwartung vergebens geweckt hatte, noch ſteigerte. Arthur Myrvin war über den Empfang von Briefen aus Dakwood und dem Pfarrhauſe allerdings erſtaunt geweſen. Schon der Brief Mr. Howard's gab ihm große Genugthung, der Mr. Hamilton's machte ihm noch größeres Vergnügen, zugleich aber ein ebenſo großes Maß von Schmerz. Er hatte gehofft, daß Emmeline ſeinen Brief beantworten würde. Sie that es nicht, aber er wußte, daß ihr Entſchluß zu ſeinen Gunſten thätig geweſen, und ſo große Qual es ihm verur⸗ ſachte, ſo erkannte er doch an, daß ſie klug gehandelt habe. Es lag zuviel Hingebung in Emmelinens Charakter, als daß Myrvin auch nur einen Zweifel gehegt hätte, daß ſeine Liebe erwidert würde; und wenn er an die treue Erfüllung ihrer Kindespflicht dachte, wenn er ſich an ihren Abſchied erinnerte und fühlte, daß ſie von dem Pfade, den ſie ſich vorgezeichnet, nicht abgewichen ſei, dann erwachte trotz ſeines immer noch guälenden Leidens ſeine ganze Kraft in ihm, und er faßte den Vorſatz, ihr zu gehorchen. Sie ſollte ſehen, daß ſie nicht vergebens gebeten, ſie ſollte nie über den Mann erröthen, den ſie mit ihrer Liebe beehrt hatte; er wollte Achtung zu verdienen ſuchen, ſelbſt wenn ſie ſich nie wiederſehen ſollten. Er fühlte, daß er zu ſehr das Opfer einer unglücktichen Lei⸗ 122 denſchaft geweſen, daß er durch Vernachläſſigung von Neben⸗ ſachen das Vorurtheil gegen ſich genährt und daß er dadurch die Gunſt thätiger Freunde verſcherzt yatte. Dies ſollte nicht länger ſo ſein, und Myrvin opferte ſich ſo beharrlich, ſo eifrig ſeinem Zögling, daß nicht der ſchärfſte Beobachter vermuthet haben würde, daß etwas auf dem Herzen des jun⸗ gen Mannes lag, was die Schwungkraft ſeiner Jugend ver⸗ giftete, ſein Leben der Freude beraubte. und ihn vor der Zeit alt machte. Daß Mr. Hamilton, der Vater von Emmelinen, ſich in ſeinen Gefühlen gegen ihn ſo verändert hatte, daß er ihn bewunderte und achtete, anſtatt ihn zu verdammen, das war ein Gegenſtand herzlicher Freude für ihn. Die Hoffnung würde ihre elaſtiſchen Schwingen in Bewegung geſetzt und ihn über ſich ſelbſt hinausgetragen haben, hätte nicht dieſer Brief in derſelben Stunde ſeine ſchwunghafte Phantaſie niedergeſchmettert und ſein Schickſal beſiegelt. Er konnte ſich nicht irren. Mr. Hamilton wußte alles, was zwiſchen ihm und Emmelinen vorgegangen war, und wäh⸗ rend er ſeinen Dank ausſprach, daß er, Myrvin, ſich ſo ge⸗ duldig und rechtſchaffen gezeigt, ſagte er eben ſo deutlich, daß ihre Liebe hoffnungslos ſei, daß eine Verbindung zwiſchen ihnen nie ſtattfinden könne. Myrvin hatte dies ſchon vorher gewußt, warum verſank daher ſein Herz in immer tiefere Verzweiflung, als er den Brief las? Warum waren alle ſeine Bemühungen, heiter zu ſein, ſo ſchmerzlich, ſo erfolglos? Er wußte es nicht, und dennoch kämpfte er weiter, aber Wochen, ja Monate verfloſſen, und ſein Leiden blieb immer noch unbeſiegt. Und wurde Emmeline in ihrem Aeußeren und in ihrer Le⸗ bensluſt wieder, wie wir ſie früher gekannt haben? Wurde ſie wieder ſelbſt in den Augen ihrer Mutter ein Kind? Fremde, ſelbſt manche von ihres Vaters Freunden, hätten ſie dafür halten können, aber die Mutterliebe ſuchte ſich vergebens zu täuſchen. Ihre Geſundheit kehrte zurück und damit ſchien ihre alte Schwärmerei, ihre Lebhaftigkeit wieder zu kommen. Sie gab ſich nicht ein einziges Mal der Schwer⸗ muth hin; ſie kannte nicht jene widerwillige Unterwerfung, 123 die man weniger gern ſieht als entſchiedenen Widerſtand, jene Entſagung, die ihre Quelle im Stolz, nicht in der Demuth hat, wie ihre Beſitzer glauben. Emmelinens Gehorſam war nicht der Art. Sie erfüllte ihre Pflichten als Tochter, Schweſter und Freundin, wie die gegen be⸗ nachbarte Arme, womöglich noch eifriger und beharrlicher, als vorher. Sie unterließ nicht eine einzige ihrer früheren Lieblingsbeſchäftigungen. Die vollſtändige Unſelbſtſüchtig⸗ keit ihres Weſens war noch deutlicher ſichtbar, als ſonſt, und war es daher zu verwundern, daß ſie Denen, mit denen ſie zuſammenlebte, immer lieber wurde? Ihre Eltern fühlten, daß ſie ihnen immer mehr ans Herz wuchs, und ſahen mit unausſprechlicher Sorge, daß, wiewohl ihr junges Gemüth ſo ſtark war, ihr ſchwacher Körper den beſtändigen Kampf nicht ertragen konnte. Sie klagte nie, es fehlte ihr äußer⸗ lich nichts, aber es umſchwebte ſie ein namenloſes Etwas, was ſelbſt ihre liebenden Eltern ſich nicht erklären konnten, was ſie aber zu ſehr fühlten, um ihre Furcht abſchütteln zu können, und trotz aller Anſtrengungen, den Gedanken los zu werden, beunruhigt ſie dieſes namenloſe Etwas in einer Weiſe, die ſie nur zu deutlich erkannten, über die ſie aber ſelbſt mit einander nicht ſprechen konnten. Die Zeit eilte dahin, und Herbert Hamilton, der bald ordinirt werden ſollte, hatte nicht mehr die ſchmerzlichen Ahnungen, welche ihn in den letzten drei Jahren beſtändig gequält hatten. Er fühlte ſich geſunder, als er ſeit langer Zeit geweſen war, und der Geiſt der Heiterkeit, der Hoffnung und der Freude, der in den Briefen ſeiner Mary athmete, erfüllte ihn mit denſelben ungemiſchten Gefühlen künftigen Glückes. Es lag eine Ruhe auf ſeinem jungen Gemüthe, die ſo beſeligend war, daß die Zukunft vor ihm durch keine Wolke getrübt ſchien, ſeine Hoffnung war ſo glänzend, daß ſie ein Vorgeſchmack des Himmels zu ſein ſchien, des Zieles, dem er und ſeine Mary entgegenblickten, der Heimath, die ſie mit einander aufſuchten. AuchPerey hatte in Oxford ehrenvolle Auszeichnungerlangt; ſein ſtrebſamer Geiſt würde ihm nicht geſtattet haben, ſo lange 124 auf der Univerſität zu bleiben, hätte er nicht ſeinen Bruder ordiniren ſehen wollen, ehe er die große Tour antrat, der er mit großer Luſt als dem Schlußſtein ſeiner Entziehung ent⸗ gegen ſah, und die ihn, wenn er ſie zu ſeinen Vortheil aus⸗ zubeuten wußte, in allen Beziehungen geſchickt machen ſollte, ſeinem Vaterlande im Parlament zu dienen, und nach dem er von der erſten Stunde an, wo er denken konnte, mit einer Gluth geblickt hatte, die ſich nun ſteigerte, je näher die lang⸗ erwünſchte Zeit heran kam. Die ſchmerzvolle Entfernung Cecil Graham's aus Cambridge öffnete aufs Neue die Wunde in ſeines Vaters Herzen, welche ihm Annie geſchlagen hatte, wiewohl das Benehmen Lilla's den Schmerz deſſelben ſo weit gelin⸗ dert, daß ſie hoffte, ſie mit der Zeit gänzlich heilen zu kön⸗ nen. Der leichtfinnige junge Mann hatte ſein ganzes müt⸗ terliches Vermögen verſchwendet, und benahm ſich in einer Weiſe, die ſeine Ausſchießung unvermeidlich machte. Er wollte in die Armee eintreten, und mit angſtvollem Herzen kaufte ihm ſein Vater eine Stelle in einem Regiment, das in Ir⸗ land garniſonirte, in der Hoffnung, datz er dort weniger Verſuchungen ausgeſetzt ſein würde, als wenn er in Eng⸗ land bliebe. Lady Helen fühlte, je ſchwächer ihre Geſundheit wurde, ihr Gewiſſen um ſo lauter werden, und die Stimme deſſel⸗ ben ließ ſich nicht beſchwichtigen. Sie hatte ihre Mutter⸗ pflicht erkannt, ſie hatte dieſelbe in Mrs. Hamilton zur ſchön⸗ ſten Darſtellung kommen ſehen, aber ſie hatte es unterlaſſen ihre Pflicht zu erfüllen, und ſie fühlte, daß ihre Strafe ge⸗ kommen ſei. Annie's Benehmen hatte ſie ertragen, ſie hatte ihr verziehen und ſchien ſich kaum der Gefahr bewußt zu ſein, der ihrer Tochter entgangen war; aber Cecil war ihr Liebling, und ſeine Ausſtoßung traf ſie wie ein Donner⸗ ſchlag und zog den Schleier von ihren Augen. Sie hatte ſeine Fehler als Kind verheimlicht, ſie hatte allen ſeinen Ein⸗ fällen nachgegeben und ihn in allen Thorheiten ſeiner Ju⸗ gend unterſtützt; um ſeine Fehler vor ſeinem ſtrengen, aber nicht harten Richter zu verbergen, hatte ſie ſich in den Augen 125 ihres Gatten herabgeſetzt und nichts Gutes erzielt. Cecil wurde ausgeſtoßen, ſchmachvoll ausgeſtoßen, und die unglück⸗ liche Mutter empfand, wenn ſie ſein Univerſitätsleben mit dem der jungen Hamiltons verglich, daß ſie die Urſache ge⸗ weſen ſei, daß ſie ihn auf den Blumenpfaden der Verzärte⸗ lung zu Schmach und Schande geführt habe. Er kam ihr nicht zu nahe, er begab ſich zu ſeinem Regimente und ver⸗ ließ England, ohne ihr Lebewohl zu ſagen, und ſie fühlte, daß ſie ihn nie wieder ſehen würde. Von dieſer Stunde an brach ſie zuſammen, ihre Krankheit wurde ſchlimmer, und wiewohl ſie ſich immer noch hielt und Monate verfloſſen, ohne daß eine große Veränderung eintrat, ſo fühlten doch Mr. und Mrs. Hamilton, daß der Tod auf ihre Stirn ge⸗ ſchrieben ſtehe, daß, ſo ſehr er auch unterwegs ſich aufhalte, ſein Opfer nicht wieder den Segen der Geſundheit fühlen würde, und alle ihre Bemühungen waren nun darauf gerich⸗ tet, Graham's Leid zu beſchwichtigen und ihn dahin zu brin⸗ gen, daß er durch Zärtlichkeit den noch übrigen Theil des Lebens ſeiner unglücklichen Gattin tröſtlicher machte. Sie theilten ihm ihre Befürchtungen nicht mit, aber ſie ruhten nicht eher, als bis ihr Wunſch erfüllt war, und Lady Helen konnte fühlen, daß ihr nicht nur vergeben worden, ſondern daß ſie auch noch geliebtſei, und daß ſie von ihrem Gatten und Lilla, über die ſie ſich einſt hatte ſo täuſchen laſſen, auf⸗ richtig betrauert werden würde. Nachdem wir nun die Angelegenheiten von Oakwood und alles Andere, was damit in Verbindung ſtand, bis zu einem Punkte gebracht haben, von dem aus über ein Jahr nichts Intereſſantes ſtatt fand, ſo nehmen wir unſere Er⸗ zählung in dieſer Zeit wieder auf. 126 Fünftes Kapitel. Es war ein ſchöner Sommermorgen, die Fenſter eines kleinen hübſchen Wohnzimmers ſtanden offen und der linde Hauch mit den Düften von Tauſend Blumen beladen ſpielte erfriſchend um die bleichen Wangen unſerer jungen Freundin Emmeline, die auf ein Sopha gelehnt mit einer Miſchung von Schwermuth und Freude in die ſchöne Natur hinausſah. Mehr als ein Jahr war ſeitdem verfloſſen, ſeit wir ſie zum letzten Male geſehen, und ſie hatte ſich ſchmerzlich verändert. Sie hatte immer noch ihren kindlichen Geſichtsausdruck, der ſie immer jünger erſcheinen ließ, als ſie in der That war, aber ſein ſchimmernder Glanz, ſeine ſchöne Gluth war da⸗ hin. Dennoch klagte ſie nicht. In Gegenwart ihrer Eltern ſchwebte immer ein Lächeln auf ihren Lippen, ihre Stimme war heiter, und kein Seufzer, kein klagendes Wort verrieth, daß ihr das Herz brechen wollte. Sie erkannte mit vollem und dankbaren Herzen die Segnungen, die ſie immer noch umgaben, und kämpfte lange Zeit, zufrieden zu ſein. Aber dieſes zärtliche Sehnen ließ ſich nicht ſtillen, dieſe innige Liebe ließ ſich durch keine Anſtrengung vertreiben. Den⸗ noch gab es Zeiten, wo Leute, die ſie in ihren frühern Jah⸗ ren nicht gekannt hatten, ſie geſund und wohl fanden, und Emmeline lächelte, wenn ſolche Bemerkungen ihr Ohr er⸗ reichten, und wunderte ſich, ob auch ihre Eltern ſich ſo täuſchten. Bisweilen dachte ſie es, denn der Name Arthur Myrvin wurde in ihrer Gegenwart nicht länger unterdrückt. Sie hörte von ihm, von ſeiner Beſorgniß für ſeinen Zög⸗ ling, von der unwandelbaren Treue und Feſtigkeit, die ihn charakteriſirten und die Hoffnung nährten, daß er Lord Louis denſelben ſchönen Pfad führen werde. Sie hatte von Arthur's aufopfernder Pflege gehört, als ſein Zögling an einer langen und gefährlichen Krankheit litt, ſo daß er mit 127 Gottes Hilfe das Wertzeug geweſen war, das dem Jüng⸗ ling das Leben gerettet und er der Geſundheit zurückgege⸗ ben wurde, und wenn ſie durch kein Zeichen die innige Theil⸗ nahme verrieth, die ſie empfand, während ihre Eltern dach⸗ ten, daß ſie ihn vergeſſen habe, ſo hörten ſie nicht das Klo⸗ pfen ihres Herzens. Sie unterhielt ſich an dieſem Morgen mit Mrs. Came⸗ ron, die Emmelinen ſehr lieb gewonnen hatte, und da ſie ſehr oft in HDakwood war, ſo wurden ſie und ihre Töchter von allen Kindern Mr. Hamilton's als Familienmitglieder betrachtet. „Freut ſich Flora nicht des Gedankens, ihren Bruder wieder zu ſehen,“ fragte Emmeline in Erwiderung auf Mrs. Cameron's Mittheilung,„daß Walther mit ſeinem Regi⸗ mente nach England zurückkehre und daß er in wenigen Wochen wieder ihr Hausgenoſſe ſein werde.“ Sie bejahete dieſe Frage, und Emmeline frug weiter,„ob Capitain Ca⸗ meron mit Cecil Graham bekannt ſei, ob er die Urſache kenne, weshalb er ſo ſchmachvoll caſſirt worden.“ „Ihre Regimenter lagen in ſo verſchiedenen Theilen von Irland,“ erwiderte Mrs. Cameron,„daß ich glaube, ſie trafen ſich nur bei einer einzigen Gelegenheit, und damals war Walther froh, die Geſellſchaft der liederlichen jungen Leute zu verlaſſen, von denen Lieutenant Graham immer umgeben war. Die Urſache ſeiner Caſſation ſcheint in ein Geheimniß gehüllt zu ſein. Walther ſpielte allerdings dar⸗ auf an, aber in ſo unbeſtimmten Ausdrücken, daß ich nicht weiter fragen wollte. Ich fürchtete die Wirkung, die dieſe Schmach auf Mr. Graham haben würde, aber ich hätte nicht gedacht, daß die arme Lady Helen darunter zuſammen bre⸗ chen würde.“ „Ich glaube Wenige wiſſen, wie ſehr ſie dieſen Jüng⸗ ling liebte, es war irregeleitete Liebe, die ſie veranlaßte, ihn in ſeiner Kindheit zu Grunde zu richten. Von der Stunde an, wo er von Cambridge ausgeſtoßen wurde, wagte ſie nie wieder den Kopf zu erheben; es war ſehr grauſam, undank⸗ bar von ihm, nach Irland zu gehen, ohne ſie auch nur auf⸗ 128 zuſuchen, und dieſer letzte Schlag war zu ſtark, als daß ſie ihn hätte ertragen können. Sie hoffte trotz ihres beſſeren Urtheils immer noch, daß er ſich endlich auszeichnen würde, und ſie konnte die Täuſchung nicht überwinden.“ „Ueberlebte ſie die Nachricht noch lange?“ „Kaum vierundzwanzig Stunden. Da Mr. Graham ſich außer Stande fühlte, ſich zu beherrſchen, ſo bat er Mama und Lila, ihr dieſe Trauerkunde mitzutheilen, was ſie auch auf die zarteſte Weiſe thaten, aber ihre Vorſicht war ganz fruchtlos. Sie fragte beſtändig nach ſeiner gegenwärtigen Lage, und als ſie hörte, daß er ſich nicht habe ſehen laſſen, ſeit er caſſirt worden ſei, verſank ſie in einen Zuſtand der Bewußtloſigkeit, von dem ſie ſich nicht wieder erholte.“ „Und Mr. Graham?“ „Der Schlag brachte ihn faſt zur Verzweiflung, denn er kam zu plötzlich. Lady Helen hatte ſich in der letzten Zeit ſo verändert, daß ſie von ihrem Gatten und ihrem Kinde aufrichtig geliebt wurde, ſie war ſo lange krank geweſen, daß ſowohl Lila als ihr Vater zärtlich hofften und glaubten, daß ſie ihnen noch einige Jahre erhalten werden würde, wiewohl ſie nie wieder ganz geſund werden ſollte. Mr. Graham's Gefühle ſind ſtärker, als die meiſten Leute glauben, aber ſein Unglück hat ihn viel mehr niedergebeugt, als ich für möglich gehalten haben würde.“ „Sie ſchienen ſo einig und glücklich, daß ich mich dar⸗ über nicht wundere,“ bemerkte Mrs. Cameron.„Ich habe ſelten ſolche Anhänglichkeit geſehen, wie Lady Helen von ihrem Gatten und ihrem Kinde empfing; ſie nahm ihre liebe⸗ vollen Aufmerkſamkeiten immer hin, als wenn ſie fühlte, daß ſie dieſelben nicht verdiente. Ich nahm großen Antheil an ihr, ſie trug ihre Leiden ſo ſanftmüthig.“ „Und wie befindet ſich die arme Lilla?“ „Sie leidet ſehr, benimmt ſich aber bewundernswürdig; Ellen ſagte, ihre Selbſtbeherrſchung ſei außerordentlich, wenn man bedenke, daß ſie eins von den Weſen ſei, die nie ein einziges Gefühl verbergen können. Ihr armer Vater ſcheint ſie jetzt als ſeinen alleinigen Segen und ſeine alleinige — 129 Stütze zu betrachten; ſie giebt ſich ſo zärtliche Mühe ihn ſeinen Kummer vergeſſen zu machen, und ſucht immer ſeine Gedanken von der Schmach abzuziehen, welche Cecil's ehr⸗ loſes Benehmen auf ſeinen Namen gehäuft. Ich hoffe, die Zeit wird jene Ruhe wieder herſtellen, die er im letzten Jahre genoß, aber ich muß geſtehen, ich fürchte es faſt. Wenn ſeine launiſche Reizbarkeit fortdauert, wird Lilla viel zu dul⸗ den haben, aber ſie wird ihre Pflicht thun, und das wird ſich ſelbſt belohnen.“ Ein leiſer und kaum hörbarer Seufzer entſchlüpfte Em⸗ melinen, als ſie ſo ſprach. Mrs. Cameron achtete nicht darauf und fragte, wann ſie ihre Brüder von London zurück⸗ erwartete. „Herbert wird nächſte Woche ordinirt, und bald nachher kehren ſie mit einander wieder zurück. Er iſt, wie Sie glau⸗ ben werden, entzückt über die Nähe eines Ereigniſſes, wel⸗ ches ſein Leitſtern von Kindheit auf geweſen iſt. Ich habe ihn nie ſo wohl und glücklich geſehen, und Percy theilt ſeine Freude, und ich bin ſo glücklich ſagen zu können, daß wir ihn bei uns haben werden, denn er wird der Geiſtliche unſrer lieben Gemeinde ſein, die in Folge von Mr. Howard's Befördrung zu der Zeit, wo er ſie braucht, unbeſetzt ſein wird. Mr. Howard ſagt, er glaube, er habe ſich em⸗ pören und das Anerbieten einer reichen Pfründe nebſt dem Titel eines Archidiakonus ablehnen können, wenn ein anderer als Herbert hier ſein Nachfolger werden ſollte; da er aber ſeine Herde ſeiner Seelſorge überlaſſe, ſo wolle er die ihm dargebotenen Segnungen nicht zurückweiſen. Er zieht nicht ſehr weit von uns, ich würde ſonſt ſo traurig geweſen ſein, daß ſelbſt die Nachfolge eines Bruders mich nicht befriedigt haben würde.“ Es folgte eine kurze Pauſe, die von Emmelinen mit den Worten unterbrochen wurden:„Indem wir von Mr. Ho⸗ ward und Herbert ſprachen, habe ich meinen lieben Percy ganz vergeſſen. Sie wiſſen, wie er von der großen Tour ſchwärmt, die er zu machen beabſichtigt, und daß er uns alle Sehenswürdigkeiten, die ihm vor Augen kommen werden, Der Lohn einer Mutter. II. 130 mit nach Hauſe bringen will, ſelbſt den St. Petersdom und den Krater des Veſuv eingeſchloſſen, wenn ich ſie zu ſehen wünſche. Er hat meine herausfordernden Bemer⸗ kungen gutmüthig hingenommen und reiſt im Juli mit Ka⸗ rolinen und ihrem Gatten ab. Meine Schweſter iſt in den letzten drei Monaten ſo kränklich geweſen, daß ihr gerathen worden iſt, nach Genf zu gehen. Ihr kleiner Knabe iſt ein ſolch liebes Kind geworden, daß ich ihn faſt eben ſo ſehr vermiſſen werde, wie ſeine Mutter.“ „Werden Sie nach Schloß Terryn gehen, ehe ſie ab⸗ reiſen?“ „Ich glaube es nicht, denn ich habe gegenwärtig keine große Luſt das Haus zu verlaſſen. Sie kommen, glaub' ich, in einigen Wochen zu uns, um mit uns zuſammen zu ſein, was ſich bei St. Eval nicht gut machen ließe.“ „Hat Lord St. Eval keine Angſt mehr um ſeinen Bruder? Die Aerzte ſagten, ſie würden ihn nicht durch⸗ gebracht haben ohne Mr. Myrvin's kluge und raſtloſe Pflege.“ „Ja, jeder Brief von Schloß Malvern beſtätigt dies, und alle Sorge iſt ſeit einigen Wocheu gehoben, ja, ehe noch der Marquis nach Hannover kam und von den Lippen ſeines Sohnes einen rührenden Bericht von ſeiner eigenen Un⸗ klugheit und von Mr. Myrvin's heldenmüthigem und klugen Benehmen erhielt.“ „Er hatte alſo einen Unfall? Ich dachte, es wäre eine Folge des Fiebers geweſen, das damals in der Stadt herrſchte.“ „Lord Louis hatte ſich ohne die Einwilligung ſeines Erziehers verabredet, ſich einer Geſellſchaft junger luſtiger Leute anzuſchließen, die Hannover eine Zeit lang verlaſſen und einen Ausflug nach der See machen wollten. Mr. Myrvin, der an einigen jungen Herren, welche ſich der Ge⸗ ſellſchaft anſchließen wollten, keinen großen Gefallen fand, machte Gegenvorſtellungen, aber vergebens. Lord Louis war hartnäckig, und da Mr. Myrvin fand, daß alle ſeine Bemühungen vergebens waren, ſo begleitete er ſeinen Zög⸗ 131 ling zum Verdruß der ganzen Geſellſchaft, welche ihm den Aufenthalt in ihrer Mitte ſo unangenehm zu machen ſuchte, daß er ſich baldmöglichſt entfernen ſollte. Auch Lord Louis, von böſen Genoſſen verführt, wandte ſich gegen ſei⸗ nen Geſellſchafter, der indeß unwandelbar ſeine Pflicht er⸗ füllte. Es wurde eine Wettfahr beſchloſſen, und trotz der Prophezeiung Mr. Myrvin's, daß ein heftiger Sturm her⸗ annahe und wahrſcheinlich zum Ausbruch kommen werde, ehe ſie die Hälfte ihres Tagewerks vollendet, fuhren ſie ab und verſpotteten ihn, daß er ſich vor dem Waſſer fürchtete. Sie erklärten, es ſei kein Raum für ihn in ihren Boten, und ſtießen ohne ihn ab. Er folgte ihnen auf dem Fuße und es war ein Glück, daß er es that. Der Sturm brach wüthend los, die kleinen Fahrzeuge wurden meiſtens zer⸗ ſchmettert, und viele der übelberathenen jungen Leute fielen als Opfer ihres thörichten Leichtfinns. Einige, die gute Schwimmer waren, entkamen, aber Lord Louis war mit dem Kopfe gegen eine Felsklippe geſchleudert worden, und betäubt und bewußtlos würde er untergeſunken ſein, hätte nicht Mr. Myrvin ihn glücklich ans Ufer gebracht. Er war außerordentlich krank, aber nach einigen Wochen genas er wieder ſoweit, daß er nach Hannover zurückkehren konnte, ohne daß er und Myrvin wußten, daß dort ein an⸗ ſteckendes Fieber herrſchte. Da ſeine Geſundheit bereits leidend war, wurde er ſogleich von der Krankheit in ihrer beunruhigendſten und anſteckendſten Form ergriffen, die Die⸗ nerſchaft floh vor Schrecken aus dem Hauſe, und nur einer, ſein Kammerdiener, ein Engländer, blieb bei ihm. Aber Mr. Myrvin verließ ihn nicht, Tag und Nacht wartete und pflegte er ihn, ſeine Bemühungen wurden glücklicherweiſe belohnt, Lord Louis blieb am Leben, und ſein Lehrer ent— ging der Anſteckung. Der Marquis und ſein Sohn haben beide an Mr. Myrvin in den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken geſchrieben, und die Marquiſe, ſagte Mama, ſei ganz außer Stande, ihm ihren Dank abzutragen.“ Mrs. Cameron nahm großen Antheil an Emmelinens 9* 132 Erzählung und fragte, ob ſie nicht bald nach England zu⸗ rückkehren würden. „Sie ſind vielleicht bereits angekommen,“ erwiderte Emmeline.„Florence ſchrieb mir vor vierzehn Tagen, daß ſie ſchon die Tage bis zu ihrer Rückkunft zähle. Ich ſchickte heute Morgen einen Brief anſcheinend von ihr nach Moor⸗ lands an Ellen, da ich nicht ganz gewiß weiß, ob ſie heute Abend nach Hauſe kommt oder nicht, und vielleicht enthält er die Nachricht. Seine Mutter und ſeine Schweſtern wer⸗ den entzückt ſein, ihn wieder bei ſich zu haben, nachdem er ſo viele Gefahren durchgemacht hat.“ „Hat Mr. Myrvin Familie?“ „Blos ſeinen Vater, einen wahrhaft guten, freundlichen, alten Mann, den Rektor von Langwillan.“ „Und ſind Sie nicht neugierig, dieſen bewundernswür⸗ digen jungen Mann, dieſen aufopfernden Lehrer zu ſehen, meine liebe Emmeline?“ ſagte Mrs. Cameron lächelnd. „Würde er nicht ein vortrefflicher Romanheld ſein?“ Emmeline antwortete, daß, da ſie ihn bereits kenne, ſie nicht einen phantaſtiſchen Heiligenſchein über ihn wer⸗ fen könne, ſie begnüge ſich, ſeinen Charakter zu bewundern, wie er ſei, ohne ihn mit andern Reizen zu ſchmücken. Ihre weitere Unterhaltung drehte ſich um andere und gleichgül⸗ tigere Gegenſtände, bis Mrs. Cameron ſich entfernte. Der Tod Lady Helens und das ſchlechte Betragen ihres Sohnes hatte ſolche Trauer über Moorlands gebracht, daß nicht nur Emmeline, ſondern auch ihre Eltern fürchteten, daß Graham ſich aus ſeiner Apathie nie wieder herausreißen würde. Er fühlte, daß ſeinen Namen eine Schmach ge⸗ troffen habe, die ſich nie verwiſchen laſſe, daß alle Leute den Vater eines ſo öffentlich Gebranntmarkten fliehen würden. Der Umfang von Cecil's Vergehungen war ſelbſt ſeinem Vater kaum bekannt; er hatte am Spieltiſche unehrenhafte Mittel gebraucht, um ungeheure Schulden zu bezahlen, er hatte ſich unverſchämt gegen ſeine Oberen benommen, und es hatte großes Intereſſe erfordert, ein ſtrengeres Urtheil zu verhüten,— das waren die Thatſachen, die ganz England 133 Ftannte. Der vorher unbefleckte Name Graham war jetzt gleichbedeutend mit Ehrlofigkeit, und man glaubte ſelbſt, daß Cecil ſich nie wieder in England ſehen laſſen würde. Mr. Graham zog ſich zurück, um ſelbſt nicht den Blicken ſeiner Freunde zu begegnen; es war ihm, als wenn er die Schande ſeines Sohnes theilte; er und ſeine junge ſchöne Lilla, ſie, die er mit ſo viel Freude bei ſeinen Freunden einzuführen gehofft hatte, ſie mußte die Einſamkeit mit ihm theilen, die der einzige Aufenthalt für Entehrte ſei, und ſelbſt gegen ſie war ſein Benehmen launiſch und unſicher, bisweilen faſt übertrieben zärtlich, bisweilen aber rauh und hart. Lilla's Charakter war ein anderer geworden, ſie ſuchte ohne Klage ſeine Launen zu ertragen, denn ſie wußte, daß das Auge ihres Gottes auf ihr ruhte, ſo gefühllos auch ihr Vater gegen ihre Liebe zu ſein ſchien. Selbſt die Geſellſchaft Mr. Howard's und Mr. Hamil⸗ ton's war ihm zuwider; ihre Bemühungen, ihn zu ermuthi⸗ gen und zu erheitern, waren unnütz, und ſie konnten nur hoffen, daß die Zeit thun würde, was die Freundſchaft nicht vermochte. Herbert's Verlobung mit Mary Greville blieb immer noch ein Geheimniß, aber er hoffte es der Welt wiſſen zu laſſen, ſobald er ordinirter Geiſtlicher wäre. Percy war vielleicht ſein Vertrauter, aber weder ſeine Schweſter noch Ellen wußten etwas davon. Mary's Briefe waren voll Troſt für ihn; aus jeder Zeile athmete ſo reine ſchöne Liebe, daß ſelbſt die Trauer, die ſich unbewußt in den letzten Brie⸗ fen aus ſprach, ihn nicht beunruhigte. Er erklärte ſich die⸗ ſelbe aus ihrem Widerwillen, ihren ſchönen Aufenthalt in den Schweizerbergen zu verlaſſen und ihn mit dem Gewirr und der Hitze von Paris zu vertauſchen, wo ſie ſich gegen⸗ wärtig befände. Vor einigen Monaten hatte ſie ihr Vater in ihrem Aſyl aufgeſucht, und ſie waren kaum mehr erſtaunt über ſeine Erſcheinung, als über ſein Weſen, welches freund⸗ licher und gütiger war, als es Mary noch geſehen hatte. Kurze Zeit gab ſich Mrs. Greville der Hoffnung hin, daß ihre lange Trennung eine Veränderung auf ihren Gatten 134 hervorbebracht haben und daß ſie endlich glücklich mit ein⸗ ander leben würden. Er wiſſe nicht viel von Alfred, ſagte er, außer daß er ſich wohl befinde und daß er mit einigen Freunden den Continent bereiſe, Mrs. Greville ſuchte ſich zu beruhigen, und ihre friſche Hoffnung verließ ſie ſelbſt nicht, als ihr Gatte den Wunſch ausſprach, daß ſie in ſeiner Geſellſchaft Paris beſuchen möchte. Dieſer Wunſch gab ihnen noch größere Sicher⸗ heit, da es den Beweis lieferte, daß ihr Gatte nicht mehr gleichgültig gegen ſie und ſein Kind ſei. Mit Freuden ſagte ſie zu, aber vergeblich ſuchte ſie aus Mary's Seele die Ahnungen zu verbannen, die ſie von der Stunde an erfüllt zu haben ſchienen, wo die Beſtimmung getroffen worden war, daß ſie Monte Roſa verlaſſen ſollten. Vergebens ſtellte ihre Mutter ihr vor, daß ſie Herbert viel näher ſein würde; nichts konnte dieſe ſcheinbar unerklärliche Verzweif⸗ lung verſcheuchen, wiewohl ſie dieſelbe zu überwinden bereit war. „Ich bekenne meine Schwäche,“ ſchrieb ſie an ihren Ver⸗ lobten,„aber ich hatte mir ſo oft ausgemalt, daß ich in Monte Roſa bleiben würde, bis Du mich holteſt, wie Du mir verſprochen, ſo oft das Vergnügen ausgemalt, Dir meine Lieblingsſpaziergänge zu zeigen, ehe wir dieſelben mit dem noch lieberen England vertauſchten, daß ich es kaum ertragen kann, dieſe Träume aufgeben zu müſſen. Ich weiß, Du wirſt mir ſagen, daß ich für die große und glück⸗ liche Veränderung meines Vaters dankbar ſein und jede Entbehrung ertragen ſollte, auf die Möglichkeit hin, ihn auf immer an uns zu feſſeln. Mache mir keinen Vorwurf, lieber Herbert, aber mein Vater hat immer noch etwas an ſich, was mich zittern läßt und mir ſagt, daß die Ruhe keine Dauer haben wird. Vergebens ſuche ich dagegen zu käm⸗ pfen, und eine Stimme ſagt mir, daß, indem ich Monte Roſa verlaſſe, der Friede in ſeinen ſchönen Schatten zurück⸗ bleibt und das dunkle Geſpenſt des Unglücks drohend vor mir ſteht.“ Herbert wäre gern zu ihr gereiſt und hätte ſo alle dieſe 135 Befürchtungen zu zerſtreuen geſucht, aber die Nähe ſeiner Ordination ließ dies nicht zu, und mit ungemiſchter Hoffnung ſah er den nächſten Monaten entgegen, wo er ſeine Mary aufſuchen und ihren unerklärlichen Sorgen auf einmal ein Ende machen würde, indem er ſie zu ſeiner Gattin machte. An Mr. Greville's Einwilligung ſtieg kein Zweifel in ſeiner Seele auf, wenn er perſönlich um ſie anhalten würde, und er hoffte es zu thun, ſo lange ſeine wunderbar gute Laune dauerte. Die erſten Monate ihres Aufenthaltes in Paris waren für Mrs. Greville glückbringend, das Benehmen ihres Gat⸗ ten änderte ſich nicht, ſie beſuchten die Geſellſchaften, und die Bewunderung, die Mary's ruhige Schönheit fand, ge⸗ währte ihrer Mutter das ſchönſte Vergnügen und ſchien ſelbſt ihren Vater mit einigem Stolz zu erfüllen. Dem armen Mädchen war ſie widerwärtig und ſchmerzlich, aber ſie ſuchte ſich zu überzeugen, daß dieſe Gefühle ungerechtfertigt wären, und unterdrückte ſie in ihren Briefen an Herbert. Ellen kehrte aus Moorlands zurück, wo ſie Lilla Ge⸗ ſellſchaft geleiſtet hatte, deren Liebe zu ihr unvermindert fortdauerte, denn ihre Geſellſchaft und ihre Theilnahme ge⸗ währten ihr ſeit dem Tode ihrer Mutter viel Troſt. An Ellen war kein großer Wechſel ſichtbar. Ihre Geſundheit hatte ſich gekräftigt, ihre ſinnige Schönheit war unverän⸗ dert. Immer noch war ſie das ſanfte, beſcheidene Mäd⸗ chen, das ſie ſeit lange geweſen war. Dennoch ſchien ſie den Augen der Fremden etwas kalt und theilnahmlos. Ihr Inneres hatte ſich mit jedem Jahre mehr gekräftigt, ſie hatte den Vorſatz gefaßt, alles Mögliche zu thun und zu leiden, ohne daß ſie ihre Gefühle gegen ihre Mitwenſchen oder die Welt im Allgemeinen im mindeſten verbittern ließe. Sie wußte, ihr Loos ſei zu tragen, ſie fühlte, ihre Pflicht ſei zu verheimlichen. Bei ihrer Rückkehr gab Ellen ihrer Coufine den Brief, den Emmeline ihr an dieſem Morgen geſchickt hatte. Er war voll Intereſſe und das beſorgte Auge der Mrs. Hamilton wendete ſich nicht von dem Antlitze ihrer Tochter ab, ſo 136 lange ſie las. Es war ſo ruhig, daß ſelbſt ſie in Verlegen⸗ heit kam, und wiederum kreuzte der Gedanke ihre Seele, wie er es ſchon ſehr oft gethan hatte, und ſetzte ſie aufs Neue in Verlegenheit:„Geſchiehtes um ſeinetwillen, daß ſie den Kopf ſinken läßt und wie eine Blume dahin ſchmach⸗ tet? Hat wirklich der Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht ſie zu dem gemacht, was ſie iſt?“ Lady Florence hatte in der heiterſten Stimmung ge⸗ ſchrieben und die Rückkehr ihres Vaters, Lord Louis und ſeines Erziehers gemeldet; ihr Bruder ſehe ſehr wohl und kräftig aus und ſei noch derſelbe liebe, heitere und muth⸗ willige Jüngling wie ſonſt, er freue ſich wieder in England zu ſein, ſchimpfe auf alle Deutſchen und zeige die größte Liebe zu Mr. Myrvin.„Er ſpricht von Mr. Myrvin in Ausdrücken, die mich zu Thränen rühren, zu Thränen, meine liebe Emmeline, deren ich mich gar nicht ſchäme. Das Einzige, was ihm das Soldatenleben, wozu ſich mein Bruder nun trotz unſerm Abreden beſtimmt entſchloſſen hat, ver⸗ leidet, iſt, wie er ſagt, ſeine Trennung von Mr. Myrvin, und er möchte faſt nach Cambridge gehen, um ihn an ſich zu feſſeln, aber um Mr. Myrvin's willen bin ich froh, daß dies nicht geſchehen wird. Er ſieht krank, ſehr krank und ganz anders aus, als Arthur Myrvin, den wir in Oakwood kannten; es iſt eine Veränderung mit ihm eingetreten, die ich nicht beſchreiben und die ich mir ſelbſt kaum erklären kann. Er iſt viel feiner in ſeinem Benehmen, aber es iſt von einer ſo tiefen Schwermuth, oder von einem ſo gedan⸗ kenvollen Ernſte angehaucht, daß er viele Jahre älter zu ſein ſcheint, als da er England verließ. Mein Vater hat ihn endlich vermocht, den Gedanken aufzugeben, aufs Neue das ſchwere Amt eines Erziehers zu übernehmen, aber mit jenem edlen Stolze, den ich ſo ſehr bewundere und achte, hat er alle Anerbietungen meines Vaters abgelehnt und nur eingewilligt, die Pfarrerſtelle auf Eugens Gute anzu⸗ nehmen, ſobald Louis ſeiner Dienſte nicht länger bedarf. Ich hoffe, die geſunde Luft von Cornwall und das ruhige Leben in ſeiner Gemeinde wird ſeine Geſundheit wieder herſtellen, denn ich fürchte, daß die Sorge und Pflege, welche das Leben Louis gerettet, ſeine Geſundheit zu Grunde gerichtet hat. Er geht Morgen nach London, um Herbert zu beſuchen; die Geſellſchaft Deines Couſins wird ihm ohne Zweifel wohl thun. Louis tritt in einigen Mo⸗ naten ein, und dann wird Mr. Myrvin ſein Amt überneh⸗ men, aber Du wirſt ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach vorher ſehen, da Lord und Lady St. Eval ſie dringend eingela⸗ den haben, nach Schloß Terryn zu kommen, und ſobald Mr. Myrvin von London zurückkehrt, beabſichtigt es Lord Louis zu thun. Ich möchte Herbert's Anſicht von ſeinem Freunde hören, da meine Gedanken über ihn bei alledem nur Ein⸗ bildungen ſein können; doch krank ſieht er entſchieden aus.“ So ſchrieb Lady Florence, und ſehr bald beſtätigten Percy's und Herbert's Briefe nach Hauſe alles, was ſie geſagt hatte. Entweder war ihm die Luft in Deutſch⸗ land nicht zuträglich geweſen, oder eine andere Urſache hatte ſein Aeußeres ſo verändert, daß Herbert ihn nicht ohne Schmerz anſehen konnte. Aber die raſtloſe Reizbarkeit, die ſtolze Gleichgültigkeit, welche ihn charakteriſirten, ehe er Dakwood verließ, hatte er abgelegt. Es lag eine ruhige Würde in ſeinem ganzen Weſen, die alle zudringliche Theil⸗ nahme zurückwies, ein mildes Feuer glänzte in ſeinen dun⸗ kelgrauen Augen, welches ſo deutlich ausſprach, daß ſein Ge⸗ wiſſen voll Frieden ſei, daß Herbert die Bande der Freund⸗ ſchaft ſtärker werden fühlte, als ſie geweſen waren; er war nicht mehr beſorgt, denn er war überzeugt, daß Arthur die Irrthümer ſeines früheren Lebens überwunden, und er ſchrieb an ſeinen Vater über ſeinen Freund mit ſeiner gan⸗ zen natürlichen Beredſamkeit. Emmeline machte keine Bemerkung. Ihre junge Seele war vom innigſten Dankgefühl erfüllt, daß ihre Gebete Er⸗ hörung gefunden. Gott hatte ihm Kraft gegeben, und er hatte ſeine Pflicht erfüllt. Er war geachtet, geliebt, ſein Ruf war rein und makellos, und wenn die Schlucht zwiſchen ihnen unüberſteiglich blieb, ſollte ſie murren, nachdem Alles was ſie erbeten hatte, ihr bewilligt worden war? Aber ein 138 noch härterer Aufruf zum Gehorſam ſchien ihr zu drohen, vor dem ihr junger Geiſt erſchreckt zurückbebte. Herbert's innige Wünſche waren erfüllt, ſeine inbrünſtigen Gebete, ein Diener ſeines Gottes zu werden und ſeinen Mitmen⸗ ſchen dienen zu können, ſtand nichts mehr im Wege. Die ſechs Jahre, in denen er unermüdlich gearbeitet hatte, um ſich auf das Leben vorzubereiten, welches er ſich von Kind⸗ heit an erwählt hatte, erſchienen nun wie ein flüchtiger Traum, und als er vor dem ehrwürdigen Biſchof kniete, überwältigten ihn faſt ſeine Gefühle. Thränen ſtiegen ihm in die Augen und er ließ den Kopf in ſeine Hände ſinken, um ſie zu verbergen. Er fühlte, es war kein gewöhnliches Leben, in das er eintrat, kein bloßer Beruf, in dem er nach Gutdünken denken und handeln konnte, wie er wollte. Herbert fühlte, daß er ſich verpflichtet hatte, das Werk Gottes zu verrichten, daß darin das Wohl ſeiner Mitmenſchen begrif⸗ fen war, daß er ſeinen eigenen Willen überwinden müſſe, daß ſeine Handlungen, nicht blos ſeine Worte, den Ruf ſei⸗ nes Schöpfers verkünden müßten. Die Rückkehr Perey's und Herbert's brachten Freude in das Elternhaus, und acht oder vierzehn Tage ſpäter langten Lord und Lady St. Eval mit ihrem kleinen Kna⸗ ben in Oakwood an und erhöhten noch das allgemeine Vergnügen. Emmeline war erſtaunt, ſie zu ſehen, denn ſie dachte, Lord Louis und ſein Erzieher würden im Schloß Terryn erwartet. Lord St. Eval ſprach oft von ſeinem Bruder und von Myrvin und dankte ſelbſt Emmelinen für ihre Bemühungen zu Gunſten des Letzteren, als der Marquis zauderte, ob er ihm ſeinen Sohn anvertrauen ſollte oder nicht; aber über dieſe Angelegenheiten ſprach er nie öffentlich, doch auch nicht ſo heimlich, um Emmelinen zu verrathen, daß er ihr Geheimniß kenne. Mr. Hamilton hatte viele vertrauliche Geſpräche mit dem jungen Grafen und ſeinem Sohn Herbert, aber welcher Gegenſtand es war, der ihn ſo ſehr beſchäftigte, das wußte nur ſeine Gattin. Auch die Rückkehr Edward's von einer kurzen Fahrt brachte neues Leben nach Dakwvod. Der junge Seemann 139 hatte raſch die Lieutenantsgrade durchlaufen und war nun der erſte Lieutenant ſeines Schiffes; er hatte ſich als See⸗ mann und Menſch den beſten Ruf erworben; er war ebenſo geachtet von ſeinen Kameraden, wie er von ſeiner Familie geliebt wurde, und Ellen war er über Alles theuer. Das vollkommenſte Vertrauen herrſchte zwiſchen den liebenden Geſchwiſtern bis auf einen Punkt, und über dieſen konnte Ellen ſelbſt nicht mit Edward ſprechen; er aber hatte nicht einen Gedanken, ein Gefühl, welches er vor ihr verheimlichte, er wollte keinen andern Freund. Kaum erkannten Mrs. Cameron und ihr Sohn Walther in dieſem liebenswürdigen jungen Mann den trotzköpfigen, wilden, übermüthigen Kna⸗ ben wieder, den ſie in Indien kennen gelernt hatten. Die ganze kleine Geſellſchaft zu Dakwood war entweder ſpazieren gegangen, oder ausgefahren, nur Mrs. Hamilton war allein zu Hauſe Sie ſtand an der Seite Emmelinens, die ruhig und ſüß ſchlief; ein heiteres, ſchönes Lächeln wie aus früheren Tagen ſpielte um ihre Lippen. Die Mutter ſann über die Worte Mr. Maitland's nach, der ihr geſagt hatte, das Mittel, das er vorgeſchlagen, werde helfen.„Ma⸗ chen Sie ſie glücklich, nehmen Sie ihr die Laſt vom Herzen, die ſie drückt, und ſie wird Sie ſo glücklich machen, wie Alle, die Sie lieben.“ Thränen gemiſchten Gefühles traten Mrs. Hamilton in die Augen, indem ſie ihr Kind betrachtete. Emmelinens Lippen bewegten ſich.„Arthur, lieber Arthur,“ flüſterte ſie, indem ſich ihre Wange leiſe röthete und das Lächeln ſtrah⸗ lender wurde. Nach einigen Minuten öffneten ſich ihre Augen, ein Schatten der Enttäuſchung flog über ihre Züge, ein leiſer Seufzer wollte aufſteigen, aber ſie unterdrückte ihn, denn ſie begegnete dem zärtlichen Blicke ihrer Mutter und lächelte. „Warum biſt Du an dieſem lieblichen Abend nicht aus⸗ gefahren, liebe Mutter, warum bleibſt Du bei einer ſo lang⸗ weiligen Geſellſchafterin wie ich bin? Percy und Herbert hätten Dir viel beſſere Unterhaltung bereiten können, und ich zweifele, daß Du mit ihrer Erlaubniß hier biſt.“ „Will meine liebe Emmeline mir das ſüße Vergnügen 140 verſagen, bei ihr zu wachen, ſie zu pflegen? Glaube mir, mein liebſtes Kind, wenn ich nicht Dich an der Seite habe, verliert der Park und der ſchöne Abend ſeine größten Reize für mich.“ „Sprich nicht ſo, meine Mutter, ich bin nicht krank, ſondern nur träge und das pflegteſt Du ſonſt nicht zu unter⸗ ſtützen; die Augen fielen mir zu, trotz aller Anſtrengung. Aber warum ſtellſt Du Dir die langweilige Aufgabe, mich im Schlafe zu bewachen?“ „Weil ich mein Amt nicht aufgebe, bis es ein Anderer als ſein Recht in Anſpruch nimmt. Es wird bald geſchehen, meine Emmeline, bis dahin aber ſende mich nicht weg.“ „Das Recht eines Andern, liebſte Mutter, kann Jemand anders das Recht haben als Du? wer kann mir die zärtliche Pflegerin ſein, die Du mir geweſen biſt?“ „Ein Mann, der Dich lieben, ſchätzen und pflegen wird, ein Mann, Emmeline, der Dich als ſein Eigenthum anſpricht, und durch ſeine Liebe Dir Geſundheit und die Munterkeit wiedergeben wird, die Du verloren haſt, ein Mann, der die Einwilligung und den Segen Deiner Eltern hat und nur auf die Deinige wartet.“ Emmeline fuhr aus ihrer liegenden Stellung auf. „O ſende mich nicht von Dir, Mutter, liebe Mutter, zwinge mich nicht zu heirathen!“ rief ſie in ſchmerzlichem Tone aus.„Die Liebe eines Gatten ſoll meine Geſundheit wieder herſtellen? o nein, nein, ſie würde mir nur das Herz brechen, und wenn Du mich von Dir ſtießeſt, würde ich ſterben. Mutter, o laß mich bei Dir bleiben, laſſe nicht den Vater von mir Gehorſam fordern; in allem andern will ich gehor⸗ chen, nur darin nicht,“ und ſie verbarg das Geſicht an der Bruſt ihrer Mutter und weinte bitterlich. „Wir wollen nichts befehlen, was Dich unglücklich machen könnte,“ erwiderte ihre Mutter beruhigend,„aber Du wirſt ihn lieben, meine Emmeline, Du wirſt ihn lieben, wie er Dich liebt, ſeine zärtliche Neigung wird Dich glücklich machen. Du wirſt ihn kennen, ſeine edlen Tugenden, ſeine achtungs⸗ werthen Grundſätze ſchätzen lernen. Als ſeine Frau wirſt Du neue Freuden, neue Pflichten haben, Deine Geſundheit 141 wird zurückkehren, und ich werde meine liebe Emmeline wieder⸗ ſehen, wie ſie war— als ein glückliches Kind.“ „Und iſt es wirklich ſo weit gekommen, daß Ihr beide übereinſtimmt und daß ich nicht gehorchen kann und meinen Eltern mißfallen muß, wenn ich nicht mein Leben lang elend ſein will?“ „Mein Kind,“ ſagte Mrs. Hamilton ſo feierlich, daß Emmeline unwillkürlich ihre Thränen zurückdrängte,„mein Kind, Du ſollſt den Gatten, den wir für Dich gewählt haben, nicht heirathen, wenn Du ihn nicht lieben und mit ihm glück⸗ lich ſein kannſt; ich verſpreche es Dir, heilig und unwider⸗ ruflich, Du ſollſt Dich nicht einer zweifelhaften Pflicht opfern. Wenn Deine Wünſche, nachdem Du ihn geſehen und kennen gelernt haſt, den unſeren noch entgegen ſind, ſo wollen wir keinen Gehorſam von Dir verlangen; wenn Du das Haus Deiner Mutter vorziehſt, ſo ſollſt Du nie von mir gehen. Beruhige Dich, meine Emmeline, weine nicht ſo. Willſt Du mir nicht vertrauen? Wenn Du nicht lieben kannſt, ſollſt Du auch nicht heirathen.“ „Aber wird mir dies auch mein Vater verſprechen, Mama?“ „Ja, mein liebes Kind, zweifle nicht an ihm;“ und ein ſo heiteres und glückliches Lächeln umſchwebte Mrs. Hamil⸗ ton's Lippen, daß Emmeline ſich unbewußt beruhigt fühlte. „Wir wünſchen nur die Erlaubniß unſerer Emmeline, ihr dieſen ſchätzbaren jungen Mann vorſtellen zu dürfen, der ſie ſo lange und ſo treu geliebt hat, und wenn ſie immer noch unerbittlich iſt, müſſen wir uns ihr unterwerfen. Könnte ich Dich von mir laſſen ohne Deine freie Zuſtimmung, könnte ich von Dir ſcheiden außer zu Deinem Glücke?“ Emmeline umſchlang den Hals ihrer Mutter. Vergebens ſuchte ſie zu erfahren, wer der junge Mann ſei, von dem ihre Mutter ſpreche; warum ſollte ſie fragen, da ſie fühlte, daß er ihr nie, nie etwas ſein könnte! Sie gab ſich ſchmerzliche Mühe, den Gedanken raſch aus ihrer Seele zu vertreiben, und begrüßte mit Freuden den Eintritt der Amme mit ihrem kleinen Neffen. Ihre Mutter liebkoſte denſelben und ſpielte 142 mit ihm, und ehe er fortgebracht werden konnte, waren die zerſtreuten Partieen zurückgekehrt, und es gab keine Gelegen⸗ heit mehr zu einer ferneren traulichen Unterhaltung. Es war eine glückliche, heitere Geſellſchaft in Dakwood, aber Lilla Graham fehlte, um ſie vollſtändig zu machen. Ellen war beſtändig bei ihr; denn ſie ließ ſich durch das Le⸗ ben zu Hauſe nicht abhalten, dem Rufe der Freundſchaft zu folgen, und in dieſem Liebeswerke ſchloß ſich ihr beſtändig Etward an, der häufig lautere Vergnügungen im Stiche ließ, um Lilla auf einem Spaziergange zu begleiten, und ſeine verſtändige Unterhaltung, ſeine vielen luſtigen Anekdoten machten oft ſeine junge Zuhörerin lächeln, richteten in Ver⸗ bindung mit Ellens Gegenwart und ruhiger Theilnahme ihr Gemüth auf und ermuthigten ſie in ihrer ſchwierigen Auf⸗ gabe, die Reizbarkeit ihres Vaters zu ertragen, wenn ſie die⸗ ſelbe nicht beſchwichtigen konnte. Moorlands ſollte verkauft werden, denn Mr. Graham hatte beſchloſſen, ſich und ſein Kind in irgend eine einſame Hütte zu begraben, wo man ſelbſt ſein Daſein vergeſſen lernen ſollte. Vergebens be⸗ kämpften Mr. und Mrs. Hamilton dieſen Entſchluß und baten ihn, ſich wenigſtens in ihrer Nähe niederzulaſſen; düſter, faſt mürriſch ſprach er dennoch von Wales als der einzigen Gegend, wo er nicht bekannt ſei, wo an ſeinem Namen kein Makel klebte. Lilla ſtand gerade in einem Alter, wo ſie es als eine ſehr ſchmerzliche Prüfung fühlte, von den lieben Freundinnen ihrer Kindheit ſcheiden zu müſſen, aber ſie war entſchloſſen, ſich dem Willen ihres Vaters zu unterwerfen, was er auch beſchließen möge. Auch Capitain Cameron war eine angenehme Vermeh⸗ rung der Geſellſchaft von Oakwood. Da er ſelbſt lebhaft und von Natur heiter war, ſo liebte ihn Percy als einen verwandten Geiſt, und da er zurückhaltend, wiewohl geiſtreich war, ſo fand Herbert, daß ihre Charaktere in vielen Punk⸗ ten Aehnlichkeit mit einander hatten. Mrs. Cameron Stel⸗ lung im Leben hatte ſich ſeit ihrer Rückkehr nach England etwas gebeſſert. Sir Hektor Cameron, der ältere Bruder ihres Gatten, ein kinderloſer Wittwer, hatte ſeine mürriſche 143 und ziemlich geizige Sinnesart geändert, und ſein Wunſch, die Familie ſeines Bruders kennen zu lernen, wurde zu mäch⸗ tig, als daß er demſelben widerſtehen konnte. Er hatte Wal⸗ ther in Irland geſehen und den jungen Mann bewundert, ohne zu wiſſen, wer es war; eine weitere Bekanntſchaft, ehe er ſich als ſein Onkel kundgab, erhöhte den guten Eindruck, und plötzlich ſah ſich Walther zu ſeinem großen Erſtaunen zum Erben einer reichen Baronie erhoben, und für ſeine Mut⸗ ter und ſeine Schweſter war ebenfalls Sorge getragen. Er freute ſich über ſein Glück, nicht der vielen Vergnügungen wegen, die nun verführeriſch Sir Hektor's Erben umſtanden, ſondern weil er jetzt einer Neigung folgen konnte, die er einſt für ſo hoffnungslos gehalten hatte, wie ſie innig war. Es iſt nur eine Perſon, die wir früher kennen gelernt haben und deren Schickſal zu erwähnen wir unterlaſſen; es wird gut ſein, es hier nachzuholen, ehe wir unſere Erzählung fortſetzen. Die hochſinnige, unſelbſtſüchtige, Wahrheit lie⸗ bende Lady Gertrud Lyle hatte endlich zur großen Freude ihrer Eltern eingewilligt, die langjährige ſtumme Huldigung des Marquis von Alford zu belohnen und ihm ihre Hand zu geben. Sie heiratheten ſich, und wir brauchen nicht zu ſagen, daß ſie glücklich wurden. Lady Gertrud's Liebe zu ihrem Gatten ſteigerte ſich mit jedem Jahre, und er ſah im Laufe der Zeit immer mehr, welches Muſter von Güte, Frömmig⸗ keit und Tugend die Frau war, um deren Liebe er ſich be⸗ worben hatte. „Liebſte Emmeline, ziehe heute Dein ſchönſtes Kleid an, und feſſele dieſe wallende Locken mit einem geſchmackvollen Kranze,“ ſagte Mr. Hamilton etwa acht Tage nach der Un⸗ terhaltung mit ihrer Mutter ſcherzend zu ſeiner Tochter. Die Glocke hatte zur Toilette gerufen, und die verſchiedenen Be⸗ wohner von Oakwood gehorchten derſelben, und Karoline fragte lachend ihren Vater, ſeit wie lange er ein ſolches In⸗ tereſſe für den weiblichen Putz habe. „Denkſt Du, daß ich mich nicht dafür intereſſire?“ fragte ihr Vater mit ſcheinbarem Ernſte. „Erinnerſt Du Dich, lieber Vater, wie mir Deine Hand 144 vor etwa 10 Jahren, als ich noch ein eitles und eigenfinni⸗ ges Mädchen war, einen rothen Geraniumzweig in das Haar flocht,“ erwiderte die junge Gräfin, ohne ſeine Frage zu beachten, indem ſie ihm mit zärtlicher Liebe ins Geſicht ſah.„Doch, Papa, keine Blume, ſelbſt wenn ſie aus Edel⸗ ſteinen beſtand, machte mir jemals ſo viel Vergnügen.“ „Selbſt nicht, wenn ſie St. Eval's Hand in dieſe flie⸗ genden Locken ſteckte? Sind Sie nicht eiferſüchtig, Eugen?“ „Nicht im mindeſten,“ erwiderte der Graf lachend.„Ich habe von dieſer Blume und den guten Folgen, die ſie ge⸗ habt, gehört.“ „Sie haben davon gehört? Ich hätte gedacht, daß meine Karoline ſie ſchon längſt vergeſſen.“ Lady St. Eval lächelte, als ſie das Zimmer verließ und Mr. Hamilton ergriff zärtlich Emmelinens Hand und ſagte: „Warum macht meine Emmeline ein ſo ernſtes Geſicht, ge⸗ fällt es ihr nicht, daß ihr Vater ſich um ihre Toilette küm⸗ mert? aber nicht um meinetwillen wünſche ich, daß Du heute Abend hübſch ausſiehſt, es geſchieht für einen Andern, Em⸗ meline, und ich erwarte, daß Du um meinetwillen alles thuſt, was in Deinen Kräften ſteht, um ihm zu gefallen und ihn zu lieben. Erſchrick nicht, mein Kind, die Aufgabe wird nicht ſehr ſchwer ſein.“ Er küßte ſie mit heiterm Lächeln auf die Wange und verließ ſie, und ſie blieb bewegungslos und bleich zurück, jeder Zug ihres Geſichts gab Zeugniß von ihren Lei⸗ den, ihre Hände hatte ſie auf das Herz gedrückt. Emmeline ſaß vor ihrem Spiegel und ließ Fanny ihr ſchönes Haar ordnen, wie ſie wollte, ihr war es gleichgültig. Die Worte ihres Vaters klangen ihr ins Ohr, der heutige Abend beſiegelte ihr Schickſal. Fanny ſprach, denn ſie beunruhigte ſich über das Benehmen ihrer jungen Herrin, aber Emmeline antwor⸗ tete, wie wenn ſie ſie nicht gehört hätte, und das Geſchäft der Toilette ging ſchweigend zu Ende. Doch Fanny hatte ihre Sache ſo gut gemacht, das liebe Mädchen ſah ſo ſchön und liebenswürdig aus, als ſie in den Geſellſchaftsſaal trat, daß alle Augen bewundernd auf ihr ruhten. Die anmuthigen Falten eines Mouſſelinkleides umgaben ihre ſchlanke Geſtalt, — 145 und ein Blumenkranz mit kleinen Roſenknospen durchflochten hielt ihr üppiges Haar zuſammen. Eine kaum bemerkbare Röthe deckte ihre Wangen, und ihre Augen, die beſtändig im Saale umherirrten, als wenn ſie Jemand ſuchten, ſtrahlten in ungewöhnlichem Glanze. Ihr Vater flüſterte ihr zu, als er in ihre Nähe kam:„Ich glaube nicht, daß mein Freund ſo bald kommt, meine kleine Emmy, aber ſieh dann ſo hübſch aus wie jetzt, und ich bin zufrieden.“ Sie beruhigte ſich, aber ehe das Diner geſchloſſen war, hörte ſie eine Nachricht, die es ihr furchtbar ſchwer machte, ihre Faſſung zu behaupten. Daß die Familie der Mrs. Cameron, Mr. Howard und noch ein paar Andere kommen würden, wußte ſie, aber daß Lord St. Eval um 8 oder 9 Uhr am Abend ſeinen Bruder Louis in Oakwood erwartete, das war eine Nachricht, die ſie in die äußerſte Unruhe verſetzte. Würde er nicht von ſeinem Erzieher begleitet ſein, würde ſie nicht ihn ſehen, von dem ſie ſo lange getrennt geweſen war, ihn ſehen, dem ſie ihr Herz geſchenkt hatte, und in ſeiner Gegenwart ollte ſie dem Gatten überliefert werden, den ihre Eltern für ſie gewählt hatten. Mrs. Hamilton beobachtete ſie mit unge⸗ wöhnlicher Unruhe, und als abgeſpeiſt war, flüſterte ſie, wie es ſchien, ihrem Gatten eine dringende Bitte ins Ohr. Er ſchüttelte ſcherzhaft ablehnend den Kopf; ſie ſchien immer noch beſorgt, wiewohl etwas ruhiger. Die Stunden verfloſſen. Emmeline hatte ſich auf einige Minuten zurückgezogen, denn das Glück, die Freude ringsum, ſie drückten mit überwälti⸗ gender Schwermuth auf ihr Herz; ſie hatte ſich faſt unbe⸗ wußt davon weggewandt. „O warum, warum geſtand ich nicht Mama, daß ich keinen Andern heirathen könnte, weil ich Arthur noch immer liebe. Warum war ich ſo thöricht, die Wahrheit zu fürchten, wir würden uns dann nicht wieder geſehen haben. Warum war ich ſo ſchwach, dieſe unglücklichen Gefühle ſelbſt vor meiner Mutter zu verbergen, wie kann ich ihre Theilnahme erwarten, wenn ſie nichts davon weiß?“ So dachte ſie, aber es war nun zu ſpät; die freundliche Stimme, die zärtlichen Liebkoſungen ihrer Couſine Ellen Der Lohn einer Muttecr. II. 10 146 weckten ſie auf, ſie raffte ſich zuſammen, nahm Ellens Arm und ſie betraten mit einander das Geſellſchaftszimmer. Sie ſah keine Fremden, alle waren ihren Augen bekannt, und indem ſie ihren ganzen Muth zuſammennahm, fing ſie mit St. Eval eine Unterhaltung an, der auf ſie zueilte, ſobald ſie eintrat. Ellen begab ſich zu den Tanzenden. „Ich wundere mich, warum wir heute alle ſo heiter und glücklich ſcheinen,“ ſagte St. Eval.„Sieh Dir einmal Capi⸗ tain Cameron und unſere Couſine Ellen an, ich habe ſolche Hingebung in meinem Leben noch nicht geſehen; verlaß Dich auf mein Wort, dies giebt eines Tages ein Paar, und zwar ein ſehr hübſches. Cameron iſt ein guter Junge, und wenn Jemand verliebt war, ſo iſt er es.“ „Aber Ellens Bewunderung für ſeinen Stand ſpricht ſich zu offen und frei aus, als daß er hoffen dürfte, daß ſeine Neigung, wenn er liebt, erwidert werden würde. Nein, Eu⸗ gen, ich gebe zu, daß Capitain Cameron angezogen ſein kann, aber ich glaube nicht, daß Ellens Wahl auf ihn fällt.“ „Kennſt Du Jemand, auf den ſie fallen würde?“ „Welch eine Frage,“ erwiderte ſie lächelnd,„mich zu ver⸗ ſuchen, die Geheimniſſe meiner Coufine zu verrathen, wenn ſie welche hätte, aber ich muß aufrichtig bekennen, daß ich noch nichts weiß. Es iſt eine ſeltſame Einbildung, aber ich denke oft, daß Ellen eine alte Jungfer bleiben wird.“ „Wie, iſt ſie ſo ſpröde, ſo eingebildet, ſo ſchwierig? Schäme Dich, Emmeline, ſo etwas auch nur zu ſagen.“ „O nein, St. Eval, ſchäme Du Dich vielmehr, ſolche Begriffe mit einem unverheiratheten Mädchen zu verbinden. Allein und ohne Theilnahme durchs Leben zu gehen, erſcheint beim erſten Anblick ſehr traurig, und warum ſoll man den Schmerz durch Vorurtheil noch erhöhen? Ich kann mir nicht denken, daß, wenn ein Mädchen unverheirathet bleibt, dies ein Beweis von ihrer Unliebenswürdigkeit iſt.