LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTAZER Fundocja Pro vjto et Spe“ przychodnio dlo byhhch Wiezniéw hitlerowskich obozéw Koncentracjnych DUzieci Hoſocauustu Serdecznie dziekuje LAGER 6GEME/MNSCHAFTAUSCHUMTL zo wie/oſetnie zoangazowanie ckiatanosc przychodni, Ktörq Panstwo spieracie od ponod 20 at. DOzieki Waszej pomocy finonsowej udato nam sie zakupfc Spraet medyczn na ktör nie moglibysm Sobie pozwolic, o ktör jest niezbedn/ prz udzieſoniu Swjdczen medycznych NWaszym Pocjentom. Zrazami udziecznosci oraz szacunku orqd Procownic Eundacjj Pro vito et Spe⸗ Deutsche Ubersetzung siche Seite 3 45. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2023 Inhaltsverzeichnis Seite Vorstandsbericht und Bitte um Weihnachtsspende 1 Wenn die Vorstellungskraft nicht mehr ausreicht.. Findrücke zur Studienreise nach Auschwitz, Oswiecim und Krakau(2024) 4 EFine intensive Zeit, die im Gedãchtnis bleibt Reisegruppe trifft sich mit Holocaust-Uberlebender 9 Besuch in der Krakauer Ambulanz 12 Die Uberlebenden sprachen, die Welt hörte zu Der 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz 13 Er nahm die Menschen ernst Nachruf auf Marian Turski 15 IAK wüählt Eva Umlauf zur Präsidentin 17 Uberlebende appellieren an Wirtschaftsverbände 18 Margot Friedländer mit Sonderbriefmarke gechrt 18 Hermann Reineck im Historischen Museum Frakfurt Film„Rechte Zeiten“ Jeil der Ausstellung„Ende der Zeitzeugenschaft?“ 19 Danke Margot Friedländer 21 Anita Lasker-Walffisch feierte 100. Geburtstag 21 Die ersten provisorischen Gaskammern im KL Auschwitz-Birkenau Der aktuelle Forschungsstand 22 Die in Birkenau heimlich aufgenommenen Sonderkommando-Fotografien 38 Der aktuelle Forschungsstand Seit mehr als 30 Jahre werden„Stolpersteine? verlegt 55 Impressum 56 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser Während der jüngsten Studienrei- se nach Polen haben Vorstandsmit- glieder und einige Begleiter auch das neue Domizil der Stiftung„Pro vita et spe“(Ambulanz für ehemalige Häft- linge der nationalsozialistischen Kon- zentrationslager und Kinder des Holocaust) besucht. Der Ambulan?- Leitung und Belegschaft war das Tref- fen angekündigt worden, und so hat- ten sie eine Uberraschung für unsere kleine Delegation in Form einer lie- bevoll gestalteten Dankesurkunde (viehne Vitelseite und Seile 3) vorberei- tet. Dieser Dank und diese Anerken- nung gebühren natürlich allen Mit— gliedern unserer Lagergemeinschaft und unseres Freundeskreises der Aus- chwitzer sowie auch all jenen, die oh- ne Mitgliedschaft unsere Projekte und Aktivitäten durch Spenden und/oder sonstiges persõönliches En- gagement unterstützen. Wir dürfen stolz sein auf diese An⸗ erkennung sowie das Vertrauen, das uns seit Gründung unsereres Vereins von den Verfolgten der deutschen Menschheitsverbrechen entgegenge- bracht wird. Das gilt nicht nur für die nur noch geringe Anzahl der Uber- lebenden, sondern auch für die Orga- nisationen und Institutionen, in de- nen die Brinnerung an die Opfer auf— rechterhalten wird. Dies ist auch im- mer eng mit der dringenden Mah- nung verbunden, dass es weiterhin sehr notwendig ist, sich für eine de- mokratische Rechtsordnung einzu— set?en und sich damit solidarisch ge- gen die derzeitig massiven Tendenzen hin zu rassistischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Gesell- schaftsmodellen zur Wehr zu setzen. Primo Levis prãgender Satz über den Holocaust„Es ist geschehen- folglich kann es wieder geschehen“ hat leider nichts an aktueller Bedeutung verlo- ren. „Seid nicht gleichgültig“ Das Credo unseres Vereinsgrün- ders Hermann Reineck„Uber Ausch- wit? darf kein Gras wachsen“ haben wir mit Leben erfüllt unter anderem im Januar und Februar 2025 mit zwei Buchvorstellungen in Bad Vilbel und Gießen. Das Buch„Briefe aus der Asche-Die Aufzeichnungen des Jüdi- schen Sonderkommandos Auschwit?“ wurde im Gesprãch zwischen dem Au- tor Pavel Polian und Andreas Kilian vorgestellt. Das grauenvolle Schicksal der Sonderkommando-Hãäftlinge und die spektakuläre Entzifferung der in der Erde vergrabenen Berichte berührten das jeweilige Publikum schr. Dies fand auch in den dazu er- schienenen Zeitungsberichten seinen Niederschlag. In Zusammenarbeit mit der Ar- beitsstelle Holocaust-Literatur am Fachbereich Germanistik der Univer- sität Gießen fanden weitere Veran- Staltungen statt: So las am 30. Januar 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer in Lich der Schauspieler Sven Görtz aus dem Band„Das Vermächtnis Reden von Uberlebenden in Ausch- witz. Der Lesung wie auch der Publi- kation vorausgestellt ist der Satz „Seid nicht gleichgültig“, den Marian Turski, der im Februar dieses Jahres verstorbene Präsident des„Interna- tionalen Auschwitz-Komitees“, in An- lehnung an seinen Freund Roman Kent in seinen Reden uns und ande- ren Zuhörern immer wieder ins Stammbuch schrieb. Hervorgehoben sei auch die Buchvorstellung„Gedenken neu denken. Wie sich unser Brinnern an den Holocaust verändern muss“ mit der Autorin Susanne Siegert, die am 11. November im Gießener Rathaus stattfand. Susanne Siegert zählt zu den bekanntesten Stimmen der digi- talen Gedenkkultur in Deutschland. Sie klärt unter Gkeine. erinnerungs- kultur mit informativen Kurzvideos auf Instagram und TikTok über die NS-Verbrechen auf und erreicht da— mit plattformübergreifend rund 400.000 Follower. An Hilfen für ehemalige Häftlinge und ihre Organisationen sind in die- sem Jahr Uberweisungen von um die 13.000 Huro beschlossen worden und erfolgt; darunter etwas mehr als 35000 Buro, damit eine fast hundertjährige Auschwitz-Uberlebende weiter in ihrer Wohnung leben kann und nicht in ein Heim umziehen muss. Sie stand den Teilnehmern unserer Studien- fahrten schon mehrfach für ein Zeit— zeugengespräch zur Verfügung. Wei- tere 4500 Furo gehen an die oben er- Die Bankverbindung für Ihre Spende: Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen IBAMN DEd3 5185 0079 0020 0005 03 BIC HELADEHFIFRI Vielen Dank: Bitte Name und Adresse deutlich schrei- ben, damit wir Ihnen die Spenden- bescheinigung zuschicken können. wähnte Ambulanz nach Krakau und 3000 Buro an die Vereinigung der KZUberlebenden in Warschau. Schließlich übernahmen wir er- neut vier Patenschaften von jungen Leuten, die mit der„Aktion Sühne- zeichen/ Friedensdienste“(AsF) in Polen Freiwilligendienste leisten. So ist Wanda van Raay derzeit in der„In- ternationalen Jugendbegegnungsstät- te“ in Oswiecim tätig, Julian Hartlieb am„Jüdischen Zentrum Oswiecim“, Maeleah Gilbert in Krakau am„Jüdi- schen Museum Galicija“ und Peer Borstett in der Gedenkstätte Majda- nek und beim„Maximilian-Kolbe- Werk“. Die Gesamtsumme für diese Patenschaften beläuft sich auf nicht ganz 2000 EHuro. In 2025 konnten wir auch wieder eine Studienfahrt mit einer größeren Gruppe nach Auschwit? und Krakau durchführen. Für 2026 sind zwei wei- tere in Planung. Wir hoffen, wir kön- nen die Preise auf dem derzeitigen Niveau halten. Wir sind zudem sehr zufrieden, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer dass vom Finanzamt Friedberg die Gemeinnützigkeit für unsere Vereins- aktivitäten für weitere drei Jahre be- stätigt wurde. Liebe Mitglieder, iebe Leserinnen und Leser, mit Ihren Beiträgen und großzügigen Spenden ermöglichen Sie es uns auch weiterhin, unsere Pro- jekte und Unterstützungsleistungen zu realisieren. Damit dies auch im bis- her gewohnten Umfang geschehen kann, bitten wir Sie herzlich um eine Weihnachtsspende. Wir wünschen ei— ne erholsame Weihnachtszeit, einen guten Start in ein hoffentlich besseres Jahr 2026 und verbleiben mit herzli- chen Grüßen auch im Namen unserer Partnerinnen und Partner in Polen. Der Vorstand der Lagergemein- schaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer(Vorsitzender: Matthias Tiessen) Suntitj Pro vto et spe“ Prꝛychcinin dj byhhch Wezni htleroskich obozöw Kancentrocmth Drieci Hocuustu Serecznie dꝛitkuje LAGER 6GEMEMSAFAUE ↄ wieſoetnie zwongozownnie w tizionost praychouni, ktörq Ponistuo Msplerocie od ponot 20 at. Driek Wase pomocy finunsowe udcio num si ꝛakupft Spraet medcæny na ktöry nie moglbamy Sobie poꝛwolic, o ktör jest niezbedny prry bdeieani⸗ Swjcre meccznt Wm ett Zruzm wdeiecznosc oru sxucunkt⸗ Zorzc Prucownſcy untitt Pro vto et spe⸗ Die Stiftung„Pro vita et Spe⸗ Ambulanz für ehemalige Häftlinge der nationalsozialistischen Konzen- trationslager und Kinder des Holocaust bedankt sich herzlich bei der LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWITT für das langjährige Engagement für die Ambulanz, die Sie seit über 20 Jahren unterstützen. Dank Ihrer finanziellen Hilfe konnten wir medizinische Geräte an- schaffen, die wir uns sonst nicht hätten leisten können und die aber un- verzichtbar sind für die medizinische Versorgung unserer Patienten. Mit großer Dankbarkeit Hochachtungsvoll Vorstand und Mitarbeiter der Stiftung„Pro vita et Spe⸗ 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wenn die Vorstellungskraft nicht mehr ausreicht.. Studienreise nach Oswiecim(Auschwitz) und Krakau(Nov. 2024) Von Alexandra Brunkow Meine Kollegin bat mich, sie zu vertreten, da sie an einer Studienreise nach Auschwitz teilnehmen würde. Wir unterhielten uns kurz darüber, dann arbeitete ich weiter. Am Ende der Studienreise bat sie mich erneut, sie noch ein paar Tage länger zu ver- treten— sie brauche noch etwas Zeit, um die Eindrücke zu Hause zu verar- beiten. Als wir uns im Büro wiedersa- hen, wollte ich alles über ihre Erfah- rungen wissen. Sie begann zu erzählen, und noch am selben Tag meldete ich mich für die Studienfahrt mit der Lagergemeinschaft Auschwitz nach Oswiecim(Auschwitz) und Krakéw (Krakau) an. Fine bessere spontane Entscheidung hätte ich nicht treffen können. Kurz vor der Reise wurde ich im- mer nervöser. War es tatsächlich die richtige Entscheidung, eine solche Reise alleine anzutreten? Würde ich Anschluss finden? Wie würde ich mit dem Gesehenen und Erlebten zu- rechtkommen? Hätte ich mir vorher mehr Wissen aneignen müssen? Ich stellte mir unzählige Fragen. Doch kei- ne meiner Befürchtungen sollte sich bewahrheiten. Am Jag der Anreise lernte sich die Gruppe erstmals am Flughafen Frank- furt/ Main kennen. Zaghaft kamen wir ins Gespräch. Wir flogen nach Krakau, wurden am Flughafen mit einem Bus abgeholt und fuhren zur„Internatio- nalen Jugendbegegnungsstätte? nach Oswiecim. Nachdem wir unsere Zim- mer bezZogen hatten, luden Matthias und Alexander, die Organisatoren der Studienreise, zu einer Vorstellungs- runde ein. Jede:r Teilnehmer:in bekam die Gelegenheit, sich vorzustellen und die persõnlichen Beweggründe für die Jeilnahme zu schildern. Matthias und Alexander wussten, was sie taten— denn mit dieser Vorstellungsrunde war die anfängliche Zurückhaltung über- wunden, und die Gruppe wuchs zu— sammen. Jung und Alt, angereist aus der gesamten Republik, mit unter- Schiedlichsten Biografien, verband ein gemeinsames Ziel: lernen, verstehen, schen, fühlen, gedenken— das einte uns die gesamte Woche. Am nächsten Tag fuhren wir zum ersten Mal zum ehemaligen Konzen- trationslager Auschwitz I(Stamm- lager). Bevor wir das Gelände betre- ten konnten, mussten wir eine Sicherheitskontrolle passieren. Ich fühlte mich für einen kurzen Moment wie am Flughafen. Es war voll, es war laut, überall piepste es. Danach trafen wir unsere Begleiterin, die uns durch das Lager führen würde. Gemeinsam durchquerten wir einen neu gebauten Betontunnel. Während wir uns hin— durchbewegten, erklangen aus Laut- sprechern die Namen der Menschen, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Nach vier Tagen in Auschwitz und in Oswiecim besucht die Reisegruppe im November 2024 auch Krakau, wo dieses Foto entstand. die im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden waren. Die Namen klangen nach sie brannten sich für ei- ne kurze Zeit in meinen Kopf ein. Als wir aus dem Tunnel traten, standen wir plõtzlich auf dem Gelände: blauer Himmel, Sonnenschein, rote Klinker- bauten— eine Stille, die in scharfem Kontrast zu dem Grauen stand, das sich hier abgespielt hatte. Ich wusste, was geschehen war, konnte es mir aber (noch) nicht vorstellen— geschweige denn fühlen. Das sollte sich jedoch schnell ändern. Fine Begleiterin des Museums führte uns durch das Lager und die Dauerausstellungen. Sie überhäufte uns mit Informationen; ich konnte kaum alles aufnehmen. Die ausgestell- ten Haare, Kleidungsstücke, Gepäck- stücke und persõnlichen Gegenstände der Opfer sowie die Fotografien der Häftlinge machten die unfassbare Grausamkeit begreifbarer— und zu- gleich noch unbegreiflicher. In den folgenden Tagen besuchten wir immer wieder das Stammlager J. Die Sicherheitskontrollen wurden zur Routine. Wir bekamen die Gelegen- heit, uns selbständig auf dem Gelände zu bewegen und die verschiedenen Länderausstellungen in eigenem Tem- po Zu besuchen. Matthias und Alexan- der führten uns ebenfalls durch das La- ger und teilten ihr unermessliches Wissen mit uns. Besonders eindrucks- voll war die Arbeit im Archiv der Ge- denkstätte Auschwitz, die wir ebenfalls kennenlernen durften— eine Arbeit, die wohl nie abgeschlossen sein wird. Im Block 25 erhielten wir einen ex- klusiven Finblick in eine besondere Kunstausstellung: Kunstwerke, die zwischen 1940 und 1945 von Häftlin- gen geschaffen worden waren. Diese Werke, teils Auftragsarbeiten, teils persõnliche Erinnerungen, hielten das Erlebte fest und halfen vermutlich da- bei, es zu verarbeiten. Da diese Aus- stellung der Offentlichkeit normaler- 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — Hier vom Turm des Fingangsgebäudes überblickten die wachhabenden SS- Leute einen großen Teil des Vernichtungslagers Auschwitz. In Polen lag im November 2024 Schnee, als die LGA-Gruppe von einem Mitar- beiter des Museums durch Birkenau geführt wurde. 6 ——. — ₰ -——— S* Der Achesee war eine der Stationen in Birkenau, an denen die Gruppe von dem Guide genauere Informationen erhielt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 weise nicht zugänglich ist, war es ein besonderes Privileg mit Jan Kaplon, den Leiter der Ausstellung persõnlich zu erleben und seinen Ausführungen zu lauschen. Vor unserem Besuch des ehemali- gen Konzentrationslagers Auschwitz IIBirkenau warnten uns Matthias und Aexander eindringlich: Die Pin- drücke dort würden noch überwälti- gender sein. Ich hatte die Holzba- racken im Kopf— doch auf das unvorstellbare Ausmaß des Gelãndes war ich nicht vorbereitet. Es verdeut- lichte noch einmal die industrielle Systematik und den absoluten Wahn- sinn des Holocaust. Da wir aus organi- Satorischen Gründen nur drei Stunden Zeit hatten, bewegten wir uns zügig über das riesige Gelände, um nur ei— nen Bruchteil des Lagers sehen zu können. Unsere Begleiterin versorgte uns mit weiteren Informationen und beantwortete geduldig unsere Fragen. Neben den Besuchen der Konzen- trationslager war die Zeit auch ge- prägt von Begegnungen: Fine Stadt- führung durch die Altstadt und ein Besuch im Jüdischen Zentrum Oswie- eim rundeten unseren Aufenthalt ab. Am letzten Abend in Oswiecim, wie auch an jedem Abend der Reise, kamen wir zu einer Aussprache zu— sammen. Mir hat es immer wieder sehr geholfen, das Erlebte in einem ge- schützten Raum nachzubesprechen und meine Gedanken mit den anderen zu teilen. Nach vier intensiven Tagen pack- ten wir unsere Koffer und reisten wei- ter nach Krakéw. Dort bezogen wir unser Hotel direkt im Zentrum von Kazimierz, dem ehemaligen jüdischen Viertel Krakaus. Teresa Ostrowska führte uns mit beeindruckendem Wis- sen durch die engen Gassen von Kazi- mierz. Ich hatte das Gefühl, dass sie je- den Stein dieses Viertels kenne. Sie teilte ihr Wissen über die jüdische Ge- Schichte Krakaus, das Leben während der NS-Zeit und die aktuelle politi- Sche Situation in Polen mit uns— offen und uneingeschränkt. Am folgenden Tag führte sie uns durch das ehemali- ge NS-Ghetto. Dieser Teil der Reise ergänzte unser Wissen über das jüdi- sche Leben und die Anfänge des Zweiten Weltkrieges in Polen. Gespräch mit Holocaust-Uberlebender Finen besonderen Höhepunkt bil- dete das Treffen in Krakau mit Anna Janowska-Cioncka, einer Shoah- Uberlebenden. Sie erzählte uns auf sehr eindrückliche und berührende Art und Weise ihre Familiengeschich- te. Wieviel Kraft es kostet, als unmit- telbar Betroffene mit fremden Men- schen über die Shoah zu sprechen— und dies gegenüber einer deutschen Reisegruppe zu tun—, jst kaum vor- stellbar. Ich bin Anna Janowska- Cioncka von Herzen dankbar, dass sie diese große Anstrengung auf sich ge- nommen hat und sich auch unseren Fragen stellte. Im Flugzeug auf dem Rückweg nach Hause dachte ich an ein Ge-— spräch mit einem Teilnehmer zu Be- ginn der Reise. Er hatte mir erzählt, dass er bereits mehrfach an dieser Stu- 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer dienfahrt teilgenommen habe. Damals hatte ich nicht verstehen können, war- um man sich freiwillig ein solches Er- lebnis mehrfach„antut“. Jetzt verstehe ich ihn. Man kann nicht oft genug an diese Orte des Grauens zurückkehren, um zu erinnern, zu lernen, zu fühlen. Un- sere Vorstellungskraft wird niemals ausreichen, um zu begreifen, was in Auschwit? geschehen ist. Aber wir müssen Verantwortung übernehmen-— dafür, dass das Geschehene nie ver- gessen wird. Anna Janowska-Cioncka(geb. 1936) gibt als Zeitzeugin Auskunft über das Schicksal ihrer Familie. Mit ihrer Schwester und ihrer Mutter überlebte sie den Holocaust, weil ein nichtjüdischer Pole sie unter Lebensgefahr bis zum Ende des Krieges versteckte. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Fine intensive Zeit, die im Gedächtnis bleibt Studienreise nach Oswiecim(Auschwitz) und Krakau Okt. 20235) Von Tessa Schäfer Vom 3. bis 9. Oktober 2025 fand unsere diesjährige Bildungsreise nach Polen Statt. Mit einer buntgemischten Gruppe von 25 Personen zwischen 16 und 80 Jahren, darunter Matthias Tiessen, Andreas Kilian und Tessa Schäfer vom aktuellen sowie Uwe gingen über privates und berufliches Interesse bis hin zu unterschiedlichen familiãren Verbindungen. Am nächsten Morgen gab es zunächst eine ausführliche Führung durch das Stammlager(Auschwitz I). Der Nachmittag galt der Kunstsamm- lung der Gedenkstätte. Auf dem Gelände der IMBs besich- Hartwig vom ehemaligen Vorstand der Lagerge- meinschaft, ging es zunächst per Flugzeug nach Krakau. Mit dem Bus wurden wir dann zu unserer er— Sten Station, der Interna- tionalen Jugendbegeg- nungsstätte(IIBS), in Oswiecim gebracht. Dort wurden wir mit einem hervorragenden Mittag- essen begrüßt, bevor wir die Räum- lichkeiten der Begegnungsstätte näher begutachten konnten. Am Nachmittag und Abend wurde uns die dortige pädagogische Arbeit vorgestellt und wir erhielten die Mög- lichkeit, uns spannende Unterlagen aus dem Archiv der Gedenkstätte Auschwitz anzusehen. Verschiedene Interessen Auch eine Vorstellungsrunde durf— te am ersten Jag natürlich nicht fehlen, in der die verschiedenen Motivationen für die Reise deutlich wurden. Diese Monika Goldwasser tigten wir den 2024 eröff- neten Gerhard Richter- Bau, in dem Drucke des Birkenau-Zyklus und auch die Fotografien des Sonderkommandos, die als Inspiration für Richt- ers Kunst dienten, zu fin- den sind. Andreas Kilian trug hier spannende Fin- blicke in die Entste- hungsgeschichte der Fo- tos und zur Iden- tifizierung des Fotografen bei. Im Stammlager erhielten wir durch Jan Kaplon, Leiter der Kunstsamm- lung, einen exklusiven Finblick in Kunst, die bisher nicht in der Dauer- ausstellung des Lagers zu finden ist, Sowie deren Hintergründe. Auch einen Blick in das Kofferdepot durften wir werfen, in dem die Koffer, die eben- falls keinen Ort in der Dauerausstel- lung fanden, mit moderner Technik aufbewahrt und vor dem Verfall ge- schüt?t werden. Am Sonntagvormittag besuchten wir Zzunächst die„Alte Judenrampe“, 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die etwas von Auschwitz-Birkenau entfernt liegt und bis Mai 1 944 benutzt wurde. Port erhielten wir von Andreas Kilian interessante Informationen zum Ablauf der Selektionen. Danach war eine ausführliche Führung durch Birkenau(Auschwit? II). Am Nachmittag bestand die Mög- lichkeit, die Länderausstellungen im Stammlager zu besuchen oder erneut Birkenau zu besichtigen. Bevor es am nächsten Tag mit dem Bus nach Kra- kau ging, machte Andreas Kilian in Monowit?(Auschwitz III) die weni- gen heute noch sichtbaren Spuren des Konzentrationslagers für uns sichtbar. Im Anschluss erhielten wir durch eine Freiwillige der„Aktion Sühne- zeichen“ eine Führung durch das frühere jüdische Oswiecim sowie die let?te erhaltene Synagoge des Ortes mit angrenzendem Museum. Auch dem schönen Café Bergson statteten —— Koffer der Deportierten wir einen gemütlichen Besuch ab. In Krakau erlebten wir nicht nur Führungen durch den Stadtteil Kazi- mierz, in dem sich vor dem Krieg ein Großteil des jüdischen Lebens ab- Spielte, sondern auch durch das frühe- re Getto-Gebiet Podgérze. Wer Interesse hatte, konnte zudem an einer Führung durch die Gedenk- stätte des ehemaligen Konzentrations- lagers Plaszéw teilnehmen. Hier ent- steht in nächster Zeit ein unterirdisches Besuchs- und Informationszentrum. Much das„Jüdische Museum Galizien? besichtigten wir und konnten dort an einem Zeitzeug“innengespräch mit Monika Goldwasser teilnehmen. Als Kind versteckt Monika Goldwasser wurde 1941 als Kind jüdischer Eltern geboren. Vor ihrer Deportation schafften die Eltern es, ihre Tochter bei einer Bauernfami- Bahngleise nach Birkenau Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 „ — N— 4— 4 „ 5 — — * Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienreise vor dem EFingang der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim. lie zu verstecken. Von dort kam Moni- ka zunächst in ein Kloster und ein Wai senhaus, bevor sie dann von einem christlichen Paar adoptiert wurde. Die beiden versuchten Monika zu ver- heimlichen, dass sie nicht ihr leibliches Kind war. Trotzdem musste sich die Familie bis Zum Ende des Kriegs ver- stecken. Erst viel spãter erfuhr Moni- ka von ihrer jüdischen Herkunft. Durch Zufall erhielt sie durch einen Fernsehbericht die Möglichkeit, ihre Tante mütterlicherseits kennenzuler- nen, die den Holocaust durch Flucht als eine der Wenigen der Familie über- lebt hatte. Monika Goldwasser setzte sich Spãter dafür ein, dass ihre Adopti- veltern Maksymilian und Anna Ka- minski die Auszeichnung„Gerechte unter den Völkern“ der Gedenkstätte vVad Vashem erhielten. Die Erzählun- gen von und die Begegnung mit Moni- ka Goldwasser beeindruckte die Rei- Segruppe tief. Bevor es wieder zurück nach Frankfurt ging, besuchten wir als Ab- schluss das Museum der ehemaligen Getto-Apotheke in Podgöérze. In der Woche erlebte die Gruppe eine intensive und lehrreiche Zeit mit- einander, die wahrscheinlich niemand vergessen wird. Wer im Nachhinein die Reise ver- folgen möchte, kann dies zudem auf dem Instagram-Kanal der Lagerge- meinschaft Auschwit? tun. Dort sind einige Findrücke in den Highlights ge- speichert.. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Besuch in der Krakauer Ambulanz Derzeit werden 47 Uberlebende und Angehörige betreut Im Rahmen der Bil- dungsreise nach Polen be- suchten Matthias Tiessen, Andreas Kilian, Uwe Hart- wig und Tessa Schäfer als Vertretung des aktuellen und ehemaligen Vorstands der Lagergemeinschaft,so- wie Reiseteilnehmerin Nicole Horn die Krakauer Ambulan? der polnischen Stiftung„Fundacja Pro vita et spe“ in der ul. Wielicka 267 in Krakau. Sehr herzlich wurden wir von der ehema- ligen Leiterin Zofia Horwat, ihrer Nachfolgerin und Arz- tin, Lucyna DroZdowicz, der stellver- tretenden Leiterin, Agnieszka Zwiers?, Ubersetzerin Monika Mal- zenska sowie weiteren Mitarbeiterin- nen der Ambulanz empfangen. Die Finrichtung wird von der La- gergemeinschaft seit über 20 Jahren mit Spendengeldern unterstützt. Mit den Spenden werden Anschaffungen finanziert, die sich die Ambulanz sonst nicht leisten könnte. In diesem Jahr wurden beispielsweise medizinische Geräte und auch Aktenschränke be- schafft. Davon profitieren noch 47 überlebende Opfer des Holocaust so- wie deren Kinder. Die Patient?innen werden sowohl umfangreich vor Ort als auch zu Hause betreut. Die Arbeit der Ambulanz ist dabei äußerst vielfältig und reicht von medi- Vier Vertreterinnen der Ambulanz-Leitung und der Belegschaft übergeben die Dankesurkunde an Mitglieder des LGA-Vorstandes. zinischer Hilfe bis zu physiologischer und psychologischer Betreuung. Während des Besuchs konnten wir uns von der umfangreichen Arbeit vor Ort überzeugen und die Anschaffungen in der Praxis Scehen. Zum Abschied überreichten uns die Mitarbeiterinnen der Ambulanz eine Urkunde zum Dank für die langjährige Unterstüt?ung. Die Lager- gemeinschaft stellte auch für den Win- ter 2025 eine weitere Spendenbasierte Unterstützung in Hõhe von 4.500 Bu- ro in Aussicht. Zudem ist ein weiterer Besuch in der Ambulanz für nächstes Jahr geplant. Wer speziell an die Am- bulanz spenden mõchte, kann dies mit dem Stichwort„Ambulanz“ an unser Vereinskonto(Siehe Seite 2) tun. Tessa Schüfer Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Die Uberlebenden sprachen-und die Welt hörte ihnen zu Der 80. Jahrestag der Befreiuung von Auschwit? Von Alexander Wolf „Es wird nicht einfach sein, 80 Jah- re nach meiner Befreiung nach Ausch- wit? zurückzukehren. Diese Gedenk- feier wird die letzte ihrer Art sein. Wir werden da sein. Willst du uns zur Seite stehen?“ Mit diesen eindringlichen Worten wandte sich der Auschwitz- Uberlebende Michael Bornstein an die Offentlichkeit- ein Aufruf zur Mit- menschlichkeit, zum Frinnern, zum Handeln. Am 27. Januar 2025 jährte sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers AuschwitzBir- kenau durch die Rote Armee zum 80. Mal. Uber 50 Uberlebende reisten zur Gedenkstätte im heutigen Oswiecim. Vier von ihnen hielten bewegende Re- den- vor Staatsgästen aus aller Welt. Auch die Lagergemeinschaft Aus- chwitz— Freundeskreis der Auschwit- zer war durch Andrzej Kacorzyk, stell- vertretender Direktor der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, eingeladen, und so konnten Matthias Tiessen, Andreas Kilian und ich, Alex- ander Wolff, teilnehmen. Bereits im Rahmen unserer Studienreise vom November 2024 hatten wir intensive Gespräche mit Andrzej Kacorzyk ge- führt. Besonders begrüßte er dabei das Engagement der Lagergemeinschaft Auschwitz, die Gedenkstätte auch fi- nanziell zu unterstũtzen. Am 26. Januar machten wir uns auf den Weg. Unsere Unterkunft war Selbst ein historischer Ort und befin- det sich auf dem Lagergelände des Stammlagers, der sogenannten Lager- verwaltung(letzter Block). Zur Zeit des KL gab es dort„nur Lagerräume“; Hãftlinge waren in ihnen nicht unter- gebracht. Die zentrale Gedenkfeier begann am 27. Januar um 16 Uhr in einem ei- gens errichteten Zelt direkt über dem ikonischen Lagertor von Auschwitz- Birkenau. Als Zentrales Symbol diente ein Güterwaggon vor dem Bingang, ein Nachbau jener Waggons, mit de- nen Millionen jüdischer Menschen in die Vernichtung transportiert wurden. Bis Zzu 150 Menschen wurden in einen einzigen Waggon gepfercht- viele überlebten den Transport nicht. Noch vor Beginn der Zeremonie begegneten wir Jan Kaplon, dem Lei- ter des Kunstarchivs im Stammlager, und Christoph Heubner, Fxekutiv- ViꝰZepräsident des Internationalen Auschwit?z Komitees(IAK). Es war ein stimmungsvoller, offener Aus- tausch mit viel Nachdenklichkeit. Rund 3000 Gäste aus aller Welt nahmen an der Gedenkfeier teil, dar- unter viele Staatsoberhäupter und Re- gierungschefs- etwa der britische Kö- nig Charles und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky, der jü- dische Wurzeln hat. Aber zum ersten 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Mal seit langem blieben Politiker und Staatsoberhäupter stumm. Diesmal redeten nur die Uberlebenden. Und das war gut so. Es ist Zu hoffen, dass die anwesenden Entscheidungsträger die Botschaften der Zeitzeugen nicht nur gehört, sondern auch verstanden ha- ben. Der immer stärker aufkeimende Antisemitismus und Rechtsradikalis- mus erfordern nicht nur Worte, son- dern Jaten. Die Rede von Tova Friedman war bes onders eindrucksvoll. Sie schilder- te ihren Uberlebenskampf und das Leid, das ihr und ihren Eltern durch die Deutschen in den Lagern angetan wurde. Sie wanderte 1950 mit ihren Eltern in die USM aus und wurde Psy- chologin. Ebenso berührend war die Rede von Janina Iwanika, die 1930 in Warschau geboren wurde. Ihr persön- liches Schicksal steht exemplarisch für das unsägliche Leid unzähliger Opfer. Marian Turski, Vorsitzender des IAK, begann seine Rede mit den Wor- ten:„Unsere Tage, die der Uberleben- den, sind gezählt. Aber wir werden nicht verstummen, wenn Sie, Sie alle, nicht schweigen.“ Es war seine letzte Rede- am 18. Februar verstarb Mari- an Turski im Alter von 98 Jahren. Doch seine Stimme wird bleiben. Wir wer- den sie weitertragen- in seinem Na- men für ihn, für alle, die nicht mehr sprechen können. Auch Leon Weintraub sprach- mit 90 Jahren. Seine Worte haben die Zuhörenden tief erschüttert und zu— gleich aufgeweckt. Er überlebte Aus- chwitz, Groß-Rosen, Flossenbürg und Natzweiler/Struthof. Nach dem Krieg Matthias Andreas Christoph Heubner und AMexander Wolf amn 27. Januar bei der Gedenkfeier. Kilian, Tiessen, heiratete er eine Deutsche, arbeitete in Polen und emigrierte 1969 mit sei— ner Frau nach Schweden. Wenn man bedenkt: Vor 10 Jahren nahmen rund 200 Uberlebende an den Gedenkfeiern teil, und diesmal waren es nur noch etwa 30. Die Zeitzeugen sterben- wer wird dann noch berich- ten? Zunehmend sind es jene, die als Kinder oder Jugendliche überlebt ha- ben. Doch kein Buch, kein FHilm, kein virtuelles Museum kann das ersetzen, wãs sie selbst Zu sagen haben. Deshalb ist es unsere Pflicht, in ihrem Namen WIDERSPRUCH zu erheben- gegen Geschichtsvergessen- heit, gegen Verharmlosung, gegen Holocaustleugnung. Es liegt an uns, diesen Stimmen Gehör zu verschaffen und der Wahrheit eine Zukunft zu ge- ben. Nach der Gedenkfeier gingen Matthias, Andreas und ich- jeder für sich- durch das Lagergelände. Ich möchte mit einem Zitat von Marian Turski schließen:„Auschwitz trippelte, machte kleine Schritte, kam näher- bis das geschah, was hier ge- schehen ist.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Er nahm die Menschen ernst (und in Verantwortung) Nachruf auf Marian Turski Von Sascha Feuchert Als ich Marian das erste Mal traf, waren wir beide gerade für ein inter- nationales Seminar zum Getto Lodz/Lit?mannstadt an das US Holo- caust Memorial Museum nach Was- hington eingeladen. Es muss 2001 ge- wesen sein, ich war noch sehr jung und natürlich voller Ehrfurcht vor diesem großen Namen der polnischen Ge- schichte. Umso überraschter war ich, dass Marian mich einlud, mit ihm über mein Dissertationsprojekt zu Oskar Singer und Oskar Rosenfeld sowie zur geplanten Fdition der Lodzer Getto- Chronik zu sprechen. Natürlich nahm ich die Einladung sehr gerne an und klopfte am selben Abend schüchtern an seinem überaus geräumigen Hotelzimmer(wir waren unbegreiflicherweise in einem großBar- tigen Hotel mitten in Washington DC untergebracht, in Laufdistan? zum Weißen Haus). Kaum hatten wir mit unserem Gespräch angefangen, klin- gelte das Jelefon und Marian ent- schuldigte sich:„Ich muss da leider ran, das ist Bill Clinton.“ Voller Ehr- furcht und völlig perplex lauschte ich dann dem Gespräch der beiden Män- ner, die sich in der Gedenkstätte Auschwit? kennengelernt hatten: Im- mer wieder führte Marian als Uberle- bender dieses Lagers bedeutende Staatschefs der Welt durch das heutige Museum und redete ihnen dabei nicht Selten ins Gewissen. Für mich steht diese Episode in Marians Hotelzimmer(das Gespräch Marian Turski(4023) Foto: Marius? Kubik Marian VursMi, 7026 geboren, wlurde als Mgendlicher gemeinsam mit veiner nmilie im Gelto von Lodz inhaſtiert und von doyt nach Ausch witz deportiert. Py war 79 Jahre alt, als er- mehr tot als lebendig- nach dem Jodesmarsch als Alischwitz in MMeresienstudt am S. Mai 14 hefreit wurde.. Am 28. Fehruar 2025 is Marian VursMki in Warschal gestorben. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „f we become silent, it means they have won“ Set?ten wir natürlich nach dem Telefo- nat fort und nahmen es immer wieder auf in den über zwei Jahrzehnten, die folgten) für das, was er war und ver- körperte: Er nahm Menschen ernst (und in Verantwortung), egal ob sie unbedeutend oder bedeutend waren. Er war ein Humanist in allerbestem Sinne, dem so wichtig war, dass die ent- Setzlichen Erfahrungen, die er und sei- ne Leidensgenossen hatten machen müssen, wenigstens dazu führen wür- den, dass sie sich nicht wiederholten: Deshalb sprach er immer wieder über sie, reflektierte ihre Bedeutung stets aufs Neue und fand griffige Formulie- rungen, die mitunter einfach daherka- men und doch stets bedeutend waren. Von seinem Freund Roman Kent, der wie er Auschwitz überlebt hatte, über- nahm er als Quintessenz ihres Lebens das elfte Gebot— Du sollst nicht gleichgültig sein— und trug es in die Welt. Marian war ein brillanter Redner, dem man zuhören musste, der einen in den Bann zog. Wenn er ein Ziel hatte, Set?te er sich unermüdlich dafür ein. Dass es heute in Polen ein großes Mu— Seum gibt, das die Geschichte der pol- nischen Juden erzählt, ist ganz wesent- lich ihm zu verdanken. Er arbeitete als Journalist, war in den politischen Sy- stemen, die Polen seit dem Kriegsende durchlief, immer ein unangepasster öf- fentlicher Intellektueller, leitete als Historiker bis ins hohe Alter hine in das Geschichtsressort des Nachrich- tenmagazins„Polityka“ und war Vor- Sitzender des„Jüdischen Historischen Instituts? in Warschau. Als Nachfolger von Roman Kent wurde er 2021 auch Präsident des„Im- ternationalen Auschwitz Komitees?. Vor allem aber war Marian Turski ein zutiefst beeindruckender Mensch, dem es immer ums Ganze ging. Mit eisernem Willen schaffte er es, Krank- heit und Alter zu trotzen, um sich am 27. Januar dieses Jahres von Auschwitz aus noch einmal an die Welt zu wen- den, um sie aufzurütteln. Seine aller- letzte Rede, die er im Rahmen des 80. Jahrestages der Befreiung von Ausch- witz an uns richtete, enthielt noch ein- mal alles, wofür er stand.“ Sie sollte Pflichtlektüre in den Schulen werden. Sein Tod ist ein immenser Verlust für die ganze Welt; sein Begräbnis leg- te Zeugnis davon ab, dass sie sich in tiefster Dankbarkeit vor seiner Le- bensleistung verbeugt. * Af Delitsch zu inden unter httpswww lseh witz. info/degedenken/ge- denkcen-202520250727rede-vonmariam-urski-zum-S0-jahrestag-der-befrei- ung-vonauschwitz. hml Mariun TursKis Vermächtmis“Unsere Jage, die der Uherlebenden, vind ge- Zdihlt. Aber wir weyden nicht verstummen, wenn Sie, Sie Alle nicht schweigen.“ (alis veiner Rede am 23. Januar 2025 in Berlin) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Internationales Auschwitz-Komitee wählt Eva Umlauf zur Präsidentin Im Mter von zwei Jahren nach Auschwitz deportiert Bei einer Präsidiumssitzung des In- ternationalen Auschwit? Komitees in Berlin ist in der Nachfolge des im Fe- bruar verstorbenen polnisch-jüdi- schen Journalisten und Auschwitz- Uberlebenden Marian Turski die aus der Slowakei stammende deutsch-jü- dische Kinderärztin, Psychotherapeu- tin und Auschwitz-Uberlebende Dr. Fva Umlauf zur neuen Präsidentin ge- wählt worden. Fva Umlauf ist eine der jüngsten Uberlebenden von Auschwitz: 1942 in einem slowakischen Arbeitslager in ei- ne jüdische Familie hineingeboren, wurde sie Ende Oktober 1944 zusam- men mit ihrer im 4. Monat schwange- ren Mutter und ihrem Vater nach Aus- chwitz deportiert, wo ihr Hansportzug am 2. November 1944 eintraf. Ihr Leben verdankt Eva Umlauf der Tatsache, dass die Vergasungen in Auschwit? wenige Tage vor der An- kunft ihres Transportes angesichts der immer näher kommenden Roten Ar- mee und der Absicht der S8, Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, einge- stellt worden waren. Dennoch durch- lief die zweijährige Fva mit ihren El- tern die Aufnahmeprozedur des Lagers: Ihr wurde die Nummer A26930 tätowiert. Während ihr Vater bei einem Jo- desmarsch erschossen wurde, überleb- te Eva mit ihrer Mutter das Lager. Ih- re Schwester wurde nach der Dr. Eva Umlauf Foto: Eva Oertwig Befreiung Ende Januar im April 1943 in Auschwitz geboren. Erst später waren die Mutter und ihre Töchter gesundheitlich in der La- ge, Auschwit? zu verlassen und in die Slowakei zurückzukehren. Dort erfuhren sie, dass fast ihre gesamte Großfamilie während des Holocaust ermordet worden war. Heute lebt Fva Umlauf in München und prakti- ziert dort als Kinderärztin und Psy- chotherapeutin. Darüberhinaus be- reist sie Städte und Gemeinden in gan?z Deutschland, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen ihre Geschichte zu erzählen und sie für die Gefahren, die der Demo- kratie heute drohen, zu sensibilisieren. Meldung des Internationalen Ausch- wifæ- Kom itees vom 37. Mai 2025 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Holocaust-Uberlebende appellieren an Wirtschaftsverbände „Helfen Sie dabei, die Demokratie zu schützen und zu gestalten“ Mdss einige Lobbyverbände der deutschen Wirtschaft im Oktober Vertreter der 4/D 2zu Veranstultungen eingeladen haben, veranlasste das Internationale Ausch— vtz-Komiltee am 22. November 2025 zu einer Stellungnahme. Nach dem Verband der Familien- unternehmer hat nun auch der Bun- desverband mittelständische Wirt- Schaft die Brandmauer zur AfD in Frage gestellt und will die Beziehun- gen zwischen Wirtschaft und AfD überdenken. Hierzu betonte in Mün- chen Dr. Eva Umlauf, Auschwitz- Uberlebende und Prãsidentin des In- ternationalen Auschwitz Komitees: „Uns als Uberlebenden will es nicht in den Kopf, wie ausgerechnet in Deutschland Menschen erneut jener Ideologie politische Macht und Fin- fluß zugestehen, die Deutschland und Furopa schon einmal in den Abgrund gestür?t hat. Dass jetzt auch Reprä- sentanten wichtiger deutscher Wirt- schaftsverbände den Weg zur AfD freimachen wollen und Vertreter der AfD an den Tisch bitten, ist ein völlig falsches Signal und zeugt von fehlen- der Frinnerung und fehlender Hal- tung. Wir als Uberlebende des Holo- caust appellieren an alle Mitglieder der entsprechenden Wirtschaftsver- bãnde jetzt ihre eigene Haltung deut- lich werden zu lassen: Helfen Sie da- bei, die Demokratie zu schützen und zu gestalten.“ Ein Appell zur Menschlichkeit Margot Friedländer mit Sonderbriefmarke geehrt Mit einer Sonderbriefmarke ehrt das Finanministerium die Holocaust- Uberlebende Margot Friedländer, die im Mai mit 103 Jahren verstorben ist. REDLARhER 192 b bEUTSCRH —* 5 8 E 2 S 8— 5 7— S S„ 23 F — 28 — E — 8 —— — 5 5 8„ 3 F — — S S — A* S— — 2025 „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch ver- bindet. Seid Menschen, seid vernünf- tig.“ Dieses Zitat von Margot Fried- länder steht auf der 95-Cent-Marke, die seit dem 4. Dezember im Handel ist.„Die Worte Margot Friedländers sind von beklemmender Aktualität und berũhren sehr: Also bitte ihre Bot- schaft verbreiten, gerade zur Weih- nachtszeit und Chanukka“ sagt Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Hermann Reineck im Historischen Museum Frankfurt Film„Rechte Zeiten“ Teil der Ausstellung„Ende der Zeitzeugenschaft?“ Von Annedore Smith Wie können Zeitzeugenberichte erhalten bleiben, wenn es keine Zeit- zeugen mehr gibt? Diese Frage stellt sich 80 Jahre nach dem Ende des NS- Jerrors dringlicher denn je. Das Histo- rische Museum Frankfurt hat diesem Thema eine Ausstellung gewidmet und zugleich dafür gesorgt, dass histo- rische Hilm- und Tondokumente dank modernster Technik für die Nachwelt bewahrt werden können. In der Digi- talisierungs-Werkstatt des Museums wurde auch der Film„Rechte Zeiten“ unseres Vereinsgründers Hermann Reineck neu bearbeitet und den Be- suchern verfügbar gemacht. Die Wanderausstel- lung„Ende der Zeitzeu- genschaft?“ wurde schon 2019 vom Jüdischen Mu- seum Hohenems und der KZ-Gedenkstätte Flos- senbürg erarbeitet. Die Frankfurter Adaption entstand in Zusammen- arbeit mit dem Frit? Bau- er Institut. Gleich zu Be— ginn werden auf einem großen Bildschirm Kurz- interviews mit Zeitzeu- gen des Dritten Reiches prãsentiert, darunter auch Trude Simonsohn. Hier geht es nicht zuletzt darum, die Atmosphäre wiederzugeben, in der viele der dokumentierten Gespräche entstanden sind. An einer Reihe kleinerer Bild— schirme können die Besucherinnen und Besucher dann diverse Hilm- und Tondokumente abrufen. Mehrere Zeitzeugen aus Frankfurt am Main schildern ihre meist erschütternden Erlebnisse während der NS-Diktatur. Zu Wort kommen ferner zwei Ausch- wit?- Uberlebende, die wie Hermann Reineck 1964 im großen Frankfurter Auschwitz-Prozess auftraten: Erna Krafft und Alex Rosenstock. Kraffts Schilderungen dienten dazu, die sadi- stischen Bestrafungen des SS-Ober- Hermann Reineck in dem 1992 entstandenen Video „Rechte Zeiten“: Aufnahme von einem kleinem Moni- tor im Historischen Museum Frankfurt. 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer scharführers Wilhelm Boger nachzuweisen. Rosenstock berichtet, wie er den ange- klagten Lagerarzt Dr. Willy Frank mehrmals bei Selek- tionen gesehen habe. Doku— mentiert ist außerdem die Aussage des israelischen Schriftstellers Vehiel Dinur im Prozess gegen Adoff Bichmann 1961 in Jerusa— lem. Meistens handelt es sich dabei um kurze FHilmclips von höchstens fünf Minuten. An?wei gesonderten Com- putern werden aber auch längere Dokumentationen gezeigt, darunter der Hilm„Rechte Zeiten“, in dem Hermann Reineck durch Auschwit? führt und das Grau- en der damaligen Zeit allgegenwärtig erscheinen lässt. Auf einer alten VHS- Kassette drohte dieser Film kaum noch abspielbar Zu sein. Nach der Be- arbeitung in der Digitalisierungs- Werkstatt des Historischen Museums Frankfurt ist er zwar immer noch nicht technisch perfekt, auf jeden Fall aber ist sein Erhalt für die Nachwelt jetzt gesichert. Die Werkstatt bietet nach eigenen Worten„Erste Hilfe“ an, damit die Stimmen der Zeitzeugeninnen und Zeit?eugen zumindest medial nicht verstummen. Dies gilt insbesondere für Material auf VHS- oder Audio- Kassetten, für deren Abspielung kaum noch die technischen Geräte existie- ren. Das Angebot ist Jeil des musealen „Frinnerungslabors“ und der„Biblio— — „ — Hermann Reineck im Stammlager. S7ene aus dem Video„Rechte Zeiten“: Aufnahme von einem Moni- tor im Historischen Museum Frankfurt. thek der Generationen“, die sich als künstlerische Antwort auf die Frage nach dem„Ende der Zeitzeugen- Schaft“ versteht. Mit der Bewahrung von Lebensgeschichten und anderen Zeitzeugnissen für kommende Gene- rationen soll sichergestellt werden, dass die Frage des Ausstellungstitels verneint werden kann: Die Zeitzeu— genschaft ist nicht am Ende. Die„Lagergemeinschaft Ausch- wit?— Freundeskreis der Auschwit?er? hat von dem Angebot des Histori- schen Museums Gebrauch gemacht. Digitalisiert wurde nicht nur der Hilm „Rechte Zeiten“, sondern auch ein HFilm über den Auschwitz-Besuch des Friedrich-Ebert-Gymnasiums Mühl- heim gemeinsam mit Hermann Rein- eck im Jahr 1991. Daran nahm damals auch das heutige LGA-Vorstandsmit- glied Martina Hörber teil. Auch diese Aufnahmen sind nun gesichert. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Trauer, Dank und Anerkennung Margot Friedlãnder starb am 9. Mai 2025 im Alter von 104 Jahren „Uberlebende des Holocaust in aller Welt verabschieden sich von ihrer Leidensgenossin und Weggefährtin Margot Friedlän- der mit großer Kiebe, Dankbar- keit und Verehrung. Margot Friedländer war eine große Zeu- gin ihrer und unserer Zeit. Mit ih- rer leisen und klaren Botschaft der Brinnerung und der Men- schenliebe, ihrer Würde und ihrer Präsenz berührte sie viele Men- schen und überstrahlte immer wieder die Dunkelheit und die Dummheit des rechtsextremen und antisemitischen Hasses. Die leise und beharrliche Stimme die- ser kleinen, großen Frau wird uns unendlich fehlen. Ihre Botschaft bleibt: Sei ein Mensch“ Vba WaEnrt. DaMKE — Ein Berliner U-Bahn-Wagen trägt die Worte „Vida valiente“— mutiges Leben. Fin Ver- mächtnis, das weiterfährt und eine Hommage an eine Frau, die mit Mut, Würde und unerschüt- terlicher Menschlichkeit dem Grauen des Holo- caust entgegengetreten ist— und bis ins hohe A- ter für Erinnerung und Versöhnung kämpfte. Foto: via wikipedia · Autor unbekannt. (Internatinales Aluschwitz-Komitee- auf w dlisChwitz. info) Eine weltweit gehörte Stimme Anita Lasker-Wallfisch war bei Veranstaltungen der Lagergemein- schaft mehrfach Gastrednerin. Wir schließen uns der Gratulaltion des In- ternationalen Auschwitz-Komitees an: „Auschwit?-Uberlebende in aller Welt gratulieren ihrer Leidensgefähr- tin und Weggenossin Anita Lasker- Wallfisch mit Freude, Hochachtung und Dankbarkeit zu ihrem einhunder- sten Geburtstag. Ihre Brinnerungen und ihre klaren Worte haben Men- schen in vielen Ländern erreicht und ermutigen sie gerade in diesen Tagen, sich rechtsextremem und antisemiti- schem Haß entgegenzustellen. Mit ih- rer Musik und ihren Worten ist Anita Lasker-Wallfisch zu einer weltweit Anita Lasker-Walffisch. Foto: PumpingRu- di, CC BVSAd. O, via Wikimedia Commons gchörten Stimme der Uberlebenden und der Menschlichkeit geworden. Dass die Uberlebenden des Holocaust trotz aller Mũdigkeit und wachsender Angste nicht verstummen, dafür ist Anita Lasker-Wallfisch ein besonde- res und berührendes Beispiel.“ 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die ersten provisorischen Gaskammern im KL Auschwitz-Birkenau Der aktuelle Forschungsstand Von Andreas Kilian Der„Bunker I*(„rotes Haus*) Vorgeschichte und Standortwahl(1941— 1942) In der ersten Hälfte des April 1941 wurden etwa 3.300 Menschen der christlichen und jũdischen polnischen Dorfbevõlkerung von Brzezinka (Birkenau) von den deutschen Besat- zern aus mehr als 500 Gebäuden ver- trieben. Am 26. September 1941 fand im Hauptamt Haushalt und Bauten Amt II des Reichsführer-SS und Chefs der Deutschen Polizei im Berli- ner Reichsministerium des Innern ei- ne Besprechung statt, in der ein Gelände für ein geplantes Lager für 50.000 sowjetische Kriegsgefangene nahe dem Stammlager Auschwitz aus- gewählt wurde. Drei Tage später war eine erste Standortbesichtigung, die eine Standortverlegung nach Bir- kenau zur Folge hatte. Am 2. und 4. Oktober 1941 wurde schließlich ein großflächiges Gelände in Birkenau ausgewählt, am 7. Oktober ein erster Lageplan für ein Lager für inzwischen 100.000 sowjetische Kriegsgefangene vorgelegt. Bereits eine Woche später begannen die Bauarbeiten, in deren Folge die verlassenen Häuser etap- penweise abgerissen und deren Zie- gelsteine wiederverwendet wurden. Nur 6 abgelegene Gebäude waren Anfang 1942 vom Abbruchbefehl noch nicht betroffen, sie wurden für besondere Zwecke stehen gelassen. Während im August 1941 unregi- strierte Gruppen sowjetischer Kriegs- gefangener noch durch Exekutions- Kommandos der S8 in Auschwitz er- Schossen wurden, fand im September 1941 die erste experimentelle Mas- senvergasung durch Zyklon-B an et- wa 600 sowjetischen Kriegsgefange- nen und 2350 polnischen Häftlingen im Untergeschoss von Block 11 des Stammlagers statt. Der Tatort war al- lerdings eine reine Versuchsstãtte, die grundsätzlich nicht für weitere Gas- morde in Frage kam. Ende Septem- ber wurde deshalb die Leichenhalle des Krematoriums im Stammlager Auschwitz in eine provisorische Gas- kammer umgebaut und in den folgen- den Wochen bis zum 20. November mehrere Gruppen sowjetischer Kriegsgefangener von bis zu 900 Mann in dem Gebäude vergast. Für die SS lag der große Vorteil des neuen Gaskammer-Standorts darin, dass Massenmord und Leichen-Finäsche- rung in einem Gebäude stattfinden und besser abgeschirmt werden konn- ten. Diese Verbindung sollte im Jahre 1942 zum Prototyp der geplanten Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Mordfabrik Auschwitz werden, 1941 war Auschwitz jedoch noch nicht zu einem zentralen Vernichtungslager bestimmt worden. Das Krematorium, das sich nur 40 Meter neben dem Stacheldrahtzaun des Stammlagers befand, war aller- dings für einen kontinuierlichen Mas- senmordbetrieb überhaupt nicht ge- eignet, weil eine Geheimhaltung nicht gewährleistet werden konnte und die Finäscherung der zahlreichen Verga- sungsopfer zu lange dauerte. Für die