Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19
gen, so'n kleinen Nervenzusammen- bruch oder was gehabt. Ich könnt mich nicht mehr halten. Und der Vorsitzen- de hat dann die Verhandlung unter- brochen. Und es war eine sehr schlim- me Geschichte.
Steinacker: Der Verteidiger wäre kein Verteidiger, wenn er nicht Bekun- dungen eines Zeugen, die widersprüch- lich erscheinen, die in sich vielleicht nicht nachvollziehbar sind, wenn er nicht durch Fragen an den Zeugen ver- suchen würde, da Klarheit zu bekom- men, beziehungsweise auch den Zeu- gen in dem einen oder anderen Punkt durch solche Fragen letzten Endes un- gaubwürdig zu machen. Das ist also mal die Aufgabe. Dass das von Journa- listen, die ja die Zeugen als Verfolgte, als Opfer nur gesehen haben, vielleicht anders beurteilt worden ist, das kann ich nicht ausschließen. Aber es kann doch nicht, nur veil ein Opfer als Zeu- ge aussagt, kann ich doch nicht davon Abstand nehmen, nachzufragen, ob das, was er erzählt über einen bestimm- ten Vorgang, ob das richtig oder falsch ist. Das ist doch meine Aufgabe als Ver- teidiger. Dass das vonmanchen außen Stehenden, insbesondere wenn es natürlich dann Juden waren, anders ge- sehen wird, damit muss man leben.
Hermann Reineck: Josef Klehr war SS-Mann. Er war als Sanitäts-Dienst- grad dem Krankenbau zugeteilt. Und Klehr hat unter anderem auch Selek- tionen im Krankenbau gemacht. Das heißt, er hat Häftlinge ausgesucht und hat dann auch getötet mit Phenol-In- jektionen, die direkt ins Herz erfolgten mit einer sehr langen Injektionsnadel.
Ich hab ihn also Zwei Mal unabsichtlich dabei gesehen. Als ich da in den Block reingeh, steht die Tür so halb offen, und ich seh grad, wie ein Hãftling auf einem Stuhl sitzt und Klehr ihm diese lange In- jektionsnadel ins Herz reinsticht und Phenol reinsprit?t. Und Klehr hat mich gesehen und sagt:„Was willst denn du da?“ Ich bin nämlich.. ich war so scho- ckiert und bin stehen geblieben und guck hin. Und er sagt:„Was willst denn du? Wenn du nicht gleich verschwin- dest, kommst du auch noch dran!“ Und ich bin natürlich gelaufen.. weg und...
Wo gibt es einen Menschen wie Josef Klehr, der so— man
Schätzt etwa zwischen 25.000 und 30.000
Menschen um-
gebracht hat mit Josef Klehr beim Pro- Phenol. zess in Frankfurt.
Bubis: Ich habe bis vor ganz weni- gen Jahren über diese Geschichten nichts hören, nichts lesen wollen. Ich habe mir nie Filme aus dieser Zeit an- geschaut. Ich wusste, dass der ProZess hier läuft, aber ich habe nicht einmal die Berichte über diesen Prozess gele- sen. Ich habe das alles von mir gewie- sen. Ich ließ das nicht an mich heran. Ich weiß nicht, ob das richtig oder falsch war, aber das war für mich in die- ser Zeit kein Thema. Kein Thema, weil ich's nicht wollte. Ein einziges Buch, bis heute, das ich gelesen habe, war das Buch über das Lager Treblinka, wo mein Vater umgekommen ist. Das ist


