Teil eines Werkes 
11.-14. Bdchn (1855)
Entstehung
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einen herrlichen, ſiegreichen Gedanken, einen Gedan⸗ ken Rouſſeau's würdig, einen Gedanken, der die wahre und geſunde Philoſophie wird lächeln machen, den Gedanken, meine Tochter nach ihrem Herzen und nach dem Willen Gottes, der Menſchen ungeachtet und dem Geſetze zum Trotze zu verheirathen?

Ingénue ließ träumeriſch, denn die Worte erſtickten ſie und die Ideen auch, ihre beiden Hände, die der gute Mann genommen hatte und in den ſeinigen ſtreichelte, wieder fallen. Ein Schleier breitete ſich über ihren ſanften Zügen aus, und et⸗ was Entſchloſſenes, Starres, wie der Stahl, brach gleichſam aus ihren blauen Augen hervor.

Mein Vater, ſprach ſie,ich danke Ihnen auf⸗ richtig und aus tiefſtem Herzen; Herr Chriſtian und ich, wir haben uns aber in dieſer Hinſicht ver⸗ ſtändigt.

Wie, Du ſchlägſt es aus? rief Rétif.

Ich laſſe Ihrer unerſchöpflichen Güte alle Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, mein Vater. Doch ſo gut Sie ſind, ich nehme Ihren Vorſchlag nicht an. Ich weiß, was er Alles Muthiges und Verführeriſches hat; das Unglück von ſo vielen Frauen wahrnehmend, habe ich mir aber geſchworen, nie ſolchen Mißge⸗ ſchicken durch eine Unklugheit zu trotzen. Nein, ich will nicht die Maitreſſe eines Mannes ſein, und be⸗ ſonders nicht des Mannes, den ich lieben würde. Ich liebe, und ich fühle, daß es für immer iſt: meine Seele iſt nicht gemacht, um das Gefühl zu wechſeln; dieſe Liebe bildet gegenwärtig mein Leben! Am Tage, wo ich die Kette bräche, die ich an die Seele von Herrn Chriſtian löthen laſſe, würde ich ſterben!