———— 2 Leißbibliorhe von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5. 2. Lesepreis. Bei Rürgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: M der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 5. Schadenersatz. 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Rückblick.— Belohnte Beſcheidenheit.— Beſtrafter Hochmuth 7 Piertes Kapitel. Rückblick.— Folgen der Koketterie.— Gehorſam und Unge⸗ horſam. Fünftes Rapitel. Ein Herz und ein Haus in England.— Ein Herz und ein Haus in Indien Sechſtes Rapitel. Häusliche Zwietracht und ihr Ende Siebentes Rapitel. Jugendliches Zwiegeſpräch.— Einleitung Seite 13 29 38 55 65 IV —— Achtes Rapitel. Drei engliſche Familien und ihre Angehörigen Ueuntes Rapitel. Häuslicher Auftritt.— Beſuche.— Kindliche Gedanken Zehntes Kapitel. Mannigfaltigkeiten . Elftes Rapitel. Aufwallung des Zornes.— Ein Spaziergang.— Eine häusliche Scene Zwölftes Rapitel. Cecil Graham's Philoſophie.— Ein Irrthum und ſeine Folgen. ʒ— Ein Geheimniß und eine vertrauliche Mittheilung Dreizehntes Rapitel. Mr. Morton's Geſchichte.— Ein Geſtändniß.— Ein junger Fürbitter.— Großmuth iſt nicht immer Gerechtigkeit Pierzehntes Kapitel. Ein unangenehmer Vorſchlag.— Enthüllung des Geheimniſſes.— Schmerz eines Vaters über die Schwäche einer Mutter.— Freude eines Vaters über den Einfluß einer Mutter Lünfzehntes Rapitel. 3 õ Verſuchung und Ungehorſam.— Furcht.— Unwahrheit und Strafe. Sechzehntes Sapitel. „——* Schmerz und Reue.— Verſöhnung.— Der Familienbaum. Siebzehntes Kapitel. * Der Kinderball Achtzehntes Rapitel. Wirkungen des Vergnügens.— Der junge Seekadett.— Ueble Laune.— Ihr Urſprung und ihre Folgen Seite 92 103 115 143 157 169 186 200 222 245 64 Meunzehntes Kapitel. Verdacht.— Ein Abſchied.— Doppelter Schmerz.— Beweis der Unſchuld Zwanzigſtes Rapitel. Fortſchritt und Rückblick Einundzwanzigſtes Kapitel. Ein Brief und ſeine Folgen BZweiundzwanzigſtes Kapitel. Eine Aufforderung und ein Verluſt Dreiundzwanzigſtes Rapitel. Das zerbrochene Käſtchen Pierundzwanzigſtes Kapitel. Die Schuldige und ihre Richterin. günfundzwanzigſtes Rapitel. Das Urtheil und ſeine Vollziehung Sechsundzwanzigſtes Rapitel. Ein lichter Schimmer Siebenundzwanzigſtes Rapitel. Der Kampf Achtundzwanzigſtes Kapitel. Krankheit und Reue Ueunundzwanzigſtes Rapitel. Ausrottung falſcher Eindrücke. Dreißigſtes Kapitel. Der Verluſt der Sirene. Einunddreißigſtes Kapitel. Ahnungen. Bweiunddreißigſtes Rapitel. Vergebung Seite 269 289 308 325 342 364 382 404 417 432 446 460 470 484 VI Dreiunddreißigſtes Kapitel. Seite Die Reichen ünd die Mmen— 40495 Pierunddreißigſtes Kapitel. Eine häusliche Scene und ein Abſchied.... 509 3 Fünfunddreißigſtes Rapitel. 3 Das Geburtstagsgeſchenk 1 5 Erziehungs⸗Reſultute. Erſtes Kapitel. Vom Stapel⸗Laufen.— Ein Verſprechen.— Eine neue Verwandte. In einem ſehr ſchönen Theile von Wales zwiſchen den Nordgrenzen von Glamorgan und den ſüdöſtlichen von Car⸗ marthenſhire ſtand vor einigen 20 oder 30 Jahren ein kleines, zerſtreut liegendes Dorf. Seine Lage war ſo völlig iſolirt, daß das Erſcheinen eines herrſchaftlichen Wagens oder in der That nur eines Gefährtes, das höher als ein leichter Federwagen ſtand, ein ſo außerordentlich ſeltenes Ereigniß war, daß es in den Annalen von Langwillan als ein merkwürdiges Ereigniß eingetragen wurde, das den ein⸗ fachen Landleuten wochenlang Stoff der Verwunderung gab. Das Dorf war über den Abhang eines ſteilen und zer⸗ klüfteten Hügels verſtreut, und nach Morgen ragte aus einer dichten Hecke von Eiben und Lärchenbäumen die maleriſche alte Kirche hervor, deren mit Zinn gedeckter Thurm beim ſchwächſten Sonnenſchein glänzend alles Düſtere von den dicken Bäumen entfernte und zu verkünden ſchien, daß, wie groß auch die Dunkelheit ſei, droben immer ein Licht glänze. Der Kirchhof, welchen die Eiben und Lärchenbäume ſchützten, war ein vollſtändiger Naturgarten in Folge der ſchlichten Blumen, welche liebende Hände auf manch grünes Grab gepflanzt hatten, und er wurde ſo heilig gehalten, daß nicht ein Kind es gewagt haben würde, die Blümchen zu pflücken mochte es ſich durch ihre Schönheit auch noch ſo ſehr verſucht fühlen. Ein hübſches Haus, deſſen weiße Mauern mit Jas⸗ min, Roſen und Jelänger⸗Jelieber belebt waren, bezeichnete die beſcheidene Wohnung des Dorfgeiſtlichen, der, wiewohl 1* 4 er ſeiner weltlichen Stellung nach nur ein armer Vicar war, nach ſeinen geiſtigen Gaben eine viel höhere Stelle ver⸗ dient hätte. Ein rieſelnder Bach eilte über den zerklüfteten Hügel, bis er ſich ein tiefes, weites Bett längs der Straße gebildet hatte, die nach der nächſten Stadt führte, und das auf der einen Seite von einer hohen Laubhecke und auf der anderen von üppigem Gras und Wieſenblumen eingefaßt war. Am ufer dieſes Baches fanden ſich beſtändig Gruppen von Dorf⸗ kindern, die bisweilen nach einer beſonderen Art von Blumen oder Inſekten langten, oder Stückchen Holz mit einem auf⸗ rechtſtehenden Aeſtchen als kleine Flotte ſchwimmen ließen. Dieſes Vergnügen hatte aber in den letzten zehn Tagen der größeren Luſt Platz gemacht, den Fortſchritt einer kleinen Fregatte zu beobachten, welche ein Knabe, der erſt ſeit kurzer Zeit Bewohner des Dorfes geworden war, gefertigt hatte. Alles, Segel, Taue und Maſte, beſaß einen Grad von Nettig⸗ keit und Schönheit, der nicht nur Geſchicklichkeit, ſondern auch Beobachtungsgabe zeigte, und an einem ſchönen Som⸗ merabende fand die Ceremo niedes Vom⸗Stapel⸗Laſſens ſtatt. Einige Minuten ſchwankte die Fregatte in der kleinen Bran⸗ dung, dann gewann ſie plötzlich das Gleichgewicht wieder und ſchwamm luſtig dahin. In der Gruppe erhob ſich ein lautes Geſchrei, nur der Eigenthümer, ein ſchöner Knabe von etwa zwölf Jahren, begnügte ſich, ſeine ſchlanke Geſtalt in voller Größe außzurichten und ſtolz und triumphirend um ſich zu ſehen. Ein Blick genügte, um zu überzeugen, daß ſeine Stellung im Leben höher war als die ſeiner Spielge⸗ noſſen, und daß er ſich durch die Umſtände genöthigt, nicht aus freier Wahl herabließ, mit ihnen umzugehen. Die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit war ſo geſpannt, daß ſelbſt der un⸗ gewöhnliche Ton von Wagenrädern unbemerkt blieb, bis er dicht neben ihnen war, und nun ſetzte ſie der Anblick eines herrſchaftlichen Wagens ſo ſehr in Verwunderung und die ſehr einfache Frage des Kutſchers, ob dieſer Weg nach dem Dorfe führe, in ſo große Verlegenheit, daß Alle verwirrt daſtanden. Indeß der Eigenthümer des kleinen Schiffes ant⸗ 5 wortete ſtolz und kurz bejahend.„Kannſt Du mich nach der Wohnung der Mrs. Fortescue zeigen, mein guter Knabe?“ fragte eine Dame, die aus dem Wagenfenſter ſah und über die beſchämt daſtehende Gruppe lächelte.„Sie liegt wohl außerhalb des Dorfes?“ „Mrs. Fortescue“— wiederholte der Knabe raſch und freudig, und in einem Augenblick war die Mütze von ſeinem Kopfe und der helle Sonnenſchein fiel auf ein Geſicht von ſo merkwürdiger Schönheit und ſo bekannten Zügen, daß, wiewohl die Dame weiter zu ihm ſprechen wollte, die Be⸗ wegung ihre Stimme erſtickte, ſo daß der Knabe ihre Frage beantworten und den Kutſcher nach dem einzigen Wirthshaus des Dorfes zeigen konnte, und ſie waren weiter gefahren, ehe weitere Worte gewechſelt wurden. Der Knabe blickte ihnen neugierig nach, dann bat er einen ſeiner Geſpielen, die Dame vom Wirthshaus aus nach dem gewünſchten Hauſe zu führen, nahm ſein kleines Schiff und eilte über die Felder, die auf einem kürzeren Wege nach derſelben Stelle führten. Es war ein ſehr beſcheidenes Haus und lag ſo ſehr von Hügeln umgeben, daß ihr Schatten es immer umhüllte; doch im Innern unterhielt die heitere Gemüthsart einer armen Wittwe und ihrer Töchter beſtändigen Sonnenſchein. Drei Wochen vor dem bezeichneten Abend waren eine Dame und zwei Kinder in Langwillan angekommen, die in Folge einer ſchweren Krankheit der Erſteren außer Stande geweſen waren, weiter zu reiſen. Sie hatten keinen Begleiter und der Kut⸗ ſcher wußte nur, daß ihr Beſtimmungsort Swanſea war. Er glaubte, ſie hätte in der Nähe von Pembroke Schiffbruch gelitten, und die arme Dame wäre ſchon ſehr krank geweſen, als ſie ihre Reiſe begann; doch weiter konnten die neugierigen Fragen der Dorfbewohner nichts ermitteln. Mr. Myrvin gab ſich mit ſeinem eigenthümlichen Wohlwollen alle mög⸗ liche Mühe, der Kranken ſoviel Bequemlichkeit zu verſchaffen, als er vermochte. Er hatte ſie aus dem Wirthshaus in das Haus der Wittwe Morgan gebracht, in der Ueberzeugung, daß ſie dort wenigſtens ſorgfältig gepflegt werden würde, und dann lag daſſelbe dem ſeinen ſo nahe, daß er die Kranke beſtändig überwachen konnte. Doch ſehr wenig Tage ge⸗ nügten, um ihm die traurige Ueberzeugung zu geben, daß nicht nur ihre Krankheit tödtlich ſei, ſondern auch daß ſeine Gegenwart und ſeine liebreichen Reden ſie mehr reizten als beruhigten. Ueble Laune und Eigenſinn ſchienen mit der Schwäche zu wachſen, die ihre Sehnſucht, weiter zu reiſen, mit jedem Tage vergeblicher machte. Es verfloſſen einige Tage, ehe ſie ſich auch nur entſchließen konnte, an die Ver⸗ wandte zu ſchreiben, die ſie beſuchen wollte, ſo feſt überzeugt war ſie, daß ſie bald wieder geſund werden würde, und als der Brief abgegangen war und ehe noch eine Antwort ge⸗ kommen ſein konnte, ſteigerte ihre Unruhe und Verzweiflung ihr phyſiſches Leiden durch die feſte Ueberzeugung, daß ſie verlaſſen ſei und daß Niemand nach ihrem Tode ſich um ihre Kinder bekümmern würde Vergebens ſuchte Mr. Myrvin zu beweiſen, daß es unmöglich ſei, daß ſie jetzt ſchon eine Antwort erhalten haben könne, daß vielleicht ſelbſt die Adreſſe nicht genau genug geweſen ſei, denn ihr Gedächtniß habe ſie täuſchen können, als ſie dieſelbe geſchrieben. Sie wußte, ſie ſei verlaſſen, ſie habe es auch vielleicht verdient, aber ihr Edward ſei unſchuldig, und für ihn ſei es ein hartes Lvos. Als ihr Eigenſinn einer Erſchöpfung aller Kräfte wich, wurde das Unglück noch größer. Eine raſtlos quälende Erinnerung ſchien ſich ihrer bemächtigt zu haben, die alle Bemühungen des eifrigen Geiſtlichen nicht verſcheuchen konnten. Sie wollte von dem Frieden, den er ihr bot, nichts hören und ſeine liebevolle Beredſamkeit ſchien ſie ſo peinlich zu berühren, anſtatt ſie zu beruhigen, daß er davon abſtand und nur in⸗ brünſtig betete, daß ihre Schweſter den Brief perſönlich be⸗ antworten und ihr Gemüth für beſſere Gedanken geſchickt machen möge, indem ſie ihren Sorgen ein Ende mache. Nur ein Gegenſtand war im Stande, Etwas wie ein Lächeln auf dieſe veränderten, aber immer noch ſchönen Züge zurückzubringen, ſelbſt ihre Aufregung zu beſiegen und ihr * Augenblicke des Vergnügens zu verſchaffen: es war ihr Sohn, derſelbe ſchöne Knabe, den wir bereits geſehen und 7 deſſen Aehnlichkeit mit ihr ſo außerordeutlich war, daß es faſt eine zu weibliche Schönheit geweſen wäre, ohne den ſtrahlenden, lebhaften Ausdruck jedes Zuges und die männ⸗ liche Kraft, welche jede ſeiner Bewegungen bezeichnete. Daß er der Liebling ſeiner Mutter war, konnte nicht gerade Wun⸗ der nehmen, denn die verſchwenderiſche Nachſicht, die er von Geburt an gefunden hatte, war noch nicht im Stande ge⸗ weſen, ſeine zärtliche Liebe zu ſeiner Mutter zu erſchüttern oder ihr Glück durch den Anblick der Fehler zu ſtören, die ihre Schwäche erzeugt hatte. Er war zärtlich, offenherzig, edelmüthig und machte ſie immer zum erſten Gegenſtande ſeiner Liebe, und vielleicht würde ſelbſt eine ſcharfſichtigere Mutter nichts zu fürchten, ſondern Alles nur zu lieben ge⸗ funden haben. Seine ſchrankenloſe Leidenſchaft, ſein hoch⸗ müthiger Stolz und ſein unbezähmbarer Eigenfinn gegen Alle, ſie ausgenommen, vermehrten nur ihre Liebe, und wenn er bei ihr war, was allerdings ſehr oft der Fall war, wiewohl ein Krankenzimmer ihm gänzlich widerſtrebt haben würde, wenn es nicht gerade ſeine Mutter bewohnt hätte, war Mrs. Forteseue wirklich glücklich. Aber es war ein Glück, das ihre Leiden nur ſteigerte, wenn ihr Sohn abweſend war; mochte ſie es vor ſich verbergen, wie ſie wollte, die Wahrheit drängte ſich ihr immermehr auf, daß ſie am Tode lag und daß ſie ihren Liebling der Sorge allerdings von Verwandten, die aber ihm gänzlich fremd waren und die ihn gewiß nicht ſo behandeln würden, wie ſie es gethan hatte, überlaſſen müßte. Sie wußte, daß Splitterrichter, wie ſie ihre Schweſter und deren Gemahl zu bezeichnen beliebte, ernſtliche Fehler an ihm finden würden, während ſie dieſelben als Tugenden be⸗ trachtete, und vor Schmerz um ihn und vor Furcht vor Dem, was er zu erdulden haben würde, netzte ſie ihr Kiſſen mit heißen Thränen und ihr zarter Körper bebte krampfhaft. An dem erwähnten Tage war er etwas länger als ge⸗ wöhnlich aus dem Hauſe geweſen, und gegen Abend erwachte Mrs. Fortescue aus einem unruhigen Schlafe, um ihren Gedanken nachzuhängen, bis dieſelben ihre gewöhnliche Wir⸗ kung, Thränen und Seufzer, hervorgebracht hatten, die um ſo ſchmerzlicher zu ſehen waren, je weniger es ihr phyſiſch möglich wurde, ſie zu bekämpfen. Ein kleines Mädchen zwiſchen zehn und elf Jahren ſaß auf einem niedrigen hölzernen Stuhle, halbverhüllt durch den Bettvorhang, und nähte einige glänzende, goldene Knöpfe an ein blaues Jäckchen. Es ſchien eine ſchwere Arbeit für dieſe kleinen zarten Hände, aber ſie ſah von ihrer Arbeit nicht auf, bis ſie durch die nur zu bekannten Seußzer ihrer Mutter aufgeſcheucht wurde, und als ſie dann ihr Köpſchen erhob und die ſchweren und etwas in Unordnung gerathenen Locken zurückwarf, ſchien ſie zuerſt aufſpringen und die Kranke be⸗ ruhigen zu wollen, aber ſogleich folgte ein traurigerer Aus⸗ druck in ihrem Geſicht und ſie blieb einige Minuten ſitzen, ohne ſich zu regen. Endlich als Mrs. Fortescue vor Thrä⸗ nen faſt zu erſticken ſchien, beugte ſich das Kind ſanft über ſie und ſagte ſehr ſchüchtern:„Liebe Mama, ſoll ich Frau Morgan rufen oder kann ich Etwas für Dich thun?“ und ohne eine Antwort abzuwarten, nachdem die erſte Frage är⸗ gerlich verneint worden war, hielt ſie ihrer Mutter ein Glas Waſſer an die Lippen und benetzte ihr die Stirn. Nach eini⸗ gen Minuten kam Mrs. Fortescue ſoweit wieder zu ſich, um fragen zu können, wo Edward ſei. „Er iſt an den Bach gegangen, um ſeine kleine Fregatte vom Stapel zu laſſen, und er bat mich, dieſe Knöpfe an ſein Jäckchen zu nähen, damit er wie ein Matroſe ausſähe. Ich denke nicht, daß er noch lange ausbleiben wird.“ Mrs. Forteseue antwortete nicht, doch ſprach ſie die Ge⸗ danken aus, welche ſie ſo ſehr gequält hatten, und das kleine Mädchen, nachdem es lange mit ſeiner Schüchternheit ge⸗ kämpft hatte, erlaubte ſich endlich zu ſagen:„Aber warum fürchteſt Du ſoviel für Edward? Jedermann liebt und be⸗ wundert ihn, das werden alſo auch Onkel und Tante thun.“ „Vielleicht Deine Tante, aber ſie wird ihn nicht lieben und nicht ſoviel Nachſicht mit ſeinen kindiſchen Fehlern haben, wie ich es gethan, und Dein Onkel iſt ein ſo harter, rauher Mann, daß ich wenig Hoffnung habe, daß er mit meinem armen Edward Geduld haben werde. Und er iſt ſo offen und — 9 ehrlich; er wird gar nicht wiſſen, wie er ſeine kindiſchen Irr⸗ thümer verheimlichen ſoll, und er wird beſtraft und ſein kecker Muth wird gebrochen werden, und wer wird ihn dann be⸗ ſchützen und beruhigen?“ „Ich werde es vielleicht bisweilen thun können, Mama, und gewiß ich werde es thun, ſo oft ich kann,“ erwiderte das Kind mit zärtlichem Eifer.„Ich liebe ihn ſo ſehr, ſo ſehr, und ich weiß, er iſt viel beſſer als ich, daß es ſehr leicht ſein wird, ihm zu helfen, ſo oft ich kann.“ „Willſt Du mir wirklich verſprechen, ihn zu beſchirmen, Ellen, und ihn vor harter Behandlung zu ſchützen, ſo oft es in Deiner Macht ſteht?“ rief Mrs. Fortescue ſo leidenſchaft⸗ lich aus, daß ſie ſich halb in die Höhe gerichtet hatte und Ellen mit einer ſo ungewöhnlichen Liebe an ſich drückte, und ſie ſo warm küßte, daß dieſer Augenblick dem Kinde unver⸗ geßlich blieb und daß ſie das Verſprechen, welches ſie gab, ſo feſt in ihr Herz prägte, wie es ihre Mutter für unmöglich gehalten haben würde, die, als ſie ihr Verlangen ſtellte, kei⸗ nen Begriff von der Tragweite deſſelben hatte. Sie fühlte ſich nur erleichtert, daß Edward Jemand haben würde, der ihn liebte und der ihm ſeine Fehler verheimlichen helfen würde, wenn er einen ſolchen begehen ſollte. Hätte ſie Ellen's Charakter gekannt, wie ſie den ihres Sohnes kannte, ſo würde ſie dieſes Verſprechen vielleicht niemals verlangt, noch würde ſie ſo unvorſichtigerweiſe ſo großes Gewicht auf Verheimlichung, als das einzige ſichere Mittel, ihn vor Tadel zu ſchützen, gelegt haben. Von Kind⸗ heit an war Mrs. Forteseue ein Geſchöpf der Laune und der Leidenſchaft geweſen, und unglücklicherweiſe hatte ihre Stel⸗ lung als Mutter ihren Charakter nicht im Mindeſten geän⸗ dert. Auf welche Weiſe oder mit welchen Koſten Ellen im Stande ſein würde, dieſes Verſprechen zu halten, das kam ihr nie in den Sinn. Sie war ſelbſt in den Tagen der Ge⸗ ſundheit nie gewöhnt geweſen, zu prüfen oder zu überlegen, und ihre gegenwärtige Schwäche geſtattete nur krankhaftes Hingeben an jenen überreizten Gedanken. Mehrere Minuten lag ſie ganz ſtumm und Ellen ſetzte 10 ſich wieder zu ihrer Arbeit; ihre Schläfe klopften, ſie wußte nicht warum, und ſie hätte ihre Mutter umarmen und ſie nur noch um einen Kuß, um ein Wort der Liebe bitten mögen, und das Bewußtſein, daß ſie es nicht durfte, preßte ihr heiße Thränen in die Augen, die ſie faſt blendeten, aber ſie ließ dieſelben nicht ſtrömen, denn ſie hatte ſchon lange die Erfah⸗ rung gemacht, daß, während Edward's Thränen nur Lieb⸗ koſungen zur Folge hatten, die ihrigen immer nur Zorn und Tadel hervorriefen. „Freue Dich, freue Dich, liebe Mutter!“ rief einige Mi⸗ nuten ſpäter eine fröhliche Stimme, und Edward ſprang in das Zimmer und warf ſich an das Bett ſeiner Mutter und küßte ihre bleiche Wange wiederholt—„o freue Dich, mein Schiff ging ſo ſchön, ich hätte gewünſcht, daß Du es geſehen, und Du wirſt es auch eines Tages ſehen, wenn Du wieder wohl und kräftig biſt, und ich weiß, Du wirſt es nun bald ſein, denn Tante Emmeline wird ſehr bald kommen, und dann, dann wirſt Du glücklich ſein, und wir alle werden* wieder glücklich ſein.“ Mrs. Forteseue ſchloß ihn feſter und feſter an ſich und gab ſeine Küſſe mit ſo leidenſchaftlicher Zärtlichkeit zurück, daß ſich Thränen mit ihnen miſchten und ſeine Wange benetzten. „Weine nicht, liebe Mama, die Tante wird wirklich bald kommen. Weißt Du, ich glaube ſie geſehen und auch mit ihr geſprochen zu haben.“ „Sie geſehen, Enward?— Du meinſt, Du haſt von ihr geträumt, und deshalb denkſt Du ſie geſehen zu haben.“ Aber der leidenſchaftliche, ängſtliche Blick, den ſie auf ihn richtete, zeigte mehr Hoffnung als ihre Worte. „Nein, nein, Mama, als wir meinem Schiffe nachſahen,— kam ein Wagen an uns vorüber, und eine Dame ſprach mit mir und fragte mich nach Deiner Wohnung, und nach ihrem Lächeln bin ich überzeugt, daß es Tante Emmeline iſt.“ „Es kann nicht ſein,“ flüſterte ſeine Mutter traurig,„es wäre denn“— und ihr Geſicht hellte ſich auf—„ſprach ſie mit Dir, Edward, wie wenn ſie Dich bereits kenne oder als wenn ſie Dich nach Deiner Aehnlichkeit mit mir erkannt habe?“ — — „Nein, Mama, dazu war keine Zeit, der Wagen fuhr ſo raſch wieder fort,— aber ſtille, ich höre unten ihre Stimme.“ Und er ſprang auf und horchte:„Ja, ja, ich habe recht gehört und ſie kommt herauf. Nein, es iſt blos Frau Morgan; aber nach Ihrem Geſicht zu ſchließen, iſt es die Tante,“ fügte er ungeduldig hinzu, als Mrs. Morgan ihn durch Zeichen zu bitten ſuchte, vorſichtiger zu ſein und ſeine Mutter nicht ſo aufzuregen.„Warum laſſen Sie ſie nicht heraufkommen?“ und indem er mit zwei Sätzen die ganze Treppe hinunterſprang, eilte er in das kleine Beſuchs⸗ zimmer der Frau Morgan, ergriff das Kleid der Dame und rief aus:„Sie ſind meine Tante, meine liebe Tante, kom⸗ men Sie hinauf zu Mama, ſie hat ſich ſchon ſo lange, ſo ſehr lange nach Ihnen geſehnt, und Sie werden ſie wieder geſund machen, liebe Tante!“ „O, daß es mir vergönnt ſein möchte, lieber Knabe,“ lautete die traurig⸗bewegte Antwort, und ſie eilte die Treppe hinauf. Aber zu Edward's Kummer und Erſtaunen kannte er den erſchöpften Zuſtand ſeiner Mutter ſo wenig, daß der Anblick ſeiner Tante, wiewohl ſie einigermaßen darauf vor⸗ bereitet war, ihr Leiden zu vergrößern ſchien, anſtatt ihr Freude zu machen. Sie gab ſich krampfhafte Mühe, zu ſprechen, und erwiderte leidenſchaftlich die Umarmung ihrer Schweſter, dann wurde ſie ohnmächtig. Edward warf ſich entſetzt auf ſie und bat ſie, nicht ſo blaß auszuſehen, ſondern ſich zu ermuntern und mit ihm zu ſprechen. Ellen, mit einer Raſchheit und Entſchiedenheit, die ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke ihre Tante veranlaßte, ſie erſtaunt anzuſehen, wandte die gewöhnlichen Stärkungsmittel an, ohne eine beſondere Unruhe zu zeigen, und ein ungenauer Beobachter hätte ſagen können, daß ſie kein Mitgefühl habe; aber Mrs. Hamilton konnte nur einen Augenblick an Ellen denken, jedes Gefühl ging in der tiefen Bewegung unter, womit ſie auf die ver⸗ welkte Geſtalt und die veränderten Züge der geliebten Schwe⸗ ſter blickte, die ſie immer noch liebte, wiewohl ſie irre gegan⸗ gen war, die, als ſie ſie vor dreizehn Jahren zum letzten Male 12 geſehen hatte, ſchön, liebenswürdig, munter geweſen war, wie der Knabe zu ihrer Seite. Ihre Stimme noch mehr als die dargebotenen Arzneien ſchien ſie in's Leben zurückzurufen, und nach einem kurzen Zwiſchenraume fand der erſtickende Gedanke Worte. „Mein Vater, mein Vater! O Emmeline, ich weiß, daß er todt iſt, mein Ungehorſam, meine Undankbarkeit für alle ſeine zu nachſichtige Liebe tödtete ihn, ich weiß es. Aber fluchte er mir, Emmeline, verwandelte ſich alle ſeine Liebe in Haß, wie ich es verdient hätte?“ „Liebſte Eleanor,“ erwiderte Mrs. Hamilton mit inniger Zärtlichkeit,„laß ſolche ſchmerzliche Gedanken. Unſer armer Vater grämte ſich über Dein Betragen, aber er verzieh Dir. Er würde Deinen Gatten aufgenommen und geliebt haben, wie Dich, wäreſt Du nur zu ihm zurückgekehrt, und ſo ſehr liebte er Dich bis zum letzten Augenblick, daß Dein Name das letzte Wort auf ſeinen Lippen war. Aber das iſt kein Gegenſtand für ſo junge Zuhörer,“ fuhr ſie, ſich ſelbſt unter⸗ brechend, fort, als ſie bemerkte, daß Edward's glänzende Augen verwundert auf ihrem Geſicht ruhten, und als ſie die außerordentliche Bläſſe auf Ellen's Wangen ſah.„Du ſiehſt angegriffen aus, meine Liebe,“ ſagte ſie freundlich, indem ſie ihre Nichte an ſich zog und ſie zärtlich küßte.„Edward hat ſich ſchon mit mir bekannt gemacht, warum haſt Du es nicht auch gethan?— Aber geht nun einige Zeit in den Garten, ihr braucht friſche Luft und ich will inzwiſchen Eure Stelle als Wärterin vertreten. Wollt Ihr mir das Vertrauen ſchenken?“ Und das freundliche Lächeln, welches ihre Worte be⸗ gleitete, gab Ellen Muth, ihren Kuß zu erwidern, aber ſie verließ das Zimmer, ohne zu ſprechen. Bei Edward bedurfte es mehr der Ueberredung, und in dem Augenblick, wo er zurückkommen durfte, ſetzte er ſich auf einen Stuhl zu den Füßen ſeiner Tante, legte ſeinen Kopf auf ihren Schoß und blieb faſt eine Stunde ſtill und ſtumm, und beobachtete mit ihr den ruhigen Schlummer, welcher dem aufregenden Ge⸗ ſpräch zwiſchen ihnen gefolgt war. Mrs. Hamilton fühlte 6 ———— 13 ſich unwiderſtehlich zu ihm hingezogen und wunderte ſich, daß Ellen ſo lange draußen blieb; ſie wußte nicht, daß Edward faſt den ganzen Tag den heiteren Spielen gewidmet hatte, die ſeinem Alter natürlich waren, und daß Ellen ſchon viele lange Tage und Nächte das Zimmer ihrer Mutter nicht ver⸗ laſſen hatte. Zweites Kapitel. Blicke in ein Kinderherz.— Ein Todtenbett. Als Ellen die Hütte verließ, eilte ſie raſch durch den kleinen Garten und kam in ein ſchmales Gäßchen, welches nach Mr. Myrvin's Wohnung führte. Ihr kleines Herz klopfte, und die lange Einſperrung, der beſtändige Zwang, den ſie ſich anlegte aus Furcht, die Reizbarkeit ihrer Mutter noch größer zu machen, hatte ſie in Verbindung mit der außerordentlichen Zartheit ihres Körpers ſo geſchwächt, daß ihr die geringſte Anſtrengung ſchmerzlich wurde. Sie war immer wegen ihrer üblen Laune getadelt worden, ſo oft ſie weinte, ſo daß ſie ihre Thränen immer zu verbergen ſuchte. Es war ihr ſo oft geſagt worden, daß ſie nicht wiſſe, was Liebe ſei, daß ſie immer nur leblos und kalt ſei, daß, wiewohl ſie den eigentlichen Sinn dieſer Worte nicht verſtand, ſie zu glauben anfing, ſie ſei anders als alle Anderen, und daß ſie ſich unglücklich fühlte, ohne zu wiſſen warum. Im Ver⸗ gleich mit ihrem Bruder war ſie allerdings weder ein hüb⸗ ſches, noch ein einnehmendes Kind; ſchwächlich von Geburt, hatte ihr zarter Körper durch den Aufenthalt in Indien noch mehr gelitten, und während für ein aufmerkſames Auge der Ausdruck ihres Geſichtes beſtändiges Leiden bezeichnete, konnte ein oberflächlicher Beobachter mißmuthige Laune darin finden, die bei einem Kinde ſo unnatürlich iſt. Das ſanfte, ſchön geformte ſchwarze Auge war zu groß für ihr Geſicht und ihre 14 bleichgelbe Geſichtsfarbe, die ſchweren Flechten ſchwarzen Haares ließen ſie als ein ſehr gewöhnliches Kind erſcheinen, was ſie in der That nicht war. Da ſie gewohnt war, die Schön⸗ heit über Alles preiſen zu hören, die ſie bei ihrer Mutter und ihrem Bruder ſah, und da ſie dachte, es ſei eben ſeine große Schönheit, die ihn immer ſo beliebt und gehätſchelt machte, ſo würde ein Kind von böſer Gemüthsart nichts als Neid und Widerwillen gegen ihn empfunden haben; aber das war bei Ellen keineswegs der Fall; ſie liebte ihn zärtlich, aber daß eben irgend Jemand ſie lieben könne, nachdem der Einzige, der ſie jemals geliebt hatte, ihr angebeteter Vater, todt war, hielt ſie für unmöglich. Warum ihr Herz und ihre Schläfe ſo raſch klopften, als ſie das Zimmer ihrer Mutter verließ, warum das Verſprechen, das ſie ſoeben gegeben hatte, ihr nicht aus dem Gedächtniß wollte, ſo daß ſelbſt die Ankunft ihrer Tante ſie es nicht ver⸗ geſſen ließ, warum ſie ſich ſo ſchwach fühlte, daß ihr das Gehen ſchwer wurde, hätte das arme Kind nicht ſagen kön— nen; aber außer Stande weiter zu gehen, ſetzte ſie ſich end⸗ lich an das grüne Ufer des Baches, und da ſie ſich ganz allein glaubte, fing ſie an, bitterlich zu weinen. Mehrere Minuten vergingen, und ſie blickte nicht auf, bis eine wohlbekannte Stimme fragte:„Liebe Ellen, was fehlt Dir, was iſt vor⸗ gekommen, daß Du ſo bekümmert biſt, willſt Du es mir nicht ſagen?“ „Ach, lieber Arthur, ich weiß es nicht, es iſt mir nur, als wenn ich nicht mehr ſo ſtark wäre, wie noch vor einigen Tagen, und ich konnte mir nicht helfen, ich mußte weinen.“ „Du biſt nicht wohl, Ellen,“ erwiderte ihr Genoſſe, ein hübſcher Knabe von ſechszehn Jahren und Mr. Myrvin's einziger Sohn,„Du ſiehſt bläſſer aus, als ich Dich noch ge⸗ ſehen habe, ich will Dich zu meinem Vater führen, Du weißt, er freut ſich immer, wenn er Dich ſieht, und er hoffte, daß Du uns heut' einmal beſuchen würdeſt; komme jetzt mit zu ihm!“ „Nein, Arthur, ich kann nicht. Er wird denken, ich habe Alles vergeſſen, was er mir das letzte Mal, als ich ihn ſah, ſagte, und wahrlich, ich habe es nicht vergeſſen, aber ich weiß nicht, was mir heut' fehlt.“ Und trotz aller Anſtrengung, ihre Thränen zurückzuhalten, brachen ſie auf's Neue hervor, und da Arthur alle ſeine Bemühungen, ſie zu tröſten, ver⸗ geblich fand, begnügte er ſich, ſeinen Arm um ſie zu ſchlingen und ihre Thränen wegzuküſſen. Einige Minuten ſpäter kam ſein Vater.„In Thränen, meine liebe Ellen?“ ſagte er freundlich,„ich will doch hoffen, daß es mit Deiner Mutter nicht ſchlimmer ſteht!“„Ich weiß es nicht,“ erwiderte das Kind ſo gut, als es ihre Thränen geſtatteten,„ſie iſt ſoeben ſehr krank geweſen, denn ihre Ohnmacht dauerte länger als gewöhnlich.“ „Hat ſich etwas Beſonderes ereignet?“ „Ich glaube, weil ſie meine Tante ſah; Mama war vor⸗ und nachher ſehr aufgeregt.“ „Mrs. Hamilton iſt alſo angekommen? Ich freue mich, es zu hören,“ erwiderte Mr. Myrvin freudig. Dann ſetzte er ſich zu Ellen, ergriff eine ihrer Hände und ſagte freund⸗ lich:„Mein kleines Mädchen hat ſich heut' Abend über ir⸗ gend Etwas bekümmert. Ich will nicht fragen, was Das iſt, weil Du es mir vielleicht nicht gern ſagſt, aber Du mußt nicht immer an das Schlimmſte denken, Ellen; ich weiß, Du haſt die Pflicht eines liebenden Kindes erfüllt und thuſt es noch, Du pflegſt Deine leidende Mutter, biſt nachſichtig ge⸗ gen die Aeußerungen ihrer Ungeduld, die ihre Krankheit ver⸗ anlaßt, und giebſt alle Deine Wünſche auf, um ruhig neben ihr zu ſitzen. Ich habe es nicht geſehen, mein Kind, aber ich kenne Leute, die es geſehen haben, und dies hat mir ge⸗ fallen, und was von noch größerer Bedeutung iſt, es beweiſt, daß Du nicht Alles vergeſſen haſt, was ich Dir vom himm⸗ liſchen Vater geſagt habe, daß ſelbſt ein kleines Kind ihn lieben und ihm dienen kann.“ „Aber haben Sie mir nicht auch geſagt, daß die Guten auch immer glücklich ſind?“ fragte Ellen.„Dann kann ich nicht gut ſein, wiewohl ich es mir immer angelegen ſein laſſe, denn ich glaube nicht, daß ich glücklich bin, und ich kann nicht ſo lachen, ſingen und ſchwatzen, wie es Edward thut.“ „Du haſt keine ſo kräftige Geſundheit wie Dein Bruder, mein liebes kleines Mädchen, und Du haſt vielerlei gehabt, was Dich unglücklich macht und was Edward nicht hat; aber Du mußt immer daran denken, daß, wenn es auch Gott ge⸗ füllt, Dir mehr Kummer zu geben als anderen Kindern, er Dich trotzdem liebt. Du wirſt die Geſchichte Joſephs, die ich Dir vor einigen Sonntagen erzählt habe, nicht vergeſſen haben. Gott liebte ihn ſo, daß er ihm die Macht gab, zu⸗ künftige Ereigniſſe vorauszuſagen, und daß er ihn in den Stand ſetzte, viel Gutes zu thun. Als er aber ſeinem Vater geraubt und als Sklave verkauft und unter grauſamen Frem⸗ den in's Gefängniß geworfen wurde, hätte er nicht ſagen können, daß er ſehr glücklich ſei, Ellen! Dennoch, ſo jung er war,— denn er war damals wenig älter wie ein Kind— erinnerte er ſich alles Deſſen, was ihm ſein Vater gelehrt hatte, und betete zu Gott und unterwarf ſich ſeinem Willen, und Gott hatte ſolches Wohlgefallen an ihm und gab ihm die Gnade, gut zu bleiben, und zuletzt ſegnete er ihn und ließ ihn ſeinen theuren Vater und ſeinen Lieblingsbruder wiederſehen.“ „Aber Joſeph war ſeines Vaters Lieblingskind!“ war Ellen's einzige Antwort, und die Thränen, die über der Be⸗ gierde, mit der ſie ihm zugehört hatte, aufgehört, ſchienen wieder hervorbrechen zu wollen.„Er muß glücklich geweſen ſein, wenn er daran dachte!“ „Ich glaube das nicht, meine liebe Ellen,“ erwiderte Mr. Myrvin mehr gerührt als er ſich merken ließ,„denn daß er ſeines Vaters Liebling war, erregte das Mißfallen und den Neid ſeiner Brüder und erweckte in ihnen den Wunſch, ihn aus dem Hauſe zu ſchaffen. Ihr Benehmen ließ ſich aller⸗ dings nicht entſchuldigen, aber vielleicht würde Joſeph, wenn er immer bei ſeinem Vater geblieben wäre, durch zu große Nachſicht verzärtelt und niemals ſo gut geworden ſein, als er es nachher wurde. Vielleicht hätte er ſelbſt in ſeinem ein⸗ ſamen Gefängniß bedauern können, daß ſein Vater ihn nicht wie alle Anderen behandelt hatte, da dann der Zorn ſeiner Brüder nicht erweckt worden ſein würde. Du ſehſt alſo, daß es uns nicht immer glücklich macht, wenn wir Lieblingskinder — — 47 ſind, Ellen! Es iſt allerdings ſehr angenehm, geliebt zu werden, und wenn wir unſere Pflicht erfüllen und Andere lieben, ſo ſehr wir können, ſelbſt wenn wir nicht wiſſen, daß wir zuerſt geliebt werden, ſo können wir doch feſt überzeugt ſein, daß wir zuletzt geliebt und glücklich ſein werden. Ver⸗ ſtehſt Du mich, mein Kind?“ Die Frage war faſt überflüſſig, denn Ellen's große Au⸗ gen ruhten auf ſeinem Antlitz und ihr Ausdruck war ſo ver— ſtändig und gefühlvoll, daß das ganze Geſicht verklärt er⸗ ſchien.„Sie glauben alſo, daß Mama wieder geſund wer⸗ den wird?“ rief ſie aus,„wird ſie mich dann jemals lieben? Ach, wenn ich das dächte, ſo könnte ich niemals, niemals wieder unartig ſein.“ „Sie wird dich lieben, meine liebe Ellen,“ erwiderte Mr. Myrvin ſichtbar ergriffen.„Ich kann Dir nicht ſagen, daß ſie wieder geneſen wird, um Dich auf Erden zu lieben; aber wenn es wirklich Gottes Wille ſein ſollte, ſie zu ſich zu nehmen, ſo wird ſie vom Himmel herniederblicken und Dich weit mehr lieben, als ſie es bisher gethan hat, denn ſie wird dann wiſſen, wie ſehr Du ſie liebſt.“ „Und wird ſie wiſſen, wenn ich Alles thue, was ſie wünſcht,— wenn ich Edward liebe und ihm behilflich bin?“ fragte Ellen mit leiſer, halbfurchtſamer Stimme, und Mr. Myrvin konnte nicht denken, wie lebhaft und unauslöſchlich ſeine Antwort in das Gedächtniß des Kindes eingeprägt wurde. „Es iſt eine Frage, die Niemand beſtimmt beantworten kann, aber es iſt mein feſter Glaube, daß die Geliebten, die wir verloren haben, immer noch über uns wachen und uns lieben dürfen und daß ſie uns ſehen und oft bei uns ſind, obwohl wir ſie nicht ſehen können. Aber ſelbſt um Edward behilflich zu ſein,“ fuhr er etwas beſorgt fort,„darfſt Du Dich nicht verſuchen laſſen—“ Er wurde durch das Erſcheinen eines Fremden unter⸗ brochen, der ihn höflich anredete und um Entſchuldigung bat, wenn er ſich die Frage erlaube, ob beide Kinder ihm ange⸗ hörten. Mr. Myrvin erwiderte, daß er nur auf das Eine Anſpruch machen könne, das kleine Mädchen ſei Miß Fortescue. 2 18 „Und mein Name iſt Hamilton, und ſo glaube ich, mich als ihr Onkel vorſtellen zu dürfen,“ lautete die Antwort; und Ellen war erſtaunt, als der unbekannte Fremde ſie zärt⸗ lich umarmte, nachdem die unbedachten Worte ihrer Mutter ſie gelehrt hatten, denſelben zu fürchten. Mr. Myrvin be⸗ grüßte ihn mit Freuden, und über der nun folgenden Unter⸗ haltung vergaß er die Lehre, die er Ellen hatte einprägen wollen. Arthur begleitete ſie nach der Gartenthür, und die Herren traten bald nachher in das Haus. Tage wurden zu Wochen und immer noch beſſerte es ſich mit Mrs. Forteseue nicht, im Gegentheil nahm durch abwech⸗ ſelndes Fieber und Erſchöpfung ihre Schwäche ſo zu, daß es unmöglich wurde, ſie fortzubringen. Es war das erſte Mal, daß Mrs. Hamilton ſich von ihren Kindern getrennt hatte, und es war mit mancherlei Unannehmlichkeiten ver⸗ bunden, in dieſer beſchränkten Wohnung und bei den ſehr ge⸗ ringen Bequemlichkeiten, die ſich herbeiſchaffen ließen— und ſelbſt dieſe waren nur mit Mühe zu erhalten, denn die nächſte Stadt lag 20 Meilen entfernt— eine geliebte Kranke zu pflegen; aber nicht ein ſelbſtſüchtiger Gedanke kam in Mrs. Hamilton's Seele. Sie war dankbar, nicht nur daß ſie eine Schweſter pflegen durfte, die weder Verirrungen, noch Ab⸗ weſenheit, noch Stillſchweigen ihrem Herzen entfremden konnten, ſondern auch daß dieſelbe ſo lange erhalten worden war, um durch ihre Sanftmuth und geduldige Liebe ihren Gedanken eine andere Richtung geben zu können, indem ſie ihre furchtbare Reizbarkeit beſchwichtigte und ſie allmälig daran gewöhnte, mit Entſagung und reuiger Hoffnung auf die Stunde zu blicken, welche keine menſchliche Kunſt vermei⸗ den kann. Daß Mr. Myrvin die Geſellſchaft von Mrs. Ha⸗ milton ſuchte und gern mit ihr ſprach, fand Mrs. Fortescue ſo völlig natürlich, daß ihr die Geſpräche, welche in ihrem Kran⸗ kenzimmer ſtattfanden, ſo oft ſie kräftig genug war, um die⸗ ſelben zu ertragen, weder Verwunderung noch Unbehagen erregten. So verſchieden ſie war, ſo eigenfinnig ſie immer die milden Rathſchläge und das Beiſpiel ihrer Schweſter hintangeſetzt hatte, die Jahre der Trennung und die Vor⸗ N 19 würfe, die ſie ſich oft ſelbſt machte, hatten ſie zu dem Bewußt⸗ ſein gebracht, um wieviel beſſer Mrs. Hamilton ſei. Sie hatte niemals eine Frau gefunden wie ſie— ſo gut, ſo fromm und doch ſo beſcheiden, und die Liebe wie die tiefe Erſchüt⸗ terung, womit ihre Schweſter, die ſich gewöhnlich ſo ſehr zu beherrſchen wußte, ſie wiedergeſehen hatte, konnte dieſe Ge⸗ fühle natürlich nur vermehren. „Sie und Emmeline werden viel mit einander zu ſpre⸗ chen haben,“ ſo hatte ſie Mr. Myrvin angeredet, als er Mrs. Hamilton vorgeſtellt wurde.„Sprechen Sie, ſoviel Sie wollen, und nehmen Sie keine Rückſicht auf mich,“ fuhr Mrs. Fortescue fort,„wenn Emmeline bei mir iſt, kann ich die Reizbarkeit unterdrücken, welche Sie ſo häufig aus meiner Nähe geſcheucht. Ich weiß, ſie iſt gut, wollte Gott, ich wäre immer ſo wie ſie geweſen!“ Und der leidende Ton, mit dem ſie die letzten Worte ſprach, ſtand in ſchmerzlichem Kontraſt mit ihrer ſonſtigen Weiſe. Mr. Myrvin antwortete beruhigend und zum erſten Male nahm ſie ſeine Worte geduldig hin. Nachdem Mrs. Fortescue zuerſt theilnahmlos zugehört hatte, intereſſirte ſie ſich allmälig für die Unterhaltungen zwiſchen ihm und Mr. und Mrs. Hamilton, und ſo bereitete ſich allmälig in ihren Gedanken eine Veränderung vor, die auf jedem anderen und unmittelbareren Wege vergeblich er⸗ ſtrebt worden ſein würde. Eines Abends, als Mrs. Hamilton am Bett der Kran⸗ ken ſaß und ihr welkes Geſicht beobachtete und ſich die Tage der Jugend und der blühenden Geſundheit zurückrief, wo es ſchien, als wenn weder der Tod noch der Schmerz ſich einer ſo ſchönen und lieblichen Geſtalt nahen könne, umſchlang Edwatd, ehe er ſeinen Lieblingsbach beſuchte, feine Mutter und drückte ſeine roſigen Lippen auf ihre Wange, um ihr Lebewohl zu ſagen. „Er wird Dich für alle Deine Sorge belohnen, theuerſte Emmeline,“ ſagte ſeine Mutter mit einem ſchweren Seufzer, als er das Zimmer verließ;„ich weiß, daß er Fehler hat, oder Ihr werdet es wenigſtens dafür halten, aber um meinet⸗ 5. 20 willen behandelt ihn nicht hart, Ihr würdet ſeinen edlen Geiſt brechen, wenn Ihr es thätet.“ „Theuerſte Eleanor, gieb Dich nicht ſolchen Befürchtun⸗ gen hin! Bin ich nicht ſo gut Mutter wie Du, und denkſt Du, wenn Deine Kinder die meinen werden, daß ich einen Unterſchied zwiſchen ihnen und den Meinen machen werde? Du ſchenkteſt mir ſchon in früheren Jahren Vertrauen, Du wirſt es mir doch jetzt nicht entziehen?“ „Ja, ja, ich vertraue Dir, Du warſt immer gut und nachſichtig gegen mich, als ich es nicht verdiente. Aber mein armer Edward! Es iſt ſo ſchwer, mich von ihm zu trennen, und er liebt mich ſo zärtlich!“ „Und er wird Dich auch ferner lieben, theuerſte Eleanor. Und glaube mir, Alles, was Du ihm geweſen biſt, werde auch ich ihm ſein. Ich habe die hingebende Liebe aller mei⸗ ner Kinder gewonnen und ich hoffe, auch die Liebe der Dei⸗ nigen zu finden, und dann wird es eine leichte Mühe ſein, ſie ſo glücklich zu machen, wie die meinen.“ „Edward's Liebe wirſt Du ſehr raſch gewinnen, wenn Du ſie nicht bereits haſt, aber mit Ellen wirſt Du mehr Mühe haben, ſie iſt ein ſeltſames, kaltes, unliebenswürdiges Kind.“ „Sind die Anlagen Deiner Kinder ſo ungleich? Ich hätte Ellen nicht für kalt gehalten. Sie iſt ſchüchtern, aber Dies, dächte ich, würde ſich verlieren, wenn ſie mich beſſer kennen lernt.“ „Es iſt nicht Schüchternheit, ich habe ſie nicht anders als kalt und zurückhaltend von Jugend auf gekannt. Ich konnte nie daſſelbe gegen ſie fühlen wie gegen Edward, und deshalb muß Etwas in Ellen liegen, was mich dazu kom⸗ men ließ.“ Mrs. Hamilton dachte nicht ſo, aber ſie antwortete ſanft: „Biſt Du auch gewiß, meine Liebe, daß Du die Charaktere Deiner beiden Kinder in gleichem Maße ſtudiert haſt? Du weißt, es giebt Fälle, die mehr Fleiß und Sorgfalt erhei⸗ ſchen als andere.“ „Ich habe niemals einen ſo großen Fleiß entwickelt, wie Du weißt,“ erwiderte Mrs. Fortescue und bemühte ſich, zu lächeln.„Ich kann deshalb ſagen, daß ich mein Kind nicht ſtudiert habe, wie Du die Deinen. Außerdem weißt Du, daß ich es immer für lächerlich gehalten habe, wenn man be⸗ hauptete, daß die Mutter den Charakter ihrer Kinder bilde, und was die guten Leute ſonſt von der Wichtigkeit der erſten Eindrücke ſchwatzen. Die Anlage zum Guten oder Böſen iſt ihnen angeboren, und welche menſchliche Anſtrengungen können das ändern? Selbſt in der früheſten Jugend waren meine Kinder verſchieden. Edward lachte immer und war lebhaft und heiter, Ellen mürriſch und ſo ſchwerfällig, daß ſie ſelbſt nicht zu bemerken ſchien, wenn ich in das Zimmer trat, während Edward mir entgegenſprang und jauchzte und lachte, ſobald er mich nur ſah. Was hätte ich durch mein Betragen hierzu thun können? Wahrlich, ich war völlig gerechtfertigt, wenn ich gegen ſo verſchiedene Anlagen ver⸗ ſchieden fühlte, und ich weiß, ich machte niemals einen grö⸗ ßeren Unterſchied zwiſchen ihnen, als— Papa zwiſchen Emmeline und mir, und ich habe größeren Grund parteiiſch zu ſein; Du warſt immer beſſer, als ich war.“ Sie ſchwieg erſchöpft, aber die Röthe, welche ſich über ihre Schläfe verbreitet hatte, und die zitternden Hände zeugten von der Aufregung, die immer durch Erwähnung ihres Vaters her⸗ vorgerufen wurde, die aber Mrs. Hamilton mit inniger Zärtlichkeit zu beſchwichtigen ſuchte.—„Ich muß ſprechen, Emmeline,“ fuhr ſie fort und ihr natürliches Ungeſtüm ge⸗ wann für den Augenblick die Oberhand.„Wie belohnte ich meines guten Vaters Vorliebe und ſeine zu große Nach⸗ ſicht? Habe ich nicht ſein graues Haar mit Sorgen in's Grab gebracht? Häufte ich nicht Schmach und Elend auf ihn durch mein Benehmen gegen den Unglücklichen, den er mir zum Gatten beſtimmt hatte? O Gott, o Gott! Der Tod kann eine Wohlthat für mich ſein; mein Edward könnte mir daſſelbe thun!“ und ſchaudernd verbarg ſie ihr Geſicht am Buſen ihrer Schweſter. Es dauerte lange, ehe Mrs. Hamilton dieſe furchtbare Aufregung beſchwichtigen konnte; lange, ehe ihre leiſen 22 Worte von himmliſcher Hoffnung, von Frieden und Ver⸗ zeihung ſie beruhigen konnten, aber ſie thaten es zuletzt. Solche entſetzliche Ausbrüche kehrten in immer längeren Zwiſchenräumen wieder und hörten zuletzt ganz auf, da es ihr endlich vergönnt war, ſich den Fügungen des Himmels zu unterwerfen und ihr Vertrauen auf Gott zu ſetzen. Wie⸗ wohl Mrs. Hamilton ſechs Wochen in Langwillan bleiben mußte, ſo ließ doch ihre aufopfernde Pflege ihrer Schweſter ſie nur gelegentlich dazu kommen, die Kinder, die ſo bald ihrer Sorge anvertraut werden ſollten, näher zu beobachten. Daß Edward ſehr einnehmend war und ihre Liebe ſogleich gewann und daß Ellen keine Aehnlichkeit mit irgend einem Kinde hatte, das ihr bisher vorgekommen war, mußte ſie allerdings ſehr bald fühlen. Aber es lag nicht in ihrer Weiſe, nach dem bloßen Gefühl zu entſcheiden; ihre gegenwärtige ſchmerzliche Aufgabe ließ ſie nicht dazu kommen, ſich viel mit ihnen zu beſchäftigen, höchſtens konnte ſie durch freundliche Beachtung ihr Vertrauen und ihre Liebe zu gewinnen ſuchen. Edward war durch die Krankheit ſeiner Mutter und die Ge⸗ genwart ſeines Onkels, außerdem aber im Augenblick durch ſeine völlige Ungebundenheit jede Neigung benommen, unge⸗ horſam zu ſein oder ſeinen Eigenſinn zu zeigen, und Mr. und Mrs. Hamilton fühlten Beide, daß er weniger Fehler habe, als es gewöhnlich die Folge von unbeſchränkter Nachſicht ſei. Ob Ellen's außerordentliche Aufmerkſamkeit auf ihre Mutter, ihre ſtumme, aber immer bereitwillige Hilfe, wenn ihre Tante derſelben bedurfte, aus bloſem, kaltem Pflichtgefühl her⸗ komme oder wirklich aus einem liebevollen Herzen entſpringe, konnte Mrs. Hamilton nicht mit Sicherheit entſcheiden. Ihre Schweſter hatte ihre Vorliebe für Edward eingeſtanden, daß aber eine Mutter ihre Vernachläſſigung und Unfreundlichkeit in einem ſolchen Grade hätte zeigen können, daß das kalte Aeußere, welches ſie ſah, die Folge ſein mußte, ſchien ihr der Mutterliebe ſo ſehr zu widerſprechen, daß ſie es ſich wirklich nicht denken konnte. Sie konnte an die Möglichkeit glauben, daß ein Kind dem andern vorgezogen, aber nicht, daß das Eine gänzlich vernachläſſigt und wirklich hintangeſetzt werden 23 könnte. Sie konnte ſich denken, daß Ellen's Liebe für ihre Mutter weniger warm ſein könne als die Edward's, da ſie glaubte, daß eine Mutter nach der Liebe eines Kindes ſtreben müſſe und ſich nicht begnügen dürfe, es ganz der Natur zu überlaſſen. Aber wenn es nicht Liebe war, die Ellens Be⸗ nehmen leitete, ſo war es ſeltſam und faſt unnatürlich, daß ein ſo junges Kind einen ſolchen Begriff von Pflichtgefühl haben ſollte. Aber dies waren nur vorübergehende Gedan⸗ ken. Mochte es koſten, was es wollte, Mrs. Hamilton war entſchloſſen, ihre Nichte kennen zu lernen, wie ſie ihre eignen Kinder kannte. Indeſſen war die Schwäche der Kranken ſo groß gewor⸗ den, daß ganze Tage vergingen, wo es ihr unmöglich war, zu ſprechen, und ſie blickte dann nach Ellen, die Stunde auf Stunde an ihrem Bett ſaß und allen Bitten Edward's und ſelbſt bisweilen ihrer Tante, mit hinauszugehen und mit ihm zu ſpielen, widerſtand. Und ſie hätte ſie dann gern an's Herz gedrückt und bekannt, daß ſie grauſam, ungerecht gegen ſie geweſen und daß ſie ſie nun faſt ſo ſehr wie Edward liebe, aber ſie war viel zu ſchwach, um mehr zu thun, als nur zu fühlen, und Ellen blieb dieſe Veränderung unbekannt, außer daß dann und wann ihre Mutter, wenn ſie derſelben Nahrung brachte oder ſich über ſie beugte, um ihr die Stirn zu baden, ſie faſt unwillkürlich auf die Wangen küßte und ihr ein lieb⸗ koſendes Wort ſagte; und Ellen wäre ihr dann gern um den Hals gefallen und hätte ihr geſagt, wie ſehr ſie ſie liebte, aber ſie wagte es nicht und eilte dann aus dem Zimmer, um ihre Thränen zu verbergen, anſtatt die Liebkoſungen zu⸗ rückzugeben, und ſie beſtätigte unglücklicherweiſe ſo nur den Gedanken, daß ſie von Natur ein kaltes Herz habe. Selbſt der Troſt, bei ihrer Mutter zu ſitzen, wurde ihr endlich ver⸗ ſagt. Mrs. Fortescue wurde ſo gefährlich krank, daß Mrs. Hamilton es für eine unnöthige Qual für ihre Kinder hielt, Zeugen Deſſen zu ſein, beſonders da ſie ihr nichts helfen konnten, denn ſie kannte ſie nicht. Am Abend des vierten Tages kam ſie ſoweit wieder zu ſich, um mit ihrer Schweſter und Mr. Hamilton das Abendmahl nehmen zu können, und — ———— 24 dann bat ſie, daß man ihre Kinder zu ihr bringen möge. Sie fürchtete ſelbſt, was der Arzt ihrer Schweſter mitgetheilt hatte, daß aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach in eini⸗ gen Stunden der Tod erfolgen würde, und ihre letzten Ge⸗ danken waren auf ſie gerichtet. Edward, voll Freude, ſie wiederſehen zu dürfen, ſprang jubelnd in das Zimmer, aber die furchtbare Veränderung in dem geliebten Geſichte er⸗ ſchreckte ihn ſo ſehr, daß er einen lauten Schrei ausſtieß und ſich an ihrer Seite niederwarf, um an ihrem Buſen zu ſchluch⸗ zen. Mrs. Fortescue war in hohem Grade aufgeregt, aber ſie beſchwor ihre Schweſter, ihn nicht von ihr zu entfernen, und ihre matten Augen irrten ſchmerzlich im Zimmer umher, um Ellen zu ſuchen.„Komm zu mir, Ellen, ich habe Dir Unrecht gethan, mein ſüßes Kind,“ flüſterte ſie mit einer Stimme, die Ellen in ihrem Leben nicht vergaß, und ſie um⸗ faßte dieſelbe in ſtummem Schmerz.„Ich habe meine Pflicht gegen Dich nicht gethan; ich weiß es, ich fühle es, daß ich ſie nicht gethan habe, und es iſt zu ſpät, dies jetzt wieder gut machen zu wollen. Ich kann nur Gott bitten, Dich zu ſegnen und Dir eine beſſere Mutter zu erwecken, als ich es geweſen. Gott ſegne, ſegne Euch Beide!“ Ihre Schwäche übermannte ſie und ſie lag einige Minuten kraftlos in Mrs. Hamilton's Armen. Edward weigerte ſich in ſeinem leiden⸗ ſchaftlichen Schmerze, vom Bett wegzugehen, und Ellen ſank faſt bewußtlos neben Mr. Myrvin auf die Knie. „Meine liebe Schweſter! Gott ſegne Dich für Alles, was Du mir geweſen, für Alles, was Du meinen Kindern ſein wirſt, er möge Dich beſſer belohnen, als ich es gethan habe, Emmeline! Du haſt Recht, es iſt nur eine Hoffnung für die Sünder, unſer Heiland, und ich habe ſie.“— So lauteten die einzelnen Sätze, die mit kaum hörbarer Stimme und in langen Zwiſchenräumen Mrs. Fortescue ausſprach, und dann ſank ihr Kopf an Mrs. Hamilton's Buſen und es folgte ein langes, langes Schweigen, das nur dward's leiſe und halberſtickte Seufzer unterbrochen e, er wußte, er ahnte nicht den Schmerz, der ihm bevorſtand. Er fühlte nur, daß ſeine Mutter ſchlimmer, nicht r 25 worden ſei, wie er geglaubt hatte, wenn ſeine Tante kommen würde. Er hatte noch nie den Tod geſehen und er weigerte ſich eigenſinnig, ſeines Onkels und Mr. Myrvin's Verſuchen, ihn auf ſeinen Verluſt vorzubereiten, zu horchen und daran zu glauben. Entſetzt über das fortdauernde Schweigen, über die Kälte der Hand ſeiner Mutter, die, als Mr. Myrvin und die Wittwe dieſelbe ſanft aus der ſtützenden Hand der Mrs. Hamilton nahm, auf die ſeine fiel, ſprang er auf, klammerte ſich an ſeine Tante, bat ſie, mit ihm zu ſprechen und ihm zu ſagen, warum ſeine Mutter ſo ſeltſam und blaß ausſehe, warum ihre Hand ſich ſo kalt anfühle und warum ſie nicht mit ihm ſpreche und ihn nicht küſſe, wie ſie immer gethan habe, wenn er einen Kummer gehabt. Mrs. Hamilton erhob ihren Kopf von der Achſel ihres Gatten und zog, mit ihrem eigenen tiefen Schmerze kämpfend, ihren verwaiſten Neffen dichter an ſich und ſagte mit leiſer, inniger Stimme:„Mein Edward, hörteſt Du nicht, wie Deine Mutter zu Gott betete, daß er Dich ſegnen möge?“ Das Kind ſah ſie forſchend an. „Dieſer gute Gott hat ſie zu ſich genommen, mein Kind, er hat es für beſſer gehalten, ſie von uns zu nehmen und ſie an einen Ort zu bringen, wo ſie keinen Schmerz und keine Krankheit mehr kennen wird.“ „Aber ſie liegt ja dort,“ ſtüſterte Edward mit entſetzter Stimme und verbarg halb ſein Geſicht im Kleide ſeiner Tante. „Sie iſt ja nicht weggenommen, warum ſpricht ſie nicht mit mir?“ „Sie kann nicht ſprechen, mein liebes Kind! Die Seele, die ſie zu ſprechen, zu lächeln und zu leben in den Stand ſetzte, war Gottes Gabe, und es hat ihm gefallen, dieſelbe zurückzurufen.“ „Und wird ſie nie, nie wieder mit mir ſprechen? Wird ſie mich nie wieder küſſen? nie wieder ihren lieben, ſchönen Edward mich nennen?“ ſchluchzte er in leidenſchaftlichem Schmerze, als ſich ihm endlich die Wahrheit aufdrang. „Mama, Mama, meine liebe, gute Mama, o gehe nicht von mir oder laß mich mit Dir gehen, laß auch mich ſterben, Niemand wird mich lieben oder küſſen, wie Du es gethan haſt!“ Und ſelbſt die natürliche Furcht vor dem Tode wich 13 ſeinem Schmerze, er umklammerte den Leichnam ſeiner Mut⸗ ter ſo leidenſchaftlich, ſo krampfhaft, daß es wirklicher Ge— walt bedurfte, ihn zu entfernen. Und vergebens warteten ſeine Schweſter und ſeine Tante ſtundenlang bei ihm und ſuchten 3 ihn zu beruhigen. Er richtete ſich nur erzürnt auf, um Ellen zu ſagen, wie ſie nicht wiſſen könne, was erfühle, ſie habe ihre Mutter nie geliebt wie er, ſie wiſſe nicht, was er verloren habe, ſie könne nicht fühlen wie er,— und dann verſank er wieder in Thränen und Schluchzen. Ellen antwortete nicht; 1 ſie dachte, wenn es ihr ſolchen Schmerz bereite, die Mutter 3 verloren zu haben, die nur in den letzten wenigen Wochen 5 ſ Liebe zu ihr gezeigt, müſſe es allerdings noch ſchmerzlicher für ihn ſein, und wiewohl ſeine böſen Worte ſie kränkten und verletzten(denn ſie wußte, daß ſie ihre Mutter zärtlich liebe, und der Gedanke, daß ſie zu ſehr unter ihrem Bruder ſtehe, ließ ſie unbewußt alle Ungerechtigkeit, die ihr wider— fahren war, verzeihen, und ließ ſie glauben, daß ihre Mutter ſ Edward nur deswegen am meiſten geliebt, weil er um ſo viel beſſer ſei als ſie), ſo erhöhte ſein Schmerz nur ihre Liebe unbewußt für ihn und ſie glaubte, daß ſie wirklich nicht ſo tief fühle wie er. Und dennoch konnte Edward, ehe ſie Langwillan verließen, was am zweiten Tage nach dem Be⸗ gräbniß der Mrs. Forteseue geſchah, lachen und ſchwatzen wie gewöhnlich, außer wenn ihn irgend Etwas an ſeine Mut— ter erinnerte, und die arme Ellen fühlte, daß, wiewohl ſie ſich eingebildet hatte, daß ſie früher nicht glücklich geweſen ſei, ſie nun noch viel unglücklicher ſei. Ihre von Natur leb— hafte Phantaſie, die es in noch höherem Grade geworden, weil ſie ſich ſoviel ſelbſt überlaſſen geweſen war, weilte krankhaft bei Allem, was während der Krankheit ihrer Mutter vorge⸗ kommen war, bei jeder Liebkoſung, bei jedem ungewöhnlichen Worte der Liebe und bei Mr. Myrvin's Verſicherung, daß ihre Mutter ſie im Himmel lieben werde. Das Verſprechen, 5 was ſie gegeben, Edward zu lieben und ihm behilflich zu ſein, kehrte immer wieder in ihr Gedächtniß zurück und je⸗ * 27 desmal mit dem feſtern Entſchluſſe, es heilig und theuer zu halten. Es war nicht blos ihrer Mutter wegen und es ſtand nicht nur mit ihr in Verbindung; vielleicht wäre es nicht der Fall geweſen ohne die Lehren ihres Vaters, den, wie wir ſo⸗ gleich ſehen werden, ſie faſt vergöttert hatte; vielleicht wäre ſie ohne dieſelben gleichgiltig gegen ihre Mutter und neidiſch auf Edward geworden. Aber ſeine wiederholten Lehren, ihre Mutter unter allen Umſtänden zu lieben und ihr zu ge⸗ horchen, waren ihr unauslöſchlich eingegraben und erhöhten ihr natürliches Gefühl. Sie glaubte, wenn ſie ihr Ver⸗ ſprechen hielte, das ihrer Mutter offenbar ſo wohl gethan hatte, würde ſie auch ihrem Vater gehorchen, und dieſer dop⸗ pelte Sporn gab demſelben ein Gewicht, das, hätte Mrs. Hamilton darum wiſſen können, derſelben große Sorge ver⸗ urſacht und ſie veranlaßt haben würde, auf ſeine Zurück⸗ nahme zu dringen. Aber Ellen war zu lange daran gewöhnt, jeden Gedanken und jedes Gefühl zu verbergen, um Das⸗ jenige zu verrathen, was ſie, Kind wie ſie war, für ein hei⸗ liges Geheimniß zwiſchen ihr und ihrer Mutter anſah. Mrs. Hamilton beobachtete ſie im Stillen und hoffte, daß die Zeit das ihrige thun und ſie in den Stand ſetzen würde, ihren Charakter kennen zu lernen, um ſie ſo den rechten Weg füh⸗ ren zu können. Der Morgen ihrer beabſichtigten Abreiſe war hell und ſonnig, und ehe ſelbſt Frau Morgan auf den Beinen war, hatte Ellen ihr kleines Bett verlaſſen und war auf dem Kirch⸗ hof am Grabe ihrer Mutter. Sie ſaß dort in tiefen Gedan⸗ ken, ſo daß ſie nicht wußte, wie die Zeit verfloß, bis ſie von der Stimme ihres Lieblings Arthur Myrvin geweckt wurde. „Schon ſo zeitig auf, Ellen? Ich hätte gedacht, ich würde der Erſte ſein, um Dir zeigen zu können, daß ich mein Verſprechen nicht vergeſſen,“ und er zeigte ihr einige ausge⸗ wählte Blumenſtöckchen, die er um das Grab zu pflanzen anfing. „Lieber Arthur, wie gut Du biſt! Aber Du ſiehſt ſo traurig aus, was fehlt Dir? Sieht es Mr. Myrvin nicht gern, daß Du dies thuſt, o bitte, danu thue es nicht!“ 28 „Nein, nein, Ellen, mein Vater ſagte, ich thäte Recht, und auch er wolle ſich der Blumen ſorglich annehmen. Ich bin nur betrübt, weil Du weggehſt und ſo ganz anders leben wirſt, wie hier. Du wirſt mich ganz vergeſſen.“ „O gewiß, lieber Arthur, das werde ich nicht thun. Ich würde viel lieber hier bleiben, als wieder unter Fremde gehen; aber ich hörte geſtern Abend meine Tante ſagen, daß Mr. Myrvin Dich bisweilen zu uns zu Beſuch kommen laſſen 1 würde, und nicht wahr, das wirſt Du gern thun?“ Arthur ſchien nicht recht im Klaren zu ſein, ob er es gern thun würde oder nicht. Aber ſie unterhielten ſich weiter, bis er mit ſeiner Arbeit zu Ende war, und Arthur kehrte auf Ellen's Bitte,— denn ſie fürchtete plötzlich, daß ihre Tante böſe ſein würde, daß ſie ſo lange weggeblieben— mit ihr nach Hauſe zurück. Der ſtumme Kuß indeß, den ſie em⸗ pfing, als Arthur erklärte, was ſie zurückgehalten, beruhigte ſie und feſſelte ſie noch mehr an die gütige Verwandte, die ſie bereits ſo ſehr geliebt haben würde, wenn es ihre Schüch— ternheit geſtattet hätte. Die Neuheit ſeiner Lage, die raſche Bewegung des Wa⸗ gens, der Gedanke an die neuen Verwandten, die er zu ſehen bekommen würde, und das unausgeſprochene, aber mächtige Gefühl von ſeiner erhöhten Wichtigkeit, nachdem er ein ſo naher Verwandter von ſo reichen und vornehmen Leuten ge— . worden, das Alles hatte ſeine Wirkung auf Edward, und ſeine Augen ſtrahlten und ſeine Wange glühte, als wenn aller Schmerz überwunden ſei. Nicht daß er aufgehört hätte, an ſeine Mutter zu denken, denn die geringſte Erwähnung ihres Namens füllte ſeine Augen mit Thränen und erſtickte ſeine Freude, aber immerhin herrſchte das Vergnügen vor. Ellen fühlte mehr und mehr den Wunſch, ſich in ſich ſelbſt zurückzuziehen, denn je weiter ſie ſich von Langwillan ent⸗ fernten, um ſo ſchmerzlicher vermißte ſie Mr. Myrvin und ſeinen Sohn, und um ſo mehr Widerwillen empfand ſie vor Fremden. Edward, das wußte ſie, würde raſch Geſpielen finden, die er liebte und von denen er geliebt werden würde, und dann würde er noch weniger an ſie denken, ihre Tante 4— 29 würde bald von ihren eigenen Kindern umgeben ſein, und wie könnte ſie dann erwarten, ihre Liebe zu gewinnen? Und Ellen blickte ſtumm aus dem Wagenfenſter— ihr Onkel glaubte, auf die blumigen Wieſen und andere Gegenſtände von Intereſſe, an denen ſie vorüberkam; ſeine Frau dachte, um die Thränen zu verbergen, die in ihren Augen zitterten, die ſie aber zurückhalten wollte. Drittes Kapitel. Rückblick.— Belohnte Beſcheidenheit.— Beſtrafter Hochmuth. Um die Anſpielungen der vorhergehenden Kapitel und die Umſtände, welche die ſo ſehr verſchiedenen Charaktere von Mrs. Hamilton und Mrs. Fortesecue gebildet hatten, richtig zu verſtehen, wird es nothwendig ſein, einen Rückblick auf ihr früheres Leben zu werfen. Emmeline und Eleanor Manvers waren die Töchter des Lord Delmont, eines Edelmannes, deſſen Titel und Rang ihm mehr oder weniger eine Laſt waren, da es ihm an den nöthigen Mitteln fehlte, um ſie in der Weiſe aufrecht zu er⸗ halten, wie es ſeine Neigung verlangt hätte. Lady Delmont, deren energiſcher, doch ſanfter Charakter die kleinen Leiden ihres Gatten in hohem Grade erleichtert haben würde, ſtarb, als Emmeline erſt ſieben, Eleanor fünf, und Charles, ihr einziger Sohn, ein Kind von drei Jahren war. Eine Wittwe, Mrs. Harcourt mit Namen, war von Lady Delmont in ihrer letzten Krankheit zur Lehrerin und Gouvernante ihrer Töch⸗ ter beſtimmt worden. Ihre Wünſche, die für ihren zärtlichen Gatten immer Geſetze waren, wurden treulich erfüllt, und Mrs. Harcourt übernahm zwei Monate nach dem Tode ihrer Freundin das ſchwere und verantwortliche Amt, wozu ſie ihr edler Charakter ſehr geſchickt machte. 30 Mit Emmeline, obgleich es natürlich manche Fehler zu beſſern und eine gewiſſe Schwäche und Trägheit zu über⸗ winden gab, und wiewohl ſie von Natur keine großen An⸗ lagen zu beſitzen ſchien, war ihre Aufgabe verhältnißmäßig leicht, denn ihre Schülerin hatte nicht nur die Fähigkeit zu lieben, ſondern auch die zu gehorchen, in hohem Grade, und als ſie Mrs. Harcourt einmal liebte und verehrte, blieb nicht ein Befehl unausgeführt und nicht ein Wunſch unerfüllt. Bei Eleanor hingegen, wiewohl ſie ſehr begabt war, ſo daß ihr Unterricht eine Arbeit der Liebe hätte ſein können, war die Aufgabe der Erziehung durch Eigenſinn, heftige Leiden⸗ ſchaften und den ganz entſchiedenen Mangel an Ehrfurcht, ſelbſt an gewöhnlicher Achtung und durch den entſchiede⸗ nen Widerſtand gegen die Wünſche der Mrs. Harcourt, in der ſie von früheſter Jugend an eine bloſe Gouvernante ſah, welche tief unter ihrem Stande ſtehe, zu einem der ſchwerſten und peinlichſten Geſchäfte, die ſich denken laſ⸗ ſen, wozu noch die unverſtändige Parteilichkeit des Lord Delmont kam. Die vorzüglichſte Urſache war die Ein⸗ bildung, daß Mrs. Harcourt ungerecht und daß Emmeline ihr Liebling ſei. Lord Delmont war einer von den unglück⸗ lichen, ſchwachen, unentſchloſſenen Charakteren, welche nur die Oberfläche der Dinge betrachten und deshalb ganz un⸗ fähig ſind, mit Entſchiedenheit oder Urtheil zu handeln. Wenn er ſich in die Gemächer ſeiner Töchter verirrte, fand er gewöhnlich Eleanor in Thränen und Emmeline ihren täg⸗ lichen Verrichtungen nachgehend. Daß Mrs. Harcourt oft ſeinen Einfluß ihrer jüngeren Schülerin gegenüber in An⸗ ſpruch nahm, um auf Aenderung ihres Benehmens hinzu⸗ wirken, daran dachte er niemals länger, als ihre Vorſtellun⸗ gen dauerten. Ein— oder zweimal fing er allerdings an, ernſthaft zu ſprechen; aber Eleanor umarmte ihn dann, küßte ihn, gab ihm alle möglichen zärtlichen Namen und bat ihn, nicht ſo ernſt und grillenhaft auszuſehen wie Mrs. Harcourt, ſonſt würde ſie wirklich denken, daß Niemand ſie liebe, und ihre ſchönen Augen ſchwammen in Thränen und ihre Stimme zitterte ſo, daß ihr geſchmeichelter Vater alle ſeine Vorſtel⸗ lungen vergaß und ihr irgend eine Freundlichkeit erzeigte, um ſie für die Ungerechtigkeit und Härte, unter der ſie im Schul⸗ zimmer zu leiden habe, einigermaßen zu entſchädigen. Nach⸗ dem ſie ihre Macht in ſolcher Weiſe einmal erprobt, war ihr natürlich niemals Etwas abzuſchlagen, das Erſcheinen ihres Vaters im Schulzimmer war immer das Zeichen für ihre Thränen, die, wie ſie wußte, alle ſeine Ideen von Mrs. Har⸗ court's ungerechter Parteilichkeit beſtätigen würden. Und dieſe Idee wurde beſtärkt, als ſie älter wurden und Lehrer in verſchiedenen Fächern Mrs. Harcvurt ihre ſchweren Arbeiten einigermaßen erleichterten. Emmelinens ruhiger Fleiß und ihre mäßigen Fähigkeiten wurden vergeſſen über den Beifallsbezeugungen, die ihrer jüngeren Schweſter immer zu Theil wurden, deren natürliche Gaben in der Muſik, in Sprachen und im Zeichnen ſich raſch entwickelten, ſobald ſie auch nur theilweiſe von dem verhaßten Joch ihrer Gouver⸗ nante erlöſt war. Lord Delmont war gewöhnt geweſen, Eleanor's Schönheit preiſen zu hören, und nun wurden ihre glänzenden Talente das Thema jeder Zunge. Lehrer ſind natürlich ſtolz auf einen Zögling, der ihnen Ehre macht, und Miß Eleanor Manvers wurde deshalb in ſehr vielen Fa⸗ milien, die Lord Delmont nur oberflächlich kannte, als Muſter hingeſtellt, und ſehr viele ſprachen ſich wieder gegen ihn aus, da ſie ſeine ſchwache Seite kannten und ſo ſeine Gunſt zu gewinnen ſuchten. Mrs. Harcourt war die Einzige, von der er niemals Eleanor's Lob hörte, und die Einzige, die Emme⸗ linen pries. Es mußte daher eigenfinnige Blindheit von ihrer Seite ſein, und der Vater war entrüſtet, aber wider Willen hatte er zuviel wahre Achtung für ſie, um mehr zu thun, als ſeine Affenliebe gegen Eleanor zu verdoppeln. Emmeline konnte nicht darüber klagen, daß er ſie vernach⸗ läſſige, denn er war freundlich und liebevoll gegen ſie, aber ſie wünſchte bisweilen, daß ſie überzeugt ſein könnte, daß er ſie ebenſo ſehr liebe, wie ihre Schweſter, und ihre innige Neigung, von der ihr Vater keine Ahnung hatte, und die Eleanor mit Lachen zurückwies, ſchloß ſich enger und enger — an Mrs. Harcourt und ihren Bruder Charles an, den ſie 32 wirklich vergötterte und der ihre Liebe ſo zärtlich und warm erwiederte, wie es ein heiterer, offener, glücklicher Knabe zu thun vermochte; doch ſelbſt ſeine Ferien waren Zeiten, in denen ſeine Schweſter ebenſoviel zu leiden hatte, als ſie ſich freute, da er und Eleanor ſich beſtändig miteinander zankten. Emmeline, die glücklich in Mrs. Harcourt's Geſellſchaft war, unterwarf ſich ohne Widerſtreben dem entſchiedenen Ueber⸗ gewicht ihrer Schweſter und gab ihr in Allem nach, wo es nicht ihrem Gewiſſen widerſprach. Aber dies ließ ſich von Charles nicht erwarten, der trotz der Bitten ſeiner älteſten Schweſter für ihre Rechte in die Schranken trat und erklärte, daß, wenn er zu Hauſe ſei, Eleanor nicht das ganze Haus beherrſchen ſollte. Eleanor ſtritt ſich daher zuerſt mit ihm und wendete ſich dann an ihren Vater, der ihr Recht zu geben pflegte, ohne den ſtreitigen Fall anzuhören, und Charles herbe Verweiſe gab, deſſen ſtolzer Geiſt ſich empörte, und außer Stande, mit ſeines Vaters ſchwachem Charakter Nach⸗ ſicht zu haben, wie er es hätte thun ſollen, antwortete er in reſpectwidriger Weiſe, und es folgten Worte auf Worte, bis Charles heftig erzürnt in Emmelinens Zimmer ging, und ſein Vater, wiewohl er ſeinen Sohn wirklich liebte und ſtolz auf ihn war, wünſchte, daß die Ferien vorüber wären und Charles wieder in ſeiner Schule ſei. So kleinlich häusliche Zwiſte in der Beſchreibung er⸗ ſcheinen mögen, ſo verſcheuchen ſie doch in der Wirklichkeit alles dauernde Glück. Emmeline konnte es ertragen, daß ihr Vater Eleanor ihr vorzog, daß er aber gegen ihren lieben Charles ungerecht war und daß Charles das Uebel durch Widerrede und Eigenſinn vergrößerte, das machte ihr ſchwere Sorgen und nöthigte ſie oft, in die Einſamkeit ihres Zimmers zu fliehen, um nicht in Vertheidigung ihres Bruders ihre Pflicht gegen ihren Vater zu vergeſſen. Aber an ihr waren Mrs. Harcourt's Lehren geſegnet worden. Emmeline, ſo jung ſie noch war, hatte ſich den Geiſt wahrer, herzlicher Frömmig⸗ keit, den ſie ihrer jugendlichen Pflegbefohlenen einzuflößen geſucht hatte, mehr noch durch Beiſpiele des täglichen Lebens, als durch Lehren, zu eigen gemacht, und er ſetzte ſie in den Stand, nicht nur die beſtändigen kleinen Leiden des Hauſes, ſondern auch die ſchwere Prüfung zu ertragen, die ihr durch den Tod der Mrs. Harcourt auferlegt wurde, gerade als ſie unter ihrer mütterlichen Leitung in die Welt eintreten ſollte, und als ſie ſich von ihrem Bruder trennen mußte, der ſie zwei Monate ſpäter verließ, um ſeinen Lieblingswunſch, zur See zu gehen, zu erfüllen. Mit achtzehn Jahren alſo wurde Emmeline Manvers die Gebieterin in ihres Vaters Hauſe, und ſie hatte nicht nur allein ihren Verluſt zu verſchmerzen — wofür Lord Delmont, wiewohl er Mrs. Harcourt auf⸗ richtig achtete, keine Theilnahme empfinden konnte und wo⸗ durch ſich Eleanor nach dem erſten Schrecken und nach einer augenblicklichen Reue über ihr Benehmen gegen eine ſo treue Freundin, wenn ſie ſich auch nicht darüber freute, ſo er⸗ leichtert fühlte, daß ſie über Emmelinens ſtillen Schmerz ärgerlich war— ſondern auch die Trennung von ihrem Bru⸗ der, und es fielen ihr alle die Sorgen und Unannehmlichkeiten einer ſtrengen Oeconomie im Hauſe zu, die es möglich mach⸗ ten, eine Stellung in der Geſellſchaft zu behaupten, ohne daß auch nur die Nothwendigkeit ſparſamer Einrichtung ge⸗ ahnt werden durfte. Dieſe Rückſicht auf den äußeren Schein ſchmerzte Emmeline. Nicht, daß Lord Delmont des äuße⸗ ren Scheins wegen über ſein Einkommen hinausging, aber immerhin mußte mancherlei verheimlicht werden, was ſeine Tochter nicht ertragen konnte. Aber ſie wußte, daß ſie in die⸗ ſer Beziehung noch weniger, als in irgend einer andern auf Theilnahme rechnen konnte, und ſo widmete ſie alle Kräfte ihres gereiften und wohlerzogenen Geiſtes der Beſſerung des Uebels, ſoweit es in ihrer Macht lag, und in dem Jahre, welches ſie auf dringende Bitten noch in ſtiller Zurückgezo⸗ genheit bleiben durfte, ehe ſie in die Welt eintrat, war Lord Delmont erſtaunt über den größeren Comfort, welcher in ſeinem Hauſe herrſchte. Er hatte Mrs. Harcourt niemals mit ſeinen häuslichen Angelegenheiten behelligt, da er glaubte, daß er ſie ſelber leite, während er in Wirklichkeit vollſtändig von ſeiner Haushälterin beherrſcht wurde. Mrs. Harcourt hatte dies geſehen und beklagt, und hatte Emmeline zu unter⸗ 3 34 richten geſucht, daß, wenn ſie alt genug wäre, um ihr Recht als Herrin in Anſpruch zu nehmen, dem Uebel abgeholfen werden ſollte. Hätte ſie auf das Kind ihrer Liebe herab⸗ ſehen können, ſie würde ſich über die ſchöne Frucht ihrer Be⸗ mühungen gefreut haben. Lord Delmont war nicht nur er⸗ ſtaunt und erfreut; ein Gefühl der Achtung gegen ſein gutes, ſein wahrhaftes Kind kam in ſein Herz, wie er es noch gegen Niemand, mit Ausnahme ſeiner Mutter, empfunden hatte. Emmeline würde ſich allerdings für alle ihre Bemühungen belohnt geglaubt haben, hätte ſie dies gewußt; aber gerade die Tiefe des Gefühls ließ es bei ihm nicht zu der Aeußerung deſſelben in Liebkoſungen kommen, wie er ſie immer noch an Eleanor verſchwendete, und die Thränen ſeiner älteren Toch⸗ ter ergoſſen ſich oft in dem ſchmerzlichen Verlangen nach einer ähnlichen Liebkoſung, nach einem Beweis ſeinerſeits, daß, wiewohl ſie weder eben ſo ſchön, noch ſo talentvoll, noch ſo einnehmend ſei wie Eleanor, ſie doch Etwas zu ſei⸗ nem Wohlbefinden und zur Erhöhung ſeines Glücks beitra⸗ gen könne. Indeß Emmelinens Religioſität, wiewohl ſie dadurch ge⸗ gen alle Sorgen und gegen das beſtändige ſchmerzliche Gefühl der Einſamkeit geſtählt wurde, ließ ihr die Verirrungen ihrer Schweſter noch ſchwerer erſcheinen; ſie wußte, daß alle ihre liebevollen Rathſchläge ſchlimmer als vergeblich waren, daß, wiewohl Eleanor ſelbſt zärtlich ſein konnte, wenn ſie es ihren Zwecken gemäß fand, und wiewohl ſie in Augenblicken, wo ſie durch irgend eine Uebereilung beängſtigt war, ſich an ihre Schweſter anſchmiegte, ſie keinen dauernden Einfluß hatte Und dies wurde immer klarer, als Eleanor die faſt beſtändige Geſell⸗ ſchafterin der Marquiſe Lascelles, ihrer einzigen Verwandten, wurde. Der üble Einfluß dieſer Dame hatte Eleanor's natür⸗ liches Widerſtreben gegen das milde Regiment der Mrs. Har⸗ court ſo geſteigert, daß volle zwei Jahre vor dem Tode der Letzte⸗ ren dieSchmeichelei von Lady Lascelles und Eleanor's dringende Bitten Lord Delmont vermocht hatten, ihr zu geſtatten, daß ſeine Tochter mehr mit ihr, als mit ihrer Schweſter und ihrer Gouvernante zuſammen war. Lady Lascelles war eine Frau e e MWMW N N* — — 35 von Welt, gänzlich herzlos, ſehr talentvoll und in hohem Grade faſhionable. In ihrem Hauſe verſammelte ſich die Creme der Geſellſchaft, und die Unterhaltung beſtand haupt⸗ ſächlich in frivolem und geiſtreichem Geſchwätz, das mit ober⸗ flächlichen Anſichten über Literatur, Kunſt und Tagespolitik und mancherlei ſentimentalen Epiſoden wechſelte, welche die Dame vom Hauſe der Veränderung halber durchſpielte. Hier war Eleanor ſchon mit 14 Jahren der allgemeine Liebling. Ihre außerordentliche Schönheit, ihre Lebhaftigkeit, ihre Ta⸗ lente, ihre ſcharfe Zunge, Alles wurde bewundert und geprie⸗ ſen. Mit 17 Jahren wurde ſie in alle Myſterien eines fa⸗ ſhionablen Lebens eingeführt und ſehr raſch kamen zu ihren anderen Talenten die Künſte einer vollendeten herzloſen Kokette. Es war nicht zu verwundern, daß Emmeline Manvers ſich ſträubte, ſich von Lady Lascelles in die Geſellſchaft einfüh⸗ ren zu laſſen; dennoch kannte ſie ihre geſellſchaftlichen Pflich⸗ ten zu gut, um es abzulehnen und durch ein Prunken mit ihrer Frömmigkeit, die man ihr natürlich zum Vorwurf gemacht haben würde, die heiligen Gefühle, die ein Theil ihres Weſens geworden waren, dem Gelächter preiszugeben. Sie ließ ſich in die Geſellſchaft einführen, aber die Zurück⸗ ſetzung eines Herzens wie das ihrige durch die Koketterien der Lady Lascelles und ihrer Freundinnen war in der That höchſt peinlich und wurde durch die beſtändige Furcht, welche Eleanor's leichtſinniges Weſen erwecken mußte, nur noch erhöht. Doch glücklicherweiſe dauerte die Zeit der Vereinſamung nicht ſehr lange. Auf einem Balle, der weniger excluſiv war, als die Geſellſchaften der Lady Lascelles, wurde die Aufmerk⸗ ſamkeit beider Schweſtern auf einen jungen Mann, Namens Arthur Hamilton gelenkt, die Eleanor's durch ſeine hervor⸗ ragende Erſcheinung und ſeine außerordentliche Zurückhal⸗ tung, die Emmelinens durch die Geſchichte, die ſich an ſeinen Namen knüpfte. Sein Vater hatte ſich durch die Verbeſſe⸗ rung der Lage der Landleute und der arbeitenden Klaſſen in verſchiedenen Theilen Englands, ſowie durch verſchiedene 3* 36 Dienſte vertraulicher Natur, die er der Regierung an aus⸗ wärtigen Höfen geleiſtet hatte, ſo ausgezeichnet, daß er zum Vicomte erhoben werden ſollte. Die königliche Botſchaft traf ihn auf dem Todtenbett und wiewohl er die angetragene Ehre ablehnte, ſo wurde das den natürlichen Gefühlen eines Sterbenden zugeſchrieben, der die gänzliche Nichtigkeit aller irdiſchen Ehren erkannt hätte, und der Titel wurde großmü⸗ thigerweiſe ſeinem Sohne angetragen. Aber Arthur Hamilton war nicht vergebens der Zögling und Freund ſeines Vaters geweſen. Mit ruhiger Würde erklärte er, daß er weder einen Anſpruch noch ein Erbrecht auf die Belohnung der Dienſte ſeines Vaters habe, und er dankte ehrfurchtsvoll der Regie⸗ rung für die beabſichtigte Ehre, lehnte ſie aber entſchieden ab, da der Name ſeines Vaters ſein liebſtes Erbe ſei. Natürlich wurde dieſer ganz außerordentliche Entſchluß in der faſhionablen Welt hin und her beſprochen, fand aber dort ſehr wenig Billigung, weil er aus viel edleren Empfin⸗ dungen entſprang, als die Welt begreifen konnte. Von Vie⸗ len wurde er für wahnfinnig gehalten, Andere meinten, daß er von einem tieferen Beweggrunde veranlaßt ſei, der ſchon eines Tages an's Licht kommen werde, von Allen aber wurde er mit Neugier, von einigen Wenigen mit inniger, herzlicher Bewunderung betrachtet, und dieſen Letzteren gehörte nicht nur Emmeline Manvers, ſondern auch ihr Vater an, der, wiewohl er ſchwach und unentſchieden war, eine ehrenhafte Unabhängigkeit bewundern konnte, trotzdem, daß es ſeinen Freunden gelang, ihm zu beweiſen, daß in dieſem Falle viel Ueberſpannung liege. Arthur Hamilton war ein Geſtirn, das Aufſehen machte. Es war Eleanor Manvers ziemlich gleichgültig, warum oder weshalb. Sie beſchloß aber ihn zu erobern und an ſich zu feſſeln, wie bereits zahlloſe Andre, die das Opfer ihrer Reize geworden waren. Selbſt ſeine Zurückhaltung beſtärkte ſie in ihrem Vorſatz, und die Schwierigkeit befeſtigte ſie nur in ihrem Entſchluß; doch ſie bemühte ſich vergeblich. Zum er⸗ ſten Male wurden ihre Künſte vereitelt, und ſie hatte dem⸗ nach einen Widerwillen gegen ihn, der ſich zum wahrhaften 6„ — 65 Haß ſteigerte, als ihr endlich klar wurde, daß er die Geſell⸗ ſchaft ihrer Schweſter ſuchte und ſich gern mit ihr unterhielt, weshalb ſie derſelben mit aller Heftigkeit verſchmähter Liebe Heuchelei und ein heimliches Verhältniß zum Vorwurf machte. Emmeline ertrug den Sturm ruhig, denn ihr Gewiſſen ſprach ſie vollkommen frei. Arthur Hamilton war ihr allerdings nicht gleichgültig, aber ſie hatte ſich alle Mühe gegeben, ihre Liebe zu unterdrücken, denn ſie hatte gehört, daß er noch immer den Verluſt einer Geliebten betraure, mit der er viele Jahre verlobt geweſen war. Es erfüllte ſie daher mit dank⸗ barer Freude und ſie fühlte ſich unendlich glücklich, als er ihr ſechs Monate nach ihrer erſten Bekanntſchaft die ſchwere Prüfung, die er erlitten, erzählte und damit ſchloß, daß er ſie fragte, ob ſie wirklich ein Herz annehmen könne, welches eine Andere ſo geliebt, das aber nun ganz das ihrige ſei und daß er ſich glücklicher fühle, als er jemals geglaubt hätte werden zu können. Die Offenheit ſeines Geſtändniſſes erhöhte das Gefühl der Hochachtung, das er ihr bereits ein⸗ geflößt hatte, und zum großen Vergnügen und zum nicht geringen Stolze des Lord Delmont vermählte ſich ſeine ältere Tochter, die von der Koterie der Lady Lascelles ſo ver⸗ nachläſſigt und viele Jahre lang als bloſe Folie für die Schönheit und das Talent ihrer jüngeren Schweſter ange⸗ ſehen worden war, noch vor ihrem zwanzigſten Jahre mit einem Manne, der, wiewohl ſeine erhabenen Grundſätze als romanhaft verlacht worden waren und wiewohl ſeine un⸗ beugſame Rechtſchaffenheit und ſeine Verachtung der Ver⸗ gnügungen, die nur zu oft das einzige Beſtreben der Reichen bilden, ihm den Vorwurf excentriſcher Strenge zuzogen, dennoch geſucht war, da eine Verbindung mit ihm von allen Familien, die heirathsfähige Töchter hatten, für eine höchſt wünſchenswerthe Partie gehalten wurde. piertes Kapitel. Rückblick.— Folgen der Koketterie.— Gehorſam und Ungehorſam. Eleanor's unbegründeter Haß gegen Arthur Hamilton minderte ſich nicht, als er ihr Schwager wurde. Sie glaubte, daß er ſie beleidigt habe, weil er der Einzige war, der gegen alle Lockungen, die ſie ihm gezeigt, feſt geblieben war. Schon in ihrer früheſten Jugend betrachtete ſie es als eine tödtliche Beleidigung, wenn Jemand Emmelinen mehr beachtete, als ſie, und wer ſie ſo beleidigt hatte, mit dem ſprach ſie kaum wieder. Deshalb war es ein Verbrechen, daß Emmeline früher heirathete als ſie und zwar den Mann, den ſie ſelbſt hatte feſſeln, aber nicht lieben oder heirathen wollen, und ſie beſtrafte ihre Schweſter dafür, indem ſie ſechs Monate nicht mit ihr ſprach, und Hamilton, indem ſie ſich gegen ihn mit einem Hochmuth benahm, worüber er nur lächelte, und zu ihrer außerordentlichen Kränkung mußte ſie die Erfahrung machen, daß es ihr eben ſo wenig gelang, ihn zu beleidigen, wie es ihr nicht gelungen war, ihn zu gewin⸗ nen. Er ſprach mit ihr, behandelte ſie mit Artigkeit und der Vertraulichkeit eines älteren Verwandten und erlaubte ſich ſogar, ihr Vorſtellungen über ihr Benehmen zu machen, ſo oft er es für unrecht hielt. Emmelinen war die Veränderung in ihrem jungen Leben ſo wunderbar, alle Sorge und jedes Gefühl der Vereinſamung war ſo vollſtändig gewichen, um dem Gefühle ſtillen häuslichen Glückes Platz zu machen, daß ihr volles Herz lange nicht an die Wahrheit deſſelben glau⸗ ben konnte. Sie hatte ſich lange nach einem Gegenſtande geſehnt, den ſie verehren, an den ſie ſich anſchließen könne, und ihr Gatte bot ihr Beides. Als ſeine Braut, noch vor ihrer Verheirathung, war ſie in eine ganz andere Geſellſchaft als die der Marquiſe eingeführt worden; ſie ſah, daß er hoch⸗ geehrt und geliebt von den weiſeſten und beſten Männern, die oft älter waren, als er, zu Rathe gezogen wurde. Daß dieſer Mann ſie ſo liebte und verehrte,— es war kein Wunder, daß der Zauber ſolcher Gefühle ihren Charakter reifte, der ſo liebenswürdige und ungeahnte Eigenſchaften entfaltete, daß ſie ſelbſt oft ihr Gatte mit Erſtaunen betrach⸗ tete und ſie ſcherzend fragte, ob ſie dieſelbe ruhige, faſt zu ruhige und ſcheinbar zu kalte Emmeline Manvers ſei, die er zuerſt geſehen habe. Selbſt ihre Talente, die im Vergleich mit denen ihrer Schweſter untergeordneter Art zu ſein ge⸗ ſchienen hatten, wurden durch ihren Gatten geweckt. Sie fand, daß ihre Stimme und ihr Klavier- oder Harfenſpiel demſelben großes Vergnügen machte, und als ſie dies einmal entdeckt, machte ſie ſolche Fortſchritte, daß ſie faſt ſelbſt dar⸗ über erſtaunte. Sie ſah, daß die Zeichnungen, welche ſie von den verſchiedenen anmuthigen Stellen in der Nähe ihres Edelſitzes aufgenommen hatte und an denen Devonſhire ſo reich iſt, ihm Freude machten, und als Eleanor Hakwood be⸗ ſuchte, war ſie erſtaunt über die verſchiedenen ſchönen Zeich⸗ nungen, welche Zeugniß davon ablegten, wie ſie ihre Muße⸗ zeit benutzte. Lord Delmont erſtaunte noch viel mehr über die Veränderung, die mit ſeiner Tochter vorgegangen war, als ihr Gatte. Er war ſehr oft in Dakwood, beſonders als ein kleiner Enkel das Glück der Familie noch erhöhte, denn ſein Haus hatte unter Eleanor's leichtſinniger Leitung alle die Reize verloren, welche Emmeline demſelben zu geben ge⸗ wußt hatte. Er hatte auch allmälig die Entdeckung gemacht, daß ſein Liebling, ſeine immer noch angebetete Eleanor, nicht fehlerfrei ſei. Emmelinens großmüthiger Beiſtand und ihr Vorſatz, ihrem Vater alles Unangenehme zu erſparen, hatte ihm Eleanor's Verſchwendung verheimlicht, aber nach ihrer Verheirathung ſteigerte ſich mit Eleanor's Vergnügungsſucht auch die Zahl und die Höhe ihrer Rechnungen, die, als die junge Dame dieſelben nicht bezahlte, an ihren Vater geſchickt wurden. Lord Delmont war ſchmerzlich überraſcht und nach ſeiner gewöhnlichen unbedachten Weiſe ſprach er mit Eleanor in demſelben Augenblick, wo er gerade am ärgerlichſten war, und da ſie nicht gewohnt war, Vorwürfe von ihm zu hören, antwortete ſie mit gleicher Heftigkeit und ein leidenſchaftli⸗ 40 ches Zwiegeſpräch folgte, welches damit endete, daß Eleanor den Wagen vorfahren ließ und zu Lady Lascelles fuhr mit der Erklärung, daß ſie nicht daran denken könne, nach Hauſe zurückzukehren bis ihr Vater wieder ſoweit bei Sinnen ſei, daß ſie es mit Sicherheit thun könne. Die Vermittelung Emmelinens ſtellte endlich den Frie⸗ den wieder her, aber Lord Delmont waren die Augen ge⸗ öffnet worden, und wie es unglücklicherweiſe bei ſo ſchwachen Charakteren nur zu oft der Fall iſt, wurde er gegen Eleanor reizbar und oft ſelbſt rauh, was ſie nur noch mehr Lady Lascelles in die Arme führte. Wann Mr. und Mrs. Hamilton in London waren, wollte Eleanor nichts davon hören, ſich ihnen anzuſchließen. Zu ihrer Schweſter großem Erſtaunen nahm ſie aber eine Einladung nach Dakwood an, nachdem der kleine Percy geboren war, und es ſetzte ihre Schweſter noch mehr in Erſtaunen, daß ſie ſich herabließ, ſich angenehm zu machen. Die Saiſon in London hatte ſie angegriffen und ſie dachte, ſie könne ſich ebenſogut im Auguſt und Septem⸗ ber an den Ufern des Dart langweilen, als in irgend einem dummen Bade. Trotz ihrem Widerwillen gegen Mr. Hamil⸗ ton fand ſie, daß er wenigſtens ſehr unterhaltend ſein könne. Ihr Vater war wieder mehr der Alte, ihre Schweſter lie⸗ benswürdiger und angenehmer, als ſie es jemals für mög⸗ lich gehalten hätte, und ihr Reffe ein allerliebſter kleiner Plagegeiſt. Ferner hatte Mr. Hamilton ein ſchönes Pferd, das jederzeit zu ihrer Verfügung ſtand, und ſie ritt ſehr gut und wurde ſehr bewundert. Es ergriff ſie eine wahre For— ſcherwuth und ſie führte Emmelinen nach allen alten Ruinen zehn Meilen in der Runde von Dakwood. Im Ganzen war der Eindruck, den ſie innerhalb eines zweimonatlichen Be⸗ ſuchs hinterließ, der Art, daß Mrs. Hamilton ſich ſehr er⸗ leichtert fühlte, beſonders da es nach gewiſſen vertraulichen Mittheilungen ſchien, daß ſie zum erſten Male wirklich liebte, und Emmeline hatte immer gehofft, daß, wenn dies der Fall ſein würde, Eleanor eine ganz andere Perſon werden würde. Ach, ſo ſcharfſichtig ſie war, ſie hatte den Cha⸗ rakter ihrer Schweſter doch nicht ergründet, einfach weil ſie völlige Herzloſigkeit bei einem Mädchen nicht begreifen konnte. Als ſie im Winter ihren Vater in London beſuchte, verſchwanden alle ihre keimenden Hoffnungen und ihre Sor⸗ gen und Befürchtungen ſteigerten ſich in einem ſolchen Grade, daß ihre bereits zarte Geſundheit darunter litt, ſo daß ihr Gatte ſie einen vollen Monat, ehe ſie urſprünglich beabſich— tigt hatte, nach Dakwood zurückführte. Ob Eleanor den Lord Fitzclair liebte oder nicht war unmöglich zu beſtimmen; daß er aber ſie leidenſchaftlich liebte, war nur zu klar, nicht nur der Welt, ſondern auch ihr ſelbſt, und als ſie deſſen einmal gewiß war, ließ ſie nichts unverſucht, um ihn zu quälen, um, wie ſie ſagte, zu prüfen, ob ſeine Liebe ſich der Mühe verlohne. Er war von Geburt ein halber Italiener und hatte alle die heftigen Leidenſchaften dieſes Landes geerbt, ohne die mindeſte Selbſtbeherrſchung zu beſitzen. Mr. Ha⸗ milton kannte ihn ſehr gut, viel beſſer als er ſich ſelbſt kannte, und beſchwor ihn, die Geſellſchaft eines Mädchens zu meiden, die ihn nie glücklich machen könne und deren launi⸗ ſches Benehmen ihn nur elend machen werde. Aber alle ſeine Vorſtellungen und Bitten waren umſonſt.„Sie will nur die Stärke meiner Liebe prüfen“ war ſeine einzige Ant⸗ wort,„und quälte ſie mich auch noch ſo ſehr, das ändert nichts, ſie wird doch noch die Meinige.“ Und zum Erſtaunen von Mr. und Mrs. Hamilton hielt er zwei Monate ſpäter förmlich um Eleanor's Hand an und ſie gab ihre Einwilligung mit der einzigen Bedingung, daß ihre Verlobung geheim gehalten werden ſolle, bis es ihr be⸗ lieben werde, den Hochzeitstag zu beſtimmen, was unter ſechs oder acht Monaten nicht geſchehen könne. Dieſe Verlobung hätte aller Sorge ein Ende machen können, aber die Bedingung ſteigerte dieſelbe nur, beſonders da Eleanor, anſtatt nach Dakwood zu kommen, wie Emme⸗ line gebeten und gehofft hatte, den letzten Theil des Som⸗ mers und Herbſtes mit einer Geſellſchaft, in der ſie immer noch als glänzendes Geſtirn leuchtete, in Cheltenham zu⸗ bringen wollte. Mrs. Hamilton kam eines Morgens früher als gewöhnlich in die Kinderſtube, denn ihr Kind war die vorige Nacht nicht ganz wohl geweſen, und ſie hatte bereits die Sorge wie die Freude einer Mutter erfahren. Ihr Kind befand ſich wohler, und als es lächelnd und glücklich in ih⸗ rem Schoße lag und den luſtigen Sprüngen ſeines Bruders zuſah, empfand ſie nur Vergnügen. Seine Amme hatte die Stühle in eine lange Reihe geſtellt, damit Percy mit ihrer Hilfe das ganze große Zimmer entlang gehen könnte. Dies gefiel dem Kleinen außerordentlich, da er bereits das ehr⸗ würdige Alter von 15 Monaten erreicht hatte und größeren Gefallen daran fand, auf den Füßen zu ſtehen, als auf der Diele umherzukriechen oder von anderen Füßen als ſeinen eigenen getragen zu werden. Alle zwei oder drei Schritte ſtand er faſt allein und lachte vor Vergnügen, was von ſei⸗ nem kleinen Bruder immer durch ein Krähen der Freude be— antwortet wurde. „Nimm Dich in Acht, Perecy, falle nicht und erſchrecke mich nicht!“ ſagte ſeine junge Mutter, die ihn mit ſolchem Vergnügen betrachtete, daß ſie nach ſeinem Vater ſchickte, um es denſelben theilen zu laſſen. Da ſtellte ſich ihr Sohn, um zu beweiſen, daß er ihrem Befehl, ſich in Acht zu neh⸗ men, gehorche, zum zweiten Male ohne alle Stütze mitten in das Zimmer und lief dann ganz allein und noch lauter la⸗ chend zu ſeiner Mutter, um ſein roſiges Geſicht in ihrem Schoße zu verbergen. Mrs. Hamilton küßte den kleinen Liebling zärtlich, und in dieſem Augenblick trat ihr Gatte in das Zimmer.„Lieber Arthur,“ redete ſie ihn an,„ich war ſo kindiſch nach Dir zu ſchicken, Herbert ſcheint ganz wohl zu ſein, und Percy hat dieſen Augenblick“— ſie ver⸗ ſtummte vor Schrecken, denn in dem Geſicht ihres Gatten lag ein Ausdruck von ſo ungewöhnlicher Aufregung, daß ſie, wiewohl er zu lächeln verſuchte, als er ihre Worte hörte, ihre Unruhe nicht unterdrücken konnte. Sie ſuchte dieſelbe indeſſen zu verbergen und ſagte daher im ſchmeichelnden Tone zu ihrem Kleinen:„Will Percy nicht zum Vater laufen und ihn fragen, warum er ſo traurig ausſieht?“ Das Kind blickte ihr in's Geſicht und ließ dann, als ihm ſein Vater 43 die Arme entgegenſtreckte, das Kleid ſeiner Mutter los und gehorchte ihr. Mr. Hamilton ſchloß ihn an ſein Herz, be⸗ hielt ihn eine Minute bei ſich, küßte ihn zärtlich und verließ dann die Kinderſtube, ohne ein Wort zu ſagen. „Laſſen Sie mich Herbert nehmen, Madame!“ ſagte die Amme ehrfurchtsvoll, denn ſie ſah, daß ihre Herrin von ihrer unterdrückten Unruhe faſt überwältigt war, und in wenig Minuten war Emmeline bei ihrem Gatten, deſſen Aufregung ſich ſo außerordentlich geſteigert hatte, daß ſelbſt die Gegen⸗ wart ſeiner Gattin für einen Augenblick kaum die Macht hatte, ihn zu beruhigen. Die Geſchichte war bald erzählt. Eleanor hatte ſich ſeit ihrer Verlobung ſo leichtſinnig benommen, daß ſie nicht nur das Mißvergnügen ihres Vaters, ſondern auch das der Mar⸗ quiſe erregt hatte, die, wiewohl eine ſchwache und weltlich geſinnte Frau, doch einige Begriffe von Schicklichkeit hatte. Da ſie eine nahe Verwandte von Lord Delmont war, ſo war ihr Eleanor's Verlobung mit Lord Fitzelair natürlich mitge⸗ theilt worden, und immer und immer wieder warnte ſie die— ſelbe, daß ſie zu weit gehe und ihren Bräutigam verlieren könne, ehe ſie daran denke. Aber Eleanor lachte nur über ſie und gewann ſie zuletzt für ihre Anſicht, daß es beſſer ſei, Fitzclair vor der Verheirathung von ſeiner Eiferſucht zu heilen, als nach derſelben. Lord Delmont pflegte ſie dadurch zum Schweigen zu bringen, daß ſie dann Lord Fitzelair noch mehr als gewöhnlich kränkte und ärgerte. Dennoch zeigte ſie bisweilen Reue, und die Liebe, die ſie erweckt hatte, wurde ſo ſtark, daß all der Schmerz, den er bereits ertragen, und den er, wie er wußte, noch zu ertragen haben würde, durch einen unbegreiflichen Widerſpruch nur ihre Macht be⸗ feſtigte und ſein Schickſal beſchleunigte. Schwach in allen Dingen außer in ſeiner Liebe konnte er die Veröffentlichung ihrer Verlobung nicht als ſein Recht beanſpruchen. Eleanor betheuerte, wenn er es thäte, bevor ſie es ihm geſtattete, würde ſie nicht mehr mit ihm ſprechen. Sie wußte, wie⸗ wohl ſie es nicht ſagte, daß, wenn ihre Verlobung einmal bekannt wäre, eine Kette um ihre Handlungen gezogen wer⸗ 44 den würde, die ſie nicht ertragen wollte, und wiewohl Vater, Bräutigam und Freundin fühlten, daß ſie Unrecht thue, und wiewohl der Erſtere und die Letztere ihr dies beſtändig ſag⸗ ten, ſo hatte doch keines von ihnen die Entſchiedenheit, ſich mit ihr in einen Streit einzulaſſen und ſie mit Gewalt auf den rechten Weg zu bringen. So verfloß ein Monat ihres Beſuchs in Cheltenham. Da wurde Eleanor's Aufmerkſamkeit von einem neuen An⸗ kömmling gefeſſelt. Sie war ihrer gegenwärtigen Satelliten überdrüſſig geworden und ein junger Capitän, deſſen Urlaub aus Indien eben zu Ende gegangen war, bot mit ſeinem blei⸗ chen Geſicht, ſeinem ziemlich melancholiſchen Ausſehen und ſei⸗ ner ſehr eleganten Figur einen neuen Gegenſtand der Goberung, der unmöglich widerſtehen könne, und unglücklicherteiſe war ſie nur zu leicht zu bewerkſtelligen. Sie machte kein eimniß aus ihrer Bewunderung und ſprach von ihm gegen ihren zu⸗ künftigen Gatten in ſolchen Ausdrücken, daß ſie ſeine Eifer⸗ ſucht aufs Neue weckte. Capitän Fortescue mußte leicht ſehen, daß Fitzelair ſein Nebenbuhler war; da er aber glaubte, daß Eleanor ihn entſchieden bevorzuge, ſo ſteigerte er ſeine Auf⸗ merkſamkeiten, ohne daran zu denken, welchen Sturm er auf⸗ rührte, der um ſo furchtbarer war, als Fitzelair ihn unter⸗ drücken wollte. Lord Delmont trat mehrmals dazwiſchen nicht nur mit Vorwürfen gegen Eleanor, ſondern auch durch entſchiedene Kälte gegen ihren neuen Freier. Als er endlich fand, daß ihr Entgegenkommen wirklich einen verbrecheri⸗ ſchen Grad erreichte, und nach einer höchſt ſtürmiſchen Un⸗ terredung erklärte er feierlichſt, daß, wenn ſie Capitän For⸗ tescue nicht ſofort zurückweiſe, er ſie vor der ganzen Welt bloß ſtellen würde, indem er ihre Verlobung mit dem jungen Marquis bekannt machte. Eleanor erwiderte, wenn er drohte, ſo könne ſie es auch, und wenn er ſie noch länger quälte, ſo würde ſie die Bekanntmachung ihrer Verlobung zu verhindern wiſſen, indem ſie dieſelbe rückgängig machte und ſich mit Capitän Forteseue verlobte. Dies war zuviel für Lord Delmont. Mit der Erklärung, daß, wenn ſie dies thäte, des Vaters ſchwerſter Fluch ſie treffen würde, verließ 45 er ſie raſch, und Eleanor machte ſich ganz ruhig zu einem Ausflug zu Pferde mit Fortescue, Fitzelair und Anderen zurecht. Da Lord Delmont einmal aufgeregt war, verlor er ganz den Kopf und er that, was er zu anderen Zeiten auf keinen Fall gethan haben würde, da er Fitzelair kannte. Er ſuchte ihn in ſeinem Aerger auf, machte ihm ſeine Schwäche zum Vorwurf, daß er Eleanor's leichtſinniges Benehmen zugebe, und ſagte ihm, daß, wenn er nicht ſtarke Mittel anwende, um es zu verhindern, er ſie gewiß ganz verlieren würde. Der junge Mann hörte ihn an, ohne zu antworten, aber ſein Geſicht wurde bleich und er ballte die Hand, bis das Blut aus den Nägeln kam, und in dieſer Aufregung kam er zur Geſellſchaft. Das Reiten an und für ſich iſt für manche Gemüther ungewöhnlich aufregend, und die entſchiedene Kälte Eleanor's gegen ihn und ihre Zuvorkommenheit gegen For⸗ tescue machten ihn wahnſinnig. Er bat ſie auf dem Rück⸗ wege um eine Unterredung, ſuchte ruhig zu ſprechen und machte ihr endlich Vorwürfe. Eleanor war bereits aufge⸗ regt, und vor Allem empörte es ſie, daß ihr Liebhaber, der im Allgemeinen ſo beſcheiden und behutſam war, es wagte, ſie wegen eines bloſen Vergnügens zur Rechenſchaft zu zie⸗ hen. Dazu kam der Gedanke an Capitain Fortescue's ſchmei⸗ chelhafte Verſicherungen und Anerbietungen, und das Alles regte ſie in einem Grade auf, wie ſie es ſelbſt nicht dachte, da ſie feſt glaubte, daß, was ſie jetzt auch ſagen möge, einige beſänftigende Worte Alles raſch wieder verwiſchen würden. Sie ſagte ihm, daß ſeine Eiferſucht wirklich unerträglich ſei, daß er wirklich darauf ausgehen müſſe, daß ſie ihn verachten und verabſcheuen ſolle, und daß der Gegenſatz, den er zu Capitain Fortescue bilde, ſo groß ſei, daß ſie von Herzen wünſchen müſſe, ihre Verlobung rückgängig gemacht zu ſehen, da ſie überzeugt ſei, daß ſie nur für beide Theile unglücklich enden müſſe; und ohne ſeine Antwort abzuwarten, ritt ſie ſtolz an ihm vorüber und verſchwand. Von der Größe der Leidenſchaft Fitzelair's hatte Eleanor nicht die mindeſte Idee, und dies will viel ſagen, denn im Allgemeinen überſchätzte 46 ſie ihre Macht. Sie glaubte, ſie habe ihn geärgert, aber lange noch nicht ſo ſehr, als er es verdiente, und ſie beſchloß, ihn auf dem Balle am Abend noch mehr zu quälen. Aber zu ihrem außerordentlichen Verdruß erſchien er nicht, und es be⸗ meiſterte ſich ihrer eine unbeſtimmte Furcht, als ſie ſich zur Ruhe begab, die ſie nicht ſchlafen ließ. Seine Abweſenheit hatte bei Allen Erſtaunen erregt, namentlich bei Lady Lascel⸗ les, die wußte, daß es unerhört war, daß er Eleanor ſo ganz dem jungen Fortesecue überließ, was nichts Gutes bedeuten konnte. Aber die ausſchweifendſten Vermuthungen blieben weit hinter der Wirklichkeit zurück. Am nächſten Morgen wurde ganz Cheltenham durch die unbegreifliche Nachricht von dem Selbſtmord Lord Fitzelair's in die ſchmerzlichſte Aufregung verſetzt; aus welcher Veranlaſſung, das war in ein ſolches Geheimniß gehüllt, daß nichts als eine plötz⸗ liche Geiſtesabweſenheit angenommen werden konnte, eine Annahme, die durch die eigenthümliche Gemüthsart und die Manieren des jungen Edelmannes während ſeines Aufent⸗ haltes unter ihnen gerechtfertigt wurde. Sein Teſtament, ein werthvolles Geſchenk nebſt einigen Zeilen der Anerken⸗ nung an ſeinen treuen Begleiter und ein Brief an Arthur Hamilton, Esquire, waren die einzigen Beweiſe, daß die furcht⸗ bare That nicht ohne Vorbereitung begangen worden war; da dies aber oft ſelbſt beim Wahnſinn geſchieht, ſo ſprach man nicht weiter darüber. Den Zuſtand, in dem ſich Elea⸗ nor's Gemüth befand, als ihr dieſe Nachricht von ihrem Va⸗ ter in zorniger Aufregung mitgetheilt wurde, ohne daß ſie im Entfernteſten darauf vorbereitet war, mögen ſich unſere Leſer denken. Verhärtet, herzlos, eigenſinnig wie ſie war, ſie war immerhin ein Weib, ein Mädchen, und ſie hatte, bis Capitain Forteseue erſchien, Lord Fitzelair, ſoweit es in ihrer Natur lag, geliebt. Sie machte vergeblich den Verſuch, ſich glauben zu machen, daß ſie an dieſem kläglichen Ende keine Schuld trage. Reue mit aller ihrer quälenden, unſtillbaren Angſt bemeiſterte ſich ihrer, aber anſtatt ſie zur Buße und von dort zur Hoffnung des Friedens zu führen, drängte ſie ſie zu einer Handlungsweiſe, die ſie für unvermeidlich hielt 47 und die mit der Zeit, indem ſie dadurch von allen den ſchmerz⸗ lichen Erinnerungen entfernt würde, ihr gegenwärtiges Elend lindern ſollte. Drei Tage und drei Nächte verließ ſie ihr Zimmer nicht und dann beſuchte ſie ihren gewöhnlichen Cir— kel ohne den geringſten Schein des inneren Kampfes, der noch in ihrer Bruſt vorging. Es war ſehr leicht, ihre Bläſſe unter künſtlichen Roſen zu verbergen, und ihr heiteres Lä⸗ cheln, ihre Witzworte wurden nur durch ein ſehr geſchickt ausgeführtes Entſetzen gewürzt, als das neuliche Ereigniß in ihrer Gegenwart beſprochen wurde, das man für ſehr na⸗ türlich halten mußte, da ſie den Verſtorbenen ſo genau ge— kannt hatte. Aber die Stunden der Einſamkeit, welche dieſem Benehmen in der Geſellſchaft folgten, waren wirklich ſchreck— lich. Durch einen ſeltſamen Widerſtreit der Gefühle ſehnte ſich ihre beſſere Natur nach Emmelinen, und ihre künßtliche, die leider nur zu gewaltſam ihre zweite Natur geworden war, hatte das Gefühl, als wenn ſie lieber das Land ver⸗ laſſen, als dem milden ſchmerzlichen Blicke dieſer durchdrin⸗ genden Augen begegnen möchte. Lord Delmont war ſelbſt in einer höchſt beklagenswer⸗ then Lage; ſelbſt kleinere Uebel waren ihm immer größer vorgekommen, und die Wirkung dieſes Unglücks, der Wunſch, Eleanor den widerwärtigen Zudringlichkeiten des Capitain's Fortescue zu entziehen, und die Furcht, daß wenn er dies thäte, man es mit Fitzelair's Tode in Zuſammenhang brin⸗ gen würde, machte ihn ſo außer ſich, daß er wirklich krank wurde,— eine Nachricht, die ſofort Mr. und Mrs. Hamil⸗ ton nach Cheltenham brachte. Manche junge Frauen und Mütter würde es unange⸗ nehm berührt haben, daß ihr häusliches Glück beſtändig durch die Fehler Anderer geſtört würde. Emmeline aber war ge⸗ wöhnt, Alles, was ihr perſönliches Leiden ſchaffte, auf die höchſte Quelle zurückzuführen, und ſie dachte, daß es gut für ſie ſein müßte, weil es ſonſt nicht ſein würde, eine Ueber— zeugung, die ſie in den Stand ſetzte, Diejenigen noch zu lie⸗ ben, welche die ſichtbare Urſache ihres Schmerzes waren. Eleanor befand ſich auf einem Balle am Abend ihrer e e 48 Ankunft und Miß Hamilton bat, ſie nicht eher davon zu unter⸗ richten als am folgenden Tage. Eine halbe Stunde vor der Zeit, wo ſie nach ſolchen Scenen gewöhnlich aufſtand, trat ſie in das Zimmer ihrer Schweſter. Rings um ſie herum lagen die Schmuckſachen des vorigen Abends. Ein Gefühl tiefer Niedergeſchlagenheit beſchlich Emmelinen als ſie der Schläfe⸗ rin in's Geſicht ſah, die ihrer unnatürlichen Roſen entkleidet ſo ſchreckbar bleich und hager ausſah; ihr ſchönes Haar lag in verwirrten Maſſen auf ihrer feuchten Stirn, und als Em⸗ meline ſie ſanft zurückzuſtreichen ſuchte, fuhr Eleanor auf und erwachte. „Iſt es ſchon Zeit aufzuſtehen?“ ſagte ſie ſchlaff und machte die Augen nur halb auf.„Es iſt mir, als wenn ich noch gar nicht geſchlafen hätte.“„Träume ich,“ fügte ſie auffahrend hinzu,„oder habe ich an dem einen Ort ge⸗ ſchlafen und bin an dem andern aufgewacht? Bin ich in Dakwood?“ „Nein, liebſte Eleanor! Heißeſt du mich nicht auch in Malvern⸗Houſe willkommen?“ Die Stimme, der Anblick ſchien ihr das Herz durchbohren zu wollen, ihre Schläfe klopften, ihr Herz fühlte ſich, wie es immer war, wenn ſie aufwachte, von einem unerklärlichen Gefühle der Schuld und des Schmerzes gedrückt. Sie mühte ſich, kalt, ſtolz, zu⸗ rückhaltend zu erſcheinen, aber es gelang ihr nicht, und ſie ſchlang plötzlich ihre Arme um den Hals ihrer Schweſter und brach in heiße Thränen aus. Es war eine höchſt ungewohnte Begrüßung und Mrs. Hamilton ſchöpfte daraus die beſten Hoffnungen. Ach, die ungewöhnliche Weichheit dauerte nur eine kurze halbe Stunde. Sie verließ Eleanor auf ihre Bitten, während ſich dieſelbe ankleidete, und als ſie zurückkehrte, ſagte ihr das unbedacht⸗ ſame Mädchen mit einem halben Lächeln, ſie ſei auf ihre Vor⸗ leſung gefaßt, denn ſie könne von Dakwood nur zu dieſem Zweck gekommen ſein, und ſo ſtreng auch ihre Worte lauten möchten, ſo könne ſie doch ihren Ton nicht ändern, der wi⸗ der ihren Willen immer freundlich ſein müſſe; doch Emme⸗ line konnte ſie nicht überzeugen, wie ungerecht, wie grauſam 49 ſie gehandelt habe. Eleanor blieb dabei, daß ſie nicht im Mindeſten zu tadeln ſei, und daß das furchtbare Ende des armen Fitztlair blos eine Folge ſeiner heftigen Leidenſchaften geweſen, ja er müſſe nicht bei Sinnen geweſen ſein, und wiewohl es allerdings entſetzlich, ſo ſei ſie doch vielleicht einem furchtbaren Schickſale entgangen; aber mochte ſie ſprechen, wie ſie wollte, Emmeline ließ ſich nicht täuſchen über die Qual, welche ſie wirklich ausſtand. Als ſie indeß fand, daß ſelbſt Fitzelair's kurzer Brief an ihren Gatten, den Eleanor zu ſehen verlangt hatte und in dem er ſeinen Wahnſinn be⸗ klagte, daß er nicht ſeinem Rathe gefolgt ſei und ſie geflohen habe, und worin er ihn bat, ihr ſeine Vergebung zu über⸗ bringen und ihr zu ſagen, daß der Weg, den er eingeſchla⸗ gen, ihre Verlobung hoffentlich zu ihrer Zufriedenheit löſen würde, hatte keine andere Wirkung, als daß ſie todtenbleich wurde, ſo daß ihre Schweſter ſich überzeugte, daß nichts als eine faſt übernatürliche Anſpannung ihres Stolzes ſie vor einer Ohnmacht bewahrte. Sie ſtellte ihre Bemühungen ein und hoffte, daß Eleanor noch Buße thun und ein anderes Weſen werden würde. Sie wußte, daß Härte ſie nur ver⸗ härten würde, deshalb ſuchte ſie ihren Vater dahin zu brin⸗ gen, daß er ſie wie gewöhnlich behandelte, aber dies vermochte Lord Delmont nicht. Es iſt merkwürdig, wie oft die Eltern, die gegen ihre Kinder zu nachſichtig geweſen ſind, ungewöhn⸗ lich ſtreng werden gegen die Fehler der Erwachſenen. Auch ſchwache Charaktere, wenn ſie zum Zorn gereizt werden, ſind immer heftiger, als feſtere, und Eleanor's fortdauernder Hochmuth und ihre Kälte, als wenn ſie die Beleidigte wäre, trug nicht dazu bei, ihn zu beruhigen. Unglücklicherweiſe wurde ſein Zorn bald noch mehr ge⸗ reizt, indem Capitän Fortescue förmlich um die Hand Elea⸗ nor's anhielt. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ſandte er eine entſchiedene und faſt beleidigende ablehnende Antwort an den jungen Soldaten, ſuchte dann ſeine Tochter auf und goß auf ſie die Schale ſeines Zornes aus, indem er ihr nicht nur den Tod Fitzclair's zum Vorwurf machte, ſondern ſie auch ſchalt, daß ſie es gewagt habe, dem jungen Fortescue 4 50 in ſolcher Weiſe entgegenzukommen, daß er den Muth zu ſei⸗ nem frechen Antrag gefunden habe. Zu ſeinem Erſtaunen hörte ſie ihn an, ohne eine Erwiderung zu verſuchen, aber er würde erſchrocken ſein, wenn er die bleiche Wange, die zu⸗ ſammengepreßten Lippen und die geballte Hand hätte ſehen können, womit Eleanor, als er ſie verlaſſen hatte, murmelte: „Vater, wenn es eine Sünde iſt, Dich zu verlaſſen, ſo komme ſie auf Dein Haupt. Ich würde mit Deiner Bewilligung ge⸗ heirathet haben, wenn Du ſie mir gegeben hätteſt, aber nun iſt mein Schickſal entſchieden, es giebt für mich keinen Frieden in England. Ich will mir wenigſtens die Qual erſparen, ein anderes liebendes Herz zu brechen.“ Faſt drei Wochen verfloſſen und Eleanor's ungewöhnliche Demuth und ſelbſt einigermaßen der Umſtand, daß ſie ſich von der Geſellſchaft zurückzog, wofür die Ankunft der Mrs. Hamilton eine gute Entſchuldigung war, beſänftigten den Zorn ihres Vaters gegen ſie faſt ganz und gar. Daß ſie einige Stunden jeden Tages von ihrer Schweſter getrennt zubrachte, konnte nicht Wunder nehmen. Emmeline war dankbar für dieſe Veränderung ihres Benehmens, aber etwas Vertrauliches kam nie wieder zwiſchen ihnen vor. Es ſchien Eleanor wenig zu bekümmern, daß Gerüchte in dem Bade umhergingen, welche die Namen Miß Manvers und des ver⸗ ſtorbenen Lord Fitzelair in Verbindung brachten, wiewohl ſie ihrer Familie natürlich Kummer verurſachten. Um dieſe Zeit kam eine Einladung an Eleanor von einer Dame von Rang, die ihrem Vater oberflächlich bekannt war und die zehn Mei⸗ len von Cheltenham auf einer ſchönen Villa lebte, auf der ſie eine ausgewählte Geſellſchaft erwartete, um ein Paar Wochen das Landleben zu genießen. Es war nichts in dem Brief, was die Furcht hätte erregen können, die ſich der Mrs. Ha⸗ milton bemächtigte, als Eleanor ihr denſelben zu leſen gab; aber ſie ſprach ſich nicht darüber aus, da Lord Delmont geneigt ſchien, Eleanor die Einladung annehmen zu laſſen, da er wußte, daß die Lady viel zu exeluſiv war, als daß Capitän Fortescue ſich unter den Gäſten beſinden würde, und da er glaubte, daß Eleanor's ſcheinbare Gleichgültigkeit 51 gegen die Einladung aus dieſer Urſache entſprang. Er ſagte ihr, er habe ſich gefreut, daß ſie ſoviele Abende ihrer Schweſter gewidmet, und fügte hinzu, ſie habe ſeine volle Einwilligung, wenn ſie dahin wolle, da er ſie eher entbehren könne als ſpã⸗ ter, wenn Emmeline nach Dakwood zurückgekehrt ſei. Sie dankte ihm, zeigte aber kein beſonderes Vergnügen. Am Tage vor ihrer beabſichtigten Abreiſe ſaßen die Schweſtern bei einander, und der kleine Percy, der nun gut laufen konnte, ohne zu fallen, ſpielte im Zimmer umher. Er hatte bereits eine ſo leidenſchaftliche Gemüthsart und ſoviel Eigenſinn ſelbſt in Kleinigkeiten gezeigt, daß Mrs. Hamilton fühlte, daß ſie eine ſchwere Aufgabe mit ihm haben werde; aber ſie war ebenſo feſt als ſanft, und es ſchmerzte ſie nicht, ſich mit ihrem Liebling in Widerſpruch ſetzen zu müſſen. „Greife das nicht an, Percy!“ ſagte ſie, als ihr kleiner Knabe ſeine Hand nach einem ſchönen, aber zerbrechlichen Spielzeug ausſtreckte, das mit anderen Nippſachen auf einem kleinen Tiſche ſtand. Das Kind ſah ſie lächelnd und ſchlau an und zog die Hand zurück, entfernte ſich aber nicht einen Schritt von dem Tiſche. „Komm' her, Percy, Du haſt lange nicht mit dieſen hübſchen Sachen geſpielt,“ und ſie nahm aus ihrem Arbeits⸗ korbe einige buntfarbige Elfenbeinkugeln, die ſein Lieblinge⸗ ſpielseug geweſen waren, aber gerade jetzt hatten ſie allen ihren Reiz verloren, und der junge Herr rührte ſich nicht von der Stelle. Mrs. Hamilton kniete neben ihm nieder und ſagte ruhig:„Mein Percy will doch der Mama nicht ungehorſam ſein?“ „Ich will Das,“ erwiderte er mit dem ſchmeichelnden Tone der Kindheit, und er ſchlang ſeine kleinen runden Arme liebkoſend um ihren Nacken. Mrs. Hamilton fühlte ſich ver⸗ ſucht, ihm nachzugeben, aber ſie that es nicht.„Das iſt kein Spielzeug für Dich, mein Kind; außerdem iſt es nicht mein, und wir dürfen nicht angreifen, was uns nicht gehört. Komm', laß uns ſehen, ob wir nicht etwas ebenſo Hübſches finden können, was Du haben kannſt.“ Und nachdem er einige Minuten auf ihrem Schoß geſpielt, hoffte ſeine Mutter, 4* 52 daß er es vergeſſen habe, aber der kleine Mann war nicht ſo leicht abzulenken. Er ergriff ruhig das verbotene Spielzeug und ſetzte ſich in ſtummer, aber triumphirender Freude auf den Boden. Erſtaunt über ſein plötzliches Schweigen, ſah Mrs. Hamilton nach ihm. Es war die erſte Aeußerung ent⸗ ſchiedenen Ungehorſams, und ſie wußte, daß ſie ſich nicht ſchwankend zeigen dürfe. So jung er war, ſo hatte er doch bereits unterſcheiden gelernt, wann ſeine Mutter böſe war, und da ſie ihm ſehr ernſt ſagte, daß er ihr das Spielzeug geben ſolle, warf er es heftig auf die Erde und brach in lau⸗ tes Weinen aus. Seine Amme entfernte ihn trotz ſeines Widerſtrebens aus dem Zimmer, und Mrs. Hamilton nahm ruhig ihre Arbeit wieder vor; aber es lag ein ſolcher Aus— druck des Schmerzes in ihrem Geſicht, daß Eleanor ausrief: „Emmeline, ich habe Dich die letzte halbe Stunde beobachtet und ich kann Dich nicht begreifen. Erkläre Dich doch!“ „Ich will es, wenn ich kann,“ entgegnete Mrs. Hamil— ton und lächelte. „Warum ließeſt Du dem armen kleinen Perey nicht das Spielzeug?“ „Weil ihn dies ermuthigt haben würde, Alles anzugrei⸗ fen und zu nehmen, was er ſieht, mag es für ihn paſſend ſein oder nicht.“ „Aber das konnte er nicht verſtehen.“ „Jetzt vielleicht noch nicht; aber ich will, daß er weiß, daß, wenn ich ſpreche, er gehorchen muß. Es iſt nach meiner Anſicht ein Irrthum, daß wir den Kindern Gründe für Alles, was wir von ihnen wünſchen, geben ſollen. Der Gehorſam kann dann nie ſo raſch ſein, wie er ſoll. Und in der That, wenn wir warten, bis ſie alt genug ſind, um die Gründe für einen Befehl zu verſtehen, ſo wird die Aufgabe viel ſchwerer, weil der Eigenſinn bereits das Uebergewicht erlangt haben kann.“ „Aber warum warſt Du ſo grauſam, das arme Kind hinauszuſchicken? War es nicht genügend, ihm das Spiel⸗ zeug wegzunehmen?“ „Nicht ganz, wenn er ſich erinnern ſollte, daß er es nicht wieder angreifen ſoll.“ 53 „Und denkſt Du wirklich, daß er es nicht wieder thun wird?“ „Ich kann es nur hoffen, Eleanor; aber ich darf nicht den Muth verlieren, wenn er es wieder thut. Er iſt noch ein Kind, und ich kann nicht erwarten, daß er eine ſo ſchwere Lektivn, wie der Gehorſam iſt, in einer, zwei oder drei Stun⸗ den lernen ſoll.“ „Und wird er Dich noch ſo ſehr lieben, als wenn Du es ihm gegeben hätteſt.“ „Nicht augenblicklich vielleicht, aber wenn er älter iſt, wird er mich noch mehr lieben, und dieſe Hoffnung verſöhnt mich mit dem Schmerz, den es mir gegenwärtig verurſacht, ihm etwas abzuſchlagen.“ „Und Du trägſt den Schmerz freiwillig, der der ſtren⸗ gen, ſtoiſchen Mrs. Hamilton faſt Thränen in die Augen ge⸗ bracht hätte?“ „Es war eine thörichte Schwäche, meine liebe Eleanor, um derentwillen mich mein Gatte geſcholten haben würde, aber es muß einer Mutter Schmerz verurſachen, wenn ſie ſich aufgefordert ſieht, ihr Anſehen geltend zu machen, während ihre Neigung ſie veranlaſſen möchte, Nachſicht zu üben.“ „Nun, wenn ich einmal mit Kindern zu thun habe, werde ich es wahrlich nicht halb ſo genau nehmen, wie Du, Emme— line. Ich kann mir wirklich nicht denken, was es hätte ſcha— den können, wenn Du mir und Percy den Willen gethan hätteſt?“ „Wenn Du einmal Kinder haſt, meine liebe Eleanor, ſo habe auch Geiſtesſtärke und Selbſtbeherrſchung genug, um Dich ſelbſt zu vergeſſen und die Befriedigung der Gegen⸗ wart der Wohlfahrt der Zukunft nachzuſetzen.“ Mrs. Ha⸗ milton ſprach eindringlich, und Etwas in ihren Worten oder ihrem Ton trieb Eleanor das Blut in die Wangen, und ſie ging raſch an's Fenſter, dann, ebenſo raſch zurückkehrend, küßte ſie ihre Schweſter, ein ſehr ſeltenes Zeichen ihrer Liebe — und ſagte, ſie ſei viel zu gut für ſie, als daß ſie ſie ver⸗ ſtehen könnte, und verließ das Zimmer. Am folgenden Tage trat Eleanor zu ihrem Beſuch an— 54 gekleidet und blos auf den Wagen wartend, in Begleitung von Mrs. Hamilton und ihren kleinen Knaben in daſſelbe Zimmer. Wiewohl Eleanor im Allgemeinen nicht gern Kin⸗ der hätſchelte, ſo hatte ſie doch Herbert in ihre Arme genom⸗ men und tändelte mit ihm mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit. Perey, der das verführeriſche Spielzeug ſeit ſeiner Verban⸗ nung am vorigen Tage nicht geſehen hatte, lief in dem Au⸗ genblicke, wo er es ſah, zu Eleanor's Erſtaunen zu ſeiner Mutter und flüſterte ihr zu:„Perey das nicht angreifen, Perey gutes Kind ſein.“ Dann hielt er ſein kleines Geſicht koſend ihr entgegen, und mit einem ſehr verzeihlichen Ver⸗ gnügen hob ihn Mrs. Hamilton in die Höhe und bedeckte ihn mit Küſſen. Die Gefühle, welche in dieſem Augenblick Elea⸗ nor durchbebten, würde ſie ſchwer haben erklären können; aber ſie wußte, daß ſie die Farbe ſo ſehr wechſelte, daß ſie ihr Geſicht an Herbert's Köpfchen verbarg. Vielleicht lag die Urſache darin, daß in ſo plötzlicher und ſeltſamer Weiſe Gehorſam und Ungehorſam mit einander in Gegenſatz ge⸗ treten waren— und wer waren die Handelnden? Ein Kind und ſie. Einen Augenblick beſann ſie ſich, von plötzlicher und qualvoller Reue erfaßt; aber es war zu ſpät, ſie war bereits zu weit gegangen, und die Meldung des Wagens er⸗ löſte ſie von einem bittern Augenblick ſchmerzlicher Unent⸗ ſchloſſenheit. Indem ſie ihren kleinen Neffen ſeiner Amme übergab, ſagte ſie liebkoſend:„Will Perecy nicht auch Lina einen Kuß geben, wie der Mama?“ Das Kind umſchlang ſie mit einem Arm und den andern legte er um den Hals ſei⸗ ner Mutter, dann brach er in ein fröhliches Lachen aus, daß er gleichſam ein Band zwiſchen ihnen Beiden bildete. Nie⸗ mals hatte Eleanor ihre Schweſter mehr geliebt und bewun⸗ dert, als in dieſem Augenblick; alle Vernachläſſigung und Unfreundlichkeit, die ſie ihr gezeigt hatte, aller Spott und Hohn, den ſie entweder in ihrer Gegenwart oder hinter ihrem Rücken auf ſie ausgegoſſen, in Verbindung mit der innigen, aber leider ganz vergeblichen Sehnſucht, ihr auch nur im entfernteſten Grade ähnlich zu ſein, anſtatt einen Charakter zu beſitzen, der ihr niemals ſo entartet, ſo haſſenswürdig ge⸗ 55 ſchienen hatte, überwältigte ſie faſt. Ein krampfhaftes Schluch⸗ zen entſchlüpfte ihr, als ſie Emmelinen in ihre Arme ſchloß, und erſtickte faſt ihr Lebewohl. Lord Delmont und Mr. Ha⸗ milton befanden ſich in der Vorhalle, und der Erſtere war erſtaunt und erfreut, mit welcher Wärme ſein gewöhnlich ſo gleichgültiges Kind ſeinen Kuß und ſein Lebewohl erwiderte. Der Wagen fuhr ab und ließ ungewöhnliche Hoffnung und Heiterkeit zurück. Ach, in kurzen vierzehn Tagen waren jene Keime der Hoffnung zerknickt, Emmelinens augenblickliche Furcht erfüllt, und Lord Delmont erlebte die ganze Qual der Erfahrung, daß es viel ſchmerzlicher iſt als ein Schlangenbiß, ein undankbares Kind zu haben. Fünftes Kapitel. Ein Herz und ein Haus in England.— Ein Herz und ein Haus in Indien. Von dem Augenblick an, wo Arthur Hamilton nach Chel⸗ tenham zurückkehrte, mit der ſchmerzlichen Nachricht, daß er nach Leith nur noch zur rechten Zeit gekommen ſei, um die Abfahrt des Schiffes mitanzuſehen, welches den Capitän Fortescue und ſeine ſchöne Braut trug, die, wie es ſchien, allen den gewöhnlich ſo ruhigen Schotten, die ſie geſehen hatten, die Köpfe verdreht hatte, ſank Lord Delmont allmälig in ſich zuſammen. Der Schmerz, ſie für immer zu verlieren — denn ſo betrachtete er ihre Abreiſe und ihren Aufenthalt in Indien auf unbeſtimmte Zeit— beſiegte jedes andere Gefühl. Ihr Benehmen berührte ſein Herz viel zu tief, als daß er ihr hätte zürnen können. Der Name der Lady, aus deren Haus und mit deren Hilfe ſie entflohen war, kam nie über ſeine Lippen, doch wenn er denſelben zufällig nennen hörte, verzog ſich ſein Geſicht krampfhaft, und er verließ 56 immer ſogleich das Zimmer. Oft klagte er ſeine Härte als die Urſache an, die ſeine Tochter fortgetrieben, und dann ſtellte ſich der überwältigende, bittere Gedanke ein, daß, wenn er ſpäter hart geweſen ſei, die Erinnerung an alle ſeine Nach⸗ ſicht und Zärtlichkeit, die er gegen ſie gezeigt, einige Dank⸗ barkeit als Entgeld verlangt hätte. Wenn ſie nur geſchrieben, wenn ſie nur einen Wunſch nach Fortdauer ſeiner Liebe ge⸗ äußert, wenn ſie nur Reue über ſeinen gegenwärtigen Schmerz ausgeſprochen hätte! Aber es kam kein Brief, und dieſe ſtrei⸗ tenden Empfindungen untergruben ſo gänzlich eine Con⸗ ſtitution, die niemals ſehr kräftig und bereits von der Sorge benagt war, daß, als noch eine andere und noch ſchwerere Prüfung dazu kam, er darunter zuſammenbrach. Wiewohl Eleanor ſein Liebling geweſen war, ſo hatte ſich doch ſein Stolz und ſeine Hoffnung in ſeinem Sohne concentrirt, der in einem fünfjährigen Dienſt an Bord eines Kriegsſchiffs eine ſolche Carriere gemacht hatte, daß er bereits zum Lieutenant geſtiegen war, und daß er nicht nur in ſeiner Familie, ſondern auch in einem großen Zirkel von bewundernden Freunden die wohlthuendſten Gefühle weckte. Mrs. Hamilton's Liebe zu ihrem Bruder war natürlich ge⸗ ſtiegen, wie ſtark dieſelbe auch ſchon in ihrer Kindheit geweſen war, und die Beſuche, welche Charles in Oakwood hatte machen können, ſo kurz ſie auch ſein mußten, hatten immer nicht nur ihr, ſondern auch ihrem Gatten die herzlichſte Freude gemacht. Der Schmerz und die Sorge über Elea⸗ nor's Flucht, und die Furcht vor den Folgen, die ſie auf Lord Delmont aen waren zwei oder drei Monate der ein⸗ zige Gegenſtand ihrer Gedanken geweſen, aber endlich und wie ein ſchrecklicher Blitz, der neue Sorgen erweckte, fiel es ihnen ein, daß die Zeit längſt vorüber ſei, wo Nachricht von Charles hätte kommen müſſen. Nicht nur die Familie Del⸗ mont, ſondern Alle, die Freunde und Verwandte an Bord des Leander hatten, hofften immer noch, daß das Schiff ver⸗ ſchlagen oder auf einer geheimen Expedition begriffen ſei, und daß bald Nachrichten über daſſelbe einlaufen müßten. Nach mehreren Monaten quälender Erwartung langte die 57 Kunde an, daß mehrere Planken und Maſten, welche die Zeichen von Feuer und Waſſer, und einige Kaſten, welche Namen trugen, von denen man nur zu bald erkannte, daß ſie Leuten von der Mannſchaft des Leander angehörten, an die Küſte der Barbarei geworfen worden waren, und es konnte keinem Zweifel mehr unterliegen, daß Tod oder Sklaverei, jene furchtbare Sklaverei, welche das Bombardement von Algier den Augen Europas zur Anſchauung gebracht hatte, das Loos aller der Geliebten war, für die ſoviele Augen und Herzen gewacht und vergeblich geweint hatten. Es war ein ſo furchtbarer Schlag, daß Mrs. Hamilton zuerſt zu Muthe war, als wenn alle Unterwerfung ſie verlaſſen hätte, und ſie hätte faſt in ihrem Geiſte gegen den unerforſchlichen Rathſchluß ſich empören können, der einen Jüngling, der ſo frei von Laſter und ſo voll Glück und Verdienſt war, zu einem ſo furchtbaren Loos verurtheilt hatte. So ſehr ſie ihren Gatten vorher geliebt und verehrt hatte, ſo glaubte ſie, ſeinen Werth und ſeine Zärtlichkeit erſt jetzt vollſtändig zu erkennen. Es war ſeine Theilnahme, ſeine Stärke, die ſie zu ihrer Pflicht zurückrief und ihr die Kraft gab, durch Un⸗ terwerfung unter den Willen eines Vaters, die ſie noch nie verlaſſen hatte, ſich in das Unvermeidliche zu fügen. Aber die Zeit, wiewohl ſie den erſten Schmerz linderte, hatte keine Macht über die Erinnerung an dieſen angebeteten Bruder, ſelbſt nicht, als die ſteigenden Sorgen und Freuden der Mut⸗ ter ſie ſo vollſtändig in Beſchlag nahmen, daß die Gegenwart und die Zukunft ihrer Kinder ihre eigene Vergangenheit zu⸗ rückgedrängt zu haben ſchien. Lord Delmont überlebte die traurige Kunde von dem gewiſſen Untergange des Leander nicht länger als zwei Mo⸗ nate, aber ſein erlöſter Geiſt ſah ſeinen Sohn nicht wieder. Charles war nicht todt. Er verrichtete lange Jahre die Ar⸗ beiten eines Sklaven, ehe er auch nur eine theilweiſe Linde⸗ rung ſeiner Leiden fand; da aber keine Nachricht von ihm kam, wurde ein Kind von drei Jahren, ein entfernter Ver— wandter der Familie, Erbe des Titels Lord Delmont.— Jahre verfloſſen, und das Loos der Mrs. Hamilton war ſo 58 voll ruhigen Glücks und ſo reich an den unzähligen täglichen Freuden einer liebenden Gattin und einer treuen Mutter, daß ſie täglich um Dankbarkeit betete, damit das Glück ſie für die Tage der Prüfung und der Trübſal nicht ungeſchickt machte, wenn ſie kommen ſollten. Daß ſie ebenſowohl Sor⸗ gen wie Freuden hatte, konnte nicht anders ſein, da ſie es ſich angelegen ſein ließ, ihre Kinder mit mehr Rückſicht auf ihr geiſtiges und ſittliches Wohlbefinden, als auf die Bildung ihres Verſtandes zu erziehen. Sie war eine von Denen, die noch mehr daran dachten, das Herz, als den Geiſt zu bilden, da ſie glaubte, daß, wäre nur das erſtere gehörig geweckt, der letztere keine große Anregung brauchen würde, um ſich zu entwickeln. Ihre Familie war nur noch um zwei Mädchen gewachſen. Einen Wunſch, den ſie ſchon viele Jahre gehegt hatte, konnte Mrs. Hamilton noch erfüllen. Von Kind⸗ heit auf hatte ſie ſich an den Gedanken gewöhnt, daß ſie Lucy Harcourt eines Tages die ſchwere Schuld der Dankbarkeit werde abtragen können, die ſie gegen ihre Mutter hatte. Sie hatte von den früheſten Jahren an mit ihr in Briefwech⸗ ſel geſtanden, und Mrs. Harcourt freute ſich, zwiſchen ihrer Schülerin und dem Kinde, von dem ſie die Umſtände ſo traurig getrennt hatten, ein gegenſeitiges Intereſſe zu bilden. Als daher ein Ereigniß, das Miß Harcourt's perſönliche Gefühle ſehr ſchmerzlich berührte, ſie dazu nöthigte, zögerte ſie nicht, als die einzige Hoffnung, ihren Frieden wiederzu⸗ gewinnen und ſie zu dem ſchweren Amte einer Lehrerin zu ſtärken, das, wie ſie wußte, die einzige Quelle einer unab— hängigen Stellung für ſie als alleinſtehendes Mädchen war, die Freundſchaft anzunehmen, welche Mrs. Hamilton ihr ſo warm angetragen hatte. Einige wenige Tage perſönlichen Verkehrs genügten zu der gegenſeitigen Ueberzeugung, daß die günſtigen Eindrücke, welche ihr gegenſeitiger Briefwechſel erzeugt, ſie nicht getäuſcht hatten. Miß Harcourt fand in der That die Freundin, deren ihr krankes Gemüth bedurfte, und Mrs. Hamilton freute ſich noch lange, bevor die Monate der Ruhe vorüber waren, die, wie ſie beſtimmt hatte, dem An⸗ fange des Unterrichts vorhergehen ſollten, der Ueberzeugung, O daß die Tochter ihrer geliebten und vielbeweinten Freundin in der That für die Stellung in ihrer Familie paßte, ihr bei der ſittlichen und geiſtigen Erziehung ihrer Töchter zu helfen. Es waren allerdings nur Kinder, als Miß Harcourt ankam, aber Mr. und Mrs. Hamilton fanden Mittel, die ehrenwer⸗ then Skrupel zu beſiegen, die Lucy im Anfang gegen ihren Plan zu haben ſchien, und Mrs. Hamilton, die ſich nicht nur freute, ſondern auch dankbar war, daß ihr langjähriger Wunſch in Erfüllung gegangen, konnte beweiſen, wie innig ſie ihre mütterliche Freundin liebte und betrauerte. Der Gedanke an Eleanor war der einzige dunkle Schat⸗ ten in Mrs. Hamilton's Leben. Sie hatte oft an ſie geſchrie⸗ ben, aber die Verbindung mit Indien war damals nicht, was ſie heutigen Tages iſt, und ihre Briefe konnten ihren Beſtim⸗ mungsort nicht erreicht haben, beſonders da Capitän For⸗ tescue beſtändig ſein Quartier wechſelte, und was auch immer die Urſache ſein mochte, die Briefe Eleanor's konnten, wie Mrs. Hamilton dachte, ebenfalls verloren gegangen ſein. Sie hörte nichts von ihr, bis der Brief, den ihre Schweſter angefangen und Mr. Myrvin zu Ende geführt hatte, die ſchreckliche Nachricht brachte, daß ſie Wittwe und todtkrank ſei und daher Oakwood nicht erreichen könne, wohin ſie we⸗ nigſtens ihre Kinder zu bringen gehofſt habe, um ſie um Schutz und Liebe für dieſelben zu bitten, und worin ſie Mrs. Hamilton bat, ohne Verzug zu ihr zu kommen. Der Brief, der unvollſtändig adreſſirt war, hatte mehrere Tage gebraucht, und Mr. und Mrs. Hamilton waren mit den bängſten Ah⸗ nungen nach Langwillan aufgebrochen. Aber wiewohl Mrs. Hamilton erſt viele Jahre ſpäter, als Edward und Ellen Forteseue Angehörige ihrer Familie wur⸗ den, alle die Einzelheiten ihrer Kindheit erfuhr, ſo iſt es doch nothwendig, daß unſere Leſer dieſelben früher erfahren, ſonſt würde der Charakter Ellen's ihnen ſo unnatürlich und unbe⸗ greiflich erſcheinen, wie ihrer Tante. Daß Eleanor in einer Ehe, die ſie nur ſchloß, weil ſie die Qual ihrer Gedanken und die beſtändige Furcht vor der Verachtung der Welt nicht ertragen konnte, wahres Glück habe 60 finden können, war nicht wahrſcheinlich. Zuerſt war es aller⸗ dings ſehr angenehm, ſich nicht nur zum Gegenſtand der Verehrung ihres Gatten, den ſie wirklich hätte lieben können, wäre ſie im Stande geweſen, Fitzelair zu vergeſſen, gemacht zu ſehen, ſondern auch in Indien noch mehr Verehrer zu fin⸗ den, als in England. Wiewohl Capitän Fortescue häufig auf dem Marſche war, wo Eleanor ihn bisweilen, wiewohl ſehr ſelten, begleitete, ſo hatte er doch auch Zeiten, wo er in größeren Städten in Garniſon lag, und wo dann ſeine Ge⸗ mahlin immer eine hervorragende Rolle ſpielte. In den er⸗ ſten drei oder vier Jahren entſchädigte ihn der Stolz, ſie ſo allgemein bewundert zu ſehen, die größere Aufmerkſamkeit, die ihm ihretwegen gezollt wurde, für den Mangel der Eigen⸗ ſchaften, die er von ihr, als der Frau eines Soldaten, er⸗ wartet hatte. Als aber ſeine Geſundheit, die immer leidend war, mehr und mehr untergraben wurde und ihn nöthigte, die Geſellſchaft wenigſtens großentheils zu meiden und ſich auf die ruhigen Freuden des häuslichen Lebens zu beſchrän⸗ ken, fand er— und das war ein bitteres Erwachen— daß ſeine Wünſche, ſein Wohlbefinden für ſeine Frau von keinem Belange waren. Sie konnte den Freuden der Geſellſchaft nicht entſagen. Es war ihr angenehmer, den gefährlichen Vergnügungen ihrer Mädchenjahre nachzugehen, wiewohl ſo vorſichtig, daß nichts ruchbar wurde, als die Langeweile ihres Hauſes zu ertragen. Dennoch liebte er ſie, und wenn Elea⸗ nor mit all' der bezaubernden Heiterkeit ihrer früheren Zeit ihn liebkoſte und ihn zu bereden ſuchte, mit ihr auszugehen und nicht zu Haus zu ſitzen und Grillen zu fangen, und wenn er wollte, würde ſie ſich ganz ſo verhalten, wie er es wünſche, und wenn er ſie nicht gern von Rothröcken umgeben ſehe, wolle ſie dieſelben alle von ſich weiſen und ſich nur ihm widmen— aber in der That, ſie konnte nicht zu Haus bleiben— ſo kam es ihm grauſam vor, ein ſolches Weſen an ſeine Seite zu feſſeln, und bisweilen machte er den Verſuch, ſie zu begleiten, zuweilen gab er aber auch ihren Wünſchen mit freundlichen Worten und nachſichtiger Liebe nach und blieb allein. Aber er dachte ſich nicht den wahren Grund, weshalb Eleanor 61 nicht zu Haus bleiben konnte. Die Erinnerung an Lord Fitzelair war in ſolchen Zeiten ſo furchtbar in ihr lebendig, daß die Qual, die ſie empfand, als ihr zuerſt ſein ſchreckliches Ende mitgetheilt wurde, in all' ihrer Stärke zurückkehrte. Der Gedanke, daß ihr Vater ſie wegen ihres Ungehorſams verflucht, umſchwebte ſie beſtändig und ließ ſie zu einem dau⸗ ernden Glück nicht kommen, und bei alledem ließ es durch einen ſeltſamen Widerſpruch ihr Stolz, dieſer höchſt unglück⸗ liche Beſtandtheil ihres Charakters, zu keinem Verſuch kom⸗ men, ſich mit ihren Verwandten wieder in Verbindung zu ſetzen. Sie ſagte, da ſie keinen Verſuch zur Verſöhnung ge⸗ macht hätten, ſo wolle auch ſie es nicht, und dennoch wurde die Sehnſucht nach Emmelinen oft wirklich ſchmerzlich. Eleanor war niemals zu dem herzloſen, leichtſinnigen Weſen beſtimmt, das ſie geworden war. Zwiſchen dem Gu⸗ ten und Böſen ihrer Natur gab es einen beſtändigen Kampf, und wiewohl das Böſe triumphirte in dem Entſchluſſe, daß Nichts ihre Handlungsweiſe ändern, Nichts ſie veranlaſſen ſollte, anzuerkennen, daß ſie Unrecht gethan habe und daß ſie wirklich nicht das vollkommene Weſen ſei, was die Schmei⸗ chelei ihr beſtändig in's Ohr flüſterte, ſo hatte doch das Gute ſoviel Macht über ſie, um ſie irre zu machen durch die Ueber⸗ zeugung, daß ſie nicht ſei, was ſie hätte ſein können, daß ſie niemals glücklich ſein könne, daß jede Freude und jedes Ver⸗ gnügen eitel ſei. Immer wieder trat die Erinnerung an Emmelinens liebevolle und thatkräftige Frömmigkeit vor ihre Augen, als wenn dieſelbe ſie bäte, den einzigen Quell des Friedens aufzuſuchen; aber die Vorwürfe, die ſie ſich ſelbſt machte, waren ſo ſchrecklich, der Schmerz, welchen der Gedanke erweckte, war ſo furchtbar, daß ſie ſich immer mit Schau⸗ dern davon abwandte, überzeugt, daß die Religion für ſolche Frauen, wie ſie, nicht beſtimmt ſei, und daß ihre Beſchrän⸗ kungen ihr niemals in den Sinn, oder ihre Gebete über ihre Lippen kommen könnten. Als der Geiſt ihres Sohnes ſich zu entwickeln anfing, ſchien ihr ein Vergnügen nicht ganz hohl, ein Genuß unge⸗ miſcht zu ſein, und ſie gab ſich demſelben mit einer Begier und mit einer Beſtändigkeit hin, wie es bei einem im Allge⸗ meinen ſo ſchwankenden Charakter faſt unglaublich war. Daß ihr Sohn von ſeiner früheſten Kindheit an ihr Ebenbild war, mochte ſie in ihren Gefühlen noch beſtärken, aber die innige Liebe, die ſie zu ihm fühlte und die mit den Jahren wuchs, trug viel dazu bei, die unangenehmen Empfindungen der Reue und des Heimwehs zu verbannen. Sie widmete ſich ihrem Knaben allerdings nicht in verſtändiger Weiſe, denn ſie gehörte nicht zu Denen, die bei der Erziehung Selbſtverleug⸗ nung üben, und da Edward's Gemüthsart nicht darnach an— gethan war, ihr Kummer zu bereiten, ſelbſt wenn ſie allzu⸗ große Nachſicht gegen ihn übte, ſo ließ ſie nichts das furcht— bare Uebel erkennen, welches ſie erzeugte. Was ſie an ihren Sohn ſo feſſelte, ließ ſich ſchwer ſagen, es konnte kaum die bloße Mutterliebe ſin, denn dann würde ſie ſich auch auf ihre Tochter erſtreckt haben; aber ſo nachſichtig ſie gegen Ed⸗ ward war, ſo ſehr vernachläſſigte ſie Ellen. Oberſt Fortescue, denn zu dieſem Rang war er allmälig aufgeſtiegen, hatte es ohne Klagen ertragen, wenn er ſelbſt vernachläſſigt wurde, ja dies hatte nicht im Mindeſten ſeine Liebe zu vermindern vermocht, wiewohl es ihn zum Bewußt⸗ ſein gebracht hatte, daß ſeine Gattin allerdings kein vollkom⸗ menes Weſen ſei. Ihre Hingebung gegen Edward, die ſich ſelbſt der ſchweren Mühe des Unterrichts unterzog, hatte ihn gefreut; denn da er den Tag über zuerſt wenig zu Haus war, wußte er nichts von der Vereinſamung ſeines kleinen Mädchens; aber als er die Wahrheit erkannte, daß ſie ein Gegenſtand faſt des Widerwillens für ihre Mutter ſei, daß ſie ganz und gar der Gnabe eines Miethlings überlaſſen war, und daß Eleanor ſie nur erwähnte, um ihren mürriſchen Sinn und ihre Beſchränktheit Edward's Heiterkeit und Geiſt gegenüber zu ſtellen, empörte ſich der Vater in ihm, und zum erſten Male ſprach er ſein ernſtliches Mißvergnügen aus. Er geſtand zu, daß ſein Sohn allerdings an Schönheit und Ta⸗ lent über ihr ſtehen möge, nicht aber daß Ellen's Liebe we⸗ niger warm oder ihr Gemüth weniger lenkbar ſei. Für ihn und für Alle, die nur im Mindeſten Kinder beobachtet hatten, 63 lag in Ellen's Geſicht von Kindheit an nicht üble Laune, ſondern Leiden. Beſtändig krank, denn ſie hatte ihres Vaters körperliche Beſchaffenheit geerbt, weinte das arme kleine Kind beſtändig, was Eleanor, die niemals erfahren hatte, was Krankheit iſt, ſogleich einer von Natur böſen Gemüthsart zuſchrieb. Die Amme, die ebenſo unwiſſend wie liebedieneriſch war, theilte dieſe Anſicht, und ehe Ellen noch drei Jahre alt war, hatten die Amme und die Mutter beſtändig die größte Härte angewendet, um ſie zu einem ſo guten Kinde zu machen, wie es ihr Bruder ſei. Vergebens wendete der Oberſt, als er dieſe Behandlung bemerkte, dagegen ein, daß das arme Kind krank ſei, daß die Schuld weder an Hartnäckigkeit, noch böſer Gemüthsart liege; ſeine Gemahlin wollte ihn nicht verſtehen, und endlich erklärte er entſchieden, daß, da er ihr ihren Willen mit Edward laſſe, er den ſeinen mit Ellen ha⸗ ben wolle, und daß ſie nicht gezüchtigt werden ſolle; wenn ſie ſich vergehe, ſolle man es ihm ſagen, und wenn es noth⸗ wendig ſei, werde er ſie ſtrafen; aber er werde ſich keine an⸗ dere Einmiſchung gefallen laſſen. Mrs. Fortescue machte nicht den entfernteſten Einwand, indem ſie glaubte, daß, da ihr Gatte ſie in ſeine Zucht genommen habe, ſie frei von allem Tadel ſei, wenn ſie ihm dieſelbe ganz und gar überlaſſe. Nur zu bald merkte das arme Kind, daß das liebliche Weſen, das ſie Mutter nannte und das ſie ſo zärtlich liebte, keine Liebe, keine Zärtlichkeit für ſie hatte. Häufige Strafen hatten bereits mit dem fünften Jahre ihren Geiſt gebrochen, der ſo verſtändiger Pflege bedurft hätte, und hatten in Ver⸗ bindung mit den körperlichen Leiden ihr Gefühl, anſtatt ſie zu tödten, wie es bei anderen Naturen der Fall geweſen ſein würde, krankhaft reizbar gemacht,— eine Wirkung, die be⸗ ſtändige Einſamkeit natürlich noch erhöhte. Die Liebe ihres Vaters hatte ſie ſo leidenſchaftlich an ihn gefeſſelt, daß jedes Wort, was er ſagte, jede Bitte, die er ausſprach, ein heiliges Vermächtniß für ſie war, womit ſie ſich in ſeiner Abweſenheit mit einer Zähigkeit beſchäftigte, die Manche für unnatürlich bei einem Kinde gehalten haben würden. Er lehrte ſie, wie⸗ wohl ihm oft das Herz dabei blutete, denn welches Recht hatte die Mutter auf die Gefühle, die er ihr einzuflößen ſuchte, ihre Mutter lieben, ſie ehren und ihr in allen Dingen gehorchen; wenn ſie dies thue, werde ſie einſt ſo glücklich ſein wie Edward; und Ellen gehorchte, wiewohl ſie ihn nicht ver⸗ ſtand. Oberſt Forteseue dachte aber nicht, was ſelbſt aus dieſen ſehr natürlichen Lehren erwuchs. Ellen lernte glauben, da ihre Mutter niemals Rückſicht auf ſie nahm, außer um ſie zu ſchelten, es müſſe die Schuld an ihr liegen. Sie wünſchte, ſo ſchön und heiter zu ſein, wie Edward, und daß ſie es nicht war, ſtellte ſie ſich in ihren eigenen Augen ſo tief, daß es kein Wunder ſei, wenn ihre Mutter ſie nicht lieben könne. Hätte Edward ſich auf ſeine Bevorzugung Etwas zu Gute gethan, und wäre er un⸗ freundlich gegen ſie geweſen, ſo hätte ſie ihn vielleicht mehr beneidet, als geliebt; aber ſeine Gemüthsart war von Natur ſo edel, ſo offen, ſo großmüthig, daß er ſie immer mit Liebe behandelte und ſein Spielzeug, ſeine Leckereien mit ihr theilte, wiewohl er glauben mußte, daß ſie in allen Dingen unter ihm ſtehe, und daß demzufolge ihre Wünſche niemals den ſeinen entgegentreten könnten. Das arme Kind wußte kaum, was wünſchen hieß, außer daß ſie ſich ebenſo an ihre Mutter, wie an ihren Vater anſchließen möchte, und daß ſie gut und ſchön genug wäre, ihre Liebe zu gewinnen. Es lernt ſich nur zu leicht, jedes Gefühl zu verbergen. Selbſt das Kind vergießt keine Thräne, wenn es immer geſcholten und mißhandelt wird. Die Liebe kann ſich nicht zeigen, wenn ſie nicht geweckt wird, und ſo liegt ſelbſt die äußere Erſcheinung der Kinder mehr in der Hand der Aeltern, als oberflächliche Beobachter glau⸗ ben mögen; und Mrs. Fortescue hegte Widerwillen gegen das kalte, lebloſe Aeußere, das ſie niemals zu erwärmen verſucht hatte. Daß es Ellen außerordentlich ſchwer wurde, zu lernen, im Vergleich mit Edward's außerordentlich leich⸗ ter Faſſungsgabe, beſtärkte ſie nur in der ſchmerzlichen Ue⸗ berzeugung, wie tief ſie unter ihrem Bruder ſtehe und wie unmöglich es für ſie ſei, die Liebe ihrer Mutter zu gewinnen. Die Folge war eine immer größere Liebe zu ihrem Vater und ihrem Bruder, die ſie trotzdem liebten. Es iſt wohl 65 wahr, daß das Kind ſelbſt dieſe Empfindungen nicht hätte erklären können, aber ebenſo wahr iſt es, daß ſie dieſelben hatte, ehe ſie noch neun Jahre alt war, und daß ſie noch viele Jahre ihres ſpäteren Lebens Einfluß auf ſie übten und Mrs. Hamilton ihre Aufgabe ſehr erſchwerten, ehe dieſelben ausgerottet werden konnten. Die Macht, welche man in den früheſten Jahren über die Kinder hat, iſt ſo groß, die Ver⸗ antwortlichkeit, die daraus erwächſt, ſo umfaſſend, daß man bei ernſtem Nachdenken zittern muß, wenn man jene unbe⸗ nützt gelaſſen oder gemißbraucht hat, weniger vielleicht wegen der wirklichen Größe des erzeugten Uebels, denn dies wenden die Umſtände im ſpäteren Leben bisweilen gnädig ab, ſondern in Rückſicht auf die perſönlichen Leiden und Freuden des Kindes; und beſonders iſt dieß der Fall bei der Erziehung von Mädchen. Trotz ihrer Schwächlichkeit im Vergleich mit den Knaben laſſen ſie ſich mit jenen koſtbaren, edlen Metallen ver⸗ gleichen, welche Feuer und Waſſer und Druck nicht zu brechen, ſondern nur einfach in einen immer dünneren Faden auszu⸗ dehnen vermögen, der aber bis zu ſeiner äußerſten Feinheit noch haltbar iſt, während Knaben wie Männer oft ſogleich zermalmt werden, da der Körper des Einen und der Geiſt des Andern gleich unfähig iſt, etwas Schweres zu ertragen. Sechſtes Kapitel. Häusliche Zwietracht und ihr Ende. Die Unzufriedenheit ihres Gatten, die Vorwürfe, die er ihr über ihr Benehmen gegen Ellen machte, ſteigerten nur den Widerwillen der Mrs. Fortescue gegen die Veranlaſſung der⸗ ſelben, und dieſer ſteigerte ſich bald nachher durch die Vor⸗ würfe, die ſie ſich ſelbſt machte. Ein böſes Fieber brach in der britiſchen Niederlaſſung 5 66 aus, wo Oberſt Forteseue garniſonirte, und außer ſich vor Furcht beſchloß Eleanor, ſich nach einem minder ungeſunden Orte zu begeben. Der Oberſt willigte ein, aber ehe die Vor⸗ bereitungen getroffen waren, erkrankte Ellen. Indeß war die Mutter wegen Edward's ſo beunruhigt, daß ſie keinen andern Gedanken zu haben ſchien. Vergebens behauptete Oberſt Fortescue, daß ſein Sohn ſich bei den Freunden, die ſich ſeiner annehmen zu wollen verſprochen hatten, und die im Begriff ſtanden, die Stadt zu verlaſſen, in ſicherer Hut ſein würde. Es ſei Niemand da, auf den er ſich in Betreff der kleinen Kranken und ihrer Pflege verlaſſen könne, und ſie wiſſe, wie unmöglich es ihm ſei, ſein Kind zu pflegen, wie es ſein Herz wünſche. Er machte Mrs. Fortescue Vorſtel⸗ lungen, er bat ſie, er befahl, Alles war vergeblich, und ſie plieb unerbittlich. Sie erklärte, der Gedanke, daß ihr Sohn zu einer ſolchen Zeit nicht bei ihr ſei, würde ſie wahnſinnig machen, und was die Pflege anlange, ſo erfordere ein Kind dieſelbe ebenſo ſehr, wie das andere. Ihr Gatte kümmere ſich vielleicht nicht darum, ſie auf ſolche Weiſe der Anſteckung aus⸗ zuſetzen, aber um Edward's Willen ſei es ihre Pflicht, an ſich ſelbſt zu denken. Dem Oberſt oder Ellen werde es freilich gleichgültig ſein, ob ſie lebe oder ſterbe, aber für Edward hänge ſehr viel davon ab, und da ſie zwiſchen ihnen wählen müſſe, ſo würde ſie mit Demjenigen reiſen, der ſie am mei— ſten liebte und der ohne ſie elend ſein würde. Der hoch⸗ müthige, ärgerliche Ton, mit dem ſie ſprach, erweckte bei Oberſt Fortescue die größte Entrüſtung, und er ſagte in die⸗ ſem Augenblick der Aufregung mehr, als er für möglich ge⸗ halten haben würde. Aber dies erweckte nur den Stolz Eleanor's, den ſie immer zu Hilfe rief, wenn ſich das Ge⸗ wiſſen bei ihr rührte, und ſie reiſte mit ihrem Sohne ab, je⸗ des beſſere Gefühl unterdrückend und ihrem Gatten und dem armen Kinde zürnend, um ihre Selbſtvorwürfe zu betäuben. Als ſie aber viele Meilen von der Stadt des Todes entfernt war, und ſie keine Furcht für Edward zu hegen brauchte, er⸗ griff ſie eine ſolche Angſt, daß ihr Stolz zuſammenbrach. Mit der Garniſonsſtadt zu kommuniziren, war ſchwer, und es 67 gab ſelten Gelegenheit, und wiederholt wünſchte ſie, daß ſie geblieben wäre. So lange Ellen's Krankheit dauerte, war die Sorge ihres Vaters wirklich furchtbar. Jeden freien Augenblick brachte er an ihrer Seite zu. Er feuchtete ihre trockenen Lippen an, badete ihr die brennende Stirn und lauſchte den klagenden Tönen ihrer Phantaſien mit einer Theilnahme, die ſeine eigene Geſundheit mehr angriff, als er im mindeſten gedacht hatte. Seine Dienſtleute waren wirklich gut und ſorglich, aber der Oberſt dachte, wenn er nicht bei ihr ſei, würde ſie vernachläſſigt und habe noch größere Schmerzen, und der Kampf zwiſchen ſeiner Pflicht und ſeinem Kinde war faſt unerträglich für ihn. Er war nie religiös geweſen, er hatte nie gewußt, was beten heißt, außer wenn ſein Regiment Gottesdienſt hatte; aber jetzt entſtrömten ihm heiße Gebete, und ſeine Dankbarkeit gegen Gott, als Ellen außer Gefahr erklärt wurde, überwältigte ihn ſo, daß er weinen mußte, wie ein Kind, und er kam zu dem Bewußtſein der unendlichen Liebe und Güte des himmliſchen Vaters, das den kurzen Reſt ſeines Lebens ſein einziger Troſt war. Eleanor's Briefe, ſo wenig es waren, hatten einiger⸗ maßen ſeinen Zorn gegen ſie gemildert. Als er aber die Verwüſtungen ſah, welche die Krankheit im Geſicht ſeines armen Kindes angerichtet hatte und die ſie noch weniger an⸗ ziehend machten, als ſie geweſen war, und als er wahrnahm, daß ihre körperliche Schwäche ſich auch auf ihren Geiſt aus⸗ gedehnt hatte, zitterte er, daß Eleanor noch mehr Anlaß zum Widerwillen gegen Ellen finden würde, und oft blutete ſein Herz, wenn dieſelbe mit Thränen nach ihrer lieben Mama fragte und klagend hinzufügte:„Mama küßt mich nie und liebt mich nicht wie Edward, aber ich bin gern bei ihr und ſehe gern in ihr liebes ſchönes Geſicht, und wünſchte, ich wäre gut und hübſch genug, daß ſie mich liebte. Warum kommt ſie nie zu mir, und warum darf ich nie zu ihr gehen?