“ „O ich bin nicht ſo ungerecht,“ ſagte der Graf lächelnd; „wenn alte Mädchen ſich anſtändig benehmen, ſo ſchätze ich ſie eben ſo ſehr, vielleicht noch mehr, als manche Frau, aber dennoch wird Ellen kein altes Mädchen werden, ſie iſt 147 hübſch und zu gut, und würde jeden Mann glücklich machen, der ſo glücklich iſt, ihre Liebe und Achtung zu gewinnen. Aber Du, Emmeline, Du wirſt gewiß kein altes Mädchen werden, wiewohl Du ſie ſo warm vertheidigſt.“ „Mein Loos liegt nicht in meiner Hand, ſprich nicht da⸗ von, Eugen,“ ſagte ſie mit bebender Lippe, und indem ſie ſich raſch ſeinem Blick entzog, fügte ſie hinzu:„Da Du die Angelegenheiten aller Leute im Saale zu wiſſen ſcheinſt, ſo ſage mir, was Mrs. Cameron und Florenee ſo eifrig beſprechen.“ „Die alte Geſchichte: fie ſprechen von meinem tollen Bruder Louis und ſeinem weiſen Erzieher. Beiläufig be⸗ merkt, Emmeline, ich habe Dich noch nie gefragt, was Du von Myrvin's Benehmen in dieſer Angelegenheit denkſt, benahm er ſich nicht bewundernswürdig?“ „Er that nur ſeine Pflicht,“ erwiderte Emmeline feſt, „er handelte nur, wie Jedermann von edlem Gefühl gehan⸗ delt haben würde; es war ſeine Pflicht, denn er hatte ſich an⸗ heiſchig gemacht, ſeinen Zögling zu überwachen, und hätte er ihn in ſeiner Krankheit verlaſſen können, die Gebote gewöhn⸗ licher Menſchlichkeit, die geſellſchaftlichen Pflichten hätten ihn davon abhalten müſſen.“ „Wie ſchade, daß Florence Dich nicht hört, ein ſo ruhi⸗ ges Raiſonnement würde die romantiſche Gluth löſchen, womit ſie dieſe Ereigniſſe ausſtaffirt hat. Aber Du läßt Myrvin wirklich keine Gerechtigkeit wiederfahren, nicht Jedermann thut ſeine Pflicht.“ „Jedermann ſoll es wenigſtens thun, und wenn er es nicht thut, ſo handelt er unrecht, wie er recht handelt, wenn er es thut.“ „Aber das iſt Deinem eigenen Grundſatze zuwider, Em⸗ meline. Was iſt aus dem Enthuſiasmus geworden, der Dich einſt alle ſolche kalte Urtheile, ſolch ſpärliches Lob verdam⸗ men ließ? Früher würdeſt Du ein ſolches Benehmen ganz anders angeſehen haben.“ Emmeline wandte ſich ab, aber St. Eval ſah, daß ihre Au⸗ gen in Thränen ſchwammen, und er fuhr ſcherzend fort:„Ver⸗ 10* 148 laſſe Dich darauf, ich werde es Myrvin ſagen, ſobald ich ihn ſehe.“ „Ich hoffe, das wirſt Du nicht thun,“ entgegnete Em⸗ meline, indem ſie ihre Ruhe wieder zu gewinnen ſuchte; da es ihr aber nicht gelang, fügte ſie bittend hinzu,„Wenn Du einige Rückſicht für mich haſt, ſo wiederhole meine Worte nicht, laſſe ſie mit dem Gegenſtande fallen, er hat uns lange genug beſchäftigt.“ St. Eval ſchüttelte vorwurfsvoll den Kopfs ſie ſaßen ab⸗ ſeits von den Tanzenden, und da Emmeline glaubte, daß weder ihre Worte gehört, noch eine etwaige Aufregung bemerkt werden könnte, ſo legte ſie ihre zitternde Hand in die St. Eval's und ſagte faſt unhörbar:„Eugen, ſage mir, begleitet Arthur Myrvin heute Abend Lord Louis? Täuſche mich nicht.“ „Er begleitet ihn,“ erwiderte er ſofort,„und ich be⸗ greife nicht, was ſie ſo lange aufhält. Aber fürchte nichts, liebe Emmeline, ich weiß Alles; du kannſt Dich auf mich verlaſſen, daher fürchte nichts. Und nun halte Dein Verſpre⸗ chen, die Quadrille iſt gebildet, ſie warten nur auf uns.“ „Ich weiß Alles, fürchte nichts,“ wiederholte Emmeline bei ſich und zitterte vor Aufregung am ganzen Leibe, während ſie St. Eval freundlich und anmuthig an den für ſie beſtimm⸗ ten Platz führte. Sie zwang ſich nur, an den Tanz, an die luſtigen Anekdoten, die er ihr erzählte, an das fröhliche Lachen, an den heiteren Scherz zu denken, die ſie in ihrer Nähe ſah und hörte. Ihre natürliche Anmuth beim Tanze verließ ſie nicht, auch weigerte ſie ſich nicht, als die Quadrille vorüber war, die Bitte ihrer Schweſter zu erfüllen und die Harfe zu ergreifen; ſie ſetzte ſich zu ihrem Inſtrumente und fing an. Die Muſik hatte ihren Reiz nicht verloren, die herrliche Melo⸗ die, die ſie ſpielte, ſchien ihre aufgeregten Gefühle zu beru⸗ higen und ließ ſie ihre gewöhnliche Schüchternheit vergeſſen. Alle waren ſtumm, denn die Melodie war ſo lieblich, ſo kla⸗ gend, daß nicht eine Stimme ſie ſtören mochte; ſie ging dann in ein raſcheres, lebhafteres Tempo über, und in dieſem Augenblicke ſah Emmeline Edward und Ellen raſch auf⸗ ſtehen, um einen jungen Mann zu begrüßen, der geräuſchlos, 149 doch raſch eingetreten war und auf ſie zueilte; es war Lord Louis. Emmeline ſchrak zuſammen, nur eine kräftige An⸗ ſtrengung ſetzte ſie in den Stand, weiter zu ſpielen; aber ihre Finger bewegten ſich nur mechaniſch, alle ihre Pulſe ſchlugen ſo heftig und klangen ſo laut an ihr Ohr, daß ſie die Töne, die ſie ſpielte, nicht mehr hörte. Ein Nebel umhüllte ihre Augen und der lebhafte Beifall, der ſie begrüßte, als ſie auf⸗ hörte, klang ihrem Ohre wie ein ſinnloſer, unverſtändiger Lärm; Lord Louis eilte raſch auf ſie zu, um ſie der Harfe zu entführen und ihr zu ſagen, wie er ſich freue, ſie wieder zu ſehen, wiewohl ſelbſt ſein gewöhnlich ſo unbekümmertes Auge ſeinen heitern Ausdruck verlor, als es die Veränderung ſeiner liebſten Geſpielin bemerkte. Emmeline ſuchte zu lächeln und ihm in ſeiner Weiſe zu antworten, aber ihr Lächeln war krankhaft und ihre Stimme zitterte hörbar, als ſie ſprach. Sie ſah ſich um, als wenn ſie fürchtete und auch hoffte, noch einen Andern zu ſehen, aber Lord Louis war allein, ſein Lehrer war nicht bei ihm; aber Mr. und Mrs. Hamilton, St. Eval und Herbert hatten das Zimmer verlaſſen. Einige Zeit verfloß im lebhaften Geſpräch, dennoch erſchien Myrvin nicht.„Man wünſcht Dich im Bibliothekzimmer zu ſehen, liebſte Emmeline,“ ſagte die junge Gräfin St. Eval. „Begleite mich, Emmeline; thörichtes Mädchen fürchte nichts,“ fügte der Graf heiter hinzu. „Liebes Kind,“flüſterte er, indem ſie ihren bittenden Blick auf ihn richtete,„begrüße den Gatten, den Dir Deine Eltern erwählt haben, nicht mit einem ſolchen Geſichte; fürchte nichts,“ wiederholte er, als ihre Schritte ſchwankten und ſie bei ſeinen Worten am ganzen Leibe zitterte. Wiederum lächelte er, wie er es ſchon im Laufe des Abends gethan hatte, und zum erſten Male fuhr ein plötzlicher Lichtſtrahl durch die Seele des aufgeregten Mädchens; aber der Strahl war ſo blendend, ſein Glanz ſo überwältigend im Gegenſatz zu der Schwer⸗ muth, die bisher darin geherrſcht hatte, daß ſie nicht daran glauben konnte; ſie dachte, es ſei ein loſer Streich ihrer Phan⸗ taſie, die ſie ſo lange verlaſſen hatte. St. Eval eilte weiter, ſie gelangten zur Bibliothek, und Emmelinens Aufregung ſteigerte ſich faſt zu einer Ohnmacht; ſie ſtützte ſich immer feſter auf St. Eval's Arm; wiewohl ihr Herz faſt hörbar ſchlug, und ihre Wangen an Bläſſe mit einer Marmorſtatue wetteiferten, ſo verrieth doch kein Wort ihre Bewegung. Die Bibliothek war hell erleuchtet, eine Gruppe ſtand um den Mitteltiſch, aber Emmelinen war Alles unklar, ſie konnte nicht einen Einzigen erkennen. Ihr Vater eilte auf ſie zu, ergriff ihre zitternde Hand und führte ſie langſam vorwärts. „Richte Dich auf, mein geliebtes Kind,“ ſagte er zärt⸗ lich,„wir haben nach Dir geſchickt, damit Du die Zuſtim⸗ mung bekräftigſt, die Deine Mutter und ich gegeben, und zwar unter der Bedingung, daß, wenn Du Deine Einwilli⸗ gung zurückhälſt, auch die unſrige null und nichtig iſt. Aber werden die langen Jahre ſtummer Liebe und ſtillen Leidens um Deinetwillen zu einem ſo ſanften Gemüth, wie das Deine iſt, vergeblich ſprechen? Blicke auf, meine Emmeline und ſage mir, ob die Zärtlichkeit Deſſen, den wir erwählt haben, nicht die beſte Arznei ſein wird, die wir Dir geben können?“ Sie blickte auf und ein raſcher Blutſtrom übergoß ihre bleichen Wangen mit dunkler Röthe und ihre ſanften Augen erglänzten von ihrem ſonſtigen Feuer; neben ihr ſtand eine große männliche Geſtalt, die ſie mit ſo inniger Liebe anblickte, daß ſie nicht ſah, wie bleich dieſe ausdrucksvollen Züge waren, welch langes tiefes Leid ſich auf dieſer hohen Stirn ausge⸗ prägt hatte; ſie hörte nichts, als die tiefe klangvolle Stimme, die ihren Namen nannte und ſie als ſeine liebe, liebe Em⸗ meline begrüßte, denn ſie war in ſeine ausgebreiteten Arme geſunken, ſie hatte ihr Geſicht an ſeine Bruſt geborgen und weinte. „Haſt Du uns vergeben, liebſte Emmeline?“ ſagte Mrs. Hamilton zärtlich nach einer langen Pauſe, welche verſchie⸗ dene ſehr gemiſchte Gefühle veranlaßt hatten; ihr Kind ent⸗ zog ſich einen Augenblick den Armen ihres Verlobten und fiel ihr um den Hals.„Dein Vater verpflichtete mich, ſein Geheimniß nicht zu verrathen und ich habe es bis heute Abend gehalten, denn verdienteſt Du nicht eine Strafe, mein Kind, daß Du auch nur einen einzigen Augenblick glauben 151 konnteſt, daß Deine Eltern Deine treue Erfüllung einer ſchmerzlichen Pflicht, Deinen unweigerlichen Gehorſam gegen unſern Willen damit belohnen würden, daß ſie Dich nöthig⸗ ten, Deine Hand einem Andern zu geben, während Dein Herz bereits verſagt war? Nein, meine Emmeline, ſo grauſam hätten wir nicht ſein können. Nehmen Sie ſie hin, mein lieber Arthur; freiwillig und ohne Furcht vertraue ich Ihnen ihr Glück an, denn Sie haben ſie redlich verdient.“ Wir brauchen nicht den Schleier von der kurzen Zuſam⸗ menkunft zu heben, welche Mr. und Mrs. Hamilton den Lie⸗ benden rückſichtsvoll geſtatteten; es genügt, daß ſie glücklich waren, glücklich im Bewußtſein nicht nur gegenwärtiger Freude, ſondern auch treuer Pflichterfüllung, muthig ertra⸗ genen Schmerzes; ja ihr Glück war ungetrübt, denn es war ein Lohn der Tugend. Als die Kunde von dem Vorgange bekannt wurde, war es Allen zu Muthe, als wenn ſie eine perſönliche Freude er⸗ lebt hätten. Die allgemeine Theilnahme, die durch das Glück eines von Allen geliebten Mädchens wie Emmeline herbeige⸗ führt wurde, ergoß neues Leben über die kleine Geſellſchaft. Und freute ſich Ellen, die liebevolle Ellen nicht? Ja, ſie freute ſich ungeheuchelt, aufrichtig; aber es miſchte ſich darein ein bitterer Schmerz, den ſie vergebens zu bekämpfen ſuchte. „Kannſt Du Dich entſchließen, in dem beſcheidenen Pfarr⸗ hauſe meines Gutes zu wohnen?“ flüſterte ihr der junge Graf ins Ohr, als ſie den Arm Arthur's verließ, an den ſich Edward, Percy und Ellen drängten.„Du haſt es oft be⸗ wundert; wird es Dir zur Heimath dienen? oder wenn nicht, ſo nenne mir die Veränderungen, die Du gemacht zu ſehen wünſcheſt, und ſie ſollen gemacht werden.“ „Liebſter Eugen,“ ſagte Emmeline,„ich fühle, daß Deine edlen Bemühungen zu Arthur's Gunſten es ſind, denen ich mein Glück großentheils ſchulde, willſt Du mich nicht dafür danken laſſen, anſtatt daß ich noch mehr bitten ſoll?“ „Nein, kleine Fee, das will ich nicht thun, denn ich ſpreche nur die Wahrheit, und das, Emmeline, war nur meine Pflicht und erfordert weder Dank, noch Lob. Und da ich 152 meinen Freund Myrvin zum Stellvertreter meines vorigen Pfarrers erwählt habe, der letzte Woche eine beſſere Stelle erhalten hat, ſo iſt es auch meine Pflicht, dafür zu ſorgen, daß Alles zu ſeinem und ſeiner Frau Wohlbefinden einge⸗ richtet wird.“ „O ſchone mich, St. Eval, ich will mich ſchuldig bekennen, daß ich Arthur nicht ſein volles Recht habe widerfahren laſſen, wenn Du mir verſprechen willſt, mich nicht immer mit dem Worte Pflicht zu quälen. Ich war ungerecht und unfreundlich.“ „Meine liebe Emmy, Du warſt weder ungerecht noch unfreundlich, Du ſagteſt nur das Eine, während Du das Andere meinteſt, und da ich weiß, warum Du das thateſt, verzeih' ich Dir.“ Nachdem die Familie der Mrs. Cameron und die anderen Gäſte ſich verabſchiedet hatten, und blos Mr. Hamilton's Familie in dem Geſellſchaftszimmer zurückblieb, verurſachte es Allen bis auf Mrs. Hamilton und Percy ein gewiſſes Erſtaunen, als Mr. Hamilton plötzlich ſeine Hand auf Her⸗ bert's Schulter legte und in halb ernſtem, halb ſcherzendem Tone ſagte:„Eine Ueberraſchung und eine Veranlaſſung zu Glückwünſchen könnte zwar für einen Abend genügen, aber ich bin der glückliche Bote noch eines andern Ereigniſſes, das vielleicht noch größere Ueberraſchung hervorbringt und gewiß nicht mindere Freude bereitet. Bringt mir und Mrs. Hamilton die wärmſten Glückwünſche dar, denn derſelbe Tag, der uns einen neuen Sohn giebt, wird uns hoffentlich auch eine andere Tochter bringen. Dieſer ſtille junge Mann be⸗ abſichtigt eine Frau zu nehmen, und da es einige Zeit dauern wird, ehe wir ſie aus Frankreich zurückbringen können, ſo iſt es das Beſte, was wir thun können, wenn wir auf zwei Hoch⸗ zeiten an einem Tage Rechnung machen.“ „Herbert, mein echt engliſcher Coufin, will eine Franzö⸗ ſin heirathen? Bei meinem guten Schwert, das geht nicht,“ ſagte Edward lachend, nachdem das allgemeine Erſtaunen und die Freude, welche dieſe Mittheilung verurſachte, ſich eini⸗ germaßen gelegt hatten. Karoline und Emmeline ſtellten gleichzeitig die neugierige Frage, wer Herberts Auserwählte ſei. 153 „Fürchte nichts, Lieutenant,“ ſagte St. Eval, ehe Her⸗ bert antworten konnte,„wiewohl ich eine Landratte bin, ſo iſt mein Verſtand nicht ſo beſchränkt, daß ich nicht beſſer riethe als Du. Iſt es möglich, daß es hier Niemand ſagen kann? hat Niemand Bruder Herbert's Geheimniß errathen? Karoline, was iſt aus Deinem Scharfblick geworden, und Emmeline aus Deiner Romantik? Ellen, kannſt Du es nicht errathen?“ „Ja,“ erwiderte ſie ſogleich, wiewohl bei dieſem Worte eine plötzliche Röthe auf ihren Wangen ſtieg, die, während Mr. Hamilton ſprach, bleich wie der Tod geweſen waren. „Sei glücklich, liebſter Herbert,“ fügte ſie ruhig hinzu, in⸗ dem ſie ihm die Hand entgegen hielt;„wenige ſind ſo geeig⸗ net, Dich glücklich zu machen, wenige können Deine Gefühle ſo wahrhaft theilen, wie Mary Greville.“ „Du haſt Recht, ſehr Recht,“ ſagte Lady Emily Lyle, wäh⸗ rend Herbert ſeiner Couſine warm die Hand drückte und ihr in ſeinem eigenthümlich rührenden Tone dankte; dann wandte er ſich mit freudeſtrahlendem Geſicht an die kleine Gruppe und dankte ihr für die Freude, womit ſie den Namen ſeiner Mary begrüßt habe und zu Edward gewendet, fragte er mit einem Lächeln, ob Mary nicht eine ſo gute Engländerin ſei, daß er ſich mit ihr zufrieden erklären könnte. „Vollſtändig, vollſtändig, ich könnte ſelbſt nach Frank⸗ reich hinüber fahren, um ſie mit meinem tapfern Schiffe nach England zu holen,“ erwiderte der junge Seemann;„Ffie iſt die beſte Frau, die Du hätteſt wählen können, Herbert, denn ihr waret ſchon in euren Kinderjahren immer bei einander, und es würde eine Sünde und Schande geweſen ſein, wenn Du eine Andere geheirathet hätteſt. Percy, warum folgſt Du nicht einem ſo trefflichen Beiſpiele?“ „Ich— weil das Junggeſellenleben für mich noch nicht ſeine Reize verloren hat, Edward; mir gefällt am beſten mein eignes Wohlbefinden, mein eignes Vergnügen und ich wünſche noch einige Zeit frei zu bleiben,“ erwiderte der junge Mann, indem er ſich mit einer komiſchen Nonchalance auf ein Sopha ſtreckte, dann ſprang er auf und fügte theatraliſch hinzu:„Ich will Senator, Senator werden, und wie in aller Welt kann ich an die Ehe denken, als daß es ein Glückszuſtand iſt, der für einen ſo viel beſchäftigten Mann wie ich bin, oder vielmehr zu ſein denke, nicht paßt.“ „Ich empfehle Dir eine richtigere Sprache, Percy,“ ſagte ſeine Mutter lächelnd.„Denken und Sein find zwei ſehr verſchiedene Dinge.“ „Aber bei mir können ſie ſich ſo verſchmelzen, daß ſie daſſelbe werden. Mutter, wer würde glauben, daß Du ſo ſtreng ſein könnteſt? Aber ich verzeihe Dir, an einem ſchönen Tage wirſt Du Deine Ungerechtigkeit bereuen, dies Lächeln ſagt es mir. Nun, wir wollen ſehen; und nun, meine Damen und Herren, zu Bett, zu Bett. Ich habe die Ueberraſchung heute in ſo großen Zügen getrunken, daß ich es nicht länger aushalten kann. Freundliche gute Nacht Allen. Myrvin,“ rief er aus der Halle zurück,„wenn Du morgen ſo zeitig aufſtehſt wie in Orford, ſo wollen wir nach Trevilion und vor dem Frühſtück Deine neue Pfarre beſichtigen, am Abend ſind wir dann wieder hier.“ „O morgen nicht, Arthur,“ ſprach Emmeline mit leiſer Stimme, als er ihr aus dem Zimmer folgte. „Morgen nicht, Liebſte,“ erwiderte er zärtlich, indem er ſie an ſeine Bruſt drückte und den Segen Gottes auf ſie herabflehte. Auch die andern Glieder der Familie trennten ſich, un⸗ ter den letzten Ellen, denn Lady Emily hielt ſie zuerſt in einem Geſpräche zurück, dann ſagte ihr Mrs. Hamilton, daß ſie am nächſten Morgen etwas für ſie beſorgen möge. Ellen ſtand im Schatten, als ihre Tante ſprach, Alle hatten das Zimmer verlaſſen bis auf Edward und ſie, und eine luſtige Melodie ſingend, wollte ſich der Erſtere ſoeben entfernen, als er ſich zurückwandte, um ſeiner Schweſter eine gute Nacht zu wünſchen, da beleuchtete das Licht ihr Antlitz und es lag etwas in ſeinem Ausdruck, in ſeiner faſt überirdiſchen Bläſſe, was ihn plötzlich erſchreckte und ſeinem Geſange ein Ende machte. „Barmherziger Himmel, Ellen, was fehlt Dir, Du ſiehſt ja aus wie ein Geſpenſt?“ „Sei nicht thöricht, Edward, es fehlt mir nichts, ich befinde mich ganz wohl, es iſt mir nur warm,“ erwiderte ſie und ſuchte zu lächeln; aber ihre Stimme war ſo dumpf, ihr Lächeln ſo unnatürlich, daß nicht nur ihr Bruder, ſondern auch ihre Tante ſich beunruhigte. „Du täuſcheſt uns, mein liebes Mädchen, Du befindeſt Dich nicht wohl. Haſt Du Schmerzen, liebes Kind?“ ſagte ſie, indem ſie auf ſie zueilte. Ellen hatte Alles ertragen, ſo lange ſie unbemerkt blieb, aber die freundliche Stimme, die zärtliche Liebkoſung ihrer Tante überwältigte ſie, und in einen Stuhl ſinkend, brach ſie in Thränen aus. „Es iſt nichts, wirklich nichts, meine liebe Tante,“ ſagte ſie, indem ſie ihr Schluchzen zu unterdrücken ſuchte,„es war mir den ganzen Abend ſo heiß, und das iſt es, was mich ſo thöricht macht.“ „Ich hoffe, es iſt nur die Hitze, meine liebe Ellen,“ er⸗ widerte Mrs. Hamilton zärtlich, die zwar nicht die Wahr⸗ heit, aber etwas Aehnliches ahnte. Einige Minuten ſtützte Ellen ihren Kopf ſchweigend an ihre Tante, die ſich über ſie niederbeugte; dann erwiderte ſie ihren zärtlichen Kuß, reichte ihrem Bruder die Hand, verſicherte ihn, daß ſie ſich ganz wohl befinde, und verließ ruhig das Zimmer. „Nun kenne ich mein Schickſal,“ ſagte Ellen bei ſich, als ſie ſchlaflos ihren Kopf auf das Kiſſen legte und ihre gefal⸗ teten Hände auf das Herz drückte, um ſeine erſtickenden Schläge niederzuhalten.„Warum habe ich mich ſo überwäl⸗ tigen laſſen, als wenn ich jemals gehofft hätte, als wenn mir dies unerwartet käme? Habe ich nicht gewußt, das ſie ſeine Wahl ſein würde, daß ich wahnſinnig war, einen Mann zu lieben, der von Kindheit an eine Andere liebte? Warum trifft es mich wie ein Schlag, auf den ich ganz unvorbereitet war? Was iſt aus meinen guten Vorſätzen geworden? Warum ſollte meine Aufgabe jetzt ſchwieriger ſein, als ſie es war? Es iſt mir zu Muthe, als wäre mir das Leben zuwider, als 156 wäre ich erbittert gegen Alle, die ich liebte, als könnte ich meiner armen Coufine den Becher unerwarteten Glückes von den Lippen reißen, den ſie erſt heute Abend gekoſtet hat. O, barmherziger Vater, verlaß mich nicht, laſſe mich nicht ſo fühlen, ſondern erfülle mein Herz mit Liebe und Theilnahme, nimm dieſe Bitterkeit und dieſen Neid von mir. Du biſt es, der mir dieſen bittern Kelch reicht, Vater, ich erkenne Deine Hand und gebe mich Dir anheim. O, gieb mir die Kraft dazu, lehre mich Dich allein zu lieben, Deine Gebote zu erfüllen, Dir gehorſam zu ſein und dankbar die vielen Seg⸗ nungen zu empfangen, die mich umgeben; laß mich nur ſie glücklich ſehen. O mein Vater, laſſe Dein ſchönſtes Glück ſein Lvos ſein, und was mich anlangt“— es war ein ſchwerer Kampf, aber ehe die Nacht verfloſſen war, hatte dieſer junge Geiſt geſiegt, hatte inbrünſtig, vertrauensvoll, von ganzem Herzen gebetet—„was mich anlangt, o Vater, Dein Wille geſchehe.“ Und Ellen kam am folgenden Morgen heiter und ruhig zum Frühſtück. Es war keine Spur inneren Leidens zu ſehen, kein Zeichen verrieth ſelbſt ihrer Tante, was ſie er⸗ duldet hatte. Sie ging heiter auf Emmelinens Glück ein, be⸗ gleitete ſie und Arthur nebſt Lord und Lady St. Eval nach Trevilion und betheiligte ſich an allen Plänen, die gemacht wurden, als wenn ſie kein anderer Gedanke beſchäftigt hätte. Arthur und Emmeline fanden in ihr eine thätige, wohlwol⸗ lende Freundin, und die Achtung und Liebe, die ihr dafür zu Theil wurde, ſchien ſie zu beruhigen und zu immer größe⸗ ren Anſtrengungen anzuſpornen. Mrs. Hamilton beobach⸗ tete ſie ängſtlich; ſie hatte zuerſt gedacht, daß Arthur der Gegenſtand der Liebe ihrer Nichte ſei, aber dieſer Gedanke fand keine Beſtätigung, und wiewohl ſie einſah, daß dies nicht die wahre Urſache von Ellens Aufregung an jenem verhängnißvollen Abend war, ſo konnte ſie doch die Wahr⸗ heit nicht errathen. Als die Aufregung der Glückwünſche vorüber war, fühlte Herbert, daß die warme Theilnahme ſeiner Freunde einem gewiſſen Kummer und Nachdenken Platz gemacht hatte. Marry war ſo lange der Gegenſtand ſeiner zärtlichſten Ge⸗ „ 157 danken geweſen, er hatte im Geheimen ſich ſo lange den ſüße⸗ ſten Phantafien hingegeben, was wenige außer ihm ſelbſt wußten, daß ſie ſich nun, nachdem er durch glückwünſchende Stimmen darin beſtärkt worden, nicht länger auf ihn ein⸗ drängten. Es war ſeltſam, daß an dieſem Abend, wo ſeine Wahl von allen ſeinen Verwandten ſo warm gebilligt worden war, wo Worte ſo herzlicher Theilnahme ſein Ohr berührt hatten, dieſelbe dunkle Ahnung von künftigem Leid, von Un⸗ glück und Tod ſein Herz beängſtigte, wie es in früheren Jahren öfters geſchehen war. Er kämpfte dagegen, er wollte die Stimme nicht hören, aber ſie verſchaffte ſich Gehör. Herbert rang mit ſich ſelbſt in inbrünſtigem Gebete, dieſe Nacht war für ihn faſt ebenſo ſchlaflos, wie für ſeine Cou⸗ ſine, aber auch die Urſache ihres Wachens war nun zu klar. Die helle Sonne, die fröhlichen Stimmen ſeines Brunders und ſeines Couſins unter ſeinem Fenſter erweckten Herbert aus dieſen Gedanken, und ehe der Tag vorüber war, hatte er zum Theil ſeine gewöhnliche Gemüthsſtimmung wieder er⸗ langt, wiewohl ſeine Schwungkraft immer noch abgeſpannt und ſeine geheimen Gedanken immer noch ziemlich trübe wa⸗ ren, doch ſeiner Familie kam er wie gewöhnlich vor. Sechſtes Kapitel. Einige Wochen verfloſſen und Emmelinens Geſundheit kehrte raſch zurück; ſie war wieder ſo munter wie in ihrer Kindheit, nur ſah man ihr an, daß ſie gelitten hatte, und das machte ſie Denen, die ſie liebten, nur noch theurer. Sie ſah auch mit Vergnügen die Farbe auf Arthur's Wangen zurückkehren, ſeinen Schritt die alte Elaſticität wieder ge⸗ winnen, und es lag eine männliche Würde in ſeinem ganzen Benehmen, die ſie nicht geſehen hatte, als ſie zu lieben an⸗ — — 158 fing, die ihr denſelben aber noch lieber machte, denn ſie konnte von ihm Unterſtützung erwarten, ſie konnte ſich auf ſeinen feſten und entſchiedenen Charakter verlaſſen. Jede Woche beſtärkte Mr. und Mrs. Hamilton in der Klugheit ihres Entſchluſſes, indem ſie immer deutlicher Myrvin's Charakter erkannten. Er war pflichteifriger in ſeinen kirchlichen Geſchäften, ſein Hochmuth, ſein Stolz, ſein Widerwille, mit den Gemeindemitgliedern zu verkehren, war verſchwunden, und als ſie bemerkten, mit welcher Wärme und Freude ihre Emmeline auf ſeine vielen Pläne, Gutes zu thun, um das Glück der Dorfbewohner unter ſei⸗ ner geiſtlichen Obhut zu erhöhen, einging, begriffen ſie, daß ihre häuslichen Tugenden, ihre weiche Gemüthsart weit mehr für die Frau eines Geiſtlichen paßten, als für das geräuſchvolle Modeleben, welches unter andern Umſtänden vielleicht ihr Loos geweſen ſein würde. „Hat nicht die Frau eines Geiſtlichen Verpflichtungen?“ fragte ſie eines Tages ihre Mutter.„Es iſt mir, als wenn von mir ſo viel abhinge, um ihn geachtet und geliebt zu machen, daß ich bisweilen fürchte, meine Pflicht zu vernachläſſigen, und durch unabſichtliche Unwiſſenheit vielleicht ſeinen Na⸗ men zu verunehren. Liebſte Mutter, wie kann ich dieß ver⸗ meiden?“ „Die Befürchtungen ſind natürlich bei einem Mädchen Deines Charakters, meine liebe Emmeline, aber ſie werden raſch vorübergehen. Du würdeſt eher die Verpflichtungen des Modelebens verſäumen, als diejenigen, die Du bald zu erfüllen haben wirſt. Die Arbeiten, die Dir, wenn Du mehr nach der Mode erzogen wäreſt, langweilig geweſen ſein würden, werden Dir nun eben ſo viel Freude machen wie ſonſt, und Du wirſt durch die Theilnahme Deines Gatten darin unterſtützt werden. Eine Frau muß, um wahr⸗ haft glücklich und tugendhaft zu ſein, ſich ſelbſt ganz vergeſ⸗ ſen, eine Wahrheit, an welche die Gattin eines Landgeiſt⸗ lichen immer denken muß, da ſeine Familie immer größer iſt, die Anſprüche derſelben an ihre Theilnahme beſtändiger ſind und ihre Anſtrengungen bisweilen weniger Freude und 159 Vergnügen machen, als die vieler anderer Stellungen im Leben. Ihr Benehmen muß zugleich ſanft, beſcheiden, freundlich und dennoch würdig ſein, ſo daß ihre Handlungen die Lehren ihres Gatten mehr als ihre Worte unterſtützen und bekräftigen. Du haſt nur den Grundſätzen des Chri⸗ ſtenthums und den Eingebungen Deines Herzens zu folgen, meine liebe Emmeline, und Du wirſt Deine Pflicht thun, ohne daß Du es faſt ſelbſt weißt.“ Die einzige Störung, die Emmelinens Glück traf, be⸗ ſtand darin, daß Lord und Lady St. Eval England ver⸗ laſſen mußten, ehe ihre Hochzeit gefeiert werden konnte, da die Geſundheit der Letztern einen fernen Aufſchub unzu⸗ läſſig erſcheinen ließ. Sie dachten, nicht länger als ein Jahr abweſend zu ſein, und der Graf ſagte lachend zu Em⸗ melinen, wenn ſie ihre Hochzeit bis dahin verſchieben wolle, verſpreche er ihr zugegen zu ſein; darauf ſchien indeß keine der betheiligten Partheien einzugehen geneigt, und St. Eval fuhr fort, er würde ſie viel lieber bei ſeiner Rückkehr behaglich in dem Pfarrhauſe eingerichtet ſehen, wo die Vor⸗ bereitungen raſche Fortſchritte machten. Percy verſprach, ſeine Reiſe zu verſchieben, bis ſeine Lieblingsſchweſter Myr⸗ vin's Frau ſein würde, und Edward erklärte, als er ſich auf ſein Schiff begab, wenn Wind und Wetter nicht ſehr widrig wären, würde auch er kommen und bei ihrer Hochzeit tanzen. Kurze Zeit nach der Abreiſe des gräflichen Paares und Edward's erhielt Ellen aus der Hand ihres Couſins, Her⸗ bert, einen Brief, der ſie für den Augenblick in einige Auf⸗ regung ſetzte. Sie fühlte, daß ſeine Augen mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdruck auf ſie gerichtet waren, und aus Furcht vor ihnen eilte ſie auf ihr Zimmer, um den Brief dort zu beantworten; da rief ihr Herbert nach:„Laufe mir nicht davon, Elly, welche Antwort Du auch geben magſt, ich werde der Ueberbringer ſein.“ Sie kehrte ſogleich zurück und fragte mit plötzlich er⸗ blaßten Wangen:„Kennſt Du den Inhalt dieſes Briefes, Herbert? Biſt Du Capitain Cameron's Vertrauter?“ 160 „Ich bin ſo glücklich, auf beide Fragen mit Ja antwor⸗ ten zu können, Ellen,“ erwiderte er ſchelmiſch lächelnd.„Ca⸗ pitain Cameron hat mich zu ſeinen Beichtvater gemacht, und zum Dank dafür habe ich verſprochen, allen meinen Einfluß zu ſeinen Gunſten anzuwenden und Dir zu ſagen, was ſein Brief, vielleicht nur unzuſammenhängend, ausge⸗ ſprochen hat, daß er Dich treu und innig liebt, Ellen, daß ihm das Leben ohne Dich, ſo glänzend es auch erſcheinen möchte, öde und leer erſcheinen würde. Ich verſprach ihm, nach beſten Kräften den Liebhaber zu ſpielen, und wahrlich, meine liebe Couſine, ſeine Liebe und Achtung für Dich laſ⸗ ſen keinen Zweifel zu.“ „Das thut mir leid,“ ſagte Ellen ruhig,„ſehr leid, da es nicht in meiner Macht ſteht, dieſe Gefühle zu erwidern, und ich ihm demzufolge Schmerz bereiten muß. Ich bin dankbar, ſehr dankbar für die hohe Meinung, die freund⸗ lichen Gefühle, die ſein Brief gegen mich ausſpricht. Ich werde nie aufhören ihn als Freund zu achten und zu ſchätzen, aber mehr kann ich nicht thun.“ „O nein, Ellen, nimm Dir Zeit, ſeinen Antrag zu überlegen, weiſe ihn nicht ſogleich ſo entſchieden ab. Du ſagſt, Du achteſt ihn. Ich weiß, Du bewunderſt ſein Be⸗ nehmen als Sohn, Bruder und Menſch, welche Einwürfe haſt Du zu machen, daß Du augenblicklich eine ſo entſchie⸗ den ablehnende Antwort giebſt?“ „Einfach darum, weil ich ihn als Gatten nie lieben kann.“ „Wie, Ellen, das will viel ſagen. Du haſt ſicher nicht ſo viel Romantik im Kopfe, um einem jungen Manne einen Korb zu geben, der alle Tugenden beſitzt, die eine Frau glücklich machen können, blos weil er nicht eine ſehr heftige Leidenſchaft hervorruft? Weiſt Du nicht, daß es gewiſſe Gemüther giebt, die nie im vollen Sinne des Wortes lie⸗ ben und doch vielleicht glücklicher in der Ehe ſind, als An⸗ dere, die es thun. Zu dieſen dürfteſt Du gehören, Ellen.“ „Es mag ſein,“ ſagte ſie immer noch ruhig, wiewohl eine dunkle Röthe ihre Wangen bedeckte. Herbert hatte im — — — —— 161 Scherz geſprochen, aber es lag etwas in ſeinen Worten, was einem wunden Herzen, wie das ihre war, tiefen Schmerz hervorrufen mußte. „Es iſt vielleicht ſo; ich werde nie einen Mann finden, den ich lieben könnte, wie ich einen Mann lieben zu müſſen glaube; doch das würde mein Gewiſſen nicht beruhigen, wenn ich Walther's Antrag annehme. Ich hoffe, ich bin keine Romanheldin, Herbert, aber erlaube mir zu ſagen, daß das Gelübde, einen Mann zu lieben, ihn zu ehren, ihm zu gehorchen und nur an ihn zu denken, etwas mehr ver⸗ langt, als die bloße kalte Achtung, welche manche für hin⸗ reichend zum Glück halten mögen. Walther iſt ein ſchätz⸗ barer junger Mann, der jede Frau glücklich machen wird, und ich bedaure wirklich aufrichtig, daß er ein Mädchen ge⸗ wählt hat, das ſeine warme aufopfernde Liebe nur mit den verhältnißmäßig kalten Gefühlen der Freundſchaft erwidern kann. Ich möchte ſeinem guten Herzen nicht zu nahe treten und ſeinen Antrag annehmen.“ „Aber nimm Dir Zeit, Ellen, gieb ihm einige Hoff⸗ nung. Du kannſt keine Einwürfe gegen ihn erheben, und Du haſt ſeine Familie lieb. Er hat mir geſagt, daß er Dich von Kindheit an geliebt habe, daß die Erinnerung an Dich ihn nie verlaſſen, und als er Dich wieder geſehen, ſeien die Träume ſeiner Phantaſie zu ſchöner Wahrheit ge⸗ worden. Gieb ihm wenigſtens einige Hoffnung. Es iſt unmöglich, mit einem Herzen, das ungebunden iſt wie das Deine, auf vertraulichem Fuße mit ihm zu ſtehen, und ihn nicht zu lieben.“ „Woher weißt Du, Herbert, daß mein Herz ungebun⸗ den iſt?“ ſagte ſeine Couſine mit einem Lächeln, welches ſelbſt das ſcharfſichtigſte Auge getäuſcht haben würde.„Biſt Du nicht zu kühn in dem Einblicke in mein Herz und ſuchſt Du nicht auf einem Umwege mein ganzes Vertrauen zu erlangen?“ „Nein, liebſte Ellen, ich ſpreche und fühle in dieſer An⸗ gelegenheit nur, wie Edward es thun würde, wenn er an meiner Stelle wäre. Dein Glück liegt mir ſo ſehr am Herzen, Der Lohn einer Mutter. II. 11 162 wie ihm. Wir ſind uns viele Jahre ſo gut wie Bruder und Schweſter geweſen, und glaube mir, indem ich in Dich dringe, den guten jungen Mann nicht zurückzuweiſen, habe ich nur Dein Glück im Auge.“ „Ich glaube es Dir, mein lieber Couſin,“ erwiderte Ellen, indem ſie ihm die Hand entgegenſtreckte, die Herbert warm drückte,„aber in dieſem Falle täuſcheſt Du Dich wirklich. Eine Verbindung mit Walther Cameron würde mich nicht glücklich machen, wiewohl er ein braver Mann iſt und die Welt eine ſolche Verbindung in allen Beziehun⸗ gen ſehr paſſend finden würde, und ſo leid es mir thut, den Geſpielen meiner Kindheit, und wie ich fürchte, auch ſeiner guten Mutter Leid und Tänſchung zu bereiten, ſo kann ich doch nicht ſeine Gattin werden.“ „Und wenn Deine Liebe bereits gebunden iſt, ſei es fern von mir, weiter in Dich zu dringen, aber—“ „Das ſagte ich nicht, Herbert,“ unterbrach ihn Ellen, indem ſie ihre großen Augen unerſchrocken auf ihren Cou⸗ ſin richtete. Herbert war in großer Verlegenheit, er konnte nicht in ihrem Herzen leſen; er würde ſie um ihr Vertrauen gebeten und würde verſprochen haben, alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtehe, um ihr Glück zu befördern, aber ſie hatte etwas an ſich, was, während es ſeine faſt unbewußte Achtung erweckte, jeder ferneren Frage ein Ziel ſetzte. Er dachte nicht, daß ſie einen Andern liebte, und dennoch war⸗ um dieſe entſchiedene Zurückweiſung eines jungen Mannes, den ſie achtete, wie er wußte. „Ich mache Dir nur Kummer, indem ich die Sache fortſetze,“ ſagte er,„deshalb verzeihe mir, liebſte Ellen, und gieb mir Deine ſchließliche Antwort an Cameron, dann werde ich nicht wieder darauf zurückkommen.“ „Ich habe nichts zu verzeihen,“ erwiderte Ellen etwas ſchwermüthig. Sie ſaß noch einige Minuten in tiefes Nach⸗ denken verſunken und blickte den offnen Brief an, dann verließ ſie das Zimmer und ſuchte das ihre auf. Sie machte leiſe die Thüre hinter ſich zu und verſchloß ſie, dann ſank ſie auf einen niedern Seſſel neben ihrem Sopha, be⸗ 163 deckte ihr bleiches Geſicht mit beiden Händen und blieb einige Minuten von dem Schmerze des Geheimniſſes und thränenloſem Leide überwältigt ſitzen. Es wurde aufs Neue hervorgerufen durch die Zuſammenkunft mit ihrem Couſin. Sie hatte ſeine Lippen ſo beredt die Sache eines Andern führen hören ſie hatte ihn ſagen hören, daß ſie vielleicht eine von Denen ſei, die niemals im vollen Sinne des Worts lieben würden. Als ihr junges Herz unter der Laſt inniger Liebe brechen wollte, miſchte ſich nun ein Troſt in dieſen bittern Kelch: Herbert ahnte nicht die Wahrheit. Es war ihr trefflich gelungen, den Schmerz zu verbergen, den unerwiderte Liebe in ihrem Herzen wach gerufen, und ſie kämpfte weiter. „Nie, nie ſoll man erfahren, daß ich dies wiederſpänſtige Herz einem Manne geſchenkt habe, der es nicht ſucht. Nein, nein, das Geheimniß ſoll mit mir leben und ſterben, Nie⸗ mand ſoll erfahren, wie tief ich gefallen bin. Armer Walther, er wird denken, ich habe kein Mitgefühl für ſeine unerwiderte Liebe, aber ich kenne den Schmerz derſelben ſehr wohl, und warum ſollte ich nicht glücklich mit ihm ſein, warum im Elende fort leben, während mich vielleicht als Gattin neue Pflichten aus dieſer Lethargie aufwecken wür⸗ den! Fern von Herbert würde ich vergeſſen, mich beruhigen; aber zu ſchwören, daß ich Walther lieben wolle, während ich keine Liebe zu geben habe, ſeine Neigung mit Gleich⸗ gültigkeit zu erwidern— nein, nein, dieſe Schuld will ich nicht auf mich laden.“ Ellen bedeckte ihre Augen wieder mit den Händen und dachte lange und ſchmerzlich nach. Der Stolz drängte ſie, den jungen Cameron zu nehmen, aber jedes beſſere Gefühl empörte ſich dagegen. Sie raffte ſich aus dieſer verzweifelten Lage auf und beantwor⸗ tete Walther's beredten Antrag aus vollem Herzen. Aus jeder Zeile, die ſie ſchrieb, athmete Güte, Rückſicht auf ſein Wohlergehen, Achtung für ſeinen Charakter, jedoch ſie wies ruhig, aber entſchieden ſeine Bewerbung zurück. Es thue ihr leid, ſehr leid, daß etwas in ihrem Benehmen ge⸗ gen ihn ſeine Hoffnungen unterſtützt habe. Sie habe nur ** ——— 164 gehandelt, wie ſie fühle, indem ſie den Geſpielen ihrer frühe⸗ ſten Kindheit, den Sohn des Freundes ihres Vaters als Freund und Bruder betrachtet habe, und ſie hoffe, daß ſie ihn in dieſem Lichte würde betrachten dürfen. Die Hoff⸗ nung fand keinen Ankerplatz in ihrem Briefe, aber er ath⸗ mete ſo wahrhaſt aufrichtige Theilnahme und Güte, daß Walther, ſelbſt in Mitten ſeiner Täuſchung, ſich beruhigt fühlen mußte. Ellen hielt inne, ehe ſie den Brief ſiegelte, ſie konnte ſelbſt in dieſer Angelegenheit nicht handeln, ohne ſich ihrer Tante anzuvertrauen; ſie war überzeugt, daß bald das Gerücht ihr zu Ohren kommen würde, daß ſie den Hei— rathsantrag des Capitain Cameron zurückgewieſen habe, warum ſollte ſie ihre Tante alſo nicht ſelbſt aufſuchen? Das Schreiben hatte ihr Herz beruhigt, ſie nahm daher Wal⸗ ther's Brief und ihren eigenen, begab ſich in das Zimmer ihrer Tante und fand ſie glücklicherweiſe allein. Mrs. Ha⸗ milton machte ein ernſtes Geſicht, als ſie eintrat, aber ſie äußerte ſich nicht, bis ſie auf Ellens Bitten die ihr über⸗ gebenen Briefe durchgeleſen hatte. „Haſt Du auch Deinen Entſchluß genügend geprüft, meine Ellen?“ ſagte ſie, nachdem ſie für das auf ſie ge⸗ ſetzte Vertrauen gedankt hatte.„Haſt Du reiflich über den ſchätzbaren Charakter des jungen Mannes nachgedacht? Fern ſei es von mir, Dir in einer ſo wichtigen Angelegenheit wie die Ehe zuzureden, oder Dich zu drängen, aber haſt Du dieſen Brief nicht nach der Eingebung des erſten Au⸗ genblicks beantwortet?“ „Nein, Tante, das habe ich nicht. Herbert führte die Sache des Capitain Cameron auf das eifrigſte, und ich habe über alles nachgedacht, was er ſagte und was ich da⸗ gegen vorbringen könnte, aber dennoch habe ich ihn zurück⸗ gewieſen, weil ich ihn als Gatten nie lieben kann. Ich ehre alle ſeine guten Eigenſchaften, ich kann mich nicht eines Fehlers in ſeinem Charakter erinnern, der eine Frau un⸗ glücklich machen könnte. Ich bedauere ſeine Täuſchung, aber ich würde ihm und mir Unrecht zu thun glauben, wenn ich ſeinen Antrag blos aus dieſen Rückſichten annähme. Herbert hält mich für eine Schwärmerin und nennt mein Benehmen gegen ſeinen Freund vielleicht unfreundlich, aber ſo ſchmerzlich mir der Gedanke iſt, ſo kann ich doch nicht anders handeln.“ „Laſſe Dich daher durch dieſen Gedanken nicht länger ſchmerzlich berühren, mein liebes Mädchen; Dein Benehmen gegen Walther hat nie etwas anderes als Güte und freund⸗ liche Achtung ausgedrückt. Wenn ich ein gewiſſes Ent⸗ gegenkommen von Deiner Seite bemerkt hätte, würde ich Dich nicht ſchon längſt darüber zur Rechenſchaft gezogen haben?“ fügte ſie mit einem Lächeln hinzu, als Ellen, die ſich ſehr erleichtert fühlte, ſie ſchweigend küßte.„Unſere jungen Leute haben Deinen Namen im Scherz mit dem ſeinen in Verbindung gebracht, aber ich habe ſie immer zu⸗ rückgewieſen. Ich habe mir immer gedacht, daß Walther Dich bewundere, aber ich glaubte nicht, daß ſein Gefühl ſo entſchieden ſei, wie es ſich gezeigt hat. Ich will Deinen Entſchluß nicht tadeln, wiewohl er vielleicht nicht ganz klug iſt. Die Ehe iſt etwas zu Ernſthaftes, als daß man ſich leichtſinnig darauf einlaſſen könnte, und wenn Du Walther als Gatten nicht lieben kannſt, ſo handelſt Du ganz recht, wenn Du ſeine Hand nicht annimmſt. Ich ſehne mich nicht ſo ſehr darnach, mich von meiner Ellen zu trennen, um ihr den Rath zu geben, zu gehorchen, mag ſie wollen oder nicht. Ich werde bald nur Dich haben, um mich in meinem Alter zu unterſtützen. Mache nicht ein ſo betrübtes und ſchmerzliches Geſicht; das iſt nicht die Art und Weiſe, wie junge Mädchen im Allgemeinen einen ſolchen Antrag ab⸗ lehnen. Geh und gieb Deinen Brief Herbert, ſage ihm, daß er meine unbedingte Zuſtimmung hat, und komme dann zu mir zurück. Ich zeichnete in dieſen Tagen einige ſchöne Stellen in einem unſerer Lieblingsſchriftſteller an, und Du ſollſt ſie mir vorleſen. Nun gehe und kehre bald zurück.“ Ellen gehorchte voll Dankbarkeit und Freude, und war im Stande, das Lächeln zu erwidern, womit Herbert ihren Brief und die Botſchaft ſeiner Mutter empfing. Mrs. Hamilton war mehr und mehr überzeugt, daß ihr Verdacht 166 begründet ſei und daß ihre Nichte eine unglückliche Liebe habe. Sie dachte immer wieder darüber nach, wer der Ge⸗ genſtand derſelben ſein könne, und immer noch glaubte ſie, daß es Arthur Myrvin ſei. Sie wußte ſelber kaum warum, ausgenommen, daß Ellen am Abend ſeiner Ankunft in Oak⸗ wood und ſeiner Verlobung mit Emmeline ſo aufgeregt ge⸗ weſen war. Daß Herbert der Gegenſtand ihrer Liebe ſein könne, war ihr ſo unwahrſcheinlich, daß ſie nicht einmal daran dachte. Sie hatten ſo lange als Bruder und Schwe⸗ ſter gelebt, ſie hatten von früheſter Kindheit an ſo vertrau⸗ lich mit einander verkehrt, ſie betrachtete Ellen und Ed⸗ ward ſo ſehr als ihre Kinder, daß ſie ſich nicht ein⸗ mal beikommen ließ, daß Ellen ihren Coufin liebte. Sie beobachtete ſie ſcharf, und immer mehr fand ſie, daß Ellen etwas zu verheimlichen haben müſſe. Sie war überzeugt, daß ſie Walther ſo entſchieden zurückgewieſen, weil ſie ihre Liebe bereits einem Andern geſchenkt hatte und daß dieſer ſie gegen ſeine Huldigungen blind gemacht habe, und ſie glaubte auch, daß Ellen vergeblich liebte, und deshalb ent⸗ ſchloß ſie ſich, wiewohl ſie darnach verlangte, ſie zu tröſten und zu beruhigen, über die Sache nicht mit ihr zu ſprechen und ihr ein Geheimniß zu entlocken, welches ſie um ſo ſchmerzlicher ertragen würde, wenn ſie es einmal verrathen und wenn auch nur ihr allein verrathen hätte. Mrs. Ha⸗ milton's Benehmen war ſo gütig, ſo beruhigend, ſo darauf berechnet, ihr Kraft und Stärke zu geben, daß Ellen mehr als einmal ſich wunderte, daß ihre Tante ihr Geheimniß wirklich entdeckt habe, aber ſie konnte nicht darüber ſpre⸗ chen. Aber ſie konnte ſelbſt gegen das Weſen, das ſie mit Ausnahme des Einen am meiſten auf Erden liebte, ihr wundes Herz nicht blos legen. Oft fühlte ſie den Drang, ſich ihrer Tante in die Arme zu werfen, um ſich auszuwei⸗ nen, aber ſie unterdrückte denſelben und duldete ſchweigend und voll äußerer Heiterkeit, fort und fort in ihren Bemüh⸗ ungen durch die Ueberzeugung geſtärkt, daß Herbert die Wahrheit nicht wiſſe, nicht ahne. Der junge Cameron war ſchmerzlich berührt und ent⸗ 167 täuſcht, denn ſeine Liebe zu Ellen war aufrichtig, aber er konnte ihren Brief nicht mißverſtehenz er ſah, daß er keine Hoffnung hatte, ihre Worte der Freundſchaft waren ſo be⸗ ruhigend und ſchmeichelhaft, daß ſie keine Bitterkeit aufkom⸗ men ließen, und er entſchloß ſich, die Freundſchaft und das brüderliche Verhältniß zu wahren, welches ſie ihm ſo offen antrug. Mrs. Cameron war zuerſt etwas verletzt über Ellens entſchiedene Zurückweiſung ihres Sohnes, aber ſie konnte nicht lange eine gewiſſe Kälte gegen ſie behaupten, ſie konnte dem liebevollen Weſen Ellens nicht lange widerſtehen, und Alles war bald wieder wie ſonſt zwiſchen ihnen. Ein Be⸗ ſuch mit Percy auf Schloß Malvern auf Lord Louis' Bitten bot Walther eine angenehme Abwechſelung, wiewohl es ihm erſt Mühe koſtete, ſich zuſammenzuraffen. Der Charakter und die Unterhaltungsweiſe von Lady Florenee Lyle erin⸗ nerte ſeine aufgeregte Phataſie ſo lebhaft an Ellen, daß er ſich unbewußt ganz beruhigt und glücklich fühlte. Von Schloß Malvern begab er ſich mit Lord Louis, der eine Stelle in derſelben Truppe erhalten hatte, zu ſeinem Regi⸗ mente, und als Capitain Cameron nach Dakwood zurück⸗ kehrte, konnte er mit Ellen als Freund und Bruder verkehren. Es war darüber allerdings mehr als ein Jahr verfloſſen, und es waren in dieſer Zeit in Dakwood Ereigniſſe einge⸗ treten, die eben ſo unerwartet als traurig waren— aber wir wollen nicht vorgreifen. Bald nachdem Lord und Lady St. Eval nach Italien gereiſt waren, führte Mr. Graham, trotz den Bitten ſeiner Freunde und trotz der ſtummen Beredſamkeit von Lilla's Augen ſeinen Entſchluß aus und zog ſich nach Wales zurück. Er hatte bis auf den letzten Pfennig alle Schulden ſeines ungerathenen Sohnes bezahlt, und dieß Verfahren brachte ſeine Vermögensverhältniſſe ſo zurück, daß er der größten Sparſamkeit bedurfte, um anſtändig zu leben. Dagegen ſchien Graham unempfindlich zu ſein; ſein einziger Wunſch war, den Augen und Zungen der Welt zu entgehen. Auch eine irrthümliche Anſicht bezüglich ſeines Kindes trieb ihn fort. 168 Warum ſollte er ſie den Huldigungen der jungen Edelleute ausſetzen, die immer Mr. Hamilton's Haus be⸗ ſuchten, während er überzeugt war, daß, ſo ſehr man ſonſt um eine Verbindung mit ſeiner Familie gebuhlt haben würde, nun Niemand Luſt haben dürfte, ſich mit der Schweſter eines im öffentlichen und im Privatleben entehrten Mannes zu verheirathen. Nein, es war beſſer für ſie, wenn ſie weit weg war, und wiewohl ihre Fügſamkeit gegen ſeine Wünſche, trotz des Schmerzes, den es ihr machte, von ihren Freunden in Dakwood ſcheiden zu müſſen, ſie ſeinem Herzen näher als je brachte, ſo zauderte er doch nicht, ſeinen Entſchluß aus⸗ zuführen. Den Bitten Arthur Myrvin's, Emmelinens, Ellens gelang es indeß, ihn dahin zu überreden, daß er ſei⸗ nen Aufenthalt in Langwillan nahm, ſo daß die Verbindung zwiſchen ihnen nicht ſo ganz abgebrochen wurde, als wenn er einen entfernteren Theil des Landes aufgeſucht hätte. Lang⸗ willan, ſagte Arthur, ſei der Welt kaum bekannt, aber da ſie dort bekannt wären, könnten ſie hoffen, ſie bisweilen dort zu ſehen, denn er, Emmeline und Ellen würden oft ſeinen Vater beſuchen. Graham willigte zur großen Freude ſeines Kindes ein, das mehr als er ſelbſt die Gründe Myrvin's erkannte. „Mr. Myrvin iſt ein ſo guter, lieber, alter Mann, daß Du ihn lieb gewinnen wirſt, Lilla,“ ſagte Ellen beru⸗ higend, als der Tag des Abſchiedes herankam. Du mußt ihn bitten, Dir die kleine Hütte zu zeigen, wo ich die erſten acht Wochen meines Aufenthaltes in England zubrachte, und mit der alten Wittwe und ihrer Tochter um meinetwillen Freundſchaft ſchließen; Du wirſt ſie ſehr geneigt finden, über uns und unſere arme Mutter zu ſprechen, wenn Du ſie ein⸗ mal auf das Kapitel bringſt. Und auch das Grab meiner Mutter wirſt Du bisweilen beſuchen, liebe Lilla, und kein Unkraut unter den Blumen aufkommen laſſen, die Arthur darauf pflanzte, als wir Langwillan verließen, um es, wie er ſagte, von allen andern Gräbern zu unterſcheiden. Ich übergebe es Deiner Obhut, Lilla, und ich und Edward werden Dir dafür danken; ſo oft er nach Langwillan kommt, 169 bringt er täglich eine Stunde an dem beſcheidenen kleinen Hügel zu.“ ſeuunt Edward guginli nach Langwillan?“ fragte Lilla plötzlich; ihre Thränen hörten auf und alle ihre Züge ſprachen ſo lebhafte Hoffnung aus, daß Ellen ſie einen Augenblick erſtaunt anſah und dann ihre Frage lächelnd bejahte. Lilla klatſchte vor Freude in die Hände, dann ver⸗ varg ſie ihr glühendes Geſicht, als wenn ſie ſich ſchämte, an Ellens Bruſt. Ihre Freundin beugte ſich nieder, um ihre Stirn zu küſſen, und ſprach noch längere Zeit von ihrem Bruder. Von dieſem Tage an bemerkte Ellen, daß Lilla in ge⸗ wöhnliche Lebhaftigkeit wieder gewann, daß ihr Ange ſtrahlte und ihre Wange öfters erröthete, als wenn ſie an irgend etwas Geheimes dächte, und nur in der Abſchiedsſtunde ſank ihr der Muth; aber Ellen war überzeugt, daß er ſich raſch wie⸗ der finden würde, und das erſte Packet, das ſie von Lang⸗ willan erhielt, beſtätigte ihre Vermuthung. Mrs. Hamilton war erſtaunt, aber Ellen war es nicht. Es wurden nun Vorbereitungen zu Herbert's Reiſe nach Frankreich getroffen, um ſeine Verlobte von dort heimzu⸗ führen. Sein Vater und Percy hatten Beide den Entſchluß gefaßt, ihn zu begleiten, und Mrs. Hamilton, Emmeline und Arthur warteten ängſtlich auf die Rückkehr ihrer lange abweſenden Freunde. Längere Zeit als gewöhnlich warzwiſchen Mary's Briefen verfloſſen und Herbert's Sorge wurde immer größer und größer. Zwei oder drei ſeiner Briefe waren ganz unbeant⸗ wortet geblieben; es kam keine Nachricht weder von ihr, noch von ihrer Mutter. St. Eval hatte beſchloſſen, Paris erſt nach ſeiner Rückkehr aus der Schweiz zu beſuchen, da er überzeugt war, daß ſeine Beſorgniß, ans Ziel ſeiner Reiſe zu gelangen und Karolinens vorgeſchriebene Kur anfangen zu laſſen, ſeine ganze Freude ſtören würde. Vergebens lachte ſeine Frau über ſeine Eile und ſeine Befürchtungen; ſo ſehr er Mary zu ſehen wünſchte, ſo war er doch feſt ent⸗ ſchloſſen, und Karoline widerſprach nicht weiter. Durch ſie 170 konnte alſo Herbert keine Nachricht erhalten; er hatte ſeit dem Ereigniß, das, wie er glaubte, Mary eben ſo viel Freude machen ſollte, wie ihm ſelbſt, ſeit ſeiner Ordination nichts mehr gehört. Er kämpfte mit ſeiner Angſt, damit nicht die ſeiner Reiſe entgegenſtehenden Hinderniſſe ihn der Heiterkeit und des Vertrauens berauben ſollten, aber ein in⸗ neres Fieber verzehrte ihn. Blos eine kurze Woche dauerte es noch, dann reiſte er ab; ehe indeß dieſe Zeit kam, erhielt er einen Brief, und mit einem Gefühle unerklärlicher Furcht erkannte er die Handſchrift ſeiner Mary. Er verließ das Frühſtückszimmer, um ſeinen Brief allein zu leſen, und es dauerte lange, ehe er zu ſeiner Familie zurückkehrte. Sie waren beſorgt und wußten nicht warum; ſelbſt Arthur und Emmeline waren ſtumm, und der unruhige Percy blieb über einer Zeitung ſitzen, als wenn er ſich nicht rühren wollte, bis ſein Bruder zurückkehrte. Ein ähnliches Gefühl ſchien ſeinen Vater zurückzuhalten, der nicht wie gewöhnlich die Biblio⸗ thek aufſuchte. Ellen ſchien ſich eifrig mit einigen Mitthei⸗ lungen von Lady Florence Lyle zu beſchäftigen, und Mrs. Hamilton las einen Brief von Karoline, den dieſelbe Poſt gebracht hatte. Plötzlich ſprang Percy von ſeinem Stüble auf und rief in einem Tone, der unbewußt große innere Sorge verrieth, aus:„Was in aller Welt hat Herbert vor, er kann nicht ausgegangen ſein, ohne uns eine Meldung zu machen. Ro⸗ bert, iſt Herbert ausgegangen?“ rief er laut dem Diener zu, der vor dem offenen Fenſter vorüberging. „Nein,“ lautete die Antwort,„er iſt noch in ſeinem Zimmer.“ „Dann will ich ihn dort aufſuchen,“ fügte er ungeſtüm hinzu. Aber in dem Augenblicke trat Herbert ſelbſt ein, und Perey fuhr erſtaunt und erſchrocken vor ihm zurück. Es war nicht ein Tropfen Farbe auf ſeinen Wangen und ſeinen Lippen, ſeine Augen glühten fieberhaft, und ſeine Lippen bebten wie von einem unausſprechlichen Schmerze. „Lies,“ ſagte er mit einer ſo heiſern und unnatürlichen Stimme, daß er dadurch noch mehr als durch ſeine Erſchei⸗ 17¹ nung erſchreckte, und er legte den Brief in die Hand ſeines Vaters.„Vater, lies und theile es ihnen mit, ich kann es nicht. Es iſt vorbei,“ fuhr er fort, indem er auf einen Seſſel zu Füßen ſeiner Mutter ſank und ſeinen Kopf auf ihren Schooß legte.„Mein ſchöner Traum iſt vorüber, und was iſt das Erwachen? Elend, unausſprechliches Elend! Mein Gott, mein Gott, Deine Hand ruht ſchwer auf mir, dennoch will ich mich unterwerfen.