sporadische Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener erfüllte die provi- sorische Mordanlage noch ihren Zweck. Auch der am 16. September 1941 von der Auschwitzer SS-Baulei- tung bestellte dritte Zweimuffel-Ofen für das Krematorium im Stammlager konnte die Binäscherungskapazität nicht ausreichend erhöhen und die Anfälligkeit der Anlage für Ausfälle nicht beheben: im Juni 1941 musste der Schornstein repariert werden, im Januar 1942 war bereits der zweite Ofen auf Grund von Uberbeanspru- chung defekt. Zudem begann am 20. November 1941 der Aufbau des drit- ten Ofens. Das bestehende Kremato- rium war eine Baustelle und konnte nur als Ubergangslösung dienen, ein geplantes großes Krematorium mit neu entwickelten Dreimuffel-Ofen sollte den neuen Anforderungen ge- recht werden. Das geplante Birkenauer Kriegs- gefangenenlager benötigte schon auf Grund seiner erwarteten Hãäftlingska- pazität und hohen Sterblichkeit ein eigenes Krematorium mit einer größeren Binäscherungskapazität. Die SS-Bauleitung in Auschwit? be- stellte daher am 22. Oktober 1941 die Lieferung von fünf neu entwickelten Dreimuffelöfen, die innerhalb von drei Monaten geliefert und in ein neues Krematorium mit zwei Lei- chenkellern eingebaut werden soll- ten. Erste Bauzeichnungs-Entwürfe eines neuen Krematoriums mit zwei riesigen unterirdischen Leichenkel- lern entstanden in der Auschwitzer SSBauleitung am 24. Oktober sowie im November 1941 im Hauptamt Haushalt und Bauten in Berlin. Die entworfenen Leichenhallen lagen im rechten Winkel zueinander und hät- ten in ihren geplanten Ausmaßen kei- nesfalls im Stammlager errichtet wer- den kõnnen, was darauf hinweist, dass das neue Krematorium ursprünglich für den Standort Birkenau konzipiert worden war. Auf Lageplänen Bir- kenaus ist es jedoch frühestens Ende Februar 1942 nachweisbar. Da im Oktober 1941 die hohe An- zahl an Leichen die Finäscherungska- pazität des alten Krematoriums über- stieg, wurden 300 m nordwestlich des in Birkenau geplanten Lagers zahlrei- che Massengräber angelegt und die folgenden Monate mit den Leichen sowjetischer Kriegsgefangener(La- gertote und Vergasungsopfer) gefüllt. Das Gelände der Massengräber lag am westlichen Rand zweier im rech- ten Winkel zueinander stehender Waldstücke, war über Feldweg und Wiese mit LKWs gut befahrbar und wäre vom geplanten Lager aus nicht einsehbar gewesen. Nach einer weite- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gelände von Bunker I. O A. Kilian 1995 ren Erhöhung der geplanten Häft— lingskapazität auf 125.000 Kriegsge- fangene im November 1941 wurde Anfang Januar 1942 die Häftlingska- pazität 150.000 beschlossen und neue Lagepläne des Birkenauer Kriegsge- fangenenlagers in nördliche Richtung verlängert, wodurch der neue Bauab- schnitt III auf Höhe des Geländes der Leichengruben lag. Die Massengrä- ber in Birkenau waren nur als Uber- gangslösung vorgesehen und sollten bis Zum Baubeginn des Bauabschnitts III nicht mehr genutzt werden, aller- dings waren sie bis zur Inbetriebnah- me des neuen Birkenauer Krematori- ums die einzige Lösung für die Besei- tigung der vielen Leichen vor Ort und schließlich maßgeblicher Entschei- dungsgrund für die Standortwahl der ersten provisorischen Gaskammern in Birkenau. Die Standortwahl der ersten pro- visorischen Gaskammern in Birkenau erfolgte nach der sogenannten Wann- see-Konferenz vom 20. Januar 1942, auf der die zukünftige Umsetzung und Koordinierung der bereits zuvor beschlossenen Ermordung der eu— ropäischen Juden(„Endlösung der Blick über den Birkenauer Bauabschnitt III auf das Judenfrage“) besprochen wurde und an der unter anderem der Leiter des sogenannten Judenrefe- rats im Reichssicherheits- hauptamt(RSHA) Adolf Fichmann(1906-1962) teilnahm. Eichmann hatte vor der Wannsee-Konfe- ren? bereits im November 1941 den Aufbau des Ver- nichtungslagers Belzec und im Januar 1942 den Betrieb des Vernichtungsla- gers Kulmhof besichtigt. Im März 1942, als die ersten Massenvernich- tungstransporte in Belzec eintrafen, besuchte Eichmann Auschwitz, um sich von Lagerkommandant Rudoff Höß(1901-1947) über die Finleitung der Vorbereitungsmaßnahmen zur „Endlösung“ informieren zu lassen. Höß hatte zwar das Massenver- nichtungsmittel Zyklon B und eine provisorische Gaskammer an tausen- den sowjetischen Kriegsgefangenen getestet, aber noch nicht das Problem der Leichenbeseitigung lösen kön- nen. Daher musste er die Vergasungs- aktionen nach Birkenau verlegen, um die zu erwartende hohe Anzahl an Opfern nach ihrer Ermordung in den nahegelegenen und am Waldrand ver- borgenen Massengräbern verschar- ren lassen Zu können. Unter den in Birkenau verbliebe- nen Stein-Gebäuden kam während der Standortbesichtigung von Höß und Fichmann nur ein einziges Ge- bäude als neue provisorische Gas- kammer in Frage, nämlich das Bau- ernhaus, das den Massengräbern am Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Waldrand am nãchsten lag, von eini- gen Bäumen umgeben und gut per Feldweg zu erreichen war. Es stand an der Nordwestseite des geplanten Bauabschnitts III des Kriegsgefange- nenlagers in Birkenau und lag nur 250 m von den Massengräbern, 1,43 km von der bereits errichteten Lager- Hauptwache und 2,73 km von der späteren ersten Ankunftsrampe für Deportationszüge in Birkenau ent- fernt. Es lag trot?dem abseits genug in einem Gebiet, das gut abgesperrt werden konnte. Das Bauernhaus wurde Bunker? oder rotes Haus“ genannt, da seine Ziegelsteinmauern unverputzt waren. Als eine zweite provisorische Verga- sungsstätte in Birkenau geschaffen wurde, benannte man das Gebãude in „Bunker I“ um. Das höchstens 12 X9 m große Bauernhaus der Familie Harmata hatte ursprünglich vier Räu- me, darunter befand sich ein Stall, die durch einen langen Korridor in der Mitte getrennt waren. Es wurde ab dem 23. April 1942 mit zwei insge- samt schätzungsweise 88 qm großen Gaskammern umgebaut, die beide zwischen 800 und 1.000 Menschen aufnehmen konnten. Zu diesem Zweck wurden der zur Straße führen- de Hauseingang sowie alle Fen- steröffnungen zugemauert und abge- sehen von einer Wand des Korridors alle anderen Zwischenwände einge- rissen. Zudem musste eine neue und abgedichtete Raumdecke eingezogen werden. In den Seiteneingang zum Stall sowie in einen neuen Fingang auf der Rückseite des Gebäudes wur- den gasdichte Holztüren eingebaut. Zusätzlich wurden in Türnähe vier gasdichte Holzluken für das Finwer- fen des Zyklon-B-Gases eingebaut. Da nach dem Gas-Finwurf die Men- schen von der Tür und den Luken wegdrängten, konnten sie die Türe nicht beschädigen und die Gaskam- mer konnte später von den Leichen leichter geräumt werden. Vor dem Beginn systematischer Selektionen eintreffender Deportationszüge An- fang Juli 1942 wurde bereits ein erster Familientransport slowakischer Jüd- innen und Juden am 29. April 1042 se— lektiert, die 331 Vergasungsopfer aber sehr wahrscheinlich noch in der pro- visorischen Gaskammer des alten Krematoriums im Stammlager Ausch- witz ermordet. Wenn die Mordkapazität von Bunker I nicht ausreichte, wurde das Krematorium im Stammlager als „Ausweichbunker“ genutzt. Es wurde nur vereinzelt und übergangsweise als provisorische Vergasungsstätte im Rahmen der„Endlösung der Juden- frage“ genutzt und zu diesem Zweck im Mai 1942 zu Tarnungszwecken weiter umgebaut. Um den Krematori- umshof wurde eine Betonmauer mit zwei Fingangstoren aufgebaut, der vorũbergehend als Entkleidungsplat? diente. Inbetriebnahme von Bunker I(1942) „Bunker I“ wurde im Zuge der Massendeportation von Juden aus Oberschlesien sowie für die Ermor- dung von in der Birkenauer„Isolier- station“ untergebrachten arbeitsun- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „.*— — 1 5„ 5* d d*d O Andreas un 5 11 kntwien 1942 bia 208 ſe 4 alng uenbhe Soagietartt fo foſgnen i1224] W Boum liS) 2 Mhnhe ſ25 huner 1 re n an n n1 29.02.2012] 1 Scheun l²023) 3 Beeune kahra 1342) 5 Wohnhaus 115582001 fähig bezeichneten Häftlingen An- fang Mai 1942 in Betrieb genommen. Zu diesem Zeitpunkt fanden zudem Bauarbeiten im Krematorium des Stammlagers Auschwitz statt, das des- halb als provisorische Gaskammer nicht mehr zur Verfügung stehen konnte. Die Vergasungen fanden An- fangs nach Finbruch der Dunkelheit statt. Die Menschen mussten sich im Freien auskleiden, beleuchtet von Fahrzeugscheinwerfern, bevor sie von der S8 nackt in die Gaskammern ge- trie ben wurden. Einzelne, die nicht mehr in die Gaskammern passte, wur- de hinter dem Haus erschossen. Ihre Wertsachen wurden über Nacht in ei- ner benachbarten Scheune einge- schlossen und bei Tage abgeholt. Ebenfalls in der Nacht wurden die Gaskammern mindestens 5 Stunden lang durch die geöffneten Türen und Luken entlüftet, bevor sie am Morgen von den Leichen geräumt werden konnten. Zur Verkürzung der Zeit musste später das Häftlings-Räu- mungskommando Gasmasken tragen. Das dort eingesetzte bis zu 50 Mann starke Häftlingskommando wurde als„Sonderkommando Bir- kenau“(Seit August 1942 als„Sonder- kommando I“) bezeichnet und war zuvor wahrscheinlich mit dem FBin- reißen von Innenwänden, dem Zu- mauern einer Tür und von Fenstern und teilweise mit dem restlichen Um- bau des Bauernhauses beschäftigt. Nach der Inbetriebnahme der Mord- anlage wurden die Männer zur Zwangsarbeit mit Leichen und mit der hinterlassenen Habe der Ermor- deten eingesetzt, einige Monate spã- ter wurden einige Häftlinge auch als Empfangskommando benutzt, um den Entkleidungsprozess zu be- schleunigen. Ein Teil des Sonderkom- mandos musste am Bunker arbeiten, einige Männer hatten die Leichen zu Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 den frisch ausgehobenen Massengrä- bern zu transportieren, wo eine weite- re Gruppe, das„offene Sonderkom- mando“, die Leichen in die Gruben werfen musste. Als„Geheimnisträger“ der Mord- einrichtung wurden das Sonderkom- mando von anderen Häftlingen iso— liert, diese Häftlinge sollten das Ar- beits kommando nicht mehr verlassen und durften nicht von anderen Stellen wie der Bauleitung angefordert wer- den. Ein weiteres Arbeitskommando, das sogenannte Begrabungskomman- do, musste seit Mai 1942 tagsüber die neuen Massengräber ausheben und die befüllten Gräber mit Erde zu- schaufeln. Es bestand anfangs aus 150 Mann und wurde im Juni auf 200 Häftlinge aufgestockt. Im August 1942 wurde es mit dem Sonderkom- mando vereinigt, das gesamte Son- derkommando nach der Inbetrieb- nahme der provisorischen Gaskam- mern„Bunker II“ auf 500 Mann auf— gestockt und in„Sonderkommando I“ und„Sonderkommando II“ aufge- teilt. Bis Ende Juni 1942 wurden drei Pferdestallbaracken an der Bunker I gegenüberliegenden Straße aufge- Stellt, möglicherweise waren zwei da- von bereits Ende Mai vor Ort. In zwei Baracken mussten sich die Menschen entkleiden oder bei vollen Gaskam- mern stundenlang eingeschlossen warten, bis sie nach der Leerung von Bunker Iselbst vergast werden konn- ten. Eine dritte Baracke diente als Magazin für Fffekten. Die Baracken standen am Straßenrand zwischen Bunker I und dem Lager, um einen zusätzlichen Sichtschut?z zu gewähr- leisten. Wahrscheinlich im Juni 1942 wurde zudem eine provisorische Stromleitung für den Betrieb von sta- tionãren Scheinwerfern bis zum Bun- ker I verlegt, um fortan die Gaskam- mern auch nachts rãumen und mehre- re Vergasungen hintereinander durchführen zu können. In unmittelbarer Nähe zur Tür der ersten Gaskammer begann das Schmalspur-Gleis für mehrere Flach- lorenwagen, auf denen Leichen bis zu den Massengräbern transportiert wurden. Die Gleise mussten im Zuge der Ausweitung des Gräberfelds bis Mitte September 1942 immer weiter verlängert werden. Anfangs wurde das Feld der ältesten Massengräber, die bereits 1941 angelegt worden wa- ren, so weit wie möglich mit neuen Leichengruben belegt. Von Bunker I mussten die Mordopfer dorthin am weitesten bis Zu 350 m weit transpor- tiert werden. Bis zum EHnde des neuen Gräberfelds westlich von Bunker I belief sich die Strecke der Gleise auf bis zu 440 m. Von Oktober 1941 bis zum 21. September 1942 wurden dort schätzungsweise insgesamt 77.000 Leichen verscharrt, darunter etwa 20.000 Vergasungsopfer, die alleine im Zeitraum vom 1. August bis 20. September 1942 in Bunker I ermor- det worden waren. Im Rahmen von Fxhumierungsarbeiten zur Verwi- schung der Beweise des Massen- mords wurden sie vom 21. September 1942 bis Ende November 1942 ausge- graben und anschließend im Freien eingeäschert. Erste Verbrennungsex- 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer perimente auf einem Scheiterhaufen aus Fisenbahnschienen- rosten waren offen- bar nicht zufrieden- stellend, da die exhu- mierten Leichen fortan gemeinsam mit frischen Leichen in bereits geleerten Massengräbern ein— geäschert wurden. Nach Abschluss der Fxhumierungen wurden die ver- mutlich letzten drei und Bunker Iam nächsten gelegenen Gruben am An- fang des größten Gräberfelds weiter- hin als Verbrennungsgruben benutzt. Stilllegung und Abriss(1943-1944) Der Massenmord in Bunker I wurde bis Mitte April 1943 einge- stellt, nachdem die ersten drei in Bir- kenau neu errichteten Krematorien I (II), III(IV) und IV(V) zwischen dem 22. März und 4. April 1943 in Be- trieb genommen wurden. Das abgele- gene Gebäude, die Scheune und die drei Pferdestallbaracken mussten mit dem Ausbau des Lagerbauabschnitts III und dem Bau von Erdklärbecken beseitigt werden. Die drei Pferdestall- baracken standen an der Stelle, auf der die Kläranlage errichtet werden Sollte und wurden frühestens im Fe- bruar, vermutlich sogar erst Anfang März 1944 abgebaut. Während die Schmalspurschienen und Plattloren Ende Februar demontiert wurden, musste die provisorische Stromlei- tung Ende März 1944 für den Betrieb einer Luftschutzsirene nahe dem 88— 1955 errichtetes Wohnhaus mit Scheune auf dem Gelände von Bunker I. O M. Kilian 1993 Unterkunftsgebäude beim Stammla- ger Auschwit? verlegt werden. Es kann daher vermutet werden, dass Bunker I kurz vor der Demontage der mobilen Anlagen etwa im Febru- ar 1944 vollständig abgerissen wurde. Wiederbesiedlung des Geländes und Einrichtung von Gedenkorten 955-2003) Nach der Befreiung von Ausch- wit? wurde das Gelãnde von Bunker I weder von der sowjetischen noch von der polnischen Untersuchungskom- mission inspiziert, auch spãäter wurde nicht archäologisch nach Spuren von Bunker I gesucht. Da das Gelände 1955 von den ehemaligen Besitzern durch ein privates Wohnhaus und ei- ne große Scheune neu bebaut wurde, waren Untersuchungen unmöglich. Das neue Haus wurde nur um wenige Meter vom ursprünglichen Funda- ment versetzt errichtet, die neue Scheune wurde jedoch an anderer Stelle aufgestellt als die alte. Nach jahrelangen Verhandlungen konnte das zwischen Wohnhäusern liegende Gelände durch die Initiative von Marcello PezZzetti und Patrick Des- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 bois Sowie durch die Finanzierung von Richard Prasquier von den Figentü- mern abgekauft und alle darauf befindli— chen Gebäude im Sommer 2001 abge- rissen werden. Nach der Planierung des Geländes, dem Ein- pflanzen von Thuja-Bäumen und der Aufstellung eines Maschen- drahtzauns auf der Straßenseite wur- de im Jahre 2005 vom Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau eine Gedenkstätte mit Gedenksteinen und einer historischen Informationstafel eingerichtet. Auf dem Gelände der ehemaligen Massengräber und Verbrennungsstät- ten wurden zwei Gedenkorte aufge- baut. Das Gelände südwestlich von Bunker I wurde nach Kriegsende auf— geforstet, möglicherweise um die 1945 einsetzenden Grabungsaktionen von Schatzsuchern zu unterbinden. Der unebene Erdboden im Wald zeugt von den ehemaligen Erdarbei- ten der Fxhumierungsaktion oder Schatzsucher. Da der historische Ort der ersten Massengräber nicht mehr gut Zzugänglich ist, wurden auf dem angrenzenden Gelände, das heute ei- ne Lichtung ist, im Jahre 1995 Ge-— denksteine aufgestellt. Der zweite Gedenkort befindet sich westlich von Bunker I und ist offen einsehbar. Hier wurde 1971 ein eingezäuntes Denk— mal in polnischer und russischer Spra- che für„8000 ermordete sowjetische — F 2005 eröffnete Gedenkstätte für Bunker I, hinter der Straße la- gen