“ Und was konnte der Oberſt antworten, als daß ihre Mutter fürchtete, Edward möchte angeſteckt werden, und des⸗ halb habe ſie mit ihm an irgend einen ſicheren Ort gehen 5* müſſen; und ſein Kind war beruhigt und ſprach wiederholt mit den zärtlichſten Worten ihre Freude aus, daß ihr lieber, lieber Edward nicht ſo krank geworden ſei, wie ſie, und ihr Vater ſchloß ſie feſter und feſter an ſein Herz, da er die innere Schönheit eines Gemüthes erkannte, das ſich, anſtatt ſich zu beklagen, während ihrer Krankheit verlaſſen worden zu ſein, ſich freuen konnte, daß ihr Bruder gerettet worden war. Oberſt Forteseue erhielt einige Wochen Urlaub, um ſein Kind in das Seebad zu begleiten, wie angeordnet worden war, ehe ihre Mutter zurückkehrte. Und allein mit ihm, und da allmälig ihre Kraft zurückkehrte, war Ellen ſehr glücklich. Aber dieſer ſchönen Stunden waren nur wenig, und ſie lagen weit auseinander. In dem Benehmen ihrer Mutter gegen ſie war keine Veränderung eingetreten, als ſie wieder zuſam⸗ menkamen. Ihr Herz hatte ſich allerdings geregt, als ſie das Kind, das ſie beinahe verloren, wieder erblickte, und wäre ſie dem inneren Triebe gefolgt, ſo würde ſie dieſelbe in ihre Arme genommen und ſie beweint haben, aber das würde ein ſtillſchweigendes Zugeſtändniß geweſen ſein, daß ſie Unrecht gethan habe, und ſo bezwang ſie ſich und bereitete ſich ſelbſt, ihrem Kinde und ihrem Gatten bittere Schmerzen blos durch den böſen Dämon Stolz. Sie dachte nur daran, daß es Ellen war, um derentwillen ihr Gatte zürnte, Ellen, der be⸗ ſtändige Gegenſtand des Zwiſtes zwiſchen ihnen, Ellen, die ihr beſtändig Anlaß gab, ſich ſelbſt Vorwürfe zn machen,— und wie war es da möglich, daß ſie ſie lieben konnte? Etwa ein Jahr nach Ellen's gefährlicher Krankheit, als ſie etwa zehn und Edward gerade elf Jahr war, erhielt Oberſt For⸗ tescue den Befehl über eine Truppe, die ein Fort beſetzt halten ſollte, deſſen Lage in der Nähe einiger feindlicher Stämme es zu einem gefährlichen Poſten machte. Die Frauen und Kinder der Offiziere durften ſie begleiten, wenn ſie es wünſchten, und mit Ausnahme der Familie des Oberſten hatte Niemand in ſeiner Wahl geſchwankt. Der Oberſt war von einer unbe⸗ ſtimmten Furcht erfüllt, die er ſich nicht erklären konnte, und all' ſeine Liebe zu ſeiner Gattin war mit einer Kraft zurück⸗ gekehrt, daß er vor dem Gedanken, ſie zu verlaſſen, zurück⸗ bebte, und ſein Widerſtreben unterdrückend, denn es war ihm, als wenn ſie nicht darauf würde eingehen wollen, bat er ſie, ihn zu begleiten, und geſtand ihr, daß er ſich ſonſt ſehr un⸗ glücklich fühlen würde und daß ihm vor einer Trennung bangte. Seine Gattin ſah ihn erſtaunt an; er habe das noch niemals verlangt, und ſie könne ihn wirklich nicht begreifen, der Ort ſei entſchieden ungeſund, und Edward dürfe ſo ſchlech⸗ ter Luft nicht ausgeſetzt werden; außerdem habe ſie verſpro⸗ chen, ihn auf einen Kinderball zu begleiten, den eine engliſche Familie von Stande in vierzehn Tagen geben werde, und ſie könne ihm unmöglich die Freude verderben; ſie könne ſich nicht denken, warum ihr Gatte wünſche, daß ſie ihn nach einem ſolchen Orte begleite, ſie wiſſe aber, ſie würde vor Furcht ſterben, ehe ſie eine Woche dort geweſen ſei. Der Oberſt er⸗ widerte kein Wort, aber er hatte das Gefühl, als wenn ein Eiszapfen ſein Herz berührte und es frieren gemacht habe. Er richtete ſeine Augen mit einem ſeltſamen, traurigen, vor— wurfsvollen Blicke auf ſie, den ſie bis zu ihrem Tode nicht vergaß, wandte ſich dann von ihr weg und begab ſich nach dem Zimmer, wo Ellen ſich auf die ſchöne Stunde vorbe⸗ reitete, wo er bei ihr ſein könne. Als ſie ihm mit einem Aus⸗ ruf der Freude entgegenſprang, ſchloß er ſie an ſeine Bruſt und ſeufzte ſo tief und ſchwer, daß die ungewöhnliche Freude ſeines Kindes ſchwand, und als ſie ſich erſchreckt an ihn klam⸗ merte, und als er ihr ſagte, daß er im Begriff ſei, ſie zu ver⸗ laſſen und zwar auf unbeſtimmte Zeit, ſchien ihn ihr heftiger Schmerz faſt zu tröſten, weil es ein Beweis ihrer Kindes⸗ liebe war. „Nimm mich mit, Papa, lieber Papa, ich will ſo gut ſein, ich will Dir keine Mühe machen, bitte, bitte, nimm mich mit, lieber, lieber Papa,“— und ſie ſah ihm ſo flehend in's Geſicht, daß der Oberſt nicht widerſtehen konnte, und indem er ſie zärtlich küßte, verſprach er ihr, wenn Mrs. Ca⸗ meron es ihr geſtatte, ſich ihrer kleinen Familie anzuſchließen, ſo ſolle ſie mit ihm gehen, und zu Ellen's dankbarſter Freude wurde die Erlaubniß bereitwillig gegeben. Mrs. Forteseue hatte allerdings, als ihr Gatte ihr ſeine 70 Abſicht kurz mittheilte, erwidert, daß er Ellen wieder krank machen wolle, indem er ſie einem ſo ungeſunden Klima aus⸗ ſetze, und wenn ſie wirklich krank würde, dürfe er ihr nicht zurnen, wenn ſie nicht nachkommen und ſie pflegen wolle, da nur ſeine Schwäche und nicht ſie Schuld ſei. Der Oberſt antwortete aber nicht, und über ſeine Art und Weiſe über alle Maßen verletzt, ſchied Eleanor kalt und ſtolz von ihrem Gatten. Vierzehn Tage waren vorüber, und Mrs. Fortescue war zu Muthe, als wenn ihre Jugend wieder zurückgekehrt wäre, ſo ſehr verlangte ſie wieder nach allgemeiner Bewun⸗ derung, allerdings aber nur für ihren Sohn, und ihr Tri— umph war vollſtändig. Daß ſie ſelbſt ebenſo ſehr, wenn nicht noch mehr, bewundert wurde, als in ihren palmenreichſten Siegestagen, wußte Eleanor kaum. Alle ihre Gefühle fan⸗ den ihren Gipfel in ihrem Sohne, und ſie hatte demzufolge den kalten Hochmuth, der in früheren Tagen ihre Schönheit ſo oft entſtellt hatte, gänzlich beiſeite gelegt, und ihr mütter⸗ licher Stolz, der ſich auf's Höchſte geſchmeichelt fühlte, gab jeder ihrer Bewegungen und jedem ihrer Worte neuen Reiz. Sie hörte den allgemeinen Ausbruch der Bewunderung, der ſie begrüßte, als ſie Edward zu Liebe eine Quadrille mit ihm tanzte, und niemals in ihrem ganzen Leben hatte ſie ſich ſo ſiegesgewiß, ſo ſtolz, ſo glücklich gefühlt. Während der ver⸗ floſſenen vierzehn Tage hatte ſie ſich mit Vorwürfen gequält, und ſie hatte den Blick ihres Gatten nicht vergeſſen können, aber an dieſem Abend kam nicht ein flüchtiger Gedanke an den Oberſten oder an Ellen ihr in den Sinn, und ihr Ver— gnügen war ungetrübt. Da Eleanor des Tanzens müde und ſehr erhitzt war, ſo verließ ſie das überfüllte Ballzimmer und ſtand einige Mi⸗ nuten ganz allein auf der Veranda, welche, mit lieblichen Blumen bedeckt, ſich rings um das Haus zog. Die Muſik im Ballzimmer klang in der Entfernung, als wenn ſie von dem Abendwinde in ſanften Harmonien über die fernen Hügel getragen würde. Es war Vollmond, und er übergoß faſt den ganzen Garten mit dem Glanze eines milderen Tages. In dieſem Augenblicke fühlte Eleanor, wie ſich ein eiſiger Froſt über ihr Herz legte, ſo daß ſie kaum athmen konnte. Warum? das wußte ſie nicht, denn ſie ſah nichts, was den⸗ ſelben hätte veranlaſſen können, außer daß in einem Theile des Gartens ein dunkles Gebüſch, das nur theilweiſe von den Strahlen des Mondes erleuchtet war, plötzlich die Geſtalt einer Leichenbahre, mit einer militäriſchen Trauerdecke be⸗ hängt, angenommen zu haben ſchien. In demſelben Augen⸗ blick ſchien die Muſik im Ballzimmer eine Trauermelodie mit gedämpftem Trommeln zu ſpielen, den kriegeriſchen Scheide⸗ gruß von einem großen Todten, und wenn es wirklich nur ihre aufgeregte Phantaſie war, ſo war doch die Folge, daß Eleanor ohnmächtig auf den Marmorboden zuſammenſank.— An demſelben Nachmittag hatte ſich Oberſt Fortescue mit einigen auserleſenen Leuten aufgemacht, um der Spur einer räuberiſchen Schaar von Eingebornen zu folgen, die einige Tage ſich in der Gegend umhergetrieben hatten. Mi⸗ litäriſches Feuer führte ihn weiter, als er beabſichtigte, und es war ziemlich Nacht, als er in eine ſchmale Schlucht kam, und eine große Schaar der Feinde ihn überfiel und ein ver⸗ zweifelter Kampffolgte. Die Schlucht war ſo ſehr von Felſen und Bergen eingefaßt, daß der Lärm des Treffens nicht ge⸗ hört wurde, wiewohl das Fort nicht ſehr entfernt lag. Ca⸗ pitän Cameron ſaß ruhig mit ſeiner Gattin und ſeinen älte⸗ ren Kindern, und wartete, ohne irgend Etwas zu ahnen, auf die Rückkehr des Oberſten. Wiewohl es ſpät war, hatte ſich Ellen's Furcht ſo ſichtbar geäußert, daß Mrs. Cameron ſie nicht zu Bett ſchicken konnte. Das Kind ſchien ſo unruhig, daß der Capitän es verſucht hatte, ihre Feigheit, wie er es nannte, wegzuſpotten, indem er ſagte, daß ihr Vater ſie ver⸗ ſtoßen würde, wenn ſie nicht mehr Muth haben könnte. End⸗ lich hörte man raſche Schritte ſich nähern, und Ellen ſprang von ihrem Stuhl auf, als die Thür ſich öffnete. Es war aber nicht der Oberſt, ſondern nur ein Sergeant, der ihn begleitet hatte, und bei deſſen Anblick Capitän Cameron er⸗ ſchrocken ausrief:„Wie, Sergeant Allen, zurückgekehrt und allein? Was iſt paſſirt?“„Das Schlimmſte, was dieſe braunen Teufel uns hätten thun können,“ lautete die Ant⸗ wort,„wir haben ſie geſchlagen, und wir werden ſie wieder ſchlagen, die Schurken, aber das wird ihn nicht zurückbrin⸗ gen, Capitän; der Oberſt iſt niedergeſtreckt.“ Der Capitän fuhr von ſeinem Stuhle auf, aber ehe er noch ein Wort ſagen konnte, hatte Ellen den Arm des alten Mannes ergriffen, und rief außer ſich aus:„Wollt Ihr da⸗ mit ſagen, Sergeant Allen, ich bitte Euch,— ſind die Ein⸗ gebornen auf Papa's Soldaten geſtoßen, und haben ſie ſich geſchlagen, und iſt er verwundet, iſt er getödtet?“ Der Mann konnte ihr nicht antworten, denn ihr Blick und ihr Ton durchbohrten ihn, wie er nachher ſeinen Kameraden er⸗ zählte, das Herz, gerade wie wenn er mit einem Säbel durch— ſtochen würde, und für den Augenblick konnte weder der Ca⸗ pitän, noch Mrs. Cameron ſie beruhigen. Der Schrecken ſchien Allen die Stimme geraubt zu haben, außer dem armen. Kinde, das hauptſächlich von dem Schlage betroffen war. „Bleibe bei mir, meine liebe Ellen,“ ſagte endlich Mrs. Cameron, auf ſie zukommend, da ſie immer noch den Arm des Sergeanten umklammerte.„Der Capitän wird Deinen Vater holen, und wenn er verwundet iſt, ſo wollen wir ihn mit einander pflegen, mein liebes Kind, bleibe bei mir!“ „Nein, nein, nein!“ lautete die Antwort.„Laſſen Sie mich zu ihm gehen, er kann ſterben, ehe ſie ihn hierher brin— gen, und ich werde nie wieder einen Kuß von ihm bekommen und nie wieder ſeine ſegnenden Worte hören. Er ſagte mir, er würde in der Schlacht fallen; oh, Mrs. Cameron, bitte, laſſen Sie mich zu ihm gehen!“ Da ſie wußten, was dieſer Vater ſeiner armen Ellen ge⸗ weſen war, konnten ſie dieſen Bitten nicht widerſtehen. Der Sergeant ſagte, daß der Oberſt nicht todt, ſondern nur ver⸗ wundet ſei, aber freilich ſo ſchwer, daß ſie ſich gefürchtet hätten, ihn fortzuſchaffen. Es war eine furchtbare Scene. Der Tod in ſeiner furchtbarſten Geſtalt umgab ſie ringsum. Ihre kleinen Füße wadeten buchſtäblich im Blut, und ſie ſtieß oft an dunkle Geſtalten und abgehauene und verſtümmelte Arme und Beine, die im Graſe lagen, aber weder ein Seuf⸗ zer, noch eine Thräne entſchlüpfte ihr, bis ſie ihren Vater 73 ſah. Seine Leute hatten ihn von dem Schauplatze des Kampfes entfernt, und hatten aus Soldatenmänteln ein La— ger zurecht gemacht; aber das bleiche Geſicht, das der Mond⸗ ſchein noch bläſſer machte, die Starrheit ſeiner Glieder, das Alles ſchien darauf hinzudeuten, daß ſie in der That zu ſpät gekommen waren, und dieſe urchtrare Stille wurde durch die krampfhaften und leidenſchaftlichen Seufzer des armen Kindes unterbrochen, die ſich neben ihn warf, ihn flehte, nur die Augen zu öffnen, ſie noch einmal anzuſehen, ſie ſein lie— bes Kind zu nennen, und ſie einmal, nur noch einmal zu küſſen. Und es ſchien, als wenn ihre Stimme wirklich die Macht gehabt hätte, die fliehende Seele noch einen Augenblick zurückzurufen. Die ſchweren Augenlider öffneten ſich, die geballte Hand that ſich auf, um nach dem Kinde zu greifen, und er flüſterte leiſe:„Wie kamſt Du hierher, meine arme, liebe Ellen? Sind Freunde hier? Iſt das Cameron's Stimme?“ Der Capitän kniete neben ihm nieder, drückte ihm krampfhaft die Hand, aber er konnte nicht ſprechen. „Gott ſegne Dich, Cameron, bringe mein armes Kind zu ihrer Mutter, bitte ſie— meine Ellen zu— und gerade heut', gerade in dieſer Nacht ſind ſie und mein Knabe guter Dinge— und ich und meine arme Ellen“— eine furchtbare Erſchütterung erſtickte ſeine Stimme. Nach einer Weile aber verſuchte er, noch einmal zu ſprechen.„Mein armes Kind, ich habe Dich hierauf vorbereitet, aber ich weiß, Du wirſt Dich um mich grämen; überbringe Deinem Bruder meinen Segeni, ſage ihm, daß er ſeine Mutter ſchützen, daß er ſie lieben ſoll, mein liebes Kind; ſie muß Dich zuletzt auch lieben; den Ring an meiner linken Hand— bringe ihr,— oh, wie habe ich ſie geliebt, Gott ſei ihr— ſei meinen armen Kin⸗ dern gnädig!“ Er wollte ſeine Lippen noch einmal auf Ellen's Wange und Stirn drücken, aber er bemühte ſich ver— gebens, und in demſelben Augenblicke war Mrs. Forteseue von einem unerklärlichen Entſetzen ergriffen worden— ihr Gatte hatte aufgehört zu athmen. Es dauerte lange, ehe ſich Ellen von dem furchtbaren Auftritte erholen konnte; ſelbſt als das Fieber, das ſie be⸗ 74 fallen hatte, nachgelaſſen, und als ſie, ſcheinbar völlig wieder hergeſtellt, wieder zu ihrer Mutter und ihrem Bruder gebracht worden war, quälte ſie die Erinnerung an denſelben ſo ſehr, daß viele ihrer einſamen Stunden vom tieſſten Schmerze be⸗ gleitet waren. Ihre bereits nur zu krankhafte Phantaſie be⸗ ſchäftigte ſich immer wieder und wieder mit den kleinſten Einzelheiten jenes Schreckensfeldes, nicht nur mit ihrem Va⸗ ter, ſondern auch mit den Gegenſtänden, die ſie, als ihr gan⸗ zes Herz mit ihm beſchäftigt war, gar nicht geſehen zu haben ſchien. Die furchtbaren Leichenhaufen, die abgehauenen Arme und Beine, die verſtümmelten Rümpfe, die glühenden Geſichter, die noch alle den verzerrten Ausdruck behalten hatten, mit dem ſie ſtarben, ſelbſt das hohle Stöhnen und der laute Schrei des Schmerzes, der, als ſie über das Schlachtfeld ging, unbewußt ihr Ohr getroffen hatte, kehrten in die nur zu früh erweckte Phantaſie des Kindes ſo lebhaft zurück, daß es oft aller Anſtrengung bedurfte, daß ſie nicht vor Entſetzen laut aufſchrie. Die letzten Worte ihres Va⸗ ters waren ihr unvergeßlich; ſie wollte ihre Mutter nicht nur lieben, weil er ſie darum gebeten hatte, ſondern auch, weil er ſie ſo geliebt hatte, und bei ihrer Rückkunft ſchien ihr dies leichter zu werden als ſonſt. Mrs. Fortescue, die von Reue und Schmerz gequält war, war etwas ſanfter gegen das Kind geworden, das den letzten Athemzug ihres Gatten em⸗ pfangen hatte, und hätte Ellen die Zurückhaltung und die Furcht überwinden können, die ſoviele Jahre der Entfrem⸗ dung erzeugt hatten, ſo würde ſie Mrs. Forteseue kennen und lieben gelernt haben— aber es war zu ſpät. Die Gefühle der Mrs. Fortescue waren ſo quälend, wenn ſie ſich der letzten Bitte ihres Gatten und ihrer grauſamen Ablehnung derſelben erinnerte; wenn ſie bedachte, daß Das, was ihr ſo wichtig geſchienen hatte, ein Kinderball, dem ſie beigewohnt hatte, um Edward's Erwartungen nicht zu täu⸗ ſchen, mit ſeinem Tode zuſammengetroffen war; daß ſie im Zorn von ihm geſchieden war, und zwar für immer; und wie ihr einſt England verhaßt geweſen, ſo haßte ſie nun Indien, und ſie faßte den Entſchluß, es zu verlaſſen und zu den Ver⸗ 75 wandten zurückzukehren, die ſie ſo lange vernachläſſigt, nach denen ſie ſich aber nun mehr als je ſehnte. Sie dachte und glaubte, daß ein ſo vollſtändiger Wechſel ihr Frieden bringen werde und müſſe. Ach, welcher Wechſel verſcheucht die Qual des Gewiſſens! Wiewohl ſie in Folge ihrer ſtudirten Herz⸗ loſigkeit wahrer Liebe unfähig war, ſo konnte ſie doch nicht zwölf Jahre mit einem ſo nachſichtigen und zärtlichen Gatten gelebt haben, wie Oberſt Fortescue war, ohne daß ſich eine ge⸗ wiſſe Neigung bildete, und ſein unerwarteter, ſchrecklicher Tod weckte jedes vorher ſchlummernde Gefühl ſo mächtig, daß ſie über ſich ſelbſt erſtaunt war und in ihrem Jammer glaubte, daß ſich das Gefühl nur eingeſtellt habe, um die Laſt ihres Elends noch zu vergrößern— denn zu welchem Zweck half es nun zu lieben? Und um ſich herauszureißen, traf ſie alle Vorbereitungen zu einer raſchen Abreiſe, aber ſie wurde wi— der Willen zurückgehalten. Die ſelbſtſüchtige Mutter hatte das Lager ihres leidenden Kindes geflohen, und nun warf ſie eine ähnliche Krankheit auf das Schmerzensbett. Es folgte ein verzweifelter Kampf zwiſchen Leben und Tod; aber ſie genas wieder, und beſtand darauf, einige Wochen früher, als es ihr ärztlicher Beiſtand für räthlich hielt, ſich nach England einzuſchiffen. Der beſtändige Kampf zwiſchen Gut und Böſe, worin ihr ganzes Leben beſtanden hatte, hatte, ohne daß ſie es wußte, eine von Natur gute Conſtitution unterwühlt, und als dazu eine böſe, wiewohl kurze Krankheit kam, war der Samen eines tödtlichen Uebels gelegt, das, ehe die lange Reiſe zu Ende war, eine unheilbare Höhe erreicht und die Leiden und den Tod herbeigeführt hatte, wie wir es in un⸗ ſeren erſten Kapiteln erzählt haben. Wiewohl Edward der Tod ſeines Vaters im Anfange viel Schmerz bereitet hatte, vielleicht mehr aus Theilnahme für die Leiden ſeiner Mutter, als in dem vollen Bewußtſein ſeines eigenen ſchweren Ver— luſtes, ſo war ihm doch die Art, wie er geſtorben war, eine Quelle des Stolzes. Er hatte immer die Geſchichte von Hel⸗ den geliebt, und er bildete ſich Etwas darauf ein, daß ſein Vater ein ſolcher geweſen, und daß er wie ſie im Kampfe gegen die Ueberzahl und zwar in dem Augenblicke eines glor⸗ ————— reichen Sieges geſtorben ſei. Er hatte den Tod noch nie ge⸗ ſehen und konnte ſich die Schrecken, die denſelben begleiten, nicht denken, und er konnte nicht begreifen, wie Ellen ſelbſt das Wort nicht ohne zu ſchaudern hören konnte, und warum ſie immer vor der geringſten Hindeutung auf jene Nacht, die in ſeinem Geiſte nur mit freudigen Gefühlen verknüpft war, ſchmerzlich zurückbebte. Auf der langweiligen Reiſe von faſt ſechs Monaten zeigte Edward einen ſo edlen Charakter, daß ſich die Vergötterung ſeiner Mutter faſt entſchuldigen ließ, und er die Achtung aller Paſſagiere und der Mannſchaft des Schiffes gewann. Capitän Cameron hatte ihm eingeprägt, daß er nun, ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter gegenüber, die Stelle ſeines Vaters vertrete, und da der Gedanke, den Beſchützer zu ſpielen, immer ein ſtarker Sporn zur Männ⸗ lichkeit für einen Knaben iſt, mag er auch noch ſo jung ſein, ſo erfüllte er ſeine Pflicht ſo gut, und war nicht nur auf⸗ opfernd gegen ſeine Mutter, ſondern auch gegen Ellen, daß ihre Liebe zu ihm ſich verdoppelte, wie auch ihre eigenthüm⸗ liche Idee von ſeiner großen Ueberlegenheit immer weiter um ſich griff. Seine Vorliebe hatte ſich immer für den Seedienſt im Gegenſatz zum Militärdienſt ausgeſprochen, und die Reiſe befeſtigte dieſelbe. Ehe er noch einen Monat an Bord ge⸗ weſen war, war er ein praktiſch tüchtiger Seemann geworden, er hatte alle techniſchen Ausdrücke der verſchiedenen Theile eines Schiffes gelernt, und zeigte das lebhafteſte Verlangen, ein tüchtiger Seemann zu werden. Auch fehlte es ihm nicht an dem ächten ſeemänniſchen Geiſte, als ſich faſt in Sicht von England ein furchtbarer Sturm erhob und das Schiff faſt zu einem Wrack machte. Es wurde verſchlagen und mußte nach zehntägigem Zweifel, ob es das Land noch erreichen würde oder nicht, in Milfordhafen Anker werfen, um ſeine Schäden auszubeſſern, ehe es wieder ſeetüchtig werden konnte. Die Paſſagiere verließen es hier, und Mrs. Forteseue, deren Krankheit durch die Schrecken des Sturmes zu einer beunruhigenden Höhe geſtiegen war, wurde in einem faſt ganz erſchöpften Zuſtande nach Pembroke gebracht; aber ſobald ſie an's Land geſtiegen war, erholte ſie ſich wieder und entſchloß ſich, W ſogleich nach Swanſea weiter zu reiſen und durch Devonſhire unmittelbar nach Dakwood zu gehen, wo ſie, wie ſie nicht zweifelte, ihre Schweſter finden würde. Aber ſie ſollte noch mehr Erfahrungen machen. Die Dienerin, die ſie aus In⸗ dien begleitet hatte, eine Engländerin, war der üblen Laune, welche Mrs. Fortescue während der Reiſe gezeigt hatte, über⸗ drüſſig, und da es ſie verdroß, daß dieſelbe nicht ſogleich nach London reiſte, ſo verlangte ſie ihren augenblicklichen Abſchied, da ſie nicht länger von ihren Verwandten wegbleiben könne. Die augenblickliche Krankheit ihrer Herrin hätte ſie von die⸗ ſem Akte der Gefühlloſigkeit zurückhalten ſollen, aber Eleanor hatte ihren Untergebenen niemals Gefühl und Menſchen⸗ freundlichkeit gezeigt, und deßhalb hatte ſie vielleicht kein Recht, darauf Anſpruch zu machen. Ihre üble Laune und ihr Aerger hatten ihre phyſiſchen Leiden ſo erhöht, daß ſie ſchon hier hätte unterliegen müſſen, wären nicht ihre Kinder geweſen; aber um ihretwillen kämpfte ſie gegen die tödtliche Erſchöpfung und reiſte am nächſten Morgen ohne Begleitung nach Swanſea. Sie waren noch kaum dreißig Meilen von dieſer Stadt entfernt, als Mrs. Fortescue trotz aller ihrer Anſtrengungen zu krank wurde, um weiter reiſen zu können. Es zeigte ſich ringsum keine Stadt und kein Dorf, aber die Beſitzer eines an der Straße liegenden Hauſes, die Mitleid mit der verzweifelten Lage der Reiſenden hatten, wieſen den Poſtillon nach dem Dorfe Langwillan, das, wiewohl von dem geraden Wege vier oder fünf Meilen abliegend, doch der nächſte Zufluchtsort war. Und wie in ihrem ganzen Leben hatte Mrs. Fortescue ſich körperlich nie ſo wohl befunden, als da ſie durch die freundlichen Bemühungen des Mr. Myrvin in der beſcheidenen Wohnung der Wittwe Morgan ein Un⸗ terkommen gefunden hatte, und durch beruhigende Arzneien und die tiefe Stille des Ortes erholte ſie ſich einigermaßen von den Qualen, die ihr glühendes Gehirn ihr verurſachte. Immer hoffte ſie, noch ſoviel Kräfte wiederzugewinnen, um weiterreiſen zu können, und bitter war ihr Schmerz, als ſie die Hoffnung aufgeben mußte. Mit Dem, was folgte, ſind unſere Leſer bereits bekannt, und wir wollen daher ſogleich * 78 die Bekanntſchaft der Familie der Mrs. Hamilton machen, deren Charakterzüge, wie wir hoffen, andere und glücklichere Einflüſſe des Hauſes veranſchaulichen werden, als die eine ungerechtfertigte Nachſicht und eine ſträfliche Vernachläſſigung üben können. Ziebentes Kapitel. Jugendliches Zwiegeſpräch.— Einleitung. Die Gardinen waren niedergelaſſen, die große Lampe ſtand auf dem Tiſche, und ein heiteres Feuer funkelte im Ka⸗ min; denn wiewohl es erſt September war, ſo war doch das Zimmer ſo groß und die Abende bereits ſo kühl, daß ein be⸗ hagliches Feuer den Comfort weſentlich vermehren mußte. An den Wänden hingen bewundernswürdige Bilder und gut ausgeſtattete Bücherbretter, Karten und ſchöne Blumenſtän⸗ der und einige ſinnreiche Spielzeuge, die alle zu verkünden ſchienen, daß das Zimmer der beſondere Beſitz der jungen Leute ſei, welche an dieſem Abend emſig um den großen run⸗ den Tiſch beſchäftigt waren, der die Mitte des Zimmers einnahm. Es waren blos vier an der Zahl, aber was das große Schreibpult anlangte, das mit Büchern und einigen gefährlich großen Wörterbüchern angefüllt war und das der ältere der beiden Knaben einnahm, den Stickrahmen des äl⸗ teren Mädchens, die auseinander gelegte Karte vor ihrer Schweſter, und zwei oder drei Bücher, die um den jüngeren Knaben herum zerſtreut lagen, ſo ſah der Tiſch ſo reichlich gefüllt aus, daß ſich Miß Harkort ruhig in ihr beſonderes Eckchen zurückgezogen hatte, das nahe genug war, um an der Unterhaltung ihrer jugendlichen Pflegebefohlenen Intereſſe zu finden und ſich bisweilen hineinzumiſchen. Aber ſie ſaß ſo bei Seite, daß ſie ihnen keinen Zwang auflegte und ſie im Stande war, ſich für ihre eigene Perſon mit Leſen, * Schreiben oder weiblichen Arbeiten zu beſchäftigen. Hätte die arme Mrs. Fortescue die glückliche Gruppe ſehen können, würde ſie gewiß ihrer Schweſter geſagt haben, und zwar mit einem Scheine der Gerechtigkeit, daß man hier eine ſolche gleich⸗ mäßige Vertheilung von Geiſt und Leben, worin die große Schönheit der Jugend beſteht, finde, daß ſie die Prüfung nicht begreifen könne, weshalb ſie gerade ein ſo ſchwerfälliges, blödſinniges, unglückliches Kind wie Ellen haben müſſe. Mrs. Hamilton allerdings würde darin keine Prüfung, ſon⸗ dern eine Folge von Krankheit und körperlichem Schmerze gefunden haben, und vielleicht würde ihre fortgeſetzte Pflege und Zärtlichkeit, denn dies würde bei ihr die Folge derſelben Urſache geweſen ſein, welche die Vernachläſſigung von Sei⸗ ten ihrer Schweſter herbeigeführt hatte, den Druck der be— ſtändigen, aber ungreifbaren Krankheit und den Ausdruck der Schwerfälligkeit und der Schwermuth entfernt haben. Allerdings hatte ihr eigener Herbert mit Rückſicht auf ſeine zarte Geſundheit ihr mehr und beſtändigere Sorge bereitet, als Eleanor in Rückſicht auf Ellen erfahren hatte, aber des Knaben beſonders intereſſantes Geſicht zeugte nicht von den phyſiſchen Leiden, die er noch zu ertragen hatte. Sorgfalt und Liebe hatten ſeinen Pfad ſo geſegnet, daß man ihn oft erklären hörte, er wünſche gar nicht, ſo kräftig zu ſein wie ſein Bruder, oder an ſeinen Vergnügungen Theil nehmen zu können; er habe viele andere Freuden, die ihn ebenſo glücklich machten. Ob es ſeine natürliche Gemüthsart war, die ihn ernſter und nachdenklicher machte, als man es von ſeinen Jahren erwarten konnte, oder ob der ungewöhnlich begabte Geiſt auf den Körper Einfluß übte, oder ob das Eine zu dem Anderen kam, das war in Bezug auf ihn ebenſo unmög⸗ lich zu entſcheiden, als in Rückſicht auf zehn Andere wie er. Aber er ſchien nicht nur ſeinen Eltern, ſondern auch ihrem ganzen Hauſe und Jedermann, der gelegentlich in ihrer Ge⸗ ſellſchaft war, mehr vom Himmel, als von der Erde in ſich zu haben, wie wenn er vom Himmel ſeinen Eltern nur ge⸗ liehen, nicht geſchenkt worden wäre, und oft that ſeiner Mut⸗ ter das Herz weh vor inniger Liebe, und ſie bangte in ſtum⸗ ——————— 80 * mer Furcht, wie ſie hoffen dürfe, ein Kind zu behalten, das ſo ohne Fehl und doch ſo voll von Theilnahme an allem Menſchlichen und von Liebe ſei. Die zarte Haut, die ſchöne Farbe ſeiner Wangen und ſeiner Lippen und die großen, ſanften, ſehr dunkelblauen Angen mit langen, ſchwarzen Wimpern und Augenbrauen von glänzendem, kaſtanien⸗ braunem Haar überſchattet, waren ſo ſehr von den Strahlen des Geiſtes durchleuchtet, daß Diejenigen, die ihn nur einmal geſehen hatten, wiewohl ihnen ſein Geſicht immer wieder und wieder in's Gedächtniß zurückkehrte, kaum im Stande ge⸗ weſen ſein würden, ſich eines einzigen Zuges zu erinnern, in⸗ dem ſie nur den faſt engelhaften Ausdruck des Ganzen em⸗ pfanden. 5 Sein Bruder, ebenſo voll Luſt und guter Laune, und ebenſo laut und lachluſtig, wie Herbert ſtill und nachdenklich war, gewann ſich die Liebe Aller beim erſten Anblick mit Sturm und bewahrte ſie durch ſeine edlen Eigenſchaften, die ihn zum Liebling von Jung und Alt machten. Selbſt in ſeinen Arbeitsſtunden hatte er keinen Zug von Ernſt oder reiflichem Nachdenken. Als Kind hatte er durch ſeine Lei⸗ denſchaftlichkeit, ſeinen Stolz und ſeinen Eigenſinn viel Noth gemacht, aber der Einfluß des Hauſes war von Seiten bei⸗ der Eltern eine ſo verſtändige Miſchung von Nachſicht und Feſtigkeit geweſen, und ſie hatten ſo beharrlich daran gear⸗ deitet, ſeinem Gemüthe das Gefühl der Pflicht, der Religio⸗ ſität und der Sittlichkeit einzuflößen, daß mit fünfzehn Jah⸗ ren die Schwierigkeiten beinahe alle überwunden waren, und ausgenommen, wenn Gedankenloſigkeit oder Uebereilung ihn in Irrthum und ſeine ſchmerzlichen Folgen verlockten, war er ein ſo guter Knabe, wie ihn ſeine Mutter ſich nur wün⸗ ſchen konnte. Die ältere ſeiner beiden Schweſtern war ihm ähnlich in Rückſicht auf das dunkelflammende Auge, die hohe geiſtreiche Stirn, das volle dunkelbraune Haar und den ſchön gebilde⸗ ten Mund; aber der Ausdruck war ein ſo verſchiedener, daß es oft ſchwer wurde, die Aehnlichkeit zu finden, die wirklich vorhanden war. Hochmuth und nur zu oft üble Laune warfen 81 einen Schatten auf ein Geſicht, das, wenn es heiter und be⸗ lebt war, nicht nur ſchon jetzt anzog, ſondern auch große Schönheit für ſpätere Jahre in Ausſicht ſtellte. Die Ge⸗ müthsart Caroline Hamilton's war in der That von Natur der ihrer Tante Mrs. Forteseue ſo ähnlich, daß Mrs. Ha⸗ milton nicht nur mit ihr eine viel ſchwierigere und ſchmerz⸗ lichere Aufgabe in der Gegenwart hatte, als mit den Ande⸗ ren, ſondern daß ſie auch die Furcht vor der Zukunft bis⸗ weilen ſo überwältigte, daß es des ganzen Einfluſſes ihres Gatten bedurfte, um ſie zu beruhigen und ihr Vertrauen auf Den ſetzen zu laſſen, der verheißen hat, Alle zu hören, die ihn anrufen würden, und die Bemühungen einer Mutter zu ſeg⸗ nen, die ihre Hoffnung auf ſeinen Einfluß auf ihr Kind ſetzte und ſeiner Leitung ſich überließ. Die kleine Emmeline, blauäugig, blondhaarig und an⸗ muthig, war nicht nur die Jüngſte der Familie, ſondern erſchien auch nach ihrer zarten Figur, ihren feinen Ge⸗ ſichtszügen und ihrer kindlichen Art und Weiſe noch viel jünger als ſie war; ſie war in der That eine Quelle der Freude und Liebe für Alle, und es ſchien, als könne ſich ihr keine andere Sorge, außer um Andere nahen. Sie hatte allerdings Mancherlei, was eine ſorgſam führende Hand er⸗ heiſchte, denn ſie litt an einer gewiſſen Charakterſchwäche, war nachläſſig im Lernen, gab ſich leicht ihrer Phantaſie hin und wie gewöhnlich war die Folge unmäßige Reizbarkeit des Gefühls, aber ſie ließ ſich mit Liebe ſo leicht leiten, daß bei ihrer ſanf⸗ ten Gemüthsart ein Wort von ihrer Mutter allemal genügte. Mrs. Hamilton fürchtete wenig für ſie, ausgenommen daß eine ſolche Gemüthsart ſehr leicht den Leiden und Prü⸗ fungen unterliegt, die man im Leben kaum umgehen zu können hoffen darf Für ihren Charakter gab es nur einen Schutz, einen unfehlbaren Troſt, und dies war eine innige Religio⸗ ſität, die ihre Eltern derſelben unermüdlich, und noch mehr durch Beiſpiel als Lehre, einzuflößen ſuchten. Mr. und Mrs. Hamilton würden allerdings ſehr erſtaunt geweſen ſein, hätte man ihnen geſagt, daß die kleine Ellen Forteseue, die Bei⸗ den ein ſolches Räthſel und anſcheinend ihrer Emmeline in 6 ————————————————— 82 allen Dingen ſo gänzlich unähnlich war, von Natur genau dieſelbe Gemüthsart beſitze, und daß der große Unterſchied ihrer gegenwärtigen Charaktere einfach aus dem Umſtande herrührte, daß die früheſten Einflüſſe, die ſich bei der Einen geltend machten, Schmerz und Vernachläſſigung, bei der Anderen Heiterkeit und Liebe waren. „Ich bin neugierig, ob Mama und Papa wirklich heut' nach Hauſe kommen werden,“ bemerkte Caroline nach meh⸗ reren Minuten ununterbrochenen Stillſchweigens, da ſchein⸗ bar Alle mit ihren Arbeiten ſo ſehr beſchäftigt waren, daß ſie keine Zeit zum Sprechen übrig hatten.„Und wenn ſie kommen, ſo möchte ich, daß wir die Stunde wiſſen könnten, denn es iſt mir in hohem Grade zuwider, erſt zu warten und dann getäuſcht zu werden.“ „Dann ſei nicht neugierig und erwarte Nichts, meine kluge Schweſter!“ erwiderte Percy, ohne indeß den Kopf zu erheben oder ſeine Arbeit zu unterbrechen.„Ich will Dir zwei vortreffliche Gründe für meinen Rath geben. Erſtens: die Neugier iſt das Kind der Unwifſenheit und hat zwei ganz entgegengeſetzte Einwirkungen auf mein Geſchlecht und das Deine. Bei uns ſteht ſie im engſten Zuſammenhange mit der Philoſophie, aber bei Euch armen, ſchwachen Geſchöpfen iſt und bleibt ſie Neugier, von der ihr von Natur einen mehr als billigen Antheil habt. Zweitens: wenn Du neugierig biſt und warteſt und hin und her ſpekulirſt über die Wahr⸗ ſcheinlichkeiten oder Unwahrſcheinlichkeiten, die dafür oder dagegen ſprechen, daß ſie heut kommen, ſo wirſt Du nicht aufhören zu ſeufzen, bis Mama wirklich erſcheint, und dann Adieu mit meiner Arbeit, denn zu ſchreiben während Deiner Zungenbewegung würde unmöglich ſein. Ich bitte daher, folge meinem Rathe, in Betracht, daß Du eine Predigt von mir gehört haſt, wie Du ſie nur von meinem ehrwürdigen Bruder Herbert jemals erwarten kannſt.“ „Ich glaube nicht, daß Mama und Papa ganz zufrieden ſein würden, wenn er uns nicht ſchon das erſtemal, wo er auftritt, eine viel beſſere gäbe,“ entgegnete Emmeline mit einem ſehr ſchalkhaften Blick auf ihren Bruder. 83 „Wie, auch Du gegen mich, Miß Emmy, und auch Du fängſt an zu ſprechen? Du vergißt, was für eine wichtige Perſon ich bin, beſonders ſo lange Papa abweſend iſt, und daß ich als ſein Stellvertreter nicht ungeſtraft beleidigt wer⸗ den darf;“ und er brachte alle feſten und lockeren Theile ihrer Landkarte in die ſchrecklichſte Unordnung, ohne auf ihre Bitten zu achten, ſie liegen zu laſſen. „Du haſt einen ſehr ſchlechten Weg eingeſchlagen, mich zum Schweigen zu bringen, Percy,“ fuhr Caroline fort. „Du mußt entweder erklären, warum die Neugier nicht den⸗ ſelben guten Einfluß auf uns haben ſoll wie auf Euch, oder Deine Worte ganz und gar zurücknehmen. Du würdeſt keine ſo verächtliche Anſicht ausgeſprochen haben, wenn Mama zugegen geweſen wäre.“ „Unſere Mutter ſteht ſo hoch über allen Anderen, daß, wenn ſie zugegen iſt, ihr Uebergewicht ſich über ihr ganzes Geſchlecht erſtreckt, Caroline! Zwar ſteht zu hoffen, daß Du als ihr Kind einmal einige Aehnlichkeit von ihr haben wirſt, indeß erwarte ich es nicht, denn zwei ſolche Frauen, wie meine Mutter, kann es nicht geben.“ „Als wenn Deine Anſicht ſo großes Gewicht hätte!“ erwiederte Caroline hochmüthig;„es kümmert mich in der That ſehr wenig, ob Du glaubſt, daß ich Aehnlichkeit mit Mama habe oder nicht.“ „Mich kümmert es ſehr viel,“ entgegnete Emmeline ernſthaft,„ich möchte allerdings lieber mit meiner Mama, als mit irgend Jemand ſonſt Aehnlichkeit haben, und ich möchte allerdings, daß Percy mir das glaubte, weil er mich dann noch mehr lieben würde.“ „Bravo, meine liebe Emmy, Du ſprichſt faſt ſo gut, als ich es ſelbſt hätte thun können, und zur Belohnung will ich Dir bei Deiner Karte helfen, ſobald ich mit dieſem höchſt langweiligen Stück Arbeit fertig bin. Ei, Du kleine, dumme Perſon haſt ja Kamſchatka nach Südamerika verſetzt; freilich würde Eis und Schnee dort ſehr willkommen ſein, aber wie ſehr würden ſich die Amerikaner wundern, wenn ſie die pelzröckigen Kamſchadalen zu Nachbarn hätten. So iſt es 6* ————————————— 84 recht, nun fahre fort bis ich Dir helfen kann; und Du, Miß Caroline, verachte meine Meinung ſo viel Du willſt, und mögeſt Du nie Urſache haben, es zu bereuen.“ „Ich dächte, Du hätteſt mir geſagt, ich ſolle nicht ſchwatzen, Percy,“ erwiderte ſeine Schweſter,„und ich möchte wiſſen, wer am meiſten ſchwatzte, Du oder ich? Du wirſt nicht eher mit Deiner Arbeit fertig werden, als bis die Glocke zum Gebet ruft, wenn Du ſo fortfährſt.“ „Das zeigt, wie wenig Du meine Kraft kennſt. Ich habe blos eine Reinſchrift von dieſen gelehrten Reflexionen zu machen. Ach, im Namen aller Götter, waren das abſcheu⸗ lich geſcheidte Leute, dieſer Seneca, Cicero, Plinius und noch viele Andere; aber wenn ſie ſo geſcheidt ſein mußten, warum verbrannten ſie nicht alle ihre niedergeſchriebene Weisheit, anſtatt ſie den Händen gelehrter Pädagogen oder ſogenannter Schulmeiſter als Mittel der Qual und als Fluch für die armen Unglücklichen zu hinterlaſſen, deren Schädel nicht weiſe genug ſind, ſie zu faſſen?“ „Mir würde es ſehr leid thun, wenn alle die alten Au⸗ toren auf ſolche Weiſe vernichtet worden wären,“ bemerkte Herbert, indem er mit einem begeiſterten Lächeln von ſeinem Buche aufſah.„Ich würde ſchon jetzt einen großen Genuß verlieren, und wieviel erſt dann, wenn ich mehr weiß.“ „Ja, aber mein lieber Junge, Du haſt nicht einen ſo ſiebartigen Kopf wie ich. Du empfängſt, behältſt, verdaueſt und verarbeiteſt den Stoff, den Du durch deine eigenen Ideen ver⸗ beſſerſt; aber was mich anlangt, ſo geht mir allerdings das Zeug in den Kopf, aber es läuft wieder hinaus und läßt nur zurück, was zu groß und ſchwerfällig iſt, um einen Ausweg zu finden. Nein, nein, Bertie, Dein und mein Kopf ſind nicht im zwanzigſten Grade mit einander verwandt, wiewohl ihre Beſitzer ſo nahe verwandt ſind. Still, nun nicht ein Wort mehr, ich habe nur noch eine Zeile. Was für ein weiſer Mann das geweſen ſein muß, der da ſagte: otiosum esse quam nihil agere: beſſer müßig zu ſein, als Nichts zu thun! Schüttle den Kopf nicht und lache nicht, Emmy. Vale! niemals habe ich ſo gern Adieu geſagt. Hurrah! — —— 85 nun können Mama und Papa nach Hauſe kommen, ſobald ſie wollen. Wirf einmal einen Blick darauf, Herbert, ſage mir nur, ob es correct ausſieht, und dann ade, ihr Bücher, ade, ihr Federn, ade, Schreibpult für heute Abend.“ Er legte ſeine Arbeit auf das offene Buch ſeines Bruders, warf dann Wörterbuch und Grammatik in die Luft, fing ſie geſchickt wieder auf, räumte ſeine Bücher zuſammen, ſchloß ſein Pult zu, und warf ſich dann mit einem komiſchen Seuf⸗ zer ſeiner ganzen Länge nach auf das Sopha. „Nachdem Du nun Deine Arbeit fertig haſt, Perch, wirſt Du vielleicht die Freundlichkeit haben, uns zu ſagen, weshalb Du heute ſo ſpät am Abend Lateiniſch geſchrieben haſt?“ fragte Caroline. „Ich ſoll meine Wunden auf's Neue öffnen? Indeß es iſt ganz in der Ordnung, daß Miß Harcourt erfährt, daß es ihre Schuld iſt, wenn ich morgen krank bin, nachdem ich mich heute überſtudirt habe.“ „Die meine?“ antwortete Miß Harcourt lachend, „bitte, ſprich Dich deutlicher aus, denn ich fühle mich ſo völlig unſchuldig, daß ich Dich ſelbſt nicht verſtehe.“ „Gaben Sie mir nicht heute Morgen einen Auftrag an Lady Helen Graham?“ „Das that ich. Du gingſt auf dem Wege zu Mr. Ho⸗ ward an ihrem Hauſe vorüber.“ „Nun, wenn Sie mir den Auftrag nicht gegeben hätten, ſo wenig ich Neigung fühlte, über ſtaubigen Büchern zu ſitzen, ſo würde ich mir den Muth gefaßt haben, direct nach der Rectorei zu gehen. Lady Helen war nicht ſichtbar, des⸗ halb wartete ich, weil ich glaubte, daß Ihr Auftrag von großer Wichtigkeit ſei, und Emmy kam zu mir und keiſtete mir Geſellſchaft. Beiläufig, was für eine anſehnliche Perſon dieſes Kind iſt; Emmeline, Du biſt eine wahre Puppe gegen ſie, ich wundere mich, daß ſie ſich herbeiläßt, mit Dir umzu⸗ gehen.“ „Ich glaube nicht, daß ſie mich beſonders gern hat— Caroline iſt ihre Freundin,“ erwiderte Emmeline,„aber was kann Annie mit Deinem Latein zu thun haben?“ 86 „Sehr viel, denn ſie ſchwatzte, und wir gingen ſpaßiren und die Zeit ging auch ſpatziren, und ehe ich Lady Helen geſehen hatte, war es zwei Stunden ſpäter, als ich bei Mr. Howard geweſen ſein ſollte. Als ich meines Weges ging, war mir nicht beſonders wohl zu Muthe; aber wiewohl es ſonnenklar iſt, daß, wenn Miß Harcourt mich nicht zu Lady Helen geſchickt hätte, ich nicht in Verſuchung geführt wor⸗ den wäre, ſo war ich doch großmüthig genug, ihren Namen nicht auszuſprechen, ſondern die ganze Schuld meines Nicht⸗ erſcheinens meiner Abneigung gegen alle Studien, als die der Natur, in die Schuhe zu ſchieben. Mr. Howard ſah ernſt und bekümmert aus. Ich wünſchte, er hätte mehr Aehnlichkeit mit anderen Schulmeiſtern; dieſer Blick und dieſer Ton ſind ſchlimmer als die Ruthe, und um meine verlorene Zeit vom Morgen wieder einzuholen, mußte ich heute Abend einen lateiniſchen Aufſatz über einen Brief des Plinius ſchreiben. Und nun, nachdem ich Eure Fragen beant⸗ wortet habe, beantwortet mir gefälligſt die meinige. Iſt eine Wayrſcheinlichkeit vorhanden, daß heute Abend Mama nach Haus kommt?“ „Alle Wahrſcheinlichkeit,“ erwiderte Miß Harcourt.„Es hängt blos von Deiner Couſine ab, die ſo ſehr zarter Natur iſt, daß, wenn ſie zu ſehr ermüdet wäre, Mr. Hamilton heute in Exeter bleiben und morgen früh hierher weiterreiſen würde.“ „Nun, meine kleine Couſine, wiewohl ich nicht das Ver⸗ gnügen habe, Dich zu kennen, ſo hoffe ich doch, Du wirſt ſo freundlich ſein, Mama heute kommen zu laſſen, denn wir find ſchon zu lange ohne ſie geweſen, und ich ſehne mich herzlich, Papa ſeine Amtstracht wieder abzutreten, denn ſie ſteht mir wirklich wie fremde Federn dem Vogel. Mama ſchreibt von Ellen und Edward, ich bin neugierig, wie ſie ſein werden. Bitte, Tiny, male ſie mir aus, Deine fruchtbare Phantaſie weiß ja ſchon den Schatten eines Namens zu verkörpern.“ „Ich kann es picht, Percy, denn ich fürchte, meine Ge⸗ mälde würden nicht angenehm ſein.“ „Nicht angenehm ſein?“ wiederholte Perch und Miß Harcourt zugleich,„warum nicht?“ 87 Emmeline zögerte, dann antwortete ſie offen:„Wir ſind ſo ſehr glücklich zuſammen, daß ich nicht recht weiß, ob ich mich freuen ſoll, daß unſere Verwandten bei uns wohnen werden.“ „Wie, fürchteſt Du Dich, daß ich Ellen mehr lieben werde, als Dich, Emmy?“ rief ihr Bruder aus, indem er aufſprang und ſich auf ihren Stuhl ſetzte;„beunruhige Dich nicht, Tiny, keine Couſine ſoll Deine Stelle ein⸗ nehmen!“ „O, lieber Percy, das fürchte ich nicht,“ erwiderte ſie und ſah ihm ſo zärtlich in's Geſicht, daß er ihr einen herz⸗ lichen Kuß gab;„ich kann nicht ſagen, warum ich halb be⸗ ſorgt bin, daß ſie kommen, aber das habe ich mir vorgenom⸗ men, Alles zu thun, was ich kann, um ſie glücklich zu machen.“ „Du könnteſt es auch nicht anders, wenn Du auch woll⸗ teſt. Nun, Caroline, was ſagſt Du? Wir haben Alle uns in Gedanken mit ihnen beſchäftigt, wir können einander alſo wohl mittheilen, was wir gedacht.“ „Wie nun, wenn ich dazu keine Luſt hätte?“ „Nun dann müßten wir Alle glauben, daß Du Dich ihrer ſchämteſt,“ erwiderte Percy raſch,„und wenn Du das thäteſt, ſo würde ich wiſſen, wer die Veranlaſſung dazu ge⸗ weſen iſt. Ich möchte wetten, die ganze Zeit, die Du bei Lady Helen Graham geweſen biſt, ſeitdem Mama verreiſt iſt, hat ſie von nichts Anderem mit Dir geſprochen. Seht, ſeht, ſie wird ganz roth, ich habe Recht!“ „Und wenn ſie es gethan hat,“ erwiderte Caroline ſehr gereizt,„ſo hat ſie nichts geſagt, das zu wiederholen ich mich ſchämen müßte. Sie kannte meine Tante, ehe ſie nach Indien ging, und wenn ihre Kinder ſind wie ſie, ſo werden ſie keine angenehme Zugabe zu unſerer Familie ſein.“ „Bravo, Caroline! Du biſt wirklich eine gute Schü⸗ lerin; vollſtändig Lady Helen's Worte und Weiſe! Aber Du magſt Dich beruhigen, Kinder ſind nicht immer wie ihre El⸗ tern, und wenn ſie Lady Helen's Beſchreibung von meiner armen Tante, die ſie Dir weder zu geben ein Recht hatte, noch die Du hätteſt anhören ſollen, ſo unähnlich ſind, wie Du in dieſem Augenblicke Deiner Mama, ſo werden wir 88 uns trefflich vertragen und brauchen keine Furcht vor ihnen zu haben.“ „Percy, Du biſt unausſtehlich!“ „Weil ich die nackte Wahrheit ſage? Caroline, ich bitte Dich, gewöhne Dir dieſe Anfänge übler Laune ab, ehe Mama zurückkommt; ſie würden ein ſchlechter Willkommen ſein.“ „Ich habe keine üble Laune, Percy; ich meine, ich kann meine Anſicht von Ellen und Edward ſo gut haben, wie eins von Euch,“ entgegnete ſeine Schweſter ärgerlich. „Aber Deine Anſicht ſoll keine unfreundliche ſein, ohne daß Du ſie kennſt, liebe Caroline,“ warf Herbert beſchwich⸗ tigend ein.„Es iſt ſo ſehr ſchwer, ein Vorurtheil los zu werden, wenn es einmal in unſer Gemüth ſich eingeſchlichen hat, ſelbſt wenn wir wiſſen und fühlen, daß es unbegründet iſt. Wenn wir nur daran dächten, wie traurig es iſt, daß ſie weder Vater noch Mutter haben, die ſie lieben, oder daß ſie unter lauter Fremde kommen, daß ſie dazu in einem fremden Lande geboren ſind, ſo würden wir Anlaß genug haben, freundlich von ihnen zu denken, und wir würden alle Neu⸗ gier beiſeite laſſen, wie ſie wohl ſein werden, bis wir ſie ken⸗ nen. Ich glaube, wir werden oft Geduld und Nachſicht zu üben haben, aber das haben wir auch untereinander nöthig, und es wird nur ein Bruder oder eine Schweſter mehr ſein.“ „Bruder und Schweſter? Ich werde ſie nicht dafür hal⸗ ten, Herbert, magſt Du es immerhin thun. Mein Vater hätte ein Adeliger ſein können, aber wer weiß etwas von dem ihrigen?“ „Caroline, wie kannſt Du ſo lächerlich ſein!“ rief Percy mit einem herausfordernden Lachen aus.„Ihr Vater diente und ſtarb für ſeinen König, wie unſer Großvater, und wäre er am Leben geblieben, ſo hätte auch er einen Titel erhalten können, und ihre Mutter— wahrlich Du beleidigſt Mama: die Kinder ihrer Schweſter, ſollte ich meinen, ſind ganz ſo hohen Ranges wie wir.“ „Und ſelbſt wenn ſie es nicht wären, was würde es be⸗ deuten?“ erwiderte Herbert.„Liebe Caroline, ſprich und 89 denke nicht ſo, es ſchmerzt mich, denn ich weiß, wie unrecht es iſt. Wir hätten an ihrer Stelle ſein können!“ „Ich kann mir wirklich nichts ſo völlig Unmögliches den⸗ ken,“ unterbrach ihn Caroline,„deshalb kannſt Du Dir Deine Vorausſetzung erſparen, Herbert!“ „Es hilft nichts, Bertie, Du mußt die Antipoden zu⸗ ſammenbringen, ehe ihr, Du und Caroline, gleich denken werdet,“ warf Perey ein, der mit Bedauern einen ſchmerz⸗ lichen Ausdruck in dem Geſicht ſeines Bruders ſah und im⸗ mer bereit war, ihn vor körperlichem oder geiſtigem Schmerz zu wahren. Miß Harcourt miſchte ſich nicht in die Unterhaltung. Es war immer Mrs. Hamilton's Wunſch geweſen, daß ihre Kinder in ihrem Verkehr mit einander ſo unbeſchränkt ſein ſollten, als wenn ſie allein wären. Wäre Caroline in ihrer Anſchauungsweiſe unterſtützt worden, ſo würde ſie ſich ein⸗ gemiſcht haben; aber der Spott Percy's und der Ernſt Her⸗ bert's mußten— das wußte ſie— eine größere Einwirkung auf ſie üben, als ein Tadel von ihr, der für die Zukunft nur dahin geführt haben würde, daß ſie ſich vor ihr Zwang auflegte. In Folge dieſer völligen Ungezwungenheit war Mrs. Hamilton ſo durch und durch mit den verſchiedenen Charakteren ihrer Kinder bekannt geworden. Allerdings ver⸗ urſachte ihr Caroline's Anſchauungsweiſe oft wirklichen Schmerz, aber es war viel beſſer, dieſelbe zu kennen und durch die Erziehung die Fehler, die ſich kund gaben, zu ent⸗ fernen zu ſuchen, als die Erfahrung zu machen, daß ſie die⸗ ſelben aus beſtändiger Furcht vor Tadel zu verheimlichen ſuchte. Um Herbert's ungewöhnlichen Ernſt zu vertreiben, fuhr Perey lachend fort:„Miß Harcourt, welche Anſichten haben Sie über dieſen wichtigen Gegenſtand? Wir brauchen Her⸗ bert nicht erſt um die ſeinen zu fragen, wir kennen ſie Alle, ohne daß er ſie uns erſt ſagt; aber Sie ſind faſt die Haupt⸗ verſon bei der ganzen Geſchichte, denn Ellen wird Ihnen als neue Schülerin Mühe machen.“ „Ich bedaure das nicht, Perch, ſondern ich werde mich 90 nur freuen, wenn ich in irgend einer Weiſe die vermehrte Arbeit Deiner Mutter erleichtern kann. Was die Frage an⸗ langt, wie Deine Verwandten ſein werden, ſo kann ich Dir offen ſagen, daß ich kaum daran gedacht habe. Ich zweifle nicht, daß wir ſie zuerſt fremd und ſchüchtern finden werden, aber wir müſſen Alles thun, was wir können, um ſie dahin zu bringen, daß ſie ſich nicht fremd fühlen.“ „Und nun habe ich alſo nur für mich ſelbſt zu ſprechen, und Emmy und Herbert und Sie haben mir allerdings aus der Seele geſprochen und mir nichts übrig gelaſſen. Ich weiß nicht, ob ich mich auf fie freue oder nicht, aber ſie thun mir aufrichtig leid, und es wird prächtig ſein, wenn dieſer Edward ein mun⸗ terer, luſtiger Knabe und nicht überſtudirt oder gar zu lern⸗ luſtig iſt, ein Knabe, mit dem ich umgehen kann ohne das ſchmerzliche Gefühl, ihm nachzuſtehen, wie es mir geht, wenn ich in Geſellſchaft meines ſehr ehrwürdigen Bruders bin.“ „Lieber Perey, nenne mich nicht ehrwürdig,“ ſagte Her⸗ bert proteſtirend,„es kommt mir faſt wie ein Spott vor, da ich weiß, wie weit ich noch davon entfernt bin, ein Geiſtlicher werden zu können.“ „Du biſt ein guter Junge, Bertie, und ich will Dich nicht necken, wenn ich es anders kann; aber wahrlich, es ſollte kein Spott ſein; Du weißt, daß Du beſſer biſt als die Hälfte der Geiſtlichen, die bereits ordinirt ſind, und daß Du an Herzensgüte und Talent hoch über mir ſtehſt.“ „Das weiß ich gar nicht, Perey, ich bin nicht ſo kräfti⸗ ger Geſundheit wie Du und liebe daher natürlicherweiſe mehr ruhige Freuden; und was das Talent anlangt, ſo wür⸗ deſt Du mich weit zurücklaſſen, wenn Du eben ſo gern der Arbeit als dem Vergnügen nachgingeſt.“ „Unrecht, Bertie, ganz Unrecht! Aber denke über Dich, wie Du willſt, ich weiß, was Jedermann über Dich denkt.— Still! Klingt das nicht wie ein Wagen, oder ſpielt der Wind nur mit den alten Eichen?“ „Ich höre weder, daß der Wind ſpielt, Percy,“ wieder⸗ holte Emmeline lachend,„noch daß die Wagenräder die Erde küſſen.“ 9¹ „Gut geſagt, Tiny; aber horcht, es iſt wirklich ein Wa⸗ gen.“ Und Percy ſprang ſo ungeſtüm vom Tiſche auf, daß er denſelben faſt umwarf, ſchlug die Gardine zurück und blickte neugierig zum Fenſter hinaus. Herbert ſchlug ſein Buch zu, Emmeline verließ ihre faſt vollendete Karte und trat zu Percy, Caroline bemühte ſich offenbar, wieder ein heiteres Geſicht zu machen, aber zu ſtolz, um es zu zeigen, ſetzte ſie ihre Arbeit eifrig fort, zerriß aber faſt jedesmal den Faden, wenn ſie die Nadel auszog. „Es iſt nichts, Percy; wie konnteſt Du uns ſo täu⸗ ſchen?“ ſagte Herbert in betrübtem Tone. „Mein guter Junge, Du mußt taub ſein; ſo horche doch, es kommt immer näher und klingt immer lauter, und ſiehe dort, Emmeline, durch die Bäume, ſiehſt Du nicht, daß etwas da ſchimmert? Das muß die Wagenlampe ſein!“ „Unſinn, Percy, es iſt ein Johanniswürmchen!“ „Ein Johanniswürmchen? Ei, Emmeline, der Gedanke, Mama wiederzuſehen, macht Dich blind. Welches Johannis⸗ würmchen wäre je ſo raſch geflogen? Nein, nun iſt es kein Irrthum mehr! Hurrah! Es iſt der Wagen! Heda! Ro⸗ bert! Morris! Ellis! raſch nach der Halle! Der Wagen kommt die Allee herab!“ Und mit lärmender Ungeduld lief Percy nach der Halle, verſammelte alle Diener, die er ge⸗ nannt und die Anderen dazu, um die Ankommenden zu be⸗ willkommnen, dann ſchlug er die maſſive Thür weit zurück und er und Herbert waren mehrere Minuten ſchon auf der Treppe, ehe der Wagen ankam. —— 92 Achtes Kapitel. Drei engliſche Familien und ibre Angehörigen. Wenn mehr als die obige Unterhaltung nöthig wäre, um das Vertrauen und die Liebe zu offenbaren, womit Mr. und Mrs. Hamilton von ihren Kindern angeſehen wurden, ſo würde die Freude, der zwangloſe Ausdruck der Zuneigung, womit ſie von jedem einzelnen ihrer Kinder empfangen wur⸗ den, dieſes noch deutlicher gezeigt haben. Herbert war ſehr raſch auf ſeinem Lieblingsſitz, einem niedrigen Stuhl zu ſei⸗ ner Mutter Füßen. Emmeline nahm wenigſtens für die erſte halbe Stunde ihr alleiniges Vorrecht in Anſpruch, als die Jüngſte und Kleinſte ſich auf ihren Schoß zu ſetzen. Percy ſprach mit ſeinem Vater, verſuchte es, Edward heimiſch zu machen, ſagte Ellen viele freundliche Worte und liebkoſte ſeine Mutter, Alles faſt in demſelben Augenblick. Caroline ſchloß ſich an ihren Vater an und legte ihren Arm um ſeinen Hals; und Miß Harcourt entledigte freundlich Ellen ihrer vielen Hüllen und ließ ſie ruhig auf ein Sopha in der Nähe ihrer Tante legen, welche Letztere ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke der Wiedervereinigung mit ihren Kindern noch Zeit hatte, durch einige verſtändige Worte das unerklärliche, aber ſchmerzliche Gefühl des Alleinſtehens zu entfernen, welches das arme Kind beſchlich, als ſie ihre freudeſtrahlenden, glücklichen Verwandten anſah und dabei dachte, wenn ihre eigene Mut⸗ ter Edward um ſeiner Schönheit und Heiterkeit willen um ſo viel mehr geliebt hätte, als ſie, welchen Anſpruch ſie dann ihrer Tante gegenüber machen könnte? Ellen hätte nicht ſa⸗ gen können, daß dies die Gedanken waren, die ihre Augen mit Thränen füllten und ihr das Herz ſo ſchwer machten; ſie wußte nur, daß, ſo ſehr ſie auch ihre Tante während der Reiſe lieben gelernt hatte, ihr Kuß und ihre freundlichen Worte in dieſem Augenblick ſie dieſelbe mehr als je lieben ließen. 93 Niemals hatte es in Oakwood ein fröhlicheres Abend⸗ brod gegeben, als der treffliche Thee bot, der raſch für die Reiſenden bereitet wurde. Es gab ſoviel zu hören und zu erzählen, Percy's luſtige Einfälle, Caroline's lebhafte Er⸗ wiederungen(ſie hatte inzwiſchen ihre gute Laune wieder ge⸗ wonnen), Herbert's freundliche Sorge für Ellen, in deren Nähe er ſich placirt und der er ſelbſt ſeinen gewöhnlichen Sitz neben ſeiner Mutter abgetreten hatte, Emmeline's halb ſchüchterne, halb eifrige Bemühungen, mit ihren Ver⸗ wandten zu ſprechen, Mr. und Mrs. Hamilton's lebhaftes Intereſſe, Alles vereinigte ſich lange bevor das Abendbrod genoſſen war, daß Edward ſich vollkommen wohl und ſehr glücklich fühlte, und daß ſich Ellen's uneingeſtandene Furcht weſentlich gemindert hatte. Die Zeit ging ſo raſch vorüber, daß Alle erſchraken, als die Betglocke ertönte, wiewohl es faſt zwei Stunden ſpäter als gewöhnlich war. „Biſt Du für heute vorbereitet, mein Junge?“ fragte Mr. Hamilton Herbert, als ſie aufſtanden, um ſich nach dem Bibliothekzimmer zu begeben, wo es ſeit vielen Generationen Sitte der Familie Hamilton geweſen war, ſich mit ihrem ganzen Haushalt Morgens und Abends zur Familienandacht zu verſammeln. „Ja, Papa; ich wußte nicht genau, ob Du heute Abend kommen würdeſt.“ „Dann will ich mein Amt erſt morgen wieder antreten, Herbert, damit ich das Vergnügen habe, Dich meine Stelle vertreten zu hören,“ erwiederte ſein Vater, indem er ſeinen Sohn unter den Arm faßte und liebevoll demſelben in's Geſicht ſah, über welches ſich eine glühende Röthe ergoß. Herbert Hamilton's Stimme hatte etwas eigenthümlich An⸗ genehmes ſchon wenn er ſprach, und wenn er den Abendſegen las und wo nöthig ein paar kurze Erklärungen hinzufügte, und ganz beſonders wenn er die ſchönen Gebete für häusliche Andacht las, dann bot die ernſte Feierlichkeit ſeines Tones und ſeines ganzen Weſens einen ſelt⸗ ſamen Contraſt mit der knabenhaften Geſtalt und dem jugendlichen Geſicht, auf welches die Lampe, die über dem 94 Betpult hing, ein ſanftes, heiliges Licht verbreitete. Das Gebet, welches dem gewöhnlichen Abendſegen beigefügt wurde, wählte immer der Vorleſer, und Mr. und Mrs. Ha⸗ milton waren erſtaunt und gerührt über die Inbrunſt, wo⸗ mit ihr engelhafter Knabe ein Gebet vortrug, das beſonders zu dem Ereigniſſe dieſes Abends, nämlich der Einführung ihrer verwaiſten Verwandten paßte, daß ſich der Herr ihrer erbarmen und ſie ſegnen und daß er ihnen Liebe und Nachſicht in ihrem gegenſeitigen Verkehr geben möge. Miß Harcourt, ſein Bruder und ſeine Schweſter wußten recht wohl, auf was er anſpielte, und Alle, bis auf Eine, ſagten mit Wärme und Wahrheit Ja und Amen. Caroline konnte ſelbſt in dieſem Augenblick nicht auf Herbert's Gefühle eingehen, es koſtete ihr ſogar große Mühe, ein Gefühl des Mißvergnügens zu verbergen, da ſie glaubte, daß er direct auf ſie hinweiſe, und da ſie meinte, daß weder er noch irgend Jemand ein Recht habe, ſich um ihre Gedan⸗ ken zu kümmern, und daß dieſelben Niemandem ein Leid zu⸗ fügen könnten, ſo lange ſie in ihrer Bruſt eingeſchloſſen wären, ſo nahm ſie ſich auch nicht die Mühe, dieſelben zu unterdrücken, und es war ihr nicht möglich, in das Gebet einzuſtimmen. Edward kam Alles fremd vor. Während die Schönheit ſeines Körpers und ſeine geiſtigen Anlagen auf das ſorg⸗ ſamſte gepflegt worden waren, hatte er niemals auch nur die Gebote der Religion, noch viel weniger ihren inneren Geiſt kennen gelernt. Seine Mutter hatte ſich öfters ſchmerzliche Vor⸗ würfe gemacht, daß ſie Dasjenige vernachläſſigte, was, wie ihr eine innere Stimme ſagte, ſo weſentlich war; aber ſie war gewöhnt, ihre Gewiſſensbiſſe durch den Gedanken zum Schweigen zu bringen, daß ſie weder würdig noch fähig ſei, ihm ſo erhabene Lehren beizubringen und daß er in ſpäteren Jahren inſtinktmäßig von ſelbſt darauf kommen würde. Er hatte allerdings Zeit genug gehabt, darüber nachzudenken. Er war dann und wann in der Kirche geweſen, aber es war bloße Form, die er als langweilige Pflicht betrachtete, der er zu entſchlüpfen ſuchte, ſo oft er konnte. Der heutige Vor⸗ gang verwirrte ihn daher vollſtändig. Er hatte ſich immer 95 für beſſer gehalten, als einen von den Knaben, mit denen er umgegangen war; aber indem er Herbert anſah und ihm zuhörte, der höchſtens zwei Jahre älter als er zu ſein ſchien, ſo überkam ihn das ſehr ſeltene und unangenehme, aber ſehr entſchiedene Gefühl, daß er demſelben weit nachſtehe; und dann war es ihm auch ſo unbegreiflich, daß die ganze Die⸗ nerſchaft Theil nahm, eine Menſchenklaſſe, die er in Indien als ſo tief unter ſich ſtehend zu betrachten gelernt hatte, daß es ſelbſt eine Art Entwürdigung ſei, mit ihnen zu ſprechen; und er ſollte noch mehr überraſcht werden, denn ehe ſie das Bibliothekzimmer verließen, hörte er, wie ſeine Tante und ſein Onkel ſie Alle anredeten und jedem Einzelnen einige freundliche Worte ſagten und nach ihren Familien fragten. Bei Ellen rief dieſer Abendgottesdienſtheinige von Mr. Myrvin's Lehren zurück und half ihr die neuen Gedanken und Gefühle verſtehen, die ſie zum erſten Male in Wales kennen gelernt hatte. Ihr Vater hatte ihr allerdings im letzten Jahre ſeines Lebens einen Begriff von Religion zu geben geſucht, da er aber ſelbſt erſt ſpät ernſthaft zu denken an⸗ gefangen hatte, ſo mißtraute er ſeinen eigenen Gaben, und ſo war der Eindruck, den er in ihrem Herzen zurückließ, mehr der der Furcht als der Liebe, was für eine Natur wie Ellen ein großes Unglück war. Eine ſehr kurze Zeit genügte für Perch und Emmeline, ihre Verwandten in alle die Freuden und Geheimniſſe ihrer lieben alten Heimath einzuführen, und Oakwood⸗Hall war in der That ein Ort, über welchen die Phantaſie ſchwärmen konnte. Es war ein großes kaſtellartiges Schloß, mit den Erinnerungen der Vergangenheit und den Bequemlichkeiten der Gegenwart ausgeſtattet. Die Schäden, welche das ur⸗ ſprüngliche Schloß während des bürgerlichen Krieges unter Carl L. erlitten hatte, waren die Veranlaſſung, daß, als die Familie nach der Reſtauration zurückkehrte, Vieles von dem alten Hauſe niedergeriſſen und durch größere Räume und die größeren Bequemlichkeiten eines modernen Hauſes erſetzt wurde, wobei es indeß genug von der Vergangenheit behielt, um Intereſſe zu erregen. 96 Die Flügel waren immer noch durch Thürmchen flankirt, die Percy's und Emmelinen's Freude waren, und die vielen Treppen, die in alle möglichen Ecken und Winkel führten, und die kleinen und ſehr unbehaglichen Zimmer wurden, weil einige derſelben zufällig mit Tapeten behängt waren und die bekannten kleinen Fenſter mit tiefen Niſchen hatten, von Beiden für weit angenehmer erklärt, als die ſchöne Reihe von Zimmern, welche den Mittelpunkt des Hauſes und die Wohnung der Familie bildeten. Dieſe waren nur deshalb nicht ganz abſcheulich modern, wie Percy erklärte, weil ſie ſchöne, glänzend polirte, eichene Füllungen und Niſchen hatten, welche die großen Fenſter immer noch bildeten und faſt ein Zimmer für ſich ausmachten. Ferner die Halle mit ihrer ſtolzen Treppe und der breiten Baluſtrade von ge⸗ ſchnitztem Eichenholze, die zu einer Gallerie oben führte, welche ſich nach den verſchiedenen Schlafzimmern öffnete und auf ſolche Weiſe die volle Höhe des Hauſes vom Boden bis zum Dach von der Halle aus ſehen ließ. Die Thüren, die man auf der Gallerie ſah, führten meiſtens in Garderobe⸗ oder Gaſtzimmer oder in die großen luftigen Schlafzimmer, wozu die Dienerſchaft auf Hintertreppen gelangte, die aus ihrer Halle hinaufführten, ſo daß die eichene Treppe und die Gallerie ganz und gar dem Gebrauche der Familie überlaſſen blieb, weshalb dieſe Gallerie der Schauplatz gar manches geräuſchvollen Spieles geweſen war. An das Wohnhaus war eine ſchöne kleine Kapelle angebaut geweſen, aber ſie war mitleidslos von den Puritanern niedergebrannt und nie wieder aufgebaut worden, und die Familie von Oakwood⸗ Hall bediente ſich hinfort der ehrwürdigen alten Dorfkirche. An den Ufern des Dart gelegen, deſſen Schlangenwindun⸗ gen denſelben wie eine Reihe von ſchönen Seen erſcheinen lie⸗ ßen, war die Natur ſo verſchwenderiſch mit ihren Schönheiten in Park und Garten, namentlich in Beziehung auf die Größe der ſtolzen Eichen geweſen, von denen das Gut ſeinen Namen er⸗ hielt, daß es kein Wunder war, wenn Mrs. Hamilton, immer eine große Verehrerin der Natur, ſich ſo ſehr an ihren Wohnſitz gewöhnt hatte, daß ſie niemals auch nur die mindeſte Neigung 97 empfand, denſelben zu verlaſſen. Sie wollte nicht, daß ihre Töchter London eher beſuchten, als einige Monate, ehe Ca⸗ roline alt genug ſei, in die Welt eingeführt zu werden, um ihnen dann die letzte Feile zu geben, und dieſer Zeit ſah ſie natürlich immer mit einem gewiſſen Bangen entgegen, da ſie dann einen Theil des Jahres in der Stadt zubringen mußte. Die Laufbahn Eleanor's, die Erinnerung an die Thorheiten und Verirrungen, in die ihre eigene Jugend geſchleudert worden war, hatten ihr nicht nur einen Widerwillen, ſondern eine wirkliche Furcht vor London eingeflößt, bis ihre Mädchen ſolche Grundſätze gewonnen haben würden, die ſie befähigten, die Prüfungen der Welt ohne Einfluß auf Charakter oder Gefühle zu beſtehen. Ihre Söhne hatten ſeit ihrem zehnten Jahre den Vater mehr als einmal nach der Hauptſtadt be⸗ gleitet, aber wiewohl dieſe Beſuche immer Quellen der Freude waren, namentlich für Perey, ſo kehrten ſie doch immer mit ungeſchwächter Liebe nach ihrer Heimath zurück und ſie er⸗ klärten, es gebe nichts Schöneres in England, als ihren Wohnſitz. Wiewohl Mr. Hamilton weder ein Amt, noch ein gewiſſes Geſchäft hatte, ſo war er doch nichts weniger als müßig. Sein eigenes Grundſtück war groß genug und umfaßte eine große Anzahl von Landſaſſen, für deren irdiſche und ewige Wohlfahrt er verantwortlich war und die ihm viel zu ſchaffen machten. Dazu waren die Intereſſen ſeines Vaterlandes ſo ſehr mit ſeinem eigenen Weſen verwachſen, daß er, wiewohl er es immer abgelehnt hatte, in das Parlament einzutreten, gar manche politiſche Bewegung herbeiführte und unterſtützte, die die Verbeſſerung des Looſes der Armen oder der geſellſchaft⸗ lichen Verhältniſſe zum Zweck hatten. Wiewohl er aber in der innigſten Verbindung damit ſtand, ſo erwarben ſie ihm weder öffentlichen Ruhm, noch eigenen Vortheil. Er handelte in allen Dingen mit eben derſelben Rechtſchaffenheit und hohen Ehrenhaftigkeit, die ihn veranlaßt hatte, den Titel ab⸗ zulehnen, der ſeinem Vater angeboten worden war. Mrs. Hamilton wurde durch die Verbindungen ihres Gatten mit vielen berühmten Männern und durch ihre eigene Correſpon⸗ 7 E. 98 denz und gelegentlichen Beſuche ihrer Freunde in Oakwood von einer zu großen Beſchränkung auf ihr Haus zurückge⸗ halten, welche letztere Viele fürchteten, als ſie ſich auf ihr Gut zurückzog. Sie hatte auch einige Freundinnen in ihrer Nähe, deren Geſellſchaft ihr Vergnügen machte, dazu kamen viele Bekanntſchaſten, die ſie mehr beſucht haben würden, als es ihr lieb geweſen wäre, hätte ſie nicht die glückliche Gabe beſeſſen, ruhig ihres Wegs zu gehen und doch Niemand zu nahe zu treten. Der ehrwürdige William Howard hatte Mr. Hamilton's dringende Einladung angenommen, ſeine Pfarrei und die Erziehung ſeiner Kinder zu übernehmen, und zwar unter ſehr eigenthümlichen Umſtänden. Er war Prediger in einer der ſüdlichen Städte und Vorſteher einer Erziehungsanſtalt für Knaben von Stande geweſen, und er hatte in beiden Eigenſchaften großen Beifall gefunden. Das tadelnswerthe Benehmen einiger ſeiner Zöglinge, das zuerſt ſo geheim ge⸗ halten wurde, daß es ſeiner Kenntnißnahme entging, wurde endlich ſo augenſcheinlich, daß es eine Unterſuchung nöthig machte. Er wollte zuerſt der ganzen Sache keinen Glauben ſchenken, als ſie aber durch die verwirrten Antworten von Allen und das halbe Geſtändniß von Einigen bewieſen wurde, ſtellte er ihnen kurz und nachdrücklich das Unrecht ihres Be⸗ nehmens vor und erklärte, daß, da das Vertrauen zwiſchen ihnen völlig untergraben ſei, er der Ehre ihrer Erziehung ent⸗ ſagen müſfe und ſie nicht länger als Angehörige ſeines In⸗ ſtituts betrachten könne. Vergebens baten die jungen Leute, er möge ihnen die Schande einer ſolchen Entfernung erſpa⸗ ren; er war unerbittlich. Dieſes Verfahren, das an und für ſich ſo offen war, wurde von den Schuldigen in ſolchen Far⸗ ben ausgemalt, daß Mr. Howard ſeine Schule allmälig ver⸗ laſſen fand, und er ſelbſt wurde dann in einem ſolchen Lichte dargeſtellt, daß ein weniger ſelbſtbewußter und ſeiner Recht⸗ ſchaffenheit ſicherer Geiſt unterlegen ſein würde. Aber er hatte einige treue Freunde, und keiner derſelben war thatkräftiger als Mr. Hamilton. Ein ſehr kurzer Aufenthalt in der Pfar⸗ rei zu Oakwood entfernte ſelbſt die Erinnerung an die erfah⸗ 99 rene Ungerechtigkeit und er wurde als Prediger wie als Freund ein wahrer Schatz für Hoch und Niedrig. Zehn andere Knaben, die Söhne der benachbarten Landedelleute, wurden ſeine Zöglinge und ihre Väter folgten mit Freuden Mr. Hamilton's Vorgange. Etwa anderthalb Meilen jenſeits des Parks lag Moor⸗ lands, der Wohnſitz der Lady Helen Graham, deren Namen die jungen Hamilton's ſo häufig erwähnten. Ihr Gatte, Montroſe Graham, war Arthur Hamilton's früheſter Freund im älterlichen Hauſe, auf der Univerſität und im Mannes⸗ alter geweſen. Lady Helen, die jüngſte Tochter eines Marquis, war von Kindheit auf mit Emmeline und Eleanor Manvers bekannt geweſen und hatte immer die Erſtere bewundert, und ſich gewünſcht ihr ähnlich zu ſein, es war ihr aber im⸗ mer mißlungen, wie ſie glaubte, weil ſie ſo verſchieden be⸗ ſchaffen ſei; Andere würden geſagt haben, wegen ihres gänz⸗ lichen Mangels an Kraft und geiſtiger Stärke. Die Ehe ſchien zuerſt eine glückliche werden zu wollen, aber nur zu bald ſtellte ſich das Gegentheil heraus. Graham war ein Mann von ſtrengen Grundſätzen; ſeine Gattin, wiewohl ſie niemals etwas ſittlich Schlechtes that, kannte kaum die Be⸗ deutung des Wortes. Erzürnt über ſich ſelbſt wegen ſeines Mangels an Unterſcheidungsgabe, da er ſich Lady Helen ſo ganz anders gedacht, wie ſie wirklich war, und da er mehr als einmal entdeckte, daß ſie nicht die volle Wahrheit ſagte, oder nicht mit der Aufrichtigkeit handelte, die er verlangte, wurde er in ſeiner Art und Weiſe faſt rauh, und da in Folge deſſen Lady Helen ſich immer mehr vor ihm fürchtete, ſo ſank ſie immer tiefer und tiefer in ſeiner Achtung. Zwei Mädchen und ein Knabe waren die Früchte dieſer Verbindung. Lady Helen hatte in Bezug auf die Erziehung ihrer Kinder viele vortreffliche Entſchlüſſe gefaßt, die ſie Mrs. Hamilton anvertraute; als aber die Zeit der Aus⸗ führung kam, gewannen Schwäche und falſche Nachſicht ein ſolches Uebergewicht, daß Graham, um dieſen üblen Ein⸗ flüſſen entgegenzuarbeiten, in das entgegengeſetzte Extrem verfiel und durch ſtete Zurückhaltung und Strenge ein 7* 100 Gegenſtand ſo großer Furcht für ſeine Kinder wurde, wie er es für ſeine Gattin war. Aber er beobachtete dieſes Beneh⸗ men nicht ohne Schmerz, und nie beſuchte er Dakwood ohne inniges Bedauern, daß ſein Haus nicht eben ſo war. Mr. und Mrs. Hamilton hatten oft verſucht, den Ver⸗ hältniſſen in Moorlands eine andere Wendung zu geben, der Erſtere, indem er Graham bat, minder ſtreng zu ſein, die Letztere, indem ſie in Lady Helen drang, feſter aufzutreten. Aber dieſe freundlichen Bemühungen waren völlig unnütz. Graham wurde Parlamentsmitglied, weshalb er ſeine Fa⸗ milie alle Jahre fünf oder ſechs Monate mit nach London nahm— eine beſonders angenehme Abwechſelung für Lady Helen, die dann in Geſellſchaft ihrer Schweſtern kam und deren Familien ganz in derſelben Weiſe lebten, wie die ihrige, wodurch aber unglücklicherweiſe Moorlands um ſo unbehag⸗ licher wurde, wenn ſie dahin zurückkehrten. Und dies war um ſo mehr zu beklagen, als Graham und ſeine Gattin die beſten Abſichten hatten, und wäre der Eine nachgiebiger und die Andere feſter geweſen, dann hätten Beide recht glücklich leben können. Wie ſchwer aber Lady Helen der Mangel an Vertrauen und Liebe von Seiten ihres Gatten ſchien, ein Lvos, das ſie ſich größtentheils ſelbſt zugezogen hatte, ſo war es doch leicht im Vergleich mit dem der Mrs. Greville, einer anderen Nachbarin und geſchätzten Freundin von Mrs. Hamilton. Sie hatte einen Mann geliebt und geheirathet, deſſen gewin⸗ nendes Weſen und ſein Aeußeres, ſowie ſeine geiſtreiche Un⸗ terhaltungsgabe ſeinen wahren Charakter völlig verborgen hatten, bis es zu ſpät war. In ſehr frühem Alter ſein eige⸗ ner Herr, Beſitzer eines herrlichen Landgutes und eines großen Vermögens, in einer ſehr großen öffentlichen Schule erzogen, wo er buchſtäblich nichts als Untugenden gelernt hatte und wie er dieſelben zu verbergen habe, überall, wohin er kam, von Schmeichlern umgeben, wurde er eitel, übermůü⸗ thig und ausſchweifend. Er hatte keinen anderen Lebenszweck als das Spiel in allen ſeinen Verſchiedenheiten, ſelbſt jagen und ſchießen konnte er nicht, ohne große Wetten einzugehen. *— 101 Seine Gedanken von Kindheit auf waren ſo vollſtändig auf ſein Ich hingerichtet, daß er für nichts ſonſt Liebe hegte. Er hatte allerdings gewähnt, daß er Jeſſie Summers liebte, als er ſich mit ſolchem Erfolg um ſie beworben hatte; aber die Täuſchung war raſch vorüber und wiederholt verwünſchte er ſeine Thorheit, daß er ſich die Plage einer Frau auf den Hals geladen habe. Dazu kam, daß ſein erſtes Kind ein Mädchen war, was ihn noch mehr ärgerte, und als im näch⸗ ſten Jahre ein Knabe ſich einſtellte, ſo freute er ſich allerdings, aber es war eine Freude, die das Herz ſeiner Gattin mit Furcht erfüllte, denn er gelobte, aus ſeinem Knaben einen eben ſo jovialen Geſellen zu machen, wie er ſelbſt ſei, und daß ihre albernen Ideen nichts mit ihm zu thun haben ſollten. Es war in der That eine ſchwierige Aufgabe, die Mrs. Greville zu erfüllen hatte. Wiewohl ihr Gatte bisweilen Wochen und ſelbſt Monate wegblieb, ſo wurden doch die Eindrücke, die ſie dem Herzen ihres Sohnes einzuprägen ſuchte, durch die Einmiſchung ihres Gatten, ſo lange er zu Hauſe weilte, vollſtändig vernichtet, oder es ſchien wenigſtens ſo. Er machte ſich ein Vergnügen daraus, jeden ihrer Pläne zu durchkreuzen, ihre edlen Beweggründe zu verlachen, über alles Gute und Heilige zu ſpotten und ihre Selbſtverleug⸗ nung zu verhöhnen, und dies Alles in Gegenwart ſeiner Kinder. Wenn es ihm aber gelang, Alfred häufig zu Mangel an Achtung und Unfreundlichkeit zu verführen, ſo mißlang es ihm ganz mit Mary, die, wiewohl ſo ſchwächlichen Kör⸗ pers und zarten Geiſtes, daß die Beſuche ihres Vaters ſie faſt immer krank machten, ihre leidende Mutter ſo verehrte, daß ſie nur ihre Aufmerkſamkeit verdoppelte, wenn ſie die⸗ ſelbe mehr leiden ſah wie gewöhnlich. Dieſes Benehmen machte ſie natürlich eben ſo wie ihre Mutter nur zum Gegen⸗ ſtand des Spottes und Tadels ihres Vaters, aber ſie ertrug Alles mit dem ächten Geiſte einer Märtyrerin. Ihre Leiden machten ſie zu dem, was Herbert Hamilton von Natur war: dem Geiſtigen zugewendet und gedankenvoll weit über ihre Jahre hinaus, und ſo bildete ſich zwiſchen ihr und Herbert ein Band gegenſeitiger Theilnahme und Verehrung, daß es 102 ihr der größte Troſt war, mit ihm zu ſprechen, und ihm war es eine ſeiner liebſten Freuden, daß er ihre Sorgen zu lin⸗ dern ſuchte. Alfred war von Natur kein böswilliger Knabe, und wenn ſein Vater nicht zu Hauſe war, ließ er ſich ſelten in Beziehung auf Gehorſam etwas zu Schulden kommen. Mrs. Greville beſaß die ziemlich ſeltene Vereinigung von äußerſter Unterwürfigkeit und natürlicher Würde und Feſtigkeit, die ſie in den Stand ſetzte, die Theilnahme ihrer Freunde und die Achtung ihres Geſindes zu bewahren, ohne ihr Mitleid in Anſpruch zu nehmen. Diejenigen, die ſie nicht perſönlich kannten, nahmen im Allgemeinen an, daß ſie einer von den zu ſanften und ſelbſtverleugnenden Characteren ſei, die ſich die Uebel, über die ſie klagen, ſelbſt zuziehen. Aber dies war bei Mrs. Greville ein ſehr großer Irrthum. Es war unmöglich, mit ihr auch nur zufällig zuſammen zu ſein, ohne zu fühlen, daß ſie ſchwer leide, aber dieſe Ueberzeugung rief nur Achtung hervor. Eine ſo ſorgliche und liebende Mutter, wie Mrs. Hanmilton, ſuchte Mrs. Greville ihren bei⸗ den Kindern nur Gutes einzuprägen, und ſie that es um ſo ſorgſamer, als ſie alt genug wurden, um ſelbſt zu beobachten. Aber bei Alfred hätte ſie auf keine Frucht ihrer Bemühungen rechnen können, hätte ſie nicht das feſte Vertrauen beſeſſen, welches ſie lehrte, daß keine Schwierigkeit ſie von einer Pflicht zurückſchrecken dürfe, und daß Nichts zu ſchwer für Den ſei, der, wenn er ſähe, daß ſie nicht vor der Verantwortlichkeit zurückſchrecke, die er, indem er ihr geſtattet, Mutter zu wer⸗ den, auferlegt habe, und daß ſie Alles thue was ſie könne, um den üblen Einflüſſen entgegenzuwirken, die entfernt zu halten ſie nicht die Macht habe, ſie zu ſeiner Zeit, wenn nicht auf Erden, doch bei ſich im Himmel belohnen werde; und ſo ſtrebte ſie unermüdet und ohne zu murren, weiter. Lauu. Reuntes Eapitel. Häuslicher Auftritt.— Beſuche.— Kindliche Gedanken. Der glücklichſte Theil des Tages für Emmeline Hamil⸗ ton war der, wo ſie und Caroline und nun natürlich auch Ellen mit ihrer Mutter allein waren. Sie liebte allerdings nicht beſonders die ſehr ruhige Beſchäftigung des Nähens, was dann ihre gewöhnliche Beſchäftigung warz; ſie konnte aber dann ohne den mindeſten Zwang entweder von ihren Stunden oder ihren Freuden oder ihren Gedanken oder den Erzählungen und Geſchichten ſprechen, die ſie geleſen hatte, und wenn ſie falſch urtheilte, verbeſſerte ſie Niemand ſo freundlich als Mama. Die drei bis vier Morgenſtunden, wie es gerade ihr Alter und ihre Lehrſtunden erheiſchten, ge⸗ hörten immer Miß Harcourt und ſie wurden nur durch Be⸗ ſuche von Mrs. Hamilton, die der Arbeit neuen Reiz gaben, und durch Muſikübungen unterbrochen, die dreimal in der Woche Mrs. Hamilton bis jetzt ſelbſt geleitet hatte. Um halb vier Uhr läutete die Glocke zur Toilette und um vier Uhr wurde geſpeiſt, um den Knaben Zeit zur Rückkehr von Mr. Howard zu laſſen, deſſen tägliche Lehrſtunden um neun Uhr anfingen und um drei Uhr ſchloſſen. Die Zeit von halb zwei bis halb vier in den ſehr kurzen Tagen war der Erholung, Spaziergängen oder Ausfahrten gewidmet, und in den länge⸗ ren Emmelinens Lieblingszeit, einer Stunde der Arbeit mit ihrer Mutter, und der Ueberreſt der Vorbereitung auf die Lehrſtunden für den nächſten Tag, was im Winter von 5—6 dauerte. Von 6—7 in derſelben im Allgemeinen düſteren Zeit laſen ſie laut ein unterhaltendes Buch mit der Mutter und Mrs. Harcourt; um ſieben war die fröhliche Stunde der allgemeinen Zuſammenkunft beim Thee und das Signal, ſich bis neun Uhr, wie ſie Luſt hatten, zu vergnügen. Ihre Brüder waren dann einen Theil der Zeit zwiſchen 104 Diner und Thee hinlänglich fleißig für Mr. Howard beſchäf⸗ tigt geweſen, um die übrigen Stunden ganz eben ſo heiter und fröhlich wie ihre Schweſtern zu genießen, und manch luſtiger Tanz erheiterte ihre Winterabende. Im Sommer wechſelte natürlich dieſer tägliche Stun⸗ denplan häufig mit angenehmen Ausflügen in die Gegend ab. Mrs. Hamilton wollte ihren Kindern Liebe zur Natur ein⸗ pflanzen, ſo lange ſie noch jung waren, da ſie wußte, daß, wenn ſie dieſelbe in ſich aufgenommen, die Freuden der Welt wahrſcheinlich viel weniger Macht über ſie gewinnen würden. Was die Welt oft Romantik nennt, das war nach ihrem Gefühl ein hoher reiner Sinn für die Poeſie im Weltall und im Menſchen, den ſie mit ganz eben demſelben Eifer pflegte, wie manche Mütter denſelben ausrotten. Sie glaubte nicht, daß, um das Geiſtige zu pflegen, das Reelle verbannt zu werden brauchte, ſie glaubte aber, daß das Letztere mit dem Erſteren zu verbinden das beſte und ſicherſte Mittel gegen alles Ge⸗ meine und Niedrige, ihre beſte Hülfe zur Erlangung einer wahren und beſtändigen Frömmigkeit ſein würde. Aus demſel⸗ ben Grunde pflegte ſie den Geſchmack für das Schöne nicht nur bei ihren Mädchen, ſondern auch bei ihren Knaben, und die Schönheit nicht nur in den Künſten und der Natur, ſondern auch im Character. Sie ſprach von der Schönheit nicht blos in dem hohen und in die Augen fallenden Sinne, ſondern auch von den Tugenden und Kämpfen, dem Glauben und dem Heldenmuth der Armen, ihrer Geduld und Liebe zu ein⸗ ander, und wußte ſelbſt in dem zerlumpteſten Bettler etwas zu finden, das beim erſten Anblick kaum der Beachtung werth zu ſein ſchien. Allmälig und faſt unbewußt ſuchte ſie ihre Töchter an eine ſolche Denkungs⸗ und Sinnesart zu gewöhnen, und zu dieſem Zweck beſtimmte ſie einen Theil des Tages, den ſie mit ihnen allein zubrachte, ſcheinbar um ſie für die vielen Armen arbeiten zu laſſen, denen Geſchenke an fertiger Klei⸗ dung bisweilen viel mehr werth ſind als Geld; aber die Erziehung dieſer einen Stunde konnte für die rechte Herzens⸗ bildung mehr thun, als der bloſe Unterricht von fünf oder ſechs Stunden, und dieſe Erziehung, ſo ſehr ſie Miß Harcourt 105 liebte und ſchätzte, ſollte, wie ſie vom erſten Anfang ent⸗ ſchloſſen war, von ihr allein ausgehen. Emmelinen war dieſe Lebensart ſo angenehm, daß ſie ſich gar nichts Angenehmeres denken konnte; aber Caroline beneidete oft ihre große Freundin Annie Graham und glaubte, daß ihr gelegentliche Beſuche in London viel an— genehmer ſein würden, als das ganze Jahr in Oakwood und blos bei ihrer eigenen Familie bleiben zu müſſen. Sie wußte, daß die Ausſprache ſolcher Anſichten zu Hauſe keine Theil⸗ nahme und ganz gewiß keine Billigung finden würde, des⸗ halb ſuchte ſie ſich zu beherrſchen, außer wenn ſie in Geſell— ſchaft mit Annie und Lady Helen war. Aber ihre Mutter kannte ſie, und es erregte ihr Schmerz und Unruhe, daß ſie ſo oft die Unzufriedenheit und Mißſtimmung ihres Kindes erzeugten. Aber ſie wurde in ihren Plänen nicht ſchwankend, weil ſie blos bei Emmelinen einen guten Erfolg zu haben ſchienen, auch legte ſie, wie es vielleicht manche übergewiſſen⸗ hafte Mutter gethan haben würde, Carolinen's Umgang mit Miß Graham keine Hinderniſſe in den Weg. Sie wußte, daß die Grundſätze wenig werth ſein müßten, die blos in der Zurückgezogenheit und wenn keine Verſuchung nahe war, ſich Geltung verſchaffen könnten. Es war unmöglich allen Umgang mit Anderen zu verhindern, außer mit Denen, die ihren eigenen Beifall hatten, wenn ſie überhaupt wollte, daß ihre Töchter einmal in die Welt hinaus ſollten; und deshalb ſtrebte ſie, ihr unbeſchränktes Vertrauen und ihre Liebe zu erwerben, damit dieſelben ſowohl jetzt, als wenn ſie junge Frauen ſein würden, ſie als ihre erſte, beſte und treueſte Freundin betrachteten, und ſie empfand, daß, wenn ſie dies Ziel erreicht hätte, Freundſchaften mit ihren jungen Geſpie⸗ linnen, möchten ſie auch noch ſo verſchiedenen Charakters ſein, auf die Dauer keinen Schaden thun würden. „Liebe, liebe Mama,“ rief Emmeline eines Morgens, etwa eine Woche nach der Rückkehr ihrer Mutter, aus, indem ſie ihre Arbeit niederlegte, um deſto lebhafter ſprechen zu können,„Du kannſt Dir nicht denken, wie angenehm es mir iſt, Dich wieder zu Haus zu haben. Ich vermißte dieſe ——— 106 Stunde des Tages ſo ſehr; ich wußte nicht, wie ſehr ich ſie liebte, als ich ſie immer hatte, aber als Du weg warſt, fehl⸗ teſt Du mir allemal, wenn die Stunde kam, und ich ſehnte mich ſo ſehr nach Dir, daß ich— ich fürchte, Du wirſt mich für ſehr thöricht halten— daß ich mich des Weinens nicht enthalten konnte.“ „Ei, wie muß Perey Dich ausgelacht haben, Emmy.“ „O nein, er that es nicht, Mama; er hätte die erſten Paar Tage am liebſten auch geweint, wenn er von Mr. Howard nach Hauſe kam und nicht hinauf in Dein Zimmer ſtürzen konnte, wie er es immer zu thun pflegte. Er ſagte, es wäre etwas ganz Anderes für Dich, von Haus wegzu⸗ reiſen, als für ihn, nach London zu gehen, und ihm gefiele es gar nicht, auch Herbert und Caroline nicht, wiewohl ſie nicht ſo viel darüber ſagten.“ „Ich vermißte Mama nach den erſten Tagen nicht ganz ſo ſehr wie Du, Emmeline,“ erwiderte ihre Schweſter offen⸗ herzig,„weil Lady Helen, als ſie von London zurückgekehrt war, mich ſo oft zu ſich kommen ließ, und da ich weiß, daß Du mir die Erlaubniß niemals verweigerſt, Mama, und Miß Harcourt nichts dagegen einzuwenden hatte, ſo nahm ich die Einladung gern an.“ „Ich habe blos einen Einwand, meine liebe Caroline, und ich glaube, Du weißt, welcher es iſt.“ „Daß, ſo oft ich mit Annie zuſammen bin, ich mehr an London denke und mich dorthin ſehne, Mama. Ich fürchte, dies iſt der Fall, aber ich nehme mir dann alle Mühe zu denken, daß Du wiſſen mußt, was für mich am beſten iſt, und ſuche, nicht unzufrieden zu ſein, wiewohl ich weiß, daß es mir bisweilen nicht glückt,“ und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. „Ich bin zufrieden, daß Du Dir Mühe giebſt, meiner Erfahrung zu vertrauen, mein Kind; ich kenne alle die Schwierigkeiten, mit denen Du dabei zu kämpfen haſt, und deshalb iſt auch Dein geringſter Sieg über Dich ſelbſt eine Quelle großer Freude für mich. Ich ſelbſt würde fühlen, daß der Schmerz ſteigender Unzufriedenheit und ſo ſteigender 107 Schwierigkeit, ihre beſtändige Begleiterin, die üble Laune zu beſiegen, das Vergnügen von Annie's Geſellſchaft bei weitem aufwiegen würde, und deshalb würde ich das Eine nicht ſo oft auf Koſten des Anderen geſtatte, aber darin biſt Du ſelbſt die beſte Richterin, und Du weißt, in ſolchen Fällen erlaube ich Dir immer, frei nach Deinem Willen zu handeln. Aber was iſt aus Mary geworden, Emmeline? Ich bat Mrs. Greville, Euch Beide ſoviel wie möglich während meiner Abweſenheit zuſammen ſein zu laſſen; gewährte Dir ihre Geſellſchaft nicht einiges Vergnügen?“ „O ja, Mama, ſehr viel, aber unglücklicherweiſe war Mr. Greville faſt die ganze Zeit, wo Du weg warſt, zu Hauſe, und die arme Mary konnte ihre Mutter nicht oft ver⸗ laſſen und ich habe das Gefühl, als wenn es nicht ganz recht von mir wäre, ſo oft dorthin zu gehen, wenn er zu Hauſe iſt. Ich bin überzeugt, Mrs. Greville und Mary müſſen ſich Beide noch unbehaglicher fühlen, wenn Jemand zugegen iſt, der ſieht, wie unfreundlich er iſt, und hört, wie böſe Dinge er ſagt. O, wie ſehr wünſchte ich, die arme Mary glücklicher machen zu können.“ „Sie würde Dir ſagen, daß die Liebe ihr ein großer Troſt iſt, Emmy!“ „Die Deine und Herbert's wohl, Mama, weil ihr Beide viel beſſer und klüger ſeid als ich bin; aber ich kann ſo we⸗ nig, ſo ſehr wenig für ſie thun.“ „Du kannſt ihr eine große Quelle der Theilnahme ſein, meine Liebe, und biſt es, und wenn wir recht innig wünſchen, eine andere Perſon glücklich zu machen, dann kannſt Du Dich daranf verlaſſen, daß die größte Kleinigkeit Vergnügen macht. Aber Ellen macht ein Geſicht, als wenn ſie gern wiſſen möchte, wer dieſe Mary iſt, die ſo viel zu leiden hat— wie wäre es, wenn Du es ihr ſagteſt?“ Emmeline gehorchte gern, und malte ihre Freundin in ſo glühenden Farben, daß Ellen dachte, ein ſo gutes und frommes Mädchen, ſo viel ſie auch zu leiden hätte, müßte doch bei alle Dem glücklich ſein. Daß ſie außerdem von Mrs. Hamilton und Herbert ſo geliebt wurde, das war für ſie ein 108 Zeugniß von ſo hohen Eigenſchaften, daß ſie ſich faſt wun⸗ derte, wie Emmeline von ihr in ſo vertraulichem Tone ſprechen und ſie für ihre ganz beſondere Freundin halten könnte. Aber das Geſpräch über ſie und dann über andere Gegen⸗ ſtände intereſfirte ſie ſo ſehr, daß es ihr faſt eben ſo leid, wie ihrer Couſine that, als es durch einen Beſuch von Lady Helen Graham und ihrer Tochter unterbrochen wurde. „Endlich zurückgekehrt, theuerſte Emmeline!“ lautete die lebhafte Begrüßung der Erſteren, die weit größere Wärme zeigte, als gewöhnlich.„Die Ufer des Dart ſchienen ſo verödet ohne ihren Schutzgeiſt, daß ſelbſt die Blumen die Köpfe hingen und die Bäume verwelkten.“ „Ich glaube vielmehr, daß der Wechſel der Jahreszeit und nicht meine Abweſenheit die Urſache dieſer traurigen Er⸗ ſcheinungen geweſen iſt,“ antwortete Mrs. Hamilton in dem⸗ ſelben Tone,„und ſelbſt London ſcheint Ihre freundliche Ge⸗ ſinnung gegen mich nicht zu ändern, Helen.“ „Ja, ich muß dem Beiſpiel meiner Nachbarn, arm und reich, folgen, die Sie fragen können, ob nicht Ihre Abweſenheit ein entſetzliches Wehklagen hervorgerufen hat. Fragen Sie nur dieſe kleine Perſon, die mich kaum einmal beſucht hat, weil ſie ſo viel zu thun hatte, um ihrer Mama eine Freude zu machen. Aber verzeihen Sie,“ fügte ſie ernſthafter hinzu, als ſie die tiefe Trauer ihrer Freundin und der ganzen Gruppe ſah,„für welch ein kaltes, herzloſes Weſen müſſen Sie mich halten, wenn ich in dieſer Weiſe ſcherze, während Ihre Abweſenheit eine ſo traurige Veranlaſſung gehabt hat. Die arme Eleanor!“ „Ich hoffe, wir können ſagen die ſelige Eleanor, meine liebe Helen; wahrlich, Gott iſt gegen ſie und mich gnä⸗ dig geweſen; aber wir wollen ein andermal davon ſprechen. Annie,“ fuhr ſie fort, indem ſie Miß Graham anredete, die bereits ſich auf's Eifrigſte mit Caroline unterhielt,„ich habe Dir noch ein kleines Mädchen vorzuſtellen, und ich hoffe, Du wirſt eben ſo freundlich gegen ſie ſein, wie gegen Caro⸗ line und Emmeline.“ Das junge Mädchen wandte ſich bei dieſen Worten um, 109 1 aber die einzige Notiz, die ſie von Ellen nahm, welche ſchüch⸗ tern vorgetreten war, war ein hochmüthiges Anſtarren, ein modiſcher Knix und einige unverſtändliche Worte, die Emme⸗ line ſo entrüſteten, daß ſie nur ſchwer ſchweigen konnte, und die Ellen ſo muthlos machten, daß ſie mit noch größerer Schüchternheit als gewöhnlich Lady Helen's dargebotene Hand annahm. „Und warum ſtellen Sie mir dieſelbe nicht auch vor, Emmeline? Ich kannte Deine Mutter, als ſie wenig älter war als Du, mein Kind; ich hoffe daher, Du wirſt mich ſo raſch wie Du kannſt, kennen und lieben zu lernen ſuchen.“ Ellen hätte vielleicht den Muth gefunden zu antworten, denn Alle intereſſirten ſie, die ihre Mutter gekannt hatten; aber als ſie die Augen aufſchlug, um zu ſprechen, begegnete ihr wieder Annie's unartiger und unangenehmer Blick, und die Worte erſtarben ihr auf den Lippen. Die jungen Leute waren indeß bald alle in dem Garten, denn Mrs. Hamilton machte ſich keinen Serupel daraus, ihre Kinder wegzuſchicken, wenn ſie über Gegenſtände zu ſprechen wünſchte, die ſie nicht hören ſollten, und es lag ihr daran, ſowohl die Krankengeſchichte Eleanor's und den Wechſel ihrer Geſinnung zu erzählen, als die Eindrücke zu verwiſchen, welche ihre frühere Lebensweiſe in Lady Helen's Gedächtniß zurückgelaſſen hatte. „Es muß bald Zeit ſein, daß meine Brüder zurückkeh⸗ ren; wollen wir ihnen entgegen gehn, Ellen? Edward wird Dir viel zu erzählen haben,“ ſagte Emmeline zärtlich, als Annie und Caroline eine andere Richtung einſchlugen, und da ſie im Allgemeinen Andere nach ſich ſelbſt beurtheilte, ſo dachte ſie, daß, da es der erſte Tag war, wo Edward bei Mr. Howard die Schule beſuchte, Ellen gern Alles ſo bald als möglich erfahren würde, und ſie machten ſich dem⸗ nach auf den Weg. „Nun, wie gefallen Dir Deine neuen Verwandten?“ fragte Miß Graham in dem Augenblick, wo ſie Caroline ganz für ſich hatte. „Edward, glaube ich, werde ich ſehr lieb haben, er iſt ſo zärtlich und gutmüthig und ſo luſtig und ſpaßhaft wie Percy, 110 und dann iſt er ſo ſchön, Annie, ich glaube, ſelbſt Du wür⸗ deſt ihn bewundern.“ „Da muß er ſeiner Schweſter ſehr unähnlich ſein; ich ſah nie ein ſo einfältiges Mädchen und fie ſieht aus, als wenn in ihrer Nähe kein Scherz gedeihen könnte.“ „Mama ſagt, wir müßten bedenken, wie kurze Zeit ſeit dem Tode der armen Tante verfloſſen und daß Ellen nicht kräftig genug ſei, um ſehr lebhaft ſein zu können.“ „Das erklärt aber gar nicht, weshalb ſie ſo mürriſch ausſieht; ſie hat doch wahrlich nichts, worüber ſie übel ge⸗ launt ſein könnte. Mama ſagte, es würde eine ſchlimme Aufgabe für Mrs. Hamilton ſein.“ „Mama ſchien auch ſo zu denken,“ erwiderte Caroline, „ich glaube aber, Du haſt Unrecht, Annie, Ellen hat noch keinen Beweis von übler Laune gegeben.“ „Sie hat noch keine Zeit gehabt, meine Liebe, aber in einem ſolchen Geſicht kann man ſich nicht täuſchen. Meine Couſine, Lady Adelaide Maldon, ſagte mir, ſie könne die Leute immer nach ihrem Geſicht beurtheilen. Aber haſt Du ſie ſo gern wie ihren Bruder, Caroline?“ „Frage mich nach einem Monat wieder, meine liebe Annie. Ich kann Dir jetzt nicht antworten, denn ich weiß es wahrlich nicht. Ich ſehe allerdings noch nichts beſonders Auffallendes an ihr, ich verſtehe ſie nicht— ſie iſt ſo ſchreck⸗ lich ſchüchtern und ſo ſehr ſchläfrig, daß man wirklich nicht ſagen kann, ob ſie heiter oder traurig iſt. Offen geſtanden, fürchte ich, daß ich ſie nicht beſonders lieben werde.“ „Warum fürchteſt Du das?“ „Weil es Mama ſchmerzen würde, wenn ſie es erführe, denn ich weiß, ſie wünſcht, daß wir uns einander lieben ſollen.“ „Unſinn, Caroline! Mrs. Hamilton kann nicht ſo un⸗ verſtändig ſein, zu erwarten, daß ihr Jedermann gleich lie⸗ ben ſollt.“ „Mama iſt niemals unverſtändig,“ erwiderte Caroline lebhaft,„und ich wünſche, Annie, daß Du Ellen gerade ſo behandelſt wie uns.“ 111 „Nun das werde ich nicht. Was geht mich Oberſt For⸗ tescue's Tochter an? Aber ſei nur nicht böſe, Caroline, Du und ich wir ſind zu alte Freundinnen, um uns über ein Nichts zu zanken. Ich würde Ellen geradezu haſſen, wenn ſie ein Gegenſtand des Streites werden ſollte. Bitte, mache wieder ein freundliches Geſicht!“ und die Liebkoſung, wo⸗ mit ſie ſchloß, ſtellte Carolinens Heiterkeit wieder her, und andere Gegenſtände wurden zwiſchen ihnen verhandelt. Annie Graham war einige Monate jünger als Caroline Hamilton, die ziemlich 13 Jahr zählte, da ſie aber ſehr früh aus der Kinderſtube und der Schule entlaſſen worden war, und ihre Mutter ſie zur Geſellſchafterin und Vertrauten in allen ihren häuslichen Angelegenheiten gemacht hatte, ſo wurde viel Rückſicht auf ſie genommen, und ihre Beſuche bei ihren vornehmen Verwandten in London, die ſie veranlaßten, ihre faſhionablen Manieren, ihre Redeweiſe, ihre Geſpräche über Putz und Rang u. ſ. w. nachzuahmen, reiften ſie viele Jahre vor der Zeit; und wiewohl dies ſie Lady Helen's Fa⸗ milie und Lady Helen ſelbſt noch angenehmer machte, indem ſie ſo umgänglich wurde, ſo war es für Mrs. Hamilton und Alle, welche die Kinder um ihrer Kindlichkeit willen lieben, eine Quelle aufrichtigen Bedauerns, da es alle Friſche, Harm⸗ loſigkeit und Wärme verbannte, welche die Characterzüge ihres Alters hätten ſein ſollen. Ihr Vater war der Einzige ihrer ganzen Familie, der dieſes frühreife Dameſpielen nicht bewunderte und deshalb zu verhindern ſuchte, aber es war ſehr unwahrſcheinlich, daß es ihm gelingen würde, und er entfremdete ſich dadurch nur die Liebe ſeines Kindes. Annie Graham hatte eine große Anzahl vornehmer Be⸗ kanntſchaften in London, aber ſie betrachtete Caroline immer noch als ihre liebſte Freundin. Warum? das konnte ſie eigentlich nicht ſagen, außer daß es ſo ſehr hübſch war, Je⸗ mand auf dem Lande zu haben, gegen den ſie ſich über alle die Vergnügungen London's ausſprechen, dem ſie ihre neuen Kleider, Muſikalien, Zeichnungen, Arbeiten u. ſ. w. zeigen konnte, ohne daß ſie es jedoch für nöthig hielt, dabei zu er⸗ wähnen, daß ihre Arbeiten und Zeichnungen nur zur Hälfte 112 die ihren waren, und Caroline war viel zu wahrheitsliebend, um daran zu denken, und ihre Mutter viel zu beſorgt, dieſe argloſe Einfachheit zu bewahren, um ſie aufzuklären, wie ſie recht wohl hätte thun können. Annie's ſcharfes Auge entdeckte, daß bei ſolchen Gelegenheiten Caroline ſie wirklich beneidete, und ſie dachte, ſie müſſe eine Perſon von unendlicher Wich⸗ tigkeit ſein, um eine ſolche Empfindung hervorzurufen, und dies war ein ſo angenehmes Gefühl, daß ſie während ihres Aufenthaltes in Moorlands Caroline ſo oft als möglich auf⸗ ſuchte. Vor Mrs. Hamilton hatte ſie allerdings eine ſo un⸗ angenehme Scheu, wiewohl dieſe Dame ſie nie anders als freundlich anredete, daß, als ſie älter wurde, ſich eine Art Widerwille daraus bildete. Dies aber ſteigerte nur ihre Freundſchaft für Caroline, die ſie ihrer Mutter ſo unähnlich als möglich zu machen ſuchte, und da dieſe Freundſchaft das einzige Gefühl ſeiner Tochter war, welches Mr. Graham ungemiſchte Freude machte, ſo unterſtützte er dieſelbe, indem er ſie, ſo oft als er konnte, zuſammenbrachte. Emmeline und Ellen hatten inzwiſchen ihren Weg ſchwei⸗ gend fortgeſetzt, beide mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, denn daß Kinder von elf Jahren, ja in der That von jedem Alter nicht denken, weil, wenn ſie gefragt werden, was ſie denken, ihre Antwort immer lautet„Nichts“,— das iſt einer von den Irrthümern, den die moderne Erziehung, wie wir hoffen, ausrotten wird. Emmeline war ſo entrüſtet gegen Annie, daß ſie ſich mehr als je bewußt wurde, daß ſie dieſelbe niemals lieben werde und lieben könne.„Sie ſpricht immer von Dingen, von denen Mama ſagt, daß ſie gar keine Be⸗ deutung haben, und ſie iſt ſo ſtolz und hochmüthig, und ich fürchte, ſie ſagt nicht immer die Wahrheit. Ich möchte wiſſen, ob es Unrecht iſt, daß ich ſolche Gefühle gegen ſie habe. Wenn ich einmal ganz allein mit Mama bin, will ich ſie doch fragen.“ So lauteten ihre Gedanken. Ellen aber, wiewohl Annie's Begrüßung ſie noch mehr in ſich ſelbſt zurückgeſchreckt und ſie ſchmerzlich berührt hatte, dachte nicht mehr an ſie. Die oben geſchilderte Stunde trau⸗ lichen Verkehrs mit Mrs. Hamilton hatte ſie in Verlegenheit 113 geſetzt. Sie hatte ihren Vater geliebt, ſie glaubte, ihre Tante faſt eben ſo ſehr zu lieben, aber konnte ſie dieſer Liebe Worte geben, wie es Emmeline gethan hatte und wie es auch Edward that? Und ſo fühlte ſie vielleicht bei alle dem nicht ſo wie ſie fühlten, wiewohl der Wunſch, ihre Tante zu liebkoſen und ſo nahe und ſo zärtlich an ihrer Seite zu ſitzen, wie Herbert und Caroline und ſelbſt Edward thaten, ſo groß wurde, daß ſelbſt der Gedanke daran ihr Schmerz zu machen ſchten. Dann auch Carolinens Geſtändniß— hätte ſie jemals den Muth haben können, zu geſtehen, daß ſie ſich einem Gefühle hingebe, das ſie für unrecht halte?— und Alles, was ihre Tante zu Caroline und Emmeline geſagt hatte, prägte ſich ſo ſehr ihrem Gemüthe ein, daß ſie Kopfſchmerzen bekam und wirklich erſchrak, als ſie in ihrer Nähe einen lauten Schrei hörte. „Es iſt blos Percy,“ ſagte Emmeline lachend;„er und Edward werden wohl um die Wette rennen oder ſonſt ein Spiel machen.“ Und ſo war es. Lachend, ſchreiend und außer Athem kamen ſie beide in vollem Jagen daher, und indem ſie durch die Bäume hin und her ſprangen, machten ſie alle möglichen mathematiſchen Figuren, die ihr Scharfſinn erfinden konnte. Aber ſobald Perey's Auge Emmelinen ent⸗ deckte, eilte er auf ſie zu und rief aus:„Holla, Edward, nun iſt es für heute mit dem Laufen aus, komm her und laß uns vernünftig ſein. Nun, Tiny, was bringt dich und Ellen um dieſe Zeit heraus?“ „O, Ellen, ich habe einen ſo glücklichen Tag gehabt,“ ſagte Edward;„ich liebe Mr. Howard mehr als je(er hatte ihn erſt zweimal geſehen). Ich glaube, ich werde gut mit ihm fahren und er wird mir Aſtronomie und Schifffahrtskunde beibringen, und ſo werde ich mich nicht zu ſchämen brauchen, wenn ich nächſtes Jahr in See gehe; ich werde erſt recht viel lernen.“ „Wir wollen miteinander heimgehen, lieber Edward, und erzähle mir Alles, was du gethan haſt und noch thun willſt,“ bat Ellen, indem ſie ſeinen Arm erfaßte und ihm mit einem ſolchen Ausdruck in's Geſicht ſah, daß keine Spur von übler Laune darin zu finden war. Emmeline hatte inzwiſchen 8 114 ihrem Bruder ihre Entrüſtung gegen Annie und ihren Stolz mitgetheilt, den er Unverſchämtheit nannte und gelobte, daß er es ſie ſchon fühlen laſſen werde; und als ſie dieſelbe mit Carolinen zu Geſicht bekamen, rief er Ellen an, die aber, da ihre ganze Schüchternheit zurückkehrte, Edward in einen an⸗ deren Weg zu ziehen ſuchte. „Nicht dahin, nicht dahin, Miß Ellen! Du ſollſt mir nicht in dieſer Weiſe entkommen. Du haſt genug mit Edward geſchwatzt und mußt nun mit mir gehen. Edward, dort iſt Mama, laufe hin und erzähle ihr, welches Vergnügen Du hier findeſt.“ Und Edward wartete keine zweite Auffor⸗ derung ab, überließ Ellen Perey, der ſeinen Arm zärtlich um ſie ſchlang und ſo unterhaltend mit ihr zu ſchwatzen anfing, daß ſie ſich nicht enthalten konnte, zu lachen, und er ſchien ſo ganz mit ihr beſchäftigt, daß er nur Zeit hatte, Miß Graham mit einer ſehr höflichen Verbeugung, zu begrüßen und ſtumm vorüberging. Er wünſchte Annie zu ärgern und es gelang ihm, denn es machte ihr immer beſonderes Vergnügen, wenn der hübſche muntere Percy Hamilton ihr eine Aufmerkſamkeit bezeigte, und daß er gegen ſeine kleine, blaſſe, häßliche Cou⸗ ſine eine ſolche Ergebenheit bezeigte, und ihr nicht ein Wort gönnte, das kränkte ſie ſo ſehr, wie er es wollte. Edward mäßigte ſeinen Schritt etwas, als er eine Fremde in Geſellſchaft ſeiner Tante ſah; als er aber vor⸗ geſtellt wurde, machte er ſeine Verbeugung ſo zierlich, daß Lady Helen bei der äußeren Aehnlichkeit, die er mit ſeiner Mutter hatte, und bei den Gefühlen, die ſie in Folge der Erzählung der Mrs. Hamilton von den Leiden und dem Tode ihrer Schweſter bewegten, für den Augenblick nicht ſprechen, ſondern nur ausrufen konnte:„O, wie ruft mir dieſer Anblick die Vergangenheit zurück! Ich könnte mir faſt einbilden, die arme Eleanor ſtände ſelbſt vor mir.“ „Kannten, o kannten Sie meine Mutter, Madame?“ ſagte Edward mit ſo vieler Lebhaftigkeit, daß ſeine Wange ſich färbte und ſeine Stimme zitterte.„Waren Sie eine von — aber er konnte den Satz nicht zu Ende bringen, lehnte ſich mit dem Kopf an ſeine Tante und brach in Thränen aus. 115 „Armes Kind!“ ſagte Lady Helen mitleidig, während Mrs. Hamilton ihn an ſich drückte und ſich niederbeugte, um ihn auf die Stirn zu küſſen, ohne zu ſprechen, und dieſer plötzliche und unerwartete Ausbruch des Gefühls bildete einen ſolchen Gegenſatz mit Ellen's peinlicher Schüchternheit, daß Lady Helen's Meinung von den beiden Waiſen ſogleich und unabänderlich feſtgeſtellt war. Zehntes Rapitel. Mannigfaltigkeiten. Einige Tage darauf bewillkommneten Mrs. Greville und Mary ihre Freunde im eigenen Hauſe, und Ellen hatte wie⸗ derum den Schmerz, Fremden vorgeſtellt zu werden; aber diesmal war es blos der Schmerz, den ihr ihre Schüchtern⸗ heit verurſachte, denn hätte ſie dieſes Gefühl überwinden können, ſo würde ſie ſelbſt Vergnügen gefunden haben. Wie es nun einmal war, ſprach die ſanfte Stimme und das freund⸗ liche Benehmen, womit Mrs. Greville ſie anredete, und der ſchüchterne, aber ausdrucksvolle Blick Mary's von ſolcher Theilnahme, daß ſie ſich zu Beiden hingezogen fühlte und auf Emmelinens enthuſiaſtiſche Bewunderung ihrer Freundinnen eingehen konnte. Sie hielt es jedoch nicht für möglich, daß ſie ſelbſt jemals der Freundſchaft Mary's würdig werden könnte. Da ſie von früheſter Jugend an daran gewöhnt wor⸗ den war, ſich als tief unter Edward ſtehend zu betrachten, ſo ſchienen ihr ſolche Charaktere wie Herbert und Mary ſo erhaben, daß es ihr ganz unmöglich ſchien, daß ſie jemals an ſie denken könnten. Die kleinen Züge freundlichen Ent⸗ gegenkommens, die ihr Coufin ihr zeigte, ſchrieb ſie ſeiner außerordentlichen Herzensgüte, nicht aber im Entfernteſten ihrem Verdienſte zu. Sie liebte ihn allerdings von Herzen, am 8* 116 meiſten nach ihrer Tante, aber ſoviel Ehrfurcht miſchte ſich darein, daß ſie faſt zurückhaltender gegen ihn, als gegen die Anderen war. Aber Herbert war von Natur ſelbſt zurück⸗ haltend in Worten, und ſo dachte er ſich dabei weiter nichts, als daß er wünſchte und ſich alle Mühe gab, ſeine kleine Couſine glücklicher zu machen, als ſie zu ſein ſchien. Wenn Emmeline Mary Greville und Annie Graham einander gegenüberſtellte, wie ſie es ſehr gern that, ſo fing ſie an zu fürchten, daß ſie die Letztere weniger liebe, als ſie ſollte, ſo daß ſie nicht eher ruhte, als bis ſie eine Gelegenheit gefunden hatte, ihrer Mutter alle ihre Empfindungen zu ge⸗ ſtehen und ſie zu bitten, daß ſie ihr ſagen möge, ob ſie un⸗ gerechtfertigt wären und ob ſie dieſelbe nicht lieben ſollte. „Ich bin nicht ſo gewiſſenlos, zu erwarten, daß du Alle lieben ſollteſt, mit denen du zuſammenkommſt,“ erwiderte ihre Mutter zärtlich, denn es lag Etwas in Emmelinens argloſem Vertrauen, das unwiderſtehlich Liebe forderte.„Alles, was wir zu thun haben, wenn wir Nichts finden, was mit unſeren eigenen Gefühlen oder unſeren Ideen von Recht und Unrecht übereinſtimmt, iſt, daß wir einen Grund ausfindig zu machen ſuchen, weshalb ſie ſo verſchieden ſind, einen Umſtand, der ſie größeren Verſuchungen und Prüfungen unterworfen hat; denn Du weißt, ich habe Dir oft geſagt, wenn man den Ver⸗ gnügungen zu ſehr nachhängt, ſind ſie eine weit größere Prü⸗ fung als Sorge und Schmerz. Annie hat viel mehr Ver⸗ ſuchungen dieſer Art gehabt, als Du oder Mary, und wir können nicht erwarten, daß ein ſo junges Mädchen denſelben ganz widerſtehen ſolle.“ „Meinſt Du, Mama, daß ſie in London ſoviel in Ge⸗ ſellſchaft geht?“ „Ja, liebes Kind! Es wird zuviel Rückſicht auf ſie ge⸗ nommen, und ſo denkt ſie vielleicht ein Wenig zuviel an das Aeußere, an Putz und Vergnügen, als es nothwendig iſt.“ „Aber Lady Helen brauchte ſie nicht ſoviel in Geſellſchaft mitzunehmen, wenn ſie keinen Gefallen daran fände. Meinſt Du, daß ſie damit ganz Recht thut?“ fragte Emmeline ſehr bedenklich. 117 „Wir müſſen nicht über anderer Leute Handlungen abur⸗ theilen, mein liebes Mädchen. Ich halte es für beſſer, Deine gegenwärtige Ruhe und, wie ich hoffe, Dein glückliches Leben nicht zu ſtören, und deshalb nehme ich Dich oder Caroline nicht mit nach London. Aber Mr. Graham muß mehrere Monate dort ſein, und Lady Helen würde natürlich ſehr un⸗ gern von ihm oder ihren Kindern getrennt leben. Und dann hat ſie eine ſo große Familie und Annie ſoviel junge Ver⸗ wandte, daß Lady Helen ihre Tochter nicht ſo frei von allen Verſuchungen halten könnte, wie ich die meinen, und wir müſſen Annie mehr bedauern als tadeln, wie wenig uns auch ihre Fehler gefallen. Verſtehſt Du mich, meine Liebe?“ „O ja, Mama, und ich freue mich, daß ich den Muth hatte, Dir Alles zu ſagen, was ich fühlte. Ich fürchte, ich habe viele unfreundliche Gedanken gegen ſie gehegt, und es thut mir nun ordentlich leid, denn ich ſehe, ſie kann dieſelben nicht ſo leicht vermeiden, wie ich dachte. Ich glaube zwar nicht, daß ich ſie jemals zu meiner Freundin machen könnte, aber ich will verſuchen, keinen Widerwillen gegen ſie zu hegen, und ihr aus dem Wege gehen.“ „Und das iſt Alles, was von Dir verlangt wird, mein Kind. Wenn ich Dir ſage, daß unſer Vater im Himmel uns gebietet, einander zu lieben und alle Unfreundlichkeit in Wort und That zu vermeiden, ſo meine ich nicht, daß er von uns verlangt, daß wir Alle gleich lieben ſollen, weil er wußte, es würde weder zu unſerem Glück, noch zu unſerem Beſten dienen, wenn es ſo wäre, ſondern nur daß der allzugroße Einfluß des Vorurtheils und des Widerwillens vermieden würde. Wir könnten denken, daß ſolche Gefühle Niemanden Etwas zu Leide thun, weil ſie nur auf unſer Gemüth be⸗ ſchränkt ſind, aber ſie würden ſicher allmälig dahin führen, daß wir ein Vergnügen daran fänden, wenn wir Uebles von ihnen ſprechen hörten, und wir würden dann nur ihre Fehler ſehen und vergeſſen, daß, wenn wir in denſelben Umſtänden geweſen wären, wir genau Dieſelben hätten werden können; und dies iſt das Gefühl, welches David in einem der Pſal⸗ men verdammt, den wir dieſen Morgen laſen. Biſt Du 118 müde, mich zu hören, liebes Kind, oder wollen wir denſelben noch einmal leſen?“ Emmelinens einzige Antwort war, daß ſie raſch nach ihrer kleinen Bibel lief und mit glühenden Wangen und glän⸗ zenden Augen ihrer Mutter zuhörte, als ſie den fünfzehnten Pſalm aufſchlug, und indem ſie denſelben las, beſonders den dritten Vers hervorhob und ihn ſo erklärte. daß ſie ihr Kind leicht überzeugte, daß Alles, was ſie geſagt hatte, ſich auf das göttliche Wort ſtütze, wodurch es ſich ihrem Gedächtniß noch feſter einprägte. „Und nun will ich kein Wort mehr zu Dir ſprechen, mein liebes Kind,“ ſagte ſie, indem ſie der Kleinen ernſtes Geſicht küßte, das ihr zugewendet war;„Du haſt heute ge⸗ nug gehört, was Dir Stoff zum Denken giebt, und ich bin überzeugt, Du wirſt es nicht vergeſſen. So gehe hin und ſpiele; Ellen muß ſich wundern, was aus Dir geworden iſt. Und wiederum voll Freude ſprang das glückliche Kind fort und rief dabei aus:„Arme Annie, ich bin froh, daß ich nicht ſolchen Verſuchungen ausgeſetzt bin, denn ich bin überzeugt, auch ich würde ihnen nicht widerſtehen können.“ Aber wiewohl Jedermann, der ſie in der nächſten halben Stunde geſehen hätte, gedacht haben würde, daß ihr kein ernſter Gedanke nahe kommen könnte, ſo war doch weder das Geſpräch, noch der Pſalm vergeſſen. Mit Herbert's Beiſtand fand ſie nicht nur den Pſalm, ſondern prägte denſelben auch ihrem Gedächtniß ein, und am zweiten Sonn⸗ tag nach ihrem Geſpräch mit ihrer Mutter wiederholte ſie denſelben ſo korrekt und hübſch ihrem Vater, daß er ihr das Vergnügen machte, ſie mit einem Kuß zu belohnen. Es wurde ihr immer außerordentlich ſchwer, richtig auswendig zu lernen, denn ihre lebhafte Phantaſie und ihr ſehr beweg⸗ licher Geiſt waren die Veranlaſſung, daß ſie ihre Schul⸗ aufgaben für eine wahre Plage hielt, da es ihr große Mühe machte, ſie zu behalten. Den Sinn, wenn ſie denſelben ver⸗ ſtanden hatte, behielt ſie allerdings ſehr raſch, aber ſie zog ihre Sprache der jedes Anderen vor, und Mrs. Hamilton koſtete es einige Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß ſie beim 119 Lernen nicht ihre Phantaſie, ſondern Genauigkeit brauche, und daß die Aufmerkſamkeit, die nothwendig ſei, um die Worte ſowohl, wie den Sinn ihrer Aufgabe zu überwinden, viel wichtiger und ſchätzbarer ſei, wie unangenehm es auch ſcheinen möge, als die Fähigkeit, die Sprache zu irgend etwas Hübſcherem zu machen, als das Original ſei. Als ſie daher in dem vorliegenden Falle von freien Stücken eine für ein kleines lebhaftes Mädchen wirklich ſchwierige Aufgabe unternahm und dieſelbe glücklich aus⸗ führte, ſo machten ſich ihre Aeltern kein Gewiſſen daraus, ihr den einzigen Lohn zu geben, nach dem ſie ſtrebte,— ihren Beifall. In der Ertheilung von Lob mußte Mrs. Hamilton faſt peinlich vorſichtig ſein. Sie machte die Erfahrung, daß der geringſte Ausdruck ungewöhnlichen Lobes Carolinen ver⸗ anlaßte, in ihren Anſtrengungen zu erſchlaffen, da ſie dachte, ſie hätte völlig genug gethan, und daß ihre bereits nur zu hohen Ideen von ſich dadurch in gefährlicher Weiſe geſteigert wur⸗ den, während es Emmelinen der mächtigſte Sporn zur Aus⸗ dauer auf dem Wege des Fortſchritts und zur entſchiedenen Unterdrückung ihrer Fehler war. Das Mutterherz fürchtete beſtändig, daß Caroline ſie eines Tags der Parteilichkeit an⸗ klagen werde, weil ſie das Lob, das ſie ertheilen mußte, mit ſo verſchiedenem Maße zuzumeſſen gezwungen war; und ſo ſchmerzlich es ihr war, trotz einer ſolchen Vorausſetzung bei ihrer Methode zu beharren, ſo war doch die künftige Wohl⸗ fahrt Beider zu koſtbar, als daß ſie der Befriedigung der Gegenwart zu gefallen in die Schanze geſchlagen werden durfte. Sie beobachtete mit Vergnügen Emmelinens ungezügelte Freude über die Liebkoſungen ihres Vaters und die lebhafte Unterhaltung, in die ſich Percy wie gewöhnlich miſchte, denn Tiny, wie er ſie zu nennen pflegte, war ſein Liebling und ſein Spielzeug; da hörte ſie in ihrer Nähe ein leiſes, aber offenbar unterdrücktes Seufzen. Ellen ſaß über einem Buche mit bibliſchen Geſchichten, welches Herbert ihr geliehen hatte, und ihre langen Locken bedeckten vollſtändig ihr Geſicht. Miß Harcourt und Caroline ſahen Beide überraſcht auf, 120 aber ein raſches Zeichen von Mrs. Hamilton ließ ſie zu keiner Bemerkung kommen. Herbert richtete ſeine Augen mitleidig auf ſeine kleine Coufine, als wenn er ſie am liebſten ange⸗ redet hätte, aber es doch nicht thun wollte. Edward war der einzige in der Geſellſchaft, der in Bewegung kam. Er unterſuchte eben eine große Arche Noäh und ſtellte Betrach⸗ tungen an über ihre Aehnlichkeit mit einem Schiffe und ihre Schwimmkraft, aber nach einigen Minuten ſcheinbaren Nach⸗ denkens verließ er dieſelbe, und indem er ſich auf Ellen's Stuhl ſetzte, legte er ſeinen Arm um ſie und bat ſie, ihm ein Bild von Noäh's Arche aufzuſuchen und nachzuſehen, ob ſie überhaupt mit dem Spielzeug Aehnlichkeit habe. Erfreut über ſeine Liebe, unterdrückte ſie mit aller Macht ihre Em⸗ pfindungen und ſchlug die Seite auf und ſuchte an ſeiner Verwunderung Theil zu nehmen, ob es wirklich wie das Schiff wäre, in dem Noah gerettet wurde, und wo er alle die Thiere untergebracht haben könne. Mrs. Hamilton trat zu ihnen, und ohne weitere Notiz von Ellen's ſehr bleichen Wangen und trüben Augen zu nehmen, als daß ſie ihr ſanft die dicken Flechten, die ſie zu beläſtigen ſchienen, zurückſtrich, unter⸗ hielt ſie ſich mit ihnen ſo intereſſant über die Sache und machte Edward ſo großes Vergnügen, daß er mehrere Bücher aus der Bibliothek holen durfte, um Alles nachſchlagen zu können, was darüber geſchrieben ſtand, daß zwei Stunden ganz unvermerkt verfloſſen, und Ellen's ſehr ſchmerzliche Stimmung war ſo beſchwichtigt worden, daß ſie lächeln und Emmelinen helfen konnte, die alle Thiere in großer Pro⸗ zeſſion nach ihrer zeitweiligen Wohnung ſpazieren ließ. Aber Mrs. Hamilton vergaß nicht die unwillkürliche Aeußerung inneren Leidens, die ſie bei dem Kinde bemerkt hatte, und ſie bemühte ſich vergeblich, den Grund zu finden, der in dieſem Augenblick die Veranlaſſung gegeben hatte. Auch Herbert ſchien darüber nachzudenken, denn am nächſten Tage hörte ſie ihn Edward fragen, ob er wüßte, warum ſeine Schweſter immer ſo traurig ausſähe, ob er glaubte, es ge⸗ ſchähe, weil ſie ſich an Oakwood noch nicht gewöhnt habe. „Das iſt es nicht,“ lautete Edward's Antwort,„ſie hat 121 immer traurig ausgeſehen, ſo lange ich mich ihrer erinnern kann. Ein Grund mag der ſein, daß ſie in Indien immer krank war, und Papa ſagte mir oft, wie ſehr ſie leide und wie geduldig ſie ihre Leiden ertrage; und dann wußte ſie auch, daß ich der Liebling der armen Mama war,“ ſeine Stimme zitterte—„und das machte ſie ſehr unglücklich; aber ich weiß nicht, warum ſie jetzt ſo ſehr traurig iſt, es wäre denn, daß ſie wieder krank wäre, und das kann Niemand ſagen, denn ſie wird niemals klagen.“ „War Deine Schweſter alſo immer ſo leidend?“ fragte ſeine Tante.„Komm her zu mir, Edward, und erzähle mir Alles, was Du von ihr weißt. Ich wünſchte, ich könnte mehr von Eurer Beider Leben in Indien erfahren.“ Edward theilte ihr mit größter Bereitwilligkeit Alles mit, was er wußte, wiewohl das wenig genug war, da er beſtändig bei ſeiner Mutter gelebt hatte, und Ellen ſoviel ihrem Vater und ſich ſelbſt überlaſſen war; indeß fügte er hinzu, daß nach ihrer ſehr gefährlichen Krankheit im achten Jahre er ſich recht wohl erinnere, den berühmten Arzt ſagen gehört zu haben, daß ſie die Folgen derſelben wahrſcheinlich ihr ganzes Leben fühlen werde. „Es dauerte ſehr lange Zeit, ehe Mama mich ſie ſehen ließ,“ fügte Edward hinzu,„und als ich ſie ſah, erinnere ich mich, daß ich faſt erſchrak, ſo verändert, ſo bleich, ſo mager und ſchwach war ſie; und dann war ſie ſehr krank nach des armen Papa's Tode; aber ſeit der Zeit hat ſie nie wieder geklagt und nie das Bett gehütet, ich weiß aber, ſie hat oft Schmerzen, denn wenn ich bisweilen ihre Stirn berührte, ſo brannte es mich an der Hand wie Feuer.“ Dieſe kindliche Erklärung ſagte Mrs. Hamilton aller⸗ dings mehr, als ſie gewußt hatte, aber das blieb ihr noch immer verborgen, daß Ellen Zeugin des furchtbaren Todes ihres Vaters geweſen war. Edward ſchien, als er älter wurde, wiewohl er nicht wußte warum, den Gegenſtand nicht gern zu berühren, beſonders daß er in derſelben entſetzlichen Nacht auf einem Balle geweſen. Einige Tage nachher, als Mrs. Hamilton auf dem Wege 122 nach dem Schulzimmer durch die große Halle ging, hörte ſie Carolinens Stimme, die ärgerlich ausrief:„Nein, ich will nicht, ich habe genug mit meinen eigenen Arbeiten zu thun und habe keine Zeit, die Arbeiten Anderer zu beauffichtigen. Es iſt Deine Faulheit, Ellen, nicht die Schwierigkeit der Aufgabe, denn die iſt leicht genug.“ „Schäme Dich, Caroline!“ lautete Emmelinens entrüſtete Antwort.„Sie iſt nicht faul, und ich bin überzeugt, ihre Aufgabe iſt nicht ſo leicht; ich wünſchte, ich könnte ihr die⸗ ſelbe gehörig erklären.“ „Du weißt, Miß Harcourt ſagte heut ſelbſt, ſie ſei ge⸗ dankenlos oder faul, und ſie muß es doch wiſſen. Ich will meine Erholungsſtunde nicht daran geben, denen zu helfen, die ſich nicht ſelbſt helfen wollen.“ „Wie kannſt Du ſo böſe, ſo unfreundlich ſein!“ be⸗ gann Emmeline, aber Ellen's bittende Stimme unter⸗ brach ſie. „Zanke meinetwegen nicht mit Deiner Schweſter, liebſte Emmeline! Ich muß ſagen, ich bin ſehr beſchränkt, aber mein Kopf iſt heute ſo verwirrt. Bitte, liebe Emmy, denke nicht weiter an mich, gehe mit Carolinen, Tante Emmeline wird es nicht gerne ſehen, wenn Du zurückbleibſt.“ Caroline hatte bereits das Zimmer verlaſſen und lief in ihrer Eile an ihre Mutter an, die, wie ſie augenblicklich merkte, Alles gehört, was ſie geſagt hatte. Mit tiefem Er⸗ röthen wendete ſie ſich um, wie wenn ſie wieder in das Schulzimmer treten wollte, aber Mrs. Hamilton hielt ſie zu⸗ rück.„Nein,“ ſagte ſie ernſt,„wenn Du blos aus Furcht vor meinem Tadel menſchenfreundlich handeln willſt, ſo würde es weder Dir noch Ellen zum Heile dienen. Ich hätte kaum glauben können, daß es möglich wäre, Dich ſo ſprechen zu hören. Geh' und amüſire Dich, wie Du wollteſt; ich meine aber, hätteſt Du ein Wenig von Deiner Zeit aufge⸗ opfert, um Deiner Couſine zu helfen, Du würdeſt mehr wah⸗ res Vergnügen empfunden haben, als Du nun den ganzen Tag finden wirſt.“ „Liebe Mama, willſt Du Ellen helfen?“ fragte Emme⸗ 123 line ſehr ſchüchtern, denn wiewohl ſie auf Ellen's wiederholte Bitten ſie verlaſſen hatte, ſo kam es ihr doch wie ein Mangel an Achtung vor, durch die Halle zu laufen, während ihre Mutter ſprach, und der Gedanke fuhr ihr plötzlich durch den Kopf, daß, da Ellen nach ihrer Ueberzeugung gewiß nicht faul war, wiewohl Miß Harcourt ſie dafür hielt, ihre Mut⸗ ter, wenn ſie derſelben beiſtände, ihr manche Unannehmlich— keit erſpären könnte. „Ja, meine Liebe, wenn es nöthig iſt; ich habe genug gehört, um zu wiſſen, daß Du es thun würdeſt, wenn Du es könnteſt, und ſo will ich es Deinetwegen thun.“ Und Emmeline lief ganz glücklich fort, um Alles, was in ihren Kräften ſtand, zu thun, um Caroline zu beſänftigen, die in Folge der Vorwürfe, die ſie ſich zu machen hatte, wie gewöhn⸗ lich in üble Laune verfallen war und auf Ellen anſtatt auf ſich ſelbſt zürnte. Mrs. Hamilton trat in das Schulzimmer und ſtellte ſich ſo leiſe zu Ellen, daß das Kind ſie nicht bemerkte. Ihre Aufmerkſamkeit war auf ihr Buch gerichtet, aber nach einigen Minuten warf ſie es plötzlich von ſich und rief faſt leiden⸗ ſchaftlich aus:„Ich kann es nicht lernen, mag ich es ver— ſuchen, wie ich will, und Miß Harcourt wird ſo ſehr, ſehr böſe ſein!“ und zum erſten Male, ſeit ſie nach Dakwood ge⸗ kommen, brach ſie in Thränen aus. „Was iſt denn das für eine ſo ſehr ſchwere Aufgabe, meine kleine Ellen?“ fragte ihre Tante, indem ſie ihr freund⸗ lich eine Hand vom Geſicht zog,„ſage es mir, und es ge⸗ lingt uns vielleicht, dieſelbe miteinander zu lernen.“ „O, nein, nein, nur weil ich ſo ſehr dumm bin; Miß Harcourt hat ſie mir zweimal erklärt, und ich weiß, ich ſollte ſie verſtehen, aber—“ „Nun dann gieb es heut auf. Wir lernen Alle an einem Tage beſſer, als an dem anderen und morgen wirſt Du zum Ziele kommen.“ „Aber Miß Harcourt iſt bereits böſe und wird es noch mehr ſein, wenn ich ohne ihre Erlaubniß die Arbeit lie⸗ gen laſſe,“ erwiderte das ſeufzende Kind und hätte gern ihre 124 Tante umarmt und ihr Köpfchen an ihren Buſen gelehnt, aber ſie wagte es nicht. „Nicht, wenn ich um Aufſchub für Dich bitte,“ erwiderte die Tante lachend,„aber Du mußt Dich das nicht ſo ſehr unglücklich machen laſſen. Ich fürchte, es handelt ſich nicht nur um Deine Aufgabe, ſondern du biſt krank, oder es macht Dich ſonſt Etwas unzufrieden. Sage mir, liebes Kind, was kann ich thun, um Dich glücklicher zu machen, damit Du Dich mehr zu Haus fühlſt?“ „O, nichts, nichts,“ erwiderte Ellen, mit ihren Thränen kämpfend,„ich bin in der That glücklicher, als ich jemals zu werden gehofft habe. Ich muß ſehr undankbar ſein, daß Sie denken können, ich ſei unzufrieden, während Sie ſo gut und ſo freundlich ſind. Ich habe heut Kopfſchmerz und dann iſt mir allemal zu Muthe, daß ich weinen möchte. Aber in der That, ich bin nicht unzufrieden und am wenigſten, wenn Sie mich küſſen und Ihre Ellen nennen, was ich auch immer fühlen mag, wenn Sie nicht zugegen ſind.“ Und gleichſam erſchreckt über ihr Bekenntniß verbarg ſie ihr Geſicht im Kleide ihrer Tante. Mrs. Hamilton hob ſie auf ihren Schoß und küßte ſie, ohne zu ſprechen. Nach einer Pauſe ſagte ſie:„Du mußt mich mehr und mehr lieben lernen, meine Ellen, und wenn Du Dich unwohl fühlſt, mußt Du Dich nicht fürchten, es mir zu ſagen, ſonſt werde ich denken, daß Du Dir blos einbildeſt, mich zu lieben.“ „O nein, es iſt keine Einbildung, ich habe noch Niemand ſo geliebt wie Sie, außer meinen Vater— meinen lieben guten Papa. Er liebkoſte mich und lobte mich und nannte mich ſeine liebe Ellen, wie Onkel Hamilton letzten Sonntag Emmelinen, und als ich krank war, daß ſie ſagten, ich würde ſterben, verließ er mich nie, außer wenn ihn ſeine militäri⸗ ſchen Pflichten abriefen; und er pflegte mich und ſuchte mich zu unterhalten, damit ich Schmerz und Schwäche vergeſſen ſollte. O, ich werde nie, nie dieſe furchtbare Nacht vergeſſen!“ und ſie ſchloß ihre Augen und ſchauderte, als die furchtbare Blut⸗ und Mordſcene vor ihr auftauchte. „Welche furchtbare Nacht, mein armes Kind?“ fragte * 125 Mrs. Hamilton beſänftigend, nachdem ſie in Zweifel geweſen war, ob es Ellen beſſer ſein würde oder nicht, ein ſolches offenbar ſchmerzliches Thema fortzuſetzen und keine Erklärung über ihre Aufregung am vorigen Sonntag zu verlangen. „Die Nacht, wo der arme Papa getödtet wurde. O, es lagen ſoviel furchtbare Geſtalten im Graſe, die Ein⸗ gebornen und des armen Papa's eigene Leute, und ſie ſahen im Mondſcheine ſo entſetzlich aus, und das Gras war mit Blut und abgeſchoſſenen Armen und Köpfen bedeckt, und man hörte ein ſolch ſchmerzliches Stöhnen und Wim⸗ mern; o, ich ſehe es noch, ich höre es noch ſo oft, ehe ich ſchlafen gehe und wenn mich der Kopf ſchmerzt wie heut', und dann iſt es mir, als hörte ich des armen Papa's letzte Worte, und er küßte mich, wie er langſam ſich verblutend auf der Erde lag, und ſeine Stimme war ſo ſeltſam und ſeine Lippen waren ſo kalt!“— „Aber wie kamſt Du zu einem ſo furchtbaren Auftritt, meine arme Ellen? Wer konnte ein ſo armes kleines Kind dorthin laſſen?“ „Ich wünſchte es ſo ſehr. Ich wußte, er würde ſterben, ehe ſie ihn zu mir bringen konnten, und ich ſehnte mich ſo ſehr, ſeine Stimme noch einmal zu hören. O Tante Emmeline, werde ich ihn niemals wiederſehen? Ich weiß, er kann nicht zu mir kommen, aber ach, werde ich immer gut genug ſein, um zu ihm kommen zu können?“ und ſie blickte ihrer Tante mit einem ſo flehenden Ausdruck in's Geſicht, daß ſich Mrs. Hamilton's Augen mit Thränen füllten und es eine volle Minute dauerte, ehe ſie ſprechen konnte; aber als ſie begann, fühlte ſich Ellen mehr erleichtert und getröſtet, als ſie es je⸗ mals über den Tod ihres Vaters geweſen war. Da ſie den Gegenſtand gegen ihre Mutter niemals hatte erwähnen dür⸗ fen und da ſie Niemand hatte, mit dem ſie davon ſprechen konnte, ſo hatte er ſich immer feſter in ihre Phantaſie einge⸗ graben, und ſo oft ſie ungewöhnlich ſchwach war und wenn ſie Kopfſchmerzen hatte, ſo wurde ihre Einbildungskraft noch mehr aufgeregt. Schon die ſichtbare Theilnahme ihrer Tante und die freundlichen Worte, mit denen ſie die Gedanken des 126 Kindes von jener furchtbaren Scene auf die Seligkeit ihres Vaters im Himmel hinzulenken ſuchte, und die Verſicherung, daß, wenn ſie immer ihre Pflicht erfüllte und Gott liebte und auf ſeine Gnade baute, er ihre Bemühungen ſegnen und ſie wieder mit ihm vereinigt werden würde, ſchien das Gewirr von Gedanken in ihrem jungen Gemüth zu beſchwichtigen. Allerdings hatte ſie noch ſehr arges Kopfweh und ihre Augen ſchienen ſich immer ſchließen zu wollen, trotzdem daß ſie ſich die größte Mühe gab, ſie offen zu halten; aber als ſie aus einem langen unruhigen Schlafe auf dem Sopha in Mrs. Hamilton's Toiletten⸗Zimmer, wohin ihre gute Tante ſie gelegt hatte, erwachte, und dieſelbe immer noch bei ſich wachend fand, da hörte das kleine Herz auf, ſo raſch zu klopfen, und ſie befand ſich wohler und glücklicher. Mr. Maitland, der ärztliche Freund der Familie, be⸗ ſtätigte die Anſicht, welche nach Edward's Ausſage ihr Arzt in Indien von dem Geſundheitszuſtande ſeiner Schweſter ausgeſprochen hatte. Er ſagte, er betrachte ſie nicht als ernſtlich krank und ihre Conſtitution werde immerhin Etwas aushalten, aber er fürchte, es werde einige Jahre dauern, ehe ſie ſich einer wirklich guten Geſundheit zu erfreuen habe, und ſie werde beſtändig jener Schlaffheit, heftigem Kopfweh und dar⸗ aus folgender Entkräftung des ganzen Körpers ausgeſetzt ſein, was der Leichtigkeit der Auffaſſung hinderlich ſein müſſe, die den meiſten Kindern angeboren ſei. Er meinte, das Uebel ſei verſchlimmert worden durch den Mangel gehöriger Pflege in der früheſten Jugend und durch das ungeſunde Klima, in dem ſie ſo lange gelebt, und er ſprach ſeine Verwunderung aus, daß ihrer Mutter nicht der Rath gegeben worden ſei, ſie nach Eng⸗ land zu ſchicken, und fügte lächelnd hinzu, er ſei überzeugt, Mrs. Hamilton würde die Sorge für ihre Pflege nicht zurück⸗ gewieſen haben, ſo ſchwer dieſelbe auch geweſen ſein möge. Und in der That nicht nur wegen der körperlichen, ſondern auch der geiſtigen Geſundheit des Kindes hätte Mrs. Hamilton ge⸗ wünſcht, daß dies der Fall geweſen wäre und daß ſie die Pflege ihrer Nichte von früheſter Kindheit an gehabt hätte; und um wieviel mehr würde ſie dies gewünſcht haben, hätte 127 ſie gewußt, daß Mrs. Forteseue wirklich bezüglich Ellen's der Rath gegeben worden war, den Mr. Maitland angedeu⸗ tet hatte, daß ſie aber in dem Glauben, es ſei bloße Einbil⸗ dung, und in der halsſtarrigen Ueberzeugung, es ſei üble Laune, nicht Krankheit, was Ellen ſo unangenehm machte, ſich nicht habe bewegen laſſen, ihren unglücklichen Stolz zu beſiegen und ihre Verwandten um eine ſolche Gunſt zu bitten, und an wen hätte ſie ſich ſonſt wenden können? Oberſt For⸗ tescue hatte nur ſehr entfernte Verwandten. Sie ſuchte ihr Gewiſſen zu beruhigen, indem ſie einmal ihren Gatten— indeß als ihre eigene Idee, nicht als die eines erfahrenen Arztes— darauf hinwies, daß, da er Ellen immer für krank halte, ſie beſſer in England aufgehoben ſein würde; aber wie ſie erwartete, empörte ſich nicht nur ſeine innige Liebe zu ſeinem Töchterchen gegen den Gedanken der Trennung, ſondern auch ſein Stolz lehnte ſich auf, ſie fortzuſchicken und ſie dem Mitleid von Verwandten Preis zu geben; wäre ihm aber geſagt worden, daß es für ihre Geſundheit, ja für ihr Glück unbedingt nothwendig ſei, ſo würde er nicht gezaudert haben, jeden Gedanken an ſich ſelbſt zum Opfer zu bringen. Aber Eleanor, zufrieden, daß ſie ihre Pflicht erfüllt, und froh, daß er in einer Beziehung ganz eben ſo ſtolz war, wie ſie, kam nie wieder auf den Gegenſtand zurück, und den Arzt, der den Rath gegeben hatte, traf er in Folge ſeiner häufigen Verſetzungen niemals wieder. Die Leiden, denen Ellen durch die ſelbſtſüchtige Entſchei⸗ dung von Seiten ihrer Mutter ausgeſetzt war, waren aller⸗ dings bedeutend. Wir meinen nicht nur den Schmerz beſtän⸗ diger Schlaffheit, wiewohl ſich unſere geſunden und glücklichen jungen Leſer kaum die entfernteſte Idee davon machen können; ſie denken vielleicht, daß die Pflege, die Liebkoſungen und die Geſchenke, die eine kurze Krankheit ſo oft begleiten, ſogar eine angenehme Abwechſelung gewähren; aber dies iſt etwas ganz Anderes als jene Art von Leiden, die ſie nur ſchwer⸗ fällig und trübſinnig macht, ſie wiſſen nicht warum, und die ſie eine ſehr ſchwere Aufgabe darin finden läßt, die Lektionen zu lernen, die Andere ſo leicht finden, und wo ſie bisweilen ihr Schmerz hindert, ſich nur zu bewegen, ſo daß ſie für langſam und widerwillig, vielleicht ſelbſt für träge gehalten werden, während ſie am liebſten umherlaufen und helfen und arbeiten würden wie Andere; und wo ſie manchmal ſo ſchwach ſind, daß ſie beim erſten rauhen oder unfreundlichen Worte Thränen vergießen, und wo ſie für eigenſinnig gehalten wer⸗ den, während ſie es am wenigſten ſein wollen, und dies nicht blos für einige Wochen, ſondern mit wenigen Ausnahmen für Monate und ſelbſt Jahre. Und ſo war es mit Ellen, die ſelbſt nicht die zärtlichſte und beſtändigſte Pflege ihrer Tante ganz davor bewahren konnte. Es iſt ſehr ſchwierig für Diejenigen, die ſelbſt ge⸗ ſund und ſtark ſind, die Leiden Anderer zu verſtehen und die⸗ ſelben mit Nachſicht zu behandeln. Miß Harcourt, wiewohl im Allgemeinen frei von allen Vorurtheilen und von dem lebhaften Wunſche beſeelt, die Ideen von Recht und Unrecht, welche ſie und Mrs. Hamilton hegten, zur Ausführung zu bringen, konnte ihre Neigungen nicht ſoweit beherrſchen, daß ſie Ellen eben ſo lieb hatte, wie Edward und die Kinder, mit denen ſie ſo lange gelebt und die ſie unterrichtet hatte. Ellen gegenüber brauchte ſie mehr Geduld und Nachſicht, als bei einem von den andern Kindern, und bisweilen glaubte ſie nicht anders, als daß es Eigenſinn, Trägheit und Nachläſſig⸗ keit, nicht Ermattung in Folge der Krankheit ſei. Bei Herbert, der von Geburt an ſchwächlich geweſen war, und der doch einen ſo außerordentlich begabten Geiſt beſaß, ſchien die Krankheit alle Fähigkeiten durchgeiſtigt, anſtatt ge⸗ tödtet zu haben. Sie konnte nicht begreifen, wie die Gewalt der Umſtände aus faſt ein und derſelben Urſache zwei ſo verſchiedene Wirkungen hervorbringen könne, noch wie es möglich ſei, daß vollſtändige Vernachläſſigung mehr Uebles erzeugt habe wie gewiſſenloſe Nachſicht; daß es aber doch der Fall geweſen, war unglücklicherweiſe nicht nur Miß Har⸗ court, ſondern auch Mrs. Hamilton klar. Es war faſt wunderbar und allerdings ein Beweis von einer beſonders guten Gemüthsart, daß Edward ſo frei von großen Feh⸗ iern, von ſo warmer, edelmüthiger, offener und ſcheinbar 129 unſelbſtſüchtiger Natur, ſo leicht der Ueberzeugung und allen guten Eindrücken zugänglich zu ſein ſchien, daß mit Aus⸗ nahme von gelegentlichen Ausbrüchen heftiger Leidenſchaft wirklich nichts zu beklagen war, ſo weit es ſeine Tante und ſein Onkel ſehen konnten. Sie wußte nicht, daß er ſo große Furcht vor Mr. Hamilton hatte, da ihm ſeine Mutter ſo viel von ſeiner außerordentlichen Rauhheit erzählt, daß er ſich ſo viel wie möglich zu beherrſchen ſuchte; und er hatte Mr. Howard ſo lieb und ſeine Tage verfloſſen in ſo mannichfal⸗ tiger und angenehmer Beſchäftigung, daß er keine Verſuchung empfand, Unrecht zu thun, mit Ausnahme gewiſſer Aeuße⸗ rungen des Ungehorſams, die von größerer Bedeutung wa⸗ ren durch den Eigenſinn, den ſie verriethen, als durch die Handlung ſelbſt, die aber ſeine Tante beſorgt gemacht und ihr Vertrauen zu ihm geſchwächt haben würden, hätte ſie die⸗ ſelben erfahren. Aber das geſchah nicht, denn Ellen verheim⸗ lichte dieſelben nicht nur, ſondern litt auch für ihn und zog ſo ſich Tadel und Argwohn zu, was, wäre die Wahrheit be⸗ kannt geweſen, ihr erſpart worden ſein würde. Aber die Wahrheit in Wort und That war Edward niemals einge⸗ prägt worden, und wiewohl er von Natur zu brav war, um zu lügen, zu ehrenhaft, um ſich auf Koſten Anderer zu decken, wenn er wußte, daß dieſer Andere darum zu leiden haben würde, ſo war er doch ſchon zu lange an den Glauben gewöhnt worden, daß Ellen tief unter ihm ſtehe und ſich immer für ihn aufopfern müſſe, als daß er auf den Gedanken gekom⸗ men wäre, daß er falſch und unmännlich handle, indem er ſie ſeine ungehorſamen Streiche vertuſchen laſſe. Es gab ſoviel an Edward zu lieben und zu bewundern, daß weder Mr. noch Mrs. Hamilton die wahre Schwäche ſei⸗ nes Characters erkannten— daß dieſe liebenswürdigen Eigenſchaften alle aus einem natürlichen Impuls entſprangen und auf nichts weniger als Grundſätzen beruhten. Der ſcheinbare Eifer, womit er die religiöſen Eindrücke in ſich aufnahm, die ſie und Mr. Howard ihm in der kurzen Zeit, die ihnen blieb, ehe er auf die Flotte ging, einzuflößen ſuch⸗ ten, erfüllte ſie mit ſolcher Hoffnung, daß nicht nur ſein 9 Lehrer und ſein Onkel, ſondern auch ſeine ſtets beſorgte Tante ſeiner Zukunft mit kaum einem Zweifel an ſeiner Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit entgegenſahen. Ellen verurſachte ihr unendlich mehr Sorge. Sie zeigte einen Mangel an Wahr⸗ haftigkeit und Offenheit, den Mrs. Hamilton für eine Folge der Zurückſetzung und großer Schüchternheit hielt, der aber ihrem Gatten und Miß Harcourt ein angeborner Fehler zu ſein ſchien. Viel kam allerdings von der mißverſtandenen Idee her, die ſich das Kind von dem Weſen und der Heilig⸗ keit des Verſprechens machte, das ſie ihrer Mutter gegeben hatte, und von ihrem feſten Willen, Edward zu ſchützen. Für ihren Mangel an Wahrhaftigkeit wäre allerdings ihre Mutter allein verantwortlich geweſen. Ellen's von Natur ſehr ſchüchterner Character bedurfte der Einflößung feſter Grundſätze, die ſie in den Stand geſetzt hätten, ſich ſelbſt zu beſiegen und die Wahrheit zu ſprechen, ſelbſt wenn ſie darun⸗ ter zu leiden hatte. Allerdings hatte ſie nur in Fällen äußer⸗ ſter Furcht und niemals gegen ihren Vater die Unwahrheit geſagt, aber bei den Grundſätzen der Mrs. Hamilton, die ſie auch durch die größte Ausdauer mit Erfolg ihren Kindern mitgetheilt hatte, war ſelbſt Verheimlichung oft ſo gut als offene Unwahrheit, und dieſes Fehlers hatte ſich Ellen nur zu oft ſchuldig gemacht, ſo daß ſie Miß Harcourt's und Ca⸗ rolinens Vorurtheil immer mehr gegen ſich erweckte. Die Letz⸗ tere, trotz aller ihrer Fehler, ſagte immer die Wahrheit und hegte große Verachtung gegen Alle, die es nicht thaten, aus⸗ genommen ihre Freundin Annie, die, da ſie ſich immer beflei⸗ ßigte, gegen ſie die Wahrheit zu ſprechen, nicht in den Ver⸗ dacht bei ihr kommen konnte, daß ſie in dieſer Beziehung weniger gewiſſenhaft war, als ſie ſelbſt. Emmeline, die einige Schwierigkeit hatte, ihre Liebe zu Uebertreibungen im Zaume zu halten und eben ſo ihre Schüchternheit zu beſiegen, um immer die Wahrheit zu ſpre⸗ chen, bemitleidete Ellen nur, liebte ſie aber deshalb nicht weniger. Natürlich waren ſchon einige Monate verfloſſen, ehe dieſe Lichter und Schatten in den Characteren der Waiſen und in 131 den Anſichten, die ſie bei ihren Umgebungen hervorriefen, ſich entwickelten, aber trotzdem, daß ſie faſt allein mit ihrer Anſicht ſtand, trotzdem daß ſehr wenig äußere Zeugniſſe vor⸗ lagen, daß ſie Recht hatte, glaubte Mrs. Hamilton doch, daß in ihrer Nichte weit mehr liege, als auf den erſten Blick er⸗ ſichtlich ſei. Sie ſchien eine Stärke des Gefühls und eine Wärme der Liebe zu beſitzen, die, wenn ſie recht geleitet wur⸗ den, weſentlich mit helfen würden, die kindlichen Verirrungen zu entfernen, die durch ſchlechte Erziehung erzeugt worden waren, und dieſer Glaube ſetzte ſie nicht nur in den Stand, die Sorge und oft den Schmerz ruhig zu ertragen, die dieſe Fehler und ihre nothwendige Beſtrafung ihr machten, ſon⸗ dern auch ihre Nichte wo möglich noch mehr als Edward und faſt mit derſelben ruhigen, aber innigen Neigung zu lie⸗ ben, die ſie zu ihren Kindern hatte. Eilftes Kapitel. Aufwallung des Zornes.— Ein Spaziergang.