“ Er faßte krampfhaft die Hände ſeiner Mutter, ließ den Kopf auf ſie ſinken, und ſein zarter Körper bebte vor Schmerz, den er ſtundenlang zu unter⸗ drücken geſucht hatte. Mrs. Hamilton ſchloß ihn an ihre Bruſt und bemühte ſich Worte der Hoffnung und des Troſtes zu ſprechen. Ein tiefes, feierliches Schweigen ſenkte ſich auf die kleine Geſellſchaft. Es war ſo furchtbar, Herbert ſo zu ſehen, den ſanften, den erhabenen Herbert, der ſich ſo zu beherrſchen wußte und der nun ſo niedergebeugt war, deſſen Geiſt im⸗ mer über dieſer Welt zu ſchweben ſchien, der für ſeine Familie ein Weſen aus einer ſchönern, heiligeren Welt war. Wenn er ſich ſo unter dem Drucke irdiſcher Sorge beugte, was mußte das für eine Sorge ſein! Seine Familie kannte die Tiefe des Gefühls, das in ſeiner Bruſt lebte und das die Welt nie geahnt haben würde, und ſie ſahen mit Zittern auf ihn. Myrvin zog ihn aus den Armen ſeiner Mutter und führte ihn nach dem nächſten Sopha; Mrs. Hamilton trock⸗ nete ihm den Schweiß von der feuchten Stirn, Emmelinens Augen vergoſſen Thränen der Unzuhe und der Theilnahme, und Myrvin überließ Percy ſein Amt, ſie zu tröſten. Nur Ellen weinte nicht; ſo bleich wie Herbert, drückten ihre Ge— ſichtszüge ebenſo tiefes Leid aus, wie die ſeinen, und dennoch wagte ſie nicht, wie ihr Herz wollte, an ſeine Seite zu flie⸗ gen, und Worte der Liebe zu ihm zu ſprechen. Was galt ihm ihre Stimme? ſie hatte keine Macht, ihn zu beruhigen. Tiefe und mannichfache Gefühle flogen über Mr. Hamil⸗ ton's Geſicht, als er den Brief las, der dies Elend veranlaßt hatte. Perey ſah, daß ſich in ſeinen Zügen Mitleid, Schmerz, Verachtung, Entrüſtung, Haß, Ekel raſch aufeinander folgten, und faſt noch heftiger regten ihn dieſe Gefühle auf, als er die Wahrheit erfuhr. Es ſei eine alte Geſchichte und oft ſei ſie ſchon vorge⸗ kommen, aber das vermindere nicht ihre Bitterkeit, ſchrieb Mary von einem Krankenbette, wie ſie es noch nicht erlebt hatte; Wochenlang habe ſie keinen Gedanken faſſen und ſich nicht rühren können, aber ſie habe beſchloſſen, daß Niemand als ſie ſelbſt ihren Herbert von dem Vorgegangenen unter⸗ richten, keine Hand als die ihre ihre verzweifelten Worte niederſchreiben ſollte. Sie hatte, wie wir wiſſen, ſo ruhig und zufrieden zu Paris gelebt, daß Mrs. Greville ſich glän⸗ zenderen Hoffnungen für die Zukunft hingab, als ſie je vor⸗ her gehabt hatte. Mr. Greville brachte viel von ſeiner Zeit außer dem Hauſe zu, er begleitete indeß ſeine Gattin und ſeine Tochter zu ihren Abendgeſellſchaften und blieb immer zu Hauſe, wenn ſie Geſellſchaft bei ſich ſahen. Sie lebten auf einem Fuße, der koſtſpieliger war, als es Mrs. Greville billigte. Ihr Gatte aber lachte nur, gut gelaunt, ſo oft ſie Vorſtellungen zu machen wagte, und ſagte ihr, daß ſie und Mary ſich nicht um ſolche Dinge kümmern ſollten, ſie hätten genug und er würde ſorgen, daß es an nichts fehlen ſollte. Eine trübe Ahnung fuhr bei dieſen Worten Mrs. Greville durch die Seele, aber da die Art und Weiſe ihres Gatten keine weiteren Vorſtellungen zuließ, ſo mußte ſie ihre Sor⸗ gen unterdrücken, wenn ſie dieſelben auch nicht beſiegen konnte. Endlich brach der Sturm, den Mary ſchon lange in dieſer unnatürlichen Windſtille vorausgeſehen hatte, über ſie los und öffnete Mrs. Greville auf einmal die Augen. Zu ihren häufigſten, aber am wenigſten willkommenen Gäſten gehörte ein Mr. Dupont, ein Mann, allerdings von feinen Sitten von der oberflächlichen Glätte, wie man ſie bei den Franzoſen findet, aber ohne andere Vorzüge, und ſelbſt darin lag etwas für Mary, was ſie zurückſtieß. Er hatte etwa 60 Jahre hinter ſich, ſein im Allgemeinen ausdrucksloſes Geſicht verrieth bisweilen, daß ſtarke und böſe Leidenſchaften in ſeinem Herzen herrſchten. Er ſollte ſehr reich ſein, wie⸗ wohl das Gerücht ging, daß er ſein Vermögen durch Spiel 173 und zwar nicht in ſehr ehrenhafter Weiſe erworben habe. Mit dieſem Manne verkehrte Mr. Greville beſtändig; man ſah ſie ſelten allein, und da er von dem Hausherrn ſo begün— ſtigt war, beſuchte er ihn häuſig in ſeiner Wohnung. Für Mrs. Greville und Mary war er ein Gegenſtand unerklär— lichen, doch ſtarken Widerwillens, und ſie würden ſich gerne immer verleugnet haben und ſo ſeiner verhaßten Gegenwart entgangen ſein. Einmal hatten ſie es gethan, aber durch den Sturm, den in Folge deſſen Mr. Greville losließ, wur⸗ den ſie Beide eingeſchüchtert; ſie fühlten, daß von ihrer Seite ein kleines Zugeſtändniß erforderlich ſei, um den Frieden zu erhalten, und Mr. Dupont ſetzte ſeine Beſuche fort. Dieſem Manne, der allgemein als grundſatzlos, ſelbſt⸗ ſüchtig, unfähig eines erhabenen oder edlen Gefühles be⸗ kannt war, hatte Greville ſein gutes und harmloſes Kind zu geben geſchworen, dieſen Mann befahl er Mary als ihren Gatten zu betrachten und ſich binnen einem Monat auf ihre Hochzeit vorzubereiten. Als wenn ein Donnerkeil ſie getroffen hätte, hörten Mary und ihre Mutter dieſe ſchrecklichen Worte, und kaum hatte die Letztere Muth genug, ihrem mitleidsloſen Gatten mitzutheilen, daß ſich ihr Kind mit Herbert Hamilton ver⸗ lobt habe. Um Mary's Willen ſprach ſie, aber ihre Be⸗ fürchtungen waren nicht unbegründet. Der wüthende Gre⸗ ville ſtieß eine furchtbare Verwünſchung gegen Mr. Hamil⸗ ton und ſeine Familie aus; er hatte ſich ſchon ſeit vielen Jahren eingebildet, daß er von dem Genannten aufs Tieſfſte beleidigt worden ſei, und mit einem furchtbaren Eide ſchwor er, daß Mary niemals Herbert's Gattin werden ſollte; lieber wollte er ſie todt ſehen. Seine Leidenſchaft wurde im⸗ mer lauter, aber Mrs. Greville hörte ihn nicht, Mary war wie leblos zu ſeinen Füßen zuſammengeſunken. Sie war aufgeſprungen, als wenn ſie die Verwünſchung auf ihres Vaters Lippen zurückhalten wollte, aber als ſein furchtbarer Schwur ihr Ohr erreichte, verließ ſie glücklicherweiſe ihr Be⸗ wußtſein, und es dauerte lange, ſehr lange, ehe ſie wieder zu ſich kam. Mrs. Greville ſaß verzweifelt an dem Lager ihres 174 unglücklichen Kindes. Kaum konnte ſie ihre Geneſung wün⸗ ſchen, denn ſie wußte, daß ſie keine Hoffnung hatte. Ihr Gatte hatte Andeutungen fallen laſſen, daß er Dupont ſo ſtark verſchuldet ſei, daß ſeine Freiheit, oder vielleicht ſelbſt ſein Leben von ſeiner Verbindung mit Mary abhänge, und konnte ſie wünſchen, ihr Kind als die Gattin eines ſolchen Mannes zu ſehen, oder mußte es ihr nicht lieber ſein, wenn ſie geſtorben wäre? Welche Feder kann den Schmerz der zärt⸗ lichen Mutter beſchreiben, als ſie Wochenlang bei ihrem Kinde wachte und ſie pflegte, und wer kann die ſtreitenden Gefühle ſchildern, die ihr Herz zerriſſen, als Mary wieder zum Bewußtſein kam und ſie mit einer vor Schwäche faſt unhörbaren Stimme fragte, was vorgefallen ſei, warum ſie hier liege? Allmälig leuchtete ein Strahl der Wahrheit in ihre Seele, und ſie erinnerte ſich nur zu bald des Ge⸗ ſchehenen. Der Arzt ſagte, daß ſie auf dem Wege der Ge⸗ neſung ſei, daß ſie bald das Bett verlaſſen und wie gewöhn⸗ lich würde umhergehen können. Greville ſchwur, daß er ſich nicht länger würde abhalten laſſen; und Mary wider⸗ ſetzte ſich ſeinem Eintritt nicht. Ruhig und duldſam hörte ſie an, was er zu ſagen hatte; was er ihr ſagte, ſchrieb ſie Herbert nicht. Sie erzählte blos, daß ſie ihn gebeten, zu warten, bis ihre Geſundheit wieder hergeſtellt ſei, ſie nicht zu zwingen, die Gattin Dupont's zn werden, bis ſie ohne Stütze am Altar ſtehen könnte, und er hatte zugeſagt. „Daher tröſte Dich, mein geliebter Herbert,“ ſchrieb ſie, indem ſie ihre kurze Leidensgeſchichte ſchloß.„Sie ſchmeicheln mir mit der Hoffnung, daß ich in wenigen Mo⸗ naten ſo geſund ſein würde wie ſonſt. Ich lächle, denn ich weiß, daß ich nie vor einem irdiſchen Altar ſtehen werde. Meine einzige Bitte geht dahin, daß der Tod nicht zögern möge, bis die Geduld meines Vaters erſchöpft iſt und er meine arme Mutter mit all den Vorwürfen überhäuft, die meine lange Krankheit hervorrufen wird. O mein gelieb⸗ ter Herbert, es giebt Augenblicke, wo ich die Bitterkeit des Todes bereits überwunden zu haben glaube, wo ich mich ſo ruhig, ſo glücklich fühle, als wenn ich bereits die Grenzen meiner ewigen Heimath erreicht hätte, aber dies Glück wird mir nicht immer zu Theil. Es giebt Zeiten, wo ich nur an das Glück denken kann, das ich einſt mit Dir zu theilen hoffte, wo mir ſelbſt der Himmel nicht ſolche Seligkeit brin⸗ gen zu können ſchien, als die mich auf Erden erwartete. Herbert, ich werde nie die Gattin eines andern ſein, und es wird Dich nicht elend machen, mich im Himmel zu wiſſen. O nein, wir werden uns da bald, ſehr bald wiederſehen, um uns nie wieder zu trennen. Warum zaudert meine Fe⸗ der? Ach, ſie kann nicht das Wort Lebewohl ſchreiben. Doch warum dieſe Schwäche? Es dauert nur kurze Zeit, ſo wer⸗ den wir uns dort wiederſehen, wo dies Wort ſich niemals hören läßt, wo es keine Seufzer und keine Klagen mehr giebt. So lebe wohl, mein geliebter Herbert, den ich treu und unverändert im Tode liebe, wie im Leben; ich weiß, mein letztes Gebet wird erfüllt werden, ehe ich es noch ge⸗ ſprochen. Du wirſt meine arme Mutter ſchützen, Du wirſt ſie nicht an gebrochenem Herzen ſterben laſſen, ohne daß eine freundliche Stimme ſie beruhigt und tröſtet. Ich fühle, daß ſie mit der Zeit glücklich werden wird; und o, welch unausſprechlichen Troſt bringt mir dies zuverſichtliche Ver— trauen. Noch einmal und zum letztenmal, lebe wohl, mein Geliebter. Denke nur daran, daß Deine Mary im Himmel iſt, daß ihr erlöſter und ſeliger Geiſt Dich am Throne des Hei⸗ lands erwartet, und tröſte Dich, wir werden uns wieder ſehen.“ Kein Ton unterbrach die Stille, als dieſer traurige Brief geleſen worden war. Mr. Hamilton hatte ſeinen Kopf auf die Hände geſtützt, denn er konnte von Troſt nicht ſprechen; die langen Jahre häuslichen Glücks, welche ſein Theil geweſen waren, ließen ihn bitter die Prüfung fühlen, welche das Herz ſeines Sohnes zu ertragen hatte. Und wie ſollte er helfen? Konnte er Greville aufſuchen und ſich herablaſſen, durch Zureden ſeine Einwilligung zu erlangen? Mit geballter Fauſt und gerunzelter Stirn ſtand Percy da, und ſeine Gedanken wurden gewaltſam von den Leidenden 176 abgezogen durch die tiefe Entrüſtung, die er gegen den herzloſen grauſamen Mann fühlte, der die Veranlaſſung von dem Allen war. Mrs. Hamilton konnte nur an ihren Sohn, an Mary denken, die ſie ſo lange wie ihr eigenes Kind geliebt hatte, und ſie ſehnte ſich, ſie einmal wieder zu ſehen und Worte der Beruhigung und der Liebe zu ſpre⸗ chen, wie ſie ihr Herz erfüllten. Emmeline konnte nur wei⸗ nen, daß dies das Schickſal eines Mädchens ſein ſollte, das ſie von Kindheit auf geliebt und das ſie noch vor kurzem mit ſo großer Freude als ihre Schweſter zu begrüßen ge⸗ hofft hatte. Ellen ſaß einige Minuten in tiefes, ſchmerz⸗ liches Nachdenken verſunken, dann ſprang ſie auf, flog an die Seite ihres Onkels und flehte, indem ſie ſeine Hand er⸗ griff:„Reiſe nach Paris, mein lieber Onkel, reiſe ſelbſt und ſuche dieſen unbarmherzigen Mann auf, ſprich mit ihm und frage, warum Mary dieſen Dupont zu ihrem Gatten nehmen ſoll; vielleicht kannſt Du Herbert's Anſprüche in ſeinem noch geltend machen. Er hat keine Streit⸗ ſache mit Dir, er wird Dich anhören, das weiß ich, ſeine Wuth wurde geweckt, weil er dachte, daß Herbert ſeinen Wünſchen im Wege ſtände. Beweiſe ihm, daß das Glück des Lebens ſeines und Deines Kindes von ihrer Verei⸗ nigung abhängt, er wird ſich nicht weigern, Dich anzu⸗ hören. O zaudere nicht, reiſe zu ihm, mein lieber Onkel, die Sache ſteht vielleicht nicht ſo verzweifelt, als wir in der Entfernung denken.“ „Mein Vater könnte ebenſogut zu den Steinen, wie zu Alfred Greville's Gefühlen ſprechen,“ meinte Perey.„Ellen, Du weißt nicht, um was Du bitteſt, ſoll ſich mein Vater vor einem ſolchen Elenden demüthigen?“ „Mr. Greville wird gedemüthigt werden, nicht mein Onkel, Percy. Die Welt mag denken, daß er ſich herab⸗ ſetzt, wenn er einen ſolchen Mann bittet, aber ſie würde falſch urtheilen; er erhebt ſich über die kriechende Menge, die aus falſchem Stolz das tugendhafte Kind zu Elend und Tod verurtheilen würde, weil ſie keine Nachſicht gegen die Fehler des Vaters üben könnte. Wäre Mary, wäre Mrs. 177 Greville in einem Punkte anders als ſie ſind, dann würde ich nicht ſo bitten, denn es wäre nicht nothwendig, ſie würde Herbert nicht zu theuer ſein. Ich verlange nicht, daß mein Onkel ſich demüthigen ſoll, ich bitte ihn nur, mit Mr. Gre⸗ ville zu ſprechen und ihn von ſeinem Irrthume zu über⸗ zeugen.“ „Was ſagt mein Herbert dazu?“ fragte Mr. Hamilton, der mit Erſtaunen die aufgeregten Züge ſeiner Nichte ſah und ſich faſt über ihre ungewohnte Beredſamkeit wun⸗ derte. „Daß ſie gut geſprochen hat, und möge Gott im Him⸗ mel ſie für den Gedanken ſegnen!“ rief Herbert aus, der ſich aufgerafft hatte, um ihren eifrigen Worten zuzuhören, und nun mit neuer Kraft auſſprang.„Vater, laß uns reiſen! Ellen hat Recht, er wird Dich anhören, er wird meine Bitten nicht unerhört laſſen. Ich habe ihm nie etwas zu Leide gethan. Er iſt allerdings ein roher, grau⸗ ſamer Mann, den ich gern vermeiden würde, wenn er nicht Mary's Vater wäre. O laß uns ihn aufſuchen, um ihret⸗ willen wollen wir ſprechen, er wird aus ſeinem Traume er⸗ wachen, er wird einſehen, daß er ſich geirrt hat. O mein Vater, laß uns reiſen, wir retten ihr vielleicht noch das Leben, und ſie macht mich glücklich.“ Er ſank auf das Sopha zurück und brach in Thränen aus. Neue Hoffnung erfüllte plötzlich ſein Herz. Mrs. Hamilton konnte dieſelbe nicht tadeln, aber ſie theilte ſie nicht, denn ſie fühlte, daß ſie nur auf Täuſchung beruhte. Sie flüſterte ihm tröſtliche Worte zu, aber den Troſt, den ſie ausſprach, fühlte ſie ſelbſt nicht. Doch als ſeine Kraft einmal geweckt war, verließ ſie ihn nicht wieder. Der Ge— danke, augenblicklich nach Paris zu reiſen, Mr. Greville aufzuſuchen, und vom Einfluſſe ſeines Vaters unterſtützt, für ſeine Sache zu ſprechen und anzuerkennen, daß er Un⸗ recht gethan habe, daß er nicht früher um ſeine Einwilli⸗ gung gebeten, ſolche Gedanken erfüllte allein ſeine Seele, und Mr. Hamilton konnte dieſelben nicht verwerfen, wie⸗ wohl er wie ſeine Gattin die ſanguiniſchen Hoffnungen ſeines Der Lohn einer Mutter. II. 12 Sohnes nicht theilte. Daß er einſt größeren Einfluß als irgend Jemand auf Mr. Greville beſeſſen, wußte er wohl. Doch dachte er wie Percy, daß daher der Widerwille käme, den er gegen ihn fühlte, und daß er ſehr wahrſcheinlich bei ſeiner Weigerung bleiben würde, um über ihn und ſei— nen Sohn zu triumphiren. Dennoch zauderte er nicht, auf Herbert's Wünſche einzugehen. Ellens Rath hatte ſeine Energie angeſtachelt und er durfte nicht in Verzweiflung zurückſinken, wenigſtens mußten ſie ſich wiederſehen. Es würde ſchwer ſein, Ellens Gefühle zu ſchildern, als ſie ſah, welche Einwirkung ihre Worte auf ihren Couſin hervorgebracht hatten; nicht die mindeſte Selbſtſucht miſchte ſich in ihre Gefühle, aber ihr tiefer Schmerz war noch nicht überwunden. Herbert's Benehmen gegen ſie während der wenigen Tage vor ſeiner Abreiſe war noch freund— licher und liebevoller als gewöhnlich, als wenn er gefühlt hätte, daß ſie den dunklen Schleier der Verzweiflung ge⸗ hoben und neue Hoffnung geweckt hätte; und konnte ſie dies ungerührt ſehen oder fühlen? Dennoch war ſie ſtill und ruhig, und ſie ſprach von Mary und ſchönen Hoffnun⸗ gen, und keine Bewegung verrieth ſich auf ihrer blaſſen Wange oder in ihrem thränenloſen Augen. Percy begleitete ſeinen Vater und ſeinen Bruder. Sie reiſten raſch, und eine glückliche Fahrt brachte ſie in unge⸗ wöhnlich kurzer Zeit nach Paris. Mr. Hamilton hatte darauf beſtanden, Mrs. Greville's Wohnung erſt allein aufzuſuchen, und Percy unterdrückte ſeine Gefühle. Herbert überwäl⸗ tigte faſt der Gedanke, daß er nun in derſelben Stadt mit ſeiner Mary ſei, und die Anſtrengung, ſich zu faſſen, ſich dem Willen ſeines Gottes zu unterwerfen, war faſt zu groß für ſeine erſchöpften Kräfte. Nachdem er Mary's Brief erhalten, hatte der Schlaf ſich nur in langen Zwiſchenräu⸗ men eingefunden, und er war dann unruhig geweſen; die lange Zeit, welche verfloß, ehe Mr. Hamilton zurückkehrte, erfüllte ihn mit noch bitterern Schmerzen, als er ſchon er⸗ fahren hatte. Die Hoffnung war vor ſeiner Angſt kraft⸗ los zuſammengeſunken; die Geiſtesſtärke, die ihn ſo lange 179 aufrecht erhalten hatte, wich vor der Erſchöpfung ſeiner kör⸗ perlichen Kräfte; ſeine Augen verloren ihren Glanz und wur⸗ den trüb und hohl; mehr als einmal bemerkte Percy, daß ein leichter Schauer durch ſeine Glieder zuckte und daß ſeine ermuthigenden und tröſtenden Worte unbeachtet an ſeines Bruders Ohr vorübergingen. Endlich kehrte Mr. Hamil⸗ ton zurück.— „Sie lebt, mein Sohn,“ waren die erſten Worte, die er ſprach, aber ſein Ton war kein heiterer;„unſere geliebte, ſanfte Mary lebt noch, und bald, ſehr bald werdet ihr euch wieder ſehen, um nie wieder von einander zu ſcheiden.“ Herbert blickte ihn außer ſich ins Geſicht, faltete krampf— haft die Hände und beugte ſein Haupt in brünſtigem Gebet. „Und hat Greville ſo bald eingewilligt?“ fragte Percy ungeduldig.„Vater, Du haſt Dich doch nicht zum Bitten herbeigelaſſen gegen einen ſolchen Mann?“ „Perey, beruhige Dich,“ ſagte ſein Vater ernſt,„mit Mr. Greville habe ich kein Wort gewechſelt; Gott ſei Dank, ich ſuchte ſein Haus in keiner feindſeligen Abſicht auf, keine Erbitterung erfüllte mich gegen ihn. Percy, er iſt todt, nun laſſe ſeine Fehler mit ihm begraben ſein.“ „Todt?“ wiederholte der junge Mann erſchrocken, und Herbert fuhr zuſammen, ſeine Lippen bebten, und er ſuchte vergebens um Aufklärung zu bitten. Es war aber ſo; an demſelben Morgen hatte Greville ſeinen letzten Athemzug gethan und hatte keine Zeit gehabt, Buße zu thun und ſich mit dem Himmel zu verſöhnen. Einige Tage nachdem Mary an Herbert geſchrieben hatte, war ihr Vater beſinnungslos und durch einen Fall vom Pferde furchtbar verletzt, nach Hauſe gebracht worden. Sein Körper, durch Unmäßigkeit erſchüttert, konnte dem Fie⸗ ber nicht widerſtehen, und das Delirium verließ ihn nicht. Fünf Tage wachten Mrs. Greville und Mary an ſeinem La⸗ ger; ſeine Phantaſien waren furchtbar; bald ſprach er von Dupont mit Verwünſchungen, bald bat er ihn, Geduld zu haben. Er flehte ſein Kind um Verzeihung; dann ſchien er unter furchtbaren Zuckungen ſich zu bemühen, ſie zum Altar 12* 180 zu ſchleppen. Mary hörte es, und ihr zarter Körper er⸗ bebte und wurde mit jedem Tage ſchwächer; aber ſie rührte ſich nicht von ihres Vaters Seite. Vergebens wartete Mrs. Greville auf die Rückkehr ſeines Bewußtſeins, auf ein Zei⸗ chen, das ſagte, daß er in Frieden ſterbe. Ach es kam keins; er ſtarb unter Zuckungen, und kaum hatten ſich ſeine Gattin und ſein Kind über die furchtbare Scene einigermaßen beru⸗ higt, da trat der verhaßte Dupont ein und quälte ſie aufs Neue. Er nahm Mary als ſeine Verlobte in Anſpruch, ſonſt wollte er ſie als Bettler auf die Straße ſetzen. Das Haus und, Alles was es enthielt, ſelbſt ihre Juwelen ge⸗ hörten ihm, denn Greville ſchuldete ihm bei ſeinem Tode eine ſolche Summe, daß ſelbſt der Verkauf alles Deſſen, was ſie noch beſaßen, ihn nicht ganz bezahlt haben würde. Es ſtehe in ſeiner Macht, das Begräbniß der kaum kalten Leiche zu verhindern, den Namen des Todten mit ewiger Schmach zu beflecken; er ſchwor, von ſeiner Macht den äußerſten Gebrauch zu machen, wenn nicht Mary auf der Stelle ihre Einwilli⸗ gung gäbe. Er bewilligte ihr 24 Stunden, um einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, und als er ſich entfernte, fühlte ſich Mrs. Greville unausſprechlich elend, und Mary's Gemüth war ſtark erſchöpft und verzweifelt.„Mein Kind, mein Kind, es darf nicht ſein, Du ſollſt nicht die Gattin des herzloſen Schur⸗ ken werden. Ich bin geſund, ich kann arbeiten, Unterricht ertheilen, alles thun, um unſer Leben zu friſten, und warum, o warum ſollſt Du Dich ſo aufopfern? Mary, Mary, Du wirſt leben zum Segen Deiner unglücklichen, verlaſſenen Mutter. O mein Gott, o mein Gott, warum haſt Du mich ſo verlaſſen, ich habe auf Dich vertraut und Du willſt mich ſo täuſchen? An wen kann ich mich wenden, welchen Freund habe ich in der Nähe?“ „Mutter, ſprich nicht ſo,“ rief Mary aus, welche die verzweifelten Worte ihrer Mutter aus der Letargie ihrer Erſchöpfung geweckt worden war, und ſie warf ſich neben ſie auf die Knie und umarmte ſie.„Mutter, meine liebe Mutter, der Gott der Wittwen und Waiſen iſt immer noch unſer Freund, er hat uns nicht verlaſſen, wiewohl er eine 181 Zeitlang ſein Antlitz vor uns verhüllt hat. O, er wird Barm⸗ herzigkeit üben, er wird uns einen Freund erwecken, ich fühle es, ich weiß es, er wird uns helfen. Laß uns nur auf ihn vertrauen, laß uns nicht verzagen. O, beten wir zu ihm und er wird uns erhören.“ Die Augen des guten Mädchens erglänzten von plötzli⸗ chem Feuer, ihre bleichen Wangen waren leicht geröthet, ihre ganze Haltung und ihr Ton waren ein Ausdruck des Enthu⸗ ſiasmus, der Frömmigkeit, die ihr ganzes Leben bezeichnet hatten. Mrs. Greville drückte die welke Geſtalt krampfhaft an ihre Bruſt und weinte.„Vater, ich habe geſündigt,“ flüſterte ſie,„erbarme Dich.“ Eine Stunde verfloß, und weder Mary noch ihre Mutter verließen ihre betende Stellung; ſie hörten nicht den Klang ſo vieler Stimmen unten, noch die raſchen Schritte auf der Treppe. Die Thür wurde geöffnet, aber Mary blickte nicht auf, ſie klammerte ſich noch feſter an ihre Mutter, denn ſie fürchtete, Dupont wieder zu ſehen. Ein Ausruf der Freude, des Dankes von Mrs. Greville's Lippen überraſchte ſie; einen Augenblick zitterte ſie, doch ſie konnte ſich nicht irren, es war ein Ausruf der Freude. Langſam blickte ſie nach dem An⸗ kömmling hin, außer ſich ſprang ſie auf und faltete die Hände. „Mein Gott, ich danke Dir, wir ſind gerettet,“ rief ſie in⸗ brünſtig aus und ſank befinnungslos zu Mr. Hamilton's Füßen. Es fehlte'nicht an Zwiſchenträgern, welche Dupont ſehr raſch die Nachricht brachten, daß Mrs. und Miß Greville von der Rue Royale unter dem Schutze eines Engländers ausgezogen wären, der zwei ſeiner Diener in ihrem Hauſe zurückgelaſſen, um Mr. Greville's Leiche zu bewachen und ihn von Allem zu benachrichtigen, was während ſeiner Ab⸗ weſenheit vorginge. Wüthend machte ſich Dupont auf den Weg, um die Wahrheit dieſer Gerüchte zu ermitteln, und ein Auftritt heftigen Streites zwiſchen ihm und Mr. Hamil⸗ ton folgte. Die ruhige Feſtigkeit ſeines unerwarteten Geg⸗ ners ſchüchterte Dupont eben ſo ſehr ein, als ihn ſeine kalte ſarkaſtiſche Bitterkeit bis ins Innerſte verletzte. Der Cha⸗ rakter des Mannes war bekannt; er war überzeugt, daß er das Andenken Grevilles nicht ſchänden dürfe, ohne ſich ſelbſt ſchuldig zu ſprechen, ohne ſeinem eigenen Charakter unwieder⸗ bringlich zu ſchaden, und wiewohl er dieſe Drohung als Waffe benutzte, um Mary's Unterwerfung zu erzwingen, ſo war doch Mr. Hamilton in dieſer Beziehung vollkommen ruhig. Sehr bald zeigte ſich Dupont's Natur, einige Worte von Mr. Hamilton bewieſen ihm, daß er ſeinen wahren Cha⸗ rakter erkannt hatte, und da er eine Blosſtellung fürchtete, ſo änderte er ſeinen Ton, erkannte an, daß er zu heftig ge⸗ weſen, daß ihn aber nur ſeine Bewunderung für Miß Gre⸗ vill veranlaßt; ſprach ſich tief bekümmert über Mr. Greville's unglückliches Ende aus, ſtellte jede Abſicht, das Begräbniß der Leiche verhindern zu wollen, in Abrede und erklärte ſich endlich bereit, alle Schulden zu quittiren, mit Ausnahme des Betrags, den der Verkauf des Hauſes und der Meubles bringen würde. Kaum konnte Mr. Hamilton während dieſer Zuſam⸗ menkunft ſeine Entrüſtung beherrſchen. Er wollte Dupont durchaus keine Verpflichtung ſchulden; wenn er beweiſen könne, daß er mehr zu fordern habe, als er nehmen zu wol⸗ len erklärt hätte, ſo ſolle es auf der Stelle bezahlt werden; aber er werde die Geſetzlichkeit ſeiner Anſprüche unterſuchen und alle Papiere des Verſtorbenen gewiſſenhaft prüfen. „Es ſei gar nicht nothwendig,“ erwiderte Dupont. „Die Summe ſei eine Ehrenſchuld und zum Beweiſe deſſen habe er ein Papier von Greville's eigner Hand.“ Mr. Hamilton antwortete nicht weiter, und ſie ſchieden, ohne daß etwas feſtgeſtellt war; Dupont wiederholte nur immer, daß es ihm außerordentlich leid thue, Miß Grevill ſo viel unnöthigen Schmerz bereitet zu haben; hätte er gewußt, daß ſie mit einem andern verlobt ſei, würde er ſeine Bewerbung nicht fortgeſetzt haben, und er bedaure ſchmerzlich, daß er ſo hintergangen worden ſei. Mr. Hamilton hörte ihn mit unveränderlicher Miene an und begleitete ihn ernſt zum Hauſe hinaus. Er drückte dann das Siegel auf das Schloß ſeines kleinen Cabinets, welches, wie der einzige engliſche Diener der Mrs. Greville ihm mittheilte, die geheimen Papiere ſeines Herrn enthielt, entließ die franzöſiſchen Domeſtiken und nachdem er den Engländern empfohlen, gewiſſenhaft darüber zu wachen, daß keine Fremden Zutritt erhielten, eilte er ſeinen ängſtlich harrenden Söhnen mitzutheilen, was er erlangt hatte. Am folgenden Morgen erhielt Mr. Hamilton eine Nachricht, die ihn ſehr erſchreckte. Trotz der Wachſamkeit der drei Engländer, die in Mrs. Greville's Hauſe geblieben waren, war das Cabinet, welches ſeine Privatpapiere ent⸗ hielt, verſchwunden. Die Leute erklärten wiederholt, daß Niemand ohne ihr Wiſſen habe in das Haus kommen und ein ſolches Stück nicht ohne einigen Lärm habe fortbringen können. Mr. Hamilton begab ſich ſofort mit ihnen nach dem Hauſe; wie das Cabinet fortgenommen worden war, konnte er nicht entdecken, aber es war ſo klein, daß es leicht entführt werden konnte, und er zweifelte nicht, daß Dupont einen der entlaſſenen Diener beſtochen, der mit allen Geheimniſſen des Hauſes bekannt war, es für ihn zu entwenden, und er beſchloß ſofort Dupont des ſchändlichen Diebſtahls anzu⸗ klagen. Dupont hatte ſich indeß aus dem Staube gemacht, er war nirgends zu finden, doch hatte er einen Agenten beauftragt, aus Mr. Hamilton's Händen den Betrag der Schulden in Empfang zu nehmen, den er noch beanſpruchte, und von dieſem Manne ſuchte er durch vielerlei Fragen eine Spur von ſeinem Auftraggeber zu entdecken, doch ganz vergeblich. Mr. Dupont, ſagte er, habe Paris am geſtrigen Tage verlaſſen. Mr. Hamilton ſtellte ſich nicht zufrieden; er ſuchte einen geſchickten Anwalt auf, legte die Sache in ſeine Hand und bat ihn, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um die Rückgabe der Papiere zu erlangen. Er glaubte nicht, daß es in Du⸗ vont's Macht ſtehe, der Wittwe und dem Kinde des Ver⸗ ſtorbenen noch weiteren Schaden zuzufügen; er glaubte viel⸗ mehr, daß er ſich der Papiere zu bemächtigen geſucht hatte, weil er wußte, daß ſie einige ſeiner Uebelthaten verriethen, 184 doch konnte er ſich nicht ruhig fühlen, bis er ſie zurücker⸗ halten hatte, oder wußte, daß ſie zerſtört waren. Mrs. Greville wünſchte ſehnlich ihre Wiedererlangung, ii denn ſie fürchtete, daß ſie wegen der Aehnlichkeit der Namen 1i ihrem Sohne einen Nachtheil bringen könnten, nach dem ſich 3 ihr zärtliches Herz noch immer ſehnte, wiewohl Jahre ver⸗ 36 i floſſen waren, ſeitdem ſie ihn zum letzten Male geſehen, und viele lange Monate, ſeitdem ſie zum letzten Male von ihm gehört hatte. Ihre Befürchtungen in dieſem Punkte mach⸗ ten Mr. Hamilton und Percy noch thätiger in ihrer Ver⸗ folgung, und Beide beſchloſſen in Paris zu bleiben, nachdem Herbert und Mrs. Greville nebſt Mary nach England ab⸗ gereiſt wären. 3 Und was fühlte Herbert, als er die furchtbare Verän⸗ 3 derung ſeiner Geliebten ſah? Er dachte noch nicht daß ſie ſterben müſſe; dies ſtrahlende Auge, dieſe blühenden Wan⸗ zit gen, dies ſanfte ſüße Lächeln, o konnten ſolche Zeichen dem Liebenden vom Tode ſprechen? Er hegte ſie an ſeinen Her⸗ zen und wußte nur, daß er glücklich war. Und auch Mary war glücklich, die Vergangenheit erſchien ihr wie ein dunkler wirrer Traum, ſie ſah das Lächeln Deſſen, den ſie liebte, ſeine Liebesſtimme klang in ihr Ohr. Eine heilige milde Ruhe war über ſie gekommen; ſie ſprach ihre Gedanken ge⸗ gen Herbert nicht aus, denn ſie ſah, daß er immer noch hoffte; ſie waren beieinander und die Gegenwart genügte ihr; aber im Stillen betete ſie, daß ſeine Seele vorbereitet werden möchte, damit, wenn ihm die Augen geöffnet würden, die Wahrheit ihm nicht unerträglich ſein möge. N 1 Siebentes Kapitel. Es war in der That ein glücklicher Tag, der Mrs. Gre⸗ 3 ville und Mary in Oakwood ankommen ſah, ein Tag unge⸗ 185 miſchter Freude für ſie, aber noch nicht für Diejenigen, die ſie empfingen. Mrs. Hamilton drückte die welke Geſtalt Mary's an ihr Herz, ſie küßte ſie wiederholt, aber es dauerte lange, ehe ſie ein Wort der Begrüßung ſprechen konnte; ſie fah ſie und ihren Sohn an und mußte ſich abwenden, um ihre Thränen zu verbergen. Ellen allein behauptete ihre Ruhe. Als ſie und Mary ſich zärtlich umarmten, hatte allerdings ihre Lippe gebebt, und ihre Wange war bleich geworden, aber ihre Aufregung blieb unbemerkt. „Es war ihre Stimme, meine Mary, die mich zur That mahnte, es waren ihre Vorſtellungen, die mich nicht verzweifeln ließen,“ flüſterte Herbert, als er dieſen Abend ſich über Mary's Lager beugte und Ellen ſah, die damit beſchäftigt war, ihr die Kiſſen zurecht zu rücken.„Als ich überwältigt von dem tiefen Schmerze, den mir Dein Brief verurſacht, keine Kraft hatte zu handeln, kam ſie auf den Gedanken, welches Verfahren mein Vater einſchlagen ſollte, den er dann ſo erfolgreich ausführte.“ Mary drückte Ellen die Hand und ſah ihr dabei dankbar ins Geſicht. Ein leiſes Lächeln ſpielte um die Lippen der Waiſe, aber ſie ant⸗ wortete nicht. Einige Wochen verfloſſen, dann drängte ſich Allen, ſelbſt ihrer Mutter, die gefürchtete Wahrheit auf, daß keine Hoff⸗ nung mehr ſei, daß Mary in der That dem Grabe zugehe. So innig ihre Freunde ſie liebten, ſo konnten ſie doch in ihrer Gegenwart nicht über ſie weinen. Es wurden ihr alle körper⸗ lichen Leiden erſpart, bis auf eine Schwäche, die ſo außer⸗ ordentlich war, daß ſie ohne Beiſtand nicht über das Zim⸗ mer gehen konnte. Kein Schmerz verunſtaltete ihre Züge, die in der Nähe des Todes einen noch lieblicheren Ausdruck hatten als ſonſt; ihre ſanften blauen Augen ſtrahlten bis⸗ weilen von einem himmliſchen Lichte und ihr blondes Haar umſchattete eine ſo durchſichtige Stirn, daß man deutlich jedes blaue Aederchen ſehen konnte. Nur ein Gedanke machte ihr Schmerz, ſie fühlte, daß ihr Herbert noch unvor⸗ bereitet war. Er ſprach eines Tages von der Zukunft und malte die Zeit aus, wo die Pfarrwohnung ſie als ihre edle Herrin aufnehmen würde, und was er dann alles zur Förderung ihres Wohlbefindens zu thun gedächte. Da legte Mary ihre Hand ſanft auf ſeinen Arm und ſagte mit einem eigen⸗ thümlich ſanften Lächeln:„Denke nicht mehr an ſolche Dinge, mein Geliebter, die Wohnung, welche unſere ſelige Vereinigung ſchauen wird, iſt bereits fertig; ich werde ſie zuerſt aufſuchen, aber nur, um ſie Dir deſto wünſchenswer⸗ ther zu machen.“ Herbert ſah ihr ins Geſicht, um die Bedeutung ihrer Worte herauszuleſen; er las ſie ach! nur zu deutlich, aber die Stimme verſagte jeden Dienſt.„Sieh mich nicht ſo an,“ fuhr ſie in demſelben bittenden und beruhigenden Tone fort; „unſere Wohnung im Himmel iſt bereits vorgerichtet, auf Erden, mein Herbert, wird keine andere Wohnung mich aufnehmen. Warum ſollte ich zaudern, die Wahrheit zu ſprechen? Der Heiland, in deſſen Schooß ich bald gehen werde, wird Dir Kraft geben, es zu ertragen, er hat es mir ver⸗ ſprochen, mein Herbert, meine erſte, meine einzige Liebe. Mein Erlöſer ruft mich, und kannſt Du mich nicht ihm ohne Thränen überlaſſen?“ „Mary, ſagte der unglückliche Herbert,“ Mary, o quäle mich nicht, Du wirſt nicht ſterben, Du wirſt mich nicht in Verzweiflung zurücklaſſen.“ „Ich werde nicht ſterben, ſondern leben, mein Geliebter, o ſelig leben! Es iſt nur eine kurze Trennung, Herbert, um uns dann wieder zu ſehen und ewig zu lieben.“ „Du biſt krank, Du biſt ſchwach, meine Mary, und ſo ſteht Dir der Tod beſtändig vor der Seele; aber Du wirſt geneſen, o ich weiß, ich fühle es, mein Gott wird meine Gebete erhören.“ „Ja, das wird er, Herbert, o zweifele nicht an ihm, das wird er, ſelbſt wenn ich hinweggenommen bin. Er raubt mich Dir nicht, mein Herbert, ſondern er bringt mich nur an einen Ort, wo Du ihn allein lieben mußt, wenn Du mich aufſuchen willſt, und wird Dich das erſchrecken? Wird der 187 Geiſt, der ſich von früheſter Kindheit an ſeinem Dienſte gewidmet hat, gegen ſeinen Willen murren? O nein, nein, ich weiß, mein Herbert wird ſeine Mary noch unterſtützen und ſtärken.„Vergieb mir, wenn ich Dir Schmerz bereitet habe, mein Geliebter, aber ich konnte es nicht ertragen, daß andere Lippen als die meinen Dir ſagen ſollten, daß ich hier auf Erden nicht leben kann, ſondern daß Gott mich in Kurzem abrufen wird. Du darſſt nicht um mich trauern, mein Herbert, ich ſterbe ſo ſelig, o ſo ſelig!“ Herbert war neben ihrem Lager auf die Kniee geſunken, er ließ den Kopf auf ſeine Hände ſinken, und eine krampf⸗ hafte Bewegung erſchütterte ſeinen ganzen Körper. Er gab keinen Laut von ſich, er ſprach kein Wort, aber Mary las in ſeinem Geſicht, daß ein überwältigender Schmerz ſeinen Geiſt zur Erde beugte. Sie hatte geſprochen, er wußte, daß ſie ſterben mußte, und Mary richtete ihre milden Augen gen Himmel und faltete ihre Hände zum brünſtigen Gebet für ihn. Verlaß ihn nicht, o Gott, ſtütze ihn, o gieb ihm Kraft, ſich Deinem Willen zu unterwerfen,“ lautete ihr Gebet. Es folgte eine lange tiefe Stille, aber als Herbert aufblickte war er wieder ruhig. „Gott im Himmel ſegne Dich, meine Geliebte,“ ſagte er und drückte einen langen, glühenden Kuß auf ihre Stirn. „Du haſt mich gelehrt, den Willen meines Heilandes zu er⸗ kennen, und ich werde mich demſelben unterwerfen. Möge er mir verzeihen,“— die Worte verſagten ihm; er drückte ſie noch einmal an ſein Herz, dann ſetzte er ſich neben ſie und las in dem Buche des Lebens, des Friedens und des Tro⸗ ſtes ſolche Stellen, die ſeinen Schmerz ſtillen und ſie ſtär⸗ ken konntenz er las bis der Schlaf die Augen ſeiner Geliebten ſchloß. Ja, ſie war das Ideal ſeiner jungen Liebe, er fühlte, daß ihre Worte wahr ſeien, und daß nach ihrem Tode nichts ſeinen Geiſt an dieſe Welt feſſeln würde. Es würde überflüſſig ſein, den Schleier lüften zu wol⸗ len in dem Augenblicke, den Herbert im einſamen Gebet zubrachte. Doch in Gegenwart ſeiner Familie war er 188 ruhig, in Mary's Gegenwart heiter. Sie fühlte, daß ihre Gebete erhört waren, und der letzte Kampf wurde ihr er⸗ leichtert. Mr. Hamilton war aus Frankreich zurückgekehrt, doch hatte er ſeinen Wunſch, die Papiere Greville's zurück zu er⸗ halten, nicht erfüllt geſehen. Dupont hatte ſeine Maßre⸗ geln ſo geſchickt und ſo wirkſam zu verheimlichen gewußt, daß ſich keine Spur entdecken ließ, und Mr. Hamilton fühlte, daß es unnütz ſei, länger zu bleiben, und vertraute der Rechtlichkeit und der Fähigkeit des Anwalts, dem er die ganze Angelegenheit übergeben hatte. Percy aber begleitete ihn nicht, indem er den Entſchluß gefaßt hatte, da die Hoch⸗ zeit ſeiner Schweſter in Folge von Mary's Krankheit ver⸗ ſchoben war, Lord und Lady St. Eval in Genf einen Beſuch abzuſtatten. Da Emmelinens Verlobung mit Arthur ſehr häufig ihre Zeit in Anſpruch nahm, ſo hatte Ellen die Pflege Mary's übernommen, und ſie verrichtete treu und zärtlich ihr Amt; ſie that es nicht aus ſelbſtſüchtigen Gefühlen, ihr Schmerz war tief und ungeheuchelt, und mit Freuden würde ſie ihr Leben dahin gegeben haben, um das Mary's zu retten und Herbert dieſe furchtbare Prüfung zu erſparen. Wie ſehr ſie ſich aber ſelbſt zu beherrſchen wußte, und wie ruhig ſie zu ſein ſchien, wer hätte das Gewirr von ſtreiten⸗ den Gefühlen in ihrem Innern errathen können? Wer hätte, wenn er das ſanfte Lächeln ſah, womit ſie Herbert's innigen Dank für ihre Pflege entgegennahm, den bittern Schmerz ahnen können, den ihr dieſe einfachen Worte verurſachten? Von allen ihren Umgebungen ließ ſich mit Ausnahme der Mrs. Hamilton nur Mary nicht täuſchen. Sie liebte Ellen, ſie hatte ſie ſchon lange geliebt, und die zärtliche Aufmerk⸗ ſamkeit, die ſie beſtändig von ihr empfing, hatte die Bande der Freundſchaft noch feſter gezogen. Sie war überzeugt, daß ſie nicht glücklich ſei, daß etwas ſchwer auf ihrer Seele laſte, und der Scharfblick einer lebhaften Phantaſie und eines liebevollen Herzens ließ ſie die Wahrheit ahnen. Ihr Wunſch, ſie glücklich zu ſehen, wurde ſo mächtig, daß ſie den⸗ 189 — ſelben nicht unterdrücken konnte. Sie dachte, daß Ellen ſich ſelbſt täuſchen könnte, und daß, wenn ſie den Gegenſtand ihrer Liebe einmal wüßte, alle Schwierigkeiten gehoben ſein würden. Der Gedanke, daß ihre letzte Handlung dazu dienen könnte, das Glück Ellens zu ſichern, war ſo beruhi⸗ gend für ſie, daß ſie, nachdem ſie ſich einige Zeit damit beſchäftigt, die erſte Gelegenheit wahrnahm, als ſie mit ih⸗ rer Freundin allein war, um ihr Vertrauen zu bitten. „Nein, Liebſte, lies mir nicht vor,“ ſagte ſie eines Abends in Erwiderung auf Ellens Frage,„ich möchte lieber mit Dir ſprechen, ſei aber nicht ängſtlich, ich werde mich nicht zu ſehr anſtrengen. Komm und ſetze Dich zu mir liebe Ellen, ich möchte von Dir ſprechen.“ „Von mir?“ wiederholte Ellen erſtaunt,“ kannſt Du keinen intereſſanteren Gegenſtand finden, liebſte Mary! „Nein meine Liebe, denn Du gehſt mir oft im Kopfe herum; die Nähe des Todes hat, wie ich glaube, alle meine Sinne geſchärft, denn ich ſehe und leſe Kleinigkeiten deut⸗ licher als ſonſt, und ich leſe aus dieſer beruhigenden Selbſt⸗ beherrſchung und dieſem beſtändigem Lächeln, daß Du nicht glücklich biſt, meine gute Ellen, und wirſt Du mich für zu— dringlich halten, wenn ich Dich frage, warum?“ „Erinnerſt Du Dich nicht, Mary, daß ich immer nicht wie Andere war?“ erwiderte Ellen, indem ſie vor ihrem durchdringenden Blicke zurückſchrak.“ Ich wußte ſchon als— Kind nicht, was es heißt, heiter und fröhlich zu ſein, und ſollte ich es mit zunehmenden Jahren gelernt haben? Ich bin zufrieden mit meinem Looſe und mit ſo vielen Segnun— gen, die mich umgeben, würde ich nicht undankbar ſein, wenn ich anders wäre?“ „Du umgeheſt meine Frage, Ellen, und überzeugſt mich mehr und mehr, daß ich recht habe. Ach Du weißt nicht, wie meine letzte Stunde gelindert werden würde, wenn ich das Bewußtſein hätte, daß ich etwas dazu beigetragen, das Glück eines Mädchens wieder herzuſtellen, das mir ein ſo großer Segen geweſen iſt, wie Du, liebe Ellen.“ „Denke nicht daran, liebſte Mary,“ ſagte Ellen,„ich . 1 190 müßte glücklich, ſehr glücklich ſein, und wenn ich es nicht bin, ſo iſt es meine eigene Schuld, Du kannſt mir kein Glück geben, Mary; laß Dich durch den Gedanken an mich nicht beunruhigen, ſo freundlich Dein Wunſch iſt, ſo iſt er doch unnütz.“ „Sprich nicht ſo, Ellen, wir find ſo ſehr geneigt, unſern Kummer als unheilbar zu betrachten, ſo lange er in unſer ſorgenvolles Herz eingeſchloſſen iſt; wenn wir ihn aber einmal eingeſtanden haben, wie raſch verſchwinden dann die Schwierigkeiten, und der Schmerz entflieht, ehe wir es auch nur bemerken. Vergrößere nicht Deinen Schmerz, indem Du denſelben durch einſames Nachdenken unterſtützeſt.“ „Giebt es nicht manche Kümmerniſſe, Mary, die man am liebſten verheimlicht? Macht nicht die Enthüllung einer Wunde dieſelbe oft aufs Neue bluten, während ſie, wenn wir ſie im Herzen verbergen, verſchloſſen bleibt, bis die Zeit ſie geheilt hat?“ „Es giebt ſolche,“ entgegnete Mary,„die unheilbar ſind, aber“— ſie ſann einen Augenblick nach, dann erhob ſie ſich langſam von ihrem Lager, umſchlang Ellens Hals und ſagte mit leiſer, eindringlicher Stimme:„Iſt Deine Liebe wirklich ſo hoffnungslos, meine arme Ellen? O nein, das kann nicht ſein; wahrlich, es iſt Niemand, den Du hin⸗ länglich kennſt, um ihm Deine köſtliche Liebe zu ſchenken, der Dich ſehen und ſie nicht erwidern könnte.“ Ellen fuhr zuſammen, eine dunkle ſchmerzliche Röthe bedeckte einen Augenblick ihre Wange, ſie ſuchte ruhig zu ſprechen, die Wahrheit von Mary's Vermuthung in Abrede zu ſtellen, aber ſie konnte es nicht, das Geheimniß ihres Herzens war zu plötzlich vor ihr enthüllt, und ſie brach in Thränen aus. Wie raſch vernichtet ein Wort, ein Ton die Ruhe von Jahren, wie wunderbar und plötzlich lüftet die Stimme der Theilnahme den Schleier von unſerm Herzen! „Du haſt mein Geheimniß erkannt,“ ſagte ſie und ihre Stimme ſchwankte,„und ich würde es nicht läugnen, aber Mary, wir wollen nicht mehr davon ſprechen. Wenn ein 191 Mädchen ſchwach genug iſt, ihre Liebe einem Manne zu ſchenken, der ſich nie darum bemüht hat, dann iſt es um ſo beſſer für ihren Frieden, wie für ihren Ruf, je tiefer ſie die⸗ ſelbe verbirgt; meine Liebe wurde nie begehrt, ich hatte keine Veranlaſſung zu hoffen, und wenn dieſe unerwiderte Liebe mein Glück zerſtört, ſo iſt es eine Folge meiner Schwäche und ich allein habe ſie zu tragen.“ „Aber haſt Du keine Hoffnung, Ellen, keine? Denke das nicht, Liebſte. Wenn ſein Herz noch frei iſt, darfſt Du dann nicht hoffen, daß es eines Tages Dir gehören werde?“ Meine Mary, o nein. Ich wußte, daß ſein Herz nicht frei war, ich wußte, daß er nie der Meine ſein konnte, und den⸗ noch liebte ich ihn. O Mary, verachte nicht meine Schwäche, Du haſt mir mein Geheimniß abgedrungeu, o verrathe mich nicht. Es iſt keine Schande, einen ſo guten und frommen Mann zu lieben, und dennoch— Mary, liebſte Mary, verſprich mir, daß Du es nicht ſagen willſt!— Ich kann nicht ruhig ſein, wenn Du es nicht thuſt; laß Deine Lippe gegen Niemand davon ſprechen.“ „Das will ich, meine Ellen, ſei ruhig, Dein Geheimniß ſoll mit mir ſterben,“ erwiderte Mary leidenſchaftlich, denn Ellens Gefühle hatten ſie vollſtändig übermannt und ſie konnte vor Schluchzen kaum ſprechen. „Für mich giebt es keine Hoffnung. O könnte ich ihn nur glücklich ſehen, ich würde um weiter nichts bitten, aber ach, ihn elend zu ſehen und zu fühlen, daß ich nicht im Stande bin, ihm Ruhe zu geben, während er—“ ſie hielt plötzlich inne, und wieder überzog eine glühende Röthe ihre Wangen, ſelbſt ihre Schläfe. Mary's Auge war voll Theilnahme, voll Liebe auf ſie gerichtet, Ellen dachte, voll Erſtaunen und Mißtrauen. Mit einer mächtigen Anſtren⸗ gung überwand ſie ſich ſelbſt, drängte die heißen Thränen, das krampfhafte Schluchzen zurück, und indem ſie ſich über Mary beugte, drückte ſie ihre bebenden Lippen auf ihre bleiche Stirn. „Laß uns nicht mehr davon ſprechen, liebſte Mary,“ ſagte ſie mit leiſer, ruhiger Stimme.„Gott ſegne Dich für S 192 Deine freundliche Abſicht. Es iſt nun vorüber, vergieb mir, liebſte Mary, daß ich Dich ſo aufgeregt und beun⸗ ruhigt habe.“ „Nein, vergieb Du mir, meine liebe Ellen, ich habe Dir Schmerz gemacht und ſollte Dich um Verzeihung bitten; ich dachte nicht, daß Deine Liebe ſo gänzlich hoffnungslos wäre; ich hatte gehofft, daß ich, ehe ich ſchiede, das Morgen⸗ roth Deines Glückes aufgehen ſehen würde, aber ich ſehe, ich fühle nun, daß es nicht ſein kann. Meine Ellen, ich brauche Dir nicht zu ſagen, welch' ſeliger Troſt im Gebet liegt.“ Es folgte eine Pauſe von einigen Minuten. Ellen hatte Mary's Hand ergriffen und den Kopf abgewandt, um die Thränen zu verbergen, die langſam über ihre Wangen floſſen. Der Eintritt Emmelinens brachte Beiden eine Erteichterung und Ellen verließ das Zimmer; und als ſie zurückkehrte, bemerkte ſelbſt Mary's ſcharfes Auge keine Spur der Auf⸗ regung. Jede Woche brachte eine ſichtbare Aenderung bei Mary hervor, ſie wurde ſchwächer und ſchwächer, aber ihr Geiſt behielt ſeine Kraft, und oft fürchteten ihre bekümmer⸗ ten Freunde, daß ſie den Armen der Liebe entfliehen würde, ehe ſie den Augenblick ihres Scheidens wahrnehme. Eines Abends bat ſie, daß die ganze Famile ſich in ihrem Zimmer verſammeln möge; ſie fühle ſich ſtärker und wünſche ſie Alle noch einmal zu ſehen. Ihr Wunſch wurde erfüllt, und ſie miſchte ſich ſo heiter in die Unterhaltung, daß ihre Mut⸗ ter und Herbert ihre Angſt vergaßen. Es war ein milder, ſchöner Abend, ihr Bett war auf ihre Bitte an das offene Fenſter geſchoben worden, und das ſterbende Mädchen blickte hinaus auf die ſchöne Landſchaft. Die Bäume trugen das üppige volle Grün des Sommers, außer wo die glänzend untergehende Sonne ſie mit Gold und Carmoiſin färbte. Auch ein Theil des Fluſſes war an dieſer Stelle ſichtbar: er lag inmitten der Bäume als ein kleiner See, in dem ſich der Himmel in allem ſeinen überirdiſchen Glanze ſpiegelte. Die Sonne, oder vielmehr ihre letzten Strahlen ruhten auf dem Gipfel eines Berges, der in den tiefſten Schatten ge⸗ * 193 hür einen herrlichen Contraſt gegen den Strom flüſſigen Goldes bildete, der ſeine Stirn badete. Purpurgoldne, carmoiſinrothe Wolken, die an manchen Stellen in Roſa übergingen, zogen langſam am Himmel dahin, und die voll⸗ kommene Stille, die ringsum herrſchte, vollendete den Zau⸗ ber der Scene. „Sieh, meine Mary, ſieh dieſe Lichtwolken,“ ſagte Her⸗ bert,„ſieh den Glanz ihrer Farben, das fleckenloſe Blau jenſeits; ſo ſchön wie die Erde iſt, ſo zeigt ſie doch nicht ſo erhabene Schönheit, wie der Himmel über uns, ſelbſt für unſer ſterbliches Auge, und weckt nicht ſolche Gefühle der Anbetung. Was würde das für ein Anblick ſein, wenn dieſer blaue Himmelsbogen zerreißt und der Strahlenglanz des Schöpfers des Himmels unſer Auge trifft?“ „Selig, o ſelig ſind, die von dem Lamme Gottes geführt dieſe Herrlichkeit theilen können,“ erwiderte Mary mit un⸗ gewöhnlicher Kraft.„Wer kann die unausſprechliche Liebe verkünden, die, während die ſchöne Erde noch die Spuren eines verhängnißvollen Fluches behält, den Menſchen von ſeinen Sünden erlöſt hat und dem Tode ſeinen Stachel nimmt?“ „Und iſt es dieſer Gedanke, dieſer Glaube, der Dich gegenwärtig ſtützt?“ fragte Herbert mit ſeiner eigenthüm⸗ lichen, innigen Zärtlichkeit. „Er iſt es, er iſt es,“ antwortete ſie inbrünſtig,„meine Sünden ſind von mir genommen, meine Gebete ſind durch die Fürbitte meines Heilandes erhört, und meine Wohnung iſt im Himmel unter den Seligen und Erlöſten vorbereitet. O Preis ſei dem Gotte der Wahrheit, der mir dieſen Glau⸗ ben gegeben hat“— ſie ſchwieg eine Minute, dann fügte ſie hinzu:„der mein Gebet erhöret und mir geſtattet hat, in meinem Heimathlande, umgeben von Denen, die ich liebe, zu ſterben.“ Sie lehnte ihren Kopf an Herbert's Bruſt und blieb eine Zeitlang ſtumm, dann blickte ſie auf und ſagte heiter: „Erinnerſt Du Dich, Emmeline, daß wir, als wir vor eini⸗ gen Jahren zuſammen waren, immer zu ſagen pflegten, zu Der Lohn einer Mutter. II. 13 „„ einer ſolchen Scene, zu einer ſolchen Stunde gehöre Mhfik⸗ um ſie vollkommen zu machen? Es iſt mir zu Muthe, als wenn alle dieſe friſchen, fröhlichen Gefühle meiner Kindheit zurückgekehrt wären. Hole Deine Harfe und finge mir die Worte, die Du mir neulich vorlaſeſt.“ „O nein, Mary, wird Dich das nicht ſtören?“ ſagte Emmeline, indem ſie an ihrem Bett niederkniete und ihre magere Hand küßte. „Nein, meine Liebſte, Deine ſanfte, ſüße Stimme wird mich beruhigen und mir Vergnügen machen. Ich fühle mich heute ſtärker und beſſer, als ſeit langer Zeit, ſinge mir nun aber dieſe Worte, liebe Emmy, alles Andere würde nicht hierher und zu meinen Gefühlen paſſen.“ Einen Augenblick zauderte Emmeline und blickte nach ihrer Mutter und Mrs. Greville. Beide waren nicht geneigt, einen Einwurf gegen ihre Bitte zu erheben, und als ihre Harfe kam, ſetzte ſich Emmeline zurecht, um dieſelbe zu er⸗ füllen. Sie ſtellte das Inſtrument an dem andern Ende des Zimmers auf, damit die Töne Mary's Ohr ſanfter be⸗ rühren ſollten, und ſang mit ſüßer klagender Stimme fol⸗ gende Worte: „Gedenke mein, doch nicht mit Schmerzen, Dem Schlaf folgt ew'ge Seligkeit; Des Lebens ſchönſte Stunde kann dem Herzen Nicht Träume bieten baar von allem Leid. Ach ſieh, der Himmel ſtehet offen Dem trüben Aug', das bald ſich ſchließt, und holde Engelsſtimmen laſſen hoffen, Daß bald der Sternenſchleier mich umſchließt. Komm, Bruder, trenne raſch die Bande, Die noch Dich feſſeln an die kalte Erd'; O komme nach dem ſüßen Heimathlande, Wo weder Leid, noch Sorge Dich beſchwert. Komm, Bruder, komm, und Träume malen Der ſel'gen Heimath wir Dir aus; O fürchte nicht des Todes Qualen, Er führt Dich nur ins Vaterhaus. 195 Ich ſehe holde Formen glänzen Im Nebel, der mein Aug' umhüllt, Und ich verlaſſe froh die ird'ſchen Grenzen, Zum Himmel fahr' ich luſterfüllt. Gedenke mein, doch ob ich fliehe, Erwart' ich Deinen letzten Kuß; Dann lebe wohl; mein Geiſt, o ſiehe, Sein harret ſeliger Genuß.“ Das Trauerlied ſchloß und es folgte eine allgemeine Stille. Emmeline hatte die Worte der ſchönen Melodie Weber's, der letzten Compoſition ſeines begabten Geiſtes angepaßt. Mary's Kopf ruhte noch an Herbert's Bruſt, ihre Hand unfaßte die ſeine. Die Dämmerung war ein⸗ getreten, ſonſt würde man geſehen haben, daß ſich der Aus⸗ druck ihres Geſichtes verändert hatte— er war geiſtiger geworden, als wenn die irdiſche Hülle die Seligkeit des ſcheidenden Geiſtes getheilt hätte. Sie richtete ihre mat— ten Augen auf Ellen, die an ihrem Bett kniete, aber Ellen ſah ſie nicht, denn in dieſer Stunde ruhten ihre Augen wie verzaubert auf Herbert, der ſich auf ſeine Geliebte nie⸗ derbeugte. Das ſterbende Mädchen ſah dieſen traurigen Blick, und ein Strahl des Einverſtändniſſes flog über ihre ſchönen Züge; ſie ſtreckte eine Hand Ellen entgegen, die ſie zärtlich ergriff, und ſuchte ſie dann nach Herbert hinzu— ziehen. Sie ſah ihm ins Geſicht, als wenn ſie ihm die Bedeutung ihres Thuns erklären wollte, aber Stimme und Kraft verſagten ihr, und ſie ließ Ellens Hand fallen. „Küſſe mich, Herbert, ich möchte ſchlafen,“ ſagte ſie ſo leiſe, daß nur Herbert es hörte; ihre Lippen begegneten ſich in einem langen, langen Kuſſe, dann ließ Mary ihren Kopf wieder an ſeine Bruſt ſinken und ſchien ſo ſanft, ſo ſüß zu ſchlafen, daß ihre Freunde den Athem an ſich hielten, um ſie nicht zu ſtören. Faſt eine halbe Stunde verfloß, und im⸗ mer noch regte ſich Niemand. Das volle, ſanfte Licht des unumwölkten Mondes fiel in das ſtille Zimmer und umzog die Geſtalten Mary's und Herbert's mit einem Heiligen⸗ ſchein, der aus dem Himmel ſelbſt auf ſie herabzufallen ſchien. 13* 196 Mary's Kopf hatte ſich etwas vorwärts gebeugt, und ihr langes, üppiges Haar hatte ſich gelöſt und ver⸗ hüllte ihr Geſicht wie ein goldener Schleier. Sanft und vorſichtig richtete Herbert ihren Kopf auf, daß er auf ſeinem Arme ruhen ſollte. Da fiel ihr Haar zurück und ließ ihr Geſicht ſehen. Seine heißen Lippen ſtießen einen leiſen Schrei aus, und Ellen ſprang verzweifelt auf.„Still, ſtill, meine Mary ſchläft,“ ſagte Mrs. Greville, aber Mr. Hamilton zog ſie ſanft von dem Bette weg und aus dem Zimmer. Ihre Augen waren geſchloſſen, ein Lächeln er⸗ hellte das ſüße Geſicht, wie es ſo oft im Schlafe der Fall geweſen war, und das ſanfte, ſchattige Licht nahm ihren Zügen alle die ſchmerzlicheren Zeichen des Todes. Ja, ſie ſchlief ſanft und ruhig, aber ihr reiner Geiſt war geſchieden. Achtes Kapitel. Es dauerte lange, ſehr lange, ehe die Familie Hamilton den Schlag von Mary's Tod überwinden konnte; ſie hatten ſie ſo lange geliebt, ſie hatte von ihrer Geburt an unter ih⸗ nen gelebt, Alle kannten ſo gut ihre Tugenden und ihre Sanftmuth. Sie war von Mr. und Mrs. Hamilton in Folge ihrer Verlobung mit Herbert ſo lange als ihr Kind behandelt worden, daß ſie um ſie trauerten, als wenn ſie durch dieſes zarte Band ihnen bereits angehört hätte, und ihre arme Mutter fühlte ſich nun in der That verlaſſen. Ihr einziger Schatz, ihre theure, faſt vergötterte Mary war ihr geraubt, und ſie war kinderlos, denn von Alfred hatte ſie lange keine Nachricht mehr erhalten. Sie beugte ihr Haupt und ſuchte ſich zu fügen, aber es dauerte lange, lange, ehe ihr Friede zurückkehrte. Ihr Schmerz wurde zwar durch die zarte Liebe ihrer Freunde gemildert, aber was auf Erden kann eine verwaiſte liebende Mutter tröſten? Emmeline, Ellen, Herbert, ſelbſt Arthur Myrvin behandelten ſie mit wahrhaft kindlicher Liebe und Ehrfurcht, aber keines“von ihnen konnte die ſchmerzliche Lücke in ihrem Herzen aus⸗ füllen. Auf Herbert ſtützte ſie ſich mit größerer Zärtlich⸗ keit, als auf irgend einen andern Gegenſtand, aber es geſchah mit ahnungsvoller Liebe; ſie blickte ihn an und zitterte. Es war ein ſeltſamer und rührender Anblick, dieſe beiden Trauernden zu ſehen; Herbert Worte des Troſtes zu der Mutter ſeiner Mary ſprechen, ihn von Hoffnung, von Entſagung reden zu hören, das Gepräge himmliſcher Tu⸗ gend auf ſeinen bleichen Zügen zu ſehen; ſein Schmerz war innerlich, nicht ein Wort entſchlüpfte ſeinen Lippen, nicht ein Gedanke des Bedauerns kam ihm in den Sinn. Der Um⸗ fang ſeines tiefen Schmerzes zeigte ſich allein in ſeiner ver⸗ welkenden Geſtalt, in ſeinen bleichen Zügen, aber er war nur dem Forſcher der Herzen bekannt. Er hatte gewünſcht, ſeiner Mary den letzten Dienſt zu erweiſen, aber ſein Va⸗ ter und der Archidiakonus Howard beſchworen ihn, dieſen Gedanken aufzugeben und den Letzteren ſeine Stelle ver⸗ treten zu laſſen. Alle waren während des feierlichen Trauergottesdienſtes in Thränen gebadet. Kaum ver⸗ mochte Mr. Howard immer ſeine Stimme zu beherrſchen, und ſeine Schlußworte waren ganz unhörbar. Aber an Herbert's ſchlanker jugendlicher Geſtalt war keine Bewegung zu bemerken; in ſein langes Trauergewand gehüllt, war ſein Geſicht kaum zu ſehen, aber er hatte etwas an ſich, was in der Bruſt Aller, die ihn ſahen, ein Gefühl der Ehrfurcht erweckte. Alle verließen das Grab, doch Herbert blieb regungslos und ſtumm zurück. Sein Vater und Myrvin ſuchten ihn ſanft fortzuziehen, aber kaum war er zwei Schritte gegangen, ſo ſank er in langer tödtlicher Ohnmacht in das Gras, und ſein Vater und ſeine Freunde glaubten eine Zeit lang, daß ſein Geiſt wirklich ſeiner Mary nach⸗ gefolgt ſei; aber er kam wieder zu ſich. Sein Geſicht hatte einen ſo heiteren und entſagenden Ausdruck angenommen, daß ſich alle ſeine Lieben beruhigt haben würden, hätte ſich 198 nicht der Gedanke ihres Gemüths bemächtigt, daß ſolche Gefühle nicht für die Erde wären. Dieſe Ohnmachten kehrten von Zeit zu Zeit zurück, und während Mrs. Hamilton ſich bemühte, ihre Seele im un⸗ ſterblichen Glauben zu dem Gotte der Liebe zu erheben und das Leben und den Tod ihres geliebten Sohnes ent⸗ ſagend ſeinen Händen anzuvertrauen, ſo fühlte ſie doch jedesmal, ſo oft ſie ihn anſah, wenn er bewußtlos vor ihr lag, mehr und mehr, wie ſchwer es ſein würde, ſich von ihm zu trennen, wenn er wirklich abgerufen werden ſollte. Sie verglich ihr Loos mit dem der Mrs. Greville und dachte um wie viel größer ihre Prüfung ſei; und dennoch war auch ſie Mutter, und wiewohl ihr ſo viele andre Gaben zu Theil geworden waren, ſo war doch Herbert ihr eben ſo lieb, wie Mary Mrs. Greville geweſen war. Mußte ſie nun ihn verlieren, nachdem die Frucht, die ſie ſo zärtlich gepflegt, deren Entwickelung aus dem jungen Keime ſie ſo ſorgfältig überwacht hatte, ſo herrlich aufgeblüht war und ſie nun für alle ihre Mühen belohnen ſollte? ſollte er ihr nun genom⸗ men werden, nachdem jeden Monat ſeine Liebe zu ihr und die ihrige zu ihm ſich zu ſteigern ſchien? denn Herbert klam⸗ merte ſich in dieſer furchtbaren Stunde des Schmerzes mit immer größerer Zärtlichkeit an ſeine Mutter an. Er ſprach ſich allerdings über die Größe ſeiner Schmerzen ſelbſt gegen ſie nicht aus, aber ſein ganzes Weſen verrieth, wie ſehr er ſie liebte, wie innig er ihre Theilnahme fühlte, auf die er nächſt Gott am liebſten ſich ſtützte. Zuerſt wünſchte Mr. Hamilton, daß ſein Sohn ſeinem Amte entſagen und ſich zu ſeinem Bruder und ſeiner Schwe⸗ ſter nach Genf begeben und dann Perey auf ſeinen Reiſen begleiten ſollte; aber trauernd, doch feſt lehnte Herbert die⸗ ſen Vorſchlag ab. „Mein Vater,“ ſagte er,„meine Pflichten als Sohn und Bruder, wie als Freund und Vater der Heerde, die mei— ner Obhut anvertraut iſt, werden mich weit mehr beruhigen, das glaube mir, als wenn ich in ferne Länder reiſte. Meine Geſundheit iſt gegenwärtig ſo beſchaffen, daß meine Hei⸗ 199 math und die geliebten Freunde meiner Kindheit mir theu⸗ rer als je erſcheinen, und ich kann nicht von ihnen ſchei⸗ den, um anderwärts mein Glück zu ſuchen. Ich werde Al⸗ les thun, was in meinen Kräften ſteht, um durch treue Er⸗ füllung meiner Pflichten meine Geſundheit wieder herzu⸗ ſtellen und Ruhe und Frieden wieder zu gewinnen. Ich kann mein Amt in dieſer Welt nicht niederlegen, bis mein Heiland mich abruft; noch iſt ſein Reich auf Erden auszu⸗ breiten, und bis er mich entläßt, werde ich mein Amt fröh⸗ lich erfüllen, und bis dahin verlange nicht, daß ich es aufgebe.