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(2015) 1/2015. Dezember 2015
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23

schen niemals möõglich sein sollte. Nach dem EFin- marsch der Wehr- macht in Prag am 15. März 1939 ha- be erschrecken- derweise keiner ihrer Mitschüler sie mehr ange- schaut. Noch nicht einmal ein ver- Stecktes Zulächeln habe sie bemerken können, erinnert sich Trude Simon- sohn mit einem Tonfall, in dem immer noch etwas Enttäuschung mitschwingt.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Als sie im Gefängnis sehr verꝰweifelt war und nach dem Erhalt des Totenscheins ihres Vaters an Selbsttötung dachte, hat sie morali- sche Unterstüt?ung von unerwarteter Seite bekommen. FinKassenkna- cker?(also ein Bankräuber) habe ihr aus seinem Fenster mehrmals zugeru- fen:Gih nicht auf Der Hitler wird draufgehen. Du wirst weiterleben! Auch ein tschechischer Maurer habe ihr täglich Mut zugesprochen.

Solche Kleinigkeiten hätten ihr das Leben gerettet. Zwar kenne sie die Namen dieser beiden Männer nicht, aber sie werde deren Zuspruch nie vergessen. Ebenso wie jenen deut- schen Polizeipräsidenten aus Olmütz, der sie zwar nicht befreien konnte, aber doch veranlasste, dass sie nicht

Trude Simonsohn bei ihrem Vortrag im Butzbacher Museum

wie alle anderen jüdischen Mithäft- linge ins KZ Ravernsbrück deportiert wurde, Ssondern nach Theresienstadt, wo sich bereits ihre Mutter und Freunde aus der zionistischen Ju gendbewegung befanden. Dort lernte sie ihren späteren Mann Berthold Simonsohn kennen. Nach jüdischem Ritus heirateten sie kurz vor der be- vorstehenden Deportation im Okto ber 1944 nach Auschwitz. Hrudes Mut- ter hatte ihr dazu geraten und ihr ge- Sagt, sie solle sich künftig an Berthold orientieren, und sie davor zurückge- halten, dass sie mit ihr deportiert wird. Trude sah ihre Mutter wenige Tage später zum let?ten Mal.

Trude Simonsohn hat an ihre Zeit in Auschwitz lediglich eine Erinne- rung: die Demütigung, wie sie nackt und geschoren durch eine Reihe von SS-Männern laufen musste. Ansons- ten sei ihre Erinnerung ausgelöscht?. Sie erklärt sich dies damit, dass mei-