— Eine häusliche Scene. An einem ſehr ſchönen Maimorgen lud Mrs. Hamilton Edward ein, ſie auf einem Spaziergang zu begleiten, und ſie beabſichtigte unterwegs in Moorlands und Greville Ma⸗ nor einzuſprechen. Die Knaben hatten einige Tage Ferien, weil Mr. Howard in geiſtlichen Angelegenheiten nach Exeter berufen worden war. Perey ſollte ſeinen Vater auf einem Ausfluge zu Pferd begleiten; Herbert hatte von Emmelinen einige Tage vorher den Auftrag übernommen, einige Bücher an Mary Greville zu bringen, und hatte ſich darauf gefreut, einen Morgen mit ihr zu verleben. Edward, der ſich freute, daß ihn ſeine Tante zu ihrem Begleiter erwählt, bereitete ſich eiligſt zu ſeinem Ausfluge vor. Robert war indeſſen unglück⸗ licherweiſe nicht bei der Hand, um ihm ein Paar reine Schuhe zu geben(er hatte bereits an dieſem Morgen zwei Paar ver⸗ 9* 132 dorben, indem er in den Bach getreten war, der durch den Park floß, um eine neugetakelte Fregatte ſegeln zu laſſen), und ärgerlich über den Aufenthalt und da er fürchtete, daß ſeine Tante nicht auf ihn warten würde, gerieth er in einen ſo heftigen Zorn, daß er, als Robert erſchien, in Schimpf⸗ reden ausbrach, wie er ſie ſich noch nicht erlaubt hatte, und damit endete, daß er die ausgezogenen Schuhe nach dem Be⸗ dienten warf, der blos deshalb nicht getroffen wurde, daß er bei Seite trat und ſie durch das Fenſter fliegen ließ. „Robert, verlaſſe das Zimmer; ich wünſche, daß Du Maſter Fortescue nicht wieder einen Dienſt leiſteſt, bis er weiß, wie er darum zu bitten hat,“ lautete Mrs. Hamilton's höchſt unerwartete Einrede, und Edward war über ihre Stimme und ihre Miene ſo erſchrocken, daß ſein Zorn plötz⸗ lich beſchwichtigt war. „Mach, daß Du mit Deiner Toilette fertig wirſt, und wenn Du Deine Schuhe gefunden und Du ſie bei Seite geſetzt haſt, ſo komme zu mir in das Frühſtückszimmer, Ed⸗ ward; ich warte nur, bis es Dir gefällig iſt.“ Niemals ſah Edward ſie mit ſo großem Vergnügen gehen. Scham hatte plötzlich ſeinen Zorn verdrängt, und wiewohl ſein Herz noch klopfte und ſeine Wangen noch brannten, ſo ſagte er doch kein Wort, bis ſie ziemlich eine Viertelmeile gegangen waren. Zweimal hatte er ſeiner Tante in's Ge⸗ ſicht geſehen, als wenn er ſprechen wollte, aber der Ausdruck deſſelben war ſo ſehr ernſt, daß er eine ſeltſame Furcht em⸗ pfand, ſich laut zu äußern. Endlich rief er aus:„Du biſt böſe mit mir, liebe Tante, aber ich konnte mich wirklich nicht enthalten, zornig zu werden.“ „Ich bin mehr beſorgt als böſe, Edward. Ich hatte gehofft, Du hätteſt mehr Selbſtbeherrſchung gelernt und Du kennteſt Deine Pflicht gegen einen Dienenden beſſer. Dein Onkel—“ „O bitte, ſag es ihm nicht!“ bat Edward,„und ich will Robert um Verzeihung bitten, ſobald ich nach Hauſe komme.“ „Ich werde mich bei ihm nicht über Dich beklagen, wenn nur meine Gründe Dich von Deinem Fehler überzeugen können, Edward. Aber wenn Du Robert blos um Verzeihung 133 bitten willſt aus Furcht vor Deinem Onkel, ſo würde ich es lieber ſehen, daß Du es nicht thäteſt. Sage mir die Wahr⸗ heit. Wenn Du überzeugt ſein könnteſt, daß Dein Onkel nichts davon erfahren würde, würdeſt Du Robert immer noch um Verzeihung bitten?“ Edward antwortete ohne Zögern:„Nein!“ „Und warum nicht?“ „Weil ich der Anſicht bin, daß er mich um Verzeihung bitten ſollte, daß er mich warten ließ, und daß er zuerſt un⸗ höflich gegen mich war.“ „Er ließ Dich nicht länger als fünf Minuten warten, uuund daran war ich Schuld, nicht er, da ich ihm etwas auf⸗ getragen hatte. Und was ſeine Unhöflichkeit anlangt, kannſt Du mir ſagen, was er ſagte?“ Edward zögerte.„Ich erinnere mich nicht genau der Worte, aber ich weiß, er nannte mich ungeduldig, und wenn ich es auch wäre, ſo hatte er kein Recht, es mir zu ſagen.“ „Er that es auch nicht. Ich hörte den ganzen Vorgang und ich konnte nicht umhin, Robert, den armen Bauerbur— ſchen, weit höher zu ſtellen, als den jungen Herrn, der ihn ſchimpfte.“ Edward wurde roth bis an die Schläfe, aber er biß die Zähne zuſammen und ballte die Fauſt, um nicht ſeinen Aer— ger merken zu laſſen; und ſeine Tante, nachdem ſie ihn auf⸗ merkſam betrachtet hatte, fuhr fort:„Er ſagte, daß Perey niemals Unmöglichkeiten verlange, und wiewohl er oft unge⸗ duldig ſei, doch niemals ſchelte. Du hörteſt das Wort, und da Du fühlteſt, daß du es geweſen, glaubteſt Du, er wende es auf Dich an.“ „Aber worin kann er über mir ſtehen?“ fragte Edward mit leiſer Stimme, als fürchte er, daß ſein Aerger immer noch die Oberhand gewinnen könne. „Ich will Dir die Frage mit einer anderen beantworten, Edward. Geſetzt, es hätte Jemand Dir gegenüber Schimpf⸗ worte gebraucht, und Dir voll Verachtung geſagt, Du ſoll⸗ teſt ihm aus den Augen gehen, wie würdeſt Du geantwortet haben?“ ————————————— 134 „Ich würde ihn zu Boden geſchlagen haben,“ erwiderte Edward leidenſchaftlich, und ganz vergeſſend, daß er ſich hatte beherrſchen wollen.„Weder Jemand Meinesgleichen, noch Einer, der über mir ſtände, ſollte es wagen, ſo zu mir zu ſprechen.“ „Und was hinderte Robert, in derſelben Weiſe zu han⸗ deln? Meinſt Du, daß er kein Gefühl habe, daß er unfähig ſei, Schmerz zu empfinden oder zornig zu werden?“ Edward ſtand eine Minute ſtill und ſtumm.„Ich habe mir nichts dabei gedacht,“ ſagte er endlich.„Ich meinte aber, ich hätte ein Recht, Jemand, der ſo tief unter mir ſteht, zu ſagen, was mir gefiele“ „Und in welcher Beziehung ſteht Robert ſo weit unter Dir?“ „Er iſt ein Diener und ich ſtehe in Geburt und Rang über ihm—“ „Halt ein, Edward. Zeigteſt Du, daß Du von beſſerer Geburt ſeiſt? Iſt es ein Verdienſt von Dir, höher in der Welt zu ſtehen und eine beſſere Erziehung zu erhalten, als Robert?“ Edward war wiederum ſtumm, und ſeine Tante fuhr fort, ſo freundlich und dennoch ſo eindringlich zu ihm zu ſprechen, daß er endlich ausrief:„Ich fühle, ich habe wirklich Unrecht gehandelt, liebe Tante; aber was kann ich thun, um Robert zu zeigen, daß es mir wirklich leid thut, ihn ſo mißhandelt zu haben?“ „Thut es Dir wirklich leid, Edward, oder ſagſt Du es nur aus Furcht vor Deinem Onkel?“ „Wahrhaftig, ich hatte ihn ganz vergeſſen,“ erwiderte Edward;„ich verdiene ſeinen Zorn und würde mich gern demſelben ausſetzen, wenn es meinen Fehler wieder gut machen könnte.“ „Ich würde es lieber ſehen, wenn Du Dir ernſtliche Mühe gäbeſt, Deine Leidenſchaften zu beherrſchen, mein lie⸗ bes Kind, als daß Du Dir ſolche Verdrießlichkeiten zuziehſt. Es wird mir ein großes Vergnügen ſein, wenn Du Dich ſo beherrſchen kannſt, Robert um Verzeihung zu bitten, und ich 135 glaube, der Schmerz, es thun zu müſſen, wird Dich in den Stand ſetzen, Dich leichter an alles Das zu erinnern, was wir geſprochen haben, als wenn Du Dich feige davor zurück⸗ zögeſt. Das Leben, das Du Dir gewählt haſt, läßt es mich noch mehr wünſchen, daß Du weniger leidenſchaftlich wirſt, als wenn Du länger in meinem Hauſe bliebeſt. Ich fürchte, Du wirſt oft ſchwer darunter leiden müſſen.“ „Ich faſſe ſehr oft den Entſchluß, nie wieder aufzubrau⸗ ſen,“ entgegnete Edward betrübt,„aber ſo oft mich Etwas reizt, ſcheint mir Etwas in die Kehle zu kommen, und ich muß es dann herausgeben.“ „Du wirſt nicht ohne große Ausdauer im Stande ſein, Deinen Fehler zu beſiegen, mein lieber Edward; aber erin⸗ nere Dich, je größer die Arbeit, deſto ſchöner der Lohn; und daß Du Deinen Zorn beherrſchen kannſt, davon habe ich während unſeres Spazierganges einen Beweis gehabt.“ Edward blickte erſtaunt auf.„Warſt Du nicht ſehr auf⸗ gebracht, als ich ſagte, daß Robert über Dir ſtände?“ „Ja,“ erwiderte Edward erröthend. „Und dennoch gelang es Dir, Deinen aufbrauſenden Zorn zu unterdrücken aus Furcht, mich zu beleidigen. Ich kann nicht immer bei Dir ſein, aber mein lieber Knabe, Du mußt Dir die Lehre einzuprägen ſuchen, die ich Dir ſo oft gegeben— habe daß Du nie allein biſt. Du kannſt nicht einen zornigen Gedanken faſſen, viel weniger ein Scheltwort aus⸗ ſprechen oder die geringſte Leidenſchaftlichkeit begehen, ohne Gott zu beleidigen. Wenn Du Dich nur an ſeine Hilfe wenden und Dich erinnern wollteſt, daß es weit ſchrecklicher iſt, ihn zu beleidigen, als Dir das Mißfallen Deines Onkels oder Deiner Tante zuzuziehen, ſo denke ich, würdeſt Du Deine Aufgabe viel leichter finden, als wenn Du es blos im Vertrauen auf Deine eigene Kraft und blos aus Furcht vor den Menſchen verſuchteſt.“ Edward antwortete nicht, aber ſein Geſicht zeigte ſo ernſthafte Gedanken und ſo beruhigte Gefühle, daß Mrs. Hamilton beſchloß, dieſelben nicht durch einen Beſuch in Moorlands, wie ſie beabſichtigt hatte, zu unterbrechen, und ſo 136 ſchlug ſie die Richtung nach Greville Manor ein. Sie ſchrit⸗ ten eine Zeit lang ſchweigend dahin und ſtiegen allmälig einen von den ſteilen, aber grünen und blumigen Abhängen hinan, die Devonſhire eigenthümlich ſind; und als ſie den Gipfel des Hügels erreicht hatten, und einen Augenblick an der kleinen Pforte ſtanden, die auf eine üppige Wieſe führte, über welche ſie ihren Weg nehmen mußten, brach Edward in den Ausruf aus:„Wie ſchön!“ Felder von abwechſelndem Roth und Grün ſenkten ſich bis an den Flußrand. Das Grün trug die glänzende Farbe, die dem Mai eigenthümlich iſt, das Roth auf dem fetten Boden verrieth, daß der Pflug erſt vor Kurzem dar⸗ über gegangen, und beide bildeten einen ſchönen Gegenſatz gegen das klare Waſſer, deſſen dunkle Azurbläue ſelbſt des Himmels zu ſpotten ſchien. Der Dart ſchien von dieſem Punkte an kein Fluß mehr zu ſein; er war ſo eingefaßt von dichten Wäldern und fruchtbaren Hügeln, daß es ein See zu ſein ſchien, der weder Ausfluß noch Zufluß hatte. Die Bäume zeigten alle das herrliche, mannigfaltige Grün, das nur dem Mai eigenthümlich iſt, und ſo hoch war der Abhang, auf dem ſie ſtanden, daß einige den Himmel zu berühren ſchienen, während Andere ſich anmuthig über das Waſſer neigten, das ihre dichten Zweige faſt erreichten. Die Hügel ſelbſt boten ein vollſtändiges Moſaikbild von Roth und Grün; die Felder waren durch hohe Hecken getheilt, aus denen Eichen, Ulmen, Buchen und Eſchen emporragten von ſo ſtolzem Wuchs, daß ſie einem gepflegten Park, nicht einem natürlichen Gehölz anzugehören ſchienen. Greville Manor, ein Gebäude aus der Zeit der Kö⸗ nigin Eliſabeth, ſtand zu ihrer Rechten, umgeben von ſeinen alten Waldungen, die, wiewohl immer noch ſchön, durch Mr. Greville's Wunderlichkeit ſchon eines Theiles ihres ſchönſten Holzes beraubt worden waren. Einige Theile des Fluſſes lagen in vollſtändigem Schatten durch die über⸗ hängenden Zweige, während ſich jenſeits derſelben die helle Bläue des Himmels zeigte; an anderen Stellen verirrte ſich ein Sonnenſtrahl durch eine Oeffnung in den dichten Zweigen und glänzte in die Dunkelheit ringsum hinein; und weiterhin warf die wolkenloſe Sonne ihren vollen Glanz ſo freigebig umher, daß die Wäſſer glänzten und funkelten, wie glühende Edelſteine. „Iſt das nicht ſchön, liebe Tante? Bisweilen kommt es mir vor, als wenn ich nicht halb ſo heftig in der freien Luft als im Hauſe wäre. Kannſt Du mir ſagen, warum?“ „Das nicht gerade, Edward,“ erwiederte ſie lächelnd, „aber es freut mich, Dich ſo ſprechen zu hören und zu fin⸗ den, daß Du eine ſo liebliche Landſchaft bewundern kannft. Meinem Gefühl nach iſt die Allgegenwart eines liebenden Gottes ſeinen Werken ſo entſchieden eingeprägt. Wir können in der Gabe, die er uns mit einer ſo ſchönen Welt gemacht hat, ſo deutlich ſeine Güte, ſeine Liebe und ſeine Macht erkennen, daß ich immer mehr fühle, wie unrecht es iſt, ſich dem Kummer, der Sorge oder dem Aerger hinzugeben, wenn wir uns inmitten einer ſchönen Landſchaft, als wenn wir uns zu Haus befinden, und vielleicht iſt es etwas von demſelben Gefühl, das ſich in Dir äußert, wiewohl Du nicht weißt, wie Du es erklären ſollſt.“ „Aber Du kannſt niemals etwas Unrechtes thun oder fühlen, liebe Tante?“ ſagte Edward, indem er ihr erſtaunt in das Geſicht ſah. „O nein, mein lieber Knabe, ich weiß, daß ich ſehr oft unrechte Gedanken und Empfindungen habe und daß nur mein Vater im Himmel in ſeiner unendlichen Gnade mich in den Stand ſetzt, ſie zu überwinden. Es würde ſehr traurig ſein, wenn ich ſo viel Fehler hätte und ſo leicht zum Irrthum zu verführen wäre, wie vielleicht Du und Dein Couſin, da ich ſo viel Jahre mehr gelebt habe, wo ich denken und mich zu beſſern ſuchen konnte. Aber gerade wie Du Pflichten zu erfüllen und Gefühle zu unterdrücken haſt, ſo habe ich es auch, und wenn es mir mißlingt, Euch Alle auf beſſere und glücklichere Pfade zu führen, oder wenn ich zu viel Sorgen hege oder davor zurückbebe, mir ſelbſt einen Schmerz zuzu⸗ ziehen, indem ich genöthigt bin, eins von Euch wegen eines Fehlers zu beſtrafen, ſo kann ich mir eben ſo leicht das Miß⸗ fallen unſeres Vaters im Himmel zuziehen, als Du, wenn 138 Du heftig oder zornig biſt, und vielleicht noch mehr, denn je mehr wir unſere Pflichten zu kennen und zu erfüllen im Stande find, deſto größeres Unrecht iſt es von uns, wenn wir dieſelben, wenn auch nur in Gedanken, ungethan laſſen.“ Es lag ſo viel in dieſer Antwort, was Edward in Er⸗ ſtaunen ſetzte, und was ſeinen Geiſt mit neuen Ideen zu er⸗ füllen ſchien, daß er ſeinen Spaziergang ſtumm und ſtill fort⸗ ſetzte. Es kam ihm ſehr ſonderbar vor, daß ſeine Tante jemals einen Fehler begehen könne, wie ſie ſelbſt geſagt hatte, und daß es ihr zu Zeiten ſchwer falle, das Rechte zu thun; aber dennoch ſchien es ihn irgendwie zu tröſten und ihm eine Art Muth einzuflößen, mit ihr zu wetteifern und alle Schwierigkeiten zu beſiegen. Er hatte gedacht, daß ſie unmöglich wiſſen könne, wie ſchwer es ihm werde, immer gut zu ſein, aber als er fand, daß ſie das aus eigener Erfahrung wiſſen könne, ſo ſchienen ihm ihre Worte doppelte Kraft zu geben, und er liebte ſie mehr als jemals. Nach zehn Minuten kamen ſie an das gothiſche Schloß, und anſtatt den Haupteingang zu wählen, ſchlug Mrs. Ha⸗ milton den Weg nach dem Blumengarten ein, nach welchem eine Glasthür aus dem Morgenzimmer der Lady Greville führte. „Herbert ſollte Mary von unſerm beabſichtigten Beſuche unterrichten; ich wundere mich, daß ſie mich nicht wie gewöhnlich erwartet,“ bemerkte Mrs. Hamilton etwas be⸗ ſorgt, und ihre Beſorgniß wuchs, als ſie ſich der halboffenen Thür näherte und ſie die arme Mary, den Kopf auf Herbert geſtützt, in Thränen gebadet ſah. Mrs. Greville war nicht zugegen, wiewohl die Bücher, die weiblichen Arbeiten und die Karten auf dem Tiſch zeigten, daß ihre Morgenbeſchäfti⸗ gung dieſelbe geweſen war, wie gewöhnlich. Herbert war eifrig bemüht, Troſt einzuſprechen, aber offenbar ohne Erfolg, und Mary wußte ſich im Allgemeinen ſo zu beherrſchen, daß ihr gegenwärtiger Schmerz eine ganz ungewöhnliche Prüfung andeutete. „Iſt Deine Mutter krank, meine liebe Mary? Was kann ſich ereignet haben, was Dich ſo ſchmerzlich aufregt?“ fragte 139 ſie, als beim erſten Klange ihrer Stimme das arme Mädchen auf ſie zuſprang und ihr zu ſagen verſuchte, wie froh ſie ſei, daß ſie gerade in dieſem Augenblick gekommen; aber die Worte waren vor Schluchzen nicht zu verſtehen, und Mrs. Hamilton ließ ſie, nachdem ſie Edward gebeten, ſich im Garten umzuſehen, neben ſich ſetzen und ſagte ihr, ſie ſolle ihre Thränen nicht zu unterdrücken ſuchen, ſondern ihnen freien Lauf laſſen und dann ihr ſagen, was ſich ereignet habe. Es war eine traurige Geſchichte für ein Kind, und da Mrs. Hamilton aus Erfahrung mehr daraus entnehmen konnte, als aus Mary's viel unterbrochener Erzählung her⸗ vorging, ſo wollen wir dieſelbe mit unſeren eigenen Worten erzählen. Mr. Greville war einen Monat zu Hauſe geweſen, und ein Viertheil dieſer Zeit dauerte der gute Humor, den einige ungewöhnlich glückliche Wetten angeregt hatten, aber auch nicht länger. Sein Vergnügen beſtand dann gewöhnlich darin, daß er alles Mögliche that, um ſeine Gattin zu kränken und zu ärgern und daß er ſeinen Sohn genau zu ſeinem Eben⸗ bilde zu machen ſuchte. So jung der Knabe war, denn er zählte kaum zwölf Jahre, ſo nahm er ihn doch mit zu Banket⸗ ten und Schwelgereien, was die Geſellſchaft einiger flotten Ge⸗ ſellen, die unglücklicherweiſe nahe Nachbarn waren, geſtattete; und wiewohl Alfred's Wange bleich, ſein Auge trüb und ſeine Laune ſehr ungleich wurde, ſo war doch ſeine Ein— weihung von einer ſo neuen Art von Vergnügen und Auf⸗ regung begleitet, daß ſein Vater dieſelbe in gleicher Weiſe unterſtützte und ermunterte, wie ſie ſeine Mutter und um ihretwillen die arme Mary quälte. An dieſem Morgen hatte Alfred die Abſicht ausgeſpro⸗ chen, einen großen Jahrmarkt zu beſuchen, der zugleich mit einem Wettrennen von üblem Ruf in Folge der ſchlechten Geſellſchaft, die ſich dort einfand, in einer benachbarten Stadt gehalten werden ſollte, und er ſagte ſeinem Vater, er möge ſich auf eine große Geldforderung gefaßt machen, denn er wolle es einmal mit allen Spielen verſuchen, die ſich dort bieten würden. Mr. Greville lachte herzlich über des 140 Knaben friſchen Geiſt, wie er es nannte, und verſprach ihm Alles, was er verlangte; aber die Lippen der Mutter beb⸗ ten, eine tödtliche Bläſſe deckte ihre Wangen, und Mary, die bebend daſaß, las darin eine ganze Leidensgeſchichte. Dennoch ſprach Mrs. Greville nicht eher, als bis ihr Gatte das Zimmer verlaſſen; aber dann, als Alfred ihm folgen wollte, ergriff ſie ſeine Hand und bat ihn mit einem ſolchen Ton und einer ſolchen Miene des Schmerzes, daß er ſie an⸗ hören und um ihretwillen das beabſichtigte Vergnügen auf⸗ geben möge, daß er faſt erſchrocken über eine Aufregung, die er bei ſeiner ſanften Mutter kaum jemals geſehen, und plötz⸗ lich ſich erinnernd, daß er vor Kurzem wirklich unfreundlich gegen ſie geweſen ſei und ſie vernachläſſigt habe, ſeinen Arm um ihren Hals ſchlang und mit Thränen verſprach, daß, wenn es ihr ſo viel Schmerz bereite, er nicht gehen wolle, und ſeine Gefühle waren in dieſem Augenblicke ſo aufrichtig, daß er, wenn kein Verſucher dageweſen wäre, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach ſein Wort gehalten haben würde. Aber in dem Augenblick, wo Mr. Greville von ſeinem Sohne hörte, daß und aus welcher Urſache er ſeine Abſicht aufgege⸗ ben habe, lachte er ſo herzlich über ſeine Narrheit, ſpottete ſo ſehr über ſeinen Mangel an Verſtand, daß er die Launen ſeiner Mutter dem Vergnügen ſeines Vaters vorziehe, daß jedes beſſere Gefühl in die Flucht geſchlagen wurde, wie es nicht anders ſein konnte. Damit hätte es genug ſein ſollen; aber es war eine zu gute Gelegenheit, ſeine üble Laune an ſeiner Gattin ausgelaſſen, als daß er ſie hätte unbenützt laſſen ſollen. Er ſuchte ſie in dem Zimmer auf, wo ſie Mary's Arbeiten beaufſichtigte, und ſchüttete faſt eine Stunde lang die furchtbarſten Schimpfreden und die einſchneidendſten Vor⸗ würfe gegen ſie aus, die er mit der Erklärung ſchloß, daß das einzige Gute, was ſie mit ihrer frommen Beredſam⸗ keit erzielt habe, Das ſei, daß ſie ihren Sohn aus ihrer Nähe gebannt habe, ſo oft er das Haus verlaſſe, da in Zu⸗ kunft Alfred ihn begleiten werde, und daß er heute damit anfangen wolle. Mrs. Greville rührte ſich weder, noch ant⸗ wortete ſie, und der Ausdruck ihres Geſichts war ſo auffallend ruhig, daß der armen Mary zu Muth war, als wenn ſie die Gefühle, die ihr das Herz zerriſſen, nicht ausſprechen dürfe. Mr. Greville verließ das Zimmer, und ſie hörten, wie er der Haushälterin befahl, Maſter Alfred's Kleider einzupacken. Mit vollkommen gefaßter Stimme bat Mrs. Greville Mary, an ihrem Aufſatz weiterzuſchreiben, und dieſe ſuchte, der Feſtigkeit der Mutter nacheifernd, zu gehorchen. Glücklicher⸗ weiſe hatte ſie zu ſchreiben, denn zu ſprechen oder laut zu leſen würde ihr unmöglich geweſen ſein. So verging eine volle halbe Stunde, dann ließen ſich raſche Tritte in der Halle hören und die fröhliche Stimme Alfred's rief aus: „Laß mich Mama und Mary Adien ſagen, Papa!“ „Ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren,“ lautete die Antwort.„Du haſt mich lange genug aufgehalten und mußt ein andermal ſchneller ſein. Komm, komm, mein Junge!“ Raſch folgte Pferdegetrappel dem dumpfen Knar⸗ ren, womit ſich die Thür der Halle geſchloſſen hatte, und eben ſo raſch verſchwand es in der Entfernung. Unwider⸗ ſtehlich fühlte ſich Mary veranlaßt, ihrer Mutter in's Geſicht zu ſehen. Eine dunkle Röthe deckte ihre Wangen, aber ihre Lippen waren völlig farblos, und die Hand drückte ſie feſt auf's Herz; aber es dauerte nur eine Minute, denn in der nächſten war ſie ohne Beſinnung auf die Erde gefallen. Ihr armes Kind beugte ſich, vor Schrecken faſt vom Schlage ge⸗ getroffen, über ſie, und die Ohnmacht dauerte ſo lange, daß ſie auf ihr Zimmer gebracht, theilweiſe entkleidet und auf ihr Bett gelegt worden war, ehe ſie wieder zu ſich kam. Einen Augenblick hatte ſie Mary an ihr Herz gedrückt, als wenn ſie in der That noch ihr einziger Troſt auf Erden ſei, dann bat ſie mit ſchwacher Stimme, ſie allein zu laſſen. Mary hatte ſich dem theilnehmenden Herbert, der gerade in der Verwirrung angekommen war, die den ungewöhnlichen Krankheitsfall der Mrs. Greville begleitete, um den Hals geworfen und weinte dort mit all der unbegrenzten Heftigkeit kindlicher Sorge. Mrs. Hamilton blieb einige Zeit bei ihrer bekümmerten Freundin, denn ſie nahm ſo innigen Antheil an derſelben, 142 daß ihre Geſellſchaft Mrs. Greville den einzigen Troſt brachte, den ſie in dieſem Augenblick von Menſchen haben konnte. „Ich klage nicht meinetwegen,“ lauteten die einzigen Worte, die bei dieſer ſchmerzlichen Zuſammenkunft wie eine Klage klingen konnten,„ſondern meines armen Kindes hal⸗ ber. Wie ſoll ihr ſchwacher Körper und ihr zarter Geiſt ſolche Prüfungen aushalten? O, Emmeline, welch ſchreck⸗ liches Loos, Beide, und zwar durch ihren Vater zu verlie⸗ ren!“ Und in der That ſchien es ſchwer, die Urſache eines ſo ſchrecklichen Schickſals zu finden, aber glücklicherweiſe konnte Mrs. Greville immer noch in Liebe und Vertrauen emporblicken, ſelbſt als aller Troſt und alle Freude auf Erden verſchwunden zu ſein ſchien, und nach wenig Tagen war ſie im Stande, ihre gewöhnlichen Berufsgeſchäfte wieder aufzunehmen, und durch beſtändige Beſchäftigung und ſchein⸗ bare Heiterkeit einigermaßen den Frieden und das Glück ihres Kindes wiederherzuſtellen. Weder Herbert noch Edward hatten Luſt, auf ihrem Nachhauſewege zu ſprechen, und Mrs. Hamilton war in ihren Gedanken ſo mit Mrs. Groville beſchäftigt, daß auch ſie keine Neigung hatte, ſich zu unterhalten. Herbert ſtellte Vergleichungen zwiſchen ſeinem und Mary's Vater an, und das Gefühl ſeines glücklicheren Looſes war ſo lebhaft, daß er ſich faſt von dem Gedanken gedrückt fühlte, daß er niemals dankbar genug ſein könne; denn was habe er gethan, um ein ſolches Glück zu verdienen? Und als Mr. Hamilton, der verwundert über ihre lange Abweſenheit ihnen entgegenge⸗ kommen war, zärtlich ſeinen Arm um ihn ſchlang und ihn fragte, was ihn ſo blaß und ſo nachdenklich gemacht haben könne, überwältigten den Knaben ſeine aufgeregten Gefühle vollſtändig. Er verbarg ſein Geſicht an der Bruſt ſeines Vaters und brach in Thränen aus, und dann die Erklärung ſeiner Mutter überlaſſend, denn er fühlte ſich dazu ganz außer Stande und wußte, daß ſie es konnte, ohne daß er es ihr zu ſagen brachte, ſtürzte er fort und ruhte nicht eher, als bis er ſich in dem Heiligthume ſeines Arbeitszimmers be⸗ i 143 . fand, und dort blieb er und ſuchte ſich durch ernſtes Nach⸗ denken und faſt unbewußtes Gebet zu beruhigen, bis die Glocke ihn zu ſeiner Familie zu Tiſche rief, der er ruhig und heiter wie gewöhnlich folgte. Edward vergaß nicht die Gedanken des Morgens, aber der Kampf, ſeinen Stolz zu beſiegen und Robert um Ver⸗ zeihung zu bitten, ſchien viel ſchwerer zu werden, als er die eindringlichen Worte ſeiner Tante nicht mehr hörte; aber er beſiegte ſich ſelbſt, und der zärtliche, beifällige Blick, womit er belohnt wurde, machte ihm ein ſo inniges Vergnügen, daß er faſt den Schmerz ſeiner Demüthigung vergaß. Zwölftes Kapitel. Cecil Graham's Philoſophie.— Ein Irrthum und ſeine Folgen.— Ein Geheimniß und eine vertrauliche Mittheilung. Einige Tage nach den Ereigniſſen des letzten Kapitels beſuchte Mrs. Hamilton in Begleitung von Perey Moor⸗ lands. Cecil Graham ſpielte im Garten und Percy blieb bei ihm, da ſeine Gutmüthigkeit ihn oft veranlaßte, ſich mit ihm zu beſchäftigen, wiewohl ſie faſt ſechs Jahre verſchiedenen Alters waren. „Gehſt Du Donnerſtag nach T., Percy? Dort wird es hübſch ſein, Wettrennen, Jahrmarkt, wilde Thiere, Schau⸗ buden und alles Mögliche. Natürlich wirſt Du hingehen?“ „Ich halte es nicht für wahrſcheinlich,“ erwiderte der junge Hamilton. „Nicht?“ wiederholte Cecil ganz erſtaunt.„Ich ſagte neulich erſt, wie ich mich freuen würde, ſo alt zu ſein wie Du. Es muß herrlich ſein, wenn man ſein eigener Herr iſt.“ „Ich betrachte mich noch nicht als meinen eigenen Herrn, Cecil. Bisweilen wünſchte ich, ich wäre es, andere Male 144 denke ich, daß ich ſo viel beſſer daran bin; und was dieſen Jahrmarkt anlangt, ſo wird Mr. Howard morgen zu⸗ rückkommen, und da habe ich keine Ausſicht, daß ich dahin dürfte.“ „Nun, könnteſt Du nicht einmal frei bekommen, Percy?“ erwiderte Cecil luſtig,„oder,“ fügte er lachend hinzu,„iſt Dein Papa vielleicht wie der meine und läßt ſolche Späße nicht zu? Er hält es für Unrecht, an ſolche Orte zu gehen; es wäre gegen die gute Sitte, und dergleichen dummes Zeug.“ „Sind das Deines Vaters Anſichten?“ fragte Percy in faſt böſem Tone. „Nun ja, ja! Warum ſiehſt Du mich aber ſo an, Percy? Ich habe nichts Böſes ſagen wollen; ich wiederholte nur, was ich Mama immer habe ſagen hören.“ „Das iſt nicht die allermindeſte Entſchuldigung für die Nichtachtung, mit der Du von Deinem Vater ſprichſt; und wenn er ſolche Anſichten hegt, ſo wundert es mich, daß Du überhaupt daran denken kannſt, zu dem Wettrennen zu wol⸗ len. Du kannſt ſeine Erlaubniß gar nicht haben.“ „Ja, aber Mama hat es mir erlaubt, wenn ich bis da⸗ hin artig bin. Kann ſie es möglich machen, ſo ſoll ich hin, denn ſie kann nichts Schlimmes darin finden. Und was die Erlaubniß meines Vaters anlangt, ſo würde ich nirgends hinkommen, wenn ich darauf warten wollte. Er iſt ſo un⸗ freundlich, daß ich mich immer fürchte zu ſprechen oder auch nur zu ſpielen, wenn er im Zimmer iſt.“ „Du biſt ein thörichter Knabe, Cecil,“ erwiderte der junge Hamilton.„Glaube mir, Du kennſt Deinen beſten Freund nicht. Ich würde es ſehr bedauern, wenn ich ſolche Gefühle gegen meinen Vater hegte.“ „Ja, aber Dein und mein Vater ſind ſehr verſchiedene Leute. Dein Vater ſtraft Dich niemals und verſagt Dir ſeine Erlaubniß nicht, wenn Du gern Etwas thun oder ir⸗ gend wohin gehen möchteſt.“. „Wenn Papa meine Wünſche für thöricht hält, oder glaubt, daß ſie mich auf einen Irrweg führen können, ſo verſagt er mir ſeine Erlaubniß ohne alles Beſinnen, Cecil. ————— — 145 Und da ich alt genug bin, ſo hoffe ich, mich ſo zu benehmen, daß es keiner Strafe bedarf. Als ich ſo jung war wie Du, beſtrafte mich Papa ſehr häufig ſowohl wegen meiner Heftig⸗ keit, als meines Stolzes halber.“ 8„Aber dann war er wieder gut gegen Dich. Ich würde mich nicht ſo ſehr um Papa's Strenge kümmern, wenn ich unartig bin, wenn er nur gut wäre oder mich beachtete, wenn ich gut bin. Aber hat Dir Dein Vater geſagt, daß Du nicht zu dem Wettrennen gehen ſollteſt?“ „Das nicht, er hat blos geſagt, daß er den Tag für einen verlorenen hielte und daß die Ausſchweifungen und das Spiel, welche die Wettrennen immer begleiten, für junge Leute durch⸗ aus nicht paßten. Wollte ich mein Pferd nehmen und hin⸗ reiten, ſo würde er vielleicht nicht böſe ſein, da ich alt genug bin, wie er ſagt, in gewiſſen Dingen meinem eigenen Urtheile zu folgen; aber ich würde gegen ſeine Grundſätze handeln, was ich gerade jetzt nicht thun möchte, denn ich weiß, ich würde ſpäter deshalb zu leiden haben.“ „Nun, ich kann Dir nur ſagen, daß ich, wenn ich ſo alt bin wie Du, Percy, mich als meinen eigenen Herrn betrachten werde. Ich hoffe dann in Eton zu ſein, und dann wollen wir ſehen, ob Cecil Graham nicht etwas Herz im Leibe hat. Ich möchte nicht an Dakwood und Mr. Howard's Stunden gefeſſelt ſein wie Du, Percy, gewiß um Alles in der Welt nicht!“ „Nimm' Dich in Acht, Cäcil, daß Dein Herz nicht über⸗ wallt, wenn Du in Eton biſt, und Dich nach Moorlands zurückwünſcheſt,“ erwiderte Perch, indem er über die ſchnur⸗ rigen Verſuche ſeines jungen Freundes herzlich lachte, ſich ein Anſehen zu geben, indem er den Hut auf die Seite ſetzte, den Stock ſchwang und ſich größer zu machen ſuchte. Cecil nahm indeſſen ſein Lachen nicht übel, und ſie blieben in freund⸗ ſchaftlicher Unterhaltung, bis Mrs. Hamilton Percy zum Nachhauſegehen aufforderte. Unſere Leſer haben vielleicht gefunden, daß Perey heute nicht ſo lebhaft war wie ſonſt. Sollte es nicht der Fall ſein, 1 ſo fand es wenigſtens ſeine Mutter, denn ſeltſamerweiſe ging 10 ———— — 146 er ſtumm und niedergeſchlagen neben ihr her. Sein Leicht⸗ ſinn führte ihn oft auf Irrwege und ihre unangenehmen Folgen, und da ſie fürchtete, daß dies wieder der Fall geweſen, ſo fragte ſie ſcherzend nach der Urſache ſeines ganz ungewöhn⸗ lichen Nachdenkens. Er wurde roth, umging aber die Frage und fing an zu ſprechen. Seine Mutter war unbeſorgt, denn ſie hatte vollkommenes Vertrauen zu ihm, ſo daß ſie wußte, wenn er einen Fehler begangen habe, ſo würde er ihn wieder gut machen, und bei ſeinen guten Grundſätzen würde er ſich eines ſolchen nicht wieder ſchuldig machen. Inzwiſchen hatte ſich der junge Hamilton durch eine Reihe von ziemlich unklugen Streichen in eine ſo unge— wöhnliche und unangenehme Lage geſtürzt, daß er nicht recht wußte, wie er ſich herauswickeln ſollte, ohne ſeinem Vater Alles zu geſtehen, und ſoviel Muth er im Allge⸗ meinen beſaß, ſo war es ihm doch kaum möglich, in dieſem Falle denſelben zu finden. Eins der ſtrengſten Gebote Mr. Hamilton's war, daß ſeine Söhne keine Schulden machen ſollten, und um ſie vor der Verſuchung zu wahren, hatten ſie ein reichliches Monatsgeld und durften ſich jeden Genuß verſchaffen, nach dem ſie begehrten. Percy war aus Leichtſinn und Freigebigkeit ziemlich ge⸗ neigt zur Verſchwendung, und dies hatte ihm oft ſolchen Ver⸗ druß bereitet, daß er wiederholt den Entſchluß faßte, dem Rathe ſeines Vaters zu folgen und über ſeine Ausgaben Buch und Rechnung zu halten. Seine Bewunderung für die ſchönen Künſte, die ſeine Mutter emſig bei ihm gepflegt hatte, hatte nur eine üble Wirkung und das war ſeine Lei⸗ denſchaft für Kupferſtiche und Gemälde, für illuſtrirte und ſchön gebundene Bücher, die ihn bisweilen über die Grenze hinausführte und ihn ſehr oft bedauern ließ, daß er nicht ebenſo gut den Inhalt dieſer Werke, wie ihre Bilder und Einbände geprüft habe. Er hatte Mr. Harris, einem großen Buchhändler und Verleger in T. Auftrag gegeben, ihm eine Reihe von Kupferſtichen zu beſorgen, deren intereſſante Ge⸗ genſtände und ſchöne Arbeit Mr. Graham ihm ſo lebhaft geſchildert hatte, daß der junge Hamilton es für ganz un⸗ — — — 147 möglich hielt, dieſelben entbehren zu ſollen, bis ſein Vater oder er die Hauptſtadt beſuchen und ſo im Stande ſein würde, ſelbſt über ihren Werth zu urtheilen. Der Auftrag wurde ohne die geringſte Rückſicht auf den Preis gegeben. Sie kamen zu Ende des Monats an, und zu ſeinem großen Erſtaunen entdeckte der junge Herr, daß ſein Monatsgeld ſo weit verausgabt war, daß er nicht mehr als ein Achtel der nöthigen Summe hatte. Er wußte nicht recht, was er thun ſollte. Mr. Harris hatte große Mühe gehabt, die Kupferſtiche zu bekommen, und natürlich war es nun Ehren⸗ ſache für ihn, ſie zu nehmen. Wenn er wartete, bis er ſie bezahlen könnte, mußte er ein ganzes Monatsgeld opfern, und wie konnte er ſich dann bis zum nächſteu Monat ſchul⸗ denfrei halten? Sich an ſeinen Vater zu wenden, das war ihm ein zu ſchmerzlicher Gedanke; wie konnte er ſeinen ſo gü⸗ tigen und nachſichtsvollen Vater bitten, eine Schuld zu be⸗ zahlen, die er durch eine ſo gedankenloſe und unnöthige Aus⸗ gabe gemacht hatte? Mr. Harris nahm die Sache ſehr leicht und erklärte, es habe Nichts zu bedeuten, wenn Mr. Perey ihn auch ein Jahr nicht bezahle; er wolle ihm jede Summe und auf wie lange er wolle ereditiren. Aber keinen Verſuch zu machen, ſeine Schuld zu bezahlen, war ebenſo unmöglich, als mit ſeinem Vater darüber zu ſprechen; daher entſchloß er ſich nach einem heftigen Kampfe mit ſeinem Stolze, der ſich durch⸗ aus mit dem Gedanken nicht vertragen konnte, ſeine Unfähig⸗ keit, das Ganze zu bezahlen, zu verrathen oder Mr. Harris um eine Gefälligkeit zu bitten, ſeine Schuld in Terminen zu bezahlen und ſo in zwei oder drei Monaten allerſpäteſtens die ganze Schuld abzuwickeln. Eine Woche nachher erhielt er ſein Monatsgeld, und in⸗ dem er direkt nach der Stadt ritt, erleichterte er ſein Gewiſſen von der Hälfte ſeiner Schuld. Indeß nur die Hälfte ſeiner gewöhnlichen Summe für ſeine monatlichen Ausgaben zu haben, das verurſachte ihm ſo viele Beſchränkungen, daß er ſelbſt mit Widerwillen die Kupferſtiche anſah, deren Beſitz er ſo ſehr gewünſcht hatte, aber er erwartete, wenigſtens näch⸗ ſten Monat von Mr. Harris los zu ſein. Der Gedanke, ſei⸗ 10* 148 nem Vater ungehorſam zu ſein, indem er überhaupt eine Schuld gemacht hatte, verurſachte ihm noch mehr Verdruß als alles Andere. Wiederum kam der erſte des Monats heran, und die volle Summe, die erforderlich war, zu ſich ſteckend, machte er ſich auf. Aber unterwegs begegnete ihm eine ſo unglückſelige Scene, daß kein Gedanke, außer dem, wie hier zu helfen ſei, zurück⸗ blieb. Er begleitete den armen, halb Verhungerten in eine Hütte, in welcher eine ſcheinbar ſterbende Frau mit einem neugebornen Kinde und zwei oder drei halbverhungerten, halb— nackten Kindern lag, hörte ihre Geſchichte an, die wirklich auf Wahrheit und Unglück, nicht auf ſchnöden Betrug ge⸗ gründet war, ſchüttete den ganzen Inhalt ſeiner Börſe in ihren Schoß und eilte nach T., um nicht Mr. Harris, ſondern Mr. Maitland aufzuſuchen und ihn zu bitten, daß er zuſehen möge, was ſeine Kunſt für die arme Frau thun könne. Er traf dieſen Herrn in der Vorſtadt, erzählte ſeine Geſchichte und war ſo erfreut über Mr. Maitland's Verſprechen, ſich ſogleich dorthin begeben zu wollen und auch den Fall mit⸗ leidigen Seelen zu erzählen, die helfen könnten, daß er an weiter Nichts dachte, bis er ſich vor Mr. Harris Laden be⸗ fand und ſein klopfendes Herz ſich plötzlich wie zuſammenge⸗ preßt fühlte. Die Ueberzeugung ging ihm auf, daß er Geld weggeſchenkt hatte, welches wirklich nicht ſein Eigenthum war, und die That, die ihm ſoviel innere Freude gemacht hatte, ſchien ihm nun zum bitterſten Vorwurf umzuſchlagen. Er ritt zurück, ohne Mr. Harris ſelbſt aufzuſuchen, denn was konnte er ihm als den Grund ſeiner Nichtbezahlung angeben? Gewiß nicht, daß er ſein Geld weggeſchenkt. Den erſten Mai, ſeinen Geburtstag, hatte er ſchon längſt verſprochen, mit einigen Jünglingen und Knaben zuzubringen, mit denen er ſich zu einer Kegelpartie, einem heiteren Diner, einem Ausflug am Nachmittag und zum Schluß zu einem Souper mit Sang und Klang verabredet hatte. Mr. Ha⸗ milton hatte gewünſcht, daß Perey die Partie nach Tiſch ver— laſſen möchte, und hatte ihm das geſagt, indeß nicht befehls⸗, ſondern nur andeutungsweiſe, indem er ihm die Erlaubniß —— ————— p. ——,— ——ᷓ——— 149 gab, darüber nach eigenem Gutdünken zu entſcheiden. Percy wußte, daß der Tag verſchiedene Koſten verurſachen würde, aber er hatte ſo lange ſchon zugeſagt, die Partie mitmachen zu wollen, die, wie Alle erklärt hatten, ohne ihn Richts ſein würde, und ſeine eigenen Neigungen drängten ihn ſo ſehr, daran Theil zu nehmen, daß es ihm ganz unmöglich ſchien, ſich zurückzuziehen, beſonders da er keine Entſchuldigung da⸗ für anführen konnte. Wie konnte er ſagen, daß er die Mit⸗ tel nicht aufwenden könne, da er faſt der Reichſte der ganzen Geſellſchaft war oder wenigſtens hätte ſein ſollen, und was ſollte ſein Vater denken? Er ging. Der Tag war ſehr heiter und ſo vergnüglich, daß, wiewohl er mit der Abſicht von Haus weggegangen war, die Geſellſchaft nach Tiſch zu verlaſſen, er den Bitten ſeiner Freunde und ſeinen eigenen Wünſchen nicht widerſtehen konnte und blieb. Beim Souper allein ſchien die Aufregung und Schwelgerei die Oberhand gewonnen zu haben, und Percy, wiewohl er ſich ſtandhaft aller Ausſchreitungen enthielt, war nicht ganz ſo vorſichtig wie gewöhnlich. Ein Geiſtlicher hatte ſich vor Kurzem in T. gezeigt, deſſen Aeußeres, Ma⸗ nieren und Anſichten mehr Nahrung als gewöhnlich zu Schwätzereien und unchriſtlichen Urtheilen gegeben hatten. Allerdings hätte ihn ſein geiſtliches Gewand ſchützen ſollen, aber es ſteigerte nur die Satyre und das Gelächter, das er einmal erregte. Er wurde von den leichtſinnigen Jünglingen in der Geſellſchaft Percy's auf das Tapet gebracht, unbarm⸗ herzig beſpöttelt und zum Gegenſtand einiger hübſchen Carri⸗ caturen und Satyren gemacht, und wiewohl ſich der junge Hamilton zuerſt zurückhielt, ſo konnte er doch der Anſteckung nicht widerſtehen. Er machte ein halbes Dutzend ſo witziger und treffender Verſe, daß ſie mit rauſchendem Beifall aufge⸗ nommen wurden und einmüthig verlangt wurde, daß ſie ver⸗ theilt werven ſollten. Dies aber lehnte er entſchieden ab und ſteckte ſie mit einem oder zwei anderen Gedichten unſchuldigerer Art in die Taſche. Der Tag ging zu Ende und der nächſte Morgen brachte ſoviel Reue und eine ſolche wirre Erinnerung an das ſehr 150 ungewöhnliche Vergnügen des verfloſſenen Abends mit ſich, daß er froh war, nicht weiter daran zu denken, und er warf ſeine Satyre, wie er dachte, in's Feuer. Er war ſo unan⸗ genehm berührt von der Ueberzeugung, daß er Mr. Harris nur ein Dritttheil ſeiner Schuld bezahlen könne, daß er, ſo geringfügig die Sache in der That war, an nichts weiter dachte. Nun war Mr. Harris Herausgeber eines ziemlich witzigen Wochenblattes, und Percy war zufällig in ſeinem Geſchäft, um ihn zu ſprechen, während er einem Mitarbeiter das Honorar auszahlte. „Ich wünſchte, ich hätte ſoviel Witz, um auf dieſe leichte Weiſe meine Schuld an Sie bezahlen zu können,“ ſagte er halb lachend, als der Fremde ſie verließ. „Ich wünſchte, alle meine Kunden wollten eben ſo gern ihre großen Schulden bezahlen, als ſie Ihre kleinen,“ erwiderte Mr. Harris.„Aber ich habe Etwas von Ihren hübſchen Gedichten gehört, Mr. Perey. Wenn Sie mich Etwas ſehen laſſen wollen, ſo bin ich vielleicht im Stande, Ihnen einen Dienſt zu erweiſen, da es Ihnen ſo ſehr am Herzen zu liegen ſcheint, nichts mehr mit mir zu thun zu haben.“ „Als Schuldner, nicht als Käufer, Mr. Harris, und ich gebe Ihnen die Verſicherung, ich denke nicht halb ſo ſehr an Sie, als an meinen Ungehorſam. Ich will Ihnen meine Ge⸗ dichte ſenden, nur müſſen Sie mir Ihr Wort geben, ſie ohne meinen Namen zu veröffentlichen.“ „Sie werden nicht ſoviel werth ſein,“ erwiderte Mr. Harris lächelnd. „Laſſen Sie mich nur wiſſen, um wieviel Sie meine Schuld vermindert haben und wieviel Sie noch brauchen, um dieſelbe zu tilgen; ich will dann ſofort um die Gunſt der Muſen buhlen,“ erwiderte Percy mit ſeiner natürlichen Heiterkeit, denn er wußte, daß er beſſere Verſe ſchrieb, als die Mr. Harris ſo anſtändig bezahlt hatte, und der Gedanke, ſich wieder frei zu fühlen, war ſo angenehm, daß er, nachdem er Mr. Harris' feierliches Verſprechen erhalten hatte, daß er ſeine Autorſchaft nicht verrathen wolle, glücklicher als er ſeit vielen Tagen geweſen war, nach Hauſe galoppirte. N ————————— — ——————„— 15¹ Mr. Harris hatte geſagt, daß er dieſelben noch dieſen Abend haben müſſe, und Robert begab ſich eben nach der Stadt, als ſein junger Herr in's Haus trat. Dieſer nahm raſch ſeine Mappe heraus und ſchickte ſie fort. Sein Gewiſſen war ſo vollkommen frei, daß er Etwas darin habe, was er nachher Urſache haben könne, zu bereuen, daß es ihm nicht einfiel, dieſelbe durchzuſehen, und ſein Vergnügen war ſehr groß, als einige Zeilen von Mr. Harris ankamen, die ſein Talent höchlich belobten und ſich dahin ausſprachen, daß die Gedichte, die er ausgewählt habe, ſelbſt ohne den Reiz ſeines Namens ſeine kleine Schuld vollſtändig bezahlen würden. Perey hatte ſich entſchloſſen, zu warten, bis die Gedichte erſchienen, und dann, nachdem er ſeine Schuld bezahlt hätte, Muth zu faſſen und ſeinem Vater die ganze Sache zu bekennen, denn ſeine Wahrheitsliebe machte ihm eine längere Verheim⸗ lichung unerträglich. Er hoffte und glaubte, daß ſein Vater ſeine Reue und die beſtändigen Beſchränkungen, die er ſich ſo lange hatte auferlegen müſſen, als genügende Strafe für ſeinen Ungehorſam anſehen und ihm nach einiger Zeit das Vertrauen zurückgeben würde, welches er, wie er befürch⸗ tete, nach ſeinem Geſtändniß ihm würde entziehen müſſen. Wie groß war daher ſein Kummer, ſein Aerger, faſt ſeine Verzweiflung, als er unter den ausgewählten Gedichten die Verſe wiedererkannte, die er an dem Morgen, nachdem ſie geſchrieben worden, verbrannt zu haben glaubte und die gedruckt und mit nüchternem Verſtande geleſen, eine ſo herz⸗ loſe, empörende, grauſame Beleidigung nicht nur gegen einen Mitmenſchen, ſondern ſogar gegen einen Diener Gottes ent⸗ hielten, daß er ſich faſt niedergeſchmettert fühlte. Was konnte er thun? Mr. Harris war kein Vorwurf zu machen, denn er hatte bezüglich des Inhalts ſeiner Mappe keine Ausnahme gemacht. Sein Name ſtand allerdings nicht dabei, und ſie waren nur einmal oberflächlich ſeinen Gefährten bei jenem haſſenswürdigen Souper, denn ſo kam es ihm jetzt vor, vor⸗ geleſen worden, die faſt Alle damals nicht ganz nüchtern wa⸗ ren; es war alſo möglich, daß ſie niemals als ſein Machwerk bekannt werden würden, und da ihr Gegenſtand nicht in der 152 Nähe irgend einer der Städte, wo das Blatt möglicherweiſe eirculirte, wohnte, ſo mochten ſie ihm nie vor Augen kommen. Aber dies Alles war ein ſchlechter Troſt. Das Blatt war ſehr ſelten in Dakwood zu ſehen, aber ſein Inhalt wurde oft in Gegenwart ſeiner Aeltern beſprochen, und wie konnte er eine Anſpielung auf dieſe Verſe ertragen, wie dieſe fortgeſetzte Verheimlichung, ja wie es ihm ſchien, dieſen Betrug ertragen? Und dies Alles kam von der einzigen Uebereilung her, daß er einen koſtſpieligen und unnöthigen Kauf machte, ohne zu bedenken, wie er denſelben bezahlen ſollte. Es war ihm nicht möglich, ſeinem Vater die Wahrheit zu ſagen, ſich als Autor einer ſolchen Satyre und über einen ſolchen Gegenſtand zu bekennen. Konnte er es ſeiner Mutter ſagen und ihre Ver⸗ mittelung erbitten? Dies erſchien ihm wie ein Mangel an Vertrauen gegen ſeinen Vater. Nein, wenn er jemals Muth gewinnen ſollte, ein offenes Geſtändniß zu machen, ſo konnte er es nur Mr. Hamilton gegenüber. Aber je mehr er dar⸗ über nachdachte, deſto mehr fehlte es ihm zum erſten Male an Muth. Es war gerade den Tag vor ſeinem Beſuch bei Lady Helen, wo er dieſe Kette von Mißgeſchicken entdeckt hatte, und deshalb war es nicht zu verwundern, daß er ſo nieder⸗ geſchlagen war. Zwei Tage nachher bat Herbert mit tiefem Erröthen und ſehr ſchüchterner Stimme ſeinen Vater, ihm eine große Gunſt zu gewähren. Er fürchte ſich faſt, darum zu bitten, aber er hoffe und glaube, ſein Vater werde ſeiner Verſicherung glauben, daß es nichts Ungehöriges ſei. Er wünſche den nächſten Tag einige Stunden ohne Begleitung von Haus wegſein zu können. Er werde reiten, aber er ſei ſo gewöhnt zu reiten und ſein Pferd ſei ſo zuverläſſig, daß er hoffe, allein reiten zu dürfen. Mr. Hamilton war eben ſo überraſcht, wie alle anderen Anweſenden. Daß der ruhige fleißige Herbert ſo bald nach Mr. Howard's Rückkehr ſeinen Lieblingsbeſchäftigungen untreu werden und einen ſo geheim⸗ nißvollen Ausflug machen wollte, das war etwas ſo außer⸗ ordentliches, daß ſeine Schweſtern und Edward ihre Verwun⸗ derung darüber laut werden ließen. Perey blickte auf, machte aber keine Bemerkung. Mr. Hamilton ſann eine Weile nach, 153 indeß nur um das Geſicht ſeiner Gattin zu befragen, dann antwortete er:„Du haſt uns gewiß nur myſtificirt, mein Junge, aber ich gebe Dir gern meine Erlaubniß, und wenn ich im Geſichte Deiner Mutter leſen kann, ſo iſt die ihrige nicht weit entfernt. Du biſt jetzt ziemlich fünfzehn Jahr alt, und nicht einmal ſeit Deiner Geburt hat mir Dein Benehmen auch nur eine unruhige oder ſchmerzliche Stunde gemacht. Ich habe daher genügendes Vertrauen zu Dir, um Dich, wie Du es wünſcheſt, allein fortzulaſſen. Ich will ſelbſt nicht nach Deinen Abſichten fragen, denn ich bin überzeugt, ſie werden Dich nicht auf unrechte Wege führen.“ „Ich danke Dir tauſendmal, mein lieber Vater, ich hoffe, ich werde nie Etwas thun, was mir Dein Vertrauen ver⸗ ſcherzt,“ erwiderte Herbert ſo eifrig, daß ſeine Wangen ſich noch röther färbten und ſeine Augen glänzten. Dann warf er ſich auf die Fußbank zu ſeiner Mutter Füßen und ſagte bittend:„Willſt auch Du mir vertrauen, theuerſte Mutter, und mir verſprechen, nicht ängſtlich zu ſein, wenn ich erſt nach unſerer Tiſchzeit zurückkehre? Verſprich mir Dies, ſonſt wird mir mein Ausflug kein Vergnügen machen.“ „Sehr gern,“ erwiderte Mrs. Hamilton zärtlich.„Ich vertraue meinem Herbert faſt eben ſo ſehr wie ſeinem Vater; doch möchte ich nicht daſſelbe von dieſem oder jenem jungen Manne ſagen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihre Hand auf Percy's Schulter legte, und Edward, dem es ſo außer⸗ ordentliches Vergnügen machte, daß der ſolide Herbert ein Landſtreicher werde, ſo lachte, daß er ſeinem Erſtaunen in den mannigfachſten Grimaſſen Luft machte. Percy ſeufzte ſo tief, daß ſeine Mutter erſchrak. „Ich wollte Dir keine ſo ſchweren Seußßzer entpreſſen, mein Knabe,“ ſagte ſie.„In irgend einer Noth würde ich Dir ebenſo unbedingt vertrauen als Herbert, aber Du haſt ſelbſt ſo oft gewünſcht, daß Du ſeine Beſtändigkeit hätteſt.“ „Jawohl, Mutter, ich wünſchte, ich wäre ihm in allen Dingen ähnlicher!“ rief Percy aus mit einem weit verzwei⸗ felteren Tone, als man ſonſt bei ihm zu hören gewöhnt war. „Du wirſt mit der Zeit ſchon beſtändig werden, mein 154 Junge. Ich hege nicht den mindeſten Zweifel, und da ich die Mannigfaltigkeit auch bei meinen Kindern liebe, ſo möchte ich lieber meinen Perey mit allen ſeinen kleinen Verirrungen behalten, als ſelbſt einen zweiten Herbert haben. Mache daher nicht ein ſo betrübtes Geſicht, ſonſt werde ich denken, daß ich Dir Schmerz verurſachte, während ich blos im Scherz ſprach.“ Percy ſchlang ſeinen Arm um ihre Taille und küßte ſie zwei oder drei Mal, ohne ein Wort zu ſagen, und als er zurücktrat und in ſeinem gewöhnlich heiteren Tone ſagte, daß, da er nicht die Abſicht habe, morgen im Lande umher⸗ zuſtreifen, er ſich entfernen und noch eine Arbeit vollenden müſſe, ſah ſie Thränen in ſeinen Augen. Sie war überzeugt, daß Etwas nicht ganz in der Ordnung ſei, aber ſie hatte noch immer Vertrauen zu ſeiner Offenheit und guten Geſinnung und ſprach ihre Befürchtungen ſelbſt nicht gegen ihren Gat⸗ ten aus. Der Morgen kam. Perey und Edward gingen zu Mr. Howard und Herbert beſtieg halb zehn Uhr ſein ruhiges Pferd, und nachdem er ſeine Mutter zärtlich umarmt und noch ein⸗ mal Vorſicht verſprochen hatte, ritt er ab. Er war um fünf Uhr des Morgens aufgeſtanden und ſtudirte bis zum Früh⸗ ſtück ſo eifrig, daß er für den nächſten Tag das Doppelte ſeiner Aufgabe fertig hatte. Er hatte, als er wegritt, geſagt, daß, wenn er ſo lange ausbleiben könnte, er auf ſeinem Rück⸗ wege in Greville⸗Manor vorſprechen, dort eine Taſſe Thee trinken und in der Kühle des Abends nach Hauſe zurück⸗ kehren würde. „Nächſtens, mein ſehr beſcheidener Sohn, wirſt Du, wie es mir ſcheint, bitten, die ganze Nacht ausbleiben zu dürfen,“ erwiderte Mrs. Hamilton,„und dies wird Dir ſicher abge⸗ ſchlagen werden. Dies iſt das Letzte, was ich Dir bewillige. Nun fort mit Dir, mein Junge, und viel Vergnügen!“ Aber Herbert erwartete nicht halb ſoviel Vergnügen, als wenn er wie gewöhnlich zu Mr. Howard gegangen wäre. Er wollte ſeinen wahren Zweck nicht verrathen, denn es ſchien nicht ſehr wahrſcheinlich, daß er denſelben erreichen würde, —— 155 und wenn er ihn dennoch erreichte, ſo wäre es ihm ebenſo ſchmerzlich geweſen, davon zu ſprechen, da es ſich um einen Akt der Menſchenliebe handelte. Der Tag ging ruhig vorüber und eine volle Stunde vor dem Gebet ſah man Herbert daherkommen, und als er in das gewöhnliche Wohnzimmer trat, ſah er ſo glücklich, ſo belebt aus, daß, wenn ſeine Aeltern irgend welche Sorge empfunden hätten, was nicht der Fall war, dieſelbe ſofort verſchwunden ſein würde. Aber wiewohl ſie ſich beruhigten und ihn nicht fragten, ſo gab ſich doch die junge Geſellſchaft nicht zufrieden, und mit Ausnahme von Perey, der eifrig mit einer Zeichnung beſchäftigt zu ſein ſchien, wurde ihm von allen Seiten zuge⸗ ſetzt, und zu ihrem großen Vergnügen ſchlug ſich Mr. Hamil⸗ ton auf die Seite der Neugierigen, ſeine Gattin auf die ihres Sohnes. „Mama kann recht wohl Herbert's Partei nehmen,“ rief die kleine luſtige Emmeline aus,„denn natürlich weiß ſie Alles, Herbert wird ihr nichts vorenthalten haben.“ „In der That, ich weiß nichts,“ und„ich habe es nicht einmal der Mama anvertraut,“ antworteten Beide in dem⸗ ſelben Augenblicke, aber ihr Verneinen half Nichts, und die Gebetglocke erklang, ehe die Neugierigen nur die geringſte Befriedigung erhalten konnten, außer daß ſie erfuhren, daß Herbert von halb ſieben Uhr an ſehr ruhig bei Mrs. Greville geweſen war. An demſelben Abend, als Perey in düſterem Nachdenken in ſeinem Zimmer ſaß, ehe er zu Bett gehen wollte, fühlte er, daß Jemand ſanft die Hand auf ſeine Schulter legte, und als er aufblickte, ſah er ſeinen Bruder. „Haſt Du alle Theilnahme für mich verloren, Percy?“ fragte Herbert mit faſt ſchwermüthigem Vorwurfe.„Wenn Du nur ein fragendes Wort über mein Vorhaben an mich gerichtet hätteſt, ich würde Dir Alles ohne die geringſte Zu⸗ rückhaltung geſagt haben. Du haſt Dich niemals ſo wenig um mich gekümmert, und wahrlich das gefällt mir Aicht.“ „Ich konnte nicht auf Dein Vertrauen rechnen, mein lieber Herbert, nachdem ich in den letzten drei Monaten ſo wenig offen gegen Dich geweſen bin. Gewiß, ſo ſehr mich 156 meine Thorheit kränkt, ſo nahm ich doch an Deinem Ausflug eben ſo warmen Antheil wie die Anderen, wiewohl ich vor— ausſetzte, daß ſein Zweck nichts Anderes als ein gutes Werk ſei. Aber wie konnte ich nach Deinem Geheimniß fragen, da ich ſo zurückhaltend gegen Dich war?“ „Dann laß uns ferner keine Geheimniſſe vor einander haben, liebſter Percy,“ bat Herbert, indem er ſeinen Arm um ſeinen Nacken ſchlang und ihm mit zärtlichem Vertrauen in's Geſicht ſah.„Ich ſehe durchaus nicht ein, warum mein Geheimniß beſſer ſein ſoll als das Deine. Du ſprichſt von Thorheit und ich dachte mir ſeit einigen Tagen, daß Du nicht ganz glücklich wäreſt; aber Du machſt Dir oft viel größere Vorwürfe, als Du verdienſt, ſo daß Du mich nicht im min— deſten erſchreckſt. Du ſagteſt geſtern Abend, Du wünſchteſt mir ähnlicher zu ſein, aber wahrlich, wenn Du es wäreſt, würde es mir ſehr leid thun. Was würde aus mir werden ohne Deine Heiterkeit und Lebendigkeit und Deine Kraft und Deine ewige Sorge, mich vor allen Schmerzen, geiſtigen und körperlichen, zu ſchützen? Ich würde in meinem Bruder nicht gern mein zweites Ich ſehen.“ „Ich auch nicht das meine,“ erwiderte Perey ſo aufge⸗ heitert, daß er faſt über Herbert's originelle Idee lachte, und nachdem er mit innigem Intereſſe ſeiner Geſchichte zugehört, faßte er Muth und erzählte ihm die ſeine. Herbert konnte ihn indeß in dieſem Falle nicht ſo erfolg⸗ reich tröſten wie gewöhnlich. Die Satyre verurſachte ihm Bangen; alles Andere als Das, ſelbſt die Schuld, dachte er, ließe ſich durch ein offenes Bekenntniß gegen ſeinen Vater leicht wieder in Ordnung bringen, aber das unglückliche Verſehen, daß er ſeine Papiere nicht unterſucht, ehe er ſie an Mr. Harris geſchickt, die Unmöglichkeit, ihre Verbreitung zu verhindern, war für die beiden Knaben mit ihrem offenen Herzen und ihren guten Grundſätzen etwas höchſt Schmerz⸗ liches. Es hatte für Beide nicht die geringſte Bedeutung, daß Percy niemals als Verfaſſer bekannt werden konnte. Herbert konnte ihm nicht ſagen, was er thun ſollte, außer, wenn er es über ſich gewinnen könnte, es ſeinem Vater zu ———————,————————— 157 geſtehen, und ſelbſt wenn er ihm nicht helfen könnte, ſei er der Anſicht, daß es ihm eine große Laſt vom Herzen nehmen würde. Und dann machte er ihm ſanfte Vorwürfe, daß er nicht zu ihm gekommen, um ihm ſeine Schuld bezahlen zu helfen; es ſei doch ſicher viel beſſer, ſeinem Bruder eine Kleinigkeit zu ſchulden, als Mr. Harris. „Und um meiner Verſchwendung genug zu thun, ſollte ich Dich eines viel reineren und beſſeren Vergnügens berau⸗ ben?“ erwiderte Perey entrüſtet.„Nein, nein, Berthie, er⸗ warte nicht, daß ich etwas Derartiges thue, lieber wollte ich die Strafe meiner Fehler fünfzigmal ecleiden. Ich wünſchte, ich wäre wieder ein Kind,“ fügte er mit faſt komiſcher Reue hinzu,„und Mama wäre jeden Abend zu mir gekommen, wie ſie zu thun pflegte, ehe ich ſchlafen ging. Es war dann ſo leicht, ihr Alles zu erzählen, was ich im Laufe des Tages ge⸗ fehlt hatte, und dann wurden aus einer Verirrung nicht ſo viele. Aber nun?— es muß heraus ſein, ehe der Sonntag kommt, und ich kann es dem Vater nicht ſagen, außer wenn es an dieſem Tage nicht an's Licht kommt. Aber gehe zu Bett, lieber Herbert, ich werde Deine bleichen Wangen mor⸗ gen ebenfalls auf dem Gewiſſen haben.“ Dreizehntes Kapitel. Mr. Morton's Geſchichte.— Ein Geſtändniß.— Ein junger Fürbitter.— Großmuth iſt nicht immer Gerechtigkeit. „Emmeline, erinnerſt Du Dich eines gewiſſen Mr. Mor⸗ ton, der vor fünf oder ſechs Wochen zu Aveling Mr. Howard's Stelle vertrat?“ fragte Mr. Hamilton ſeine Gattin am Sonntagsmorgen nach Herbert's geheimnißvollem Ausflug. Die Familie hatte den Frühſtückstiſch verlaſſen. „Sehr wohl,“ lautete die Antwort.„Der arme junge Mann! ſein Aeußeres und ſeine krankhaft ſchwache Stimme erregten zu tiefes Mitleiden, als daß man ſich ſeiner nicht erinnern ſollte.“ „Iſt er nicht mißgeſtaltet?“ fragte Miß Harcourt. „Seine Manier, wie er auf der Kanzel ſtand, hatte etwas recht Peinliches.“ „Er iſt jetzt etwas mißgeſtaltet, aber vor noch nicht fünf Jahren hatte er eine hübſche, faſt elegante Figur, wiewohl er immer zu ſchwach für die angreifenden geiſtlichen Verrichtun⸗ gen zu ſein ſchien, denen er ſich widmete. Er war von guter Familie, aber ſeine Eltern kamen plötzlich ſehr zurück und mußten ſich viele Opfer auflegen, um ihn nach Oxford gehen laſſen zu können. Dort gönnte er ſich keine Erholung und kein Vergnügen ſelbſt der harmloſeſten Art. Sein einziger Wunſch ſchien zu ſein, ſeinen Aeltern einigermaßen die ſchwere Schuld der Dankbarkeit zu vergüten, die er ihnen nach ſeinem Gefühl ſchuldete. Sein anhaltender Fleiß, ſein großes Ta⸗ lent und ſein ausgezeichnetes Betragen gewannen ihm einige einflußreiche Freunde, deren einer ihm, ſobald er ordinirt war, eine reiche Pfründe im Norden gab. Neun Monate genoß er das ungetrübteſte Glück. Sein hübſches Pfarrhaus bot ſeinen Aeltern eine behagliche glückliche Heimath, und das bequeme Leben, das ſie jetzt genoſſen und das ihnen das Ver⸗ dienſt ihres Sohnes bereitete, belohnte ſie reichlich für frühere Opfer. An einem kalten Winterabend wurde er zu einem armen Gemeindemitgliede gerufen, das etwa zehn Meilen entfernt wohnte. Die Straße war zerklüftet und an man— chen Stellen gefährlich, aber er war nicht der Mann, der ſich durch ſolche Gründe von ſeiner Pflicht zurückſchrecken ließ. Er wurde acht Stunden aufgehalten, während welcher Zeit es unaufhörlich geſchneit hatte, und es war ſtockfinſter. Da er indeß glaubte, den Weg zu kennen, ſo rüſtete er ſich zur Heimkehr, und am nächſten Morgen fand man ihn, dem An— ſcheine nach todt, am Fuße eines Abgrundes und faſt zer⸗ quetſcht unter dem verſtümmelten Kadaver ſeines Pferdes.“ Die ganze kleine Gruppe ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus, ausgenommen Percy und Herbert, von denen 159 der Erſtere ſein Geſicht mit den Händen bedeckte, während ſein Bruder ſolches Mitleid mit ihm zu haben ſchien, daß er außer Stande war, in das allgemeine Gefühl einzuſtimmen. Alle waren indeß von Mr. Hamilton's Erzählung ſo in Be⸗ ſchlag genommen, daß ſie Beide nicht beobachtet wurden. „Er war ſo ſchwer verletzt, daß man Monate lang an ſeinem Leben zweifelte. Es folgten Symptome der Abzeh⸗ rung und ſeine Unfähigkeit, jahrelang ſeine geiſtlichen Pflich⸗ ten wieder zu übernehmen, nöthigte ihn, auf ſeine reiche, ſchöne Pfründe in Yorkſhire zu verzichten, und er fühlte, daß er ſeinen Aeltern wieder zur Laſt fallen müßte, ohne die Hoffnung zu haben, ſie wieder unterſtützen zu können. Dies war aber noch nicht Alles. Seine einſt ſo ſchlanke Geſtalt war ſo verſtümmelt und zuſammengeſchrumpft, daß er zuerſt ſeinen Mitmenſchen wirklich einen widerwärtigen Anblick bot. Seine Stimme, die einſt ſo ſchön und rührend geweſen war, wurde ſchnarrend und faſt widerlich monoton, und einige Monate war das Ringen nach Unterwerfung unter dieſe un⸗ erforſchliche und furchtbare Prüfung ſo ſchrecklich, daß er faſt darunter zuſammenbrach. Dies war natürlich noch mehr körperlich als geiſtig der Fall, und allmälig kehrte es ſich zum Beſſeren, als nach achtzehnmonatlichem Aufenthalte in Ma⸗ deira, wohin er von einem wohlwollenden Freunde geſchickt worden war, ſeine Geſundheit theilweiſe zurückkehrte. Der⸗ ſelbe Wohlthäter brachte ſeinen Vater in einem kleinen, aber ſehr willkommenen Geſchäft in London unter, und bei ſeiner Rückkehr redeten ihm ſeine Aeltern dringend zu, ruhig bei ihnen zu bleiben und ſich nicht wieder dem geiſtlichen Amte zu widmen. Aber Dies konnte er nicht, und dankbar nahm er eine ärmliche Pfarre im Moor etwa acht Meilen von hier an.“ „Aber wann machteſt Du ſeine Bekanntſchaft, Papa?“ fragte Caroline,„Du haſt ihn noch nie erwähnt.“ „Nein, meine Liebe! Ich ſah ihn zum erſten Male an dem Sonntage, wo er Mr. Howard's Stelle vertrat, aber ſein Aeußeres erfüllte mich mit ſolcher Theilnahme, daß ich nicht eher ruhte, als bis ich ſeine ganze Geſchichte kannte, die 160 Mr. Howard bereits in Erfahrung gebracht hatte. Er iſt beinahe ein Jahr in Devonſhire geweſen, aber er hielt ſich ent⸗ fernt von Allen, außer von ſeiner armen Gemeinde, da er den Spott und Hohn der Weltlichgefinnten und Reichen fürchtete, ſo daß es ein bloſer Zufall war, was Mr. Howard mit ihm bekannt machte. Die Freundſchaft und die dringenden Er⸗ mahnungen unſeres guten Pfarrers haben ſeine allzugroße Empfindlichkeit ſo weit beſiegt, daß er ſich bisweilen bewegen läßt, das Pfarrhaus zu beſuchen, und ich hoffe, mit der Zeit wird es mir auch gelingen, ihn hierher zu bringen.“ „Aber vor was fürchtet er ſich ſo, lieber Papa?“ fragte Emmeline harmlos.„Es könnte doch Niemand ſo grauſam ſein, ihn zu verſpotten, weil er mißgeſtaltet iſt.“ „Unglücklicherweiſe, mein liebes Kind, giebt es nur zu Viele, die blos um der Predigt und des Predigers willen in die Kirche gehen und Alles, was von ihren eigenen vorgefaß⸗ ten Ideen abweicht, ſtreng und mitleidlos kritiſiren. Sol⸗ chen Perſonen muß Mr. Morton ein Gegenſtand des Spottes ſein, und nun komme ich auf den eigentlichen Grund, wes⸗ halb ich Eure Mutter fragte, ob ſie ſich ſeiner erinnere.“ „Du hatteſt alſo einen Grund,“ antwortete Mrs. Hamil⸗ ton lächelnd.„Die Geſchichte machte mich neugierig, ob Du einen hätteſt oder nicht.“ „Ich muß noch einmal an Dein Gedächtniß appelliren, Emmeline, ehe ich fortfahre. Erinnerſt Du Dich, vierzehn Tage nach dem Sonntage, wo wir ihn hörten, predigte er zweimal wöchentlich in Thorrington, einem ſehr guten Freunde zu Gefallen?“ „Ja, und Du fürchteteſt, daß die ſteigende Zahl der Zu⸗ hörer weit mehr von Neugier, als von Frömmigkeit getrieben ſich eingefunden hätte.“ „Ich ſagte ſo und meine Befürchtungen haben ſich be⸗ ſtätigt. Gewiſſe Angelegenheiten brachten Morton in dieſer Woche zwei oder drei Tage nach Thorrington, und geſtern beſuchte ich ihn und hatte eine mehrſtündige intereſſante Un⸗ terhaltung mit ihm. Er war offenbar noch niedergeſchlagener und gedrückter als gewöhnlich, und endlich lenkte er, wie es 161 ſchien, durch meine Theilnahme bewegt, meine Aufmerkſamkeit auf ein Gedicht in Harris' wöchentlichem Magazin.“ „Es genügt nicht, daß es Gott gefallen hat, mich zu ſchlagen,“ ſagte er,„ſondern meine Mitmenſchen müſſen mich auch zum Gegenſtande ſolcher Angriffe machen. Es ſteht allerdings kein Name da, aber es gilt niemand Anderem als mir.“ Ich konnte nicht antworten, denn ich hatte zu inniges Mitleid mit ihm. Es war eine ſo grauſame, leicht⸗ finnige Satyre, und das Talent des Dichters— denn die wenigen Verſe waren ſehr witzig— ſteigerte noch ihre Bit⸗ terkeit.“ „Es nimmt mich Wunder, daß Harris ſie veröffentlicht hat,“ bemerkte Miß Harcourt,„ſein Blatt iſt ſonſt nicht per⸗ ſönlicher Art.“ „Es wird nicht genügend überwacht, und es würde eines Mannes von höheren Grundſätzen bedürfen, als Harris iſt, um der Verſuchung zu widerſtehen, eine Satyre aufzunehmen, welche den Abſatz ſeines Blattes um das Doppelte oder Drei⸗ fache ſteigern muß. Ich ſprach ſogleich mit ihm und kaufte den ganzen Reſt auf; aber wiewohl er ſein Bedauern aus⸗ ſprach, ſo geſchah es nicht in einem Tone, der mich mit ſeiner Aufrichtigkeit zufrieden geſtellt hatte, und natürlich, da das Blatt vorigen Sonnabend Abend ausgegeben worden war, hatte der Abſatz beinahe aufgehört. Wenn ich nur den Dich⸗ ter erfahren könnte, ſo glaube ich, ich könnte ihn von der außerordentlichen Grauſamkeit, wenn nicht von der Schuld ſeines Leichtſinnes überzeugen.“ „Aber, lieber Papa, wer dies ſchrieb, hat vielleicht ſeine Geſchichte nicht gekannt,“ warf Caroline zu Edward's und Ellen's Erſtaunen, daß ſie den Muth hatte, überhaupt zu ſprechen, ein, denn ihres Onkels ungewöhnlicher Ton und Blick erinnerte ſie lebhafter als je an die Redensarten ihrer Mutter von ſeiner außerordentlichen und ſchrecklichen Strenge. „Das entſchuldigte nicht die Satyre, mein liebes Kind, es beſtätigt nur die Lehre, die ich Euch ſo oft einzuprägen geſucht, daß Alles, was dazu dient, durch Wort oder That 11 162 das Gefühl eines Mitmenſchen zu verletzen, entſchieden un⸗ recht iſt, unrecht an und für ſich, nicht nach dem größeren oder geringeren Grade des Schmerzes, den es verurſacht.“ „Aber mein lieber Mann, der Dichter hat vielleicht ſolche Lehren nicht erhalten. Spott und Satyre ſind unglücklicher⸗ weiſe ſo beliebt, daß dieſe Verſe ohne einen Gedanken an ihre üble Wirkung und blos mit Rückſicht auf den Eciat, den ſie verurſachen würden, geſchrieben worden ſein können. Wir dürfen nicht zu ſtreng ſein, denn wir wiſſen nicht—“ „Mutter, Mutter, ſprich nicht ſo, wenn Du mich jemals geliebt haſt!“ rief endlich der arme Perey aus, der ſo ergrif⸗ fen war, daß er ſich nur neben ihr nieder werfen, ſein Geſicht in ihren Schoß begraben und einige Minuten wie ein Kind ſchluchzen konnte. Aber er ſammelte ſich mit gewaltiger An⸗ ſtrengung, ehe noch Jemand von ſeiner Familie ſeine Angſt und Unruhe bewältigen konnte, und wiewohl bleich wie Marmor, ſtand er aufrecht da, und ohne im Mindeſten ſich entſchuldigen zu wollen, erkannte er das Gedicht als das ſeine an und erzählte ſeine ganze Geſchichte mit der alleinigen Ausnahme, wie er das Geld angewendet hatte, womit er das zweite Mal, als er ſein Taſchengeld erhielt, ſeine Schuld zu bezahlen beabſichtigte; und die Art und Weiſe, wie er dieſen Theil ſeiner Geſchichte erzählte, aus Furcht, daß es wie eine Entſchuldigung oder eine Prahlerei klingen möchte, diente weit mehr dazu, Zweifel als Glauben zu erwecken. Herbert wollte ſprechen, aber ein bittender Blick von Percy hielt ihn zurück.. Mr. Hamilton ſchwieg einige Minuten, nachdem ſein Sohn geſchloſſen hatte, ehe er antworten konnte. Percy war ſo offenbar ſich ſeiner Schuld bewußt, hatte in Folge ſeiner Irrthümer ſo ſehr gelitten, die nicht beab⸗ ſichtigte Veröffentlichung ſeines Gedichtes that ihm ſo leid— denn ſein Vater kannte ſeine Wahrhaftigkeit viel zu gut, als daß er in ſeine Erzählung Zweifel ſetzen ſollte— und es lag etwas ſo entſchieden Edles in ſeinem offenen Geſtändniß, daß er es nicht über ſich bringen konnte, ein ſtrenges Urtheil über ihn zu fällen. 163 „Von vorſätzlicher Grauſamkeit gegen Mr. Morton hat Dich allerdings Deine Geſchichte freigeſprochen,“ ſagte er ſo ernſt als er konnte.„Aber ſonſt mußt Du ſelbſt wiſſen, daß es mir viel Schmerz und Kummer gemacht, und zwar um ſo mehr, als Du offenbar Dich ſcheuſt, mir zu ſagen, in welcher Weiſe Du das Geld verwendet haſt, welches ge⸗ nügt haben würde, Deine Schuld vor ſechs Wochen vollſtän⸗ dig zu bezahlen. Ich muß daher glauben, daß Du immer noch eine Thorheit verſchwiegen haſt. Ich verurtheile Dich zu keiner Strafe, Du biſt alt genug, um Recht und Unrecht unterſcheiden zu können, und Deine eigenen Empfindungen müſſen Dich belohnen oder beſtrafen. Wäreſt Du ſo feſt ge⸗ weſen, wie ich es glaubte, ſo würde das Beiſpiel Dich nicht verführt haben, Deine Satyre auch nur niederzuſchreiben. Wie die Sachen nun einmal ſtehen, mußt Du die Folgen Deiner Schwäche in dem ſchmerzlichen Bewußtſein hinneh⸗ men, daß Du Jemand tief verwundet haſt, der ſchon geſchla⸗ gen genug war, und daß das Vertrauen zwiſchen uns für die Zukunft aufgehört haben muß. Gehe nun, die Stunde iſt vorüber, wo Du Mr. Howard zu beſuchen haſt.“ Mr. Hamilton ſtand mit den letzten Worten auf und verließ ziemlich raſch das Zimmer. Perecy warf nur einen Blick auf ſeine Mutter. Sie ſchien ſo bekümmert, ſo traurig, daß er es nicht ertragen konnte, und aus dem Zimmer ſtür⸗ zend, ſah man ihn in weniger als einer Minute mit einer Eile nach der Pfarrei laufen, daß Edward, ſo raſch er im Allgemeinen war, ihn nicht einholen konnte. Herbert blieb zurück, er konnte es nicht ertragen, daß ein Theil von Percy's Geſchichte verborgen bleiben ſollte, und ſo erzählte er, wie er ſein zweites Monatsgeld verwendet hatte. Mrs. Hamilton's Augen glänzten. Perch's unzuſam⸗ menhängende Erzählung in dieſem einen Punkte hatte ihr mehr Kummer gemacht, als irgend etwas Anderes, und die Erleichterung, die ihr die Wahrheit verſchaffte, war unaus⸗ ſprechlich. Es war unklug, aber es lag etwas ſo Liebens⸗ würdiges in ſolcher Geſinnung, daß ſie nicht widerſtehen 164 konnte, augenblicklich zu ihrem Gatten zu gehen und es ihm mitzutheilen. „Du bringſt mir immer Troſt, meine Liebe!“ war ſeine zärtliche Antwort.„So beſorgt mich die Gedankenloſigkeit dieſes Knaben machen muß— denn was ſind ſeine jetzigen Ver⸗ ſuchungen gegen ſeine zukünftigen— ſo muß ich doch Deinen zärtlichen Glauben in mich aufnehmen, daß er mit einem ſo offenen, edlen, warmen Herzen nicht weit irre gehen kann. Aber was ſollen wir in Rückſicht auf dieſes unglückſelige Gedicht thun? Ich kann nicht mit Morton umgehen und während ich die Wahrheit weiß, ihn glauben laſſen, daß ich den Verfaſſer ebenſo wenig als er ſelbſt kenne.“ „Laß mich mit Percy ſprechen, ehe wir irgend Etwas entſcheiden, mein lieber Arthur. Iſt Mr. Morton noch in Torrington?“ „Nein, er wollte heut Morgen nach Hathmore zurückkeh⸗ ren.“ Mrs. Hamilton ſah ſehr nachdenklich aus, antwortete aber nicht. In der Erholungsſtunde ſuchte Emmeline mit der Erklärung, daß es viel zu heiß für den Garten ſei, ihre Mutter in deren Zimmer auf, mit der Abſicht, ſie zu fragen, wo ſie den Vater finden könnte. Zu ihrem großen Vergnü⸗ gen brauchte ſie ihre Frage nicht erſt zu thun, denn er war da. Sie ſetzte ſich zu ihm auf die Kniee und blieb dort einige Minuten, ohne zu ſprechen; ſie ſah ihm nur mit dem ſchmeichelndſten Ausdruck, der ſich denken ließ, in das Geſicht. „Nun, Emmeline, um was Großes willſt Du mich bit⸗ ten?“ ſagte Mr. Hamilton lächelnd.„Gewiß irgend ein theures Geſchenk?“ „Ja, Papa, und woher weißt Du das?“ „Ich kann es in Deinen Augen leſen.“ „Darum ſind meine Augen verrätheriſche Schwätzer und Du ſollſt ſie gar nicht mehr ſehen,“ erwiderte ſie lächelnd und indem ſie den Kopf ſchüttelte, bis ihre langen, glänzen⸗ den Locken ihre Augen und ihre erröthenden Wangen vokl⸗ kommen verdeckten.„Aber haben ſie Dir auch geſagt, um was ich Dich bitten will?“ 165 „Nein,“ erwiderte ihr Vater, indem er in ihr Lachen einſtimmte,„ſie überlaſſen das Deiner Zunge.“ „Ich kann beſſer leſen, denke ich,“ ſagte Mrs. Hamilton. „Ich müßte mich ſehr irren, wenn ich nicht wüßte, um was Emmeline bitten will.“ „Weiter nichts, als das, daß—“ ſie zauderte immer noch, als wenn ſie bange wäre fortzufahren, und ihre Mutter fügte hinzu:„Daß Papa nicht ſo ſehr böſe auf Percy ſein möchte. Emmeline, iſt es nicht Das, warum Du nicht zu bitten den Muth haſt?“ Ein noch tieferes Erröthen bedeckte die ſchönen Wangen des Kindes, und indem ſie ihren Arm um den Hals ihres Vaters ſchlang, ſagte ſie ſchmeichelnd und zärtlich:„Mama hat es errathen, lieber Papa; Du mußt, Du mußt ihm wirk⸗ lich vergeben, dem armen Jungen, er iſt zu ſehr betrübt, und er hat bereits zu ſehr gelitten und er hat ſein Geld nicht thö⸗ richt weggeworfen, wie Du dachteſt, er hat es ſehr armen Leuten geſchenkt, und Du freuſt Dich immer, wenn wir mild⸗ thätig ſind. Bitte, vergiß alles Andere, nur Das nicht, und behandle ihn, wie Du es immer gethan haſt, lieber Papa, willſt Du?“ „Ich weiß nicht, was gewiſſer iſt, daß Mama eine Zau⸗ berin oder Emmeline eine höchſt beredſame Fürſprecherin ſein muß?“ ſagte Mr. Hamilton, indem er liebkoſend die Locken zurückſtrich, die ſie in Unordnung gebracht hatte.„Wie wäre es, wenn ich morgen Deine Bitte erfüllte?“ „O biſt Du ein lieber, guter Papa,“ rief Emmeline aus, indem ſie ihn faſt mit Küſſen erſtickte und dann von ſeinem Knie ſpringend, tanzte ſie entzückt im Zimmer umher.„Dann wird Percy wieder glücklich ſein und wir werden Alle ſo glücklich ſein; Mama, liebe Mama, ich bin überzeugt, auch Du wirſt Dich freuen.“ „Und nun, Emmeline, nachdem Du Dich wieder ver— nünftig getanzt haſt, ſetze Dich zurück auf Deinen Sitz, denn wie ich Dir zugehört und geantwortet habe, ſo mußt Du mir nun zuhören und antworten.“ 166 In einem Augenblick war ſie wieder auf ſeinem Knie ganz ſtill und aufmerkſam. „Erſtens, glaubſt Du, daß Percy ein Recht hatte, Mr. Morton zum Gegenſtande einer Satyre zu machen, ſelbſt wenn ſie niemals aus ſeiner Mappe herausgekommen wäre?“ „Nein, Papa, und ich bin überzeugt, wenn er nicht auf⸗ geregter und, und— gedankenloſer als ſonſt geweſen wäre, was er nach einem ſolchen Tage des Vergnügens doch wahrſchein⸗ lich ſein mußte, ſo würde er niemals Etwas der Art gethan haben. Ich bin überzeugt, er dachte nicht daran, Mr. Mor⸗ ton in ſeinen Gefühlen zu verletzen. Er wollte blos bewei⸗ ſen, daß er ganz ſo geſcheidt wie ſeine Genoſſen ſei, und das war ſo natürlich, denn er iſt wirklich geſchickt in ſolchen Din⸗ gen. Aber mein Bruder Percy einen Geiſtlichen mit Willen lächerlich machen— lieber Papa, das glaube ich nicht.“ „Gut vertheidigt, mein Mädchen, aber wie rechtfertigſt Du es, daß er meinen Geboten nicht gehorcht und Schulden gemacht hat?“ Emmeline ſchwieg.„Es war ſehr unrecht, daß er Dies that, Papa, aber ich bin überzeugt, als er Auftrag zu den Kupferſtichen gab, wollte er Dir nicht ungehorſam ſein, und Du weißt, er iſt von Natur ſehr— ich meine, ein Wenig ungeduldig.“ „Immer noch ſeine Vertheidigerin, Emmeline, ſelbſt gegen Deine beſſere Ueberzeugung. Nun, ich will Dich nicht veranlaſſen, Deinen Bruder zu verurtheilen. Weiß er, was für eine beredte Vertheidigerin er in ſeiner Schweſter hat?“ „Nein, Papa, und bitte, ſage es ihm auch nicht!“ „Und warum nicht?“ „Weil er ſonſt denken möchte, daß Du ihm nur meinet⸗ wegen und nicht ſeinetwegen verzeihen wollteſt, und ich weiß, das würde mir nicht gefallen, wenn ich an ſeiner Stelle wäre.“ „Er ſoll weiter Nichts erfahren, als was Du wünſcheſt, mein liebes kleines Mädchen,“ erwiderte ihr Vater, indem er ſie mit faſt unwillkürlicher Zärtlichkeit feſter an ſich zog. Und wirſt Du Dir nun merken, was ich Dir ſagen will? Du —— 167 willſt, daß ich blos daran denken ſoll, daß Perey ſein Geld den armen Leuten gegeben hat. Aber es würde mir in dieſem Falle beſſer zugeſagt haben, wäre er gerechter und nicht ſo großmüthig geweſen. Ich weiß, es iſt nicht ſelten, daß junge Leute ſagen, wenn ſie denken, daß ſie ein Werk der Barmherzigkeit thun und wenn ſie es nur thun können, in⸗ dem ſie die Bezahlung einer Schuld hintanſetzen,— oh, Mr. So⸗und⸗ſo hat viel zu thun, er kann auf ſein Geld warten, aber dieſe armen Menſchen verhungern. Das iſt nicht Edel⸗ muth oder chriſtliche Liebe, ſondern reine Ungerechtigkeit und heißt Geld weggeben, welches buchſtäblich nicht ihr eigen iſt. Ich glaube nicht, daß Percy ſo dachte, weil ich nicht zweifele, daß er augenblicklich Mr. Harris ganz vergaß; aber immer⸗ hin gefällt mir eine ſolche bloße Aeußerung der Herzensgüte nicht ſo ſehr wie Dir.“ „Aber es war ein Werk der Barmherzigkeit, Papa, nicht wahr? Du haſt geſagt, daß, wenn wir barmherzig und gut gegen die Armen ſind, Gott Wohlgefallen an uns findet, und wenn Percy nicht beabſichtigte, Mr. Harris zu benachthei⸗ ligen, und nur die arme Familie unterſtützen wollte, war das nicht ein guter Gedanke?“ „Allerdings, aber er hätte noch beſſer ſein können. An⸗ genommen, Percy wäre ihr in dem Augenblicke begegnet, als er im Begriff ſtand, die Kupferſtiche zu beſtellen, und um ſie unterſtützen zu können, wie er wünſchte, hätte er den Kauf derſelben aufgegeben, würde das nicht noch beſſer geweſen ſein, und durch die Beſiegung ſeiner Neigungen das Werk ſeiner Barmherzigkeit Gott nicht noch angenehmer gemacht haben? Verſtehſt Du mich ganz, Emmy?“ „Ich glaube es, lieber Papa. Du meinſt, wiewohl Gott ſo gut iſt und es ihm wohlgefällt, ſo oft wir barmherzig ſind, ſo gefällt es ihm doch noch beſſer, wenn es uns ein Wenig ſchwer wurde, es zu ſein.“ „Sehr gut erklärt, mein kleines Mädchen. Du ſiehſt alſo in dieſem Beiſpiele, wenn Percy gerecht geweſen wäre, ehe er großmüthig war, und wenn er ſich, um großmüthig zu ſein, ein Vergnügen verſagt hätte, ſo würde ſein Benehmen uns 168 oder ihn ſelbſt nicht geſchmerzt haben, ſondern würde all' des Lobes würdig geweſen ſein, das Du demſelben ertheilſt. Und nun möchte ich wiſſen, wie Mama ſo genau errathen konnte, was Du von mir zu bitten hatteſt.“ „O, Mama weiß immer alle meine Gefühle und Wünſche, faſt ehe ich ſie noch ſelbſt weiß, wiewohl ich nicht errathen kann, auf welche Weiſe.“ „Soll ich es Dir ſagen, Emmeline? Deine Mutter hat Stunden, Wochen, Monate, Jahre daran gegeben, die Cha⸗ raktere aller ihrer Kinder zu ſtudiren und ſie ſo kennen zu lernen, daß ſie nicht nur im Stande iſt, Euch auf den Pfad des Guten zu führen, ſondern auch alle Eure kleinen Freuden und Sorgen zu theilen, die einen zu erhöhen und Euch vor den andern zu behüten. Sollteſt Du nicht Deinem Vater im Himmel ſehr dankbar ſein, daß er Dir eine ſolche Mutter gegeben hat?“ Sein Kind antwortete nicht, aber ſie glitt von ſeinem Knie herab, und auf ihre Mutter zueilend, ſchlang ſie ihre kleinen Arme um ihren Hals und verbarg ihre glühenden Wangen und ihre feuchten Augen an ihrer Bruſt; und von dieſer Stunde an, als ſie fühlte, wie zärtlich ihre Mutter dieſe leidenſchaftliche Umarmung erwiderte, wurde ihre Liebe zur Religion, wiewohl ſie es nicht wußte. Sie dachte an ihren Coufin und ihre Couſine und viele Andere, die keine Mutter hatten, und wieder Andere, die ihre Mütter den Ammen und Gouvernanten überließen und ſie immer in einer gewiſſen Entfernung halten zu wollen ſchienen; und ſie fühlte, wie ſie Gott nicht genug danken und lieben konnte, und dies war nicht blos ein Gefühl des Augenblicks, es wurde ein Theil ihres Weſens, denn es war der rechte Augenblick ergriffen worden, um ihr dies klar zu machen. 169 pierzehntes Kapitel. Ein unangenehmer Vorſchlag.— Enthüllung des Geheimniſſes. Schmerz eines Vaters über die Schwäche einer Mutter.— Freude eines Vaters über den Einfluß einer Mutter. Inzwiſchen hatte der junge Erbe von Oakwood keinen ſehr angenehmen Tag verlebt. Seine Gedanken ſeit Mr. Howard's Rückkehr waren ſo beſchäftigt geweſen, daß er ſeine Arbeiten in ungewöhnlicher Weiſe vernachläſſigt hatte, ſo daß er das Mißfallen ſeines guten und nachſichtigen Lehrers er⸗ regte. Die Aufregung des Morgens hatte nicht dazu beige⸗ tragen, ſeine Gedanken zu feſtigen, und ein ſtrenger Verweis und eine Strafarbeit waren die Folge. Gegen Herbert und Edward, die, als ſie ihn die Pfarrei mit allen Symptomen der Aufregung verlaſſen ſahen, auf dem Nachhauſewege ihn zu beſchwichtigen ſuchten, ſagte er kein Wort. Sein Schritt war noch raſcher, als da er das väterliche Haus verlaſſen hatte, und er mäßigte denſelben und ſprach nicht eher, als bis er das Bibliothekzimmer ſeines Vaters erreicht hatte, welches glücklicherweiſe unbeſetzt war, ſo daß er ſeinem Aerger in Worten Luft machen konnte. Er riß ſeine Mütze vom Kopfe, warf ſeine Bücher heftig auf den Boden und brach in folgende Worte aus:„Bin ich nicht ein Thor, ein Narr, mich ſo zu quälen und zwar um einer Thorheit willen, während Hun⸗ derte von Knaben meines Alters völlig ihre eigenen Herren ſind, thun was ſie wollen, ausgeben was ſie wollen, weder gefragt, noch getadelt werden— und dies Gedicht, wie Viele würden ſich ſeiner Autorſchaft rühmen und ſich nicht den Ku⸗ kuk darum kümmern, wen es verwunden möchte. Bin ich nicht ein Narr, daß ich mir darüber Vorwürfe mache und mich dann wie ein Schulknabe. mit einer Strafarbeit belegen laſſe, damit ich zu Haus beſchäftigt ſei, weil ich in den Studir⸗ ſtunden Nichts lernen wollte! Ich wünſchte, Mr. Howard könnte fühlen, was ich heute, ja die ganze Woche gefühlt 170 habe, und ich möchte dann ſehen, ob er ſeinen Kopf mit Grie⸗ chiſch und Lateiniſch würde vollpfropfen können. Aber wa⸗ rum bin ich ſo eingeſchüchtert, warum kann ich nicht denſelben Lebensmuth haben wie Andere, anſtatt ein ſolcher Sklave zu ſein?“ „Percy!“ rief Mrs. Hamilton aus, die, da ſie ihn in dem Augenblicke geſucht, wo ſie die Thür der Halle gehen hörte, faſt ſeine ganze leidenſchaftliche Rede gehört hatte und über die ungewöhnliche Leidenſchaftlichkeit, die ſie zeigte, faſt beunruhigt war. Ihre Stimme, die Erſtaunen und Vorwurf ausdrückte, machte ſeinen Worten, aber nicht ſeiner Aufregung ein Ende. Er warf ſich auf einen Stuhl und die Arme auf den Tiſch gelehnt, bedeckte er ſein Geſicht mit den Händen, während er am ganzen Leibe zitterte. Seine Mutter ſetzte ſich zu ihm, und indem ſie ihre Hand ſanft auf ſeinen Arm legte, ſagte ſie:„Was hat Dich ſo aufgebracht, mein lieber Percy? Weshalb biſt Du in ſo ſehr verſchiedener Stimmung zurückgekehrt, als da Du das Haus verließeſt? Sage es mir, mein Knabe!“ Percy wollte ſtillſchweigen, denn er wußte, wenn er ſpräche, würde er, wie er es nannte, wieder ein Kind ſein, und ſein Stolz kämpfte um den Sieg. Selbſt ſein Vater oder Herbert würden in dieſem Augenblick ſeinen Aerger nur verſchlimmert haben; aber die faſt leidenſchaftliche Liebe und Verehrung, die er gegen ſeine Mutter fühlte, ſiegte über ſeinen Zorn und ſagte ihm, daß er weit mehr unglücklich als ent⸗ rüſtet ſei, und daß er ſich gern von ihr tröſten laſſen würde, wie ſie es immer gethan, wenn er als Kind bekümmert ge⸗ weſen; und ſo ſchlang er ſeinen Arm um ſie, legte ſeinen Kopf auf ihre Schulter und ſagte mit halberſtickter Stimme:„Ich bin ſehr unglücklich, Mutter; mir iſt zu Muthe, als wenn ich ſehr ſchlecht, grauſam und thöricht geweſen wäre, und ſo war es mir eine Erleichterung, in Zorn zu gerathen; aber ich wollte nicht, daß Du es hören ſollteſt, und wollte Dir nicht noch mehr Kummer bereiten, als ich es ſchon gethan habe.“ „Du biſt ſehr gedankenlos, ſehr thöricht und nicht ſo feſt geweſen, wie wir es gewünſcht hätten, mein lieber Junge, aber ich will nicht, daß Du Dich noch ernſterer Fehler an⸗ klagſt,“ erwiderte Mrs. Hamilton, indem ſie leicht das dichte Haar von ſeiner erhitzten Stirn zurückſtrich, und die ſanfte Berührung ihrer kühlen Hand ſchien eine eben ſo heilſame Wirkung zu haben, wie ihre beſänftigenden Worte; und Percy, als er ihr zuhörte, wie ſie in derſelben Weiſe eine Zeit lang zu ſprechen fortfuhr, fühlte ſich beruhigter, als er fünf Mi⸗ nuten vorher für möglich gehalten hätte, und er war mehr als je entſchloſſen, nie wieder ſo gedankenlos zu handeln, oder wenn er verſucht würde, es zu thun, es nie wieder ſo lange zu verheimlichen. Mrs. Hamilton war immer beſorgt, ſeinen beſſeren Eigenſchaften Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, während ſie ihn tadelte und ihn von ſeinen Fehlern zu über⸗ zeugen ſuchte. Es war eine ſehr zarte Sache, und ſie hätte ſich ſchwer, vielleicht gar nicht erreichen laſſen, wenn Mrs. Hamilton einen weniger feingebildeten Geiſt und ein minder beſorgtes Herz gehabt hätte; aber keine Schwierigkeit, kein Fehlſchlagen ihrer Abſicht hatte ſie jemals abgeſchreckt, und in Percy fand ſie bereits ihren Lohn. Er beſaß einen ſo hohen, feinfühlenden Geiſt, daß er durch jede unrechte Härte in ſeinem Irrthume beſtärkt worden wäre, daß er jedem un⸗ bedachten Worte Grund auf Grund entgegengeſetzt und der bloßen Oppoſition wegen ſich auf ſeine Meinung geſteift haben würde, während das Anerkenntniß, daß er in manchen anderen Dingen in ſeinem Rechte ſei, ihn zum freiwilligen Bekenntniß ſeines Irrthums veranlaßte. „Und was nun dieſe unglücklichen Verſe anlangt, mein lieber Junge, ſo bin ich nicht klar, wie es kam, daß Du ſie nicht vernichteteſt, ſobald Du nach Hauſe kamſt.“ „Ich wollte es allerdings und glaubte auch, daß ich es gethan, Mutter, aber der Strudel dieſer Nacht ſchien ſich bis auf den Morgen auszudehnen, daß ich mich in ſolcher Eile ankleidete, um zur rechten Zeit zu Mr. Howard zu kommen, denn ich hatte es verſchlafen, daß ich, wiewohl ich entſchloſſen war, ſie ſollten mein Taſchenbuch nicht länger verunzieren, keine Zeit hatte, meine Papiere durchzuſehen. Ich dachte, ich könnte mich in ihrem Aeußeren nicht täuſchen, verbrannte 172 diejenigen, die ich wirklich zu behalten wünſchte, und warf die anderen, die mir alle dieſe Qual verurſacht haben, in meine Mappe. Wenn ich nur feſt genug geweſen wäre, dem Rathe meines Vaters zu folgen, und hätte meine Geſellſchaft vor dem Souper verlaſſen; oder wenn ich bei ihnen geblieben wäre, hätte ich mich nur nicht ſo ſchwach, ſo wahnſinnig ge⸗ zeigt, der Verſuchnng nachzugeben, ſondern wäre meinen Grundſätzen treu geblieben, wiewohl ſie mich ausgelacht ha⸗ ben würden, es würde mir dann dies Alles erſpart worden ſein; aber ich war ſo aufgeregt, ſo erhitzt durch den Wein, daß ich nicht wußte, was ich that, wenigſtens nicht, wie groß mein Unrecht war.“ „Und Du haſt genug gelitten für die Aufregung eines Abends, mein armer Junge; aber ich bin überzeugt, Du würdeſt das Geſchehene wieder gut zu machen ſuchen, wenn Du könnteſt.“ „Wieder gutmachen, Mutter! Ich würde Alles geben, was ich beſitze, um dieſes verhaßte Gedicht zu vernichten und es aus Mr. Morton's Gedächtniß, wie aus dem meinen zu verwiſchen.“ „Ich glaube, Du kannſt Beides thun, Percy.“ Er ſah ſie mit der größten Verwunderung an.„Beides thun, Mutter?“ wiederholte er. „Ja, mein Junge, es iſt ein ſchmerzliches Heilmittel, aber es würde wirkſam ſein. Suche Mr. Morton auf und erzähle ihm Deine ganze Geſchichte.“ Percy wurde roth bis an die Schläfe.„Verlange das nicht von mir, Mutter!“ antwortete er ſehr raſch,„ich kann es nicht thun.“ „Das denkſt Du in dieſem Augenblicke, mein liebes Kind. Ich bin gar nicht überraſcht, daß Du ſo denkſt, denn es wird ſehr demüthigend und ſchmerzlich ſein, und wenn ich Dir die Demüthigung und den Schmerz erſparen und doch denſelben Zweck erreichen könnte, ſo brauche ich Dir nicht zu ſagen, wie ſehr es mich freuen würde. Aber Niemand als Du ſelbſt kann den Stachel entfernen, den dieſes Gedicht in Mr. Mor⸗ ton's gefühlvolles Herz geſtoßen hat, und ich bin überzeugt, 173 Du wirſt mir beiſtimmen, wenn Du Dir einige Zeit zum ruhigen Nachdenken gönnſt.“ „Aber warum ſoll ich mir eine ſolche Strafe auferlegen, ſelbſt wenn ich ſie verdiene?“ antwortete Percy noch mehr erhitzt.„Wiewohl mein Gedicht das einzige iſt, das ihm unglücklicherweiſe vor Augen gekommen, ſo waren die an⸗ deren doch ganz eben ſo bitter und meine Genoſſen waren eben ſo ſehr zu tadeln— warum ſollte ich für ſie leiden?“ „Weil Du es Dir durch viele Verirrungen ſelbſt zuge⸗ zogen haſt. Deine Genoſſen handelten allerdings ſehr un⸗ recht, aber wiſſen wir, daß die Grundſätze, die Dein Vater und Mr. Howard Dir eingeprägt haben, auch ihnen ſo ge⸗ wiſſenhaft gelehrt worden ſind? Und haſt Du in dieſem Falle nicht um ſo größere Verantwortlichkeit? Sie hatten offenbar Nichts in ſich, was ſie von einem ſolchen Vergnügen abhalten konnte. Bei Dir war es anders, denn Du haſt an⸗ erkannt, daß Du Dich zuerſt entfernt hielteſt, weil Du wuß⸗ teſt, daß es Unrecht ſei, und daß Du nur aus Mangel an Feſtigkeit Dich haſt hinreißen laſſen. Lege Dir die Strafe eines offenen Bekenntniſſes auf, mein Kind, und die Erin⸗ nerung daran wird Dich in Zukunft vor zu großer Schwäche wahren, und uns wirſt Du zugleich beweiſen, daß, wiewohl Du Dich für einen Augenblick verleiten ließeſt, Du immer noch ſo brav und gut biſt, wie wir glauben.“ Percy antwortete nicht, aber ſein Geſicht gab Zeugniß von einem inneren Kampfe, und ſeine Mutter fügte hinzu: „Angenommen, wie es ſehr wahrſcheinlich iſt, daß Mr. Mor⸗ ton hier öfter aus⸗ und eingeht, wie kannſt Du mit Deinem offenen Herzen mit ihm zuſammenſein und Dich wohlbefinden, wiewohl Du vollkommen überzeugt wäreſt, daß wir Dich nicht verrathen würden und daß er nie die Wahrheit erfahren würde? Du magſt Dir jetzt einbilden, daß Du es doch könnteſt, aber ich kenne meinen Percy beſſer. Doch ich darf nicht weiter ſprechen, denn vor einigen Minuten rief die Glocke zur Toilette. Erinnere Dich, mein liebes Kind, daß ich Dir nicht den Auftrag gab, Mr. Morton aufzuſuchen, ich habe Dir nur geſagt, was, wie ich glaube, Deine Zufrie⸗ 174 denheit wiederherſtellen und Deine Fehler wirkſamer als ir⸗ gend etwas Anderes wieder gutmachen würde. Aber Du haſt volle Freiheit, zu handeln, wie Du es für Recht findeſt.“ Sie verließ das Zimmer, Percy aber blieb noch einige Minuten in tiefen Gedanken zurück, und als er zu Mittag in den Kreis ſeiner Familie kam, bewahrte er noch immer daſſelbe Stillſchweigen. Mr. Hamilton nahm keine Notiz von ihm, und zwei oder drei Mal ſtiegen der kleinen zärtlichen Emmeline die Thränen in die Augen, denn ſie konnte es nicht ertragen, den Bruder, der im Allgemeinen das Leben der ganzen Familie war, ſo ſtumm und zurückgeſetzt zu ſehen. Als er nach Tiſch das Zimmer verließ, ſchlich ſie ihm nach, ergriff ſeine Hand, ſah ihm ſchmeichelnd in's Geſicht und hätte ihn gern Etwas von dem Verſprechen des Vaters er⸗ zählt, aber ſie wagte es nicht aus Furcht, ihren Antheil an der Unterhandlung zu verrathen. „Nun, liebe Emmy!“ „Willſt Du ſpatzieren gehn, mein Percy? Nimm mich mit!“ „Ich glaube nicht, Schätzchen, ich reite vielleicht aus.“ „Ausreiten?“ wiederholte das kleine Mädchen,„wird ſich das der Mühe verlohnen?“ „Du vergiſſeſt, Emmy, daß es Sommer iſt. Ich habe volle vier Stunden bis zum Gebet; aber ſage nichts von meiner Abſicht, Emmeline, denn ich weiß es ſelbſt noch nicht gewiß.“ Er küßte ihre Stirn, verließ ſie, und einige Minuten ſpäter wurde ſie zu ihrer Mutter gerufen, um mit ihr, Caro⸗ line und Ellen einen Spatziergang zu machen. Sie hatten noch keine Viertelſtunde das Haus verlaſſen, da wurden ſie von Percy überholt, der in einem leichten Galopp auf der Straße nach Dartmoor dahinritt, aber er hatte Zeit, als er an ſeiner Mutter vorüberkam, die Mütze höflich zu ziehen, und das Herz klopfte ihr, als ſie den Ausdruck ſeines erhitz⸗ ten, aber ernſten Geſichts ſah. In der nächſten Minute war er ihr aus den Augen mit Rodert, ſeinem beſtändigen Be⸗ gleiter. Ehe ſie ihren Spatziergang beendigt hatten, trafen ſie 175 Mrs. Greville und Mary und kehrten mit ihnen nach Hauſe zurück. Emmeline, die Mary ſeit beinahe vierzehn Tagen nicht geſehen hatte, war entzückt, und Ellen machte es immer inniges Vergnügen, ruhig neben Mary herzugehen und die vielen Fragen zu beantworten, womit ſie ſie immer in's Ge⸗ ſpräch zu ziehen ſuchte. Als ſie das Haus betraten, geſellte ſich Mr. Hamilton, Herbert und Edward zu ihnen, und Mrs. Hamilton war ziemlich überraſcht, als ſie ſah, daß ihre Freun⸗ dinnen ihren Sohn mit mehr als gewöhnlicher Wärme be⸗ grüßten, und daß er bei den erſten Worten der Mrs. Greville von tiefer Röthe übergoſſen wurde. „Du warſt doch letzten Donnerſtag nicht allzuſehr er⸗ müdet, mein lieber Herbert?“ fragte ſie und als ſie ihn an⸗ ſah, ſchwammen ihre Augen in Thränen. „O, nicht im Mindeſten,“ erwiderte er raſch, wie wenn er dem Geſpräche gern eine andere Wendung geben wollte, und Mrs. Greville fuhr zu Mrs. Hamilton gewendet fort: „Vergieb mir, Emmeline, wenn ich Dir geſtehe, daß mein heutiger Beſuch mehr Deinem Sohne als Dir gilt. Ich wollte mich gar zu gern überzeugen, daß er von ſeiner außerordentlichen und gewiß ſehr ermüdenden Tour keine üblen Folgen gehabt.“ „Ich brauche nicht eiferſüchtig zu ſein, da Du ſo offen biſt,“ erwiderte Mr. Hamilton lächelnd,„aber ich war ſehr geneigt dazu, da ich ſah, daß Du das Vertrauen meines Sohnes in höherem Maße beſitzeſt, als ich ſelbſt. Ich weiß, daß Herbert am Donnerſtag ausgeritten war, aber ich wußte Nichts von einer beſonderen Anſtrengung, die er ſich gemacht hätte.“ „Du wußteſt(Sie wußten) alſo nicht, wo er hinritt?“ fragte Mary und ihre Mutter zu gleicher Zeit, und die Erſtere fuhr mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit fort:„Wußten Sie nicht, daß er zu dem Wettrennen ritt, um Etwas von Alfred zu ſehen und zu hören, und daß er, indem er den ganzen Jahrmarkt und die Rennbahn durchſtöberte, ihn wirklich fand und ſo gut zu unterhalten wußte, daß er ihn den ganzen Tag an ſich feſſelte. Papa war ſo heſchäftigt, daß er keine 176 Zeit hatte, ſich nach Alfred umzuſehen, der, da er ſich ganz allein überlaſſen war, die ſchlimmſte Geſellſchaft hätte auf⸗ ſuchen können. Ich weiß nicht, welche Zaubermittel Herbert brauchte, aber Alfred war ganz froh, mit ihm zuſammen zu ſein. Sie aßen miteinander und— „Er brachte mir, was mir nebſt— Knaben ſelbſt der größte Troſt war, den ich haben konnte,“fuhr Mrs. Greville fort, und ihre Stimme zitterte, ſo daß ihr faſt Thränen aus den Augen kamen,„einige Zeilen, die, wie er mir verſicherte, Alfred aus freien Stücken geſchrieben hatte, und worin er mir ſagte, daß er den Gedanken nicht ertragen könne, ohne Kuß von mir weggegangen zu ſein, und daß, wiewohl er ſo glücklich mit ſeinem Vetter ſei, daß er nicht wünſchen könne, nach Hauſe zurückzukehren, er doch mich und Mary ſehr, ſehr liebe und uns immer lieben und, ſobald er könne, zurück⸗ kehren und uns wiederſehen werde. O, Emmeline, kannſt Du Dir nicht den Troſt denken, der in einem ſolchen Briefe liegt, der uns wenigſtens Kunde von ihm brachte, und das war Alles das Verdienſt der Liebe und Güte Deines Sohnes.“ Als Mrs. Greville und Mary angefangen hatten, zu er⸗ zählen, ſuchte ſich Herbert zu entfernen; aber Edward ſtellte ſich vor die Thür, ſo daß es unmöglich war, dieſelbe zu öff⸗ nen, und Caroline und Emmeline, die ihn Beide zugleich feſthielten, ließen ihn nicht daran denken, ſich ihrer Gefangen⸗ ſchaft entziehen zu können, ſo daß er halb lächelnd, halb ver⸗ zweifelnd ſich auf ſeinen gewöhnlichen Sitz, den Fußſtuhl ſeiner Mutter warf und ſich in ihrem Kleide faſt verſteckte. „Es muß allerdings ein Troſt geweſen ſein,“ antwortete Mr. Hamilton,„und ich freue mich, daß mein ſtiller Her⸗ bert auf einen ſolchen Plan gefallen iſt. Blicke auf, Monſieur Blöde, und ſage uns, welchen Grund Du hatteſt, die Sache ſo außerordentlich geheim zu halten. Warum verheimlichteſt Du Deine Abſichten ſo ſorgfältig vor Deiner Mutter und mir ſelbſt?“ „Weil ich fürchtete, daß Du dieſelben nicht billigen möch⸗ teſt, Papa. Ich wagte kaum ſelbſt daran zu denken, denn es ſchien mir, als wenn ich ein Unrecht begehe, wenn ich Deine 177 Grundſätze hintanſetzte, blos um möglicherweiſe etwas Gutes zu thun. Ich weiß, wenn ich Dir meinen Wunſch mitge⸗ theilt hätte, Alfred aufſuchen oder wenigſtens Etwas von ihm hören zu wollen, Du würdeſt mir die Erlaubniß nicht verweigert haben; dann hätte es aber auch Mama wiſſen müſſen und ſie würde beſorgt geweſen ſein, wenn ich nicht in dem Augenblicke erſchienen wäre, den ich von vornherein beſtimmt. Nicht wahr, Mama?“ fuhr er fort, indem er ihr mit dem liebevollen Ausdruck in's Geſicht ſah, dem ſehr we⸗ nige, ſelbſt vergleichsweiſe Fremde zu widerſtehen vermochten. „Das würde ich allerdings geweſen ſein, mein liebes Kind. Ich fürchte ſogar, ich würde Deinen Plan als einen abenteuerlichen verworfen haben, und ich freue mich wirklich, daß Du ſo ſehr an meine Ruhe dachteſt und mir nicht mehr ſagteſt, als Du gethan. Ich darf daher nicht eiferſüchtig ſein, Jeſſie, ſondern muß Dir und Mary ſogar einen Dank votiren, daß ihr das Geheimniß enthüllt. Ich glaube, Her⸗ bert hat in ſeinem Leben nicht ſoviel Neugier erregt.“ In dieſem Augenblick trat Mr. Graham ein und gab dem Geſpräche eine andere Wendung, zum großen Troſte Herbert's, denn es war ihm gar nicht angenehm, ſo in den Vordergrund geſtellt zu werden. So rauh Graham zu Hauſe war, ſo wurde er doch immer von den jungen Hamil⸗ tons mit Vergnügen bewillkommet, die ſich niemals denken konnten, warum Annie und Cecil ihn ſo ſehr fürchteten. Daß ihm etwas Ungewöhnliches begegnet war, ſah Mr. Hamilton auf den erſten Blick; aber er nahm keine Notiz davon, denn Graham ſchien ſich erleichtert zu fühlen, indem er luſtig mit den Kindern ſchwatzte. „Und wo iſt mein Freund Percy?“ fragte er, als er ſich zu der glücklichen Gruppe zum Thee ſetzte und Perey immer noch abweſend war. Mr. Hamilton wiederholte die Frage einigermaßen erſtaunt; aber da ihm ſeine Gattin er⸗ widerte, daß er ausgeritten ſei und noch nicht zurück ſein könne, ließ er die Sache fallen. Nach dem Thee verließen Mrs. Greville und Mary, von 12 178 Herbert und Edward begleitet, Oakwood, um nach Hauſe zurückzukehren, und die kleinen Mädchen gingen in ihr Zir mer, um ſich für den nächſten Tag vorzubereiten und ſh dann nach Luſt und Belieben zu vergnügen. Graham blieb allein bei ſeinen Freunden zurück, die endlich die Urſache ſei⸗ ner Betrübniß aus ihm herauslockten. Er hatte an dieſem Morgen erfahren, daß trotz ſeiner ausdrücklichen Befehle Cecil in den ihm verbotenen Vergnügungsorten geweſen war. Seine Gattin hatte ausweichend geantwortet, als er ſie fragte; in dem einen Augenblick hatte ſie faſt geleugnet, daß ſie dem Knaben die Erlaubniß gegeben, in dem anderen geſtand ſie es unbewußt zu, indem ſie behauptete, daß es gar nichts zu ſagen habe, und wenn Graham ſich immer ſo in die Vergnügungen ſeiner Kinder einmiſche, müſſe er erwarten, daß ſie ihm nicht gehorchten. Wenn es ſo in ſeinem Hauſe zu⸗ gehe, wo dürfe er Wahrheit, Ehre und Liebe erwarten? Wie würde ſich ſeines Sohnes ſpäteres Leben geſtalten, wenn ihm als Kind ſolche Lehren gepredigt würden? Er hätte ihn ſtreng geſtraft, aber es wäre wenig Hoffnung vorhanden, daß die Strafe irgend einen guten Erfolg haben werde, wenn ſeine Gattin noch mehr zu tadeln ſei, als ihr Kind. Es werde ihm die Liebe des Knaben nur noch mehr entfremden. Doch was könne er thun? Könne er ſolchen Ungehorſam und ſolche Wahrheitswidrigkeit, denn Cecil hatte geleugnet, daß er bei dem Wettrennen geweſen, unbeachtet laſſen? Er hatte ſich den Reſt des Tages in ſeinem Bibliothekzimmer eingeſchloſſen; aber endlich außer Stande, mit ſeinen Ge⸗ danken allein zu ſein, war er nach Dakwood herübergekommen in der Ueberzeugung, daß, wenn er Frieden finden könne, er ihn dort finden werde. Es war Mr. und Mrs. Hamilton leicht, ihre Theilnahme zu bezeigen, denn ſie fühlten dieſelbe aufrichtig; aber einen Rath zu geben, war ſchwer. Sich in Familienangelegen⸗ heiten einzumiſchen, iſt ſelbſt nicht die Aufgabe vertrauteſter Freunde. Und wenn Lady Helen ſelbſt den Knaben in ſeinem Ungehorſam unterſtützte und ihm das Beiſpiel der Doppel⸗ züngigkeit gab, was konnte man ſagen? Graham konnte den 179 Gedanken nicht ertragen, ſeinen Knaben von kaum elf Jah⸗ ren in eine öffentliche Schule zu ſchickeu, wiewohl der Einfluß ſeiner häuslichen Erziehung ſich ſo nachtheilig äußerte, und Mr. Hamilton konnte es nicht rathen. Er ſuchte daher nur, ſeinem Freunde Muth zuzuſprechen, indem er ihm viele Bei⸗ ſpiele erzählte, wo ſelbſt die beſte Erziehung keinen Erfolg hatte, und andere, wo die Fehler der Kindheit durch die Um⸗ ſtände unterdrückt wurden und eine vielverſprechende Jugend folgte. Graham ſchüttelte verzweifelnd den Kopf. „Du kannſt kaum über meinen Fall urtheilen, Hamilton,“ ſagte er.„Du kennſt nur das Glück, bei der Erziehung Deiner Kinder, wie in allen anderen Dingen, mit Deiner Gattin Hand in Hand zu gehen. Vater und Mutter müſſen eins ſein, ſonſt iſt wenig Hoffnung, daß ſie an ihren Kindern Freude erleben. Wäre meine Frau nur einigermaßen wie die Deinige— Aber ich ſehe, ich darf nicht ſo ſprechen,“ fügte er hinzu, als er einem vorwurfsvollen Blicke von Mrs. Hamilton begegnete, und er wandte ſich zu den beiden Knaben, die in dieſem Augenblick von ihrem Spatziergange zurückkehrten. Bald nachher erklang die Betglocke, und Graham erhob ſich, um gute Nacht zu ſagen. „Nein, bleibe bei uns!“ ſagte Mr. Hamilton dringend. „Warum ſollte der Ruf zur Andacht das Zeichen zum Auf⸗ bruch ſein? Gehe mit uns, Graham, es iſt nicht das erſte Mal, daß wir zuſammen gebetet haben.“ Graham willigte ohne Zaudern ein. Percy war noch immer nicht zurückgekehrt und ſeine Mutter wurde ſehr be⸗ ſorgt. Ihr Gatte wartete auf ihre Bitte, wiewohl mit Widerſtreben, eine Viertelſtunde, denn er hielt ſehr darauf, daß jedes Mitglied ſeiner Familie zur beſtimmten Stunde ſich beim Gebet einſtellen ſollte. Kaum indeß hatte er das erſte Wort geſprochen, als Percy und Robert eintraten und der Erſtere mit raſchem, aber leiſem Schritt durch das große Zimmer eilte und an ſeinem gewöhnlichen Platze niederkniete. Vergebens bemühte ſich Mrs. Hamilton, ihre Gedanken auf das Gebet zu richten. War er wirklich bei Mr. Morton 180 geweſen, und wenn es der Fall war, wie war er aufgenommen worden? War er beruhigt oder noch mehr aufgeregt? und noch tauſend andere namenloſe, aber natürliche Befürchtun⸗ gen quälten ihr Herz. Aber ein Blick auf ihren Sohn, als er ſich erhob, beruhigte ſie. Seine Wange war vom raſchen Reiten geröthet, aber ſein dunkles Auge glänzte, und er ſah heiterer aus, als ſeit Wochen. Er ging ohne Zaudern in dem Augenblicke, wo das Geſinde das Bibliothekzimmer ver⸗ laſſen hatte, auf Mr. Hamilton zu und ſagte:„Willſt auch Du mir vergeben, mein lieber Vater? Mr. Morton kennt die ganze Wahrheit und hat mir nicht nur meine grauſame Thorheit verziehen, ſondern mir auch die Verſicherung ge⸗ geben, daß ich den Schmerz, den ihm meine Verſe gemacht, mehr als geſühnt habe, daß er ſelbſt über ſie lachen und er⸗ klären wolle, daß ihr Verfaſſer ein ſehr guter Freund von ihm ſei, was wir zu werden hoffen, wenn Du es erlaubſt, und ſo oft ſich ihm Gelegenheit bietet, denn wenn man ſie in dieſem Lichte darſtellte, würde man ſie am eheſten der Vergeſſenheit übergeben. Ich habe in den letzten wenigen Wochen ſo ſehr gelitten, daß ich nicht glaube, daß ich ſobald wieder gedankenlos und ſchwach ſein werde. Willſt Du es noch einmal mit mir verſuchen?“ Erſtaunt und gerührt, weit mehr als er ſich ſonſt zu füh⸗ len, viel weniger zu zeigen geſtattete, koſtete es Mr. Hamilton einige Mühe zu antworten, aber ſeine Worte waren für das ſehnſuchtvolle Herz ſeines Sohnes mehr als genügend, und er antwortete:„Bitte, lobe mich nicht wegen meines Muthes, Papa; hätte es mir nicht Mama gerathen, ich würde es nie⸗ mals gethan haben. Es hätte mir in den Sinn kommen können; aber mein Stolz würde es mir nicht erlaubt haben, darauf zu hören; doch als Mama mir die Sache vorſtellte, ſo fühlte mein Gewiſſen die Wahrheit alles Deſſen, was ſie mir ſagte, und wenn ich nicht ihrem Rathe gefolgt wäre, ſo würde ich mich noch elender gefühlt haben. Theuerſte Mutter!“ fuhr er fort, indem er ſich mit mehr als gewöhnlicher Liebe nach ihr wandte,„Du haſt mich ſo glücklich gemacht, wie kann ich Dir danken?“ 181 Wenn fſie ihn glücklich gemacht hatte, ſo hatte er gewiß Gleiches mit Gleichem vergolten, denn Mrs. Hamilton hatte ſelten ein reineres Vergnügen gefühlt, als in dieſem Augen⸗ blicke, und ihre kleine Emmeline war in ihrer Weiſe faſt ebenſo froh, wiewohl ſie die Empfindungen ihrer Mutter nicht ganz verſtehen konnte. „Nun, Mrs. Hamilton, beſtätigen nicht die Worte Ihres Sohnes die meinigen?“ ſagte Mr. Graham mit erzwungen heiterem Tone, als ſich die Kinder zurückgezogen und er wieder allein mit ſeinen Freunden war. „In der That, er hat mir volle Gerechtigkeit gethan und ſich nicht minder. Als ich ihn verließ, hoffte ich kaum, daß er meinen ſehr unangenehmen Rath befolgen werde. Ueberdies, Mr. Graham,“ fügte ſie ſcherzend hinzu,„machte Ihnen meine Miene einen Vorwurf, nicht weil ich mit Ihnen über den Einfluß der Mutter nicht übereinſtimmte, ſondern Sie wiſſen recht wohl, was ſie ſagen wollte; undich behaupte noch jetzt, wenn Sie nur weniger zurückhaltend und rauh wären, wenn Sie Helen's beſſere Eigenſchaften eben ſo gut ſähen, wie ihre Fehler, ſo würden Sie dieſelbe immer noch für ihre Anſicht gewinnen, ſelbſt mit Beziehung auf Ihre Kinder.“ „Jetzt nicht mehr, Mrs. Hamilton, es iſt zu ſpät. Aber Sie können ſich nicht denken, wie Ihre Miene mich in vergan⸗ gene Jahre zurückverſetzte,“ fügte er hinzu, offenbar um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben,„wo ich mich wirk⸗ lich faſt fürchtete, Ihnen zu nahe zu kommen. Erinnerſt Du Dich noch, Hamilton, als ich Dir ſagte, wenn Miß Manvers einen Fehler hätte, ſo wäre es ihre zu große Kälte.“ „Ich werde nicht ſo leicht die Vorfälle jener Nacht ver⸗ geſſen,“ erwiderte Mr. Hamilton mit einem zärtlichen Blicke auf ſeine Gattin.„Die arme Eleanor! Als ich an jenem Abend ihr Benehmen geißelte, dachte ich nicht, daß ihre Wai⸗ ſen einſt unter meinem Dache leben und mir faſt ſo lieb wie meine eigenen Kinder ſein würden.“ „Und der Knabe iſt ihr lebendiges Ebenbild,“ bemerkte Graham,„gleicht er ihr auch in ſeiner Sinnesweiſe?“ „Edward hat faſt eben ſo viel von ihrem Geiſt, als von 182 ihrer äußeren Schönheit,“ erwiderte Mrs. Hamilton,„aber in Beziehung auf ſeine Gemüthsart iſt er nicht in allen Punkten wie ſie. Ellen hat mit ihrer armen Mutter gar keine Aehnlichkeit.“ „Hat ſie Aehnlichkeit mit ihrem Vater?“ „Ich kannte ihn nicht genügend, um das zu beurtheilen, aber ich glaube nicht. In der That, ich verſtehe Ellen noch kaum.“ „So?“ erwiderte Graham lächelnd,„reicht Ihr Scharf⸗ ſinn hier nicht aus?“ „Ich fürchte es,“ antwortete ſie in demſelben Tone; „Ellen iſt mein jüngſtes Kind, und was mir fünf Mal glück⸗ lich geholfen, hat mich beim ſechſten Male im Stich gelaſſen und verſagt mir ſeine Hülfe.“ „Graham, glaube ihr nicht,“ unterbrach ſie ihr Gatte lächelnd,„ſie bildet ſich ein, daß Ellen etwas Außerordent⸗ liches hat, was ſie nicht begreifen kann; und ich bin über⸗ zeugt, daß dieſe Einbildung dem Urtheile meiner Frau einen Streich geſpielt hat und daß unſere kleine Nichte ein ſehr ge⸗ wöhnliches Kind und nur etwas ernſter und ruhiger iſt, als man ſie in ihrem Alter gewöhnlich findet; das läßt ſich aber leicht erklären durch ihre traurigen Erfahrungen und ihre beſtändige Kränklichkeit. So erkläre ich mir, was meine Frau für ein Geheimniß hält. Sie hat indeß ſo wenig Ein⸗ bildungen, daß ich gegen dieſe eine nicht zu Felde ziehe, denn ſie hat all den Reiz der Neuheit.“ Die Gemüther der jungen Bewohner von Dakwood hat⸗ ten mehr als gewöhnlich zu denken, ehe ſie an dieſem Abend zum Schlafen kamen. Perchy, Herbert und Emmeline waren alle äußerſt glücklich und friedlich geſtimmt. Nicht ſo ange⸗ nehm war Carolinens Laune. Lob, das Anderen zu Theil wurde, machte ihr niemals Vergnügen, es entſtand dann immer die Frage, warum nicht auch ſie gelobt würde? Es war ſehr ärgerlich, daß ihr ſo ſelten Lob ertheilt wurde, und die Selbſtliebe war immer bereit, ihre Aeltern einer gewiſſen Parteilichkeit anzuklagen, anſtatt daß ſie ihre eigene Unwür⸗ digkeit erkannt hätte. Aber dieſe Gedanken kamen ihr nur, 183 wenn ſie allein war; in dem Augenblick, wo ſie ihres Vaters Stimme hörte oder das Lächeln ihrer Mutter ſah, entflohen ſie, bis ſie gelegentlich wieder wach gerufen wurden. Ellen dachte zumeiſt an Herbert. Sie war ſo neugierig geweſen, wie die Uebrigen, zu erfahren, wo er geweſen ſei, wiewohl ſie nicht viel darüber geſagt hatte. Aber ſie hatte nicht daran gezweifelt, daß es eines guten Zweckes wegen geſchehen ſei. „Kein Wunder, daß Mary ihn ſo ſehr liebt,“ ſagte ſie bei ſich;„aber wie kann ich hoffen, daß er mich lieben ſoll, da ich ſo oft unartig bin. Wenn Edward um ſo viel beſſer iſt, was muß Herbert erſt ſein? Wie ſehr wünſchte ich, daß ich ſeine Schweſter wäre, dann würde er mich lieben, möchte ich es verdienen oder nicht.“ Daß die arme Ellen oft für unartig gehalten wurde, wie ſie es ausdrückte, war richtig, und gerade dieſe Miſchung von vielerlei offenbaren Fehlern, beſonders der Ungehorſam gegen die Befehle ihrer Tante, und ihr nur zu häufiges Beſtreben, dieſelben zu verbergen und die letzteren zu umgehen, anſtatt ein offenes Bekenntniß abzulegen, war es, was Mrs. Hamil⸗ ton ſo ſehr in Verlegenheit ſetzte und was ſie nicht dazu kom⸗ men ließ, Ellen verſtehen zu lernen, wie ſie Mr. Graham geſagt hatte. Wenn ſie nur das unglückliche Verſprechen gekannt und gewußt hätte, wie feſt ſich daſſelbe der lebhaften Phantaſie des Kindes eingeprägt hatte. Je öfter ſie daran dachte, um ſo mehr hatte ſich in ihr die Ueberzeugung ent⸗ wickelt, daß ſie, indem ſie Edward vor Tadel oder Strafe ſchütze, einem Befehle ihrer Mutter gehorche, die ſie nun im Himmel um ſo mehr lieben, und daß auch die Liebe ihres Vaters zu ihr um ſo inniger werden werde, und dieſer Ge⸗ danke befähigte ſie, die ſchmerzlichſte aller Strafen, das Miß⸗ fallen ihrer Tante zu ertragen. Mrs. Hamilton würde kein Mittel unverſucht gelaſſen haben, eine ſo eigenthümliche Vor⸗ ſtellung zu entfernen, und es würde ihr ohne Zweifel geglückt ſein; aber ſie hatte nicht die entfernteſte Ahnung von dem Urſprunge der unbegreiflichen Widerſprüche ihrer Nichte. Sie hatte geglaubt und gehofft, daß die Einflüſſe ihres früheren Lebens verſchwinden würden vor der ruhigen, ge⸗ ſunden Gegenwart, und oft fürchtete ſie, daß es nicht blos Vernachläſſigung von Seiten der Mutter, ſondern wirklich fehlerhafte Anlage ſei. Als Ellen ſich von der großen Wich⸗ tigkeit der Wahrheit überzeugt hatte, nahm ſie oft, anſtatt verheimlichen zu wollen, was Edward in ſeinem Leichtfinn gethan, die Schuld auf ſich, da ſie ſich nicht denken konnte, daß ſie mit einer ſolchen Selbſtaufopferung zugleich die Wahrheit ins Geſicht ſchlug, und wenn ſie es glaubte, ſo drängte ſich ihr zugleich der Gedanke auf, daß, wenn ſie ihrer Tante die reine Wahrheit ſagte und Edward verriethe, ſie das heilige Verſprechen bräche, das ſie ihrer Mutter gegeben, und möchte ſie dann einen Weg einſchlagen, welchen ſie wolle, ſo thäte ſie immer Unrecht. Es würde uns faſt ebenſo un⸗ möglich ſein, die Verwirrung zu beſchreiben, die in Folge dieſer ſtreitenden Gefühle in dem Gemüthe des armen Kindes herrſchte, als ihr ſelbſt. Sie wußte nur, daß ſie oft unartig war, während ſie gern gut geweſen wäre, daß ihre Tante denken müßte, ſie kümmere ſich um ihr Mißfallen nichts, während es ſie ſo unglücklich machte, daß ſie faſt immer krank wurde, wenn ſie eine Strafe betroffen hatte. Sie konnte ſich niemals ganz glücklich fühlen, denn auch wenn ſie gut war, ſchien immer eine Laſt auf ihrem Herzen zu liegen, und deshalb mußte ſie anders und ſchlimmer ſein, als alle An⸗ deren. Glücklicherweiſe für Ellen war Mrs. Hamilton's Liebe eben ſo unerſchöpflich wie ihre Geduld, ſonſt würde ihre Nichte noch unglücklicher geweſen ſein, denn Wenige würden die zarte und ſchwierige Aufgabe, beſtändig ſtrafen zu müſſen und dennoch zu lieben, ſo gut verſtanden und geübt haben. Unſere Leſer müſſen ſich nicht denken, daß Edward ſehr feig und unehrenhaft war, daß er immer ſeine Schweſter die Strafe für ſeine Vergehungen büßen ließ. Er hatte niemals die gebieteriſche Nothwendigkeit gelernt, wenn er ſich einer Unachtſamkeit oder eines Ungehorſams ſchuldig gemacht hatte, muthig vorzutreten, mochte er Andere verletzt haben oder nicht, und es einzugeſtehen, und er hatte deshalb auch kein Verſtändniß dafür. Er konnte nicht begreifen, wie das ein ———————————————— — 185 Mangel an Wahrhaftigkeit ſein könne, wenn er nichts ſagte, wonach er nicht gefragt wurde. Es war auch Mrs. Hamil⸗ ton's Gewohnheit, den Gliedern ihrer Familie, die gerade zu der Zeit nicht zugegen geweſen waren, keine Mittheilung zu machen, wenn ſie einen Fehler oder ein Vergehen hatte be⸗ ſtrafen müſſen, wenn es nicht das Weſen deſſelben unbedingt verlangte, und es gab demzufolge zu keiner Bemerkung Ver⸗ anlaſſung, wenn bei Tiſch oder in den Erholungsſtunden die kleinen Sünder aus dem glücklichen Familienzirkel ausge⸗ ſchloſſen waren, wenn ſich ein ſo ungewöhnliches Verfahren nothwendig erwies, ſondern es äußerte ſich nur ein allgemei— nes Bedauern. Edward hörte daher ſelten die wirkliche Ur⸗ ſache, weshalb ſeine Schweſter beſtraft worden war, und bis⸗ weilen erfuhr er es gar nicht. Er fühlte ſich zwar, wenn ſie bisweilen fehlte, ſehr unbehaglich, aber ſeine unerſchütter⸗ liche Furcht vor ſeinem in der That ſehr nachſichtigen Onkel, ein Gefühl, das ihm ſeine Mutter beigebracht und das ganz eben ſo ſtark war, als Ellen's Idee von der Heiligkeit ihres Verſprechens, ließ ihn kein Mittel verſchmähen, um das un⸗ behagliche Bewußtſein los zu werden, daß er weit mehr zu tadeln ſei als Ellen. Seine Anſichten über Percy's Betra⸗ gen waren ganz andere als die ſeiner Verwandten. „Nein,“ rief er faſt laut aus, um ſeinen Gefühlen Luft zu machen,„ich würde lieber Alles, Alles ertragen haben, als daß ich Mr. Morton aufgeſucht, ihm demüthig die Wahr⸗ heit geſtanden und ihn um Verzeihung gebeten hätte wegen eines bloßen Witzes, auf den Perey hätte ſtolz ſein ſollen, anſtatt denſelben zu bereuen. Wenn ich ihn nicht ſo gut kennte, ſo würde ich ihn für einen Feigling halten, der nicht ein Bischen Muth im Leibe hätte. Was kann ihn dazu ver⸗ anlaßt haben? Der Blick des Onkels muß ihn ſo ſehr er— ſchreckt haben, daß er alle Beſinnung verlor. Er war aller⸗ dings auch ſchrecklich. Die arme Mama hatte wahrlich Recht, wenn ſie von ſeiner unbeugſamen Härte ſprach; aber ich glaube, ich würde lieber ſeinem Zorne getrotzt haben, als daß ich Mr. Morton um Verzeihung gebeten hätte, wozu gar keine Nothwendigkeit vorlag.“ Und der Schlaf übermannte 186 ihn und er ſchlief ein in der feſten Ueberzeugung, daß, wie⸗ wohl in manchen Dingen Percy ihm gleich ſtehe, er doch an männlichem Muthe denſelben weit hinter ſich laſſe. Fünſzehntes Kapitel. Verſuchung und ungehorſam.— Furcht.— Unwahrheit und Strafe. Das Weihnachtsfeſt war ſtets eine glückliche Zeit in den Hallen von Oakwood. Im vorigen Jahr hatte die große Kindergeſellſchaft, womit Mr. und Mrs. Hamilton am erſten oder ſechſten Januar ſie zu erfreuen pflegten, wenn es die Umſtände geſtatteten, wegen des Todes der Mrs. Fortescue nicht ſtattgefunden, und es wurde deshalb in dieſem Jahr mit um ſo größerer Freude darauf gewartet. Caroline und Emmeline durften die Einladung zu gemiſchten Geſellſchaf⸗ ten nicht annehmen. Zwei oder drei, die wirklich auf Kinder beſchränkt waren, hatte ihnen ihre Mutter in Begleitung von Miß Harcourt im Laufe des Jahres zu beſuchen erlaubt, aber ihr eigener Ball wurde immer als die Spitze aller Freuden betrachtet, beſonders da nun Caroline anfing, ſich für viel zu alt für bloße Kindergeſellſchaften zu halten. Annie ging mit ihrer Mutter faſt überall hin und lachte über den Ge⸗ danken, ſich mit Kindern abzugeben, und Caroline fing in dieſem Jahre an, den ſehr dringenden Wunſch zu hegen, daß ihre Mutter ſie mit in die Geſellſchaft von Erwachſenen neh⸗ men möge, und verlor allen Geſchmack an den Geſellſchaften, an denen ſie bisher Theil genommen hatte. Mrs. Hamilton veranlaßte ſie niemals, mit Emmeline und Ellen auszugehen, wenn ſie keine Luſt dazu hatte; Caroline aber konnte in der Einbildung, ſich für eine erwachſene Perſon zu halten, nicht weiter gehen. 187 Die Woche vor Weibnachten geſtatteten Mr. und Mrs. Hamilton nicht, nur in Luſt und Freuden zu leben. Nach ihren religiöſen Gefühlen war es eine Zeit inniger Dankbar⸗ keit, und ſie wünſchten, daß ſie dies auch ihren Kindern ſein ſollte, eine Quelle der Freude und Hoffnung allerdings, aber der Freude und Hoffnung auf den Himmel, nicht auf die bloßen Freuden und Vergnügungen der Erde. Sie hat⸗ ten ſich lange Mühe gegeben, ihre Kinder daran zu gewöhnen, daß ſie das Ernſte liebten, ohne daſſelbe mit düſteren oder traurigen Gedanken zu verbinden, und ohne ſich einzubilden, daß, um wahrhaft religiös zu ſein, man die Freuden und Vergnügungen des kindlichen Alters daran geben müſſe, und es war ihnen bewundernswürdig gelungen. Die Weihnachts⸗ woche wurde immer mit ruhiger Freude erwartet, denn ſie waren dann mehr mit ihrem Vater und ihrer Mutter zuſam⸗ men, und das wenige Ernſte, was ſie zu leſen und zu ler⸗ nen hatten, beſorgten ſie ſelbſt; Miß Harcourt hatte dann über ihre ganze Zeit zu verfügen. Sobald der Weih⸗ nachtstag vorüber war, durfte die junge Geſellſchaft mit einziger Ausnahme von zwei Stunden, die ſie für ſich am Morgen oder zu einer andern Tageszeit, wenn ſie die Mor⸗ gen gebraucht hatten, arbeiteten,(denn Mrs. Hamilton ge⸗ ſtattete nicht, daß alle Arbeit eingeſtellt wurde, da ſie glaubte — und ihre Kinder hatten die Wahrheit dieſes Glaubens erfahren— daß man das Vergnügen und die Erholung un⸗ endlich mehr genieße, nachdem man ſeine Pflicht erfüllt, als wenn man nichts gethan, als den ganzen Tag dem Vergnügen nachzugehen), ſo frei, fröhlich und lärmend ſein, wie ſie woll⸗ ten; und viele hätten das Ueberſprudeln ihrer unſchuldigen Heiterkeit beneiden können, welche den ruhigen Lauf ihres gewöhnlichen Lebens langweilig gefunden haben würden. Edward Fortesene wartete mit größtem Vergnügen darauf, im Laufe des folgenden Jahres Schiffskadett zu werden. Er hoffte, daß es nur noch ſehr wenig Monate dauern würde, aber ſein Onkel und Mr. Howard hatten ihm nur geſagt, er möge ſo fleißig, als er könne, weiter arbeiten, denn er könne nach ſehr kurzer Zeit einberufen werden, und 188 es würde doch ſchrecklich ſein, wenn der Einberufung keine Folge geleiſtet werden könnte, weil ſeine Vormünder ihn nicht für weit genug vorgeſchritten in ſeinen verſchiedenen Studien hielten, um ihn fortlaſſen zu können. Sie hatten ſehr ſchelmiſch ausgeſehen, als ſie ihm das geſagt hatten, und Edward hatte an dem Scherz Gefallen gefunden und den Entſchluß gefaßt, daß ſie das Vergnügen nicht haben ſollten. Er wollte in See gehen und müßte er deswegen Tag und Nacht arbeiten, und er verhielt ſich wirklich ſo gut, daß ihn ſein Onkel ſehr be⸗ lobte, was eben ſo unerwartet und erfreulich für ihn war, als er ſeinen Zorn fürchtete. Am Morgen nach dem Chriſt⸗ tag waren Edward und Ellen ganz allein im Schulzimmer; der Erſtere befand ſich in einer höchſt unausſtehlichen Laune, denn auf ſeine eigene Bitte ſollte ihn ſein Onkel in einem Lieblingsfach examiniren, und eines der nothwendigen Bücher fehlte. Er hatte einige Abende vorher darin geleſen, aber es war ihm Etwas in den Wurf gekommen, und in heftiger Leidenſchaft hatte er das Buch von ſich geworfen und ſich nicht darum gekümmert, wohin es gefallen war. Caroline und Emmeline waren bereits mit ihrer Mutter ausgegangen, um einige arme Leute zu beſuchen. Ellen hatte um Erlaub⸗ niß gebeten und ſie erhalten, etwas Saamen in ihrem kleinen Garten ſtecken zu dürfen, und Perey hatte ihr das Verſprechen gegeben, ihr zu zeigen, wo, und die ſchwerere Arbeit für ſie zu verrichten. Er war indeß immer noch mit ſeinem Vater beſchäftigt und hatte ihr geſagt, daß er es vielleicht noch eine Stunde ſein würde, er würde aber dann ſicher zu ihr kom⸗ men; und um die Zwiſchenzeit auszufüllen, hatte ſie die Ab⸗ ſicht gefaßt, an einer Börſe zu arbeiten, die ſie für ihn machte. Edward indeß nahm ſie ganz in Beſchlag, und faſt eine halbe Stunde jagte ſie in allen Ecken und Winkeln des Hauſes umher, bis endlich Ellen ausrief:„Ich ſehe es, ich ſehe es, Edward!“ indeß fügte ſie in ſehr niedergeſchlagenem Tone hinzu:„Aber was ſollen wir thun? Wir können nicht dazu kommen!“ „Warum nicht?“ antwortete Edward ungeduldig,„wo iſt es, Ellen?“ 189 „Hinter dieſem Blumenſtänder,“ erwiderte ſie, indem ſie auf ein Geſtell in einer Ecke des Zimmers zeigte, das, wiewohl es Winter war, mit einigen ſchönen blühenden Geranien von allen Farben und mit einigen ſeltenen Myrthen in voller Blüthe gefüllt war. „Da?“ ſagte Edward freudig,„o, das läßt ſich ſehr leicht wegrücken, ich werde es in einer Minute haben.“ „Aber Du weißt, daß Tante Emmeline uns bat, es nicht anzugreifen,“ entgegnete Ellen, indem ſie ſeinen Arm ergriff. „Und die Blumen gehören faſt alle Carolinen, lieber Edward, rücke es nicht weg!“ „Dummes Zeug, Ellen, wie ſoll die Tante Etwas davon erfahren, und was kümmere ich mich darum, daß die Blumen Carolinen gehören; ſie mögen ſein, wem ſie wollen, ſie wer⸗ den mich nicht abhalten, mein Buch zu holen.“ „Aber das heißt der Tante ungehorſam ſein, Edward; bitte, thue es nicht. Du weißt, wie böſe ſie letzte Woche auf Emmelinen wegen eines viel geringeren Ungehorſams war, als dies ſein würde, und wenn den Blumen Etwas paſſirte, würde Caroline ſehr böſe ſein.“ „Was kümmere ich mich um Carolinens Böſeſein?“ ent⸗ gegnete Edward trotzig;„um meinen Onkel habe ich mich zu kümmern, und wenn ich nicht mein Buch hole und ſogleich zu ihm gehe, werde ich es bekommen. Ich bin nicht gern un⸗ gehorſam gegen die Tante, aber in dieſem Falle hilft es Nichts. Ich bin überzeugt, ich kann es erreichen, ohne ir— gend einen Schaden anzurichten; überdies muß ich mein Buch haben, ich kann es nicht entbehren.“ „Dann warte nur, bis die Tante nach Hauſe kommt, oder laß mich wenigſtens den Onkel fragen, ob wir das Ge⸗ ſtelle rücken dürfen. Lieber Edward, laß mich gehen, ich will nicht eine Minute wegbleiben.“ „Du willſt alſo verrathen, daß ich neulich aufgebracht geweſen bin, und willſt mir deswegen Vorwürfe auf den Hals laden und für meine Nachläſſigkeit dazu? Unſinn, Ellen, ich will es holen, und Du mußt mir helfen, denn ich habe nicht einen Augenblick zu verlieren.“ 190 „Nein, Edward, nein, ich kann es nicht angreifen,“ er⸗ widerte ſie bittend und trat zurück. „Sage lieber, daß Du mich in Strafe bringen willſt und daß ich vielleicht heut Abend und morgen Abend und Freitag dazu nicht ausgehen darf,“ rief Edward im höchſten Grade aufgebracht aus,„und in dieſen Tagen ſprachſt Du Dich noch ſo betrübt aus, daß ich ſobald von Euch wegginge — Du wirſt Dich viel um mich kümmern, da Du mir nicht einmal eine ſolche Kleinigkeit zu Gefallen thun kannſt. Ich haſſe die Vorſtellung.“ Ellen antwortete nicht, wiewohl ihr die Thränen in die Augen traten, aber wie gewöhnlich verließ ſie ihre Feſtigkeit. Das ſchwere Geſtelle wurde vorſichtig ein Stückchen vorwärts gerückt, ohne daß eine der Pflanzen beſchädigt wurde. Das Buch wurde geholt, und in dieſem Augenblicke hörte man Percy's Stimme rufen:„Edward, Edward, was machſt Du? Papa hat Dich ſchon ſeit einer halben Stunde erwar⸗ tet; er ſagt, wenn Du nicht ſogleich kämeſt, würdeſt Du keine Zeit zu alle Dem haben, was Du wünſcheſt. Was haſt Du vor?“ Edward hörte weiter Richts als ſeinen Namen, und ſtürzte ſogleich fort, ſeiner Schweſter es überlaſſend, den Blumenſtänder zurückzurücken. Ellen ſah, daß ſie es allein nicht thun könnte, aber was ſollte ſie machen? Hilfe zu holen, das hieß nur ihren Ungehorſam verrathen oder ihren Bruder beſchuldigen und ihn vielleicht thatſächlich der Ver⸗ gnügungen berauben, auf die er ſich freute, und ſo ſeine unfreundlichen Worte beſtätigen. Sie ſuchte denſelben wieder an ſeine alte Stelle zu rücken, und dachte ſchon, daß es ihr gelungen, aber indem ſie daran rückte, fiel einer der Myrthenſtöcke auf die Erde, und ſeine ſchöne Blüthe hing an dem Stengel nur von drei oder vier zarten Fibern gehalten, daß ſie nicht gänzlich abbrach. Es war Carolinens Lieb⸗ lingsſtock, den ſie ſo geliebt und gepflegt hatte, daß Percy ihn nur ihr Lieblingskind nannte, und die arme Ellen ſtand wie vom Schlag gerührt. Sie hob den Blumentopf mecha⸗ niſch auf und legte die abgebrochene Blüthe an den noch un⸗ 3 4 verletzten Zweig, und es ſah ſo gut und natürlich aus, und der Gedanke ſchoß ihr einen Augenblick durch den Kopf, daß es bei alle dem vielleicht nicht entdeckt werden würde. Dann kamen ihr alle die Vorleſungen ihrer Tante über die verſchie⸗ denen Arten, eine Unwahrheit zu begehen, ohne ein Wort zu ſagen, in's Gedächtniß, und ſelbſt wenn es nicht entdeckt werden ſollte, hatte ſie keine Ruhe zu erwarten. Aber konnte ſie, durfte ſie freiwillig bekennen, was als vorſätzlicher Un⸗ gehorſam erſcheinen mußte? Wenn ihre Tante zu Hauſe ge⸗ weſen wäre, würde ſie in dieſem erſten Augenblicke den noth⸗ wendigen Muth gefunden haben, aber ſie wurde erſt in zwei oder drei Stunden zurückerwartet, und Ellen ſaß, das Geſicht mit den Händen bedeckend, im Bewußtſein ihres Elendes da, bis die fröhliche Stimme ihres Couſins ſie aus der Halle rief:„Komme, Lelly, ich habe Dich lange genug warten laſſen. Tiny hat mir ſo lange keine Ruhe gelaſſen, aber Du verlierſt nicht ſo leicht die Geduld; nun will ich es indeß wieder gut machen.“ Und froh, ihren Gedanken zu entgehen, las ſie ra ſch die verſchiedenen Saamenkörner zuſammen und lief ihm nach, und Perey war ſo thätig, ſo gefällig, ſo unterhaltend in ſeiner wunderlichen Art zu arbeiten und zu ſchwatzen, daß ſie faſt die bevorſtehende Prüfung vergaß, bis ſie ihre Tante und die anderen Verwandten beim zweiten Frühſtück traf. Edward war ſo glücklich in ſeinem Examen mit ſeinem Onkel geweſen, daß er mit keinem Gedanken daran dachte, ob das Blumen⸗ geſtell wieder an Ort und Stelle ſtehe, und nach dem Früh⸗ ſtück hatte er einen Gang an den Fluß zu gehen, und nach dem Mittagsmahl hatte er einer Vorleſung über Aſtronomie beizuwohnen, die an dieſem und einem folgenden Tage in der Stadthalle zu T. gehalten werden ſollte. Sein Onkel, Percy und Herbert ſollten ihn begleiten, und ſomit war es nicht wahrſcheinlich, daß er an irgend etwas Unangenehmes den⸗ ken konnte. Der Tag ſchritt vorwärts. Ellen's weniger Muth war faſt ganz dahin, und ſie hoffte faſt unbewußt, daß Nichts entdeckt werden würde. Mr. Hamilton und die Knaben ent⸗ 192 fernten ſich um ſechs Uhr, und MrHamitton ſchlug vor, ſich in das Zimmer ihrer Töchter zu begeben, um ein unterhal⸗ tendes Buch zu beenden, das ſie laut vorlaſen. Sie hatte mit ihrer gewöhnlichen Scharfſicht bemerkt, daß Ellen ſich den ganzen Tag ihrem Auge zu entziehen ſuchte, und ſie war überzeugt, daß irgend erwas Unrechtes vorgekommen ſein müſſe, aber ſie frug nicht, aus Furcht, ſie wieder zu einer Doppelzüngigkeit zu veranlaſſen. Carolinens ſchmerzliche Klage, daß Jemand ihre ſchöne Blume zerbrochen, lenkte die Blicke Aller auf das Geſtell, und ein Blick genügte, um Mrs. Hamilton zu ſagen, daß es gerückt worden war. Ihr ängſtlicher Verdacht brachte dies ſogleich mit Ellens ſcheuem Weſen in Verbindung, und ſie wollte dieſelbe fragen, ob ſie Etwas davon wiſſe; aber Ellen war verſchwunden, und ſie ſchellte und fragte die einzigen Dienſtboten, deren Geſchäft fie jemals in den Saal führte, ob ſie etwas über den Unfall wüßten. Aber Keines von ihnen wußte Etwas, und Alle vereinigten ſich in der Erklärung, daß am Morgen der Myr⸗ thenſtock unverſehrt geweſen ſei. „Ellen war zu Hauſe, Mama, ſie muß Etwas davon wiſſen. Percy ſagte, ſie hätten erſt eine Stunde, nachdem wir weggegangen, mit ihrer Gartenarbeit angefangen,“ rief Caroline aus, die durch das Fehlſchlagen aller ihrer Pflege ſehr übler Laune geworden war.„Ich behaupte, ſie that es ſelbſt, das häßliche Ding, und hat ſich entfernt, um ſich zu verſtecken, anſtatt ein offenes Bekenntniß abzulegen; das ſieht ihr ganz ähnlich.“ „Still, Caroline! Verdamme nicht, bis Du Dich über⸗ zeugt haſt, und ſage in Deinem Zorne nicht eine Unwahrheit. Ellen hat bis jetzt noch keine Veranlaſſung gegeben, ſie ein häßliches Ding zu nennen. Emmeline, geh und ſage Deiner Couſine, daß ich ſie ſprechen möchte!“ Das Kind gehorchte. Miß Harcourt hatte ſehr fleißig am Tiſch fortgearbeitet, ohne ein Wort zu ſagen, wiewohl die Miene der Mrs. Hamilton ſo ungewöhnliche Beſorgniß ausſprach, daß es freundlicher geweſen ſein würde, zu ſprechen. Ein Blick auf Ellen überzeugte ihre Tante, und ſie hielt eine 193 Weile inne, ehe ſie ſprach, da ſie die Antwort faſt eben ſo ſehr fürchtete, wie das Kind die Frage. Die Antwort war kaum hörbar. Es konnte ein„Nein“ ſein, wenigſtens war es kein„Ja“, aber Miß Harcourt rief augenblicklich aus: „Ellen, wie kannſt Du eine ſo unüberlegte Unwahrheit ſa⸗ gen? Ich wollte es Deiner Tante nicht ſagen, denn ich wollte Dir wirklich die Gelegenheit geben, Deinen Ungehor⸗ ſam einigermaßen wieder gut zu machen, aber ich ſah Dich den Blumenſtänder wegrücken und ſah, wie Du Dir die ſündliche Mühe gabſt, die abgebrochene Blume wieder zu befeſtigen, um Dein Vergehen zu verheimlichen, und nun wagſt Du es zu läugnen?“ „Ich befeſtigte die Blume nicht in der Abſicht, es zu ver⸗ heimlichen,“ rief Ellen aus, indem ſie in Thränen ausbrach, denn dieſe ungerechte Beſchuldigung ſchien ihr die Macht der Rede wiederzugeben, wiewohl die leidenſchaftlichen Vorwürfe, in denen ſich Caroline erging, ſie nicht weiter ſprechen ließen. „Ich muß Dich bitten, ſtill zu ſein, Caroline, oder das Zimmer zu verlaſſen, bis ich mit Deiner Coufine geſprochen habe,“ ſagte ihre Mutter ruhig.„Das Schickſal Deiner Blume ſcheint Dich vergeſſen zu laſſen, daß ich Dir noch nie geſtattet habe, in meiner Gegenwart die ſchuldige Achtung zu vergeſſen, oder Deiner Heſtigkeit freien Lauf zu laſſen.“ „Aber welches Recht hatte Ellen, den Blumenſtänder anzugreifen?“ „Keines! Sie iſt ungehorſam geweſen und hat wiederum verſucht, mich zu hintergehen, und das ſind Vergehen, die ich ſtrafen muß, über die Du Dich aber nicht auszulaſſen haſt. Antworte mir, Ellen, kurz und bündig, Dein Ver⸗ gehen iſt klar und deshalb find alle weiteren Ausflüchte unnütz: Haſt Du den Blumenſtänder gerückt?“ „Ja!“ erwiderte das Kind ſchluchzend, wozu ſie noch mehr die Milde ihrer Tante als die Härte der Miß Harcourt und der Zorn Carolinens veranlaßte, und gern hätte ſie geſagt, daß ihr Ungehorſam nicht ganz ihre Schuld ſei. „Dachteſt Du daran, daß ich ausdrücklich verboten hatte, das Blumengeſtell zu rücken?“ 13 194 „Ja!“ erwiderte Ellen wiederum, und ein Ausruf der Verwunderung über die ſcheinbare Keckheit ihres Benehmens entſchlüpſte Miß Harcourt und Carolinen. „Und dennoch thateſt Du es, Ellen? Dies iſt wirklich ein ſeltſamer Widerſpruch gegen Deinen ſcheinbar aufrichtigen Schmerz über ein ähnliches Vergehen, welches Du Dir vor einigen Monaten zu Schulden kommen ließeſt. Was veran⸗ laßte Dich dazu?“ Eine volle Minute zauderte Ellen und beſtätigte damit unglücklicherweiſe den Verdacht, daß, als ſie antwortete, es wiederum eine Ausflucht ſei. „Um ein Buch zu holen, welches dahintergefallen war.“ „Ich weiß nicht, wie ein Buch dahinter fallen konnte, wenn es nicht dahinter geworfen worden war, Ellen. Du ſagteſt auch, daß Du die abgebrochene Blüthe nicht befeſtigt, um dein Vergehen zu verheimlichen. Ich weiß nicht, wie ich an eine dieſer Verſicherungen glauben ſoll. Warum ver⸗ ließeſt Du ſpeben das Zimmer?“ „Weil... weil... ich wußte, daß Du mich fragen würdeſt, und... und ich fühlte, ich würde nicht den Muth haben, die Wahrheit zu ſagen, und ich wußte, Du würdeſt ſo böſe ſein.“ Die Worte waren kaum zu verſtehen. „Ich würde es lieber geſehen haben, Ellen, wenn Deine Furcht, mir zu mißfallen, Dich verhindert hätte, den erſten Fehler zu begehen, anſtatt denſelben ſo ſündlich zu vergrößern, indem Du die Unwahrheit ſagteſt. So ſchmerzlich es mir iſt, in dieſer feſtlichen Zeit Jemandem ein Leid zuzufügen, ſo würde ich mich Deiner Sünde theilhaftig machen, wenn ich nicht Mittel und Wege einſchlüge, um Dich wenigſtens dahin zu bringen, daß Du Dich Deiner Fehler erinnern und ſie ſo für die Zukunft vermeiden lernſt. Ich habe Dir ſchon ſo oft geſagt, daß Du nicht mich am meiſten beleidigſt, wenn du die Unwahrheit ſagſt oder unrecht handelſt, ſondern Gott, der die Wahrheit iſt, und ich fürchte, daß Worte allein nichts nützen werden. Gehe auf dein Zimmer, Ellen! Viel⸗ leicht werden Einſamkeit und Nachdenken, wenn Dein Bru⸗ der und Deine Verwandten ſo glücklich ſind, Dich eher zum — 195 Bewußtſein Deines Vergehens bringen, als irgend etwas Anderes. Du wirſt Dein Zimmer nicht verlaſſen, außer in den Stunden der Andacht und der Erholung, die Du mit Ellis, nicht mit mir zubringen wirſt, bis ich denke, Du haſt Zeit genug gehabt, über Das, was ich Dir geſagt habe, nachzudenken.“ Ellen verließ das Zimmer ohne zu antworten; aber es dauerte einige Minuten, ehe Mrs. Hamilton die ſchmerzlichen Empfindungen, welche ihr das Benehmen ihrer Nichte und ihre erzwungene Strenge erregten, überwinden und auf die Unterhaltung ihrer Töchter eingehen konnte; aber fie konnte dieſe nicht für das ſchlechte Benehmen einer Andern ſtrafen, und durch ihre Bemühungen kehrte allmälig Carolinens gute Laune und Emmelinens Heiterkeit zurück, und ihr Buch machte ihnen ſo viel Vergnügen, wie vorher. Groß war Edward's Kummer und Beſtürzung, als er die Folgen ſeiner Schuld erfuhr, aber er hatte nicht Muth genug, es zu geſtehen. Seine Tante hatte ausdrücklich geſagt, daß es die Unwahrheit geweſen ſei, welche hauptſächlich ihr Mißfallen erregt, und daß, wenn der Ungehorſam ſogleich bekannt worden wäre, ſie in Rückſicht auf die Feſtzeit ver⸗ geben und ſich mit einer Ermahnung begnügt haben würde. Nun, dachte er, ich bin blos bei dem Ungehorſam betheiligt, und wenn ich bekenne, daß ich die meiſte Schuld habe, ſo wird das Ellen nicht das Mindeſte helfen. Weshalb alſo ſoll ich es erſt geſtehen? Wenn ſie es wünſcht, werde ich es natürlich thun, aber wie konnte ſie eine ſo überlegte Ge⸗ ſchichte erzählen? Daß er eine eben ſo überlegte und wo möglich noch ſtraf⸗ barere Handlung beging, denn er ließ ſie die ganze Laſt ſeiner Schuld tragen, das fiel ihm nicht ein, oder wenn es der Fall war, ſo verſtand oder glaubte er es nicht. Er ging zu ſeiner Schweſter und erbot ſich, ſeinen Antheil an ihrer Schuld zu bekennen, und als ſie ihn bat, wie er erwartet hatte, daß er es nicht thun möge, daß es ihr nichts helfen könne und daß er dann vielleicht ebenfalls beſtraft werden würde, ſo fühlte ſich ſein Gewiſſen vollkommen beruhigt, ſo daß er ſie ſogar fragte, 13* 196 wie ſie ſo thöricht geweſen ſein könne, nicht ſogleich einzu⸗ geſtehen, daß ſie das Blumengeſtell verrückt habe, ſobald ſie gefragt wurde. „Es würde dann Alles gut geweſen ſein,“ fügte er faſt aufgebracht hinzu,„und ich würde nicht von dem Gedanken gequält werden, daß Du gerade jetzt, wo ich mich ſo gern amüſirt hätte, Strafe erleiden mußt.“ „Dann denke nicht an mich, Edward,“ lautete ſeiner Schweſter Antwort.„Ich weiß, es iſt ganz meine Schuld, daß ich die Unwahrheit geſagt habe. Weshalb quälſt Du Dich alſo? Wenn ich nur immer die Wahrheit ſagen könnte und nicht ſo ſehr, ſehr furchtſam wäre! Ich möchte wiſſen, ob mir das jemals gelingen wird.“ Uud ſie ſtützte ihren Kopf auf die Hand und war ſo verzweifelt und ſchmerzerfüllt, daß Edward zu unbehaglich zu Muthe wurde, um bei ihr bleiben zu können. Er beruhigte ſich damit, daß er ihr nicht helfen konnte; aber der unangenehme Gedanke ſtellte ſich ein, daß, wenn er ſie nicht veranlaßt hätte, ungehorſam zu ſein, ſie nicht in die Verſuchung gekommen ſein würde, eine Un⸗ wahrheit zu ſagen. Und ſo ſuchte er ſich durch verſchiedene Spiele und Vergnügungen des Gefühles zu entſchlagen. Auch die Fortſetzung der unterhaltenden aſtronomiſchen Vorleſungen war ſehr angenehm und der Donnerſtag und Freitagmorgen brachten ſo vielerlei Genüſſe, daß er ſeine Schweſter faſt ver⸗ gaß, bis ſein Gewiſſen wieder geweckt wurde, als er erfuhr, daß ſie die Familie am Freitag Abend nicht zu Mr. Howard begleiten ſollte, der ſich ein Vergnügen daraus machte, junge Leute um ſich zu verſammeln, und deſſen Soiree in den Weih⸗ nachtsfeiertagen und ſein ländliches Feſt zur Zeit der Som⸗ merſonnenwende von Knaben und Mädchen groß und klein mit ſolchem Vergnügen erwartet wurde, daß ſie ſich das ganze Jahr darauf freuten. Caroline fiel es nicht ein, auf Mr. Howards Geſellſchaften verzichten zu wollen, wiewohl es Kinderfeſte waren, und Perey erklärte, ſie hätten ſo wenig Aehnlichkeit mit den Geſellſchaften, die Andere veranſtalteten, wie Mr. Howard mit einem Schulmeiſter. Ellen hatte das ländliche Feſt ſo gefallen, daß, ſo ſchüchtern ſie war, ſie dem 197 Freitage mit faſt eben ſo großem Vergnügen entgegen geſehen hatte, wie Emmeline. Vergebens baten Emmeline, Edward, Perey und ſelbſt Mr. Hamilton, ſie mitgehen zu laſſen. Das gute Herz der Mrs. Hamilton ſprach ſich eben ſo ſehr dafür aus, aber ſie blieb feſt. „Bittet mich nicht, liebe Kinder,“ ſagte ſie faſt bittend. „Ich verſichere Euch, es macht mir ebenſoviel, wenn nicht mehr Schmerz, Eure Bitten bei dieſer Gelegenheit abſchlagen zu müſſen, als es Euch betrübt, eine abſchlägige Antwort zu erhalten. Wenn es das erſte, zweite oder ſelbſt das dritte Mal wäre, daß Ellen die Wahrheit umgangen hätte, ſo würde ich Euretwegen nachgeben, in der Hoffnung, daß die Verzeihung eben ſo gute Folgen haben werde, wie die Fortſetzung der Strafe. Aber ich kann dies jetzt nicht hoffen. Es iſt, wie ich fürchte, eine ſo tief eingewurzelte Gewohnheit, daß nichts als Feſtigkeit in Anwendung der Strafe, ſo oft ſie ſich noth⸗ wendig zeigt, ſie mit der Wurzel ausrotten wird. Gott gebe, daß es mir zuletzt gelingt!“ Der Ton und die Worte waren ſo bekümmert, daß nicht nur die Kinder aufhörten, zu bitten, ſondern daß Alle noch mehr die Wichtigkeit der Tugend erkannten, die Ellen ſo ſchwer verletzt hatte, weil ihr Benehmen auf ihre Mutter eine ſolche Wirkung äußerte. Sie war immer betrübt, wenn ſie Unrecht gethan hatten, aber ſie erinnerten ſich nicht, ſie jemals ſo bekümmert wie heute geſehen zu haben. Edward aller⸗ dings hatte dafür nicht ſo viel Verſtändniß, wie ſeine Ver⸗ wandten, aber als er ſeine Tante nur die Unwahrheit erwähnen hörte, beruhigte ſich ſein Gewiſſen wieder, denn er hatte nur den Ungehorſam veranlaßt. Emmeline fragte ſchüchtern, ob ſie bei Ellen bleiben dürfe, und Edward folgte ihrem Beiſpiele, und hielt ſich für ſehr großmüthig, als er dies that. Aber beide erhielten eine abſchlägige Antwort, und er hatte genug gethan. Alle gingen— Mr. und Mrs. Hamilton und Miß Harcvurt ſo gut wie die jungen Leute, und es war ein ſo glücklicher Abend! Zuerſt wurde das Planetarium gezeigt, das Mr. Howard den Vorleſer in ſeinem Hauſe aufzuſtellen veranlaßt hatte, und Edward war außer ſich vor Vergnügen. 