eihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on Cduard Ottmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und weſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfanme Rückgabe e Bücher jede Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe Srben entſprechende Summe iinteitegei welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für utlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————.— auf 1 Mnat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bü er auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und B defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 1 . — —— Der Lohn einer Mutter. „ E — Fortſetzung der„Erziehungs-Reſultate“. Eine Erzählung für Mütter und Töchter von Grace Aguilar. Ueberſetzt nach der fünften Auflage des engliſchen Originals: „The mothers recompense“. Erſter Band. Leipzig. Voigt& Günther. 1859. „ X§— Der Lohn einer Mutter. — 9 Erſtes Kapitel. Emmeline Hamilton an Mary Groville. London, Januar 18— Endlich, theuerſte Mary, darf ich Dir ſchreiben, endlich meinen lang gehegten Wunſch in Ausführung bringen. Mein Gewiſſen hat mir nun die Erlaubniß gegeben, wiewohl ich einmal dachte, daß ich es nie wieder können würde. Wir nahmen im Auguſt von einander Abſchied, und nun iſt es Januar, und außer von unſrer kleinen Reiſe haſt Du nicht eine Zeile von mir erhalten, um ſo mehr aber von Karoline und Ellen. Ich that ihnen Unrecht, aber ich freue mich, Mama's Rathe gefolgt und meinem Vorſatze treu geblieben zu ſein, ſo ſchmerzlich es mir war; denn es ſchien mir hart, daß ich nicht an Dich, die ich in noch höherem Grade als meine liebe Freundin betrachte, ſchreiben ſollte, während es meine Schweſter und meine Coufine thaten. Und nun laſſe Dir dies Räthſel erklären, denn wiewohl Mama mein Schweigen gegen Dich entſchuldigt hat, ſo bin ich überzeugt, daß fie Dir nicht die ganze Wahrheit geſagt hat. Sie wollte meine thörichte Schwäche nicht bloßſtellen, und deshalb mache dich auf ein höchſt demüthigendes Geſtändniß gefaßt, welches mich aller Wahrſcheinlichkeit nach noch zehn Grad in Deiner Achtung herabſetzen wird. Indeß die Wahrheit muß man ſagen, und ſo will ich es mit aller Regelmäßigkeit und Genauigkeit thun. Du weißt und zwar beſſer als vielleicht ſonſt Jemand, wie verhaßt mir der Gedanke war, das liebe glückliche Oakwood verlaſſen und einen Theil des Jahres in 1* 4 London zubringen zu ſollen. Du pflegteſt mich oft zu war⸗ nen, wenn ich ſo ſprach, ſolche Phantaſien nicht allzuſehr aufkommen zu laſſen, aber ich folgte Deinem Rathe nicht, liebe Mary, ſondern hing ihnen nach, bis ſie endlich ſich ſo ſteigerten, daß mir der letzte Monat unſeres Aufenthalts in Oakwood durch die Erwartung des Kommenden verbittert wurde. Ich ſah, daß Du mich für thöricht hielteſt, und ich wußte, daß Mama und Papa nicht meiner Laune zu gefallen ihre Pläne ändern könnten und daß ihnen mein offener Widerwille Schmerz verurſachen würde; deshalb verbarg ich mein Mißbehagen; anſtatt aber Alles zu thun, was in meinen Kräften ſtand, um es zu überwinden, gab ich mich jeder düſtern Ahnung bis zum Aeußerſten hin. Ich fand während unſerer vergnüglichen Reiſe durch den Süden Eng⸗ lands, daß ich mich des Lebens freuen konnte, aber dennoch kamen die Gedanken an London und die Lehrer und die Fremden und die Lebensart in der Hauptſtadt, die ſo ganz anders ſein würde wie in Oakwood, und daß ich von Mama nicht viel ſehen würde, wie furchtbare Geſpenſter an mich heran und verſcheuchten die Freude der Gegenwart. Wir beſuchten Orford, wiewohl es völlig außerhalb unſeres Weges lag, um den Wohnſitz meiner Brüder zu ſehen. Dort ſchwand meine üble Laune theilweiſe durch Perey's ausgelaſſene Luſtigkeit und ſeine beredten Schil⸗ derungen, aber als ich mich London näherte, kehrten alle meine Befürchtungen wieder zurück. Als wir anlangten, was im September geſchah, war dieſe ungeheure Stadt vergleichsweiſe eine Einöde, denn die vornehme Welt lebte auf dem Lande. Mama war darüber nicht betrübt, wie ich glaube, denn ſie wollte, daß wir erſt 6—7 Monate tüchtig arbeiten ſollten, ehe ſie überhaupt die Abſicht hatte, die Geſellſchaft aufzuſuchen. Ellen und ich, wir werden natür⸗ lich noch längere Zeit brauchen, aber Karoline ſoll im März oder April in aller Form eingeführt werden und muß des⸗ halb tüchtig ins Zeug. Von vornherein wurden ausge⸗ zeichnete Lehrer beſtellt; ja Papa hatte ſogar an mehrere vor unſerer Ankunft geſchrieben, damit keine Zeit verloren gehen 6 ſollte, und da faſt alle ihre Zöglinge von London abweſend waren, hatten wir uns die Stunden zu wählen, was ſehr angenehm war, wiewohl ich zu der Zeit nicht die Laune hatte, irgend Etwas angenehm zu finden, da ich an keinen andern Unterricht als den der Miß Harcourt und Mama's gewöhnt war. Lehrer der Muſik, der Zeichenkunſt, des Franzöſiſchen, des Italieniſchen, des Deutſchen(welches Karoline mit einer wahren Leidenſchaft erfaßt hat und was mir des Lernens werth zu ſein ſcheint, weil ich gern Klopſtock im Original leſen möchte) und ſelbſt eine Lehrerin der Stickerei, die Karoline gern haben wollte, weshalb ſie Mama völlig be⸗ ſtürmte— entre nous, nur weil Annie Graham bei ihr gelernt hat; das, meine liebe Mary, war ein furchtbares Heer, und im erſten Monat gewährte mir ihr Unterricht nicht den mindeſten Nutzen. Ich ließ dem Widerwillen, den ich gegen ſie fühlte, freien Lauf. Ich hing der Trägheit in einem Grade nach, daß ich mir häufig von Miß Harcourt Vorwürfe zuzog. Ich konnte ihre Lehrweiſe nicht vertragen; die Aufmerkſamkeit, die ſo verſchiedene Gegenſtände verlang⸗ ten, wurde mir in meinem gegenwärtigen Gemüthszuſtande ſehr ſchwer, und ich faßte beinahe den Entſchluß, Mama zu zeigen, daß alle ihre Bemühungen mit mir umſonſt wären. Ich konnte nicht lernen, nachdem ſich Alles ſo geändert hatte. Wirf meinen Brief nicht aus Verzweiflung über Deine Freundin weg, liebſte Mary; lies nur zu Ende und vielleicht rechtfertigt ſich mein Charakter einigermaßen. Eine Laſt lag auf meinem Gemüthe, die ich nicht los werden konnte, weil ich es nicht wollte. Ich wurde übellaunig und trotzig ohne Urſache; in Mama's und Papa's Gegenwart ſuchte ich mich zu beherrſchen, aber es gelang mir nicht immer. Perch und Herbert ſetzten mich über dieſe unerklärliche Veränderung zur Rede, und ich glaube faſt, es war das erſte Mal in mei⸗ nem Leben, daß Percy ernſtlich böſe mit mir wurde, denn ich hatte ſelbſt meine Empfindlichkeit über ſeine Einmiſchung merken laſſen. Ich ſagte ihm, ich hätte ein Recht zu handeln und zu denken, wie es mir beliebte. Herbert machte ein betrübtes Geſicht und ſtand von ſeinen Vorſtellungen ab, als 6 er ſah, daß ich nicht hören wollte. Perey's offenbarer Aerger und die Vorwürfe, die mir mein Gewiſſen machte, trugen nicht wenig dazu bei, mich zu beunruhigen, wie Du Dir denken kannſt. Ich blickte zurück, was ich in Oakwood geweſen war, und der Gegenſatz meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart gab mir Grund genug, mich elend zu fühlen. Grade als meine Brüder nach dem Colleg zurückkehrten, ſchrieb ich einen langen, ſehr langen Brief an Dich, in dem ich meinen thörichten, ich ſollte ſogar ſagen ſündlichen Gefühlen Luft machte. Zu ſeiner Vollendung brauchte ich mehrere Stunden, und um über ſie verfügen zu können, übereilte ich die Arbeiten für meine Lehrer und gab ihnen Veranlaſ— ſung, mehre Tage über meine Trägheit und Unachtſamkeit gegen Miß Harcourt förmlich zu klagen. Ihre Vorſtellungen, ich ſchäme mich es zu ſagen, hatten nur die Wirkung, meine üble Laune zu ſteigern. Endlich hatte ich meinen Brief an Dich fertig, er würde aber, hätteſt Du denſelben empfangen, eine Geduldsprobe für dich geweſen ſein, denn er beſtand aus zehn oder zwölf enggeſchriebenen Seiten, und ich hatte darin meine Unzufriedenheit und mein Mißbehagen ſo ſehr übertrieben, daß Jedermann gedacht haben müßte, ich hätte keine frohe Stunde mehr. Ich falzte den Brief und ſtand im Begriff denſelben zu ſiegeln, da trat Mama in mein Zimmer. Ich muß Dir ſagen, daß ich von ihren Lippen noch keinen Vorwurf gehört hatte, wiewohl ich es ſchon lange verdient haben würde; ſie pflegte bei jedem Ausbruch meiner Laune ein ſehr betrübtes Geſicht zu machen, aber ſie hatte nie darüber ein Wort verloren. Ich zitterte faſt, als ſie eintrat, denn es fiel mir ein, daß Miß Harcourt an dieſem Morgen geſagt hatte, ſie müſſe ihr Monſieur Deville's und Signor Rozzi's beſtändige Klagen mittheilen. Ohne indeß darauf einzugehen, ſetzte ſie ſich zu mir und fragte mich mit ihrem gewöhnlichen gewinnenden Lächeln, das mich viel ſchmerzlicher berührte als Worte gethan haben würden, ob ich wirklich dieſen langen vertraulichen Brief an dich ſiegeln und abſchicken wolle, ohne ihr denſelben gezeigt oder mit⸗ getheilt zu haben. Sie konnte gut fragen, liebe Mary, denn — 7 ich hatte noch nie eine Zeile geſchrieben, die ich vor ihr ge⸗ heim gehalten; aber mein Gewiſſen ſagte mir, daß ſie dieſen Brief nicht billigen könne und würde, und deshalb wünſchte ich allerdings, daß ich ihn hätte abſenden können, ohne ihr etwas davon zu ſagen. Welche Täuſchung! höre ich Dich ausrufen. Ja, liebe Mary, und ehe ich mit dieſer beſchä⸗ menden Geſchichte fertig bin, wirſt Du noch deutlicher ſehen, daß ein Fehler viele nach ſich zieht. Ich antwortete auf ihre Frage nicht, ſondern blieb hartnäckig ſtumm. „Wird meine Emmeline mir den Vorwurf machen, daß ich mich in ihre geheimen Gedanken eindränge, wenn ich ſage, daß ich dieſen Brief nicht abgehen laſſen kann, bis ich wenig⸗ ſtens einen Theil ſeines Inhalts geſehen habe?“ ſagte ſie ſehr mild, aber ſo feſt, daß ich nicht die Kraft hatte, ihr Widerſtand zu leiſten; und als ſie fragte, ob ich ihr nicht, wie ich es immer zu thun pflegte, ein paar Sätze vorleſen wolle, antwortete ich vorlaut, wenn ſie Etwas läſe, könne ſie auch Alles leſen. Sie ſah tief bekümmert aus, und mein Herz machte mir bittere Vorwürfe, als ich die Worte geſagt hatte; aber ich war in dieſem Augenblicke zu ſtolz, um ein Zeichen der Reue zu zeigen, und die ganze Zeit, wo ſie las, ſteigerte ſich nur meine üble Laune. „Biſt Du wirklich ſo unglücklich, meine liebe Emmeline?“ Das waren die einzigen Worte, die Mama ſagte, als ſie den letzten Bogen weglegte und mir mit einer Thräne im Auge ins Geſicht ſah. Ich wandte mich weg, denn ich fühlte mich zu gereizt und verdrießlich, um der Bewegung nachzugeben, die mich immer ergreift, wenn ich ſie bekümmert ſehe, und ich war entſchloſſen nicht zu antworten.„Und ziehſt du es vor,“ fuhr ſie fort,„die Theilnahme eines jungen Mädchens, wie du ſelbſt, anſtatt die deiner Mutter zu ſuchen, die immer bemüht geweſen iſt, die Sorgen ihrer Kinder nicht nur zu theilen, ſondern ſie zu verſcheuchen?“ Ich antwortete immer noch nicht, und ſie fuhr mild fort:„Meinſt du nicht, Emme⸗ line, das es Mary mehr Vergnügen gemacht haben würde, wenn du ihr in einem heiteren Tone geſchrieben hätteſt? Meinſt du nicht, daß, wenn du dieſe peinlichen Einbildungen 8 abzuſchütteln ſuchteſt, du einen andern und weniger verzweif⸗ lungsvollen Brief ſchreiben könnteſt,— einen Brief, zu deſſen Abſendung ich dir meine volle und freie Zuſtimmung geben könne, die ich dir leider für dieſen nicht ertheilen kann?“ So mild ihre Worte und ihr Weſen waren, ſo gab die Bedeutung deſſen oder der Inhalt deſſen, was ſie ſagte, meiner üblen Laune den letzten Stoß.„Wenn ich nicht ſchrei⸗ ben darf, wie ich will, will ich gar nicht ſchreiben,“ rief ich leidenſchaftlich aus, und indem ich den Bogen ergriff, der mir am nächſten lag, zerriß ich denſelben und würde das Gleiche mit den übrigen gethan haben, hätte nicht Mama ſanft ihre Hand auf meinen Arm gelegt und meinen Namen mit einem Tone des Schmerzes und Erſtaunens ausgeſprochen, worauf ſich meine aufgeregten und ſündlichen Gefühle in einem Thränenſtrome Luft machten. Wirſt Du nicht glauben, liebſte Mary, daß ich von Karoline und nicht von mir ſelbſt ſchreibe, wirſt Du nicht an ähnliche Scenen aus der Kindheit meiner Schweſter erinnert? Kannſt Du glauben, daß dies eine Erzählung von Deiner Emmeline iſt, deren ſanften Charakter und milde Gemüthsart Du ſo oft gerühmt haſt? Aber allerdings war ich es, die ſich ſo ſehr ſelbſt vergaß, ich, die ſonſt glaubte, daß Nichts mich leidenſchaftlich und heftig machen könne, und in einer Minute war ich Beides ich hatte mich aufgebracht, bis ich ganz aus meinem Weſen heraus getreten war, und wem zürnte ich?— meiner Mutter, meiner guten aufopfernden Mutter, die immer ſo viel für mich gethan, der ich in meiner Kindheit, als ich ihre Vorzüge weniger kannte als jetzt, keine Thräne verurſacht hatte. O Mary! ich kann Dir nicht ſagen, was ich in dem Augenblicke fühlte, als dieſe lei⸗ denſchaftlichen Worte mir entſchlüpften. Ich kann mit Wahr⸗ heit ſagen, daß ich nicht aus Zorn, ſondern aus der bitterſten ſchmerzlichſten Reue weinte. Ich glaube, ihr gewöhnlicher Scharfblick muß dies bemerkt haben, denn hätte ſie gedacht, daß ich wirklich vor Wuth weinte, würde ſie nicht ſo gehan⸗ delt haben, wie ſie es that. Sie zog mich ſanft an ſich und küßte mich ohne zu ſprechen. Ich umſchlang ihren Hals, ———— 9 und bat ſie mit einer Stimme, die faſt von Schluchzen er⸗ ſtickt war, immer und immer wieder, mir zu verzeihen. Ich hätte nicht ſo unartig antworten wollen; ich wüßte, daß ich ein ſehr böſes Mädchen geworden wäre, ich fühlte mich aber wirklich ſehr unglücklich. Einige Minuten blieb ſie ſtumm, und ich konnte ſehen, daß ſie mit ſich ſelbſt kämpfte, um die Thränen zu unterdrücken, die ihr mein ungewöhnliches Be⸗ nehmen verurſacht hatte. Ich will mich nicht entſchuldigen, liebſte Mary, daß ich ſo ſehr auf die Einzelheiten eingehe, denn ich weiß, wie ſehr Du meine Mutter liebſt, und daß jedes Wort, was ſie ſagt, Dir faſt eben ſo koſtbar iſt wie ihren eigenen Kindern— ganz iſt es nicht möglich, und ich gebe Dir dieſen Bericht nur, damit Du mich kennſt wie ich bin, und mich nicht für ſo fehlerfrei hältſt, wie Du es einſt gethan haſt. O, wenn ich auf dieſen Tag zurückblicke, fühle ich mich ſo ſchmerzlich gedemüthigt, daß ich die Erinnerung gern verbannthaben würde, aber es iſt beſſer für mich, wenn ich daran denke, damit ich mich nicht für beſſer halte als ich bin. Jedes Wort, das ſie in ihrem ſanften und eindring⸗ lichen Tone ſagte, grub ſich in mein Herz ein, während ſie ſprach. Sie überzeugte mich leicht und vollſtändig, wie ſünd⸗ lich es ſei, daß ich mich von eingebildeten Uebeln ſo elend machen laſſe, denn daß es nur eingebildete Uebel ſeien, ſei leicht zu ſehen. Ich könnte nicht ſagen, daß ich auch nur einen einzigen Segen verloren. Alle, die ich liebte, wären um mich und befänden ſich wohl und glücklich— alle Freuden des Lebens wären noch dieſelben, und wäre es mög⸗ lich, ſagte Mama, daß die bloße Abreiſe von einem Lieblings⸗ aufenthalte, und zwar nur auf einige Monate, mich ſo völlig blind gegen die vielen Segnungen machen könne, die mein himmliſcher Vater über mich ausgeſtreut? Indem ſie ſprach, ſchien ein Nebel vor meinen Augen zu verſchwinden, und das Ungeheuerliche meines Benehmens ſtand zum erſten Male in ſeinen wahren Farben vor mir. Ich ſah— ich erkannte, wie ſündlich ich geweſen war, und bitter bereute ich, daß ich nicht alle meine Gefühle Mama bekannt hatte, anſtatt ſie in meinem Herzen zu verbergen und darüber zu brüten, bis es 10 eine Art Vergnügen für mich wurde es zu thun, und dies eingebildete Uebel wirkliche herbeiführte. Ich weinte bitterlich, während ſie ſprach, denn es war kein angenehmer Gedanke, als ich finden mußte, wie vollſtändig elend ich mich gemacht hatte, und meine Reue wurde noch erhöht, als Mama ſagte: „Wir haben uns nicht wenig in Dir getäuſcht, meine liebe Emmeline, denn ich will Dir nicht länger verbergen, daß die kleine Reiſe, die wir auf dem Wege nach London machten, von Deinem Vater und mir urſprünglich unternommen wurde, um dich mit dem Wechſel des Wohnſitzes zu verſöhnen. Wir ſahen, wie ſchmerzlich es dich berührte, Hakwood zu verlaſſen, auch wunderten wir uns darüber nicht, denn ſolche Gefühle waren ganz natürlich für ein Mädchen deiner Sin⸗ nesart, und deshalb hofften wir, wenn wir anſtatt direkt zu reiſen und die Scenen unſres ſchönen Devonſhire plötzlich mit der Abgeſchiedenheit dieſer ungeheuren Stadt zu ver⸗ tauſchen, verſchiedene Orte beſuchten und Dir neue Gegen⸗ ſtände der Betrachtung zuführten, Deinen Schmerz zu ver⸗ ringern und Dir den Wechſel des Aufenthalts weniger em⸗ pfindlich zu machen.“ So gut ich konnte ſprach ich mein Bedauern und meine Reue aus, und verſprach, mir alle Mühe zu geben, die Vergangenheit zu verſöhnen und Alles zu werden, was ſie und Papa von mir wünſchten. „Ich glaube Dir, meine liebe Emmeline,“ ſagte meine gütige Mutter, indem ſie mich wieder küßte, und ihre Stimme war nicht mehr ſo ſchmerzlich ernſt, wie ſie es zuerſt geweſen war.„Ich bin überzeugt, daß, da Du nun weißt, welchen Schmerz Du Deinen Eltern bereitet haſt, Du nun Alles thun wirſt, was in Deinen Kräften ſteht, um denſelben zu bannen.“ Verdiente ich dieſe Rede, liebe Mary? ich glaube nicht, denn ich ſah oft an Mama's Geſicht, daß ich ſie verletzt hatte, und dennoch gab ich mir keine Mühe mich zu beherr⸗ ſchen, und ſagte es ihr auch. Sie lächelte in ihrer lieben milden Weiſe, und dankte mir für meine Ofſenheit, dann ſagte ſie: „Wenn ich ſage, daß, indem Du dieſen düſteren Phan⸗ taſieen nachhängſt und unzufrieden zu ſein ſcheinſt und klagſt, — ** 11 während ſo viele Segnungen Dich umgeben, meine Em⸗ meline ihrer Mutter ein wirkliches Unrecht zufügt, indem ſie meinen Charakter nicht nur in den Augen der Welt, ſon⸗ dern auch meiner liebſten Freunde zweifelhaft macht, wird ſie dann nicht alles Mögliche thun, um wieder das leichtherzige Mädchen von früher zu werden? „Ich wäre Deinem Charakter zu nahe getreten, liebſte Mutter?“ rief ich mit großem Erſtaunen aus;„in welcher Weiſe?“ „Ich will es Dir ſagen; es giebt viele nicht nur unter meinen Bekannten, ſondern auch meinen Freunden, auf deren Anſicht ich wirklichen Werth legen, welche glauben, daß ich dieſe ganzen Jahre her ſehr unrecht gethan habe, indem ich Dir und Karoline nie geſtattet, London zu beſu⸗ chen. Sie meinen, daß ich durch dieſe ſtrenge Zurückgezo⸗ genheit Euch beide ganz unfähig gemacht habe, die Stellung in der Welt einzunehmen, die Eurem Stande zukommt. Daß Ihr durch das beſtändige Alleinleben mit uns und die Fern⸗ haltung von der Geſellſchaft Anſichten eingeſogen habt, die mindeſtens geſagt, altfränkiſch und romantiſch wären, und die Euch beiden es ſehr unbehaglich erſcheinen laſſen würden, wenn Ihr in London in die Geſellſchaft eingeführt werdet. Dieſe Befürchtungen kamen mir in den Sinn; ich wünſchte, daß Ihr Ideen in Euch aufnehmen ſolltet, die allerdings etwas verſchieden von den allgemeinen Forderungen der Mode wären, und ich zweifelte nicht, daß das unbehagliche Gefühl, vor dem die Briefe meiner Freundinnen oft warnten, ſich raſch verlieren würde. Aber ſeitdem wir hier ſind— ich will Dir nicht noch mehr Kummer machen, meine liebe Emme⸗ line— muß ich geſtehen, daß Dein Benehmen mir die ſchmerzlichſte Reue verurſacht hat. Ich dachte in der That, meine Freundinnen hätten recht, und ich hätte ſeit Jahren nach einem unverſtändigen Plane gehandelt, und meine Maß⸗ nahmen, anſtatt zu Eurem künftigen Glücke beizutragen, hätten nur zu Schmerz und Elend geführt, was wermieden worden ſein würde, wenn ich wie andere Mütter meines Standes gehandelt.“ 12 „O bitte, denke das nicht,“ rief ich aus, denn ſie hatte ſo ſchmerzlich geſprochen, daß ich es kaum ertragen konnte. „Ich ſchaffte mir mein Elend ſelbſt, liebſte Mutter, Du hatteſt nichts damit zu thun.“ „Das denkſt Du nur, mein liebes Kind,“ antwortete ſie mit ihrer gewöhnlichen Zärtlichkeit,„aber wenn meine Freun⸗ dinnen Dich trüb und traurig und offenbar unzufrieden ſehen, und wenn Du Dich nach Freuden ſehnſt, die London Dir nicht bietet, wenn Du bei Träumen der Vergangenheit weilſt und Dich mit Gedanken beſchäftigſt, die Deinen romantiſchen Neigungen entſprechen, was werden ſie denken? werden ſie nicht mein geſundes Urtheil in Frage ſtellen? Und überdies wiſſen ſie, wie ſehr ich das Landleben dem Leben in London, die häuslichen Freuden denen der Geſell⸗ ſchaft vorziehe, und ſie können mit einiger Wahrſcheinlichkeit vermuthen, daß ich die wahren Intereſſen meiner Kinder aus den Augen geſetzt habe, um meine ſelbſtſüchtigen Wünſche zu befriedigen.“ „Das können ſie, das werden ſie nicht denken,“ ſagte ich leidenſchaftlich,„wer ſolche Schlüſſe zieht, kann Dich nie gekannt haben.“ Würdeſt Du mir nicht beigeſtimmt haben, liebe Mary, und kannſt Du Dir nicht denken, wie elend mich Mama's Worte machten? „Mein liebes Kind,“ erwiderte ſie mit einem Lächeln, „ſie werden nicht glauben, daß ſie mich nicht kennen, ſie werden vielmehr wähnen, daß ſie ſich in ihrer Anſicht getäuſcht haben müſſen, daß ich nicht bin, wofür ſie mich vor Jahren gehalten haben. Der Charakter einer Mutter, meine Emmeline, wird häufig nach dem Benehmen ihrer Kinder beurtheilt, und der Schluß iſt im Allgemeinen richtig, wiewohl es Ausnahmen von jeder Regel giebt und viele Mütter durch das leichtſinnige oder verbrecheriſche Benehmen eines ungehorſamen Kindes mit Unrecht in der Achtung der Welt herabgeſetzt worden ſind. Ich bin ſeit ſechszehn Jah⸗ ren ſo völlig fremd in der Londoner Geſellſchaft geweſen, daß es mehr von Dir und Karoline abhängt, ob ich in der Achtung meiner Freundinnen und der Welt ſteigen oder 13 ſinken ſoll, als von irgend einem der jungen Leute, mit denen ihr umgeht. Wozu alſo will ſich meine Emmeline ent⸗ ſcheiden?— will ſie dieſen düſteren Phantaſieen nachhängen und ſich ſelbſt körperlich und geiſtig ungeſund machen und ihre Mutter dem Tadel und Verdacht ausſetzen, oder will ſie, trotz der Anſtrengung und Mühe, die es ſie koſten mag, dieſe Lethargie abſchütteln, ihre natürliche Lebhaftigkeit und Heiterkeit zurückrufen und mit ihrem heiteren Lächeln das Herz ihrer Eltern wieder erfreuen?“ Ich konnte auf dieſe Frage nicht antworten, liebe Mary, ſondern hing weinend an Mama's Halſe. Ich wußte bis zu dieſem Augenblicke nicht, wie groß meine Verantwortlichkeit war, und wie viel von meinem Benehmen abhing; aber in dieſem Augenblicke gelobte ich mir innerlich, daß mein Be⸗ nehmen nie, nie dieſe liebe aufopfernde Mutter kränken ſollte, die ſich ſo zärtlich bemühte, meinen Schmerz zu ſtillen und meine bitteren Thränen zu trocknen, die ſo viel für mich gethan, die ſich ſo völlig ihren Kindern gewidmet hatte. Ich faßte geiſtig den Entſchluß, meinerſeits es an nichts fehlen zu laſſen, ihren Charakter in den Augen der Welt ſo erhaben erſcheinen zu laſſen, wie er in den meinen ſtand. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, wie undankbar ich gehandelt hatte, und ich weinte, bis mir der Kopf und Mama das Herz wehthat. Aber ich konnte ihren zärtlichen Liebkoſungen, ihren ermuthigenden Worten nicht widerſtehen, und ich konnte ſelbſt wieder lächeln. „Und was ſoll ich,“ ſagte ſie mit ihrer gewöhnlicheu Heiterkeit,„von den Klagen halten, die ich in den letzten Tagen von Miß Harcourt gehört habe, daß ſie nicht weiß, was aus Dir geworden iſt? Was ſoll ich ſagen oder thun, um zu beweiſen, daß Mademoiſelle Emmeline das Italieniſche liebt und nicht krank iſt, wie unſere artigen Lehrer glauben? Soll ich ihr Vorleſungen halten, wie zu der Zeit, da ſie noch ein kleines träges Mädchen war und mehr Gefallen am Spiel als an ihren Arbeiten fand? Angenommen dieſe Herren würden gefragt, was aller Wahrſcheinlichkeit nach geſchieht, wie ſie mit den Töchtern der Mrs. Hamilton zufrieden ſind, 14 ſie ſollten nicht ganz gewöhnlicher Art ſein, denn ſie habe ſie hauptſächlich ſelbſt unterrichtet, welche Antwort würde erfol⸗ gen, welche Schlüſſe würde man ziehen, wenn Du Dich nicht anſtrengteſt, um zu beweiſen, daß Du, wenn Du willſt, eben ſo gut lernen kannſt, wie Deine Schweſter, und noch raſcher als Deine Couſine?“ Ich fühlte mich ſo beſchämt, liebſte Mary, daß ich mein Geſicht an ihrer Bruſt verbarg und ſelbſt nicht aufzublicken wagte, um Beſſerung zu verſprechen, denn ich fühlte, daß ich meiner nicht gewiß war; aber als Mama von meinem Briefe an Dich ſprach, und fragte, ob ich denſelben noch abſchicken, oder ob ich nicht lieber einen anderen ſchreiben wollte, machte ich eine verzweifelte Anſtrengung und antwortete ſo gut als ich konnte:„Ich will nicht wieder an Mary ſchreiben, liebe Mama, bis ich alle dieſe thörichten und ſündlichen Gefühle beſiegt habe und ſchreiben kann wie gewöhnlich. Und um meiner ganz ſicher zu ſein, daß ich meinen Vorſatz nicht breche, verſpreche ich Dir, daß ich mir ſechs Monate das Ver⸗ gnügen nicht gönnen will, an ſie zu ſchreiben, und wenn ich ſelbſt nach Ablauf dieſer Zeit noch nicht zu voller Beſinnung gekommen zu ſein glaube, die mich allerdings verlaſſen zu haben ſcheint, ſo ſollſt Du meine Probezeit nach Gutdünken verlängern. Ich verdiene einige Entbehrung für mein un⸗ dankbares Benehmen, und die größte, die ich mir denken kann, iſt allerdings die, an Mary nicht ſchreiben zu ſollen.“ Ich ſuchte mir ein ſehr heldenmüthiges Ausſehen zu geben, als ich dieſe Rede hielt, aber trotz aller meiner Bemühungen mißlang es mir gänzlich; Mama ſah mich einen Augenblick ſtill an, dann aber drückte ſie mich mit etwas mehr wie ge⸗ wöhnlicher Zärtlichkeit an ihr Herz, und ich fühlte, wie eine Thräne auf meine Wange fiel. „Mein liebes ſüßes Kind, meine gute Emmeline,“ rief ſie aus,„ich erwartete dieſes Opfer nicht, aber ich will es annehmen, und möge der Schmerz, den es deinem liebevollen Herzen verurſacht, durch das Bewußtſein gemildert werden, daß, indem Du es bringſt, Du mir die reinſte innigſte Freude machſt, die Du mir bereiten konnteſt. Wir wollen nicht von ſechs Monaten ſprechen,“ fügte ſie mit heiterem Lächeln hinzu, „wir wollen ſehen, was die Mitte oder das Ende des Januars bringt, Du haſt dann immer noch vier Monate, um Deinen frühern Charakter wieder zu gewinnen, aber ich hege nicht den mindeſten Zweifel, daß ſchon vor dieſer Zeit meine Emme⸗ line wieder die Alte ſein wird.“ O Mary, ich fühlte mich bei dieſen Worten ſo glücklich, daß ich dachte, es müßte mir ſehr leicht werden, mich zu überwinden; aber ich befand mich in einem ſchmerzlichen Irrthum. Ich hatte mich der Ver— zweiflung und Schwermuth ſo lange hingegeben, daß es gro⸗ ßer Anſtrengung bedurfte, um ſie auch nur im mindeſten zu unterdrücken. Ich hatte meine Zeit vergeudet und war unachtſam auf alle die Mittel des Fortſchritts geweſen, die mir geboten wurden, und es ſiel mir außerordentlich ſchwer, mich ſo weit zu ſammeln, um die gute Meinung unſerer ge— lehrten Profeſſoren wieder zu gewinnen. Aber mir war nicht mehr bange, Mama's ſchmerzlichem oder tadelnden Blicke zu begegnen wie früher, und ihre liebevollen Worte und die Zeichen des Beifalls, welche ſie und Papa mir gaben, wäh⸗ rend ich nur fühlen konnte, daß ich wenig gethan, um ſie zu verdienen, erleichterten mir die Arbeit meiner Aufgabe und ſteigerten meine Bemühungen, indem ſie mich wünſchen ließen, ihre Güte wirklich zu verdienen; und endlich, meine liebſte Mary, verließen mich dieſe kläglichen Gefühle ſo vollſtändig, daß ich erfreut war, als ich fand, daß ich ziemlich eben ſo glücklich in London ſein könne, wie ich es in dem lieben Dakwood geweſen war. Ganz ſo glücklich, das iſt allerdings unmöglich, indem ich mehr und mehr fühle, wie ſehr ich ein häusliches und ruhiges Leben auf dem Lande London und der Geſellſchaft vorziehe. Du wirſt vielleicht lächeln wie Mama, und ſagen, ich ſei noch nicht in die Geſellſchaft einge⸗ führt, und dann würde ich anderen Sinnes werden; aber das denke ich nicht. Mama giebt dem Landleben den Vorzug, es wird deshalb nicht ſehr ſonderbar ſein, wenn ich daſſelbe thue; wenn ich aber ſehe, wie vollſtändig und doch wie heiter ſie ihren Lieblingsaufenthalt und ihre liebſten Beſchäftigun⸗ gen zur Beförderung des Glückes ihrer Kinder aufgegeben hat, fühle ich mich ganz beſchämt über meine große Selbſt⸗ ſucht. O Mary, wann werde ich Mama ähnlich werden? Wann werde ich nur die Hälfte, ja nur ein Viertel der hohen Bewunderung verdienen, die ihr ſelbſt von ſolchen zu Theil wird, deren Grundſätze und Benehmen gerade entgegen⸗ 1 geſetzt ſind? In ihrem Geſpräche mit mir hatte ſie mehr als jemals in Oakwood von der Meinung der Welt geſprochen, und da ich eines Tages mir die Bemerkung erlaubte, daß dies dem widerſpreche, was ſie uns ſo ſorgſam einzuflößen geſucht, daß wir Gott und unſerem Gewiſſen allein für unſer Betragen verantwortlich ſein ſollten, ſo antwortete ſie mit einem Lä⸗ cheln:„Ich habe dieſe Bemerkung ſchon lange erwartet, meine liebe Emmeline, und habe mich auf eine Antwort gefaßt ge⸗ macht. Unſeren Vater im Himmel und unſer Gewiſſen 6 müſſen wir allerdings immer als Führer im Leben betrachten. ¹ Wir dürfen in keiner Weiſe die Liebe und Dankbarkeit ver⸗ geſſen, die wir unſerem Schöpfer ſchulden, und die Warnun⸗ gen oder Vorwürfe unſeres Herzens, niemals unbeachtet laſſen; aber trotzdem müſſen wir, wenn wir mit der Welt verkehren, wie es unzweifelhaft unſere Pflicht iſt, denn wie ich Dir ſchon oft geſagt habe, leben wir nicht für uns ſelbſt, 4 ſondern für Andere, in untergeordneten Dingen die Anſichten Derjenigen gebührend berückſichtigen, mit denen wir umgehen. —— Wenn ein Mädchen ſich emancipirt hat, wenn ſie die Mei⸗ 3 nung der Welt verachtend, im Bewußtſein ihrer Unſchuld † und Tugend durchs Leben geht, wiewohl kein Makel an ihrem Benehmen oder ihrem Namen haftet, wiewohl ſie liebens⸗ würdig und gut ſein mag, ſo wird doch jede anſtändige Frau vor einem ſolchen Charakter zurückſchrecken und zittern, daß ſie nicht wie ſie werde. Die Frauen ſind abhängige Weſen, von der unendlichen Weisheit iſt es ſo beſtimmt, und warum ſollten wir anders ſein wollen? Wenn wir uns einmal eine eigene Richtſchnur vorgezeichnet haben, dann haben wir unſern ſicherſten Schutz von uns geworfen und uns dem Tadel und Argwohn ausgeſetzt. Wenn die Gebote der Ge⸗ ſellſchaft nicht in die höheren Grundſätze unſeres Lebens ein⸗ —— greifen, muß man ihnen gehorchen, und indem wir dies thun, folgen wir den Geboten der wahren Religion, indem wir unſere Pflicht als Glieder einer Gemeinſchaft, als Kinder eines ge⸗ meinſamen Vaters erfüllen, was wir nicht thun können, wenn wir uns ſelbſtfüchtig abſondern. Ich ſpreche mehr von der Meinung der Welt,“ fuhr Mama fort,„gegen Dich, als gegen Deine Schweſter oder Deine Couſine. Karoline möchte ich lie⸗ ber in ihrem vielleicht zu großen Verlangen nach Bewunderung beſchränken, und Ellen iſt gegenwärtig noch zu jung und von zu zarter Geſundheit, um ſo viel mit mir auszugehen, wie Du es thun wirſt, ehe Du noch eingeführt biſt, wie man es nennt; außerdem verbannt ihre natürliche Zurückhaltung und Schüchternheit alle Befürchtungen in dieſer Beziehunng. Was aber Dich anlangt, Emmeline, ſo fürchte ich bisweilen, daß Du, indem Du Deinem unbeſchränkten Gefühl folgſt, vergeſſen wirſt, daß Du nicht ein ſo ganz unabhängiges Weſen biſt, wie Du es in Oakwood warft. Manche von Deinen Ideen ſind ganz denen entgegengeſetzt, welche die meiſten Derjenigen hegen, mit denen Du verkehrſt, und ich fürchte bisweilen, daß Du durch ihre ungezwungene Aeuße⸗ rung, oder den offen ausgeſprochenen Entſchluß, niemals denken zu wollen, wie die Geſellſchaft denkt— was,“ und ſie lächelte,„wenn ich meine Emmeline recht kenne, nicht ganz unwahrſcheinlich iſt, Dich dem Argwohn und dem Mißfallen ausſetzen wirſt. Ich bin feſt überzeugt, daß Du niemals freiwillig einen Anſtoß erregen, oder daß Du wirklich ſolchen Tadel verdienen wirſt; alles, was ich wünſche, beſteht darin, daß Du ein wenig vorſichtiger und behutſamer hier im Ver⸗ kehr mit Fremden ſeiſt, als Du es in den glücklichen Hallen von Oakwood warſt.“ Ich antwortete nicht, meine liebe Mary, denn ich wußte nicht warum, aber es lag etwas in ihren Worten„was mir Thränen in die Augen lockte. Ich denke es geſchah, weil es mir eine ſo ſchwere Aufgabe zu ſein ſchien, meine Worte und Gefühle immerfort im Zaume halten zu ſollen, und Mama errieth wie gewöhnlich, die Urſache meiner Traurig⸗ keit, ehe ich mir ſie ſelbſt noch erklären konnte. Der Lohn einer Mutter. 2 „Sieh nicht ſo ſehr traurig aus, mein Kind,“ ſagte ſie ſo zärtlich, daß ich nur um ſo mehr weinte;„ich will nicht, daß Du Dich ändern ſollſt, magſt Du Dich von Andern auch noch ſo ſehr unterſcheiden. Ich will nicht ein Gefühl in dieſem liebevollen kleinen Herzen erkälten und keine Aeuße⸗ rung Deines Enthuſiasmus zurückhalten. Dein Charakter war und iſt eine zu große Quelle reiner Freude für Deine Mutter, meine Emmeline; es würde mich unglücklich machen, wenn ich ſehen müßte, daß er ſich in irgend einer Weiſe änderte, wiewohl ich Dir ſo ſehr Selbſtbeherrſchung pre⸗ dige,“ fuhr ſie ſcherzend, aber mit derſelben zärtlichen Liebe fort, welche, während ſie mich weinen machte, jede ſchmerz⸗ liche Bewegung zu beſchwichtigen ſchien.„Wir werden nicht immer in Geſellſchaft ſein, Emmeline; komme zu mir wie ſonſt, und theile mir Alles, was Du denkſt und fühlſt und was Dir Schmerz oder Freude gemacht hat, mit; bei mir, liebſtes Kind, bedarf es keiner Selbſtbeherrſchung, keiner Zurückhaltung. Auch nur der geringſte Schein derſelben würde meinem Herzen mehr Kummer machen, als Du mir von Kindheit an gemacht haſt, denn ich würde denken, daß meine Rathſchläge mir das Vertrauen meines Kindes ent⸗ zogen hätten.“ Ich werde nie die tieße Trauer vergeſſen, womit ſie dieſe Worte ſprach, liebſte Mary, und indem ich ſie umſchlang, erklärte ich aus innerſter Ueberzeugung, daß, während ich in ihrer Gegenwart ohne allen Zwang ſprechen, denken und fühlen wollte, ich in Geſellſchaft Alles, Alles ſagen wollte, was ſie wünſchte, daß ich nie unglücklich ſein könnte, und daß ich gewiß wäre, gegen ſie niemals zurückhaltend ſein zu können. Sie umarmte mich mit der größten Zärtlichkeit, und verſcheuchte meine ſonſtigen traurigen Gedanken durch die Verſicherung, daß ſie mir glaubte. Was für einen langen Brief habe ich an Dich geſchrie⸗ ben, meine Freundin; wirſt Du nicht ſagen, daß ich mein langes Stillſchweigen wieder gut gemacht habe? Wenn ich Dich damit nicht ausgeſöhnt habe, ſo habe ich mir wenig⸗ ſtens ein Vergnügen gemacht, denn Du weißt nicht, wie oft ich mich darnach ſehnte, nach ſolchen Geſprächen, wie ich ſie Dir erzählt habe, mich hinzuſetzen und ſie Dir zu ſchreiben, wie ich verſprochen hatte, als ich Dir nicht mehr mündlich die Lehren meiner guten Mutter mittheilen konnte. Ich ſuche mich nicht zu entſchuldigen, daß ich ſo viel von ihr und mir ſchreibe, denn ich weiß, bei Dir iſt es unnöthig; ich ſuchte Alles niederzuſchreiben, was ſie ſagte, damit auch Du davon Nutzen hätteſt, und indem ich dies thue, gebe ich Dir den aufrichtigſten Beweis meiner Liebe; denn Nieman⸗ den als meiner lieben Mary habe ich die köſtlichen Unter⸗ haltungen erzählt, die ich mit Mama allein hatte. Ich kenne Niemand außer Dir, den ich derſelben für würdig hielte. Wie ſehr wünſchte ich, daß Du mir dafür ein Räthſel löſen könnteſt; warum fürchte ich Mama ſo ſehr, während ich ſie ſo innig liebe? Wenn ich irgend Etwas thue oder auch nur denke, was, wie mein Gewiſſen mir ſagt, unrecht oder wenig⸗ ſtens nicht recht iſt, ſo zittre ich geradezu, wenn ich ihrem Auge. begegne, wiewohl ſie nichts weiß, was ſie mir zum Vorwurf machen könnte. Ich habe ihre Stimme niemals zornig wer⸗ den hören, aber ihr bekümmerter Ton iſt mir weit ſchreck⸗ licher. Ich denke bisweilen, wenn ich vor achtzehn Monaten an Ellens Stelle geweſen wäre, würde ich allein aus Furcht ſo krank geworden ſein, wie ſie es durch den Wechſel der Gefühle wurde, das arme Mädchen. Doch warum habe ich dies Gefühl? Karoline verſteht mich nicht einmal, wenn ich von einer ſolchen Empfindung ſpreche, ſie ſagt, es thue ihr immer ſehr leid, wenn ſie Mama's Miffallen erregt habe, aber Furcht kenne ſie nicht— wir zwei ſind oft vollſtändige Gegenſätze. Ich glaube, Ellen hat in ihrem Charakter viel mehr Aehn⸗ lichkeit mit mir als meine Schweſter. Aber Du wirſt wiſſen wollen, wie meine Probezeit ſo ſehr abgekürzt worden iſt. Denn ich würde meinen Vorſatz gehalten und die ſechs Mo⸗ nate abgewartet haben, ſo ſchmerzlich es mir geweſen wäre, aber eines Tages vor etwa einer Woche, trat zufällig Mama in demſelben Augenblicke in unſer Studirzimmer, wo der arme Mann, der ſo artig geweſen war, Mademoiſelle Em⸗ 2* 20 meline für zu krank zu halten, um ſeine Vorträge würdigen zu können, mich wegen meiner Fortſchritte zum Himmel erhob. An demſelben Tage hatte Signor Rozzi mit all dem Enthu⸗ ſiasmus ſeiner Nation Mama mitgetheilt, daß er ſich freue, eine junge Dame zu unterrichten, die ſolches Vergnügen an der Lektüre poetiſcher Erzeugniſſe fände, und die ſo befähigt ſei, die Schönheiten der italieniſchen Dichter zu würdigen. In der That, Madame, ſagte er, ſie ſollte ſelbſt eine Dich⸗ terin ſein und den Tempel der Muſen mit ihrer Gegenwart ſchmücken. Das iſt etwas für Dich, Mary, aber Scherz bei Seite, ich liebe das Italieniſche, es iſt die natürliche Sprache der Poeſie, die Gedanken ſind ſo ausnehmend liebenswürdig, die Sprache, die Worte ſind gleichſam geſchaffen, ſie in ſich anfzunehmen, in jeder Zeile liegt Muſik, Petrarka, Taſſo, Dante, alle ſtehen mir jetzt offen, und ich ſchwelge ſchon im Genuſſe des Letzteren— aber wie ſchweife ich ab. An dem Abend folgte mir Mama in mein Zimmer, als ich mich zu Bett begab, und lächelnd, faſt lachend über den Schrecken, der ſich in meinem Geſicht malte, denn ich dachte, ſie wäre gekommen, um mir Vorwürfe über die ausgelaſſene Luſtig⸗ keit zu machen, der ich mich den Tag über hingegeben hatte, ſagte ſie:„Hat nicht die Schmeichelei, die Dir heute gewor⸗ den, das kleine Köpſfchen halb verdreht?“ „Nein,“ erwiderte ich ſofort,„blos der Beifall von einer oder zwei Perſonen kann mich in die Gefahr eines ſolchen Unglücks bringen.“ „So,“ antwortete ſie wieder lächelnd,„ich dachte es wären die ſchönen Reden, die Du heute gehört haſt, die Dich ſo ausgelaſſen gemacht haben, aber ich freue mich, daß dies nicht der Fall iſt, ſonſt würde ich gezögert haben auszuſpre⸗ chen, weshalb ich hier bin— meinen Beifall über Emmeli⸗ nens Benehmen, während der letzten Monate.“ Ich fühlte, daß ich bis an die Schläfe roth wurde, meine liebe Mary, denn dies erwartete ich nicht, aber ich ſuchte meine Gefühle zu verbergen, indem ich ihre Hand ergriff und ſie in halb komiſchem, halb tragiſchem Tone bat, mich nicht zu loben, denn ſie und Papa wären die beiden Per⸗ 1 21 ſonen, deren Lob die gefürchtete Wirkung auf mich äußern würde. „Aber Du mußt Dich bemühen, jetzt Deinen Kopf oben zu halten,“ fuhr ſie fort,„weil Papa nächſte Woche ein Packet nach Oakwood ſendet, und ein langer Brief von meiner Em⸗ meline an Mary daſſelbe begleiten muß; ihre Geduld glaube ich, muß ziemlich erſchöpft ſein, und ich weiß, wenn Du einmal zu ſchreiben anfängſt, wird ein Brief nicht Alles ent⸗ halten, was Du zu ſagen haſt,“ fügte ſie mit einem ſchelmi⸗ ſchen, aber ſehr freundlichen Lächeln hinzu. Alle meine Ausgelaſſenheit ſchien mich für den Augen⸗ blick zu verlaſſen, und ich konnte nicht antworten und be⸗ deckte ihre Hand mit Küſſen. Ich habe Dir erzählt, was ſie mir zum Vorwurf machte, und welchen Rath ſie mir er⸗ theilte, meine liebe Mary, aber ich kann Dir nicht kaltblütig ſchreiben, was ſie zu meiner Ermuthigung und zu meinem Lobe ſagte. Es war viel mehr als ich verdiente, und Alles, was ich thun kann, beſteht deshalb darin, daß ich in meinen Bemühungen fortfahre, um mich deſſelben eines Tages wür⸗ diger zu fühlen. Ich bin alle Morgen eine Stunde früher aufgeſtanden, um Dir Alles, was ich wollte, zu berichten, ohne meine Arbeitsſtunden zu verkürzen, denn ich hoffe, Du wirſt nicht denken, daß ich dies Alles in einer, zwei oder ſelbſt drei Sitzungen geſchrieben habe, und verdiene ich deshalb nicht einen Brief von Dir, der faſt eben ſo lang iſt? Wenn Du mich nicht auf ſolche Weiſe belohnſt, ſo fürchte meine Rache, und ſchreibe bald, denn ich ſehne mich nach einem Briefe von Dir; von Dir habe ich oft gehört; aber von und von, wie⸗ wohl es dieſelbe Präpoſition iſt, hat eine ſehr verſchiedene Bedeutung. Ich habe nicht ein Wort von Karoline oder Ellen geſchrieben, bin ich nicht unheilbar ſelbſtſüchtig? Die Erſtere erklärt, ſie ſei überzeugt, daß Du keine Zeit haben würdeſt, einen BVrief von ſolchen Umfange wie den meinen, von ihr zu leſen, und Ellen ſagt, ſie hab diesmal keine Zeit. Ich ſagte ihr, ſie ſollte früh aufſtehen wie ich, da erröthete ſie, ſah ſo verwirrt aus, daß ſie meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und ſagte dann, ſie glaube ſie ſei zu verſchlafen. Und nun muß ich 22 Dir wirklich Lebewohl ſagen, vergiß nicht, mir Alles zu ſchreiben, was Dich und Deine liebe Mutter betrifft, der ich mich ergebenſt zu empfehlen bitte, und was Dich betrifft, liebe Mary, ſo laſſe dieſen langen Brief Dir die aufrichtige Liebe und das vollkommene Vertrauen beweiſen Deiner unbeſonnenen Freundin Emmeline. Nachſchrift. Kein junges Mädchen kann ohne Nachſchrift ſchreiben. Mama hat die Geduld gehabt, meinen Brief durch⸗ zuleſen, und ausgenommen, daß ſie ſagte, ſo Viel von ihr wäre ganz überflüſſig, billigt ſie denſelben faſt eben ſo ſehr, als ſie den anderen mißbilligte, den ſie mich ſo eben genö⸗ thigt durchzuleſen. Welch ein Gewebe von Abgeſchmackt⸗ heiten enthielt er, ja noch ſchlimmer, er war ſündhaft. Ich habe das Vergnügen gehabt ihn zu verbrennen, und ich hoffe und vertraue, daß meine thörichten Klagen zugleich mit ver⸗ brannt ſind. Noch ein Mal, lebe wohl. E. H. Mrs. Hamilton an Miß Greville. Meine liebe Mary! Ich kann Emmelinens langen Brief nicht an Dich ab⸗ gehen laſſen, ohne einige Zeilen hinzu zu fügen, um alle etwaigen Befürchtungen zu entfernen, die Du vielleicht ge⸗ habt haben magſt, daß ich Euren Briefwechſel nicht billige. Glaube mir, mein liebes Mädchen, daß es für Mr. Hamilton und mich eine Quelle aufrichtiger Freude iſt, in Dir die er⸗ wählte Freundin meiner unbeſonnenen, aber warmherzigen Emmeline zu ſehen, wie es ſeit Eurer Kindheit geweſen iſt. Weibliche Freundſchaften werden allerdings oft mit Verach⸗ tung angeſehen, und zwar nicht nur von Männern, ſondern auch häufig von den ernſteren Perſonen unſeres Geſchlechts; ſie werden für Verbindungen der Thorheit gehalten; man nimmt an, daß die langen Briefe, welche zwiſchen jungen Damen ge⸗ wechſelt werden, die vor der Welt als intime Freundinnen gel⸗ ten, nur Erzählungen von all den kleinen Abenteuern ſeien, die —— — — S N X , — ſie ie ſie hören oder ſehen. Man glaubt auch, daß ſolche Briefe dazu beitragen, das Gemüth zu ſchwächen und ein falſches Gefühl hervor zu bringen, durch die Phraſen der Liebe, welche ſie in ihren Dienſt nehmen, den übertriebenen Ausdruck augen⸗ blicklicher und flüchtiger Empfindungen. Ich leugne nicht, daß dies manchmal der Inhalt des Briefwechſels junger Leute ſein mag, und wenn dies der Fall iſt, und wenn ſolche Briefe heimlich aufgehoben und verbrannt werden ſollen, damit ſie kein Auge ſieht, für das ſie nicht beſtimmt geweſen ſind, dann würde ich allerdings ebenfalls ſolche Freundſchaf⸗ ten mißbilligen, und um dies zu verhüten, geſtattete ich Em⸗ meline nicht, den erſten Brief abzuſenden, auf den ſie ange⸗ ſpielt hat. Jedes Gefühl war ſo übertrieben und verdreht, bis Du gedacht haben würdeſt, wäre Dir die wahre Urſache nicht geſagt worden, daß ſie irgend ein großes Unglück be⸗ troffen habe, oder ſie zu treffen drohe. Ich zweifle nicht im mindeſten, daß Du all Deinen Einfluß angewandt haben würdeſt, dieſe ſündlichen Klagen zu bekämpfen und zu beſie⸗ gen, aber dennoch dachte ich, daß ſelbſt Deine Antwort erneuerte Aufwallungen der Empfindſamkeit hervorgerufen, und daß bei dem Gemüthszuſtande, in dem ſie ſich damals befand, Deine Vorwürfe, ſo mild ſie auch geweſen, eine Ab⸗ nahme der Freundſchaft oder eine Empfindlichkeit herbeige⸗ führt haben würde, die Deine Zuneigung geſtört und ſie ſelbſt verletzt hätte. Als ſie daher ihren Irrthum ſo offen anerkannte und ſich erbot, das Vergnügen zu opfern, das es ihr, wie ich wußte, machte, an Dich zu ſchreiben, ſo nahm ich es an, trotz des Schmerzes, den es ihr verurſachte, und den ſie ſich, wie Du glauben kannſt, nur ungern auferlegte; und nun fühle ich mich wirklich belohnt für die Selbſtverleug⸗ nung, die wir Beide übten. Emmeline iſt wieder daſſelbe glückliche Mädchen, das ſie in Oakwood war, wiewohl ich ſehe, daß nichts oder im beſten Falle ſehr wenig hier iſt, was ſie für die ländlichen Freuden, die ſie verlaſſen hat, entſchädigen kann. Ich wundere mich darüber nicht, denn in ſolchen Gefühlen erkenne ich dieſelben, die ich von meiner Mädchenzeit an hatte. Ich hoffe daher, meine liebe junge 24 Freundin, daß in Zukunft nichts Deinen Verkehr mit Em⸗ meline ſtören, ſondern daß Euer Briefwechſel noch lange eine Quelle des Vergnügens für Euch ſein wird. Ich ſehe das vollkommene Vertrauen, womit Emmeline geſchrieben hat, gern, es beweiſt, daß ſie Dich als ihre wirkliche Freundin betrachtet, wie Du es verdienſt, und nicht als eine Gleichge⸗ ſinnte in Frivolität und Gefühlſchwärmerei, und glaube mir, daß es in Deiner Gewalt ſteht, ihren vielleicht zu ſchwachen Charakter zu ſtärken und zu kräftigen. Die Art und Weiſe, in der Du durch die Gnade unſeres barmherzigen Gottes im Stande geweſen, ſo jung Du noch biſt, die Dir auferlegten ſchweren Prüfungen zu ertragen, hat ihr eine Achtung vor Deinem Charakter eingeflößt, die der unbedeutende Unter⸗ ſchied in Eurem Alter ſonſt vielleicht nicht hätte aufkommen laſſen, und deshalb werden Deine Briefe ein mehr als ge⸗ wöhnliches Intereſſe finden, und Dein gutes Beiſpiel, mein liebes Mädchen, kann viel dazu beitragen, ſie die Uebel des Lebens, von denen fie nicht verſchont bleiben kann, mit der⸗ ſelben ruhigen Ergebung zu ertragen, die Dich auszeichnet. Schreibe daher an ſie ſo oft Du Luſt haſt und unterdrücke nicht die Gedanken, die ihr aufrichtiger Brief in Dir hervor⸗ gerufen hat. Ich bitte Dich nicht, ihre Briefe mit chriſt— licher Liebe zu leſen, denn ich weiß, Du wirſt es thun, und ich gebe Dir die Verſicherung, daß ſie ihren Fehler vollſtän⸗ dig wieder gut gemacht hat. Es koſtete ihr einen ſchweren Kampf, die Niedergeſchlagenheit zu bewältigen, der ſie ſich ſo lange hingegeben hatte, aber ſie hat wacker geſiegt, und ich fürchte nicht, daß ſolche Gefühle der Unzufriedenheit jemals wieder das Uebergewicht erlangen werden. Sage Deiner lieben Mutter mit einem herzlichen Gruße von mir, daß es mit Ellen's Geſundheit beſſer geht und noch nicht im mindeſten durch den Winter oder die beſchränk⸗ tere Luft von London gelitten hat, die, wie ich ſelbſt fürchtete, einer ſo zarten Perſönlichkeit, wie ſie war, als wir Oakwood verließen, wahres Giſft ſein mußte. Ich glaube, unſere kleine Reiſe that ihr ſehr wohl, wiewohl ihr der Gedanke an die Anſtrengung derſelben zuerſt ſchmerzlich erſchien; ſie iſt X immer heiter, wiewohl ich bisweilen wünſchen möchte, daß ſie lebhafter wäre, und ich kann nicht umhin zu denken, daß trotzdem, daß ihre Schwermuth ſchon im Kindesalter in die Augen fiel, ihre Leiden, die körperlichen wie die geiſtigen, in den letzten achtzehn Monaten ſie zu dem ſehr ernſten Cha⸗ rakter gemacht haben, der ſie gegenwärtig iſt. Ich hatte vor dieſer unglücklichen Geſchichte gehofft, daß ſie eben ſo lebhaft und leichtſinnig werden würde, wie meine Emmeline; aber da das nicht ſein kann, bemühte ich mich, für die Geſundheit und Ruhe, und wie ich hoffe, das Glück dankbar zu ſein, deſſen ſie nun genießt. Wir empfangen bei jeder Gelegen⸗ heit von Edward ſehr zufriedenſtellende und angenehme Briefe, die, wie Du glauben wirſt, nicht wenig dazu beitra⸗ gen, die Sorge ſeiner Schweſter und die meine zu verrin⸗ gern. Sein neuer Capitän iſt ein weit ſtrengerer Mann nnd hält auch mehr auf Mannszucht als Sir Edward Manly. Aber unſer junger Seemann ſchreibt, daß dies vielmehr eine Quelle des Vergnügens für ihn iſt, denn um ſo größer würde ſein Verdienſt ſein, ſich ſeine Achtung zu erwerben, die zu erlangen er keine Mühe ſcheuen will. Ich darf nicht vergeſſen, indem ich ſo von meiner Fa⸗ milie ſchreibe, daß Herbert niemals nach Hauſe ſchreibt, ohne ſich nach Mary, ſeinem Lieblinge, zu erkundigen, und wenn ſeine Schweſtern ſolche Fragen nicht ſehr ausführlich beant⸗ worten, können ſie ſehr ſicher ſein, im nächſten Briefe ſo ſcharfe Vorwürfe zu erhalten, wie ſie nur aus ſeiner Feder fließen können. Willſt Du nicht ſolche kleine Zeichen der Erin⸗ nerung erwidern, mein liebes Mädchen? Herbert hat in jün⸗ gerer Zeit nur den Ausdruck gewechſelt, unter dem er in ſei⸗ nem Knabenalter ſo oft von Dir ſprach— ſeiner Schweſter Mary; und allerdings können Freunde aus ſo früher Kind⸗ heit es auch in der Jugend bleiben. Die Saiſon hat hier noch nicht begonnen und wird es auch noch nicht bald; Karoline fieht derſelben mit einem Vergnügen entgegen, das ich weniger leidenſchaftlich zu ſehen wünſchte. Ich habe den auffallenden Gegenſatz zwiſchen meinen Töchtern niemals ſo bemerkt als jetzt, obgleich ich immer wußte, daß ſie ſich ſehr unähnlich waren. Du, meine liebe Mary, würdeſt, glaube ich ſelbſt noch mehr als Emmeline vor dem Leben zu⸗ rückſchrecken, das wir nun einige Monate jeden Jahres führen müſſen, wenn wir unſere Pflicht in der Stellung erfüllen wollen, die wir einzunehmen beſtimmt ſind. Ich denke, eine Saiſon wird Karoline beweiſen, daß es nicht das bunte Leben der Geſellſchaft iſt, worin man wahres und vollkom⸗ menes Glück findet, und wenn ſie das thut, ſo werde ich mich nächſtes Jahr mit weniger klopfendem Herzen der Ge⸗ ſellſchaft anſchließen. Und nun lebe wohl, meine liebe junge Freundin. Wenn Du durch Emmelinens langes Schweigen jemals zu dem Argwohn veranlaßt worden biſt, daß ich Eueren Briefwechſel nicht billigte, ſo möge Dir dieſer Brief von mir Deinen Irrthum beweiſen, und erinnere Dich, wenn jemals Sorgen in Deinem jungen, doch wechſelvollen Leben Dich ergreifen und Du ſie vor Deiner verehrten Mutter verheimlichen wollteſt, aus Furcht ihren Kummer vergrößern, ſo ſchreibe mir ohne Furcht und ich werde Dir nach meinem beſten Vermögen antworten; denn Theilnahme, das glaube mir, wirſt Du nie⸗ mals vergebens von mir anſprechen, und wenn Du Rath brauchſt, ſo will ich Dir denſelben mit all der Liebe erthei⸗ len, die ich gegen Dich fühle. Gott ſegne Dich, mein lie⸗ bes Mädchen; voll Liebe die Deine E. Hamilton. Emmeline Hamilton un Mary Greville. Ein Monat, wirklich ein ganzer Monat iſt verfloſſen, liebſte Mary, ſeit ich Dir meinen letzten Brief ſchrieb, und nicht eine Zeile habe ich von Dir erhalten. Zugegeben, daß er ziemlich eine Woche unterwegs war, ſo find doch drei Wo⸗ chen wahrlich lang genug, daß Du mir hätteſt antworten können, da ich Dich ſo ſehr bat, bald zu ſchreiben. Was kann der Grund dieſes Schweigens ſein? Ich will Dir keine Vorwürfe machen, weil ich zittere, wenn ich daran denke, was vielmehr die Veranlaſſuug geweſen ſein kann. Mama — NM W* M W — — v S— iſt faſt eben ſo beſorgt geworden wie ich, deshalb ſchreibe fo⸗ bald Du kannſt, und wenn es auch nur eine Zeile wäre, die uns ſagt, daß Du Dich wohl befindeſt und in Frieden lebſt; mehr will ich gar nicht erbitten. Ich kann es kaum über mich gewinnen, in dieſem Briefe über gleichgültige Gegen⸗ ſtände zu ſchreiben, dennoch muß ich es thun, um den Bogen voll zu machen, da Du mir keine Antwort gegeben haſt; denn wenn das nicht der Fall iſt, was ich fürchte, ſo wirſt Du mir nicht für einen Brief danken, der nur ein Dutzend Zeilen enthält. London fängt an, angenehm zu werden und die Nebel haben ſchönem Wetter Platz gemacht. Der Hof langte geſtern von Brighton an, und man ſagt, die Stadt würde ſich nun raſch füllen. Karoline iſt außer ſich vor Freude, weil in den erſten Tagen des nächſten Monats Mr. Graham's Familie Brighton verlaſſen wird. Sie haben ein ſchönes Haus in Piccadilly, nicht ſehr weit von uns, und Karoline erwartet großes Vergnügen von der Geſellſchaft Annie's. Ich weiß nicht, was meiner Schweſter ſo ſehr an Miß Graham gefallen kann, mir iſt dieſe Freundſchaft ganz unbegreiflich und iſt es immer geweſen. Sie beſitzt nicht eine Eigenſchaft, die mich anziehen würde; welch ein Glück, daß wir nicht Alle dieſelbe Art von Leuten lieben. Wünſche mir Glück, meine liebe Freundin, daß ich meinen Widerwil⸗ len gegen die Geſellſchaft von Fremden einigermaßen über⸗ wunden habe; einige von Papa's und Mama's auserwählten Freunden und ihre Familien haben uns im letzten Monat beſucht, und wir haben in der letzten Zeit ziemlich viel Ge⸗ ſellſchaft am Abend gehabt; nicht etwa große Parthien, ſon⸗ dern hübſche, kleine Converſationen, und in der That ſind die Lords und die Ladies, welche dieſelben bilden, viel ange⸗ nehmer, als meine Phantaſie ſie ſich malte. Sie ſind ſo ver⸗ ſtändig und wiſſen ſo viel von der Welt, und die Anekdoten die ſie erzählen find ſo erheiternd, und manche derſelben ſo voll gutmüthigen Witzes, daß ich in meinen Lieblingsſtudien, denen des Charakters, in einem Abend weiter komme, als Wo⸗ chen lang in meiner Zurückgezogenheit. Karoline wird ſehr bewundert, und ich betrachte ſie manchmal mit Erſtaunen, 28 denn ſie ſieht wahrlich viel beſſer aus und weiß ſich unter Fremden viel angenehmer zu machen, als ſie es ſonſt zu Hauſe that. Mama würde das vielleicht einen unfreundlichen Gedanken nennen, aber ich meine das nicht ſo; manche Leute find bezaubernder in der Geſellſchaft als zu Hauſe. Ich be⸗ gnüge mich im Hintergrunde zu bleiben und ſpreche nur, wenn ich angeredet werde, das heißt, ich unterhalte mich mit Denen, die ſo gutmüthig ſind, ſich mit mir unterhalten zu wollen, und ich habe auf dieſe Weiſe ſchon manchen ange⸗ nehmen Abend verlebt. Ich nenne Dir nur die Herzogin D., eine ſehr anmuthige Frau von eleganten Sitten und voll wahrer Herzensgüte; mir gefällt der Ton, in dem ſie mit ihren Töchtern ſpricht, wenigſtens mit den beiden Jüngſten, (die andern ſind verheirathet, Lady Anne und Lady Lucy) ſie ſcheinen ſehr artige junge Mädchen und angenehme Ge⸗ ſellſchafterinnen zu ſein; noch haben wir nur wenig mit ein⸗ ander geſprochen, doch ſcheinen ſie auf einem merkwürdig guten Fuße mit Karoline zu ſtehen. Die Gräfin Elmore, eine nouvelle marié, aber ein anmuthiges, außerordentlich liebenswürdiges Geſchöpf; was hat ſie für Augen, für Haare, für Zähne, und doch ſcheint ſie dieſe ſeltenen Reize ganz zn vergeſſen, oder ſie zeigt dieſelben uur ihrem Gatten, der ihrer würdig iſt. Er hat ſo oft mit mir geſprochen, daß auch ſeine Gattin mich ihrer Aufmerkſamkeit würdigt, und wenn ſie bei uns in Geſellſchaft ſind, habe ich immer einen ange— nehmen Abend. Der Graf kennt ſehr gut unſer ſchönes Devonſhire, liebſte Mary, er bewunderte die Gegend ſo ſehr wie ich und fragte mich eines Abends in letzter Woche ſo viel darnach, daß ich meinen Vorſatz, mich zu beherrſchen, ganz und gar vergaß und ſo ungezwungen ſchwatzte und den Dartfluß ſo verherrlichte, als wenn ich mit einem meiner Brü⸗ der ſpräche. Ich vergaß Jedermann ſonſt im Zimmer, bis ich Mama's Blick fragend auf mich gerichtet ſah, und da meine liebe Freundin war mir nicht ſehr behaglich zu Muthe; indeß wurde ich bald wieder ruhig, denn ich ſah, daß es nur eine Warnung, nicht ein Vorwurf war, und am nächſten Morgen, als ich ihr erzählte, welches Vergnügen mir der 29 vorige Abend gemacht, theilte ſie meine Anſicht, und als ich ſie halb furchtſam fragte, ob ihr Blick bedeuten ſollte, daß ich die vorgeſchriebene Grenze überſchritten, ſagte ſie:„Mit dem Grafen von Elmore nicht, meine liebe Emmeline; aber hätteſt Du in derſelben Weiſe mit dem Marquis von Alford geſprochen, der Dich zum Souper führte, ſo würde ich ſagen, Du hätteſt es gethan.“ „Aber ich that es nicht,“ rief ich aus. „Aber liebes Kind,“ antwortete ſie und lachte über die Beſorgniß, die wie ich fühlte, auf meinem Geſichte ausge⸗ prägt war,„aber warum biſt Du ſo erſchrocken über die bloße Andeutung?“ „Weil er unverheirathet iſt,“ ſagte ich und fühlte wie ich erröthete,„und mit unverheiratheten Männern kann ich nicht mit derſelben Ungezwungenheit ſprechen, wie mit ver⸗ heiratheten.“ „Und warum nicht?“ fragte ſie und richtete ihren durch⸗ bohrendſten Blick auf mein Geſicht. Ich wurde immer ver⸗ wirrter, liebe Mary, denn ich fühlte, daß es mir ſelbſt mei⸗ ner Mutter gegenüber ſchwer werden würde, meine Gefühle in dieſer Beziehung auszuſprechen; es gelang mir indeß mit einiger Schwierigkeit, mich dahin auszuſprechen, daß ich von Annie oft gehört habe, ſie haſſe die Geſellſchaften, wo bloß verheirathete Männer wären, wiewohl es einigen Spaß ge⸗ ben könnte, wenn man die Eiferſucht ihrer Frauen zu erre⸗ gen ſuchte; aber es ſei nichts im Vergleich mit dem Triumphe, junge Männer an ſeine Seite zu feſſeln und durch ein leb⸗ haftes Geſpräch und freundliches Lächeln jeden Einzelnen glauben zu machen, daß er beſondere Anziehungskraft für ſie habe, während ſie ſich in der That aus Keinem etwas machte. „Lieber als daß ich dies thäte,“ rief ich aus, indem ich von dem Stuhle aufſprang, den ich zu Mama's Füßen einnahm und zwar mit einer Kraft, die ich nicht zurückdrängen konnte, „würde ich mich für immer in einer Wüſte begraben und niemals in ein Geſicht ſehen, das ich liebte. Lieber als daß ich mit den Gefühlen meiner Mitmenſchen ſpielen möchte— ich weiß nicht was ich lieber erdulden würde. Mutter,“ 30 fuhr ich fort,„Mutter, wenn Du jemals ſiehſt, daß ich mich nur einen Augenblick vergeſſe und durch Wort oder Geberde mich den Grenzen der Kocketterie nähere, verſprich mir, Du willſt augenblicklich jeden fernen Umgang verhindern, Du willſt nicht einen Augenblick zaudern, es mir zu ſagen; ſelbſt wenn es in Deinen Augen nur als lebhafte Unterhaltung erſcheinen mag. Mutter, verſprich es mir,“ wiederholte ich, denn ich war ſo außer mir, daß, wenn ich auf dieſes Ge⸗ ſpräch zurückblicke, meine Verwegenheit mich mit Erſtaunen erfüllt.„Annie hat mich ausgelacht, als ich meine Entrü⸗ ſtung gegen ſie ausſprach, ſie ſagte, das thäten alle Frauen der vornehmen Welt, und es ſei lächerlich von mir, wenn ich anders zu ſein hoffte. Mutter, Du wirſt nicht über mich lachen, erſpare mir die Reue, die folgen würde, wenn ich mich jemals ſo betrüge.“ „Fürchte Nichts, mein liebes edles Kind,“ rief ſie be⸗ wegt aus und drückte mich zärtlich an ihr Herz;„ich ver⸗ ſpreche Dir Alles was Du wünſcheſt. Bewahre dieſe edeln Gefühle, dieſes tugendhafte Bangen, und ich werde nie Ver⸗ anlaſſung haben zu thun, was Du wünſcheſt. O, daß Deine Schweſter eben ſo dächte,“ fügte ſie hinzu, und ach, Mary, ich werde nie den Ton der Beforgniß, ich möchte faſt ſagen der Verzweiflung vergeſſen, womit ſie dieſe letzten Worte ſagte. „Sie denkt eben ſo, ſie wird, ſie muß ſo denken,“ ſagte ich aufgeregt, denn ich hätte Welten darum gegeben, die Be⸗ ſorgniß zu beſchwichtigen, die ſie, wie ich weiß, in Betreff Karolinens fühlt, und ich wünſche, daß meine Schweſter in manchen Punkten ſo dächte wie ich, nicht aus Eitelkeit, meine liebe Mary, das glaube, ſondern um ihres eigenen Glückes willen. Ich kann Dir in dieſem Briefe nicht jedes einzelne Glied unſeres Kreiſes ſchildern, liebe Mary, aber Du ſollſt ſie allmälig alle haben; der Graf und die Gräfin El⸗ more ſind meine Lieblinge; es that mir ſehr leid, daß Mama mir nicht geſtattete, vorige Woche eine kleine Geſellſchaft in ihrem Hauſe zu beſuchen. Die Gräfin kam ſelbſt, um mich einzuladen, aber Mama hatte ihr Verbot ſchon lange ergehen — M M MN — —— laſſen, und deshalb machte ich gute Miene zum böſen Spiel, wiewohl es mir nicht ganz gelungen ſein dürfte. Mama wünſcht, daß ich dies Jahr nur im eigenen Hauſe an Geſell⸗ ſchaften Theil nehme, nächſtes Jahr aber ſoll ich mit ihr ausgehen dürfen, ſo viel ich will. Lord Henrp d'Eſte iſt einer der unterhaltendſten Männer, die ich noch kennen ge⸗ lernt habe, er hat immer eine drollige Anekdote zu erzählen, die allgemeines Lachen hervorruft; aber von unverheiratheten Männern iſt der Graf von St. Eval, der älteſte Sohn des Marquis von Malvern, der angenehmſte. Er iſt nicht be⸗ ſonders hübſch, hat aber ein beredtes Lächeln und eine ein⸗ ſchmeichelnde Stimme, iſt ſehr groß und hat etwas Edles in ſeinem Benehmen. Er ſprach viel mit mir über Orford, wo er im Lanfe von ſechs oder ſieben Monaten meine Brüder kennen lernte, von denen er ſehr viel Gutes zu ſagen wußte, liebe Mary, und er bedauerte nur, daß er ihre Geſellſchaft nicht länger habe genießen können. Er iſt ſeitdem auf dem Continent geweſen und erzählt ſo anmuthig, was er in der Fremde beobachtet oder geſehen hat, daß man deutlich ſieht, daß er zu ſeinem Vergnügen und zur Belehrung nicht den Modeweg gereiſt iſt. Er ſcheint beſonders von Karoline angezogen zu werden, ich bin überzeugt, daß er ſie ſehr be⸗ wundert, und ich wünſchte nur, das ſie ſolches Gefallen an ihm fände wie ich; aber ſie ſagt immer, daß er nicht genug Eſprit habe, auch iſt er nicht hübſch genug, um ihr zu gefal⸗ len, und dennoch weiſt ſie ſeine Aufmerkſamkeiten nicht zu⸗ rück und ſeine Unterhaltung mißfällt ihr nicht, wie es mit mir der Fall ſein würde, wenn ich ihn nicht leiden könnte, (wie es mir ſcheint wenn wir allein ſind). Sorge Dich nicht um meine Ruhe, liebe Mary, wenn Du dieſe flüchtigen Schilderungen lieſt. In der Geſellſchaft ſind ſie ſehr ange⸗ nehm, aber als Begleiter auf meinem Lebenspfade habe ich noch nicht Einen geſehen, dem ich, wenn ich darum gefragt würde, mit einiger Hoffnung auf Glück meine Hand reichen könnte. Dieſe Scenen ſind zwar für einige Zeit recht hübſch, aber ſie ſind nicht darnach, daß ich darin mein Leben zuzu⸗ bringen wünſchen könnte; meine Wünſche ſind beſcheidener, 32 viel beſcheidener, aber ich verſtehe ſie noch nicht hinlänglich, um ſie auch nur mir ſelbſt erklären zu können. Eben ſo iſt es mit den jungen Damen, mit denen ich jetzt häufiger verkehre; ſie ſind angenehme Geſellſchafterinnen, aber nicht eine, ja nicht eine einzige kann mir Deine Stelle erſetzen, liebſte Mary, nicht eine kann ich lieben wie ich Dich liebe. Wir haben keine gemeinſchaftlichen Ideen, ſo liebenswürdig und gut ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach ſind, ſo könnte ich ſie doch nicht als meine vertrauten Freundinnen betrachten, und dennoch— ein ſeltſamer Widerſpruch, wirſt Du ſagen, wünſchte ich, daß Karoline eine unter ihnen finden möchte, welche den Platz Annie Graham's in ihrem Herzen ein⸗ nähme. Du wirſt fragen, warum ich gegen ſie ſo einge⸗ nommen bin. Ja, Mary, ich bin gegen ſie eingenommen und kann nicht anders, irgend Etwas ſagt mir, daß meine Schweſter von dieſer Freundſchaft nichts Gutes zu erwar⸗ ten hat, ich habe ſie nie geliebt und dies Gefühl hat in neue⸗ rer Zeit ſich noch geſteigert. Auch Ellen gefällt ſich, wenn es ihre Geſundheit ihr geſtattet, an unſeren kleinen Geſellſchaf⸗ ten Theil zu nehmen; ſie ſcheint ihre ſehr große Schüchtern⸗ heit zu überwinden, doch wird ſie nicht lebhafter. Sie ſieht immer nach mir, als wenn ſie fühlte, daß noch ein Makel auf ihr ruhte, und wiewohl Mama und Papa ſie womöglich noch gütiger behandeln als ſonſt, ſo hat ſie doch Stunden, wo ſie mir innerlich unglücklich zu ſein ſ cheint. Fremde würden ſie nur ernſter nennen, als Mädchen in ihren Jahren zu ſein pflegen, denn ihre ſchlanke Figur und ihre ſehr zarten Ge⸗ ſichtszüge, wie ihr ſcheues Weſen, laſſen ſie noch jünger er⸗ ſcheinen als ſie iſt, aber ich glaube bisweilen mehr zu leſen. Sie iſt immer ruhig und ſanft wie ſie ſonſt war, und ich kann nie bemerken, wenn ſie Etwas ärgert, außer daß ſich ihre Wange höher färbt, als heut zu Tage leichter ſichtbar iſt, als da ihre Geſundheit beſſer war. Ich werde abgerufen, liebe Mary, um mit Mama aus⸗ zufahren, und da dieſer Brief heute Abend abgeht, darf ich nicht weiter ſchreiben; doch will ich dich alle Wochen mit Briefen quälen, bis Du mir ſchreibſt, wenn Du nicht wohl —— — —— biſt, mit dem aufrichtigen Wunſche, Dich zu erheitern und Deine Gedanken von etwaigen unangenehmen Gegenſtänden abzuziehen, und wenn Du zu träge biſt, Dich zur Arbeit an⸗ zuſpornen. Lebe wohl, meine liebſte Freundin. Deine Dich ewig liebende Emmeline. Mary Greville an Emmeline Hamilton. Greville Manor, 13. März. Wie kann ich Dir genügend danken, meine liebſte Em⸗ meline, für die liebevollen Briefe, welche ich vorigen Monat, ſo regelmäßig erhalten habe. Ich bin immer noch ſo ſchwach⸗ daß es mir verboten iſt, viel zu ſchreiben, und es iſt mir dese halb unmöglich, darauf ſo viel zu erwidern, wie es mein, Liebe mir gebieten würde. Aber ich kenne Dein gutes Herz meine liebe Emmeline, ich weiß, es wird zufrieden ſein, wenn ich Dir ſage, daß Deine Briefe wirklich mein Schmerzens⸗ lager verſüßt haben, daß es ihnen thatſächlich gelungen iſt, meine Gedanken von dem Gegenſtande, der ſie vielleicht zu ſehr beſchäftigte, nicht nur abzulenken, ſondern auch bisweilen die meiner armen Mutter. Deinen erſten langen Brief vom Januar ſchriebſt Du, wie Du ſagſt, damit ich Dich kennen lerne wie Du biſt und alle Deine Fehler offen vor meinen Augen liegen; und was iſt die Folge? daß Du, wie Du mein⸗ teſt, in meiner Achtung geſunken biſt? Nein, mein liebes aufrichtiges Mädchen, das biſt Du nicht, und ſo lange Du ein ſo offnes Gemüth behältſt, wirſt Du es nie können. Du thateſt allerdings unrecht, ſolcher Entmuthigung nachzuhän⸗ gen, während Du von ſo vielen Segnungen umgeben warſt; aber wenn Du einmal einen Irrthum erkennſt, ſo iſt er bei Dir bereits ſo gut wie gebeſſert. Mama hat, ſo viel ich weiß, vor einigen Wochen an Mrs. Hamilton geſchrieben, um ihr mitzutheilen, daß Greville Manor verkauft merden ſoll. Wir werden nie wieder dahin zurückkehren; die Spa⸗ ziergänge, die ich ſo ſehr liebte, die Orte, an denen ich ſo viele glückliche Stunden zugebracht habe, ſie alle werden in Der Lohn einer Mutter. 3 —— —— —— — — 1 3 —— die Hände von Fremden übergehen— ſie werden nicht mehr uns gehören; wir werden nicht länger mehr zuſammen ſein, wie wir es ſeit vielen Jahren waren. Indem ich auf ſolche Weiſe meinen Wohnſitz ändere, iſt mir zu Muthe, als wenn jedes Band, das ich liebte, zerriſſen würde. ℳ Ich dachte, ich würde ruhiger über dieſen Gegenſtand ſchreiben können, meine Emmeline, aber ich hielt mich für ſtärker an Leib und Seele, als ich bin; ich bin ſehr krank ge⸗ weſen und dies möge mich entſchuldigen. Entſchuldige mich pei Deiner Mutter, Emmeline; ſage ihr, ſie wiſſe nicht, wie ich kämpfe, jeden Schmerz vor dem wachſamen Auge meiner Mutter zu verbergen, die ſich mit einer Angſt über mein Lager beugte, die mir deutlicher geſagt hat als Worte, daß ich wirklich ihre einzige Freude auf Erden bin. Mein Gemüth war während des dreimonatlichen Aufenthaltes meines rau⸗ hen Vaters in ſeinem Hauſe ſo gequält, daß ich eine Empfin⸗ dung hatte, als wenn ich fliehen ſollte und dann Ruhe fin⸗ den würde; aber um ihretwillen bitte ich um Leben und Kraft, um ihretwillen widerſetze ich mich nicht dem Rathe Dr. Maitland's, daß wir zwei Jahre in Italien oder der Schweiz leben ſollen, wiewohl mir zu Muthe iſt, als wenn ich, indem ich England verlaſſe, Etwas, ich weiß nicht was verließe, aber etwas Anderes als die bloße Liebe zum Hei⸗ mathlande. Ach, warum iſt meine Geſundheit ſo ſchwach, warum leidet ſie immer, ſo oft mein Gemüth unzufrieden iſt. O Emmeline, Du weißt nicht, welch ſchweren Kampf es koſtet, nicht zu murren, zu glauben, daß mein Vater im Himmel mir aus Gnaden ſolche Leiden auflegt. Wenn ich nur meine Geſundheit wiedererhielte, ſo ſollte meine Mutter niemals meine Leiden errathen, ich würde ſie vor jedem Auge verber⸗ gen; aber ſie lieſt dieſelben in meinem ſchwächlichen Körper und in meinen bleichen Zügen, während ich ihr auf alle mögliche Weiſe zeigen möchte, daß, ſo lange ſie mir erhalten wird, ich nicht ganz unglücklich ſein kann. Es war nicht körperliche Krankheit, die mich hinderte, Deinen erſten langen Brief zu beantworten, aber Papa und Alfred waren zu Hauſe und ₰ N — e⸗ ie in ß th U⸗ N⸗ R⸗ nd he er nn as ei⸗ iſt. et, nel ine als er⸗ per che iche und 35 meine Nerven wurden ſo häufig erſchüttert, daß ich wußte, es würde mir unmöglich ſein zu ſchreiben, und deshalb ver⸗ ſuchte ich es nicht erſt, auf die Gefahr hin Dich zu beleidi⸗ gen oder Dir wenigſtens Schmerz zu bereiten. Ich bat Mama, an Mrs. Hamilton zu ſchreiben und ihr Alles mitzu⸗ theilen, was ſich nach Empfang Deines Zweiten vom Februar zugetragen, denn ich dachte, es würde ihr Erleichterung ver⸗ ſchaffen, wenn ſie unſer Stillſchweigen erklärte, und ich glaube, es iſt wirklich der Fall geweſen. Es ſind ſeitdem ſechs Wochen verfloſſen, und ich darf nun erſt ſchreiben und habe bereits mehr als ein Mal in meiner Arbeit innehalten müſſen, daher vergieb mir alles Unzuſammenhängende, meine liebe Emmeline. Das Gut ſoll im Juni verkauft werden; um meinetwillen wagte es Mama, meinen Vater zu bitten, ein anderes Gut zu verkaufen, welches ſeit einiger Zeit ſein Eigenthum geworden iſt, aber er wollte nichts von ihr hö— ren, und ich bat ſie, ihren Gefühlen nicht wieder durch ver⸗ gebliche Bitten Gewalt anzuthun. Alfred ſoll nach Cam⸗ bridge gehen, und Papa ſcheint dieſe vermehrte Ausgabe, da er ſie für ihn macht, für Nichts zu halten; aber für meine arme Mutter iſt es eine neue Urſache zur Unruhe, nicht ſo wohl unſert⸗ als ſeinetwegen. Verſuchungen aller Art wer⸗ den ihn umgeben; ſein kleines Einkommen wird nicht aus⸗ reichen, um ihn das Leben fortführen zu laſſen, welches er ſeinen Neigungen gemäß aufſuchen wird. Unglück auf allen Seiten ſcheint die Zukunft zu verdunkeln, ich kann nicht vor⸗ wärts blicken; bitte für mich, meine liebſte Freundin, daß ich die Kraft gewinne, ſo unbedingt auf den Allerhöchſten zu vertrauen, daß mein Glaube ſelbſt jetzt nicht einen Augen⸗ blick ſchwankt. O, Emmeline, trotz aller ſeiner Rauheit, ſeiner Kälte und ſeines offenbaren Widerwillens gegen mich, ſehnt ſich mein Herz nach meinem Vater; geſtattete er es mir nur, ich würde ihn ſo zärtlich lieben und hochachten, wie jemals ein Kind ſeinen Vater, und wenn ihm mein Herz, nachdem ich ſeine Grauſamkeit gegen meine Mutter geſehen, bisweilen faſt unfreiwillig Vorwürfe machte und ſich gegen ihn empörte, ſo vergrößert die Reue, welche augenblicklich 3* 36 folgt, die ſchwere Laſt, welche mich zur Erde niederbeugt. Wir verlaſſen England im Mai, wenn ich kräftig genug bin; ich glaube nicht, daß wir London beſuchen, ſondern wir wer⸗ den in aller Muße die Küſte entlang nach Dover reiſen. Ich wünſchte, ich könnte Dich noch ein Mal ſehen, denn ich weiß nicht, ob wir uns jemals wiederſehen werden, liebe Emme⸗ line; aber vielleicht iſt es beſſer, daß es nicht geſchieht, es würde nur den Schmerz der Trennung erhöhen. Ich hätte gern zugleich an Deine liebe gute Mutter geſchrieben, aber ich fürchte, meine Kraſt wird es nicht erlauben, doch vielleicht ſchreibt ſie wieder an mich, wenn ſie eine halbe Stunde Muße hat; ihre Briefe bringen mir in der That Troſt und Hülfe. Ich danke Deinem Bruder Herbert für ſeine vielen freund⸗ lichen und liebevollen Grüße; theile ihm ſo viel Du willſt von unſeren Abſichten mit und ſage ihm, ſage ihm, daß ſeine Schweſter Mary niemals den Bruder ihrer Kindheit, den freundlichen theilnehmenden Genoſſen ihrer Jugend vergeſſen wird; empfiehl mich auch Percy und ſage Karolinen und Ellen Alles, was Dir Deine eigene Liebe eingiebt. Ich würde der Letzteren geſchrieben haben, aber meine Schwäche wird meine beſte Entſchuldigung ſein. Ehe ich völlig ſchließe muß ich Dir noch ſagen, wie es mich freut, daß Du, wiewohl Du ODakwood noch immer beklagſt, an Deiner gegenwärtigen Lebensweiſe wenigſtens einiges Vergnügen finden kannſt. Die Geſellſchaft, die Du ſchilderſt, muß angenehm ſein; ich konnte indeß kaum ein Lächeln über Deine Einfalt zurück⸗ halten, meine liebe Emmeline, daß Du Dir einbildeteſt, Alle, die Deines Vaters Haus beſuchten, würden eben ſo angenehm und ſchätzbar ſein wie die, die Dein zweiter Brief ſo beredt ſchilderte. Warum wird uns beſtändig geboten, nachſichtig in unſerem Verkehr mit einander zu ſein? Geſchah es nicht, weil unſer Schöpfer wußte, daß wir Alle Fehler hätten, die Einen mehr als die Anderen? Wenn Alle ſo gut und tu⸗ gendhaft wären, wie Manche zu ſein ſcheinen, dann würde es nicht nöthig ſein eine ſolche Tugend zu üben, aber in einer gemiſchten Geſellſchaft wird ſie häufiger geübt werden müſſen. Ueberdies wollen wir unſere eigene Tugend und Frömmig⸗ 8 — 7 ₰ — en ———— hl en ich 37 keit bewahren, dann müſſen wir nachſichtig ſein; wir müſſen die Schwächen unſerer Nebenmenſchen mit mildem Auge be⸗ trachten, wie können wir ſonſt daſſelbe für uns verlangen. Ich ſpreche nicht für Abgeſchloſſenheit im Allgemeinen, wie⸗ wohl meine Gefühle ein ruhiges Leben vorziehen; ich glaube, ein abgeſchloſſenes Leben macht uns leicht ſelbſtſüchtig und zu ſtolz auf die Weisheit und Reinheit unſerer Anſichten, zu vorurtheilsvoll gegen die Fehler unſerer Mitmenſchen. Die Geſellſchaft iſt ein Spiegel, worin wir den menſchlichen Charakter in verſchiedenen Schattirungen ſehen können, und dadurch können wir, wenn unſer Gemüth dazu geneigt iſt, uns ſelbſt beſſer kennen lernen. Wenn wir, ehe wir Andere verdammten, in unſere eigenen Herzen ſähen, würden wir wahrſcheinlich zugleich nachſichtiger und beſcheidener werden und unſer eigenes Betragen würde nothwendigerweiſe vor⸗ ſichtiger werden. Aber bei Deiner Mutter, meine Emme⸗ line, und bei Deinem offenen unverderbten Herzen wirſt Du niemals weit fehl gehen. Mama ſieht mich ängſtlich an, als wenn ſie fürchtete, daß ich mich zu ſehr anſtrengte; ich fühle, daß ſich meine Wangen ſchmerzlich geröthet haben, und deshalb will ich ihrem leiſen Winke gehorchen. Lebe wohl, meine Emmeline, mögen Dir die Sorgen erſpart werden, die in letzter Zeit das Herz zerriſſen haben Deiner treuen und beſtändigen Freundin Mary Greville. Mrs. Hamilton an Miß Greville. London, 20. März. Deinen Brief an Emmeline, meine liebe junge Freundin, habe ich mit Gefühlen zugleich des Schmerzes und der Freude geleſen und gern, ſehr gern erfülle ich Deine Bitte, Dir wenn auch noch ſo kurz zu ſchreiben. Deine Entmuthigung iſt natürlich und dennoch erkenne ich durch das Dunkel der⸗ ſelben mit Vergnügen die Gefühle des Glaubens und der Pflichttreue, die Du Dir durch Deinen religiöſen Sinn zu eigen gemacht haſt. Ich nehme, das glaube mir, den herz⸗ 38 lichſten Antheil an den Prüfungen, die Du bei Deiner zar⸗ ten Geſundheit ſo wenig zu ertragen im Stande biſt. Ich will nicht durch Troſtesworte ihre Schwere zu mildern ſu⸗ chen, denn ich weiß, das würde vergeblich ſein. In Deiner frühſten Jugend ſuchte ich Dir die Lehre einzuprägen, daß wir nicht jedes natürliche Gefühl unterdrücken ſollen. Es iſt uns nur geſagt, daß wir unſern Kummer vor Gott aus⸗ ſchütten, auf ſeine Gnade bauen, auf ſeine Vorſehung ver⸗ trauen, unſere Lippen nicht murren laſſen ſollen, und wenn wir dies thun, ſo werden unſere Gebete, wiewohl unſere Thränen fließen mögen und uns das Herz brechen will, im Himmel Erhörung und Gewährung finden. Es iſt bei Dir, mein armes Mädchen, nicht eine ſchwächliche Hingabe an den Schmerz, was Dich auf das Krankenlager wirft, es iſt der Kampf um Ergebung und das Streben, Deine Gefühle zu verheimlichen, was Deine zarte Geſundheit zu ſehr angreift; und glaubſt Du nicht, daß er, der als Vater ſeine Kinder bemitleidet, dieſem Streite ein Ziel ſetzt? So ſchmerzlich es für Dich iſt, meine liebe Mary, ſo können Deine Leiden einigermaßen eine Quelle der Gnade für Deine Mutter ſein; ſo ſchmerzlich es für das Herz einer Mutter iſt, an dem Krankenbett eines geliebten Kindes zu wachen, ſo würde, hätte ſie nicht dieſe Sorge, das Benehmen Deines Vaters und Deines Bruders ſie noch elender machen. Um Deinet⸗ willen verbannt ſie die quälenden Gedanken, die ſie ſonſt hegen würde, um Deinetwillen ſammelt ſie alle ihre Kräfte, die ſie ſonſt verlaſſen würden, und wenn Du ihr zurückge⸗ geben biſt, wenn ſie in den Zwiſchenzeiten des Friedens, die Euch bisweilen zu Theil werden, Dich geſund ſieht und Deine treue Hingabe bemerkt, dann glaube mir, iſt es eine Quelle des Troſtes, ſeligen Troſtes für ihr zärtliches Herz, deſſen ſie nichts berauben kann. Um ihretwillen alſo, meine liebſte Mary, ſuche Deinen Widerwillen, England zu ver⸗ laſſen, zu überwinden. Ich mache Dir Deinen Kummer nicht zum Vorwurf, denn ich weiß, er iſt natürlich, aber be⸗ mühe Dich zu denken, daß dieſer Aufenthalt von einigen Jahren auf dem Continent Deiner Mutter einen Frieden 39 wiedergeben mag, den ſie in England gegenwärtig nicht kennt; und wird nicht dieſer Gedanke, meine Liebe, Dich mit einer kurzen Trennnng von dem Lande Deiner Geburt und den Freunden, die Du ſo innig liebſt, verſöhnen? Wir werden Alle an unſere Mary denken und ſie lieben, mag ſie auch noch ſo weit entfernt ſein; wir werden ſehr häufig ſchreiben, und alle Nachrichten, die ich von Deinem Bruder erhalten kann, werde ich Dir treulich mittheilen. Mr. Ha⸗ milton hat immer die Gefühle eines Bruders gegen Deine Mutter gehegt, und um ihretwillen wird ihr irregeleiteter Sohn immer ein Gegenſtand ſeiuer wärmſten Sorge ſein; fürchte nichts für ihn und ſuche auch die Angſt Deiner Mut⸗ ter in dieſer Beziehung zu beſchwichtigen. Herbert hat Dir geſchrieben, ich ſchließe ſeinen Brief bei, und er bittet Dich dringend, ihm nicht nur zu geſtatten, auch fernerhin an Dich zu ſchreiben, ſondern ihm auch wäh⸗ rend Deines Aufenthalts im Auslande zu antworten. Er war tief bekümmert über die Nachrichten, die wir ihm über Dich mittheilten, und ich hoffe und denke, wenn Deine Mutter Euren Briefwechſel nicht mißbilligt, daß der demüthige, doch warme Glaube meines Sohnes Dir eine Quelle des Troſtes werden mag, da Du von Kindheit an mit allen ſeinen hohen Gefühlen ſympathiſiren konnteſt. Die arme Emmeline hat über Deinen Brief viele bittere Thränen vergoſſen; ſie kann den Gedanken nicht ertragen, daß Du England verlaſſen ſollſt, aber ſie ſtimmt mit mir darin überein, daß es eine wohlthätige Veränderung für Dich und Deine Mutter ſein wird; doch ſoll ihr Brief ihre eigenen Gefühle ausſprechen. Ich will jetzt nicht weiter ſchreiben, werde es aber ſehr bald wieder thun; ſtrenge Dich nicht zu ſehr an, Emmeline oder mir zu antworten, wir erwarten nicht, daß Du regel⸗ mäßig ſchreibſt. Ich habe auch an Deine Mutter geſchrie⸗ ben, deshalb iſt dieſer kurze Brief ganz für Dich, wie Du es wünſchteſt. Mr. Hamilton wird euch in Dover treffen, was mich ſehr freuen wird, da ich dann mehr erfahren werde als ich durch einen Brief hätte erfahren können, und er wird hoffentlich im Stande ſein, das Herz Deiner Mutter ————— —— 40 über einige Punkte zu beruhigen, die gegenwärtig ſie beäng⸗ ſtigen müſſen. Gott ſegne Dich, meine Mary, und gebe Dir bald Deine Geſundheit und Deinen Frieden wieder. Mit der wärmſten Liebe Deine E. Hamilton. Zuweites Kapitel. Am Morgen eines Apriltages ſchien die Sonne hell durch eines der Fenſter eines elegant eingerichteten Boudoirs, in einem ſtattlichen Hauſe in der Nähe von Piecadilly. Das Zimmer hatte etwas, in Folge der mannichfaltigen Nippſachen, die überall umherſtanden und durch eine Aus⸗ wahl der neuſten Romane, die auf dem Tiſche lagen, was bei einem ſcharfen Beobachter, der aus Kleinigkeiten den Charakter zu leſen im Stande war, den Verdacht hätte er⸗ wecken können, daß die Dame, der das Zimmer gehörte, nicht ſehr viel Gemüth oder Gefühl beſitzen könnte. Es zeigte ſich darin ein Geſchmack, dem nur frivole Nichtig⸗ keiten gefielen, und das Geſicht der Dame, die unruhig auf der Ottomane lag, würde dieſe Vermuthungen beſtätigt ha⸗ ben. Sie ſah nicht älter als vierzig Jahr aus, aber ihre Geſichtszüge ſprachen von einer Erſchlaffung, die im Wider⸗ ſpruch ſtand mit der Blüthe des Lebens, in der ſie ſich noch befand. Auf ihrem Geſicht ſprach ſich eben ſo wenig Ver⸗ ſtand als Gefühl aus, es veränderte ſich nie, außer vielleicht um ihre üble Laune auszudrücken, wenn häusliche Angele⸗ genheiten ſie langweilten, was in dieſem Augenblicke der Fall zu ſein ſchien. Sie hatte einen Band von dem letzten neuen Romane in der Hand, der ſie ſo ſehr zu intereſſiren ſchien, daß ſie noch mißgeſtimmter wurde, wenn ſie ſich von ⸗ e W— v S N S 8— 41 einem jungen Mädchen beſtändig unterbrochen ſah, die ſich ebenfalls in dem Zimmer befand. Der Gegenſatz, der ſich in den Zügen der Mutter und der Tochter zeigte, war in der That auffallend, denn in ſo naher Beziehung ſie zu einander ſtanden, ſo würde doch Mancher dem lebloſen Ausdruckder erſteren vor dem hübſchen, aber höhniſchen Geſicht der letzteren den Vorzug gegeben haben. Sie konnte nicht mehr als achtzehn Jahr zählen, aber der Ausdruck ihrer Geſichtszüge und die Art ihres Charakters waren bereits in ungewöhnlichem Grade ent⸗ wickelt. Alle ihre Bewegungen hatten etwas Modiſches; eine gewiſſe Sicherheit und Unabhängigkeit des Geiſtes, welche ihrer Mutter Achtung verſchafft haben würden, die aber bei einem ſo jungen Mädchen ſo unerträglich waren für Alle, außer die ſie zu ihren treuen Verehrern zu machen ge⸗ wußt hatte. Trotz der natürlichen Schönheit ihres Geſichts waren demſelben Hochmuth, Stolz und einige von den ande⸗ ren Leidenſchaften der menſchlichen Natur deutlich aufge⸗ prägt, wenigſtens ſo oft ſie ſich in ihrem natürlichen Cha⸗ rakter zeigte, wenn keine heimlichen Abſichten ſie veranlaßten, dieſe minder liebenswürdigen Gefühle unter einem beredten Lächeln und einer Manier zu perhüllen, deren Zauber ſelbſt Diejenigen empfanden und demſelben nicht widerſtehen konn⸗ ten, die vorher vielleicht gegen ſie eingenommen waren. Die Rollen, die ſie in der Geſellſchaft ſpielte, waren ſehr ver⸗ ſchieden, und ſie ſuchte dieſelben vor, wie ſie gerade zu ihrem Zwecke paßten; ſelbſt zu Hauſe ertappte ſie ſich bisweilen dabei, wie ſie nach einem Kunſtgriff ſuchte, als wenn es ihr unmöglich wäre, offen zu Wege zu gehen und ohne tieferen Grund zu handeln. Wir werden jedoch finden, wenn wir wei⸗ ter gehen, daß ſie eine Vertraute zu Hauſe hatte, der ſie beich⸗ tete, wenn ſie erſchöpft von den Mühen des Ränkemachens war, und welche die Zuhörerin und Begünſtigerin der Pläne des jungen Mädchens zu ſein pflegte. Dies war eine Per⸗ ſon, die ſeit vielen Jahren als Erzieherin in der Familie gelebt hatte, wiewohl dies Amt bei der älteren von ihren Pflegebefohlenen immer nur nominell geweſen war, und bei Du Dich auf eine ruhigere Weiſe zu unterhalten ſuchteſt,“ 42 der jüngeren wurde es über dem Amte einer Freundin und Vertrauten, das Miß Maliſon bei weitem vorzog, aus den Augen geſetzt. Es war klar, daß heute Morgen die Bemühungen des jungen Mädchens nicht ſo gut wie gewöhnlich gelungen wa⸗ ren, die Unzufriedenheit, der ſie ſich innerlich hingab, zu ver⸗ ſchleiern; ſie unterhielt ſich in dieſem Augenblicke damit, alle Bücher auf dem Tiſche aufzuſchlagen, mürriſch nach ihrem Inhalt zu blicken und ſie dann wieder mit einer Heftigkeit wegzuwerfen, die nicht nur ihre Mutter erſchreckte, ſondern auch den ruhigen Stand einiger der zerbrechlichen Nippſachen in ihrer Nähe ſtörte und ſie zu vernichten drohte. „Ich wünſchte, Du thäteſt mir den Gefallen, Annie, wenn bemerkte ihre Mutter in einem ſehr ſchläfrigen Tone;„ Du haſt kein Mitleid mit meinen armen Nerven, Du weißt, wenn ich dieſe nervöſen Kopfſchmerzen habe, ſtört mich die kleinſte Kleinigkeit.“ „Du kannſt Dich darauf verlaſſen Mama, es iſt das Leſen, was dies verſchlimmert, nicht meine Laune; Du wür⸗ deſt viel beſſer thun, das Buch wegzulegen und würdeſt dann einige Ausſicht haben, von ihnen frei zu werden.“ „Willſt Du mir ſtatt deſſen vorleſen? das würde mir viel lieber ſein.“ „Ich vorleſen? Ich könnte das nicht der angenehm⸗ ſten Perſon in der Welt zu gefallen thun, und da Du ſo ſehr verbindlich gegen mich biſt und es mir ſo entſchieden ab⸗ ſchlägſt, heute mit mir auszugehen, ſo kannſt Du nicht er⸗ warten, daß ich Dir einen Gefallen thue.“ Lady Helen Graham's ruhiges Geſicht gab kein Zeichen innerer Aufregung über dieſe unkindliche Rede: ſie war aber zu ſehr daran gewöhnt, um den Schmerz zu fühlen, den ſie ihr ſonſt verurſacht haben würde, und zu gleichgültig, um ent⸗ weder entrüſtet zu ſein oder Mißfallen zu empfinden. „Du biſt ſehr undankbar, Annie,“ erwiderte ſie mit dem⸗ ſelben ſchläfrigen Tone, aber mit ſo wenig Ausdruck in ihrer Stimme, daß keine Bewegung ſichtbar war.„Ich ſage Dir v—— c„ e—— „— ir m⸗ hr b⸗ er⸗ en ber ihr nt⸗ m⸗ rer ir, — ich will zu Lady Charlton oder der Gräfin St. Aubyn ſchicken, eine von ihnen wird ſich glücklich ſchätzen, Dich unter ihren Schutz zu nehmen; Du kannſt mir wahrlich doch einen Abend Ruhe laſſen. „Lady Charlton kann ich nicht leiden, ſie iſt die abſcheu⸗ lichſte Perſon, die ich kenne; ich würde mich lieber lebendig auf dem Lande begraben laſſen als unter ihrem Schutze in London eine Geſellſchaft beſuchen, mit ihren langen Reden von Prüderie und Tugend und der beſcheidenen Zurückhaltung junger Damen und hundert andern ſolchen frömmelnden Phraſen; während ſie zu gleicher Zeit Alles thut, was ſie kann, um für ihre drei großen tölpiſchen Töchter Männer zu fangen, die in Mama's Gegenwart die liebe Einfalt ſpielen und ſich ſtellen, als wenn ſie ſoeben erſt eingeführt worden wären, während ich mich ſehr irren müßte, wenn die jüngſte nicht näher den Dreißigern als den Zwanzigern ſtünde. Und was Lady St. Aubyn anlangt, ſo weißt Du ſehr wohl, Mama, daß Papa erklärte, ich ſollte nie wieder mit ihr ausgehen, es ſei gerade daſſelbe, wie wenn ich allein wäre. Sie hat kein Wort und keinen Gedanken für jemand Ande⸗ ren, als ſich ſelbſt, ſie meint, ſie könne noch dieſelbe Kokette ſpielen, als da ſie noch nicht verheirathet war. Ich glaube, die Frau heirathete nur, um deſto größere Freiheit zu haben und allein ausgehen zu dürfen.“ „Wenn keine von Beiden Dir gefällt, ſo ſchreibe doch an Mrs. Hamilton; Deinem Vater würde es lieber ſein, wenn Du unter ihrem, als unter einem anderen Schutze Dich befändeſt.“ „Mrs. Hamilton! das würde ich um alle Welt nicht thun; jedes Vergnügen, das ich ſonſt genießen möchte, würde vor der hehren Majeſtät ihrer Gegenwart verſchwinden. Ich wundere mich, wie Karoline die Knechtſchaft ertragen kann, in der ihre Mutter ſie hält— es iſt vollkommene Skla⸗ verei.“ „Ich will kein Wort gegen Mrs. Hamillon hören,“ rief Lady Helen aus und zeigte dabei mehr Gefühl, als noch an ihr zu bemerken geweſen war.„Sie iſt Deinem Vater und ——— — —— — —————————— 3 44 mir eine treuere Freundin, als eine von den Anderen, mit denen wir hier umgehen.“ „Es iſt gut, daß Du ſo denkſt, gnädige Frau Mama,“ erwiderte Miß Graham in einem eigenthümlichen Tone,„es iſt ein Glück, daß Du Dich nicht von Eiferſucht plagen läßt, und daß dieſes Muſter von Vollkommenheit, dieſe Mrs. Ha⸗ ich meinen Mann in meiner Gegenwart eine andere Frau ſo beſtändig loben hörte, ſo würde ich nicht ganz ſo ruhig ſein.“ Wenn eine leiſe Röthe bei dieſen Worten Lady Helen's bleiche Wangen überzog, ſo war ſie doch kaum bemerkbar, und ſie ſagte nur.„Wenn Dein Verlangen, auf dieſen Ball zu ge⸗ hen, um mit Karoline am erſten Abend ihrer Einführung zuſammen zu ſein, ſo groß iſt, ſo würde ich denken, daß Mrs. Hamilton die beſte Beſchützerin wäre, die Du haben könnteſt.“ „Ich ſage Dir, Mutter, ich mag nicht mit ihr gehen, ſie hat mich nicht ſo behert wie Dich und Papa. Wenn Du Dich nur ein paar Stunden ruhig verhalten wollteſt, würde Dein Kopfſchmerz ſich ſo weit verlieren, daß Du mit mir gehen könnteſt, und Du weißt, kein Abend gefällt mir ſo gut, als wenn Du mich begleiteſt, liebe Mama,“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie den leidenſchaftlichen Ton, in dem ſie zuerſt geſpro⸗ chen hatte, mit einem höchſt einſchmeichelnden vertauſchte, nrlton, eben ſo gut Deine als Papa's Freundin iſt. Wenn und indem ſie ihren Stolz fallen ließ und die Verachtung unterdrückte, mit welcher ſie ſonſt ihre ſchwache, aber viel verſtändigere Mutter betrachtete, kniete ſie auf einem niedri⸗ gen Stuhl neben ihr nieder und küßte liebkoſend Lady He⸗ len die Hand.„Liebe Mama, Du würdeſt mir den Gefallen thun, wenn Du wüßteſt, wie ſehr Deine Gegenwart mein Vergnügen erhöht; ein Ball iſt etwas ganz Anderes, wenn ich mich unter Deinem Schutze fühle, und Du weißt, Papa iſt es lieber, wenn ich mit Dir, als wenn ich mit irgend je⸗ mand Anderem hingehe.