20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
das ein?zige Buch, das ich aus der Nazi- zeit überhaupt zur Hand genommen habe. Ich habe die Vergangenheit nicht vergessen. Ich hätte mit allem diesem Wissen, mit allen diesen Frinnerungen, wenn ich es nicht verdrängt hätte, ver- mutlich nicht leben können.
Steinacker: Ich habe nächtelang nicht geschlafen, nicht schlafen kön- nen, weil all das, was ich gehört habe und da erlebt habe in dem Prozess, was geschehen sein soll und geschehen ist, lässt ja nur denjenigen unberührt, der völlig gefühlskalt ist, und das war bei mir jedenfalls nicht der Fall. Und ich war erschüttert über das, was dort in unserem Namen an anderen Menschen für Verbrechen begannen worden sind.
Wenn ich mal von unseren Ange- klagten sagen darf- muss sagen, auf mich- alle, vom Dr. Frank, vom Dr. Schatz, Dr. Capesius, Dylewski und Broad, kann ich eigentlich nur sagen: Menschen wie du und ich. Die- jeden- falls keineswegs brutale, rücksichtslo- se, den Anderen, Untergebenen, Häft- ling nicht achtende Menschen, die allerdings in die Maschinerie ver- strickt waren und die ihre Tätigkeit auf der Rampe oder in der politischen Abteilung allerdings ausgeübt haben.
Hermann kReineck: Heiliger Abend 42 in Auschwitz. Die SS hat im Lager vor dem Küchengebäude einen Weihnachtsbaum aufgestellt, einen riesig großen Weihnachtsbaum. Elek- trische Beleuchtung drauf... Ja, und am Abend, 24. Dezember, Appell- und da steht der Weihnachtsbaum, und wir haben uns alle gedacht: Also warum, was ist los? Nicht also, das hat's noch
nie vorher gegebenen-einen Weih- nachtsbaum, den die S8S aufstellt. Ap- pell ist vorbei und alles, und auf einmal kommen Hãäftlinge und tragen s0o Mu- selmänner, also so ganz abgemagerte, die also nicht mehr stehen konnten... Wenn man einen unter die Arme ge- nommen hat, auf die Beine gestellt und losgelassen, ist er wieder zusam- mengefallen, weil er nicht mehr die Kraft hatte, sich auf den Beinen zu hal- ten. Diese Menschen hat man dort ne- ben den Weihnachtsbaum hingelegt, und auf einmal jst ein Befehl gekom- men: Fine Kette bilden! Und aus ei- nem Block musste Wasser herbei ge- bracht werden in diesen Eimern und über die am Boden Liegenden gegos- sen werden. Es war schreckliche Käl- te, ich werd es nie vergessen, es waren vierunddreißig Grad minus. Und in kurzer Zeit war also dieses Wasser ge- froren. Da waren die Hãäftlinge wirk- lich wie in einen Fisblock eingefroren.
Raabe: Mulka, gab sich immer wie ein feiner älterer Herr, den Sie täglich irgendwo in der Bibliothek oder auf der Parkbank tref- fen können, dem Sie das natürlich nicht ansehen wür- den. Insofern habe ich mir gedacht: Also, man kann durchaus auch in der U-Bahn neben einem Mörder aus einem KZ- Lager sitzen, ohne es zu merken.
Robert Mulka, Erken- nungsdienstfoto, 1962. (Ausstellungskatalog)