198 Dann folgten Spiele und wurden Räthſel aufgegeben, die ſie eben ſo ſehr zum Denken veranlaßten, wie ſie ihnen Ver⸗ gnügen machten, und dann folgte Muſik und Geſang und Tanz, und Alles war ſo ruhig und ordentlich und doch ſo voll kindlicher Freude, daß es nicht ſehr wundern konnte, daß keins von der jungen Geſellſchaft aus Oakwood Zeit zu ſchmerzlichen Gedanken hatte. Nur Mrs. Hamilton dachte an Ellen und immer und immer wieder klagte ſie ſich zu großer Härte an, denn vielleicht hatte ſie keine beſſere Wirkung als Nachſicht. Aber was konnte ſie thun? Sie beneidete faſt die ruhige Sorgloſigkeit minder ängſtlicher Vormünder, aber es war ihr unmöglich, ihre Verantwortlichkeit mit ſo gleich⸗ gültigen Augen anzuſehen. Ellen war ſo oft unwohl, daß ihre Abweſenheit nicht ſo ſehr auffiel, als wenn ihr Bruder oder eins von ihren Kindern gefehlt hätte.„Mama wünſchte nicht, daß ſie mitgehen ſollte,“ lautete die Antwort, die ihre Kinder, wenn ſie gefragt wurden, geben ſollten, und ihre Nachſicht war ſo allgemein bekannt, daß Niemand etwas Anderes als ein Unwohlſein vermuthete. Annie Graham's Widerwille gegen Ellen hätte ſie vielleicht argwöhniſcher gemacht, aber ſie war nicht zugegen. Cecil und Lilla waren mit ihrem Vater da, aber Miß Graham ließ ſich nicht herab, Mr. Howard's Kindergeſellſchaften zu beſuchen, und Caro⸗ line, wiewohl ſie es ſich ſelbſt nicht geſtanden haben würde, war glücklicher und gab ſich unbefangener dem Genuſſe hin, den ihr die Geſellſchaft und die verſchiedenen Vergnügungen boten, als wenn Annie theilgenommen hätte. Der nächſte Abend brachte Ellen noch eine größere Prüfung als der Freitag. Sie hatte weder erwartet noch ſelbſt gewünſcht, die Familie zu Mr. Howard begleiten zu dürfen, wiewohl, als die liebevolle Emmeline zu ihr gekommen war, um ihr gute Nacht zu wünſchen, und mit Thränen in den Augen ihr wiederholtes Bedauern ausgeſprochen hatte, daß ſie nicht mitgehen dürfe, ihre Täuſchung ſie bittrer ſchmerzte, als am Morgen, wo ſie es nur für möglich ge⸗ halten hatte. Aber am Sonnabend Abend war es die Ge⸗ wohnheit ihrer Tante geweſen, ſeitdem ſie in Dakwood wohn⸗ 199 ten, ihre Töchter und ihre Nichte zu beſuchen, ehe ſie zu Bett gingen, und ſie auf die Freuden des Sabbaths vorzubereiten, indem ſie dieſelben über ihr Betragen in der verfloſſenen Woche fragte und ihnen volle Verzeihung für Alles, was ſie gefehlt hatten, ertheilte. Als ſie noch jünger waren, hatte Mrs. Hamilton dies alle Abende gethan, da ſie dieſelben aber daran zu gewöhnen wünſchte, daß ſie ſich ſelbſt unab⸗ hängig von ihr prüfen ſollten, ſo hatte ſie, nachdem Emmeline 12 Jahr alt geworden war, den Sonnabend Abend feſtge⸗ ſtellt, bis ſie 15 Jahr alt ſein würde, ein Alter, in dem ſie ſich ſelbſt überlaſſen werden konnte. Ihren Kindern war dies ſo ſehr zur Gewohnheit geworden, daß ſie es ganz natürlich fanden; aber Ellen und Edward, die nicht ſchon als junge Kinder daran gewöhnt worden waren, hatten, wie ſie fühlte, kein rechtes Verſtändniß dafür, und ſie ſelbſt er⸗ füllte ihre Aufgabe nicht ſo befriedigend, wie ihren Kindern gegenüber. Dennoch erwartete Ellen an dieſem Abend das Ende ihrer Verbannung, denn es mußte ein großes Vergehen ſein, deſſen Strafe ſich über den Sabbath hinaus ausdehnte. Ellen konnte ſich nicht eines Beiſpiels erinnern, ſeitdem ſie in Dakwood geweſen war, und als ſie die Thüren ihrer Ver⸗ wandten ſich allmälig ſchließen hörte, und ihre Tante ſich entfernte, ohne ſich der ihren zu nähern, da hielt ſie ſich für unverbeſſerlich, ſonſt würde ihre gute Tante wenigſtens zu ihr gekommen ſein. Mrs. Hamilton hatte vorſätzlich ſich enthalten, ihren Neigungen nachzugeben, ſowie Ellen zu tröſten, da ſie ihr auf dieſe Weiſe das Bewußtſein zu erwecken hoffte, wie ſehr ſie geſündigt. Die Unmöglichkeit, den Cha⸗ racter ihrer Nichte vollkommen zu verſtehen, während das arme Kind es für eine heilige Pflicht hielt, ſich zum Opfer zu bringen, machte ſie weit ſtrenger, als ſie geweſen ſein würde, hätte ſie ihre wirkliche Sinnesweiſe gekannt. Aber wie war es möglich, daß ſie Ellens Schmerz für ſo tief halten konnte, wie konnte ſie an ihre Reue glauben, wenn ſie nach kurzer Zeit dieſelben Fehler wieder beging? Ihre Aufgabe war unendlich ſchwieriger als minder beſorgte Mütter ſich denken können. 200 Sechzehntes Kapitel. Schmerz und Reue.— Verſöhnung.— Der Familienbaum. In fieberiſchen Träumen von ihren Eltern, die ihr den Tod derſelben zurückriefen und abwechſelnd wachend und von jenen unbegreiflichen Schrecken gequält, die viele arme Kinder von ſtärkerer Einbildungskraft aus eigener Erfahrung kennen, brachte Ellen die Nacht zu und am nächſten Morgen ſtand ſie auf mit jenem ſchmerzhaften Klopfen aller Pulſe, das immer mit heftigen Kopfſchmerzen endete, wozu ſie ſo ſehr geneigt war, die aber die Sorgfalt ihrer Tante und Mr. Maitlands Arzneien ſeltener und weniger heftig gemacht hatten. Sie ging indeß wie gewöhnlich mit der Familie zur Kirche.„Bleib draußen, Edward!“ rief Percy aus, als ſie ſich dem Hauſe näherten,„das alte Jahr nimmt in ſo herrlicher Laune von uns Abſchied, daß Tiny und ich bis zu Tiſche die Landluft genießen und ſchwärmen wollen. Willſt Du uns begleiten? Und auch Du, Ellen?“ Ellen zog ihren Arm aus dem ihres Bruders und ſagte:„Geh, lieber Edward! Ich bin ſehr müde und will am liebſten nicht mitgehen.“ „Müde und von dieſem kurzen Spaziergang! Aber Du ſiehſt wirklich ſo aus, als wenn Du es wäreſt. Was fehlt Dir, Ellen? Du biſt nicht wohl!“ Seine Schweſter antwortete nicht, ſondern vor dem Blicke, den Mrs. Hamilton, welche in dieſem Augenblicke vorüberging, auf ſie richtete, zurückſchreckend, eilte ſie in das Haus. Edward fühlte ſich wiederum unbehaglich, und es war ihm ſeit dem Dienſtag⸗Morgen ſo oft ſo zu Muthe, daß ſeine Laune nicht halb ſo gut war wie gewöhnlich. Er wollte ſich ſelbſt nicht zugeſtehen, daß das unbehagliche Ge⸗ fühl von Gewiſſensbiſſen herrührte, und ſo ließ er daſſelbe 201 mehr als einmal gegen Ellen aus, indem er erklärte, es ſei ſo unangenehm, daß ſie gerade jetzt in Strafe verfallen ſei. Mr. und Mrs. Hamilton hatten die Gewohnheit, am Sonntag immer um halb zwei Uhr zu Mittag zu eſſen, um diejenigen von ihren Dienſtleuten, die nicht im Stande ge⸗ weſen waren, dem Moxgen⸗Gottesdienſt beizuwohnen, am Nachmittag in die Kirche gehen zu laſſen. In Beziehung auf ſich ſelbſt und ihre Kinder befolgten ſie ein Verfahren, welches mancher Frömmler vielleicht verurtheilt haben würde, und doch waren ſeine Früchte voll guter Verheißung. Ihr heißer Wunſch war, den Sabbath zu einem Tage der Liebe zu machen, ihre Kinder dahin zu bringen, daß ſie die ganze Woche mit Freude und Erwartung demſelben als einem Tage entgegenſähen, der in ſeinen Genüſſen von den anderen ganz verſchieden ſei, und aus dieſem Grunde gingen ſie, ſo lange ihre Kinder noch jung waren, nur des Morgens in die Kirche und die Nachmittage wurden dazu verwendet, ſie Gott in ſeinen Werken, wie in ſeinem Wort kennen und lieben zu lehren, und ihre Abende widmeten ſie ſo ruhigen, aber heiteren Unterhaltungen und ſolchen literariſchen Erzeug⸗ niſſen, die ihre jungen Herzen mit erhöhter Dankbarkeit für ihr glückliches Loos erfüllten. Als ſie älter wurden, hatten ſie vollkommene Freiheit, mit Rückſicht auf die Nachmittagskirche zu thun, was ſie wollten. Herbert, deſſen ſehnſüchtiges Ver⸗ langen, Prediger zu werden, mit den Jahren zunahm, brachte gewöhnlich den größten Theil des Sonntags mit der vollen Zuſtimmung ſeiner Eltern in Mr. Howard's Geſellſchaft zu. Die Unterhaltung über ernſthafte Gegenſtände war ſein größtes Glück, aber Mr. und Mrs. Hamilton erwarteten nicht, daß alle ihre Kinder ihm darin ähnlich werden ſollten. Sie waren zufrieden und in ihrem Innern dankbar dazu, wenn ſie ſahen, daß, ſo verſchieden ihre Charactere waren, dennoch das beſtändige Gefühl der Gegenwart Gottes und ſeiner unendlichen Liebe in ihnen Allen lebendig war, und daß ſie Herbert ehrten und liebten, wiewohl ſie nicht ganz mit ihm übereinſtimmen konnten. Eine andere Eigenthüm⸗ lichkeit von Mr. Hamilton beſtand darin, daß er in Aveling 202 und ſeinen anderen Dörfern keine Sonntagſchulen duldete. Anſtatt des Sonntags wurden die Sonnabend⸗Nachmittage dazu beſtimmt. Er wollte, daß ſeine Gattin und Töchter, wenn ſie alt genug ſein würden, dieſelben beaufſichtigen und die Kinder auf den ſonntäglichen Gottesdienſt und die Sonn⸗ tagsfreuden vorbereiten ſollten. Ganz beſonders war es ihm aber zuwider, ſie an einem Ruhetage ſich überarbeiten zu ſehen, was nicht ausbleiben konnte, wenn ſie zwei oder drei Mal an einem Tage die Schule ſowohl wie die Kirche beſuchen ſollten. Da es der letzte Tag im alten Jahre war, hatte Mr. Howard den Wunſch ausgeſprochen, daß Percy und Edward ebenſo wie Herbert an dieſem Nachmittage die Kirche beſuchen ſollten, und die Knaben willigten ohne den mindeſten Wider⸗ ſpruch ein. Mr. Hamilton und Miß Harcourt gingen eben⸗ falls und Caroline und Emmeline baten von ſelbſt um Er⸗ laubniß, ſie begleiten zu dürfen. Ellen's bleiches leidendes Geſicht verfolgte ihre Tante ſo ſehr, daß ſie an nichts weiter denken konnte, und ſie befand ſich viel länger, als bei ihrem Charakter gewöhnlich war, in der größten Unentſchiedenheit. Am nächſten Abend war ihr Kinderball, und es war zugleich der erſte Tag eines neuen Jahres, der in ihrem glücklichen Kreiſe immer ein Feſttag der Freude und des Dankes war. Ellen's Geſicht ſah aller— dings aus, als wenn ſie völlig genug gelitten hätte, um nicht wieder in ihren Fehler zurückzufallen, aber ſo hatte ſie immer ausgeſehen, und doch ſündigte ſie wieder, ehe ſie möglicher⸗ weiſe die Folgen ihres erſten Fehlers vergeſſen hatte. Mrs. Hamilton ſaß eine Zeit lang, nachdem ihre Kinder ſie ver⸗ laſſen hatten, in tiefes Sinnen verloren und ſuchte die Ent⸗ ſchuldigungen der Liebe zum Schweigen zu bringen und blos auf die Vernunft zu hören. Sie war unentſchieden, ob fort⸗ geſetzte Strenge oder Rückkehr zur Güte wirkſamer ſein und Ellen und ihr ſelbſt weitere Qual erſparen würde. Bei dem armen Kinde nahm das körperliche Leiden ſo zu, daß es ſie allmälig geiſtig betäubte, bis es zuletzt ſo ſchlimm wurde, daß ſie ſich ganz krank und matt fühlte. Sie wußte, die Mediein, die ſie zu nehmen pflegte, wenn ſie in 203 ähnlicher Weiſe litt, und die Waſchung, die ihre Tante an⸗ wendete und die immer das heftige Klopfen in ihrer Stirn glücklich entfernte, befanden ſich beide in dem Ankleidezimmer der Mrs. Hamilton, aber es ſchien ganz unmöglich, daß ſie dieſelben bekommen könnte, denn ſie wollte ihr Zimmer nicht ohne Erlaubniß verlaſſen, auch fühlte ſie ſich ſo ſchwach, als wenn ſie nicht ſo weit gehen könnte, und bei jedem Schritt, den ſie that, fühlte ſie ein heftiges Klopfen in ihrem Kopfe. Endlich faßte ſie ſo viel Muth, um die Glocke zu ziehen und Fanny zu bitten, daß ſie Ellis zu ihr rufen möchte. Das Mädchen, das ſich bereits ſchrecklich geängſtigt hatte, daß Miß Ellen nichts zu Mittag gegeſſen und dazu an einem Sonntage, ſtattete einen ſolchen Bericht über ſie ab, daß die Haushälterin ſogleich zu ihr eilte und ſie bat, die gnädige Frau holen zu dürfen, es ſei ein Glück, daß ſie nicht in die Kirche gegangen. Aber Ellen hielt ſie zurück und bat ſie, es nicht zu thun. „Liebe, liebe Ellis, holen Sie mir die Mediein und baden Sie ſelbſt meine Stirn, ich werde dann in einer oder zwei Stunden mich wieder wohl befinden, ohne meine Tante be⸗ müht zu haben. Bitte, bitte, ſagen Sie es ihr nicht; ich fühle kaum den Schmerz, wenn ſie mich pflegt, aber ich ver⸗ diene das jetzt nicht, und ich fürchte, ich werde es nie wieder verdienen.“ „Aber ſie wird böſe ſein, Miß Ellen, wenn ich es nicht thue. Erſt neulich war ſie ganz bekümmert, daß ich ihr nicht ſogleich geſagt hatte, daß Fanny krank ſei, und ſie be⸗ ſuchte ſie alle Tage zwei oder drei Mal, um nachzuſehen, daß ſie Alles ordentlich habe.“ „Aber das iſt etwas ganz Anderes, liebe Ellis. Holen Sie mir die Waſchung; es iſt mir zu Muth, als wenn ich dieſen Schmerz gar nicht länger ertragen könnte, ohne laut aufzuſchreien. Sie können es ihr nachher ſagen, wenn Sie denken, daß Sie es thun müſſen.“ Da nun Ellis ſah, daß weiterer Widerſpruch nur die Leiden des armen Kindes erhöhte, ſo ſagte ſie zu und verließ ſie. Ellen lehnte ihre Stirn gegen die Seitenwand ihres kleinen Bettes und hielt den Vorhang dicht geſchloſſen, als wenn ſie das hyſteriſche Schluchzen nicht hören laſſen wollte, das ſie faſt erſtickte, wiewohl ſie nicht wußte, was es war. Da erklang auf einmal ganz unerwartet die Stimme der Mrs. Hamilton dicht neben ihr, indem ſie ſagtet„Ich fürchte, Du haſt einmal wieder Deinen ſchlimmen Kopf⸗ ſchmerz, Ellen.“ Und ſie erſchrak ſo ſehr darüber, daß ſie plötzlich den Kopf aufrichtete, aber die Bewegung verurſachte ihr ſolchen Schmerz, daß ſie trotz aller Anſtrengung einen krampfhaften Schmerzensſchrei nicht unterdrücken konnte. „Mein liebes Kind, ich hatte keinen Begriff von einem ſolchen Schmerz. Warum ließeſt Du mich nicht holen? Wir haben immer verhindert, daß er ſo heftig wurde, indem wir bei Zeiten etwas dagegen thaten, meine Ellen.“ „Miß Ellen wollte mich nicht zu Ihnen laſſen,“ erwiderte Ellis, die zur großen Freude ihrer Herrin mit den Arzneien zur Hand war, die ſie brauchte, und ſie wiederholte, was das Kind geſagt hatte. „Immer wieder Dein alter Irrthum, Ellen! Ich wollte viel, viel lieber von Dir hören, wenn Du ſagteſt, Du wäreſt entſchloſſen meine Liebe zu verdienen, als daß Du ſie nicht verdienteſt. Warum wollteſt Du ſie nicht ſo gut verdienen, wie Dein Bruder und Deine Couſinen, wenn Du von ganzem Herzen den Entſchluß faßteſt, es zu verſuchen, und nichts zu thun, um dieſelbe zu vermindern? Nichts ſteht dem Beſtreben, ſie verdienen zu wollen, ſo ſehr im Wege als die Einbildung, daß Du ſie nie verdienen wirſt. Aber Du biſt zu unwohl, um mir jetzt zuhören zu können. Wir müſſen Alles thun, was wir können, um dieſen entſetzlichen Schmerz zu entfer⸗ nen, und dann wollen wir zuſehen, ob wir nicht auch die Heiterkeit zurückbringen können.“ Und über eine Stunde wandte Mrs. Hamilton mit der geduldigſten Zärtlichkeit die gewöhnlichen Mittel an, und ſie freute ſich, daß, wiewohl langſamer als gewöhnlich, die Hef⸗ tigkeit des Schmerzes allmälig nachließ, und der hyſteriſche Anfall in natürlichen und ruhigen Thränen ſich auflöſte. Die Erſchöpfung hatte einen tiefen, wiewohl nicht ſehr lan⸗ 205 gen Schlaf zur Folge, und nachdem ſie Ellen einige Minuten ſehr ängſtlich beobachtet hatte, ſetzte ſich Mrs. Hamilton an ihrem Bett nieder und nahm halb unbewußt Ellens kleine Bibel an ſich, die offen auf dem Tiſch lag, wie wenn ſie vor Kurzem erſt gebraucht worden wäre. Mehrere loſe Papiere lagen zwiſchen den Blättern. Ihre Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie auf einem derſelben ein kleines Gebet las, das ſie durch die Kindlichkeit ſeiner Sprache und durch die unvollkommene Schrift rührte und worin Ellen ihren himmli⸗ ſchen Vater in ſeiner großen Barmherzigkeit bat, ihr ihre Sünden zu vergeben und ihr Muth zu verleihen, die Wahr⸗ heit zu ſprechen, ihr zu helfen, daß ſie ſich nicht fürchte, ſon⸗ dern ſie auf ihrem ſchwierigen Pfade zu leiten. Sie hatte auch mehrere Verſe aus verſchiedenen Theilen des alten und neuen Teſtamentes abgeſchrieben, welche die Lüge verdammten, und ihre Tante fühlte ſich nicht lange unentſchieden, welche Handlungsweiſe ſie einſchlagen ſolle. „Du haſt Deine einſamen Stunden ſo gut angewendet, meine liebe Ellen,“ ſagte ſie, indem ſie, als das Kind auf⸗ gewacht war und ſie ängſtlich anſah, dieſelbe mit ungewöhn⸗ licher Zärtlichkeit auf die Wange küßte,„daß ich kaum Dein Bekenntniß der Reue oder Dein Verſprechen der Beſſerung bedarf. Wenn Du Kaffee getrunken haſt und Du Dich wohl genug zu befinden glaubſt, um mich anhören zu können, will ich Dir ein Beiſpiel von dem ſchrecklichen Laſter der Lüge aus dem neuen Teſtament vorleſen, worauf ich Dich noch nicht hingewieſen zu haben glaube, von Ananias und Saphira. Ich ſehe, Du erinnerſt Dich.“ Und als Ellen die Taſſe delikaten Kaffees getrunken hatte, die ihre Tante für ſie hatte zurecht machen laſſen, ſobald ſie erwachte, und als ſie ſich aufſetzte, wiewohl ihr Kopf noch ſo ſchwach war, daß ſie eines Kiſſens bedurfte, um ſich halten zu können, ſo ſchien ſie doch neubelebt durch die elektriſche Wirkung dieſes warmen zärtlichen Kuſſes, daß ihre Tante keinen Anſtand nahm, in der Lehre fortzufahren, die ſie ihr ſo gern einprägen wollte, ſo lange ihr Herz und Gemüth ſie zu empfangen vorbereitet war. Sie ſchlug 206 das vierte Capitel des zweiten Buches der Könige auf und nachdem ſie kurz die Geſchichte des Naeman erzählt, denn ſie wollte Ellens Aufmerkſamkeit nicht von dem einen wich⸗ tigen Gegenſtande ablenken, indem ſie ſie auf irgend welche neue Idee brachte, las ſie vom zwanzigſten Verſe bis zu Ende und brachte Ellen die Sünde Gehaſis und die furcht⸗ bare Strafe von der Hand Gottes ſelbſt(denn der Prophet war blos ein Werkzeug des Ewigen, er hatte ſelbſt keine Macht, den Ausſatz auf ſeinen Diener herabzurufen) ſo ſehr zum Bewußtſein, daß ſie es nie vergaß. „Glaubſt Du, daß Eliſa wußte, was er gethan hatte, ehe er ihn fragte?“ wagte ſie ſchüchtern zu fragen, als ihre Tante geendet hatte.„Gehaſi hatte Naeman bereits eine Unwahr⸗ heit geſagt. Meinſt Du, daß Gott dieſe Unwahrheit oder ſeine Lüge gegen Eliſa ſtrafte?“ „Sehr wahrſcheinlich beſtrafte er beide, meine Liebe. Eliſa wußte ohne Zweifel, wie ſein Diener in ſeiner Ab⸗ weſenheit beſchäftigt geweſen war, ja er ſagte es ihm aus⸗ drücklich.“ Und ſie las den ſechsundzwanzigſten Vers noch ein Mal.„Aber er fragte ihn, woher er gekommen ſei, um ihm Gelegenheit zu einem vollen Bekenntniß ſeiner erſten Sünde zu geben, die er ihm dann nach einem gelinden Tadel verziehen haben würde. Es war zuerſt ein ſehr großes Ver⸗ gehen, aber die Gnade Gottes war dazumal, wie noch heut zu Tage ſo unendlich, ſo barmherzig, daß, hätte Eliſa's Frage Gehaſi zum Bewußtſein ſeiner großen Schuld zurück⸗ gerufen und ihn zu wahrer Reue erweckt, ſeine Strafe abgewendet worden ſein würde, aber dieſe wiederholte Un⸗ wahrheit rief eine Strafe auf ihn herab, die furchtbar iſt, wenn man nur daran denkt. Der Ausſatz war nicht blos eine ſchreckliche Krankheit an und für ſich, ſondern ſie entzog demſelben auch alle Segnungen und Freuden nicht nur des geſelligen, ſondern auch des häuslichen Lebens, weil er, da Gott geſagt hatte, daß der Ausſatz auch an ſeinem Samen haften würde, wie an ihm ſelbſt, Niemand finden konnte, der ihn zu lieben gewagt hätte, und er muß für ſein ganzes Leben zu Einſamkeit und Elend verdammt geweſen ſein.“ 207 „Das war eine ſehr furchtbare Strafe,“ wiederholte Ellen ängſtlich. „Das war ſie, mein liebes Kind,“ wiederholte ſie,„aber immerhin war es noch eine gelinde Strafe. Wenn Gott es ruhig hätte geſchehen laſſen und wenn er Gehaſi geſtattet hätte, ſein ſündiges Leben fortzuſetzen, ohne ihm eine Strafe aufzuerlegen, die ihn zum Bewußtſein beſſerer Ziele zurück⸗ führte und ihm den Wunſch einflößte, dieſelben zu verfolgen, ſo würde er ſcheinbar in dieſem Leben ſehr glücklich geblieben ſein, um in dem nächſten ewiges Elend zu finden, für immer von Gott und ſeinen guten Engeln verbannt zu werden, und würde das nicht noch ſchrecklicher geweſen ſein, als das ſchwerſte Leiden, das ihn hier treffen konnte? In jenen Zeiten offenbarte Gott ſeine Gerichte unmittelbar durch den Mund ſeiner Propheten. Das iſt heutzutage nicht der Fall, aber er hat uns ſein Wort gegeben, um uns durch die Ge⸗ ſchichte, wie durch ſeine Lehre zu ſagen, was ihm gefällt, was ſeinen Zorn erregt und was, wenn wir es unterlaſſen, ſo lange wir noch in dieſer Welt ſind, unſere Verdammniß zur Folge haben würde, wenn unſere Seelen vor ſeinem Richterſtuhle erſcheinen, wo wir uns nicht mehr beſſern könnten, wenn wir auch wollten. Freilich können Kinder und ſelbſt junge Leute dies nicht ſo gut wiſſen, wie ihre Eltern und Vormünder, und wenn wir es unterlaſſen, ihnen den Unterſchied zwiſchen Recht und Unrecht zu lehren, ſo iſt Gott zorniger gegen uns als gegen ſie, wie er Ezechiel ſagt.“ Sie las vom achtzehnten bis zweiundzwanzigſten Verſe des dritten Capitels und erklärte den Inhalt ſo, daß Ellen den⸗ ſelben völlig verſtand, und dann fuhr ſie fort:„Und nun, meine liebe Ellen, wirſt Du begreifen, warum ich Dir ſo viel Schmerz verurſacht habe und ſo ſehr, ſehr ſtreng gegen Dich geweſen bin.“ Ellen umſchlang augenblicklich ihren Hals, und lehnte ihr Köpfchen an ihre Bruſt, aber das war auch ihre einzige Antwort, denn ſie fühlte, daß ſie nicht ſprechen konnte, ohne wiederum zu weinen. Nach einiger Ruhe ſagte ſie ſehr be— kümmert:„Ich wünſchte, ich könnte immer daran denken, 208 daß Gott mich überall ſieht, wo ich bin. Ich bin ſo einge⸗ ſchüchtert, wenn ich daran denke, daß Jemand, und wenn es ſelbſt Caroline iſt, mir zürnen könnte, daß ich an weiter nichts zu denken vermag.“ „Erinnerſt Du Dich des Pſalms, den wir vorgeſtern laſen, meine liebe Ellen?“ Das Kind erinnerte ſich deſſelben nicht, und ihre Tante ſchlug den einhundert und neun und zwanzigſten Pſalm auf und las die erſten zwölf und die letzten zwei Verſe mit ihr und fügte hinzu:„Wie wäre es, wenn Du alle Morgen einen Vers lernteſt, bis Du die ganzen vierzehn auswendig könnteſt? Ich dächte, das würde Dein Gedächtniß ſchärfen, meine Ellen, und würde mir zugleich beweiſen, daß Dir wirklich daran liegt, Dich zu beſſern. Und nun noch ein Wort, und ich denke, ich habe Dir dann genug geſagt.“ „O nein, liebe Tante, ich bin nicht müde,“ erwiderte Ellen.„Wenn Du mit mir ſprichſt, iſt mir zu Muthe, als wenn ich nie wieder unartig ſein könnte. O, wie ſehr wünſchte ich, daß ich es niemals wäre!“ „Ich bin nicht ſo gewiſſenlos, zu erwarten, daß Du gar keine Fehler haben ſollteſt, mein liebes Kind. Alles, was ich von Dir erwarte, iſt größerer Gehorſam gegen meine Befehle. Ich habe nichts von Deinem Ungehorſam geſagt, weil Deine Unwahrheit von noch größerer Bedeutung war. Aber auch darüber bekümmerte ich mich, denn Ungehorſam gegen mich iſt Ungehorſam gegen Gott. Denn er hat Dir geboten, Deinen Eltern und Vormündern gehorſam zu ſein, und da Du ſagteſt, Du hätteſt Dich erinnert, daß Du den Blumenſtänder nicht angreifen ſollteſt, daher kann ich mir nicht denken, was Dich veranlaßt haben kann, ſo ungehorſam u ſein.“ Ellen ſah ihr mit ſo ernſten, tieffinnigen Augen in das Geſicht, daß Mrs. Hamilton ſich ganz verlegen fühlte, da ſie aber nicht ſprach und ihr Köpfchen wieder an ihre Bruſt legte, um ihre Thränen zu verbergen, ſo fügte ihre Tante nur hinzu:„Da ich Dir aber nicht noch weitere Schmerzen zufügen will, ſo will ich darüber weiter nichts ſagen. Erinnere 209 Dich nur, daß, wiewohl es mich kränken wird, wenn Du mir wieder ungehorſam biſt, ein augenblickliches volles Be⸗ kenntniß Dir bald meine Verzeihung erwerben wird, und daß, wiewohl ich niemals an Deinem Wort zweifeln werde, es mich nöthigen wird und muß, wenn ich wieder hinter eine Unwahrheit komme, noch ſtrengere Maaßregeln zu ergreifen, ſo ſehr es mich ſelbſt ſchmerzen wird. Zittere nicht ſo, meine Ellen, Du weißt, Du kannſt es vermeiden, und erinnere Dich zugleich, daß, ſo oft Du Dich gegen die Wahrheit vergehſt, Du eben ſo gut mich als Dich ſelbſt ſtrafſt.“ Und Mrs. Hamilton küßte ſie bei dieſen Worten zärtlich. In dieſem Augenblicke ließen ſich leichte Schritte und ein lautes Lachen auf dem Corridor hören, und Emmeline, wiewohl ſie allerdings fragte, ob ſie eintreten dürfe, wartete kaum auf eine Antwort, ehe ſie, ein lebendiges Bild der Geſundheit und Freude, in das Zimmer ſprang. „Mama! Papa läßt fragen, ob wir heute keinen Thee bekommen ſollen und ob wir nicht auch Ellen in unſerer Geſellſchaft haben würden?“ „Es iſt Neujahrsabend,“ bat eine andere heitere Stimme, und Perey ſteckte ſeinen braunen Kopf durch die halb offene Thür,„und unſer Baum wird uns nicht halbſoviel Freude machen, wenn wir nicht Alle dabei find.“ „Ich hatte wirklich Euren Baum vergeſſen, meine lieben Kinder, aber ich freue mich, daß Papa und Ihr Alle daran gedacht habt. Komme herein, Percy! Ellen wird Dir den Zutritt nicht verſagen.“ „Er verfolgte mich den ganzen Corridor entlang, Mama, und ſagte, er wollte Dir Papa's Botſchaft überbringen oder mich ſo außer Athem jagen, daß, wenn ich ihm auch zuvor⸗ käme, ich nicht ſprechen können ſollte. Aber ſiehſt Du, ich kann es doch, Percy.“ „Blos weil ich nicht wußte, ob es ſich ſchickte, das Zim⸗ mer eines jungen Mädchens zu betreten. Aber nun komm, Mama! Mr. Howard iſt bei uns wie gewöhnlich, und wir ſind Alle in Verzweiflung deinet- und unſerer kleinen Ellen wegen. Sie darf doch kommen? Ich leſe es in Deinen Augen.“ 14 210 „Befindeſt Du Dich wohl genug, mein Kind? Meinſt Du, daß dieſer arme kleine Kopf Dir erlauben wird, in un⸗ ſerer Geſellſchaft zu ſein?“ fragte Mrs. Hamilton beſorgt; denn die plötzliche Freude, die in Ellen's Augen glänzte bei dem Gedanken, in Geſellſchaft der Familie ſein zu dürfen, ſagte ihr, wie groß ihr Kummer ſein würde, wenn ſie es nicht könnte. „Er thut durchaus nicht weh, wenn ich mich ruhig ver⸗ halten kann, Tante; aber ich fürchte, er wird mich nicht gehen laſſen,“ fügte ſie ſchmerzlich hinzu, als ſie bei dem Verſuch zu gehen wiederum die alten Kopfſchmerzen fühlte. „Es ſchadet nichts, Lelly, wenn Du auch nicht gehen kannſt,“ erwiderte Perecy;„ſtütze Deinen Kopf auf meine Schulter— ſo— ich würde eine vortreffliche Krankenwär⸗ terin ſpielen, nicht wahr Mama?“ Und als ſeine Mutter bejahend antwortete, konnte ſie ſich kaum einer Regung des Stolzes enthalten, indem ſie ihm in das ſchöne männliche Geſicht ſah, das wohlwollend und freundlich ſeiner kleinen Coufine entgegenſtrahlte, die er zärtlich auf ſeine Arme ge⸗ nommen, und ſie bat ihn nur, ſeine laute Luſtigkeit und ſeinen raſchen Schritt zu mäßigen. „Du biſt nicht ganz ſo leicht wie Tiny, aber ſie iſt auch nichts als Luft, die an einem ſchönen Tage verduften wird. Laß doch Dein Haar, es iſt gut genug!“ „Bleibe einmal ſtehen, ich will es in einem Augenblick zurecht machen,“ rief Emmeline aus.„Es iſt Sonntag, Percy, und ſie ſoll gut ausſehen.“ „Laß es lieber mich thun, Emmy,“ ſagte ihre Mutter lächelnd.„Ellen's Kopf kann heute nur eine ſehr zarte Be⸗ handlung vertragen. So! Nun iſt es gut, und ich bin nun bereit, Euch zu begleiten.“ Die Lichter, die heiteren Stimmen, ſelbſt ihres Onkels freundlicher Gruß überwältigten die arme Ellen faſt, als Percy, der immer noch ſeine Rolle als Krankenpfleger bei⸗ behielt, ſie behutſam auf ein Sopha im Zimmer legte, wo nicht nur der Thee, ſondern auch der berühmte Weihnachts⸗ paum wartete, den Mrs. Hamilton in ihrer Angſt und Ellen 211 in ihrem Schmerz vergeſſen hatte und der ſich in mehr als gewöhnlicher Schönheit zeigte. Mr. Hamilton war in ſeiner Jugend längere Zeit mit ſeinem Vater in Deutſchland, Dänemark und Schweden ge⸗ weſen und hatte aus dem erſteren und letzteren Lande gewiſſe Familiengebräuche mitgebracht, die ihm beſonders gefallen hatten, weil ſie in hohem Maaße die Freuden des Hauſes er⸗ höhen und zu einem richtigen Verſtändniß zwiſchen Eltern und Kindern führen, indem ſie ihre gegenſeitige Liebe und ihr Vertrauen vermehren. Der Familien⸗ oder Weihnachtsbaum, wie er genannt wurde, war einer von dieſen Gebräuchen, und von der früheſten Jugend an war er eine der größten Freu⸗ den der Kinder am Neujahrsabend geweſen. Als ſie älter wurden und ihr Geſchmack ſich beſſerte, gewannen natürlich der Baum, die daran gehängten Geſchenke und die Decorationen deſſelben an Schönheit, und er war nie ſo hübſch geweſen, als er in dieſem Jahre war. Den ganzen vorhergehenden Nach⸗ mittag hatten die jungen Künſtler daran gearbeitet, denn da der nächſte Tag ein Sonntag war, ſo mußte er am Sonn⸗ abend Abend fertig ſein, und die Dienerſchaft, die in allen Dingen bemüht war, das Glück Derjenigen zu fördern, die ihre Eltern ſo glücklich machten, ſcheute keine Mühe, ihnen hilfreich zu ſein. Sie wählten immer das Zimmer, in dem ſich ein ſehr hohes und tiefes Fenſter befand, in deſſen Niſche, die faſt ſo groß war, wie ein mäßiges Zimmer, ſie den Baum ſetzten. Es war eine ſehr große, hübſch gewachſene Kiefer, die in einem Kübel ſtand, welcher mit derſelben Erde gefüllt war, in der der Baum gewachſen war, ſo daß er durch Be⸗ gießen längere Zeit friſch blieb. Der Kübel war vollkom⸗ men mit blühenden Sträuchern bedeckt, die ringsum ange⸗ bracht waren, und durch mehrere Blumengeſtelle bildete ſich eine Art Pyramide, welche die Niſche mit Laub und Blumen erfüllte. Unter den leßterenint beſonders das ſtolze ſcharlachrothe Geranium, die rothen Beeren der Stechpalme mit ihren dunklen Zweigen, die Eisbeere und vor Allem die blühende Myrthe. Durch die Blumen ſchimmerten kleine Lampen, die in großer Zahl an den Aeſten des Baumes hin⸗ 14* 212 gen, um die verſchiedenen Gaben und Geſchenke, die rings⸗ umher lagen, halb zu zeigen und halb zu verbergen, und wirklich war die Wirkung von allen Seiten überraſchend. Der Baum blieb immer bis nach dem Balle ſtehen, aber der gegenſeitige Austauſch der Geſchenke, der am Neujahrs⸗ abend ſtattfand, beſchränkte ſich auf die Familie mit Einſchluß von Mr. Howard. Viele Wochen vorher hatten alle Glieder der Familie an ihren kleinen Geheimniſſen gearbeitet. Wenn es nicht ganz im Geheim geſchehen konnte, ſo wurde doch nicht gefragt, und Jedes half dem Anderen, es wenigſtens vor den Eltern zu verbergen, bis der wichtige Abend ſelbſt herankam. Die Geſchenke bildeten zuſammen eine ſo große Zahl, da auch die Brüder und Schweſtern kleine Gaben der Liebe unter einander austauſchten, daß der Baum ganz über⸗ laden war, und Mr. und Mrs. Hamilton hatten ſelbſt in ſo kleinen Dingen, wie die Verfertigung und Schenkung ſo un⸗ bedeutender Gaben war, irgend einen Charakterzug oder eine beſondre Vorliebe entdeckt. Ihre eigene Idee von den Familien⸗ banden war ſo ſtark und ſo heilig, daß ſie ſich bei der Er⸗ ziehung ihrer Kinder das Ziel ſetzten, daß ſie nicht nur ein⸗ ander lieben, ſondern auch die perſönlichen Gefühle und Wünſche berückſichtigen ſollten, um ſo das Gefühl durch die Handlung zu erhöhen. Mrs. Hamilton hatte viele junge Leute kennen gelernt, die verſchwenderiſch in Aufmerkſamkeiten und ſelbſt Geſchenken gegen ihre Freunde waren, aber nie— mals daran dachten, daß ihr eigener Familienkreis den erſten und ſtärkſten Anſpruch auf freundliches Zuvorkommen in Wort und That hatte. Sie wußte, daß, wenn man ſeine Gaben an Fremde verſchwendet, der Familie keine Freude daraus erwächſt, daß ſie aber Licht und Leben verbreiten, wenn man zuerſt des eigenen Hauſes gedenkt. Beim Thee herrſchte Luſt und Freude. Ellen hatte ſich zuerſt gefürchtet, Mr. Howard zu treffen, denn ſie dachte, es müſſe ihm geſagt worden ſein, wie unartig ſie geweſen ſei. Wenn dies aber geſchehen war, ſo verrieth dies nichts in ſei⸗ nem Weſen, denn er reichte ihr ſeine Hand und küßte ſie ſelbſt ſehr freundlich und ſagte ihr lachend, ſie müſſe am nächſten —„ ——— Abend wieder ganz wohl ſein, wie wolle ſie ſonſt tanzen? Er meinte, es würde gut ſein, wenn Emmeline ihr ein Wenig von ihrer Tanzwuth geben könne, da ſie wirklich faſt niemals ginge, ſelbſt wenn ſie ganz beſonnen zu ſein behauptete. Edward, deſſen Gewiſſensbiſſe durch die Rückkehr ſeiner Schweſter ſich gelegt hatten, befand ſich in der heiterſten Laune. Percy und Emmeline ſchienen eine Wette gemacht zu haben, wer die witzigſten Dinge ſagen und am meiſten lachen könnte. Herbert war ſehr ruhig, aber er ſah ganz ſo heiter aus wie die Anderen, und er ging auf ihre Scherze ein und erzeigte Ellen allerlei kleine Aufmerkſamkeiten, wie⸗ wohl ſie ſich mehr vor ſeinem Auge, als vor allen Anderen zu ſcheuen ſchien. Caroline ſchloß ſich der allgemeinen Hei⸗ terkeit an, aber weder ſie noch Miß Harcourt beachteten Ellen ſo, wie die Uebrigen. Die Perſon, welche die Rolle des Zauberers ſpielen und vermittelſt eines langen Stabes die verſchiedenen Gaben vom Baume löſen und ſie denjenigen übergeben ſollte, deren Namen ſie trugen, wurde immer durch das Loos gewählt, und groß war das Vergnügen der jungen Geſellſchaft, als an dieſem Abend das Amt Mr. Howard zu⸗ fiel. Niemand ſchien erfreuter zu ſein als er ſelbſt, und er ſpielte ſeine Rolle mit ſolcher Luſt und Eigenthümlichkeit, daß die allgemeine Stimme erklärte, er ſei der vortrefflichſte Zauberer, den ſie jemals gehabt hätten. Es würde unmög⸗ lich ſein, alle die Gaben dieſes Wunderbaumes aufzuzählen. Die Gaben ihrer Eltern für jedes der Kinder befanden ſich nicht auf dem Baume, ſondern ſie wurden immer nachher ausgetheilt; aber groß war das Vergnügen, als ein großes Stück Zeug, nach ſchrecklicher Mühe, es loszuknüpfen, Mr. Howard gerade auf den Kopf fiel und denſelben faſt in ſeine Falten einhüllte. Es war eine ſchöne Decke, die er ſich lange für einen Lieblingstiſch in ſeinem Geſellſchaftszimmer gewünſcht hatte, und an deren geſticktem Rande nicht nur die drei Mädchen, ſondern auch Mrs. Hamilton und Miß Har⸗ cvurt als gemeinſchaftliche Gabe der Liebe und Achtung ge⸗ arbeitet hatten. Der gute Mann war ſo erfreut, daß er er⸗ klärte, er würde ſeinen Zauberſtab nicht eher wieder ſpielen laſſen, bis er Zeit gehabt, dieſelbe volle fünf Minuten zu bewundern. Caroline und Emmeline hatten ein Paar ſehr hübſche Hausſchuhe für ihren Vater gearbeitet, und Ellen hatte ein Paar Tragbänder gemacht, die von einigen ſcherz⸗ haften, aber ſehr witzigen Verſen von Perey begleitet waren. Edward, der ſehr geſchickt war, hatte einen ſehr niedlichen Uhrhalter für ſeinen Onkel gedrechſelt und für ſeine Tante hatte er zwei kleine Gefäße aus Kork verfertigt, die ſo nett waren, daß ſie ihm verſprach, ſie ſollten auf den Sims ihres Zimmers zu ſtehen kommen. Caroline hatte ihrer Mutter eine ſehr hübſche Taſche gehäkelt, und Emmeline und Ellen hatten für ſie das ganze Jahr lang die mannichfaltigſten Blätter geſammelt und ſie mit'großem Geſchmack mit Rück⸗ ſicht auf Gruppirung und Farbe zu einer Art kleinem Her⸗ barium arrangirt, wie ſich auch auf jeder Seite zwei oder drei Verſe, die ſie ſelbſt ausgewählt und zierlich geſchrieben hatten, befanden. Mrs. Hamilton freute ſich außerordentlich darüber, wie auch über ein Album, das aus den Zeichnungen ihrer beiden Knaben beſtand und das von Miß Harcourt ſehr geſchmackvoll gefertigt worden war. Unter den Ge⸗ ſchenken, welche für den Vater beſtimmt waren, befand ſich ein ſauber und ſehr ſchön geſchriebenes griechiſches Gedicht, welches er vor mehreren Monaten, wenn nicht vor länger als einem Jahre, zu beſitzen gewünſcht hatte; aber das Buch, in dem es ſtand, war ſo ſelten, daß er jeden Gedanken daran aufgegeben hatte. Herbert aber hatte von dem Augenblicke an, wo ſein Vater dieſen Wunſch ausgeſprochen hatte, keine Ruhe gehabt, bis er es gefunden und abgeſchrieben, eine Ar⸗ beit von nicht geringer Schwierigkeit, denn das Original war an vielen Stellen faſt gänzlich verwiſcht, und wenn Herbert nicht ein vortrefflicher Grieche geweſen wäre, ſo würde er nicht damit zu Stande gekommen ſein, denn Mr. Howard ſelbſt ſagte, er würde es nicht haben machen können. Die griechiſchen Buchſtaben waren ſehr ſchön geſchrieben, und Perey hatte einen eleganten farbigen Rand darum gemalt, ſo daß es mit dem ſchönen Einband ein ſo ſchätzbares Buch bildete, daß ihr Vater ihnen zu ihrer großen Freude ſagte, er hebüt kiiheibien 215 würde es nicht für zwanzig der koſtbarſten Werke ſeiner Bi⸗ bliothek vertauſchen. Solche Beweiſe der Erziehung, die ſie ihren Kindern gegeben hatten, waren allerdings ihren Eltern die angenehmſten. Von der früheſten Jugend an hatten ſie denſelben geſagt, daß, um ihren Eltern die größte Freude zu machen, ihre Geſchenke ganz oder wenigſtens theilweiſe von ihrer Hand herrühren müßten, und um ſie dazu in den Stand zu ſetzen, hatten die Knaben in ihren Erholungsſtunden alle möglichen Handwerkszeuge gebrauchen gelernt, und die Mäd⸗ chen waren in weiblichen Arbeiten und Zeichnen unterrichtet worden, und ſie wußten ſelbſt die Schätze der Natur zu Hilfe zu ziehen, wenn es nöthig war, wie in dem vorliegenden Falle, mit Emmelinens und Ellen's geſchmackvoller Gabe. Unſere jungen Leſer müſſen in Betreff der übrigen Schätze dieſes Wunderbaumes ihre Phantaſie zu Hilfe nehmen, wie⸗ wohl ſie ohne Zweifel gern wiſſen würden, was für Neujahrs⸗ geſchenke Mr. und Mrs. Hamilton für ihre Kinder, wie für Miß Harcourt, die ſie niemals unbeſchenkt ließen, herbeige⸗ ſchafft hatten, aber wir dürfen wirklich nicht länger dabei weilen. Die arme Ellen hatte freilich zu bedauern, daß ihr Vergehen und deſſen Folgen ſie verhindert hatten, ihre Börſe für Perey und eine Kette für Edward zu vollenden, und ſie erröthete oft, als Mr. Howard, nachdem er den Baum ge⸗ leert, ausrief:„Von Ellen iſt Nichts für Perey und Edward da. Ihr jungen Herren, habt Ihr vielleicht Eure Geſchenke im Geheimen erhalten? Heraus damit, wenn Ihr ſie habt! Es iſt gegen alles Recht und Geſetz.“. „Wir werden ſie nächſte Woche erhalten, ſehr mächtiger Zauberer, wie Sie hätten wiſſen können, ohne zu fragen,“ antwortete Perey ſogleich, und indem er ſich zu Ellen nieder⸗ beugte, neben der er gerade ſtand, ſagte er freundlich:„Es ſchadet ja Nichts, Lelly, Du wirſt Zeit haben, Beides bis zu nächſter Woche fertig zu machen.“ „Sage nicht, es ſchadet Nichts, liebes Kind, wiewohl ich Deine freundliche Rückſicht auf die Gefühle Deiner Couſine bewundere,“ ſagte ſeine Mutter in demſelben leiſen Tone, daß ſie blos von ihm und Ellen gehört wurden.„Selbſt eine 216 ſolche Kleinigkeit iſt in Ellen's Falle ſchmerzlich, und wir ver⸗ mindern den Schmerz nicht, wenn wir ihn leugnen, nicht wahr, meine Ellen?“ „Ich wollte lieber den Schmerz fühlen, wenn er nur dazu diente, mein Gedächtniß zu wecken,“ lautete Ellen's ernſte und beſcheidene Antwort.„Aber ich danke Dir, lieber Percy, Du biſt ſo freundlich!“ „Nicht im entfernteſten,“ antwortete er lachend.„Aber was in aller Welt iſt das?“ fügte er hinzu;„ich dachte, der Baum wäre leer.“ „So iſt es, aber es ſtand unten ganz verſteckt,“ erwiderte Mr. Howard,„und wiewohl es an Caroline adreſſirt iſt, ſo iſt es doch etwas zu ſchwer für meinen Zauberſtab und muß auf einem natürlicheren Wege an ſie gelangen.“ „Wie? meine Blume, meine ſchöne Blume, oder we⸗ nigſtens eine ganz ähnliche!“ rief Caroline freudig aus, als ſie, indem ſie eine hohle Pyramide von grünem und weißem Papier entfernte, einen Myrthenſtock von derſelben ſeltenen Art und faſt in eben ſo ſchöner Blüthe fand, als die war, deren Tod ihre Gefühle gegen Ellen ſo erkältet hatte.„Wie iſt das möglich? Wer hat mir denſelben geſchenkt?“ „Ellis ließ denſelben auf meine Bitte holen, liebe Caro⸗ line,“ antwortete Ellen,„ſie ſagte, man könne ſolche Stöcke beim Gärtner in Powderham kaufen, und wenn ſie Jemand ſo weit ſenden könnte, wollte ſie mir einen zu verſchaffen ſuchen. Sie ſagte mir geſtern, ſie habe es möglich gemacht, und ich dachte, ſie hätte Dir denſelben perſönlich gegeben, wie ich ſie gebeten hatte. Ich hatte keine Gelegenheit, es Dir früher zu ſagen, aber es that mir ſehr, ſehr leid, daß ich Deine Blüthe abgebrochen.“ „Ellis war ſehr klug, den Stock unter die anderen hüb⸗ ſchen Sachen dieſes Abends zu ſetzen, anſtatt Dir zu gehor⸗ chen,“ ſagte ihr Onkel freundlich,„und ich freue mich wirklich darüber, daß Dein Wunſch, denſelben zu erſetzen, ſie auf den Gedanken brachte, darnach zu ſchicken; denn wiewohl ich Ca⸗ rolinen einen anderen ſchenken wollte, ſo hatte ich doch dieſe Woche an ſo viel zu denken, daß ich es vergeſſen hatte, und ————. ———.—— 217 ich weiß, ſie ſind ſo ſehr geſucht, daß Wilſon ſelten einen vorräthig hat.“ „In der That, Papa, Du warſt viel zu gut, daß Du daran gedacht haſt,“ ſagte Caroline ſehr ernſthaft.„Ich fürchte, wenn Du wüßteſt, wie ärgerlich und unfreundlich mich der Verluſt des erſten Stockes gemacht hat, Du würdeſt nicht daran gedacht haben, mir eine ſolche Freundlichkeit zu erzeigen. Ich bin Dir ſehr verbunden, Ellen,“ fuhr ſie viel herzlicher, als ſie noch mit ihrer Couſine geſprochen hatte, fort,„ich verdiente es ſelbſt nicht von Dir, denn ich hatte mich in eine ſo üble Laune hineingearbeitet, daß ich faſt glaubte, Du hätteſt es vorſätzlich gethan, und ich hatte kein Recht, das zu denken.“ Das Geſchenk der ſchönen Myrthe hatte auch die letzte Kälte entfernt, wiewohl Mrs. Hamilton nicht zu hoffen wagte, daß es von Dauer ſein würde, und es herrſchte all⸗ gemeine Liebe. Die Freude ſteigerte ſich, wenn jedes Ein⸗ zelne in den Geſchenken der Eltern Etwas erkannte, was es ſich gewünſcht hatte, wenngleich ſie ſich nicht erinnerten, ihre Wünſche ausgeſprochen zu haben. Mr. und Mrs. Hamilton ertheilten dieſe Neujahrsgeſchenke immer gemeinſchaftlich, wiewohl oft auch den Einzelnen beſondere Geſchenke ertheilt wurden. Percy erhielt unter Anderem eine Mappe mit ſehr ſchönen Kupferſtichen, die er in den letzten drei oder vier Monaten gar zu gern beſeſſen hätte. Aber da die Erinnerung an ſeine Thorheit noch ſehr friſch in ſeinem Gedächtniß war, ſo hatte er ſie zu vergeſſen geſucht und ſie als etwas Uner⸗ rreichbares aufgegeben, bis er ſelbſt reicher ſein würde. Her⸗ bert erhielt eine ſchöne Ausgabe der griechiſchen Dramatiker im Original, ein ſehr ſchönes Kunſtwerk ſowohl im Einband, als im Druck, ſo daß es für Herbert ein unſchätzbares Geſchenk war. Edward war faſt außer ſich, als ihm ſein Onkel und ſeine Tante ſagten, daß er nächſten März vierzehn Jahr ſein werde und daß er möglicherweiſe nächſten Neujahrsabend nicht mehr bei ihnen ſei, weshalb ſie ihm eine goldene Uhr ſchenkten, wonach er ſich vor allem Anderen geſehnt hatte. Mr. Howard meinte, ſie ſei viel zu gut für einen Seemann 218 und er würde ſie auf der erſten Reiſe verlieren; er würde viel beſſer thun, ſie in dem Pfarrhaus niederzulegen gegen das Verſprechen, daß ſie gut aufgehoben werden ſollte; da er aber ein ſo ſchelmiſches Geſicht dazu machte, ſo erklärte Edward, daß ſie niemals in ſeine Hände kommen ſolle. Ca— roline erhielt einen eleganten Stickrahmen, der ſie ganz glück⸗ lich machte, denn er war eben ſo geſchmackvoll, wenn nicht ſchöner als der, den Annie Graham aus London mitgebracht hatte, die ſich nicht genug wundern konnte, daß Caroline ohne einen ſolchen exiſtiren könne. Als Mr. und Mrs. Ha⸗ milton fanden, daß ſie dennoch exiſtiren könnte, ſo hatte ſie nie wieder darauf angeſpielt, daß ſie ihn brauchen könne, wiewohl ſie denſelben zuerſt bewundert und ſo großes Ver⸗ langen darnach getragen hatte, daß es ihr einen herben Kampf koſtete, ihre Unzufriedenheit zu überwinden. Als ſie ſahen, daß ihr Gemüth von dem Gedanken an das Glück, das ihre Geſchenke verurſachen würden, ſo ganz und gar be⸗ ſchäftigt war, daß ſie nicht mit einem Gedanken an Annie's ſchöneren Stickrahmen dachte, erfüllten ſie den Wunſch ihres Kindes und wurden durch den ſtrahlenden Blick der Freude, womit ſie denſelben empfing, reichlich belohnt. Emmeline erhielt ein Packet, das faſt ſo groß war, wie ſie ſelbſt, wie Percy meinte.„Ein Malkaſten für Dich ſelbſt, Tiny! Gott ſei Dank, nun werden meine Stifte und Farben einige Ruhe vor Dir haben. Ich ſollte wirklich Mama und Papa eben⸗ ſo, wenn nicht mehr danken, als Du, da ſie, indem ſie Dir ein neues Beſitzthum ſchenkten, mir mein altes gewahrt haben, was, wie ich zu fürchten anfing, mich ſtückweiſe verlaſſen würde. Was noch weiter?“ fuhr er fort und lachte laut über den Freudenſchrei ſeiner Schweſter, indem ſie ein Buch auf⸗ ſchlug und fand, daß es das vollſtändige Gedicht„Die Jung⸗ frau vom See“ war, aus dem ſie ſchon Bruchſtücke geleſen hatte, die ſie ſo ſehr entzückt, daß ſie dieſelben, wiewohl ſie noch ein Kind war, faſt ohne alle Mühe auswendig lernte und daß ſie keinen anderen Wunſch hatte, als die ganze Sache zu kennen. „Und nun, Lelly, was haſt Du für ein Geheimniß?“ „ 219 Es iſt noch größer als das Tiny's, was kann es ſein? Rathe einmal, was würdeſt Du am liebſten haben? rathe ein, zwei, drei Mal, dann will ich Dich loslaſſen, ich möchte wiſſen, ob Papa und Mama in Dein geheimes Wunſchkämmerlein geblickt haben, wie ſie es mit uns Anderen gemacht.“ „Fürchte Dich nicht, zu rathen, Ellen! Du biſt ſo ſehr ruhig, daß Dein geheimes Wunſchkämmerlein, wie Percy es nennt, tiefer liegt, als das von einem der Anderen,“ ſagte ihr Onkel lächelnd.„Ich bin immer genöthigt, Deine Tante zu Rathe zu ziehen.“ „Nun, Lelly, ſprich, oder ich ſage, daß Du aller Gaben unwürdig biſt. Nun? was ſagteſt Du? Ein Käſtchen? Hurrah, da iſt es! und wie ſchön von Roſenholz und Perl⸗ mutter, ganz paſſend für eine elegante junge Dame. Wie konnte Mama das ſo genau treffen? Du haſt immer das alte ſchäbige Ding gebraucht, was Dir Herbert geliehen, und Du warſt ſo ruhig und zufrieden, als wenn es kein beſſeres geben könnte. Laß es uns einmal unterſuchen!“ Und er zog einen Tiſch an ihr Sopha und zeigte dem er⸗ freuten Kinde alle ſeine Einrichtungen und den hübſchen Fe⸗ derhalter und das Federkäſtchen und die Oblaten und das Siegellack und ein kleines goldenes Petſchaft mit ihrem Na⸗ men und Alles, was ſich nur denken ließ.„Und auch noch ein geheimes Fach!“ rief Perey ganz ſtolz über ſeine Ent⸗ deckung aus.„Sieh einmal her, Ellen! Da kannſt Du alle Deine Geheimniſſe verſtecken, denn Niemand wird ſo ſchlau ſein wie ich, die Feder zu finden, ohne daß es ihm ge⸗ ſagt wird, und ich werde es natürlich nicht verrathen.“ Und er ſchickte lachend alle Anderen weg, während er Ellen die Feder zeigte. Noch eine kurze Zeit unterſuchten die Kinder ihre und der Anderen Schätze und ſprachen ſich darüber ge⸗ genſeitig aus, dann wies Mr. Hamilton darauf hin, daß, wiewohl Neujahrsabend, es zugleich Sonntagabend ſei, und daß er die Stunde des Abendgebetes bis zehn Uhr verſcho⸗ ben, damit ſie Zeit hätten, Beides zu feiern, und ſo möchten ſie, um nicht die fromme Muſik zu verlieren, die immer einen Theil ihrer Sonntagsabende bildete, ihre Sachen wegräumen 220 und ſich nach dem Muſikzimmer begeben. Und in ſehr wenig Minuten hatten ſie ſeinem Befehle gehorcht, denn, wiewohl ſie es möglicherweiſe vorgezogen hätten, zu bleiben und zu ſchwatzen, wo ſie waren, wie hätte eine Mühe zu groß ſein können für Diejenigen, die ſo an ſie dachten, ſo für ſie ſorgten? Die zurückkehrende Heiterkeit hatte eine ſo wohlthätige Einwirkung auf Ellen, daß, wiewohl ſie immer noch blaß genug ausſah, um ihre Tante nicht ruhig werden zu laſſen, ſie wenigſtens ohne Schmerz gehen konnte, und daß ſie ein oder zwei Lieder mitſang, wiewohl ihre Stimme ſchwächer war als gewöhnlich. So ſchwach auch das Talent für Muſik ſcheinen mochte, ſo pflegte es doch Mrs. Hamilton bei ihren Knaben wie bei ihren Mädchen blos zu dem Zweck, um ihnen häusliche Freuden und Vergnügungen zu verſchaffen, denen ſie ſich gemeinſchaftlich widmen konnten. Sie hielt es für einen großen Irrthum bei der Erziehung, wenn man dächte, daß es ſich in den ſchönen Künſten nur der Mühe verlohne, wenn man es zu einer gewiſſen Vollkommenheit brächte, und daß, wenn nicht Talent genug dazu vorhanden ſei, es beſſer wäre, den Verſuch nicht erſt zu machen. Gar manche Familie hätte die Gefühle beneiden können, mit welchen Alt und Jung bis auf den niederſten Dienſtboten an dieſem Abend zu Bett ging, denn Mr. und Mrs. Hamilton vergaßen niemals, daß auch ihre Dienſtboten einen Anſpruch auf den Neujahrsabend hätten, und die Geſindeſtube, wie jede Hütte, die Mr. Ha⸗ milton ihren Herrn nannte, hatte an Fröhlichkeit mit ſeiner Familie gewetteifert. Mrs. Hamilton hatte Ellen noch einmal beſucht, um nachzuſehen, ob ſie ſich ganz wohl befände und ob nicht etwa der Schmerz zurückgekehrt wäre, und ſie war von der Leb⸗ haftigkeit, mit der ſie Ellen umſchlang, als ſie ſich über ſie beugte, um ihr gute Nacht zu wünſchen, faſt erſchrocken und wußte ſich nicht zu erklären, wie eine ſolche Tiefe des Ge⸗ fühls neben einer wahrhaft kindiſchen Neigung zur Täuſchung beſtehen könne und warum ſie daſſelbe ſo ſorgſam verheim⸗ lichte. Es war dieſelbe ſchrankenloſe Liebe, wie ſie ihre Em⸗ meline oft zeigte, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſelbe bei 221 der Letzteren immer aus einer Ueberfülle des Glücks zu ent⸗ ſpringen ſchien, die ſich nur auf ſolche Weiſe äußern konnte. Bei Ellen zeigte es ſich an dieſem Abend als ein tiefes, ruhi⸗ ges Gefühl faſt der Andacht und wie wenn ſie ihr auf dieſe Weiſe ſagen wollte, wie tief ſie nicht nur die Verzeihung fühle, die ihr an dieſem Abend geworden, ſondern auch die treue und wachſame Liebe, die ihr den vorhergehenden Schmerz bereitet hatte. Sie hätte denken können, wie es ohne Zweifel viele von unſeren Leſern thun werden, daß Ellen viel zu jung und kindiſch ſei, um ihre Behandlungsweiſe der ihrer armen Mutter gegenüberzuſtellen, daß ſie ihre liebende Sorgfalt in den Stunden körperlichen Leidens um ſo dankbarer anerkenne, indem ſie ſich erinnerte, wie ſehr ihre Mutter immer Edward vorgezogen und ſie gänzlich vernachläſſigt habe und daß dieſer Gegenſatz die Liebe, die ſie zu ihrer Tante hegte, ſo erhöhte, daß ſie an Innigkeit ſelbſt die übertraf, die ihre eigenen Kin⸗ der zu ihr hatten. Erwachſene werden dies allerdings für ſehr phantaſtiſch und vielleicht für intereſſant, aber für ganz unwahrſcheinlich halten. Mrs. Hamilton verbannte den Ge⸗ danken als eine Einbildung, die ſie nicht einen Augenblick ernſthaft hegen dürfe, um darnach ihr Benehmen zu regeln. Ellen ſelbſt hätte nicht ſagen können, daß ſie ſo fühlte, und doch war nichts deſto weniger Alles, was wir geſchrieben haben, die thatſächliche Veranlaſſung zu der faſt leidenſchaft⸗ lichen Umarmung. „Gott ſegne Dich, mein Kind!“ lautete Mrs. Hamilton's zärtliche Erwiderung, anſtatt dem Kinde ihre Ueberraſchung merken zu laſſen; und Ellen ſank in Schlaf, glücklicher, als ſie ſich in ihrem ganzen kurzen Leben gefühlt hatte. 222 Sicbzehntes Kapitel. Der Kinderball. Wenn der Gedanke an den ihnen verſprochenen Ball der erſte war, der den jungen Leuten zu Oakwvod in den Sinn kam, als ſie am Neujahrstage die Augen aufthaten, ſo war das nicht ſehr unnatürlich. Percy that ſich etwas zu Gute, daß er den Ceremonienmeiſter ſpielen und die ganze Ange⸗ legenheit mit ſolch unnachahmlicher Anmuth und Galanterie leiten werde, daß Jedermann werde erklären müſſen, es ſei weit ſchöner, als bei jeder anderen Geſellſchaft für Erwach⸗ ſene wie für Kinder in der ganzen Saiſon, mit Ausnahme der Geſellſchaft des Mr. Howard; das ſei ihm aber un⸗ möglich, ſagte er, denn er könne ſich Mr. Howard's Kopf nicht auf ſeine Schultern ſetzen. Herbert freute ſich auf das Vergnügen, das ihm Mary Greville's Geſellſchaft machen würde, daß er ungeſtört mit ihr ſprechen und tanzen und die faſt allgemeine Bemerkung hören werde, was für ein lieb— liches Mädchen ſie ſei. Edward wußte nicht genau, was er erwartete, aber er war ſo heiterer und muthwilliger Laune, daß die Dienerſchaft insgeſammt erklärte, Mr. Fortescue ſei aus dem Häuschen. Carolinen war ihr Ball immer der glück⸗ lichſte Abend des ganzen Jahres, wiewohl ſie es nicht ſagte. Sie wußte, ſie war hübſch, Annie Graham hatte ihr geſagt, wie ſehr ſie in London bewundert werden würde, und wenn ſie nicht ihre liebſte Freundin wäre, würde ſie auf ihre Schön⸗ heit furchtbar neidiſch ſein. Sie verlangte im Geheimen oft ſchmerzlich nach Bewunderung und Verehrung, und ſo ſehr ſie noch ein Kind an Jahren war, ſo empfing ſie doch in ihrem Hauſe und als Mr. Hamilton's älteſte Tochter, abge⸗ ſehen von ihren wirklichen Reizen, von Beidem in genügendem Maaße, ſo daß ſie zufrieden ſein konnte. Sie freute ſich an ſolchen Abenden, wenn ihre Brüder junge Freunde bei ſich 223 hatten, und geſtand ganz offen, daß ſie es bei Weitem vor⸗ ziehe, ſich mit Knaben als mit Mädchen zu unterhalten, es liege mehr Mannichfaltigkeit und Geiſt darin; und wiewohl das Herz ihrer Mutter wirklich zitterte vor der furchtbaren Feuerprobe, welche die Einführung in die Welt für einen ſolchen Charakter ſein müſſe, ſo hütete ſie ſich doch, ſolche Gedanken als ein Unrecht zu tadeln, das man nicht unter⸗ ſtützen dürfe. Sie wußte, daß, wiewohl die Erziehung viel, ſehr viel thun kann, ſo konnte ſie natürlich die Charaktere nicht alle gleich machen, auch wünſchte ſie es in der That nicht. Sie klagte nicht darüber, daß ſie trotz aller Anſtren⸗ gung es nicht dahin bringen konnte, daß ihr Caroline ſo wenig Mühe und Sorge machte, als Emmeline. Auch bildete ſie ſich nicht ein, daß ſie die Wirkung ihrer heißen Gebete und ihrer Sorgen ſogleich oder ohne beſtändige Rückfälle an dem geliebten Gegenſtande ihrer Sorge ſehen werde. Sie that Alles, was ſie thun konnte, um einer Neigung entgegen⸗ zuarbeiten, die in den Verhältniſſen, in denen ſie ſich befinden würde, wenn ſie in das Leben einträte, ohne ſtarke Grund⸗ ſätze zu Leiden und vielleicht zur Sünde führen würde— denn was iſt die Koketterie anders? Aber ſie wiegte ſich nicht in dem Gefühl der Sicherheit und glaubte nicht, daß, weil ſie ſich ſo große Mühe gegeben hatte, guten Saamen zu ſäen, er auch unfehlbar gute Früchte tragen werde. Sie wußte, daß ihr noch viele Prüfungen bevorſtehen könnten, denn wie durfte ſie hoffen, ſo glücklich, wie ſie damals war, durch das Leben zu gehen? Es konnte ihrem Vater im Himmel gefallen, ihren Glauben und ihre Pflichttreue durch Diejenigen zu prüfen, die ſie ſo innig liebte, aber wenn ſie in der Erfüllung ihrer Aufgabe nicht ſchwankte, ſo würde er ihr zuletzt Freude bringen. Für Emmeline war der Gedanke, zu tanzen, völlig genug, um außer ſich vor Freude zu ſein. Das einzige Unangenehme war, daß in den Pauſen ein Wenig Mußik gemacht werden ſollte, und wiewohl ihre Mutter ſie bei Mr. Howard ent⸗ ſchuldigt hatte, ſo wußte ſie doch, wenn Jemand den Wunſch ausſprach, ſie in ihrem eigenen Hauſe zu hören, ſie ſpielen 224 mußte, und in ſolchen Augenblicken that es ihr halb leid, daß ſie es vorgezogen hatte, die Harfe anſtatt des Piano ſpielen zu lernen, denn da Caroline das letztere Inſtrument eben ſo gut ſpielte, ſo würde Niemand daran denken, ſie hören zu wollen. Aber die Harfe war eine Neuigkeit, und keines von den Mädchen, die zugegen waren, ſpielte ſie. So mußte ſie fürchten, ihrem Schickſale nicht entgehen zu können, und das war ſehr unangenehm, aber ſie wollte nicht daran denken, bis es ſo weit wäre; es ſei Freude genug, nach ſolcher Muſik zu tanzen, wie Mr. Hamilton von Ply⸗ mouth hatte kommen laſſen. Ellen konnte, wiewohl ihr vor ſo vielen Fremden einiger⸗ maßen bange war, der allgemeinen Anſteckung nicht entgehen; ſie erwachte allerdings nicht mit dem Gedanken an den Ball, ſondern mit dem Entſchluſſe, den Pſalmvers auswendig zu ler⸗ nen, den ihre Tante ihr aufgegeben hatte, und ehe ſie herunter⸗ ging, ihr denſelben in ihrem Toilettenzimmer aufzuſagen. Da der erſte Vers ſehr kurz war, ſo lernte ſie zwei und ſagte ſie her, ohne ein Wort auszulaſſen, und wie wenn ſie ſie vollkommen verſtünde, ſo daß ihre Tante ſich ſehr freute; und dann konnte Ellen daran denken, an der Freude ihres Bruders und ihrer Verwandtentheilzunehmen, wiewohl Mrs. Hamilton ſehr grau⸗ ſam war, wie ſie es nannte, während es Ellen ſehr gütig fand, da es ihr keinen Zwang verurſachte, indem ſie ſich den ganzen Tag ſehr ruhig verhalten ſollte, anſtatt von Zimmer zu Zimmer umher zu laufen, wie es Emmeline und Edward und ſelbſt Percy thaten, aus Furcht, daß ihr Kopfweh zurückkehren möchte, und dieſe Ruhe that ihr ſo wohl, daß ſie ungewöhn⸗ lich gut ausſah und ſich am Abend faſt neubelebt fühlte. Gerade vor Tiſch kam Percy, der ausgeritten war, weil er meinte, daß er dumme Streiche machen würde, wenn er nicht ſeiner Lebhaftigkeit auf natürliche Weiſe Luft machte, in Geſellſchaft eines Herrn angeritten, deſſen Gegenwart ihm noch größeres Vergnügen zu machen ſchien.„Wo iſt meine WMutter, und iſt der Vater zu Haus?“ fragte er ungeduldig, indem er Robert den Zügel ſeines Pferdes zuwarf und ihm auftrug, für das Pferd des fremden Herrn zu ſorgen, da er 225 ihn an dieſem Abend nicht von Oakwvod fortlaſſen würde. Dann eilte er durch die Vorhalle, riß die Thür zu ihrem gemeinſamen Zimmer auf und rief aus:„Mutter, ſei mir dankbar und preiſe meine unübertreffliche Beredſamkeit! Siehe, wie ich Dir dieſen Einſiedler, dieſen Mönch von Moor, der, als ich ihn zuerſt traf, meine Wünſche ſo hart— näckig von ſich zu weiſen ſchien, als Sclaven zu Deinen Füßen führe. Belohne mich dadurch, daß Du ihm alle Lockungen, über die Du gebieten kannſt, in den Weg ſtellſt, damit er heute Nacht nur von ſeiner einſamen Hütte auf Dartmoore und von dem kalten Ritt hierher träumen kann.“ „Sei ruhig, Hanswurſt!“ erwiderte Mrs. Hamilton, indem ſie ſich mit offenbarer Freude erhob und dem Frem⸗ den ihre Hand entgegenreichte,„Dein lärmender Willkommen läßt mich nicht zu Worte kommen. Es iſt mir wirklich ein Vergnügen, Mr. Morton,“ fügte ſie hinzu, indem ſie den jungen Geiſtlichen mit jener ernſten Freundlichkeit anredete, die immer zum Herzen geht;„und auch Mr. Hamilton wird daſſelbe hochzuſchätzen wiſſen, wenn, wie ich hoffe, die Feſſeln, die Ihnen mein Sohn angelegt hat, nicht ſo ſchwer ſind, daß ſie Ihnen beſchwerlich fallen.“ Ich fürchte vielmehr, daß es mir ſchwer fallen wird, ſte abzuwerfen, Mrs. Hamilton,“ erwiderte Mr. Morton faſt betrübt.„Ich weiß, daß, wenn ich ſo oft in Ihren Familien⸗ kreis käme, wie Mr. Hamilton und Percy es wünſchen, ich ganz unfähig werden würde, meine Einſamkeit zu ertragen, und das hält mich ſo fern. Ginge ich meiner Neigung nach, ſo würde ich ganz anders handeln; aber ſolcher Beredſamkeit und ſolcher Heiterkeit, wie er heute zeigte, war nicht zu wider⸗ ſtehen,“ fuhr er freundlicher fort. Während er ſprach, traten Mr. Hamilton und deres ein, und ihre Begrüßung war ganz eben ſo warm, wie die Perecy's und ſeiner Mutter, und Mr. Morton überließ ſich wenigſtens für heut Abend dem Vergnügen. Seine edle Natur war von Perey's männlichem Benehmen bezüglich ſeiner Satyre in hohem Grade überraſcht geweſen, und ſo verſchieden ihre Charactere waren, eine ſo warme Freundſchaft entwickelte 15 226 ſich von dieſem Augenblicke an zwiſchen ihnen. Es war un⸗ möglich, Percy zu widerſtehen, der in Wort und That ein ſo warmes Herz zeigte, und da er bisweilen ſein behagliches Haus verließ und zwei oder drei Tage bei Mr. Morton blieb, deſſen arme Hütte ihm wirklich zu gefallen ſchien, ſo war es kein Wunder, daß der junge Mann in ſeiner Geſellſchaft faſt ſein größtes Vergnügen erblickte, beſonders da er fühlte, daß er Mr. Hamiltons beſtändig wiederholte Einladungen nicht zu oft annehmen dürfe. Dakwood war lange Jahre ſein Ideal geweſen, das ihm aber ganz unerreichbar ſchien. Er fühlte ſich zur Einſamkeit und zum Leiden beſtimmt, und der Kampf um Zufriedenheit und Heiterkeit wurde ihm immer ſchwer, nachdem er bei ſeinen Freunden geweſen. Als alle Vorbereitungen zum Abend vollendet waren, und Alle ſchon Toilette gemacht hatte, fanden es Percy und Emmeline unmöglich, der Verſuchnng zu widerſtehen, und die Elaſtieität der eichenen Dielen, von denen die Teppiche weggenommen waren, zu prüfen, und ſie walzten im größten Kreiſe, den ſie machen konnten. Die ganze Reihe von Zim⸗ mern war geöffnet, und als Percy Caroline in einem benach⸗ barten Zimmer am Piano ſtehen ſah, rief er aus:„Spiele uns einen Walzer, Caroline, thue uns den Gefallen! Den raſcheſten, der Dir einfällt; Tiny und ich wollen die Die⸗ len probiren, ſo lange wir es ungenirt thun können, d. h. ſo lange wir die einzigen Perſonen im Zimmer ſind.“ „Du mußt mich entſchuldigen, Percy!“ erwiderte ſie etwas ſchnippiſch,„ich ſollte meinen, Du würdeſt am Abend zur Gnüge tanzen können, und was würden unſere Freunde denken, wenn ſie kämen und fänden mich am Pianc⸗ „Was ſie denken würden? Nun, daß Du ſehr gefällig wäreſt, was Du in dieſem Augenblicke nicht biſt,“ antwortete Percy lachend.„Aber es ſchadet nichts, Emmy, laß uns verſuchen, was unſere vereinigten Lungen vermögen.“ „Du magſt es thun, wenn es Dir gefällt, Perch, aber ich bin nicht ſo geſchickt, zugleich tanzen und ſingen zu können, ich würde ganz außer Athem kommen,“ lautete ihre heitere Antwort. „Komm und tanze, Caroline, wenn Du nicht ſpielen willſt,“ rief Edward aus, der, nachdem er ſein Knopflo mit einem Stechpalmzweige geſchmückt, von Percy's Auſ wuth ergriffen zu ſein ſchien.„Gieb mir Gelegenheit, mich in der Anmuth zu üben, ehe ich berufen bin, dieſelbe zeigen zu müſſen.“ „Meine Liebe zum Tanzen iſt nicht ſo groß, um es ohne Muſik zu verſuchen, daher übe Dich allein, Edward!“ lautete Carolinens raſche Antwort. „Du meinſt, ohne Zuſchauer, Lina,“ bemerkte ihr Bru⸗ der ſehr trocken, und als Emmeline ihn bat, ſie nicht zu quälen, fragte er:„Was hat Sie in ſo üble Laune verſetzt, Emmy?“ „O, ich weiß es nicht, aber wenn Du ſie ruhig gehen läßt, wird ſie ſich bald wieder zurecht finden.“ „Nun, Dir zu gefallen will ich es thun, denn Du ſiehſt heut Abend ſo hübſch aus, daß ich Dir nicht widerſtehen kann.“ „Hüte Dich, Percy, wenn Du mir mit ſolchen Reden den Kopf verdrehen willſt, ſo gehe ich zu Edward und ſtrafe Dich dadurch, daß ich nicht mit Dir walze,“ ſagte ſeine kleine Schweſter, indem ſie mit einer komiſchen Miene des Vorwurfs den Kopf ſchüttelte. „Das iſt Recht, Emmy, nimm von Deinem Bruder keine Schmeichelei an!“ ſagte ihr Vater, der mit einem Lä⸗ cheln herantrat.„Aber machſt Du Dich nicht müde, indem Du bereits tanzeſt?“ „O nein, Papa, mir iſt, als wenn ich die ganze Nacht tanzen könnte, ohne anzuhalten.“ „Mit mir nicht, Emmeline,“ entgegnete Perey, der aus Entſetzen vor der Idee die Achſeln zuckte.„Ich würde um Pardon flehen, ehe die Hälfte der Zeit verfloſſen wäre.“ „Aber, wenn Du nicht müde zu machen biſt, wirſt Du Dir nicht Dein Kleid verderben und dieſe wallenden Locken in Unordnung bringen?“ fuhr Mr. Hamilton fort,„und das würde ein großes Unglück ſein!“ „O nein, Papa, Perey hat zu viel Rückſicht, als daß er mir muthwillig meinen Rock verderben ſollte, und wenn mein 15 Haar aus der Ordnung kommen ſollte, ſo würde es mir Fanny in ein Paar Minuten wieder zurecht macheu.“ „Wenn Du in dieſer Beziehung Unruhe verurſachen willſt, mein lieber Vater,“ ſagte Percy mit großem Nach⸗ druck,„mußt Du zu Carolinen, nicht zu Emmelinen gehen. Gott ſei Dank, ich habe eine Schweſter, die über ſo kleinen Leiden des Lebens ſteht.“ „Biſt Du nicht zu hart gegen Caroline, Perey?“ „Ja wohl, Papa, das iſt er. Höre nicht auf ſeine Worte,“ antwortete Emmeline ſehr eifrig. Aber Perey ſagte ungeſtüm:„Das bin ich nicht, Emmeline! Ich wollte jede Wette eingehen, daß ihr heute bei der Toilette Etwas ſchief gegangen iſt und ſie ſo launiſch gemacht hat. Ihr Kleid iſt nicht eng genug, oder ſie trägt nicht den Schmuck, den ſie wünſchte, oder ſonſt ſo Etwas.“ Caroline hatte glücklicherweiſe das Muſikzimmer verlaſſen, ſonſt würde dieſe Rede nicht dazu gedient haben, ihre Heiter⸗ keit zurückzubringen. Aber ehe Mr. Hamilton antworten konnte, ſtürzte Edward, der Ellen geſucht hatte, in das Zimmer und rief aus:„Nun, Percy, können wir einen tüchtigen Walzer tanzen. Tante Emmeline ſagte, ſie wolle uns aufſpielen, ehe Jemand kommt, und da habe ich Ellen als Tänzerin.“ Sie tanzten nach Herzensluſt und nachdem ſie Mr. Hamilton einige Minuten beobachtet hatte, ſuchte er ſeine ältere Tochter auf. Sie war allein in einem kleinen Zimmer, in dem die Erfriſchungen ſtanden, und band einige ſchöne Blumen zu einem Bouquet. Sie ſah auf, als er ein⸗ trat, und lächelte ſo, daß ihr zärtlicher Vater dachte, Percy müſſe ſich geirrt haben, denn es zeigte ſich in der That keine Spur von übler Laune. „Warum biſt Du nicht bei Deinen Geſchwiſtern im Ge⸗ ſellſchaftszimmer, meine Liebe, und warum ſchlägſt Du Dei⸗ nem Bruder eine ſolche Kleinigkeit ab, wie einen Walzer zu ſpielen?“ fragte er, aber ſo freundlich, daß Caroline, wie⸗ wohl ſie tief erröthete, ſofort antwortete:„Weil meine gute Laune noch nicht ganz wiederhergeſtellt war. Ich ging in das Muſikzimmer, um Mama's Mittel des Alleinſeins auf 229 einige Minuten zu verſuchen, aber Perey redete mich an, ehe ich meinen Zweck erreicht hatte. Ich weiß, ich antwortete ihm ſchnippiſch. Aber, Papa,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihm ernſt in's Geſicht ſah,„er iſt wirklich bisweilen ſehr herausfordernd.“ „Ich weiß, daß er das iſt, mein Kind, er weiß nicht immer ſeine Scherze der Zeit und den Umſtänden anzupaſſen und nimmt nicht genügende Rückſicht auf Naturen, die nicht wie die ſeine ſind. Aber ſage mir, was verdarb Dir zuerſt Deine gute Laune, daß Du die Einſamkeit für nothwendig hielteſt?“ Caroline erröthete noch tiefer und wandte den Kopf weg, indem ſie zögernd ſagte:„O, es war ein ſehr dummer Grund, Papa, daß ich es Dir gar nicht ſagen kann.“ „Liebes Kind, fürchte nicht, daß ich Dich auslachen oder Dir Vorwürfe machen würde. Wenn Du ſelbſt fühlſt, wie thöricht er war, ſo fürchte ich nicht, daß er die Oberhand gewinnt, ſelbſt wenn Du einen Rückfall bekommſt.“ „Ich war blos nicht ganz zufrieden mit dem Kleide, das ich nach dem Wunſche von Mama heut Abend tragen ſollte, Papa! Das war Alles.“ „Du wünſchteſt vielleicht ein hübſcheres Kleid zu tragen, mein Kind,“ erwiderte ihr Vater, indem er ihre Wange ſo zärtlich küßte, daß der Schmerz dieſes Geſtändniſſes augen⸗ blicklich ſchwand;„aber ich denke, Mama hat einen viel beſſeren Geſchmack gezeigt. Es erfordert mehr Vorſicht, als Du vielleicht noch weißt, ſich ſo nach unſerem Alter und unſerem Stande zu kleiden, daß wir uns ſelbſt genug thun und doch nicht unangenehme Gefühle bei Denen erwecken, die unter uns ſtehen, und uns nicht dem Spotte Derer ausſetzen, die einem höheren Stande angehören. Viele von unſeren Freunden, die heut Abend kommen, find nicht im Stande, ihre Kinder ſo zu kleiden, wie wir die unſeren kleiden könnten, und denkſt Du nicht, daß es ungaftfreundſchaftlich ſein würde, wenn wir uns über das Maß herausputzten und das unan⸗ genehme Gefühl in ihnen erweckten, daß ſie unter uns ſtehen, während es wirklich nicht der Fall iſt? denn die Verſchieden⸗ 230 heit des Vermögens allein kann niemals einen Unterſchied des Standes begründen. Ich bin Zauberer genug, um zu errathen, daß dies Mama's Grund war, daß ſie Dich ſo ein⸗ fach und doch ſo hübſch für heut Abend gekleidet hat, und eben ſo Zauberer genug, um Deinen Grund zu errathen, weshalb Du eine ſchönere Toilette wünſchteſt. Soll ich Dir ihn ſagen?“ fügte er ſcherzend hinzu.„Weil Deine liebe Miß Graham eine ſo neumodiſche Londoner Toilette haben wird, daß Du meinſt, Deine werde einfacher und kindiſch ausſehen. Ich ſehe aus dieſem Lächeln, daß ich richtig ge⸗ rathen habe, aber wahrlich, ich möchte meine liebe, offen⸗ herzige Caroline, ſelbſt wenn ſie in den groben Rock einer Bäuerin gekleidet wäre, nicht gegen Annie Graham vertau⸗ ſchen, wenn ſie mir auch Welten als Mitgift brächte; und da Du Schmuck liebſt, ſo trage Dies,“ fügte er hinzu, indem er einen ſchönen Geranienzweig in ihre dunkelbraunen Locken flocht, die Carolinens edle Stirn beſchatteten,„und wenn Mama Dich fragt, ſage ihr, daß Dein Vater Dir denſelben geſchenkt als Zeichen ſeines Beifalls, daß Du Deine Laune beſiegt, und ohne Zaudern, wiewohl es Dir unangenehm war, die Wahrheit geſprochen hätteſt.“ In Carolinens Auge glänzte eine Freude, wie ſie ihr keine noch ſo prächtige Toilette hätte machen können, und als ihr Vater ſie fragte, für wen ſie ein ſo ſchönes Bouguet ge⸗ bunden habe, erwiderte ſie:„Für Mama, lieber Papa! Emmeline kommt mir immer zuvor, aber ich denke, die Aus⸗ ſicht auf das heutige Vergnügen hat ſie ſo völlig bewältigt, daß ſie es vergeſſen hat. Daher habe ich gerade noch Zeit, es Mama zu bringen, ehe Jemand kommt.“ Und ſie eilte mit ihrem Vater in das Geſellſchaftszimmer, wo ſie Mrs. Greville und ihre beiden Kinder, denn Alfred war auf einige Monate zu Haus, nebſt Mr. Morton und ihrer eigenen Familie fand. Der junge Geiſtliche konnte nur die natür⸗ liche Anmuth bewundern, womit Caroline, nachdem ſie ihre Gäſte begrüßt, ihrer Mutter die Blumen überreichte. Es war eine bloſe Kleinigkeit, aber die Freuden und Leiden des Hauſes beſtehen allermeiſt aus ſolchen Kleinigkeiten, und 231 Mrs. Hamilton freute ſich nicht allein über die Aufmerkſam⸗ keit, ſondern auch darüber, daß ſie ſah, daß die Unzufrieden⸗ heit, welche ihr Befehl ihrem Kinde verurſacht hatte, keine unfreundliche Empfindung zurückgelaſſen, und die Art und Weiſe, wie ſie das Bouquet nahm, machte Caroline ſehr glücklich, denn ſie hatte innerlich gefürchtet, daß ihre üble Laune nicht nur das Mißfallen ihrer Mutter verdiente, ſon⸗ dern auch wirklich erregt habe. Emmelinens Miene, in der ſich Täuſchung und Vorwurf über ihre ungewöhnliche Vergeßlichkeit malten, war ſo un⸗ widerſtehlich komiſch, daß Perey und Edward in ein un⸗ mäßiges Gelächter ausbrachen, was der Erſtere nur unter⸗ drückte, um Caroline zu fragen, wo ſie geweſen ſei und was ſie gemacht habe, daß ſich in ihrem Aeußern in ſo kurzer Zeit eine ſo außerordentliche Veränderung zugetragen habe. „O, Du haſt kein Recht, nach meinen Geheimniſſen zu fragen,“ lautete ihre launige Antwort,„ich werde Dir nicht antworten und verweiſe Dich auf den Papa, der die Verän⸗ derung hervorgebracht hat.“ „Ich vermuthe dann durch dieſe ſchöne Blume,“ ſagte Mrs. Hamilton,„ſie iſt ſo geſchmackvoll eingeflochten, daß der modernſte Künſtler der Hauptſtadt Dich darum beneiden könnte. Mrs. Greville, gratuliren Sie mit mir Mr. Ha⸗ milton wegen ſeines neuen Talentes.“ Die Gäſte folgten einander nun ſo raſch, daß eine weitere Unterhaltung unmöglich wurde, und die begeiſternden Klänge der ſchönen Muſik, welche in einer Art Vorzimmer zwiſchen dem Geſellſchaftszimmer und dem Ballſaale ſich befand, ver⸗ ſcheuchten bald alle Steifheit oder Zurückhaltung, welche die jüngeren Gäſte zuerſt unter ſich empfunden haben mochten. Nach zwei oder drei Quadrillen ſchien nur der Geiſt der Frende zu herrſchen, nicht nur unter den Tänzern, ſondern auch unter denen, die ringsum ſaßen und ſich unterhielten. Perecy, ſein Bruder und ſein Couſin waren ſo aufmerkſam und artig, daß Alle das gleiche Maaß des Vergnügens hatten. Niemand durfte vier oder fünf Minuten hinter ein⸗ ander ſitzen, und deshalb gab es ebenſowenig Unzufriedenheit 232 als Ermüdung. In den verſchiedenen Zimmern, die geöffnet waren, fanden ſo verſchiedene Altersklaſſen, von den Eltern bis zu dem jüngſten Kinde, ſo vielerlei Vergnügungen, daß es kaum möglich war, etwas Anderes als Freude zu empfin⸗ den. Es hatten ſich ſchon viele Paare gebildet und getanzt, ehe die Familie Graham erſchien, und als Caroline ihre Freundin und ſelbſt ihre kleine Schweſter erblickte, bedurfte es einer ſehr lebhaften Erinnerung an die Worte ihres Va⸗ ters, um ihr das Gefühl falſcher Scham zu erſparen, wäh⸗ rend Annie Emmelinen und ſelbſt ihre liebe Caroline einige Minuten faſt mit Verachtung anſah. Die Leute ſprechen ſo viel von Mrs. Hamilton's Ge⸗ ſchmack, dachte ſie, aber in Bezug auf Toilette kann ſie keinen haben, das iſt gewiß. Niemand würde ihre Töchter von denen des ärmſten Mannes hier unterſcheiden können, aber meinen Stand kann Niemand mißverſtehen. Gott ſei Dank, es iſt keine Toilette da, wie die meine, wie wird man mich beneiden! Wenn Blicke ein Beweis des Neides waren, ſo hatte ſie Annie nach Herzensluſt, aber wie würde ſie ſich gedemüthigt gefühlt haben, hätte ſie die geheime Bedeutung dieſer Blicke leſen können, indem man das Benehmen und die Erſcheinung der Töchter von Lady Helen und denen von Mrs. Hamilton einander gegenüber ſtellte. Selbſt Lady Helen war, als ſie Caroline und Emmeline ſah, ganz ärgerlich, daß ſie ſo ſchwach geweſen war, Annie zu erlauben, daß ſie ihre und ihrer Schweſter Toilette ſelbſt auswählen durfte. „Sie kommen ſo ſpät,“ ſagte Mrs. Hamilton, indem ſie ihnen entgegen kam, um ſie zu bewillkommnen,„daß ich Sie faſt aufgegeben hatte, denn ich fürchtete, ich weiß wirk⸗ lich nicht was. Ich darf doch hoffen, daß Ihnen nichts Unangenehmes widerfahren iſt?“ „O nein,“ lautete Mr. Graham's Antwort in einem faſt bitteren Tone,„Miß Graham hatte nur eine ſo entſetzliche Furcht, unanſtändig früh zu kommen, daß ihre Mutter nicht eher kommen wollte. Wahrlich, meine Geduld wie die der kleinen Lilla war ſo erſchöpft, daß wir ſchon vor einer Stunde daran dachten, ſie Cecil zu überlaſſen und allein zu kommen.“ Lady Helen ſah Mrs. Hamilton bittend an, die an ihrer Statt ſo⸗ gleich antwortete:„Annie wird an ihre Londoner Geſellſchaften gedacht und vergeſſen haben, wie altfränkiſch wir in Bezug auf Stunden und alles Andere in Devonſhire ſind. Aber Du mußt ſolche höhere Vergnügungen heut Abend vergeſſen, mein liebes Mädchen!“ fügte ſie ſcherzend hinzu, wiewohl es die junge Dame als Ernſt nahm,„ſonſt fürchte ich, wirſt Du nur wenig Vergnügen finden.“ In dieſem Augenblick kam Alfred Greville, um Annie zum Tanz aufzufordern, und ſie willigte mit Freuden ein; denn wiewohl Mrs. Ha⸗ milton keinen Geſchmack in Beziehung auf Toilette hatte, ſo fühlte ſie ſich doch in ihrer Gegenwart niemals ganz wohl. Cecil und Lilla hatten bald ebenfalls kleine Tänzer und tanz⸗ ten mit viel größerer Luſt als ihre Schweſter. Es war kaum möglich, daß irgend Jemand, viel weniger eine Mutter, Caroline an dieſem Abend ohne Bewunderung ſah. Sie war ſo lebhaft, ſo anmuthig und bildete vollkom⸗ men den Mittelpunkt für alle Herren, jung und alt, wie ſie im Saale waren, und in der That ohne alle Anſtrengung von ihrer Seite. Die Knaben ſammelten ſich um ſie, und es war eine ziemlich ſchwierige Aufgabe, keinen Anſtoß zu erregen, da ſie ſo viele Aufforderungen zum Tanze erhielt, daß der Abend dazu gar nicht ausreichte. Aber ſie wußte zu Allen zu ſprechen und dennoch Niemand ihres eigenen Geſchlechts zu vernachläſſigen, denn ſie lehnte es immer ab, zu tanzen, wenn ſie dachte, daß, wenn ſie an einer Quadrille theilnehme, irgend ein Paar, das nicht ſo viel getanzt hatte, nicht theilnehmen könnte, und damit verpflichtete ſie ſich fünf oder ſechs anſtatt eines Einzigen. Emmeline beſorgte die jüngeren Kinder und lehnte es oft ab, mit älteren Knaben zu tanzen, die viel angenehmere Tänzer für ſie geweſen ſein würden, um ſich der kleinen Quadrille anzuſchließen und dort Alles in Ordnung zu halten. „Ich freue mich wahrlich, Ellen heut Abend unter uns zu ſehen, und wie es ſcheint, amüſirt ſie ſich ganz wohl,“ ſagte Mrs. Greville zu Mrs. Hamilton gewendet, die augen⸗ blicklich ziemlich allein ſtand und Caroline mit ſo gemiſchten 234 Gefühlen des Stolzes und der Furcht beobachtete, daß ſie ganz froh war, als ſie die Stimme ihrer Freundin in ihren Gedanken unterbrach.„Sie ſah geſtern in der Kirche ſo unwohl aus, daß ich fürchtete, wir würden ſie nicht ſehen. Ich ſagte ihr, es hätte mir ſehr leid gethan, daß ſie zu un⸗ wohl geweſen wäre, um vorigen Freitag mit zu Mr. Howard zu kommen, und—“ „Was ſagte ſie?“ fragte Mrs. Hamilton beſorgt. „Daß ſie nicht durch Krankheit gehindert worden ſei. Sie ſah aber ſo verwirrt und traurig aus, daß ich ſogleich das Geſpräch auf etwas Anderes brachte, und bald kehrte das Lächeln zurück.“ „Sie berühren ein ſehr ſchmerzliches Thema,“ erwiderte Mrs. Hamilton, die ſich wirklich erleichtert fühlte.„Ellen und ich waren letzte Woche nicht ſo gute Freunde wie ge⸗ wöhnlich, und mein armes Mädchen fühlte meine Strenge mehr als ich wollte oder dachte. Ich übergab ſie heute der beſonderen Obhut Ihrer lieben Mary, denn ſie iſt ſo ſchüch⸗ tern, daß, wenn ſie ſich allein überlaſſen geblieben wäre, ich fürchtete, daß es ihr mehr Schmerz als Vergnügen machen würde. Mary hat meinen Blick bewundernswürdig verſtan⸗ den, denn Ellen ſcheint ganz glücklich zu ſein.“ „Es wäre traurig, wenn das Geſicht Ihrer kleinen Nichte das einzige traurige in dieſer Seene der heiterſten Luſt wäre. Wahrlich, wenn es jemals unvermiſchtes Glück gab, ſo iſt es hier.“ „Wenn Sie ſo denken, Mrs. Greville, ſo werden Sie mit meinem Freunde Morton übereinſtimmen, der ſoeben ſich halb poetiſch, halb philoſophiſch über dieſe Scene ausſprach,“ ſagte Mr. Hamilton, der zu ihnen mit dem jungen Geiſtlichen trat, welcher ſich auf ſeinen Arm ſtützte.„Er ſagte, es ſei etwas eigenthümlich Intereſſantes, die Geſichter und die Be⸗ wegungen der Kinder zu beobachten und die verſchiedenen Charaktere ſich entwickeln zu ſehen.“ „Sie gehören doch nicht zu Denen, welche meinen, daß die Kindheit blos eine negative Art des Lebens ſei?“ entgeg⸗ nete Mrs. Greville. 235 „O, gewiß nicht, ich finde mehr Vergnügen daran, eine ſolche Scene zu beobachten, als eine ähnliche von Erwachſenen. Es liegt darin eine Fülle der Art von Poeſie, welche aus der Schönheit und Friſche der Gegenwart eine Zukunft des Glückes oder der Sorge ſchafft, wie etwas in jedem Geſicht vorher zu ſagen ſcheint. Wie viele ſehnſüchtige Gedanken werden in ſpäteren Jahren zu dieſem Abend zurückkehren!“ „Halten Sie alſo die Kindheit für die glücklichſte Zeit des Lebens?“ Er antwortete bejahend, aber Mr. Hamilton ſchüttelte den Kopf.„Ich bin anderer Meinung, mein Freund,“ ſagte er,„die Kindheit fühlt ihre Schmerzen ſo bitter, wie die Erwachſenen. Wir ſind zu ſehr geneigt, zu denken, daß in der Erinnerung ſich Alles zu Freude geſtalte, vielleicht weil ſie nicht die Noth und die Sorge der reiferen Jahre hat, aber die Sorge empfindet ſie eben ſo tief. Da der Verſtand noch nicht vollkommen ausgebildet iſt, ſo muß die Schwierigkeit, ſich ſelbſt zu beherrſchen, ſich nach den ihnen unbegreiflichen Wünſchen der Eltern oder Vormünder zu richten, der Zwang, den ſie ſich oft anlegen müſſen, ſelbſt für wohl erzogene Kin⸗ der eine ſchwere Prüfung ſein, und bei Vielen, die den Lau⸗ nen, der Schwäche, der Sorgloſigkeit, der Nachſicht in dem einen und der Tyrannei in dem anderen Augenblicke ausge⸗ ſetzt ſind, an deren Gefühle man nicht glaubt und ſie deshalb auch niemals beachtet, wird das kleine Herz gar oft auf ſich ſelbſt angewieſen und, Morton, das glauben Sie mir, dieſe Prüfungen find eben ſo ſchmerzlich und eben ſo ſchwer zu ertragen, als die, welche die Erwachſenen treffen.“ „Sie mögen Recht haben,“ erwiderte Morton,„aber glauben Sie nicht, daß die Kindheit eine Elaſticität beſitzt, welche den Schmerz zurückſtößt und eher glücklich ſein kann, als wir in älteren Jahren?“ „Unzweifelhaft. Und es iſt ein wahres Glück, daß ſie ſo beſchaffen ſind. Was würde ſonſt aus ihnen werden? Ihre Empfindlichkeit für Freude und Schmerz iſt gleich groß. Wenn die erſtere die letztere nicht aufwöge, wie würden ihr zarter Körper und ihre lebhaften Affecte die Laſt ertragen? 236 Der Gedanke, daß die Kindheit an und für ſich die glück⸗ lichſte Zeit im Leben ſei, iſt in ſo fern unheilvoll, als er die nothwendige Sorge und Wachſamkeit ausſchließt, die ſie allein dazu machen kann. Aber wir dürfen nicht mehr phi⸗ loſophiren, es hat uns Alle zu ernſt gemacht. Ich ſehe, daß meine Frau mit Miß Graham ſpricht, ich denke der Muſik wegen. Kommen Sie, Morton, führen Sie Mrs. Greville in das Muſikzimmer und widmen Sie ſich die nächſte halbe Stunde der Melodie ſtatt der Poeſie. Miß Graham verſpricht uns etwas Schönes. Sie werden ſich daher freuen.“ Sie begaben ſich nach dem Muſikzimmer, wohin Percy bereits ſehr galant Annie geführt hatte, und Mehrere von den Gäſten, jung und alt, folgten dem Anſtoß. Annie Graham ſpielte wirklich ausgezeichnet gut, inſoweit es die brillante Ausführung betraf, und Mrs. Hamilton freute ſich über den Ausdruck in Graham's Geſicht, als er ſeinem Kinde zuhörte, und den Beifall, den es erregte. Warum ſucht er nicht die Liebe ſeiner Familie zu gewinnen? dachte ſie, während er ſolche Anlagen beſitzt, ſie zu genießen, und warum hat Helen ſo thöricht ihr Glück zurückgeſtoßen? dachte ſie, als ſie den Contraſt erblickte, den Lady Helen's Geſicht dem ihres Gat⸗ ten gegenüber darbot. Sie wußte, daß Annie gut ſpielte, ſie hatte es von Sachverſtändigen gehört, und was konnte es ſie kümmern, was die heutige Geſellſchaft dachte? Ein ſehr hübſches Duett von den beiden Schweſtern folgte, und bald nachher näherte ſich Caroline dem Muſikpult, in deſſen Nähe Percy und Mr. Morton ſprachen, und Percy rief mit ſeiner gewöhnlichen Liebe zur Neckerei aus:„Du wirſt doch mahrlich nicht nach Miß Graham ſpielen, Caro⸗ line? Wenn Du vor ein paar Stunden die Kraft verlorſt und gehindert warſt, nur einen Walzer zu ſpielen, ſo würde ſie Dir jetzt ſicher einen Poſſen ſpielen und Dich ganz und gar im Stiche laſſen. Carolinen's Wangen brannten, aber ſie antwortete lebhaft:„Mama wünſchte, daß ich unſe⸗ ren Freunden Etwas vortragen ſollte, Percy, und ſie würde es nicht wollen, wenn ſie dächte, daß ich mich oder ſie bu⸗ ſtellen würde.“ „Hören Sie nicht auf Ihren Bruder, Miß Hamilton!“ warf Mr. Morton ein, indem er ihr die Noten abnahm und ihr ſeinen Arm bot, um ſie an das Piano zu führen.„Ich habe ſchon oft das Vergnügen gehabt, Sie zu hören, und wer nicht ein eben ſo großes, wenn nicht ein größeres Ver⸗ gnügen darin findet, Sie ſpielen zu hören anſtatt Miß Gra⸗ ham's, verdient nicht, Zuhörer ſein zu dürfen.“ „O, Sie müſſen immer ſchmeicheln, Mr. Morton, denken Sie nur an Annie's Vorzüge.“ „Gewiß, meine liebe Miß Hamilton, die Ihrigen ſind größer. Keines Lehrers Herz nimmt ſo viel Antheil an den Fortſchritten ſeines Zöglings, wie das Mutterherz an denen ihres Kindes, und ſollte ſie daſſelbe auch nicht unterrichten, ſondern nur beaufſichtigen.“ Caroline ſetzte ſich an das Inſtrument, während er ſprach, und es lag Etwas in ſeinen wenigen Worten, das die rechte Saite anſchlug, denn als ſie zu ſpielen anfing, dachte ſie mehr an ihre Mutter, als an irgend Jemand ſonſt, und ent⸗ ſchloſſen, daß die Anderen wo möglich eben ſo denken ſollten wie Mr. Morton, vergaß ſie in dem Augenblicke, daß ſehr Wenige, ausgenommen ihr eigener unmittelbarer Kreis, wußten, weſſen Schülerin ſie war, und daß ſie ſich nicht denken konnten, daß die Herrin von Oakwood und ſeinen großen Zubehörungen Zeit oder Neigung für einen Theil der Erziehung ihrer Töchter haben könnte. Morton hatte ganz recht, als er vorausſetzte, daß die Bewunderung, die Miß Hamilton gezollt werden würde, eben ſo groß, wenn nicht größer ſein werde, als die Miß Graham geerntet hatte. Es lag eine Seele, eine Tiefe in Carolinen's weit einfacherem Vortrag, daß er ſich ſogleich den Weg zu den Herzen bahnte, und wenn er nicht ſo ſehr überraſchte, ſo gefiel er mehr und erregte den Wunſch, denſelben noch einmal zu hören. „Spielt nicht auch Ihre jüngere Tochter?“ fragte eine Dame, die von Emmeline ſehr angezogen worden war. „Sehr wenig im Vergleiche mit ihrer Schweſter,“ erwi⸗ derte Mrs. Hamilton.„Sie ſpielt nicht ſo gern und deshalb widmet ſie ihrer muſikaliſchen Ausbildung nicht ſo viel Zeit.“ 238 „Halten Sie es für Recht, Kinder mit Rückſicht auf ihre Erziehung ihren eigenen Neigungen folgen zu laſſen?“ fragte eine andere, ziemlich finſter ausſehende Dame mit großem Erſtaunen. „Blos in Beziehung auf ihre Leiſtungen. Meine Emme⸗ line zeichnet eben ſo gern, als Caroline Muſik treibt, und deshalb erlaube ich mehr Zeit dem einen als dem andern zu widmen.“ „Aber glauben Sie, daß man den natürlichen Geſchmack ſo früh errathen kann, daß er ſich von Trägheit oder verkehr⸗ ter Anſchauungsweiſe unterſcheiden läßt.“ „Allerdings denke ich das,“ erwiderte Mrs. Hamilton ernſt.„Wenn ein Kind ſich ſeine Beſchäftigungen ſelbſt wählen kann und nicht immer auf das Schulzimmer be⸗ ſchränkt iſt, ſo wird ſich der natürliche Geſchmack für irgend eine Beſchäftigung, die es einer andern vorzieht, immer zeigen. Ich möchte mich allerdings nicht ganz darauf ver⸗ laſſen, weil ich es für recht und nützlich halte, den Geſchmack für alle ſchönen Künſte zu bilden, nur laſſe ich mehr Zeit zu der Lieblingsbeſchäftigung. Meine Nichte hat noch keinen entſchiedenen Geſchmack für irgend eine beſondere Beſchäfti⸗ gung gezeigt, aber ich vernachläſſige deswegen nicht die Pflege ihrer Talente. Wenn ſich auch erſt in einigen Jahren ein Vor⸗ zug kund giebt, ſo wird es immer noch Zeit genug ſein, nach dieſer einen Seite hin tüchtig zu arbeiten.“ „Spielt eine von Ihren Töchtern die kleine Harfe?“ fragte die erſte Sprecherin,„ſie ſieht gerade ſo aus, als wäre ſie das Eigenthum meiner liebenswürdigen kleinen Freundin.“ „Ihre Vermuthung iſt richtig,“ entgegnete Mrs. Ha⸗ milton lächelnd.„Emmeline behauptete, ſie würde die ganze Muſik haſſen lernen, wenn ſie das große, häßliche Piano ſpielen ſollte. Wenn ſie eine Harfe hätte, würde ſie Alles thun, was in ihren Kräften ſtünde, um ſie Pielen zu lernen, und es iſt ihr wirklich gelungen.“ „Und dürfen wir ſie nicht hören?“ „Wenn das Zimmer nicht ganz ſo voll iſt. Sie hat nicht das halbe Vertrauen ihrer Schweſter, und eine ſo große Süit Zuhörerſchaft würde ihr allen Muth rauben; aber ich ver⸗ ſpreche ihnen ſtatt deſſen ein hübſches Lied,“ fügte ſie binzu, als ſich Herbert näherte, und ihr eine Bitte zuflüſterte,„d. h. wenn meine Ueberredungsgabe Etwas über meine junge Freundin vermag. Mrs. Greville, muß ich Ihren Einfluß in Anſpruch nehmen oder wird der meine ausreichen?“ „Wie, meine Mary? Ich glaube, Ihre Bitte wird in dieſem Falle größeres Gewicht haben, als die meine.“ Und einige Minuten darauf führte Mrs. Hamilton das erröthende ſchüchterne Mädchen im Triumph an's Piano. Ihre Stimme, die beſonders angenehm und ergreifend, wiewohl nicht kräſtig war, zitterte hörbar, als ſie begann, aber Herbert wandte ihr die Notenblätter um, ſeine Mutter ſtand dicht neben ihr, und nach den erſten wenigen Tacten vergaß ſie in ihrem En⸗ thuſiasmus die Gegenwart Aller, außer denen, die fie liebte, und verſenkte ſich ganz in den Geiſt ihres Liedes. Mrs. Hamilton durchbebte allemal eine düſtere Ahnung, die ſie vergebens zu bekämpfen ſuchte, wenn ſie Mary in ſolchen Augenblicken ſah und hörte. Es war Etwas in dieſen dunkelbraunen ſinnigen Augen, der hektiſchen Farbe, die bei der mindeſten Anſtrengung ihre Wange bedeckte, der Durchſichtigkeit der Haut, dem faſt engelhaften Gemüth und ihrer Geduld in ihrem ſchweren Loos, was kaum der Erde anzugehören ſchien, und niemals war dieſe trübe Ahnung ſtärker als in dieſem Augenblicke, als ſie ringsum die Schaar von jungen und glücklichen Geſichtern ſah und keines den⸗ ſelben Ausdruck zu haben ſchien wie das Antlitz Mary's. Sie konnte kaum ſprechen, um ihrer jungen Freundin ihren warmen Dank zu ſagen, als ſie geendet hatte; aber Mary war mehr als zufriedengeſtellt durch den zärtlichen Druck ihrer Hand. Dieſe kleine Unterbrechung der eigentlichen Aufgabe des Abends erhöhte nur den Genuß, als der Tanz wieder begann. Selbſt der Aufforderung zum Souper wurde nur mit Wider⸗ ſtreben Folge geleiſtet, und es wurde raſch abgegeſſen, um deſto früher in den Ballſaal zurückkehren zu können. Die Stunden waren gleichſam geflogen, und da die glücklichen 240 Kinder fühlten, daß das Vergnügen nicht mehr lange dauern könne, ſo ſchien die Tanzluſt bis zum letzten Augenblicke zu ſteigen. Emmelinens reizbarer Geiſt hatte alle Sorgen von ſich geworfen, denn es war ganz unmöglich, daß Jemand ſie noch bitten ſollte, zu ſpielen. Sie hatte alle noch übrigen Paare, denn das Zimmer war allmälig ſehr leer geworden, zur Heumacher⸗Quadrille arrangirt, nahm Edward zu ihrem Tänzer, und da ſie einmüthig aufgefordert wurde, vorzutanzen, ſo that ſie es mit ſolcher Luſt und Anmuth und wenig Er⸗ müdung, daß es wirklich ſchien, als wolle ſie Wort halten und die ganze Nacht tanzen. Miß Graham hatte erklärt, es ſei ein viel zu gewöhnli— cher Tanz, und hatte es abgelehnt, daran Theil zu nehmen. Caroline, die daran Vergnügen gefunden haben würde, ſetzte ſich mehr aus Höflichkeit gegen ihre Freundin, als aus Nei⸗ gung gegen ſie zu ihr, und eine fröhliche Gruppe von älteren Knaben und eine oder zwei junge Damen geſellten ſich zu ihnen. Herbert und Mary, welche fanden, daß die Quadrille, zu der ſie ſich engagirt hatten, zu einem Tanze wurde, wozu ſie nicht die phyſiſche Kraft hatten, wiewohl ſie die Luſt dazu gehabt haben würden, machten ſtatt deſſen ein Schwätz⸗ chen, und Ellen ſetzte ſich neben ihren Liebling Mary, indem ſie vor Ermüdung Alfred Greville's Bitte ablehnte, Emme⸗ linen beizuſtehn. „Wahrhaftig, ich könnte mit dieſer luſtigen Schaar ſelbſt tanzen!“ rief Mr. Graham aus, nachdem er ſie einige Zeit beobachtet hatte, und alle ſeine Rauheit war vor dem freund⸗ lichen Geiſte des Abends gewichen.„Mrs. Hamilton, Mrs. Greville, haben Sie Mitleid mit mir, thun Sie mir den Ge⸗ fallen, mit mir zu tanzen.“ Beide Damen baten lachend um Entſchuldigung, erboten ſich jedoch, ihm eine Tänzerin zu verſchaffen.. „Nein, es muß eine von Ihnen oder keine ſein. Dieſe kleine Sylphe, Mrs. Hamilton, ſcheint für Sie und für ſich ſelbſt tanzen zu wollen. Was für ein hübſches Paar ſie und ihr hübſcher Couſin bilden! Und da geht meine kleine Lilla, ich darf hoffen, wenigſtens ein glückliches Kind zu ——————— 241 haben.„Wie, müde, Monſieur Perey! Gezwungen, aufzu⸗ hören? Völlig erſchöpft?“ „Ja, das bin ich“, antwortete Percy, der mit ſeiner Tän⸗ zerin ſehr geſchickt aus der Reihe gewalzt war, und nachdem er ihr einen Stuhl angeboten, ſich auf eine große Ottomane warf. „Mutter, wenn Du nicht Emmelinen Einhalt thuſt, ſo wird es nicht lange dauern und ſie ſinkt mit Edward vor lauter Ermattung zu Boden, und die Anderen werden folgen wie ein Kartenhaus. Bitte, komme einer ſolchen Kataſtrophe zuvor, denn ich verſichere Dir, es iſt gar nicht unwahr⸗ ſcheinlich.“ Der Ernſt, womit er ſprach, veranlaßte ein allgemeines Gelächter, aber da Mrs. Hamilton fühlte, daß nach der Länge der Zeit, die der ermüdende Tanz gedauert hatte, wirklich einige Wahrheit in ſeinen Worten lag, ſo bat ſie die Muſi⸗ kanten aufzuhören. Dies entlockte manchem jugendlichen Munde einen Ausruf des Bedauerns, und Emmeline und Eduard liefen zu ihr, um ſie zu bitten, daß ſie noch ein We⸗ nig länger fortfahren dürften. Mrs. Hamilton indeß ſchlug es ab, und Edward fügte ſich ſogleich, aber Emmeline war ſo aufgeregt, daß ihr der Gehorſam ungewöhnlich ſchwer wurde; und als ihre Mutter ſie bat, ſich ruhig zehn Minuten hinzuſetzen und dann in das Muſikzimmer zu kommen, da Mrs. Allan ſie gern ſpielen hören möchte, ehe ſie ſich entfernte, antwortete ſie mit mehr Muthwillen, als ſie ſelbſt wünſchte: „Ich glaube, ich kann heute keine Note ſpielen, es verlohnt ſich nicht erſt der Mühe, es zu verſuchen.“ „Emmeline!“ rief ihre Mutter aus und fügte ſehr ernſt⸗ haft hinzu:„Ich fürchte, Du haſt zu viel getanzt, anſtatt noch nicht genug getanzt zu haben.“ Der Ton, in dem ſie dieſe Worte ſprach, genügte. Die arme Emmeline befand ſich gerade in der Stimmung, wo Thränen eben ſo nahe ſind, als Lachen. Auch machte ſie ſich ihre muthwillige Antwort zum Vorwurf und ſie brach plötz⸗ lich in Thränen aus. Die Freundinnen ihrer Mutter äu⸗ ßerten ihre lebhafteſte Theilnahme.„Das arme Kind, es 16 242 hat ſich zu ſehr ermüdet, wir können nun nicht erwarten, ſie ſpielen zu hören.“ Aber als Mrs. Greville mit einem Lä⸗ cheln ſagte, daß die Thränen ihrer kleinen Freundin immer bloſe Aprilſchauer wären, ſo wurde glücklicherweiſe die Auf⸗ merkſamkeit der Menge von ihr abgelenkt, während Mrs. Ha⸗ milton, indem ſie ihr die Hand vom Geſicht nahm, blos mit leiſer Stimme ſagte:„Emmeline, gieb mir nicht Veranlaſſung, daß ich mich Deiner noch mehr ſchämen muß. Was würde Papa denken, wenn er Dich jetzt ſähe?“ Die einzige Ant⸗ wort des kleinen Mädchens war, daß ſie ihr Geſicht noch tiefer in das Kleid ihrer Mutter verbarg, gerade als wenn ſie ſich ſelbſt verbergen wollte. Aber als Mrs. Allan ſehr freundlich ſagte:„Aengſtige Dich nicht, mein Kind, ich würde Dich nicht gebeten haben, zu ſpielen, wenn ich gedacht hätte, daß es Dir ſo ſehr zuwider wäre. Ich glaube, Du wirſt ſehr müde ſein, und denkſt daher, daß es Dir nicht gelingen wird,“ erhob ſie ſogleich ihr Köpfchen, warf die ſchönen Locken zurück, die ihr über das Geſicht herabgefallen waren, und wie⸗ wohl noch Thränen auf ihren Wangen und in ihren Augen glänzten, ſo ſagte ſie doch mit einer Miſchung von kindlicher Schüchternheit und muthiger Wahrhaftigkeit, die ſich unmög⸗ lich beſchreiben läßt:„Nein, Madame, ich bin nicht zu müde zu ſpielen, ich weinte nicht aus Ermattung, ſondern weil ich böſe auf Mama war, daß ſie mich nicht länger tanzen ließ, und bös auf mich ſelbſt, weil ich ihr ſo muthwillig antwortete und weil ich dachte, ſie ſei böſe und ich hätte es verdient.“ „So komm und mache Deinen Fehler wieder gut!“ war Mrs. Hamilton's einzige Bemerkung auf eine Antwort, über welche ihr Herz wirklich dankbar ſchlug, daß ein von Natur ſo ſanftes und ſchüchternes Mädchen, wie ihre Emmeline, ihre Lehre, immer die Wahrheit zu ſagen, vollkommen ver⸗ ſtanden und in Anwendung gebracht hatte, während Mrs. Allan nicht wußte, was ſie antworten ſollte, da ſie unwill⸗ kürlich vor der Mutter Achtung fühlte. Es würde ſo leicht geweſen ſein, einer unangenehmen Aufgabe zu entgehen, in⸗ dem ſie ſtillſchweigend zugegeben, daß Emmeline zu müde ſei, um zu ſpielen, und was für eine ſorgfältige Erziehung 243 mußte es geweſen ſein, die zu ſolcher Wahrhaftigkeit führte? „Mrs. Allan wollte Dich nicht eher bitten, weil ſie wußte, daß Du nicht gern ſpielteſt, ſo lange das Zimmer ſo voll war. Müßteſt Du daher nicht Dein Möglichſtes thun, Dich ihr dankbar zu zeigen?“ Emmeline ſah ſchüchtern ihrer Mutter in's Geſicht, um ſich zu überzeugen, daß ihr Mißfallen ſich gelegt, wie ihre Worte anzudeuten ſchienen, und als ſie ſich darüber beruhigt hatte, trocknete ſie ihre Thränen, und indem ſie die dargebo⸗ tene Hand von Mrs. Allan ergriff, ging ſie unmittelbar in das Muſikzimmer. Mrs. Hamilton blieb zurück, um Herbert, der heran⸗ gekommen war, um nach der Urſache zu fragen, weshalb ſeine Schweſter geweint, zu bitten, daß er die letzte Quadrille ar⸗ rangiren und wo möglich einen Platz für Emmeline aufheben möchte, da ſie nicht eher anfangen würden, als bis ſie geſpielt hätte. Ihr kleines Mädchen ſaß an ihrer kleinen Harfe, als ſie in das Zimmer trat, und es war wirklich ein hübſches Bild, ihre zarte Geſtalt an der kleinen Harfe und ihr liebes Geſicht zu ſehen, das wirklich die Gefühle auszudrücken ſchien, die ſie bei ihrem Spiele beſeelten. Die einfache Hochlands⸗ Melodie bedurfte keiner großen Ausführung, aber ihre lebhafte Phantaſie gab derſelben Bedeutung und ſo wußte ſie gar nicht, wenn ſie hübſch ſpielte. Mrs. Allan hatte ein kleines Mädchen gerade in Emmelinens Alter verloren, die ebenfalls die Harfe geſpielt hatte, und es lag Etwas in ihren Liebko⸗ ſungen und in ihrem Danke, nachdem Emmeline ihren Vor⸗ trag beendet hatte, was ſie ruhig ſich an ihre Seite ſchmie⸗ gen ließ, ohne auf das Lob zu hören, das ihr von allen Seiten zu Theil wurde. In dieſem Augenblick erſchien Herbert mit einem von den Brüdern Allan.„Komm, Emmy, wir war⸗ ten nur auf Dich! Mr. Allan ſagt, daß Du ihm heute Abend noch keinen Tanz gegeben haſt, und er hofft, Du wirſt es nun thun.“ „Auch ich bitte darum,“ fügte Mrs. Allan hinzu, als ihr Sohn ſein Anliegen anbrachte. Emmeline wartete nur, 16* 244 bis ſie die Einwilligung ihrer Mutter in ihren Augen las, denn ſie dachte, daß ſie nicht mehr tanzen ſollte, und in der nächſten Minute hatte die heitere Muſik begonnen, und ſie tanzte und ſchwatzte ſo luſtig, als wenn ihre Freude gar keine Unterbrechung erfahren hätte. „Und Du willſt alle dieſe Vergnügungen aufgeben, um Dich in ein Kriegsſchiff einzukerkern?“ fragte Mr. Graham ſcherzend Eduard, während er auf ſeine Frau und ſeine Töch⸗ ter wartete, die zu Annie's Entſetzen die Letzten waren und ſich eben die Mäntel und Shawls holten. „Einkerkern?“ lautete ſeine entrüſtete Antwort,„und auf dem großen freien herrlichen Ocean? Mit den Flügeln des Windes überall hinfliegen, wohin wir wollen, und die Flaggen aller Länder nöthigen zu können, die unſre zu be⸗ grüßen! Nein, Mr. Graham, die Landratten wiſſen nicht, was Freiheit iſt, wenn ſie von Einkerkerung auf dem Schiff ſpre⸗ chen. Wir nehmen unſere Heimath überall mit, wohin wir gehen, was die Landratten nicht thun können, wiewohl ſie ſo ſchöne Gedichte über die mütterlichen Eigenſchaften der alten Mutter Erde machen.“ „Höre nur, Hamilton,“ rief Graham herzlich lachend aus,„man ſollte denken, er wäre ſein Leben lang Matroſe geweſen. Du ſprichſt jetzt keck, mein Junge, aber Du wirſt Deinen Ton ändern, wenn Du einmal das Lazareth gekoſtet haſt!“ „Ich denke nicht, daß ich es nöthig haben werde,“ ant⸗ wortete Edward.„Ich weiß, es giebt mancherlei Mühſelig⸗ keiten, und ich glaube, ich werde ſie unangenehmer finden, als ich mir denken kann, aber ich werde mich an ſie gewöhnen, es iſt ſo feig, ſich vor Strapazen zu fürchten.“ „Und iſt es nicht ſchmerzlich, alle dieſe Freuden des Lan⸗ des aufzugeben?“ „Ich vertauſche ſie mit andern, die noch angenehmer ſind.“ „Und die See ſoll Deine Schweſter, Dein Onkel, Deine Tante, Deine Verwandten, alles zuſammen ſein?“ „Ja, Alles,“ erwiderte Edward lachend, und er fügte hinzu, indem er ſeinen Arm zärtlich um Ellen ſchlang:„Meine — 245 Schweſter hat ſo viele liebe Freunde, daß ſie mich wird ent⸗ behren können, bis ich alt genug bin, um alle Pflichten eines Bruders zu erfüllen.“ „Du biſt ein guter Junge, Edward, und ich ſehe, ich darf nicht von Scheiden ſprechen, wenn ich Dir das Vergnü⸗ gen dieſes Abends nicht verderben will,“ ſagte Graham, indem er freundlich ſeine Hand auf Ellen's Kopf legte und dann ſich umwandte, um dem Rufe ſeiner Gattin zu folgen. Die junge Geſellſchaft war ohne Zweifel der Anſicht, daß es unendlich viel angenehmer ſein würde, die ganze Nacht aufzubleiben und von dem nur zu raſch verfloſſenen genuß⸗ reichen Abend zu ſprechen, als ſich in's Bett zu begeben, aber die Gewohnheiten von Oakwood waren für eine ſolche Zer⸗ ſtreuung zu gut geregelt, wiewohl ohne Zweifel das Land der Träume in dieſer Nacht mit den heiterſten Schatten der Wirklichkeit bevölkert war und immer wieder das Glück des Abends zurückbrachte. Achtzehntes Kapitel. Wirkungen des Vergnügens.— Der junge Seekadett.— Ueble Laune. — Ihr urſprung und ihre Folgen. Die Rückkehr zu dem gewöhnlichen Schlendrian der Ar⸗ beit und weniger aufregender Erholung war natürlich nach den Weihnachtsfreuden eine Prüfung für alle unſere jungen Freunde. Weniger für die Knaben, als die Schweſtern. Perecy's elaſtiſcher Geiſt fand Vergnügen an Allem, und er war etwas zu alt, um ſich wegen ſeiner Studien zu ſorgen, oder in ihnen einen Zwang zu finden. Herbert vertauſchte nur eine Art des Glückes mit einer anderen. Edward ſah ſich durch jeden Monat, der vorüber war, der Erreichung ſeiner Wünſche näher gebracht, und er hatte Mr. Howard ſo gern und lernte * 246 ſo raſch und war ein ſo großer Liebling aller ſeiner Mitſchü⸗ ler, daß er ſich nichts daraus machte, wenn die Zeit der Arbeit wiederkam. Ellen und Emmeline fanden es ſehr ſchwer, ſich wieder in ihre Unterrichtsſtunden zu finden, beſon⸗ ders die Letztere, der zu Muthe war, als wenn Arbeit und Regelmäßigkeit etwas höchſt Unangenehmes wäre, und bis⸗ weilen war ſie faſt in Verzweifelung, ob ſie dieſelben jemals wieder lieb gewinnen könnte. Aber ſie ſuchte ihre Trägheit zu überwinden und ihren Muthwillen zu zügeln, und es ge⸗ lang ihr ſo gut, daß ſie ſich des Beifalls ihrer Eltern zu er⸗ freuen hatte. Ihre Güte ließ ſie immer fühlen, als wenn keine Anſtrengung von ihrer Seite zu groß wäre, um zu be⸗ weiſen, wie tief ſie dieſelbe empfand, und wenn Jemand, alt oder jung, dieſe Art von Gefühl erfährt, ſo braucht er nicht bange zu ſein, daß ihm nicht alle ſeine Beſtrebungen glücken, ſo hart und ſchwer ſie zuerſt zu ſein ſcheinen. Es war nicht ſo ſchwer für Ellen, als für Emmeline, weil ſie weniger im Stande war, ein ſo inniges Vergnügen zu empfinden. Sie kam ſich ſicherer vor, wenn ſie regelmäßig beſchäftigt war, und außerdem war Fleiß und Aufmerkſamkeit das Einzige, womit ſie zeigen konnte, wie ſehr ſie ihre Tante liebte, und da ſie von ihrer Kindheit an gewöhnt war, ihre Nei⸗ gungen zu verbergen, und da ſie in der That niemals daran dachte, daß ſie auf Vergnügen und gütige Behandlung Anſpruch zu machen habe, ſo fand ſie Glück genug ſelbſt in ihrem regelmäßigen Leben; aber Carolinen war die Verände⸗ rung faſt unerträglich. Während Lob und Bewunderung Emmelinen nur zu größeren Anſtrengungen anſpornten, ver⸗ anlaßten ſie Carolinen vollſtändig in den ihrigen nachzulaſſen und demzufolge den Ihrigen ſo viel Kummer zu verurſachen, als ſie Vergnügen empfangen hatte. Die Ausdauer in ihren verſchiedenen Beſchäftigungen, beſonders in der Muſik, die beſtändige Beherrſchung ihrer Gemüthsart, deren ſie ſich vor den Feiertagen ſo ſehr befleißigt hatte, hatte nun ganz und gar aufgehört. Es machte ihr viel weniger Mühe, zu lernen, als Emmelinen, deshalb gingen ihre Studien mit Miß Har⸗ court im Allgemeinen immer gut, aber die Bewunderung, die 247 ſie erregt hatte, ließ ſie nach mehr verlangen, und ſie fing an, ſich für eine Perſon zu halten, die viel größere Rückſicht ver⸗ diente, als die ſie von Seiten ihrer Familie fand. Da ſie ſich mit dieſen Gedanken viel beſchäftigte, ſo entſtand natür⸗ lich üble Laune, und da ſie nicht mehr zu fürchten hatte, daß, wenn ſie derſelben nachhing, ſie von irgend einem Vergnügen ausgeſchloſſen werden würde, ſo verſuchte ſie dieſelbe auch nicht zu überwinden. Das Lob, welches ihrer Muſik ertheilt worden war, ließ ſie ſich für eine viel größere Künſtlerin halten, als ſie wirklich war, und wiewohl ſie wirklich große Liebe zur Muſik hatte, ſo war ihre Liebe zum Lobe noch grö⸗ ßer, und ſo ließ ſie nicht nur in ihren Uebungen nach, ſondern ſie murrte auch innerlich über das ſo ſehr geringe Lob, das ſie von ihrer Mutter empfing. „Wie kannſt Du der Mama ſo große Noth machen, Ca⸗ roline, während Du weißt, daß Du es viel beſſer machen könnteſt!“ rief eines Tages Herbert aus, als ihn ein Anfall von Erſchöpfung an das Sopha feſſelte. Mrs Hamilton hatte ſie, nachdem ſie ihr die gewöhnliche Unterrichtsſtunde gegeben, in der Caroline nichts gethan hatte, mit ſehr deutlichen Zeichen des Mißfallens verlaſſen, und ſelbſt Herbert hatte ſie zu einer ſehr ungewöhnlichen Ent⸗ rüſtung gereizt. „Was hilft es, ſich Tag für Tag zu üben?“ lautete ihre ärgerliche Antwort,„ich bin überzeugt, ich würde eben ſo gut ſpielen, wenn ich weniger übte.“ „Das dachteſt Du vor einem Monat nicht, Caroline!“ „Nein, weil ich damals einen Zweck hatte, weshalb ich übte.“ „Und haſt Du jetzt keinen Zweck? Iſt Mama's Beifall Nichts? Iſt das Vergnügen, das Du uns Allen durch Dein Talent für die Muſik gewährſt, Nichts? O, Caroline, wa⸗ rum wirfſt Du, dem Verlangen allgemeiner Bewunderung zu Gefallen, ſo viel wirkliche Genugthuung von Dir?“ „Es iſt doch nichts Böſes, Herbert, wenn man wünſcht, allgemein geliebt und bewundert zu ſein.“ „Allerdings iſt es das, wenn es Dich veranlaßt, unzu⸗ ——————————————————————————————————————————————————————————— 248 frieden und blind für die Liebe und Bewunderung in Deiner Familie zu ſein. Was iſt das Lob von Fremden im Ver⸗ gleich mit dem Lobe Derjenigen, die uns am innigſten lieben?“ „Es iſt gegenwärtig keine große Ausſicht vorhanden, daß mir eins von beiden zu Theil wird,“ lautete ihre kalte Antwort. „Weil Du nicht nach dem Einen ſtrebſt, das Du ſo leicht erhalten könnteſt, und ſelbſt ohne an Lob zu denken, wie kannſt Du ſo undankbar ſein, die Mühe, die ſich Mama giebt, mit Trägheit, Kälte und faſt Ungezogenheit, wie Du ſie heut gezeigt haſt, zu vergelten? Wie wenige Mütter ihres Standes würden—“ „Du kannſt Dir Deine Predigt erſparen, Herbert, denn in dieſem Augenblicke bin ich nicht geſtimmt, darauf zu hören oder Nutzen davon zu ziehen,“ unterbrach ihn Caroline und verließ das Zimmer ganz erzürnt. Eine leichte Röthe über⸗ zog die bleiche Wange ihres Bruders, aber er beſiegte raſch die natürliche Aufregung und ſuchte durch die zärtlichſten Auf⸗ merkſamkeiten von ſeiner Seite den Schmerz ſeiner Mutter über Carolinens Betragen zu entfernen. Dies dauerte etwa vierzehn Tage. Nach Abfluß der⸗ ſelben nahm Caroline plötzlich ihre Muſik mit großer Beharr⸗ lichkeit wieder auf und ihre üble Laune kam nicht wieder zum Ausbruch. Herbert hoffte, daß ſeine Vorſtellungen Einfluß geübt. Mrs. Hamilton dachte, daß ihr Kind ſeine Thorheit eingeſehen und ſie zu beſiegen geſucht habe. Indeß irrten ſie ſich Beide. Annie Graham hatte ihrer Freundin im ſtreng⸗ ſten Vertrauen mitgetheilt, daß ihre Mutter Ende Februar einen großen Ball zu geben beabſichtige und daß ſie Mrs. Hamilton um den Gefallen bitten wolle, Carolinen daran Theil nehmen zu laſſen. Caroline wußte nicht, wie wenig Grund Annie zu dieſer Verſicherung hatte. Lady Helen hatte blos geſagt, ſie würde vielleicht darum bitten, und dies hatte ſie nur geſagt, weil ſie zu ſchwach war, um ſogleich Nein zu ſagen. Sie hatte allerdings keinen Groll gegen Carolinen, aber ſie war feſt überzeugt, daß Mrs. Hamilton ihre Zuſtimmung nicht geben würde, und ſo ſehr zu bitten, wie Annie es wünſchte, das war wirklich zu viel Mühe. Carolinens Wünſche in dieſem Fall ſiegten über ihre beſſere Einſicht, denn hätte ſie vernünftig darüber nachge⸗ dacht, ſo würde ſie die Grundſätze ihrer Mutter genügend gekannt haben, um auch nicht die mindeſte Hoffnung auf dieſen Ball zu ſetzen. Die Einladungen an ihre Eltern und ihre Brüder kamen drei Wochen vorher an. Sie erwartete, in dieſe Einladungen eingeſchloſſen zu ſein, aber als mehr denn eine Woche verfloß und immer noch kein Wort geſagt wurde, trat Enttäuſchung an die Stelle der Hoffnung, und nur der ſtille Glaube, daß ſie dennoch eingeladen werden würde, und wäre es auch nur im letzten Augenblick, ließ ſie nicht auf's Neue in üble Laune verfallen. Nun hatte Lady Helen wirklich angefragt, aber ſie hatte nicht gebeten, und Mrs. Hamilton dankte ihr, aber lehnte die Einladung entſchieden ab, wie ſie erwartet hatte. Caroline ſei noch viel zu jung für eine ſolche Geſellſchaft, ſagte ſie; ob ſie etwas davon wüßte, daß ſie eingeladen werden ſolle? Und Lady Helen ſagte der Wahrheit gemäß, daß ſie die Sache gegen ſie nicht erwähnt habe, und ſie habe Annie gebeten, ebenſo wenig darüber zu ſprechen. Mrs. Hamilton vergaß ganz, daß Miß Graham ſich nicht gerade durch Gehorſam auszeichnete, und da ſie ſich auf die Verſicherung ihrer Freundin verließ, ſo beſchloß ſie, gegen Carolinen nichts darüber zu ſagen, da ſie ihr den Schmerz zu erſparen wünſchte, den, wie ſie wußte, ihre Wei⸗ gerung derſelben verurſacht haben würde. Es würde indeß beſſer geweſen ſein, wenn ſie geſprochen hätte. Das Wetter hatte Carolinen daran gehindert, Annie zu beſuchen, aber ſie war feſt überzeugt, daß dieſelbe ſie nicht täuſchen würde, und ihr ſtolzes Herz empörte ſich gegen ihre Mutter, nicht nur weil ſie Lady Helen's Bitte abgeſchlagen, ſondern auch weil dieſelbe ſie ſo ſehr als Kind behandle, daß ſie ihre abſchlä⸗ gige Antwort vor ihr verheimliche. Unter der Einwirkung ſolcher Gedanken konnte ſie natürlich ihre Laune immer we⸗ niger beherrſchen, und als natürliche Folge wurde ihr Aerger gegen ihre Mutter immer größer und ſie ſelbſt machte ſich im⸗ 250 mer mehr Vorwürfe, daß ſie ſich ſolchen Gefühlen hingebe, bis ſie zuletzt ganz unglücklich wurde. Um dieſe Zeit verließ Miß Harcourt gerade Oakwood auf eine Woche, um eine kranke Freundin in Dartmouth zu beſuchen. Mrs. Hamilton hatte ihr unbedingten Urlaub ge⸗ geben und ihr verſprochen, daß ihre Zöglinge während ihrer Abweſenheit nichts verlieren ſollten. Sie reiſte am Sonn⸗ abend ab und am Donnerſtag war Lady Helen's Ball. Am Montag behielt Mr. Hamilton Edward zurück, als er nach dem Morgengebet das Bibliothekzimmer verlaſſen wollte, und ſagte ihm, daß er einen Brief erhalten habe, welcher ihn, wie er glaube, intereſſiren werde. Zehn Minuten darauf ſtürzte Edward in das Frühſtückszimmer in einer ſo freudigen Auf⸗ regung, daß er kaum ſprechen konnte. „Wünſcht mir fünf, zehn, zwanzigtauſend Mal Glück!“ rief er aus, indem er von Stuhl zu Stuhl ſprang, als wenn ihm die raſche Bewegung wieder zur Sprache verhelfen ſollte,„in einem Monat geht Prinz William unter Segel und ich werde das Schiff in Portsmouth treffen und See⸗ mann, wirklicher Seemann ſein! Und morgen über vierzehn Tage, ſagt mir der Onkel, werden wir nach London abreiſen, und zehn Tage Zeit haben, um dort alle Sehenswürdig⸗ keiten in Augenſchein zu nehmen, und dann nach Ports⸗ mouth gehen und uns dort alles anſehen, und dann— und „Nimm Dich in Acht, daß Du nicht den Verſtand ver⸗ lierſt, ehe Du Dakwvod verläſſeſt!“ unterbrach ihn Percy herzlich lachend.„Ich würde mich gar nicht wundern, wenn Du, ehe Du fortkommſt, den Dart für das atlantiſche Meer hielteſt und in einem Korbe unter Segel gingeſt, an all den kleinen Inſeln, an denen Du vorüberkämſt, die Anker wür⸗ feſt und ſie für verſchiedene Städte anſäheſt, und endlich in Dartmouth landeteſt in dem Glauben, es ſei Halifar— der Hafen, wohin Du gewollt hätteſt. Das wird das Ende Deiner Seemannſchaft ſein, verlaß Dich darauf!“ „Ich glaube vielmehr, ich würde vernünftig werden, 251 Percy, wenn Weidengeflecht nicht waſſerdicht iſt, was ich noch niemals gehört habe.“ „Aber ich habe es gehört!“ unterbrach ihn Emmeline haſtig.„Die Schotten und Picten fielen in England in Weidenbooten ein, und um ſo viele Menſchen faſſen zu können, müſſen ſie ſtark und waſſerdicht dazu geweſen ſein. Du ſiehſt alſo, Percy's Korb iſt nur ein altes Boot, Edward! Du biſt viel beſſer daran, als Du dachteſt.“ „Ich lobe mir dafür Alfred's hölzerne Mauern, Emmy; Deine Picten und Schotten waren wenig beſſer als Wilde. Alfred iſt mein Mann! Er verdient„der Große“ genannt zu werden, und wäre es auch nur, weil er die erſte engliſche Flotte geſchaffen hat. Aber weder meine Tante, noch Ellen haben mir Glück gewünſcht, das werde ich übel nehmen.“ Mrs. Hamilton konnte im erſten Augenblicke nicht ſprechen, denn die Freude, die Lebhaftigkeit ihres Neffen erinnerte ſie ſo ſehr an den Tag, wo ihr eigener vielgeliebter Bruder Charles in das Zimmer geſtürzt war, um ihr ſein ganzes Entzücken mitzutheilen, denn Niemand theilte ſeine Leiden und Freuden ſo, wie ſie. Er war damals kaum älter wie Edward, ebenſo voll Hoffnung und voll Luſt, und wo war er? Wird ſein Schickſal auch das des hoffnungsvollen ſchönen Knaben ſein, der vor ihr ſtand? Und als Edward ſie umſchlang und immer wieder und wieder küßte, und ihr ſagte, er könne ſich noch gar nicht überzeugen, daß es nicht ein bloſer Traum ſei, wenn nicht auch ſie ihm Glück wünſchte, mußte ſie die größte Anſtrengung anwenden, um ihre Thrä⸗ nen zu verbergen und ihre Stimme ſo zu beherrſchen, daß er ſie nicht zittern hörte. Die arme Ellen fühlte ſich ganz verwirrt und man ſah es ihr an. Sie hatte ſich immer an den Gedanken zu gewöhnen geſucht, daß Edward, um See⸗ mann werden zu können, ſie verlaſſen müſſe, und da ſie wußten, daß er bald abgerufen werden würde, hatten ihre Tante und ihr Onkel in ihrer Gegenwart oft von ſeiner Ab⸗ reiſe geſprochen, aber niemals hatte ſie ſich dieſelbe ſo nahe gedacht, und nun kam die Nachricht ſo raſch und Edward war ſo außer ſich vor Freude, daß ſie dachte, ſie müſſe ſich ebenfalls 252 freuen, aber ſie konnte es nicht, und Percy mußte ſie ſcherz⸗ hafterweiſe fragen, was ihr fehlte, und ob ſie nicht glaubte, daß er ein beſſerer Bruder ſein würde, als ſolch eine Waſſer⸗ ratte, die nichts auf dem Lande zu ſchaffen habe. Aber ihre Augen ruhten auch dann auf Edward, und es war ihr zu Muthe, als wenn ihr etwas den Hals zuſchnüre, und ſie konnte den Wecken, den Herbert ihr ſo freundlich zurechtge⸗ ſchnitten und mit Butter beſtrichen und auf ihren Teller ge⸗ legt hatte, nicht hinunterbringen, und als Edward etwas ſehr Komiſches geſagt hatte, wie das ſeine Weiſe war, und ſie alle darüber lachen mußten, verſuchte ſie es, zu lachen, aber anſtatt daß ſie lachte, machte ſich ein Seufzer Luft, wiewohl ſie meinte, daß ſie nicht ſo thöricht habe ſein wollen; aber anſtatt getadelt zu werden, wie ſie gefürchtet hatte, fühlte ſie, wie der Arm ihrer Tante ſie ſanft umſchlang, bis ſie ihr Geſicht an ihrem Buſen verbergen und einige Minuten ruhig weinen konnte, denn die Uebrigen ſchwatzten und lachten am Frühſtückstiſch und Niemand gab Acht auf ſie, worüber ſie ſehr froh war, denn ſie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Edward meinen könnte, ſie ſei unglücklich, während er ſich ſo ſehr freue. Und nach dem Frühſtück, wiewohl er ſo außerordentliche Eile hatte, Mr. Howard die gute Nachricht zu überbringen, daß, als er ſich auf den Weg machte, er ſelbſt Perey weit hinter ſich ließ, fand er Zeit, ihr einen herzlichen Kuß zu geben und ihr zu ſagen, daß er ſie ſehr liebe, wiewohl er ſich nicht helfen könne und ſo froh ſei, daß er nun zur See gehe, und daß er ganz ſtolz auf ſie ſei, weil ſie, wiewohl er wiſſe, daß es ſie ſehr ſchmerze, daß er fortgehe, nicht weine und großen Lärm mache, wie es manche thörichte Leute thun würden, und dann lächelte ſie wirklich. „Es iſt Montagmorgen, meine lieben Kinder, und ich ſinde, daß Ellis und Morris meine Gegenwart länger in Anſpruch nehmen, als ich erwartete,“ ſagte Mrs. Hamilton, als ſie in das Schulzimmer eintrat und die drei Mädchen ihre Schul⸗ bücher zurecht legen ſah,„ich muß Euch daher allein arbeiten laſſen und zuſehen, wie weit ihr bis elf Uhr ohne mich kom⸗ men könnt. Ich werde den Wagen um halb zwölf Uhr be⸗ —,—— 253 ſtellen, und wenn Alles fertig iſt, was ich erwarte, ſo wollen wir Deiner alten Lieblingsruine einen Beſuch machen, Emmy. Der Morgen iſt ſo ſchön, daß ich denke, wir kön⸗ nen unſere Skizzenbücher mitnehmen und zuſehen, von wel⸗ chem anderen Theile von Berry Pomeroy wir durch unſeren Stift Beſitz nehmen können.“ Solch eine Ausſicht war für Emmeline genügend. Sie tanzte im Zimmer umher und wurde nur durch den Gedanken wieder an ihren Sitz gefeſſelt, daß ſie mit ihren Aufgaben nicht fertig werden würde, wenn ſie ſich nicht ruhig hinſetzte. Und ſo richtete ſie mit großer Anſtrengung alle ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ihre verſchiedenen Aufgaben und war mit denſelben fertig, ehe noch ihre Mutter zurückkehrte. Ellen war nicht ſo glücklich, wiewohl ſie ſich ganz eben ſo viel Mühe gab. Prinz William ſegelte im verkleinerten Maß⸗ ſtabe auf ihrer Tafel über alle ihre Zeilen einher, die Erin⸗ nerung an den furchtbaren Sturm, den ſie auf ihrer Reiſe nach England erlebt hatte, kehrte ſo lebhaft zurück, daß ſelbſt das Zimmer zu ſchwanken ſchien. Und dann— ſie wußte nicht, warum ſie gerade daran denken mußte— tauchte in ihrer Erinnerung das Sterbebett ihrer Mutter und ihr Verſprechen auf, und es ſchien ihr noch ſchwerer, ſich von Edward zu trennen, weil eine unbeſtimmte Furcht über ſie kam. Aber dennoch ſuchte ſie ihren Aufgaben gerecht zu werden, und ſie wünſchte ſich Glück, daß ſie dieſelben vollendet, ehe ihre Tante zurückkehrte. Caroline allein war entſchloſſen, nicht zu arbeiten. Weil ſie ſich noch nicht unglücklich genug gefühlt hatte, kam ihr die grundl oſeſte Eiferſucht in den Kopf, da ſie geſehen, daß ihre Mutter beim Frühſtück gegen Ellen ſehr zärtlich geweſen war. Warum war ſie nicht eben ſo freundlich gegen ſie? Sie wäre eben ſo unglücklich, und ihre Mutter müßte Das ſehen, aber ſie kümmere ſich nicht um ſie, blos um Ellen; ſie möge auch bisweilen eigenſinnig ſein, aber ſie mache doch niemals Geſchichten, oder ſuche ihre Fehler zu verbergen, und es ſei doch ſehr hart und ungerecht, daß ſie ſo ſehr wie ein Kind behandelt, und daß mit Ellen ein ſo großer Umſtand ge⸗ — — 254 macht würde,— und ſo grübelte und grübelte ſie, ohne das Mindeſte zu thun, bis ſie wirklich glaubte, daß ihre liebe⸗ volle gute Mutter keine Liebe zu ihr habe, und daß ſie Alles ſchwärzer anſah, als vorher. Sie ſuchte ſich auch in Gegenwart ihr Mutter nicht auf⸗ zuraffen, ſondern nahm die Vorſtellungen derſelben mit ſo völliger Gleichgültigkeit, faſt Ungezogenheit hin, daß ihrer Mutter faſt die Geduld ausging. Ihre Selbſtbeherrſchung indeß ſetzte ſie in den Stand, ihre Aufregung zu unter⸗ drücken und ihre ruhige Würde zu behaupten. Sie bat Carolinen nur einfach, ihre üble Laune zu überwinden und ihre Arbeiten zu machen, ſonſt möchte ſie nicht daran denken, ſie auf ihrem Ausfluge begleiten zu dürfen, da Trägheit und mürriſches Weſen am beſten ſich ſelbſt überlaſſen blieben. Eine unartige und hochmüthige Antwort ſchwebte auf Caro⸗ linens Lippen, aber mit großer Mühe ſchwieg ſie ſtill, und nur ihre glühende Stirn zeugte von ihrer inneren Aufregung. Emmelinens Fleiß und der Beifall, den ſie erhielt, regte ſie noch mehr auf, aber ſie freute ſich, als ſie ihre Mutter Ellen ſagen hörte, es ſei keine richtige Zeile in ihrem franzöſiſchen Uebungsſtück und ihr Exempel ſei von der erſten bis zur letzten Zahl falſch. Aber das Vergnügen machte bald der größten Entrüſtung Platz, als Mrs. Hamilton, anſtatt El⸗ len darüber Vorwürfe zu machen, wie Caroline geglaubt hatte, ſehr gütig ſagte:„Es würde mir ſehr lieb ſein, wenn Du dieſe Fehler berichtigteſt, Ellen, ehe wir wegfahren. Wie wäre es, wenn Du Dich in jene Lorbeerniſche ſetzteſt? Dort iſt ein Tiſch und ein Stuhl, und wir werden Dich nicht ſtören, wie es geſchehen würde, wenn Du an dieſem Tiſche bliebeſt. Ich weiß, es iſt Beides ſehr ſchwer, beſonders heute, aber je größer das Verdienſt der Leiſtung, deſto mehr werde ich mich freuen.“ Ellen gehorchte auf der Stelle, und mit Hülfe der Gram⸗ matik, die ihre Tante ihr zu benutzen erlaubte, anſtatt ſich am heutigen Morgen ganz und gar auf ihr Gedächtniß ver⸗ laſſen zu müſſen, gelang es ihr, mit dem Franzöſiſchen fertig zu werden, aber viermal kam dieſelbe falſche Summe heraus, 255 bis zuletzt ihre Thränen die Zahlen verwiſchten, ſobald ſie geſchrieben waren. Dennoch ſiegten Geduld und Entſchloſſen⸗ heit von Seiten der Lehrerin und der Schülerin, und das fünfte Mal war nicht eine Zahl falſch. Und indem Mrs. Hamilton zärtlich die ſchweren Locken zurückſtrich, welche Ellen über die thränenfeuchten Wangen herabgefallen waren, ſagte ſie ſcherzhaft:„Soll ich Dir ein Geheimniß anver⸗ trauen, meine kleine Ellen? Ich war heute Morgen eben ſo wenig geneigt, feſt zu ſein, als Du, Geduld zu haben. Du ſiehſt alſo, wir haben Beide einen großen Sieg davon getragen. Meine prophetiſchen Gaben ſagten mir, daß Du wirkliche Urſache zu ein wenig Unaufmerkſamkeit hatteſt, und daß es deshalb ſehr grauſam von mir war, ſo beharr⸗ lich zu ſein; aber mein Verſtand ſagte mir, daß mein Gefühl unrecht ſei, und daß eine Abneigung zu beſiegen und eine Schwierigkeit zu überwinden ein viel beſſerer Weg ſei, einen natürlichen Schmerz zu lindern, als demſelben nachzugeben. Ich erwarte nicht, daß Du gerade jetzt ſo denkſt, aber ich glaube, es wird Dir nicht ſehr bedauerlich ſein, daß Du dieſe unangenehme langweilige Rechnung nicht morgen zu machen haſt, was der Fall geweſen ſein würde, wenn Du ſie heut ungemacht gelaſſen hätteſt.“ Ellen war ſo froh, daß ſie ſich faſt glücklich fühlte, und ihre wenigen anderen Pflichten waren raſch erfüllt, denn Mrs. Hamilton war ſo freundlich geweſen, den Wagen bis um ein Uhr abzubeſtellen, damit ſie und Caroline Zeit hät⸗ ten, fertig zu werden. Aber wenn Caroline vorher nicht ge⸗ arbeitet hatte, ſo war ſie es jetzt noch weniger im Stande. Jedes freundliche Wort, das zu Ellen geſprochen wurde, ſteigerte den Sturm, der in ihr tobte, und die Mühe, die ſie ſich gab, denſelben in ihrer Mutter Gegenwart zu unter⸗ drücken, ließ denſelben mit unbändiger Gewalt in dem Augen⸗ blicke ausbrechen, wo ſie das Zimmer verließ und Emmelinen und Ellen bat, ſich zu beeilen und ihre Bücher wegzulegen, ohne von ihr auch nur die mindeſte Notiz zu nehmen. Sie ergoß ſich in Schmähungen, Vorwürfen, ſelbſt Schimpf⸗ reden gegen Ellen, die ganz erſchrocken daſtand über die 256 Heſtigkeit, die ſie ſo ganz ohne ihre Schuld erregt, und über die furchtbare und entſtellende Leidenſchaft, die jeden Zug ihrer Couſine entflammte. Carolinens Zorn hatte ſich in der Zeit verrechnet, ſonſt hätte ſie wiſſen müſſen, daß ihre Mutter noch nicht weit genug geweſen ſein konnte, als daß ſo ungewöhnliche Töne der Aufregung ihrem feinen Gehör hätten entgehen können. Mrs. Hamilton, erſchrocken und beunruhigt, kehrte ſogleich zurück, und die Erſcheinung und die Worte ihres Kindes erinnerten ſie ſo lebhaft an ihre irre⸗ geleitete Schweſter in ſolchen Wuthanfällen, vor denen ſie ſo oft gezittert hatte, daß eine wahre Furcht vor der Zukunft ſich ihrer bemächtigte und ſie für Augenblick kraftlos machte. Caroline war zu ſehr aufgeregt, um ſie zuerſt zu ſehen und ſie hatte daher Zeit, ſich von ihrer augenblicklichen Schwäche zu erholen. „Was ſoll das heißen?“ rief ſie aus, indem ſie ihre Augen mit dem Ausdruck ruhigen, aber ſtrengen Tadels, der, wenn ſie ſich deſſelben bediente,(und es geſchah ſehr ſelten), die Macht hatte, ſelbſt die unbändigſte Leidenſchaft zu unter⸗ drücken, auf Carolinen richtete.„Was hat Ellen gethan, daß Du ſie mit ſo ungerechter, grauſamer und ganz unweib⸗ licher Heftigkeit ſchiltſt? Du haſt Dich Deiner üblen Laune hingegeben, bis Du nicht mehr weißt, was Du ſagſt oder thuſt, und Du ſchütteſt Deinen Zorn auf Andre aus, den meine Unzufriedenheit in Dir gegen mich geweckt hat. Ich verlange, daß Du denſelben ſogleich unterdrückſt, ſonſt ziehe Dich auf Dein Zimmer zurück, bis Du Dich einigermaßen anſtändig benehmen kannſt und nicht das Glück Anderer in dieſer höchſt unberufenen Weiſe ſtörſt.“ 4 „Ich gehe nicht!“ antwortete Caroline, indem ſie in Thränen ausbrach und kaum wußte, was ſie ſagte.„Ich weiß, ich kann Ellen nicht lieben, und ich habe meinen Grund, weshalb ich ſie nicht lieben kann, denn ehe ſie kam, wareſt Du niemals ſo unzufrieden mit mir. Du biſt immer freund⸗ lich und nachſichtig gegen ſie, behandelſt ſie immer wie ein vernünftiges Weſen, nicht wie ein Kind, wofür Du nmich hältſt. Ich weiß, Du haſt alle Liebe zu mir verloren, ſonſt hätteſt Du ſehen müſſen, daß ich unglücklich bin, und Du hätteſt freundlich zu mir geſprochen, wie zu Ellen. Ich habe allen Grund, ſie nicht lieben zu können, weil ſie mir Deine Liebe geraubt hat, und ich haſſe ſie von ganzem Herzen.“ „Geht und macht Euch zu unſerer Spazierfahrt zurecht, meine lieben Kinder!“ ſagte Mrs. Hamilton, indem ſie ſich für den Augenblick ruhig zu Emmeline und Ellen wendete, aber Beide ſtanden verwirrt da, die Erſtere in der größten Beſtürzung, daß ihre Schweſter ſo mit ihrer Mutter ſprechen könnte, die Letztere vor Schmerz über das leidenſchaftliche Geſtändniß eines Haſſes, den ſie geahnt, an den ſie aber niemals hatte glauben wollen.„Die Schönheit des Tages wird vorübergehen, wenn wir noch länger weilen, und ich möchte nicht um unſeren Ausflug kommen. Sorgt Euch nicht um Das, was dieſes unglückliche Mädchen ſagt; augenblicklich kennt ſie ſich kaum ſelbſt, und bald wird ſie weit inniger als wir wünſchen, es widerrufen zu können.“ Emmeline hätte ihre Mutter umarmen und mit Thränen bitten mögen, zu vergeſſen, was Caroline geſagt hatte; aber wiewohl Mrs. Hamilton ganz in ihrem gewöhnlichen Tone zu ihnen geſprochen hatte; ſo lag doch Etwas in ihrem Ge⸗ ſicht, das ſelbſt ihr liebevolles Kind abhielt, ſeine Gefühle zu äußern, Etwas, was ſie faſt in Furcht ſetzte, und ſie ver⸗ ließ mit Ellen das Zimmer, um ſich zu der Ausfahrt zurecht zu machen, die indeß durch die Laune einer Anderen allen ihren gehofften Reiz verloren hatte. „Nun, Caroline, will ich Dir antworten,“ ſagte Mrs. Hamilton, ſobald ſie allein waren, und indem ſie Carolinen, die heftig ſchluchzte, mit demſelben forſchenden Blicke anſah: „Deine Beſchuldigungen ſind ſo ſchwerer Art, daß ich Dich wirklich bitten muß, ſie während meiner Abweſenheit einiger⸗ maßen zu ordnen und feſtzuſtellen. Ich bin mir ſo völlig un⸗ bewußt, Dir irgend einen Grund dazu gegeben zu haben, daß, ehe ich mich zu vertheidigen ſuchen kann, Du mir erſt klar und beſtimmt ſagen mußt, worüber Du Dich beklagſt. Daß ich heute Morgen gegen Ellen freundlicher war, als gegen Dich, erkenne ich an; ihre Unaufmerkſamkeit und 17 258 Niedergeſchlagenheit hatte einen Grund, die Deinige keinen, denn wenn Du unglücklich warſt, ſo warſt Du es durch Deinen eigenen Argwohn, der Dir ringsum Alles ſchwarz erſcheinen ließ. Du magſt Deine Zeit bis zu Tiſche anwen⸗ den, wie Du willſt, aber um fünf Uhr komme zu mir in mein Zimmer, und bereite Dich vor, alle Anklagen, die Du ge⸗ gen mich vorbringſt, auch beweiſen zu können. Betrachte dies als einen Befehl, Caroline, Mißachtung deſſelben würde Ungehorſam ſein.“ Sie verließ das Zimmer, und ſehr kurze Zeit nachher hörte Caroline den Wagen wegfahren. Aber faſt drei lange Stunden rührte ſie ſich nicht von ihrem Stuhl, ſo völlig unglücklich, daß ſie ſich kaum bewegen konnte. Niemals in ihrem Leben, ſelbſt nicht in ihren ärgerlichſten Augenblicken, hatte ſie ſo zu ihrer Mutter geſprochen, und ſie fühlte faſt unerträgliche Gewiſſensbiſſe. Immer und immer wieder erinnerte ſie ſich daran, was ihre Mutter ihr ſo oft geſagt, daß, wenn ſie nicht gegen die Herrſchaft ihrer üblen Laune, ſo lange ſie jung ſei, bete und arbeite, dieſelbe immer weni⸗ ger zu zügeln ſein würde, und je älter ſie werde, deſto ſchwerer würde ſich dieſelbe zügeln laſſen, und ihre Worte waren in der That wahr. Es waren erſt einige Monate, ſeit ihre ſchlechte Laune ein ſolches Uebergewicht erlangt hatte, und ihre Wirkungen waren weit, weit heftiger und ihre Macht über ſie viel größer, und wenn ſie noch ſchlim⸗ mer werden ſollte, je älter ſie würde, was ſollte aus ihr werden? Wie unerträglich elend mußte ſie werden? Was würde ſie nicht darum gegeben haben, ihre Worte widerrufen zu können. Die Eiferſucht, die, ſie wußte nicht wie, in ihr aufgeſtiegen war, war vor den wenigen ruhigen Worten ihrer Mutter in die Luft verflogen, und in ihrem maßloſen Elende fiel ihr jedes freundliche Wort, jeder gütige Blick, jede Aeußerung der Nachſicht und Geduld, ja in der That Alles fiel ihr ein, was ihre Mutter ſeit ihrer Kindheit an ſie verſchwendet hatte, bis ſie ſich wirklich ſelbſt haßte, und ſie ſehnte ſich um ſo inniger nach dem Balſam jener Liebe, 259 * der ihr bei wirklichem Schmerze oder kindiſcher Sorge nie⸗ mals verſagt worden war. „Warum, warum ſagte mir Annie etwas von jenem verhaßten Balle?“ rief ſie endlich aus, als der Klang vieler fröhlicher Stimmen die Rückkehr der verſchiedenen Glieder ihrer Familie verkündete.„Es kam Alles, Alles daher, ich weiß, blos von dieſem einen Gedanken, dieſem einen Wunſche. Warum war ich ſo thöricht, Mama nicht ſogleich zu ſagen, daß ich wüßte, daß ich eingeladen werden ſollte, und daß ich ſo gern hin wollte? Wenn ſie mir es abge⸗ ſchlagen hätte, würde es mir nicht halb ſo viel Schmerz verurſacht haben, als ich mir ſelbſt gemacht, und wie kann ich Papa's Auge und Percy's unartigen Scherzen mit ſol⸗ chen Augen entgegentreten?“ fügte ſie hinzu, als ſie, indem ſie aufſtand, um in ihr Zimmer zu gehen, ihr Geſicht in einem Spiegel erblickte und wirklich über die Entſtellung er⸗ ſchrack, welche die Heftigkeit ihrer Aufregung herbeigeführt hatte.„O, wie ſehr wünſchte ich, daß Mama nicht ver⸗ langt hätte, daß ich zu ihr kommen ſollte! Könnte ich mich nur vor Jedermann verbergen, könnte ich nur dieſe furcht⸗ bare ſchwarze Wolke los werden!“ Sie konnte ſich vor jedem Auge, außer vor dem ihrer Mutter verbergen, und ſie that es, indem ſie ſagte, daß ſie Kopfſchmerz habe, was wirklich der Fall war, und da ſie nicht eſſen wollte, lehnte ſie es auch ab, zu Tiſch zu kommen. Mrs. Hamilton hatte ſich während dieſer Ausfahrt mit Er⸗ folg zu beherrſchen geſucht, und Emmeline und Ellen ver⸗ gnügten ſich ſo ſehr, daß ſie faſt den Vorgang vom Morgen vergaßen, und ſelbſt als ſie Carolinens Botſchaft daran er⸗ innerte, waren die Knaben alle ſo luſtig, daß dieſelbe ſie nicht ſtörte. Perey erklärte immer, daß Carolinens Kopfweh blos ein anderer Ausdruck für ſchlechte Laune ſei, und er würde gewiß eine komiſche Mitleidsadreſſe an ſie geſandt haben, wenn ſein ſcharfes Auge nicht gefunden hätte, daß ſeine Mutter nicht ganz ſo wohl wie gewöhnlich ausſehe, und ſo begnügte er ſich damit, daß er ſich nur noch bemühte, die Tiſchgeſellſchaft zu unterhalten. Mr. Hamilton hatte mit 1 260 einem einzigen Blicke geſehen, daß nicht Alles in Ordnung ſei, und Carolinens Nichterſcheinen und ihre Botſchaft gaben ihm zu ſeinem großen Bedauern die nöthige Auf⸗ klärung, denn er hatte zu hoffen und zu glauben angefangen, daß der Kummer, den ſeine Gattin ſich ihretwegen machte, ſich zu vermindern angefangen habe. Mrs. Hamilton zweifelte nicht, daß das Schweigen und die Einſamkeit auf Carolinen ihre Wirkung üben und ſie zur Einſicht ihres Vergehens bringen würden. Aber dies verminderte kaum die Pein und Sorge, welche ihr Caro— linens Worte verurſacht hatten. Hatte ſie wirklich Etwas wie ungebührliche Vorliebe gezeigt? Die bloſe Idee machte ſie faſt lächeln, ſo zärtlich ſie ihre kleine Nichte liebte. Selbſt die Sorge, die ihr Caroline verurſachte, beſtärkte ſie in ihrer Liebe, und der Zwang, den ſie ſich in der Leitung derſelben auferlegen mußte, erhöhte nur ihre Zuneigung zu ihr. Sie war ſo ſehr mit dieſen ſchmerzlichen Gedanken und mit der Prüfung ihres eigenen Herzens beſchäftigt, daß ſie nicht wahrgenommen hatte, daß die beſtimmte Zeit ſchon um volle zehn Minuten vorüber war, bis ſie dadurch geweckt wurde, daß der Griff ihrer Thür ſich leiſe bewegte und wie⸗ der losgelaſſen wurde, als wenn Jemand hätte eintreten wollen, aber es nicht recht wagte. Selbſt das Zaudern gab ihr Hoffnung, denn ſie wußte wirklich nicht, daß die größte Strafe, die ſie Carolinen hätte in dem Augenblicke natürlicher Entrüſtung auferlegen können, keine ſolche Wir⸗ kung hervorgebracht haben würde, als das einfache Geheiß, ſie aufzuſuchen und ihre Anklagen gegen ſie geltend zu ma⸗ chen, nachdem ihre Aufregung ſich ſo beruhigt hatte, daß Caroline eine Welt darum gegeben haben würde, wenn ſie nicht wieder darauf zurückgekommen wäre. Sie wußte, ſie durfte nicht ungehorſam ſein, aber ihr Muth hatte ſie ſo gänzlich verlaſſen, daß ſie volle zehn Minuten an der Thür ihrer Mutter geſtanden hatte, ehe ſie die nöthige Entſchloſſen⸗ heit fand, dieſelbe zu ergreifen und einzutreten. Mrs. Ha⸗ milton ſah ihre Veränderung, die bittere Demüthigung, die ſich in jedem Zuge ausdrückte, mit ſolchem Mitleiden, daß 261 es noch mehr als ihrer gewöhnlichen Selbſtbeherrſchung be⸗ durfte, um den ernſten und ſcheinbar ungerührten Ton bei⸗ zubehalten, womit ſie ſagte:„Du haſt lange Zeit gehabt, über die Anſchuldigungen gegen mich nachzudenken, Caro⸗ line, ich hoffe, ſie ſind nun klar genug geworden, daß ich ſie verſtehen und beantworten kann. Setze Dich nieder, denn Du ſcheinſt nicht gut ſtehen zu können.“ Caroline gehorchte mit Freuden, indem ſie ſich auf eine niedrige Ottomane in einer geringen Entfernung von ihrer Mutter niederſetzte, der ſie ſich am liebſten um den Hals ge⸗ worfen und ſie um Verzeihung gebeten hätte. Aber Mrs. Hamilton's Ton ließ ſie nicht den Muth faſſen, es zu thun. Sie blieb ſtumm und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. „Nun, Caroline, ich erwarte, was Dir beliebt. Ich hätte gedacht, daß Du während meiner Abweſenheit Zeit genug gehabt hätteſt, nachzudenken. Weſſen beſchuldigſt Du mich?“ „O nein, nein, liebe Mama, ſprich nicht zu mir in ſol⸗ chem Tone, ich kann es nicht ertragen! Wahrhaftig, ich bin ſchon elend genug. Verurtheile mich zu irgend welcher Strafe, zur ſtrengſten, die Du finden kannſt, ich weiß es, ich verdiene ſie, aber ſprich nicht, ſprich nicht ſo!“ „Nein, Caroline, wollte ich Dich zu irgend einer Strafe verurtheilen, ſo würde es mehr ausſehen wie eine Rache für den Schmerz, den Du mir durch die Anklage der Parteili keit und Ungerechtigkeit gemacht haſt, als daß ich h dürfte, etwas Gutes damit zu erreichen. Du biſt kein Kind mehr, dem man ſeine Pflicht gegen eine Mutter lehren müßte. Du kennſt ſie ſo gut, als ich Dir ſie lehren kann, und wenn Du fehlſt, biſt Du nur Dir ſelbſt Verantwortlichkeit ſchul⸗ dig. Ich kann Dir nicht weiter helfen, als daß ich Dich auffordere, den Urſprung Deiner Klage gegen mich klar auseinanderzuſetzen. Der Hauptgrund des Anſtoßes iſt, glaube ich, daß, ſeit Ellen ein Mitglied meiner Familie ge⸗ worden iſt, ich Dich mit größerer Unfreundlichkeit behandelt hätte, als ſonſt. Kannſt Du auf die letzten achtzehn Monate zurückblicken und Dich eines Beiſpiels erinnern, in dem dies 262 der Fall geweſen iſt? Ich muß eine Antwort haben, Caro⸗ line. Du magſt jetzt denken, daß eine Erklärung nicht noth⸗ wendig ſei, und daß Du nichts damit ſagen wollteſt, als Du ſprachſt. Aber das genügt weder mir, noch Dir, ſobald Deine üble Laune wieder die Oberherrſchaft gewinnt. Genire Dich nicht zu antworten aus Furcht, mich zu verwunden, Du kannſt kaum mehr thun, als Du gethan haſt.“ Caroline verſuchte zu ſprechen, aber ſie konnte nur ſchluchzen, daß ſie ſich keines Beiſpiels erinnern könne, wo ihre Mutter unzufrieden geweſener ſei, als es ihr Benehmen verdient habe; ſie habe ſich eingebildet, daß ſie länger ge⸗ gen ſie, als gegen Ellen kalt geblieben ſei, wenn ſie einen Fehler begangen, und daß— ſie hielt inne. „Fahre fort, Caroline!“ „Ich konnte nicht begreifen, daß meine Fehler ſo groß wären, wie die Ellens.“ „Sie ſind von gleichem, wenn nicht von größerem Ge⸗ wicht, wie die Deiner Couſine. Du biſt von Deiner früheſten Jugend an der Gegenſtand der zärtlichſten und aufopferndſten Sorge für Deinen Vater und mich geweſen. Miß Harcourt hat unſere Erziehungspläne in Ausführung gebracht. Du biſt niemals irgend einer Verſuchung, nicht einmal der eines ſchlechten Beiſpiels, ausgeſetzt geweſen. Ellen hatte, bis ſie wurde, nichts als Vernachläſſigung und Härte er⸗ en, und dies Alles konnte bei einem ſolchen Charakter nur dazu führen, die Fehler zu erzeugen, die ſie hat. Du kannſt Dich nicht mit ihr vergleichen, denn wäreſt Du in ſolcher Lage geweſen wie ſie, ſo fürchte ich, Du würdeſt weit ſchlimmere Fehler haben.“ „Ich würde niemals die Unwahrheit geſagt haben!“ rief Caroline mit zurückkehrender Heftigkeit aus. „Vielleicht nicht, denn manche Perſonen ſind von Natur ſo beſchaffen, daß ſie nicht wiſſen, was Furcht iſt, und Härte würde Dich verhärten, nicht erſchrecken und zermalmen, wie es bei Naturen wie Ellen geht. Aber, Caroline, wenn Deine Laune die Herrſchaft über Dich gewinnt, wie es heut der Fall geweſen iſt, denkſt und ſprichſt Du denn immer nichts als die Wahrheit?“ Caroline wendete ſich von dieſem durchdringenden Blicke ab und brach in Thränen aus. So wenig Worte es waren, ſie ſchienen in die innerſten Falten ihres Herzens Licht zu werfen und ihr zu ſagen, daß ſie in Augenblicken, wo ſie ihre Laune nicht beherrſchte, wo ſie über Phantaſieen brütete, wirklich die Wahrheit verleugnete, während ſie ſich auf ihre Treue gegen dieſelbe ſo viel zu Gute that, und daß keine Entſchuldigung für ſie darin lag, daß ſie nicht wußte, was ſie ſagte oder that, denn warum war ihr Religioſität und vernünftige Ueberlegung ſo ſorgſam eingepflanzt worden, als um ſie in den Stand zu ſetzen, die üble Laune zu über⸗ wältigen, ehe ſie eine ſo furchtbare Macht erlangte? „Vielleicht haſt Du noch nie daran gedacht, Caroline,“ nahm Mrs. Hamilton wieder das Wort, und ihr Ton war nicht mehr ganz ſo kalt,„aber denke in Zukunft daran, und es wird Dir hilfreiche Hand leiſten, Dich ſelbſt zu beherr⸗ ſchen. Erinnere Dich, daß man Worte nie widerrufen kann, und daß, wiewohl Du die Herrſchaft über Dich ſelbſt ſoweit verloren haben kannſt, um nicht recht zu wiſſen, was Du ſagſt, doch Diejenigen, zu denen Du ſprichſt, oder die nur Deine Worte gehört haben, daran glauben und ſo falſche Eindrücke empfangen und vielleicht darnach handeln, was keine ſpätere Bemühung Deinerſeits ungeſchehen machen kann. Was nun Deine nächſte Anſchuldigung anlan ß ich Ellen wie ein vernünftiges Weſen und Dich wie ein Kind behandle: wenn Du den mindeſten Grund zu dieſer Voraus⸗ ſetzung haſt, ſo ſprich Dich ohne Zaudern aus. Woher kommt ſie?