“ Annie ſprach die Wahrheit, wiewohl ihre Worte nur Schmeichelei zu ſein ſchienen. Die außerordentliche Träg⸗ heit Lady Helen's, die zu ihren natürlichen Anlagen gehörte und die nun durch die Erſchlaffung erhöht wurde, welche „ eine Folge ihrer Kränklichkeit war, machte ſie zu einer Be⸗ e ſchützerin nur dem Namen nach. Annie fühlte ſich viel freier t unter ihrem, als unter irgend einem anderen Schutze; ſie konnte handeln, wie es ihr gefiel, ſich ihre Geſellſchaft aus⸗ 5 wählen, kokettiren, ſchwatzen, tanzen, ohne jemals an ihre * Mutter denken zu müſſen oder von ihr aufgeſucht zu werden, ig bis der Abend zu Ende war. Es genügte, daß ſie mit Lady Helen zuſammen war, um alle geſchwätzigen Zungen zum s Schweigen zu bringen und ihren Vater zu beruhigen, der, n eines der eifrigſten Mitglieder des Unterhauſes, ſelten ſolche e⸗ Vergnügungsorte beſuchte und deshalb nichts von dem Be⸗ ng nehmen ſeiner Gattin und ſeiner Tochter wußte. Er hatte 3 ſchon lange entdeckt, daß ſein väterliches Anſehen ſeinen 8 Kindern nichts galt, er fühlte höchſt ſchmerzlich, daß ſeine ſi Schroffheit ihm ihre Liebe entfremdet, und er zog ſich nun Du von ihrer Geſellſchaft zurück; deshalb war er ſelbſt zu Hauſe einſam und verlaſſen, und doch war Graham zu den beſten u Gefühlen, den wärmſten Empfindungen der menſchlichen Na⸗ t tur geſchaffen. Er wußte nicht, daß ſeine Gattin nun ſehr häufig kränkelte, denn er hatte ihr Lebensweiſe niemals an⸗ ders gefunden, ſelbſt als ſie noch jung und vollkommen wohl . war. Hätte er dies gewußt und wäre ihm der Umſtand Ne, bekannt geweſen, daß ſie, wiewohl ſie vor ſeiner Schroffheit zitterte, ſich doch nach einem Zeichen ſeiner Liebe ſehnte, daß ſie ihn trotz der vielen Fehler und der außerordentlichen Schwäche ihres Charakters, wirklich liebte, er hätte glück⸗ He⸗ lich ſein können. llen Durch das Benehmen ihrer Tochter getäuſcht, fing Lady Helen an, in ihrem Vorſatz ſie nicht begleiten zu wollen, ſchwankend zu werden, und Annie entdeckte bald ihren Vortheil. Sie fuhr in ihren Ueberredungskünſten, die ſie ſo gut zu benutzen wußte, fort, verbarg den inneren Kampf, den es ihr koſtete, ihr Mißvergnüegn über dieſe ungewohnte De⸗ . müthigung zu verhüllen, und indem ſie die Leidenſchaft unter⸗ 48. drückte, die jeden Augenblick zum Ausbruch zu kommen örte drohte, gelangte ſie ſchließlich zu ihrem Ziele. Wiewohl ſie i 1 1 * 4 46 ſich wirklich zu abgeſpannt fühlte, konnte die ſchwankende Mutter dem ungewöhnlich ſanften Weſen der bittenden Toch⸗ ter nicht widerſtehen, und Miß Graham flog zu ihrer Ver⸗ trauten, um derſelben die fröhliche Botſchaft mitzutheilen. Miß Maliſon war damit beſchäftigt, durch Bitten, Er⸗ mahnungen und Drohungen ihre Schülerin dahin zu brin⸗ „ gen, eine ſchwere Sonate einzuüben, welche ihr Muſik⸗ lehrer ihr bis zu ſeinem nächſten Beſuche aufgegeben hatte. Nun hatte Lilla Graham nicht die mindeſte Luſt zur Muſik und Miß Maliſon beſaß nicht die geduldige Beharrlichkeit, die erforderlich iſt, um die Schwierigkeiten der Aufgabe zu mildern, und nicht die nothwendige Sanſtmuth, um dieſelbe ihrem Zögling angenehmer zu machen; deshalb herrſchte in dieſen Uebungsſtunden immer die Zwietracht über die Harmonie, und die Lehrerin benutzte immer die geringſte Entſchuldigung, um ihr Amt zu vernachläſſigen und es Lilla zu überlaſſen, ſich zu üben oder nicht. „Maliſon, Miß Maliſon,“ rief Annie in freudigem Tone aus, als ſie eintrat,„laſſen Sie dies dumme Mädchen und kommen Sie mit mir, ich habe Ihnen eine erfreuliche Nach⸗ richt mitzutheilen; es iſt wirklich unnütz, ſich mit Lilla zu langweilen, ſie wird niemals ſpielen lernen, mag ſie ſich Mühe geben, ſo viel ſie kann.“ „Nach Deiner Anſicht werde ich nichts lernen,“ ſagte ihre Schweſter heftig, denn ihre Gemüthsart, von Natur gutmüthig, wiewohl etwas leidenſchaftlich, war durch ſorg⸗ loſe und unverſtändige Behandlung völlig verdorben wor⸗ den.„Wenn ich gehörig unterrichtet worden wäre, würde ich ſo viel geleiſtet haben wie Andere; wenn Miß Maliſon ſich dieſelbe Mühe mit mir genommen, wie Miß Harcourt mit Emmeline und Ellen, würde ich ein ganz anderes Mäd⸗ chen geworden ſein.“ „Unverſchämtes, undankbares Mädchen! Du wagſt mir zu ſagen, daß ich meine Pflicht vernachläſſigt habe!“ rief die Gouvernante aus, die wüthend war über dieſe Kundgebung des Ungehorſams bei einem Mädchen, deſſen lebhaften Geiſt ſie mit allen möglichen Mitteln ſich unterthänig zu machen ge⸗ te ie ſte la m en h⸗ zu ch te ur g⸗ T de on rt d⸗ ir ie ng iſt e⸗ ſucht hatte, und in der Leidenſchaft des Angenblicks ſich ganz ver⸗ geſſend, unterſtützte ſie ihre Worte mit einer tüchtigen Ohrfeige. „Nun gehe hin und ſage es Mama oder Papa wenn Du willſt,“ ſagte Miß Graham in weinerlichem Tone, aber Lilla antwortete ihr nicht, eine dunkle Röthe überzog ihre Schläfe, als ihr dieſe Beleidigung zugefügt wurde, ſie wich aber ſehr raſch einer tödtlichen, faſt fahlen Bläſſe, auf wel⸗ cher die Zeichen von Miß Maliſons Fingern die einzigen rothen Stellen waren, und ohne ein Wort zu erwidern, ſtand ſie raſch vom Piano auf und verließ das Zimmer. „Wird ſie plaudern?“ fragte Miß Maliſon, als die Thür ſich ſchloß. „Das thut ſie nicht,“ erwiderte Annie lachend,„ſie wagt es nicht, es dem Papa zu ſagen, und ſie weiß, daß es nichts nützt ſich an Mama zu wenden, die unbedingt Alles glaubt, was Sie ihr von Lilla's außerordentlicher Hartnäckigkeit, Trägheit und Leidenſchaftlichkeit ſagen, denen ſie ſich ſo be⸗ ſtändig hingiebt; Ihr inniges Bedauern, daß eine von Lady Helen Graham's Töchtern einen ſolchen Charakter beſitzt, hat bewundernswürdigen Erfolg gehabt. Ich habe ſolche Mühe gehabt, Mama's Verſprechen zu erhalten, daß ſie mich heute Abend begleitet, daß ich mich wirklich ganz erſchöpft fühle,“ und die junge Dame warf ſich in einer höchſt anmuthigen Stellung auf ein Sopha, das einladend neben ihr ſtand. „Aber iſt es Ihnen gelungen?“ „Bewundernswürdig! Mama hält mich endlich für höchſt liebenswürdig. Meine Worte waren ſo beredt, daß die hart⸗ näckigſte Perſon ihnen nicht hätte widerſtehen können. Ich verſuchte es zuerſt mit Heftigkeit und mürriſchem Weſen, um ſie durch Furcht zum Nachgeben zu bringen; da mir aber dies mißlang, war ich genöthigt, zur Demuth und Ueberredung meine Zuflucht zu nehmen. Wenn es viel länger gedauert hätte, würde ich auf ſolche Weiſe erſtickt ſein; es iſt eine wahre Erholung, wieder frei athmen zu können. Was den⸗ ken Sie von ihrem Wunſche, daß ich mich heute unter den Schutz der Mrs. Hamilton ſtellen ſollte? Ich konnte meinen Abſcheu vor den Gedanken kaum verbergen.“ ——— — —— fü 48 „Wirklich ſchrecklich! Was würde aus allen Ihren Plä⸗ nen geworden ſein, wenn Sie es gethan hätten?“ „Mein lieber Schatz, ich würde um Alles in der Welt nicht mit ihr gegangen ſein, indeß glaube ich, meine Pläne ſind in zu gutem Zuge, als daß eine Nacht unter ihren Augen ihnen ſchaden könnte. Karoline glaube ich fängt an, ſich unter der ſcharfen Aufſicht ihrer muſterhaften Mutter wie eine Sklavin zu fühlen und ſich nach der Freiheit zu denken und zu handeln, die ich ſo unbegrenzt genieße, zu ſeh⸗ nen. Sie braucht nur ein wenig meinen guten Rath und mein Beiſpiel, um wirklich ein geſcheidtes Mädchen zu werden.“ „Aber nehmen Sie ſich in Acht, daß ſich ihre Geſcheidheit nicht gegen Sie wendet,“ bemerkte Miß Maliſon. „Das iſt ganz unwahrſcheinlich, ma chöre, ich will nur ihren Verſtand wecken, um denſelben meinen Zwecken dienen zu laſſen. Sie liebt mich, glaube ich, und ich kann mit ihr machen was ich will; iſt einmal ihr Vertrauen in ihre Mutter geſtört, ſo werden Sie ſehen, ob ſie nicht ſo thö⸗ richt handelt, wie ich es nur wünſchen kann. Sie iſt ſo lange auf dem Lande begraben geweſen, daß ſie in Beziehung auf Alles, was ein modiſches Leben anlangt, ein bloſes Kind iſt, und ſie wird ſich deshalb mit Freuden von mir leiten laſſen, da ſie weiß, daß ich ſo vollſtändig in ſeinen Geheim⸗ niſſen au fait bin. Ich hatte ſie auf dem Lande gern, weil ſie immer ſo neugierig zuhörte, wenn ich von London er⸗ zählte; ich ſah, ſie beneidete mich, ſelbſt als wir noch Kinder waren, und hielt mich deshalb für eine höchſt bedeutende Perſon.“ „Und haben Sie ſie jetzt gern?“ „Sie lachen mich aus, chöre Maliſon. Sie wiſſen, ich kann keine Nebenbuhlerin ertragen, und die blendende Schön⸗ heit dieſes Mädchens wird mich völlig in den Schatten ſtellen.“ „Sie meinen doch nicht, daß ihre Schönheit mit der Ihrigen verglichen werden kann?“ unterbrach ſie Miß Ma⸗ liſon.— 1———„—— 49 „Vielleicht nicht, nach ihrem eigentlichem Werthe,“ er⸗ widerte Annie indem fſie wohlgefällig in einen großen Spiegel ſah.„Aber ſie iſt eine neue Erſcheinung, Maliſon, ihre Mutter hielt ſie nur ſo lange zurück, damit ſie in um ſo größerem Glanze leuchten ſollte, wenn ſie in der Welt eingeführt würde. Was Karolinen anlangt, ſo liebe ich ſie, ſoweit ſie meine Pläne unterſtützt und durch ihr thörichtes, oder wenn mir das beſſere Dienſte leiſten ſollte, verbreche⸗ riſches Benehmen dem Heiligenſcheine ihrer Mutter einen Makel anhängt, und durch den Schmerz, den Mrs. Hamilton empfinden wird, meinen Abſcheu befriedigt. Maliſon, Sie ſcheinen ſich zu freuen, Ihres Beiſtandes bin ich gewiß, wenn ich deſſelben bedarf, aber Sie haſſen dieſes Muſter ihres Ge⸗ ſchlechts faſt eben ſo ſehr als ich.“ „Das thue ich. Ich habe ihre Anmaßung nie vergeben und vergeſſen, als ſie mir vor einem oder zwei Jahren ſo unverſchämt zu verſtehen gab, daß meine Behandlung Lilla's eine falſche ſei, und daß Milde einen viel beſſeren Erfolg haben würde; Milde mit einem Mädchen, welches die Ge⸗ duld einer Heiligen auf die Probe ſtellen würde! Sie iſt immer bösartiger, nachdem ſie bei dieſer Mrs. Hamilton geweſen iſt, und ich fürchte, es iſt mit Ihren ſchönen Plänen aus, meine liebe Miß Graham, wenn Sie nicht einen Weg finden, allen Umgang zwiſchen den Hamiltons und Ihrer Schweſter zu hintertreiben.“ „In dieſem Augenblicke, ma chéère, liegt dies nicht in meiner Macht, aber wir wollen nicht verzweifeln; doch je mehr Sie davon ſprechen würden, daß Miß Lilla die Erlaub⸗ niß nicht verdiente, um ſo entſchiedener würde Papa ant⸗ worten, ſie ſolle hingehen, und ſie werde dort beſſer werden lernen. Ich hörte, wie er neulich Mama den beſtimmten Befehl gab, als wir ſie nicht gehen laſſen wollten, es ihr nie abzuſchlagen, ſo oft ſie Mrs. Hamilton einlüde. Strenge iſt ein bewundernswürdiges Mittel, meine gute Maliſon; Sie werden ihren Trotz brechen, wenn Sie dabei beharren, trotz alledem was Mrs. Hamilton Liebenswürdiges thun oder ſagen kann.“ * Der Lohn einer Mutter. 4* —————— —————————— 2— 50 „Ich wünſchte, ich könnte es, aber Sie haben mir noch nicht Alles erzählt. Wie ſteht es mit Ihren Abſichten mit Lord Alphingham.“ Vortrefflich. Ich habe Karolinen alle Anderen zuwider gemacht. Sie hat ihn, wie Sie wiſſen, ein oder zwei Mal hier getroffen, und das genügte, um ſie zu bezaubern; ſie hält ihn für den hübſcheſten und angenehmſten Mann, den ſie jemals kennen gelernt hat. Für Mr. Hamilton genügt es, daß er in ihm einen Freund meines Papas ſieht, um ſich zu ihm hingezogen zu fühlen; aller Wahrſcheinlichkeit nach wird er ihn in ſeinem Hauſe einführen, und dann wird mein Plan noch leichter gelingen. Es wird nicht ſchwer fallen, Karoline glauben zu machen, daß ſie ver⸗ zweifelt in ihn und er in Sie verliebt iſt— er iſt bereits von ihrer Schönheit angezogen, und wenn ich ſehe, daß der Stand der Dinge günſtig iſt, will ich eine gute Freundin veranlaſſen, Mrs. Hamilton ein paar von den allerliebſten Geſchichten in das Ohr zu flüſtern, die ich von dieſem Vicomte gehört habe, und Sie werden ſehen, was dann folgt. Dieſe on dits ſind zum Glück für meine Pläne blos unter meiner Coterie bekannt. Für uns machen ſie Lord Alphing⸗ ham nur um ſo intereſſanter, aber auf Mrs. Hamilton würden ſie die Wirkung haben, daß er für immer aus ihrer Nähe verbannt werden und daß ihre Tochter demſelben keinen Blick mehr ſchenken dürfte; die Kataſtrophe, meine Liebe, wird dann ein Kunſtſtück der Diplomatie ſein, aber davon ſpäter. Ich hege gegen Lord Alphingham einen Groll, daß er mich verlaſſen in dem Augenblicke, wo Karo⸗ line auftrat, und er ſoll mir ihn eines Tages entgelten. Ich kann Alles, was ich wünſche, mit einem einzigen Worte er⸗ reichen. Gegenwärtig geht meine Abſicht dahin, allmälig, aber ſicher Karolinens Vertrauen zu ihrer Mutter zu unter⸗ graben und mich zu ihrer Vertrauten zu machen, und wenn mir das gelingt, iſt das Uebrige leicht.“ Das liebenswürdige Paar ſprach noch längere Zeit, aber es iſt überflüſſig, ihr weiteres Geſpräch zu verzeichnen. Wir haben bereits geſehen, daß Emmeline Hamilton's Vor⸗ 51 8 urtheil gegen Annie Graham nicht ungegründet war, und das genügt gegenwärtig. Ehe wir indeß Lady Helen's Haus verlaſſen, müſſen wir einige Worte über den Charakter Lilla's ſagen, an der, wie man ſich erinnern wird, Mrs. Hamilton immer ſo viel Intereſſe nahm, daß ſie ſich der Hoffnung hingab, ſie werde ihrem Vater eines Tages ein größerer Troſt ſein, als eines ſeiner anderen Kinder. Als Kind war ſie von Natur gutmüthig, wiewohl etwas übereilt und leichtſinnig, ſelbſtbewußt, doch liebevoll bis zu einem Grade, daß die Aufgabe ſie zu erziehen und zu unterrichten, Jedem leicht geworden ſein würde, der Freundlichkeit genug beſaß, um ihre Zuneigung zu gewinnen und ſie mit Geduld, doch zugleich mit Feſtigkeit auf den rechten Weg zu führen. Unglücklicherweiſe beſaß Miß Maliſon nichts von alledem; ſelbſt außerordentlich heftig, wo nicht ihre Intereſſen ge⸗ boten ſich zu beherrſchen, war ſie durchaus nicht geſchaffen, ein leidenſchaftliches Kind zu lenken. Strenge war ihre Waffe und ihr einziges Mittel, deſſen ſie ſich bediente, um den Geiſt zu bändigen, der, wie ſie deutlich wahrnehmen konnte, ihre Herrſchaft bald abzuwerfen ſuchen würde. Lilla war empört über dieſe Behandlung, und manche üble Eigen⸗ ſchaften prägten ſich auf ſolche Weiſe ihrem Charakter ein, die nach Mrs. Hamiltons Ueberzeugung, blos die Frucht falſcher Erziehung waren. Während ſie blos leichtfinnig ge⸗ weſen, war nun ihre Leidenſchaftlichkeit und der Haß gegen ihre Gouvernante, zu einer Höhe geſtiegen, die nicht nur ihre ſchwache Mutter, ſondern auch Mrs. Hamilton beun⸗ ruhigte, die indeß niemals ihren ganzen Umfang kennen lernte, denn in ihrer Gegenwart war Lilla im Allgemeinen ſanft und wußte ſich zu beherrſchen. Etwas ereignete ſich immer, um dieſe Ausbrüche der Leidenſchaft in Lady Helen's Gegenwart hervorzurufen, und demzufolge beſtä⸗ tigte Lilla's Benehmen die Behauptung der Miß Maliſon, daß ſie heftig ſei und andere üble Eigenſchaften habe. Auch Mr. Graham mußte Alles glauben, was ihm geſagt wurde, und ſeine Rauhheit gegen ſein unglückliches Kind veranlaßte ſie häufig, aus Furcht ſeine Nähe zu fliehen, wiewohl ihr 4* ——........————— ——— 3 52 warmes Herz ſich mit ſo inniger Liebe nah ihm ſehnte, daß, hätte er nur die Hälfte derſelben errathen können, er ſie zärt⸗ lich an ſein Herz geſchloſſen und ſich veranlaßt geſehen haben würde, das Verfahren der Miß Maliſon ſtrenger zu prüfen, als er es that. Lilla's Widerwille gegen ihre be⸗ günſtigtere Schweſter war faſt eben ſo heftig, als der gegen ihre Erzieherin, und die Ueberzeugung, daß die ganze Familie ihrer Mutter in ihr ein leidenſchaftliches, böswilliges Mädchen ſehe, ſteigerte natürlich ihre bitteren Gefühle. Oft, ſehr oft fühlte ſich Mrs. Hamilton gedrungen, Mr. Graham zu bitten, Miß Maliſon zu entlaſſen, und Lilla einer Er⸗ zieherin anzuvertrauen, die der Aufgabe in höherem Grade gewachſen wäre; aber ſie empfand, daß ein ſolcher Rath von Lady Helen's Freundinnen mit einigen Recht als eine höchſt unverantwortliche Einmiſchung betrachtet werden würde. Miß Maliſon war Lady Helen von ihrer Mutter, der Her⸗ zogin von— dringend empfohlen worden, und da nach der Anſicht dieſes Zweiges der Familie Annie die guten Er⸗ folge ihrer Erziehung in reichem Maaße entwickelte, ſo wurde ſehr natürlich angenommen, daß Lilla's ganz entge⸗ gengeſetzter Charakter von einer angeborenen böſen Ge⸗ müthsart käme, und nicht die Schuld ihrer Erzieherin ſei. Sie war nun ziemlich vierzehn Jahre alt, und mit jedem Jahre wurden Mrs. Hamilton's Hoffnungen auf die künftige Entwickelung ihres Charakters ſchwächer; dennoch war ſie entſchloſſen Alles zu thun, was in ihren Kräften ſtand, den Plänen der Miß Maliſon entgegen zu arbeiten und Lilla's ſchreckliche Leidenſchaftlichkeit und ihre Rachſucht nicht nur gegen ihre Gouvernante, ſondern auch gegen ihre Schweſter zu unterdrücken, die, wie ſie aus vielen Kleinigkeiten ſah, ihr Herz erfüllte. Montroſe Graham war, wie wir bereits wiſſen, von früheſter Ingend an mit Mr. Hamilton innig befreundet geweſen, und trotz der ſteigenden Sorge um ihre beiderſeitigen Familien hatte dieſe Freundſchaft fortgedauert, und ſie hatte ſich wo möglich noch geſteigert, und da Mrs. Hamilton die Anſichten ihres Gatten theilte, ſo ward Gra⸗ ham in Folge ſeiner Eigenſchaften raſch auch ihr Freund. X v 53 Sie hatte immer mit Bedauern ſeine Rauhheit gegen ſeine Kinder geſehen, ſie ſah auch, daß er tief bekümmert war, als ihre Charaktere ſich weiter entwickelten, und trotz der Schwie⸗ rigkeiten der Aufgabe hatte ſie in ihrem Wohlwollen be⸗ ſchloſſen, kein Mittel unverſucht zu laſſen, damit wenigſtens eins ſeiner Kinder ihm Freude mache. Lilla's Liebe zu ihr war ſo leidenſchaftlich wie ihre andern Gefühle, und darauf beſchloß ſie zuerſt einzuwirken. Es war auch ſonderbar, wie innig dieſes wilde und ſtarrſinnige Mädchen an einer Per⸗ ſönlichkeit hing, die von Allen am wenigſten zu ihr zu paſſen ſchien, und das war die milde und ernſte Ellen. Es ſchien, als wenn es ihr ein Troſt wäre, ein ſo ganz verſchiedenes Mädchen zu finden, und deshalb liebte ſie dieſelbe. Die Munterkeit und Lebhaftigkeit Emmelinens ſchien ihrer Nei⸗ gung weniger zu entſprechen, als die Sanftmuth Ellens. Karoline war Annie's Freundin, und das war genug für ſie; nicht einmal das konnte derſelben ihre Theilnahme erwerben, daß ſie Mrs. Hamilton's Tochter war. An dem erwähnten Tage hatte Lilla über eine Stunde in ihrem Zimmer ge⸗ ſeſſen; Entrüſtung über die Beleidigung, die ſie empfangen, gährte in allen ihren Adern, und ſie ſehnte ſich mit krank⸗ hafter Leidenſchaftlichkeit nach einem Wege, ſich von ſo drückender Knechtſchaft zu befreien. Sie machte ihren ver⸗ letzten Gefühlen nicht in Thränen Luft, aber ihr Geſicht ſprach ſo deutlich die Empfindungen ihres Herzens aus, daß es wirklich die Kammerzofe erſchreckte, die mit einem Briefe eintrat— einer Einladung von Mrs. Hamilton an ihre junge Freundin, den Abend mit ihrer Tochter und ihrer Nichte zuzubringen. Lilla ſprang mit einem Freudenſchrei auf, und die Hoffnung auf die Abendfreuden ſetzte ſie in den Stand, mit ſtolzer Ruhe den Befehlen der Miß Maliſon zu gehorchen. Ehe ſie indeß ihren Beſuch machte, hatte ein neuer Auftritt zwiſchen den Schweſtern in Gegenwart ihrer Mutter ſtattgefunden, zum großen Schrecken Lady Helens, deren Zorn über Lilla's Heftigkeit ſich ſteigerte, da ſie in Annie's Worten oder Benehmen nichts finden konnte, was denſelben hervorgerufen hätte. Wäre ſie weniger 54 geiſtig träge geweſen, ſie würde leicht die Bemerkung ge⸗ macht haben, daß ihre ältere Tochter keine einzige Gelegen⸗ heit vorübergehen ließ, ohne Lilla's Reizbarkeit zu erregen; ſie wies kalt die Liebkoſungen zurück, welche das wirklich liebevolle Mädchen an ſie verſchwenden wollte, als ſie ihr gute Nacht wünſchte. Deshalb war ihr Herz voll gemiſchter Gefühle, als ſie ſich nach dem glücklichen Hauſe ihrer ge⸗ liebten Freundinnen begab. Dorthin wollen wir ihr gern folgen, denn die Scenen der Heftigkeit und Bosheit, die wir flüchtig berührt haben, ſind nicht darnach angethan, daß wir gern dabei weilten. Drittes Kapitel. Es lag Ernſt, tiefer Ernſt auf Mrs Hamilton's aus⸗ drucksvollem Geſicht, und ſie ſaß an einem kleinen Tiſche, den Kopf auf die Hand geſtützt, und ängſtliche, vielleicht ſelbſt ſchmerzliche Gedanken, beſchäftigten ihren Geiſt. Der Abend wurde immer dunkler, aber immer noch regte ſie ſich nicht, und ſie blickte erſt auf, als ein wohlbekanntes Klopfen an der Thür erklang und ihr Gatte vor ihr ſtand. „Willſt Du nicht Deinen Gatten dieſe ſchmerzlichen Ge⸗ danken theilen laſſen?“ ſagte er, indem er ihr mit inniger Liebe in das Geſicht blickte. „Mein Gatte wird ſie vielleicht für thörichte und unbe⸗ gründete Einbildungen halten,“ erwiderte ſie mit einem ſchwachen Lächeln. „Er iſt ſehr geneigt dazu,“ antwortete Mr. Hamilton im Tone ſcherzhaften Vorwurfs,„aber wenn Du mir es nicht ſagen willſt, ſo muß ich es errathen— Du denkſt an unſere Karoline!“ 55 „Ja, Arthur,“ ſagte ſie mit faſt erſchreckendem Ernſte, „und Du kannſt nicht glauben, mit welcher Beſorgniß; ich weiß nicht, ob ich ein Recht habe, ſie den Verſuchungen der Welt preiszugeben. Ich kenne ihre Gemüthsart, ich ſehe die Uebel, die daraus folgen mögen, und doch ſtehe ich im Begriff, als wenn ich an ihr Vorhandenſein gar nicht dächte, ſie denſelben auszuſetzen. O, mein Gatte, kann dies recht ſein? Erfülle ich die Pflicht einer Mutter?“ „Wir würden die Pflichten unſerer Stellung nicht er⸗ füllen, meine Geliebte, wenn wir nicht bisweilen mit der Geſenſchaft verkehrten; unſere Pflicht beſchränkt ſich nicht blos auf das häusliche Leben. Wenn wir unſere Tugend unverletzt bewahren, unſere Grundſätze inmitten der Ver⸗ ſuchungen unverändert erhalten, dann zeigen wir dem Leicht⸗ ſinnigen den Geiſt, der uns treibt, und können durch unſer Beiſpiel Gutes wirken. Ueberdies, meine Theuerſte, bedenke, daß wir uns nicht in eine fortwährende und endloſe Zer⸗ ſtreuung ſtürzen wollen, worin das Leben ſo Vieler aufgeht; wir haben uns eine Grenze gezogen, und Karoline liebt ihre Eltern zu ſehr, als daß ſie hoffen und wünſchen könnte, die⸗ ſelbe zu überſchreiten. Erinnere Dich auch der ängſtlichen Befürchtungen, die Du hegteſt, als Percy im Begriff ſtand, in ein Leben voll viel ſtärkerer Verſuchungen einzutreten, als die ſind, die ſeine Schweſter umgeben werden, und ha⸗ ben ſie Grund gehabt? Iſt ihm nicht der Einfluß ſeiner Mutter dorthin gefolgt und hat ihn ſelbſt im Augenblicke der Verſuchung zurückgehalten, und wird nicht derſelbe müt⸗ terliche Einfluß bei Karoline die gleiche Wirkung haben?“ „Perey iſt allerdings ganz, wie es mein Herz wün⸗ ſchen konnte,“ erwiderte Mrs. Hamilton immer noch etwas bekümmert,„aber ſein Charakter iſt anders, als der Karo⸗ linens. Ich weiß, ſein Vertrauen zu mir iſt ſo groß und ſeine Liebe ſo ſtark, daß er um meinetwillen mehr thun würde, als Diejenigen, die ihn nur oberflächlich kennen, glauben wür⸗ den. Wenn ein Sohn wirklich ſeine Mutter liebt, ſo iſt es ein anderes, vielleicht glühenderes Gefühl, als das eine Tochter hegt; er fühlt ſich verpflichtet zu ſchützen und zu 56 ſchirmen, und ſchon dies Bewußtſein der Kraft erhöht ſeine Liebe.“ „Du zweifelſt doch nicht an der Liebe Deiner Töchter, meine Emmeline? Muß ich auch Dich der Ungerechtigkeit anklagen?“ „Nein, liebſter Arthur, ich zweifle an ihrer Liebe nicht; für meine Emmeline iſt mir nicht bange; ihr Vertrauen werde ich nie verlieren, ihre Zuneigung wird nie ſchwanken, wiewohl ich mein mütterliches Anſehen geltend zu machen habe, und ſo völlig verſchieden auch die Gefühle ſind, wo⸗ mit ſie und Percy mich betrachten, ſo iſt doch ihre Liebe gleich innig. Aber vergieb mir, mein lieber Gatte, ich mag ungerecht ſein, und wenn ich es bin, ſo möge mir mein Kind verzeihen:— ich habe nicht gleiches Vertrauen zu mei⸗ ner Karoline, ſie liebt mich, aber dieſe Liebe, das weiß ich, hält fie nicht ab, mich für ſtreng und unfreundlich zu halten, wenn meine Wünſche ſich mit den ihrigen kreuzen. Meine mütterliche Autorität gilt ihr nicht daſſelbe, was es ihrer Schweſter und Coufine gilt; ſie ſucht eine andere Vertraute neben ihrer Mutter, denn ſie fürchtet, daß unſere Anſichten verſchieden find. Ich habe ſie ſo in früher Jugend kennen gelernt, und ſie denkt immer noch ſo, wiewohl ſie ſich mehr beherrſcht und ihre Geſinnung eine beſſere geworden iſt. Die letzten wenigen Jahre iſt ſie faſt ganz auf mich ange⸗ wieſen geweſen, und vor nicht länger als einem Jahre ſchreckte ſie vor dem Gedanken zurück, irgend wem ſolches Vertrauen zu ſchenken wie mir.“ „Und ſo lange dieſes Vertrauen beſteht, meine Emme⸗ line, haſt Du ſicher kein Recht zu fürchten.“ „Aber es wird ſchwächer, Arthur; im letzten Monat, das weiß ich, das fühle ich, hat es abgenommen, ſie iſt nicht mehr daſſelbe offenherzige Mädchen gegen mich, das ſie noch vor Kurzem in Oakwood war. Sie entzieht ihr Vertrauen ihrer Mutter, um daſſelbe einem Mädchen zu ſchenken, das, davon bin ich überzeugt, deſſen unwürdig iſt.“ „O, meine Emmeline, Deine Aengſtlichkeit macht Dich blind, Du biſt zu beſorgt.“ v*—*—*—— M 57 Seine Gattin erwiderte nicht mit Worten, ſondern richtete ihre ausdrucksvollen Augen auf ſein Geſicht, und er ſah, ſie waren mit Thränen gefüllt. „O, meine Geliebte!“ rief er aus, indem er fie an ſeine Bruſt ſchloß und ſich plötzlich Vorwürfe machte,„haben meine unfreundlichen Worte dieſe Thränen hervorgerufen? Verzeihe mir, meine Geliebte, ich denke, ich liebe meine Kin⸗ der, aber ich kenne nicht die Tiefe der Zärtlichkeit einer Mutter, meine Emmeline, und habe nicht den Scharfblick, der in ihrem Herzen um ſo viel früher, als in dem eines Vaters Unruhe erweckt. Aber können wir in keiner Weiſe die wachſende Vertraulichkeit verhindern, die Du mißbilligſt, wie ich weiß.“ „Nein, mein theuerſter Arthur, ſie muß nun ihren Lauf nehmen; ſo ſchmerzlich es mir iſt, ſo will ich die Neigungen meines Kindes nicht mit rauher Hand unterdrücken, das würde ſie mir nicht zurückführen. Sie wird eines Tages ihren Irrthnum entdecken und dann mit Freuden zu der Liebe, der Zärtlichkeit zurückkehren, auf die ſie jetzt nur einen ge⸗ ringen Werth legt; ich muß mit aller Geduld, die ich mei⸗ nem Herzen beibringen kann, zu warten ſuchen, bis der Tag kommt,“ fügte ſie mit einem Lächeln hinzu.„Vielleicht erwarte ich mehr als mir zukommt; es geſchieht nicht oft, daß junge Mädchen mit ihrer Mutter als einzigen Freundin zufrieden ſind; ſie verlangen nach etwas Neuen, nach Ge⸗ fährtinnen ihres eigenen Alters, die, wie ſie glauben, beſſer mit ihren Gefühlen ſympathiſiren können. Ein Kind iſt für eine Mutter Alles in Allem, wiewohl ſie nur ein Glied in dem Leben eines Kindes iſt. Doch haben mich meine Kinder ſo lange als Freundin betrachtet, daß ich den Verluſt des Vertrauens vielleicht um ſo ſchmerzlicher empfinde.“ „Aber Du wirſt es wieder gewinnen, meine Emmeline, unſere Karoline iſt jetzt nur geblendet, ſie wird bald die Hohlheit von Annie's Verſicherungen ewiger Freundſchaft entdecken.“ Mrs. Hamilton ſchüttelte den Kopf.„Ich bezweifle es, —————— = eeeg 58 mein lieber Gatte, die ſchmeichelhafte Wärme, womit Annie Karoline zum erſten Male begrüßte, hat mich enttäuſcht. Ich dachte und hoffte, daß ſie hier umgeben von allen ihren modiſchen Bekanntſchaften, ihre früheren Freundinnen ver⸗ nachläſſigen würde, und wäre Karolinens Stolz ver⸗ letzt worden, ſo würde ſich ihre Vertraulichkeit ſogleich ge⸗ löſt haben. Anſtatt deſſen verfehlt Annie nie, ſie mit der äußerſten Auszeichnung zu behandeln, und es ſcheint, als wenn ſie ihr vor ihren anderen Freundinnen den Vorzug gäbe, und deshalb wird Karoline, da ſie in dieſem Falle meine Warnungen und meine Verdachtsgründe überflüſſig und ungerechtfertigt fand, meine Anſicht über Annie kein großes Gewicht gewinnen laſſen.“ „So ſehr wir uns aber in dieſem Falle getäuſcht haben, meine liebe Emmeline, können wir uns nicht auch in ande⸗ ren Punkten von Annie's Charakter täuſchen? Sie hängt offenbar ſehr an der Mode und den modiſchen Vergnü⸗ gungen, aber es mögen immer noch einige gute Eigenſchaf⸗ ten in ihrem Herzen ſchlummern, die ihre Freundſchaft mit Karoline zur Entwickelung bringen kann.“ „Ich hoffe, daß es ſo ſein möge,“ erwiderte Mrs. Ha⸗ milton inbrünſtig, doch etwas zweifelhaft.„So wohl um ihres Vaters als um meiner Kinder willen will ich wün⸗ ſchen, daß ihr Gemüth anders geartet ſein möge, als ich vielleicht ungerechtfertigter Weiſe glaube. Du mußt mir einen Theil Deiner ſanguiniſchen Hoffungen geben,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihre zärtliche Hand in die ſeine legte. Mr. Hamilton gab eine ſcherzhafte Antwort und ſuchte die Gedanken ſeiner Gattin auf andere und zwar angeneh⸗ mere Gegenſtände zu lenken. Eine Sorge, wie die ihre, konnte nicht ſo ganz verſcheucht werden, aber ſie milderte ſich, denn ſie hatte dieſelbe ihrem Gatten mitgetheilt, und ſein wachſames Auge würde nun mit dem ihren ihr Kind überwachen. Sehr verſchieden waren Karolinens Gefühle an dieſem wichtigen Abend. Mrs. Hamilton's Befürchtungen und Annie's Hoffnungen waren beide wohl begründet. Wir —„—„—„——„—„—„——„—„— —— ——— N M— MN VW N 59 haben den Charakter Karolinens von Kindheit auf kennen gelernt, und wiewohl er ſich in den letzten drei oder vier Jahren ſo gebeſſert hatte, daß Mrs. Hamilton zu Oakwood es gewagt hatte, ihre Furcht zu verbannen und ſich erfreu⸗ licher Hoffnung hinzugeben, ſo war doch ein Stolz zurück⸗ geblieben, der ſehr häufig vor den Rathſchlägen ſelbſt ihrer Mutter ſich empörte. Ihr hoher und unabhängiger Geiſt ſehnte ſich bisweilen im Geheimen darnach, den ſehr gerin⸗ gen Zwang abzuwerfen, in dem ſie ſich zu Hauſe gehalten fühlte; es war ihr unerträglich, irgendwie unter Aufſicht gehalten zu werden; ſie ſehnte ſich darnach zu herrſchen, und durch die Schönheit, durch die Eigenſchaften die ſie beſaß, wie ſie wußte, ſuchte ſie ſich die Anerkennung als ein Mädchen von größerer Bedeutung, als ſie zu ſein ſchien, als ſie in den ruhigen Hallen von Oakwood war, zu erzwingen. Es ereig⸗ nete ſich nichts, was dieſe Gefühle wachgerufen hätte, aber ſie ſchliefen nur und in London erhielten ſie viel größere Stärke. Sie fühlte ſich von ihrer Mutter mehr als je unterdrückt, im Geheimen ſehnte ſie ſich nach Befreiung von Dem, was ſie zur Sklaverei vergrößerte, was aber nur die wachſame Zärtlichkeit einer liebenden Mutter war; und als ſie die Vorſtellungen und das Zureden Annie's anhörte, war es kein Wunder, daß dieſe Gefühle ſich ſteigerten. Miß Graham hatte vorſichtig gearbeitet; ſie ſprach beſtändig von der Freiheit, die ſie genoß, und führte ihre Freundin bei einigen jungen Damen ein, welche beſtändig von den Freu⸗ den der Unabhängigkeit in Wort und That ſprachen. Nach⸗ dem ſie einmal eingeführt wären, ſagten ſie, wären ſie frei von der Arbeit der Schulſtube, ſie könnten ſich beſchäftigen wie ſie wollten, ausgehen wann ſie Luſt hätten, und ihre Mütter miſchten ſich niemals in ihre Vergnügungen, außer daß ſie dafür ſorgten, daß ſie anſtändig gekleidet wären, daß ſie ſie auf die Bälle begleiteten und alle ihre Be⸗ mühungen zu gefallen unterſtützten. Der Zwang, den damit verglichen Karoline zu Hauſe fühlen mußte, wurde ihr natürlich immer unerträglicher. Sie theilte Annie ihre Unzufriedenheit im Vertrauen mit; 60 zum erſten Male bekannte ſie einer Anderen Gefühle, die ſie ihrer Mutter nicht mittheilen mochte, und als eine ſolche Vertraulichkeit einmal begonnen hatte, konnte und wollte ſie ſich nicht wieder zurückziehen. Annie ſtellte ſich, als wollte ſie Karoline beruhigen, während ſie in Wahrheit die Unzu⸗ friedenheit, ja den Unwillen ihrer Freundin ſteigerte; ja Karoline wurde allmälig ſogar entrüſtet über das Beneh⸗ men ihrer Mutter, deren einziger Gedanke, deren glühendſte Gebete dem Glücke ihrer Kinder galten; und ſie blickte auf dieſen Abend als den Anfang einer neuen Aera, wo ſie hoffen durfte, mit Annie's Beiſtande allmälig dem Zwange zu entgehen und wie andere junge Mädchen von Geiſt han⸗ deln zu dürfen. Es gab noch Etwas, worüber auf den Rath Annie's Karoline ſorgfältig vermied, zu Hauſe zu ſprechen, und dies war Lord Alphingham, ein hübſcher und eleganter Vicomte, der, wie man ſich erinnern wird, in Annie's Geſpräch mit Miß Maliſon erwähnt wurde. Und doch ſchien es ſonder⸗ bar, daß Miß Graham dieſen Rath gab, da Mr. Hamil⸗ ton häufig von dem Vicomte mit allen Zeichen des Beifalls über ſein öffentliches Benehmen ſprach; von ſeinem Privat⸗ leben war wenig bekannt und noch weniger wurde darnach gefragt. Er hatte einen guten Ruf im Oberhauſe, war ein lebhafter und feuriger Redner, unterſtützte mit ſeinem mächtigen Einfluſſe alle Beſtrebungen Graham's im Unter⸗ hauſe und machte ſich den Letzteren zum einflußreichen Freunde. Seine glänzenden Eigenſchaften als Mitglied des Parlaments und der feinen Geſellſchaft machten ihn allgemein beliebt, doch trotzdem hatte ihn Mr. Hamilton nie in ſein Haus eingeladen. „Sein öffentlicher Charakter, wenigſtens ſo weit unſer Auge denſelben ſieht, iſt unzweifelhaft bewundernswürdig,“ ſagte er eines Tages zu ſeiner Gattin,„aber weiter weiß ich nichts; von ſeinem Privatleben und ſeinem Charakter weiß ich nichts und will ich nichts wiſſen, und deshalb will ich meine Kinder nicht dem Zauber ſeiner Geſellſchaft in der Vertraulichkeit des Hauſes ausſetzen.“ 61 Mrs. Hamilton ſtimmte ihm bei; aber es bedurfte nicht der Vertraulichkeit des Hauſes, um Annie Gelegenheit zu geben, Karoline zu überreden, ſeine Huldigungen im Geheimen anzunehmen und einen Eindruck zu ſeinen Gun⸗ ſten auf ihr Herz zu machen; und die Letztere ſah ihrem Entrée mit um ſo größerem Vergnügen entgegen, als ſie, und zwar mit einigem Recht hoffte, es würde ihr viel mehr Gelegenheiten geben ihn zu ſehen, als ſie jetzt hatte. Sie ſah in ihrer Phantaſie einen langen Zug von Gefangenen vor ſich, die ſie zu Sklaven machen wollte; immer aber ſtand Lord Alphingham an der Spitze, und Träume verſchiedener Art, aber alle gleich glänzend, ſchwammen vor ihren Augen, als ſie ſich zu dem großen Balle zurecht machte, den ſie zum erſten Male in ihrem Leben zu beſuchen im Begriff ſtand. Das Geſchäft der Toilette war vollendet, und wir könn⸗ ten ihr das ſtolze Lächeln der Freude verzeihen, welches um ihre Lippen ſchwebte, als ſie ſich in dem großen Pfeiler⸗ ſpiegel betrachtete, der ihre ganze Figur zurückſtrahlte. Die anmuthigen Falten der weichen weißen Seide, die ihr Kleid bildete, paßten vortrefflich zu der ſchlanken und ſchö⸗ nen Geſtalt, die ſie umgaben. Die ſtrahlende Spange von Diamanten, welche das Perlenband feſthielt, das in ihr dunkles glänzendes Haar geflochten war, ſchimmerte mit ungewöhnlicher Pracht auf der edlen, doch ſtolzen Stirn und erhöhte die glänzende Schönheit ihres Antlitzes. Die dunklen Augen ſprühten Feuer, ihre Wangen beſaßen die Roſenfarbe blühender Jugend und Geſundheit, die grie⸗ chiſche Naſe, der Mund, welchen ſelbſt der Stolz nicht ſeiner Schönheit berauben konnte, Alles vereinigte ſich um ein wirklich liebliches Geſicht zu bilden. Fanny hatte ihre junge Herrin mit leiſen Ausrufungen des Entzückens be⸗ trachtet und bewundert, doch ſtanden dieſelben in ſeltſamem Widerſpruch mit dem Seufzer, der in dieſem Augenblicke an Karolinens Ohr drang. Sie wandte ſich raſch um und erblickte ihre Mutter, die ſie mit Blicken voll ſo unendlicher Zärtlichkeit betrachtete, daß ein ſeltenes Gefühl des Vor⸗ wurfs gegen ſich ſelbſt ihr Herz durchbebte, wiewohl es ſo⸗ 62 gleich durch den Gedanken verbannt wurde, daß, wenn ihre Mutter ſie an einem ſolchen Abend mit einem Seufzer anſehen könnte, ſie unmöglich auf ihre Theilnahme an dem Vergnügen rechnen dürfe, das ihre Seele beſchäftigte. In Oakwood würde jedes Gefühl, jeder Gedanke ſogleich ausgeſprochen worden ſein, aber jetzt ſehnte ſie ſich nur nach Annie, um ihr Alles ohne Rückhalt mittheilen zu können. Dies ungewohnte Stillſchweigen eines Kindes dem zärt⸗ lichen Herzen der Mrs. Hamilton gegenüber war aller⸗ dings ſchmerzlich, aber ſie wollte es nicht bemerken. Sie hatte viel, ſehr viel zu ſagen, aber ſie ſah an dem Geſicht ihrer Tochter, daß es für unzeitig gehalten werden würde; doch das ſchöne Mädchen, das ſie vor ſich ſah, in das La⸗ byrinth der Welt eintreten zu ſehen, ohne mit einem Worte die Gedanken auszuſprechen, welche ihr Gemüth erfüllten, das war ihr unmöglich, ſie würde nicht die Wirkung erzie⸗ len, die ſie wünſchte; doch würde ſie ihre Pflicht erfüllen. Indem ſie Fanny bat, den Shawl ihrer jungen Herrin hinabzutragen, hielt ſie Karoline ſanft zurück, als dieſelbe ihr folgen wollte. „Höre mich nur einige Minuten an, liebes Kind,“ ſagte ſie mit jenem zärtlichen, doch eindringlichen Tone, der ſelten die Aufmerkſamkeit ihres Kindes zu feſſeln verfehlte, „und verzeihe mir, wenn meine Worte herb und kalt Deine aufgeregte Phantaſie berühren. Ich kenne Deine Gefühle recht wohl, wiewohl Du es nach dem unfreiwilligen Seuf⸗ zer, den Du hörteſt, vielleicht nicht denkſt; und ich kann dieſelben theilen, wiewohl Du in der letzten Zeit meine Sympathie nicht geſucht haſt. So glänzend Deine Er⸗ wartungen ſind, ſo wird doch die Wirklichkeit eine Zeit lang noch glänzender ſein. Glänzend werden die zauberiſchen Scenen ſein, an denen Du theilnehmen wirſt, glänzend in der That, denn Du biſt ſchön, meine Karoline, und Be⸗ wunderung wird Dir von allen Seiten folgen. Warum ſiehſt Du mich mit Erſtaunen an, mein Kind? Die Schön⸗ heit, auf der vielleicht mein Herz oft zu ſtolz verweilt hat, iſt nicht meine Gabe und nicht Dein Werk; das große —— W N 8 63 Weſen, welches Dir dieſe Reize des Geſichts und der Ge⸗ ſtalt gegeben hat, wird ſehen, wie ſeine Gabe benutzt wird, und vergiß nicht einen Augenblick, daß ſein allgegenwär⸗ tiges Auge eben ſo ſehr im vollen Ballſaale, wie in der Einſamkeit Deines Zimmers auf Dir ruht. Du wirſt mehr Verſuchungen ausgeſetzt ſein als bisher, die gefähr⸗ lichſten Verſuchungen, Schmeichelei, Siegesfreude, aufre⸗ gende Vergnügungen aller Art werden Dich umgeben; die Welt in ſtrahlender Schönheit wird Dich laut auffordern, ihr allein zu folgen, Allem zu entſagen und ihr anzugehö⸗ ren; Du wirſt die Prüfungen des Glückes zu ertragen haben. Karoline, mein Kind, wenn nicht um meinetwillen, doch um Deinetwillen widerſtehe ihnen; mein Glück liegt in Deinen Händen. Suche Gott in dieſer Feuerprobe auf, noch mehr als Du es im Ungemach thun würdeſt; da ſchwingt ſich der Geiſt naturgemäß von der Erde auf, hier klammert er ſich hartnäckig an die Welt. Bitte Gott, daß Du den Verſuchungen widerſtehſt, die Dich umgeben werden, bitte ihn, Dich den beſten Gebrauch von dieſen Reizen, die er Dir gegeben hat, machen zu lehren; verlaſſe ihn nicht, Ka⸗ roline, ich beſchwöre Dich, laſſe Dich nicht von ihm ab⸗ ziehen. Laſſe Deine Gedanken nicht ſo ganz vom Vergnü⸗ gen einnehmen, daß Du nicht im Stande wäreſt, ihm täg⸗ lich auch nur eine Stunde zu widmen; laſſe mich mein Kind ans Herz drücken, wenn wir nach ODakwood zurückkehren, unbefleckt, unberührt von dem Makel der Welt. Laſſe mir den ſchönen Troſt, meine Karoline nach der Heimath ihrer Kindheit, als daſſelbe unſchuldige glückliche Weſen zurück⸗ kehren zu ſehen, als das ſie ſie verließ. Ich habe mich immer bemüht Dich glücklich zu machen, Dir diejenigen Freuden zu gönnen, die Du naturgemäß wünſchteſt, um Deinen Charakter nicht allein für das Glück dieſer Welt, ſondern auch für das der anderen zu bilden; wenn Du Dich daher jemals verſucht fühlſt, Unrecht zu thun, wenn keine höhere Rückſicht Dir gebietet Dich zu beſinnen, ſo denke an Deine Mutter, Karoline. Erinnere Dich, daß mein Glück oder Unglück großentheils von Dir abhängt, und 64 o, wenn Du mich jemals geliebt haſt, ſo denke, ehe Du handelſt.“ „Mutter, zweifle nicht an mir, Karoline Hamilton wird 3 nie den Namen beflecken, den ſie trägt,“ erwiderte Karo⸗ line, ihr Auge flammte, und ſie ſprach in ſtolzem Tone, um die Bewegung zu verbergen, welche die Worte ihrer Mutter unwillkürlich hervorgerufen hatten. Mrs. Hamilton ſah die hochmüthige und ſelbſtzufriedene Sicherheit, welche ſich in den Zügen ihres Kindes ausſprach; ein weicheres Ge⸗ fühl würde in dieſem Augenblicke dem ſehnenden Herzen der Mutter beſſer gefallen haben, aber ſie unterdrückte den auf⸗ ſteigenden Seufzer der Enttäuſchung, und indem ſie Karo⸗ line an ihre Bruſt drückte, küßte ſie zärtlich ihre edle Stirn und flüſterte:„Gott im Himmel ſegne Dich, mein Kind, und gebe Dir genügende Stärke,“ dann gingen ſie mit ein⸗ ander die Treppe hinab. Glänzend war allerdings das Schauſpiel, das dem ge⸗ blendeten Auge Karolinens entgegenſtrahlte, als ſie in die eleganten Salons der Herzogin von Rothbury eintrat. Die höchſte Ariſtokratie, die größten Talente, die lieblichſten Töchter der Schönheit, die männlichſten und edelſten ihrer Söhne, waren verſammelt in dieſer Lichtfluth, wie jedes Zimmer genannt werden konnte; doch hätten die mannich⸗ faltigen Geſichter dieſer vornehmen Schaar den inneren Charakter ausgeſprochen, welch ein ſeltſames und mannich⸗ faltiges Bild im Buche des Menſchenlebens würde dieſer Ball vorgeſtellt haben! Aber ſo verſchieden die Charaktere ſind, welche eine ſolche Geſellſchaft bilden, der Ton wird gewöhnlich vom Charakter und der Art und Weiſe der Dame vom Hauſe angegeben, und die Herzogin von Rothbury paßte bewun⸗ dernswürdig für die Stellung, die ſie einnahm. Eine Tochter der Modewelt, von früheſter Jugend an in Scenen des Luxus und des Reichthums aufgezogen, war ſie doch der „ Selbſtſucht, der künſtlichen Anmuth entgangen, welche im Allgemeinen herrſchte. Sie hatte ſich früh verheirathet; eine Heirath à la mode, das heißt nicht der Liebe, ſondern 65 des Intereſſes von Seiten ihrer Eltern, wie von ihr ſelbſt, da ſie vielleicht von dem hohen Range des Mannes, der ihr ſeine Hand angetragen hatte, geblendet war. Sie leb⸗ ten glücklich. Der hochfinnige Geiſt der Herzogin empörte ſich vor einem Benehmen, welches ſelbſt in den on dits der tadelſüchtigen Welt auch nur den allergeringſten Vorwurf auf ihren Namen gehäuft haben würde, und ihr Gatte, überraſcht von der nimmerwankenden Ehrenhaftigkeit und Rechtlichkeit ihres Benehmens, verließ allmälig die Orte unedler Vergnügungen, die er bisher nur zu beſuchen ge⸗ wohnt geweſen war, und zollte ihr diejenigen Zeichen der Achtung und Verehrung, ſowohl öffentlich als im Privat⸗ leben, die ſie ſo ſehr verdiente. Eine große Familie war die Frucht dieſer Verbindung geweſen, und ſie Alle, mit Ausnahme der beiden jüngſten Töchter und zweier ihrer Söhne, waren zur Zufriedenheit ihrer Eltern verheirathet. In dem Charakter der Herzogin lag eine Zurückhaltung, die ſich bis zur Strenge ſteigerte und die nicht daſſelbe lie⸗ bensvolle Vertrauen zwiſchen ihr und ihren Kindern auf⸗ kommen ließ, wie es in der Familie Hamilton beſtand. Dennoch war ſie eine gute und ſorgliche Mutter geweſen, und ihre Kinder bewieſen, daß, wiewohl ſie beſtändig von der vornehmen und lebensluſtigen Welt umgeben war, ſie die Erziehung ihrer Töchter überwacht hatte, und daß ſie ungewöhnlich eigen in der Wahl von Gouvernanten gewe⸗ ſen war. So leidenſchaftlich ſie auch in ihren Vorurthei⸗ len für oder gegen Jemand ſcheinen mochte, ſo lag doch etwas in ihrem Weſen, was ihr die kleinlichen Gefühle des Neides und der Mißgunſt fern hielt, aber es eben ſo unmöglich machte, daß man ſie mit jener warmen Liebe be⸗ trachten konntes nach der ſie ſich ſo häufig ſehnte, wiewohl es Niemand vermuthete. Sie ſtand allein, geachtet, von Vielen verehrt, und ſie war nun damit zufrieden, wiewohl ſie ſich in ihrer Jugend nach etwas mehr geſehnt hatte. Ihre liebſte Freundin war trotz der Verſchiedenheit des Stan⸗ des Mr. Hamilton's Mutter geweſen, und ſie hatte mit der Eiferſucht wahrer Freundſchaft den Gegenſtand von Der Lohn einer Mutter. 5 66 Arthur Hamilton's Liebe beobachtet. Sie ßellte eine kurze, aber gründliche Umſchau über Emmeline Manvers' Charakter an und war zufriedengeſtellt. Die Liebe der Mrs. Hamilton gegen ihre Kinder hatte ſie ſeit vielen Jahren bewundert, und häufig vertheidigte ſie dieſelbe mit Wärme, wenn Jemand in ihrer Gegenwart das Verfahren derſelben zu verdammen wagte. Mr. und Mrs. Hamilton betrachteten ſie mit Ehrfurcht und Liebe und freuten ſich über ihre Freundlichkeit, welche darauf beſtand, daß das Entrée Karolinens in ihrem Hauſe ſtattfinden ſollte. Auch der Graf und die Gräfin Elmore ragten unter den Gäſten hervor— jung, edel, außerordentlich liebens⸗ würdig, feſſelte die Letztere ſogleich aller Augen, doch durch die anmuthige Würde ihres Weſens wies ſie alle Anträge von Vertraulichkeit zurück. Sie mochte ſich ihrer Reize bewußt ſein, ſie konnte dieſelben nicht überſehen, aber ſie legte nur Werth darauf, weil ſie den Mann zu ihr hinge⸗ zogen hatten, den ſie liebte. Sie benutzte dieſelben nur, um ihm ſein Haus lieb zu machen, und wenn ſie mit dem Grafen allein war, entwickelte ſich die ſüße Heiterkeit ihres Charakters in ihrem vollen Umfange, und kaum konnte man dann glauben, daß ſie daſſelbe Weſen ſei, welches in der Geſellſchaft eben ſo ſehr durch ihre Würde und Eleganz, wie durch ihre ſtrahlende Schönheit entzückte. Auch die Familie des Marquis von Malvern war zugegen; ſie war mit Mr. und Mrs. Hamilton ſchon lange bekannt, die ſich freuten, eine Bekanntſchaft wieder aufzunehmen, welche durch ihre Zurückgezogenheit unterbrochen worden war, deren ſie ſich aber mit gegenſeitigem Vergnügen erinnert hatten. Der Graf von St. Eval, der älteſte Sohn des Marquis, ſchien Vielen, die ihn nur oberflächlich kannten, den hohen Ruf, deſſen er ſich erfreute, nicht zu verdienen, und viele junge Damen würden ſich über Emmeline Hamilton's unverhüllte Bewunderung gewundert haben. Hübſch war er allerdings nicht, doch Verſtand und Adel der Geſinnung lagen auf der breiten hohen Stirn ausgeprägt, und ſeine dunklen Augen waren zu Zeiten im Stande, die ſanfteſten 67 Gefühle des menſchlichen Herzens auszuſprechen; aber nur, wenn er ſich geſtattete, lebhaft zu ſprechen, zeigte ſich ſein Geſicht in einem vortheilhaften Lichte, und dann würden die hellen Strahlen des Verſtandes und der Herzensgüte, welche jeden Zug vergoldeten, unterſtützt von den beredten Tönen ſeiner vollen, kräftigen Stimme, den Gleichgültig⸗ ſten veranlaßt haben, ſich umzuwenden und noch einmal hinzuſehen und zu fragen, warum man ihn bewunderns⸗ würdig fände; aber ſolche Zeiten waren ſelten. Zurückhal⸗ tend, faſt in einem peinlichen Grade, ſtand er gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten allein, denn es gab allerdings wenige Menſchen, mit denen die Seele Eugen St. Eval's verkehren konnte; aber an dieſem Abend glänzte mehr Leben in ſeinem dunklen Auge. Er war der Erſte der bewundernden Menge, der ſich der Geſellſchaft Mr. und Mrs. Hamilton's anſchloß und um die Hand Karolinens, für die nächſte Quadrille bat. Mit einem Lächeln ſtolzer Genugthuung überließ ſie ihr Vater dem jungen Manne, denn ſie hatte eingewilligt, wie⸗ wohl das wachſame Auge ihrer Mutter bemerkte, daß ſie im Saale umherblickte, als ob ſie jemand Andern ſuchte, und ein Schatten der Enttäuſchung ihre Stirne überzog, der verkündete, daß ihr Suchen fruchtlos geweſen; dies Gefühl war indeſſen nur ein augenblickliches. Sie ſchloß ſich dem feſtlichen Gedränge an, und ihr junges Herz ſchlug raſcher, als ſie den vielen Blicken unverhüllter Bewunderung be⸗ gegnete, die beſtändig auf ſie gerichtet waren. Selten war Mr. Hamilton ſo belagert geweſen, wie er es heute Abend von der Zahl junger Leute war, die ſich um ihn drängten, um ihn zu bitten, ſie ſeiner ſchönen Tochter vorzuſtellen, und alle Hoffnungen Karolinens wurden erfüllt. Ihre Mutter hatte recht, die Wirklichkeit war in dieſem Falle weit blendender, als es ihre Phantaſie ſich vorgeſtellt hatte. Es waren Viele auf dieſem prächtigen Schauplatze, die eben ſo ſchön, vielleicht ſelbſt noch ſchöner als Karoline Hamilton waren, aber ſie beſaß den Reiz, der faſt allen Anderen um ſie herum fehlte, den der Neuheit. Sie war in der That ein Neuling in der Modewelt, und die aufrichtige Freude, die ſich in ihrem Geſicht ausſprach, ſchien ſie zu heben, im Vergleich mit Vielen in ihrer Ungebung. Der Name Ha⸗ milton war in London nie ganz vergeſſen worden, ihre Eigenthümlichkeit, ſo lange in ununterbrochener Zurückgezo⸗ genheit zu leben, war von Vielen belächelt, von Anderen als ein Verſuch, beſſer als ihre Nebenmenſchen ſcheinen zu wollen, verurtheilt worden, und Viele machten ſich Gedan⸗ ken, ob der fromme Mr. Hamilton und ſeine Gattin wirk⸗ lich eine ſolche Gottloſigkeit begehen würden, ihre Töchter in die Geſellſchaft einzuführen, oder ob ſie die armen Mäd⸗ chen auf dem Lande wie Nonnen halten und ſich zu Tode langweilen laſſen würden. Groß war daher das Erſtaunen der Einen und eben ſo groß das Vergnügen der Anderen, als Mr. und Mrs. Hamilton wieder inmitten ihrer Lon⸗ doner Freunde erſchienen, und die warmen Begrüßungen vieler alten Freunde, die ſich um ſie drängten und die jun⸗ gen Angehörigen ihrer Familie ihnen vorſtellten, gaben an dieſem Abend dem Herzen der Mrs. Hamilton, die ihre lie⸗ benswürdige Artigkeit und ihr gewinnendes Lächeln noch nicht im Mindeſten verloren hatte, eine erfreuliche Genug⸗ thuung. Die Gefühle einer Mutter belebten ſich in ihrer Bruſt, wenn ſie ihr Kind ſah, ihr zärtliches Herz klopfte vor Stolz, wenn ſie die ungeheuchelte und achtungsvolle Bewunderung beobachtete, die Karoline fand, und dieſe Gefühle im Verein mit dem Vergnügen, das ſie empfand, wohlbekannte Geſichter wieder zu ſehen und die frohen Töne freundlicher Begrüßung zu hören, machten ihr dieſen Abend eben ſo angenehm, wiewohl in anderer Weiſe, als er es Karolinen war. Die Huldigungen Eugen St. Eval's gegen Miß Ha⸗ milton dauerten ſo unabläſſig fort, wie ſie die ganze Nacht von ſeiner hohen Achtung zeigten, und Karoline wies dieſelben nicht zurück, wenn ſie ihnen auch nicht ent⸗ gegen kam. Sie hörte ihm mit größerer Aufmerkſamkeit zu, ſie ſchien lebhafter mit ihm als mit einem ihrer ande⸗ ren Tänzer, Einen vielleicht allein ausgenommen, und den⸗ noch hatte ſie ihr junges Herz gelehrt, Eindrücke zu ſeinem W— — N N X—— — — Nachtheil in ſich aufzunehmen, wozu Annie keine Gelegen⸗ heit unbenutzt ließ. Warum geſtattete ſie alſo ſeine Hul⸗ digungen? Sie wußte es nicht; ſo lange ſie ſeine Stimme hörte, umgab ihn ein Zauber, dem ſie nicht widerſtehen konnte, aber in ihren einſamen Stunden verbannte ſie ge⸗ fliſſentlich ſein Bild, um einem anderen Platz zu machen, den ſie nach den Vorſtellungen Annie's, und wie ſie ſich ſelbſt überredete, allein liebte. Die Freude Karoline Hamilton's war allerdings vom erſten Augenblicken, wo ſie in den Ballſaal trat, wahr und unvermiſcht geweſen; aber wenn ſie geſteigert werden konnte, ſo war dies um die Mitte des Abends der Fall, als Lord Alphingham eintrat. Eine Geſellſchaft junger Männer umgab ihn ſogleich, aber indem er ſich von ihnen allen los⸗ riß, geſellte er ſich für den größten Theil der Nacht zu Mr. Hamilton. Bloß zwei Quadrillen tanzte er mit Karoline, aber ſie genügten, um die Pläne Annie's zu unterſtützen. Sie war immer zur Hand, um das Gemüth ihrer Freundin bis zu einem faſt ſchmerzlichen Grade aufzuregen, voll Ent⸗ zücken Lord Alphingham's Lob zu ſfingen, ihn dann und wann an ihre Seite zu feſſeln und es doch ſo einzurichten, daß ſeine ganze Unterhaltung Karolinen galt; und doch war Annie Graham's Benehmen in dieſer Nacht ſo gewe⸗ ſen, daß es vielmehr die Bewunderung als den Tadel Mr. Hamilton's weckte. Scherzend bekämpfte er das Vorurtheil ſeiner Gattin, die eben ſo ſcherzend geſtand, daß Miß Gra⸗ ham's Benehmen in der Geſellſchaft anders ſei, als ſie es erwartet habe; aber ihr durchdringender Verſtand war nicht beruhigt, wenn ſie an die Freundſchaft dachte, die zwiſchen Annie und ihrer Tochter beſtand. „Träume ich, oder iſt es wirklich Mrs. Hamilton, die ich wiederſehe!“ rief ein ältlicher Herr aus, als er ſie erblickte, und indem er raſch auf ſie zutrat, ergriff er ihre beiden Hände und drückte ſie mit ungeheucheltem Vergnügen, welche Begrüßung Mrs. Hamilton eben ſo herzlich erwiderte. Er war ein ſehr alter Freund ihres Vaters und hatte durch Beförderung ſeinen gegenwärtigen hohen Rang als Admiral der blauen Flagge erlangt, war aber der erſte Capitain ge— weſen, unter deſſen Befehl ihr beklagter Bruder in See ge⸗ gangen war. Der Erinnerungen, welche ihre Seele erfüll⸗ ten, als ſie ihn erblickte, waren daher ſehr viele, und ihre milden Augen glänzten einen Augenblick in unbeſiegbarer Bewegung. „Wie viele Veränderungen ſind eingetreten, ſeit wir aus einander gekommen ſind, Mrs. Hamilton,“ ſagte der Veteran, indem er mit faſt väterlichen Vergnügen die blü⸗ hende Matrone vor ſich betrachtete.„Der arme Delmont! hätte ſein gutes Herz den Schlag ertragen können, den ihm das Schickſal des armen Charles zufügte, er würde gewiß glücklich geweſen ſein, wenn alle die Erzählungen wahr ſind, die ich von ſeiner Tochter Emmeline höre.“ „Kommen Sie und urtheilen Sie ſelbſt, Sir George, mein Haus ſteht dem theuerſten Freunde meines Vaters immer offen,“ erwiderte Mrs. Hamilton, indem ſie unter ſcherzenden Worten die heimlichen Erinnernngen zu verber⸗ gen ſtrebte, die ſeine Worte hervorgerufen hatten.„Ich will nicht für die Wahrheit von Allem bürgen, was Sie von uns in London gehört haben, Sie müſſen es möglich machen, Ihr Schiff in den Hafen von Oakwood vor Anker zu legen, und werden ſo uns Allen eine große Freude bereiten.“ „Ja, ja, hüten Sie ſich, daß ich dort nicht ſo lange Anker werfe, daß Sie es am Gerathenſten finden, mir die Taue zu kappen und mich aufs offene Meer zu ſenden, um mich ſo los zu werden,“ erwiderte der alte Seemann, der ſich freute, daß ſie ſeemänniſch mit ihm ſprach.„Ihr Erſcheinen hier hat die Hälfte der Geſchichten, die ich gehört habe, Lügen geſtraft, und da Sie mir nun die Erlaubniß gegeben haben, ſo werde ich unter Segel gehen, um die Wahrheit des Anderen zu ermitteln.“ „Sie hörten vermuthlich, daß Mr. Hamilton niemals die Abſicht hegte, ſeine Kinder London beſuchen zu laſſen, ſie wären zu gut— zu, wie ſoll ich es nennen, zu vollkommen, um ſich mit ihren Mitmenſchen abzugeben, nicht wahr, das iſt es, Admiral?“ fragte Mrs. Hamilton mit einem Lächeln. — — 2— 71 „Ja, ja, etwas Aehnliches, aber ich freue mich zu ſehr, daß ſich der Wind geändert hat. Ich liebe die Einſamkeit nicht, beſonders für junge Leute— und wie Viele ſind hier?“ „Von meinen Kindern?“ Der Veteran nickte. „Nur eins, mein älteſtes Mädchen; ich halte ihre Schwe⸗ ſter noch nicht für alt genug, um in die Welt eingeführt zu werden.“ „Und Sie ließen ſie im Hafen und geſtatteten nur einer Fregatte zu kreuzen? Wenn ſie etwas von ihres Onkels Charles Geiſt gehabt hätte, würde ſie ein wenig Ungehor⸗ ſam gegen dieſe ſtrenge Zucht gezeigt haben, Mrs. Hamil⸗ ton,“ ſagte der alte Mann heiter. „Das nicht, wenn mein Anſehen wie das Sir George's auf Liebe gegründet iſt,“ erwiderte Mr. Hamilton wieder lächelnd. „Sie haben alſo dies Regierungsgeheimniß gelernt? Wer hätte gedacht, daß dies das kleine ruhige Mädchen wäre, das ich auf meinem Knie geſchaukelt und dem ich von Sturm und Krieg erzählte, daß ſie vor Angſt zitterte. Und wo ſind Ihre Söhne?“ „Beide auf der Univerſität.“ „Wie! Keiner von ihnen ein Spahn vom alten Stamme, und keiner von ihnen für die See beſtimmt? Ihr Ge⸗ ſchmack gefällt mir nicht. Es iſt keine Liebe zum Seewaſſer in ihnen.“ „Aber es fehlt Beiden nicht an Geiſt zum Leben auf dem Lande; um jedoch Ihr Herz über die ſeemänniſche Ehre unſerer Familie zu beruhigen, Sir George, ſo habe ich einen Neffen, der, wie ich glaube, in einigen Jahren ein tapferer Sohn Neptun's werden wird; die Berichte, die wir über ihn haben, ſind höchſt günſtig. Er hat den ganzen Geiſt und die Kühnheit, wie den wahren Muth des armen Charles geerbt, durch den ſich, wie Sie ſagten, mein Bruder ſo ſehr auszeichnete.“ „Ich freue mich darüber, ich freue mich! Aber was —————— —— —— 72 für ein Neffe, wo iſt er? Ein Neffe von Mr. Hamilton wird den Ruhm der Familie Delmont nicht erhöhen, und Sie hatten nur einen Bruder, wenn ich mich recht erinnere.“ „Haben Sie ganz das ſchöne Mädchen vergeſſen, wel⸗ ches, als ich das letzte Mal das Vergnügen hatte, Sie an einem ähnlichen Orte wie hier zu ſehen, der Gegenſtand allgemeiner Bewunderung war? Sie erinnern ſich wahr⸗ ſcheinlich an meines Vaters Liebling, Eleanor, Sir George?“ „Eleanor, Eleanor, laſſen Sie mich beſinnen,“ und der alte Seemann nahm einen Augenblick eine nachdenkliche Stellung an, und indem er dann aufſtand, rief er aus: „Allerdings erinnere ich mich, das lieblichſte Mädchen, das je mein Auge ſah, und was iſt aus ihr geworden? Bei⸗ läufig, es ging eine Geſchichte über ſie umher, nicht wahr? Sie wählte einen Gatten auf eigene Hand, ließ ſich ent⸗ führen und brach ihrem armen Vater das Herz. Wo iſt ſie gegenwärtig? „Laſſen Sie uns ihre Fehler vergeſſen, mein lieber Sir George,“ erwiderte Mrs. Hamilton mit einiger Bewegung; „ſie wurden völlig ſchmerzlich gebüßt; laſſen Sie dieſelben mit ihr ſterben.“ „Sterben! Sie iſt auch todt? Wie, dieſe anmuthige Sylphe, das herrliche Geſchöpf, das ich jetzt noch in allem Stolze bewußter Schönheit vor mir ſehe,“ und der Veteran fuhr mit ſeiner rauhen Hand über ſeine Augen, erholte ſich aber raſch wieder und ſagte:„Und dieſer Knabe, dieſer Seemann iſt ihr Sohn? Ich kann es kaum für möglich hal⸗ ten. Er kann aber noch nicht alt genug ſein, auf See zu gehen.“ „Sie vergeſſen die Zahl der Jahre, die verfloſſen ſind, Sir George. Edward iſt nun 18 Jahr, eben ſo alt, wenn nicht älter, als ſeine Mutter, als Sie dieſelbe zum letzten Male ſahen.“*. „Und wann ſtarb die arme Eleanor?“ „Vor ſechs Jahren; ſie war in Indien Wittwe gewor⸗ den und erreichte nur ihr Heimathland, um ihren letzten Athenzug in meinen Armen auszuhauchen. Sie werden, 73 wie ich hoffe, an ihrer Tochter Gefallen finden, wiewohl ſie Ihnen vielleicht nicht ganz lebhaft genug ſein wird; indeß ich muß Ihre Aufmerkſamkeit auf ſie lenken, da ihre Liebe zu ihrem Bruder ſo außerordentlich iſt, daß Alles, was ſich auf das Meer bezieht, ihr im höchſten Grade intereſſant iſt.“ „Und leben die Kinder Ihrer Schweſter bei Ihnen? hatte ihr Vater keine Verwandten?“ „Keine, und ſelbſt wenn er ſie gehabt hätte, würde ich darum gebeten haben, ſie erziehen und an Kindesſtatt annehmen zu dürfen. Die armen Kinder, als ihre Mutter ſtarb, war ihre Lage wirklich traurig; hülfloſe Waiſen von 10 und kaum 12 Jahren, auf einen fremden Strand ge⸗ ſchleudert, ohne einen einzigen Freund, von dem ſie Schutz oder Hülfe erwarten konnten. Mein Herz blutete um ſie, und ich habe meinen Entſchluß nie bereut.“ Der alte Mann blickte bewundernd nach ihren glühen⸗ den Wangen, und indem er ihr die Hand drückte, ſagte er lebhaft, indem er ſeine Worte wie immer mit dem beſtäti⸗ genden„ja, ja,“ einleitete;„Ihres Vaters Tochter muß etwas verſchieden von den anderen Ihres Standes ſein; ich muß ſie beſuchen, wahrhaftig ich muß. Wind und Fluth müſſen ſehr gegen mich ſein, wenn Sie mich nicht in weni⸗ gen Tagen an Ihrer Küſte vor Anker gehen ſehen; ich hoffe, in Ihrem Hafen giebt es keine Stürme. Aber was iſt aus Ihrem Gatten, aus Ihrer Tochter geworden? Ich möchte gern Alles ſehen, was zu Ihnen gehört; kommen Sie, Mrs. Hamilton, ſpannen Sie die Segel aus und bugſiren Sie mich ſogleich nach meinem erwünſchten Hafen.“ Indem Mrs. Hamilton ſcherzend auf den Humor des Verteranen einging, nahm ſie ſeinen Arm und kehrte in den Ballſaal zurück, wo ſich ſogleich ihr Gatte zu ihr geſellte, der Sir George Wilmot mit eben ſo viel Wärme und Herz⸗ lichkeit begrüßte wie ſeine Gattin, und nachdem die Qua⸗ drille beendet war, brachte ein Blick von ihrer Mutter Karo⸗ line und ihren Tänzer Lord Alphingham an ihre Seite. Das Erſtaunen des Sir George, als Mrs. Hamilton ihm das blühende Mädchen als ihre Tochter vorſtellte, war ſo unwiderſtehlich komiſch, daß kein Anweſender ſich eines Lächelns enthalten konnte, und das Erſtaunen wurde noch erhöht, als in Erwiderung auf ſeine Vorausſetzung, daß ſie die Aelteſte von Mrs. Sa Familie ſein müſſe, Mrs. Hamilton entgegnete, daß ihre beiden Söhne älter wären und daß Karoline wirklich die zweit Jüngſte ſei. „Dann will ich Ihnen etwas ſagen, Mrs. Hamilton,“ ſagte der Veteran;„die alte Zeit hat mir einen Poſſen ge⸗ ſpielt, und mich der Ewigkeit viel näher gebracht als ich dachte; ſonſt iſt ſie mit mir ſtehen geblieben und mit Ihnen fortgeſchritten.“ „Oder vielmehr, mein guter Freund,“ erwiderte Mr. Hamilton,„Sie können die Hand der Zeit nur an ſich ſelbſt abmeſſen, da Sie keine Kinder haben, an deren zunehmenden Jahren ſie dieſelbe ſehen könnten, und deshalb wird ſie wahrſcheinlich das Tau kappen, ehe Sie es gewahr werden; aber mit uns kann das nicht der Fall ſein.“ „Ja, ja, Hamilton, es mag ſo ſein— ich wünſchte, ich hätte ein paar eigene Kinder und könnte den Fortſchritt der Zeit an ihnen ſtatt an mir abmeſſen. Ach, Miß Hamil⸗ ton, warum bin ich ein ſo alter Mann? Ich ſehe alle die jungen Leute mit den hübſchen Mädchen davon laufen, und ich kann es nicht riskiren, eine zu bitten, mit mir zu tanzen.“ Darf ich mir erlauben, Sie darum zu bitten, Sir George? Der Name des Admirals Wilmot würde für jedes Mädchen, ſollte ich meinen, genügen, auf ihren Tänzer ſtolz zu ſein, wäre er auch viel älter und viel weniger galant als Sie, Sir George,“ antwortete Karoline mit zuvorkom— mender Artigkeit, denn ſie hatte ihre Mutter oft von ihm ſprechen hören, und ſein Weſen gefiel ihr. „Nun, das iſt eine recht hübſche Herausforderung, Sir George; Sie müſſen den Handſchuh aufheben, den Ihnen eine ſo hübſche Hand hingeworfen hat,“ bemerkte Lord Al⸗ phingham mit einem Lächeln, das Karolinen und ſelbſt ihrer Mutter ſeine auffallend hübſchen Geſichtszüge noch hübſcher erſcheinen ließ.„Soll ich Ihnen meine Tänzerin ab⸗ treten?“ 75 „Nein, nein, Alphingham, Sie paſſen hier beſſer zu ihr, zu Hauſe, in Ihrem Hauſe, Miß Hamilton, werde ich Sie an Ihr Verſprechenlerinnern, und wir wollen Eins mit einander tanzen. Jetzt kann ich Ihnen nur für Ihre Artigkeit danken, ſie hat meinem Herzen wohlgethan und mich mit meinem Alter verſöhnt.“ „Ich werde vielleicht zu Hauſe eine Nebenbuhlerin finden, Sir George; wenn Sie meine Schweſter ſehen, werden Sie mit mir nicht zufrieden ſein. Sie wird alle Mittel an⸗ wenden, um mich in Ihrer Gunſt zu übertreffen, denn wenn ich ihr ſage, daß ich den tapfern Admiral geſehen habe, über deſſen Thaten oft ihre Wange vor Stolz— patriotiſchen Stolz nennt ſie es— erröthete, wird ſie ganz außer ſich ſein, bis ſie Sie geſehen hat.“ „Wird ſie das wirklich? Nun dann komme ich und be⸗ ſuche ſie morgen; ſagen Sie es ihr mit dem herzlichen Gruße eines alten Mannes, und ich hätte ihre Mutter tüchtig aus⸗ geſcholten, daß ſie ſie nicht heute mitgebracht habe. Ver⸗ geſſen Sie die Ordre nicht, und laſſen Sie ſehen, ob Sie von Natur ſeemänniſch genug denken und dem Befehl eines alten Capitäns gehorchen.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Sir George,“ erwiderte Karoline lachend, und da in dieſem Augenblicke ein junger Mann ſie mit ihrem Namen anredete, verbeugte ſie ſich an⸗ muthig gegen den Veteran und wandte ſich zu dem Sprecher. „Miß Hamilton, ich erlaube mir, Sie an dieſe Quadrille zu erinnern,“ ſagte Lord d'Eſte. „Glück auf,“ ſagte Sir George;„ich werde Sie als meine Tänzerin in Anſpruch zu nehmen, wenn ich Sie zu Hauſe ſehe.“ „St. Eval tanzt wieder; gnädiger Himmel, die Decke wird uns wahrlich über dem Kopfe zuſammenbrechen,“ rief Lord Henry aus, als er und Karoline ſich dem Grafen, von dem er ſprach, vis-àvis befanden. „Wie, iſt es denn etwas ſo Außerordentliches, daß ein junger Mann tanzt?“ fragte Karoline. 76 „Ein Philoſoph wie er, allerdings. Sie kennen ihn nicht, Miß Hamilton. Er durchreiſte ganz Europa, glaube ich, blos um ſich fortzubilden, anſtatt all den Spaß zu genießen, den er hätte haben können. Er pfropfte ſein Gehirn voll von allen möglichen Kenntniſſen, ſammelte Material und 3 ſtahl Sagen, um ein Buch zu ſchreiben; ich reiſte ein Stück des Weges mit ihm, wurde aber meines Gefährten ſo über⸗ 3 drüſſig, daß ich abtrünnig wurde und floh, um auf eigene Hand eine um ſo luſtigere Reiſe zu machen. Ich ſage es ihm immer, wenn ich eine Vorleſung über Etwas brauche, ich nenne ihn immer die wandelnde Encyelopädie, und denken Sie ſich nur, wenn eine ſolche Perſönlichkeit eine Quadrille tanzt. Welche Dame kann den Muth haben, in einer Quadrille die Blätter der Encyelopädie umzuſchlagen? laſſen ſie uns ſehen. Ach! Lady Luey Melville, die Tochter unſerer edlen Wirthin. Sie macht Anſpruch darauf, ein wenig Blauſtrumpf zu ſein, deshalb paſſen ſie nicht ſo ſchlecht zu 3 einander, wie ich dachte; indeß iſt ſie nicht ſo ſehr bösartig, nicht dunkelblau, ſondern nur mit himmliſchem Azur gefärbt. Süßes Geſchöpf, wie wirſt Du Dich erbaut haben, ehe 1 Deine Lection vorüber iſt. Sehen Sie, Miß Hamilton, dort auf der andern Seite der Encyelopädie. Dieſe gute Dame hat die letzten ſieben Jahre aus allen Leibeskräften getanzt, um einen Mann zu bekommen. Dort die Andere ſucht durch ein elegantes hochmüthiges Benehmen zu zeigen, daß ſie etwas ſehr Großes iſt, während ſie in der That nichts iſt; es iſt ein Mädchen, das ſo eben erſt in die Welt eingeführt worden iſt, wie unſer edler Dichter ſagt.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Lord Henry, Sie betreten gefährlichen Boden,“ rief Karoline aus, die außer Stande war, ſich des Lachens zu enthalten über die komiſche Weiſe, wie ihr Tänzer die Anderen kritifirte;„Sie vergeſſen, daß auch ich ſoeben erſt freigelaſſen worden bin, und daß dies mein erſter Blick in die Welt iſt.“ „Sie thun mir Unrecht, Miß Hamilton, ich werde zu freudig und erquickend an dieſe Wahrheit erinnert, als daß ich ſie einen Augenblick vergeſſen könnte. Sie mögen ſoeben 77 erſt Ihr Debüt gemacht haben, aber Sie ſind nicht wie dieſes unglückliche Mädchen zu einem anſtändigen Benehmen ge⸗ ſchult und geſcholten und mit Furcht und Zittern gebracht worden; wenn ſie einmal zu natürlich gelächelt, ein Wort zu viel geſprochen, einen falſchen Schritt gethan, oder ein⸗ mal zu oft Sir, Mylord, Ew. Herrlichkeit geſagt hat, ſo wird ſie morgen eine ſolche Vorleſung bekommen, daß ſie nie wieder auf einen Ball zu gehen wünſcht.“ „Das arme Mädchen,“ ſagte Karoline in einem Tone aufrichtigen Mitleids, der ihren Tänzer zu einem Lächeln veranlaßte. „Sie iſt Ihres Mitleids nicht würdig, Miß Hamilton, ſie iſt gegen dies Alles verhärtet. Alle Paare, mit denen wir tanzen, Männer und Frauen, find gleich herzlos; aber ich möchte wiſſen, welcher Zauberſtab St. Eval berührt hat, ich glaube es müſſen Ihre Augen ſein, Miß Hamilton, er ſpricht mit ſeiner Tänzerin und blickt nach Ihnen, er ſucht zweierlei auf ein Mal zu machen, ihr zu gehören und Ihre Stimme zu vernehmen; Sie ſind die Zauberin, verlaſſen ſie ſich darauf.“ Bei dieſen Worten brannte ein Feuer des Triumphes in dem Herzen Karolinens, denn wie wiewohl ſie durch Annie's Künſte ſo ziemlich eingenommen war, ſo war es doch ein Triumph, den ſie durchzuführen beſchloß, einen Ein⸗ druck auf einen Mann zu machen, der für Alle unverwund⸗ bar geweſen war, den ruhigen, und wie Manche ſagten, ſtreng ſtoiſchen St. Eval unter ihr Joch zu beugen. Dieſer Geiſt der Koketterie, der für ihre Tante, die unglückliche Eleanor, ſo unheilvoll geweſen war, war Karolinen ange⸗ boren; es hatte ſich ihr noch keine Gelegenheit geboten, ſie ſpielen zu laſſen, dennoch war der Same da, und ſie konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, die ſich ihr jetzt darbot. Schon in ihrer Kindheit hatte Mrs. Hamilton dieſe un⸗ glückliche Neigung bemerkt, es waren alle Mittel angewandt worden, um ſie zu unterdrücken, ſie war gewarnt und be⸗ rathen worden; aber wiewohl ie in ihrem Wachſen aufge⸗ halten wurde, ſo konnte ſie doch nicht ganz ausgerottet —— 78 werden. Die Grundſätze der Tugend waren ihr zu ſorg⸗ fältig eingeflößt worden, als daß die Koketterie daſſelbe Uebergewicht über Karolinen hätte erlangen können, als über ihre Tante; dennoch fühlte ſie, daß ſie nicht länger der Neigung widerſtehen konnte, welche die gegenwärtige Ge⸗ legenheit ihr bot, von ihrer Macht Gebrauch zu machen. „Gehen Sie nächſte Woche zu dem Feſte der Marquiſe Malvern?“ fragte Lord Henry; Karoline antwortete be⸗ jahend. „Ich freue mich darüber, die wandelnde Encyelopädie kann ſich dort ſo angenehm machen, wie ſie es heute Abend ſo wunderbarer Weiſe gethan hat; Sie werden in einer Feenwelt ſchwelgen. Er hat Blumen aus allen Ländern mitgebracht und ſie für ſeine Mutter gezogen, bis ſie das Wunder von Meilen geworden ſind. Ich ſagte ihm, er ſehe aus wie ein Marktgärtner, der Blumen von allen Orten zuſammen kaufte, wohin er käme. Ich zog ihn mehrmals fort und ſagte ihm, er würde ſicherlich für einen Bauerburſchen gehalten werden, und ſchalt ihn, daß er ſeinen Rang mit ſolch gemeinen Vergnügungen entwürdigte, und welche weiſe Antwort gab er mir?“ „Gewiß eine ſehr vortreffliche, daran zweifle ich nicht.“ „Sonſt würde ſie nicht von einer ſo gelehrten Perſön⸗ lichkeit gekommen ſein, Miß Hamilton; ſie war wirklich ſo philoſophiſch, daß ich ſie wirklich auswendig lernen mußte, um ſie zu behalten. Er, um ſo viel höher er ſich dünke, und die wilde Blume, die er mit ſo vieler Sorgfalt pflegte, wären gleichmäßig das Werk unendlicher Weisheit, und als ſolches könne das Studium des Einen nicht das des Andern ent⸗ würdigen. Ich ſah ihn erſtaunt an, und nannte ihn eine Woche lang nicht anders als den Reiſeprediger, aber ich war deſſen bald überdrüßig und griff wieder zu dem erſten Namen, der Alles umfaßt. Ich bin neugierig, bei welchem Buchſtaben das wandelnde Buch bei dem Feſte ſeiner Mutter aufgeſchlagen werden wird.“ „Ich ſollte meinen beim B,“ ſagte Karoline lächelnd. „B? B? Wofür ſteht B. Ich habe vergeſſen, wie es 79 ſich ſchreibt— ah, ich habe es, vortrefflich, bewunderns⸗ würdig, Miß Hamilton; eine Vorleſung über Botanik von der wandelnden Encyelopädie, bravo! Wir werden gut thun, unſere ganze Gelehrſamkeit auszukramen, um zu be⸗ weiſen, daß wir nicht vollkommene Nichtswiſſer in dem Capitel ſind.“ Karoline ſtimmte ihm lachend bei, und da die Quadrille zu Ende war, gelang es Lord Henry ſie zu überreden, ihn in das Erfriſchungszimmer zu begleiten. In der Zwiſchenzeit hatte St. Eval, der keine Ahnung hatte, daß er der Gegenſtand der lebhaften Unterhaltung ſeines vis-à-vis geweſen war, mehr und mehr an Miß Hamilton zu bewundern. Er führte ſeine Tänzerin zu ihrem Sitze, wie ſie es wünſchte, und ſchlenderte dann zu der Ge⸗ ſellſchaft des Mr. Hamilton hin, in der Hoffnung, daß Karoline ſich bald ihrer Mutter wieder anſchließen würde; aber Annie war in dem Erfriſchungszimmer geweſen, und ſie erſchien eine kurze Zeit nicht wieder. Mrs. Hamilton war endlich im Stande geweſen, Lady Helen Graham auf⸗ zuſuchen, mit der ſie ſich unterhielt, denn ſie fühlte, daß, wiewohl der Verzug unvermeidlich war, ſie theilweiſe den Vorwurf verdiente, womit Lady Helen ſie begrüßte, als ſie eintrat, daß ſie den ganzen Abend vorüber gelaſſen, ohne ihr zu nahe zu kommen. Mrs. Hamilton bemerkte mit Be⸗ dauern, daß ſie mehr für die Ruhe ihres Boudoir's als für den Schimmer und die Hitze der vollen Säle geſchaffen ſei; ſie machte ihr ſanfte Vorwürfe wegen ihrer Anſtrengung, und Lady Helen erkannte an, daß ſie ſich der Strapaze nicht gewachſen fühlte, daß ſie aber das Zureden ihrer Tochter dahin gebracht habe. Sie war zu träge, hinzuzufügen, daß ſie den ganzen Abend nichts von Annie geſehen, auch wollte ſie weiter nichts ſagen, was das Mißfallen ſteigern könnte, womit Mrs. Hamilton, wie ſie bisweilen empfand, wiewohl Annie ſich nicht darum kümmerte, ihr Kind betrachtete. Es war Bewunderung, faſt Verehrung, was Lady Helen für Mrs. Hamilton fühlte, und Niemand hätte ſich denken können, wie häufig die geiſtig träge, aber wohlmeinende Frau ihre gänzliche Unfähigkeit, wie ſie meinte, mit derſelben Feſtigkeit zu handeln, die ihre Freundin charakteriſirte, be⸗ klagt hatte. Sie freute ſich über die Aufmerkſamkeit, die ſie Lilla widmete, aber geblendet von der trüglichen Weiſe ihrer älteren Tochter wünſchte ſie oft, daß Annie der Liebling geweſen wäre. Es lag an dieſem Abend etwas in Mrs. Hamilton's Weſen, was ihr ihre untergeordnete Stellung mehr als je fühlbar machte; aber in das Gefühl miſchte ſich kein Vorwurf gegen ſich ſelbſt. Sie konnte nicht ſein wie ſie, und warum ſollte ſie dann erwarten oder beklagen, was unmöglich war? Auf Mrs. Hamilton's Arm gelehnt, be⸗ ſchloß ſie indeß den Ballſaal zu beſuchen, und ſie trafen Mr. Hamilton in dem Augenblicke, wo ſich Graham zu ihnen geſellte. „Sie hier, Graham!“ rief ſein Freund aus, als er ſich näherte,„Ich dachte, Sie hätten dergleichen Dinge ver⸗ ſchworen.“ „Ich mache heute eine Ausnahme,“ antwortete er,„ich wollte meine ſchöne Freundin Karoline ſehen, wo ich ſie ſchon längſt zu ſehen wünſchte.“ „Viel Ehre für Sie, Mrs. Hamilton,“ konnte Lady Helen ſich nicht zu ſagen enhalten.„Er war nicht zugegen ſelbſt bei dem Entrée ſeiner eigenen Tochter. „Und warum war ich es nicht, Lady Helen? Weil ich der Welt durch meine Gegenwart nicht Veranlaſſung geben wollte, zu ſagen, daß auch ich es billigte, daß meine Tochter in ſo ſehr früher Jugend in die Welt eingeführt würde. Wenn ich nicht irre, iſt ſie vier Monate jünger als Karoline, und doch iſt ſie kein Neuling in ſolchen Scenen mehr.“ Lady Helen erſchrak vor dem ſtrengen Blicke ihres Gatten, der keine Ahnung hatte, daß er ihr einen Schmerz bereitete, und Mrs. Hamilton zog ſie haſtig fort, um ſich mit der Marquiſe von Malvern zu unterhalten, welches kleine Mannöver raſch die flüchtige Wolke verſcheucht; und wiewohl ſie bald wieder gezwungen war, den Schutz des kleinen ruhigen Zimmers aufzuſuchen, das ſie verlaſſen hatte, ſo gelang es doch den freundlichen Bemühungen der Mrs. n e y n rz ich es nd e te, rs. 81¹ Hamilton, daß der Schluß des Abends Lady Helen ange⸗ nehmer verfloß als er angefangen hatte. „Sind Sie eben erſt gekommen, Graham?“ fragte Lord Alphingham, der immer noch bei Mr. Hamilton ſtand. „Sie ſind weniger glücklich als ich war, ſonſt werden Sie vielleicht denken, daß ich es in parlamentariſchen Ange⸗ legenheiten mehr bin; aber da mir heute Abend der Ball vor den Gedanken ſchwebte, war ich froh, mich ſchon vor länger als einer Stunde frei machen zu können.“ „Giebt es denn nichts Wichtiges im Oberhauſe?“ „Nichts. Ich ſah viele von den edlen Gliedern ſchlafen und Diejenigen, die ſprachen, ſagten wenig Zweckmäßiges. Wann ſchicken die Herren vom Unterhauſe ihre Bill ein? ſie werden ein gutes Werk thun, wenn ſie uns etwas zu thun geben.“ „Wir werden das gute Werk nächſten Freitag thun, und ich zweifle, ob ſie nicht warme Debatten haben werden. Wenn wir durchdringen, ſo giebt das einen herrlichen Triumph; die Whigs ſind leidenſchaftlich gegen uns, und ſie ſind bei weitem die ſtärkſte Partei. Ich rechne ſehr auf Ihre Beredſamkeit, Alphingham.“ „Sie ſteht Ihnen in ihrem ganzen Umfange zu Gebote, mein guter Freund; ſie hat einiges Gewicht, glaube ich, und ich würde dieſelbe gern in einer guten Sache anwenden.“ „Sprachen Sir heute Abend, Graham?“ fragte Mr. Hamilton, der durch ſein lebhaftes Geſicht ein Intereſſe an der Politik verrieth, welches nach ſeiner Zurückgezogenheit Niemand von ihm erwartet haben würde. Graham ging ſogleich auf die Einzelheiten der Debatte des Abends ein, und eine kurze Zeit waren die drei Herren allein mit Po⸗ litik beſchäftigt. Als ſich indeß Karoline und ihre Mutter ſich näherten, brach Graham plötzlich in ſeiner Rede ab. „Laſſen wir gegenwärtig die Debatten ruhen,“ rief er heiter aus.„Hamilton, ich habe bis zu dieſem Augenblicke noch nicht geſehen, daß Dir Karoline ſo außerordentlich ähnlich ſieht; welch ein edles Aeußere hat das Mädchen! Der Lohn einer Mutter. 6 82 Ah, Hamilton, ich könnte Dir verzeihen, wenn Du viel ſtol⸗ zer auf Deine Kinder wäreſt, als Du biſt.“ Ein unwillkürlicher Seufzer entſchlüpfte ſeinen Lippen, als er ſprach, aber er unterdrückte denſelben, eilte auf Ka⸗ roline zu und unterhielt ſie lebhaft, bis ſich in demſelben Augenblicke Lord Alphingham und Eugen St. Eval näher⸗ ten, der eine, um Karoline als Tänzer in der letzten Qua⸗ drille vor dem Souper zu holen, der andere, um ſie dazu aufzufordern. Ein Schatten tiefer Enttäuſchung, der über das ausdrucksvolle Geſicht des jungen Grafen flog, als Karoline haſtig den dargebotenen Arm des Vicomtes an⸗ nahm und erwiderte, daß ſie ſchon eine Zeit lang mit ihm engagirt geweſen ſei, beſtätigte ihrer geſchmeichelten Phantaſie die Wahrheit von Lord Henry's Worten, und veranlaßte ein Gefühl, das bei der ebenſo beobachtenden Mutter ziem⸗ lich verwandt mit Vergnügen war. Mrs. Hamilton ſchau⸗ derte vor dem Gedanken, ihr Kind in die Geſellſchaft ein⸗ zuführen, blos zu dem Zwecke, einen Gatten heranzulocken; aber ſie müßte ohne alles natürliche Gefühl geweſen ſein, wäre ihr nicht ſehr oft der Gedanke durch den Sinn ge⸗ gangen, daß die Zeit herannahe, wo das irdiſche Schickſal ihrer Tochter, aller Wayrſcheinlichkeit nach, für immer be⸗ ſtimmt werden würde, und in die Befürchtungen der müt⸗ terlichen Liebe miſchte ſich der natürliche Wunſch, daß edler Stand und männliche Tugend die Mitgift deſſen ſein möch⸗ ten, der ihre Karoline heirathen würde; und unter den edlen jungen Männern, mit denen ſie ſeit Kurzem verkehrt hatte, hatte ſie nur einen geſehen, den ihr zärtliches Herz in allen Punkten ihres Kindes würdig hielt, und dieſer Eine war der junge Graf St. Eval. Daß er angezogen war, daran konnte ihr ſcharfblickendes Auge kaum zweifeln, aber weiter konnte ſie nicht denken, und ſo groß war ihre Empfindlichkeit in dieſem Punkte, daß, ſo ſehr ſie den jun⸗ gen Mann bewunderte, ſie viel zurückhaltender gegen ihn war, als ſie geweſen ſein würde, hätte ſie nichts von ſeinen erwachenden Gefühlen geahnt. St. Eval nahm an der Quadrille keinen Antheil, und W S X— — 83 nachdem er bei Mrs. Hamilton geblieben war, bis ſie in den Speiſeſaal eingeladen wurde, erregte er die ſteigende Hei⸗ terkeit ſeines Quälgeiſtes, des Lord Henry, indem er ihr ſeinen Arm bot, ſie zum Souper führte und ſich ihr wid⸗ mete, als wenn ſie das jüngſte und hübſcheſte Mädchen im Saale wäre, wie er erklärte. „Man muß es mit der Mutter halten, wenn man die Gunſt der Tochter erlangen will; eine bewunderungswür⸗ dige Diplomatie, Lord St. Eval, ich wünſche Ihnen Glück zu Ihrem neuen Talent,“ bemerkte boshaft Lord Henry, als der Graf und ſeine Begleiterin an ihm vorbeigingen. Ein Blick aus dieſen dunklen Augen, der ſtreng genug war, um die Seele eines minder leichtſinnigen jungen Man⸗ nes, wie die des Lord Henry, mit Schrecken zn erfüllen, war St. Eval's einzige Antwort, und er ſchritt weiter; und ſelten fand Mrs. Hamilton einen Tiſchnachbar, der mehr nach ihrem Geſchmack war, als der junge Graf. Die Blätter der wandernden Encyelopädie wurden nun aller⸗ dings geöffnet, wie Henry d'Eſte geſagt haben würde, denn St. Eval geſtattete ſich an dieſem Abend, über ſehr viele Gegenſtände zu ſprechen, die, außer ſeiner Mutter und ſeinen Schweſtern gegenüber, immer in der Tiefe ſeines philoſophiſchen Geiſtes verſchloſſen waren; aber es lag eine Güte, eine faſt mütterliche Güte in dem Benehmen der Mrs. Hamilton gegen junge Leute, die ihre Geſellſchaft aufſuchten, ohne daß ſie es wußte, und dieſem Reize konnte der junge und begabte Edelmann nicht widerſtehen. Er ſprach von ihren Söhnen in einer Weiſe, die das Herz einer Mutter anziehen mußte. Die ſechs Monate, die er mit ihnen auf der Univerſität zugebracht, waren ausrei⸗ chend für ihn geweſen, eine innige Freundſchaft mit Percy zu ſchließen, deſſen Bemühungen, ſeine Achtung zu ge⸗ winnen, er nicht hatte widerſtehen können, während er be⸗ dauerte, daß die Zurückhaltung Herberts ihn denſelben nicht ſo gut wie ſeinen Bruder habe kennen lernen laſſen. Er ſprach auch von einem entfernten Verwandten der Mrs. Hamilton, dem gegenwärtigen Lord Delmont, an dem ſie 6* 84 als dem Vertreter ihrer alten Familie großen Antheil nahm. St. Eval beſchrieb mit viel Beredſamkeit die lieb⸗ liche Villa, die er an den Ufern des Gardaſees an der Grenze von Tyrol bewohnte, da die Geſundheit ſeiner Schweſter, die einige Jahre jünger war als er, ihnen nicht geſtattete, in England zu leben; er habe daher allen Ein⸗ ladungen nach Hauſe widerſtanden, und das Vergnügen, das ihnen das Vaterland geboten, aufgegeben und habe ſich nach Italien zurückgezogen, um ſich ganz ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter zu widmen. „Er iſt ein Bruder und ein Sohn nach Ihrem Herzen, Mrs. Hamilton,“ ſchloß St. Eval,„und das iſt das höchſte Compliment, das ich ihm machen kann.