die Entkeidungsbaracken. O M. Kilian 2021 2— B Kriegsgefangene 1941-1942“ errich- tet, obwohl an dieser Stelle überhaupt keine ermordeten sowjetischen Opfer vergraben worden waren. Dieses Gelãnde wurde erst im Jahre 1942 mit Massengräbern übersät, die hauptsächlich mit jüdischen Mordop- fern von Bunker I gefüllt waren. Im Jahre 1995 wurden zusätzlich neue Gedenksteine aufgestellt. Die Pflege dieses Gelãndes finanziert der russi- Sche Staat. „Bunker II„Bunker V“ („weißes Haus“) Standortwahl(1942) Vermutlich im Juni 1942 wurde Höß von Reichsführer S8 Heinrich Himmler(1900-1945) über die bevor- stehende Ausweitung der Vernich- tungstransporte nach Auschwitz im Rahmen der„Endlösung der Juden- frage“ informiert. Deportationszüge aus mehreren europäischen Ländern wurden daraufhin nach Auschwitz- Birkenau geleitet und die Deportier- ten im Gegensatz zur Praxis in den reinen Vernichtungslagern der„Akti- on Reinhardt“ ab Juli 1942 für die 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gaskammern oder den Arbeitsein- Sat? selektiert: seit dem 4. Juli bei Fransporten aus der Slowakei, seit 17. Juli aus Holland, seit 21. Juli aus Frankreich sowie seit 5. August aus Belgien und seit 18. August aus Jugos- lawien. Da die Mordkapazität der beiden Gaskammern von Bunker I begrenzt war, wurde noch im Juni eit ne zweite Vergasungsstätte in Bir— kenau ausgewählt. Erst nach dem Be- such Himmlers am 17. Juli 1942 in Auschwit?z und Birkenau baute die S8 das zweite Bauernhaus(„weißes Haus“) in die provisorische Verga- sungsstätte„Bunker II“ um. Das weiße Haus war ein mittel- großes Bauernhaus am Rande des ehemaligen Dorfes Brzezinka und lag an der Westseite des im Aufbau be- findlichen Lagers Birkenau(späterer Bauabschnitt II), 1,38 km von der La- ger-Hauptwache und 2,68 km von der alten Selektionsrampe entfernt. Das über einen Feldweg erreichbare weiße Haus war von drei Seiten von Waldge bieten geschützt und besser vor neugierigen Blicken abgeschirmt als Bunker I, der schon aus weiter Entfernung gesehen werden konnte. Vor dem Krieg wurde das etwa 17 X 8,3 m große und weiß verputzte Stein- gebäude mit Strohdach von bis zu sechs Personen bewohnt: die Vorder- seite von der Familie Rydzon, die Rückseite von der Familie Wichaj. Es hatte ursprünglich vier Räume, die durch zwei Korridore in der Mitte voneinander getrennt waren. Beide Haushälften hatten jeweils eine Fin- gangstür sowie eine Tür zur jeweili- gen Hausscheune, die sich im letzten Raum auf der Ostseite befand und ein steileres Satteldach aus Stroh hat- te als das restliche Gebäude. Hinter dem Haus lagen bis 1941 ein Brun- nen, ein Karpfenteich und eine Außenscheune für zwei Kühe, auf der Westseite standen Bienenhäuser. Inbetriebnahme von Bunker II (942) Das weiße Haus wurde ab Mitte Juli 1942 zu„Bunker II“ mit vier Gas- kammern umgebaut, indem die mitt- leren Längsinnenwände abgerissen wurden und jeweils acht ehemalige Türen und Fenster auf der Vorder- und Rückseite des Gebãudes zu Pin- gängen mit 90 X 180 cm großen gas- dichten Holztüren umgebaut wurden. Andere Fensteröffnungen wurden zu— gemauert. Zudem erhielt jede Kam- mer eine neue und abgedichtete Raumdecke. Die Türen auf der Rück- Seite des Gebäudes wurden zur Räu- mung der Leichen genutzt. Vor den Türen wurde ein Schmalspur-Gleis verlegt, auf dem mit mehreren Flach- lorenwagen Leichen bis zu den Mas- sengräbern transportiert werden konnten. Mit dem Erdaushub der Leichen- gruben wurde zum Teil ein großer Wall vor dem Entwässerungsgraben aufgeschüttet, der das angrenzende Feld von der Waldgrenze trennte. Die zumeist gegenüberliegenden Türen der Gaskammern hatten zudem den Zweck der Entlüftung, die vor der Entleerung der Gaskammern not- wendig war und anfangs stets nachts Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 durchgeführt wurde. Ne— ben jeder Tür wurden 45 x 50 cm große gasdichte Holzluken für das Einwer- fen des Zyklon-B-Gases eingebaut. Die vier Gas- kammern waren schät— zungsweise 33, 17, 28 und 26 qm groß und konnten höchstens bis zu 1.250 Menschen aufnehmen, bei größeren Menschengrup— pen wurde der Rest in eine der beiden Auskleideba- racken(Pferdestallba- racken) eingesperrt und musste warten, bis die Gaskammern von den Leichen geräumt waren. Im Gegensat? zu Bunker I konn- ten in den vier kleineren Gaskam- mern von Bunker II auch geringere Menschengruppen aus verschiedenen Transporten ermordet werden. Seit dem Beginn systematischer Selektio- nen reduzierte sich der Anteil der Mordopfer, seit 21. Juli erstmals unter 400 Menschen. Die neuen Gaskam- mern von Bunker II konnten etwa 400, 200 und zwei Mal jeweils etwa 300 Menschen aufnehmen. Die bei- den 50 und 80 m von den Gaskam- mern entfernt und am Feldweg gele- gene Pferdestallbaracken wurden vermutlich erst Anfang August aufge- stellt. Bunker II wurde wahrschein- lich in der ersten Augusthälfte 1942 als Mordstätte in Betrieb genommen, vermutlich erst seit dem 12. August 1942, als Massendeportations?zũge aus Bendsburg(Bedzin) und schließlich am 15. August aus Sosnowitz(Sosno- ——— —— — — 1 Abgesenkter Bereich einer ehemaligen Verbrennungs- grube bei Bunker II. O M. Kilian 2021 wice) in Birkenau eintrafen. Der mas- sive Anstieg der Vernichtungstrans- porte, die nun abends und mitten in der Nacht eintrafen, erforderte eine Veränderung des Arbeitsprozesses. Ab der zweiten Augusthälfte mussten fortan auch nachts Gaskammern geräumt und Keichen in Massengrä- bern verscharrt werden, was die Ver- legung von Stromleitungen, das Auf— stellen von Lichtmasten und den Fin- sat? von elektrischen Lampen („Brennstellen“) erforderlich mach- te. Am 22. August 1942 wurden die entsprechenden technischen Installa- tionen mit 19 Lampen auf dem Hin- terhof und großen Feld hinter Bunker II bereitgestelit. Der große Bedarf an vielen neuen Massengräbern führte zur Auf— stockung des„Begrabungskomman- dos“, das in„Sonderkommando I und II“ umbenannt wurde. Am 17. August zählte es insgesamt 500 Mann, meist franzõsische und holländische Juden, 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die sich in Zwei Gruppen auf die Grã- berfelder hinter Bunker I und II auf- teilten und tagsüber neue Gruben ausheben mussten. Nachdem diese nachts durch das„offene Sonderkom- mando“(einem Teil der jeweils 50 Mann, die an den beiden Bunkern eingesetzt waren) mit Leichen gefüllt worden waren, wurden sie am näch- sten Morgen von„Sonderkommando Iund II“ mit Erde zugeschüttet. „Enterdungsaktion“ und Beginn der Leicheneinäscherung(1942) Der hohe Grundwasserspiegel und die durch hohe Sommertempera- turen verursachte schnellere Zerset- zung der Leichen erzeugten einen be- stialischen Verwesungsgestank, aus dem Boden austretende Körperflüs- sigkeiten und eine Verunreinigung des Grundwassers. Aber auch aus Gründen der Spurenbeseitigung des sich ausweitenden Massenmords wur- de die Einäscherung aller Leichen be- Schlossen(„Aktion 1005**). Mit dieser Aufgabe war der Leiter des„Sonder- kommandos 1005“ Paul Blobel(1894- 1951) Ende März 1942 durch den TKei- ter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) Reinhard Heydrich(1904- 1942) allgemein betraut worden. Wahrscheinlich im August wurde Lagerkommandant Höß von Blobel über den ursprünglich von Himmler erteilten Befehl unterrichtet, dass auch in Birkenau Massengräber zu „enterden' seien, alle Leichen ver- brannt werden sollten und deren Asche beseitigt werden müsse. Da Blobel bereits im Juli 1942 im Ver- nichtungslager Kulmhof Massenkre- mierungsexperimente mit Feldöfen durchführte um die dort bis dahin 97.000 vergrabenen Leichen beseiti- gen zu können, erhielt er von Fich- mann den Auftrag, Höß die Einäsche- rungsanlagen in Kulmhof(Chelmno) vorzuführen. Höß hoffte, mit den Plä- nen zur Frrichtung neuer Krematori- en in Birkenau das Problem lõsen zu können, allerdings dauerten die Bau- vorhaben zu lange: die im Mai 1942 begonnenen Erdarbeiten für Krema- torium 1(II) hatten bis Anfang Au- gust gedauert, im September wurde erst mit dem Bau von Krematorium II(III) angefangen und bis beide An- lagen jeweils mit fünf Dreimuffelõfen ausgestattet waren, sollten noch viele Monate vergehen. Am 19. August schlug ein Vertreter des Ofenbauer-Unternehmens„Topf und Söhne“ die Aufstellung von je- weils Zwei schon für einen anderen Finsatzort fertiggestellten Achtmuft felöfen neben Bunker I und II vor. Das Leichenproblem der Massengrä- ber hätte damit jedoch nicht gelöst werden können und die Umsetzung hätte zu lange gedauert ſdie Achtmuf- felöfen wurden schließlich in die spã- teren Krematorien III(IV) und IV (V) eingebaut, die ersten Bauarbeiten begannen jedoch erst im November 1942]). Lagerkommandant Rudoff Höß musste daher auf die praktische Erfahrung von Blobel zurückgreifen und dessen neu entwickelten und ko- stengünstigen Verbrennungsanlagen im Vernichtungslager Kulmhof am 16. September persönlich besichtigen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Vorsorglich sicherte er sich zuvor in Verhandlungen mit dem Oberforst— amt Pleß die Abholzungsrechte für ausreichende Mengen an Brennholz. Vom 7. bis 9. September wurden die ersten Holzlieferungen an der Stelle abgeladen, an der nach Höß' Dienstreise die erste Verbrennungs- Stelle versuchsweise aufgebaut wurde. Am 21. September 1942 wurde Schließlich mit der Exhumierung und Finäscherung der Leichen aus den Massengräbern in Birkenau begon- nen. Auf dem Gräberfeld hinter Bun- ker II wurden mindestens 30.000 Lei- chen ausgegraben. Fine für Kulmhof bestimmte Kugelmühle für Knochen- reste wurde zuerst nach Auschwitz geliefert. Die zweite Methode der Knochenzerkleinerung, das Zertrüm- mern durch hölzerne Handrammen auf Zementierten Plätzen wurde von Kulmhof übernommen. Neben Bunker II wurden Sicht?zäune errichtet um das Tag und Nacht andauernde Verbrennungsin- ferno zu verdecken. Für die Verbren- nung wurde sehr viel Holz benötigt, das von Hãäftlingsaußenkommandos („Waldkommandos“) seit Anfang September abgeholzt, gesammelt und nach Birkenau geliefert wurde. Auf— grund des aufwändigen Arbeitsein- Satzes und Häftlingstransports wur- den die Waldkommandos schließlich zuerst im September 1942 in dem ei- gens eingerichteten Nebenlager Ra- dostowit? und ab Oktober 1942 in den neuen Nebenlagern Altdorf, Ko- bier und Meserit? untergebracht. Die Kulmhofer Feldöfen waren Mitte September noch unausgereift und nicht in Auschwit? anwendbar. Nach ersten eigenen Verbrennungsexperi- menten auf einem Scheiterhaufen auf dem Gelãnde der ãltesten Massengrä- ber in der Nãhe von Bunker Iwurden vorübergehend zahlreiche Verbren- nungsgruben auf den Gräberfeldern links und rechts neben dem Feldweg zwischen Bunker I und II sowie am Ende und in der Mitte des Gräber- felds von Bunker II für die angren- zenden Massengräber errichtet. Nur durch mehrere parallel betrie- bene Verbrennungsgruben, die zeit— lich versetzt in Brand gesteckt wur- den, konnten die etwa 77.000 exhu- mierten Leichen bei Bunker I und 30.000 Leichen bei Bunker I in einem kurzen Zeitraum eingeäschert wer- den. Schließlich wurden exhumierte Leichen gemeinsam mit frischen Lei- chen in vier neu angelegte dauerhafte Verbrennungsgruben zwischen Bun- ker II und dem Anfang des Gräber- felds eingeäschert, die für den Trans- port auf Schmalspurschienen von bei- den Seiten am besten erreichbar wa- ren. Diese Form der kombinierten Leicheneinäscherung stellte sich als effizienter heraus. Noch vor dem Ab- schluss der Spurenbeseitigung im Rahmen der„Aktion 1005“ Ende No- vember 1942 bei Bunker I wurden in den vier Verbrennungsgruben von Bunker II nur noch frische Leichen eingeäschert, da die Massengräber bei Bunker II bereits bis Ende Oktober entleert worden waren. Alle Spuren der Enterdungsaktion und der ersten provisorischen Scheiterhaufen bei 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer beiden Bunkern mussten vom Son- witz ermordet und ein neues Sonder- derkommando bis Anfang Dezember kommando zusammengestellt. 1942 beseitigt werden. Am 9. Dezem- ber 1942 wurde das gesamte Sonder- Betriebsunterbrechung(1943-1944) kommando in der Gaskammer des Im Februar 1943 wurde eine dritte Krematoriums im Stammlager Ausch- Pferdestallbaracke für Bunker II be- F 5 7 5 d 5 nn nn„ a„ a AM a 9. a AMa aa 6 — Q. Q. a. Ka K O Andreas Kilian 2025 Schema-Plan von„Bunker 2 weißes Haus“ September- November 1942 1 Zufahrtsweg der Mordopfer 11 Brennholzabladeplatz 2 Auskleidebarackern 12 Platz zur Knochen-Zerkleinerung/ Aschersieben 3 Fußweg für Sonderkormmando 13 Sammel- und Abholstelle der Asche à Eingang für LKW 14 temporẽre Aschengrube 5 Provisorischer Tarnzaun(Reisig) 15 Mutmaßliche Lage der Massergräber 6 Parkplatz 16 Mter Feldweg zum Bauernhaus 7 Gaskammern 8 Entwässerungsgraben M Müllverbrernungsgrube 9 Seiteneingang S alte Scheune 10 Schmalspurgleis für Plattloren(8/42— 5/43) V Mutmaßliche Lage der Verbrenrungsgrube Z Eirnwurfl uke für Zyklor-B Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35 reitgestellt, jedoch als temporärer Auskleideraum für die ersten Verga- sungen im neuen Krematorium 1(I) vom 13.-20. März 1943 auf dem Vor- hof des Krematoriumsgebäudes auf— gestellt und eine Woche später wieder abgebaut. Sie wurde als Baracke beim „Sonderkommando II“(das bei Bun- ker Il eingesetzt war) deklariert, aber nicht mehr beim Bunker II aufge- Stellt, da bis Mitte April 1943 dessen Betrieb eingestellt worden war. Die zwei dort befindlichen Auskleideba- racken wurden im Mai 1943 abge- baut, die Schmalspurschienen und Plattloren entfernt sowie vermutlich bis auf eine Ausnahme alle Verbren- nungsgruben zugeschüttet. Bunker II wurde wegen zahlreicher Betriebs- ausfälle der neuen Birkenauer Kre- matorien seit dem 22. März 1943 und wegen der Betriebseinstellung von Krematorium III(IV) im Mai 1943 nicht abgerissen und blieb als zusät?z- liche Mord- und Finäscherungsanla- ge(„Ausweichbunker“) erhalten. Um diesen Zweck überhaupt erfüllen zu können, musste mindestens eine Ver- brennungsgrube auf dem Hinterhof von Bunker II weiterhin bestehen bleiben. Die Häftlinge des„Sonder- kommandos II“ wurden gemeinsam mit den Häftlingen von„Sonderkom- mando I“ auf die bereits in Betrieb genommenen neuen Birkenauer Kre- matorien aufgeteilt. Die Reaktivierung des„Ausweichbunkers“(1944) Sehr wahrscheinlich wurde Bun- ker II jedoch erst nach dem Beginn der„Ungarn-Aktion“ ab Mitte Mai 1944 als Ausweichmöglichkeit für die Verbrennungsgruben hinter Krema- torium IV(V) unter der neuen Be- zeichnung„Bunker V“ reaktiviert. Auf dem Höhepunkt der Massenver- nichtung in Auschwit?-Birkenau war Bunker V zur effizienteren Nutzung zuvor umgebaut und die Anzahl der Gaskammern von vier auf drei redu- ziert worden, indem die Trennwand zur kleinsten Gaskammer in der Ge- bäudemitte entfernt sowie eine Fin- gangstür auf der Vorderseite zuge- mauert wurde. Insgesamt konnten wahrscheinlich 12900 Menschen in Bunker V vergast werden. Die Ver- brennungsgruben wurden ebenfalls verbessert. Zwei neue Gruben wur- den wahrscheinlich zwischen Anfang bis Mitte Mai 1944 ausgehoben und vermutlich seit dem 19. Mai benutzt. Im Juni wurde erst eine dieser beiden Gruben verlängert und näher an die Gaskammern verlagert, wahrschein- lich im Juli schließlich die andere. Auf die Verwendung von Schmalspur- schienen zu Transport?wecken wurde verzichtet. Als Haupteinäscherungs- gruben wurden sie mit 2 Xx2 m breiten und 3 m tiefen Auffangbecken für Menschenfett verbunden, um den VerbrennungsprozZess Zu optimieren. Die alte Verbrennungsgrube konnte schließlich als Ausweichgrube oder als„Nachbrenngrube“ für nicht ver- brannte Körperteile verwendet wer- den. Zuletzt wurde wahrscheinlich im Juli etwas weiter entfernt eine zweite „Nachbrenngrube“ angelegt. Schlus- sendlich waren vier Verbrennungs- 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gruben vorhanden, davon waren drei Gruben etwa 20 m lang, 5 m breit und 2,5 m tief, eine Grube hatte eine Län- ge von etwa 25 m. Im Zeitraum vom 19. Mai bis 7. Juni 1944 konnten in den beiden Haupteinäscherungsgru- ben zusammen mindestens 2500 Lei- chen am Tag verbrannt werden, also die Anzahl der Opfer von zZwei Verga- sungsaktionen in Bunker V. Die drei neu angeforderten Auskleideba- racken konnten nicht rechtzeitig ge— liefert werden, von ihnen wurden nur zwei Stück zwischen Mitte und Ende ————— 40. 