“ Mr. Hamilton drückte ſeinem Sohne ſtumm die Hand und ſprach nie wieder von ſeiner Abreiſe. In Herbert's Schmerz lag nichts Selbſtſüchtiges, er war immer noch der treue Sohn, der liebende Bruder, der zuverläſſige Freund ſeines engen Kreiſes, und gegen die Armen, die ſeiner Seelſorge anvertraut waren, benahm er ſich, wie er vorausgeſagt hatte, wirklich als Vater und Freund. Indem er Andere über ihre Leiden zu tröſten ſuchte, wurde ſein eigener Schmerz weniger bitter; indem er Andere aufforderte, zu hoffen, zu wachen und zu beten, wurde ſein eigener Geiſt ſtärkter und ſeine häufigen Kämpfe wurden ruhiger. Ererfüllte ſeine Pflichten mit ſo unabläſſiger Treue, daß man ſeine körperlichen Leiden nicht bemerkt ha⸗ ben würde, hätten ihn nicht bisweilen jene beunruhigenden Ohnmachten in den Hütten, die er beſuchte, überfallen, ehe er ſein Amt verrichtet hatte, und er war dankbar, wenn ſolche Fälle außer dem Hauſe vorkamen, damit ſeiner Mutter bis⸗ weilen eine ſolche Sorge erſpart wurde. Er pflegte dann ruhig nach Hauſe zu gehen, eine Zeit lang in ſeinem Zim⸗ mer zu bleiben und ſich dann heiter und gefaßt wie gewöhn⸗ lich zu ſeiner Mutter zu begeben, ſo daß Niemand vermu⸗ thete, daß er krank geweſen ſei. Arthur Myrvin ſah ſeinen Freund mit Bewunderung an, die ſich faſt zur Ehrfurcht ſteigerte. Seine Liebe zu Emmelinen war das ſtärkſte Gefühl ſeines Herzens, und wenn er einen Augenblick dachte, daß ſie ihm genommen 200 würde, wie Herbert Mary verloren hatte, ſo fühlte er daß er nicht wie ſein Freund würde handeln können, er hätte aus einer Gegend fliehen müſſen, wo jede Spur ihn an die Geſchiedene erinnert hätte, oder wenn er geblieben wäre, würde er nicht wie Herbert ſeine Pflichten erfüllt haben und nicht ſo ruhig wie er geweſen ſein. In der Geſellſchaft ſeiner Couſine Ellen fand Herbert Troſt und Freude. Sie hatte ſich für die Verſtorbenen ſo aufgeopfert, daß er ſie noch zärtlicher liebte, als ſonſt; und er ließ ſich gern von ihr auf einem Spaziergange begleiten, und wies ſie an, welche Hütten er bisweilen von ihr beſucht zu ſehen wünſchte. Aber Ellen ließ ſich nicht täuſchen, es war immer noch Bruderliebe, ſie wußte, es konnte nicht mehr ſein, und es koſtete ihr lange Kämpfe, das freudige Klopfen zu unterdrücken, wenn nicht zu verbannen, daß ihre Bruſt ergriff, wenn ſie ſah, daß es Zeiten gab, wo ſie die Macht hatte, ein Lächeln auf Herbert's ernſte Züge zurückzurufen. Percy's Briefe beruhigten ſeinen Bruder durch ſeine zärtliche Theilnahme, ſie verriethen Mr. und Mrs. Hamil⸗ ton mehr als je, wie lieb ſich ihre Söhne hatten, wie rein und tröſtend die Freundſchaft war, die zwiſchen ihnen be⸗ ſtand, und ſie machten auch in anderen Beziehungen der ganzen Familie viel Vergnügen. Karolinens Geſundheit hatte ſich ſehr gebeſſert, ihr kleiner Sohn war, wie Percy erklärte, ein ſo netter luſtiger Burſch und ſo hübſch, daß er überzeugt ſei, er ſehe in allen Beziehungen ſo ähnlich aus, wie er, Perey Hamilton, in dem ehrwürdigen Alter von 2 Jah⸗ ren geweſen ſein müſſe. Er berichtete weiter, daß Lord und Lady St. Eval im Begriff ſtänden, die Hauptſtäbte Europas zu beſuchen, daß er bei ihnen bleiben und ſich mit Dem begnügen würde, was ſie ſähen, anſtatt allein durch die Welt zu ſtreifen, wie er beabſichtigt hatte. Zuerſt waren Mr. und Mrs. Hamilton etwas erſtaunt über dieſen Ent⸗ ſchluß, da ſie aber das Weſen ihres Sohnes kannten, fingen ſie an zu glauben, daß eine gewiſſe Miß Manvers, die Schweſter Lord Delmont's, des beſten Freundes Graf St. Eval's und die liebſte Freundin Mary Greville's während 201 ihres Aufenthalts in Monte Roſa etwas damit zu thun habe. In ſeinem letzten Willen hatte Lord Delmont den Grafen zum Vormund ſeiner Schweſter während des Jah⸗ res beſtellt, das noch an ihrer Mündigkeit fehlte, ein Amt, welches St. Eval in noch engeren Verkehr mit der Familie brachte. Auf dem Wege nach Genf hatte er gehört, daß die Mutter von Miß Manvers geſtorben ſei, und daß ſie ſich bei einer engliſchen Familie an den Ufern des Sees aufhalte. Die Nachricht, daß der Freund ihres Bruders und auch der ihrige mit Weib und Kind einige Zeit in Genf zu bleiben dachte, machte ihr ſo viel Vergnügen, daß ſie nach kurzem Beſinnen die dringende Einladung des Grafen und ſeiner Gemahlin annahm und freudig und dankbar ein⸗ willigte, während ihres Aufenthaltes in der Schweiz bei ihnen mit zu wohnen und ſie auf ihrer beabſichtigten Reiſe zu begleiten. Die Liebe Perey's zu ſeinem Bruder machte ihn lange Zeit unfähig, ſeine gewönhliche Heiterkeit und ſeinen gei⸗ ſtigen Schwung wieder zu gewinnen, und er fand den Um⸗ gang mit Louiſe Manvers noch angenehmer als ſonſt. Mary hatte ſie mit Herbert vollkommen bekannt gemacht, und wiewohl ſie ihn nie geſehen hatte, ſo war ſie doch in den Stand geſetzt, auf den tiefen Schmerz einzugehen, den ihm der Verluſt ſeiner Braut verurſacht haben mußte. Percy konnte ſo oft als er wollte von ſeinem Bruder und Mary ſprechen, immer fand er, daß ſie ſeinen Worten Theilnahme und Intereſſe ſchenkte. Auf ſolche Weiſe wurde ihm der Gedanke, allein zu reiſen, während die Familie ſei⸗ ner Schweſter ihm ſolche Lockungen bot, völlig widerwärtig, und er freute ſich, daß ſein Vorſchlag, ſie zu begleiten, Miß Manvers nicht unangenehm war. Mr. Hamilton billigte Perey's Abſichten unbedingt, und auch Herbert ſchrieb ſo befriedigend über ſich, daß die ſorgliche Liebe ſeines Bru⸗ ders ſich beruhigen konnte.. Blos ein einziger Punkt ſtellte ſich Perey's Abſichten entgegen, und ſo leid es ihm that, ſo deutete er doch darauf hin, daß, wenn ſeine Schweſter es ſehr wünſchte, er ſeinen 202 Plan aufgeben und nach Hauſe kommen wolle, um, wie er es verſprochen, bei ihrer Hochzeit zugegen zu ſein. Er ſchrieb in ſeiner gewöhnlichen liebevollen Weiſe, ſowohl an Em⸗ meline als an Myrvin, aber Beide waren nicht ſelbſtſüchtig genug, um ein ſolches Opfer zu verlangen. Auf Herbert's dringende Fürbitte indeß wurde die Hei⸗ rath ſeiner Schweſter auf einen früheren Termin beſtimmt, als es urſprünglich beabſichtigt worden war. Ihre Hochzeit, ſagte er, ſollte ja nicht wie die Karolinens das Zeichen zu einer langen Reihe von Feſten und Vergnügungen ſein; Emmeline habe immer ſich dahin ausgeſprochen, daß nur ihre Familie zugegen ſein ſollte, und alles würde dann ſo ruhig vorübergehen, daß er keine Urſache ſehe, die Heirath länger hinauszuſchieben. „Meine Mary hätte gern Deiner Trauung beige⸗ wohnt,“ ſagte er mit bebender Lippe;„hätte nicht ihre Krankheit ſo raſche Fortſchritte gemacht, ſo würde ſie mit Freuden zugegen geweſen ſein, und könnte ſie jetzt ihre Wünſche ausſprechen, ſo würde ſie Dich bitten, glücklich zu ſein und nicht länger Deine Verbindung ihretwegen zu verſchieben. Verſchiebe ſie nicht, Emmeline,“fügte er noch mit traurigem Tone hinzu,„wir wiſſen nicht, was die nächſte Stunde bringt, und weshalb ſollten wir zögern? Es wird mir eine ſolche Freude ſein, meinen Freund und meine Schweſter zu vereinigen, und den Segen des Herrn auf ihre Liebe herabzuflehen.“ Es lag etwas ſo unausſprechlich Wohlwollendes und zugleich ſolche Trauer in ſeinen letzten Worten, daß Emmeline, außer Stande, ihrem Drange zu widerſtehen, ſich an ſeine Bruſt lehnte und weinte. „Mache mir nicht Schwäche zum Vorwurf, Herbert,“ ſagte ſie,„es ſind nicht Thränen ungemiſchten Schmerzes. O könnte ich Dich nur glücklich ſehen. „Und das wirſt Du, meine ſüße Schweſter, bald, ſehr bald,— ich werde glücklich, ganz, ganz glücklich ſein,“ fügte er mit leiſerer Stimme hinzu, indem er ſie zärtlich auf die Stirn küßte. Emmeline hatte den Ton ſeiner Schlußworte nicht be⸗ 203 merkt, ſie hatte den Ausdruck ſeiner Züge nicht geſehen, aber Ellen war beides nicht entgangen, und ein kalter, doch uner⸗ klärlicher Schauer durchzog ihr Herz, und ließ einen Schmerz zurück, den ſie den ganzen Tag nicht überwinden konnte. Sie verſtand ihn nicht, denn ſie wollte ihn nicht verſtehen. Einige Tage ſpäter indeß, während eines Spazierganges mit Herbert, fragte ſie ihn, warum er ſo ſehr wünſche, daß die Trauung unverzüglich ſtattfinden ſolle. „Weil ich in der Verrichtung dieſer Ceremonie eine Quelle der Freude finde, ſo daß es mir unerträglich ſein würde, ſie einem Andern zu überlaſſen.“ „Einem Andern, Herbert? was willſt Du damit ſagen, Denkſt du dem Rathe meines Onkels zu folgen und Dein Amt eine Zeit lang nieder zu legen, um zu reiſen?“ „Nein, Ellen, ich werde meinen Amtspflichten nicht ent⸗ ſagen, bis ich abgerufen werde; ſie ſind mir eine zu reine Quelle des Genuſſes und des Troſtes, als daß ich ſie auf⸗ geben möchte. Ich wünſche nicht, daß die Hochzeit meiner Schweſter verſchoben wird, weil ich nicht weiß, wann mein Erlöſer mich zu ſich ruft.“ „Könnten wir nicht Alle dieſe Einrede machen, mein lieber Couſin?“ ſagte Ellen,„und dennoch ſagteſt Du uns in Deiner Predigt vorigen Sonntag, daß wir Alles mit Ruhe thun und wichtige Angelegenheiten gebührend erwägen ſoll⸗ ten, beſonders ſolche, bei denen zeitliche und ewige Intereſſen ſich vereinigen; nicht zu raſch und übereilt aufVerſprechungen einzugehen, nicht zu ſchnell das Trauergewand abzulegen und ſich aufs Neue in Vergnügungen zu ſtürzen.“ Sie hielt inne. „Das Alles habe ich allerdings geſagt, Ellen, aber es hat mit unſerm vorliegenden Gegenſtande nicht viel zu thun. Emmelinens Verlobung mit Arthur iſt nicht raſch oder übereilt geſchloſſen worden, ſie wirft das Trauergewand nicht ab, um die ernſten Gedanken zu vergeſſen, die es er⸗ weckt haben mag; und wiewohl Du Recht haſt, daß wir Alle nicht wiſſen, wie bald wir abgerufen werden, ſo geziemt es doch gewiß Denen, nach denen der Todespfeil geſchleudert 204 worden iſt, ihr Haus zu beſtellen, denn ſie werden ſicherlich ſterben und nicht die gewöhnliche Zeit leben.“ „Aber wer kann dies ſagen, Herbert, wer iſt ſo begün⸗ ſtigt, daß er den Augenblick weiß, wo der Pfeil abgeſchoſſen worden und wiebald er ihn erreichen wird? Sollen wir nicht Alle leben, als wenn der Tod uns nahe wäre? Unzweifelhaft, unſere Seelen müſſen immer ſo beſtellt ſein, daß wir ſie jeden Augenblick Dem zurück geben können, der ſie uns gegeben hat; aber wir können unſere weltlichen Ange— legenheiten nicht immer ſo ordnen, wie wir es thun würden, wenn wir den Augenblick unſeres Todes genau wüßten; un⸗ ſer Geſchäft erfordert vielleicht beſtändige Ueberwachung, wir haben geliebte Gegenſtände, für die es unſere Pflicht iſt, nach beſten Kräften zu ſorgen, und wüßten wir, wann wir ſterben würden, ſo würden dieſe Dinge das Intereſſe verlieren, das ſie erheiſchen. Der Tod ſollte uns allerdings immer vor der Seele ſchweben, er ſollte uns in Freude und Schmerz begleiten, dann würde er denen, die in Wahrheit glauben, nicht als ein dunkler, düſterer Schatten erſcheinen; aber weiſe und barmherzig iſt der Beſchluß, der uns den Augenblick unſeres Heimgangs verbirgt. Wären die Pforten des Himmels ſo ſichtbar, wie traurig und kalt würde dieſe Welt erſcheinen, wie wenige Verbindungen würden wir knüpfen, wie unbedeutend würden uns die Pflichten erſcheinen, die wir auf Erden zu erfüllen haben. Nein, unſere Seelen vorzubereiten, daß ſie jeden Augen⸗ blick in ihre himmliſche Heimath zurückkehren können, das iſt die Pflicht Aller. Mehr wird von vollkommen Geſun⸗ den nicht erwartet; aber Ellen, wenn eine tödtliche Krank⸗ heit dieſe irdiſche Hülle verzehrt, wenn der Tod, wiewohl er zaudert, ſich bereits ſehen läßt, ja wenn man bereits ſeine Nähe fühlt, ſollen wir dann unſere irdiſchen Angelegenhei⸗ ten abthun, anſtatt unſere Augen eigenſinnig gegen die Wahrheit zu verblenden, wie es auch ſo vielfach geſchieht? Sollen wir dann nicht noch mehr wachen und beten, nicht nur für uns ſelbſt, ſondern auch für unſere Lieben, und ſollen wir nicht Alles thun, was in unſern Kräften ſteht, um ihr Glück ſicher zu ſtellen, ehe wir abgerufen werden?“ Ellen konnte nicht antworten, ſie verſtand nur zu gut was er wollte, eine tödtliche Schwäche überfiel ſie, aber ſie unterdrückte ſie gewaltſam; ſie hätte gern von andern Din⸗ gen geſprochen, aber die Zunge verſagte ihr ihren Dienſt. Mit ſeinen feierlichen Gedanken beſchäftigt und von dem Wunſche erfüllt, ſeine Couſine auf die Wahrheit vorzu⸗ bereiten, bemerkte Herbert ihre Aufregung nicht, und nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fuhr er zärtlich fort: „Meine liebe Coufine, ich weiß es, der Tod iſt Dir nicht ſchrecklich, warum ſollte ich alſo zaudern, Dir eine Botſchaft mitzutheilen, die für mich volle Seligkeit iſt? Der Pfeil, der mir meine Mary raubte, traf auch mein Herz und pflanzte in mich eine Krankheit, welche die Kunſt keines Sterblichen heilen kann. Sorge nicht, daß ich mich unbe⸗ gründeten Einbildungen hingebe. Ellen, liebe Ellen, ich erwarte von Dir, daß Du nächſt dem Himmel meine Mut⸗ ter in dieſer Trübſal unterſtützeſt. Ich erwarte von Deiner zärtlichen Sorgfalt, daß Du den Schmerz der Trennung zu lindern wiſſen' wirſt. Du allein von ihren Kindern wirſt in ihrer Nähe bleiben, und Du kannſt viel dazu thun, nicht nur meine Mutter, ſondern auch meinen Vater zu tröſten und zu beruhigen; ſie werden um mich trauern, die Natur wird reden, wiewohl ich zu unausſprechlicher Freude ein⸗ gehe. Ellen, ſprich, willſt Du dies thun, meine Schweſter, meine Freundin?“ „Erlaube mir nur einen Augenblick,“ flüſterte ſie faſt unhörbar, indem ſie überwältigt von ihrer zunehmenden Schwäche in das Gras ſank und ihr Geſicht mit den Hän⸗ den bedeckte. Es verfloſſen mehrere Minuten, und immer noch herrſchte Schweigen. Herbert ſetzte ſich zu ihr, ſchlang ſeinen Arm um ſie und drückte einen brüderlichen Kuß auf ihre kalte, bleiche Stirn; ſie erſchrak und würde aufgeſtanden ſein, aber die Kraft fehlte ihr; einen Augenblick lehnte ſie den Kopf an ſeine Bruſt, und ein Thränenſtrom brachte ihr Erleichterung. Verzeihe mir Herbert, ſagte ſie, indem ſie 206 zugleich nach Faſſung und Stimme rang.„So ſchwach ich bin, ſo bereue Du doch nicht Dein Vertrauen. Es war ſo unerwartet, ſo plötzlich, der Gedanke an die Trennung war zu ſchmerzlich, als daß ich denſelben im erſten Augenblicke ertragen konnte, aber es wird bald, ſehr bald vorüber ſein, zweifele nicht an mir, Herbert.“ Sie richtete ihre ſchwer⸗ müthigen Augen auf ſein Geſicht, und ihre Wange war ſehr bleich.„So,“ ſagte ſie mit zurückkehrender Kraft,„verlaſſe Dich auf mich, lieber Herbert, ich werde meiner Tante, die mir mehr als Mutter geweſen iſt, ganz ſo ſein, wie Du es wünſcheſt. Ich werde alle meine Sorge, alle meine Kraft darauf verwenden, den tiefen Schmerz zu lindern, denn—“ ſie konnte den Satz nicht vollenden, doch fügte ſie raſch hinzu: Ein ganzes Leben kann die Schuld der Dankbarkeit nicht bezahlen, die ich gegen ſie habe Lange habe ich es gewünſcht, mich ihr und meinem Onkel zu widmen, und Dein Gebot hat mich in meinem Entſchluſſe beſtärkt. Ja, liebſter Her⸗ bert, ſo lange Ellen lebt, ſoll meine Tante nie, nie allein ſein.“ Herbert verſtand nicht den vollen Sinn der Worte ſei⸗ ner Couſine, er wußte nicht, daß, ſo einfach ſie ſeinem Ohre klangen, ſie ein heiliges und unwiderrufliches Gelübde für ſie waren; ſie wußte, daß ſie nie, nie einen Andern lieben konnte, und es lag etwas wunderbar Beruhigendes in dem Gedanken, daß es ſeine letzte Bitte war, die ſie dem Dienſte ihrer Mutter, ihrer Wohlthäterin weihte. Herbert kannte nicht die Heftigkeit der Gefühle Ellens, noch weniger fiel es ihm ein, daß er der Gegenſtand ihrer unglücklichen Liebe ſei. Niemals hatte er einen ſolchen Ver⸗ dacht geſchöpft; er zweifelte nicht, daß ſie ihn liebte, aber er dachte, ſie liebe ihn wie Emmeline. Er vertraute auf ihre Charakterſtärke und deshalb hatte er offen geſprochen, und hätte Ellen ſein Vertrauen bedauern können, da ſie fand, daß nach dieſem ſchmerzlichen Tage ihre Geſellſchaft ihm lie⸗ ber und troſtreicher zu ſein ſchien, als ſonſt? Wiewohl einige Mitglieder ihrer Familie Emme⸗ linens Hochzeit nicht beiwohnen konnten, ſo war doch der raſche Beſuch Edward's eine Freude für Alle. Er ſtand 207 im Begriff, in einer kleinen Fregatte, zu deren zweitem Be⸗ fehlshaber er befördert worden war, eine Ehre, die ſeinem Geiſte noch größere Schwungkraft gegeben hatte, nach den Geſtaden von Afrika abzuſegeln. Er war über die Erzäh⸗ lung ſeiner Schweſter von Mary's Tode und Herbert's tiefer Betrübniß ſehr ſchmerzlich berührt worden, aber nachdem er einige Tage zu Haus geweſen war, dehnte ſich der Ein⸗ fluß ſeiner natürlichen Heiterkeit über Alle aus, und Dakwood wurde wieder lebhafter, als es ſeit dem traurigen Ereigniß, das wir erzählt haben, geweſen war. Lilla Graham war es ein wahres Vergnügen, Oakwood wieder zu beſuchen, beſonders wenn Lieutenant Forteseue dort weilte. Edward's Benehmen war artig und zuvor⸗ kommend gegen alle ſeine ſchönen Freundinnen, ein Fremder würde es ſchwer gefunden haben zu ſagen, wen er bevorzuge, aber zwiſchen ihm und Miß Graham entwickelte ſich etwas, was Ellen oft zu einem Lächeln veranlaßte. In der alten Gemeindekirche war an dem Tage, welcher unſere liebe Emmeline mit ihrem geliebten Arthur verband, eine theilnehmende Geſellſchaft verſammelt, aber es war keineswegs ein Tag ungemiſchter Freude. So innig das gegenſeitige Glück des jungen Paares war, ſo konnten ſie doch nicht vergeſſen, daß ein geliebter Gegenſtand ſehlte; daß ſie einſt gehofft hatten, daß derſelbe Tag, an dem ihre Hochzeit gefeiert wurde, auch Herbert und ſeine Mary am Altar ſehen würde. Mr. und Mrs. Hamilton hatten dieſem Tage mit einer gewiſſen Furcht entgegen geſehen, da er in Herbert's Seele eine ſchmerzliche Erinnerung erwecken mußte, aber er war vielleicht der Gefaßteſte von Allen, und im Verlaufe der feierlichen Handlung dachte er nur an die Liebe, deren Schickſal er verband, er fühlte nur die feierliche Bedeutung der Gebete, die er ſprach, und ſeine großen ſchönen Augen glänzten ſchwärmeriſch wie in den früheren Tagen. Dieſe drei Hauptſiguren vor dem Altar würden ein ſchönes Bild für einen Maler geweſen ſein. Herbert, wie wir ihn beſchrie⸗ ben haben, Emmeline in ihrem einfachen weißen Kleide und 208 durch ihre ſchlanke Figur und ihren eigenthümlich mäd⸗ chenhaften Geſichtsausdruck um viele Jahre jünger ausſe— hend, als ſie wirklich war, und Arthur, deſſen männliche Züge von Glück ſtrahlten, und der ganz geeignet ſchien, der beſchützende Freund des edlen Weſens zu ſein, das ihn nun ſobald ihren Gatten nennen und von ihm allein ihr Glück erwarten würde. Mr. und Mrs. Hamilton freuten ſich, daß die Hoffnungen ihres geliebten Kindes endlich in Erfüllung gegangen waren, daß ſie, ſoweit ein menſchliches Ange ſehen konnte, ihr Glück begründet hatten, indem ſie ſie dem Manne gäben, den ſie liebte. Am Altar kniete noch eine Perſon, auf welche Mrs. Hamilton mit nicht geringer Sorge blickte, denn die Aufregung, welche ſie wahrnahm, ſchien den Gedanken zu beſtätigen, daß es wirklich Arthur Myrvin ſei, auf den die Liebe ihrer Nichte gefallen.— Es giebt Geheimniſſe im menſchlichen Herzen, die wir uns ver⸗ geblich zu erklären ſuchen; Gedankenverbindungen und Sympathien, die ſich oft ungerufen und gegen unſern Wunſch einſtellen. Ellen wußte nicht, weshalb der Auftritt, deſſen Zeuge ſie war, ihr Herz ſo ſeltſam berührte; ſie kämpfte gegen das Gefühl, und es würde ihr vielleicht gelungen ſein, ihre innere Bewegung zu verbergen, aber plötzlich ſah ſie Herbert. Er ſtrahlte wie es ſchien von Geſundheit und Leben, aber da fielen ihr plötzlich ſeine Worte ein:„bald würde die Farbe des Todes dieſe Wangen decken, das Licht dieſer Augen würde ſich verdunkeln, dieſe ſüße ergreifende Stimme würde bald auf Erden für immer verſtummen, dieſe ſchöne Geſtalt würde ſich ſenken wie eine Blume; der Wind bläſt darüber hin, und ſie verdorrt, und man weiß nicht mehr wo ſie geſtanden hat, und ſo würde es bald mit Dem ſein, den ſie liebte.“ Der Strom ihrer Gefühle ver⸗ ſpottete alle ihre Bemühungen ſich zu beherrſchen. Ellen bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und ihre zarte Lippe erbebte und man hörte deutlich in der kurzen Pauſe, die den Worten folgte:„Wen Gott verbunden hat, den ſoll der Menſch nicht ſcheiden,“ einen leiſen unterdrückten Seufzer. Arthur führte auf Emmelinens Wunſch ſeine junge Gemahlin 209 ſogleich nach der kleinen, aber behaglichen Wohnung, die für ſie auf Lord St. Eval's Gute vorgerichtet worden war. Daß ſie ihnen ſo nahe blieb, war eine große Quelle der Freude für ihre Eltern, und das Gefühl, daß ihre Heimſtätte ſich in⸗ mitten aller Derjenigen befand, die ſie liebte, nicht nur in der Nähe der Beſchützer ihrer Jugend, ſondern auch Karo⸗ linens und St. Eval's, würde den Becher ihrer Freude noch mehr gefüllt haben, wäre er nicht zum Ueberfließen voll geweſen; der Schmerz der Trennung wurde ſo für Mutter und Kind gemildert. Mrs. Hamilton fühlte, daß ſie ſelbſt mehr als Karolinen das liebe Mädchen vermiſſen würde, das ihr ſeit ihrer Kindheit kaum einen Augenblick Kummer gemacht hatte; aber in dem Glücke ihres Kindes war auch ſie glücklich, und dankbar erhob ſie ihre Stimme zu Dem, deſſen Segen ſie bei der Erziehung ihrer Kinder ſo beſtän⸗ dig erfleht hatte, und das liebende Herz der Mutter war getröſtet. Wiewohl Ellen gelächelt hatte, und ſie Allen, nur nicht dem wachſamen Auge ihrer Tante, den ganzen Tag dieſelbe wie gewöhnlich zu ſein ſchien, ſo konnte doch Mrs. Hamil⸗ ton dem Drange nicht widerſtehen, ſie aufzuſuchen, nachdem ſich alle in ihre Zimmer zurückgezogen hatten. Ellen war ſchon einige Zeit weggegangen, aber ſie ſaß in einer Stel⸗ lung tiefen Nachdenkens, in das ſie ſogleich nach ihrem Ein— tritte in das Zimmer verſunken war; ſie bemerkte ihre Tante nicht, und Mrs. Hamilton ſah viel Thränen langſam, faſt eine nach der andern, auf ihre gefalteten Hände fallen, ehe ſie Worte finden konnte.„ „Ellen, mein liebes Kind,“ ſagtene. Ellen ſprang auf, warf ſich in die Arme ihrer Tante und verbarg ihre thränenfeuchten Augen an ihre Bruſt. „Ich habe jetzt Niemand als Dich, meine liebe Ellen, mein Alter zu erheitern und unſeren verlaſſenen Heerd zu beleben. Du darfſt mich noch nicht verlaſſen, Liebſte, ich kann mich nicht von Dir trennen.“ „O nein, ich werde Dich nie, nie verlaſſen, Dein Haus ſoll meine Heimath ſein, und wo Du hingehſt, dahin wird Der Lohn einer Mutter. II. 14 210 Ellen Dir folgen,“ flüſterte ſie.„Verlange nicht, daß ich Dich verlaſſen ſoll, denn wahrlich kein Haus würde mir je ſo lieb ſein, als das Deine.“ „Sprich nicht ſo verzweifelt, liebſte Ellen,“ erwiderte Mrs. Hamilton und küßte ſie zärtlich;„Du ſollſt mich nie⸗ mals ohne Deine volle freie Zuſtimmung verlaſſen. Erin⸗ nerſt Du Dich noch, wie ich Dir dies ſchon einmal verſprach?“ fuhr ſie ſcherzend fort, denn ſie wollte Ellen nicht das Geheimniß ihrer Liebe entlocken, ſie wollte ſie nur beruhi⸗ gen, erheitern, ihr ſagen, wenn auch ihre Liebe unerwidert ſei, ſo ſei ſie doch nicht verlaſſen, und als ſie ſich entfernte, hatte ſie den beſten Erfolg gehabt. Ellen war getröſtet, wiewohl ſie kaum wußte, warum. Einige Monate verfloſſen nach der Verheirathung Em⸗ melinens, und der häusliche Friede in Hakwood blieb immer noch ungeſtört. Es gab Zeiten, wo Ellen hoffte, daß ſie getäuſcht worden, daß Herbert ſich ſelbſt getäuſcht habe. Aber Myrvin wagte nicht zu hoffen, er war nicht ſo beſtän⸗ dig um ſeinen Freund herum wie Ellen, und faſt allemal, wenn er ihn ſah, dachte er eine beunrbigende Veränderung zu ſehen. Um dieſe Zeit brach in der Gegend des Dart eine bös⸗ artige Krankheit aus, deren furchtbare Verwüſtungen keine ärztliche Hülfe aufhalten zu können ſchien. In Herbert's Gemeinde war die Sterblichkeit ſchrecklich, und ſeine Pflich⸗ ten vermehrten ſich daher zur Plage für ihn und zur Beunruhigung ſeiner Familie. Es ſchien ihm jedoch eine übermenſchliche Kraft gegeben zu ſein. Ganze Tage, häufig ganze Nächte brachte er in den Hütten der armen Kranken zu. Er ermuthigte, beſchwichtigte und drängte ſelbſt die verhärteten und unbußfertigen Seelen, die Macht der Reli— gion, die er lehrte, anzuerkennen; er veranlaßte ſie, in un⸗ geheuchelter Reue ſich vor ihrem Erlöſer niederzuwerfen, und nahm auf ſolche Weiſe dem Tode ſeinen Stachel. Jung und Alt, Männer in der Blüthe ihrer Jahre wurden dahin gerafft; der furchtbare Zerſtörer kannte keinen Unterſchied 211 des Alters, des Geſchlechts und des Standes. Manch junges Kind hörte auf zu weinen, wenn ſein geliebter Pfarrer in ihre Mitte trat und mit der Zärtlichkeit eines Vaters und mit dem Lächeln mitleidsvoller Liebe, dem wenige Herzen widerſtehen konnten, den körperlichen Schmerz zu lindern ſuchte, während er der jungen Seele zugleich lehrte, daß der Tod nichts Schreckliches ſei, daß er nur in einem augen⸗ blicklichen Schmerze beſtehe, der mit ewiger Seligkeit ende; daß ſie zu ihm gingen, der geſagt habe:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer iſt das Himmelreich.“ Von den Alten lernte Herbert gar manche Lehre der Frömmigkeit und Entſagung, und er fühlte, daß der Beſuch an ſolchen Sterbebetten an und für ſich ein wahrer Segen ſei. Furchtlos unterſtützte Ellen die Bemühungen ihres Couſins in dieſer Zeit allgemeiner Trübſal; Viele ſuchten ſie zurückzuſchrecken, indem ſie ſagten, daß die Krankheit anſte⸗ ckend ſei, aber Ellen beachtete ſie nicht, und auch Mrs. Ha⸗ milton, die ſelbſt in Zeiten der Noth ſo thätig war, ſuchte ſie nicht davon abzubringen.„Der Arm meines Gottes ſchützt mich, ſo in der Hütte des Sterbenden, wie in der geträumten Sicherheit von Oakwood,“ ſagte ſie eines Tages zu Herbert, der für ihre Sicherheit zitterte, wiewohl ihm für ſich ſelbſt keine Furcht in den Sinn gekommen war. „Wenn es ſein Wille iſt, daß auch ich ſeine Zuchtruthe füh⸗ len ſoll, ſo wird ſie mich finden, wenn ich auch nie das Haus verließe; ich ſetze mein Vertrauen auf ihn. Ich lebe der beſcheidenen Hoffnung, ſeinen Willen zu thun, und er wird mich nicht verlaſſen, Herbert.“ Herbert zitterte nicht mehr um ſie und fand eine thätige ntenige Gehülfin an ihr. Sechs Wochen dauerte die Krankheit unvermindert fort, dann fing ſie an abzuneh⸗ men, und es regte ſich die Hoffnung, daß 6 völlig ver⸗ ſchwinden werde. Thränen ſtanden eines Sonntags Abends in den Au⸗ gen des jungen Geiſtlichen, als er die verminderte Zahl ſeiner Gemeinde um ſich verſammelt ſah, deren Viele entwe⸗ der trauerten oder in ihrem Geſicht die Zeichen ihrer neu⸗ 14* lichen Krankheit trugen. Ueber das letzte Opfer hatte die ganze Familie zu Oakwood aufrichtig getrauert, denn es war die alte gute Frau, deren wir im Laufe unſerer Erzählung mehr als einmal erwähnt haben. Die Amme Langford war in ihre letzte Heimath eingegangen, und Ellen wie Her⸗ bert fürchteten ſich, die Nachricht ihrem liebevollen Sohne mitzutheilen, der gegenwärtig in Percy's Dienſten ſtand. Sie war erſt den Tag vorher begraben worden, ihr Sitz war gerade der Kanzel gegenüber geweſen, und ſie hatte ſo oft geſagt, daß es ihr ein wahrer Segen ſei, ihren lieben Herbert ins Geſicht zu ſehen und ſo beſeligende Wahrheiten von ſei⸗ nen Lippen zu hören. Nun war ſie todt. Herbert blickte nach ihrem leeren Sitze und ſeine Augen glänzten von Thränen. Er hatte geſehen, wie ſeine Couſine nach derſelben Stelle blickte, und wiewohl ihr Schleier dicht geſchloſſen war, ſo fühlte er doch, wie Thränen ihr Buch benetzten. Der junge Geiſtliche war an dieſem Tage beredter als gewöhnlich, er ſprach vom Tode, und mit einer Beredſam⸗ keit, die in ihrer Einfachheit ergreifend war, ſprach er vom Verluſte Derer, die wir lieben.„Aber weshalb ſpreche ich vom Verluſt meiner Brüder?“ fagte er zum Schluß; ſie ſind nur in die Wohnungen unſterblicher Freude eingezogen, für die Erde mögen ſie verloren ſein, aber nicht für uns. O nein, Gott fluchte der Erde um des Menſchen willen, ſie iſt hinfällig, vergänglich. Es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde ſein, aber der Geiſt, den uns Gott ein⸗ gehaucht, wird kein Verderben ſehen. Erlöſt von dieſer ir⸗ diſchen Hülle, werden wir Diejenigen wieder ſehen, die zuerſt von uns ſchieden; ſie werden uns mit Freuden begrüßen, und laut das Lob der unausſprechlichen Liebe ſingen, die uns erlöſte und den Fluch zurücknahm, der über den Men⸗ ſchen, wie über die Erde ausgeſprochen worden, und die uns zu Erben des ewigen Lebens, unvergänglicher Herrlichkeit machte. Meine Brüder, der Tod iſt unter uns geweſen, aber in welchem Gewande? für uns, die wir zurückbleiben, vielleicht eine Zeitlang im Trauerkleide, aber für Diejeni⸗ gen, die triumphirend geſtorben ſind, als Engel des Lichts, 213 das ſie nach den Pforten des Himmels führte. Gereinigt durch Leiden und Reue, umgeben ſie in ſchneeweißem Gewande den Thron ihres Heilandes, und nachdem ihr Leben auf Erden voll Mühe und Noth geweſen, genießen ſie nun die himmliſche Seligkeit. Sollen wir alſo um ſie weinen, meine Freunde? Wahrlich nein, wir wollen an ſie denken und ihren Pfaden folgen, damit unſer letztes Stündlein ſei wie das ihre, damit wir ſie wiederſehen, um nie wieder zu ſcheiden. Iſt Jemand hier, der ſich zu ſterben fürchtet? iſt Jemand hier, der zittert und bebt, wenn er daran denkt, daß er viel⸗ leicht der Nächſte iſt, den der Herr abrufen wird? Meine chriſtlichen Brüder, denkt ein wenig nach, und der Gedanke wird Euch nicht mehr erſchrecken. Nur den Heiden iſt der Tod ein böſer Geiſt, ein ſchwarzer Schatten, der, wenn man ſich ſeiner erinnert, ſeine liebſten Freuden vergiftet. Was iſt er uns, meine Brüder? Im Schmerze giebt er uns Ruhe, in Streit und Aufruhr ſagt er uns, daß das Grab eine Ruheſtätte iſt in der Erſchlaffung unſerer Lebens⸗ geiſter, daß das Ende aller Dinge nahe iſt. Wer hat jemals auf Erden vollkommene Freude empfunden? Sind wir nicht unruhig inmitten des Glücks? Der Tod ſagt uns von einem reineren Glücke, deſſen wir nicht überdrüſſig werden. Wenn wir uns nach Denen umſehen, die wir lieben, wenn wir die Segnungen der Liebe fühlen, ſo ſagt uns der Tod, daß wir ſie noch inniger im Himmel lieben werden. Iſt alſo der Tod ſo ſchrecklich? O ſo laßt uns in ſolcher Weiſe darüber denken, ſo lange wir leben und geſund ſind, dann werden uns in der Einſamkeit und Stille unſeres Kämmerleins ſolche Gedanken nicht verlaſſen. Laßt dieſe Betrachtungen euch beſeelen, wenn ihr am Sterbebett eurer Lieben ſteht, und ihr werdet finden, daß der Tod auch für uns keinen Stachel hat, denn wir werden einander in einer Welt wiederſehen, wo Tod und Zeit nicht mehr ſein werden. O meine geliebten Brüder, laſſet uns nach Hauſe gehen und in unſerm Käm⸗ merlein Gott danken, daß ſeine züchtigende Hand ſich von uns zurückzuziehen ſcheint, und laſſet uns ihn bitten, daß er unſere Augen erleuchten wolle, damit wir mit Ruhe dem Tode entgegen ſehen können, daß er uns den Glauben gebe, der uns allein geſund machen und uns Frieden geben kann, damit wir mit dem ehrwürdigen Simeon ſagen können: Herr, nun läſſeſt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland geſehen.“ Er ſchloß und eine feierliche Stille herrſchte in der Kirche. Einen Augen⸗ blick beugte der junge Geiſtliche ſein Haupt im ſtummen Gebet auf ſein Buch, dann erhob er ſeine gefalteten Hände und ſprach mit einer Stimme von faſt überirdiſcher Schön⸗ heit und Kraft den Segen. Da erblaßten ſeine Wangen, der Glanz ſeiner Augen erbleichte, er fuhr mit der Hand langſam nach ſeiner feuchten Stirn, und in der nächſten Minute ſprang Mr. Hamilton von ſeinem Sitze auf und ſchloß ſeinen Sohn in ſeine Arme, der in eine lange tod⸗ ähnliche Ohnmacht fiel. Derſelbe Abend ſah Herbert Ha⸗ milton den Geliebten, den Guten auf ſein Lager geſtreckt als ein Opfer derſelben furchtbaren Krankheit, deren Sta⸗ chel unſchädlich zu machen er ſich ſo eifrig bemüht hatte. Neuntes Kapitel. Freude herrſchte in dem ſtolzen Hotel zu Frankfurt a. M., welches St. Eval's Familie als zeitweiliger Aufenthaltsort diente, denn die Gefahr, welche die junge Gräfin während ihrer Schwangerſchaft bedroht hatte, war vorüber, und ſie und ihr ſchönes Kind befanden ſich ſo wohl, wie es das lie⸗ bende Herzeines Vaters und Gatten nur wünſchen konnte. Sie waren die letzten zwei Monate in Frankfurt geweſen, Percy Hamilton aber hatte dieſe Gelegenheit benutzt, um inzwi⸗ ſchen ſo viel als möglich von Deutſchland zu ſehen, und ſo kurz de Zeit war, ſo hatte ſein kräftiger Geiſt mehr Nutzen und Vergnügen von den Städten gehabt, die er beſucht hatte, als viele Andere, welche mehr als die doppelte Zeit zu 215 derſelben Reiſe gebraucht hatten. Die Nachricht, daß Karo⸗ line nicht ganz ſo wohl ſei, wie ihre Freunde wünſchten, unterſtützt vielleicht von dem geheimen Verlangen, ihre ſchöne Freundin wieder zu ſehen, verlanlaßte Perey auf kurze Zeit nach Frankfurt zurückzukehren, bis die Geſund⸗ heit ſeiner Schweſter vollkommen wieder hergeſtellt wäre und ſie wieder miteinander reiſen könnten. Seine faſt un⸗ erwartete Ankunft erhöhte das Glück des gräflichen Kreiſes, und es lag etwas in ſeinem ſchelmiſchen Blicke, als er Miß Manvers ſeine kleine Nichte von den Armen nahm und das ſchlafende Kind küßte, was ihre Wange erröthen und ihr Herz von unerklärlicher Wonne klopfen machte. Die ſchweſterliche Freundſchaft Louiſens war dem Gra⸗ fen St. Eval und ſeiner Gattin während ihrer Reiſen eine Quelle wahren Vergnügens geweſen, beſonders jetzt, wo die Geſundheit letzterer ſo viel Pflege erheiſchte. Mrs. Hamil⸗ ton beklagte die Unmöglichkeit, in ſolcher Zeit bei ihrem Kinde ſein zu können; der Brief indeß, den Lord St. Eval geſchickt hatte, war ganz darauf berechnet, alle ihre Sorgen zu zerſtreuen, da die Gefahr erſt eintrat, als der Brief fort war, und nicht lange genug dauerte, um ein zweites Schrei— ben zu rechtfertigen. Sie ſaßen am Morgen nach Perecy's Rückkehr beim Frühſtück und durch lebhafte und geiſtreiche Unterhaltung angeregt, verlängerten ſie daſſelbe über die gewöhnliche Zeit. Miß Manvers führte den Vorſitz und Percy fühlte nicht die mindeſte Luſt aufzuſtehen, indem er erklärte, er wolle ſeine engliſchen Depeſchen abwarten, ehe er ausginge. Die Poſt kam an dieſem Morgen ziem⸗ lich ſpät, aber wunderbarer Weiſe wurde Percy darüber nicht ungeduldig; ſie kam indeß endlich und brachten mehrere Briefe für St. Eval und ſeine Gattin, von der Familie Malvern aber nur zwei von Oakwood, den einen von der Hand Ellens an Perey und einen an Robert Langford, offenbar von Mr. Hamilton. „Das iſt ſehr ſeltſam,“ ſagte Percy ſehr erſtaunt, „meine Mutter hat nicht an Karolinen geſchrieben und ebenſowenig Herbert an mich; allerdings haben ſich ſeine Amtspflichten vermehrt, aber er hätte doch Zeit finden kön⸗ nen, an mich zu ſchreiben.“ „Mrs. Hamilton hat an Karoline ſeit ihrer Nieder⸗ kunft geſchrieben, und ebenſo die ganze Familie,“ ſagte Lord St. Eval, aber ſeine Worte trafen ungehört ans Ohr Perey's, der raſch den Brief ſeiner Coufine geöffnet hatte und ſeinen Inhalt überflog. Der Graf, mit ſeinen eigenen Briefen beſchäftigt, bemerkte nicht die Aufregung ſeines Freundes, aber Miß Manvers ſah ſeine Hand ſo heftig zit⸗ tern, daß er kaum den Brief halten konnte. „Barmherziger Himmel, Mr. Hamilton— Percy— was giebt es,“ rief ſie aus, indem ſie plötzlich ihre gewöhn⸗ liche Zurückhaltung fallen ließ, und ihre Worte in Verbin— dung mit einem leiſen Schluchzen von Seiten Perecy's zogen die Aufmerkſamkeit des Grafen auf ſich. „Hamilton ſprich, haſt Du ſchlechte Nachrichten von Oakwood?“ ſagte er faſt eben ſo aufgeregt wie ſein Freund. „Herbert“ war Alles, was Percy ſagen konnte.„Mein Bruder Herbert, o Gott, liegt im Sterben, und ich bin nicht bei ihm. Lies, St. Eval, ich kann die Schrift nicht ſehen. Iſt es noch Zeit, kann ich England noch erreichen, oder iſt es nur eine Vorbereitung, um mir zu ſagen, daß er todt iſt?“ „Er lebt noch, Perey, es iſt vielleicht noch Zeit, wenn Du Dich ſogleich auf den Weg machſt,“ entgegnete der Graf, der die Nothwendigkeit erkannte, ſeinen Freund an⸗ zuſpornen, denn der plötzliche Schlag hatte ihn ganz ver⸗ wirrt gemacht. Er ſtand raſch auf und war im Begriff, aus dem Zimmer zu ſtürzen, da blieb er plötzlich ſtehen und ſagte:„Halte es vor Karolinen geheim, ſage es ihr nicht, es würde ſie tödten. Gott ſegne Sie für dieſe Thräne,“ fuhr er fort, indem er auf Louiſe zuſprang und krampfhaft ihre Hände ergriff, und der Anblick ihrer ungeheuchelten Aufre⸗ gung lockte heiße Thränen auf ſeine Wangen und ſeine Lip⸗ pen bebten, bis er kaum ein Wort des Abſchiedes ſagen konnte.„O denken ſie an mich, ich gehe an das Sterbebett Deſſen, von dem ich hoffte, daß er Ihnen eines Tages ein N Bruder ſein, daß er uns verbinden—“ er hielt von ſeiner Bewegung überwältigt inne, ergriff die Hand des zitternden Mädchens, drückte ſie an ſeine Lippen und eilte aus dem Zimmer. St. Eval folgte ihm raſch, denn er ſah, daß Percy nicht im Stande war, für ſich ſelbſt zu denken, und der Brief, den Robert erhalten hatte und der ihm den Tod ſei⸗ ner Mutter meldete, machte dieſen faſt ebenſo unfähig zu handeln, wie ſeinen Herrn; ſobald er aber die Urſache von Perecy's ſehr ſichtbarer, aber zuerſt unbegreiflicher Aufregung hörte, überwand er ſeinen eigenen Schmerz und ſtellte ſich Percy zur Verfügung. Daß Mr. Hamilton ſo an ihn ge⸗ ſchrieben hatte, um ihm den Tod ſeiner Mutter zu melden und ihn zu tröſten, während ſein eigener Sohn auf dem Sterbebette lag, ergriff das Herz des jungen Mannes und trieb ihn zur Thätigkeit an. Percy reiſte Tag und Nacht, aber wir müſſen voraus eilen, um unſre Leſer am Abend des zweiten Tages nach Perey's Ankunft in Oſtende nach Dakwood zu führen. Herbert Hamilton lag auf ſeinem Bette, die kalte Hand des Todes ruhte auf ſeiner Stirn, aber anſtatt ſeine Züge zu entſtellen, hatte ſie ungewöhnliche Schönheit darüber ge⸗ breitet. Er war zu einem bloßen Schatten zuſammengefal⸗ len, aber ſeine Gebete in den Tagen der Geſundheit und des Lebens hatten Erhörung gefunden; das Fieber war vorüber, und er blickte ohne Furcht dem Tode entgegen, ja ſein Geiſt war noch ſtärker als ſonſt. Es war Sabbath Abend und Alles ringsum ſtill und ruhig. Die erſten zwei Tage, nachdem das Fieber ihn ver⸗ laſſen hatte, war ſein Geiſt noch umdüſtert und unruhig. So beharrlich er in ſeinem Berufe gearbeitet hatte, ſo hatte er doch in dieſen traurigen Tagen die gänzliche Nichtigkeit ſeines Wirkens empfunden und wie ſo ganz ungenügend es ſei, um ihm die Seligkeit zu erwerben; und die Liebe zu ſei⸗ nem Gott, die unendliche Verſöhnung, an die er ſo feſt glaubte, konnte dieſe ſchmerzlichen Gedanken nicht verſcheuchen. Der Tod war ſehr nahe und er erſchien nicht mehr als der Engel .—— 218 des Lichts, wofür er ihn immer gehalten hatte; doch am Sonnabend zerſtreute ſich die Nebelhülle von ſeinem Geiſte, die Wolken verzogen ſich und der Glaube ſtrahlte in vollem Licht; er ſprach vom Himmel mit einer Beredſamkeit, welche alle andern Gedanken verſcheuchte, und Herbert fühlte keine kör⸗ perlichen Schmerzen mehr; er ſtand bereits vor den Pforten des Himmels— nur noch kurze Zeit, und er würde ſeine Mary vor Gottes Throne wieder ſehen. Mit rührender Liebe hatte ihm der Archidiakonus Howard das heilige Abendmahl gereicht, ihm, den er zugleich als ſei⸗ nen Schüler, als ſeinen Freund und Bruder betrachtete, und die ganze Familie des ſterbenden Jünglings hatte daran auf ſeine beſondere Bitte Theil genommen. Erſchöpft von der Inbrunſt, womit er der heiligen Handlung gefolgt war, lag Herbert jetzt da und hatte eine Hand ſeiner Mutter ergriffen, die an ſeiner Seite ſaß und deren Geſicht, ſobald nicht der Blick ihres Sohnes auf ſie gerichtet war, herzzerreißende Trauer ausſprach, wiewohl ſie nach Ergebung in den Willen Deſſen rang, der ihren Herbert zu ſich rief. Emmeline kniete neben ihrer Mutter. Mr. Hamilton lehnte ſich bleich und ſtumm an die Wand; nur der gequälte Ausdruck ſeiner männlichen Züge verrieth, daß er ein lebendes Weſen war. Zur Linken des Sterbenden ſtand Arthur Myrvin, der von dem Augenblick ſeiner Ankunft in Oakwood nicht eine Mi⸗ nute Herbert's Bett verlaſſen hatte und Tag und Nacht bei ihm blieb; neben Arthur kniete die Waiſe, deren Geſicht, wie⸗ wohl ihr Auge keine Thräne vergoß, ſo bleich und verſtört war, daß, wenn nicht Alle mit ihren Schmerzen be⸗ ſchäftigt geweſen wären, es nicht unbemerkt hätte bleiben können. Die große, ehrwürdige Geſtalt des Archidiakonus, der ein wenig entfernt von den Hauptperſonen ſtand, vollen⸗ dete die ſchmerzliche Gruppe. „Meine Mutter, Dein Herbert iſt ſo glücklich, ſo ſehr glücklich, Du darfſt nicht um mich weinen, Mutter. Der Gedanke an Deine zärtliche Liebe und Treue, die Erinnerung an alle Deine Güte von Kindheit auf, die mein Küabenalter mit Sonnenſchein und mein Mannesalter mit erquickenden Strahlen ſchmückte— ſie drängen ſich zu meinem Herzen, und ich möchte ihnen Worte geben und Dir danken und Dich ſegnen, aber ich kann es nicht. Und mein Vater, mein ge⸗ liebter, mein verehrter Vater, o wie wenig habe ich gethan, um Deine treue Sorge, um die Liebe meines Bruders, mei⸗ ner Schweſtern zu vergelten; aber mein Vater im Himmel wird euch Alle, Alle ſegnen, ich fühle, ich weiß es, daß er es thun wird.“ „Perey,“ rief der ſterbende Jüngling, und ein Lichtſtrahl erglänzte in ſeinen Augen und ſeine Wangen rötheten ſich, „darf ich wirklich hoffen, ihn noch einmal zu ſehen, noch ein⸗ mal in die geliebten Züge zu blicken?“ Er ſchloß die Augen und ſeine Lippen bewegten ſich im ſtummen Gebet; dieſer Wunſch war noch mächtig in ihm, es war noch der einzige irdiſche Gedanke, den er auf Erden hatte. „Sagt ihm,“ ſagte er, und ſeine Stimme wurde immer ſchwächer,„ſagt ihm, daß Herbert's letztes Gebet ihm galt, daß er mein letzter Gedanke war; ſagt ihm, daß er an den Stufen des Thrones Troſt ſuchen ſoll, wo wir ſo oft mitein⸗ ander gekniet haben, und er ſoll nicht trauern, denn ich werde glücklich und ſelig ſein.“ Wiederum ſchwieg er län⸗ gere Zeit, als er aber die Augen wieder öffnete, richtete er ſie auf Ellen. „Meine Schweſter, meine liebe zärtliche Pflegerin, was ſoll ich Dir ſagen?“ ſagte er matt, aber in einem Tone, der ihr Herz ergriff;„ich kann Dich nur der Obhut Deſſen em⸗ pfehlen, der dem Schmerze ſeinen Stachel nehmen kann, wie er dieſen Augenblick in Sieg gekleidet hat. Sein Geiſt ruhe auf Dir, Ellen, und gebe Dir Frieden! Er ſegne Dich nicht nur für Deine Liebe und Güte gegen mich, ſondern auch gegen ſie, die vor mir dahin geſchieden iſt; Du wirſt uns nicht vergeſſen, Ellen.“ Sein Blick richtete ſich von ſeiner Couſine auf ſeine Mutter, und dann kehrte er zu ihr zurück. Sie beugte ſich auf ſeine Hand, die er ihr entgegen hielt, aber ſie konnte kein Wort ſprechen.„Auch Karoline wird um mich weinen, aber St. Eval wird ihre Thränen trocknen; 220 ſage ihnen, daß ich ſie nicht vergeſſen habe, daß ich ſie liebe und ſegne, wie wenn ſie bei mir geweſen wären. Emmeline, Arthur, Mr. Howard, o wo ſeid ihr, meine Augen verdun⸗ keln ſich, die Stimme verſagt mir, doch—“ „Ich bin hier, mein geliebter Sohn,“ ſagte der Archi⸗ diakonus, und Herbert ſah ihn freundlich an und lehnte ſeinen Kopf an ſeine Schultern. „Ich wollte euch ſagen, daß das Gefühl der Gegenwart Gottes, ſeiner unausſprechlichen, unerſchöpflichen Liebe die⸗ ſem Augenblicke allen Schmerz genommen hat. Mein Geiſt erhebt ſich triumphirend, voll Hoffnung ewiger Seligkeit und voll Liebe zu Ihm, der für mich ſtarb. O Tod, kann ich wohl ſagen, wo iſt dein Stachel, o Grab, wo iſt dein Sieg? ſie ſind überwunden, der Himmel ſteht mir offen; o unausſprechliche Seligkeit!“ Er ſank gunz erſchöpft zurück, aber der Ausdruck ſeines Geſichts zeigte noch immer den Tri⸗ umph ſeiner Seele. Ein ſchwaches Geräuſch wie fernes Pferdegetrappel ließ ſich plötzlich hören, es kam näher und näher, und Her⸗ bert's Wange röthete ſich vor Aufregung.„Percy, iſt es möglich? Mein Gott, ich danke Dir für dieſe Gnade.“ Arthur eilte zur Thür hinaus, als das Geräuſch näher kam; es kam offenbar von einem Pferde, das zu größter Eile geſpornt wurde, und es konnte Niemand anders als Percy ſein. Arthur eilte durch die Vorhalle und durch das Thor, das weit geöffnet worden war, da die Geſtalt des jungen Erben von Dakwood von dem treuen Morris erkannt worden war, der am Steigbügel ſeines jungen Herrn ſtand, ohne ein Wort zu ſprechen. Percy klebte die Zunge am Gaumen, ſeine Augen waren hohl und von Blut unterlaufen; er hatte nicht die Kraft, eine Frage zu thun, und erſt die Erſcheinung Myr⸗ vin's, ſeine Bitte, daß er ruhig ſein möge, ehe Herbert ihn ſehe, brachte ihn wieder zu ſich. Sein Bruder lebte noch, das war genug, und in der nächſten Minute ſtand er an der Schwelle von Herbert's Zimmer. Mit einer übermäßigen Anſtrengung richtete ſich der ſterbende Jüngling in ſeinem Bette auf und ſtreckte ihm ſeine Arme entgegen.„Percy, 221 mein lieber Percy, das iſt freundlich,“ ſagte er, und ſeine Stimme gewann plötzlich die alte Kraft wieder. Percy ſprang auf ihn zu, und die beiden Brüder lagen einander in den Armen. Percy ſprach kein Wort, aber man hörte ſein Schluchzen; ſein Bruder ließ ſeinen Kopf an Perey's Schulter ruhen, ohne ein Wort des Troſtes zu ſagen. „Sprich, o nur ein einziges Mal, Herbert,“ rief Perey aus, in ſeiner Stimme lag eine furchtbare Angſt, aber ach, ſie konnte den Todten nicht erwecken; Herbert Hamilton war verſchieden. Sein letzter Wunſch auf Erden war erfüllt. Es war nur das lebloſe Gerippe ſeines Bruders, was Percy verzweiflungsvoll in den Armen hielt. Es dauerte lange, ehe man die Wahrheit erkannte, und als dies geſchehen war, hörte man keinen Ton der Klage im Zimmer; kein Schmer⸗ zensſchrei unterbrach die feierliche Stimme. Um ihn konn⸗ ten ſie nicht weinen, und für ſie ſelbſt war es ein zu tiefer Schmerz, als daß ſie Thränen vergoſſen hätten. Wir wollen bei den erſten Wochen, die nach dem Tode des ſo zärtlich und nach Verdienſt geliebten jungen Mannes für die Bewohner von Dakwood dahin floſſen, nicht verweilen. Ihr Schmerz war ſtumm und tief, aber es war der Schmerz von Menſchen, die in allen Dingen, groß und klein, die Hand eines Gottes der Liebe ſehen. Konnte der Glaube, das Ver⸗ trauen, welches Mrs. Hamilton ſeit ihrer früheſten Jugend ausgezeichnet hatte, ſie nun verlaſſen, würde ſie in dieſer ſchweren Trübſal von ihrem Gatten Troſt und Hülfe erwar⸗ tet und doch nicht gefunden haben? Nein, ſie richteten ihre Blicke auf ihren Gott, ſie freuten ſich, daß der Tod ihres geliebten Sohnes ſo friedlich, ſo ſelig geweſen war. Seine letzten Worte berührten immer und immer wieder das Herz ſeiner Eltern wie lindernder Balſam, deſſen ſie weder Zeit noch Umſtände berauben konnten. Aus Liebe zu einander ermannten ſie ſich, ein Beiſpiel, dem ihre Kinder folgten; aber Beide fühlten, daß Jahre vergehen müßten, ehe der Verluſt, den ſie erlitten, ſeinen Schmerz verlieren würde, ehe ſie aufhören würden das Weſen zu vermiſſen, das ſie ſo warm geliebt hatten, das ein ſo glänzendes Licht in ihrem 222 Kreiſe geweſen war— glänzend und doch wie ſanft, nicht funkelnd und immer wechſelnd, ſondern voll ſanften und be⸗ ſtändigen Glanzes. Auf Erden war dieſes Licht untergegan⸗ gen, aber im Himmel ſtrahlte es, um nie wieder unterzugehen. Die Familie blieb einige Wochen zuſammen, ſo weit wenigſtens Arthur's geiſtliche Pflichten es geſtatteten. Mr. Hamilton wünſchte ſehr, die durch den Tod ſeines Sohnes offene Stelle auf Myrvin übertragen zu ſehen, und er ſuchte den Wechſel zu ermöglichen. Ehe indeß Percy nach dem Continent und Emmeline nach dem Hauſe ihres Gatten zurückkehrte, feſſelte ſie Beide eine plötzliche Krankheit ihrer Mutter an Oakwood. Das Fieber, welches in dem Dorfe graſſirt und den Tod Herbert's herbeigeführt hatte, war auch in das Haus der Mrs. Hamilton eingedrungen. Entſchloſſen, daß kein eignes Leid ſie von der Erfüllung der Liebespflichten hindern ſollte, die ſie zu üben gewohnt war, hatte ſich Mrs. Hamilton über ihre Kräfte angeſtrengt, und drei Wochen nach dem Tode ihres Sohnes wurde auch ſie auf das Krankenbett geworfen, und während der erſten Tage glaubte ihre betrübte Familie, daß das heftige Fieber auch ihr den Tod bringen würde. In dieſer Prüfungszeit war es Ellens Aufgabe, da nicht nur ihre jungen Verwandten, ſondern auch ihr Onkel den Muth verloren, durch ihr Beiſpiel wieder ihre Kräfte zu ſtählen. Kein Zureden vermochte ſie, das Bett ihrer Tante zu verlaſſen, oder einem Andern die Pflege deſſelben anzuvertrauen. So jung und unerfahren ſie war, gab ihr doch die ſtarke Liebe zu ihrer Tante, die noch durch ein anderes geheimes Gefühl in ihrer Bruſt erhöht wurde, die Kraft, fortgeſetzte Strapazen zu ertragen, und ſie entwickelte dabei eine Erfahrung, daß Mr. Maitland ſie oft mit Thränen betrachtete. Seit Herbert's Tode hatte Ellen ihren Gefühlen einen ſolchem Zwang angelegt, daß ſie nie⸗ mals in Thränen Erleichterung ſuchte. Man ſah ſie nie weinen; alle ihre Züge ſprachen allerdings ihr tiefes Leid aus, aber niemals hinderte es ſie an der treuen Pflege ihrer Tante. Stumm, doch beharrlich mühte ſie ſich, den innigen Schmerz des Mutterherzens zu beſchwichtigen; an ihrem Halſe hatte Mrs. Hamilton zuerſt geweint, und als ſie die Waiſe an ihre Bruſt drückte, hatte ſie ihr Herz dankbar erhoben, daß ihr eine ſo köſtliche Gabe noch geblieben ſei. Aber wie wenig ahnte ſelbſt ſie, was in Ellens Herzen vorging; daß Herbert ihrer jungen Phantaſie viel theurer geweſen war, als ſein Bruder; daß ſie nicht nur über den Verluſt eines Couſins trauerte, ſondern um einen Jüngling, den ihre erſte Liebe mit einer Innigkeit umfaßt hatte, die nur der Tod trennen konnte. Wie wenig ahnte ſie von dem beſtändigen Kampfe, der in dieſem jungen Herzen vor ſich ging, von dem Schmerze in ihrer Einſamkeit, ehe ſie ihr gequältes Herz durch Gebet ſo weit beruhigen konnte, daß ſie das ruhige und gefaßte Weſen zu ſein ſchien, welches die Familie in ihr ſah. Mrs. Hamilton fühlte nur, daß der Troſt, den ihre Nichte ihr in der Stunde der Trübſal brachte, und ihre thätige Theilnahme ſie reichlich für alle die Sorgen entſchädigte, die Ellen ihr einſt verurſacht hatte. Niemals hatte ſie bedauert, daß ſie die Waiſe zu ſich genommen und ſie wie ihre eigenen Kinder gehalten hatte, aber jetzt fühlte ſie, daß der Herr ſie zehnfältig geſegnet, und noch mehr fühlte ſie dieß während ihrer langen und ſchmerzlichen Geneſung, welche ihrem kur⸗ zen, aber heftigen Fieberanfall folgte, da Ellen das einzige ihrer Kinder war, das bei ihr geblieben. Durch frühere Sorgen, den ſpäteren Todesfall und end⸗ lich der Mutter gefährliche Krankheit erſchüttert, war Em⸗ melinens Geſundheit ſo angegriffen, daß, ſobald die eigent⸗ liche Gefahr vorüber war, Myrvin darauf beſtand, daß ſie ihn nach Langwillan begleitete, ein Vorſchlag, den ihr Vater und Mr. Maitland unterſtützten. Zitternd für das Wohl des theuren Weibes, das erſt ſo kurze Zeit die Seine ge⸗ worden, widerſtand Arthur ihren Bitten, noch ein wenig länger in Hakwood zu bleiben und brachte ſie nach der Pfarre ſeines Vaters, wo die Zeit und die Nachricht von der Beſſerung ihrer Mutter endlich die Röthe auf ihre Wangen und das Lächeln auf ihre Lippen zurückbrachte. Es war ein merkwürdiger Unterſchied, den verſchiedene Umſtände und verſchiedene Behandlung in ihren Kinderjah⸗ 224 ren in dem Charakter der beiden Coufinen hervorgebracht hatte. Wären Emmeline und Ellen von klein auf mit ein— ander erzogen worden, und hätten ſie Beide unter derſelben Zucht geſtanden, ſo würden ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach in ſpäteren Jahren denſelben Charakter gezeigt haben; aber wiewohl Emmeline niemals mit ſchwächlicher Nachſicht be— handelt worden war, ſo war doch ihr Glück, außer in dem Verhältniß mit Arthur Myrvin, durch Nichts getrübt worden. Faſt unbewußt wurde ſie immer mit Liebkoſungen über⸗ häuft, aber anſtatt ſie zu Feblern zu verleiten, hatte dieſe Behandlung ihr Glück begründet und ſie auf dem Pfade der Tugend ermuthigt. Jeder Gedanke und jedes Gefühl ſpra— chen ſich unverhüllt aus; ſie war ſo daran gewöhnt, von Kindheit an auch ihrer Mutter gegenüber laut zu denken, ihre kleinen Kümmerniſſe gegen ſie in Worten, ihren Kum⸗ mer in Thränen auszuſprechen, die aber raſch trockneten, daß ſie es mit den Jahren ſchwer fand, ihre Gedanken zu unterdrücken, oder ihre Gefühle zu beherrſchen. Man konnte ihren Charakter nicht ſchwach nennen, denn in ihrer Liebe zu Arthur Myrvin, wo ſie ſich aufgefordert fühlte, ſich ſelbſt zu beherrſchen, folgte ſie dem Rufe ihres Gewiſſens. Ihre Geſundheit litt allerdings, aber dieſer Umſtand gerade be⸗ wies, daß ihr Geiſt ſtärker war als ihr Körper, wiewohl Emmeline ſich bisweilen bittere Vorwürfe machte, wenn ſie ſah, daß Ellen weit ruhiger und kälter wie ſie war. Von ihrer Geburt an war Ellen von Sorgen umringt geweſen, die ſchon ihrer Kindheit Prüfung über Prüfung gebracht. Von ihrer Mutter und ihren Umgebungen bis auf ihren armen Vater niemals geliebt, hatte ſie alle ihre Gefühle tief in ihrem kleinen Herzen verbergen gelernt, ſie verheimlichte vor⸗ ſichtig alle ihre kindlichen Gedanken, und der Tod ihres Va⸗ ters, die Schrecken jener Nacht, ſchienen ihrem Charakter, ſo jung ſie noch war, das Siegel aufgedrückt zu haben. Sie war kaum zehn Jahre alt, als ſie in die Familie ihrer Tante kam, aber dann war es zu ſpät, als daß ihr Charakter wie der Emmelinens hätte werden können. Viele Umſtände trugen dazu bei, den erſten Eindruck zu kräftigen, wie wir 225 im erſten Theile unſerer Geſchichte geſehen haben. Das Un⸗ glück hatte Ellen zu dem gemacht, was ſie war, und Selbſt⸗ beherrſchung war ihr zur zweiten Natur geworden, noch ehe ſie die Bedeutung des Wortes kannte. Die Nachricht von Herbert's Tode hatte, wiewohl St. Eval ſie zurückgehalten hatte, bis er glaubte, daß ſeine Gat⸗ tin ſie mit einer gewiſſen Faſſung würde ertragen können, Karoline ſo zurückgebracht,, daß ſie ganz außer Stande war, nach England zu reiſen, wie ſie wünſchte; und ihr Gatte mußte ſie in Beziehung auf die Krankheit ihrer Mutter be⸗ ſtändig täuſchen, damit ſie nicht, ſo ſchwach ſie war, dar⸗ auf beſtand, ihr zu Hülfe zu eilen. Sobald Mrs. Hamil⸗ ton wieder ſoviel Kraft gewonnen hatte, um ihre Wünſche ausſprechen zu können, bat ſie Percy, zu ſeiner Schweſter zurückzukehren, damit ſie ihretwegen beruhigt ſei. Der Gedanke an ihr Kind, war immer noch der erſte in der Seele der Mutter, wiewohl ihre außerordentliche Schwäche ſie nö⸗ thigte, ſtundenlang regungslos auf ihrem Bette zu liegen, während ſie kaum wußte, was um ſie herum vorging, und während ihr Gatte und Ellen ſie kaum einen Augenblick verließen. Die Täuſchung gelang, Karoline erholte ſich bald nach Perchy's Rückkehr, und auf die dringende Bitte ihrer Mutter, die Percy überbrachte, daß ſie nicht daran denken ſollte, nach England zurückzukehren, bis ihre Geſund⸗ heit völlig wieder hergeſtellt ſei, willigte ſie ein, die berühmte Fahrt den Rhein hinab mit zu machen, ehe ſie nach Hauſe zurückkehrte. Es hätte ſcheinen können, als wenn Ellens Maß des Schmerzes voll ſei, aber es drohte ihr noch ein anderer Kummer, der ſie, ſo lange er währte, kaum weniger betrübte, als Herbert's Tod. Als ſie eines Morgens in die Bibliothek trat, war ſie erſtaunt, nicht nur Mr. Maitland, ſondern auch den Archidiakonus Howard bei ihrem Onkel zu ſehen. Der Erſtere war allerdings ein ſo häufiger Beſucher von Hakwood, daß man ſich über ſeine Anweſenheit gerade nicht wundern konnte, aber der Ausdruck in dem Geſicht Der Lohn einer Mutter. II. 15 226 beider Herren beunruhigte ſie. Mr. Hamilton ſchien mit einer ſchmerzlichen Bewegung zu kämpfen und war aufge⸗ ſtanden, als Ellen in das Zimmer trat, während er den Ar⸗ chidiakonus bittend anſah, als wenn er bei ihm Rath und Hülfe ſuchte. „Können wir ihr wirklich vertrauen?