“ Mrs. Hamilton lächelte, und als ſie das glühende Ge⸗ ſicht des jungen Mannes ſah, dachte ſie, wer ſolche Tugen⸗ den ſo gut zu ſchätzen wiſſe, könne es darin auch nicht an ſich fehlen laſſen. Ja ſie wußte es ſelbſt, und ſtärker als je wurde ihr geheimer Wunſch, aber ſie drängte denſelben zurück und widmete ihre Aufmerkſamkeit nur den intereſſan⸗ ten Gegenſtänden, über welche St. Eval zu ſprechen fort⸗ fuhr. Einige Stunden nach dem Souper wurde der Ball mit noch größerer Lebhaftigkeit fortgeſetzt, als er angefangen hatte; aber St. Eval bat Karoline nicht wieder, mit ihm zu tanzen. Er dachte, ſie zöge Alphingham's Huldigun⸗ gen vor, und ſeiner Empfindlichkeit widerſtrebte es, noch ein Mal eine abſchlägliche Antwort zu erhalten. Karoline kannte das Herz deſſen nicht, auf den ſie ihre Macht anzu⸗ wenden den Entſchluß gefaßt hatte; hätte ſie es gekannt, ſie würde vielleicht mit der Ausführung gezaudert haben. Die leiſeſte Ermuthigung machte ſein Herz erglühen von einem unbeſiegbaren Gefühle hoher Wonne, während Zu⸗ rückweiſung es mit eben ſo großem, wenn nicht größerm Schmerz zurückſinken ließ. St. Eval war ſich dieſer Schwäche in ſeinem Charakter bewußt, er wußte, daß er eine Tiefe des Gefühls beſaß, die ihn unglücklich machen würde, wenn er ſie nicht ſtandhaft zu bewältigen ſuchte; 85 deshalb hüllte er ſich in undurchdringliche Zurückhaltung und wurde daher von der Welt für ſtolz und unangenehm gehalten. Er fürchtete den erſten Eintritt der Liebe in ſein Herz, denn inſtinktmäßig fühlte er, daß gerade ſeine Empfindlichkeit die Liebe mehr zu einem Unglück, als zu einer Freude für ihn machen würde. Wir zweifeln ſehr an der Lehre von der Liebe beim erſtmaligen Anblick, aber in dieſem Falle war ſie warm und ausdauernd, als wenn ſie ſich auf der feſten Grundlage langer Bekanntſchaft, auf Achtung begründet, gebildet hätte. Von der erſten Stunde an, die er in der Geſellſchaft Karolinens zugebracht hatte, liebte Eugen St. Eval; er ſuchte ſeine neu erwachten Ge⸗ fühle zu unterdrücken und zu überwältigen, und er dachte, es ſei ihm gelungen, aber die nächſte Stunde, die er in ihrer Geſellſchaft zubrachte, führte ihm die Wahrheit immer deutlicher vor Augen; ihr Bild allein beſchäftigte ſein Herz. Er ſcheute ſich, in ſeiner überreizten Empfindſamkeit die⸗ jenigen Huldigungen darzubringen, die auf ſeine Vor⸗ liebe aufmerkſam gemacht haben würden; er wollte nicht die Bemerkungen der Welt auf ſich ziehen; auch fühlte er, daß er nicht den nöthigen Muth beſaß, eine Zurückweiſung zu ertragen, womit ſie, wenn ſie ihn nicht beachtete, und wenn ſie das Mädchen war, wofür er ſie hielt, ſeine Kühn⸗ heit beſtrafen würde; aber ſein Herz ſchlug hoch auf, und mit einiger Schwierigkeit beherrſchte er ſeine Bewegung, als er bemerkte, daß Karoline mehrmals ſelbſt mit Lord Alphingham zn tanzen verſchmähte, um ſich mit ihm wei⸗ ter zu unterhalten. Wie würde ſein edler Geiſt entrüſtet geweſen ſein, hätte er wiſſen können, daß es Liebe zur Herr⸗ ſchaft und Koketterie ſei, was ihr dies Benehmen eingab, und nicht Achtung, wie er ſich zu glauben erlaubte. Der Abend ging zu Ende, die edlen Gäſte entfernten ſich, und der Tag hatte bereits die Herrſchaft über die Erde wieder übernommen, als Mr. Hamilton's Wagen auf Ber⸗ keley Spuare anhielt. Lebhaft hatte Karoline mit ihren Eltern während der Fahrt über die Freuden des Abends geſprochen, aber als ſie ihr Zimmer erreichte, als Martyn 86 ſie verlaſſen hatte und ſie allein war, wußte ſie nicht ganz ſicher, ob nicht einige leiſe Vorwürfe gegen ſich ſelbſt eini⸗ germaßen den Rückblick auf dieſen ihren erſten Blick in die Welt verbitterten; aber raſch, vielleicht nur zu raſch wurden ſie verſcheucht. Die Huldigungen Lord Alphingham's, deren Reiz durch Miß Graham's beſtimmte Verſicherung gegen ihre Freundin, daß es nicht dem mindeſten Zweifel unterliege, daß ſie den Vicomte angezogen habe, erhöht wurde, und das gehoffte Vergnügen, den ſtolzen zurückhaltenden St. Eval ſich vor ihrer Zaubermacht beugen zu ſehen, beſchäftigten allein ihre Phantaſie. Ihn zu ihrem Gefangenen zu machen, das würde gewiß ein Sieg ſein. Sie wollte auch Annie zeigen, daß ſie nicht ſo vollſtändig unter dem Joche ſtehe, wie ſie dächte, daß auch ſie in dem Geiſte eines Mädchens der vornehmen Welt handeln könnte, und St. Eval an ihre Seite zn feſſeln, ihn zu zwingen, ihr Huldigungen darzu⸗ bringen, welche keine andere empfing, das würde ihren vornehmen Freundinnen beweiſen, daß ſie nicht von ihrer Mutter ſo ganz beherrſcht, ſo ſehr einfältig und ſo geiſtlos ſei, wie ſie dächten. Ihre Macht ſollte das durchſetzen, was allen Anderen fehl geſchlagen war; ihre Wange glühte, ihr Herz klopfte vor freudiger Hoffnung auf den erwarteten Triumph, und als ſie endlich in Schlaf ſank, träumte ſie von St. Eval, der zu ihren Füßen lag. O! waren die Rathſchläge, das Beiſpiel, die Bitten ihrer Mutter ganz vergeſſen? war dies der Lohn einer Mutter? Ach! ach! 87 Viertes Kapitel. Zahlreich waren die Karten und Einladungen, die nun an Mr. Hamilton's Thür abgegeben wurden, und die Welt in ihrer verführeriſchſten Form lag nun vor Karolinen offen, wiewohl vielleicht im Vergleich mit dem Freudenleben, das einige junge Damen führten, die ſechs Abende von ſieben zwei oder drei Geſellſchoften beſuchten, ihr Leben kaum ein flatterhaftes genannt werden konnte. Mr. Hamilton hatte eine Grenze gezogen, und ſo ſchwer ſie feſt zu halten war, ſo blieb er bei ſeinem Entſchluſſe trotz der Bitten ſeiner Freunde und ſehr oft trotz der Liebkoſungen ſeiner Toch⸗ ter. Bisweilen geſtattete er Karolinen, einem Diner und einem Balle an einem Tage beizuwohnen, aber er gab ihr nie die Erlaubniß, von Haus zu Haus zu fliegen und alle Vergnügungen zu koſten, die ihr dargeboten wurden; auch beſuchte weder er, noch ein Glied ſeiner Familie am Sonn⸗ abend die Oper, mochte die Verlockung auch noch ſo groß ſein. Für Emmeline war das eine große Entbehrung, da Poeſie und Muſik immer ihre größten Freuden geweſen waren, und ſie empfand den Verluſt auch nur eines Abends ſchmerzlich, aber ſie beruhigte ſich ohne Murren, da ſie die Wahrheit der Bemerkung ihres Vaters anerkennen mußte, daß es unmöglich ſei, den Pflichten des Sabbaths zu genü⸗ gen, wenn der vorherige Abend in ſolcher Weiſe verlebt worden ſei. Sie wußte auch, wie ſchwer es ihr wurde, ſich am Mittag ihren Studien zu widmen, auf welche trotz aller Vergnügungen, ihre Eltern den gehörigen Fleiß verwendet zu ſehen verlangten, da die Melodien, die ſie am vorigen Abend ſo entzückt hatten, immer noch in ihren Ohren klangen. Diejenigen, die Mrs. Hamilon gern verurtheilten, ſo oft ſie es nur konnten, erklärten es für die größte Inconſequenz, Emmeline in die Oper mit zu nehmen und ſie ſo oft in Geſellſchaft im eigenen Hauſe erſcheinen zu laſſen, und doch * 88 — in anderen Beziehungen ſo ſtreng zu ſein; warum konnte ſie dieſelbe nicht einmal in die Welt bringen, anſtatt ihr Tantalusqualen zu bereiten? aber Mrs. Hamilton könne einmal nichts wie andere Leute machen. Ihre Töchter ſeien ſehr zu bemitleiden, und ihre Nichte müßte ein elendes Leben führen, denn ſie ſei kaum einmal zu ſehen. Sie zwei⸗ felten nicht, trotz aller vorgeblichen Güte Mrs. Hamilton's, daß ihre arme Nichte völlig vernachläſſigt und gefliſſendlich im Hintergrunde gehalten werde; weil ſie ſo ſchön ſei, ſei Mrs. Hamilton eiferſüchtig auf die Aufmerkſamkeit, die ſie erregen könne. So dachte und ſo ſprach ſehr oft die übelgeſinnte Hälfte der Welt, die in der That eiferfüchtig und aufgebracht war, von Mrs. Hamilton's Beſuchsliſte ausgeſchieden zu ſein, und daher Alles that, was in ihren Kräften ſtand, um die Achtung zu untergraben, in der die Familie ſtand. Das gelang ihnen indeß nicht, und eben ſo wenig fanden ſie Ge⸗ legenheit, Denen Schmerz zu bereiten, die ſie ſo gern ver⸗ wundet hätten. Solch kleinliche Bosheit koſtete Mr. und Mrs. Hamilton bei ihren geregelten Anſchauungen kein Nachdenken. Mrs. Hamilton zog ſogar aus ihren böswil⸗ ligen Bemerkungen Vortheil, denn anſtatt ſie ganz unbe⸗ rückſichtigt zu laſſen, oder zu verachten, erwog ſie dieſelben in ihrem Herzen, und in einſamer Betrachtung überlegte ſie, ob ſie dieſelben in irgend einer Weiſe verdient habe. Sie wußte, daß man die Lehre der Selbſterkenntniß nie⸗ mals zu Ende lernt, und ſie wußte auch, daß ein Feind in ſeinem Uebelwollen oder ſeiner Bosheit etwas ſagen mag, was einigen Grund haben kann, wiewohl uns unſere Freunde von Selbſtliebe unterſtützt uns die Wahrheit ver⸗ borgen haben. Die edle Frau dachte reiflich über ihre Verfahrungsweiſe nach, ſtreng prüfte ſie jedes Motiv der⸗ ſelben, und ſie fühlte ſich beruhigt. Ehe ſie dieſelbe ein⸗ ſchlug, hatte ſie den göttlichen Segen erfleht, und ſie fühlte, daß ihr Gebet, ſie zu leiten, in dem Falle Emmelinens und Ellens nicht unerhört geblieben ſei; vielleicht konnte ihr Verfahren rückſichtlich der erſteren inconſequent erſcheinen, *89 aber ſie fühlte keinen Groll gegen Diejenigen, die ſie ver⸗ kannten, weil ſie den Charakter ihres Kindes kannte, und die ſo ſprachen, kannten denſelben in der That nicht. Wiewohl wenig mehr als vierzehn Monate Unterſchied zwiſchen dem Alter der Schweſtern lag, ſo war Emmeline ſo ſehr ein Kind an Einfachheit und Gefühl, daß ihre Mutter überzeugt war, daß es ihr nicht gut thun und nicht zu ihrem Glücke beitragen würde, ſie zugleich mit ihrer Schweſter in die Welt einzuführen, wie nach dem geringen Unterſchied in ihrem Alter manche Mütter gern gethan haben würden. Doch ſie wollte ſie auch nicht in ſo gänzlicher Abgeſchieden⸗ heit halten, wie es ihr ſelbſt einige von ihren Freundinnen riethen, ſondern ſie geſtattete ihr den Genuß derjenigen unſchuldigen Vergnügungen, die ihrem Geſchmacke entſpre⸗ chend waren. Emmeline hatte über dieſe Anordnung nicht ein einziges Mal gemurrt, ſo ſehr dieſelbe ihren heißeſten Wünſchen in den Weg treten mochte; ihr Vertrauen zu ihrem Eltern war ſo groß, daß ſie ſich ihren Wünſchen immer mit Freude unterordnete. Mrs. Hamilton kannte ihre Gefühle, als ſie Oakwood verließ, und nahm Antheil an denſelben; ſie empfand, daß es in der That wenige Vergnü⸗ gungen in London gab, die ein Gemüth, wie das Emmeli⸗ nens, dafür entſchädigen konnten, was ſie verlaſſen hatte; ſie hatte mit Freude und Dankbarkeit geſehen, wie ſich ihr Kind beharrlich ſelbſt zu beſiegen ſuchte, und ſie that wahr⸗ lich nicht unrecht, ſie dadurch zu belohnen, daß ſie ihr alle Genüſſe gönnte, die ſie ihr bieten konnte, und daß ſie ihr Kind ſo glücklich zu machen ſuchte, wie es in ODakwood ge⸗ weſen war. Emmeline war kein Kind mehr, und dieſe Vergnügungen griffen nicht ſtörend in die Forderung ihrer Eltern ein, daß ſie der Vollendung ihrer Erziehung die größte Aufmerkſamkeit widmen ſollte; mit aller Unſchuld und Ruhe eines Kindes freute ſie ſich der auserleſenen Ge⸗ ſellſchaften, welche ihre Mutter mit demſelben Geſchmack und mit den poetiſchen Gefühlen der erſten Jugend gab. Sie ſchwärmte für die Oper, und dorthin begleitete ſie ihre Mutter gewöhnlich ein Mal die Woche. Ein Künſtler —— 90* hätte eine hübſche Studie in der Betrachtung dieſes jungen ſchönen Geſichts finden können, wie ſie entzückt, alle Sinne auf die Muſik gerichtet, die ſie hörte, daſaß, und der wech⸗ ſelnde Ausdruck ihrer Mienen jede Bewegung zurückſtrahlte, die auf der Bühne zur Anſchauung gebracht wurde. In ſolchen Augenblicken fand es die zärtliche Mutter unmög⸗ lich, der jungen Schwärmerin den reichen Genuß zu ver⸗ ſagen, den ihr dieſe muſikaliſchen Unterhaltungen gewähr⸗ ten; ſie hatte immer ein Lächeln oder einen theilnehmenden Blick bereit, um den oft allzuſtarken Ausbrüchen der Freude zu begegnen, die Emmeline nicht unterdrücken konnte; denn beim Anhören der Compoſitionen unſerer großen Meiſter können ſelbſt Diejenigen, die viel älter als Emmeline ſind, ihre Gefühle nicht ganz beherrſchen. So natürlich das Beneh⸗ men Karolinens in der Heffentlichkeit war, ſo erſchien es im Vergleich mit dem ihrer Schweſter faſt erkünſtelt. Sie hatte die Lehre ihrer Mutter über Selbſtbeherrſchung nicht vergeſſen. Emmeline wußte ſich im Allgemeinen ſehr anſtän⸗ dig zu benehmen, nur in ſolchen Augenblicken der Aufre⸗ gung, wo ſich ihr natürlicher Enthuſiasmus und ihre faſt kindliche Freude Luft machten, überſchritt ſie bisweilen die conventionellen Grenzen, indeß konnte, wollte ihre Mutter ſolche Aeußerungen nicht unterdrücken. Was Ellen anlangt, ſo waren die gedankenloſen Be⸗ merkungen der Welt völlig unbegründet, wie Alle die gern glauben werden, die ſich der in den früheren Capiteln er⸗ zählten Ereigniſſe erinnern. Ihre Geſundheit war immer noch ſo zart, daß ſie häufig ihrer Tante einige Beſorgniß verurſachte; den Winter über hatte ſie ſeltſamer Weiſe nicht gekränkelt, aber der Frühling brachte von Zeit zu Zeit jenes Gefühl der Entſchlaffung, welches Mrs. Hamilton völlig beſiegt zu haben hoffte. Die mindeſte Anſtrengung oder Aufregung machte ſie für den folgenden Tag unwohl, und deshalb erſchien ſie, außer bei ſehr kleinen Geſellſchaften, auch zu Hauſe nicht. Niemand konnte nach ihrem ruhigen Benehmen und ihren ſcheinbar unbelebten, wiewohl ſchönen Zügen vermuthen, daß ſie geiſtig und in der Freude an der M— W N* 91 Dper eben ſo enthufiaſtiſch war, wie ihre Couſine Em⸗ meline. Unter Niemand verſtehen wir nicht ihre Tante, denn Mrs. Hamilton kannte jedes Gefühl dieſes jungen und ſorgenvollen Herzens, und ſie ſah mit Bedauern, daß ſie bei dem gegenwärtigen Geſundheitszuſtand ihrer Nichte ihr ſelbſt dieſes Vergnügen verſagen müſſe, denn ſchon die damit verbundene Anſtrengung ſei zu viel für ſie. Ellen ſprach nie eine Klage aus, auch verrieth ſie ſelbſt ihrer Tante nicht, wie oft, wie ſehr oft ſie ſich darnach ſehnte, die friſche Luft von Hakwood wieder genießen zu können; denn Lon⸗ don beſaß nicht einmal die wenigen Lockungen für ſie, die es für Emmeline hatte. Sie bemühte ſich immer heiter zu ſein, zu lächeln, ſo oft ihre Tante ſie beſorgt anblickte, und ſuchte ſie zu überzeugen, daß ſie glücklich, vollkommen glück⸗ lich ſei. Daß ſie nie in Geſellſchaft erſchien, wie Emmeline, und ſogar ſehr ſelten zu Hauſe, gab allerdings Denen Stoff zu Bemerkungen, die den eigentlichen Grund ihrer Zurück⸗ gezogenheit nicht glauben wollten. Miß Harcourt, die es ſtandhaft ablehnte, mit ihrer Freundin auszugehen, denn Mrs. Hamilton geſtattete es nicht, daß ſie eine andere Stellung als die einer Freundin und Verwandten des Hau⸗ ſes einnahm, begleitete doch manchmal Emmeline in die Oper und leiſtete zu Hauſe immer Mrs. Hamilton Ge⸗ ſellſchaft. Ellen brachte daher viele Stunden ganz allein zu, aber ſie beobachtete unweigerlich die Lebensweiſe, die ihr der erſte Arzt Londons vorgeſchrieben hatte, den ihre Tante zu Rathe gezogen. Wie ſie dieſe einſamen Stunden zubrachte, darnach fragte Mrs. Hamilton nicht; vollkommene Freiheit, ihren Neigungen zu folgen, ſollte ſie wenigſtens genießen, aber nicht ohne Schmerz verließ oft Mrs. Hamilton ihre Nichte. Sie wußte, daß die größte Entbehrung weit größer als die der Vergnügungen, welche ihre Couſinen hatten, die Entbehrung ihrer Geſellſchaft war. Die Morgen und Abende waren jetzt ſo ſehr beſetzt, daß es oft vorkam, daß der Sonntag und der Abend vorher die einzigen Zeiten waren, wo Ellen mit ihr länger verkehren konnte. Sie bedauerte dies innig, denn Ellen war kein Kind mehr, ſie war in dem Alter, wo das Leben im Allgemeinen ſehr empfänglich für die Freuden der Geſellſchaft iſt, und ſo zu⸗ rückhaltend ihre Gemüthsart war, ſo fühlte ſich Mrs. Ha⸗ milton doch überzeugt, daß der Verluſt jenes ungehinderten häuslichen Umganges, den ſie ſo lange in Dakwood genoſſen hatte, ſchmerzlich für ſie war, wiewohl man ſie niemals darüber klagen hörte Dieſe widerſtreitenden Pflichten bekümmerten oft das Herz ihrer Tante. Oft begleitete ſie Karoline, während ihre Neigung dafür ſprach, zu Hauſe zu bleiben, denn ſie liebte Ellen wie ihr eigenes Kind, und ſie würde es bisweilen vorgezogen haben, ſie zu pflegen und zu beruhigen, aber ſie unterdrückte den Wunſch, denn ſo leidend und einſam Ellen war, Karoline bedurfte im gefähr⸗ lichen Labyrinthe der Welt ihres Schutzes noch mehr. Es giebt Prüfungen, welche die Welt nicht beachtet, Prüfungen, über die Viele leicht hinweg ſehen, die kein Intereſſe, ſelten Theilnahme erregen, die aber dem Leidenden Schmerz bereiten; es iſt nicht genug, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, wenn man wirklich krank iſt, ſondern auch wenn der geſtörte Zuſtand der Nerven den Geiſt reiz⸗ bar macht, den Körper ſchwächt; wenn in Folge dieſer unſichtbaren Schwäche kleine Uebel zu großen werden, der Charakter ſeinen Gleichmuth, der Geiſt ſeine Elaſtizität verliert, wir wiſſen nicht warum, und wir uns ſelbſt Vor⸗ würfe machen und unſer Mißbehagen noch vergrößern, in⸗ dem wir denken, daß wir kindiſch und mißtrauiſch und ent⸗ nervt werden; wo wir es nicht wagen ſolche Gefühle zu be⸗ kennen, da unſer Ausſehen nicht von Krankheit ſpricht; und wer würde uns dann glauben, wenn ſelbſt das Streben nach Heiterkeit das Auge mit Thränen füllt, das Herz ſchwer macht und wir uns über unſere Mißſtimmung ärgern und uns gekränkt fühlen, daß wir ſo anders ſind als wir waren, und wir denken, daß Diejenigen, die uns lieben, ſo verändert wie ſie ſind, uns nicht mehr mit ſolchen Augen an⸗ ſehen können wie ſonſt. Auch dieſe Prüfungen gehören zu denen des weiblichen Geſchlechts, wiewohl ſie ſelbſt ihren 93 nächſten und liebſten Verwandten unbekannt, häufig un⸗ geahnt bleiben, und ein bitteres Loos iſt es allerdings, wenn ſolche Prüfungen uns in früher Jugend treffen, wo Lebhaftigkeit und Spannkraft erwartet werden und jede Abweichung davon aus Urſachen hergeleitet wird, die der Wahrheit ganz entgegengeſetzt ſind. Der Art waren gegen⸗ wärtig die Prüfungen der Waiſe, aber ſie wurden durch die Freundlichkeit und Theilnahme ihrer Tante gemildert, welche die glückliche Kunſt beſaß, mit wenigen Worten mehr aus⸗ zurichten als Andere von minder freundlichem Weſen jemals zu Stande gebracht haben würden. Es iſt die raſche Auffaſſung des Charakters, die An⸗ paſſung unſerer Worte und die Art Derjenigen, mit denen wir verkehren, was uns in häuslichen Kreiſen beliebt macht und was den Zauber der Geſellſchaft bildet. Sympathie iſt der Reiz des menſchlichen Lebens, und wo ſich einmal dieſer gezeigt hat, werden wir bald noch andere entdecken oder zu finden glauben. Manche finden es ungerechtfertigt, zur Sympathie anzuſpornen, denn ſie ſagen, ſie mache den Menſchen nur unnöthiger Weiſe elend. Was kümmern ſie ſich um die Leiden und Freuden ihrer Bekannten? Oft würde es zu Zeitverluſt führen und niemals Freude machen. Gemüther von ſolcher Art wiſſen nicht, daß es eine Freude mitten im Schmerz giebt, aber Mrs. Hamilton wußte es, und ſie pflegte jedes gute Gefühl ihres Weſens. Vor ihrer Verheirathung war ſie vielleicht zu zurückhaltend und auf ſich ſelbſt beſchränkt geweſen, denn ſie dachte, es ſei wenigſtens Niemand ihres Standes, der ſie verſtehen könne, und des⸗ halb Niemand, mit dem ſie gleiche Gefühle theile. Aber das größere Vertrauen reiferer Jahre, das Beiſpiel ihres Gatten, die Empfindungen als Gattin und Mutter hatten ihr Herz erweitert und hatten ſie veranlaßt, durch Theil⸗ nahme an Anderen ihre eigenen Freuden zu vemehren und zuvorkommender zu werden, als ſie vielleicht jemals gewor⸗ den ſein würde, wenn ſie unverheirathet geblieben wäre. In Folge dieſes unſichtbaren Reizes wurde ſie bewundert und unwillkürlich geliebt, ſelbſt von Solchen, die ſich vor 94 ihrer Geſellſchaft ſcheuten, da ſie zuerſt in ihr eine Fromme ſahen, und ſie war es, die die häuſigen Prüfungen ihrer Nichte erträglicher machte. „Erinnert ſich meine Emmeline eines kleinen Geſprä⸗ ches, das wir am Abend ihres letzten Geburtstages hatten?“ fragte Mrs. Hamilton eines Abends ihre Nichte, als ſie Toilette gemacht hatte, um ihre Tochter in die Oper zu be⸗ gleiten, und Martyn auf ihren Wunſch Karolinens unge⸗ duldigem Rufe gefolgt war und es Ellen überlaſſen hatte, die Juwelen ihrer Tante zu befeſtigen. Wenn nichts im Wege war, pflegte Ellen zur Toiletten⸗ zeit mit ihrer Tante zuſammen zu ſein, und die kurze Unter⸗ haltung, die dann zwiſchen ihnen ſtattfand, machte Ellen häuſig einen einſamen Abend angenehm, der ſonſt in Folge ihres Geſundheitszuſtandes und ihrer endloſen Arbeiten ſehr traurig geweſen ſein würde. Mrs. Hamilton hatte an dieſem Abend in dem Benehmen ihrer Nichte eine unge⸗ wöhnliche Niedergeſchlagenheit bemerkt, und ohne darauf hinzuweiſen, ſuchte ſie dieſelbe zu verſcheuchen. Ellen beugte ſich nieder, um ein Armband zu befeſtigen, während ſie ſprach, und erſtaunt über die Frage blickte ſie auf, ohne ſich Zeit zu gönnen, eine unwillkürliche Thräne zu verbergen, wiewohl ſie den Eindruck, den ſie gemacht, zu verwiſchen ſuchte, indem ſie heiter lächelte, als ſie bejahend antwortete. „Und wird es Deine einſamen Abende erheitern, meine liebe Ellen,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Nichte an ſich zog und ihre klare Stirn küßte,„wenn ich Dir ſage, daß Du in der Selbſtverleugnung, der Geduld und der Unter⸗ werfung, die Du übſt, mehr dazu thuſt, Deinen Charakter in meiner Achtung zu heben und die ſchmerzliche Vergangen⸗ heit aus meiner Erinnerung zu verbannen, als Du es jemals für möglich gehalten haben würdeſt? Ich glaube, ich kenne Dein Motiv und zaudere daher nicht, Dir das Lob zu ertheilen, das Du ſo reichlich verdienſt.“ Eine Minute lang antwortete Ellen nicht, ſie führte nur die Hand ihrer Tante zu ihren Lippen und küßte ſie, als wollte ſie ihre Bewegung verbergen, ehe ſie ſprach, aber — 95 ihre Augen waren immer noch mit Thränen gefüllt, als ſie aufblickte und erwiderte:„O meine theuerſte Tante, ich ver⸗ diene es nicht, Du weißt nicht wie reizbar und übelgelaunt ich oft bin.“ „Weil Du nicht ganz wohl biſt, liebes Kind, und doch fühlſt Du Dich nicht krank genug, um Dich zu beklagen; ich denke bisweilen, daß ein Geſundheitszuſtand wie der Deine ſchwerer zu ertragen iſt als eine ſchwere, wiewohl kurze Krankheit; dann könnteſt Du wenigſtens Troſt und Theil⸗ nahme in Anſpruch nehmen, jetzt denkt meine arme Ellen, ſie könne auf keines von beiden Anſpruch machen,“ fügte ſie lächelnd hinzu. „Ich finde immer beides bei Dir,“ erwiderte Ellen lebhaft, und es bedarf nicht viel Unterwerfung, wenn das der Fall iſt und mir geſagt wird, daß mein Geſundheits⸗ zuſtand mich Emmelinens Vergnügungen nicht theilen läßt.“ „Nein, liebes Kind, das würde nicht der Fall ſein, wenn Du Dich ſo krank fühlteſt, daß Du kein Verlangen nach ihnen hätteſt, aber ich weiß, daß Du Dich oft wohl genug fühlſt, um mit mir ausgehen zu können, und ich bin überzeugt, daß meine Ellen bisweilen wünſcht, nicht ſo ganz von ſolchen Vergnügungen zurückgehalten zu werden.“ „Ich dachte, es wäre mir beſſer gelungen, dieſe Wünſche zu verbergen,“ erwiderte Ellen tief erröthend. „Es erräth ſie alſo Niemand außer mir, mein liebes Mädchen? Und Du hätteſt ſie mir nicht verbergen können, Ellen, denn Emmeline ſagt, daß es ihr ganz unmöglich ſei, ihre geheimſten Gedanken vor meinem Zauberſtabe zu ver⸗ bergen. Strebe nicht nach Mehr, mein liebes Kind, bewahre Dein gegenwärtiges Benehmen, und ich werde ganz zufrie⸗ den ſein. Haſt Du für heute Abend ein intereſſantes Buch oder beſchäftigſt Du Dich lieber mit irgend etwas Anderem?“ „Du haſt mir alle meine düſteren Gedanken verſcheucht, meine liebe Tante, und ich werde vielleicht anſtatt zu leſen, etwas arbeiten und über Deine Worte nachdenken,“ rief Ellen aus, und ihre Wange röthete ſich dunkler, als ſie geweſen war, und erregte einen Augenblick die Aufmerkſam⸗ keit ihrer Tante. Sie ſah indeß bald darüber hinweg, denn ſie wußte, daß die geringſte Bewegung dieſe Wirkung zu haben pflegte. Sie dachte nicht, wie dieſe einſamen Stun⸗ den angewandt wurden, ſie errieth nicht die Urſache dieſes dunkeln Erröthens und hatte keine Ahnung, in welchem Umfange ihre Worte ihre Nichte beruhigten, wie ſie die ſchmerzliche Aufgabe verſüßten, deren Erfüllung die Waiſe für ihre Pflicht hielt; trotz vieler Hinderniſſe, die ihre ſchwache Geſundheit ihr in den Weg legten, blieb ſie beharr⸗ lich, wiewohl ſie ſich dem Ziele ihrer Wünſche noch nicht näherte. Kein Lichtſtrahl ſagte ihr noch, daß ihre Prü⸗ fung bald vorüber, ihr Wunſch erreicht ſei. Die Grenzen unſerer Erzählung, wie die vielen Ge⸗ ſchichten der Einzelnen, welche dieſe Memoiren der Familie Hamilton umfaſſen müſſen, geſtattet uns nicht bei den Luſt⸗ barkeiten zu weilen, an denen Karoline nun Theil nahm und die ihr vielleicht zu viele Gelegenheiten boten, ihre Pläne zu verfolgen. Miß Graham's Abſichten fanden keine Schwierigkeiten mehr. Als ſie ihr Vertrauen einmal einer Anderen geſchenkt, konnte ſie ſich nicht entſchließen, ihre Mutter wieder ins Vertrauen zu ziehen, die ihr immer fremder wurde, je mehr ſie mit der Geſellſchaft verkehrte, und Annie wurde zugleich ihre Vertraute und ihre Rath⸗ geberin. Um zu beweiſen, daß ſie nicht das einfältige Weſen ſei, wofür ſie gehalten wurde, vertraute Karoline ihre Abſichten bezüglich St. Eval's Miß Graham, die, wie ſich denken läßt, dieſelben unterſtützte und ermuthigte. Hätte Jemand Karoline geſagt, daß ſie zweideutig handle, daß ſie von der Richtſchnur der Wahrheit abweiche, die ſie ſchon in ihrer Kindheit, trotz mancher anderen Fehler ſtreng inne gehalten hatte, ſie würde entſetzt zurückgeſchrocken ſein; aber was ſchadete ein wenig unſchuldige Koketterie, behaup⸗ tete Annie wiederholt, wenn ſie dachte, daß ein Zweifel über die Zuläſſigkeit eines ſolchen Benehmens in der Seele ihrer Freundin aufſtieg, und ſie führte dann Beiſpiele von Mäd⸗ chen von hoher Geburt und muſterhafter Tugend an, die ſie ) 97 ungeſtraft übten; ſie gäbe dem Charakter des Weibes Voll⸗ endung, zeige, daß es bisweilen ſelbſtändig handeln, nicht immer am Gängelbande gehen wolle, befriedige den Ehrgeiz, kurz Koketterie ſei die Spitze des Genuſſes und gebe vor und nach der Ehe einen entſchiedenen Ton. St. Eval war nicht ſanguiniſchen Charakters, aber er ſuchte vergebens dem Zauber des Mädchens zu widerſtehen, das er liebte; er konnte nicht einen Augenblick zweifeln, daß ſie ihn ermuthigte; er war ſelbſt dankbar und liebte fie um ſo mehr wegen der kleinen Kunſtgriffe und Freundlich⸗ keiten, womit ſie ihn aus ſeiner Zurückhaltung herauszurei⸗ ßen und an ihre Seite zu feſſeln ſuchte. Konnte dieſer edle Geiſt ſich denken, daß ſie ſo nur handelte, um ſich eine Zeit lang ein Vergnügen zu machen und ihren Freundinnen ihre Macht zu zeigen? Konnte ſie, das Kind von Mr. und Mrs. Hamilton, anders als ehrenhaft handeln? Wir können es Lord St. Eval verzeihen, daß er es für unmöglich hielt, aber er täuſchte ſich bitter; ſelbſt ihre Mutter, ihre ſcharf⸗ ſichtige, vertrauensvolle Mutter wurde getäuſcht, und dann war es kein Wunder, daß daſſelbe mit einem vergleichs⸗ weiſe Fremden geſchah. Wäre Karolinens Weſen im Allgemeinen mehr kokett geweſen, ſo würden Mrs. Hamilton die Augen geöffnet wor⸗ den ſein; aber ihr Benehmen war im Ganzen ſo, daß es die Befürchtungen, die, ehe ihr Kind in die Welt eingeführt worden war, ſehr häufig ihr beſorgtes Herz beſchäftigt hat⸗ ten, eher ſchwächte als beſtärkte. Selbſt Fremde konnten es nicht bemerken, daß ſie St. Eval ermuthigte, wiewohl es den wachſamen Augen ihrer Eltern klar war, deren Ver⸗ trauen in die Aufrichtigkeit ihrer Tochter ſo groß war, daß ſie dieſelbe in ihrem Geiſte von jeder Abſicht der Koketterie freiſprachen. In dieſem Falle mochte vielleicht ihre Achtung für den jungen Grafen ſelbſt und ihr beiderſeitiger, aber ge⸗ heimer Wunſch, ihren Glauben erhöht haben, daß nicht nur St. Eval der Bevorzugte ſei, ſondern auch, daß Karoline ihn ermuthige, und da ſie dies dachten, bedauerten ſie, daß Lord Der Lohn einer Mutter. 7 98 Alphingham ſeine Huldigungen fortſetzte, die Karoline nie⸗ mals mit beſonderem Vergnügen entgegen zu nehmen ſchien. So beſorgt Mrs. Hamilton über die Freundſchaft ge⸗ weſen war, die zwiſchen ihrer Tochter und Annie Graham beſtand, ſo konnte ſie ſich doch nicht denken, wie ſehr der Einfluß der Letzteren bereits den Charakter der Erſteren getrübt hatte. Wenige ſehen die Gefahr, die aus dieſen ver⸗ trauten Freundſchaften erwächſt, welche junge Mädchen ſo gern ſchließen; jede Mutter ſollte faſt eben ſo ſorgfältig als den Charakter ihrer Kinder den der vertrauten Freunde ihrer Kinder ſtudiren. Mrs. Hamilton hatte es gethan, und wie wir wiſſen, billigte ſie niemals Karolinens Freundſchaft mit Annie; dennoch konnte ſie ihren Verkehr nicht hindern, ſo lange eine ſo innige Freundſchaft zwiſchen ihrem Gatten und Montroſe Graham beſtand. Sie wußte auch, daß es dem Letzteren Vergnügen machte, in Karoline die liebſte Freundin ſeiner Tochter zu ſehen, und wiewohl ſie Graham's Hoffnung nicht theilte, daß der Einfluß ihres Kindes den Charakter des ſeinen beſſern würde, ſo hatte ſie doch zugleich das hinlänglichſte Vertrauen zu Karoline, um zu glauben, daß ſie immer noch in ihrer Mutter ihre liebſte und treueſte Freundin ſehe, und daß dies den Wirkungen von Annie's übel angebrachter Beredſamkeit entgegen wirken würde. In dieſer Hoffnung hatte ſie ſich bereits getäuſcht gefunden, aber immer noch baute ſie, wiewohl ihr Karoline ihr Ver⸗ trauen verſagte und es, wie viele andere Mädchen thaten, einer Freundin ihres Alters ſchenkte, zu ſehr auf die Grund⸗ ſätze, die ſie ihr in früher Jugend eingeflößt hatte, und glaubte, daß kein Makel das Leben ihres vielgeliebten Kin⸗ des beflecken würde. Wenn Mrs. Hamilton ſich in dieſem Falle von ihrer Liebe völlig blenden ließ, wenn ſie zu ſchwach handelte, daß ſie nicht ſogleich dieſes enge Freundſchaftsband zerriß, ſo ſtraften ſie ihre Gefühle, als ſie Alles erfuhr, mehr als genügend dafür. Konnte die edle, ehrenhafte, wahr⸗ heitsliebende Mutter auch nur einen Angenblick denken, daß Karoline, das Kind, deſſen erſte Jahre ihr ſo viel Schmerz verurſacht, ſo viele Thränen und Gebete gekoſtet hatte, daß * 99 das Kind, deſſen frühe Jugend ſo ſchön geweſen war, daß ihr Herz faſt das Zittern verlernt hatte, daß ihre Karoline einen jungen Mann ermuntern ſollte, blos um ihre Herrſch⸗ ſucht zu befriedigen, und was noch ſchlimmer war, ihre Liebe auf ſolche Weiſe zu einem Anderen zu verbergen? Und den⸗ noch war es ſo. Karoline glaubte wirklich, daß ſie nicht nur ein Gegenſtand leidenſchaftlicher Liebe für den Vicomte ſei, ſondern auch, daß ſie das Gefühl mit gleicher, wenn nicht mit größerer Wärme erwiderte, und als unleugbares Zei⸗ chen wahrer Liebe nannte ſie ſeinen Namen nie, außer gegen ihre Vertraute. In der erſten dieſer Vorausſetzungen hatte ſie unzweifelhaft Recht; ſo aufrichtig wie ein Mann ſeines Charakters lieben konnte, liebte Lord Aphingham Miß Ha⸗ milton, und der Zauber ſeines Weſens, ſeine gewinnende Beredſamkeit und ſeine beſtändige Schmeichelei mochten wohl dieſem Neuling in ſolchen Angelegenheiten glauben machen, daß ihr Herz wirklich gerührt ſei; aber daß dies wirklich der Fall war, darf man nicht nur bezweifeln, ſon⸗ dern es ſchien auch, daß Annie ebenfalls daran zweifelte, indem ſie ſich alle mögliche Mühe gab, den neu entzündeten Funken zu einer Flamme anzufachen und Karoline nie in ihr Inneres blicken zu laſſen; und ſie nahm ſo häufig Veran⸗ laſſung, von den thörichten, ſchwachköpfigen Mädchen zu ſpre⸗ chen, die ſich mit einer Liebesgeſchichte ſogleich an ihre Mut⸗ ter wendeten und ſo ſehr häufig ihre Hoffnungen zerſtörten und ſich durch die Launen ihrer Duenna zu gebrochenem Herzen verurtheilten, daß Karoline nicht den mindeſten Wunſch zu äußern wagte, ihrer Mutter die Sache anzuver⸗ trauen, und daß ſich ihr Gefühl in dieſer Rückſicht faſt zu Furcht und Entſetzen ſteigerte. So ausgezeichnet hübſch und ge⸗ bildet Lord Alphingham war, ſo lag doch etwas in ſeinen Zügen oder vielmehr in ihrem Ausdruck, was nicht gefiel und was Mrs. Hamilton's Scharfblick kaum befriedigte. Ein ſo alter Bekannter Graham's er war, ſo befreundet er mit ihrem Gatten geworden, ſo konnte ſie doch nicht das Gefühl des Widerwillens überwinden, womit ſie ihn mehr als ein Mal ohne es ſelbſt zu wiſſen betrachtete, und ſie 7* 100* freute ſich, daß Hamilton bei ſeinem Entſchluſſe blieb, ihn nicht in ſein Haus einzuladen. Es würde ihr unmöglich ge⸗ weſen ſein zu ſagen, was ihr an ihm mißfiel, es war ihr unerklärlich, aber dieſes dunkle Auge hatte gelegentlich einen Blick, dieſer ſchöne Mund verzog ſich, die Stirn legte ſich einen Augenblick in Falten, was alles von einem Gemüthe ſprach, das innerlich nicht zur Ruhe kommen konnte, und ſagte, daß raſtloſe Leidenſchaften ihren Wohnſitz in ſeinem Herzen gefunden. Mrs. Hamilton ſah ihn nur in Geſell⸗ ſchaft; es war vielleicht unchriſtlich, ſo über ihn zu urtheilen, aber die Gefühle einer Mutter hatten ſie ſo ſcharfſichtig, hatten ihren Blick ſo ungewöhnlich hellſehend gemacht, und ſie freute ſich, daß ihn Karoline nur mit der gewöhnlichen Höflichkeit behandelte, und daß ſich in ihrem Benehmen ge⸗ gen ihn kein Zeichen der Ermunterung kundgab. Die Befürchtungen der Mutter waren nicht unbegrün⸗ det. Lord Alphingham liebte Karoline, aber die Liebe eines 1 Wollüſtlings iſt keine wahre Liebe, und dies war er in den letzten vierzehn Jahren ſeines Lebens geweſen. Neun Jahre dieſer Zeit hatte er auf dem Continent gelebt, und wo er ſich immer aufhielt, hatte er manch jugendliches Herz ge⸗ wonnen, um es zu brechen oder es zum Verderben zu lenken. Erſt im letzten Jahre war er nach England zurückgekehrt, 1 und da er in den verſchiedenen Ländern des Continents, die er beſucht hatte, gewöhnlich einen anderen Namen angenom⸗ men hatte, ſo waren die Abenteuer ſeines Lebens im Lande ſeiner Geburt unbekannt, außer daß ſie gelegentlich von einigen wenigen Gleichgeſinnten beſprochen wurden, und dann geſchah es mehr vermuthungsweiſe. So war eine lange Zeit verfloſſen, und die Verirrungen ſeiner Jugend, die vielleicht die urſprüngliche Urſache geweſen waren, wes⸗ 1 halb er England verlaſſen hatte, waren völlig vergeſſen, als wenn fie nie vorgekommen wären, und der Vicomte ſah ſich nun in ſeinem Vaterlande ganz eben ſo ſehr, wenn nicht mehr bevorzugt und zum Gegenſtande allgemeiner An⸗ ziehung erhoben, wie er es auf dem Continent geweſen war. Er zählte etwa dreißig Jahr und füllte in der That voll⸗ — — —— — 5 S N W — ——— v S— 8 N— 101 ſtändig ſeinen Beruf aus. Die Friſche, Naivetät und voll⸗ kommene Unſchuld Karolinens hatten ſeine Phantaſie viel⸗ leicht mehr gefeſſelt, als irgend ein anderes Mädchen, und ihre gänzliche Unkenntniß der Art und Weiſe der modiſchen Welt ermuthigte ihn zu der Hoffnung, daß die Eroberung ihres Herzens ſehr leicht ſein würde. Er hatte eine ge⸗ ſchickte Vertraute und Vertreterin in Miß Graham gefun⸗ den, die ſich mit dem Freunde ihres Vaters auf den ver⸗ traulichſten Fuß zu ſetzen gewußt hatte, und theils auf ihren Rath, theils auf die Eingebungen ſeines eigenen Herzens beſchloß er, ſich die Achtung Mr. und Mrs. Hamilton's zu erwerben, ehe er öffentlich ihrer Tochter ſeine Huldigungen darbrachte. Das Erſtere ſchien ihm ſehr leicht werden zu ſollen, denn das Talent, das er im Oberhauſe zeigte, ſein ſchein⸗ barer Eifer für die Wohlfahrt des Vaterlandes, der Kirche und des Staates, ſeine meiſterhafte Beredſamkeit und die lebhafte Theilnahme, die er für Graham fühlte, das waren lauter anziehende Eigenſchaften in den Augen Mr. Hamil⸗ ton's, und wiewohl er ihn noch nicht in ſein Haus einlud, ſo traf er ihn doch immer mit Vergnügen. Bei Mrs. Ha⸗ milton befand ſich Alphingham niemals ganz wohl, auch dachte er nicht ganz ſicher zu ſein; ſie war allerdings höflich, aber in ihrem Verkehr mit ihm hatte ſie ihn allerdings un⸗ bewußt ſehr daran erinnert, was Graham die abſtoßende Zurückhaltung verfloſſener Jahre zu nennen pflegte. Ver⸗ gebens ſuchte er ihr gegenüber die Grenzen allgemeiner Höf⸗ lichkeit zu überſchreiten und ſich auf einen vertraulichen Fuß mit ihr zu ſtellen; jeder ſeiner Verſuche wurde kalt zurückge⸗ wieſen, doch nicht ſo formlos, daß er hätte argwöhnen kön⸗ nen, ſie habe ſeinen geheimen Charakter erkannt. Dennoch blieb er bei ſeiner gleichmäßigen, ausgezeichneten Artigkeit, wiewohl Annie's Schilderungen von dem Charakterlder Mrs. Hamilton ihn bereits zu dem geheimen Entſchluſſe geführt hatten, Karoline zu ſeiner Gattin zu machen, möge ihre Mutter ihre Einwilligung geben oder nicht; und er ſchmei⸗ chelte ſich bereits in dem Glauben, daß, da ihre Mutter ſo ſtreng ſei und ihre Kinder, namentlich Karoline in ſolcher 3 — — e 102 Unterwürfigkeit hielte, er dem armen Mädchen einen Ge⸗ fallen thun würde, wenn er ſie aus ſolcher Knechtſchaft er⸗ löſte und ſie als ſeine Gattin in Geſellſchaften einführte, die ihrem Geſchmacke entſprechender wären und wo ſie von ſo ſcharfer Ueberwachung frei ſein würde. In dieſen Gedan⸗ ken wurde er von Annie unterſtützt, die beſtändig Karolinens ſclaviſches Loos bedauerte und Mrs. Hamiltons Strenge verurtheilte, die bloße Heuchelei ſei; ſie ſei nicht im Minde⸗ ſten beſſer als alle Andern, die nicht ſo viel Aufhebens da⸗ von machten. Lord Alphingham's Entſchluß war gefaßt, ſich noch ehe die gegenwärtige Saiſon vorüber ſei, mit oder ohne Einwilligung von Seiten ihrer Eltern mit Karoline zu verloben, und er handelte danach. So entgegengeſetzt die Charaktere waren, ſo war es auch das Benehmen der beiden edlen Freier Karolinens. St. Eval ſcheute ſich, trotz der Ermunterung, die er fand, Karolinen oder ihren Eltern eine in die Augen fallende Huldigung darzubringen; er wurde allmälig bekannter in ihrer Familie, aber dort war vielleicht die einzige Perſon, mit der er ſich ganz ungenirt fühlte, Emmeline, die, da ſie ſich über Karolinens verändertes Benehmen freute, zu hoffen anfing, daß auch ihre Gefühle ſich ändern würden, und die ſich der Hoffnung hingab, daß Lord St. Eval wirk⸗ lich eines Tages ihr Bruder werden würde. Emmeline wußte, daß die Anſicht ihrer Schweſter von der Koketterie ſehr verſchieden von der ihrigen war, aber dieſes einfache Mädchen hätte niemals die falſche Rolle begreifen können, die mit Hülfe und auf den Rath Annie's Karoline gegen⸗ wärtig ſpielte. Sie ſah Alphingham kaum und hörte ihre Schweſter niemals ſeinen Namen nennen, und da ſie auch von ſeinen Huldigungen durchaus nichts wußte, wenn ſie zu⸗ ſammen kamen, konnte ſie ſelbſt in ihrer ungewöhnlich regen Phantaſie nicht glauben, daß er St. Eval's Nebenbuhler ſei. Der junge Graf wurde jedesmal, wenn ihm Karoline beſondere Rückſicht ſchenkte, mehr und mehr verliebt, ſein Herz klopfte und ſeine Hoffnungen ſtiegen, dennoch ſprach er kein Wort von Liebe, weil er es nicht wagte. Er mißtraute 103 ſeinen anziehenden Eigenſchaften und fürchtete ſich zu ſpre⸗ chen, bis er dachte, daß er ihrer Liebe gewiß ſein könnte. Im Rauſche der Liebe hatte er das Gefühl, daß eine ab⸗ lehnende Antwort eine größere Einwirkung auf ihn machen würde, als er ertragen könne; er ſcheute ſich vor den Be⸗ merkungen der Welt und wartete immer noch ein wenig länger, ehe er mit zitterndem Herzen die wichtige Frage thun konnte. So ſtanden die Sachen in Mr. Hamilton's Fa⸗ milie während des größten Theils der Londoner Saiſon;, aber da es nicht unſere Aufgabe iſt, auf alle Vergnügungen Karolinens einzugehen, erlauben wir uns hier nur die Ab⸗ reiſe der Mrs. Greville mit ihrem zarten und leidenden Kinde aus dem Lande ihrer Geburt zu erwähnen. Mr. Greville hatte keinen Einwand gegen die Ausfüh⸗ rung ihres Planes gemacht. Mr. Maitland hatte ihm ganz aufrichtig geſagt, daß das Leben ſeines Kindes von ihrem zeitweiligen Aufenthalt im Auslande, unter einem milden Himmel und bei außerordentlicher Ruhe abhänge. Aber vergebens ſuchte Mrs. Greville zu glauben, daß Liebe zu ihrer Tochter und ihr dieſe ungewöhnliche Nachgiebigkeit veranlaßt habe, es war zu deutlich zu ſehen, daß er ſich über ihre Trennung von ihm freute, denn ſie gab ihm größere Freiheit. Sie ſchrieb an ihren Sohn und bat ihn in der ein⸗ dringlichſten und liebevollſten Weiſe, für die Oſterferien nach Hauſe zurückzukehren, damit ſie ihn einige Tage ſehen könnte, ehe ſie England verließe, vielleicht um nie wiederzukehren. Von frühſter Kindheit an durch ſchwächliche Nachſicht zu Grunde gerichtet, fühlte Alfred Greville zuweilen eine Re⸗ gung natürlichen Gefühls gegen ſeine Mutter, wiewohl ihr Rath keine Beachtung fand; gerührt von dem traurigen Ernſte und der innigen Liebe, die in jeder Zeile athmete, erfüllte er ihre Bitte und brachte vier oder fünf Tage ruhig zu Hauſe zu. Er ſchien erſchüttert über die Veränderung, die er an ſeiner Schweſter fand, und war freundlicher in ſeinem Benehmen gegen ſie, als er es ſonſt geweſen war. Er war vor Kurzem Erbe eines Vermögens und eines Gu⸗ tes geworden, dus ihm ein ſehr alter und entfernter Ver⸗ 104 wandter ſeines Vaters hinterlaſſen hatte, und aus dieſem Grunde hatte er beſchloſſen, wie er ſeinem Vater ſagte, nach Cambridge zu gehen und dort es mit den Beſten aufzu⸗ nehmen. Er zählte nun achtzehn Jahr und hielt ſich für keine unbedeutende Perſon, in welchem Glauben er von ſeinem 3 Vater irrthümlich beſtätigt wurde. Es war ſonderbar, daß er bei einem ſolchen Einkommen zuließ, daß der Lieblings⸗ 3 aufenthalt ſeiner Mutter und Schweſter verkauft wurde, und dennoch war es ſo; die edlen Gefühle ſeiner Kindheit waren völlig abgeſtumpft, und allein für ſich ſelbſt wollte er jenes Vermögen verwenden, während ein Theil deſſelben doch viele Befürchtungen der Mrs. Greville für die Zukunft ent⸗ 31 fernt haben würde. Alfred beabſichtigte, wenn er volljährig ſein würde, eine der erſten Rollen in der Modewelt zu ſpie⸗ len, aber er bedachte nicht, daß, wenn er es auf der Univer⸗ ſität in der Art, wie er wollte, mit dem Reichſten aufnehmen würde, er vor Ablauf von drei Jahren nicht viel reicher ſein würde, als da er ſein Vermögen geerbt hatte. „Mutter, Du treibſt mich von Dir,“ ſagte er eines Tages leidenſchaftlich, als ſie ihn zurückzuhalten ſuchte; „wenn Du mich je wieder zu ſehen wünſcheſt, ſo laſſe mich meinen Weg gehen, guten Rath vertrage ich nicht, und Vor⸗ würfe will ich nicht hören; wenn Du mich liebſt, ſo ſei ſtill, denn ich will mich nicht ſchulmeiſtern laſſen.“ „Alfred, ich will ſprechen,“ erwiderte ſeine Mutter faſt außer ſich und von einem unwiderſtehlichen Drange getrie⸗ ben.„Kind meiner Liebe, meiner Gebete, ich will Dich nicht zur Irre gehen ſehen, ohne einen Verſuch zu machen, Dich auf den rechten Weg zurückzuführen. Alfred, ich verlaſſe England— das Herz möchte mir brechen, allein um Mary's willen lebe ich, und wenn ſie mir genommen wird, werden wir uns nie wieder ſehen. Mein Sohn! mein Sohn! wenn Du mich jemals liebteſt, ſo höre mich jetzt an, es find vielleicht die letzten Worte, die Du von den Lippen Deiner Mutter hören wirſt. Ich bitte, ich flehe Dich an, von Deinen böſen Wegen abzulaſſen, Alfred!“ und ſie ſank ihm plötzlich zu Fü⸗ ßen, die Mutter dem Sohne. Die Liebe, womit ſie ihn anſah, 105 war ſo aufopfernd, ſo warm, daß, wäre ihr geſagt worden, daß ſie ihr Leben dahin geben müſſe, um ihn zur Tugend zurückzubringen, ſie in dieſem Augenblicke gern geſtorben ſein würde. Sie fuhr fort mit einer Beredſamkeit voll ſo zärtlicher Liebe, daß es Niemand hätte ungerührt hören können:„Alfred! Deine Mutter kniet vor Dir, Deine eigene Mutter, o! höre fie, verurtheile ſie nicht zu Elend, laſſe mich nicht noch mehr leiden! Du haſt die Verführung auf⸗ geſucht, o! fliehe ſie, ſuche die Geſellſchaft von Solchen auf, die Dich zur Tugend, nicht zum Laſter führen! Reiße Dich von den Verbindungen los, in die Du Dich verſtrickt haſt, wende Dich wieder zu Gott, den Du verlaſſen. O! lebe nicht wie Du gelebt haſt, denke an die Verantwortlichkeit, die mit jedem Jahre wächſt. Mein Kind, mein geliebtes Kind! ſei barmherzig und weiſe die Bitten Deiner Mutter nicht zurück, wirf meinen Rath nicht von Dir, Alfred! Alfred!“ und ſie klammerte ſich an ihn, während ihre Stimme von tiefſter Seelenangſt gebrochen wurde.„O! verſprich es mir, Dich von Deinem gegenwärtigen Leben abzuwenden, verſprich es mir, an meine Worte zu denken und wieder zu Dem zurückzukehren, der Dich nicht verlaſſen hat. Verſprich mir, ein beſſeres Leben zu führen, ſage mir, daß Du der Troſt Deiner Mutter, nicht ihr Unglück, ihr Segen, nicht ihr Fluch ſein willſt, mein Kind! mein Kind! ſei barmher⸗ zig!“ YVoch länger und mehr würde ſie gebeten haben, aber die Stimme verſagte ihr und nur auf dieſen marmor⸗ bleichen Zügen konnte man den Kampf ihrer Seele erkennen. Alfred ſah ſie ſo zu ſeinen Füßen knieen, ſeine Mutter, ſie, die in ſeiner Kindheit neben ihn gekniet hatte, um ſein kind⸗ liches Gebet zum Himmel zu lenken. Das Herz des ver⸗ irrten Jünglings war gerührt, Thränen ſtanden in ſeinen Augen, er würde geſprochen haben, er würde Alles zu thun gelobt haben, warum ſie ihn gebeten hatte, da wähnte er plötzlich das Gelächter ſeiner Genoſſen zu hören. Konnte er das ertragen? Nein, er konnte ſeine Mutter zu ſeinen Füßen ſehen, aber er konnte ſich nicht dem Gelächter der Welt ausſetzen. Er hob ſie raſch auf, ſprach aber kein 106 Wort, drückte ſie an ſein Herz, küßte wiederholt ihre Wange, dann ſetzte er ſie auf eine Ottomane und ſtürzte fort. Er hatte kein Wort geſagt, kein Zeichen gegeben, und mehrere Stunden konnte die Mutter ihre innere Qual nicht ſo weit überwinden, um ihre Mary aufſuchen zu können. Er kehrte nach Cambridge zurück. Sie ſchieden in Liebe, ſelten hatte der rückſichtsloſe Jüngling ſich ſo bewegt gezeigt, als da er ſeiner Mutter und Schweſter Lebewohl ſagte. Er drückte Mary an ſeine Bruſt und bat ſie mit faſt unhörbarer Stimme, ihre Geſundheit in Acht zu nehmen um ihrer Mutter willen; aber als ſie ihn bat, ſie an ihrem neuen Aufenthaltsorte zu beſuchen, ſobald er könnte, antwortete er ihr nicht. Doch dieſe Bewegung hatte einen Balſam in dem zerriſſenen Herzen ſeiner Mutter zurückgelaſſen; ſie dachte, ihr Sohn, ſo eigenſinnig er ſei, liebte ſie doch, und wiewohl ſie ſeine Beſſerung nicht zu hoffen wagte, ſo fühlte ſie doch, daß er ſie liebte, und wenn es friſcher Inbrunſt in ihren Gebeten bedurfte, ſo gewann ſie dieſelbe durch dieſes Bewußtſein. In der erſten Woche des Mai verließen ſie Greville Manor; immer noch ſchwach und leidend, war der Kampf, alle ihre Gefühle verbergen und unterdrücken zu müſſen, als ſie, wie ſie dachte, für immer das Land ihrer Kindheit und ihrer Mädchenjahre verließ, faſt zu viel für die arme Mary, und ihre Mutter glaubte mehr als einmal, ſie würde nicht lebendig das Land erreichen, das ſie aufzuſuchen im Begriff ſtanden. Die Seeluft, denn ſie reiſten, ſo oft ſie konnten, das Ufer entlang, ſtärkte ſie einigermaßen, und als ſie Dover erreichten, zehn Tage nachdem ſie Greville verlaſſen hatten, hatte ſie ſich ſo weit erholt, um dem ſorgenſchweren Herzen ihrer Mutter einen Theil ſeiner Laſt abnehmen zu können. Sie langten in Dover ſpät am Abend an, und früh am folgenden Morgen, als Mary an dem großen Fenſter des Hotels ſaß und mit einem gewiſſen Intereſſe die Ge⸗ ſchäftigkeit vor demſelben beobachtete, fuhr raſch ein Reiſe⸗ wagen heran und hielt vor der Thür an. Sie kannte die Livree und ihr Herz klopfte, daß ſie faſt erſtickt wäre, als 107 es ihr zuflüſterte, daß Mr. Hamilton nicht allein kommen würde. „Mutter! Mr. Hamilton iſt angekommen,“ konnte ſie endlich ſagen,„und Emmeline, iſt ſie es, kann ſie es ſein?“ Aber ſie hatte keine Zeit mehr ſich zu wundern, denn ehe ſie die Aufregung überwältigt hatte, welche der Anblick eines anderen Mitgliedes von Mr. Hamilton's Familie ihr verur⸗ ſacht, waren ſie ſchon im Zimmer und hatte ſich Emmeline im vollen Sprunge Mary um den Hals geworfen, und da ſie ganz außer Stande war, ihre Gefühle über die Veränderung, die ſie an ihrer Freundin bemerkte, zu beherrſchen, ſo weinte ſie bitterlich an ihrem Herzen. Furchtbar aufgeregt, fühlte Mary, daß ihre Kräfte ſchwanden, und ſie würde ohne Mr. Hamilton's Hülfe zu Boden gefallen ſein. Er führte ſie mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Ottomane und fragte Emme⸗ line vorwurfsvoll, ob ſie ihr Verſprechen, gefaßt bleiben zu wollen, ganz vergeſſen habe. „Machen Sie ihr keinen Vorwurf, lieber Freund,“ ſagte Mrs. Greville, als ſie das weinende Mädchen liebevoll an ſich zog;„meine arme Mary iſt jetzt ſo leicht aufgeregt, daß das Vergnügen, drei von unſeren werthgeſchätzten Freun⸗ den anſtatt nur einen zu ſehen, genügend geweſen iſt, dieſe Aufregung hervorzurufen. Und auch Sie, Herbert,“ fuhr ſie fort, indem ſie dem jungen Manne ihre Hand reichte, der ſie haſtig an ſeine Lippen drückte, als wenn er eine Bewe⸗ gung verbergen wollte, die ſeine Wange gebleicht hatte, wie es Mary bei einem verwandten Gefühle gegangen war, „haben Sie Ihre Lieblingsbeſchäftigungen aufgegeben und Orford in einer ſo geſchäftigen Zeit verlaſſen, bloß um uns noch ein Mal zu ſehen, ehe wir ſchieden? Das iſt wahrhaft freundlich.“ „Ich ließ Percy für mich mitarbeiten,“ antwortete Herbert, der ſeine Bewegung unter dem Schleier der Hei⸗ terkeit zu verhüllen ſuchte.„Sie aus England fort zu laſſen, ohne Sie noch ein Mal zu ſehen und ohne nur ein Lächeln von Mary zu haben, das hätte ich nicht gethan und wenn die ganze Ehre der Univerſität auf dem Spiele ge⸗ ſtanden hätte. Sie müſſen nicht glauben, daß ich ſo ganz und gar auf meine Bücher verſeſſen bin, liebe Mrs. Greville, um weder Zeit noch Neigung zu den ſanftern Gefühlen der menſchlichen Natur zu haben.“ „Ich kenne Sie zu gut und zu lange, um das zu den⸗ ken,“ erwiderte Mr. Greville eifrig.„Und nimmt Mary ſo ganz und gar Deine Aufmerkſamkeit in Anſpruch, Emme⸗ line?“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich nach der Ottomane wandte, wo die Freundinnen ſaßen,„daß ich kein Wort von Deiner lieben Mutter, Karoline und Ellen hören ſoll? In der That, das kann ich nicht geſtatten.“ Dieſe Bemerkung führte raſch zu einer allgemeinen Unterhaltung und Herbert redete zum erſten Male Mary an. Eine ſeltſame, unüber⸗ windbare Bewegung hatte ſeine Zunge gefeſſelt, als er ſie ſah, aber jetzt fragte er mit inniger noch rückſichtsvoller Zärtlichkeit nach ihrer Geſundheit und wie ſie die lange Reiſe ertragen und andere an ſich unbedeutende Fragen, die er aber in einem Tone that, welche das junge Herz der An⸗ geredeten erbeben machte. Herbert wußte nicht, wie innig das Bild Mary Gre⸗ ville's ſeine geheimſten Gedanken erfüllt hatte, ſelbſt in den Augenblicken ernſten Studiums und eifriger Arbeit, bis er hörte, daß ſie im Begriff ſtehe, England zu verlaſſen. Da ergriff ſolche kaum erklärliche, aber bitter ſchmerzliche Ent⸗ täuſchung ſeine Seele und ſeinem Herzen ging mit blen⸗ dender Klarheit das Bewußtſein auf, daß er ſie liebte, ſo innig, ſo zärtlich, daß wenn ſelbſt alle ſeine anderen Wünſche erfüllt wären, ein Leben ohne ſie nichtig ſein würde. Er hatte ſich ſo hoch erhaben über alle irdiſchen Gefühle ge⸗ glaubt, daß er, ſelbſt wenn er wie Mr. Morton aller natür⸗ lichen Verwandten beraubt wäre, ſich mit der Zeit mit dem Willen ſeines Schöpfers verſöhnen und in der Erfüllung ſei⸗ ner geiſtlichen Pflichten glücklich hätte ſein können. Er hatte geglaubt, ſein Herz ſei voll Liebe zu Gott allein und würde ſich ſelig darin fühlen, wie ſehr ſich auch ſein irdiſches Loos ändern möge. Plötzlich erwachte er aus ſeiner Täuſchung; jetzt in der Stunde der Trennung erkannte er ein irdiſches 109 Ideal; er fand, daß er nicht ſo vollſtändig der Diener ſeines Schöpfers war, wie er gehofft und bisweilen geglaubt hatte. Aber in den Zweifeln und Befürchtungen, welche ſeine erhabene Seele umſchatteten, ſuchte er demüthig ſeinen Gott auf, ſein Hülferuf blieb nicht unerhört, Friede und Ruhe kehrten in ſein Herz zurück, ein Nebel fiel von ſeinen Augen, und er dankte Gott für die Erkenntniß ſeiner tugendhaften Liebe, da er fühlte, daß er mit dieſer Stütze ſich nach den Geboten der Frömmigkeit halten könne. Er kannte nicht nur den Charakter Mary's, er war überzeugt, daß wenn es ihm in ſpäteren Jahren geſtattet wäre, ſie zu der Seinen zu machen, ſie in der That ſeine Gehülfin in allen Dingen, ganz beſonders in Beziehung auf ſeinen Gott und auf ſein heiliges Amt unter den Menſchen werden würde Er dachte an die Sympathieen, die zwiſchen ihnen beſtanden, erinnerte ſich, welches Aufſchlagen der ſanften dunklen Augen, wel⸗ ches Erröthen der Wangen, welches Lächeln des Vergnü⸗ gens ihn immer empfing, und ſein Herz ſagte ihm, daß er an ihrer Liebe nicht zu zweifeln brauche. Drei oder ziem⸗ lich vier Jahre mußten noch vergehen, ehe er heirathen konnte, nicht eher, als bis er ſich als Diener Gottes ſehe; doch ſo unendlich ſeiner Phantaſie die dazwiſchen liegenden Jahre erſchienen, ſo bebte doch ſein vertrauensvolles Herz nicht, wenn ſie ſein Vater im Himmel für einander beſtimmt hatte, ſo that es nichts, wenn lange Zeit noch verfließen mußte, und wenn zu einem weiſen Zwecke ſeine Wünſche verzögert wurden, ſo erkannte er die Hand Gottes und ſah, daß es gut ſei. Doch Herbert konnte dem Drange nicht widerſtehen, Mary noch ein Mal zu ſehen, ehe ſie England verließe, ihr ſeine Gefühle zu erklären, ſich mit ihr zu verſtändigen. Er wußte, an welchem Tage ſein Vater nach Dover zu reiſen beabſichtigte, und am Abend vorher erſchien er zum Er⸗ ſtaunen ſeiner Familie mitten unter ihnen. Alle ſprachen ihr Vergnügen über ſeine Abſicht aus, bis auf Eine, und dieſe Eine wußte nicht warum; als ſie aber die Urſache ſeines unerwarteten Beſuchs hörte, zog ein plötzlicher und 110 unerklärlicher Schmerz in ihrem jungen Herzen ein, der ſogleich die Freude trübte, womit ſie ſein Anblick erfüllt hatte. Sie wußte nicht, ſie konnte nicht errathen warum, als ſie an dieſem Abend ihren Kopf auf das Kiſſen legte und ſo bitterlich weinte. Die Quelle dieſer geheimen und ſtummen Thränen konnte ſie nicht errathen, ſie wußte nur, daß ihre Urſache ihr ſchmerzlich war, und dennoch liebte ſie Mary. Die Bitten Emmelinens hatten nach einiger Schwierig⸗ keit die Erlaubniß ihrer Mutter erlangt, ihren Vater und ihren Bruder begleiten zu dürfen, jedoch nur unter der Bedingung, daß ſie Mary nicht durch einen Ausbruch ihres Schmerzes aufregen wollte; nur bei ihrer erſten Zuſammen⸗ kunft hatte ſie dieſe Bedingung vergeſſen. Mary ſah ſo bleich, ſo mager, ſo ganz anders aus, als da ſie von ein⸗ ander geſchieden waren, daß das warme Herz Emmelinens nicht an ſich halten konnte; denn ſie wußte, ſo groß auch ihre Ergebung ſein möge, daß es ein bitterer Schmerz für dieſes ſanfte Mädchen ſein müſſe, ihr Heimathland und die Freunde, die ſie ſo ſehr geliebt, zu verlaſſen. Aber indem ſie ſich ihr Verſprechen zurückrief, unterdrückte ſie mit aller Kraft ihren eigenen Schmerz und ſuchte mit heiterer Zärt⸗ lichkeit den Muth ihrer Freundin aufzurichten. Der Tag ging fröhlich weiter, die jungen Leute machten eine Spazierfahrt von einigen Meilen in der Gegend von Dover, während Mr. Hamilton, der die Rolle eines Bruders gegen den Günſtling ſeiner vielgeliebten Mutter ſpielte, ihre Pläne anhörte, dieſelben mit ihr berieth und ſie zu ver⸗ beſſern ſuchte, und er zeigte ſich in der That in vielen Punk⸗ ten als einen ſo treuen Freund, daß, als Mrs. Greville ſich an dieſem Abend zur Ruhe begab, ſie ſich geiſtig wohler fühlte, als ſie ſeit vielen Monaten geweſen war. Der folgende Tag wurde benutzt, die Alterthümer von Dover, in vorderſter Reihe ſein altes Caſtell zu beſichtigen und mit Mr. Hamilton als Cicerone war es ein Tag des Vergnügens für Alle, wiewohl vielleicht am Abend einige Schwermuth die Geſellſchaft beſchlich, denn die Erinnerung ſtellte ſich ein, daß morgen Mittag Mrs. Greville und Mary — „½ 111 ihnen Lebewohl ſagen würden. Vergebens hatte im Laufe dieſes Tages Herbert nach einer Gelegenheit geſucht, mit Mary über den Gegenſtand zu ſprechen, der ſeinem Herzen am nächſten lag, wiewohl ſie ſo glücklich mit einander ge⸗ weſen waren; als ſie ſich einige Minuten allein befanden, hatte es ihm geſchienen, als wäre Mary's Benehmen zurück⸗ haltender als gewöhnlich, und das drängte die Worte auf ſeine Lippen zurück. Einige Stunden lag er dieße Nacht und wachte. Sollte er ſeine Hoffnungen und Wünſche nieder⸗ ſchreiben? Nein, er wollte die Antwort von ihren Lippen hören, und am nächſten Morgen ſchien ſich eine Gelegenheit zu bieten. Das Schiff verließ Dover erſt eine Stunde vor Mittag und da ſie mit dem Frühſtück um halb zehn Uhr fertig waren, redete Mrs. Greville ihrer Tochter zu, in der Zwi⸗ ſchenzeit einen kleinen Spaziergang zu machen. Herbert erbot ſich augenblicklich ſie zu begleiten. Emmeline blieb zurück, um Mrs. Greville bei einigen Reiſevorbereitungen zu helfen, und Mr. Hamilton war mit einem von den zahl⸗ loſen kleinen Dienſten beſchäftigt, die thätige Männer bei einer Abreiſe zu übernehmen pflegen. Mary zeigte ein ſo offenbares Widerſtreben gegen den Vorſchlag, daß Herbert zum erſten Male zweifelte.„Du pflegteſt Dich ſonſt nicht zu ſcheuen, mich zum Begleiter zu nehmen,“ ſagte er, indem er ſeine großen ausdrucksvollen Augen traurig auf ſie richtete und in einem ſo melancholiſch ſüßen Tone ſprach, daß Mary ſich beeilte, die Thräne zu verbergen, die ihr ins Auge ſtieg. „Sind unſere glücklichen Tage der Kindheit ſo ganz ver⸗ geſſen?“ fuhr er ſanft fort.„Gehe mit mir, liebe Mary, laß uns wenigſtens in Gedanken auf eine Stunde in die glück⸗ lichen Jahre des Morgenlebens zurückkehren, die niemals wiederkommen.“ Die Gedanken, die Hoffnungen, die Freuden ihrer Kindheit flammten mit plötzlicher Macht durch Mary's Herz, als er ſprach, und ſie widerſtand ihnen nicht.„Vergieb mir, Herbert,“ ſagte ſie, indem ſie raſch aufſtand, um ſich zurecht zu machen,„ich bin in den letzten vorigen Monaten ein wunderliches und eigenſinniges Weſen geworden, Du mußt mit mir Geduld haben um der früheren Tage willen.“ Scherzend bewilligte er die gewünſchte Vergebung und ſie machten ſich auf den Weg. Eine Zeit lang gingen ſie ſtumm neben einander. Ehe ſie es bemerkten, führte ſie ein ſanftes Aufſteigen an eine Stelle, die nicht nur lieblich in ihrer eigenen Fülle, ſondern auch in der weiten Ausſicht war, die ſich unter ihnen ausbreitete. Das weite Meer lag ſchlum⸗ mernd zu ihren Füßen, die glänzenden Strahlen der Sonne, welche es wie ein Spiegel zurückwarf, ſchienen es in Schlaf zu lullen, ſelbſt die Brandung ſchlug ſanft an das Ufer; zur Linken dehnten ſich die ſchneeweißen Klippen aus, die einen Theil des Meeres beſchatteten und die ihre hellen Wände kühn gegen das dunkelblaue Meer abhoben. Schiffe von allen Größen, von der ſchwimmenden Burg auf der hohen See bis zu dem kleinen Vergnügungsbvote, deſſen weißes Segel in der Sonne glänzend ſich in einiger Ent⸗ fernung erkennen ließ, ſchwammen über den Oecean wie ein Vogel mit weißem Gefieder durch die Lüfte; und die Kauf⸗ farteiſchiffe, die Packetbvote, die einliefen und abfuhren, ſelbſt die geſchwärzten Kohlenboote erhöhten das Intereſſe der Secene, denn in der Entfernung, wo Herbert und Mary ſtanden, hörte man keinen Lärm, der das bewegte Gemälde ſtören konnte. Zu ihrer Rechten lag die ſchöne Gegend von Kent in anmuthigen Wellenlinien von Berg und Thal, Hopfenfeld und Wieſen vor ihnen ausgebreitet, und von Zeit zu Zeit wurde der ſüße Duft friſch gemähten Heues nach der Stelle getragen, wo ſie ſtanden; wilde Blumen verſchiedener Art umgaben ſie, der Hagedorn ſah aus wie eine Schneeblume inmitten einer dunkelgrünen Hecke, die beſcheidene Priemel und das verborgene Veilchen zögerten noch, als wenn es ihnen leid thue zu ſcheiden, wiewohl ihre ſämmtlichen Schweſtern bereits ihre Blüthen abgeworfen hatten. Ein friſch abgeſägter Stamm von einem alten Baume lud ſie ein, ſich niederzuſetzen und auszuruhen, und die geſchmackvollſte Kunſt hätte einen ländlichen Sitz nicht in eine lieblichere Gegend ſetzen können. * Lange und ſchmerzlich blickte Mary um ſich, als wenn ſie jeden Punkt des Landes, das ſie ſo bald verlaſſen ſollte, in ihr Herz eingraben wollte.„Herbert,“ ſagte ſie endlich, ich habe mir gewünſcht in die Zukunft ſehen zu können, aber nun, o ich gäbe Viel darum, wenn ich wüßte, ob ich wirklich dieſe Scene wiederſehen werde. Könnte ich mir nur denken, daß ich zu ihnen zurückkehren würde, ſo würde der Schmerz, ſie zu verlaſſen, die Hälfte ſeiner Bitterkeit ver⸗ lieren. Ich weiß, es iſt ein ſchwacher und vielleicht ſünd⸗ hafter Gedanke, aber vergebens habe ich in der letzten Zeit mich entſagend dem Willen meines Schöpfers zu beugen geſucht, ſelbſt wenn er mich, wie ich manchmal fürchte, in einem fremden Lande, getrennt von Allen, bis auf Eine, die ich auf Erden liebe, abrufen ſollte.“ „Glaube, o glaube das nicht, liebſte Mary. Allerdings giebt es keine Trennung ohne ihre Befürchtungen, ſelbſt auf eine Woche, einen Tag, eine Stunde. Der Tod umſchwebt uns immer, um hernieder zu ſteigen, wenn er am wenigſten erwartet wird. Aber ach, um meinetwillen, liebe Mary, ſprich nicht vom Sterben in einem fremden Lande. Gottes Wille iſt der beſte, ſein Entſchluß iſt Liebe, ich weiß es, ich fühle es, und darin haben wir von unſerer Kindheit an gleich gefühlt; Dir allein habe ich die heiligen Gedanken mitge⸗ theilt, die mir bisweilen kamen; ich bin nicht gewohnt mich ſanguiniſchen Hoffnungen hinzugeben, aber Etwas flüſtert mir zu, daß Du zurückkehren, dieſe Scenen wiederſehen wirſt.“ Mary ſah ihren jungen Begleiter an, er hatte mit un⸗ gewöhnlicher Lebhaftigkeit geſprochen, und ſein mildes Auge ruhte mit vertrauensvoller Zärtlichkeit auf ihr; ſie wagte nicht demſelben zu begegnen, ihre bleiche Wange färbte ſich plötzlich purpurroth, aber mit einiger Anſtrengung erwiderte ſie:„Schaukle mich nicht in vergeblichen Hoffnungen, Herbert; es iſt vielleicht beſſer, daß ich nie an meine Rück⸗ kehr denke, denn die Hoffnung möchte ſich zu vergeblichen Wünſchen und die Wünſche zu Klagen ſteigern, was nicht geſchehen darf. Ich werde andere liebliche Scenen vor Der Lohn einer Mutter. 8 114 meinen Blicken haben, und wiewohl ſich in ſie vielleicht keine zärtliche Erinnerung an die Erde miſcht, ſo habe ich doch eine Erinnerung, deren mich kein Wechſel der Gegend be⸗ rauben ſoll, die ſich von Scenen wie dieſe nie, nie trennen läßt. Die Freunde meiner Jugend werden nicht mehr bei mir ſein, Fremde allein werden mich umgeben; aber gerade wie die Hand meines himmliſchen Vaters ſich in jeder Scene ausprägt, ſo weit ſie auch entfernt ſei, ſo iſt er die Hand, die mir Liebe bot, wo ich immer weilen möge; o, daß mein Herz wirklich von Liebe zu ihm erfüllt ſein möge.“ Es folgte ein kurzes Stillſchweigen, das Geſicht Herbert's war einen Augenblick bekümmert geweſen, aber nach einigen Secunden gewann er ſeine Heiterkeit wieder, die noch durch die warmen Gefühle ſeines Herzens erhöht war.„Mary,“ ſagte er, indem er ihre duldende Hand ergriff,„wenn ich zu kühn bin, alle meine Wünſche auszuſprechen, ſo vergieb mir. Du weißt nicht, wie ſehr ich mich nach einem Augen⸗ blicke ungehinderten Vertrauens geſehnt habe, ehe Du Eng⸗ land verließeſt und er ſteht mir jetzt bevor, und nun theuerſte Mary, höre mich ſo gütig an, wie Du Dich mir immer ge⸗ zeigt haſt. Ich brauche Dich nicht an die Tage unſerer Kindheit und unſerer erſten Jugend zu erinnern, ich brauche Dir nicht die gegenſeitige Sympathie zurück zu rufen, welche uns in jedem Gefühl, jeder Hoffnung, jeder Freude und jedem Schmerz beſeelte; wir ſind mit einander aufgewachſen, haben in der Kindheit mit einander geſpielt, in der Jugend mit einander geleſen, gedacht und oft im Geheimen gebetet. Dir habe ich immer meine herzlichſten Wünſche, meine brün⸗ ſtigen Gebete für meine Zukunft mitgetheilt, ein würdiger Diener meines Gottes zu werden und Andere auf ſeinen Pfaden zu führen, und doch fühle ich ſchwacher Sterblicher, daß, ſelbſt wenn dieſe Wünſche erfüllt find, noch eine Lücke in meinem Herzen bleiben würde. Darf ich, darf ich wirklich hoffen, in der Geſpielin meiner Kindheit eine Freundin in meinem Mannesalter, die Gefährtin meines Lebens, in meiner Mary meine Gehülfin in den Arbeiten der Liebe zu ſehen? Ich beunruhige Dich, liebſtes Mädchen, vergieb mir nur, gieb mir ein wenig Hoffnung. Jahre müſſen ver⸗ gehen ehe dieſer ſelige Augenblick eintreten kann; vielleicht habe ich Unrecht gethan, jetzt in Dich zu dringen, aber ich konnte nicht von Dir ſcheiden ohne Dir mit einem Worte meine Gefühle zu erklären, Dich um Deine immer freundliche Theilnahme zu bitten.“ Mary's Hand zitterte in der ſeinen. Sie hatte ſich von ſeinen bittenden Blicken abgewandt, aber als er aufhörte, richtete ſie ſich auf und ſuchte zu ſprechen. Ein Lächeln, ſchön und heilig in ſeiner Schönheit, ſchien mit Thränen zu kämpfen, und ein ſchwaches Roth war auf ehre Wangen geſtiegen, aber ſprechen konnte ſie nicht und einen Augenblick verbarg ſie ihr Geſicht an ſeiner Schulter. Sie entzog ihm nicht ihre Hand, und Herbert fühlte, o wie dankbar, daß ſeine Liebe erwidert wurde; er hatte nicht ver⸗ geblich gehofft. Einige Minuten konnten ſie nicht ſprechen, alle ihre Gefühle waren gemeinſam; zuſammen waren ſie aufgewachſen, hatten zuſammen geliebt und nun, da das Zauberwort geſprochen war, was nöthigte ſie zur Zurück⸗ haltung? Nichts; und die Zurückhaltung wurde auch über⸗ wunden. Da ſahen ſie keine dunklen Wolken, in dieſem Augenblicke dachte Mary nicht an ihren Vater, und wenn ſie es that, konnte ſie glauben, daß ſeine Einwilligung zur Verbindung mit einem Sohne Mr. Hamilton's ſchwer zu erlangen ſein würde? Heirathen konnten ſie noch nicht und vielleicht entſprang die ungemiſchle Seligkeit dieſer Stunde aus dem Umſtande, daß ſie nur an die Gegenwart dachten; aus dem ſeligen Bewußtſein, daß ſie einander liebten, daß ſie gegenſeitig geliebt wurden. Das Glück, das auf Mary's ausdrucksvollem Geſicht glänzte, als ſie in das Zimmer trat, konnte dem wachſamen Auge ihrer Mutter nicht entgehen, und faſt unbewußt und ſicher unerklärlich ſtrahlte ihre Bruſt das Vergnügen ihres Kindes zurück, und der Schmerz, England verlaſſen zn müſſen, hatte theilweiſe ſeine Bitterkeit verloren. Doch immer noch war es ein ſchmerzlicher Augenblick, als die Zeit der Trennung wirklich kanm. Ihre Freunde hatten ſie an Bord begleitet und blieben dort, bis das Zeichen zur 8* 116 Abfahrt gegeben wurde. Mary hatte die Kajüte dem Wirrwarr des Verdeckes vorgezogen und dort verließen ſie ihre Freunde. In der Bekümmerniß des Augenblicks hatte Emmeline ihr Verfprechen, ihre Faſſung zu behaupten, wieder vergeſſen, ſie hing weinend an Mary's Halſe, bis ihr Vater unter ſanftem Zureden ſie fortzog und faſt auf das Verdeck trug. Herbert blieb noch zurück, ſie waren allein in der Kajüte, die Verwirrung, die eine Abfahrt zu begleiten pflegt, verſcheuchte alle Furcht vor Neugierigen, er ſchloß Mary an ſein Herz in einer langen leidenſchaftlichen Um⸗ armung, dann legte er das zitternde Mädchen in die Arme ihrer Mutter und flüſterte faſt unhörbar:„Mrs. Greville, theuerſte Mrs. Greville, behüten, o behüten Sie ſie für mich, ſie wird die Meine werden, ſie wird zurückkehren um mich glücklich zu machen, wenn ich einen Anſpruch darauf machen kann, ſie als mein Weib lieben zu dürfen. Sprechen Sie mit ihr von mir, laſſen Sie den Namen Herbert nicht unter ſich verpönt ſein, ich darf nicht länger bleiben. Doch noch ein Wort, Mrs. Greville— ſagen Sie, o ſagen Sie, daß Sie mich nicht als Ihren Sohn zurückweiſen wollen, wenn nach drei Jahren Mary noch die Meine iſt. Sagen Sie, daß Ihr Segen unſern Bund heiligen wird, und ich fühle, daß er dann wirklich geſegnet ſein wird.“ Ueberwältigt von plötzlichem Erſtaunen und unerwar⸗ teter Freude blickte Mrs. Greville einen Augenblick den edlen Jüngling an, und vergeblich ſtrebte die Mutter, die Beſtätigung ihrer lange gehegten Hoffnungen und Wünſche auszuſprechen. „Mutter,“ flüſterte Mary, beunruhigt über ihr Schwei⸗ gen und begrub ihr Geſicht an ihre Bruſt:„Mutter, willſt Du nicht ſprechen, willſt Du uns nicht Hoffnung geben?“ „Gott im Himmel ſegne Euch, meine Kinder,“ rief ſie endlich aus und weinte Thränen herzlicher Dankbarkeit und Freude.„Es war Freude, nichts als Freude,“ wiederholte ſie, indem ſie nach Faſſung ſuchte,„ich erwartete dieſen Segen nicht; ja Herbert, wir wollen von Ihnen ſprechen, an Sie denken, zweifeln Sie nicht an uns, mein Sohn, 117 mein lieber Sohn; die ſchützende Sorge und die beruhigende Liebe einer Mutter werden Ihre Mary überwachen. Sie iſt nun nicht nur ihrer Mutter Schatz. Gehen Sie, mein ge⸗ liebter Herbert, Sie werden gerufen, leben Sie wohl und Gott ſegne Sie.“ Herbert weilte nicht lange bei ſeinem Vater und ſeiner Schweſter; eine geheime Zuſammenkunft von einigen Minu⸗ ten mit dem erſtern beſtärkte ihn in ſeinen feurigſten Hoff⸗ nungen, dann reiſte er mit Poſt nach London ab, wo er bloß einige Stunden blieb, und kehrte in aller Eile nach ſeinem Colleg zurück. Auf ſeiner raſchen Reiſe hatte er ſich indeß anders beſonnen und beſchloſſen, nichts, was zwiſchen ihm und Mary vorgegangen, vor ſeiner Mutter geheim zu halten, die er noch mit einer vielleicht vertrauensvollern Liebe umfaßte als in ſeiner Kindheit. Er ſah ſie allein, theilte ihr kurz, aber voll Eifer mit, was ſich ereignet hatte, bat ſie ihm ihre Einwilligung zu verſprechen und ſelbſt vor ſeinen Brüdern und Schweſtern das Geheimniß zu wahren, da noch ſo lange Zeit verfließen müßte, ehe ſie ſich wirklich vereinigen könnten, ſo daß er ihre Verlobung bekannt werden zu laſſen fürchtete. „Selbſt die Wünſche der Lieben unſeres Hauſes,“ ſagte er,„würden mir unangenehm ins Ohr klingen; ich kann es nicht erklären, warum ich es ſelbſt denen, die ich liebe, nicht wiſſen zu laſſen wünſche, doch theuerſte Mutter, Du thuſt mir den Gefallen. Die Ereigniſſe eines Tages ſind vor uns ver⸗ hüllt, wie dunkel müſſen dann die von drei Jahren ſein. Kein gegenſeitiges Verſprechen hat zwiſchen uns ſtattgefun⸗ den, es iſt nur das Vertrauen gegenſeitiger Liebe, und dies o Mutter, ich könnte es nicht ertragen, es aus der Tiefe meiner Bruſt geriſſen zu ſehen, um einen Gegenſtand der Unterhaltung ſelbſt Derjenigen zu bilden, die mir am theuer⸗ ſten ſind.“ Seine Mutter blickte in das glühende Geſicht ihres Sohnes, der von ſeiner Geburt an durch ſein Betragen ihr nicht einen einzigen Augenblick Sorge gemacht hatte, und hätte ſie ſelbſt ſein Geheimniß gemißbilligt, ſie würde ihm 118 Alles, warum er bat, gewährt haben; aber ſie billigte ſeinen Entſchluß, und innere Bewegung glänzte in ihrem Auge als ſie ſagte:„Mein Herbert, wenn ich das Vorrecht gehabt hätte, eine unter meinen jungen Freundinnen zu Deiner Gattin zu wählen, ſo würde meine Wahl, ohne einen Augen⸗ blick zu zögern, auf Mary Greville gefallen ſein. Sie unter Allen halte ich für die Würdigſte, die Lebensgefährtin meines Sohnes zu ſein, möge der Himmel Euch einander in Gnaden erhalten.“ Herbert kehrte nach dem Colleg zurück und ſetzte ſeine Studien mit womöglich noch größerem Eifer als vorher fort. Sein unbeſchränktes Vertrauen war ein Balſam für das Herz ſeiner Mntter geweſen und beſchwichtigte den bit⸗ teren Schmerz, den es ihr machte, zu ſehen,— denn es war nicht mehr bloße Einbildung— daß Karoline ihr Vertrauen ihr ganz entzogen und es einer Anderen geſchenkt hatte. Doch immer noch dachte Mrs. Hamilton, daß Karoline St. Eval liebte; ihre Augen hatten ſich noch nicht der Un⸗ gebührlichkeit des Benehmens ihrer Tochter geöffnet. Auch wurden ſie es nicht eher, als bis nach einen langen Kampfe heißer Liebe mit dem einem zärtlichen, aber ſchüchternen und demüthigen Herzen natürlichen Zittern St. Eval Muth faßte, dem Mädchen, das er liebte,(er mochte wohl Ver⸗ zeihung finden, daß er glaubte, ſie habe auch ihn geliebt) Hand, Herz und Vermögen zu bieten und kalt und ent⸗ ſchieden zurückgewieſen wurde. Der junge Graf hatte von Mr. Hamilton mit Freuden die Genehmigung erhalten, ſeiner Tochter ſeinen Antrag zu ſtellen. Nichts hatte ſeine Hoffnungen niedergeſchlagen oder gedämpft, er hatte ſich nicht in dem Glauben täuſchen kön⸗ nen, daß Karoline ſeine Huldigungen annahm, ja ermu⸗ thigte. Unveränderlich freundlich, faſt bezaubernd in ihrem Benehmen, hatte ſie ihn unter vielen viel angenehmeren und anziehenderen jungen Männern ausgezeichnet, ſie hatte ihm jedes Mal, wo ſie Abſchied nahmen, etwas mehr zu lieben gegeben, und was konnte das heißen, als daß ſie ſich mehr aus ihm als aus Andern machte? Immer wieder grübelte — 119 St. Eval darüber, aber er konnte nicht zweifeln, daß er wirklich Ermuthigung gefunden; immer wieder fragte er ſich wieder, ob er nicht mit ihren Gefühlen ſpiele, daß er ſeinen Antrag ſo in die Länge ziehe. Sie liebte ihn gewiß. Die Einwilligung ihrer Eltern hatte ſeine Hoffnungen erhöht, und Liebe und Vertrauen in die Wahrhaftigkeit, die Reinheit ſeiner Ge⸗ liebten erlangten ſo ſehr das Uebergewicht über ſein Herz, daß, als die wichtigen Worte geſprochen waren, er faſt auf⸗ gehört hatte zu fürchten. Wie bitter, wie qualvoll mußte daher ſeine Enttäuſchung ſein, als ſein Antrag abge⸗ lehnt wurde, als plötzlich auf Karolinens edler Stirn Hochmuth ſtrahlte und Kälte ihre Züge bedeckte; und dennoch konnte er daran zweifeln? Nein, Siegesfreude ſtrahlte in ihrem feurigen Auge, vergebens erwartete er Theilnahme mit ſeiner Täuſchung, da die Liebe ihm verſagt wurde. Er ſah ſie an, und plötzlich tauchte die Wahrheit vor ſeiner Seele auf; er bemerkte den Triumph, womit ſie ſeinen An⸗ trag hörte, keine mildere Regung lag in ihrem Antlitz. Vergebens ſuchte er den Ausdruck deſſelben irgend einem anderen Gefühle zuzuſchreiben; es war Siegesfreude, er konnte ſich nicht täuſchen, und mit tiefem Schmerz erkannte St. Eval, daß das Weſen, das er faſt vergöttert hatte, nicht ſo ſchuldlos ſei, als wofür er ſie gehalten; ſie hatte mit ſeinen Gefühlen geſpielt, ſie hatte ihn ermuthigt, ſeine Liebe geſtei⸗ gert, blos um ſich ein Vergnügen zu machen. Die Träume der Hoffnung wurden mit roher Hand verſcheucht, und viel⸗ leicht war es in dieſem Augenblicke beſſer für ſeinen Frieden, daß er plötzlich fühlte, ſie ſtehe unter ſeiner Liebe, ſie ſei nicht würdig ſeine Gattin zu werden. Er achtete ſie nicht mehr, und wenn die Liebe nicht völlig zerriſſen war, ſo ſetzte ihn der Verluſt der Achtung in den Stand, in dieſer Zu⸗ ſammenkunft mit einem Stolze zu handeln, der ſich dem ihren näherte. Er machte ihr keine Vorwürfe, er ſprach kein Wort, was hätte beweiſen können, wie tief verletzt er war und was ihren ſichtbaren Triumph nur geſteigert haben würde; daß ſie in ſeiner Achtung geſunken war, konnte ſie geſehen haben, aber andere Gefühle ließen ſie nicht erkennen, 120 wie tief ſie geſunken. Hätte ſie ihr Benehmen mehr ver⸗ ſchleiert, hätte ſie ſeinen Antrag freundlich zurückgewieſen, ſo würde ſie St. Eval vielleicht noch geliebt und gedacht haben, daß Freundſchaft und Achtung ſie zu ihrem Benehmen gegen ihn veranlaßt; doch dieſe hochmüthige Miene ver⸗ ſcheuchte dieſen Gedanken, ſobald er aufſtieg. Es war am Abend einer heiteren Geſellſchaft, wo St. Eval Gelegenheit gefunden hatte, mit Karoline zu ſprechen, und als Beide ſich dem bunten Gedränge wieder anſchloſſen, war in ihren Zügen keine Bewegung mehr bemerkbar. St. Eval war gegen Alle derſelbe wie ſonſt. Niemand, der ſeine beredten Worte über gewiſſe Staatsangelegenheiren mit dem ruſſiſchen Con⸗ ſul gehört hätte, würde ſich haben denken können, wie ſchmerzlich er litt; es war nicht nur getäuſchte Liebe, nein, ſeine Bitterkeit war noch geſteigert; er konnte den Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe nicht mehr achten, er hatte ſich von einem Mädchen, das er faſt als fehlerfrei betrachtet hatte, betrogen, grauſam getäuſcht gefunden, und wo iſt der Schmerz, der dieſem gleichkommt? Die erhöhte Röthe auf Karolinens Wange, der geſteigerte Glanz ihres Auges zog die Bewun⸗ derung ihrer geſammten Umgebung auf ſich, ſie hatte in der That den Triumph ihrer Macht gefeiert. Doch als ſie ihren Kopf auf ihr Kiſſen legte, als die Stille und das Dunkel der Nacht die Vergangenheit lebhafter vor ihre Seele führte, ſuchte ſie vergebens im Schlafe Vergeſſenheit. War es Glück, Siegesfreude, was ſie veranlaßte, ihr Ge⸗ ſicht in ihren Händen zu begraben und zu weinen, zu wei⸗ nen, bis faſt alle ihre Glieder vor überwältigender Bewe⸗ gung krampfhaft bebten? Ihre Gedanken waren unklar, aber ſo ſchmerzlich, daß ſie froh war, als der Morgen kam. Sie verglich ihr gegenwärtiges Weſen mit ihrem früheren, und der Gegenſatz machte ſie unglücklich; aber gerade wie es ihre unſelige Tante gemacht hatte, rief ſie den Stolz zu Hülfe, um jedes Gefühl der Reue zu erſticken. Mr. Hamilton hatte Lord St. Eval ſeine Einwilligung gegeben, um ſeine Tochter anhalten zu dürfen, aber er wußte nicht, wann der junge Mann ſein Schickſal zu beſiegeln beab⸗ ſichtigte. Wie groß war daher ſein Erſtaunen, als am Mor⸗ gen nach dem Abend, den wir geſchildert haben, St. Eval ſich von ihm zu verabſchieden kam, da er London am Nach⸗ mittag zu verlaſſen beabſichtigte, um nach ſeines Vaters Landſitz zu reiſen, wo er vielleicht eine Woche bleiben und dann England verlaſſen würde, um nach den Continent zu gehen. Er ſprach ruhig, aber auf ſeiner Wange lag eine Bläſſe, ſein Auge war ſo trüb, daß ſich ſein inneres Elend verrieth, was Mr. Hamilton mit ſeinem ſcharfen Blicke ſo— gleich erkennen mußte. Er hatte ſich lebhaft für den jungen Mann intereſſirt und ſein Inſtinkt in Verbindung mit den Befürchtungen des Vaters ſagte ihm, daß das Benehmen Karolinens dieſe Veränderung herbeigeführt. Er blickte einige Minuten in das ausdrucksvolle Geſicht des jungen Grafen, dann legte er die Hand auf ſeine Schulter und ſagte freundlich, aber nachdrücklich: „St. Eval, Sie haben ſich und Ihre Pläne geändert. Sie find unglücklich. Was iſt vorgegangen? Hat Ihre Em⸗ pfindlichkeit Sie veranlaßt, Karolmen für unfreundlich zu halten?“ „Wollte der Himmel, es wäre blos ein Dafürhalten,“ erwiderte St. Eval mit ungewöhnlicher Bewegung, und in⸗ dem er faſt krampfhaft die Hände ballte, als wenn er ſich beruhigen wollte, fügte er gefaßter hinzu:„Ich bin zu kühn in meinen Hoffnungen geweſen; ich dachte, Ihre ſchöne Toch⸗ ter liebte mich, aber ich habe gefunden, daß ich mich bitter getäuſcht.“ Finſterer Ernſt überzog die Stirn des Vaters, als er dies hörte, und er antwortete mit ſchwerzlichem Nachdruck: „St. Eval, täuſchen Sie mich nicht, ich beſchwöre Sie. In welchem Verhältniß ſtehen Sie jetzt zu Karolinen?“ „Mit kurzen Worten, wenn ich ſprechen muß, in dem demüthigenden Verhältniß eines zurückgewieſenen, mit Ver⸗ achtung zurückgewieſenen Liebhabers.“ Seine Gefühle ent⸗ zogen ſich ſeiner Herrſchaft, der Triumph, den er in Karoli⸗ nens Augen glänzen geſehen hatte, verbitterte alle ſeine Empfindungen. Er bebte vor dem Schmerze zurück, den es 122 ihm verurſachte, von einem Mädchen betrogen worden zu ſein, die er für ſo vollkommen gehalten hatte. „Verächtlich! Hat eine Tochter von mir ſo gehandelt? Zuerſt ermuthigen und dann verachten! St. Eval, haben Sie Mitleid und ſagen Sie mir, Sie ſcherzen, Sie ſprechen nicht von Karoline.“ So ſprach der Vater nun außer ſich, denn jede Hoffnung auf die Unſchuld und die Reinheit der Abſichten ſeiner Tochter ſchienen nun auf einmal geknickt. Er ergriff St. Eval's Hand und blickte ihn mit Augen an, aus denen in der tiefen Bekümmerniß ſeines Herzens aller finſtere Ernſt geflohen war. „Es thut mir leid, Ihnen Schmerz zu bereiten, mein lieber Freund,“ erwiderte der junge Graf, der ſogleich auf die Gefühle des Vaters einging,„aber es iſt eben ſo. Ihre Tochter hat nur ſo gehandelt, wie viele, ja die meiſten ihres Geſchlechts es lieben. Es ſcheint, daß auch Sie ihr Ent⸗ gegenkommen, wie man es nennen konnte, geſehen haben. Meine Eigenliebe iſt beruhigt, denn ich würde ſonſt gedacht haben, daß meine Hoffnungen auf den unſicheren Grund der Thorheit und der Anmaßung gebaut geweſen wären.“ „Und die Frucht, daß Sie ſich von Schuld frei ſprechen können, St. Eval, iſt die Verurtheilung meines Kindes, nicht wahr? Sie verachten ſie jetzt eben ſo ſehr als Sie fie geliebt haben,“ und Mr. Hamilton ging aufgeregt im Zim⸗ mer auf und ab. „Ich wünſchte faſt, daß ich es könnte,“ rief St. Eval aus, dann fügte der junge Graf verzweifelt hinzu:„Nein, ich leugne nicht, daß Ihr Kind in meiner Achtung geſunken iſt; ich glaubte ſie weit erhaben über die Mehrheit ihres Geſchlechts, ich glaubte, daß ſie, ſcheinbar ſo ſanft und wahr⸗ haftig, außer Stande ſei, mit den heiligſten Gefühlen eines Mitmenſchen zu ſpielen; ich betrachtete ſie als fehlerfrei, und wiewohl der Schleier von meinen Augen gefallen iſt, ſo ſage ich mir doch, daß, wenn ich mich in Karoline Hamilton täuſchte, es vergeblich iſt, nach etwas Vollkommenem auf Erden zu ſuchen. Doch kann ich ihr Bild nicht aus meinem Herzen reißen. Sie hat Elend hineingepflanzt, was ich augen⸗ 123 blicklich nicht überwinden kann, aber wenn dieſer Triumph ihr Vergnügen macht und zu ihrem Glücke beiträgt, ſo ſei es, meine Huldigungen ſollen ſie ferner nicht beläſtigen.“ Sehr aufgeregt ſchritt Mr. Hamilton noch immer im Zimmer auf und ab, dann näherte er ſich raſch dem jungen Grafen und ſagte: „Vergeſſen Sie ſie, St. Eval, vergeſſen Sie ſie, ruhen Sie nicht, bis Sie Ihren Frieden wiedergewonnen haben; meine Enttäuſchung, die ihrer Mutter, unſere lange geheg⸗ ten Hoffnungen— aber es iſt umſonſt, von ihnen zu ſpre⸗ chen, ſie, ſo bitter ſie ſind, in Vergleich mit den Ihrigen zu ſtellen; vergeſſen Sie ſie, St. Eval, ſie iſt Ihrer unwürdig.“ Und er drückte wiederholt ſeine Hand, als wenn er in dieſem Drucke ſeine Gefühle beſiegen und verbergen könnte. In dieſem Augenblicke ſprang Emmeline fröhlich in das Zimmer, ohne zu wiſſen, daß Jemand bei ihrem Vater ſei, nur um ihm die freudige Botſchaft zu bringen, daß ſie einen lan⸗ gen, langen Brief von Mary erhalten habe, der ſie von ihrer glücklichen Ankunft in Genf benachrichtige, wo Mrs. Greville einige Wochen bleiben wolle, ehe ſie weiter nach Süden reiſe. „Sieh, lieber Papa, verlohnt ſich ein ſolcher Brief nicht?“ rief ſie aus, indem ſie den vollgeſchriebenen Brief emporhielt und wie die Verkörperung unſchuldigen und ſtrahlenden Glückes ausſah. Und ihr ſchönes üppiges Haar wallte un— ordentlich um ihre offene Stirn, und die geröthete Wange und ihre blauen Augen ſtrahlten von unwiderſtehlicher Freude, die von ihrem zauberiſchen Lächeln noch erhöht wurde. Es war unmöglich, Emmelinen anzuſehen, ohne jede Aufregung plötzlich beruhigt zu fühlen; ſie war ein ſo heite⸗ res, ſo unſchuldiges, ſo ſchönes Weſen, daß, wenn Friede und Güte ihren Wohnſitz auf Erden hätten nehmen wollen, ſie keine ſchönere Geſtalt hätten finden können, um darin zu wohnen. Als St. Eval das aufgeregte Mädchen anſah, konnte er nicht umhin, ihre unſchuldige leichtherzige Freude ſeinem ungeſtillten Schmerze gegenüberzuſtellen. „Deine Gegenwart und Deine Freude ſind ſtörend, 124 meine liebe Emmeline, Dein Vater ſcheint beſchäftigt zu ſein,“ ſagte Mrs. Hamilton, die faſt unmittelbar nach ihrem Kinde eintrat und mit einem Blicke nach ihrem Gatten be⸗ merkte, daß etwas vorgekommen war, was ihn beunruhigte. „Beherrſche dieſe Ausgelaſſenheit, bis er im Stande iſt Dich anzuhören.“ „Mache ihr keine Vorwürfe, meine liebe Emmeline, ich habe nichts Beſonderes zu thun. Wenn St. Eval mich ent⸗ ſchuldigt, höre ich mit Vergnügen etwas von unſerer lieben Mary.“ „Bitte, laſſen Sie mich es auch hören, Sie wiſſen wel⸗ chen Antheil ich an Ihrer lieben Freundin nehme, Emme⸗ line,“ erwiderte St. Eval, der mit ſich ſelbſt kämpfte und dem es endlich gelang, ſcherzende Worte zu finden; denn er und Emmeline waren ſo treu verbündete und vertraute Freunde geworden, daß durch eine gewiſſe Sympathie cere⸗ monielle Titel ſelten zwiſchen ihnen gebraucht wurden, und ſie waren für einander Eugen und Emmeline, als wenn ſie wirklich Bruder und Schweſter geweſen wären. Lachend und vergnügt theilte Emmeline den Inhalt ihres Briefes mit, der Mr. und Mrs. Hamilton durch den heiteren, ja glücklichen Styl, in dem er geriebb war, auf⸗ richtige Freude machte. „Glauben Sie nun nicht, daß ich ſtolz auf meine Freun⸗ din ſein darf, Eugen? Verlohnt es ſich nicht ſie zur Freundin zu haben?“ fragte Emmeline ſcherzhaft den jungen Grafen, nachdem ſie ihrem Vater einige von Mary's liebevollen Wün⸗ ſchen zum Schluß mitgetheilt hatte. „So ſehr, daß ich von einem unwiderſtehlichen Verlan⸗ gen ergriffen bin, ſie kennen zu lernen, und wenn Sie mir nur einen Empfehlungsbrief geben wollen, ich reiſe nächſte Woche nach Genf ab.“ Emmeline ſah ihm mit ihren lachenden Augen in das Geſicht, mit einem Ausdruck ungeheuchelten Erſtaunens. „Das klingt ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte ſie lachend; „nein, Lord St. Eval, Sie werden meine Leichtgläubigkeit nicht ſo mißbrauchen. Eugen St. Eval, der gefeiertſte und 125 ausgezeichnetſte Mann, ſollte London verlaſſen, ehe die Sai⸗ ſon vorüber iſt— unmöglich.“ „Ich danke Ihnen für die artigen Complimente, mit denen Sie mich überſchütten, meine kleine feenhafte Freundin, aber es iſt nichts deſto weniger wahr. Ich verlaſſe England nächſte Woche, um mich nach dem Continent zu begeben, und ich kann meinen Wanderſchritt eben ſo gut nach Genf lenken, als irgend wo anders hin.“ „Aber was können Sie möglicherweiſe wieder auf dem Continent wollen? Ich bin nach all' den Anekdoten, die Sie mir erzählt, überzeugt, daß Sie alles Sehenswerthe geſehen haben müſſen, und warum ſoll alſo das arme England wie⸗ der von einem ſeiner fähigſten Söhne verlaſſen werden?“ „Emmeline!“ rief ihre Mutter in einem warnenden und vorwurfsvollen Tone aus, der eine dunkle Röthe auf ihre Wangen rief, denn Mrs. Hamilton hatte bemerkt, daß in dem Geſicht des Grafen nicht Alles heiter war, und ihr Herz klopfte vor Unruhe, denn ſie kannte ſeine Abſichten auf Ka⸗ roline, und Alles, was ſie ſah und hörte, beunruhigte, er⸗ ſchreckte ſie faſt. Lord St. Eval ſah allerdings etwas ge⸗ ſtört von Emmelinens beſtändigen Fragen aus, und da dieſe es bemerkte, ſagte ſie zaudernd, aber freimüthig: „Ich bitte um Entſchuldigung für meine unverzeihliche Neugier, Mylord, Mama tadelt mich deßwegen immer, und ich verdiene es auch wirklich, aber wollen Sie in der That Mary aufſuchen und ein kleines Packet von mir überbringen?“ „Mit dem größten Vergnügen, denn es wird mir ein Ziel geben, das ich vorher nicht hatte, und ein höchſt ange⸗ nehmes, wenn ich hoffen darf, das Ihre Freundin gegen meinen Beſuch keine Einwendung zu machen hat.“ „Ein Freund von mir wird von Mary immer aufs Wärmſte begrüßt werden,“ ſagte Emmeline, die ſich zu mäßigen ſuchte. „Dann darf ich hoffen, daß Sie mich immer noch als Ihren Freund betrachten und von mir als Eugen ſprechen werden, wiewohl vielleicht ein oder zwei Jahre vergehen, ehe Sie mich wiederſehen?“ fragte der junge Graf etwas 126 ſchwermüthig, indem er Mrs. Hamilton anſah, als wenn er ihre Einwilligung einholen wollte. „Als meinen Bruder Eugen, ja,“ antwortete Emmeline raſch und vielleicht ſchelmiſch. Ein Schatten flog über ſeine Stirn. „Als Ihren Freund,“ wiederholte er, indem er einen Nachdruck auf das Wort legte, welches bei jeder minder Unſchuldigen als Emmeline ſogleich Verdacht erregt haben würde, und welches einzige Wort Mrs. Hamilton auf ein Mal ſagte, daß alle ihre Hoffnungen zerknickt waren. Sie las die Beſtätigung in dem Geſicht ihres Gatten, und einige Minuten ſtand ſie verwirrt da. „Ich verlaſſe London in einigen Stunden, um mich nach meines Vaters Landſitz zu begeben,“ fügte St. Eval zu Mrs. Hamilton gewendet hinzu;„es wird mir ein Vergnü⸗ gen machen unterwegs Devonſhire mitzunehmen, oder viel⸗ mehr zu dieſem Zwecke einen Umweg zu machen; haben Sie vielleicht in Dakwood eine Beſtellung zu beſorgen?“ Mrs. Hamilton verneinte dankend, aber Emmeline rief aus: „Ich habe große Luſt, Sie mit einem Briefe und einem gage d'amour an meine alte gute Amme zu beläſtigen, ſie wird ſich ſehr freuen von mir zu hören, beſonders wenn der Briefträger ein Edelmann iſt. Die arme Amme wird dann Stoff zur Unterhaltung und zu vergnüglichen Gedanken ha⸗ ben bis wir zurückkommen.“ „Ganz wie Sie wollen, befehlen Sie nur und laſſen Sie mich das Gewünſchte in einer Stunde haben, oder viel⸗ leicht kann ich Ihnen auch zwei vergönnen.“ „Eine wird vollſtändig ausreichen; aber welch ein merk⸗ würdiges Verlangen hat Sie ſeit einer Minute ergriffen, ſich dienſtbar zu zeigen,“ erwiderte Emmeline, deren Aus⸗ gelaſſenheit an dieſem Tage keine Grenzen zu kennen ſchien, und ſie fuhr fort, ohne auf die Blicke ihrer Mutter Rückſicht zu nehmen:„Doch wenn ich dies thun will, ſo muß ich mich ſogleich verabſchieden, ſonſt werde ich keine Zeit haben. Denken Sie an mich, wenn Ihr Auge etwas Außerordent⸗ 127 liches ſieht oder Ihnen etwas Ungewöhnliches begegnet, und vergeſſen Sie nicht es mir mitzutheilen, da Sie wiſſen, wie ſehr ich das Wunderbare liebe. Meinen Brief an Mary werde ich Ihnen zuſchicken, denn ich verlaſſe mich darauf, daß Sie ſie aufſuchen und ihr von mir erzählen. Und nun glückliche Reiſe und leben Sie wohl.“ „Leben Sie wohl, liebe glückliche Emmeline,“ ſagte er warm,„mögen Sie noch ſo heiter und fröhlich und ſo gütig ſein, wenn wir uns wiederſehen. Darf ich Sie mit meinen wärmſten Grüßen und meinem freundlichſten Lebewohl an ihre Coufine beſchweren, die ich leider heute Morgen nicht geſehen habe?“ „Ich werde ſie getreulich ausrichten,“ antwortete Em⸗ meline, und indem ſie ſich zum Lebewohl die Hand küßte, tänzelte ſie zum Zimmer hinaus und St. Eval wendete ſich nun zu Mrs. Hamilton. „Aus meiner Abſicht, England auf einige Monate oder vielleicht auf ein Jahr zu verlaſſen,“ ſagte er nach Ruhe ringend, aber in traurigem Tone,„werden Sie ſogleich ſehen, daß meine liebſten Hoffnuugen für die Zukunft ge⸗ knickt ſind. Ich will nicht bei dem Gegenſtande verweilen, denn ich kann eine ſolche Täuſchung nicht mit Faſſung er⸗ tragen; wäre ich ein anderer Charakter, ſo würde ich trotz Kälte und Stolz meine Bewerbungen fortſetzen, und wären Sie wie andere Eltern, ſo möchte Karoline— Miß Hamil⸗ ton immer noch die meine werden, es würde immer noch eine Ehe nach der Mode werden, aber das wird Gott ſei Dank nicht der Fall ſein; ſelbſt um Ihr Kind einem Manne zu geben, den Sie mehr ſchätzen würden als mich, würden Sie ihren Neigungen keinen Zwang anthun, Sie würden ſie nicht zu einer Braut wider Willen machen, und ich, o ich könnte nicht ein Mädchen heirathen, das mich nicht liebte. Mein Traum einer glücklichen Zukunft iſt zu Ende, iſt ſchmerzlich verſcheucht worden; der Schlag kam unerwartet und hat mich unvorbereitet gefunden. Ich verlaſſe England, um mich nicht von meinem Gefühlen irre führen zu laſſen. Mrs. Ha⸗ milton,“ fuhr er leidenſchaftlicher fort,„Sie verſtehen meine 128 Gefühle und können die Qualen errathen, die ich erleide. Sie wiſſen, warum ich mich zurückziehe, weil ich den Aus⸗ bruch meiner Empſindungen ſelbſt unter den unbebeutenſten Umſtänden fürchte. O, Ihr Sohn geworden zu ſein,“ er hielt plötzlich inne und ging mit raſchen Schritten im Zim⸗ mer auf und ab.„Entſchuldigen Sie mich,“ ſagte er ruhi⸗ ger,„ſagen Sie nur, daß Sie meinen Entſchluß billigen, für eine kurze Zeit Veränderung zu ſuchen, bis ich mich wieder ſelbſt beherrſchen und ſie ohne Schmerz ſehen kann; ſagen Sie, daß ich recht handle, ich kann nicht denken.“ „Sie thun recht, ganz recht,“ erwiderte Mrs. Hamil⸗ ton ſogleich und ihr Gatte beſtätigte ihre Anſicht;„ich billige Ihren Entſchluß, wiewohl ich ſeine Urſache innig beklage, St. Eval. Ihre Enttäuſchung iſt ſehr bitter, aber Sie grämen ſich nicht allein, es würde meine wärmſten Wünſche erfüllt haben, Ihnen Karolinen zu geben, ſie als Ihre Gattin zu ſehen; nicht Sie allein find getäuſcht worden, ihr Benehmen hat auch Diejenigen irre geführt, die ſie von Kindheit auf gekannt haben. St. Eval, ſie iſt Ihrer nicht würdig.“ Getäuſcht, nicht nur von dem Fehlſchlagen aller ihrer ge⸗ heimen Hoffnungen und zwar nicht allein in Rückſicht auf St. Eval, ſondern auch in Beziehung auf alle zärtlichen Ge⸗ danken, die ſie von der Reinheit und Unſchuld ihres Kindes gehegt hatte, der ſie, obſchon ſie ihr Vertrauen einer Anderen geſchenkt, immer noch unbedingt vertraut hatte, erfüllte die bitterſte Täuſchung das Herz der Mutter, und faſt zum erſten Male ſeit ihrer Verheirathung konnte Mr. Hamilton dieſe ungewohnte Bewegung bei ſeiner ſo ſanften Frau in ihren funkelnden Augen und ihrer aufgeregten Stimme leſen. „Wiewohl ſie das Kind meines Herzens, meiner Hoff⸗ nungen, meiner Sorgen iſt, ſo muß ich es doch ausſprechen, vergeſſen Sie ſie, Eugen, laſſen Sie ſich nicht durch den Gedanken an eine Betrügerin, eine Kokette von dem Ge⸗ nuſſe jenes Friedens abhalten, der einen ſo wahrhaft ehren⸗ werthen, einem ſo durchaus achtbaren Manne wie Ihnen zu Theil werden muß. Sie find getäuſcht, ſchmerzlich berührt; aber Sie können den Schmerz nicht errathen, den es mir 129 macht, daß es mit der Unſchuld, auf die ich ſo ſehr vertraute, bloßer Schein iſt, daß mein Kind, das ich ohne Makel durchs Leben zu führen hoffte, ſich eines ſolchen Benehmens ſchuldig gemacht hat.“ Aufregung erſtickte ihre Stimme, ſie war durch die Heftigkeit ihrer Gefühle fortgeriſſen worden und hatte in dieſem Augenblicke vielleicht mehr geſagt als ſie wollte oder wünſchte. St. Eval ſah die edle Frau mit ungeheuchelter Bewunderung an, er ſah, welches Mißvergnü⸗ gen, welche Entrüſtung ſie fühlte, die Würde ihres Charak⸗ ters ſtieg in ſeiner Achtung, aber er fing nun an, die Folgen für ihr Kind zu fürchten. „Laſſen Sie es Miß Hamilton nicht entgelten, meine liebe Mrs. Hamilton,“ ſagte er mit einigen Zaudern,„daß ſie meinen Antrag zurückgewieſen hat; wenn ſie nicht glück⸗ lich mit mir ſein konnte, hatte ſie Recht, meine Hand aus⸗ zuſchlagen; erſparen Sie mir das niederſchlagende Gefühl, Zwietracht in einer Famile veranlaßk zu haben, deren ſchöne Einigkeit mich immer an ſie gefeſſelt hat. Sie werden ge⸗ wiß der Neigung Ihres Kindes keinen Zwang anthun.“ „Niemals,“ erwiderte Mrs. Hamilton.„Ich verſtehe Ihre Befürchtungen, aber laſſen Sie dieſelben gehen, ich werde nichts thun als meine Pflicht. So ſehr ich die Gefühle zu würdigen weiß, die Sie äußern, ſo muß ich gleicherweiſe die Verirrung meines Kindes beklagen; ſie hat leichtſinnig mit dem heiligſten der menſchlichen Gefühle geſpielt; noch einmal ſage ich, ſie iſt Ihrer nicht würdig.“ Die Entrüſtung und Aufregung, die immer noch in ihrer Stimme erklang, überzeugte St. Eval, daß er nicht länger in ſie dringen durfte; ehrfurchtsvoll verabſchiedete er ich. Der Lohn einer Mutter. 5 430 Fünftes Kapitel. Mrs. Hamilton ſaß ſtumm da und überlegte Karolinens Benehmen, ſuchte aber vergebens nach einem einzigen ver⸗ nünftigen Grunde, der es rechtfertigte, daß ſie St. Eval zu⸗ rückgewieſen. Vergebens ſuchte ſie ſich glauben zu machen, daß ſie ihn nicht ermuthigt habe; daß ihre Neigung im Ge⸗ heimen gefeſſelt worden ſei, das war ſo unwahrſcheinlich, daß ſelbſt, als Mrs. Hamilton darauf hinwies, ſie und ihr Gemahl den Gedanken als etwas Unmögliches zurückwieſen, denn St. Eval allein hatte ſie ſichtbar bevorzugt. „Du mußt mit ihr ſprechen, Emmeline, ich kann es nicht, ich bin zu aufgebracht, um ruhig zu ſprechen; ſie hat uns getäuſcht, alle deine Sorgen ſcheinen unnütz geweſen zu ſein; die immer wache Zärtlichkeit ihrer Eltern auf ſolche Weiſe zu vergelten! Ich hätte es ihr vergeben können, ich würde kein Wort geſagt haben, wenn ſie ſich gegen ihn zurückhaltend benommen hätte, aber ihn zu ermuthigen, wie es Alle, die ſie zuſammen geſehen, bemerkt haben müſſen, ihn mit allen möglichen Künſten an ſich zu locken, an ihre Seite zu feſſeln und dann höhniſch zurückzuweiſen! Was konnte ſie zu ihrem Benehmen veranlaſſen, als der Wunſch, ihre Macht, ihren Triumph über einen Mann zu zeigen, der ſo weit über ihr ſteht? Er konnte mit Recht ſagen, daß ſie in ſeiner Achtung geſunken ſei. Warum fragten wir ſie nicht, anſtatt ſo liebevoll ihrer Unſchuld zu vertrauen? Emmeline, wir haben unſerem Kinde zu zuverſichtlich vertraut, und ſo iſt unſer Vertrauen belohnt worden.