0. 1 Zufahrtsweg der Mordopfer 2 Standort zukünftiger Auskleidebaracken(6/44) 3 Fußweg für Sonderkommando und Opfer à Fingang für LKW 5 Proisorischer Tarnzaun(Reisig) 6 Park- und Entkdeidurngsplatz 7 Gaskamrnern 8 Entwãsserungsgraben 9 Seiteneingang — .„ 5 0 ℳ — . e Mn an 6. Schera-Plan von„Bunker V„weißes Haus“ Mai 1944 10 Mter Feldweg 11 Brenrholzabladeplatz 12 Platz zur Knocher-Zerkleinerurng/ Achensieben 13 Sammel- und Abholstelle der Asche 14 ternporãre Aschengrube M Müllverbrennurngsgrube P Hochsitz der Postenkette V Verbrennungsgrube(Verlãngerung in 67/44) Z Einwurfluke für Zyldor-B Q. Ka. S Andreas Kilian 2025 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 37 Juni 1944 aufgestellt. Da im Mai 1944 noch keine Auskleidebaracken be- reitgestellt waren, mussten sich die Menschen auf dem Hof vor Bunker V entkleiden. Im Juni 1944 waren die Tarnzäune um das Gelände von Bun- ker V verändert und erweitert sowie neue Hochsitze für Wachposten er- richtet worden. Die bei Bunker V ein- gesetzten Sonderkommando-Häftlin- ge waren seit Ende Mai im stillgeleg- ten und am nächsten gelegenen Kre- matorium III(IV) untergebracht und mussten von dort nur 860 Meter zu ihrer Arbeitsstelle laufen. StilMegung und Abriss(1944) Spätestens nach der Liquidierung des Ghettos Lit?mannstadt wurde der Betrieb von Bunker V eingestellt. An- fang September wurde erst eine Ver- brennungsgrube zugeschüttet, zwi- schen dem 13. und 22. September die restlichen. Finzig eine große Müllver- brennungsgrube und Bunker V blie- ben erhalten. Am 23. September wur- den 210 Männer des bei Bunker V eingesetzten Sonderkommandos in der Entlausungskammer des Effek- tenlagers„Kanada I“ nahe dem Stammlager Auschwit? vergast. Die beiden Pferdestallbaracken wurden in der ersten Dezemberhälfte abge- baut. Das Gebäude Bunker V wurde schließlich zwischen Anfang bis Mitte Dezember 1944 von einem Abbruch- kommando, das aus anderen Sonder- kommando-Häftlingen bestand, zur Spurenbeseitigung bis auf die Funda- mentmauern abgerissen. Da die Fun- damentmauern unter Erdniveau la- gen sowie nicht sichtbar waren und die herannahende Front einen schnel- len Abschluss der Arbeiten erforder- te, blieben sie erhalten. Unklar ist, Ob das Belassen der Grundmauern im Erdreich ein Akt des Widerstands war oder dem Chaos vor der Lagere- vakuierung zuzuschreiben ist. Die Entdeckung der Fundamentmauern(1968) und die Errichtung einer Gedenkstätte Erst im Jahre 1965 wurden die Ruinen von Bunker V erstmalig ge- sucht und die Fundamentmauern von einer deutschen Pilgergruppe der Ak- tion Sühnezeichen(ASZ) freigelegt (Siehe Artikel im MB Dezember 2024). Jahre später errichtete das Staatliche Museum Auschwitz erst ei- ne Gedenktafel auf der Fundament- mauer von Bunker V sowie in den achtziger Jahren zahlreiche weiße hölzerne Kreuze und Davidsterne auf dem Gelände der ehemaligen Mas- sengräber. 1988 wurde innerhalb der Ruine eine weitere Gedenktafel für die von der katholischen Kirche als Heilige und Märtyrerin verehrte Fdith Stein aufgestellt, Anfang der neunziger Jahre zwei Informationsta- feln. Im Jahre 1994 wurden Gedenk- steine sowie in den darauffolgenden Jahren ein Orientierungsplan und eit ne neue historische Informationstafel aufgebaut. Die Fundamentmauern von Bunker II bezeugen auf anschau- liche Weise einen bedeutenden Tatort der sogenannten Endlösung der Ju- denfrage in Auschwitz-Birkenau, also das, was die ermordeten und in den 38 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer let?ten Jahrzehnten verstorbenen Au- brechen und des Grauens deutscher genzeugen des Sonderkommandos Massenmorde ist daher besonders nicht mehr selbst bezeugen können. wichtig, damit es auch in Zukunft als Der Brhalt dieses einzigartigen und Mahnmal und Gedenkort besichtigt schützenswerten Denkmals der Ver- werden kann. * F* F* F*——— F e, 60 ₰ 0 a Ma a.— — . . S Andreas Kilian 2025 Schema-Plan von„Bunker V„weißes Haus“ Juli- September 1944 1 Zufahrtsweg der Mordopfer 11 Brennholzabladeplatz 2 Auskleidebaracken(6/— 12/44) 12 Platz zur Knochen-Zerkleinerung/ Achensieben 3 Fußweg für Sonderkormmarndo 13 Sammel- und Abholstelle der Asche 4 Eingang für IKW 14 temporẽre Aschergrube 5 Proxvisorischer Tarnzaun(Reisig) 6 Parkplatz. Latrinen für Sonderkornmando 7 Gaskammern M Müllwerbrernnurgsgrube 8 Enw gsgraber PHochsitz/ Wachposten 9 Seiteneingang V Verbrennungsgrube mit Auffangbecken für 10 Ater Feldweg Menscherfett/ zwei Nachbrerngruben Z Einwurfluke für ZyldorB Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 39 Die in Birkenau heimlich aufgenommenen Sonderkommando-Fotografien Der aktuelle Forschungsstand Von Andreas Kilian Auschwit? wird als Symbol für den industrialisierten Massenmord der NationalsozZialisten betrachtet. Die Vorstellung vom deutschen Vernich- tungslager Auschwit? wird insbeson- dere von Bildern geprägt. Nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 blieben die Sowjetischen Film- und Fotoaufnah- men als Zeugnisse des Grauens der Todesfabrik Auschwitz im Gedãchtnis der Betrachtenden. Die Aufnahmen der Befreiung bestimmten das Bild, das sich Außenstehende von Ausch- wit? machten. Zwei einzigartige und unglaubliche Aufnahmen vom Ver- nichtungsproZess änderten dies. Im Juli 1945 wurden ein Foto von nackten Frauen auf dem Weg in die Gaskam- mer und ein Foto von einer kleinen Verbrennungsgrube mit davor liegen- den Leichen und dort zur Zwangsar- beit eingeset?ten Sonderkommando- Häftlingen in der polnischen Zeitschrift Przekroj publiziert, doch erst einige Jahre später wurden sie auch im Ausland verbreitet, weitere Aufnahmen der Fotoserie entdeckt und weltweit bekannt. Die in den Vernichtungsanlagen eingeset?ten und streng isolierten Hãäftlinge bildeten seit Mai 1942 ein Finer der Standorte des Sonderkommando-Fotografen in Krematorium IV, Foto O M. Kilian 2004 sogenanntes Sonder- kommando, das im Sommer 1044 bis zu 874 Mann stark war und in mehreren Ar- beitsgruppen sowie in Tag- und Nachtschich- ten auf vier Mordein- richtungen verteilt wurde: drei Kremato- rien mit Gaskammern (die großen Birkenau- er Krematorien I und II mit jeweils fünf Dreimuffelõfen sowie das kleinere Kremato- rium IV mit einem Achtmuffelofen) sowie 40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer einen provisorischen Vergasungsbun- ker(Bunker V) mit offenen Verbren- nungsgruben. Weitere Verbrennungs- gruben befanden sich hinter dem zweiten kleinen Waldkrematorium (Krematorium IV). Das erste gegenü- berliegende Waldkrematorium(Kre- matorium IlI) war nicht in Betrieb und diente als Unterkunft des im Krema- torium IV und Bunker V eingesetzten Sonderkommandos. Die restlichen Hãäftlinge waren auf den Dachbõden der großen Krematorien unterge- bracht. In den Hochbetriebszeiten der Mordmaschinerie kamen im Sommer 1944 bis zu 16.000 Deportierte täglich in Auschwitz-Birkenau an, die durch- schnittliche Finäscherungskapazität lag Zu dieser Zeit bei etwa 11.000 bis 12.000 Leichen pro Tag. Untersuchungsgegenstand Von den beiden 1945 publizierten Sonderkommando-Fotografien wur- den anfangs nur nachbearbeitete Ver- größerungen und 1957 zusätzlich ein anderes vergrößertes HFoto veröffent- licht. Erst nach der Entdeckung eines vierten Fotos aus dieser Serie im Jahre 1985 wurden alle vier Aufnahmen schließlich 1989 in Jean-Claude Pres- Sacs Pionierwerk„Auschwitz: Techni- que and operation of the gas cham- bers“ veröffentlicht. Zudem wurde darin erstmalig der Versuch unter- nommen, die authentische Reihenfol- ge der Aufnahmen nachzuvolkiehen und die Standorte des Fotografen zu bestimmen. Die Rekonstruktion wurde durch die Tatsache erschwert, dass keine Fo- tonegative überliefert sind und erst im Jahre 1985 dem Staatlichen Museum Auschwitz lediglich sieben zwischen Mitte Juli und Anfang September 1944 hergestellte Original-Kontaktabzüge (cwei im Fotopapier-Format 6,5 x 9,5 em und vier auf in der Mitte geteiltem Fotopapier mit dem Endformat 6,5 X 4,8 cm) von vier verschiedenen Auf- nahmen des Negativfilms übergeben worden waren. Diese Kontaktab?üge sind Positiv- Ab?Züge der Negativbilder, die vom Negativfilm unvergrößert direkt auf Fotopapier erzeugt wurden und das verwendete Aufnahmemittelformat 6 X 6 em sowie die Verwendung eines B II 8-Rolffilm(120) im Format 6 Xx 9 cm belegen, mit dem im Format 6 Xx6Zwöjlf Aufnahmen gemacht werden konnten. Darüber hinaus beweisen sie das spe- Zifische Bildfensterformat des verwen- deten Kameramodells, das in den ein- zigen erhaltenen vier KontaktabzZügen von unbeschnittenen Negativbildern 5,5 X 5,6 em beträgt. Die Kontaktabzüge wurden mit ei- nem erhalten gebliebenen Kassiber, der auf den 4. September 1944 datiert ist, aus dem Lager geschmuggelt. Der Verfasser forderte darin Zwei Eisen- filmrollen für einen Fotoapparat b Xx9* an und beendete die Nachricht mit den Worten„Senden Sie die beiliegenden Aufnahmen unverzüglich an Tell- wir sind der Meinung, das vergrößerte Fo- to kann weitergeleitet werden“. Of- fenbar wurde neben den verschickten kleinen Kontaktabzügen auch eine einzelne Ausschnittvergrößerung her- gestellt und dem Kassiber beigelegt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 41 Finer der dem Auschwitz-Museum 1985 übergebenen Kontaktabzüge(„3. 7 Neg. Nr. 281“. Foto O APMA-B Die Lagerwiderstandsbewegung in— formierte über die Mõglichkeit, gehei- me Fotos machen Zu kõnnen und über den Bedarf an Rollffilmen also erst, nachdem die Foto-Aktion im Sonder- kommando bereits abgeschlossen war. Nach dem Bekanntwerden dieser einzigartigen Fotos fragten sich viele Menschen, wie diese Beweisfotos überhaupt entstehen konnten, wie sie gerettet wurden und vor allem wer der mutige Fotograf war. Das geheime Fo- tografieren von Vergasungen und Lei- cheneinäscherungen in den Kremato- rien war fast unmöglich. Diese Vorgänge Spielten sich innerhalb der isolierten Gebäude ab, was den Foto- grafen vor Belichtungsprobleme stell- te und zugleich das Risiko, entdeckt Zu werden, erhöhte. Das Umgebungslicht im Krematorium reichte für genügend belichtete Aufnahmen nicht aus und hätte ohne Verwendung von Stativ und Drahtauslöser eine Bewegungs- unschärfe auf den Fotos zur Folge ge- habt. Deshalb konnten brauchbare Aufnahmen nur bei guten Kichtver- hältnissen im Freien entstehen und waren nur in der Umgebung der Ver- brennungsgruben, also nur an zwei Orten in Birkenau möglich. Bei Bunker Ventkleideten sich die Mordopfer im Sommer 1 944 in eigens aufgestellten Pferdestallbaracken, vor Krematorium V hingegen im Freien, auf einem von Bäumen umsäumten Platz. Der Vernichtungsablauf vor und nach der Vergasung konnte deshalb am ehesten bei Krematorium IV nach- einander fotografiert werden, da der Fotograf sich dort neben dem Entklei- dungsplat? auf dem Zufahrtsweg mit ausreichendem Sicherheitsabstand unauffällig hinter Bäumen bewegen und von diesen verdeckt werden konnte. Im Krematorium konnte er versteckt schräg aus der Türöffnung einer Gaskammer in Richtung der of— fenen Verbrennungsgruben fotogra- fieren. Auftragsarbeit oder Figeninitiative Nach Veröffentlichung der Fotos wurde behauptet, dass sie im Auftrag der polnischen Lagerwiderstandsbe- wegung angefertigt worden seien und dass die Kamera ins Sonderkomman- do geschmuggelt worden sei. Ver- meintliche Mitwisser oder Zeugen verbreiteten die abenteuerlichsten 42 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gerüchte, zum Beispiel, dass eine Ka- mera in Krakau angefordert worden Sei, dass ein polnischer Zivilarbeiter den Apparat ins Lager eingeschmug- gelt hätte oder dass die Kamera in der Habe von Deportierten an der Rampe oder im Effektenlager gefunden wor- den und über das Birkenauer Män- nerlager oder das Pffektenlager zum Sonderkommando gebracht worden Sei. Allerdings ist keine der überliefer- ten Versionen plausibel. Sehr wahr- scheinlich wurde die Kamera direkt von einem Sonderkommando-Häft- ling in einem der Entkleidungsräume innerhalb der Krematorien oder auf dem EFntkleidungsplatz von Kremato- rium IV gefunden, da viele Deportier- te ihre let?ten Wertsachen und sogar kleine Beutel mit ihren Habseligkei- ten bis in die Todes?zone mitgebracht hatten. Die Frage nach der Herkunft der Kamera und nach dem Weg zum Kre- matoriumsgelände ist indessen nachrangig, da die Kamera nur ein Werkzeug war. Ohne geeigneten Foto- grafen, der über grundlegende Kennt- nisse zur Bedienung einer Kamera verfügte, wäre der Fotoapparat nut?- los gewesen. Aufnahmen während ei- ner Mordaktion konnten nicht von eit nem eingeschleusten Fotografen, sondern nur von anwesenden SS-An- gehörigen oder heimlich von einem ortskundigen Sonderkommando- Häftling gemacht werden. Beides war strengstens verboten. Die Hypothese der Auftragsarbeit ist Zu verwerfen, weil die Initiative nur vom Sonderkommando ausgehen konnte. Die Häftlings-Zeugen aus der Todes?zone hatten ein Figeninteresse daran, Beweise des Massenmords zu hinterlassen, da sie wussten, dass sie als Geheimnisträger von der S8 er- mordet werden würden. Seit 1943 ver- fassten einige Sonderkommando- Häftlinge selbstständig geheime Aufzeichnungen, vergruben diese seit 1944 mit weiteren Beweisen wie Fotos, Ausweisen, im Ghetto angefertigtem Schmuck, Geld aus verschiedenen Ländern, Zähnen, Haaren und Asche von Ermordeten auf dem Krematori- umsgelände und planten einen Auf- stand, der die Vernichtungsanlagen zerstören und den Massenmord been- den sollte. Diese Aktionen wurden ebenso wenig von außen in die Wege geleitet oder gesteuert wie die Anfertigung von geheimen Fotografien der Ver- nichtung. Sie konnten im Herzen der Todesfabrik ausschließlich vom Son- derkommando selbst geplant und um- geset?t werden. Aber für ihr Vorgehen brauchten sie Verbündete. Im Sonder- kommando war eine Widerstands- gruppe aktiv, die mit anderen gehei- men Gruppierungen im Lager kooperierte, um Beweismittel aus dem Lager zu schmuggeln. Als diese Ko- operation scheiterte, vergruben die Sonderkommando-Aktivisten seit Au- gust 1944 Beweismittel auf dem iso- lierten Gelände der Krematorien I und II und hofften, dass diese Zeug- nisse des Massenmords nach der Be- freiung des Lagers gesucht und gefun- den werden würden. Fines ihrer Mitglieder, der Sonder- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 43 kommando-Chronist Salmen Lewent- hal, begründete die Entscheidung mit folgenden Worten:„(...) aber nicht das hat sich erwiesen, dass diese Polen, un- sere Verbündeten, uns belogen haben, und alles, was sie uns weggenommen hatten, benutzten sie für ihre eigenen Liele. Selbst das Material, das wir aus- gegeben hatten, wurde deren eigenem Konto zugeschrieben, und unser Na- me wurde võllig verschwiegen, als hät- ten wir damit nichts gemein. Ja! Mit unserem Geld, unserem Schmerz und unserer Arbeit, mit unserem Blut schufen sie sich Ruhm und Ehre.