Heft 
(1997) 2/1997. Dezember 1997
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16 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer

Wir werden ignoriert. überal

Bei der Konferen? Pie vergessenen Juden im Baltikum? warben Betroffene um Anerkennung. Beim Benefizkonzert vergaß die bundesdeutsche Politprominenz. sie zu begrüßen Aus Hunnover Anita Kogler

Am 4. Juli 1941 brannten in Riga die Synagogen. In der größ- len sie stand in der sogenannten Moskauer Vorstadt, wo wenig spã- ler das Ghetto errichtet wurde beſanden sich etwa 300 jüdische Füchtlinge aus Litauen. Lettische Polizisten umstellten mit Maschi- nengewchren die Synagoge, er schossen jeden, der aus dem bren- nenden Gebäude flüchten wollte. Drei Tage spãter meldete der Lei- ler der Einsatzgruppe la, Walter Stahlecker stolz nach Berlin: Alle Synagogen sind vernichtet. Der4. Juli war der Auſtakt zum großen Massenmorden in Lettland. Von qen etwa 90.000 Juden überlebten nurzirka 1.000 Menschen.

In Lettland ist der 4. Juli seit der Unabhängigkeit 1091 offizieller Holocaust-Gedenktag. Alle Fahnen stehen auf Halbmast, auch wenn die meisten Letten nicht wis- sen, warum. Die Vernichtung der Juden, mit Hilfe lettischer Kolla- borateure durchgeführt, zählt heute noch zu den verschwiegenen Themen. In Deutschland ist dies kein Tabuthema, aber ein peinli- ches. Erst vor kurzem heschloß der Finanzausschuß des Bundestages, die Entschãdigung für baltische Ju- den nicht weiter zu behandeln. Sie haben bisher keinen Pfennighu manitäre Hilfe für Ghetto, Kon? Zentrationslager Raub ihrer Ver- mögen, Zwangsarbeit zugunsten des Deutschen Reiches und die Er- mordung ihrer Familien erhalten- und werden es auch nicht meh

Daß die 229 litauischen Uberle- benden die 84 in Lettland und die lünf in Estland nicht in Armut ster- ben, ist nur privaten deutschen Hilfsinitiativen zu verdanken die Scit Jahren Geld sammeln und es ohne Nebenkoslen den KZVereit

nigungen persönlich überbringen.

Mit diesem Skandalon der Nichtentschädigung beschäftigte sich am Wochenende ein Sympo- sium der Buber-Rosenzweig-Stif- tung in Hannover. Ihr TitelDie vergessenenen Juden in den balli- schen Slaaten Gekommen waren auch Alexander Bergmann, Vor- sizender der lettischen Vereini- gung der jüdischen Uberlebenden von Ghetto und KZ Margers Ve- stermanis, Zciteuge und Leiter Cesjüdischen Muscums und Poku- mentationszentrums in Riga, Sowie Fruma Kucinskrene, Uberlebende der Massaker in Kaunaus und Vor- sizende der dortigen jüdischen Gemeinde.Wir werden ignoriert, man will von uns nichts wissen. Nirgendwo, sagte Alexander Bergmann, Rechtsanwalt und mit 72 Jahren das jüngste Vereinsmit- glied. In Lettland scien neue Ge- sclze in Arbeit, die die ehemaligen lettischen SS-Leute begünstigen und die Verfolgten des Nazire- gimes benachteiligen. Die Uberle- benden müßten Schriftliche Doku- mente über ihre Verfolgung einrei- chen.

Bei den Tälern reichen Zcugen- daß sie wirklich bei Kampfhandlungen verletzt wor- den sind. Für sie ist das wichtig, dennkriegsverletzte SSSolda- len erhalten nicht nur Freifahrt- scheine in lettischen Eisenbahnen, sondern im Unterschied zu den Verfolgten auch Versorgungs- renten in Hõhe von 300 Mark aus Deutschland. Bitter klingen die Vorhersagen aus den Reihen der Uborlebenden:In vier Jahren lebt von uns keiner mehr Dann ist Deutschland das Problem los.

Die Nichtentschädigung der Opſer ist ein Makel in der Ge

aussagen,

schichte der BRD faßte der Han- noveraner Jurist Joachim Perels zusammen. Zuvor referierte er über die Amnestiebewegung und die milden Urteile für deutsche Kriegsverbrecher im Baltikum. In der frühen Bundesrepublik ur teilte die Justiz, daß nur Hitler, Himmler und Heydrich Täter im eigentlichen Sinne gewesen seien. Anläßlich der Tagung hatte der Direktor des Europäischen Zen- trums für Jüdische Musik, Andor lsak, im Kuppelsaal des Congreß Centrums ein großes Benefizkon- zert für die Uberlebenden des Ri- gaer Ghettos organisiert. Der letti-

sche Staatsprãsident Guntis Ulma-

nis Schickte ein Grußtelegramm, in dem er zum ersten MalPein außerte über die lettische Kollabo- ration, die er allerdings nach Weiß- russland und die Ukraine verlegte.

In Hannover war auch Bundes- lagsprãsidentin Rita Süssmuth. So- wohl sie als auch der niedersãchsi sche Landtagspräsident Horst Milde brachten das Kunststück fertig in ihren Eröffnungsanspra- chen das WortEntschädigung

nicht aus?usprechen. Mehr 0

Zwar begrüßten beide namentlic die anwesende Prominenz, den Landesbischof. den Kultusminister von Niedersachsen. vergaßen aber. daß auch Uberlebende des Rigaer Ghettos im Publikum saßen.Was soll dic Aufregung darüber, fragle Späler Alexander Berg- mann, ignoriert zu werden, sind wir doch gewöhnt.

tageszeitung 7. Juli 1997