“. Selten oder nie hatte Mrs. Hamilton ihren Gatten ſo aufgeregt geſehen; eine Zeit lang blieb fie bei ihm, und es gelang ihr theilweiſe ſeinen natürlichen Unwillen zu be⸗ ſchwichtigen, dann verließ ſie ihn, um ihre eigenen aufgereg⸗ ten Gefühle zu ſammeln, ehe ſie ihr Kind kommen ließ. Inzwiſchen fiel es Emmelinen, die ihr kleines Packet für ihre liebe alte Amme zurecht machte, plötzlich ein, daß 131 St. Eval ſeine Grüße und ſein Lebewohl ihr blos an Ellen aufgetragen, daß er Karoline nicht erwähnt hatte, und natürlich wie ſie war, fiel ihr dies als etwas ſehr Sonder⸗ bares auf, und es dauerte nicht lange, ſo brachte ſie dieſen Umſtand mit ſeiner plötzlichen Abreiſe in Verbindung. So ausgelaſſen luſtig und unſchuldig Emmeline war, ſo beſaß ſie doch eine Reife des Verſtandes und eine Klarheit der Auffaſſung, welche Diejenigen, die ſie nur oberflächlich kann⸗ ten, nicht erwartet haben würden; ſie hatte mit außerordent⸗ lichem Vergnügen beobachtet, was ſie für eine gegenſeitige Liebe St. Eval's und ihrer Schweſter hielt, und hatte mit ihrer immer thätigen Phantaſie ſehr oft luftigen Träumen ſich hingegeben, in denen ſie Karoline als Gräfin St. Eval und Herrin des ſchönen Gutes in Cornwall ſah, das, wie ſie Mrs. Hamilton hatte ſagen hören, der Marquis von Mal⸗ vern ſeinem Sohne an ſeinen einundzwanzigſten Geburts⸗ tage geſchenkt hatte. Emmeline hatte ſich dieſen Träumen hingegeben und das Benehmen Karolinens und St. Eval's beobachtet, bis ſie wirklich glaubte, daß ihre Verbindung ſtattfinden würde. Sie hatte ſich über den Empfang von Mary's Brief ſo ſehr gefreut, daß ihr keine Zeit übrig blieb, an die Abreiſe des jungen Grafen zu denken; aber als ſie allein war, fuhr ihr die Wahrheit plötzlich durch den Kopf, und der zweite ſeltſame Umſtand, wiewohl ſie zu der Zeit nicht darauf geachtet hatte, daß, als ſie ſagte, ſie wolle ſeiner als ihres Bruders gedenken, er mit auffallendem Nachdruck wiederholt hatte,„als ihres Freundes“„Was konnte das Alles heißen?“ dachte ſie,„Karoline kann ihn doch nicht zurückgewieſen haben? Nein, das iſt ganz unmöglich z meine Schweſter konnte ſicher nicht eine ſo geübte Kokette ſein; ich muß ſie aufſuchen und mir das Geheimniß aufklären laſſen; ſie wird ſicher betrübt ſein, daß St. Eval uns ſo bald verläßt.“ Emmeline eilte zuerſt zu Ellen, das kleine Packet für Mrs. Langford zu packen, denn ſie wußte, daß ſolch eine Gelegenheit ihrer Couſine eben ſo angenehm ſein würde, wie ihr ſelbſt, denn Ellen vergaß nie die Güte und freund⸗ 9* 132 liche Pflege, welche ſie von der Wittwe während ihrer lan⸗ gen Krankheit erfahren hatte, und durch kleine Geſchenke, und was der guten Frau noch lieber war, durch ein paar freundliche Zeilen, die ſie immer begleiteten, ſuchte ſie ihre Dankbarkeit gegen Wittwe Langford zu beweiſen. Fünf Minuten ſpäter war Emmeline im Zimmer ihrer Schweſter. Karoline war wie zu einer Morgenausfahrt gekleidet, und ihre Geſellſchafterin verließ ſie gerade, als ihre Schweſter eintrat. Sie ſah blaß und, in Folge des Balles am verfloſſenen Abend, angegriffener aus als gewöhnlich. Sie ſah gar nicht glücklich aus, und da Emmeline über dieſem Anblick den Unwillen vergaß, womit ſie der bloſe Gedanke an die Koketterie ihrer Schweſter erfüllt hatte, näherte ſie ſich ihr freundlich, und indem ſie ſie auf die Wange küßte, ſagte ſie zärtlich:„Was fehlt Dir, liebe Karoline? Du fiehſt krank, abgemattet und ſelbſt ſchwermüthig aus; tanzteſt Du geſtern mehr wie gewöhnlich?“ „Nein,“ erwiderte Karoline,„ich glaube nicht, ich bin auch nicht matter als gewöhnlich. Aber was bringt Dich hierher, Emmeline? Du mußt irgend einen Grund haben, denn Du biſt gewöhnlich um dieſe Tageszeit ſehr be⸗ ſchäftigt.“ „Ich bin ſo aufgeregt über Mary's Brief, daß ich außer Stande geweſen bin, irgend Etwas vorzunehmen,“ erwi⸗ derte ihre Schweſter lachend,„und um dieſe Aufregung zu ſteigern, habe ich ſo eben etwas ſo Seltſames gehört, daß ich es nicht unterlaſſen konnte, zu Dir zu kommen und es Dir zu ſagen.“ „Welcher Art iſt es?“ „St. Eval verläßt heute London, um nach Malvern zu gehen, und verläßt nächſte Woche England. Iſt das nicht außergewöhnlich?“ Karoline wurde plötzlich von dunkler Röthe übergoſſen, die aber raſch zurücktrat und ſie noch bläſſer als vorher er⸗ ſcheinen ließ. „Sie iſt unſchuldig,“ dachte Emmeline,„ſie liebt ihn, St. Eval muß ſich ſchlecht gegen ſie benommen haben, und — NM* —— 133 doch ſah er aus, als wenn mehr gegen ihn geſündigt worden wäre, als daß er geſündigt hätte.“ „Heute! er reiſt heute ab!“ ſagte endlich Karoline, in⸗ dem ſie, wie es ſchien, nur mit Anſtrengung ſprach und ſich abwandte, um den Blick ihrer Schweſter zu vermeiden. „In wenig mehr als einer Stunde. Aber es thut mir leid, daß ich es Dir geſagt habe, liebe Karoline, wenn die Nachricht Dich ſchmerzlich berührt hat.“ „Mich ſchmerzlich berührt,“ wiederholte ihre Schweſter, deren Hochmuth zurückkehrte,„was willſt Du damit ſagen, Emmeline? Lord St. Eval gilt mir nichts.“ „Nichts?“ wiederholte das erſtaunte Mädchen.„Karo⸗ line, Du biſt unbegreiflich. Warum behandelteſt Du ihn denn mit ſo ſichtbarer Aufmerkſamkeit, wenn Du Dir nichts aus ihm machteſt?“ „Aus einem ſehr einfachen Grunde: weil es mir Ver⸗ gnügen machte zu beweiſen, daß es in meiner Macht ſtand, Etwas durchzuſetzen, was andere Mädchen vergebens ver⸗ ſucht hatten, den ſtolzen Lord St. Eval zu zwingen, ſich vor dem Willen eines Mädchens zu beugen.“ Ihr Stolz war zurückgekehrt. Sie freute ſich ihres Sieges, ihre Augen leuchteten und ihre Wange röthete ſich wieder, aber in Folge eines anderen Gefühles als das fie vorher bewegt hatte. „Willſt Du damit ſagen, daß Du ihn nie geliebt, und daß Du blos zu Deinem Vergnügen mit ſeinen Gefühlen geſpielt haſt? Karoline, das glaube ich nicht, Du haſt nicht ſo grauſam handeln können; Du liebſt ihn, aber Du willſt mich nicht zu Deiner Vertrauten machen. Ich verlange nicht, daß Du mir Dein Vertrauen ſchenkeſt, wiewohl ich hoffte, daß ich Deine beſte Freundin wäre; aber ich bitte, ich beſchwöre Dich, Karoline, ſage mir nur, daß Du ſcherzeſt. Du liebſt ihn.“ „Du haſt Dich in Deinem Leben nicht ſo geirrt, Emme⸗ line. Ich habe ſeine Hand zurückgewieſen; wenn Du mein Vertrauen in dieſer Angelegenheit wünſcheſt, ſo ſchenke ich es Dir. Da er ein Liebling von Dir iſt, ſo zweifle ich nicht, daß Du ſein Geheimniß nicht ausplaudern wirſt. Ich hätte 134 Gräfin St. Eval werden können, aber mein Zweck war er⸗ reicht, und ich gab meinem getreuen Ritter einen Korb. „Und Du wagſt es, über eine ſolche Sache zu ſcher⸗ zen?“ rief Emmeline entrüſtet aus.„Iſt es möglich, daß Du ſo leichtfinnig gehandelt, mit den Gefühlen eines Man⸗ nes, wie St. Eval, geſpielt, über ſeinen Schmerz gelacht, ſeine Liebe auf Dich gezogen haben kannſt, um Deine Herrſch⸗ ſucht zu befriedigen! Karoline, ſchäme Dich.“ „Ich bin nicht gewohnt, mich über Recht oder Unrecht von einer jüngeren Schweſter ſchulmeiſtern zu laſſen, auch will ich es jetzt nicht thun, Emmeline. Ich kümmere mich nicht um Dein Benehmen, und deshalb wirſt Du daſſelbe gefäl⸗ ligſt mit mir thun, ich bin Dir nicht für meine Handlungen verantwortlich,“ erwiderte Karoline kalt und ſtolz. „Aber ich will ſprechen, wenn ich weiß, daß Du gegen die Grundſätze gehandelt haſt, die uns Mama einzuflößen geſucht hatte,“ erwiderte Emmeline immer noch entrüſtet, „und ich habe nichts dagegen, wenn Du Dich mit mir ſtreiten willſt. Ich bin nicht mehr ſo ſchwach wie ſonſt, und fürchte mich nicht, meine Gedanken auszuſprechen, ſelbſt wenn ich Recht hatte. Du haſt ſchändlich, grauſam gehandelt, Ka⸗ roline, und ich will Dir ſagen was ich denke, ſo böſe es Dich machen mag.“ 3 Eine hochmüthige verächtliche Antwort ſtieg auf Karo⸗ linens Lippen, aber ſie wurde abgehalten derſelben Ausdruck zu geben, da Martyn, die Kammerjungfer ihrer Mutter eintrat, und von ihrer Herrin den Befehl überbrachte, daß Miß Hamilton ſie in ihrem Boudoir beſuchen ſollte. „Wie ärgerlich,“ rief ſie aus,„ich erwarte jede Minute, daß Annie mich beſucht, und Mama wird mich vielleicht eine halbe Stunde aufhalten,“ und höchſt ungern gehorchte ſie dem Befehle. „Annie,“ wiederholte Emmeline, als ihre Schweſter das Zimmer verlaſſen hatte;„Annie, das iſt ihr Werk. Wenn nicht meine Schweſter ſo vertraut mit ihr geweſen wäre, würde ſie nie ſo gehandelt haben;“ und das gute Mädchen war über die Beſtätigung ihrer Befürchtungen ſo 135 geſtört, daß es einige Zeit dauerte, ehe ſie ihre Heiterkeit ſo weit wieder gewinnen konnte, um Ellen bei der Verpackung für die Wittwe behülflich zu ſein. Mrs. Langford hatte während der Abweſenheit der Fa⸗ milie die Oberaufſicht über Dakwood, und Mrs. Hamilton, die ſich einiger Angelegenheiten bezüglich der Dorfſchulen erinnert hatte, welchen die Wittwe ihre Aufmerkſamkeit zu⸗ wenden ſollte, ſchrieb ſo eben ihre Anweiſungen, als Karo⸗ line eintrat, zum großen Aerger der Letzteren, da das Ge⸗ ſchäft ihrer Mutter mit ihr auf ſolche Weiſe verzögert wer⸗ den würde, und jede Minute kam die Zeit näher, wo ſich Annie angemeldet hatte. Sie konnte ihre Ungeduld kaum verbergen, und wagte es, ihre Mutter zu bitten, ihr zu ſagen was ſie wünſchte. „Auf einige Zeit Deine Aufmerkſamkeit, Karoline,. erwiderte ſie ſo kalt, daß ihre Tochter ſogleich fühlte, daß Etwas nicht recht ſei, wiewohl ſie nicht errieth, was, denn ſie wußte nicht, daß St. Eval die Erlaubniß ihrer Eltern zu ſeiner Bewerbung erhalten hatte, und ſie konnte ſich nicht denken, daß er etwas mit dem Unwillen zu ſchaffen haben könne, den ſie ſo deutlich ausgeprägt ſah. „Du wirſt gefälligſt warten, bis ich mit Schreiben fer⸗ tig bin, da ſich dies nicht verſchieben läßt. Lord St. Eval verläßt die Stadt in ſehr kurzer Zeit, und ich ſchicke dieſen Brief mit ihm ab.“ „Lord St. Eval,“ dachte Karoline und wurde plötzlich unruhig,„Mama und Papa wiſſen doch gewiß nichts von ſeinen Antrage.“ Einige Minuten verfloſſen in tiefer Stille, die durch den Klang von Wagenrädern unterbrochen wurde, welche an der Thür anhielten, und Robert trat faſt unmittelbar nachher ein, überbrachte Miß Graham's Empfehlungen, ſagte, daß ſie nicht eine Minute warten könne, und ſprach die Hoffnung aus, daß Miß Hamilton fertig ſei. „Miß Graham?“ wiederholte Mrs. Hamilton in einem Tone des Erſtaunens, ehe Karoline Zeit hatte zu antworten. „Karoline, warum haſt Du mir von dieſer Verabredung 136 nichts geſagt? Du machſt gewöhnlich keine Beſtellungen, ohne mich wenigſtens zu fragen, wenn Du es auch nicht mehr für nothwendig hältſt, mich um Erlaubniß zu bitten. Wo willſt Du mit Annie hin?“ „Nach Orford Streat, glaube ich,“ antwortete ſie, unbe⸗ kümmert, ihre ſteigende Entrüſtung über dieſe Einmiſchung ihrer Mutter zu verbergen. „Wenn Du dort etwas brauchſt, kannſt Du gelegent⸗ lich mit mir hinfahren. Robert, meine Empfehlung an Miß Graham, und ſagen Sie ihr in meinem Auftrage, Miß Hamilton ſei gerade mit mir beſchäftigt und könne deshalb ihr Verſprechen heute nicht halten; kommen Sie hierher zurück, ſobald Sie meinen Auftrag ausgerichtet haben.“ „Mutter!“ entſchlüpfte es Karolinens Lippen in einem Tone unbeſiegbaren Zornes, ſobald der Diener das Zimmer verlaſſen hatte; aber mit großer Mühe hielt ſie an ſich und eilte raſch an das Fenſter. Ein Ausdruck außerordentlichen Schmerzes flog über die Züge ihrer Mutter, als ſie nach ihr hin ſah, aber ſie achtete nicht weiter auf Karolinen, bis Robert zurückgekehrt war und ſich mit ihrem Briefe wieder entfernt hatte, den er Emmelinen zum Fortſchicken mit dem ihrigen übergeben ſollte. „Karoline,“ ſagte ſie dann mit Würde, doch vielleicht weniger kalt als vorher,„wenn Du mir kurze Zeit Deine Aufmerkſamkeit ſchenken willſt, ſo wirſt Du die Urſache mei⸗ nes Unwillens erfahren, der Dir vielleicht gegenwärtig un⸗ begreiflich iſt, wenn Dir nicht bereits Dein eigenes Gewiſſen Vorwürfe gemacht hat; aber ehe ich mit irgend etwas An⸗ derem anfange, muß ich Dich bitten, keine weiteren Beſtel⸗ lungen mit Miß Graham ohne meine Erlaubniß zu treffen. Es iſt nicht das erſte Mal, daß Du es gethan haſt; ich habe früher nicht darauf geachtet, weil ich dachte, daß Dein eige⸗ ner Verſtand Dir ſagen würde, daß Du unrecht und gegen die Grundſätze der Offenheit handelteſt, die ich bei Dir vor⸗ ausſetzte.“ 137 „Du warſt immer gegen Annie eingenommen,“ ant⸗ wortete Karoline mit geſteigertem Aerger, denn ſie war ent⸗ ſchloſſen nicht ſtumm zu bleiben, wenn ihre Mutter ſpräche, koſte es was es wolle. „Ich ſpreche nicht von Annie, ſondern von Dir, Karo— line; die Veränderung in Deinem Benehmen, ſeit Du ſo vertraut mit ihr geworden biſt, würde allerdings mein Vor⸗ urtheil rechtfertigen, aber dabei halte ich mich gegenwärtig nicht auf. Ich betrachte Miß Maliſon nicht als eine ge⸗ eignete Beſchützerin meiner Tochter, und deshalb wünſche ich, daß Du ſie nicht wieder auf ihren Ausfahrten begleiteſt.“ „Jedes andere Mädchen meines Standes hat das Recht, wenigſtens ihre Freundinnen ohne Bekrittelung wählen zu dürfen,“ erwiderte Karoline entrüſtet,„und es iſt hart, daß ich in dem Verlangen, ohne Einmiſchung eine Verabredung treffen zu dürfen, allein eine Ausnahme machen ſoll.“ „Wenn Du Dich in dem Kreiſe umſiehſt, Karoline, in dem ich freundſchaftliche Beſuche mache, ſo wirſt Du finden, daß, handelteſt Du nach Deinen eigenen Wünſchen, Du mehr allein ſtehen würdeſt, als wenn Du auf die meinen Rückſicht nähmeſt. Ich habe Unrecht gethan, Dich ſo ver⸗ traut mit Miß Graham werden zu laſſen. Du ſahſt über⸗ raſcht und aufgebracht aus, als ich erwähnte, daß in Deinem Benehmen eine Veränderung vor ſich gegangen ſei.“ „Ich hatte Grund genug zum Erſtaunen,“ erwiderte Karoline ungeduldig,„ich wußte nicht, daß ich einen ſo ſchwachen Charakter habe, der ſich mit jeder neuen Bekannt⸗ ſchaft verändert.“ „Biſt Du alſo noch daſſelbe Mädchen, das Du in Oak⸗ wood warſt?“ fragte Mrs. Hamilton ernſt, doch traurig. Ein plötzlicher Gewiſſensſtich fuhr dem verirrten Mäd⸗ chen bei dieſen Worten durch das Herz, ein Seufzer ſchnürte ihr die Kehle zuſammen, und ſie hätte am liebſten ſich in Thränen Luft gemacht, die Stolz, Zorn und Reue hervor⸗ riefen, aber ſie that es nicht, und ſie antwortete nach den böſen Eingebungen, denen ſie ſich vorher nur in Geheimen überlaſſen hatte. 138 „Wenn ich mich geändert habe,“ antwortete ſie leiden⸗ ſchaftlich,„ſo liegt der Grund darin, weil Ihr, Du und Papa, nicht mehr dieſelben ſeid. In Oakwood war ich frei, ich hatte volle Freiheit zu ſprechen, zu denken und zu handeln, wie ich wollte, während hier eine Kette um meine einfachſte Handlung gezogen iſt, meine Worte in Waffen gegen mich gekehrt werden, meine Freundſchaft mißbilligt wird, und darin wenigſtens müßte ich gewiß die Freiheit haben, für mich ſelbſt zu wählen.“ „Die haſt Du,“ erwiderte Mrs. Hamilton mild,„ich klage nicht über den Schmerz, den Du mir bereitet haſt, daß Du mir ſo vollſtändig Dein Vertrauen und Deine Freund⸗ ſchaft entzogen, um ſie auf ein junges Mädchen zu übertra⸗ gen. Ich lege Deinen Neigungen keine Grenzen an, aber es iſt meine Pflicht, und ich will ihr Folge leiſten, Dich zu warnen, wenn ich ſehe, daß Deine liebſte Freundin Dich irre führt. Wäre jeder Deiner Gedanken und jedes Deiner Ge⸗ fühle mir ſo bekannt geweſen, wie zu Oakwood, würdeſt Du dann mit dem heiligſten Gefühle eines Mitmenſchen ſo ge⸗ ſpielt haben? Würdeſt Du durch alle mögliche Künſte, durch ſichtliche Bevorzugung Liebe geweckt haben, um ſie, als ſie Dir geſtanden wurde, mit Hohn, mit unverhülltem Triumph zurück zu weiſen? Würdeſt Du ſo mit einem Herzen geſpielt haben, deſſen Zuneigung der Begünſtigten, der ſie zu Theil wurde, Ehre machte? Würdeſt Du auf dieſe Weiſe alle Unſchuld und Ehrenhaftigkeit, die ich bei Dir vorausſetzte, bei Seite geſetzt haben? Karoline, Du haſt Deine Eltern getäuſcht und betrogen, Du haſt ihre zärtlichſten Hoffnungen vergiftet und ſündlich den Frieden eines edlen, tugendhaften, vortrefflichen jungen Mannes ge⸗ ſtört, der Dich mit der ganzen Gluth einer enthufiaſtiſchen Seele liebte. Er würde alle unſere Wünſche, alle unſere Hoffnungen erfüllt haben, hätten wir in ihm Deinen Gatten geſehen; ich würde ſeiner Obhut Dein Glück vertraut haben, ohne daß ein Zweifel in mir aufgeſtiegen wäre, und Du haſt ſeinen Antrag zurückgewieſen, ihn ohne Grund, ohne Be⸗ dauern, ohne Mitleid für ſeine verwundeten und getäuſchten 139 Gefühle, ohne ihm Hoffnung zu geben, daß ſeine Liebe mit der Zeit erwidert werden könnte, zurückgewieſen. Karoline, warum haſt Du ſeinen Antrag ſo entſchieden abgelehnt? Was ſiehſt Du in dem jungen Manne, was Dich für Dein künftiges Glück fürchten laſſen könnte?“ Karoline antwortete nicht. Sie hatte ihre Arme auf das Sophakiſſen geſtützt und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, während ihre Mutter ſprach, und Mrs. Hamilton wartete vergebens auf eine Erwiderung. „Karoline,“ fuhr ſie in einem Tone ſo flehender Liebe fort, daß es ſeltſam ſchien, daß er nicht das Herz ihres Kin⸗ des kührte,„Karoline, ich will mich nicht in Dein Ver⸗ trauen eindrängen, aber eine Frage muß ich an Dich thun, und ich bitte Dich, ſie mir der Wahrheit gemäß zu beant⸗ worten— liebſt Du einen Andern?“ Karoline ſprach immer noch nicht und rührte ſich nicht; ihre Mutter fuhr fort: „Wenn das der Fall iſt, warum ſollteſt Du es vor mir, Deiner Mutter verbergen, Karoline? Du glaubſt, daß mein Benehmen gegen Dich ein anderes geworden, aber Du haſt mich ohne Beweis verurtheilt; Du haſt Dich meiner Theilnahme entzogen, haſt meine Liebe geflohen, verſuche es nur mit mir, mein liebes Kind, wenn Du einen Anderen liebſt, geſtehe es, und wir wollen Alles thun, was in unſern Kräften ſteht um, dieſe Liebe glücklich zu machen. Wenn ſie erwidert wird, warum ſollteſt Du ſie verbergen, und wird ſie es nicht, Karoline, wirſt Du dann ſelbſt den kleinen Troſt zurückweiſen, den Deine Mutter Dir bieten kann?“ Sie ſprach umſonſt, aber hätte ſie in dieſem Augenblicke in dem Herzen ihrer Tochter leſen können, die mütterliche Liebe würde nicht ſo tief gekränkt worden ſein, wie durch dieſes unerklärliche Stillſchweigen. Reue, innige, wiewohl unnütze Reue, war Karolinens Loos geweſen von dem Augenblicke an, als ſie ruhig über ihre Zurückweiſung St. Eval's nachgedacht hatte; ſie erinnerte ſich jedes ſeiner Worte, ſeiner Blicke voll glühender Bewunderung, und ſie weinte über die Verblendung, die ſie ſo hatte handeln laſſen; 3 ₰ und dann traf ſie auch ſein Blick unterdrückter Verachtung tief ins Herz. Er wollte vielleicht nicht, daß ihr ſein Blick ſo deutlich ſagen ſollte, daß ſie in ſeiner Achtung geſunken ſei, ſie verſtand denſelben auch im erſten Augenblicke nicht, wohl aber, als ſie ſich ſeiner in der Einſamkeit erinnerte und fühlte, daß ſie ihn verdiente. Vergebens ſuchte ſie in dieſen Augenblicken das Bild Lord Alphingham's, ſeine Liebes⸗ worte, ſeine Blicke noch glühenderer Leidenſchaft in ſich wach zu rufen, es kam nicht, um das St. Eval's zu verdrängen; und wenn Karoline nicht immer noch von dem Einfluſſe und den Gründen Annie's verblendet geweſen wäre und ihrem eigenen Verſtande eine halbe Stunde die unbeſchränkte Herrſchaft überlaſſen hätte, würde ſie gefunden haben, daß wenn ſich die Liebe im Geheimen und ungeahnt in ihr Herz geſchlichen hatte, es nicht die Liebe zu Lord Alphingham war. Hätte ſie ihn wirklich geliebt, ſie würde der zärt⸗ lichen Bitte ihrer Mutter nicht haben widerſtehen kön⸗ nen, aber in Worten alle die verirrten und unerklärlichen Empfindungen auszuſprechen, die damals ihr Herz erfüllten, das war ihr unmöglich. Sie blieb einige Minuten ſtumm, und Mrs. Hamilton fühlte ſich zu tief gekränkt und ent⸗ täuſcht, um weiter zu ſprechen. Ihre Tochter hatte an die⸗ ſem Morgen mit ihr geſprochen, wie ſelten, ſelbſt in ihrer Kindheit; damals konnte ihre Mutter auf die Jahre der Vernunft und der Reife hoffen, um dieſe Fehler ablegen zu ſehen, nun waren noch andere dazu gekommen, und wenn ihr Anſehen einmal ſo gänzlich untergraben war, konnte ſie erwarten, jemals wieder ſo viel Einfluß zu gewinnen, um ſie auf den rechten Weg zu führen? Selten hatte ihr Karo⸗ linens Benehmen ſo großen Schmerz bereitet, als bei den Enthüllungen und Ereigniſſen dieſes Morgens. „Iſt es unbedingt nothwendig,“ fragte Karoline end⸗ lich, indem ſie, wie oft ihre Tante Eleanor gethan hatte, ihren Stolz zu Hülfe rief, um die Stimme des Gewiſſens zu übertäuben,„daß ich einen anderen lieben muß, weil ich Lord St. Eval zurückgewieſen habe? Bei einem ſo wich⸗ tigen Schritte wie die Ehe, ſollte ich meinen, müßten meine S 141 eigenen Neigungen zuerſt zu Rathe gezogen werden; es wäre in der That ſeltſam, wenn nach alledem, was ich Dich gegen⸗ den Zwang junger Mädchen zum Heirathen habe ſagen hören, Dein Kind gezwungen werden ſollte, den erſten Antrag an⸗ zunehmen, der ihm geſtellt wurde.“ „Du thuſt mir Unrecht, Karoline,“ erwiderte ihre Mutter, indem ſie ihren natürlichen Unwillen gewaltſam unterdrückte,„St. Eval würde eine Braut wider Willen nicht nehmen, noch würden Deine Eltern nach dem, was ſich zugetragen hat, Dich für würdig halten ſeine Gattin zu werden.“ „Dann möge dieſes Muſter der Votrefflichkeit recht lange wegbleiben,“ erwiderte Karoline, und Hochmuth und Entrüſtung malten ſich in allen ihren Zügen;„ich wünſche nie wieder mit einem Manne zuſammen zu kommen, neben dem ich ſelbſt von meinen Eltern für ſo unwürdig gehalten werde.“ „Diejenigen, die Dich am meiſten lieben, Karoline, ſind immer die Erſten, die Deine Fehler ſehen und beklagen. Haſt Du ehrenhaft gehandelt? haſt Du Dich würdig benom⸗ men, indem Du blos Liebe erweckt, um Schmerz zu bereiten, um Dir ein Vergnügen zu machen und Deiner Herrſchſucht zu ſchmeicheln?“ „Ich habe nur daſſelbe gethan, was andere Mädchen ungeſtraft und ſelbſt ohne Tadel thun; und was ſo allge⸗ mein geſchieht, kann nicht ſo ſtrengen Tadel verdienen, wie Du willſt.“ „Und deshalb möchteſt Du die Gewohnheit zu eine Entſchuldigung der Sünde machen, Karoline? Würdeſt Du ſo vor ein paar Monaten geſprochen haben; würdeſt Du die Richtigkeit der Urtheile Deiner Mutter in Zweifel gezo⸗ gen haben? Und dennoch ſagſt Du, daß Du Dich nicht geändert haſt. Iſt es eine Entſchuldigung für ein Unrecht, weil es auch Andere begehen? Wäreſt Du anders erzogen worden, ſo möchte es ſein, aber ſo habe ich Dich von früh⸗ ſter Jugend an von der Sündhaftigkeit der Koketterie zu überzeugen geſucht, zu der Du von Kindheit auf ſo geneigt wareſt. Du haſt ſündlicher gehandelt als Viele, deren Ko⸗ 142 ketterie allgemeinerer Art iſt. Du widmeteſt Dich Einem allein, ermuthigteſt ihn, ſchmeichelteſt ihm, weil Du ſaheſt, daß er bereits von Dir angezogen war, anſtatt Dich ſo fern zu halten, daß er ſogleich geſehen haben würde, Du fühlteſt nicht mehr für ihn als für einen Freund; Du würdeſt künf⸗ tigen Leiden vorgebeugt haben, indem Du von vorn herein alle geheimen Hoffnungen verſcheucht hätteſt; aber nein, Du wollteſt beweiſen, daß Du mehr leiſten könnteſt als Andere, indem Du einen ſo zurückhaltenden und hochſtehenden Mann wie St. Eval zu Deinem Gefangenen machteſt. Unterbrich mich nicht durch Dein Leugnen, Karoline, denn Du kannſt nicht mit Ueberlegung ſagen, daß dies Dein Grund nicht war. Jene edle Unſchuld, die ich ſo lange für Dein Eigen⸗ thum gehalten habe, haſt Du aus Deinem Herzen verbannt; Dein ganzes Benehmen gegen St. Eval war eine fortge⸗ ſetzte Lüge, und biſt Du dann würdig mit einem Manne ver⸗ einigt zu werden, der die Wahrheit, die Ehrenhaftigkeit, der Edelmuth ſelbſt iſt? Hätteſt Du einen Andern geliebt, ſo würde ſich Deine Zurückweiſung dieſes jungen Mannes haben entſchuldigen laſſen, aber nicht Dein Benehmen gegen ihn, denn dafür läßt ſich nicht ein einziger guter Grund zur Entſchuldigung anführen. Ich ſpreche ſtreng, Karoline, und vielleicht wird mir jedes meiner Worte Dein Vertrauen und Deine Liebe noch mehr eutfremden, aber meine Pflicht will ich thun, mag es auch Dir und mir noch ſo ſchmerzlich ſein; ich kann nicht gleichgültig über einen Gegenſtand ſpre⸗ chen, bei dem der künftige Charakter und die Wohlfahrt meines Kindes ins Spiel kommen, ich kann nicht länger auf Deine Unſchuld vertrauen. Trotz der Veränderung in Deinem Benehmen und Deinen Gefühlen gegen mich vertraute ich immer noch auf Deine unbeſcholtene Ehrenhaftigkeit; das kann ich jetzt nicht mehr. Du haſt mein Vertrauen ver⸗ wirkt, Karoline, und erſt wenn ich eine völlige Veränderung in Deinem Benehmen bemerke, kannſt Du es je wieder zu erlangen hoffen. Das wird Dich vielleicht nicht grämen, wie es ſonſt geſchehen ſein würde, aber wenn ſich Dein Cha⸗ rakter nicht beſſert,“ fuhr ſie fort,„wird Dich das ernſte Miß⸗ — — 143 fallen Deines Vaters und Deiner Mutter treffen, und wir werden aller Wahrſcheinlichkeit nach Mittel finden, Dich von der Geſellſchaft entfernt zu halten, die ſo nachtheilig für die Reinheit Deines Charakters geweſen iſt. Mögen Andere handeln wie ſie wollen, Deine Pflicht iſt es, Dich nach den Grundſätzen Deiner Eltern und nicht nach denen Anderer zu richten, und deshalb verlange ich für die Zukunft, daß Du nach meinen Begriffen von Recht und Unrecht handelſt und nicht nach den irre führenden Geſetzen der Gewohnheit. Wenn Du die Aufregung und den Unmuth überwunden haben wirſt, den Dir meine Worte verurſachten, ſo wirſt Du vielleicht mit der Gerechtigkeit Deſſen, was ich geſagt habe, übereinſtimmen, eher erwarte ich es nicht; aber mag Dein Verſtand beiſtimmen oder nicht, ich verlange un⸗ bedingten Gehorſam. Wenn Du etwas vorhaſt, ſo ver⸗ laſſe mich, Karoline, ich will Dich nicht länger abhalten.“ Schweigend, zu eigenſinnig, um Hoffnung auf Reue oder Ueberzeugung ihres Verſtandes zu geben, hatte Karo⸗ line den Worten ihrer Mutter zugehört; ſie war allerdings ungewöhnlich ſtreng, aber ihr Benehmen vom Anfang der Zuſammenkunft an konnte den Unwillen nicht mindern, den ſie bereits empfand. Wir haben Mrs. Hamilton vom Be⸗ ginn ihres Lebens kennen gelernt, als ſie als ein Mädchen, nicht älter als Karoline ſelbſt, in die Welt eintrat, und wir müſſen bemerkt haben, welchen Abſcheu ſie vor der Sünde der Koketterie hegte. Die Erinnerung an Eleanor und all das Unglück, das ſie durch ihren Hang zu dieſem ſündlichen Fehler ſich zugezogen hatte, war noch zu lebhaft, und koſte es was es wolle, ſowohl ihr, als was ihr noch theurer war, ihrem Kinde, ſie wollte ihre Pflicht thun und ſie von dem Pfade des Böſen abzubringen ſuchen. Sie ſah, daß Karo⸗ line nicht in der Stimmung war, daß freundliche Worte und Zärtlichkeit Einfluß auf ſie übten, und deshalb ſprach ſie, wie wohl es ihrer Natur widerſtrebte, mit einiger Strenge und ihrer gewöhnlichen unwandelbaren Entſchie⸗ denheit. Sie konnte keine Verheißung der Reue oder Be⸗ ſchämung in dirſegomüthigen und finſteren Zügen leſen, — 144 aber ſie drang nicht weiter in ſie, denn es konnte ſie nur noch erbittern und ſie noch weiter von der Ueberzeugung abführen. Einige Minuten blieb Karoline in derſelben Stellung; böſe Leidenſchaften verſchiedener Art ſammelten ſich plötzlich, um die Herrſchaft über dieſes von Natur ſo edle Herz zu gewin⸗ nen, und hielten ſie von jeder Aeußerung zurück, welche die Sorge ihrer Mutter beſchwichtigt haben würde; dann ſtand ſie raſch auf, ohne ein Wort zu ſagen, verließ plötzlich das Zimmer, und begab ſich nach dem ihrigen, wo ſie ſich in einem kurzen, aber leidenſchaftlichen Thränenſtrome Luft machte. Aber er kühlte nicht das Fieber ihres Gehirns, ihr ſtolzer Geiſt empörte ſich gegen die gerechte Strenge ihrer Mutter. „Geſcholten, bedroht zu werden, gehorchen zu ſollen wie ein Kind, welches Mädchen meines Alters würde das ruhig ertragen? Annie hatte Recht, wenn ſie ſagte, ich ſei eine Sklavin, die nicht nach eignem Willen handeln oder auch nur denken dürfe; mit Recht konnte ſie ſagen, daß keine an⸗ dere Mutter ſich gegen ihre Töchter benehme wie die meine; in gänzlicher Knechtſchaft gehalten, bedroht, von dem Schau⸗ platze, den ich ſo ſehr liebe, entfernt, wieder zu Hauſe be— graben zu werden, wenn ich mich nicht beſſere, iſt es da ein Wunder, daß ich mich geändert habe? Iſt es da auffallend, daß ich nicht mehr für Mama fühle wie ſonſt? und ſelbſt Emmeline verurtheilt mich, zieht mich wegen meiner Hand⸗ lungen zur Rechenſchaft und macht mir meine Freundſchaft mit Annie zum Vorwurf; aber wenn ich ſie nicht mehr ſo oft ſehe wie ſonſt, ſo kann ich dem Himmel ſei Dank ſchrei— ben, und wenigſtens ſie wird mir ihre Theilnahme und Liebe nicht verſagen.“ Dies war der Inhalt ihrer geheimen Gedanken, und ſie folgte denſelben, indem ſie an ihre Freundin eine lange übertriebene Schilderung von den Ereigniſſen des Morgens ſchrieb und lange und entrüſtet ſich über die ſo genannte grauſame und ungerechte Strenge ihrer Mutter ausließ, und wie das in ſolchen vertraulichen Briefen gewöhnlich geſchieht, um Annie's Verſchwiegenheit und Theilnahme bat. 4 Der Brief wurde abgeſchickt und raſch in einer Weiſe be⸗ antwortet, die, wie ſich denken läßt, Karolinens Entrü⸗ ſtung gegen ihre Eltern ſteigern mußte, und ſie bat, ſich deſto feſter auf ihre falſche Freundin zu verlaſſen, die, wie ſie ſich ſelbſt glauben machte, faſt die einzige Perſon ſei, die ſich wahrhaft ihrer Intereſſen annehme. Tage verfloſſen, aber weder Mr. noch Mrs. Hamilton änderten ihr kaltes Benehmen gegen ihr Kind. Vielleicht fachte dieſes Benehmen das Feuer in der Bruſt des bereits aufgebrachten Mädchens noch mehr an, aber man konnte ihnen gewiß verzeihen, daß ſie ſo handelten. Karolinens Reiz⸗ barkeit ſteigerte ſich, und Annie's heimliche Briefe waren im⸗ mer bereit, ſie aufzuregen, ſtatt zu beſänftigen. Sie ſuchte die Aufmerkſamkeit ihrer Freundin von den harten Prüfungen abzulenken, die ſie zu ertragen hatte, und auf die Liebe, die Lord Alphingham für ſie empfand, hinzuweiſen, indem ſie ihr mittheilte, daß jede Zuſammenkunft ſie mehr und mehr in ihrem Glauben an ſeine leidenſchaftliche Bewun⸗ derung beſtärke. Der üble Einfluß, den Miß Graham's Briefe auf Karolinens Gemüth hatten, zeigte ſich in ihrem Benehmen gegen Lord Alphingham, wenn ſie ſich zufällig ſahen, nur wurde Karoline noch vorſichtiger als ſie geweſen war in ihrem Benehmen gegen ihn, wenn ihre Eltern zu⸗ gegen waren. Deren Benehmen hatte in ihrer aufgeregten und verwirrten Phantaſie Annie's Vorſtellung von ihrer ungerechten Strenge beſtätigt, und ſie würden, entrüſtet über ihre Zurückweiſung St. Eval's, ihre Einwilligung verweigern, wenn ſie die Huldigungen des Vicomts an⸗ nehmen wollte. Karoline dachte nicht daran, ſich zu fra⸗ gen, wie dann ihr Verhältniß zu ihm enden ſollte, ſie gab ſich nur, ſo viel ſie konnte, dem Genuſſe der Gegenwart hin, während die Kälte ihrer Eltern, trotz all ihres Stol⸗ zes und ihrer gerühmten Gleichgültigkeit, ſie immer noch quälte; und Annie hielt ſie zunächſt zurück, in die Zu⸗ kunft zu blicken. Miß Graham's Pläne ſchienen in der That zu glücken, und ſie hatte viele vertrauliche Unterhal⸗ tungen darüber mit Miß Maliſon, die immer ärgerlicher auf Der Lohn elner Mutter. 10 * 146 Mrs. Hamilton wurde, die ſich Lillas ſo ſehr annahm, trotz der Klatſchereien, die gefliſſentlich gegen ſie in Umlauf ge⸗ ſetzt wurden. Ihre Strenge und Bosheit ſchienen jedoch ihre eigenen Feinde werden zu ſollen, denn um dieſe Zeit fand eine gewiſſe Veränderung zum Glücke ihrer unter⸗ drückten Schülerin ſtatt, die ſie aus Mr. Graham's Familie zu verbannen drohte. Eines Morgens beſuchte Mrs. Hamilton in Begleitung Ellens Lady Helen zu einer früheren Stunde als gewöhn⸗ lich, aber ſie fanden, daß ihre Freundin unſichtbar war, da ein Unwohlſein ſie ungewöhnlich lang ans Bett feſſelte, Lady Helen ließ aber ihre Freundin bitten, das Haus nicht zu verlaſſen, ohne ſie geſehen zu haben, und Mrs. Hamil⸗ ton entſchloß ſich zu warten. Annie war mit Miß Mali⸗ ſon ausgegangen. „Kein Wunder, daß unſere Lilla in ihrem Wiſſen ſo wenig vorwärts kommt,“ bemerkte Mrs. Hamilton, als der Diener ihr dieſe Nachricht brachte;„wenn ſie ſo ſehr ver⸗ nachläſſigt wird, ſo hat ihr Vater kein Recht, große Fort⸗ ſchritte zu erwarten; ich wünſchte von Herzen, einen Plan erdenken zu können, der nicht nur das Glück dieſes armen Mädchens, ſondern auch ſchließlich das ihres Vaters för⸗ derte. Würden die Fehler, die gegenwärtig ihr Charakter zeigt, mit verſtändiger Hand entfernt, ſo bin ich überzeugt, daß Mr. Graham mehr Freude an ihr, als an ſeinen an⸗ deren Kindern haben würde.“ „Sie iſt immer ganz anders, wenn ſie bei uns iſt,“ bemerkte Ellen,„ich kann niemals die üblen Neigungen entdecken, deren ſie ſo Viele beſchuldigen; leidenſchaftlich iſt ſie, aber das ließe ſich überwinden.“ „Das iſt unmöglich, ſo lange Miß Maliſon bei ihr bleibt, denn ihre Behandlungsweiſe iſt der Art, daß das Uebel mit jedem Jahrr größer wird.“ Ein Ton, als wenn Jemand in dem Nebenzimmer heftig ſeufzte, unterbrach ihr Geſpräch. Da Mrs. Hamil⸗ ton dachte, daß es von dem Gegenſtande ihrer Unterhal⸗ tung herkäme, ſo öffnete ſie die Flügelthür und ſah ihre 147 junge Freundin auf dem Sopha, heftig, faſt krampfhaft weinen. Jeder Sorge, welcher Art ſie auch ſein mochte, leicht zugänglich, eilte Mrs. Hamilton von Ellen begleitet, auf ſie zu. „Was iſt vorgefallen, Lilla?“ ſagte ſie beſänftigend. „Was hat Dir ſo heftigen Kummer verurſacht, ſage es mir, liebes Kind, Du weißt, Du kannſt mir ohne Zaudern Deine Sorgen anvertrauen.“ Nicht daran gewöhnt, außer von dieſer einen lieben Freundin theilnehmende und freundliche Worte zu hören, ſchlang Lilla leidenſchaftlich ihre Arme um Mrs. Hamil⸗ ton's Hals und klammerte ſich einige Minuten an ſie, bis ihr Schluchzen ſie zum Sprechen kommen ließ. „Tante Auguſte ſagt, ich wäre ſo böſe, ſo ſehr böſe, daß Mama mich nicht länger zu Hauſe behalten ſollte, ich wäre keineswegs zu alt, um eine Schule zu beſuchen—, und Mama ſagt, ich ſolle fort, und— und—“ „Aber was veranlaßte Deine Tante, einen ſolchen Rath zu geben?“ fragte Mrs. Hamilton eifrig. „O! o! weil ich ſo boshaft war, ich konnte aber nicht anders ſein. Miß Maliſon hatte mich den ganzen Morgen gequält und geärgert, und dann that Annie was ſie konnte, um es vor Mama zu bringen, und ich ſagte ihr daher, was ich von ihr unnd ihrer liebenswürdigen Vertrauten hielte. Ich haſſe Beide,“ fuhr ſie mit einer Heftigkeit fort, die ſie ſelbſt in Mrs. Hamilton's Gegenwart nicht unterdrücken konnte,„und ich wünſchte von Herzen, ich brauchte ſie nicht mehr zu ſehen.“ „Wenn Du in Gegenwart Deiner Mutter ſo ſündliche Reden führteſt, wundere ich mich nicht, daß Deine Tante einen ſolchen Rath gab. Wie oft habe ich Dich gebeten, das Zimmer zu verlaſſen, wenn Deine Schweſter ſo un⸗ freundlich iſt, Dich zu ärgern, und ſo Deiner Mutter einen Beweis Deiner Rückſicht auf ihren Geſundheitszuſtand zu geben und Deine Schweſter zu überzeugen, daß, wenn Du ihre Worte nicht ruhig anhören, Du ihnen wenigſtens aus dem Wege gehen kannſt.“ — 148 „Mama achtet nie darauf, wenn ich mir auch noch ſo viel Mühe gebe, ihr zu gefallen. Wenn ſie mich nur bis⸗ weilen liebkoſte und lobte, ſo würde ich ein ganz anderes Mädchen ſein; dann würde ich Annie's grauſame Worte ertragen können; aber ich will, ich werde ſie mir nie gefal⸗ len laſſen, und weder ſie noch Miß Maliſon ſollen mich veherrſchen und meinen Geiſt feſſeln, wie ſie gern möchten. Niemand kann ſich denken, wie ich beſtändig von Beiden mißhandelt werde. Alles, was ich thue, jedes Wort, das ich ſpreche, wird ihren Zwecken gemäß umgedreht, und Mama glaubt Alles, was ſie ſagen; ſie ſollen eines Tages meine Macht fühlen, wenn ſie es am wenigſien erwarten, ich will mich nicht ſo unglücklich machen laſſen, ohne mich zu rächen.“ „Lilla, liebe Lilla!“ rief Ellen flehend aus,„ſprich nicht ſo, Du weißt nicht, was Du ſagſt, Du wirſt nicht Böſes mit Böſem vergelten, und ſogar Deiner Schweſter gegenüber; laſſe nicht Deinen Zorn, ſo gerecht er auch ſein mag, ſolche Herrſchaft über Dich gewinnen.“ „Annie behandelt mich nie wie eine Schweſter, und ich ſehe keinen Grund, warum ich ſolche Nachſicht gegen ſie üben ſoll; aber ich will Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, wenn Sie Papa zureden wollen, mich nicht aus dem Hauſe zu ſchicken. O, ſehen Sie mich nicht ſo ernſt und traurig an, liebſte Mrs. Hamilton,“ fuhr das leidenſchaft⸗ liche und irregeleitete, aber von Natur gute Kind fort,„ich kann Jedermanns Mißfallen ertragen, nur nicht das Ihrige; aber wenn Sie mich ſo mißfällig anſehen, fühle ich mich ganz unglücklich. Ich weiß, ich verdiene Ihre Güte nicht, denn ich folge niemals Ihrem guten Rathe, ich verdiente, daß Sie mich haßten, wie alle Anderen es thun, aber Sie wiſſen nicht, was ich Alles zu ertragen habez o, laſſen Sie es nicht zu, daß ich aus dem Hauſe muß.“ „Ich kann Deinem Vater nicht zureden, Dich zu Hauſe zu laſſen, mein liebes Mädchen,“ erwiderte Mrs. Hamilton, indem ſie das junge Mädchen an ſich drückte und mit be⸗ ruhigender Zärtlichkeit ſprach,„weil ich mit Deiner Tante * 6 149 darin übereinſtimme, daß es wirklich das Beſte für Dich ſein würde.“ „Dann habe ich alle Hoffnung verloren,“ rief das junge Mädchen aus und rang verzweifelnd die Hände. Papa würde nie eingewilligt haben, wenn Sie es ihm nicht gerathen hätten, und auch Sie müſſen mich für ſo ſchlecht halten, wie Tante Auguſte,“ und die Thränen, die ſie unterdrückt hatte, brachen aufs Neue heftig hervor. „Du mißverſtehſt mich, liebes Kind. Es geſchieht nicht, weil ich glaube, daß Du nicht im Stande wäreſt, mit Deinem häuslichen Kreiſe zu verkehren: wenn meine kleine Lilla nur gehörig unterſtützt würde, ſo würde ſie ihren Eltern viele Freude machen, und ich zweifle gar nicht, dies noch zu erleben; jetzt aber muß ich rathen, daß Du auf ein paar Jahr das elterliche Haus verläßt, weil ich wirklich glaube, daß es viel zu Deinem Glücke beitragen würde.“ „Zu meinem Glücke,“ wiederholte Lilla in einem Tone äußerſten Erſtaunens,“ die Schule ſoll mir Glück bringen 2. „Biſt Du zu Hauſe glücklich, mein liebes Kind? Iſt nicht Dein gegenwärtiges Leben eine beſtändige Kette von Elend? Was macht Dir den Gedanken an die Schule ſo widerwärtig?“ „Die Aufſicht, die Unterordnung, die langweilige Förm⸗ lichkeit der Unterrichtsſtunden, die affectirten Lehrerinnen, die ſatyriſchen Lehrer.“ Weder Mrs. Hamilton noch Ellen konnten ſich eines Lächelns enthalten. „Wenn dies Alles iſt, was Du fürchteſt, meine Liebe, ſo iſt mir nicht bange, daß Du bald darüber hinweg⸗ kommſt,“ ſagte die erſtere ſcherzend;„ich will Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um Deinen Vater zu über⸗ reden, daß er Dich nicht in ein großes modiſches Inſtitut ſendet, wo dergleichen der Fall ſein mag, aber ich kenne eine Dame, welche in Hampſtead wohnt, und unter deren freundlicher Leitung Du glücklich, viel glücklicher ſein wirſt, als Du es gegenwärtig biſt. Wenn Du nur ruhig darüber nachdenken wollteſt, Du würdeſt mit meiner Anſicht übereinſtimmen.“* 150 „Aber Niemand behandelt mich zu Hauſe wie ein ver⸗ nünftiges Weſen. Wenn Mama mich in eine Schule ſchickt, ſo geſchieht es nicht um meines Glückes willen, ſondern weil Jedermann mich für ſo böſe hält, daß man zu Hauſe nicht mit mir fertig werden kann; und in den Ferien werde ich dann nichts hören, als welche Wunder die Schulzucht bewirkt hat. Man wird an meine eigenen Anſtrengungen nicht glauben, und es wird mir daher kein Vergnügen machen, mich überhaupt anzuſtrengen.“ „Wird es Dir kein Vergnügen gewähren, Deinen Vater glücklich zu machen, Lilla? Wird ſein Beifall Dir nichts ſein?“ „Aber er lobt mich nie; ich fürchte mich zu ſehr vor ihm, als daß ich zu ihm gehen und ihn liebkoſen möchte, wie ich oft gern thun würde, und als daß ich ihm ſagen möchte, daß, wenn er mich nur ſeine liebe Lilla nennte, ich gut und ſanft ſein und Alles lernen wollte, was er wünſcht. Wenn ich ihn nur lieben dürfte, würde ich viel glücklicher ſein.“ Mrs. Hamilton dachte eben ſo, und innig bedauerte ſie ſein rauhes Weſen, welches ihn ſo vollſtändig der Liebe ſeines Kindes entfremdet hatte. Sie antwortete beſchwich⸗ tigend:„Aber Dein Vater liebt Dich wirklich, Lilla, wie⸗ wohl vielleicht Dein heftiges Weſen in der letzten Zeit es nicht hat dazu kommen laſſen, daß er Dir ſeine Liebe zeigte. Wenn Du um ſeinetwillen ſanft und liebenswürdig wer⸗ den und Deine Furcht vor ſeiner Strenge überwinden wollteſt, ſo glaube mir, meine liebe Lilla, daß Du ihn und Dich ſelbſt viel glücklicher machen würdeſt. Du ſagſt mir immer, daß Du mir Alles glaubſt, was ich Dir ſage. Wie wäre es, wenn Du meiner Verſicherung glaubteſt und den Verſuch machteſt, und wenn Du eine zweite Stimme für meine Anſicht brauchſt, ſo berufe ich mich auf Deine Freun⸗ din Ellen, welche die Wahrheit meiner Worte beſtätigen wird.“ Mrs. Hamilton ſprach in einem ſcherzhaften Tone, und Ellen antwortete in derſelben Weiſe. Lilla's leiden⸗ ſchaftliche Thränen hatten bei dieſer freundlichen Behand⸗ M W*— 151 lung zu fließen aufgehört, und in ſanfterer Stimmung antwortete ſie: „Aber ich kann nicht ſo werden, ſo lange Miß Maliſon etwas mit mir zu thun hat; ich kann ihre Behandlung nicht ruhig ertragen. Papa weiß nicht, was ich von ihr alles zu erdulden habe.“ „Eben deshalb wünſche ich ſo ſehnlich, daß Du mich Deinen Vater bitten läßt, Dich nach Hampſtead zu ſchicken,“ antwortete Mrs. Hamilton ruhig. „Aber dann wird Papa nicht glauben, daß ich um ſeinetwillen meine Fehler abzulegen ſuche; er wird ſagen, es ſei das Verdienſt der Schule, nicht meiner eigenen An⸗ ſtrengungen, und wenn ich fort muß, ſo werde ich Sie und das liebe Moorlands nicht wiederſehen, denn Mama und Papa werden dorthin gehen, während ich fort bin, fort von Allen, die ich liebe, und das würde mich nicht glücklich machen!“ Und indem ſich das wirklich gefühlvolle Mäd⸗ chen an Mrs. Hamilton anklammerte, brach ſie wieder in Thränen aus. „Was ſoll ich auf dieſe ſehr gewichtigen Einwürfe ant⸗ worten, meine liebe Lilla?“ erwiderte Mrs. Hamilton. „Erſtens ſoll Dein Vater erfahren, daß jeder Sieg, den Du errungen haſt, um ſeinetwillen errungen wurde; er ſoll nicht denken, daß Du zum Gehorſam gezwungen wur⸗ deſt. Zuweitens liegt Zwang nicht in der Art meiner Freundin, und da ich Mrs. Douglas ſehr genau kenne, ſo werde ich ſehr oft hinkommen und Dich beſuchen, wenn ich in der Stadt bin. Deine Sommerferien werden auch in dieſe Zeit fallen. Und endlich, wenn Dein Papa und Deine Mama nichts dagegen haben, ſollſt Du Moorlands alle Jahre ſehen, denn ich werde Mr. Graham bitten, Dich bei ſeinem jährlichen Weihnachtsbeſuche auf ſeinem Gute mitzubringen, und er wird mir hoffentlich die Erlaubniß nicht verweigern, Dich zurückzulaſſen und Dir zu geſtatten, die Winterferien bei mir und Ellen in Hakwood zuzubrin⸗ gen. Sind nun alle Einwürfe beſeitigt, oder hat meine hartnäckige Gegnerin noch andere anzuführen§2 Lilla anwortete nicht, ſondern ſie hob nur den Kopf von der Schulter ihrer Freundin, und indem ſie die verwil⸗ derten Locken ihres hellen Haares zurückwarf, blickte ſie ihr in das Geſicht, als wenn ſie mit Sorgen nichts mehr zu thun haben könnte. „O, ich wollte ein ganzes Jahr hintereinander in der Schule bleiben, wenn ich meine Ferien in Hakwood mit Ihnen, Ellen, Emmeline und all den Anderen zubringen dürfte,“ rief ſie mit einer Freude aus, die eben ſo wild und kindlich war als es ihre vorherige Aufregung geweſen. In dieſem Augenblicke trat Lady Helen ein, und nach⸗ dem ſie Mrs. Hamilton und Ellen mit matter Stimme be⸗ grüßt, ſagte ſie:„Um Himmelswillen, Lilla, gehfort, Deine Erſcheinung kann einen erſchrecken; ich würde mich Deiner ſchämen, wenn eine Freundin unerwartet hereinträte. Viel⸗ leicht wirſt Du es für gut finden, mir nun zu gehorchen, wo Mrs. Hamilton zugegen iſt; ſie weiß es nicht, welche Noth Du uns zu Hauſe machſt,“ fuhr ſie fort. Die Röthe der Aufregung zeigte ſich wieder auf Lilla's Wangen, aber Ellen erfaßte ihren Arm, bat ſie, fie zu be⸗ gleiten, und ſie verließen zuſammen das Zimmer, während Lady Helen ihre Freundin mit einer langen Erzählung von ihrem häuslichen Unglück, der Unverſchämtheit des oberen Geſindes, der Rückſichtsloſigkeit ihrer älteren und der furchtbaren Leidenſchaftlichkeit ihrer jüngeren Toch⸗ ter, ſelbſt der Gleichgültigkeit ihres Gatten gegen ſie unter⸗ hielt, trotz ihrer offenbar ſchwankenden Geſundheit; alle dieſe und ähnliche Kümmerniſſe ſchüttete ſie in das theil⸗ nehmende Ohr der Mrs. Hamilton aus, und ſie gaben einen immer deutlicheren Beweis von Lady Helens außer⸗ ordentlicher und immer zunehmender Geiſtes- und Charak⸗ terſchwäche. Wie groß war daher das Erſtaunen der trägen Mutter, als Mrs. Hamilton auf die Nothwendigkeit hinwies, ihr Kind in eine Schule zu ſchicken. Ohne Miß Maliſon eines Man⸗ gels an Urtheil zu beſchuldigen ſei ſie mit Lady Auguſte Denham's Worten völlig einverſtanden, und zweifle nicht, 153 S —— daß eine mehrjährige Entfernung aus dem elterlichen Hauſe auf Lilla's Charakter den beſten Einfluß üben würde. Der Rath der Lady Auguſte war bloß in ihrem Gedächt⸗ niß geblieben, ſo lange die Dame gegenwärtig war, da aber derſelbe nun von den Vorſtellungen der Mrs. Hamilton unterſtützt wurde, ſo beſchloß ſie, ſich ſoweit aufzuraffen, um denſelben in Ausführung zu bringen, wenn ihr Gatte ein⸗ willigte. Aber ſeine Zuſtimmung zu erhalten, das war eine zu furchtbare Aufgabe für ihre Nerven, und ſie bat Mrs. Hamilton, mit ihm darüber zu ſprechen. Gern willigte dieſe ein, nur bat ſie Lady Helen, ihre Abſichten weder Annie, noch Miß Maliſon mitzutheilen, bis ihr Gatte zu Rathe gezogen worden ſei; und darein willigte Lady Helen mit Vergnügen, denn in Geheimen fürchtete ſie Miß Maliſon's Klagen und Vorwürfe, wenn ſie von dem Arangement et⸗ was erführe. Als Mr. Graham in Folge einer Einladung der Mrs. Hamilton ſie am folgenden Morgen beſuchte und den Grund der Einladung hörte, war ſein Erſtaunen faſt ſo groß wie das ſeiner Gattin. Er kannte ihren Widerwillen gegen die Sitte, Mädchen in ein Inſtitut zu ſchicken, ſo allgemein ſie auch war, und faſt entſetzt fragte er, ob ſie dieſen Vorſchlag machte, weil die Bösartigkeit ſeines Kin⸗ des ein ſo verzweifeltes Mittel erforderte. Es war leicht ihm zu beweiſen, daß dies durchaus nicht ihre Anſicht ſei; ſie ſprach offener über den Charakter Lilla's als ſie es ſonſt gethan hatte, denn ſie dachte, ihre langjährige Freundſchaft verlangte ihrerſeits Freimuth, und jedes Jahr ſteigerte ihren innigen Wunſch, Vater und Kind einander näher zu bringen. Sie bemäntelte nicht ihre Fehler, aber ſie be⸗ wies, daß ſie durch den beſtändigen Widerſpruch, dem ſie begegnete, geſteigert würden; ſie erzählte Alles, was am geſtrigen Tage zwiſchen ihnen vorgegangen war, und ver⸗ urtheilte unbewußt und vorſichtig Graham's außerordent⸗ liche Strenge, indem ſie faſt wörtlich Lilla's einfachen Wunſch wiedergab, daß ihr Vater ihr geſtatten möchte, ihn zu lieben. 154 Sie erreichte ihren Zweck. Der erweichte und aufge⸗ regte Vater verurtheilte ſich ſelbſt, als ſie fortfuhr und bat ſie dringend, ihm einen weiteren Beweis ihrer Freundſchaft zu geben, indem ſie ihm eine Dame empfehle, unter deren Obhut er mit Sicherheit ſein verirrtes, doch von Natur edles und warmherziges Kind ſtellen könne. Ein gewöhn⸗ liches Inſtitut würde ihr nach ſeiner Ueberzeugung mehr ſchaden als nützen, und er hörte daher theilnehmend der Schilderung zu, die Mrs. Hamilton von Mrs. Douglas gab. Die Wittwe eines Marineoffiziers, hatte ſie ſeit mehreren Jahren zehn junge Mädchen aus den höchſten Ständen erzogen, und ſie nannte eins oder zwei, die ihre Zöglinge geweſen waren und deren geiſtige Begabung Graham kannte. „Laſſen Sie ſich nicht ſo ganz von mir in einer ſo wichtigen Angelegenheit leiten,“ ſagte ſie, nachdem ſie die Familien aufgezählt, deren Töchter dort geweſen waren, „fragen Sie Alle, die Mrs. Douglas kennen, und machen Sie derſelben einen Beſuch, ehe Sie ſich entſcheiden. Daß ich eine ſehr hohe Meinung von ihr habe, iſt gewiß, aber es würde mir leid thun, wenn Sie Lilla blos auf meinen Rath zu ihr brächten, während Sie aller Wahrſcheinlichkeit nach,“ fügte ſie lächelnd hinzu,„Lady Helens ganze Familie gegen den Vorſchlag finden werden.“ „Da ſie mich niemals recht berathen hat, wenn ſie ſich in meine Kindererziehung miſchte, ſo iſt ihre Zuſtimmung oder ihre Mißbilligung von geringem Gewicht für meinen Entſchluß,“ antwortete Graham.„Sie haben das Gefühl der Pflicht in mir geweckt, Mrs. Hamilton, und ich kann Ihnen dafür nicht dankbar genug ſein. Mit zu großem Ver⸗ trauen auf die Anſichten Anderer, habe ich die vielen Er— zählungen geglaubt, die mir in Betreff meines armen Kin⸗ des überbracht wurden, und nun ſehe ich, daß ihre Fehler hauptſächlich durch falſche Behandlung veranlaßt worden ſind. Ich dachte ſonſt, ich könnte mich nie von einer Toch⸗ ter trennen, um ſie in ein Inſtitut zu ſchicken, aber nun ſehe ich, daß es eine Wohlthat für ſie ſein wird, es zu thun, 155 und ſo ſehr es mich ſchmerzen wird, ſo werde ich Ihren Rath befolgen, da ich nun weiß, daß ich mit der Zeit ihre Liebe gewinnen kann.“ „Sie müſſen auch einwilligen, in einer Ferienzeit von ihr getrennt zu bleiben,“ erwiderte Mrs. Hamilton ſcher⸗ zend.„Ich habe verſprochen, in Erwiderung auf ihren ge⸗ wichtigen Einwand, daß ſie Moorlands nicht wieder ſehen werde, Ihnen zuzureden, ſie die Weihnachtsferien in Oak⸗ wood zubringen zu laſſen. Sie müſſen Ihre Einwilligung geben, ſonſt werde ich Lilla mit Gewalt von Mrs. Douglas entführen.“ „Sehr gern, und meinen herzlichſten Dank,“ erwiderte Mr. Graham. „Und Sie werden mir verſprechen, ſich von ihr lieben zu laſſen, um mich ihrer eigenen Worte zu bedienen, ehe ſie Sie verläßt; Sie werden ſie nicht durch die kalte Strenge zurückſchrecken, die Sie ihr häufig zeigen, und werden ihr beweiſen, daß Sie ſo viel Antheil an ihr nehmen, um ſie deſtomehr zu lieben, je größere Anſtrengungen ſie macht.“ „Das verſpreche ich mit Hand und Mund, meine liebe Freundin.“ „Dann bin ich zufrieden,“ erwiderte Mrs. Hamilton, und ihr Geſicht glühte von wohlwollender Freude.„Es wird mir hoffentlich gelingen, meine kleine Lilla eines Ta⸗ ges glücklich zu machen und ſo zur Freude ihrer Eltern etwas beizutragen. Wir ſind alte Freunde, Mr. Graham,“ fügte ſie hinzu,„und deshalb zandere ich nicht zu geſtehen, welches Vergnügen Sie mir gemacht haben, indem Sie mir verſprachen, meinen Rath in Ueberlegung zu ziehen. Ich fürchtete anfänglich, daß Sie meine Einmiſchung mißbilli⸗ gen und meinen Rath für ungehörig und überflüſſig halten würden. Ich habe Lilla von der Nothwendigkeit einer zeitweiligen Entfernung aus dem väterlichen Hauſe zu über⸗ zeugen geſucht, und es iſt mir theilweiſe gelungen; und da ich Lady Helens Einwilligung hatte, mit Ihnen zu ſprechen, ſo konnte ich nicht länger zögern.“ „Auch ich zaudere keinen Augenblick, nach Ihrem un⸗ — eigennützigen Rathe zu handeln, meine liebe Freundin. Ihr Wort genügt; aber da Sie es ſo dringend wünſchen, ſo will ich noch in dieſer Stunde diejenigen meiner Freunde beſuchen, die Mrs. Douglas kennen. Ich muß es Lilla überlaſſen, ihren Dank für ihren Vater und ſich ſelbſt aus⸗ zuſprechen.“ Mrs. Hamilton wurde über das Schickſal ihrer jungen Freundin bald beruhigt. Nicht eine Stimme ſprach gegen Mrs. Douglas und ihre Verdienſte, es ward nur eine Stimme der Zufriedenheit laut; aber was Mr. Graham am Angemehmſten war, das war die Liebe und Achtung, womit ihre früheren Schülerinnen noch immer an ihr hin⸗ gen. Nach einem ſo günſtigen Vorurtheile trug ihre Er⸗ ſcheinung und ihr Weſen viel dazu bei, ihn in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe zu bekräftigen, und Graham fühlte ſich nun bewaff⸗ net gegen alle Angriffe von Seiten Derjenigen, die auf Grund ihrer Verwandtſchaft mit ſeiner Frau zahlloſe Ein⸗ würfe gegen ſein Vorhaben machen würden; aber er hatte ſich zu ſeinem großen Vergnügen getäuſcht. Lilla wurde von ihnen Allen als ein ſo bösartiges Kind betrachtet, daß es ihnen gleich galt, wo ſie ſich befand, da ſie gewöhnlich Allen, die etwas mit ihr zu thun hatten, Aerger bereitete. Miß Maliſon indeß nahm ihre Theilnahme in Anſpruch, und Annie erklärte, es ſei ſchimpflich und ſchändlich, ſie ohne Kündigung zu entlaſſen, nachdem ſie ſo viele Jahre ihre Dienſte der Familie gewidmet. Die arme Lady Helen mußte den Sturm der Vorwürfe ihrer Tochter und die Thrä⸗ nen und Seufzer der Gouvernante über die Mißhandlung, die ſie erführe, aushalten. Vergebens glaubte Lady Helen an die Verſicherungen, daß ſie ihre Schuldigkeit gethan habe; daß Alles geſchehen. ſei, was für Miß Lilla habe ge⸗ ſchehen können. Annie erklärte, daß, wiewohl ihre Dienſte für ihre undankbare Schweſter nicht länger nöthig ſeien, ſie Miß Maliſon nicht entbehren könne, denn die Geſund⸗ heit ihrer Mutter geſtatte ihr ſelten auszugehen oder aus⸗ zufahren; ſie würde unzweifelhaft vor Langeweile ſterben, wenn ſie nicht Jemand hätte, der in ſolchen Fällen ihr als 157 Begleiterin diente. Darin wurde ſie von der ganzen Fa⸗ milie ihrer Mutter unterſtützt, deren Günſtling Miß Mali⸗ ſon ſeit langer Zeit geweſen war, und gegen ſein beſſeres Urtheil willigte Graham endlich ein, daß Miß Maliſon in ſeiner Familie bleiben ſollte, bis ſie eine andere Stellung als Erzieherin gefunden hätte. Dieſer Fall ſollte natürlich nach Miß Graham's Willen nicht ſobald eintreten. Mrs. Hamilton hatte ſich in ihrer Zuſammenkunft mit Mr. Graham ſehr gehütet, ein Wort für oder gegen Miß Maliſon zu ſprechen; hätte ſie geſagt, was ſie wirklich dachte, ſo würde ſelbſt dieſes Zugeſtändniß vielleicht nicht gemacht worden ſein. Mr. Graham's feſter und plötzlicher Entſchluß, Lilla in ein Inſtitut zu ſchicken, wurde natürlich von Annie und ihrer Vertrauten Mrs. Hamilton ſchuld gegeben; er ſtei⸗ gerte nicht wenig ihr Vorurtheil gegen ſie und ſtachelte ſie aufs Neue zur Verfolgung ihrer Pläne, ihren Frieden zu zerſtören, an, was Karolinens eigenſinniges Benehmen nur noch leichter machte, als es vorher geweſen war. Als Alles vorbereitet, als beſtimmt feſtgeſetzt war, daß Lilla mit dem Schluſſe der Sommerferien in Mrs. Dou⸗ gla's Inſtitut eintreten ſollte, begab ſich ihr Vater ruhig in das Arbeitszimmer, wo ſie allein ſaß, um ihr dieſe Nach⸗ richt zu überbringen, und ſein wirklich zärtliches Herz, konnte ſie nicht ohne Bewunderung anſehen. Sie war nun ziemlich funfzehn Jahr, wiewohl ſie in ihrem Aeußeren, ihren Benehmen und ihrer Unterhaltung, da ſie beſtändig in einem ſolchen Zwange gelebt hatte, bei dem erſten An⸗ blick viel jünger zu ſein ſchien. Kindlich in jeder Bewe⸗ gung, hätte ſelbſt ihr Ungeſtüm die Täuſchung unterſtützen können, und Lady Helen ſelbſt hatte ſo oft gleichgültig die Frage nach dem Alter ihrer Tochter beantwortet, ſie glaube ſie ſei Zwölf oder Dreizehn, daß ſie es endlich ſelbſt glaubte. Es lag in Annie's und Miß Maliſon's Intereſſe, dieſe Täu⸗ ſchung zu unterhalten; denn hätte man gewußt, daß ſie funfzehn Jahre zählte, ſo würden ihr viele Freiheiten ein⸗ geräumt worden ſein, die mit ihrem Intereſſe im Wider⸗ 158 ſpruch geſtanden hätten. Annie trug kein Verlangen, ſich eine Nebenbuhlerin zu ſchaffen, was, wäre ihre Schweſter öffentlich erſchienen, ohne Zweifel der Fall geweſen ſein würde. Lilla verſprach eine Schönheit zu werden, die, wie⸗ wohl vielleicht nicht ſo vollendet wie Annie, ſicher eben ſo große Aufmerkſamkeit erregt haben würde. Sie zeichnete einen Kranz von glänzenden Blumen in eine kleine Mappe, den ſie mit ſo viel Wohlgefallen betrachtete, daß ihre leb⸗ haften Züge dadurch um ſo ſtrahlender wurden. Bei dem wohlbekannten Schritte ihres Vaters blickte ſie mit einigem Schrecken auf und erhob ſich, wie es ihre Weiſe war, wenn ſie ihn zum erſten Male am Morgen ſah; ihre Furcht konnte aber den Glanz ihres Auges nicht unterdrücken, und indem Graham ihre Hand ergriff, ſagte er freundlich:„Ich habe eine Neuigkeit für mein kleines Mädchen, die ihr hoffentlich ſo angenehm iſt, wie ich es wünſche. Mrs. Douglas willigt ein, meine Lilla als Mitglied ihrer glücklichen Familie auf⸗ zunehmen.“ Die lebhafte Röthe ihrer Wangen, der Strahlenglanz ihrer Augen verſchwand augenblicklich, und ſie wandte ſich ab. „Wie, unſere gute Freundin Mrs. Hamilton ließ mich hoffen, daß Dir dieſe Nachricht angenehm ſein würde; hat ſie mich getäuſcht, liebes Kind?“ fuhr ihr Vater fort, in⸗ dem er ſie mit ſo ungewohnter Zärtlichkeit an ſich drückte, daß ſie nach einem verwirrten Blicke ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang und zum erſten Male in ihrem Leben leiden⸗ ſchaftlich an der Bruſt ihres Vaters weinte. „Kann es mir Vergnügen machen, zu hören, daß ich Dich und Mama verlaſſen ſoll?“ rief ſie aus, indem ſie ſich mit all der Wärme ihrer Natur an ihn klammerte, und in dieſem Augenblicke, indem ſie ihren Gefühlen freien Lauf ließ, alle ihre Furcht vergaß. Ihre einfachen Worte be⸗ ſtätigten Alles, was Mrs. Hamilton zu ihrem Gunſten ge⸗ ſagt hatte, und der erfreute Vater ſetzte ſie wie ein kleines Kind auf ſein Knie und brachte es allmälig durch zärtliche Liebkoſungen dahin, daß ſie ſich wieder faßte. Sie ſpra⸗ 159 chen lange mit einander, und von dieſem Augenblicke fing Lilla's Glück an. Sie konnte nicht ſogleich ihre Furcht vor der Strenge ihres Vaters vergeſſen, aber der leiſeſte Wink von ihm genügte, und häufig wunderte ſich Graham, wenn er ihr liebevolles Weſen ſah, wie er ſo lange gegen ihren Charakter blind geweſen ſein könne. Der Gedanke vor der Schule widerſtrebte ihr nicht mehr, die Freundlichkeit ihres Vaters ſetzte ſie in den Stand, bei ihrem Entſchluſſe zu bleiben und durch ihre Munterkeit zu beweiſen, daß ſie es als ein Vergnügen betrachte, in ein Inſtitut zu kommen, nicht als eine Strafe, wie es ihre Tante Auguſte darſtellte. Daß ſie angeklagt wurde, kein Gefühl zu haben, kümmerte ſie wenig, nachdem ſie ihr Vater in ihrer Liebe ermuthigt. Lady Helen wunderte ſich über die Veränderung in ihrem Benehmen, aber ihre Trägheit und das Vorurtheil, das Annie und Miß Maliſon beſtändig rege hielten, ließen ſie nicht dazu kommen, freundlichere Gefühle zu äußern. Da dieſer Zuſtand der Dinge in Mr. Graham's Hauſe einige Wochen derſelbe blieb, ſo wollen wir nun in Mr. Hamil⸗ ton's Familie zurückkehren. Um dieſe Zeit, etwa drei oder vier Wochen vor dem Ende der Studienzeit von Oxford, kamen Briefe von Percy und Herbert, die intereſſante Nachrichten enthielten, und andere, die Mr. und Mrs. Hamilton einigermaßen ängſtig⸗ ten. Herbert's theilnehmendes Herz hatte ſich immer ſchmerz⸗ lich berührt gefühlt, ſobald er auf die Univerſität kam, den großen Unterſchied zwiſchen den armen Studenten und den anderen Collegiaten zu ſehen. Es quälte ihn, wenn er ſie in ihren einfachen Röcken und Mützen, abgeſondert von ihren Collegen, bei Tiſche ſtehen oder ſitzen ſah; als er aber allmählig begriff, daß ſie ſich in ihrem Range glücklich be⸗ fanden, da ſie im Allgemeinen die Söhne der ärmeren und minder gebildeten Claſſen waren, die ſich freuten, ohne Ko⸗ ſten eine vortreffliche Erziehung zu erhalten, ſo hatte er dieſe Gefühle unterdrückt, und hatte gedacht, daß ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach gleichgültig gegen die Standes⸗ unterſchiede wären. Aber Einer von ihnen hatte alle dieſe freundlichen Gefühle wieder wach gerufen, nicht nur im Herzen Herbert's, ſondern auch in dem Perey's, der im All⸗ gemeinen zu rückſichtslos war, um die Sachen ſo genau wie ſein Bruder anzuſehen. Der Gegenſtand ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit war ein junger Mann, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als der Erbe von Oakwood, aber auf ſeiner hohen gedankenvollen Stirn, und in ſeinem großen, for⸗ ſchenden, dunkelgrauen Auge prägte ſich eine Schwermuth aus, die häufig faſt bis zur Verzweiflung ſtieg. Er war blaß, aber wie es ſchien mehr in Folge geiſtiger Leiden, als in Folge von Krankheit, und bisweilen ſpielte ein ſo ſtolzes, ja hochmüthiges Lächeln um ſeinen Mund, das da⸗ hin deutete, daß er beſſere Tage geſehen hätte. Man be⸗ merkte nicht, daß er mit ſeinen armen Collegen auf einem vertraulichen Fuße ſtand, und mit ſtolzer Demuth entzog er ſich der Beachtung der reicheren. Die Dienſte, welche von den Studenten ſeines Grades gefordert wurden, erfüllte er mit ängſtlicher Gewiſſenhaftigkeit, aber Herbert ſah oft zu ſolchen Zeiten eine krankhafte Röthe auf ſeine Wangen ſtei⸗ gen, und wenn ſeine Aufgabe erfüllt war, ſchlug er die Arme über einander und ließ den Kopf ſinken, als wenn ſein Geiſt ſich gegen ſolche Beſchäftigung empörte. Die anderen armen Studenten äfften gern den reicheren nach, indem ſie ſich ähnlich zu kleiden und ſich in gleicher Weiſe zu benehmen ſuchten; dieſer junge Mann aber änderte nie ſeine einfache, ſelbſt grobe Kleidung, und hielt ſich von Allem fern, was ihn den über ihm Stehenden ähnlich erſcheinen laſſen könnte. Und dennoch war er det Gegenſtand ihres Geläch⸗ ters, das Ziel, gegen das die ſpitzen Pfeile der Verachtung, des Spottes, des Hohnes und des Tadels mit einer Bos⸗ heit geſchleudert wurden, die dem wohlwollenden Herzen der jungen Hamiltons ſeltſam vorkam, welche den allgemeinen Strom vergebens aufzuhalten ſuchten.„Er war nicht immer was er jetzt iſt, und damals benahm ſich der arme Welſche ſo herrſchſüchtig gegen uns, daß wir es ihm nun entgelten laſſen wollen,“ lautete die einzige Antwort, die ſie erhielten, aber der erſte Satz berührte eine Saite in Herbert's Herzen. Unglück mochte ihn zu ſeiner gegenwär⸗ tigen Stellung herabgebracht haben, und vielleicht kämpfte er vergeblich, ſeinem Geiſte Unterwerfung zu lehren; aber wie konnte er ſeine Freundſchaft erlangen, in welcher Weiſe ſich bei ihm einführen? Herbert war von Natur zu zurückhaltend, um Jemand entgegen zu kommen, ſo ſehr ſeine Neigung ihn dazu trieb, und einige Monate verfloſſen in Unthätigkeit, wiewohl der Wunſch, ihn kennen zu lernen und durch Güte ſeine Niedergeſchlagenheit zu verbannen, immer mächtiger in den beiden Brüdern wurde. Ein Seitenhieb auf den jungen Welſchen, den ein weibiſcher und üppiger Adelsſproß eines Tages mit unge⸗ wöhnlicher Bitterkeit machte, erweckte Perecy's Entrüſtung. Er führte hochmüthig die Vertheidigung, und es folgte ein regelmäßiger Zungenkrieg; die meiſterhafte Beredſam— keit Percy's trug den Sieg davon, und er hoffte Myrvin von allen ferneren Angriffen befreit zu haben. Er irrte ſich; eine andere Partie, an deren Spitze der geſchlagene aber aufgebrachte Lord ſtand, der durch das Erſcheinen des jungen Hamilton in eine wahre Wuth verſetzt worden war, umringte den unglücklichen jungen Mann im Univerſitäts⸗ hofe, und indem ſie ihm den Ausgang verwehrten, über⸗ häuften ſie ihn mit allem möglichen Spott und Hohn in Worten, die ſeinen ſtolzen Geiſt bis in das Innerſte trafen. Myrvin's Auge flammte plötzlich und ungewohnt, und ehe Herbert, der ſich mit ſeinem Bruder raſch in das Gedränge begeben hatte, es hindern konnte, hatte er den Arm erhoben und ſeinen Beleidiger niedergeſchlagen. Ein wilder Auf⸗ ſtand folgte, die Beamten erſchienen, und der junge Myrvin wurde verhaftet, unter der Anklage, aus freien Stücken und ohne dazu aufgereizt worden zu ſein, die Perſon des Marquis von*** angegriffen zu haben. Die Entrüſtung Percy's und Herbert's war auf die höchſte Spitze geſtiegen, und ohne Zaudern begab ſich der erſtere zu dem Vorſteher ſeines Collegs und ſetzte mit we⸗ nigen, aber nachdrücklichen Worten den ganzen Vorgang in das rechte Licht, verurtheilte das feige und grauſame Der Lohn einer Mutter. 11 ² Benehmen der eigentlichen Angreifer, und überzeugte den würdigen Mann von dem Unrecht, das der Perſon des jungen Myrvin widerfahren war, ſo vollſtändig, daß er ſo⸗ gleich mit allen Ehrenerklärungen, die ſeine aufgeregten Gefühle beſchwichtigen konnten, und einem ſtrengen Tadel gegen die eigentlichen Urheber des Streites frei gelaſſen wurde. Percy verfolgte ſeinen Vortheil. Das edle Herz des jungen Welſchen war von dieſer muthigen Einmiſchung in ſeinem Intereſſe gerührt, und als die Brüder ihm am fol⸗ genden Tage auf ſeinem einſamen Spaziergange folgten, widerſtand er ihnen nicht länger; dankbar erkannte er ſeine Schuld gegen ſie an, geſtand, daß er eine ſolche Wohlthat lieber von ihnen als von irgend Jemand anderen im Col⸗ leg empfangen habe, und ergriff endlich, außer Stande der offen dargebotenen Freundſchaft Perey's, der ſtummen Bitte Herbert's zu widerſtehen, mit krampſhaftem Druck ihre dargebotene Hand, und verſprach, ihnen nicht mehr aus dem Wege gehen zu wollen. Von dieſer Stunde an war die Laſt ſeines Unglücks weniger ſchwer zu tragen; in der Geſellſchaft, in der Unterhaltung Herbert's vergaß er ſeine Sorgen, angeborener Adel war in jedem Gedanken, jeder Handlung, jedem Worte Myrvin's ſichtbar, und er wurde der Seele Herbert Hamilton's ſo theuer, daß er ihn wie einen Bruder liebte. Vielleicht ebenſo warm war die gegenſei⸗ tige Zuneigung Myrvin's und Perey's, wiewohl der letztere nicht zu ſo innigen unwandelbaren Gefühlen geſchaffen war, die ſich in dem Charakter ſeines Bruders zeigten. Aber erſt nachdem ihre Frundſchaft eine Zeit lang begonnen hatte, konnte Herbert von ſeinem Freunde die Geſchichte ſeines früheren Lebens erfahren. Arthur Myrvin, war der einzige Sohn des Rektors von Langwillan, einem kleinen Dorfe in Wales, etwa zehn oder zwölf Meilen von Swanſea; die Pfründe war keine reiche, aber ihre Einkünfte ſetzten Mr. Myrvin in den Stand, verhältnißmäßig anſtändig und angenehm zu leben; geliebt, geehrt von ſeiner Gemeinde, der er Gutes that, deren Glück er förderte, ſah er ſeine Heerde auf dem Pfade * 163 ihres himmliſchen Hirten wandeln. Er war durch jahre⸗ lange Sparſamkeit im Stande geweſen ſo viel zu erübrigen, um ſeinen Sohn mit zureichenden Mitteln auf die Univer⸗ ſität zu bringen, und er ſah mit nicht geringem Stolze der Zeit entgegen, wo dieſe Erſparniſſe zu ihrem lange beſtimm⸗ ten Zwecke gebraucht werden würden. Arthur war unter ſeinen Augen aufgewachſen, er hatte nie das Dach ſeines Vaters verlaſſen, und Mr. Myrvin hoffte, daß er Grund⸗ ſätze habe, die ihn vor den Verſuchungen des Univerſitäts⸗ lebens ſchützen würden, und dieſe Hoffnung war ſo feſt, daß er von ſeinem Sohne ohne die mindeſte Furcht ſchied. Die plötzliche Veränderung in ſeinem Leben war indeß eine zu verführeriſche Feuerprobe, als daß der junge Mann derſelben widerſtanden hätte. Er geſellte ſich zu Leuten, die in Rang und Vermögen über ihm ſtanden, die ihn zu ihren Ausſchweifungen und Thorheiten verleiteten, ſo daß ſein Wechſel, der, ſo reichlich er war, doch keine Ver⸗ ſchwendung geſtattete, raſch auf die Neige ging. Um dieſe Zeit ſtarb der edle Beſitzer von Langwillan, und das Pa⸗ tronat fiel einem verſchwenderiſchen jungen Manne zu, der die großen Güter erbte. In hohem Grade eigennützig, von Schmeichlern umgeben und gewinnſüchtig, war er ein vollſtändiger Tyrann auf ſeinen Beſitzungen; die außer⸗ ordentliche Schönheit und Fruchtbarkeit von Langwillan, der Fleiß und die einfachen Sitten ſeiner Bewohner er⸗ regten in dem Sinne eines jener demüthigen Heuchler das Verlangen, die Stelle zu beſitzen, und ſein Wunſch war ſehr raſch erfüllt. Gerechtigkeit und Menſchlichkeit waren aus dem nun geltenden Geſetzbuche gleicherweiſe verbannt, und ohne Vorbereitung oder Entſchuldigung wurde Mr. Myrvin erſucht, die Gemeinde zu verlaſſen, die ſo lange die ſeine geweſen war. Seine Pfründe erloſch mit dem Tode des Eigenthümers, und ſie war bereits anderweit vergeben. Der Schmerz des alten Mannes und ſeiner beſcheidenen Freunde war groß; er zeigte ſich nicht öffentlich, da die Lehren ihres geliebten Paſtors ihnen die Pflicht der Ent⸗ ſagung auferlegt hatten, aber greiſe Wangen wurden von 11* 164 ungewohnten Thränen benetzt und vermiſchten ſich mit dem Schluchzen der Kinder. Männer, Frauen, Jünglinge und Kinder weinten, als ihr Paſtor das Dorf verließ; er, der ſo lange der Hirt ſeiner Heerde geweſen war, wurde nun als ein unnützes Werkzeug bei Seite geworfen, und das Herz des alten Mannes brach faſt. In einer einfachen Hütte, die ihm von einem reichen Gemeindegliede aufgedrungen wurde und die etwa acht bis zehn Meilen von dem Schau⸗ platze ſeines Glückes entfernt lag, ſchlug er ſeinen Aufent⸗ halt auf, und immer noch wallfahrteten die Dorfbewohner alle Sonntage zu ihm, wie früher in die beſcheidene Kirche, und der alte Myrvin fand mitten in ſeinem Unglücke Zeit, für den verirrten und übelberathenen Mann zu beten, der ihm im Amte gefolgt war und ſeinen Beruf ſchändete und den Frieden zerſtörte, den Langwillan ſo lange genoſſen hatte. Allmählig ergab ſich Myrvin in ſein Schickſal, aber das Betragen ſeines Sohnes verurſachte ihm neuen Kum⸗ mer. Die Nachricht von dem Wechſel in ſeines Vaters Leben erweckte Arthur aus ſeiner Lethargie, er ſah welcher Thorheit, welcher Unklugheit er ſich ſchuldig gemacht hatte, ſein Vater konnte ihn auf der Univerſität nicht länger unterſtützen. In drei Jahren hatte er verſchwendet, was bei einiger Sparſamkeit zum Lebensunterhalt von zehn Jahren gereicht haben würde, und er mußte nun das Col⸗ leg verlaſſen, oder ſich zu etwas entſchließen, wovor ſich zuerſt ſeine Seele empörte, aber das Bild ſeines Vaters, ſeines gekränkten Vaters ſtieg vor ihm auf. Er konnte ihm nicht eine ſo große Täuſchung bereiten, wie ſein Ab⸗ gang von der Univerſität geweſen ſein würde; er wollte ſeine Thorheit wieder gut machen und die lange gehegten Hoffnungen ſeines Vaters erfüllen, und ohne ihn zu Rathe zu ziehen, ſuchte er in einem Augenblicke der Verzweiflung den Vorſtand der Univerſität auf und theilte ihm ſeine Wünſche mit. Die Sache wurde raſch erledigt, und der nächſte Brief aus Oxford, den Mr. Myrvin empfing, ent⸗ hielt die Nachricht, daß ſein Sohn ſich in den Wechſel ge⸗ fügt hatte und Famulus geworden war. „ 5. 165 Inniger Dank erfüllte das Herz des alten Mannes, aber er kannte alle die inneren und äußeren Prüfungen, mit denen ſein Sohn zu kämpfen haben würde. Wäre er zuerſt in der Stellung, die er nun einnahm, in das Colleg eingetreten, er würde die Veränderung nicht ſo ſchmerzlich gefühlt haben; aber ſo war der Stolz und der Hochmuth, die ihn vorher charakteriſirt hatten, wie wir geſehen haben, in zehnfachem Maße zurückgekehrt. Er kleidete ſich äußer⸗ lich in einen unverwundbaren Panzer der Selbſtbeherr⸗ ſchung und Zurückhaltung, aber innerlich befand ſich ſein Blut in beſtändigem Fieber, bis die Freundſchaft Perey's und Herbert's ſeine aufgeregten Gefühle beruhigte. Der Name Hamilton, theilte Herbert mit, denn er war es, der vorzugsweiſe von Arthur ſchrieb, ſei dem jungen Manne wohl bekannt, aber wo oder wie er ihn gehört, ſcheine ihm wie ein Traum. Er glaube ſelbſt, daß er Mr. und Mrs. Hamilton vor nicht ſehr vielen Jahren einmal geſehen habe, aber ſeit jener Zeit ſeien ſo viele Veränderungen in ſeinem Leben vorgegangen, daß er ſich der einzelnen Umſtände nicht erinnern könne.„Myrvin und Langwillan ſcheinen auch mir bekannt,“ ſchrieb Herbert,„aber noch mehr als Arthur kommen ſie mir vor wie Erinnerungen eines un⸗ klaren Traumes. Es iſt mir bisweilen eingefallen, daß ſie mit der Erinnerung an meine Tante, Mrs. Forteſeue in Verbindung ſtehen, und Arthur, dem ich von ihrem Tode erzählte, erinnerte ſich plötzlich an eine ſterbende Dame und ihre zwei Kinder, an denen ſein Vater großen Antheil ge⸗ nommen. An den Namen Forteſeue erinnert er ſich nicht recht, aber der Name des kleinen Mädchens war Ellen, ein bleiches, ſchwarzäugiges und ſchwermüthiges Kind mit ſchwarzem Haar, das er ſeine kleine Frau zu nennen pflegte, und meine Coufine entſpricht allerdings dieſer Beſchreibung. Wenn es wirklich derſelbe ſein ſollte, ſo iſt es ſonderbar, daß wir uns auf ſolche Weiſe getroffen haben; und, mein theuerſter Vater, die Wohlthat, die unſere Familie von die⸗ ſem ehrwürdigen und gekränkten Manne empfangen hat, läßt mich um ſo inniger wünſchen, daß wir etwas für ihn 166 thun könnten, und daß Arthur in ſeine frühere Stellung zurückverſetzt würde. Er iſt volljährig und wäre im Stande, ſich ordiniren zu laſſen, und ich habe oft gedacht, wenn er das Jahr vor ſeiner Ordination bei Mr. Howard zubrin⸗ gen könnte, es viel beſſer für ſein Glück und ſeine Wohl⸗ fahrt ſein würde, als wenn er hier bliebe, ſelbſt wenn er von dem Zwange befreit würde, der jetzt ſo ſchwer auf ihn liegt. Er hat manche Thorheiten begangen, aber er hat ſie bereut und wieder gut gemacht, und Etwas in meinem Inneren ſagt mir, daß das Bewußtſein, daß er mein theuer⸗ ſter und liebſter Freund iſt, daß wir gegenſeitig fühlen, daß wir einander von Nutzen ſind, für ihn ſprechen und bei meinem gütigen Vater meine Bitte mit größerer Kraft unterſtützen wird, als die bloße Erzählung von Thatſachen, ſo intereſſant ſie allein ſchon ſein mögen.“ Er hatte Recht. Der Freund, der liebſte und innigſte Freund ihres jüngeren Sohnes würde ſtets ein Gegen⸗ ſtand der Theilnahme für Mr. und Mrs. Hamilton gewe⸗ ſen ſein. Daß er der Sohn deſſelben guten Mannes war, der ſo wohlwollend gegen Eleanor und ihre Waiſen ge— handelt, der ſie auf ihrem Sterbebett beruhigt und die ſcheidende Sünderin mit ihrem Schöpfer verſöhnt hatte, unterſtützte die einfache, doch eindringliche Beredſamkeit, womit Herbert ſeine Geſchichte erzählt hatte. Die Krän⸗ kung, die er erfahren, erregte ihre gerechte Entrüſtung, und wenn das Wohlwollen ihres guten Herzens eines neuen Sporns bedurft hätte, ſo würde Ellens ungeheuchelter Schmerz, als die Geſchichte des alten Mannes ihr erzählt wurde, denſelben gegeben haben. „O, daß es in meiner Macht ſtünde, dem geizigen, ſelbſt⸗ ſüchtigen Manne, in deſſen Beſitz ſich Langwillan gegen⸗ wärtig befindet, eine genügende Summe bieten zu können,“ hörte man ſie eines Tages ausrufen, als ſie allein zu ſein glaubte,„um Mr. Myrvin ſeine Stelle zurück zu kaufen, damit ich das Gefühl hätte, daß der gute alte Mann ſeine letzten Jahre an dem Orte und in der Gemeinde, die er ſo ſehr liebte, zubringen könnte, damit Arthur die Feſſeln 167 brechen könnte, die ihn ſo bitter und ſchmerzlich drückten. Lieber, lieber Mr. Myrvin, o, wie wenig dachte ich, wenn meine Gedanken zu Dir und Arthur flogen, der mir in meinen kindiſchen Sorgen ein ſo lieber tröſtender Freund war, daß ein ſolches Elend Dein Loos ſein würde, und ich kann nichts thun, nichts, was beweiſen würde, wie oft ich an Euch Beide gedacht und wie ich Euch geliebt habe— und das Grab meiner theueren Mutter liegt nun mitten unter Fremden.“ Und ſie weinte bitterlich, ohne zu denken, daß ihr Selbſtgeſpräch von ihrer Tante und ihrem Onkel belauſcht worden war, die ſehr erſtaunt waren über ihre lebhafte Erinnerung an Leute, die ſie in den letzten ſieben Jahren kaum geſehen und von denen ſie ſo ſelten gehört hatte. Aber es ſteigerte ihr Verlangen, dem Manne, der einſt ein ſo guter Freund ihrer Familie geweſen war, einen Dienſt zu leiſten. Den Inhalt von Percy's Brief, auf deſſen ziemlich beunruhigende und geheimnißvolle Natur wir ſchon ange⸗ ſpielt haben, werden unſere Leſer im nächſten Kapitel finden. Sechſtes Kapitel. „Maliſon, liebe Maliſon, gratuliren Sie mir, das Wild iſt in meinen Händen,“ rief Miß Graham eines Mor⸗ gens aus, als ſie etwa eine Woche nach dem Empfange der Briefe, deren wir erwähnt haben, mit freudeſtrahlendem, doch boshaft lächelndem Geſicht in das Zimmer ihrer Ver⸗ trauten trat. „Das iſt ſchon ſeit einigen Wochen der Fall geweſen, 3 erwiderte Miß Maliſon. „Ja, aber nicht ſo vollſtändig wie jetzt. Karoline hat 168 mich ſpeben verlaſſen, Sie fürchtete ſich, mir die wichtige Nachricht, die ſie mir zu geben hatte, ſchriftlich mitzutheilen, und ſie iſt in der That wichtig, denn ſie erſpart mir eine Welt von Unruhe, wiewohl ich glaube, daß, wenn ich mir geſtattete, über ihre gegenwärtige Lage nachzu⸗ denken, ich ihr vollkommenes, harmloſes Vertrauen zu mir, bereuen würde. Ihre Vertheidigung meines Charakters, ſo oft er angegriffen wird, rührt mich faſt, aber ihre Mutter, ihre widerwärtige Mutter, dieſes Muſter ihres Geſchlechts, ſteigt vor mir auf und drängt mich beſtändig weiter; ſie ſoll auf ihre Unkoſten erfahren, daß ihre ſo ſorgfältig erzogenen Kinder nicht beſſer ſind als andere.“ „Sie hat es durch Ihre Vermittelung bereits theilweiſe erfahren,“ bemerkte Miß Maliſon, die unter einem ruhigen Aeußeren ihren Abſcheu gegen Mrs. Hamilton zu verbergen ſuchte. „Das hat ſie. Die Abweiſung St. Eval's kam mir ganz gelegen; ich hätte nicht erwartet, daß Karolinens Eigenſinn mir ſo trefflich zu Hülfe kommen würde. Dieſe Enttäuſchung in Betreff St. Eval's hat Mrs. Hamilton tiefer berührt als ſie zu zeigen für gut findet. Ihre Kälte und ihre Strenge gegen ihr Kind entſpringen aus ihrem Aerger und ihren gedemüthigten Gefühlen; indeß mißt ſie es Karolinens Benehmen bei, und meine freundſchaftlichen Briefe haben Karoline glücklicherweiſe überzeugt, daß es der Fall iſt. In meinen wärmſten Siegeshoffnungen ließ ich mir nicht träumen, daß es mir ſo leicht gelingen würde, das Band zwiſchen Mrs. Hamilton und ihrer Tochter zu zerreißen. Mit dem Vertrauen zwiſchen ihnen iſt es zu Ende, und das würde jede Andere als mich befriedi⸗ gen, aber meine Rache für das Vorurtheil und das Miß⸗ fallen, womit mich dieſes vollkommene Geſchöpf betrachtet, muß vollſtändiger gekühlt werden, das iſt nur ein kleiner Anfang. Liebe Maliſon, Sie brennen gewiß vor Neugier zu hören, welche neue Hülfe mir geworden iſt; ein wenig Geduld, und Sie ſollen Alles erfahren. Sie wiſſen, mit welcher Bitterkeit und Empfindlichkeit Karoline die Behand⸗ 169 lung erfährt, die ſie von Seiten ihrer Eltern und'auch von Emmelinen, wiewohl ſie noch ein bloßes Kind iſt, findet.“ „Vollkommen, auch wundere ich mich darüber nicht. In dieſem Falle ſcheint die makelloſe Mrs. Hamilton nicht nach ihren Worten zu handeln; es iſt wunderlich genug, daß eine Frau, die ſoviel davon ſpricht, daß gute Behand⸗ lung mehr ausrichtet als Härte, ihr eigenes Kind unter ihrer Strenge ſo leiden läßt.“ „Wie ich ſchon geſagt habe, Maliſon, ihre Strenge iſt nur eine Maske für ihre Demüthigung und ihren Aerger. Lord St. Eval, der Erbe der Pairſchaft Malvern, war eine zu gute Partie, um ſie ohne Verdruß bei Seite geworfen zu ſehen. Karoline war eine Närrin, daß ſie ſo handelte, das muß ich ſagen, ſo dankbar ich ihr für den Beiſtand ſein muß, den ſie mir mit dieſer thörigten Handlung leiſtete. Daß ſie ihn blos aus Liebe zu Alphingham zurückgewieſen, iſt eine bloße Poſſe. Sie liebt den Vicomte ebenſo wenig wie ich, vielleicht nicht einmal ſo ſehr. Ich mache ihr weiß, daß ſie es thut, und das werde ich ſo lange thun, bis mein Plan völlig gelungen iſt; aber ihn lieben, wie ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach in dieſem Augenblicke Lord St. Eval liebt, ſoll ſie und darf ſie nicht. Ich werde ein Paar à la mode, aber nicht ein Liebespaar aus ihnen machen, das glauben Sie mir, Maliſon.“ „Damit Mrs. Hamilton das große Vergnügen hat, in ihrer Tochter nichts Anderes, als in anderen Leuten zu ſehen, ſo verſchieden ſie auch ſelbſt ſein will; Sie werden ihr dadurch mehr einen Gefallen, als ein Unrecht thun, meine liebe Miß Graham.“ „Zum Glück für meinen Zweck wird ſie das nicht denken. Ich werde ihr durch Karolinen eine tiefere Wunde ſchlagen, als ich ſelbſt gedacht habe. Eine andere Beleidi⸗ gung würde ſie nicht berührt haben; ſie brüſtet ſich mit chriſt⸗ licher Geduld und Milde und dergleichen, was einfach überſetzt nichts Anderes als Hochmuth und Stolz und gänzlicher Mangel an menſchlichen Gefühl iſt; aber wenn Karoline ſündigt, wenn ſie vielleicht wie ihre Tante ſich entführen 170 läßt, den elterlichen Geboten nicht gehorcht und in der wichtigen Angelegenheit ihrer Verheirathung nach eigenem Willen handelt, das wird ein Triumph für meine diplo⸗ matiſchen Künſte ſein.“ „Sie müſſen Karoline tüchtig bearbeiten, wenn Sie ein ſolches Ziel erreichen wollen,“ bemerkte Miß Maliſon;„ich zweifle ſehr, ob ſie jemals in einer Weiſe handeln würde, die ſie ſo pflichtwidrig finden müßte. Ich würde Ihnen rathen, ihr niemals Zeit zum Ueberlegen zu geben.“ „Das will ich auch nicht; wenn das thörichte Mädchen überhaupt nachgedacht hätte, würde ſie ſogleich erkannt haben, daß ſie Lord St. Eval, und nicht Lord Alphingham liebt; daß ihre Mutter und nicht Annie Graham ihre treueſte Freundin iſt; aber da ſie ein ſo blindes Vertrauen hegt, ſo ſehe ich nichts darin, meine Rolle fortzuſpielen, und was ihre Einwilligung anlangt, ſo ſoll ſie nur die ſüßen Worte des ehrenwerthen Vicomtes hören und ſeine ſchönen flehenden Züge ſehen, ſo wird die Einwilligung nicht auf ſich warten laſſen.“ „Aber warum hält er nicht ſofort bei ihrem Vater um ſie an? Mr. Hamilton iſt immer ſo freundlich gegen ihn, wenn ſie ſich ſehen.“ „Sie haben das Rechte getroffen, ma chöre, und gerade dieſe Wahrheit war der Stein des Anſtoßes für meine Pläne, denn ich fürchtete immer nach Mr. Hamilton's Benehmen gegen ihn, daß die intereſſanten Erzählungen aus ſeiner Jugend, die ich gefliſſentlich ſeiner Frau hatte zutragen laſſen wollen, unbeachtet bleiben würden; das war zuerſt meine Abſicht geweſen, aber ich war einigermaßen in Verlegenheit, wie ich es bewerkſtelligen ſollte.“ „O, Sie thun ſich ſelbſt Unrecht, liebſte Miß Graham,“ bemerkte die ehemalige Erzieherin,„ſeit Ihren früheſten Jahren ſind Sie über nichts in Verlegenheit gekommen.“ „Mein Witz war für den Augenblick zu Ende,“ erwi⸗ derte Annie lachend,„und würde vielleicht zurückgekehrt ſein, wenn mein Plan zur Ausführung reif war, aber ich bin ſo glücklich ſagen zu können, daß ich ſeines Beiſtandes nicht bedurfte, da ich von einem Gliede der Familie Ha⸗ milton ſo weſentlich unterſtützt wurde.“ „Wie!“ rief Miß Maliſon ſehr erſtaunt aus. „Es iſt ſo, ma chére, und nun komme ich zu der wich⸗ tigen Nachricht, die mir Karoline heute Morgen brachte. Vorige Woche ſcheint Mr. Hamilton einen Brief von Percy erhalten zu haben, der nach ihrer Mittheilung eine geheime Warnung vor Lord Alphingham enthalten haben muß, deſſen Huldigungen gegen Karoline nicht blos bemerkt, ſon⸗ dern auch ihm berichtet worden ſind, und er beſchwört ſeinen Vater, ſo ſehr er Karolinens künftigen Frieden liebe, ihn ſogleich und entſchieden abzuweiſen. So viel theilte Mr. Hamilton einige Tage nach Empfang dieſes Briefes ſeiner Tochter mit, und nachdem er ihr Benehmen gegen ihn, wel⸗ ches, wie Sie wiſſen, in Gegenwart ihrer Eltern immer ſehr kalt und abgemeſſen iſt, gebilligt hatte, forderte oder vielmehr wünſchte er von ihr, daß ſie ſich allmählich ganz aus ſeiner Geſellſchaft zurückziehen ſollte, da er genügende Beſtätigung dieſes Briefes erhalten habe, um ihn vorſichtig allen ferneren Verkehr und alle Bekanntſchaft mit ihm abbrechen zu laſſen. Karoline iſt eine ſolche Närrin, daß ich mich wundere, daß ihr Geſicht ſie nicht verrieth, als er ſprach, aber ſie ſcheint ſich beherrſcht zu haben, denn Mr. Hamilton ſprach ſich mit ihrer Zuſicherung, daß ſie ſeine Wünſche nicht vergeſſen werde, zufriedengeſtellt aus. Ob dieſer Brief noch An⸗ deres oder Ausführlicheres enthält, weiß ſie nicht, aber ihr Gemüthszuſtand iſt augenblicklich ſo elend, daß er jedes Herz rühren würde, das nicht ſo geſtählt iſt wie das meine. Ich könnte faſt lachen über ihren zärtlichen Glauben, daß er ſie wirklich liebt, denn ich ſehe nur mein Werk, keine zärtliche Leidenſchaft, wie ſie glaubt, und es ſcheint ihr eine große Qual, allen Verkehr mit ihm abbrechen zu ſollen. Ich habe ſie bereits von der Ungerechtigkeit und Grauſamkeit ihres Vaters überzeugt, daß er ſo launiſch gegen einen Mann handelt, der ſo wohl bekannt und ſo allgemein geehrt iſt, und blos in Folge eines geheimnißvollen und unbefrie⸗ digenden Briefes von einem Knaben, der nichts von der 172 Sache weiß. Ich ſpielte ſehr verſtändlich darauf an, daß es bloß geſchehe, weil ihre Eltern ärgerlich über ihre Zurückweiſung St. Eval's wären, und da ſie immer noch im Geheimen hofften, daß er zurückkehren würde, wollten ſie nicht, daß ſie von irgend einer anderen Seite Hul⸗ digungen annehme. Ich ſah, wie vor Entrüſtung gegen Alle, die ſie ſo gekränkt hatten, ihre Augen flammten und ihre Wangen ſich rötheten, und ſie erklärte mit größerer Hef⸗ tigkeit als ich erwartete, daß weder ihr Vater, noch ihre Mutter, noch Perch ſie hindern ſollten, einen Gatten nach eigener Wahl zu ſuchen. Ein heſtiger Thränenſtrom folgte ihrer Rede, aber ich beruhigte und tröſtete ſie, und ſie ver⸗ ließ mich mit dem Entſchluſſe, ſich von ſo drückender Knecht⸗ ſchaft zu befreien. Und in welcher Stimmung war ſie nach ihrer Anſicht, als ſie zu mir kam?“ Miß Maliſon ſprach ſich, wie erwartet, dahin aus, daß ſie es nicht wiſſen könne. „Nun, die ſchwachköpſige Närrin dachte daran, ihrer Mutter ihre ganze Liebesgeſchichte zu geſtehen und ſie um Troſt und Hülfe zu bitten.“ „Hüten Sie ſich, daß ſie das nicht noch thut,“ bemerkte Miß Maliſon. „O nein, ich habe ihr zu deutlich bewieſen, wie lächer⸗ lich und elend ſie ſich durch ein ſolches Dénouement machen würde; ihre Mutter, ſagte ich, würde ſie, anſtatt ſie zu be⸗ mitleiden, ſicher wegen des Geſchehenen verurtheilen und ſie höchſt wahrſcheinlich ſogleich nach Oakwood bringen und ſie dort einſchließen, bis Lord St. Eval kommen und ſie erlöſen würde. Sie erſchrak und war entrüſtet über den bloßen Gedanken.“ „Kein Wunder, daß ſie es war. Aber wiſſen Sie, ob ſie oder ihr Vater ſeit der Ankunft dieſes Briefes Lord Aphingham geſehen haben?“ „Nur ein Mal, geſtern Abend, und gerade die einge⸗ bildete Angſt über ſein Unglück, die ſie wie gewöhnlich nicht beſchwichtigen konnte, da ſie ihre Mutter ſcharf überwachte, brachte ſie heute Morgen hierher, um mir Alles zu erzählen. 173 Mr. Hamilton war immer noch höflich, aber er hielt ſich mehr in der Entfernung. Ich habe ſie überzeugt, daß, da ihre Eltern ſie nicht mehr mit Vertrauen behandeln, ſie keine Verpflichtung hat ihnen zu vertrauen, und da Jedermann den würdigen Charakter des Vicomte kennt, ſo kann ſie nichts Unrechtes thun, wenn ſie ihm den Beweis giebt, daß ihre Ge⸗ fühle gegen ihn unverändert ſind. Sie hat mir einen Wink gegeben, daß ich ihn über die Lage aufklären ſoll, in der ſie ſich befindet, aber entre nous werde ich das nicht thun, denn ich habe einen eigenen Plan zu verfolgen. Sie weiß nicht, auf welch vertrautem Fuße ich mit dem Vicomte ſtehe, und wie ſehr er auf mich baut. Ich werde meine ganze Ueberredungskraft anwenden, ihn dahin zu bringen, daß er bei ihrem Vater um ihre Hand anhält, und ſicher kann nichts ehrenhafter ſein als dieſe Handlungsweiſe.“ „Gewiß nichts,“ erwiderte die gewiſſenhafte Vertraute; „aber wie ſoll das Ihren früheren Plan fördern?“ „O, bewundernswürdig. Mr. Hamilton wird natür⸗ lich ſeine Einwilligung entſchieden verweigern, ohne auch nur ſeine Tochter zu Rathe zu ziehen. Der Aerger Lord Alphingham's wird grenzenlos ſein, Wuth gegen den Vater und Liebe zur Tochter werden ihn zu allen möglichen Mit⸗ teln bringen, um ihre Hand zu erlangen. Karolinens Entrüſtung über ihren Vater, daß er ſo handeln und ſie wie ein Kind behandeln kann, wird ſeine Beredſamkeit unterſtützen, und ich bin überzeugt, daß nächſte Saiſon Karoline Hamilton in den modiſchſten Kreiſen als Vicom⸗ teſſe Alphingham erſcheint, und um ein ſo ſchönes Ziel zu erreichen, ſind nach meiner Anſicht alle Mittel recht.“ „Sehr richtig. Nicht nur die junge Dame ſelbſt, ſon⸗ dern ihre ganze Familie muß ewig dankbar ſein, denn ohne ſolche Vermittelung zweifle ich, ob die vollkommene Tochter, oder die ſelbſtzufriedene Mutter eine in allen Be⸗ ziehungen ſo wünſchenswerthe Verbindung erlangen würden. So wüthend ſie zuerſt über ein ſo unerwartetes Benehmen von Seiten des Kindes, das ſie ſo ſehr mißhandelt hat, ſein wird, ſo wird ſie Ihnen doch ſchließlich danken, Miß Graham, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Wenn ich das dächte, Maliſon, auf Ehre, ich würde keinen Schritt weiter in der Sache thun; ihr Urſache zum Danke zu geben, zu fühlen, daß ich wider Willen ihr einen Dienſt geleiſtet habe, die ich von ihrem ganzen Geſchlecht am meiſten haſſe und die mich von früheſter Kindheit an mit Widerwillen und Verachtung anſah, Maliſon, ich würde mich augenblicklich zurückziehen, wenn ich das dächte; aber nein, das wird, das ſoll nicht ſein, das Leben ihres Kindes als Gräfin Alphingham wird nicht der Art ſein, daß es dem Herzen der Mrs. Hamilton Frieden brächte. Bei manchen Müttern würde dies der Fall ſein, aber nicht bei ihr. Sie ſoll in dieſer Heirath das vollſtändige Fehl⸗ ſchlagen ihrer Pläne, das völlige Scheitern aller ihrer exeluſiven Begriffe ſehen, ſie ſoll ſehen, daß ihre vorgebliche Güte und ihr chriſtliches Beiſpiel keine Nachahmung, we⸗ nigſtens bei Karoline, finden; ſie ſoll meine Macht bitter fühlen. Auf ſolche Weiſe werde ich triumphiren, in Karo⸗ linens Ungehorſam werde ich mich rächen für die Verach⸗ tung und den Widerwillen, die ihre Mutter gegen mich gezeigt hat.