“(ILe- wenthal in: Polian, Briefe aus der Asche, S. 497). Da die meisten Sonderkomman- dohäftlinge von der S8 als Geheimni- sträger ermordet wurden und davon In Interviews mit Kurt Rosemeier(i.) gab sich S?mulewski noch im Mai und Juli 1989 als Fotograf aus. Foto O Helmut Pöschel ausgegangen werden musste, dass von ihnen keine Augenzeugen der Wider- standstätigkeiten überleben würden, wurde die Geschichte des Widerstands von Hãftlingen außerhalb des Sonder- kommandos geschrieben, die überlebt hatten und sich die Verdienste des Sonderkommandos aneignen wollten. Nachdem behauptet wurde, dass die Fotos vom polnischen Lagerwider- stand in Auftrag gegeben worden sei- en, war es naheliegend, auch ein Mit— glied dieser Gruppe als Fotograf zu präsentieren, der die Entstehung der Aufnahmen bezeugen sollte und dem nur schwer zu widersprechen war. Politische oder persõnliche Aneignung In ihrer Erstveröffentlichung wur- den die Fotos mit einem Mitglied der Auschwitzer Lagerwiderstandsbewe- gung namens Dawid in Verbindung gebracht. Nach ersten Behauptungen, dass er die Fotos aus dem Lager ge- schmuggelt habe, wurde Dawid in fol- genden Veröffentlichungen schließlich zum Urheber der Fotos gemacht, der unterschiedlichen Versionen zufolge als angeblicher Sonderkommando- Häftling oder als Häftling im Dach- deckerkommando Zugang 2zum Krematorium gehabt habe. In Publi- kationen seines Freundes Jan Sehn wurde sein vollständiger Name mit Dawid S?Zmulewski angegeben. Der polnisch-jüdische Wider- Standskämpfer Dawid S?Zmulewski war ein Kontakt- und Vertrauensmann von JõZef Cyrankiewicz, der einer der Leiter der Internationalen Lagerwi- 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer derstandsorganisation„Kampfgruppe Auschwitz“ und Verbindungsmann für die Zusammenarbeit mit Widerstands- gruppen außerhalb des Lagers war. Cyrankiewicz war einer der Verfasser des Kassibers, mit denen die Sonder- kommando-Fotos aus dem Lager ge- schmuggelt worden waren und der be- hauptet hatte, er habe die Fotos von SꝰZmulewski erhalten. S?mulewski ar- beitete nach Kriegsende in der „Hauptkommission zur Untersuchung deutscher Verbrechen in Polen“, anschließend in der Hauptkomman- dantur der polnischen Bürgermiliz und vermutlich auch beim polnischen Inlandsgeheimdienst. Er war Cyran- kiewiczs Sicherheitschef, als dieser polnischer Ministerpräsident war, und Sogar Bevollmächtigter des Justi?mi- nisteriums der Volksrepublik Polen und Begleitschut? von Jan Sehn, der Untersuchungsrichter und LKeiter der Krakauer Bezirkskommission zur Un- tersuchung deutscher Verbrechen war und von 19350 bis 1065 in Vorbereitung und im Rahmen der Frankfurter Aus- chwitzproZesse mit S?mulewski West- Deutschland besucht hatte. Es ist nicht bekannt, ob Szmulewski befohlen wurde, sich als Fotograf aus- zugeben oder ob er selber die Idee da- zu gehabt hatte. Tatsache ist aber, dass SꝰZmulewski bis kurz vor seinem Tod im Jahre 1990 behauptete, er selbst ha- be die Fotos als Häftling des Dach- deckerkommandos durch ein Knopf- loch seiner Häftlingsjacke vom Dach des Krematoriums gemacht(eine von Pressac 1989 verfälschte Darstellung versuchte dies zu relativieren und Alter Fajnzylberg bei einem Besuch im Auschwitz-Museum, 1985. Foto O APMA-B September zugleich zu plausibilisieren). Es stellte sich aber heraus, dass er zum Ent- stehungszeitpunkt der Fotos über- haupt nicht als Dachdecker eingesetzt wurde, sondern Schreiber im Promi- nentenblock des Birkenauer Männer- lagers war und dass die Fotos nicht vom Pach aus gemacht worden sein konnten. Als Anfang 1965 in dem Mittei- lungsblatt„Après Auschwit?“ der franzõsischen„Vereinigung ehemali- ger Auschwitz-Deportierter“ eines der Fotos mit der Bildunterschrift„aufge- nommen von einem Widerstands- kämpfer, David Szmulewski, unter Finsatz seines Lebens“ verõffentlicht wurde, protestierte dessen ehemaliger Kampfgefährte aus dem Spanischen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 45 Bürgerkrieg, Alter Fajnzylberg, der ge- meinsam mit S?Zmulewski 1942 aus Frankreich nach Auschwit? deportiert worden war. Fajn?zylberg war einer der wenigen Sonderkommando-Uberlebenden und behauptete nun, dass er selber die Fotos gemacht habe und dass S?Zmule- wski niemals ein Krematorium betre- ten hätte. In Fajnzylbergs überliefer- ten Aussagen aus dem Jahre 1945 wird die Heldentat an keiner Stelle er- wähnt. In seiner Zeugeneinvernahme vom 16. April 1945 vor der Krakauer Bezirkskommission zur Untersuchung deutscher Verbrechen in Auschwitz Sagte er lediglich, eine Kamera sowie Notizen in der Nähe eines Krematori- ums vergraben zu haben, was zumin- dest seine frühe Kenntnis von der Exi- sten? einer Kamera auf dem Krematoriumsgelände belegt. Der ehemalige Stubendienst in der Häftlingsunterkunft von Krematori- um III, Shlomo Dragon, behauptete hingegen in einem Interview Anfang der 1990er Jahre, dass er es gewesen Sei, der die Kamera versteckt und der Sowijetischen Untersuchungskommis- sion im März 1945 übergeben hätte. Allerdings wird diese Angabe in zwei Vernehmungsprotokollen Dragons von 1945 und in anderen Interviews nicht bestätigt. In einem früheren In- terview von 1982 behauptete Dragon dagegen, dass er Granaten versteckt und der Sowjetischen Untersuchungs- kommission gezeigt hätte, die von ihr später ausgegraben worden wären. In Sowjetischen Untersuchungs- und Fundprotokollen ist jedoch weder der HFund einer Kamera noch von Grana- ten dokumentiert. Darstellungsinderungen Nachdem S?Zmulewski seine Dar- stellung trot? erheblicher Zweifel von unterschiedlichen Seiten nicht geän- dert hatte und eine Stellungnahme zu den Finwänden ablehnte, schlugen franzõsische Vertreter des Internatio- nalen Auschwitz-Komitees im Jahre 1966 vor, dass zur Erledigung der zwei- felhaften Angelegenheit eine diplo— matische Gegendarstellung durch die Sprachregelung„kollektive Autoren- schaft“ erreicht werden könne. Zur of— fiziellen Gegendarstellung kam es nicht, weil ein Skandal vermieden wer- den sollte. Allerdings veränderte Fajnzylberg seine Darstellung dahin- gehend, dass er nun angab, die Fotos in Zusammenarbeit mit den Sonderkom- mando-Uberlebenden Shlomo und Abraham Dragon gemacht zu haben. Er blieb aber dabei, selber fotografiert zu haben. Pine Beteiligung an den Fotoaufnahmen wurde von den Brü— dern Dragon jedoch nie bestãtigt. Fajn?ylberg behauptete weiter, S?mulewski hätte ihm lediglich die Kamera übergeben und nach den Auf- nahmen den Hilm im Birkenauer Män- nerlager in Empfang genommen. Zu- dem bezeichnete er sich in seinen Brinnerungen nicht nur als Fotogra- fen, sondern auch als einen der Orga- nisatoren des Sonderkommando-Auf— Stands, was in beiden Fãllen von keiner anderen Quelle bestätigt werden kann. Mit dieser Version ergänzte Fajnzylberg in der zweiten Hälfte der 46 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1960 er-Jahre seine auf Polnisch nie- dergeschriebene und vermutlich 1946 begonnene aber erst 2025 veröffent- lichte EFrinnerungsschrift„Ce que j'ai vu à Auschwitz: Kes Gahiers d'Alter“ durch nachträgliche Eintragungen(8. 157, 159). In seiner Zeugeneinvernahme vor der Frankfurter Staatsanwaltschaft wiederholte er 1974 im fünften Frank- furter Auschwitz-Prozess die Darstel- lung der kollektiven Autorenschaft, allerdings ohne Erwähnung der Dra- gon-Brüder. Nicht bekannt war sein- erzeit eine andere Zuschreibung durch den Sonderkommando-Uberle- benden Lemke Plis?ko. In dessen Aus- sage vom 31. Mai 1946 vor der Histo- rischen Kommission beim Jüdischen Wojewodschaftskomitee in Bialystok behauptete er, der Sonderkommando- Hãftling Lejb-Hersh Panicz hätte Lei- chen-Aufnahmen in der Gaskammer von Krematorium I gemacht. Ende der 1970 er-Jahre änderte sich Fajnzylbergs Darstellung erneut. 1977 führte die Auschwitz-Uberlebende und kritische Historikerin Tipora Hager-Halivni Interviews in mehreren Ländern mit den meisten Personen, von denen bis zu diesem Zeitpunkt be⸗ hauptet wurde, dass sie in die Foto- Aktion involviert gewesen wären. In Paris interviewte sie SZmulewski und Fajn?zylberg. Im Gespräch mit Halivni berichtete Fajnzylberg zum ersten Mal, dass ein griechischer Jude namens„Alex“ die Aufnahmen ge- macht hätte. Finige Monate später, in einem Antwortbrief an das Staatliche Muse- um Auschwitz vom 12. Mai 1978, be- zeichnete er sich als„Mitautor“ der Fotos und behauptete, dass ein„Alex aus Griechenland“, der während eines Fluchtversuchs an der Weichsel umge- kommen sei, die Fotos gemacht hätte. Alex hätte laut Fajnzylbergs neuen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 47 Angaben auch die Kamera und einige Dokumente vergraben. Seine Frinnerungsschrift ergänzte Fajnzylberg etwa Anfang der 1970er- Jahre mit Informationen über den Fuchtversuch eines griechischen Par- tisanen namens„Aleko Errera“, der zweifellos mit Alex identisch war(Ca- hiers, S. 213f.). Darin wird Zwar Erreras Flucht, nicht aber seine Autorenschaft der Fotos erwähnt. Erreras Urheberschaft wurde ebenfalls nicht in der 1986 ausge- strahlten polnischen Filmreportage „Pamiec...“ erwähnt, in der Fajnzyl- berg Zwei Jahre vor seinem Tod auf dem Gelände von Krematorium IV gefilmt wurde und dort berichtet hat- te, dass er die Kamera Dragon gege- ben habe und sie die Fotos gemeinsam gemacht hätten. In seinem zur glei- chen Zeit im Auschwitz-Museum 1983 abgelegten Zeitzeugenbericht be- hauptete Fajnzylberg, die Kamera per- sönlich ins Krematorium IV ge-— schmuggelt zu haben. Er wiederholte auch die These von der kollektiven Autorenschaft, erwähnte Shlomo Dra- gon und den Griechen Alex, wobei Alex seinen Angaben zufolge den Auslöser gedrückt hätte. Was Fajn?ylberg nach Jahrzehnten dazu veranlasste, die Identität des Fotografen zu enthüllen, ist nicht bekannt. Seine Befragung durch Hager-Halivni führte jedenfalls dazu, dass er sich selbst nicht mehr als eigentlichen Fotografen bezeichnen wollte. Die Namensnennung von „Alex“ ändert jedoch nichts an seiner widersprüchlichen Darstellung der Entstehung der Aufnahmen. Auch Fajnzylbergs Verortung der Grubenaufnahmen, die durch den „Westeingang“ gemacht worden sein Sollen, ist unzutreffend. Eine kritische Analyse aller verfügbaren Quellen legt die Vermutung nahe, dass weder S?mulewski noch Fajnzylberg an der Entstehung der Fotos beteiligt waren, Sondern erst danach in den Schmuggel des Films involviert wurden. Wenn Fajnzylberg den unbelichteten Hilm von„Alex“ erhalten hätte, dessen dem Spanischen ähnliche Ladino-Sprache er als ehemaliger Spanien-Kämpfer verstand, kõnnte er daraus die Schlus- sfolgerung gezogen haben, dass „Alex“ der Fotograf gewesen sein könnte. Hager-Halivni verõffentlichte Fajnzylbergs Erwähnung des griechi- schen Juden Alex erstmals im Jahre 1970 in ihrem Artikel„The Birkenau Revolt“. Der Sonderkommando- Forscher und Auschwitz- Uberlebende Brich Kulka nutzte diese Information 1987 in einem Interview mit dem grie- chischen Uberlebenden des Kanada- Kommandos(im Effektenlager) und Augenzeugen des Sonderkommando- Aufstands, Itzchak Cohen. Im Ge- sprächsprotokoll hielt Kulka schließ- lich fest, dass Cohen angegeben hätte, dieser Alex sei identisch mit einem Errera, der als Partisan den Deckna- men„Alekos Aleksandris“ geführt ha- be und einen Fluchtversuch an der Weichsel unternommen hãtte. Kulka notierte auch, dass der Son- derkommando-Uberlebende Jehoshua Rosenblum ihm gegenüber erwähnt 48 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer habe, dass die Fotos von einem grie- chischen Juden namens Alex gemacht worden sein sollen. In allen bekannten Aussagen Rosenblums findet sich die- se Angabe jedoch nicht. Da EFrreras mutiger Fluchtversuch von vielen Häftlingen als Heldentat betrachtet wurde und nicht nur im Sonderkom- mando für großes Aufsehen gesorgt hatte, könnte seine Nennung als wag- halsiger Urheber der Fotografien auch nur vorgeschoben oder eine voreilige Schlussfolgerung gewesen sein. Er- reras Urheberschaft liegt im Bereich des Wahrscheinlichen, sie konnte je- doch bislang nicht Zweifelsfrei bewie- sen werden. Die Identifizierung von „AlexX“ als Alberto Errera wurde schließlich im Jahre 2002 in der Son- derkommando-Monografie„Zeugen aus der Todeszone“ erstmals veröf- fentlicht. Der mutmaßliche Fotograf Alex(Deminutiv: Alekos) war der Rufname von Alberto Errera, der am 15. Januar 1913 in Thessaloniki gebo- ren wurde, aus einfachen Verhältnis- sen stammte und einen Lebensmittel- laden in Larisa führte. Unter deutscher Besatzung lebte er mit sei- ner Bhefrau und Schwägerin seit Sep- tember 1943 im benachbarten Farsala unter dem Decknamen Alekos Alekx- andridis als Transportunternehmer von Waren. Er wurde fãlschlicherwei- se beschuldigt, KHieferant der Partisa- nen gewesen zu sein und deshalb in Athen von der Gestapo verhaftet. Familienangehörigen zufolge soll Errera jedoch nie in Griechenland im Jehoshua Rosenblum, Uberlebender des r Sonderkommandos. Foto O A. Kilian 1995 Widerstand aktiv gewesen sein. Er kämpfte lediglich 1941 als einfacher Soldat im Griechisch-Italienischen Krieg an der albanischen Front. Irrtümlicherweise wurde das Gerücht verbreitet, Errera sei Angehöriger der Oberschicht sowie Offizier in der grie- chischen Armee oder Marine gewesen und hätte mehrere Sprachen ge- sprochen, was jedoch von seinen Familienangehörigen bestritten wird. Errera sprach Griechisch und Judäo- Spanisch, die Sprache der sephardi- schen Juden. Alex Errera wurde Anfang 1944 als mutmaßlicher Unterstützer der Parti- Sanen in das Athener Konzentrations- und Durchgangslager Chaidari über- Stellt, wo er unter Folter seinen echten Namen und seine jüdische Identität Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 49 verriet. Von Chaidari aus wurde Er- rera schließlich nach Auschwit?Bir- kenau deportiert, wo er am 11. April 1944 eintraf, die Häftlingsnummer 182.552 eintätowiert bekam und nach der Quarantänezeit am 12. Mai 1944 dem Sonderkommando bei Bunker V und spãter mit 26 anderen Griechen dem Krematorium II Zugeteilt wurde. Dort wurde er von Anführern der Widerstandsgruppe im Sonderkom- mando zur Verbindungsperson für die griechischen Widerstandsaktivisten vor allem in Krematorium IV und im Kanada-Kommando ernannt und von eingeweihten Kapos verschiedenen Tätigkeiten zur Kontaktaufnahme zu— geteilt. Zu diesem Zweck wurde er wahrscheinlich in mobilen Arbeits— gruppen wie den Essensholern oder Lieferanten von angeforderten Mate- rialien aus dem Magazin von Krema- torium Ieingesetzt, die von nur einem SS-Posten begleitet werden mussten, die Zudem bestechlich waren. Auch der Aschetransport zur Weichsel wurde für konspirative Akti- vitäten genutzt, da die Asche-LKWs die Krematorien I, II, IV und Aus- weich-Bunker V anfuhren. Allerdings war die SS-Begleitung bei Fahrten außerhalb des Lagers zahlreicher. Da Errera Erfahrung im Fotografieren ge- habt haben soll, könnte er kurz nach dem Fund der Kamera vermutlich An- fang Juli 1944 mit der Aufgabe betraut worden sein, geheime Beweisfotos ei- ner Vernichtungsaktion zu machen. Da eingeweihte Widerstandsakti- visten im Sonderkommando einen Aufstand mit Massenflucht planten „Mlex“ Errera in den 1930er Jahren. Foto S Matthildi Eskinatzi und dieser am 28. Juli 1944 in die Tat umgesetzt werden sollte, Kkonnten die Fotos nur vor diesem Termin gemacht worden sein. Tragischerweise musste der Termin kurzfristig abgesagt wer- den und einer der Anführer der Widerstandsgruppe, Kapo Chaim Kaminski, der auf eine rasche Neuter- minierung drängte, wurde kurz darauf durch falsche Vorwürfe des polnischen Kapos Mieczyslaw Morawa im Auf— trag der polnischen Widerstandsbewe- gung ausgeschaltet und in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 auf— grund erfundener Attentatspläne auf einen Kommandoführer von der 88 erschossen. Errera flüchtete nur wenige Tage später am 9. August 1944, da er be- fürchten musste, dass die Aufstands- Plãne sowie möglicherweise auch die Foto-Aktion verraten und die ur— 50 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer sprünglichen Ziele nicht mehr erreicht werden könnten. Während seines Fuchtversuchs bei der Asche- Entsor- gung an der Weichsel wurde er durch Schüsse tödlich verwundet. Finige Tage später wurde seine Leiche zur Abschreckung auf dem Hof von Kre- matorium I aufgebahrt, wo die Häft- linge seines Stammkommandos an dem Toten vorbeigehen mussten. Datierung Nachdem Mitte Juni 1944 die De- portationen aus Ungarn für mehrere Tage ausgesetzt worden waren, trafen zwischen dem 29. Juni und 11. Juli wie- der verstärkt Transporte ein. Sehr wahrscheinlich wurde in diesem Zeit- raum die Kamera in einer der Entklei- dungsstätten neben den Gaskammern gefunden. Das Kameramodell musste für Schnappschüsse geeignet, mög- lichst klein, einfach zu bedienen und wie eine Rolfilm-Springkamera im Format 6x6, also eine Mittelformat- Klappkamera mit Faltbalgen, gut zu verstecken gewesen sein. Errera hätte für kurze Zeit zu Krematorium IV überstellt worden sein kön- nen, um dort das Gelãnde zu erkunden und um nach ge- eigneten Aufnahme-Stan- dorten für die Beweisfotos zu suchen. Die Aufnahmen wurden an einem einzigen Tag im Meingang gemacht, vermutlich zwischen dem 9. und 11. Juli 1944, als jüdische Deportierte aus Ungarn er- mordet wurden. Die Fotos Sollten offenbar das Ende der soge- nannten Ungarn-Aktion