“ fragte Mr. Mait⸗ land zweifelhaft und mit leiſer Stimme, indem er Ellen mit trüben Blicken anſah,„können wir uns darauf verlaſſen, daß dieſe traurige Nachricht vor Mrs. Hamilton geheim gehalten werde, denn bei ihrem gegenwärtigen Geſundheits⸗ zuſtande würde eine ſo bange Erwartung Folgen herbeifüh⸗ ren, an die ich nur mit Zittern denken kann.“ „Sie können ſich auf mich verlaſſen, Mr. Maitland,“ ſagte Ellen feſt,„welch neues Unglück kann ſich ereignet ha⸗ ben, das Sie meiner Tante mitzutheilen fürchten? O täu⸗ ſchen Sie mich nicht, ich habe genug gehört, um mir vielleicht Schrecklicheres zu denken, als die Wirklichkeit bietet, Mr. Howard. Mein lieber Onkel, willſt Du mir nicht vertrauen?“ „Meine arme Ellen,“ ſagte ihr Onkel mit ſchwankender Stimme,„Du haſt allerdings den Schmerz wacker ertragen, aber dieſe Nachricht erfordert noch größeren Muth. Es iſt noch nicht Alles bekannt, es iſt vielleicht noch Hoffnung, aber ich wage ſie nicht zu unterſtützen; ſagen Sie es ihr, Howard,“ fügte er, vor ihrem kummervollen Blicke erſchreckend, hinzu, „ich kann es nicht.“ „Wollen Sie mir etwas von Edward ſagen, o was iſt mit ihm?“ rief ſie aus.„Sagen Sie mir es ſogleich, Mr. Howard, ich kann es ertragen.“ Mit der Zärtlichkeit eines Vaters berichtete ihr Mr. Howard, daß an dieſem Morgen von Edward's Capitain Briefe gekommen ſeien, die ihnen mittheilten, daß der junge Lieutenant mit einem Boot nach einem Schiffe, das etwa zwölf Meilen ſüdlich nach dem Cap der guten Hoffnung zu geſtanden habe, geſchickt worden ſei; ein Sturm habe ſich erhoben, als die Nacht einbrach, aber immer noch habe Ca— pitain Seaforth keine Unruhe gefühlt, da er gedacht habe, daß ſein junger Offizier es für beſſer gehalten, die ganze 227 Nacht am Bord des Stranger zu bleiben, wiewohl es gegen ſeine Gewohnheit und ſeine Pünktlichkeit im Dienſte verſtieß. Als es indeß Mittag wurde und Lieutenant Fortescue im⸗ mer noch nicht erſchien, ſchickte der Capitain ein zweites Boot ab, um zu ermitteln, warum er weggeblieben. Das Meer raſte in Folge des geſtrigen Sturmes immer noch wüthend, aber die ſchäumenden Wogen hatten Edward niemals von ſeiner Pflicht abgehalten. Mit wachſender Sorge ſchritt Capitain Seaforth mehrere Stunden das Ver⸗ deck auf und ab, bis das letzte Boot zurückgekehrt war. Er überflog die Mannſchaft mit einem Auge, das ihn nie täuſchte, und er ſah mit Betrübniß, daß weder ſein Lieutenant noch einer ſeiner Leute ſich unter ihnen befanden. Entſetzt erzähl⸗ ten die Matroſen, daß Lieutenant Fortescue trotz alles Zu⸗ redens von Seiten des Capitains des Stranger ſich entſchloſ⸗ ſen habe, in dem Augenblicke, wo er ſeine Botſchaft über⸗ bracht und die Antwort erhalten, nach ſeinem Schiffe zurück⸗ zukehren; ſeine Leute hätten ihn unterſtützt, wiewohl viel Zeichen angedeutet hätten, daß, je weiter der Abend vor⸗ rückte, der drohende Sturm um ſo größer werden würde. Es war bereits Zwielicht, als der unerſchrockene junge Mann von einem falſchen Pflichtgefühl getrieben, in das Bootſtieg, und nicht eine halbe Stunde ſpäter brach der Sturm mit furchtbarer Gewalt los, und die Finſterniß hatte jeden Ver⸗ ſuch der Mannſchaft des Stranger vereitelt, das Boot aus⸗ zukundſchaften. Der Morgen graute und brachte eine ſchwa⸗ che Beſtätigung des Schickfals, welches Alle gefürchtet hatten Einige Spieren mit dem Namen des Schiffes, die leicht als dem Langbvote angehörig zu erkennen waren, ſchwammen auf den ſchäumenden Wogen, und die Leute, welche auf Kund⸗ ſchaft ausgeſandt worden waren, hatten den Leichnam eines der unglücklichen Matroſen gefunden, der am Abend vorher noch voll Luſt und Leben geweſen war, während ein Hut, der den Namen Forteseue trug, die ſchmerzliche Vermuthung erweckte, daß der junge, tapfere Offizier daſſelbe Schickſal getheilt habe. Es wurden alle möglichen Nachforſchungen angeſtellt, um etwas Gewiſſeres über ihn zu erfahren, aber 228 ohne allen Erfolg. Es war noch eine leiſe Hoffnung, daß er von einem der Schiffe, die beſtändig auf dieſem Courſe hin und her fahren, gerettet worden ſei, und Capitain Sea⸗ forth ſchloß ſeine traurige Erzählung mit der Bitte, daß Mr. Hamilton nicht verzweifeln möge, da immer noch Hoff⸗ nung ſei. Offenbar ſchrieb er, wie er dachte, nicht bloß um Edward's bekümmerte Verwandten zu beruhigen, aber Mr. Hamilton konnte dieſe ſanguiniſchen Hoffnungen nicht theilen. Auch das Schickſal ſeines Schwagers Charles Manvers war in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt geweſen; lange, ſehr lange hatte er gehofft, daß er noch lebte, daß er wieder zurück⸗ kehren werde, aber ein Jahr nach dem andern war verfloſſen, und vierundzwanzig Jahre waren vorüber gegangen, ohne daß eine Botſchaft gekommen war. Er erinnerte ſich noch recht wohl, welcher Schmerz ſeine getäuſchten Hoffnungen begleitet welche bange Erwartung Monate lang ſeine Gattin gehegt hatte, und er hielt es faſt für beſſer, daß Ellen ihren Bru⸗ der todt glauben, als ſich Hoffnungen hingeben möchte, die keinen Grund hätten; doch wie konnte er ihr ſagen, daß er todt ſei, wenn noch ein, wenn auch noch ſo ſchwacher Strahl der Hoffnung winkte. Er kannte die treue Liebe der Waiſen zu einander. Er ſah ſie voll tiefen Mitleids an, als ſie ſchweigend der Erzählung zuhörte, und indem er ſie an ſeine Bruſt drückte, als Mr. Howard geſchloſſen hatte, küßte er ſie zärtlich auf die Stirn und bat ſie, ſich nicht der Ver⸗ zweiflung hinzugeben, Edward könnte noch gerettet worden ſein. Kein Wort kam von Ellens brennenden Lippen, aber er fühlte, daß ein kalter Schauer ſie durchbebte. Mehrere Minuten verfloſſen und immer richtete ſie ſich noch nicht auf. Endlich ſprach der ehrwürdige Geiſtliche in Worten zu ihr, die niemals verfehlt hatten, ihren Weg zum Herzen der Waiſe zn finden; er ſprach von einer Liebe und Gnade, die dieſe fortwährenden Prüfungen ſende, um ſie deſtomehr als Kind Gottes zu bezeichnen. Er ſprach von einem Troſte, den ſie ſelbſt in einem ſolchen Augenblicke fühlen könne. Er bat ſie ohne Aufhören für die Rettung ihres Bruders zu beten, Nichts ſei zu groß für die Macht und Barmherzigkeit 229 des Herrn; wiewohl es irdiſchen Gemüthern unmöglich ſchei⸗ nen möge, daß er gerettet worden ſein könnte, ſo hätten doch hundert Stürme, wenn der Allmächtige ſeine Hand über ihn ausgeſtreckt, unſchädlich an ihm vorüber gehen können; doch warnte er ſie zu große Hoffnungen zu hegen.„Stellen Sie unſern geliebten Edward und ſich ſelbſt unter die Obhut un⸗ ſers Vaters im Himmel, mein Kindz flehen Sie ihn um Kraft, ſich ſeinem Willen zu unterwerfen, welcher Art er auch ſein möge, und wenn er ihn wirklich in ſeiner Gnade in eine glücklichere Welt geführt hat, ſo wird er Ihnen auch die Kraft geben, ſich ſeinem Gebote der Liebe unterzuordnen; aber wenn Sie noch Hoffnung haben, weiſen Sie dieſelbe nicht von ſich, er kann noch gerettet ſein, daher tröſten Sie ſich, mein Kind, und um der lieben Verwandten willen, die Ihnen noch erhalten worden iſt, ſuchen Sie ſich zu faſſen. Wir dürfen Ihnen das Vertrauen ſchenken, daß Sie ihr dieſen neuen Kummer erſparen werden.“ „Sie haben Recht, Mr. Howard; o Gott ſegne Sie für Ihre Güte,“ ſagte das arme Mädchen mit gebrochenem Herzen, indem ſie ſich aufrichtete und die zitternde Hand in die ſeine legte. Ihre Wangen waren marmorbleich, aber die langen dunklen Locken, die ſie umwallten, waren von keiner Thräne genetzt, ſie hatte dieſelben gewaltſam zu⸗ rückgedrängt. Ihr Herz klopfte, aber ſie konnte ſeinem Kummer kein Gehör geben. Die Geſtalt Herbert's ſchien vor ihren Augen zu ſchweben und ſie an ihr Verſprechen zu erinnern, daß ſie alle ihre Sorgen, alle ihre Kraft ſei⸗ ner Mutter widmen ſolle, und dieſe Erinnerung, von Mr. Howard's Worten unterſtützt, kräftigte ſie zur Erfüllung der ſchmerzlichen Pflicht, die ihr nun oblag.„Sie können ſich auf mich verlaſſen. Mein Vater im Himmel wird mich unterſtützen und mir die Kraft geben, dieſe Nachricht geheim zu halten, bis meine geliebte Tante im Stande iſt, ſie ge⸗ faßt zu hören. Fürchten Sie nichts für mich, Mr. Mait⸗ land; ich vertraue nicht auf meine eigene Kraft, denn dieſe, das fühle ich nur zu ſchmerzlich, iſt in dieſem Augenblicke weniger als nichts. Mein theuerſter Onkel, willſt Du Dei⸗ ner Ellen vertrauen?“ Sie wandte ſich bei dieſen Worten zu Mr. Hamil⸗ ton, und er fühlte Thränen in ſeine Augen ſteigen, als er dem Blicke der unglücklichen Waiſe begegnete, die nun, wie es ſchien, ſo ganz allein war. „Ja, ich vertraue Dir und will es immer Wiſ ge⸗ liebte Ellen,“ ſagte er bewegt.„Gott gebe Dir ſeinen Segen zu Erfüllung dieſer höchſt ſchmerzlichen Pflicht; ihm empfehle ich Dich, mein Kind; ich möchte Dir von Troſt und Hoffnung ſprechen, aber er allein kann ſie geben.“ „Und er wird es thun,“ ſagte Ellen mit leiſer feſter Stimme, und indem ſie ſanft Mr. Howard ihre Hand ent⸗ zog, verließ ſie raſch das Bibliothekzimmer. Aber nach einer halben Stunde ſaß Ellen wieder am Bette ihrer Tante. Den Kampf dieſer halben Stunde wollen wir nicht verfol⸗ gen, er war zu heilig, zu ſchmerzlich, als daß wir uns dar⸗ über auslaſſen wollten, und viele, viele einſame Stunden brachte ſie unter Leiden zu, die blos ihr und ihrem Gotte bekannt waren. „Du biſt lange von mir weg geweſen, meine Ellen, oder läßt mich der egoiſtiſche Wunſch, Dich wieder bei mir zu haben, ſo denken?“ ſagte Mrs. Hamilton an dieſem verhängnißvollen Morgen. „Haſt Du mich alſo vermißt, meine liebe Tante? Ich freue mich deſſen, denn ein ſo großer Troſt es mir iſt, im⸗ mer bei Dir bleiben zu dürfen, ſo macht mir doch der Ge⸗ danke noch größeres Vergnügen, daß Du mich gern bei Dir ſiehſt,“ erwiderte Ellen. „Kann ich anders, meine liebe Ellen? Wo kann ich eine ſo zärtliche, ſo liebevotle Pflegerin finden als Dich? Wer verſtände es ſo gut mich zu beruhigen und aufzuheitern als das Kind, deſſen geringſte Handlung beweiſt, wie ſehr ſie mich liebt?“ Thränen glänzten in den Augen Ellens, als ihre Tante ſprach, denn wenn ſie einen neuen Sporn gebraucht hätte, 231 ſo würden es dieſe einfachen Worte geweſen ſein. O wie große Ermuthigung giebt ein einziges Wort von Denen, die wir lieben. Wie wird jede Bemühung erleichtert durch daß Bewußtſein, das man ſie zu ſchätzen weiß; wie wird jede Pflicht verſüßt, wenn wir fühlen, daß wir geliebt wer⸗ den. Mrs. Hamilton wußte nicht, wie dieſe Aeußerung ihrer Gefühle das zerriſſene Herz ihrer Nichte getroffen hatte; ſie errieth nicht die Hälfte Deſſen, was Ellen im Ge⸗ heimen um ihretwillen litt, aber ſie wußte den vollen Werth zu ſchätzen, der unabläſſigen, liebevollen Pflege, die ihr zu Theil wurde, und erkannte es an. Tage und Wochen verfloſſen; endlich fing die außer⸗ ordentliche Schwäche der Mrs. Hamilton an, der noch raſt⸗ loſern Unruhe der Geneſung zu weichen. Es war eine ver⸗ hältnißmäßig leichte Aufgabe, ſtumm an ihrem Bett zu ſitzen, ihre leiſeſten Wünſche zu errathen und alle Pflichten einer Krankenwärterin zu erfüllen, die ihr nicht den Zwang auflegten, ſprechen und ſie unterhalten zu ſollen; es gab damals ſehr viele Stunden, in denen Ellens trübe Gedanken bei der ſchmerzlichen Vergangenheit weilen konnten. Hätten Herbert und Mary gelebt und wären ſie verei⸗ nigt worden, ſo würde Ellen aller Wahrſcheinlichkeit nach endlich ihre Gefühle beſiegt haben und glücklich in der Ehe geweſen ſein, und wiewohl ſie nicht die erſte junge Liebe hätte bieten können, ſo würde ſie immer ſo gefühlt und ge⸗ handelt haben, daß ſie in Wahrheit, wie Lord St. Eval geſagt hatte, ein Schatz für Jeden geweſen wäre, der das Glück gehabt hätte, ſie die Seine zu nennen. Hätte ihr Couſin wirklich geheirathet, ſo würde Ellen es für ihre Pflicht gehalten haben, ſich zu überwinden; aber nun er todt war, hielt ſie es für keine Sünde ihn zu lieben, ſich zum Theil um ſeinetwillen ſeinen Eltern in ihrem Alter zu widmen, an ihn bei Allem zu denken, was ſie für ſie und für Alle, die er liebte, that; in alledem beging ſie keine Sünde, aber ſie würde es für ein Verbrechen gehalten haben, ihre Hand einem Andern zu geben, während ihr ganzes Herz dem Todten gehörte. Es lag etwas eigenthümlich Beruhigen⸗ des in der Dankbarkeit und Liebe, womit ſie ihre Tante und ihren Onkel anſah; daß ſie vielleicht die einzige von Allen ſein würde, die unter denſelben grünen Bäumen ge⸗ ſpielt und deren Stimme ſich in das Gebet ihrer Mutter gemiſcht hätte, der nichts geblieben wäre, ihre Aufmerkſam⸗ keit von dem gottgefälligen Werke abzuwenden, ſie in ihrem Alter zu pflegen und zu erheitern, und alle ihre Anſtrengun⸗ gen waren nun darauf gerichtet, ihr Einzelleben durch gute Werke und liebevolle Gedanken gegen Alle, mit denen ſie in Verbindung ſtand, zu einer Wohlthat zu machen; aber in allen dieſen Träumen hatte immer ihr Bruder eine Rolle geſpielt. Sie hatte ſich ausgemalt, wie glücklich ſie ihn ſehen, wie ſehr ſie ſich ſeines Glückes freuen, wie ſie ſeine Kinder wie ihre eigenen lieben und ihnen eine zweite Mutter ſein würde; ſie hatte ſich gedacht, wie ſie immer mit Freuden empfangen und ein willkommener Gaſt in Ed⸗ ward's Hauſe ſein würde, und dieſer Gedanke hatte ſich ſo feſt in ihre Phantafie eingeprägt, daß ſeine Vernichtung den Schmerz zu erhöhen ſchien, womit ſie die Nachricht von ſeinem frühen Tode erfüllt hatte. Er war todt, und es ſchien ihr, als wenn ſie ſich nie ſo völlig verlaſſen gefühlt hätte, als wenn ihre einſamen Jahre völlig die liebliche Färbung verloren hätten, womit ihre früheren Jahre bekleidet gewe⸗ ſen waren. Es ſchien ihr nur ein kurzer Zeitraum, ſeitdem ſie ihn als liebliches heiteres Kind, als den Liebling ſeiner Mutter geſehen, den alle bewunderten, die ihn ſahen; dann ſtand er vor ihr als der ſchöne muthige Knabe, von dem ſie ſich getrennt hatte, als er zum erſten Male das ſchützende Dach von Oakwood verließ, um Seemann zu werden. Dann erinnerte fſie ſich mit Schaudern der Zeit, wo ſie ſich nach langen Leiden in ihrem jungen Leben wieder geſehen hatten, und ihre zu aufgeregte Phantaſie beſchwor den Ge⸗ danken herauf, daß ihre Schuld noch nicht völlig geſühnt ſei, daß er ihr genommen worden, weil ſie ihn zu ſehr ge⸗ liebt habe, weil ihre innige Liebe zu ihm ſie einmal veran⸗ laßt, die Gebote ihres Gottes zu vergeſſen. In dem tie⸗ fen Schmerze dieſes Gedankens ſchien ſie die leidvollen Momente noch einmal zu durchleben, die wir früher zu ſchildern geſucht haben. In den Staub gebeugt, erkannte ſie die rächende Hand ihres Schöpfers, und als wenn ſie das Vergehen erſt jetzt begangen, bereute ſie eine Uebertretung, zu der ſie die mächtige Verſuchung eines Augenblicks ge⸗ drängt hatte. Hätte ſie Jemand dieſe Gefühle anvertrauen können, und hätte ihr ein tröſtenter Freund geſagt, daß es unnütz ſei, den Schmerz um Edward's Schickſal durch ſolche Vorwürfe gegen ſich ſelbſt zu erhöhen, ſo würde Ellens jun⸗ ges Herz ſich beruhigt haben; aber vor der geliebten Ver⸗ wandten, die ſie getröſtet und beruhigt haben würden, mußte ſie dieſe bittere Prüfung geheim halten. Mr. Hamilton wagte nicht, ſich der Hoffnung hinzugeben, die er nie gefühlt hatte, ohne daß ſeine Bruſt vor Liebe und faſt Verehrung für das edle Weſen klopfte, deſſen Pflege die Geneſung ſei⸗ ner geliebten Gattin nächſt der Vorſehung am meiſten zu verdanken war, wie Mr. Maitland ſagte. Er wünſchte ihr Troſt zuzuſprechen, aber was konnte er ſagen? er hätte ſie lieben, ermuthigen mögen, aber ſeine Nichte hatte etwas an ſich, was dies gänzlich verbot, denn es ſagte ſtumm, doch ein⸗ dringlich, woher die Kraft kam, die ſie ſtützte. Als Mrs. Hamilton wieder zu geneſen anfing, wurde Ellen noch mehr in Anſpruch genommen. Sie gab ſich alle mögliche Mühe, ihre Tante nicht in die Niedergeſchlagenheit zurückfallen zu laſſen, welche ſonſt mit der Geneſung ver⸗ knüpft iſt, ſo ſehr wir uns auch ſträuben mögen. Sie war immer bereit, die leiſeſten Wünſche ihrer Tante zu erfüllen, und ſah dieſelben oft voraus. Sie las ihr vor, ſang ihre Lieblingslieder, oder feſſelte durch tauſend kleine Künſte unbewußt das Intereſſe ihrer Tante an ihre verſchiedenen Beſchäftigungen, wie es früher der Fall geweſen war. Von ihrer Seite ſchien kein Zwang ſtatt zu finden, und Mrs. Ha⸗ milten machte zuerſt die Bemerkung, daß mit ihrer Kraft ihre gewöhnliche Heiterkeit zurückkehrte, und ſie dankte in⸗ brünſtig ihrem Gott für dieſe reiche Gnade. Sie ließ es ihrerſeits an Nichts fehlen, um ihren Gatten und ihrem Hauſe wieder zu werden, was ſie vor dem Tode ihres Soh⸗ nes geweſen war; ſie fühlte, daß die ſchöne Blume in den Himmel verpflanzt war; die Hand des Schnitters hatte ſie gefällt, wiewohl das gläubige Auge ſie in vollkommener un⸗ ſterblicher Lieblichkeit ſah, und wiewohl das Mutterherz noch bangte, ſo war es ein Bangen, in das ſich kein Schmerz miſchte. Eines Abends ſprachen ſie unter einander von Lilla Graham, deren Briefe, wie Mrs. Hamilton bemerkt hatte, nicht in ihrer gewöhnlichen Weiſe geſchrieben waren. Ellen errieth nur zu leicht den Grund; nur einmal hatte das arme Mädchen auf Edward's vermuthliches Schickſal angeſpielt, aber dieſes eine Mal hatte Ellens Theilnahme das wahre Weſen ihrer Gefühle gegen ihn verrathen. Da indeß Lilla nicht im vollen Vertrauen geſchrieben hatte, ſondern ſo, als wenn ſie fürchtete, zu viel über Gefühle zu ſchreiben, die ſie ſelbſt kaum verſtand, ſo hatte Ellen ihr nicht geantwortet, wie ſie ſonſt gethan haben würde. Es war ſehr klar, daß ſie an Lilla innigſten Antheil nahm, aber da ſie das Geheim⸗ niß, welches Mrs. Hamilton gegenüber beobachtet wurde, von Emmeline erfahren hatte, ſo hatte ſie nicht wieder dar— über geſchrieben, doch ließ ſich Ellen nicht täuſchen; aus jedem Briefe, den ſie erhielt, konnte ſie leicht ſchließen, womit ſich Lilla's ängſtliche Gedanken beſchäftigten. Cecil Graham ließ noch immer nichts von ſich hören, und bei ſo beſondern Umſtänden konnte es nicht auffallen, daß ſie ſo oft beküm⸗ mert und ſorgenvoll war. Mrs. Hamilton brach das Ge⸗ ſpräch ab und bat Ellen, ihr etwas zu ſingen; ſie wählte als ein altes Lieblingslied„die Gräber der Familie“ und ſagte, ſie habe es immer vergeſſen, wenn Ellen ſie gebeten habe, ein Lied zu beſtimmen, das ſie beſonders liebte. Sie ſprach ihr Erſtaunen aus, daß Ellen ſie niemals daran erinnert, da es auch von ihr ein Lieblingslied geweſen wäre. Einen Augenblick zauderte Ellen, dann eilte ſie an das Piano. Mit leiſer, ſüßer und feſter Stimme erfüllte ſie die Bitte ihrer Tante, nur einmal bebte ihre Lippe, denn ſie konnte den Vers nicht ſingen, ohne an Edward zu denken. 235 „Und Einen birgt die blaue See, Er liegt, wo Perlen glänzen, War allgeliebt, und dennoch kann Niemand ſein Grab bekränzen.“ Mr. Hamilton war unbemerkt in das Zimmer getreten und ſtand nun mit übergeſchlagenen Armen und traurigem Blicke da, abwechſelnd ſeine Gattin und ſeine Nichte an⸗ ſehend. Mr. Maitland hatte ihm an dieſem Morgen geſagt, daß nicht mehr die mindeſte Gefahr ſei, und er hatte ge⸗ rathen, Mrs. Hamilton von dem Vorfalle in Kenntniß zu ſetzen, damit die ſchmerzliche Nachricht ſie nicht ganz unvor⸗ bereitet träfe. Er hatte nach Faſſung gerungen und kam nun in der Abſicht, ſeine ſchmerzliche Aufgabe zu erfüllen. Er hatte bemerkt, welches Leiden ſich auf dem Geſichte ſei⸗ ner Nichte ausdrückte, und er konnte die Täuſchung nicht länger fortſetzen. Nach dem Schluſſe des Liedes ſetzte ſich Ellen wieder auf den Seſſel, den ſie zu den Füßen ihrer Tante eingenommen hatte, und ihr Herz war zu voll, um zu ſprechen. „Warum biſt Du ſo ſtumm, mein lieber Gatte?“ ſagte Mrs. Hamilton, und er erſchrak faſt über ihre Anrede. „Darf ich den Gegenſtand ſo tiefen Nachdenkens erfahren?“ „Zum Theil iſt es Ellen,“ erwiderte er und ſprach die Wahrheit;„ich dachte daran, wie bleich und mager ſie aus⸗ ſieht, und wie viel ſie in der letzten Zeit erlebt hat, was ihr Sorge verurſachte.“ „Das iſt wahr, und je früher wir daher Oakwood auf einige Monate verlaſſen können, wie wir beabſichtigten, um ſo beſſer. Ich bin lange eine unruhige Kranke geweſen, meine Ellen, und alle Deine Bemühungen, mir die Geſund⸗ heit wieder zu geben, werden völlig unwirkſam ſein, wenn ich nicht die Farbe auf Deine Wange zurückkehren und Deinen Schritt ſeine Elaſticität wieder gewinnen ſehe.“ „Fürchte nichts für mich, geliebte Tante, ich befinde mich ganz wohl,“ erwiderte Ellen, die nicht aufzublicken wagte, damit man nicht ihre Thränen ſehen ſollte. „Du haſt Recht, meine Ellen,“ ſagte Mr. Hamilton, verließ ſie ihre außerodentliche Charakterſtärke augenblicklich, 236 indem er ſich plötzlich mit großer Anſtrengung aufraffte und ſeine Gattin umarmte.„Du weiſt noch nicht alles, was unſere Ellen im Geheimen um Deinetwillen getragen hat. Du kennſt noch nicht den tiefen Kummer, der die wahre Ur⸗ ſache dieſer Veränderung ihrer Geſundheit iſt, welche Du nun erſt bemerkſt. O meine geliebte Gattin, ich habe es Dir zu ſagen gefürchtet, aber nun Deine Kraft zurückgekehrt, darf ich nicht länger zaudern; um ihretwillen wirſt Du dieſe ſchmerzliche Nachricht ertragen, wie ſie es gethan hat, Du wirſt ſie tröſten, nicht wahr?“ Da öffnete ſich plötzlich die Thür, und die Worte ver⸗ ſtummten auf ſeinen Lippen. Von unerklärlicher Unruhe er⸗ griffen, hatte Mrs. Hamilton ſeine Hand erfaßt, ohne ſpre⸗ chen zu können. Ellen war aufgeſtanden, denn ſie fühlte, daß ſie dieſe traurigen Worte nicht noch einmal hören könnte. Es war James, der Diener, welcher eintrat, und der ihr einen Brief überreichte. Sie blickte hin, ein ſchwacher Schrei entfuhr ihren Lippen, ſie riß den Brief auf, ſah nach dem Namen und ſank bewußtlos nieder. Nachdem ſie ihre Leiden ſo gut ertragen, nachdem ſie ſo glücklich jede Spur der Bewegung zu verheimlichen gewußt, ſo lange Trübſal ihr Loos war, war ſie jetzt zu ſchwach, den plötzlichen Ueber⸗ gang von bitterem Schmerze zu überwältigender Freude zu ertragen. Mr. Hamilton ſprang auf ſie zu; er konnte ihren Fall nicht hindern, aber ſein Auge erkannte die wohlbekannte Schrift Deſſen, den er im Meere begraben geglaubt hatte, und Mrs. Hamilton ſuchte ihre außerordentliche Aufregung zu unterdrücken, und zwang ſich, an nichts zu denken, als das noch immer ohnmächtige Mädchen ins Leben zurückzu⸗ rufen. Einige wenige Worte ſagten ihr Alles. Zuerſt waren Mr. Hamilton's Worte faſt unverſtändlich geweſen, ſolche Dankbarkeit erfüllte ſein Herz. Es dauerte lange, ehe Ellen zum Bewußtſein zurückkehrte; ihr zarter Körper war durch ſeinen beſtändigen Kampf in ihrem Innern vollſtändig er⸗ ſchöpft, und nachdem nun die Freude gekommen war, nach⸗ dem ſie ſich nicht mehr zu beherrſchen oder zu ſorgen brauchte, „ und ſie war in der That nur noch das ſchwache liebende Weib. Ehe Mrs. Hamilton Ellen ins Leben zurückrufen konnte, hatte ſie Zeit, die einfache Erzählung von ihren ſtum⸗ men Leiden zu hören, und ihr Herz glühte von noch größe⸗ rer Liebe und Dankbarkeit gegen das edle Weſen, das um ihretwillen ſo viel ertragen hatte. „War es nur ein Traum, oder las ich wirklich, daß Ed⸗ ward lebt, daß er gerettet wurde, daß er nicht ertrank? O ſag es mir, mein Hirn ſcheint noch zu wirbeln. Gab man mir nicht einen Brief, den er ſelbſt unterzeichnet hatte, oder war es bloße Einbildung?“ „Es iſt Wahrheit, meine geliebte Ellen, der Allmächtige ſtreckte barmherzig ſeine Hand aus, und rettete ihn. Sollen wir ihm nicht danken, mein Kind?“ Wie Thau eine glühende Wüſte, oder Balſam die bren⸗ nende Wunde, ſo trafen dieſe wenigen einfachen Worte Ellens Ohr. Aber der heiße Dank, der aus ihrem Herzen empor⸗ ſtieg, bedurfte nicht der Worte, um ſie Dem angenehm zu machen, deſſen unbegrenzte Barmherzigkeit ſie anbetete. Mrs. Hamilton drückte ſie an ihre Bruſt, küßte ſie immer und im⸗ mer wieder und ſuchte die Worte liebenden Troſtes zu ſpre⸗ chen, die ſelten verfehlten, Ellen zu beruhigen. „Du ſagteſt mir einmal, meine Ellen, das Du nie die große Schuld der Dankbarkeit bezahlen könnteſt, die Du gegen mich zu haben glaubteſt; erinnerſt Du Dich, daß ich Dir damals ſagte, Du könnteſt nicht wiſſen, ob Du nicht eines Tages mich zu Deiner Schuldnerin machen würdeſt, und ſind meine Worte nicht wahr, habe ich nicht richtig pro⸗ phezeit? Welchen Dank bin ich Dir ſchuldig, meine Liebe, daß Du mir ſo viel Kummer und Sorge erſpart haſt! Blicke auf und lächle, meine Ellen, und laß uns verſuchen, ob wir nicht ruhig den Bericht unſers lieben Edward's anhören können. Wenn er da wäre, würde ich ihn ſchelten, daß er Dir ſo plötzlich ſo unausſprechliche Freude gemacht hat.“ Ellen blickte auf und lächelte; es war ein ſtrahlendes Lächeln des reinſten Glücks, und immer und immer wieder las ſie den Brief, als wenn er zu gute Nachrichten enthielte, 238 als daß man ſie glauben könnte, und als wenn es unmög⸗ lich ſei, daß Edward denſelben geſchrieben. Sein Brief war flüchtig, auch ging er auf ſehr viele Einzelheiten nicht ein, die wir, um einen Theil unſerer Erzählung verſtändlich zu machen, in einem andern Kapitel ausführlich berichten müſſen. Der Brief war von Rio Janeiro datirt und offen⸗ bar in der Vorausſetzung, geſchrieben, daß ſeine Schweſter be⸗ reits einen früheren erhalten, der die Einzelheiten ſeiner Ret⸗ tung enthielt, und den er nur ſieben Tage nach ſeinemangeblichen Tode unter der Adreſſe vom Capitain Seaforth an ſie ge⸗ ſchickt hatte. Hätte der Capitain dieſen Brief erhalten, ſo würde ihnen alle Angſt erſpart worden ſein; denn da er an Mr. Hamilton erſt eine Woche nach Edward's Verſchwinden ſchrieb, ſo würde ihn Edward's Brief zuerſt erreicht haben; es war daher ſehr klar, daß er unterwegs verloren gegangen, und da Edward in Folge des unſichern Weges, wie er den⸗ ſelben abgeſchickt hatte, fürchtete, daß dies der Fall ſein möge, ſo ſchrieb er noch einmal. Er hatte ſich, wie er ſagte, von allen üblen Folgen erholt, indem er lange auf einer ſchmalen Blanke im Waſſer hatte ſchwimmen müſſen. Er ſei mit großer Güte und Freundlichkeit von der ganzen Mannſchaft der Alma, eines ſpaniſchen Schiffes, das nach Rio Janeiro und von dort nach New⸗York beſtimmt geweſen ſei, behandelt worden, beſonders von einem Engländer, Lieute⸗ nant Mordaunt, deſſen energiſchen Anſtrengungen er größ⸗ tentheils ſeine Rettung verdanke, denn er hatte den Capitain veranlaßt, ein Boot auszuſetzen, um zu unterſuchen, was für ein ſeltſamer Gegenſtand auf den Wogen ſchwämme. Lieute⸗ nant Mordaunt habe etwas Eigenthümliches, was er ihr nicht erklären könne, was ihm aber unwiderſtehlich ſeine Ach⸗ tung, wenn nicht ſeine Liebe erworben habe. Seine Ge⸗ ſchichte ſei eine ungewöhnliche, aber er habe ſie noch nie ganz gehört und habe keine Zeit, ſie zu erzählen, da er in großer Eile ſchreibe. Er ſprach die Hoffnung aus, daß ſich ſeine Verwandten ſeinetwegen nicht beunruhigt hätten, und daß er bald zurückkehren würde, denn ſobald das langſame ſpa⸗ niſche Schiff ſeine Geſchäfte in den Häfen längs der Küſte 239 von Spaniſch⸗Amerika erledigt haben würden, und nach New⸗ York käme, hätte Lieutnant Mordaunt und er ſich entſchloſ⸗ ſen, es zu verlaſſen und mit dem erſten abgehenden Paquet⸗ boot nach England zurückzukehren. Ein Brief nach New— York könnte ihn noch erreichen, aber es hänge vom Zufall ab; deshalb erwarte er keine Nachricht von Hauſe, und er werde ſich nun um ſo mehr beeilen, ſelbſt zu kommen. Raſch verbreitete ſich die Nachricht, daß Edward Fortes⸗ cue lebe und vollkommen geſund nach Hauſe zurückkehre, und erfreute Alle, die ſie hörten. Augenblicklich wurde ein Bote nach dem Pfarrhauſe von Trevilion abgeſchickt, um Arthur und Emmeline die fröhliche Botſchaft mitzutheilen, und der nächſte Tag ſah ſie Beide in Dakwood, um ſich mit Ellen über dieſe unerwartete, aber höchſt willkommene Kunde zu freuen. Alle, die Mr. Hamilton's und Ellens Befürchtun— gen gekannt hatten, nahmen auch den innigſten Antheil an der Löſung derſelben. Selbſt Mrs. Greville verließ ihr einſames Haus, um die Freunde ihrer Jugend aufzuſuchen; ſie hatte daſſelbe vorher gethan, ſo oft Trübſal ihr Loos war. Mehr als einmal hatte ſie Ellens Aufgabe als Kran— kenpflegerin getheilt, als Mrs. Hamilton's Fieber am höch⸗ ſten geweſen war; freundlich und verſtändig hatte ſie im Schmerz zu tröſten geſucht, und ihr Charakter war viel zu wenig egoiſtiſch, um ihre Theilnahme im Glück zu ver⸗ weigern. Einige Wochen nach dem Empfange des Briefes begaben ſich Mr. Hamilton, ſeine Gattin und Ellen auf eine ſchöne kleine Villa in der Nähe von Richmond, wo ſie einige Wintermo⸗ nate zuzubringen beabſichtigten. Eine Veränderung war für Alle wünſchenswerth und erforderlich. Es war ſeit dem Tode ihres lieben Herbert erſt eine kurze Zeit vergangen, und oft blutete noch den Eltern das Herz, und ſie fühlten, daß Einſamkeit, gegenſeitiges Zuſammenſein und biswei⸗ len die Anweſenheit ihrer liebſten Freunde, ſowie die Er⸗ füllung häuslicher und religiöſer Pflichten die wirkſamſten Mittel ſein würden, um den Frieden zu erlangen, deſſen ſelbſt die größte Trübſal ein wahrhaft religiöſes Gemüth 1 240 nicht berauben kann. Zu Weihnacht hatte St. Eval ver⸗ ſprochen, mit ſeiner Familie zu ihnen zu kommen, und Alle ſahen dieſer Zeit mit Vergnügen entgegen. Zehntes Kapitel. Edward hatte mit hoher Achtung vom Lieutenant Mor⸗ daunt geſprochen, aber da er eine Perfönlichkeit war, die von größerer Wichtigkeit für ihn werden ſollte, als der junge Forteseue ſich dachte, ſo müſſen wir ihn unſern Leſern näher bekannt machen. Es war an dem Abend, nachdem Lieutenant Fortescue dem Sturme ſo muthig getrotzt hatte, da verfolgte ein ſpa⸗ niſches Schiff von einigen hundert Tonnen langſam ſeinen Lauf von der Küſte von Guinea nach Rio Janeirv. Die See war ſtill, faſt regungslos, im Vergleich mit ihrer früheren furchtbaren Aufregung. Die Matroſen waren heiter mit ihren verſchiedenen Arbeiten beſchäftigt und erklärten, daß ſie dieſe Windſtille der Fürbitte St. Jagos' zu verdanken hätten, da er der Heilige war, den ſie während des Stur⸗ mes zuletzt angerufen hatten. Abſeits von der Mannſchaft ſtand an den Maſt gelehnt ein Mann, der dem Anſchein nach ſehr verſchieden von ſeinen Umgebungen war. Es war ein engliſches Geſicht, aber durch ſeinen beſtändigen Aufent⸗ halt in einer tropiſchen Sonne faſt ſchwarz gebrannt. Er war groß und wohlgebildet und man konnte vorausſetzen, daß er von edler Geburt ſei; indeß waren Spuren langen Leidens ſeinem männlichen Geſicht und ſeiner Geſtalt aufgeprägt, die bisweilen mehr durch Schwäche, als durch Alter leicht gebeugt erſchien. Sein dunkelbraunes Haar war an vielen Stellen mit Grau untermiſcht, und dies gab ihm ein Aus⸗ ſehen, als wenn er mindeſtens einige 50 Jahre zählte, wie⸗ 241 wohl er zu Zeiten nach dem Ausdrucke ſeines Geſichts für volle 10 Jahre jünger gehalten werden konnte. Schwermuth prägte ſich in ſeinen Zügen aus, aber ſein Auge flammte und ſeine Wange ſtrahlte und verrieth, daß noch ein hoher feuriger Geiſt in ſeinem Innern wohnte, ein Geiſt, der, wie ein ſcharfer Beobachter bemerkt haben würde, durch Leid und Unglück unterdrückt worden war. Es war in der That ein Geſicht, auf dem ein Phyſiognom oder ein Maler mit Ver⸗ gnügen geweilt haben würde, denn beide würden darin ein Intereſſe gefunden haben, das ſie ſich kaum zu erklären ge⸗ wußt hätten. Indem Lieutenant Mordaunt in ſo nachdenklicher Stellung da ſtand, wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch einen Gegenſtand auf ſich gezogen, der auf dem nunmehr ruhigen Meere ſchwamm. Es waren keine Schiffe in der Nähe, daher fühlte Mordaunt ſeine Augen wie durch einen Zauber nach dieſer Richtung gezogen, und als er ſchärfer hinſah, war er überzeugt, daß es eine menſchliche Geſtalt ſei, die ſich an eine Planke hielt. Er ſuchte augenblicklich den Capitain auf und bemühte ſich, durch alle Gründe der Menſchlichkeit ihn zu veranlaſſen, ein Boot auszuſetzen. Einige Zeit bat er vergebens, Capitain Bartholomews ſagte, es ſei bloſe Thorheit daran zu denken, daß es möglich ſei, einem Men⸗ ſchen das Leben zu retten, der ſo lange auf dem Waſſer umhergeworfen worden, es würde ihn nur um nichts und wie⸗ der nichts aufhalten; ſein Schiff ſei bereits zu voll und er wolle es nicht. Feuer flammte aus den dunklen Augen Mordaunt's bei den gleichgültigen Worten des Capitains, und er ſprach noch einmal mit all der kühnen Beredſamkeit eines engliſchen Seemanns. Er ſchonte nicht die grauſame Rückſichtsloſigkeit, die ſich weigern konnte, einem Mitmenſchen das Leben zu retten, blos weil es einigen Aufenthalt verurſachen könnte. Capitain Bartholomews ſah ihn erſtaunt an; er hatte einen ſolchen Ausbruch der Entrüſtung nicht von einem Manne erwartet, deſſen Schwermuth und Liebe zur Einſamkeit er verachtete; und ohne ein Wort zu erwidern, eilte er nach Der Lohn einer Mutter. II. 16 242 dem Verdeck, blickte nach der Richtung der Planke, die nun dem Schiffe ſo nahe gekommen war, daß man Edward deutlich darauf ſehen konnte, und befahl dann augenblicklich ein Boot auszuſetzen und ihn an Bord zu bringen. „Wir werden weiter nichts thun, als ihn aus der See holen, um ihn wieder hineinzuwerfen,“ ſagte er auf Spaniſch zu dem Lieutenant, der nun ängſtlich die Anſtrengungen der Matroſen beobachtete, welche thatkräftiger als ihr Capitain die Planke und ihre Bürde in das Boot gebracht hatten, und nun raſch dem Schiffe wieder zuruderten.„Nie war der Tod dem Geſichte eines Menſchen deutlicher aufgeprägt, als hier, aber ich habe Ihnen den Willen gethan; nur verlan⸗ gen Sie nicht von mir, daß ich eine Leiche an Bord behalten ſoll, meine Leute würden auf der Stelle in Meuterei aus⸗ brechen.“ Mordaunt antwortete nicht, ſondern eilte auf die Lauf⸗ planke zu, wo die Bootsmannſchaft heraufſtieg. Sie löſten vorſichtig die Stricke, welche den Körper an der Planke feſt⸗ hielten, und legten ihn auf einen Haufen Kiſſen, wo das Licht der untergehenden Sonne ſein Geſicht und ſeine Geſtalt beſchien. Ein einziger Blick ließ Mordaunt erkennen, daß es ein engliſcher Offizier war; ein zweiter ließ ihn erſtaunt einige Schritte zurückprallen. Als der Jüngling ſo da lag, gaben ihm die tödtliche Bläſſe ſeines Geſichts, die außeror⸗ dentliche Schönheit ſeines Halſes und eines Theils ſeines Nackens, die, da die Matroſen ihm raſch das Halstuch ab— gebunden und das Wamms geöffnet hatten, vollſtändig zu ſehen waren, die ſchön gebildete Stirne, die mit dicken gol⸗ denen Locken bedeckt war, ſo ſehr das Ausſehen eines Mäd— chens, daß die Matroſen einander luſtig anſahen, als wenn ſie ſich wunderten, was für ein Recht er auf eine Matroſen⸗ jacke habe; aber Mordaunt's Augen wichen nicht von ihm. Es überkamen ihn ſo viele Gedanken an ſeine Jugend, ſeine Heimath und an glückliche Zeiten, daß Thränen in ſeine Augen traten, die er ſeit vielen Jahren nicht vergoſſen hatte, und dennoch wußte er nicht warum; er hätte, wenn er ge⸗ fragt worden wäre, die Urſache ſeiner Aufregung nicht erklären, 243 können, aber jemehr er das ſchöne Geſicht anſah, um ſo raſcher drängten ſich jene Erinnerungen in ſeine Seele. Er rief ſich die Tage ſeiner glücklichen Kindheit, die lange ſchlummernde Liebe zurück, und ſeine Bruſt ſehnte ſich nach der Heimath, als wenn nicht lange Zeit verfloſſen wäre, ſeit er ſie zum letzten Male geſehen, als wenn er alle Diejenigen, die er liebte, wieder finden würde, wie er ſie verlaſſen. Und was hatte dieſe Erinnerungen zurückgeführt? Wer war der Jüng⸗ ling, auf dem ſein Blick ruhte, und gegen den er eine ſo wunderbare und plötzlich erwachte Liebe fühlte, daß er ſie nicht abſchütteln konnte? Aller Wahrſcheinlichkeit nach ſtand er in keiner Beziehung zu ihm, und vergebens ſuchte er ſich die Empfinduugen zu erklären, welche dieſe ſchönen Züge in ihm erweckt hatten. Als Zeichen des Lebens in der er⸗ ſchöpften Geſtalt, die vor ihm lag, ſich zu regen ſchienen, raffte er ſich auf und bat, den Jüngling in ſeine Kajüte zu bringen. Er ſei ſein Landsmann, ein Offizier gleichen Ranges, wie aus ſeinen Epauletten hervorgehe, und er würde ſich nicht ruhig fühlen, wenn ein anderer ihn in ſeine Obhut nähme. Als er vom Verdeck in die Kajüte getragen wurde, fiel ein kleines Buch aus ſeinem Wamms, das Mordaunt mit einiger Neugierde aufhob, um zu ſehen, was einem jungen Seemanne ſo theuer ſein könne. Es war eine Taſchenbibel, die einer zweiten, die Mordaunt beſaß, ſo ähnlich war, daß er ohne faſt zu wiſſen, was er that, die ſeine aus der Taſche zog, um ſie zu vergleichen.„Wie kann ich ſo thöricht ſein,“ dachte er,„liegt etwas Seltſames darin, daß zwei engliſche Bibeln einander gleichen? und er ſteckte die ſeine wieder ein, ſchlug die andere auf und erſtaunte aufs Neue.„Charles Manvers,“ rief er aus, als dieſer Name ſeinen Augen be⸗ gegnete,„barmherziger Himmel! Wer iſt dieſer Jüngling? Von wem kann er dieſe Bibel geſchenkt erhalten haben?“ Seine Aufregung war ſo groß, daß er nur ſchwer die darunter ge⸗ ſchriebenen Worte leſen konnte: „Edward Fortescue! O, wann wird dieſer Name dem ſeinen gleichen, dem dies Buch einmal gehörte? Ich mag ein ebenſo tapferer Seemann ſein, aber was wird mich zu einem 16* 244 eben ſo guten Menſchen machen? Dies heilige Buch, er liebte es, und ſo will auch ich es lieben.“ Darunter, und offenbar in ſpäterer Zeit geſchrieben, ſtand:„Ich fing an hierin um der Geliebten willen zu leſen, denen es, wie ich wußte, Alles in Allem war. Ich dachte nicht, daß es mir um ſeiner ſelbſt willen das liebe und heilige Buch wer⸗ den würde, das ſie darin ſahen, aber ich irrte mich; wie oft hat es mich in den Stunden der Verſuchung beruhigt, in der Erfüllung meiner Pflichten geleitet, in den Augenblicken des Zornes gebändigt und mich reuig und demüthig zu den Füßen meines Gottes gebracht. O, meine geliebte Ellen, wäre dieſe Bibel vor drei Jahren mein Begleiter geweſen, wie ſie es jetzt iſt, welches Elend würde ich Dir erſpart haben?“ Andere Denkwürdigkeiten waren in demſelben Style auf die leeren Blätter geſchrieben, welche zu dieſem Zwecke eingeheftet zu ſein ſchienen, aber keines derſelben löſte das Geheimniß, welches Mordaunt in ſolche Verwirrung ſetzte. Der Name Fortescue war ihm gänzlich unbekannt und machte es ihm nur unbegreiflicher, weshalb der Jüngling einen ſo wunderbaren Eindruck auf ſeine Seele gemacht habe. Es ſtanden noch viele Namen in dieſen Denkwürdigkeiten, aber ſie erklärten nichts; nur der eine fiel ihm auf, der in den Stunden der Trübſal, der Seclaverei, immer in ſein Ohr geklungen war, der heißgeliebte Name eines Mädchens, das er an ſein ſehnendes Herz zu drücken gewünſcht hatte,— es war der Name Emmeline. Und als er denſelben las, kehrte derſelbe Strom von Erinnerungen zurück, als da er Edward zum erſten Male ſah. Vergebens ſagte ihm ſeine Vernunft, daß es ſehr viele Emmelinen in ſeinem Vaterlande gebe; dieſer Name erinnerte ihn blos an die Eine. Wiewohl der Jüngling wieder zu ſich kam, ſo war er doch noch viel zu ſchwach und erſchöpft, um ſprechen zu wollen, und Mordaunt wachte einen Tag und zwei Nächte an ſeinem Lager, ehe der Arzt ihm geſtattete eine Frage zu thun, oder Edward ſie zu beantworten. Oft indeß hatte während dieſes Zeitraums der junge Fremde ſeine hellen blauen Augen mit einem 245 dankbar gefühlvollen Blicke auf Den gerichtet, der ihn mit väterlicher Sorge pflegte, und die Farbe, der Ausdruck die⸗ ſer Augen ſchien Mordaunt's Herz zu ergreifen und noch eindringlicher von der Vergangenheit zu ſprechen. „Laſſen Sie mich nur zwei Zeilen ſchreiben, um den Ca⸗ pitain ſofort zu benachrichtigen, daß ich gerettet bin und mich wohl befinde,“ ſagte Edward ungeſtüm, als er mit er⸗ neuter Kraft von dem Lager aufſprang, an das er ſo lange wider ſeinen Willen gefeſſelt geweſen war. „Und wie ſollen wir den Brief befördern, mein junger Freund? Es iſt auf dem weiten Meere nicht ein einziges Schiff in Sicht. Edward ſtieß einen Ausruf des Unmuths aus, dann be⸗ zähmte er ſich und ſagte:„Entſchuldigen Sie mich, Sir, ich ſollte nur an meine Rettung denken und einigermaßen meinen Dank gegen Sie auszuſprechen ſuchen, deſſen edel⸗ müthigen Anſtrengungen mit dem Beiſtande des Himmels ich mein Leben verdanke. O, ich wünſchte, daß meine Tante und meine Schweſter da wären, ihre Dankbarkeit für meine Rettung, den ſie vielleicht nur zu zärtlich lieben, würden einem Herzen wie dem Ihrigen wohlthun. Ich fühle, was ich Ihnen ſchuldig bin, Lieutenant Mordaunt, aber ich kann es nicht in Worten ausſprechen.“ „In Himmels Namen, junger Mann, ſagen Sie mir, wer Sie ſind!“ ſagte Mordaunt faſt unhörbar, indem er Edward's Hand ergriff und ihm geſpannt ins Geſicht ſah, denn jedes Wort, das er ſprach und das durch die feurige Lebhaftigkeit ſeiner Züge unterſtützt wurde, ſchien die außer⸗ ordentliche Aehnlichkeit noch vollſtändiger zu machen. „Edward Forteseue iſt mein Name.“ „Aber der Name Ihrer Mutter?“ Ich frage nicht aus bloßer Neugier.“ „Sie war die jüngſte Tochter Lord Delmont's, Elenor Manvers.“ Mordaunt ſah den Jüngling noch aufwerkſamer an, dann murmelte er heiſer:„Ich wußte es, es war keine Einbildung,“ und ſank faſt überwältigt von augenblicklicher Aufregung ———— 246 zurück. Indeß ſammelte er ſich faſt ſogleich wieder, und ehe Edward ſeinem Erſtaunen Worte geben konnte, fragte er: „Lebt Lord Delmont noch? Ich kannte ihn einſt, er war ein guter alter Mann.“ Seine Lippen bebten, daß man ſeine Worte faſt nicht verſtehen konnte. „O nein, die Abfahrt meiner Mutter nach Indien war eine Prüfung für ihn, die er nie überwinden konnte, um die Nachricht, daß ſein einziger Sohn, ein tapferer Offizier, mit der Mannſchaft des Leander untergegangen ſei, brach ihm vollends das Herz, er erholte ſich nie wieder, und ſtarb nach einigen Monaten.“ Mordaunt bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, und blieb einige Minuten ſtumm, als wenn er mit ſeinen Ge⸗ fühlen kämpfte; dann ſagte er:„Sie ſprachen blos von Ihrer Tante und Ihrer Schweſter, lebt Ihre Mutter nicht mehr?“ „Sie ſtarb, als ich wenig älter als 11 Jahre und meine Schweſter kaum 10 Jahre alt war. Nachdem mein Vater Oberſt Fortescue in Indien geſtorben, konnte ſie es nicht mehr ertragen, länger dort zu bleiben, doch mußten wir an der Küſte von Wales vor den Stürmen eine Zuflucht ſuchen, und dann hatte ſie nur noch Zeit, uns der Obhut ihrer Schweſter zu übergeben, nach der ſie geſchickt hatte, und in ihren Armen ſtarb ſie. „Und iſt es ihre Schweſter, oder die Ihres Vaters, von der Sie ſoeben ſprachen?“ „Meine Tante Mrs. Hamilton.“ „Hamilton, und ſie lebt noch? Sie ſagten, Sie kannten ſie,“ wiederholte Mordaunt, indem er plötzlich aufſprang und in einem ſo lebhaften Tone ſprach, der Edward faſt eben ſo ſehr in Verwirrung brachte, wie ſeine frühere Unruhe. „Sprachen Sie von ihr, junger Mann; erzählen Sie mir etwas von ihr; o, es iſt ſo lange her, daß ich ihren Namen nicht mehr gehört habe.“ „Kannten Sie meine Tante? Ich habe ſie nie Ihren Namen nennen hören, Lieutenant Mordaunt.“ „Sehr möglich,“ erwiderte er, und ein leiſes Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, das ſeinem Geſichte einen Ausdruck gab, worüber der junge Forteseue erſtaunte, denn die Züge ſchienen ihm bekannt zu ſein.„Ich kannte ſie nur in meinem Knabenalter, und ſie war gut gegen mich. Wir vergeſſen nicht leicht die Erinnerungen an unſere Kindheit, mein jun⸗ ger Freund, beſonders wenn das Mannesalter eine öde Wüſte oder von Schmerz begleitet geweſen iſt. In den Stunden der Selaverei verfolgte mich oft, im Traum und Wachen, der Blick und das Lächeln Emmelinens; aber ſie iſt verhei⸗ rathet, aller Wahrſcheinlichkeit nach eine glückliche Gattin und liebende Mutter; Segen umgiebt ſie, und ſie hat höchſt wahrſcheinlich den Knaben vergeſſen, dem ihre Güte ſo theuer war.“ „Stunden der Sclaverei?“ fragte Edward, denn dieſe Worte allein hatten ſeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt.„Können Sie, ein freier britiſcher Seemannjemals Sclave geweſen ſein?“ „Jawohl, mein junger Freund. Sieben Jahre ſchmachtete ich in den ekelhaften Gefängniſſen von Algier, und die letzten ſechszehn Jahre war ich Sclave.“ Edward ergriff mit unwiderſtehlichem Drange ſeine Hand, während er zugleich an ſein Schwert faßte und ſein Geſicht die mächtige Entrüſtung ſeines jungen tapfern Gei⸗ ſtes ausſprach, wiewohl er für den Augenblick keine Worte hatte. Lieutenant Mordaunt lächelte wieder— ein Lächeln, welches in unerklärlicher Weiſe Edward mit Achtung und Liebe erfüllte. „Ich bin nun frei, mein tapferer Sohn,“ ſagte er,„ſo frei, als wenn die ſchmerzlichen Feſſeln der Sclaverei meinen Nacken niemals gebeugt hätten. Eines Tages ſollen Sie mehr hören. Nun thun Sie mir den Gefallen und erzäh⸗ len Sie mir von Ihrer Tante, ſagen Sie mir ob ſie Kin⸗ der hat, ob ihr Gatte noch lebt, ob Mrs. Hamilton immer noch daſſelbe ſanfte, liebevolle Weſen, derſelbe feſte unwan⸗ delbare Charakter iſt, wenn die Pflicht ſie rief, wie die Emmeline Manvers, die ich einſt kannte.