“ Sie richtete plötzlich ihre kleine Geſtalt auf und ſah ihre Geſellſchafterin mit einer Miene an, die ſo boshaften Triumph ausſprach, daß Alle, nur nicht ihre Genoſſin auf dem Pfade der Ungerechtigkeit, geſchaudert haben würden, wenn ſie ſo jugendliche Züge ſo entſtellt geſehen hätten. Es folgte ein anderes Geſpräch zwiſchen ihr und ihrer ſchlauen Vertrauten, da aber wenig mehr über den Gegen⸗ ſtand, der uns am meiſten intereſſirt, geſagt wurde, ſo folgen wir ihnen nicht weiter. Annie's böſe Pläne ſind bereits deutlich erkennbar; ſie wie Miß Maliſon waren außer Stande, die erhabene Natur von Mrs. Hamilton Cha⸗ rakter zu begreifen, und betrachteten ſie mit Abſcheu, um⸗ ſomehr, da ſie der Anſicht waren, daß ſie immer heuchelte — wenigſtens hielten ſie es für Heuchelei und glaubten, daß die Tugend, die ſelbſt Diejenigen, die ſie nicht beſuch⸗ 175 ten, an ihr verehrten, nicht in ihrem Charakter liege, ſon⸗ dern ein künſtlicher Schleier ſei, um ſchlechte Eigenſchaften zu verbergen. Der Scharfblick Miß Graham's hatte ſchon in der Kindheit entdeckt, daß ſie kein Liebling von ihr ſei, und da ſie daran gewöhnt war, von Allen, mit denen ſie verkehrte, mit Schmeicheleien überhäuſt und verdorben zu werden, ſo ſtieg ihre Entrüſtung und ihr Haß gegen die Einzige, die es wagte, ſie anders zu behandeln und ſie als ein bloßes Kind anſah, das ſich durch ſeine Affectation lächer⸗ lich machte, mit den Jahren. Sie entdeckte bald den Ein⸗ fluß, den ſie auf Karolinen hatte, und darauf, daß ſie alle ihre Fehler kannte, baute ſie ihren Plan und hoffte den Frieden einer Mutter zu zerſtören, die ſich ganz ihren Kin— dern widmete, um der Welt zu beweiſen, daß die über⸗ ſpannte Abgeſchloſſenheit von Mr. und Mrs. Hamilton ihren Kindern keine größeren, ja ſelbſt keine ſo großen Vortheile böte, als die einfache, in ihren Augen einzig nützliche Erziehungsweiſe der vornehmen Welt. Im Betreff ihrer erſten Abſicht hatte ſie bereits mehr Erfolg gehabt, als ſie vielleicht wußte. Die Angelegenheit mit St. Eval hatte Mr. Hamilton zu ſeinem Bedauern be⸗ wieſen, daß die Befürchtungen ſeiner Gattin, an dem Abend vor Karolinens Eintritt in die Welt, in der That begrün⸗ det waren. Sie war der Verſuchung erlegen. Unſchuld, Ehrenhaftigkeit und alle beſſeren Gefühle waren ihrer Herrſchſucht, die ihre Mutter von Anfang an geſehen und gefürchtet hatte, zum Opfer gefallen. Das Herz des Va⸗ ters war enttäuſcht und betrübt, nicht blos darüber, ſondern auch, daß ſeine Karoline nicht mehr dieſelbe war, die ſie in Oakwood geweſen. Eine Veränderung war mit ihr vorgegangen und hatte ihren Geiſt verdüſtert, ihr Betragen zu Hauſe mißtrauiſch, unruhig und unfreundlich gemacht; die Reizbarkeit ihres kindlichen Alters war zurückgekehrt, ſelbſt ihre Geſprächsweiſe ſchien gezwungen, und ſeit der Abreiſe Lord St. Eval's war ihre Wange blaß und ihr Auge trüb geworden, und nur in der Aufregung der Geſell⸗ ſchaft ſahen ihre Eltern noch die Alte in ihr. Mr. Hamilton 176 war tief bekümmert, aber er wußte, ahnte nicht die Größe des Schmerzes ſeiner Gattin; ſie ſah alle ihre Ahnungen erfüllt; ihr Kind hatte ihr ihr ganzes Vertrauen entzogen, die Kälte, womit ſie die Mißachtung ihrer Wünſche zu be⸗ handeln genöthigt war, hatte ihr, das fühlte ſie, vollſtändig ihre Liebe entfremdet. Karoline konnte ſie nicht mehr lieben, jede Woche, jeder Tag bewies durch hundert kleine Umſtände, daß ihre Neigung geſchwunden war, um, ihre Mutter fühlte es ſchmerzlich, nie wieder zu kehren; und dennoch hatte ſie nur ihre Pflicht gethan, ihr natürliches Recht geübt, um ihr verirrtes Kind auf den beſſeren Weg zurückzuführen. Ihre ſtrenge Zucht hatte in der Kindheit die Saiten der Liebe zwiſchen ihr und ihren Kindern feſter gezogen, aber nun in dem Falle Karolinens ſchienen die— ſelben zu zerreißen. Ihr zärtliches Herz ſehnte ſich beſtändig nach ihrer Tochter, aber ſie wollte Emmelinens und Ellens wegen nicht nachgeben, die mit einander wetteiferten, das Glück und das Wohlbefinden Derjenigen zu erhöhen, die ſie ſo ſehr liebten. Ihre Liebe, ihr Vertrauen änderte ſich nicht, ſo ſehr auch ihre mütterliche Gewalt in ihre Wünſche eingreifen mochte; und ſollte ſie jammern und unfreundlich werden, weil eine Quelle des Schmerzes ſich in ſo viele Segnungen miſchte? Ihr frommes Herz ſtrebte nach Un⸗ terwerfung, und ſie wurde ihr zu Theil. Karoline aber hatte keine Ahnung, welch tiefen Schmerz ſie bereitet hatte; ſie wußte nicht, wie viele Thränen ihretwegen verſchüttet wurden, wie viele Gebete um ihretwillen zum Himmel ſtie⸗ gen, daß, ſo ſtreng ihre Strafe ſei, dieſelbe geſegnet ſein und ſie an die Bruſt ihrer Mutter zurückführen würde. Das wußte ſie nicht, und eben ſo wenig wußte Annie, wie ſehr ihre Pläne gelungen waren, Schmerz zu bereiten. Die Heiterkeit der Mrs. Hamilton, ſo große Mühe ſie ihr koſtete, die unwandelbare Güte ihres Benehmens gegen Emmeline und Ellen ſteigerten die Reizbarkeit Karolinens und damit ihre Entrüſtung über die Kälte und Strenge ihrer Mutter gegen ſie. Sie fühlte, daß ſie wirklich eine Sklavin ſei, und ſehnte ſich, das ſchmerzhafte Joch abzu⸗ —— 177 werfen; welches Recht hatte ihre Mutter ſie ſo zu behan⸗ deln? Warum mußte jede ihrer Handlungen überwacht, warum ſelbſt ihre Freundſchaft mißbilligt werden? Sie fühlte, daß ſie die Beleidigte war, und deshalb dachte ſie mit keinem Gedanken an ſie, die in der That ſie beleidigt hatte. Aus demſelben Grunde ſchloß ſie ſich feſter an Annie an; bei ihr allein fand ſie in ihrem gegenwärtigen Gemüthszuſtande volle Theilnahme, und dennoch war ſie auch mit ihr nicht glücklich, in ihrem Herzen quälte ſie ein ſeltſames unerklärliches Gefühl, das ſie ſelbſt ihrer Freun⸗ din nicht mittheilen konnte. Es war darin eine Leere, die ſie in ihren einſamen Augenblicken in Verzweiflung brachte, und die ſelbſt Lord Alphingham's Geſellſchaft nicht ganz verbannen konnte. In der Einſamkeit wollte ſie ſich in ihrer Blindheit glauben machen, dieſe Leere gelte ihm; wie ſehr ſie ſich irrte, wird ſich ſpäter zeigen. Ihr Benehmen in der Geſellſchaft war inzwiſchen ſeit der Abreiſe St. Eval's vorſichtig und zurückhaltend ge⸗ weſen, und ihre Eltern, welche die zärtliche Hoffnung heg⸗ ten, daß ihr Mißfallen von Nutzen geweſen ſei, ließen nach den erſten vierzehn Tagen in ihrer Kälte und ihrem Miß⸗ trauen gegen ſie nach. Mrs. Hamilton hatte gehofft, daß die bleiche Wange und das trübe Auge von ihrer Reue herkämen, und wäre nicht Karoline ſo zurückhaltend in ihrer Geſellſchaft geweſen, ſie würde alle die Zärtlichkeit ihrer früheren Jahre an ſie verſchwendet haben. Als jener geheimnißvolle Brief von Perey kam, fiel es ihnen, wiewohl er ſeinen Eltern große Sorge verurſachte, nicht ein einziges Mal ein, daß ihre Kälte gegen Lord Al⸗ phingham Karolinen ſchmerzlich berühren könnte. Percy ſchrieb mit einer warmen Beredſamkeit, der ſich nicht wider⸗ ſtehen ließ, und ſo vorſichtig ſeine Warnung war, ſo be⸗ ſchloß doch Mrs. Hamilton ſich unbedingt darnach zu halten. Der junge Mann ſchrieb, was Annie Miß Maliſon mit⸗ getheilt hatte, daß er von mehr als einer Seite von Lord Alphingham's Huldigungen gegen ſeine Schweſter gehört habe, daß er ſogar wegen der glänzenden Verbindung, die Der Lohn einer Mutter. 12 178 Karoline einzugehen im Begriff ſtehe, beglückwünſcht wor⸗ den ſei; er wolle, er könne nicht glauben, daß dies der Fall ſei, denn er würde es alsdann von ſeinen Eltern gehört haben; aber er beſchwor ſeinen Vater, ſo gelegentlich auch die Huldigungen des Vicomtes ſein möchten, Karoline den⸗ ſelben gänzlich zu entziehen. „Ich weiß es wohl,“ ſchrieb er.„Vater, wenn Du den künftigen Frieden meiner Schweſter willſt, ſo ſetze ſie nicht ſeinen vielen Verlockungen aus. Wenn er ihr Herz zu ge⸗ winnen geſucht, wenn er ihr ernſtlich ſeine Huldigungen dargebracht hat, ſo iſt er ein Schurke. Ich darf nicht deutlicher ſprechen, ich bin zum Stillſchweigen verpflichtet, und bloß Dir, theurer Vater, und unter ſo dringenden Verhältniſſen, bin ich berechtigt, ſo viel zu ſchreiben. Bitte Karoline, ihn nicht mehr zu ermuthigen, ſei es auch noch ſo wenig; aber ſage ihr ſelbſt das nicht, es möchte ſie nicht nur beunruhigen, ſondern vielleicht auch ihrer Freundin mitgetheilt werden, wie es junge Mädchen gern thun. Du haſt mir ein Mal geſagt, daß ich Dich niemals täuſchte; Vater, vertraue mir jetzt, es iſt kein Scherz, das Glück mei⸗ ner Schweſter iſt mir zu theuer; brich allen Verkehr mit Lord Alphingham ab. Ich glaube nicht an die Gerüchte, die ich gehört habe, denn Deine Briefe ließen mich hoffen, daß Lord St. Eval die Wahl meiner Schweſter ſein würde; ſeine Abreiſe von England hat dieſe Hoffnungen ver⸗ nichtet, doch Karoline kann ihre Neigung nicht ohne Dein oder der Mutter Wiſſen Lord Alphingham geſchenkt haben. Ich bitte Dich noch ein Mal, nicht mehr mit ihm zu ver— kehren, er iſt der Freundſchaft meines Vaters unwürdig.“ So geheimnißvoll dies klang, ſo kannten doch Mr. und Mrs. Hamilton Percy zu gut, um zu glauben, daß er ohne triftigen Grund ſo ſchreiben würde. Der Verdacht und das faſt unbewußte Vorurtheil der Mrs. Hamilton gegen ihn fanden ihre Beſtätigung durch dieſen Brief, und ſie freute ſich, daß ihr Gatte ſich entſchloß, ſeine Bekanntſchaft nicht länger fortzuſetzen. Perey ſchrieb, wenn er Ka⸗ roline ernſtlich ſeine Huldigungen dargebracht, oder ihr 179 Herz zu gewinnen geſucht habe, ſo ſei er ein Schurke, und er hatte es gethan, und Mrs. Hamilton konnte nicht umhin, ſich über Karolinens ſcheinbares Benehmen gegen ihn zu freuen. So ſehr ſie getäuſcht worden war, ſo ſchien es Mrs. Hamilton doch moraliſch unmöglich, daß ihr einſt ſo ehrenhaftes Kind die Grundſätze ihrer Kindheit ſo ganz vergeſſen haben ſollte, um ihn im Geheimen zu ermu⸗ thigen, während ihr Benehmen in der Geſellſchaft viel mehr Gleichgültigkeit und Stolz als Vergnügen verrieth. Und ſie zauderte nicht, Percy's Bitte zu erfüllen, ohne daran zu denken, daß ſie auf ſolche Weiſe eine unüberſteigliche Schranke ſetzte, das Vertrauen ihres Kindes wieder zu ge⸗ winnen, und daß ſie die Kluft, die zwiſchen ihnen bereits beſtand, noch mehr erweiterte. Als Karoline von ihrem Vater den Befehl erhielt, ſich allmälig von Lord Alphingham ganz zurückzuziehen, war ihr Herz mit vielen bitteren und ſtreitenden Gefühlen erfüllt. Zuerſt machte ſie ſich einen Vorwurf daraus, daß ſie ihre Gefühle ſo vollſtändig verheimlicht, und wäre ſie ihrem natürlichen Triebe gefolgt, würde ſie ſich ſogleich ihrer Mutter um den Hals geworfen und ihr geſtanden haben, daß ſie ihn liebe, daß ſie es ſchon lange gethan, und daß ſie ſie bitte, ihren Umgang nicht ohne einen trifti⸗ gen Grund zu unterbrechen. Aber Annie's übler Einfluß war zu mächtig geweſen. Sie fürchtete ihre Vorwürfe über den Mangel an Vertrauen gegen ſie ſelbſt, oder was noch ſchlimmer war, ihr ſpöttiſches Lächeln über ihre lächer⸗ liche Schwäche; und dann erinnerte ſie ſich an das Miß⸗ fallen ihrer Mutter über ihr früheres Benehmen, und fürch⸗ tete eine Erneuerung derſelben Kälte, vielleicht ſelbſt noch größeren Zwang. Sie beſchloß daher zu warten, bis ſie Annie geſehen hätte; und dieſe Zuſammenkunft machte ſie nur noch unglücklicher, reizte ſie zu noch größerer Ent⸗ rüſtung gegen ihre Eltern und ihren Bruder, und beſtärkte ſie in den Gefühlen treuer Liebe, die ſie gegen Lord Alphingham zu hegen dachte. Annie's fortgeſetzte Briefe beſtätigten ſie in ihren Gefühlen; unter der vorgeblichen 12* 180 Abſicht, Karolinens verwundeten Stolz zu beſchwichtigen, wurde es ihr ſehr leicht, wiederholte Andeutungen ein⸗ zuſchmuggeln, daß Mr. und Mrs. Hamilton ungerecht und launiſch gegen den Vicomte und tyranniſch gegen ſie wären. Der Schleier, den ſie über Karolinens nüchternes Urtheil geworfen, wurde immer dichter, und Karoline konnte bisweilen, ſelbſt in Gegenwart ihrer Eltern, die Ent⸗ rüſtung kaum zurückhalten, die ſo beſtändig ihr Herz erfüllte. Mrs. Hamilton wußte nichts von dem Briefwechſel, der ununterbrochen zwiſchen Annie und ihrer Tochter beſtand, ſie würde demſelben ſonſt Einhalt gethan haben. Karo⸗ linens Kammermädchen, Fanny, hatte ſich überreden laſſen, im Geheimen die Vermittlerin der abgehenden und ankom⸗ menden Briefe zu werden. Mehr als ein Mal machte dem Mädchen ihr Gewiſſen Vorwürfe, aber der Gedanke, daß Miß Karoline unrecht handeln könnte, war ſo unwahr⸗ ſcheinlich, daß ſie ihre Wünſche treulich erfüllte, ſelbſt gegen ihr beſſeres Urtheil. Lord Alphingham's Scharfſinn konnte ſich die Verän— derung in dem Benehmen Mr. Hamilton's und ſeiner Toch⸗ ter nicht erklären. Die Letztere, das ſah er leicht, war ge⸗ zwungen, ſo zu handeln, und ſein Entſchluß, ſie aus ſolcher Knechtſchaft zu erlöſen, wurde immer feſter. Er wurde ſo zurückhaltend und kalt gegen ihren Vater, wie Mr. Hamil— ton gegen ihn geweſen; aber ſeine ſtummen, doch verzwei⸗ felten Blicke waren immer auf Karoline gerichtet, und genügten, wie er ſich überzeugt fühlte, ſeinen Einfluß auf ſie noch zu ſteigern. Am folgenden Morgen ſuchte der Vicomte, wie Annie erwartet hatte, ſie auf, um ſeinen Be⸗ fürchtungen in Betreff Karolinens Luft zu machen, ſeine Entrüſtung über die unerklärliche Veränderung in Mr. Hamilton's Benehmen auszuſprechen. Was konnte ſie veranlaßt haben? Er hatte immer ſo ehrenhaft und edel gehandelt, hatte ſeine Liebe ſo offen zur Schau getragen, und er hatte ſich in eine Leidenſchaft hineingeredet, daß ſeine Freundin keine Zeit fand, ihm zu rathen, oder ihm Troſt zuzuſprechen. 181 „Sie wollen ihre Tochter nicht nach ihrem Herzen hei⸗ rathen laſſen, um ſich zu rächen, daß ſie nicht den von ihnen Gewählten genommen hat; oder ſie wollen durch dieſe ſcheinbare Kälte ſie zur Entſcheidung bringen, daher rathe ich Ihnen, mit dem ſtrengen launiſchen Vater ſogleich zu ſprechen.“ „Und was ſoll das nützen?“ „Sehr Viel, wenn Sie richtig manövriren, worin Sie glücklicher Weiſe von mir keinen Unterricht brauchen. Sie werden wenigſtens Mr. Hamilton's Abſichten entdecken. Wenn er Sie annimmt, gut, ſo mögen Sie ſich über ſeine Herablaſſung geſchmeichelt fühlen; wenn nicht, ſo werden Sie wenigſtens erfahren, auf welchem Boden Sie ſtehen und in welche Lage meine arme Freundin kommen muß. Sie wird von den beſtändigen Launen ihres Vaters und ihrer Mutter faſt zu Tode gemartert. Es würde ein Werk der Barmherzigkeit ſein, wenn Jemand die Feſſeln bräche, in denen ſie gehalten wird. Sie kam geſtern im tieſſten Schmerze zu mir, und zwar einer bloßen Laune willen; denn was ſonſt kann es ſein, weshalb ſich Mr. Hamilton's Benehmen ſo verändert hat?“ Lord Alphingham wurde immer aufgeregter bei ihren Worten; Eitelkeit und Eigenliebe fühlten ſich geſchmeichelt, und er antwortete lebhaft: „Ich kann mich alſo auf ihre Liebe verlaſſen, ſie wird nicht aus Furcht vor ihrer Mutter falſches Spiel mit mir treiben?“ „O gewiß nicht, das heißt, wenn Sie nicht ihre Er⸗ wartung täuſchen und ihren Vater um ihre Hand bitten. Sie haben die Frage noch nicht geſtellt, wiewohl Sie wuß⸗ ten, daß ſie Sie liebt; aber wenn Sie, indem Sie bei ihrem Vater um ſie anhalten, ſagen, daß Sie ihre Liebe ge⸗ wonnen, ſo wird die Folge ſein, wenn Mr. Hamilton ſie Ihnen verweigert, daß ſie ſogleich nach Hakwood gebracht und dort eingekerkert wird, bis das arme Mädchen ſich ab⸗ härmt, wie ein Vogel an der Kette, ohne auf Befreiung hoffen zu dürfen. Wollen Sie daher Ihren ungeſtümen 182 Charakter bändigen und auf ihre Liebe und meine Freund— ſchaft bauen, ſo ſollen alle Ihre Wünſche erfüllt werden, mit oder ohne Mr. Hamilton's Rath.“ „Und Sie werden uns beiſtehen anbetungswürdiges Mädchen, wie können wir ihnen danken?“ rief er aus, in⸗ dem er ihre Hand leidenſchaftlich an ſeine Lippen drückte. Annie's Wange erbleichte plötzlich, aber ein kaltes, ſtolzes Lächeln ſpielte um ihre Lippen. Sie antwortete ihm in ſeiner Weiſe, und nach einer längeren Unterhaltung entfernte ſich der Vicomte, um nach ihrem Rathe zu handeln. Noch ehe der Tag ſchloß, halte Lord Alphingham Mr. Hamilton beſucht und mit allen Zeichen ehrfurchtsvoller, doch leidenſchaftlicher Liebe um ſeine Einwilligung gebeten, ſich um ſeine Tochter bewerben zu dürfen. Die Warnung ſeines Sohnes, der ſtarke Ausdruck, deſſen er ſich bedient hatte, war in Mr. Hamilton's Seele eingeprägt, und kaum konnte er dem Vicomte mit ſeiner gewohnten Ruhe ant— worten. Hoöflich, aber entſchieden lehnte er es ab und fügte hinzu, daß er gehofft habe, die Zurückhaltung in Ka⸗ rolinens Benehmen würde ihn von ihren Gefühlen über⸗ zeugt und ihm den Schmerz erſpart haben, in ihrem Namen den ehrenwerthen Antrag Lord Alphingham's ablehnen zu müſſen. Ein ſtolzes und etwas ſiegesbewußtes Lächeln ſpielte eine Sekunde um die Lippen des Vicomtes, aber Mr. Hamilton verſtand ſeine Bedeutung nicht, und ſein Beſuch entfernte ſich mit dem Ausdruck verwundeten Ge⸗ fühls und verletzter Ehre, während Mr. Hamilton ſich über dieſe Angelegenheit viel mehr freute, da ſie ihm eine trif— tige Entſchuldigung gab, ſich aus ſeiner Geſellſchaft ganz zurückzuziehen. Er theilte ſeiner Gattin mit, was ſich er⸗ eignet hatte, und ſie ſtimmten Beide darin überein, daß es für Karolinen beſſer ſei, ihr nichts von ſeinen Anträgen zu ſagen, und dieſer Entſchluß wurde einmal nicht von Annie durchkreuzt, die es für beſſer hielt, wenn Lord Alphingham ſeine Sache einer zukünftigen Zeit anheim ſtellte, wo der Gedanke, daß er zurückgewieſen worden ſei, ohne daß man ſie, die Hauptperſon, dabei zu Rathe gezo⸗ 183 gen, noch größere Entrüſtung gegen ihre Eltern in ihr wecken und die Angelegenheit ihres Geliebten weſentlich unterſtützen würde, der auf eine oder ein paar Wochen die Stadt verlaſſend, um Mr. Hamilton zu beweiſen, daß ſeine verletzten Gefühle kein bloßer Vorwand wären, oder aus irgend einem anderen Grunde es Annie überließ, Ka⸗ roline auf ſeine ſpäteren Vorſchläge vorzubereiten. Ein Umſtand ereignete ſich um dieſe Zeit, der die Pläne Annie's und Lord Alphingham's ſehr zu begünſtigen und Karolinen in noch höherem Grade der Verſuchung auszuſetzen ſchien. Die Herzogin von Rothbury hatte eine auserwählte Zahl von Freunden eingeladen, die noch übri— gen Wochen der Londoner Saiſon auf ihrem eleganten Landſitze zuzubringen, der etwa zwanzig Meilen von der Hauptſtadt in einer lieblichen Gegend lag. Unter der Zahl war natürlich Mrs. Hamilton eingeſchloſſen, und als dieſelbe Entſchuldigungen machte, ſprach ſich die Herzogin ſehr unangenehm berührt aus. Mr. Hamilton konnte die Stadt nicht verlaſſen, er hatte Mr. Myrvin's Sache in die Hand eines tüchtigen Advokaten gelegt und wollte an Ort und Stelle bleiben, um die Angelegenheit ſelbſt zu beſchleu⸗ nigen, damit ſie beendet ſei, ehe er nach Oakwood zurück⸗ kehrte. Es ſei nicht wahrſcheinlich, ſagte er, daß der Pro⸗ zeß viel Zeit in Anſpruch nehmen werde, da die ganze Sache entſchieden ungeſetzlich ſei. Es war nur Alter und Armuth, verbunden mit der Furcht, ſich der Oeffentlichkeit auszuſetzen, was Mr. Myrvin abgehalten hatte, ſogleich von vorn herein gegen ſeinen Verfolger aufzutreten. Ein Märchen war erfunden worden, um den ungeſetzlichen Schritt zu entſchuldigen und den Biſchof zu täuſchen, in deſſen Diöceſe Langwillan lag, und Myrvin, wiewohl er ſich mit Ergebung in ſeine Prüfungen fügen konnte, war zu ſehr gedemüthigt, um ihnen Widerſtand zu leiſten. So viel hatte Mr. Hamilton von Arthur erfahren, dem er ſelbſt ſchrieb und den er bat, ihm einen genauen Bericht über den ganzen Vorgang zu geben. Seinem Eifer, unterſtützt von den Bitten ſeiner beiden Söhne, gelang es, Arthur's ſtolze 184 Zurückhaltung zu überwinden, und Mr. Hamilton war nun mit Herz und Seele beſchäftigt, eine Ungerechtigkeit an den Tag zu bringen und den verletzten Geiſtlichen ſeiner trauernden Gemeinde zurückzugeben. Er konnte daher London nicht verlaſſen, und Mrs. Hamilton, die ihres bloßen Veegnügens wegen ſich von ihren Kindern nicht trennen wollte, denn bloß Karoline ſollte ſie begleiten, lehnte die Bitten ihrer Freundin entſchieden ab. Sie für ihre Perſon war feſt, aber ſie ſchwankte, als die Her⸗ zogin und ihre Töchter ſie baten, wenn ſie ſelbſt nicht kommen wollte, wenigſtens Karoline ſie begleiten laſſen zu wollen. „Sie kennen mich ſchon ſo lange, daß ich ſo eitel bin zu glauben, daß, wenn ich Ihnen verſpreche, Ihr Kind zu überwachen, als wenn es mein eigenes wäre, Sie es mir anvertrauen werden,“ ſagte die Herzogin mit einer Beharr⸗ lichkeit, die ſchmeicheln mußte.„Sie wird unter meiner Obhut ſo ſicher ſein, als wäre ſie unter den Augen ihrer Mutter.“ „Daran zweifle ich keinen Augenblick,“ erwiderte Mrs. Hamilton warm,„wenn ich ſchwankte, ſo geſchah es nicht, weil ich an Ihrer Freundlichkeit und Güte zweifelte; wenn Karoline Ihre Einladung annehmen will und ihr Vater einwilligt, ſo hat ſie meine Erlaubniß.“ „Ich danke Ihnen, meine liebe Freundin, ich hoffte, daß meine Beredſamkeit ſiegen würde,“ ſagte die Herzogin mit einer Aufrichtigkeit lächelnd, die Mrs. Hamilton wohlthat; und ſie theilte raſch Karolinen die Einladung mit, ſuchte aber vergebens in dem Geſicht ihres Kindes zu leſen, ob ſie ſich darüber freue oder nicht. Dieſelben Umſtände, die Mrs. Hamilton veranlaßten, ſich über Karolinens Entfer⸗ nung von London zu freuen, waren der Letzteren hinderlich, ſich dem Genuſſe hinzugeben, den ſie in ſo eleganter Geſell⸗ ſchaft ſonſt erwartet haben würde. Annie Graham war zu ihrem großen Aerger von dieſem auserwählten Kreiſe ausgeſchloſſen. Die Herzogin hatte ihren ränkeſüchtigen Charakter erkannt und betrachtete ſie mit einem Vorur⸗ 185 theil. Sie wurde nur zu den großen Geſellſchaften ein⸗ geladen, welche alle ihre Bekannten, nicht bloß ihre Freunde umfaßten. Empört über dieſe Zurückſetzung, beſchloß Miß Graham ſogleich, daß die Kataſtrophe, die ſie ſchon ſo lange vorbereitet, ſtattfinden und ihr Haß gegen Mrs. Hamilton ſich die äußerſte Genugthuung verſchaffen ſollte. Ob Lord Alphingham dort ſein würde, das war eine Frage, die Karoline wiederholt im Kopfe herumging und die eben ſo oft ihre Freundin that. Annie wollte oder konnte es nicht ſagen, und ſie fügte vielleicht noch hinzu, ſie müſſe Karolinen zu ihrer Trennung von ihm glückwün⸗ ſchen, da ein ſo furchtbares Verbot von ihrer Mutter er⸗ gangen ſei und ſie gewiß nicht wünſchen würde, ſeine Ge— ſellſchaft aufzuſuchen. Und dann bat ſie ſie um Ver⸗ zeihung und nahm ſolchen Antheil an ihren eingebildeten Leiden und ſchilderte die des Lord Alphingham in ſo grel⸗ len Farben, daß ſich Karoline, ſo unverdorben ſie in man⸗ chen Dingen noch war, ſich wirklich elend fühlte. Die plötzliche Abreiſe des Vicomtes würde unerklärlich geweſen ſein, wäre es nicht Annie gelungen, ſie zu überzeugen, daß es bloß die Folge ihrer Kälte und das unerklärliche Be— nehmen Mr. Hamilton's ſei. Mr. Hamilton billigte es zuerſt nicht, daß ſeine Tochter das Haus ihrer Mutter verlaſſen ſollte, ſelbſt um die Her⸗ zogin von Rothbury zu beſuchen, aber er gab den Bitten ſeiner Gattin nach. Sie wußten, daß Lord Alphingham eine Art Liebling vom Herzog war, aber ſie waren ſo feſt überzeugt, daß das Herz ihres Kindes völlig frei ſei, we⸗ nigſtens in Rückſicht auf ihn, daß ſie deswegen nicht zau⸗ derten. Karolinens Benehmen gegen St. Eval war, wie ſie überzeugt waren, aus bloßer Koketterie hervorgegangen; ſie konnten nicht glauben, daß ſie ihn zurückgewieſen, weil ſie einen Andern zu lieben glaubte, ſie hatten keine Urſache dazu gehabt; und da Mrs. Hamilton ſo ernſtlich über die Sache geſprochen, ſo war Karolinens Benehmen in Ge⸗ ſellſchaft der Art geweſen, daß es ihren Beifall fand und ¹ 186 einigermaßen ihr Vertrauen zu ihr wiederherſtellte. Sie war zurückhaltender, und ihr Benehmen gegen den Vi⸗ comte, wenn ſie ſich zufällig trafen, hatte ſie zu dem Glau⸗ ben veranlaßt, daß ihre Befehle in dieſer Beziehung unbe⸗ dingt befolgt würden. Vielleicht hatte Mrs. Hamilton ſich von ihrem Scharfblick einen Streich ſpielen laſſenz; es war ſeltſam, daß eine Mutter, die ſo lange gewohnt war, die Gedanken und Gefühle ihrer Kinder zu errathen, ſo blind gegen die Empfindungen war, womit nach ihrer An— ſicht Karoline den Lord Alphingham anſah. Aber es be⸗ durſte keines weiteren Beweiſes, um deutlich zu erkennen, daß ſie keine wahre Liebe fühlte; wäre es jene wahre, reine, glühende Liebe geweſen, hätte ein Mädchen, das ſo wenig an Verſtellung gewöhnt war, das Erröthen der Wangen, das Feuer der Augen, das Zittern der Stimme verbergen können, das ſie ſicher verrathen haben würde? Nein, es war Verblendung, thörichte Verblendung, welche durch den Aerger auf ihre Eltern noch geſteigert wurde, um zu be⸗ weiſen, daß ſie ihr Joch abſchütteln und für ſich ſelbſt wäh⸗ len und lieben könne, wen, wo, und wie ſie wolle, ohne die Zuſtimmung und Betheiligung ihrer Eltern; und auf ſolche Weiſe habe ſie ihre Gefühle völlig verheimlicht. Können wir ihrer Mutter einen Vorwurf daraus machen, daß ſie nicht glauben wollte, daß ihr Kind, welches ſie ſo lange erzogen und überwacht, für das ſie gebetet, ſo be⸗ trüglich geſinnt ſein könne? Können wir ihren Mangel an Scharfſinn in dieſem Falle tadeln und denſelben für unna⸗ türlich halten, wenn wir uns erinnern, wie vollſtändig ſich der Charakter ihres Kindes verändert hatte? Gewiß nicht, es würde noch ſeltſamer geweſen ſein, hätte ſie ohne Beweis geglaubt, daß Karoline wirklich ſo geworden ſei, wie ſie war. Der Gedanke, daß ſie immer an Annie ſchreiben und von ihr hören könne, tröſtete ſie über die zeitweilige Tren— nung, und ſie begab ſich zu der Herzogin mit einer Art Vergnügen, welches indeß durch ein Geſpräch mit ihrer Mutter, ehe ſie das elterliche Haus verließ, einigermaßen 5„ 187 getrübt worden war. Sie befand ſich in einem zu aufge⸗ regten Zuſtande, um mit Ruhe einen Rath anzuhören. Jedes Wort, das Mrs. Hamilton darüber ſagte, daß ihr Benehmen jetzt vorſichtiger geworden ſei, als da ſie noch unter ihrer Obhut ſtand, ihre milden Bitten, daß Karoline ſich um ihretwillen zurückhaltend benehmen wolle, dies alles fiel in ein vergiftetes Ohr; ſie hörte mürriſch zu, und als ihre Mutter ihr Lebewohl ſagte, geſchah es mit bekümmer⸗ tem Herzen. Wie wenig ließ ſich Karoline träumen, wäh⸗ rend ſie ſich für verletzt hielt, wie tiefen Schmerz ſie ihrer Mutter bereitete. Wenn das volle Herz von Mrs. Hamil⸗ ton durch das eigenſinnige Betragen ihrer Schweſter ge⸗ quält worden war, um wie viel mehr mußte ſie verwundet ſein, wenn ſie ſah, daß ſo viele von dieſen üblen Eigen⸗ ſchaften bei ihrem Kinde wiederkehrten. In Airslie, ſo hieß der Landſitz der Herzogin von Roth⸗ bury, wurde Karoline allgemein gefeiert, ſie wußte, daß ſie bewundert wurde, und es ſchmeichelte ihr; aber es nagte unaufhörlich etwas an ihrem Herzen, was ſelbſt die befrie⸗ digte Eitelkeit nicht ſtillen konnte. Sie wußte nicht, ſie wollte nicht wiſſen, daß es Reue war, ſie glaubte, es ſei das Verfahren ihrer Eltern, die Beſchränkung, der ihre Handlungen unterworfen waren, ihre Täuſchung bezüglich Lord Alphingham's, denn er war nicht, wie ſie im Gehei⸗ men gehofft hatte, unter den eingeladenen Gäſten. Es war eine ſchwere Aufgabe für ſie, nach Hauſe zu ſchreiben, aber ſie zwang ſich die Scenen zu ſchildern, die ſie umga⸗ ben, und mit Meiſterhand einige der Charaktere zu zeich⸗ nen, mit denen ſie verkehrte; und ihre Eltern ſuchten ſich zufrieden zu ſtellen, wiewohl in dieſen Briefen etwas fehlte, was, wenn Karoline außer dem Hauſe geweſen war, ſie nie, noch nie vermißt hatten. „Dieſer gelehrte Mann, dieſes Wunder der Wunder, dieſe wandelnde Eneyelopädie, Lord St. Eval, hat uns alſo wirklich verlaſſen, um ſich in Italien oder der Schweiz zu begraben. Miß Hamilton, können Sie ein ſo ſeltſames Räth⸗ ſel löſen?“ fragte neckend eines Tages Lord Henry d'Eſte, 188 als er ſich mit Karoline allein befand. Die Abreiſe ſeines Freundes war für ihn wirklich ein Räthſel geweſen, und da er endlich glaubte, daß die Veranlaſſung ihre Laune ge⸗ weſen ſein müßte, ſo beſchloß er, ſobald er Gelegenheit haben werde, St. Eval zu rächen, indem er Alles thäte, was in ſeinen Kräften ſtünde, um ſie zu quälen. Eine tiefe Röthe überzog Karolinens Wangen, als er ſprach, denn außerdem, daß Mary Greville's Briefe ſeiner erwähnt hatten, war er in ihrem elterlichen Hauſe nie genannt worden. „Es ſollte Ihnen doch kein großes Räthſel ſein,“ antwortete ſie raſch.„Er iſt auf Reiſen gegangen, ſollte ich meinen, um neue Stoffe für ſeinen Geiſt zu ſammeln, damit er des Titels würdiger wird, den Sie ihm gegeben haben.“ „Nein, nein, er hat Stoff genug, um vierundzwanzig gute Folio⸗Bände daraus zu machen,“ antwortete Lord Henry lachend.„Das Talent der Artigkeit hat er aller⸗ dings vergeſſen, denn Sie können nicht glauben, welch ein brüsquer Philoſoph er iſt. Ich ſage Ihnen, er erſchreckte mich, als ich ihn zum letzten Male ſah. Was Ihr ehrenwer⸗ ther Vater ihm gethan hat, weiß ich nicht, aber ich traf ihn gerade, als er von Berkeleyſquare kam, und alle die Vorzüge, die er in der letzten Zeit ſich angeeignet hatte, waren plötzlich verſchwunden, er war ein anderer Mann, und denſelben Tag verläßt er in einem Spleenanfall, wie ich glaube, London, und das nächſte Mal, wo ich von ihm hörte, war er in Genf. Der edle Lord iſt eines der ſelt⸗ ſamſten Geſchöpfe, die ich jemals kennen zu lernen die Ehre hatte. Indeß, vielleicht hat er den Continent beſucht, um Höflichkeit zu lernen, und ich denke, er wird auch lieben lernen; es iſt nach dem Lobe, das er in ſeinen Briefen einer gewiſſen Louiſe Manvers zollt, durchaus nicht unwahr⸗ ſcheinlich.“ Vergebens ſuchte Karoline ihr Erſchrecken und das Erbleichen ihrer Wangen zu verbergen.„Louiſe Manvers,“ wiederholte ſie faſt unbewußt. „Ja, kennen Sie ſie? beiläufig bemerkt, ſie muß eine entfernte Verwandte von Ihnen ſein; ihr Bruder iſt Lord 189 Delmont, der den Titel von Ihrer mütterlichen Großmutter erbte. St. Eval und Delmont waren Univerſitätsfreunde, und wiewohl ſie getrennt leben, ſo pflegen ſie doch noch all die romantiſche Schwärmerei der Freundſchaft. Nachdem er einige Zeit bei Ihren Freunden in Genf zugebracht, lenkte der einſame Pilger ſeine Schritte nach dem Garda— See, und dort iſt er geblieben und lebt mit ſeinem Freunde, der Natur, und ſpielt aller Wahrſcheinlichkeit nach den Verehrer von Miß Manvers. Wir werden ſehen, daß Lord St. Eval eine ſchöne Italienerin als Braut heimführt, ehe wir daran denken, das heißt, wenn ſie den Muth hat, in die tief verborgenen Schätze dieſes Bandes einzudringen, bis ſie zu dem Zauberworte Herz kommt.“ Er hätte fortfahren können, denn Karoline, in ihre un⸗ glücklichen Gedanken verſunken, unterbrach ihn nicht. Hätte ſie die Augen Lord Henry's geſehen, wie ſie ſich voll Schel⸗ merei auf ſie richteten, ſo würde ſie vielleicht einen Verſuch gemacht haben, ſich aufzuraffen, aber ſo fühlte ſie ſich er⸗ leichtert, als ihr téte à téte durch den Eintritt einer hei⸗ teren Geſellſchaft unterbrochen wurde, die gerade in der beſten Laune von der Erforſchung eines labyrinthartigen Waldes in der Nähe zurückgekehrt war. „Eine gute Nachricht für Sie Alle,“ rief der Herzog von Rothbury aus, der gleich nachher eintrat;„wir werden heute noch einen neuen Gaſt bekommen.“ „Wen? wen?“ wurde von vielen Stimmen mit der geräuſchvollen Luſtigkeit von Kindern wiederholt. „Keinen geringeren, als Lord Alphingham.“ Ein Ausruf des Vergnügens durchlief den heiteren Kreis, aber in dem Geſicht der Herzogin, die ebenfalls von einer Spazierfahrt zurückgekehrt war, zeigte ſich ein Aus⸗ druck, der nach Karolinens raſch erregter Einbildung der allgemeinen Empfindung entgegengeſetzt zu ſein ſchien. „Es iſt Sir Walter Courtenay's Gaſt, daher kann ich ihn nicht den meinen nennen; aber das hat nicht viel zu bedeuten. Sir Walter iſt alle Tage hier, und Lord Alphing⸗ 190 ham wird ihn natürlich begleiten. Er iſt der beſte Geſell⸗ ſchafter, den ich kenne.“ „Und denſelben Mann ſoll ich nach Papas Willen, aus keinem anderen Grunde, als weil Perchy eine ſchlimme Meinung von ihm hat, unbeachtet laſſen? Soll mich in einer Weiſe benehmen, die im Gegenſatz zu früher reiner Wahnſinn ſcheinen muß, die nach alle Dem, was zwiſchen uns vorgegangen iſt, grauſam gegen ihn ſein und mich elend machen würde? In einem ſolchen Falle brauche ich gewiß nicht zu gehorchen. Wenn die allgemeine Stimme ihn anders beurtheilt, als wofür ſie ihn halten, ſoll ich da Rück⸗ ſicht darauf nehmen, was an ſich ein Geheimniß iſt? Wenn Perey triftige Gründe gehabt hätte, gegen ihn an Papa zu ſchreiben, denn ich bin überzeugt, er muß es gethan haben, warum gab er ſie nicht an, anſtatt mich ſo wie ein Kind zu behandeln, und trat als ſein Ankläger auf, wäh⸗ rend die ganze Welt ihn zum Himmel erhebt? Warum ſollen die liebſten Wünſche meines Herzens einer bloßen Laune wegen zerſtört werden? Percy wollte ſchon als Kind, daß ich zu ihm aufblicken und ſeine Macht anerkennen ſollte, und ſo wollte er ſie auch hier beweiſen; aber er wird ſich irren. Wenn Papa ſein Urtheil durch die Einflüſte⸗ rungen eines bloßen Knaben blenden läßt, ſo halte ich mich nicht länger für verpflichtet, ihm zu gehorchen.“ Dies war der Inhalt von Karolinens Gedanken, als ſie ſich in der kurzen Zwiſchenzeit, ehe ſie ſich zu Tiſche begab, allein befand. Kein Strahl des Glückes leuchtete ihr; ihr Herz hatte an dieſem Tage eine Wunde empfan⸗ gen, und ſelbſt das Bewußtſein, das Lord Alphingham erwartet wurde, konnte ſie nicht beruhigen. An das Ge⸗ ſpräch mit Lord Henry mochte ſie gar nicht denken. Was galt es ihr, ob Lord St. Eval Louiſe Manvers heirathete? Dann dachte ſie gefliſſentlich nur an den Vicomte und die Lage, in die ſie ihm gegenüber gekommen war, bis ihr vor lauter Nachdenken der Kopf ſchmerzte. Als ſie in den Geſellſchaftsſaal eintrat, fand ſie, wie ſie erwartet hatte, Lord Alphingham in Mitte eines glän⸗ 191 zenden Kreiſes, und eine Minute lang klopfte ihr das Herz und ihre Wange erröthete. Er verbeugte ſich achtungs⸗ voll, als ſie eintrat, doch mit kalter Höflichkeit; aber ſie glaubte, der Fluß ſeiner Rede habe einen Augenblick geſtockt, und ſein Blick, den er zu unterdrücken ſuchte und der doch ſo traurig zu bitten ſchien, ſprach ſeine inner⸗ ſten Gefühle aus. Weder bei Tiſche, noch während des ganzen Abends widmete er ihr mehr als gewöhnliche Auf⸗ merkſamkeit, ja, kaum dieſe, aber dieſe ſtummen Zeichen des Einverſtändniſſes hatten noch größere Macht als Worte, denn ſie ſchmeichelten ihrer Eigenliebe, indem ſie deutlich bewieſen, daß, ſo ſehr er ſich von allen ſeinen Umgebungen, vielleicht mit Ausnahme ſeiner edlen Wirthin, geehrt und bewundert ſehen mußte, ihm doch Alles nichts galt, nachdem ſie ihm ihre Gunſt ſo plötzlich und ungerechtfertigt entzogen hatte. Sein Ton, ſein Benehmen, als er ihr einen Brief von Annie überreichte, deſſen Ueberbringer er geweſen war, beſtärkte dieſe Täuſchung, und als Karoline ſich zur Ruhe begab, fühlte ſie ſich mehr und mehr überzeugt, daß ſie ſich gegenſeitig liebten, und daß ihr Gehorſam gegen ihre Eltern die Verpflichtung, die ſie ſich ſelbſt ſchulde, die Liebe, die er ihr gezeigt habe, nicht aufwiegen könne. Annie's Brief beſtätigte ſte in dieſem Entſchluſſe. „Ich wünſche Dir Glück, meine liebe Karoline,“ ſchrieb ſie,„zu der Gelegenheit, die Du nun haben wirſt, Lord Alphingham's Huldigungen ungeſtört durch die eigen⸗ ſinnigen Einbildnngen, die in der letzten Zeit Deinen Frie⸗ den untergraben haben, entgegen zu nehmen. Um Him⸗ melswillemzerſtöre nicht durch einfältige Begriffe von kind⸗ lichem Gehorſam, denen Du ſchon ſehr lange entwachſen ſein ſollteſt, Dein Glück. Wenn Eltern aufhören, für das wahre Wohlergehen und das Glück ihrer Kinder zu ſorgen, ſo wird es unſere Pflicht, ſelbſt dafür zu ſorgen. Mr. Hamilton hat Dir keinen Grund angegeben, weshalb Du Dich den Huldigungen Lord Alphingham's entziehen ſollſt, und das iſt gewiß der deutlichſte Beweis, daß er in der That keinen Grund anzugeben hat, und daß er nur ſeinen unge⸗ 192 rechten Verdruß über Deine Zurückweiſung St. Eval's an Dir auslaſſen will, als wenn Du in ſolchen Dingen nicht ein unzweifelhaftes Recht hätteſt, für Dich ſelbſt zu ent⸗ ſcheiden. Er kann nicht vorausſetzen, daß Du nun damit zufrieden ſein wirſt, was völlig gegen Deine Wünſche läuft, bloß weil er es wünſcht; das war Alles ſehr ſchön in Deiner Kindheit, aber gegenwärtig, wo Dein eigener Verſtand überzeugt ſein will, hat er kein Recht, Gehorſam von Dir zu erwarten. Das ganze Verfahren Deiner Eltern iſt, wie Du mir ſelbſt geſtanden, in der letzten Zeit ſo geweſen, daß es ihnen Deine Liebe und Dein Vertrauen entfremdet hat. Sie halten Deinen Willen gefeſſelt, meine arme Freundin, und wenn Du nicht den Muth haſt, die Feſſeln zu brechen, wo ſich Dir eine günſtige Gelegenheit bietet, ſo vergieb mir, wenn ich Dir ſage, daß ich Dir kei⸗ nen Troſt mehr geben kann. Lord Alphingham liebt Dich und würde Dir ſchon lange ohne das ungewöhnliche Be⸗ nehmen Deiner Mutter ſeine Hand geboten haben, und Du würdeſt jetzt eine verlobte Braut oder eine noch glück⸗ lichere Gattin ſein. Ich vermuthe nach einigen Winken, die er fallen ließ, daß ſeine neuliche Entfernung aus der Stadt durch Mr. Hamilton's entſchiedene Weigerung ver⸗ anlaßt worden iſt, ſeine Bewerbung um Dich zuzulaſſen. Wenn er um Deine Hand angehalten hat und ohne Dein Wiſſen abgewieſen worden iſt, ſo haben Dich Dein Vater und Deine Mutter mit viel Vertrauen und Liebe behan⸗ delt, nicht wahr? Können ſie, dürfen ſie, wenn dies der Fall iſt, auf Dein Vertrauen und Deine Liebe rechnen? Iſt es nicht ein deutlicher Beweis, daß Dein Glück bei einer Heirath nicht zu Rathe gezogen werden ſoll? Es iſt lächerlich zu glauben, daß Deine Mutter nicht einigermaßen Deine Gefühle für Alphingham, wiewohl vielleicht nicht in ihrem ganzen Umfange erkannt hat, und da ſie dieſelben nicht billigt, wiewohl ſie durchaus keinen Grund dazu hat, ſo verlangt ſie, daß Du ſeine Geſellſchaft fliehen ſollſt. Dein Vater weiſt einen höchſt ehrenvollen Antrag zurück, ohne auch nur die Hauptperſon zu befragen. Karoline, —— X— 5— 8* — —— ei * — en en , re, 193 meine liebſte Freundin, laſſe Deinen edlen Geiſt nicht ſo niederbeugen; jedes Mittel, das Lord Alphingham vorſchlägt, wird geſetzlich, wenn Du ſo grauſam verfolgt wirſt. Viele geheime Ehen ſind glücklicher, viel glücklicher, als die mit Einwilligung der Eltern geſchloſſen worden ſind; ſie haben nur den Ehrgeiz, das Intereſſe im Auge, wie können wir erwarten, daß ſie auf die Gluth jugendlicher Gefühle ein⸗ gehen? Erſchrick nicht über meine Worte, ſondern ziehe ſie in ruhige Erwägung. Du haſt Deine Liebe zu ihm merken laſſen, es wird Deine Pflicht, ſie noch deutlicher zu beweiſen.“ Dies war der Hauptinhalt von Annie's Briefe, und er genügte vollſtändig, Karoline in ihrem ſchon halb gefaßten Entſchluſſe zu beſtätigen und ihr ſchwankendes Urtheil zu überzeugen, daß Gehorſam gegen ihre Eltern nicht länger ihre Pflicht ſei; ihre ungerechte Härte habe ſie ihnen ent⸗ fremdet, und ſie müſſe allein für ſich einſtehen und handeln. Das Gewiſſen rief ihr laut zu, von ihrem Thun abzulaſſen, ſie gehe von dem rechten Pfade ab und betrete das Laby⸗ rinth der Täuſchung aber die Worte Annie's lagen vor ihr. Immer und immer las ſie dieſelben wieder, bis ſich ihr endlich jedes Wort eingeprägt hatte, und der Geiſt, den ſie athmeten, verſtärkte den Nebel vor ihren Augen und machte ihr Ohr taub für die lauten Vorwürfe ihres Gewiſſens. Doch erhob daſſelbe in der Stille der Einſamkeit immer wieder ſeine Stimme und erfüllte ſie mit Schmerz, wiewohl ſie denſelben ſofort wieder zu bannen ſuchte. Einige Tage vergingen, und das Benehmen des Vicomte gegen Karoline blieb daſſelbe, wie es am erſten Abend ge⸗ weſen war: öffentlich zurückhaltend, im Geheimen ſtumm bittend mit einer Beredſamkeit, der Wenige hätten wider⸗ ſtehen können. Es war großes Dejeuner in Airsley, welches von den Sachverſtändigen für das erleſenſte der Saiſon er⸗ klärt wurde. Die Zahl. der Gäſte war verhältnißmäßig gering, wiewohl manche zwanzig Meilen weit zu dem Zwecke gereiſt waren; doch Alles war elegant. Der Tag war wun⸗ derſchön und gab bei dem glänzenden Sonnenſchein und Der Lohn einer Mutter. 13 194 dem wolkenloſen Himmel dieſem Feenlande neue Reize, denn ſo hätte man nach der geſchmackvollen Anwendung von präch⸗ tigen Zelten, ſprudelnden Springbrunnen, exotiſchen Sträu⸗ chern und Blumen aller Arten und Schattirungen das Schauſpiel nennen können. An verſchiedenen Stellen des Parks befanden ſich Muſiker, man gab ſich munter auf dem Raſen den Vergnügen des Tages hin, nachdem, bei der zu⸗ nehmenden Dämmerung, die Sonnenhitze ſich gelegt hatte; und die maleriſchen Gruppen, die eleganten Toiletten, die ſich in die Schönheiten der unbelebten Natur miſchten, ga⸗ ben dem Bilde Geiſt und Leben. Es war ein aufregendes und doch zugleich beruhigendes Schauſpiel. Gemüther, die von keiner Sorge berührt wa⸗ ren, würden hier in ungeſtörter Luſt geſchwelgt haben, bei Anderen lockte es die ſtille Schwermpgth hervor, die wir in Folge der ſüßen Gefühle, die ſie weckt, ermuthigen, bis ſie zum Schmerze wird, und dies war der Fall bei Karoline. Zuerſt nährte ſie die Hoffnung und Erwartung, daß hier wenigſtens Lord Alphingham, ungeſehen, ihr ſeine Huldigun⸗ gen darbringen könnte, und ſie war ungewöhnlich munter geworden. Aber als die Stunden verfloſſen und er ſich ihr nicht näherte, verwandelte ſich dieſe Hoffnung in Zweifel und Schwermuth; ſelbſt nicht die gewöhnlichen Zeichen des Einverſtändniſſes waren zwiſchen ihnen gewechſelt worden, denn er hatte ſich eifrig faſt jedem ſchönen Mädchen im Gar⸗ ten gewidmet. Eiferſucht erfaßte einen Augenblick ihr Ge⸗ müth, aber dieſer folgte ſehr raſch Erbitterung gegen ihren Vater. „Wenn er ſo behandelt worden iſt, wie Annie mir ſagt, wenn ſeine Werbung um mich zurückgewieſen worden iſt,“ dachte ſie,„wie kann ich erwarten oder hoffen, daß er ſeine Huldigungen fortſetzen ſoll? Er weiß nicht anders, als daß ich von meinen Eltern befragt worden bin; und ſoll mein Glück durch die Einflüſterungen eines Knaben zerſtört, ver⸗ nichtet werden?“ und indem ſie ihr Geſicht mit den Händen bedeckte, brach ſie in Thränen aus; die Umgebung, die Zeit, die Muſik, die aus der Entfernung herüber drang, unter⸗ ——— — NM M* — —— W— — ſtützten dieſe Gefühle und ſteigerten ſie zur Verzweiflung. Es dunkelte um ſie, wozu noch der düſtere Schatten der gi⸗ gantiſchen Bäume beitrug, die eine Gruppe bildeten, wo ſie ſaß, und die Muſik, die von Zeit zu Zeit zu ihr hinüber drang, klang ungewöhnlich traurig. Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe erweckte ſie aus ihrer ſchmerzlichen Betäubung, und erſchrocken ſah ſie den Gegenſtand ihrer Gedanken an ihrer Seite ſtehen; ſeine ſprechenden Augen waren mit einem Blicke auf ſie gerichtet, den das blödeſte Auge nicht mißver⸗ ſtehen konnte, und der ganze Ausdruck ſeiner ſehr ſchönen Züge verrieth die bereteſte Liebe. „O, daß ich das ſelige Recht hätte, dieſen Schmerz mil⸗ dern oder verſcheuchen zu dürfen,“ rief er leidenſchaftlich aus, indem er ihre Hand zu ergreifen ſuchte.„Ich hatte mich ſtolzen Hoffnungen hingegeben, ich hatte gewagt, die ſchmei⸗ chelhafte Beachtung, die Sie mir zollten, als eine Beſtä⸗ tigung meiner Wünſche zu betrachten, und ich gab mich dem zärtlichen Traume hin, daß ich über kurz oder lang ein Recht, ein heiliges Recht haben würde, jede Ihrer Sorgen zu bannen und jede Ihrer Freuden zu theilen. Ich hatte Unrecht. Ihre ſchmeichelhafte Beachtung muß nur eine Aeuße⸗ rung Ihres gütigen Herzens geweſen ſein, das bemitleidete, was es zu ſehen nicht umhin konnte, und doch, Miß Hamil⸗ ton, hat gerade dieſe Aeußerung Ihres edlen Weſens mein Unglück vergrößert; ich habe Sie darum lieben, ja anbeten müſſen. Ich tadle Sie nicht, ich bin anmaßend wahnſinnig geweſen, ich hatte kein Recht ſo viel Glück zu erwarten; mein Antrag wurde zurückgewieſen; es wurde mir geſagt, Ihr Benehmen müſſe mir gezeigt haben, daß ich Ihnen nicht gefiele; ich floh Ihre Gegenwart, aber ich konnte nicht blei⸗ ben; wie ein wahnſinniger Thor ſtürzte ich mich wieder in den Zauberkreis. Ich konnte nicht leben, ohne Ihre Stimme zu hören, wiewohl ſie vielleicht nie wieder zu mir ſprechen würde; ich konnte nicht leben, ohne Ihre ausdrucksvollen Augen, Ihr beredtes Lächeln zu ſehen, wiewohl es mir viel⸗ leicht nie wieder ſtrahlen würde. Ich bin hier, ich fühle meine Thorheit, aber ich kann mich nicht losreißen. Karo⸗ 196 line, anbetungswürdige Karoline,“ fuhr er mit erkünſtelter Leidenſchaft fort,„ſprechen Sie nur, befehlen Sie über mich, auf welche Weiſe kann ich den Schmerz bannen, in den ich Sie verſunken ſehe? Gönnen Sie mir wenigſtens die Ge⸗ nugthuung, fühlen zu können, daß ich Ihnen einen Dienſt geleiſtet, daß ich etwas für Ihr Glück gethan habe, wiewohl das meine durch Sie für immer entflohen iſt.“ Er hatte raſch, doch beredt geſprochen, und Karoline kämpfte vergebens mit ſich, ihn zu unterbrechen. Er glaubte, ſie habe ſeine Hand zurückgewieſen, und in dieſem Augen⸗ blicke ſtellte ſie ſein gegenwärtiges Benehmen dem des Lord St. Eval unter denſelben Umſtänden gegenüber, und ſie konnte nicht länger zweifeln, wer ſie am meiſten liebte. Sie hatte den geheimen Kampf des Einen nicht geſehen— ſein ſtolzes und edles Herz hatte denſelben verheimlicht; aber Alphingham— wenn ſo treue Liebe ihr geboten wurde, ſollte ſie dieſelbe dem Elend und ſich ewigen Vorwürfen, wenn nicht gleicher Qual preisgeben?„Sie irren ſich, My⸗ lord,“ ſagte ſie ſtolz nach einem ſchweren Kampfe mit ſich ſelbſt,„geben Sie nicht mir den Verluſt Ihres Glückes ſchuld; ich erfuhr erſt in dieſem Augenblicke, daß es von mir“— ſie hielt plötzlich inne, denn ihre natürliche Beſchei⸗ denheit ließ ſie nicht weiter ſprechen, ſo entrüſtet ſie über die Beſtätignng von Annie's Vermuthnngen war. Lord Alphingham ſah ſeinen Vortheil und verfolgte ihn.„Wie,“ rief er in einem Tone aus, in dem er Er⸗ ſtaunen und Entzücken geſchickt zu verbinden wußte,„ſind auch Sie hintergangen, und iſt mein Antrag zurückgewieſen worden, ohne daß er Ihnen vorgelegen hat? Iſt es möglich? O, ſprechen Sie noch ein Mal, meine geliebte Karoline, ſagen Sie mir, daß ich nicht zu kühn geweſen, daß ich noch hoffen darf, daß meine langgehegten Wünſche nicht grundlos ſind; Sie werden, o Sie werden mich nicht zum Elend verdam⸗ men; Sie werden mein Herz nicht zurückweiſen und mich verzweifelnd von Ihren Füßen ſtoßen. Karoline, mein ge⸗ liebtes, mein ſchönes Mädchen, ſagen Sie, daß Sie barm⸗ herzig ſein wollen; ſagen Sie, daß Sie mich lieben, daß ich 197 nicht allein liebe; o ſagen Sie, verſprechen Sie mir, daß Sie die Meine ſein wollen, und komme dann was da wolle, wir werden glücklich werden!“ Sie hörte, und ihr Herz klopfte, und ihr Hirn wirbelte; in der Betäubung dieſes Augenblickes war Alles, Alles ver⸗ geſſen, bis auf das Zureden Annie's, ſeine beredten Bitten, die wilden Triebe ihrer geblendeten Einbildungskraft; das unglückſelige Verſprechen entſchlüpfte ihren Lippen; ſie ge— lobte die Seine ſein zu wollen. Einige Minuten horchte ſie ſeinen leidenſchaftlichen Dankſagungen, ſeinen Verſicherungen treuer Liebe, dann ſchrak ſie plötzlich zurück, rief aus: „Mein Vater!“ und brach in einen heftigen Thränen⸗ ſtrom aus. „O, weinen Sie nicht, meine Geliebte, laſſen Sie nicht einen bloßen Schatten, denn das iſt in dieſem Falle die Pflicht, unſer Glück vergiften; er wird uns zu ſeiner Zeit ſeine Einwilligung geben; fürchten Sie nicht, daß, wenn er Sie glücklich ſieht, wenn er ſieht, daß alle meine Wünſche, alle meine Gedanken Ihrer Wohlfahrt galten, er uns ſeine Verzeihung wegen unſeres unfreiwilligen Ungehorſams er— theilen, und daß ſich ſein ungerechtes, grauſames Vorurtheil gegen mich verlieren wird, denn er wird finden, daß es nur auf Einbildung beruhte; und wenn er hartnäckig bleibt, o, wie werde ich mich freuen, meine Karoline ſeiner ſtrengen Vormundſchaft entzogen zu haben. Bereits hat er Sie ge⸗ täuſcht, und kann er dann unbedingten Gehorſam gegen ungerechtfertigte und unbegründete Gebote von Ihnen ver⸗ langen? Beruhigen Sie ſich, meine Geliebte, fürchten Sie nichts, bauen Sie auf meine Liebe, und Alles wird noch gut werden.“ Aber ſie weinte immer noch, wiewohl Lord Alphingham ſeine Tröſtungen noch längere Zeit fortſetzte. Da ſie end⸗ lich fürchtete, durch ihre allzulange Abweſenheit Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen, ſo raffte Sie ſich endlich auf, und indem ſie ſich von ihrem ſiegesfrohen Geliebten losriß, blieb ſie einige Minuten allein und ſuchte, wiewohl vergebens, das Glück wieder zu finden, welches ihr zu leuchten geſchienen hatte, wenn ſie einer Verbindung mit dem Vicomte ent⸗ gegen ſah. Sie ſah es nicht. Eine dunkle, ſchwere, dro⸗ hende Wolke lag über ihrem Gemüthe, die keine Anſtrengung vertreiben konnte; ſie fühlte, als ſie wieder in die glänzende Geſellſchaft kam, daß das Auge der Herzogin mit Erſtaunen und Verwunderung auf ihr ruhte, und ſie bebte vor dem ſtrengen Blicke zurück, als wenn er in der That in ihre Seele dringen und das Vorgefallene verdammen könnte. Warum kehrte ihre Freude nicht zurück, warum war ſie in⸗ mitten einer ſolchen Seene nicht glücklich? Sie wußte es nicht und mühte ſich, ſo heiter und lebhaft zu ſein, wie ge⸗ wöhnlich. Aber jeder Verſuch ſchlug ihr fehl, und ſie zog die Aufmerkſamkeit ihrer Umgebung auf ſich und war wirk⸗ lich froh, als die feſtlichen Stunden vorüber waren und ſie ſich allein befand. Sie ſuchte ihre verwirrten Gedanken zuſammen zu faſſen und zu beten; aber ſie fand keine Worte, und indem ſie ſich auf ihr Bett warf, weinte ſie viele Stun⸗ den lang. Sie hätte nicht ſagen können, warum ſie ſo weinte, ſie wußte nur, daß ſie unglücklich war, daß ihre Hei⸗ terkeit entflohen war, und wie es ſchien für immer, und ſie ſah faſt mit Widerwillen der Stunde entgegen, wo ſie Lord Alphingham wieder ſehen ſollte, und als ſie kam, heiterte ſie ſelbſt ſeine Gegenwart nicht auf. Er ſuchte ſie zu be⸗ ruhigen, machte ihr ſelbſt ſanfte Vorwürfe, aber dabei lag etwas in ſeinem Auge, was ſie noch nie geſehen hatte und was ſie mit Schrecken erfüllte. So ſehr er es zu verbergen ſuchte, ſo verrieth es doch Leidenſchaften, von denen ſie ihm frei geglaubt hatte, und ſteigerte ihren Schmerz. Als die Herzogin das Unwohlſein, wie ſie es nannte, ihrer jungen Freundin bemerkte, rieth ſie ihr, ſich ruhig zu verhalten und ſich von der Geſellſchaft zurückzuziehen, bis es vorüber ſei; aber während ſie ſprach, bemerkte Karoline wieder den ſtrengen und forſchenden Blick der Herzogin, und gegen ihren Rath erſchien ſie wie gewöhnlich bei Tiſche. Tage verfloſſen, Lord Alphingham's Plan war gereift, und er legte denſelben Karolinen zur Genehmigung vor. Ein Feſt, ähnlich dem, das die Herzogin gegeben, nur daß 199 es zu einer ſpäteren Stunde anfing, um ein Feuerwerk im Park zu geſtatten, ſollte von einem benachbarten Edelmann gegeben werden, und die ganze Geſellſchaft der Herzogin wurde eingeladen. Die Villa war einige Meilen entfernt, und ſie ſollte Airsley um halb neun Uhr verlaſſen. An dieſem Tage ſollte Karoline ſich unwohl ſtellen und ruhig zu Hauſe bleiben; um zehn Uhr wollte Lord Alphingham einen zuverläſſiigen Diener ſenden, der einen Brief ſcheinbar von Mrs. Hamilton überbringen ſollte, worin ihre Tochter aufgefordert wurde, ſofort zurückzukehren, da ſie plötzlich gefährlich erkrankt ſei. Dieſer Brief ſollte natürlich die⸗ jenigen Glieder der Geſellſchaft täuſchen, die durch irgend einen Zufall veranlaßt, zu Hauſe geblieben wären, und ſollte der Dienerſchaft gegenüber dazu dienen, ihre plötzliche Abreiſe zu erklären. Der Wagen, der angeblich Mr. Hamil⸗ ton gehörte, ſollte ſie erwarten, Lord Alphingham wollte ſie etwa fünf Meilen von Airsley treffen, und ſei ſie einmal fort, ſo werde ſich das Uebrige leicht machen. Karoline hörte zu, und ein innerer Schauder bebte ihre Glieder. Halb ohnmächtig willigte ſie mit kurzen Worten in Alles, was er ſo beredt auseinander ſetzte, und verließ ihn dann ſogleich. „Wird ſie ſo ſchwach ſein, nun zu ſchwanken?“ dachte Alphingham.„Vielleicht iſt ſie nach alledem all dieſer An⸗ ſtrengungen nicht werth, ſie hat keinen Muth, doch ſie iſt zu ſchön, als daß es mich nicht freuen ſollte, ein ſo ſchönes Geſchöpf nächſte Saiſon als meine Braut einzuführen, und es wird mich an Mr. Hamilton für ſeine unhöfliche Zurückweiſung rächen. Und wenn ich ihrer überdrüßig bin, wenn ihre Thrä⸗ nen und ihre bleichen Wangen fortdauern, nun, dann bin ich Gott ſei Dank durch nichts an ſie gefeſſelt. Ich kann handeln, wie ich will, und wenn Ihre Tochter mir zuwider wird, oder mich beleidigt, Mr. Hamilton, wie Sie es gethan haben, ſo fürchten Sie meine Rache, ſie wird euch Beide treffen, und ich werde unverletzt andere Länder und ſchö⸗ nere Mädchen aufſuchen, wie ich es ſchon gethan habe.“ Sein Geſicht hatte ſich während dieſer Rede verdüſtert, aber am Schluſſe derſelben wurde es wieder heiter, und mit einem gleichgültigen Pfeifen ſchlenderte er davon. Und dieſem Manne wollte ſich das geliebte Kind ſo vieler Sorgen opfern, ſie, die einſt die Wahrheit und Ehrenhaftigkeit ſelbſt geweſen, willigte ein, ſich der Vor⸗ mundſchaft ihres Vaters zu entziehen und die heiligen Bande der Natur zu zerreißen! Aber wiewohl ſich ſelbſt ihr Geiſt nun dagegen empörte, ſo war ſie doch zu weit gegan⸗ gen, wie konnte, wie durfte ſie ſich nun zurückziehen? Und doch wollte ſie noch einen Verſuch machen. Sie wollte ihn bitten, ihr zu erlauben, Alles ihren Eltern zu geſtehen; ſie war überzeugt, daß, wenn ſie erführen, wie ſehr ihr Glück von ihrer Verbindung mit ihm abhänge, ſie einwilligen und ihre Ehe mit ihrem Segen heiligen würden. Glück— Karoline ſchauderte; die wilde Aufregung geheimer Liebe war verſchwunden, ſie wußte, daß ſie geliebt wurde, ſie hatte ihr Verſprechen gegeben, und dennoch war ſie nicht glücklich; und konnte ſie es erwarten, wenn ſie unwider⸗ ruflich die Seine ſein würde? Der Kopf ſchwindelte ihr unter dem Wirrſal ihrer Gedanken, aber ſie führte ihren Vorſatz aus und bat ihn, wie ſie es beabſichtigt hatte. Lord Alphingham hörte ihr mit düſtrer gerunzelter Stirne zu. „Und was wird aus den gerechten Beſchuldigungen Ihres gütigen Bruders?“ fragte der Vicomte mit einem ſehr deutlichen und verächtlichen Lächeln. „Vertheidigen Sie ſich, und Papa wird ſich überzeu⸗ gen, daß ſie ungegründet ſind,“ lautete ihre Antwort. Aber ſie ſah in ſein Geſicht und erſchrak über ſeinen Ausdruck, denn zum erſten Male fuhr ihr der Gedanke durch den Sinn, daß Perey's Mahnung wirklich Grund haben könnte, und immer dringender bat ſie ihn, daß er ſie um ihres Vaters Einwilligung bitten laſſen möge.„Laſſen Sie mich nur Papa und Mama ins Vertrauen ziehen, laſſen Sie mich nur verſuchen ſie zu überzeugen, daß ſie ſich irren, und daß auch Perey in Irrthum befangen ſein muß.“ Der Vicomte ſuchte eine Zeit lang mit milden Worten 201 ihre Gründe zu widerlegen und ſie zu überzeugen, daß, wenn ſie es thue, ſie ſich nur unglücklich mache. Aber immer noch flehte ſie, und endlich kam ſeine ungebändigte Wuth zum Ausbruch. Er war zu lange das Opfer der Leiden⸗ ſchaften geweſen, um ſie im Zaume zu halten, ſelbſt wenn es am nothwendigſten war, und einige Minuten überſchrit⸗ ten ſie alle Grenzen; und Karoline ſah ihn, wie er war, und erblickte in dunkler Ferne die verdüſterte Zukunft. Sie würde ſich von ihm losgeriſſen haben, aber er hielt ſie zu⸗ rück, und in einer raſch veränderten Stimmung demüthigte er ſich vor ihr und bat ſie mit leidenſchaftlicher Gluth und tiefer Reue um Verzeihung und Mitleid. Es ſei ſeine glühende Liebe, ſeine Furcht, ſie zu verlieren, was ihn ſo ſich vergeſſen laſſe, und er beſchwor ſie, ihn nicht zu ewigem Unglück zu verurtheilen, er ſei bereits unglücklich genug, daß er ihr auch nur einen Augenblick ſolchen Schmerz be⸗ reitet. Er ſprach, und ſeine ſanfte Stimme, ſeine bittenden Augen, ſeine Verſicherungen unwandelbarer Liebe und Dankbarkeit, wenn ſie ſich ihm anvertrauen und die Seine werden wollte, thaten einigermaßen ihre Wirkung; ſie war überzeugt, daß es ſie nur unglücklich machen würde, wenn ſie jetzt um die Einwilligung und den Segen ihrer Eltern bitten wollte, und ſie verſprach nicht mehr daran denken zu wollen. Aber vergebens ſuchte ſie den Ausbruch ungezü⸗ gelter Leidenſchaft zu vergeſſen, deſſen Zeugin ſie geweſen war; er verfolgte ſie im Schlafe und im Wachen, und ſeine Verſicherungen treuer Liebe verſchwanden daneben. Der beſtimmte Tag kam, und die Herzogin nahm ohne zu fragen oder eine Bemerkung zu machen, Karolinens Entſchul— digung an, daß ſie ſie und ihre Freunde nicht zu den er⸗ warteten Feſte begleiten werde. Die thränenſchweren Au⸗ gen und die bleichen Wangen des verirrten Mädchens waren eine mehr als genügende Entſchuldigung; ſie unter⸗ ſtützte ſelbſt Karoline, als dieſelbe das freundliche Aner⸗ bieten von Lady Annie und Lady Luey Melville ablehnte, bei ihr bleiben zu wollen. Sie ſagte, ſie ziehe es vor ganz allein zu bleiben, da ſie heute für Niemand eine gute Ge⸗ 202 ſellſchafterin ſein würde, und es ſchien, als wenn auch die⸗ ſes Hinderniß ihrer Flucht beſeitigt wäre. Die Stunden gingen dahin, die edlen Gäſte konnten von nichts als dem bevorſtehenden Feſte und ſeinen Freuden ſprechen, während ſie ſich die Zeit in der Bibliothek, in dem Muſikzimmer, im Garten, oder wohin ſie gerade ihr Geſchmack führte, zu vertreiben ſuchten; denn Freiheit war die Parole von Airsley; aber Karoline ſchloß ſich ihnen nicht an. Es war der zweite Tag, ſeitdem ſie den Vicomte nicht mehr geſehen hatte; denn aus Furcht, Aufmerkſamkeit zu erregen, hatte er ſeine Beſuche nicht oft wiederholt, und wohlerfahren in der Intrigue, hatte er ſeinen Verkehr mit Karoline in undurchdringliches Geheimniß gehüllt. Mehr als ein Mal war ihr in dieſen einſamen Stunden zu Muthe, als wenn ihr der Kopf wirbelte, und ſie wurde ganz ver⸗ wirrt, denn ſie konnte gewiſſe Gedanken nicht verbannen. Sie hatte an dieſem Morgen Briefe von Hauſe erhalten, und in ihrer gegenwärtigen Stimmung athmete jede Zeile Liebe, die ſie, wie ihr erwachtes Gewiſſen ihr ſagte, nicht verdiente. Natur und Vernunft hatten wieder die Herr⸗ ſchaft erlangt, als wollten ſie durch ihre Qualen die Angſt dieſer Stunden vergrößern. Das Elend, das ſie betroffen, ſeit ſie in Lord Alphingham's Anträge gewilligt, hatte langſam, aber ſicher den blendenden Schleier von ihren Au⸗ gen gezogen. Das Licht der Vernunft hatte ſie mit einer Einſicht erfüllt, die nicht mehr verdunkelt werden konnte. In demſelben Augenblicke, wo ſie erkannte, daß ſie Lord Alphingham nicht liebte, erſchien ihr Benehmen gegen ihre Eltern, gegen St. Eval, in den wahren Farben. Ja, es war keine Einbildung, ſie war das Opfer der Be⸗ täubung oder Aufregung geweſen; aber immer klarer er⸗ kannte ſie die Wahrheit, ſie opfere ſich ſelbſt einem Manne, den ſie nicht liebte, den ſie nie geliebt habe, mit dem ihr Leben eine öde Wüſte ſein würde, und deswegen ſtand ſie in Begriff, die Bande der Natur zu zerreißen, ihren Eltern zu entfliehen, vielleicht ihren Fluch auf ihr Haupt zu laden, oder was ſie jetzt noch mehr fürchtete, das Herz ihrer 203 Mutter, deren Benehmen, wie ſie überzeugt war, nachdem die Vernunft wieder ihren Sitz eingenommen, immer von den Geboten der Liebe geleitet worden, mit Schmerz zu erfüllen. Sie rief ſich lebhaft alle ihre Unterredungen mit Annie zurück, und ſie ſah mit bitteren Gewiſſensbiſſen ihre Blindheit und Thorheit ein, daß ſie ihr eigenes Urtheil falſchen Raiſonnement geopfert, daß ſie ihr Vertrauen und ihre Liebe einer Mutter entzogen, die ſie niemals getäuſcht hatte, um ſie einem Mädchen zu zollen, die mit ihrer thö⸗ rigten Schwäche geſpielt, die ihre kaum erwachte Phantaſie gereizt, bis fie ſich ganz bezaubert fühlte, und die ihr end⸗ lich ein Benehmen anempfahl, vor dem ſich jetzt Karolinens ganze Seele empörte. Warum hatte ſie das gethan? Um Schande auf ihr Haupt zu häufen und ihrer Mutter Schmerz zu bereiten. Das Benehmen ihrer Eltern gegen ſie hatte ſich verändert, hatte ſich das ihre gegen ſie nicht ebenfalls verändert? hatte ſie nicht ſeit Annie's Ankunft in London gehandelt, als wenn ſie unter dem Einfluß irgend eines Zaubers ſtände? und nachdem derſelbe nun gewaltſam ge⸗ brochen war, miſchten ſich Erinnerungen an die Vergan⸗ genheit in ihre gegenwärtigen Leiden und erhöhten dieſel⸗ ben. Ihre Kindheit, ihre erſte Jugendzeit kamen ihr wie ein Strom in das Gedächtniß zurück; ſo viele Fehler ſie ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, ſie waren unſchuldig und rein im Vergleich mit ihrer Gegenwart; damals war ſie von Wahrheit, Offenheit, Liebe, Vertrauen gegen ihre Eltern erfüllt geweſen, gegenwärtig hatte ſie das alles bei Seite geworfen. Wenn die Worte ihrer Mutter wahr wa⸗ ren, und ſie fühlte ſchmerzlich, daß ſie Recht gehabt hatte, daß ihr Benehmen gegen St. Eval eine fortgeſetzte Lüge geweſen ſei, was würden ihre Eltern denken, wenn ihr Ver⸗ hältniß zu Lord Alphingham entdeckt würde? Lord Al⸗ phingham— ſie ſchauderte bei ſeinem Namen. Ihr Herz ſehnte ſich mit leidenſchaftlicher Heftigkeit nach ihrer Mut⸗ ter, ihre ſegnende Stimme zu hören, ihr ſtrahlendes Lächeln zu ſehen und ihren liebenden Kuß zu empfangen, wie das ſo oft in HDakwood geſchehen war, danach ſehnte ſie ſich in 204 äußerſter Verzweiflung. Heute Nacht wollte ſie dieſelben für immer von ſich werfen, wollte fliehen wie eine Verbre⸗ cherin von Allen, was ſie liebte, und wenn ſie nach Hauſe zurückkehren könnte und Alles geſtände, würde ſie dann dieſe vertrauende Liebe jemals wieder gewinnen? Sie bebte vor Furcht und Schrecken über die Strenge ihres Vaters, den traurigen Blick ihrer Mutter, die Kälte und das Miß⸗ fallen, denen ſie überall begegnen würde— auf allen Seiten ſah ſie nichts als Elend; aber mit Lord Alphingham zu fliehen, ſich für immer an einen Mann zu binden, den ſie nicht liebte, nicht lieben konnte; o, Alles, Alles, ſelbſt der Tod war dem vorzuziehen! Die Worte ihres Bruders klan⸗ gen ihr unaufhörlich in das Ohr;„Wenn Du auf den künftigen Frieden meiner Schweſter Werth legſt, ſo laſſe ſie ſeine Geſellſchaft meiden.“ Woher wußte ſie, daß dieſe Worte ganz ohne Grund waren? Die Miene des Vicomtes, als er auf ſie angeſpielt hatte, beſtätigte ſie in ihren nun hellſehenden Augen. Wollte ſie ſich dem Verbrechen vermäh⸗ len? Sie erinnerte ſich der Rechtſchaffenheit, der unwan⸗ delbaren Liebe ihres Vaters, und ſie fühlte ſich überzeugt, daß er ihn nicht ohne guten Grund verurtheilt haben würde. O, warum, warum hatte ſie ſich ſo bloß geſtellt, wohin ſollte ſie ſich wenden, um Hülfe zu ſuchen und Schutz zu finden vor dem Schickſfal, das ſie ſich ſelbſt zugezogen hatte, wo hatte ſie ihre Mutter Beiſtand und Vergebung ſuchen gelehrt, wenn ſie als Kind einen Fehler beging? Durfte ſie ſich an ihren Schöpfer, an den Gott wenden, den ſie in dieſem Momente der Blindheit verlaſſen hatte, den ihre Täuſchung gegen ihre Eltern beleidigt, denn ſie hatte ſeine heiligen Geſetze mit Füßen getreten? Es ſchlug ſieben Uhr; noch drei Stunden, und ihr Schickſal war unwiderruflich beſiegelt; der Gott ihrer Ju⸗ gend— konnte ſie jemals wieder zu ihm beten, wenn ſie die Gattin Alphingham's war, von deſſen Lippen niemals ein religiöſes Wort kam, deſſen einfachſte Handlungen nur Verachtung gegen die Formen und die Gebote der Religion 205 gezeigt hatten? Die geliebten Beſchützer ihrer Kinderjahre, die zärtlichen Freunde ihrer Jugend hatte ſie beleidigt; durch ihr Benehmen hatte ſie dieſelben in der Achtung der Welt herabgeſetzt, ihre ſo vieljährige Aufopferung für ihre Kinder hatte ſie lächerlich erſcheinen laſſen. Eine unüber⸗ ſteigliche Schranke trennte ſie von den Geſpielen ihrer Ju⸗ gend, niemals wieder konnte ſie mit ihnen vor ihren Eltern knieen und ihren Segen theilen. Oakwood und ſeine Un⸗ ſchuld, ſeine Freuden, waren für ſie immer dahin? Sie dachte an den Kummer, den ſich ihre Mutter gemacht hatte, wenn ſie als Kind geſündigt, und was wollte ſie ihr nun anthun? Sie ſah ihre Mutter von Jammer niedergebeugt, ſie hörte ihr verzweifeltes Gebet um Barmherzigkeit für ihr Kind. „Heiland meiner Mutter, habe um ihretwillen Mitleid mit ihrem unwürdigen Kinde, o rette mich vor mir ſelbſt, gieb mich meiner Mutter zurück;“ und indem ſie auf ihre Knie ſank, begrub das unglückliche Mädchen das Geſicht in ihre Hände, und Minuten, die ihr wie Stunden vorkamen, verfloſſen über dieſem Ausbruche der Reue und des See⸗ lenkampfes. Siebentes Kapitel. „Liebſte Mutter, das iſt wirklich eine ſo glückliche Stunde, wie einſt in Dakwood,“ rief Emmeline an demſel⸗ ben Abend aus, als ſie ſich mit kindiſcher Freude zu den Füßen ihrer Mutter geſetzt hatte und ihre lachenden Augen mit einem Ausdrucke zärtlich vertrauender Liebe in ihr Ge⸗ ſicht blickten. Sie und Ellen ſaßen allein bei Mrs. Hamilton, Miß 206 Harcourt war bei einer Freundin, und Mr. Hamilton war nach Tiſche zu einer Berathung mit ſeinem Anwalt in Myr⸗ vin's Angelegenheit gerufen worden. Die liebliche Däm⸗ merung wurde allmälig zum Abend, und der Himmel, wie⸗ wohl er von den hohen Häuſern von Berkeley Square beſchattet war, trug noch alle die herrlichen Farben, welche den glänzenden Sonnenuntergang begleitet hatten. Der Balcon des Zimmers, wo ſie ſaßen, war mit Blumen ge⸗ füllt, und der milde Hauch des Sommers trug die ſüßeſten Düfte herein. Es war jene Stunde des Abends, wo ſich ſelbſt London einigermaßen beruhigt. Mr. und Mrs. Ha⸗ milton waren ſeit Karolinens Beſuch in Airsley mehr zu Hauſe geweſen, doch noch kein Abend hatte Emmeline an ihr liebes Dakwood ſo erinnert, als der heutige; gerade in der Dämmerung hatte ſie ihre Mutter oft aufgeſucht und durch tauſend kleine unſchuldige Liſten den warmen Em⸗ pfindungen Luft gemacht, die ihr Herz erfüllten. Ellen hatte bei den Blumen geſtanden, als ſie aber den Ausruf ihrer Couſine hörte, ſetzte auch ſie ſich zu den Füßen ihrer Tante und fügte hinzu:„Du haſt Recht, liebe Emme⸗ line, es iſt ſo.“ Mrs. Hamilton's Herz quälte eine Angſt, die ſie ſich nicht erklären konnte, doch war ſie außer Stande, der un⸗ ſchuldigen Heiterkeit ihrer jungen Geſellſchafterinnen zu wider⸗ ſtehen, und indem ſie ihren Arm ſcherzend um Ellen ſchlang, überließ ſie ihre andere Hand Emmelinen und antwortete: „Ich freue mich ſehr, meine lieben Kinder, daß etwas ſo Einfaches, wie meine Geſellſchaft, Euch ſo großes Vergnü⸗ gen machen kann.“ „Es iſt jetzt ſo ſehr ſelten, daß wir Dich ganz allein haben, Mama, daß wir nicht umhin können uns darüber zu freuen. Ich vermiſſe ſelbſt Papa nicht; wir Drei bil— den eine ſo behagliche Geſellſchaft.“ „Du biſt außerordentlich höflich gegen meinen Onkel, Emmeline, ich habe große Luſt es ihm zu ſagen, wenn er zurück kommt,“ ſagte Ellen lachend. „Thue es immer, meine muthwillige Coufine, ich werde 207 für Deine Mühe einen Kuß bekommen. Ich weiß, wo Ma⸗ mas Gedanken ſind, wiewohl ſie ſich Mühe giebt ſo heiter zu ſein wie wir ſind; ſie möchte noch Jemand hier haben, um dieſe Stunde von Oakwood vollſtändig zu machen.“ „Ich ſollte mich nicht nach Deiner Schweſter ſehnen, mein liebes Kind, ſie iſt dort glücklicher als ſie hier ſein würde, beſonders da Lord Douglas heute Abend auf ſeiner Villa ein glänzendes Feſt giebt, wie die Herzogin eins vor zehn Tagen gegeben, wobei ſich Karoline ſehr amüfirt ha⸗ ben muß, wiewohl ſie nicht viel davon ſchrieb.“ „Es iſt ein Ton in ihren Briefen, Mama, der mir ſagt, daß ſie eben ſo froh ſein wird wie wir ſelbſt, wenn wir wieder in Oakwood ſein werden, wiewohl ſie denken mag, daß Feſte, Geſellſchaften u. ſ. w. das Angenehmſte im Le⸗ ben ſind. Und weißt Du, Mama, ich leide es nicht, daß Du ſagſt, Du ſollteſt Dich nicht nach ihr ſehnen, weil ſie dort glücklicher ſei als ſie es hier ſein würde, es iſt Hochverrath, in meiner Gegenwart ſo zu ſprechen oder nur zu denken.“ „Ich muß mich dann ſchuldig bekennen, meine Emme⸗ line, und meine Sache in Ellens Hände legen, daß ſie mich vertheidigt, oder mich auf Gnade oder Ungnade ergeben.“ „In Betracht des eigenthümlichen Glückes des heutigen Abends ſpreche ich meine Verzeihung aus,“ erwiderte Em⸗ meline lachend, indem ſie ihrer Mutter die Hand küßte. „Ein Brief, den wir heute Morgen erhielten, berichtet uns von Jemand, der ſich ſehnt uns alle wieder zu ſehen, trotz der mannichfaltigen Freuden ſeines wechſelvollen Le⸗ bens, nicht wahr liebe Tante?“ „Ja wohl, mein liebes Kind, die Briefe unſeres Ed⸗ ward ſind, ſeitdem er uns verlaſſen hat, immer eine Quelle des Troſtes und der Freude für mich geweſen, wiewohl es Ellens Eiferſucht erregt, daß er mir längere Briefe ſchreibt als die ihren ſind,“ fügte ſie lächelnd hinzu. „Mein Bruder weiß, daß, wenn ſeine Briefe an Dich Freude und Zufriedenheit bereiten, er mir kein größeres Vergnügen machen kann, ſo kurz auch die meinen ſind,“ ant⸗ wortete Ellen ernſthaft;„und da er ſo ausführlich an Dich 208 und ſo zärtlich an mich ſchreibt, ſo habe ich allen Grund zufrieden zu ſein; er hat nicht ſo frei über ſein Beit zu verfügen wie ich.“ „Ich wundere mich, wo er die Zeit finden n, ſo lange Epiſteln an Mama zu ſchreiben,“ bemerkte Enmeline lächelnd;„ich guckte ihr heute Morgen über die Achſeln, als ſie las, und war erſtaunt, daß er faſt ſo eng wie ich ge⸗ ſchrieben hatte; ich möchte wiſſen wie er es macht, die See⸗ leute ſollen ſonſt ſchlechte Brieſſteller ſein.“ „Haſt Du vergeſſen, was ich Dir ſo oft zu ſagen pflegte, als Du noch ein kleines, träges Mädchen warſt, Emmeline, und unangenehmen Aufgaben immer gern aus dem Wege gingſt, indem Du ſagteſt, Du würdeſt nie damit etig n werden?„Wo guter Wille iſt, da hat es gute Wege.“ „O liebe Mama, ich habe es nicht vergeſſen, es fällt mir heute noch oft ein, wenn ich verzweifeln möchte,— ich werde daher Maſter Ned eine Vorleſung darüber halten, wenn er zurück kommt, daß er mir nicht geſchrieben hat.“ „Nein, Emmeline, das hieße von unſerem jungen See— mann zu viel verlangt, man muß Maaß halten in allen Dingen, wie Du weißt.“ „Das iſt nicht meine Art, Mama,“ antwortete Emme⸗ line lachend,„Du weißt, ich ſchwebe beſtändig in Extremen, in der einen Minute im Himmel, und in der nächſten tief unten auf der Erde. Ich wünſchte bisweilen, ich wäre wie Ellen, immer ruhig und geſammelt; Du wirſt beſſer durch die Welt kommen als ich, meine ruhige Couſine.“ „Meinſt Du,“ erwiderte Ellen ein wenig lächelnd; aber Mrs. Hamilton bemerkte, was die gedankenloſe Em⸗ meline nicht ſah, daß eine dunkle, ſcheinbar ſchmerzliche Röthe die bleiche Wange ihrer Nichte überflog, und ſie dachte nicht wie ihre Tochter. „Und wie lange denkt Ned noch von uns wegzublei⸗ ben?“ fragte Emmeline nach einer langen Pauſe. „Er kann es noch gar nicht ſagen,“ erwiderte ihre Mutter,„vielleicht nächſtes Jahr um dieſe Zeit. Sie ſollen dieſe Herbſtmonate an den Ufern von Südamerika kreuzen, 209 und wie Edward glaubt, vor Buenos Ayros überwintern. Er freut ſich darüber, da er auf ſolche Weiſe viel mehr von der neuen Welt ſehen wird, als er erwartete, da er uns verließ.“ Was für ein unterhaltender Geſellſchafter wird er ſein, wenn er zurückkehrt,“ rief Emmeline aus. „Oder vielmehr ſollte er ſein, Emmeline,“ bemerkte Ellen ruhig. „Aber welche Anſpielungen, Ellen, Du biſt heute Abend zu boshaft, und namentlich gegen Deinen Bruder. Ein eben ſo ſchlechtes Compliment machteſt Du ihm über ſeinen Muth, als er die Syrene und ihre ganze Mannſchaft ge⸗ rettet hatte— Du wollteſt durchaus nicht glauben, daß Dein Bruder Edward und der junge Held meiner Erzäh⸗ lung ein und dieſelbe Perſon wären.“ „Ich kann ihr ihren Zweifel von damals verzeihen,“ ſagte Mrs. Hamilton liebevoll.„Die außerordentlichen An⸗ ſtrengungen, die Du ſchilderteſt, waren in der That faſt un⸗ glaublich, wenn man wußte, daß ſie von einem Knaben von kaum ſiebzehn Jahren gemacht worden ſein ſollten; aber ich hoffe, meine Ellen zweifelt nicht mehr daran, daß ihr Bruder ſich Ehre und Ruhm erwerben wird,“ fügte ſie freundlich zu ihrer Nichte gewendet hinzu. „O, ich darf es nicht wagen, mich nur der Hälfte mei⸗ ner glänzenden Träume, meiner zärtlichen Hoffnungen hin⸗ zugeben, die ſich mir in Betreff ſeiner aufdrängen,“ rief Ellen mit unwillkührlicher Leidenſchaftlichkeit aus. „Wie, Ellen, ſpielt Dir bisweilen die Phantaſie einen Streich, wie mir?“ fragte ihre Coufine lachend. eb⸗ mich oft gezwungen, Beſchäftigung zu ſu⸗ chen,“ antwortete Ellen,„um nicht dieſe Hoffnungen zu Träumereien und meine Enttäuſchung noch bitterer werden zu laſſen.“ „Du thuſt Deinen Bruder unrecht, wenn Du auch nur an eine Enttäuſchung denkſt,“ ſagte ihre Tante ſcherzend, „und ich muß für den Abweſenden als Vertheidigerin auf⸗ treten. Ich ſpreche meinen feſten Glauben aus, daß der Der Lohn einer Mutter. 14 210 Name Edward Fortescue einſt auf der höchſten Staffel ſeemänniſchen Ruhmes ſtehen, und daß er ſich als Befehls⸗ haber wie als Mann auszeichnen wird. Ich bin überzeugt, die Ehre meiner Familie wird einen würdigen Vertreter in meinem edlen Neffen haben, und ich dulde nicht, daß ein Wort des Zweifels oder Mißtrauens in dieſer Beziehung geſagt wird.“ „Wenn Du ſo denkſt, dann darf ich allerdings hoffen,“ erwiderte Ellen,„und die Erinnerung an die Vergan⸗ genheit—“ „Muß die Hoffnung für die Zukunft ſteigern, mein liebes Mädchen, oder ich muß ſie zu ewiger Verbannung verurtheilen. Denke nie wieder daran,“ fuhr Mrs. Ha⸗ milton immer noch ſcherzhaft fort und fügte dann hinzu: „Emmeline, willſt Du nicht wiſſen, wie der Gegenſtand Deiner freundlichen Theilnahme, die arme Lilla, heute von ihrem Vater und mir Abſchied nahm?“ „Ich habe es ganz vergeſſen, Mama. Dieſe Stunde von Dakwood hat mich ſo ſelbſtſüchtig gemacht, daß ich an nichts wie an uns dachte,“ erwiderte Emmeline.„Nun be⸗ friedige meine Reugier. Zeigte Lady Helen großen Schmerz über die Trennung?“ „Nicht ſo viel, wie ich um Lilla's Willen gewünſcht hätte. Annie und Miß Maliſon haben ſie mit ſo unglück⸗ lichen Vorurtheilen gegen ſie erfüllt, daß, wiewohl ich über⸗ zeugt bin, daß ſie ihr Kind liebt, ſie es ihm nie merken läßt; und Lilla's unglückſelige Gemüthsart hat ihr natürliches Vorurtheil unterſtützt, und ich fürchte, es wird Jahre brau⸗ chen, um es zu überwinden, wenn nicht Annie bald hei⸗ rathet und Miß Maliſon aus Lady Helens Prrſu en wird. Dann werden ſich Lilla's wirklich vortreffliche Ei⸗ genſchaften bald geltend machen.“ „Mr. Graham iſt bereits überzeugt, daß ſie ein ganz anderes Mädchen iſt, als das man ſie geſchildert hat, nicht wahr?“ fragte Ellen. „Das iſt er, und ich hoffe, daß ſie ſich nach dieſer Er⸗ kenntniß beide viel glücklicher fühlen. Ich konnte nicht 211 ohne Rührung ſehen, wie ſchwer ihm heute die Trennung von ihr wurde, ſo kurz ſie ſein wird— kaum ſechs Monate.“ „Ich war überzeugt, daß Mr. Graham ſeine Kinder liebte, wiewohl Annie und Cecil ſo viel über ſeine Strenge ſprachen,“ ſagte Emmeline triumphirend.“ „Mr. Graham's Gefühle ſind von Natur die allerwärm⸗ ſten, aber da er ſich in einigen ſeiner liebſten Hoffnungen getäuſcht geſehen hat, ſo hat er ſich unglücklicherweiſe ver⸗ anlaßt gefunden, dieſelben zu verbergen. Ich bedaure dies, ſowohl nm Ceecil's als Lilla's willen, da ich glaube, daß, wenn er ihnen in ihren Kinderjahren größere Theil⸗ nahme und Liebe gezeigt hätte, ſie beide anderen Charak⸗ ters geworden ſein würden.“ „Aber iſt es nicht jetzt zu ſpät?“ „Ich hoffe, für Lilla nicht, aber ich fürchte ſehr, nach Allem was ich gehört habe, daß ſich Cecil's Charakter be— reits gebildet hat. Erſchreckt durch die Rauheit ſeines Vaters, hat er ſich immer vor dem Gedanken gefürchtet, ihn zu ſeinem Freunde zu machen, und hat ſich nur zu dem jun— gen Leuten der Familie ſeiner Mutter geſellt, die einige Jahre älter als er ſelbſt, und nur der Modewelt und ihren Freuden lebend, nicht die beſten Geſellſchafter ſind, die er hätte wählen können, während ihre nahe Verwandtſchaft Mr. Graham hinderte, ſich dagegen auszuſprechen. Cecil muß nun ſechszehen Jahr alt ſein, und ich fürchte, keine Veränderung in dem Benehmen ſeines Vaters wird nun die bereits empfangenen Eindrücke verwiſchen.“ „Aber da Mr. Graham gegen Lilla anders geworden iſt, war es da immer noch nothwendig, daß ſie zu Mrs. Douglas gebracht wurde? Hätte ihre Beſſerung nicht eben ſo gut zu Hauſe bewirkt werden können?“ „Nein, mein liebes Kind. Ihr Vater freute ſich, als er fand, daß er ihre Liebe gewonnen und daß manche von den Schilderungen, die er gehört hatte, ungegründet waren, und er würde wahrſcheinlich in das entgegengeſetzte Extrem verfallen ſein und ſie eben ſo ſehr, wenn nicht noch mehr 14* — 212 verhätſchelt haben, wie er ſie vorher vernachläſſigt hatte. Lilla hat ſehr viele Fehler, die beſtändiger, wiewohl nicht ſtrenger Rüge bedürfen, und die von ihrer früheſten Jugend an die größte Vorſicht erheiſchten; da ſie vernachläſſigt wurde, ſo haben ſie ſich mit den Jahren geſteigert. Die Zucht, unter der fie ſich nun befinden wird, wird ihr zuerſt langweilig ſein, und vielleicht wird Lilla finden, daß Alles, was ich zu Gunſten der Mrs. Douglas geſagt habe, der Wirklichkeit widerſpreche, aber ich habe eine ſo gute Meinung von ihrer Gelehrigkeit, wenn man freundlich mit ihr ſpricht, daß ich nicht zweifle, daß alle dieſe Eindrücke verwiſcht ſein werden, wenn ſie uns zu Weihnachten beſucht.“ „Nun, ſo gut Mrs. Douglas ſein mag, ſo möchte ich doch nicht an Lilla's Stelle ſein,“ bemerkte Emmeline und fügte dann mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit hinzu: „Ach Mama, wie können wir Dir jemals dankbar genug ſein, daß Du uns nie von Dir weggeſchickt haſt. Ich würde Dich ſehr geliebt haben, aber ich hätte Dich nicht als meine beſte und theuerſte Freundin betrachten können, wie jetzt.“ „Es belohnt mich hinlänglich für alle meine Sorgen, daß Du dies in mir ſiehſt, mein liebes Kind,“ rief Mrs. Hamilton in unwillkührlicher Aufregung aus und beugte ſich nieder, um Emmelinen auf die Stirn zu küſſen und eine Thräne zu verbergen, die ihr in das Auge getreten war, denn das zwangloſe Vertrauen und die unvermin⸗ derte Liebe ihrer jüngern Tochter ließ das Betragen Ka⸗ rolinens nur um ſo ſchmerzlicher erſcheinen, und ſie fügte faſt unbewußt hinzu:„O, daß dieſes Vertrauen und dieſe Liebe ſich nie ändern, daß ſie mir nie entzogen werden mögen.“ „Aendern!“ wiederholten Emmeline und Ellen in dem⸗ ſelben Augenblicke, aber ſie hielten an ſich, denn ſie wußten wo die Gedanken ihrer vielgeliebten Mutter ſich befanden, und ſie fühlten, daß ſie genügenden Grund für alle ihre Kümmerniß habe. Faſt augenblicklich ſammelte ſich indeß Mrs. Hamilton nahm in heiterem Tone das Geſpräch wieder auf, und fragte Emmeline, ob ſich ihre Phantaſie ausgemalt habe, wie Oakwood bei ihrer Rückkehr in etwa vierzehn Tagen ausſehen würde. „Sie muß es wirklich gethan haben,“ erwiderte Ellen lachend,„denn ſie hat bei ihren Zeichnungen und ihren Arbeiten dieſe Woche ſo viel geträumt, daß nichts Gerin⸗ geres die Urſache geweſen ſein kann.“ Emmeline ſchüttelte ſchelmiſch den Kopf, und antwor⸗ tete in heiterem Tone; und ihr liebes altes ehrwürdiges Oakwood war der Gegenſtand der Unterhaltung, bis kurze Zeit darauf Mr. Hamilton zurückkehrte. „Wünſcht mir Alle Glück,“ ſagte er fröhlich,„mein Ge⸗ ſchäft geht gut von Statten. Mr. Myrvin braucht nichts davon zu wiſſen, bis alles geordnet iſt, bis das unehren⸗ hafte Verfahren ſeiner Feinde an das Licht gezogen und er wieder als Pfarrer von Langwillan in ſeine kleine Ge⸗ meinde eingeſetzt iſt. Dank der geſchickten Führung der Sache durch Mr. Allan wird Alles bald klar werden. Sobald wir wieder in Oakwood ſind, Ellen, ſollſt Du an Mr. Myrvin ſchreiben und ihn einladen, einige Zeit bei uns zuzubringen, und wenn er uns verläßt, ſo hoffe⸗ich, daß er ſich wieder nach Lanwillan und in ſein hübſches Pfarrhaus begeben wird.“ „Lieber, lieber Onkel!“ rief Ellen aus, indem ſie auf⸗ ſprang und ſich an ſeinen Arm klammerte,„o, wie kann ich Dir für Deine Theilnahme gegen einen Mann danken, der der erſte Freund war, den ich in England kennen lernte; den Tröſter meiner Mutter— den—“ „Den guten Mann, der uns zuerſt ſagte, welche Un⸗ ruhe mir meine Nichte bereiten würde,“ unterbrach ſie Mrs. Hamilton ſcherzend. „Ich habe Dir wirklich große Unruhe gemacht,“ erwi⸗ derte Ellen mit einem unterdrückten ſchweren Seufzer und ließ die Hand ihres Onkels los. „Ellen!“ ſagten Mr. und Mrs. Hamilton in demſelben Augenblicke in vorwurfsvollem Tone. „Habe ich es nicht gethan?“ fuhr ſie mit ungewöhn⸗ lichem Ungeſtüm fort.„Habe ich Euch nicht große Noth 214 gemacht, Euch, die mich vom erſten Augenblicke, wo Ihr mich kennen lerntet, mehr liebtet, als ich verdiente? Machte ich Euch nicht Beide krank und unglücklich? und dennoch iſt Eure Güte noch größer als vorher. Ich äußere keinen Wunſch, kein Verlangen, ſo wird es augenblicklich erfüllt; o, und ich habe keine Macht zu—“ „Duwirſt wenigſtens die Macht haben, mich ernſtlich böſe zu machen, wenn Du wieder ſo ſprichſt und meinen ſcherzen⸗ den Worten eine ſo düſtere Deutung giebſt,“ ſagte Mrs. Hamilton ernſt, indem ſie das aufgeregte Mädchen zärtlich an ſich zog.„Geh, geh Ellen, ich will nicht, daß Emme⸗ linens glückliche Stunde von Oakwood ſo verbittert werde. Du kannſt mich noch für Alles belohnen, und vielleicht werde ich eines Tages noch Deine Schuldnerin. Das mag Dir jetzt ſehr unwahrſcheinlich dünken,“ fügte ſie lächelnd hinzu, als Ellen ihre großen Augen ungläubig zu ihrem Geſicht erhob,„doch es ſind ſchon unwahrſcheinlichere Dinge paſſirt.“ „Und wo ſoll Arthur bleiben, während ſein Vater bei uns iſt?“ fragte Emmeline heiter ihren Vater.„Doch nicht als Famulus im Colleg?“ „Nein, nein, ich hoffe das Vergnügen zu haben, den Freund Herbert's eben ſo gut als Gaſt zu begrüßen, wie ſeinen Vater, und dann werden wir Arthur's künftiges Leben in Berathung ziehen. Ich würde ihn gern ein Jahr zu Mr. Howard thun und ihm dann eine Pfründe auf Lord Malvern's Gütern zu verſchaffen ſuchen, was mir, wie ich nicht zweifle, leicht gelingen wird.“ „Nun, dann wird mein Wunſch in Erfüllung gehen. Ich werde den verfolgten ſtolzen Jüngling ſehen und mir ſelbſt ein Urtheil bilden, ob er die Freundſchaft meines Bru⸗ ders verdient oder nicht; erinnerſt Du Dich noch ſeiner, Ellen?“ „Sehr wohl, er war ſo gütig gegen mich. Ich erinnere mich noch ſeines Schmerzes ſo, als ich das Dorf verließ, um, wie er ſagte, in ganz anderen Kreiſen zu leben, daß wir uns niemals wiederſehen würden.“ „Aber dennoch werdet Ihr Euch wiederſehen, ſo unwahr⸗ 215 ſcheinlich es Euch dünkte,“ ſagte Mrs. Hamilton lächelnd, aber in bezeichnendem Tone. „Du nennſt es eine Stunde von Oakwood, Emmy?“ fragte Mr. Hamilton, nachdem längere Zeit über Arthur und ſeinen Vater geſprochen worden war.„Wie wäre es, wenn wir die Aehnlichkeit noch vollſtändiger machten, indem wir Licht kommen ließen, und Du und Ellen uns etwas vorſpieltet; ich habe keine Gelegenheit gehabt, Euere Fort⸗ ſchritte zu hören, die unter ſo tüchtigen Lehrern außerordent⸗ lich geweſen ſein müſſen.“ „O, wunderbar, höchſt wunderbar,“ rief Emmeline lachend aus, indem ſie nach der Thür eilte, um zu ſchellen. „Ich hatte mir ſchon eingebildet, daß ich mich ganz vergeb⸗ lich übte, und daß mein Vater ſeinem Kinde nie wieder die Ehre erzeigen würde, ſie ſpielen zu hören; aber ich erinnerte mich an die Zauberhallen von Oakwood und dachte, dort wenigſtens würde es mir gelingen, ihn an meine Seite zu feſſeln, und ſo ſetzte ich meine Arbeiten fort.“ „Laß uns denken, daß wir dort ſind,“ erwiderte lächelnd ihr Vater, und als Licht erſchien, ſetzten ſich Emmeline und Ellen raſch an ihre Inſtrumente und gewährten durch dieſe häusliche Kundgebung ihre Talente den Lieben, die ſie ſo beſtändig gepflegt hatten, ungemiſchte Freude. Ihre Fort⸗ ſchritte unter der Leitung der beſten Lehrer in London waren überraſchend, und der Beifall und das offenbare Vergnügen von Mr. und Mrs. Hamilton entſchädigten die jungen unſchuldigen Weſen reichlich für alle die Anſtreng⸗ ungen, die es ihnen gekoſtet hatte, namentlich Emmelinen, die, wie wir wiſſen, bei ihrer Ankunft in London nichts hatte lernen wollen, da Alles ſo ganz anders ſei. „Wahrlich, Karoline kann von rauſchenden Vergnügun⸗ gen umgeben heute Abend nicht ſo glücklich ſein wie ich,“ rief Emmeline außer ſich vor Freude, als etwa halb elf Uhr ihr Vater ihre glühende Wange küßte und ihr für den Ge⸗ nuß dankte, den ſie ihm verſchafft habe. Sie hatte kaum geſprochen, ſo hörte man ziemlich raſch einen Wagen fah⸗ ren, der, wie es ſchien, an ihrer Thür anhielt, und es folgte 116 ein donnerndes und wahrhaft ariſtokratiſches Klopfen, das die Inſaſſen des friedlichen Zimmers nicht wenig erſchreckte. „Wer kann das um dieſe Stunde ſein?“ fragte Emme⸗ line mit beſtürztem Tone.„Wie unangenehm! Ich wünſchte heute Abend keinen fremden Beſuch. Mama, liebe Mama, Du ſiehſt ganz erſchrocken aus.“ Mr. Hamilton hatte die Thür geöffnet und ſtand im Begriff hinunter zu gehen, denn auch er war über den un⸗ gewöhnlichen Beſuch verwundert, aber er wandte ſich bei Emmelinens Worten um, denn ſeine Gattin gab ſich nicht ſo leicht unbegründeter Unruhe oder bangen Befürchtungen hin, doch in dieſem Augenblicke ſchien ſie ihre gewöhnliche Geiſtesgegenwart ganz verlaſſen zu haben, ſie war bleich wie Marmor und war entſetzt aufgeſprungen. Es ließen ſich Stimmen und Schritte hören, welche die Treppe heraufkamen. „Das iſt die Stimme und der Schritt der Herzogin von Rothbury— mein Kind,“ ſagte ſie in einem Tone, den Emmeline und Ellen nie vergeſſen konnten, und ſank faſt ohnmächtig auf ihren Stuhl zurück. Ihre Kinder eil⸗ ten beunruhigt an ihre Seite, aber ehe eine Minute vor⸗ über war, hatte ſich ihre Seelenangſt gelegt, denn Karoline ſelbſt trat mit der Herzogin ein, aber ihre todbleichen Wan⸗ gen, ihre blaſſen Lippen und die eingefallenen Augen er⸗ zählten von Leiden, die eine Mutter nicht ungerührt laſſen konnten. Vergebens ſuchte Mrs. Hamilton aufzuſtehen und die Herzogin zu begrüßen, ſie hatte nicht die Kraft ſich vom Stuhle zu erheben. „Karoline, mein Kind!“ das waren die einzigen Worte, die ihre ſtammelnde Zunge ſprechen konnte, und dieſe ſchmerzliche Stimme durchbohrte das Herz des nun wahr⸗ haft unglücklichen Mädchens und erweckte ſie aus der Be⸗ täubung überwältigender Gefühle, die ſie wie von einem Zauber gebannt an die Schwelle gefeſſelt hatten. Sie eilte auf ihre Mutter zu, ſank ihr zu Füßen und verbarg ihr Geſicht in ihrem Kleide. „Mutter, meine ſchwergekränkte Mutter, haſſe, o haſſe mich nicht,“ flüſterte ſie mit einer faſt unhörbaren Stimme. „Ich verdiene es, daß Deine Liebe mich verſtößt, daß Du mir Dein Vertrauen für immer entzieheſt. Ich habe Dich getäuſcht— ich“, ſie konnte vor Schluchzen nicht weiter ſprechen, und die bekümmerte Mutter konnte nur ihr Kind mit den Armen umſchlingen und ſie krampfhaft an ihr Herz drücken. Auch in Mr. Hamilton's Bruſt regte ſich eine Angſt, die faſt eben ſo groß war wie die ſeiner Gattin, als die Stimme der Herzogin ſein Ohr traf; aber als er Karolinen ſah, runzelte ſich ſeine Stirn. Er zitterte un⸗ willkürlich, denn er war überzeugt, daß es eine Unklugheit, um das mildeſte Wort zu brauchen, in ihrem Benehmen⸗ geweſen ſei, was dieſen ſpäten Beſuch, dieſe überraſchende Heimkehr veranlaßt habe. Er war bereits getäuſcht wor⸗ den, und während alle ſanfteren Gefühle in der Mutterbruſt um die Herrſchaft kämpften, ſtand der Vater bereit zu rich⸗ ten und zu verdammen, und er ſuchte mit aller Kraft die Gefühle zu bewältigen, die in ſeiner Bruſt aufſtiegen. In der Haltung der Herzogin zeigte ſich eine noch erhabenere Majeſtät als gewöhnlich, als ſie vorſichtig die Thür hinter ſich ſchloß und langſam auf Mrs. Hamilton zuging. In jedem ihrer Züge lag ein kalter, ſtrenger, unbeugſamer Ausdruck, der Emmelinens und Ellens Herz mit Schrecken erfüllte, deren unſchuldige Feſtfreude nun gewaltſam unter⸗ brochen wurde. „Mrs. Hamilton,“ ſagte die Herzogin, und der ernſte und traurige Ton veranlaßte die beſorgte Mutter, raſch den Kopf zu erheben und forſchend in ihr Geſicht zu ſehen, „Sie haben Ihr Kind meiner beſonderen Obhut anver⸗ traut, ich verſprach Ihnen, Ihre Tochter wie meine eigene zu überwachen, und unter dieſer Bedingung allein vertrau⸗ ten Sie ſie mir an; ich allein bringe ſie Ihnen daher zurück, und Gott ſei Dank, unbeſchädigt. Ich entſchuldige mich nicht wegen dieſes ſeltſamen und ſcheinbar unnöthigen Ueberfalls zu ſo ſpäter Stunde; ich war getäuſcht worden, und mein Haus war kein paſſender Aufenthalt mehr für Ihre Tochter, und ich konnte ſie keine Nacht mehr behalten, da mein Verſtand mir ſagte, daß ihres Vaters Schutz allein ſie vor den Ränken eines Mannes wahren könne, von dem wir nur ſehr wenig wiſſen, und das Wenige iſt nicht der Art, daß es ihn meiner Gunſt empfehlen würde. Auch Sie ſind von dieſem ſchwachen, bethörtem Mädchen getäuſcht, grauſam getäuſcht worden; hätten Sie gewußt, daß Lord Alphinham ihr im Geheimen begünſtigter Liebhaber wäre, daß die Kälte, womit ſie ihn öffentlich behandelte, die Er⸗ muthigung eines Andern nur dazu dienen ſollten, Ihnen und ihrem Vater ihre Liebe zu ihm zu verbergen, Sie wür⸗ den ſie nicht in eine Geſellſchaft gelaſſen haben, an der er Theil nahm. In meinem Hauſe hat er weitere Ermuthi— gung gefunden, ich bemerkte es mit eiferſüchtigem Auge, denn ich konnte nicht glauben, daß Sie oder Mr. Hamilton ſeine Huldigungen billigten; aber ſelbſt meine Wachſamkeit war vergebens, denn ſie hatte eingewilligt, jedes Band zu zer⸗ reißen, das ſie an ihre zu gütigen Eltern knüpfte, und mit ihm nach Schottland zu fliehen. Die heutige Nacht würde die Ausführung ihres Planes geſehen haben. Hätte ſich eines meiner Kinder ſo es würde mich weniger beſtürzt gemacht haben, als ein ſ oiches Betragen von einer Ihrer Töchter. Ich habe mir nicht ihr Vertrauen, ihre Liebe zu erwerben geſucht, Sie haben in Ihren Bemühun⸗ gen nie geraſtet, ſich beides zu erwerben, und darum iſt es wirklich traurig, daß Sie ſo belohnt werden ſollten. Ich nehme den aufrichtigſten Antheil an Ihnen, meine liebſte Freundin,“ fuhr ſie in einem Tone fort, der viel mehr Ge⸗ fühl zeigte, als ſie ſonſt ſehen zu laſſen pflegte.„Durch die ſchmachvolle Erzählung, die ich Ihnen mittheilen muß, be⸗ reite ich Ihnen nur Elend, das fühle ich, und dennoch muß ich, indem ich mein Amt niederlege, meine Pflicht erfüllen und Sie warnen, und laſſen Sie ſich durch den Gedanken tröſten, daß es die Erinnerung an Ihre unermüdliche Sorge, an Ihre treue Liebe war, was dies bethörte Mädchen auf ihrem Irrwege zurückhielt und ſie anhalten ließ, ehe es zu ſpät war. Mit ihren Leiden habe ich wenig Mitleid, ſie iſt nicht mehr der Charakter, für den ich ſie hielt, in ihrem 219 Herzen wohnt keine Redlichkeit, keine Ehre, keine Offenheit, das Geſtändniß, daß ich heute Abend von ihr gehört habe, hat mir einen lange fortgeſetzten Plan der Täuſchung ver⸗ rathen, an den ich nicht geglaubt haben würde, hätte ich davon gehört. Verzeihen Sie mir, meine liebe Emmeline, und ſehen Sie mich nicht ſo flehend an; ſo ſchmerzlich es mir iſt, ſo lege ich nur aus aufrichtigſter Freundſchaft den wirklichen Charakter Ihres Kindes vor Ihren nur zu par⸗ teiiſchen Augen dar. Ich habe nun meine Pflicht gethan und werde ſie deshalb verlaſſen; Gott ſegne Sie und gebe Ihnen Kraft, dieſe bittere Prüfung zu ertragen.“ Sie wandte ſich zu dem unglücklichen Vater, der bei ihren Wor⸗ ten von ſeiner Aufregung überwältigt auf einen Stuhl ge⸗ ſunken war, und ſein Geſicht mit den Händen bedeckte, doch durch eine kräftige Anſtrengung raffte er ſich auf, als ſie ſeinen Namen nannte, und erhob ſich. „Mr. Hamilton, Ihrer Gattin, Ihrerunſchätzbaren Gat⸗ tin verdanken Sie heute die Rettung Ihres Kindes vor Sünde und Schmach; ich bitte Sie, laſſen Sie nicht zu, daß ſie ſich zu tief über die Leiden grämt, deren Opfer Karo⸗ line eine Zeit lang ſein wird, ſie verdient dieſelben, aber ſie verdient nicht die Hälfte der Liebe, die ihre zärtliche Mut⸗ ter an ſie verſchwendete. Ich verlaſſe Sie nun, aber glau⸗ ben Sie mir, mit der innigſten Theilnahme.“ „O nein, bleiben Sie wenigſtens die Nacht bei uns,“ rief Mr. Hamilton aus, der ſich ſo weit gefaßt hatte, um an die Lage ſeiner Freundin, die zu ſo ſpäter Stunde allein in London war, denken zu können, und der ſie zu überreden ſuchte bei ihnen zu bleiben; aber ſie lehnte es entſchieden, doch freundlich ab. „Ich ſchlafe in St. James und werde morgen früh wieder in Airsley ſein, ehe meine Gäſte ſich von den An⸗ ſtrengungen der heutigen Nacht erholt haben,“ erwiderte ſie.„Ihr gaſtliches Anerbieten iſt gut gemeint, Hamilton, aber ich kann es nicht annehmen; Karoline, wie ihre Mut⸗ ter können heute meine Geſellſchaft entbehren.“ „Dann erlauben Sie, daß ich Sie nach Hauſe begleite.“ S 220 „Ich will nichts davon hören, mein guter Freund. Alſo noch einmal, gute Nacht.“ Mr. Hamilton kannte den Charakter ſeiner edlen Freun⸗ din zu gut, um noch länger in ſie zu dringen, und begnügte ſich daher ſie die Treppe hinab zu begleiten. Es würde vergeblich ſein, die Gefühle der Mrs. Hamil⸗ ton ſchildern zu wollen, als ſie der Erzählung der Herzogin zuhörte. Wir kennen alle die Sorgen, die ſie empfunden hatte, als Karolinens Benehmen ihr zuerſt Unruhe ver⸗ urſachte, und nun läßt ſich die erhöhte Qual ihres zärtlichen Herzens leicht denken. Faſt unbewußt hatte ſie ihren Arm zurückgezogen; aber Karoline klammerte ſich noch krampf⸗ hafter an ihr Kleid, und ihre erſten Worte klangen immer und immer wieder an das Ohr ihrer Mutter, und beruhig⸗ ten ſie, während ſie ihr Schmerz bereiteten. „Iſt es möglich, daß ich recht gehört habe? Bin ich wirk⸗ lich ſo getäuſcht worden?“ fragte ſie, indem ſie ruhig zu ſprechen verſuchte, als die Herzogin und ihr Gatte das Zimmer verlaſſen hatten; und ſie richtete ihren ſchwer⸗ müthigen forſchenden Blick auf Karolinen, die einen Augen⸗ blick ihren Kopf aufrichtete. „Mutter, theuerſte Mutter, verdamme mich, verachte mich ſo ſehr Du willſt, ich verdiene es,“ erwiderte ſie in einem Tone der größten Verzweiflung,„nur ſage mir, daß ich mit der Zeit Deine Liebe, Dein Vertrauen wieder ge⸗ winnen kann, daß Du mich wieder an Dein Herz nehmen willſt. Ich habe Deine Liebe mißachtet, ich habe ſie eigen⸗ ſinnig von mir gewieſen, doch o, wenn Du alles wüßteſt was ich gelitten habe! O Mama, Mama, ſprich nur ein freundliches Wort; ich weiß, ich verdiene es nicht, aber das Herz will mir brechen; ich habe keine andere Freundin auf Erden als Dich; o, nenne mich nur wieder Dein Kind, Mutter.“ Ihre Stimme verſtummte, ein Nebel verſchleierte plötz⸗ lich ihre Augen, und es war ihr als wenn ſie erſticken ſollte. Das Elend der letzten zehn Tage, das Unglück und die Auf⸗ regung dieſes Tages, hatten ſie ihrer ganzen Kraft beraubt, v— Nv——„ N N 221 und mit einer krampfhaften Anſtrengung, die Hand ihrer Mutter an ihr klopfendes Herz zu drücken, ſank ſie erſchöpft zu ihren Füßen nieder. Emmeline wollte ihr zu Hülfe eilen, aber ein Blick von ihrer Mutter hielt ſie zurück, und ſie ſuchte mit Ellen nach Stärkungsmitteln, wie ſie gerade zur Hand waren. Mit klopfendem Herzen und zitternder Hand richtete Mrs. Hamilton ihr reuiges Kind auf und brachte ſie mit Hülfe Emmelinens zärtlich auf die nächſte Ottomane, wo ſie, wiewohl einige Minuten vergebens, die geſchwundenen Sinne zurückzurufen ſuchte. Thränen floßen aus den Augen der zärtlichen Mutter auf Karolinens todtenbleiche Züge, und ehe ſie in das Leben zurückgekehrt war, hatte ſie ſie wiederholt an ihr Herz gedrückt und ihre marmorweiße Stirn geküßt. Es ſchadete in dieſem Augen⸗ blicke nichts, daß ſie getäuſcht worden war, daß Karoline ihr ſo ihr Vertrauen und ihre Liebe entzogen hatte, daß ihr Be— tragen in den letzten Monaten ihr bittere Täuſchung und außerordentlichen Kummer bereitet hatte, Alles, Alles war vergeſſen; die Mutter wußte nur, daß ihr Kind leidend war, ſie fühlte nur, daß ſie wieder in ihren Armen lag, immer und immer wieder küßte ſie ihr verirrtes Kind und bat ſie mit zärtlichen Worten, zu erwachen, es ſei ihr Alles vergeben. Langſam kam Karoline wieder zum Bewußtſein, und indem ſie die Augen aufſchlug, blickte ſie traurig nach Allen, die ſie umgaben. So ſehr der Vater mit Mr. Hamilton gekämpft hatte, als er während der Fortdauer ihrer Ohn⸗ macht an ihrer Seite ſtand, ſo verdüſterte ſich doch nun ſeine Stirn wieder, und er würde ſeinen verletzten Gefühlen in ſtrengen, wiewohl gerechten Vorwürfen Luft gemacht haben, hätte ihn nicht der bittende Blick, die ſchmerzliche Stimme ſeiner Gattin davon abgehalten. „Arthur, mein Gatte, o um meinetwillen verſchone ſie jetzt,“ rief ſie leidenſchaftlich aus, indem ſie ſeine Hand er⸗ griff und ihm mit bittendem Blick in das Geſicht ſah. „Schone ſie wenigſtens, bis wir aus ihrem Munde Alles gehört haben; ſie iſt nicht in einem Zuſtande, in dieſem Augenblicke einen Ausbruch des Zornes zu ertragen, ſo ſehr ſie denſelben verdient hat. Arthur, theuerſter Arthur, mache ihr keine Vorwürfe, bis wir wiſſen, was das Elend, das Leid, das wir vor uns ſehen, veranlaßt hat; um meinet⸗ willen ſchone ſie jetzt.“ „Mutter,“ flüſterte das unglückliche Mädchen, indem ſie ſich gewaltſam von der Ottomane erhob und ſich Mrs. Ha⸗ milton um den Hals warf,„bitte nicht für mich; ich ver— diene es nicht, mein Benehmen gegen Dich in den letzten Monaten würde allein die ſtrengſten Vorwürfe verdienen, die mir Papa machen könnte, und das, das iſt nur wenig im Vergleich zu dem Verbrechen, das ich begangen haben würde, wäre mir nicht die Erinnerung an alle Deine Liebe zurückgekehrt und hätte mich zurückgehalten, nur einige kurze Stunden bevor es zu ſpät war, und ich würde mich einem Manne geopfert haben, den ich nicht liebte, blos um zu beweiſen, das ich keine Sklavin Euerer Gebote wäre, daß ich einen eigenen Willen hätte und daß ich denſelben mit oder ohne Euere Bewilligung durchzuſetzen wiſſen würde. Ich bin bethört, verblendet, von ſchlauen Ueber⸗ redungskünſten, falſchen Darſtellungen verführt geweſen, und in meiner Schwäche habe ich mich denſelben hingegeben. Weine nicht um mich, Emmeline, ich verdiene Deine Thrä⸗ nen nicht. Du würdeſt mich auf den rechten Weg geführt, Du würdeſt mich gewarnt, berathen haben, aber ich wies Deinen Rath zurück und verſchmähte Deine Liebe; während ich mich mit Verachtung von Allen abwandte, verdiene ich noch irgend welche Berückſichtigung? Ellen, Du kannſt nun triumphiren. Ich that alles Mögliche, um Dir zu beweiſen, wie ſehr ich Dich haßte und verachtete, und nun, o um wie viel tiefer bin ich gefallen! O, warum, warum verließ ich Oakwood! Warum wollte ich ſo gern London beſuchen!“ Erſchöpfung erſtickte ihre Stimme, die Heftig⸗ keit, womit ſie geſprochen hatte, überwältigte ſie, ihre Mut⸗ ter mußte ſie auf eine Ottomane führen und ſie zwingen, ſich neben ſie zu ſetzen. Mr. Hamilton ſprach nicht, einige NM NM—*——* 223 Minuten ging er mit raſchen Schritten im Zimmer auf und ab, dann verließ er es haſtig. „Es iſt ſehr ſpät, legt Euch lieber zu Bett, meine lieben Kinder,“ ſagte Mrs. Hamilton nach einer kurzen Pauſe zu Emmelinen und Ellen gewandt, die immer noch bekümmert bei ihr geblieben waren. Sie verſtanden ihren Wink und gehorchten ſofort, nachdem ſie Karolinen liebevoll, aber ſtumm umarmt, und es war ein Troſt für Mrs. Hamilton's ſorgenvolle Bruſt, mit ihrem bußfertigem Kinde allein zu ſein. Die Unterredung dauerte längere Zeit, und als Ka⸗ roline ſich zur Ruhe begab, geſchah es mit leichterem Her⸗ zen als ſeit vielen Wochen, trotz der dunklen Wolken, von denen ſie ſich noch umhüllt fühlte. Alle ihre eigenſinnigen, unerklärlichen Gefühle hatte ſie ihrer Mutter bekannt; ſie legte kein Gewicht auf die fortgeſetzten Briefe, die ſie von Annie empfangen, und die ſie vom Anfang an ihrer Mut⸗ ter entfremdet hatten. Ihre Reue war zu innig, als daß ſie fich zu vertheidigen geſucht hätte, indem ſie die Schuld auf Andere ſchob; aber wiewohl ſie es ſorgfältig vermied, auf ihre verführeriſche Freundin anzuſpielen, konnte Mrs. Hamilton doch ſehr leicht ſehen, durch weſſen Ränke ihr ganzes Elend und Karolinens gegenwärtiges Leiden ver⸗ anlaßt war, und ſie machte ſich im Geheimen bittere Vor⸗ würfe, daß ſie dieſe Freundſchaft habe fortdauern und ſol⸗ chen Einfluß gewinnen laſſen. Auch von Lord St. Eval und ihrem Benehmen gegen ihn ſprach das unglückliche Mädchen; mit ihrem Hochmuth war es vollſtändig aus. Jede Frage, die Mrs. Hamilton that, beantwortete ſie mit all der Offenheit und dem Freimuth, die ſonſt jedes ihrer Worte bezeichnet hatten, und während ihr unumwundenes Geſtändniß in vielen Punkten die quälendſte Sorge verur⸗ ſachte, ſo ſagte doch der lauſchenden Mutter, wenn ſie auf dieſe ausdrucksvollen Züge ſah, etwas in ihrer Bruſt, daß ihr Kind noch ein Segen für ſie ſein würde. Sie geſtand, daß von dem Augenblicke an, wo ſie Lord St. Eval abge⸗ wieſen, ſie ſo unaufhörliche Reue empfunden habe, daß ſie, um derſelben zu entgehen, Lord Alphingham's Worten, 224 mehr als vorher gelauſcht und denſelben ermuthigt habe; ſein Geſtändniß treuer Liebe hätte ihr wie Balſam geſchie⸗ nen und ihre Gewiſſensbiſſe übertäubt. Warum ſie vor ihren Eltern ſo ſorgfältig verborgen, was ſie für Liebe zu dem Vicomte gehalten, das konnte ſie nicht erklären, wenn es nicht Schwäche war, dem Beiſpiele Anderer zu folgen, die, wie ihr geſagt worden war, nicht daran dächten, ihre Liebesgeſchichten ihren Müttern anzuvertrauen; oder, und das hielt Mrs. Hamilton viel eher für den richtigen Grund, ſie liebte ihn nicht hinlänglich, um ihre Einwilligung, ſeine Huldigungen annehmen zu dürfen, zu erbitten. Sie ge⸗ ſtand, daß, als ſie ihr verboten hätten, ihre Bekanntſchaft mit ihm fortzuſetzen, ſie gern die Wahrheit bekannt und ſie gebeten haben würde, ihr wenigſtens den Grund anzugeben, warum ſie nicht mehr mit ihm verkehren ſollte, aber ſie ſei zu entrüſtet geweſen über die Sklaverei, in der ſie gehalten worden wäre, und Unzufriedenheit und Aufregung erfaß⸗ ten ſie, anſtatt ihr gehorſam zu beweiſen. Sie ſchilderte ihre Gefühle, als er zu Airsley erſchien, die vielen Kämpfe, die ſie mit ſich ſelbſt gehabt hatte, und endlich ihr Elend von dem Augenblicke an, wo ſie eingewilligt hatte, ſeine Gattin zu werden; ihre Bitten, daß er ihr geſtatten möge, die Einwilligung ihres Vaters einzuholen; ihre Seelenqual an demſelben Abend; ihr glühendes Gebet, daß Gott ihr verzeihen und ſie leiten möge, und ſchließlich ihren Entſchluß, ihm aus dem Wege zu gehen, indem ſie in dem Augenblicke, wo die Herzogin und ihre Geſellſchaft die Villa verlaſſen hätten, nach Hauſe zu flüchten, welche Abſicht ſie auszu⸗ führen geſucht habe, indem ſie das Kammermädchen der Herzogin gebeten ihr beizuſtehen, ihr im Geheimen einen Wagen und raſche Pferde zu verſchaffen, da ſie noch in die⸗ ſer Nacht nach Hauſe müßte; ſie wolle einen Brief zurück⸗ laſſen, worin ſie die Herzogin über den Grund ihrer Ab⸗ reiſe aufklären würde. Sie dachte, Alliſon müßte ſie ver⸗ rathen haben, als ſie jeden Augenblick den Wagen kom⸗ men zu hören dachte, und ſtatt deſſen die Herzogin in ihr Zimmer trat und nach einer kurzen, aber ſcharfen Unter⸗ —— MW** — — S——„— X V — X— 225 redung ihren eigenen Wagen kommen ließ und ſie ſelbſt nach der Stadt begleitete. Mrs. Hamilton hörte der langen traurigen Erzählung ohne ſie mit einem einzigen Worte des Vorwurfs zu hnechti ſie äußerte nichts, was die Qual hätte erhöhen können, unter der Karoline ſo erſichtlich litt. Sie ſprach beruhigend, und der zärtliche, doch bekümmerter Ton ihrer Mutter ließ das brechende Herz des armen Mädchens in einem Thränenſtrome Erleichterung finden. Sie unmſchlang wie in ihrer Kindheit den Hals ihrer Mutter, und jemehr ſie weinte, um ſo bitterer empfand ſie die Thorheit ihres Benehmens, daß ſie auch nur einen Augenblick ſich der Füh⸗ rung ihrer treueſten und beſten Freundin entzogen hatte, und zwar dem ſcheinbar gefälligeren und ſchmeichelhafteren Ver⸗ trauen eines Mädchens zu gefallen, deſſen Falſchheit und trüglichen Sinn ſie nun erkannte. „Aber kann er nicht noch Anſprüche auf mich machen?“ rief ſie außer ſich aus.„Wird er mich der Welt nicht als ein treuloſes, launiſches Mädchen darſtellen? Ich werde die Zielſcheibe des Witzes der ganzen Geſellſchaft ſein; An⸗ nie wird mein Gebeimniß nicht bewahren. O, warum ſchenkte ich ihr jemals mein Vertrauen! Mutter, man wird mich verachten, verlachen, ich weiß, daß ich es mir ſelbſt zugezogen habe, aber ach, wie kann ich es er⸗ tragen?“ „Wir verlaſſen London in ſo kurzer Zeit, daß ich hoffe, Du wirſt nicht dem Spotte ausgeſetzt ſein, wie Du ſo ſehr fürchteſt,“ erwiderte Mrs. Hamilton beſchwichtigend,„und nächſte Saiſon, hoffe ich, werden all die flüchtigen Gerüchte, die Dein Benehmen hervorrufen muß, verſchollen ſein. Du brauchſt nicht die Verachtung des Kreiſes zu fürchten, mit dem wir grundſätzlich verkehren, und wenn die Furcht vor dem Gelächter von Annie's Freundinnen Dich davon zurückhält, ihre Geſellſchaft aufzuſuchen, wie Du es bisher gethan haſt, ſo vergieb mir, mein liebes Kind, wenn ich Dir ſage, daß ich mich darüber freuen werde, denn Du wirſt dann nicht länger der Gefahr usgeſebt ſein, Beiſpiele Der Lohn einer Mutter. 15 226 und Lehren zu empfangen, die den meinen ſo ganz entgegen⸗ geſetzt ſind.“ „Aber was wird Lord Alphingham ſagen oder thun,“ flüſterte Karoline faſt unhörbar. „Du mußt an ihn ſchreiben, Karoline, und Dein Ver⸗ ſprechen zurücknehmen, es giebt keinen anderen Weg,“ „An ihn ſchreiben, Mutter, o nein, nein, das kann ich nicht.“ „Wenn Du es nicht thuſt, ſo wirſt Du beſtändigen Zu⸗ muthungen ausgeſetzt ſein. Er wird glauben, daß Du ge— zwungen wurdeſt zurückzukehren. Er wird den Umſtand, daß die Herzogin ſelbſt Dich nach der Stadt begleitete, als genügenden Beweis anſehen. Er wird ſich, wenn Du nicht ſelbſt ſchreibſt, an Dein Verſprechen, an das Geſtändniß Deiner Liebe halten und kein Mittel unverſucht laſſen, um ſeine ſchändlichen Pläne durchzuſetzen. So ſchmerzlich es iſt, oder vielmehr, ſo unangenehm es Dir vorkommen mag, wenn Du ihn nicht liebſt, ſo darfſt Du doch nur ſelbſt ſchreiben, und je früher es geſchieht, um ſo beſſer.“ „Aber wenn er mich wirklich liebt, wie kann ich, wie darf ich ihm noch größeren Schmerz, noch größere Ent⸗ täuſchung bereiten, als ich ſchon gethan habe?“ „Er und Dich lieben,“ entgegnete Mrs. Hamilton, und in ihren bekümmerten Ton miſchte ſich eine gewiſſe Entrüſtung.„Karoline, laſſe Dich nicht ſo unverantwort⸗ lich täuſchen; er mag ſich einbilden, daß er Dich liebt, aber es iſt keine wahre, ehrenhafte Liebe; wenn ſie es wäre, würde er Dich heimlich der Freundin, der Du anvertraut wareſt, haben entführen wollen? Wenn ſein Gewiſſen wirklich frei von allem Makel wäre, würde er Deine Bitten abge⸗ ſchlagen haben, Deine Liebe uns geſtehen und unſeren Se⸗ gen zu Euerer Verbindung erbitten zu dürfen? Würde er davor zurückgeſchrocken ſein, ſein Betragen nach Deinem Rathe uns gegenüber zu vertheidigen? Ja noch mehr; wenn die Anklage, die er irgend wie auf Perey zurückführt, wirklich unbegründet und ungerechtfertigt wäre, glaubſt Du, daß er nur einen Augenblick gezaudert haben würde, 227 vorzutreten und nicht nur durch Worte, ſondern durch Zeugniſſe ſeine fleckenloſe Unſchuld zu beweiſen? Sein Schweigen iſt für mich der deutlichſte Beweis eines Lebens, das keine Nachforſchungen ertragen kann; und ich zittere vor dem Gedanken, welches Elend Dein Loos geweſen ſein würde, wäreſt Du wirklich auf ſeinen unwürdigen Antrag eingegangen.“ Ihre Stimme ſchwankte, und ſie zog das immer noch weinende Mädchen feſter an ſich, als wenn ihre müt⸗ terliche Liebe ſie vor allem Uebel behüten wollte. Karoline antwortete nicht, und nach einigen Minuten ſagte Mrs. Hamilton zärtlich:„Du bereuſt Deinen Entſchluß nicht, mein Kind? Du bedauerſt nicht, daß Du zu uns, die Dich ſo zärtlich lieben, zurückgekehrt biſt? Sprich, mein liebes Kind.“ Krampfhaft drückte Karoline die Hand ihrer Mutter, als wenn dieſer Druck ſagen ſollte, daß nichts ſie wieder trennen werde; dann ſank ſie plötzlich vor ihr auf die Knie, unterdrückte gewaltſam ihr Schluchzen und ſagte deutlich und klar:„Mutter, ich darf nicht mehr erwarten, daß Du meinem einfachen Worte glaubſt, wie Du es in früheren Jahren gethan haben würdeſt; ich habe Dich zu lange, zu ſtrafbar getäuſcht; aber nun ſchwöre ich Dir auf den Knien hoch und theuer, daß ich niemals ohne Papas und Deine Einwilligung heirathen werde. Ich darf mich nicht mehr auf mich ſelbſt verlaſſen; ich habe mich durch das ſündliche Verlangen nach Freiheit in Gedanken, Worten und Thaten blenden laſſen, und nie, nie wieder will ich auf meine eigene Schwäche bauen. Mein Schickſal liegt in Deinen Händen, denn niemals werde ich ohne Deinen Segen heirathen, und möge dieſer Schwur im Himmel ſo feierlich verzeichnet werden, wie ich denſelben gethan habe. Mutter, Du wirſt ihn nicht zurückweiſen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihre zit⸗ ternde Hand auf Mrs. Hamilton's Arm legte und ihr bit⸗ tend in das Geſicht ſah. „Das will ich nicht, mein Kind,“ erwiderte ihre Mut⸗ ter, der es einen ſchweren Kampf koſtete, ihre Bewegung zu verbergen und ruhig zu ſprechen;„ſage mir nur, daß 15* 228 Du meiner Liebe vertraueſt, daß es nicht nur geheime Ge⸗ fühle der Reue ſind, die Dich veranlaßt haben, dieſen feier⸗ lichen Schwur zu thun; verſprich mir, keinen Zweifel in meine Liebe und in mein Intereſſe für Dein Glück in Dei⸗ ner Seele aufkommen und Dein Vertrauen zu mir vergif⸗ ten zu laſſen, wie es ſchon geſchehen iſt. Aus dieſem Zweifel iſt all dies Elend hervorgegangen. Du haſt Deine Eltern für hart und grauſam gehalten, während ſie nur an Deine Wohlfahrt dachten. Sage mir nur, daß Du auf unſere Liebe bauen willſt, mein Kind, meine liebe Karoline.“ „Ach, daß ich darauf doch immer gebaut hätte! Meine Verblendung und meine Thorheit ließen mich meine Ver— irrung nicht erkennen und veranlaßten mich alle meine Lei— den Euch lzuzuſchreiben, denen ich ſo viel Schmerz bereitet habe. O Mutter, vergieb mir, und bitte Papa für mich um Verzeihung. Ich weiß, er iſt ernſtlich böſe auf mich, und ſer hat alles Recht dazu, aber er weiß nicht, was ich alles gelitten habe, welchen Kampf mich die letzte Woche ge⸗ koſtet hat. Ich verdiene die ſtrengſten Vorwürfe, aber mein Herz würde brechen, wenn er mir jetzt zürnte,“ und ſie legte den Kopf auf den Schoos ihrer Mutter und weinte. „Ich verzeihe Dir und gebe Dir meinen Segen, mein Kind, weine nicht ſo,“ erwiderte Mrs. Hamilton, indem ſie einen Kuß auf die glühende Stirn drückte,„und auch Dein Vater wird, wenn er Alles gehört hat, Dir ſeine Liebe nicht vorenthalten.“ „Ich will ſogleich an Lord Alphingham ſchreiben, Mut⸗ ter, es iſt unnütz es zu verſchieben, und mein Gemüth wird nicht eher ſeinen Frieden wieder gewinnen, als bis es ge⸗ ſchehen iſt,“ rief Karoline nach einer kurzen Pauſe aus, die den Worten ihrer Mutter gefolgt war. „Nicht ſogleich, mein liebes Kind, Du biſt noch zu auf⸗ geregt,“ erwiderte ihre Mutter, die beſorgt ihre glühenden Wangen ſah,„warte bis der Schlaf dieſes innere Fieber geſtillt und Dir die Faſſung zurückgegeben hat; ich glaube nicht, daß Du jetzt ſchreiben kannſt.“ „Ich kann nicht ſchlafen, bis ich es gethan habe, Mama; 229 ich hätte den Brief ſchon zurücklaſſen ſollen als ich Airsley verließ, aber ich konnte da keinen anderen Gedanken faſſen, vor Sehnſucht Dich wieder zu ſehen, Deine Stimme wieder zu hören; laß mich ſogleich ſchreiben.“ Und da ſie an die Wahrheit ihrer Worte glaubte, daß ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht würde ſchlafen können, ſo lange der Brief ihre Seele beſchäftigte, machte Mrs. Ha⸗ milton keinen weiteren Einwand und ſtand auf, um das Schreibzeug zu holen. Karoline blieb auf ihren Knien liegen, und nach ihrer Stellung dachte Mrs. Hamilton, daß ſie betete. Als ſie ſich erhob, waren ihre Thränen getrock⸗ net, und ſie ging mit feſtem Schritte auf den Tiſch zu und rückte einen Stuhl heran. Aengſtlich beobachtete ſie ihre Mutter einige Minuten während ſie ſchrieb. Zuerſt ſchien ihre Hand zu zittern, aber ſie überwand ihre Aufregung, und die ſteigende Röthe ihrer Wangen allein verkündete die Bewegung ihres Gemüthes. Sie war von ihrer ſchmerz⸗ lichen Aufgabe ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ſie nicht bemerkte, wie ihre Mutter das Zimmer verließ, einige Mi⸗ nuten wegblieb und erſt zurückkehrte, als ſie ihren Brief eben vollendet hatte. Ohne außzublicken, legte ſie denſelben in die Hand ihrer Mutter, und die Arme auf den Tiſch ſtützend, bedeckte ſie das Geſicht mit den Händen. Mrs, Hamilton legte den Brief ſchweigend zuſammen, dann ergriff ſie die Hand ihrer Tochter, drückte ſie und ſagte voll tiefer Bewegung:„Ich bin zufrieden, mein Kind. Adreſſire und ſiegle den Brief mit eigener Hand, und der Name Lord Alphingham ſoll nie wieder über meine Lippen kommen; es iſt genug, daß Pflichtgefühl und Liebe über ſeine Pläne geſiegt haben. Ich weiß nicht, welches Loos Dich getroffen haben würde, hätte er ſein Ziel erreicht, aber Du biſt mir wiedergegeben, und möge Gott ihm verzeihen, wie ich es thue.“ Mit feſter Hand überſchrieb und ſiegelte Karoline den Brief, dann lehnte ſie erſchöpft von der Aufregung des Abends ihr müdes Haupt an die Bruſt ihrer Mutter. „Karoline, mein Kind,“ rief eine tiefe und bekümmerte 230 Stimme neben ihr aus; ſie fuhr auf und erblickte ihren Vater, der ſie ſeit einer halben Stunde als unbemerkter Zuſchauer beobachtet hatte. „Verzeihe mir, theuerſter Vater! o, laſſe mich heute nicht ohne Deine Verzeihung ſchlafen gehen. Mama will mich nicht von ihrem Herzen ſtoßen, und ich habe ſie noch mehr verletzt als Dich. Papa, lieber Papa, o ſprich nur ein einziges liebevolles Wort,“ flehte ſie, als ihr Vater ſie an ſeine Bruſt zog, und als ſie ſchwieg, ſprach ſich ſein Se⸗ gen und ſeine Verzeihung in einem warmen Kuſſe aus. Es war ſpät, ſo ſpät, daß der Morgen den Horizont zu vergolden begann, ehe Mrs. Hamilton ihr aufgeregtes Kind zu Bett gehen ſah und ihr zuredete, ſich zu faſſen und ruhig zu ſchlafen. Zärtlich wachte ihre Mutter an ihrer Seite, bis die Morgendämmerung in das Zimmer drang, dann bemerkte ſie, daß ſich endlich ein ruhiger Schlaf ein⸗ geſtellt hatte, und begab ſich nach ihrem Zimmer. Dort ſank ſie auf die Knie, und ihr überbürdetes Herz fand Er⸗ leichterung, indem ſie dem Himmel glühenden Dank ſagte für die große Gnade, die ihr in der Wiedergabe ihres Kin⸗ des gewährt worden war. Die Sorge der Vergangenheit, das Leid der Gegenwart war vergeſſen über dem Gedan⸗ ken, daß ihr Karolinens Liebe und Vertrauen zurückgegeben ſeien. Der Schleier war endlich vor ihren Augen gefallen; Annie's Charakter war ihr offenbar, und das reuige Mäd⸗ chen hatte wieder an der Bruſt ihrer Mutter Theilnahme geſucht. Sie fühlte nun, daß ihre Mutter ihre treueſte Freundin ſei, und ſüße Wonne erfüllte Mrs. Hamilton's Gemüth bei dieſer Ueberzeugnng. Karoline hatte geſagt, die Sorge, Aufopferung und Liebe ihrer Mutter habe ſie zurückgehalten, ehe es zu ſpät war; ſie konnte das Pflicht⸗ gefühl nicht aus ihrem Herzen verbannen, das demſelben ſeit ſo langer Zeit eingeflößt war. Die Grundſätze der Reli⸗ gion und Tugend, ſo ſehr ſie in jenem ſchmerzlichen Augen⸗ blicke der Unentſchiedenheit erſchüttert worden waren, hatten ſie von dem Elend gerettet. Mrs. Hamilton hatte ſich wäh⸗ rend der Kindheit und in der Jugend Karolinens oft ent⸗ 231 muthigt, faſt verzweifelnd über ihre Aufgabe gefühlt, aber nun hatte ſie auch ihren Lohn empfangen. Wäre ſie nicht beharr⸗ lich geweſen, hätte ſie nachläſſig oder ſorglos ihre Pflicht erfüllt und die Sorge für dies Kind Fremden überlaſſen, die einen ſo ſchwierigen Charakter niemals ſo erforſcht und geleitet haben würden, dann würde nichts ſie zurückgehalten haben. Sie würde gethan haben, was Andere ſchon nur zu oft gethan, und furchtbar würde ihre Strafe geweſen ſein. Was waren nun alle Kämpfe Mrs. Hamilton's, ſich ſelbſt zu beſiegen, alle Schmerzen, die ſie erduldet hatte, im Ver⸗ gleich mit dem ſeligen Gefühl, daß ihre Sorge ihr Kind ge⸗ rettet, und ſie wußte noch nicht, aus welchem Abgrunde des Verderbens! Glühend war ihr Dank für die Gnade, die ihr geſtattet hatte, ihr Kind wieder auf den rechten Weg zu führen, und als ſie ſich des herzlichen Beifalls erinnerte, den ihr geliebter Gatte über ihr Verfahren ausgeſprochen, erfüllte Seligkeit ihr Herz, und Viele, ſehr Viele hätten die edle Frau um ihre Gefühle beneiden können, als ſie in dieſer Nacht ihr Haupt auf das Kiſſen legte, und nur der Schlaf dem Dank ihrer Lippen ein Ziel ſetzte. Es wird gut ſein, hier die Vorgänge von Airsley zu er⸗ zählen, von dem Augenblicke an, wo wir Karoline verließen, als ſie Gott um Verzeihung und Hülfe bat, zu dem ſie nie vergebens gefleht hatte, bis zu dem, wo ſie ſo plötzlich in Geſellſchaft der Herzogin in Berkeley Square erſchien. Lord Alphingham's Wünſche zu erfüllen, das fühlte ſie, war nicht mehr möglich, aber wie ſie ihm aus dem Wege gehen ſollte, das war eine Aufgabe von noch größerer Schwierigkeit. Die Herzogin konnte ſie nicht begleiten, denn ſie fühlte weder die Kraft, noch den Muth, eine ſolche Feſtnacht auszuhalten. Jede Minute ſteigerte ſich das Fieber ihres Gehirnes; endlich entſchloß ſie ſich in Verzweiflung zu dem Verfahren, das wir bereits kennen. Sobald der letzte Wagen zum Thore hin⸗ aus gerollt war, rief ſie Aliſon, die Kammerjungfer der Her⸗ zogin zu ſich, ihr einen Wagen und raſche Pferde zu ver⸗ ſchaffen, da Umſtände ſie nöthigten, ſogleich nach der Stadt zurückzukehren. Sie bat die Aliſon, ſie weder zu fragen, 232 noch von ihrem plötzlichen Enſchluſſe gegen irgend Jemand zu ſprechen, da der Brief, den ſie für die Herzogin zurück⸗ laſſen würde, Alles erklären werde. Die Aliſon ſah das aufgeregte Mädchen einige Minuten ſtarr und erſtaunt an. „Nach London, in ſolcher Nacht, und allein zurück⸗ kehren?“ ließ ſie endlich nach einer langen Pauſe ſich ver— nehmen. „O, gebe der Himmel, daß mich Jemand begleitete, aber ich weiß nicht, wen ich darum bitten ſoll,“ erwiderte Karoline in banger Furcht und ergriff wieder Aliſon's Hand, um ihren Beiſtand zu erflehen. Sie verſprach mit kurzen Worten, Alles für ſie zu thun, was ſie könnte, und verließ ſie, nicht um ihre Bitte auszuführen und einen Wagen zu ſuchen, ſondern dies ſeltſame Verlangen und noch auffallen⸗ dere Benehmen Karolinens der Herzogin zu hinterbringen, die aus einem geheimen Grunde, den ihre Töchter und Freundinnen vergebens zu ermitteln ſuchten, in dem aller— letzten Augenblicke ihre Abſicht erklärt hatte, ſie nicht be⸗ gleiten zu wollen, und die ihnen mit der größten Freund⸗ ſchaft einen fröhlichen Abend wünſchte, Lady Lucy und ihren älteſten Bruder, der vor Kurzem angekommen war, beauftragte, ihre Stelle zu vertreten und dem edlen Feſt⸗ geber gegenüber ſie zu entſchuldigen. Die Sache war ein⸗ fach die, daß der Scharfblick der Herzogin vom erſten Augen⸗ blicke an die Manöver Lord Alphingham's und Karolinens entdeckt und überwacht hatte. Der Erſtere, wie wir bereits geſehen haben, ſtand bei ihr in großem Verdacht. Wäre es nach ihrem Willen gegangen, ſo würde Lord Alphingham niemals in ihr Haus gekommen ſein, wiewohl ſie nie ein Wort zu ſeinen Ungunſten geſagt hatte; beſonders wurde er nie eingeladen, und in ihrem Herzen war ſie ſehr ärgerlich, daß ihr Gatte ſeine Geſellſchaft ſuchte und denſelben häufig zu Beſuchen aufforderte. Sie hatte die Kälte ihrer Freundin Mrs. Hamilton gegen ihn bemerkt, und ſo ſehr ſie das Be⸗ nehmen der Mutter bewunderte, ſo konnte ſie nicht umhin, dem erkünſtelten Benehmen und der vorſichtigen Zurück⸗ haltung zu mißtrauen, womit Karoline den Vicomte behan⸗ 233 delte. Auch die plötzliche Veränderung in Mr. Hamilton's Benehmen hatte ſie gewundert, und deshalb beobachtete ſie ihn und Karolinen mit eiferſüchtigem Auge, als Alphingham ſich ihrer Geſellſchaft anſchloß. Da ſie von allem, was ſie bemerkt hatte, argwöhniſch geworden war, ſo ſteigerte Karo⸗ linens Entſchluß, an der Geſellſchaft jenes Abends nicht Theil zu nehmen, ihre Unruhe in hohem Grade, und in dem— ſelben Augenblicke war ihr Entſchluß gefaßt, in Airsley zu bleiben. Sie bat Miß Aliſon, gegen Miß Hamilton von ihrer Abſicht zu Hauſe zu bleiben nicht zu ſprechen, ſondern ſie von allem, was ſich im Laufe des Abend ereignen würde, ausführlich zu benachrichtigen; und ihr Erſtaunen war faſt ſo groß wie das ihrer Kammerjungfer geweſen war, als ihr Karolinens Verlangen überbracht wurde. Es fehlte nur noch eine halbe Stunde zu der von dem Vicomte beſtimmten Zeit, und Karoline ſaß noch immer in einem Zuſtande der Angſt und Erwartung da, der ſie faſt wahnſinnig machte. Außerſtande, es länger zu ertragen, ſtand ſie eben im Begriff, noch einmal nach Aliſon zu ſchellen, da öffnete ſich die Thür, und indem ſie vorwärts eilte, er⸗ ſtarrten ihr die Worte:„Iſt Alles bereit, iſt es Ihnen ge⸗ glückt,“ im Munde, indem die Herzogin ſelbſt eingetreten war, welche die Thür ſchloß und das erſchrockene Mädchen mit einem ſtrengen und gebieteriſchen Blicke anſah, den Wenige ertragen haben würden. Kaum wiſſend, was ſie that, ſchrack Karoline zurück, und indem ſie auf einen Stuhl in der finſtern Ecke des Zimmers niederſank, bedeckte ſie ihr Geſicht mit den Händen. „Darf ich fragen, in welcher Abſicht Miß Hamilton im Begriff ſteht, ſich meinem Dache und meinem Schutze zu ent⸗ ziehen?“ fragte ſie in jenem kurzen forſchenden Tone, deſſen ſie ſich immer bediente, wenn ſie erzürnt war.„Welchen Grund kann ſie anführen für dieſe ungewöhnliche Entfer⸗ nung aus einem Hauſe, wo ſie immer als eine der bevor— zugteſten Gaſtfreundinnen betrachtet worden iſt? Ihre Mutter hat Sie meiner Obhut anvertraut, und bei Ihrem Gehorſam gegen ſie verlange ich eine Antwort.“ Nach einer kurzen Pauſe, in der Karoline ſich weder regte noch ſprach, fuhr ſie fort:„Wohin wollten Sie in dieſer unge⸗ wöhnlichen Stunde?“ „Nach Hauſe zu meiner Mutter,“ flüſterte das unglück⸗ liche Mädchen mit faſt unhörbarer Stimme. „Nach Hauſe!“ wiederholte die Herzogin in einem bitteren ſpöttiſchen Tone.„Seltſam, daß Sie ſo plötzlich zurückzukehren wünſchen. Wären Sie nicht das Kind von Eltern, denen die Lüge unbekannt iſt, ſo würde ich an dieſen Worten zweifeln. Nach Hauſe? und warum?“ „Um mir die Folgen meiner ſündhaften Thorheit, meiner wahnſinnigen Verblendung zu erſparen,“ erwiderte Karo⸗ line, indem ſie mit aller Anſtrengung die ganze Energie ihres Charakters zu Hülfe rief, und ihre bleiche Wange ſich mit dunkler Röthe überzog.„Darin bin ich wenigſtens auf⸗ richtig, wiewohl ich in allen anderen Beziehungen nicht mehr verdiene, als das Kind ſo edler Eltern betrachtet zu werden. Stoßen Sie mich von ſich, wenn Sie wollen, aber ich ſage in dieſem Augenblicke keine Unwahrheit. Ich habe Sie hintergangen, ich ſtand im Begriff Ihr Haus mit Schmach zu bedecken, mir Ihre Entrüſtung zuzuziehen, meinen Eltern ſchweren Kummer zu machen, mich in endloſes Elend zu ſtürzen. Um mir dies Alles zu erſparen, wollte ich nach Hauſe zurückkehren, um meine Eltern um Verzeihung, um Schutz zu bitten, ſie allein können mich vor mir ſelbſt ſchützen. O, wenn Sie jemals meine Mutter geliebt haben,“ fuhr ſie fort, indem ſie entſetzt aufſprang, als ſie die neunte Stunde ſchlagen hörte,„ſo geben Sie mir Jemand mit und laſſen mich nach Hauſe fahren; noch eine halbe Stnnde,“ fuhr ſie fort, und ihre Stimme wurde vor Bewe⸗ gung faſt unhörbar,„und es kann zu ſpät ſein. Mutter, Mutter, wenn ich Dich nur ein Mal wiederſehen könnte!“ „Ehe Sie als die Gattin oder das Opfer Lord Alphing⸗ ham's ſie für immer verlaſſen und ſo ihre Sorgen, ihre Liebe, ihre Gebete vergelten, unglückliches getäuſchtes Mäd⸗ chen,“ erwiderte die Herzogin ſtreng, indem ſie raſch, doch mit ihrer gewöhnlichen Würde, im Zimmer auf und abging ——— 235 und ihre Hand auf Karolinens Achſel legte, die von Scham niedergedrückt vor ihr ſaß.„Leugnen Sie es nicht; auf ſolche Weiſe wollten Sie Schande über mein Haus bringen, auf ſolche Weiſe Ihren guten Eltern Kummer bereiten, auf ſolche Weiſe Ihre Dankbarkeit, Ihre Liebe, Ihren Gehorſam beweiſen und alle Banden der Verwandtſchaft zerreißen. O, Schmach, Schmach! wenn dies die Frucht ſo zärtlicher Sorgen, ſo ſorgfältiger Erziehung ſein ſoll, o wo ſollen wir noch Ehre und Redlichkeit ſuchen, in welchem Herzen ſollen wir Tugend finden! Und warum wollen Sie Ihr Ver⸗ brechen nicht vollenden? Warum beſinnen Sie ſich, ehe Sie Ihren edlen, tugendhaften Entſchluß in Ausführung bringen, warum zaudern Sie, Ihre Pläne zu vollführen, warum fliehen Sie nicht mit Ihrem Liebhaber und brechen Ihren Eltern das Herz, warum treten Sie jetzt zurück, wenn es nur geſchieht, um ſie aufs Neue zu täuſchen? Unglückliches, betrogenes Mädchen, welche neue Laune hat dieſe plötzliche Sinnesänderung veranlaßt? Warum warteten Sie bis es zu ſpät iſt zu bereuen, uns zu überzeugen, daß Sie wider Willen die Mitſchuldige der Ränke dieſes Mannes ſind? Gehen Sie, fliehen Sie mit ihm, es wäre beſſer, Ihre zu nachſichtige Mutter an eine ewige Trennung zu gewöhnen, als daß ſie Sie noch einmal an ihr Herz ſchließt, um noch einmal betrogen zu werden; gehen Sie, Ihr Geheimniß iſt in ſicheren Händen. Wie können Sie es wagen, von dem Elend zu ſprechen, das Sie Ihren Eltern zufügen würden; ſpricht nicht Heuchelei aus jedem Worte, nachdem Sie be⸗ reits ſo rückſichtslos Ihr Vertrauen gemißbraucht und ihre Liebe gemißhandelt haben? Vielmehr können Sie nicht thun.“ Sie hielt inne, als wenn ſie eine Antwort erwartete, aber es erfolgte keine. Karolinens brechendes Herz hatte den Stolz verloren, der noch vor einigen Tagen eine übermüthige Antwort veranlaßt haben würde. Sie krümmte ſich unter den ſtrengen mitleidsloſen Worten, die vielleicht in einem ſolchen Augenblicke ſchmerzlicher Reue überflüßig geweſen wären, aber ſie antwortete nicht, und nach einem kurzen Stillſchweigen ſprach die Herzogin weiter:„Karoline, ant⸗ 236 worten Sie mir, was hat dieſe plötzliche Veränderung Ihrer Abſichten veranlaßt? Was iſt zwiſchen Ihnen und Lord Alphingham vorgefallen, was dieſe plötzliche Sehnſucht nach Hauſe geweckt hat; was haben Sie für einen Grund, ihn ſo zu täuſchen?“ „Die Erinnerung an die Liebe meiner Mutter,“ erwi⸗ derte Karoline, indem ſie ſich aufrichtete, ihr Haar zurück⸗ warf und der Herzogin mit einem leidenden Ausdruck in das Geſicht ſah, den Wenige ungerührt geſehen haben würden. „Sie haben Recht, ich habe meine zu nachſichtigen Eltern ge— täuſcht, ich habe ihr Vertrauen mißbraucht, ihre Liebe miß⸗ handelt; aber ich kann, o ich kann nicht die Grundſätze zum Schweigen bringen, die ſie mir eingepflanzt haben. In den Stunden meiner wahnſinnigen Thorheit dachte ich nicht an ſie; ich glaubte, ſie hätten mich für immer verlaſſen, und ich würde glücklich ſein. Sie ſind zurückgekehrt, um mich zu quälen, um mir zu ſagen, daß ich als Lord Alphingham's Gattin ohne den Segen meiner Eltern elend ſein werde. Ich habe endloſes Unglück über mich gebracht— das hat nichts zu ſagen, aber ach, ich will ihnen nicht noch weiteres Leid bereiten. Ich will das Herz meiner guten Mutter nicht länger quälen, die ſo oft für ihr irrendes Kind gebetet hat. Ich habe mich vielleicht zu ſpät entſchloſſen, doch Lord Al⸗ phingham's Gattin werde ich nie werden; aber entziehen Sie ihm deshalb ihre Gunſt nicht, er iſt nicht allein zu tadeln, auch ich bin ſtrafbar, denn ich erkenne an, daß ich ihn ermuthigt habe. Mein guter Ruf iſt dahin; aber der ſeine iſt noch unbefleckt.“ „Fürchten Sie nichts für ihn, meine Gunſt hat er nie⸗ mals beſeſſen, aber meine Ehre iſt mir zu lieb, als daß eine ſolche Geſchichte über meine Lippen kommen ſollte. Meinet⸗ wegen mag er bleiben was er immer geweſen iſt, der Lieb⸗ ling der Modewelt, die um ſeine Gunſt buhlt und ihm ſchmeichelt; ich beachte ihn nicht; mag er ſein Leben genießen, es gilt mir gleich.“ Sie ſchellte bei dieſen Worten und ging langſam und ſtumm im Zimmer auf und ab, bis Aliſon dem Rufe folgte.„Laſſe James vier raſche Pferde ein⸗ S S 8 —— = ——S S S X— 8— S S S 8 W W v 1 — v—— ſpannen, ein wichtiges Geſchäft ruft mich ſogleich nach London, er ſoll ſich beeilen, jeder Augenblick iſt koſtbar.“ Die Aliſon entfernte ſich, und die Herzogin ging im Zimmer auf und ab, bis ſie zurückkehrte und meldete, daß der Wagen bereit ſtehe. Ein paar Minuten genügten zu ihren perſön⸗ lichen Vorbereitungen, und die Herzogin gab ihrer treuen Aliſon gemeſſenen Befehl, ihre Abfahrt geheim zu halten, da ſie zurückkehren würde, ehe ihre Gäſte am folgenden Morgen aufgeſtanden wären, und ſie würde dann ſelbſt über Miß Hamilton's plötzliche Heimreiſe Auskunft geben. Wenige Worte genügten der Aliſon, die in allen Beziehungen für die Stellung paßte, die ſie bei der Herzogin von Rothbury einnahm, und der Wagen rollte raſch davon. Die Reiſegefährtinnen wechſelten nicht ein Wort, die Reiſe ging vor ſich in fieberhafter Aufregung von Seiten Karolinens, in kalter unbeugſamer Strenge von Seiten der Herzogin. In der Einbildung der Erſteren klang das Rollen der Wagenräder, wie der Hufſchlag verfolgender Pferde; an jeder Wendung der Straße ſah ihre erhitzte Phan⸗ taſie die Geſtalt Lord Alphingham's; bald ſah er ſie an mit vorwurfsvoller Miene, bald mit Spott und Hohn, und wenn ſie die Augen ſchloß, verfolgten ſie dieſe Bilder und verließen ſie nicht eher, als bis ſie der Arm ihrer Mutter umſchlang, und ihre ſanfte Stimme ihren Namen ſprach. Die Herzogin verließ ihrem Entſchluſſe zufolge London des Morgens um ſechs Uhr und war wie gewöhnlich die Erſte im Frühſtückszimmer, und ihre Freunde ließen es ſich nicht einfallen, daß ſie ſeit geſtern Abend eine Reiſe nach London und zurück gemacht hatte. Karolinens Unwohlſein, das man ihr ſeit mehreren Tagen angeſehen hatte, wiewohl ſie erſt am vorigen Tage darüber geklagt, erklärte leicht ihre Heimkehr, wiewohl die Zeit derſelben Niemand als die Her⸗ zogin ſelbſt wußte, und ſelbſt wenn ſie Erſtaunen erregt hätte, ſo würde es raſch in dem Wirbel von Vergnügungen, der ſie umgab, vorübergegangen ſein. Aber der vielbewunderte, der bezaubernde Vicomte kam nicht wieder in die feſtliche Geſellſchaft. Sein Freund Sir Walter Courtenay ent⸗ 238 ſchuldigte ſeine Abweſenheit, indem er mittheilte, daß Lord Alphingham von einem ſeiner Verwalter in Schottland einen unangenehmen Brief erhalten habe, der ſeine augenblickliche Anweſenheit nothwendig mache; daß er über London zu gehen beabſichtigte, um ſich von dort nach dem Norden zu begeben, wo er aller Wahrſcheinlichkeit nach die Jagdzeit abwarten würde, da er eingeladen ſei, ſich einem großen Kreiſe edler Freunde anzuſchließen. Es würde vergeblich ſein, bei der ohnmächtigen Wuth Lord Alphingham's zu weilen, als er entdeckte, daß ſeine klug angelegten Pläne vereitelt waren, und daß ſein beab⸗ ſichtigtes Opfer ihm unter dem ſtrengen Schutze der Her⸗ zogin von Rothbury entſchlüpft war. In dem erſten bitteren Augenblicke der Enttäuſchung ſprach er Karolinen von jedem Antheile an der Schuld frei, und glaubte, ihre Pläne wären durch irgend einen unvorhergeſehenen Zufall entdeckt, und ſie wäre gezwungen worden, nach Hauſe zurückzukehren. Wenn dies der Fall wäre, gelobte er ſich, ſie ihrer Sklaverei zu entreißen und ſie irgendwie zu der Seinen zu machen; als aber ihr Brief an ihn gelangte, als er ſeinen Inhalt durchgeleſen hatte, und als er ſah, daß nicht ein Wort von Gemüthsaufregung oder Schwanken in ihrem Entſchluſſe zeigte, änderte ſich der Strom ſeiner Gefühle. Er fluchte ſeiner wahnſinnigen Thorheit, daß er ein Mädchen aufge⸗ ſucht habe, bei dem er vom erſten Augenblicke an keinen Geiſt, keine Eigenſchaft gefunden, die ſie zu ſeiner Lebens⸗ gefährtin in der modiſchen Welt geeignet hätte ſcheinen laſſen; er gelobte ſich, nicht mehr an die launiſche Närrin zu denken, wie er jetzt das Mädchen nannte, das er einſt zu lieben geglaubt hatte. Wie ſich leicht denken läßt, fühlte ſich ſeine Eigenliebe durch die ganze Vereitelung ſeiner Pläne tief verletzt, und da er unfähig war, die Grundſätze zu ſchätzen, welche glücklicher Weiſe den Entſchluß veranlaßt hatten, ſo erfüllte Rache ſein Herz. Er ballte den Brief in ſeiner Hand zuſammen, ging wüthend im Zimmer auf und ab, und würde denſelben in kleine Stücke zerriſſen haben, wenn ihm nicht der Gedanke eingefallen wäre, daß er ſich, ————— N v—— — ——— vNM— 239 indem er den Brief an die Vertraute und Rathgeberin ſeiner Pläne mit Rückſicht auf Karolinen beilege, die Demüthi⸗ gung erſparen könne, ſeine Niederlage zu erzählen, und daß er ſich mit Erfolg rächen könne, indem er ſie dem Spott und der Verachtung preisgebe. Er ſchrieb deshalb ein paar kurze Zeilen, und bedauerte in ziemlich ſpöttiſchem Tone, daß Miß Graham ſich über die Anſichten und Gefühle ihrer Freundin Miß Hamilton ſo ſehr getäuſcht habe, und verwies ſie wegen aller ferneren Aufklärung auf den beigeſchloſſenen Brief. Annie erhielt dies Packet zu der Zeit, wo ſie täglich auf den Triumpf ihrer Pläne, auf die Befriedigung ihres Haſſes gegen die Frau wartete, deren freundliche Ermahnungen welche durch Mrs. Hamilton's Wunſch, ihr und ihrer Eltern Glück zu erhöhen, veranlaßt worden waren, ſie ſo ſehr übel genommen hatte. Lord Alphingham hatte ſie regelmäßig von allen ſeinen Abſichten unterrichtet, und wiewohl Karoline eine Zeit lang gar nicht mehr geſchrieben hatte, ſo arg⸗ wöhnte ſie doch nichts weniger wie eine Niederlage. Bereits gab ſie ſich im Geheimen dem Triumphe hin, bereits wartete ſie auf den Augenblick, wo alle ihre böſen Wünſche erfüllt ſein würden, und wo ſie die ſtolze, kalte Mrs. Hamilton von dem Benehmen ihres Kindes niedergedrückt, von den Be⸗ merkungen, die ſie treffen würden, wenn die Flucht Karo⸗ linens bekannt geworden, in den Staub gebeugt ſehen würde, da gerade kam der Brief Lord Alphingham's und verkündete ihre vollſtändige Niederlage. Hohn, bitterer Hohn ſpielte um ihre Lippen, als ſie Karolinen's Brief überflog, der ihr ſo unehrenhafterweiſe zum Durchleſen geſchickt worden war. Sie fühlte ſich zuerſt ſchwer getäuſcht, und dennoch miſchte ſich mit all dieſen heftigen Gefühlen ein Gedanke ganz anderer Art, indem ſie den Entſchluß faßte, wenn ſie Mrs. Hamilton nicht demüthigen könnte, wie ſie beabſichtigt, es durch Einflüſterungen gegen Karolinens Charakter zu thun, ſo oft ſie Gelegenheit hätte, und ſie wollte ihre Freude gegen ſie ausſprechen, daß ſie nicht die Gattin Lord Alphing⸗ ham's, daß ſie noch frei ſei. Während ſie dem Brief ent⸗ 240 gegenſah, der ihr die Verbindung des Vicomtes und Karo⸗ linens anzeigen und ihrem Triumphe das Siegel auf⸗ drücken ſollte, dürfen wir wohl zweifeln, daß ſelbſt dieſe Freude über die Leiden einer Anderen, die Qual ihres eigenen Herzens ſtillte und ihr geſtattete, zu triumphiren, wie ſie gedacht hatte, wenn der Mann den ſie liebte, der Gatte einer Anderen geworden wäre? Es war ſo, wiewohl ſie durch ihr Vorurtheil faſt blind gegen alles Andere als ihren Haß gegen Mrs. Hamilton geworden war. Annie hatte nicht mit Lord Alphingham auf ſo ver⸗ trautem Fuße geſtanden, ohne den Einfluß ſeiner vielen ver⸗ lockenden Eigenſchaften zu empfinden, und deshalb war ſie, wiewohl ſie dieſes unerwartete Fehlſchlagen ihrer Pläne kränkte und ärgerte, um ſo leichter im Stande, dieſe Gefühle zu unterdrücken. Sie nahm ſich vor, ihre Pläne gegen den Frieden Karolinens und ihrer Mutter hinfort dem Zufall zu überlaſſen, und alle ihre Kraft an die Erreichung eines großen Zieles zu ſetzen, indem ſie auf den getäuſchten Vi— comte ſo einzuwirken ſuchen wollte, um ſelbſt die Stelle ſeiner Gunſt einzunehmen, welche Karoline inne gehabt hatte. Ihre Antwort auf ſeinen Brief, in der ſie Karolinens Brief einlegen und die ſie ihm nach London ſchicken ſollte, war vorſichtig gehalten, aber darauf berechnet, ſeinen Zorn gegen Karolinen zu entflammen. Sie unterdrückte ihre eigene Meinung über die Sache, und ſuchte ſeine Bewunderung und vielleicht ſeine Dankbarkeit für ihre unermüdliche Theil⸗ nahme an ſeinem Wohlbefinden zu wecken; dann fügte ſie hinzu, daß, da dieſe wichtige Angelegenheit nun unglücklicher Weiſe vorüber ſei, ihre Correſpondenz, wie ſie fühle, aufhören müſſe, weshalb ſie ihn bitte, nicht mehr an ſie zu ſchreiben. Sie habe allem Tadel getrotzt, als das Glück von zwei Per⸗ ſonen, an denen ſie ſo innigen Antheil genommen, auf dem Spiele geſtanden habe, da ſie aber darin getäuſcht worden ſei, ſo müſſe ſie, ſo ſchmerzlich es ihr ſei, einen Briefwechſel abbrechen, der ihr ſo viel Vergnügen gemacht habe, wie es ſich bei einem ſo aufgeklärten und in jeder Beziehung ſo hoch ſtehenden Manne wie Lord Alphingham von ſelbſt ver⸗ 241 ſtehe, darauf dringen, daß keine Briefe mehr zwiſchen ihnen gewechſelt würden. Sie erreichte ihren Zweck. Der Vi⸗ comte wunderte ſich, wie er je ſo blind habe ſein können, Karolinen vor ihr den Vorzug zu geben; und ihre Worte beſtärkten ihn in ſeinem Vorſatze, die Erſtere dadurch zu ſtrafen, daß er ſeine Huldigungen Miß Graham widmete, und wenn es ſeinen Intereſſen entſpräche, die Letztere zu ſeiner Gattin machte. Die Zuſammenkünfte, die Lord Alphingham mit Miß Graham zu vermitteln wußte, ehe er nach Schottland reiſte, was er erſt vierzehn Tage nach ſeiner Zurückweiſung that, beſtärkten Beide in ihren Abſichten. Der Vicomte fand neue Reize in der Zurückhaltung und Aufregung, die nun Annie's Benehmen bezeichneten, in der leiſen Andeutung, daß, ſo ſehr ſie auch an ſeiner Täuſchung Antheil nehme, ſie doch für ſich ſelbſt ſeine Freiheit nicht bedauern könne. Dies Alles, wie⸗ wohl ſie ſelten allein waren, geſtaltete ein vollſtändiges Ein⸗ verſtändniß zwiſchen ihnen und verbannte ſchnell das Bild Karolinens aus dem Herzen des eitlen und veränderlichen Alphingham. Da ſie ihre vorgebliche Freundſchaft für Karoline fort⸗ zuſetzen wünſchte, um ſie deſto wirkſamer verwunden zu können, und da ſie nicht glaubte, daß die Gefühle des irre⸗ geleiteten Mädchens ſich auch gegen ſie geändert hätten, ſo machte Annie einige Tage nach Karolinens Rückkehr einen Beſuch in Berkeley Square, nachdem ſie alles erfahren hatte, was vorgefallen war. Niemand war in dem Beſuchzimmer zu ſehen; ſie wußte, daß die jungen Leute von der Univer⸗ ſität gekommen waren, aber das Haus zeigte nicht das heitere, fröhliche Ausſehen, welches ſonſt gewöhnlich ihre Rückkehr begleitete. Sie wartete einige Zeit mit Ungeduld, die ſich nicht verringerte, als ſie nicht Karoline, ſondern Mrs. Ha⸗ milton ſelbſt, mit bleicher Wange, als wenn ſie innerlich litte, aber mit noch größerer Würde in ihrem Ausſehen und ihrem Gange eintreten ſah, und einen Augenblick bemühte ſich Annie vergebens, mit der Lebhaftigkeit zu ſprechen, womit ſie nach Karolinen hatte fragen wollen; vor dem milden, doch Der Lohn einer Mutter. 16 242 durchdringenden Blicke der Mrs. Hamilton ſchien ihre Selbbeherrſchung ſie verlaſſen zu wollen. Sie fühlte ſich in ihrer Gegenwart gedemüthigt, und vielleicht gerade dies Gefühl, wie tief ſie unter ihr ſtehe, war es, was ihren Wider⸗ willen gegen Mrs. Hamilton immer geſteigert hatte. Mild, doch kurz und kalt, beantwortete Mrs. Hamilton Miß Graham's Strom von Fragen und ihr unendliches Bedauern, welches der Mittheilung folgte, daß Karoline ſich nicht ſo wohl befinde, um Jemand außer ihrer Familie ſehen zu können, und daß ſie, da ſie London etwas früher verlaſſen würde als ſie urſprünglich beabſichtigt hätte, ihre Mutter gebeten habe, ihr Lebewohl zu ſagen. Annie ſprach ihr großes Bedauern aus, aber es wurde auf keiner Seite ein Verſuch gemacht, das Geſpräch fortzuſetzen. Annie kehrte mißvergnügt und aufgebracht nach Hauſe zurück, und nahm ſich vor, noch einen Verſuch zu machen, und wenn dieſer fehlſchlüge, dachte ſie mit eben ſo viel Erfolg durch Winke und Spott verwunden zu können, wenn bloße Bekanntſchaft an die Stelle vertrauter Freundſchaft treten ſollte. Miß Graham ſchrieb demnach in einem wahrhaft heroiſchen und hochtrabenden Style und ſprach ihr Bedauern und ihre Theilnahme aus, aber die Antwort, wiewohl ſie ſehr vor⸗ ſichtig gehalten war, ſagte ihr nur zu deutlich, daß all ihr Einfluß vorüber ſei. „Ich fühle mich nicht ſtark genug,“ ſchrieb Karoline, „mich mit Dir in einen Wortſtreit einzulaſſen, oder mein Benehmen zu vertheidigen, wie ich es würde thun müſſen, wenn wir jetzt einmal zuſammenkämen. Ich finde zu ſpät, daß wir in vielen Punkten ſo völlig verſchiedener Anſicht ſind, daß der vertraute Umgang, den wir bisher mit einan⸗ der gepflogen haben, für die Zukunft aufhören muß. Ver⸗ zeihe mir, liebe Annie, wenn es Dich ſchmerzt, dieſe Worte zu leſen; glaube mir, es ſchmerzt auch mich, ſie zu ſchreiben. Aber nachdem ſich meine Gefühle in ſo vielen wichtigen Bezie⸗ hungen verändert haben, nachdem der Nebel, der meine blendete, durch die Gnade des Himmels gefallen iſt, und ich die ganze Größe meiner ſündhaften Thorheit erkenne, wW S S— 6 8 243 kann ich nicht hoffen, in Dir noch dieſelbe Freundin zu finden. Zu ſpät für meinen Frieden habe ich erkannt, daß unſere Grundſätze über den Gehorſam geradezu entgegengeſetzt ſind. Ich mache Dir keine Vorwürfe über die Leiden, die ich noch zu ertragen habe, nein, dieſe habe ich ſelbſt ver⸗ ſchuldet; aber Dein Zureden, Deine Vorſtellungen ver⸗ ſchlimmerten das Uebel und beſtärkten mich in meinem ſünd⸗ lichen Benehmen. Du ſaheſt meine Thorheit und unter⸗ ſtützteſt dieſelbe, indem Du den Saamen des Mißtrauens gegen meine Eltern in mein Herz ſäteſt. Ich war ein leidendes Werkzeug in Deinen Händen, und Du ſuchteſt mich nach Deinen Begriffen vom Glück zu bilden. Ich danke Dir für die Theilnahme, die Du mir bereits zu beweiſen geſucht haſt; Du kannſt nicht bedauern, ſie mir entziehen zu müſſen, nachdem ich mich derſelben in Deinen Augen ſo unwürdig gemacht habe. Dies iſt der letzte vertrauliche Brief, den ich jemals ſchreiben werde, außer an ſie, die meine beſte, meine treueſte, meine nachſichtigſte Freundin auf Erden iſt. Aber ehe ich ſchließe, drängt mich die Liebe, die Freundſchaft, die ich für Dich gefühlt habe, Dich zu bitten, Deine Geſinnungsweiſe zu ändern; o Annie, folge nicht den Grundſätzen, die Du mir einzuprägen geſucht haſt; laſſe ſie nicht, ſo ſehr Du Deinen künftigen Frieden liebſt, die Führer Deines Lebens ſein, Du wirſt finden, daß ſie hohl, eitel und falſch ſind. Denke nur einen Augenblick reiflich nach; kann es Glück ohne Tugend, Frieden ohne Unſchuld geben? Giebt es ein Vergnügen ohne Wahrheit, war die Täuſchung für mich Glück bringend? o nein, nein; jener Beſuch in London, jene Einführung in die Welt, von der ich ſoviel Freude erwartete, deren Erinnerung mir das Leben in Oakwood verſchönen ſollte, o, was bieten ſie mir jetzt? Ein trauriges ödes Leben, dem nur die Reue Ab⸗ wechſelung giebt. Wäreſt Du an meiner Stelle geweſen, Du würdeſt vielleicht die Sache anders anſehen, aber ich kann es nicht. O Annie, noch einmal bitte ich Dich, laſſe Dich künftig nicht von ſolchen Grundſätzen leiten, ſie ſind 16* 244 unrecht, ſie werden Dich hier zum Verderben führen, und welche Vorbereitungen find ſie für die Ewigkeit? Lebe wohl, und Gott ſegne Dich! Wir werden uns vielleicht bis zur nächſten Saiſon nicht wieder ſehen, und dann kann unſer Verhältniß nicht das alte ſein. Theilnahme an Deinem Wohlergehen werde ich immer haben, aber aller vertrauter Verkehr zwiſchen uns muß zu Ende ſein. Karoline.“ Achtes Kapitel. Eine dunkle Wetterwolke verdüſterte die edle und ſonſt ſo offene Stirn des jungen Erben von Oakwood, und un⸗ verhüllter Zorn zeigte ſich in jedem Zuge uud jeder Bewe⸗ gung, als er zehn Tage nach den Ereigniſſen, die wir erzählt haben, und drei Tage nach ſeiner Rückkehr von der Univerſität mit unregelmäßigen Schritten im Bibliothek⸗ zimmer auf und abging. Er hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt, die von Gefühlen bewegt ſich hob, welche er ver⸗ geblich zu unterdrücken ſuchte; und ſeine große ſchöne Geſtalt ſchien in ſeinem in dieſem Falle ganz gerechten Zorne zu wachſen. Karolinens Niedergeſchlagenheit hatte ſich ſeit ihres Bruders Ankunft nicht vermindert; ſie fühlte, ſie war unge⸗ recht gegen Percy geweſen, und eine gewiſſe Kälte, die ſich zuerſt in ſeinem Benehmen gegen ſie gezeigt hatte und die, wiewohl ſie es nicht wußte, durch ihre Abweiſung ſeines Freundes St. Eval veranlaßt war, die, wie er glaubte, ihre Liebe zu Alphingham verſchuldet hatte, welchen ſie in ſeinen Augen immer noch begünſtigte, führte eine gewiſſe Zurück⸗ haltung zwiſchen dem Bruder und der Schweſter herbei, der Herzlichkeit, die bisher zwiſchen ihnen geherrſcht atte. — M—— 245 Percy hatte erſt an dieſem Morgen erfahren, was zwiſchen dem Vicomte und Karolinen vorgefallen war, da Emmeline, indem ſie hoffte, ſein Benehmen gegen ſeine Schweſter milder zu ſtimmen, mit aller ihrer natürlichen Beredſamkeit das Benehmen des Vicomtes und den Triumph des Pflichtgefühls, den Karoline erlangt, erzählt hatte. Selbſt daß er bei ſeinem Vater um ihre Hand angehalten hatte, erfuhr Percy erſt jetzt, und gerade dieſe Mittheilung war es, die ihn in ſo heftigen Zorn verſetzte. Emmeline war weggerufen wor⸗ den, ehe ſie Zeit hatte, die erſchreckenden Wirkungen ihrer Worte zu ſehen, aber Herbert war Zeuge derſelben, und wie⸗ wohl er mit der geheimen Urſache des Widerwillens ſeines Bruders gegen Lord Alphingham unbekannt war, ſo ſuchte er ihn doch durch freundliche Worte zu beruhigen und ihn von ſeinem Vorſatze abzubringen, vor dem er zitterte. „Der Schurke, der kaltblütige, verächtliche Schurke,“ murmelte er von Zeit zu Zeit, indem er mit raſchem Schritt im Zimmer auf und ab ging, ohne Herbert's Zureden zu be⸗ achten, vielleicht ohne es zu hören,„So ſchändlich zu han⸗ deln, ein ſolches Spiel mit den unbewachten Gefühlen eines ſchwachen, wenigſtens unverdorbenen, argloſen Mädchens zu treiben, um ihre Liebe zu buhlen, ſie verderben und der Schande preisgeben zu wollen, der herzloſe Böſewicht! O, daß mein Verſprechen mich hindert, ihn vor der ganzen Welt an den Pranger zu ſtellen; aber es giebt noch einen andern Weg, der Schurke ſoll Fuden, daß ein ſolches Verfahren nicht ungeſtraft hingeht!“ „Du haſt Recht, Perey,“ unterbrach ihn Herbert, der ihn nicht verſtehen wollte,„wenn ſein Verfahren wirklich der Art iſt, daß es mit Recht Deinen Zorn verdient, ſo wird ihn zuletzt ſeine Strafe treffen.“ „Sie ſoll ihn treffen, ja, und von dieſer Hand,“ rief Perey aus, indem er mit ſeiner geballten Hand heftig auf den Tiſch ſchlug,„wenn ſein Verfahren der Art iſt. Du ſprichſt ſehr kaltblütig, Herbert, aber Du weißt nicht Alles, deshalb verzeihe ich Dir; es iſt das Verfahren eines Schur⸗ ken, ja, und er ſoll es erfahren. Ehe die Sonne noch drei 246 Maluntergegangen iſt, ſoll er empfinden, daß meine Schweſter einen Rächer hat.“ „Seine Pläne gegen den Frieden und die Ehre der Un⸗ ſchuldigen ſind im Himmel verzeichnet; ſei ruhig, Percy, und gieb Dich zufrieden, ſeine letzte Stunde wird Strafe genug ſein.“ „Beim Himmel, das ſoll ſie,“ erwiderte Percy, deſſen Leidenſchaft, wie es ſchien, mit jedem freundlichen Worte ſeines Bruders ſich ſteigerte, und der ganz außer ſich war. „Herbert, Du machſt mich noch ganz wahnſinnig durch dieſe unzeitige Ruhe, Du weißt nicht die Hälfte der Beleidigungen, die er ihr zugefügt hat.“ „Mögen ſeine Pläne geweſen ſein, welche ſie wollen, ſie ſind alle fehlgeſchlagen, Percy; und ſollten wir darum nicht dankbar ſein, daß Karoline ihrer Familie, ſich ſelbſt zurück gegeben iſt, anſtatt eine ſolche Wuth gegen Den zu nähren, deſſen Schlingen ſie entronnen iſt?“ „Ja, und wiewohl ſein nichtswürdiger Plan, Dank der Geiſtesſtärke meiner Schweſter, oder vielmehr dem beharr⸗ lichen Rathe meiner Mutter, mißglückt iſt, ſoll ich ruhig da⸗ ſitzen und zuſehen, wie ihre Geſundheit, ihre Heiterkeit unter der Liebe zu Grunde gehen, die der betrügeriſche Schurke zu erwecken gewußt hat? Soll ich dies ſehen, ſoll ich ungerührt die Leiden ſehen, die er verurſacht hat, und ſoll ich ihn unge⸗ ſtraft laſſen, als wenn ſein Opfer weder Vater noch Bruder hätte, die ihre beleidigte Ehre ſchützen und rächen könnten?“ „Ihre Ehre iſt nicht gekränkt, ſie iſt noch ſo unſchuldig und rein wie ſonſt, Percy; Du ſteigerſt dieſes gerechte Miß⸗ vergnügen durch eingebildete Urſachen. Ich glaube nicht, daß es Liebe für Alphingham iſt, was ihr gegenwärtiges Leiden verurſacht. Ich denke, nach der Unterredung, die wir gehabt haben, iſt es vielmehr Reue über die Vergangen⸗ heit und bitterer Schmerz darüber, daß ihr das Vertrauen unſerer Eltern, trotz ihrer außerordentlichen Güte, eine Zeit lang ganz entzogen bleiben muß, als ein geheimer Reſt von Liebe für Alphingham.“ „Was es auch ſein mag, er iſt die erſte Urſache. Nicht 247 beleidigt! Jedes Wort von Liebe von ſeinen Lippen iſt eine Befleckung; daß er um ſie bei meinem Vater angehalten, iſt eine freche Beleidigung; daß er mit ihr zu fliehen verſuchte, iſt eine Todſünde, ein unauslöſchlicher Makel.“ Herbert ſchauderte unwillkürlich.„Was willſt Du damit ſagen?“ rief er aus.„Was haſt Du von ihm gehört oder erfahren, was Dich zu ſolchen Worten reizt?“ „Frage mich nicht, ſo wahr Du mich liebſt, es iſt genug, zu wiſſen, daß er ein Schurke iſt,“ und Percy ging immer noch raſch auf und ab. Herbert ſtand von ſeinem Stuhle auf und näherte ſich ihm. 6 „Percy,“ ſagte er,„mein lieber Bruder, ſage mir, was Du thun willſt, wohin dieſe ungewöhnliche Aufregung führen ſoll; o, laſſe Dich nicht davon zu weit hinreißen, Percy; lieber Percy, was willſt Du thun?“ „Ich will ihn aufſuchen, Herbert,“ erwiderte Perch, „wo und in weſſen Umgebung er auch ſein mag. Ich will ihm ſagen, daß er ein Betrüger, ein herzloſer Schurke iſt, und wenn er Genugthuung fordert, ſo wird es mir beim Himmel Freude machen, ſie ihm zu geben.“ „Hat die Leidenſchaft alſo wirklich ſo ſehr das Ueber⸗ gewicht erlangt, daß es Dir ein Vergnügen machen würde, ihm im blutigen Kampfe gegenüber zu ſtehen?“ fragte Herbert, indem er ſeine großen, ſchwermüthigen Augen auf Percy's Geſicht richtete, auf dem die Wolke immer dunkler und deſſen Schritt immer raſcher wurde.„Du willſt ihn auf⸗ ſuchen, um ihn zu einem Zorne zu reizen, wie der Deine iſt? auf ſolche Weiſe wollteſt Du meine Schweſter rächen?“ „So und nur ſo,“ antwortete Perey mit ungezügelter Wuth,„wie Andere es gethan haben, Mann gegen Mann will ich ihm gegenüberſtehen, und ein ſo großer Schurke er iſt, will ich ehrenhafte Rache für die Beleidigung, nicht nur gegen meine Schweſter, ſondern gegen uns Alle nehmen. Warum ſollte ich meine Hand zurückhalten 27 „Warum? weil Dir in höherem Grade als vielen An⸗ deren das Licht unſerer heiligen Religion leuchtet,“ antwortete Herbert ruhig;„weil Du weißt, woran Andere nicht denken, 248 daß das Geſetz unſeres Herrn Blutvergießen verbietet: daß, wer Blut vergießt, aus welchem Grunde es auch ſei, deß Blut ſoll wieder vergoſſen werden. Weil Du weißt, daß, indem Du Dich blutig zu rächen ſuchſt, Du ſeinem Geſetze ungehorſam biſt und ſeine Rache auf Dich herabrufſt. Percy, Du weißt, Du darfſt nicht handeln, wie es Dir Deine über⸗ wältigende Leidenſchaft gebietet.“ 13 „Ich nicht dürfen?“ wiederholte der junge Mann, und ſeine Augen leuchteten, als wenn bei dieſem Worte ſelbſt von ſeinem Bruder ſein Zorn entflammte.„Ich nicht dürfen? Du mißverſtehſt mich, Herbert, ich will eine ſolche Beleidigung nicht ruhig ertragen. Ich will dieſen Schurken nicht trium⸗ phiren ſehen, ohne den Verſuch zu machen, ihm zu beweiſen, daß er erkannt iſt und die ganze Welt wiſſen zu laſſen, was er iſt. „Und würde ein feindliches Gegenüberſtehen zu dieſem Ziele führen, würde dies der Welt feine Schurkerei verkün⸗ den, welcher Art ſie auch ſein mag, würde ſie nicht vielmehr auf ſeiner Seite ſtehen und Dein ungerechtfertigtes Beneh⸗ men als einen neuen Beweis zu Gunſten ihres Lieblings deuten? Wer würde den Worten Glauben ſchenken, die Du gegen ihn gebrauchſt, wenn Du ſelbſt in Deiner Familie die wahre Urſache Deiner Aufregung und Deines Zornes nicht ausſprichſt?“ Percy ſetzte ſeine Wanderung durch das Zimmer einige Minuten fort, ohne zu antworten. „Meine Ehre iſt in der Perſon meiner Schweſter be⸗ leidigt worden,“ ſagte er endlich, mehr mit ſich ſelbſt als mit ſeinem Bruder ſprechend,„und ſoll ich dies ruhig ertragen? Würde nicht die ganze Welt mich mit Verachtung als einen muthloſen Feigling betrachten, dem das Geſetz der Ehre als Nichts gilt? Der ſeine Schweſter durch die Ränke eines Böſewichts leiden ſieht, ohne auch nur einen Verſuch zu machen, ſie zu rächen?“ „Das Geſetz der Ehre,“ erwiderte Herbert bitter,„es iſt ein blutiges, mörderiſches Geſetz. Percy, mein Bruder, verbanne dieſe ſtrafbaren Gedanken, ſei nicht einer der ver⸗ 249 irrten Thoren, die unter dieſem falſchen Vorwande dem Geſetze der Ehre ganze Familien in das Unglück ſtürzen, und die ohne Vorbereitung, ohne Gebet, ja inmitten ihres Ungehorſams gegen ein heiliges Gebot Gottes vor ſein Angeſicht treten.“ Er hielt inne, aber er hatte nicht vergebens geſprochen. Perey ſah mit größerer Ruhe ſeinem Bruder in das Geſicht, und freundlicher, aber immer noch ungeſtüm ſagte er:„Du möchteſt alſo, daß ich mich ruhig verhalten und in meiner Schweſter ein leidendes Opfer ſeiner Ränke ſehen und den ſchurkiſchen Alphingham ſeinen Siegeslauf fortſetzen laſſen ſoll?“ „Die Rache iſt mein, ſagt der Herr, und ich will ver— gelten,“ antwortete Herbert ſogleich, indem er ſeinen Arm in den ſeines Bruders legte und ihn mit jenem bittenden Blicke der Liebe, der ſeinen Zügen ſo eigenthümlich war, in das Geſicht ſah.„Lieber Bruder, verlaſſe Dich auf dieſe Worte und ſei zufrieden. Es iſt nicht unſere Sache, an Rache zu denken, oder Vergeltung üben zu wollen; wir haben allerdings das Recht, Gerechtigkeit zu beanſpruchen, aber in dieſem Falle haben wir keinen Grund, aus dem wir ſie for⸗ dern könnten. Laſſe Alphingham, ſelbſt zugeſtanden, daß Du ihn kennſt, wie er iſt, ſein Leben in Frieden fortſetzen; wollteſt Du ihn zu ſtrafen ſuchen, hieße das nicht, an der Weisheit und Gerechtigkeit des Allmächtigen zweifeln? Und angenommen, Du fielſt in dem geſuchten Zweikampfe anſtatt Deines Gegners, welche Gefühle würden alle Die erfüllen, die Dich ſo lieb haben, wenn ſie Deine blutende Leiche ſähen und ſich erinnerten, daß Du den Tod trotz aller Grundſe in denen ſie Dich erzogen, aufgeſucht hätteſt? Denk ſtummen Schmerz Deiner Mutter; hat nicht Karolinens B nehmen derſelben Qual genug bereitet, und willſt Du ſie noch mehr quälen? Du, deſſen geringſte Handlung von Liebe zu ihr geleitet wird, Du, von dem ſie mit Recht ſo viel Tugend, Ehrenhaftigkeit und Selbſtbeherrſchung erwartet, der ſo innig, ſo aufopfernd liebt; bedenke, was ſie empfinden würde! Und wenn keine andere Rückſicht Einfluß auf 250 Dich übt, ſo wird wenigſtens dieſe Dich zum Nachdenken bringen.“ Percy ſchritt immer noch im Zimmer auf und ab, aber er ſah ſeinen Bruder nicht an, während dieſer ſprach, und ſein Schritt verrieth widerſtreitende, ſchmerzliche Gefühle. Er antwortete nicht, als Herbert aufgehört hatte zu ſprechen, aber ſein Bruder kannte ihn zu gut und ſchwieg. „Du haſt geſiegt, Herbert,“ rief er endlich aus, indem er ſeines Bruders Hand ergriff und den Kopf aufrichtete; auf ſeiner Wange flammte immer noch leidenſchaftlicher Zorn, aber ſein Auge war ſanfter.„Ich könnte das Elend meiner Mutter nicht ertragen, ich könnte nicht ſo ihre Liebe, ihre treue Pflege vergelten, ich will dieſen elenden, herzloſen Menſchen nicht aufſuchen. Ich zittere über meinen Entſchluß, wenn er mir zufällig in den Weg kommt; aber um ihretwillen will ich ihn vermeiden, um ihretwillen ſoll ſeine Schurkerei ein Geheimniß bleiben.“ „Mein lieber Perey, habe Mitleid mit ihm oder vergiß ihn ganz.“ „Mitleid mit ihm, dem Verführer, dem Heuchler,“ rief Percy mit erneuter Heftigkeit aus;„nein, der Groll, den er in mir erweckt hat, kann ſich noch nicht in Mitleid verkehren; ihn vergeſſen— das iſt wenigſtens unmöglich, ſo lange mich Karolinens Kälte und Zurückhaltung jeden Tag unangenehm an ihn erinnert. Es iſt klar, daß ſie mich als den Zerſtörer ihres Glückes betrachtet, ſie denkt vielleicht, daß der Vater ohne meinen Brief ſeine Einwilligung gegeben, und daß ſie ohne Widerſpruch die Gattin Alphingham's geworden ſein würde; es iſt hart, unfreundlich von Jemand behandelt zu werden, den man von dem Verderben zu retten geſucht „O ſei nicht ungerecht, Perry, biſt Du nicht ebenfalls kalt und zurückhaltend? Woher wiſſen wir, aus welchem Grunde Karoline es etwas mehr als gewöhnlich iſt? Wir können das arme Mädchen entſchuldigen, aber ich ſehe keinen Grund, warum Du ſie ſo behandelſt.“ Ihr ganzes Benehmen rechtfertigt es. Wie behandelte 251 ſie den edlen St. Eval? Zuerſt ermuthigte ſie ihn, ſo daß zuverſichtlich auf ihre Vereinigung gerechnet wurde, und dann wies ſie ihn aus keinem Grunde zurück; oder wenn ſie einen Grund hatte, ſo war es die Liebe zu einem Schurken, der im Geheimen alle die Gunſt beſaß, die ſie ſcheinbar St. Eval zu Theil werden ließ— die Falſche.“ „Percy, Du ſcheinſt heute mit Jedermann böſe ſein zu wollen. Ich ſchmeichelte mir, durch meinen Einfluß Deine Leidenſchaft beſchwichtigt zu haben, und ſiehe da, ſie verläßt nur den einen Gegenſtand, um ſich auf einen anderen zu werfen. Kannſt Du keine Veranlaſſung finden, Dich von Karoline nun gegen mich zu wenden? Iſt es Nichts, daß ich es wage, Deinem Zorne Trotz zu bieten und meinem unge⸗ ſtümen und hartnäckigen Bruder zu ſagen, was ich dachte— iſt es Nichts, daß ich Dir zu ſagen gewagt habe, es ſei etwas auf Erden, was Du nicht thun dürfteſt?“ Perey wandte ſich raſch gegen ihn, als wenn er in dieſem Augenblicke ſelbſt mit ihm zürnen könnte; aber Herbert be⸗ gegnete ſeinem zornigen Blicke mit einem ſo liebevollen Lächeln, daß Percy's Unwille und Aufregung auf einmal verbannt zu ſein ſchienen. „Dir zürnen!“ rief Percy aus, nachdem unwillkürliche Bewunderung an die Stelle des Zornes getreten war und unbewußt die edle Heiterkeit Herbert's ſeine Reizbarkeit überwunden hatte.„Ja Herbert, wenn wir Beide unſeren Charakter gewechſelt hätten, könnte das der Fall ſein, bis dahin begnüge ich mich, die Tugend, die Sanftmuth zu lieben und zu verehren, die ich mir nicht aneignen kann.“ „Wir ſind ſo um ſo beſſer daran,“ erwiderte Herbert, „wären wir dieſelben, hätte ich ſo glücklich ſein können, wie ich es durch Deine Vermittelung auf der Univerſität ge⸗ weſen bin? Viel, ſehr viel Glück verdanke ich Deinem leb⸗ haften Geiſte, Perey; ohne Deine Hülfe würde mein Leben auf der Univerſität, trotz den Reizen der Wiſſenſchaft, eine öde Wüſte geweſen ſein, und wiewohl ich oft und ſchmerzlich fühle, daß ich in vielen Beziehungen nicht hoffen kann, gleichen Schritt mit Dir zu halten, ſo habe ich doch keinen anderen 252 Wunſch, als Dich durch meine Liebe bisweilen von Aus⸗ brüchen Deiner Heftigkeit zurückzuhalten, die Dich auf einen unrechten Weg führen würden.“ „Beſitzeſt Du nicht meine wärmſte Liebe, mein Vertrauen, meine Achtung?“ rief Perecy ungeſtüm aus und umſchlang, wie er es oft zu thun pflegte, ſeinen Bruder.„Giebt es einen unter meinen Freunden, den ich ſo liebe wie Dich, wiewohl ich ihre Geſellſchaft mehr aufzuſuchen ſcheine?“ Herbert ſchwieg. „Du zweifelſt doch nicht an mir, Herbert?“ „Percy, nein,“ erwiderte der Jüngling mit ungewöhn⸗ licher Gluth; mehr ſprechen konnte er in dieſem Augenblicke nicht, und ehe ihm Worte zu Gebote ſtanden, öffnete ſich langſam die Bibliothekthür, und Karoline trat ein. Herbert verließ ziemlich raſch das Zimmer, um die Aufregung zu verbergen, welche das Geſpräch mit Percy ihm verurſacht hatte. Karoline blieb einige Zeit im Bibliothekzimmer und ſuchte, wie es ſchien ein Buch, ohne daß zwiſchen ihr und Percy ein Wort gewechſelt wurde. Beide wünſchten offenbar zu ſprechen, aber keins von Beiden wollte anfangen. Endlich näherte ſich ihm Karoline.„Percy,“ begann ſie, und ihre Stimme zitterte ſo ſehr, daß ſie nicht weiter ſprechen konnte. Percy war beſänftigt. „Wie, liebe Karoline, bin ich ſo furchtbar, daß Du nicht mit mir ſprechen kannſt? Ich bin böſe und ungerecht, und Du biſt vielleicht ein wenig zu zurückhaltend geweſen, darum laß uns gegenſeitig vergeben und vergeſſen, wie wir es als Kinder machten, und für die Zukunft wieder gute Freunde ſein.“ Er ſprach mit ſeiner ganzen natürlichen Offenheit und ſtreckte ihr die Hand entgegen. Karoline war ſo gedrückter Stimmung, daß das mindeſte Wort oder Zeichen der Liebe ſie überwältigte, und indem ſie die Hand ihres Bruders drückte, wandte ſie ſich weg, um ihre Thränen zu verbergen, und Percy fuhr fort, indem er zu lächeln ſuchte: „Nun, Karoline, willſt Du mir nicht ſagen, was Du 253 mir ſagen wollteſt? Ich kann Deine Gedanken nicht er⸗ rathen.“ Karoline zauderte wieder, duſt aber ſagte ſie mit einiger Anſtrengung, indem ſie mit thränenſchweren Augen ihrem Bruder in das Geſicht ſah: „Percy, hatteſt Du gegründete Urſache, vor einigen Wochen in ſolcher Weiſe an den Vater zu ſchreiben, oder ver⸗ anlaßte Dich nur ein Gerücht es zu thun? Ich bitte Dich, antworte mir aufrichtig.“ „Ich hatte vollgültige Urſache,“ antwortete er ſogleich, „es geſchah nicht um eines Gerüchtes willen. Glaubſt Du, daß ich ohne guten Grund den Charakter irgend eines Men⸗ ſchen anzuſchwärzen geſucht haben würde?“ „Und was war das für eine Urſache? Warum bateſt Du den Vater, ſo ſehr er meinen künftigen Frieden ſchätze, mich nicht ſeinen Verlockungen auszuſetzen.“ Karoline ſprach langſam und überlegt, als wenn jedes Wort abgewogen würde, ehe ſie es ausſprach, aber mit einem Ausdruck in ihrem Geſichte, als wenn Leben und Frieden von ſeiner Antwort abhingen. Percy blickte ſie ernſthaft an. „Warum thuſt Du dieſe Frage, meine liebe Schweſter?“ ſagte er.„Wenn ich ſie beantwortete, was würde es nützen? Warum ſollte ich ein Geheimniß löſen, das, wenn Du dieſen Alphingham liebſt, wie mich Deine außerordentliche Nieder⸗ geſchlagenheit glauben läßt, Deinen Schmerz nur vergrößern muß?“ „Percy,“ erwiderte Karoline, indem ſie ihren Kopf emporrichtete und ſich mit zurückkehrender Würde vor ihn ſtellte;„Percy, laſſe Dich nicht von dem Gedanken an mei⸗ ner Liebe zurückhalten. Größer kann mein Schmerz nie wer⸗ den, aber mißverſtehe mich nicht, dieſer Schmerz entſpringt nicht aus getäuſchter Liebe. Percy, ich liebe Lord Alphing⸗ ham nicht, ich habe mich bethören laſſen, und die Erinnerung an die Vergangenheit, erfaßt mich immer noch mit Reue und Schmerz; aber ich liebte ihn nie ſo, wie ich einen Anderen geliebt haben würde, wäre ich nicht bethört und verblendet geweſen, hätte ich nicht den Rath und das Vertrauen meiner 254 Mutter von mir gewieſen. Du weißt nicht, wie ich geleitet worden bin, wie ich mich habe als Werkzeug in den Händen von Denen brauchen laſſen, deren freien Sinn ich bewunderte, und denen meine rückſichtsloſe Thorheit zu Hülfe kam— der Wunſch, den Beweis zu führen, daß ich in gleichem Geiſte handeln könne, ſo verſchieden ich auch erzo⸗ gen ſei. Wäre nicht dieſer Eigenſinn, dieſer verkehrte Geiſt geweſen, ich könnte nun eine glückliche, tugendhafte Gattin ſein, die das höhere Weſen, deſſen Liebe ich eigenſinnig von mir wies, liebte und verehrte. Aber das thut nichts zur Sache,“ fügte ſie raſch hinzu,„meine Mutter hatte Recht, daß ich unwürdig ſei, ſein Lvos zu theilen; aber deſſen halte Dich verſichert, ich liebe Lord Alphingham nicht, ich habe ihn nie geliebt, denn ich kann ihn nicht achten.“ „Aber warum willſt Du dann mehr von ihm wiſſen?“ ſagte Perey, der ſich durch die Worte ſeiner Schweſter ſehr erleichtert fühlte, und der ſich über ihre Anſpielung auf St. Eval mehr freute, als er ſich merken ließ.„Iſt es nicht genug, daß Dein Verhältniß zu ihm gänzlich abgebrochen iſt?“ „Nein, Percy, ich habe ihn abgewieſen, ich habe unſer Verhältniß gelöſt, ich weis kaum warum, außer daß ich fühlte, daß ich ohne des Vaters Einwilligung nicht die Seine ſein könnte; aber es giebt Zeiten, wo mir zu Muthe iſt, als hätte ich ihn ungerecht behandelt, als hätte ich keine Urſache gehabt, Uebles von ihm zu denken; mein Benehmen hatte ihn ermuthigt. Gegen mich iſt er aufopfernd und voll Ach⸗ tung geweſen, und wiewohl ich nicht ſeine Gattin werden konnte und wollte, ſo gehen mir doch dieſe Gedanken im Kopfe herum, und ſteigern die bereits dort herrſchende Ver⸗ wirrung.“ Zwei Mal durchſchritt Percy langſam das Zimmer, mit einer Miene, in der ſich ängſtliches Nachdenken ausprägte. Er blieb Karolinen gegenüber ſtehen, ergriff ihre Hände und ſprach mit einer Stimme, die, wiewohl leiſe, doch ſo feierlich klang, daß ſie bis in das Innerſte erbebte. „Karoline, ich hatte gehofft, daß das unglückſelige Ge⸗ heimniß, welches mir bekannt geworden, niemals über meine 255 Lippen kommen würde, aber zur Wiederherſtellung Deines Friedens muß ich es kund thun; auch wird die Verletzte, die es mir zuerſt anvertraute, um Dich vor dem Verderben zu wahren, nicht glauben, daß ich ihr Vertrauen gemißbraucht habe. Du haſt nicht den ganzen Umfang des Unglückes, das Dich betroffen haben würde, wärſt Du wirklich mit die⸗ ſem heuchleriſchen Schurken entflohen, ahnen können. Ka⸗ roline, Lord Alphingham iſt bereits verheirathet, ſeine Gat⸗ tin lebt noch.“ Wäre ein Donnerkeil zu ihren Füßen niedergefallen, oder wäre die Erde unter ihr geborſten, Karoline würde nicht bläſſer oder beſtürzter dageſtanden haben, als da dieſe unerwarteten Worte, klar und deutlich wie ein Trompeten⸗ ſtoß, ihr gequältes Ohr trafen. Unter allen ihren Ver⸗ muthungen, die ſie über die Bedeutung von Percy's Worten anſtellte, war ihr dieſer Gedanke nie in den Sinn gekommen, daß Alphingham ſie ſo überlegt, unter der Maske der Liebe und Ehre habe zu Grunde richten wollen; das war eine Schurkerei, die ſie nicht faſſen konnte. Nachdem ſie die Wahrheit erfahren, ſtand ſie da wie in Marmor verwandelt, ihre Wangen, ſelbſt ihre Lippen trugen die Farbe des Todes, dann gedachte ſie der Vergangenheit; wären nicht die Erin⸗ nerungen an ihre Kindheit, die Liebe, die Treue ihrer Mut⸗ ter geweſen, was würde aus ihr geworden ſein? Vergebens bemühte ſie ſich, dem Strome der Gedanken zu widerſtehen; jedes Glied war von heftigem Zittern ergriffen, ihr Hirn ſchwindelte, und ſie würde zu Boden geſunken ſein, hätte ſie nicht Percy, beunruhigt über die Wirkung ſeiner Worte, zärtlich zu einem Stuhle geführt, und indem er neben ihr nieder kniete, ſeinen Arm um ſie geſchlungen. Ihr Kopf ſank auf ſeine Schulter, ſie klammerte ſich an ihn als wenn immer noch Bosheit, Schuld und Elend wie Dämonen ſie umſchwebten und er ſie vor allen ſchützen würde. Die Augen des jungen Mannes ſprühten wieder Feuer, wenn er an Alphingham dachte, aber um ihretwillen zügelte er ſich und ſuchte durch ein paar Worte ſie zu be⸗ ruhigen. 256 „Erzähle mir Alles, Alles was Du weißt, ich kann es ertragen,“ ſagte ſie endlich faſt unhörbar und ſah ihn mit ſo todbleichen Zügen wie vorher an. Perey erfüllte ihre Bitte und erzählte ihr Folgendes: Er war während ſeines Univerſitätslebens mit einer Wittwe und ihrer Tochter bekannt geworden, die vier oder fünf Meilen von Oxford wohnten. Er hatte ihnen einen Dienſt geleiſtet, der wichtig genug war, um ihn als immer willkommenen Gaſt in ihrem Hauſe erſcheinen zu laſſen, das einen feinen und gebildeten Geſchmack verrieth, wiewohl ſeine Bewohner nicht den höchſten Ständen angehörten. Percy dachte, ſie wären Beide Wittwen, wiewohl er kaum wußte, worauf ſich dieſer Gedanke gründete, außer, daß ſie Beide zuſammen lebten, und daß der Gatte der jüngeren Dame ſich niemals zeigte; auch wurde ſein Name in den vertrau⸗ lichen Geſprächen, die er bisweilen hatte, niemals erwähnt. Mrs. Amesfort, die Tochter, beſaß immer noch große Schön⸗ heit, die ein Schatten von Sinnigkeit, welche bisweilen ſich zu düſterer Schwermuth ſteigerte, noch lieblicher machte. Sie mochte ſechs oder ſiebenundzwanzig Jahr alt ſein, und man ſah immer noch, daß ſie früher ein munteres, lebhaftes Mädchen geweſen ſein müſſe, und ihre Mutter erzählte häu⸗ fig dem jungen Manne von der Veränderung, die eine Sorge — eine Sorge eigenthümlich ſchmerzlicher Art, wie ſie an⸗ deutete, bei ihr hervorgebracht hatte, die noch vor zehn Jah⸗ ren ſo voll Luſt und Leben geweſen wäre. Eine ſchleichende, aber ſichere Schwindſucht ſchien ſich ſelbſt in Percy's uner— fahrenen Augen in ihren bleichen Zügen auszuprägen, und zu Zeiten, wo das körperliche Leiden am größten war, gewann ihr Geiſt einen Theil ſeiner früheren Heiterkeit wieder, als wenn er ſich ſeiner bevorſtehenden Erlöſung freute. Ihre Stimme hatte etwas Tiefmelodiſches, mochte ſie ſprechen, oder wenn es ihre Kraft erlaubte, die leidenſchaftlichen Lieder ihres Heimathslandes ſingen; denn Agnes Amesfort war ein Kind Irlands, einſt ſo ſchwärmeriſch, feurig, liebevoll, wie es alle ihre Landsmänninen waren, und ſie beſaß Gefühle, die ſelbſt unter dieſem bleichen, ruhigen Aeußeren bisweilen zum 257 Ausbruch kamen und ihre Wangen färbten, und ihre ſpre⸗ chenden Augen mit einem augenblicklichen, aber glänzenden Feuer erfüllten, und deutlich davon ſprachen, was ſie einſt geweſen, und was ſie nun war. Die Heiterkeit, der Freimuth und das anſpruchsloſe Weſen Perey's machten ihn zu einem ſehr gern geſehenen Gaſte in Iſis Lodge, ſo hieß das Haus, und er hatte immer eine luſtige Geſchichte bereit, ſei es aus Orford oder aus der Hauptſtadt, um ein Lächeln ſelbſt auf die Lippen von Mrs. Amesfort zu locken. Er konnte das Haus nicht ſo häufig beſuchen, ohne die Neugier und den Spott ſeiner Genoſſen auf ſich zu ziehen, aber er ſetzte denſelben die heiterſte Ruhe ent⸗ gegen, da er ſich in ſeiner Unſchuld ſicher fühlte und da er überzeugt war, daß das Verhältniß, in dem er zu den Be⸗ wohnern des Hauſes ſtand, gegenſeitig richtig verſtanden wurde. Perey hatte im Betreff dieſer intereſſanten Frauen mannichfache Forſchungen angeſtellt, aber er konnte keine Kunde von ihrem früheren Leben erhalten; ſie waren erſt einige Monate vor der Zeit ſeiner erſten Bekanntſchaft mit ihnen in dem Landhauſe eingezogen, und woher ſie kamen und wer ſie waren, wußte Niemand und wollte Niemand wiſſen. Es war genug für die Armen vieler Meilen in der Runde, daß der Beiſtand der fremden Damen ſich auch auf ſie erſtreckte, und für die Oxforder, daß ſie die Beſuche nie erwiderten, wiewohl ſie dieſelben mit außerordentlicher Artig⸗ keit und Dankbarkeit empfingen. Ein kleines Mitglied dieſer kleinen Familie hatte Percy nicht erwähnt; ein kleines Mädchen, welches acht oder neun Jahr alt ſein mochte, ein intereſſantes Kind, welches Perey aus dem Waſſer der reißenden Iſis gerettet hatte, die am Park vorüber ſtrömte, ein Kind, auf das ſich die Liebe ſeiner verwittweten Mutter mit einer Kraft und Innigkeit gewor⸗ fen hatte, daß ſie nur der Tod trennen zu können ſchien; und ſie war in der That liebenswürdig, voll Liebe, Luſt und Leben; doch das mindeſte Zeichen von Zunahme der Schmer⸗ zen von Seiten ihrer Mutter zügelte die wilde Luſt ihres kindiſchen Sinnes, ohne im Geringſten ihre Heiterkeit zu Der Lohn einer Mutter. 17 258 vermindern, und ſie pflegte ſie dann mit ihren Armen zu umſchlingen und ſie zärtlich zu fragen, ob ſie ihr den Schmerz durch Küße vertreiben dürfe. Gern ſpielte ſie auch mit ihrem Erretter, deſſen außerordentliche Güte und Lebhaftigkeit ihm die Liebe des Kindes gewannen und die Dankbarkeit ſteiger⸗ ten, die ſein muthiges Benehmen in der Bruſt der jungen liebenden Mutter geweckt hatte, deren ganze irdiſche Freude ſich in ihrem vaterloſen Kinde vereinigte. Zufällig erwähnte Percy eines Tages, als er von der Londoner Geſellſchaft und den Damen und Herren der Sai⸗ ſon ſprach, den Namen Lord Alphingham und erklärte, daß er nach allen Nachrichten ſeit ſeiner Rückkehr von einem neunjährigen Aufenthalt auf dem Continent ſo ſehr mit Huldigungen und Schmeicheleien überhäuft werde, daß er auf alle Fälle gründlich verdorben werden müſſe, wenn er es nicht bereits ſei, und daß er den Verſtand verlieren müſſe, wenn er ſolchen zu verlieren habe. Er war, als er ſprach, erſtaunt über die ſehr ſichtbare Aufregung der älteren Dame, deren Farbe ſo raſch wechſelte, daß er ſich unwillkürlich nach ihrer Tochter wandte, ob auch an ihr eine ſolche Bewegung ſichtbar ſei; und obwohl ſie nicht bleicher wie gewöhnlich ausſah, und wiewohl keine äußere Bewegung erſichtlich war, außer daß ihr Arm die zarte Geſtalt der kleinen Agnes ziem⸗ lich feſt umſchlungen hielt, ſo erſchrack er doch faſt, als er dieſe großen ſanften Augen voll auf ſich gerichtet ſah, als wenn ſie ſeine Seele durchſchauen wollten. Und wiewohl ihre Stimme ruhig und feſt war, als ſie ihn fragte, ob er mit Lord Alphingham bekannt wäre, ſo klang doch ihr Ton noch ergreifender, noch ſchwermüthiger als gewöhnlich. Er antwortete der Wahrheit gemäß verneinend, und fügte hinzu, er ſei nicht ehrgeizig nach ſeiner Bekanntſchaft, als Mann gefalle er ihm nicht. Mrs. Amesfort that mancherlei Fra⸗ gen nach dem Lord, und ihr Arm drückte immer noch unbe⸗ wußt ihr Kind an ſich. Die Blicke der älteren Dame waren auf ſie Beide gerichtet und ſprachen, wie es Perey ſchien, innige Zärtlichkeit für dieſe beiden geliebten Weſen und eine unterdrückte Entrüſtung gegen eine dritte Perſon aus. 259 Perey kehrte an dieſem Abend ungewöhnlich nachdenklich nach Hauſe zurück. „Was konnte Lord Alphingham mit den Bewohnern die⸗ ſes einfachen Landhauſes zu ſchaffen haben?“ Unzuſam⸗ menhängende Gedanken beſchäftigten ſeine Seele, aber vor allem, was ſich als Löſung des Geheimniſſes darbot, bebte ſein reiner Sinn zurück, und von einem Impuls getrieben, dem er nicht widerſtehen konnte, ſprach er von Alphingham jedes Mal, wenn er das Landhaus beſuchte. Es ſchien ihm, als wenn Mrs. Amesfort ſeine Unterhaltung über dieſen Gegenſtand eher unterſtützte als zu vermeiden ſuchte, indem ſie ſelbſt davon anfing und fragte, ob ſein Name noch in Percy's Briefen aus der Stadt erwähnt würde. Mrs. Morley, ihre Mutter, ſah ſie immer beſorgt an, als wenn ſie die Sache am liebſten unberührt geſehen hätte, aber trotz⸗ dem blieb Alphingham ſo beſtändig der Gegenſtand des Ge⸗ ſpräches zu Iſis Lodge, daß Percy ohne Widerſtreben die Gerüchte erwähnte, welche den Namen ſeiner Schweſter mit dem des Vicomtes in Verbindung brachten. Wiederum waren die Augen der Mrs. Amesfort auf ſein Geſicht ge⸗ richtet, und ſie ſprach während dieſes Abendbeſuches nur noch wenig. Perey verließ ſie, außer Stande, ſich die ern⸗ ſten Gedanken zu erklären, die ſich in ihren Zügen ausſpra— chen, noch ſich den Blick zu deuten, womit ſie ihn bat, ſie am folgenden Tage zu einer beſtimmten Stunde zu beſuchen, da ſie dringend wünſche, mit ihm allein zu ſprechen. Der Tag verfloß ſchwerfällig, bis er wieder bei ihr war. Sie war allein, und feſte Entſchloſſenheit war auf ihrer klaren, glat⸗ ten Stirn ausgeprägt. Sie ſprach, und Percy hörte ihr geſpannt zu; ſie ſprach davon, daß er ihr Kind gerettet, und in dieſem Augenblicke wiedererwachter Dankbarkeit lag alle Schwärmerei ihres Landes in ihren Augen und ihrer Stimmez dann hielt ſie einen Augenblick inne, und eine helle und ſcheinbar ſchmerzliche Röthe überzog die Wangen, welche Percy immer ſo bleich geſehen hatte. Sie bat, er möge Nachſicht mit ihr haben und ihr verzeihen, daß ſie ſich in unver⸗ antwortlicher Weiſe in die Angelegenheiten ſeiner Familie 17 260 zu miſchen ſcheine, aber ſeine vielen und beredten Schilde⸗ rungen derſelben, namentlich ſeiner Mutter, hätten ſie ſo intereſſirt, daß ſie ſich veranlaßt ſähe, ein unheilvolles Ge⸗ heimniß zu offenbaren, welches, wie ſie gehofft, nie hätte über ihre Lippen kommen ſollen. Sei es ein bloßes Gerücht, oder widmete Lord Alphingham wirklich ſeine Huldigungen ſeiner Schweſter? Perchy glaubte, die Gerüchte die er ge⸗ hört habe, hätten einen ſehr guten Grund. Sie fragte weiter, ob ſeine Eltern dieſelben billigten, und die Röthe der Auf⸗ regung verlor ſich von ihren Wangen. Percy wußte das nicht ganz gewiß, er ſchloß vielmehr aus den Briefen ſeiner Mutter, daß es nicht der Fall ſei, wiewohl Karoline von allen Seiten als Gegenſtand ſo ernſter Huldigungen von einem ſo bewunderten Manne beneidet wurde. Ob ſeine Schweſter ihn liebte? Dieſe Worte ſchienen Mrs. Amesfort einen ſchweren Kampf zu koſten. Er glaubte es für jetzt noch nicht, aber er zweifelte nicht, daß auf ein von Natur für die Eitelkeit ſehr empfängliches Mädchen, wie Karoline, Lord Alphingham's viele Vorzüge uud ſeine ausſchließlichen Huldigungen großen Einfluß üben müßten. „O wenn Sie Ihre Schweſter lieben, ſo retten Sie ſie, ehe es zu ſpät iſt, ehe ſich ihr Herz gebunden hat,“ antwortete Mrs. Amesfort in einer Aufregung, die um ſo furchtbarer war, als ſie mit ihrer gewöhnlichen Ruhe und ihrem ſonſtigen Benehmen ſo ſehr im Widerſpruch ſtand.„Setzen Sie ſie nicht den Verlockungen aus, denen, wie ich weiß, kein Herz widerſtehen kann; laſſen Sie ſie nicht mit ihm— mit meinem Gatten verkehren; er darf keine Andere lieben, ich bin ge⸗ ſetzlich ſeine Gattin, und das Kind, das Sie gerettet haben, iſt das ſeine, das Kind einer geſetzlichen Ehe; wiewohl er mich verſtoßen hat, wiewohl ſeine Augen niemals mein Kind geſehen haben, ſo gehören wir doch ihm. Das Geſetz hat kein grauſames Wort der Trennung ausgeſprochen; aber ach, wenn Sie nur einige Rückſicht auf mich nehmen,“ fuhr ſie fort und ergriff Perecy's Hände, da ſie ſah, daß die Stirn des jungen Mannes glühte,„verrathen Sie ihn nicht; laſſen Sie ihn nicht wiſſen, daß ſeine Gattin, ſeine angetraute 261 Gattin ſich erhoben hat, um ſeine Schande zu verkünden und ihn aus den Kreiſen zu verbannen, für die er geſchaffen iſt. Verſprechen Sie mir feierlich, daß Sie mein Geheimniß nicht weiter verrathen wollen als es nothwendig ſcheint, Ihre Schweſter vor Unglück und Verderben zu ſchützen. Ich dachte, daß ich ſelbſt um ihretwillen nicht ſo würde ſprechen können, aber ich betrachtete mein Kind und erinnerte mich, daß auch ſie eine Mutter hat, deren Glück ſie bildet, wie meine Agnes das meine, und ich konnte nicht länger zaudern. Verſprechen Sie mir, daß Sie mein Vertrauen nicht miß⸗ brauchen wollen, Mr. Hamilton; erſparen Sie mir Vor⸗ würfe von ihm, an dem mein Herz noch liebend hängt wie ſonſt. Ja, wiewohl ich ſeit neun langen Jahren nicht mehr ſein Geſicht geſehen und ſeine Stimme gehört habe, ſo weiß er doch nicht, wie ſein Bild noch in meinem Herzen wohnt, wie treu, wie glühend es ihn noch liebt. Verſprechen Sie mir, daß er von meinem Daſein nichts erfährt, daß weder er noch ſonſt Jemand das Geheimniß meines Lebens erfahren ſoll. Es iſt genug für mich, daß er lebt, daß er glücklich iſt. Mein Kind! könnte ich ſie nur in der Stellung ſehen, die ihrem Range gebührt, aber ach, ich mag ſie ihrem Vater nicht aufdrängen.“ Sie würde noch weiter geſprochen, noch mehr gebeten haben, aber dieſe ungewohnte Aufregung hatte ihre ſchwache Kraft erſchöpft. Tiefbewegt von dieſer ungewöhnlichen Enthüllung und überraſcht von der innigen Treue der un— ſterblichen Liebe, gab Perey feierlich ſein Wort, ihr Ge⸗ heimniß zu bewahren. „Meine Laufbahn wird bald vorüber, mein Lebensſand abgelaufen ſein,“ ſagte ſie, nachdem ſie ihm für ſeine beruhi⸗ genden Worte gedankt, und in einem Tone voll ſo trauriger entſagender Hoffnungsloſigkeit, daß, ſo empört er gegen Alphingham war, ſeine Augen feucht wurden und ſeine Lippen bebten.„Und warum ſollte ich ſein gegenwärtiges Glück zertrümmern, indem ich auftrete und mich als ſeine Gattin vorſtelle? Warum ſollte ich meine geheimen Sorgen, mein brechendes Herz den Blicken einer kalten und herzloſen 262 Welt preisgeben und auf meine letzten Stunden ſeinen Zorn heraufbeſchwören, der bloßen Genugthuung wegen, mich als Vicomteſſe Alphingham anerkannt zu ſehen? Würden mir weltliche Ehren ſeine Liebe erſetzen? O, nein, nein, ich befinde mich ſo wohler. Die Thränen mütterlicher und kindlicher Liebe werden mein Grab netzen, und auch er, wenn er erfährt, daß um ſeinetwillen, um ihm einen Schmerz zu erſparen, mein Herz in ſtummem Leide gebrochen iſt, auch er wird vielleicht eine Thräne vergießen und meiner denken, die ihn bis zum letzten Augenblicke geliebt hat.“ „Aber Ihr Kind,“ rief Percy faſt unwillkührlich aus. „Wird hier glücklicher ſein, unter der Obhut meiner Mutter, ohne von ſeiner Herkunft etwas zu wiſſen, als wenn es ſich in die gefährliche Welt miſcht, ohne daß eine Mutter ſie ſchirmt und ſchützt. Ihr Vater könnte ſie vernachläſſigen, verachten, ſie könnte ein Hinderniß für eine zweite und glück⸗ lichere Verbindung ſein, und ich könnte nicht in Frieden ſterben, gäbe ich ſie ſolcher Gefahr preis.“ Perey ſchwieg, und als die Unterredung geſchloſſen war, ſagte er mit trüber und nachdenklicher Stirn der liebevollen Frau Lebewohl. Lord Alphingham war Student in Dublin geweſen, in deſſen Nähe Mrs. Morley und dies ihr einziges Kind wohnten. Er wurde in ihrem Hauſe ein beſtändiger und treuer Gaſt, und wie ſich erwarten ließ, verliebte er ſich bei ſeinem unge⸗ ſtümen Weſen leidenſchaftlich in die unſchuldige, ſchöne Agnes, die damals erſt ſiebzehn Jahre zählte. Trotz ſeiner Jugend, denn er war erſt zwanzig, konnten weder Mutter noch Tochter ſeinen beredten Bitten widerſtehen, und es wurde eine geheime, aber kirchlich geſegnete Ehe ge⸗ ſchloſſen. Er verließ die Univerſität, blieb aber immer noch in Irland, bis ein Brief ſeines Vaters ihn gebieteriſch nach England rief, wo der Tag ſeiner Volljährigkeit gefeiert werden ſollte. Er verließ ſeine Gattin, und die Qual des Abſchiedes war damals gewiß gegenſeitig. Einige Monate hoffte und wartete Agnes auf ſeine Rückkehr. Alphingham, damals Lord Amesfort, wurde ſeinerſeits blos aus Furcht 263 vor ſeinem Vater abgehalten, ſeine Heirath zu geſtehen und ſeine Frau holen zu laſſen. Es wurde ihm der Antrag ge⸗ macht, ein anderes Mädchen von Rang und Reichthum zu heirathen; da bekannte er die Wahrheit. Die Wuth des alten Mannes kannte keine Grenzen, und er ſchwor ſeinen Sohn zu enterben, wenn er nicht verſpräche, nie wieder zu ſeiner Gattin zurückzukehren, die er nie anerkennen würde. Amesfort verſprach zu gehorchen, war aber feſt entſchloſſ en, treu zu bleiben bis zu ſeines Vaters Tode, der nach ſeiner ſchwächlichen Geſundheit zu ſchließen nicht lange auf ſich warten laſſen würde, und dann ſeine Gattin aufzuſuchen und ſie in ihre eigentliche Sphäre einzuführen. Er ſchrieb zu dieſem Zwecke, und Agnes ſank ſogleich das ahnungs⸗ volle Herz. Vergebens ſuchte ihre Mutter ihr Muth zuzu⸗ ſprechen, indem ſie auf den Inhalt ſeines Briefes, die leiden⸗ ſchaftliche Liebe, die jede Zeile athmete, die Heiligkeit ſeines Schwures hinwies. Sie erkannte ihr Schickſal, und ehe ihr Kind ſechs Monate alt war, hatten ſich ihre unheilver⸗ kündenden Gefühle vollſtändig beſtätigt. Lord Alphingham lebte noch einige Zeit, und ſein Sohn fand in der Geſellſchaft, in die der Vicomte ihn brachte, ſo viele Verlockungen, daß aus ſeinem treuloſen Herzen alle Liebe und faſt jede Erinnerung an ſeine Gattin verbannt wurde. Er fand, daß die Ehe in der heiteren Geſellſchaft, deren Mitglied er war, ſehr unbequem ſein würde; alle die beſſeren Gefühle und Eigenſchaften ſeiner Jugend verloren ſich unter dem Einfluſſe des Beiſpiels und ſchlechter Geſell⸗ ſchaft, wurden ſeine ſchlechten Eigenſchaften geweckt und ge— nährt, und bald wurde er der herzloſe Wüſtling, als den wir ihn kennen gelernt haben. Seine Briefe an die unglück⸗ liche Agnes wurden immer ſeltener, und endlich hörten ſie ganz auf; und die Summe, die ihr alljährlich zu ihrem Lebensunterhalt geſchickt wurde, war bald noch der einzige Beweis, daß er noch lebte. Sein Aufenthalt in fremden Ländern, die verſchiedenen Namen, die er annahm, täuſchten ihre Anſtrengungen, auch nur die entfernteſte Nachricht von ihm zu erhalten, und Agnes wartete immer noch voll hoff⸗ 264 nungsloſer Entſagung.„Das Herze bricht, doch lebt's ge⸗ brochen fort.“ Und ſo lebte ſie nur für ihr Kind allein. Neun Jahre waren ſie getrennt geweſen, und Agnes hatte immer vor dem Gedanken gegraut, ihre Heimath und das Haus zu verlaſſen, welches der Schauplatz ihres kurzen Glückes geweſen war. Aber als wegen ihres Kindes, das damals an einem ſchleichenden Fieber litt, Veränderung der Luft empfohlen wurde, als der Arzt nachdrücklich auf einen Wechſel des Klimas beſtand, im Geheimen eben ſo in ihrem Intereſſe als in dem des kleinen Mädchens, zauderte ſie nicht länger, und ihr Herz klopfte vor Schmerz und Freude, als ihr Fuß das Heimathsland ihres Gatten betrat. Einige Freunde ihrer Mutter, die ihre traurige Geſchichte nicht kannten, wohnten in der Nähe von Orford, und dorthin lenkten ſie ihre Schritte und ſchlugen dort endlich ihren Wohn⸗ ſitz auf, wo Mrs. Anesfort bald ſo glücklich war, ihr Kind vollkommen hergeſtellt und in Schönheit ſtrahlen zu ſehen. Vielleicht verſöhnte die ſchwache Hoffnung, daß Alphingham unbewußt ſeine Tochter ſehen könnte, ſie mit dieſem Aufenthalte in England. Sie wohnte in ſeinem Heimathslande; ſie konnte von ihm, von ſeinem Glücke hören, und ſo tief verletzt ſie war, ſo war doch dies Bewußt⸗ ſein für ihr nur zu warmes und zu treues Herz vollſtändig genügend. Dies waren die Gefühle, die Percy ſeiner Schweſter im Vertrauen ausführlich erzählte. Karoline rührte ſich nicht und ſprach kein Wort, ihre Züge behielten dieſelbe tödtliche Bläſſe, und ihr Bruder fühlte ſich faſt unwillkürlich beun⸗ ruhigt. Als er aufhörte, ſagte ſie einige Worte zur Er⸗ klärung ſeiner Erzählung, aber ihre Stimme war ruhig; auch ſchwankte ihr Schritt nicht, als ſie die Bibliothek ver⸗ ließ und in ihr eigenes Zimmer zurücktehrte, wo ſie die Thür ſorgfältig ſchloß, auf den nächſten Stuhl ſank, ihre Augen mit den Händen bedeckte, als wenn ſie alle äußeren Gegenſtände von ſich abſchließen wollte, und ſich den wider⸗ ſprechenden Gedanken hingab, welche Percy's Erzählung erweckt hatte. Sie konnte ſie nicht zurückdrängen, ein plötz⸗ 265 licher Druck ſchien auf ihrem Gehirn zu laſten, der ihre geiſtigen Kräfte betäubte und ſie nicht dazu kommen ließ, ſich auszuweinen. Das Verderben, das Elend, vor dem ſie gnädig bewahrt worden war, ſtand im Vordergrunde ihrer Seele, alles Andere erſchien wie ein ſeltſamer furchtbarer Traum. Die Gattin und das Kind Alphingham's ſchwebten wie ſpottende Geſpenſter an ihren Augen vorüber, und das Geſicht Alphingham's ſtierte ſie an, und ſein höhniſches Lachen ſchien ihr in die Ohren zu gellen und ihn in einen böſen Feind zu verwandeln, der ſich des Unglücks freute, das er angerichtet hatte. Sie ſuchte zu beten, aber ver⸗ gebens; kein Wort der Beruhigung und des Troſtes kam auf ihre Lippen. Wie lange ſie in dieſem Zuſtande der Verzweiflung blieb, wußte ſie nicht, aber die milden Töne der Stimme ihrer Mutter weckten ſie aus ihrer Betäubung. „Befindeſt Du Dich nicht wohl, Karoline? Was fehlt Dir, liebes Kind?“ fragte Mrs. Hamilton beunruhigt über die eiſige Kälte der Hand ihrer Tochter, indem ſie ihre bleiche Wange küßte. Karoline umſchlang ſie mit ihren Armen, und ein hef⸗ tiger Thränenſtrom erleichterte ihre unglückſelige Stimmung. „Verlange nicht, daß ich Dir die Urſache dieſer Schwäche enthülle, meine theuerſte Mutter,“ ſagte ſie, als ihre Stimme zurückkehrte;„ich werde mich nun wohler befinden, und nie, nie wieder ſollen Erinnerungen an die Vergangenheit mich betrüben, und Dir Kummer verurſachen. Glaube nicht, daß dieſer ſcheinbare Schmerz etwas mit Reue über meinen letzten Entſchluß, oder mit immer noch nicht beſiegter Liebe zu thun hat. O nein, nein, ſieh mich nicht ſo beſorgt an, Mutter; ich habe eine lange Unterredung mit Percy gehabt, und dieſe hat die Schwäche veranlaßt, die Du an mir wahr⸗ nimmſt; aber ſie wird bald vorübergehen, und ich werde wieder Deine glückliche Karoline ſein.“ Thränen ſtahlen ſich aus den gerötheten Augen, aber ſie blickte Mrs. Hamilton mit einem Ausdruck ſo zuverſicht⸗ licher Liebe in das Geſicht, daß die Befürchtungen ihrer Mutter ſich legten. Sie forſchte nicht weiter und frug auch 266 Percy nicht, als er ſie in ihrem Boudoir aufſuchte, um ſie zu bitten, daß man es unberückſichtigt laſſen möge, wenn das Benehmen ſeiner Schweſter an dieſem Abend weniger ruhig als gewöhnlich ſein ſollte. Mrs. Hamilton war dank⸗ bar, daß zwiſchen ihren Kindern, deren Entfremdung eine Quelle des Schmerzes für ſie geweſen war, ſich ein beſſeres Einvernehmen gebildet hatte, und ſie überließ es zuverſicht⸗ lich und ruhig der Zeit, das zerriſſene Herz und die aufge— regten Nerven Karolinens zu heilen. Zu Emmelinens großem Vergnügen wurden nun ernſt⸗ liche Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe von London, zur Rück⸗ kehr nach Dakwood gemacht. Niemals ſah dieſes ſchöne unſchuldige Geſicht heiterer und lebhafter aus, und niemals hatte ihr Lachen fröhlicher geklungen, als da der Wagen Berkeley Square verließ. Jede Kleinigkeit auf ihrer Reiſe erhöhte ihre kindliche Freude, jede Stadt, durch die ſie famen, war für ſie von Intereſſe, und ſelbſt die ſinnigen Züge ihrer Couſine Ellen ſtrahlten ihre zwangloſe Freude zurück. Sie fuhren ſelten länger als vierzig Meilen des Tages, und demzufolge kamen ſie erſt am Abende des vierten Tages in die Nähe des Dorfes, deſſen Bewohner in ihrem Sonntagsſtaate an den Thüren ihrer Häuſer ſtanden, um ſie mit ſtummen und ehrfurchtsvollen, doch ſehr deutlichen Zeichen der Freude zu begrüßen. Der Abend war ſehr ſchön, die Sonne hatte den Glanz ihrer Strahlen verloren, doch Wolken von allen möglichen glänzenden Farben verkün⸗ deten die Herrlichkeit, welche die Stunde begleitet, wo ſie zur Raſt geht, und bisweilen verbarg ſie ſich hinter einer glühenden Wolke und trat dann wieder hervor und färbte die ganze Natur mit goldener Fluth. Der Fluß lag ruhig vor ihnen und ſchlummerte, wärend der Himmel ſeinen Strahlenglanz, der durch den Schatten der mächtigen Bäume am Ufer erhöht wurde, in ſeinen Spiegel warf. Das üppige Laub der Bäume, das ſtolze Grün der Felder, deren einige ſich ſchon mit dem Golde reifenden Kornes ſchmückten, die mannichfachen Blumen, welche die fruchtbare Hecke zierten, die heilige Ruhe des Sommerabends, das alles rief die —— ———— 267 heiligſten Gefühle des menſchlichen Herzens wach. Einige Minuten war ſelbſt Emmeline ſtumm, dann aber ſang ſie mit ſilberheller Stimme, wie von einem unwiderſtehlichen Gefühle getrieben, das ſchöne Tyrolerlied, das wie für den Augenblick geſchaffen war. Sie fuhren weiter und weiter, die weißen Wände der Kirche guckten durch die Epheuranken hindurch, dann erſchien das alte ehrwürdige Pfarrhaus, einige Minuten ſpäter öffneten ſich die ſchweren Pforten von Oakwood, um ſie aufzunehmen, und die Wagen eilten durch den wohlbekannten Eingang. Emmeline und Percy be⸗ grüßten jeden Baum und jeden Strauch, ja jede Blume mit immer lauteren Freudenrufen. „Verſuche einmal, ob Du nicht noch ein wenig länger ſtille ſitzen kann, liebe Emmeline,“ flüſterte die mehr zurückhal⸗ tende Ellen, deren Auge einen Blick auf Karoline geworfen und auf der Stelle bemerkt hatte, daß ihre Gefühle nicht im Einklang mit denen Emmelinens ſtanden. Sie hatte recht; Karoline konnte nicht empfinden, wie ihre Schweſter, ſie war nicht mehr das fröhliche, unſchuldige Weſen, als da ſie Dakwood verlaſſen hatte; die Erſcheinung der Heimath ihrer Kindheit erinnerte ſie lebhaft an alle Ereigniſſe, ſeit⸗ dem ſie in die Welt eingetreten war, in jene Welt, von der ſie ſich ſo viele glänzende Träume gemacht hatte, und während Emmelinens Lachen Alle erheiterte, die es hörten, beugte ſich Karoline vor, um vor ihren Reiſegefährten die Thränen zu verbergen, die ſtill und ſtumm über ihre Wange floſſen. Ein Ausruf Perey's verkündete, daß ſie ſich in der Nähe der alten Halle befanden. Eine Gruppe von Dienſtleuten ſtand an der Treppe, und die untergehende Sonne warf ihre glänzenden Farben auf das Landhaus, als wenn dieſe ehr⸗ würdige Stätte die Rückkehr der Familie Hamilton in ſeine ſchützenden Mauern mit erhöhtem Glanz begrüßen ſollte. 268 Neuntes Kapitel. „Es fehlt nur der Schutzgeiſt jenes alten Schloſſes, um dieſen Anblick ſo vollkommen zu machen, wie ihre Geſell⸗ ſchaft mir die Gegenwart mit unvermiſchter Freude erfüllen würde,“ ſagte Herbert Hamilton einige Zeit nach ihrer Rückkehr nach Hakwood, als er Arm in Arm mit ſeinem Freunde Arthur Myrvin auf einem Hügel ſtand, welcher unter anderen ſchönen Gegenſtänden auch die Ausſicht auf Greville Manor gewährte, das jetzt von Fremden be⸗ wohnt war. Der junge Myrvin lächelte ſchelmiſch, aber ehe ihr Abendſpaziergang geſchloſſen war, hatte auch er ſich für das Weſen intereſſirt, das ſeinem Freunde ſo theuer war, denn Herbert ſprach ſich im vollkommenſten Vertrauen aus, über⸗ zeugt von der Theilnahme ſeines Freundes. Oakwood war ihm ſo lieb, vielleicht noch lieber als Emmelinen, denn ſein Weſen und ſein Geſchmack waren nicht der Art, daß die Vergnügungen von London ſie befriedigten. Seine Erho⸗ lung nach den ernſten Studien, welche ſein erwählter Beruf nothwendig machte, beſtand darin, mit einem befreundeten Geiſte umherzuwandeln, die Natur in all ihrer Mannichfal⸗ tigkeit zu beobachten und ſeinen Schöpfer in ſeinen Werken wie in ſeinem Worte zu verehren. In London ſehnte ſich ſein immerthätiger Geiſt, Gutes zu thun, und ſeine Bemü⸗ hungen wohlzuthun gingen oft über ſeine Kräfte; es war ſein Hauptvergnügen, die Wohnungen der Armen aufzu⸗ ſuchen, ihre Noth zu erleichtern und ihrer Trübſal beizu⸗ ſpringen. Er beſuchte die Gefangenen in ihren Zellen und ſuchte ſie durch ſanfte Ermahnungen dem Throne der Gnade zuzuführen. Doch trotz der Genugthuung, die Herbert⸗s Beſtrebungen ſeinen Eltern gaben, waren ſie ſehr beſorgt, daß ſeine Geſundheit unter dieſen unaufhörlichen Anſtren⸗ 269 gungen leiden würde, und ſie freuten ſich deshalb, als ihre Abreiſe nach Oakwood ihrem Sohne ein ruhigeres und ge⸗ ſunderes Arbeitsfeld bot. Meilenweit wurde Herbert Ha⸗ milton's Name nie ohne Segen ausgeſprochen: da konnte er Gutes thun; da konnte er von Gott ſprechen und die Früchte ſeiner frommen Bemühungen ſehen; da war Mr. Howard immer bereit ihn zu leiten und mit ihm zu fühlen, und da lag das Feld der Natur vor ihm ausgebreitet, um ſein Herz mit glühender Anbetung und ehrfurchtsvoller Liebe zu erfüllen. Es war gut für Herbert, daß ſeine Eltern ſeine erha⸗ benen Gefühle verſtehen und dieſelben theilen konnten. Hätte eine rauhe Behandlung oder auch nur Vernachläſſigung ſeine Kindheit und ſeine Jugend betroffen, er würde nie ſolches Glück genoſſen haben, wie es ſein Leben vergoldete. Wie ſich Emmeline gefreut hatte, ſo hätte ſich auch Her⸗ bert freuen können, als ſie ſich den Pforten ihrer Heimath näherten, wäre ſein Glück nicht durch eine Erinnerung ge— ſtört worden. Sie, die alle ſeine Freude getheilt, die einen Zauber über dieſen Ort ausgegoſſen hatte, einen Zauber, den er nie ſo tief empfunden als da er danach ſuchte und ihn nicht fand, die Lieblingsgeſpielin ſeiner Kindheit, die Ge⸗ fährtin ſeiner Jugend, ſeine verlobte Braut, ſie war in fernen Landen, und vergebens ſuchte Herbert nach ſeiner Rückkunft das Gefühl der Einſamkeit zu verbannen, welches ſein Herz drückte. Er ließ es nicht merken, denn gegen ſeine Familie war er derſelbe gehorſame Sohn und derſelbe liebende Bruder, der er immer geweſen, aber er empfand es ſchmerz⸗ lich. Mr. Myrvin und ſein Sohn waren nun beide Gäſte von Mr. Hamilton's Familie. Die Ungeſetzlichkeit des Ver⸗ fahrens gegen den Erſteren, indem er von ſeinem Pfarramte in Langwillan vertrieben worden war, war nun klar be⸗ wieſen, denn der Eifer Mr. Hamil tows geſtattete keinen Verzug, und Thränen frommen Dankes rannen über die Wangen des gekränkten Mannes, als er in der Perſon ſeines Wohlthäters den Schwager der leidenden Frau erkannte, die er beherbergt und deren Sterbebett er des Stachels ent⸗ 270 kleidet hatte. Mr. Hamilton's Zureden beſiegte ſeine Ein⸗ würfe gegen den Vorſchlag, und er willigte ein, Oakwood auf kurze Zeit zu ſeiner Heimath zu machen, ehe er ſeine lang geliebte Pfarrwohnung wieder bezog. Bei Arthur nahm Ellen raſch ihre Stelle wieder einz die Erinnerung an dieſes vernachläſſigte kleine Mädchen hatte niemals Mr. Myrvin's Seele verlaſſen, und wenn ſie ſtrahlend von Lebhaftigkeit, Geſundheit und Glück raſch, faſt ungeſtüm auf ihn zu kam, ſo drückte er ſie mit der Liebe eines Vaters an die Bruſt, und wie eine Tochter widmete ſich Ellen ihm während ſeines Aufenthaltes in Oakwood. Er war der erſte Menſch in England geweſen, der ſie freund⸗ lich behandelt hatte; er hatte ſie über ihre kindliche Sorge beruhigt und zu ihren ſchmerzlichen Pflichten ermuthigt; er war der Erſte geweſen ſeit ihres Vaters Tode, der ihr Theilnahme zeigte, und wiewohl ſo viele Jahre verfloſſen waren und das kleine Mädchen raſch zur Jungfrau heran— reifte, ſo hatte ſie dies Alles doch nicht vergeſſen, und ſie ſuchte die Dankbarkeit zu beweiſen, welche die Zeit nicht ver⸗ wiſcht hatte. Ellen war glücklich, ihre Geſundheit war faſt ganz wieder hergeſtellt; aber es war kaum möglich, eine Zeit lang mit ihr zuſammen zu leben, ohne den Ausdruck der Nie⸗ dergeſchlagenheit, ja der Schwermuth, wahrzunehmen, der, wiewohl ſie noch ſo jung war, wenn ſie ſich nicht durch irgend einen Zufall belebte, immer auf ihren Zügen ruhte. Mr. Myrvin bemerkte dies bald und wunderte ſich, daß dies der Fall ſein konnte, da ſie von ſo viel Güte und Liebe um⸗ geben ſei. Ihre Sanftmuth und ihre Selbſtbeherrſchung, ihre achtungsvolle Liebe zu ihrer Tante und ihrem Onkel erweckten in ſeiner Bruſt die wärmſte Achtung, und er be⸗ klagte den Schatten des Trübſinns, der zu ihrem Alter ſo wenig paßte. Eines Tages, als ſie mit Mr. Myrvin von einem Spaziergange zurückkehrte, waren auf ihren Wangen ſo deutliche Spuren der Bewegung zu ſehen, daß Mrs. Ha⸗ milton überzeugt war, daß von der Vergangenheit die Rede geweſen, und da ſie fürchtete, daß ihre NRichte ſich ſelbſt Un⸗ 271 recht gethan, ſo zögerte ſie nicht, darauf anzuſpielen. Mr. Myrvin war tief gerührt von der Erzählung und fühlte ſich ſehr erleichtert, als er Alles erfahren hatte; denn als er ihr Weſen im Allgemeinen gelobt und den Gedanken und Gefühlen, zu denen ſie ſich bekannt, ſeinen Beifall bezeugt und dann zärtlich nach der Urſache der Niedergeſchlagenheit gefragt hatte, die er bisweilen bewerkt, war Ellen heftig bewegt geweſen, und hatte von einer Sünde geſprochen, die nur lange Jahre der Prüfung abbüßen könnten. Die furcht⸗ bare Verſuchung, der ſie ausgeſetzt geweſen, und die entſetz⸗ lichen Leiden, die ſie ausgeſtanden, hatte ſie nicht erwähnt, und als Mr. Myrvin ſie erfuhr, wurde ſein Benehmen gegen ſie noch freundlicher und liebevoller. Als ſie eines Tages den heißen Wunſch ausſprach, Langwillan einmal wieder beſuchen und das Grab ihrer Mutter wiederſehen zu können, bat er Mrs. Hamilton um Erlaubniß, daß ſie ihn auf einige Wochen beſuchen dürfe; ihre Geſellſchaft würde Freude über ſein Haus verbreiten und einer verwittweten Schweſter, die bei ihm wohnte, großes Vergnügen machen. Mrs. Hamilton willigte lächelnd ein, und eine Röthe leb⸗ hafter Freude ergoß ſich bei dem Vorſchlage über Ellen Wangen. Eine Viertelſtunde lang war ſie ganz außer ſich vor Vergnügen; da plötzlich fiel ihr ein Gedanke ein, der ihre ungewöhnliche Heiterkeit verſcheuchte und ihre Augen mit Thränen füllte. Ihre Stimme ſchwankte, als ſie Mr. Myrvin und ihrer Tante dankte, daß ſie ſie ſo glücklich machen wollten, aber ſie wolle in dieſem Jahre lieber nicht das Haus verlaſſen. Der Wechſel war ſo plötzlich, ihr Be⸗ nehmen widerſprach ſo ſehr ihren Worten, daß Mrs. Ha⸗ milton, die irgend einen eingebildeten Grund vorausſetzte, darauf beſtand, daß ſie einwilligen ſollte, und ſie ſcherzend einer unbegründeten Laune beſchuldigte. Es lag indeß etwas ſo Demüthiges in ihrem Weſen, daß Mr. Myrvin nicht da⸗ gegen ſtreiten wollte und ſich zufrieden damit erklärte, wenn ſie im folgenden Jahre zu kommen verſpräche. Mrs. Ha⸗ milton war jedoch nicht ſo leicht zufrieden geſtellt. Ellen war in der letzten Zeit ſo offen gegen ſie geweſen, daß es ſie. 272 einigermaßen beunruhigte, wenn ſie ihr etwas zu verbergen ſchien; aber ſie konnte dem bittenden Blicke ihrer Nichte nicht widerſtehen, als dieſelbe ſie bat, ſie nicht für eigenſinnig und grillig zu halten, ſie ſei überzeugt, Mrs. Hamilton würde ihren Grund billigen, wenn ſie denſelben ausſpräche. „Ich bin deſſen nicht ſo ganz gewiß,“ antwortete ihre Tante lächelnd,„indeß will ich Dir glauben, wiewohl ich Geheimniſſe nicht liebe,“ und die Sache wurde fallen ge⸗ laſſen. Das Benehmen und die Unterhaltung Arthur Myrvin's nahmen Mr. und Mrs. Hamilton ſehr zu ſeinen Gunſten ein und beſtärkten ſie in der Anſicht, die ſie ſich auf das Wort ihres Sohnes bereits von ihm gebildet hatten. Die Beſcheidenheit, womit er Karoline und Emmeline immer behandelte, veranlaßte Percy oft, auf ſeine Unkoſten zu lachen; ſie gefiel aber Mrs. Hamilton. Percy erklärte, er habe ſo große Furcht vor ſeinen Schweſtern, als wenn ſie die vornehmſten Damen im Lande wären. Arthur ertrug ſeinen Spott mit großer Seelenruhe, aber er fühlte, welchen Unterſchied das Schickſal zwiſchen ihm und dieſen ſchönen Mädchen gemacht hatte, und er hoffte durch ſeine Zurück⸗ haltung die Gefahr zu verringern, die in ihrer Geſellſchaft ſeinem Frieden drohte. Emmeline hielt ſeine vorſichtige Zurückhaltung für Kälte und Haß gegen die Frauen und ſuchte ihn häufig mit kindlicher Liſt aus ſeiner Zerſtreuung zu wecken, und ihn zu einem angenehmeren Geſellſchafter zu machen. Emmeline hatte immer noch ſehr viel Kindliches; wie⸗ wohl ſie ſich raſch ihrem achtzehnten Geburtstage näherte, ſo war ſie doch noch ſo jung in ihrem Weſen und in ihrer Erſcheinung, daß man es Mrs. Hamilton's Scharfblicke nicht zum Vorwurf machen konnte, wenn ſie nicht ſah, daß mit dieſem kindlichen Weſen, dem warmen Enthuſiasmus eines liebenden Gemüthes, eine Fülle reicher Gedanken und Gefühle verknüpft war, die ihrem Alter entſprachen. Mrs. Hamilton glaubte, daß ſie den Ernſt des Lebens immer noch wie einen Traum betrachtete. Hätte Jemand ihr geſagt, 273 daß Emmeline bald heirathen würde, ſo würde ſie über den Gedanken erſchrocken ſein und denſelben noch Jahre lang für unmöglich gehalten haben; und daß ſie ſich verlieben könne— daß die kindliche, unſchuldige, heitere Emmeline, deren größte Freude noch darin beſtand, Schmetterlinge zu haſchen, die auf Blumen ſaßen, oder Kränze aus den ſchönſten Blumen zu winden, um das Haar ihrer Schweſter zu ſchmücken, oder Aepfel zu pflücken und ſie unter die Dorf⸗ kinder zu werfen, die vor der Gartenthür ſtanden; deren ernſteres Vergnügen darin beſtand, über den Dichtern zu ſchwärmen, die ihre Mutter ihr zu leſen geſtattete, oder ihrer Harfe ſüße Melodien zu entlocken— deren Lachen noch ſo zwanglos und heiter war, daß ein ſolches Weſen an Liebe denken könnte, dieſe Leidenſchaft, die ein ſpielendes Mädchen in eine Philoſophin verwandeln kann, das hielt Mrs. Ha⸗ milton für ein Ding der Unmöglichkeit, und auch ſie lächelte über die ſchelmiſche Art und Weiſe, wie Emmeline bisweilen die Aufmerkſamkeit des jungen Myrvin auf ſich zu ziehen und ihn in ein Geſpräch zu verwickeln ſuchte, und wie ſie dann ſcherzend Allem widerſprach, was er ſagte, und ihn nöthigte, ſeine Anſichten mit all der Beredſamkeit, die ihm zu Gebote ſtand, zu vertheidigen. Ellen gegenüber, fühlte ſich der junge Myrvin behag⸗ licher. Er rief ſich die Tage der Vergangenheit zurück, und durch die Schranke, die ſein Zartſinn zwiſchen ſich und ihren Couſinen geſetzt hatte, fühlte er ſich in ihrer Gegenwart nicht behindert. Arthur war ſtolz, ſtolzer als er ſelbſt wußte. Er würde ſich für gedemüthigter gehalten haben, ein Mädchen zu lieben, das durch Vermögen oder Rang über ihm ſtand, als wenn er ſich mit einem Mädchen verband, das in dieſen beiden weſentlichen Punkten nicht alle Wünſche erfüllte. Er war ehrgeizig, aber er ſtrebte nur nach Ehren und einer Stellung, die er ſeinen eigenen Anſtrengungen verdankte. Von früheſter Jugend an hatte er die Ueberzeugung, daß er für die Kirche beſtimmt ſei, und er hielt es für unmöglich, daß ein anderer Stand beſſer für ihn paſſen könne. Als er auf der Univerſität mit jungen Leuten von höherem Stande Der Lohn einer Mutter. 18 274 und größeren Hoffnungen verkehrte, entdeckte er zu ſpät, daß ihn das Leben eines Geiſtlichen nicht gerade ſehr glücklich machen würde, aber er konnte nicht zurücktreten, er wollte ſeinen Vater nicht ſo täuſchen. Er fühlte und wußte, daß es ein viel größeres Vermögen erheiſchte als ſein Vater beſaß, das Ziel ſeiner Wünſche zu erreichen und eine öffentliche Stellung zu erlangen, wo ſein Ehrgeiz vollen Spielraum haben würde. Er glaubte entſagt zu haben, aber es war in der That eine krankhafte Verbitterung gegen ſein Loos, die ihn von allen Anderen trenute. Der Umgang mit Herbert Hamilton, dem er offen dieſe geheimen Gefühle anvertraute, trug viel dazu bei, dieſe Bitterkeit zu vermindern, und die Bewun⸗ derung, die er für Herbert fühlte, deſſen natürliche Fröm⸗ migkeit und Anhänglichkeit an die Kirche er zu würdigen wußte, verſöhnten zum Theil ſeinen Ehrgeiz mit ſeiner Stellung. Doch theilte Arthur nicht völlig die erhabenen Ideen Herbert's, ſeine Gedanken bewegten ſich auf einem Felde, wo er mehr nützen könnte als er es aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach in ſeinem Kreiſe würde thun können. Herbert bekämpfte dieſe Einwürfe mit ſo viel Beredſamkeit, er zeigte mit ſo glühendem Eifer auf den unvergänglichen Kranz hin, den er ſich erwerben würde, wenn die göttliche Liebe über allen irdiſchen Ehrgeiz geſiegt und wenn er ſeine Pflichten aus Liebe zu ihm erfüllte, der ſie ihm auferlegt, daß, als die Zeit ſeiner Ordination kam, er nicht zurückgetreten ſein würde, ſelbſt wenn ihm ein anziehenderer Beruf geboten worden wäre. Die Freundſchaft und der Schutz Mr. Hamilton's trugen viel dazu mit bei, ihn mit ſeinem Looſe zu verſöhnen. Mr. Howard's Kaplan ſtarb plötzlich, gerade zu der Zeit, als Mr. Hamilton an den Marquis von Malvern ſchrieb, um Arthur eine Stelle zu verſchaffen, die eben offen geworden war. Der junge Mann konnte nun zwiſchen beiden wählen, und Perch, wie Mr. Hamilton waren ſehr überraſcht, daß er ohne einen Augenblick zu zögern, die Unterpfarrerſtelle bei Mr. Howard annahm, die Mr. Hamilton zu vergeben hatte, und die in materieller Beziehung weit unter der des Lord Malvern ſtand. Seine beiden Gemeinden lagen neun oder 275 zehn Meilen von Oakwood und ſieben oder acht von Mr. Howard's Pfarrhauſe entfernt, und ehe Mr. Myrvin nach Langwillan zurückkehrte, hatte er die Genugthuung, ſeinen Sohn in ſeine Stelle eingeführt zu ſehen, wo er ſeine Pflich⸗ ten zur Zufriedenheit ſeines Oberpfarrers erfüllte, und wo er ſich durch ſein Weſen die Liebe ſeiner Gemeindeglieder erwarb. Herbert allein wußte, wie groß der Sieg war, den ſein Freund über ſich errungen hatte; ſeine Neigung war auf die Pfade des Ehrgeizes gerichtet, wo er mit der Zeit mit den höchſten Ständen verkehren und ihre Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen könnte; aber wenn der angeborne Adel ſeines Geiſtes ihm zeigte, wo er ſeine Pflicht zu erfüllen habe, wenn ſein Gewiſſen ihm ſagte, daß jetzt die Zeit ſei, die Irrthümer ſeines Univerſitätslebens wieder gut zu machen, ſeinem Vater ſeine Ehrfurcht zu bezeugen, die Liebe ſeiner Freunde zu be⸗ wahren, die an Rang und Tugend ſo hoch ſtänden und mit denen er fortwährend verkehren könnte, verſcheuchte er mit aller Kraft ſeine ehrgeizigen Wünſche und widmete ſich mit Herz und Seele ſeinen geiſtlichen Pflichten. Herbert ſprach von ſeinem Freunde, von ſeinen Kämpfen, ſich ſelbſt zu beſiegen, bis Alle ſein Intereſſe theilten, nament⸗ lich Emmeline, mit der Herbert von Kindheit an mehr Ge⸗ danken und Gefühle gemein hatte, als mit Karolinen; und mochte er nun von Mary Greville oder Arthur Myrvin ſprechen, an ihr fand er immer eine aufmerkſame Zuhöbrerin. So oft er nach Hawthorndell hinüber geritten war, was er häufig that, lockte Emmeline auf ihrem nächſten Spazier⸗ gange ſchelmiſch alle möglichen Nachrichten über den einſamen Eremiten heraus, wie ſie Arthur nannte. Aber in ihrem Geſpräch über den jungen Myrvin, oder mit ihm, lag kein Ernſt, in ihrem lachenden Auge lauſchte immer eine Schel⸗ merei; in dem Lächeln, das um ihren Mund ſpielte, verrieth ſich immer die Abſicht eines Scherzes; aber wiewohl es allem Anſcheine nach nur die Neckerei der Kindheit oder der erſten Jugend war, ſo ließ doch etwas in dieſem Blick oder Lächeln das Herz des jungen Myrvin raſcher ſchlagen, als zuvor, und ſeine Pulſe klopften ſchmerzlich, wie er zuerſt dachte. Es 18* 276 war ihm ein Troſt, die ruhige, ſanfte Ellen aufzuſuchen und mit ihr wie mit einer Schweſter über Alles zu ſprechen, was ihm ſeit ihrer letzten Zuſammenkunft widerfahren war, ſo ſicher konnte er auf ihre Theilnahme an ſeiner Zukunft, wie an ſeinen gegenwärtigen Leiden und Freuden rechnen. Aber dennoch regte ſich in ſeinen einſamen Stunden dieſes ſeltſame Gefühl in ſeiner Bruſt, und er beſchäftigte ſich mehr damit, als mit dem ſchönen Mädchen, das er als Knabe ſeine Frau genannt hatte; und noch ſeltſamer war es, daß jenes ſchmerz⸗ liche Gefühl ihn immer antrieb, ſie aufzuſuchen, daß er nicht eher ruhen konnte, als bis er den Blick dieſes Auges geſehen und den Ton dieſer Stimme gehört, bis ſeine Gedanken und Gefühle, die unbewußt die Triebfedern ſeines Lebens gewor⸗ den waren, eine friſche Anregung erhalten hatten. Karolinens ſchmerzliche Gefühle kamen in der ungeſtörten, glücklichen Ruhe von Hakwood allmälig zur Ruhe, und ſie verbannte nach und nach jeden Gedanken an Lord Alphing⸗ ham. Die Frage, wie ſie habe jemals ſo blind ſein können, ſich einzubilden, daß er ihre Liebe gewonnen, kehrte öfter wieder, als ſie ſich beantworten konnte. Aber ein anderes Bild ſtellte ſich dem des Vicomts gegen⸗ über, und der Gegenſatz erhöhte den Glanz des erſteren. Warum war ſie ſo thöricht, ſo wahnfinnig geweſen, mit Stolz und Verachtung die Hand und das Herz eines ſo edlen, ſo liebevollen Mannes zurückzuweiſen, wie Eugen St. Eval war; jetzt, nachdem der Nebel von ihren Augen gefallen, nachdem die ganze Vergangenheit in ihren wahren Far⸗ ben erſchien, hatte ſie der Eigenſinn und die Liebe zur Unabhängigkeit verlaſſen, und die überraſchende Wahr⸗ heit dämmerte in ihrer Seele auf, daß ſie den Mann, der die Wahl ihrer Eltern geweſen ſein würde, geliebt, wahr— haft geliebt hatte, und als ſeine Gattin eine der Glück⸗ lichſten und Beneidetſten ihres Geſchlechts geweſen ſein würde, hätte nicht der unbezähmbare Geiſt der Koketterie ihre Handlungsweiſe beſtimmt und ſie zum Werkzeuge in den Händen der ſchlauen und ränkeſüchtigen Annie Graham erniedrigt. 277 Karoline liebte, und hätte ſie an dem Vorhandenſein dieſer Liebe gezweifelt, ſo würde jeder Brief von Mary Gre⸗ ville ſie überzeugt haben; denn wir wollen nicht ſagen, daß es Eiferſucht war, was ſie fühlte, es war mehr Selbver⸗ urtheilung und Reue, die bisweilen ſelbſt zur Verzweiflung ſtieg. Daß St. Eval ſie ſo bald vergeſſen, daß er, noch ehe ſechs Monate vorüber waren, wieder lieben konnte, war eine bittere Demüthigung für ſie und ihren Stolz. Sie würde ſich nicht ſo gequält haben, Mary's Nachrichten in ſolche Einbildungen zu verkehren, wäre ſie nicht überzeugt geweſen, daß er ihre Schwäche erkannt habe und ſie verachte. Unbe⸗ ſtändigkeit lag nicht in St. Eval's Charakter, davon war ſie überzeugt, aber es war natürlich, daß er aufgehört hatte, ſie zu lieben, nachdem er aufgehört, ſie zu achten, und daß er in der Geſellſchaft Louiſe Manvers' ſeine Enttäuſchung zu ver⸗ geſſen ſuchte. Durch Emmelinens Empfehlungsbrief war Lord St. Eval ein ſo guter Freund von Mrs. Greville und Mary geworden, daß es ſeinem Zureden gelang, ſie zu veranlaſſen, ihren gegen⸗ wärtigen Wohnſitz zu verlaſſen und eine Villa am Gardaſee zu beziehen, die nur einen kurzen Spaziergang von Lord Delmont's Landſitz entfernt war, da er die Ueberzeugung hegte, daß ein freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen Mrs. Man⸗ vers und Mrs. Greville beiderſeits Vergnügen machen und wohlthätige Folgen haben würde. Seine Wünſche wurden erfüllt. Mrs. Greville fand eine verſtändige und theilneh⸗ mende Freundin in der gutherzigen, einfachen Mutter des eleganten und talentvollen Lord Delmont, und Mary's Schwermuth wurde durch die lebhafte Louiſe aufgeheitert, die in ihrem Leben nicht die dunklen Wolken der Sorgen und des Kummers kennen gelernt hatte, welche ſo oft die Jugend Mary's umdüſtert. Ihr Bruder war Louiſe Alles geweſen; es war ihr zu Muthe, als wenn das Leben keinen andern Reiz haben könnte, als wenn keine andere Freude fehlte, um ihr Loos vollkommen zu machen, bis dieſer neue Reiz ſich geltend machte und ihre glühende Phantaſie in ihrem ganzen Umfange die Wonne der Freundſchaft und Sympathie er⸗ 278 kannte. Selbſt die Ungleichheit ihres Charakters machte die Bande der jugendlichen Freundſchaft ihnen noch lieber, und Emmeline war bisweilen eiferſüchtig, wenn ſie in den Briefen ihrer Freundin die beſtändigen Lobeserhebungen von Louiſe Manvers las, ohne daß eine Verminderung ihrer früheren Liebe ſich darin zeigte. Mary ſchrieb immer ſo, daß ſie auch den anſpruchsvollſten Charakter zufriedenſtellte; aber Mrs. Hamilton brauchte ihre ganze Beredſamkeit, um Emmelinen zu überzeugen, daß ſie ſich vielmehr freuen als grämen ſolle, daß Mary einen Erſatz für ſie gefunden. Aber vergebens verſuchte Emmeline ſcherzend ihrem Bruder Herbert einen Theil ihrer Eiferſucht einzuflößen, denn ſie kannte den Inhalt der Briefe nicht, die Mary immer an Herbert ſchrieb, ſonſt würde ſie nicht einen Augenblick gedacht haben, daß Lord Delmont oder St. Eval die Stelle ihres Bruders einnehmen könnten. „Wenige Ereigniſſe würden mir größeres Vergnügen machen,“ ſagte einer von Mary's Briefen,„als die Verbin⸗ dung Lord St. Eval's und meiner ſchönen Freundin. Es ſcheint mir ſeltſam, daß ſie Beide für ihre gegenſeitige Ver⸗ blendung blind ſein können; ſie paſſen in jeder Beziehung gut zu einander, und ich ſollte meinen, daß ihre Verbindung Glück verheißend ſein würde. Ich lebe noch guter Hoffnung, wiewohl ich geſtehen muß, daß meine Hoffnung nur ſehr wenig genährt wird.“ St. Eval weilte noch immer in Monteroſa, und es war gut für die Bewohner, denn es trat ein Ereigniß ein, welches das glückliche Thal aus Freude und Luſt in Trauer und Trübſal ſtürzte und kurze Zeit ſelbſt die Bewohner von Dakwood in Trauer verſetzte. Der Tod kam und entführte den Sohn der Wittwe, den Bruder der Waiſe. Der Titel Delmont erloſch, denn der letzte Sproß dieſes alten Stammes war in ſeine ewige Heimath eingegangen. Er war mit St. Eval und einigen anderen jungen Leuten auf die Fiſcherei gefahren, ein plötzlicher Sturm hatte ſich erhoben, der die kleine Flotille zerſtreute und die Mannſchaften der einzelnen Boote nöthigte, auf ihre eigene Sicherheit bedacht zu ſein. 279 Die Segel von St. Eval's Boote wurden nicht raſch genug eingezogen, um der Gefahr zu entrinnen, es ſchlug um, und wiewohl es St. Eval gelang, nach vielem Kämpfen und Ringen mit den empörten Wogen ſeinen Freund in bewußt⸗ loſem Zuſtande an das Land zu bringen, ſo hatte doch ſein Körper einen zu großen Stoß erhalten und es dauerte nur noch wenige Wochen, bis er von ſeinen Leiden erlöſt wurde. Er war heftig gegen einen Felſen geſchleudert worden, was eine Gehirnerſchütterung zur Folge hatte, die, in Verbindung mit der langen Zeit, die er unter dem Waſſer zugebracht hatte, zu einem Fieber und endlich zum Tode führte. Es würde vergeblich ſein, bei dem Schmerze der beraub⸗ ten Mutter und Schweſter zu weilen. St. Eval vergaß ſeine perſönlichen Sorgen und widmete ſich mit Herz und Seele der Tröſtung der hülfloſen Dulderinnen; eine ſchmerzliche Aufgabe, in der er von Mary und ihrer Mutter wacker unterſtützt wurde, deren Briefe an ihre Freunde in Dakwvod in dieſer Zeit der Trübſal auf eine Weiſe von ihm ſprachen, die, ohne daß ſie es wußten, Karoline in ihrem Argwohn be⸗ ſtärkte und ſelbſt bei ihren Eltern ein Gefühl der Täuſchung erweckte. Daß er jemals ihr Kind wieder aufſuchen ſollte, hielten ſie für eben ſo unmöglich, wie Karoline; dennoch gaben ſie ſich vergebliche Mühe, ſeiner Verbindung mit einer Anderen mit freudigem Auge entgegen zu ſehen. Mr. Hamilton's Familie bedauerte aufrichtig Lord Del⸗ mont's frühen Tod, wiewohl ſie ihn nur wenig gekannt hatten; aber um dieſe Zeit nahmen die Gedanken der Mrs. Hamilton in Folge eines Umſtandes, der ihrer Tochter und ihrer Nichte ungeheuchelten Schmerz bereitete, eine an⸗ dere Richtung, und auch ſie und ihr Gatte wurden nicht ver⸗ ſchont. Luch Harcourt war ſo viele Jahre Mitglied der Familie geweſen, ſie war ſeit ihrer Kindheit mit den Neigun⸗ gen ihrer Zöglinge ſo innig verwachſen, daß es für Emmeline der bitterſte Schmerz war, den ſie nur kennen gelernt hatte, als ſie von ihr ſchied; und auch Mrs. Hamilton brauchte lange Zeit, um ſich mit dem Gedanken der Trennung zu ver⸗ ſöhnen. Sie hatte Miß Harcourt immer als eine Schweſter 280 angeſehen und behandelt, und auch wenn ihre Familie ver⸗ heirathet wäre, ſollte ſie das Haus nicht verlaſſen. Es waren nicht nur ihre Tugenden, die ſie Mrs. Hamilton lieb gemacht hatten, die Dienſte, die ſie ihren Kindern geleiſtet, ihre ver⸗ ſtändige Theilnahme an dem ſchweren Werke der Erziehung erfüllten Mr. und Mrs. Hamilton mit Dankbarkeit und Hochachtung, und nicht ein einziges Mal in den ſiebzehn Jahren, die Miß Harcourt unter ihnen zugebracht hatte, hatten ſie bedauert, derſelben ihren Schutz und ihre Freund⸗ ſchaft geſchenkt zu haben. Emmeline und Ellen waren immer noch ihre Zöglinge, und Mrs. Hamilton wünſchte, daß es noch zwei oder drei Jahre ſo bleiben ſollte, nachdem dieſelben in die Welt eingeführt wären, und aus dieſem Grunde zau⸗ derte Miß Harcourt, die dringende Bitte eines Mannes zu erfüllen, deſſen glückliches Haus ſie in ihrer Jugend edel⸗ müthig verlaſſen hatte, da ſie es vorzog, von ihrer eigenen Arbeit zu leben, anſtatt in dem Hauſe eines Mannes zu bleiben, den ſie liebte, als er eine Andere heirathete. Es hatte lange, ſehr lange gedauert, ehe getäuſchte Liebe ſie wieder heiter werden ließ. Während ihr Couſin ſich freute, daß ſie eine glückliche Heimſtätte gefunden, und ihr mit brüderlicher Theilnahme Glück wünſchte, daß die Tugenden ihrer Mutter ihr ſo viele gute Freunde verſchafft, hatte er keine Ahnung, welchen Kampf ſie mit ihrer Liebe zu Dem kämpfte, der ihren Frieden geſtört, aber ſie ſiegte endlich. Die vollſtändige Trennung von ihm trug viel dazu bei, ihr den Frieden zurück zu geben, wiewohl ſie ihn vielleicht immer noch liebte, denn welche Entfernung von Raum oder Zeit kann das Herz eines Weibes ändern? Doch ſtörte ſie dieſe Liebe nicht länger in ihrem Glück, und ſie beantwortete Seymour's liebevolle Briefe, wie es eine Schweſter gethan haben würde. Sechszehn Jahre waren verfloſſen, und Lucy und Sey⸗ mour hatten ſich nicht ein Mal wiedergeſehen. Lucy ſtand bereits in gereiften Jahren; alle Gefühle ihrer Mädchenzeit waren entſchwunden, und ſie dachte vielleicht, daß auch ihre junge Liebe entflohen ſei; aber ihre Wange glühte, und alle ihre Pulſe ſchlugen, als ſie einen lange, lange erwarteten 281 —— Brief öffnete und las, daß ihr Couſin Wittwer geworden und kränklich ſei, was ihn hindere, ſeine beiden mutterloſen Töch⸗ ter zu beaufſichtigen, weshalb er ſie bitte, da ſie ihre Aufgabe in der Familie der Mrs. Hamilton wohl ſo ziemlich erfüllt haben müſſe, England zu verlaſſen und der Schutzgeiſt ſeines Hauſes zu ſein, ihn in ſeinem Leid zu tröſten, in ſeiner Krankheit zu pflegen und ſeine Kinder lieben zu lernen, ehe ſie auch vaterloſe Waiſen würden und aller Freunde beraubt wären, bis auf Tante Lucy, die ſie lieben gelernt hätten, wie⸗ wohl fie ihnen unbekannt wäre. Der Geiſt tiefer Trauer, der in dieſem Briefe athmete, rührte ſie zu Thränen, wiewohl ſie ſeit ſo vielen Jahren allen egoiſtiſchen Schmerz zu unter⸗ drücken gewußt hatte. „Wenn ich ihn tröſten, ſeine Kinder mich lieben lehren, und ihre Mutter ſein kann, nachdem ſie Waiſen geworden, werde ich nicht vergebens gelebt haben.“ Dies waren die Worte, die ihren Lippen entſchlüpften, als ſie zuweilen auf⸗ hörte zu leſen und einige Minuten in Gedanken daſaß; dann ſuchte ſie Mrs. Hamilton auf und theilte ihr Alles mit. Mrs. Hamilton war in ihrem Entſchluſſe nicht einen Augen⸗ blick zweifelhaft. Ihr Bedauern, ſich von ihrer Freundin trennen zu ſollen, durfte einem Wechſel nicht hindernd in den Weg treten, der, wie ſie glaubte, ſo viel zu Miß Harcourt's Glücke beitragen werde; Mr. Hamilton unterſtützte ſie, aber der Schmerz der Trennung, der inmitten ihrer Bemühungen für ihre Wohlfahrt ſich ſehr deutlich zeigte, that Lucy wohl und rührte ſie. Niemals hatte ſie gedacht, wie lieb ſie ihren Zöglingen ſei, bis die Zeit der Trennung kam; und als ſie England verließ, war ihr Herz mit Theilnahme und Liebe zu Denen erfüllt, die ſie verlaſſen hatte, und ſie betete inbrünſtig, daß ſie ſie wiederſehen möge. Mr. Seymour hatte geſagt, wenn ihn ſeine Kränklichkeit nicht hinderte, die Reiſe zu machen, ſo würde er ſie abholen; aber wenn ſie nur auf ſeinen Vorſchlag einginge, wenn ſie nur ſo gute Freunde verlaſſen könnte, um ſich einem reiz⸗ baren und kränklichen Manne zu widmen, ſo wolle er Jemand ſenden, unter deſſen Schutz ſie ſicher reiſen könnte. Miß 282 Harcourt lehnte dies Anerbieten ab, denn Mr. Hamilton und Perey hatten beide ſich bereit erklärt, ſie bis Paris und von dort bis Genf zu begleiten, wo Mr. Seymour ſeinen Wohnſitz hatte. Es dauerte lange, ehe die Familie Hamilton ſich mit dieſem Wechſel verſöhnte; Dakwood kam ihnen ſo fremd vor ohne die gute, ſanfte Miß Harcourt, deren milde Feſtigkeit Mrs. Hamilton ſo thätigen Beiſtand geleiſtet bei der Erzie⸗ hung ihrer nun ſo blühenden, tugendhaften Kinder. Es koſtete nicht nur Emmelinen, ſondern auch Ellen einige An⸗ ſtrengung, ihren Arbeiten mit nur einiger Ausdauer obzu⸗ liegen, nachdem die liebe Freundin geſchieden, die ſie ge⸗ leitet und ermuthigt hatte. Ellens dankbare Zuneigung war in den letzten Jahren mit gleicher Wärme erwidert worden; das Vorurtheil, welches erſt Miß Harcourt's Gefühle be— zeichnet hatte, war während ihrer Leiden völlig verſchwunden, und einige Tage vor ihrer Abreiſe hatte Luch mit großem Bedauern die unnöthige Härte zugeſtanden, womit auch ſie Ellen während der Monate ihrer Krankheit behandelt, und hatte ſie halb ſcherzend, halb ernſthaft um Verzeihung ge⸗ beten. Sie waren allein, und Ellens einzige Antwort be⸗ ſtand darin, daß ſie ſich ihrer Freundin um den Hals warf und weinte. Ehe indeß Weihnachten kam, waren dieſe ſchmerzlichen Gefühle beſiegt. Freundliche Briefe von Miß Hareourt langten faſt mit jeder Poſt bei dem einen oder andern Be⸗ wohner von Hakwood an, und ihr Inhalt ſprach ihr eigenes Glück und ihre wärmſte Theilnahme an den Lieben aus, die ſie verlaſſen hatte, und befriedigte ſelbſt Emmelinen, von der ein vierzehntägiger Beſuch von dem Grafen und der Gräfin von Elmore alle noch übrigen Spuren der Traurigkeit ver⸗ ſcheucht hatte. Mr. und Mrs. Hamilton hatten während der Jugendjahre ihrer Kinder nur ſehr wenig Gäſte in Dakwood geſehen, aber gegenwärtig übten ſie mit Vergnügen die Gaſt⸗ freundſchaft, die ihnen von Natur eigen war, und empfingen in ihrem Hauſe den Beſuch ihrer vertrauteſten Freunde von London; aber dieſe Beſuche bieten uns keine Unterhaltung 283 und gehören nicht zu unſerer Geſchichte. Eine große Geſell⸗ ſchaft war nie in den Mauern von Oakwood verſammelt; der vertrauten Freunde Mr. Hamilton's waren nur wenige, und nur diejenigen, die, wie er ſelbſt, an den Ernſt des Lebens dachten, begrüßte er als Gäſte; nur der Marquis von Malvern und ſeine Familie blieben die Weihnacht bei ihm und erhöhten weſentlich den Genuß des Familienkreiſes. Ihre Ge⸗ fühle und Beſtrebungen hatten etwas Gemeinſames, denn die Marquiſe von Malvern war eine Mutter nach Mrs. Hamilton's Gepräge, und ihre Kinder beſaßen ähnliche Grundſätze, das⸗ ſelbe Vertrauen beſtand zwiſchen ihnen. Die Marquiſe hatte die Ehrfurcht und Liebe ihrer großen Familie zu gewinnen gewußt, wiewohl die Umſtände ſie nicht ſo viel Zeit auf ihre Erziehung verwenden ließen, wie Mrs. Hamilton. Ihre älteſte Tochter war verheirathet, ihre zweite, einige Jahre älter als Karoline, war eben bei ihrezu Beſuch, und blos eine von den Dreien, die ſie nach Oakwood begleiteten, war bereits in die Geſellſchaft eingeführt. Lady Florence ſollte im folgenden Jahre mit Emmeline Hamilton ihr Debut machen, und Lady Emily ſtand zu Hauſe noch unter der Aufſicht einer Gouvernante und hatte mehrere Lehrer. Louis, das jüngſte Kind der Marquiſe, ein hübſcher Knabe von ſechszehn Jahren, war auf Mr. Hamilton's dringende Bitte mit ſeinem Erzieher ebenfalls mitgekommen, und durch ſeinen heiteren Humor und ſeine gute Laune erhöhte er nicht wenig die Luſt des Abends. Von Lady Gertrud, der älteſten der drei Schweſtern, die ſich mit in Dakwood befanden, hoffte Mrs. Hamilton inſtändig, daß ſie die Stelle einnehmen würde, die einſt Annie Graham in Karolinens Herzen ein⸗ genommen hatte. Sie hatte in ihrem Charakter große Aehn⸗ lichkeit mit ihrem Bruder St. Eval, dem ſie auch außeror⸗ dentlich ähnlich ſah. Wenn man ſie zum erſten Male ſah, hätte man ſie ſtolz nennen können, aber wie es oft der Fall iſt, hielt man dann Zurückhaltung für Stolz; doch in ihrem häuslichen Kreiſe war ſie immer ſehr heiter und immer bereit, zum allgemeinen Vergnügen beizutragen. Als Kind hatte ſie einigermaßen allein geſtanden, denn ihre älteren Schweſtern 284 waren vier oder fünf Jahre älter, als ſie, und Florence und Emily vier und fünf Jahre jünger. Sie hatte von vorn⸗ herein nicht nach Sympathie ſuchen gelernt, und ihr ſtarkes Gefühl würde vielleicht, indem es beſtändig erſtickt wurde, endlich zu Grunde gegangen uhd ſie würde der kalte, un⸗ liebenswürdige Charakter geworden ſein, als der ſie der Welt erſchien, wäre ihr nicht ihr Bruder Eugen mit treuer Liebe entgegen gekommen, dem ſie in dem Alter, wo die Mädchen einzuſehen anfangen, daß ſie denkende und fühlende Weſen ſind, jede ihrer Empfindungen anvertrauen lernte, ſobald ſie in ihrer Bruſt erwachten. Sie bemerkten bald, daß ſie in faſt allen Punkten verwandte Seelen waren, und die Namen Eugen und Gertrud wurden in ihrer Familie immer zuſammen genannt. Ihre Liebe wurde zuletzt zum Sprüchwort unter ihren Geſchwiſtern, und vielleicht war es dieſe große Aehnlichkeit des Charakters und die Achtung, die ſie für ihren edlen Bruder empfand, was Gertrud zuerſt Mrs. Hamilton lieb machte, deren Wünſche in Bezug auf ſie und Karoline in Erfüllung zu gehen verſprachen. Es war eine verwandte Saite in ihnen erklungen, und ſie waren ſehr bald gute Freundinnen, wiewohl Lady Gertrud zuerſt ge⸗ zaudert hatte, denn ſie konnte nicht vergeſſen, was ihr Bruder ihr von der höhniſchen Zurückweiſung ſeiner Liebe erzählt hatte. Sie hatte das Benehmen Karolinens von Anfang an beobachtet, auch ſie hatte gehofft, daß ſie in ihr eine Schweſter finden würde, wiewohl ihr ſcharfes Auge einige Fehler in ihrem Charaktern gefunden hatte, die der feurige St. Eval nicht bemerkt. In der vorigen Saiſon hatte eine gewiſſe Kälte zwiſchen ihnen ſtattgefunden, denn Karoline hatte ſich keine Mühe gegeben, Lady Gertrud's Zurückhaltung zu überwinden, und Lady Gertrud war zu ſtolz, ihr ent⸗ gegen zu kommen. Vergebens hatte Lord St. Eval ge⸗ wünſcht, daß ein beſſeres Einvernehmen zwiſchen ihnen ſtatt⸗ fände; ſo lange Karoline unter dem Einfluſſe der Miß Gra⸗ ham ſtand, war es ihr unmöglich, große Theilnahme für Lady Gertrud Lyle zu empfinden; doch nun in dem vertrau⸗ lichen Verkehr des Hauſes zeigte ſich Karolinens wahrer 285 Charakter, und Lady Gertrud hatte Zeit und Gelegenheit, ihre Liebe zu ihrer Familie, namentlich zu ihrer Mutter, ihr inniges Verhältniß zu ihren Brüdern und Emmelinen und Ellen, ihre vielen Tugenden, die vorher ihr entgangen waren, die ſie aber nun aus den Beweiſen dankbarer Liebe, die ihr von den Bewohnern des Dorfes gebracht wurden, aus dem Zeugniſſe Mr. Howard's, aus der Aufopferung ihrer Neigungen Anderen zu gefallen, ſchließen durfte, und vor Allem den Geiſt der Frömmigkeit und Sanftmuth zu beob⸗ achten, der ſich in allen ihren Handlungen ausprägte, und dies Alles diente dazu, St. Eval's Schweſter zu überzeugen, daß ſie ſie ohne Grund verdammt habe. Für ihr Benehmen gegen ihren Bruder gab es allerdings keine Entſchuldigung, und in dieſer Beziehung allein konnte Lady Gertrud nicht in das Klare kommen und fühlte ſich ganz außer Stand, Karo⸗ linen zu begreifen. Es war ein zarter Punkt, über den ſie Beide nicht gern ſprachen. Hätte Lady Gertrud nicht ihres Bruders Vertrauen genoſſen, ſo würde auch ſie ſo bewun⸗ dernd von ihm geſprochen haben, wie ſeine anderen Schweſtern, aber ſie konnte nicht ſo mit dem Mädchen ſprechen, das ihn zurückgewieſen hatte; ſie würde damit ſeine Sache vertreten haben, und dagegen empörte ſich ihr hochſinniger Charakter mit natürlichem Widerwillen. „Wenn er ſie noch liebt, wie ſeine Briefe zu verrathen ſcheinen, ſo mag er ſelbſt kommen und ſeine Sache führen; ich will kein Wort ſagen, was Karolinen glauben machen könnte, daß ich ſeine geheime Vermittlerin wäre.“ Dies war der Gedanke, der ſie immer zurückhielt, wenn ſie im Laufe des Geſpräches von ihm zu ſprechen im Begriff ſtand, und der Karolinens geheime Wünſche vernichtete, daß ſie ſein Lob ſingen möchte, wie es ihre Schweſter und ihr Bruder beſtändig thaten. Aber wie das Zartgefühl jede Anſpielung auf ihn von Lady Gertrud's Lippen zurückdrängte, ſo wirkte es vielleicht mit noch größerer Kraft auf Karoline ein. Sollte ſie ſich ſelbſt verrathen und bekennen, daß ſie bereute, St. Eval zurückgewieſen zu haben; ſollte ſie durch Wort oder That * 286 verrathen, daß, wenn er zu ihr zurückkehren wollte, ſie gern die Seine werden und ſich von ſeiner Liebe beſeligt fühlen würde? Sie erſchrak faſt vor Furcht, es zu thun, und bot ihre ganze Kraft auf, jede Bewegung zu verbergen und zu unterdrücken, bis ſie ſeinen Namen mit Ruhe hören könnte. Doch mehr als ein Mal hatte Gertrud, wenn ſie ſchweigend ihr Gefühl beobachtete, gedacht, daß ſie Grund genug habe, ſich zu wundern, was Karoline zu ihrem Benehmen veranlaßt haben könnte, und daß, wenn St. Eval vergeſſen könnte, er immer noch glücklich werden würde; und um ſeinetwillen be⸗ ſiegte ſie ihre Zweifel und ſprach einmal offen von ihm, als ſie und Karoline allein einige arme Häusler beſuchten. Sie ſprach von ſeinem Charakter, den ſie, wiewohl ſie ihn be⸗ wundere, in vielen Punkten beklage, da er ihn weniger empfänglich für das Glück mache, als viele Andere, die weniger begabt wären.„Wenn er nicht eine Frau findet, die ihn liebt, wie er liebt, eine Frau, die ſich ihm allein, ohne Rückſicht auf Rang oder Vermögen, widmet, kann Eugen nie glücklich ſein; und wenn er ungeſegnet von den theuerſten und nächſten Banden durch das Leben geht, wird er ſich elend fühlen.“ Dies war Alles, was ſie ſagte, dann fügte ſie ihre heißen Wünſche für ſeine Wohlfahrt in einem Tone hinzu, der die Augen ihrer Freundin mit Thränen füllte, die ihr geſtatteten, eine Zeit lang nicht zu antworten. „Wie ſchade, daß Du ſeine Schweſter biſt,“ erwiderte ſie endlich, indem ſie alle ihre Kraft ſammelte, um in ſcherzhafter Weiſe zu ſprechen;„ein Mädchen wie Du iſt allein Lord St. Eval's würdig.“ „Du irrſt Dich,“ erwiderte Lady Gertrud traurig,„ich bin viel zu kalt und zurückhaltend, um als Gattin das Glück eines Charakters, wie mein Bruder iſt, begründen zu können. Wir ſind von Kindheit auf mit einander aufgewachſen, wir haben inniger und liebevoller miteinander verkehrt, als mit unſern Geſchwiſtern, und deshalb kennt und liebt mich Eugen. Die Gattin St. Eval's muß von eben ſo offener Gemüths⸗ art ſein, wie er verſchloſſen iſt; ihre Liebe, ihre Theilnahme muß ſein Glück ſchaffen, er iſt ernſt, zu ernſt; ſie muß heiter, 287 darf aber nicht kindiſch ſein. Selbſt wenn ſie manche Fehler hätte, ſo würden bei der Liebe, nach der ſich mein Bruder ſehnt, bei der Offenheit, die ſich nicht mit dem kleinſten Kunſtgriff befleckt, ſelbſt ihre Fehler ſie um ſo enger an ihn feſſeln.“ Karoline blieb ſtumm, und Lady Gertrud ging bald auf einen anderen Gegenſtand über. Hätte ſie nicht Gerüchte von Karolinens Liebe zu Lord Alphingham, von der Veranlaſſung, die Mr. Hamilton's Abreiſe von London beſchleunigt hatte, gehört, dieſes Geſpräch würde ihre Ver⸗ muthung beſtätigt haben, daß ihr Bruder Karolinen keines⸗ wegs gleichgültig ſei. Sie hätte gern geſehen, daß Karoline offen gegen ſie geweſen wäre, ſie hätte gern die ganze Wahrheit von ihren Lippen gehört. Das Glück ihres Bruders lag ihr ſo ſehr am Herzen, daß ſie Viel, ſehr Viel gethan haben würde, um ſich deſſen zu vergewiſſern; doch ſoweit konnte ſie nicht gehen, namentlich da er ihr keinen Auftrag gegeben hatte. Sie konnte nicht wiſſen, daß Karoline Welten darum gegeben haben würde, ihr Alles geſtehen zu können, ihre Reue, ihre Thorheit, ihre inbrünſtigen Gebete zu Gott, ſie beſſer und St. Eval's endlich würdiger werden zu laſſen. Karoline liebte Lady Gertrud und liebte ſie wahrhaft, weil ſie ſie achtete; ihre Freundſchaft für ſie unterſchied ſich eben ſo ſehr von der, die ſie für Annie Graham empfunden zu haben glaubte, wie ihre Liebe zu St. Eval ungleich der war, die Lord Alphingham geweckt hatte. Sonſt würden die Vor⸗ züge von Lady Gertrud's Charakter ſie für Karoline zu einem Gegenſtande des Widerwillens gemacht haben, da ſie Tugenden beſaß, die ſie bewunderte aber nicht erreichen konnte. Jetzt wußte ſie dieſe Tugenden zu ſchätzen, und ſie fühlte um ſo ſchmerzlicher, daß ſie tief unter ihr ſtand; und während ſie mit ihr zuſammen war, kehrten die Erinnerungen an die Vergangenheitöfter als ſonſt zurück und erfüllten ſie mit Reue. Auch Sir Georg Wilmot und Lilla Graham waren in Oak⸗ wod zu Beſuch. Der Erſtere erklärte, er habe ſelten in einem Hafen Anker geworfen, der ſo nach ſeinem Geſchmack geweſen wäre. Bei Lilla waren bereits die Wirkungen einer glücklichen Lage und vernünftiger Behandlung ſichtbar. Die jungen Männer brachten die Weihnachtsferien zu Hauſe zu und trugen viel zur Heiterkeit ihres häuslichen Kreiſes bei. Auch dürfen wir nicht vergeſſen, daß Arthur Myrvin ſo viel von ſeiner Zeit in Dakwod zubrachte, als ſeine Pflichten ihm ge⸗ ſtatteten, und die Freundſchaft Herbert Hamilton's that alles Mögliche, um die bittern Gefühle zu verbannen, die ihn noch oft beherrſchten. Er wollte zuerſt die Einladung ausſchlagen, aber es war vergebens, denn es war dort ein ſchöner Gegenſtand, der ihn mit einer ehernen Kette feſſelte, welche er nicht zerreißen konnte, wiewohl er fühlte, daß ſeine Ruhe geflohen war. Zehntes Kapitel. „Gertrud muß heute Morgen außerordentlich ange— nehme Nachrichten erhalten haben,“ rief Lady Florence Lyle heiter aus, als ihre Schweſter ungewöhnlich ſpät in das Frühſtückszimmer trat. „Auf Ehre, ihr Geſicht zeigt heute helleres Wetter an, als gewöhnlich,“ bemerkte der Marquis lachend;„nun Gertrud, was giebt es?“ „Nachrichten von Eugen,“ riefen Lady Emily und Louis in einem Athem aus,„er will heirathen. Entweder Miß Manvers oder Miß Greville haben eingewilligt, mit ihm vorlieb zu nehmen,“ fügte Louis lachend hinzu.„Gertrud, erlaube, daß ich Dir zu einer neuen Schweſter Glück wünſche, die Dir als die Gattin meines ſehr ehrenwerthen Bruders, des Grafen von St. Eval, theurer ſein wird, als irgend eine andere Verwandte.“ „Spare Dir Deine Glückwünſche, Louis, bis ſie ge⸗ braucht werden,“ erwiderte Lady Gertrud, indem ſie Karo⸗ 289 linen feſt anſah, deren blaſſe Wange ſich raſch mit einem dunklen Roth überzog. „Ich habe keine ſo fröhliche Kunde mitzutheilen,“ fügte ſie hinzu,„Eugen befindet ſich in England und zwar allein.“ „In England?“ wiederholte Percy auffahrend.„Ich freue mich, es zu hören. Ich weiß gerade genug von ihm, um mir ſeine nähere Bekanntſchaft wünſchenswerth erſcheinen zu laſſen. Wird er nicht zu uns kommen? Er wird doch ſicher nicht allein wie ein Einſiedler im Schnee von Schloß Malvern überwintern wollen? Wenn er das thut, ſo iſt er ein ausgemachter Junggeſell, von dem man nicht hoffen kann, daß er ſeine natürliche Lebenswärme wiedergewinnt.“ „Er hat nicht die Abſicht,“ erwiderte Lady Gertrud lächelnd;„unſer glücklicher Kreis hat zu viel Anziehendes, als daß er ruhig in ſeiner Einſamkeit bleiben könnte, und wenn Mr. und Mrs. Hamilton gütigſt erlauben, wird er zum Weihnachtsabend hier eintreffen.“ „Es giebt Wenige, die wir ſo freundlich willkommen heißen würden, wie meinen edlen, jungen Freund St. Eval,“ antwortete Mr. Hamilton,„Wenige, deren Geſellſchaft ich ſo hoch ſchätze, ſowohl meinet- als meiner Söhne wegen.“ „Und die Harfe des Sängers ſoll nicht länger ſchlafen, ſondern die kühnſten Akkorde wecken, um einen ſolchen Gaſt in Oakwood's alten Mauern willkommen zu heißen,“ rief Emmeline luſtig aus. „Ich gebe Ihnen die Erlaubniß, ihn auf ſolche Weiſe zu bewillkommnen; aber wenn er auf unſern Abendſpazier⸗ gängen meine Stelle an Ihrer Seite einnimmt, ſo werde ich ihn auf den Monteroſa zurück wünſchen,“ bemerkte Lord Louis in demſelben heitern Tone und indem er ſeine ſchöne Freundin ſchelmiſch anſah.„Wenn Eugen auf der Bühne erſcheint, iſt es mit meiner Herrſchaft für immer aus.“ „Louis, ich werde Dich unter den Befehl Sir Georg Wilmot's ſtellen,“ ſagte ſein Vater lachend. „Ja, ja, das thun Sie; die See iſt immer das Beſte für ſolche Bürſchchen,“ entgegnete der alte Admiral, indem er dem Jüngling freundlich auf die Schulter klopfte. Der Lohn einer Muttcr. 19 290 Während dieſes Geſpräches war das Gemüth von mehr als einer Perſon mit ernſten Gedanken beſchäftigt. Es würde ſchwierig ſein, die Gefühle Karolinens aus einander zu ſetzen, als ſie hörte, daß St. Eval in England ſei und nach Oakwood kommen werde. Hatte er ſeine Liebe ſobald beſiegt, daß er ſich auf den Fuß freundlichen Verkehrs mit ihr ſtellen konnte? Sie hätte gern ihrer Mutter ihre wider⸗ ſtreitenden Empfindungen bekannt, aber Schaam hinderte ſie an jedem Geſtändniß. Sie konnte nicht zugeben, daß ſie nun denſelben Mann liebte, den ſie einſt mit ſolchem Hohn behandelt und mit ſtolzer Gleichgültigkeit zurückgewieſen hatte. Selbſt ihre Mutter, ihre zärtliche Mutter würde ſagen, ihre gegenwärtigen Gefühle wären eine gerechte Strafe für die Vergangenheit, und das konnte ſie nicht ertragen. Sie faßte den Entſchluß, daß nicht ein Wort über ihre Lippen kommen ſollte, ſie wollte ohne Murren und ſchweigend dulden. Auch Mr. und Mrs. Hamilton und der Marquis und die Marquiſe von Malvern beſchäftigten ſich mit demſelben Gegenſtande; die Letzteren hatten die Huldigungen ihres Sohnes gegen Karoline gern geſehen und in hohem Grade gebilligt, und ſie ſchienen ſich über die Art und Weiſe zu freuen, wie dieſe ſie entgegen nahm. Enttäuſchung und Entrüſtung folgte eine Zeit lang der Abreiſe des jungen Grafen nach dem Continent, aber die Freundſchaft, die ſo lange zwiſchen den Familien beſtanden hatte, ließ keine un⸗ angenehmen Gefühle aufkommen, außer vielleicht ein wenig gegen Karolinen. Sie begrüßten mit Freuden die Nachricht, daß St. Eval in England ſei, und daß er ſie in Oakwvod zu beſuchen wünſchte, denn ſie ſahen darin ein Zeichen, daß ſeine Liebe nur eine vorübergehende geweſen und daß ſie nun ganz überwunden ſei. Mr. und Mrs. Hamilton daſſelbe, wiewohl es ihnen weit mehr ein Gegenſtand der Enttäuſchung als der Freude war; aber die Hoffnung miſchte ſich faſt unbewußt in ihr Bedauern, und auch ſie freuten ſich, daß er ihr Gaſt werden ſollte. Lady Gertrud's Augen waren im Laufe dieſes Morgens, 291 mehr wie ein Mal auf Karolinen gerichtet, als St. Eval's Reiſen und ſein Aufenthalt im Auslande beſprochen wurden, aber ſie blieb ſtumm; welche Gedanken ſie auch im Ge— heimen haben mochte, ſie blieben in der Tiefe ihres Herzens begraben. Lord St. Eval kam und mit ihm neue Freude für Perch und Herbert; und ſelbſt der junge Myrvin fand nichts in der Geſellſchaft des jungen Edelmannes, was ſeinen Stolz verwundet hätte, indem es ihn an ſeine eigene untergeordnete Stellung erinnerte. Mr. und Mrs. Hamilton dachten, ſie hätten ſchon vorher ſeinen Charakter gekannt, aber ſie hatten in ihrem früheren Verkehr noch nicht die vielen angenehmen Eigen⸗ ſchaften bemerkt, welche ſeinen Hang zu häuslichen Freuden und Beſchäftigungen verriethen. Seine Zurückhaltung war zum großen Theil verſchwunden, ſein Benehmen war ſo ungezwungen und frei von Stolz oder Hochmuth, wie ſeine Unterhaltung, wiewohl geiſtreich, frei von Pedanterie. Gegen alle Perſonenedes glücklichen Kreiſes war er derſelbe, er war ſo munter gegen Emmeline und Ellen, wie gegen ſeine eſtern; in ſeinem Benehmen gegen Ka⸗ roline hätte man vielleicht einige Zurückhaltung bemerken können, aber das nahmen nur die Hauptbetheiligten wahr, denn ſein Verkehr mit ihr war ſelbſt noch allgemeinerer Art, als der mit den Andern. Emmeline und Ellen, oder ſelbſt Lilla, waren oft ſeine Begleiterinnen auf einem Spazier⸗ gange, aber eine ſolche Einladung erſtreckte ſich nie auf Karoline, und dennoch konnte man nicht ſagen, daß er ſie vernachläſſige oder zu vermeiden ſuche; und ſie ſchrack eben ſo ſehr davor zurück, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, wie ſie früher dieſelbe geſucht hatte, denn eine unüberſteig⸗ liche, doch unſichtbare Schranke ſchien zwiſchen ihnen zu beſtehen. In St. Eval's Weſen laſen ſene Mutter und Lady Gertrud, daß ſeine Gefühle noch nicht überwunden waren, daß er ſie zu beſiegen ſtrebte und ſich ihre Unter— werfung zur Aufgabe machte; aber Karoline und ihre Eltern dachten, und zwar mit bitterem Schmerz, daß, ſo ſehr er ſie 19* 292 einſt geachtet und geliebt, ein Gefühl der Gleichgültigkeit ſich ſeiner bemeiſtert habe. Herbert fand Vergnügen an der Geſellſchaft des jungen Grafen, denn St. Eval kannte das Geheimniß von ſeiner und Mary's Liebe, wiewohl er mit angeborenem Zartſinn ſich enthielt, weitere Notiz davon zu nehmen, als daß er während ſeiner Spaziergänge mit Herbert Mary beſtändig zum Gegenſtande ſeiner Unterhaltung machte, und daß er häufig gegen die Familie von ihr ſprach, wodurch er das Herz Emmelinens noch mehr zu ſeinen Gunſten einnahm, indem er ihre Freundin ſo aufrichtig bewunderte. Er ſtattete einen trefflichen Bericht über ihre Geſundheit ab, und ſie hatte ihn gebeten, ihren Freunden zu ſagen, daß die Luft Italiens ſie ganz wieder hergeſtellt. Er ſprach mit warmer Bewun— derung von ihrem Enthuſiasmus, von ihrer Liebe zur Natur, zu Allem was die höheren Gefühle anregt von ihrer natürlichen Güte, die ſie, trotzdem, daß ſie eine Fremde und eine Proteſtantin ſei, zum Lieblinge des ganzen Dorfes Monteroſa gemacht habe; und wenn ruhte das beſorgte Auge der Mrs. Hamilton auf ihrem Herbert, der in dieſem Blicke leſen konnte, wie wahr und aufrichtig die Theilnahme ſei, die ſie ihm geſchenkt, ſeitdem er ihr ſein Glück anvertraut. Die übrige Zeit, die ſich Marquis Malvern in Oakwood aufhielt, verfloß raſch und ohne ein Ereigniß, das wichtig genug wäre, um hier eine Stelle zu finden; ſeine ganze Familie verließ Dakwood gegen Ende des Januar, um ſich nach dem ſchönen Gute St. Eval's in Cornwall zu begeben, wo ſie einen Monat zu bleiben beabſichtigten, ehe ſie um die— ſelbe Zeit, wie Mr. Hamilton's Familie, nach London zurück⸗ kehrten. Dieſer Monat verfloß in Dakwood ſehr ruhig, alle Gäſte waren abgereiſt, und mit Ausnahme gelegentlicher Beſuche von Arthur Myrvin und St. Eval wurde ihre Einſamkeit nicht unterbrochen. St. Eval's Gut lag einige Meilen von den Ufern des Tamar und bildete einen der ſchönſten Orte, welche dieſen — ———————————————————————— —————————— 293 ſchönen Fluß begrenzen. Er pflegte in aller Muße den Fluß hinab nach Plymouth und von dort nach Oakwood zu fahren, indem er erklärte, die Entfernung ſei eine bloße Kleinigkeit; aber nichtsdeſtoweniger war ſie groß genug, daß Hamilton ſich bisweilen über den Geſchmack ſeines edlen Freundes wunderte, der ihn oft zwei Mal und regelmäßig ein Mal die Woche veranlaßte, einige Stunden in Oakwood zuzubringen, während er wußte, daß ſie ſich bald in London wieder ſehen würden. St. Eval löſte das Räthſel nicht, ſondern ſetzte ſeine Beſuche fort, brachte Heiterkeit und Freude mit, ſo oft er kam, und weckte unbewußt in den Herzen der Eltern neue Hoffnungen, wiewohl ſie, wenn ſie nach ihrem Grunde geſucht hätten, in dem Weſen des jungen Grafen nichts gefunden haben würden, was ſie gerecht⸗ fertigt hätte. Im März ſuchte die Familie Hamilton wiederum ihre Wohnung in Berkeley Square auf, etwa eine Woche nach der Ankunft des Marquis von Malvern, und in dieſer Saiſon waren die Gefühle der Schweſtern bezüglich de— Vergnügungen, an denen ſie nun Beide theilnahmen, gleich⸗ mäßiger. Die glänzenden Farben, womit Karoline ſie ſich vorher ausgemalt hatte, waren verſchwunden— nur zu bald und ſchmerzlich entſchwunden. Sie war getäuſcht worden, und welche Qual liegt in dieſem Worte für ein junges, ehrgeiziges, hoffendes Gemüth. Allerdings verdiente ſie ihre Strafe nicht blos, weil ſie einen Mann getäuſcht hatte, der ihr weit mehr vertraute, als ſie Lord Alphingham vertraut hatte, aber eigenſinnig hatte ſie ſich gegen ihre Gefühle verblendet, um ihre Unabhängig⸗ keit zu beweiſen; allein dieſe Umſtände verminderten nicht das bittere Gefühl, das ſie jetzt oft quälte. Trotzdem ver⸗ ließ ſie die Geſellſchaft nicht; die Furcht, Lord Alphingham zu begegnen, war nicht ſtark genug, ihren geheimen Wunſch zu beſiegen, St. Eval durch ihr Benehmen in der Geſellſchaft zu beweiſen, daß, wiewohl ſie unwürdig ſei, ſeine Gattin zu werden, ſie ſich doch beſtrebe, ſeine Achtung wieder zu ge⸗ winnen. Sie hatte den Vorſatz gefaßt, weniger an ſich und 294 mehr an Andere zu denken, und ſo in ihren Augen liebens⸗ würdiger zu werden und nicht ſo vielen Demüthigungen ſich auszuſetzen, wie ſie früher durch ihr Verlangen nach allgemeiner Verehrung erfahren hatte. Sie wußte, die Auf⸗ gabe ſich ſelbſt zu beſiegen, ſei ſchwer, und da ſie an ihrer eigenen Kraft zweifelte, fühlte ſie ſich veranlaßt, dieſelbe da zu ſuchen, wo ſie allein zu finden war. Dieſe geheimen Ge⸗ fühle und dieſen Vorſatz theilte ſie Niemand mit; ruhig und feſt ſchaute ſie in die Zukunft, und ſie hatte ſich mit ſolchem Erfolge an Unterwerfung gewöhnt, daß kein Wort oder Zeichen ihren Eltern den wahren Zuſtand ihrer Gefühle verrieth. Emmelinens Widerwille gegen London hatte ſich eben ſo gelegt, wie die glühenden Hoffnungen ihrer Schweſter. Sie ſollten diesmal nur vier Monate in der Hauptſtadt bleiben; die Lehrſtunden waren vorüber, und Emmeline te ihre Mutter begleiten, ſo oft dieſelbe ausging. Sie verließ Dakwood ungern und vermißte in London die Geſell— ſ und Unterhaltung Arthur Myrvin's öfter als ſie es ich geſtehen wollte; doch fand Emmeline überall Vergnügen — das Leben kam ihr noch wie ein Roman vor. In der Geſellſchaft von London wie in den Hütten von Oakwood war ſie beliebt, und ſie fühlte ſich glücklich; doch ſo viel ſich die Männer um ſie drängten, ſo dachten ſie doch eben ſo wenig daran, ein ſolches Weſen heirathen zu wollen, als ſie, Eroberungen zu machen. Mr. und Mrs. Hamilton beſuchten daher in dieſer Saiſon die Geſellſchaft mit weit weniger Sorge, denn das Benehmen ihrer beiden Töchter war voll⸗ kommen zufriedenſtellend für ſie. Bei vielen Perſönlichkeiten, die ſie kannten, waren, ſeit ſie dieſelben zum letzten Male geſehen hatten, mancherlei Veränderungen eingetreten. Die Gunſt der Modewelt iſt kurz und flüchtig. Lord Alphingham's Herrſchaft war ziemlich vorüber; es hatten ſich in der Zeit des Jahres, wo er ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach am ſicherſten dachte, das heißt, wenn die Londoner Geſellſchaft ausgeflogen iſt, mancherlei Gerüchte in der Stadt verbreitet, Gerüchte, welche 295 zur Folge hatten, daß er aus den meiſten Kreiſen ausge⸗ ſchloſſen wurde, in denen die Familie Mr. Hamilton's ver⸗ kehrte, und daß Montroſe Graham ihm ſeine Freundſchaft entzog, da er, die Ehrenhaftigkeit ſelbſt, jede Verbindung mit einem Manne ſcheute, deſſen Ruf auch nur der mindeſte Makel befleckt hatte. Aber es gab immer noch Viele, welche dieſe Gerüchte als bloße Aeußerungen des Neides betrach⸗ teten, und bei dieſen war er immer noch ſo beliebt, wie ſonſt. Zu dieſen gehörte Annie Graham, deren ausgeſprochene Vorliebe den Vicomte reichlich für die Kälte des Vaters ent⸗ ſchädigte. Vergebens forderte Graham, daß ſeine Tochter ihr Benehmen gegen ihn ändern ſollte. Es war nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie, die eine Tochter veranlaßt hatte, demſelben Verbote von den Lippen einer nachſichtigen Mutter nicht zu gehorchen, dem Befehle eines Vaters Folge leiſten würde, der durch ſeine Rauheit und ſeine oft unnöthige Strenge ſich ihre Neigung völlig entfremdet hatte; und Lord Alphing⸗ ham hatte noch einen anderen Grund, Annie's Eitelkeit zu ſchmeicheln und ſie zu der Seinen zu machen. Eine entfernte Verwandte und Pathe hatte Ldy Sln Graham ganz unerwartet bei ihrem Tode zur alleinigen Erbin eines ſchönen Vermögens eingeſetzt, welches ungetheilt auf ihre ältere Tochter übergehen ſollte, und ſo geſellte ſich nun zu Annie's ſonſtigem Vorzügen der allmächtige Reiz, daß ſie eine Erbin war; nicht vielleicht eines ſehr großen Ver⸗ mögens, aber eines völlig ausreichenden, um die Mittel eines Mannes, der ſie auf gut Glück heirathete, in recht an⸗ ſtändiger Weiſe zu vermehren. Man hätte denken ſollen, daß nun jeder Wunſch des ränkeſüchtigen jungen Mädchens erfüllt wäre, aber nein. Es that nichts zur Sache, wiewohl ganze Schaaren zu ihren Füßen lagen, daß wenn ſie ſich trafen, was ſehr ſelten geſchah, ſelbſt Karoline nicht mehr ihre Nebenbuhlerin war; ſie ſchenkte alle Liebe, die ſie beſaß, Lord Alphingham, und alle ihre Gedanken, alle ihre An⸗ ſtrengungen waren auf die Erlangung dieſes einen Zieles gerichtet. Sie war damit ſo völlig beſchäftigt, daß ſie keine Zeit und keinen Gedanken hatte, Karolinen zu kränken, wie 296 ſie ſich vorgenommen, außer daß ſie ihre ganze Gewalt über Lord Alphingham, ſo oft ſie zugegen war, in Anwendung zu bringen pflegte, worin ihr die Erbitterung des Vicomtes gegen ſie Beiſtand leiſtete. Karoline fühlte die Wahrheit der Worte ihrer Mutter, daß Alphingham ſie niemals wirk⸗ lich geliebt habe, und daß Annie's Benehmen das Vorurtheil der Mrs. Hamilton rechtfertigte; und während ihr Herz beim Rückblick auf dieſe Wahrheiten von Trauer erfüllt war, nährte es noch wärmere Liebe nicht nur gegen ihre zärtliche und wachſame Mutter, ſondern auch gegen die Freunde, welche die verſtändige Wahl ihrer Mutter auserleſen hatte. Cecil Graham hatte zur Befriedigung ſeiner ausſchweifen⸗ den Vergnügungen beſtändig auf ſeine Mutter Geld gezogen, und Lady Helen hatte gedankenlos alle ſeine Wünſche befriedigt, ohne im Mindeſten zu bedenken, daß ſie auf ſolche Weiſe ſeine böſen Neigungen unterſtützte. Erſt als Cecil im Begriff ſtand, Eton mit der Univerſität zu vertauſchen, er⸗ ſchrack ſie über die Größe ſeiner Schulden, und dann beun⸗ igte ſie mehr die Furcht vor dem Zorne ihres Gatten en ihren Sohn, wenn er dahinter kommen ſollte, als mütterliche Sorge über Cecil's leichtſinnige Grundſätze. Ihr einziger Wunſch war, dieſe vielen Schulden zu bezahlen, ohne ſie ihrem Gatten zu entdecken, den ſie in ihrer Schwäche ſo fürchtete. Wie konnte ſie eine ſo große Summe ſelbſt von ihrem Banquier erhalten und ſie dazu verwenden, ohne daß er davon etwas erfuhr? Die bloße Furcht vor ſo viel Unruhe machte ſie faſt krank, und anſtatt ihre ganze Kraft aufzubieten, oder ihren Sohn dem Zorne ſeines Vaters preis⸗ zugeben, wollte ſie lieber zu einer Täuſchung ihre Zuflucht nehmen und ihn um ſeinen Beiſtand zur Erlangung der ganzen Summe bitten, unter dem Vorwande, daß ſie dieſelbe zur Bezahlung ihrer eigenen Ausgaben und Ehrenſchulden brauchte. Sie dachte, daß ſie ſchon zu tief in der Achtung ihres Gatten geſunken ſei, als daß ſie noch viel tiefer ſinken könne, und wenn es ſie daher noch verächtlicher in ſeinen Augen erſcheinen ließ, daß ſie Geld verlangte, um Ehren⸗ ſchulden bezahlen zu können, ſo hatte dies nicht viel zu ſagen; 297 überdies mochte es ſein, wie es wollte, ſie konnte nicht anders, eine Phraſe, womit Lady Helen immer ihre Gewiſſensbiſſe zu beſchwichtigen ſuchte, wenn dieſelben ſie beläſtigten, was indeß nicht oft der Fall war. Sie handelte demgemäß, aber als ſie dem Blicke ihres Gatten begegnete, einem Blicke, worin die Trauer über ſeine Strenge ſiegte, fühlte ſie ſich verſucht, ſich zu ſeinen Füßen zu werfen und ihn zu bitten, ſie nicht für die Verſchwenderin zu halten, als die ſie ihre Worte erſcheinen ließen— denn Lady Helen liebte ihren Gatten ſo ſehr, wie eine ſolche Natur lieben konnte; aber vor Allem haßte ſie Auftritte, und wie⸗ wohl ſie an allen Gliedern zitterte, ſo ließ ſie ihn doch gehen, durch die Enthüllung, die ihre Bitte mit ſich führte, faſt zum Wahnſinn getrieben. Spielte ſie? War dieſe unglück⸗ ſelige Neigung zu ihren zahlreichen anderen Verirrungen ge⸗ kommen? Und doch hatte er nie geſehen, daß ſie es that. Und was für Schulden hatte ſie gemacht, die eine ſolche Summe erforderten? Graham fühlte, daß ſie ihn getäuſcht hatte, daß ſie das Geld nicht für ſich ſelbſt ausgegeben, aber er wollte ſich nicht damit quälen, vollen Aufſchluß zu verlangen. Das Betragen ſeiner Kinder hatte ihn immer bekümmert, und da er mit Recht fürchtete, daß die Forderung ſeiner Gattin mit ihnen in Beziehung ſtände, ſo ſchloß er ver— zweifelnd ſeine Augen und ſeine Lippen, und unterſtützte wahrſcheinlich auf ſolche Weiſe ein Uebel, das er noch hätte verhindern können. Er zahlte ihr die verlangte Summe aus und übergab ſeiner Gattin an demſelben Tage zu freier Verfügung das ganze Vermögen, das ſie, als ſie es erbte, von freien Stücken in ſeine Hände gelegt hatte, um es für ſie und ihre Tochter, auf die es übergehen ſollte, zu ver⸗ walten. Mit kurzen Worten legte er das Amt nieder, das ſie ihm anvertraut hatte, und bemerkte nur noch, daß Annie gut thun würde, ihre Erwartungen herabzuſtimmen, da, wenn Lady Helen oft ſo große Schulden machte, wahr⸗ ſcheinlich nicht viel auf ihre Tochter kommen würde. Es machte Lady Helen viel zu viel Mühe ſich zu ſtreiten, und wenn irgend ein Gefühl ſie beſtimmte, den Schmerz zu 298 unterdrücken, den ihr Graham's Entſchluß gemacht hatte, ſo war es das beruhigende Bewußtſein, daß ſie nun Cecil unterſtützen konnte, wenn er es brauchte, ohne ſich an ſeinen Vater wenden zu müſſen. Montroſe Graham war von Natur nicht nur ein ver⸗ ſtändiger, ſondern auch ein vortrefflicher Mann, aber ſein geſundes Urtheil hatte ihn verlaſſen, als er Lady Helen zu ſeiner Gattin wählte. Hätte er ſich mit einer Frau ver⸗ heirathet, auf deren Urtheil und Feſtigkeit er vertrauen kornte, ſo würde er in ſeiner Familie ganz eben ſo ſehr geachtet und geliebt worden ſein, wie Mr. Hamilton und der Marquis von Malvern in der ihrigen; aber jetzt beſaß er weder Achtung noch Liebe, außer vielleicht die Lilla's, und unbewußt die Lady Helens. Seine Strenge war all— mälig zu mürriſchem Weſen entartet, und da er ſeinen Ge⸗ fühlen beſtändig Zwang anlegte, war eine gewiſſe Kälte und Mißtrauen an ihre Stelle getreten. Es war ein Glück für Lilla, und wie ſich ſpäter herausſtellte für ihren Vater, daß ſie ſich gegenwärtg unter der freundlichen Obhut der Mrs. Douglas befand; denn da er beſtändig mit ſeiner älteren Tochter zürnte, die ihm allerdings reichliche Gele⸗ genheit dazu gab, ſo würde ſich ſeine Heftigkeit und ſein Argwohn ohne Zweifel auch auf ſeine jüngere Tochter er⸗ ſtreckt und die Sanftmuth und Liebenswürdigkeit zerſtört haben, die Mrs. Douglas ſo ſorgfältig pflegte. Mr. und Mrs. Hamilton ſahen die Veränderung und bedauerten ſie; aber ſo mächtig ihr Einfluß war, ſo konnte er doch nicht die Wirkungen häuslicher Leiden, väterlicher Sorgen und beſtändigen Aergers aufheben. Von allen Leiden des Lebens iſt häusliche Zwietracht eines der größten; Mangel an Uebereinſtimmung hindert oder verſcheucht immer die Liebe. Wäre Graham ein leichtſinniger, egviſtiſcher Mann geweſen, ſo würde er vielleicht glücklicher geweſen ſein, aber gerade die Tiefe ſeines Gefühls vergiftete ſeine Ruhe. Die thörichten Schwächen ſeiner Gattin mochten ſeine Liebe zu ihr vermindert haben, aber ſeine Kinder liebte er trotz aller ihrer Fehler; ſie wußten nicht, ahnten nicht, wie ſehr ſein 299 Glück von dem ihren abhing, wie ſehr ſein Herz jedesmal, wo ihn die Pflicht mahnte, ſtreng zu ſein, bekümmert wurde. Wäre er den Geboten ſeiner Natur gefolgt, er würde ſeine Kinder eher durch, zu große Nachſicht, als durch Strenge verdorben haben, aber die Hoffnung, den Folgen der Schwäche ihrer Mutter entgegen zu arbeiten, hatte ihn zu ſeiner falſchen Behandlung geführt. Hätten Diejenigen, die ſeine Härte verurtheilten, in ſeiner Seele leſen können, ſie würden aufrichtig das quälende Gefühl bemitleidet ha— ben, welches ihm die Entfremdung ihrer Neigungen verur⸗ ſachte. So viel er an Annie zu tadeln fand, ſo würde er ihr doch, hätte ſie ihm nur einen einzigen Beweis kindlicher Liebe gegeben, Alles verziehen und der Segen eines Vaters würde ſie in allem begleitet haben, was ſie that oder wünſchte. Hätte Cecil die Verirrungen bekannt, de⸗ ren er ſich gegen ſeinen Vater ſchuldig wußte, ſo würde er einen treuen und zärtlichen Freund gefunden haben, der ſeinen von Natur guten, wiewohl zu ſchwachen Charakter auf den rechten Weg geführt hätte, und Beiden würde große Noth erſpart worden ſein. Aber ſo ſollte es nicht kommen, und in den Schickſalen Alfred Greville's und Cecil Gra⸗ ham's werden wir ſehen, daß eine feſte und fromme Mutter, ſo groß auch die Schwierigkeiten ſein mögen, denen ſie be⸗ gegnet, wie karg auch die Frucht ihrer Sorgen erſcheinen mag, wie ſchwer auch die Erfüllung ihrer Pflichten ihr werden mag, dennoch ihren Lohn finden wird, während eine Mutter, die, umgeben von Reichthum, durch ungerechtfer⸗ tigte Nachſicht ihre Kinder zur Liebe und zum Gehorſam anzuhalten glaubt, nur zu bittere Früchte ernten wird. In der Gegenwart der Herzogin von Rothbury fühlte ſich Karoline am unbehaglichſten. Die Familien ſtanden ſo herzlich mit einander wie ſonſt, aber es lag etwas in dem kalten durchbohrenden Auge der Herzogin, daß ſie faſt unbewußt vor ihrem Blicke zurückbebte. In der vorheri⸗ gen Saiſon hatte die Herzogin Karolinen insbeſondere ausgezeichnet, ein bei ihrem Charakter ſo ungewöhnlicher Umſtand, der ihre gegenwärtige ſtolze Kälte nur um ſo 300 ſchwerer ertragen ließ. Karoline würde dies Schweigen ertragen haben, hätte es ſich nur auf ſie ſelbſt beſchränkt; aber es ſchien, als wenn Emmeline und Ellen die Verach⸗ tung theilten, die ſie ſich vielleicht mit Recht zugezo⸗ gen, da die Herzogin, die ihre ſcharfen Beobachtungen fort⸗ ſetzte, eine derſelben mit ihrer Gunſt zu beehren fürchtete, damit ſie nicht wieder getäuſcht würde. Karoline hätte ſie gern über dieſen Punkt aufgeklärt und ihr eine gewiſſe Würdigung des Charakters ihrer Schweſter und ihrer Conſine gegeben; ja ſie hätte gern bekannt, wie weit die⸗ ſelben in Beziehung auf kindlichen Gehorſam und Liebe, wie auf Redlichkeit und Aufrichtigkeit über ihr ſtän⸗ den; aber ihre Mutter bat ſie, ihr Zeit zu laſſen und es abzuwarten, bis die Herzogin ſelbſt entdecken würde, daß ſie nicht wären, wofür ſie ſie hielt, und ſie unterdrückte ihren Wunſch. Wir wollen hier eines Umſtandes erwähnen, der ſich bald nach ihrer Ankunft in der Stadt in der Familie Ha⸗ milton ereignete und der Mrs. Hamilton einige Unruhe machte. Ellens Geſundheit war vollkommen wieder herge⸗ ſtellt, und da Miß Harcourt unerwartet fortgezogen war, hatte Mrs. Hamilton beſchloſſen, ihre Nichte zugleich mit Emmeline in der gegenwärtigen Saiſon einzuführen. Wenn Lucy in der Familie geblieben wäre, ſo würde Ellen erſt im folgenden Jahre ihr Debut gemacht haben; nicht ihrer Jugend wegen, denn es waren blos acht Monate Unter— ſchied zwiſchen ihr und Emmeline, ſondern ihr ſtilles Weſen und ihr zarter Körperbau ließen Mrs. Hamilton denken, daß dies das Räthlichſte ſei. Als indeß ihre leidende Ge⸗ ſundheit keine Entſchuldigung mehr bot, und keine Miß Harcourt mehr da war, mit der ſie ihre Abende zubringen konnte, änderte Mrs. Hamilton auf den Rath ihres Gatten ihre Abſicht, und Emmeline ſcherzte ſelbſt mit Ellen über den herrlichen Spaß, daß ſie ein ſo wichtiges Ereigniß an ein und demſelben Tage erleben würden. Ellen war, wie es ſchien, niemals auf die beſtändigen Freudenbezeugungen ihrer Couſine über dieſen Gegenſtand eingegangen; den⸗ 301 noch ſprach ſie weder dafür, noch dagegen, bis der wichtige Tag kam, wo ihre eleganten Toiletten für die feſtliche Ver⸗ anlaſſung beſtellt werden ſollten. Schüchtern und zögernd erlaubte ſie ſich dann, ihre Tante zu bitten, bei ihrem erſten Plane bleiben zu wollen und ihr zu geſtatten, bis zum nächſten Jahre unter der Obhut der Frau Ellis ruhig zu Hauſe bleiben zu dürfen. Mrs. Hamilton und ihre Cou⸗ ſinen ſahen ſie erſtaunt an, aber die Erſtere erwiderte lächelnd, ſie könne ihrer Nichte nicht den Gefallen thun, ihr dieſe grundloſe Laune zu erfüllen. Die Toilette ſollte in Ord⸗ nung gebracht werden, denn ſie hoffte, Ellen würde ſich eines Anderen beſinnen, ehe der Tag käme, da ſie ihre Bitte nicht erfüllen könnte, wenn ſie nicht einen ſehr guten Grund an⸗ führte. Ellen ſchien niedergeſchlagen zu ſein, aber das Ge⸗ ſpräch kam auf etwas Anderes, und der Gegenſtand kam nicht wieder zur Sprache, bis zu dem Tage, an dem ſie ihre Tante zu einem Balle bei der Marquiſe von Malvern beglei⸗ ten ſollte, und zwei Tage ſpäter waren ſie Alle zu einem Diner beim Grafen von Elmore eingeladen. Ellen nahm ihren ganzen Muth zuſammen, ging am“ Morgen in das Boudoir ihrer Tante, und bat ſie noch ein Mal mit einer Dringlichkeit, die Mrs. Hamilton faſt er⸗ ſchreckte, beſonders da ſie mit einer Niedergeſchlagenheit in ihrem ganzen Weſen begleitet war, die ſie jetzt nicht ſehr oft auf⸗ kommen zu laſſen pflegte. Mit freundlichen Worten fragte ſie nach dem Grunde dieſes außerordentlichen Entſchluſſes, und an die Stelle ihres Erſtaunens trat ein gewiſſer Unwille, als ſie fand, daß Ellen wirklich keinen Grund anzugeben hatte. Ihre einzige Bitte beſtand darin, daß man ſie nicht auffor⸗ dern möge, früher als im nächſten Jahre in die Welt ein⸗ zutreten. „Aber warum, meine liebe Ellen? Du mußt einen Grund für dieſe abſichtliche Zurückgezogenheit haben. Vori⸗ ges Jahr dachte ich, Du wünſchteſt ſehr uns zu begleiten, und ich bedauerte immer, daß es Deine zarte Geſundheit nicht zuließ; was hat Dich veranlaßt, ſo ganz anderen Sin⸗ 302 nes zu werden? Findeſt Du keinen Geſchmack an der Ge⸗ ſellſchaft, mit der ich verkehre?“ Stotternd und faſt unhörbar erwiderte Ellen:„O nein.“ „Haſt Du einen religiöſen Grund? Sind die Ver⸗ gnügungen, die Dir bevorſtehen, Deinen Grundſätzen zu⸗ wider? Sage es mir aufrichtig, Ellen, Du weißt, nichts mißfällt mir ſo ſehr wie Geheimnißkrämerei. Ich kann alles Andere vergeben, denn dann kenne ich unſere gegen⸗ ſeitige Stellung, und weiß, daß Du nicht irre gehſt; aber wenn Du jeden Grund gefliſſentlich verheimlichſt, ſo kann ich die Wahrheit nicht errathen, und ich muß wenigſtens denken, daß eine irrthümliche Anſicht Dein beſſeres Urtheil trübt. Ich erwartete nicht, daß Du ein zweites Geheim⸗ niß vor mir haben würdeſt, Ellen.“ Aus Mrs. Hamilton's Stimme ging deutlich hervor, daß ſie unwillig war, und ihre Richte brach endlich in Thrä⸗ nen aus, nachdem ſie vergeblich den Verſuch gemacht, die— ſelben zu unterdrücken. „Ich will nicht hart gegen Dich ſein, oder Dich unge⸗ rechter Weiſe beſchuldigen,“ fuhr ihre Tante fort, welche der natürliche Schmerz ihrer Nichte beſänftigte,„aber wenn Du einen guten Grund haſt, warum verbirgſt Du denſel⸗ ben ſo ſorgfältig? Du biſt in der letzten Zeit ſo offen gegen mich geweſen und ſchienſt mich ſo wahrhaft als Deine Freundin zu betrachten, daß Dein gegenwärtiges Beneh— men nicht nur ein Räthſel iſt, ſondern auch ſchmerzliche Ge⸗ danken in mir erweckt. Verbietet es Dir Dein Gewiſſen? Vielleicht haſt Du in Deinen einſamen Stunden Dir ein⸗ gebildet, daß weltliche Vergnügungen, ſelbſt in dem beſchei⸗ denen Maße, wie wir ſie genießen, uns zu ernſteren Betrach⸗ tungen unfähig machen; und Du fürchteſt vielleicht zu ge⸗ ſtehen, daß dies Dein Grund iſt, weil Du mir damit ſchein⸗ bar einen Vorwurf machteſt? Wenn dies wirklich Dein Grund iſt, ſo fürchte nicht denſelben auszuſprechen, mein liebes Mädchen, ich würde die Allerletzte ſein, Dich zu etwas zu nöthigen, was gegen Deine Anſicht von Recht iſt. Ich 303 würde allerdings zu beweiſen ſuchen, daß eine ſolche Schluß⸗ folgerung falſch iſt, und das man wahrhaft religiös ſein kann, ohne in ein Uebermaß zu verfallen; doch würde ich Dich nie zwingen, mit mir in Geſellſchaft zu gehen, bis meine Gründe Dich überzeugt hätten. Ich glaube nach der Röthe Deiner Wangen, daß ich wirklich die Urſache Deines ungewöhnlichen Entſchluſſes errathen habe, und ſo leid es mir thut, wenn ich recht gerathen hätte, ſo iſt doch jeder Grund, ſo mißverſtanden er auch ſein mag, beſſer als ein fortgeſetztes Geheimniß.“ „O nein, ich bin nicht ſo gut, wie Du glaubſt,“ er⸗ widerte Ellen mit großer Bewegung,„es iſt kein religiöſer Grund, der mich gegen Deine Wünſche handeln läßt; wüß⸗ teſt Du meinen Grund, Du würdeſt mich ſicher nicht tadeln, aber verlange nicht, daß ich Dir denſelben ſage. Ich muß gehorchen, wenn Du es verlangſt, und dann—“ „Und dann, wenn ich Deinen Grund billige, wie Du ſagſt, was haſt Du dann zu fürchten? Warum verbirgſt Du denſelben vor mir, wenn Dein Gewiſſen Dich frei ſpricht?“ Ellen blieb ſtumm. Mrs. Hamilton fuhr in einem Tone entſchiedenen Unwillens fort.„Ich fürchte, ich werde mich in Dir wieder getäuſcht finden, Ellen, wiewohl ich noch nicht weiß wie, Ich will Deinen Meinungen keine Gewalt anthun und Dir befehlen, meine Wünſche zu erfüllen. Wenn Du ſo gern zu Hauſe bleiben willſt, ſo thue es, aber ich kann mich nicht verpflichten, Dich zu entſchuldigen. Ich kann weder ſagen, daß Du unwohl, noch daß Du zu jung biſt, ich muß alle Fragen nach Dir der Wahrheit gemäß beantworten, daß Dich bloß Deine Wünſche, die ich durch mein Zureden nicht ändern konnte, zu Hauſe halten. Mein Gewiſſen wird mich von den Vorwürfen freiſprechen, die mir in vorjähriger Saiſon von der Welt gemacht wurden, daß ich meine ver⸗ waiſte Nichte mit meinen Töchtern einzuführen fürchtete, damit ihre Reize nicht die ihrigen verdunkelten.“ „Wagte die übelgeſinnte und unwiſſende Menge ſo von 304 Dir zu ſprechen?“ fragte Ellen, von dieſer Bemerkung überraſcht. „Man kannte die Urſache nicht, warum Du nichtöffent⸗ lich erſchienſt, und da der Schein gegen mich ſprach, ſo trug man kein Bedenken, mich zu verurtheilen.“ „Und legſt Du einen Werth darauf? Berührt Dich ein ſolcher Vorwurf?“ rief Ellen lebhaft aus. „Nein, Ellen, ich habe meine Pflicht gethan, ich werde ſie auch ferner thun, ohne mich von ſolchen müßigen Ver⸗ leumdungen ſtören zu laſſen, ſollten ſie auch von Denen ge— glaubt werden, auf deren Anſicht ich einen Werth lege und die in Folge Deiner Zurückgezogenheit glauben werden, daß ſie guten Grund haben. In meinem Benehmen gegen Dich in den letzten zwei Jahren habe ich mir nichts vorzu— werfen.“ „In den letzten zwei Jahren! O nie, nie, vom erſten Augenblicke an, wo ich unter Deiner Obhut ſtand, kannſt Du Dir über Dein Benehmen gegen mich keinen Vorwurf machen, liebſte Tante. O, ſage nicht, daß die Erfüllung mei⸗ ner Wünſche einen ſo ungerechtfertigten, ſo ungegründeten Verdacht erwecken wird,“ bat Ellen, en ſie ungeſtüm die Hand ihrer Tante ergrif. „Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird es geſchehen; aber ſprich nicht ſo, Ellen, es verträgt ſich nicht gut mit dem Geheimniß, das in Deinen Worten liegt,“ erwiderte Mrs. Hamilton und zog kalt ihre Hand zurück. Es folgte ein augenbliches Stillſchweigen, denn Ellen hatte ſich bis in daß Innerſte gekränkt abgewandt, und bald nachher verließ ſie das Zimmer, um das ihrige aufzuſuchen, wo ſie ſich auf einen niedrigen Seſſel neben ihrem Sopha warf und in Thränen ausbrach. Mrs. Hamilton wußte nichts von dem inneren Kampfe, den ihre Nichte kämpfte, von der Urſache ihrer freiwilligen Abgeſchiedenheit; ſie wußte nicht, daß der Termin ihrer Prüfungszeit, den ſie ſich ſelbſt auf⸗ erlegt, noch nicht erfüllt, daß ihre Aufgabe noch nicht voll⸗ endet war; daß ſie zu dieſem Zwecke ſo dringend wünſchte, ihre Zeit nicht dem Vergnügen opfern zu müſſen, bis ſie 305 ihre Aufgabe gelöſt und die Verirrungen ihrer Jugend ge⸗ ſühnt hätte. Mrs. Hamilton war ſelten ſo unwillig auf ihre Nichte geweſen als in dieſem Augenblicke. So ſanft, mild und offen ſie ſelbſt war, ſo hatte ſie auch den Cha⸗ rakter ihrer Kinder zu bilden geſucht; auf ein freiwil⸗ liges Geſtändniß folgte immer Verzeihung, wie groß auch der Irrthum oder das Vergehen geweſen ſein mochte. Ellen war immer ein Gegenſtand der Beſorgniß für ſie geweſen, aber in den letzten zwei Jahren war an die Stelle ihrer Zurückhaltung eine ſolche Offenheit getreten, daß ihre Be⸗ ſorgniß ſich ſehr vermindert hatte, bis ſie durch den erwähn⸗ ten Entſchluß aufs Neue geweckt wurde. Hätte Ellen irgend einen Grund angeführt, ſo würde Mrs. Hamilton die Sache nicht ſo ernſt genommen haben, aber ein Geheim⸗ niß hatte ſchon einmal ſo großes Unheil angerichtet, daß Mrs. Hamilton nicht mit ihrer gewöhnlichen Ruhe daran denken konnte. Es dauerte ſo lange, ehe Ellen ihre gewöhnliche Faſſung wieder gewinnen konnte, daß die Spuren ihrer Thränen immer noch ſichtbar waren, als ſie zu Tiſche kam, und daß ihr Onkel ſie bemerkte, der ſcherzend fragte, was in einer ſo wichtigen Epoche ihres Lebens ſolche Zeichen des Schmer⸗ zes veranlaßt haben könnte. Vergebens hoffte Ellen, daß ihre Tante ihr den Schmerz, antworten zu ſollen, erſparen würde, ſelbſt wenn ſie ihren Tadel über ihren Entſchluß ausſpräche; aber ſie wartete vergeblich und mußte ſelbſt geſtehen, daß die Periode ihres Lebens, worauf ihr Onkel ſcherzend anſpielte, auf ihren dringenden Wunſch bis zur nächſten Saiſon verſchoben worden ſei. Mr. Hamilton legte in ungeheucheltem Erſtaunen Meſ⸗ ſer und Gabel weg.„Wie!“ rief er aus,„was ſoll dieſe plötzliche Sinnesänderung heißen? Du pflegteſt nicht lau⸗ niſch zu ſein, Ellen, wird uns Deine Tante über dies wun⸗ derbare Geheimniß aufklären?“ „Es thut mir leid, daß ich es nicht kann,“ erwiderte Mrs. Hamiltan in einem Tone, der dem ſcharfen Ohre ihres Gatten leicht verrieth, daß ſie ungewöhnlich aufgeregt war. Der Lohn einer Mutter. 20 306 „Ich beſitze Ellens Vertrauen nicht; ihr Entſchluß kommt mir eben ſo ſonderbar vor wie Dir, denn ſie hat mir kei⸗ nen Grund angegeben.“ Mr. Hamilton ſagte weiter nichts, aber er ſah verletzt aus, und Ellen fühlte ſich eben ſo unbe⸗ haglich. Er hielt ſie zurück, als ſie im Begriff war, das Zimmer zu verlaſſen, und fragte ſie kurz, wie ſie die vielen Stunden zu verwenden beabſichtige, die ſie nun, nachdem Miß Harcourt fort ſei, für ſich allein haben würde. Eine dunkle Röthe überzog Ellens Schläfe, die in Verbindung mit dem zaudernden Tone, mit dem ſie antwortete:„Beten und arbeiten,“ recht wohl die ſtrenge Weiſe rechtfertigen Fonnte, wie ihr Onkel entgegnete:„Ellen, hätteſt Du uns nie getäuſcht, ſo würde ich Dir glauben, trotz dieſes Er⸗ röthens und dem ſchwankenden Tone. Dein Benehmen in den letzten zwei Jahren läßt es mich, wiewohl der Schein gegen Dich ſpricht, noch thun, und ich ſage Dir nur Eines: Hüte Dich mich ein zweites Mal zu täuſchen.“ Ellens Wange entfärbte ſich und wurde eine Minute ſo bleich wie der Tod, ſo daß Mrs. Hamilton bedauerte, daß ihr Gatte ſo ſtreng geſprochen; dann ſammelte ſich Ellen wieder und antwortete mit feſter, aber ſehr leiſer Stimme:„Mein Benehmen während Deiner und der Tante Abweſenheit vom Hauſe hat das geſammte Geſinde zu be⸗ obachten Gelegenheit gehabt, und es wird auch ferner ſo ſein. Ich weiß zu gut, daß ich kein Vertrauen verdiene, aber ich berufe mich auf Ellis, auf deren Treue Du bauen kannſt, lieber Onkel, zum Beweiſe, daß Du mich in dieſem Falle mit Unrecht in Verdacht ziehſt.“ Die letzten Worte ſprach ſie kaum hörbar, aber von tiefem Schmerze erfüllt, dann zog ſie ſich in ihr Zimmer zurück, das ſie nicht einmal verließ, um ihre Lieblingscouſine zum Balle geſchmückt zu ſehen. Emmeline ſuchte ſie indeß auf und ſuchte durch Küſſe die flüchtigen Roſen, das entflohene Lächeln zurückzu⸗ rufen; aber Mrs. Hamilton kam nicht, um ihr gute Nacht zu wünſchen, und Ellen blieb mit ſchwerem Herzen zurück. Eeinige Tage verfloſſen, und Mrs. Hamilton nahm drei verſchiedene Einladungen an, ohne noch ein Mal ihren 307 Wunſch auszuſprechen; aber wiewohl die Sache nicht wie⸗ der zur Sprache kam, ſo dauerte doch zwiſchen Tante und Nichte dieſelbe peinliche Verlegenheit fort. Ellen klagte Mrs. Hamilton nicht der Unfreundlichkeit an, aber ſie ſah, daß ſie nicht mehr ihr Vertrauen beſaß, und dies Bewußt⸗ ſein war für die leicht erregbaren Gefühle der Waiſe höchſt ſchmerzlich. Ein anderer Umſtand ſteigerte noch ihre Qual; ihr ſeltſames und dem Anſcheine nach launiſches Benehmen war zufällig Herbert mitgetheilt worden, und da er wußte, daß Ellen auf ſeinen Rath etwas gab, ſo machte er ihr Vorſtellungen und ſuchte ſie durch Vernunftgründe zu über⸗ reden, ihre Laune für ein abgeſchiedenes Leben, wie er es nannte, aufzugeben. Ein unerklärliches Gefühl hinderte Ellen, mit Herbert zu ſprechen oder an ihn zu ſchrei⸗ ben, wie ſie es mit jedem anderen Faniliengliede gethan haben würde, doch ſie antwortete ihm, geſtand zu, daß ſie ſeinen Vorwurf verdiene, daß ſie aber ſelbſt um ſeine Bitte zu erfüllen ihr Benehmen nicht ändern könne. Nichts⸗ deſtoweniger that es ihr leid, zu erfahren, daß er, deſſen Bei⸗ fall ſie unbewußt, aber ſehnlichſt zu erlangen gewünſcht, ſie für ein launiſches unbegreifliches Weſen halte; dennoch blieb ſie dabei. Dies, wie manches Andere, was ſie zu ertragen hatte, waren nur kleine Prüfungen, vor denen ſie ihr Ge⸗ müth beugte, denen es aber nicht unterlag. Sie wußte, wenn ihre Tante ihre Beſchäftigung erführe, würde ſie, wiewohl ſie vielleicht den Beweggrund billigte, ein nutzloſes Opfer darin ſehen und wahrſcheinlich die Fortſetzung der⸗ ſelben hindern; oder wenn ſie ihre Erlaubniß ertheilte, ſo würde das Verdienſtliche ihrer Handlung wegfallen, und ſie würde, wenn ſie gelobt würde, eine Aufgabe nicht vollendet haben, die ſie rein aus Pflichtgefühl und zur Verſöhnung der Vergangenheit angefangen und fortgeſetzt hatte, um durch das Opfer ihrer Neigungen mit Gott, den ſie beleidigt hatte, Frieden zu ſchließen. Kleine Prüfungen waren ihr daher willkommen, denn wenn ſie dieſelben mit chriſtlichem Geiſte und chriſtlicher Geduld ertrug, konnte ſie hoffen, auf ſeinen Pfaden vorzuſchreiten, deſſen Wege 20* 308 Freude und Friede ſind; hätte ſie nur den Unwillen und das Mißtrauen ihrer Tante und ihres Onkels von ſich ab⸗ lenken können, ſie würde ganz glücklich geweſen ſein. Emmelinens nächſter Beſuch galt zufällig der Over, und hier koſtete es Ellen allemal die größte Ueberwindung, zu Hauſe zu bleiben. Sie hatte ſich damit unterhalten, die Toilette ihrer Couſine zu betrachten, und ſie ſeufzte ſo laut, daß Emmeline ausrief:„Ellen, Du würdeſt uns gern be⸗ gleiten, im Namen alles Unbegreiflichen, warum bleibſt Du zu Hauſe?“ „Weil ich lieber zu Hauſe bleibe, wiewohl ich geſtehe, daß ich Euch gern begleiten würde.“ „Du biſt wahrlich ein Geiſt des Widerſpruches, Ellen, weshalb ſeufzeſt Du?“ „Der Oper wegen nicht, Emmeline.“ „Warum dann?“ „Weil ich es nicht ertragen kann, daß die Tante ihr ganzes Vertrauen zu mir verloren hat.“ „Du biſt recht thöricht, Ellen, Mama iſt ganz dieſelbe gegen Dich wie ſonſt, ich habe keinen Unterſchied be⸗ merkt.“ „Liebe Emmeline, Kälte ſieht man nicht, man fühlt ſie, und da Du ſo glücklich geweſen biſt und ſie nie empfunden haſt, ſo kannſt Du nicht verſtehen, was ich meine.“ „Ich habe auch keine Luſt ſie zu empfinden; aber mache kein ſo bekümmertes Geſicht, liebe Ellen, ich geſtehe aller⸗ dings zu, daß es entſetzlich iſt, Mamas Kälte zu erfahren.“ „Wenn Du ſie nie gefühlt haſt, wie kannſt Du darüber urtheilen?“ ſagte ſcherzend eine Stimme neben ihnen, denn Emmeline war viel zu ſehr damit beſchäftigt geweſen, einen Roſenkranz in ihr Haar zu befeſtigen, und Ellen war zu ſehr in ihre Gedanken verſunken geweſen, um Mrs. Hamil⸗ ton eintreten zu ſehen. „Iſt es möglich, daß Du noch nicht fertig biſt, Emme⸗ line? Was haſt Du zu thun gehabt?“ „Ich habe Ellen geplagt, Mama, überdies war Fanny beſchäftigt, und ich konnte mir nichts recht machen.“ 309 „Oder vielmehr, Du hatteſt keine Luſt, etwas zu thun; ich habe Dich in den letzten Minuten beobachtet, und Du haſt mit dem hübſchen Kranze getändelt, bis er faſt verdor⸗ ben iſt.“ „Ich bekenne mich ſchuldig, liebe Mama, aber laſſe Fanny kommen, und ich werde in einer Minute fertig ſein,“ antwortete Emmeline, indem ſie ihrer Mutter ſchelmiſch und liebkoſend in das Geſicht blickte. Mrs. Hamilton lächelte und wandte ſich um, um mit ihrer Nichte zu ſprechen, aber Ellen war fort. Sie ſaß einige Minuten ſpäter in ihrem Zimmer und ſuchte ihre Gedanken ſoweit zu ſammeln, um das Buch der neuen Oper zu leſen, welches ihre Couſine ihr geborgt hatte. Da wurde ſie unterbrochen, indem ſich eine Hand auf die Blätter legte. „Die Kälte fühlt man alſo und ſieht ſie nicht, meine liebe Ellen, nun dann möge ſie dieſer Kuß für immer ver— bannen,“ ſagte Mrs. Hamilton, indem ſie die zarte Geſtalt ihrer Nichte umſchlang.„Ich bin vielleicht unfreundlicher geweſen als es nothwendig war, aber Dein geheimnißvoller Entſchluß reizte mich über die Maßen, und ich bin ſehr un⸗ gerecht und grauſam geweſen, nicht wahr? Willſt Du mir verzeihen?“ Ellen blickte ihr in das Geſicht, und außer Stande, ihre Gefühle zu beherrſchen, umarmte ſie ihre Tante und brach in Thränen aus. „O nein, mein liebes Kind, weine nicht, ich bin über⸗ zeugt, daß Du einen guten Grund für Dein Benehmen haſt, wiewohl mein gewöhnlicher Scharfblick mir ſeine Dienſte verſagt. Willſt Du mich ganz zufrieden ſtellen, indem Du mir feſt in das Geſicht ſiehſt und mir die Verſicherung giebſt, daß Dir Dein Gewiſſen keine Vorwürfe über Dein Benehmen macht, ich werde dann keinen Zweifel mehr hegen.“ Ellen lächelte durch Thränen, als ſie zu gehorchen ſuchte, aber ihre Lippen zitterten ſo ſehr, als ſie antwortete, daß Mrs. Hamilton lächelnd hinzufügte:„Das würde in einem Gerichtshofe nichts nützen, mein thörichtes Mädchen, Nie⸗ 310 mand würde Dich für unſchuldig halten, wenn Du Deine Unſchuld mit Thränen betheuerteſt; aber da Du mich im All⸗ gemeinen nöthigſt, meine Strenge zu bereuen, ſobald ich ſie anwende, ſo muß ich mich zufriedenſtellen und Dich wenig⸗ ſtens dies Jahr nach Deinen eigenen Neigungen folgen laſſen. Nächſtes Jahr werde ich Dir dieſe Erlaubniß nicht geben; nolens volens, wie Perey ſagen würde, werde ich Dich mitnehmen, Du ſollſt Dich nicht in der Einſamkeit verbergen; aber ich glaube nicht, das Dein Entſchluß auch nur dieſe Saiſon aushält,“ fügte ſie lächelnd hinzu. „O, ich bitte Dich, ſuche mich nicht davon abwendig zu machen, meine liebe, gute Tante,“ ſagte Ellen flehend, „ich verdiene dieſe Nachſicht nicht, denn ich weiß, welchen Widerwillen Du gegen alle Geheimniſſe haſt, aber verlaſſe Dich darauf, Du ſollſt Deine Güte nicht bereuen⸗ Ich werde ſie nicht mißbrauchen, es geſchieht blos weil, weil—“ ſie zauderte. „Reize meine Neugier nicht ſo ſehr, Ellen,“ ſagte Mrs. Hamilton ſcherzhaft. „O nein, liebe Tante, ich will nur eine Aufgabe vollen⸗ den, die ich mir geſetzt habe, und meine verſchiedenen Be⸗ ſchäftigungen während des Tages laſſen mir keine Zeit, wenn ich ſie nicht ſolchen Vergnügungen abſpare,“ ſagte Ellen erröthend,„das iſt mein wirklicher und einziger Grund.“ Mrs. Hamilton ſah ſie beſorgt an, aber wiewohl ſie von dieſem Geſtändniß völlig beruhigt wurde, ſo kam ſie doch nicht hinter die Wahrheit. „Du haſt mich völlig beruhigt, mein liebes Kind, ich werde nicht mehr fragen, und Du kannſt zu Hauſe bleiben, ſo oft Du willſt. Dein Onkel und ich, wir ſind beide ſehr ſtreng und ungerecht gegen Dich geweſen, aber Du haſt uns entwaffnet, daher ſollſt Du auch meinerſeits keine Kälte mehr fühlen. Aber Emmeline ruft ſo laut nach mir, als wenn ich mich verſpätet hätte. Gute Nacht, liebes Kind; Gott ſegne Dich; bleibe nicht ſo lange auf, und ſei ſo glück⸗ lich wie Du kannſt.“ 311 „Ich bin nun ganz glücklich,“ rief Ellen aus, indem ſie voll Freuden Mrs. Hamilton's zärtliche Umarmung er⸗ widerte, und ſie war glücklich. Einen Augenblick fühlte ſie ſich einſam als die Thür ſich hinter ihrer Tante ſchloß, aber als ſie ſich aufraffte, um an ihre Arbeit zu gehen, verlor ſich dies Gefühl. Wenn ſie ſich mit Arbeiten beſchäftigte, die wenig Nachdenken erforderten, pflegte Ellen Bibelſtellen auswendig zu lernen, damit ſich ihre Gedanken während dieſer einſamen Stunden nicht auf die Pfade der Thorheit oder Sünde verirrten, ſondern mit ernſten Dingen beſchäf⸗ tigt, ihr Geiſt geſtärkt und ihr Urtheil gereift würde. Dieſe einſamen Stunden trugen viel dazu bei, den Charakter der Waiſe zu bilden, indem ſie ſich ſo daran ge⸗ wöhnte, mit ihrem Schöpfer zu verkehren, in ihrem einſamen Kämmerlein Kraft zu ſammeln, wurde ſie in den Stand geſetzt, allen Prüfungen mit ſtarkem Geiſte entgegen zu treten. Elftes Kapitel. Lord Malvern's und Mr. Hamilton's Familien waren noch immer in der Stadt, wiewohl die jüngeren Mitglieder derſelben ſich nach der friſchen Landluft ſehnten. Eines Nachmittags trat der junge Graf St. Eval, erhitzt und ſtaubig von einem raſchen Ritte, eilig und etwas außer Faſſung in das Zimmer ſeiner Schweſter Gertrud.„Dem Himmel ſei Dank daß Du allein biſt,“ rief er aus, als er eintrat, aber indem er ſich mürriſch auf ein Sopha warf, ſchien er nicht weiter ſprechen zu wollen. „Was fehlt Dir, lieber Eugen? es hat Dich etwas ge⸗ ſtört,“ ſagte Lady Gertrud beſchwichtigend, und in einem 312 Tone, der mehr dazu diente, ſeine Aufregung zu ſtillen, als daß er ihre Neugier zeigte, was vorgefallen ſei. „Etwas, ja Gertrud, und zwar genug, daß ich Eng⸗ land wieder verlaſſen und mich in eine Wüſte begraben könnte, wo mich nie ein Seufzer Eueres Geſchlechtes er⸗ reichen würde.“ „Selbſt nicht von mir, Eugen?“ rief ſeine Schweſter aus, indem ſie ihre Arbeit weglegte und ſich auf einen Stuhl zu ſeinen Füßen ſetzte, während ſie mit einem zärt⸗ lichen Ausdruck auf ihrem ſanften Geſicht in ſeine aufge⸗ regten Züge blickte.„Würdeſt Du wirklich meine Geſell⸗ ſchaft ablehnen, wenn ich Dich bäte, Deine Einſamkeit thei⸗ len zu dürfen?“ „Meine Schweſter, meine gute Schweſter, würde ich, könnte ich mich des Troſtes berauben, den Deine Gegenwart mir immer bringt?“ erwiderte St. Eval leidenſchaftlich; „meine liebſte Gertrud, ich könnte Dir nichts abſchlagen, was Du Dir auch erbitten möchteſt.“ „So ſage mir, was Dich ſo aufgeregt hat? Welche neue Einbildung quält Dich?“ „O nein, es iſt keine Einbildung, Gertrud; Du haſt Unrecht, Du haſt vom Anfange an Unrecht gehabt, und ich habe nur zu ſehr recht; Karoline liebt mich nicht und wird mich nie lieben.“ Lady Gertrud erſchrak.„Biſt Du wieder zurückge⸗ wieſen worden?“ fragte ſie, und eine dunkle Röthe des Stolzes und der Entrüſtung übergoß ihre Wangen. Lord St. Eval lächelte traurig:„Du biſt ſo raſch in Deinen Folgerungen, wie Du es mir bisweilen nachſagſt. Nein, Gertrud, das iſt nicht der Fall; es iſt mir zu Muthe, als wenn ich die Qual nicht noch ein Mal ertragen könnte, die Worte zu ſagen, die, wie ich hoffte, mein Glück beſiegeln ſollten.“ „Nun, dann muß ich für Dich ſprechen,“ ſagte Lady Gertrud lächelnd;„ich habe Karoline ſcharf beobachtet, und ich bin ſo feſt überzeugt, daß ſie Dich liebt, daß ich ohne 343 den mindeſten Zweifel Dein Glück, ſo theuer es mir iſt, ihren Händen anvertrauen würde.“ „O Gertrud, halte ein,“ rief Lord St. Eval aus, in⸗ dem er aufſprang und im Zimmer auf und ab ging.„Du ſaheſt nicht, was ich geſtern Abend ſah, und hörteſt nicht die kalten boshaften Worte, die mich vor ihr warnten; daß ſie falſch wäre, ſelbſt wenn ſie meine Hand angenommen hätte, oder daß, wenn ſie es nicht wäre, ſie noch einen An⸗ deren liebte. Ich ſah es an der wechſelnden Farbe ihrer Wange, an ihrer Verwirrung; ich hörte es an ihren raſchen Worten, und dieſer Morgen hat Alles, Alles beſtätigt. Gertrud, ich ſagte Dir immer, daß ich nicht zum Glücke be⸗ ſtimmt ſei; daß ſo glänzend das Geſchick des Einen, ſo düſter das des Anderen iſt, und das iſt mein Schickſal.“ „Eugen, wie oft muß ich Dich bitten nicht ſo zu ſpre⸗ chen; das Glück oder das Unglück der Menſchen hängt großentheils von ihm ſelbſt ab. Du haſt oft geſagt, daß Du bei mir ruhiger denkſt, als wenn Du allein biſt; ſage mir nur im Zuſammenhange, was vorgefallen, und es wird vielleicht nicht ſo ſchwarz ausſehen, wie Du glaubſt.“ St. Eval ließ ſich zureden, ſetzte ſich zu ſeiner Schwe⸗ ſter und erfüllte ihre Bitte. Er war auf Bitten ſeiner Schweſter nach England zurückgekehrt, die den Entſchluß gefaßt hatte, zu unterſuchen, ob in der That keine Hoffnung vorhanden ſei, daß er endlich Karolinens Liebe erlangen könnte. Lady Gertrud's Brief an ihn malte abſichtlich die vielen liebenswürdigen Eigenſchaften Karolinens aus, und der Inhalt ihrer Worte hatte ihn zu dem Entſchluſſe ge⸗ führt, wenn er wirklich einen ſo günſtigen Eindruck auf ihr Herz machen könne, um ſie das Vergangene vergeſſen zu laſſen, auch ſeinerſeits den Stolz zu verbannen, und indem er ihr zum zweiten Male ſeine Hand anböte, ſein und wie er hoffte auch ihr Glück ſicher zu ſtellen. Ihr Benehmen, ſo vorſichtig es war, hatte unbewußt ſeine Hoffnungen be⸗ ſtärkt, und in den letzten Wochen hatte ſich ſeine Zurück⸗ haltung ſo gemindert, daß in Karolinens Seele die Hoff⸗ nung, faſt die Gewißheit erwachte, daß er ſie nicht mehr 3 6 6 1 1 3 1 6 6 ſ 15 4 — — ——— —— ———— 314 verachte, und er hatte viele wahrhaft glückliche Stunden verlebt. An dem Abend, auf den er anſpielte, war Karo⸗ line unter dem Schutze der Gräfin von Elmore, die auf Bitten der Herrin vom Hauſe von Mrs. Hamilton die Erlaubniß erhalten hatte, ſie einführen zu dürfen, in einer großen Geſellſchaft geweſen. Der junge Graf hatte ſich ihr den ganzen Abend gewidmet, da wurde ſein Vergnügen plötzlich durch ihre ſichtbare Verwirrung vergiftet, als un⸗ erwartet Lord Alphingham eintrat und ſie noch unerwar⸗ teter begrüßte. Karoline hatte ſo ſelten während der Sai⸗ ſon den Vicomte getroffen, daß ſie noch nicht im Stande war, ihre Aufregung zu unterdrücken, ſo oſt ſie ihn ſah. Es war ihr immer bange, wenn er ſie anredete; ſie fühlte, daß etwas in ſeiner einſchmeichelnden Stimme lauerte, was ſchließlich zu Unheil führen würde; überdies ließ ihr Ab⸗ ſcheu gegen ihn, ſo oft ihr Perey's Erzählung einfiel, was immer geſchah, ſo oft er ſich zeigte, ſie niemals ihre unge⸗ ſtörte Ruhe behaupten. Lord St. Eval hatte England mit dem Gedanken verlaſſen, daß Alphingham ſein begünſtigter Nebenbuhler ſei, und ſeine Einbildung ſchrieb ſogleich Ka⸗ rolinens Bewegung bei ſeinem Eintritt ihrer Vorliebe für den Vicomte zu. Seine Lebhaftigkeit erkaltete plötzlich, ſeine Beredſamkeit ſtockte. Karoline ſah in ihrem Geiſte ſeinen Argwohn; der Wunſch zu beweiſen, daß er ſich irre und ungerecht ſei, ſteigerte ihre Verwirrung, und an⸗ ſtatt ihn zu vermindern, beſtärkte ſie denſelben. St. Eval ſprach im Laufe des Abends wenig mehr mit ihr, aber er beobachtete ſie; er ſah, daß Lord Alphingham leiſe mit ihr ſprach. Sie ſchien immer verwirrter zu werden, und St. Eval konnte kaum an ſich halten, für immer ihren Anblick zu meiden, aber er gewann es über ſich zu bleiben, um nur noch größere Qualen zu erleiden. Der Vicomte glaubte, daß nun die Stunde ſeiner Rache gekommen, wo er ohne die mindeſte Anſtrengung nicht nur St. Eval's, ſondern auch Karolinens Frieden vernichten könne. Wenn St. Eval nur die wenigen Worte gehört hätte, die er zu ihr ſagte, ſo würde angenblicklich ſeine Eiferſucht 315 verſchwunden ſein, aber dazu ſtand er nicht nahe genug; er konnte nur die leidenſchaftliche und einſchmeichelnde Weiſe, die der Vicomte ſo gut anzunehmen wußte, und ihre Verwirrung ſehen, und in ihren Zügen ſprach ſich eine tiefe Trauer aus, die in der That durch Lord St. Eval's plötzliches Zurücktreten und ihren Schmerz über die Urſache deſſelben veranlaßt wurde. Seine lebhafte Phantaſie ſchrieb dies alles dem Einfluſſe von Lord Alphingham's zärtlichen Worten zu. Der Vicomte war ihm wohl bekannt, und gegen Ende des Abends näherte er ſich ihm und unterhielt ſich mit ihm, trotz der ſtolzen Zurückhaltung, welche der junge Graf beobachtete, und die ſo deutlich ausſprach, wie unwillkommen ihm ſeine Gegenwart ſei, daß ein Anderer, der weniger entſchloſſen geweſen wäre, ſeine Abſicht aufge⸗ geben haben würde; aber Lord Alphingham ſprach voll Bewunderung und Enthuſiasmus von Karolinen. Lord St. Eval hörte zu, als wenn er von der Qual, die er litt, bezaubert wäre. Sie waren ganz allein, und nach einigen ſolchen Bemerkungen ſagte der Vicomte, indem er ſeine Stimme zu einem vertraulichen Flüſtern dämpfte, trium⸗ phirend:„Werden Sie mich beneiden, St. Eval, wenn ich Ihnen geſtehe, daß ich ein größeres Recht wie irgend ein Anderer habe, Miß Hamilton zu preiſen, da ich ſchon einmal die Ehre gehabt, ihr begünſtigter Liebhaber zu ſein, und hätten nicht grauſame Eltern ſich eingemiſcht, ſo würde ich jetzt dieſes liebenswürdige Geſchöpf mein eigen nennen dürfen; aber ich verzweifle noch immer nicht, denn da mir die Liebe dieſes herrlichen Mädchens einmal angehört hat, ſo bin ich überzeugt, daß ſie dieſelbe nie einem Andern geben wird. Ich behandle Sie als Freund, St. Eval, Sie werden mich nicht verrathen.“ „Sie können ſich auf mich verlaſſen,“ erwiderte der junge Graf kalt,„Sie haben mir Ihr Vertrauen unaufge⸗ fordert geſchenkt, aber Sie brauchen nicht zu fürchten, ver⸗ rathen zu werden.“ „Ich danke Ihnen, mein lieber Freund,“ und der ſchlaue Schurke ſetzte ſeine trügliche Erzählung mit einer Bered⸗ 316 ſamkeit fort, die wir nicht wiederholen wollen. Es genügt zu wiſſen, daß ſie die Wirkung hatte, St. Eval aus dem Saale zu treiben, da ſeine Gefühle faſt bis zum Wahnſinn aufgeregt waren. Lord Alphingham ſah ihm nach, und ein Phyſiognom würde leicht ſeine inneren Gedanken geleſen haben.„Meine Rache iſt vollbracht.“ Alphingham hatte mehr als ein Mal den Namen der Herzogin von Rothbury genannt, aber in einer ſolchen Weiſe, daß, wiewohl er gut genug in ſeiner Erzählung klang, der junge Graf, als er ſich nachher daran erinnerte, nicht recht begreifen konnte, in welcher Stellung ſie zu ihm geſtanden habe. Lord Alphingham kannte den Charakter der Herzogin; er wünſchte, daß St. Eval ſie aufſuchen ſollte, denn er war überzeugt, daß ihre Worte ſeine Er⸗ zählung beſtätigen und die Schranke zwiſchen ihm und Ka⸗ rolinen noch unüberſteiglicher machen würde. Sein Plan gelang bewunderungswürdig; St. Eval galoppirte in der Frühe des nächſten Morgens nach Airsley. Die Herzogin begrüßte ihn mit der größten Herzlichkeit, denn er war ein Liebling von ihr, aber in dem Augenblicke, wo er von Ka⸗ rolinen ſprach, änderte ſich ihr Weſen. Sie wurde eben ſo zurückhaltend, wie ſie vorher warm geweſen war, und als der junge Graf ſie offen fragte, ob die Nichteinwilligung ihrer Eltern das einzige Hinderniß ihrer Verbindung mit dem Vicomte geweſen, verwies ſie ihn an Mr. und Mrs. Hamilton. Daß ſie etwas wußte, was zu Karolinens Nach⸗ theil war, ſchien auf der Hand zu liegen, und eben ſo, daß ſie nicht ihr Liebling war, wie ſie es voriges Jahr geweſen. St. Eval verließ ſie noch aufgeregter, als er gekommen, und bei der Rückkehr von ſeinem langen raſchen Ritte hatte er in der beſchriebenen Stimmung ſeine Schweſter auf⸗ geſucht. Gertrud hörte mit größter Aufmerkſamkeit zu, die Er⸗ zählung erſchreckte ſie, aber ſie hatte ſchon vor dem Anblick des Lord Alphingham Widerwillen, ſie hielt ihn für einen ſchlechten, ränkeſüchtigen Menſchen. Sie fühlte ſich über⸗ zeugt, daß Karoline ihren Bruder liebte, ſo ſehr der Schein —————— 317 gegen ſie ſprach, und dieſe Gefühle veranlaßten ſie die ganze Sache genau zu unterſuchen, und das Glück von zwei Perſonen nicht der müßigen Erfindung oder der Ueber⸗ treibung eines boshaften Mannes zum Opſer werden zu laſſen. Sie entwarf ſofort einen Plan, den ſie ruhig ihrem Bruder mittheilte, worauf ſie um ſeine Einwilligung bat, darnach handeln zu dürfen. St. Eval wies denſelben zu⸗ erſt entſchieden zurück, endlich aber fiegte die Beredſamkeit ſeiner Schweſter. Am frühen Morgen des folgenden Tages erhielt Karo⸗ line folgenden kurzen Brief:„Meine liebe Karoline! Wollen Sie mich heute Nachmittag auf eine halbe Stunde bei ſich ſehen? Ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu ſagen, und ich beſitze Eitelkeit genug, daß es Sie intereſſiren wird, da es mich betrifft. Wir werden in Ihrem Hauſe eher allein ſein als in denn unſeren, ſonſt würde ich Sie bitten zu mir zu kommen. Ihre Sie aufrichtig liebende Gertrud Lyle.“ Karoline befand ſich in der größten Verlegenheit, was dieſer Brief bedeuten ſollte, und erwiderte in ein paar Zei⸗ len, daß ſie zu der beſtimmten Zeit zu Lady Gertrud's Dien⸗ ſten ſtehe; und ſie war mit ihren eigenen traurigen Gedan⸗ ken ſo völlig beſchäftigt, daß ſie keiner Neugier auf dieſe wichtige Mittheilung ſich fähig fühlte. Die dritte Stunde erſchien, und damit zugleich Lady Gertrud, deren erſte Worte Karolinens ungewöhnlicher Bläſſe galten. „Achten Sie nicht auf mein Ausſehen, liebe Gertrud, ich befinde mich vollkommen wohl und brenne vor Neugier, Ihre wichtige Mittheilung zu empfangen,“ ſagte Karoline, deren thränenſchwere Augen ihre Verſicherung Lügen ſtraf⸗ ten, daß ſie ſich ganz wohl befinde. „Liebſte Karoline,“ ſagte Lady Gertrud in theilnehmen⸗ dem Tone,„ich nehme ſo großen Antheil an Ihrem Wohl⸗ befinden, daß ich es nicht ertragen kann, die Veränderung zu ſehen, die offenbar mit Ihnen vorgegangen iſt; es be⸗ unruhigt Sie irgend Etwas. Zeigen Sie mir, daß Sie 318 mich als Ihre Freundin betrachten, und ſagen Sie mir, was Sie haben.“ „O nein, o nein, ich kann, ich darf es nicht,“ erwiderte das arme Mädchen in einem ſo verzweifelten Tone, daß ſich Lady Gertrud tief ergriffen fühlte.„Gertrud, fragen Sie mich nicht, ich geſtehe, ich bin unglücklich, ſehr, ſehr unglücklich, aber ich verdiene es. O, ich wollte Welten darum geben, mich gegen Sie ausſprechen zu können, aber ich kann, ich will nicht; aber deshalb verſagen Sie mir nicht Ihr Vertrauen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie wieder zu lächeln verſuchte,„ich nehme den lebhafteſten Antheil an Ihrem Glücke, wiewohl ich Ihnen in meinem Schmerze mein Vertrauen verſage.“ „Ich weiß nicht ganz gewiß, ob ich Ihnen eine ſchmerz⸗ liche oder freudige Mittheilung zu machen habe,“ ſagte Lady Gertrud, denn ſie errieth, warum Karoline glaubte, ſich ihr nicht anvertrauen zu dürfen, und ſie begrüßte darin einen Beweis, daß ſie mit ihrer Vermuthung Recht hatte, daß die ehrenhafte Liebe ihres Bruders nicht wieder zurückgewieſen werden würde. „Eugen ſcheint Willens, England wieder zu verlaſſen, und ich fürchte, wenn er es thut, wird er nicht wieder nach Hauſe zurückkehren; ſein Entſchluß hängt von einem kleinen Umſtande ab, meine Ueberredungskünſte ſind völlig fehl⸗ geſchlagen.“ Die Wange ihrer Freundin wurde noch bläſſer als vor⸗ her, ein paar große Thränen ſtiegen in ihre Augen und fielen dann eine nach der anderen auf ihre gefalteten Hände. „Und wenn es Ihnen mißlungen, wem ſoll es glücken?“ fragte ſie mit großer Anſtrengung. „Der Auserwählten, deren Macht über das Herz St. Eval's noch größer iſt als die meine,“ erwiderte Lady Ger⸗ trud;„ach Karoline, wenn ein Mann lieben gelernt hat, iſt die Liebe einer Schweſter von geringem Gewicht.“ „Er liebt alſo,“ dachte Karoline, und ihr Herz wollte faſt ſpringen,„und er will zu ihr. Wird nicht das Weſen, 3¹9* das Lord St. Eval mit ſeiner Liebe beehrt hat, Ihre Be⸗ mühungen unterſtützen; wenn ſie ſich in England befindet, kann ſie wünſchen, daß er es verläßt?“ antwortete ſie ihrer Freundin. „Wenn ſie ihn liebt, ſo wird ſie es nicht wünſchen,“ ſagte Lady Gertrud,„aber St. Eval zaudert die Frage zu thun, die über ſein Schickſal entſcheidet; er iſt ein ſolcher Sonderling, daß er ſich lieber ſicherem Elend opfern als ſich der Qual ausſetzen würde, noch ein Mal abgewieſen zu werden.“ Einige Minuten lang antwortete Karoline nicht, dann ſammelte ſie mit großer Anſtrengung alle ihre Kräfte und rief faſt ſcherzend aus:„Nun warum macht er Sie nicht zu ſeiner Vermittlerin? Ihre Liebe zu ihm würde Ihnen eine Beredſamkeit geben, welche die ſeine kaum übertreffen könnte.“ Mehr als je von der Wahrheit ihrer Vermuthungen überzeugt, war es Lady Gertrud nicht möglich, dieſe Art der Entdeckung weiter fortzuſetzen; ſie ſah, daß Karoline nicht dachte, daß ſie die Auserwählte ſei, daß ſelbſt nicht die Worte„wieder abgewieſen“ ſie zu dem Bewußtſein ge⸗ bracht hatten, und ſie fühlte, daß es unfreundlich ſein würde, ſie noch länger zu quälen. „Ich wußte, daß es eine Lüge war,“ rief ſie aus, in⸗ dem die Erzählung des Vicomte ihr wieder einfiel, dann ergriff ſie Karolinens kalte und halbwiderſtrebende Hand und fügte in gefühlvollem Tone hinzu:„Karoline, liebſte Karoline, verzeihen Sie mir, daß ich mich in Ihr Geheim⸗ niß eingedrängt habe; fürchten Sie ſich nicht vor mir, lie⸗ bes Mädchen, ich habe alle Achtung vor dem Gefühle, wel⸗ ches Ihr Benehmen leitet. Sie haben St. Eval lieben gelernt, Sie haben die eigenſinnige und launenhafte Be⸗ handlung bereut, die er einſt bei Ihnen fand. Leugnen Sie es nicht, ja, ſchrecken Sie nicht vor mir zurück, und glauben Sie nicht, daß weil ich ſo ruhig ausſehe, ich kein Mitgefühl für Diejenigen haben könne, die mir theuer ſind, und daß ich keinen Antheil an Ihrer Liebe nehme. Ich 1 5 6 3 —ů—— will, ich kann die Vergangenheit nicht verdammen, ich habe es ein Mal gethan, das geſtehe ich, aber ſeitdem ich Sie kennen gelernt, habe ich dem Eigenſinne eines irregeleiteten Mädchens vergeben. Sie lieben ihn, geſtehen Sie, daß ich Recht habe, liebes Kind.“ Karoline verbarg ihr Geſicht in ihre Hand, und faſt qualvoll war der Ausdruck deſſelben, als ſie aufblickte. „Gertrud,“ ſagte ſie mit leiſer erſtickter Stimme,„iſt es freundlich von Ihnen, ſo zu ſprechen und mich zu veranlaſſen, meine Liebe zu einem Manne zu geſtehen, der nach Ihren eigenen Worten bald der Gatte einer Anderen ſein wird?“ „Ich ſprach von keiner Anderen, mein liebes Mädchen, vergeben Sie mir dieſe Liſt, um hinter Ihr wohlbewahrtes Geheimniß zu kommen. Das Glück meines Bruders iſt mir ſo theuer, daß ich es nicht einem Mädchen anvertrauen konnte, von deſſen Liebe ich nicht überzeugt war; ich weiß nicht, daß ich geſagt hätte, daß er bald der Gatte einer Anderen ſein würde, im Gegentheil wird er nie heirathen, wenn er wieder eine ablehnende Antwort erhielte. Eugen hat lange mit ſich gekämpft, ſeine Liebe zu beſiegen und ſich mit Ihrer Freundſchaft zu begnügen, indem er mit Ihnen verkehrte, wie mit Emmelinen, aber er kann nicht. Er liebt Sie immer noch, Karoline, ſo innig, ſo treu, vielleicht inniger, als da er Ihnen zuerſt ſeine Hand antrug; er wagt es nicht, dieſen Antrag zu erneuern, denn er weiß, daß eine zweite Zurück⸗ weiſung von Ihren Lippen ihn zu tief verwunden würde. Ihre Stimme kann ihn an England feſſeln und einen andern, glücklicheren Menſchen aus ihm machen; oder Sie werden einen Menſchenfeind, einen Unglücklichen von ſeinen Ufern verbannen. Die Entſcheidung liegt in Ihren Händen, liebſte Karoline. Muß ich die Beredſamkeit, welche, wie Sie ſagten, ſelbſt die ſeine überbieten würde, aufbieten oder wird die Sprache Ihres eigenen Herzens genügen?“ Sie hielt in offenbarer Bewegung inne, denn mit einem leiſen Schrei hatte ſich Karoline ihr um den Hals geworfen und begrub ihr Geſicht an ihrem Buſen. Sie zitterte vor Aufregung an allen Gliedern; das Entzücken dieſes einzigen 321 Augenblickes— ja aller Zweifel war zu Ende. Er liebte ſie und wollte ſie trotz ihrer Fehler auch ferner lieben; er hatte ſie zu ſeiner Gattin gewählt, wiewohl ſie ihn zurückge⸗ wieſen, beleidigt hatte; er gab ihr den Vorzug vor den vielen Anderen, die ſeiner würdiger waren, als ſie; aber ihr unge⸗ miſchtes Glück dauerte nur einige flüchtige Minuten, er wußte nicht, wie groß ihre Unklugheit war, wie tief Lord Alphingham ſie durch ſeine Künſte beſtrickt hatte. Wenn er Alles wußte, konnte er ſie lieben, konnte er in ihr die Ge⸗ fährtin ſeines Lebens achten? Und einen Augenblick wollte ſie es ihm verbergen und Alles thun, um es ihn nicht wiſſen zu laſſen; aber nein, ihr angeborener Adel und die Offenheit ihres Charakters ließen es nicht zu. Sie weinte, und Lady Gertrud erſchrak, denn dieſe bitteren Thränen waren kein Zeichen der Freude. „Verdammen Sie nicht meine Schwäche, theuerſte Gertrud,“ ſagte ſie endlich, nach Faſſung ringend.„Sie wiſſen nicht, warum ich weine, Sie können die Urſache von Thränen in einem ſolchen Augenblicke nicht errathen. Ja, Sie haben Recht, ich liebe Ihren Bruder eben ſo ſehr als er mich liebt, aber ich dachte, es würde nie über meine Lippen kommen; denn eigenſinnig, blind, hatte ich die Liebe ſeines guten und edlen Herzens zurückgewieſen; ich hatte ihm abſichtlich Schmerz verurſacht, ihn aus ſeinem Vaterlande und von ſeinen Freun⸗ den vertrieben, und meine Strafe war gerecht. Ich dachte, er würde eine ſo Unwürdige vergeſſen, und der Gedanke war mir eine Qual; aber ach, Gertrud, ich werde ſeine Liebe nie wieder gewinnen; wenn er Alles erfährt, wird er aufhören, mir zu vertrauen; ich habe ſeine Achtung für immer verloren! Gertrud, haben Sie Geduld mit mir; Sie können ſich die Verzweiflung nicht denken, die ich empfinde, daß er noch nicht meine ganze Thorheit kennt. Das Mädchen, das eigenfinnig ſeine Pflicht und ſeinen Gehorſam gegen eine Mutter von ſich werfen, das verbotenen Gelübden lauſchen, das ihre Ehre in die Gewalt eines Mannes geben konnte, vor dem ſie ge⸗ warnt worden war— o Gertrud, Gertrud, wenn St. Eval das erfährt, wird er mich von ſeinem Herzen ſtoßen, und doch Der Lohn einer Mutter. 21 322 will ich ihn nicht täuſchen, er ſoll Alles wiſſen und handeln können, wie er will— ſein Antrag ſoll keine Feſſel für ihn ſein.“ Die Röthe feſter, doch ſchmerzlicher Entſchloſſenheit färbte ihre Wange, als ſie ſo ſprach und ihre Thränen unterdrückte. So beunruhigt Lady Gertrud durch das Unzuſammen⸗ hängende ihrer Worte war, die dennoch Zuſammenhang erhielten, wenn man ſie mit Lord Alphingham's Winken in Verbindung ſetzte, die ihr immer noch durch den Sinn gingen, ſo war ihr doch zu Muthe, als wenn der ehrenhafte Entſchluß Karolinens eine neue Saite der Sympathie in ihrem Herzen angeſchlagen hätte. Wie redlich ſie war, ſo war die Wahr⸗ heit bei Anderen für ſie die anziehendſte Eigenſchaft. „St. Eval's Zweifel und Befürchtungen ſind bereits ſchmerzlich geweckt worden,“ ſagte ſie ſanft;„eine offene Er⸗ klärung von Ihrer Seite wird ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach glücklich machen, anſtatt die Wirkung hervorzubringen, die Sie ſo ſehr fürchten; bangen Sie nicht, dieſelbe zu geben. In dem Verhältniß, in dem Sie gegenwärtig zu ein⸗ ander ſtehen, wird das Geſtändniß begangener Irrthümer ſeine Liebe eher ſteigern als vermindern, indem es ein Zeichen Ihrer Redlichkeit ſein wird; laſſen Sie aber Jahre darüber hingehen, und wenn er dann erführe, was Sie ihm jetzt mit⸗ theilen wollen, ſo würden Sie allerdings mit einigem Rechte fürchten, ſeine Achtung zu verlieren. Das wird nun nicht der Fall ſein, aber erzählen Sie ihm ſelbſt die Wahrheit oder Falſchheit der ſkandalöſen Geſchichte, die er vor einem oder zwei Abenden gehört hat.“ „Was hat er gehört? Wenn Sie es wiſſen, ſo haben Sie Mitleid und verbergen Sie es mir nicht, liebſte Gertrud,“ bat Karoline, und Lady Gertrud erzählte ohne Zaudern oder Auslaſſung die ganze Geſchichte, die ihr Bruder ihr mitgetheilt hatte, und berichtete, wie ſehr er litt, da er dachte, daß Karolinens Benehmen die Worte, die er gehört, beſtätigte. „Dann iſt es in der That Zeit, daß ich ſpreche, wiewohl die Erzählung mich mit Scham erfüllt,“ rief ſie aus, als 1 — 323 Lady Gertrud inne hielt, und ihre Enttüſtung gab ihr ihre alte Kraft zurück.„Niemals empörte mich eine Huldigung ſo wie die des Lord Alphingham an jenem Abend. Er wußte, daß er kein Recht hatte, mich anzureden, und deshalb unterließ er es, ſo oft Mama zugegen war. Gertrud, ich ſchwöre hoch und theuer, daß er kein Recht auf meine Liebe hat, er darf nicht wagen, es zu behaupten, und er wird nie wieder ſich erkühnen, um meine Hand anzuhalten; ſie iſt ihm unwiderruflich verweigert worden. Nicht nur mein eigener Wille würde mich abhalten, jemals die Seine zu werden, ſondern ich habe auch—“ ſie hielt einen Augenblick inne, denn Percy's unglückſeliges Geheimniß wollte ihren Lippen entſchlüpfen, aber ſie hielt an ſich und fügte hinzu:„ich darf nicht ſagen warum, aber eine unüberſteigliche Schranke ſteht zwiſchen uns. Hören Sie mich an, Gertrud, Sie werden mich vielleicht verdammen, aber ich bitte, ich flehe Sie, zu glauben, daß ich die Wahrheit ſpreche.“ Dann erzählte Karoline ohne Zaudern umſtändlich alle Ereigniſſe ihres Lebens, die unſere Leſer bereits kennen, ſie ließ nichts uner⸗ wähnt und ſuchte ſich nicht im Mindeſten zu entſchuldigen, und als Lady Gertrud die ungeſchminkte Erzählung jugend⸗ licher Verirrungen hörte, ſchlug ihr Herz wärmer für ihre Freundin, und ihr Auge netzten Thränen der Theilnahme, als ſie ſah, wie ſehr ſich Karoline ſelbſt quälte. Lady Gertrud hatte Mitgefühl für Andere; zwei Mal war bereits ihr Wagen gemeldet worden, aber ſie überhörte die Meldung, und gerade als Karoline aufgehört hatte zu ſprechen, kam der Diener zum dritten Male, und ſchweigend ſtand ſie auf, um ſich zu entfernen. Sie begegnete dem bittenden Blicke ihrer jungen Freundin, und indem ſie ſie an ihr Herz ſchloß, ſagte ſie, mit leiſer, ſanfter Stimme:„Fragen Sie mich nicht, mein liebſtes Mädchen, St. Eval ſoll kommen und für ſich ſelbſt ſprechen“ Sie küßte Karolinen zärtlich und war fort. Karoline ſetzte ſich auf eine Ottomane, und indem ſie die Augen ſchloß, hing ſie ihren Gedanken nach. Sollte ſie wirklich noch glücklich werden? Hatten die Verirrungen . 324 ihrer früheren Jahre Verzeihung gefunden, daß ſie hoffen durfte, mit dem Gatten ihrer Wahl beglückt zu werden? Hatte St. Eval ſeinen Stolz ſoweit beſiegt, um wieder um ihre Liebe zu werben— würde jetzt der Segen ihrer Eltern ihr Bündniß gut heißen? Es konnte nicht ſein, es war zu viel Glück— eine Sekigkeit, deren ſie unwürdig war. Die Zeit ging über dieſe Betrachtungen unbemerkt hin, ſie wußte nicht, daß faſt eine halbe Stunde verfloſſen war, ſeitdem Lady Gertrud ſie verlaſſen; kaum ſchienen es fünf Minuten, und doch mußte es längere Zeit geweſen ſein, denn St. Eval's Stimme weckte ſie aus ihren Gedanken und nannte ſie ſeine liebe Braut. St. Eval ſelbſt, der ſie unge⸗ ſtüm an ſein klopfendes Herz ſchloß, drückte einen langen langen Kuß auf ihre Wange. Er hatte auf die Rückkehr ſeiner Schweſter nach dem Wagen gewartet, ſetzte ſich in einem Zuſtand der Ungeduld, um den er nicht zu beneiden war, zu ihr und hörte in ſehr kurzer Zeit alle Einzelnheiten ihrer Zuſammenkunft mit Karolinen. Seine Zweifel waren beruhigt, nicht die mindeſte Beſorgniß blieb zurück. „Gertrud erzählte mir, Sie hätten nicht das magiſche Wort ausgeſprochen, welches mein Glück beſiegeln wird, wie⸗ wohl ſie Ihnen das koſtbarſte Geheimniß Ihrer Liebe abge⸗ rungen hat,“ ſagte der junge Lord, nachdem ſie viele zärt⸗ liche Worte miteinander gewechſelt und über dieſem zwang⸗ loſen Vertrauen faſt eine Stunde verfloſſen war,„und auch ich habe es noch nicht von Ihren Lippen gehört. Sie haben mir geſagt, daß Sie mich lieben, Karoline, wollen Sie mir nicht verſprechen, daß nur noch kurze Zeit vergehen ſoll, ehe Sie die Meine werden? Daß Sie mich nicht zu einer langen Prüfungszeit verurtheilen wollen, ehe Sie dieſen glücklichen Tag feſtſetzen?“ „Es ſteht nicht in meiner Macht, Ihnen zu antworten, St. Eval,“ ſagte ſie in einem ſcherzhaften Tone, aber ihre Worte erſchreckten ihn.„Ich kann Ihnen ſelbſt nicht ver⸗ ſprechen, die Ihre zu werden, mein Schickſal liegt nicht in meinen Händen.“ 4 325 „Karoline,“ rief der junge Mann beunruhigt aus,„was wollen Sie damit ſagen?“ „Einfach, daß ich hoch und theuer gelobt habe, niemals ohne die Einwilligung und den Segen meiner Eltern zu hei⸗ rathen. Ich habe Ihnen alles gegeben, was ich kann, an ſie verweiſe ich Sie wegen des Anderen.“ „Dann bin ich zufrieden,“ erwiderte St. Eval, und die Röthe freudiger Aufregung überzog ſeine Wange und ließ ſein ausdrucksvolles Geſicht noch hübſcher erſcheinen. Mrs. Hamilton war mit Emmeline und Ellen ſpäter als gewöhnlich von ihrer Spazierfahrt zurückgekehrt, denn ſie waren bei einer Freundin einige Meilen von der Stadt geweſen, und da es bereits ziemlich Mittag war, ſo hatten ſie ſich zur Toilette begeben, anſtatt wie gewöhnlich in das Geſellſchaftszimmer zu kommen. Als Mrs. Hamilton nach Karolinen fragte, ob ſie mit Lady Gertrud ausgefahren oder noch zu Hauſe ſei, hörte ſie zu ihrem großen Erſtaunen, daß ihre Tochter gar nicht ausgeweſen, ſondern daß Lord St. Eval ſeit länger als einer Stunde bei ihr ſei. Das Herz klopfte Mrs. Hamilton vor Freude, ſie wußte kaum warum, denn es war nichts Ungewöhnliches, daß Lord St. Eval eine Stunde in ihrem Hauſe zubrachte; aber ſelt— ſam war es, daß er allein die Geſellſchaft Karolinens auf⸗ geſucht hatte. Sie fragte, ob einer ihrer Söhne bei ihm geweſen, und die Antwort lautete verneinend. Martyn beendete ſtumm ihre Arbeit, denn ſie ſah ihre Herrin in tiefe Gedanken verſunken und wollte ſie nicht ſtören; es waren ernſte Gedanken, und ein ſtummes Gebet ſchien ſich darein zu miſchen. Es war immer noch Mrs. Hamilton's höchſter Wunſch, eines Tages ihre Karoline als die glückliche Gattin Lord St. Eval's zu ſehen; als ſie aber in das Geſellſchaftszimmer trat, bedurfte es keiner Worte, um ihr den Vorgang zu erklären, dem ihr Auge begegnete. Mr. Hamilton hatte ſeine Tochter an ſich gezogen, und drückte die Hand des jungen Grafen mit väterlicher Wonne. „St. Eval, Sie ſind zu lange der Sohn meiner Liebe geweſen, als daß Sie einen Augenblick an meiner Einwilli⸗ 326 gung zweifeln könnten,“ hörte Mrs. Hamilton ihren Gatten ſagen, als ſie eintrat;„ich gebe ſie Ihnen gern und mit Freuden. Sprachen Sie nicht von Vermögen, ich würde Ihnen mein Kind geben und wenn Sie nur ſich ſelbſt zu bieten hätten. Aber ich bin in dieſer Angelegenheit nur eine Nebenperſon,“ fügte er ſcherzend hinzu,„dort iſt die Zauberin, welche das Schickſal meiner Karoline mit feſterer Hand hält, als ich es gethan habe. Gehen Sie, St. Eval, und führen Sie Ihre Sache bei ihr.“ „Meine liebe Karoline, beruht Dein Glück auf meiner Einwilligung oder haſt Du es blos um meinetwillen ge⸗ than?“ flüſterte Mrs. Hamilton, als ihr Kind ſich ſchwei⸗ gend ihr um den Hals warf und Lord St. Eval ihre Hand ergriff und ſie an ſeine Lippen drückte, als wenn ein beredtes Schweigen auch ſeine Geſchichte beſſer als Worte erzählen ſollte. Mrs. Hamilton ſprach ſo leiſe, daß ſie nur von Karolinen gehört werden konnte:„Sprich mein liebes Kind, ſage mir, daß St. Eval der Gatte Deiner freien, ungezwun⸗ genen Wahl ſein wird, und ich gebe Dir meinen zärtlichſten Segen.“ Karolinens Antwort hörte Niemand als das Ohr mütterlicher Liebe. „Nehmen Sie ſie, St. Eval; meine Einwilligung, mei⸗ nen heißeſten Wunſch, ſie mit Ihnen vereint zu ſehen, haben Sie ſchon lange gehabt; möge Gott im Himmel Euch ſegnen, meine Kinder, und Euch miteinander glücklich machen.“ Nach dieſen feierlichen Worten, die ſie mit einem Ernſte ſprach, der alle Herzen ergriff, folgte ein augenblickliches Stillſchweigen, das Mrs. Hamilton zuerſt unterbrach.„Will meine Karoline in dieſer Toilette bei Tiſche erſcheinen?“ fragte ſie ſcherzhaft, indem ſie auf den Morgenanzug ihrer Tochter anſpielte. Erſchrocken und erröthend ſah Karoline nun zum erſten Male, daß ihre Mutter bereits Toilette ge⸗ macht hatte, und ihr Vater, der allen Ernſt verbannen wollte, hielt ſeine Uhr hin, die einige Minuten über die ge⸗ wöhnliche Tiſchzeit zeigte. Karoline war froh, auf einige Minuten in die Einſamkeit ihres Zimmers flüchten zu kön⸗ nen, entzog St. Eval, der ſie zurückhalten wollte, raſch ihre 327 Hand, lächelte ihm zum Abſchied freundlich zu, eilte an Em⸗ meline und Ellen vorüber, die in dieſem Augenblicke ein⸗ traten und allerdings kein Wort ſprachen, aber offenbar die größte Verwirrung zeigten, bis Mrs. Hamilton ihnen zum großen Vergnügen Aller die nöthige Aufklärung gab. Karoline kehrte bald zurück, ihre Augen ſtrahlten von einem Glanze, den ihre Eltern ſeit vielen Tagen nicht geſe⸗ hen hatten, ſie fühlten, ſie ſei nun in der That würdig, St. Eval's Gattin zu werden, und ihre Gedanken erhoben ſich in ſchweigendem Einklang zum Himmel, um Gott für den Segen zu danken, den er ihnen gegeben. Und kaum konnte Mr. Hamilton die Bewegung unterdrücken, die ſeine Bruſt ſchwellte, wenn er dachte, daß ohne die unermüdliche Sorge, ohne das glänzende Beiſpiel der Mutter ſein Kind, anſtatt eine glückliche Braut zu ſein, etwas hätte werden können, das— er entſetzte ſich vor dem Gedanken und konnte den inneren Worten keinen Ausdruck geben, ſie blie⸗ ben in den ſtummen Tiefen ſeiner Bruſt verborgen. Und lebte nicht derſelbe Gedanke in der Seele ſeiner Gattin auf, wenn ſie die Gegenwart mit der Vergangenheit zuſammen⸗ ſtellte? Allerdings; aber ſie betrachtete ſich nicht ſelbſt als die Urſache der Rettung ihres Kindes vor Gefahr und Sünde; ſie wußte, daß ihre Anſtrengungen umſonſt ge⸗ weſen ſein würden ohne den Segen Deſſen, bei dem ſie immer Hülfe geſucht hatte, und wenn wirklich der Gedanke an ſie Karolinen am Rande des Abgrundes zurückgehalten hatte, ſo war es ſein Werk, und ihm allein gab ſie die Ehre. Sie ſah in das glühende Antlitz ihrer Tochter, ſie bemerkte die beſcheidene Anmuth ihres Weſens, die zurückhaltende Würde, womit ſie die Ergüſſe ihrer Liebe zügelte und die Huldigungen ihres treuen Liebhabers entgegennahm, und ſie war überzeugt, daß Karoline dieſe wenigen Minuten der Einſamkeit unter Dank und Gebet zu dem zugebracht hatte, der ihre Vergangenheit verziehen, und ihr ſo unerwartete Freude geſchenkt hatte. Und ihre Vermuthung war richtig, denn Karolinens Gemüth war nicht völlig ein⸗ genommen geweſen von den glänzenden, glühenden Bildern, —— 328 welche uns die Hoffnung in einem ſolchen Augenblicke vor— zumalen pflegt. Ihre Gedanken hatten im letzten Jahre im Geheimen unter der ſtrengſten Selbſtbeherrſchung ge⸗ ſtanden, und es war ihr ſomit geſtattet, dieſelben von dem irdiſchen Glücke zu noch erhabenerer Seligkeit zu erheben. O, wer kann ſagen, daß die Religion eine ſchwere Feſſel iſt, die uns zu beſtändiger Traurigkeit verurtheilt; daß ſie, in⸗ dem ſie die irdiſchen Vergnügungen beſchränkt, nicht etwas Beſſeres dafür zurückgiebt. Wahre Frömmigkeit, die das Herz durch ihren milden, erfriſchenden Einfluß öffnet, läßt uns jedes irdiſche Glück mit um ſo größerer Wonne genie⸗ ßen, wie ſie ein Herz, in dem keine Liebe zu Gott wohnt, vergeblich ſucht. Die Frömmigkeit kräftigt, reinigt die Liebe. Die Frömmigkeit, die uns in unſerem Glücke eine Gabe des Himmels erblicken läßt, iſt zugleich die Verkünde⸗ rin eines Zuſtandes ewiger Seligkeit. Die Frömmigkeit, die unſere dankbare Seele zu Gott erhebt, erhöht unſere Freuden und macht ſie rein und dauernd, während ſie ſonſt ein flüchtiger Rauſch ſein würden. Die Frömmigkeit er⸗ leuchtet mit ihrer mild brennenden Fackel das Leben, nach— dem der Glanz irdiſcher Freuden ſchon lange, lange vorüber iſt. Dies ſelige Gefühl, das von der zärtlichen Hand der Mutterliebe in der früheſten Kindheit erweckt worden war, charakteriſirte nun jede Bewegung in Karolinens wogender Bruſt, und ließ ſie empfinden, daß dies wirkliche Seligkeit ſei. Mit ſchamhafter Beſcheidenheit empfing ſie die warmen Glückwünſche ihrer Familie, die ſtürmiſche Umarmung, mit der Perey in der Freude ſeines Herzens ſie umfing. „Nun darf ich hoffen, daß die Vergangenheit mir nie wieder in den Sinn kommen und mich quälen wird,“ flü⸗ ſterte er ſeiner Schweſter zu und drückte St. Eval die Hand mit einer Heftigkeit, die den jungen Mann lachend um Gnade zu bitten veranlaßte. Seit ſeiner Rückkehr von Orford war das offene Geſicht und das gewöhnlich ſo zwang⸗ loſe Benehmen Perey's von einem düſteren Schatten umhüllt geweſen, den ſeine Eltern und Schweſtern ſich nicht erklären konnten; da ſie aber alle Bemerkungen darüber zu fürchten 329 ſchienen, ſo fragten ſie nicht nach der Urſache deſſelben; doch dies unerwartete Glück ſchien ihn auf einige Tage zum hei⸗ terſten, fröhlichſten Gliede der liebenswürdigen Familie zu machen. In dieſen Tagen des Glückes dachte Karoline oft an die Eigenſchaften, welche, wie Lady Gertrud einſt ſagte, die Gattin ihres Bruders ſchmücken ſollten. Fehler könne er vergeben, wenn ſie durch Liebe und unbedingte Offenheit ge⸗ ſühnt würden. Liebe beſaß ſie, aber ſie wußte auch, daß ſie, um ſo rückhaltslos zu ſein, wie es das Glück ihres Gatten verlangte, jenen Stolz wirkſam bekämpfen müſſe, jenen Stolz, der immer noch in ihrer Bruſt weilte. Oft ſprach ſie darüber, wenn ſie allein mit ihrer Mutter war, und bat ſie um Rath, auf welche Weiſe ſie ſich am beſten nicht nur die Liebe, ſondern auch die Achtung St. Eval's erhalten würde. „Gertrud hatte ganz recht, als ſie den Charakter ihres Bruders ſchilderte,„pflegte Mrs. Hamilton dann zu ſagen, und ihr zärtliches Herz fühlte ſich durch das Vertrauen ihres Kindes reichlich für die Sorge und Täuſchung der Ver⸗ gangenheit belohnt,“ und auch Du haſt Recht, meine Liebe, wenn Du denkſt, daß nicht das mindeſte Zeichen von Stolz Deinen Verkehr mit ihm beflecken darf. Vielleicht iſt er mehr zurückhaltend als ſtolz, ja in ſeinem Falle kann ich es nicht Stolz nennen, ſondern es iſt jene Art Zurückhal⸗ tung, die ſich ſchmerzlich berührt fühlen würde, wenn ſie einem gewiſſen Stolze begegnete. Hätteſt Du Dich in der Weiſe fortgebildet, wie Du als Kind wareſt, ſo würde Deine Verbindung mit St. Eval, ſo ſehr ihr einander zu lieben denkt, für euch Beide nicht ſo Glück bringend geweſen ſein. Zeige ihm, daß Dein Gehorſam nicht blos ein Zugeſtändniß iſt, dem jede Deiner Handlungen widerſpricht; aus dem Geiſte der Unabhängigkeit entſpringen ſo viele Uebel, daß ich überzeugt bin, Du wirſt denſelben meiden. Es iſt, wie ich mit Bedauern ſagen muß, ein herrſchender Irrthum in den Kreiſen, denen Du in Folge Deines Ranges angehören wirſt, ein Irrthum, der alles eheliche Glück gefährden muß. 330 Wenn ein Mädchen heirathet, ſo muß ſie die Welt vergeſſen, alle ihre Bemühungen zu gefallen müſſen noch mehr als vor der Ehe ihrem Gatten gelten, ſie darf kein Talent vernach⸗ läſſigen, ſondern muß daſſelbe gebrauchen, wie es die Liebe fordert, um ihren Werth in den Augen Deſſen zu erhöhen, deſſen Glück ihr vorzüglichſtes Streben ſein muß. Du wirſt eine hohe Stellung in der Meinung der Welt einnehmen, mein liebes Kind, eine Stellung voll Verſuchung, Schmei⸗ chelei und Gefahr, wie Du ſie noch nicht gehabt haſt; aber ich zittere jetzt nicht, wie ich es ahnend that, als die Welt ſich zum erſten Male Deinem Blicke öffnete. Du haſt Dei⸗ ner eigenen Kraft mißtrauen gelernt, und weißt, wo Du ſie allein finden kannſt. Prüfe jede Deiner Handlungen nach dem Worte Gottes, und mit dieſen Gefühlen wirſt Du ſicher gehen, und wirſt keine Pflicht gegen Deinen Gatten und Dich ſelbſt verletzen.“ „Auch gegen Dich nicht, meine geliebte Mutter!“ rief Karoline aus, indem ſie ſie zärtlich küßte.„Dir nächſt Gott, verdanke ich dieſes Glück; und wenn es mein Loos iſt, Mutter zu werden, möge ich dann wenigſtens, ſo viel es in meinen Kräften ſteht, meinen Kindern ſein, was Du mir geweſen biſt. O, wenn ich nur Dir ähnlich wäre, wie es mein volles Herz wünſcht, ſo würde St. Eval glücklich ſein. Auf dringendes Bitten St. Eval's und Karolinens willigten beide Familien ein, daß die Trauung in derſelben ehrwürdigen Kirche ſtattfinden ſollte, wo Karolinens erſte kindliche Gebete aus einem Gotteshauſe zum Himmel ge⸗ ſtiegen waren, und der fromme ehrwürdige Rektor von Oak⸗ wood ſollte dieſelbe verrichten, der Geiſtliche, den ſie von frühſter Kindheit an, als den demüthigen Vertreter Deſſen achten und lieben gelernt hatte, deſſen Wahrheiten er ſo ſchön verkündete. Karoline hatte eingewilligt, daß die zweite Woche des Septembers zu ihrer Hochzeit beſtimmt wurde. Die wenigen auserwählten Freunde beider Fami⸗ lien, die eingeladen werden ſollten, ſollten ſich in den gaſt— lichen Hallen von Oakwood verſammeln, und alle Glieder der Familie Hamilton ſprachen den innigen Wunſch aus, 331 daß Edward Fortescue, der nach langer Abweſenheit bald zu Hauſe erwartet wurde, zu rechter Zeit ankommen möchte, um an der Hochzeit ſeiner Couſine Theil zu nehmen. Wir wollen nicht zu ſchildern ſuchen, wie das junge Herz ſeiner verwaiſten Schweſter vor Vergnügen hüpfte bei dem Ge⸗ danken, ihn wieder zu ſehen, aber mit faſt gleicher Wärme theilte denſelben Mrs. Hamilton, deren Wunſch ſo lebhaft war, daß ihr tapferer Neffe, der Retter ihres Gatten, an dem freudigen Ereigniß theilnehmen möchte, daß ſie lachend zu Ellen ſagte, ſie würde die Trauung verſchieben bis Edward käme, wie großem Widerſtande ſie auch begegnen möchte. Die Verlobung des Grafen St. Eval, des Erben des Marquiſats Malvern, das ſo große Beſitzungen umfaßte, mit der Tochter eines Nichtadeligen war ein Gegenſtand der Verwunderung, des Hohnes, der Bewunderung und des Beifalles für die vornehme Welt; aber dieſe Anſichten fanden wenig Beachtung, außer bei Percy, als Gegenſtand beſtän⸗ digen Spottes, dem es Vergnügen machte, alle die Gerüchte zu ſammeln und ſie zu Hauſe wieder zu erzählen und vor einer Heirath zu warnen, die ſo allgemeine Aufregung ver⸗ urſachte. Es war anzunehmen, daß auch die Familie Mont⸗ roſe Graham auf verſchiedene Weiſe dieſe Aufregung thei⸗ len würde; aber Annie war ſo beſchäftigt mjt ihren eigenen Plänen, ihr Geiſt war von einem einzigen Gegenſtande ſo erfüllt, daß ſie und Lord Alphingham nur wenig Zeit hat⸗ ten, an etwas Anderes als ſich ſelbſt zu denken. Allerdings ärgerten ſie ſich, denn alle ihre Pläne waren fehlgeſchlagen; St. Eval und Karoline waren glücklich, trotz aller Anſtren⸗ gungen, die ſie gemacht hatten, um das Gegentheil herbei zu führen. Lady Helen freute ſich wirklich ſo ſehr über die Ausſichten Karolinens, die immer ein Liebling von ihr ge⸗ weſen war, daß ſie ſich die Anſtrengung zumuthete, einen perſönlichen Beſuch zu machen und ihre beſten Wünſche darzubringen, und daß ſie verſprach, den ganzen Winter in Moorlands zuzubringen, um bei der Hochzeit ſein zu können. Lilla freute ſich über die Maaßen, denn Mrs. Hamilton hatte ihr verſprochen, daß ſie unter den Gäſten von Hakwood ſein 332 ſollte. Mr. Graham, der in Folge ſeiner Freundſchaft gegen Mrs. Hamilton den größten Antheil an dem Ereig⸗ niſſe nahm, befand ſich in Paris, als die Verlobung bekannt gemacht wurde, aber ſeine warmen Briefe an ſeinen Freund ſprachen ſeine Abſicht aus, ſehr bald nach England zurück⸗ zukehren, bis dahin bitte er das junge Paar, ſeine aufrichtig⸗ ſten und beſten Wünſche für ihr Glück entgegenzunehmen; aber es zog ſich durch ſeine Briefe eine Schwermuth, die ihnen ſchmerzlich war, denn ſie kannten die Urſache derſelben nur zu gut. Auch die Briefe Mary Greville's machten der Braut Vergnügen. Herbert hatte ſie von den früheren und den gegenwärtigen Ereigniſſen, von St. Eval's Liebe zu Karo⸗ linen, die, wie er ſcherzend hoffte, das Geheimniß löſen würde, daß er ihre Wünſche nicht erfüllen und ſich in Miß Manvers verlieben könne, benachrichtigt und Mary ſchrieb in gleich ſcherzhaftem Tone, daß ſie ganz zufrieden mit ſei⸗ ner Wahl ſei, und daß ſie ſich freue, daß ſein Aufenthalt am Gardaſee ſie in den Stand geſetzt, mit Manne bekannt zu werden, der mit ihrem Herbert in ſo naher Beziehung ſtehe. Etwa acht oder vierzehn Tage vor Mrs. Hamilton's beabſichtigter Rückkehr nach Oakwood erhielt Perecy eines Morgens einen Brief, der ihm große Unruhe zu verurſachen ſchien; da er aber offenbar nicht wünſchte, daß man es be⸗ merkte, ſo wurde keine weitere Notiz davon genommen, außer von Herbert, dem er allein den Brief gezeigt hatte und der eben ſo großen Antheil zu nehmen ſchien, wiewohl er durch ſeinen Inhalt nicht ſo ſehr beunruhigt wurde. Auf die beſorgten Fragen ſeiner Eltern, ob eine perſönliche Angelegenheit Perey in ſolche Unruhe verſetzt, antwortete Herbert ſogleich verneinend; der Brief benachrichtigte ſie von dem Tode einer unglücklichen Perſon, an deren Schick⸗ ſal er und Percy innigen Antheil genommen. In dem Ver⸗ trauen auf die wohlbekannte Offenheit ihrer Söhne fragten Mr. und Mrs. Hamilton nicht weiter und ließen die Sache fallen; aber Percy konnte ſich aus ſeiner Schwermuth 333 nicht herausreißen, bis er von einer Nachricht erſchreckt wurde, die er aus Achtung gegen den Freund ſeines Vaters, Graham, nicht ruhig mit anhören konnte. Zwei Tage nach dem Empfange des Briefes, als die Familie mit Einſchluß St. Eval's nach dem Frühſtück bei⸗ ſammen ſaß, trat Lord Henry von Este mit einem Geſicht ein, das etwas Außerordentliches verkündete. „Haben Sie die Neuigkeit gehört?“ lautete ſeine erſte Frage. „Wenn wir ſie gehört hätten, würde es keine Neuigkeit mehr ſein,“ erwiderte Emmeline ſchelmiſch,„aber wir haben nichts gehört. Papa hat mehr zu thun, als mir Neuigkeiten zu überbringen, ebenſo Lord St. Eval. Perey iſt ſchwer⸗ müthig geworden, und von Herbert wird man vergebens er⸗ warten, daß er Gerüchte weiter erzählt, daher haben Sie Mitleid und befriedigen Sie meine Neugier.“ „Vielleicht werden Sie ſagen, daß ich Sie unnöthiger Weiſe neugierig gemacht,“ erwiderte er,„eine Entführung iſt etwas zu Gewöhnliches, um noch großes Erſtaunen zu erregen.“ „Es hängt von den Betheiligten ab,“ bemerkte Mr. Hamilton. „Ich fürchte, an einer der Betheiligten werden Sie um ihres Vaters willen ſchmerzlichen Antheil nehmen— Lord Alphingham und Miß Graham.“ „Annie!“ rief Karoline in einem Tone aus, der Alle überraſchte und der Lord St. Eval's Ohr ziemlich ſchmerzlich traf, und indem ſie von dem Stuhle aufſprang, den ſie neben ihm einnahm, eilte ſie auf Lord Henry zu und fuhr außer ſich fort:„Wann? wann? Lord Henry, haben Sie Mitleid und ſagen Sie es mir. Weiß man nicht die Zeit der Flucht, können ſie nicht eingeholt werden? Wann reiſten ſie ab, Lord Henry?“ Verwirrt von der Aufregung ihres Weſens und einer halblauten Verwünſchung Perey's, blieb er einen Augenblick ſtumm, aber auf wiederholtes Bitten Mr. und Mrs. Hamil⸗ ton's ſagte er, daß die Umſtände noch nicht alle bekannt wä⸗ 334 5 ren, außer daß ſie ſich bei ihrer Freundin, der Dame auf⸗ gehalten, in deren Familie Miß Maliſon ein Unterkommen gefunden; daß aus ihrem Hauſe die Entführung ſtattgefun⸗ den, wann, das wiſſe er nicht genau, da ſich das Gerücht erſt an dieſem Morgen verbreitet habe. Lady Helen wiſſe nicht daß Mindeſte von dem Vorfalle, auch würde ſie es aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht eher erfahren, als bis es An⸗ nie's Brief ihr mittheilen werde, da ſie taub gegen alle Winke geweſen wäre, die ihre Freunde ihr gegeben. Er fürchte fehr, daß es vergebens ſein würde, ſie verfolgen zu wollen; einer ſeiner Freunde habe ſie vor drei Tagen auf der Straße zwiſchen York und Berwick geſehen und erkannt. Er habe zuerſt den Brief ſeines Freundes als einen Scherz betrachtet, da er aber erfahren, daß er daſſelbe noch an viele Andere geſchrieben, und daß das Gerücht Boden gewönne, ſo nähm er Antheil genug an Mr. Graham, um die Wahr⸗ heit zu entdecken, damit er benachrichtigt würde und ſeine Maßregeln treffen könne, und da Graham abweſend ſei, ſo habe er es für das Beſte gehalten, was er thun könne, die ganze Geſchichte Mr. Hamilton zu erzählen. „Und iſt keine Hoffnung? Können ſie nicht eingeholt werden?“ fragte Karoline wieder in ſo aufgeregter Weiſe, daß es ihre Eltern ſich kaum erklären konnten. Lord Henry glaubte nicht, daß auch nur die getingſte Möglichkeit ſei, und außer Stande, ihre Bewegung zu unter⸗ drücken, denn ſie konnte nicht vergeſſen, wie lange Jahre ſie Annie als ihre Freundin, als die Lieblingsgeſpielin ihrer Jugend betrachtet hatte, ſank Karoline bleich wie der Tod auf den nächſten Stuhl. Ihre Mutter und St. Eval näher⸗ ten ſich ihr mit einiger Unruhe, und die Erſtere fragte nach der Urſache dieſer Aufregung und bat ſie, ſich ruhig zu ver⸗ halten; der Letztere brachte dieſe tiefe Erſchütterung mit den Worten des Lord Alphingham in Verbindung, die er ver⸗ gebens zu vergeſſen ſuchte. Perecy allein vermochte ihr eini⸗ germaßen ihre Faſſung zurückzugeben, indem er ihre zitternde Hand in die ſeine nahm und ihr einige Worte zuflüſterte, die augenblicklich wirkten. „Gott ſei Dank, ſie wird wenigſtens ſein Weib wer⸗ den!“ ſagte Karoline mit bebenden Lippen und brach dann in Thränen aus. „Mutter, frage nicht weiter. St. Eval, zweifeln Sie nicht an meiner Schweſter, ihre Aufregung galt allein Miß Graham, nicht dem kaltherzigen Schurken Alphingham,“ ſagte Perey mit leiſer, aber eindringlicher Stimme, indem er ſeine Mutter und den Graf anredete, und als wenn er ihre weiteren Fragen fürchtete, wandte er ſich dann raſch weg, um mit ſeinem Vater bei Lord Henry alle möglichen Erkundig⸗ ungen einzuziehen; und als Mrs. Hamilton ſah, daß Karo⸗ line ruhig wurde und daß St. Eval etwas verſtört ausſah, ſo folgte ſie ihrem Sohne an das andere Ende des Zimmers. Immer noch ſprach St. Eval nicht; und als Karoline den Vorwurf, den Zweifel las, der ſich in ſeinem Geſicht ausſprach, fühlte ſie einen Augenblick ihren natürlichen Stolz erwachen, daß er auch nur eine Minute einen Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit in ſeiner Seele aufkommen ließ; aber ihr Entſchluß, der Rath ihrer Mutter, die Worte Lady Gertrud's, alles trug dazu bei, den zurückkehrenden Stolz zu bekämpfen, und ſie ſiegten. „Eugen, lieber Eugen,“ ſagte ſie, indem ſie ihm ihre Hand entgegen ſtreckte,„Sie haben allerdings allen Grund N ſich beunruhigt zu fühlen. In meiner tiefen Angſt um ſie, die ich ſo lange als Freundin liebte, vergaß ich, daß meine Aufregung das unwürdige Märchen beſtätigen könnte, das Sie gehört haben; verzeihen Sie mir, Eugen, ich weiß, daß ich Sie verletzt habe, aber es geſchah wirklich unabſichtlich. Wenn ich an Lord Alphingham dachte, ſo geſchah es voll Abſcheu, daß er ſo handeln konnte. Ich zitterte für Annie, allein für ſie, über das furchtbare Schickſal, das ſie nach meiner Anſicht treffen mußte, als Lord Henry uns die erſte Mittheilung machte. Wäre es mir geſtattet, Ihnen volle Aufklärung zu geben, ſo würden Sie ſich nicht wundern, daß ich ſo fühlte. Eugen,“ fügte ſie in einem Tone leiſen Vorwurfs hinzu,„muß ich Ihnen wirklich hoch und theuer verſichern, daß meine Aufregung nicht durch eine geheime Neigung zu Lord Alphingham veranlaßt wurde? Kann Sie ſonſt nichts überzeugen? Iſt es freundlich, iſt es edel ſo an mir zu zweifeln?“ Der junge Graf, der auf einmal beſänftigt war und ſich ſeiner Eiferſucht ſchämte, konnte ſie nur um Verzeihung bit⸗ ten und ihr verſichern, daß er nicht mehr den leiſeſten Zweifel habe, und indem er darauf hinwies, daß die friſche Luft ſie am erſten wieder kräftigen würde, zog er ſie an das offene Fenſter des benachbarten Zimmers, welches in den kleinen Garten hinaus ging, und dort blieben ſie in anſcheinend lebhafter Unterhaltung, bis Karoline zu ihrem größten Er⸗ ſtaunen von ihrer Coufine zum zweiten Frühſtück gerufen wurde, und Lord St. Eval plötzlich entdeckte, daß er den ganzen Morgen unbenutzt habe vorübergehen laſſen, wäh⸗ rend er ſo viel zu thun hatte. Mr. und Mrs. Hamilton waren über die Nachricht, die ſie gehört hatten, mehr von Schmerz erfüllt als überraſcht; aber wie ſie handeln, welche Maßregeln ſie treffen ſollten, das wußten ſie nicht. Graham wurde ſpäteſtens morgen oder übermorgen in England zurück erwartet, und ſie fürch⸗ teten ſich Zeugen ſeines Schmerzes zu ſein; ſie beſorgten, daß ihm Gerüchte zu Ohren kommen möchten, ehe er irgend wie vorbereitet ſei, und Mr. Hamilton beſchloß auf der Stelle nach Dover zu reiſen, um ihn dort zu empfangen und nach beſten Kräften den trotz ſeiner falſchen Erzieh⸗ ungsweiſe wahrhaft liebevollen Vater zu tröſten. Percy raffte ſich auf und ging mit voller Thätigkeit auf die Ab⸗ ſichten ſeines Vaters ein; aber Mrs. Hamilton dachte, daß auch er einen Plan vorhabe, was ſeine zwei oder dreitägige Abweſenheit von Hauſe beſtätigte. Auch ſie begnügte ſich nicht mit bloßer Theilnahme; an demſelben Tage ſuchte ſie Lady Helen in ihrer Wohnung auf. Sie betrat ſelten dieſes Haus, ohne von der Schwer⸗ muth betroffen zu werden, die darin herrſchte. Annie, mit ihren Vergnügungen und ihren Wünſchen beſchäftigt, dachte nie an ihre Mutter, deren Kränklichkeit es ihr zur Pflicht gemacht haben würde, ſie zu pflegen; ja ſie betrat ſelten ihr 1 — — ———— 337 „ Zimmer, und da ſie glaubte, daß die Klagen ihrer Mutter nichts als Einbildung wären, ſo machte ſie es ſich zur Regel keine Rückſicht darauf zu nehmen. Cecil liebte die Ruhe nicht, und ſeine vornehmen Verwandten nahmen faſt ſeine ganze Zeit in Anſpruch. Er konnte die innige Liebe, die ſeine Mutter gegen ihn fühlte, nicht begreifen, vielweniger erwidern, und Lilla, deren von Natur warmes Herz ſie zu einer liebenden Pflegerin am Krankenlager ihrer Mutter gemacht haben würde, war ſelten zu Hauſe, um dies Amt verrichten zu können. Doch hatte Lady Helen bereits be⸗ merkt, welchen Unterſchied ein einjähriger Aufenthalt bei Mrs. Douglas auf das junge Mädchen hervorgebracht hatte. Bereits fühlte ſie, trotz der Erſchlaffung ihres Weſens, wel⸗ chen Troſt ihre Gegenwart ihr gewährte, und ſchmerzlich be⸗ klagte ſie es, wenn ihre kurzen Ferien zu Ende waren, denn dann war ſie wirklich ganz allein. Als Mrs. Hamilton ein⸗ trat, war ſie etwas überraſcht, daß die erſte Perſon, die ihr bei Lady Helen begegnete, ihre junge Freundin war, die, wie es ſchien, ſich zum Ausgehen angekleidet hatte, und auf deren Geſicht ſich deutliche Spuren von Schmerz und Kummer ausprägten. „Sie wollte ich eben aufſuchen,“ rief ſie mit einer Stimme aus, als wenn ſie ſich erleichtert fühlte, indem ſie ihrer Freundin die Treppe hinab entgegen eilte:„Theuerſte Mrs. Hamilton, Mama— Annie,“ ſie konnte nicht weiter ſprechen und brach in Thränen aus. „ Beruhige Dich, liebes Kind, ich weiß Alles; ſage mir nur wie Deine Mutter den Schlag erträgt,“ entgegnete Mrs. Hamilton, die ſofort erkannte, daß entweder das Gerücht Lady Helen zu Ohren gekommen war, oder daß ſie directe Nachricht von ihrer Tochter erhalten hatte; und um den neu⸗ gierigen Blicken der Dienerſchaft zu entgehen, die ſich in der Halle befand, zog ſie raſch, doch freundlich die weinende Lilla nach dem nächſten Zimmer, und nachdem ſie die Thür ge⸗ ſchloſſen, erfuhr ſie Alles, was ſie wünſchte. Lilla erzählte, ihre Mutter habe erſt vor einer Stunde einen Brief von Annie erhalten, der kurz ihre Verheirathung melde und ſie Der Lohn einer Mutter. 22 338 ² benachrichtige, daß ſie die Abſicht hätten, ſich binnen kurzem von Leith nach den Niederlanden einzuſchiffen, und von dort aus Deutſchland und Italien zu bereiſen, ſo daß ſie erſt nach einiger Zeit zurückkehren würde, wo ſie hoffe, daß die gegen⸗ wärtige Aufregung über ihr Benehmen ſich gelegt haben werde, und daß die Strenge ihres Vaters ſie zu dieſem Schritte veranlaßt habe. Wäre er ſo gut wie andere Väter geweſen, ſo würde ſie ihre eigenen Wünſche geopfert haben, in dem Bewußtſein, daß ſein Grund, weshalb er ihre Ver— bindung mit Alphingham nicht zugeben wolle, ein guter ſei, wenn er denſelben auch geheim halte; aber da von Kindheit an jeder ihrer Wünſche unvernünftiger Weiſe gekreuzt wor⸗ den ſei, habe ſie in einem ſolchen Falle für ſich ſelbſt wählen müſſen. Es würde ihr leid thun, mit ihrem Vater in Feind⸗ ſchaft zu leben, aber ſelbſt wenn es der Fall ſein ſollte, ſo könne ſie den Schritt nicht bereuen, den ſie gethan habe. An ihre Mutter ſchrieb ſie, als wenn ſie von ihrer Verzeih⸗ ung, oder vielmehr von ihrer fortdauernden Liebe überzeugt wäre; ſie ſchien es nicht für nöthig zu halten, um Verzeihung zu bitten, indem ſie ſagte: ſie glaube, ihre gute und nach⸗ ſichtige Mutter würde ihre Verbindung mit Lord Alphing⸗ ham nicht beklagen, wenn ſie ihr feierlich verſichere, daß ſie dieſelbe glücklicher gemacht, als ſie jemals geweſen. Dies war nach Lilla's Bericht der Inhalt ihres Briefes; aber das warmherzige Mädchen konnte nicht ohne Entrüſtung über den gänzlichen Mangel an Liebe, der darin athmete, er⸗ zählen. Ihre Mutter, fuhr Lilla fort, ſei in einem höchſt beunruhigenden Zuſtande, ſeitdem ſie den Brief erhalten, aber ſie glaubte, derſelbe ſei mehr durch die Furcht, was ihr Vater bei ſeiner Rückkehr ſagen würde, als durch Annie's Betragen veranlaßt. Als Mrs. Hamilton Lady Helen ſah, fühlte ſie, daß Lilla Recht hatte. Die unglückliche Mutter beklagte ihre Sorgloſigkeit, ihre Gleichgültigkeit und Annie's Undankbar⸗ keit, aber offenbar herrſchte zu oberſt in ihrer Seele die Furcht vor ihrem Gatten, eine Furcht, die ſie durch eine Folge von heftigen hyſteriſchen Anfällen ſo krank machte, .*„ „* * daß Mrs. Hamilton ſie den ganzen Tag nicht verließ. Auch geſtattete ſie dem unglücklichen Vater nicht, bei ſeiner Rück⸗ kehr das Zimmer ſeiner Gattin zu betreten, bis ſie von ihm das Verſprechen erhalten hatte, alle Vorwürfe gegen ſeine leidende Frau, alle Anſpielungen auf die Vergangenheit unterlaſſen zu wollen. Kurz und bündig ſchrieb der beleidigte Graham an ſeine ungehorſame Tochter; er gab ihr ſeinen Segen und ſeine Verzeihung, wiewohl ſie ihn nicht darum gebeten habe; er hege keine Feindſchaft gegen ſie; ſein Haus und ſein Herz ſtänden ihr immer offen, wenn ſie jemals den Schutz des Einen, die Liebe des Anderen bedürfen ſollte. Sie habe für ſich ſelbſt gewählt und ihr Schickſal an einen Mann ge⸗ knüpft, gegen den viele Zungen geſprochen; er könne nur beten, daß ihr gegenwärtiges Glück von Dauer ſein möge. Lord Alphingham nannte er mit keinem Worte. Lady He⸗ lens Brief war eine ſeltſame Miſchung von Vorwürfen und Liebesbetheuerungen, Klagen und Glückwünſchen, und Annie mußte es ſchwer werden, dahinter zu kommen, wie ſie gegen den Vicomte geſinnt war, oder was ſie über die Entführung dachte. Von allen Briefen, die ſie von Hauſe empfing, war Lilla's vielleicht der aufregendſte für ſie, denn er war in all' der bitteren Entrüſtung eines jungen und glühenden Her⸗ zens geſchrieben, das die Herzloſigkeit ihres Briefes nicht zu entſchuldigen fand, und ſie ſchrieb, wie ſie dachte. Annie würdigte ſie, wie ſich erwarten ließ, keiner Antwort. Wäh⸗ rend ihrer Reiſe erhielt ihre Mutter einige matte Briefe, ihre Haupteorreſpondenz war der Dame vorbehalten, welche ihre geheimen Pläne ſo geſchickt unterſtützt hatte. Dem freund⸗ ſchaftlichen Einfluß Mr. Hamilton's gelang es, nach einigen Ta⸗ gen ſeinem Freunde die äußere Faſſung wieder zu geben, wiewohl er die innere Wunde, die er nur zu ſchmerzlich fühlte, nicht zu heilen vermochte. Einige Tage verfloſſen ruhig; Mrs. Hamilton und ihre Familie ſahen mit Vergnügen dem ſtillen Glücke von Hak⸗ wood und dem Ereigniß entgegen, das dann ſtattfinden ſollte. Es war kaum eine Woche vor ihrer Abreiſe, da wur⸗ 22* ——— 340 den ſie eines Nachmittags durch das Erſcheinen Graham's erſchreckt, deſſen Geſicht die Bläſſe des Todes trug, und deſ⸗ ſen Benehmen die furchtbarſte Aufregung zeigte. Mr. und Mrs. Hamilton, Karoline und St. Eval waren allein, und ſie ſahen ihn mit ungeheuchelter Unruhe an. „Hamilton, ich reiſe heute nach Brüſſel,“ lautete ſeine Begrüßung, als er eintrat. „Nach Brüſſel?“ wiederholte Mr. Hamilton.„Graham, Du biſt außer Dir; welche Angelegenheiten können Dich ſo raſch nach Brüſſel rufen?“ „Ein Geſchäft, und zwar von ſolcher Wichtigkeit, daß ich nicht ruhen kann, bis es erledigt iſt. Hamilton, Du biſt erſtaunt, Du hältſt mich für wahnfinnig, o wollte Gott ich wäre es,“ und indem er ſich mit der geballten Hand vor die Stirn ſchlug, ſchritt er im größten Seelenkampfe im Zim⸗ mer auf und ab. Ehe ſich ſein Freund ihm nähern oder ihm antworten konnte, blieb er plötzlich vor Karolinen ſtehen, die ihn unruhig und voll Mitleid beobachtete, und indem er ihren Arm ergriff, daß ſie derſelbe ſchmerzte, ſagte er mit einer Stimme, die ihre Wange mit Entſetzen übergoß: „Hamilton, ſieh Dir dies Mädchen an, und ſo wahr Du mich liebſt, antworte mir. Könnteſt Du ein römiſcher Va⸗ ter ſein, wenn Du ſie entehrt, als ein Opfer, das freiwillige Opfer eines elenden, verrätheriſchen, gemeinen Schurken ſäheſt, ſage, könnteſt Du den Schandfleck mit Blut— mit ihrem oder ſeinem oder beider Blut abwaſchen? Antworte mir, rathe mir! O mein Kind, mein Kind!“ ſchluchzte er laut. „Graham, Du biſt krank, mein lieber Freund, Du weißt nicht, was Du ſagſt,“ rief Mr. Hamilton erſchreckt über ſeine Aufregung und ſeine Worte aus.„Komme mit mir, bis dieſe Aufwallung vorüber iſt, ich bitte Dich, thue mir den Gefallen und komm.“ „Vorüber iſt— bis dieſe Aufwallung vorüber iſt! Ha⸗ milton, ſie wird nie vorüber gehen, bis das Grab ſich über Annie und mir geſchloſſen hat. O Hanilton, mein Freund, ich hatte mich mit dieſer Heirath ausgeſöhnt, ich hatte zu —— 6 — 341 glauben angefangen, daß ſie als ſeine Gattin glücklich ſein könnte, und o Gott, kann ich es ſagen? ſie iſt nicht ſeine Gat⸗ tin— er iſt bereits verheirathet.“ Seine zitternden Glieder vermochten ihn nicht mehr zu tragen, und er ſank von ſeiner Aufregung übermannt auf einen Stuhl. Ohne ſich eine Minute zu beſinnen, und ehe ihr Vater antworten konnte, eilte Karoline auf Mr. Graham zu, kniete neben dem un⸗ glücklichen Vater nieder und ergriff ſeine Hand. „Seien Sie ruhig und getröſtet, theuerſter Mr. Gra⸗ ham,“ rief ſie in einem Tone aus, der ihn veranlaßte, ſie er⸗ ſtaunt anzuſehen.„Es iſt ein falſches Gerücht, was Sie gehört haben, eine grauſame Lüge, um Ihren Frieden zu ſtören. Lord Alphingham war verheirathet, aber gegen⸗ wärtig iſt Annie ſein geſetzlich angetrautes Weib. Die Ge⸗ fährtin ſeiner Jugend, das aufopfernde Weib, das er ſeit acht Jahren verließ, iſt nicht mehr. Sie ſtarb an dem Tage, bevor Lord Alphingham ſich mit Ihrem Kinde vermählte. Ich ſpreche die Wahrheit, Mr. Graham, ich ſchwöre es hoch und theuer. Percy wird Ihnen mehr ſagen, ich habe mich zum Schweigen verpflichtet. Auf ihrem Sterbebette nahm ſie Allen, die ihre Geſchichte kannten, das feierliche Verſpre— chen ab, dieſelbe nicht weiter zu verbreiten, damit ſie nicht ihren grauſamen Gatten, den noch ihre letzten Worte ſegneten, in Schaden brächte. Ich verſprach Percy, es heilig zu halten, wenn nicht dringende Noth es anders erheiſchte. Tröſten Sie ſich, Mr. Graham, ich ſpreche die Wahrheit. Lord Alphing⸗ ham war frei und durch kein Band gebunden, als er ſich mit Ihrem Kinde vermählte.“ Sie hatte raſch und eilig ge⸗ ſprochen, denn ſie zitterte vor dem wilden Blicke, womit Graham ſie anſah. Karolinens Stimme klang klar und deutlich in ſein Ohr, und jedes Wort tröſtete ihn, dennoch ſprach er nicht; aber als ſie aufhörte, als ſie langſam und n ihre letzten Worte ſprach, ſtieß er einen leiſen Schrei aus, und indem er ihre ſchlanke Geſtalt krampfhaft an ſein Herz drückte, ſchluchzte er an ihrer Bruſt wie ein Kind. Unausſprechliche Gedanken drängten ſich auch in der Seele Mr. und Mrs. Hamilton's, als ſie wie bezaubert Ka⸗ 342 rolinens Worte hörten; ſie dachten nicht nur an die Gegen⸗ wart, ſondern auch an die Vergangenheit. Vor einem Jahre lebte Lord Alphingham's Gattin noch, wiewohl der Schurke das heilige Band nicht berückſichtigt hatte; auch ſie theilten den Troſt, den ihre Worte dem verzweifelten Vater gebracht hatten. Mr. Hamilton ließ einige Minuten ſtumm vorüber gehen, dann zog er ſanft Karolinen aus Graham's immer noch krampfhafter Umarmung, ſagte ein Paar Worte mit einer Stimme, welche die freundſchaftliche Theilnahme aus⸗ ſprach, die bis zum Innerſten des Herzens dringt, und es gelang ihm endlich, den Arm ſeines Freundes zu ergreifen, und ihn in ein benachbartes Zimmer zu führen, wo Graham nach einiger Zeit ſeine Aufregung ſo weit bewältigte, daß er einen zuſammenhängenden Bericht über die Wege geben konnte, auf denen er die Nachricht erhalten, welche ihn mit ſolcher Verzweiflung erfüllt hatte. Karolinens Worte und der Einfluß ſeines Freundes gaben ihm verhältnißmäßig ſeine Faſſung zurück, aber er konnte ſich nicht eher ganz beruhigen, als bis Percy dem Rufe ſeines Vaters gefolgt war und er die Mittheilung ſeiner Schweſter in allen Punkten beſtätigte. Er erzählte die Geſchichte der Mrs. Amesfort, die unſere Leſer bereits kennen, mit dem Zuſatze ihres Todes, von dem ihn der Brief, den er vor einigen Tagen erhalten, benach⸗ richtigt hatte. Er hatte viele rührende Zuſammenkünfte mit ihr gehabt, in denen ſie ſo zärtlich von ihrem Gatten, ihrer Mutter, ihrem Kinde ſprach, daß die Thränen oft in Percy's Augen getreten waren. Indem er ſie verlaſſen, hatte ſie ihn noch ein Mal gebeten, ihr Geheimniß zu wahren, wenn nicht das Intereſſe ihres Kindes das Gegentheil ver⸗ langte, oder eine dringende Veranlaſſung ihn dazu nöthigte. „Laſſen Sie nicht die Stimme der Verleumdung den Namen meines Kindes beflecken,“ ſagte ſie, indem ſie ſeine Hand mit ſchmerzlicher Anſtrengung ergriff, Sie es nicht als ein Kind der Schande betrachten, während ſeine Geburt ſo rein und edel iſt wie eine im Lande. Wenn ihre Geburt in Frage geſtellt wird, ſo laſſen Sie die ganze Welt wiſſen, daß ſie die Tochter Lord Alphingham's iſt. In der — 343 Verwahrung meiner Mutter befindet ſich mein Trauſchein und der Taufſchein meiner Agnes. Aber wenn es nicht nöthig, wenn ihr Loos ein glückliches iſt, ſo iſt es beſſer für Vater und Tochter, daß ſie einander unbekannt bleiben.“ Percy hatte das feierliche Verſprechen gegeben, das ſie verlangte, aber die Erinnerung an ihre bleichen Züge, an ihre welke Geſtalt hatte ihn bei ſeiner Heimkehr verfolgt, und die tiefe Schwermuth veranlaßt, die ſeiner Familie nicht entgangen war. Es war mehr als eine Woche nach Mrs. Amesfort's Tode verfloſſen, ehe ihre betrübte Mutter dem jungen Manne die Nachricht mittheilen konnte, der, als er von Annie's Flucht gehört, ſich augenblicklich den Todestag der unglücklichen Frau und den Tag der übereilten Verhei⸗ rathung des Vicomtes in Schottland zu verſchaffen geſucht hatte. Das Ergebniß war höchſt zufriedenſtellend. Mehr als eine Woche lag zwiſchen den beiden Ereigniſſen, und ſeine Verheirathung mit Annie war daher geſetzlich bindend. Percy ſagte auch, daß Mrs. Morley ihre Abſicht ausgeſpro⸗ chen, ſofort mit der kleinen Agnes nach Irland zurückzu⸗ kehren, von der ſie nie getrennt zu werden hoffte. Beruhigt und wahrhaft dankbar, berieth ſich Graham mit ſeinem Freunde über den beſten Weg, die Gerüchte zum Schweigen zu bringen, die, da er ſie in einem öffentlichen Kaffeehauſe gehört, ohne Zweifel ſofort die ganze Stadt durchlaufen würden. Mrs. Morley theilte mit, daß ſie Lord Alphingham von dem Tode ſeiner Gemahlin benachrichtigt, und daß ſie einen Brief der unglücklichen Agnes ſelbſt bei⸗ geſchloſſen habe. Er wußte daher, daß ſeine zweite Ehe vollkommen gültig ſei, denn Percy hatte ſich erkundigt und in Erfahrung gebracht, daß der Brief abgegangen war; es brauchte ihm alſo über dieſen Punkt keine Mittheilung ge⸗ macht zu werden. Graham's erſte Sorge war, nach Schott⸗ land zu reiſen und ſich ihren Trauſchein ausſtellen zu laſſen; ſeine Mr. Hamilton nach Brüſſel zu gehen und Lord Alphingham ruhig und entſchieden zu erklären, daß, wenn die Trauung nicht zum zweiten Male in ſeiner Gegen⸗ wart und vor geeigneten Zeugen öffentlich wiederholt würde, 344 andere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden würden. So erſtaunt und unruhig Lord und Lady Alphingham über ſein unerwartetes Erſcheinen waren, ſo hatte doch der Erſtere zu viel Sünden auf ſeinem Gewiſſen, um ſich einer öffentlichen Blosſtellung auszuſetzen, die, wie er mit Recht fürchtete, in dieſer Drohung enthalten war, und er willigte mit der an⸗ ſcheinend größten Bereitwilligkeit ein. Die Trauung wurde wiederholt, Graham ließ ſich den Trauſchein ausſtellen und verließ Brüſſel mit dem ziemlich feſten Vorſatze, ſo lange Lord Alphingham lebte, ſein Kind nie wieder ſehen zu wollen. Der Tod der Vicomteſſe Alphingham und die nachherige Verheirathung des Vicomte Alphingham mit Miß Graham wurde in allen Zeitungen veröffentlicht. Der Glanz der zweiten Feier ihrer Hochzeit in Brüſſel machte viel von ſich ſprechen, und als der Gegenſtand erſchöpft war, war Lon⸗ don verödet, und Lord und Lady Alphingham würden wahr⸗ ſcheinlich unbemerkt nach der Hauptſtadt haben zurückkehren können, wenn es Lord Alphingham's Abſicht geweſen wäre. Er aber fürchtete, daß, nachdem ſeine Geſchichte bekannt ge⸗ worden, er wegen der Täuſchung, die er ſich habe zu Schul⸗ den kommen laſſen, gemieden werden würde, und Annie wil⸗ ligte mit Freuden ein, ihren Aufenthalt einige Jahre in Pa⸗ ris zu nehmen. So gereizt er aller Wahrſcheinligkeit nach war, als er ſich wieder gefeſſelt fand, ſo verbarg er doch ſeine gereizte Stimmung ſo gut, daß ſeine Gattin keine Ahnung davon hatte und eine Zeit lang glücklich lebte. Da Lord und Lady Alphingham in unſerer Erzählung nicht länger betheiligt ſind und nichts mehr mit denen ge⸗ mein haben, an die ſich, wie wir hoffen, das Intereſſe unſerer Leſer knüpft, ſo wollen wir ſie hier mit einigen Worten ab⸗ fertigen. Sie lebten, aber wenn wahres Glück nur bei den Tugendhaften und Guten, bei den Rechtſchaffene und Edlen wohnt, ſo war dies nicht ihr Loos; doch nellierigen, welche die Sittlichkeit der höheren Stände der franzöſiſchen Hauptſtadt kennen, ſagen können, daß es dort wohnt, dann würden ſie ſagen dürfen, daß ſie ſich im Beſitz deſſelben befänden, denn ſie lebten in gleicher Weiſe. Sie kehrten nicht nach England zurück, ſondern wohnten abwechſelnd in Frankreich und Italien. Alphingham, abgeſtumpft für jedes beſſere und ſanftere Gefühl, hätte glücklich ſein können, aber Annie wurde nicht das gleiche Geſchick zu Theil. Bitter bereute ſie, ehe ſie ſtarb, ihre Thorheit und ihre Ungehorſam⸗ keit. Das Gewiſſen regte ſich bisweilen in ihr, wiewohl keine wirkliche Schuld ihr Leben befleckte; ſie betäubte die Stimme deſſelben im Wirbel der Frivolität der vornehmen Welt. Aber die Liebe, die ſie zu Alphingham hegte, war das Werkzeug der Vergeltung. Ihr Gatte vernachläßigte, ver⸗ achtete und verließ ſie häufig. Wer ſich mit der Sünde ver⸗ mählt, wird vergeblich hoffen, ſie in Tugend zu verwandeln. Dies waren allerdings nicht Annie's Gedanken geweſen, als ſie eigenſinnig ihrem Schickſale folgte; ſie kannte den Mann nicht, den ſie zum Gatten gewählt hatte; ſie mißachtete die Mahnungen, die ihr zu Ohren gekommen waren. O unglück⸗ ſelige Täuſchung! ſie fand zu ſpät, daß das Geſchick, welches ihr Wille ihr bereitet, aus ſchmerzlichen Feſſeln beſtand, daß der Pfad, den ſie geſucht hatte, mit Dornen beſetzt war, von denen ſie ſich nicht losreißen konnte. Keine Kinder ſegneten ihre Ehe, und es war beſſer ſo, denn ſie würden nur wenig Glück gefunden haben. Das Schickſal von Lord Alphing⸗ ham's Kinde, der kleinen Agnes, war in ihrer Unſchuld wahrhaft glücklich. Sie lebte viele Jahre, ohne ihren Rang und den Titel ihres Vaters zu kennen, unter dem liebevollen Schutze der Verwandten, der die letzten Worte ihrer Mutter ſie zärtlich empfohlen hatten. Mr. und Mrs. Hamilton blieben nur noch kurze Zeit in der Stadt. Karolinens Ausſtattung war vollendet, und es fehlten nur noch wenige Wochen bis zu ihrer Verheirathung. Lady Gertrud hatte ſich dem jungen Grafen gewidmet und blieb bei ihm, um die Einrichtung und Verſchönerung ſeines prächtigen Schloſſes Terryn in der Nähe des Tamar auf der Seite von Cornwall zu beaufſichtigen, welches mit dem größten Geſchmack und Glanz ausgeſtattet werden ſollte. Lady Gertrud ſollte bis acht Tage vor der Hochzeit bei ihrem 346 Bruder bleiben, worauf ſie ſich zu ihrer Familie nach Oak⸗ wood begab, die ſich auf dringendes Bitten von Mr. und Mrs. Hamilton ſeit ihrer Abreiſe von London dort aufge⸗ halten hatte. Selten waren die Ufer des ſtillen Dart ſo ſchön geweſen, wie dies Mal; die prächtigen Landhäuſer, die ringsum zerſtreut lagen, waren alle von den befreundeten Familien beſucht, die im Begriff ſtanden in ſo nahe Verbin⸗ dung zu treten. Aber die Freude beſchränkte ſich nicht allein auf die höheren Stände; die Armen, viele Meilen in der Runde, begrüßten die bevorſtehende Heirath der Miß Hamil⸗ ton als eine Gelegenheit, zu der ſie ſich perſönlich Glück wünſchen könnten. In gar mancher ländlichen Hütte flehte man um Segen für ihre Zukunft, betete man für ihre Wohl⸗ fahrt und daß Lord St. Eval ſich ihrer würdig zeigen möge, und Jedermann war mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, wie er am beſten, am ehrfurchtsvollſten ſeine beſcheidene Theilnahme am Glücke ſeiner Wohlthäter bezeugen ſollte. Dies waren die Gefühle, womit Hohe und Niedere, das Wohlergehen der Guten betrachteten. ℳ Ende des ersten Bundez. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. . 3 —— ——— —— 2— ————— *. ——— .