“ Eine Minute zögerte Caroline, dann entſchloß ſie ſich, ihren Fehler wenigſtens durch ein vollſtändiges Geſtändniß wieder gut zu machen. Sie erzählte von den Wünſchen, den Hoffnungen, die Annie's Mittheilung von Lady Helen's Verſprechen in ihrem Herzen erweckt hatte, und welchen Schmerz ſie gefühlt, daß ihre Mutter ſie für ein ſolches Kind gehalten, um nicht einmal mit ihr darüber zu ſprechen. „Und wenn Du ſo dachteſt, Caroline, warum kamſt Du nicht im erſten Augenblick, wo Annie Dir davon geſagt hatte, zu mir und ſagteſt mir, wie ſehr Du es wünſchteſt. Ich hätte allerdings Deine Wünſche nicht erfüllen können, aber Dein Vertrauen würde ſo nachſichtig aufgenommen worden ſein, daß es Dir wenigſtens einen Schmerz erſpart hätte, da ich glaubte und Lady Helen mir verſicherte, daß Du nichts davon wüßteſt. Würdeſt Du es für freundlich oder verſtändig von mir gehalten haben, wenn ich geſagt hätte, Lady Helen habe mir zugeredet, Dich zu ihrem Balle mitzunehmen, aber ich habe es abgelehnt? Ich ſchwieg, um Dir den Schmerz zu erſparen, wie Du ſelbſt geglaubt haben würdeſt, hätteſt Du Dir Zeit zum Nachdenken gegönnt. In⸗ deß gebe ich zu, daß ich Dich in dieſem Falle dem Anſcheine nach nicht mit der Rückſicht behandelt habe, die Dein Alter vielleicht verlangt hätte, und da Annie Lady Helen's Wunſche nicht gehorchte, daß ſie die Sache gegen Dich nicht erwähnen ſollte, ſo habe ich Dir den Schmerz der Enttäuſchung nicht erſpart, wie ich gehofft hatte; aber ein ander Mal, anſtatt über dem zu brüten, was Dir Mangel an Rückſicht von meiner Seite ſcheint, komm ſogleich zu mir und erſpare Dir und mir den Schmerz, den Du uns heute verurſacht haſt. Ich glaube nicht, daß Du mir Schuld geben kannſt, Deinem Vertrauen mit ſolcher Rückſichtsloſigkeit begegnet zu ſein, daß Dir die Offenheit ſchwer werden könnte.“ n blickte haſtig auf, der Ton ihrer Mutter war faſt ſo zärtlich wie gewöhnlich, und außer Stande, dem Drange ihres Herzens länger zu widerſtehen, ſprang ſie von ihrem niedrigen Sitze auf, kniete vor ihr nieder, umſchlang ſie und rief leidenſchaftlich aus:„Mama, bitte, vergieb mir! Ich bin ſehr unglucklich! Ich haſſe mich ſelbſt, ich weiß nicht, wann ich wieder glücklich ſein werde, denn ſelbſt wenn Du mir verzeihſt, ſo weiß ich, daß ich mir nicht verzeihen kann.“ „Ich wünſche auch nicht, daß Du Dir jetzt ſchon ver⸗ geben ſollſt, mein liebes Kind!“ erwiderte ihre Mutter, die aber Carolinen den Kuß nicht verweigerte, um den ihre 265 Augen ſo dringend baten.„Dein Vergehen iſt ein ſo ſchwe⸗ res, daß ich fürchte, es wird Dir noch viele Tage der Reue verurſachen, die ſchmerzlichſte Art des Leidens, die ein Fehl⸗ tritt nach ſich ziehen kann. Aber ſuche ſie nicht abzuſchütteln, und erwarte nicht in den nächſten Tagen wieder glücklich zu ſein. Du weißt, wo Du die einzige Quelle zu ſuchen haſt, die Frieden und Freude zurückbringen kann, und Du mußt Dich durch inniges Gebet zu dem Kampfe zu ſtärken ſuchen, dem Du ſo oft unterliegſt. Du haſt eine ſehr ſchwierige Aufgabe, mein armes Kind, das weiß ich, und deshalb möchte ich Dich auf ſeine Hülfe verweiſen.“ „Wenn ich mich nur zuerſt überwinden könnte,“ ant⸗ wortete Caroline, deren heftige Aufregung ſich in Thränen wahrer Reue Luft gemacht hatte.„Aber uerſt ſcheint es mir faſt ein Vergnügen, gegen Jedermann eigenfinnig zu ſein und ſchnippiſch zu antworten, und wie wenn es ange⸗ nehmer wäre, unangenehmen Gedanken nachzuhängen, als Etwas zu leſen oder zu thun, was ſie vertreiben würde, und dann, wenn ich Alles darum geben wollte, um ihnen zu ent⸗ gehen, kommt es mir vor, als läge die Schuld an allen Anderen, nur nicht an mir, und ich kann es nicht.“ „Wenn Du Dich daran gewöhnteſt, beſtändig zu beten, daß Dich der Himmel vor dieſem großen Fehler behüten möge, mein liebes Kind, dann würdeſt Du finden, daß ſein erſtes Auftreten Dich ſo ſehr erſchrecken würde, daß Du Deine ganze Kraft brauchen würdeſt, um ihn zu unter⸗ drücken. Aber ich fürchte, Caroline, Du ſiehſt ſeine ganze Größe nur dann ein, wenn Dich Deine üble Laune ſo elend gemacht hat, wie heute. Du hältſt den Fehler nicht für groß genug, um Gott um Wachſamkeit zu bitten, ohne die Du denſelben niemals überwinden wirſt.“ „Ich fürchte, das thue ich nicht, Mama! Ich weiß, ich mache denſelben nicht zum Gegenſtande meines Gebetes, wie Du mir ſo oft gerathen haſt, außer wenn Alles ringsum ſo ſchwarz ausſieht, und ich recht unglücklich bin, und dann, fürchte ich, bitte ich mehr darum, wieder glücklich zu ſein, als um Vergebung meiner Sünden und um Kraft, denſelben 8 266 zu überwinden. Ich habe dies nie ſo ſehr gefühlt, als heute, aber Deine Kälte ſcheint mir mein ganzes Ich gezeigt zu haben, und ich dachte nie, daß ich ſo böſe wäre. Däher muß ich unglücklich ſein.“ Mrs. Hamilton zog unwillkührlich ihr Kind feſter an ſich. Die Demuth war bei Carolinens gewöhnlichem Hochmuthe etwas ſo Seltenes, und die Vorwürfe, die ſie ſich machte, kamen ſo tief aus ihrem Herzen, daß ſie trotz ihrer Sorge hoffte, und ihre Stimme zitterte hörbar, als ſie antwortete: „Wenn Du dies wirklich fühlſt, meine Caroline, ſo wirſt Du nicht zegeiſſenn Rathe zu folgen und Gott zu bit⸗ ten, daß er Dich vor dieſer unglücklichen Laune bewahre, ſelbſt wenn Du Dir nicht denken kannſt, wozu es Noth thut. Laß kein einziges eigenſinniges Wort und keinen augenblick⸗ lichen unfreundlichen Gedanken unbeachtet vorübergehen; nie⸗ mals höre auf, um Kraft zu bitten, aber begnüge Dich nicht mit dem bloßen Gebete, Du mußt auch keine Anſtrengung ſcheuen, und wenn Deine Gedanken düſter ſind, und wenn Dir zu Muthe iſt, als wenn Du ſie nicht durch eigene Kraft zu beſiegen und ſie ſelbſt nicht durch Deine Lieblingsbeſchäf⸗ tigungen verbannen könnteſt, ſo komme zu mir und laß uns verſuchen, ob wir ſie gemeinſchaftlich beſiegen können. Willſt Du mir verſprechen, daß Du dies thun willſt, Caroline?“ Caroline konnte nicht antworten, denn jedes freundliche Wort, das ihre Mutter ſprach, ſchien ſie noch unglücklicher zu machen. Mrs. Hamilton fühlte, daß in ihrem Schweigen keine Verneinung lag, und ſprach noch längere Zeit in der⸗ ſelben milden Weiſe mit ihr, dann ſtand ſie auf, um ſie zu verlaſſen— aber Caroline machte ein ſo ſorgenvolles Geſicht, daß ſie zauderte. „Nein, Mama, ich verdiene es nicht, daß Du bei mir bleibſt, und ſo Emmelinen und Ellen und die Knaben ihrer Lieblingsſtunde beraubſt,“ ſagte ſie, wiewohl ihr die Thrä⸗ nen wieder in die Augen traten, denn ſie fühlte, daß es ihr ein unbeſchreiblicher Troſt ſein würde, noch länger mit ihrer Mutter allein zu ſein.„Ich bin zu unglücklich und ſchäme mich zu ſehr, um zu ihnen zu gehen. Darf ich wegbleiben?“ 267 Mrs. Hamilton antwortete bejahend.„Ich habe für mor⸗ gen noch nichts fertig, und ich möchte Dir nicht wieder mit meinen Arbeiten Noth machen. Ich haſſe mich auch des⸗ wegen.“ „Laß heute Abend das Arbeiten, meine liebe Caroline, ſtehe morgen früh ein Wenig zeitiger auf, um Dich vorzube⸗ reiten, und wiewohl es Dir viel ſchmerzlicher ſein wird, den Reſt dieſes Abends müſſig zuzubringen, als Dich zu beſchäf⸗ tigen, und zwar ſelbſt mit den unangenehmſten Aufgaben, ſo würde ich es doch lieber ſehen, wenn Du meinem Rathe folg⸗ teſt. Wenn Du einmal Deine Laune lkeiegt haſt, ſo fürchte ich nicht, daß Du nicht die verlorene Zeit ſehr raſch wieder einholſt, und ſelbſt wenn Du es nichhuſ⸗ ſo glaube mir, mein liebes Kind, die Vorzüge des Geiſtes, ſo koſtbar ſie an und für ſich ſind, haben für mich keinen Werth, wenn ſie nicht von einem guten Gemüth und einem weiblichen Her⸗ zen begleitet ſind. Schrick nicht davor zurück, daß es Dir Leiden verurſachen wird, allein zu ſitzen und über die Er⸗ eigniſſe des heutigen Tages nachzudenken, laß aber Deine Reue von dem Entſchluſſe begleitet ſein, nicht eher zu ruhen, als bis Du durch Gebet und Anſtrengung den Segen Got⸗ tes für Deine ſchwere Aufgabe erlangt haſt und Dich ſo ge⸗ ſtärkt zu ihrer Erfüllung fühlſt, aber auch zum Beharren, denn Du darfſt nicht hoffen, daß es Dir ſogleich gelingen wird, Dich zu überwinden. Thue dies, und ich werde es lieber ſehen, als wenn Du mir morgen früh die dreifache Maſſe geiſtiger Arbeit brächteſt.“ Sie küßte ſie und überließ ſie Gedanken, deren bitterem, wiewohl heilſamem Schmerze Caroline nicht zu entgehen ſuchte, wiewohl ſie ohne den Rath ihrer Mutter mit Freuden ſich ihren Arbeiten hingegeben und mit doppeltem Fleiß ge⸗ arbeitet haben würde, da ſie glaubte, daß ſie dadurch ihre Fehler wieder gut machte, anſtatt blos vor dem Gedanken daran zu fliehen. Es war eine ſchwere Aufgabe für ſie, ſelbſt beim Gebet ihre Familie zu treffen, denn ſie fühlte ſich ſo gedemüthigt, daß ſie dachte, Jedermann müſſe ſie verach⸗ ten; und als nach dem Gebet Percy ſich näherte und mit ſcheinbarer Theilnahme fragte, wie es mit ihrem Kopfweh ſtehe, und ob ſie ihren Appetit wieder gefunden habe, und als er ſie bat, nicht in einem ſo kritiſchen Augenblicke krank zu werden, da er gar zu gern zu Lady Helen's Ball gehen wollte, und er nicht ſo grauſam ſein könne, wenn ſie nicht wohl ſei, fühlte ſie ſich ſo gebrochen, daß ihr große Thränen über die Wangen herabrollten und ſie ſich abwendete, ohne ein einziges Wort zu erwidern. „Wenn Du Dir die Mühe genommen hätteſt, Deiner Schweſter in's Geſicht zu ſehen, würdeſt Du nicht ſo un⸗ freundlich geſprochen haben,“ ſagte Mrs. Hamilton, und als Caroline zu ihr kam, flüſterte ſie ihr einige zärtliche Worte zu, die ſie in Stand ſetzten, ihrem Vater gute Nacht zu wünſchen und das Zimmer zu verlaſſen, ohne eine weitere Bewegung zu verrathen. „Wünſcheſt Du, daß Deine Schweſter Dich nicht mehr leiden können ſoll, Percy?“ ſagte ſie, indem ſie ihn ſanft zurückhielt, als er Carolinen folgte. „Mich nicht mehr leiden, Mutter? Nein, wie kannſt Du ſo etwas denken?“ „Weil Du Dich gebehrdeſt, als wenn Du es wünſchteſt. Du kannſt ſie nicht ſehen, wenn ſie nicht in guter Laune iſt, ohne daß Du ſie neckſt, und iſt das freundlich? Wie kann ſie Dich je wieder anſehen und Dich lieben, ſo lange dies der Fall iſt?“ „Ich mache blos Spaß, Mutter, es iſt mir ein herrli⸗ ches Vergnügen, wenn ich Leute ein wenig foppen kann, die um nichts und wieder nichts eigenſinnig und unglücklich ſind.“ „Und über Deinem Spaße, mein lieber Junge, ver⸗ giſſeſt Du die Gefühle anderer Leute. Ich muß Dich bitten, mir zu Gefallen Alles zu thun, was Du kannſt, um Caro⸗ linen in der kurzen Zeit, ehe Du nach London gehſt, zu beſänf⸗ tigen, anſtatt ſie zu reizen. Sie wird einen harten Kampf mit ſich ſelbſt haben, daher mache ihr die Prüfung nicht noch ſchwieriger.“ „Wünſcheſt Du es, liebe Mutter? Du weißt, ich würde mich ein ganzes Jahr der Neckerei enthalten, wenn Du es wünſchteſt, und wenn Du mir nur die Erlaubniß giebſt, zu küſſen, ſo oft ich will,“ antwortete er lachend und blickte ihr ſo ſchelmiſch und doch ſo zärtlich in's Geſicht, daß ſeine„₰ Mutter lächeln mußte, und ſie verſprach ihm, ſie wolle ihm kein ſo furchtbares Urtheil auferlegen, wie das ſein würde, ein ganzes Jahr nicht necken zu dürfen, da ſie feſt überzeugt ſei, er würde, ehe ein Viertheil der Zeit verfloſſen ſei, in ſeine alten Neigungen zurückfallen. Reunzehntes Kapitel. * Verdacht.— Ein Abſchied.— Doppelter Schmerz.— Beweis der Unſchuld. Lady Helen's Ball fand ſtatt, und Caroline hatte ſich ſo weit ſelbſt beſiegt, daß ſie Percy's Bericht über ſeine Freu⸗ den mit gewohnter Heiterkeit anhören konnte. Er war in ihrer Erinnerung mit ſo viel Vorwürfen verbunden, die ſie ſich ſelbſt zu machen hatte, daß ſie kaum ohne Schmerz daran denken konnte; aber ſie war auch ſo ſehr von ihrer Thorheit überzeugt, daß ſie ſich durch eine ſolche Kleinigkeit die Laune habe ſo verderben laſſen, um alle die Trübſale erdulden zu müſſen, die ſie erfahren, daß ſie beſchloſſen hatte, ſich ſelbſt zu beſtrafen, nicht nur indem ſie Percy anhöre, ſondern auch indem ſie ihn nach den Einzelnheiten frage. Sie war ein Mädchen von wirklich ſtarkem Geiſte, und wenn ſie ein Mal von einem Fehler überzeugt war und ſich der Herrſchaft ihrer Laune entzogen hatte, ſo kümmerte ſie ſich nicht darum, wel⸗ chen Schmerz ſie zu ertragen hatte, oder wie ſchwer es ihr wurde, wenn ſie nur ihre Mutter überzeugen konnte, wie wahrhaft ihre Reue ſei und welche Mühe ſie ſich gebe, ihr Vergehen wieder gut zu machen. Es war ſehr leicht, wie Mrs. Hamilton ihr geſagt hatte, die für ihre Studien ver⸗ 270 lorene Zeit wieder einzuholen, aber nicht ganz ſo leicht ein böſes Wort oder einen unfreundlichen Gedanken zu unter⸗ drücken und die ſchwarzen Wolken zu verſcheuchen, die immer noch zeitweiſe zurückkehrten; aber ſie ließ Nichts unverſucht und machte ſich ſelbſt Gelegenheiten, wo ſie Selbſtverleugung üben mußte, und that Ellen kleine Gefälligkeiten, wiewohl ſie zu ehrlich war, um eine Liebe zu heucheln, die ſie noch nicht empfinden konnte. In den erſten Tagen der folgenden Woche kam Mr. Graham herüber nach Oakwood mit einer Bitte. Da ſich Annie bei der Partie erkältet hatte und gezwungen war, ganz gegen ihre Neigung die Kranke zu ſpielen, ſo hatte ſie ihre Mutter gebeten, Caroline auf einige Tage zu ihr einzuladen, und zu nn Btſunn erbot ſich ihr kalter ſtrenger Vater ſelbſt hinüber zu gehen und ſie zu holen. Mr. Hamilton willigte ſogleich ein; ſeine Gattin ſchwankte, aber ſie ging ſogleich zu Carolinen, die zufällig allein im Schulzimmer ſaß und las, denn es war Erholungsſtunde, und theilte ihr die Einladung mit. Einen Augenblick ſtrahlte ihr Geſicht wirklich vor Freude, im nächſten umwölkte es ſich. „Du würdeſt es gern annehmen, aber Du fürchteſt, daß ich es Dir nicht erlauben werde. Iſt es das, was Dein Mienenwechſel ſagen will?“ fragte ihre Mutter halblächelnd. „Ich fürchte mich vor mir ſelbſt, Mama! Denn ich fürchte, ich bin immer übellauniger und ſtolzer nach einem ſolchen Vergnügen, wie mir das ſein würde, nach Moor⸗ lands zu dürfen.“ „Du möchteſt alſo lieber nicht gehen?“ „Ich kann das nicht gerade ſagen, Mama! Ich würde ſehr gern dort ſein, wenn ich mich nachher auf mich ſelbſt verlaſſen könnte.“ „Fühlteſt Du jemals ſchon einen ſolchen Zweifel an Dir ſelbſt, Caroline, wenn Du mit Annie zuſammen ſ ein ſollteſt?“ „Nein, Mama! es ſcheint mir, als wenn ich in den letzten wenigen Tagen viel mehr gedacht und nicht halb ſo viel Vertrauen auf mich ſelbſt empfunden hätte.“ „Dann, denke ich, droht Dir weniger Gefahr, das 271 heißt natürlich, wenn Du Dich der Gefahr ausſetzen willſt, von Lady Helen mit zu großer Rückſicht und mit zu ver⸗ ſchwenderiſcher Liebe überhäuft zu werden, was die meine allerdings lau erſcheinen läßt.“ „O Mama, bitte, ſage nicht ſo!“ unterbrach ſie Caro⸗ line ſehr eiftig.„Wahrlich! ich wollte lieber Dich ſprechen hören und Dich lächeln ſehen, wie Du es jetzt thuſt, als alle die Freundlichkeiten hören, die mir Lady Helen ſo gern zu ſagen ſcheint. Ich weiß, ich höre ſie ſehr gern und ich bil⸗ dete mir bisweilen ein, wenn ich nach Hauſe kam, daß Du ziemlich kalt wäreſt; aber gewiß, ich hoffe daß ich Dich nun beſſer kennen lerne.“ „Das hoffe ich auch, meine Liebe! Aber Mr. Graham wartet auf Dich und beiläufig bat er mich, Dich an einige Zeilen zu errinnern, die Du für Lady Helen's Album zu copiren verſprochen hatteſt. In Betreff Deines Beſuches kannſt Du es halten, wie Du willſt, denn Du biſt alt und klug genug, um für Dich ſelber zu entſcheiden. Die üble Laune führt immer ſolche Leiden mit ſich, daß Du klüger thuſt, nicht zu gehen, wenn das Vergnügen ſie zurückrufen muß; aber wenn Du derſelben widerſtehen kannſt, wenn Du denkſt, daß Du eben ſo ruhig und heiter und glücklich, wie Du jetzt biſt, zu Deiner gewohnten Alltäglichkeit zurück⸗ kehren kannſt, ſo gehe, liebes Kind, und amüſire Dich, ſo viel Du kannſt.“ „Ich will mich alles Deſſen zu erinnern ſuchen, was Du mir vom Gebet ſagſt, wenn wir uns am ſicherſten dünken, liebe Mama!“ antwortete Caroline in ſehr ernſtem und etwas leiſem Tone.„Ich weiß, ſo oft ich früher in Moorlands war, habe ich mich ſo erhoben, ſo ſicher vor übler Laune, ſo ſtolz gefühlt, weil ſo Viel aus mir gemacht wurde, daß ich fürchte, ich habe ſehr oft meine täglichen Ge⸗ bete unterlaſſen und habe es nie für nothwendig gehalten, Gott zu bitten, mich vor übler Laune zu ſchützen. Meinſt Du, wenn ich über mich wache und fleißig bete, daß es mich ſchützen wird, bei meiner Rückkehr nicht eigenfinnig und un⸗ freundlich zu ſein?“ 272 „Es wird Dir ohne Zweifel ſehr viel belfen, mein liebes Kind, und Dir die Verſuchung viel leichter machen, ber ich kann Dir nicht verſprechen, daß es die Neigung, ich unglücklich zu fühlen, ganz verhindern wird. Ich ifle nicht, daß es mit der Zeit auch dem vorbeugen werde; ber gegenwärtig iſt es noch ſehr früh, und Du haſt noch nicht den bittern Schmerz der letzten Woche vergeſſen. Den⸗ noch denke ich, daß Du es wagen kannſt zu gehn, und wenn ich Dich bei Deiner Rückkehr heiter und gut finde, ſo wird es dazu beitragen, mich zu überzeugen, daß Du Dir wirklich ernſtliche Mühe giebſt. Beeile Dich, mache Dich fertig und vergiß das Gedicht nicht; ich will Dir Deine Sachen hin⸗ überſchicken. Sage Lady Helen, ich erwarte nächſten Mon⸗ tag Abend ihre ganze Familie zu Edwards kleiner Abſchieds⸗ geſellſchaft, und Du kannſt mit ihnen zurückkehren.“ Mit der lebhafteſten Freude eilte Caroline fort, um ihre „ Vorbereitungen zu treffen, und in ihrer Eile vergaß ſie das Gedicht, bis ſie wieder in das Schulzimmer trat, welches noch immer leer war. „Wo ſoll ich etwas Schreibpapier hernehmen,“ dachte ſie.„Die Schreibpulte ſind alle aufgeräumt und es wird mich zu lange aufhalten, meine Schlüſſel herunterzuholen, und der Band iſt zu groß, um ihn mitnehmen zu können. O ich will eine leere Seite aus dieſem Buche reißen. Es wird zwar nicht ſehr elegant ſein; aber ich kann es in Moor⸗ lands noch ein Mal abſchreiben.“ Und ſie riß ein Blatt aus einem Uebungsbuche, welches offen auf dem Tiſch lag, ohne daß ſie bemerkte, daß dadurch ein zweites Blatt, wel⸗ ches beſchrieben war, locker wurde und auf die Erde fiel und ſo unter einige zerriſſene Blätter kam, welche auf einem Haufen da lagen, um fortgefegt zu werden. Sie war ge⸗ rade damit fertig, als Fanny kam, um ihr zu ſagen, daß Mr. Graham nicht länger warten könne, und als ſie fragte, ob alle die Blätter fortgekehrt werden könnten, antwortete Ca⸗ roline mit einem„Ja,“ ohne ſie anzuſehen und das Mäd⸗ chen trug ſie in ihrer Schürze fort, das beſchriebene Blatt mitten unter ihnen. Nun hatte dieſes beſchriebene Blatt — — 273 bereits viel Aergerniß erregt. Miß Harcourt war mit Ellens ſchlechter Niederſchrift eines franzöſiſchen Uebungs⸗ ſtückes an dieſem Morgen ſo unzufrieden geweſen, daß ſie ihr aufgegeben hatte, daſſelbe noch ein Mal zu ſchreiben. Es war ſehr ſchwer und hatte weſentlich die Zeit abgekürzt, welche ſie Edward zu widmen verſprochen hatte, der dieſe Woche Mr. Howard nicht zu beſuchen brauchte, damit er und Ellen ſo viel als möglich zuſammen ſein konnten. Da ſie von ihm zur Eile angetrieben wurde, ließ ſie ihr Buch offen auf dem Tiſche liegen, um es trocknen zu laſſen, und als ſie es bei ihrer Rückkehr zugemacht fand, legte ſie es weg, ohne es weiter anzuſehen. Am folgenden Tage verlangte Miß Har⸗ court natürlich, es zu ſehen, und zu Ellens größtem Er⸗ ſtaunen war ihre Abſchrift nicht da, ſondern nur das fehler⸗ hafte und durchſtrichene Concept, und kein Zeichen half das Verſchwinden erklären. Nun wiſſen wir, daß Miß Harcourt gegen Ellen ziemlich ſtark eingenommen war, und da ſie un⸗ glücklicher Weiſe mehr als einmal die Unwahrheit geſagt hatte— vielleicht war ſie nicht ſo ungerecht und hart, als die arme Ellen glaubte— wollte ſie ihrer Verſicherung, daß ſie die Abſchrift gemacht habe, nicht glauben. In dem Schul⸗ zimmer war zu der Zeit Niemand geweſen, auf den ſie die Schuld hätte ſchieben können; wenn Ellen immer gehorcht und nicht ſchon öfter gelogen hätte, würde ihr Wort genügt haben, wie das ihres Bruders und ihrer Couſinen. „Ich kann nicht einen Augenblick daran zweifeln, daß Du wieder ungehorſam geweſen biſt und die Unwahrheit ge⸗ ſagt haſt, Ellen! und es würde meine Pflicht ſein, Deine Tante ſofort zu benachrichtigen; aber da ich weiß, daß es ihr unangenehm ſein würde, Dich gerade dieſe letzte Woche, wo Edward für längere Zeit mit uns zuſammen ſein wird, beſtrafen zu müſſen, ſo will ich ihr Nichts ſagen und Dir keine Strafe auflegen, die ihre Aufmerkſamkeit erregen könnte; aber nur ihretwegen unterlaſſe ich es. Wie ver⸗ härtet mußt Du ſein, daß Du ihre gütige Nachſicht gegen das Vergehen, deſſen Du Dich erſt vor einigen Wochen ſchuldig gemacht haſt, ſobald vergeſſen kannſt. Du verdienſt wirklich 15 Nichts als Strenge und Verachtung. Ich werde nächſte Woche ſie warnen, nicht zu unbedingt Deiner heuchleriſchen Reue zu glauben.“ Die arme Ellen fühlte ſich zu ſehr verwirrt und zu un⸗ glücklich, um auch nur zu weinen. Daß ſie ihr Uebungsſtück geſchrieben, davon war ſie ſo feſt überzeugt, wie daß es ihr aufgegeben worden war; aber wenn ſie es geſchrieben, was war daraus geworden? So herb Miß Harcourt ſchien, ſo ſprach doch der Schein offenbar gegen ſie; ſie hatte nicht einen einzigen Beweis, daß ſie gehorcht hatte, und ihr Wort galt Nichts; ſelbſt Emmeline ſah ſie zweifelnd an, wie wenn ſie kein rechtes Mitleid mit ihr haben könnte. Es war ein ſehr geringer Troſt, daß ſie denken konnte, es ſolle ihrer Tante nicht geſagt werden. Sie wollte ſelbſt zu ihr gehen und es ihr ſogleich ſagen; aber wie konnte ſie auf Glauben rechnen? Und die Worte der Mrs. Hamilton:„Wenn ich wieder eine Unwahrheit entdecke, ſo wirſt Du mich zwingen, noch ſtrengere Maßregeln zu ergreifen, wiewohl es mich ſelbſt ſchmerzen wird,“ die Erinnerung an Alles, was ſie gelitten hatte, der Verdruß, den es ihrer Tante machen würde, den⸗ ken zu müſſen, daß Alles, was ſie ihr geſagt und vorgeleſen, vergeſſen wäre, während ſie in der That beſtändig daran dachte und darnach zu handeln ſuchte, das Alles ließ ſie ihren Willen nicht in Ausführung bringen, und aus Furcht beobachtete ſie Stillſchweigen. Miß Harcourt war keine ſcharfe Beobachterin der menſch⸗ lichen Phyſiognomie; ſie konnte in Ellen's Geſicht weiter Nichts, als Verhärtung und Gleichgültigkeit leſen. Mrs. Hamilton würde etwas ganz Anderes geleſen haben; aber ſie war viel zu ſehr mit Edward beſchäftigt, und wenn es ihr ſchien, als wenn Ellen ſehr niedergeſchlagen ausſehe, ſo ſchrieb ſie es dem natürlichen Gefühl über die Nähe des Ta⸗ ges zu, an dem ſie ſich von Edward trennen ſollte. Ihres Bruders wegen und um ihm zu beweiſen, daß ſie auf ſeine Freude eingehen könne, gab ſie ſich alle mögliche Mühe, nicht die mindeſte Niedergeſchlagenheit ſehen zu laſſen und in ſeiner Gegenwart Thränen zu vergießen, obwohl ſie jede . 275 Nacht, die ihr ſagte, daß wieder ein Tag verfloſſen ſei, und die ihr alle möglichen ſchrecklichen Phantaſiebilder brachte, ſich entweder in den Schlaf weinte oder die ganze Nacht lag und wachte, was ſie noch unglücklicher machte. Der Verdacht, der auf ihr ruhte, ſchien die Bitterkeit des Ab⸗ ſchieds zu verdoppeln. Edward gehörte ihr; Edward mußte ſie lieben trotz aller ihrer Fehler; aber ſelbſt ihre Tante, ihre liebe gute Tante mußte aufhören, irgend eine Neigung zu ihr zu haben, wenn ſie ſie beſtändig eines ſo ſchrecklichen Laſters, wie der Lügenhaftigkeit ſchuldig glauben mußte. Und ſie ſchien ihren Bruder noch mehr zu lieben, wie ſonſt, je näher die Abſchiedsſtunde kam. Bisweilen war es ihr, als wenn ſie den Schmerz gar nicht ertragen könnte, ihm drei, vielleicht ſechs lange Jahre nicht in das heitere Geſicht ſehen und ſein fröhliches Lachen, ſeine liebe Stimme hören zu können. Die freundliche Güte ihrer Tante ſchien ihre Niedergeſchlagenheit zu vergrößern; denn wiewohl ſie wußte, daß ſie unſchuldig war, ſo fühlte ſie doch, daß, wenn es Miß Harcourt Mrs. Hamilton geſagt hätte, dieſe ſie nicht ſo lieben und ſo für ſie ſorgen könne, und ſie empfange dann, was ſie verwirkt zu haben glaubte. Miß Harcvurt's Geſicht ſchien ſie ſo beſtimmt zu fragen, wie es mit Worten hätte geſchehen können, wie ſie ſo heuchleriſch ſein könne, ihre Tante ſo viel Rückſicht auf ſich nehmen zu laſſen, und ſie trat daher oft zurück, wenn ſie ſich am meiſten ſehnte, bei ihr zu ſitzen und ihr zuzuhören. Edwards Luſtigkeit verminderte ſich nicht, außer dann und wann, wenn er daran dachte, Mrs. Hamilton verlaſſen zu müſſen, der er dieſelbe Liebe gewidmet hatte, die er ſeiner Mutter gezollt, vielleicht in noch größerer Ausdehnung, denn es miſchte ſich die tiefſte Ehrfurcht darein. Auch Mr. Howard bedauerte er ver⸗ laſſen zu müſſen, und Mrs. Hamilton ſetzte eine ſolche Hoff⸗ nung auf ſeine ſcheinbar ſo ſtarken Gefühle und ſein gutes Gemüth, daß ſie nur wenig Sorge empfand, höchſtens die Sorge, daß ſie ihn einem ſo gefährlichen Beruf preis geben ſollte. Sie wußte nicht und eben ſo wenig wußte es Mr. Howard und Edward ſelbſt, daß er zu denen gehörte, die 18 276 mehr durch den Einfluß ihrer nächſten Umgebungen, als durch die Erinnerung an die Abweſenden oder durch ihr eigenes Urtheil geleitet werden. Ellens Benehmen am Montag Abend verletzte Miß Har⸗ court noch mehr und nahm ſie vollends gegen ihre Schülerin ein. Mrs. Greville und Mary, Lady Helen und ihre ganze Familie, die Carolinen wieder mitbrachten, Mr. Howard und einige von Edwards liebſten Freunden verſammelten ſich zu Dakwood, und Alle waren entſchloſſen, recht heiter und froh zu ſein, und Edwards Stimme war die lauteſte und ſein Lachen das glücklichſte; und auch Ellen, wiewohl ſie von der Anſtrengung und den beſtändigen Kämpfen der verfloſſenen Woche Kopfſchmerzen hatte, war doch ganz heiter und ſchwatzte mit Mary Greville und Lilla und Cecil Graham, und ſelbſt mit Mr. Howard, wozu ſie nach Miß Harcourts Anſicht kein Recht hatte, und das war ihr ein neuer Beweis, daß ſie ſein müſſe, wofür ſie ſie immer ge⸗ halten. Mrs. Hamilton dagegen ſah, daß das Auge ihrer Nichte mitten im Lachen oder im Sprechen auf Edward ruhte, und daß ihre Lippe zitterte und ihr Lächeln augen⸗ blicklich ein ſo gezwungenes wurde, daß ſie überzeugt war, daß Ellens Heiterkeit nicht aus Mangel an Gefühl hervor⸗ gehe. Sie wunderte ſich ſogar über ſo viel Selbſtbeherr⸗ ſchung in einem ſo jugendlichen Alter; aber ſie liebte ſie dem⸗ ungeachtet. Blos ein Mal konnte ſie ſich kaum beherrſchen. Mary hatte ſie gebeten, ein kleines Hindulied, welches ſie beſonders liebte, zu fingen, und als Edward die Bitte hörte, ſagte er raſch:„Singe es, liebe Ellen! ich liebe es eben ſo ſehr wie Mary, denn es ſcheint mich an Indien und die arme Mama zu erinnern, und es wird lange dauern, ehe ich es wieder höre.“ Sie hatte in ihrem ganzen Leben nicht ſo wenig Luſt ge⸗ habt zu ſingen. Es war ihr, als wenn es ganz unmöglich wäre, als wenn ſie weinen müßte, wenn ſie es thäte; aber Ed⸗ ward würde es für eine Unfreundlichkeit gehalten haben, wenn ſie es ablehnte, denn ſie wußte ſelbſt nicht, warum gerade ſeine Worte es ihr nur um ſo ſchwerer machten, und welchen „ 277 Grund ſie ihm angeben ſollte. Mary ging hinaus und bat Mrs. Hamilton, ſie zu begleiten; und Ellen gab ſich die größte Mühe, aber ihre Stimme zitterte, und ehe ſie noch den zweiten Vers zu Ende geſungen, ließ dieſelbe ſie ganz im Stiche; aber dennoch war ſie froh, daß ſie es verſucht hatte, denn als Mrs. Hamilton ſehr freundlich und in einem Tone, daß blos ſie und Mary es hören konnte, ſagte:„Ich fürch⸗ tete faſt, es würde Dir heute nicht gelingen, meine liebe Ellen, aber Du thateſt ganz Recht, es zu verſuchen,“ ſchien Mary es auf einmal zu begreifen, warum es derſelben ſo ſchwer geworden, ihr den Gefallen zu thun, und es ſchien ihr ſehr Leid zu thun, daß ſie ſo ſehr darauf gedrungen hatte, und Edward dankte ihr und ſagte ihr, er würde es in Gedanken ſehr oft ſingen. Sie ſuchte wieder heiter zu ſein, aber es gelang ihr nicht wie vorher, und ſo blieb ſie den ganzen Abend in der nächſten Nähe ihrer Tante, als wenn ſie ſich nur dort ſicher fühlte. Auch Edward hatte einen ſchweren Kampf mit ſich, als einer ſeiner liebſten Freunde mit herzlichem Handſchütteln und unter innigen, aber halberſtickten Wünſchen für ſeine Geſundheit und ſein Glück Abſchied von ihm nahm. Und als Alle fort waren und Mr. Howard, der zum Gebet zu⸗ rückgeblieben war, ihn in ſeine Arme ſchloß und zu Gott flehte, daß er ihn ſegnen und ihn vor Gefahr und Verſuchung ſchützen und ihn zu ſeiner Familie zurückkehren laſſen möge, ausgeſtattet mit Allem, was ihn zu einem liebevollen Be⸗ ſchützer ſeiner verwaiſten Schweſter machen und ſeinem Onkel und ſeiner Tante alle ihre Liebe und Sorge vergelten könnte, bedurfte er einer verzweifelten Anſtrengung, um nicht zu ſchluchzen wie ein Kind. Aber er trug zum erſten Male ſeine Cadetten-Uniform, und er war feſt entſchloſſen, der⸗ ſelben keine Schande zu machen; deshalb erwiderte er nur Mr. Howard's Umarmung auf's Wärmſte und lief zum Zimmer hinaus. Aber als ſeine Tante eine Stunde ſpäter in ſein Zimmer ging, ſchien es, als wenn er ſeinen Stolz und ſeine Uniform zugleich abgelegt hätte, denn wiewohl er 278 feſt eingeſchlafen war, ſo war doch ſein Kiſſen von Thränen feucht. Der nächſte Morgen war ein ſehr trauriger, wiewohl Percy und ſein Vater alles Mögliche thaten, um denſelben zu erheitern. Wir hätten vorher ſagen ſollen, daß Perch und Herbert Mr. Hamilton und Edward begleiten ſollten. Niemand konnte ſich an den Gedanken gewöhnen, Edward ſo lange Zeit zu verlieren. Er hatte ſich bei Allen, ſelbſt beim Geſinde, beliebt gemacht, und als um elf Uhr der Wagen bereit ſtand, drängte ſich das letztere in die Halle, um ihn noch einmal zu ſehen. Er war ſo aufgeregt, daß er an dieſem Morgen von freien Stücken Allen die Hand gereicht hatte, die Etwas für ihn zu thun gehabt hatten, namentlich Ellis und, Morris und Robert), dem er ein ſehr hübſches Geſchenk gemacht und für alle ſeine Aufmerkſamkeiten ge⸗ dankt hatte. Er hielt ſich ſehr männlich, bis er zu ſeiner Tante kam, deren Erſchütterung, als ſie ihn in ihre Arme ſchloß, un⸗ gewöhnlich ſichtbar war, und für den Augenblick ſchien er ſie ſo zu lieben, daß der Gedanke an die See ſeinen halben Reiz verlor, und es war ihm zu Muth, als wenn er faſt vor⸗ ziehen könnte, bei ihr zu bleiben. Aber Percy's fröhliche Stimme:„Wie, Edward, ich dachte, Du wäreſt ein See⸗ mann und nicht ein Schulknabe. Fort mit Dir; Du willſt mich Mama nicht einmal küſſen laſſen, ehe wir abreiſen!“ gab ihm neuen Muth, und er ſuchte mitten unter Thränen zu lachen, gab Ellen noch einen Kuß und eilte in den Wagen, wohin ihm ſein Onkel und ſeine Vettern raſch folgten, und in wenig Minuten verſchwand Dakwood, das liebe glückliche Oakwood, wie ſein ganzes Herz in dieſem Augenblicke fühlte, vor ſeinen Augen. Ellen blieb am Fenſter ſtehen und ſah dem Wagen lange nach, nachdem es ſchon unmöglich war, ihn noch zu ſehen oder zu hören; ſie war ſehr bleich und ihre Augen ſehr dick, aber ſie weinte nicht, und als ihre Tante zu ihr kam und ihren Arm um ſie ſchlang und ſehr heiter mit ihr über Alles, was ihr Edward zu ſchreiben haben würde, und wie bald ſie von ihm hören würden, zu ſprechen 279 begann, und daß Ellen ihm ſo oft und ſo ausführlich, wie ſie wollte, antworten ſollte, und daß ſie ſelbſt nicht verlangen würde, ihre Briefe an ihn oder die ſeinen an ſie zu leſen, da ſie Mancherlei einander zu ſagen haben könnten, was ſie Nie⸗ mand Anderen ſehen laſſen wollten, und daß ſie ihnen Beiden Vertrauen ſchenke, ſchien es Ellen, als wenn ein Schmerz ge⸗ ſtillt ſei und wenn ſie oft von ihm höre, ſo könne ſie den Ab⸗ ſchied von ihm ertragen. Aber es blieb noch immer eine Quelle des Schmerzes zurück, an die ſie ſich jedesmal erinnerte, ſobald ſie Miß Harcourts kaltem, argwöhniſchen Blicke begegnete, der ſich ſelbſt jetzt noch nicht verändert hatte. Trotzdem ſchloß ſie ſich ihren Coufinen an und ſetzte ſich zu ihrer Arbeit, da es an dieſem Morgen keine Schulſtunden gab, und ſo verfloß eine kurze Zeit faſt heiter, dann aber verließ Ellen das Zimmer, um Etwas zu holen, was ſie brauchte, und um nach ihrem Zimmer zu kommen, mußte ſie an dem Edwards vor⸗ übergehen, deſſen Thür halb offen ſtand. Sie konnte ſich nicht enthalten, einzutreten, und Alles ſprach ſo lebhaft von ihm und ſchien ihr doch nur zu ſagen, daß er fort, wirklich fort ſei und daß ſie ganz allein ſei, ſo daß all ihr Schmerz zurückkehrte, und ſie legte ihren Kopf auf ſein Kiſſen und ihre lange unterdrückten Thränen ſtrömten mit faſt leidenſchaft⸗ licher Heftigkeit. „Meine liebe Ellen, ich habe Dich überall geſucht,“ ſagte ihre Tante mit freundlicher Stimme eine volle Stunde ſpäter.„Emmeline ging in Dein Zimmer und konnte Dich nicht finden, und ich konnte mir nicht denken, was aus Dir geworden. Es war nicht klug von Dir, gerade dieſen Mor⸗ gen hierher zu gehen. Du biſt dieſe ganze Woche ſo brav geweſen, daß ich Dich nun nicht laß werden laſſen darf. Denke Dir nur, daß Edward als Seemann glücklicher ſein wird, als wenn er bei Dir geblieben, und wiewohl ich weiß, daß Du ihn ſehr ſchmerzlich vermiſſen mußt, ſo wirſt Du doch im Stande ſein, es beſſer zu ertragen. Die arme Alice Seaton, von der Du mich ſprechen gehört haſt, hat keinen ſolchen Troſt. Ihr Bruder konnte den Gedanken an das Seemannsleben nicht ertragen, und iſt kaum ſtark ge⸗ 280 nug dazu, und doch iſt es der einzige Weg, den ſein Onkel dem armen Burſchen angebahnt hat, und ſeine Schweſter hat nicht nur den Schmerz zu ertragen— denn Du kannſt Dir denken, wie ſchrecklich es ſein würde, wenn Edward uns ver⸗ laſſen hätte, um einem Leben entgegenzugehen, in dem er ſich für unglücklich halten würde— ſondern ſie muß auch noch die Tante verlaſſen, die ſie ſo ſehr liebt, wie Du mich, Ellen, wie ich hoffe, und muß als Lehrerin in einer Schule leben und ihren ganzen Schmerz allein tragen. So ſchwer Deine Prüfung iſt, ſo haſt Du doch noch für Vieles Gott zu danken, wie Du anerkennen wirſt, wenn der Schmerz des Augenblickes ſich gelegt hat und Du an Alice denkſt und Dich an ihre Stelle ſetzeſt.“ „Es iſt nicht blos der Abſchied von Edward,“ ant⸗ wortete Ellen, indem ſie ihre Thränen zu unterdrücken ſuchte, und ihre Arme noch feſter um ihre Tante ſchlang, als wenn ſie fürchtete, daß ihre Worte ſie von ihr wegtreiben könnten. „Nicht blos der Abſchied, Ellen? Was giebt es ſonſt?“ ſagte Mrs. Hamilton ſehr erſtaunt und faſt erſchrocken, „dann ſage mir es!“ Aber Ellen konnte nicht fortfahren, ſo ſehr ſie es wünſchte, denn ihr augenblicklicher Muth hatte ſie verlaſſen, und ſie konnte nur noch bitterer als vorher weinen. „Haſt Du etwas Unrechtes gethan, Ellen, und haſt Du mein Verſprechen vergeſſen?“ fragte ihre Tante, nachdem ſie einige Minuten gewartet hatte, mit ſehr ſchmerzlichem Ton. „Miß Harcourt denkt, daß ich etwas Unrechtes gethan, Tante, aber es iſt wirklich nicht der Fall; ich bin nicht ſo ſchlecht geweſen, eine neue Unwahrheit zu ſagen. Ich weiß, Niemand kann es mir glauben, aber es iſt mir lieber, daß Du es weißt, ſelbſt wenn Du mich wieder ſtrafſt.“ „Du mußt ruhig zu ſein ſuchen, meine liebe Ellen, und mir mit deutlichen Worten ſagen, was Dir ſo großes Leid verurſacht, denn ich verſtehe Dich nicht ganz. Ich werde Dich wirklich nicht ſtrafen, wenn ich nicht feſt überzengt bin, daß Du Dich wieder gegen die Wahrheit verſündigt haſt, 281 was ich allerdings nicht glaube. Sag' mir, um was es ſich handelt und ſieh mich an, während Du ſprichſt!“ Ellen ſuchte zu gehorchen, aber ihr Schmerz hatte eine ſolche Höhe erreicht, daß es ihr ſehr ſchwer wurde. Mrs. Hamilton ſah ſehr nachdenklich aus, als ſie aufhörte, denn ſie war wirklich in größerer Verlegenheit, als ſie Ellen ſehen laſſen wollte, und da das arme Kind dachte, daß ihr Schwei⸗ gen blos Unglaube und Tadel bedeuten könne, ſo blieb ſie zitternd und ruhig an ihrer Seite. „Ich verſprach Dir, daß ich nicht an Dir zweifeln wollte, Ellen, und ich will es auch jetzt nicht, wiewohl der Schein ſtark gegen Dich ſpricht,“ ſagte Mrs. Hamilton nach einigen Minuten.„Komm mit mir in das Schulzimmer und zeige mir Dein Uebungsbuch. Ich finde vielleicht einen Schlüſſel, der das Geheimniß erklärt.“ Ellen dachte, das ſei ganz unmöglich, aber unausſprech⸗ lich getröſtet durch das Vertrauen ihrer Tante, ging ſie ſo⸗ gleich mit ihr. „Ellen hat mir geſagt, daß Sie ſehr unzufrieden mit ihr find, meine liebe Lucy,“ ſagte Mrs. Hamilton, ſobald ſie eintrat, zu Miß Harcourt, die mit Caroline und Emmeline da ſaß und las,„und gewiß allem Anſcheine nach mit gro⸗ ßem Recht; aber ſie iſt ſo unglücklich darüber, daß ich kaum glauben kann, daß ſie Alles vergeſſen haben ſollte, was vor einiger Zeit zwiſchen uns vorging, und ich werde daher mit Ihrer Erlaubniß verſuchen, ob ich etwas entdecken kann, was Licht auf die Sache wirft.“ „Ich fürchte, das wird kaum möglich ſein,“ erwiederte Miß Harcvurt,„indeß freue ich mich, daß ſie die Offenheit gehabt hat, es Ihnen zu ſagen.“ Ellen hatte ihr Buch gebracht, während Miß Harcourt ſprach, und Mrs. Hamilton unterſuchte es aufmerkſam. „Haſt Du nicht an demſelben Tage ein ähnliches Buch angefangen, Caroline?“ „Ja, Mama! Erinnerſt Du Dich nicht? Wir mußten deswegen zu Harris ſchicken, weil das Packet von dem Pa⸗ pierhändler nicht ſo zeitig von Exeter kam, als wir erwar⸗ ———————— 282 teten, und wir bemerkten um wie viel dünner ſie waren, wie⸗ wohl ſie dieſelbe Größe hatten.“ „Und hörte ich nicht von Dir, daß ſie dieſelbe Anzahl von Blättern hätten und daß es deshalb nur die Güte des Papiers ſein müſſe, was den Unterſchied machte?“ „Was für ein Gedächtniß Du haſt, Mama!“ antwortete Caroline lächelnd.„Ich dachte, Du nähmeſt nicht die min⸗ deſte Notiz von uns, aber ich erinnere mich jetzt, daß ich es geſagt habe, und ich wünſchte in der That ſehr oft, daß das Papier dieſelbe Güte hätte, denn unſere Schreiberei ſieht erſchrecklich aus.“ „Erinnerſt Du Dich zufällig der Zahl der Blätter, die ſie enthielten, und ob ſie beide gleich waren?“ „Ich weiß, daß ſie beide dieſelbe Blätterzahl hatten und ich glaube, es waren zwei und zwanzig, aber ich kann es Dir augenblicklich ſagen.“ Und mit ihrer gewöhnlichen Raſchheit ſchloß Caroline ihr Pult auf, nahm ihr Buch heraus und zählte die Blätter durch. „Ich habe Recht, zwei und zwanzig.“ „Und Du weißt ganz gewiß, daß ſie Beide dieſelbe Blätterzahl hatten?“ „Ganz gewiß, Mama!“ „Dann ſind durch einen unerklärlichen Zufall zwei Blätter aus Ellens Buch weggekommen, hier ſind nur zwanzig. Haſt Du ein Blatt herausgeriſſen, Ellen?“ „Nein, Tante, gewiß nicht!“ „Wann ſagte Dir Miß Harcourt, daß Du dieſes feh⸗ lende Uebungsſtück ſchreiben ſollteſt?“ Montag vor acht Tagen— ich meine, geſtern vor acht Tagen.“ „Wo ſchriebſt Du es und was thateſt Du nachher mit Deinem Buche?“ „Ich ſchrieb es auf dieſem Tiſche, Tante. Ich war ſo betrübt, daß ich zu arbeiten hatte, als Edward ſo ſehr wünſchte, daß ich mit ihm ausgehen möchte, und ſo dachte ich, es würde mir Zeit erſparen, wenn ich mein Pult nicht erſt aufſchlöſſe, und ſobald ich fertig war, ließ ich es offen 283 auf dem Tiſch liegen, damit es trocknen ſollte. Als ich zurückkam, war es zugemacht, und ich legte es weg, ohne hineinzuſehen, und am folgenden Morgen war das Geſchrie⸗ bene nicht da.“ „Wer war in dieſem Zimmer, nachdem Du es verlaſſen? Beiläufig bemerkt, es war an dem Morgen, wo Du zu Lady Helen gingeſt, Caroline. Sahſt Du Ellens Buch offen liegen, wie ſie ſagt? Nun, was haſt Du, meine Liebe?“ fügte ſie hinzu, als ſie bemerkte, daß Caroline eine Miene machte, als wenn ihr plötzlich ein Licht aufgegangen wäre, und dann, als wenn ihr wirklich Etwas leidthäte. „Es thut mir ſehr, ſehr leid, Mama; ich glaube, es iſt nur meine Haſt und Sorgloſigkeit geweſen, die Ellen dieſe Unzufriedenheit zugezogen hat. Ich war in ſolcher Eile, das Gedicht für Lady Helen abzuſchreiben, daß ich ein leeres Blatt aus einem offen auf dem Tiſch liegenden Buche riß, ohne daran zu denken, wem es gehörte. In der Eile fiel das Buch auf die Erde, ich hob es auf, um darauf zu ſchreiben, aber ich bemerkte nicht, ob das Gegenblatt heraus⸗ fiel, was geſchehen ſein muß, und ohne Zweifel fegte es Fanny mit den andern älteren Papieren weg, deren wegen ſie mich fragte. Es thut mir mehr leid, als ich Dir ſagen kann, Ellen! Bitte, glaube mir, daß ich es nicht mit Fleiß gethan habe!“ „Ich bin überzeugt, daß ſie es thun wird, und wenn es auch nur darum wäre, weil wir nun den Troſt haben, die Wahrheit zu wiſſen,“ ſagte Mrs. Hamilton wahrhaft er⸗ leichtert nicht, nur über die Erklärung, ſondern auch weil ſie ſah, daß Ellen Carolinens freiwillig gebotenen Kuß von Herzen erwiederte. Es war faſt der erſte, den ſie unter ſich ausgetauſcht hatten. „Ich muß Dir glauben, liebe Caroline, denn Du ſagſt niemals, was Du nicht denkſt“, ſagte Ellen ernſt;„aber ich wünſchte, Miß Harcourt könnte mein Uebungsſtück ſehen, ſie würde mir dann ganz glauben.“ „Und es würde uns Allen um ſo lieber ſein,“ erwie⸗ derte Mrs. Hamilton, da ſie augenblicklich ſah, daß Miß 284 Harcourt noch immer zweifelte, und indem ſie die Glocke zog, befahl ſie dem Diener, Fanny zu ihr zu ſchicken. „Erinnerſt Du Dich, einige alte Papiere aus dieſem Zimmer gefegt zu haben, an dem Morgen, wo Du Miß Hamilton ſagteſt, daß Mr. Graham wartete?“ fragte ſie. „Ja, Madam!“ „Und waren ſie alle in kleine Stücke geriſſen?“ 4„Nein, Madam! Das eine Stück ſah aus wie das Blatt aus einem Buche, weshalb ich mich veranlaßt ſah, Miß Ha⸗ milton zu fragen, ob ſie alle fortgefegt werden ſollten. Es war ein ſo hübſches reines Blatt, blos auf der einen Seite beſchrieben, daß ich etwas Spitze darein wickelte, da Mrs. Ellis mich eine halbe Stunde vorher geſcholten hatte, daß ich ſie nicht beſſer aufbewahrte.“ „Bringe mir das Blatt, mein gutes Mädchen, und Miß Ellen wird Dir ein beſſeres Stück Papier zu Deinem Zweck geben,“ erwiederte ihre Herrin, ganz außer Stande, ein Lächeln zu unterdrücken, und Ellen nahm haſtig einen großen Bogen Papier heraus, und in dem Augenblicke, wo Fanny zurrückkehrte, gab ſie es ihr und ergriff ihr eigenes Blatt, welches ſie in die Hand ihrer Tante legte, ohne ein einziges Wort ſprechen zu können. „Ich denke, das iſt die fragliche Aufgabe, und aller⸗ dings iſt es Ellens Schrift, meine liebe Lucy; wir können nun nicht mehr zweifeln,“ ſagte Mrs. Hamilton in dem Augenblicke, wo Fanny das Zimmer verlaſſen hatte, und indem ſie Ellen an ſich zog, denn das arme Kind konnte wirklich kaum ſtehen. „Ich habe Dir Unrecht gethan, Ellen, und ich bitte Dich um Verzeihung!“ erwiederte Miß Harcourt ſogleich, und Mrs. Hamilton würde ſich mehr gefreut haben, wenn ſie damit geſchloſſen hätte, aber ſie konnte ſich nicht enthalten, hinzuzufügen:„Du weißt, ich würde nie an Deinen Worten gezweifelt haben, wenn Du nicht ſo oft die Unwahrheit ge⸗ ſagt hätteſt.“ Ellens erſter Impuls war geweſen, zu ihr zu gehen, aber ihre letzten Worte veranlaßten ſie, ihr Geſicht an der Bruſt ihre Tante zu verbergen. „Wirklich, Ellen, Du ſollteſt Ellis danken, daß ſie Fanny geſcholten hat, da es Dir einen ſo vortrefflichen Dienſt geleiſtet,“ nahm Mrs. Hamilton ſcherzweiſe wieder das Wort. „Und was wirſt Du mir zahlen, daß ich es auf mich ge⸗ nommen, Deine Unſchuld vor offenem Gerichtshofe zu be⸗ weiſen? Ich halte mich für ſo geſcheidt, daß ich Perch ſagen werde, ich ſei ein beſſerer Advocat, ohne ſtudiert zu haben, als er hoffen kann, es mit allem Studium zu werden. Du ſcheinſt in dieſem Augenblick nichts weiter thun zu kön⸗ nen, als mich zu küſſen. Ich will daher nicht allzuviel fordern. Du haſt Dich faſt krank geweint und mußt daher die Buße über Dich ergehen laſſen. Geh und lege Dich in meinem Zimmer eine oder ein Paar Stunden hin. Emme⸗ line, begleite Du Deine Couſine und ſiehe zu, was für eine Krankenpflegerin Du ſein kannſt, bis ich wiederkomme. Es iſt niemals zu früh, ſich in einem ſolchen ächt weiblichen Amte zu üben.“ Emmeline, ganz ſtolz auf ihr Amt und ſchmerzlicher bewegt, als ſie es ſagen konnte, bis ſie ganz allein mit Ellen ſein würde, verließ mit ihrer Coufine das Zimmer. Caro⸗ line ſchien einen Augenblick zu ſchwanken, da ſie aber ihrer Mutter am Geſicht anſah, daß ſie mit Miß Harcourt zu ſprechen wünſchte, ſo nahm ſie ihr Buch, ohne es ſich erſt ſagen zu laſſen, und ging in das Leſezimmer. „Und nun, Lucy, möchte ich Sie um eine perſönliche Gunſt bitten,“ begann Mrs. Hamilton in dem Augenblicke, wo ſie allein waren. „Daß ich über Ellen nicht wieder ſo hart urtheilen ſoll?“ lautete ihre augenblickliche Antwort.„Sie haben volles Recht, es zu wünſchen, meine liebe Freundin, nicht es als eine Gunſt zu erbitten. Ich war zu ſehr gegen ſie ein⸗ genommen und zu ſehr übereilt; aber Ihre eigenen Kinder ſind ſo wahrheitsliebend, ſo offen, daß ich fürchte, daß ſie mir die nothwendige Geduld und Nachſicht für Andere ver⸗ dorben haben.“ 286 „Sie haben es nicht ganz errathen, Lucy; der Schein war ſo ſehr gegen das arme Kind, daß ich mich gar nicht wundere, daß Sie ihrer Verſicherung keinen Glauben bei⸗ gemeſſen haben. Im Augenblicke der Aufregung würde ich wahrſcheinlich ſelbſt ſo gehandelt haben. Aber die Gunſt, um die ich Sie bitten will, beſteht einfach darin, daß Sie ſich niemals merken laſſen, daß Sie an ihrem Worte zwei⸗ feln, und nicht auf ihre früheren Fehler anſpielen. Ich bin völlig überzeugt, daß Ellen nicht von Natur zur Lüge ge⸗ neigt iſt, ſondern daß ſie durch dieſelben Umſtände dazu ge⸗ kommen iſt, die ſie zu einem ſo ſchüchternen, allzubeſcheidenen Character gemacht haben. Wenn ſie trotz aller ihrer Be⸗ mühungen, ſich zu überwinden, die Erfahrung macht, daß ihr Wort immer wieder in Zweifel gezogen und die Ver⸗ gangenheit ihr zum Vorwurf gemacht wird, ſo wird ſie nie⸗ mals im Stande ſein, an ihr Ziel zu gelangen. Unterſuchen Sie, ſo ſtreng Sie wollen, und wie ſie es ſelbſt wünſchen wird, wenn es nothwendig iſt, wie ſie es heute that, aber thun Sie mir den Gefallen und zweifeln Sie nicht an ihr. Wenn ſie ſieht, daß wir dies nicht thun, ſo wird ſich ihre Selbſtach⸗ tung ſteigern und ſie wird einen weiteren Sporn haben, die Wahrheit ſo ſtreng zu ſagen, wie wir es von ihr glauben. Ich bin überzeugt, daß die Gewohnheit zu lügen oft durch die unverſtändigen und grauſamen Anſpielungen auf einen oder ein Paar kindiſche Fehltritte beſtärkt worden iſt. Wenn mir nie geglaubt werden ſoll, was nützt es mir, die Wahr⸗ heit ſagen zu wollen? iſt die ſehr natürliche Frage, und die Gewohnheit wird nur befeſtigt. Wollen Sie mir den Ge⸗ fallen thun?“ „Natürlich will ich es, theuerſte Mrs. Hamilton, wie können Sie ſo ſprechen? Haben Sie nicht ein Recht zu wünſchen, was Sie bei der Erziehung Ihrer Kinder für geeignet halten, anſtatt mich als Ihresgleichen darum zu bitten?“ „Und ſind Sie es nicht, meine liebe Lucy? Habe ich Sie jemals in Wort oder That anders behandelt? Beweiſe ich nicht, indem ich Ihnen meine Kinder anvertraue, daß ich 287 Sie dafür halten muß? Haben Sie dieſe langen Jahre bei mir gelebt und noch nicht bemerkt, daß ich vielleicht einige mir eigenthümliche Anſichten habe, daß aber eine darunter die iſt, daß wir die unſchätzbaren Freunde, die uns bei der Erziehung unſerer Kinder behülflich ſind, nicht hoch genug halten und ihnen nicht zu dankbar ſein können?“ „Ich habe lange genug mit Ihnen gelebt, um zu wiſſen, daß es keine zweite Frau wie Sie gab noch geben kann, ſo⸗ wohl als Gattin, wie als Mutter, als Herrin und als Freun⸗ din,“ rief Miß Harcourt mit ungewöhnlicher Wärme aus. „Sie kannten Ihre eigene Mutter nicht, liebſte Lucy, ſonſt würden Sie nicht ſo denken. Jede ſchätzbare Eigen⸗ ſchaft, die ich beſitzen mag, verdanke ich nächſt Gottes Hülfe, ihr. Als kleines Kind, ehe ſie zu mir kam, und noch einige Jahre ſpäter hatte ich größere Aehnlichkeit mit Ellen, als nit einem meiner eigenen Kinder, und dies erklärt vielleicht das Geheimniß meiner Liebe und meiner Nachſicht gegen ſie.“ „Mit Ellen?“ wiederholte Miß Harcourt ganz erſtaunt. „Entſchuldigen Sie mich, aber ich kann es wirklich kaum glauben.“ „Es iſt nichts deſto weniger die Wahrheit. Die große Vorliebe meines armen Vaters für Eleanor, als wir Kinder waren, ihre größere Schönheit und Lebhaftigkeit warf mich auf mich ſelbſt zurück, und ich bin feſt überzeugt, wäre nicht Ihre vortreffliche Mutter geweſen, die zu uns kam, als ich erſt ſieben Jahr alt war, ſo würde mein Character eben ſo ſehr durch Vernachläſſigung auf der einen, wie durch zu große Demuth auf meiner Seite gelitten haben, wie es mit Ellen's Character der Fall geweſen iſt. Ich kann ihre Gefühle der Vereinſamung, der Unterſchätzung, der Furcht vor den Men⸗ ſchen beſſer verſtehen, als ſie es ſelbſt thut.“ „Aber Ihre Liebe und Güte hätte ihren Character be⸗ reits ändern ſollen!“ „Kaum. Achtzehn Monate ſind nicht lange genug, um die ſchmerzlichen Eindrücke und Einflüſſe von elf ſorgenvol⸗ len Jahren zu entfernen. Ueberdies kenne ich kaum alle dieſe Einflüſſe. Ich fürchte bisweilen, daß ſie mehr erduldet hat, „ 288 5 als ich weiß. Sie müſſen daher Mitleid mit meiner Ein⸗ bildung haben, liebe Lucy,“ fügte ſie lächelnd hinzu,„und mir behülflich ſein, Ellen mir als Frau ſo ähnlich zu machen, wie ſie mir als Kind ähnlich war, wie ich glaube. Deshalb denken Sie ein wenig, ein klein wenig freundlicher und hof⸗ fen Sie mehr von ihr, als Sie bisher gethan haben.“ „Ich wünſchte wirklich, Sie wären nicht ſo ſcharfſichtig, Mrs. Hamilton! Vor Ihnen läßt ſich nicht ein einziges Ge⸗ fühl, ein einziger Gedanke verbergen,“ antwortete Miß Har⸗ court etwas verwirrt, aber zu gleicher Zeit lachend.„Was Ihr Gedächtniß und Ihre raſche Beobachtungsgabe und ihre entſchiedene Aufmerkſamkeit auf Kleinigkeiten betrifft, ſo läßt es ſich wirklich gefährlich mit Ihnen leben, und wenn Sie nicht gütiger und einſichtiger und offener wären, wie irgend Je⸗ mand, ſo müßten wir uns alle fürchten, Ihnen zu nahe zu kommen.“ „Ich freue mich, einige erhaltende Eigenſchaften zu be⸗ ſitzen,“ erwiderte Mrs. Hamilton ebenfalls lachend.„Es würde ein ziemlich ſchweres Lvos ſein, ganz iſolirt zu ſtehen, weil ich die Gedanken Anderer leſen kann. Indeſſen wir haben einen Vertrag geſchloſſen,“ fuhr ſie ernſthafter ſort, „Sie werden ſich nie merken laſſen, daß Sie an Ellen's Worten zweifeln, und in ſchwierigen Fällen werden Sie ſo⸗ gleich zu mir kommen.“ Miß Harcourt willigte gern ein. Der Tag verfloß viel glücklicher als der Morgen erwar⸗ ten ließ. Emmelinens Pflege war ſo erfolgreich, daß Ellen im Stande war, ſich mit ihnen zu Tiſch zu ſetzen, und ihre Tante hatte eine ſo intereſſante Geſchichte zum Vorleſen ge⸗ wählt, worin ein junger Seemann die Hauptrolle ſpielte, daß die Stunden zu fliegen ſchienen; und dann ſprachen ſie lange von der armen Alice Seaton und ihrem Bruder, ob es Mr. Hamilton möglich ſein würde, den jungen Seaton in eine Stelle zu bringen, die ihm beſſer zuſagte und die ſei⸗ ner Geſundheit angemeſſener wäre. Ellen ſagte, es würde ſie freuen, Alice zu ſehen und ſie kennen zu lernen, denn ihre Prüfung müſſe eine ſehr ſchwere ſein, und ihre Tante verſprach ihr, ſie ſolle ſie in den Sommerferien kennen lernen, denn 289 Alice würde dann eine Woche bei ihnen zubringen. Es ſchien, als wenn die Unmöglichkeit, Edward gute Nacht zu wünſchen und ihn zu küſſen, den Schmerz theilweiſe zurück⸗ brächte; aber ſie fand, daß es ihren Schmerz linderte, wenn ſie an die arme Alice dachte, und wie unglücklich ſie ſein müſſe, wenn ſie ihre Tante eben ſo ſehr liebte, wie ſie Mrs. Hamilton, und dennoch ſich von ihr, wie von ihrem Bruder trennen und in einer Schule lehren müſſe; und es war ihr, als wenn ſie von ihrem Schmerze geheilt werden würde, wenn ſie Alice helfen könnte. Und wiewohl ſie natürlich eine Zeit lang jeden Tag Edward mehr und mehr zu vermiſſen ſchien, ſo be⸗ reiteten ſie doch die Liebe ihrer Tante und die eigenen An⸗ ſtrengungen vor, ihren Onkel und ihre Couſins zurückkehren zu ſehen und Alles von ihnen erzählen zu hören, ohne daß ihr Schmerz ſich ſteigerte. Zwanzigſtes Kapitel. Fortſchritt und Rückblick. Unſere Leſer müſſen ſich denken, daß zwei Jahre und vier Monate ſeit unſerm letzten Beſuche bei den Bewohnern von Dakwood verfloſſen ſind. Es war die erſte Woche im März, als Edward Fortescue, dem nur noch zehn Tage bis zur Vollendung ſeines vierzehnten Jahres fehlten, ein Haus ver⸗ ließ, das glücklicher war, als eines, das er noch kennen ge⸗ lernt, um als Seemann in die Welt einzntreten, und der ſiebente Juni zwei Jahre ſpäter iſt der Tag, an welchem Ellen Fortescue ihr fünfzehntes Jahr vollendet, wo wir un⸗ ſere Erzählung wieder anfangen. Indeſſen müſſen wir auf die Zwiſchenzeit, ſo gern wir auch weiter erzählen möchten, einen kurzen Rückblick werfen, um die häuslichen Angelegen⸗ heiten von Dakwood zu verſtehen, die ſich durch das Aelter⸗ 19 290 werden der jüngeren Mitglieder einigermaßen verändert hat⸗ ten. Die größte und ſchmerzlichſte Veränderung war die Abreiſe Percy's und Herbert's nach dem Colleg im Oetober, nachdem Edward ein Jahr fort war. Das Haus ſchien ohne ſie wirklich verödet. Percy's ausgelaſſene Späße und ſeine unerſchöpfliche Munterkeit und Herbert's ruhige beſchei⸗ dene Güte ſchienen, ſo ſehr ſie auch immer von ihrem häus⸗ lichen Kreiſe geſchätzt worden waren, erſt vollſtändig empfun⸗ den zu werden, als die jungen Leute das Haus verlaſſen hatten, das wirklich in Schweigen gehüllt zu ſein ſchien, ſo daß es von Seiten aller Zurückbleibenden die größte Anſtren⸗ gung erforderte, um es nur einigermaßen zu beleben. Liebende Mütter werden leicht begreifen, wie ängſtlich Mrs. Hamilton das Herz bebte, als ſie ſich von ihren Kin⸗ dern trennte, um ſie in die Welt eintreten zu laſſen, denn das mußte ſo friſchen unverdorbenen Gemüthern, wie ſie immer noch waren, Opford ſein. Für Herbert hatte ſie allerdings weder Furcht noch Zweifel; kein Hohn, keine Verſuchung, kein ſchlechtes Beiſpiel konnte ihn berühren, indem jedes Jahr die erhabenen Gefühle zu ſtärken ſchien, die in ſeiner früheſten Kindheit„weniger von der Erde als vom Himmel“ an ſich gehabt hatten. Seine Frömmigkeit war ſo aufrichtig, ſein Glaube ſo warm, ſeine Liebe concentrirte ſich ſo ſehr auf ſeine Familie, ſein Fleiß war ſo unäbläſſig, ſein einziges Ziel, ein an Geiſt und Herz würdiger Diener ſeines Gottes zu wer⸗ den, ſchwebte ihm ſo beſtändig vor Augen, daß er vor der Welt geſchützt war. Percy hatte keine von dieſen Empfin⸗ dungen in derſelben Ausdehnung, mit Ausnahme ſeiner war⸗ men Liebe für das Vaterhaus und ſeine Angehörigen, vor Allen ſeine Mutter. Er verſprach zwar, daß die Grundſätze, die ihm ſo ſorglich eingeflößt worden waren, Wurzel gefaßt hätten, und daß ſie ſein Benehmen in der Welt regeln wür⸗ den; aber Mrs. Hamilton war zu beſcheiden, zu ſehr über⸗ zeugt, daß alle menſchlichen Beſtrebungen unvollkommen ſind, wenn nicht Gottes Gnade Leben und Gedeihen giebt, um ſich in Sicherheit einzulullen, wie Viele gethän haben wür⸗ den, daß, weil ſie ſo thätig geweſen, ſie auch Erfolg haben 291 müßte. Sie hatte allerdings gute, ſehr gute Hoffnung. Wie hätte es auch anders ſein können, wenn ſie ſeine tiefe, wiewohl ſtumme Ehrfurcht vor allem Heiligen, ſeine hohe und immer zunehmende Achtung und Liebe zu ſeinem Vater, ſeine innige Liebe zu ihr ſelbſt, ſeine Zuneigung zu Herbert ſah, in die ſich ſo wunderbar und doch ſo ſchön eine gewiſſe Ehrfurcht für ſeinen hohen Geiſt miſchte, und zu der ſich eine liebevolle Protektormiene des Aelteren für den Jüngeren, des Stärkeren für den Schwächeren geſellte. Es lag in alle dem viel, die Sorge zu verbannen, aber nicht aus einem Herzen, wie das der Mrs. Hamilton, die oft um den Reich⸗ thum ihres Segens zitterte und mit einer ſo demüthigen, ſo inbrünſtigen Frömmigkeit ſich vor ihrem Gott niederwarf, wie es bei Vielen nur die Frucht der Trübſal iſt. Caroline hatte ſich in ſo weit gebeſſert, daß die Sorge ihretwegen ſich weſentlich gemindert hatte, wiewohl es ihr immer noch an genügender Beſcheidenheit fehlte und wie⸗ wohl ſie allzu geneigt war, ſich auf ihre eigenen Kräfte zu ver⸗ laſſen. Auch fehlte es ihr nicht an Einbildung und Gefall⸗ ſucht, was Alles Mrs. Hamilton fürchten ließ, daß ſie darunter zu leiden haben würde, ehe ſie dieſe Fehler völlig beſiegt hätte. Je näher die Zeit kam, wo Caroline in die Welt eingeführt werden ſollte, deſto ſchmerzlicher beſorgt wurde ſie und um ſo lieber würde ſie ihr Kind in der Einſamkeit von Hakwood behalten haben, wo nur ihre beſſeren Eigenſchaften in's Spiel kommen konnten. Aber ſie wußte, daß das nicht anging, und ſie konnte nur hoffen, daß ihre Sorgen ſich Carolinen gegenüber ebenſo grundlos zeigen würden, wie jeder Brief aus Orford zeigte, daß es mit Perey der Fall war. Emmeline war mit 15 Jahren gerade noch daſſelbe harm⸗ loſe, glückliche, unſchuldige Kind, das ſie mit zwölf geweſen war. Ihre Empfindungen waren allerdings noch inniger, ihre Phantafie noch lebhafter, ihre Frömmigkeit noch wärmer. Für ſie hatte Alles einen poetiſchen Anſtrich, mochte es An⸗ dern noch ſo gewöhnlich vorkommen. Aber Mrs. Hamilton hatte ſie vorſorglich gelehrt, daß die Wahrheit allein Poeſie und Schönheit, daß das Ideale nur liebenswürdig ſei, wenn 19* 292 es die Wirklichkeit zur Baſis habe, ſo daß ſie weder roman⸗ tiſch noch träumeriſch wurde. So lebhaft ihre Gefühle ſelbſt bei einem Werke der Dichtung waren, ſo veranlaßten ſie die⸗ ſelben niemals blos zu Thränen, ſondern zu Thaten der Men⸗ ſchenfreundlichkeit. Meilenweit auf ihres Vaters großen Beſitzungen war ſie als Schutzgeiſt bekannt und geliebt. Sie ſchien wirklich für Andere zu leben, indem ſie ihr Glück darin fand, Andere glücklich zu machen. Und bei alledem war ſie ſo heiter, beſonders in ihrem eigenen Hauſe und in Greville Manor, daß alle Sorge gebannt ſchien, wenn ſie in der Nähe war. In Gegenwart von Fremden war ſie allerdings ſo ſchüchtern, wie ein junges Reh, wiewohl ſelbſt dann ihre na⸗ türliche Herzensgüte ſie zu ſolcher Freundlichkeit in ihren Worten und in ihrem Benehmen veranlaßte, daß man ſie immer wieder zu ſehen wünſchte. Edward hatte in zwei und ein Viertel Jahren, die er fort⸗ geweſen war, nur ein einziges Mal der Familie Sorge ge⸗ macht. Zwei oder drei Monate, nachdem er unter Segel gegangen war, ſchrieb er von einem gewiſſen Gilbert Har⸗ ding, einem der älteren Kadetten ſeines Schiffs, von dem er Freundlichkeit über Freundlichkeit empfangen hatte, und der, da er ſechs oder ſieben Jahre älter ſei als er, wie er ſcher⸗ zend an ſeine Tante und an ſeinen Onkel ſchrieb, der aller⸗ beſte Freund ſein müſſe, den er habe wählen können, da er. viel zu alt ſei, um ihn zu loſen Streichen zu verführen. Wa⸗ rum Harding ſolchen Gefallen an ihm gefunden, konnte Ed— ward nicht ſagen, aber er ſei ſo außerordentlich gut, unter⸗ weiſe ihn ſo freundlich in ſeiner Pflicht, und wiſſe ſo vor⸗ trefflich alle Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten auszu⸗ gleichen, die ihm, wie er geſtand, zuerſt unerträglich geſchie— nen hätten, daß er ihm nicht dankbar genug ſein könne. Er fügte hinzu, daß, wiewohl er nicht gerade ein allgemeiner Liebling ſeiner Tiſchgenoſſen ſei, er von Sir Eduard Manly und den andern höheren Offiziere ſehr hoch geſchätzt werde und daß der Erſtere ihn wegen ſeiner Freundlichkeit dem jüngſten Cadetten an Bord, was Edward war, empfohlen habe. Es war ſehr leicht zu bemerken, daß der leicht em⸗ pfängliche Fortescue von dieſem neuen Freunde nicht blos an⸗ gezogen, ſondern wirklich gefeſſelt worden war. Die ganze funge Geſellſchaft in Oakwood freute ſich darüber. Mrs. Hamilton würde es ebenfalls gethan haben, hätte ſie nicht im Geſicht ihres Gatten einen ſorglichen Ausdruck bemerkt, der ſie beunruhigte. Er ſagte indeß nichts, bis er mit Mr. Howard geſprochen hatte. Dann theilte er ſeiner Gattin allein mit, da er in den harmloſen Herzen ſeiner Kinder kei⸗ nen Verdacht erregen wollte, daß dieſer Gilbert Harding, wiewohl damals noch ſehr jung, einer der Haupträdelsfüh⸗ rer bei dem Vorfalle geweſen ſei, der Mr. Howard veranlaßt hatte, ſeine Schüler zu entlaſſen, wie wir in einem früheren Capitel erzählten, und daß gerade ſeine Jugend, denn er ſei kaum älter als elf oder zwölf Jahre geweſen, und ſeine Frech⸗ heit ſeine verderbte Natur ſo ſehr characteriſirt, daß Mr. Howard für ihn weniger, als für irgend einen Anderen ge⸗ hofft habe. Dieſe Anſicht habe ſich durch ſein ſpäteres Be⸗ nehmen zu Hauſe beſtätigt, ſeine Familie aber habe den Vorfall mit Erfolg vertuſcht, und durch zahlreiche Verwen⸗ dung habe er die Erlaubniß erhalten, auf der Flotte einzu⸗ treten, wo ſein Muth und ſein ganzes Benehmen ihm ſo großen Beifall gewannen, daß man keine weitere Furcht in Betreff ſeiner hegte. Mr. Howard allein blieb bei ſeiner Anſicht, daß er von Natur böſe ſei, und er bezweifelte, daß das Innere dem ſcheinbar guten Aeußeren entſpräche. Er war über die Maßen bekümmert, als er hörte, daß er nicht nur mit Edward auf demſelben Schiffe, ſondern auch bereits ſein liebſter Geſellſchafter und ſein beſter Freund ſei. Sein Kummer erſtreckte ſich natürlich auf Mr. und Mrs. Hamil⸗ ton in ſolchem Grade, daß ſie im erſten Augenblicke am lieb⸗ ſten verſucht hätten, Edward auf ein anderes Schiff zu bringen, aber dies würde Sir Edward Manly, der einer von Mr. Hamilton's liebſten Freunden war, in hohem Grade Wunder genommen haben. Er hatte es immer hinausge⸗ ſchoben, Edward als Cadett eintreten zu laſſen, bis Sir Edward ihn auf ſein Schiff nehmen konnte, und nun war es wirklich unmöglich, ihn irgendwo anders anzubringen; und 294 wiewohl er Harding's Einfluſſe entzogen würde, wie konnten ſeine ſorglichen Beſchützer wiſſen, mit wem er noch zuſam⸗ mengeworfen werden könnte? Sie mußten ſich damit begnü⸗ gen, an Edward zu ſchreiben, und ſo ſchmerzlich es war, auf eine ſo junge Freundſchaft einen Zweifel zu werfen, ſo baten ſie ihn doch, Harding nicht ſo unbedingt zu vertrauen, ſein Character ſei nicht immer makellos geweſen, er, Edward, ſei noch ſo jung und empfänglich, daß er faſt unbewußt ſchlechte Grundſätze einſaugen könne, an deren Folgen er zu leiden haben würde, wo es zu ſpät wäre, ſich ihnen zu entziehen. Sie ſchrieben ſo liebevoll und ſo nachſichtig, wie ſie es konn⸗ ten, Mr. Howard ſowohl, wie ſeine Tante und ſein Onkel, aber immerhin fühlten ſie, daß es grauſam erſcheinen müſſe, einem jungen warmen Herzen zu ſagen, daß es die erſte Freundſchaft, die es geſchloſſen, abbrechen ſolle, beſonders da dieſer Freund von ſeinem Capitän geſchätzt und von der gan⸗ zen Mannſchaft hochgeachtet wurde, und es wunderte ſie nicht, daß Edward's Antwort etwas kalt war, wiewohl er verſprach, ſich zu hüten, und wiewohl er ihnen verſicherte, daß er die Lehren von Oakwood nicht vergeſſen habe und daß er ſich von Niemand verleiten laſſen werde. Er ſprach nie wie⸗ der von Harding, außer daß er bisweilen ſeine Geſellſchaft erwähnte oder von einer That erzählte, die ihm Beifall er⸗ worben hatte, und ſie hofften wirklich, daß ihre Briefe we⸗ nigſtens die Wirkung gehabt hätten, ihn vorſichtig zu machen. Sir Edward Manly's Antwort auf Mr. Hamilton's beſorg⸗ ten Brief an ihn beſchwichtigte vollends ihre Befürchtungen. Er verſicherte ſie, daß er in Harding's Betragen, ſeitdem er auf dem Schiffe ſei, nichts geſehen habe, was ihn zu einem unpaſſenden Geſellſchafter für ſeine Kameraden machte. Er habe allerdings von einigen Knabenſtreichen gehört, aber es ſei doch hart, wenn er für dieſelben als Mann büßen ſolle, und er verſicherte ſeinen Freunden, daß er den jungen For⸗ tescue ſtreng überwachen wolle und bei dem erſten Anſcheine einer Veränderung bei einem Character, den er, ſo jung er noch ſei, lieben müſſe, ſolle eine Unterſuchung eingeleitet und die Freundſchaft abgeſchnitten werden, indem er Harding auf 299 und geheimnißvoller Weiſe. Ellen konnte oder wollte keine Rechenſchaft davon geben, und das ſetzte ſie natürlich nicht nur ernſtlichem Mißvergnügen von Seiten ihrer Tante aus, ſon⸗ dern erhöhte auch Mrs. Hamilton's Sorge und Miß Har⸗ court's unad Caronens ſtilles Vorurtheil. Seit Edwards Abreiſe war Ellen niemals bei einer Unwahrheit ertappt oder verdächtig geworden, aber ihr Schweigen, ihr ſcheinbar ent⸗ ſchloſſenes Nichtwiſſen oder ihr entſchiedener Wille, die Ur⸗ ſache des unbegreiflichen Verſchwindens ihres Taſchengeldes nicht zu geſtehen, nöthigte Mrs. Hamilton natürlich, an die böſe Neigung ihrer Kindheit zurückzudenken und zu fürchten, daß die Wahrheitsliebe ſie wieder verlaſſen habe. Ihr Miß⸗ fallen dauerte natürlich um ſo länger in Folge des Mangels an Offenheit von Seiten Ellens, und der Trotz(in Wahrheit war es faſt Verzweifelung), den ihre beſorgte, doch immer noch liebende Tante in ihrer Miene zu erkennen glaubte, wenn ſie mit ihr ſprach, führte eine peinliche Entfremdung zwiſchen ihnen herbei, die ineſſen bei Mrs. Hamilton immer ihrer gewöhnlichen liebevollen Art Platz machte, wenn Ellen wirklich zu bereuen ſchien, und wenn ſie über ihre Monats⸗ ausgaben Rechenſchaft ablegen konnte. Sechs oder acht Monate vor dem Tage, wo wir unſere Erzählung wieder aufnehmen, hatte indeß Ellen keinen Grund zur Klage gegeben, mit Ausnahme jener unnatürlichen Zu⸗ rückhaltung und ihrer häufigen Niedergeſchlagenheit, wie wenn ſie Etwas fürchte, ohne zu wiſſen was? Mys. Hamil⸗ ton ſuchte ſich, da ihr ſonſtiges Benehmen zufriedenſtellend war, damit zu tröſten, daß der Grund ein geſundheitlicher ſei. Nie wurde eine Anſpielung auf die Vergangenheit ge⸗ macht, ihr Benehmen gegen ihre Nichte war daſſelbe wie ge⸗ wöhnlich, aber ſie konnte zu keiner Sicherheit über ihren Character kommen, und was am peinlichſten war, es gab Zei⸗ ten, wo ſie ſelbſt an Ellens Liebe zu ihr zweifeln mußte, wozu ſie niemals die geringſte Urſuche gehabt, als ſie noch ein kleines unverſtändiges Kind war. Sehr geringe Veränderungen waren in der Familie Gre⸗ ville und Graham eingetreten. Die Prüfungen der Mrs. 300 Greville dauerten in ungemilderter, wenn nicht in erhöhter Bitterkeit fort. Das Beiſpiel, die Geſellſchaft ſeines Va⸗ ters ſchien allen guten Samen vergiftet zu haben, den ſie ihrem Sohne einzupflanzen geſucht hatte. Mit ſechszehn Jahren war er bereits ein vollendeter Weltmann im übelſten Sinne. Er hatte ſeine Genoſſen, ſeine Lieblingsorte. Sel⸗ ten beſuchte er ſeine Familie aus einem Grunde, der, hätte ſeine arme Mutter ihn wiſſen können, ihr einige Hoffnung ge⸗ geben haben würde. Er konnte weder mit ihr, noch mit ſei—⸗ ner Schweſter zuſammenſein, ohne vor ſich ſelbſt eine Art Widerwillen zu empfinden und ſich zu ſehnen, daß er ihnen daſſelbe ſein möchte, was Percy und Herbert Hamilton zu Dakwvod waren, und da er nicht genug ſittlichen Muth hatte, ſich von der Erziehung ſeines Vaters und den rauſchenden Vergnügungen loszureißen, in die ihn dieſe Erziehung einge⸗ führt hatte, empfand er immer größere Scheu vor dem einzi⸗ gen Orte, wo beſſere Gefühle in ihm erwachten, aber nur um ihm Schmerz zu bereiten. Um dieſe unbewußte Reue zu be⸗ täuben, war er ungeſchliffen und gefühllos in ſeinem Weſen, ſo daß ſelbſt ſeine Beſuche, wiewohl ſich ſeine Mutter unaus⸗ ſprechlich darnach ſehnte, ihr nur neuen Kummer brachten. Mrs. Greville ſchien ſo ſehr daran gewöhnt, zu leiden, daß ſie Alles ertrug, ohne daß ihre Geſundheit ſichtlich da⸗ runter litt, und ſie kämpfte gegen die entkräftenden Folgen mehr vielleicht als ſie ſelbſt wußte, um eines Schatzes willen, der ihr noch vergönnt war, ihre engelhafte Mary, die wie ſie wußte, ohne ihre Liebe einer ſo ſchweren Prüfung hätte un⸗ terliegen müſſen. Aber ſelbſt dieſe Liebe vergrößerte ihre Sorge aus mehr als einem Grunde. Es war bis jetzt in ihrer Lebensweiſe noch keine Aenderung eingetreten, aber Mrs. Greville wußte, daß dies in Folge der Ausſchweifungen ihres Gatten und ihres Sohnes bald der Fall ſein würde. Sie ſah Armuth und alle furchtbaren Uebel vor ſich ſtehen, und wie konnte Mary's zarter Körper und ihr edler Geiſt die⸗ ſelben ertragen? Immer und immer drängte ſich ihr die Frage auf: liebte Herbert Hamilton wirklich ihr Kind, wie jedes neue Jahr zu beſtätigen ſchien, und wenn er ſie liebte, S 301 würden ſeine Eltern in ſeine Verbindung mit dem Kinde eines ſolchen Vaters, mit der Schweſter eines ſolchen Bru⸗ ders einwilligen? In Herberts Briefen an ſeine Mutter befanden ſich immer lange Mittheilungen an Mary, die Mrs. Hamilton nicht nur ſelbſt überbrachte, ſondern ſie legte bis⸗ weilen den Brief in Mary's Hände und ſagte endlich lachend: ſie dächte wirklich, es wäre viel beſſer, wenn ſie an einander ſchrieben, da ſie dann wenigſtens Ausſicht hätte, einen Brief für ſich ſelbſt zu bekommen und nicht blos um die Verbin⸗ dung zwiſchen ihnen zu vermitteln; und wiewohl Mary leicht erröthete, was ſie allerdings oft that, ohne eine Urſache zu haben, ſchien ſie dies ganz natürlich zu finden, ſo daß ſie blos ſagte, wenn Herbert Zeit hätte, ihr zu ſchreiben, würde ſie es ſehr gern ſehen, und ſie würde ihm gewiß antworten. „Meine liebe Emmeline, was wollen Sie damit?“ ſagte Mrs. Greville ängſtlich in dem Augenblick, wo ſie allein waren. „Den beiden jungen Leuten, die ich ſehr liebe, ein Ver⸗ gnügen machen“, erwiderte Mrs. Hamilton lachend.„Machen Sie kein ſo erſchrockenes Geſicht, meine liebe Jeſſie, ſie lieben einander jetzt als Knabe und Mädchen, und wenn die Liebe zu der des Mannes reifen ſollte, nun ſo iſt Alles, was ich ſagen kann: ich würde Ihre Mary für meinen Herbert lieber haben, als eine Andere, die ich kenne.“ „Sie iſt nicht nur meine Mary,“ antwortete die arme Mutter mit ſolch einem Beben des Auges und der Lippe, daß Mrs. Hamilton ſogleich in ihrer Freude geſtört war. „Sie iſt Ihre Mary in Allem, was einen Character, wie meinen Herbert, glücklich machen kann!“ erwiderte ſie mit einem Druck der Hand, der mehr ſagte, als ihre Worte.„Ich gehöre nicht zu Denen, welche Ehen zu machen lieben, denn die beſten Pläne der Menſchen werden oft durch die kleinſte, aber unvorhergeſehene Zufälligkeit, die eine viel größere Weisheit bekundet, als unſere Weisheit iſt, über den Haufen geworfen, ſo daß ich es faſt für ſündlich halten würde, es zu thun. Aber laſſen Sie ſich niemals durch den Gedanken betrüben, liebſte Jeſſte, was mein Gatte und was ich ſelbſt 302 antworten würde, wenn unſer Herbert wirklich jemals wün⸗ ſchen ſollte, Ihre Mary zu ſeiner Gattin zu wählen, und wenn auch ſie es wünſchen ſollte, was allerdings eine ſehr wichtige Zugabe ſein würde. Das Beſte, was wir thun können, iſt, ſie in Betreff der Correſpondenz ihrer Neigung folgen zu laſſen. Wir können, davon bin ich überzeugt, Beiden Vertrauen ſchenken; denn was kann ein beſſerer Be⸗ weis für das volle Vertrauen meines Sohnes zu meiner Theil⸗ nahme an ſeinen Gefühlen gegen ſie ſein, als daß er mich zu ſeiner Vermittlerin machte, wie er es gethan hat, und was er ohne Zweifel auch ferner thun wird, ſelbſt wenn er ſchreiben ſollte. Ich hege nicht den mindeſten Zweifel, daß er ſeine Briefe an ſie unverſiegelt beilegen wird, und ich glaube ſo⸗ gar, daß mir Mary ihre Briefe in derſelben rückhaltsloſen Weiſe zuſenden wird. Und ſie hatte Recht. Auch glauben wir, daß die Rein⸗ heit und Unſchuld dieſer Briefe, die für beide Theile ſo in⸗ niges Intereſſe hatten, keiner anderen Schreibweiſe Platz machte, als ſie entdeckten, daß Mrs. Hamilton ihren Inhalt nicht kannte, außer in ſo weit ſie ihr denſelben ſelbſt vorge⸗ leſen oder mitgetheilt hatten. Aber ſelbſt dieſe Zuſicherung von Seiten einer ſo gelieb⸗ ten und vertrauenswürdigen Freundin, wie Mrs. Hamilton war, konnte Mrs. Greville's bange Befürchtungen nicht ganz beſeitigen. Mr. Greville floh die Familie Hamilton immer und erklärte, daß er ſie haßte; aber da er daſſelbe Gefühl auch gegen ſie und die arme Mary zu hegen ſchien, ſo ſuch⸗ ten ſie ſich mit dem Gedanken zu tröſten, daß er ſich niemals über ſeine Tochter den Kopf zerbrechen oder froh ſein werde, ſie los zu werden, beſonders wenn ſie eine gute Partie machte. Dennoch hegte ſie Angſt vor der Zukunft, und nur ihr feſter, unveränderlicher Glaube an die gütige Vorſehung beruhigte ſie, indem ſie trotz ihrer ſchweren Trübſale den Glauben feſtzuhalten ſuchte, daß ſie Alles zum Beſten kehren werde, und es war dieſer Glaube allein, der ſie aufrecht er⸗ hielt und ihr geſtattete, das Herz ihres Kindes faſt ſo glück⸗ lich zu machen, als wenn ihr Pfad ganz glatt geweſen wäre. 303 In der Familie Graham war dadurch eine Veränderung eingetreten, daß Mr. Cecil einige Zeit ehe ſein Vater gewollt hatte, nach Eton geſendet wurde, aber es waren ihm ſo viele Fälle von Lady Helen's Nachläſſigkeit und verderblicher Nach⸗ ſicht zu Ohren gekommen, daß er ſah, der Knabe müſſe unter allen Bedingungen ihrem Einfluſſe entzogen werden. Cecil war ſehr erfreut, aber ſeine Mutter war ſo entrüſtet, daß ſie ihre gewöhnliche Furcht vor ihrem Gatten ſoweit überwand, daß ſie demſelben hoch und theuer verſicherte, daß ſie nicht ſo weit von ihrem Sohne entfernt leben wolle, und wenn er auf die Schule müſſe, müſſe ſie Moorlands verlaſſen. Graham er⸗ klärte mit gleicher Beſtimmtheit, daß er einen Wohnſitz nicht aufgeben werde, der ihm ſo lange an's Herz gewachſen ſei, und daß er den Umgang mit ſeinen liebſten Freunden nicht ſo ganz abbrechen werde. Ein ſehr ſtürmiſches Zwiege⸗ ſpräch folgte und endete damit, daß beide Theile nur um ſo feſter entſchloſſen waren, bei ihrer Meinung zu bleiben. Die Vermittelung von Mr. und Mrs. Hamilton brachte indeß Graham zu einem Zugeſtändniß, und er verſprach, daß, wenn Lady Helen von Mitte Juli bis Ende October ſich in Moor⸗ lands aufhalten wollte, ſie den November und December in der Nähe von Eton zubringen ſollte, und ſie würde dann noch ſechs Monate für London und ſeine Vergnügungen haben. Dieſes Zugeſtändniß ließ Lady Helen wieder wie ſonſt lächeln und erfreute Annie, wiewohl es eine Quelle auf⸗ richtigen Bedauerns für Carolinen war, die ſich durch die Gleichgültigkeit ihrer Freundin über dieſe lange Trennung von ihr ein Wenig ſchmerzlich berührt fühlte, aber ſie trotz⸗ dem noch liebte, und da Annie häufig ſchrieb und wenn ſie in Moorlands war, ihrer Geſellſchaft niemals überdrüſſig wurde,(denn die acht Monate der Abweſenheit gaben ihr ſo viel Intereſſantes mitzutheilen) war Caroline nicht nur be⸗ friedigt, ſondern ſie empfand nicht einmal den gänzlichen Mangel an Theilnahme, den Annie gegen ihre Beſtrebungen, ihre Vergnügungen zeigte. Mrs. Hamilton wünſchte oft, daß Caroline eine würdigere Freundin gewählt hätte, aber ſie hoffte, daß die Zeit und die Erfahrung ſie über Annie's 304 wahren Character aufklären würden, und ſo empfand ſie in Bezug darauf keine Sorge. Nur ein Glied der Familie Graham ſollte, wie Mr. und Mrs. Hamilton hofften, ihrem Freunde Freude und Troſt bringen, und das war ſeine kleine Lilla. Sie war fünf Jahre jünger als Annie, und da ſie weit weniger ſchön war, ſchien ſie faſt vergeſſen zu werden, und ſo wurde ihr die gefährliche Probe der Schmeichelei und falſcher Nachſicht erſpart, der Annie ausgeſetzt geweſen war, und da ſie heftiger und weniger angenehm als Cecil war, ſo wurde ſie nicht ſo häufig von ihrer Mutter verzogen. Sie fürchteten, das arme Kind würde durch ihre eigene Gemüths⸗ art, Annie's Anmaßung und Lady Helen's ſtrafbare Sorg⸗ loſigkeit viel zu leiden haben, aber Mrs. Hamilton hoffte, wenn ſie einen Theil des Jahres in London lebten, wie es ſehr bald zu erwarten ſtand, würde es ihr gelingen, Graham's Aufmerkſamkeit auf ſein jüngſtes Kind zu lenken und ihn zu vermögen, ſeine Strenge gegen ſie zu mildern, und indem ſie beſtändig ſich ſelbſt ihrer annehme, ihr ſolche Gefühle einzu⸗ prägen, daß ſie ſich zu ihrem Vater hingezogen fühlen und ſo das Glück Beider ſich vergrößern würde. Bei jedem Be⸗ ſuche der Familie Graham in Moorlands wollte ſie Lilla recht beobachten und Alles thun, was ſie könnte, um einen Mann, der in der That ſo ſchätzenswerth war, wie der Freund ihres Mannes, wenigſtens in einem Kinde glücklich zu machen. Es war Mr. und Mrs. Hamilton's Abſicht, im Januar, nachdem Caroline ſiebzehn Jahr geworden, nach London zu reiſen, ihr durch tüchtige Lehrer die letzte Feile zu geben und ſie theilweiſe in die Welt einzuführen, indem ſie die beſte Ge⸗ ſellſchaft im Hauſe haben ſollte, ehe ſie an allen ihren aufre⸗ genden Freuden Theil nehme; dann wollten ſie im Juli oder Auguſt nach Oakwood zurückkehren und im folgenden Fe⸗ bruar oder März für die Saiſon die Hauptſtadt wieder be⸗ ſuchen, wo ſie dann achtzehn ein halb Jahr alt ſein würde und gänzlich in die große Welt eingeführt werden ſollte. Caroline ſah deshalb dieſer Zeit mit dem lebhafteſten Ver⸗ langen entgegen, ſie war ganz zufrieden damit, daß ſie bei ihrem erſten Beſuche ſo viel, wenn nicht noch mehr lernen 305 ſollte, als zuvor, und ſie war dankbar, daß ihre Mutter ſie ſoweit in die Geſellſchaft eintreten laſſen wollte, um allen Diners oder Abendgeſellſchaften im eigenen Hauſe beiwohnen und einige ihrer vertrauteſten Freundinnen beſuchen zu dür⸗ fen, wenn ihre Koterien ſehr klein wären, und ſich auf gute Freunde beſchränkten, und ganz beſonders freute ſie ſich darauf, bisweilen in die Oper und die beſten Concerte zu gehen und die Kunſtgallerien zu beſuchen. Der armen Emmeline machten dieſe Ausſichten durchaus kein Vergnügen. Sie haßte ſelbſt den Gedanken, Oakwood zu verlaſſen, da ſie feſt überzeugt war, daß nicht der größte geiſtige, noch der ſchönſte geſellige Genuß in London die rei⸗ nen Freuden von Devonſhire und ihrem Vaterhaus erreichen könnte. Ellen ſchien zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, um das eine oder das andere Gefühl zu zeigen, zum großen Verdruß ihrer Tante, da ihre beſtändige Ruhe und die ſcheinbar entſchiedene Unterdrückung aller ihrer Em⸗ pfindungen ihren Charaeter noch ſchwerer enträthſeln ließen. Eine ſchwere Enttäuſchung bereitete ſich aber für Caro⸗ line vor, da die Erfüllung ihrer ſchönſten Hoffnung hinaus⸗ geſchoben werden mußte. Um die Urſache dieſes Aufſchubes zu verſtehen, müſſen wir auf ein Ereigniß in der Familie Hamilton zurückblicken, welches einige Jahre vor der Geburt ihres gegenwärtigen Hauptes ſtattgefunden hatte. Zu An⸗ fang der Regierung Georgs III. war Arthur Hamilton, der Großvater unſeres Freundes deſſelben Namens von der Re⸗ gierung nach Dänemark geſchickt worden. Durch ſeinen ſchätzbaren Character gewann er ſich die Achtung des regie⸗ renden Königs Chriſtian VII. in ſo hohem Grade, daß bei ſeiner Abreiſe der Regent den Wunſch ausſprach, daß er bald wiederkehren möge. Auf ſeiner Rückkehr litt er in der Nähe der Faröer Schiffbruch, und nur durch die kräftigen Anſtreng⸗ ungen der Inſelbewohner wurde er vom Tode gerettet, und dieſe bewirtheten ihn und die Mannſchaft mit der größten Gaſtfreundſchaft, bis ihr Schiff wieder ſeetüchtig war. Wäh⸗ rend ſeines unfreiwilligen Aufenthaltes intereſſirte ſich Mr. Hamilton ſehr für die Faröſer, ein Volk, das mitten in einer 20 306 Wüſte auf einer Menge von kleinen Felſeninſeln wohnte und durch einige Hundert Meilen ſtürmiſcher See von ſeinen Mit⸗ menſchen getrennt war. Er unſchiffte die Inſeln und fand, daß faſt alle ihre Bewohner dieſelben Eigenthümlichkeiten be⸗ ſaßen, wie die von Sambö, der Inſel, in deren Nähe er Schiffbruch gelitten hatte. Sie waren gaſtfreundlich, gut⸗ müthig, ehrlich, mäßig, zu natürlicher Frömmigkeit geneigt, aber ſo völlig gleichgültig gegen die verſchiedenen Entbeh⸗ rungen, die ihr Lvos mit ſich brachte, daß ſie keine Anſtren⸗ gungen machten, dieſelben zu überwinden. Es war ſo ge⸗ fährlich und ſchwierig, ſei es zu Land oder zur See, zu reiſen, daß der Geiſtliche nur zweimal im Jahre oder aller ein, zwei oder drei Monate Gottesdienſt halten konnte. Die Inſeln, wo der Geiſtliche wohnte, waren, wie Mr. Hamilton bemerkte, auf einer viel höheren Stufe der Civiliſation und der Sitt⸗ lichkeit, als Sambö und einige andere, und es bemächtigte ſich ſeiner ein lebhaftes Verlangen, denen, die ihn aus der Gefahr gerettet und ihn ſo gaſtfreundlich behandelten, einen weſentlichen Dienſt zu leiſten. Er lernte ſehr raſch ihre Sprache, was ihm noch größeren Einfluß verſchaffte; er fand auch, daß wenn ihre älteren Sitten und Ueberlieferungen ungeſtört gelaſſen wurden, ſie ſehr leicht zu lenken waren, und dieſe Entdeckung beſtärkte ihn in ſeinem Vorſatze. Seine Abreiſe wurde allgemein bedauert und ſein Verſprechen, daß er zurückkehren wolle, konnte man gar nicht glauben. Sobald ſeine politiſchen Pflichten in England es geſtat⸗ teten, beſuchte Mr. Hamilton Dänemark wieder und wurde mit ſolcher Herzlichkeit empfangen, daß er ſich zu der Bitte ermuthigt fühlte, für die Verbeſſerung des Looſes der armen Unterthanen Seiner Majeſtät auf Sambö Sorge tragen zu dürfen. Sie wurde ihm ſofort bewilligt, und die kleine Inſel wurde ihm ſoweit überlaſſen, daß es ihm freigeſtellt war, einzuführen und zu errichten, was er wollte, und Mr. Hamilton, voll Eifer für die Ausführung ſeiner Pline, kehrte ſchleunigſt nach England zurück, erlangte die ſchätzbare Bei⸗ hülfe eines armen, aber würdigen Geiſtlichen, der mit ſeiner Gattin ſich freiwillig erbot, Sambö zu ſeiner Heimath zu 307 3. machen und ſeinem Wohlthäter, denn das war Mr. Hamil⸗ ton lange geweſen, nach beſten Kräften beizuſtehen. Ein ſtarkes Schiff war leicht beſchafft, und eine günſtige Fahrt brachte ſie bald nach Farö. Das Vergnügen der Samböſen, als ſie ihren früheren Gaſt wiederſahen, nahm Mr. und Mrs. Wilſon zu ihren Gunſten ein, und ehe Mr. Hamilton ſich ſechs Monate bei ihnen aufgehalten hatte, ſah er die Inſel auf dem beſten Wege religiöſen und ſittlichen Fortſchritts. Es wurden Schulen errichtet und Lehrer angeſtellt, die Häu⸗ ſer wurden bequemer gemacht, für die Frauen und Kinder wurde beſſer geſorgt und Beſchäftigungen wurden ausfindig gemacht und gut bezahlt, um ſie zu anhaltender Arbeit zu ermuthigen. Drei oder vier Mal beſuchte Mr. Hamilton vor ſeinem Tode die Inſel wieder, und jedesmal hatte er mehr Grund, mit dem Erfolge ſeiner Pläne zufrieden zu ſein. Mr. und Mrs. Wilſon waren ganz glücklich. Ihr Sohn verheirathete ſich mit der hübſchen und trefflichen Tochter eines der däniſchen Geiſtlichen, und ein junger Nachwuchs ſpielte um ſie herum, ſo daß alle Hoffnung vorhanden zu ſein ſchien, daß die Pfarrſtelle von Sambö länger bei der⸗ ſelben Familie bleiben würde. Auf ſeinem Sterbebett verlangte Mr. Hamilton von ſei⸗ . nem Sohne das Verſprechen, daß er die Inſel nicht in ihre alten Gewohnheiten zurückfallen laſſen, ſondern daß er die⸗ ſelbe, wenn es erforderlich ſei, ſelbſt beſuchen wolle. Der Beſuch war nicht nöthig, aber Percy Hamilton, der Vater des gegenwärtigen Beſitzers von Hakwood, machte nach dem Ableben des älteren Wilſon aus Achtung vor dem Angeden⸗ ken ſeines Vaters eine Reiſe nach Sambö. Er fand Alles blühend und glücklich. Frederik Wilſon war mit ſo viel Freude, als ihr Schmerz um ſeinen Vater geſtattete, zu ihrem Paſtor und Oberhaupte beſtellt worden, und Mr. Hamil⸗ ton kehrte nach England zurück, zufrieden mit ſich ſelbſt und unausſprechlich gerührt von der Verehrung, die auf die⸗ ſer ferner Inſel immer noch für ſeinen Vater herrſchte. Daſ⸗ ſelbe Verſprechen verlangte er von ſeinem Sohne, und Ar⸗ thur Hamilton hatte Farb unmittelbar nach dem Verluſte 20* 308 ſeines Vaters und noch vor ſeiner Verlobung mit Miß Man⸗ ters beſucht. Er fand die Inſel in demſelben befriedigenden Zuſtande, wie ſeine Vorfahren, und die Briefe, die er regel⸗ mäßig empfing, beſtätigten es. Aber in den letzten andert⸗ halb Jahren hatte er keine Nachricht erhalten. Frederik Wilſon, das wußte er, war todt, aber ſeine letzte Mitthei⸗ lung hatte dahin gelautet, daß ſein älteſter Sohn, der in Dänemark erzogen worden war, von dem einfachen Volke mit Freuden angenommen worden ſei, und daß es allen Anſchein habe, daß er eben ſo ſehr geliebt werden und ebenſoviel Gutes thun würde, wie ſein Vater und ſein Großvater. Das Schweigen war daher unbegreiflich, und Mr. Hamilton hatte ſich entſchloſſen, wenn er noch ein zweites Jahr ohne Nach⸗ richt bliebe, ſeine Pflicht zu erfüllen und die Inſel ſelbſt zu beſuchen. Einundzwanzigſtes Rapitel. Ein Brief und ſeine Folgen. Es war der ſiebente Juni und einer der herrlichen Mor⸗ gen, wo die Natur lieblicher als ſonſt erſcheint. Die Fenſter des Frühſtückszimmers ſtanden weit offen, und niemals ſahen die ſtolzen Bäume des Parkes von Oakwood reicher aus oder zeigten ein mannichfaltigeres Grün. Der Blumengarten, der zum Theil unter dem Frühſtückszimmer lag, blendete wirklich durch ſeine Menge von herrlichen Blumen, auf welche die Sonne triumphirend niederblickte; ein glatter Raſenplan, deſſen Grün den ſchönſten Smaragd bildete, ſtreckte ſich von dem Parterre nieder, bis er ſich in den Lichtungen des Wal⸗ des verlor, welche den ſich ſchlängelnden Fluß ſehen ließen, der wie ein See auf der einen Seite lag und die herrliche Landſchaft auf der anderen Seite beſpülte, um eine Meile weiter noch einen zweiten See zu bilden. Es war Emmeli⸗ 309 nens Lieblingsausſicht, und ſie behauptete immer, daß die Landſchaft ihren lieblichen Anblick ſo oft wechſele, daß die⸗ ſelbe nicht zwei Morgen hinter einander dieſelbe ſei; und ſie ſtand oft ſo lange in Bewunderung aufgelöſt, daß ihre Mut⸗ ter ihr drohte, ſie in ihrem eigenen Zimmer frühſtücken zu laſſen, wo die Ausſicht, wiewohl ebenfalls maleriſch, nicht ſo vollſtändig ihre Aufmerkſamkeit von der Wirklichkeit des Le⸗ bens ablenken würde. Es lagen dieſen Morgen einige Briefe auf dem Tiſch, daher hatte ſie länger Zeit, in Poeſie zu ſchwelgen, als gewöhnlich. „Wer kann Ellen ein koſtbareres Geburtstagsgeſchenk bieten, als das meine?“ rief Mrs. Hamilton aus, indem ſie ſcherzend einen Brief in die Höhe hielt, als ihre Nichte ein⸗ trat.„Ich möchte wiſſen, ob Edward ſich erinnerte, wie nahe ſeine Schweſter dem fünfzehnten Jahre ſtand, und auf gut Glück hin ſchrieb, ob ſie den Brief an dem Tage ſelbſt erhalten würde.“ „Ei, Ellen, welche wunderliche Wirkung hat das Ver⸗ gnügen auf Dich! Ich ſehe immer, daß Du ganz bleich wirſt, ſo oft Du von Edward Briefe empfängſt,“ warf Em⸗ meline ein, indem ſie lachend ihre Couſine anblickte.„Mich macht ſchon die Eile roth, mit der ich Percy's und Herberts Briefe öffne, und Du machſt ein ſo ernſtes Geſicht, als wenn Du Dich gar nicht darum kümmerteſt. Ich wünſchte, Du wäreſt nicht ſo kalt und ſo ruhig.“ „Wir haben mit einem Sprudelkopfe genug im Hauſe“, entgegnete ihr Vater in demſelben heitern Tone, und indem er von ſeinem Briefe aufblickte, rief er Ellen zu ſich und küßte ſie.„Ich vergaß den Tag des Monats, mein liebes Kind, aber ich hoffe, ich komme nicht zu ſpät, um Gott zu bitten, daß er Dich ſegnen möge, und um zu wünſchen, daß Dir jedes Jahr glücklicher, nützlicher und gefaßter auf die Ewigkeit verfließen möge, als das letzte!“ „Ich glaube nicht, daß Du es vergeſſen haſt, mein lieber Onkel,“ erwiderte Ellen dankbar(ſie hatte den Brief ihres Bruders noch nicht geöffnet),„denn meine Tante ſagte, daß ich Dir eben ſo wohl für dieſes ſchöne Geburtstagsgeſchenk 310 zu danken habe“, und ſie zeigte eine elegante kleine goldene Uhr.„Ich weiß wirklich nicht, wie ich Dir für alle dieſe Güte danken ſoll,“ fügte ſie ſo innig hinzu, daß ihr Thrä⸗ nen in die Augen traten. „Ich will es Dir ſagen, wie ich es Deine Tante oft habe ſagen hören— indem Du Dich bemühſt, ein wenig lebhafter und weniger zurückhaltend zu ſein, meine liebe Ellen. Das würde beſſer als irgend etwas Anderes beweiſen, daß unſere Güte und Liebe Dich glücklich macht. Aber ich will Dir an Deinem Geburtstage keine Vorleſung halten, während Du einen Brief von Edward in der Hand haſt,“ fuhr er lächelnd fort.„Oeffne ihn, meine Liebe, ich möchte wiſſen, wann er geſchrieben iſt, ich glaube, mein Freund Manly muß ſpäter geſchrieben haben.“ „Nichts für mich darin, Ellen?“ fragte ihre Tante. „Was für ein fauler Burſch er geworden iſt!“ „Eine Einlage für Dich, Ellen! Ei, das iſt ſo ſeltſam — wie Deine Bläſſe“, ſagte Emmeline. „Laß nur die Bläſſe Deiner Couſine!“ erwiderte Mrs. Hamilton heiter.„Ich kann wirklich nicht ſehen, daß ſie weni⸗ ger Farbe hat, als gewöhnlich, und was die Einlage anlangt, ſo hat Edward oft etwas im letzten Augenblick hinzuzufügen und es fehlt ihm an Raum es nachzuſchreiben, und ſo iſt es nichts Beſonderes, daß er einen halben Bogen hinzugefügt.“ „Emmeline ſieht immer in allen Schatten Wunder,“ ſagte Caroline trocken. „Und Du ſiehſt nichts als die langweilige Wirklichkeit“, erwiderte ihre Schweſter lachend.„Nun, Ellen, erzähle uns etwas von Deinem faulen Bruder, der mir allemal zu ſchreiben verſprach und es niemals thut.“ Ellen las faſt den ganzen Brief laut vor, und er war ungewöhnlich unter⸗ haltend, denn das Schiff hatte den letzten Monat gekreuzt, und Edward beſchrieb die verſchiedenen Scenen und die neuen Orte, die er länger als gewöhnlich beſucht hatte. Er hoffte mit großer Freude auf einen Zuſammenſtoß mit wilden Piraten, deren Spur ſie verfolgten. 311 „Erzählt er von einem Zuſammenſtoß?“ fragte Mr. Ha⸗ milton. „Nein, Onkel. Er ſchließt ganz plötzlich damit, daß er ſagt, alle Hände wären auf Deck gepfiffen worden, und er müſſe fort. Die Adreſſe ſcheint nicht von ſeiner Hand ge⸗ ſchrieben zu ſein.“ „Die iſt es auch nicht. Sir Edward ſiegelte und adreſ⸗ ſirte den Brief und legte ihn in dem ſeinen an mich ein. Sie hatten alle Hände auf Deck gepfiffen, wie er es nennt, weil das Piratenſchiff in Sicht war und ein Zuſammenſtoß ſtatt⸗ fand.“ „Und Edward? O, Onkel, iſt er verwundet? Ich bin davon überzeugt, ich ſehe es Dir am Geſicht an!“ rief Ellen zitternd, und der ganze kleine Kreis ſah beunruhigt aus. „Dann täuſcht Dich mein Geſicht“, erwiderte Mr. Ha⸗ milton ganz heiter.„Er erhielt blos eine leichte Fleiſch⸗ wunde im rechten Arm, die ihn hinderte, ſeinen Brief zu vollenden, und ich glaube, er würde gern noch mehr verwun⸗ det worden ſein, um ſolches Lob zu ernten, wie Sir Edward ihm ertheilt. Höre, was er ſagt:„Nicht ein Mann an Bord zeichnete ſich mehr aus, als Ihr Neffe. In der That, ich bin nur erſtaunt, daß er ſo davonkam, denn dieſe Piraten ſind verteufelte Fechter, und als wir ſie enterten, war Mr. For⸗ tescue mitten unter ihnen und focht wie ein junger Löwe. Muth und Tapferkeit ſind ſo blendende Eigenſchaften an einem jungen Knaben, daß wir vielleicht mehr an ſie denken, als wir ſollten, aber ich kann nicht zu viel in Betreff Ihres Neffen ſagen. Ich habe nicht einen Kadetten, der ſeine Pflicht veſſer erfüllte. Ich freute mich, ihm meinen Beifall zu be⸗ zeigen, indem ich ihm einige Tage Urlaub gab, als wir in der Nähe von New⸗York waren; aber ich habe ihm ſeitdem geſagt, daß ihm die Landluft nicht gut bekäme, denn er ſieht ſeit der Zeit bläſſer und magerer aus. Er wächſt ſehr ſchnell, und wenn ich Gelegenheit habe, wieder einen Priſenſchoner nach Hauſe zu ſchicken, halte ich es nicht für unwahrſcheinlich, daß ich ihn zu einem der Offiziere ernenne, damit ihm die geſunden Lüfte von Altengland zu Gute kommen und er ſeine 312 volle Kraft zurückbringt.“ Nun, Ellen, ich denke das iſt ein beſſeres Geburtstagsgeſchenk, als ſelbſt Edwards Brief. Ich bin ſo ſtolz auf meinen Neffen, wie Sir Edward ſelbſt.“ „Und glaubſt Du wirklich, daß er kommen wird?“ fragte Ellen, indem ſie ihre Bewegung zu unterdrücken ſuchte. „Wir wollen es hoffen, meine Liebe!“ erwiderte ihre Tante freundlich,„aber denke nicht zuviel daran, für den Fall, daß Sir Edward das nicht thun kann, was er ſagt. Sein eigenes Schiff wird in einem oder zwei Jahren zurückkommen, und du geſtandeſt mir heute Morgen ſelbſt, die Zeit wäre Dir gar nicht ſo lang vorgekommen, ſeit unſer lieber Seemann uns verließ. Daher wird die übrige Zeit ebenfalls bald verfließen. Wenn Du gefrühſtückt haſt, meine Liebe, ſo gehe und genieße noch einmal ſeinen Brief für Dich ſelbſt.“ Und Ellen gehorchte mit Freuden, denn es war keine Einbildung, die ſo oft beim Empfange von Edward's Briefen ihre Wangen bleichte und ſie mit Schrecken erfüllte. Sie wußte Alles von ihm, was Niemand ſonſt außer Harding wußte, und ſelbſt wenn dieſe Briefe nichts mittheilten, als was ſie ihrer Familie vorleſen konnte, ſo war doch ihre Furcht groß genug, um die elaſtiſche Heiterkeit zu verbannen, die ihrem Alter ſo natürlich geweſen wäre und welche die Güte derer, die ſie liebten, zu fordern berechtigt war. Sein Brief enthielt indeß diesmal nicht ein Wort, welches das Bangen gerechtfertigt hätte, womit ſie denſelben empfing, und ſie las ihn immer wieder und wieder mit einer Dankbarkeit, die zu innig war, als daß ſie dieſelbe hätte in Worte kleiden können. „Du haſt dies verloren, liebe Ellen!“ ſagte die Stimme ihrer Coufine an der Thür, nachdem ſie zehn Minuten, das Frühſtückszimmer verlaſſen hatte.„Es lag unter dem Tiſche, und ich glaube nicht, daß Du es geleſen haſt. Es iſt die Einlage, die mir ſo viel Spaß machte.“ „Ich glaube, es iſt ein Brief, der bei einer anderen Ge⸗ legenheit geſchrieben wurde und den er fortzuſchicken vergeſſen hat. Es ſind blos ein Paar Worte,“ erwiderte Ellen, indem ſie nach ſeiner Länge und nicht nach ſeinem Inhalte blickte; denn ſie hatte nur zu früh die furchtbare Lehre gelernt, die 313 gleichgültigſte Ruhe zu bewahren, während das Herz ſpringen wollte. „Dann will ich Dich Dir ſelber überlaſſen. Beiläufig, liebe Couſine, der Papa trug mir auf, Dir zu ſagen, daß, da der Prinz William bald wieder kreuzen wird, Deine Ant⸗ wort für Edward ſpäteſtens heut über acht Tage fertig ſein muß, und Mama ſagt, wenn Du dieſelbe jetzt ſchreiben wollteſt, wo alle Liebesworte Edwards noch friſch in Deinem Gedächtniß ſind, ſo könnteſt Du es thun. Es iſt Dein Ge⸗ burtstag und Du kannſt ihn zubringen wie Du willſt. Wie werde ich mich freuen, wenn mein Löwe von Couſin kommt!“ und das glückliche Mädchen hüpfte fort und ſang ein Paar Bruchſtücke von einer alten Seemannsballade. Ellen machte die Thür zu, verſchloß dieſelbe, und mit Lippen und Wangen, die ſo farblos wie ihr Kleid waren, las ſie folgende Worte, ſo wenig es waren:„Ellen, ich bin wieder in den Krallen dieſes Schurken und zwar wegen einer ſo geringen Summe, daß es mich wahnſinnig macht, daran zu denken, daß ich ſie nicht bezahlen kann, ohne mich an Dich wenden zu müſſen. Ich hatte den Entſchluß gefaßt, nie wieder zu ſpielen, und wiederum hat mich ein Teufel in dieſe Hölle gelockt. Wenn ich ihn nicht beim Empfange meiner nächſten Briefe von Hauſe bezahle, ſo wird er mich blosſtellen, und was bleibt dann übrig? Schande, Ausſtoßung, Tod, denn ich überlebe es nicht! Einem Seemann ſtehen leicht Wege des Selbſt⸗ mordes offen, und wer ſoll erfahren, daß er nicht zufällig ertrunken iſt? Du verſprachſt mir, einen Theil Deines Monatsgeldes zu ſparen für den Fall, daß ich es nöthig hätte. Wenn Du mich retten willſt, ſo ſende mir 35 Pfund. Ellen, auf irgend eine Weiſe muß ich es haben. Aber ver⸗ rathe es meinem Onkel oder der Tante nicht, denn wenn ſie es erfährt, ſo weiß auch er es,— ſo ſiehſt Du mich nie wieder.“— Eine ganze Stunde regte ſich Ellen nicht. Ihr Hirn glühte, aber ihre Glieder waren kraftlos. Jedes Wort ſchien ſich in feurigen Buchſtaben in ihr Herz und Hirn ein⸗ zugraben, bis ſie vor Schmerz faſt hätte ſchreien mögen. Und dann überkam ſie die ſchwere Laſt, die ſie ſchon oft gefühlt 314 hatte, die aber niemals jeden Gedanken und jede Kraftäuße⸗ rung ſo ſehr niedergedrückt hatte, daß es ihr ganz unmöglich ſchien, die furchtbare Forderung zu erfüllen. Er nannte es eine ſo kleine Summe und ſie wußte, daß ſie hundert, ja tauſend Pfund nicht ſchwerer erhalten konnte. Sie hatte allerdings geſpart und ſich jede Kleinigkeit, jeden verſönlichen Genuß verſagt, und ſie hatte nur ausgegeben, was ſie mußte, und dennoch mußte ſie ihre Tante glauben laſſen, daß ſie eigentlich Alles ausgegeben, damit ſie nur die Mittel hätte, ihm Geld zu ſchicken, wenn er es verlangte, ohne ſich dem Zweifel auszuſetzen wie früher. Aber in den acht Monaten ſeit ſeiner letzten Forderung hatte ſie nur fünfzehn Pfund, nicht die Hälfte der Summe, die er brauchte, erübrigen können; wie ſollte ſie zu dem Reſte kommen? Sie hatte ſich in der ſüßen Hoffnung gewiegt, daß, wenn er ſelbſt wieder um Hülfe ſchriebe, ſie es ihm ſehr leicht würde ſenden können, und nun? Es ſchwindelte ihr förmlich bei der Qual dieſer verzweifelten Worte. Sie war zu jung, zu gläubig, zu er⸗ ſchrocken, um noch einen Augenblick an der Alternative zu zweifeln, die er ihr mit einer Lebhaftigkeit, einer Entmuthi⸗ gung vormalte, deren er ſich ſelbſt nicht bewußt war. Dieſe Worte würden, wenn er ſie geſprochen hätte, furchtbar, faſt entſetzlich bei einem ſo jungen Menſchen geweſen ſein, wie⸗ wohl eine kurze Zeit hingereicht haben würde, um die Hörerin wie den Sprecher zu beruhigen und ſie zu überzeugen, daß es blos Worte wären und daß man von Selbſtmord niemals ſpricht, wenn man wirklich die Abſicht hat. Aber da ſie ge⸗ ſchrieben waren, da der Schreiber ſich in ſolcher Entfernung befand, da die Phantaſie volle Freiheit hatte, ſich den Schrecken der Wirklichkeit noch zu vergrößern, da die Leſerin ein junges liebendes Mädchen war, das völlig unbekannt war mit den Verſuchungen und den vielen Irrthümern, denen die Jugend ausgeſetzt iſt, denen aber der Mann unver⸗ ſehrt entrinnen kann, und da ſie glaubte und von dem Glauben faſt zermalmt wurde, daß ihr Bruder, der einzige, der geach⸗ tete, der geliebte, wie er es allgemein ſein ſollte, dennoch ſolche Fehler begangen hatte, die ihn von ſeiner gegenwärtigen 315 Stellung in die tiefſten Tiefen der Schande hinabſtürzen mußten— denn was ſonſt konnte ihn zu dem Schwure ver⸗ anlaſſen, daß er es nicht überleben würde— war es da ein Wunder, daß die arme Ellen ſich nur bewußt war, daß ſie ihn retten müſſe? Wiederum ſtand ihre ſterbende Mutter vor ihr, wiederum bat ihre wohlbekannte Stimme ſie, ihn, ihren Liebling, den ſchönen Edward, vor Schmach und Strafe zu retten; wiederum wiederholte ſie ihr, daß ſie ihr Wort ver⸗ pfändet habe und daß ſie es thun müſſe, und wenn ſie dafür leide, hätte ſie das nicht ſchon ſeit ihrer Kindheit gethan? Und was ſei ihr Glück gegen das ſeine? Sie konnte ſich allerdings nicht erklären, warum ihr Glück von geringerer Bedeutung ſein ſollte. Es waren einzig die unheilvollen Einflüſſe ihrer Jugend, die auf ſie einwirkten. Ellen wußte nicht, wie ihr dieſer Tag verging, ſie war zu lange daran gewöhnt, ſich zu beherrſchen, um ihr inneres Leiden zu ver⸗ rathen, und die Angſt um Edward ſchien ihr neue Kraft zu geben. Nur eine tödtliche Bläſſe deckte ihre Wangen, die ſelbſt ihre Tante zuletzt bemerkte. Es war Abend und die ganze Familie hatte ſich zerſtreut, als Mrs. Hamilton Ellen in einer der tiefen Fenſterniſchen ſitzen ſah, ihre Arbeit im Schoß, ihre Hände gefaltet und die Augen auf die ſchöne Landſchaft des Parkes gerichtet, aber ohne das Mindeſte zu ſehen. „Meine liebe Ellen, ich bin im Begriff, Dich zu ſchelten, alſo bereite Dich vor!“ redete ſie ihre Tante an, indem ſie ſich ihr näherte und zu ihr ſtellte.„Du brauchſt nicht ſo aufzufahren und ſo erſchrocken auszuſehen, ſondern geſtehe nur, daß Du an Edward denkſt und Dich quälſt, daß er nicht ſo kräftig iſt, wie er war, und daß er ſeine Wunde größer macht, wie ſie iſt, bis Du Dir etwas Schreckliches vorſtellſt, während er, die Wahrheit zu ſagen, ganz ſtolz darauf iſt. Geſtehe es nur, und ich will Dir wegen Deiner maßloſen Betrübniß nur eine ſehr kleine Vorleſung halten.“ Ellen blickte ihr in's Geſicht. Dieſe gütige Stimme, dieſes liebevolle Lächeln, dieſe ſchmeichelnde, immer ver⸗ gebende Liebe, würde ſie dieſe alle verwirken, würde an 316 ihre Stelle wieder Kälte, Mißtrauen, Unwillen treten? Wie ſie handeln ſollte, das wußte ſie nicht. Sie wußte nur, daß ſie der Verheimlichung bedurfte, ein Gedanke, der ihr ſo entſetzlich war, daß ſie in einen Thränenſtrom ausbrach. „O, Ellen, mein liebes Kind, Du kannſt nicht wohl ſein, daß Du Dich durch die Berichte Deines Bruders oder die Drohung meiner Strafrede ſo ſchmerzlich berühren läßt, und ſogar an Deinem Geburtstage. Alle alten Frauen würden ſagen, das ſei ein ſo ſchlechtes Zeichen, daß Du das ganze Jahr kein Glück haben würdeſt. Beruhige Dich! Ich muß Dir eine ernſtliche Vorleſung halten, wenn Du nicht dieſe ungewöhnliche Schwäche zu überwinden ſuchſt. Wir haben in Sir Edward's Bericht über unſern lieben Seemann viel mehr, wofür wir dankbar ſein müſſen, als daß wir darüber weinen dürften. Er hätte ebenſogut ernſtlich ver⸗ wundet oder verſtümmelt werden können, und was würdeſt Du dann empfunden haben? Ich bin neugierig, ob er eine ſo große Vexänderung an Dir finden wird, als wir an ihm finden werden. Wenn Du nicht ganz ſtark und ganz wohl und ganz glücklich biſt, wenn er nach Haus kommt, ſo werde ich meine Mühe für verloren halten und Dich demgemäß ſtrafen. Immer noch kein Lächeln? Was haſt Du denn, liebes Kind? Biſt Du wirklich wieder nicht wohl?“ Ellen machte eine verzweifelte Anſtrengung, ihre Thränen zu unterdrücken, und verſuchte heiter zu ſprechen. Es war ihr eine wahre Qual, Edward's Namen zu hören, aber ſie faßte den Muth, zu bekennen, daß ſie an ihn denke und daß es ſehr thöricht ſei, ſich um eine ſo leichte Wunde zu ängſtigen. Und als Mrs. Hamilton ihr den Vorſchlag machte, ſie wollten mit einander hinüber nach Greville Manor gehen und Mrs. Greville und Mary die guten Nachrichten mit⸗ theilen, willigte ſie ſcheinbar mit Freuden ein. „Ja, thue das, Mama; Du haſt mich zwar nicht einge⸗ laden, aber ich werde trotzdem mitgehen!“ rief Emmeline aus, indem ſie mit leichtem Fuße durch das offene Fenſter ſprang. 317 „Ei, Emmeline, ich dachte, Du wäreſt mit Deiner Schweſter nach dem Dorfe gegangen?“ „Nein! Sie und Miß Harcourt ſprachen viel zu nüch⸗ ternes Zeug miteinander, als daß es mir heut Abend gepaßt hätte. Ich ging daher zum Papa, um ihn ein Wenig zu necken, aber ich konnte thun, was ich wollte, er war viel zu beſchäftigt mit ein Paar widerwärtigen Pächtern, als daß er mich beachtet hätte, und ſo kam ich nun voller Verzweiflung hierher. Aber Ellen, Du ſiehſt ja aus, als wenn heut alles Andere, nur nicht Dein Geburtstag wäre! Es wäre denn, daß Du weinteſt, weil Du ſchon ſo alt biſt, was ich aller⸗ dings auch oft thun möchte. Bedenke nur, ich bin nächſten December ſechszehn Jahr! Wie ſchrecklich! Ich wünſchte, mein Geburtstag wäre im Juni.“ „Und welchen Unterſchied würde das machen?“ „Einen ſehr großen, Mama. Sieh nur, wie hübſch jetzt Alles iſt. Die Natur iſt ganz jung und hat ſich in ſo viele Farben gekleidet, und ſcheint noch ſo viel Schönes zu verſprechen, daß wir uns, mögen wir wollen oder nicht, ganz froh und jung fühlen müſſen. Aber im December mag es immerhin ſehr angenehm im Hauſe ſein, draußen iſt es ſo öde und abgeſtorben, daß, wenn man in einer ſolchen Jahres⸗ zeit geboren iſt, man ſich ſelbſt abgeſtorben fühlen muß.“ „Wann denkſt Du in Proſa zu ſprechen, Emmeline?“ „Niemals, wenn ich es vermeiden kann, Mama, aber ich glaube, ich muß es lernen, ehe ich nach London gehe. Das entſetzliche London! Das iſt ein Grund, warum es mir leid thut, daß die Jahre ſo raſch verrinnen; ich weiß, ich werde mein ganzes Glück hier laſſen.“ „Du wirſt undankbarer ſein, als Du mir ſcheinſt, wenn Du das thuſt,“ erwiederte ihre Mutter.„Daher verbanne ſolche thörichte Einbildungen ſo raſch als Du kannſt, denn wenn Du ſie noch ferner hegſt, werde ich glauben, daß es nur Dakwood iſt, was Du liebſt, und daß weder Dein Vater noch ich, noch irgend ein Glied unſerer Familie einen Theil an Deiner Liebe hat, denn wir werden überall da ſein, wo Du biſt.“ 318 „Liebe Mama, ich ſprach unbeſonnen; vergieb mir!“ erwiederte Emmeline ſofort.„Ich bin freilich der Spru⸗ delkopf, wie mich Papa nennt, aber Du kannſt Dir nicht denken, wie ich dies theure alte Haus liebe.“ „Ich glaube allerdings, ich kann es mir denken, mein liebes Kind, da ich es ſelbſt ſo ſehr liebe. Aber komm, wir haben keine Zeit zu unſerm Beſuche, wenn wir nicht ſogleich gehen.“— Tage vergingen, und jedem folgte eine ſo ſchlafloſe fieber⸗ hafte Nacht, daß es Ellen faſt für ein Wunder hielt, daß ſie ſo ausſehen, ſo handeln konnte, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen. Das Bild ihrer ſterbenden Mutter verließ ſie weder bei Tage noch bei Nacht, und darein miſchte ſich die ſchreckliche Scene von ihres Vaters Tode und Edward's Schande, ſeine Ausſtoßung, und wie er den Tod mit eigener Hand ſuchte. Nur ein einziger Plan ſchien ihr einiger⸗ maßen ausführbar, nämlich ihm die Uhr zu ſchicken, die ſie an ihrem Geburtstag zum Geſchenk erhalten, oder ſie ſelbſt zu verkaufen, und wenn das nicht genug wäre, noch einige andere Schmuckſachen, die ihrer Mutter gehört hatten und die ihr ihre Tante in den letzten ſechs Monaten übergeben hatte. Sie fragte wie zufällig, ob keine Gelegenheit wäre, Edward ein Packet zu überſenden; aber die Antwort lautete verneinend und das vergrößerte die Schwierigkeit. Die einzige Perſon, der ſie, wie fie dachte, ihre große Geldnoth anvertrauen durfte, ohne ihr jedoch die Urſache derſelben mitzutheilen, war Wittwe Langford, die Mutter Roberts, des Bedienten, den wir ſchon mehr als einmal genannt haben, und die frühere Amme aller Hamilton'ſchen Kinder. Sie bewohnte eine Hütte am Park und war nicht nur bei der ganzen jungen Geſellſchaft, Ellen eingeſchloſſen, ſehr beliebt, denn ſie pflegte gewöhnlich die Letztere in ihren vielen Krank⸗ heiten, ſondern genoß auch bei Mr. und Mrs. Hamilton ſelbſt das größte Vertrauen. Sie hatten ihre Dienſte und ihre nie wankende Treue dadurch zu vergelten geſucht, daß ſie ihr einziges Kind, Robert, in die Familie aufnahmen, als er erſt ſieben Jahre alt war, und ſie übergaben ihn der 319 unmittelbaren Obhut des Hausmeiſters Morris. Er wohnte in demſelben Hauſe mit ſeiner Mutter und als er fünfzehn Jahr alt war, ernannten ſie ihn zum Diener Perey's und Herbert's, die damals etwa zehn und zwölf Jahr alt waren. Ein älterer und erfahrenerer Diener hatte indeß die jungen Leute nach dem Colleg begleitet, und Robert blieb im Dienſte ſeines Herrn zu Oakwood. Ellen hatte ſich entſchloſſen, Wittwe Langford in's Ver⸗ trauen zu ziehen, aber bei ihrem furchtbaren Gemüthszuſtande hatte ſie die Zeit nicht beachtet, oder hatte vergeſſen, daß ihr Brief binnen einer Woche fertig ſein mußte. Die ganze Ge⸗ ſellſchaft wollte einen Ausflug machen und in Greville Manor Thee trinken, ſo daß ſie erſt ganz ſpät nach Haus kommen würden; aber am Morgen ſchien Ellen, wiewohl ſie ſich zum Ausgehen angekleidet hatte, alle Zeichen eines ſo heftigen Kopfſchmerzes zu haben, daß ihre Tante ihr den Rath gab, ruhig zu Haus zu bleiben, und ſie willigte mit Freuden ein und lehnte jedes Anerbieten, ihr Geſellſchaft zu leiſten ab, indem ſie ſagte, wenn der Kopfſchmerz ſich verlöre, könnte ſie ſich ganz gut unterhalten, und wenn er fortdauerte, dann wären Ruhe und Ellis' Pflege das Beſte für ſie. „Aber gieb mir Deinen Brief, ehe wir ausgehen, Ellen, ich warte nur darauf, um den meinen an Sir Edward zu ſiegeln. Wie, meine Liebe, haſt Du vergeſſen, daß ich Dir geſagt, daß Du ihn bis heute fertig haben müßteſt?“ fügte ihr Onkel hinzu, verwundert über ihre Aeußerung, daß ſie ihn noch nicht beendigt habe.„Er muß heute vor vier Uhr nach T. geſchickt worden, daher hoffe ich, daß Dir Dein Kopfſchmerz erlauben wird, zu ſchreiben, denn Edward würde ſich ſchmerzlich getäuſcht fühlen, wenn keine Zeile von Dir dabei wäre, beſonders da in Folge ſeiner Kreuzfahrt mehrere Wochen vergehen können, ehe er wieder Etwas von Dir hören kann. Ich muß Dir meinen Brief hinterlaſſen, daß Du den Deinen an Edward beilegen kannſt, und dann ſiegle ihn zu und ſorge dafür, daß er zur rechten Zeit fortkommt.“ Ellen hätte gern verſprochen, daß ſie dafür ſorgen würde, aber die Zunge klebte ihr wirklich an den Gaumen an; doch 320 da die ganze Geſellſchaft ſich in dem Augenblicke zerſtreute, blieb ihr Schweigen unbemerkt. Mr. Hamilton gab ihr ſeinen Brief, und eine halbe Stunde darauf war ſie allein. Sie ſaß ziemlich eine Stunde in ihrem Zimmer, mit ihrem Schmuckkäſtchen vor ſich, das Geſicht in die Hände vergraben und am ganzen Leibe zitternd, als wenn ſie das Fieber hätte. „Es muß ſein“, ſagte ſie endlich, und indem ſie einen Schub aufſchloß, nahm ſie daraus ein kleines Kreuz und eine oder zwei andere Schmuckſachen, legte ſie zuſammen, und indem ſie ihre Uhr abnahm, ſah ſie dieſelbe mit einem ſo leidenden Ausdruck an, daß es ſchien, als wenn ſie nicht weiter gehen könnte, dann packte ſie dieſelbe mit den anderen Schmuck⸗ ſachen zuſammen und murmelte:„Wenn mir nur Amme Langford dieſe Sachen abnimmt und mir die zwanzig Pfund borgt, bis ſie dieſelben verkaufen kann, ſo gelingt es mir vielleicht noch, ihn zu retten, und, wenn ſie mich verräth, wenn ſie es nachher meiner Tante ſagt, ſo werde wenigſtens ich nur zu leiden haben, ſie werden keinen Verdacht gegen ihn ſchöpfen. Aber ach, Alles zu verlieren, beargwohnt und gehaßt zu werden, was endlich doch noch kommen muß,— o Mutter, Mutter! Warum kann ich es nicht meiner Tante ſagen, ſie würde ihn nicht in Schande gerathen laſſen.“ Und wiederum krümmte ſie ſich in ihrer furchtbaren Angſt bis zur Erde. Nach einigen Minuten hörte dieſelbe auf, und indem ſie ihren Hut aufſetzte und den Shawl umthat, nahm ſie ihre Schmuckſachen und machte ſich auf den Weg nach der Hütte der Wittwe; doch zitterten ihre Glieder ſo, daß ſie nicht wußte, wie ſie ſelbſt dieſen kurzen Weg zu Ende bringen ſollte. Der Wind war ungewöhnlich heftig, wiewohl der Tag ſonſt ſchön war, und ſie konnte ſich kaum auf den Füßen halten, beſonders da jeder Windſtoß den Schmerz in ihren Schläfen zu ſteigern ſchien. Aber ſie ſetzte ihren Weg fort. Der nächſte Weg führte durch ein dickes Gehölz, faſt einen Wald, den die Familie niemals benutzte und den in der That die jüngeren Kinder gar nicht gehen ſollten; aber Geheimniß⸗ und Eile war in dieſem Augenblick Alles, was Ellen wollte. 321 Sie fühlte ſich ſo erſchöpft durch den Wind, der die Zweige und Blätter ringsum durch einander trieb, daß, als ſie eine Art Grasplatz erreichte, ſie ſich eine Minute auf einen moos⸗ bedeckten Stein ſetzte. Der Wind blies einige verdorrte Zweige und Blätter auf ſie zu und darunter zwei oder drei zerknitterte Blätter dünnes Papier, welche durch die Feuch⸗ tigkeit fleckig geworden waren, und indem ſie eines derſelben mechaniſch aufhob, fuhr ſie mit einem wilden Schrei auf und griff faſt bewußtlos nach den andern. Sie preßte ihre Hände auf ihre Augen, und ihre Lippen beteten.„Gerettet, Edward und auch ich! Ein Schutzgeiſt muß ſie mir geſandt haben!“ So klang es deutlich in ihrem Herzen, wenn ſie auch die Worte nicht wirklich ſprach, und ſie lenkte ihre Schritte ſo raſch, ſo freudig zurück, daß ſie ſelbſt den Schmerz und die Er⸗ ſchöpfung nicht fühlte. Sie ſchrieb eine halbe Stunde emſig, eifrig, wiewohl ſie ſelbſt nicht wußte, was ſie ſchrieb und ſich deſſen niemals erinnern konnte. Sie nahm aus dem geheimen Fach ihres Schmuckkäſtchens(das geheime Fach, welches, als Perey ihr lachend das Geheimniß der Feder zeigte und ihr ſagte, daß Niemand als er ſelbſt es kenne, ſie niemals ſo zu brauchen dachte) einige Banknoten, jede von zwei, drei und fünf Pfund, die fünfzehn, die ſie ſo mühſam erſpart hatte, und legte ſie zu den zwei, die ſie gefunden hatte. Während ſie dies that, bemerkte ſie, daß zwei ſo dicht an einander ge⸗ klebt waren, daß die Summe fünf Pfund mehr betrug als ſie brauchte. Wie wenn ſie unter dem Einfluß eines Zau⸗ bers handelte, legte ſie ſorglos eine bei Seite, ſiegelte das Packet an Edward zu, ſchloß es in das ihres Onkels an Sir Edward Manly ein und ſchickte es volle vier Stunden vor der Stunde, die Mr. Hamilton bezeichnet hatte, ab. Es war fort und ſie ſetzte ſich nieder, um Athem zu ſchöpfen. Eine Art Impuls, den ſie noch nie empfunden hatte, drängte ſie, anſtatt Edwards verzweifelten Brief zu vernichten, wie ſie es mit ähnlichen Zuſchriften gemacht hatte, denſelben in einem Couvert in demſelben geheimen Fach aufzuheben. Als ſie ſich aus einer Art Betäubung aufzuraffen ſuchte, fiel ihr Auge auf die Fünfpfundnote, welche ſie nicht gebraucht hatte, 21 322 und ein Gefühl von ſo grenzenloſem Elend überkam ſie, daß für den Augenblick die Betäubung wich und ſie ſich in brün⸗ ſtigem Gebet vor Gott niederwarf.„Was habe ich gethan?“ wenn ihre faſt wahnſinnigen Gedanken hätten Worte finden können, ſo würden es dieſe geweſen ſein:„Wie konnte ich mir dieſes Geld aneignen, ohne auch nur zu fragen, ohne auch nur daran zu denken, wem es gehören könne? Iſt es mir geſchickt worden? Nein, nein! Wer hätte mir es ſchicken können? Großer Gott der Barmherzigkeit, o, wenn Dein Zorn den Schuldigen ſtrafen muß, ſo ſchütte ihn über mich aus, aber ſchone, ſchone meinen Bruder! Ich habe geſün⸗ digt, aber ich wollte es nicht, ich dachte es nicht, ich wußte nicht, was ich that, Du allein weißt, welcher Gedanke mich in jenem Augenblicke bewegte, welche Qual mich in dieſem Augenblicke durchbebt. Kein Leiden, keine Strafe kann zu groß für mich ſein, aber ach, ſchone ihn!“ Wie lange dieſer Seelenkampf dauerte, wußte Ellen nicht, noch ob ihre Thränen floſſen oder ob ihre Augen und ihr Herz ausgetrocknet waren. Die Banknote lag vor ihr, wie ein ſchreckliches Geſpenſt, von dem ſie ſich vergeblich abzuwenden ſuchte. Was konnte ſie damit machen? Sie an die Stelle zurückbringen, wo die anderen ihr zugeweht wor⸗ den waren? Sie wollte aufſtehen und es thun, aber zu ihrem Entſetzen fand ſie, daß ſie ſo kraftlos war, daß ſie wirklich nicht gehen konnte. Mit verzweifelter Ruhe legte ſie dieſelbe in das kleine geheime Fach, hob die übrigen Papiere auf, ſchloß ihr Schmuckkäſtchen zu und legte ſich auf ihr Bett, denn ſie konnte nicht länger ſitzen bleiben. Ellis kam zu ihr, um ſie nach ihrem Kopfſchmerz zu fragen und ob ſie eſſen könne. Ellen bat um eine Taſſe Kaffee und wünſchte dann allein gelaſſen zu werden, da das Schreiben den Schmerz nicht vermindert habe, und die Wirthſchafterin, die an ſolche gelegentliche Anfälle gewöhnt war, that, wie ſie gebeten wurde, und kam häufig im Laufe des Nachmittags und Abends herein, um nach ihr zu ſehen, immer ohne etwas Beſonderes zu bemerken, weshalb ſie Ellen auch nicht mit einem Worte der Verwunderung oder der Sorge quälte. — 323 Ein Gedanke nach dem anderen ging dem armen Mäd⸗ chen durch den Kopf, als ſie ſo da lag. Sie hatte einen ſolchen Seelenkampf, daß ſie den phyſiſchen Schmerz, der weit größer war als gewöhnlich, gar nicht fühlte, außer daß er ihr alle Glieder lähmte. Ihr erſter Impuls war, ihrer Tante Alles zu bekennen, was ſie gethan hatte, ſobald ſie dieſelbe zu ſehen bekäme, und ſie zu beſchwören, ſie zu irgend einer ſchweren Strafe zu verurtheilen, die ihren gegenwär⸗ tigen Seelenkampf übertäuben müſſe; aber dies war unmög⸗ lich, ohne Edward zu verrathen und ohne die Unterſtützung null und nichtig zu machen, die ſie ihm geſchickt hatte. Wie konnte ſie ihr Vergehen bekennen, ohne zugleich zu geſtehen, welchen Gebrauch ſie von dem Gelde gemacht habe? Wem gehörten die Banknoten? Sie waren von Feuchtigkeit durch⸗ drungen, als wenn ſie ſchon einige Zeit unter dieſen abge⸗ fallenen Blättern gelegen hätten, und doch hatte ſie nicht gehört, daß darnach gefragt worden wäre, da man doch gewiß, wenn man eine ſo große Summe verloren, darnach gefragt haben würde. Das Einzige, was, wie ſie dachte, ihr wenigſtens einige Hoffnung auf Rückkehr des Friedens geben ſollte, war immer noch, Mrs. Langford zu bitten, ihre Uhr und ihre Schmuckſachen zu verkaufen, um ſobald ſie etwas von dem Verluſt hörte, dem eigentlichen Beſitzer die volle Summe zurückzugeben und zwar wo möglich ſo geheim, daß ſie nicht verrathen würde. Sie dachte auch, wenn ſie Mrs. Langford ihre Schmuckſachen, eine nach der anderen, nicht Alles zugleich gebe, ſo würde es weniger Verdacht er⸗ regen und vielleicht dieſelbe leichter veranlaſſen, ihr hülfreiche Hand zu leiſten und das Geheimniß zu bewahren; und wenn ſie ſich entſchieden weigerte, ſobald Ellen ihr nicht den Grund ſagte, weshalb ſie den Verkauf wünſchte, und wenn ſie ihr nicht feierlich Stillſchweigen gelobte, ſo wollte ſie ihr ſoviel von ihrem großen Elend ſagen, daß ſie ſich vielleicht veran⸗ laßt fühlte, ihr zu helfen. Wenn ſie nicht nach dem Grunde fragte und ſie verriethe, ſo mußte ſie ſich auf den Argwohn und die Mißbilligung gefaßt machen, die ein ſolches Ver— fahren ihrerſeits unzweifelhaft herbeiführen würde. Aber 21* 324 nur zwei Dinge ſtanden ihr klar vor Augen; ſie mußte das Geld erſetzen und mußte Edward's Geheimniß bewahren. Sie würde ſchon an dieſem Tage zu Mrs. Langford gegangen ſein, aber ſie konnte ſich nicht rühren, und Ellis vermochte ſie um ſieben Uhr, ſich zu entkleiden und zu Bett zu gehen. „Noch nicht beſſer, meine Ellen? Ich hoffte, daß die heutige vollkommene Ruhe Deinen Kopfſchmerz verſcheucht haben würde, und bin ganz enttäuſcht,“ ſagte Mrs. Hamilton mit zärtlichem Tone, indem ſie leiſe in das Zimmer ihrer Nichte trat, als ſie Abends um elf Uhr von ihrer Partie zurückkehrte, und indem ſie die Lampe ſo ſetzte, daß das Bett im Schatten blieb, ſah ſie in Ellens Geſicht weiter nichts als den Ausdruck des Leidens, den ſie natürlich phyſiſchen Schmerzen zuſchrieb.„Wie heiß Deine Hände und Dein Geſicht ſind, liebes Kind; ich wünſchte, Du hätteſt Edward's Brief nicht bis heute gelaſſen. Ich fürchte wir werden morgen Mr. Maitland's Geſicht wiederſehen müſſen; wenn er nicht ein eben ſo guter Freund als ein geſchickter Arzt wäre, ſo würdeſt Du ſeiner ganz überdrüſſig ſein, Ellen! Soll ich bei Dir bleiben? Ich kann es nicht ertragen, Dich in Deinem Schmerz allein zu laſſen“ Aber Ellen wollte nichts davon hören. Der Schmerz ſei nicht größer, als ſie ihn ſchon oft gehabt habe, ſagte ſie, und ſie mache fich nichts daraus, allein zu ſein. Doch zeigte die ungewöhnliche, faſt leidenſchaftliche Wärme, womit ſie Mrs. Hamiltons Kuß er⸗ wiederte, daß es nicht Gleichgültigkeit gegen ihr liebevolles Anerbieten ſei, was ſie daſſelbe ablehnen ließ. Es war gut, daß Mrs. Hamilton, wiewohl ſie beſorgt genug war, um es thun zu wollen, ihre Nichte nicht noch einmal beſuchte, ſonſt würde ſie Zeugin des krampfhaften Seelenkampfes, des er⸗ ſtickenden Schluchzens geweſen ſein, in welches Ellen aus⸗ brach, nachdem ſie einige Minuten ſich entfernt hatte, und dies würde ſie noch mehr erſchreckt haben. 325 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Eine Aufforderung und ein Verluſt. Mr. Maitland erklärte, daß Ellen ein Nervenfieber habe, welches ſie drei Tage an das Bette feſſelte und ſie eine Zeit⸗ lang ſo ſchwach und nervös machte, daß das Mindeſte ſie zu erſchrecken ſchien. Da er aber ſagte, daß es keine Bedeutung habe und ſie bald wieder geweſen wurde, ſo folgte Mrs. Hamilton ſeinem Rathe, achtete nicht darauf und ſuchte nur die tägliche Beſchäftigung ihrer Nichte ſo mannigfaltig wie möglich zu machen, wiewohl ſie auf regelmäßige Stunden und auf ungeſtörte Ruhe hielt. Vielleicht würde ſie beſorgter gewe⸗ ſen ſein und etwas in Ellen's Weſen bemerkt haben, was nicht ganz gewöhnlich war, wenn ihre Gedanken nicht von etwas Schmerzlichem eingenommen geweſen wären. Etwa eine Woche nach ihrem Ausflug trat ſie früher als gewöhnlich in das Leſezimmer und fand ihren Gatten mit Depeſchen be⸗ ſchäftigt, die er ſo eben erhalten hatte. Sie ſah, daß er verſtörter ausſah als ſonſt, und zauderte einen Augenblick, ob ſie ihn anreden ſolle. Aber er war ſelten ſo ſehr in Ge⸗ danken, als daß er nicht die Gegenwart ſeiner Gemahlin bemerkt hätte.„Ich freue mich wirklich, daß Du in dieſem Augenblick hier biſt, Emmeline, denn ich war wirklich ſchwach genug, mich in Folge unangenehmer Nachrichten vor Deinem Anblick zu fürchten. Endlich ſind Briefe aus Farö ange⸗ langt, und meine Perſönlichkeit iſt ſo unbedingt nöthig, daß ich mir Vorwürfe mache, nicht ſchon dort geweſen zu ſein. Das lange Stillſchweigen hätte mich überzeugen ſollen, daß nicht alles in Ordnung wäre.“ „Aber was iſt vorgefallen, Arthur? Ich hatte keine Idee, daß Du es für nothwendig hielteſt, zu reiſen,“ erwiederte ſeine Gattin ſehr ruhig, indem ſie ſich neben ihn ſetzte. Aber die Nothwendigkeit der Trennung, der Gedanke an eine ge⸗ fährliche Reiſe, der Beſuch einer faſt wüſten Inſel und die Unmöglichkeit, regelmäßig Briefe zu erhalten, ſtürmten ſo auf einmal auf ſie ein, daß es ihr Anſtrengung koſtete, über⸗ haupt zu ſprechen. „Nein, meine Liebe; was hätte es genutzt, Dich mit unangenehmen Befürchtungen zu gnälen, während gar kein Grund vorhanden ſein konnte? Die letzten Berichte von Sambö kamen, wie Du weißt, vor faſt zwei Jahren und brachten mir die Nachricht, daß Frederik Wilſon todt war, daß aber ſein Sohn zu ſeinem Nachfolger im geiſtlichen Anmte wie als bürgerliche Obrigkeit der Inſel angenommen worden ſei und womöglich noch größere Volksthümlichkeit beſitze, als ſeine Vorgänger, da er in Dänemark ſeine Er⸗ ziehung erhalten habe. Seine Eltern lebten knapp, um ihm eine deſto größere Unterſtützung geben zu können, was, wie ſich nun zeigt, beſſer unterblieben wäre. Die Laſter, die er ſich angeeignet, überragen bei weitem ſeine Tugenden. Sein Beiſpiel und das einer Schaar von müßigen Geiſtern, die ſich zu ihm geſellt haben, gab nicht nur den ſchlichten Leuten Aergerniß, ſondern ſtörte auch ihren Hausfrieden, führte Streit und Elend herbei, und in einzelnen Fällen kam es bis zum Blutvergießen, ſo daß ich fürchte, daß ſie in geſellſchaft⸗ licher und häuslicher Beziehung tiefer geſunken ſind, als da mein Großvater zuerſt die Inſel beſuchte. Die Mutter dieſes unglücklichen jungen Mannes hatte ſich vielleicht natürlicher, aber ſchwacher Weiſe, gefürchtet, klagend gegen ihn aufzutre⸗ ten, aber ihr Bruder, der Geiſtliche von Oſterö, hatte es endlich übernommen, und er ſetzt mir klar auseinander, daß nichts als mein perſönliches Dazwiſchentreten und ein Auf⸗ enthalt von einigen Monaten unter ihnen eine Beſſerung bewirken werde und daß das Unglück um ſo mehr zu beklagen ſei, da die kleine Inſel länger als ein halbes Jahrhundert der Gegenſtand der Bewunderung nicht nur der nächſten Nachbarn, ſondern Aller geweſen ſei, die an ihren Küſten zufällig vor Anker gegangen wären. Er meint auch, daß der jüngere Sohn Wilſons, gegenwärtig ein Knabe von elf Jahren, wenn er richtig erzogen und nicht der Anſteckung 327 größerer Städte ausgeſetzt würde, ein ebenſo würdiger und verſtändiger Paſtor, wie ſein Vater und ſein Großvater werden und ſo das Amt in der Familie bleiben könnte, wie mein Großvater es wünſchte. Die Frage iſt nun, wie dieſer Knabe auf der Inſel erzogen werden ſoll und wo ich Jemanden finden kann, der das Pfarramt inzwiſchen über⸗ nimmt.“ „Und mußt Du ſelbſt dort Dich ſehr lange aufhalten?“ fragte Mrs. Hamilton immer noch in dem ruhigen Tone, aber ihre Lippe bebte. „Es hängt ganz davon ab, wen ich zum Begleiter habe, meine Liebe. Ich muß Mr. Howard und Morton anſtellen, daß ſie mir einen einfachen, offenherzigen Mann ausfindig machen, der die Sache in demſelben Geiſte anſieht, wie der ältere Wilſon, als eine Miſſion. Wenn ich ſo glücklich bin, daß mir dies gelingt, ſo hoffe ich, daß ein Jahr oder etwas weniger der längſte Termin unſrer Trennung iſt.“ „Ein Jahr, ein ganzes langes Jahr, liebſter Arthur? Muß es denn ſo ſehr, ſehr lange ſein?“ „Wer ſuchte vor vierzehn Tagen Ellen zu überreden, daß ein Jahr, ſelbſt zwei Jahre ſo ſehr raſch vorübergingen?“ erwiederte Mr. Hamilton, indem er zu lächeln ſuchte und ſeine Gattin zärtlich umſchlang und ſie auf die Wange küßte, welche von der Anſtrengung, ihre Gefühle zu unterdrücken, ganz bleich geworden war. „Es iſt allerdings eine unerwartete und ſchmerzliche Prüfung, und wie es gewöhnlich mit unſerem widerſpenſtigen Geiſte iſt, ſo ſcheint es mir, daß ich dieſelbe leichter zu jeder anderen Zeit, als gerade gegenwärtig ertragen haben würde. Wir hatten dieſes Jahr ſo gut eingetheilt, hatten uns ſo darauf gefreut, Carolinen den Gefallen zu thun und ſie in die ſo lange und ſehnſüchtig erwarteten Vergnügungen Lon⸗ dons im nächſten Januar einzuführen, daß ich es nicht er⸗ tragen kann, an ihre Enttäuſchung zu denken.“ „Und auch unſre Knaben. Sie ſagen, es ſei ihnen ſo ſeltſam zu Muth, ohne ihren Vater zu ſein, ſelbſt wenn ſie im Colleg find. Wie wird es ihnen vorkommen, wenn ſie 328 für die großen Ferien nach Hauſe zurückkehren, auf die wir uns alle ſo gefreut haben? Aber dies iſt bloße Schwäche, mein lieber Gatte, verzeih mir, ich mache Dir die Erfüllung Deiner Pflicht nur um ſo ſchwerer,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich von ſeiner Schulter aufrichtete und heiter lächelte, während ihr die Thränen in den Augen glänzten.„Ich muß mich an meine eigene Lehre zu halten und zu glauben ſuchen, die Zeit der Trennung werde wirklich raſch vorüber— gehen, ſo unendlich lang ſie auch gegenwärtig erſcheint. Wir ſind ſo glücklich geweſen, und ſeit zwanzig Jahren iſt uns ſelbſt der Schmerz einer kurzen Trennung ſo gnädig erſpart worden, daß ich es gar nicht wagen darf, zu murren, daß mich jetzt eine Prüfung trifft. Es iſt Gottes Wille, liebſter Arthur, wiewohl es nur Menſchenwort zu ſein ſcheint und ſeiner Fü⸗ gung können wir uns unterwerfen.“ „Gott ſegne Dich, meine Geliebte! Du haſt mir durch dieſe Worte einen neuen Geiſt eingehaucht,“ erwiederte ihr Gatte mit einer Zärtlichkeit, die um ſo inniger war als ſich hohe Verehrung darein miſchte,„und eine ſo bittere Täuſchung es für mich iſt, von Hauſe entfernt zu ſein, wenn unſere Söhne zurückkehren, ſo iſt es doch ſo vielleicht um ſo beſſer, weil ihre Geſellſchaft wenigſtens drei Monate meiner Abweſenheit Dir die Zeit vertreiben hilft.“ Mr. und Mrs. Hamilton blieben an dieſem Morgen einige Stunden in lebhaftem Geſpräch bei einander. Alle perſönliche Klage wurde um der Anderen willen unterdrückt, wenigſtens ihr Ausdruck, wenn auch nicht das Gefühl; aber ſie verſtanden einander Beide zu wohl, um Worte oder Klagen zu brauchen, um einander zu beweiſen, wie ſchmerz⸗ lich ſchon der Gedanke der Trennung war. Die Erfüllung eine Pflicht zu umgehen, welche Viele, die außer Stande, die Hoffnung Gutes zu thun zu nähren, ohne Zweifel Don Quipotiſch genannt haben würden— denn was konnten die armen Bewohner von Sambö für ihn ſein— kam Mr. und Mrs. Hamilton nie in den Sinn. Er gehörte nicht zu denen, welche ihre unmittelbaren Pflichten über den entfern⸗ teren vernachläſſigen, aber er glaubte, daß beide ſich ver⸗ 329 einigen ließen und handelte darnach. Sein eigener großer Grundbeſitz mit den verſchiedenen Pachthöfen, Gemeinden und Dörfern war in ſo bewunderungswürdiger Bewirth⸗ ſchaftung, daß er denſelben ohne das mindeſte Bedenken den Händen ſeiner Gattin und ſeines Verwalters überlaſſen konnte. Wiewohl er an den politiſchen Bewegungen ſeines Vaterlandes lebhaften und thätigen Antheil nahm, ſo war er doch, wie er ſich von Jugend auf feſt entſchloſſen hatte, ein freier und unabhängiger Engländer, der keiner Partei angehörte, aber von allen geachtet wurde, der ſeine Grund⸗ ſätze unerſchütterlich feſt hielt, wie ein Fels, wiewohl ſeine Rechtſchaffenheit oft durch Beſtechungen von Seiten des Hofes und blendende Anerbietungen in Verſuchung geführt worden war. Und dennoch betrachtete Arthur Hamilton das Benehmen und die Grundſätze Anderer, mochten ſie auch noch ſo ſehr von den ſeinen verſchieden ſein, mit Nachſicht und Güte, und fand immer Entſchuldigungen für ſie, wie kein Anderer. Daß er alle Bequemlichkeiten, Genüſſe und Freu⸗ den ſeines glücklichen Hauſes zum Opfer brachte, um mehrere Monate aufeiner öden, halbeivilifirten Inſel ſich aufzuhalten, nur in der Hoffnung, einer kleinen Colonie menſchlicher Weſen Sitte und Religion zurückzubringen, wiewohl ihr einziger Anſpruch an ihn darin beſtand, daß ſie unſterblich waren, wie er ſelbſt, und daß ſie ſeinem Großvater vor länger als einem halben Jahrhundert eine Freundlichkeit erzeigt hatten, das mußte allerdings das größte Erſtaunen in ſehr vielen Kreiſen erregen; aber nicht ein höhniſches Wort, das darauf hinausgelaufen wäre, man ſolle zu Hauſe das Gute thun, anſtatt es draußen zu ſuchen, konnte auch nur einen Augen⸗ blick mit Arthur Hamiltons Namen in Verbindung gebracht werden. Eine halbe Stunde nachdem Mrs. Hamilton ihren Gatten verlaſſen, blieb ſie allein, und als ſie zur Familie zurrückkam, war ſie, wiewohl ein wenig bleicher, als gewöhnlich, ſo heiter in der Unterhaltung und ſo ernſt in ihrem Weſen, wie ſonſt. An dieſem Abend benachrichtigte Mr. Hamilton ſeine Kinder und Miß Harcourt von ſeiner beabſichtigten 330 Abreiſe und der daraus folgenden nothwendigen Aenderung ſeiner Pläne. Emmeline machte ſich in leidenſchaftlichen Thränen Luft, Caroline ſah einen Augenblick ganz verwirrt aus, dann eilte ſie zu ihrem Vater, umſchlang ſeinen Hals und rief mit einer Stimme voll der liebevollſten Aufrichtig⸗ keit aus:„Lieber Papa, was werden wir ſo lange Zeit ohne Dich anfangen?“ „Mein liebes Kind, ich danke Dir für einen ſo liebe⸗ vollen Gedanken. Glaube mir, es hat mich nichts ſo ſehr bei dieſer unangenehmen Aufgabe geſchmerzt, als daß ich die Erfüllung Deiner Wünſche ſo weit hinausſchieben muß.“ „Meine Wünſche hinausſchieben! Was meinſt Du, Papa?“ „Haſt Du unſere Abſichten für nächſten Januar ganz vergeſſen, meine Liebe? Meine Abweſenheit muß ſie anders geſtalten.“ Einen Augenblick umwölkte ein Ausdruck bitterer Ent⸗ täuſchung Carolinens offenes Geſicht.„Wahrlich, Papa, das hatte ich vergeſſen. Ich dachte nur daran, daß Du auf ſo viele Monate weggehſt. Es iſt allerdings eine große Enttäuſchung für mich, und ich glaube, ich werde ſie noch ſchmerzlicher empfinden, wenn der Januar kommt. Aber die Trennung von Dir muß für Mama eine viel größere Enttäuſchung ſein, als eine ſolche für mich ſein kann, und ich will ſie ſo heiter und ohne Klagen zu ertragen ſuchen, wie ſie es thut.“ Ihr Vater zog ſie faſt unwillkürlich an ſein Herz und küßte ſie ohne zu ſprechen. Caroline war ſehr froh, daß er es nicht that, denn als ſie wieder aufblickte, hatte ſie die Thränen, die bei dem erſten Gedanken der Vereitelung ihrer Wünſche zu fließen im Begriff ſtanden, tapfer unterdrückt, und ſie ſuchte Emmelinen aufzuheitern, indem ſie ihr ſagte, daß, wenn ſie ſich ſo kindiſch benähme, ſie niemals ihren Lieblingsromanheldinnen ähnlich werden könne; und als ſie ſich zu Bett begaben, benutzte ſie die Gelegenheit, noch ernſt— hafter hinzuzufügen:„Liebe Emmeline, verſuche es und ſei ſo lebhaft, wie Du es immer zu ſein pflegſt. Ich bin über⸗ 331 zeugt, die arme Mama leidet ſehr bei dem Gedanken, daß der Vater uns verläßt, wiewohl ſie es uns nicht merken läßt, und wenn Du Dich ſo gehen läßt, wird ſie ſich noch weniger wohl befinden.“ Emmeline verſprach, den Verſuch zu machen, aber ihre Gemüthsart, die ebenſo empfänglich für Freuden, als für Schmerzen und nicht halb ſo feſten Charakters wie ihre Schweſter war, machte ihr die Erfüllung des Ver⸗ ſprechens ſehr ſchwer. Es war ihr erſter Kummer, und Mrs. Hamilton beobachtete ſie mit einiger Sorge, indem ſie fürchtete, daß ſie unrecht gethan habe, ſie ſo ängſtlich vor allem Schmerz zu bewahren, ſo daß, wenn er einmal ein⸗ trete, ſie außer Stande ſeine würde, denſelben ſtandhaft und ohne Klage zu ertragen. Ellen war außerhalb des Zimmers geweſen, als Mr. Hamilton zuerſt geſprochen hatte, und da er gerade beſchäftigt war, Emmeline zu beruhigen, als ſie wieder eintrat und die Nachricht ihr mitgetheilt wurde, be⸗ merkte er nichts Beſonderes in ihrer Art und Weiſe, wie ſie die Nachricht aufnahm. Mrs. Hamilton aber war ſo be⸗ troffen von dem Ausdrucke ihres Geſichts, der, als ſie etwas unzuſammenhängend ihr Bedauern auszuſprechen ſuchte, an die Stelle ihrer gewöhnlichen Ruhe trat, daß ſie ſie mehrere Minuten mit wahrer Verwirrung anſah, aber er verſchwand wieder ſo vollſtändig, daß ſie ſich ſelbſt zürnte, ſich etwas Ungewöhnliches eingebildet zu haben. Caroline indeß hatte es ebenfalls bemerkt, und ſie konnte ſich nicht ent⸗ halten, ſich das erſtemal, wo ſie allein waren, gegen Miß Harcourt zu äußern:„Sie werden ſagen, ich bilde mir etwas Außerordentliches ein, Miß Harcourt, aber Ellen ſah geſtern Abend wirklich vergnügt aus, als Mama ihr von Papa's beabſichtigter Reiſe erzählte.“ „Der Ausdruck muß ein außerordentlicher geweſen ſein, daß Du ihn überhaupt bemerkt,“ erwiederte Miß Harcourt. „Niemand als Mrs. Hamilton mit ihrem ungewöhnlichen Scharfſinn kann in Ellens Geſicht leſen.“ k „Und gerade aus dem Grunde ſah ich noch einmal hin, und Mama that es ebenfalls und war überraſcht, wiewohl ſie nichts ſagte. Wenn ſie ſich wirklich freut, ſo iſt ſie höchſt 332 undankbar, und alle ihre Verſicherungen, wie ſehr ſie Ma⸗ ma's oder Papa's immergleiche Güte empfindet, ſind bloſe Heuchelei. Ich glaube, ich werde Ellens Geſicht niemals verſtehen, aber ich hoffe, daß Mama niemals die Entdeckung machen möge, daß Ellen nicht völlig das iſt, wozu ihre Liebe ſie macht.“ „Ich bitte Dich, meine liebe Caroline, ſprich nicht ſo, ſonſt werde ich mich verſucht fühlen zu bekennen, daß Du meinen eigenen Gefühlen Worte giebſt. Ihr Benehmen in Betreff des Verſchwindens ihres Monatsgeldes, die ganz unbefriedigende Rechenſchaft über ihre Ausgaben und zwar alle Monate, denn ſie ſcheint mir Vielerlei anzurechnen, was ſie niemals gehabt hat, nehmen mir alle Hoffnung, und ich fürchte mehr als ich Dir ſagen kann, was Du ſoeben aus⸗ geſprochen haſt. Aber dies alles iſt ſehr Unrecht. Wir haben uns gegenſeitig ausgeſprochen und nun laß uns wo⸗ möglich ſelbſt in Gedanken nicht auf den Gegenſtand zurück⸗ kommen.“ Caroline willigte mit Freuden ein, denn es war ihr nichts weniger als angenehm. Inzwiſchen traf Mr. Hamil⸗ ton raſch ſeine Vorbereitungen. Er ſprach ſowohl gegen Mr. Howard als Mr. Morton(der Letztere blieb immer noch in ſeiner einſamen Gemeinde und fühlte ſich durch den Ver— lnſt ſeiner Eltern wie durch Percy's Abweſenheit noch ein⸗ ſamer) ſeinen Wunſch aus, einen Begleiter zu finden, der auf der Inſel bliebe, bis der junge Wilſon das geiſtliche Amt antreten könnte, und Beide, beſonders Morton, ſprachen die Hoffnung aus, daß ſie einen Mann finden würden, wie er denſelben brauchte. Dann erkundigte er ſich zu Dart— mouth nach einem gut gebauten ſtarken Schiff, das im Stande wäre, den ſtürmiſchen Meeren zwiſchen Schottland und Farö Trotz zu bieten, da er entſchloſſen war, alles Mögliche zu thun, um eine regelmäßige Verbindung zwiſchen ſich und den geliebten Angehörigen herzuſtellen. Wick auf Caithneß war die entfernteſte Poſtſtation, wohin Briefe ge⸗ ſchickt werden konnten und die Syrene ſollte, nachdem ſie ihn nach Fars gebracht, regelmäßig zwiſchen Sambö und Wick 333 fahren und von letzterem Ort an Mr. Hamilton die verſchiede⸗ nen Briefe befördern, die ſich dort geſammelt hätten, wenn ungünſtige Winde die Reiſe verzögerten, und ſeine Briefe nach Hauſe bringen. Auf dieſe Weiſe hoffte er regelmäßig Nachricht zu erhalten und zu geben, und wenn es ſich wirk⸗ lich ſo einrichten ließ, mußte es ſeiner Gattin große Erleich⸗ terung gewähren. Sobald Mr. Hamilton ein Schiff, einen tüchtigen Capitän, einen Steuermann und die nöthige Mannſchaft gefunden, reiſte er nach Oxford und London, um in der Hauptſtadt ſeinen Freund Graham zu ſehen und an dem erſteren Ort einige Tage mit ſeinen Söhnen zuzubringen, die, da ſie nichts von ſeinem Plane wußten, ihn mit grenzen⸗ loſer Freude empfingen. Als ſie die Urſache ſeines Be⸗ ſuches hörten, war ihr Bedauern ebenſo groß, als ihre Freude geweſen war. Percy wünſchte in ſeinem Unmuth die kleine Inſel und alle ihre Zubehörungen auf den Grund des Meeres, wo ſolche unruhige, unangenehme Leute am beſten aufgehoben wären, und er kam erſt zur Befinnung, als ſein Vater ihm mittheilte, daß der Gedanke ihn tröſte, ſie würden die erſten, wenigen Monate ſeiner Abweſenheit bei ihrer Mutter und ihren Schweſtern ſein. „Du haſt ganz recht, mein lieber Vater, ich war ſehr egoiſtiſch, daß ich nicht daran dachte. Verlaß Dich auf mich, daß ich meine liebe Mutter ſo glücklich machen werde, als ich es kann. Du weißt nicht, was für ein Schutzengel der Gedanke an ihre Liebe für mich geweſen iſt, und was Bertie anlangt, ſo machte ihn das Wort Mutter ſogleich nachgiebig, wenn ich dachte, daß er ſich krank arbeitete und nicht die nothwendige Rückſicht auf ſeine Geſundheit nähme, oder wenn ich wollte, daß er ſpazieren gehn und ſich erholen ſollte, wiewohl er mich einen langweiligen Menſchen nannte.“ Herbert's Augen ſtrahlten und ſeine Wangen bezeugten die Wahrheit der Worte ſeines Bruders. Sein einziger Wunſch wäre geweſen, daß er ſeinen Vater hätte begleiten und ihm alle Mühe erſparen können. Indeß ſah er ein, daß dies unmöglich ſei, als ihm ſeine immer noch zarten Ge⸗ 334 ſundheitsverhältniſſe und die Nothwendigkeit ununterbroche⸗ nen Studiums vorgeſtellt wurden. Dieſer Beſuch in Orford erfüllte Mr. Hamilton mit Stolz. Seine Söhne nahmen in der Achtung der Pro⸗ feſſoren, ihrer Vorgeſetzten und ihrer Collegen die Stellung ein, die ihre Erziehung hatte erwarten laſſen und die ihnen als den Söhnen Arthur Hamiltons naturgemäß zu gebühren ſchien. In Percy vereinigte ſich eine ſolche Feſtigkeit der Grundſätze, eine ſo unbeugſame Rechtſchaffenheit mit einer ſolchen Lebensluſt und ſolcher Heiterkeit, daß er in Orford an der Spitze aller Vergnügungen ſtand, wie es ſchon in Dakwood geweſen war; und Herbert, wiewohl er ſo ſanft und zurückhaltend war, daß er, bis Perey ihn unter ſeinen Schutz nahm, manche Spitznamen erhalten und viele kleine Leiden zu ertragen hatte, bahnte ſich allmählig den Weg zu aller Herzen und war ſo nachſichtig mit den Leichtſinnigen und ſelbſt mit denen, die ſich mancherlei Vergehungen zu Schulde kommen ließen, daß er ſich zuletzt das Vorrecht erwarb, zu thun was er wollte, und durch ſeine außerordentlichen Ta⸗ lente gewann er die Bewunderung und Liebe aller der Leh⸗ rer, mit denen er zu thun hatte. Morton hatte verſprochen, Mr. Hamilton bei ſeiner Rück⸗ kehr von Oxford einen Mann vorzuſtellen, der, wenn er Ge⸗ fallen an ihm fände, ſein bereitwilliger, eifriger Gehülfe ſein und gern auf der Inſel bleiben und Alles thun würde, was die Ueberwachung derſelben und die Erziehung des jungen Wilſon erfordern werde, bis er alt genug und mit den nöthigen Kenntniſſen ausgerüſtet ſei, um ſeines Va⸗ ters Stelle zu übernehmen. Wie groß war daher Mr. Ha⸗ miltons Enttäuſchung, als Morton nach Verabredung in ſein Zimmer eintrat, aber ganz allein. Noch größer war ſein Erſtaunen, als er hörte, daß Morton es ſelbſt ſei, der ihn begleiten wolle, und er ſprach ſeine Wünſche, ſeine Beweggründe ſo lebhaft aus, bat mit ſolchem Ernſte und ſolchem Eifer um Mr. Hamiltons Genehmigung, daß jeder Einwurf, den Mr. Hamilton wegen Mortons ſelber vor⸗ brachte, überwunden wurde, und nach einer längeren Unter— 335 redung wurde die Sache zu beiderſeitiger Zufriedenheit ab⸗ gemacht. Wie der Gedanke, einen Freund, wie Morton, zum Begleiter und Gehülfen zu haben, Mr. und Mrs. Hamilton große Erleichterung brachte, ſo erfüllte ihre Einwilligung das ganze Herz des jungen Miſſionars mit der grenzenloſe⸗ ſten Freude und Dankbarkeit. Er brachte vielerlei Kleinig⸗ keiten, die in der Eile ſeinen Freunden entgangen waren, zur Sprache, und ſein ganzes Weſen ſchien von Energie und Hoffnung erfüllt zu ſein. So beſchäftigt Mr. Hamilton war, ſo bemerkte er doch, daß Robert Langford, deſſen wir ſchon ſo oft gedacht haben, nach der Morgen⸗ und Abend⸗ andacht in dem Bibliothekzimmer zurückzubleiben ſchien, als wenn er gern mit ihm ſprechen wollte, daß ihm aber der Muth dazu fehlte. Es ſchien ihm auch, als wenn der junge Mann ganz verändert, mißmuthig, düſter, bisweilen ganz unglücklich wäre, während er vorher ein ſo heiterer Burſche geweſen war. Da er ihm Gelegenheit geben wollte, vor ſeiner Abreiſe ſich auszuſprechen, wenn er es wünſchte, ſo ließ ihn Mr. Hamilton eine Anzahl Bücher, die ihm Mr. Morton mitnehmen wollte, in Ordnung bringen, aufzeichnen und einpacken. Eine Zeit lang verrichtete Robert ſeine Ar⸗ beit in beharrlichem Stillſchweigen; aber endlich richtete er ſeine Augen mit ſo flehendem Ausdruck auf ſeinen Herrn, daß Mr. Hamilton ſich veranlaßt fand, ihn zu fragen, was er habe. Es dauerte eine Zeit lang, ehe der junge Mann ſich ſoweit faſſen konnte, um zuſammenhängend zu ſprechen. Aber endlich erfuhr Mr. Hamilton Folgendes: Etwa vor fünf Wochen, am 1. Juni, war er von ſeinem Herrn, wie ſchon ſehr oft, mit gewiſſen Papieren und Acten nach Ply⸗ mouth geſchickt worden, und zugleich wurde ihm ein Taſchen⸗ buch mit dreißig Pfund in zwei Zehn⸗ und zwei Fünfpfund⸗ noten anvertraut, die er bei ein paar armen, aber achtba⸗ ren Familien abgeben ſollte, die Mr. Hamilton gelegentlich zu unterſtützen pflegte, wiewohl ſie außerhalb ſeines Gutes wohnten. An dem Morgen, wo er ſeine Wanderung hätte antreten ſollen, beſuchte ihn ein Vetter, den er immer wie einen Bruder betrachtet hatte. Er war gerade von einem 336 vierjährigen Aufenthalte bei ſeinem Regiment in Irland zu Plymouth angekommen, und Roberts Freude war ſo groß, daß es wiederholter Warnungen von Seiten des Haus⸗ meiſters bedurfte, die Papiere in Acht zu nehmen und nicht länger als bis zum Nachmittag im Hauſe ſeiner Mutter zu bleiben, wo er ſeinen Freund treffen ſollte. Er trödelte ſo lange, ehe er von Oakwood wegging, daß er die ganzen Pa⸗ piere ſo raſch, als er konnte, zuſammenpackte, daß er aber ſeinen Hauptauftrag wenigſtens inſoweit vergaß, daß er das Taſchenbuch nicht verſchloß und mit ſeinem Vetter durch das Unterholz und über die Wieſe, die wir ſchon erwähnt haben, nach der Hütte ſeiner Mutter eilte. Es war ſehr heiß, und die jungen Leute zogen, erhitzt und im eifrigen Geſpräche, wie ſie waren, ihre Röcke aus, warfen ſie über den Arm und ſetzten ihren Weg ohne ſie fort, viel zu ſehr beſchäftigt mit einander, als daß ſie bemerkt hätten, daß, wenn ſie ihre Röcke trügen, es ſehr leicht und natürlich ſei, wenn die klei⸗ neren Gegenſtände aus ihren Taſchen herausfielen, und wenn ſie dieſelben nicht ſogleich vermißten, ſie in Folge des ge⸗ ſchlängelten und zerklüfteten Waldweges dieſelben nicht ſo leicht wiederfinden würden. Ein Schluck Apfelwein und eine halbe Stunde Ruhe in dem Hauſe ſeiner Mutter er⸗ friſchten Robert genügend, um ſeinen Rock wieder anziehen zu können. Er überzeugte ſich, daß ſein Paquet mit den Papieren, und wie er dachte, auch ſein Taſchenbuch, das er in einer andern Taſche zu fühlen glaubte, in gehöriger Ord⸗ nung ſei. Wie groß war daher ſeine Beſtürzung, als er ſich dem erſten Hauſe, in dem er 10 Pfund von dem Gelde zurück⸗ laſſen ſollte, etwa zwanzig Meilen von Hakwood näherte und entdeckte, daß das Taſchenbuch fort war, und daß das, was er nach dem Gefühle dafür gehalten hatte, ein altes Viſiten⸗ kartentäſchchen war, welches ihm Perey eines Tages lachend zugeworfen hatte, nachdem er ſich vergebliche Mühe gegeben, es zu putzen, da die klebrigen Stoffe, deren er ſich dazu bedient hatte, an Allem hängen blieben, womit es in Be⸗ rührung kam, und ſo hatte es ſich in Roberts Taſche gehal⸗ 337 ten, als faſt alles Andere herausgefallen war. Er quälte ſich vergeblich ab, was daraus geworden ſein könne, da er es nicht in Qakwood gelaſſen, wie er zuerſt wohl gewünſcht hätte. Auch zwei oder drei andere Sachen waren verſchwun⸗ den, und plötzlich fiel ihm ein, daß ſie herausgefallen ſein müßten, als er den Rock über dem Arme trug. Er ver⸗ wünſchte ſeinen Leichtſinn und würde augenblicklich den Rück⸗ weg angetreten haben, aber die Papiere, die ihm anvertraut waren, mußten in Plymouth zu einer beſtimmten Stunde abgeliefert werden, und er konnte es ſomit nicht. Der gro⸗ ßen Hitze des Tages folgte am Abend ein furchtbares Ge⸗ witter, Sturm und ſtarker Regen, der unvermindert die ganze Nacht fortdauerte. Er kehrte am nächſten Morgen in einem Gemüthszuſtande, der wenig von Verzweiflung entfernt war, nach Hauſe oder vielmehr in die Hütte ſeiner Mutter zurück. Er ſuchte den Weg, den er mit ſeinem Vet⸗ ter gemacht hatte, nach allen Richtungen ab, aber er fand nur einige werthloſe Kleinigkeiten und das Taſchenbuch ſelbſt offen und leer, aber eine Strecke davon eine Fünfpfundnote. Augenblicklich beſann er ſich, daß er in ſeiner Eile überſehen hatte, es zu verſchließen. Wenn er es gethan hätte, würde Alles in Ordnung geweſen ſein; denn der Wind und der Regen würden kaum vermocht haben, es zu öffnen und ſei⸗ nen Inhalt umherzuſtreuen. Eine Stunde nach der andern verfloß in vergeblichem Suchen nach dem Reſte. Der Sturm hatte den Weg noch mehr zerklüftet, der Boden war ſchlüpf⸗ rig, und große Maſſen dürrer Zweige und abgebrochener Aeſte bedeckten denſelben faſt. Er erzählte in tiefſter Be⸗ trübniß ſeine Geſchichte ſeiner Mutter. Was war zu thun? Sie gab ihm den Rath, das Ganze dem Hausmeiſter mit⸗ zutheilen und ihn zu bitten, ihr die Summe zurückzuhalten, die ſie vierteljährlich zu empfangen pflegte, bis der Betrag zurückgezahlt ſei. Robert folgte ihrem Rathe, aber mit großem Widerſtreben, wiewohl er ſelbſt damals nicht dachte, daß ihn ſein Leichtfinn in ſolches Unglück ſtürzen würde. Morris war natürlich ſehr erzürnt und machte ihm nicht nur harte Vorwürfe, ſondern ließ auch gegen die Wahrheit 22 338 ſeiner Geſchichte einigen Argwohn laut werden. Er wiſſe nichts von ſeinem Vetter, ſagte er, er könne nicht ſagen, in welche Geſellſchaft er gekommen ſein möge. Wenn die Noten ihm unterwegs aus der Taſche gefallen wären, ſo müßten ſie ſich finden laſſen; es ſei einfältig, zu behaupten, daß der Wind und Regen ſie umher geſtreut und ſie ſo zerſtört haben ſollten, daß keine Spur von ihnen mehr zu ſehen wäre. Er wolle ſeinem Herrn nichts ſagen, weil es ihn nur kränken würde, und die Vorſchüſſe wolle er ihm nicht von dem Al⸗ moſen ſeiner Mutter, ſondern von ſeinem eigenen Lohne ab⸗ ziehen, den er ihm gewiß vorenthalten würde, bis die ganze Summe bezahlt ſei. Er werde ſich hüten, ihm wieder einen ſo verantwortlichen Auftrag zu ertheilen. Robert war zu⸗ erſt entrüſtet und betheuerte heftig die Wahrheit ſeiner Ge⸗ ſchichte. Aber als die Dienſtleute Wind davon bekamen und er von faſt Allen beargwohnt und geflohen wurde, als Tage zu Wochen wurden und ſich keine Spur von den Noten fand, und als Morris und Ellis die Behaup⸗ tung aufſtellten, daß, da durch dieſen Theil des Parkes keine Fremden kämen, man etwas davon hätte hören müſſen, wenn es gefunden worden wäre, ſo verfiel der junge Mann in eine wahre Verzweiflung. Er hätte ſeinem gütigen Herrn gern die ganze Geſchichte erzählt, und doch ſchrak er natür⸗ lich genug davor zurück, aus Furcht, daß er ſeine Ehrlich⸗ keit bezweifeln könnte, was noch ſchrecklicher geweſen wäre als alles Andere. Aber Mr. Hamilton hegte keinen Verdacht gegen ihn und beruhigte ihn über ſeinen feſten Glauben an ſeine Wahr⸗ haftigkeit und Unſchuld, ſo daß der arme Robert ſich nur mit großer Mühe zurückhalten ließ, ſich ſeinem Herrn zu Füßen zu werfen und ihm ſeinen Dank auszuſprechen. Er war für ſeine Nachläſſigkeit ſo hart geſtraft, daß ſein Herr nicht viel darüber ſagen mochte, und bald nachdem er ihn hatte gehen laſſen, ließ er Morris kommen und ſprach mit ihm eine Zeit lang über die Sache, indem er erklärte, er würde ebenſobald ſeinen eigenen Sohn der Unehrlichkeit zeihen, als den Burſchen, der von Kindheit auf unter ſeinen 339 eigenen Augen aufgewachſen und der Sohn einer ſolchen Mutter ſei. Es ſei allerdings ſehr ſchlimm für Mrs. Lang⸗ ford, meinte der alte Hausmeiſter, und ſie ſehe traurig aus; aber es helfe Alles nichts, er habe ſich die größte Mühe gegeben, ſeinen Verdacht zu unterdrücken, aber er ſei immer darauf zurückgekehrt. Niemand als die Dienerſchaft und der Holzhauer und die Gärtner paſſirten dieſen Weg, und wären die Banknoten dort fallen gelaſſen worden, ſo hätten ſie ſich wieder finden müſſen, und es ſei eine ſehr unangenehme Sache für das andere Geſinde, denn Niemand wiſſe, gegen wen man Verdacht ſchöpfen könne, daß er ſie ſich angeeignet. Sein Herr ſei viel zu guter Meinung; er müſſe ihn aber entſchuldigen, wenn er fortfahre, ein ſcharfes Auge auf den jungen Mann zu haben. Morris war ſehr alt und etwas hartnäckig in ſeinen Anſichten, daher konnte ſein Herr weiter nichts durchſetzen, als daß er die Anordnung traf, daß Ro⸗ bert nur die Hälfte ſeines Lohnes zurückgehalten würde, bis die ganze Summe bezahlt ſei. „Halten Sie ihm das Ganze zurück, und wird er un⸗ glücklicherweiſe wieder in Verſuchung geführt, was ich aller⸗ dings nicht glaube, ſo ſetzen Sie ihn der Gefahr auf's Neue aus,“ lautete ſein ſehr verſtändiges Schlußwort. „Es iſt ganz recht, daß er die Summe zurückzahlen ſoll, ſelbſt wenn er ſie aus Nachläſſigkeit verloren hat, aber ich will nicht, daß er aus Geldmangel ſolchen Beſchränkungen ausgeſetzt wird, wie es der Fall ſein muß, wenn Sie ihm ſeinen ganzen Lohn zurückhalten; und nun, mein guter Mor⸗ ris, wenn Sie es nicht mit Ihrem Gewiſſen verträglich finden, meine feſte Ueberzeugung von der Unſchuld dieſes Burſchen dem ganzen Geſinde mitzutheilen, ſo muß ich es ſelbſt thun.“ Und an demſelben Abend nach dem Gebet, als die ganze Familie in dem Bibliothekzimmer verſammelt war, hielt Mr. Hamilton eine einfache und kurze Anſprache an ſie, erwähnte, daß Robert Langford ihm ſelbſt die Geſchichte mitgetheilt habe und daß es ſeine wie ſeiner Gattin Anſicht ſei, daß er den Verdacht nicht verdiene, den ſie auf ihn geworfen, und daß ſeine Dienſtgenoſſen um ſo chriſtlicher handeln wür⸗ 2* 340 den, wenn ſie an ſeine Geſchichte glaubten, bis ſie einen trif⸗ tigen Beweis des Gegentheils hätten. Er könne natürlich auf ihre Privatmeinung keinen Einfluß haben, er könne ihnen nur die ſeine und die ſeiner Gattin kundgeben. Er geſtehe zu, daß es ein ſehr unangenehmer Vorfall ſei, aber er bitte ſie alle, den Gedanken aufzugeben, daß eines von ihnen der Verdacht treffen könne. Er ſei überzeugt, daß, hätte Je⸗ mand aus ſeinem Hauſe die fehlenden Noten gefunden, er dieſes ſogleich dem Hausmeiſter oder der Haushälterin mit⸗ getheilt haben würde, beſonders da Robert's Verluſt ihnen ſchon wenige Tage, nachdem er denſelben erlitten, bekannt geweſen wäre. Er brauche ihnen nicht zu ſagen, daß Behal⸗ ten in ſolchem Falle Diebſtahl ſei, und einer ſolchen Sünde halte er entſchieden Niemand von den Anweſenden für fähig. Er gebe zu, daß es ſie alle mehr zufrieden ſtellen würde, wenn ſie den handgreiflichen Beweis von Robert's Unſchuld bekämen, indem eine Spur der Banknoten entdeckt würde, aber es ſei nicht unwahrſcheinlich, daß der heftige Wind und der Regen das dünne Papier der Noten zerſtört oder ſie in die Brombeerbüſche entführt habe, wo es aller⸗ dings kaum möglich ſei, ſie zu finden. Wenn die Aufmerkſamkeit von Mrs. Hamilton, ihren Töchtern und Miß Harcourt ſich nicht ganz natürlich auf Mr. Hamilton's Rede und ihren Eindruck auf die Diener⸗ ſchaft, namentlich auf Robert, auf den ſie einen faſt über⸗ wältigenden Einfluß übte, gerichtet hätte, ſo müßten ſie bemerkt haben, daß Ellen ſich in den Schatten der Vorhänge zurückgezogen hätte, die über eines der Fenſter herabfielen, und daß ſie unbewußt die eichene Lehne eines der maſſiven Stühle ergriff, während ihre Lippen, ihre Wangen und ihre Stirn ſtarr und bleich wurden, wie Marmor. Eine faſt übernatürliche Anſtrengung allein ſetzte ſie in den Stand, ihre tödtliche Angſt zu unterdrücken und das Blut ſtrömte mit ſolcher Heftigkeit in ihre Wangen zurück, daß, als ſie ihrer Tante und ihrem Onkel gute Nacht wünſchte, ſie eher blutroth als blaß ausſah. Aber es blieb unbemerkt. Auch war Mrs. Hamilton wegen Mrs. Langford zu betrübt, 341 als daß ſie in dieſem Augenblicke an etwas anderes hätte denten ſollen, als wie ſie am beſten das Herz der armen Mutter beruhigen könnte. Es war offenbar, daß, wie⸗ wohl einige von der Dienerſchaft nach der Anſprache ihres Herrn zu Robert heran traten, ihm die Hand ſchüttelten und ihn um Verzeihung baten, die größere Anzahl immer noch auf Seiten des alten Morris ſtand und immer noch an ſeiner weniger günſtigen Anſicht feſthielt, und ſie konnte ſich wohl denken, wie groß die Leiden der Mrs. Langford ſein mußten. Es fehlten nur noch fünf Tage bis zu dem, der zu Mr. Hamilton's Abreiſe beſtimmt war, wenn der Wind es geſtattete, und es war noch ſo vielerlei für ihn zu beſorgen und zu thun, daß ſeine Familie an wenig anderes denken konnte; aber Mrs. Hamilton gab ihrem Gatten die Ver⸗ ſicherung, daß ſie nichts unverſucht laſſen würde, um Robert's Unſchuld zu beweiſen. Faſt eine Stunde in derſelben Nacht ſaß Ellen, nachdem ihre Kammerzofe ſie verlaſſen hatte, zuſammengekrümmt an ihrem Bett, wie wenn ſie ein Blitz getroffen und ſie getödtet hätte. Nur ein Wort klang immer wieder und wieder an ihr Ohr; ſie hatte es gekannt, ſie hatte es ſelbſt vielmals aus⸗ geſprochen, aber es hatte ſie niemals ſo betroffen und ſo außer ſich gebracht, als da es die Stimme ihres Onkels mit ſeinem tiefſten Ausdruck ausſprach: Diebſtahl!— Und ſie war die Schuldige und ſie mußte den Unſchuldigen die Strafe für ihr Verbrechen leiden ſehen, denn ſie wagte nicht, die Wahr⸗ heit zu ſagen. Wiederum faßte ſie den faſt verzweifelten Entſchluß, Mrs. Hamilton augenblicklich aufzuſuchen, ſich als die Verbrecherin zu bekennen, ſie zu bitten, alle Schmuck⸗ ſachen, die ihr gehörten, zurückzunehmen, die Summe zu er⸗ ſetzen und mit ihr zu machen, was ſie wollte. Aber wenn ſie geſtand, wie konnte ſie das Geheimniß ihres Bruders be⸗ wahren? Würde ſie Feſtigkeit genug haben, lieber alles zu ertragen, als es zu verrathen? Welchen Beweis von ihrer Reue konnte man in dem bloßen Bekenntniß ſehen, daß ſie ſich die Noten angeeignet, wenn ſie verſchweigen mußte, wie ſie das Geld verwendet, damit es nicht irgendwie mit ihrem 342 Brief an ihren Bruder in Zuſammenhang gebracht würde? Sie mußte ſchweigen, und das einzige Gebet, welches am Abend und am Morgen, ja faſt zu jeder Tageszeit aus die⸗ ſem jungen Herzen zum Himmel emporſtieg, war, ſie ſterben zu laſſen, ehe es zu ſpät ſei, daß Gott ihr verzeihen könne. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Das zerbrochene Käſtchen. Die vielen geheimen Wünſche, daß der Wind ungünſtig ſein und Mr. Hamilton noch ein wenig länger in Dakwood bleiben möge, wurden nicht erfüllt, und er verließ ſeine Fa⸗ milie an demſelben Tage, den er beſtimmt hatte, am vier⸗ zehnten Juli, gerade drei Wochen nachdem er die Aufforde⸗ rung erhalten und etwa zehn Tage, ehe ſeine Söhne zu Hauſe erwartet wurden. Ohne ihn kam Oakwood allerdings Allen fremd vor, aber mit Ausnahme Emmelinens ſchienen Alle entſchloſſen, die Traurigkeit und Sorge zu beſiegen, welche die Abreiſe eines geliebten Gatten und Vaters natürlicher⸗ weiſe veranlaßte. Emmeline war ſo wenig an perſönlichen Kummer gewöhnt, daß ſie ſich demſelben mit einer Art Wol⸗ luſt hinzugeben ſchien. „Willſt Du meine Erwartung täuſchen und mein Miß⸗ fallen erregen, meine liebe Emmeline,“ ſagte ihre Mutter eines Tages, etwa eine Woche nachdem ihr Gatte abgereiſt war, als ſie in das Muſikzimmer trat und ihre Tochter an der Harfe zu finden erwartete, ſie aber anſtatt deſſen ver⸗ droſſen und unmuthig auf dem Sopha liegen ſah,„und es geſchieht wirklich, wennn Du Dich dieſer höchſt unberechtig⸗ ten Schwermuth hingiebſt.“ „Unberechtigt?“ erwiederte Emmeline faſt ſchnippiſch. „Ganz unberechtigt in der Ausdehnung, wie Du Dich 343 derſelben hingiebſt. Und ſelbſt wenn ſie berechtigt wäre, glaubſt Du nicht, daß Du vernünftiger handeln würdeſt, wenn Du mehr an Andere, als an Dich dächteſt und um ihretwillen Deine alte Heiterkeit hervorſuchen wollteſt? Es iſt das erſte Mal, daß Du mir Veranlaſſung gegeben haſt, Dich des Egoismus zu zeihen, und das thut mir ſehr leid.“ „Egvismus, Mama? Ich haſſe ſchon den Gedanken da⸗ ran. Ich, egoiſtiſch?“ wiederholte ſie mit ſchwankender Stimme und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. „Ich hoffe es nicht, meine Liebe, aber wenn Du dieſe Niedergeſchlagenheit nicht abzuſchütteln ſuchſt, müſſen wir es glauben. Die Abweſenheit Deines Vaters iſt für Caroline eine noch größere Prüfung als für Dich, denn ſie hat nicht nur den Verluſt ſeiner Geſellſchaft, ſondern auch eine ſehr unangenehme Enttäuſchung zu beklagen, und dennoch, wie— wohl ſie beides ſchmerzlich empfindet, hat ſie ſich doch ſchneller als je überwunden und beweiſt ſo beſſer, als es Worte oder Befürchtungen thun könnten, wie ſehr ſie ihren Vater und mich liebt.“ „Und denkſt Du, daß ich Euch beide weniger liebe als ſie?“ erwiederte Emmeline ſchluchzend. „Nein, mein liebes Kind, aber ich wünſche, daß Du es in derſelben bewunderungswürdigen Weiſe bezeugſt. Denkſt Du, daß mich nicht Deines Vaters Abweſenheit ſchmerzt, Emmeline? Aber würde es Dir gefallen, wenn Du mich ſo traurig und verändert ſähſt, wie Du biſt?“ Emmeline blickte ihr ins Geſicht, denn es lag etwas in dem Tone, was zugleich ihre beſſeren Gefühle wach rief, und indem ſie ihre Mutter umarmte, ſchluchzte ſie:„Liebe Mama, verzeihe mir, ich ſehe nun, daß ich ſehr ſelbſtſüchtig und ſchwach geweſen bin, aber ich kann nie ſo ſtark ſein und mich nicht ſo ſelbſt beherrſchen, wie Du und Caroline.“ „Du ſagſt nie, liebes Kind? Dann willſt Du es nie verſuchen. Ich bin überzeugt, daß Du nicht gern einer von den ſchwachen, ſelbſtſüchtigen Characteren ſein möchteſt, die alle ihre Fehler und alle die üblen Folgen, welche ihre Fehler nach ſich ziehen, der vorgeblichen Unmöglichkeit un⸗ 344 terſchieben, anders zu werden. Ich weiß, Dein Character iſt von Natur weniger ſtark und feſt, als der Deiner Schwe⸗ ſter, aber er iſt elaſtiſcher und Deine Gemüthsart iſt heiterer, und hätteſt Du nicht mit zu großer Schwäche Deinem ſehr natürlichen Schmerze Dich hingegeben, Du würdeſt im Stande geweſen ſein, denſelben abzuſchütteln, und Du wür⸗ deſt in der Beruhigung, die uns eine ſolche Anſtrengung ge⸗ bracht hätte, Dich völlig belohnt gefunden haben.“ „Und wenn ich's nun verſuchen will?“ „Ich werde ganz zufrieden damit ſein, liebes Kind, wie⸗ wohl ich fürchte, daß Du es nun ſchwieriger finden wirſt, als wenn Du es vor einigen Tagen verſucht hätteſt. Geſtehe, daß ich Recht habe! Fühlteſt Du nicht nach den erſten zwei oder drei Tagen, daß Du wieder wenigſtens zu gewiſſen Zei⸗ ten hätteſt heiterer ſein können, wenn Du Dir nicht einge⸗ bildet, daß Du noch nicht traurig genug geweſen wäreſt? Und ſo wuchſen Schmerz und Kummer, indem Du Dich den⸗ ſelben freiwillig hingabſt, anſtatt irgend eine Beſchäftigung aufzuſuchen.“ „Liebe Mama, werde ich niemals ein Gefühl vor Dir verheimlichen können?“ antwortete Emmeline, ſo erſtaunt, daß ihre Thränen faſt trockneten.„Ich wußte nicht, daß dies mein Gefühl war, bis Du es mir erklärteſt und nun weiß ich, daß es in der That ſo war. That ich ſehr unrecht?“ „Ich will Dir Deine Frage mit einer andern beantwor⸗ ten, liebes Kind. Haſt Du gefunden, daß eine ſolche hart⸗ näckige Hingabe an den Schmerz Dich veranlaßte, den Ge⸗ genſtand Deiner Sorge und Deines Schmerzes dem himm⸗ liſchen Vater im Gebet zu empfehlen?“ Emmeline zauderte, aber blos eine Minute. Dann ant⸗ wortete ſie mit tiefem Erröthen:„Nein Mama, ich konnte Gott nicht halb ſo brünſtig und gläubig bitten, den lieben Papa zu ſchützen oder mir ſeinen Segen zu geben, als wenn ich heiterer war. Je mehr ich mich meinen düſtern Gedan⸗ ken hingab, deſto größere Schwierigkeit hatte ich, zu beten, und die letzten wenigen Tage, fürchte ich, habe ich es nicht einmal verſucht.“ 345 „Iſt es dann nothwendig, Deine erſte Frage zu beant⸗ worten? Ich ſehe aus Deiner Miene, daß es überflüſſig iſt. Du haſt meiner Erfahrung und Liebe immer vertraut, meine liebe Emmeline, vertraue ihnen auch weiter und ver⸗ ſuche meinen Rath. Denke an Deinen lieben Vater, den Du nie zu ſehr lieben und deſſen nothwendige Abweſenheit Du nicht genug beklagen kannſt, aber denke ſo an ihn, daß Du beſtändig im Geiſt zu dem lieben Gott beteſt, daß er ihn immer zu Land und See, in Sturm und Windſtille, in ſeinen heiligen Schutz nehmen und ſo ſein Vorhaben fördern möge, um ſeine Rückkehr zu uns raſcher, als wir ge— genwärtig erwarten, antreten zu können. Das beſtändige Gebet wird Dich ſicher und glücklich in dem Glauben machen, daß der liebe Gott überall mit ihm wie mit uns iſt, und ſo wirſt Du Heiterkeit und Muth finden, Deinen täglichen Be⸗ rufspflichten nachzugehen und alle ſelbſtſüchtige Sorge zu beſiegen. Willſt Du dies verſuchen, meine Liebe, ſelbſt wenn es Dir jetzt ſchwerer wird, als es Dir vor ein paar Tagen geworden ſein würde?“ „Ich will es, Mama,“ und ſie erhob ihr Köpfchen von der Achſel ihrer Mutter und ſuchte zu lächeln.„Als Du mich heute zuerſt anredeteſt, dachte ich wirklich, Du wäreſt böſe und kalt. Du ſiehſt alſo, daß ich mich ſelbſt darin irrte, und nun freue ich mich, daß Du mit mir ſprachſt.“ „Und ich weiß, wer ebenfalls froh ſein wird, wenn ich aus ſeiner Tiny nicht habe eine Niobe werden laſſen, anſtatt der Eyphroſyne, wie er Dich, glaube ich, bisweilen nennt. Ich dachte, Perey fände ſo großes Wohlgefallen an einem gewiſſen Duett, Emmy, wie wäre es, wenn Du es verſuchteſt?“ Und nachdem ſie ihre Thränen getrocknet hatte und ihre ganz ungewöhnliche Niedergeſchlagenheit verſchwun⸗ den war, gehorchte Emmeline mit Freuden, und als ſie ein⸗ mal angefangen, ſich ihren Brüdern zu Gefallen mit Man⸗ cherlei zu beſchäftigen, gingen ihr drei Stunden faſt unbe⸗ merkt vorüber; und als Caroline von einem Spaziergang zurückkehrte, war ſie ganz erſtaunt über die Veränderung ihrer Schweſter, die ſich ſelbſt die bitterſten Vorwürfe machte, 346 und indem ſie ihr ins Geſicht ſah, ausrief:„Liebe Caroline, ich bin ſeit Papa's Abreiſe ſo ſchnippiſch und eigenſinnig gegen Dich geweſen, daß Du mich wirklich ganz überdrüßig haben mußt; aber ich will nun wirklich eine Heldin werden und gar nicht mehr ſentimental ſein, ſondern die Abweſen⸗ heit Papa's ſo tapfer ertragen, wie Du.“ Und ſie that es, wiewohl es ihr zuerſt, wie ihre Mutter ihr vorausgeſagt hatte, ſehr ſchwer wurde, die erforderliche Kraft zu gewinnen, deren ſie bedurfte, um ſich zu beſchäftigen und heiter zu ſein. Aber wenn der Wille nur gut iſt, braucht man ein Mißlin⸗ gen kaum zu fürchten. Wie ein Tag nach dem andern verging, ſo daß ſie raſch zu Wochen wurden, und bereits fünf verfloſſen waren, ſeit Ellen den verhängnißvollen Brief an Edward geſchickt, wurde es ihr entweder wirklich oder ſcheinbar immer ſchwerer, das auszuführen, was ſie beabſichtigt hatte, nämlich Mrs. Lang⸗ ford zu bitten, ihre Schmuckſachen und ihre Uhr zu verkau⸗ fen. Ihre Krankheit hatte ſie faſt eine Woche lang auf ihr Zimmer beſchränkt, und als ſie wieder Luft ſchöpfen durfte, wurde ſie in Folge ihrer Nervenſchwäche niemals allein ge⸗ laſſen. Am Tage nach Mr. Hamilton's Anſprache an ſeine Dienerſchaft hatte ſie einen verzweifelten Verſuch gemacht, indem ſie um die Erlaubniß gebeten hatte, eine Botſchaft von ihrer Tante an die Bittende überbringen zu dürfen, und da die Mädchen oft die Erlaubniß erhielten, ihre Amme zu be⸗ ſuchen, ſo wurde die Bitte ohne alle Umſtände gewährt, wie⸗ wohl ſie bis zum letzten Augenblicke fürchtete, daß einer ihrer Coufins oder Miß Harcourt ſie begleiten wollen würde. Sie waren indeß Alle zu ſehr mit und für Mr. Hamilton beſchäf⸗ tigt, und ſie ſuchte die Hütte auf und bat dort Mrs. Lang⸗ ford mit ſo offenbarer Seelenpein, ihr zu helfen und ihr Ge⸗ heimniß zu bewahren, daß die Wittwe ſich gegen ihr Ge⸗ wiſſen dazu bereden ließ. Sie führte an, daß ſie ſich in der größten Geldnoth befinde und ihre Tante nicht zu bitten wage. Da ſie ſich nicht traute, die ganze Summe zu nen⸗ nen, die ſie nothwendigerweiſe ſogleich haben mußte, hatte ſie nur ihr altes goldenes Kreuz und zwei oder drei kleinere 347 Schmuckſachen mitgebracht, welche ſich unter dem Schmuck ihrer Mutter befunden hatten, ſowie ein goldenes Schlöß⸗ chen, welches ihr Percy geſchenkt. Mrs. Langford war ſchmerzlich betroffen. Sie hatte keine Idee gehabt, daß ihr Verſprechen darauf hinausliefe, ſie in einer ſo geheimnißvol⸗ len und offenbar unrechten Sache unterſtützen zu ſollen, und ſie ſuchte alle Gründe ihrer Ueberredungsgabe hervor, um Ellen zu vermögen, ihre Verlegenheit Mrs. Hamil⸗ ton anzuvertrauen, indem es, wenn ſie wirklich unrecht ge⸗ than habe, nur ein augenblickliches Mißfallen hervorrufen könne, während die Folgen ihres gegenwärtigen Verfahrens niemals ein Ende nehmen und endlich entdeckt werden müß⸗ ten. Aber Ellen war unerbittlich, wiewohl ſie offenbar eben ſo unglücklich wie feſt zu ſein ſchien, und Mrs. Langford hatte einen zu hohen Begriff von der Heiligkeit eines gegebenen Wortes, um es zurückzunehmen oder ſie verrathen zu wollen. Sie ſagte, daß es natürlich einige Wochen dauern würde, ehe ſie dies Alles verkaufen könnte. Es würde ſie dem unange⸗ nehmſten Verdacht ausſetzen, wenn ſie dieſelben zuſammen oder auch nur an einem Ort anbiete. Ein Schritt war ſo gethan, aber es waren faſt vierzehn Tage vergangen und ſie hörte nichts von der Wittwe. „Werden ſie denn niemals kommen?“ rief Emmeline eines Abends etwa vier Tage nach dem Geſpräch mit ihrer Mutter in fröhlicher Ungeduld aus.„Es muß über die Stunde ſein, die Perecy beſtimmte.“ „Es fehlt noch eine halbe Stunde,“ erwiderte Mrs. Ha⸗ milton und fügte hinzu:„Wann wird es dieſer unglücklichen Zeichnung gelingen, Deine ungetheilte Aufmerkſamkeit zu feſſeln?“ „Heute Abend nicht, Mama. Die einzige Zeichnung, zu der ich heute Luſt hätte, iſt eine Skizze meiner beiden Brüder, wenn ſie mir nur den Gefallen erzeigen wollten, zu ſitzen.“ „Der arme Percy!“ bemerkte Caroline trocken.„Wenn Du ſo unruhig ſein wollteſt, wie Du die letzte Stunde ge⸗ 348 weſen, würde er ſich von ſeinem Porträt nicht ſehr geſchmei⸗ chelt fühlen.“ „Das iſt ſehr häßlich von Dir, Caroline, und bloß deswegen, weil ich nicht zufällig ſo ruhig und verſtändig bin, wie Du; und dennoch weiß ich, daß Du dieſen ganzen Morgen, wo Mama nach Deiner ungewöhnlich langen Ab⸗ weſenheit vermuthete, daß Du ſehr eifrig übteſt, weiter nichts thateſt, als daß Du Percy's und Herberts Lieblingslieder herausſuchteſt und ſie durchſpielteſt, anſtatt Deine neuen Noten zu üben.“ „Und wenn ich es that, Emmeline?“ „Nun, es beweiſt nur, daß Deine Gedanken ganz ebenſo ſehr mit ihnen beſchäftigt ſind, wie die meinen, wiewohl Du ſo unanſtändig geleſen, ſtudirt und gearbeitet haſt, wie ge⸗ wöhnlich, um uns glauben zu machen, daß Du weder an ſie dachteſt, noch Dir etwas aus ihnen machteſt.“ „Und ſo hältſt Du Caroline für gefühllos, Emmy, weil ſie ſelbſt freudige Empfindungen beherrſchen kann? Ich kann ein ſolches Urtheil nicht fällen, und wiewohl ſie ihren gewöhn⸗ lichen Beſchäftigungen nachgegangen und Du buchſtäblich den ganzen Tag nichts gethan haſt, will ich ſie nicht beſchuldigen, ihren Bruder weniger zu lieben.“ „Aber Du wirſt mich als ein träges, unſtätes, leicht⸗ ſinniges Mädchen verurtheilen,“ erwiderte Emmeline, indem ſie auf der Ottomane zu den Füßen ihrer Mutter niederkniete und ihr zärtlich und neckiſch in's Geſicht blickte.„Dann gieb mir eine Leidensgenoſſin, denn ich kann die Verurtheilung nicht allein ertragen. Ellen, lege dieſe ewige Zeichnung weg und ſei ebenfalls müſſig und unſtät!“ „Das geht nicht, Emmy. Ellen iſt ſeit ihrer Krankheit ſo andauernd fleißig geweſen, daß ich ihr eher zu großen Fleiß als zu große Trägheit zum Vorwurf machen möchte. Aber Du ſitzeſt wirklich an dieſem warmen Abend zu lange gebückt, meine Liebe,“ fügte ſie hinzu, indem ſie bemerkte, daß Ellen, wie es ſchien, faſt unwillkürlich bei den Worten ihrer Coufine aufblickte und ihre Wangen faſt krankhaft ge⸗ röthet waren.„Thue Emmelinen das einzige Mal den Ge⸗ 349 fallen und ſei ſo träge wie ſie. Komm und ſprich mit mir, ich habe heute kaum ein Wort von Dir gehört. Du biſt ſchweigſamer geweſen als je ſeit der Abreiſe Deines Onkels, aber ich kann es nicht dulden, daß Du Deine Vettern mit ſolcher Schwermuth begrüßen willſt, Ellen.“ Auf dieſe freundlichen ſcherzhaften Worte ließ ſich nichts antworten. Ellen legte wirklich ihre Zeichnung beiſeite, aber anſtatt ſich neben ihre Tante zu ſetzen, was ſie in frü⸗ heren Tagen nur gar zu gern that, trat ſie an das entfern⸗ teſte Fenſter, und indem ſie ſich in die tiefe Fenſterniſche ver⸗ barg, ſchien ſie mit Niemand verkehren zu wollen. Miß Harcourt war ſo entrüſtet, daß ſie ſich kaum enthalten konnte, ihrer Entrüſtung Worte zu geben. Caroline ſah erſtaunt und gereizt aus. Emmeline war viel zu beſchäftigt, von einem Fenſter zum andern zu fliegen, als daß ſie an etwas Anderes als ihre Brüder gedacht hätte. Emmelinens Aus⸗ ruf, daß ſie das Getrapple von Pferden höre und daß es nach der wilden Art, wie er reiſe, Perey ſein müſſe, ließ es zu keiner Bemerkung kommen und führte ſie alle in das Fenſter. Sie hatte Recht, denn in einigen Minuten kam ein Reiter unter den fernen Bäumen hervor, trieb ſein Pferd zur äußerſten Eile und ſchwenkte ſeine Mütze mit allerlei lu⸗ ſtigen Geberden über ſeinem Kopfe, ehe er noch wiſſen konnte, daß ihn irgend Jemand ſähe. In der nächſten Minute hatte er Robert mit Lachen die Zügel zugeworfen, und indem er mit zwei Sätzen die lange Treppe hinaufſprang, war er in dem Wohnzimmer und lag in den Armen ſeiner Mutter, ehe noch Jemand von ſeinen Freunden daran dachte, daß er Zeit gehabt hätte, auch nur abzuſteigen. „Herbert?“ war das erſte Wort, das Mrs. Hamilton's bebende Lippen ſprechen konnten. „Befindet ſich ganz wohl, meine theuerſte Mutter, und war keine fünf Minuten hinter mir. Die Dorfbewohner ſcharten ſich mit einem ſolchen Hurrah um uns, daß ich dachte, Ihr hättet es hören müſſen. Daher ließ ich Bertie den Angenehmen ſpielen und verſprach, ſie morgen zu be⸗ ſuchen, und galoppirte hierher, denn Ihr erinnert Euch, daß 350 ich an dem Tage, wo wir abreiſten, das Gelübde that, daß der Erſtgeborne meiner Mutter ihren erſten Kuß haben ſollte“ „Immer noch derſelbe, Percy? Noch nicht nüchtern geworden, mein Junge?“ ſagte ſeine Mutter, indem ſie ihn mit einem ſtolzen Lächeln anſah, denn während er in Ton und Manier immer noch der muntere, friſche, gefühlvolle Knabe war, waren Geſicht und Geſtalt die eines gut gewachſenen Jünglings von noblem Aeußern. „Nüchtern geworden? Ei Mutter, das fällt mir gar nicht ein,“ erwiderte er heiter, als er abwechſelnd ſeine Schweſtern, Miß Harcourt und Ellen umarmte, die aus ihrem Verſteck hervorgekommen war.„Wenn die ehrwür⸗ digen Thürme der höchſt weiſen und gelehrten Stadt Orford und all die ernſten Vorleſungen und langen Geſichter der ſuperklugen Profeſſoren es nicht vermocht haben, mich zu zähmen, dann giebt es keine Hoffnung, mich nüchtern zu machen. Aber hier kommt Herbert, und er reitet wirklich faſt ebenſo raſch, wie ich. Bravo, mein Junge! Mutter, daran biſt Du ſchuld. Er empfindet Deinen Einfluß ſchon in der Entfernung. Wahrhaftig, alle Oxforder Studenten würden glauben, die Collegien müßten ihnen über dem Kopfzuſammen⸗ ſtürzen, wenn ſie den ſanften, fleißigen, ruhigen Herbert Hamilton ſo reiten ſähen.“ Der Letztere trat ein, faſt während ſein Bruder noch ſprach, und wiewohl weniger geräuſchvoll, ſo war doch die innige Freude, die es ihm gewährte, ſeiner Mutter wieder in's Geſicht zu ſehen, von Allen, die er liebte, umgeben zu ſein, ebenſo ſichtbar wie die Perecy's, und das immer ſorgliche Herz der Mrs. Hamilton war von heißem Danke erfüllt, als ſie ihn ſo wohl ausſehend, ſoviel ſtärker fand, als in ſeiner Kindheit. Die Freude dieſes Abends und ſehr vieler folgender Tage war allerdings groß, wiewohl Viele, denen die Heiligkeit und das Glück häuslicher Liebe unbekannt ſind, denken möchten, daß darnach wenig zu ver⸗ langen ſei; aber die Bewohner von Oakwood machte es wirklich glücklich, Perey's lautes Lachen und ſeine uner⸗ ſchöpflichen Geſchichten, welche dieſelbe Heiterkeit bei ſeinen 351 Zuhörern erregten, den Klang ſeines kräftigen Schrittes und ſein Laufen aus einem Zimmer in's andere zu hören, wo er alle die Kobolde und Geiſter beſuchen und aufwecken wollte, die, wie er erklärte, während ſeiner Abweſenheit geſchlafen ha⸗ ben müßten; Herbert's ruhigeres, aber gleiches Intkreſſe an Allem, was geſchehen, getrieben, geleſen, ſelbſt gedacht und empfunden worden war, ſo lange er nicht zu Hauſe geweſen, zu beobachten, den Stolz und die Freude Beider über die Be⸗ richte von Edward zu ſehen, indem Percy behauptete, daß es Ellen ebenſo heiter und glücklich machen müſſe, einen ſo tap⸗ fern Jungen zum Bruder zu haben, wie Emmelinen, die faſt in gleichem Maße geſegnet ſei;“ und er machte ein ſo ſchel— miſches Geſicht, als er ſprach, daß, wiewohl ſeine Schweſter die Anſpielung zuerſt nicht verſtand, ſie dieſelbe raſch faßte und über ſeine ungeheure Eitelkeit gerade heraus lachte. Her⸗ bert that es aufrichtig leid, Ellen eben ſo ſchwermüthig und bleich wieder zu ſehen, als da ſie ein ganz kleines Mädchen war, und er übernahm es, ihr ſanfte Vorwürfe zu machen, daß ſie nicht heiterer ſei oder es wenigſtens dahin zu bringen ſuche, da ſie ſo viele Segnungen um ſich habe und ſich Glück wünſchen könne, einen ſo tapfern und edelherzigen Bruder zu beſitzen. Wenn er ihr Benehmen nicht verſtand, als er ſprach, ſo ſollten er und der weniger beobachtende Percy in noch größere Verlegenheit kommen und ſich noch ſchmerz⸗ licher berührt fühlen, als einige Wochen verfloſſen waren und ſie zuerſt dachten und dann völlig überzeugt waren, daß ſie ſich vollſtändig, ſelbſt in ihrem Benehmen gegen ihre Mutter verändert habe. Anſtatt ſo ſanft, ſo gehorſam, ſo ruhig glücklich zu ſein, um auch nur das geringſte Zeichen des Beifalls von Mrs. Hamilton zu verdienen, ſchien ſie ſich völlig von ihr zurückzuziehen, entweder aus Furcht, oder weil ſie ſich nicht mehr darum ſorgte, ihr zu gefallen oder ihr zu gehorchen. Allmählig drängte ſich dieſe ſchmerzliche Ueberzeugung der ganzen Geſellſchaft, ſelbſt der leichtherzigen argloſen Emmeline auf, der es ſo völlig unbegreiflich war, daß ſie erklärte, es müſſe Einbildung ſein, und daß ſie Alle ſo ſehr glücklich wären, daß ihre Köpfe verdreht ſein müßten. 352 „Auch Mamas Kopf?“ bemerkte Caroline trocken. „Nein, aber ſie iſt die einzige verſtändige Perſon unter uns, denn ſie hat nichts darüber geſagt und ſieht daher nicht einmal, worüber wir ein ſo großes Wunder machen.“ „Ich ſtimme nicht mit Dir überein, denn ich glaube viel⸗ mehr, daß ſie es eher als eines von uns geſehen und empfun⸗ den hat, und daß ſie nicht darüber den Kopf zerbrechen oder auch nur davon ſprechen kann, wie wir es thun, weil es ſie ſo ſehr ſchmerzt und in Verlegenheit ſetzt. Die Zeit wird es erklären, wie ich hoffe, aber es iſt ſehr unangenehm.“ Es war in der That keine Einbildung; aber dieſe jungen Beobachter und ſelbſt Mrs. Hamilton konnten nicht ahnen, daß das, worüber ſie ſich den Kopf zerbrachen, oder was ihnen Kummer verurſachte, Ellen faſt wahnſinnig machte, wel⸗ cher zu Muthe war, als Wochen verfloſſen, ehe ihr Mrs. Lang⸗ ford nur ſehr geringe Summen für ihre Schmuckſachen aus⸗ zahlte, als wenn ſie den Verſtand verlieren müßte, ehe ſie ihren immer noch heißerſehnten Plan in Ausführung bringen und Robert die fehlende Summe zurückgeben könnte, ohne den Verdacht gegen ſich zu erwecken. Sie fühlte ſich auch ſelbſt ſo verändert, wie ſie ihren Umgebungen ſchien; ein ſchwarzes undurchdringliches Leichentuch ſchien ihr Gemüth verhüllt zu haben und ſie ſelbſtden Neigungen und Beſtrebungen unzugäng⸗ lich zu machen, die ſie ſonſt ſo ſehr geliebt hatte. Sie ſehnte ſich aus dem dichten undurchdringlichen Nebel heraus nach einer Veränderung, ſelbſt wenn ſie nur durch einen ſchweren Schlag herbeigeführt werden könnte. Sie betete, ihr ein greifbares Leiden der härteſten Art zu ſenden, anſtatt die Erſtarrung fortdauern zu laſſen, welche ſie ſich nicht bewegen, handeln und ſprechen ließ, als wenn ſie verhext ſei und in Folge deren ſie die Verwandte, die ſie ſo ſehr geliebt hatte, mit einer Furcht anſah, daß ſie dachte, es würde ihr weniger Qual verurſachen, aus ihrer Nähe ſich verbannt zu ſehen, als mit ihr verkehren zu müſſen, nachdem ſie eine ſolche Schuld auf ſich geladen. Mrs. Hamilton beobachtete ſie und war bekümmert, aber ſie behielt ihre Beobachtungen und ihren Kummer für ſich, 353 denn ſie wollte ſelbſt nicht auf kurze Zeit das Glück ihrer Kinder ſtören. Vierzehn Tage nach der Ankunft der jungen Leute kamen unerwartet Briefe von Mr. Hamilton, die zwölf Tage nach ſeiner Abreiſe datirt waren und die ein ſchottiſcher Kauffahrer brachte, dem ſie in der Nähe der Shetlandsinſeln begegnet waren, und der ſie getreulich, wie er verſprochen, von Edinburg weiter befördert hatte. Die Reiſe war höchſt angenehm geweſen und ſie hofften Farö in der nächſten Woche zu erreichen. Er ſchrieb über Morton, daß der Troſt einer ſolchen Geſellſchaft und der innere Werth ſeines Charakters nicht eher erkannt werden könne, als bis man ſo nahe zuſammenlebe. Ich verdanke dieſen vortrefflichen Freund unſerm Perey, ſchrieb er. Er ſagt mir, ſein muthiges und ehrliches Ge⸗ ſtändniß, die Verſe verfaßt zu haben, die ihm ſo viel Schmerz verurſacht gehabt, hätte ihn mehr zu mir und den Meinen hingezogen, als ſelbſt meine Bemühungen um ſeine Freund⸗ ſchaft. Percy konnte nicht vorausſehen, als er ſich ſo ſelbſt be⸗ ſiegte, welche Hilfe er ſeinem Vater damit leiſtete— ſo wenig wiſſen wir, zu welchem verborgenen Gute die ehrliche und offene Erfüllung einer Pflicht, ſo ſchmerzlich ſie auch ſein mag, führen kann. „Mein Vater ſollte Dir danken, Mutter, nicht mir,“ antwortete Percy mit glühender Wange und ſtrahlendem Auge, als die Mutter ihm die Stelle vorlas. „Das nicht, Percy, ich will nicht, daß Du mir das Ver⸗ dienſt Deiner guten That zumiſſeſt; ich ſuchte Dich nur zu leiten, mein Sohn. Weder die Neigung, zu empfangen, noch die Furcht, die aus dem Samen aufging, den ich pflanzte, kommt von mir.“ „Doch, Mutter, mehr als Du im Entfernteſten glaubſt,“ erwiderte er mit außergewöhnlichem Ungeſtüm, denn ſie waren zufällig ganz allein.„Ich dachte, ich kennte Deinen ganzen Werth, ehe ich nach Oxford ging, aber ich habe jetzt die Welt kennen gelernt. Ich bin ein ſtummer Zuhörer und Beobachter ſolcher Gedanken, ſolcher Handlungen geweſen, wie naturge⸗ mäß die meinen geweſen ſein würden, und wiewohl ſie an 23 354 ſich vielleicht von geringer Bedeutung waren, ſo ſehe ich doch, daß ſie zu Unregelmäßigkeit, Leichtſinn und laxem Betragen führten, die ich nun für nichts Anderes, als Sünde halten kann; und was bewahrte mich davor? Der Grundſatz, den Du mir von Kindheit auf einprägteſt. Ich habe dieſe jungen Leute gefragt und ſie im Geſpräch dahin zu bringen geſucht, daß ſie von ihrer Kindheit und ihrem elterlichen Hauſe er— zählten und keiner von ihnen war geleitet, geliebt wor⸗ den wie ich, keiner hatte Eltern, bei denen ſich Feſtigkeit und Güte vereinigten, ſo daß mein feuriger, freier Geiſt ſich ungehindert entwickelte, ohne daß das Böſe das Ueberge⸗ wicht erhielt. Ich konnte nicht leben, wie ſie lebten. Mutter, lieben kann ich Dich vielleicht nicht mehr, aber jedesmal, wenn ich friſch aus dem Heiligthume des Vaterhauſes in die Welt hinaustrete, muß ich Dich mehr ſegnen und verehren. Um mit irgend welcher Sicherheit durch die Welt zu kommen, muß der Menſch Grundſätze haben, die auf die höchſte Quelle zurückgehen, und dieſe Grundſätze kann blos das beſtändige Beiſpiel einer Mutter und die Erinnerung des Vater⸗ hauſes einflößen.“ Mrs. Hamilton konnte nicht antworten, aber— ein ſehr ungewöhnliches Zeichen der Schwäche bei ihr, Thränen der innigſten Seligkeit floſſen über die Wangen ihres Sohnes, als er in ſeinem Ungeſtüm vor ihr nieder⸗ kniete und ſeine ungewöhnlich ernſte Anrede mit denſelben zärtlichen Liebkoſungen ſchloß, mit denen er ſie in der Kind⸗ heit und im Knabenalter zu überſchütten pflegte. Die Briefe von Mr. Hamilton erhöhten natürlich die allgemeine Heiterkeit weſentlich, und die Anweſenheit der Fa— milie Graham um dieſelbe Zeit gab den jugendlichen Freuden neuen Reiz. In den wenigen Monaten, die ſie in Moorlands zubrachte, ließ ſich Annie wirklich herbei, liebenswürdig zu ſein. Perey und einige von Perey's Freunden aus der Knabenzeit, die nun Jünglinge waren, wie er ſelbſt, ver⸗ hielten ſich gegen ihre Geſellſchaft ganz gleichgültig, und da ſie ſehr wohl wußte, der einzige Weg, Percy's Beachtung zu gewinnen, ſei der, ihre Ziererei und ihren Hochmuth ſo viel als möglich zu laſſen, ſo that ſie es und zeigte ſich ſo gefällig, 355 daß Mrs. Hamilton erſtaunt war, die, immer geneigt, das Beſte zu denken, mehr von Annie zu hoffen anfing. Ihre reine Seele konnte nicht begreifen, daß Annie, abgeſehen von dem Vergnügen mit Percy umherzuſtreifen, ſich in dieſer Weiſe wirklich nur benahm, um ihre Wachſamkeit zu täuſchen und ſo ein weiteres Feld für ihre Künſte zu gewinnen, wenn Caroline in die Welt von London eintreten würde, eine Zeit, der ſie ſeit ihrem dreizehnten Jahre im Geheimen als der Gelegenheit entgegengeſehen hatte, wo ſie Caroline dahin bringen würde, ſich ſo zu benehmen, wie ſie ſelbſt, und die ſchönen Erziehungspläne ihrer Mutter zu untergraben und in Veracht zu bringen. Mrs. Greville und Mary waren ebenfalls häufig in Dakwood oder ſie ſahen ihre Freunde bei ſich. Herbert und Mary kamen in Worten oder Gefühlen nicht viel weiter, als ſie als Knabe und Mädchen geweſen waren, aber immer noch geſtanden ſie ihren beiderſeitigen Müttern zu, daß ſie nächſt ihnen einander am liebſten in der Welt hätten, und daß es ihnen größeren Genuß gewährte, zuſammen zu ſein, als irgend ein anderes Vergnügen, das ihnen das Leben bieten könnte. Ausflüge zu Waſſer und zu Lande, bisweilen zu Pferde, bisweilen zu Wagen, häufige kleine Familienfeſte, entweder zu Oakwood oder in Moorlands oder in Greville Manor ließen die Tage und Abende Allen höchſt angenehm verfließen mit Ausnahme von Ellen, die nicht ſo oft zu Haus zu bleiben wagte, wie ſie Luſt gehabt hätte, und deren erzwun⸗ gene Heiterkeit, wenn ſie in Geſellſchaft war, nur die innere Qual ſteigerte, wenn ſie ſich allein befand. Mrs. Hamilton hatte ſich noch enthalten, mit ihr zu ſprechen. Sie ſuchte ſich immer noch glauben zu machen, daß ſie ſich geirrt haben müſſe und daß ſie wirklich nichts Außergewöhnliches an ſich habe. Eines Morgens indeß, etwa einen Monat nachdem die jungen Leute zu Hauſe waren, wurde ihre Aufmerkſamkeit gefeſſelt, als ſie Percy ſeine Couſine heiter fragen hörte:„Lelly, Tiny machte mir eine ſolche Beſchreibung von Deiner Geburtstagsuhr, daß ich ganz vergeſſen habe, Dir zu ſagen, daß ich ſie die ganze Zeit, 23*» 356 wo ich zu Haus Zeweſen bin, lebensgern einmal geſehen hätte; zeige ſie mir einmal, liebes Kind! Sie kann Dir freilich nicht viel nutzen, denn ich habe nie geſehen, daß Du ſie aus ihrem Verſteck hervorgeholt hätteſt.“ Ellen antwortete faſt unhörbar, daß ſie ſie ihm nicht zeigen könne. „Du könnteſt ſie mir nicht zeigen! Du mußt träumen, Lelly, wie Du es jetzt ſehr oft zu thun ſcheinſt. Wie, warum trägſt Du die Kette und das Petſchaft und den Schlüſſel dazu, wenn Du nicht Deine Uhr ebenfalls trägſt?“ „Wo iſt Deine Uhr, Ellen, und warum, wenn Du ſie nicht trägſt, läßt Du es uns glauben?“ unterbrach ihn Mrs. Hamilton, die auf einmal jeden Gedanken aufgegeben hatte, daß Ellen bloß in ihrer Einbildung ſich verändert habe. Ellen blieb ſtumm und wie es Perey ſchien, in ſo mürri⸗ ſcher und ungezogener Weiſe, daß er ganz entrüſtet wurde. „Hörteſt Du nicht, daß meine Mutter mit Dir ſprach? Warum antworteſt Du nicht?“ „„Weil ich dachte, daß meine Uhr mein Eigenthum ſei und daß ich damit thun könnte, was ich wollte, ſie tragen oder aufheben, wie es mir beliebte,“ lautete die Antwort; aber ſie hatte in dieſem Augenblicke weder über ihre Worte noch über ihren Ton irgend eine Herrſchaft, denn in ihrer furchtbaren Angſt wußte ſie nicht im mindeſten, was ſie ſprach. „Wie kannſt Du Dich unterſtehen, ſo zu antworten, Ellen! Verlaß das Zimmer oder bitte meine Mutter ſofort um Verzeihung!“ erwiederte Percy, deſſen Augen von ſo ungewöhnlichem Zorne glühten, daß er ſie noch mehr er⸗ ſchreckte, und ſie war im Begriff, ihm zu gehorchen, ohne die verlangte Entſchuldigung zu verſuchen. „Bleib, Ellen! dieſes außerordentliche Benehmen darf nicht länger dauern, ohne daß ich meinerſeits daſſelbe in Berückſichtigung ziehe. Ich habe es, wie ich fürchte, bereits nur zu lange ertragen. Verlaſſe uns, mein lieber Percy, ich möchte mit Deiner Couſine allein ſprechen.“ 357 „Ich fürchte, es wird vergeblich ſein, Mutter, ich kann mir nicht denken, was über Ellen gekommen iſt, aber ich habe in meinem Leben keine ſo unbegreifliche Veränderung geſehen.“ Er entfernte ſich, ohne zu bemerken, daß Ellen, die von den Worten ihrer Tante niedergeſchmettert war, in der Nähe der Thür ſtand, eine raſche Bewegung machte, um ſeinen Arm zu ergreifen, und daß die Worte:„Gehe nicht, Percy, habe Mitleid mit mir!“ auf ihren blaſſen Lippen zitterten, aber faſt klanglos waren. Was in der Unterredung, die länger als eine Stunde dauerte, vorkam, erfuhr Niemand, aber das wachſame Auge ihrer liebevollen Kinder bemerkte Spuren ungewöhnlicher Störung in Mrs. Hamiltons ausdrucksvollem Geſicht, als ſie wieder zu ihnen kam, und der dunkle Rand um Ellens Augen, die Todtenbläſſe ihrer Wangen und Lippen ſchien zu zeigen, daß es auch ihr an Leiden nicht gefehlt hatte, wiewohl ihre Tante nicht ein Zeichen der Reue, nicht ein Wort der Anerkenntniß, daß ſie durch ihr außerordentliches Benehmen ſeit einigen Wochen ſich vergangen habe, nicht einmal eine mildernde Thräne aus ihr herauslocken konnte. Sie hatte ſich noch nie ſo vergangen; ſelbſt nicht, als das Verſchwinden ihres Monatsgeldes großes Mißfallen erregt hatte, hatte Ellen eine ſo entſchiedene Hartnäckigkeit gezeigt. Sie ſuchte ſich nicht zu vertheidigen, nicht einmal auf den Vorwurf der Falſchheit zu antworten, daß ſie vorgeblich ihre Uhr getragen, während ſie es nicht gethan, und daß ſie nicht ſagen wolle, was ſie damit gemacht habe. Mrs. Hamilton ſprach mit ihr, bis ſie faſt erſchöpft war, denn ihre eigene Täuſchung war höchſt ſchmerzlich, und ſie hatte nicht einen Strahl der Hoffnung, der ſie getröſtet hätte. Ihre Schlußworte waren: „Ich bin vollkommen überzeugt, Ellen, daß Du unter dem böſen Einfluſſe irgend eines abſcheulichen Vergehens ſtehſt, das Du nicht geſtehen willſt. Was es iſt, das wird die Zeit offenbaren. Ich gebe Dir einen Monat Friſt, um Dich über Deine Handlungsweiſe zu entſcheiden; beſiege dieſen mürriſchen Geiſt, geſtehe das Vergehen, deſſen Du Dich 358 ſchuldig gemacht und ändere Dein Betragen, daß Du wieder das Kind wirſt, das ich ſo liebte trotz ſeiner gelegentlichen Fehler und Vergehungen, und ich will Dir alles Vergangene verzeihen. Wenn ich nach Ablauf eines Monats finde, daß Du in dem Geiſte des Widerſtandes und des Trotzes be⸗ harrſt, ohne an Deine Pflicht gegen Gott und gegen mich zu denken, ſo werde ich die erforderlichen Maßregeln ergreifen, um Dich zum Gehorſam zu zwingen. Ich hatte gehofft, alle meine Kinder unter meinen Augen und durch meine eigenen Bemühungen zu erziehen; aber wenn ich es nicht thun darf, ſo kenne ich meine Pflicht zu gut, um vor einer Alternative zurückzuſchrecken. Du wirſt nicht länger unter meiner Obhut bleiben, ein ſtrengerer Hüter und eine ſchär— fere Zucht werden Dich zum Gefühl Deiner Pflicht zurück⸗ bringen. Ich rathe Dir, die Sache wohl zu überlegen, Du kennſt mich zu gut, um zu glauben, daß ich bloß im Scherz ſpreche!“ Sie hatte das Zimmer verlaſſen, als ſie geſprochen, ſo daß, wenn Ellen hätte antworten wollen, keine Zeit dazu geweſen wäre, aber ſie hätte nicht ſprechen können. Von Dakwood im Zorne fortgeſchickt zu werden, war ſchrecklich, dennoch war es gerecht. Es war vielleicht beſſer, als die Qual länger auszuhalten, beſſer ihre Schande und ihr Elend unter Fremden zu verbergen, als unter den Guten, den Glücklichen zu bleiben, ſie, die Schuldbeladene. Sie ſaß da und ſann, bis ſelbſt ihr Gefühl erſchöpft war, und wiederum beſchlich ſie der Zauber, die Betäubung der Gleichgültigkeit. Sie würde geſtanden haben, aber das halbe Geſtändniß, das ſie hätte machen müſſen, hätte nicht befriedigen können, das wußte ſie, und die Furcht, ihren Bruder zu verrathen, ſchloß ihr die Lippen. Roberts Geſchichte und das wunderbare Verſchwinden der Banknoten war natürlich Percy und Herbert mitgetheilt worden. In der That, die Veränderung des jungen Mannes, der ebenſo leichtherzig wie ſein junger Herr geweſen war, und nun ernſt und faſt düſter ausſah— denn die Ueberzeu⸗ gung ſeines Herrn und ſeiner Herrin von ſeiner Unſchuld 359 konnte ihn nicht beruhigen, ſo lange noch Morris und viele andere von dex Dienerſchaft gegen ihn Verdacht hegten— mußte die Anfmerkſamkeit der jungen Männer ſogleich auf ihn ziehen. Die verſchiedenen Pfade zwiſchen der Halle und der Hütte der Mrs. Langford waren ſo durchſucht worden, daß, wenn nicht der Sturm ſie vernichtet oder die Bank⸗ noten ſehr weit fortgeweht hatte, es faſt unmöglich ſchien, daß ſie nicht hätten gefunden werden ſollen. Mr. Hamilton kannte die Zahl jeder Note, hatte ſie ſeiner Gattin geſagt und gab ſeinem Banquier Nachricht, daß, wiewohl er nicht wünſchte, daß ſie angehalten werden ſollten, er doch gern wo möglich wiſſen möchte, wenn ſie vorkämen. Es war keine Nachricht darüber nach Oakwood gekommen und es ſchien ſeltſam, daß wenn ſie gefunden und behalten worden wären, ſie nicht ſchon lange gebraucht worden ſein ſollten; denn ſeitdem ſie verloren gegangen, waren nun zehn Wochen verfloſſen, und faſt neun, ſeit die Briefe an Edward und ſeinen Capitain abgegangen waren, worauf noch keine Ant⸗ wort gekommen. Aber das war nichts Außergewöhnliches, denn Edward ſchrieb ſelten unter drei oder vier Monaten. Es war ziemlich gegen Ende Auguſt, als Mrs. Hamil⸗ ton an einem ſchönen Nachmittag verhindert wurde, ihre Kinder auf einem Boote den Dart hinauf zu begleiten, wie⸗ wohl ſie es ſchon lange verſprochen hatte und Percy in Folge deſſen außerordentlich unmuthig war; aber gewiſſe Ange⸗ legenheiten, die der Hausmeiſter Morris mit ſeiner Herrin zu beſprechen hatte, nöthigten ihn, eine längere Unterredung zu erbitten, als gewöhnlich. Ellen hatte ſich der Waſſer⸗ partie angeſchloſſen, ein Entſchluß, der ihrer gewohnten Weiſe ſo ſehr entgegen war, daß Mrs. Hamilton nicht um⸗ hin konnte, zu glauben, ſie wolle es vermeiden, mit ihr allein zu ſein. In ihrem ganzen Benehmen war keine Verände⸗ rung vorgegangen, als daß ſie ihre ſchnippiſchen und unehr⸗ erbietigen Antworten etwas mehr im Zaume zu halten ſüchte; aber nichts gab Hoffnung, daß ſich ihre Geſinnung geän⸗ dert und daß ſie das unbekannte Vergehen, was es immer ſein mochte, eingeſtehen und wieder gut machen wollte. Mrs. 360 Hamilton bereitete ſich auf die Ausführung der Alternative vor, die ſie ihrer Nichte geſtellt hatte, und ſie brachte manche ſchlafloſe Nacht in ſchmerzlichen Gedanken zu. Wenn es nothwendig war, ſie von Oakwood wegzuſchicken, würde es den erwünſchten Erfolg haben? Bei wem würde ſie dieſelbe unterbringen können und welchen genügenden Grund würde ſie anzuführen vermögen, daß ſie es thue? Sie wußte, daß hundert Zungen doch über ſie ſchreien würden, daß ſie ihre verwaiſte Nichte aus ihrem Hauſe entferne, aber das war nur ein bittrer Tropfen unter die vielen anderu Quellen der Sorge. Doch waren dies nur ihre nächtlichen Kümmer⸗ niſſe; ſie mochte bläſſer ausſehen, wenn ſie aufſtand, aber wiewohl ihre Kinder überzeugt waren, daß Ellen ſie außer⸗ ordentlich betrübe, ſo wurde doch ihre heitere Theilnahme an ihren Freuden und Beſtrebungen nicht einen Augenblick ge⸗ ringer. Morris verließ ſie um ſechs Uhr, nachdem ſein Geſchäft ſo befriedigend beendet worden war, daß der alte Mann ſich ganz glücklich fühlte und gegen Ellis erklärte, er habe allerdings ſeine Herrin ſchon immer für eine Frau gehalten, wie keine andere, aber er hätte nie gedacht, daß eine Frau einen ſo klaren Kopf haben könne, die ſchwierigſten Rechnungen und die verwickeltſten Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und das ſei auch gar keine Sache für eine Frau. Mrs. Hamilton, die nicht wußte, welche Bewunderung ſie hervor⸗ gerufen hatte, rief Robert und begab ſich nach dem Schul— zimmer, um ein Stickmuſter und einen Brief zu holen, den Caroline an dieſem Abend an Annie Graham abgeſchickt zu haben wünſchte. Der Brief lag auf einem Tiſch, aber das Muſter und einige Seide hatte ſie einzupacken vergeſſen, weil ihre Brüder fertig waren und ſo auf Eile drangen, daß ihre Mutter verſprochen hatte, ſie wolle dafür Sorge tragen. Das Stickkäſtchen ſtand in einem Schränkchen im Schul⸗ zimmer ziemlich hoch oben, und indem ſich Robert große Mühe gab, es ſicher herunter zu bringen, brachte er ein anderes Käſtchen aus dem Gleichgewicht und es fiel mit ſolcher Ge⸗ walt auf die Erde, daß es in mehrere Stücken brach und der 361 Inhalt über dem Fußboden umher flog. Es war Ellens Käſtchen, das hübſche Roſenholzkäſtchen, welches ihr zu dem denkwürdigen Neujahrsabend geſchenkt worden war und das ihr nun zur Bewahrung ihres gefürchteten Geheimniſſes diente. Es war wirklich in Stücken, beſonders wo das Dintenfaß und die Federn geweſen waren, und da die Feder abgebrochen war, hatte ſich das geheime Fach geöffnet und ſein ganzer Inhalt lag offen da. Robert war viel zu be⸗ ſtürzt, als daß er an etwas Anderes, als ſeine außerordent⸗ liche Ungeſchicklichkeit und die Vorwürfe ſeiner Herrin ge⸗ dacht hätte. Er las raſch den Inhalt zuſammen und legte ihn behutſam auf den Tiſch, in deſſen Kaſten Mrs. Hamilton die Sachen unterbringen wollte, zu welchem Zwecke ſie den⸗ ſelben ausleerte. Sie legte die einzelnen Gegenſtände ſorg⸗ fältig hinein und ſah eben ein Buch mit ſehr hübſch geſchrie⸗ benen franzöſiſchen Aufſätzen durch und freute ſich, daß wenigſtens etwas darunter ſei, worüber ſie mit Ellen zufrie⸗ den ſein könne, da überraſcht ſie ein Ausruf Roberts: „Nun, da iſt wenigſtens eins, wie freue ich mich!“ Sie ſah ihn forſchend an, aber er bedeckte blos ſein Geſicht mit einer Hand, während die andere ganz bewußtlos das geheime Fach zuhielt, aus welchem der Inhalt nicht herausgefallen, ſon⸗ dern nur deutlich ſichtbar war. „Was giebt es, Robert? was haſt Du gefunden, das Dich zu ſo widerſprechenden Ausrufungen veranlaßt? Sprich um Gotteswillen!“ entſchlüpfte Mrs. Hamiltons Lippen, denn durch dieſen Blitz der Gedankenverbindung, des Gedächtniſſes oder was es ſein mag, was Ereigniſſe ver⸗ knüpft und die Gegenwart mit der Vergangenheit in Verbin⸗ dung bringt, ſo daß ſich ein Leben faſt in einem Augenblicke zuſammenzudrängen ſcheint, regte ſich ein Argwohn in ihr, daß ihr ganz unwohl wurde und daß ſie ſo ungewöhnlich bleich ausſah, daß Robert wirklich erſchrak und ſich beeilte, ihr einen Stuhl zu holen. „Nichts, Madam! Es kann in der That nichts ſein, ich muß mich irren, ich benehme mich heute Nachmittag wie 362 ein Narr, der zuerſt unerhörten Schaden anrichtet und Sie dann mit Schatten erſchreckt.“ „Dieſe ausweichende Antwort hilft Dir nichts, Robert, gieb mir die Papiere, über die Du ſo erſchrakſt.“ Er zauderte, und Mrs. Hamilton ſtreckte ihre Hand aus, um ſie ſelbſt zu nehmen, aber ihre Hand und ihr Arm zitter⸗ ten ſo, daß, um es vor dem Diener zu verbergen, ſie dieſelben an ihrer Seite herabgleiten ließ und ihren Befehl in einem Ton wiederholte, der keine längere Verzögerung zuließ. Er legte das kleine Fach und ſeinen Inhalt in ihre Hand und zog ſich ohne Wort zu ſprechen in das entfernteſte Fenſter zurück. Volle fünf, vielleicht zehn Minuten herrſchte eine ſo tiefe Stille, daß man eine Nadel hätte fallen hören können; endlich wurde ſie durch Mrs. Hamilton unterbrochen: „Robert!“ In ihrer Stimme hörte man weder eine Veränderung noch ein Zittern, aber der furchtbare Ausdruck gewaltſam unterdrückten Leidens auf ihrem todtbleichen Geſicht erſchreckte ihn ſo, daß er ſie faſt unhörbar bat, ihn ein Glas Waſſer, Wein oder irgend etwas holen zu laſſen. „Es iſt gar nicht nothwendig, mein guter Burſche, ich bin vollkommen wohl. Dies iſt, glaube ich, die einzige Banknote, die zu den verlorenen gehört. Dieſe kleineren Banknoten“— ſie zeigte auf drei von einem, zwei und vier Pfunden, die Ellen in langen Zwiſchenräumen von Mrs. Langford erhalten hatte—„haben nichts damit zu thun?“ „Nein, Madam! Und dieſe— dieſe vielleicht auch nicht.“ „Wir können nicht daran zweifeln, Robert, ich habe die Nummern. Ich brauche Dich indeß nicht länger aufzuhal⸗ ten. Lies dieſe Bruchſtücke zuſammen, und wenn ſie wieder hergeſtellt werden können, ſo ſorge dafür. Hier iſt Miß Hamiltons Brief und Paquet. Ich glaube, Du wirſt auf eine Antwort warten müſſen, auf alle Fälle frage. Ich brauche Dich nicht zu bitten, über dieſe Entdeckung zu ſchweigen, bis ich mit Miß Forteseue geſprochen habe; Du 363 kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ich Deine Unſchuld öffent⸗ lich kund thun werde.“ „Nur nicht durch eine Blosſtellung von Miß Ellen! O Madam, dies iſt nur eine derſelben, die kleinſte, ſie kann durch einen bloſen Zufall in ihren Beſitz gekommen ſein. Sehen Sie, wie fleckig ſie von der Feuchtigkeit iſt. Um Gotteswillen, Madam, ſchonen Sie ſie und ſich ſelbſt!“ und im Eifer ſeiner Worte ergriff Robert ihr Kleid und wußte kaum ſelbſt, wie er den Muth gefunden hatte, ſo zu ſprechen. Die Lippen ſeiner Herrin bebten.„Das iſt ge⸗ dacht, Robert, und wenn Gerechtigkeit gegen Dich und Gnade gegen die Schuldige durch irgend einen mildernden Umſtand, der mir jetzt noch unbekannt iſt, vereinigt werden kann, ſo verlaſſe Dich auf mich, daß es geſchieht. Nun geh!“ Er gehorchte ſtumm, und immer noch verlor ſich bei Mrs. Hamilton nicht der äußere Schein ſtarrer Ruhe. Sie fuhr fort, die einzelnen Papiere und Briefe wegzulegen, während ſie die Banknoten zurückbehielt, ſchloß den Kaſten zu, nahm den Schlüſſel an ſich und begab ſich dann nach ihrem Zim⸗ mer, wo ſie eine volle halbe Stunde allein blieb. Es iſt nicht unſre Sache, den Schleier über dieſe kurze Zwiſchen⸗ zeit zu lüften, wir müſſen unſre Aufgabe ſchlecht erfüllt haben, wenn unſre Leſer ſich in den erhabenen Character, die innern Regungen und das äußere Benehmen der Mrs. Hamilton nicht ſo hineindenken können, daß ſie die zermalmende Qual dieſer einen halben Stunde ſich nicht beſſer vorzuſtellen ver⸗ mögen, als wir dieſelbe beſchreiben könnten. Und ſo groß die Qual war, ſo hatte ſie nur noch größere im Gefolge. Sie konnte derſelben auch nicht einmal theilweiſe entrinnen, wie es der Fall geweſen ſein würde, wenn ihr Gatte zu Hauſe war. Die Prüfung der Schuldigen, deren geheim⸗ nißvolles Benehmen eine ſo unglückliche Erklärung gefunden hatte, daß ſie nicht einmal zu hoffen wagte, das ſei die ein⸗ zige fehlende Note, die ſie ſich angeeignet, das erzwungene Geſtändniß, welchen Gebrauch ſie davon gemacht, die öffent⸗ liche Anerkennung der vollkommenen Unſchuld Roberts, das alles drängte ſich auf ihr Gemüth ein, wie furchtbare Ge⸗ 364 ſpenſter, denen ſie nicht entrinnen konnte. Und von wem kam all dieſer Schmerz und dies Elend? Von Ellen, dem Kinde, das ſie angenommen, dem Kinde ihrer Liebe, deſſen Charakter ſie ſo aufopfernd zum Guten zu erziehen geſucht hatte, deſſen junges Leben ſie glücklicher zu machen bemüht geweſen war, als ſie es in ihren erſten Jahre geweſen, für die ſie ſo gehofft, gebetet, mit der ſie ſo viel Geduld gehabt, die ſie auf dem Krankenbett mit ſo unermüdlicher Geduld, ſo unerſchöpflicher Liebe gepflegt hatte. Und nun? vierundzwanzigſtes Rapitel. Die Schuldige und ihre Richterin. Es war ziemlich ſieben Uhr, als die junge Geſellſchaſt zurückkehrte, erfreut wie gewöhnlich über ihr Nachmittags⸗ vergnügen, und Percy, der laut nach ſeiner Mutter rief, machte ſich in einem Ausrufe der Ungeduld Luft, als ſie noch immer unſichtbar blieb. „Ich könnte Morris und alle ſeine Angelegenheiten auf den Grund des Dart hinabwünſchen, wenn er meine Mutter ſo in Anſpruch nimmt, während ich ſie haben möchte,“ ſagte er, als er ſich auf ein Sopha im Muſikzimmer warf und Emmelinen bat, ſich raſch auszukleiden, da er ein Lied auf der Harfe hören müſſe, um ruhig zu werden. Herbert trat in das Bibliothekzimmer, um nach einem Gedicht zu ſuchen, über deſſen Schönheit er ſich mit Miß Harcourt während der Fahrt unterhalten hatte. Als er aber ſeine Mutter be⸗ merkte, wollte er ſich zurückziehen, da er dachte, daß ſie noch beſchäftigt ſei, doch ſie blickte auf, als die Thür ſich öffnete, und als ſie ihn erkannte, lächelte ſie und fragte ihn, ob ſie einen angenehmen Nachmittag gehabt hätten. Er blickte ſie beſorgt an, ohne zu antworten, dann 365 näherte er ſich ihr, ergriff ihre Hand und ſagte zärtlich: „Entſchuldige mich, liebſte Mutter, ich ſollte vielleicht nicht fragen, aber ich bin überzeugt, es iſt etwas vorgefallen. Du biſt krank, bekümmert; darf ich Deinen Kummer nicht theilen, kann ich nichts thun?“ „Nichts, mein Herbert! Gott ſei Dank für Deine reiche Liebe; ſie iſt mir ein ſolcher Troſt!“ und der lange Druck der Hand, die unwillkürliche Zärtlichkeit, womit ſie dieſe Worte ſprach, verriethen, wie ſehr ſie in dieſem Augenblicke des Troſtes bedurfte. Aber ſie ſammelte ſich ſofort wieder. „Aengſtige Dich nicht, lieber Sohn, ich bin nicht krank, vielleicht nicht ganz glücklich, aber wir wiſſen, wo wir die Kraft zu ſuchen haben, um Prüfungen zu ertragen. War⸗ tet mit dem Thee auf mich bis acht Uhr; wahrſcheinlich werde ich bis dahin zu thun haben.“ Und Herbert, der ſich darüber beruhigte, daß ſie ihn nicht ſprechen wollte, nahm ſein Buch und verließ ſie mit ziemlich kummervollem Herzen. In weiteren zehn Minuten öffnete ſich die ſchwere Thür wieder, aber es trat Niemand herein, ſondern der Ankömm⸗ ling blieb eingewurzelt ſtehen, wo die Thür ſich geſchloſſen hatte. Es war ein ſehr großes und hohes Zimmer mit einer gothiſchen Decke von ſchwarzem, mit erhabener Arbeit beſetz⸗ ten Eichenholz, die Wände und der Kaminſims von demſel⸗ ben Material und ſehr künſtlicher Arbeit; eine Art Thron⸗ himmel, ein Ueberreſt aus alten Zeiten, theilte den obern Theil des Zimmers durch zwei oder drei Stufen von dem untern. Auf dieſem Thronhimmel ſtand das erhöhte Leſe⸗ pult von geſchnitztem Eichenholz, an welchem Mr. Hamilton am Morgen und Abend den Gottesdienſt leitete, und zwei Büchertiſche von neuerer Arbeit ſtanden zu beiden Seiten, aber etwas tiefer. Mit Ausnahme der ſchweren eichenen Stühle und Sophas und der drei oder vier ſeltſamen Tiſche, die umherſtanden und der wohlgefüllten Bücherbretter, die bis zu einer Höhe von fünf Fuß gleichſam die Grenze der Schnitzarbeit an den Wänden bildeten und die Niſchen aus⸗ füllten, welche von den Fenſtern gebildet wurden, war der — 366 untere Theil der Halle zwei Drittel der Länge verhältniß⸗ mäßig leer, und der große Raum und die ſtolze Decke zeig⸗ ten ſich daher noch vortheilhafter. Das prächtig gemalte Fenſter auf dem Thronhimmel warf ein ſehr mildes Licht in das Zimmer, das mit den andern Einrichtungen trefflich harmonirte; wenn aber der Abend ſich niederſenkte, gab es im Zimmer jene Art von ſanftem, heiligem Lichte, welches immer den Geiſt mit einer Art von Ehrfurcht erfüllt. Wir find nicht der Anſicht, daß es allein dieſes Gefühl war, was den zweiten Ankömmling ſo überwältigte, daß er wie ver⸗ zaubert an der Schwelle ſtehen blieb. Mrs. Hamilton ſaß an einem der Tiſche auf dem Thronhimmel in der Nähe des gemalten Fenſters, deſſen Licht gerade auf ſie fiel und ihrer Geſtalt, wiewohl ſie natürlich genug auf einem der großen mit Sammet überzogenen eichenen Stühle ſaß, etwas unge⸗ wöhnlich Würdiges und Königliches gab und die erſchrockene Beſchauerin mit einem ſolchen Gefühl der Ehrfurcht er⸗ füllte, daß, hätte ihr Leben davon abgehangen, ſie in die⸗ ſer Minute nicht einen Schritt hätte vorwärts thun können, und ſelbſt als es ihr mit den Warten befohlen wurde:„Ich wünſchte Deine Gegenwart, Ellen, weil ich mit Dir ſprechen wollte. Komm her und zögere nicht länger.“ Wie ſie die ganze Länge dieſes unermeßlichen Zimmers durchſchritt und ihrer Tante gegenüber ſtand, das wußte ſie nicht. Mrs. Ha⸗ milton ſprach eine volle Minute kein Wort, ſondern richtete ihren forſchenden Blick, von dem wir ſchon einmal geſprochen haben, auf Ellens Geſicht, dann ſetzte ſie in einem Tone, der, wiewohl ſehr leiſe und ruhig, eben ſo viel ſagte, als jener ernſte Blick:„Ellen, muß ich Dir ſagen, weshalb Du hier biſt? Muß ich Dir den Beweis vorlegen, daß meine Worte wahr ſind und daß Du unter dem Einfluß der furchtbaren Folgen eines abſcheulichen Verbrechens geſtanden haſt, das Du nicht geſtehen wollteſt? Von der Art deſſelben hätte ich mir wenig träumen laſſen.“ Einen Augenblick ſtand Ellen wie in Stein verwandelt, ſo weiß und ſtarr war ſie, im näch⸗ ſten war ſie mit einem wilden Schmerzensſchrei zu Mrs. Ha⸗ 367 miltons Füßen geſunken, und begrub ihr Geſicht in ihren Händen. „Iſt es wahr, kann es wahr ſein, daß Du, das Kind meiner Schweſter, die ich liebe, wie mein eigenes Kind, daß Du Dir fremdes Geld angeeignet und es verheimlicht haſt, deſſen Verluſt ſeit ſieben Wochen die Quelle des größ⸗ ten Elends geweſen iſt, da ſich ein ſchmachvoller Verdacht daran knüpfte; daß Du die Worte Deines Onkels hören konnteſt, der ſein ganzes Haus von der Möglichkeit einer That frei ſprach, die wirklicher Diebſtahl war, und daß Du doch durch kein Wort und keine That Deine Reue oder Deine Schuld verrietheſt; daß Du den Unſchuldigen, der unter dem furchtbaren Verdachte ſtand, ſeinen guten Ruf verlieren ſehen konnteſt, ohne daß er im Stande war, ſich von dem Verdachte zu reinigen, und Du konnteſt ruhig, gleichgültig dabei ſtehen und durch Dein verhärtetes widerſpenſtiges Weſen nur beweiſen, daß ein böſes Herz in Dir ſchlägt? Ellen, kann es wahr ſein?“ „Ja!“ lautete die Antwort, aber mit ſo entſetzlicher An⸗ ſtrengung, daß ihr ſchlanker Körper ſieberhaft bebte.„Gott ſei Dank, daß es bekannt iſt; ich wagte es nicht, die Strafe über mich herein zu ziehen, aber ich kann ſie ertragen.“ „Dies iſt bloßer Spott, Ellen! Wie kann ich auch nur an dieſen armſeligen Beweis von Reue glauben, wenn ich mich Deines frühern Benehmens erinnere? Was waren das für Noten, die Du fandeſt?“ Ellen bezeichnete ſie. „Wo find ſie? Dieſes iſt nur eine und die kleinſte.“ Ellen antwortete kaum hörbar. „Du haſt ſie verbraucht und wozu?“ Es folgte keine Antwort, weder jetzt, noch als Mrs. Hamilton die Frage in ſtrengem Ton wiederholte. Dann fragte ſie:„Wie lange ſind ſie in Deinem Beſitze geweſen?“ „Fünf oder ſechs Wochen.“ Aber die Antwort war von einem ſolchen Zittern begleitet, daß ſie nicht überzeugen konnte. „Als Robert Deinem Onkel ſeine Geſchichte erzählt hatte, oder vorher?“ 368 „Vorher.“ „Dann war Deine letzte Antwort eine Unwahrheit, El⸗ len. Es iſt volle ſieben Wochen her, als mein Gatte über die Sache mit dem ganzen Hausgeſinde ſprach. Du hätteſt Dich in der Zeit nicht ſo verrechnen können, da Du eine ſolche That hinter Dir hatteſt. Wo fandeſt Du ſie?“ Ellen be⸗ ſchrieb die Stelle.„Und was hatteſt Du dort zu thun? Du weißt, daß weder Du noch Deine Couſinen dieſen Weg nach Mrs. Langfords Hütte gehen ſollen und ganz beſonders nicht allein. Wenn Du ſie beſuchen wollteſt, warum gingſt Du nicht den gewöhnlichen Weg, und wann war das? Du mußt Dich des Tages genau entſinnen, Dein Gedächtniß iſt im Allgemeinen nicht ſo ſchlecht.“ Ellen ſchwieg wieder.„Haſt Du es vergeſſen?“ Sie krümmte ſich zu den Füßen ihrer Tante, dann antwortete ſie hörbar:„Nein!“ „Dann antworte mir in dieſem Augenblicke und beſtimmt, Ellen, zu welchem Zweck ſuchteſt Du die Hütte der Mrs. Langford auf dieſem verbotenen Wege auf und wann?“ „Ich brauchte Geld, und ich wollte ſie bitten, meine Schmuckſachen, meine Uhr, wenn es ſein müßte, zu nehmen und ſie zu verkaufen, wie ich es von Anderen geleſen hatte, die eben ſo elend waren, wie ich, und der Wind blies mir die Banknoten in die Hände und ich verbrauchte ſie. Ich war damals wahnſinnig, ich bin ſeitdem wahnſinnig geweſen, aber ich würde die ganze Summe Robert zurückgegeben ha⸗ ben, wenn ich nur meine Schmuckſachen zur Zeit hätte los⸗ werden können.“ Es iſt unmöglich, den Ton größter Verzweiflung, die Gleichgültigkeit dagegen, welche Wirkung ihre Worte hervor⸗ bringen würden, zu beſchreiben. Jedes Wort ſteigerte die Ver⸗ wirrung der Mrs. Hamilton. Es wäre Thorheit geweſen, zu glauben, daß Ellen nicht fühlte. Es war das äußerſte Elend, was ſie auf der Erde ſich winden ließ, aber jede be⸗ antwortete und unbeantwortete Frage vergrößerte nur das Geheimniß und machte die Aufgabe ihrer Richterin nur ſchwie⸗ riger.„Und wann war dies, Ellen? Ich will keine Um⸗ ſchweife mehr— nenne mir den Tag.“ Aber ſie fragte ver⸗ gebens. Ellen blieb regungslos und ſtumm wie der Tod. Nach mehreren Minuten zog Mrs. Hamilton ihre Hände von ihrem Geſicht weg und nöthigte ſie, den Kopf zu erheben. Sie blickte ihr forſchend in das todtenbleiche Geſicht und ſagte dann in einem Tone, den Ellen in ihrem Leben nicht vergaß:„Du kannſt nicht glauben, Ellen, daß dieſes halbe Geſtändniß mich befriedigt oder daß es im mindeſten Dein Vergehen ſühnt. Nur ein einziger Pfad ſteht Dir offen, denn alles, was Du geſagt und nicht geſagt haſt, vergrößert nur Deine ſcheinbare Schuld und läßt Dein Betragen ſo ſchwarz erſcheinen, daß ich kaum glauben kann, daß ich mit dem Kinde ſpreche, das ich ſo ſehr liebte und immer noch lieben könnte, wenn Du nur ein einziges Zeichen wahrer Reue von Dir gäbeſt, wenn nur eine Hoffnung vorhanden wäre, daß Du wieder die Wahrheit ſprechen wollteſt. Aber dieſes Zeichen, dieſe Hoffnung kann nur ein volles Geſtänd⸗ niß ſein. So ſchrecklich die Schuld iſt, ſich eine ſo große Summe anzueignen, ſelbſt zugegeben, daß ſie Dir durch einen bloßen Zufall in die Hände fiel, ſo ſchwarz die weitere Sünde iſt, es zu verheimlichen, während ein Unſchuldiger darunter zu leiden hatte, etwas noch Schwärzeres muß dahinter ver⸗ borgen ſein, ſonſt würdeſt Du, könnteſt Du nicht ſo hart⸗ näckig ſchweigen. Ich kann glauben, daß Du in einer gro⸗ ßen Noth, in einem höchſt aufgeregten Zuſtande die Summe hätteſt gedankenlos verbrauchen und daß die Furcht Dich hätte verhindern können, etwas ſo Schreckliches zu geſtehen. Aber wo war dieſe große Noth? Wo war dieſer höchſt auf⸗ geregte Zuſtand? Durch welche furchtbaren, geheimnißvollen Schwierigkeiten biſt Du dazu verleitet worden? Sage mir die Wahrheit, Ellen, die ganze Wahrheit. Laſſe mir wenig⸗ ſtens die Hoffnung, Dir und mir die Schande erſparen zu können, Dich öffentlich als die Schuldige zu erklären, und ſo Roberts Unſchuld zu beweiſen. Sage mir, welche Verlegen⸗ heit, welche Noth Dich ſo wahnſinnig machte, Deine Schmuck⸗ ſachen verkaufen zu wollen. Wenn Du nur die mindeſte Entſchuldigung, die mindeſte Möglichkeit haſt, daß ich Dir 24 370 mit der Zeit meine Verzeihung gewähren kann, ſo will ich es thun. Ich will nicht glauben, daß Du ſo gänzlich geſun⸗ ken biſt, ich will alles thun, was ich kann, um den Irrthum aufzuklären und Dich doch nicht darunter leiden zu laſſen; aber um dies zu erlangen, muß ich ein unumwundenes Ge⸗ ſtändniß haben, jede Frage, die ich an Dich richte, mußt Du klar und befriedigend beantworten, um ſo Dir den einzigen Troſt und mir die Hoffnung zurückzubringen. Willſt Du dies thun, Ellen?“ „O daß ich es könnte!“ lautete die Antwort, die von einer ſolchen Herzensangſt zeugte, daß Mrs. Hamilton wirk⸗ lich ſchauderte,„aber ich kann nicht, darf nicht. Tante Em⸗ meline, haſſe mich, verdamme mich zu der ſchwerſten, ſchreck⸗ lichſten Strafe, ich ſehne mich darnach, Du kannſt mich nicht mehr verabſcheuen, als ich es ſelbſt thue. Sprich aber nicht mit mir in dieſer gütigen Weiſe, ich kann es nicht ertragen. Ich habe Deine Gegenwart ſo geflohen, weil ich wußte, daß ich eine Elende bin, daß ich nicht werth bin, in Deiner Nähe zu ſein, o verurtheile mich ſogleich! Ich darf nicht antwor⸗ ten, wie Du es wünſcheſt.“ „Du darfſt nicht?“ wiederholte Mrs. Hamilton mehr und mehr verwirrt, und um die Bewegung, die Ellens wahn⸗ ſinnige Worte und ihr aufgeregtes Weſen auf ſie hervorge⸗ bracht hatte, zu verbergen, mit größerer Strenge.„Du wagſt es, eine Sünde zu begehen, vor der der Niedrigſte in meinem Haushalte entſetzt zurückſchrecken würde, und doch ſagſt Du mir, Du dürfeſt mir nicht die einzige Sühne, den einzigen Beweis wahrer Reue geben, den ich verlange? Das iſt eine feige, elende Ausflucht, Ellen, die ich nicht gelten laſſen kann. Du kannſt keinen Grund für dieſe furchtbare Hartnäckigkeit haben, ſelbſt nicht das Bewußtſein noch größe⸗ rer Schuld, denn ich verſpreche Dir Verzeihung, wenn es möglich iſt, unter der einzigen Bedingung, daß Du ein vol⸗ les Geſtän dniß ablegſt. Noch einmal, willſt Du ſprechen? Deine Hartnäckigkeit wird völlig nutzlos ſein, denn Du kannſt nicht hoffen, mich zu beſiegen, und wenn Du auch ferner Dein Benehmen in dieſes undurchdringliche Dunkel 371 hüllen willſt, denn zwingſt Du mich, Maßregeln zu ergrei⸗ fen, um dieſen trotzigen Geiſt zu brechen, die Dir und mir das größte Leid zuziehen werden, die aber zuletzt den Gehor⸗ ſam erzwingen müſſen.“ „Du kannſt mir nicht mehr anthun, als ich in den letz⸗ ten ſieben Wochen gelitten habe,“ flüſterte Ellen faſt unhör⸗ bar.„Ich habe dies ertragen, ich kann auch das andere tragen.“ „Du willſt alſo nicht antworten? Du biſt entſchloſſen, mir den Tag nicht zu nennen, an dem Du das Geld fandeſt? Du willſt mir nicht ſagen, wozu Du es verwendet? Du willſt mir den Grund nicht angeben, weshalb Du dieſen verbote⸗ nen Weg wählteſt, und willſt mich glauben laſſen, daß Du Dich ſchwererer Vergehen ſchuldig gemacht, als es in der That der Fall ſein mag? Höre mich an, Ellen! Es iſt Zeit, daß dieſe Unterredung aufhört, aber ich will Dir noch eine Mög⸗ lichkeit geben. Es iſt jetzt halb acht Uhr.“ Sie nahm die Uhr ab und legte ſie auf den Tiſch.„Ich will noch eine halbe Stunde hier bleiben, inzwiſchen kann dieſe ſünd⸗ hafte Geſinnung ſich geändert haben, und Du wirſt vielleicht das Geſtändniß ablegen, das ich verlange. Ich kann nicht glauben, daß Du Dich in zwei Monaten ſo geändert haben ſollteſt, um Dich in Deiner Hartnäckigkeit für das Elend zu entſcheiden, während Dir an ſeiner Statt Verzeihung und mit der Zeit auch Vertrauen und Liebe geboten wird. Stehe auf, dieſe Stellung kann nur erheuchelte Demuth ſein, und ſo erſchwert es nur Dein Vergehen.“ Ellen erhob ſich langſam, und indem ſie ſich in einiger Entfernung von ihrer Tante an den Tiſch ſetzte, ſtützte ſie ihren Arm auf und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. Noch nie vorher und nie nachher erſchien eine halbe Stunde Mrs. Hamilton oder Ellen ſo unendlich. Es war vielleicht gut für die Feſtigkeit der Erſteren, daß ſie nicht in dem Her⸗ zen des jungen Mädchens leſen konnte, ſelbſt wenn die Ur⸗ ſache ihrer Seelenangſt noch tiefer verborgen geweſen wäre. Immer wieder und wieder kam das heiße Verlangen über ſie, das Ganze zu offenbaren, nur um Ruhe und Gnade für 24* 372 ſich zu bitten, für Edward um Verzeihung zu flehen; aber dann ſtand klar wie in feurigen Buchſtaben jedes Wort des verzweifelten Bruders vor ihrer Seele, namentlich die Stelle, „Verrathe es meinem Onkel oder der Tante nicht, denn wenn ſie es erfährt, ſo wird auch er es erfahren, und Du ſiehſt mich nie wieder.“ Ihre Mutter, bleich wie der Tod, ſchien vor ihr zu ſtehen, und das Geſtändniß erſtarrte ihr auf den Lippen, da ſie ſie drohend anblickte, wie ſie es oft geſehen hatte, als wenn der bloße Gedanke ein Verbrechen wäre. Die raſch eintretende Dunkelheit, das große und einſame Zimmer, alles erhöhte die furchtbare Täuſchung, und wenn ſich Ellen überwinden konnte, zu beten, ſo betete ſie mit ver⸗ zweifelter Inbrunſt um Kraft, ihren Bruder nicht zu verra⸗ then. Wenn es jemals einen opfermüthigen Geiſt gab, ſo war er in dieſen jungen, ſchwächlichen Körper gebannt. Aber wie konnte Mrs. Hamilton dies glauben? Wie konnte ſie in ihren wildeſten Phantaſien auf den Gedanken kommen, daß Edward, der tapfere, glückliche, thätige Edward, von dem Capitän, Offiziere und Matroſen in ſolch lobenden und bewundernden Ausdrücken ſchrieben, der niemals Ver⸗ anlaſſung zu irgend einer Sorge gegeben hatte und der ſo weit entfernt war, das Mittelglied zu dieſem furchtbaren Ge⸗ heimniſſe ſei? War es nicht natürlicher, daß er ſich in die ſchmerzlichen Sehn die ihr durch den Kopf gingen, nur in ſo fern miſchte, daß ſie durch ſeine Vermittelung die Wahr⸗ heit von Ellen zu hören hoffte? Je mehr ſie nachdachte, um ſo quälender wurden ihre Gedanken. Was konnte dieſes entſchiedene Schweigen herbeiführen, wenn nicht das Bewußt⸗ ſein einer noch größeren Schuld, und welche Schuld konnte das ſein? Der ſchrecklichſte Verdacht füllte ihre Seele. Sie hatte, wiewohl ſie kaum daran geglaubt hatte, von Verfüh⸗ rungen gehört, ſelbſt in Fällen, wo die Aufſicht ſo ſtreng wie möglich geweſen war; konnte nicht ein ſo junges, ſcheinbar ſo unſchuldiges Mädchen in die Klauen irgend eines verzwei⸗ felten Characters gefallen ſein, der auf ſie ſolchen Einfluß übte? Wie konnte ſie glauben, daß ſie die Abſicht gehabt habe, ihre Schmuckſachen zu Mrs. Langford zu tragen, daß 373 ſie dieſen verbotenen Weg gewählt, den weder die Familie noch Jemand von ihren Freunden zu betreten pflegt? Daß ſie in der letzten Zeit niemals an ihren Ausflügen Theil ge⸗ nommen und es vorgezogen, unter irgend einem Vorwande allein zu Haus zu bleiben, das Alles fiel Mrs. Hamilton ein und erfüllte ſie mit einer ſo überwältigenden Furcht, daß das ſchlimmſte Verbrechen, das Ellen hätte geſtehen können, kaum ſchlimmer geweſen ſein würde, als die Bilder, welche ihre Furcht ſich ausmalte, und dennoch war jeder Gedanke ſo unbeſtimmt, alles was ihr einfiel, ſo unklar— es lag nichts vor, was ſie als rettende Hoffnung oder auch nur im entfernteſten entſchuldigende Urſache erfaſſen konnte— ſolch hartnäckiges Stillſchweigen bei einem ſo jungen und im All⸗ gemeinen ſo fügſamen Mädchen konnte und mußte nur ein noch furchtbareres Verbrechen verbergen. Die Dunkelheit, welche nur durch das helle Licht des Herbſtmondes erleuch⸗ tet wurde, erinnerte ſie plötzlich an die ſpäte Stunde. Der Mondſchein fiel mit hellem Strahl auf die Uhr, die eine Re— petiruhr war. Es fehlten nur noch drei Minuten und Mrs. Hamilton beobachtete das Vorrücken des Zeigers mit ſo pein⸗ licher Furcht, daß, als die Stunde erfüllt war, ſie kaum die Kraft hatte, ſie ſchlagen zu laſſen und ſo anzuzeigen(denn mit Worten konnte ſie es nicht) daß die Stunde der Gnade vorüber ſei. Aber ſie beſiegte ihre Ohnmacht, und die ſanf⸗ ten Klänge, die, als Ellen nach Dakwood kam, ſo oft eine Quelle kindlicher Freude und Verwunderung geweſen waren, klangen nun lauter und deutlicher in ihr Ohr, wie ſelbſt die der alten Uhr in der Halle, welche in demſelben Augenblicke die achte Stunde verkündete. Die Uhr ſchwieg, und mit erhöhter Würde, aber voll⸗ kommen ſtumm, erhob ſich Mrs. Hamilton, ging an ihrer Nichte vorüber und hatte faſt die Thür erreicht, da blieb ſie ſtehen und wandte ſich gleichſam unentſchloſſen nach Ellen um. Ellens Augen hatten ſie wie von einem Zauber gefeſ⸗ ſelt beobachtet, und die Pauſe gab ihr die nöthige Kraft, ihrer Tante nachzuſpringen, ſich ihr zu Füßen zu werfen, ihre Knie zu umfaſſen und ſie mit aller Kraft, die ihr noch übrig 374 geblieben, zu flehen:„Tante Emmeline, Tante Emmeline, ſprich nur ein Wort zu mir, ein freundliches Wort, ehe Du gehſt! Ich bitte Dich nicht um Gnade, es kann keine geben für eine Elende, wie ich bin. Ich will alles, was Du mir auflegſt, ohne Klage, ohne Murren tragen, Du kannſt nicht zu ſtreng ſein. Es giebt keinen größeren Schmerz, als den Verluſt Deiner Liebe. Ich dachte in den letzten zwei Mona⸗ ten, daß ich Dich ſo ſehr fürchtete, daß es bloße Furcht, nicht Liebe ſei; aber nun, wo Du mein Vergehen kennſt, iſt mir alles, alles wieder eingefallen und macht mich nur noch un⸗ glücklicher.“ Und ehe Mrs. Hamilton ſie hindern konnte oder im entfernteſten ihre Abſicht bemerkte, hatte Ellen eine ihrer Hände gefaßt und bedeckte ſie mit Küſſen, während ſie krampfhaft ſchluchzte, aber ohne eine Thräne zu vergießen. „Willſt Du geſtehen, Ellen, wenn ich bleibe? Willſt Du mir den Beweis geben, daß es Dir ſolchen Schmerz verur⸗ ſacht, meine Liebe zu verdienen, daß Du mich wirklich liebſt, wie Du ſagſt, und daß es blos ein Vergehen iſt, das Dich ſo verändert hat? Ein Wort, und ſo ſpät es iſt, ſo will ich Dich anhören, und wenn ich kann, Dir vergeben.“ Ellen antwortete nicht, und Mrs. Hamilton's aufs Neue rege gewordenen Hoffnungen ſchwanden. Sie wartete volle zwei oder drei Minuten, dann machte ſie ihre Hand und ihr Kleid los, das Ellen noch immer krampfhaſt feſt hielt; die Thür ſchloß ſich und Ellen war allein. Sie blieb in derſelben Stellung, an demſelben Ort, bis ſich ein ſolches Entſetzen ihrer bemächtigte, daß das Zimmer ſich mit Geſpenſtern zu füllen ſchien, und alle Geräthſchaften ſich plötzlich in lebende Weſen verwandelten. Und mit dem flüchtigſten Schritt der Furcht eilte ſie davon und hielt nicht eher an, als bis ſie ſich in ihrem Zimmer befand, wo ſie ſich auf ihr Bett warf und ihr Geſicht in das Kiſſen begrub, um nichts zu ſehen und, o wie ſehr wünſchte ſie es! nichts zu denken. Es war eine ſo verſchiedenartige Scene, eine ſolche Ueber⸗ fülle von namenloſer Freude, in die Mrs. Hamilton eintrat, daß, wiewohl ſie ſich ſtark genug dachte, alle ſichtbare Bewe⸗ gung zu beherrſchen, der Contraſt ſie faſt überwältigte. Auch 375 wußte ſie, daß die unheilvollen Folgen des Verbrechens einer Perſon dieſe unſchuldige Luſt bannen, und wie ein furchtbarer, freudezerſtörender Schlag ſie alle treffen mußte. Das Zimmer, eines der kleinſten, war hell erleuchtet, die Theemaſchine ziſchte auf dem Tiſch, an welchem Caroline wie gewöhnlich den Vorſitz führte, und ſie wartete nur auf das Erſcheinen ihrer Mutter, um Percy zu befriedigen, der er⸗ klärte, daß er in zwei Bezichungen ſchmachten müſſe, erſtens nach der Geſellſchaft ſeiner Mutter und zweitens nach Befrie⸗ digung ſeines ſchrecklichen Appetites. Er ſaß auf dem Sopha und ſpielte mit Emmelinens Locken, die auf einem niedrigen Stuhl zu ſeiner Seite ſaß und mit ihm in ſo luſtiger Weiſe ſchwatzte, wie er es nur wünſchen konnte. Herbert und Miß Harcourt unterhielten ſich noch ganz ernſthaft über ihr Ge⸗ dicht, von dem Herbert bisweilen ein paar ſchöne Verſe vor⸗ las, und zwar mit ſolcher Mannichfaltigkeit der Betonung und des Ausdrucks, daß Caroline und ſelbſt Perey und Em⸗ meline unwillkürlich zuhörten. „Endlich!“ rief Percy aus, indem er aufſprang, wäh⸗ rend Herbert ſeiner Mutter einen Stuhl holte, und ſie wie gewöhnlich ſich in ihre Mitte ſetzte.„Mutter, ich fange an zu glauben, daß Du mich für meine Ungeduld ſtrafen willſt, weil Du den ganzen Abend nicht zu uns kommſt.“ „Ich wußte nicht, daß Du warteteſt, mein lieber Junge, ſonſt würde ich es vielleicht gethan haben,“ antwortete ſie ruhig und faſt lächelnd.„Ich fürchte, es muß Dich in einem andern Sinne ungeduldig gemacht haben, daß Du nach einer Waſſerpartie ſo lange haſt auf mich warten müſſen.“ „Wie, daß wir alle halb verhungert ſind? Ich kann Dir ſagen, wir ſind es, und daß uns Deine Geſellſchaft fehlte, machte den Schmerz unſres Hungers nur noch größer. Ich habe auf Morris einen Groll und werde ihn gewiß eines Tages es entgelten laſſen, daß er Dich ſo lange aufgehalten hat, während ich Dich gerne hätte haben wollen,“ „Es war nicht Morris, der mich zurückhielt,“ antwor⸗ tete Mrs. Hamilton etwas übereilt,„ich war um ſechs Uhr mit ihm fertig. Aber erzähle mir etwas von Eurem Aus⸗ 376 flug,“ fügte ſie hinzu, offenbar um weitere Bemerkungen zu vermeiden und weil ſie ſogleich ſah, daß Miß Harcourt und Herbert ſie ſehr beſorgt anblickten.„Wie ging Euer Boot und wie klang Carolinens Stimme und Deine Flöte auf dem Waſſer, Percy? Herbert hat, wie ich ſehe, Gedichte gefunden, wie gewöhnlich, und Miß Harcourt zu ſeiner Vertrauten ge⸗ macht. Du mußt mir ſagen, welche Verſe unſer ſchöner Fluß dieſen Nachmittag in Deinem Gedächtniß zurückgeru⸗ fen hat, und Du Emmeline, haſt Du noch mehr Skizzen auszuführen?“ Ihre Kinder erzählten mit Vergnügen von ihrer Luſt⸗ fahrt, und Herbert beſiegte ſeine Sorge und ſuchte die Ruhe ſeiner Mutter nachzuahmen; aber Miß Harcourt war durch den ungewöhnlichen Ausdruck gewaltſam unterdrückten Lei⸗ dens auf dem Geſicht ihrer Freundin zu ſchmerzlich berührt, als daß ſie das Gleiche mit Erfolg hätte thun können. In⸗ deß faſt eine Stunde verfloß lebhaft wie gewöhnlich. Je⸗ der fand ſo viel zu erzählen und Perey war in ſo heiterer Laune, daß es ganz ungewöhnlich war, daß eine Pauſe ein⸗ treten konnte. Der Thee war immer ein Lieblingsgetränk in Dakwood geweſen, da er nach den verſchiedenen Beſchäf⸗ tigungen des Tages die ganze Familie zuſammenführte und es ſo geblieben war. Sie waren ſitzen geblieben, wie ge⸗ wöhnlich, da rief Caroline plötzlich aus:„Was iſt aus El⸗ len geworden? Ich hatte ſie bis zu dieſem Augenblicke ganz vergeſſen. Für wie nachläſſig wird ſie uns halten! Klingle einmal, Perey, daß wir zu ihr ſenden und ſie rufen laſſen können.“ „Wenn ſie kein Gedächtniß für die Theezeit hat, ſo glaube ich wirklich, wir brauchen uns nicht um ſie zu beküm⸗ mern,“ lautete Perey's halb ſcherzende, halb ernſte Antwort, denn Ellens verändertes Benehmen gegen ſeine Mutter hatte ihn ſo böſe auf ſie gemacht, wie er es in ſeinem Leben noch mit Niemand, namentlich mit keinem Frauenzimmer geweſen war. Er ſtreckte jedoch ſeine Hand aus, um zu ſchellen, doch Mrs. Hamilton hielt ihn davon zurück. „Du brauchſt es nicht, Perey. Deine Couſine wird 377 wohl nicht wünſchen in unſrer Geſellſchaft zu ſein,“ ſagte ſie und ihr Ton war jetzt ſo ſorgenvoll, daß der ganze glückliche Kreis erſchrak und ſie mit der ungeheucheltſten Unruhe anſah und Percy, dem jeder Gedanke an Scherz ausgegangen war, ſchlang ſeinen Arm um ſie und rief aus:„Liebſte Mutter, was iſt paſſirt? Wiederum dieſes unglückliche Mädchen? Ich glaube es wirklich. Warum ſchüttelſt Du ſie nicht von Dei⸗ nem Herzen ab? Sie wird Dir für alle Deine Liebe nichts als Undank bringen.“ „Percy, wie kannſt Du ſo hart ſein? Das ſieht Dir gar nicht ähnlich,“ rief Emmeline entrüſtet aus, als das Haupt der Mrs. Hamilton einige Minuten vor natürlicher Schwäche auf den Arm ihres Sohnes ſank.„Wir haben alle dann und wann der Mama Kummer und Sorge ge⸗ macht, und was wäre aus uns geworden, wenn ſie uns von ſich geſtoßen hätte? Und Ellen hat nicht einmal eine Mut⸗ ter! Schäme Dich!“ „Still,“ antwortete Percy, faſt rauh, denn es gab Zei⸗ ten, wo er den Knaben ganz auszog.„Das iſt keine Klei⸗ nigkeit, die Mama ſo angreift. Sollen wir nach Mr. Howard ſchicken, Mutter?“ fuhr er zärtlich fort.„In Vaters Ab⸗ weſenheit iſt er Dein befähigtſter Freund. Wir können nur fühlen, nicht rathen.“ Aber es giebt Zeiten, wo das Mitgefühl dazu dient, Kraft und Selbſtbeherrſchung zurückzubringen, während gu⸗ ter Rath allein ſo herb und kalt erſcheinen würde, daß wir nur darüber weinen könnten; und die zarte Liebe ihrer Kinder und die ungewöhnliche männliche Protectormiene Perey's, die ſich ſo rührend mit der Hochachtung vereinigte, welche ihn nicht die mindeſte zudringliche Frage über die Urſache ihres Kummers thun ließ, bis ſie es für gut halten würde, ihm dieſelbe kund zu thun, gab ihr die Kraft, die Thränen zu unterdrücken, die zuerſt in Strömen über ihre Wangen herabfloſſen, und wiewohl ſie immer noch ſeine Hand feſt hielt, wie wenn der Druck derſelben ſie tröſte, ſo war ſie doch im Stande, die unſelige Entdeckung dieſes Abends ruhig zu er⸗ zählen. Der Erfolg war, wie wenn ein Blitz mitten unter 378 ſie gefallen wäre. Perey's Lippen ſtießen einen gewaltſam unterdrückten, aber leidenſchaftlichen Fluch aus, indem er ſeine Mutter mit dem Arm umſchlang, um ſie ſo vor dem Jammer zu ſchützen, den er ſelbſt fühlte. Herbert bedeckte mit einem leiſen Schmerzensſchrei ſein Geſicht mit den Händen. Caro⸗ line, die erſchrocken und verwirrt war, die aber zuerſt an ihre Mutter dachte, konnte ſie nur anſehen und ſie bemitlei⸗ den und ſie vergaß ganz, daß jedes ihrer Vorurtheile gegen Ellen nun in Erfüllung gegangen zu ſein ſchien. Emmeline ſah zuerſt wie verblüfft aus, dann ſank ſie zu den Füßen ihrer Mutter, verbarg ihr Geſicht in ihren Schooß und ſchluchzte mit ſo grenzenloſer Heftigkeit, daß es hätte ſcheinen können, als wenn ſie ſelbſt, nicht Ellen, an all dieſem Unglück Schuld wäre. Miß Harcourt konnte wie Caroline nur an Mrs. Hamiton denken und ſie bemitleiden, denn ſie wußte ſehr wohl, welche Hoffnung, welche Theilnahme und Liebe ſie an Ellen feſſelte und wie bitter dieſe furchtbare Enttäu⸗ ſchung ſein müſſe. „Weine nicht ſo, liebes Kind!“ ſagte Mrs. Hamilton zu Emmelinen gewendet, nachdem ziemlich eine Viertelſtunde ver⸗ floſſen war und die verſchiedenen Empfindungen der Einzel⸗ nen ſich in Worten Luft gemacht hatten, wie ſie ihren bezüg⸗ lichen Characteren entſprachen. Nur Emmeline fuhr fort, ſo heftig zu ſchluchzen, daß ihre Mutter allmählig ihre eigene Sorge vergaß, um ſie zu tröſten.„Ellen iſt noch ſehr jung, und wiewohl ſie uns Allen gegenwärtig ſo viel Kum⸗ mer und Täuſchung bereitet, ſo kann ſie doch immer noch werden, was wir wünſchen. Wir dürfen nicht alle Hoffnung aufgeben, weil alle bisherigen Sorgen ſo vergeblich geweſen zu ſein ſcheinen. Ueber ihrem Betragen liegt ein unglückſe⸗ liges Geheimniß, denn ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn ſie nicht ſehr elend iſt, und daran knüpft ſich noch einige Hoffnung. 4 „Warum ſe ſie denn aber nicht?“ entgegnete Percy ungeſtüm; denn als er fand, daß ſeine Mutter ihre Feſtigkeit und Selbſtbeherrſchung wieder gewonnen hatte, hatte er ſeiner Entrüſtung dadurch Luft gemacht, daß er haſtig im Zimmer — 379 auf und abging.„Nur die entſchiedenſte Hartnäckigkeit und Bosheit kann ſie ſtumm bleiben laſſen, wenn Du ihr Verge⸗ bung verſprichſt, ſobald ſie nur ſprechen will. Welches Ge⸗ heimniß kann oder darf über ihrer Perſon ſchweben, wenn ſie eine ſo nachſichtige Freundin hat, wie Du, der ſie alle ihre Kümmerniſſe mittheilen kann. Elend! Ich hoffe, ſie iſt es, denn ſie verdient es zu ſein, und wäre es auch nur um ihres elenden Undankes wegen.“ „Percy, lieber Perey, ſprich und urtheile nicht zu ſcharf,“ unterbrach ihn Herbert mit tiefer Empfindung.„Es ſcheint allerdings keine Entſchuldigung für ihr Benehmen zu geben, aber wenn wir jemals finden ſollten, daß es einen Entſchul⸗ digungsgrund für ſie gab, wie unglücklich würden wir ſein, daß wir ſie härter, als ſie es verdient, beurtheilt hätten.“ „Es iſt unmöglich, daß wir das thun können,“ erwiderte Percy, immer noch entrüſtet auf⸗ und abgehend.„Nichts, als das Bewußtſein der Schuld kann ſie davon abhalten, unſrer Mutter alles anzuvertrauen. Ellen weiß, wie wir alle es wiſſen, daß jedes Vergehen, wenn wir es offen be⸗ bekannten, Vergebung fand, daß jede Sorge gemildert und jede Schwierigkeit gehoben wurde. Woher kann alſo ihr Schweigen entſtehen, als entweder aus trotziger Hartnäckig⸗ keit oder einer noch ſchwärzeren Quelle?“ „So erſcheint es unglücklicherweiſe,“ entgegnete Caro⸗ line, aber ſehr bekümmert, durchaus nicht, wie wenn ſie über ihren frühern Scharffinn triumphirte.„Aber ſie kann nicht lange darin ausharren. Liebe Mama, ſieh nicht ſo nieder⸗ geſchlagen aus, es iſt unmöglich, daß ſie Dir auf die Länge der Zeit widerſtehen kann.“ „Sie hat jedes Anerbieten meiner Liebe zurückgewieſen, und es iſt ſchwer zu ſagen, welchen Weg man einſchlagen ſoll, um ſie zum Gehorſam und zum Geſtändniß zu brirgen.“ „Laß mich Mr. Howard holen, liebſte Mama,“ erwiderte Herbert,„er iſt ſo gut, ſo freundlich, ſelbſt in ſeinen ſtreng⸗ ſten Urtheilen, daß ich wirklich glaube, daß Ellen kaum im Stande ſein wird, in ihrem irrthümlichen Schweigen zu ver⸗ harren, wenn er mit ihr ſpricht.“ 380 Mrs. Hamilton dachte einige Augenblicke nach.„Ich glaube, Du haſt Recht, Herbert. Wenn ich mir außerhalb meiner Familie Raths erholen muß, ſo kann ich mich an kei⸗ nen beſſern, klügeren oder verſchwiegeneren Freund wenden. Wenn die furchtbare Schmach, welche ich Ellen heute Abend zufügen muß, indem ich vor dem ganzen Hausgeſinde Roberts Unſchuld nachweiſe und ihre Schuld aufdecke, keinen Erfolg hat, ſie anders zu ſtimmmen, ſo will ich mich an ihn wenden.“ „O Mama, muß dies ſein? Kannſt Du, willſt Du es ihr nicht erſparen?“ bat Emmeline, indem ſie ſich flehend an ihre Mutter klammerte.„Es würde mich tödten. Thue es nicht, gieb ſie nicht ſolcher Schande preis!“ „Denkſt Du, daß es Mama nicht ſchmerzt, dies thun zu müſſen, Emmeline, daß Du ihren Schmerz durch dieſe ſchreck⸗ liche Fürbitte noch vergrößern kannſt?“ entgegnete Percy heftig, ehe ſeine Mutter noch antworten konnte.„Schande! Sie hat uns Allen Schande genug gemacht, es läßt ſich nicht mehr viel hinzu fügen.“ Aber Emmelinens blaue Augen hafteten immer noch auf dem Antlitz ihrer Mutter, und Miß Harcourt, die Mrs. Hamilton gern den Schmerz eines ſol⸗ chen Verfahrens erſparen wollte, redete ihr zu, daſſelbe zu umgehen, aber es gelang ihr nicht. „Ein Wort des Geſtändniſſes, ein Zeugniß, daß ihr Ver⸗ gehen in einer augenblicklichen Verſuchung wurzelt, daß es nichts Schwärzeres verbirgt, einen wirklichen Beweis der Reue, und Gott weiß, wie ſehr ich ſie und mich ſelbſt geſchont haben würde. Aber wie die Sache einmal ſteht, Luch, Em⸗ meline, erſchwert mir die Erfüllung meiner Pflicht nicht.“ So wenig Worte dies waren, ſo ſagte doch der Ton, in dem ſie geſprochen wurden, genug. Es wurde weiter nichts geſagt, und Mrs. Hamilton verſuchte, wiewohl mit ſehr ge⸗ ringem Erfolg, die Gedanken ihrer Kinder auf andere und angenehmere Gegenſtände hinzulenken. Die Zeit ſchien ſtill zu ſtehen und doch, als die Gebetglocke rief, ſchien ſie allen zu früh zu ſchlagen. Alle waren in dem Bibliothekzimmer verſammelt und ſtanden an ihren bezüglichen Plätzen, mit Ausnahme Einer, 381 und Herbert wartete auf ihr Erſcheinen.„Sage Miß For⸗ tescue, daß wir nur auf ſie warten, um das Gebet zu be⸗ ginnen!“ und Fanny, die Dienerin der jungen Mädchen, gehorchte und wunderte ſich über das Nichterſcheinen Miß Ellens, hörte aber nichts Ungewöhnliches in der Stimme ihrer Herrin. Sie kehrte zurück, aber man wartete immer noch. Wiederum öffnete ſich die Thüre und Emmeline beugte ſich vorn über in einer Stellung der Scham und des Schmer⸗ zes, daß ſie ſelbſt außer Stande war, ihre Couſine zu ſehen, die ihren Platz neben ihr hatte. Aber die Worte, die ſie fürchtete, kamen noch nicht. Herbert fing auf das Zeichen ſeiner Mutter mit dem Gottesdienſte an, und er ging wie ge— wöhnlich vor ſich. Den furchtbaren Kampf in Mrs. Hamil⸗ tons Bruſt konnte Niemand leſen, als der allbarmherzige Gott, den ſie inbründig um Kraft und Stärke bat. Die Stimme ihres Sohnes ſchwieg, und der Kampf war vorüber. „Ehe wir für heute aus einander gehen,“ ſagte ſie, als Alle bis auf Eine ſich erhoben hatten,„iſt es nothwendig, daß der Unſchuldige vor Euch allen gerechtfertigt werde und daß er ſich nicht länger durch einen falſchen Verdacht belei⸗ digt ſieht. Es iſt ziemlich zwei Monate her, als Euer Herr gegen Euch ſeine und meine feſte Ueberzeugung ausſprach, daß Robert Langford die Wahrheit geſprochen und daß er die fehlenden Banknoten unglücklicherweiſe verloren habe. Er hatte ſich dieſelben nicht angeeignet, wie die Meiſten von Euch glaubten und es vielleicht noch glauben. Die vergeb⸗ lichen Nachforſchungen nach ihnen haben unter Euch allen ein ſehr unbehagliches Gefühl gegen die Perſon erweckt, auf welche der Verdacht, ſie gefunden und an ſich genommen zu haben, nothwendig fallen mußte, da Niemand als Angehörige unſeres Hauſes gerade dieſen Weg beſuchten und da ſich Niemand denken konnte, daß der Sturm jede Spur von ihnen verweht haben ſollte. Ich erkenne an, daß es un⸗ wahrſcheinlich war, aber nicht ſo unwahrſcheinlich, als daß Robert Langford gegen die Eyrlichkeit geſündigt oder daß ein Mitglied meines Hauſes ſich dieſelben angeeignet und ſie verheimlicht haben ſollte. Das Geheimniß iſt nun indeß — zu Ende. Die fehlenden Banknoten ſind gefunden worden, und damit aller Verdacht und jedes Mißtrauen von Euch ge⸗ nommen werde, iſt es meine Pflicht, Euch die Perſon zu be⸗ zeichnen, welche ſo ihre Pflicht gegen Gott und die Menſchen vergeſſen hat, nicht nur durch die Sünde allein, ſondern auch weil ſie ſo lange den Unſchuldigen für den Schuldigen hat leiden laſſen und namentlich, weil dieſe Perſon meiner Fa⸗ milie angehört.“ Einen Augenblick hielt ſie inne, entweder um Kraft zu ſammeln, oder um ihren Schlußworten mehr Nachdruck zu geben.„Es iſt Ellen Fortescue.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Das Urtheil und ſeine Vollziehung. Die Aufregung, welche in der Geſindeſtube herrſchte, nachdem ſie ſich aus dem Bibliothekzimmer in ehrfurchtvoll⸗ ſtem Schweigen entfernt hatten, war außerordentlich. Robert, der ganz außer Stande war, an dieſen Beweis ſeiner Un⸗ ſchuld zu glauben, konnte nur wie außer ſich auf⸗ und ab⸗ gehen und beklagte ſeine Unachtſamkeit, die dies alles verur⸗ ſacht hatte, indem ſie die Verſuchung veranlaßt und Morris und Ellis ſtachelten ſein Bedauern nur an, indem ſie voll⸗ ſtändig mit ihm übereinſtimmten. Ehe ſie aus einander gingen, rief ſie der alte Hausmeiſter alle zuſammen, und indem ſeine Stimme vor innerer Erregung zitterte und die Thränen über ſeine gefurchten Wangen herabſtrömten, ſagte er ihnen, daß, wie ihre Herrin ihre Pflicht bis zum Aeußer⸗ ſten, ja mehr als bis zum Aeußerſten gegen ſie gethan, denn es müſſe ihr faſt das Herz gebrochen ſein, es zu thun, ſo hätten auch ſie eine feierliche Pflicht gegen ihre Herrin zu erfüllen, und wenn irgend jemand dagegen ſündigte, werde er wiſſen, daß ſie weder Gefühl noch Ehre und Dankbarkeit 383 * in ihren Herzen hätten und von ihnen allen verachtet zu wer⸗ den verdienten, und dieſe Pflicht ſei, nicht eine Silbe über das Ereigniß dieſes Abends, ſelbſt unter einander, über ihre Lippen kommen zu laſſen. Es ſei genug, daß das ganze Ge⸗ heimniß und der Verdacht von ihnen genommen ſei, und die Zeit würde das Uebrige aufklären. Er wolle nicht glauben, daß die Enkelin des Vaters ſeiner Herrin, die ſie ſo geliebt und gepflegt habe, aus freiem Willen gehandelt hätte, wie es der Anſchein ſagte. Er ſei überzeugt, ſie würden eines Tages alle finden, daß ſie mehr zu bemitleiden als zu tadeln wäre, und bis dahin, wenn ſie nur den geringſten Funken von Edelmuth und Dankbarkeit hätten, ſollten ſie die ganze Angelegenheit vergeſſen und nur durch größere Achtung und treuere Erfüllung ihrer Pflichten zeigen, daß ſie das Beneh⸗ men ihrer Herrin zu würdigen wüßten. Die Rede des alten Mannes war geſchwätzig und viel⸗ leicht oft mangelhaft, aber ſie kam aus dem Herzen und ging daher zum Herzen, und nicht Einer verweigerte das Gelöbniß des Stillſchweigens, das er verlangte. Es giebt Leute, die ſich einbilden, daß das feine Gefühl, welches allein Morris⸗ Rede und die unmittelbare Wirkung derſelben veranlaßte, ſich nur unter den Gebildeten und den Reichen findet. Wie wenig verſtehen diejenigen, die dies voraus ſetzen, das menſch⸗ liche Herz! Liebe erzeugt Liebe, und wenn die Oberen nur das Glück, das zeitliche und ewige ihrer Untergebenen för⸗ dern, wenn ſie nur zeigen, daß ſie dieſelben als die Kinder eines gemeinſamen Vaters betrachten, ſo bedarf es keiner Gleichheit des Standes, um Gleichheit des Glückes oder Gleichheit des verfeinerten, d. h. des wahren Gefühls zu ſchaffen. Am nächſten Morgen, als Mrs. Hamilton mit Morris über einige Pachtgelder zu ſprechen hatte, die am vorher⸗ gehenden Tage noch nicht eingegangen waren, rief ſie ihn zu⸗ rück, als er ſich entfernen wollte. Aber die Worte, die ſie zu ſagen hatte, ſchienen ihr ungewöhnlich ſchwer zu werden, denn ihre Stimme ſtotterte hörbar und ihr Geſicht bedeckte ſie völlig mit der Hand. Sie wollte einfach darum bitten, 384 was Morris' liebevoller Reſpect bereits beſorgt hatte, und als der alte Mann mit den innigen Tönen herzlicher Achtung und Liebe, die ſich niemals mißverſtehen laſſen, den Vorgang erzählte, ſtreckte ihm ſeine Herrin die Hand entgegen und ſagte in einem Tone, den er niemals vergeſſen konnte:„Gott ſegne Sie, Morris! Ich hätte wiſſen ſollen, daß Ihre Liebe zur Gattin Ihres Herrn Sie dazu getrieben haben würde, ohne daß ich darum bat; ich kann Ihnen nicht genug dan⸗ ken.“ Der Kuß, den er auf die zarte Hand zu drücken wagte, die ſeine rauhe Hand hielt, war von Thränen begleitet, wie⸗ wohl er dieſelben zurückzudrängen ſuchte, und höchſt ehrer⸗ bietig, doch ſehr herzlich bat er ſeine Herrin, ſich die Sache nicht zu ſehr zu Herzen zu nehmen. Es müſſe eine Urſache, ein Geheimniß dabei ſein. Niemand, der ihr angehöre, könne ohne eine furchtbare Verſuchung, einen ſehr gewichtigen Grund ſo gehandelt haben, und es würde eines Tages Alles an den Tag kommen. Aber wie auch die Zukunft ſein mochte, die Gegenwart war eine ſehr peinliche, denn ein volles Geſtändniß von Ellen zu erlangen, hielt Mrs. Hamilton für ſo unbedingt nothwen⸗ dig, daß ſie ſtandhaft das Mitleid und die Liebe von ſich wies, die ihre Feſtigkeit erſchüttern konnten, und die Anſicht und der Rath Mr. Howard's beſtätigte ſie in ihrem Ent⸗ ſchluſſe. Er hatte eine vertrauliche Unterredung mit Ellen, aber ſie war von ſo wenig Erfolg begleitet, daß er ſie weit verwirrter und kummervoller verließ, als er ſie aufgeſucht hatte. Aber er war völlig überzeugt, daß es bloße Hart⸗ näckigkeit ſei, was ihr unbegreifliches und höchſt ſtrafbares Schweigen veranlaßte. Er gab nicht einmal zu, wie es Mrs. Hamilton gethan hatie, daß ein Zeichen von Reue an ihr zu ſehen ſei. Vielleicht war ſie ruhiger geweſen; aber hätte nicht der Schein ſo ſehr gegen ſie geſprochen, er hätte ſehen müſſen, daß es die Kraft und die Ruhe der Verzweifelung, nicht der Trotz war, den er voraus ſetzte. „Dieſer rebelliſche Geiſt muß beſiegt werden,“ ſagte er, als er wieder zu Mrs. Hamilton kam, die mit ihren Kindern und Miß Harcourt ſehr ängſtlich und doch voll Hoffnung das 385 Reſultat ſeiner Unterredung erwarteten.„Wir würden uns wirklich ihrer Sünde theilhaftig machen, wenn wir uns durch ihre Hartnäckigkeit und ihren Eigenſinn beſiegen ließen. Ein⸗ ſame Einſperrung und gänzliche Entziehung der Arbeit wird ſie zur Beſinnung bringen und ſollte in der That fortgeſetzt werden, bis ſie ein vollſtändiges Geſtändniß abgelegt hat. Wenn das nicht hilft, meine liebe Mrs. Hamilton, ſollten Sie Ihre Nichte von Oakwood verbannen. Sie darf nicht hier bleiben, eine beſtändige Quelle der Angſt und Noth für Sie, während ſie ſich durch den Erfolg nur in ihrer Hart⸗ näckigkeit beſtärkt ſieht. Aber daran haben wir Zeit genug zu denken, wenn Sie eine Antwort von Mr. Hamilton haben. Sein Urtheil aus der Entfernung kann klüger ſein, als das unſere an Ort und Stelle, da wir durch eine ſolche unerklär⸗ liche Hartnäckigkeit bei einem Mädchen, das wir immer für faſt zu gut gehalten haben, gereizt ſind.“ Und es war dieſe ſcheinbar unbegreifliche Veränderung im Character, was Mrs. Hamilton in noch größere Verlegen⸗ heit ſetzte und ſie glauben ließ, daß ein noch ſchlimmeres Ver⸗ gehen oder eine noch gefährlichere Verwickelung zu Grunde liegen müſſe, die ſolch eine entſchiedene Verheimlichung erfor⸗ derlich machte. Dicht neben Ellis'Privatwohnung und ohne Ein- und Aus⸗ gang außer über den kurzen Corridor, auf den man von ihrem Wohnzimmer aus kam, waren zwei kleine, aber nicht unfreund⸗ liche Zimmer, die in einander gingen und die Ausſicht auf einen ſehr hübſchen, aber ganz unbeſuchten Theil des Parkes hatten. Sie waren oft gebraucht worden, wenn eines von Ellis' Kindern oder Enkeln zu ihr zum Beſuch kam, und ſie wa⸗ ren daher faſt ohne weitere Vorbereitung bewohnbar, außer daß man das eine in ein Wohnzimmer umwandeln mußte, was Ellis raſch beſorgte. Ihre Herrin beſichtigte ſie auf ihren Wunſch, gab noch ein paar Verbeſſerungen an und hielt dann eine lange vertrauliche Unterredung mit ihr. Sie hatte ſo vollkommenes Vertrauen zu ihr, denn Ellis war von Kindheit an, verheirathet, als Mutter und Wittwe und nach⸗ dem ſie ihre Kinder verheirathet, bei der Familie Hamilton 25 386 geweſen und hatte ſeit ſechszehn Jahren die Vertrauensſtelle als Haushälterin bekleidet, ſo daß ſie nicht einen Augenblick zauderte, Ellen ganz ihrer Sorge anzuvertrauen, wenigſtens bis ſie Antwort in Betreff ihrer von ihrem Gatten erhalten haben würde. Sie wußte, daß ſie über ihre Geſundheit wa⸗ chen, daß ſie dafür ſorgen würde, daß Ellen täglich in ihrer Geſellſchaft in den Theilen des Parkes, wo ſie am wenigſten geſehen werden konnte, mit ihr ſpazieren ginge und daß ſie ihre regelmäßigen Mahlzeiten bekäme. Sie verlaſſe ſich darauf, daß ſie immer bei ihr ſei, ſo oft ſie etwas zu ſich nähme, und dann auch gelegentlich den Tag über, um den Eindruck der Einſamkeit und der Strafe von ihr fern zu hal⸗ ten, ſodann um ſie genau beobachten und ihr das mindeſte Zei⸗ chen von Reue ſogleich mittheilen zu können.„Sie wird na⸗ türlich in den Stunden der Andacht bei uns ſein, wiewohl ſie nicht ihre gewöhnliche Stelle einnehmen wird; denn wer ſich vor den Augen Gottes und der Menſchen unter die niedrig⸗ ſten meiner Dienſtboten herabgewürdigt hat, darf nicht länger über ihnen knien,“ ſagte ſie zum Schluſſe.„Doch von meinem Entſchluß in dieſer Beziehung iſt ſie bereits unterrichtet und ſie wird, wie gewöhnlich, mit uns zur Kirche gehen. Ich will kein weiteres Aufſehen machen, wenn ich es vermeiden kann. Seien ſie ſo freundlich gegen ſie, wie Sie können, Ellis, und wie es Ihr Character als kluge und wachſame Frau erheiſcht. Gebe Gott, daß ihr Herz ſich ſo erweicht, daß ſie dieſe ſchmerz⸗ liche Stellung nicht lange einzunehmen braucht, und nun zu ihr!“ Aber Perecy's Wachſamkeit hatte es in aller Ruhe ſo einzurichten gewußt, daß ſeine Mutter ſich in ihrem gewöhn⸗ lichen Zimmer und inmitten ihrer Kinder befand, ehe ſie Ellen ſprechen konnte, und als ſie ihm halb vorwurfsvoll ſagte, daß ſie noch eine ſehr ſchmerzliche Pflicht zu erfüllen habe, weshalb er ſie nicht hätte daran hindern ſollen, antwortete er ungeſtüm:„Mutter, Du ſollſt Ellen gar nicht mehr allein ſehen. Sie hat Dich bereits unglücklich genug gemacht, und jedesmal, wo Du ſie ſiehſt, vergrößert ſie nur Dein Leiden durch ihre heuchleriſche Reue und ihren vorgeblichen Schmerz, denn ſie können nicht aufrichtig ſein, ſonſt würde ſie ſprechen. Laß ſie hierher holen, und theile ihr Dein Urtheil vor uns allen mit.“ Mrs. Hamilton ſtimmte bei, denn ſie fühlte, daß ihre Feſtigkeit ſie weniger verlaſſen würde, als wenn Ellen ſie allein mit Bitten beſtürmte. Aber es kam kein Wort der Bitte. Ellen hatte dem an ſie ergangenen Rufe entſprochen, indem ſie Ellis, die nach ihr geſchickt worden war, ruhig und ſo bleich wie Marmor, aber ohne eine Thräne und immer noch, wie es ſchien, unbewegt zu ihrer Tante beglei⸗ tete. Ein Ausdruck der Erleichterung flog über ihre Züge, als ſie ihr Urtheil hörte, und es beunruhigte ſie ſelbſt nicht, als ihr geſagt wurde, daß dies nur eine vorläufige Strafe ſei, bis Mr. Hamiltons Urtheil eintreffen würde, da, wenn ſie bis dahin bei ihrem Stillſchweigen beharre, natür⸗ lich die härtern Maßregeln in Anwendung kommen würden, die er etwa angeordnet. Als aber Mrs. Hamilton weiter ſagte, daß ſie die ganze Angelegenheit Edward zu ſchreiben beabſichtige und daß ſein Einfluß ſie vielleicht zum Bewußt⸗ ſein der furchtbar erſchwerten Schuld bringen würde, die ſie durch ihr Schweigen auf ſich lade, folgte ein Ausdruck des innerſten Schmerzes der vorherigen Ruhe, und indem ſie vor ihr niederſank, bat ſie wie wahnſinnig:„O Tante Emmeline, habe Mitleid mit ihm! Häufe nicht ſolche Schande auf ihn, der ſo tapfer, ſo bewundert, ſo geehrt iſt. Wenn Du noch irgend Mitleid für mich haſt, bringe es nicht dahin, daß er mich haßt, daß mein einziger Bruder mich verabſcheut, er müßte mich von ſich ſtoßen. Wie kann er ſolche Schande auf ſeinem Namen dulden? O laſſe mich noch mehr leiden, als Du geſagt haſt, alles, alles, aber das erſpare ihm!“ „Hätteſt Du es ihm ſelbſt erſpart!“ warf Perey heftig ein. Er ſtand mit über einander geſchlagenen Armen am Fenſter, Herbert lehnte ſich über den Stuhl ſeiner Mutter, Caroline und Miß Harcourt ſchienen ſehr emſig zu arbeiten, und Emmeline beugte ſich über eine Zeichnung, die ihre Thrä⸗ nen überſchwemmten.„Wenn es ihn unglücklich macht, wenn er Deine Verbrechen erfährt, wie das ganz natürlich iſt, ſo hätteſt Du es ihm ſelbſt erſparen ſollen, Du allein kannſt 25* 388 es. Sprich! Brich dieſes beharrliche und ſtrafbare Schwei⸗ gen, und es wird ſeines Einfluſſes nicht bedürfen, und meine Mutter wird über das Vergangene ſchweigen, wie wir es alle thun werden. Wenn Du ihn ſo liebſt, ſo erſpare ihm die Schmach, die Du über uns alle gebracht haſt; wenn nicht, ſo ſind es bloße Worte, wie es die Liebe ſein muß, die Du dieſe Jahre her für meine Mutter gehegt haben willſt.“ Ellen wandte eine einzige Minute ihr Geſicht nach ihm mit einem ſolchen Ausdruck unausſprechlichen Elends, daß er ſich raſch abwandte, denn ſelbſt ſein Zorn war zum Theil beſiegt, und Mrs. Hamilton konnte kaum antworten. „Ich kann Deine Bitte nicht erfüllen, Ellen, denn ſie zu verweigern ſcheint mir das einzige Mittel, Dich zu erwei⸗ chen. Es können vielleicht vierzehn Tage vergehen, ehe ich an Edward ſchreiben kann, denn wir müſſen erſt Briefe er⸗ halten. Wenn Du in der Zwiſchenzeit nur einen einzigen Beweis von Reue giebſt, der mich zufriedenſtellen oder Dir die mindeſte Hoffnung auf Rückkehr des Glückes bringen kann, ſo werde ich wiſſen, wie ich zu handeln habe. Ich möchte allerdings Deinem Bruder dieſe ſchwere Schande erſparen, aber wenn Du ſo hartnäckig bleibſt, werden mich keine Bitten rühren. Stehe auf und begleite Ellis. Strafe und Elend, Reue und Vergebung liegen vor Dir, Du allein haſt zu wäh⸗ len. Ich werde nichts mehr thun, bis das Urtheil Deines Onkels kommt.“ Da Ellis dieſer ſchmerzlichen Scene um ihrer Herrin willen gern ein Ende machen wollte, führte ſie Ellen aus dem Zimmer und nach den Gemächern, die für ſie beſtimmt waren. Sie war viel zu ärgerlich und beküm⸗ mert über den Schmerz, den Ellen ihrer Herrin verurſacht hatte, um ihr zuerſt irgend etwas wie Güte zu zeigen, aber ſie war noch nicht eine Woche unter ihrer Obhut geweſen, ſo erlitten ihre Gefühle eine vollſtändige Umwandlung. So ſehr ſie zu leiden hatte, beſonders in Folge der Ueberzeugung, daß ſie für alle, die ſie liebte, denn ihre Liebe zu jedem ein⸗ zelnen Gliede der Familie war jetzt mit faſt leidenſchaftlicher Heftigkeit zurückgekehrt, ein Gegenſtand des Haſſes und des Abſcheues ſein müſſe, ſo war es ihr doch ein unausſprechli⸗ 389 cher Troſt, daß ihr Verbrechen bekannt war, ſo daß ſie ſich geſtärkt fühlte, alles Andere zu ertragen. Sie kannte und ihr Gott kannte die ſchwere Verſuchung zu dem unglücklichen Verbrechen und die Urſache ihres beharrlichen Stillſchweigens. Sie fand darin einen wunderbaren Troſt, wiewohl ſie wußte, daß keine Strafe zu groß für das Verbrechen ſelbſt ſei, und ſie betete um Kraft, ſie ertragen zu können und ihren Bruder dennoch nicht zu verrathen; und die Folge dieſer Bitten war ein ruhiges, ſanftes, durchaus unterwürfiges Weſen. Nicht ein Murren kam jemals über ihre Lippen, und Ellis ſah kaum einmal die Spuren von Thränen, die ſie ſo gern geſehen hätte. Denn das ruhige, aber furchtbare innere Leiden Ellens beunruhigte ſie über die Einwirkung deſſelben auf ihre immer zarte Geſundheit. Es war indeß kein äußeres Zeichen zu bemerken, daß die letztere leide, vielmehr wurde ſie wohler, da die nervöſe Furcht und die beſtändige Angſt aufgehört hat⸗ ten, die ſie vorher zu ertragen gehabt, und ehe Mr. Hamil⸗ ton's Brief ankam, einen Monat nach der unglückſeligen Ent⸗ deckung, hatte Ellis ihre Schlüſſe gezogen, und anſtatt ſich fern zu halten und kalt zu bleiben, war ihr Weſen ſo außer⸗ ordentlich gütig und tbeilnehmend geworden, daß das arme Mädchen dachte, es müſſe ein ſchwerer Wechſel bevorſtehen, ſie dürfe nicht erwarten, daß ſolches Glück lange dauere. Mrs. Hamilton ſah aber ihre Nichte nie, außer wenn ſie nicht mit einander ſpréchen konnten, und ſie konnte nicht ur⸗ theilen, wie es Ellis that. Als ein Tag nach dem andern verging, ohne den gewünſchten Beweis der Reue und Beſſe⸗ rung zu bringen, fühlte ſie ſich ſehr unglücklich, wiewohl ſie ihrer Kinder wegen und nach der erſten Woche ihr Gefühl inſoweit beſiegte, daß die Heiterkeit wiederkehrte und die verſchiedenen Vergnügungen wieder hervorgeſucht wurden, an denen ſie Alle ſo großes Gefallen gefunden. Ellens Ver⸗ ſchwinden mußte natürlich den vertrauten Freunden, mit de⸗ nen ſie ſo oft zuſammen waren, aufgeklärt werden, aber ihre Angabe, daß ſie ſich in ihr getäuſcht habe, und daß ihr Be⸗ tragen nicht geſtatte, wenigſtens eine Zeit lang ſie an den geſellſchaftlichen oder häuslichen Freuden theilnehmen zu 390 läſſen, genügte für die älteren Mitglieder. Annie entdeckte zum erſten Male, daß Caroline durch ihre außerordent⸗ liche Wahrheitsliebe und Einfachheit ihrer Schlauheit voll⸗ kommen gewachſen ſei und daß ſie, mochte ſie manövriren, wie ſie wollte, auch nicht den kleinſten Faden zu dem uner⸗ warteten Geheimniſſe finden konnte; und Mary fand zum erſten Male und blos in dieſer Angelegenheit Herbert und Emmeline durchaus zurückhaltend. Sobald Mrs. Langford von ihrem Sohne auf den Wunſch ſeiner Herrin von dem unwiderleglichen Beweiſe ſei⸗ ner Unſchuld benachrichtigt worden war, eilte ſie nach Oak⸗ woodhall und nachdem ſie um eine Unterredung mit Mrs. Ha⸗ milton nachgeſucht hatte, legte ſie alle die Schmuckſachen und die Uhr, die ihr zu verſchiedenen Zeiten anvertraut worden waren, in ihre Hände, erzählte Alles, was zwiſchen ihr und Miß Forteseue ſich zugetragen hatte, deutete darauf hin, wie unglücklich ſie zu ſein geſchienen habe, und geſtand, daß ſie die wenigen Pfunde, die ſie ihr gegeben, unter dem Vor⸗ wande, dieſelben durch den Verkauf der Schmuckſachen er⸗ halten zu haben, ihr vorgeſtreckt habe, da ſie entſchloſſen ge⸗ weſen ſei, ſie unter keiner Bedingung zu veräußern, und daß natürlich die Schwierigkeit, die ſie gehabt habe, den wahren Werth vorzuſtrecken, die Veranlaſſung geweſen ſei, daß ſo lange Zeit verfloſſen, ſeitdem Ellen ſie zum erſten Male auf⸗ geſucht. „Würde das nicht beweiſen, daß ſie wirklich die Abſicht hatte, das Geld zurückzugeben?“ dachte Mrs. Hamilton, nachdem die Wittwe ſie verlaſſen, und ſie die vorgeſtreckten Summen mit Intereſſen zurückgezahlt hatte.„Wollte ſie das unglückſelige fremde Geld zurückzahlen oder brauchte ſie noch mehr? Ellen hatte ſo beſtimmt und mit ſolchem Schmerze das Erſtere werſichert, daß es kaum möglich war, nicht daran zu glauben. Aber was war das für eine furcht⸗ bare Verlegenheit, daß ein ſo junges Mädchen ſo viel Geld brauchte? Wenn es etwas verhältnißmäßig Unſchul⸗ diges war, warum ſprach ſie denn nicht?“ Je mehr ſie darüber nachdachte, um ſo verlegener und ängſtlicher ſchien — 391 ſie zu werden. Der Umſtand, daß ſie die Schmuckſachen verkaufen wollte, beſonders diejenigen, die ſie geſchenkt er— halten hatte, und die einen doppelten Werth beſaßen, weil ſie von ihrer Mutter getragen worden waren, würde tadelns⸗ werth genug geweſen ſein, um ein natürliches Mißvergnügen zu erregen. Aber in Vergleich mit andern bekannten und unbekannten Vergehungen ſchrumpfte er faſt zu nichts zuſam⸗ men. Mrs. Hamilton nahm diejenigen, die Mrs Langford zurückgebracht hatte, und die wenigen, die noch in dem Schmuckkäſtchen ihrer Nichte geblieben waren, alle zuſammen und ſchloß ſie ſorgfältig weg, bis die Umſtände es rechtferti⸗ gen würden, ſie Ellen zurückzugeben, und ſie beſchloß, weder Ellen noch ihrer Familie weiter etwas darüber zu ſagen. Etwas erzählte Ellis von Ellen, was von dem Bewußt⸗ ſein zu zeugen ſchien, welches Unrecht ſie Robert angethan und wie ſehr ſie daſſelbe wieder gut zu machen wünſchte. Sie bat Ellis ſo dringend, ihn zu ihr kommen zu laſſen, und wenn es auch nur auf fünf Minuten wäre, daß ſie nicht wi⸗ derſtehen konnte, und als er kam, bat ſie ihn ſo rührend, ſo flehentlich, ihr perſönlich ihr langes Stillſchweigen zu ver⸗ zeihen und ſeine Mutter zu bitten, daſſelbe zu thun, indem ſie ihm ſagte, daß die Hoffnung, die Noten ihm wieder zu⸗ rückſtellen zu können, ohne ihre Perſönlichkeit dabei ins Spiel bringen zu müſſen, ſie zu dem Schweigen veranlaßt habe, ſo daß es kaum möglich war, ſie ungerührt ſprechen zu hören. Es war keine falſche Demuth, ſondern die innigſte, ungeheucheltſte Zerknirſchung, daß ſie die Urſache ſeines Ver⸗ dachts geweſen ſei. Zehn Tage nach Ellens Einſperrung kam der Brief von Sir Edward Manly an, den Mrs. Hamilton als eine Noth⸗ wendigkeit bezeichnet hatte, ehe ſie an ihren Neffen ſchreiben könne, und die Nachrichten, die er brachte, würden zu andrer Zeit mit der größten Freude aufgenommen worden ſein. Edward ſtand im Begriffe zurückzukehren. In drei Wochen oder höchſtens einem Monat nach Empfang des Briefes von ſeinem Capitän würde er bei ihnen ſein, da er auf drei oder vier Monate Urlaub erhalten werde. Es wäre ein anderes 392 und ziemlich heißes Treffen vorgefallen, in dem er, der junge Fortescue, ſich noch mehr ausgezeichnet hätte, aber in Folge ſeines unbeſonnenen Muthes war er ſchwer, wiewohl nicht gefährlich verwundet worden. Sir Edward beabſichtigte, die Seeräuberfregatte, die ſie genommen hatten, nach Eng⸗ land zu ſchicken, da ſie ein gut gebautes und ſehr anſehn⸗ liches Schiff ſei, wie er ſchrieb, wenn es mit Ehrenmännern anſtatt mit verzweifelten Schurken bemannt wäre, und er habe Harding und Forteseue erwählt, den zweiten Lieutenant als ſeine Offiziere zu begleiten. Der Name Harding brachte in Mrs. Hamiltons Seele keine unangenehme Erinnerungen hervor. Es war ſo lange her, daß Edward ſeiner auch nur erwähnt, daß ſie ſeine frühere Vorliebe für ihn faſt vergeſſen hatte. Ihr einziger Gedanke war jetzt die innigſte Dankbarkeit, daß ihr tapferer Neffe am Leben geblieben ſei und nach Hauſe kommen werde. Es konnte kaum Vergnügen ſein, was ſie fühlte, wiewohl ſich alle die jungen Leute freuten, denn in Edward's Muth und darin, daß er in zwei verzweifelten Treffen geweſen war und ſoviel geſehen hatte, lag ſo viel Aufregendes, daß ſie mit ihrer natürlichen Elaſticität nur an ſeine Rückkehr denken und davon ſprechen konnten, während ſie vergaß, was das Wiederſehn verbittern mußte. Herbert und Perey hofften, er werde innerhalb dreier Wochen kommen, da ſie dann we⸗ nigſtens eine Woche oder zehn Tage mit ihm zuſammen ſein würden. Sollte er aufgehalten. werden, dann werde er ge⸗ rade ankommen, wenn ſie ins Colleg zurückkehren müßten. Nach ſehr peinlicher Ueberlegung entſchloß ſich Mrs. Ha⸗ milton, Herbert mit dieſen unerwarteten Nachrichten an Ellen zu ſenden, und ſie hoffte mehr als ſie es ausſprach, daß ſeine Beredſamkeit, indem er ihr vorſtellte, zu welchem Elende ſie ihren Bruder verurtheilen werde, wenn ſie bei dieſem Schweigen beharre und man dann genöthigt ſein werde, ſich an ihn zu wenden, einige Wirkung haben würde, beſonders da er ihr mitzutheilen beauftragt war, daß ſelbſt jetzt nach dem Geſtändniß Verzeihung folgen und alles vor Edward geheim gehalten werden würde. Herbert übernahm mit 393 Freuden den Auftrag und entledigte ſich deſſelben mit ſolchem Witgefühl, daß die arme Ellen ſich noch unglücklicher fühlte, als vorher, und daß ſie faſt unfähig war, ihre Feſtigkeit zu behaupten. Aber ſie that es, denn Edward ſchien jetzt noch mehr von Gefahr bedroht zu ſein, wo er nach Hauſe zurück⸗ kehrte, gerade in die Nähe ſeines gefürchteten Onkels, als wenn er in der Ferne wäre. Es konnte ſie nur mit Dank erfüllen, wenn es durchaus ſo nothwendig ſei, die Sache geheim zu halten, wie er erklärt hatte, daß Mr. Hamilton noch nicht zu Hauſe war und während Edwards Aufenthalt wegbleiben würde. Es wurde ihr ſchwer, einen Schauder zu unterdrücken, als Herbert zufällig erwähnte, daß Harding ihren Bruder auf ſeiner Heimreiſe begleite, und ebenſo, daß ſie nicht eine größere Enttäuſchung kundgab, als nöthig war, daß Edward ihren letzten Brief nicht beantwortet hatte. Er mußte denſelben erhalten haben, ſagte Herbert, denn Sir Edward beſcheinige den Empfang des Briefes ſeines Vaters, in dem der ihrige an Edward eingeſchloſſen geweſen ſei. Er verließ ſie nach einer ſehr langen Unterredung und war tief bekümmert über das Fehlſchlagen aller ſeiner Vorſtellungen. Er ſah ſich aber gezwungen, er konnte nicht ſagen, warum, ſie weit mehr zu bemitleiden, als zu tadeln. Percy meinte ebenſo, wie Caroline und Miß Harcourt, daß dies nur von ſeiner zu großen Gutherzigkeit herrühre, indem er niemand einen Vorwurf machen könne. Mrs. Hamilton ſah ſich bitter getäuſcht. Mr. Howard erklärte, daß ſolche Hartnäckigkeit die ſtrengſte Behandlung verlange, und er wünſche nur, daß Mr. Hamiltons Brief bald ankomme. Er ſah Ellen in den fünf Wochen, welche zwiſchen der Entdeckung ihres Verge⸗ hens und der Ankunft von Mr. Hamiltons Antwort ver⸗ floſſen waren, ſelbſt zweimal wieder, aber wenn Güte keinen Erfolg gehabt hatte, ſo war es verhältnißmäßig leicht, ſeiner gut gemeinten, aber in dieſem Falle ganz unangewandten Härte zu widerſtehen. Er war im Allgemeinen ſo gut, ſelbſt in ſeinen Urtheilen, daß Mrs. Hamilton dachte, er müſſe einen Grund haben, Ellen für ſo völlig verhärtet zu halten, und nach ſeinem Berichte über ſie ſah ſie ſich in den Stand 394 geſetzt, das Urtheil ihres Gatten mit größerer Feſtigkeit zu verkünden, als wenn ſie nur auf ihr gutes und immer noch liebendes Herz gehört hätte. Es war, wie ſie und Mr. Howard erwartet hatten. Ellen ſollte nicht länger in Oakwood bleiben, ſondern unter die Obhut einer alten unverheiratheten Dame geſtellt werden, die in Yorkſhire wohnte, eine Verwandte von Mr. Hamilton war, gelegentlich Dakwood beſucht hatte und deshalb Mrs. Hamilton und auch Ellis wohl bekannt war und von letzterer mit ſolchem Widerwillen betrachtet wurde, daß ſie es wirklich wagte, ihre Herrin zu bitten, Miß Eilen nicht zu ihr zu ſchicken; ſie ſei überzeugt, es würde ihr das Herz brechen. Miß Seldon war eine der würdigſten Frauen, die jemals lebten, rechtſchaffen, gerade heraus und wahrheitsliebend, aber eben ſo hart als wahrhaftig. Ob ſie jemals ein Gefühl gehabt habe oder nicht, das konnte Mrs. Hamilton trotz all' ihrem Scharfſinn niemals entdecken, aber ihr praktiſches Wohlwollen hatte unendlich viel Gutes gethan, wiewohl lebendige Theilnahme, freundliche Rede und Nachſicht ihr völlig unbekannte Dinge zu ſein ſchienen. Sie hatte kein Mitleid mit Fehlern oder Vergehungen und erklärte immer, daß Nachſicht und Liebe nichts als Thorheit wären.„Wenn ein Zweig nur im entfernteſten verdorrt wäre, müſſe er ab⸗ gehauen werden“, das war eine ihrer Lieblingsredensarten. Mit jugendlichen Thorheiten oder Verirrungen hatte ſie keine Geduld, denn da ſie niemals jung geweſen war oder ſich viel⸗ mehr nie jung gefühlt hatte, ſo konnte ſie den Jugendmuth anderer nicht verſtehen. Ellis hatte nicht Unterſcheidungsgabe genug, um das Gute zu erkennen, was unter dieſer ſehr un⸗ angenehmen Aufenſeite lag. Mrs. Hamilton beſaß dieſelbe, und wiewohl ſie wußte, daß der Aufenthalt bei ihr für Ellen ein Leiden ſein müſſe, wenn ſie wirklich der Charakter war, der ſie als Kind geſchienen hatte, wiewohl dem die letzten wenigen Monate ſo ſehr widerſprochen, ſo fühlte ſie doch, daß ihr Gatte weiſe entſchieden habe, trotzdem, daß ſchon der Gedanke, ihre verwaiſte Nichte ſo völlig von ſich zu ſtoßen, ſie tief be⸗ kümmerte. Mr. Hamiltons Brief war in herben Ausdrücken 395 geſchrieben, aber ſeine Gattin kannte ſeine hohen, faſt ſtarren Grundſätze. Er hatte Ellens offenbare Seelenangſt nicht ge⸗ ſehen, er konnte nur nach dem Bericht urtheilen, der ihm überſchickt worden war, und alles, was darin ſtand, ſprach allerdings gegen ſie. Natürlich, ſagte er, wenn ſie geſtanden und ihr Geſtändniß irgendwie ſür ſie geſprochen hätte, würde meine Gattin nach ihrem eigenen Urtheile über die Zeit ihrer Verbannung entſchieden haben; aber er konnte ſich keinen Grund denken, der ihr Benehmen genügend hätte entſchuldi⸗ gen können, um ſein Urtheil ganz fallen zu laſſen. Die jungen Hamiltons erinnerten ſich des letzten Beſuchs der Miß Seldon in Oakwood noch gut genug, wiewohl er ſchon früher ſtattgefunden hatte, als ihre Verwandten aus Indien gekommen waren, um Alle, ſelbſt Percy und Caro⸗ line, die am ärgerlichſten auf Ellen waren, an das Urtheil ihres Vaters mit dem tiefſten Bedauern und faſt mit Furcht wegen Ellens denken zu laſſen. „Wenn ſie ſie nur kennte, müßte ſie ſprechen“, rief Em⸗ meline aus.„Ich fühlte mich gar nicht ſo glücktich, wie ſonſt, ſo lange ſie bei uns war.“ „Die Luftwar in allen Zimmern, die ſie beſuchte, zwanzig Grad unter dem Gefrierpunkt, wiewohl es ſonſt heißer Sommer war,“ erwiderte Perey,„und in Yorkſhire—“ „O ich bitte Dich, ſcherze nicht, lieber Percy, ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Ellen überhaupt von uns fortkommt, viel weniger, daß ſie unter eine ſolche Obhut kommt, wiewohl ich weiß, daß ſie ſehr gut iſt,“ antwortete Herbert. „Mein guter Junge, verſuche es nicht, für Luch Seldon eine Lanze einzulegen. Sie war die einzige Perſon in der Welt, gegen die Du nach Deinem eigenen Geſtändniß einen Widerwillen hegteſt. Was muß ſie alſo für ein Weſen ſein? Eine ganz würdige Perſon ohne Zweifel, ſonſt würde mein Vater ihr nicht Ellen anvertraut haben, aber ſonſt—“ „Arme Ellen! Sie weiß nicht, wohin ſie ihre Hart⸗ näckigkeit führt,“ entgegnete Caroline.„Ich wünſchte, ſie wüßte es, dann würde ſie ſich und Mama viel erſparen, wie⸗ * 396 wohl ich fürchte, daß ſelbſt ein Geſtändniß ihr jetzt nichts helfen würde.“ Mrs. Hamilton mochte wie Alle denken, aber ſie konnte in der Erfüllung ihrer Pflicht nicht nachlaſſen. Sie ſchrieb ſogleich an Miß Seldon, ohne auf Einzelnheiten einzugehen, ſondern fragte blos, ob ſie ſich der Erziehung einer jungen Verwandten annehmen würde, deren Betragen ſtrengerere Wachſamkeit erfordere, als es in dem Familienkreiſe zu Oak⸗ wood der Fall ſein könne. Sie und ihr Gatte hätten ſo vollkommenes Vertrauen zu ihr, daß, wenn ſie ihnen den Gefallen thun und die Aufgabe übernehmen könnte, ſie wüßten, ohne daß ſie es erſt zu verſichern brauche, daß ſie dieſelbe treulich erfüllen werde. Die jährliche Summe, die ſie ihr anböten, ſei groß, weil ſie wünſchten, daß ihre junge Verwandte alle die Annehmlichkeiten und Vorzüge eines Mädchens von Stande und die Vortheile der beſten Erzie⸗ hung haben ſollte, welche die Stadt, in deren Nähe ſie wohnte, bieten könne. Mrs. Hamilton zweifelte nicht, daß die Antwort bejahend lauten werde, denn Miß Seldon ver⸗ dankte die Erhaltung ihres Vermögens ganz allein den An⸗ ſtrengungen Mr. Hamiltons und ſie hatte ihm ein für alle⸗ mal geſagt, daß, wenn ſie ihm irgendwie einen Dienſt leiſten könnte, ſo groß oder klein er ſein möge, es ſie weit glück⸗ licher machen werde, als ſie in ihrem einſamen Leben jemals geweſen. Als der Brief geſchrieben und abgeſchickt war, ließ Mrs. Hamilton Ellen noch einmal zu ſich rufen. Der Schauplatz war wieder die Bibliothek. Es war ziemlich drei Wochen her, ſeit Sir Edward Manly's Brief ange⸗ kommen war, und Edward wurde deswegen faſt täglich er⸗ wartet. Es würde vergeblich ſein, die Gefühle zu ſchildern, mit denen ſeine unglückliche Schweſter ſeiner Rückkehr entge⸗ genſah. Bisweilen verurſachte ihr das innige Verlangen, ihn wieder zu ſehen, ein faſt krankhaftes Gefühl der Freude, daß es vielleicht bald geſchehen werde, dann erinnerte ſie ſich an Alles, was vorgefallen war und ſie malte ſich ſeinen Zorn, ſeinen Abſcheu aus. Allerdings war es für ihn geſchehen, aber er hatte an eine ſolche That nicht gedacht. Er werde 397 er müſſe ſie haſſen und verachten, und der Gedanke, ihn wieder zu ſehen, wurde ihr wahrhaft quälend. Dann— und ſie ſchauderte vor Furcht,— würde er denken, er müſſe ge⸗ ſtehen, daß ſie ſo für ihn gehandelt habe, und wenn er es that, hatte ſie ihn dann nicht verrathen anſtatt zu retten? Ein Ereigniß nach dem andern aus ihrer Jugend ſtieg vor ihr auf, um ihr Hoffnung zu geben, daß er auch nur, wie damals, ſchweigen und ſich nicht ſelbſt verrathen werde; aber dieſe widerſtreitenden Schrecken, verbunden mit den beſtän⸗ digen, wiewohl ſtummen Leiden ihrer Verbannung von allen, die ſie liebte, die gänzliche Hoffnungsloſigkeit auf Beendigung dieſer Prüfung war nicht ohne Einwirkung auf ihr Aeußeres geblieben. Ellis ſah es nicht, weil ſie Ellen beſtändig beob⸗ achtete und weil dieſe es niemals ablehnte, ſich Bewegung zu machen, wenn ſie dieſelbe dazu aufforderte, und weil ſie nicht ein einziges Mal darüber klagte, wie ſchwer es ihr bis⸗ weilen wurde zu gehen und ihre Nahrung zu ſich zu nehmen. Aber als ſie im vollen Lichte des gemalten Fenſters ihrer Tante gegenüber ſtand— ſie war ſo geräuſchlos eingetreten, daß Mrs. Hamilton, die über einigen Papieren ſaß, ſie nicht ſah, bis ſie zufällig aufblickte— war ihre Abmagerung ſo erſichtlich, daß ihre Tante ſich nicht enthalten konnte, zu er⸗ ſchrecken, und daß die Worte, die ſie an ſie zu richten ge⸗ dacht hatte, ihr auf den Lippen erſtarrten. Mit der größten Mühe konnte ſie ſich zurückhalten, ſie an ihr Herz zu drücken und durch alle Mittel, welche die Liebe eingeben konnte, zu verſuchen, die Angſt zu beſchwichtigen, die, welcher Art ſie ſein mochte, für ein ſo junges Mädchen viel zu andauernd war. Aber wie konnte ſie dies thun, wenn Ellen mit ihrem entſchiedenen Stillſchweigen ihrer Autorität ſo Trotz bot und ſo entſchloſſen ſchien, daß weder Strenge noch Güte, ja ſelbſt nicht ihre Leiden ihren Geiſt demüthigen ſollten, wiewohl ſie ſelbſt ihren Körper angegriffen hatten. Nachdem Mrs. Ha⸗ milton mit einer wahren Kraftanſtrengung die Regungen der Liebe unterdrückt hatte, ging ſie ruhig auf den Gegenſtand ein, wegen deſſen ſie Ellen hatte rufen laſſen, und las ihr den größten Theil des Briefes ihres Onkels vor in der Hoffnung, 398 daß ſeine Strenge ihr den Schmerz weiterer Bemerkungen erſparen würde. Jedes Wort ſchien ſich in Ellens Hirn ein⸗ zubrennen. Was ſie gehofft hatte, wußte ſie nicht, aber ſie dachte, ſie hätte überhaupt nicht gehofft; aber die Worte, daß keine Urſache ſie ſoweit entſchuldigen könne, um die Ausfüh⸗ rung dieſes Urtheils ganz zu unterlaſſen, ſchienen ihr durch ihre furchtbare Wirkung zu ſagen, daß ſie doch daran gedacht habe, daß ſie, wenn die wirkliche Urſache durch irgend einen Zufall entdeckt wurde, Vergebung finden und mit der Zeit in das alte Verhältniß des Vertrauens und der Liebe wieder eingeſetzt werden würde. Und nun war es vorüber, ſelbſt dieſe Hoffnung war dahin. Mrs. Hamilton wartete auf eine Antwort, aber es kam keine, und ſie fuhr eindringlich fort:„Ich kann kaum hoffen, Ellen, daß, wenn ſelbſt der Gedanke, Deinem einzigen Bru⸗ der bei ſeiner Heimkehr Schmach und Schande zu erſparen, während er nach einer dreijährigen Trennung und ſo vielen Gefahren nichts als Freude erwartet, keine Einwirkung auf Dich übt, das Urtheil Deines Onkels es thun werde. Früher würde ich geglaubt haben, daß ſchon der Gedanke, mich ver⸗ laſſen zu müſſen und der Obhut einer Fremden übergeben zu werden, Dich veranlaßt haben würde, Dich offen auszu⸗ ſprechen. Ich kann es nicht länger glauben; aber da ich wünſche, daß Du wenigſtens einen Theil Deines Aufenthalts mit Edward zuſammen biſt, will ich Deine Abreiſe einen Monat verſchieben. Wenn Edward's Einfluß in der That ſo groß iſt, daß Du um ſeinetwillen mir ein vollſtändiges Geſtändniß ablegſt und mir klar und beſtimmt jede Frage beantworteſt, die ich an Dich richte, ſo ſoll Dein Aufenthalt bei Miß Seldon auf drei, ſechs, zehn Monate beſchränkt werden, je nach der Beſchaffenheit des Beweggrundes zu dieſem unbegreiflichen und dem Anſchein nach höchſt ſünd⸗ lichen Benehmen. Wenn Du uns in gleicher Hartnäckig⸗ keit verläßt, ſo werden aller Wahrſcheinlichkeit nach Jahre vergehen, ehe wir das nöthige Vertrauen zur Wiederher⸗ ſtellung Deiner Redlichkeit und der Offenheit Deines Cha⸗ rakters gewinnen und Dir die Rückkehr zu uns geſtatten 399 können. Es iſt überflüſſig, mich über den Schmerz auszu⸗ ſprechen, den Du mir bereiteſt. Ich habe Dich als das Kind meiner einzigen geliebten Schweſter geliebt und mit kaum weniger Liebe, als die ich zu meinen Kindern hege, für Dich gehofft; denn ich fühlte, daß ich mit alleiniger Aus⸗ nahme Deines Bruders das einzige Weſen war, das durch die Bande des Blutes Dir angehörte. Wie dies Benehmen meine Liebe und Sorge vergilt, mußt Du Dir ſelbſt beant⸗ worten, ich kann nur bittere Enttäuſchung fühlen.“ Wiederum hielt ſie inne, da ſie offenbar eine Antwort erwartete; aber Ellen blieb immer noch ſtumm. Das kurze Zwielicht des Herbſtes war ſo raſch eingetreten, daß Mrs. Hamilton nicht ſehen konnte, wie bleich die Wangen ihrer Nichte geworden, und daß ihre weißen Lippen wiederholt bebten, als wenn ſie mehrmals hätte ſprechen wollen, aber es nicht konnte. Nach einer Pauſe von einigen Minuten ſagte ſie:„Wenn Du nicht ſprechen willſt, Ellen, ſo kannſt Du gehen. Ich habe Dir Alles geſagt, was ich ſagen wollte, außer daß Du, bis Du uns verläßt, wiewohl Du auch ferner Deine gegenwärtigen Zimmer bewohnen und unter Ellis Obhut ſtehen wirſt, Dich beſchäftigen kannſt, wie Du willſt, und im Hauſe und draußen umhergehen kannſt, wie es Dir beliebt.“ Ellen wandte ſich um und wollte, immer noch in ihrem Schweigen beharrend, gehen. Sie hatte die niedrige Stufe erreicht, welche den oberen von dem unteren Theile des Zimmers trennte, und ob ſie dieſelbe nicht ſah oder was ſonſt die Urſache war: das Zimmer drehte ſich plötz⸗ lich um ſie herum, und ſie fiel zu Boden. Auf ſie zuzuſprin⸗ gen, ſie zärthich aufzuheben, ſie nach dem nächſten Sopha zu tragen, wiewohl ſie ſelbſt ſo zitterte, als ſie Ellen ganz bewußtlos fand, daß ihr die Aufgabe außerordentlich ſchwer wurde, und raſch nach Ellis zu klingeln, das war das Werk einer Minute. Aber es dauerte viele Minuten, ehe ihre vereinten Anſtrengungen ſie zum Bewußtſein zurückbrachten. „Ich wußte es, daß es dem armen Lamme das Herz brechen werde“, rief Ellis in einem Tone voll ungewöhn⸗ 400 licher Aufregung aus.„Gott ſei Dank, Gott ſei Dank, daß Mr. Edward nach Hauſe kommt und daß ſie nicht eher abzureiſen braucht.“ „Haben Sie ſoviel Zutrauen zu ſeinem Einfluß?“ fragte ihre Herrin, als ſie ſich außer Stande, ihrem inneren Drange zu widerſtehen, niederbeugte und die kalte Stirn und Wange, in denen ſie die Wärme zurückzurufen bemüht war, wieder⸗ holt küßte.„Gebe Gott in ſeiner Gnade, daß Sie Recht haben.“ „Recht, meine liebe gnädige Frau?“ entgegnete Ellis. „Ich möchte Ihr Vertrauen zu mir, das der größte Schatz meines Lebens iſt, verwetten, wenn Mr. Edward nicht Alles weiß, und daß ſich das arme Kind für irgend eine eingebil⸗ dete Gefahr für ihn zum Opfer bringt. Ich habe genug davon geſehen, als ſie noch kleine Kinder waren, und ich habe genug beobachtet, ſeit ſie unter meiner Obhut ſteht.“ „Edward!“ wiederholte Mrs. Hamilton ſo beſtürzt, daß ſie augenblicklich aufhörte, Ellens kalte Hand zu wärmen. „Edward! mit ſeinem edlen Charakter! was kann er damit zu thun haben?“ „Ich weiß es nicht, aber ich bin dubon überzeugt. Junge Leute, ja manchmal die beſten und bravſten unter uns, kommen bisweilen in Verlegenheit und es berührt ihren Charakter nicht, wenn es ihre Offiziere ſehen, und Mr. Edward war immer ſo erſchrocken bei dem bloßen Gedanken, daß der Herr etwas von ſeinen Fehlern erführe;— doch ſtill, wir müſſen ſie nicht wiſſen laſſen, daß wir irgend eine Ahnung haben, es würde ſie noch unglücklicher machen. Befinden Sie ſich wieder wohler, meine liebe Miß Ellen, oder noch nicht?“ fügte ſie beruhigend hinzu, als Ellen ihre Hand an ihre Stirn hielt und dann allmählig die Augen aufſchlug und ihre Tante mit demſelben Ausdruck beſorgter Liebe, den ihre Krankheiten in ihren früheren Jahren ſo oft hervorgerufen hatten, über ſie gelehnt ſah. Das Bewußtſein oder vielmehr das Gedächtniß war noch nicht ganz zurückgekehrt, und ihre erſten Worte, die ſie mit einem ſchwachen, aber heitern Lä⸗ cheln ausſtieß, waren:„Ich befinde mich wohler, liebe Tante, 401 viel wohler, ich darf ſagen, ich werde bald ganz wohl ſein.“ Aber es war blos ein augenblickliches Vergeſſen. Raſch wie der Gedanke, fiel ihr alles ein, was in der letzten Zeit ſich ereignet hatte, der Brief ihres Onkels, die Worte ihrer Tante— und in einem ſchmerzlich veränderten Tone fügte ſie hinzu:„Ich vergaß, vergieb mir,“ und begrub ihr Ge⸗ ſicht in dem Kiſſen. „Ellen, meine liebe Ellen, warum bleibſt Du dabei, Dich und mich ſo unglücklich zu machen, während einige we⸗ nige Worte uns glücklicher machen könnten,“ rief Mrs. Ha⸗ milton faſt flehend aus, während ſie ſich über ſie beugte. „Dringen Sie jetzt nicht in ſie, ſie befindet ſich noch nicht wohl genug. Geben Sie ihr Zeit, bis Mr. Edward kommt. Ich bin überzeugt, ſie wird ihm nicht widerſtehen,“ antwortete Ellis ſehr ehrerbietig, wiewohl bedeutungsvoll, indem ihr Blick die Anfmerkſamkeit ihrer Herrin darauf hin richtete, wie Ellens ſchwacher Körper bei der Erwähnung ihres Bruders vor Schauder erbebte. Beſtürzter als je verließ Mrs. Hamilton, nachdem ſie gewartet hatte, bis die Ohnmacht ganz vorüber zu ſein ſchien, und da ſie dachte, daß Ellen, wenn ſie von dem Zwange ihrer Gegenwart befreit wäre, Erleichterung in Thränen finden würde, das Zimmer und bat Ellis, ſie in einiger Zeit wiſſen zu laſſen, wie ſich die Kranke befände. In dem Augenblicke, wo die Thüre ſich ſchloß, umſchlang Ellen die alte Ellis mit ihren Armen und rief leidenſchaftlich aus:„Führen Sie mich fort, führen Sie mich fort, liebe Ellis! Ich kann es in dieſem Zimmer nicht ertragen; es ſcheint nichts als Ungluck zu bringen, und ich liebte es ſonſt ſo ſehr, und ich werde es wieder lieben, wenn ich meilenweit fort bin und es nicht ſehen kann. O Ellis, Ellis, ich weiß, Sie waren zu gütig. Ich war zu froh und zufrieden in Ihrer Geſellſchaft; die Strafe war nicht groß genug für mein Verbrechen, und ich muß fort, und ich werde meine Tante nie wieder ſehen, ich weiß es! O wenn ich nur ſterben könnte, aber ich bin zu böſe dazu, blos die Guten ſterben.“ Und faſt zum erſtenmale, ſeit ihr Ver⸗ brechen entdeckt worden war, verfiel ſie in langes und hefti⸗ 26 402 ges Weinen, das, ſo ſchrecklich es war, ſo lange es dauerte, ſie ſehr erleichterte und ſie in den Stand ſetzte, nach dieſem Tage auf das Urtheil ihres Onkels nicht wieder zurückzu⸗ kommen, wiewohl der Gedanke daran ſie nie verließ, bis eine noch furchtbarere Sorge denſelben übertäubte. Mrs. Hamilton ſaß, nachdem ſie Ellen verlaſſen hatte, ſehr lange Zeit allein. Ellis' Worte fielen ihr immer wieder ein und zwar ſo hartnäckig, daß ſie dieſelben nicht los wer— den konnte.„Edward, die Urſache von dem allen, konnte es möglich ſein? Konnte er ſich in Verlegenheiten geſtürzt ha⸗ ben, und konnte er aus Furcht, ſich an ſeinen Onkel oder ſie zu wenden, auf Ellen ſo eingeſtürmt haben, daß er ſie dahin gebracht hatte, ihm nicht nur Unterſtützung zu ſchicken, ſon— dern auch ſein Geheimniß ſo treulich zu bewahren, daß ſie lieber Alles erduldete, als daß ſie es verrathen hätte? Ein Umſtand nach dem andern, ein Gedanke nach dem andern ſtieg vor ihrer Seele auf, und einer wurde von dem andern in ſo helles Licht geſtellt, daß ihr das Herz weh that. El— lens Traurigkeit an dem Tage, wo ſie ſeinen letzten Brief erhalten hatte, ihr plötzliches Unwohlſein— hatte es ſtatt⸗ gefunden, ehe oder nachdem Robert das Geld verloren hatte? Sie konnte ſich nicht recht beſinnen, denn die plötzliche Beru⸗ fung ihres Gatten nach Farö, die raſchen Vorbereitungen und ſeine Abreiſe hatten dieſen ganzen Monat in ihrer Erin⸗ nerung ganz verwirrt zurückgelaſſen. Aber die Erleichterung, die ihr dieſer Gedanke brachte, war ſo groß, daß Mrs. Ha⸗ milton ſich fürchtete, demſelben nachzuhängen, um denſelben nicht zu einer bloßen Einbildung werden zu ſehen und ſanf— tere Gefühle gegen ihre Nichte zu hegen, als ſie ſollte. Selbſt die bloße Vorausſetzung erfüllte ihr Herz mit ſolcher Sehn⸗ ſucht, ſolcher Liebe, faſt Verehrung gegen ſie, weil ſie ſich ſo entſchloſſen ſelbſt zum Opfer gebracht, daß es ſie einen Ent⸗ ſchluß koſtete, dieſelbe nicht in ihrer Seele aufkommen zu laſſen. Alle ihre früheren Gedanken, daß Ellen kein ge⸗ wöhnliches Kind ſei, daß frühes Leiden und Vernachläſſigung, während ſie einige kindliche Fehler zur Folge gehabt hatten, ihre Ausdauer und Selbſtbeherrſchung gekräftigt hätten, fie⸗ 403 len ihr wieder ein und beſtätigten Ellis' Vermuthung. Das Verſchwinden ihres Monatsgeldes, ihre Verſicherung, daß ſie die Hütte der Mrs. Langford auf dieſem kürzeren, aber ver— botenen Wege aufgeſucht, um ſie zu bitten, ihre Schmuckſa⸗ chen zu verkaufen, als der Wind die Banknoten in ihre Hand brachte, das alles ſchien nun mit einander in Verbindung zu treten und die Vermuthung zu beſtätigen. Sie konnte nun wohl begreifen, wie ſie in einem Augenblicke faſt des Wahn⸗ ſinnes dieſelben unbedenklich hatte verwenden können, und welche Nachwirkung dies auf ein ſo zartes Gemüth und Ge⸗ wiſſen gemacht haben mußte. Dann im Widerſpruch mit alle⸗ dem einer bloßen Hypotheſe, welche auf nichts als Ellis' Ver⸗ muthung beruhte, die ſo günſtigen Berichte über Edward, der Stolz und das Vertrauen ſeines Kapitains auf ihn, die ſcheinbare Unmöglichkeit, daß er in ſolche Verlegenheit ge⸗ rathen ſein könnte; und was konnten das für Verlegenheiten ſein? Der Name Harding fiel ihr ein, ſie wußte nicht wie oder warum, aber er machte ſie durch die wahrſcheinliche Er⸗ klärung des Ganzen zittern. Ein weniger gebildeter Geiſt würde ſich entweder ſogleich an Ellen in Betreff der Wahr⸗ heit dieſes Verdachtes gewendet oder ſich gerechtfertigt gehal⸗ ten haben, Edwards Briefe an ſeine Schweſter zu unterſu⸗ chen und ſo die Wahrheit zu ermitteln. Aber in Mrs. Ha⸗ miltons reiner Seele tauchte dieſer Gedanke nicht einmal auf, wiewohl alle Papiere und Briefe ihrer Nichte in ihrem Be⸗ ſitz waren. Sie konnte in ihrem innerſten Herzen nur wie Ellis fühlen:„Gott ſei Dank, daß Edward nach Hauſe kommt,“ und inbrünſtig beten, daß er, wie ſie hofften und erwarteten, in einigen kurzen Tagen bei ihnen ſein werde. 26* 404 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Ein lichter Schimmer. Die heißen Wünſche und Gebete der Mrs. Hamilton und ihrer treuen Ellis gingen nicht in Erfüllung. Der letzte Theil des September war außerordentlich ſtürmiſch geweſen, und wiewohl vom dritten bis zum neunten Oectober eine Windſtille eintrat, ſo folgten doch dann die Aequinoktial⸗ ſtürme mit äußerſter Wuth und dauerten Tag für Tag und Nacht für Nacht fort, bis das Ohr faſt des Brauſens über⸗ drüſſig zu werden und das für die Freunde auf der See be— ſorgte Gemüth an ihrem Aufhören zu verzweifeln ſchien. Während der wenigen ruhigen Tage war die junge Geſell⸗ ſchaft zu Oakwood kaum vom Fenſter oder von dem Theile des Parkes weggekommen, der nach Plymouth führte. Percy und Herbert ritten hinüber nach Plymouth, aber ſie erfuhren, daß die Fregatte unter einer vollen Woche nicht eintreffen könnte, die letzten Stürme müßten ſie zurückgehalten haben, wiewohl ſie ein Schnellſegler ſei. Es war eine große Täu⸗ ſchung für ſie, denn am 10. October begannen die Collegia wieder und ſie mußten nach Opford zurückkehren. Allerdings kannten ſie die Urſache nicht, welche ihre Mutter Edwards Rückkehr ſo ſehr wünſchen ließ, aber ſie ſelbſt hätten ihn gern wiedergeſehen, und ſie hofften, ſie wußten ſelbſt nicht was, von ſeinem Einfluß auf Ellen. Indeß kam der Tag ihrer Abreiſe, und immer noch war er nicht angekommen, und die Stürme hatten wieder angefangen. Percy war zu Ellis ge⸗ gangen, um ihr Lebewohl zu ſagen, ſie war aber zufällig ge⸗ rade in dieſem Augenblicke bei Ellen. Voll Luſt und Scherz, ſah er entſchieden von ſeiner Couſine weg, ergriff Ellis bei beiden Händen und ſchüttelte ſie mit ſeiner gewöhnlichen Herzlichkeit.„Leben Sie wohl, liebe Ellis! Ich möchte wiſ⸗ ſen, ob ich mich jemals als Mann fühlen werde, wenn ich mit Ihnen ſpreche. Wie viele Streiche habe ich Ihnen in dieſem Zimmer geſpielt, und Sie waren immer ſo gutmüthig, ſelbſt wenn einer meiner Schwärmer Ihr beſtes Kleid in Flammen ſetzte und es ganz verdarb; erinneru Sie ſich noch? Ich glaube, Sie waren damals beinahe böſe, und ſie hatten gu⸗ ten Grund dazu, und Papa nöthigte mich, mein Geld zu ſparen, um Ihnen ein neues Kleid zu kaufen. Ich hatte keine Eile, ſo bald wieder einen ſo derben Spaß zu machen.“ Ellis lachte und erinnerte ſich ſehr wohl daran, und nachdem er ihr noch einmal herzlich Lebewohl geſagt, wollte er ſich entfernen.„Sie haben Ihre Couſine vergeſſen, Mr. Percy!“ ſagte ſie, ohne Rückſicht auf Ellens bittenden Blick zu neh⸗ men. „Wenn ſie ſich an ihre Pflicht gegen meine Mutter erin⸗ nert, werde ich mich erinnern, daß ſie meine Coufine iſt,“ lautete ſeine raſche Antwort, und er wollte zum Zimmer hinaus, als Herbert eintrat. Sein Abſchied von Ellis war eben ſo warm als Percy's. Dann wendete er ſich zu Ellen, ſchlang ſeinen Arm um fſie, küßte ſie auf die Wange und ſagte mit eindringlichem Ernſte:„Gott ſegne Dich, liebe Ellen! Ich hoffe, Du wirſt glücklicher ſein, wenn wir uns wiederſehen, aber dies wird nicht ſo lange dauern, wie wir uns jetzt denken,“ und faſt bis zu Thränen gerührt über den dankbaren, beſcheidenen Blick, den ſie auf ihn warf, verließ er ſie. Ellen, die ſo ſehr durch die Rauhheit des edlen, warmherzigen Percy, den ſie ſo ſehr liebte, wie durch die Güte Herberts niedergeſchmettert war, blieb einige Minuten mit ihren Armen auf dem Tiſche liegen und bedeckte ihr Ge⸗ ſicht mit den Händen. Sie dachte, ſie wäre ganz allein, denn Ellis war ihren Geſchäften nachgegangen, da fuhr ſie bei Per⸗ ey's Stimme empor:„Ich bin ein ungeſchliffener Menſch, Ellen! Vergieb mir und ſage mir Lebewohl. Ich kann es nicht begreifen, aber ſo böſe ich auf Dich bin, ſo verfolgt mich doch Dein Geſicht wie ein Geſpenſt. Wir müſſen da⸗ her als Freunde ſcheiden,“ und als ſie zu ihm aufblickte, küßte er ſie zweimal und lief davon, ohne ein Wort zu ſagen. Die Tage ſchlichen langſam dahin, die Stürme ſchienen 406 an Heftigkeit zuzunehmen und verurſachten Mrs. Hamilton eine größere Angſt, als ſie laut werden ließ. Der Schaden, der unter den Schiffen angerichtet worden, war furchtbar, und ſelbſt der Umſtand, daß die Fregatte in der Nähe des Kanals ſein ſollte, vergrößerte die Gefahr. Die Zeitungen brachten alle Morgen lange Verzeichniſſe von untergegange⸗ nen oder ſchwerbeſchädigten Schiffen, von ganz oder theil⸗ weiſe zu Grunde gegangenen Mannſchaften, von Poſten und Ladungen, die fällig waren, aber ausblieben. Und die leb⸗ hafte Erinnerung an das gefürchtete Schickſal ihres Bruders, die bange Erwartung, ehe das Schickſal ſeines Schiffes be⸗ ſtätigt war, kehrte zurück, um die Befürchtungen, die ſie für ihren Neffen erfüllten, zu beſtärken; und welche Einwirkung mußte dieſe entſetzliche Verzögerung auf Ellen üben, beſon⸗ ders wenn ſie alle dieſe Wochen, ja Monate des Elendes ſeinet wegen ertragen hatte! Zuerſt ſchien Ellen nicht zu wiſſen, daß dieſer Verzug etwas Außergewöhnliches habe, da der Gedanke an ihre eigene Abreiſe ſie zunächſt beſchäftigte; aber endlich drängte ſich ihr der Gedanke auf, ſie wußte nicht wie, daß die Wochen des beſtimmten Monats vorüber waren, daß Edward noch nicht angekommen war, und daß die lange Verzögernng irgend einen Grund haben müſſe. Sturm, Schiffbruch, Tod, alles fiel ihr auf einmal ein und machte ſie faſt wahnſinnig. Ihre Ruhe und Geduld war zu Ende. Sie konnte bei Nacht vor dem furchtbaren Sturme nicht ſchlafen, ſelbſt nicht, als Ellis ein zweites Bett in ihrem Zimmer aufgeſchlagen hatte und die ganze Nacht ſelbſt bei ihr blieb. Sie klagte aller⸗ dings nicht, aber eine Stunde nach der andern ging ſie in ihrem Zimmer und auf dem Corridor, der nach Ellis' Woh⸗ nung führte, auf und ab, bis ſie vor Ermattung aufhören mußte. Sie ſuchte ſich mit irgend einer ſchweren Arbeit zu beſchäftigen, und es gelang ihr vielleicht auch eine halbe Stunde, aber dann fühlte ſie ſich wieder kraftlos und fing wieder an, unruhig auf⸗ und abzugehen. Mrs. Hamilton veranſtaltete es mehrmals, ohne daß ſie ſcheinbar die Veran⸗ laſſung dazu gab, ſie gelegentlich mit ſich und Miß Harcourt und ihren Coufinen zuſammen ſein zu laſſen, aber ſie ſchien ſich vor ihnen allen zu fürchten. Als Emmeline einmal die furchtbare Qual, die ſie zu erdulden hatte, bemerkte, leiſtete ſie ihr Geſellſchaft, zeichnete oder arbeitete mit ihr, als wenn nichts vorgefallen wäre, was ſie einander hätte entfremden können, und ſuchte ſie zu erheitern, in⸗ dem ſie über mancherlei intereſſante Gegenſtände mit ihr ſprach. Caroline redete ſie freundlich an, ſo oft ſie ſie ſah; blos Miß Harcourt behielt ihre Entrüſtung, denn kein Ver⸗ dacht der eigentlichen Urſache ihres Schweigens kam ihr je⸗ mals in den Sinn. Die arme Ellen fühlte, daß ſie ſich des Troſtes, den dieſe Veränderung in dem Benehmen ihrer Tante und ihrer Cou⸗ ſinen ihr brachte, nicht lange würde erfreuen dürfen. Sie wollte ſich am liebſten ganz von ihnen entwöhnen, damit der Schmerz der Trennung ihr um ſo leichter falle, aber ſie ſchien ſie nur um ſo mehr zu lieben. Ein Gedanke bemäch⸗ tigte ſich endlich ihres Gemüths ſo ganz, daß er alle anderen übertäubte;— es war der ſchreckliche Gedanke, daß, da ſie geſündigt habe, um Edward vor einer vielleicht verdienten Schande zu retten, er ihr entriſſen werden würde. Sie ſprach denſelben nie aus, aber er verfolgte ſie Tag und Nacht. Mr. Maitland beſuchte ſie beſtändig, aber er ſagte Mrs. Ha⸗ milton offen, er könne ihr nichts helfen, ſo lange die Urſache ihrer Angſt und ihrer Gemüthsleiden fortdauerte. Es war eine beſtändige Abwechſelung zwiſchen furchtbarer Aufregung und gänzlicher Niedergeſchlagenheit, die ihren Körper voll⸗ ſtändig erſchöpfte. Ruhe und gute Behandlung— ach, die letztere konnte ihr zu Theil werden, aber wie konnte man ihr unter bewandten Umſtänden die erſtere geben? Der bewilligte Monat ging zu Ende, es fehlten nur noch zwei Tage, und Edward war noch nicht angekommen, und wie konnte Mrs. Hamilton ihrem Gatten gehorchen, der in jedem Briefe die Hoffnung ausſprach, daß ſie ſich nicht habe bewe⸗ gen laſſen, ſein Urtheil zu ändern, wenn Ellen immer noch ſtumm bliebe, und ihre Nichte fortzuſchicken? Sie kam end⸗ lich zu dem Entſchluß, daß, wenn noch eine Woche vorüber 408 wäre und immer noch keine Nachricht käme, dieſe furchtbare Selbſtaufopferung, wenn es wirklich eine ſolche ſei, nicht länger dauern zu laſſen, ſondern ſo vorſichtig und zart als ſie könnte, Ellen zu vermögen, ſich ihr ganz anzuvertrauen und ihr zu verſprechen, daß, wenn Edward wirklich gefehlt hätte und in Verlegenheit geweſen wäre, ſie ihm um ihret⸗ willen alles verzeihen und ſelbſt den Zorn ſeines Onkels von ihm abwenden wolle. Als ſie einmal ihren Entſchluß gefaßt, fühlte ſie ſich in den Stand geſetzt, die Angſt, welche ſie faſt eben ſo ſehr als Ellen angriff, leichter zu ertragen, und ſie begab ſich nach Ellis' Zimmer, welches ſie in der letzten Zeit ſehr oft beſucht hatte; denn ſie fühlte ſich kaum wohl, wenn ſie Ellen nicht ſah, wiewohl ſie vollkommenes Vertrauen zu Ellis' Pflege hegte. Ellen ſchlief auf einem Sopha und ſah ſo bleich und ma⸗ ger, ſo ganz anders als früher aus, daß Mrs. Hamilton ſich neben ſie ſetzte und überlegte, ob ſie recht thue, noch eine Woche zu warten, ehe ſie es verſuchte, ihr Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen, indem ſie ihr ihren Verdacht mittheilte? Aber würde ihr das Erleichterung bringen? Und hatte ſie ſich für Ed⸗ ward aufgeopfert? oder ließ ſie ſich von ihrer Liebe und Ein⸗ bildung verleiten, weich zu werden, während immer noch Strenge erforderlich war? Ellen fuhr wie aus einem furchtbaren Traume auf und ſah Mrs. Hamilton eine volle Minute an, wie wenn ſie ſie nicht kenne. „Meine liebe Ellen, was fehlt Dir? Du haſt unruhig geſchlafen— Du kennſt mich doch?“ „Ich dachte, ich wäre in— in Seldon— ich bin es doch nicht? Liebe Tante Emmeline, ſage mir, daß ich in Hakwood bin, ich weiß, daß ich ſehr bald dorthin kommen muß, aber ich bin noch nicht dort, nicht wahr?“ Und ſie legte eine Hand an ihre Stirn und ſah furchtſam und verwirrt um ſich, wäh⸗ rend ſie mit der anderen ſich feſt an Mrs. Hamilton's Kleid hielt. Es lag etwas Beunruhigendes in ihrer Miene und ihrem Tone. „Nein, liebes Kind, Du biſt noch bei mir in Dakwood 409 und Du wirſt nicht eher abreiſen, als bis Du einige Zeit mit Edward zuſammengeweſen biſt. Du kannſt doch nicht den⸗ ken, daß ich Dich jetzt fortſchicken werde, Ellen?“ Der be⸗ ruhigende Ton, der Name ihres Bruders ſchien die Wolken zu vertreiben, und in Thränen ausbrechend, rief ſie aus: „Er wird nie zurückkehren; ich weiß, daß er nicht zurückkeh⸗ ren wird. Mein Verbrechen hat ihn getödtet!“ „Dein Verbrechen, Ellen, was kann dies mit Edward zu thun haben?“ „Weil— weil— es für ihn geſchah“ Die Worte ſchwebten auf ihren Lippen, aber ſie hielt dieſelben zurück und fuhr mit wachſender Aufregung fort:„Nichts, nichts! Was konnte es mit ihm zu ſchaffen haben? Aber, wenn er es erfährt, es wird ihn ſo ſehr bekümmern. Vielleicht würde es beſſer ſein, wenn ich abreiſte, ehe er kommt, und dann, dann braucht er es nicht zu erfahren, wenn er über⸗ haupt kommt.“ „Du weißt nicht, was Du ſprichſt, meine liebe Ellen. Dein unangenehmer Traum hat Dich aus aller Faſſung ge⸗ bracht. Verhalte Dich eine Stunde ruhig und Du wirſt Dich wieder wohler befinden. Erinnere Dich, daß, ſo ſchmerz⸗ lich die Verzögerung iſt, Dein Bruder immer noch unter eines Vaters gütigem Schutze ſteht, und daß er Deine Ge⸗ bete für ſeine Rettung erhören, und wenn es ſein Wille iſt, ihn Dir wieder zurückgeben wird.“ „Meine Gebete?“ erwiederte Ellen furchtſam.„Mr. Howard ſagte mir, es ſei eine Schranke zwiſchen Gott und mir, ſo lange ich nicht bekenne; ich hätte ſeine Gnade zurück⸗ gewieſen.“ „Kannſt Du vor Gott bekennen, Ellen? Kannſt Du Dein ganzes Herz vor ihm offen ausbreiten, und ihn in ſei⸗ ner unendlichen Gnade und um Deines Erlöſers willen bit⸗ ten, Dir zu vergeben?“ „Ich konnte es und habe es gethan“, antwortete Ellen, indem ſie den forſchenden Blick der Mrs. Hamilton damit er⸗ widerte, daß ſie ihre ausdrucksvollen Augen ſtandhaft und ohne Furcht auf ihr Geſicht richtete.„Aber Mr. Howard 410 ſagte mir, es ſei Spott und Sünde zu glauben, daß Gott mich erhören oder mir vergeben würde, ſo lange ich ihm den Gehorſam verſagte, indem ich ſtumm und verſchloſſen gegen Dich wäre. Wenn ich ſeine Vergebung wünſchte, ſo müßte ich es beweiſen, indem ich Dir das Ganze erzählte, der ich nach ſeinen Geboten gehorchen müßte und— und da ich dies nicht zu thun wagte, habe ich mich gefürchtet, zu beten“, und ſchaudernd legte ſie ihren Kopf wieder auf das Kiſſen und verrieth damit, wie elend ſie die Furcht machte. „Und iſt es unmöglich, ganz unmöglich, daß Du die Quelle Deines Schmerzes und Deiner Verlegenheit mir an⸗ vertrauen kannſt, Ellen? Willſt Du es nicht thun, ſelbſt wenn ich nicht blos Dir, ſondern Allen, die gefehlt haben, Verzeihung zuſichere? Antworte mir, mein liebes Kind! Dein Schweigen iſt furchtbar nachtheilig für Deinen Leib und für Deine Seele. Warum bildeſt Du Dir ein, daß Du es mir nicht ſagen darfſt?“ „Weil— weil— ich es verſprochen habe“, antwortete Ellen in einem Tone ſchrecklicher Aufregung, und indem ſie ſich aufſetzte, faltete ſie ihre Hände krampfhaft, während ihre Wange glühte.„Tante Emmeline, o, ſprich nicht zu mir in dieſem gütigen Tone! Sei wieder hart und kalt, ich kann es leichter ertragen. Wenn Du nur wüßteſt, wie mich Herz und Gehirn ſchmerzt, wie ſie ſich ſehnen, Dir Alles zu ſagen und dann ruhig zu werden! Aber ich kann es nicht, ich darf es nicht, ich habe es verſprochen.“ „Und Du kannſt es mir nicht ſagen, wem Du es ver⸗ ſprochen?“ erwiderte Mrs. Hamilton, da jeder frühere Ge⸗ danke ſcheinbar durch dieſe Worte null und nichtig wurde; aber die Antwort erſchreckte ſie:„Mama— ich verſprach es ihr, und ſie ſteht ſo bleich, ſo kummervoll neben mir, ſo oft ich daran denke, es Dir zu ſagen,“ antwortete Ellen, in⸗ dem ſie ſich an Mrs. Hamilton anklammerte, aber mit einem ſtarren Blicke des Entſetzens in's Blaue ſah.„Ich dachte, ich würde es Dir ſagen müſſen, als Du mir ſagteſt, daß ich fort, daß ich nach Seldon ſollte; aber ſie ſtand neben mir und legte mir ihre Hand auf den Kopf, und ſie war ſo kalt, 411 ſo ſchwer, daß ich an nichts weiter denken konnte, bis ich Dich und Ellis über mich gebeugt ſah. Aber ich hätte Dir ſelbſt dies nicht ſagen ſollen; ich weiß, ich ſollte es nicht, denn ſieh, ſieh Tante Emmeline! Siehſt Du nicht Mama dort, ganz dicht neben mir? O ſage ihr, daß ſie mir ver⸗ geben ſoll, ich will mein Verſprechen halten.“ Und krampf⸗ haft zuſammenzuckend, verbarg ſie ihr Geſicht im Kleide ihrer Tante. Mrs. Hamilton war furchtbar erſchüttert. Welches im— mer der Grund war, und ſie zweifelte nicht, daß ein ſolcher vorlag, und daß er wirklich mit Edward und der mißverſtan⸗ denen Vorliebe ſeiner armen Mutter in Verbindung ſtand, ſo war doch Ellens Phantaſie offenbar zerrüttet. Die Wahr⸗ heit erfahren zu wollen, ſo lange ſie in dieſem furchtbaren Zuſtande der Aufregung war, kam ihr eben ſo unmöglich, als grauſam vor, und ſie ſuchte Ellen nur zu beruhigen, indem ſie von ihrer ſeligen Mutter im Himmel ſprach, und da Ellen ſo viel an ſie gedacht habe, ſei es ganz natürlich in ihrem Schmerz, daß ſie geglaubt habe, ihre Mutter zu ſehen.„Es iſt keine Wirklichkeit, mein liebes Kind. Wenn ſie Dich ſehen und mit Dir ſprechen könnte, bin ich überzeugt, würde ſie Dir ſagen, Du ſolleſt alle Deine Sorgen mir anvertrauen, es würde Dich glücklicher machen.“ „O, nein, nein! Ich würde ſehr ſchlecht ſein, wenn es mich glücklicher machte. Ich ſollte ſelbſt nicht wünſchen, es Dir zu ſagen, aber Mr. Myrvin ſagte zu mir, als Mama zum Himmel einkehrte, ſie würde mich immer noch ſehen und wiſſen, ob ich mein Verſprechen hielte und ihre Liebe zu ge⸗ winnen ſuchte, indem ich thäte, was ſie wünſchte, ſelbſt nach⸗ dem ſie todt wäre; und es war mir faſt ein Vergnügen, Wort zu halten, ſelbſt wenn es mir Schmerz bereitete und mich un⸗ glücklich machte; aber nun, nun, Tante Emmeline, weiß ich, daß Du mich haſſen mußt: Du kannſt mich nie, nie wieder lieben, und Das, Das iſt ſo ſchwer zu ertragen.“ „Meine liebe Ellen, haſt Du die heilige Verſicherung vergeſſen, daß mehr Freude im Himmel iſt über einen Sün⸗ der, der Buße thut, als über neun und neunzig Gerechte. 412 Und wenn Dein Vater im Himmel ſo fühlen, ſo handeln kann, ſollten es ſeine Geſchöpfe weniger thun? Denkſt Du, weil Du mir Schmerz und Sorge und Kummer bereitet und mich genöthigt haſt, ſolche Strenge gegen Dich anzuwenden und Dir ſolche Leiden zu bereiten, daß es mir ganz unmög⸗ lich ſein würde, Dich wieder zu lieben, wenn ich ſehe, daß Du Alles thuſt, was Du kannſt, um dieſe Liebe wieder zu gewinnen?“ Ellen antwortete nicht, aber die beängſtigende Aufre⸗ gung hatte ſich inſoweit gelegt, daß man hoffen konnte, ſie würde ſich vollkommen wieder beruhigen. Mrs. Hamilton blieb bei ihr, bis ſie ganz ruhig zu ſein ſchien, und würde ſie auch dann nicht verlaſſen haben, hätte ſie nicht Carolinen verſpro⸗ chen, mit ihr an dieſem Nachmittage nach T. zu fahren, um einige Einkäufe zu machen. Emmeline und Miß Harcourt brachten den Tag in Greville Manor zu, und da ihre Tochter auf ſie rechnete, wollte ſie derſelben keine Täuſchung bereiten. Aber die Schwierigkeit an andere Dinge zu denken und über verhältnißmäßig gleichgültige Gegenſtände heiter zu ſprechen, war größer, als ſie dieſelbe jemals gefunden hatte. Daß Ellis' Vermuthung richtig war, darüber hegte ſie nicht mehr den mindeſten Zweifel. Ellen opferte ſich auf, nicht blos aus Liebe zu ihrem Bruder, ſondern auch wegen des wirkli⸗ chen oder eingebildeten Verſprechens, das ſie ihrer armen Mut⸗ ter gegeben. Welcher Art es war, das konnte ſie ſich freilich nicht denken, aber daß es Etwas damit zu thun hatte, Edwards Fehler zu verheimlichen, leuchtete ihr ein, ſie wußte kaum wie? Ellis' Worte, daß ſie genug der Art geſehen hätte, als ſie noch Kinder waren, fielen ihr wieder ein, und die verſchiedenen Widerſprüche in Ellens Character und Benehmen, die ſie zu der Zeit nicht zu begreifen vermochte, ſchienen ihr damit in Verbindung zu ſtehen. Aber es war ſchwieriger als je, hin⸗ ter die Wahrheit zu kommen. Wie konnte ſie Ellen fort⸗ ſchicken? Und doch, wenn ſie ſtumm blieb, würde die bloſe Vermuthung ihren Gatten zufrieden ſtellen? Es war blos eine Hoffnung, ein Lichtſtrahl: Edwards Ehrenhaftigkeit, wenn er wirklich zurückkehrte; und während ſie mit Caroline fuhr 413 und ſprach, betete ihr Herz, daß dies geſchehen und daß der furchtbare Kampf ihrer opfermüthigen Ellen ein Ende neh⸗ men möge. Die unerwartete Freundlichkeit und Güte ihrer Tante hatte einen ſo wohlthätigen Einfluß auf Ellen, daß ſie nach Tiſch gegen drei Uhr Ellis ſagte, ſie wolle in das Schulzim⸗ mer gehen und dort eine Stunde zu leſen ſuchen. Sie wiſſe, die ganze Familie ſei nicht zu Haus, und ſie würde daher ganz ungeſtört ſein. Ellis willigte ein, freute ſich, daß ſie ſelbſt eine Abwechſelung ſuchte, und gab ihr den Rath, da der Nachmittag nach den langen Stürmen ſo mild ſei, einen Spaziergang auf der Terraſſe zu machen, nach der eine Glas⸗ thüre aus dem Schulzimmer führte; es würde ihr wohlthun. Ellen dachte den Rath zu benutzen, aber als ſie aus dem Fenſter die wohlbekannte Landſchaft überblickte, drängten ſich in ihr ſo viel ſchmerzliche Gedanken und Erinnerungen, daß ſie alle Luſt verlor, von der Stelle zu gehen. Sie hatte viele Wochen lang nicht mehr dort geſtanden, und es ſchien, als wenn die Ausſicht niemals ſo lieblich geweſen wäre. Die Bäume ſtanden alle in der letzten Herrlichkeit des Herbſtes, denn es war in den erſten Tagen des November, das Gras war ſo ſchön grün, wie es immer nach ſtarkem Regen zu ſein pflegt, und wiewohl die Blumen des Sommers alle verwelkt waren, ſo zeigten doch die geſchützten Gartenbeete, die unter der Terraſſe lagen, noch viele ſehr ſchöne Herbſtblumen. Das Ende der Terraſſe, eine ſteinerne Treppe, überſchaute die Allee, die nach dem Haupteingange führte, und wo Ellen ſtand, konnte ſie einige Fuß des Wegs erkennen, wo er aus einigen ferneren Bäumen hervortrat. Sie blickte zuerſt hin in dem Bewußtſein, daß ſie bald von dem Allen getrennt ſein würde, und daß ſie, ſo lange auch ihre Abreiſe verſcho⸗ ben werden möge, zuletzt fort müſſen werde, denn dem Be⸗ fehle ihres Onkels müſſe Gehorſam geleiſtet werden. Aber allmälig richtete ſich ihr Auge wie verzaubert auf einen Punkt. Eine einzelne Geſtalt kam aus den Bäumen hervor in die Uniform eines Midſhipman gekleidet, aber die Geſtalt war ſo groß, ſo ſchlank, ſein Schritt war ſo langſam, es — 414 konnte Edward nicht ſein; höchſt wahrſcheinlich war es einer von ſeinen Tiſchgenoſſen, der ſein Schickſal zu verkünden kam. Er war noch größer als Percy, aber viel ſchlanker, und er ſah ſo ganz anders ans, als der Knabe, der von ihr geſchie⸗ den war, daß, wiewohl ihr Herz klopfte, bis ſie faſt ohnmäch⸗ tig zu werden ſchien, ſie ſich nicht überzeugen konnte, daß er es war. Mit einer faſt unbewußten Anſtrengung lief ſie hinaus durch die Glasthür auf die Stufen der Terraſſe. Sie konnte ihn nun deutlich ſehen, aber ſein Geſicht nicht erken⸗ nen, denn ſeine Mütze war über die Stirne herabgezogen. Als er ſich aber näherte, blieb er ſtehen, als wenn er zweifelte, ob er zum Hauptthor oder über die wohlbekannte Terraſſe eintreten ſollte, über die er, ſo oft er von Mr. Howard zurück⸗ kehrte, in das Schulzimmer zu kommen gewöhnt geweſen war, und als er einen haſtigen Blick hinauf warf, fiel ſeine Mütze zurück und ſeine Augen begegneten denen Ellens. Ein raſcher, aber unterdrückter Schrei entfuhr ihren Lippen, und Alles kam ihr vor, wie ein undurchdringlicher Nebel, bis ſie ſich in ihres Bruders Armen und in dem Zimmer befand, das ſie verlaſſen hatte, während ſeine Lippen wiederholt ihre Wangen und ihre Stirn küßten und ſeine Stimme, die ihr ſo fremd klang— es ſchien ihr nicht die Edwards zu ſein, denn ſie war viel tiefer und männlicher— ſie bat, zu ſprechen und ihr zu ſagen, warum ſie ſo unwohl ausſehe. Aber immer noch klopfte ihr Herz ſo, daß ſie nicht ſprechen konnte. Sie konnte ſich nur dicht an ihn andrücken und ihm in's Geſicht ſehen, das ſich ſo verändert hatte, daß, wenn er nicht durch ſeine außerordentliche Bläſſe und Magerkeit ihrer Mutter noch ähnlicher geſehen hätte, als ſie krank war, ſeine Schwe⸗ ſter ihn kaum wieder erkannt haben würde. „Liebſte Ellen! ſprich, weshalb ſiehſt Du ſo bleich und traurig aus? Freuſt Du Dich nicht, mich zu ſehen?“ „Freuen! O, Edward, Du kannſt Dir nicht denken, wie ich mich freue. Ich dachte, Du würdeſt nie, nie wieder kom⸗ men, die Stürme waren furchtbar! Ich bin krank geweſen, und Dein plötzliches Erſcheinen erſchreckte mich, denn ich hatte an ſo furchtbare Dinge gedacht, und das warder Grund, 415 daß ich zuerſt nicht ſprechen konnte. Aber Du biſt eben ſo blaß, wie ich, lieber, lieber Edward. Du biſt verwundet ge⸗ weſen, haſt Du Dich noch nicht wieder erholt?“ „Von meinen Wunden, Ellen? O, die waren leicht ge⸗ nug. Ich hätte gewünſcht, daß ſie ſchwerer geweſen wären, um mir auf einmal den Garaus zu machen. Aber ſie thaten es nicht, ſie brachten mir nur Lob,— Lob, das mich wahn— ſinnig wachte.“ „Wie entließ Dich Sir Edward?“ flüſterte Ellen mit leiſer furchtſamer Stimme. „Wie er mich immer behandelt hat, als ein guter, nur zu guter Vater. O, Ellen, Ellen! Wenn er nur wüßte, welch ein betrügeriſcher Schurke ich bin!“ „Würde er Dir nicht verzeihen, wenn er Dich ſo liebt, wenn er Alles wüßte, die Verſuchung—“ „Die Verſuchung, Ellen? Welche Entſchuldigung ſoll in der Verſuchung liegen? Warum war ich ein ſolcher Thor, ein ſolcher Wahnſinniger, mich immer und immer wieder von dieſem Schutken auf Irrwege führen zu laſſen, nachdem ich ſeine Falſchheit entdeckt hatte, und dazu vor ihm gewarnt wor⸗ den war? Warum mißachtete ich ſo wahnſinnigerweiſe Mr. Howards und meines Onkels Briefe, und verließ mich auf meinen Eigenſinn und meine Thorheit, anſtatt auf ihre Er— fahrung? Ich tapfer? Ich bin der größte Feigling, der jemals ein Deck betrat, weil ich keinen Spott vertragen konnte.“ „Und er? Biſt Du noch immer in ſeiner Gewalt?“ fragte Ellen und entſetzte ſich vor dem Ausdruck in ihres Bruders Geſicht. „Nein, Ellen, nein! Gott verzeihe mir! Ich habe mich bemüht, mich deſſen nicht zu freuen. Der Tod war furcht⸗ bar, er ſtand mir ſelbſt ſo nahe, daß ich entſetzt war und zum erſten Male in dieſen zwei Jahren niederkniete, und meinen Gott um Vergebung, um die Gnade der Reue bat. Der Blitz traf ihn an meiner Seite und ließ das Lächeln höhni⸗ ſchen Spottes, womit er mich in dieſem Augenblicke ange⸗ ſehen hatte, immer noch auf ſeinen Lippen. Warum war er 416 geſtorben, er, der Gott und ſein heiliges Wort leugnete, den Gottesdienſt verſpottete und mich zu ſeinesgleichen machte? Und warum wurde ich geſchont? O, Ellen, ich habe keine Worte, um die Empfindungen dieſes Augenblickes zu ſchil— dern.“ Er hielt inne und ſchauderte, dann fuhr er raſch fort:„So verändert ich in meinem Aeußeren bin, ſo iſt es doch nichts gegen die Veränderung in meinem Innern. Ich wußte nicht, wie groß ſie war, bis ich nun wieder hier bin und meine ganze glückliche Jugend vor mir ſteht. Tante Emmelinens Lehren der Frömmigkeit und Güte, o, Ellen, Ellen, was find ihre Früchte geweſen? Seit zwei Jahren habe ich mich der Leidenſchaft hingegeben, und mich durch kein Wort, keinen Gedanken des Gebets zurückhalten laſſen. Ich elender Thor machte einen Vertrag mit meinem Gewiſſen und gelobte, daß wenn ich die erwartete Unterſtützung von Dir erhielte und von Harding frei würde, ich um die Kraft, der Verſuchung zu widerſtehen, die ich nicht ſelbſt hatte, beten wollte, und als der Mann, der von Sir Edward mit den Briefen für die Mannſchaft vom Ufer abgeſchickt wurde, unter die Wellen verſank und alle Briefe mit ſich hinunter nahm, fluchte ich ihm und dem Schickſal, welches ſeinen Tod beſchloſſen hatte. Ellen, Ellen, warum wurde ich gerettet und Harding getödtet?“ „Und Du erhielteſt meinen Brief niemals, Edward? erfuhrſt niemals, ob ich den Verſuch gemacht hätte, Dich aus Harding's Macht zu erlöſen?“ antwortete Ellen, die ſo tödt⸗ lich bleich wurde, daß Edward ſich bezwang, ſeine Faſſung wieder zu gewinnen. Aber die Art ſeiner Mittheilung ver⸗ urſachte einen ſolchen Aufruhr der Gefühle in ſeiner Schwe⸗ ſter, daß ſie für das Schreckliche ſeiner Worte taub war. Denn was waren alle ihre Leiden geweſen? „Ich war überzeugt, daß Du es gethan hätteſt, Ellen, denn Du thateſt es immer, und ich konnte mich auf Dich ver⸗ laſſen, wie auf mich ſelbſt. Ein plötzlicher Windſtoß hatte das Boot umgeſtürzt, und der Matroſe war ſo eingehüllt in den großen breiten Rock, deſſen Taſchen mit Briefen und Pa⸗ pieren angefüllt waren, daß er ſogleich unterſank, obwohl 417 alle Hülfe aufgeboten wurde. Ich warf mich ſelbſt in das Meer, um ihn zu retten, und Lieutenant Morley pries meinen Muth und mein Wohlwollen; er wußte nicht, aus welchem Grunde ich es gethan. Außerdem ſagte mir Sir Edward, es wäre eine Einlage für mich in dem Briefe meines Onkels an ihn geweſen, und er bedauerte, daß er ſie nicht behalten, um ſie mir ſelbſt zu übergeben. Wollte Gott, er hätte es gethan! Bis zu Harding's Tode war ich in ſeiner Macht und er hatte dieſelbe ſo gemißbraucht, daß ich bei unſerer Ankunft in England gelobte, mich zu verbergen, wo es ſei, zu fliehen, ich wußte nicht wohin. Aber er iſt todt und ich bin frei. Ich brauche meine Geſchichte Niemanden zu erzäh⸗ len, und wenn ich es kann, will ich mich von ſeinem unheil⸗ vollen Zauber losreißen und die Vergangenheit wieder gut⸗ machen. Aber es ſcheint, als wenn mich der Teufel immer wieder auf den Pfad des Verderbens hinlockte. Ich wünſchte, ich hätte nur den Muth, Mr. Howard Alles zu ſagen, ich würde mich dann ſicherer fühlen, aber ich kann es, ich kann es nicht! Die Gefahr iſt zu groß.— Wagengeraſſel!“ fügte er aufſchreckend hinzu.„Tante und Caroline! O wie freute ich mich, daß ſie mir am Thore ſagten, daß mein Onkel nicht hier ſei!“ und in ſeiner außerordentlichen Aufregung bei dem Gedanken, ſeine Tante wieder zu ſehen, vergaß er ſeine Schweſter, ſonſt würde er über die Wirkung ſeiner Worte erſchrocken ſein. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Der Kampf. Mrs. Hamilton war am Eingange die Ankunft ihres Neffen verkündet worden, und ihre Bewegung war ſo groß, daß ſie ſich in den Wagen zurücklehnte, als derſelbe in die 27 2 —— —— 418 Halle einfuhr, ohne ein Wort ſprechen zu können. Caroline war überraſcht, denn ſeine Rückkehr ſchien ihr nur ein Grund zur Freude zu ſein; ſie hatte keine Idee von der Miſchung von Furcht und Freude, von Furcht, daß Edward ſie in der That alle betrogen und, wenn es nicht der Fall, wie ſich El⸗ lens doppelt geheimnißvolles Benehmen erklären ließe. So lange er abweſend war, konnte ſie ruhig an ihn als die Ur⸗ ſache von Allem denken, aber nun er zurückgekehrt war, ſchien ihr Herz vor Furcht zu vergehen, und ſie hatte kaum die Kraft zu fragen, wo er ſei, und wie groß war ihr Erſtau⸗ nen, als ſie fand, daß ſeine Ankunft noch unbekannt war. Carolinens freudiger Ausruf, als ſie in das Schulzimmer eilte, um einige ihrer Einkäufe wegzuthun, zog ſie ſogleich dorthin, und in den erſten fünf Minuten beſchäftigte ſie allein die heiße Dankbarkeit, daß er in der That gerettet und ver⸗ hältnißmäßig wohl ſei, und daß, welches immer die geheime Veränderung ſein möge, die mit ihm vorgegangen, ſeine Liebe für ſie, nach der Wärme ſeiner Umarmung zu urtheilen, un⸗ verändert ſei, und ſetzte ſie in den Stand, ihre Ruhe wieder zu gewinnen. „Du ſiehſt wirklich aus, als wenn Du engliſche Luft und Hausmannskoſt brauchteſt, mein lieber Junge,“ ſagte ſie, nachdem eine kurze Zeit verſtrichen war und Edward ſich neben ſie geſetzt hatte, während ſeine Hand noch immer die ihrige umfaßt hielt.„Sir Edward hatte ganz recht, Dich zu beurlauben. Emmeline ſprach von nichts, als von Dei⸗ nen Wunden, die Dich zum vollkommenen Helden machen. Ich bin unromantiſch genug, um zu wünſchen, daß Du mir mehr Farbe und Fleiſch und weniger Ruhm nach Hauſe ge⸗ bracht; aber wie es mir ſcheint, haſt Du in Deiner Bläſſe mehr Aehnlichkeit mit Deiner armen Mutter, als je,“ und ſie ſah ihn ſo forſchend an, daß Edwards Augen, trotz aller ſeiner Anſtrengungen, ſich ſenkten. Er antwortete indeß heiter und ging in Erwiederung auf Carolinens zahlreiche Fragen auf eine lebhafte Schilderung ihrer Heimfahrt und der Urſachen ihrer Verſpätung ein, indem ſie ſo oft vor den fürchterlichen Stürmen, die ſie betroffen hätten, in dem Hafen „ 419 eine Zuflucht hätten ſuchen müſſen, und die Zeit verging ſo ſchnell, daß die Mittagsglocke rief, ehe irgend Jemand darauf vorbereitet war. Daß Ellen noch bläſſer ausſah, als da ſie ſie am Mor⸗ gen verlaſſen hatte, und noch ſtiller war, überraſchte Mrs. Hamilton nicht. Die Aufregung, ihren Bruder wieder zu ſehen, war völlig genug, um dieſelbe zu erklären, und ſie rieth ihr, ſich ganz ruhig zu verhalten, während ſie bei Tiſche ſäßen, damit ſie nachher wieder in ihrer Geſellſchaft ſein könne. Sie ſah aus, als wenn ſie erſt vor Kurzem krank geweſen wäre, und Edward war daher nicht überraſcht, daß ſie bereits zu Mittag geſpeiſt habe; aber vielerlei Kleinigkei⸗ ten, die im Laufe des Abends vorkamen, ihre außerordent⸗ liche Ruhe, der offenbare Zwang, der zwiſchen ihr und Caro⸗ linen und wie er zuerſt dachte und nachher ſich überzeugte, zwiſchen ihr und ihrer Tante herrſchte, erſchreckten und beun⸗ ruhigten ihn. Sie ſchien auch gegen ihn zurückhaltend und ſchüchtern zu ſein, als wenn ſie ſich beſtändig vor ihm fürchte. Das arme Kind! Ihre Tante hatte ihr Ruhe angerathen, ſo lange ſie allein ſei, und die Worte ihres Bruders klangen ihr in den Ohren, bis ihre Ruhe dahin war. Nach alle dem, was ſie vorher gelitten, und nach der Sendung des un⸗ heilvollen Briefes hatte ihn derſelbe nicht erreicht. Ihre Bemühung, ihn zu retten, war ganz und gar fehlgeſchlagen. Wenn ſie ſich zuerſt Mrs. Hamilton anvertraut hätte, wür⸗ den Maßregeln getroffen worden ſein, ihm die nöthige Un⸗ terſtützung zukommen zu laſſen, denn ſo oft ihr Onkel ihm ſein Taſchengeld zugeſendet, geſchah es durch Sir Edward, und die Gefahr, daß ein Brief verloren gehen möchte, war vermieden. Es hatte Zeiten gegeben, wo Ellen inmitten ihrer Leiden eine Art von Troſt in dem Gedanken finden konnte, daß ſie Edward gerettet und ſein Geheimniß bewahrt habe. Aber wo war dieſer Troſt nun? Alles was ſie er⸗ duldet hatte und noch erdulden ſollte, war umſonſt, ſchlim⸗ mer als umſonſt, denn wenn Edward ihr Verbrechen erfuhr, das ihm nichts genutzt hatte, und ſich ſeiner ſchrankenloſen Leidenſchaft hingab, ſo zitterte ſie wirklich, welche Wirkung 420 es auf ihn haben und wie ſich ſein Zorn gegen ſie äußern würde. Sie hattte bisweilen gedacht, daß ſeine Vergehun⸗ gen vielleicht nicht ſo groß wären, wie er ſie machte, daß er ſie, wenn er nur ſeine gütige, nachſichtige Tante zu Hauſe fände, geſtehen und daß ſo Friede und Hoffnung allmählig ihnen beiden wieder leuchten würden. Ihr heißeſter Wunſch, ihre innigſte Hoffnung war nun, daß Mrs. Hamilton veran⸗ laßt werden könnte, ihm nicht zu ſagen, was ſie gethan habe. Denn möchte er ſich dann getrieben fühlen, ſich als die Ur⸗ ſache zu bekennen oder nicht, ſo mußte die Wirkung auf ihn ſo furchtbar ſein, daß ſie lieber jedes neue Leiden auf ſich nehmen wollte. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, war ſie natürlicherweiſe ſtumm, da ſie ſich völlig unfähig fand, fie zu unterdrücken, wie ſie wünſchte, und ein natürliches Inter⸗ eſſe an alledem zu nehmen, was Edward zugeſtoßen war und ihm zu erzählen, was ſich während ihrer Trennung mit ihr zugetragen habe. Caroline indeß war ſehr lebhaft, und als Emmeline und Miß Harcourt zurückkehrten, die ſich nicht denken konnten, weshalb ſie eine volle Stunde früher als ge⸗ wöhnlich geholt worden waren, ließ ihr Erſtaunen und ihre Freude, Edward wieder zu ſehen, es nicht zu einer Pauſe in der Unterhaltung oder zu unnatürlichem Zwange kommen. Seine Coufinen hatten ſoviel von Herbert und Perecy und von ſich ſelbſt zu erzählen, und Emmeline ließ ſich von Ed⸗ ward ſo viel Einzelheiten von ihrem Zuſammentreffen mit den Seeräubern berichten, und wie er verwundet worden ſei und was Sir Edward zu ihm geſagt habe, daß Mrs. Hamil⸗ ton, ſo beſorgt ſie war, denn je länger ſie mit ihrem Neffen zuſammen war, deſto mehr überzeugte ſie ſich, daß er ihren Blick nicht ertragen konnte und daß ſeine Heiterkeit nicht na⸗ türlich ſei, nicht umhin konnte, wider Willen ſich zu unter⸗ halten. Mit dem Gedanken beſchäftigt, wie ſie hinter die Wahr⸗ heit kommen könnte, nach der ſie ſo heißes Verlangen trug, betrat ſie, als die Betglocke rief, mit ihren Kindern das Bi⸗ bliothekzimmer und ſie vergaß ganz, bis ſie den Platz an dem Leſepult eingenommen hatte, welchen ſie in der Abweſenheit — — 421 ihres Gatten und ihrer Söhne immer ſelbſt einnahm, daß ſie beabſichtigt, Ellen ihre gewöhnliche Stelle bei Emmelinen einnehmen zu laſſen, da ſie ihr jeden neuen Schmerz am er⸗ ſten Abend nach Edwards Rückkehr erſparen und jedem un⸗ angenehmen Gefühl ſeinerſeits vorbeugen wollte. Es war ein Ueberſehen, aber es kränkte ſie außerordentlich. Sie ſah ſich haſtig um, in der Hoffnung, daß es noch Zeit ſei, aber Ellen war bereits an ihrem Platze, wiewohl ſie ſich offenbar noch mehr in die Riſche des Fenſters zurückgezogen, als wenn ſie ſich von ſeinen ſchweren Vorhängen wolle verbergen laſ⸗ ſen, und ihr Geſicht mit ihren Händen bedeckt hatte. Mrs. Hamilton würde es noch mehr leid gethan haben, wenn ſie, wie Ellis, den demüthigen flehenden Blick geſehen hätte, den, als ſie eintraten, Ellen auf ſie geworfen hatte, und daß ihre blaſſen Lippen unter der halb ausgeſprochenen Bitte ge⸗ bebt hatten, die ſie auszuſprechen nicht den Muth beſaß. Ed⸗ ward ſchien ebenfalls zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, um darauf Acht zu haben, und als die ſanfte, aber eindring⸗ liche Stimme ſeiner Tante ſein Ohr traf, riefen die Worte, das Zimmer, die ganze Scene ſo lebhaft die glückliche und vergleichsweiſe unſchuldige Vergangenheit zurück, daß er nur ſchwer ſeine Gefühle zurückhalten konnte, bis die kniende Stellung geſtattete, ſich in Thränen, wirklichen Thränen Luft zu machen, während er gedacht hatte, daß er nie wieder werde weinen können. Der Contraſt der Vergangenheit und der Gegenwart ließ die eine noch glücklicher, die andere noch dunkler erſcheinen, als ſie in Wirklichkeit waren. Die Straf⸗ loſigkeit ſeiner Fehler und Leidenſchaften in ſeiner frühern Kindheit war die einzige Urſache ſeiner gegenwärtigen Ver⸗ irrungen, aber während er unter der ſanften Leitung ſeiner Tante und ſeines Onkels und Mr. Howards ſtand, hatte er dieſe Fehler nicht gekannt und hatte deshalb geglaubt, daß ſie ſich erſt ſeitdem eingefunden hätten. Er ſehnte ſich, alle ſeine Verirrungen, ſeine tiefe Reue Mr. Howard anzuver⸗ trauen, den er immer noch ſo lieb hatte, aber er wußte, daß er nicht den Muth hatte, ein Bekenntniß abzulegen, und doch haßte er ſich um dieſer Feigheit willen. 422 Da er nur zu ſehr an Selbſtbeherrſchung gewöhnt war, verwiſchte er jede Spur der Thränen, die nur das Auge ge⸗ ſehen hatte, das aus Sorge noch ſcharfſichtiger als gewöhn⸗ lich war, als er aufſtand, und bemerkte zum erſten Male, daß Ellen nicht da war, wo er ſie ſonſt gewöhnlich geſehen. Er küßte ſie zärtlich, als ſie raſch auf ihn zueilte, und da er be⸗ merkte, daß ſie mit einem bloßen Gute Nacht und ohne den gewöhnlichen Kuß von Mrs. Hamilton das Zimmer verließ, ſtürzte er vor, ergriff die Hand ſeiner Tante und rief aus: „Was giebt's mit Ellen, Tante Emmeline? Warum iſt ſie ſo verändert und warum iſt Dein Benehmen gegen ſie ſo kalt und fremd, und warum kniete ſie zur Seite, als wenn ſie unwürdig ſei, mit uns zu beten?“ „Nur heute nicht, mein lieber Edward! Es iſt eine lange und traurige Geſchichte, und ich rechne auf Dich, daß Du mir hilfſt, daß Ellen und ich wieder einander werden, was wir uns einander geweſen ſind. Es macht mir eben ſo viel Schmerz, als ihr, daß wir es nicht mehr ſind. Mor⸗ gen ſollſt Du alles erfahren, ich verſpreche es Dir. Du haſt heut des Aufregenden genug gehabt, und nach Deiner erſchöpfenden Reiſe bedarfſt Du der Ruhe. Halte dies nicht für eine Umgehung Deiner Frage, ich habe mich nach Deiner Rückkehr faſt eben ſo ſehr geſehnt, um Deinen Ein⸗ fluß auf Ellen zu benutzen, als um des Vergnügens willen, Dich wieder zu ſehen.“ Edward mußte ſich zufrieden ſtellen, aber wiewohl ſeine phyſiſche Erſchöpfung groß genug war, um das ungewöhn⸗ lich behaglich ausgeſtattete Zimmer angenehm zu finden, ſo war doch ſein Schlaf unruhig und von ſchrecklichen Träumen geſtört, in denen es ihm ſchiene, daß er in Gefahr ſei und Ellen ſich aufopfere, um ihn zu retten. Als Mrs. Hamilton ſich zur Ruhe begeben wollte, fand ſie auf ihrem Toilettentiſch einen Brief. Sie glaubte die Handſchrift zu kennen, aber ſie war ſo zitternd geſchrieben, daß ſie faſt unleſerlich war, und daß es ihr große Mühe ko⸗ ſtete, folgende Worte zu entziffern:„Ich bin mir ſo wohl be⸗ wußt, daß ich nicht an Dich ſchreiben ſollte, ich weiß ſo gut, 423 daß ich kein Recht habe, Dich um eine Gunſt zu bitten, wäh⸗ rend ich Dir ſo viel Sorge und Noth gemacht habe, daß ich es nicht gewagt haben würde, Dich darum zu bitten, wenn Du heute Morgen nicht ſo ſehr gut gegen mich geweſen wä⸗ reſt. O Tante Emmeline, wenn Du wirklich Mitleid für mich fühlſt, ſo ſage Edward nicht den wirklichen Grund mei⸗ ner Verbannung von Hakwood, ſage ihm, ich ſei ſehr böſe geweſen, habe auch nicht die mindeſte Reue gezeigt, aber ſage ihm nicht, was ich gethan habe. Er iſt krank, unglücklich, daß er ſeinem Berufe auch nur auf einige Monate hat entſa⸗ gen müſſen. O erſpare ihm das Elend, mein Verbrechen zu erfahren. Ich weiß, ich verdiene nichts als Strenge von Dir, ich habe kein Recht, Dich darum zu bitten, aber o, wenn Du mich jemals geliebt haſt, ſo ſchlage es mir nicht ab. Wenn Du mir nur dies bewilligen, wenn Du mir nur ſagen wollteſt, ehe ich fort muß, daß Du mir mit der Zeit verzeihen willſt, ſo würde das ein großer Troſt ſein der unglücklichen Ellen.“ Mrs. Hamiltons Augen füllten ſich mit Thränen. Das Deiner hatte ſie offenbar urſprünglich geſchrieben, aber theilweiſe radirt, und an deſſen Stelle der geſetzt, und ſie fonnte die äußerſte Troſtloſigkeit eines ſo jungen Mädchens, die dieſe einfache Thatſache verrieth, nicht leſen, ohne ſich auf's Schmerzlichſte berührt zu fühlen. Doch ihre Bitte konnte ſie nicht erfüllen. Es ſetzte ſie in Verlegenheit, denn warum beſtand ſie ſo ſehr auf dem Wunſche, den ſie von An⸗ fang an geäußert, daß Edward es nicht erfahren ſollte, es wäre denn— und ihr Herz hüpfte vor Hoffnung— daß ſie fürchtete, es würde ihn veranlaſſen, ſich als den Urheber zu bekennen und ihr Opfer nutzlos zu machen. Sie ſchloß den Brief ein, da ſie denſelben nicht wieder leſen wollte, in⸗ dem ſie fürchtete, daß ſeine tiefe Demuth, ſeine inbrünſtige Bitte, ſie von ihrem Vorſatze abbringen würde, und die Nacht verfloß in heißem Gebet und unruhigem Schlaf. Einige Zeit nach dem Frühſtücke am folgenden Morgen waren Edward und ſeine Tante allein in dem Bibliothekzim⸗ mer. Mit der äußerſten Mühe unterdrückte er die furchtbare 424 Aufregung, welche jeden Nerv durchzuckte, als er die Erzäh⸗ lung anhörte, um die er gebeten hatte. Er konnte nicht zweifeln, zu welchem Zwecke das Geld beſtimmt geweſen war; das Stillſchweigen ſeiner Schweſter allein würde dies ſchon geſagt haben; aber in jener Stunde des Wahnſinns war er ſich blos ſeines Zornes, ſeines heftigen Zornes gegen das unglückliche Mädchen bewußt, die ſo viel für ihn erdul⸗ det hatte, aber er hatte völlig die verzweifelten Worte ver⸗ geſſen, die er geſchrieben, er hatte niemals den gewünſchten Zuſchuß erhalten, bis vor einer Woche, einer kurzen Woche vor ſeiner Rückkehr, wo er in Hardings Gewalt geweſen, und da ihm Ellens Aufopferung nichts genützt, was konnte ſie auf der Wagſchale wiegen gegen die beſchämende Ueberzeu⸗ gung, daß, wenn er nur noch einen Funken von Ehre hatte, er geſtehen müſſe, daß er ihr Verbrechen veranlaßt habe? Anſtatt ihn zu retten, hatte ſie ihn verrathen, und er verließ ſeine Tante, um Ellen zu ſuchen, offenbar ſo aufgeregt und erhitzt, und die Zuſammenkunft ſelbſt hatte dazu ſo wenig beigetragen, ihn weicher zu ſtimmen, wie ſie gehofft hatte, und ihn ſogleich zum Bekenntniſſe zu bringen(denn ſie hatte vor⸗ ſätzlich ſo nachſichtig von Irrthum und Verlegenheit geſpro⸗ chen, wie ſie konnte, ohne ihren immer ſtärker werdenden Argwohn zu verrathen), daß, wenn ſie gewußt hätte, wie ſie es machen ſollte, ſie ihm verboten haben würde, Ellen zu ſehen, bis er ruhiger geworden wäre. Unglücklicherweiſe war es auch der Theil des Tages, wo Ellis immer am meiſten beſchäftigt war, und ſie befand ſich nicht einmal in ihrem Zimmer, ſo daß Edward ſeiner Ge⸗ waltthätigkeit keinen Zügel anzulegen brauchte. Die Selbſt⸗ beherrſchung, die er geübt hatte, ſo lange er mit ſeiner Tante zuſammengeweſen war, ſteigerte nur ſeine Leidenſchaft, als er dieſelbe verlaſſen hatte. Er ſtieß die bitterſten Vorwürfe gegen ſie aus, fragte ſie, wie ſie hoffen könne, daß ein Zu⸗ ſchuß, den er auf ſolche Weiſe erhalten ſollte, jemals an ihn gelangen würde, was ſie anders gethan habe, als daß ſie ihn verrathen, denn wie könne er ein ſo ehrloſer Feigling ſein, ſie von Oakwvod fortzulaſſen, weil ſie nicht ſprechen wolle, — 425 und warum ſie nicht geſprochen habe, warum ſie ihn nicht ſo⸗ gleich verrathen und ſtatt deſſen nach Hauſe gelockt, um ihn in Schande und Elend zu ſtürzen? Der Zorn hatte ihn ſo wahn⸗ ſinnig gemacht, daß er weder wußte, was er ſagte, noch ihre flehenden Bitten hörte, ſich nicht ſelbſt zu verrathen, ſie würde es nie thun. Sie klammerte ſich an ſeine Knie, indem ſie ſich vor ihm niederwarf, denn ſie war zu kraftlos, um zu ſtehen, und wiederholte ihre Bitten in einem Tone, der ihn wieder hätte zu ſich bringen ſollen, aber ſein beſſeres Ich war zu lange zum Stillſchweigen verurtheilt geweſen, und wü⸗ thend über ihre krampfhaften Bemühungen, ihn zurückzuhal⸗ ten, ſchlug er ſo heftig nach ihr, daß ſie mehr durch den Schmerz des Schlages von ihm, als durch den Schmerz ſelbſt, ſogleich allen Halt verlor, und er ſtürzte aus dem Zimmer. Die Hallenthür war offen, und er ſtürzte durch dieſelbe ungeſehen in den Park und floh, er wußte nicht wohin, auch kümmerte er ſich nicht darum, ſondern eilte in die wildeſten Theile. Wie er an einen gewiſſen Ort kam, wußte er nicht, denn es war gerade derjenige, den er in dieſem Augenblicke der Auftegung am liebſten vermieden haben würde. Es war ein kleiner Grasplatz mitten im Walde, der ſich nach dem Rande des Waſſers ſenkte, wo er und Perey mit Hülfe Roberts die Erlaubniß erhalten hatten, ein kleines Schiffs⸗ haus zu errichten und wo Edward eine ganze Flotille kleiner Fahrzeuge gehalten hatte. Da waren noch die Bäume, der Grasplatz, das Schiffshaus, ja auch die Fahrzeuge in ſo ſchönem Zuſtande, daß die Vergangenheit ſo lebhaft, ſo über⸗ wältigend durch den ſtummen Beweis, daß die liebevolle Er⸗ innerung ſeine Lieblingsneigungen auch während ſeiner Ab⸗ weſenheit ſo gepflegt, in ihm geweckt wurde, daß es ihm unerträglich war. Er warf ſich auf den Raſen, und da ein Gedanke nach dem andern auf ihn einſtürmte und ihm Ellen vormalte, wie ſie ſich ſelbſt zum Opfer brachte und ſich im⸗ mer vor ihn ſtellte, um ihn vor der Strafe zu ſchützen, wie ſie es ſeit der erſten Stunde gethan hatte, wo ſie in Qakwood geweſen, war ihm der Gedanke an den feigen Schlag, an die 426 wahnſinnigen Vorwürfe unerträglich, und er ſchluchzte faſt eine halbe Stunde an dieſem Ort und ſehnte ſich, daß irgend ein Zufall Mr. Howard zu ihm führen möge, um dieſe furcht⸗ bare Reue auf einmal los zu werden, aber er war ganz un⸗ fähig, ihn ſelbſt aufzuſuchen. Edwards Gemüth war wie das ſeiner Mutter von Natur viel zu gut, um entſchloſſen etwas Böſes fortzuſetzen. Seine Vergehungen waren in der That viel weniger ernſter Art, als er ſich nach Hardings ſchlauen Vorſtellungen es gedacht hatte. Er hatte ſich nie ſeinen Leidenſchaften hingegeben, ohne daß die bitterſte Reue folgte; da er aber hartnäckig die Religion von ſich gewieſen, welche ihm ſeine Tante einzuflößen geſucht hatte, und da Harding ihn über den einzigen ſicheren Führer der Jugend, wie jeden Alters, Gottes Wort, zu ſpotten gelehrt hatte, ſo hatte er nichts, worauf er ſich ſtützen konnte, weder zum Troſt in ſeiner Reue, noch zur Hoffnung der Beſſerung, noch zur Stütze ſeiner Selbſtbeherrſchung, und ſchrecklich hätten die Folgen von Hardings unglückſeligem Einfluſſe werden müſſen, wenn nicht der Einfluß eines Hauſes der Liebe noch ſtärker geweſen wäre. Zwei Stunden nachdem er ſeine Tante verlaſſen, kehrte er zu der Familie zurück, ruhig, aber mit allen Zeichen eines geiſtigen Kampfes, wenigſtens wie Mrs. Hamilton dachte, denn Niemand anders bemerkte es, ſo daß ſie immer noch hoffte, ſie wußte nicht recht was, denn es fehlte ihr an Muth, nach dem Ausgange ſeiner Unterredung mit Ellen zu fragen. Sie begnügte ſich damit, Emmelinen zu bitten, ſie möge ihrer Cou⸗ ſine ſagen, daß ſie mit ihrer Arbeit oder ihrer Zeichnung zu ihnen kommen möge, und ſie war ſo erſtaunt, als Emmeline die Nachricht brachte, Ellen habe geſagt, ſie wolle lieber nicht kommen, daß ſie ſie ſelbſt aufſuchte. Ellens Wangen, im allgemeinen ſo blaß, waren hochroth, ihre Augen in Folge deſſen unnatürlich glänzend, und ſie ſah ſich überhaupt ſo unähnlich, daß ihre Tante beſorgter war, als je; auch konnte ihre Art und Weiſe, als ſie gefragt wurde, warum ſie nicht zu ihnen kommen wolle, da Edward erſt ſo kurze Zeit zurückgekehrt, dies Gefühl nicht ſchwächen. 427 „Emmeline ſagte nicht, daß Du es verlangteſt, ſonſt würde ich etwas Beſſeres gethan haben, als nicht Folge zu leiſten,“ lautete ihre Antwort, und ſie war nichts weniger als unehrerbietig. Der Ton ſchien der eines bis auf das Aeußerſte gequälten und zerrütteten Geiſtes, der völlig außer Stande war, noch länger zu ſtreiten, wiewohl jeder Nerv vor Schmerz zitterte. Mrs. Hamilton fühlte bitteres Weh, daß Ellen ſich endlich ganz von ihr zurückzog, daß die Nichtbe⸗ rückſichtigung ihrer Bitte bezüglich ihres Bruders ſie ſo ver⸗ wundet zu haben ſchien, daß die Liebe erſchüttert worden war, die kein andres Leiden zu berühren die Macht gehabt hatte. „Ich verlangte es nicht, wiewohl ich es wünſche,“ er⸗ wiederte ſie mild,„und es ſteht Dir uatürlich frei, zu han⸗ deln, wie es Dir gefällt, wiewohl ich es für ſehr natürlich gehalten haben würde, daß, da Du ſo lange nicht mit Edward zuſammen geweſen biſt, gewünſcht hätteſt, nun, da er zu Hauſe iſt, ſo viel als möglich mit ihm zuſammen zu ſein.“ „Er wird es nicht wünſchen. Er haßt mich, verachtet mich, wie ich voraus ſetzte, wenn er mein Verbrechen erführe. Heute ſollte ich nach Seldon abreiſen. Laſſe mich ſogleich fort, dann braucht ſich weder er noch Du noch irgend Je⸗ mand ſonſt länger mit mir zu quälen, und Ihr werdet alle wieder glücklich ſein. Laß mich fort, Tante Emmeline, wes⸗ halb ſoll ich da bleiben?“ „Wenn Du es wünſcheſt, Ellen, ſollſt Du nächſte Woche abreiſen. Ich dachte nicht, daß Du unter irgend welchen Unſtänden den Wunſch, mich zu verlaſſen, hätteſt ausſprechen oder vorausſetzen können, daß es mich beſonders glücklich machen würde, Dich aus meinem Hauſe zu ſchicken.“ „Warum nicht? Du mußt mich ebenfalls haſſen, ſonſt würdeſt Du nicht die einzige, einzige Gunſt, um die ich Dich bat, ehe ich wegreiſte, abgeſchlagen haben,“ antwortete die arme Ellen, und die Stimme, die unnatürlich laut geweſen war, wurde für den Augenblick von einem Schluchzen erſtickt, das ſie bisher unterdrückt hatte. Mrs. Hamilton konnte es ———— 428 kaum ertragen. Indem ſie ihre eiskalten Hände in die ihri⸗ gen nahm, ſagte ſie faſt zärtlich:„Du haſt Recht, mich als hart und grauſam zu verurtheilen, aber die Zeit wird viel⸗ leicht die Beweggründe meiner Handlungsweiſe erklären, wie ich hoffe und bitte, daß ſie das Geheimniß der Deinigen löſen wird. Du befindeſt Dich nicht wohl genug, um lange allein bleiben zu dürfen, und Ellis iſt heute ſo viel beſchäf⸗ tigt, daß ich, abgeſehen von der Geſellſchaft Deines Bru⸗ ders, Dich bei uns zu ſehen wünſche. Wenn Du es ſo ſehr vorziehſt, hier zu bleiben, ſo will ich bei Dir bleiben, wie⸗ wohl es mir natürlich wünſchenswerth ſein würde, da Ed⸗ ward ſo lange von uns fortgeweſen iſt, auch mit ihm zuſam⸗ men ſein zu können.“ Es war faſt das erſte Mal, wo Mrs. Hamilton gegen ihre Familie irgend einen Weg eingeſchlagen hatte, der nicht ganz gerade war, und wiewohl ihre Beweggründe viel ſchlauere Kriegsliſten geheiligt haben würden, ſo ſträubte ſich doch ihre reine Seele gegen ihre eignen Worte. Sie wollte Ellen beſtän⸗ dig in Edwards Geſellſchaft haben, damit er den Impuls des Gefühls und der Ehre nicht umgehen könnte, den der An⸗ blick ſolchen Leidens, wie ſie dachte, hervorrufen müßte. Es war ihr unerträglich, dieſen Wunſch als Befehl gelten laſſen zu müſſen, nachdem ſie, wie ſie fühlte, wenn Ellens Schwei⸗ gen wirklich Selbſtaufopferung und nicht Schuldbewußtſein war, bereits ſo grauſam und ſo unnöthig ſtreng geweſen war. Ellen antwortete nicht und weigerte ſich nicht, ſondern nahm ihre Arbeit und begleitete ihre Tante nach dem gewöhnlichen Morgenzimmer, aus dem fröhliches Gelächter und heitere Töne ihnen entgegenſchallten. Caroline und Emmeline freu⸗ ten ſich ſo ſehr über Edwards Rückkunft, hatten ſo viel zu fragen und zu erzählen, waren ſo völlig arglos, daß er ir⸗ gend einen Antheil an dem Vergehen ſeiner Schweſter haben könne, daß, wenn ſie ihn jetzt für weniger lebhaft und heiter hielten, als da er die Heimath verlaſſen hatte, ſie dies einfach dem Umſtande zuſchrieben, daß er ſich von ſeiner erſchöpfen⸗ den Reiſe und von ſeinen Wunden noch nicht erholt habe. Miß Harcourt, gerade ſo arglos, klagte heimlich Ellen als . 429 die Urſache ſeiner häufigen Zerſtreuung an; ihr Benehmen konnte einen ſo biedern, ſo ehrenwerthen jungen Mann nicht unberührt laſſen, und wenn er hart gegen ſie geweſen war, wie ſie nach ihrem gänzlichen Stillſchweigen, wenn ſie bei⸗ ſammen waren, vermuthete, ſo dachte ſie, ſie habe es ſo reich⸗ lich verdient, daß ſie auch nicht das mindeſte Mitleid mit ihr hatte. Der Tag verfloß dem Anſchein nach Mrs. Hamilton und Edward, in Wirklichkeit allen andern Gliedern der Familie, bis auf Eine, heiter und glücklich genug. Der große Gegenſtand des Bedauerns war Mr. Howard's Ab⸗ weſenheit. Er konnte an dieſem Abende wieder zurück ſein, und Emmeline war überzeugt, er würde ſogleich kommen, um Edward wieder zu ſehen. Im Laufe der Stunden fühlte Ellen einen heftigen und ſehr ungewöhnlichen Schmerz in den Schläfen, und allmählig dehnte er ſich über die Stirn und den ganzen Kopf aus, bis ſie kaum mehr die Augen be⸗ wegen konnte. Er war zuerſt ſo plötzlich gekommen und dauerte ſo kurze Zeit, daß ſie ſich kaum erklären konnte, was es war, oder warum ſie ſich ſo plötzlich wie ohnmächtig ge⸗ fühlt habe; aber er nahm immer zu, und ehe die Stunde der Abendandacht kam, war er ſo heftig geworden, daß, wenn ſie nicht an Leiden aller Art gewöhnt und mit einer außerordentlichen Selbſtbeherrſchung ausgerüſtet geweſen wäre, ſie denſelben mehr als einmal verrathen haben würde, indem ſie entweder der Schwäche unterlegen wäre oder laut aufgeſchrien hätte. Sie hatte gehört, wie Mrs. Hamilton Robert den Auftrag gab, Mr. Maitland zu bitten, daß er ſobald als möglich nach Dakwood kommen möge, und da ſie die Antwort, daß er erſt ſpät am Abend zu Hauſe erwartet würde, nicht hörte, ſo hoffte ſie jeden Augenblick auf. ihn und dachte, er werde ihr etwas geben, was ihr helfen würde, ohne daß ſie erſt zu klagen brauchte. Edward hatte ſeine Coufine gebeten, ihm etwas vorzu⸗ ſpielen, und dann hatte er, Emmelinen zu gefallen, die Schlachtordnung mit den Seeräubern aufgezeichnet, und Niemand beachtete ſie, denn Mrs. Hamiltons Herz verlor alle 430„ Hoffnung, als die Stunden verfloſſen und ſich nichts zeigte, was bewieſen hätte, daß ihre Vermuthung richtig ſei, und wenn ſie es wäre, daß die Wahrheit an den Tag kommen würde. Die Glocke rief zum Gebet, und als ſie aufſtanden, ſuchten Edwards Augen zum erſten Male, ſeit ſie zuſammengekom⸗ men waren, ſeine Schweſter und hefteten ſich auf ihr Geſicht. Der Schmerzanfall hatte einige Minuten aufgehört, wie er es abwechſelnd mit großer Heftigkeit den ganzen Tag gethan hatte; aber er hatte ſie ſo geiſterhaft bleich gemacht, daß Edward wirklich entſetzt zurückfuhr. Es mochte Einbildung ſein, aber er dachte, die Spur ſeines feigen Schlages ſei ge⸗ ſchwollen und ganz ſchwarz auf ihrer bleichen Stirn zu ſehen, und es bemächtigte ſich ſeiner ein ſolches Gefähl der Reue, daß er ſich nur mit Mühe enthalten konnte, ſie in die Arme zu ſchließen und ſie vor ihnen allen um Verzeihung zu bitten. Aber es war jetzt keine Zeit dazu, und ſie begaben ſich nach der Bibliothek. Jeder Schritt, den Ellen that, ſchien den furchtbaren Schmerz zurückzubringen, bis ſie, als ſie ſich ſetzte und dann an ihrem Platz niederkniete, gar nichts mehr empfand. Die Abendandacht war vorüber, und als Mrs. Hamil⸗ ton vom Gebet ſich erhob, womit jedes Einzelne ſeine An⸗ dacht ſchloß, ſtand ihr Neffe vor ihr, bleich wie Marmor, aber mit dem Ausdrucke feſter Entſchloſſenheit, der ihr Herz mit Freude erfüllte, während es zugleich vor Furcht bebte. Mehrere von den Dienſtboten hatten das Bibliothekzimmer verlaſſen, ehe Edward ſeine Stimme wiedergewann, und ſein erſtes Wort oder vielmehr ſeine erſte Handlung war, daß er die noch Anweſenden zu bleiben bat. „Meine Schweſter iſt beſtraft, vor Euch Allen blosge⸗ ſtellt worden!“ rief er in einem ſchmerzlichen und ent⸗ ſchloſſenen Tone aus, der Miß Harcourt und ſeine Couſinen ſo erſchreckte, daß ſie ihn ganz verwirrt anſahen,„und vor Euch allen muß ihre Unſchuldserklärung erfolgen. Man ſagt mir, es ſei weniger ihr Vergehen, als ihr Schweigen und die größere Schuld, welche ſich dahinter zu verbergen 431 ſcheine, weshalb ſie ſo ſtreng behandelt worden ſei. Tante Emmeline, ich bin die Urſache ihres Schweigens, ich war der Verſucher, der ſie zu ihrem Vergehen verleitete, ich habe meinen Capitän, meine Offiziere, Euch alle betrogen, und anſtatt deſſen, wofür Ihr mich haltet, bin ich ein Spieler und ein Schurke. Sie hat mich wiederholt vor Entdeckung und Schande gerettet, und ohne ihr Vergehen und ſeine Folgen würde ſie mich auch jetzt gerettet haben. Aber was hat die Sünde jemals gethan, als die Menſchen zu verrathen und unglücklich zu machen? Gieb Ellen Deine Liebe zurück, Tante Emmeline, und ſage meinem Onkel, ſage Sir Ed⸗ ward, was für ein Elender ich bin.“ Eine volle Minute nach dieſen unerwarteten erſchrecken⸗ den Worten folgte Stillſchweigen, denn Niemand konnte ſprechen, ſelbſt Emmeline nicht, deren erſter Gedanke nur Freude war, daß Ellens Schweigen nicht ſo ſtrafbar ſei, als es ſchien. Edward hatte ſeinen Arm über das Leſepult gekreuzt und ſein Geſicht mit ſeinen Händen bedeckt. Der augenblickliche Wechſel der Geſinnung, den ſein Bekenntniß bei dieſen höchſt vorurtheilsvollen Leuten gegen Ellen her⸗ vorgebracht hatte, läßt ſich kaum beſchreiben. Aber Mrs. Hamilton hatte, nachdem die Worte, nach denen ſie ſich ge⸗ ſehnt, um die ſie Gott gebeten, geſprochen worden waren, kaum die Kraft, ſich zu rühren. Edward anreden konnte ſie nicht, wiewohl ſie weit mehr Mitleid als Zorn gegen ihn empfand. Sie blickte nach Ellen, die immer noch kniete, wiewohl Ellis dicht bei ihr ſtand und ſie offenbar aufzuheben ſuchte, und mit einem weit eiligeren Schritt, als ihre Kinder oder ihr Geſinde jemals von ihr geſehen hatten, flog ſie durch das lange Zimmer und ſtand neben ihrer Nichte. „Ellen!“ ſagte ſie, indem ſie die Hände zu entfernen ſuchte, welche die glühende Stirn umfaßten, als wenn ihr feſter Druck allein ihren quälenden Schmerz ſtillen könnte, „meine liebe, aufopfernde Ellen, blicke auf und vergieb mir, was ich Dir zu leid gethan habe! Sprich mit mir, mein Kind. Du haſt nun nichts zu verbergen, Alles ſoll vergeſſen ſein— Edward's Vergehungen, ſeine Verlegenheiten, Alles 432 um Deinetwillen, und er wird, das weiß ich, Dich nie wie⸗ der unglücklich machen. Siehe auf, mein liebes Kind, ſprich mit mir, ſage, daß Du mir vergiebſt.“ Ellen nahm ihre Hände von der Stirn und blickte Mrs. Hamilton in's Geſicht. Ihre Lippen bewegten ſich, als wenn ſie ſprechen wollten, aber im nächſten Augenblicke flog ein Zug des Schmerzes über ihr Geſicht, und ſie that einen ſo furchtbaren Schrei, daß es Allen, die denſelben hörten, durch das Herz fuhr, und das Bewußtſein verließ ſie in demſelben Augenblicke, wo Mr. Maitland und Mr. Howard zuſammen in's Zimmer traten. Achtundzwanzigſtes Rapitel. Krankheit und Reue. Es war eine furchtbare Nacht, die dem Schluſſe unſeres letzten Kapitels folgte. Herbert und Ellen waren vft ſo krank geweſen, daß ſie den Bewohnern von Oakwood Sorge gemacht hatten, aber ihre Krankheit hatte nur ſorgfältige Pflege und die freundliche Theilnahme erfordert, welche ein Unwohlſein bisweilen zu einem wirklichen Segen machen, ſowohl für die Leidenden, als für ihre Pfleger. Aber eine Krankheit, die nur der geiſterhafte Bote des Todes zu ſein ſcheint und mit ſo furchtbarem Schmerz verbunden iſt, daß weder Verſtand noch kräftiger Wille den krampfhaften Aus⸗ druck derſelben unterdrücken können, bis zuletzt die Vernunft völlig unterliegt und der Geiſt aus der gequälten Hülle flieht, das iſt eine ſchwere Prüfung, ſelbſt wenn eine ſolche Krankheit durch ſogenannte natürliche Urſachen herbeigeführt worden iſt. Aber wenn ſie aus einem Seelenſchmerz entſteht, wenn die Angehörigen fühlen, daß ſie hätte abgewendet wer⸗ den können, daß ſie die Folge einer mißverſtandenen Be⸗ 433 handlung iſt und ſie junge Perſonen trifft, denen eine ſolche Sorge hätte unbekannt bleiben ſollen, war es da ein Wun⸗ der, daß Mrs. Hamilton, indem ſie an Ellens Bett ſtand und ſah, daß eine todtenähnliche Unempfindlichkeit mit Ausbrüchen des Schmerzes wechſelte, gegen welche nichts half, denn es war nur der Anfang einer Gehirnentzündung, zu Muthe war, als wenn ſie Schmerz oder Sorge noch nie⸗ mals gekannt hätte? Sie hatte erwartet, daß Edward's Geſtändniß Allen Hoffnung und Ruhe bringen würde, daß der Kopfſchmerz und die überreizten Nerven ihrer armen Ellen nur der Rückkehr der Liebe und der Gewißheit der Verzeihung für ſich und Edward bedurfte, um allmälig Ge⸗ ſundheit und Heiterkeit wiederzugewinnen; daher brachte ſie ein ſo plötzlicher und furchtbarer Krankheitsanfall, der einen Umfang der vorherigen geiſtigen Leiden verrieth, welchen ſie bei einem ſo jungen Mädchen für unmöglich gehalten haben würde, faſt außer ſich. Aber ſie beſaß keinen Character, der ſich beugen ließ; ihre quälende Angſt konnte man in der faſt ſtarren Ruhe ihres Geſichts, in ihrem ſanften, aber feſten Widerſtande gegen alles Zureden, nicht nur in dieſer furchtbaren Nacht, ſondern in der ganzen folgenden Woche, El⸗ lens Bett nicht zu verlaſſen, leſen. Der Gedanke an den Tod war ihr fürchterlich. Niemand als ihr Gott ſah den Kampf, den ſie Tag für Tag, Nacht für Nacht durchfocht, um ihren widerſpenſtigen Geiſt zur Unterwerfung unter ſeinen Willen, welches er auch ſein möchte, zu bringen. Sie wußte, daß ſich das theuerſte reinſte Glück der Erde nicht mit dem des Him⸗ mels vergleichen ließ, wenn es wirklich ſein Wille war, ſie zu ſich zurückzurufen; aber der Gedanke brachte ihr keinen Frieden. Sie hatte keinen Grund, ſich einen Vorwurf zu machen, denn ſie hatte nur gehandelt, wie die gebieteriſche Pflicht es erheiſchte, und es hatte ihr faſt eben ſo viel Schmerz gemacht wie Ellen; dennoch aber verließ ſie der Gedanke nicht, daß ihre Härte und Grauſamkeit alle die Leiden verurſacht habe, die ſie vor ſich ſah. Sie ſprach dieſe Gedanken nicht laut aus, ſie wagte nicht, dieſem Jam⸗ mer Worte zu geben, denn ſie fühlte, daß ihre einzige 28 434 Stütze Gott war. Der einzige Menſch, der in ihrem Her⸗ zen geleſen, ihr Theilnahme, Kraft, Troſt gebracht haben würde, ohne daß ſie ein Wort zu ſagen gebraucht hätte, ihr Gatte, war in weiter Ferne, und ſie durfte den Muth nicht verlieren, wiewohl es Zeiten gab, wo ihr Herz und ihr Körper ſich ſo gänzlich erſchöpft fühlten, daß ſie nicht länger widerſtehen zu können ſchien. Mr. Howard's Gegenwart war ihr ein unausſprechlicher Troſt geweſen.„Gehen Sie zu Edward, mein lieber Freund!“ ſagte ſie, als er an dem Bett ſtand, worauf El⸗ len gelegt worden war, und Troſt zu geben ſuchte, aber fühlte, daß es in einem ſolchen Augenblicke unmöglich ſei. „Er braucht Sie mehr als ſonſt Jemand. Gewinnen Sie ſein Vertrauen, beruhigen Sie ihn, tröſten Sie ihn, laſſen Sie ihn nicht aus den Augen.“ Da er ſi nicht anders verſtand, als daß Edward natürlicherweiſe über die Krank⸗ heit ſeiner Schweſter betrübt ſein müßte, ſo ſuchte er ihn auf und fand ihn immer noch in der Bibliothek faſt auf der⸗ ſelben Stelle.„Das iſt ein trauriger Empfang für Sie, Edward,“ ſagte er, indem er ihm freundlich die Hand auf die Achſel legte,„aber ſeien Sie nicht zu ſehr niedergeſchla— gen. Ellen iſt noch ſehr jung, ihre Conſtitution iſt, wie Mr. Maitland ſagt, gut und ſie mag uns noch erhalten werden. Ich kam herüber in der Abſicht, Sie zu ſehen, denn ſo ſpät es war, als ich von Exeter zurückkehrte, ſo wollte ich den Beſuch doch nicht bis morgen verſchieben, als ich hörte, daß Sie angekommen ſeien.“ „Sie dachten, Sie ſähen den Zögling wieder, den Sie ſo ſehr liebten,“ antwortete Edward, indem er den Kopf auf⸗ richtete und Mr. Howard ſowohl durch ſeinen Ton, als durch ſein Geſicht erſchreckte.„Sie wiſſen nicht, daß ich die Urſache der Leiden meiner armen Schweſter bin, daß, wenn ſie ſtirbt, ich ihr Mörder bin. O Mr. Howard,“ fuhr er fort, indem er ſich plötzlich in ſeine Arme warf und in einen Strom von Thränen ausbrach,„warum habe ich Sie je verlaſſen, warum vergaß ich Ihren Rath, Ihre Güte, warum gab ich Ihren warnenden Brief den Winden preis? Haſſen Sie mich, wenn 435 Sie wollen, aber hören Sie mich! Haben Sie Mitleid mit mir und retten Sie mich vor mir ſelbſt!“ So erſchrocken Mr. Howard war, ſo wußte er doch, da er das menſchliche Herz und ſeine Schwächen, wie ſeine beſſeren Regungen kannte, wie er dieſe leidenſchaftliche Anrede zu erwidern hatte, um ſein volles Vertraen zu erwerben und ihn zu gleicher Zeit zu beruhigen. Edward erzählte ſeine ganze Geſchichte. Es iſt überflüſſig, hier auf die Einzelheiten einzugehen; es ge⸗ nügt, daß der ſchlaue Einfluß Harding's, indem er allmählig die guten Eindrücke des väterlichen Hauſes untergrub, ſeinen Zögling zu einer unbegrenzten Vergnügungsſucht verleitet hatte, ſo oft ſich nur die Gelegenheit bot. Und da der Prinz William an der Küſte von Britiſch⸗Amerika kreuzte, und be⸗ ſtändig in den einen oder den andern Hafen einlief, wo Har⸗ ding in Folge ſeines Alters und weil er ſich ſo nützlich zu machen wußte, und Edward in Folge ſeines ſtets guten Be⸗ nehmens oft die Erlaubniß erhielten, landen zu dürfen, ſo fanden ſich dieſe Gelegenheiten oft, beſonders da der Erſtere, der in allen Schlechtigkeiten geübt war, dieſelben ſuchte und zu benutzen wußte. Es bedurfte keiner langen Zeit, um Ed⸗ ward in das Spiel einzuweihen. Die nothwendigen Entſa⸗ gungen, die er ſich in den Zwiſchenzeiten auflegen mußte, vermehrten nur ſeine wahnfinnige Aufregung, und als er ſich derſelben einmal blind hingegeben hatte, wurde Harding ihm noch nothwendiger als ſonſt, und natürlich ſteigerte ſich ſeine Macht über ihn. Als er ihn aber zum Theilnehmer ſeiner gemeinen Vergnügungen zu machen ſuchte, als er ihn zum Laſter verführen wollte, ſchlug es ihm fehl, ſo vorſichtig er es auch angefangen zu haben glaubte. Edward fuhr ent⸗ ſetzt zurück, und wiewohl er ſich unglücklicherweiſe nicht von ihm losreißen konnte, ſo hegte er doch von dieſer Stunde an Argwohn gegen ihn und ſuchte ſich von ihm loszumachen. Aber er hatte ſeinem nichtswürdigen Lehrer einen Vortheil in die Hand gegeben, deſſen Ausdehnung er ſelbſt nicht kannte. Harding war zu ſchlau, um ſich eine Enttäuſchung merken zu laſſen; er wußte, wenn er Wein auf den Tiſch brachte, daß er Edward eine ſolche wahnſinnige Freude machte, daß 28* 436 derſelbe nicht mehr wußte, was er that, und ein oder zwei WMal hatte er ihn an ſolche Orte geführt und ihn zum Theilneh⸗ mer ſolcher ſchändlicher Vergnügen gemacht, daß Edward ſein Sklave wurde; denn wenn der Rauſch vorüber war, nahm er in Folge ſeiner Gewiſſensbiſſe, der bangen Furcht, daß ſein Capitän ſich in ſeinem Vertrauen zu ihm getäuſcht finden würde, zu dem Verſprechen Harding's, die Sache ge⸗ heim halten zu wollen, ſeine Zuflucht, während ihm derſelbe im Herzen zuwider war. Es war leicht, einer ſolchen Natur glauben zu machen, daß er in einem Augenblicke der Aufre— gung irgend etwas gethan habe, was, wenn es bekannt würde, ſeine Ausſtoßung von der Flotte zur Folge haben müßte, denn Edward konnte ſich nie erinnern, was er gethan, aber er glaubte ihm und war ganz verzweifelt. Harding ſagte ihm, daß es eine Thorheit ſei, die Sache ſo ernſt zu nehmen, ſie ſei blos ihm bekannt, und er würde ihn nicht verrathen. Aber Edward krümmte ſich unter ſeiner Macht; beſtändig nahm er ſeine Geldunterſtützung in Anſpruch, und wenn er nichts hatte, ſagte er ihm, er müſſe deshalb nach Hauſe ſchrei⸗ ben, oder am Billard gewinnen, ſonſt wiſſe er, was erfolgen würde. Und wiewohl Edward immer wieder den Entſchluß gefaßt hatte, weder einen Ball, noch ein Queue mehr zu be⸗ rühren(und ſeine Reue war ſo geweſen, daß er ohne Zweifel den Entſchluß gehalten haben würde, hätte er ſich nicht ge⸗ fürchtet verrathen zu werden), ſo ſuchte er doch lieber, als daß er nach Hauſe ſchrieb, die erſte beſte Gelegenheit auf, um zu ſpielen und vielleicht genug zu gewinnen, um ſeinen Pei⸗ niger vielleicht bis auf ein paar Pfund zu befriedigen, und um dieſe wollte er ſeine Schweſter bitten, die ſie ihm auf die bewußte Weiſe zuſchicken ſollte. Er hatte aber nie gefragt und ſo auch nie erfahren, mit welch ſchweren Koſten perſön⸗ licher Leiden er ſie erhalten hatte. Die ſieben oder acht Monate, welche ſeit ſeinem unglück⸗ ſeligen letzten Briefe verfloſſen waren, war das Schiff zufällig auf offner See geweſen. Sir Edward hatte Mr. Hamilton mitgetheilt, daß er Edward in Folge ſeines ausgezeichneten Betragens an Bord einen längern Urlaub ertheilt habe, als 437 ſie in der Nähe von New⸗York kreuzten, als den meiſten ſeiner Cameraden. Edward hielt ſich für ſicher, denn Harding war ungewöhnlich ruhig geweſen; aber an demſelben Tage, wo ſie ſich dem Lande näherten, ſagte er ihm, er müſſe etwas Geld haben, lachte über die unbedeutende Summe, die Edward bei ſich hatte, ſagte ihm, wenn er Luſt hätte, es ehrlich abzuma⸗ chen, ſo wollten ſie eine Partie Billard darum ſpielen, aber wenn er dieſe verlöre, müſſe er ſeine reichen Verwandten an⸗ bohren, denn er müſſe es haben. Auf ſein Glück vertrauend, denn er hatte oft gewonnen, ſelbſt mit Harding, ſtürzte er an das Billiard, ſpielte, und als ſie aufhörten, ſchuldete er ſei⸗ nem Quälgeiſt funfzig Pfund, wie ſich erwarten ließ. Har⸗ dings hölliſcher Triumph und ſeine Erklärung, daß er ihn um einen Wechſel von dieſem Betrage, unterzeichnet von dem Mil⸗ lionär Arthur Hamilton Eſg., bitten müſſe, brachten ihn zum Wahnſinn. Er ſtürzte ein Glas Branntwein hinunter, ſuchte ein anderes Billard und einen andern Spieler auf und ge⸗ wann funfzehn Pfund zurück. Aber es war der letzte Tag ſeines Urlaubs, wie ſein Dränger wußte, und es war das un⸗ glückliche Bewußtſein ſeiner ſchweren Schuld an den unbarm⸗ herzigen, ſchlauen Verführer ſeiner jugendlichen Unſchuld, der geſchworen hatte, wenn er ihn nicht nach Empfang der erſten Briefe von Hauſe bezahlte, würde er ihn anzeigen und er kenne die Folgen— was ihn zu dem furchtbaren Briefe an Ellen gedrängt hatte, von dem alle ihre Leiden herkamen. Edward war viel zu jung und kannte die Welt viel zu we⸗ nig, als daß er hätte wiſſen können, daß Harding eben ſo wenig ſeine Drohung gegen ihn ausführen würde, als er ſeinen Kopf in den Rachen eines Löwen ſtecken konnte. Seine Reue war zu tief, ſein Widerwille gegen ſich ſelbſt zu unge⸗ heuchelt, um zu glauben, daß ſeine Vergnügungen nicht der unglückſeligen Art wäre, wie es ihm Harding glauben ge⸗ macht hatte, und ſo kann man ſich die Sorge eines von Na⸗ tur edlen, unabhängigen Geiſtes denken. Alle die Lehren ſeiner armen Mutter von der außerordentlichen Strenge ſeines Onkels und ſeiner entſchiedenen Mitleidloſigkeit gegen die Fehler derjenigen, die weniger feſt und tugendhaft wären, 438 wie er ſelbſt, fielen ihm wieder ein und ließen ſeine eigenen Erfahrungen von der außerordentlichen Güte deſſelben On⸗ kels nicht in ihm aufkommen. Das eine Gefühl war ihm unmerklich in ſeiner Kindheit, ſo lange er ſich bis zu ſeinem zwölften Jahre beſinnen konnte, eingeflößt worden, das an⸗ dere war nur die Erfahrung von achtzehn kurzen Monaten. Mr. Howard hörte mit ſo inniger herzlicher Theilnahme, ſolch innigem Mitleid zu, daß ſein junger Freund ihm jedes Vergehen, jedes Gefühl ohne die mindeſte Zurückhaltung beichtete, und in dem langen Geſpräch, welches folgte, fühlte er ſich beruhigter und gewann wieder mehr Hoffnung zu ſich ſelbſt, als er ſeit langen Monaten gehabt hatte. Er erzählte mit einem Ausbruch bitterer Reue ſeine Grauſamkeit gegen ſeine aufopfernde Schweſter, und Mr. Howard konnte es kaum ungerührt mit anhören, denn in dieſer Beziehung ſchien es wirklich keinen Troſt zu geben, und er ſelbſt, wiewohl er Ed⸗ wards Schmerz nicht vergrößern wollte, indem er es offen ge⸗ ſtand, machte ſich bittrere Vorwürfe über ſeine Strenge gegen ſie, als er ſich in ſeinem Amte als Geiſtlicher jemals zuge⸗ zogen hatte. „Bleiben Sie bei mir, oder vielmehr laſſen Sie mich in Ihrer Geſellſchaft ſein, ſo viel Sie können,“ ſagte Edward traurig, als ihre lange Unterredung beendet war.„Ich kann mich auf mich ſelbſt nicht verlaſſen und bin ein ſchwa— cher, elender Feigling, der ſich ſehnt, den Pfad des Böſen zu verlaſſen und doch weder die Kraft, noch den Muth dazu hat. Ich weiß, Sie werden mir ſagen: Bete, vertraue! Wenn ich nicht gebetet hätte, würde ich das Geſtändniß nicht haben machen können; aber das wird keine Dauer haben.“ „O doch, ſo lange dieſe ſchwere Prüfung der furchtbaren Erkrankung Ihrer armen Schweſter dauert, und Gottes un⸗ endliche Gnade wird Sie in dem Ofen der Trübſal ſo kräfti⸗ gen, daß Ihr Friede auf die Dauer zurückkehren wird. Wenn Sie verzweifeln, müſſen Sie fallen. Vertrauen Sie, und Sie werden hoffen und kämpfen, trotz des Schmerzes oder gelegentlicher Rückfälle. Ihre Fehler ſind groß, aber nicht ſo groß, als Harding ſie darſtellte, nicht ſo ſchwer, als 439 daß Sie dieſelben nicht beſiegen und wieder gut machen könn⸗ ten und nicht noch Alles werden würden, wofür wir Sie ge⸗ halten und was Sie von ſich ſelbſt hofften.“ „Und mein Onkel?“ fragte Edward zaudernd. „Er muß Alles erfahren, aber ich ſtehe für ihn ein, daß er weder hart noch ungerecht, noch auch nur ſtrenge ſein wird. Ich will ihm ſelbſt ſchreiben und hoffe ihn zu überzeugen, daß Ihre Reue und Ihr Entſchluß aufrichtig genug ſind, um eine zweite Probezeit zu geſtatten, ohne Sir Edward eine Mittheilung zu machen. Sie haben nichts gethan, was Sie aus Ihrem Berufe vertreiben könnte, aber es hängt von Ihnen ab, des edlen Dienſtes wahrhaft würdig zu werden.“ In der traurigen Geſchichte, die er gehört hatte, lag manches Hoffnungsreiche, und Mr. Howard ſehnte ſich dar⸗ nach, das Tröſtliche derſelben Mrs. Hamilton mitzutheilen, aber ſie konnte ihn nicht anhören. Ein Tag nach dem andern verfloß, und die arme Kranke um der Vergehungen eines An⸗ dern willen ſchwebte zwiſchen Leben und Tod, und ſie war ſo gänzlich beſinnungslos, daß ſelbſt, als der heftige Anfall der erſten ſieben Tage und Nächte ſich in eine lethargiſche Betäu⸗ bung verwandelt hatte, immer noch das Bewußtſein nicht zu⸗ rückkehrte; und wiewohl Niemand es laut ſagte, ſo gewann doch die Furcht immer mehr Gewicht, daß zwar die Geſund⸗ heit, aber nicht der Verſtand zurückkehren werde. Ihr üppi⸗ ges Haar wurde abgeſchnitten und Eis aufgelegt, um den glühenden Schmerz zu kühlen, aber Alles ſchien vergeblich zu ſein, bis ſein Aufhören nach Ablauf von ſieben Tagen Mr. Maitland's Hoffnung aufs Neue weckte. Mrs. Hamilton hatte nicht eine Thräne vergoſſen, und ihre Ermattung war ſo außerordentlich geweſen, daß Miß Harcourt und ihre Kinder für ſie zitterten und ſie beſchworen, um ihretwillen und ihres Gatten willen ſich Ruhe zu gön⸗ nen. Mr. Maitlands Grund, daß, wenn Ellen wieder zum Bewußtſein käme, woran er nun wenig zweifle, der beruhi⸗ gende Troſt ihrer Gegenwart nothwendiger ſein werde, als jetzt, und daß ihr dann die Kraft fehlen müſſe, wenn ſie die⸗ ſelbe ſo gänzlich erſchöpfe, hatte mehr Gewicht, als alles an⸗ 440 dere, und ihre Töchter hatten die unausſprechliche Freude, daß, als ſie auf ihre Bitten ſich endlich niederlegte, ſie ſchlief, und der Schlaf erquickte ſie, denn ihre Natur war erſchöpft. In dieſen Tagen der Trübſal gab es auch viel Tröſtli⸗ ches, was Mrs. Hamilton vollſtändig zu ſchätzen wußte, als Ellens Geneſung ihr geſtattete, ſich daran zu erinnern, wie⸗ wohl ſie es zu der Zeit nicht zu bemerken ſchien. Daß Ca⸗ rolinens ſtarker Geiſt und gutes Herz ſie veranlaſſen würde, alles zu thun, was in ihrer Macht ſtand, um ihrer Mutter eine Sorge zu erſparen, ſelbſt daß ſie Ellis und Morris bat, ihr die täglichen Verrichtungen zu zeigen und ſie dieſelben übernehmen zu laſſen, und daß ſie diefelben ſo treulich und eifrig erfüllte, daß dieſe beiden treuen Dienſtboten erſtaunt und erfreut waren, konnte nicht überraſchen, denn ſie hatte einen Character, der in ſolchen Fällen ſeine beſſeren Eigen⸗ ſchaften entwickeln mußte. Aber daß Emmeline ſich aus dem überwältigenden Schmerze, der ſie bei Ellen's furchtbaren Lei⸗ den und ihrer großen Gefahr ergriff, ſo kräftig aufzuraffen wußte, daß ſie zugleich ein Troſt ihrer Mutter und Edwards ſein konnte und Carolinen beiſtand, ſo oft ſie es vermochte, das war ſo unerwartet, wenn man ſich an den Schmerz er⸗ innerte, als ihr Vater abreiſte, daß es überraſchen mußte. Zuerſt hatte es ſie ſo angegriffen, mit Ellen in demſelben Zimmer zu ſein, daß ſie bleich und ſo ſehr erſchüttert wurde, daß Mrs. Hamilton ſie faſt bat, gar nicht zu kommen, beſon⸗ ders, da ſie nichts nützen könne; und Mrs. Greville und Mary hatten ſie zu veranlaſſen geſucht, bei ihnen zu bleiben, aber ſie wollte nichts davon hören. „Wenn ich nichts nützen und weder Ellen pflegen hel⸗ fen, noch Carolinen beiſtehen kann, ſo kann ich wenigſtens den armen Edward zu tröſten ſuchen, und ich will ihn nicht verlaſſen. Wenn ich ſo ſchwach bin, keinen Schmerz und keine Sorge ertragen zu können, ohne es zu zeigen, ſo ſollen ſie mich wenigſtens nicht beſiegen. Nein, liebe Mary, komm und beſuche mich, ſo oft Du willſt, aber ich kann das Haus nicht verlaſſen, bis Mama und Ellen und wir alle wieder glücklich ſein werden.“ Und ſie widmete ſich Edward und 441 zwar mit ſolchem Erfolge— mit ihrer zarten Theilnahme an ſeinem Kummer und ihrer freundlichen Nachſicht gegen ſeine Fehler, ihrer Ueberzeugung, daß ihr Vater Alles verzeihen werde, mit ihrer beſcheidenen, herzlichen Frömmigkeit, ohne daß ſie ein ungebührliches Wort von einer ſo heiligen Sache ſprach, denn ſie fühlte ſich viel zu niedrig und un⸗ wiſſend, um ſich daran zu wagen— daß ſie doch ſeine Ge⸗ danken auf Gott richtete, was von einem ſo jungen, ſo de⸗ müthigen und im Allgemeinen ſo heitern Geſchöpfe noch grö⸗ ßere Wirkung hatte, ihn in ſeinen wieder aufgelebten religi⸗ öſen Hoffnungen zu beſtärken, als wenn ſeine Lehrer blos ältere und klügere Leute geweſen wären, als er ſelbſt. So elend er ſich auch fühlen mochte, ehe ſie kam, er ſehnte ſich nach ihrer Geſellſchaft, ihrer Beredſamkeit, wie nach einem Troſt und einer Hoffnung, und als man dies gewahr wurde, wurde ſie ermuthigt fortzufahren, wiewohl ſie ganz überraſcht davon war, denn ſie konnte ſich nicht denken, was ſie gethan hatte, um ein ſolches Lob zu verdienen; und als Mr. Howard ſie eines Tages allein traf, faßte er ſie bei beiden Händen, und mit ungewöhnlicher Inbrunſt flehte er Gottes Segen auf ſie herab, denn ſo jung, ſo beſcheiden ſie ſei, tröſte ſie nicht nur die Irrenden, ſondern ſtärke auch den Reuigen in ſeinem zitternden Glauben und ſeiner Hoffnung. Der arme Eduard! Härter als Alles ſchien ihm das Schweigen ſeiner Tante. Er wußte, daß ſeine Schweſter ſie ganz in Beſchlag nehme; ſo krank Ellen war, konnte es auch nicht anders ſein; aber er ſehnte ſich nur nach einem Wort von ihr, daß ſie ihm das Elend vergebe, das ſie erdulde. Da ſie nicht wußte, daß dies ſeine Empfindungen waren, und ihr einziges Gefühl gegen ihn Mitleid, nicht Zorn war, und da ſie ſich endlich ganz allein als die Urſache der Leiden ihres armen Kindes betrachtete, ſo dachte ſie nicht einen Au⸗ genblick daran, daß er ſich einbilden könne, ihr Mißfallen ſei ſchuld, daß ſie niemals auf ſein Geſtändniß anſpiele. So waren zehn oder zwölf Tage verfloſſen, da legte ſie ſich eines Nachmittags vollſtändig erſchöpft von zwei Nacht⸗ wachen— denn wiewohl die Amme Langford und Fanny Ellen 442 beſtändig warteten, ſo konnte ſie doch nicht ruhen, wenn ſie den herzzerreißenden Schrei nach ihr hörte, wiewohl ſelbſt ihre Gegenwart keinen Troſt brachte— auf einige Stunden auf ein Sopha in ihrem Ankleidezimmer. Caroline hatte ein Buch genommen, wiewohl ſie keine große Neigung zum Leſen hatte, und ſetzte ſich zu ihr, um darüber zu wachen, daß ihr Schlaf nicht geſtört werde. Wie ſehnte ſie ſich in dieſen Augenblicken der Ruhe nach ihrem Vater, da ſie inſtinetmäßig fühlte, wie viel ſchwerer dieſe Prüfung ihrer Mutter fallen müſſe ohne ſeine geliebte Nähe. Seit Edwards Geſtändniß hatten ſie alle an ihn geſchrieben, Mrs. Hamilton hatte es in Ellens Zimmer gethan, nur um ihn zu bitten, verzeihend, nachſichtig an die unglückliche Urſache von dem Allen zu ſchreiben. Sie wagte nicht, ihre Gefühle auszuſprechen, ſelbſt auf Papier, da ſie überzeugt war, daß, wenn ſie es thäte, ihre Selbſtbeherrſchung verloren ſein würde; aber ihr Gatte kannte ſie ſo gut, daß jeder Ausdruck perſönlicher Be⸗ wegung kräftiger als die leidenſchaftlichſten Worte alles ver⸗ riethen, was ſie ertrug. Caroline hielt ihre Liebeswacht faſt zwei Stunden, da flüſterte ihr Edwards Stimme zu:„Miß Harcourt will Dich ſprechen, liebe Caroline. Laß mich Deine Stelle einnehmen, ich will eben ſo wachſam ſein, wie Du, nur laß mich hier bleiben, Du weißt nicht welchen Troſt es mir gewährt.“ Seinem bittenden Blicke zu widerſtehen war unmöglich. Sie verließ ihn, und indem Edward einen niederen Seſſel an den Fuß der Ottomane rückte, als wenn er nicht wagte, den Stuhl ſeiner Couſine einzunehmen, der dicht neben dem Kiſſen ſtand, blickte er auf die milden, ſanften Züge ſeiner Tante, die in ihrer tiefen Ruhe noch deutlicher die Spuren der Angſt und Sorge zeigten, und er fühlte inniger als je die volle Summe des Elends, das ſeine Fehler und ihre verhängniß⸗ volle Verheimlichung herbeigeführt hatten. Warum, dachte er, kann der Menſch die Strafe ſeiner Fehler nicht tragen, ohne daß auch die Unſchuldigen, die Guten, darunter leiden müſſen? Und ſein Herz ſchien darauf zu antworten:„Weil wir gerade durch die geſellſchaftlichen Bande, die ſtarken Ge⸗ 443 fühle der Liebe zu einander, welche Andere vor Wehe bewah⸗ ren würden, immer wieder von dem Laſter gerettet werden und daſſelbe ſühnen können, während, wenn der Menſch allein litte, das Laſter ſtärker ſein würde, als die Reue, und an eine Sühne nie zu denken wäre.“ Mrs. Hamilton fuhr aus dem Schlafe auf, und als ſie Carolinen vermißte und es ihr doch war, als wenn ſie nicht allein wäre, ſo hefteten ſich ihre Augen mit einigem Erſtau⸗ nen auf die Geſtalt ihres Neffen, der außer Stande, die Ge⸗ danken zu ertragen, welche der Anblick ihrer Erſchöpfung hervorrief, ſeinen Kopf auf die Ottomane niedergebeugt hatte und unausſprechlich gerührt und erfreut über die Gelegenheit, ihn allein zu ſprechen, rief ſie ihn zu ſich, und es lag Etwas in dem Tone, was ihm den Muth gab, ſich an ihrer Seite auf die Knie zu werfen und wie ein Kind zu ſchluchzen, wobei er faſt lautlos ſagte:„Kannſt Du, willſt mir jemals ver⸗ geben, Tante Emmeline? Dein Schweigen hat mir faſt das Herz gebrochen, denn es ſchien mir zu ſagen, daß Du es nie thun könnteſt. Und wenn ich meine arme Ellen anſehe, und wenn ich ſehe, wie ich dieſes glückliche Haus in ein Haus des Schmerzes und der Sünde verwandelt habe, denn es iſt mein Werk, das meine, den Du geliebt, dem Du vertraut und den Du wie einen Sohn behandelt haſt, ſo fühle ich, daß Du mir nicht vergeben kannſt. Ich ſollte fort von Dir, ich habe kein Recht, Dein Haus zu beflecken.“ „Still, Edward! hänge nicht ſolchen Gedanken nach und gieb ihnen keine Worte. Mein armer, unglücklicher Sohn, Deine Vergehungen haben Dir eine ſo furchtbare Strafe von der Hand Gottes zugezogen, daß es meines Amtes nicht iſt, Dich hart zu behandeln! Möge ſeine Gnade noch härtere Prüfungen abwenden! Ich will Deine Geſchichte jetzt nicht hören. Du biſt zu aufgeregt, um ſie mir jetzt zu erzählen, und ich bin in dieſem Augenblicke nicht ſtark genug, ſie zu er⸗ tragen. Ich bin zufrieden, daß Du Mr. Howard alles an⸗ vertraut haſt, und er wird mich leiten. Sage mir nur, wie Du dazu kamſt, Dich zuerſt an Ellen zu wenden? Fiel Dir der Gedanke niemals ein, daß, wenn ſie Dir eine Unter⸗ 444 ſtützung ſchickte, ſie ſich großen Verdrießlichkeiten ausſetzen konnte? Hatteſt Du keine Rückſicht auf ſie zu nehmen?“ „Ich habe nie anders an ſie denken können, als daß ſie froh und bereitwillig ſein würde, mir zu helfen, möchte es ſie koſten, was es wollte,“ lautete ſeine Antwort.„Ich fühle jetzt den grauſamen Egoismus dieſes Glaubens, aber ach, Tante Emmeline, er wurde von meiner früheſten Kind⸗ heit an in mir genährt, wuchs mit mir groß, nahm mit den Jahren zu, wurde ſtark und erhielt Bedeutung durch meiner Mutter gänzliche Vernachläſſigung gegen ſie und durch ihre zu große Nachſicht gegen mich. Ich habe noch nie ſo gedacht, als ſeitdem ich den ſanften Edelmuth meiner armen Schwe⸗ ſter kenne, und das macht mich noch unglücklicher. Ich habe ſie nur für meines Gleichen halten können, habe nie denken können, daß ſie einen andern Willen oder Wunſch hätte haben können, als den meinen, und ich kann mich des Anfangs die⸗ ſer Empfindung nicht erinnern. O wenn wir nur Beide gleich behandelt worden wären, oder wenn uns gelehrt wor⸗ den wäre, einander ſo zu lieben, das Glück des Andern über unſer eigenes zu ſetzen, wie Du es meinen Coufinen gelehrt haſt!“ „Weißt Du etwas von dem Verſprechen, wovon die arme Ellen immer ſpricht?“ fragte Mrs. Hamilton, nachdem ſie ſeine ſchmerzliche Aufregung einigermaßen beſchwichtigt hatte. Er wußte nichts, nur geſtand er zu, daß er von der Zeit an, wo ſie in Oakwood geweſen wären, Ellen ihm be⸗ ſtändig die Strafe erſpart hätte, indem ſie ſeine Vergehungen auf ſich genommen. Er erinnerte ſich an zahlreiche Vorfälle, die an ſich unbedeutend waren, die aber Mrs. Hamilton be⸗ ſtändig in Verlegenheit geſetzt hatten, da ſie ſo ſeltſame Wi⸗ derſprüche in Ellens kindlichem Charakter zeigten, und nichts in höherem Grade, als der Ungehorſam, von dem wir früher berichtet und den Edwards Geſtändniß, daß er ſelbſt den Blumenſtänder gerückt, nun in's helle Licht ſtellte. Er ſagte auch, daß Mr. Howard es zu Ellens vollkommener Rechtfer⸗ tigung nothwendig gefunden habe, ihre Briefe und Papiere zu unterſuchen, daß aber alle ſeine Briefe an ſie vernichtet 445 wären, bis auf einen, ſeine letzte unglückſelige Einlage, deren genaueren Inhalt er ſo völlig vergeſſen, da er ſie in einem Augenblicke des Wahnſinns geſchrieben, daß er ſelbſt geſchau⸗ dert habe, als er ſie geleſen. Er legte den Brief in Mrs. Hamiltons Hand und beſchwor ſie, ihre Verzeihung nicht zu⸗ rückzunehmen, wenn ſie denſelben geleſen. Aber, ſie müſſe ihn ſehen, er ſei die einzige Genugthuung, die er ſeiner ar⸗ men Ellen geben könne, um ſie vollſtändig von aller Schuld freizuſprechen. Sei es ein Wunder, daß ſie faſt wahnſin⸗ nig geworden, oder daß ſie kaum gewußt habe, welche Mit⸗ tel ſie angewendet, um ihm den Zuſchuß zu ſchicken, den er, wie er es verdient, niemals erhalten habe? Mrs. Hamilton las den Brief, und als ein Gedanke nach dem andern in ihrer Seele aufſtieg und Ellens Beneh⸗ men von ihrem fünfzehnten Geburtstage bis zu dem Tage, wo ſie denſelben erhalten, bis zu der Entdeckung ihres Ver⸗ gehens und zu ihrem nachherigen aufopfernden Schweigen mit einander in Verbindung brachte, kehrten unbedeutende Vorgänge, die ſie vergeſſen hatte, in ihr Gedächtniß zurück, um das Gewicht ihrer Beweiskraft mit auf die Wagſchale zu legen, und ihr Schmerz ſteigerte ſich faſt zur Verzweiflung, daß ſie das Ganze nicht ſchon vorher geſehen und anders gehandelt habe. Sie erinnerte ſich jetzt recht wohl der Ver⸗ ſpätung Ellens, an Edward zu ſchreiben, der folgenden Krank⸗ heit und konnte recht wohl ihre Furcht, daß die Auffindung der Banknoten nicht auf dieſen Tag zurückgeführt werden und ſo ein Verdacht auf ihren Bruder geworfen werden möchte, und ihre nachherige Feſtigkeit begreifen, den Tag nicht zu bezeichnen, an dem ſie dieſelben gefunden. Dieſe lange Un⸗ terredung war von unausſprechlichem Troſt für Edward; aber wiewohl ſeine ungeheuchelte Reue und ſein volles Ge⸗ ſtändniß ſeiner Tante Hoffnung für ihn gaben, ſo wurde doch ihr perſönliches Leiden nur noch größer, als ſie zu Ellens Lager zurückkehrte und Phantaſien hörte, welchen die Erzäh⸗ lung ihres Bruders eine nur zu ſchmerzliche Erklärung gab. 446 Reunundzwanzigſtes Kapitel. Ausrottung falſcher Eindrücke. Es war am ſiebzehnten Tage von Ellens Krankheit und ſechsunddreißig Stunden hatte fie tief geſchlafen, in denen ſie nur in ſehr langen Zwiſchenräumen aufwachte, um ein paar Tropfen Portwein zu ſich nehmen zu können, die Mr. Maitland ihr verordnet hatte, ſo oft ſie erwachte, und dann wieder in Schlaf ſank. Es war jener tiefe, ſtille, faſt furcht⸗ bare Schlaf, denn er iſt dem Tode ſo ähnlich, daß wir uns kaum überzeugen können, daß er noch Leben iſt, außer daß wir gelegentlich ein Glas an die Lippen halten, um zu unter⸗ ſuchen, daß es in der That noch die Feuchtigkeit des Athems empfängt. Und Amme Langford, Mrs. Hamilton und Edward hatten in dieſen langen Stunden gewacht und ſich kaum ge⸗ rührt, denn ſie wußten, daß von ihrem Erwachen Hoffnung oder Elend, Rückkehr des Verſtandes oder völliges Ausblei⸗ ben deſſelben abhinge. Mr. Maitland hatte beſonders ge⸗ wünſcht, daß Edward bei ihr ſei, wenn ſie wieder zu Sinnen käme, damit ſeine Gegenwart eben ſo natürlich ſcheinen möchte, als die einer ſeiner Couſinen; aber er warnte ihn, daß die mindeſte Aufregung ſeinerſeits oder die geringſte Anſpielung auf die Vergangenheit in ihrem erſchöpften Zu⸗ ſtande gefährlich für ſie ſein würde. Es war Abend. Wittwe Langford hatte die Lampe angezündet und ſetzte ſich an den Kamin vor ſehnſüchtiger Hoffnung, Ellen wieder geneſen zu ſehen, kaum im Stande, frei zu athmen. Und wenn dies ihre Empfindungen waren, welche hatte Edward und Mrs. Ha⸗ milton? Der Erſtere kniete zur Rechten des Bettes, ſeine Augen waren abwechſelnd auf ſeine Schweſter gerichtet oder nieder⸗ geſchlagen. Mrs. Hamilton ſaß auf der anderen Seite, dicht an Ellens Kopfkiſſen, und der Vorhang war ſo weit zurück⸗ 447 gezogen, daß ſich die mindeſte Veränderung auf dem Geſichte ihrer Kranken erkennen ließ. Eine Stunde nach der andern war ſo verfloſſen, die Glocken, die ihre Flucht verkündeten, wurden kaum von den ängſtlich Wachenden gehört. Es war gegen acht Uhr, als eine leichte Bewegung Ellens das Herz ihrer Tante ſo klopfen machte, daß ſie kaum athmen konnte. Ihre Augen öffneten ſich und ein Lächeln, wie es Mrs. Ha⸗ milton ſeit Wochen, ja ſeit Monaten nicht geſehen hatte, um⸗ gab ihre Lippen. „Liebe Tante, bin ich krank geweſen? Es ſcheint mir ſo lange, lange, ſeit ich Dich nicht geſehen habe, und mein Kopf fühlt ſich ſo ſeltſam, ſo leicht; und dies iſt das Zimmer, es iſt das meine, ich kenne es, aber es iſt mir, als wenn es mir irgendwie nicht gehörte. Mache mir den Kopf klar, ich kann gar nicht denken.“ „Suche auch nicht zu denken, mein liebes Kind. Du biſt ſehr, ſehr krank geweſen, und wenn Du Dich anſtrengen wollteſt, zu denken, ſo würde Dir das ſchaden. Ich hoffe, Deine Kraft wird nun bald zurückkehren, und dann wird Dein Kopf wieder ganz klar ſein,“ ſagte Mrs. Hamilton ruhig und liebkoſend, wiewohl ſie vor dem Wechſel tödtlicher Furcht und gewiſſer Hoffnung ſo zitterte, daß ſie ſelbſt kaum wußte, wie ſie überhaupt ſprechen konnte. „Aber was machte mich ſo krank, Tante? Es iſt mir, als wenn es irgend ein großer Schmerz geweſen wäre. Ich kann mich an nichts klar erinnern, aber doch ſcheint es mir, als wenn ich unglücklich geweſen wäre, und daß— daß— Du mich nicht mehr geliebt hätteſt. Machte mich irgend Etwas krank? War es wirklich ſo?“ „Daß ich Dich nicht geliebt hätte, meine Ellen? In der That, das war eine bloße Einbildung. Du warſt ſehr un⸗ glücklich, wie wir es Alle waren, denn Edward kam nicht ſo bald, als wir ihn erwarteten, und die Stürme waren ſo furchtbar und wir fürchteten, ſein Schiff wäre untergangen oder irgendwo ſehr weit von hier an den Strand getrieben worden, wo wir nichts von ihm hören könnten; und als Du ihn ſaheſt, und als Du wußteſt, daß er gerettet war, machte 448 Dich die Angſt und Sorge, die Du erlitten hatteſt, krank. Du weißt, dazu gehört nicht viel, mein liebes Kind.“ „Aber iſt er wirklich gerettet, Tante Emmeline? Wo iſt er?“ „Hier bei Dir, meine Liebe. Er iſt eine ſo wachſame und ſorgliche Krankenwärterin geweſen, wie ich. Der arme Junge! Du haſt ihm einen böſen Willkommen bereitet. Aber Du mußt ihn bald dafür entſchädigen.“ Ellen blickte matt, doch neugierig um ſich, als ihre Tante ſprach, und ihr Blick richtete ſich auf ihren Bruder, der hef⸗ tig zu kämpfen hatte, um die Bewegung zu unterdrücken, welche ihn bei dem Klange ihrer Stimme, bei ihren zuſam⸗ menhängenden Worten faſt überwältigte, und noch mehr war dies der Fall, als Ellen noch lebhafter als ſie bisher geſpro⸗ chen hatte, ſagte:„Lieber Edward, komm und küſſe mich und ſieh nicht ſo traurig aus. Ich werde bald wieder wohl ſein.“ Er beugte ſich über ſie und küßte ſie wiederholt, ſuchte aber vergeblich, Etwas zu ſagen, denn es ſchnürte ihm die Kehle zu und er konnte nicht. Ellen hielt ſeine Hand und blickte forſchend in ſein Geſicht, als wenn ſie ſich ſchmerzliche Mühe gebe, die unbeſtimmten Gedanken und Erinnerungen, welche alle mit ihm und mit einem Schmerz in Verbindung zu ſtehen ſchienen, ſich klar zu machen, die aber keine be⸗ ſtimmte Form annehmen wollten. Ihre Augen ſtreiften einen Augenblick zu der Amme Langford hinüber, die an den Fuß des Bettes getreten war, und das ſchien ein an⸗ deres Geſicht, das mit der leeren Vergangenheit in Ver⸗ bindung ſtand; dann richteten ſie ſich wieder auf Edward, und ihr bleiches Geſicht regte ſich ſo auf unter der An⸗ ſtrengung, zu denken, daß Mrs. Hamilton ganz unruhig wurde. Sie ſah auch, daß Edward immer bleicher und blei⸗ cher wurde und vor Furcht zitterte, ſich noch länger ſelbſt be⸗ herrſchen zu können. Indem ſie Ellens Hand ſanft aus der ſeinen nahm und zu gleicher Zeit ihr Kiſſen zurecht rückte, um ihr Geſicht von dem ſeinen abzuwenden, ſagte ſie ſcher⸗ 449 zend:„Du haſt Edward lange genug angeſehen, um Dich überzeugen zu können, daß er ruhig zu Hauſe iſt. Ich werde nun eiferſüchtig ſein, wenn Du Dich noch länger um ihn kümmerſt und mich vernachläſſigſt. Du mußt etwas Nah⸗ rung zu Dir nehmen und noch einmal zu ſchlafen verſuchen, denn ich darf nicht dulden, daß Du Deine Kraft zu ſehr an⸗ ſtrengſt.“ „Wenn ich mich nur deutlich erinnern könnte,“ antwor⸗ tete Ellen traurig,„es iſt Alles ſo unbeſtimmt, ſo dunkel, aber ich glaube nicht, daß mich blos das ſo unglücklich machte, weil er nicht kam.“ „Du wirſt doch nicht ungehorſam ſein, liebes Kind?“ erwiderte Mrs. Hamilton feſt, wiewohl zärtlich, indem ſie Edward haſtig ein Zeichen gab, das Zimmer zu verlaſſen, was er ſehr dankbar that, ohne einen Augenblick ſtehen zu bleiben, bis er in ſein Zimmer gekommen war, und dort ver⸗ ſuchte er, Gott für ſeine große Gnade zu danken, aber er konnte nur ſchluchzen. „Ich ſagte Dir, Du ſollteſt nicht denken, weil dies die Rückkehr Deiner Kraft aufhalten würde, und Du mußt wirklich Dir die Mühe nehmen, mir zu gehorchen. Du weißt, ich bin bisweilen ſehr gebieteriſch.“ Und der zärtliche Kuß, mit dem ſie das Gebot unterſtützte, ſchien Ellen zu beruhigen, deren natürliche Unterwürfigkeit in Verbindung mit außer⸗ ordentlicher Schwäche ſie veranlaßte, auf der Stelle zu ge⸗ horchen und keinen weiteren Verſuch zum Denken zu machen. Sie nahm die verlangte Nahrung mit wiederkehrendem Ap⸗ petite und fiel bald nachher wieder ruhig und glücklich in Schlaf, die Hand ihrer Tante feſt in der ihrigen haltend. Von dieſem Tage an ſchwand alle Furcht vor einer Zerrüt⸗ tung des Verſtandes, und allmälig wich die außerordentliche Erſchöpfung der vernünftigen Behandlung Mr. Maitland's. Die Kraft kehrte allerdings ſo langſam und faſt unmerklich zurück, daß es nothwendig war, die Beſſerung nach Wochen, nicht nach Tagen zu rechnen, und als ſie ſechs Wochen nach ihrem erſten Anfalle für wohl genug gehalten wurde, um nach Mrs. Hamiltons Zimmer gebracht und dort auf eine 29 450 Ottomane gelegt zu werden, war das eine Quelle der Dank⸗ barkeit und der Freude für Alle. Aber Mr. Maitland und Mrs. Hamilton ſahen bald mit tiefer Angſt, daß mit der körperlichen Kraft auch das Gedächtniß und das Denken völ⸗ lig zurückkehrten, und daß die Folge eine ſo tiefe Niederge⸗ ſchlagenheit war, die wirklich ihre völlige Geneſung verzö⸗ gerte. Sie ſchien vor allen Aufmerkſamkeiten, allen Freund⸗ lichkeiten zurückzuſchrecken, wie wenn ſie dieſelben nicht ver— diene, ſelbſt von ihren Coufinen. Sie ſah Edward eine halbe Stunde nach einander mit einem leidenden Ausdruck an, der wirklich dem Herzen wehe that. Bisweilen nahm ſie Mrs. Hamiltons Liebkoſungen hin, als wären ſie ihr ein⸗ ziger Troſt, bisweilen fuhr ſie vor denſelben zurück, als wenn ſie kein Recht darauf hätte.„Das thut's nicht,“ ſagte Mr. Maitland etwa zehn Tage nach Ellens Verſetzung, da er ſah, daß es ſich mit ihr verſchlechterte;„es liegt ihr etwas im Sinne, was entfernt werden muß, ſelbſt wenn Sie, um dies zu thun, in die Vergangenheit zurückgreifen müſſen. Sie erinnert ſich, wie ich fürchte, nur zu klar an Alles, des⸗ halb hilft es nichts, wenn wir davon nicht ſprechen. Sie müſſen in dieſem Falle thätig ſein, meine liebe Mrs. Hamil⸗ ton, denn ich habe keine Macht mehr.“ Aber wiewohl ſie völlig mit ihm übereinſtimmte, ſo er⸗ forderte es doch nicht wenig Ueberlegung, wie man eine ſolche ſchmerzliche Sache angreifen ſollte; aber wie es ſehr oft der Fall iſt, thut oft der Zufall das, worüber wir ſo viel Nach⸗ denken verſchwendet haben. Eines Nachmittags lag Ellen ſo ſtill, ſo bleich auf ihrem Lager, daß Mrs. Hamilton ſich über ſie beugte, um zu hören, ob ſie athmete, und ſie ſagte faſt unbewußt:„Meine arme Ellen, wann werde ich den Troſt haben, Dich wieder wohl und glücklich zu ſehen?“ El⸗ len machte raſch die Augen auf, denn ſie ſchlief nicht; es war blos die Betäubung ſchmerzlicher Gedanken geweſen, die ſie für alles Aeußere unempfindlich machte, aber die Stimme ihrer Tante erweckte ſie, und es ſchien ihr eine außerordent⸗ liche Erleichterung zu ſein, daß ſie ganz allein waren. In⸗ dem ſie ſich aufzurichten ſuchte und ihre Hand ergriff, ſagte 451 ſie mit einem Tone ſtarker Aufregung:„O, Tante Emme⸗ line, wie kann ich glücklich ſein? Wie kann mir wohl ſein, wenn ich denke, daß, hätte ich die Sünde nicht begangen und ſolches Elend über mich gebracht, Edward noch ſicher ſein würde, denn Niemand hätte ſeine Fehler zu erfahren brau⸗ chen. Ich ſuchte ihn zu retten und ich habe ihn nur verra— then und ihn unglücklich gemacht. Alles, was ich litt, war umſonſt, ſchlimmer als umſonſt!“ „Gott ſei Dank, Du haſt geſprochen, liebes Kind. Es war mir, als wenn ich nicht wagte, auf den Gegenſtand zu kom⸗ men, aber da Du es nun ſelbſt gethan haſt, ſo denke ich, es wird mir möglich ſein, wenn Du mir ruhig zuhören willſt, Ellen, die ſchmerzlichen Nebel zu zerſtreuen, die immer noch ſo ſchwer dieſes arme kleine Herz und Hirn bedrücken,“ ſagte ſie zärtlich, wiewohl ernſt, indem ſie ihren Arm um Ellen ſchlang, um ſie zu halten, während ſie daſaß.„Ich ſage Dir nicht, daß es nicht ein natürliches Gefühl wäre, mein liebes Kind, aber es iſt ein falſches. Wäre Deine Sünde in Rückſicht auf ihr Weſen, wie ich nun überzeugt bin, ganz unfreiwillig geweſen, denn in dem furchtbaren Gemüthszu⸗ ſtande, den Edwards verzweifelter Brief veranlaßte, kannſt Du nichts gewußt oder an nichts gedacht haben, als daß Dir die Hülfe vom Himmel geſandt ſei— hätte ſie inſofern ihr Ziel erreicht, daß Du die erforderte Hülfe gewährt hätteſt und kein Verdacht auf Dich gefallen wäre, ſo würde ſie ihn auf dem Pfade der Schuld und des Irrthums beſtätigt und Dein Glück für immer vergiftet haben. Wenn Du Dich an die Angſt, faſt den Wahnſinn erinnerſt, den Du fühlteſt, als Du mit dem Bewußtſein einer ſolchen Handlung belaſtet warſt, wie hätteſt Du ſie ertragen können, wenn es Monate, vielleicht Jahre gedauert hätte? Doch dies würde der Fall geweſen ſein, und Edward würde auf ſeinen Irrwegen be⸗ harrt haben, wenn Deine Sünde ihren Zweck erreicht hätte. Die Entdeckung und die daraus folgenden Leiden, ſo ſchreck⸗ lich ſie Dir erſcheinen mögen, liebes Kind, haben ihn geret⸗ tet und werden hoffentlich Euch nur um ſo ſichereres Glück bringen.“ 29* 452 „Ihn gerettet?“ wiederholte Ellen, halb auffahrend und die letzten Worte kaum hörend—„Edward gerettet?“ „Ja, mein liebes Kind, indem ſie ihn zu einem vollen Geſtändniß führten und ihm nicht nur den unausſprechlichen Troſt einer ſolchen Handlungsweiſe gaben, ſondern ihm auch geſtatteten, einzuſehen, daß, ſo groß auch ſeine Irrthümer wa⸗ ren, ſie dennoch überwunden werden können. Sie ſind nicht von der unheilbaren, ſtrafbaren Art, wie er ſie zu Harding's ſchuldigen Zwecken anzuſehen gelehrt worden war, und er gewann daher die Hoffnung und den Entſchluß, ſie wieder gut zu machen, was der Glaube, daß Beſſerung unmöglich ſei, gänzlich ausſchließt. Fürchte nicht für Edward, mein liebes Kind; er wird Dir ein ſo großer Stolz und Troſt ſein, wie er gegenwärtig voll Kummer und Sorge iſt, und Du wirſt mit Gottes Hülfe die Urſache geweſen ſein. Es iſt eine harte Lehre, wenn man ſie lernen ſoll, und doch, El⸗ len, wirſt Du eines Tages, wenn Du ruhiger auf die letzten wenigen Monate zurückblicken kannſt, mit mir anerkennen, daß, ſo groß Deine Leiden geweſen ſind, ſie aus Liebe zu ihm und zu Dir von Gott zugeſandt wurden.“ „Wenn ſie ihn nur gerettet, ihn von der Fortſetzung ſei⸗ ner Verirrungen gerettet und ſo glücklich gemacht haben! O, Tante Emmeline, ich kann es mir nun denken, und ich will das Uebrige ruhig zu ertragen ſuchen. Aber warum,“ fügte ſie aufgeregter hinzu,„d, warum biſt Du ſo gut, ſo lieb geweſen, warum biſt Du nicht ſo kalt, ſo fremd geblie⸗ ben? Ich würde es dann beſſer ertragen können!“ „Was ertragen, liebes Kind? Was haſt Du noch zu ertragen? Sage mir Alles ohne Rückhalt! Warum ſollte ich kalt ſein, während Du alle meine Liebe und Güte verdienſt?“ „Weil— weil— ſoll ich nicht nach Seldon gehen, ſobald ich kräſtig genug bin? Onkel Hamilton ſagte, es gebe ſeine Entſchuldigung für mich, die eine vollſtändige Beiſeit⸗ ketzung ſeines Urtheils zur Folge haben könnte. Ich dachte, es wäre ſchmerzlich genug, als Du es mir zuerſt ſagteſt, aber nun ſcheint es mir, ſo oft ich daran denke, unerträglich.“ „Und Du ſollſt es auch nicht ertragen, mein liebes 453 Kind. Iſt es möglich, daß Du auch nur einen Augenblick daran denken konnteſt, daß ich Dich von mir laſſen würde, nachdem Du ſo viel ertragen und bereits mit ſo großer Härte behandelt worden biſt? Sagte ich Dir nicht, daß Deine Verbannung von dem Beweggrunde Deines Schweigens ab⸗ hängig ſei, und glaubſt Du nicht, daß Dein Motiv, ſo miß⸗ verſtanden es auch war, eine Entſchuldigung für ſich hatte? Gilt die Selbſtaufopferung mir weniger als Dir? Lächle immerhin, mein liebſtes Kind; ich verſpreche Dir in Deines Onkels und in meinem Namen, Du ſollſt uns nie verlaſſen, wenn es nicht vielleicht in einigen Jahren Dein eigener freier Wunſch und Wille iſt.“ Ellen verſuchte zu lächeln, aber ſie war zu ſchwach, um dieſe doppelte Laſt von ſich genommen zu ſehen, ohne eine Bewegung zu verrathen, die mehr Schmerz als Freude zu ſein ſchien. Sie legte ihr Köpfchen auf die Achſel ihrer Tante und weinte ohne Rückhalt. Es waren die erſten Thränen, die ſie ſeit ihrer Krankheit vergoſſen hatte, und Mrs. Hamilton dankte Gott dafür. Sie ſuchte dieſelben nicht zurückzudrängen, aber die wenigen Worte, die ſie ſprach, drückten ſo liebevolle Theilnahme, ein ſo vollſtändiges Be⸗ greifen des jungen Herzens aus, daß Ellen zu Muthe war, als wenn eine centnerſchwere Laſt von ihr ſich ablöſte. „Und nun, meine Ellen, nachdem ich Dich von einer ſchmerzlichen Furcht befreit habe, wirſt Du auch meinem Ge⸗ müth eine ſchwere Sorge abnehmen?“ fragte Mrs. Hamil⸗ ton faſt eine Stunde ſpäter, als Ellen ſich ſo beruhigt zu haben ſchien, daß ſie ohne Furcht mit ihr ſprechen konnte. „Du ſiehſt verwundert aus, aber es iſt eine Sache, die Du allein erklären kannſt, und bis ſie gelöſt iſt, werde ich nie glauben, daß Dein Glück auf ſicherer Grundlage ruht. Was iſt das für ein Verſprechen, worauf Du in Deiner Krankheit ſo häufig zurückkamſt und welches Dich, wie ich fürchte, in der Selbſtaufopferung um Edward's willen, abgeſehen von Deiner Liebe zu ihm beſtärkte?“ Eine tiefe Röthe flog über Ellens klare Stirn und Wan⸗ gen, als ſie ſtotternd antwortete:„Soll ich es Dir ſagen, — 454 liebe Tante? Du weißt nicht, wie oft ich mich darnach ge— ſehnt habe, Dich zu fragen, ob es nicht unrecht ſei, es zu hal⸗ ten— ob ich es brechen ſoll. Und doch ſchien es mir ſo hei— lig, und es war der armen Mama ein ſolcher Troſt!“ „Wann gabſt Du es, meine Liebe? Nach ſeinem Inhalte brauche ich Dich nicht zu fragen, denn Du verrietheſt denſel— ben, als Du nicht wußteſt, was Du ſagteſt, und er wurde durch Dein ganzes Benehmen beſtätigt, Edward vor Tadel oder Strafe zu ſchützen, indem Du niemals ſeine Fehler zu Tage kommen ließeſt.“ „War das unrecht?“ flüſterte Ellen, indem ſie ihr ſchuld⸗ bewußtes Geſicht verbarg. „Unrecht von Dir? Nein, mein liebes Kind, denn Du warſt zu jung, um all den Schmerz und all das Ueble zu verſtehen, was daraus folgen mußte. Sage mir, wann und wie wurde das Verſprechen Dir abgenommen, und ich glaube, ich kann Dir beweiſen, daß Deine arme Mutter es widerru⸗ fen haben würde, hätte ſie nur die mindeſte Idee gehabt, wel⸗ chen düſteren Eindruck es auf Dich gemacht hatte.“ Ellen, auf ſolche Weiſe ermuthigt, erzählte den Auftritt, der in der Hütte der Wittwe Morgan gerade vor Mrs. Ha⸗ miltons Ankunft ſtattgefunden hatte, eben ſo die Befürchtun⸗ gen ihrer Mutter für Edward und die Furcht vor Mr. Ha⸗ milton, womit ſie offenbar ihre beiden Kinder angeſteckt hatte. Sie ſagte, daß Mr. Myrvin's Verſicherung, daß ihre Mutter ſie im Himmel ſehen könne und lieben werde, die er ihr ſogleich nach dem Verſprechen gegeben, ihr daſſelbe noch gewichtiger und heiliger habe erſcheinen laſſen. Zuerſt habe ſie gedacht, es werde ſehr leicht ſein, daſſelbe zu halten, weil ſie Edward ſo liebte, aber ſie ſei nicht lange in Hakwood ge⸗ weſen, als es ſie ſehr unglücklich gemacht, da es ſie beſtän⸗ dig mit dem Gehorſam und ihrer Pflicht gegen ihre Tante in Widerſpruch gebracht und ſie daran gehindert habe, ſo daß es ihr häuſig heftige Kopfſchmerzen verurſacht, blos weil ſie vergeblich ſich zu überzeugen geſucht, was ſie eigentlich thun ſolle. Als Edward zur See ging und Alles ſo gut mit ihm zu ſtehen ſchien, wurde ſie natürlich glücklicher, als ſie je 455 vorher geweſen war, dann kamen ſeine Verlegenheiten und ihre Ueberzeugung, daß ſie ihn retten und ſein Geheimniß bewahren müſſe. Ihre Vernunft und ihre Liebe hätte ſie oft gedrängt, alles ihrer Tante anzuvertrauen, in der Ueberzeu⸗ gung, daß ſie Edward nicht verdammen, ſondern ihm verge⸗ ben und weit wirkſamer helfen würde, als ſie es könne; aber ſie habe es nicht gewagt, denn ſo oft ſie daran gedacht, ſei die Geſtalt ihrer Mutter vor ihr aufgeſtiegen und habe ihr Vorwürfe gemacht und ſie bedroht, daß ſie das Kind, welches ſie ſo ſehr geliebt habe, der Schmach und dem Verderben ausſetze, und dieſe Erſcheinung ſei während ſeines letzten Briefes ſo lebhaft vor ſie getreten, daß ſie gedacht habe, ſie müſſe wahnſinnig werden. Aber nichts als die Furcht, daß ſie nicht feſt genug ſein werde, Edward's Geheimniß zu wahren, habe ſie abgehalten, ihr Vergehen ſogleich ihrer Tante zu geſtehen, beſonders da ihr Onkel es ſo feierlich als Diebſtahl erklärt, und als es endlich entdeckt worden, habe es ihr eine wahre Erleichterung geſchienen, wiewohl ſie da⸗ durch in ſo ſchwere Strafe gekommen, denn ſie habe einge⸗ ſehen, daß kein Leid für ſie zu hart ſein würde. Ellens Erzählung war kurz und einfach genug, und es ſchien ihr nicht einen Augenblick einzufallen, daß auch in ſolcher Selbſtaufopferung eine Art Verdienſt lag; aber Mrs. Hamilton offenbarte ſie eine ſolche Maſſe von Leid und Trüb⸗ ſal, eine ſo ruhige, ſyſtematiſche, heroiſche Ausdauer, daß ſie unbewußt das zarte, junge Weſen immer feſter an ſich zog, wie wenn ihre Liebe ſie für die Zukunft vor ſolchen Verſu⸗ chungen ſchützen ſollte;— und woher war das Elend von Jahren, zu einer Zeit, wo das Leben ſo heiter und frei ſein ſollte, daß Kummer und Sorge es hätte fliehen ſollen, weil es zu rein und zu glücklich war, um ſich ihm zu nahen, woher war's gekommen? Von ein Paar unbedachten Worten aus dem Munde einer gedankenloſen parteiiſchen Mutter, deren Vernachläſſigung und Widerwille dieſes Kind kalt, lieblos und ohne Leben genannt hatte, deſſen Weſen ſo warm, ſo phan⸗ taſtiſch war, daß es der äußerſten Sorgfalt bedurft haben würde, um zu verhüten, daß auch nur ein einziger zu früh⸗ 456 reifer Gedanke oder ein einziges für ihre Jahre zu ernſtes Ge⸗ fühl Eingang in demſelben fände. Man kann mit Wahrheit behaupten, daß ein gewöhnliches Kind das Verſprechen ver— geſſen oder unbeachtet gelaſſen haben würde, ohne daß irgend ein Leid daraus erwachſen wäre; aber das ganze Unglück war daraus entſtanden, daß ſie den wahren Character des kleinen Weſens, für deſſen Glück und Tugend ſie verantwortlich war, nicht genauer kennen gelernt hatte, und vor dieſer Vernach⸗ läſſigung der Mutterpflicht möchten wir diejenigen, die nicht daran gedacht haben, dringend warnen. Alle dieſe Gedan⸗ ken gingen Mrs. Hamilton durch den Kopf, als ſie ihrer Nichte zuhörte und in das bleiche liebe Geſicht ſah, das ſich bei ihrer einfachen Erzählung zu ihr emporrichtete, als wenn ſie unbewußt um ihren Schutz flehe gegen die verwirrenden und widerſtreitenden Gefühle ihres eigenen jungen Herzens. Wie ſie dieſe Eindrücke von Jahren wirkſam entfernen ſollte, wußte ſie in der That nicht; ihr Herz ſchien Gott zu bit⸗ ten, daß er ſie führen möge, damit Ellen endlich Frieden finde. „Du hätteſt kaum anders handeln können, als wie Du in Folge eines ſolchen Verſprechens gegen Edward gehandelt haſt, meine liebe Ellen,“ ſagte ſie;„Deine große Jugend ge⸗ ſtattete Dir natürlich nicht, zu unterſcheiden, ob es bei Dei⸗ ner armen Mutter ein bloßes augenblickliches Gefühl oder wirkliche Abſicht war. Aber ſage mir, glaubſt Du, daß es mir irgend einen Troſt gewähren oder mich glücklich machen könnte, wenn ich ſähe, daß Emmeline für Perey ſo handelte, wie Du für Edward gehandelt haſt? Wenn ich ſie Kummer und Sorge leiden und auf Irrwege gerathen ſähe, um Per⸗ ey's Fehler zu verheimlichen, während es ihm größere Leiden erſpart haben würde, wenn er eine kleine Strafe auf ſich ge⸗ nommen hätte?“ „Aber mit meinen Verwandten ſcheint es ſo ganz anders zu ſein, Tante; ſie find alle ſo gleich. Ich kann mir Em⸗ meline an meine Stelle nicht denken. Du liebteſt ſie immer alle gleich.“ * 457 „Und glaubſt Du nicht, daß dies die Pflicht einer Mut⸗ ter iſt, liebes Kind?“ „Aber wie iſt das möglich, wenn ſie es nicht alle in gleicher Weiſe verdienen? Ich war ſo ganz anders als Ed⸗ ward. Er war ſo hübſch und gut, ſo lebendig und heiter, und ich war immer ſo grillig und krank, und wie ſie ſagten, häufig unartig, und er pflegte Mama zu liebkoſen und zeigte ihr ſeine Liebe, was ich zu thun mich fürchtete, wiewohl ich ſie ſo ſehr liebte.“ Die Thränen traten ihr in die Augen. „Ich konnte daher nicht umhin, ihn für viel beſſer zu halten als ich war, gerade wie ich immer denke, daß alle meine Ver⸗ wandten beſſer ſind, und daher war es kein Wunder, daß Mama ihn am meiſten liebte.“ „Habe ich jemals einen Unterſchied zwiſchen Edward und Dir gemacht?“ fragte Mrs. Hamilton, indem ſie mit nicht geringer Anſtrengung die Bewegung unterdrückte, die El⸗ len's einfache Worte in ihr erregten. „O nein, nein,“ ſagte ſie und umfaßte ſie in faſt ſchmerz⸗ licher Aufregung,„Du biſt ſo gut, ſo freundlich gegen Je⸗ dermann. Du würdeſt mich lieben und freundlich gegen mich ſein, wie es der arme Papa war, weil niemand anders es konnte.“ „Meine liebe Ellen, was kann ich thun, um dieſe irr⸗ thümlichen Eindrücke zu entfernen? Ich liebte Dich und Dein Vater liebte Dich, weil Du Eigenſchaften haſt, die unſere Liebe eben ſo ſehr verdienen, wie die Deines Bruders. Du darfſt Dir nicht einbilden, weil Du vielleicht körperlich und geiſtig weniger begabt biſt, daß Du unter ihm ſteheſt, ſei es im Angeſicht Deines himmliſchen Vaters oder vor den Freunden und Beſchützern, die er Dir gegeben hat; und ſelbſt wenn dies der Fall wäre, und wenn Du es ſo wenig ver⸗ dienteſt, wie Du es Dir irrthümlicherweiſe einbildeſt, würde meine Pflicht als Deine Mutter dieſelbe ſein. Eine Mutter liebt ihre Kinder nicht nach ihren perſönlichen Vorzügen, meine liebe Ellen, ſondern nach dem Maaße der Quelle der Liebe, welche Gott gnädig in ihr Herz gelegt hat, um ſie in den Stand zu ſetzen, ihre Pflicht zu thun, und deshalb erfordern dieje⸗ * nigen, die am wenigſten äußere Vorzüge und am meiſten Fehler haben, die größere Sorgfalt, um die Stelle der einen zu erſetzen, und die ſorgfältige Leitung, um die anderen zu überwinden. Verſtehſt Du mich ganz, mein liebes Kind?“ Ellen's Geſicht, auf dem ſich Hoffnung und Freude mit Zweifeln zu ſtreiten ſchien, gab eine genügende Antwort. „Nicht alle Mütter denken von ihrer hohen Verantwort⸗ lichkeit in derſelben Weiſe— und viele Urſachen, traurige Erinnerungen und Vorwürfe, die ſie ſich von ihrem früheren Leben her zu machen hatte, ihre kalte Trennung von ihrem Vater und mir mögen dazu beigetragen haben, das Pflicht⸗ gefühl Deiner Mutter zu ſchwächen, und ohne Deine Schuld, meine Ellen, mögen ſie die Urſache ihrer zu großen Vorliebe für Edward geweſen ſein. Aber erinnerſt Du Dich ihrer letzten Worte?“ Ellen erinnerte ſich ihrer und bekannte, daß ſie ihre Liebe zu ihrer Mutter ſo geſteigert hätten, daß ihr das Verſprechen noch heiliger geworden wäre. „Ich fürchtete es, mein liebes Kind, aber ſie hätten ge⸗ rade den entgegengeſetzten Erfolg haben ſollen. Als ſie Euch zu ſich rief und Dich ſo zärtlich ſegnete und küßte, wie Edward, ſagte ſie, ſie habe Dir Unrecht gethan, habe ihre Pflicht gegen Dich verſäumt, und es thue ihr ſo leid, denn es ſei zu ſpät, es jetzt wieder gut zu machen; ſie könne nur Gott bitten, Dir eine liebevollere Mutter zu erwecken. Ich habe das um ihretwillen wie um Deinetwillen zu ſein ge⸗ ſucht, und wirſt Du nicht zugeſtehen, daß, wenn ſie es er⸗ lebt und Deine Liebe zu ihr kennen gelernt hätte, ſie es eben ſo wenig würde haben ertragen können, Dich leiden zu ſehen, wie Du für Edward gelitten haſt, wie ich meine Emmeline für Percy würde leiden ſehen können? Glaubſt Du nicht, daß, wenn ſie ſo fühlen gelernt hätte, wie ich fühle, und womit ſie bereits angefangen hatte, ſie das unglückſelige Verſprechen widerrufen und Dich gebeten haben würde, nicht darnach zu handeln? Was hat es für andere Folgen gehabt, als daß es Dich ſchmerzlich leiden ließ, Dich oft auf Irr⸗ 459 wege brachte, und Edward's Fehler durch Verheimlichung nur bekräftigt wurden?“ Ellen's Thränen floſſen in Strömen nieder, aber es wa⸗ ren kaum Schmerzensthränen. Die Worte ihrer Tante ſchienen einen dichten Nebel aus ihrem Hirn und ihrem Her⸗ zen zu verſcheuchen und zum erſten Male ſie zu überzeugen, daß ſie die ſchmerzliche Erinnerung an ihr Verſprechen ver⸗ geſſen und es vergeſſen könnte, ohne ihrer Mutter ungehor⸗ ſam zu ſein. Mrs. Hamilton hatte die Unterhaltung zit⸗ ternd begonnen, denn es ſchien ihr ſo ſchwer, ihre Aufgabe zu erfüllen, ohne ihre Schweſter ungerechterweiſe zu verdam⸗ men; aber als Ellen, indem ſie ihren Hals umſchlang, ihr immer und immer wieder dankte, daß ſie ihr eine ſo ſchwere Laſt vom Herzen genommen, als ſie ſagte, daß ſie Edward immer noch lieben und ihm ganz eben ſo helfen wolle, ſie wolle ihn und ſie davor zu wahren ſuchen, daß ſie ein Un⸗ recht thäten, damit ihre Mutter ſie noch mehr lieben möchte, fühlte ſie, daß ſie ihr Ziel erreicht, und ſchweigend aber in⸗ brünſtig, dankte ſie Gott. „Aber willſt Du mir eins ſagen, Tante Emmeline? Wenn das Verſprechen ein mißverſtandenes war und die arme Mama es zu widerrufen gewünſcht haben würde, warum ſah ich ſie immer ſo deutlich und bildete mir ein, ſie wünſche ſo ſehr, daß ich Edward vor dem Unwillen meines Onkels ſchützen möchte?“ „Weil Du eine ſo ſtarke Phantaſie haſt, mein liebes Kind, die ſich immer mit dieſer Angelegenheit beſchäftigte, und bei Deiner letzten Prüfung war Dein Gemüth in einem ſo furchtbaren und unnatürlichen Zuſtande der Aufregung, daß Deine Phantaſie wirklich krank wurde. Es war durch⸗ aus nicht zu verwundern, denn viele ältere und ſtärkere und klügere Leute würden unter demſelben Drucke des Schmerzes, der Furcht und der Reue daſſelbe erfahren haben. Aber was kann ich thun, um dieſe krankhafte Phantaſie zu heilen, El⸗ len?“ fuhr ſie ſcherzend fort.„Soll ich Dich, ſobald Du wieder wohl biſt, ſechs Stunden des Tages zum Rechnen verurtheilen?“ 460 „Ich fürchte, daß mein armer Kopf für Zahlen noch we⸗ niger Sinn haben wird, als ſonſt,“ erwiderte Ellen, die ebenfalls zu lächeln ſuchte. „Dann muß ich an etwas Anderes denken. Willſt Du Emmelinens Beiſpiele folgen und mir Alles erzählen, was in dieſen kleinen Kopf kommt, mag es noch ſo thöricht oder unbegründet ſein, mag es Dich quälen oder Dir Vergnügen machen? Du haſt nichts vor mir zu verbergen und wirſt nichts wieder zu verbergen haben, wie ich hoffe, meine liebe Ellen, und wenn Du dies thuſt, wirſt Du mir mehr Troſt und mehr Sicherheit zur Förderung Deines Glückes geben, ſoweit meine Liebe dazu beitragen kann, als auf irgend eine andere Weiſe“ An die Stelle ihrer Scherzhaftigkeit war wieder neuer Ernſt getreten, und Ellen, wie wenn ſchon in dem Gedanken ſo vollkommenen Vertrauens Sicherheit und Friede ruhte, die ihr ſo lange unbekannt geweſen waren, gab die verlangte Zuſicherung ſo dankbar, daß Mrs. Hamilton ganz zufrieden und glücklich war. Dreißigſtes Kapitel. Der Verluſt der Sirene. Von dieſem Tage an ſchritt Ellen's Geneſung, wiewohl es eine harte Geduldprobe für die junge Kranke und ihre liebevollen Wärterinnen war, offenbar vorwärts ohne einen der ſchmerzlichen Rückfalle, die Mr. Maitland's Geſchicklich⸗ keit vorher in Verzweiflung gebracht hatte. Sie fürchtete ſich nicht mehr vor der Geſellſchaft ihrer Verwandten und nahm Carolinens und Miß Harcourt's freundliche Aufmerk⸗ ſamkeiten allerdings mit Erſtaunen, denn ſie konnte ſich nicht denken, was ihre Empfindungen gegen ſie ſo verändert ha⸗ ben könne, aber mit jener offenbaren Dankbarkeit und Freude 461 entgegen, welche die Fortſetzung eines freundlichen Ver⸗ hältniſſes nnterſtützt. Emmeline war immer gut, aber es machte Ellen ganz glücklich, mit ihr ſprechen und ihre Freuden theilen zu können, wie in früheren Tagen. Die unaus⸗ ſprechliche Ruhe, welche obiges Geſpräch Ellen gab, iſt nicht zu ſchildern. Sie war ſo ſüß, ſo ſelig, daß ſie auf die Dauer unnatürlich zu ſein ſchien, und die geheime Furcht, daß ihr Onkel gegen ſie und Edward nicht ſo geſinnt ſein würde, wie ihre Tante, miſchte ſich allein ſtörend ein. Auch Edward war heiter, faſt glücklich, wenn er bei ihr war und ein langes Geſpräch mit Mr. Howard, welches dieſer würdige Mann ſich erbeten hatte, ſobald ſie kräftig genug war, um die falſchen Eindrücke zu entfernen, welche ſeine Strenge bei ihr erweckt haben mußte, die er ſich nie vergeben konnte, hatte faſt täg⸗ liche Beſuche zur Folge, die ſie mit faſt eben ſo großer Freude erwartete, wie ſie dieſelben vorher gefürchtet hatte. „Und nun, nachdem die Angſt um Ellen zu Ende iſt, muß ich noch eine Sorge von Ihnen nehmen, Mrs. Hamilton. Die letzten Befehle Ihres Gatten lauteten dahin, daß ich keine Woche vorübergehen laſſen ſollte, ohne ein oder zwei Mal in Oakwood vorzuſprechen, um zu erfahren, wie Alles ginge, und was würde er mir ſagen, wenn er Sie jetzt ſehen könnte?“ „Er dachte wenig daran, wie meine Kraft auf die Probe geſtellt werden würde, mein guter Freund, und ſo wird er Sie von aller Schuld freiſprechen. Ich gebe Ihnen die Ver⸗ ſicherung, daß ich mich körperlich völlig wohl befinde(der würdige Doctor ſchüttelte ſehr ungläubig den Kopf). Aber nachdem die eine Sorge überwunden iſt, bleibt noch eine andere, die mit jeder Woche wächſt. Es iſt mehr als das Doppelte der gewöhnlichen Zeit vorüber, ohne daß ich von meinem Gatten etwas gehört habe. Wir haben keine Antwort auf die Briefe erhalten, die über Ellen's Gefahr und Ed⸗ ward's Rückkehr berichteten, und die Antworten ſind ſeit einem vollen Monaten fällig.“ „Aber das Wetter iſt ſo ungewöhnlich ſtürmiſch geweſen, es kann für die Sirene unmöglich geweſen ſein, von Farö 462 nach Schottland zu ſegeln, wie Hamilton wünſchte, und dieſe Inſeln berührt im Winter ſo leicht kein Schiff. Ich glaube wirklich, Sie brauchen in dieſer Beziehung nicht ängſtlich zu ſein. Kein anderer als Arthur Hamilton's Kopf hätte Mittel und Wege ausfindig machen können, um Ihnen ſo regelmäßig von einem ſo fernen Orte her von ſich Nach⸗ richt zu geben. Keine Nachricht bedeutet eine gute Nachricht, darauf verlaſſen Sie ſich. Er mag Ihretwegen vielleicht be⸗ ſorgt ſein und kehrt ſelbſt zurück.“ „Gott behüte!“ anwortete Mrs. Hamilton, die ſehr bleich wurde;„beſſer die Angſt, nichts von ihm zu hören, als der Gedanke, ihn in dieſer Jahreszeit zur See zu wiſſen.“ Dakwood hatte ſein gewöhnliches heiteres Ausſehen wie⸗ der gewonnen, wiewohl Ellen immer noch oben war. Morris und Ellis waren wieder ſo glücklich, unter der Aufſicht ihrer geliebten Herrin zu ſtehen, und ſie waren Beide ſtolz, wie wenn Caroline ihr eigenes Kind geweſen wäre, zu erzählen, was dieſelbe ohne alle Oſtentation gethan, um ihrer Mutter eine Mühe zu erſparen, als ſie zu beſorgt geweſen war, um an etwas Anderes als an Ellen zu denken; und das Mutter⸗ herz war von ſüßer Freude gegen Gott erfüllt, der, indem er ihr ein ſo lebendiges Bewußtſein ihrer Verantwortlichkeit gegeben, in demſelben Maaße die Sorge vergrößert und die Freude erhöht und geſteigert hatte. Die Frucht war in der That der Pflege werth, wiewohl ſie oft mit Thränen genetzt worden ſein mochte. So beſorgt ſie und Mr. Howard und Mr. Maitland, ja in der That alle Freunde Arthur Hamilton's waren, ſo ſuchte ſie doch den Muth ihrer Kinder aufrecht zu erhalten, denn die jungen Leute waren offenbar ebenfalls ängſtlich geworden. Es war nicht unwahrſcheinlich, daß das ſtürmiſche Meer von Fars kein Schiff von der Inſel fortgelaſ⸗ ſen haben würde, und die jungen Leute hielten eifrig an dieſer Hoffnung feſt, aber ſelbſt ſie waren bisweilen unbewußt trau⸗ rig und nachdenklich, als die gewöhnlich ſo freudige Weih⸗ nachtszeit und das Neujahr vorüber war und immer noch kein Brief kam. Ellen und Edward fürchteten im Geheimen die Ankunft der Antwort auf das Geſtändniß des Letzteren, aber 463 immer noch war ihre Liebe zu Mrs. Hamilton ſo groß, als daß ſie nicht hätten wünſchen ſollen, daß ſie über ihre Sorge beruhigt werden möge. Im Januar änderte ſich das Wetter. Den furchtbaren Stürmen folgte eine faſt unnatürliche Windſtille und eine ſo außerordentliche Milde der Luft, welche die Geſundheit vieler Kräftigen angriff und Ellen nicht nur ſehr ermattete, ſondern auch die furchtbaren Kopfſchmerzen häufig hervorrief, die an ſich ſchon eine Krankheit waren. Ein Geſchäft rief Mr. Ho⸗ ward gegen Ende des Monats nach Dartmouth und er ver⸗ anlaßte Edward, ihn zu begleiten, denn ſeine Schwermuth verdoppelte ſich, ſo oft ſeine Schweſter mehr als gewöhnlich zu leiden hatte. Die erſten Tage waren ſo ſchön, daß die Veränderung ihn zu einem neuen Menſchen machte. Mr. Ho⸗ ward meinte, es ſei der Anblick des alten Meeres, und Edward ſtellte es nicht in Abrede; denn wiewohl es für die Fort⸗ dauer ſeiner Reue und ſeinen Entſchluß, ſich zu beſſern, gut war, daß der Einfluß des Hauſes längere Zeit auf ihn ein⸗ wirkte, ſo war er doch innerlich außer ſich über den langen Aufenthalt und er ſehnte ſich, wieder auf ſeinem Schiffe zu ſein und ſeinen Entſchluß, ein tüchtiger britiſcher Seemann zu werden, beweiſen zu können. Am dritten Tage ihres Beſuchs nahm die Stille und Schwere der Luft ſo ſeltſam zu, daß ſie für den Januar wirklich Unheil zu verkünden ſchien. Edward und Mr. Ho⸗ ward ſtreiften an der Bucht umher, und das wohlgeübte Auge des Erſteren ſah in vielen Kleinigkeiten, welche nur der See⸗ mann ſieht, das langſame aber ſichere Herannahen eines furcht⸗ baren Sturmes. „Es iſt ſelten in dieſer Jahreszeit, aber die Luft iſt wirk⸗ lich von Electricität geſchwängert,“ ſagte er, indem er Mr. Howard's Aufmerkſamkeit auf die weißen Ränder der Wolken richtete, die am Himmel umherwogten und deren dunkle Farbe immer ſchwärzer und ſchwärzer wurde, und dann und wann, wie von einem noch ſtummen und unſichtbaren Sturme ge— peitſcht, wogte das Meer auf und ſchäumte und gab ſicheres Zeugniß von einem nahenden Sturme.„Es wird, wie ich 464 fürchte, heut noch ein furchtbares Gewitter geben; und ſehen Sie dort die Vögel!“(mehrere Seemöven ſtreiften über die Wogen dahin und badeten faſt ihr weißes Gefieder in den ſchwarzen Gewäſſern).„Seltſam, wie ſie immer den Sturm verkünden! Emmeline würde ſie Geiſter der Tiefe nennen, die ſich des Verderbens freuen, das ſie verkünden.“ „Er nähert ſich bereits,“ erwiderte Mr. Howard, als ein hohler Windſtoß die Wellen packte und eine berghohe Woge auf den Strand ſchleuderte.„Gott ſei Allen gnädig, die der Wuth dieſes Sturmes ausgeſetzt ſind!“ und er war froh, nach dem Innern zurückkehren zu können, während Edward zurück⸗ blieb und ſeinen Fortſchritt mit einer faſt freudigen Aufregung beobachtete und nur wünſchte, er könne zur See ſein, um ſich deſſelben ſo zu freuen, wie es ein ſolcher Sturm verdiente. Als der Tag ſich neigte, nahm er zu, und als die Dunkelheit eintrat, wurde ſeine Wuth entſetzlich. Windſtöße ſo laut wie Kanonenſchüſſe folgten einander mit furchtbarer Schnelligkeit, entwurzelten ungeheure Bäume und warfen die Ziegel von den Dächern. Dann und wann in langen Zwiſchenräumen fuhren blaue Blitze durch den ſchwarzen Himmel und ver⸗ riethen, daß ſich Donnerſchläge in den Wind gemiſcht hatten, wiewohl es unmöglich war, den einen Ton von dem anderen zu unterſcheiden; und als es in Strömen zu regnen anfing, glänzten weiße Streifen und ſeltſame unnatürliche blaue Flecke auf Augenblicke durch die Dunkelheit, und die Nacht wurde nur noch finſterer, wenn ſie verſchwanden. Das Meer, zur wildeſten Wuth gepeitſcht, rollte in ungeheuren Bergen von Waſſermaſſen daher und ſpritzte weißen Schaum aus, der in ſeltſamem Contraſt mit der Finſterniß der Erde und des Himmels ſtand und mit einem Toſen zerſprang, das ſelbſt das wilde Gebrüll des Sturmes übertäubte. Mr. Ho⸗ ward wie Edward konnten in ihrem behaglichen Quartier im Hotel, welches die Ausſicht auf die See hatte, eben ſo wenig leſen, als ſich unterhalten. Gegen elf Uhr indeß drehte ſich plötzlich der Wind und ſtieß nur noch dann und wann eine lange, ſeufzende Klage aus, wie wenn er bedauere, daß ſein Zerſtörungswerk ſchon vollendet ſei; aber die See 465 raſte noch mit gleicher Wuth und zeigte ein ſo großartiges wie furchtbares Schauſpiel, das noch keinen Anſchein der Ruhe hatte. Plötzlich erklang ein Schuß vom Meere her. Ob es der erſte war oder ob ſich die anderen in dem Getöſe der Winde und Wogen verloren hatten, wer konnte es ſagen? Noch ein zweiter und dritter folgten in ſo raſchen Zwiſchen⸗ räumen, daß die Gefahr offenbar dringend war und Edward aufſprang. Noch einer— er konnte es nicht länger ertragen. Raſch rief er aus:„Es ſind Nothzeichen und in nächſter Nähe, es muß Etwas geſchehen, kein Seemann kann ſtill ſitzen und ſeine Kameraden untergehen ſehen.“ Er ſtürzte an die Bucht, und Mr. Howard, der jeden unbeſonnenen Ver⸗ ſuch hindern wollte, folgte ihm auf dem Fuße. Scharen von Fiſchern und Städtern hatten ſich auf der Bucht verſammelt, da ſie der furchtbare Ton herbeigezogen hatte, der, nach dem Lichte auf dem Schiffe, kaum eine halbe Meile weit her⸗ zukommen ſchien, und doch war der augenblickliche Anblick des Meeres ſo gefährlich, daß es unmöglich ſchien, ihnen zu Hülfe zu eilen. Plötzlich indeß rief Edward's Stimme mit dem heiteren Tone vollkommene Vertrauens aus:„Sie können gerettet werden! Gebt mir ein tüchtiges Boot und ein Paar willige Ruderer, und ich unternehme es, das Schiff zu erreichen und die Mannſchaft ſicher an's Land zu bringen. Wer unter Euch,“ fuhr er fort, indem er ſich zu dem Haufen kräftiger Fiſcher wandte,„will mir bei dieſer Handlung ge⸗ wöhnlicher Menſchenliebe beiſtehen? Wer beſitzt ein williges Herz und kräftige Hände und will ſie mir leihen?“ „Kein Menſch, dem ſein Leben lieb iſt!“ war die mür⸗ riſche Antwort eines von Denen, die er anredete, und die Uebrigen ſtanden ſtill und ſtumm da und betrachteten halb verächtlich, halb bewundernd die ſchlanke Geſtalt des jungen Seemanns, die in dem grellen Lichte der vielen Fackeln ſtand, die längs der Bucht umhergetragen wurden. „Knaben haben gut ſprechen! Wir können nicht er⸗ warten, daß alle Köpfe auf jungen Schultern ſitzen; aber mit meiner Erlaubniß verläßt heute kein Boot den Hafen, es würde vorſätzlicher Mord ſein!“ 30 466„ „Ich ſage Euch, ich will mein Leben auf's Spiel ſetzen!“ antwortete Edward, der immer leidenſchaftlicher wurde. „Spreche ich zu Matroſen? Und können ſie zaudern, wenn ſie ſolche Schüſſe hören? Gebt mir nur ein Boot und ich will allein fahren, und wenn Ihr Hülfe braucht, mögt Ihr gleiche Bereitwilligkeit finden! Ihr werdet kaum darnach zu verlangen wagen, wenn das Schiff vor Euren Augen untergeht! Borgt mir ein Boot, ſage ich, das eine ſolche See aushält, und wer es mir leiht, ſoll anſtändig belohnt werden. Wenn die Gefahr ſo groß iſt, verlange ich nicht, daß ſie Jemand theilt. Mein Leben iſt mein Eigenthum und ich will es wagen!“ Es würde ein ſchönes Bild für einen Maler gegeben haben, dieſe junge ſchlanke Geſtalt mit dem knabenhaften Geſicht, umgeben von dieſen verwitterten Männern, deren Geſichter die verſchiedenſten Gefühle aus⸗ ſprachen, die aber faſt alle eine unfreiwillige Bewunderung verriethen; der Fackelſchein, der in der pechſchwarzen Nacht ſein gelbes Licht verbreitete, die Schaumwolken, die wie glänzende Schneeſchauer aufſtiegen und niederfielen, der zer⸗ klüftete Hintergrund und draußen auf der See das unglück⸗ liche Schiff, ein vollkommenes Wrack, das noch mit den immer ſteigenden Waſſern kämpfte. Mr. Howard ſah Alles, aber ohne an das Maleriſche zu denken, war ſein Geiſt mit ganz Anderem beſchäftigt. „Beim Neptun, Ew. Gnaden ſollen nicht ganz allein hinaus! Ich habe weder Vater, noch Schweſter, noch Weib, die um mich weinen würden, wenn ich zu Grunde gehe; ſo muß mein Leben weniger werth ſein als das Eure und wenn Ihr es wagen könnt, warum ſollte ich es nicht?“ rief ein rüſtiger junger Fiſcher aus, indem er auf Edward zutrat, der haſtig ſeine rauhe Hand ergriff und ihn beſchwor, ſogleich ſein Boot zu holen, es ſei kein Augenblick zu verlieren. Aber das Beiſpiel war anſteckend, und ein alter Mann trat haſtig vor und erklärte, daß die Jungen ihn gelehrt hätten, was ſeine Pflicht ſei, und er wolle ſie erfüllen. „Großer Gott! was ſagen ſie?“ rief Edward aus, als ſein jüngerer Kamerad nach der Bucht hinabeilte, um ———————— 5 ſein Boot nach der windſtillen Seite der Klippe zu bringen, um es deſto ſicherer in's Meer laſſen zu können, und ein Ge⸗ murmel die Menſchenmenge durchlief, deſſen Entſtehen Nie⸗ mand erklären konnte.„Die Sirene, Capitän Harvey, meines Onkels Schiff! Und er muß darauf ſein! Es würde Farö nicht ohne ihn verlaſſen haben! Welchen Grund hat dieſes Gerücht? O, laßt es mich wiſſen, um Gottes willen!“ Aber Niemand konnte mehr ſagen, als daß ein Schiff, das gerade vor dem Sturme in den Hafen gekommen war, die Sirene etwa zwanzig Meilen entfernt, begrüßt habe, und daß ſie ſo ſchwer beſchädigt und in ſolcher Noth zu ſein geſchienen habe, daß es bald mit ihr aus ſein müßte. Kein Wort ent⸗ floh Edward's Lippen, die augenblicklich bleich wie Marmor wurden. Mr. Howard, den das Gerücht in die äußerſte Angſt verſetzt hatte, denn er zweifelte nicht einen Augenblick an ſeiner Wahrheit, ſtand an ſeiner Seite, ergriff ſeine Hand und flüſterte heiſer:„Edward, mein armer Junge, müſſen auch Sie Ihr Leben auf's Spiel ſetzen? Beide, Beide! Es iſt furchtbar!“ „Laſſen Sie mich nur ihn retten, und wenn ich zu Grunde gehe, ſo geſchieht es in einer guten Sache. Sagen Sie Tante Emmeline, ich wiſſe, daß ſie meine arme Ellen tröſten werde, und daß der Jüngling, den ſie vor ſchlimme⸗ rem Elend als dem Tode gerettet habe, Alles gethan, was er konnte, um ihren Gatten zu retten. Und wenn es mir miß⸗ lingt“— er hielt vor ſtarker Bewegung inne, dann fügte er hinzu:„geben Sie Ellen dieß und dieß“— er ſchnitt mit ſeinem Dolch eine Locke aus ſeinem Haar und legte ſie und ſeine Uhr in Mr. Howard's zitternde Hand.„Und nun, mein Freund, ſegne Sie Gott und belohne Sie!“ Er warf ſich einen Augenblick in Mr. Howard's Arme, küßte ſeine Wange, und die Bucht hinabſtürzend, ſprang er in das Boot, welches wie eine Nußſchale auf dem Waſſer tanzte. Es dauerte einige Minuten, ehe ſie daſſelbe fortbringen konnten, denn die Wogen ſchienen es zurückwerfen zu wollen, aber endlich brachten ſie es glücklich aus der Brandung und dann achteten ſie nicht darauf, daß ſie in der einen Minute hoch 30 468 oben auf einer berghohen Woge fuhren, daß es ſchien, als wenn ſie nichts retten könne, in dem Abgrund tief unten zer⸗ ſchmettert zu werden, und daß ſie in der nächſten in einer tiefen Schlucht begraben lagen, umgeben von den hohen Waſſermauern, die über ihnen zuſammenſtürzen zu wollen ſchienen. Es ſchien ein wahres Wunder, in einem Boot auf ſolchem Meere noch leben zu können, und der alte Collins be⸗ hauptete ſpäter, wenn nicht ein Engel bei Edward am Steuer⸗ ruder geſeſſen, ſo hätte kein menſchlicher Arm ſie in Sicherheit bringen können. Wenn es ein Engel war, ſo war es der reine Gedanke, das gläubige Gebet, daß er das Werkzeug in der Hand des Ewigen ſein möge, Tod und Elend von dem geliebten Hauſe abzuwenden, in dem ſelbſt ſeine Ver⸗ gehungen Liebe und Vergebung gefunden. Mit allen An⸗ ſtrengungen, und ſie waren ſo, daß den ſtarken Männern der Schweiß von Geſicht und Armen ſtrömte, und Edward faſt gänzlich erſchöpft war, denn auch er nahm abwechſelnd ein Ruder, dauerte es eine volle Stunde, nachdem ſie den Strand verlaſſen hatten, ehe ſie das Schiff erreichten. Es hatte aufgehört, zu feuern, denn bei den Fackeln am Ufer ſahen ſie die Abfahrt des Bootes und beobachteten ſein Nahen beim Licht der Laternen an ſeinem Vordertheil, wie es nur die⸗ jenigen thun können, welche wiſſen, daß in einer kurzen Stunde ihr Schiff ſich nicht mehr über Waſſer halten würde. Collins ſpielte den Sprecher, denn Edward, als ſie das Boot an dem Schiff entlang anlegten, war einen Augenblick kraft⸗ los an dem Steuerruder niedergeſunken, indeß wurde er von der Antwort wieder aufgeſchreckt:„Die Sirene, nach Dart— mouth, von Farö, Eigenthümer Arthur Hamilton, gegen⸗ wärtig Paſſagier am Bord, neun Mann!“ „Hinein mit Euch Allen! Das iſt Capitän Harvey's Stimme, ich möchte darauf ſchwören. Das Gerücht war nur zu wahr.“ „Wie? Der alte Collins?“ entgegnete Capitän Harvey. „Wir dachten im Angeſicht unſerer Heimath zu Grunde zu gehen. Nun, Mr. Hamilton, Niemand wird von der Stelle gehen, bis Sie gerettet ſind.“ 469 Sein Begleiter ſprang in das Boot, ohne zu antworten, und indem er auf eine der Bänke niederſank, zog er ſeinen Mantel dicht über ſein Geſicht. Es drohte allerdings noch Gefahr, aber im Vergleich mit der furchtbaren Angſt, den Tod langſam aber ſicher in dem mit Waſſer gefüllten Schiffe, faſt im Angeſicht ſeiner Heimath, ſeiner Geliebten vor ſich aufſteigen zu ſehen, ſchien die bloße Hoffnung auf das Leben faſt noch überwältigend. Die Mannſchaft der unglücklichen Sirene verließ ſie ſchnell, Capitän Harvey war der Letzte, der herabſtieg, und als er es that, fiel ein eiſerner Block, der ſich losgelöſt hatte, herab und traf gerade Edward's Stirn, der für den Augenblick faſt betäubt wurde. Er fühlte das Blut langſam über ſeine Schläfe und Wangen rinnen, aber er ließ ſich durch den Schmerz nicht entmuthigen. Er nahm wieder ſeinen Sitz am Steuerruder ein, ohne das Schweigen zu unterbrechen, und gab nur die unbedingt nothwendigen Befehle und dann blos in kurzer Seemannsweiſe. Sie hat⸗ ten kaum ein Dritttheil ihres Weges zurückgelegt, als das Waſſer kochte und ſchäumte, wie wenn es von einem Wirbel⸗ wind durcheinander geworfen würde, und es bedurfte der ganzen Kraft und Geſchicklichkeit Edward's als Steuermann, um das ſchwache Boot nicht in den Strudel kommen zu laſ⸗ ſen. Die Urſache zeigte ſich bald, und jedes Herz ſchauderte, denn zehn Minuten ſpäter würde die Hülfe ganz vergebens geweſen ſein; das unglückliche Schiff war geſunken und von dieſen aufſteigenden Gewäſſern verſchlungen worden, was für eine kurze Zeit die Wirkung eines Wirbels hatte. Das Schweigen der Ehrfurcht und inniger Dankbarkeit ſenkte ſich auf das Herz aller der Männer und noch mehr auf das ſeine, da er ſich von ſeiner erſten Bewegung ſo weit erholt hatte, daß er bewundernd nach der knabenhaften Geſtalt am Steuerruder ſah, deſſen Stimme ihm ganz unbekannt war und deſſen Züge das ungewiſſe Licht und die beſtändige Rich⸗ tung des Jünglings nach ſeinen Ruderern nicht deutlich ſehen ließ. Die Menſchenmaſſen hatten ſich am Ufer vermehrt und beobachteten mit banger Furcht die Rückkehr des Bootes, 470 aber die Erwartung war zu groß, als daß ſie ſich in Worten ausgeſprochen hätte. Ein faſt verhängnißvolles Schweigen herrſchte. Eine ungeheure Woge hatte das Boot auf einige Minuten verhüllt, und Mr. Howard, der während dieſer zwei langen Stunden wie verzaubert am Strande geſtanden hatte, ſchluchzte in ſeiner Angſt laut auf. Wiederum war es ſicht⸗ bar, wie es mit furchtbarer Schnelligkeit durch die Fluth im⸗ mer näher und näher getrieben wurde. Er dachte die Geſtalt ſeines Freundes unterſcheiden zu können, es ſchien ihm, als könne er die Stimme Edwards hören, wie er commandirte und nach irgend einem Landungsplatze wies, der im Widerſpruch mit der Anſicht der Anderen ſtand. Sie waren nur noch ein Dutzend Schritt von dem Ufer entfernt, aber immer wurde noch kein Ton der Begrüßung laut. Jedes Auge war, wie von Schrecken gebannt, auf eine Woge in der Ent⸗ fernung gerichtet, die an Größe und Wuth zunahm, je raſcher ſie nahete. Sie näherte ſich dem Boot, ſie ſtand drohend über dem gebrechlichen Fahrzeug wie eine mächtige Waſſer⸗ hoſe, ſie borſt aus einander, das Boot war nicht mehr zu ſehen, und ein furchtbares Geſchrei erklang fern und nah die ganze Bucht entlang. Einunddreißigſtes Kapitel. Ahnungen. Den ganzen Tag hatte Mrs. Hamilton vergeblich eine ganz ungewöhnliche Schwermuth von ſich abzuhalten geſucht. Ueberzeugt, daß ſie größtentheils eine phyſiſche Urſache habe, da der ungewöhnliche Druck der Luft ihre Nerven abgeſpannt, die ſo viele Monate überreizt worden waren, konnte ſie doch an nichts anderes als an Mr. Maitlands Worte denken, daß ihr Gatte ſelbſt nach Hauſe kommen würde; aber wenn ihn 471 die Nachrichten von Ellens Gefahr und Edwards Geſtänd⸗ niß zurückgerufen hätten, ſo hätte er drei oder vier volle Wochen früher kommen ſollen. Der Sturm, der um ſie brauſte, die unnatürliche Dunkelheit, die langen lauten Don⸗ nerſchläge, die auch im Binnenlande deutlich von dem Sturme unterſchieden werden konnten, erfüllten das ganze Haus mit Entſetzen, und darum war es kein großes Wunder, daß die unbeſtimmte Idee, daß ihr Gatte Farö verlaſſen habe und einem ſolchen Sturme ausgeſetzt ſei, in dieſer furchtbaren Angſt faſt zur Gewißheit wurde. Es war vielleicht gut, daß ihre unſelbſtiſche Natur einen Gegenſtand hatte, der ſie eini⸗ germaßen von ſich ſelbſt abzog, denn ihre Feſtigkeit, ihr Ver⸗ trauen, Alles ſchien ſie zu verlaſſen und ſie für den Augen⸗ blick höchſt unglücklich zu machen. Wie der Sturm und der Luftdruck zunahm, ſo wuchs auch Ellens fieberhafte Unruhe. Ihre Nerven, die noch nicht völlig zur Ruhe gekommen wa⸗ ren, fühlten ſich faſt von jedem Blitz und jedem Windſtoße auf die Folter geſpannt. Sie ſuchte über ihre eigene Thorheit zu lachen, denn wiewohl ſie als kleines Kind oft von den Stürmen in Indien erſchreckt worden war, ſo hatten ſie die in England niemals ergriffen, und ſie konnte nicht begrei⸗ fen, warum ſie ſo kindiſch ſein könne. Aber in ſolchen Fällen helfen Gründe wenig, und Mrs. Hamilton, die ſich überzeugte, daß ſie eben ſo wenig ihre gegenwärtige Aufregung, als ihre phyſiſche Schwäche überwinden könne, ſuchte ſie zu beruhigen und zu unterhalten, und indem ſie dies that, gewann ſie zum Theil ſelbſt ihre Heiterkeit wieder. Sie verließ ſie erſt lange nach Mitternacht, und indem ſie dann Mrs. Langford bat, bei ihr ſitzen zu bleiben, bis ſie eingeſchlafen ſei, zog ſie ſich in ihr Schlafgemach zurück. Niemals ſeit ihres Gatten Abwe⸗ ſenheit hatte ſie daſſelbe ſo öde, ſo drückend gefunden. Ein Gedanke nach dem andern beſtürmte ihre Seele, bis ſie es aufgab, gegen ſie ankämpfen zu wollen.„Wird ſeine Stimme jemals hier wieder erklingen? Wird ſein Herz mir den Troſt geben, deſſen ich bedarf?“ flüſterten ihre Lippen, als ſie um ſich blickte, und die tiefe Stille, das Dunkel, welches nur durch eine kleine ſilberne Lampe und den Schein des Feuers unter⸗ 472 brochen wurde, die einzige Antwort zu geben ſchien. Sie bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, und es ſchlug zwei Uhr, ehe dieſer innere Kampf ihr Herz wieder zu dem ſanftver⸗ trauenden Glauben an ihn kommen ließ, der immer noch über ſie und ihre Geliebten wache, und nach einem innigen ſtum⸗ men Gebet zog ſie ihren kleinen Tiſch mit ſeinen Andachts⸗ büchern an das Feuer, las noch eine Stunde lang und ſuchte dann ihr Lager auf. Aber ſie konnte nicht ſchlafen. Der Wind hatte ſich wiederum erhoben, und da ſie ſich fürch⸗ tete, daß es ihre ungewöhnliche Aufregung nur erneuern würde, wach zu liegen und dem Sturme zuzuhören, ſtand ſie um vier Uhr auf, kleidete ſich an, und indem ſie einen großen Shawl um ſich warf, ſchlich ſie leiſe über den Corridor und trat in das Zimmer ihrer Nichte, die ſie, wie ſie erwartet hatte, ebenſo wach und unruhig fand, wie ſie ſelbſt war, und die heftige Kopfſchmerzen hatte. Sie hatte Mrs. Langford zugeredet, zu Bette zu gehen, aber ſeitdem hatte ſich der Kopf⸗ ſchmerz eingeſtellt und machte ſie noch unruhiger und fieberhaf⸗ ter als zuvor. Sie konnte zu keiner Ruhe kommen, ſie mochte ſich legen, wie ſie wollte, bis ſie endlich gegen ſechs Uhr voll⸗ ſtändig erſchöpſt einſchlief, während ſie faſt aufrecht in den Armen ihrer Tante ſaß und ihren Kopf an ihre Schulter lehnte, wie ſie neben ihrem Bett ſtand. Da Mrs. Hamilton ſich fürchtete, ſie zu ſtören, regte ſie ſich nicht und bat, das Morgengebet ohne ſie abzuhalten, und Miß Harcourt und ihre Töchter möchten mit dem Frühſtück nicht warten, da ſie es mit Ellen, wenn ſie erwacht ſei, einnehmen wolle. Sie be⸗ achtete es nicht, daß ſie von dreiſtündigem Stehen in einer Stellung ganz ſteif und erſchöpft worden war, vielleicht fühlte ſie es kaum, denn die liebenswürdigſte Eigenſchaft des Weibes, die der zärtlichen und aufopfernden Krankenpflege⸗ rin, beſaß ſie im höchſten Grade. Aber die Taſſe Chocolade, welche ihr Caroline ſelbſt brachte, und die ſie mit zärtlicher Eindringlichkeit zu nehmen bat, lehnte ſie nicht ab.„Du ſiehſt ſo ermattet und ſo bleich aus, liebſte Mutter, daß ich wünſchte, Du ließeſt mich Deine Stelle einnehmen. Ich 473 würde ſo ruhig, ſo ſanft ſein, daß Ellen nicht einmal wiſſen ſollte, daß ſie eine andere Krankenwärterin hätte.“ „Ich zweifle nicht an Deiner Sorgfalt, Deiner Liebe, aber ich fürchte, die mindeſte Bewegung würde das arme Kind ſtören, und ſie hat eine ſo unruhige Nacht gehabt, daß ich ſie ſchlafen laſſen will, ſo lange ſie kann. Deine finnige Sorge hat mich ſo erfriſcht, daß ich mich wieder ganz geſtärkt fühle. Daher gehe und genieße Dein Frühſtück in Ruhe, mein liebes Kind!“ Caroline gehorchte wider Willen, und eine Viertelſtunde nachher wurde Mrs. Hamilton durch das Fahren eines Wa⸗ gens erſchreckt, der mit ungewöhnlicher Eile auf das Haus zukam. Er hielt am Haupteingange an, und ſie hatte kaum Zeit, ſich darüber zu wundern, wer ſo zeitig kommen könnte, als ein lauter Schrei von Seiten Emmelinens ihr Ohr traf. Ob vor Freude oder vor Schreck konnte ſie nicht unterſchei⸗ den, aber es war die Stimme ihres Kindes, und die bereits gequälten Nerven der Gattin und Mutter konnten dieſelbe nicht ohne Bangen, ja Schmerz hören. Sie legte Ellens Kopf ſanft auf das Kiſſen, beobachtete ſie, wiewohl ihr die Beine ſo zitterten, daß ſie ſich kaum halten konnte, ſah mit inniger Beruhigung, daß ſie durch die Bewegung nicht in ihrem ruhi⸗ gen Schlafe geſtört worden war, rief Mrs. Langford aus dem benachbarten Zimmer herbei und eilte raſch die Treppe hinab, wiewohl ſie kaum wußte, wie ſie es machte und wie ſie in das Frühſtückszimmer kam. Viele heitere Stimmen ſprachen auf einmal, ſelbſt die Dienerſchaft drängte ſich in die Halle und an die Schwelle des Zimmers, Alle aber mach⸗ ten ihr Platz. „Arthur, mein Gatte!“ rief ſie aus, aber Alles bis auf ſeine Geſtalt drehte ſich im Kreiſe umher, und ſie ſank ohn⸗ mächtig in ſeine Arme. Es dauerte einige Zeit, ehe ſie ſich wieder erholte, denn Körper und Geiſt waren ſchon zu lange übermäßig angeſtrengt worden, und als Mr. Hamilton ſie in ſeine Arme nahm, bat er ſie nur zu ihm zu ſprechen, ſah ihr in das todtenbleiche Geſicht und fühlte augenblicklich, daß, ſo groß ſeine Sorge um ſie geweſen ſei, er nicht die Hälfte 474 von dem ſich hatte träumen laſſen, was ſie litt. Seine Stimme, ſein Kuß ſchienen die verwirrten Sinne wirkſamer zu wecken, als Miß Harcourt's raſch herbeigeholte Arze⸗ neien, aber ſie konnte nicht ſprechen, ſie konnte ihrem Gatten nur ins Geſicht ſehen, als wolle ſie ſich feſt, ganz feſt über⸗ zeugen, daß er in der That zurückgekehrt ſei, daß ihre Ein⸗ bildungen von Gefahr, ſelbſt wenn ſie Grund gehabt, ſich in die ſeligſte Wirklichkeit verwandelt hätten, daß ſie nicht län— ger allein ſei; und indem ſie ihren Kopf an ſeine Bruſt lehnte, war ſie von einem Dankgefühl durchdrungen, das viel zu innig für Worte war, von einer Ruhe, die ſie ſeit ſeiner Ab⸗ reiſe nicht einen einzigen Tag empfunden hatte. Weder ſie, noch ihr Gatte konnten glauben, daß es blos ſechs Monate ſei, ſeitdem ſie ſich getrennt; es ſchien, und namentlich Mrs. Hamilton, als wenn ſie in dieſer Zeit Jahre gelebt hätten, ſo ſorgenſchwer war ſie geweſen. „Nicht ein Wort, mein liebſtes Weib? Und nur dieſe bleichen Wangen und dieſe ſchweren Augen, um mich zu begrü⸗ ßen? Muß ich Dir den Vorwurf machen, in dem Augenblicke, wo ich nach Hauſe komme, daß Du wie gewöhnlich nicht an Dich ſelbſt gedacht haſt, daß Du vergeſſen, wie theuer Du ſo Vielen, vor allen Deinem Gatten biſt?“ „Nein, Papa, Du ſollſt Mama nicht ſchelten!“ ſagte Emmeline eifrig, als ihre Mutte zu lächeln und zu antwor— ten ſuchte.„Sie ſollte Dich ſchelten, daß Du uns nicht eine Zeile geſchrieben, um uns auf Deine unerwartete An⸗ kunft vorzubereiten, und daß Du uns Alle erſchreckt haſt, in⸗ dem Du ſo plötzlich über uns gekommen, daß Mama in Ohnmacht fällt, wie ich es noch nie von ihr geſehen habe.— Liebe Mutter, das gefällt mir wirklich nicht,“ fuhr das liebe⸗ volle Mädchen fort, indem ſie vor ihrer Mutter niederkniete und ſich an ſie klammerte, während ſie mit leiſer erſchreckter Stimme hinzufügte:„Es war ſo todtenähnlich!“ Mrs. Hamilton bemerkte augenblicklich, daß Emmeline nur ſcherzte, um ihre ſtarke Bewegung zu verbergen, daß ſie ſich große Mühe gebe, ſich zu beherrſchen, aber ſo zittere, daß ſie niederkniete, buchſtäblich, weil ſie nicht ſtehen konnte. Es 475 war ein ſolcher Beweis von ihrem guten Willen, von den guten Lehren ihrer Mutter Nutzen zu ziehen, daß er ihr ſelbſt in dieſem Augenblicke nicht nur die größte Befriedigung ge⸗ währte, ſondern auch ihr half, ſich zu ſammeln.„Allerdings, Emmy,“ ſagte ſie mit ihrer gewöhnlichen Stimme, indem ſie ihr Kind einen Augenblick an ſich drückte und ſie auf die Wange küßte, die faſt eben ſo bleich war wie die ihrige,„ich glaube, Du haſt ganz recht. Ich will es mir nicht gefallen laſſen, daß Papa mich ſchilt, wenn er ſelbſt an meiner unge⸗ wöhnlichen Schwäche Schuld iſt; aber da wir ihn ſo ſehr vermißten, ſo wollen wir gelinde gegen ihn verfahren und ihn nur für einige Zeit als Gefangenen bei uns behalten. Aber beſorge raſch Frühſtück, Caroline, ſolch ein früher Gaſt muß darnach verlangen. Wann langteſt Du an, liebſter Arthur?“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihm in's Geſicht blickte und ſich faſt über den Ausdruck deſſelben wunderte, denn er ſchien ſo Vielerlei zu ſagen.„Doch nicht heut Morgen? Du warſt bei dem ſtarken Sturm nicht auf dem Meere?“ „Das war ich allerdings, meine Emmeline. Kannſt Du es erzählen hören, oder biſt Du bereits aufgeregt genug? Ich bin in Gefahr, in großer Gefahr geweſen, aber die un⸗ endliche Gnade unſeres Vaters hat mich Euch Allen erhalten, indem er zum Werkzeug meiner Rettung einen ſo jungen Burſchen und eine ſo ſchlanke Geſtalt gemacht hat, daß ich nicht weiß, wie ich Gott genugſam ſegnen oder meinem Ret⸗ ter danken ſoll.“ Mrs. Hamilton's Hand faßte krampfhaft die ihres Gatten, ihre Augen waren auf ſein Geſicht geheftet, als wenn ſie Alles, was er ſagen wollte, auf einmal erfaſſen möchte, aber ſie hatte in der That keine Ahnung von dem Allen. „Ich kam nicht allein,“ fügte er hinzu, indem er nach Faſſung und ſelbſt nach einem heiteren Tone ſtrebte,„doch ſcheint es, als wäre ich eine ſo wichtige Perſon, daß Ihr nur mich geſehen und nur an mich gedacht habt.“ „Ich dächte, ich hätte Edward geſehen,“ entgegnete Ca⸗ roline, die bei der Kunde, daß ihr Vater in Gefahr geweſen, den Frühſtückstiſch verlaſſen hatte und außer Stande war, ſich von ihm fernzuhalten; aber weder ſie, noch Jemand von 476 den Anderen brachte ihren Couſin mit Mr. Hamilton's Worten in Verbindung, und ſie konnte ſich gar nicht denken, warum er den intereſſanten Gegenſtand mit einem Male ab⸗ gebrochen hatte.„Er iſt wahrſcheinlich zu Ellen gegangen, und deshalb haben wir ihn vermißt. War er Dein Beglei⸗ ter, Papa? Wie und wo trafſt Du ihn?“ „Er mag für ſich ſelbſt antworten“ erwiderte Mr. Ha⸗ milton, immer noch ſeine Gefühle entſchieden unter einem ſcherzhaften Tone verbergend, und indem er ſeine Gattin einen Augenblick verließ, zog er Edward aus der Fenſterni⸗ ſche hervor, wo er die ganze Zeit völlig unbemerkt geſtanden hatte, und führte ihn vor. „Guter Himmel! Edward, was haben Sie gehabt?“ rief Miß Harcourt aus und ihren Ausruf wiederholten Caroline und Emmeline, während Mrs. Hamilton ihn mit der größten Unruhe anſah. Er war todtenbleich, ſchien an der größten Erſchöpfung zu leiden, und hatte ein höchſt entſtellendes Pflaſter auf der linken Stirn, welches er vergeblich mit ſei— nem Haar zu verdecken geſucht hatte.„Sind Sie im Gefecht geweſen?“ „Blos mit den Elementen, Miß Harcourt, und ſie haben mir ziemlich zugeſetzt, das iſt Alles. Ich werde in ein paar Tagen wieder wohl ſein. Sieh nicht ſo erſchrocken aus, liebe Tante,“ fuhr er in demſelben ſcherzhaften Tone wie ſein On⸗ kel fort, und indem er ſich auf eine Ottomane warf, legte er ſeinen Kopf ſehr ruhig in Mrs. Hamilton's Schoß. „Im Gefecht? Und mit den Elementen? Arthur, liebſter Arthur, habe Mitleid und ſage mir ſogleich die ganze Wahr⸗ heit. Es kann nicht ſein—“ „Und warum ſollte es nicht, meine Geliebte?“ er⸗ widerte Mr. Hamilton, der jetzt nicht mehr ſcherzte.„Er, dem Deine Pflege eine Schweſter erhalten, dem Deine Nach⸗ ſicht und Liebe den Muth gegeben hat, den Entſchluß zu faſ⸗ ſen, ſeine Verirrungen wieder gut zu machen, und der alle unſere Wünſche erfüllen wird, den Du an Dein Herz und in Dein Haus genommen, als er eine Waiſe war, hat Gott in ſeiner Gnade zum Werkzeug gemacht, Deinen Gatten von 477 dem Waſſertode zu retten, und Deinen Kindern ihren Vater zurückzugeben.“ „O Tante Emmeline! In Deinem Herzen mit anderen Gedanken, als mit denen der Undankbarkeit, der Grauſam⸗ keit und der Sünde verknüpft zu ſein, für dieſe große Gnade kann ich Gott nicht genug danken!“ das waren die einzigen Worte, die der arme Edward ſprechen konnte, als die erſte Aufregung ſeiner Tante einigermaßen überwunden war und ſie in ſein junges Geſicht blicken konnte, wiewohl ihre Augen faſt von Thränen geblendet waren, und indem ſie das glän⸗ zende lockige Haar zurückſtrich, welches der Regen und der Schaum ſo glatt gemacht, daß es ſchwer und feucht auf ſei⸗ ner bleichen Stirn lag, drückte ſie einen langen ſtummen Kuß darauf, und während ſie abwechſelnd ihn und ihren Gatten anſah, ſchien ſie unfähig, einen anderen Gedanken zu faſſen. Mr. Hamilton erzählte kurz und ſehr beredt die Ereig⸗ niſſe des verfloſſenen Abends und weilte nur gerade ſo lange bei ſeiner drohenden Gefahr, um die Wichtigkeit von Edwards außerordentlichen Anſtrengungen darzuthun, nicht um die Gefühle ſeiner Zuhörer mehr als nöthig auf die Folter zu ſpannen. Der entſchiedene Widerſtand des jungen Offiziers gegen die faſt leidenſchaftlichen Anſichten des Capitän Har⸗ vey und des alten Collins in Betreff des beſſeren Landungs⸗ platzes hatte ſie vor den Wirkungen der ungeheuren Woge gerettet, die wie eine Waſſerhoſe eine Minute, nachdem ſie Alle glücklich an's Land geſprungen, geborſten war, und die Sandbank, wohin Collins das Boot zu richten gewünſcht, völlig überſchwemmt hatte, und ſo habe Edward zu⸗ gleich bewieſen, daß er eine weit höhere nautiſche Bildung beſeſſen, denn hätten ſie die ſchwache Barke dorthin geſteuert, ſo würden ſie unbedingt gekentert und die Mannſchaft würde durch die zurückkehrende Fluth nach dem Meere zurückge⸗ ſchwemmt worden ſein. Harvey und Collins erkannten ihren Irrthum ſofort und ſuchten nach Edward, um es ihm zu ſa⸗ gen, aber er war in dem Augenblicke verſchwunden, wo ſie glücklich an's Land gekommen, und zwar zu Mr. Hamilton's großem Verdruß, denn er hatte nicht die mindeſte Ahnung 478 gehabt, wer er war, und ſehnte ſich nur ſeine Dankbarkeit auszuſprechen, wenn er ſie nicht in andererer Weiſe bezeigen könne. Collins und Grey wieſen ſelbſt die geringſte Beloh⸗ nung zurück und erklärten, wenn es nicht für den jungen fremden Offizier geweſen wäre, von dem ſie nichts wüßten, nicht einmal ſeinen Namen, ſo würde ſich kein Menſch gerührt haben; einem Fiſcher oder einem gewöhnlichen Matroſen wäre es ſo unmöglich geweſen, das Boot bei ſolcher See nach dem ſinkenden Schiffe und zurückzuführen, daß es Niemand gewagt haben würde. Der alte Collins ſchloß damit, daß er, aber⸗ gläubiſch wie ſein ganzer Stand, erklärte, ſein Verſchwinden beſtätige ſeine Vermuthung, daß es ein guter Engel in Kna⸗ bengeſtalt geweſen, denn Arthur Hamilton habe nicht ſo un⸗ tergehen ſollen; eine Erklärung— fügte Mr. Hamilton la⸗ chend hinzu,— an die ſeine Emmy vielleicht geglaubt haben würde, die aber für ihn zu phantaſtiſch geweſen ſei. Indeß ſein junger Retter war nirgends zu finden, aber zu ſeinem außer⸗ ordentlichen Erſtaunen und zu ſeinem nicht geringen Troſte— denn nun, wo er der Heimath ſo nahe war, wurde ſeine Angſt, von Allen, namentlich von Ellen zu hören, die er kaum noch am Leben zu finden hoffen durfte, ganz unerträglich— ſtand auf einmal Mr. Howard vor ihm und ergriff ſeine Hände, ohne ein paar Minuten ſprechen zu können. Mr. Hamilton über⸗ häufte ihn mit Fragen und ließ ihm kaum Zeit, die eine zu beantworten, ehe er die andere that. Sie hatten ziemlich das Hotel erreicht, als ſie Capitän Harvey's rauhe Stimme rufen hörten:„Hier iſt er, Mr. Hamilton. Er iſt zu er⸗ ſchöpft, um ſich unſerm Dank und unſeren Segnungen ent⸗ ziehen zu können. Was hat den jungen Menſchen bewogen, ſich zu verbergen?“ Aher ehe Mr. Hamilton eine andere Antwort geben konnte, als daß er dem jungen Manne kräftig die Hand drückte, ſagte Mr. Howard eifrig:„Capitän Harvey, thun Sie mir den Gefallen, und führen Sie den armen Jungen in unſer Hotel, es iſt gerade um die Ecke herum; laſſen Sie ihm ſeine triefende Jacke ausziehen und geben Sie ihm etwas von Ihrem Seemannsgetränk. Er iſt heute Nacht nicht mehr 479 ſtark genug, um ſich ſelber zu helfen, und muß Ruhe haben.“ Capitän Harvey führte oder trug ihn faſt fort, denn Anſtren⸗ gung und die mannichfaltigſten Gefühle hatten ihn ganz ſchwach und kraftlos gemacht.„Kennen Sie ihn, Howard? Wer und was iſt er?“ Aber Mr. Howard kannte ihn nicht, vielleicht konnte er nicht antworten, ſondern führte ſeinen Freund nach dem Hotel, und er trat in das Zimmer, wo ſie, nachdem er nach Licht und den Ingredienzien zu einem Grogpunſch ge⸗ rufen, den der Junge anſtatt Branntwein und Waſſer haben ſolle, was er beſtellt, Edward fanden, der zu lachen ſuchte und gegen alles heiße Getränk proteſtirte; er ſei vollkom⸗ men wohl, und er wolle nicht zu Bett gehen, und er könne ſich nicht denken, welches Recht Capitän Harvey habe, ein Seemann zu ſein, wenn er ſo ſehr an den Sturm, die Wunde und das Naßwerden denken könne. „Ich würde es auch nicht, wenn Ihr ein aufgetakelter Matroſe wäret, aber Ihr habt ein ſo bleiches und zartes Geſicht wie ein Weib.“ Und allerdings hatte er ſo große Aehnlichkeit mit ſeiner ſterbenden Mutter, daß Mr. Hamilton einen Augenblick vollſtändig erſtarrt auf der Schwelle ſtand.— Wir über⸗ laſſen es unſeren Leſern, ſich das Uebrige zu denken, und wie Capitän Harvey die ſcheinbar wunderbare Neuigkeit, daß der brave junge Offizier Mr. Hamilton's eigener Neffe ſei, in wunderbar kurzer Zeit über die ganze Stadt und über alle Fiſcherhütten verbreitete. Wir können hier ſogleich angeben, um uns weitere Rück⸗ blicke zu erſparen, daß Mr. Hamilton mit Hülfe Mortons nach einem dreimonatlichen Aufenthalte in Farö die Beobach⸗ tung gemacht hatte, daß er viel früher, als er zuerſt ge⸗ fürchtet, nach England zurückkehren könne. Dennoch wollte er ſelbſt die Wahrſcheinlichkeit ſeiner Familie nicht mittheilen, bis ſie ganz gewiß ſein würde. Morton hatte nie aufgehört, ihm zuzureden, den Zeitpunkt ſeiner Rückkehr zu beſtimmen, da er wußte, welcher Troſt es ſeinem Hauſe ſein würde; aber Mr. Hamilton konnte den Gedanken nicht ertragen, ſeinen Freund ſo viele Monate früher, als ſie erwartet hat⸗ 480 ten, in ſeiner freiwilligen Verbannung zu verlaſſen. Als indeß die Briefe von Dakwood kamen, welche über die Rück⸗ kehr Edward's und die Enthüllungen berichteten, welche daraus hervorgegangen waren, veranlaßten ihn ſeine Sorge und, wir wollen es nur geſtehen, ſein außerordentliches Mißvergnügen über ſeinen Neffen, ſogleich zur Rückkehr. Morton überwand nicht nur jeden Einwurf gegen ſeine un⸗ mittelbare Abreiſe, ſondern verſuchte auch, und zwar mit einigem Erfolg, ſeinen Zorn zu beſänftigen, indem er ihn auf viele Punkte in Mr. Howard's Briefe aufmerkſam machte, die von wahrer und aufrichtiger Reue des jungen Sünders zeugten, die beim erſten Durchleſen natürlich über⸗ ſehen worden waren. Das Meer indeß war ſo furchtbar unruhig und der Wind ſo ungünſtig, daß es unmöglich war, volle vierzehn Tage nach der letzten Fahrt der Sirene von Farö abzureiſen oder einen Brief nach Schottland be⸗ fördern zu laſſen. Nichts als die äußerſte Noth, die noch durch den Umſtand geſteigert wurde, daß der Aufenthalt der Sirene in Wick Mr. Hamilton ein doppeltes Brief⸗ packet gebracht hatte, und daß das zweite, wiewohl es zehn Tage ſpäter datirt war, denſelben hoffnungsloſen Bericht über Ellen abſtattete, konnte ihn eine Heimfahrt in ſolchem Wetter verſuchen laſſen. Doch fühlte er, daß er keine Ruhe finden konnte, da er wußte, welches Elend ſeine Gattin zu erdulden hätte, und er war kaum im Stande, auch nur den Gedanken zu ertragen, daß, was möglich ſchien, Ellen ihr genommen, und daß die Trübſal dadurch noch vergrö— ßert werden möchte. Die Reiſe war eine furchtbare in Folge der langen und ſchweren Stürme. Mehr als einmal wünſchten ſie in einen Hafen einzulaufen, damit Mr. Ha⸗ milton ſeine Reiſe zu Lande hätte fortſetzen können, aber ihre einzige Sicherheit ſchien darin zu beruhen, daß ſie ſich in offener See hielten, da der Sturm ſie an den Felſen oder auf den Sandbänken zu zerſchellen drohte, ſo oft ſie das Land in Sicht hatten. Zu der Zeit, als ſie Landsend erreichten— ſie waren nach dem Weſten von England anſtatt, wie ſie wollten, nach dem — 481 Oſten gekommen— war das Schiff in einem ſo verzweifelten Zuſtand, daß Capitän Harvey zugeſtand, ſie könnten einen neuen Sturm nicht mehr aushalten. Die Windſtille, die den ſchweren Stürmen folgte, gab Allen neue Hoffnung, wiewohl ſie ſie nicht ſo weit kommen ließ, als ſie wünſchten, da der Wind ſich beſtändig drehte, der jetzt nicht mehr ſtärker war, als was in der Seemannsſprache„Katzenpfote“ heißt. Endlich waren ſie 20 Meilen von Dartmouth, und nicht ein Zweifel über ihre ſichere Ankunft beunruhigte ſie, bis die Luft ſich verfinſterte, die Wellen dumpf rauſchten, der Wind zuerſt ſeufzte und klagte und dann in den furchtbaren Sturm ausbrach, den wir vorhin beſchrieben haben, und der jede menſchliche Hoffnung ſogleich verſcheuchte. Das Steuerruder zerbrach, alle halbe Stunden ſtieg das Waſſer, wiewohl Al⸗ les an den Pumpen arbeitete; es war nicht mehr ein Fetzen Leinwand an den Raaen, und die Stengen zerbrachen wie Rohr vor dem Sturme. Das Schiff zu ſteuern war un⸗ möglich, es wurde fort und fort getrieben, bis es eine Meile von Dartmouth auf ein Felſenriff gerieth, dann kamen ihre Nothſignale als letzte verlorene Hoffnung, denn die Mann⸗ ſchaft der Sirene beſtand aus lauter zu guten Seeleuten, als daß ſie zu glauben gewagt hätten, ein Boot könnte bei einer ſolchen See ſich herauswagen. Ihre Verwunderung, ihre Hoffnung, ihr inniger Dank, als ſie es ſahen, läßt ſich daher denken. Das Uebrige kennen unſere Leſer. „Und wie erhielteſt Du dieſe entſtellende Wunde, mein lieber Edward?“ fragte ſeine Tante, deren Augen auf ihn gerichtet waren, als wenn es ihr unmöglich wäre, dieſe ſchlanke Geſtalt mit ſo ungeheuren Anſtrengungen in Ver⸗ bindung zu bringen. Doch als einige Zeit verfloſſen war, hatte ein geſelliges heiteres Frühſtück, um das ſich Alle ſam⸗ melten, ſie in den Stand geſetzt, die ſchmerzliche Bewegung zu unterdrücken und nur der innigſten dankbarſten Freude ſich hinzugeben. „O, bitte, Tante, nenne ſie nicht entſtellend, ich bin ganz ſtolz darauf. Geſtern Nacht hätte ich der armen Si⸗ rene ein ſolches ſchlagendes Zeichen der Liebe ſchenken kön⸗ 31 nen, wiewohl ich es kaum fühlte, außer daß mir das Blut über das Auge tröpfelte und mich faſt blind machte, wo ich meine ganze Sehkraft und alle meine Sinne brauchte; aber heut Morgen hat Mr. Howard ſo viel Gerede darum ge⸗ macht, daß ich wirklich denke, es muß etwas ganz Groß⸗ artiges ſein.“ „Aber weßhalb verſteckteſt Du Dich denn, Ned?“ fragte Emmeline, deren ganze Munterkeit zurückgekehrt war. Ihr Couſin zauderte und erröthete bis an die Schläfe. „Es war Furcht, Emmeline, bloſe Furcht.“ „Furcht?“ wiederholte ſie lachend,„vor was? Vor all den Kobolden und den Geiſtern der Winde und Wellen, deren Zorn Du herausgefordert, indem Du Dich ihnen zu widerſetzen wagteſt? Unſinn, Edward! Das wirſt Du mich nie glauben machen.“ „Weil Du mich nicht kennſt,“ antwortete er mit über⸗ raſchendem Ernſt.„Wie kann Deine ſanfte Natur die Widerſprüche der meinen verſtehen? Oder wie kannſt Du, die Du Deinen Vater ſo ſehr liebſt, wie er es verdient, Dir die Furcht, den Glauben an ſeine mitleidloſe Härte gegen jugendliche Vergehungen denken, den ich von Jugend auf einſog? Er hielt, er hält mein Schickſal in den Händen, von ihm hing Verzeihung oder Verſtoßung ab, wie konnte ich ihm da ruhig begegnen? Emmeline! Wenn ich ſittlich ſo brav geweſen wäre, wie ich phyſiſch muthig ſein mag, ſo würde ich nichts zu fürchten, nichts zu verbergen gehabt haben. Wie die Sache einmal ſteht, Onkel Hamilton, handle, entſcheide, wie Du gethan haben würdeſt, wenn ich nicht das unverdiente Werkzeug geweſen wäre, Dich zu retten, es wird das Beſte für mich ſein.“ Und indem er raſch aufſtand, verließ er das Zimmer, ehe Jemand antwor⸗ ten konnte. „Aber Du wirſt ihm verzeihen, Papa! Du wirſt es noch einmal mit ihm verſuchen, und ich bin überzeugt, er wird auch ſittlich brav ſein,“ bat Emmeline. Ihre Schweſter und Miß Harcourt ſchloſſen ſich ihren Bitten und ihrem Glauben an, und Mrs. Hamilton ſah ihrem Gatten in's Geſicht, ohne 483 ein Wort zu ſprechen. Mr. Hamiltons Antwort ſchien alle Parteien zufrieden zu ſtellen. Inzwiſchen war Ellen ganz erquickt aufgewacht, und da aller Schmerz verſchwunden war, hatte ſie ſich ankleiden und nach ihren Zimmern führen laſſen. Die Ereigniſſe des Morgens waren ihr ganz unbe⸗ kannt, denn wiewohl die fröhliche Botſchaft, die ſich wie ein Lauffeuer durch das Haus verbreitete, Mrs. Langford zu Ohren gekommen war und ſie ſehr glücklich machte, ſo hatte ſie doch Verſtand genug, ſelbſt ohne die Anweiſung ihrer Herrin, dieſelbe vor Ellen geheim zu halten, bis ſie darauf vorbereitet wäre. „Was kann ich meiner kleinen Ellen ſagen, daß ich ſie ſo lange verlaſſen?“ fragte Mrs. Hamilton ſcherzend, als ſie gegen zwölf Uhr nach einer langen Unterredung mit ihrem Gatten in ihr Zimmer trat. „Ich wünſchte, Du ſagteſt mir, Du hätteſt Dich nieder⸗ gelegt, liebe Tante. Dieſer Grund würde mir beſſer ge⸗ fallen, als jeder andere.“ „Weil Du glaubſt, daß mir dies am wohlſten thun würde, liebes Kind. Aber ſiehe mich an und ſage mir, ob Du nicht glaubſt, daß ich ein ebenſo wirkſames Mittel an⸗ gewandt haben muß.“ Ellen ſah ſie an, und dieſes liebe Geſicht ſtrahlte vor Glück, ſo daß ſie überraſcht war. „Was iſt vorgefallen, Tante Emmeline? Du haſt von meinem Onkel Nachricht,“ fügte ſie mit zitternder Stimme hinzu.„Was ſagte er?“ „Er ſagt, Du müßteſt all' Dein Lächeln zuſammen⸗ nehmen, um ihn zu begrüßen, denn er hofft ſehr, ſehr bald bei uns zu ſein. Daher wirſt Du Dich nicht über meine Freude wundern.“ Ellen hätte dieſelbe gern getheilt, aber Mrs. Hamilton ſah bald, daß ihre vielleicht natürliche Furcht, was ihr Onkel über ihren Bruder und ſie ſelbſt urtheilen würde, keine freudige Hoffnung auf ſeine Ankunft aufkommen ließ, und daß der einzige wirkſame Weg, dieſelbe zu verſcheuchen, der war, ſie ſobald als möglich zuſammen zu bringen. 31* Zweiunddreißigſtes Kapitel. Vergebung. Drei Tage nach Mr. Hamilton's Ankunft verſammelte ſich eine heitere Geſellſchaft in dem Toilettenzimmer ſeiner Gemah⸗ lin, das nach ſeiner eleganten Einrichtung— lauter Zeichen eines höchſt gebildeten Geſchmacks— eine höhere Benennung verdient hätte, aber Budoir— hatte Percy immer erklärt— paſſe nicht zu dem alten engliſchen Comfort von Oakwood, und er wolle kein franzöſiſches Wort haben, namentlich um das Zimmer ſeiner Mutter zu bezeichnen. Ellen ſaß auf dem Sopha und arbeitete, Edward, von dem ſie dachte, daß er erſt heute Morgen zurückgekehrt ſei, ſaß an ihrer Seite und las, Caroline und Emmeline zeichneten, die eine mit geringer, die andere mit gar keiner Luſt. Es ſchien, als wenn ſie nicht ſtill ſitzen könnten, und Miß Harcourt blickte oft erſtaunt von ihrem Buch und Mrs. Hamilton von ihrer Arbeit auf, wenn ſie ihre Scherze ſprudeln und Bruchſtücke aus alten Volksliedern ſingen hörten. „Emmeline, ich kann nicht zeichnen,“ rief Caroline endlich aus,„Du machſt den Tiſch ſo unruhig, wie Du ſelbſt biſt.“ „Warum kannſt Du nicht ſagen, daß er von einer un⸗ widerſtehlichen Sympathie bewegt ſei? Es iſt höchſt ſonder⸗ bar, daß Du immer noch ſo proſaiſches Zeug ſprechen kannſt, während ich Alles thue, was in meinen Kräften ſteht, um Dich poetiſch zu machen.“ ˙ „Aber worüber ſoll ich jetzt poetiſch geſtimmt ſein, Emmeline? Ueber den Tiſch oder über Dich ſelbſt? denn ihr ſeid die beiden einzigen Gegenſtände, die gegenwärtig in Betracht kommen, und ich kann wirklich in Beiden nichts Poetiſches ſehen.“ „Auch nicht in mir, Lina?“ erwiderte Emmeline ſchel⸗ miſch, indem ſie ſich niederbeugte, ſo daß ihr Geſicht anſtatt des Modelles einer ſehr hübſchen kleinen Marmorfigur vor ihrer Schweſter ſtand.„Wenn Du nicht das entſchiedenſte 485 Stück Proſa in der Welt wäreſt, würdeſt Du ſelbſt in mei⸗ nem Geſicht Poeſie finden. Denn ſieh, der Künſtler blickt nicht mehr Auf Züge ſtumm und kalt, Er ſteht verwirrt und ſieht erſtaunt Auf Reize mannigfalt. Erwärmt hat ſich der Stein, berührt Gleichſam von Schöpferkraft, Und um den Mund ein Lächeln ſpielt, Wie nie ein Bildner ſchafft. „Das iſt es, Caroline, was Du hätteſt fühlen ſollen. Wenn ich Gedichte auf mein eigenes Geſicht machen kann—“ „Ein Gedicht auf Dich ſelbſt! Ich dachte, Du citirteſt einen Vers aus einem alten Dichter, den ich nicht kenne. Ich bitte um Entſchuldigung! Ich wußte nicht, daß Deine Lieblingsmuſe Dich zur Dichterin gemacht.“ „Auch ich wußte es bis zu dieſem Augenblicke nicht. Sie war bange um ihren Ruf in der Nähe einer ſolchen Verehre⸗ rin der Proſa und erfüllte mich daher mit poetiſcher Begei⸗ ſterung. Ich bin ihr außerordentlich verbunden, aber wenn es mir auch nicht gelang, Dich poetiſch zu ſtimmen, Caroline, ſo hätteſt Du doch Cowper nachahmen und anſtatt das Sopha den Tiſch beſingen können. Es hätte ſich wirklich ein ganz hübſches Gedicht daraus machen laſſen. Siehe einmal die mannichfachen und geſchmackvollen nützlichen Dinge, die auf einem Tiſch liegen, und da ſteht er mitten unter ihnen kalt, gefühllos, gerade wie Einer, den wir mit Gunſtbezeugungen überhäufen, und der ſich ſo egviſtiſch auf ſich ſelbſt beſchränkt, daß er gegen alles Andere gleichgültig iſt. Nun, Caroline, bringe das in Reime, oder wenn Du es vorziehſt, in reim⸗ loſe Verſe; es iſt wenigſtens eine neue Idee.“ „So neu,“ erwiederte ihre Schweſter lachend,„daß ich ſie an Perey zu ſchicken und ihn zu bitten denke, er möge eine griechiſche oder lateiniſche Ode daraus machen. Sie wird wenigſtens großartiger werden, als meine engliſche Bearbei⸗ tung. Du haſt Mama durch Deine tolle Laune ſo über⸗ raſcht, Emmeline, daß ſie wirklich ihre Arbeit weggelegt hat.“ „Wie freue ich mich!“ erwiderte Emmeline, indem ſie zu 486 ihrer Mutter ſprang.„Ich ſehe es gern, wenn andere Leute ſo müſſig ſind, wie ich ſelbſt.“ „Aber es giebt einen Mittelweg in allen Dingen,“ ant⸗ wortete ihre Mutter halb ernſt, halb in Emmelinens eigenem Ton,„und ich ſollte denken, daß Dir Dein Gewiſſen ſagen müßte, daß es nicht ganz recht iſt, eine Muſe der anderen zu Gefallen zu verlaſſen, wie Du es eben machſt.“ „O, meine Zeichnung muß warten, bis die Muſe der Kunſt mich wieder begeiſtert. Die Poeſie kommt nicht im⸗ mer und ihre Beſuche ſind ſo angenehm.“ „Dann fürchte ich, wirſt Du mich für ſehr ſtreng hal⸗ ten, Emmeline, aber ſo angenehm ſie ſind, ſo darf ich ſie doch nicht immer begünſtigen. Wenn Du Dich dem Gedanken hingiebſt, nur arbeiten zu wollen, wenn die Begeiſterung über Dich kommt, oder einfach, nur wenn Du Luſt haſt, ſo wirſt Du das Leben ohne einen feſten Gedanken oder eine beſtimmte Leiſtung vertändeln. Du denkſt vielleicht jetzt, wo Du an Arbeit gewöhnt biſt, daß dies unmöglich ſei, aber Du biſt gerade in einem Alter, welches ſehr ſtrenge Wach⸗ ſamkeit über Dich ſelbſt verlangt, um dem vorzubeugen. Du trittſt nun aus den Kinderſchuhen heraus, biſt zu alt, um Dich zu dem antreiben zu laſſen, was Recht iſt, und biſt, was Deine Aufgabe, Dich ſelbſt zu beherrſchen, noch ſchwie⸗ riger macht, empfänglicher für die Poeſie, und was Du Be⸗ geiſterung nennſt, als ſonſt. Du mußt daher ein wenig von Carolinens Proſa in Deine Poeſie aufnehmen, anſtatt ſie als etwas Kaltes und Unangenehmes faſt zu verachten. Mache nicht ein ſo trübes und ernſtes Geſicht, liebes Kind, und glaube nicht, daß ich unzufrieden bin, weil ich ernſt ſpreche. Ich liebe Deine Heiterkeit viel zu ſehr, als daß ich ſie un⸗ terdrücken oder wünſchen möchte, daß Du es ſelbſt thäteſt, beſonders im Kreiſe Deiner Familie. Aber gerade wie Du die Nothwendigkeit, Dich im Schmerz zu beherrſchen gelernt haſt, ſo, meine liebe Emmeline, bin ich überzeugt, wirſt Du auch meiner Erfahrung vertrauen und ſelbſt in den Augen⸗ blicken ppetiſcher Begeiſterung Selbſtbeherrſchung üben.“ Emmeline ſaß einige Minuten ganz ſtill. Sie war ge⸗ 487 rade in der Laune größter Heiterkeit, welche die Selbſtbe⸗ herrſchung außerordentlich ſchwer macht und die mindeſte Beſchränkung derſelben unfreundlich findet. Sie war nicht ſo vollkommen, um dieſem Gefühle zu entgehen, wiewohl es ihre eigene geliebte Mutter war, die daſſelbe veranlaßt hatte, aber ſie ließ es nicht aufkommen. Nach einigen Minuten harten Kampfes war die augenblickliche Laune ſo völlig über⸗ wunden, daß ſie mit einem warmen Kuſſe verſprach, ernſt⸗ haft über Alles nachzudenken, was ihre Mutter ihr geſagt habe, und daß ſie noch gerade ſo heiter war, wie vorher, wiewohl ihr dies weit ſchwerer wurde. „Ich habe ſo viele Fehler in meiner Zeichnung gemacht, daß ich heute wirklich nicht daran denken kann, weiter zu zeichnen; erlaube, daß ich Dir ein wenig helfe, ich will mir ſolche Mühe nehmen, daß die Arbeit faſt eben ſo nett werden ſoll, wie die Deinige. Dann kann ich wenigſtens ſchwatzen, wiewohl meine Finger beſchäftigt find.“ Mrs. Hamilton willigte ein und ſagte ihr mit einem eigenthümlichen Lächeln des Beifalls, welches Emmelinens Herz immer klopfen machte, ſie möge ſchwatzen ſo viel ſie wolle. „Edward, was beſchäftigt Dich ſo ſehr?„Reiſebruch⸗ ſtücke“ Ich hätte gedacht, es wäre etwas Ernſteres, als das, da Du einen ſo großen Ernſt darauf verwendeſt. Weißt Du,“ fuhr ſie fort,„als ich zuerſt dieſes Buch las, was ich blos that, weil ich eine geheime Neigung zu einem hübſchen Couſin von mir hatte, der Seemann war, freute ich mich ſo ſehr über die Schwänke, die ihr in dem Lazareth machtet, daß ich große Luſt hatte, mich als Midſhipman zu verklei⸗ den und Dir nachzukommen. Das würde eine prächtige Geſchichte gegeben haben. Aber ich dachte, Mama und Papa würden nicht ganz derſelben Anſicht ſein, und ſo unterließ ich es. Würde ich nicht einen ſehr hübſchen Knaben ſpielen, Edward?“ „Einen ſo hübſchen Jungen,“ erwiderte er lächelnd, „daß ich fürchte, Du würdeſt Dein Incognito nicht eine halbe Stunde bewahrt haben, namentlich mit dieſen langen Locken.“ 488 „Meine liebe Emmeline, ſage mir, was Dich ſo guter Laune gemacht hat?“ fragte Ellen.„Vorige Woche warſt Du ſo traurig und die letzten drei Tage biſt Du ſo—“ „Wild, daß es Dich erſchreckt hat, Ellen. O, wenn Du nur den Grund wüßteſt.“ „Befriedige doch lieber ihre Neugier, Emmy,“ ſagte Mrs. Hamilton ſo bedeutungsvoll, daß Emmeline ſie ſofort verſtand.„Erzähle ihr ſo pvetiſch und ausführlich, wie Du willſt, was vor drei Tagen in dieſem furchtbaren Sturme ſich zugetragen hat. Niemand wird Dich unterbrechen, wenn Du nur Dich hüten willſt, nicht zu übertreiben oder Jemand in Unruhe zu verſetzen.“ Edward überließ ſeinen Stuhl ſeiner Coufine, und Em⸗ meline begann ſogleich mit einer höchſt lebhaften Schilderung des Sturmes, des Schiffbruchs und der Rettung. Und ſie wußte alle Namen ſo geſchickt zu umgehen, daß Ellen nicht die mindeſte Ahnung hatte, daß der Gerettete oder der Retter in irgend einer Beziehung zu ihr ſtänden, und ſo außerordent⸗ liches Intereſſe daran fand, daß ſie die Frage, die ihr zuerſt eingefallen war:„Was dies mit Emmelinens heiterer Laune zu thun haben könne?“ ganz aus den Augen verlor. „Du willſt doch nicht ſagen, daß er ſeinen eigenen Vater rettete?“ ſagte ſie, als ihre Couſine eine Minute inne gehal⸗ ten, um Athem zu ſchöpfen.„Deine Erzählung iſt ſo ro⸗ manhaft, Emmy, daß ich kaum weiß, wie weit ich daran glauben ſoll.“ „Ich verſichere Dich, daß ſie ganz wahr iſt. Denke Dir nur, welche Gefühle mein junger Held und die Familie ge⸗ habt haben muß, der er den Vater und Gatten zurückgab!“ „Ich ſollte meinen, daß ſie ſo innig, ſo heilig ſein müſſen, daß man ſie ſich kaum vorſtellen kann, ſelbſt nicht mit einer lebhaften Phantaſie, Emmy.“ „Daß weiß ich nicht, Ellen, aber ich denke, ich kann ſie mir vorſtellen. Du magſt immerhin den Kopf ſchütteln und ein kluges Geſicht machen, aber ich will Dir bald beweiſen, daß ich es kann. Aber was denkſt Du von meinem Helden?“ „Ich möchte ihn kennen lernen und würde ihn ganz ſo 489 ſehr bewundern, wie Du es wünſchen kannſt. Und wer er⸗ zähte Dir das Alles?“ „Einer der Hauptacteure der ganzen Geſchichte.“ „Wie? Iſt Deine Neigung zu allem Ungewöhnlichen bis nach Dartmouth gedrungen und hat Dir der alte Collins die Sache erzählt?“ „Nein,“ erwiberte Emmeline lachend,„rathe noch ein⸗ mal!“ „William Grayt“ „Nein!“ „Einer von der geretteten Mannſchaft, der die Tante kennt?“ „Eben ſo wenig, Ellen!“ „Dann kann ich nicht rathen, Emmeline. Bitte, ſage es mir!“ „Du biſt ſehr einfältig, Ellen! Waren nicht Mr. Howard und Edward zu der Zeit in Dartmouth? Warum rietheſt Du nicht auf ſie? Nicht, als ob ich es gerade von ihnen hätte—“ „Edward?“ wiederholte Ellen,„wußte er etwas da⸗ von?“ „Mehr als ſonſt Jemand, liebſtes Kind,“ antwortete Mrs. Hamilton vorſichtig, aber zärtlich.„Halte die wun⸗ derbare Erzählung Emmelinens mit meinem Glücke vom geſtrigen Morgen zuſammen, und ich denke, Dein Herz wird Dir das Uebrige erklären.“ „Namentlich mit dieſem ſprechenden Zeugniß,“ fuhr Em⸗ meline fort, indem ſie ſpielend Edward's Haar zurückſtrich, damit Ellen die Wunde ſehen konnte. Sie verſtand augen⸗ blicklich, was ſie wollte, und indem ſie ihren Bruder um⸗ armte, der neben ihr niederkniete, ſuchte ſie ihre Aufregung zu überwinden, konnte es aber nicht und brach in Thränen aus. „Thränen, meine kleine Ellen? Ich ſagte, ich wollte nur mit Lächeln begrüßt ſein!“ rief eine tiefe volle Stimme neben ihr aus, und ehe ſie Zeit hatte, vor ſeiner Gegenwart zu erſchrecken, umfaßten ſie die Arme ihres Onkels mit väter⸗ 490 licher Zärtlichkeit, ihr Kopf ruhte an ſeiner Schulter, und er küßte ſie auf die Wangen. „Edward!“ war das einzige Wort, das ſie ſprechen konnte. „Fürchte nichts für ihn, meine liebe Ellen. Wahre Reue und der feſte Entſchluß, ſich zu beſſern, ſind alles, was ich verlange, und wenn ſeine zukünftige Aufführung wirklich Zeugniß dafür giebt, ſo werden wir die Verirrungen ſeiner Jugend vergeſſen, als wenn ſie nie dageweſen wären.“ Und und „Ich weiß Alles, was Du ſagen willſt, mein liebes Kind. Ich dachte, Dein Vergehen könne keine Entſchuldi⸗ gung haben, aber wiewohl ich immer noch wünſche, daß Du der Verſuchung widerſtanden hätteſt, ſo haſt Du doch ſo ſchwer dafür gebüßt, daß das härteſte Urtheil Dich nicht hätte ſchlimmer ſtrafen können. Wir wollen Alles vergeben und vergeſſen.“ In ſehr wenig Minuten war Ellens Faſſung ſo vollſtän⸗ dig wiederhergeſtellt, und ihre ſchwere Furcht hatte ſo nach⸗ gelaſſen, daß ihr alles faſt wie ein Traum erſchien. War es möglich, daß es derſelbe Verwandte war, den ſie ſich hart und rauh und mitleidslos gegen jugendliche Vergehungen ausgemalt, der nun einen Stuhl an ihr Sopha gerückt hatte und liebkoſend ihre Hand in der ſeinigen hielt, und indem er ihr ſo freundlich, ſo ernſt in das veränderte Geſicht blickte, ſie dadurch zu erheitern ſuchte, daß er ihr mancherlei unter⸗ haltende Dinge von Farö und Mr. Morton und ſeiner Rück⸗ reiſe erzählte, und von ihres Bruders Muthe und ſeiner Klugheit und ſeiner Geſchicklichkeit in ſolchen Worten ſprach, daß ſie faſt wieder weinen mußte? Mr. Hamilton war un⸗ ausſprechlich erſchüttert über die Veränderung, welche kör⸗ perliches und geiſtiges Leiden bei ſeiner Nichte hervorge⸗ bracht hatte. Der Verluſt ihres ungewöhnlich üppigen Haares mit Ausnahme der weichen Flechten, welche ihr Ge⸗ ſicht beſchatteten, das unter einer hübſchen Spitzenhaube ſichtbar war, ließ ſie viel jünger erſcheinen, als ſie wirklich war, und ihre Haut war ſo durchſichtig geworden, daß man 491 die blauen Adern auf der Stirn, am Halſe und an den Händen deutlich ſehen konnte. Die dunklen, weichen Wim⸗ pern ſchienen länger als ſonſt. Die Stirn war wie gemalt, und das Auge ſprach ein ſo tiefes, ruhiges Gefühl aus, daß ihr ganzes Weſen ſich verändert zu haben ſchien, und daß man glauben mußte, das ſchwermüthige blaſſe Kind ſei raſch eines jener liebenswürdigen, herzgewinnenden Mädchen ge⸗ worden, die, ohne wirkliche Schönheit, nicht unbemerkt blei⸗ ben können. Auf Ellens dringende Bitte hatte Mrs. Hamilton, ſo⸗ bald ſie ſtark genug war, Morgens und Abends die Gebete mit ihr geleſen, welche unten in der verſammelten Familie geleſen wurden. Mrs. Hamilton nahm bald wahr, und zwar mit nicht geringem Schmerze, daß Ellen vor dem Gedanken, ſich wohl genug zu befinden, um ſich ihnen wieder anſchließen zu können, wahre Furcht hegte. Das war wieder eine Wir⸗ kung derſelben lebhaften Phantafie, von deren Vorhandenſein Mrs. Hamilton bis zu den letzten Ereigniſſen bei einem ſo ruhigen, ſcheinbar ſo kalten Kinde nicht die mindeſte Idee hatte. Ellen war ſo lange gewöhnt geweſen, ihre Gefühle zu verſchweigen, ja ſie ſorgfältig zu verbergen, daß, ſo ſehr ſie auch Aufrichtigkeit wünſchen und wollen mochte, ihre Tante doch fürchtete, es würde ihr noch manche Schwierig⸗ keit verurſachen, und ſie konnte nicht hoffen, ihre Phantaſie zu zügeln, bevor ſie nicht offen ſich ausſpräche. An dieſem Abend gab ihr indeß Ellens rückhaltloſes Vertrauen einige Hoffnung. Als das Gebet vorüber war, an dem ſie mit mehr als gewöhnlicher Inbrunſt Theil genommen hatte, ſagte ſie faſt mit Emmelinens Offenheit, indem ſie ihre Hand auf die ihrer Tante legte:„Ich bin heute Abend ſo ſehr, ſehr glücklich, liebe Tante, daß ich fürchte, ich denke nicht genug an das Vergangene. Ich fürchtete mich ſo ſehr vor Onkels Rückkehr, ich ängſtigte mich ſo ſehr, welches Urtheil er über Edward und mich fällen würde, daß ſelbſt Deine Güte die Laſt nicht von mir nehmen konnte; und nun, nachdem ich ge⸗ funden habe, daß alles ſo unbegründet, daß er ſo gut, ſo nachſichtig iſt, fühle ich mich ſo erleichtert, daß ich fürchte, ich 492 muß mehr an ſeinen Zorn, als an den Zorn Gottes gedacht haben. Mein Vergehen bleibt daſſelbe vor ſeinen Augen, wiewohl Du und Onkel Hamilton mir es ſo vollſtändig ver⸗ geben habt, und... und.. ich meine, ich dürfte mich nicht ſo glücklich fühlen.“ „O doch, meine liebe Ellen, das darfſt Du. Unſer himmliſcher Vater iſt noch gnädiger als der Menſch, wie Dir Mr. Howard in der langen Unterredung, die er mit Dir hatte, ſo klar bewieſen hat. Wir wiſſen aus ſeinem heiligen Worte, daß Alles, was er verlangt, aufrichtige Reue und die feſte Ueberzeugung iſt, daß wir nur in ihm gerechtfertigt werden, wenn er unſere Reue annimmt. Ich glaube, Ellen, daß Du ſeine Verzeihung hatteſt, noch ehe ich Dir meine ge⸗ ben konnte, denn er konnte in Deinem Herzen leſen und ſah den Grund Deines Schweigens und all die Reue und die Leiden, die ich nicht einmal errathen kounte, da der Schein gegen Dich war, und er ließ in ſeiner Liebe und ſeinem Mit⸗ leid Deine noch weitere Prüfung zu und wußte es ſo anzu⸗ ordnen, daß Deine Unterſtützung Edward nicht zu Gute kam, um Dich zu überzeugen, daß ſelbſt nicht in einem furcht⸗ baren Falle ein wenn auch unfreiwilliges Vergehen zum Ziele gelangen könne. Ich finde ſelbſt ſeine liebende Vorſehung darin, daß er Dich eine Banknote mehr finden ließ, als Du brauchteſt, damit auf ſolche Weiſe die Entdeckung möglich gemacht würde, die ohne einen ſolchen ſcheinbaren Zufall nach menſchlichen Begriffen kaum möglich geweſen wäre. Er hat Dir und Edward in den Leiden, die er Euch auferlegte, Mitleid und Liebe bewieſen. Daher gieb Dich Deiner rück⸗ kehrenden Heiterkeit ruhig hin und fürchte nicht, daß ſie ihm unangenehm ſein müſſe. Suche Alles, Freude und Schmerz, auf ihn zurückzuführen, denke immer an ihn und glaube mir, meine Ellen, Dein Glück wird Dich näher zu ihm hinziehen und vor ſeinem Angeſicht ein angenehmes Opfer ſein.“ Ellen hörte aufmerkſam und dankbar zu. Es war ihr, als wenn mit jedem Worte, das Mrs. Hamilton ſagte, der Nebel des Zweifels und leerer Einbildungen vor ihrem Geiſte verſchwänden, und nach einer kurzen Pauſe ſagte ſie:„Du 493 glaubſt alſo nicht, Tante Emmeline, daß meine Unfähigkeit zu beten, ein Beweis war, daß Gott mich gänzlich verlaſſen hatte? Es machte mich noch unglücklicher, denn ich dachte, es ſei ein ſicheres Zeichen, daß ich in der That verloren ſei, er habe mich den Lüſten meines Herzens überlaſſen und würde mich nie wieder lieben oder Mitleid mit mir haben. Selbſt nachdem Du mir völlig verziehen und mir bewieſen hatteſt, daß mein Verſprechen ein mißverſtandenes ſei, das mich nicht binde, fühlte ich immer noch, wie ſchwer es mir wurde, zu beten, und das war ſo ſchmerzlich.“ „Dieſe Unfähigkeit iſt ſehr oft eine blos phyſiſche, meine liebe Ellen. Wir dürfen daher nicht zuviel daraus machen. Unſere Pflicht iſt nur, einfach auszuharren, wie wenig uns auch unſer Gebet befriedigen mag, und unſer feſtes Vertrauen auf unſeren himmliſchen Vater zu ſetzen, daß er uns heilen und wieder ſein Antlitz über uns leuchten laſſen wird, um aus unſern Gebeten Troſt zu ziehen. Deine Unfähigkeit vor Deiner Krankheit war die natürliche Folge von Mr. Ho⸗ ward's ſtrengen Vorſtellungen, die er, wie er mir ſeitdem verſichert, niemals angewendet haben würde, wenn er die mindeſte Idee von der Urſache Deines Schweigens hätte haben können. Du, mein armes Kind, litteſt zu viel unter dem Chaos widerſtrömender Gefühle und Pflichten, als daß Du Dir dies hätteſt denken können, und ich bin gar nicht er⸗ ſtaunt, daß, als Du Dich am meiſten nach dem Troſte des Gebetes und des Vertrauens ſehnteſt, der Gedanke, daß Du durch Dein Schweigen Deine Pflicht gegen mich verletzteſt und ſo Gott ungehorſam wäreſt, Dich völlig daran gehindert haben muß. Seit Deiner ſchweren Krankheit iſt Deine Un⸗ fähigkeit, zu beten, blos eine phyſiſche. Sobald Deine Kraft und Dein Friede zurückgekehrt iſt, wirſt Du die Fähigkeit wierdererlangen und all ihren Troſt erfahren. Verſuche es und ſetze Dein Vertrauen und Deine Liebe auf Gott, ſei nicht übermüthig, wenn Du ernſte Gedanken faſſen und freu⸗ dig beten kannſt, und verzweifle nicht, wenn Dir Beides nicht gelingt. In unſeren gegenwärtigen Verhältniſſen ver⸗ anlaſſen phyſiſche Urſachen ſo oft dieſen Zwieſpalt der Ge⸗ 494 fühle in Stunden der Andacht, daß, wenn wir zu viel Anſprüche an ſie richten, wir immer auf Irrwege kommen und uns ſehr unglücklich fühlen würden. Verſuche Dein Verlangen, Gott zu lieben und ihm zu dienen, in Deinem täglichen Leben und in Deinen geheimſten Gedanken zu beweiſen, meine El⸗ len, und Du wirſt über Deinen geiſtigen Zuſtand nach Dei⸗ nen Handlungen und Gefühlen weit richtiger urtheilen kön⸗ nen, als nach der Stimmung, in welcher Du beteteſt.“ Die Aufrichtigkeit der Wahrheit und des Gefühls war in dem Benehmen der Mrs. Hamilton, ſo oft ſie mit ihrem jugendlichen Zögling ſprach, immer ſo ausgeprägt, daß ihr einfachſtes Wort Gewicht hatte, und ein Glück iſt es, wenn die Jugend den reichen Segen ſo liebevoller Rathſchläge einer ſolchen Freundin hat. Vierzehn Tage nach Mr. Hamiltons Ankunft befand ſich Ellen wohl genug, um einen Theil des Tages hinunter kom⸗ men und ſelbſt ein wenig leſen und ſchreiben zu können. Sie wollte ſo gern ihre Studien wieder vornehmen, die ſie ſeit vielen Monaten ſo vernachläſſigt hatte, daß es eine große Prüfung für ſie war, als ſie fand, daß ihr Kopf noch nicht gekräftigt genug war, um die Denkarbeit ertragen zu kön⸗ nen. Die Geneſung nach einer ſo ſchweren Krankheit war von vielen, ſehr vielen Entbehrungen und Prüfungen beglei⸗ tet, die nur Ellens Herz und die lebhafte Theilnahme ihrer Tante begriff, und ſie erkannte ſehr raſch darin die Meinung, welche Mrs. Hamiltons Worte in Betreff der Re⸗ ligion und zugleich des Gebetes ausgeſprochen hatte. Sie hütete ſich zu murren oder Vergnügungen zu wünſchen, die ihr verſagt waren, und begnügte ſich, nur an die vielen Seg⸗ nungen zu denken, die ſie umgaben. Es war keine leichte Arbeit, das natürliche Gefühl ſo zu überwinden, beſonders da ſie oft nur allein die Schwierigkeit ihres Sieges kannte; aber der ernſte Wunſch, in ihrem täglichen Benehmen wie in ihrem täglichen Gebete fromm zu werden, verließ ſie niemals und ſetzte ſie ſo in den Stand, denſelben vollſtändig zu er⸗ reichen. Wenn Mrs. Hamilton einen Beweis für die öffentlichen 495 wie für die häuslichen Vorzüge ihres Gatten gebraucht hätte, ſo würde ſie denſelben vollſtändig jetzt gehabt haben. Als ſeine Gefahr und ſeine Rettung bekannt geworden war, wurde er mit Beglückwünſchungsſchreiben überſchüttet, und Montroſe Graham machte unmittelbar eine Reiſe nach Oak⸗ wood, um ſeinen jugendlichen Retter zu bewillkommnen und ihm ſeinen perſönlichen Dank für die Rettung ſeines Freun⸗ des zu ſagen. Aber Edward zog ſich vor allem Lobe und aller Bewunderung ſo ſehr zurück, daß ſein Onkel, der ſich über das Gefühl freute, nicht in ihn drang, wie er zuerſt ge⸗ wollt hatte, ihn nach Orford zu begleiten, wo er ſeine Söhne beſuchen ſollte. Percy machte ihm lebhafte Vorwürfe in einem Briefe, daß er nicht kam, Herbert ſchien nur an ſeines Vaters Gefahr denken und Gott für ſeine Rettung durch Edward danken zu können. Das Verlangen von Mr. und Mrs. Hamilton, ihre ganze glückliche Familie noch einmal zu verſammeln, ehe Edward ſie verließ, war ſo groß, daß die jungen Leute eine Ausnahme von der Regel machten, und die Oſterwoche zu Haus zuzubringen verſprachen. Sie fiel früh im März und wurde von der ganzen Famile mit dem größ⸗ ten Entzücken erwartet. Vreiunddreißigſtes Kapitel. Die Reichen und die Armen. „Wir haben einen ſo hübſchen Ausflug gehabt, Mama! Ellen, wie wünſchte ich, daß Du mit uns geweſen wäreſt!“ rief Emmeline heiter aus, als ſie an einem der ſchönen Nach⸗ mittage, welche die erſten Tage des März ſo häufig bringen und die den Frühling verheißen, lange bevor er wirklich kommt, in das Wohnzimmer ſprang.„Es iſt eine ſo male⸗ riſche Hütte, und Frau Collins und Suſanne und eine Schar 496 von kleinen Kindern ſehen ſo nett und ſo hübſch und ſo glück⸗ lich aus! Es thut einem gut, ſie nur zu ſehen.“ „Kannſt Du nicht noch ein Beiwort für ſie finden, Emmy? Du haſt ſo viele zuſammengehäuft, daß es wirklich ſchade iſt, daß Du nicht noch einige finden kannſt.“ „Aber ſie ſehen wirklich ſo behaglich aus und ſind ſo dankbar für alles, was Du und Papa für ſie gethan. Emmelinens Beſchreibung iſt wirklich nicht übertrieben,“ entgegnete die ruhigere Caroline, die ihrer Schweſter in's Zimmer gefolgt war. „Und freuten ſie ſich über Euren Beſuch?“ fragte Ellen. „O, ſie waren entzückt, beſonders als wir aus ihrem kleinen Wohnzimmer unſern Speiſeſaal machten, und ſo lange bei ihnen blieben, daß ſie uns alle ihre Schönheiten ohne viel Geräuſch zeigen konnten.“ „Mrs. Collins iſt wirklich eine verſtändige Frau, denkſt Du nicht auch ſo, Mama?“ fragte Caroline. „Ja, mein liebes Kind. Sie hat ihre große Familie und ihre armen verwaiſten Enkel ſo bewunderungswürdig inmitten ihrer großen Armuth erzogen und hat einen ſo gu⸗ ten Namen unter ihren noch ärmeren Nachbarn, daß ich ſie wirklich achte und bewundere. Sie iſt eine von den Frauen, von denen ich Euch oft geſagt habe, daß ſich die erhabenſten Tugenden bei ihnen fänden, und doch, wenn man ſie ſieht, wie ſie in in ihrer ſelbſtgemachten beſcheidenen Kleidung um⸗ herwirthſchaftet und niemals ſich träumen läßt, daß ſie in ihrem Leben voll harter Arbeit irgend etwas Beſonderes thue oder gethan habe, wer würde das glauben?“ „Sieh nur, Ellen, wie ſich unſere Sammlung vermehrt hat,“ fuhr Emmeline fort, die gerade in dieſem Augenblicke nur für das Vergnügen, nicht für die Betrachtung, ſelbſt des Guten, über das ſie ſich ſonſt ſo ſehr freute, Sinn hatte, in⸗ dem ſie in den Schvoß ihrer Couſine einen Korb voll ſchöner Muſcheln und anderer Seeſchätze ſchüttete.„Der Papa hat uns gerade einen neuen Schrank gegeben, wiewohl er eigent⸗ lich die Abſicht hatte, ſeine Merkwürdigkeiten von Farö darin unterzubringen. Wie ſchön, daß er ſelbſt dort an unſere Liebhabereien gedacht hat.“ „Aber wo haſt Du ſie her?“ „Nun, die Kinder ſpielten mit einigen, die ſo ſchön wa⸗ ren, daß ich ſie bewundern mußte, und Mrs. Collins war außer ſich vor Vergnügen, daß ich an einer ſolchen Kleinig⸗ keit Gefallen fand, weil ſie mir ein Geſchenk damit machen konnte, und ſie bat mich, dies alles zu nehmen, und ihr guter Mann würde noch andere für uns ſuchen. Denn als ich ihr ſagte, daß ſie nicht nur mir gefallen würden, ſondern auch meiner kranken Couſine, die Edwards Schweſter ſei, hätteſt Du ſehen ſollen, wie ihre Augen funkelten.“ „O, Du haſt das Herz der Frau gewonnen, Emmy,“ ſagte Miß Harcourt,„ſo viel ſchwatzteſt Du mit ihr und Suſanne, und Du ſpielteſt mit jedem der Kinder und ließeſt ſie ihre Spiele erzählen und ihre Schulverſe aufſagen, und dann machteſt Du einen Strauß und ſagteſt ihnen, er ſollte Dein Zimmer zu Haus ſchmücken.“ „Und ſo ſoll es ſein,“ unterbrach ſie Emmeline heiter. „Ich bat Robert, die Blumen ſogleich in's Waſſer zu ſetzen, denn ſie waren ſehr hübſch und gefielen mir beſſer, als der beſte Strauß aus einem Gewächshauſe.“ „Ich ſtimme nicht ganz mit Dir überein, Emmeline,“ ſagte Caroline lachend. „So, Lina, wer hat das auch erwartet? Beiläufig be⸗ merkt, habe ich Dich nie ſo angenehm und natürlich in der Hütte eines armen Mannes geſehen. Was ſagteſt Du zu Frau Collins? Du hatteſt ihre Hand gefaßt und etwas ſehr Glänzendes ſtrahlte in Deinem Auge.“ „Liebe Emmy, ſcherze nicht ſo fort!“ flüſterte Ellen, als ſie Carolinens Erröthen bemerkte. Emmeline war in einem Augenblick an ihrer Seite und legte einen Arm um ihren Nacken. „Liebe Caroline, vergieb mir! Ich wollte Dich nicht quälen. Nur war es ungewöhnlich, nicht wahr?“ „Ich ſprach gegen Mrs. Collins meine Gedanken aus über den Antheil ihres Mannes an der Rettung unſeres lie⸗ 32 498 ben Vaters, Emmy. Ich vergaß dabei alle Thorheit und allen Stolz.“ „Du biſt jetzt ſehr ſelten ſtolz, liebſte Lina, und ich war die Thörin, die nicht errieth, was Du ſagteſt. Mama, weißt Du, ich habe einen herrlichen Plan im Kopf.“ „Zuerſt ſage Mama,“ unterbrach ſie Caroline,„daß William Grey ſich mit Collins zum weiteren Betrieb der Fiſcherei und der Rhederei, die ihnen der Vater zugeſichert, vereinigt haben, anſtatt ein eigenes Geſchäft anzufangen. Dies iſt beſtimmt worden, ſeit Du dort warſt.“ „So, meine Liebe? Ich wußte es nicht. Aber Mrs. Collins muß es lieb ſein, denn ſie bedauerte ſehr, daß ihre Söhne alle ſo zerſtreut wären, und ihr kleiner Enkel, der zur See Luſt hatte, noch nicht alt genug wäre, um mit ſeinem Großvater zu Schiff zu gehen.“ „Aber höre nur meinen Plan, liebe Mama. William Grey und Suſanne Collins können ſich möglicherweiſe nicht lange ſehen, ohne ſich in einander zu verlieben, und ſie wer⸗ den ein ſo fleißiges, hübſches Paar abgeben, und Papa wird ihnen eine eigene Hütte ſchenken, und ich will zu ihrer Hoch⸗ zeit gehen.“ „Das iſt ein Plan, wie er ſich von Deinem Hirn erwar⸗ ten läßt, Emmy. Aber woher weißt Du, daß Grey nach einer Frau verlangt?“ „O, weil Edward ſagte, er hätte mitten in dieſer furcht⸗ baren Scene die Bemerkung gemacht, wie traurig er geſagt habe, er habe weder eine Mutter, noch eine Schweſter, noch ein Weib, die über ihn weinen würden. Wenn er nun Su⸗ ſanna heirathete, würde er eine ſehr hübſche Frau haben, die über ihn klagen würde.“ „Die arme Suſanna! Ich glaube, ſie würde lieber nicht ſeine Frau werden, wenn ſie blos über ihn klagen ſollte, Emmy. Wahyrlich, ein ganz neuer Grund zu heirathen.“ „O, aber Mama, Du weißt ja, daß ich nicht gerade blos das meine: jemand, der ſich für ihn intereſſirt und ihn liebt. Niemand kann ohne das glücklich ſein.“ „Suſanna ſagte mir, Mama, wie dankbar ſie ſei, daß 499 Du für ſie und ihre Schweſter Beſchäftigung gefunden, daß ſie der Familie hülfreiche Hand leiſten könnte,“ entgegnete Caroline.„Ich freute mich wirklich über die Art und Weiſe, wie ſie ſprach, und ſie erröthete ſo hübſch, als Miß Harcourt die außerordentliche Nettigkeit ihrer Arbeit lobte.“ „Ach, Mama, wenn Du nur hören könnteſt, was ſie alles von Dir ſagen,“ fuhr Emmeline wieder fort, die nicht ruhig ſein zu können ſchien und mit demſelben Eifer von einem Gegenſtand zum andern überſprang.„Wenn Du nur ge⸗ hört hätteſt, wie die alte Frau ihr Erſtaunen und ihren Stolz ausſprach, als ſie Dich in ihre frühere elende Hütte eintreten ſah und Du Dich auf einen alten Kaſten niederſetzteſt und ſie aufforderteſt, zu erzählen und alle ihre Sorgen mit an⸗ hörteſt, wie wenn ſie Deines Gleichen geweſen wäre, und als Du ſolchen Troſt und ſolche Hoffnung zurückließeſt, wie ſie ſeit vielen Tagen nicht gehabt hatte. Sie weinte wirklich, als ſie es erzählte, und ich weinte auch, weil ſie ſo von mei⸗ ner Mutter ſprach. O, liebe Mutter, wie ſtolz ſollten Deine Kinder ſein, daß ſie eine Mutter haben, die von den Ar⸗ men und den Reichen ſo geliebt, ſo geehrt wird, wie Du.“ „Schmeichlerin!“ antwortete Mrs. Hamilton ſcherzend, indem ſie ihre Hand liebkoſend ihrem Kinde auf den Mund legte, indem Emmy vor ihr niederkniete.„Ich will ſolches Lob nicht hören, ſelbſt von Dir nicht. Glaube mir, mein liebes Kind, Liebe und Achtung zu gewinnen iſt ſo leicht, ſo ange⸗ nehm, daß wirklich kein Verdienſt darin liegt. Wir ſollten nur dankbar ſein, wenn uns eine ſolche Stellung und ſolcher Einfluß zu Theil wird, die uns geſtatten, in ausgedehnterem Maaße an Andere zu denken, ohne uns ſelbſt dadurch zu ſchaden.“ „Ja, aber, Mama, viele Leute thun viel Gutes, aber dennoch ſind ſie nicht beliebt.“ „Vielleicht weil ſie in dem ernſten Streben, viel Gutes zu thun, nicht genug an Kleinigkeiten denken, namentlich an die lebendige Theilnahme für die Gefühle Anderer, die das wahre Geheimniß iſt, Liebe zu gewinnen, und ohne welche 32* 500 bisweilen ſelbſt die größte Wohlthat nicht nach Verdienſt ge⸗ würdigt wird. Aber ſaheſt Du den alten Collins ſelbſt?“ „Er kam gerade herein, als wir weggingen, und war ſo erfreut, den Papa in ſeiner Kaminecke ſitzen zu ſehen und wünſchte nur, daß auch Edward da wäre.“ „Und wo iſt der Vater?“ fragte Mrs. Hamilton,„kehrte er nicht mit Euch zurück?“ „Ja, aber Edward nahm ihn in Beſchlag und ſie ſind in der Bibliothek. Ich bin feſt überzeugt, es beſteht eine Ver⸗ ſchwörung zwiſchen ihnen, dieſe langen Privatunterredungen bedeuten nichts gutes. Ich werde den Papa ausſchelten, daß er ſo geheimnißvoll iſt,“ ſagte Emmeline. „Ich denke vielmehr, er wird Gleiches mit Gleichem ver⸗ gelten, indem er Dich ausſchilt, daß Du ſo neugierig biſt, Emmy. Aber da iſt Edward. Die Unterredung hat alſo heute nicht ſehr lange gedauert.“ „Hat Dir der Papa die Schiffsnachrichten des alten Collins erzählt, Ned?“ und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr ſie fort:„daß ein ſchöner Vierundſiebziger, die Seekö⸗ nigin, in Plymouth ausgerüſtet wird, um an die Stelle Eures Schiffs zu treten, damit Sir Edward Manly und der Prinz William zurückkehren können? Sage mir nur nicht, daß Du es weißt, Edward, und raube mir nicht das ſeltene Vergnügen, Dir etwas Neues zu verkünden.“ „Ich bedaure, Emmy, aber ich habe es ſchon ſeit einigen Wochen gewußt.“ „Und warum ſagteſt Du es uns nicht?“ „Weil ich nicht dachte, daß es Euch beſonders intereſſiren würde, bis ich noch eine weitere Nachricht hinzufügen könnte.“ Er hielt inne und blickte abwechſelnd Mrs. Hamilton und Ellen an, als wenn er die erſtere fragen wollte, ob er fort⸗ fahren ſollte. „Und kannſt Du das nun, mein lieber Edward?“ er⸗ widerte ſie, da ſie ihn ſogleich verſtand.„Ellen iſt zu viel an Deiner Beförderung gelegen, als daß ſie erwarten oder wünſchen ſollte, daß Du immer bei ihr wäreſt. Haſt Du Deine Ernennung?“ 501 „Ja, Tante! Der Brief meines Onkels an die Admira⸗ lität hat zuletzt eine Antwort gefunden. Sie kam, während er ausgegangen war, und hat mich vier Stunden lang auf dem Bibliothektiſche wie einen Tantalus gequält. Aber es iſt ganz richtig. Da der Prinz William zurückkehrt und ich ſo gern im activen Dienſt ſein möchte, ſo habe ich die Er⸗ laubniß, wiewohl es etwas gegen die Regel verſtößt, auf der Seekönigin meine Hängematte aufzuſchlagen. Ich bin über⸗ zeugt, das habe ich Onkel Hamilton's Vorſtellung zu ver⸗ danken, und ich bin ſo dankbar, ſo froh.“ „Uns wiederum zu verlaſſen, Du gefühlloſer Wilder!“ rief Emmeline aus, indem ſie das allgemeine Bedauern über dieſe Meldung wegzulachen ſuchte. Ellen hatte ihren Bru⸗ der die ganze Zeit, wo er ſprach, ernſt angeſehen und dann ihr Geſicht abgewendet, und einige ſtille Thränen tröpfelten über ihre Wangen herab. Edwards Arm umfaßte ſie raſch, und er flüſterte ihr ſo viel zärtliche Worte und ernſte Verſiche⸗ rungen zu, daß, da er zugleich ſeine Ueberzeugung aus⸗ ſprach, daß es noch einen ganzen Monat, vielleicht länger dauern würde, ehe er einberufen werden könnte, da er die Erlaubniß habe, bei ſeiner Familie zu bleiben, bis die See⸗ königin ſegelfertig ſei, ſie ſich wieder ſammelte, und nachdem ſie eine Stunde ganz ruhig geblieben war, was ſie immer that, wenn ſie einen Kampf mit ſich ſelbſt gehabt hatte, denn ihr Körper fühlte es, wiewohl weder Wort noch Zeichen es ver⸗ riethen, ſah ſie ſich in den Stand geſetzt, die große Freude des Abends, Percy's und Herbert's Ankunft, ganz zu ge⸗ nießen. Die Oſterwoche war in der That eine Woche der Fami⸗ lienfreude und Dankbarkeit, nicht nur, daß ſie alle noch ein⸗ mal zuſammen ſein konnten, ſondern auch, daß die ſchweren Wolken der Sünde und des Leids ſich von ihrem Dache ver⸗ zogen, und Freude der ſüßeſten und dauerndſten Art in ihrem Hauſe herrrſchte. Percy's Erſtaunen über Edward's Größe und die Veränderung des hübſchen, heitern, roſigen Knaben in den bleichen, faſt von Sorge gebeugten Jüngling, denn ſo lange Ellen ſo deutliche Spuren von alle dem zeigte, 502 was ſie um ſeinetwillen gelitten hatte, und ſo lange ſie gleichſam der beſtändige Spiegel ſeiner Verirrungen war, ſuchte Edward vergebens ſeine frühere Heiterkeit wieder zu gewinnen, war höchſt ergötzlich. „Ihr ſeid Alle betrogen,“ behauptete er,„an einem ſchö⸗ nen Tage werdet Ihr finden, daß Ihr einen falſchen Edward Fortescue bei Euch aufgenommen habt und daß er ein bloßer Prätendent iſt, wie ſein Namensvetter Charles Edward.“ „Dann iſt er kein Prätendent geweſen; er iſt eben ſo ge⸗ wiß der Sohn des Oberſten Fortescue, wie Prinz Charles der Enkel von Jacob war. Nur beginne nicht einen Bürger⸗ krieg, ſobald Du in's Haus trittſt. Du weißt, Du und ich, wir ſtimmen in der Geſchichte niemals überein und wer⸗ den es auch nie thun. Du haſſeſt Mary, die große, große Großmutter des Prinzen Charles, und ich liebe ſie; deswe⸗ gen müſſen wir beſtändig mit einander im Kriege ſein.“ „Ein Stuart⸗Narr, wie gewöhnlich, Tinie; aber wenn das wirklich Edward iſt, ſo wünſchte ich, er ſähe wieder wie der Knabe aus. Ich liebe ſolche Veränderungen nicht.— Armer Junge!“ fügte er bei ſich ſelbſt hinzu,„es iſt kein Wunder!“ Die Tage verfloſſen viel zu raſch. Emmeline wünſchte ein Dutzend Mal, daß die Tage vier und zwanzig ſtatt zwölf Stunden lang wären. Das Wetter war ſo mild, daß es die Freude noch erhöhte und Ellen den Genuß gönnte, täg⸗ lich eine oder ein Paar Stunden auszufahren und auf der Terraſſe oder in dem Garten ſpazieren zu gehen. Die jungen Leute ſollten am Montag zurückkehren, und für den vorheri⸗ gen Sonnabend war ein kleiner Ausflug verabredet, wogegen ſich nur das einwenden ließ, daß Ellen nicht kräftig genug war, ſie zu begleiten. Es galt einem Beſuche bei Alice Seaton, die wir ſchon in einem früheren Kapitel erwähnten. Mr. Hamilton hatte für ihren Bruder eine einträgliche Stelle bei einem Anwalt in einer benachbarten Stadt gefun⸗ den, in deren Nähe ſie und ihre Tante gegenwärtig wohnten, ſo daß der junge Seaton im Stande war, jeden Sonntag bei ihnen zuzubringen, und Alice hielt jetzt eine Mädchen⸗ 503 ſchule auf ihre eigene Rechnung und leitete ſie ſo gut, daß es ihr niemals an Schülerinnen fehlte. Es war ſchon ein altes Verſprechen, daß man ſie einmal beſuchen wollte, und die Fahrt von Dakwood war ſehr ſchön, und da ſie und ihr Bruder den letzten Oſtertag Beide zu Haus und ohne Be⸗ ſchäftigung waren, ſo hatte man dieſen zum Beſuche beſtimmt. Percy ſchwärmte in dem Gedanken, ſeine Mutter und Miß Harcourt in einer neuen Baruſche zu fahren, und die übrige Geſellſchaft ſollte reiten. Es hatte ſich aber ein Streit erhoben, wer bei Ellen blei⸗ ben ſollte, und Edward beſtand darauf, daß er ein Recht darauf habe, und ſo dachten ſie, es ſei abgemacht. „Ich wünſchte, lieber Percy, Du redeteſt Edward zu, Euch zu begleiten,“ bat Ellen, die ſich allein mit ihm glaubte und Herbert nicht ſah, der an einem entfernten Tiſche las. Ich wünſchte, liebe Ellen, Du führſt mit uns„ant⸗ wortete er, indem er ihren Ton nachahmte. „Aber ich kann ihn nicht dazu bringen. Es macht ihn immer unglücklicher, wenn ich von einem Vergnügen abge⸗ halten bin, als es mich ſelbſt macht, und ich kann es nicht ertragen, ihn vier oder fünf Stunden bei mir zu behalten, während dieſer ſchöne Tag und das Reiten und vor Allem Deine Geſellſchaft, Perey, ihn wenigſtens auf eine Zeitlang wieder ſo heiter wie ſonſt machen würden.“ „Schönen Dank für das Compliment, liebe Coufine!“ erwiderte Perey mit einer tiefen Verbeugung. „Belohne mich dafür und überrede ihn, mitzugehen!“ „Wie kann ich ſo ungalant ſein, ihm zuzureden, daß er Dich allein läßt?“ „O, ich mache mir nichts daraus, ich verſichere Dich! Ich befinde mich wohl genug, um mich auf eigene Hand zu amüſiren. Ich kann es nicht ertragen, daß Ihr Alle um meinetwillen ſoviele Vergnügungen aufgebt. Ich fürchte wirklich eine Egoiſtin zu werden.“ „Du, eine Egoiſtin, Ellen? Ich wünſchte, Du wärſt es ein Wenig mehr. Du biſt das geduldigſte, frömmſte Geſchöpf, das jemals Frauengeſtalt annahm. Ich habe mir 504 Deinetwegen Vorwürfe genug gemacht, das kann ich Dir ſagen, und ich grolle Dir deswegen noch.“ „Lieber Percy! Was kannſt Du meinen? Wenn Du wüßteſt, wie ſchwer es mir bisweilen wird, geduldig zu ſein, Du würdeſt mich nicht ſo loben.“ „Ich meine, das letzte Mal als ich zu Haus war, war ich blind und grauſam und vermehrte dein Leid durch meine unnöthige Rauheit, und ich hatte keine Gelegenheit, Dir es bis zu dieſem Augenblicke zu ſagen, wie leid es mir that, als die Wahrheit bekannt wurde.“ „O, bitte, ſprich nicht davon, lieber Percy!“ bat ſeine Couſine, der die Thränen in die Augen traten, als er ſie zärtlich küßte.„Es war ganz natürlich, daß Du auf mich entrüſtet warſt, da ich Tante Emmeline zu große Noth machte und Euch alle Feiertagsfreude verdarb. Du brauchſt Dir keine Vorwürfe zu machen; aber willſt Du dahin wirken, daß Edward mit Euch geht?“ „Wenn Dir wirklich ein Gefallen damit geſchieht, Ellen? Aber ich thue es nur ungern,“ und er entfernte ſich ſehr widerſtrebend; da traf er Herbert. „Du brauchſt nicht zu gehen, Perey!“ ſagte er lächelnd. „Meine ungnädige Couſine wollte mich nicht als ihren Boten abſchicken, aber ich habe mich ſelbſt und mit ſolchem Erfolge dazu gemacht, daß Eduard mitreiſen wird, Ellen!“ „Lieber Herbert, wie kann ich Dir dafür danken? Er wird ſich bei Euch viel glücklicher fühlen.“ „Mit mir nicht“, ſagte Herbert ſchelmiſch,„ich bleibe an ſeiner Stelle.“ „Du?“ wiederholte Ellen überraſcht.„O, lieber Her⸗ bert, das darf nicht ſein. Ich werde mich allein ſehr wohl befinden.“ „Immer noch ungnädig, Ellen? Wie, wenn ich den ganzen Morgen mich nach einer Entſchuldigung umgeſehen hätte, um zu Haus bleiben zu können, ohne meiner Mutter die Wahrheit geſtehen zu müſſen, daß ich mich heute zum Reiten nicht aufgelegt fühle? Wenn Deine Mienen ſo un⸗ gnädig wären, wie Deine Worte, würde ich mich vor Dir 505 in mein Zimmer flüchten; da ſie aber eher etwas Ermuntern⸗ des für meine Eigenliebe haben, ſo wollen wir ſie Alle lau⸗ fen laſſen und uns unſerer ruhigen Vergnügungen und einer kleinen Spazierfahrt mit einander erfreuen.“ Was auch Ellen geſagt haben mochte, um ihn zu über⸗ zeugen, daß ſie allein glücklich ſein könnte, ſo überzeugte doch der ſtrahlende Blick der Freude auf ihrem Antlitz alle Theile, daß er ſeine Anordnungen vortrefflich getroffen. Und es war in der That ein glücklicher Tag. Herbert ſchien ihre ſtummen Gefühle ſo vollſtändig zu verſtehen, und das giebt der Unterhaltung immer Reiz, mag ihr Gegenſtand ſein, wel⸗ cher er wolle. Lieblingsſchriftſteller(und Herbert war faſt er⸗ ſtaunt über Ellens Geſchmack und Urtheil in der Litteratur), die Freuden der Natur nach langer Abgeſchiedenheit, wie wenn jede Blume ſüßer, jedes Stückchen Landſchaft oder Wald oder Waſſer ſchöner wäre, und die vielen frommen Gedanken und reinen Freuden, die aus ſolchen Gefühlen entſpringen, wurden entweder koſend in ihrem Zimmer oder auf einem Spa⸗ ziergange im Garten beſprochen, und nachdem Ellen früh zu Mittag gegeſſen und Herbert gefrühſtückt hatte, machte ſie den Vorſchlag, den er, wie ſie wußte, mit Freuden annehmen würde, nach Greville Manor zu fahren und eine volle Stunde bei ihren Freunden zuzubringen, ſie würden noch zur rechten Zeit zurück ſein. Herbert ſtimmte mit Freuden bei, und der warme Willkommen, womit ſie empfangen wurden, Mrs. Greville's freundliche Beſorgniß um Ellen und Mary's leb⸗ hafte Unterhaltung mit ihr und Herbert ließen die Stunde buchſtäblich im Fluge dahingehen. Aber Herbert, ſo ange⸗ nehm es war, vergaß ſein Amt nicht und fuhr ſie nach Oak⸗ wood zurück, während die Sonne noch hell und warm ſchien, und als die Geſellſchaft zurückkehrte, was gerade noch zur rechten Zeit geſchah, um in der ausgelaſſenſten Luſt zu Abend eſſen zu können, würde die Wagſchale der Freude bei Beiden völlig gleich gefunden worden ſein. Ellen blieb immer noch ruhig in ihrem Zimmer liegen, während die Familie bei Tiſch war, denn ſie war dann hin⸗ länglich geſtärkt, um ſich noch einige Stunden am Abend zu 506 ihnen geſellen zu können. Perey und Emmeline unterhielten bei Tiſch ein ſolches Raketenfeuer von Witz und Laune, daß es allen Anderen ſchwer wurde, ein Wort hineinreden zu können, wiewohl Edward und Caroline bisweilen eine ganze Batterie gegen ſie auffuhren. Gerade als das Deſſert auf den Tiſch kam, hörte man indeß in der Entfernung ländliche Muſik, die immer näher und näher kam und Percy veran⸗ laßte, in ſeinen Witzen innezuhalten und mit Edward an's Fenſter zu ſpringen, und ihre Ausrufe nöthigten bald die ganze Geſellſchaft, ihrem Beiſpiele zu folgen und nach Ellen zu ſchicken, damit ſie das unerwartete Schauſpiel mitanſehen ſollte. Fahnen und Wimpel flatterten im Sonnenſchein und der größte Theil der ſeemänniſchen Bevölkerung von Dart⸗ mouth war in Reihe und Glied aufmarſchirt, an ihrer Spitze Capitän Harvey und ſeine Mannſchaft und in deren Mitte der alte Collins. Sie waren alle in den neuen Kleidern, die ihnen Mr. Hamilton geſchenkt hatte, und Perey erklärte, der Kopf des alten Collins mit ſeinem wettergebräunten ehrlichen Geſicht, den eigenthümlichen Locken, in die ſein gelbes Haar geflochten war, und dem Kautabak, von dem er ſelbſt bei dieſer großen Gelegenheit Mund und Wangen nicht freihalten konnte, müßte ein prächtiges Bild geben. Eine Schar jüngerer Leute und Mädchen umgaben das erſte Banner, welches, mit großen Sträußen von Primeln und Veilchen den Stab entlang geſchmückt, die Worte trug: Mr. Ha⸗ milton und ſeine Güte, und unter ihnen erkannte Emme⸗ line raſch William Grey und Suſanne Collins, die neben ein⸗ ander gingen, ſie mit niedergeſchlagenen Augen und lächelnd, und er ſo eifrig ſprechend, daß ſie ihrer Mutter mit der größten Freude zuflüſterte, daß ihr Plan bei alle dem zur Ausführung kommen würde. Dann kam eine Schar kräftiger Fiſcher, Gevattern und Freunde von Collins, und dann eine Schaar Knaben und Mädchen aus allen Dorf⸗ ſchulen Mr. Hamilton's in ihren Feiertagskleidern und in den Händen geſchmackvolle Guirlanden von Frühlingsblumen und zwei große Banner haltend, deren eins die Worte trug: Fortescue ſoll leben! Heil den britiſchen See⸗ 507 leuten! Das andere war eine Darſtellung der Scene an der Bucht an jenem verhängnißvollen Abend und des ſinken⸗ den Schiffs in der Entfernung. Die Arbeit war allerdings roh, aber die Wirkung eine ſo ergreifende, daß Mrs. Ha⸗ milton wirklich ſchauderte, als ſie hinſah, und faſt unbewußt den Arm ihres Neffen ergriff, der neben ihr ſtand, als wenn die Größe der Gefahr für ihn und ihren Gatten nie ſo leb⸗ haft vor ihr geſtanden hätte. Die Fenſter des Speiſezimmers waren weit geöffnet wor⸗ den, da der Zug in die Nähe derjenigen kam, denen ihr ganzes Herz entgegenſchlug. Sie machten Halt, die Muſik hörte auf und ein Lebehoch nach dem anderen ertönte, bis ſelbſt die Echo's des alten Parkes aus dem Schlafe geweckt wurden und die Rufe zurückgaben. Percy war augenblicklich mitten unter ihnen und ſuchte den alten Collins auf, den er ſeit ſeiner Rückkehr wiederholt hatte beſuchen wollen, den er aber nicht gefunden, und er ſchüttelte ihm beide Hände mit der vollen Kraft ſeines Charakters und ſprudelte die erſten Worte heraus, die ihm auf die Lippen kamen und die beſſer ſeine dankbaren Gefühle gegen den alten Collins ausſprachen, als die wohlſtudirteſte Rede. William Grey hatte bereits materielle Beweiſe ſeiner Dankbarkeit erhalten, und ſo nickte er ihm nur freundlich zu und warf einen ſcherzenden Blick nach der hübſchen erröthenden Suſanne, der für ſie viel zu bedeuten hatte und der zu ſagen ſchien, als wenn er mit Emmelinens Plan übereinſtimmte. Und indem er ſich freund⸗ lich unter die Menge miſchte, hatte er Worte nach ihrem Herzen für die Männer, ein Lächeln für die Mädchen und luſtige Späße für die Kinder, ſo daß ſie allen Anſtand aus den Augen verloren und vor Freude laut aufſchrien. Her⸗ bert unterſtützte ihn, ſo gut es ſein ruhigeres Weſen zuließ. Edward hatte ſich zurückgezogen, als ſein Name ſo luſtig ge⸗ rufen wurde, wie wenn er ſolche Ehrenbezeugungen nicht ertragen könnte. „Gehe doch hin, mein Sohn! Ihre beſcheidenen Freuden werden ohne Dich nicht halb voll ſein!“ flüſterte Mrs. Ha⸗ milton, die ſeine Gedanken errieth.„Denke Dir nur in 508 dieſem Augenblicke das große Glück, das Du hervorgerufen, und unterſchätze nicht Deine That, welche Alle bewundern müſſen, weil Du von trüben Gedanken befangen biſt. Ent⸗ ſchließe Dich lieber, die Schlacke zu verbrennen, damit nur Metall zurückbleibt. Thue es um meinetwillen, der Du ſo großes Glück bereitet haſt, mein lieber Edward!“ Die Wolke verſchwand augenblicklich von ſeiner Stirn und aus ſeinem Herzen, und er war mitten unter ihnen ſo heiter und froh, faſt wie Percy, während das Lebehoch, was ihn begrüßte, ſeine Schweſter faſt überwältigte, ſo viel beſcheide⸗ nes und inniges Gefühl ſprach es aus. „Sie hätten uns zur rechten Zeit von Ihren Abſichten benachrichtigen ſollen, mein guter Freund,“ ſagte Mr. Ha⸗ milton, indem er voll Wärme Capitän Harvey's Hand ergriff. „Wenigſtens hätten wir für einige materielle Erfriſchungen nach Ihrem langen Marſche ſorgen können, und ich fürchte, wir haben Ihnen nur ſchmale Koſt zu bieten, wiewohl Ellis und ⸗Morris bereits mit den Vorbereitungen beſchäftigt ſind, wie ich ſehe.“ Und durch ihr eigenes Vergnügen über dieſe Ehrenbe— zeugung gegen ihren Herrn und ſeinen jungen Retter, der eine Art Abgott unter ihnen geworden war, immer weiter fortgeriſſen, wurde ein langer Tiſch in der Gefindehalle ge⸗ deckt, mit verſchiedenen kalten Speiſen und Butter und Käſe in Ueberfluß beſetzt, und Trinkhörner voll Aepfelwein funkel⸗ ten neben jeder Schüſſel. Emmeline holte Obſt und Kuchen herbei und theilte unter die Kinder aus, die in verſchiedenen Gruppen auf der Wieſe blieben und deren Freude über das Tractement durch die freundliche und zuvorkommende Art ihrer Wirthe erhöht wurde. Capitän Harvey und ſeinen Steuermann unterhielt Mr. Hamilton ſelbſt, indem er ſie ſeiner Familie und namentlich Ellen vorſtellte, die als die Schweſter Edwards ſich mit einem Intereſſe betrachtet ſah, das ſie in Erſtaunen ſetzte. Percy brachte den alten Collins und Grey herein, die Beide den Wunſch ausgeſprochen hat⸗ ten, Ellen zu ſehen, die dem jungen braven Seemann ſo nahe angehörte; und Ellens Art und Weiſe, ihren Gruß zu 509 erwidern und ihnen für die Hülfe zu danken, die ſie ihrem Bruder geleiſtet, machte ſie noch ſtolzer und glücklicher als vorher. Nach anderthalbſtündiger herzlicher Luſt entfernte ſich der Zug in derſelben Ordnung, wie er gekommen war, und ſo ſchlecht die Muſik war, ſo klang ſie doch, wie Em⸗ meline erklärte, ſehr ſchön, wie ſie in der Ferne immer ſchwächer wurde, und die Banner und Wimpel nahmen ſich ganz maleriſch aus, als ſie auf dem waldigen Pfade des Parkes erglänzten. Pierunddreißigſtes Kapitel. Eine häusliche Scene und ein Abſchied. „Caroline! Emmeline! kommt in das Muſikzimmer und ſpielt mir etwas Hübſches vor!“ rief Percy aus, ſobald Licht kam und die Aufregung der letzten zwei Stunden ſich ein wenig gelegt hatten.„Ich will und kann nicht ruhig ſitzen, wenn ich nicht einen Ohrenſchmauß habe. Ich will Muſik hören, um meine abgeſpannten Sinne einzuſchläfern, und einen Walzer, um meinen müden Körper aufzuregen!“ „Und Deine Beine ruhen zu laſſen?“ fügte Edward trocken hinzu. „Weißt Du nicht, daß wenn man von einer Art der Arbeit ermüdet biſt, man am beſten ausruht, wenn man eine andere vornimmt? Nun bin ich zwei Stunden auf den Beinen geweſen und habe den Angenehmen geſpielt und ich meine, ein Walzer ſoll den ſtockenden Blutumlauf wiederher⸗ ſtellen und mir Vergnügen machen, da ich mich abgemüht, Andere zu amüſiren. Caroline und Emmeline, fort mit Euch! Ellen, ich will Dich nur bitten, uns zu begleiten und Dich ebenfalls zu amüſiren. Mache, daß Du fortkommſt, 510 Edward, Niemand anders als ich ſoll der Begleiter meiner Coufine ſein, Herbert hat ſie den ganzen Tag gehabt. Nimm meine Mutter, wenn Du willſt; Vater, begleite Du Miß Harcourt! So iſt es recht, wie immer, wenn ich meinem Willen folgen kann!“ Und was er diesmal wollte, fand allgemeinen Beifall Die Talente ſeiner Schweſtern waren als Mittel, das häus⸗ liche Glück zu erhöhen und ihre eigenen Hülfsquellen zu vermehren, ſo ausgebildet worden, daß ihre muſikaliſchen Abende immer einen wahren Genuß boten. Caroline aller⸗ dings, ſo ſehr ſie ſich auch gebeſſert hatte, beſaß immer noch viel Liebe zur Bewunderung, ſo daß ſie einen größeren Genuß darin fand, vor vielen Zuhörern zu ſpielen und zu fingen, als wenn ſie blos in Familie war. Aber das Gefühl wurde in der ſicheren und reinen Luft von Oakwood im Zaume gehalten und ſie konnte wirkliches Vergnügen daran finden, ihre Brüder zu unterhalten, wiewohl nicht in demſelben Maaße, wie Emmeline, die nun auf Bitten Perecy's folgendes Lied ſang: Emmelinens Lied. O Freud', v Freud'! Kein düſtres Leid Der Liebe Haus umhüllt; Die Herzen, einſt von Sorgen ſchwer, Sind nun von Luſt erfüllt; Der Friede ließ mit froher Schwing' Sich hier zu wohnen nieder, Hoffnung und Lieb' ſtreu'n ſüßen Duft, Zum Willkomm tönen Lieder. Er iſt zurück— die dunkle Nacht Bedroht uns länger nicht; O Freud'! die Zukunft iſt ſo hell Und glänzt in roſigem Licht. Mit unſerm Vater floh das Glück, Er iſt zurückgekehrt, Und aus Gefahr und bittrer Noth Iſt Segen uns beſcheert. 511 O Freud', o Freud'! Aus heitrer Bruſt Laßt tönen unſern Sang, Und bringt, nachdem entflohn das Leid, Dem Himmel Preis und Dank! Daß er aus Sturm und Drang befreit, Den Schmerz von uns genommen Und in ſein Haus zurückgekehrt— O Vater, ſei willkommen! Emmelinen's Stimme hatte zuerſt ein Wenig gezittert, da ſie aber durch ihre Schweſter und die Begleitung ihres Bruders Muth zu gewinnen ſchien, ſo wurde fie feſter und lebhafter, als ſie fortfuhr, bis ſie Alles, nur nicht den Gegen⸗ ſtand ihres Geſanges vergaß. Eine volle Minute herrſchte Stillſchweigen, als ſie aufhörte, aber unwiderſtehlich getrieben ſtand Mr. Hamilton von ſeinem Sitze auf, und als Emmeline die Harfe verließ, ſchloß er ſie in ſeine Arme. „Wie kann ich Dir, meine Emmeline, und allen meinen Kindern für die zärtliche Begrüßung danken?“ rief er mit größerer Bewegung aus, als er gewöhnlich ſehen zu laſſen pflegte.„Wo konntet Ihr ſo paſſende Worte finden? Wie? Thränen, mein kleines Mädchen?“ fügte er hinzu, als Em⸗ meline, durch die Aufregung ihres Geſanges und das Lob ihres Vaters völlig überwältigt, unerwartet in Thränen aus⸗ brach.„Was wollen ſie, wenn Du Deinen Eltern nichts als Freude gemacht haſt? Treibe ſie von Dir, liebes Kind! Wie? Immer noch kein Lächelnd? Wir müſſen den Einfluß der Mama in Anſpruch nehmen, um ſie zur Ruhe zu bringen.“ „Wo haſt Du ſie her, Tiny? Erkläre Dich, denn ich bin ganz ſchwach vor Neugier,“ fragte Percy komiſch, als Emmeline ſich von ihrem Vater losreißend, auf ihrem Lieb⸗ lingsſtuhl zu den Füßen ihrer Mutter Platz nahm und ihr Angeſicht in ihrem Schoße verbarg. Mrs. Hamilton legte ihre Hand liebkoſend auf die weichen Locken, aber wiewohl ſie lächelte, ſo ſprach ſie doch nicht. „Sie will es nicht ſagen, und keines von Euch wird es rathen,“ ſagte Caroline lachend. — 512 — „Du kennſt alſo das Geheimniß, daher heraus damit!“ ſagte „O nein, ich habe Stillſchweigen gelobt.“ „Liebe Mutter, habe Mitleid mit uns und ſage es uns,“ bat Herbert. „Ich kann es nur errathen, denn ſie hat mich nicht in ihr Vertrauen gezogen,“ erwiderte ſie in demſelben ſcherzen⸗ den Tone, und indem ſie Emmelinens Kopf aufrichtete, blickte ſie einen Moment in dieſe bewußten Augen.„Emmelinens liebevolles kleines Herz wird ſie dietirt und ſie werden ſich in dieſer hübſchen Geſtalt in den Gründen ihres phantaſti⸗ ſchen Gehirns gefunden haben, nicht wahr, meine Liebſte?“ „Da, Emmy, ich wußte es ja, Mama würde es heraus⸗ finden, wenn wir auch noch ſo ſtill wären,“ ſagte Caroline triumphirend, als ſich das Geſicht ihrer Schweſter wiederum verhüllte. „Emmeline iſt zur Dichterin geworden! Engel der Gnade, behüte mich! Ich muß mein entlaubtes Haupt ver⸗ bergen,“ ſagte Percy.„Ich dachte, ich würde wenigſtens mei⸗ nen Kranz als Dichter der Familie behalten, und daß Du leichtfüßiges Reh, wilde Gazelle, Luftgeiſt, als meine Neben⸗ buhlerin auftrittſt, das iſt unerträglich, Tiny!“ „Aber wir wollen Dir trotzdem Alle danken,“ fuhr Her⸗ bert fort. „Ach, ich habe ſehr wenig damit zu thun. Das Arrange⸗ ment der Worte zu der Melodie und die Begleitung hat Ca⸗ roline gemacht. Das hätte ich nicht machen können!“ ſagte Emmeline, und ihre Thränen verwandelten ſich in das hei⸗ terſte Lächeln. Percy und ſein Vater wandten ſich ſogleich zu Caroline, der Erſtere mit einer Verbeugung à la Sir Charles Grandiſſon, der Andere mit einem zärtlichen Kuſſe, und ihre Mutter ſah ſie mit einem ſolchen Ausdrucke dank⸗ baren Vergnügens an, daß ſie nicht umhin konnte, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß ein ſo reiner Genuß in dem Lobe und der Bewunderung von Fremden nicht zu finden ſei. „Nun, Emmeline, Du haſt immer noch ein Geheimniß zu erklären,“ ſagte Edward.„Warum bekannteſt Du Dich nicht zu Deinem Erzeugniß, indem Du, anſtatt blos zu ſchweigen, es faſt verleugneteſt?“ „Da kann ich Euch wirklich nicht helfen,“ antwortete Mrs. Hamilton.„Ich kann mir nicht denken, warum meine Emmeline Etwas verbergen konnte, was uns Allen Vergnü⸗ gen machen mußte.“ „Ich denke, ich weiß es,“ ſagte Ellen ſchüchtern.„Em⸗ meline dachte daran, daß Du neulich ſagteſt, daß man ſich beherrſchen und nicht immer ſeiner Begeiſterung nachhängen müſſe, wie ſie es nannte, und vielleicht dachte ſie, Du wür⸗ deſt die Schrift nicht ganz billigen, und ſie wollte ſie daher verbergen.“ „Wie konnteſt Du das errathen, Ellen?“ antwortete Emmeline heftig, die in ihrem Erſtaunen über den Scharf⸗ ſinn ihrer Couſine vergaß, daß ſie ſich verrathen hatte. „Weil ich daſſelbe gefühlt haben würde,“ antwortete Ellen einfach. „Dann muß ich mich ſehr ſchlecht ausgedrückt haben, meine lieben Kinder, ſonſt hättet ihr Beide mich nicht falſch verſtehen dürfen. Ich wollte nicht, daß Du ein Talent, wie die Poefie, vernachläſſigen ſollteſt, ſondern es ſollte nur in ſeiner Sphäre bleiben, und nicht an die Stelle von ebenfalls geiſtigen Genüſſen treten, zu deren Erlangung Du aber mehr Geduld und Arbeit brauchſt. Die Poeſie iſt eine gefährliche Gabe, mein liebes Kind, ſo lange Du ſie aber dem gemein⸗ ſamen Hausſchatze darbringſt und ſie blos als eine Erholung betrachteſt, der man ſich nur hingiebt, wenn minder anziehende Pflichten und Arbeiten hinter Dir ſind, haſt Du meine volle Erlaubniß, ſie zu pflegen. Suche Dich nur durch das Stu⸗ dium unſrer beſten Autoren und alle Hülfsmittel, die ich Dir gewähren kann, darin fortzubilden. Kein Talent, das uns verliehen iſt, dürfen wir bei Seite werfen, meine Emmeline, unſere einzige Sorge muß die ſein, es nicht zu mißbrauchen, indem wir es zu ſehr begünſtigen. Aber ich darf Dir keine Vorleſung mehr halten, ſonſt möchte Percy ungeduldig wer⸗ den; ich ſehe, er hat Miß Harcourt bereits an das Piano ge⸗ ſetzt und Edward und Caroline ſtehen zum Walzer bereit.“ 38 „Und ſo verwandele ich eine Muſe in die andere,“ rief Percy aus, der, während ſeine Schweſter in Gedanken ver⸗ ſunken daſtand, ſich ihr unbemerkt genähert hatte und ihre Taille umſchlang und ſie an das obere Ende des Zimmers trug, und eine Minute ſpäter walzte ſie mit ſo viel kindlicher Freude, als wenn weder Poeſie noch reifliches Nachdenken Etwas mit ihr zu thun haben könnte. „Warum iſt die Poeſie eine ſo gefährliche Gabe?“ fragte Ellen, die Mrs. Hamilton's Worten eifrig zugehört hatte. „Weil ſie iſt, eine Ueberreizung des Gefühls herbeizuführen, weil ſie die Dinge anders ſehen läßt, als ſie ſind, und weil ſie eine Art romantiſcher Schwärmerei erzeugt, die für junge Leute, namentlich unſeres Geſchlechts, höchſt ge⸗ fährlich iſt, deren Gefühle im Allgemeinen des Zwanges und der Unterdrückung bedürfen, ſelbſt wenn ſich keine Poeſie zu ihnen geſellt. Für einen wohlgeordneten Geiſt iſt die Gefahr nicht ſo ernſter Art, wie für einen ungezügelten. Sie beſteht aber blos in der mächtigen Verſuchung, die uns nur zu oft veranlaßt, Pflichten und Beſchäftigungen zu vernachläſſigen, die von größerer Bedeutung ſind. Dies iſt um ſo mehr der Fall, wenn die jungen Leute ſich erſt der Gabe bewußt wer⸗ den, wie Emmeline jetzt; ſobald ſie älter werden und ihr Ge⸗ ſchmack ſich bildet, wo ſie mit ihren Leiſtungen nicht zufrieden ſind, wenn ſie nicht die gegenwärtigen in hohem Grade über⸗ treffen, und die Mühe, die ſie ſich nehmen müſſen, dieſelben zu verbeſſern und zu feilen, wird einen großen Theil des nur zu gefährlichen Zaubers wegnehmen, der jetzt damit verbunden iſt. Dennoch bin ich nicht ängſtlich, ſo lange ſie ihr Ver— trauen zu meiner Liebe und Erfahrung behält und ſich dem Genuſſe in ſolcher Weiſe hingiebt, daß ſie demſelben keinen Einfluß auf ihre ernſteren Beſchäftigungen geſtattet.“ Ellen hörte aufmerkſam zu, und ſie unterhielten ſich über ähnliche intereſſante Gegenſtände, bis die Betglocke erklang und ſie daran erinnerte, daß ſie ſich ſonſt immer ziemlich eine Stunde früher entfernt, und daß ſie es ſo immer vermieden habe, die Bibliothek zu betreten, wovor ſie immer noch große Furcht hatte. Percy hielt im Tanze inne, den er in einen 515 ſehr lebhaften Galopp verwandelt hatte, Miß Harcourt ſchloß das Piano, und Herbert brach ſein Geſpräch mit ſeinem Va⸗ ter ab. Keine Mißſtimmung bezeichnete jemals die Stunde der Andacht, ſondern alle Vergnügungen wurben einige Mi⸗ nuten vorher eingeſtellt, um ſich auf die ernſteren Gedanken des Gottesdienſtes beſſer vorzubereiten. Mrs. Hamilton hatte niemals aufgehört zu bedauern, daß ſie Ellen eine ſolche Schmach angethan und ihr nicht geſtattet hatte, ihren Platz bei der Familie zu behalten, wenigſtens in den Stun⸗ den der Andacht, denn es ſchien inei dieſen Eindruck zu verwiſchen, als den aller anderen Str fen. Indem ſie die erſchrockene Miene ihrer Nichte mit einem Blicke der aufrich⸗ tigſten Liebe erwiderte, ſagte ſie:„Du wirſt heute Abend bei uns bleiben, meine liebe Ellen?“ „Wenn Du es wünſcheſt, Tante!“ „Ich wünſche es, meine Liebe, ſehr dringend. Ich habe ſo lange nicht mehr das Vergnügen gehabt, in dieſer feierli⸗ chen Stunde alle meine Kinder um mich zu ſehen, und bis Du nicht bei uns biſt, kann ich mich nicht ganz ſicher fühlen, daß Du mir wirklich die Strenge vergeben haſt, die ich, hätte ich die Wahrheit ahnen können, niemals angewandt haben würde.“ „Vergeben? Dir?“ wiederholte Ellen mit größtem Er⸗ ſtaunen, indem ſie ſich ſogleich erhob.„Tante Emmeline, liebe Tante Emmeline, ich bitte Dich, ſprich nicht ſo! Wa⸗ rum ſagteſt Du es nicht früher, daß Du es wünſchteſt? Ich würde ſchon vor Wochen meine Abneigung überwunden ha⸗ ben, die Bibliothek zu betreten, aber ſie ſchien mich nur an meine eigene Schuld zu erinnern.“ Mrs. Hamilton nahm zärtlich ihren Arm und wies die Begleitung eines der jungen Männer für ſie zurück, die alle auf ſie zugeeilt waren, und führte ſie ſelbſt nach der Bi⸗ bliothek und an ihre gewöhnliche Stelle neben Emmeline. Das verſammelte Geſinde, das ſie größtentheils ſeit dem Abend vor Edwards Geſtändniß nicht wieder geſehen hatte, warf ihr manchen neugierigen, aber achtungsvollen Blick zärtlicher Bewunderung zu, und die Veränderung in ihrem 33 516 Ausſehen, die allgemeine Theilnahme, welche ihre gefährliche Krankheit und deren Urſache ſelbſt bei den Beſcheidenſten und Unwiſſendſten hervorgerufen hatte,(denn es iſt das Herz, nicht der Geiſt, deſſen man bedarf, um Selbſtaufopferung zu begreifen) und deren Größe ihre Jugend noch zu ſteigern ſchien, hatten ein ſolches Gefühl der Liebe für ſie erweckt, daß, hätte ſie es wiſſen können, ihr das ſchmerzliche Gefühl der Furcht erſpart worden ſein würde. Viele, viele Gedanken beſtürm⸗ ten ihr Gemüth, als die eindringliche Stimme ihres Onkels ihr Ohr traf, Gedanken, die ſich, wiewohl ſie ſie hinderten, den Worten des Gebetes zu folgen und ſie trotz aller An⸗ ſtrengungen zu Thränen veranlaßten, doch in Dankbar⸗ keit und Lob verwandelten, ehe der Gottesdienſt vorüber war, ſo daß ſie, ſo ſchmerzlich auch die Feuertaufe geweſen war, immer noch die Hand der Liebe erkennen und Gott ſegnen konnte, nicht nur, daß er ihre unfreiwillige Sünde entdeckt, ſondern auch daß er ihr ſolche Schmerzen zugetheilt hatte. Der nächſte Tag war ein Sonntag, der allerlei ruhige, verſtändige Vergnügungen mit ſich brachte, die nur durch den Gedanken vergällt wurden, daß es der letzte Tag von Percy's und Herberts Beſuch war. Am folgenden Morgen reiſten ſie nach Oxford ab. Mr. Hamilton und Edward beab⸗ ſichtigten, ſie einen Theil des Weges zu begleiten, und dann nach Aſhburton zu fahren, wo der Erſtere Geſchäfte hatte, und dann einen kleinen Abſtecher über Plymouth zu machen. Der nächſte Tag war ſo ſchön und mild, daß Emmeline er⸗ klärte, es würde Ellen ſehr heilſam ſein, ſie einige Meilen über den Park hinaus zu begleiten und einen Waſſerfall zu beſichtigen, den ſie vor Kurzem entdeckt hatte, und den ſie Ellen gern zeigen wollte, da Caroline denſelben nicht ſo ſehr bewunderte, wie er es verdiente. Miß Harcvurt begleitete ſie, und bei ihrer Rückkehr wurden ſeine Schönheiten Mrs. Hamilton in der lebhafteſten Weile geſchildert. Emmeline behauptete, die Luft ſei friſcher, die Bäume grüner, der Him⸗ mel glänzender als ſonſt geweſen, und ſchon der bloſe Klang der Gewäſſer, wenn ſie über einen ſchwarzen Felſen herab⸗ ſtürzten und ſich in Schaum auflöſten, dem die Sonnenſtrah⸗ 517 len ſo ſchöne Farben gäben, daß er eine ganze Reihe von Re⸗ genbogen zu bilden ſcheine, ſei ein ganzer Schatz von Poeſie. „Und kannſt Du Dir denken, welche ſeltſame Erſcheinung meine thörichte Couſine zu haben glaubte, als ſie die Straße von Aſhburton herunterkam, Mama? Wen anders, als Papa und Edward? Sie bleibt auch bei ihrer Einbildung; Miß Harcourt und ich konnten nur zwei Männer zu Pferde ſehen, aber die Entfernung war viel zu groß, als daß man ſie wirklich hätte erkennen können. Es müſſen ihre Geſpen⸗ ſter geweſen ſein, denn ſie dachten mit keinem Gedanken daran, heute nach Hauſe zu kommen.“ „Ich weiß, ich habe mich nicht geirrt, Emmeline!“ ſagte Ellen, die, wie ihre Tante nun bemerkte, aufgeregt und ſehr roth ausſah,„und ſie ritten ſo raſch, daß etwas ſehr Drin⸗ gendes ſie zurückgerufen haben muß.“ „Und Du erſchrickſt vor Schatten, meine Liebe. Aber ich glaube wirklich, Du mußt Dich irren, denn Dein Onkel ſagte mir, er würde gerade heute beſonders beſchäftigt ſein,“ ſagte Mrs. Hamilton. „Sie irrt ſich doch nicht,“ rief Caroline aus, die an einem der Fenſter ſtand,„denn hier ſind ſie Beide; ſie rit⸗ ten eben ſehr raſch die Allee herauf. Indeß das Geheimniß wird ſich bald löſen.“ Mr. Hamilton und Edward traten faſt augenblicklich ein, der Letztere offenbar ſehr aufgeregt, der Erſtere ſo ruhig und heiter, daß die augenblickliche Sorge ſeiner Gattin ſich ſofort beruhigte. Er lachte über ihre Verwirrung und ſagte, daß ein wichtiger Brief ihn in Aſhburton getroffen habe, der ihn nach Plymouth gerufen, und ſo habe er gedacht, er wolle erſt ſehen, wie es in Oakwood gehe. Dies war durchaus kein genügender Grund von Mr. Hamilton. Edward ſuchte Ellens Fragen ruhig zu beantworten, aber konnte es nicht. Indem er ausrief:„Sage Du es ihr, lieber Onkel, ich kann es nicht,“ lief er zum Zimmer hinaus. Mr. Hamilton wechſelte ſofort ſein ſcherzendes Benehmen und bat ruhig und liebevoll ſeine Nichte, ſich neben ihn zu ſetzen, er wolle ihr die wahre Urſache ihrer unerwarteten 518 Rückkunft erzählen. Es ſei ein Befehl an die Seekönigin gekommen, daß ſie viel früher abſegeln ſollte, als erwartet worden, und deshalb habe er ſein Geſchäft verſchoben und ſei ſogleich mit Edward zurückgekehrt. „Es iſt eine Prüfung, meine liebe Ellen, eine ſehr ſchwere Prüfung unter allen Umſtänden, aber ich bin über⸗ zeugt, Du wirſt ſie um Edwards willen muthig ertragen. Die einzige Störung ſeines Glückes, ſeinem Berufe wieder nachfolgen zu können, iſt der Gedanke an die Prüfung, die Dir daraus erwachſen wird.“ „Aber wann müſſen wir ſcheiden? Wann muß er Oak⸗ wood verlaſſen?“ das war Alles, was die arme Ellen fragen konnte, aber in einem ſolchen Tone ſtillen Schmerzes, daß ihr Onkel für den Augenblick nicht antworten konnte. „Die Seekönigin verläßt Plymouth, wenn der Wind es geſtattet, zu Ende der Woche, aber Edward muß morgen am Bord ſein.“ Ein leiſer Schrei entſchlüpfte unwillkürlich Ellens Lip⸗ pen, als ſie ihr Geſicht in das Kiſſen des Sopha's begrub, worauf ſie ſaß, und ein Ausruf des Erſtaunens und Bedau⸗ erns erklang von allen Seiten. Mrs. Hamilton empfand es eben ſo ſehr wie Ellen, da ſie nicht nur ihre unausgeſpro— chene Angſt hatte, ob ihn die Einflüſſe ſeiner Erziehung vor künftigen Verſuchungen ſichern würden, ſondern auch weil ſie auf jeden Gedanken und jedes Gefühl eingehen konnte, wie Ellen das gegenwärtige Scheiden, das immer ſchon ſchmerzlich an ſich ſelbſt war, noch ſchwerer machen mußte. Nach eini⸗ gen Minuten richtete Ellen ihr Köpfchen auf, und wiewohl ihre Wange völlig farblos war, ſo vergoß ſie doch keine Thräne.„Sage Edward, er brauche meine Schwäche nicht zu fürchten, Emmeline!“ ſagte ſie, indem ſie ſich die größte Mühe gab, recht ruhig zu ſprechen.„Bitte ihn nur, er möge zu mir kommen, damit wir die kurze Zeit, die wir noch ha⸗ ben, zuſammen zubringen können. Ich will ſo heiter ſein, wie er ſelbſt.“ Und ſie hielt Wort, und ſie beherrſchte ihren Schmerz, um auf ſeine natürlicherweiſe frohen Hoffnungen ein⸗ zugehen, ſo daß ihrem Bruder zu Muthe war, als wenn er — ——— ——— 519 ſie nicht genug lieben und verehren könnte. Er mußte Dak⸗ wood, von ſeinem Onkel begleitet, am nächſten Morgen ſo früh verlaſſen, daß alle ſeine Vorbereitungen in der Nacht vollendet ſein mußten. Die Thätigkeit der Frau Ellis, wie⸗ wohl ſie den Gedanken an ſeine Abreiſe nicht ertragen konnte, traf raſch die nöthigen Vorkehrungen. Robert Langford, der erſt ſeine natürliche Heiterkeit wieder gewonnen hatte, ſeitdem Ellen ihren gewöhnlichen Platz in der Familie wieder ein⸗ nahm, erklärte noch immer, ſeine Nachläſſigkeit ſei der Grund all ihres Elends geweſen, und er war ſo eifrig in ſeinem Dienſt, daß Edward nur einen Wink zu geben brauchte, wenn er etwas haben wollte, ſelbſt wenn es nur aus einiger Ent⸗ fernung beſchafft werden konnte. Die Stunden verfloſſen, die Abendandacht wurde ge⸗ ſchloſſen, aber immer noch weilte die Familie in der Biblio⸗ thek. Es ſchien, als wenn noch ſo vielerlei zu ſagen wäre, denn Mr. Hamilton und Miß Harcourt ließen die Unterhal⸗ tung nicht in's Stocken kommen, und Edward ſprach und lachte ſo viel, als wenn er nur auf einige Tage verreiſen wolle. Die Mitternachtsglocke ſchlug, aber immer noch war es Mrs. Hamilton zu Muthe, als wenn ſie das Zeichen zur Trennung noch nicht geben könnte; als es aber ein Uhr ſchlug, erhob ſich ein allgemeiner Aufſtand, und einmüthig wurde erklärt, es könne noch nicht ſo ſpät ſein. „Ich ſage Euch, es iſt ſo ſpät,“ erwiderte Mrs. Hamil⸗ ton heiter,„und der arme Edward wird gar nicht ſchlafen, wenn wir uns nicht ſogleich trennen. Er muß Euch eine Schachtel künſtlicher Roſen ſchicken, denn dieſe ungewöhnliche Verſpätung wird Euch Allen Eure natürlichen Roſen bleichen. Ellen, ich muß grauſam genug ſein, dieſem bittenden Blicke zu widerſtehen; bedenke, daß noch nicht Deine volle Kraft zurückgekehrt iſt!“ Sie ſprach freundlich, aber feſt, und es entſtand eine allgemeine Bewegung. Edward verſprach la⸗ chend, ſeinen Couſinen die allerbeſte Schachtel Schminke zu ſchicken, die er in Plymouth bekommen könne, und wünſchte ihnen ſo heiter gute Nacht, als wenn ſie ſich am nächſten Mor⸗ gen wie gewöhnlich wiederſehen würden. Nur einmal ſchwankte 520 ſeine Stimme.„Ellen, meine liebe Schweſter, gute Nacht! Gott im Himmel ſegne Dich!“ das war Alles, was er ſagen konnte. Der letzte Satz entfuhr ihm gleichſam unwillkürlich, als wenn er blos hätte Gute Nacht ſagen wollen. Und län⸗ ger als eine Minute hielten ſich Bruder und Schweſter um⸗ ſchlungen. In Mrs. Hamiltons Augen ſtanden Thränen und die ihres Gatten waren ungewöhnlich trüb, denn es be⸗ durfte keiner Worte, um ihnen die Qual zu offenbaren, die in dieſem Augenblicke die beiden jungen Herzen erduldeten, namentlich das Herz Ellens, denn ihr Loos war das des Weibes, zu dulden— bis die Zeit die Wahrheit von Ed⸗ wards Entſchlüſſen beweiſen und bis ſich herausſtellen würde, daß er wirklich der edle Character ſei, wozu ſeine Anlagen berechtigten. Sie riß ſich von ihrem Bruder los, und da ſie weder ihre Tante noch ihren Onkel anzureden wagte, aus Furcht, daß ihre Selbſtbeherrſchung ſie alſobald verlaſſen möge, eilte Ellen aus dem Zimmer. „Gehe zu ihr, Tante Emmeline! O ſage ihr, ich will ihr nie, nie wieder Kummer machen!“ bat Edward, ſobald er ſprechen konnte, und erfaßte die Hand ſeiner Tante.„Sie hat um meinetwillen den ganzen Abend mit ſich gekämpft und wird morgen dafür zu leiden haban, wenn ſie ſich nicht Luft macht, und ſie wird weniger ſchmerzliche Thränen ver⸗ gießen, wenn Du ihr Troſt zuſprichſt.“ „Sie wird ſich wohler befinden, wenn ſie eine kurze Zeit allein bleibt, mein lieber Junge. So jung ſie iſt, ſo weiß ſie, wo ſie Troſt zu ſuchen und zu finden hat, und ihre Thrä⸗ nen werden unbeſchränkter fließen, wenn ſie weiß, daß nur Gott ihr Zeuge iſt, der ſie auch geſunden laſſen wird. Ich werde mich nicht von Dir verabſchieden. Ellis wollte einige Weiſungen in Betreff Deiner Sachen, und ich werde nachher zu Dir in Dein Zimmer kommen.“ Mrs. Hamilton kannte das menſchliche Herz recht gut. Als ſie zu Ellen ging, hatte ſich der natürliche Schmerz Luft gemacht, und ihre Theilnahme, ihre offen ausgeſprochene Ueberzeugung, daß der geliebte Bruder ſie nicht wieder durch Verirrungen und Reue quälen werde, konnte ſie tröſten. 521 Die Thränen mochten allerdings raſcher fiießen, als ſie die Stimme der Liebe hörte, aber es lag etwas Heilendes in ihnen, und als ihre Tante ſie verließ, um zu Edward zu gehen, ließ ſie ihm mit einem zärtlichen Gruß ſagen, daß ſie ſich wohler befinde und daß ſie in ein Paar Tagen um ſeinet⸗ willen glücklich, ganz glücklich ſein werde. Es war ſpät, als Mrs. Hamilton ihren Neffen verließ. Wir wollen nicht wiederholen, was Alles zwiſchen ihnen vor⸗ ging, was alles dieſe zärtliche, treue Verwandte ſo dringend, ſo bittend ſagte. Sie hatte noch niemals ihrem Neffen viel guten Rath in Worten gegeben, denn ſie fühlte, dieſes Amt verrichte beſſer Mr. Howard und ſein Onkel; ſie hatte nur Einfluß auf ihn durch die Macht der Liebe, der Geduld, der Theilnahme an ſeiner Reue und des Mitleids für ſeine Ver⸗ irrungen geſucht. In der unglücklichen Zeit, in der furchtbaren Angſt, die Ellens Gefahr ihr perſönlich verur⸗ ſacht hatte, hatte ſie niemals geſprochen oder auch nur ein Wort fallen laſſen, welches ihm, als dem Urheber von dem Allen, einen Vorwurf gemacht hätte, und deshalb gab ſie nun ihrer beſorgten Liebe Worte, ſie waren aber ſo, daß ihr Neffe ſie nie vergaß.„Es iſt mir nun,“ ſagte er zum Schluß ihrer Unterredung,„als wenn mich nichts verſuchen könnte, wieder auf Irrwege zu gerathen, aber Tante Emme⸗ line, das dachte ich auch, als ich früher die Heimath verließ, aber ihre Einflüſſe verließen mich, als wenn ſie nie dagewe⸗ ſen wären. Es mag wieder ſo ſein, und giebt es nicht ſolche Unglückliche, die Alles, was ſie lieben, elend machen?“ „Nein, gewiß nicht, wenn ſie die Einflüſſe des Eltern⸗ hauſes mit ſich nehmen, mein lieber Sohn. Sie verließen Dich, weil durch die ſchlauen Gefinnungen eines unglückſeli⸗ gen Menſchen Deine Religion erſchüttert wurde, und Du mit Verachtung und Unglauben die einzige Sicherheit von Dir warfſt, welche die Jugend hat, Gottes heiliges Wort. Die Einflüſſe Deiner Erziehung ſind allein darauf begrün⸗ det, mein Edward. Sie erſcheinen vielleicht dem blos zu⸗ fälligen Beobachter nur als Liebe, Nachſicht, Friede und Freude, die aus unſchuldigen und glücklichen Herzen ent⸗ ſpringen, aber das ſind blos Blumen, die aus einer unſterb⸗ lichen Wurzel emporwachſen. In Gottes Wort allein liegt unſere Sicherheit, darin allein unſere Stärke, unſere Freude, und die kannſt Du immer noch haben, mein Sohn, wiewohl Du weit von uns entfernt und in einer eigenen kleinen Welt biſt, die ihre beſonderen Intereſſen und Ver⸗ ſuchungen hat. Nimm dieſe kleine Bibel. Sie iſt achtzehn Jahre mein beſtändiger Begleiter geweſen, und Niemand als Dir würde ich ſie ſchenken. Wenn Du fürchteſt, daß Deine beſſeren Gefühle ſchwanken, ſo lies darin, laß Dich durch ſie leiten, wenn auch zuerſt nur um deren willen, die Du liebſt. Ich fürchte nicht, daß Du es nicht ſehr bald um ihrer ſelbſt wil⸗ len thun wirſt. Sie trägt einen Namen, der ſie Dir immer heilig erſcheinen laſſen wird, wie ſie es mir geweſen iſt.“ Edward ſchlug ſie raſch auf.„Charles Manvers!“ rief er aus,„mein Onkel, der Seemann, deſſen Gedächtniß Du mir ſo lieb gemacht haſt. Es iſt wirklich ein Amulet, liebe Tante, und Du ſollſt nie bereuen, daß Du mir ein ſo koſtbares Ge⸗ ſchenk gemacht haſt. Aber wie kamſt Du dazu?“ „Er kam zu mir, ehe er ſeine letzte Fahrt machte, und bat mich, die Bibel mit ihm zu tauſchen, damit wir in unſern ernſten Augenblicken an einander gedächten. Es war eine ſo ungewöhnlich ernſte Rede für ihn, daß ſie mich wie eine Vorbedeutung berührte, und nur zu bald ging ſie in Erfül⸗ lung. Ich ſah ihn nie wieder, und dies kleine Buch gewann natürlich an Werth.“ Ihre Stimme ſchwankte, denn immer noch war ihr die Erinnerung an ihren Bruder ſo theuer, daß ſie nie ohne Bewegung von ihm ſprechen konnte. Ed⸗ ward wiederholte ſeine Verſicherung, daß ſie ihm eben ſo werthvoll ſein werde, und fügte hinzu:„Ich habe oft ſelt⸗ ſame Phantaſie von Onkel Charles gehabt, Tante, und wünſchte mir den Befehl eines Schiffes, um an der Küſte von Algier herumſchwärmen und etwas Näheres über den Leander erfahren zu können. Ich kann gar nicht glauben, daß er ertrunken iſt, und doch iſt es ſchrecklich, mir ihn als Sclave zu denken.“ „Es iſt auch nicht wahrſcheinlich, mein lieber Sohn. 6 ———————— 5— Denke, wie viele Jahre verfloſſen find.— Aber ſo ſchmerz⸗ lich es iſt, wir müſſen uns trennen, Edward, ich darf Dich nicht länger vom Schlafen abhalten. Gieb mir nur noch ein Verſprechen. Wenn Du jemals wieder in Verſuchung und auf Irrwege geführt wirſt, und das iſt möglich, denn bisweilen laſſen uns unſere feſteſten Entſchlüſſe im Stich, ſo ſchreibe mir offen, freimüthig, ohne den mindeſten Rückhalt, erzähle mir Alles, und wenn Du Hülfe brauchſt, ſo verlange ſie, und ich werde ſie Dir geben, und wenn es möglich iſt, das Mißfallen Deines Onkels Dir erſparen. Ich fürchte nicht, daß, indem ich Dir dies ſage, ich Deine Entſchlüſſe ſchwäche, ſondern ich will nur vermeiden, daß aus Furcht vor dem Zorne des Onkels aus einem Fehler viele werden. Erinnere Dich, mein lieber Sohn, Du haſt einen Anſpruch an mich, den keine Verirrung, kein Vergehen löſen kann, da ich dem Retter meines Gatten niemals die Liebe entziehen kann, die ich zu Dir habe. Du wirſt mich Deine edle That mit all der Liebe, der Bewunderung betrachten laſſen, die ſie ver⸗ dient; verſprich mir, daß Du in allen Verlegenheiten oder Ver⸗ irrungen, mögen ſie groß oder klein ſein, an mich ſchreiben willſt, wie Du an Deine geliebte Mutter geſchrieben haben würdeſt, und ich werde keine Furcht mehr haben.“ Edward verſprach es, aber ſein Herz war ſo voll, daß er nicht länger an ſich halten konnte, und als Mrs. Hamilton ihn in einer ſtummen Umarmung an ihr Herz ſchloß, weinte er an ihrer Bruſt wie ein Kind. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Das Geburtstagsgeſchenk. Heiter und ruhig, wie der Lauf ihres ſchönen Fluſſes, floſſen nun den Bewohnern von Dakwood die Tage dahin. Briefe kamen von Edward ſo häufig und ſie athmeten ſolche 524 Heiterkeit, daß ſelbſt bei dem Gedanken an ihn ſich ruhige, frohe Hoffnung regte. Er ließ keine Gelegenheit vorüber, wo er an Mrs. Hamilton ſchrieb, was er früher nie gethan hatte, ohne ſeine Briefe an Ellen in die ihrigen einzuſchlie⸗ ßen. Der Ton war gegen ſeine letzten ein ſo ganz anderer geworden, daß ſeine Familie ſich nun wunderte, daß ſie früher ſo blind geweſen und nicht bemerkt hätten, daß ſelbſt ſeine ſcheinbare Lebhaftigkeit unnatürlich und überſpannt ſei. Auch für Ellen hatte Mrs. Hamilton die beſte Ausſicht auf glücklichen Erfolg Die mißverſtandenen Einflüſſe ihrer Kindheit und die Steigerung derſelben durch eine krank⸗ hafte Phantaſie, die von beſtändigem Leiden herrührte, ſchie⸗ nen in der That bald ganz ausgerottet zu ſein. Da Mrs. Hamilton gern alle traurigen Erinnerungen, die ſich an die Bibliothek knüpften, entfernen wollte, und da ſie den Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, Ellens Arbeiten ſelbſt zu beaufſichtigen, ſo brachte ſie lange Morgen in dieſem alten Zimmer mit ihr ſo vergnügt zu, daß es ſie bald nur an die großen Dichter und Schriftſteller erinnerte, deren Werke ſie ganz oder in Auszügen las, und die ihren Geiſt mit ſo neuen Gedanken, ſo erhabenen Ideen, ſo ruhigen und tiefen Wahrheiten er⸗ füllten, daß ſie ſelbſt fühlte, daß ſie ein neues Weſen wurde. Lebhaft und leichtſinnig wie Emmeline konnte ſie allerdings nicht werden, ſo ähnlich ihre Anlagen von Natur waren, aber ſie war ruhiger, heiterer, als ſie ſich jemals erinnerte. Nur ein trüber Gedanke drang ſich ihr immer auf und brachte ſie zu einem Entſchluſſe, von dem Niemand eine Ahnung hatte. Denn ſo offen ſie geworden war, ſie konnte denſelben gegen Niemand, als gegen Ellis ausſprechen, denn ſie allein konnte ihr beiſtehen, wiewohl es vieler, vieler Ueber⸗ redung und vieler Verſicherungen bedurfte, daß ſie niemals ganz glücklich ſein könne, bevor er erfüllt ſei. Ellen wußte, fühlte jede Woche mehr und mehr, daß ſie nicht ruhen könne, bis ſie es ſo weit gebracht habe, daß ſie die volle Summe, die ſie ſich unfreiwillig zugeeignet, in die Hände ihrer Tante zurückgelegt haben werde. Das einzige Mittel, welches ihr zu Gebote ſtand, erforderte einen ſcheinbar ſo unendlichen 525 Zeitraum der Selbſtverleugnung, der Geduld und der Aus⸗ dauer, daß zuerſt, als Ellis ihr vorſtellte, was damit alles erforderlich werde, ihr zu Muthe war, als wenn ſie ſich wirk⸗ lich nicht dazu entſchließen könne, ſo ſehr ſie ihre Aufgabe zu erfüllen wünſchte. Aber das Gebet ſetzte ſie in den Stand, der Idee in's Auge zu blicken, bis ſie alle ihre Schrecken verlor, und drei Monate nach Edwards Abreiſe fing ſie die Ausführung an und war entſchloſſen, daß weder Zeit noch Schwierigkeit ſie davon abſchrecken ſolle. Welchen Plan ſie hatte und ob er ihr glückte, davon wollen wir unſern Leſern hier nichts ſagen. Sollte es uns geſtattet ſein, unſere Ge⸗ ſchichte der Familie Hamilton wieder aufzunehmen, ſo wird Beides offenbar werden. Zu Carolinens großem Vergnügen war der folgende October für ſie beſtimmt, Oakwood zu verlaſſen und nach einer Vergnügungsreiſe London den lange erwarteten Beſuch zu machen. Sie ſollte dann drei oder vier Monate Ruhe haben, den Unterricht tüchtiger Lehrer zu genießen, ehe ſie in die Welt eingeführt würde, und Mrs. Hamilton hoffte, daß der letztjährige Aufenthalt zu Hauſe, der von ſo vielen häuslichen Leiden begleitet geweſen war und ſo viele hoff⸗ nungsvolle und bewunderungswürdige Züge in Carolinens Character entwickelt hatte, die Gefahr vermindert haben würde, welche ſie von der Feuerprobe der Bewunderung und des fröhlichen Lebens für ihr Kind ſo ſehr fürchtete. Für Emmeline war dieſe Beſtimmung perſönlich eine Quelle großen Bedauerns, woran Ellen lebhaft theilnahm, aber Emmeline hatte niemals den freundlichen Wink ihrer Mutter vergeſſen, daß es Egoismus iſt, wenn man dem Kum⸗ mer und der Sorge zu ſehr nachhängt, und ſie ſuchte Alles hervor, um auch in London einiges Vergnügen erwarten zu können. Ellen erwartete kein Vergnügen, ſondern es ſchmerste ſie, wenn ſie nur daran dachte, ihre Arbeiten mit ihrer Tante aufgeben zu müſſen, die ihr jetzt ſo viel Genuß ſchafften, und ſie wollte ſich dieſelben noch möglichſt zu Nutze machen, um Miß Harcourt keine Mühe zu verurſachen, wenn ſie wieder unter ihre Zucht käme.— 526 Es war wieder der ſiebente Juni und Ellens Geburts⸗ tag. Seit der Zeit, wo ſie eine Bewohnerin von Dakwood geweſen war, daran gewöhnt, den Jahrestag ihrer Geburt in demſelben ernſten Lichte zu betrachten, wie es Mrs. Ha⸗ milton ihren Couſinen gelehrt hatte— als einen Tag ruhiger Betrachtung, wie des Dankes und der Freude, als einen Tag, der ein Jahr ſchließt und das andere anfängt, und der ſie lehrte, daß ſie immer verantwortlichere Weſen würden— war es nicht ſehr zu verwundern, daß Ellen den ganzen Tag etwas weniger heiter als gewöhnlich zu ſein ſchien. Sie hatte allerdings viele Urſache zum Dank und zur Freude während des verfloſſenen Jahres gehabt. Aber ein Herz und ein Gemüth, wie das ihre, konnte an das Hauptereigniß deſſelben ſich nicht erinnern, ohne daß ein gewiſſer Schmerz zurückkehrte. Mrs. Hamilton bemerkte ihre jetzt ungewöhn⸗ liche Traurigkeit erſt am Abend, wo ſie dieſelbe in Gedanken verſunken an einem der weit geöffneten Fenſter ſtehen ſah, in deſſen Nähe Caroline einige ſchöne Blumen auf der Terraſſe begoß, und indem ſie ſich ihr leiſe näherte, und ihren Arm um ſie ſchlang, ſagte ſie zärtlich:„Du haſt für heute ſehr ernſte Gedanken gehabt, aber Du darſſt Dich nicht länger ſo ſtummen Betrachtungen hingeben. Ich erkenne an, daß es im Rückblick auf das verfloſſene Jahr Manches zu bereuen giebt, aber Du mußt nicht alle die Quellen des Dankes ver⸗ giften laſſen, die es ebenfalls bringt.“ „Ich dachte nicht an mein früheres Benehmen, Tante Emmeline. Ich dachte—“ „Woran, meine Liebe? ſage es mir ohne Rückhalt!“ „Daß ich nie, nie nur im Mindeſten vergelten kann, was ich Dir ſchulde,“ erwiderte Ellen mit plötzlicher Bewegung, die bei ihrem ruhigen Character ſehr ungewöhnlich war. „Ich kann niemals zeigen, wie dankbar, wie innig ich alle die Güte, die Liebe fühle, die Du mir von dem erſten Augen⸗ blicke an erzeigt haſt, als Du mich in Dein Haus nahmſt, ein unglückliches, verzogenes, krankes Kind, in dem letzten Jahre noch mehr als ſonſt. Meine eigene arme Mutter ver⸗ ließ mich in meiner gefährlichen Krankheit, und was haſt Du 1 —— ——— ——— — —— nicht gethan, um mir nicht blos körperliche, ſondern auch geiſtige Geſundung zurückzugeben! Tag und Nacht wachteſt Du bei mir und vergaßeſt alle Sorge, alles Leid, was Dir mein Benehmen verurſacht, und dachteſt nur daran, mir die Geſundung zurückzugeben. O, Tante Emmeline, ſelbſt Dein Geſinde kann ſeine Dankbarkeit und Liebe beweiſen, indem es ſeine Pflichten treulich erfüllt; ich kann nichts, nichts thun! O, wenn ich es nur könnte!“ „Erinnerſt Du Dich der Fabel von dem Löwen und der Maus, meine liebe Ellen?“ erwiderte Mrs. Hamilton mehr gerührt, als ſie zu zeigen für gut hielt, wiewohl ſie ihre Nichte feſter an ſich ſchloß und ſie zärtlich küßte.„Ich hoffe, ich werde nie in einem Netze gefangen werden und nie ſolchen Gefahren und Schrecken ausgeſetzt ſein, wie die arme Madame de Fleury in der franzöſiſchen Revolution. Aber trotz alle dem und ſo unwahrſcheinlich es jetzt auch ſein mag, kannſt Du, liebes Kind, gar manche Gelegenheit haben, Al⸗ les zu vergelten, was Du mir nach Deinem dankbaren Ge⸗ fühle zu ſchulden glaubſt. Laſſe Dich durch ſolche Gedanken nicht quälen, ſondern glaube mir, wenn ich Dir die Verſi⸗ cherung gebe, daß Liebe und Vertrauen die einzige Vergel⸗ tung ſind, die ich begehre, verbunden mit dem ernſten Ver⸗ langen und dem beharrlichen Bemühen, Alles zu werden, was Deine beſten Freunde Dir wünſchen können.“ Sie wurde durch den Eintritt Emmelinens unterbrochen, die ein kleines Packet in der Hand trug. „Mama, dies iſt ſoeben von Exeter für Dich gekommen mit einer Entſchuldigung von Mr. Bennet, der Dir ſagen läßt, es hätte ſchon geſtern Abend hier ſein ſollen, wie er verſprochen, aber er habe die Sachen nicht zu rechter Zeit von London bekommen können. Ich bin ſo neugierig, was es möglicherweiſe ſein kann, daß ich es Dir ſelbſt bringe.“ „Ein ander Mal würde ich Deine beſtändige Neugier ſtrafen, Emmeline, indem ich dieſelbe nicht befriedigte. Ich kann es indeß jetzt nicht, denn ich würde mich ebenfalls ſtra⸗ fen. Ich wollte es gern heute Morgen haben, doch ich freue mich, daß es nicht ſo lange verzögert wurde, bis der Tag 528 ganz vorüber war. Dein Onkel und ich haben Deinen Geburtstag nicht vergeſſen, meine Ellen, wiewohl es ſo ſchien.“ Und indem ſie das Packet öffnete, zeigte ſich ein ſehr hübſches Juwelenkäſtchen, das die Uhr, das Kreuz und alle die andern Schmuckſachen, welche Ellen in Mrs. Lang⸗ ford's Hände gelegt, und nach denen ſie aus Mangel an Muth nie wieder gefragt hatte, und die wenigen, die ihre Tante für ſie aufgehoben hatte, enthielt. Aber ſie waren ſo hübſch geordnet und ſo ſchön polirt, daß ſie ſie kaum wiedererkannte. „Hatteſt Du keine Neugier, welches Schickſal Deine Schmuckſachen gehabt, daß Du niemals darnach fragteſt?“ „Ich wußte, ſie waren in beſſeren Händen, als in den meinen,“ erwiderte Ellen mit bebender Lippe.„Ich fühlte, ich hatte kein Recht mehr an ſie, nachdem ich den Verſuch gemacht, ſie zu verkaufen.“ „Ich weiß, es haften einige ſehr ſchmerzliche Erinne⸗ rungen an dieſen Schmuckſachen, meine liebe Ellen, und deshalb wollte ich ſie nicht eher Dir ſelbſt wieder anver⸗ trauen, bis ich ein Geburtstagsgeſchenk hinzufügen könnte“ — und indem ſie den oberen Deckel aufhob, nahm ſie eine gol⸗ dene Kette und ein Paar Armbänder von der ſchönſten Ar⸗ beit heraus— damit Du die traurigen Erinnerungen an die einen über den andern vergißt. Ich habe blos eine Be⸗ dingung zu machen,“ fügte ſie mit ernſterem leiſerem Tone hinzu, als Ellen ihren Dank auszuſprechen verſuchte, aber nur ihre Tante umarmen und weinen konnte.„Wenn Du jemals wieder in die Verſuchung kommſt, ſie verkaufen zu wollen, ſie mir zu bringen, ich will ſie erſt taxiren.“ „Du ſollſt ſogleich in Ketten gelegt werden, Ellen!“ ſagte Emmeline fröhlich, als ihre Couſine das verlangte Verſprechen gab.„Mama, lege ſie ihr an, ich möchte ſehen, ob ſie ſo intereſſant ausſieht, wie Zenobia in ihren goldenen Ketten.“ „Ich dächte, Du hätteſt ein hübſcheres Bild finden kön⸗ nen, Emmeline,“ erwiderte Emmeline lächelnd, indem ſie —— 529 ihre Bitte erfüllte, Ellen die Kette um den Hals ſchlang und die Armbänder an den Händen befeſtigte. „Das kann ich und das will ich!“ erwiderte das leb⸗ hafte Miädchen, indem ſie ohne das mindeſte Zaudern die Verſe änderte und deklamirte: „Für dich, du Leichtſinn, bittet Niemand, nein, Dein Loos ſoll nur gerechte Strafe ſein, Die du genährt von unſerm Lächeln biſt Und unſre Sorgen lohnſt mit arger Liſt; Die deinen guten Namen du entehrt Und Wachtmannſchaft und Ketten gar begehrt. Die goldne Kette, ſie war raſch entſchwunden, Die Glieder um den ſchönen Hals gebunden, Dann zog ſich leis zurück die muntre Band' und legt' das Schloß an Ellens zarte Hand.“ Hier alſo müſſen wir Oakwood und ſeinen glücklichen Bewohnern Lebewohl ſagen. Sollten wir ſoviel Intereſſe erregt haben, daß unſere Leſer wünſchen, ihnen in die Welt zu folgen und zu beobachten, ob die Einflüſſe des Hauſes wirklich die guten Folgen haben werden, die ſie verheißen, wenn die mütterlichen Sorgen der Mrs. Hamilton ihren Lohn ſchon auf Erden finden, und welche Wirkung die häuslichen Einflüſſe auf die Familien Greville und Graham haben, die, wie man uns beſchuldigen wird, wir nur einge⸗ führt haben, um ſie unvollendet zu laſſen, ſo werden wir mit Freuden unſere Erzählung wieder aufnehmen und alle Auskunft geben, die man nur wünſcht. Wir geſtehen zu, daß unſere Aufgabe nicht vollendet iſt. Wir haben nur die häusl ich Erziehung der Hamilton'ſchen Familie gezeichnet, der Erfolg derſelben erfordert eine weitere Erklärung, und wie wir die Sorgen und Kümmerniſſe der Mutterliebe zu malen geſucht haben, ſo werden wir in der Familie Gre⸗ ville und Graham, wie in der Familie Hamilton zu malen ſuchen— den Lohn einer Mutter. 34 S 8 — G 2 — — 8S 8 8 S — 8 — S e ee—— 4 . 3— —— ———— ——— ——