“ Mit einer Lebhaftigkeit, die wiederum die Augen des Lieutenants Mordaunt an ſein Geſicht feſſelte, ging Edward 248 auf den Gegenſtand ein. Kein anderer würde ihm lieber ge⸗ weſen ſein; Mordaunt hätte wenige wählen können, welche ſei⸗ nen jungen Freund ſo beredt gemacht haben würden. Ein ſo leidenſchaftlicher Seemann er war, ſo beſaß doch die Hei⸗ math für Edward immer noch unwiderſtehliche Reize, und die treue Liebe, Dankbarkeit und Ehrfurcht, die er für ſeine Tante fühlte, ſchien mit den Jahren zu wachſen. Weder Perey noch Herbert konnten ſie mehr lieben. Er erzählte Alles, was er ihr ſchuldete, und nicht blos er, ſondern auch ſeine verwaiſte Schweſter; er ſagte, daß ſie ihnen beiden eine zweite Mutter geweſen ſei, daß ſie niemals zwiſchen ihnen und ihren eigenen Kindern den mindeſten Unterſchied gemacht habe. Er malte mit lebhaften Farben die häuslichen Freu⸗ den von Oakwood, die liebevolle Uebereinſtimmung, die dort herrſchte, bis Mordaunt's Augen vor Bewegung glänzten; und ehe dies Geſpräch aufhörte, hatte ſich alle die Liebe, die ſo viele lange Jahre ſich nach einem Gegenſtand geſehnt hatte, auf den edlen Jüngling gewandt, deſſen Rettungswerk⸗ zeug er durch Vermittelung der Vorſehung geweſen war. Edward fand es nicht im Mindeſten ſonderbar, daß Jemand, der ſeine Tante, wenn auch vor noch ſo vielen Jahren ge⸗ kannt hatte, ſich ihrer immer noch lebhaft erinnerte und Weiteres von ihr zu wiſſen wünſchte; und ſeine Gefühle ſprachen laut für einen Mann, deſſen Theilnahme an Allem, was ſie betraf, augenſcheinlich ſo groß war. Sein erſter Brief an ſeine Familie, den er in einen ſeines Capitains einlegte, ſprach ſehr viel von Mordaunt, und er konnte ſeine Verwun⸗ derung nicht verbergen, daß ſeine Tante niemals eines Mannes erwähnt habe, der ſich ihrer ſo gut erinnere. Die⸗ ſer Brief kam, wie wir wiſſen, niemals an, und der nächſte, den er ſchrieb, ging nicht auf Einzelheiten ein, außer was ihn ſelbſt betraf. Als er wieder nach Hauſe ſchrieb, war er ſo ſehr an Mordaunt gewöhnt, daß er dachte, er müſſe ſei⸗ ner Familie ebenſogut bekannt ſein, wie ihm, und wiewohl er ſeinen Namen wiederholt erwähnte, ſo dachte er nicht daran, ſich nach ihm zu erkundigen. Edward's Thätigkeit als Seemann und ſeine anmuthige 249 höfliche Art und Weiſe als Menſch, gewannen ihm bald das Herz Capitain Bartholomews und ſeiner ganzen Mannſchaft. Immer der Erſte, wenn es etwas am Bord oder am Ufer zu thun gab, lebhaft, muthig und freundlich entgegenkommend, wurde ſein Erſcheinen auf dem Verdeck immer mit Freuden begrüßt. Die verſchiedenen Charakter, die ſich in der ſpani— ſchen Mannſchaft ſeiner Beobachtung darboten, die vielen Häfen, die er berührte, machten ihm fortdauernd viel Ver⸗ gnügen, wiewohl ſeine Gedanken ſehr oft bei ſeinem lieben Schiffe weilten und er den heißen Wunſch hegte, bald wieder an ſeinem Verdeck Dienſte thun zu können. Inmitten dieſer wechſelnden Scenen wurde Edward und ſein Freund faſt unzertrennlich, ſo verſchieden ihr Alter und ſcheinbar auch ihre Gemüthsart war. Ein unwiderſtehlicher Trieb drängte Edward wiederholt, von ſeiner Heimath zu erzählen, bis Mordaunt mit allen Gliedern der Familie genau bekannt war. Von Herbert ſprach Edward mit Enthuſiasmus; er wußte nicht, daß der Couſin, deſſen Charakter er ſo verehrte, in ſeine letzte Heimath eingegangen war, und daß er ihn nie wieder ſehen werde. Briefe, welche dieſen Trauerfall mel⸗ deten, waren an ſein Schiff abgegangen und kamen dort gerade eine Woche nach dem Verſchwinden des jungen See⸗ manns an, und nachdem Capitain Seaforth, der ſich gerade auf der Fahrt nach England befand, ſeine Rettung erfahren hatte, bot ſich keine Gelegenheit, dieſelben ihm zuzuſchicken. Seine wiederholte Erwähnung Herbert's in ſeinen Briefen, ſein Verlangen, etwas von ihm zu hören, war ſeiner Familie höchſt ſchmerzlich, und Ellen war ſehr beſorgt, daß er die Wahrheit erfahren ſollte, ehe er zurück kehrte. Unter andern Gegenſtänden, die ſie mit einander beſprachen, fragte Mor⸗ daunt einmal Edward, wer nun den Titel Lord Delmont führte, und er hatte ziemlich aufgeregt geſchienen, als er er⸗ fuhr, daß der Stamm nun erloſchen ſei, und zwar durch den traurigen Tod des verſprechenden jungen Edelmannes, der den Titel geerbt hatte.— „Sir George Wilmot hat ſich alſo in ſeiner Vorherſagung getäuſcht,“ bemerkte er nach einer Pauſe.„Ich erinnere mich, — — * als ich unter ſeinem Commando ſtand, wiederholt ſeine Pro⸗ phezeihung gehört zu haben, daß ein Delmont die Ehre ſei⸗ nes alten Hauſes durch Kriegsruhm zur See wiederher⸗ ſtellen würde. Der arme Charles war immer ſein Liebling unter uns.“ „Sie waren alſo meines Onkels Kamerad,“ ſagte Edward in erſtauntem und freundlichen Tone,„warum ſagten Sie mir dies nicht ſchon früher, damit ich alle die Fragen hätte thun können, die ich in Betreff ſeiner ſo gern beantwortet haben möchte?“ „Und was haben Sie von Charles gehört, was dieſes außerordentliche Intereſſe weckt?“ erwiderte Mordaunt mit ſeinem eigenthümlichen Lächeln.„Ich hätte denken ſollen, daß mein armer Freund in ſeiner Heimath vergeſſen wäre.“ Vergeſſen! und von einer Schweſter, die ihn ſo liebte, die nie aufhörte ſein trauriges Schickſal zu beklagen, die immer ſein Beiſpiel meiner jungen Phantaſie als eines von denen vorhielt, denen ähnlich zu werden mein Stolz ſein ſollte. Wenn Sie meine Tante kannten, wie ich Sie ein paar Mal habe ſagen hören, ſo dürfen und können Sie nicht ver⸗ muthen, daß ſie Jemand vergeſſen, den ſie ſo liebte, wie ihren Bruder. Mein Onkel Charles iſt ihrem Gedächtniß zu tief eingeprägt, als daß die Zeit ſein Bild verwiſchen könnte.“ Thränen ſtiegen bei dieſen Worten in Mordaunt's Augen, er wande ſich einen Augenblick bei Seite, um ſeine Aufre⸗ gung zu verbergen, dann fragte er, ob Sir George Wilmot jemals von Manvers geſprochen habe. Lebhaft erzählte Edward, wie bewegt der alte Admiral am erſten Abend, wo er ihn in Qakwood geſehen, geweſen ſei, mit welchem Gefühl er von Manvers geſprochen, den er, wie er ſagte, immer als den Sohn ſeiner Liebe, den Liebling ſeines kinderloſen Alters, als ſeinen tapferen fröhlichen Charles betrachtet habe. Mordaunt faßte Edward's Arm und ſah ihm ins Ge⸗ ſicht, als wenn er ihm für den Troſt danken wollte, den ſeine Worte enthielten. Wiederum lag ein Ausdruck in ſeinem Geſicht, der das Herz des jungen Mannes ergriff, aber ver⸗ gebens ſuchte er zu entdecken, warum? Wir können hier vielleicht in kurzen Worten Mordaunt's Leidensgeſchichte erzählen, die er zu verſchiedenen Zeiten Edward mittheilte. Das Wrack des Schiffes, dem er an⸗ gehörte, hatte ihn nebſt einem oder zwei andern ſeiner unglücklichen Gefährten an das Geſtade von Algier gewor⸗ fen. Dort wurden ſie von den grauſamen Mauren ergriffen und als Spione vor den Dey geführt, und auf ſeinen Be⸗ fehl wurden ſie in die Kerker der Feſtung geworfen, wo ſchon viele unglückliche Gefangene ſeit vielen Jahren ſich befanden. Acht Jahre lang war er ein Bewohner dieſer furchtbaren Gefängniſſe, ein unfreiwilliger Zeuge der vielen Qualen und Grauſamkeiten, die ſeinen Mitgefangen und oft auch ihm ſelbſt angethan wurden. Wer das Bombardement von Algier kennt, das ſo geſchickt von dem Admiral Sir Edward Pellew, dem ſpätern Vicomte Exmouth geleitet wurde, ein Unterneh⸗ men, welches zum Zweck hatte, die Mißhandlungen zu. rächen, welche der Dey gegen alle die unglücklichen Fremden übte, die ſeine Küſte beſuchten, ſo kann man ſich denken, welche Leiden Mordaunt zu ertragen hatte. Bei der erſten Nach⸗ richt, daß ſich eine feindliche Flotte an der Küſte der Barba⸗ rei näherte, wurden die kräftigſten Gefangenen auf verſchie⸗ dene Märkte gebracht und dort als Sclaven verkauſt. Zu dieſen gehörte auch Mordaunt; Gefangenſchaft und Leiden hatten ſeinen jugendlichen Geiſt nicht getrübt und ſeinen Körper nicht ſo geſchwächt, um ihn zur Arbeit unfähig zu machen. Kaum 20 Jahr alt, als das Unglück ihn erfaßte, laſſen ſich die Qualen, die er in den acht bis neun Jahren zu erdulden hatte, beſſer denken als ſchildern. Er hatte als Jüngling mit all der friſchen elaſtiſchen Schwungkraft der Jugend das Gefängniß betreten, er verließ es als Mann; aber ach, wie ſollte er nun die Blüthe ſeines männlichen Alters, der er in ſeinen Träumen von ſeiner Zukunft mit ſo glänzender Hoffnung entgegengeſehen hatte, zubringen? Als Sfclave, immer ſteigendem Druck und immer größeren Miß⸗ handlungen wegen ſeiner Religion ausgeſetzt, die er nicht zu verlaſſen geſchworen hatte. Er behielt die Bibel, die zuerſt nur als Gabe ſeiner geliebten Schweſter für ihn ein Schatz geweſen war, und in allen Wechſelfällen ſeines Schickſals ließ er ſie nicht von ſich. Mordaunt fühlte zuerſt, daß ſich ſein Geiſt der Sclaverei nicht ruhig unterwerfen könne, und er machte verſchiedene Pläne und führte ſie zum Theil aus, um ſeine Freiheit zu erhalten, aber alle wurden ſchließ— lich vereitelt durch die Vorſicht ſeiner Herren, die viel zu ſehr an den Ungehorſam ihrer Sclaven gewöhnt waren, als daß ihnen ſolche Verſuche viel Unruhe verurſacht hätten. Dennoch verzweifelte Mordaunt nicht; immer noch erfüllte die Hoffnung auf Freiheit ſeine Bruſt, ſelbſt als er das Ei⸗ genthum eines Türken wurde, der, wie auch Mordaunt erklärte, wenn er nur ein Chriſt geweſen wäre, ſeine Ehr— furcht, wenn nicht ſeine Liebe in Anſpruch genommen haben würde. Fünf Mal war er zum Verkauf ausgeſtellt worden, und jeder Herr hatte ihm grauſamer und härter geſchienen, als der vorige. Es würde einen viel größeren Raum unſerer Erzählung in Anſpruch nehmen, als wir entbehren können, alle ſſeine Leiden zu erzählen, aber ſie waren der Art, daß Jeder, nur nicht Mordaunt, ſich vergleichsweiſe zufrieden und glücklich gefühlt haben würde, als er in den Dienſt Muhamed Ali's, eines hohen Beamten am Hofe von Tunis eintrat. Er war ein Beweis für die Behauptung, daß alle Religionen etwas Gutes haben. Leid und Trübſal waren ſeinem Dache fremd. Seinen Thüren nahte kein Elend, und Mordaunt war in der That aus Mitleid gekauft worden, das ſeine offenbaren Leiden, körperliche wie geiſtige, erregt hatten; es wurde keine Mühe geſpart, ſeine körperlichen Uebel zu heilen, aber vergebens ſuchte Muhamed Ali die Laſt des Kummers zu vermindern, die er auf der Stirn ſeines chriſtlichen Gefangenen ausgeprägt ſah. Mordaunt's edler Geiſt ward von der gütigen und freundlichen Behandlung gerührt, die er erfuhr, und machte keinen Verſuch zu entflie⸗ hen, denn er fühlte, daß dies ein unehrenhafter Dank ſein würde; aber bei alle dem blieb er Selave. Keine Feſſeln verwundeten ſeine Glieder, aber die Feſſeln der Sclaverei erfüllten ſeinen Geiſt mit tiefem Kummer. Kein Werkmeiſter ſchwang über ihn die knotige Peitſche, um ſeine erſchlaffenden 253 Kräfte anzuſpornen; aber der Seufzer, den kein körperliches Leiden ihm entpreſſen konnte, den er unterdrückt hatte, damit nicht ſeine Verfolger triumphiren ſollten, entſchlüpfte nun ſeinem Herzen, und heiße Thränen ſtahlen ſich von ſeinen Wangen, wenn er glaubte, daß es Niemaud ſehe. Selave⸗ rei ſchien für immer ſein Loos ſein zu ſollen, und der Ge⸗ danke an ſeine Heimath und Alle, die er liebte, ſteigerten nur die Laſt ſeiner Seele. Muhamed nahm endlich ſo innigen Antheil an ſeinem chriſtlichen Selaven, daß er ihm die Freiheit, Reichthum, ſeine Freundſchaft und Unterſtützung bot, blos unter der ein⸗ fachen und leichten Bedingung, ſein Vaterland und ſeinen Glauben aufzugeben und den heiligen Glauben Mohamed's anzunehmen. Das Anerbieten wurde freundlich gemacht, aber mit einer Feſtigkeit, die keine Hoffnung auf eine Aende— rung des Sinnes ließ, zurückgewieſen; vergebens malte Mu⸗ hamed das Glück aus, das ihm die Annahme ſeines Antra⸗ ges bringen würde, er wiſſe nicht, was er ſo übereilt ab— lehne; dennoch ſchwankte er nicht, und Ali gab mit ſchwerem Herzen den Verſuch auf. Die Zeit eilte dahin, aber die Flucht der Jahre verſöhnte Mordaunt nicht mit ſeiner Stellung, auch minderte ſich nicht die freundliche Theilnahme, die er in dem Herzen des guten alten Mannes gefunden hatte, und als Mordaunt faſt ohne ſein Wiſſen ſo glücklich war, einige Angelegenheiten ſeines Herrn, die ſchon ſeit Jahren in Verwirrung geweſen waren, zu ordnen, als er, abgeſehen von andern unerwarteten Dien⸗ ſten, die er ſeinem Herrn geleiſtet hatte, den Lieblingsſohn Muhamed's aus den Klauen eines wüthenden Thieres rettete, das ihn unverſehens auf einem Jagdzuge überfalleu hatte, konnte der alte Mann ſeinem Wunſche nicht länger wider⸗ ſtehen und gab ihm auf der Stelle ſeine Freiheit. Sehr bald willigte er auch ein, daß er in ſeine Heimath zurückkehren dürfte, und mit reichen Geſchenken beladen, begleitete ihn Ali auf das Verdeck der Alma, des einzigen Schiffes, wel⸗ ches damals die Küſte von Guinea verließ, wo Mahomed gewöhnlich wohnte. Mordaunt war zu ungeduldig, um ein 254 engliſches Schiff zu erwarten. Auch wollte er ſich nicht der Gefahr ausſetzen, zu Lande zu reiſen, und ſich in Algier oder Tunis einzuſchiffen. So lange er in Afrika war, fühlte er, daß die Kette der Selaverei noch immer ſeinem Nacken drohe. Er konnte ſich nicht eher als freigebornen Britten fühlen, als bis er auf der wogenden See ſchwamm. Wenn er ein⸗ mal auf dem Wege nach Europa war, ſo hatte er Hoffnung, ſelbſt wenn dieſer Weg über Amerika führte. Er nahm von ſeinem früheren Herrn, ſeinem jetzigen Freunde, mit Be⸗ dauern Abſchied, aber die friſchen Lüfte, das Bewußtſein, daß er frei wie der Wind, frei wie das Meer, das ihn ſeiner Heimath entgegen trug, auf dem Verdeck ſtand, verſcheuchte aus ſeiner Seele alle Furcht und erfüllte ſie mit Freude; aber das menſchliche Herz iſt nicht im Stande, für lange Zeit ungetrübtes Glück zu fühlen. Vierundzwanzig Jahre waren verfloſſen, ſeit Mordaunt todt gedacht worden war, ſechsundzwanzig Jahre ſeit er ſeine Heimath verlaſſen und zum letzten Male die Ver⸗ wandten geſehen hatte, die er ſo innig liebte. Wenn er zurückkehrte, würde er vielleicht als Eindringling angeſehen, vielleicht nicht erkannt, ſeine Erzählung würde keinen Glauben, er würde ſeine Familie zerſtreut, ſie Alle in neuen Verhält⸗ niſſen, von neuen Freuden umgeben, wiederfinden, und ſie würden keinen Raum haben für den ſo lange abweſenden Ver— bannten. Der Gedanke quälte ihn, aber Mordaunt hatte ſich demſelben zu lange hingegeben, um ihn zuerſt beſiegen zu können, ſelbſt als Edward's Erzählung, wie zärtlich ſich Alle, die ihn geliebt hatten, ſich ihres Onkels erinnerten, unbewußt ſeine Seele mit dem Gefühl erfüllte, daß er ſeinen Verwandten Unrecht gethan habe, und dieß erſt brachte ihm Beruhigung. Dieſe Thatſachen, die wir ſo kurz erzählt haben, gewähr⸗ ten Edward oftmals während ſeiner Reiſe nach New⸗York das größte Intereſſe. Edward lauſchte wie bezaubert der Geſchichte des Fremden, in deſſen Worten ſich angeborner Adel ausprägte! Mehr als ein Mal überkam ihn der Ge⸗ danke, daß er mehr ſei, als er zu ſein ſcheine, aber Edward wußte, daß er eine gewiſſe Neigung zur Romantik habe, 255 und aus Furcht, ſich durch das Geſtändniß ſo phantaſtiſcher Gedanken in der Achtung ſeines neuen Freundes herabzu⸗ ſetzen, behielt er dieſelben für ſich. Endlich war der erwünſchte Hafen von New⸗York er— reicht, und die beiden Engländer hatten ſich in dem erſten Paquetboot, das nach England abging, eingeſchifft. Ed— ward's Herz ſchlug vor Vergnügen; er ſehnte ſich ſeinen neuen Freund in ſeiner Familie einzuführen, und ſeine freu⸗ digen Hoffnungen erfüllten die Seele Mordaunt's, der nun den Jüngling ſo lieb gewonnen hatte, daß er ſich kaum auf Stunden von ihm trennen konnte, mit ähnlichen Gefühlen; und hätte er einen neuen Sporn zur Liebe gebraucht, ſo würde die tiefe Betrübniß des jungen Seemanns, als er die Nach⸗ richt von dem Tode ſeines Couſins Herbert erhielt, genügend geweſen ſein. Edward hatte eines Tages das Poſtamt be⸗ ſucht, indeß hatte er erklärt, daß es ganz unmöglich ſei, daß er eine ſo große Freude, wie einen Brief von Hauſe, erwarten könne. Er fand indeß zwei ſtatt einen, einen von ſeiner Tante und ſeinem Onkel, den andern von ſeiner Schweſter; das ſchwarze Siegel berührte ihn ſchmerzlich. Die Trauer um die arme Mary iſt längſt vorüber, dachte er, und kaum hatte er die Kraft das Siegel aufzubrechen, und als er die unglückliche Nachricht geleſen, ſaß er eine Zeit lang wie zer⸗ malmt von dem unerwarteten Schlage da. Mordaunt's Troſtesworte klangen zuerſt ungehört an ſein Ohr; nicht allein um Herbert trauert er, ſondern er ſorgte ſich um ſeine Tante. Er wußte, wie innig ſie ihren Sohn liebte, und wiewohl ſie über ihren Verluſt nicht viel ſchrieb, ſo ſchien doch jedes Wort ſein Herz zu durchbohren, und er lehnte ſich über den Brief und weinte wie ein Kind. Herbert, der gute, der liebe Gefährte ſeiner Kindheit, der treue Gefährte ſeiner reiferen Jahre, war er wirklich geſtor⸗ ben? Owie öde mußte Dakwood ausſehen! Wiewohl Percy in der Liebe zu ſeinen Eltern und ſeiner Familie, in der auf⸗ opfernden Fürſorge für ihr Wohl nur von ſeinem Bruder übertroffen wurde, ſo konnte er doch nie für Dakwood ſein, was Herbert geweſen. Er war ein glänzender Planet, der 256 Alles, was er beſchien, mit Glanz überſchüttete, aber niemals ſtillſtand, beſtändig umherſchweifte, und ſeinen Lauf wech⸗ ſelte, als wenn ſein Licht nach ſo unſtäter Bewegung noch mehr Glanz erhielte; aber Herbert war der milde Stern, der in ſeiner beſtimmten Bahn bleibend, Alles mit ſeinem ſanften Lichte überſtrahlte, und ſeinen hellſten Strahlenglanz über das Vaterhaus ausgoß, das für ihn in der That der Mittelpunkt der Liebe war. So lautete die Schilderung ſeiner beiden Vettern, die Edward ſeinem theilnehmendeu Freunde gab, und Mordaunt ſah den jungen Seemann mit ſtiller Bewunderung an. Begierig und voll Freude hatte er die Briefe geleſen, welche Edward ihm übergeben hatte; den von Mrs. Hamilton drückte er an ſeine Lippen, aber Edward, der in Gedanken verſunken war, bemerkte es nicht. Trauer erfüllte Edward's Herz, ſo lange die Heimfahrt dau⸗ erte; ſeine Unterhaltung war mit demſelben Geiſte gefärbt, aber ſie brachte ſo viel Punkte ſeines Charakters zum Vor⸗ ſchein, die in ſeiner fröhlichen Stimmung Mordaunt nie ent⸗ deckt haben würde, daß die Bande ſeiner ſo wunderbar ent⸗ ſtandenen Liebe immer feſter wurden. Edward vergalt ſeine Achtung mit all der Wärme ſeiner ſchwärmeriſchen Natur, die durch die Art und Weiſe, wie ſeine Briefe von Hauſe von Lieutenant Mordaunt als ſeinem Retter ſprachen, noch erhöht wurde, und noch ehe ihre Reiſe vollendet war, willigte Mordaunt auf die dringende Bitte des jungen Mannes ein, ihn zunächſt nach Richmond zu begleiten, von wo aus Ed⸗ ward verſprach, nachdem er ihn bei ſeiner Familie eingeführt und ihm einen ſichern Hafen ausgemacht haben würde, keinen Stein ununterſucht zu laſſen und alle möglichen Nachrichten über Mordaunt's Familie einziehen zu wollen. Daſſelbe eigen⸗ thümliche Lächeln ſpielte um des Fremden Lippen, als Ed⸗ ward ſo lebhaft ſprach, und er gelobte unbedingten Gehorſam. Nachdem wir auf ſolche Weiſe Edward und ſeinen Freund bis auf eine Fahrt von wenigen Wochen nach England ge⸗ bracht haben, dürfen wir ſie nun verlaſſen und zu Mr. und Mrs. Hamilzon zurücktehren, die ſich Beide über das beſſere Ausſehen ihrer Nichte zu Richmond freuten. 257 Die heitere Ruhe ihres ſchönen Aufenthaltes, die Be⸗ ſchwichtigung aller ihrer Sorgen, die völlige Veränderung der Scene, die ſie umgab, hatten viel dazu beigetragen, nicht nur Ellen, ſondern auch ihrer Tante den Frieden wie⸗ der zu geben. Das Gefühl, daß ſie nun in der That be⸗ rufen ſei, das Verſprechen zu erfüllen, welches ſie Herbert ge⸗ geben hatte, daß die Freude und Heiterkeit des Hauſes nur von ihr abhänge, hatte ſie zu Anſtrengungen angeſpornt, die ſie wenigſtens theilweiſe in den Stand ſetzten, ihren eige⸗ nen Schmerz zu überwinden, und jede Woche ſchien eine neue Eigenſchaft ans Licht zu bringen, die ihre Verwandten vorher an ihr nicht gekannt zu haben glaubten. Ellens Cha⸗ rakter war der Art, daß er nicht ſogleich anzog, aber lang⸗ ſam, doch ſicher Liebe gewann; ihre Vorzüge waren nicht blendend, es dauerte gewöhnlich lange, ehe ſie alle erkannt wurden, aber wenn man ſie einmal erkannt hatte, forderten ſie zu Achtung und Liebe auf. Mrs. Hamilton fühlte aller⸗ dings, daß alle ihre Kinder ihre Sorgen reichlich vergalten, aber Ellen hatte es in einem weit höhern Grade gethan, als ſie zu hoffen gewagt hatte. Als Ellen ihre kindlichen Pflich— ten allein zu erfüllen hatte, ſchien ihr Charakter ein ganz anderer, als da ſie eine von Vielen geweſen war. Ruhige Heiterkeit war in das Herz Aller zurückgekehrt, die nun den kleinen häuslichen Kreis der Familie Hamilton bildeten. Jedes hatte ſeine Augenblicke, wo der Schmerz um den Ver⸗ luſt ihres geliebten Herbert in aller ſeiner Bitterkeit geweckt wurde, aber ſolche heilige Stunden durften nicht ihr tägliches Leben mit Trauer erfüllen. Sie erwarteten jetzt täglich St. Eval's Rückkehr nach England, und Mrs. Hamilton hatte beſonders gebeten, daß Miß Manvers ſich dem Beſuche anſchließen ſollte. Zwiſchen ihr und Perey hatte ſich ein gewiſſes Einverſtändniß gebildet, aber beide hatten nicht die Abſicht, ihr Verhältniß bekannt werden zu laſſen. Die Theilnahme und Liebe Louiſens waren Perey ein großer Troſt in ſeinem Schmerz, den er ſelbſt noch nicht nach Monaten überwinden konnte, aber er konnte nicht daran denken, ſich ſelbſt mit dem Mädchen, das er aufrichtig 17 Der Lohn einer Mutter. II. — liebte, zu verheirathen, bis ſein Herz einigermaßen die tiefe Wunde verſchmerzt haben würde, die der Tod ſeines einzigen Bruders ihm geſchlagen hatte. Seinen Eltern allerdings und ſeiner ganzen Familie theilte er ſein Verhältniß mit, und Mr. und Mrs. Hamilton erwarteten ängſtlich die Rückkehr von Lord und Lady St. Eval, um die künftige Braut ihres einzigen Sohnes ſich vorſtellen zu laſſen. Ihre Abſicht war, bis zum Frühling in Richmond zu bleiben, wo Arthur und ſeine Gattin ihren verſprochenen Beſuch in Oakwood machen wollten, anſtatt die Weihnachten bei ihnen zuzubringen,— eine Anordnung, die Emmeline ſelbſt angegeben hatte, weil, wenn ſie und ihr Gatte fehlten, die Familienzuſammenkunft, welche während dieſes Feſtes immer zu Oakwood ſtattgefunden, unterbleiben und Herbert's Verluſt um ſo weniger ſchmerzlich empfunden werden würde. Mrs. Hamilton ſprach gegen Niemand da⸗ von, aber ihr Scharfblick entdeckte die wahre Urſache, wes⸗ halb Emmeline ihre Abſicht geändert, und Thränen der Wonne erfüllten ihr Auge. „Wir haben heute Morgen intereſſante Nachrichten er, halten, mein lieber Arthur,“ ſagte Mrs. Hamilton, als ihr Gatte in das Zimmer eintrat, wo ſie und Ellen ſaßen.„Lucy Harcourt kehrt nach England zurück und hat uns gebeten, ihr in der Nähe von Oakwood ein kleines Haus zu miethen. Die ſchwere Krankheit und der endliche Tod ihres Coufins Mr. Seymour iſt die Urſache geweſen, daß ich ſo lange nichts von ihr gehört habe; der arme Mann hat ſo viele Jahre ſo ſchwer gelitten, daß ſein ruhiger Tod eine wahre Wohlthat für ihn geweſen ſein muß.“ „Es war ein ruhiger Tod,“ ſchreibt Lucy traurig, aber gefaßt;„ſie ſagt, ſie könne nicht dankbar genug ſein, daß er lange genug gelebt habe, um zu ſehen, daß ſeine Töchter un⸗ ter ihrer Obhut glücklich werden würden. Sie habe ihre junge Liebe gewonnen, und ſo viel ein menſchliches Auge ſehen könne, habe er für ihr Glück geſorgt, indem er ſie ganz ihrer Obhut und mütterlichen Sorge überlaſſen. Er ſagte das faſt mit ſeinem letzten Hauche und die arme Lucy ſagt, * daß unter den vielen Tröſtungen in dieſer ſchweren Zeit dieſe Verſicherung ihrem Herzen nicht die am wenigſten koſtbare geweſen ſei. Natürlich, die Freundin und Adoptivmutter ſeiner Kin⸗ der zu ſein, darin muß ſie eine von den vielen Segnungen ſehen, die ſie ſich durch ihr edles Benehmen in ihrer Jugend bereitet hat. Ich freue mich nun, daß meine Prophezeihung nicht in Erfüllung gegangen, daß ſie nie ſeine Gattin ge⸗ worden iſt. „Haſt Du das jemals gedacht, Onkel?“ fragte Ellen erſtaunt. „Ich dachte, Seymour müßte ihre Liebe entdeckt haben, und die Bewunderung von ſeiner Seite würde dann das Uebrige gethan haben. Es iſt aber ſoviel beſſer; ſeine Kin⸗ der werden ſie mehr lieben, indem ſie ſeine Couſine und ihre Tante in ihr ſehen, als wenn ſie ihre Stiefmutter ge⸗ worden wäre. Aber warum erſcheinſt Du ſo erſtaunt über meine Prophezeiung, liebſte Nelly? Hatte ihre Verbindung ſo etwas Unmögliches?“ „Nichts Unmögliches, aber ich halte es nicht für wahr⸗ ſcheinlich, daß Miß Harcourt ihre Liebe in dem Augenblicke verrathen haben würde, wo ſie ihren Couſin über den Ver⸗ luſt einer geliebten Gattin zu tröſten ſuchte. Es war viel wahrſcheinlicher, daß ſie dieſelbe noch kräftiger als ſonſt ver⸗ bergen würde. Auch halte ich es nicht für wahrſcheinlich, daß Mr. Seymour, der von ſeiner früheſten Jugend an ge⸗ wöhnt war, ſie als Schweſter zu betrachten, ſie jemals in einem andern Lichte hätte anſehen können.“ „Du ſcheinſt ſehr bewandert in der Geſchichte des menſch⸗ lichen Herzens, meine kleine Ellen,“ ſagte ihr Onkel lächelnd; „hältſt Du es für ganz unmöglich, daß Coufin und Couſine einander lieben?“ Ellen beugte ſich tiefer über ihren Stickrahmen hinab, denn ſie fühlte, daß ein verrätheriſches Erröthen auf ihre ange ſtieg, und ohne aufzublicken, erwiderte ſie ruhig: „Miß Hareourt iſt ein Beweis, daß ſolche Liebe in einem weiblichen Herzen vorkommen kann und vielleicht öfter vor⸗ 173 260 kommt; bei einem Manne ſelten, wenn ſie nicht völlig ge⸗ trennt von einander aufgewachſen ſind.“ „Ich glauhe, Du haſt Recht, Ellen,“ ſagte ihre Tante, „ich habe nie gedacht wie Dein Onkel, daß Lucy Mr. Sey⸗ mour's Gattin werden würde.“ „Hätte ich etwas Derartiges prophezeit, Onkel, wie würdeſt Du mich genannt haben?“ ſagte Ellen, indem ſie ſchelmiſch von ihrem Stickrahmen aufblickte, denn ihre augen⸗ blickliche Röthe hatte ſich verloren. „Daß es die Prophezeiung einer ſehr romantiſchen jungen Dame ſei, die vielmehr Emmelinens Heldengeſchich⸗ ten als der ruhigen, verſtändigen Ellen ähnlich ſehe,“ ant⸗ wortete er in demſelben Tone,„aber da es mein Gedanke iſt, iſt es natürlich die Weisheit ſelbſt. Allein Scherz bei Seite, da Du ſo bewandert in der Kenntniß des menſchlichen Her⸗ zens biſt, meine liebe Ellen, ſo mußt Du wiſſen, daß ich heute gekommen bin, um das Deine auf die Probe zu ſtellen.“ „Das meine!“ rief das Mädchen erſtaunt aus und wurde plötzlich bleich;„was willſt Du damit ſagen?“ „Weiter nichts, als daß der ehrwürdige Erneſt Lacy heute Morgen bei mir geweſen iſt, um mich um Erlaubniß zu bit⸗ ten, um Dich anhalten zu dürfen, und in der That hielt er um Deine Hand an. Ich ſagte ihm, daß er meine Erlaub⸗ niß haben könne und ich wünſchte ihm den beſten Erfolg; auch zweifelte ich nicht, daß Deine Tante ihre Einwilligung gerne geben wird. Sieh nicht ſo erſchrocken aus, ich ſagte ihm, daß ich die Sache nicht weiter fortgehen laſſen könne, bevor ich mit Dir geſprochen.“ „So bitte ich Dich, laß ſie nicht weiter gehen, mein lie⸗ ber Onkel,“ ſagte Ellen ſehr dringend, indem ihr die Nadel aus der Hand fiel und ihre Augen ſich flehend auf ihren Onkel richteten. Ich danke Mr. Lacy für die hohe Meinung, die er von mir haben muß, daß er mir einen ſolchen Antrag ſtellt; aber ich kann wirklich nicht darauf eingehen. Laſſe ihn nicht durch Deine Einwilligung Hoffnungen ſchöpfen, die mit Täuſchung enden müſſen.“ „Meine Billigung kann ich nicht zurücknehmen, meine 261 gute Ellen, denn ich achte den jungen Mann ganz aufrichtig, und es giebt Wenige, die ich ſo gerne mit meiner Familie vereint ſehen möchte, wie ihn; warum weigerſt Du Dich ſo beſtimmt, ihn anzuhören? Ich gebe zu, daß Du ihn noch nicht genügend kennſt, um ihn zu lieben; doch glaube mir, je näher Du ihn kennen lernen wirſt, deſto mehr wirſt Du an ihm zu achten und zu lieben finden.“ „Ich zweifle nicht daran, mein lieber Onkel; er iſt einer von den jungen Männern, die uns hier beſuchen, den ich am höchſten achte, und es würde mir leid thun, ſeine Freundſchaft zu verlieren, indem ich ſeine Hand ausſchlage.“ „Aber warum willſt Du ihn nicht für ſich ſelbſt ſprechen laſſen? Du gehörſt nicht zu den romantiſchen Weſen, Ellen, die oft einen vortrefflichen Antrag ablehnen, weil ſie glauben, daß ſie nicht leidenſchaftlich verliebt ſind.“ „Bitte, mein lieber Onkel, beurtheile mich nicht ſo, es iſt in der That nicht der Fall. Mr. Lacy ſcheint, ſo wenig ich ihn kenne, alle Tugenden zu beſitzen, die einen vortreff⸗ lichen Gatten geben müſſen. Ich kenne keinen Fehler, den ich ihm zum Vorwurf machen könnte; aber—“ „Aber was, meine liebe Nichte, Du wirſt Dich ſicher nicht fürchten, Dich gegen Deine Tante und mich offen aus⸗ zuſprechen?“ „Nein, Onkel; aber ich habe wenig zu ſagen, als daß ich keine Luſt zu heirathen habe, daß es mir mehr Schmerz ko⸗ ſten würde, Dich und die Tante zu verlaſſen, als mir die Ehe zu erſetzen im Stande wäre.“ „Aber Nelly, willſt Du uns Dein ganzes junges Leben opfern, ſo alt und grillig wir aller Wahrſcheinlichkeit nach werden müſſen? Bedenke noch einmal, mein liebes Mädchen, welche Freuden, welches Glück, ſo weit es ein menſchliches Auge ſehen kann, erwarten die Gattin Lacy's. Emme⸗ line, Du ſchweigſt, theilſt Du nicht meinen Wunſch, un⸗ ſere gute Ellen als die Gattin eines Mannes zu ſehen, der ſo allgemein beliebt iſt, wie dieſer junge Geiſtliche?“ „Nein, gewiß nicht, wenn ſie bei uns zu bleiben wünſcht,“ erwiderte Mrs. Hamilton entſchieden. Sie hatte noch nicht 262 geſprochen, denn ſie hatte aufmerkſam die Schwankungen in Ellens Mienen beobachtet, aber nun war ihr Ton ſo, daß er das gezwungene Lächeln verſcheuchte, womit ihre Nichte Mr. Hamilton's Andeutung, daß ſie alt und grillig würden, zu beantworten geſucht hatte, und daß die ſchmerzlich un— terdrückten Thränen in ihre Augen traten. Sie ſuchte ihre Ruhe zu behaupten, aber ſie bemühte ſich umſonſt, und indem ſie von ihrem Stuhle aufſtand, eilte ſie zu dem So⸗ pha, wo ihre Tante ſaß, kniete neben ihr nieder, verbarg ihr Geſicht an ihre Bruſt und flüſterte faſt unhörbar:„O, ſage nicht, daß ich Dich verlaſſen ſoll, ich bin glücklich hier, anderwärts würde ich ſehr, ſehr elend ſein. Ich geſtehe, daß Mr. Lacy Alles beſitzt, was ich von einem Gatten wün⸗ ſchen könne, köſtlich würde ſeine Liebe jedem Mädchen ſein, das ſie erwidern könnte, aber mir iſt ſie es nicht, mir, die ihm nichts dafür bieten kann.“ Sie hielt plötzlich inne, dunkle Röthe bedeckte ihre Wan⸗ gen und ihre Stirn, und ein erſticktes Schluchzen ließ ſie nicht weiter ſprechen. Mrs. Hamilton drückte ſtumm ihre Lippen auf Ellens glühende Stirn, während ihr Gatte ſeine Nichte erſtaunt anſah. „Gehört alſo Deine Liebe einem Andern, mein liebes Kind?“ fragte er ſanft und zärtlich;„aber warum dieſer überwältigende Schmerz, meine Ellen? Du kannſt doch nicht glauben, daß wir dem Glücke eines Mädchens in den Weg treten würden, das uns ſo theuer iſt, indem wir dem Manne Deiner Wahl unſere Zuſtimmung verſagen würden, wenn er Deiner würdig wäre? Daher ſprich, mein liebes Mäd⸗ chen, ohne Rückhalt; wer hat im Geheimch Deine junge Liebe erworben, daß Du um ſeinetwillen jedes andere An⸗ erbieten zurückweiſeſt?“ Ellen richtete ſich auf und blickte ſchwermüthig ihrem Onkel ins Geſicht, ſie wollte ſprechen, aber die Stimme ver⸗ ſagte ihr für den Augenblick den Dienſt. „Meine Liebe gehört dem Todten,“ flüſterte ſie endlich, indem ſie die Hände ihrer Tante erfaßte, und die Worte ka⸗ 263 men langſam von ihren glühenden Lippen, dann fügte ſie raſch hinzu:„o tadelt nicht meine Schwäche, ich dachte, mein Geheimniß würde mein Lebenlang nicht über meine Lippen kommen, aber warum ſollt ich's nun verheimlichen? Es iſt keine Sünde, einen Todten zu lieben, wiewohl ich, wenn er gelebt hätte, unabläſſig gekämpft haben würde, dieſen wil⸗ den Schmerz zu beſiegen, bis ich ihn mit der Gattin ſeiner Wahl und ſeiner Liebe mit Seelenruhe hätte glücklich ſehen können. O verdamme mich nicht, daß ich einen Mann liebe, der mich nie anders, denn als ſeine Schweſter betrachtete, einen Mann, von dem ich wußte, daß er von Kindheit auf eine Andere liebte. Niemand auf Erden kann ſagen, wie ich gekämpft habe, mich ſelbſt zu überwinden. Ich kannte mein Herz nicht, bis es zu ſpät war, es zur Gleichgültigkeit zu zwingen; er iſt todt, aber ſo lange mein Herz nur noch an Herbert hängt, kann ich meine Hand keinem Andern geben.“ „Herbert!“ riefen Mr. und Mrs. Hamilton in demſel⸗ ben Augenblicke, und Ellen entzog ſich ihren Blicken und verbarg ihre erröthenden und erbleichenden Wangen in ihren Händen. Es folgte eine augenblickliche Pauſe, dann zog Mrs. Hamilton das aufgeregte Mädchen dicht an ſich und flüſterte in einem Tone inniger Theilnahme:„Meine arme, arme Ellen,“ und die Thränen der Mutter miſchten ſich in die ihrer Nichte. Mr. Hamilton ſah beide in höchſter Be⸗ wegung an, ſein geiſtiges Auge überflog raſch die Vergan⸗ genheit, und einen Augenblick ſah er, welch ſchweres Leid ſeine Nichte vom erſten Augenblicke an, wo ſie zum Bewußt⸗ ſein ihrer unglücklichen Liebe erwachte, betroffen haben müſſe, und wie hatte ſie es ertragen! So ohne Klage, ſo heiter, daß Niemand ihren inneren Schmerz ahnen konnte. Während ſie ihn und ſeine Gattin in ihrer tiefen Betrübniß tröſtete, brach ihr ſelbſt faſt das Herz; als ſie Herbert wäh⸗ rend der ſchmerzlichen Prüfung, die ihm der Brief ſeiner Mary verurſachte, Muth zuſprach, als ſie Alles that, was in ihren Kräften ſtand, um ſein Glück zu ſichern, was mußte ſie gefühlt haben? Ja, ſie hatte in Wahrheit geliebt, mit all der Reinheit, der Selbſtaufopferung des Weibes geliebt, 264 und Mr. Hamilton fühlte, was er in dieſem Augenblick nicht ausſprechen konnte. Er hob ſeine Nichte vom Boden auf, wo ſie noch immer neben ihrer Tante kniete, drückte ſie an ſeine Bruſt, küßte ihre thränenfeuchte Wange, legte ſie in Mrs. Hamilton's Arm und verließ raſch das Zimmer. Dieſelben Gedanken hatten auch das Gemüth ihrer Tante beſchäftigt, als Ellen immer noch bei ihr Troſt und Hülfe zu ſuchen ſchien; aber ſie miſchten ſich mit einem Gefühl des Vorwurfes gegen ihre Blindheit, daß ſie nicht früher die Wahrheit entdeckt. Warum ſollte ſie nicht denken, daß Ellens Liebe ebenſogut Herbert als Arthur Myrvin gegolten, beides war gleich wahrſcheinlich. Sie be— griff nun Ellens Aufregung, als Herbert's Verlobung mit Mary veröffentlicht wurde, als er die Trauung Arthur's und Emmelinens vollzog. Und als Mrs. Hamilton ſich erinnerte, wie vollſtändig ſich Ellen aus Aufopferung gegen ſie ſich ſelbſt vergeſſen zu haben ſchien, wie ſie, anſtatt unter chren ſchweren Prüfungen zuſammenzuſinken, muthig Alles ertragen, ihre eigenen Leiden überwunden habe, um die An⸗ derer zu erleichtern, konnte es da auffallen, daß Bewunderung und Achtung ſich in die Liebe miſchte, die ſie zu ihr hatte, daßj von dieſer Stunde an Ellen ihrer Tante noch theurer war, als ſie es ſonſt geweſen? Auch war dies nicht der ein⸗ zige Grund, weshalb ſich ihre Liebe ſteigerte. Um ihres ge⸗ liebten Sohnes willen wollte ihre Nichte nicht heirathen, aus Liebe zu ihm, wiewohl er todt war, lehnte ihr Herz jede andere Liebe ab, und die zärtliche Mutter fühlte ſich unbe⸗ wußt beruhigt, getröſtet. Es ſchien ihr ein Tribut gegen das Gedächtniß ihres ſeligen Sohnes, daß er ſo geliebt wurde, und mußte das nicht ein neues köſtliches Band bil⸗ den zwiſchen ihr und Der, die ihn ſo geliebt hatte? Es dauerte einige Zeit, ehe eines von ihnen den Gefüh⸗ len Luft machen konnte, die ſich in ihnen regten. Ellens Thränen floſſen ungehindert an der Bruſt ihrer Tante, die ſie nicht zurückzudrängen ſuchte, denn ſie wußte, welche Wohl⸗ that ſie einem Mädchen ſein mußten, das ſo ſelten weinte, und ſie waren eine Wohlthat, denn eine ſchwere Laſt ſchien 265 der Waiſe vom Herzen gefallen zu ſein, nachdem ſie das qualvolle Geheimniß enthüllt; ſie mochte nun ohne Rückhalt weinen, und weder ihrer Tante noch ihrem Onkel würde ihr Benehmen geheimnißvoll erſcheinen. Sie wußten nun, daß es keine Laune von ihr war, weßhalb ſie alle Heirathsan⸗ träge zurückwies, die ihr gemacht wurden. Wie jenes Ge⸗ heimniß ihr entſchlüpft war, das wußte ſie nicht; ſie war von einem Drange getrieben worden, dem ſie weder wider⸗ ſtehen, noch den ſie begreifen konnte. Zuerſt hatte ſie ein Gefühl der Scham überkommen, daß ſie einer unerwiderten Liebe Worte gegeben, aber binnen Kurzem verſcheuchte das milde Zureden ihrer Tante dies ſchmerzliche Gefühl. Ja tröſtend war die Stimme der Theilnahme in Bezug auf einen Gegenſtand, den ſie einem andern Ohre niemals entdeckt haben würde. Es dauerte einige Zeit, ehe ſie ihre außer⸗ ordentliche Aufregung beſiegen konnte, ihr überbürdetes Herz, von ſeinem gewaltigen Zwange befreit, ſchien alle Bemühun⸗ gen der Selbſtbeherſchung von ſich zu ſtoßen, aber nach die⸗ ſem Tage ſtörte keine leidenſchaftliche Bewegung die ruhige Heiterkeit, welche nun wieder das Seepter führte. Niemals wieder wurde in dem kleinen Familienkreiſe die Sache be⸗ ſprochen, aber das ganze Benehmen ihrer Tante und ihres Onkels zeigte, daß ſie mit ihrer Ellen Mitgefühl hatten. Das Vertrauen wuchs zwiſchen ihnen, und nach den erſten wenigen Tagen war das Leben der Waiſe ruhiger und glück⸗ licher, als es ſeit vielen langen Jahren geweſen war. Die Rückkehr der Familie Lord St. Eval's nach Eng⸗ land und ihr Wiederſehen war von gemiſchten Gefühlen be⸗ gleitet. Karoline und Emmeline hatten ſich ſeit dem Tode Herbert's nicht geſehen, und der Schmerz um ihn ſchien in dem erſten Augenblicke in aller ſeiner Bitterkeit wieder zu erwachen. Die Anweſenheit einer vergleichsweiſe Fremden, wie Miß Manvers war, trug viel dazu bei, ihre aufgeregten Gefühle zu beruhigen, und die Bemühungen Lord St. Eval's und Ellens ſtellten raſcher Faſſung und Heiterkeit wieder her, als ſie erwarten konnten. An Miß Manvers fand Mrs. Hamilton großen Gefal⸗ len; durch Sanftmuth und Beſcheidenheit gewann ſie alle Herzen, die ſie kannten; ſie war der einzige noch übrige Sproß der Familie von Mrs. Hamilton, und es machte ihr Vergnügen, daß durch ihre Vereinigung mit Perey die Fa— milien Manvers und Hamilton noch enger verknüpft wer— den würden. Sie hatte in früherer Zeit das Verlöſchen des Geſchlechts Delmont ſehr beklagt, denn ſie hatte ſich der Träume ihrer Jugend erinnert, wo ſie von ihrem Bruder er— wartet hatte, daß er das alte Geſchlecht ſtützen und es mit kriegeriſchen Ehren ſchmücken, daſſelbe wieder zu dem Glanz erheben würde, in dem es vor Jahrhunderten geſtanden. Mrs. Hamilton hatte nur wenig ſogenannten] Familien⸗ ſtolz, aber dieſe Gefühle knüpften ſich an den Bruder, den ſie ſo innig geliebt und deſſen Verluſt ſie ſo ſchmerzlich be⸗ klagt hatte. Die Weihnachtszeit ging heiterer vorüber, als Ellen zu hoffen gewagt hatte. Die Seene war eine ganz andere, noch nie hatten ſie eine Weihnacht anders wo zugebracht als in Dakwood, und dieſer einfache Umſtand ließ die Lücke in ihrem häuslichen Kreiſe nicht ſo ſchmerzlich empfinden. Daß Herbert ſeiner ganzen Familie vor Augen ſchwebte, daß es ihnen Anſtrengung koſtete, die Heiterkeit zu bewahren, welche für ſie die Feſtzeit immer charakteriſirt hatte, wollen wir nicht leugnen, aber die Trauer verſcheuchte nicht die ſchöne Ruhe, die Mr. Hamilton's Herd zu umgeben pflegte. Es ſchien, als wenn ein noch heiligeres und milderes Licht ſie Alle umſchwebte, denn es entwickelte ſich noch kräftiger, als da unvermiſchtes Glück ihr Loos war, die eigentliche Schön⸗ heit eines religiöſen Charakters. Herbert und Mary waren ihnen nicht verloren, ſie waren nur in eine andere Sphäre verſetzt, nach der ewigen Heimath, wohin Alle, die ſie lieb⸗ ten, noch mit gläubigen Augen blickten. Sir George Wil— mot war während der Weihnachtszeit der einzige Gaſt in Rich— mond, aber er war ſo lange ein Freund der Familie und Lord Delmont's geweſen, als Mrs. Hamilton noch ein bloſes Kind war, daß er kaum als Fremder betrachtet werden konnte. Der gute alte Mann hatte Herbert's Tod innig betrauert, er 267 hatte ſich in ihrem Schmerz noch unwiderſtehlicher zu ſeinen Freunden hingezogen gefühlt, als ſelbſt in ihrem Glück, und er war daher beſtändig eingeladen worden, Mr. Hamilton's Aufenthalt zu theilen, wo er auch immer ſein mochte, ſo daß er oft erklärte, er habe nun keine andere Heimath mehr. Die Erzählung von Edward's Gefahr intereſſirte ihn ſehr; er ließ ſie ſich von Ellen immer und immer wiederholen, und er bewunderte die Kühnheit, welche den jungen Seemann veranlaßte, ſeine Rücktehr zu ſeinem Commandirenden nicht zu verſchieben, wiewohl ein Sturm ihm drohte; und als Mr. Hamilton erzählte, mit welcher Tapferkeit Ellen dieſes ſchmerzliche Geheimniß ertragen, verbarg der alte Mann ſeine Bewunderung über ſeine junge Freundin in einem Scherze und verſicherte lachend, daß ſie ſich eben ſo gut zu einem Seemann eigne, wie ihr edler Bruder. Auf den Charakter des jungen Erben von Oakwood ſchien der Tod ſeines Bruders einen Eindruck gemacht zu ha⸗ ben, den weder die Zeit noch die Verhältniſſe verwiſchen konnten. Er war nicht äußerlich traurig, aber ſein flüch⸗ tiges Weſen ſchien ſich verloren zu haben. Er war nicht mehr derſelbe feurige ungeſtüme Jüngling, der immer nach einer Abwechſelung, nach einer neuen Unterhaltung, oder nach einem fröhlichen Scherze ſuchte, was ihn charakteriſirt hatte, ſo lange Herbert lebte. Er zeigte jetzt eine Art ruhiger Würde, verbunden mit einer Hingabe an ſeine Eltern, die vorher nie ſo deutlich ſichtbar geweſen war. Er hatte ſie immer geliebt, immer ihr Glück zu fördern geſucht, immer ihre Wünſche den ſeinen vorangeſtellt. Selbſt Herbert hatte ihn nicht an kindlicher Liebe und Ehrfurcht übertroffen; aber wiewohl nun ſeine Gefühle dieſelben waren, ſo war doch ihr Ausdruck ein anderer; heiter und lebhaft war er immer noch, aber das laute Lachen, welches ſo oft durch die Hallen von Dakwood erklungen war, hatte ſich verloren. Es ſchien, als wenn der Tod eines ſo geliebten Bruders plötzlich den ausgelaſſenen, leichtſinnigen, vergnügungsſüchtigen Jüng⸗ ling in einen ruhigen und ernſten Mann verwandelt hätte. In den Augen ſeiner Familie ſpiegelten ſich, ſo verſchieden 268 die Brüder in der Jugend geweſen waren, nun viele Charak⸗ terzüge Herbert's in Perey zurück, und ſie hatten ihn lieber als je; und die Liebe, welche in Louiſe Manvers' Herzen durch die ausgelaſſene Luſtigkeit, die Lebhaftigkeit, die harmloſe Gemüthlichkeit, die Freiheit in Gedanken und Worten, welche Percy charakteriſirt hatte, geweckt worden war, als ſie ihn kennen lernte, wurde nun durch die ruhige Würde, den größe⸗ ren Ernſt, die guten Eigenſchaften des edlen ehrenhaften Mannes gereinigt und erhöht. Lieutenant Fortescue wurde nun täglich in England er⸗ wartet zum großen Vergnügen ſeiner Familie. Sir George Wilmot, welcher erklärte, er würde nicht eher Ruhe haben, bis ihm der Retter ſeines tapfern Sohnes, wie er Edward zu nennen liebte, vorgeſtellt worden ſei. Lieutenant Mor⸗ daunt— er hatte den Namen nie gehört und er war über⸗ zeugt, daß er nie unter ſeinem Befehle gedient habe.„Was ſoll es heißen, daß er ſagt, er kenne mich, er ſei als Midſhip⸗ man mit mir gefahren?„Er muß ein Betrüger ſein, Miß Nell, verlaſſen Sie ſich auf mein Wort,“ pflegte Sir George lachend zu ſagen und ſchwor Ellen Rache, daß ſie an der Vortrefflichkeit ſeines Gedächtniſſes zweifelte, als ſie ſich eines Tages erlaubte, darauf hinzudeuten, daß es ſo viele, viele Jahre her ſei, daß ſich Sir George unmöglich der Namen aller unter ſeinem Befehl ſtehenden Midſhipmen er⸗ innern könne. „Es ſei viel wahrſcheinlicher,“ entgegnete Sir George, „daß die Sclaverei den Verſtand des armen Mannes ver⸗ wirrt habe, und daß er ſich einbildete, mit den erſten eng⸗ liſchen Namen, die er gehört habe, bekannt zu ſein.“ „Sorgen Sie ſich nicht, Nell, der arme Mann iſt ein Sclave geweſen, daher wollen wir ihn nicht, wo er in ſein Heimathsland zurückkehrt, als Betrüger behandeln,“ lautete gewöhnlich der Schluß der Scherze des alten Admirals, deſ⸗ ſen Ungeduld auf Edward's Rückkehr mit jedem Tage größer wurde. Sein Wunſch wurde endlich erfüllt, und wie es gewöhn⸗ lich geht, als er es am wenigſten erwartete, denn indem er ver⸗ ———— 269 ſicherte, daß er nicht mehr ungeduldig ſein wolle, unterhielt er ſich damit, daß er den kleinen Lord Lyle auf ſein Knie ſetzte, und er freute ſich ſo ſehr über des Kindes ſcherzhaftes Geſchwätz und ſein luſtiges Lachen, daß er ganz vergaß, am Fenſter Wache zu halten, wo ſein gewöhnlicher Poſten war. Ellen war damit beſchäftigt, Karolinens Kind zu warten, das etwa ſechs Monate zählte. „Gieb mir Mary, Ellen,“ ſagte der junge Graf, indem er mit einem Vergnügen, das ſich deutlich in ſeinem Geſicht ausprägte, in das Zimmer trat.„Du wirſt bald etwas anderes zu küſſen haben, und wenn Du nicht die Freude ſo gefaßt, wie den Schmerz ertragen kannſt, ſo zittere ich für das Schickſal meiner kleinen Mary.“ „Was willſt Du damit ſagen, St. Eval? Du ſollſt mir mein Kind nicht wegnehmen, wenn Du mir keinen beſſern Grund angeben kannſt.“ „Ich will ſagen, daß Edward in fünf Minuten hier ſein wird, wenn er es nicht bereits iſt; nun, Ellen, jetzt wirſt Du mir Mary geben. Komme zu mir, mein Kind,“ und der junge Vater nahm ſein Kind aus Ellens zitternden Händen, und indem er ſie hoch in die Luft hielt, ſah er ſich von ihrem lauten Freudengeſchrei belohnt. In der nächſten Minute trat Edward in das Zimmer, und ſeine Schweſter drückte ihn an ihr klopfendes Herz. Es war ein aufregender Augenblick, denn Ellens erhitzter Phan⸗ taſie ſchien es, als wenn er ihr von den Todten zurückgege⸗ ben, nicht, als wenn er von einer langen, gefährlichen Reiſe zurückgekehrt ſei. Als der junge Seemann ſie aus ſeinen Armen losließ, ſah er ſich mit einem unbeſiegbaren Gefühl im Zimmer um. Es waren nicht Alle da, die er liebte, Em⸗ meline vermißte er nicht, wohl aber Herbert, deſſen ſanfte Stimme ſich unter den Vielen, die ihn begrüßten, nicht zu hören war. Er ſah ſeine Tante in dunklem Trauergewande, ſie ſchien ihm bläſſer, magerer, als er ſie früher geſehen, und der ungeſtüme junge Mann konnte ſich nicht zurückhalten, er ſtürzte in ihre ausgebreiteteen Arme und brach in Thrä⸗ nen aus. 5 — — —— ——— ————— 270 Mr. Hamilton eilte auf ſie zu.„Unſer geliebter Herbert iſt glücklich,“ ſagte er feierlich, indem er ſeinem Reffen die Hand drückte,„laß uns jetzt nicht um ihn trauern, Edward, ſon⸗ dern uns vielmehr freuen, wie er es thun würde, wenn erunter uns wäre, dankbar freuen, daß dieſelbe gnädige Hand, die ihn aus Liebe in eine ſchönere Welt nahm, ſich in der Stunde der Gefahr über Dich ausſtreckte, und Dich Denen erhielt, die Dich ſo innig lieben. Auch Dich hätten wir verlieren können, mein lieber Edward. Sollen wir uns nicht freuen, daß Du uns gerettet biſt? Emmeline, meine liele Emmeline, denke an die Segnungen, welche uns noch umgeben.“ Seine eindringlichen Worte verfehlten nicht die Wirkung auf ſeine beiden aufgeregten Zuhörer. Edward wand ſich ſanft aus den Armen ſeiner Tante los, er drückte einen lan— gen Kuß auf ihre Wange und indem er raſch ſeine Bewe⸗ gung überwand, drückte er Sir George Wilmot die Hand, begrüßte nach einem augenblicklichen Schweigen alle ſeine Verwandten und Freunde mit ſeiner gewöhnlichen Wärme und ſprach wie ſonſt. Ungeſehen, unbeachtet war Jemand Zeuge dieſer Scene geweſen; Alle waren viel zu aufgeregt und gerührt von Ed⸗ ward's unerwartetem Schmerzesausbruch, um an den Frem⸗ den zu denken, der mit ihm ins Zimmer getreten war; aber dieſer Fremde hatte mit Gefühlen um ſich geblickt, nament⸗ lich nach Mrs. Hamilton, die ihn der Sprache und der Be⸗ fähigung beraubten. Jahre waren über Mrs. Hamilton's Haupt dahin gegangen, ſie hatte Kummer, Sorgen und Prü⸗ fungen ertragen, wie alle ihre Mitgeſchöpfe, aber ſie hatte ihre Laſt auf Den geworfen, der verheißen, ſie zu unterſtützen, und deshalb hatten dieſelben ſie nicht ſo ſchwer gedrückt; und die Jahre hatten dieſe ſchöne Geſtalt nicht gebeugt und ihre Wangen nicht der Blüthe beraubt. Sie war nie eine außer⸗ ordentliche Schönheit geweſen, es war nur der Ausdruck, der ihr immer einen gewiſſen Reiz gegeben, ein Ausdruck, in dem ſich die Reinheit ihrer Gedanken und Gefühle und ihre demüthige Frömmigkeit ausſprach. Die Zeit kann die Schönheit nicht vernichten, welche aus 271 der Seele widerſtrahlt, und Mordaunt blickte ſie an, bis er ſich kaum enthalten konnte, auf ſie zuzuſtürzen, ſie an ſeine Bruſt zu drücken und ihr laut zu verkünden, wer und was er ſei; aber er beherrſchte ſich, wiewohl er an allen Gliedern zitterte, und er dankte Gott, daß er noch unbemerkt geblie⸗ ben ſei. Er ſah ſich die blühende Familie an,— es waren ihre Kinder und doch war er für ſie ein Todter; und würde ſie ſich ſeiner noch erinnern? Edward erinnerte ſich plötz⸗ lich der Anweſenheit ſeines Freundes, und indem er mit einem Ausruf des Bedauerns über ſeine Nachläſſigkeit auf ihn zuſprang, zog er die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihn, und Mordaunt befand ſich plötzlich inmitten einer Gruppe, die mit großer Theilnahme Edward's lebhafter Erzählung Deſſen, was er ihm ſchulde, zuhörte, eine Erzählung, die Mordaunt vergeblich zu hindern ſuchte, indem er erklärte, daß er nichts gethan habe, was der Rede werth ſei. Mrs! Hamilton begrüßte mit ihrem Gatten den Fremden mit der ihr eigenthümlichen Anmuth und Freundlichkeit. Sie dankte ihm aufs Wärmſte für die Anſtrengungen, die er für ihren Neffen gemacht, und für die treue Pflege, die er ihm habe an⸗ getheihen laſſen; und indem ſie dies that, ſchwand die Farbe von Mordaunt's ſonnenverbrannten Wangen ſo vollſtändig, daß Edward, indem er behauptete, er ſei krank und erſchöpft von den Anſtrengungen, die er vom erſten Augenblick ihrer Landung in Portsmouth gehabt hätte, ihn bat, ſich in das für ihn bereit gehaltene Zimmer zurückzuziehen, aber dies lehnte Mordaunt ab, indem er vollkommen wohl ſei. „Es iſt ſchon lange her, daß ich die Stimme der Liebe nicht in meiner heimathlichen Sprache gehört habe, ſchon lange her, ſeit engliſche Geſichter und engliſche Herzen mich ſo glücklich gemacht haben, und Sie wollen, daß ich Sie ver⸗ laſſen ſoll, mein junger Freund?“ Seine ſchwermüthige Stimme ſchnitt Mrs. Hamilton ins Herz, als er bittend ſeine Hand auf Edward's Arm legte. „Um alles in der Welt nicht,“ erwiderte der junge See⸗ mann heiter.„Sir George Wilmot, liebe Tante, erinnern Sie ſich noch meines guten Freunde hier, er ſagte, er habe Sie beide gekannt, als er noch ein Knabe war.“ Sir George Wilmot hatte Mordaunt nicht aus den Au⸗ gen gelaſſen, ſeitdem Edward ſeine Aufmerkſamkeit auf ihn hingelenkt, und er antwortete ziemlich ernſt:„Ich erinnere mich nicht, daß einer meiner Midſhipmen den Namen Mor⸗ daunt geführt hätte, aber dieſe Züge ſcheinen mir wunderbar bekannt. Entſchuldigen Sie, Sir, aber haben Sie immer dieſen Namen geführt?“ „So lange ich mich erinnern kann, Sir George, aber eins überzeugt Sie vielleicht, daß ich am Bord Ihres Schif⸗ fes geweſen bin. War nicht unter uns auf dem Schiffe ein Jüngling, den Sie immer mit ausgezeichneter Gunſt behan⸗ delten, den Sie, wiewohl ohne ſein Verdienſt, ſeinen Ka⸗ meraden immer als Muſter hinſtellten von Allem, was einem Seemann und Jüngling löblich ſei, den Sie immer als Sohn liebten und behandelten? Ich war bei ihm, als er ſich mit dem Schwert im Munde in die See ſtürzte und durch eins der Kajütenfenſter das feindliche Schiff erſtieg, ſich mit dem Schwerte den Weg nach dem Verdecke bahnte, und nach⸗ dem er die franzöſiſche Flagge herabgeriſſen und ſeinen Po⸗ ſten behauptete, bis ſeine Kameraden ihm zu Hülfe kamen, und dann als der Kampf vorüber war, zurücktrat und An⸗ dern das Lob überließ, das Sie ſo reichlich zollten? Haben Sie dies vergeſſen, Sir George?“ „Nein,“ erwiderte der Admiral mit plötzlichem Feuer, „oft habe ich mich dieſes Tages erinnert, eines der vielen, an denen ſich mein Charles auszeichnete.“ „Und Sie ſagten ihm, er werde ſich einen großen Na⸗ men machen, ehe noch viele Jahre vergangen wären— der Name Delmont würde mit dem Relſon's wetteifern, ehe ſeine Laufbahn zu Ende ſei.“ Der alte General ſah den Fremden mit erhöhtem Er⸗ ſtaunen an. „Delmont! Sie kannten alſo meinen Bruder, Lieutenant WMordaunt,“ rief Mrs. Hamilton aus.„Es ſind viele, viele Jahre verfloſſen, doch ſagen Sie mir, wann Sie ihn zum letzten Male geſehen haben?“ „Ich begleitete ihn auf ſeiner letzten Reiſe, Madame,“ erwiderte der Fremde, mit leiſer und eigenthümlicher Stimme, denn es koſtete ihm offenbar Anſtrengung, ſeine Ruhe zu be⸗ haupten.„Sechsundzwanzig Jahre ſind verfloſſen ſeit, der Leander die Küſte Englands verließ, um nie wiederzukehren; nach ſechsundzwanzig Jahren betrat ich meinen heimathlichen Boden wieder.“ „Und kamen Alle ums Leben bis auf Sie? wurden Sie allein gerettet? ſahen Sie meinen Bruder nicht, nachdem das Schiff geſunken war?“ fragte Mrs. Hamilton eilig, indem ſie ihre zitternde Hand auf den Arm des Fremden legte, ohne kaum zu wiſſen, was ſie that.„Auch er konnte gerettet wer⸗ den, wie Sie, aber ach, er zog es vor zu ſterben, ſtatt ſeine Jahre in der Sclaverei zu vertrauern.“ „Ach meine Emmeline, warum giebſt Du Dich ſo trüg⸗ lichen Hoffnungen hin?“ ſagte ihr Gatte zärtlich, denn er ſah, daß ſie außerordentlich aufgeregt war. „Mrs. Hamilton,“ ſagte Sir George Wilmot in dem Augenblicke,„Emmeline, Kind meines beſten, meines frühe⸗ ſten Freundes, betrachten Sie dieſe Züge, ſehen Sie ſcharf hin, kennen Sie ſie nicht? Sechsundzwanzig Jahre haben das ihre gethan, doch wahrlich noch nicht genug, um ihn vor Ihren Au⸗ gen zu verbergen. Haben Sie nicht dieſes flammende Auge, dieſe lächelnde Lippe ſchon geſehen? ſehen Sie wohl zu, ehe Sie ſich entſcheiden.“ „Madame, Charles Manvers lebt,“ flüſterte der Fremde mit einer Stimme, die von ſtarker Aufregung zeigte, und er warf von ſeiner Stirn ſein Haar zurück, welches zum Theil den natürlichen Ausdruck ſeiner Züge verbarg, und ſah ihr ins Geſicht. Ein Sonnenſtrahl warf in dieſem Augenblicke eine plötzliche Gluth auf ſein Antlitz, und Mr. Hamilton ſprang auf ihn zu, und ein Ausruf des Erſtaunens der Freude entſchlüpfte ſeinen Lippen, aber Mrs. Hamilton konnte ihre Augen nicht von dem Geſichte des Fremden weg⸗ wenden. Der Lohn einer Mutter. II. 18 „Emmeline, meine Schweſter, meine liebe Schweſter, erkennſt Du nich nicht, kannſt Du nicht glauben, daß Char⸗ les gerettet iſt?