Heft 
(2004) 1/2004. Juli 2004
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22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

da hab ich mir gedacht- na ja..

Anni Reineck: Ja, und dann kam halt noch ne Verabredung. Die sind natürlich wieder nach Osterreich zurück. Na ja, und dann der eine oder andere Anruf, Briefe und ein Besuch... na ja...

Hermann Reineck: Wir waren also auch per Du dann schon. Und naja, so'n bisschen in den Arm genommen auch. Aber das war's Schon, möcht ich sagen. Vielleicht einmal ein Kuss auch... aber das war's. Und wir haben uns dann re- gelmäßig geschrieben, also täglich mõcht ich Sagen. Tãglich sind Briefe von Frankfurt nach Wien und von Wien nach Frankfurt gegangen. Und lange Briefe! Sie sind alle noch vorhanden.

Anni Reineck: Na ja, und dann ei- nes Tages war er halt wieder in Frank- furt. Und so ist aus dieser Begegnung, aus diesen Gesprächen in Frankfurt ein bisschen mehr geworden. Und der Auschwit?-Prozess hat also- wie man das so schön sagt-Folgen gehabt. Fol- gen in dem Sinne, dass mein jetziger Mann- damals Zeuge im Auschwit?- ProZess- heute hier mit mir lebt.

Hermann Reineck: Auschwitz- das kann man nicht aus dem Kopf strei- chen. Auch heute nicht- ich lebe jeden Tag mit Auschwitz. Und man muss das mit dem Herz oder mit dem Bauch ver- arbeiten.Und das kann Anni. Anni weiß genau, dass ich manchen Tag, dass ich dann nicht ansprechbar bin. Da ist Auschwit? wiederum da. Und sie ver- Sucht dann ganz langsam, also nach ei- ner gewissen Zeit, nachdem sie das be-

merkt hat, langsam darauf einzugehen und mir darũber hinwegzuhelfen.

Anni Reineck: Es ist so, dass man eigentlich einen großen Teil von sich selbst aufgeben muss und aufgibt, wenn man mit jemandem zusammen ist, der in Auschwitz war. Denn man kann nicht einfach sagen: Schwamm drüber, das Leben geht auch so weiter. Die erste Zeit, die möchte ich viel- leicht nicht so hundertprozentig zurück haben, denn die war schlimm.

Hermann Reineck: Ja, Auschwitz war in meinem Leben ein Hrauma. Und ich hab also nach dem Krieg, nach 45 jede Nacht von Auschwit? ge- träumt. Es war ganz schlimm. Ich hat- te Albträume. All das hat mich also jede Nacht gequält, und ich hab jede Nacht Zu schreien angefangen. Ich hab die Krematorien brennen gesehen, und ich hab die Leichen, die Toten ge- schen. In der Nacht- ich hab den Ge- ruch von diesen Krematorien in der Nase gehabt und hab das gerochen im Fraum. Jede Nacht- es gab keine Nacht ohne diese Träume, keine.

Anni Reineck: Gut, ich hätte mir schließlich mein Leben anders ein- richten können- oder sagen wir's mal So: ich hatt mir das etwas ruhiger vor- gestellt. Ruhiger nicht von der Arbeit her gesehen, aber ruhiger von der see- lischen Belastung her. Aber nun war mal der Auschwitz-Prozess, und mit dem Auschwitz-Prozess eben einer der Zeugen. Und wenn ich heute so über diese Zeit nachdenke, seit dem Ausch- witz-Prozess, dann würd ich's wahr- Scheinlich genau wieder so machen.