dokumentie- ren. Fine alliierte Luftaufnahme vom 8. Juli 1944 zeigt den unfertigen Aus- baustand der Tarnzãune um die Wald- krematorien. Auf dem Entkleidungs- foto sieht man im Hintergrund Teile des Tarnzauns und in der Mitte eine freie Stelle, da der Zaun noch nicht ganz fertig war. Die offene Stelle war vermutlich ein provisorischer Zugang, der schon auf früheren Luftaufnah- men zu erkennen ist, aber auf spãteren Aufnahmen nachweislich nicht mehr existiert. Reihenfolge und Verortung der Fotoaufnahmen Aus Sicherheitsgründen konnte der Fotograf nur eine Aufnahme vom Entkleidungsplat? im Freien machen, und zwar in einem unbeobachteten Moment, in dem auf dem Platz SS-Po- sten mit dem Rücken zu ihm standen oder überhaupt nicht anwesend wa- ren. Die Wahrscheinlichkeit, im Freien Schauplatz der offenen Entkleidungsstätte und Blickrich- tung des Fotografen. Foto O A. Kilian 2016 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 51 Ii—= 1— Rnknatuktiun wuhhinilthn Kuhunigs an huirnlith Im Ju 1344 bul Krumntunium NW ſV augmnommnmen Sundnrknenman⸗Futos bei Flmnzerl wemn t ht n, M Be Mi Die Rekonstruktion der Fotoreihenfolge von der S8 entdeckt oder von anwe- senden SonderkommandoMithäftlin- gen beobachtet und verraten zu wer- den, war zu groß, um weitere Fotos zu machen. Aus dem dunklen Innenraum der Gaskammer konnte er hingegen unbemerkt mehrere Fotos von einer Verbrennungsgrube schießen. Zwei unterschiedliche Aufnahmen aus die- sem geschützten Standort sind über- liefert worden. Auf den Kontaktabzügen erkenn- bare Uberbelichtungsschäden durch Lichteinfall am unteren Negativrand und die Tatsache, dass beide Kontakt- abZüge der Grubenfotos vom Fotola- boranten auf der rechten Seite abge- schnitten wurden, bieten einen Interpretationsspielraum, der vermu- ten lãsst, dass mindestens zwei weitere Sonderkommando-Fotos im Juli 1944 geschossen wurden, die bislang nicht überliefert sind. Wie viele Fotos der Fotograf insge- samt gemacht hat, können wir auf— grund der lũckenhaften Uberlieferung und dem Verlust der Negative jedoch nicht bestimmen. Die Uberbelich— tungsschäden ermöglichen in Verbin- dung mit der Bestimmung des Son- nenstands während der Entstehung der Fotos darũber hinaus eine Rekon- struktion der Reihenfolge der Auf— nahmen. Fine genaue Verortung der Aufnahmen ist durch das auf den Bil- dern Erkennbare möglich. Die Simulation des genauen Son- nenstands am Tatort zwischen dem 9. und 11. Juli 1944 erlaubt die Fest- stellung, dass das erste Foto auf dem Entkleidungsplat? des Vorderhofs ge- macht worden war(Neg. Nr. 282) und gegen 12:45 Uhr geschossen wurde. Der Fotograf hielt die Kamera ab- sichtlich schief, weil er so eine größere Bildbreite erhielt. Das zweite Foto entstand etwa drei Stunden spãter und Zeigt fast die ganze 12 m lange und 5m breite Verbrennungsgrube auf dem Hinterhof. Eine simulierte Abstands- messung zwischen Kamera und zwei auf unterschiedlichen Fotos gut er- kennbaren Personen(eine Frau rechts vorne im Entkleidungsbild sowie ein Hãftling, der in einem der beiden Gru- benfotos in einer Gruppe ganz links Steht) kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Kamera 24 m entfernt befand. Zudem belegen zwei Kontaktabzüge der zweiten Aufnahme(Neg. Nr. 281) die tatsächliche Reihenfolge durch den deutlich sichtbaren Bildrand des linken Nachbarfotos(Neg. Nr. 282). Daraus ergibt sich ein Hilmtrans- 52 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer port von rechts nach links und die Jat- sache, dass ein Kameramodell mit die- ser Hilmlaufrichtung verwendet wor- den sein muss. Der Belichtungs- schaden könnte daher beim Fin- stecken und Festziehen des Film- schutzpapiers in die Leerspule ent- standen sein. Die dritte Aufnahme ist hingegen nicht sicher zu bestimmen. Es könnte sich um das Zweite bekann- te Grubenfoto(Neg. Nr. 280) handeln, oder um eine dazwischenliegende Aufnahme, die verloren ging, wegen Unschärfe weggeworfen wurde, oder sich unentdeckt in unbekanntem Be- sit? befindet. Der auf Plãnen der SS-Zentralbau- leitung als„Zaun 35“ nummerierte Zaunabschnitt hinter Krematorium IV hatte 330 cm hohe Betonpfeiler, die im Abstand von 350 cm standen. Die auf dem ersten Grubenfoto sichtbaren Zwei(Nr. 15-16) und auf dem zweiten Foto vier Betonpfeiler(Nr. 13-16) er— möglichen die genaue Bestimmung des Sichtfelds. Die beiden abgeschnittenen Kon- taktabꝰũge verhindern eine lückenlose Rekonstruktion nach der zweiten Auf- nahme und können keine nahtlose Verbindung der beiden bekannten Grubenfotos belegen. Fin Kontaktab- zug(Neg. Nr. 280) lässt am linken Rand erkennen, dass das linke Anschlussfoto auf dem Negativstreifen abgedeckt wurde, wodurch der abgebildete Licht- schaden am unteren Rand unterbro- chen wird. Da der rechte Bildteil der zweiten Aufnahme(Neg. Nr. 281) schwarz ist, wäre ein Abdecken dieses Fototeils überflüssig gewesen. Im Simulationsexperiment mit 120er Roll- film auf Holzspulen zeigt sich zudem, dass der nur teilweise sichtbare Belich- tungsschaden des zweiten Gruben- fotos(Neg. Nr. 280) nicht nach dem ersten Grubenfoto(Neg. Nr. 281) fol- gen kann, was die Hypothese eines fehlenden Fotos erhärtet. Das let?te verõffentlichte Sonder- kommando-Foto(Neg. Nr. 283), eine wahrscheinlich nach dem Ende der Fotoaktion kurz vor der Filmentnah- me und vor dem verdeckten Hilm- weiterspulen vor einem Reisigzaun ausgelöste Aufnahme, liegt als unbe- schnittener Kontaktabzug mit Belich- tungsschäden am unteren Rand vor. Da die Kamera hochkant gehalten worden war, ist das Bild nach rechts gekippt(Baumwipfel ursprünglich oben). Der in kurzem Abstand vor dem Objektiv Zzu erkennende Reisig- zaun und die Baumwipfel im Hinter- grund grenzen eine Verortung auf der Westseite des Krematoriumshinter- hofs ein. Auch in diesem Fall kann nicht aus- geschlossen werden, dass eine Auf— nahme zwischen dem zweiten Gru— benfoto(Neg. Nr. 280) und dem Reisigzaunfoto(Neg. Nr. 283) fehlt, da der rechte Jeil des Grubenfotos abge- trennt wurde und eine Verbindung zwischen beiden Aufnahmen nicht nachweisbar ist. Das Reisigzaunfoto kann auch nicht vor dem Entklei- dungsfoto(Neg. Nr. 282) entstanden sein, weil die Belichtungsschäden nicht Zusammenpassen. Es kann daher vermutet werden, dass mindestens zwei weitere Sonderkommando-Fotos Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 83 — n 3* Der Hüter und Uberlieferer der Fotos, Wladyslaw Pytlik. Foto O GFH(Reg. Nr. 38232p) im Juli 1944 geschossen wurden, die bislang nicht überliefert sind, der Fo- tograf also mindestens sechs von Zwölf möglichen Aufnahmen des 120er Roll- films machte. Am 4. September 1944 wurden die KontaktabZüge und ein vergrößertes Foto vom polnischen Widerstand aus dem Lager heraus zu dem lokalen Un- tergrundaktivisten Wladyslaw Pytlik nach Brzeszcze und von dort nach Krakau geschmuggelt. Pytlik verwahr- te sogar sieben Kontaktab?züge bis zu Seinem Tod im Jahre 1984. Verschiede- ne Verbindungen mit polnischen Zivilarbeitern und polnischen Fin- wohnerinnen aus der Umgebung konnten dies ermöglichen. Der unbelichtete Hilm wurde nicht verschickt, da eine Beschädigung des empfindlichen Materials die Zer- störung der Aufnahmen zur Folge gehabt hätte. Daher mussten die Fotos innerhalb des Lagers professionell entwickelt werden, in einem Film- labor, das Hãäftlinge beschäftigte, die in der Lagerwiderstandsbewegung tätig waren, beispielsweise im Erkennungs- dienst oder bei der SS-Zentralbaulei- tung. Ohne die Kooperation zwischen der Widerstandsgruppe im Sonder- kommando und der„Kampfgruppe Auschwit?“ mit ihren Verbindungen zur polnischen Untergrundbewegung außerhalb des Lagers hätten die Fotos keinesfalls an die SOffentlichkeit gelangen können. Die Sonderkom- mando-Fotos sind daher Beleg einer erfolgreichen Zusammenarbeit ver- schiedener Widerstandsgruppen und einer gelungenen Rettungsaktion von einzigartigen Beweisen des Massen- mords. Ausblick Es ist anzunehmen, dass weitere Kontaktab?Zũge in Privatbesit? oder in nicht erschlossenen Archiv-Sammlun- gen auf ihre Entdeckung warten. Wir wisSen, dass mehrere Kontaktabzüge unterschiedlicher Qualität angefertigt wurden und können davon ausgehen, dass sie wahrscheinlich an mehrere Kontaktpersonen verteilt wurden, um die Rettung der historisch einzigarti- gen Fotos sicherzustellen. Welche Wege die Fotos zurückgelegt hatten und wie viele Personen involviert wa- ren, kann aufgrund der konspirativen Tätigkeit nicht mehr rekonstruiert 54 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass zukünftig weitere KontaktabzZüge dem Auschwit?z- Museum zu Forschungs- zwecken zur Verfügung gestellt wer- den und dort Wissenschaftlern aus ver- schiedenen Ländern eine gründliche Fotoanalyse mit modernsten techni- Schen Mitteln ermöglicht wird, um mit Bildbearbeitungsprogrammen und Rekonstruktionstechnologien die letz- ten Geheimnisse er Fotos entschlüs- Seln zu können. „In der Fotografie gibt es keine Schatten, die nicht beleuchtet werden können.“(August Sander, 1876 1964) ——— . 2 Sake2028(. Q Q Schema von Krematorium IV V): Verortung der Sonderkommando-Fotos, Juli 1944 2—— 1 1— — ——————— 5„ ½ S 3 25 5 7 5 Lageplan mit Verortung der Fotos Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 55 Uber 30 Jahre Stolpersteine Uber 122.000 Schicksale dem Vergessen entrissen Das Bundesfinanzministerium hat am d. Dezember 2025 ein 95 Cent-Sonder- Poswertzeichen„Slolpeysteine“ herausgegeben. Als der Künstler Gunter Demnig vor über 30 Jahren die Idee zum KunstDenkmal STOLPERSTEINE hatte, war es für ihn aufgrund der großen Opferzahl zunächst nur ein rein konzeptuelles Kunstwerk. Erst ein Freund, der damalige Pfarrer der An- tonitergemeinde in Köln, be- — —— —„ „— ELMKR — —— —. —— 2—. — *. ——— . kräftigte ihn, er werde zwar nie die Million Schaffen, aber er könne doch erstmal klein anfangen. So hoff- te Gunter Demnig irgendwann viel- leicht einmal 1.000 Steine zu verlegen; er dachte damals aber nicht im Fraum daran, dass seine kleinen knapp 10 X10 X 10 cm großen, golden-glänzenden Brinnerungssteine, die er zumeist vor die Hauseingänge des letzten selbst- gewählten Wohnorts der NS-Opfer verlegte, irgendwann einmal zum größten dezentralen Mahnmal der Welt„heranwachsen“ würden. In?wischen liegen die Gedenkstei- ne in 32 europäischen Ländern und er- innern vor Wohnhäusern, Geschäften, Universitäãten, Schulen, Rathäusern und vielen weiteren Stellen an über 122.000 Menschen.(.ñ.) Eine Besonderheit des Kunst- Denkmals STOLPERSTEINE ist nach wie vor, dass mit den Steinen al- ler Opfergruppen gedacht wird und die Steine auch für die Opfer verlegt werden, die während des Nationalso- zialismus fliehen mussten und/ oder den nationalsozialistischen Ierror nur knapp überlebt haben. Jeder Mensch erhält dabei seinen eigenen goldenen Stein mit seinem individuellen Schick- Sal und wird damit dem Vergessen ent- rissen. Dabei bleibt die Hoffnung, dass wir aus der Geschichte lernen und in Deutschland nie wieder eine Zeit her- einbrechen wird, in der Menschen auf— grund ihrer Religion, ihres Gesund- heitszustandes, ihrer politischen Ansichten, ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Orientierung verfolgt und entrechtet werden.* * Mer Jextaluszug stummt von Kalja Demnig, Geschdftsfiihrerin der STVM VUNO SPUREN Gunter Pemnig. Zu finden auf der Webside des Bundesſ- nanzministeriums linter dem Slich wort Sonderbrießmarke Stolpeysteine. 56 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser, wir bitten Sie zu überlegen, ob Sie uns Ihre EMail-Adresse mitteilen möch- ten und uns vom Vorstand ausdrũcklich erlauben, dass wir Sie auch auf die- sem Weg über Vereinsaktivitãten informieren dürfen. Falls Sie dies befürworten, Schicken Sie uns bitte Ihr Einverständnis per- E-Mail an infoGlagergemeinschaft-auschwitz. de. Dies kann auch direkt über unsere Homepage(https:Mlagergemeinschaft- auschwitz.de) und das dortige Kontaktformular geschehen. Dort müssen nur der Satz mit Ihrer Finverständnis-Erklärung und die Kenntnisnahme unserer Datenschut?bestimmungen angeklickt werden. Vielen Pank für Ihr Verständnis Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Matthias Tiessen, Friedrich-Ebert-Str. 31 63477 Maintal (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de facebook.comlagergemeinschaft/ instagram. comlagergemeinschaftauschwitz Redaktion: Hans Hirschmann Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DEd3 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 57 LAGERGEMEINSCHAET AUSCHWTLE FREUNDESKREIS DER AUDSCHMWAEEG E. V. Lagerhemtineh Autitt Furtt dtt Muneilr Euihutr m Btein Stralls 27 35516 Mrnena Die Lagergemeſnschaft Auschwſte— Freundeskreis der Auschwtzef e V wifd fest ausschleßhich curth Spenden und Mitgledsbeiträge Hnanzieft. Der Jahresheitrag heträgt mindestens 40 EUR für Berufststige und mindestens 20 Euro für Schüler/Studenten, Auszubidende und Arheitslose wWir biten Sie. durch lhren Eintritt in die Lagergemeinschsft oder curch eine einmalige Spende zu helfen. dass cer Verein Uber ciie ſinanzielen WMel verfügt ciie er dringend benoiigt. Beitrittserklärung Vorname und Nathnamme Biße. fHiaus-Nr. elnlrilieiii Frses m. Sft„tieeeeleeieerieeiiettrtiteeäeettieerteiereketheeihnenenn Fl.e.i0eheehieioeki0e inah S eeeeeelreiheteiiten(optonal) Geburtsdalufn(Optlonal) chmöchte Mltglied der Lagergemeinschaft Auschwltz— Freundes kreis der Auschwltzer e. V. Wercen. Den Jhresbeitrag in Höhe von EUR werce ich per Eauerauftrag bzw als jõhrliche Einzeberweisung(Unzutrefncos bilte stichen) auf das folgende Konto Uberweisen! Sparkasse Oberhessen[BAM DE 43 5185 0079 0020 0005 03, BC: HELADEFFR ch ermchtige cie Lagergemeinschaft bis auf Widerruf. den Jahresbeittag Von EUR von meinem Konto[BAd eeeeeeee S Beeeneee ⸗ bei folgender Bank—(Name der Bank) einzuziehen. Mit der Beſtritt bestätige ich gleſchzetig mein Einwerständnis mit der Speicherung melnefr personenbezogenen Dalen gemsſt cer Datenschutzerkarung cer Lagergemeinschaft AUschwitz(zu fincen urter MMaergeeinschaauitz e Solten Sie über keinen nteretzugang verfügen. teilen Sie uns dies bitte kur mit. Wir senden hnen die Datenschuterklarung dann auf posialisthen Wege zu. Mitteilungsheft: ſeh bin damit einverstanden. tas Mitteilungsheft der L.GA regelmaſtig(i.d. R 12 Mal pro Jahr) pet Post an meins o.9 Anschrift zu erhsken(Wenn nicht zutreftend, bitte streichen.) niormstionen per EMail: ch bin camit einverstanden, tiass cie Lagergemeinschatt Auschwitz— Freundeskreis tisr Auschwilzer V mff in unregelmaßigen Abstsncen infommnstionen zu Aktivitaten Weranstaltungen per E-Mail sn meine d.g. E-Msilt Adresse zukommen ſésst.(Wenn nicht zutreffend, bitte streichen.) Ltüme Donnerstag, 22. Januar 2026 20 Uhr, Stadtbibliothek Bad Vilbel, Niddaplatz 2 Lesung mit Eva Weissweiler F Biographie einer Fuohthelferin EVa WESS Hoffmann und Gampe Als Jüdin, Kommunistin und Wi- derstandskämpferin musste die 1909 geborene Lisa Hittko Schon mit 24 Jah- ren ins Exil gehen. 1940 wurde sie in Frankreich„als feindliche Auslände- rin“ im berüchtigten Lager Gurs inter- niert, bis ihr die Fucht nach Marseille gelang. Dort traf sie auf Varian Fry und das„Emergency Rescue Committee?, das organisierte Fluchthilfe betrieb. Lisa Fittko und ihr Mann Hans führ- ten 1940/41 über einhundert meist jüdische Füchtlinge von Südfrank- reich ũber die Pyrenãen nach Spanien unter anderem den Philosophen Wal- ter Benjamin. Ende 1941 konnte das Bhepaar Fittko nach Kuba übersiedeln. Ab 1948 lebte es in den USA. Hans FHittko Starb 1960. Lisa Fittko engagierte sich in der amerikanischen Friedensbewe- gung. Bis ins hohe Alter setzte sie sich ein für den Hraum von Frieden und Freiheit. Fva Weissweiler legte 2024 die erste vollständige Biographie dieser bemerkenswerten Frau vor. Eine Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer und der Stadtbibliothek Bad Vilbel aus Anlass des Holocaust-Ge- denktages. Mitveranstalter sind die Naturfreunde und die MWO Bad Vilbel sowie der Verein„Flüchtlingshilfe-Willkommen in Bad Vilbel?. Der EFintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten unter stadtbibliothek Obad-vilbel.de oder telefonisch unter 06101/ 40732.