“ rief er in einem Tone höchſter Aufregung aus. „O Gott, es iſt Charles ſelbſt!“ ſchluchzte ſie und ſank faſt ohnmächtig in ſeine Arme. Krampfhaft drückte der Bru⸗ der ſie an ſeine Bruſt. Es ſchien, als wenn das Glück die⸗ ſes Augenblickes zu groß ſei, um Wahrheit ſein zu können, als wenn es nur ein ſchöner Traum wäre; kaum bemerkte er die warme Begrüßung die er von allen Seiten empfing, die unwiderſtehliche Bewegung des alten Admirals, der, in⸗ dem er ihm widerholt die Hand ſchüttelte, weinte wie ein Kind. Sein Gehirn ſchien ſich im Kreiſe zu drehen, und alle Gegenſtände tanzten vor ſeinen Augen, er wußte nur, daß er ſeine Schweſter in den Armen hielt, ſeine Schweſter, die er noch inniger in den Stunden ſeiner Sclaverei geliebt hatte, als da ſie noch in ſeiner Nähe geweſen war. Ihr guter Rath, ihr Beiſpiel hatte ſcheinbar nur wenig Eindruck auf ihn gemacht, als er ein wilder, leichtſinniger Knabe in ſeines Vaters Hauſe geweſen war; aber ſie hatten ihn in ſeiner Trübſal aufrecht erhalten, da erſt erkannte er den Werth der ernſten Gedanken und Gefühle, die ſie ihm einzuflößen ge⸗ ſucht hatte, und indem ſie ihn an ſie erinnerten, wurde ſie ihm immer theuerer, je mehr er ſich in ſeinen vielen Prü⸗ fungen durch inbrünſtiges Gebet und jenes unbedingte Ver⸗ trauen gehoben fühlte, von dem ſie ſo oft geſprochen hatte. Voll Verwunderung und Erſtaunen hatten die jüngeren Glieder der Familie einige Minuten dieſer Seene zugeſehen, ehe Mrs. Hamilton die Wahrheit einleuchtete; ſowohl St. Eval als Perey hatten errathen, wer der Fremde ſei, und ſie erwarteten mit einiger Sorge die Wirkung, welche die Wie⸗ dererkennung auf Mrs. Hamilton haben würde, die durch Edward's Rückkehr bereits in großer Aufregung war. Mit charaktriſtiſchem Zartgefühl verließen ſie dann alle das Zim⸗ mer, und nur Sir George Wilmot und Mr. Hamilton blie⸗ ben bei den ſo lange getrennten Geſchwiſtern. „Mein Onkel Charles ſelbſt! Welch ein Thor war ich, 275 dies nicht erkannt zu haben,“ hatte Edward in einem Tone ungezähmter Freude ausgerufen. Eine kurze Zeit genügte nun, Allen eine verhältnißmäßige Faſſung zurückzugeben, aber eines längern Zeitraums be⸗ durfte es, daß Charles Manvers, den wir nun Lord Del⸗ mont nennen müſſen, die unzähligen Fragen beantworten konnte, die durch ſeine unerwartete Rückkehr hervorgerufen wurden; er hatte viel zu hören und viel zu erzählen, wie⸗ wohl er, wie er ſagte, die Geſchichte ſeiner Abenteuer in Algier zur Unterhaltung für zwei oder drei Winterabende laſſen wollte, wenn die ganze Familie verſammelt wäre. „Meine ganze Familie“ wiederholte er in einem Tone tiefen Gefühles,„und das ſage ich, der ſich ſo einſam und verlaſſen glaubte, der ſich dachte, da ſo viele Jahre ver⸗ floſſen, daß er unerkannt, ungeliebt, vergeſſen worden ſein würde? Mache mir keinen Vorwurf, meine Schweſter, über das Elend, das ich mir ſelbſt bereitet, die Gefühle dieſes Augenblicks ſind der Strafe genug. Und find alle Die, die ich hier ſah, Deine Kinder, Hamilton?“ fuhr er heiter fort. „O laſſe mich um ihre Liebe bitten, ich kenne ſie ſchon Alle, denn Edward hat mich ſchon lange mit ihnen bekannt ge⸗ macht, und ich ſehne mich darnach, ſelbſt darüber zu urthei⸗ len, ob ſeine Berichte der Wahrheit gemäß ſind, wiewohl ich nicht daran zweifele. Armer Junge, ich verdiene ſeine Vor⸗ würfe, daß ich ſo lange meine Täuſchung gegen ihn fortge⸗ ſetzt habe.“ „Und warum haſt Du überhaupt dieſen Namen ange⸗ nommen, lieber Charles,“ fragte Mr. Hamilton;„warum haſt Du den Deinen nicht wieder angenommen, als die Ket⸗ ten der Selaverei wieder gelöſt waren?“ „Und wie können Sie ſagen, daß Mordaunt Ihr Name war, ſo lange Sie ſich erinnern können?“ fragte Sir George, indem er mit der Hand drohte, als wenn der erwachſene Mann vor ihm immer noch der ſchlanke Jüngling wäre, deſſen er ſich noch erinnerte.„Auf meinen Verdeck war keine Täuſchung geſtattet, Maſter Charles.“ Mrs. Hamilton lächelte. 18* S —— ———— ——————— 276 „Ich habe auch Niemand getäuſcht, Sir George,“ erwiderte er.„Mordaunt war mein Name, wie meine Schweſter verbürgen kann. Ich wurde Charles Mordaunt Manvers getauft. Mordaunt war der Name meines Pathen, zwiſchen dem und meinem Vater ſich indeß ein Streit erhob, als ich etwa ſieben Jahre zählte, in Folge deſſen ſie alle alte Freundſchaft aus den Augen ſetzten und bis zu Sir Henry Mordaunt's Tode in Feindſchaft lebten. Die Geſchichte wurde mir erzählt, als ich ohngefähr zehn Jahr als war, natürlich ſehr übertrieben, und ich erklärte, daß ich ſeinen Namen nicht mehr tragen wollte. Ich erinnere mich noch recht wohl der Bitten meiner guten Schweſter Emmeline, daß ich mich nicht einmiſchen möchte, daß ich von dem Streite nichts verſtände und daß ich kein Recht hätte, ſo böſe zu ſein. Ich ſetzte indeß, wie gewöhnlich, meinem zu nachſichtigen Vater gegenüber meinen Kopf durch, und des⸗ halb war ich von dieſer Zeit an nur als Charles Manvers bekannt, denn mein Vater konnte in ſeiner Gegenwart den Namen nicht nennen hören. Erinnerſt Du Dich nicht Em⸗ meline?“. „Sehr gut, nachdem Du mich daran erinnerſt, wiewohl ich aufrichtig geſtehe, daß ich es ganz vergeſſen hatte.“ „Aber dennoch, warum brauchteſt Du den Namen Man⸗ vers nicht?“ fragte Mr. Hamilton weiter. „Aus einen vielleicht ungerechtfertigten und thörigten Grunde. Ich wußte nicht, ob mein geliebter Vater noch lebte, noch wer den Titel Lord Delmont führte, der, wenn er nicht mehr war, auf mich vererbte; vierundzwanzig Jahre hatte ich nichts von allen meinen Lieben gehört, ſie ſahen mich für todt an, ſie konnten in aller Welt zerſtreut ſein, anſtatt Freude, konnte meine Rückkehr Kummer, Täuſchung, Unzufrieden⸗ heit erwecken. Aus dieſem Grunde legte ich den Namen Manvers ab, und nahm den andern an, den ich beinahe vergeſſen hatte, wiewohl er mir mit gleichem Rechte gehörte; ich wollte mein Vaterland unerkannt beſuchen und unter die⸗ ſem Namen konnte ich alle Forſchungen anſtellen, ohne in Verdacht zu gerathen.“ 277 In der Umgebung Derjenigen, die er lange im Wachen und in ſeinen Träumen geliebt hatte, verſchwanden bald die Wolken, welche Lord Delmont's Stirn umhüllt hatten, ſelbſt als er frei geworden war, vor dem ruhigen Sonnenſchein häuslicher Liebe. Ein Gefühl des Glücks erfüllte ſein Herz, das durch ein inniges Gefühl des Dankes gegen Gott erhöht wurde. Er war faſt zu Thränen gerührt, wenn die Art und Weiſe ſeines Neffen und ſeiner Nichte gegen ihn unbewußt verrieth, mit welcher Liebe ſie an ihn zu denken gelehrt wor⸗ den waren. Raſch wurde er mit Allen bekannt, und ſehn⸗ ſichtig ſah er der Ankunft Emmelinens und ihres Gatten entgegen; aber wiewohl Edward lachend behauptete, daß er nun wegen der Fortdauer der Vorliebe ſeines Onkels für ihn zittere, ſo behielt er dennoch ſeine Stelle. Er war ihm zuerſt bekannt geworden, ſeine Geſellſchaft, ſeine beruhigenden Worte, ſeine geiſtige Schwungkraft, ſeine Liebe und Vereh⸗ rung für das Gedächtniß ſeines Onkels, den er todt glaubte, und vielleicht die ſeemänniſche Kameradſchaft hatten ihn mit zu ſtarken Banden an Lord Delmont's Herz gefeſſelt, als daß ſie ſo leicht zerriſſen werden konnten. Jemehr er von ihm hörte, und jemehr er mit ihm in dem traulichen Hauſe verkehrte, deſto ſtärker wurden dieſe Gefühle, und Edward ſeinerſeits ſteigerte dieſelbe unbewußt durch ſeine Hingabe gegen ſeinen Onkel, die Art und Weiſe, wie er Mrs. Hamil⸗ ton behandelte und ſein Benehmen gegen ſeine Schweſter, deren ruhiges Glück über ſeine Rückkehr und zwar in ſolcher Begleitung, in der That größer war, als ſie es ſelbſt vor einigen Monaten für möglich gehalten haben würde. 278 Elftes Kapitel. Unſere Erzählung muß nun den Leſer in eine kleine Hütte in dem maleriſchen Dorfe Langwillan verſetzen, wo etwa drei Monate nach den Ereigniſſen, die wir erzählt haben, Lilla Graham eines Abends allein und wie es ſchien trau⸗ ernd ſaß. Das Zimmer, worin ſie ſich befand, war klein, aber mit dem feinen Geſchmack eines Mädchens ausgeſtattet, das viel höheren Standes zu ſein ſchien, als die Bewohner ſolcher Häuſer zu ſein pflegen. Ein großes Fenſter, das bis auf die Erde reichte, ſah nach einem grünen Raſenplatz, der mit ſchönen Blumen geſchmückt war. Er führte nach einer kleinen Thür, die eine lange ſchmale Gaſſe entlang nach dem Pharrhauſe führte, wenn man die kleine Kirche und den maleriſchen Gottesacker ein wenig rechts ließ; der dichte Hain, der denſelben umgab, bildete auf der einen Seite eine undurchdringliche Laubwand. Es befanden ſich viele ſehr hübſche Gräber auf dem Kirchhof; vielleicht beſtand ſeine Schönheit in einer außerordentlichen Sauberkeit und in den Blumen, die der Vikar Mr. Myrvin zu ſeinem Ver⸗ gnügen abwartete. Ein niederes Grab unter einem großen breiten Eichenbaum blieb niemals unbeachtet; eine einfache Mormorplatte ſagte, daß dort eine Frau lag, die einſt die Schönſte unter den Schönen, der glänzende Stern eines vornehmen Kreiſes geweſen war. Es war auch ihr Name, ihr Alter, nebſt einfachen Verſen eingeſchrieben, und um dies beſcheidene Grab blühten die Blumen üppiger, als an irgend einer anderen Stelle des Kirchhofs, der kletternde Epheu ſchlang ſeine Ranken an dem dunkeln Stamme der Eibe empor. Roſen von verſchiedenen Arten miſchten ſich unter die verſchiedenen Veilchen, Schneeglöckchen, die Lilie, die Winde, welche, indem ſie ihre Blumenblätter eine Zeit⸗ lang ſchließt, ein Sinnbild des Schlafes iſt, der auf Erden unſere Augen ſchließt und ſie im Himmel in der Sonne der Gerechtigkeit wieder öffnet. Dieſe Blumen waren heilig in 279 den Augen der Dorfbewohner, und ihren Kindern war es verboten ſie anzurühren, und ihre Liebe zu ihrem Pfarrer war zu groß, und dieſer kleine Fleck Erde war ſelbſt ihren ungebildeten Auge zu heilig, als daß dieſes Verbot jemals verletzt worden wäre. Aber es war nicht Mr. Myrvin's Sorgfalt allein, was dieſem Theile des Kirchhofs ſeine Schönheit verlieh. Er hatte ſich immer vor den übrigen Gräbern durch ſeine Blumen ausgezeichnet, aber erſt in den letzten zwei Jahren blühten ſie ſo üppig; die Hand Lilla Graham's begoß und pflegte ſie mit unabläſſiger Sorgfalt. Am frühen Morgen und in der ſtillen Dämmerung ſah man ſie am Grabe, und man hätte glauben können, daß da die Aſche einer nahen lieben Verwandten ruhte, aber es war nicht ſo. Lilla hatte das liebenswürdige Weſen, deſſen letzte Heimath ſie ſo liebevoll pflegte, nie geſehen und nie gekannt; ſie liebte das Grab, weil es ſie an Den erinnerte, den ſie liebte, da konnten ihre Gedanken zu ihm wandern, und wahrlich die Liebe, die außerdem die Verſtorbene ſchmückte, muß die Reinheit ſelbſt geweſen ſein. Es war die Stunde, wo Lilla gewöhnlich den Kirchhof zu beſuchen pflegte, und die immer länger werdenden Schatten eines lieblichen Maiabends fielen auf die anmuthige Geſtalt eines großen eleganten jungen Mannes in Seemannsuniform, der an dem Grabe ſtand, ſinnend wie es ſchien, doch keines⸗ wegs traurig. Das ſchöne ausdrucksvolle Geſicht ſchien ein Glück zu athmen, das aus dem Herzen kam und durch heili⸗ gere Gedanken gemildert ward. Ein Lächeln innigen Gefühls flog um ſeine Lippen, als er die Blumen ſah, die gerade ſich zur ſchönſten Blüthe entwickelten, und indem er ein Veilchen abpflückte, drückte er daſſelbe an ſeine Lippen und ſteckte es an ſeine Bruſt.„Doppelt koſtbare Gabe,“ ſagte er bei ſich, „gepflanzt von der Hand der Geliebten blühteſt du auf mei⸗ ner Mutter Grabe; o meine Mutter, daß Du jetzt Deinen Edward ſehen und daß Du ihm Deinen Segen geben könn⸗ teſt! Es kann nicht ſein, und warum ſollte ich dreimal Glücklicher noch mehr verlangen?“ Einige Augenblicke weilte er noch, dann wandte er ſich nach dem Pharrhauſe. ————— 280 Lilla's Gemüth harmonirte nicht wie ſonſt mit der ſtillen Schönheit der Natur in ihren Umgebungen; voll Kummer und Sorge floſſen ihre Thränen langſam und unbemerkt auf ihre Arbeit nieder, aber die Laune ihres Vaters hatte ſich wenig gebeſſert, ſie hatte viel, ſehr viel zu ertragen, wiewohl ſie wußte, daß er ſie liebte und daß ſeine hauptſächlichſten Sorgen ihr galten; die Einſamkeit hatte ſeinen gereiften Geiſt nicht beſchwichtigt. Hätte er, anſtatt ſich von der Welt zurückzuziehen, wie früher mit der Geſellſchaft verkehrt, ſo würde er viel glücklicher geweſen ſein, denn er würde gefunden haben, daß das ehrloſe Benehmen ſeines Sohnes ſeinen Ruf nicht befleckt hatte. Er war zu lange und zu gut als Ehrenmann bekannt, als daß ſeinen Namen ein Zweifel getroffen hätte. Lady Helens unverſtändiges Beneh⸗ men gegen ihre Kinder wurde allerdings oft getadelt, und Graham's Strenge viel bedauert, aber er fand mehr Theil⸗ nahme als Mißachtung, und alle ſeine Freunde beklagten ſeine Zurückgezogenheit. Wäre nicht Lilla's Geiſt von Natur ſo elaſtiſch geweſen, er hätte ſich unter dieſen beſtändigen ſchmerzlichen Prüfungen beugen müſſen. Ihr junges Herz wollte oft brechen, aber das religiöſe Gefühl, die vortreff⸗ lichen Grundſätze, die Mrs. Douglas und Mrs. Hamilton ihr eingeprägt hatten, machten ſich in ihrer vollen Kraft geltend und hielten ſie unter allen Umſtänden aufrecht. Sie wankte nie in ihrem Gehorſam gegen ihren Vater; ſie klagte ſelbſt in ihren Briefen an ihre liebſten und vertrauteſten Freundin⸗ nen nicht. „Haſt Du Dir die Sache überlegt, über die wir geſtern Abend ſprachen, Lilla?“ fragte ihr Vater, der plötzlich eingetreten war und ſich mit finſterem Geſicht einige Schritte von ihr auf einen Stuhl geſetzt hatte. Seine Tochter ſchrak zuſammen, als ſie ihn ſah, denn der erſte Ton ſeiner Stim⸗ me verrieth, daß er noch gereizter und übler gelaunt ſei als gewöhnlich. „Ja Vater, das habe ich,“ erwiderte ſie ziemlich ſchüchtern. „Und wie lautet Deine Antwort?“ 281 „Ich fürchte, Du wirſt böſe ſein, lieber Vater, aber ich kann wirklich nicht anders antworten als geſtern Abend.“ „Du willſt alſo wirklich Philipp Clapperton einen Korb geben?“ Lilla ſchwieg. „Und darf ich nach der Urſache Deines Stolzes fragen? Dein Thränenſtrom von geſtern Abend machte ſich allerdings hübſch, aber er gab mir keine genügende Antwort.“ „Ich kann Mr. Clapperton nicht nur nicht lieben, ich kann ihn auch nicht achten, Vater.“ „Und warum nicht? Ich ſagte Dir, Lilla, ſo ſchwerfäl⸗ lig, ſo rauh er iſt, wenn Du willſt, ſo hat er doch ein beſſe⸗ res Herz als die meiſten der zierlichen und anziehenderen Adeligen, unter denen vielleicht Deine romanhafte Phantaſie Deinen Gatten ſich ausgeſucht hat.“ „Du thuſt mir unrecht, Vater, ich habe mich ſolchen romanhaften Träumen nie hingegeben; aber ich kann mein Schickſal nicht an einen Mann knüpfen, der keine feſten Grundſätze hat, der nichts anders kennt als das Vergnügen. Sein Herz mag gut ſein, daran zweifele ich nicht, aber ich kann einen Mann nicht achten, der ſein ganzes Leben auf der Fuchsjagd, mit Trinken und in allen Vergnügungen zubringt, welche die Geſellſchaft ſeiner Freunde ihm bietet.“ „Mit andern Worten: ein einfacher ſchlichter echt engli— ſcher Gentleman iſt Dir nicht gut genug. Was ſchaden Dir die Vergnügungen, die Du aufgezählt haſt, warum ſollte nicht ein Fuchsjäger ein eben ſo guter Gatte ſein als ein anderes Mitglied der Geſellſchaft?“ 3 Lilla ſah ihren Vater erſtaunt an; dies waren nicht immer ſeine Gefinnungen, dachte ſie ſchmerzlich. „Ich will dieſe Vergnügungen nicht verdammen, außer wenn man ſich ihnen ohne Grundſatz und Religion hingiebt, wie kann ich aber mein Glück einem ſolchen Manne anvertrauen?“ „Und wo kannſt Du jetzt Grundſätze oder Religion fin⸗ den? Doch ſicher nicht in den vornehmen Kreiſen, auf die Du Deine Hoffnungen geſetzt zu haben ſchienſt? Mädchen, verbanne ſolche Hoffnungen. Nicht einer von ihnen würde 282 die Schweſter des ehrloſen Cecil Graham heirathen.“ Gra— ham zitterte am ganzen Leibe, als er den Namen ſeines Soh⸗ nes ausſprach, aber immer noch lag in ſeinem Tone eine ge— wiſſe Rauheit. „Sei verſichert, Vater, daß ich niemals einen Mann heirathen würde, der ſich durch eine Verbindung mit unſerer Familie herabzuwürdigen glaubte,“ erwiderte Lilla ernſt. „Meine Hoffnungen gehen nicht hoch, ich habe wenig ans Heirathen gedacht, und wünſche nicht unſere Einſamkeit zu verlaſſen, bis ich aufgeſucht werde.“ „Und wer ſoll Dich hier aufſuchen? Du würdeſt gut thun, ſolche eitle Hoffnungen zu laſſen, denn ſie werden mit Täuſchungen enden.“ „Immerhin,“ erwiderte Lilla ruhig, wiewohl ihr Vater, wenn er in ihrer Nähe geweſen wäre, geſehen haben würde, daß ihre Wange plötzlich blaß wurde und ihre Augen ſich mit Thränen füllten.„Iſt aber die Ehe etwas ſo Unent⸗ behrliches, daß Du mich zwingen willſt, Dich zu verlaſſen, lieber Vater?“ „Für Dich iſt ſie etwas Unentbehrliches; wenn Du ein⸗ mal den Namen gewechſelt, den Du jetzt haſt, ſo ſteht Dir die Welt und alle ihre Freuden offen, und S wird mehr an den Makel deſſelben denken; Du brauchſt dann Dein Le⸗ ben nicht in einer Verbannung, wie hier, zuzubringen.“ „Und was ſoll dann aus Dir werden?“ „Aus mir? Was thut das? Was bin ich, und was bin ich meinen Kindern geweſen, daß ſie Rückſicht auf mich nehmen ſollten? Ich verſchmähe den bloßen kindlichen Gehor— ſam, und wer von Euch kann mich lieben? Vein ſelbſt Du nicht, Lilla.“ „Vater, Du thuſt mir o ſ nicht ſo grau⸗ ſame Worte, ſagte Lilla, indem ſie von ihrem Stuhle auf⸗ ſprang und ſich vor ihrem Vater auf die Knie warf.„Habe ich es wirklich an Zeugniſſen der Liebe fehlen laſſen, daß Du auch nur einen Asgelblic glauben kannſt, es ſei ein bloßer kindlicher Gehorſam, was ich fühle und übe? O, mein Vater, thue mir nicht ſo ſchweres Unrecht; könnteſt „ 4 F —,— 283 Du in meinem Herzen leſen, Du würdeſt ſehen, wie voll von Liebe und Ehrfurcht es für Dich iſt, wiewohl ich nicht immer den Muth habe es zu ſagen. Verlange von mir jeden andern Beweis, und ich will Deinem Gebote gehorchen, aber fordere nicht, daß ich Mrs. Clapperton heirathe; o warum willſt Du mich von Dir ſtoßen?“ „Ich ſpreche nur um Deines Glückes willen, Lilla,“ ſeine Stimme war etwas milder geworden,„Du kannſt nicht mit einem Manne glücklich ſein, der ſo hart, ſo reizbar, ſo grauſam iſt, wie ich es oft bin.“ „Und kannſt Du die gelegentliche Reizbarkeit, die aus der Kränklichkeit eines geliebten Vaters hervorgeht, mit der wilden Leidenſchaftlichkeit und dem ſteten Ungeſtüm eines Gatten vergleichen, mit dem ich nicht einen Gedanken ge⸗ mein habe, den ich weder lieben noch achten könnte, gegen den ſelbſt meine Pflicht zu erfüllen mich elend machen würde? O mein Vater, kannſt Du Euch beide vergleichen. Denke an Mrs. Greville. Philipp Elapperton erinnert mich immer an Mr. Greville, wenigſtens wie er in ſeiner Jugend geweſen ſein muß, und möchteſt Du mich zu dem Elend verurtheilen, welches das Loos der armen Mrs. Greville und ihrer Kinder geweſen iſt?“ „Du kennſt Clapperton nicht genug, daß Du ihn ſo hart beurtheilſt, Lilla; ich kenne ihn beſſer und ich kann die Fehler nicht ſehen, gegen die Du ſo eingenommen biſt. Deine Schweſter wählte für ſich ſelbſt, und wie iſt ſie gefahren? It ſie glücklich?“ „Annie kann nicht glücklich ſein, Vater, ſelbſt wenn ihr Gatte ganz andern Charakters wäre; ſie iſt ungehorſam ge⸗ weſen, des Vaters Segen heiligte nicht ihre Ehe, und ſelt⸗ ſam würde es ſein, wenn ihr Loos ſich anders geſtaltet hätte; aber wiewohl ich den Gatten nicht lieben kann, den Du mir gewählt, ſo verlaſſe Dich auf mich, mein Vater, daß ich ohne Deine Einwilligung und Deinen Segen nie einen Andern heirathen werde.“ „Sage nicht, daß Du Philipp Clapperton nicht lieben kannſt, Lilla; wenn Du erſt ſeine Frau biſt, wird ſich das 284 finden; ich möchte Dich mit einem Manne verheirathet ſehen, der Dich liebt, mein Kind, ehe Du Deine Liebe einem An⸗ dern ſchenkſt, der vielleicht weniger geneigt iſt, ſie zu er⸗ widern.“ Graham ſprach in einem ſo ungewöhnlich ſanften Tone, daß nun die Thränen über Lilla's Wangen rollten. Ihre offene Natur konnte ſie nicht länger an ſich halten; ſie glaubte wenn ſie noch länger ſchweige, ihren Vater zu täuſchen, und indem ſie ihr Geſicht mit den Händen bedeckte, flüſterte ſie faſt unhörbar:„Dazu iſt es zu ſpät, Vater, ich kann Mr. Clapperton nicht lteben, weil ich ſchon einen Andern liebe.“ „Ha!“ rief Graham erſtaunt aus, dann legte er ſeine Hand auf Lilla's Kopf und fuhr in großer Aufregung fort: „Dies iſt alſo die Urſache Deiner entſchiedenen Weigerung; armes Kind, welches Elend haſt Du Dir ſelbſt geſchaffen!“ „Und weßhalb Elend, mein Vater?“ erwiderte Lilla, indem ſie den Kopf ziemlich ſtolz empor hielt und ſo feſt ſprach, wie ihre Thränen es geſtatteten.„Dein Kind würde nicht geliebt haben, wäre nicht ihre Liebe geſucht und ge⸗ ſchätzt worden. Glaube nicht, daß ich mich herabwürdi⸗ gen würde, mein Herz einem Manne zu ſchenken, der mich oder meinen Vater nicht hochachtete. Wenn jemals das Auge oder die That ſprechen kann, ſo liebe ich nicht umſonſt.“ „Und Du glaubſt an ſolche Nichtigkeiten?“ fragte ihr Vater bekümmert.„Ach, mein armes Kind, oft lügen die Worte; aber noch weniger kannſt Du Dich auf die Sprache der Augen verlaſſen; hat ſchon ein Einverſtändniß zwiſchen Euch ſtattgefunden?“ „Ach nein, Vater, und doch weiß ich, daß er mich liebt.“ „Das kann er auch, mein Kind, und dennoch wird ihm und Dir armes harmloſes Mädchen eher das Herz brechen, als daß er ſich mit einer Ehrloſen verheirathete. Lilla, meine Lilla, ich bin hart und grauſam geweſen, ich fühle vielleicht zu ſchmerzlich die Bitterkeit, womit das elende Betragen Deines Bruders Dein und mein Leben erfüllt hat; das meine wird bald zu Ende gehen, aber über Dir würde der * 285 dunkle Schatten fort und fort ſchweben, und Dich unglück⸗ lich machen; ich kann den Gedanken nicht ertragen!“ Und er ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn.„Warum ſoll die Strafe des Schuldigen die Unſchuldige treffen? Mein Kind, mein Kind, verbanne aus Deinem argloſen Herzen die Hoffnung der Gegenliebe. Wo ſollſt Du in dieſer ſelbſtſüchtigen Welt einen Mann finden, der Dich um Deiner ſelbſt willen, ohne Rückſicht auf Familie und Vermögen liebte?“ „Warum urtheilen Sie ſo ſtreng über Ihr Geſchlecht, Mr, Graham?“ ſagte eine klangvolle Stimme in unerwar⸗ teter Erwiderung ſeiner Worte, und derſelbe junge Mann, den wir vorher an einem Grabe auf dem Dorfkirchhofe ſtehen ſahen, trat leichten Schrittes von der Terraſſe, nach welcher das große Fenſter ſich öffnete, und ſtand plötzlich vor dem er⸗ ſtaunten Vater und ſeinem Kinde. Auf die Letztere übte ſeine Gegenwart faſt eine elektriſche Wirkung. Eine dunkle Röthe überzog ſogleich Wange, Stirn und Hals, ein leiſer Schrei entfuhr ihren Lippen, und da ſie dachte, daß er ihre vielleicht zu kühnen Hoffnungen auf Gegenliebe, wie die Worte ihres Vaters gehört habe, brach ſie plötzlich in Thrä⸗ nen aus und eilte auf demſelben Wege, auf dem er hereinge⸗ kommen war, in den Garten an dem Eindringling vorüber; aber ſelbſt, als ſie ſich entfernt hatte, konnte ſie eine Zeitlang ihre Faſſung nicht wieder gewinnen, ſie vergaß ganz, daß weder ihr Vater noch ſie einen Namen ausgeſprochen, um Denjenigen zu bezeichnen, den ſie zu lieben geſtand; ihr ein⸗ ziges Gefühl war, daß ſie eine Wahrheit verrathen, die ſie vor ihm geheim gehalten haben würde, bis er darnach ge⸗ fragt hätte, und verletzte Scham verurſachte ihr nun ſo viel Schmerz, daß ſie ſich der unerwarteten Erſcheinung eines Mannes, den ſie nicht mehr geſehen, ſeitdem ſie ihn für todt gehalten, nicht freuen konnte. Sie wußte, daß der Kirch⸗ hof um dieſe Zeit des Abends völlig verlaſſen ſei, und faſt ohne zu wiſſen, was ſie that, eilte ſie mit der Schnelligkeit eines jungen Rehes durch die enge Gaſſe und ruhte nicht eher, als bis ſie an ihrem Lieblingsgrabe ſaß; dort machte 286 ſie den Gedanken Luft, in denen ſich Freude und Verwirrung in ziemlich ſeltſamer Weiſe miſchten. „Können, wollen Sie mir dieſen ungewöhnlichen und, wie ich fürchte, unerwünſchten Ueberfall verzeihen,“ ſagte der junge Fremde zu Graham, als er ſich von der Aufre⸗ gung, die Lilla's Bewegung, er wußte kaum warum, hervor⸗ gerufen, erholt hatte.„Sie haben mir immer die Hand der Freundſchaft gereicht, ſo ſtreng Sie im Allgemeinen über die Welt urtheilten; werden Sie mir nun dieſelbe verweigern, wo mich das Verlangen hierher führt, um mir einen noch näheren und lieberen Namen zu erwerben?“ „Sie ſind in meinem beſcheidenen Hauſe immer willkom⸗ men, mein lieber Edward, ſowohl um Ihretwillen, als Ihrer lieben Verwandten wegen,“ erwiderte Graham, deſſen frü⸗ here Wärme und Herzlichkeit zurückgekehrt war.„Ich heiße Sie um ſo mehr willkommen, als dies Ihr erſter Beſuch iſt, ſeitdem Sie aus dem Abgrund des Meeres gerettet worden ſind. Sie ſehen beſtürzt und erhitzt aus, und als wollten Sie lieber Ihrer alten Geſpielin nacheilen, als bei mir blei⸗ ben; aber ich kann Sie nicht fort laſſen, denn ich habe Sie noch ſo viel zu fragen.“ „Entſchuldigen Sie mich, Mr. Graham, aber Sie müſſen mich zuerſt anhören. Ich kam hierher, um mit Ihnen über einen Gegenſtand zu ſprechen, der mir ganz beſonders am Herzen liegt, und bis ich mich darüber ausgeſprochen, bis ich von Ihren Lippen mein Loos erfahren habe, verlan⸗ gen Sie nicht, daß ich über etwas Anderes ſpreche. Ich würde nicht ſo aus dem Stegreif auf mein Anliegen gekom⸗ men ſein, hätte mir nicht Mr. Myrvin etwas mitgetheilt und hätte ich nicht unabſichtlich, als ich ungeſehen auf dieſer Terraſſe ſtand, etwas gehört, was mir alle Beredſamkeit, womit ich meine Sache zu führen gedachte, geraubt hat.“ „Sprechen Sie, Edward, und dann werde ich Sie viel⸗ leicht anhören,“ erwiderte Graham, deſſen Menſchenhaß der Anblick ſeines jungen Freundes verſcheucht zu haben ſchien. „Was ich indeß mit Ihrem Looſe zu thun haben kann, weiß ich nicht, außer, daß ich Sie von aller abſichtlichen Horcherei losſpreche, wenn das Sie beruhigt; und was kann Mr. Myrvin geſagt haben, was Ihnen Ihre Beredſamkeit raubt?“ „Er ſagte mir, daß Sie— Philipp Clapperton's Wer⸗ bung um Lill— um Miß Graham unterſtützten,“ antwor⸗ tete Edward mit ſteigender Unruhe, denn er bemerkte, was in der That der Fall war, daß Graham nicht die mindeſte Idee von ſeinen Abſichten hatte. „Und was hat das mit Ihnen zu ſchaffen, junger Mann?“ fragte Graham ziemlich hochmüthig und ſeine Stirn verfin⸗ ſterte ſich.„Sie haben Lilla doch nicht geſehen, um ſich von ihren Vorurtheilen anſtecken zu laſſen, und in welcher Weiſe kön⸗ nen meine Wünſche rückſichtlich meiner Tochter Sie berühren?“ „In welcher Weiſe ſie mich berühren können, Mr. Gra⸗ ham? Ich kam hierher mit dem Segen meiner Tante und meines Onkels, um Sie um die Hand Ihrer guten Tochter zu bitten. Ich bin kein Mann von vielen Worten, Alles, was ich zu ſagen hatte, ſcheint mir entſchwunden zu ſein, und ich ſcheine die Sprache verloren zu haben. Ich kam hier⸗ her, um Sie um Ihre Einwilligung zu bitten, denn ohne Sie, wußte ich, würde es vergeblich ſein, daran zu denken oder zu hoffen, Ihre Lilla zu der Meinen zu machen. Ich kam hierher, um Sie zu bitten und mit Ihrem Segen aus⸗ gerüſtet, meine Sache bei ihr zu führen, und Sie fragen mich, wie Mr. Myrvin's Mittheilung mich berühren kann? Sprechen Sie alſo, ſprechen Sie aus Mitleid mit der Schwä⸗ che, die mir ein Gefühl verurſacht, als wenn mein künftiges Glück oder Elend von Ihrer Antwort abhinge.“ „Und lieben Sie, lieben Sie wirklich mein armes Kind, Edward?“ fragte der Vater mit bebender Lippe und feuch⸗ tem Auge, indem er ſeine zitternde Hand dem jungen Manne auf die Achſel legte. „Sie lieben? O Mr. Graham, ſie iſt der hellglänzende Stern geweſen, der mir auf meinen Seefahrten manch lan⸗ ges Jahr geleuchtet hat. Ich weiß nicht, wann ich zu lieben anfing, aber ſeit dem Hochzeitstage meiner Couſine Karoline beſchäftigten ſich meine Gedanken mit Lilla, und brachten ——— —— — — —— 288 mir manche goldenen Träume von häuslichem Glück und Frieden, und jedesmal, wo ich ihr ſchönes Geſicht ſah und ihren lebhaften Geiſt bemerkte, fühlte ich, daß ſie mir immer lieber wurde; und als ich ſie in ihrem Kummer wiederſah, und mit Ellen ſie zu beruhigen und zu erheitern ſuchte, da weiß Niemand, welchen Schmerz es mich koſtete, den verzehrenden Wunſch zu unterdrücken und ſie zu fragen, ob ſie eines Tages die Meine ſein wolle, aber das war keine Zeit von Liebe zu ſprechen. Außerdem wußte ich nicht, ob ich die Mittel hätte, ihr eine behagliche Heimath zu bieten. Ich wußte nicht, wie lange ich bei ihr bleiben könne, aber nun, wo ich beides weiß, warum ſoll ich länger zaudern? Mit dem Capitainstitel, nach dem ich mich lange geſehnt habe, ſteht es mir frei, auf Halbſold Urlaub zu nehmen bis auf weitere Ordre; als Adoptivſohn und künftiger Erbe meines Onkels Lord Delmont habe ich nun genug, um ihr ohne weitere Zweifel meine Hand zu bieten. Sie ſchweigen. O Mr. Graham, ſoll ich vergeblich bitten?“ Und würden Sie ſie heirathen, würden Sie wirklich mein Kind zu Ihrer Braut erwählen?“ ſtotterte Graham tiefbewegt.„Mit Ehren und Titeln begleitet, wie Sie ſind, iſt meine vermögensloſe Tochter keine Braut für Sie.“ „Ehren und Titel hole der Kukuk, wenn ſie mich des guten Mädchens, das ich liebe, berauben könnten,“ rief der junge Capitain ungeſtüm aus.„Sprechen Sie nicht ſo, Mr. Graham. Worin war mein ſeliger Vater beſſer als Sie, meine Mutter beſſer als Lady Helen? Und wenn ſie in der That mir nicht ebenbürtig wäre, die Tugend und die Schön⸗ heit Lilla Graham's würden dem ſtolzeſten Lord dieſes ſtol⸗ zen Landes Ehre machen.“ „Mein Sohn, mein tapferer Sohn,“ ſchluchzte der auf⸗ geregte Vater, deſſen Reizbarkeit verſchwunden war, wie eine drohende Wolke im Sommer vor einem warmen Sonnen⸗ ſtrahl, und indem er Capitain Fortescue immer wieder die Hand drückte, floſſen ihm wie einem Kinde die Thränen über die Wangen herab. „Ob ich einwilligen, ob ich Ihnen meinen Segen geben 289 will; o Sie als den Gatten meines armen Kindes zu ſehen, das würde zu viel, zu viel Glück, ganz unverdientes Glück ſein. Aber ach, Edward, kann Mr. Hamilton, kann Lord Delmont in Ihre Verbindung mit einem Mädchen einwil⸗ ligen, deren einziger Bruder ein ehrloſer Flüchtling, deren Vater ein ſelbſtſüchtiger, reizbarer Menſchenfeind iſt?“ „Kann das Benehmen Cecil's in den Augen der Ge⸗ rechten und Guten einen Schatten auf den guten Ruf ſeiner Schweſter werfen? Nein, mein lieber Vater, Sie ſahen die Welt mit unfreundlichen Augen an, und Sie werden es mit ihrer gewöhnlichen Offenheit eingeſtehen, wenn Sie ſich in Begleituug Ihrer Kinder wieder dem Kreiſe Ihrer Freunde anſchließen. Ein ſelbſtſüchtiger, reizbarer Menſchenfeind,“ fügte er ſchelmiſch lächelnd hinzu,„Sie können mich nicht er⸗ ſchrecken, Mr. Graham, ich weiß, es iſt eine falſche Anklage und ich fürchte ſie nicht.“ „Verlangen Sie nicht, daß ich wieder mit der Welt ver⸗ kehren ſoll,“ entgegnete Graham rauh,„in allen andern Dingen werden mir die Pflichten gegen meine Kinder Ge— ſetze ſein, aber darin—“ „Schon gut, wir wollen jetzt nicht davon ſprechen,“ er⸗ widerte der junge Seemann heiter, dann fügte er mit dem warmen Ausdruck der Liebe hinzu:„Aber Lilla, meine Lilla— darf ich hoffen, daß ſie wirklich die Meine ſein wird? O, bin ich nicht zu anmaßend in dem Gedanken geweſen, daß ich nicht vergeblich geliebt habe?“ „So gehen Sie und holen Sie ſich die Antwort von ihren eigenen Lippen,“ ſagte Mr. Graham mehr in ſeiner früheren Weiſe, als er ſich noch gezeigt hatte, denn er zwei⸗ felte nun nicht mehr, daß Edward der Erwählte ſei, an dem die junge Liebe ſeiner Tochter ſo feſt hing;„gehen Sie zu ihr, mein Sohn, ſie wird nun nicht zum zweiten Male wie ein geſcheuchter Haſe vor Ihrem Kommen fliehen. Sagen Sie ihr, daß, wenn ſie ihrem Vater geſagt hätte, daß Edward Fortescue der Gegenſtand ihrer Liebe ſei, er ihr junges Herz nicht ſo betrübt, daß er ihm nicht den Vorwurf gemacht Der Lohn einer Mutter. II. 19 * ——— 290 haben würde, ſie nicht um ihrer ſelbſt willen lieben zu kön⸗ nen. Sagen Sie ihr auch, daß der Name Philipp Clap⸗ perton ſie nicht mehr beleidigen ſoll. Gehen Sie, mein Sohn.“ Edward ließ ſich dies nicht zwei Mal ſagen. In wenigen Minuten war der ganze Garten durchſucht und im ganzen Hauſe nach Miß Graham gefragt worden, dann ſprang er über den Grasplatz, und nachdem er kaum fünf Minuten Mr. Graham verlaſſen hatte, ſtand er an Lilla's Seite. Das Bewußtſein, daß ſie ihre Liebe geſtanden, daß er ſie belauſcht haben möge, quälte noch ihr beſcheidenes Herz, und ſie würde ihn gemieden haben, wenn er nicht raſch ihrer Abſicht vorge⸗ beugt hätte. Raſch, faſt unzuſammenhängend, berichtete er über die Unterhaltung der letzten halben Stunde und mit der ganzen Beredſamkeit ſeines enthuſiaſtiſchen Weſens führte Edward ſeine Sache, und zwar, wie wir kaum zu ſagen brauchen, nicht umſonſt. Lilla ſuchte ihre Gefühle nicht zu ver⸗ bergen, und lange, lange blieben die beiden lebhaften Weſen in ſüßer, herzlicher Gemeinſchaft neben dem niederen Grabe. „Welcher Ort wäre ſo geeignet, uns Treue zu ſchwören, meine Lilla, als meiner Mutter Ruheſtätte?“ ſagte Edward. „O daß ſie in dieſem Augenblicke auf uns niederſchauen und uns ſegnend lächeln könnte.“ Glücklich und unbemerkt verfloſſen dieſe Abendſtunden den jungen Liebenden. Als ſein glückliches Kind eintrat, ſchloß ſie Graham an ſeine Bruſt; er ſegnete ſie und weinte heiße Thränen, die zugleich durch ſeine Vaterliebe, wie durch die Reue hervorgerufen wurden, daß er ſie durch ſeine Reiz⸗ barkeit ſo viel habe leiden laſſen. An dieſem Abend empfand Lilla, daß alle ihre Sorgen, alle ihre Kämpfe und ihre treue Pflichterfüllung belohnt waren. Nicht nur war ihr Langgeliebter zurückgekehrt, nicht nur wußte ſie, daß ſie in Kurzem ihrem Edward angehören würde, daß er der edle, tapfere, mit Ehren überhäufte Seemann, ſie allen ſchö⸗ nern und vornehmern Mädchen, mit denen er oft verkehrt, vorgezogen hatte, ſondern auch ihr Vater, ihr lieber Vater, war wieder mehr der alte geworden. Er ſah wieder aus * 291 wie der Montroſe Graham und ſprach, wie wir ihn in frühern Jahren gekannt haben. Edward war immer ſein Liebling geweſen, aber er und Lilla hatten von früheſter Kindheit an auf ſo vertrautem Fuße mit einander geſtanden, daß er nie daran geran gedacht, daß er ſein Sohn werden könnte, und als er die Wahrheit erfuhr, freute ſich Graham ſo aufrich⸗ tig, daß der bittere Kelch ſeines Lebens bis auf die Neige geleert zu ſein ſchien. Zahllos waren die Fragen, die Lilla und Graham zu thun hatten, und Edward beantwortete ſie alle mit jener eigenthümlichen Heiterkeit, die ihn immer ſo liebenswürdig erſcheinen ließ. Die Abenteuer ſeiner Reiſe, ſeine Gefahren, die außerordentliche Schickung, daß ſein längſt verloren ge⸗ gangener Onkel das Wertzeug ſeiner Rettung wurde, Lord Delmont's mannigfache Erzählungen, alles wurde lebhaft bis zu einer ſpäten Stunde beſprochen. Ein Lächeln ſchwebte um Graham's Lippen, als er ſich der Schwermuth und der bleichen Wangen ſeiner Lilla während der erwartungsvollen drei Monate, wo Capitain Fortescue für todt gehalten wurde, und der ebenſo wunderbaren und plötzlichen Heiter⸗ keit erinnerte, als ſie Ellens Brief erhielt, der über ihres Bruders Rettung berichtete. Lilla verbarg ihre feuchten Augen an der Bruſt ihres Geliebten, als er ſeine Gefahren erzählte, aber raſch küßte er ihre Thränen weg, und Dank⸗ barkeit für ſeine Rettung erfüllte aufs Neue ihr Herz, und ihr heiteres Lächeln kehrte wieder. Daß er ſie nicht früher aufgeſucht, erklärt er damit, daß, ſo lange ſie in Richmond waren, ſein Onkel, deſſen Geſundheit ſich nach langen Leiden nur allmälig erholt hatte, ihn nicht von ſeiner Seite laſſen wollte, und daß er ihn gebeten hätte, ihn nicht eher zu ver⸗ laſſen, als bis fie nach Dakwood zurücktehrten. Dies ſollte, wie der junge Forteseue nachher erfuhr, Lord Delmont Zeit geben, ſeine Wünſche zu erfüllen, womit er ſich beſchäftigt hatte, ſeitdem er gehört, daß das Geſchlecht der Delmont ausgeſtorben ſei. Viele von ſeines Vaters alten Freunden erkannten ihn ſogleich wieder. Die Freunde ſeines Vaters und ſeiner Schweſter beeilten ſich, ihn zu beſuchen und ihm 19* 292 alle möglichen Aufmerkſamkeiten zu erweiſen. Er war überall ein willkommener und gern geſehener Gaſt, und das Glück, das ſo lange ſeiner Bruſt fremd geweſen war, verſchwand nun nicht wieder. Edward an Sohnes ſtatt anzunehmen, ihn zum Erben ſeines Titels und ſeiner Güter einzuſetzen, das war nun wie vom erſten Augenblick an, wo er ſeinen Neffen erkannt hatte, der liebſte Wunſch ſeines Herzens, und wäre es auch nur, um Sir George Wilmot's Prophezeiung zu erfüllen, wie er ſcherzend zu dem alten Admiral ſagte, der wie Mr. und Mrs. Hamilton ſeine Wünſche aufs Wärmſte unter⸗ ſtützte. Die nothwendige Formalität traf keinen Wider⸗ ſpruch, und an demſelben Tage, der Edward ſeine Beför⸗ derung zum Capitain brachte, wurde er von dem im Stillen ausgeführten Wunſche ſeines Onkels in Kenntniß geſetzt. Zur Zeit von Se s Großvater befanden ſich die Delmont'ſchen Güter, wie ſich unſere Leſer erinnern werden, durch die Sorgloſigkeit der n und die Vernachläſ⸗ ſigung ihres Herrn in einem ſo üblen Zuſtande, daß ſie bloß das nöthige Einkommen für die Ausgaben der Familie Lord Delmont's einbrachten. Indeß die Verhältniſſe ſtanden nicht ſo ſchlecht, daß ſie nicht durch ein wenig Energie und Klug⸗ heit verbeſſert werden konnten. Der Vormund von Henry Manvers, der, wie wir bereits wiſſen, ſchon im Alter von drei Jahren Lord Delmont wurde, hatte ſein Amt mit ſo viel Rechtſchaffenheit und Zuverläſſigkeit geführt, daß Man⸗ vers, als er volljährig wurde, ſeine Güter in ſo blühendem Zuſtande fand, daß er ein viel reicherer Edelmann war, als viele ſeiner Vorfahren geweſen waren. Da er wahres Verdienſt zu ſchätzen wußte, und für die bereits geleiſteten Dienſte dankbar war, ſo bat er ſeinen Freund dringend, während ſeines Aufenthalts mit ſeiner Mutter und Schweſter in der Schweiz ſein Verwalter zu bleiben. Da er dort ſich ganz auf ſein Einkommen beſchränkte, ſo wuchs ſein Vermögen, und nach ſeinem frühen Tode fiel es an die Krone, von der es Lord Delmont nach ſeiner Rückkehr aus langjähriger Sclaverei mit dem Grafentitel zurück erhielt, zum Beweiſe, daß die Leiden eines britiſchen Seemanns das königliche 293 Ohr nicht ungerührt gelaſſen hatten. Der lange verbannte Seemann wurde von dem Herzoge Clarence Sr. Majeſtät vorgeſtellt, und hatte keine Urſache, die gnädige Zuſammen⸗ kunft zu bereuen. Seine Abſichten bezüglich des jungen Capitain Fortescue fanden die unbedenklichſte Billigung. Der königliche Herzog, der ſeinen Beruf glühend liebte, war der Anſicht, jemehr Seehelden dem Adel des Landes an⸗ gehörten, deſto beſſer ſei es für England, und bald nachher erhielten Lord Delmont und ſein Neffe eine Einladung nach Buſhypark. Edward, der bereits außer ſich war über ſeine unerwar⸗ tete Beförderung, wußte zur großen Freude ſeiner Familie ſich gar nicht mehr zu faſſen, namentlich ſeiner ſanften, ruhi⸗ gen Schweſter gegenüber, die, wenn ſie ihren Bruder anſah, im innerſten Herzen fühlte, wie unausſprechlich ihr Glück mit dem ſeinen Hand in Hand ging. Auch ſie hatte das Herz ihres Onkels erobert; ſie liebte ihn zuerſt, wegen ſeiner Vorliebe für ihren Bruder, bald aber erſtreckte ſich ihre Liebe auf ihn ſelbſt. Mrs. Hamilton hatte ihm ihre ganze Ge⸗ ſchichte erzählt, und er war davon ſo tief ergriffen und hatte ſo lebhaft empfunden, wie viel die milde Feſtigkeit und die beſtändige Wachſamkeit ſeiner Schweſter zur Bildung des Charakters nicht nur Edward's und Ellens, ſondern auch ihrer eignen Kinder gethan hatte, daß ſich ſeine Bewunderung für ſie ſtündlich ſteigerte. Einige Tage ſpäter machte Lord Delmont und ſeine Nichte Ellen Mr. Graham einen Beſuch, und Lilla's Freude, Ellen zu ſehen, war nicht geringer, als da Edward kam. Die herzliche Begrüßung Lord Delmont's verſcheuchte aus Graham's Geiſte jeden noch übrigen Zweifel an ſeiner Bil⸗ ligung der Wahl ſeines Neffen. Der Wahrheit der Ge⸗ ſchichte zu Gefallen müſſen wir indeß anerkennen, daß Lord Delmont als die paſſendſte Verbindung für Edward Lady Emmily Lyle gewünſcht hätte. Lady Florence würde er noch vorgezogen haben, aber es hatte ſich das Gerücht ver⸗ breitet, daß ſie mit dem ſchönen jungen Baronet Sir Wal⸗ ther Cameron verlobt ſei, der durch den Tod ſeines Onkels 294 Sir Hector vor Kurzem einige große Güter im Südweſten von Schottland geerbt hatte. Als indeß Lord Delmont ſah, daß ſein Reffe über ſeine Liebe unwiderruflich verfügt habe, und als er von dem Munde ſeiner Schweſter den Charakter Lilla Graham's ſchildern hörte, machte er keinen Einwurf, ſondern willigte mit großer Wärme und Bereitwilligkeit ein. Er gab ſich nicht nur zufrieden, ſondern faßte auch den Vor⸗ ſatz, ſich ſobald wie möglich Miß Graham vorſtellen zu laſ⸗ ſen, ohne indeß Edward etwas von ſeinen Abſichten zu ſa⸗ gen. Er nahm Ellen als Begleiter mit, damit er, wie er ſagte, eines willkommenen Empfanges ſicher ſei, ſie verſicherte ihn aber, daß er deſſen nicht bedürfe, wiewohl ſie ihn ſehr gern begleiten werde. Einige Wochen verfloſſen nur zu raſch und machten ſelbſt Ellen glücklich, denn hätte ſie für ihren Edward eine Gattin wählen ſollen, ſo würde Lilla Graham ihre Wahl geweſen ſein. Als Edward ihr zuerſt das Geheimniß ſeiner Liebe enthüllte, war ſie faſt ſchmerzlich berührt geweſen. „Ich kann nicht,“ ſagte er,„ich will nicht heirathen, ohne daß Du mir Deine Theilnahme, Deine Billigung ſchenkſt, meine Schweſter— ja mehr als Schweſter, meine treue Freundin, meine edle Warnerin, denn das biſt Du mir immer geweſen,“ und er ſchloß ſie mit brüderlicher Liebe in ſeine Arme, und Ellen hatte an ſeiner Bruſt ihre Thränen verborgen, deren Quelle ſie kaum kannte.„Ich möchte, daß Du meine Frau liebteſt, nicht blos um meinetwillen, ſondern um ihrer ſelbſt willen ich werde nie ein Mädchen heirathen, das Dich nicht mit derſelben ehrfurchtsvollen Liebe betrach⸗ tet, wie Dein Bruder. Lilla Graham thut es, meine Ellen, ihre kindliche Liebe zu Dir war es, die meine Aufmerkſam⸗ keit zuerſt auf ſie lenkte. Sie wird Dich betrachten, wie ich es thue, ſie wird unſere Kinder, wenn es dem Himmel ge⸗ fällt, uns deren zu geben, lehren, wie ſie Dich anzuſehen haben, ihr Herz wird meiner geliebten Schweſter eben ſo offen ſtehen, wie das meine. So ſprich, meine geliebte treue Freundin, ſage mir, ob Du mir Deine Liebe, Deinen Segen ſchenken wirſt, wenn ich mich um Lilla bewerbe?“ 295 Thränen der Freude erſtickten Ellens Stimme, aber raſch ſammelte ſie ſich wieder und antwortete ihm in einer Weiſe, die ganz darauf berechnet war, ſein Glück zu erhöhen, und ihre Anweſenheit in Langvillan ſetzte ihren Wünſchen die Krone auf. Außer Stande, den beredten Bitten aller ſeiner Freunde und den flehenden Augen ſeines Kindes zu widerſtehen, ver⸗ ſtand ſich Graham endlich dazu, den Monat vor der Hoch⸗ zeit ſeiner Tochter in Oakwood zuzubringen. Dieſe Zeit wollte Edward zu einem Beſuche auf dem alten Schloſſe, auf dem Delmont'ſchen Gute verwenden, das in den letzten drei Monaten ſeines lange abweſenden Herrn in Bereitſchaft geſetzt worden war. Es war ſchön gelegen in der Nähe von Newforeſt in Hampſhire. Dort ſollte Edward mit ſeiner jungen Frau wohnen und das ganze Gut, wie ſein Onkel erklärte, bereits als das ſeine betrachten, da er nicht beab⸗ ſichtige, ſeinen bleibenden Aufenthalt dort zu nehmen, ſon⸗ dern abwechſelnd bei ſeiner Schweſter und ſeinem Neffen zu leben. Oakwood ſolle ſo viel von ihm ſehen wie Beechhill, und junge Leute wären beſſer allein, beſonders im erſten Jahre ihrer Verheirathung. Vergebens ſuchten Edward und Lilla ſeinen Entſchluß zu bekämpfen; das einzige Zuge⸗ ſtändniß, das ſie erlangen konnten, war, daß wenn ihr Ho⸗ nigmonat vorüber ſei, er und Ellen ihnen einen Beſuch machen wollten, nur um zu ſehen, wie ſie ſich befänden. „Du darfſt nie heirathen, Nelly, denn ich wüßte nicht, was meine Schweſter ohne Dich anfangen wollte,“ ſagte Lord Delmont lachend. „Sei überzeugt, Onkel Charles, ich werde auch nicht heirathen. Ich liebe die Freiheit dieſer alten Halle viel zu ſehr, und wenn mich meine Tante nicht unbedingt fortſchickt, werde ich ſie nicht verlaſſen.“ „Und das wird ſie nie thun,“ ſagte Lilla ſehr ernſt. „Sie ſagte neulich, ſie wüßte nicht, wie ſie Dich ſelbſt uns zu Gefallen ſollte entbehren können; aber Du mußt ſehr oft zu uns kommen, Ellen. Ich werde ohne Deinen Rath und 296 . Deine Hülfe mein Amt als Herrin der großen Beſitzung, womit mich Edward bedroht, gar nicht zu erfüllen wiſſen.“ „Ich werde gewiß nicht kommen, wenn Ihr, Du und Edward, Eure klugen Köpfe zuſammenſteckt, wie es bereits der Fall zu ſein ſcheint, um mich durch Schmeichelei zu ge⸗ gewinnen,“ erwiderte Ellen ſcherzend und ſuchte ein ernſtes Geſicht zu machen, wiewohl ſie den Friedenskuß nicht zurück⸗ wies, warum ſie Lilla's flehender Blick bat. Die erſte Juliwoche war zur Feier der beiden Hochzeiten in der Familie Hamilton beſtimmt. Da ſowohl Edward als Perch wünſchten, daß die Trauung in der Kirche zu Dakwood ſtattfinden und von dem Archidiakonus Howard vollzogen werden ſollte, ſo wurde das Uebereinkommen ge⸗ troffen, daß derſelbe Tag beide Hochzeiten ſehen und daß Miß Manvers, die in Schloß Terryn bei dem Grafen und der Gräfin St. Eval ſich aufgehalten hatte, ſie einige Tage vor⸗ her nach Oakwood begleiten ſollte. Der junge Hamilton führte ſeine Braut nach Paris, wohin er ſich im Auftrage ſeiner Regierung zu begeben hatte. Urſprünglich war ſeine Abſicht geweſen, erſt Ende Juli ſeine Hochzeit zu feiern, aber er wollte nicht auf unbeſtimmte Zeit England ohne ſeine Louiſe verlaſſen, und es wurde demnach beſtimmt, daß ſie ihren Honigmonat in Frankreich zubringen ſollten. Wir wollen hier noch erwähnen, daß Mr. Hamilton den ge⸗ wünſchten Wechſel erwirkt hatte, und daß Arthur Myrvin nun ſeine geiſtlichen Pflichten in einer Weiſe verrichtete, die nicht nur ſeine Gemeindeglieder, ſondern auch alle ſeine Freunde glücklich machte, und ihn in den Stand ſetzte, jenen wahren Frieden zu genießen, der aus einem guten Ge⸗ wiſſen kommt. Er trat in die Fußſtapfen ſeines beklagten Freundes; er wußte ſelbſt nicht, wie ſeine arme, doch zufrie⸗ dene Heerde in ihren beſcheidenen Hütten ihn mit Herbert verglich und daß er in ihren Augen durch den Vergleich nicht verlor. Manche ſagten ſogar, es ſei Herbert's Beiſpiel und die Geſellſchaft des lieben jungen Weſens, Miß Emmeline, was ihn dazu gemacht habe. Aber was immer der Grund ſein mochte, Arthur war allgemein beliebt; und daß der 297 Liebling des Dorfes, Miß Emmeline, die von Kindheit unter ihnen aufgewachſen war, die Frau ihres Rektors geworden, daß ſie immer noch eben ſo freundlich und liebevoll mit ihnen verkehrte, wie ſonſt, daß ſie die Erlaubniß hatten, bei ihr und nicht bei einer Fremden, Hülfe in der Noth und Theilnahme in der Freude zu ſuchen, das war in der That eine Quelle unbegrenzten Glückes. Und auch Emmeline war wahrhaft glücklich; ſie bedauerte nicht die Wahl, die ſie ge— troffen hatte, und beneidete nie ihre Geſchwiſter über die höhere Stellung im Leben, die ſie auszufüllen hatten. Sie hatte keinen andern Wunſch, als gelegentlich das Haus ihrer geliebten Verwandten zu beſuchen. Ihr Gatte war ihr Alles in Allem, ihr Kind war ihr ein Schatz, für den ſie nicht dankbar genug ſein könnte. Sie war ihrer Familie gegenüber immer noch daſſelbe heitere, harmloſe Weſen, das ſie ſonſt geweſen war, aber Fremden gegenüber entwickelte ſie in ihrem Benehmen eine größere Würde und erwarb ſich ihre unwillkürliche Achtung. Das Haus Arthur Myrvin's umſchwebte Friede und Liebe mit Roſenflügeln, es war eine beſcheidene, doch ſchöne Stätte, über welche die Stürme der unruhigen Welt dahin rauſchten, ohne ſie zu erreichen, und gegen andere Sorgen waren Frömmigkeit und Gehorſam ihr Schutz und Schirm. Lord St. Eval war der Einzige, der Arthur's Verſetzung nach der Rektorei von Oakwood bedauerte, da ſie ihm, wie er ſagte, ſeines Kaplans, ſeines Vikars und ſeines Freun⸗ des beraubte. Indeß nahm er mit Vergnügen einen Freund Mr. Hamilton's an ſeine Stelle, einen Geiſtlichen, der noch nicht viel über die Blüthe des Lebens hinaus war, der ſich ſieben Jahre einer armen Gemeinde auf den Farveinſeln gewidmet hatte und der von Mr. Hamilton angeſtellt wor⸗ den war, wiewohl er die Stelle freiwillig angenommen und ſelbſt darum gebeten hatte. Den Leſern unſerer„Erziehungs⸗ reſultate“ iſt der ehrwürdige Herr Morton kein Fremder. Sie werden ſich erinnern, daß er Mr Hamilton auf ſeiner gefährlichen Fahrt begleitete, und daß er mit Freuden einge⸗ willigt hatte, dort zu bleiben, bis der junge Wilſon im 298 Stande ſein würde, das Amt zu übernehmen. Er hatte es gethan, ſein Zögling verſprach ſeine Bemühungen zu beloh⸗ nen und ſeine Landsleute in dem Zuſtande des Friedens, des Glückes und der Tugend fort zu erhalten, wohin ſie Morton durch ſeinen unermüdlichen Eifer gebracht hatte, und dieſer würdige Mann kehrte ſieben Jahre, nachdem er die⸗ ſelbe verlaſſen, in ſeine Heimath zurück, und hatte nicht nur an innerem Frieden, ſondern auch an ſeiner Geſundheit und in Folge deſſen an ſeinem Aeußern gewonnen. Ein leichtes Hinken war das Einzige, was von ſeiner früheren Mißge⸗ ſtalt übrig geblieben. Die ſtärkende Luft der Inſel hatte ſeine Nerven gekräftigt, das Bewußtſein, daß er ſeinen Mit⸗ menſchen diente, verſcheuchte die krankhafte Empfindſamkeit, die ihn früher ſo gequält hatte, und Mr. und Mrs. Hamil⸗ ton ſahen mit Vergnügen, daß ihm das Leben keine Laſt mehr war. Er war ein heiteres glückliches Mitglied der Geſellſchaft geworden, und genoß mit dankbarem Gemüthe die Segnungen, die ſich ihm darboten. Oakwood und Schloß Terryn gewannen immer durch ſeine Gegenwart neues Leben. Nach dem kalten und traurigen Anfenthalt auf Farve, wo er von aller Geſellſchaft ſeines Standes verbannt war, bil⸗ dete das Amt eines Vikars auf Schloß Terryn und die Ge⸗ ſellſchaft, die ſeine Pflichten umfaßten, eine glückliche Ruhe⸗ ſtätte für ihn, während ſeine vielen vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften St. Eval und ſeine Gattin bald mit Myrvin's„De⸗ ſertion“ verſöhnten, wie ſie ſeine Uebernahme des Pfarramts zu Dakwood nannten. Kein Unfall ſtörte die Feier von Percy's und Edward's Hochzeit an dem beabſichtigten Tage. Sie fand ſtatt und war von all der reinen Freude und der harmloſen Feſtlichkeit begleitet, die ſich von dem Charakter der Hauptbetheiligten erwarten ließ. Keine Wolke verdun⸗ kelte das Glück der liebevollen einigen Familie, welche Zeuge der fröhlichen Hochzeit war. Jedes fühlte vielleicht im Ge⸗ heimen, daß trotz dieſer Vereinigung eine Lücke in ſeinem Herzen war, und in jeder Bruſt weilte immer noch die zärt⸗ liche Erinnerung an Herbert. Mr. Graham vergaß ſeine mürriſche Laune, wiewohl er den Vorſatz hatte, nach ſeiner 299 Hütte in Wales zurückzukehren. Er empfand das innigſte Vergnügen, als er ſeine Lilla in ihrem keuſchen und ein⸗ fachen Brautkleide ſah, und fühlte, daß er mit Recht auf ſie ſtolz ſein konnte. Zärtlich trocknete er die Thränen, die ihr glänzendes Auge vergoß, als ſie ihn zum Abſchiede umarmte, und er verſprach ihr, ſie bald, ſehr bald in Beechhill zu be⸗ ſuchen. Den Dorfgevattern machte es Vergnügen, manch lieben Abend lang die verſchiedenen Vorzüge der beiden Bräute zu beſprechen. Die Einen zogen die empfindſame Lilla vor, die Andern die blaſſe, doch würdevolle, ruhige Miß Manvers. Die Einen ſagten, daß Capitain Fortescue viel aufgeregter ausſehe, als da er vor einigen Jahren bei Dartmouth ſeinem Onkel das Leben gerettet; es ſei wirklich ſeltſam, daß ein ſo junger, tapferer Offizier wie er, ſich durch eine ſolche Kleinigkeit, wie ein hübſches Mädchen zu heirathen, ſo in Harniſch bringen laſſe. Und Andere ſagten, Mr. Percy Hamilton ſei viel zu ernſt für eine ſo heitere Veranlaſſung; wenn ſie Miß Man⸗ vers geweſen wären, würden ſie keinen Gefallen daran finden, und es ſehe ihm auch gar nicht ähnlich. „Zähme Deine Zunge, thörichtes Weib,“ warf ein alter Mann bei dieſem Theile des Geſprächs ein;„die Gedanken des armen Jungen waren bei ſeinem Bruder, dem dieſer Tag eben ſo große Freude gemacht haben würde, als ihm ſelbſt. Er iſt ſeit dem Tode Maſter Herbert's nicht mehr der Alte, und dürüber kann man ſich wohl nicht wundern.“ Dieſe Bemerkung machte den Gloſſen über Percy ein Ende, und Manche geſtanden zu, daß bei alledem eine Hoch⸗ zeit eine feierliche Handlung ſei und daß es beſſer wäre, bei einer ſolchen Veranlaſſung mehr ernſt als zu luſtig zu ſein. Percy und ſeine Braut blieben eine Woche in London und begaben ſich von dort nach Paris, das ſich, wie Percy ſich bald überzeugte, in keinem beſonders ruhigen Zuſtande befand; er war überzeugt, daß eine Störung bevorſtand, wiewohl er zuerſt nicht begriff, welcher Art ſie ſein würde. Er hatte indeß noch keine vierzehn Tage England verlaſſen, als —— — — — 3 300 ſeine Familie durch die Nachrichten beunruhigt wurde, welche ſich raſch über die außerordentliche Revolution verbreitete, die in drei kurzen Tagen das Königsgeſchlecht von Frank⸗ reich vom Throne ſtieß und eine Erneuerung der Schrecken drohte, welche die ſchöne Hauptſtadt zur Zeit des unglück⸗ lichen Ludwig XVI. mit Blut überſchwemmten. Wir haben weder Raum noch Luſt, auf Einzelheiten einzugehen, wir fühlen uns jedoch veranlaßt, einige Auszüge aus Per⸗ cy's Briefe zu geben, den Mr. Hamilton in einer Woche nach der größten Angſt um ihn erhielt und der die letzten Schickſale von zwei Perſönlichkeiten, deren Namen mehr als einmal im Laufe dieſer Erzählung erwahnt worden ſind, erzählt. „Ich kann mir Deine Angſt, liebſte Mutter, und die des Vaters und Ellens wohl denken, aber für mich ſelbſt hatte ich keine Furcht. Wäre ich allein geweſen, ſo glaube ich, daß eine Art freudiger Aufregung das vorherrſchende Ge— fühl geweſen ſein würde, aber ſehr oft zitterte ich für meine Louiſe; die Scenen, die ſich ringsum ereigneten, waren für ein weibliches Auge und ein fühlendes Herz wahrhaft ſchreck⸗ lich, und ſie kamen ſo plötzlich über uns, daß wir keine Zeit hatten, einen ſichern Ort aufzuſuchen. Kanonenkugeln flogen nach allen Richtungen, zerſchmetterten die Fenſter und tödte⸗ ten oder verwundeten viele Menſchen. Mehrere Stunden ver⸗ barg ich Louiſen in den Keller, der den einzigen Zufluchts⸗ ort in unſerm Hauſe bot. Berittene Garden, 600 oder 700 Mann ſtark, jagten die verſchiedenen Straßen hinab mit einem Donnergepolter, das nur von dem Raſſeln der Waffen, dem Geſchrei der Verwundeten und dem wilden Rufen des Vol⸗ kes unterbrochen wurde. Es war wirklich furchtbar, die Menſchenſchlächterei war entſetzlich, und in dieſen blutigen Kämpfen zwiſchen verzweifelten Menſchen, die in enge Stra⸗ ßen eingekeilt waren, ging auch manches unſchuldige Leben verloren, denn es war faſt unmöglich, zwiſchen Denen zu un⸗ terſcheiden, die einen tödtlichen Antheil am Gefecht nahmen, und Jenen, die nur erſchrockene Zuſchauer waren; die Gens⸗ darmen mußten zu ihrer Selbſtvertheidigung feuern und die 301 Artillerie richtete ein furchtbares Blutvergießen unter dem Volke an.“ ℳ „Als ich am erſten Tage über den Quai de la Tournelle ritt, fuhr ich zuſammen, als ich mich bei meinem Namen anreden hörte, und indem ich mich umwandte, ſah ich zu mei— nem größten Erſtaunen Cecil Graham vor mir; er war in Gensdarmerie-Uniform, in welchem Corps ihm ſein Schwa⸗ ger Lord Alphingham, der in hoher Gunſt bei dem franzöſi— ſchen Hofe ſtehe, eine Stelle verſchafft habe. Er ſprach leicht⸗ fertig und mit derſelben Unbeſonnenheit, die ihn immer charakteriſirte und erklärte, daß er ſich weit wohler befände, als da er in England geweſen wäre, das er nicht wieder zu ſehen hoffe, da er ſchon ſeinen Anblick verabſcheue. Mit dem franzöſiſchen Volke laſſe es ſich angenehmer leben, er könne ſeinen Vergnügungen nachgehen, ohne ſich verwünſchte Schranken ſetzen zu müſſen. Ich glaube, er ſah, wie wenig ich ſeine Munterkeit theilte, denn mit einem heiſeren Lachen und einem leichtfertigen Fluche ſchwor er, daß ich nicht ein Bischen mehr Muth in mir habe, als da ich noch der weich⸗ herzige Knabe geweſen, der ſich immer vor dem Stirnrunzeln ſeines frommen Vaters gefürchtet habe, und deßhalb nie ein brauchbarer Geſell für einen luſtigen Burſchen wie er ge⸗ weſen ſei.„„Biſt Du Herbert's Beiſpiel gefolgt und eben⸗ falls ein gottſeliger Paſtor geworden? Dann guten Tag und gute Verrichtung,““ lautete der Schluß ſeiner polternden Rede, und indem er ſeinem Pferde die Sporen gab, würde er davon geſprengt ſein, wenn ich ihn nicht zurückgehalten hätte, um zu fragen, warum er nicht ſeine Familie von ſei⸗ nem gegenwärtigen Aufenthaltsort und ſeiner Stellung be⸗ nachrichtigt habe. Mein Blut hatte gekocht, daß ſo rohe Spötterlippen ſo verächtlich den Namen meines ſeligen Bru⸗ ders ausgeſprochen; in meinem Herzen gährte es, aber ich dachte an Herbert und wax ruhig. Er ſchwor, daß er der Strenge ſeines Vaters völlig überdrüſſig geweſen ſei, und daß er nie ſein Angeſicht wieder zu ſehen hoffe. Er ſei nun, —— 302 dem Himmel ſei Dank, ſein eigener Herr und werde dafür ſorgen, es zu bleiben; er ſei ein Narr geweſen, mich anzu⸗ reden, da er überzeugt ſein könne, daß ich ſeine Stellung verrathen und ihm den alten Mann auf den Hals hetzen werde. Wiewohl ich mich im höchſten Grade angeekelt fühlte, ſo konnte ich es doch nicht unterlaſſen, ihn zu fragen, ob er von dem Tode ſeiner Mutter gehört habe. Ohne die min⸗ deſte Veränderung in ſeiner Stimme oder ſeinem Geſichte erwiderte er:„„Ich habe es gehört und habe es ſchon wieder vergeſſen; es iſt ja ſchon Jahrhunderte her! Es würde ein Glück für mich geweſen ſein, wenn ſie ſchon ein paar Jahre früher geſtorben wäre.““ „„Cecil Graham!““ rief ich in einem Tone aus, der mir noch Stundenlang in den Ohren klang, und der ihn, ſo frech er war, zu erſchrecken ſchien.„„Weißt Du nicht, daß es Deine Mutter iſt, von der Du ſprichſt? eine Mutter, deren einziger Fehler gegen Dich in zu großer Liebe beſtand, eine Mutter, deren zu zärtliches Herz durch Deine Grauſamkeit brach? Biſt Du gänzlich gefühllos, daß Dich ſelbſt dieß nicht rühren kann?““ „„Vergiß bei Deinem langen Verzeichniß der guten Ei⸗ genſchaften meiner Mutter nicht eine Schwäche, die mich zu Grunde richtete, die mich zu dem Elenden machte, der ich ge⸗ worden bin,““ rief er wüthend aus, ballte die Fauſt und biß ſich in die Lippen, bis das Blut kam, während ſeine Wange von einem Gefühle, das ich nicht ergründen konnte, leichen⸗ blaß wurde. Er gab ſeinem Pferde die Sporen, das junge Thier ſprengte vorwärts, eine Art Zauber ſchien meine Augen an ihn zu feſſeln; es folgte eine Kanonenſalve vom Grove⸗ platz, mehrere Kugeln pfiffen an mir vorbei, die offenbar die Menge zerſtreuen ſollten, welche ſich tumultariſch auf der Citébrücke verſammelt, und ehe ich mich von dem Schrecken des Kanonendonners erholen konnte, hörte ich einen lauten Schrei und Cecil Graham ſtürzte zerſchmettert von ſeinem Pferde. „Einige Minuten wußte ich nicht, was um mich her vor⸗ ging. Ich ſtand an der Leiche des unglücklichen jungen 303 Mannes, ohne auf die Gefahr zu achten, die mir durch das Schießen drohte; ich konnte ihn nur vor meinen Augen ſehen, wie ich ihn in ſeiner Kindheit und ſeiner früheſten Jugend gekannt hatte, voll glänzenden Verheißungen, als den Lieb⸗ ling ſeiner Mutter, als den Stolz ſeines Vaters, trotz aller ſeiner Fehler; und was war er nun? Ein verſtümmelter Leichnam, der ohne Warnung oder Vorbereitung in ſeiner Blüthe niedergemetzelt worden war. Aber noch ſchlimmer, weit ſchlimmer als alles Andere, war er mit den Worten des Haſſes, des Trotzes auf den Lippen geſtorben. Ich ſuchte vergebens nach Zeichen des Lebens, es war keine Hoffnung. Es war umſonſt, die Leiche fortſchaffen zu wollen; der Auf⸗ ruhr ringsum nahm in furchtbarem Maße zu, viele Gens⸗ darmen fielen inmitten des Volkes, und das Geſicht Cecil's war ſo grauſam entſtellt, daß es vergeblich ſein würde, ihn erkennen zu wollen, wenn Alles wieder ruhig wäre. Ich machte einen Verſuch und ſuchte Lord Alphingham's Hötel auf, in der Abſicht, ſeine Hülfe zur anſtändigen Beerdigung des unglücklichen jungen Mannes anzurufen; aber dieß war ebenſo erfolglos, denn das Hötel war verſchloſſen, Lord und Lady Alphingham hatten bei den erſten Drohungen des Auf⸗ ruhrs ſich auf ihr Schloß in der Champagne geflüchtet. Ich theilte ihnen die ſchmerzliche Nachricht mit und kehrte, voll Trauer über das Schauſpiel, deſſen Zeuge ich geweſen war, in mein Hötel zurück. Der entſetzliche Ton ſeiner letzten Worte, ſein Todesſchrei klang mir in die Ohren, und die zerſchmetterte Geſtalt ſchwebte mir mit einer Hartnäckigkeit vor den Augen, die keine Anſtrengung meinerſeits oder ſelbſt von Seiten Louiſens verſcheuchen konnte. O meine Mutter, welchen Dank bin ich Dir ſchuldig, daß Du mich vor den Verſuchungen behütet haſt, denen dieſer unglückliche junge Mann erlegen iſt, oder vielmehr, daß Du meinem kindlichen Gemüthe die Grundſätze eingeprägt, welche mich mit Hülfe unſeres himmliſchen Vaters auf dem rechten Wege gehalten haben. Von Natur war mein Temperament, waren meine Leidenſchaften wie die ſeinigen; in Richts ſtand ich über ihm, aber Deine Hand, Dein Gebet, meine Mutter, pflanzte den — —— 304 Samen der Tugend, Deine Feſtigkeit rottete die Fehler aus, die, wenn ſie mit Nachſicht behandelt worden wären, mein Leben zu dem Cecil Graham's gemacht, und mich endlich einem Tode wie dem ſeinen ausgeſetzt haben würde. Was würde die verſtändige Leitung meines Vaters, das milde Beiſpiel meines Bruders genützt haben, wäre nicht der Bo⸗ den durch die Hand meiner Mutter und durch ihr Gebet be⸗ fruchtet worden? Segen, tauſend Segen auf Dein Haupt, meine Mutter! O mögen meine Kinder ihre Eltern ſegnen lernen, wie ich die meinen ſegne, ſie können keine reinere Freude auf Erden haben.“ „* „Wir ſind ſicher nach Rouen gekommen, ich bin wahrhaft dankbar meine geliebte Gattin ſo weit von dem Schauplatz der Verwirrung und der Gefahr entfernt zu wiſſen, der ſie ſo unvermeidlich ausgeſetzt war. Ich habe mich über die Stärke ihrer Nerven nicht getäuſcht, meine liebe Mutter, ich dachte nicht, als ich dieſelbe als eine ihrer Tugenden pries, daß ich ſie ſobald auf die Probe geſtellt ſehen würde; auf ihren Brief an Karoline verweiſe ich Dich wegen alles Anderen.“ * „Ich bin durch ein unerwartetes Wiederſehen unterbro⸗ chen worden, das uns Allen Freude zu machen verſpricht. Jemand, den wir Alle lieb haben, darf endlich ſich der Hoff⸗ nung hingeben; aber ich darf nicht zu viel ſagen, denn die Geſundheit dieſes unglücklichen jungen Mannes iſt ſo erſchüt⸗ tert, daß er vielleicht ſeine Mutter nie wieder umarmen wird. Ich war mit Schreiben beſchäftigt, und ohne daß ich es wußte, ſtand die Thür meines Zimmers halb offen, da wurde ich durch die Stimme des Kellners geweckt, welcher ausrief: „„Nicht dies Zimmer, Sir, wenn es Ihnen gefällig iſt, das Ihrige iſt dort.““ Ich ſah auf und begegnete dem Blicke eines jungen Mannes, den ich trotz des Verlaufs langer Jahre, trotz ſeiner abgemagerten Geſtalt und ſeiner krampf— haften Züge auf der Stelle erkannte. Es war Alfred Gre⸗ ville. Ich war weit mehr überraſcht und vielmehr erſchüt⸗ 8 305 tert, als da mir Cecil Graham begegnete; ich hatte in den Geſichtszügen und dem Ausdruck des letzteren keine Verän⸗ derung bemerkt, aber beides hatte ſich bei Alfred Greville ſo völlig verändert, daß er als das lebendige Bild ſeiner Schwe⸗ ſter vor mir ſtand, eine Gleichheit, die ich noch nie bemerkt hatte. Ich war zu ſehr erſtaunt, um ihn anzureden, und ehe ich Worte finden konnte, eilte er, mit glühender Röthe auf ſeiner Wange, auf mich zu, ergriff meine Hand und rief außer ſich: „„Fliehe mich nicht, Hamilton, ich bin noch kein ganz Ver⸗ worfener; erzähle mir von meiner Mutter, lebt ſie noch?““ „Sie lebt,“ erwiderte ich,„und augenblicklich ſtrömte ein Dankgebet von ſeinen Lippen, wenigſtens ſchien es mir ſo nach dem Ausdrucke ſeiner Geſichtszüge, denn er ſprach nicht, und unmittelbar darauf folgte eine todesähnliche Ohnmacht. Augenblicklich wurde ärztliche Hülfe herbeigerufen, aber wie⸗ wohl ſeine Bewußtloſigkeit nicht lange dauerte, ſo iſt er doch in einem ſo gänzlich erſchöpften Zuſtande, daß wir uns der Hoffnung auf ſeine baldige Geneſung nicht hingeben dürfen. Dennoch gebe ich mich dem Glauben hin, daß er noch gerettet werden wird, nicht nur in geſundheitlicher Beziehung, ſon⸗ dern auch als beſſerer Menſch zum Segen ſeiner Mutter, deren Liebe für ihn trotz langjähriger Schwierigkeiten und Kümmerniſſe nie aufgehört hat. Vergebens bat ich ihn, ſich nicht durch zu vieles Sprechen anzugreifen, ich wolle ihn nicht verlaſſen, und wenn er nur ruhig ſein wolle, ſo werde er morgen beſſer im Stande ſein, mir zu ſagen, was er wünſche. Er ließ ſich nicht abhalten; er würde, ſagte er, nicht mehr viele Stunden leben, und er müſſe ſprechen, ehe er ſterbe. Verhältnißmäßig hat Greville ſich durch wenig wirkliche Laſter befleckt. Die Erinnerung an ſeine Mutter hat ſich oft, ſehr oft in ſeine fröhlichſten Stunden gemiſcht und ſie mit bitterer Reue erfüllt. Er geſteht, daß in den letzten Jahren ihr Bild und das ſeiner Schweſter Mary oft ſo mild und ſo eindringlich vor ihm aufgeſtiegen ſei, daß er faſt wie ein Wahnſinniger die heitere und herzloſe Menge ſeiner Freunde geflohen und ſich in die Einſamkeit zurückge⸗ zogen habe, und indem die Erinnerung an die Heimath und Der Lohn einer Mutter. II. 20 306 ſeine Kindheit, wo er zuerſt an der Seite ſeiner Schweſter, auf den Knien ſeiner Mutter ſein kindliches Gebet lallte, über ihn gekommen ſei, habe er geſchluchzt und geweint wie ein Kind. Dieſe Empfindungen kehrten oft und ſo über⸗ wältigend zurück, daß er fühlte, es ſei ſchwieriger und ſchmerz⸗ licher, ihnen zu widerſtehen, als ſich von den Blumenketten loszureißen, mit denen ihn ſeine Freunde gefeſſelt. Er er⸗ klärte ſeinen Entſchluß, er widerſtand dem Spott und der Ueberredung. Faſt zum erſten Male in ſeinem Leben blieb er ſtandhaft, und als es ihm wirklich gelungen war und er ſich von dem Schauplatz ſeiner Vergnügungen entfernt hatte, fühlte er ſich plötzlich mit einer Schwungkraft des Geiſtes begabt, welche er viele Jahre lang nicht mehr gehabt hatte. Die letzten Nachrichten, die er von ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter erhalten, beſchränkten ſich darauf, daß ſie in Paris wären, und dorthin beſchloß er zu gehen, nachdem er ſich von ſeinen Freunden in Florenz getrennt hatte. Während des größten Theils ſeiner Reiſe nach der franzöſiſchen Haupt⸗ ſtadt ſchien es ihm, als wenn alle ſeine Bewegungen von einem Fremden überwacht würden, der ein ſehr anſtändiges Aeußere hatte, und daß, als Greville ihn anredete, er ſich ohne Weigerung in ein Geſpräch einließ; aber dennoch war Alfred mit ſeiner Geſellſchaft nicht zufrieden, wiewohl es eine Unmöglichkeit ſchien, ſich ſeiner zu entledigen, und wiewohl er ſeine Reiſe gut endete, ſo ging doch kein Tag vorüber, ohne daß Greville ſeinen Schatten auf ſeinem Wege ſah. Achtzig Meilen von Paris indeß verlor er jede Spur von ihm, und er machte ſich dann Vorwürfe, daß er unnöthige Befürchtungen gehegt hatte. Er war jedoch noch nicht zwei Tage in Paris, ſo wurde er zu ſeinem größten Erſtaunen verhaftet und unter der Anklage ins Gefängniß geworfen, vor zwei Jahren eine bedeutende Summe Banknoten ge⸗ fälſcht zu haben. Vergebens proteſtirte er gegen die An⸗ ſchuldigung, indem er anführte, daß er zu der Zeit in Ita⸗ lien und nicht in Paris geweſen ſei. Da die Banknoten ſeine Unterſchrift trugen und Papiere vorgelegt wurden, die noch andere Vergehungen verriethen, ſo wurde er auf ihr 307 Zeugniß und das des Fremden, deſſen Name Dupont war, dem Gericht überwieſen. Die ganze Sache war ihm ein un⸗ durchdringliches Geheimniß— uns, mein lieber Vater, iſt Alles klar wie der Tag. Die Befürchtungen der armen Mrs. Greville waren allerdings nicht ungegründet, und wenn die Verhältniſſe in Paris ſich einigermaßen beruhigt haben, werde ich keinen Stein ununterſucht laſſen, um die vollkommene Unſchuld des jungen Greville zu beweiſen und den elenden »Dupont derſelben Gerechtigkeit zu überliefern, der ſein Haß den Sohn ſeines alten Freundes übergeben wollte. Alfred's Ueberraſchung, als er mich das Verhältniß erklären hörte, war außerordentlich. Die Verirrungen ſeines Vaters ſchie⸗ nen ſchwer auf ihm zu laſten, und dennoch ſprach er kein Wort des Vorwurfs gegen ſein Gedächtniß aus. Die Er⸗ zählung ſeines traurigen Todes und das Elend, in dem wir Mrs. Greville und die arme Mary gefunden hatten, ergriffen ihn ſo tief, daß ich üble Folgen für ſeine Geſundheit fürch⸗ tete; aber dies war nichts gegen ſeine Verzweiflung, als er mich durch wiederholte Fragen ſchließlich nöthigte, ihm den Tod ſeiner Schweſter und die Vereinſamung ſeiner Mutter zu erzählen. Keine Worte können den Umfang der Vorwürfe ſchildern, die er ſich ſelbſt machte. Es iſt jetzt ein Elend, ihn anzuſehen und ſich zu denken, was er geworden ſein würde, wenn ſeine Mutter ihre Rechte hätte in Anwendung bringen dürfen. Für Alfred Greville giebt es dieſſeits des Canals kein Glück, er verlangt nach ſeiner Heimath, nach den Segnungen und der Verzeihung ſeiner Mutter, und bis er ſie erhalten hat, wird, kann ſeine Geſundheit nicht wieder zurückkehren. Er blieb ſechs lange Monate im Ge⸗ fängniß, mit dem Bewußtſein, daß unter den vielen leicht⸗ ſinnigen Freunden, mit denen er verkehrt hatte, auch nicht einer ſei, deſſen Freundſchaft und Beiſtand er in ſeiner gegen⸗ wärtigen Lage anrufen könne, und die Gedanken an ſeine Mutter und Schweſter kehrten in Folge der Unmöglichkeit, etwas von ihnen zu erfahren, mit um ſo größerer Gewalt zurück. Die Hoffnung auf Flucht verließ ihn nie, und mit Hülfe eines Kameraden bewirkte er dieſelbe endlich am 27. Juli, 20* — S—— 308 wo die Verwirrung in der Stadt ihn weit erfolgreicher un⸗ terſtützte, als er für möglich gehalten hatte. Er kam in einem Kohlenſchiffe nach Rouen und war ſo völlig erſchöpft, daß er erklärte, ohne den Gedanken an England und ſeine Mutter würde er ſich mit Freuden auf die offene Straße ge⸗ legt haben, um zu ſterben. Nach England fühlte er ſich ge⸗ trieben, er wußte kaum warum, außer daß er von uns die Mittheilungen erwartete, nach denen er ſich ſo ſchmerzlich ſehnte. Er hatte oft an unſere Familie gedacht, und dieß erklärte die Aufregung, deren Zeuge ich war, als ich ihn wiederſah. Er ſagte, er kenne mich, aber bemühte ſich ver⸗ gebens zu ſprechen; er konnte nicht die einzige Frage ſtellen, die ihm ſo ſehr am Herzen lag, und er war nicht im Stande, ſich zu entfernen, ohne ſich übetzeugt zu haben, ob ich wirk⸗ lich Perey Hamilton ſei. „„Und nachdem ich Dich nun was habe ich er⸗ fahren?““ ſagte er, nachdem er ſeine Erzählung geſchloſſen. „Daß Deine Mutter lebt,“ erwiderte ich,„daß ſie nie⸗ mals aufgehört hat, für ihren Sohn zu beten, daß Du ihr noch ein Segen und eine Stütze ſein kannſt.“ Ich fragte, ob er wünſche, daß ſie geholt würde; ich wüßte, daß es keiner zweimaligen Aufforderung bedürfen werde; er wollte nichts davon hören. „So lange ich Leben genug habe, um ſie aufzuſuchen, nein, o nein. Meine arme, verlaſſene Mutter! Wenn ich es wirklich nicht erlebe, wenn ich nicht ſoviel Kraft habe, ſie aufzuſuchen, dann wird es noch Zeit genug ſein, ſie zu bitten, zu mir zu kommen; aber ſprich nicht davon, Percy, ſo lange mir noch eine Hoffnung des Lebens bleibt. Laſſe ſie nichts von mir wiſſen, bis ich ſie auf meinen Knien um ihren Segen bitten kann.“ ℳ „Ich habe es unterlaſſen, weiter mit ihm zu ſtreiten, denn er iſt hartnäckig, und vielleicht iſt es um ſo beſſer. Sein Gemüth ſcheint ſich ſehr erleichtert zu fühlen, und heute ————— ——.— 309 Morgen findet der Arzt, daß er ſich wunderbar gebeſſert, wunderbar für ihn, aber nicht für mich.“ Perey's Briefe, die obige Auszüge enthielten, fanden bei ſeinen Verwandten in Oakwood große Theilnahme. Die Nachricht von Cecil's Tode wurde an ſeinen Vater und ſeine Schweſter befördert; die Worte, die er vor ſeinem Tode ge⸗ ſprochen hatte, verheimlichte Mr. Hamilton ſeinem Freunde, und Mr. Graham fragte nicht weiter, als wenn er fürchtete, noch etwas zu hören, was die Rückſichtsloſigkeit ſeines Soh⸗ nes beſtätigen könnte. Drei Monate lang ſchloß er ſich in Langvillan von aller Welt ab, wies alle Einladungen zurück und ließ ſich beſtändig verleugnen. Nach Ablauf dieſer Zeit indeß kam er wieder zu ſeinen Freunden und er war ein an⸗ derer und glücklicher Mann. Sein Menſchenhaß war ver⸗ ſchwunden, und oft bemerkte Mr. Hamilton gegen ſeine Gattin, daß der fünfzigjährige Graham dem fünfundzwanzigjährigen bei weitem ähnlicher ſei, als er in den dazwiſchen liegenden Jahren geweſen. An Lilla und Edward nahm er ſo innigen Antheil, daß er in ihrer Geſellſchaft zu vergeſſen ſchien, wel⸗ ches Elend ihm ſeine andern Kinder bereitet. Lilla trauerte lange um den Tod ihres Bruders, es bekümmerte ſie, daß derſelbe ſo plötzlich erfolgt ſei, ohne daß er Zeit hatte, an die Ewigkeit, an ein Wort der Reue, an ein Gebet zu denken. Die Liebe ihres Gatten verſcheuchte indeß allmählig dieſe traurigen Gedanken, und als Lord Delmont ſeinem Neffen den verſprochenen Beſuch machte, fand er die Heiterkeit, die ihn zuerſt zu Lilla hingezogen hatte, nicht vermindert. Ellen hatte es übernommen, Mrs. Greville auf die Rück⸗ kehr ihres Sohnes und die Veränderung, die mit ihm vor ſich gegangen ſei, vorzubereiten. Jeder Brief von Percy beſtä⸗ tigte ſeine Geneſung, und hier wollen wir im Voraus bemer⸗ ken, daß noch mehrere Monate verfloſſen, ehe es ihm voll⸗ ſtändig gelang, daß durch ſeine Anſtrengungen und die Be⸗ mühungen des Anwalts, den ſein Vater urſprünglich beauftragt hatte, Dupont endlich der Gerechtigkeit überliefert, ſeine —— — 310 verbrecheriſchen Ränke aufgedeckt und die Unſchuld Alfred Greville's in den Augen aller Menſchen vollſtändig wieder hergeſtellt wurde. Ellen verrichtete ihren Auftrag mit größter Vorſicht, und vergebens würde es ſein, die Gefühle der zärtlichen und verlaſſenen Mutter zu ſchildern, als ſie vernahm, daß ihr heißgeliebter Sohn im Begriff ſtehe, zurückzukehren. Er kam aus eigenem Antriebe zu ihr zurück, er hatte die Freuden der Welt gekoſtet und gefunden, daß ſie nichtig ſeien, er hatte Freundſchaften geſchloſſen und die Erfahrung gemacht, daß daß es ihnen allen an Beſtand fehlte. Sein Herz hatte ſich nach der Heimath und nach häuslicher Liebe geſehnt, ſeine Mutter hatte nicht vergeblich gebetet. Das ſanfte ſchöne Licht der untergehenden Sonne be⸗ leuchtete die hübſche kleine Hütte an den Ufern des Dart, in welcher Mrs. Greville wohnte; das Fenſter ſtand offen und der Wohlgeruch unzähliger Blumen durchduftete das Zim⸗ mer, das Ellens Hand ſo auszuſchmücken gewußt hatte, daß Mrs. Greville ſehr oft vergaß, daß ſie allein ſei. Es war in der erſten Hälfte des September und eine köſtliche Luft trug Geſundheit und Schwungkraft auf ihren Fittigen und ſäuſelte in den Bäumen und Sträuchern. Sanft und ruhig glitt das Waſſer am Garten hin, die grüne Veranda, die ſich rings um die Hütte zog, war mit ſchönen ausländiſchen Gewächſen angefüllt, die Ellen aus dem Gewächshauſe zu Dakwood hierher verſetzt hatte. Es war ein lieblicher An⸗ blick, wie verſtändig, wie beſcheiden ſich Ellen der verlaſſe⸗ nen Mutter widmete, ohne das Werk der Liebe auch nur ein einziges Mal ihren häuslichen Pflichten zu nahe treten zu laſſen. Sie wußte, wie Herbert die Mutter ſeiner Mary geliebt und ſich ihr gewidmet haben würde, und darin, wie in allen Dingen folgte ſie ſeinem Beiſpiele Unermüdlich ſprach ſie von Mrs. Greville's Lieblingsgegenſtand, ihrer Mary, und nun ſaß ſie bei ihr und beflügelte die Stunden durch ihre Unterhaltung, bis Alfred kommen würde. Es lag ein Ausdruck ſo ruhigen reinen Dankes auf Mrs. Gre⸗ ville's Zügen, ſo ſehr ſie ſich durch kummervolle Jahre ge⸗ 311 ändert hatten, daß Niemand ſie ſehen konnte, ohne daß ein verwandtes Gefühl das Herz beſchlich, und in der That ſchie⸗ nen dieſe Gefühle ſich auf dem jungen lieblichen Geſicht neben ihr wieder zu ſpiegeln. Ein ſinniges, doch freundliches Lä⸗ cheln ſchwebte um Ellens Lippen und ihr dunkles Auge ſtrahlte von dem ſanften Lichte der Theilnahme. Die Züge der Waiſe waren allerdings ſchön, aber ſie ſtrahlten nicht mehr von der blendenden Schönheit der erſten Jugend. Wenn ein Fremder ihr Geſicht geſehen hätte, wenn es ruhig war, ſo würde er gedacht haben, daß ſie gar manchen Kummer erlebt habe; wenn aber dieſes Lächeln wahren Wohlwollens, dieſes Auge voll geiſtiger und ſeelenvoller Schönheit ſeinem Blicke begegnete, ſo würde er gewiß gefühlt haben, daß der Schmerz, welcher Art er auch geweſen ſein möge, ſeinen Stachel verloren habe. „Es war ein ſolcher Abend, eine ſolche Stunde, als meine Mary ſtarb,“ ſagte Mrs. Greville, indem ſie Ellen ihre Hand reichte;„ich hätte damals nicht gedacht, daß ich mich deſſen mit ſolchen Gefühlen erinnern würde, wie ſie nun mein Herz erfüllen. O wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke und mich der Gebete erinnere, die ich in Thrä⸗ nen für meinen Sohn, meinen Alfred zum Himmel ſandte, wenn ich an die Zweifel und Befürchtungen denke, die in mir aufſtiegen, um mich vom Gebete zurückzuhalten, ſo wundere ich mich, weshalb ich noch ſo glücklich bin.“ „Unſer Gott iſt ein Gott der Wahrheit und er hat ver⸗ heißen, unſere Gebete zu erhören, liebſte Mrs. Greville,“ erwiderte Ellen,„und er iſt ein Gott der Liebe und wird Diejenigen ſegnen, die ihn aufſuchen und auf ihn vertrauen, wie Sie es gethan haben.“ „Er gab mir Vertrauen zu ſich, mein Kind. Ich glaubte und zweifelte nicht, daß er mich in einer andern Welt erhö⸗ ren werde; aber ich dachte nicht, daß mir dieſer Segen noch in dieſer Welt vorbehalten ſei. Ein Gott der Liebe,— ja in einer Stunde der Trübſal habe ich gefunden, daß er es iſt; ſo möge der Segen ſeiner Liebe in Güte auf mich herab⸗ ———— 2 ———————— — ſtrömen und mein Herz noch milder machen, um ſeine Herr⸗ lichkeit in mich aufzunehmen.“ Sie hörte auf zu ſprechen, doch ihre Lippen bewegten ſich immer noch wie im ſtillen Gebet; einige Minuten ver⸗ floſſen und plötzlich verdunkelte ſich das glühende Licht der Sonne, wie von einem dazwiſchen tretenden Schatten. Die Mutter ſchlug die Augen auf, und im nächſten Augenblicke lag ihr Sohn zu ihren Füßen. „Mutter, kannſt Du mir verzeihen, mich wieder auf⸗ nehmen? Stoße mich nicht zurück, ich kann Dich nicht ver⸗ laſſen.“ „Dich zurückſtoßen, mein Sohn, o nie, nie!“ rief ſie aus, und indem ſie ihn an ihre Bruſt drückte, netzten Freu⸗ denthränen ſeine Stirn. Sie ließ ihn los, um ihm wieder und wieder ins Geſicht zu ſehen, um ihn feſter an ihr Herz zu ſchließen, um in dieſen eingeſunkenen Zügen, dieſer ab⸗ gemagerten Geſtalt zu leſen, daß er an ihr Herz und in ihr Haus zurückgekommen, um ſie nie, nie wieder zu verlaſſen. In dieſem Augenblicke waren Jahre der Verirrung vergeſſen. Die Mutter fühlte nur, daß ſie ihren Sohn am Herzen hatte, der zwar leidend, aber ein anderer und beſſe⸗ rer Menſch geworden ſei; und er, daß er wieder vor ſeiner Mutter kniete, und daß ſie ihm verziehen habe und ihn noch liebe. Schluß⸗Kapitel. Es war im September des Jahres 1830, als wir un⸗ ſere Erzählung ſchloſſen. Denken wir uns für einen Augen⸗ blick den Schleier der Phantaſie über den erſten Tag des Jahres 1838 enthüllt, und blicken wir in daſſelbe Zimmer, welches wir vor zwanzig Jahren bei einer ähnlichen Gelegen⸗ heit erleuchtet geſehen haben, am Wendepunkte eines neuen Jahres, das von dem hellen Lachen der Kinder belebt war. Aber ſehr wenige Fremde waren an dieſem Abende in Mr. Hamilton's Familie. Wir ſehen nicht, wie vor zwanzig Jah⸗ ren, einen Kinderball. Es war nur eine Vereinigung aller Mitglieder dieſer wahrhaft glücklichen Familie, und die lieb⸗ lichen heiteren Kinder, die dort verſammelt waren, ſtanden mit Ausnahme von Wenigen in dem nahen Verhältniß von Brüdern, Schweſtern und Couſinen zu einander. Bei Mr. und Mrs. Hamilton, Mrs. Greville, Montroſe Graham, Luey Harcourt und Mr. Morton, die Alle zugegen waren, hatte die Zeit verhältnißmäßig nur geringe Veränderungen hervorgebracht, aber bei denen, welche vor zwanzig Jahren die Rolle der jugendlichen Wirthe gegen ihre verſchiedenen Gäſte ſo wacker geſpielt hatten, war die Veränderung ſehr auffallend, doch nichts weniger als betrübend. Auf der einen Seite ſah man Perey Hamilton, Parla⸗ mentsmitglied, in einem eifrigen, doch heitern Geſpräche mit Mr. Graham. Es wurde allgemein bemerkt, daß dieſe bei⸗ den Herren immer über Politik ſprachen, und ſo oft ſie zu⸗ ſammenkamen, über die Angelegenheiten der Nation discu⸗ tirten, denn kein Senator war eifriger in ſeinem Beruf, als Perey Hamilton. Aber an dieſem Abende malte ſich nicht der ſinnige Ernſt eines Senators auf ſeiner Stirn aus, er blickte nach den kindlichen Verſuchen des kleinen Lord Manvers, des älteſten Sohnes des Grafen von Delmont, der damals in ſeinem ſiebenten Jahre ſtand, mit dem Wohlbehagen und der Würde ſeiner Vettern Lord Lyle und Herbert und Allan Myrvin zu wetteifern, die zwei oder drei Jahre älter waren als er, und die, da ſie ſich öfter in Oakwood befanden, ſich wenigſtens für den heutigen Abend als Herren des Grund und Bodens und als Creemonienmeiſter betrachteten. Die Ladies Mary und Gertrude Lyle, die ſich durch die große Einfachheit ihrer Kleider auszeichneten, hatten jede einen Arm der ſtillen ſchüchternen Karoline Myrvin gefaßt und ſuchten ſie von ihrer jungen Mutter fortzuziehen, bei der ſie, etwas verlegen über die große Zahl der an dieſem Abend in ——— — — 314 der Halle ihres Großvaters verſammelten Gäſte, bleiben zu wollen ſchien, während eine jüngere Schweſter im Zimmer herumſprang und in ausgelaſſener Luſtigkeit mit Allen Freundſchaft ſchloß, ſo daß Mrs. Myrvin's ſanfte Stimme ſich mehr als ein Mal in ſcherzendem Vorwurf erhob, um ſie zur Ordnung zurückzubringen, während ihr Gatte und Mr. und Mrs. Hamilton an ihren elaſtiſchen Bewegungen Ver⸗ gnügen zu finden ſchienen. Die Gräfin St. Eval, ſo maje⸗ ſtätiſch und bezaubernd als Frau, wie es ihre früheſte Jugend hatte erwarten laſſen, beobachtete einen Augenblick mit ſtol⸗ zen, doch mildglänzenden Augen die zierlichen Bewegungen ihres Sohnes, dann unterhielt ſie ſich heiter mit ihrem Bru⸗ der Percy und dem jungen Grafen von Delmont, die bei ihr ſtanden. Auf den Letzteren hatten ſieben Jahre nur wenig Eindruck gemacht, und das Mannesalter hatte die außeror⸗ dentliche Schönheit ſeines Geſichtes und ſeiner Geſtalt eher vermehrt als vermindert. Wenige ſahen ihn an, ohne ihm den Blick noch ein Mal zuzuwenden, und der kleine lächelnde Cherub von fünf Jahren, deſſen weiße runde Arme Miß Forteseue's Hals umſchlangen, die Lady Ellen Fortescue geworden war, hatte all die Schönheit und eigenthümliche Anmuth ihres Vaters geerbt und ſchloß ſich an das Herz ihrer jungen Mutter mit wärmſter Liebe an, während die dunklen feurigen Augen des kleinen Lord Manvers und ſeine glänzenden langen ſchwarzen Locken ihn, wie Edward er⸗ klärte, zum Ebenbild ſeiner Mutter machten, weshalb er der Liebling ſeines Vaters war. Um Mr. Hamilton herum ſaßen drei oder vier jüngere Enkel, deren älteſter noch nicht vier Jahre hinter ſich hatte und die, da ſie noch zu jung waren, um an dem Tanze und den Spielen ihrer älteren Brüder Theil zu nehmen, neugierig den unterhaltenden Ge⸗ ſchichten zuhörten, die ihr Großpapa erzählte und die ſeinen jungen Zuhörern manch lautes Gelächter entlockten, nament⸗ lich dem ſchönen Lockenkopfe, der auf dem Ehrenſitze, Mr. Hamilton's Knie ſaß, da er das einzige Kind Percy's und Louiſens und deshalb der Liebling Aller war. Auf dieſe Gruppe ſuchte Herbert Myrvin die Aufmerkſamkeit ſeiner 315 kleinen Schweſter hinzuwenden, die ſich jedoch nicht bändi⸗ gen ließ und von einer Gruppe zur andern umherhüpfte, ohne auf die warnenden Blicke ihres ernſteren Bruders Rückſicht zu nehmen. Eine Minute ſaß ſie auf Mrs. Ha⸗ milton's Knie und drückte ihren kleinen Kopf an ihre Bruſt, im nächſten zupfte ſie ihren Onkel Lord St. Eval am Rocke, daß er mit ihr ſpielen ſollte, dann lief ſie wieder mit lautem Gelächter davon. „Aengſtige Dich nicht ſo, meine liebe Emmeline,“ ſagte Mrs. Hamilton zärtlich, als ſie die Blicke ihrer Tochter be⸗ ſorgt auf ihre kleine Minnie gerichtet ſah, denn ſo wurde ſie allgemein genannt, zum Unterſchiede von Lady St. Eval's Mary.„Du wirſt keine Noth haben, dieſes wilde Feuer zu zügeln, wenn es nöthig iſt; ihr Herz gleicht dem Deinen, und dann iſt die Aufgabe der Erziehung eine angenehme.“ Mit der dankbaren Zärtlichkeit früherer Jahre blickte Mrs. Myrvin ihrer Mutter ins Geſicht, als ſie ſo ſprach, und ergriff ihre Hand. „Jetzt noch erkennſt Du meine Gedanken, liebſte Mut⸗ ter,“ erwiderte ſie;„von Kindheit auf bis zum gegenwär⸗ tigen Augenblicke haſt Du in meinem Geſicht, wie in einem offenen Buche geleſen.“ „Und haſt Du dies nicht auch gelernt, mein Kind? Schließt ſich nicht die ſanfte, ſchüchterne Karoline am liebevollſten Dir an? kommt nicht Herbert mit ſeinem Lieblingsbuche und Allan mit ſeinen luſtigen Geſchichten am liebſten zu Dir? Minnie's Heiterkeit iſt nicht vollſtändig, wenn ſie nicht Deinem Lächeln begegnet, und ſelbſt die kleine Florence hofft auf ein Zeichen Deiner Theilnahme. Du haſt die Aufgabe nicht zu ſchwierig gefunden, daß Du Dich wundern könnteſt, daß ich ſie liebe?“ „O was würde ich für meine Geliebten nicht thun,“ ſagte Mrs. Myrvin in lebhaften Tone, und indem ſie ihre feuchten Blicke auf ihre Mutter richtete, fügte ſie hinzu:„Liebe Mut⸗ ter, die Ehe mag neue Bande, neue Freuden mit ſich bringen, aber wer kann ſagen, daß ſie die erſten Bande des Lebens zwiſchen Mutter und Kind zu trennen vermag? Erſt jetzt fühl ich, wie ſehr Du mich liebteſt.“ ——————— 316 „Mögen Deine Kinder Dir ſein, was die meinen mir geweſen ſind, ich kann Dir keinen größeren Segen wün⸗ ſchen,“ erwiderte Mrs. Hamilton in einem Tone tiefer Rührung, und indem ſie Emmelinens Arm ergriff, begaben ſie ſich zu Miß Greville und Miß Harcourt, die mit einander am Pianoforte ſtanden, wo Edith Seymour, die jüngere Nichte der letzteren, ein hübſches Mädchen von ſiebzehn Jah⸗ ren, ſo gutmüthig war, zu den verſchiedenen Tänzen aufzu⸗ ſpielen, welche Lord Lyle und Herbert Myrvin in raſcher Folge beſtellten. In einer andern Ecke des Zimmers waren Alfred Greville und Laura Seymour in ſo lebhafter Unter⸗ haltung begriffen, daß ſich Lord Delmont mehr als einen Scherz auf ihre Unkoſten erlaubte, was ſie indeß gar nicht zu bemerken ſchienen, und dies wiederholte ſich ſo oft, daß viele von Mrs. Greville's Freunden ſich der Hoffnung hin⸗ gaben, daß das Glück, welches ſich jetzt ſo mild und ruhig auf ihrem Geſicht ausprägte, in ſehr kurzer Zeit durch die Verbindung ihres nun ſehr achtungswerthen Sohnes mit einem liebenswürdigen und talentvollen Mädchens erhöht werden würde, die in allen Beziehungen geeignet war, die Stelle der verlornen Tochter einzunehmen. Und was hatten dieſe ſieben Jahre für die Gräfin von Delmont gethan, welche das Herz Minnie Myrvin's voll⸗ ſtändig an ſich gefeſſelt, indem ſie an allen ihren Spielen Theil nahm und endlich auf Allans Aufforderung zur Be⸗ wunderung aller Kinder mit ihm Walzer tanzte. Die kindliche Lebhaftigkeit Lilla Graham's hatte Lady Delmont nicht verlaſſen. Eheliche und mütterliche Liebe hatten eine Natur gebändigt, welche in früheren Jahren vielleicht zu ausgelaſſen geweſen; ſie hatten ihre Gefühle geſteigert, aber zugleich geläutert. Niemals prägte ſich das Glück ſicht⸗ barer aus, als bei der jungen Gräfin. Ihr Gatte hatte in ſeiner außerordentlichen Zärtlichkeit ihre bisweilen faſt kindiſche Luſt mit ſolcher Nachſicht behandelt, daß er ſie zur Erfüllung ihrer Pflichten faſt unfähig gemacht hätte, aber die milden Rathſchläge, das Beiſpiel ſeiner Schweſter Miß Fortescue wandten die drohende Gefahr ab, und mit dem 317 Zauber ihrer früheſten Kindheit vereinigte Lady Delmont die nachhaltigen Eigenſchaften einer frommen ſich ſelbſtbe⸗ herrſchenden Frau. „Ich wundere mich, daß Charles nicht eiferſüchtig iſt,“ bemerkte Mrs. Percy Hamilton ſcherzernd, nachdem ſie gegen Lord Delmont ihre Bewunderung ausgeſprochen hatte, mit welcher Anmuth ſeine Gattin tanze.„Allan ſcheint ihre ganze Aufmerkſamkeit zu feſſeln.“ „Charles hat etwas Beſſeres zu thun,“ erwiderte ſein Vater lachend, als der kleine Lord Manvers ſeine Couſine Gertrud am Arm an ihm vorüberflog und weder Auge noch Ohr für etwas Anderes, als den Galopp zu haben ſchien. „Karoline, geſtatteſt Du Deiner Tochter ſo früh, die Kokette zu ſpielen?“ „Beſſer mit ſieben als mit ſiebzeh hn Jahren, Edward, das glaube mir; wäre ſie in dem letzteren Alter, ſo würde ich unruhiger ſein, jetzt kann ich das hübſche Paar ohne ein ſolches Gefühl bewundern. Gertrud ſagte mir heute, es gefiele ihr nicht, daß ihr Couſin Charles ſo ſchüchtern wäre, und ſie würde Alles thun, was in ihren Kräften ſtehe, um mit ihm auf einen ſo vertrauten Fuß zu kommen, wie ſie und ihr Bruder wären.“ „Es iſt ihr alſo bewundernswürdig gelungen,“ er⸗ widerte Edward lachend,„denn der kleine Schelm zeigt nicht eben große Schüchternheit. Herbert und Mary haben ſich allein in einen Winkel geſetzt, ich möchte mich hinter ſie ſtel— len und hören was ſie ſprechen.“ „Thue es und erinnere Dich, was Du vor zwanzig Jah⸗ ren mit Deinen Tänzerinnen in demſelben Zimmer zu ſpre⸗ chen pflegteſt, und vielleicht wird die Erinnerung Deine Neu⸗ gierde befriedigen,“ ſagte Lady St. Eval lächelnd, doch mit leiſer Stimme, denn die Namen Herbert und Mary hatten ihr eine Zeit zurückgerufen, wo dieſe Namen oft mit einan⸗ der genannt wurden, und ſie betete im Stillen, daß ihr Schick⸗ ſal nicht demjenigen gleichen möge, deren Namen ſie trugen, ſondern daß ſie längere Zeit zum Segen Derer die ſie lieb⸗ ten, erhalten werden möchten.“ — „Vor zwanzig Jahren, Karoline? O welch eine Zu⸗ muthung! Allan hat mehr von dem Tollkopf, der ich damals war, daher kann ich beſſer auf ſeine Gefühle eingehen. Warum aber iſt die Familie der Mrs. Cameron heute nicht hier? Ich hoffte ſie geſtern zu treffen.“ „Sie bringen dieſen Winter bei Sir Walther und Lady Cameron in Schottland zu,“ erwiderte Lady St. Eval, „Florence erklärte, ſie würde keine Entſchuldigung anneh⸗ men; auch der Marquis und die Marquiſe von Malvern, nebſt Emely und Louis ſind dort, und in acht oder vierzehn Tagen wird ſich Lady Alford ihnen anſchließen.“ „Ihr wart den letzten Sommer dort, nicht wahr?“ „Ja wohl, ſie ſind eins der glücklichſten Paare, die ich kenne, und ihr Gut iſt ſehr ſchön. Florence erklärte, daß, wenn Walther Scott noch lebte, ſie ſich von ihm zu ſeiner Hel⸗ din, ihren Gatten zu einem Helden machen undſich einige Jahr⸗ hunderte zurückverſetzen laſſen würde, um auf dieſem roman⸗ tiſchen Gute eine Reihe von intereſſanten Scenen zu ſpielen.“ „Er hätte Cameron's erſte Liebe getödtet und ihn in Verzweiflung gebracht, und hätte dann Florence zur Tröſterin gemacht, die ſeine Verzweiflung verſcheucht hätte, anſtatt ihn ſo unromantiſch ſeine Liebe unterdrücken zu laſſen, weil ſie unerwidert blieb. Wahrhaftig, ich könnte eine eben ſo gute Geſchichte machen, wie Sir Walther; wenn ſie mich reichlich belohnen will, ſo will ich anfangen.“ „Das thuts nicht, Lord Delmont, das iſt viel zu pro⸗ ſaiſch,“ erwiderte Mrs. Percy Hamilton lächelnd.„Es iſt eine ſehr unpaſſende Frage, aber wer war Sir Walther's erſte Liebe?“ „Weißt Du das nicht? Eine gewiſſe Freundin von Dir, die ich quäle, indem ich erkläre, daß ſie unverwundbar für die Pfeile eines kleinen Gottes iſt,“ erwiderte er heiter. „Sie mag unverwundbar für Amor ſein, aber ſicher nicht für jede andere Art von Liebe,“ bemerkte Lady St. Eval, indem ſie auf Mrs. Perey's Andeutung lächelnd auf Miß Fortescue hinwies, die von einer Gruppe von Kindern umgeben war und auf ihrem ausdrucksvollen Geſicht unwider⸗ 319 legliche Beweiſe ihrer Theilnahme an dem Glücke ihrer Um⸗ gebungen trug. „Und iſt es möglich, daß er, nachdem er ſie geliebt, eine Andere lieben konnte?“ rief ſie in ungeheucheltem Erſtau⸗ nen aus.“ „Höchſt unromantiſch, Louiſe, nicht wahr?“ ſagte Lord Delmont herzlich lachend,„aber was ſollte der arme Mann thun? Ellen war unerbittlich und lehnte alles Andere als ihre Freundſchaft ab.“ „Die er nach Verdienſt zu ſchätzen weiß,“ unterbrach ihn Lady St. Eval.„Du mußt zugeben, Louiſe, daß er klug, wiewohl frei von aller Romantik war. Der Charakter Flo⸗ rence's hat in vielen Punkten große Aehnlichkeit mit dem Ellens. Sie gehört zu den ſehr Wenigen, über deren Wahl nach dem, was ich mich nicht wundere. Weißt Du, Edward, daß Flora Cameron im Frühling heirathet?“ „Ich hörte etwas davon, aber wen?“ Sie beantwortete ſeine Frage, und da ſich Perecy und Mr. Graham zu ihnen geſellten, kam die Unterhaltung auf allgemeinere Gegenſtände. „Aber lieber Allan, quäle Deine Schweſter nicht ſo,“ lautete Fortescue's ſanfte Vorſtellung, als Allan ziemlich heftig Minnie von ihrer Seite wegzuziehen ſuchte, an die ſie ſich mit einer Heftigkeit anklammerte, die kein Zureden und kein Vorwurf zu erſchüttern vermochte. „Sie wird Ellen wehe thun,“ erwiderte der Knabe hef⸗ tig,„und ſie hat kein Recht, bei Dir zu ſein.“ „Aber ſie kann doch hier ſtehen, wir haben beide Platz,“ unterbrach ihn die kleine Ellen, wiewohl ſie keine Miene machte, ihren Platz auf dem Schooße ihrer Tante ihrem Cou⸗ ſin abzutreten. „Geh weg Allan, ich will hier bleiben, und Tante Ellen erlaubt es mir,“ lautete Minnie's etwas ungeſtüme Ant⸗ wort, indem ſie ihren Bruder fortzuſtoßen ſuchte, wiewohl die hübſchen Züge keine üble Laune verriethen, denn ſie lachte, indem ſie ſprach. „Tante Ellen verſprach mit mir zu uzen entgegnete 320 Alldn,„und ich gehe nicht weg, wenn ſie nicht mit kommt.“ „Mit mir, mit mir,“ rief der kleine Lord Manvers aus, indem er auf die Gruppe zuſprang,„ſie verſprach mir ſchon vor drei Monaten, mit mir zu tanzen.“ „Und wie oft habe ich das Verſprechen nicht gehalten, Maſter Charlie?“ erwiderte Ellen lachend,„ich habe noch öfter mit Dir getanzt, als mit Allan, daher muß ich ihm den Vorzug geben.“ Ihr gutmüthiges Lächeln, die Stimme, welche ſo herz⸗ liche Theilnahme an allem verrieth, was ihren kleinen Freun⸗ den gefiel, verbannte jeden Schein von Mißvergnügen. Die magiſche Macht der Liebe ſtellte die kleinen Bettler zufrieden, und nachdem ſie Allan ihr Verſprechen gehalten, drückte ſie ſeiner Freude das Siegel auf, indem ſie die kleine verſchämte Ellen ſeiner Obhut anvertraute, ein Amt, das, wie Myrvin ſagte, ſeinen Sohn veranlaßte⸗ ſich zwei Zoll größer zu dün⸗ ken, als vorher. „Ellen, wenn Du Dich nicht zu einem ſo großen Lieb⸗ ling meiner Kinder machſt, wie Du es denen Deines Bru⸗ ders und Emmelinens biſt, ſo vergebe ich Dir das nicht,“ ſagte hierauf St. Eval, der Miß Fortescue's heiterem Spiele mit den Kindern in der letzten halben Stunde, mit außer⸗ ordentlichem Vergnügen zugeſehen hatte und nun zu ihr trat. „Bin ich das nicht bereits, Eugen?“ ſagte ſie mit dem eigenthümlichen Lächeln ruhigen Glückes, welches nun ihrem Gefühl zur zweiten Natur geworden war.„Es würde mir leid thun, wenn ich dächte, daß ſie mich nicht eben ſo lieben; denn glaube mir, mit einziger Ausnahme meiner kleinen Na⸗ mensſchweſter und meines Pathchens, ſind mir meine Neffen und Nichten alle gleich lieb. Ich habe kein Recht, eine Aus⸗ nahme ſelbſt zu Gunſten meiner kleinen Ellen zu machen, aber Edward hat ſie ſo oft mein Kind genannt, und ſelbſt Lilla hat verſprochen, ihre mütterlichen Rechte mit mir zu theilen, daß ich wirklich nicht anders kann. Deine Kinder ſehen mich nicht ſo oft, wie Emmelinens, und das iſt vielleicht der Grund, weshalb ſie nicht ganz ſo ungezwungen mit mir 321 ſind, aber glaube mir, lieber St. Eval, es wird meine Schuld ſein, wenn ſie mich nicht lieben.“ „Ich glaube es Dir,“ erwiderte der Graf warm.„Ich habe nur eins zu bedauern, Ellen, wenn ich ſehe, daß Du ſo viele kleine Geſchöpfe liebſt, und von ihnen geliebt wirſt.“ „Und was kann das ſein?“ „Das es nicht Deine eignen ſind, mein liebes Mädchen. Ich kann Dir nicht ſagen, wie ſehr es mich dauert, daß Du den Entſchluß gefaßt haſt, immer unverheirathet zu bleiben. Es ſind ſehr wenige unter der Zahl meiner Freundinnen, die ſich ſo ſehr eigenen, eine Ehe glücklich zu machen, ſehr we— nige, die eine beſſere Mutter ſein würden, und ich kann nur beklagen, daß Niemand da iſt, dem Du dieſe liebenswürdigen und ſchätzbaren Eigenſchaften zu widmen geneigt ſcheinſt.“ „So beklage es nicht mehr, mein lieber St. Eval,“ er— widerte Ellen ruhig, doch mit Gefühl;„ich danke Dir für die hohe Meinung, die Du von mir hegſt, wiewohl ſie mir zu ſchmeichelhaft zu ſein ſcheint, aber bedauere nicht länger, daß ich mich entſchloſſen habe, unverheirathet zu bleiben, glaube mir, für mich hat das keine Schrecken. Unverhei⸗ rathete Mädchen haben mehr Gelegenheit Gutes zu thun, um Andere glücklich zu machen, als Mütter und Frauen, und wenn dies der Fall iſt, iſt es nicht unſere Schuld, wenn wir nicht glücklich ſind. Ich geſtehe zu, daß das einſame Leben, welches ein älteres Mädchen führt, wenn das Herz dazu geneigt iſt, eben ſo leicht zu Selbſtſucht, mürriſchem Weſen und Starrſinn führen kann. Aber ich hoffe, daß ich mir dieſe Eigenſchaften niemals aneignen werde. Es kann nicht geſchehen, ſo lange mir die geliebte Tante und der theure Onkel erhalten bleiben, was ich noch für viele, viele Jahre hoffe, und ſelbſt wenn ſie mir entriſſen werden ſollten, ſo habe ich noch ſo Viele, die mich lieben, ſo Viele, die ich liebe, daß ich keine Veranlaſſung, keine Zeit zur Selbſtſucht haben kann.“ „Mißverſtehe mich nicht, Ellen,“ erwiderte St. Eval; „ich wünſche nicht, Dich verheirathet zu ſehen, weil ich fürchte, daß Du wie manche andere Unverheirathete werden würdeſt, Der Lohn einer Mutter. II. 21 322 bei Deinen Grundſätzen iſt dies unmöglich. Deine Geſell⸗ ſchaft, Dein Einfluß auf das Gemüth unſerer Kinder iſt viel zu koſtbar, als das man leicht wünſchen könnte, denſel⸗ ben entbehren zu müſſen, wie es der Fall ſein würde, wenn Du Dich verheiratheteſt. Um Deiner ſelbſtwillen, Ellen, bedaure ich es, und um Deſſen willen, den Du er— wählen würdeſt, daß Du, die Du gleichſam geſchaffen biſt, die Freuden zu genießen und zu geben, welche die Pflichten einer glücklichen Gattin und Mutter begleiten, dieſelben nie— mals kennen lernen kannſt, daß Du ungeliebt von einem Gatten und einem Kinde, die theuerſten Banden auf Erden, ins Grab gehen wirſt.“ „Du haſt Recht, St. Eval, es ſind die theuerſten Bande auf Erden, aber auch uns, die wir ſie nie kennen lernen, bleiben noch Freuden, die Freuden der Liebe. Glaubſt Du nicht, daß es mir Freude machen muß, wenn ich weiß, daß es meine Aufgabe iſt, das Alter der lieben zärtlichen Hüter meiner Jugend zu erheitern und zu pflegen; wenn ich ſehe, daß mich das liebende Lächeln und die freundlichen Worte aller meiner Brüder und Schweſtern begrüßen, wenn ich ſehe, daß ihre Kinder ſich um mich ſchaaren, ſobald ich eintrete, und jedes zuerſt von mir ein Lächeln oder einen Kuß zu erhalten ſucht; wenn ich weiß, daß ich meinen Mitge⸗ ſchöpfen, ich meine nicht Denen meines Standes, ſondern Denen, die unter mir ſtehen, von Nutzen ſein kann, wenn ich mir bewußt bin, daß ich in allen Vorfällen des Lebens, namentlich in Krankheit oder Trübſal, wenn Diejenigen, die ich ſo liebe, meiner Gegenwart bedürfen, oder wenn ich fühle, daß ich ihnen Troſt und Theilnahme bringen könnte, wenig⸗ ſtens zu ihnen eilen kann, da ich kein Band habe, das mir theuerer iſt, und keine Pflicht gebieteriſch mich von ihnen zu⸗ rückhält— ſind das nicht Rückſichten genug, die ein unver— heirathetes Leben zu einem glücklichen machen können, St. Eval? Kann ich nicht ſelbſt von dieſem ruhigen, ungetrüb⸗ ten Strome des Lebens Blumen pflücken?“ „Du würdeſt ſie pflücken, wohin Du auch geſtellt würdeſt, meine liebe, edle Ellen,“ ſagte der Graf mit einer Wärme, 323 die ihr Thränen in die Augen lockte.„Du haſt Recht, bei einem Charakter wie dem deinigen brauche ich nicht zu be⸗ klagen, daß Du jeden Heirathsantrag ſo entſchieden zurück⸗ gewieſen haſt. Meine Mädchen werden in dem Alter, wo ſie glauben, daß die Ehe die einzige Möglichkeit des Glücks bietet, zu Dir kommen und Du wirſt ſie lehren, daß das Glück nicht ſowohl in den äußeren Umſtänden, ſondern viel— mehr in der Geſinnungsweiſe ruht. Vielleicht, Ellen, biſt Du bei alledem glücklicher in Deinem Verhältniß. Du hätz⸗ teſt vielleicht nicht ſolch einen Gatten gefunden, wie ich ihn Dir gewünſcht hätte, und es würde mir leid thun, Deine mütterlichen Sorgen belohnt zu ſehen, wie die der armen Greville.“ „Ich glaube vielmehr, daß man über dem Glücke der Gegenwart die Vergangenheit ganz vergißt,“ bemerkte Ellen gedankenvoll.„Kummer und Sorgen begleiten das glück⸗ lichſte Loos, aber wenn eine Mutter ihre Pflicht erfüllt, ſo wird es nach meiner Meinung ſelten fehlen, daß ſie ihren Lohn empfängt, wie lange er auch ausbleiben mag.“ „Du haſt Recht, meine Ellen,“ ſagte Mrs. Hamilton, die der Unterhaltung eine Zeitlang unbemerkt zugehört hatte. „Es giebt viele Sorgen und Nöthen, die unzertrennlich von der mütterlichen Liebe ſind, aber man vergißt ſie ganz und gar, oder denkt ihrer nur, um die Süßigkeit des Lohnes zu erhöhen, der endlich folgt. Glaubſt Du nicht, daß es ein köſtlicher Lohn für Alles, was ich für meine Kinder gethan und getragen habe, ſein muß, wenn ich ſie den Pfad wan⸗ deln ſehe, der allein zum ewigen Leben führen kann? Wenn ſie ihre Kinder mit ſich führen und ſie zu Erben der Unſterb⸗ lichkeit erziehen, und dennoch mir und ihrem Vater die Liebe und den Gehorſam früherer Jahre widmen? War ich nicht ſelbſt da belohnt, als ich die letzten Augenblicke mei⸗ nes Herbert überwachte, ols ich die freudige Flucht ſeines reinen Geiſtes nach ſeiner himmliſchen Heimath ſah? Ich ſah die Frucht der Lehren, die ich ihm durch die Gnade Got⸗ tes eingeflößt hatte; ſein letzter Hauch ſegnete mich, und war dies nicht genug? O meine geliebten Kinder, laßt 21* Euch durch keine Schwierigkeiten, durch keine Verſuchung, durch kein ſelbſtſüchtiges Leid daran verhindern, die lieb⸗ lichen Kinder, die Euch jetzt umſpielen, den Weg zu führen, den ſie gehen ſollen; es iſt ein erhabener Auftrag, furcht⸗ bar in ſeiner Verantwortlichkeit, aber ſüßer als Worte ihn ſchildern können, iſt der Lohn, den ihr dann im Leben oder im Tode davon tragen werdet.“ „Ach, könnten wir unſere Aufgabe erfüllen, wie Du ſie erfüllt haſt, liebſte Mutter, dann würden wir es in der That hoffen dürfen,“ riefen die Gräfin St. Eval und Mrs. Myrvin in demſelben Augenblicke aus, indem ſie ſich mit thränenfeuchten Augen ihrer Mutter näherten. „Und wenn wir das Glück ernten, von dem Du ſprachſt, wem werden wir es danken?“ fragte Percy gefühlvoll, denn auch er hatte ſich von der Bewegung ſeiner Mutter angezogen der Gruppe zugeſellt.„Weſſen Sorge hat uns mit Gottes Hülfe zu Dem gemacht, was wir ſind, und uns nicht nur durch Worte, ſondern durch ihre Beiſpiele gelehrt, wie wir und unſere Kinder leben ſollen? Die Deinen und die meines Vaters. Und wenn in ſpäteren Jahren unſere Kinder zu uns aufblicken und uns ſegnen, wie wir Euch ſegnen, dann, meine Mutter, wird die Erinnerung an Dich ſich in dieſe Seligkeit miſchen und ſie noch reiner machen.“ „Du haſt die Wahrheit geſprochen, mein Sohn,“ ſagte Mr. Hamilton, deſſen kleine Geſpielen vor einer halben Stunde zu Bett befördert worden waren.„So lange ich mit Eurer Mutter das Glück theile, das mir aus Eurem Benehmen erwächſt, meine Kinder, iſt die Erinnerung an meine Mutter ſehr oft über mein Herz gekommen, um dieſe Gefühle zu reinigen und zu erhöhen. Die Dankbarkeit gegen ſie, die Verehrung ihres Andenkens haben ſich mit der Freude der Gegenwart gemiſcht, und ſo wird es mit Euch ſein. Eure Eltern mögen ins Grab hinab geſtiegen ſein, ehe Eure Kinder Euch das ſein können, was Ihr uns geweſen ſeid, aber Ihr werdet Euch immer noch unſerer erinnern. Mögt Ihr noch lange, lange fühlen, wie Ihr von Eurer Mutter denkt, meine geliebten Kinder, und möget Ihr Eure Enkel lehren, ihr Gedächtniß zu verehren, daß der Pfad der Gerechten wirklich wie ein glänzend Licht iſt, welches mehr und mehr leuchtet, bis der Tag voll⸗ bracht iſt.“ Ende des zueiten und letzten Bundrs. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient.