LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTZER AUSCHMWTZ . 29. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 2009 Inhaltsverzeichnis Uber Auschwitz darf kein Gras wachsen Wunder in der Hölle György Denes überlebte Haft im K?Z Bergen-Belsen Stadt im Belagerungszustand NPD-Demonstration durch Innenstadt von Friedberg verhindert Georg Elser-Der Mann der den Krieg hasste Eine Würdigung des gescheiterten Hitler-Attentäters Stauffenberg und Georg Elser Unterschiedliche Gedankenwelten zweier Attentäter Gedenktage: 1. September und 23. August Allgegenwärtig: der Tod Neue Publikationen zu Auschwitz Häftlinge mit dem lila Winkel Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Auschwitz Xenos und Lagergemeinschaft Auschwitz Mitarbeit an Projekt des Europäischen Sozialfonds Seite 12 14 17 18 24 26 Studienfahrt nach Auschwitz Für unsere Studienfahrt vom 18. bis 22. November 2010 sind noch Plãtze frei. Interessenten melden sich per Mail an„infoGlagergemeinschaft-auschwitz. de“ über Internet unter wwwlagergemeinschaft-auschwitz.de, oder postalisch(Siehe untenstehendes Impressum). Kinder im KZ Theresienstadt-Zeichnungen, Gedichte, Texte Fine Ausstellung des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933— 1945 27. Januar- 19. Februar 2010, Göttenbachaula Idar-Oberstein Im November 2000 sind mit dem Schwerpunktthema„Jugend im Nationalsozialismus“ die Informationen Nr. 70 des Studienkreises(Frankfurt am Main) erschienen (www¶.studienkreis-widerstand-1933-1945.de). Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Iel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BIZ 318 500 79) Konto-Nr.: 20 000 503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Titelfoto:„Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen“- aufgenom- men am 1. August 2000 bei der Verhinderung der NPD-Demonstration in Fried- berg(Wetteraukreis) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Uber Auschwitz darf kein Gras wachsen Bitte um Weihnachtsspende für ehemalige KZHãäftlinge Hiebe Vereinsmitglieder, Freundin- nen, Freunde und Unterstützer, am 9. Januar dieses Jahres wäre un- Ser Vereinsgründer Hermann Reineck 90 Jahre alt geworden. Der Geburtstag von Anni Roß- mann-Reineck jährt sich am 28. Dezember 2000 zum 90. Mal. Der aus Wien stam- mende Her- mann und die im hessischen Fronhausen geborene Anni lernten sich Hermann Reineck 1965 in Frank- 9. 1. 1919 29. 12. 1995) furt kennen. Hermann sagte damals als Zeuge im Auschwit?-Prozess aus, und Anni ge- hörte zum Kreis derjenigen, die den ehemaligen Häftlingen während ihres Aufenthalts in Frankfurt betreuend zur Seite standen. Dieses Zusammentreffen war in gewisser Weise die Voraussetꝰung, dass 1980 die Lagergemeinschaft Ausch witz FrelindesKreis der Aluschwitzer ge— gründet werden konnte. Nach dem Vorbild von Kameraden in Osterreich wollte Hermann Reineck nach seiner Ubersiedlung nach Deutschland auch hier in einem Verein Mitglieder und Sympathisanten organisieren, die sich gegen die weit verbreitete Schluss- Strich-Mentalität zur Wehr setzen. „Uber Auschwitz darf kein Gras wach- sen“, lautet noch heute das Credo un- Seres Freundeskreises. Zweites großes Anliegen von Her- mann und Anni war es, den KZ-Kame- raden in Polen und anderen osteuropãi- schen Ländern, denen es wirtschaftlich alles andere als gut ging, zu helfen. Die Sogenannte „Wiedergut- machung“ und Entschädigung durch die Bun- desrepublik (als Nachfolge- Staat des Prit- ten Reiches) und die deut- Schen Wirt- Schaftsunter- nehmen, die Anni Roßmann-Reineck mit der Aus- Es. 12. 1919„12.4. 2004) beutung der Zwangsarbeiter und der mörderischen„Vernichtung-durch-Ar- beit“Ideologie große Profite gemacht hatten, ist bekanntlich ein trauriges, ge- rade?u Zynisches Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Die Leistungen kamen spät für sehr viele zu spät, da Sie Schon gestorben waren-, und waren un?ureichend angesichts des erlittenen Unrechts. Nur in sehr wenigen Fällen beruhten Zahlungen auf Reue und Fin- Sicht, vielmehr erfolgten sie- wie das würdelose Geschachere um die Ent- Schädigung der Zwangsarbeiter deut- lich Zeigte-Zumeist nur auf internatio- nalen Druck und aus Rücksicht auf die wirtschaftliche und politische Rolle Deutschlands in der Welt. „Verfolgte wurden zu Bittstellern, zu Unglaubwürdigen, zu Unwürdigen erniedrigt“, wie die Wochenzeitung Die Zeil einmal schrieb und einen Sühne- 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer anwalt zitierte:„Was soll man machen, wenn ein ganzes Volk bockt?“ Dagegen machten die meisten An- gehörigen von Wehrmacht und S8, die damals die Verbrechen des Deutschen Reiches in die Tat umsetzten, im Nach- kriegsdeutschland erneut Karriere. Ih- re„Amtszeit“ als Vollstrecker von Kriegsgräuel und Massenmord, ihre Dienstzeiten als funktionierende Aus- führende der zur Staatsdoktrin erho— benen Menschenvernichtung wurden und werden auch heute noch„selbst- verständlich“ auf die Renten- und Pensionsansprüche angerechnet. Dies wissen die ehemaligen KZ- Häftlinge sehr wohl. Umso erstaun- licher ist ihre Bereitschaft Zzur Versöh- nung und Verständigung mit uns- den Nachgeborenen der Tätergenerationen. Auch ehrt uns ihr Vertrauen, mit denen sie uns ihre Schicksale schildern um zu mahnen, für Menschenrechte und Demokratie einzutreten. Die Hilfe der Lagergemeinschaft AlisChwit?- FreundesKreis der Alsch— witzer für ehemalige KZHäftlinge in Polen erfolgte im ersten Jahrzehnt nach Gründung unseres Vereins vor allem durch den Transfer von Lebens- und Arzneimitteln sowie medizini- Schem Gerät und Bedarf für die Pflege von Kranken. Das Geld stammte aus Sach- und Geldspenden. Um diese zu— sammen zu bekommen, waren Her- mann und Anni unermüdlich aktiv und motivierten ihre Mitstreiter. So entstanden sehr viele Begegnungen zwischen Kindern und Enkelkindern der Tätergeneration und ehemaligen Häftlingen und Verfolgten, die vom Dritten Reich als„Untermenschen“ und„unwertes Leben“ der Vernich- tung preisgegeben waren. Diese zunächst oft nur auf informeller, Sprich Im Jahr 2000 wurden folgende Be- träge an Häftlinge in Polen über- wiesen: 1200 Furo Glub Zgorzelec 2500 Furo Club Krakau 4500 Huro Club Warschau 4000 Ambulanz Krakau privater Ebene stattfindenden Teffen wurden schließlich durch Studienfahr- ten nach Auschwitz vertieft-Zu Zeiten als es geradezu verpönt war, nach Polen und besonders nach Auschwit? zu fahren. Selbstverstãndlich ist auch der aktu- elle Vorstand den selbst gestellten Auf- gaben des Vereins verpflichtet. Die Schwerpunkte sind: ⸗Wir unterstüt?zen ehemalige Häft- linge und deren Angehörige. „Wir unterhalten enge Verbindun- gen zu den Organisationen des Ge— denkens an die Opfer und zur Wah- rung der Brinnerung an Auschwitz. „Wir sind Mitglied im Internationa- len Auschwit? Komitee. „ Wir organisieren Spenden zur Finanzierung von Forschung und Mu- Seumsarbeit. »Wir sprechen mit Jugendlichen in Schulen und Finrichtungen. ⸗Wir arbeiten mit Institutionen der außerschulischen Jugend- und Erwach- Senenbildung Zusammen. „ Wir bieten Studienfahrten nach nach Auschwitz an, aber auch zu ande- ren Stãtten des Naziterrors. ⸗Wir veranstalten Vorträge, Ausstel- lungen und Fahrten zu Gedenkstätten und Lagern. Ohne Spenden können wir als ge- meinnüt?iger Verein diese Aufgaben nicht bzw. nur in geringem Umfang lei- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Sten. Diesem Mitteilungsblatt liegt ein Uberweisungsformular bei, Sie kõnnen natürlich für eine Spende auch eigene verwenden. Bitte schreiben Sie die Adresse deutlich, damit wir Ihnen den Beleg fürs Finan?amt schicken können. Herzlichen Dank. Lagergemeinschaft Auschwit?z Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen (BLZ 518 500 79) Kontonummer 20 000 503 Danke für Eure Anteilnahme Brief der ehemaligen KZ-Häftlinge aus Zgorzelec(Auszüge) Liebe Freunde, Danke für Buren freundlichen Brief. Wir haben uns sehr darüber ge-— freut. Danke für Fure Anteilnahme. Ja, das Neujahrsessen hat auch dieses Jahr mit reger Ieilnahme stattgefunden- natürlich fehlt Staszek*. S0 wie es sich Stas?zek gewünscht hat, haben wir im Frühjahr Erde aus Ravensbrück und Sachsenhausen im Denkmal versenkt und es wurden Rosenrabatten gepflanzt. Diese Finweihung' wurde feierlich be-— gangen, mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Klub, Angehörigen und Freunden und diesmal auch mit Ver- tretern der Zgorzelecer Stadtverwal- tung. Das war eine sehr anrührende Ver- anstaltung, einige unserer Kolleginnen und Kollegen, die Schon lange nicht mehr aus dem Haus gehen, haben dies- mal daran teilgenommen. Wir werden unsere Klub- arbeit weiter machen wie bis- her. Auch wenn wir immer weniger werden, viele krank und bettlãgerig sind oder ih- re Wohnung nur noch selten verlassen können. So lange wir es irgendwie schaffen, möchten wir den Klub auf- recht erhalten. Nach wie vor * Sszek Hantz sturb 2006 ist dieser Ort als Heffpunkt, auch für unsere Arztbesuche für uns wichtig. Gerne nehmen wir Fure Hilfe in Anspruch. Wir freuen uns und sind froh über Eure finanzielle Unterstützung. Wenn Ihr uns eine besondere Freude machen wollt, ist es sinnvoll uns Fahr- geld' Zu spenden, mit dem die Kranken einfach mal mit dem Taxi in den Klub kommen können. Und wir uns und ih- nen dort Kaffee oder Tee und Plätz- chen anbieten können. Wahrscheinlich werden wir nicht mehr zu Fuch reisen können. Aber gerne empfangen wir Buch hier bei uns im Klub in Zgorzelec. Herzliche Grüße Geneva Bejmo, Dr. Wladislaw Kotyto, Regina Hantz. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wunder in der Hölle György Denes überlebte Bergen-Belsen und Theresienstadt Um als Häftling des Konzentrationslagers Bergen-Belsen zu überleben, habe man nicht nur einmal Glück haben müssen, sondern gleich mehrfach, schärfte der Holocaust-Uberlebende Dr. György Denes aus Budapest seinen Zuhörern immer wieder ein. Auf Finladung der Lagergemeinschaft Auschwitz- FrelindesKreis war der 86Jährige mit Bhefrau Csöpi Zehn Tage in Hessen. In fünf Schulen berichtete er über sein Schicksal und beeindruckte dabei rund 400„schr aufmerksame“ Jugendliche, wie er betonte. Bei der Gedenkveranstaltung unseres Vereins Zum Jahrestag der Pogrome vom 9. November 1938 sprach György Denes zudem im Museum der Stadt Butzbach. Nach seinem Bericht über„Wunder in der Hölle“- So eine Formulierung von Bürgermeister Michael Merle- beantwortete er eben- So wie bei seinen Gesprächen in den Schulen Fragen aus dem Publikum. György Denes wurde 1923 in Oro- shZa in Südostungarn geboren. Sein Vater war Jude, seine Mutter evangeli- Sche Christin. Er wuchs Zweisprachig auf und machte am evangelischen Gymnasi- um Abitur, danach studierte er an der Universität der Stadt Pecz Geschichte und Jura. Als die Wehrmacht im April 1044 Ungarn besetzte, wurde György Denes ins Getto eingewiesen und zur Zwangsarbeit herangezogen. Im DeZember 1 944 wurde er mit 4000 Juden ins Konzentrationslager Bergen-Belsen im heutigen Niedersachsen deportiert. Nach der Aufnahme wurden die Häftlinge geduscht und rasiert-„vom Scheitel bis Zur Fußsohle“. Und obwohl schon Winter war, wurden alle nur mit dũnnen Häftlingsanzügen„eingeklei- det“. Aber:„Man hat nicht nur die Klei- der weggenommen, sondern auch unse- re Menschenwürde. Wir waren zuvor Menschen und dann nur noch Num- mern.“ Immer zwei Häftlinge mussten auf einer Pritsche schlafen, die eigent- lich nur für eine Person gedacht war. Die Strohsäcke waren voller Läuse, und für die 4000 ungarischen Juden waren lediglich drei Waschplätze vorhanden. Als dann auch noch Joseph Kramer, der früher in Auschwit?z„tätig“ war, als Kommandant von Bergen-Belsen ein- geset?t wurde, da haben die Häftlinge feststellen müssen,„die Hölle hat noch tiefere Stufen“, wie György Denes er- läuterte. Das Pssen wurde noch weni- ger, die Schikanen noch mehr und die Behandlung noch grober„Ich wog zu- vor 70 Kilo und nach wenigen Wochen nur noch 33 Kilo, war nur Haut und Knochen“, berichtete der Referent, der im Wald Zwangsarbeit leisten musste. In Vichwagen nach Theresienstadt Bergen-Belsen war zwar kein Ver- nichtungslager wie Auschwit?-Birkenau, aber trotꝰdem starben die Häftlinge zu Tausenden. Ab Januar 1945 trafen Zehn- tausende von Hãftlingen aus den front- nahen Konzentrationslagern ein. Wegen völliger Uberfüllung des Lagers ver- Schlechterten sich die Sowieso schon ka- tastrophalen Lebensbedingungen noch einmal enorm und die Sterbezahlen stie⸗ gen unaufhörlich. Als die britische Ar- mee am 15 April 1945 Bergen-Belsen befreite, lagen mehr als 30.000 Leichen auf dem Gelände- darunter befanden sich auch die sterblichen Uberreste von Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 György Denes bei seinem Vortrag im Museum der Stadt Butzbach am 9. November 2009. Links das Wandbild, das an die Pogromnacht von 1938 erinnert. Foto: Aaron Löwenbein Anne Frank aus Frankfurt, deren später aufgefundenes Tagebuch zur Weltlitera- tur werden sollte. Die vielen Leichen,„die habe ich noch gesehen, bevor wir am 10. April auf Fransport nach Theresienstadt ge- schickt wurden“, berichtete György Denes. Die KZ-Häftlinge wurden in Viehwagen gezwängt,„wir waren 70 Personen in einem Wagen, in dem zu normalen Zeiten sechs Pferde trans- portiert wurden“, hat György Denes recherchiert.„Wir waren zwölf Tage un- terwegs und hatten nur Verpflegung für Sechs Tage.“ Massengrab bei Zernitz Weil der Zug als Militärtransport getarnt war, wurde er von alliierten Flugzeugen beschossen. Unter ande- rem kamen dabei in Brandenburg in der Nähe des Dorfes Zernitz 48 Häft- linge ums Leben, da sie nicht wie die Wachmannschaften den Zug verlassen und Deckung aufsuchen konnten. Vor einiger Zeit entdeckten aufgrund von Hinweisen von György Denes Mitar- beiter der Gedenkstätte Bergen-Bel- Sen die Leichen in einem bis dahin un— bekannten Massengrab. Herr Denes hat bisher die Namen von 45 der getö- teten Kameraden recherchieren kön- nen.„Das waren Menschen mit Namen, auch wenn die Nazis sie zu Nummern machten“, sagte er ernst. Sein Ziel ist es, dass eine Gedenktafel mit den Namen aller 48 Toten an dem Massengrab angebracht wird. György Denes überlebte den Trans- port nach Theresienstadt schwer ver- letzt und„mit sehr, Schr viel Glück“ und immer mit dem festen Willen,„ich will überleben“. Viele seien trotꝰdem umge- 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Markus Roth und Charlotte Kitzinger. kommen, aber wer von den KZHãftlin- gen„diesen Willen nicht mehr hatte, hat auch nicht überlebt“. Pingekeilt zwischen Kameraden, deren Tod er miterleben musste, wurde György Denes in Theresienstadt be- wusstlos zunächst zu den Sterbenden gelegt und wurde dort nur durch einen weiteren, kaum vorstellbaren Zufall ge- rettet: Zwei aus Ungarn stammende Krankenschwestern entdeckten, dass er noch lebte:„Das war noch Zufall“, aber dass eine davon aus seiner Geburtsstadt kam und ihn erkannte,„das war ein Wunder“. Nur weil sie ihn kannte, über- ließ sie ihn nicht seinem Schicksal, Sson- dern sorgte dafür, dass er gerettet wer- den konnte.“Da muss ich doch nach- denken, warum sind die anderen tot und ich habe durch diese Zufälle und Wunder überlebt! Meine Antwort lau- tet: Ich muss erzählen, was widerfahren ist und 8so stehe ich heute auch vor Ih- nen in Butzbach und berichte.“ György Denes wurde im Mai 1945 in Theresienstadt befreit. Nach einigen György und Csöpi Denes besuchten die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen, hier mit Dr. Wochen Krankenlager kehrte er nach Ungarn zurück. Dort machte er seinen Vater ausfin- dig, der der Vernichtung eben- falls entgangen war. Drei Schwestern und zwei Brüder Sind jedoch ebenso dem Holo- caust Zum Opfer gefallen wie viele weitere Verwandte „rund dreißig an der Zahl“. Zurück in Ungarn beende- te György Denes sein Studium und wurde Geschichtsprofes- Sor. Gegenüber Deutschen ha- be er zunächst keine„guten Gefühle“ gehabt,„das ist zu verstehen, nachdem was pas- Siert ist“, sagte er auf Nachfra- ge aus dem Publikum. Bald ha- be er jedoch deutschstämmige Studenten kennengelernt und gemerkt, dass es auf die Finstellung der einzel- nen Menschen ankomme.„Dass einer Deutscher ist, macht ihn noch nicht zu einem schlechten Menschen“, Sagt der Holocaust- Uberlebende. Mit seinen Studenten beteiligte sich György Denes 1956 am Aufstand gegen das stalinistische Regime. Nach der Nie- derschlagung saß er drei Monate im Ge- fängnis und wurde als Universitätsdo- zent abgesetzt. Durch sein Zweitstudium als Jurist fand er als Anwalt eine Anstel- lung bei einem größeren Unternehmen. Nebenbei studierte er Geowissenschaf- ten und durfte, weil dies im Unterschied zur Geschichte„kein politisches Fach“ war, auch wieder an der Universität for- Schen und lehren. Heute ist György Denes 2. Vorsit- zender des Dachverbandes der ungari- schen KT-Häftlinge und in Deutsch- land Mitglied im Beirat der nieder- Sächsischen Gedenkstätten. Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Stadt im Belagerungs?zustand NPD-Demo durch Friedberger Innenstadt verhindert Pin großes Polizeiaufgebot ermöglichte es der NPD, am 7. November ihre Demonstration in Friedberg(Wetteraukreis) durchzuführen. Allerdings konnte der Marsch der etwas mehr als hundert Rechten nicht durch die Kaiserstraße, die Hauptverkehrsstraße in der Innenstadt, stattfinden, denn dort blockierten Gegendemonstranten den Durchzug. Das Häufchen der NPDMitglieder und ihrer Unterstützer wurde von der Polizei auf einer Strecke um die Kleinstadt-City eskortiert. Dass der Marsch durch die Innenstadt nicht erfolgen konnte, wird von dem antifaschistischen Bündnis, das zur Gegendemonstration mobilisiert und dem sich auch die Lagergemeinschaft Auschwitz- PrelindesKreis angeschlossen hatte, als Erfolg gewertet- allerdings sei es nur ein Teilerfolg, denn es gelang nicht, den NPD-Auf?zug gänzlich zu verhindern. Dies war noch bei der Nazi-Aktion gut ein Vierteljahr Zuvor gelungen(iehe MB 1/2009). „Gegen Islamisierung und Uber— fremdung“ lautete der Aufruf der NPD für eine Demonstration am 1. August dieses Jahres in Friedberg. Fin breites Bündnis von antifaschistischen Orga- nisationen und Initiativen mobilisierte dagegen und rund 1700 Gegendemon- Stranten verhinderten den Marsch der Rechten durch die Wetterauer Kreis- stadt.„NPD-Aufmarsch im Keim er- stickt“ lautete damals eine Uberschrift in einem der Zeitungsartikel, welche die Niederlage der NPD dokumentier- ten. Voller Wut reichte die NPD bei Ge- richt verschiedene Klagen ein, unter an- derem auch gegen die Poliꝰei, weil diese „ihr“ Recht auf Pemonstrationsfreiheit nicht durchgesetꝰt habe. Kurz darauf rie- fen die„Nationalen“ für den 7. Novem- ber erneut Zu einer Aktion in Friedberg auf:„Meinungsfreiheit auch für Deut- 5 — ₰ —— .—— 5 „ 1 — — „ .„ k — Die sonst Schr belebte Kaiserstraße in Friedberg am Samstag, 7. November, gegen 13 Uhr. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer sche“ lautete ihr scheinheiliger Slogan für einen Marsch, der ausgerechnet für den Samstag vor dem Jahrestag der No- vemberpogrome von 1938 angemeldet war. Mit diesen deutschlandweiten Po- gromen erreichte die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden durch den deut- Schen Staat eine neue Phase, die schließ- lich im Völkermord und Weltkrieg gip- felte. Auch in Friedberg wurden vor 71 Jahren die Synagoge niedergebrannt und jüdische Menschen misshandelt. Und nun war die hessische NPD, deren vormaliger Vorsit?ender Marcel Wöll wegen Leugnung des Holocaustes Zu ei- ner Gefängnisstrafe verurteilt worden war, erneut angetreten, um Stimmung für Fremdenfeindlichkeit Zu machen. „Eklatantes Versagen der Politik“ Der Magistrat der Stadt wehrte sich gegen den erneuten Versuch einer NPD-Demonstration und verbot die an- gemeldete Marschroute durch die In- nenstadt. Erlaubt wurde nur eine kürze- re Strecke in der Nähe des Bahnhofes. Auf Beschwerde der NPD kassierten je- doch sowohl das Verwaltungsgericht Gießen als auch der Verwaltungsge- richtshof in Kassel das Verbot der Stadt. Die Polizeiführung kündigte daraufhin an, den NPD-Marsch, der ab 11 Uhr von der Friedberger Burg starten sollte, ge- gen Widerstände durchzusetzen. Bereits am Freitagabend wurden Sperrgitter kilometerlang in der Kaiserstraße und den seitlichen Zugängen zu dieser Haupteinkaufsstraße Friedbergs aufge- Stellt. Am Samstag parkten Zudem Poli- zeifahrzeuge Stoßstange an Stoßstange und schränkten s0 massiv Zusätzlich ein Durchkommen ein. Bürgern und Pas- Ssanten, die entweder in den Geschäften einkaufen oder sich an den Protesten gegen die NPD beteiligten wollten, konnten dies nur in sehr eingeschränk- tem Umfang tun:„Stadt im Belage- rungs?zustand“ titelte die Frankfurter Rundchau. Bereits um 9 Uhr versammelten sich in und vor der Stadtkirche rund 2000 Menschen und protestierten gegen den NPD-Aufmarsch. Bürgermeister Mich- ael Keller sagte es sei ein„eklatantes Versagen der Politik, dass die NPD im- mer noch nicht verboten ist“. Auch Landrat Joachim Arnold, Dekan Jörg Schlösser, Imam Adem Duru von der Friedberger Moscheegemeinde sowie Vertreter der DGB-Gewerkschaften wandten sich so gegen Fremdenfeind- lichkeit und Faschismus und hoben das Recht aller Menschen hervor, hier leben zu dürfen- unabhängig von Haut- farbe, Geburtsort und Religion. Als Höhepunkt dieser Veranstal- tung wurde in den Zeitungen die Rede des ungarischen Holocaust-Uberleben- den György Denes(siehe Seite 11) be- wertet, der auf Einladung der Lagerge- meinschaft Alschwitz- HreundesKreis einige Tage in Hessen als Zeit?euge des deutschen Völkermordes an Schulen diskutierte. Im Anschluss an diese Veranstal- tung an der Stadtkirche fand ein „Ge(h)-Denken“ zu verschiedenen Orten mit meist jũdischem Bezug Statt. Ptwa 700 bis 800 Menschen nahmen nach Angaben des Wetterauer Bünd-— nisses gegen Rechtsextremismus an diesem Spaziergang teil. Pinige hundert weiterer NPD-Geg- ner befanden sich da schon auf der Kai- Serstraße und wurden durch die Polizei- absperrung rund fünf?ig Meter von dem Seit 11 Uhr abmarschbereiten Häufchen der NPD ferngehalten. Finige Meter hinter dieser Gruppe sowie auf den Bür- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — N — Gut abgeschirmt verharrten die rund 100 NPD-Anhänger stundenlang vor der Friedberger Burg, bevor sie über eine Nebenstrecke um die Innenstadt herum„demonstrierten“ gersteigen an den Seiten protestierten zwischen 400 und 800 Menschen gegen die Nazis. Um diesen ihre Demonstra- tion zu ermöglichen, waren mehrere Polizei-Hundertschaften im Einsatz. Mehr als drei Stunden mussten die NPMler im Nieselregen vor der Burg verharren und kamen keinen Meter wei- ter. Die Polizei versuchte, die Straße von Gegendemonstranten zu räumen, sah aber schnell ein, dass dies nur mit Knüp- peln und Gewalt mõglich gewesen wäre. Schließlich stimmten die NPD-Füh- rer dem Angebot der Polizei zu, auf ei- ner Nebenstrecke Zu marschieren. Zu- vor kündigten sie durch Lautsprecher noch wütend an, auch für den 24. De- zember und den 31. Dezember Demon- strationen durch Friedberg anzumel- den. Ansonsten wurden ihre Hetz- parolen durch Pfiffe Sowie„Nazis raus“- und„Wir sind mehr“-Rufe übertönt. Die Poliꝰei hatte in?wischen die Zu- gangsverbindungen zur Kaiserstraße abgeriegelt und ließ auch den Großteil der NPD-Gegner nicht aus diesem Kessel heraus. Repressalien gegen NPD-Gegner Dieses Vorgehen wurde vom antifa- Schistischen Bündnis scharf kritisiert. Die Polizei habe sich nicht gescheut „mehrere hundert Menschen von allen Seiten und an mehreren Stellen einzu- kesseln“ und die Demonstranten mit „Repressalien“ zu belegen. Und weiter: „Uber mehrere Stunden wunden Pero— nenkontrollen ohne jeglichen Grund durcgefiihnt- die NPD marschierte doch hereils auf anderen Wegen. Es hatte den EFindruck, dass die Polizei mit dieser JaM- ti verhindern wollte, dass vich an ande- rer Slelle Menschen der WD enigegen vellen und ihre Verachung für die men- Schenverachtenden Purolen zum Als- druck hringen. Mur so gelang es der Poli- Zei, die NpPD võnungsfrei zum Bahnhof 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zu geleiten. DeesKalierendes Verhalten veilens der Einvatzleitung war ah diesem Zeilpunkt nicht mehr erennbar“ zitier- te die Tageszeitung Kreisanzeiger Ver- treter des Bündnisses. Beim Marsch abseits der Innenstadt konnte die„braune Kolonne“-eine jun- ge Teilnehmerin trug eine Jacke mit der Aufschrift„Braun is beautiful“- nur we- nigen Anwohnern ihre Parolen entgegen plãrren. Oft wurde ihnen lauthals„Haut bloß ab“ zugerufen. Bei der Abschluss- kundgebung am Bahnhof hörte sich das Hãufchen der nur noch weniger als hun- dert NPD-Pemonstranten- gut abge- Schirmt von mehr als doppelt so vielen Polizisten · Reden ihrer„Führer“ an. Bundesvorsitzender Udo Voigt dankte ausdrũcklich der Polizei, dass sie das De- monstrationsrecht für seine Truppe durchgeset?t hat. Scheinheilig kündigte er an, sich beim hessischen Landesvor- stand dafür einzusetzen, dass die für den 24. und 31. Dezember angekündigten Demos abgesagt werden, damit„unsere voM — 7 i Großes Polizei-Aufgebot hindert Gegendemonstranten auf der Kaiserstraße in die Nähe Poliꝰisten an Heiligabend und Silvester nicht arbeiten müssen“. Jörg Krebs, Landesvorsit?ender der NPD Hessen, munterte seine Partei- freunde auf mit dem Satz,„Wir sind zwar wenige, aber wir haben einen Willen und eine gemeinsame Weltanschauung.“ Er Sah sich zudem bemüßigt Zu behaupten: „Wir sind keine Faschisten. Es gab in Deutschland nie Faschisten.“ Ergänzend rief er auf die in zig Meter entfernt hin- ter Poliꝰeiabsperrungen stehenden Ge- gendemonstranten Zeigend:„Die HFaschi- Sten stehen dort drüben.“ Von der Poliꝰei wurden die NPMler schließlich in die S-Bahn zur Abfahrt begleitet, während der Bahnhof für andere Fahr- gäste gesperrt war. In einer späteren Pressemitteilung Stellte das Wetterauer Bündnis gegen Rechtsextremismus fest:„Viele Men- schen haben gezeigt: Braun hat in Friedberg keinen Platz. Die Kaiser- Straße blieb NPD-frei.“ Hans Hirschmann Zum Treffplatz der NPD-Anhänger zu kommen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 György Denes' Appell in Friedberg Rede am 7. November 2009 zum Auftakt des„Ge(h)-Denken“ Liebe Demokraten und Antifaschi- Sten, deutsche Faschisten haben mich vor 65 Jahren als jungen Studenten aus- schließlich, weil mein Vater Jude war, in Ungarn verhaftet, als Nummer ent- menschlicht und in das Konzentrations- lager Bergen-Belsen deportiert. Dieses habe ich nur durch Glück und mehrere Wunder überlebt. Als die Engländer das KZ befreiten, fanden sie mehr als 30 000 Tote. Wir dachten damals„Nie wieder Faschismus in Deutschland“. Und heute erlebe ich diese Provokation. Nachgebo- rene Nazis nehmen einen Parteinamen, der mit dem Wort„National“ genauso wie NationalsoZialismus beginnt, als Deckmantel, um Lügen über den Holo- caust zu verbreiten. Und diesen NPD- Faschismus bekämpfen wir hier und heute. Wenn mein Uberleben einen Sinn hat, dann ist es die Aufklärung über und die Bekämpfung von Faschismus. Die Entwicklung von Faschismus lãuft in etwa sieben Stufen ab. In der er- Sten Stufe erzeugt man Hass auf Min- derheiten und Andersdenkende und das in Worten und Schriften. Das Buch „Mein Kampf“ war so etwas und heute sind das Hetzschriften zur Holocaust- Leugnung. Hier muss man energisch „Stopp“ sagen und hat dann Chancen, das Böse zu verhindern. In der 2. Stufe wird Angst gemacht und Furcht erregt vor den Fremden, den Personen mit anderer Rasse, den Andersdenkenden, vor Demokraten. Hiergegen muss man schon extrem kämpfen, so wie wir das heute machen. Das ist dann die letzte Chance vor Stu- fe 3, bei der es kein Zurück mehr gibt. Bei dieser Stufe wird mit Gewalt die Macht ergriffen und dann sind Mord und Totschlag programmiert. In dieser Phase ist es schon für Proteste zu spät und die Faschisten bekommen freien Lauf. In der 4. Stufe erfolgt die Entrech- tung der Menschen und es werden sogar Spezielle Gesetze gegen sie geschaffen. Das geht über in die 5. Stufe, bei der missliebige Personen aus der Gesell- Schaft gestoßen werden, um Zwangsar- beit Zu verrichten, im Ghetto zu landen oder gar in einem Konzentrationslager. Wer hier protestieren will, riskiert sein Leben. In der Stufe 6 erfolgen endgültig die Vertreibung und Peportation und diese Stufe geht in eine 7. Variante über und nun geht es um Tod und Massaker. Diese Stufen habe ich alle außer der Letzten erlebt und aus Erfahrung kann ich nur sagen„Wehret den Anfängen“. Und nur in den ersten beiden Punkten gibt es die Chance, Faschisten in die Flucht zu vertreiben. Und genau dies ist heute unser Auftrag. Wir dürfen nicht schweigen, denn Schweigen ist gut für die Henker, aber Schweigen ist nicht gut für die Opfer. Ich bin dankbar, dass hier rund 2000 Menschen so aktiv sind und es gar nicht zu der Stufe 3 kommen lassen wollen. Gemeinsam werden wir es heute schaf- fen, den Nazis von der NPD Paroli zu bieten. Das sind wir auch meinen vielen toten Kameraden und Kameradinnen in Bergen-Belsen und in den vielen an- deren Konzentrationslagern schuldig. Deshalb demonstrieren wir anschlie- ßend friedlich gemeinsam. Vielen Dank. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Am 6 Wovember 1930 eniging Adolf Hitler in Mlnchen nur Knapp einem Bom- henattentat im blirgerbräukeller Dem Attentäter Johann Georg Elser hlieh jahrzehntelang die õffentliche Anerkennung als Widerstundskdmpfer veyagt. Am 9. April 104, also Kurz vor dem abzusehenden Kriegsende, wurde Elser auf Weisung von höchster Stelle“ im KZ Machalt erschossen. Der Mordhefehl und vein Zeitpunkt verdeutlichen, dass die Hihrung des lntergehenden Deutschen Reiches Plser zu den wichtigsten ihrer Gegner zhlte. Am gelben Jag wvurden ndmlich auch Pietrich Bonhoeffen Wilhelm Canaris, Karl Sack und andere WiderstundsKdmpfer in Hossenblürg sowie in Sachsenhausen Hans von Dohnanyi ermordet. Die No-Hihrung will nicht, dass ihre schärfsten Gegner liherleben und die Zukunft mitgestalten Lönnen“, wird in der von der bundes- Zentrale flir politische Bildung und der Gedenkstätte Pelutscher Widerstand her- ausgegebenen Pokumentution(www.georg-elser.de/dokindex) geurteilt. Georg Elser-Der Mann, der den Krieg hasste Pine Würdigung des gescheiterten Hitler-Attentäters Von Ulrich Renz Endlich hat Georg Elser den Platz in der Geschichte eingenommen, der ihm seit jeher gebührt. Der Mann, der im Jahre 1939 Adolf Hitler umbringen wollte und dabei nur knapp scheiterte, thront nun auf gleicher Höhe mit dem Grafen Stauffenberg. Davon künden nicht nur einige Denkmäler und die zahlreichen Straßen, die inzwischen seinen Namen tragen. Im November 2009, in dem sich der Anschlag auf Hitler zum 70. Male jähr- te, wurde besonders deutlich, welche Wertschätzung dem Widerstands- kämpfer von der Schwäbischen Alb zu- teil wird, der weit mehr war als der ein- fache Handwerker, als der er so gerne beschrieben wird. Mit Festakten und Ausstellungen wurde an seine Tat und sein Leben erinnert. Nach Jahren der Missachtung und des Verdrängens ist seine Würdigung heutzutage umfas- send. Endgültig gilt als gesichert, dass der Schreiner aus Königsbronn ganz allein und aus eigenem Gewissen s0 sehr wie Jahre später nur mehr Claus Schenk Graf von Stauffenberg dem Liel nahe kam, den Diktator zu besei- tigen und damit„noch größeres Blut- vergießen zu verhindern“, wie Elser Selbst nach seiner Verhaftung sagte. Georg Elser, Jahrgang 1903, hatte in über 30 Nächten eine Bombe in die Säule hinter dem Rednerpult im Saal des Münchener„Bürgerbräukellers“ eingebaut, von dem aus Hitler jedes Jahr vor„alten Kämpfern“ die Erinne- rung an den Putschversuch des Jahres 1923 zelebrierte. Der Sprengkörper ex- plodierte am Abend des 8. November zur genau geplanten Zeit, doch Hitler hatte den Saal völlig überraschend vor- Zeitig verlassen. Acht Menschen, darun- ter eine Kellnerin, Starben in den Trüm- mern, mehr als 60 wurden verletzt. Dass der„Führer“ früher ging, hat- te nichts mit der von den Nazis umge- hend bemühten„Vorsehung“ zu tun: Hitler wollte so rasch wie mõglich nach Berlin zurückkehren, um die Vorberei- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 tungen für den Krieg gegen Frankreich voranzutreiben. Wegen Nebels konnte er nicht fliegen, er musste also seinen Sonderzug erreichen. Noch vor der Fxplosion in München wurde Hlser unmittelbar an der Schwei- zer Grenze in Konstanz festgenommen und legte Tage spãter vor der Kriminal- quãlenden Prozess die Rehabilitierung Elsers ein. Inzwischen wird er in Büchern und FHilmen, in Vortrãgen und Ausstellungen, auch im Ausland, als ei- ner der großen Kämpfer gegen das NS- Regime gewürdigt. An mindestens vier Orten, so in München, Konstanz und Heidenheim, stehen inzwi- poliꝰei ein Geständnis JOHANN GEORG ELSER schen Denk- ab. Danach Kunstschreiner mäler, die an wurde er Geboren 4. 1.1903 in Hermaringen Elser erin- noch von der Ermordet 9.4. 1945 im KZ Dachau nern. Zwei Gestapo in weitere sollen Berlin ver- nommen, das im Jahr 2010 in Berlin und Protokoll mit in Königs- dieser Aussa- bronn folgen. ge wurde in In rund 35 den 1960er Seine dreifache Tragik: 4 Su tsch en Jahren ent⸗ Am 8. November 1939 fehlten 13 Minuten. Städten erin- deckt und Anstelle des Diktators starben unschuldige Menschen. nern ðtraßen- 170 veröf. Am 8. November 1939 fehlten ihm dreißig Meter namen an fentlicht. Bis bis Zum rettenden Boden der Schweiz. ihn— auch dahin galt Schulen sind Flser als um- stritten, so- Im April 1945 fehlten ihm drei Wochen bis zur Befreiung des KZ Dachau durch Hruppen der USAM. nach ihn be- nannt. Diese weit er nicht gleich tot- Wieviel Leid wãre der Welt erspart geblieben, wenn sein Attentat gelungen wäre? Frinnerungen gelten einem geschwiegen wurde. Zum einen wirkte die Propaganda der Natio- nalsoZialisten weit über das Jahr 1945 hinaus, die den Attentäter als Werkzeug des britischen Geheimdienstes denun- ziert hatte. Zum anderen hielt sich die Uberzeugung von Gegnern des Regi- mes, die Nazis selbst hätten den An- Schlag inszeniert, um das Volk aufzurüt- teln und die Vorsehung preisen zu können, die über dem„Führer“ wache. Nach der Veröffentlichung des Proto- kolls setzte in einem langwierigen und Nachruf von der Internetseite vww.georg-elser net Mann, der den Natio- nalsoZialismus von Anfang hasste und eine abgrundtiefe Abneigung gegen den Krieg hatte. Vrich Renz it Journalist und be- richtet Seit Jahrzehnten iber No- Ver- hrechen und den Widerstand. Er ist Aulor des im November 2000 erschie- nenen Buches nCebrg Elser- Ein Mei- er der Tatn, DRWVerlag Leinfelden- Pchterdingen, IBN978357787767.0, T Seilen, 12,00 Euro. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Der Skandal um die Elser-Briefmarke Dass die Erinnerung an Georg Elser ver- stärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde, ist im Wesentlichen auch dem be- harrlichen Engagement eines Arbeitskrei- ses zu verdanken, der im Internet unter www. georg-elser-arbeitskreis.de ausführli- che Informationen bereitstelit. Wie gedankenlos noch im Jahr 2003 mit dem õffentlichen Gedenken an Elser umge- gangen wurde wird deutlich, als zum hundert- sten Geburtstag des Widerstandskämpfers eine Sonderbriefmarke erscheint: Der von der Jury ausgewählte Entwurf enthielt das Foto Elsers, das die Gestapo nach dem Verhör und Misshandlungen hat anfertigen lassen. Vor al- lem Georg Elsers jüngerer Bruder Leonhard (gest. 2004) setzte sich vehement dafür ein, dass das„Verbrecher-Konterfei“ durch ein ansprechendes Porträt erset?t wurde. — — — — — . — Briefmarke zum 100. Geburstag von Georg Elser. Uber dem Foto steht das Litat„Ich habe den Krieg verhindern wollen.“ Darunter Geburts-(4. 1. 1903) und Todesdatum(am 9. d. 1945 im KZ Dachau ermordet). Stauffenberg und Georg Elser Unterschiedliche Gedankenwelten zweier Attentäter Ihre jeweils vergeblichen Bombenattentate auf Adolf Hitler sind die einzige Gemeinsamkeit von Georg Flser und Glaus Graf von Stauffenberg sowie dessen Mitverschwörern aus dem Offizierscorps der Deutschen Wehrmacht- den„Män- nern des 20. Juli“. Bei einem Vortrag im Hamburger Insitut fr Sozialforschung be- leuchtete der Historiker Michael Wildt im Februar 2000 die unterschiedlichen Mo- tive und Gedankenwelten sowie den Stellenwert, den Stauffenberg und Elser in der Brinnerungskultur erlangten.* Als Flser sein Attentat 1939 plante und ausführte, hatte sich Stauffenberg noch„begeistert in den Krieg gegen Po- len gestürzt“, konstatiert Wildt. An sei- ne Frau schrieb Stauffenberg damals: „Die Bevölkerung ist ein unglauhlicher Pöhel, Sehr viele Miden und Sehr viel Mischvolk. Fin Volk welches sich nur nter der Knule wohlfiihlt.“ Auch beim „Feld?ug“ gegen Frankreich war Stauf— fenberg mit Begeisterung dabei und be- richtete im Mai 1940:„Nach dem Durchbruch durch die Maas-Stellung ei- ne Mnaufhnalisame Verfolgung bis dicht ans Meer.. Persnlich geht es ns als- geZeichnel die Vorrdte des Landes ge- nießen wir in vollen Ziigen und gleichen v0 etwus den mangelnden Schlaf aus. Fi- *Mer Artikel hasiert aufeinem Beitrag Michael Wildis für die„tugeszeitung“(Stauft fenberg und Oeorg Eher- Vom Kluhm eines Atentäters, taz vom 17. 2. 2000, daraus ummen auch die Stuuffenberg- und Jeschow-Zitute. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 er zlim Priihstick, herrliche Bordeuu, Burglinder und Heidsieck, s0 daß vich das Sprichwort, Lehen wie der Herrgott in Frankreich durchalus hewuhrheitet.“ Michael Wildt kommentiert diese Briefpassagen:„Hier spricht jemand, der sich deutscher Unüberwindlichkeit gewiss ist und es sich auf Kosten des er- oberten Landes gut gehen lässt. Erst all- mählich wuchs seine Kritik am Regime, Widerstand leisten mochte er jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Als ihn Helmuth James Graf von Moltke, Organisator des Kreisauer Kreises, für die Opposition gewinnen wollte, erhielt er eine Absage. Erst müsse der Krieg gegen den Bolschewismus gewonnen werden, s0 Stauffenberg.“ Genauso sahen es auch weitere Spã- tere Mitverschwörer:„Noch bis ins Jahr 1943 waren führende Mitglieder des 20. Juli, wie Iresckow oder Boeselager, als Generalstabsoffiziere der Heeresgruppe Mitte an der barbarischen Kriegführung der deutschen Wehrmacht im Osten be- teiligt. Den Kampf gegen den Bolsche- wismus wollten auch sie unerbittlich führen und scheuten sich nicht, die Ver- nichtung ganzer Dörfer samt ihren Fin- wohnern zu billigen, wenn unter ihnen Sowjetische Partisanen vermutet wur- den. Nicht so schr das Entset?en über die Gräueltaten der Deutschen in den beset?ten Gebieten führte Stauffenberg in den aktiven Widerstand als vielmehr die Pinsicht in die Aussichtslosigkeit des Krieges und die Erkenntnis, dass Hitler es nicht vermochte, die Konsequenzen aus den Tatsachen zu zichen, sondern Stattdessen unaufhaltsam auf die Kata- Strophe zusteuerte. Hitler wurde der ihm zuerkannten Rolle nicht gerecht. Es komme nicht mehr darauf an, Hitler die Wahrheit zu sagen, vertraute Claus Stauffenberg nunmehr einem befreun- deten Offizier an, sondern ihn umzu- bringen, und er sei dazu bereit. Die alliierte Landung in der Nor- mandie und der Beginn der sowjeti- Schen Großoffensive im Juni 1944 mach- ten die Hoffnungen der Widerständler zunichte, mit dem Tod Hitlers könne der Krieg noch ehrenvoll beendet werden. Stauffenberg ließ Tresckow fragen, ob die Plãne überhaupt noch einen Sinn be⸗ Säßen. Pas Attentat mliss erfolgen, colte que coMte', ließ dieser antworten. Penn es Kommt nicht mehr aufden praltischen ZweM n, Svondern darauß dass die delut- Sche Widerstundsbewegung vor der Welt ind vor der Geschichte den entscheiden- den Wurf gewagt hat. Alles andere ist da- nehen gleichgiiltig. Nicht die Rettung von Menschen- leben, das Ende des Terrorregimes und des Massenmordes führte Hresckow als Begründung an, sondern die Jat um ih- rer selbst willen, als die Erfüllung des geistigen Deutschlands-Stefan Geor- ge hätte das Attentat nicht besser rechtfertigen können.“ Erst Landesverräter dann Helden Prinnern an die Widerständler des 20. Juni oder an Georg PElser mochte sich nach dem Krieg kaum jemand, und wenn doch, dann gänzlich entstellend. In den frühen Fünfzigerjahren noch des Landesverrats bezichtigt, fanden die Attentäter des 20. Juli dann aber rasch einen festen Platz in der deut- schen Erinnerungskultur. Braucht Deutschland heute wieder positive Helden? Diese Frage wirft Michael Wildt auf und kommt zu folgen- dem Ergebnis:„ War es in den Fünfzi- gerjahren sicher die Verdrängung des ei- genen Mitmachens, die dazu führte, dass die meisten Deutschen sich nur ungern 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer an jene anderen Deutschen erinnern mochten, die die Verbrechen des Regi- mes nicht bloß geschen hatten, sondern auch aktiv Widerstand geleistet hatten, So scheint die Wiederkehr von Stauffen- berg heute eher die Sehnsucht nach dem Lliten Deulschen' zu sein. Nach Jahren der Aufklärung über die VieNahl ganz normaler Mdnner ind Hrauen?, die sich an den Massenverbrechen beteiligt hat- ten, ist der Wunsch, dass es doch auch an- dere Deutsche als nur Täterinnen und Tãter gegeben habe, offensichtlich groß. Aber warum Stauffenberg und nicht Plser? Auf die Kritik des britischen His- torikers Richard Evans, dass sich Stauf- fenberg mit seiner elitär-reaktionären Weltanschauung wohl nicht Zum Helden eigne, antwortete Karl Hein? Bohrer heftig, dass es darauf gar nicht ankomme, Sondern Stauffenberg und seine Mitver- schwörer eine Höhe des iltlichen, cha- rkterichen und Kulturellen Hormats're- prãsentierten, von dem Mitglieder der heutigen Elite nur träãumen könnten. Darum also geht es! Im gegenwärti- gen Diskurs um Fliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabs- offizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, enga- giert mitgemacht hat und erst—5 spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Jat Schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der sprõde, eigensinnige Els- er.“ Jener Georg Plser hat je- doch unter Beweis gestellt, „dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den Fihrer' unterstütz- ten, als Tischler mit Volksschul- abschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte. Ungficklich das Land, das Helden nõtig hat'(Bertolt Brecht)“, beendet Michael Wildt seinen Beitrag für die tageszeitung(ta?). Hitlers moralisches Gegenbild Anlässlich des 70. Jahrestages von Plsers Attentat am 8. November haben die Bundeszentrale für politische Bil- dung und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine bestehende Doku— mentation aktualisiert(vwwgeorg-els- er. de/ dok/index. html). Dort bewerten die Historiker Peter Steinbach und Jo- hannes Tuchel die Bedeutung Elsers wie folgt:, Ein Gelingen seiner Vut hät- te vowohl die Ausweitung des im Herbst 7050 hegonnenen Krieges als auch den Massenmord an den Muden Europas vermhindern Können. Insofern ist es lo— gibch, wenn Joseph Peter Stern in Eber den wahren Antagonisten' Hitlers lind dessen morulisches Gegenhild' vieht.“ Hans Hirschmann ZLA GEDENRE AN DEN WERS GpORG ELSER DER DEN KkeiEG VER WO 4 9 4 19043 S 6 . Georg Elsers—— Grab auf᷑ dem Friedhof in Königsbronn. Aus: Urich Renz. Georg Elser- EFin Meister der Tat. 2009 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Bei einer Erinnerungsveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsbeginns am 1. September 1939 hatte die Lagergemeinschaft Auschwitz- Preundeskreis zu ei- ner Lesung den Autor Johannes Winter ins Alte Rathaus Ortenberg zu einer Lesung eingeladen. Winter berichtete über das Schicksal der aus der Wetterau stammenden Jüdin Ilse Stein, die von einem Wehrmachtsoffizier gerettet wurde. IGA-Vorsitzen- der Uwe Hartwig hieß die Besucher mit folgenden Uberlegungen zu den Gedenk- tagen 1. September und 23. August willkommen.(Uber das Buch von Johannes Win- ter werden wir in der nãchsten Ausgabe des Mitteilungsblattes berichten.) Gedenktage: 1. September und 23. August Mit dem berüchtigten Satz„Seit 3 Uhr 4 wird zurickgeschossen“ teilte Hitler mit einer doppelten Lüge in ei— ner fanatisierenden Ansprache die Aus- lõs ung des Krieges mit, der zum Zwei- ten Weltkrieg werden sollte. Der Krieg hatte etwa eine Stunde eher begonnen und Nazi-Deutschland hat nicht„2zu- rick“ geschossen, sondern ein Schul— Schiff der Kriegsmarine beschoss die Danzig vorgelagerte Westernplatte. Mit dem von langer Hand von der Wehr- macht vorbereiteten Krieg gegen die Võlker Osteuropas sollte deren Unter- werfung Zu Sklavenvölkern eingeleitet und die Auslõschung des europãischen Judentums bewerkstelligt werden. Das polnische Volk war das erste, das unter der grausamen, verbrecheri- Schen und das Kriegsvölkerrecht miss- achtenden Kriegsmaschinerie zu lei— den hatte. Und erst der Krieg machte Auschwit? und die anderen- aus-— schließlich im Osten liegenden- Ver- nichtungslager möglich. So ist es für uns eine selbstverständliche Aufgabe, an Jag des Kriegsbeginns zu erinnern. Unglücklicherweise- vorsichtig for- muliert-hat die EU den 23. August Zum „Gedenktag für die Opfer totalitärer Regime“ erklärt. Am 23. August 1939 wurde der Deutsch-Sowjetische Nicht- angriffspakt(Hitler-Stalin-Pakt) von den Außenministern der beiden Staaten unterzeichnet. Die Beweggründe der UdSSR für diesen Vertrag sind heftig diskutiert und noch immer umstritten. Das ist aber nicht das Problem die- Ses Datums: Mit der Ausrufung dieses Tages Zzum Gedenktag wird der alte Fehler der Gleichset?ung von National- SoZialismus und Kommunismus jetzt zum Bestandteil europäischer Identifi- kationselemente. Es geht nicht darum, Kommunismus und Nationalsozialis- mus nicht zu vergleichen. Gerade wenn man nãmlich vergleicht, werden die fun- damentalen Unterschiede unter der Decke äußerer Erscheinungen über- deutlich. An dem Gedenktag wird an die Leiden der Opfer erinnert. Wenn damit aller Opfer in ihrer Gleichheit ge- dacht wird, werden auch die an den Opfern verübten Untaten gleich. Ob— wohl Zwischen Auschwitz und dem Gu- lag große, große Unterschiede Hiegen. Nein, der 1. September ist der Jag, an den wir heute erinnern wollen. Da- zu haben wir Johannes Winter eingela- den. Die Geschichte, die er uns er— zählen wird, führt tief in die schreckli- chen Freignisse des Zweiten Weltkrie- ges mit dessen Widersprüchen, Grau- samkeiten und unvorstellbaren Situa- tionen. Mögen sie uns ein Stück wei- terhelfen im Verstehen, im Erinnern und beim Arbeiten gegen Rassismus, Antisemitismus, Rechtsradikalismus und Kriegshetze. Uwe Hartwig 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Allgegenwärtig: der Tod Neue Publikationen Zu Auschwit? Wir Sprechen von Memoiren, von Frinnerungsliteratur. Die Bücher, die ich gelesen habe, enthüllen nur bestimmte Fragmente des Lagerlebens. Es ist näm- lich unmöglich, all das als Ganzes zu erfassen, was Auschwitz-Birkenau wirklich bedeutet hat. Selbst ein ehemaliger Häftling ist nicht im Stande dazu. (Michal Ziolkowski, Ich wur die Nummer 1055, in Piechowski, Jch war eine Nimmer.., Geschichten alis Alschwitz) Was sagt ein Sat?z wie jener, in dem die Opfer addiert werden:, Die Zahl der Voten im K Auschwitz hetrug ca. 7,7 Millionen“ gegenüber den Sätzen, mit denen Jadeus? Sobolewic?z vor jugendli- chen Zuhörern seine Begegnung mit dem Iod und den Joten darstellt?„Mit diesen Hdnden. vielleicht Zweihundert oder mehr.. getragen zum lelzten Weg Vherall Vod, überall Jod, Angst, Schreck. ich habe gesehen mit eigenen Aligen Liquidation russisches Kriegsge- fangenenlager.. iher zehntausend Men- Schen.. noch lebendige Leichen sind ah- gelegt nach Krematorium.. Ich habe ge- vehen die vollen Rollwugen. Die vind aus Block J7, wo ist eine Schwarze Wand.. Unter dieser vind ungeftihr 23.000 Men- Schen echossen worden. Die vollen Wa- gen sind gezogen über das ganze Lager nach Krematorium zur Verbrennung.“ (I. Sobolewicz, Aus der Vergangenheit DIE OPFER DES KL AUSCGHWTZ iANobdh—— iittttitttii ittititttt 777 7777 ſitittit ſſſſiifiiſiiii iii polen 140.000.130 000 ſſſſſſſſſſſſſſſ oooo 70 000 78 000 Roma 23.000 ſ5½ 23 000 21.000 S 000 ſ5 12000 14.000 andere 28.000 ſit 25.000 10 000.15 000 Gesamt ca. 1.3 Mio. ca. 400.000 ca. 1.1 Mio. Grafik erarbeitet von Franciszek Piper, publiziert in: Auschwitz-Birkenau. Vergangenheit und Gegenwart. 2008, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim, Polen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 lernen!? Lebensgeschichte als Argu- ment, Disc 1) Im Jahr 2008 sind im Verlag des Staatlichen Museums Auschwit? eine 32seitige Infobroschüre und zwei, her- vorragend von Siegfried Schmidt ins Deutsche übersetzte, Bücher erschie-— nen, die hier im Kontext der Dokumen- tation einer als DVD aufgezeichneten Zeit?eugenbegegnung mit Tadeus? Sobolewic? vorgestellt werden. Stacheldraht-Refrain August Kowalczyk, der seinem Buch den Jitel Stacheldraht- Kefrain gegeben hat, sowie Kazimier? Piechowski(„Ich war die Nummer 918˙), Fugenia Bozena Kaczynska(„Ich war die Nummer 45887*0) Michal Ziolkowski(„Ich war die Nummer 1055**) verbindet nicht nur eine- wenn auch unterschiedlich lange Leidenszeit im Lager Auschwit?; sie fol- gen auch einem übereinstimmenden Prin?ip in der Parstellung ihrer Erinne- rungen: Alle Sätze stehen„gleich nahe zum Mittelpunkt“, wie es in einer Forde- rung von Adorno heißt. Das Zentrum der Erinnerungen ist die Vernichtung, die den Hãäftlingen zu— gedacht war, die Vernichtung, derent- wegen Auschwitz errichtet und ausge- baut wurde. Die Gefangenen existier- ten angesichts des Jodes. Als Lebende waren sie der Vernichtung anheim ge- geben; der allgegenwärtige Iod und die Getöteten bestimmten das Leben der im Lager Pingeschlossenen. Vernich- tung auf jede Weise, die sich ihre Bewa- cher nur ausdenken konnten, vermittel- te den Tod mit dem, was vom Leben übrig geblie ben war. Das Hinauskommen in den Juni- moygen, in die von einem zarten Dunst- Schleier geddmpfte Sonne, inter den im Jeich widergespiegelten Himmel in die nicht eingezäunte Landschaft, in die vom morgendlichen Gez witscher der Võgel unterhrochene Stille, wur eine Er- lõsling, ein Augenblick der Freude.. Eyst die aggressiven deutschen Rufe und Kommandos ind das Klirren der aufge- nommenen Schaufeln und Spithacken erinnerten daran, dass ein neuer Jag he- gonnen hatte- in der Natur im Bewlsst- Sein des Heranreifens pulsierend, für ins aher ein Jag von Schweiß, Blut und Jod Mas lehhafteste Vreiben herrschte an heiden Enden des helutigen Arheitsah- Schnitts. Auf der einen Seite wurden Grasvoden gestochen, ind dicht am Ufer des Kanals Schleppten zwanzig Zigen- ner aluf hölzermen Jragen große, Schwere Boden- und Rabenstiicke. Die abgema- gerten Zigeunen ihr Volk wlirde im La- ger ehenso wie das der uden hesonders gralusam hehandelt schleppten die Ta- gen zu ⁊weit; vie mussten unablässig lal- fen und wauren unter der Last der abh— Sichtlich ühberladenen Tragen gebeugt. Nach einigen Viertelstunden dieser die Krdfte iberfordernden Arheit ließ das empo von Minute zu Minute nach. Dann übertõnte die Stimme Willis(Ka- p0) das allgemeine Gerdusch der in der Eyde wiihlenden Menschen. Er lief hin und her und hriillte wie verriickt. Mit ei- nem SPitzhackenstiel drosch er auf die wankenden Zigeuner ein, die versuch— ten, inm hei irem verz weiſelten Lauf an der Grenze menschlicher Kraft und menschlichen Leistlingsvermégens alts— zuweichen. Piner von ihnen ſiel hin und wurde von den nussen Rdsenstücken zu Boden gedrickt. Die Schläge brachten inmn dazu, Sich noch einmal zu erheben. „Pntchuldigen Sie, Herr Kapo“ Mas ist z Schwen Und es ist heiß, zu heiß, Herr Kapo““ Pie Augen des Zigeuners flehten um Mitleid.(Willi) fing an zu lachen. „Heiß? Ausziehen““ Für einen Augen- hlick ließ er die Arbeit unterbrechen.. Die ⁊ wanzig Zigeuner zogen hastig ihre 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Jacken aus„Die Hemden anbehalten!“ hefahl der Kapo.„HMosen und Unter- hosen ausziehen!““ Die zwanzig leben- den menschlichen SMelette standen Schamlos enthlößt in ihren zu Kurzen Hemden vor dem zufriedenen Peut- Schen.„Und jetzt an die Arbeit!“ Sie er⸗ griſfen die Jragen. Die nackten Fiße fin- gen an zlu trumpeln. Die mageren Beine ragten Komisch und höhnisch aus den Schweißgetränkten, Schmutzigen Hem- den heralus. Die enthlößten Genitulien der Zigeuner lõsten bei den Kapos allge- meine Heitericeit aus.. Zum Kapo ge— Sellten Sich zwei— weitere Kapos. Zu dritt postierten vie Sich entlang des Weges, auf dem die Zigelmner liefen. Von Sudistischer Fröh— ſichkeit gepachkt, Schlugen sie mit iinren Knüppeln auf Sie ein.„Siehst Di, das sind meine Rennpferde, meine Neger“, rief Willi einem veiner Kumpane zu. Nach Kurzer Zeit machten auf dem Weg nur noch nelm, dann acht die Run- de Das Arbeitstempo ließ nicht nach.. Und dass neben dem hoch auſgeschich— teten Stapel der Grassoden still die Lei- chen von vier Zigeunern mit zerschla— genen, blutüberstrémten Köpfen und vielleicht mit gebrochenen Armen lagen, das Spielte Keine Rolle. Das hatte Keine Bedeutung.(Kowulcz)M, S 280-262) August Kowalczyk Ereignisse, Farben, Gerüche, die man bis ans Ende seiner Tage nicht vergisst August Kowalczyk gibt seinem Sta- cheldraht-Refrain den Untertitel Fine wahre Vrilogie, an der er fünfzig Jahre lang geschrieben hat.„Sie Kehrt zuriick wie ein Refrain, jene Zeit Und so wird es hleiben his zlum Schluss.. Dds Erwachse- nenalter enchien inmitten tũglich nel Zu treffender Entscheidungen, und fast jede wur eine Allernative ⁊wischen Leben und od“, sagt der bei seiner„Einlieferung“ nach Auschwit? 19 Jahre alte Autor. Sei- nem Sohn, der ihn zweifelnd fragte, nachdem er das Manuskript des Buches zu lesen begonnen hatte, ob sein Vater sich tatsächlich an Dialoge vor fünf?Zig Jahren erinnere, antwortet er., Es gibt im Lehen Preignisse, Harben und Geriche, die man bis ans Ende seiner Jage nicht veygisst. Und Dir Kann ich nur winschen, dass Dii solche wie die meinen nie Ken- nen lernen winst.“. Die Iexte haben den Charakter einer musikalischen Kompo- Sition, in der die mit allen Sinnen aufge- nommenen Findrücke verarbeitet wer- den. In vielgestaltiger Variation klingt ein Motiv an: der Jod, gegen den sich das Leben und die Liebe zu behaupten su- chen. „P Flimmt, Auschwitz war eine Vodes fahrik, im Laufe der Jahre ein odesMombinat doch das Leben ließ vich nicht vollstũndig, nicht endgiiltig unter- jochen. Durch Spritzen, mit dem Sil einer Spilhacke, durch eine Kigel oder mit Gas Kann man nHmlich ein Herz zum Stilistund bringen, aber Kann man zum Beispiel die Liehe, das Liebesbedirfnis, tõten? Und so gerdt die Liehe eben zu- Sammen mit den Menschen ins Lagen oder vie wlurde dort geboren. Sie verbund Mdnner und Hauen in HftlingsMluft die anscheinend sicher und endgiltig von einunder getrennt wuren, ein andermal zwei Frauen, dann wiederum zwei Män- ner..“(S. 193). Wer etwa die Kapitel „Der Lächelnde“ oder„Angst“ gelesen hat, weiß, wie nahe beieinander Sadis- mus und Zuneigung, der Wille zum Uberleben und die Bereitschaft zum Zerstören liegen können. Im III. Teil der Trilogie kehrt der Autor sechzehn Mal nach Auschwit? Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 kenau. Vergangenheit und Gegenwart. 2008 Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau zurück. Er träãumt. Die Träume des ehe- maligen Auschwitzhäftlings August Kowalczyk sind große Frinnerungslite- ratur, in der Geschehnisse verdichtet werden, wiederkehren, in veränderter Gestalt auftauchen. In diesen Träumen wird die Wirklichkeit hinter den so ge- nannten Jatsachen erkennbar. Die Schüssel der Hunger Die von Kazimierz Piechowski her- ausgegebenen„ Geschichten von Ausch- wilz, entstanden durch Zusammenstel- lung seiner Brinnerungen und der Auf— zeichnungen von Gesprächen mit Fugenia Bozena Kaczynska und Michal Ziolkowski, sind angeordnet wie ein Spinnennetz, in dessen Mitte der Tod lauert. Dieses Leben im Tod wird in ei- ner Sprache berichtet, die so sachlich das Geschehene betrachtet, wie das Selbsterlebte im erinnernden Gedächt- nis der Autoren reflektiert wird. „Die Schilissel.. Es waur glit im Lager ehen vo eine eigene Schiissel zu haben. Zlerst diente sie zum Waschen, dann zlim Essen, ind wenn jemand Durchfali hatte, dann Konnte man, wenn das drin- gende„Bedirfnis“ da wan die Schissel auch in diesem Hull henutzen. Und wie oft machte Sich das brape Geschirr beim Er- hrechen hezahlt? So eine Schissel, das wur einer der Schtze im Lager Jede von lns Jitete ihre Schiissel also wie ihren Aligapfel. Sogar nachts. Ich war s6 ge— Schwächt, dass man mich ins Revier hrachte. Das war der Krankenbaut des Lagem. Ein Aufenthalt im Revier verhieß gewöhnlich den haldigen Jod, denn we- der die SS Arzte“ noch ihre entsetz— lichen Assistentinnen hielten enus von einer Vrennung der Kranken in den Ahleilungen des Reviers. Und so lagen denn VphusMranke neben Juherulose- Kranlkcen. Oft sturb eine Hau, die wegen Schwindsucht in den Block eingeliefert woyden wan an Vphlis ind eine Tphls- Kranke an Schwindsucht. Sie steckten sich ehen gegenseitig mit ihren Kranhheiten an. Doch wen hätte das Schon gekm- mertꝰ? Per„ Vernichtungsplan“ ließ sich von veinen eigenen Gesetzen leiten.. Wenn ich heute noch lebe, dann habe ich das den Hftlingsrzten des Lagers Pol- nischen Arzten, zu verdanken. Wunder- 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer haren, gliten, mluligen Menschen, die uns inter den verz weifelten Bedingungen des Lagem halfen. Auch sie wuren Schließlich Nftlinge und mussten stũndig mit dem eigenen Jod rechnen. Ehenso wie die Menschen jenseits des Stacheldrahtzau- nes die unter Finsatz ihres Lebens Medi- Kamente ins Lager Schmuiggelten. Und ehenso wie die Häftlinge, die unter Pin- Sl? ihres Lebens die Anweisungen und Ralchläge der Häftlingsärzte weiterga- hen ind so0 manches Leben rette— ten. ¶Kacz)nsMa, in. PiechomsMi, S 160 †) „Minger Un- voytellbarer Muin- gen Nichts Konnte mich von diesem einen, dem Hungen hefreien, Die tãgli- chen Verpflegungs- zuleilungen wuren zu Klein, um über- leben zu Können, hesonders, wenn man die mörderi Sche Arbeit und die Verltmnisse herick- Sichtigt, in denen vich die Hiftlinge hier hefunden. Hinzu Kam, dass wir nicht nur von den Kapos ind Blockltesten bestoh- len wurden, Ssonder auch von der gunzen Meute der Büttel der Lagerverwultung. Votadem waren die Rationen zu groß, als dass vie den vofortigen Jod verursacht hätten. Der Hunger hermchte also ühert all Ich hatte noch nie so lange unter die- vem Gefiihl gelitten. All meine Gedanken ind Bemiihungen zielten nur darauf ah, dieses urgewaltige Verlangen zu stillen. Und in dieser Zeit Schwund mein Köper dahin. Er wurde von Jag zu Jag wenigen Irgendwie Relen das Gewebe uind seine Hastizitdt von meinen Knochen, wäh- rend der Magen am Rückgrat festtrocl- nele. Jeder Häftling verfiel ingendwunn in den Zustund eines Muselmanns und sah dann Schon wie ein Greis alus- der Kopf Zwischen den Schultern, eine Spitz her- Kazimierz Piechowski volechende Nase und die herkunter- Schlotternde, dreckige Häftlingskiuft. S0 hefund er vich im Vorhof des Jodes. Am Schlimmsten und am Schnellsten gerieten in diesen Vorhofdes Jodes jene Häftlinge, die draußen, nter freiem Himmel arbei- ten muissten.(Ziolkosi, in. PiechowsMi, § 373 †) Was sagen geschriebene Sätze ge- genüber gesprochenen Sätzen? Welche Bilder entstehen, wenn sich durch Lesen von Texten oder durch Vortrãge und Berichte Vorstellungen bilden? Wer je erlebt hat, wie etwa Jugendliche das aufnehmen, was ihnen im Zeitzeu- gengespräch zu Ohren und vor Augen kommt, weiß um die überzeugende Wirkung der persönlich glaubwürdig vorgetragenen Brinnerungen. Wohl auch deswegen haben alle Autoren, s0 weit möglich, als Zeugen ihrer Zeit vor Schülern und auch vor Besuchergrup- pen in Auschwit? gesprochen. Uns, den Nachgeborenen, vermitteln sie das Leben und den Tod der Men- schen, die Auschwitz erlitten haben. Sie bewahren, was in der Frinnerung und in Dokumenten aufgehoben ist. Tadeus? Sobolewic? fragt in seinem Zeitzeugen- gespräch, ob die jungen Zuhörer „hören“ wollten, was er erlebt hat. Jeder Leser mag sich dieselbe Frage stellen: Ist er bereit zu vernehmen, was Auschwitz war und ist? Fs sind Jexte von einer gebrochenen Jugend, von einem jäh zerstörten Leben, einem viel zu frühen Tod, aber auch von Hilfe, Mut, von gelungenen Fluchten, von denen eine der spektakulärsten Piechowski gelungen ist(S. 78-118), von Widerstand und Kämpfen, die Hoff— nung machten. Sie ergänzen und vertie- fen unsere Vorstellungen. Sie erweitern das, was beispielhaft Kazimier? Albin, Tadeus? Sobolewicz, Wieslaw Kielar ge- Schrie ben haben(Wir berichteten mehr- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 3 1— ——— Selektion eines Transportes ungarischer Juden: Aus: Auschwitz-Birkenau. Vergangenheit und Gegenwart. 2008 Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau fach in frũheren Mitteilungsblättern). Die besprochenen Erinnerungen und die erwähnte CD gehören zu den Büchern, die ein jeder erwerben und verinnerlichen sollte, der die obige Frage positiv beantwortet hat, ob er hören und wissen will. Gewidmet ist die vorliegende Re- zension unserem Freund Dr. Janus? Mlynarski, Hüftling Nr. 385, der im La- ger zum„Arzt“ wurde, lange bevor er nach Befreiung und Medizinstudium die Approbation erlangte. Auch der vielen, vielen namenlosen Opfer und Helfer Soll gedacht werden, die ihre„Geschich- ten aus Auschwitz“ nicht schriftlich ha- ben weitergeben können. Sie werden ih- re Erinnerungen und den Dank ihrer Kameraden sicher in den vorliegenden Werken aufgehoben finden. Und nicht zuletzt in der unzerstörten Hoffnung, dass alles getan werden muss, damit Auschwitz sich nicht wiederholt. Albrecht Werner-Cordt Kazimierz Piechowski. Ich war eine Nummer.. Geschichten aus Auschwitz, Oswiecim, 2008 ISBN 978-836021074-1.(35 Zloty rd. 9 Euro plus Versand) August Kowalczyk. Stacheldraht-Refrain- EFine wahre Iriologie. Oswiecim, 2008, ISBN 78-83-60210567.(28 Zloty rd. 7 Euro plus Vers and) Auschwitz-Birkenau. Vergangenheit und Gegenwart, 2008, Staatliches Muse- um Auschwit?-Birkenau.(3,50 Euro) Tadeus? Sobolewicz. Aus der Vergangenheit lernen!? Lebensgeschichte als Ar- gument.(1 UVD 1 C-Rom), 2009 Vlotho, Stätte der Begegnung(www.staette.de), erhältlich auch für 10 Furo bei der Lagermeinschaft Auschwit?-Freundeskreis Die beiden Bücher und die Broschüre sind im Museum in Oswiecim erhältlich, können zudem über die Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis bestellt wer- den(dauert eventuell etwas- Kontakt: siche Impressum, Rückseite des Titelblattes) 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Häftlinge mit dem lila Winkel Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Auschwit? Im Mitteilungsheft 1/2000 wurde eine DVD besprochen, die sich mit der Häft- lingsgruppe der Zeugen Jehovas beschäftigt. Ergänzend hierzu knüpft das Buch „Für den Glauben in Haft-Teugen Jehovas im KI Auschwit?“ an. Es ist im staat- lichen Museum Auschwit?-Birkenau in Oswiecim im Jahre 2006 in deutscher und englischer Sprache erschienen, nachdem das polnische Original seit 2003 vorliegt. Das 170 seitige Buch umfasst einen allgemeinen und erklärenden Jeil, ei— nen Frinnerungsteil mit Bildern der für den Glauben in das Lager Auschwit? eingelieferten Häftlinge mit ihren per- Sönlichen Paten und einen umfangrei- chen Anhang mit Dokumenten, Zeit- zeugenberichten und tisches Vergehen gewertet wurde. Wie auch bei anderen Hãftlingsgrup- pen war Auschwit? für die Zeugen Jeho- vas nur eines von vielen Konzentrations- lagern, in denen sie gefangen gehalten wurden. Größere inhaftierte Gruppen gab es schon 1937 in Pachau und spãter auch in Sachsenhau- Brinnerungen. Das Buch ist ei- fU nes der wenigen ⁊eucEn e Zeugnisse über das Schicksal der Zeugen Jehovas, auch Bibel- forscher genannt, im Dritten Reich. Es do- kumentiert ihre Fin- lieferung und Haft in das KL Auschwitz. Da die Anzahl der betroffenen Perso- nen relativ klein war nachgewiesene 433 Zeugen Jehovas—, gibt es keine umfas- sende wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Themas. Erschwerend zur ein- deutigen Identifizierung der Bibelfor- Scher-Häftlinge kommt hinzu, dass nicht alle Zeugen Jehovas bei der PFin- lieferung in Auschwit? den für sie übli- chen lila Winkel erhielten. Fine bisher unbestimmte Anzahl registrierte man mit dem roten Winkel für politische Häftlinge, vermutlich weil ihre Ver- weigerung des Kriegsdienstes als poli- sen, Buchenwald, Ber- gen-Belsen, Niederha- gen-Wewelsberg, Dora-Mittelbau und Ravensbrück. Das Buch knüpft daran häufig an, weil es stän- dige Verlegungen zwi- Schen den Konzentrati- onslagern und somit auch Auschwit? gab. Das Buch belegt den Pinsat? der Gefange- nen nicht nur im Stammlager von Aus- chwitz, sondern auch in Birkenau und Mono— witz. Die Zahlenmäßig größte Gruppe bildeten die deutschen Zeugen Jehovas, gefolgt von den polnischen. Das Buch beschäftigt sich mehrfach mit gut nachvollziehbaren Finzel- Schicksalen und beschreibt die Schwie- rigkeit, manchen Lebensläufen nachzu- gehen. So sind Fälle von Sterbeakten beschrieben, bei denen Personen als politische Häftlinge eingeliefert wur- den, jedoch in der Sterbeakte als Kon- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 fession„Bibelfor- Scher“ angegeben ist. Sehr gut werden Schicksale von Frau— en herausgearbeitet, die als besonders mo- ralisch stark und hilfsbereit gegenüber Mithäftlingen geschil- dert werden. Schon im ersten Frauen- Männlicher Häftling mit unbekannten Personalien(Nr. 190278 IBV) eingeliefert ins Lager mit dem Evakuicrungstrunsport aus dem Kl. Lublin am 28.7.1942. Bautze, Frieda(Nr. 8358 1BV), eingeliefer ins Lager am 2.7.1942. später überstellt ins Kl. Bergen-Belsen. transport aus dem Kl. Ravensbrück am 26. März 1942 waren mehrere weibliche Bibelforscher ver- treten. Dort tauchen Zum ersten mal in Auschwit? die Lilawinkel zusammen mit der Abkürzung„IBV“(Internatio- nale Bibe forscher-Vereinigung) auf. Da die Zeugen Jehovas ihre Haft als von Gott geduldete Glaubensprü- fung ansahen, führten sie Befehle ge- wissenhaft aus und schlossen sich im Lager weder gewalttätigen Wider- Standsbewegungen an, noch verließen sie den ihnen zugeteilten Arbeitsplatz. Deshalb gibt es in dem Buch um- fangreiche Beschreibungen des Fin- satzes von Bibelforscherinnen, die in den Haushalten der SS-Obersturm- führer und sogar im Haushalt des LKa- gerkommandanten Rudolf Höss ar- beiteten und die sich auf dem Lager- gelände frei bewegen konnten. Dabei waren sie wohl gewaltfrei, aber teil- weise unfreiwillig ein Teil des Wider- Standes, da über sie quer durch das La- ger Informationen ausgetauscht wer- den konnten. Die Erlebnisse der Zeu— gen Jehovas auf ihren Märschen quer durch das Lager bis hin zum SS-Pin- kaufsladen werden gut beschrieben, und man erfährt Zum Beispiel Details aus dem Leben der SS-Familien. „BVHäftlinge waren sogar in dem Hotel der Waffen-SS und der Kantine der SS tätig. Ihre Bewegungsfreiheit nutzten sie allerdings, um illegale Wachtturm-Schriften zu erhalten und diese innerhalb des Lagers weiter zu geben. Dies machte sie in den Augen der S8 verdächtig und wer dabei er— tappt wurde, kam zur Strafe in den Bunker oder in eine Stehzelle. Mehrfach wird im Buch auf die Tatsache hingewiesen, dass Zeugen N- hovas im Lager die Möglichkeit hat- ten, schriftlich ihren Glauben als Irr- lehre darzustellen und das Naziregime anzuerkennen, um dann freigelassen zu werden. In einigen Frinnerungsbe- richten wird betont, dass jedoch keine Fälle von Unterschriftleistungen be- kannt geworden sind. Das Buch ist eine gute Informati- onserweiterung zu der eingangs er— wähnten DVD und zeigt eindrucks- voll, wie die Zeugen Jehovas mit großen Geschlossenheit und Unbeug- Samkeit den Nazis widerstanden. Diethardt Stamm Teresa Wontor-Cichy. Für den Glau- ben in Haft. Zeugen Jehovas im KI. Auschwitz. ISBN 83-60210-233. Staat- liches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim. Sammelbestellungen nimmt die Lagergemeinschaſt entgegen. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Xenos und Lagergemeinschaft Auschwitz Mitarbeit bei Projekt des Europäischen Sozialfonds Das Bundesministerium für Arbeit und Soxiales hat mit Unterstũt?ung der PU und des Furopãischen Sozialfonds (FSE) das Programm„Xenos Inte- gration und Vielfalt“ aufgelegt. Xenos kommt aus dem Altgriechischen und beZeichnete gleichermaßen Fremde als auch Gastfreunde. Dieses Programm kümmert sich u.a. um Aus- und Weiterbildung in allgemei- nen und beruflichen Schulen. Parallel da?u geht es um Informationen über und die Sensibilisierung gegen Rechtsextre- mismus. Integriert sind dabei grenzüber- Schreitende und transnationale Maß- nahmen, sowie die Förderung von Zivilcourage und die Stãrkung der zivil- gesellschaftlichen Strukturen in Kom- munen und in Regionen außerhalb von Ballungsgebieten. Uber Xenos soll Zum Beispiel gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus bei dem Perso- nenkreis vorgegangen werden, der sich im Rahmen von beruflicher Qualifizie- rung in der Arbeitswelt und gleichzeitig in der beruflichen Schule bewegt. Dies Steht im Zusammenhang mit der Stär- kung von Weltoffenheit, Demokratie- bewusstsein, Engagement in der Ge- Sellschaft und Toleranz. Xenos wendet sich dabei besonders an benachteiligte Jugendliche aber auch junge Erwachsene, die Probleme beim 1 — 3 — — * 7, 5 E——*——.. —— Mit Xenos-Plakaten beteiligten sich diese beiden Schülerinnen aus Butzbach am 7. No- vember beim Ge(h)-Denken und der Anti-NDP-Demonstration in Friedberg. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Pinstieg in den Arbeitsmarkt und ihrer Integration in die Gesellschaft haben. Pabei sollen Netzwerke aufgebaut wer- den, die aktive Fachleute aus Bund, Län- dern, Kommunen, Betrieben und Schu- len zusammenführen. Dadurch können erfolgreiche Maßnahmen entwickelt und nachhaltig etabliert werden. Xenos wird damit Jeil des nationalen Integra- tionsplanes der Bundesregierung und des Bündnisses für Demokratie und To- leran?- gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Im Wetteraukreis hat sich ein Bünd- nis von vier allgemeinbildenden Schulen und der beruflichen Schule Butzbach, der Lagergemeinschaft Auschwitz, des Amtes für Lehrerbildung in Frankfurt, der IHK, der Handwerkskammer, des DGB, des Staatlichen Schulamtes und der Arge JobKomm gebildet. Der„Start- schuss“ für das dreirjährige Programm fiel Anfang September 2000 unter Betei- ligung des Hessischen Justi?- und Inte- grationsministers Jörg-Uwe Hahn, der Sich an seine Zeit als Kreistagsabgeord- neter erinnernd sagte, er habe die Luft angehalten,„welch menschenverachten- den Unsinn die drei NPD-Kreistags- abgeordneten verbreiteten“. Xenos soll dafür sorgen, dass z.B. NPD-Parolen nicht bei jungen Men- Schen verfangen. Die Lagergemeinschaft AlsChwitz spielt in dem gesamten Net?⸗ werk eine zentrale Rolle. Sie berät, steht für die Vor- und Nachbereitung von Auschwitzfahrten, bei der Vermittlung von Zeit?eugen oder bei aufklärenden Veranstaltungen zZur Verfügung. Diethardt Stamm Keine Toleranz gegen Intoleranz Tagung des Amtes für Lehrerbildung(Afl.) In Sachsen ist die NPD nach der Landtagswahl immer noch im Landtag vertreten, in Thüringen verbuchten sie deutliche Zugewinne. Das hessische Amt für Lehrerbildung(Afl.), der Wetteraukreis, die Lagergemeinschaft Alschwitz- Freundeskreis der Ausch- wit?er u. a. stellen sich gegen Rechtsex- treme und erarbeiten gemeinsam Kon- zepte und Unterrichtsmaterialien gegen Fremdenfeindlichkeit und Aus- lãnderhass. Zu diesem Zwecke fand ei- ne Tagung zur„Erstellung einer Bro- schüre gegen Rechtsextremismus“ für den Schulunterricht statt. In dieser Broschüre sollen für Lehr- kräfte konkrete Lernszenarien, Projek- te und Unterrichtsmaterialien zum The- ma Rechtsextremismus erarbeitet werden.„Wir wollen dazu beitragen, dass menschenfeindliche und intoleran- te Haltungen in unseren Schulen nicht Fuß fassen kõnnen. Gerade die Schulen übernehmen in der Ausbildung von Werten wie Joleranz, Figenverantwor- tung, Selbstbestimmung, gegenseitige Wertschätzung eine Schlüsselrolle“, Sagte Frank Sauerland, Leiter des Afl. Vertreter der Ldgergemeinschaft Achwilz meinen:„Lehrer müssen heute eben mehr sein als Wissensver- mittler. Sie Ssollen Farbe bekennen, eine Wertehaltung repräsentieren, an denen sich die Schüler/innen abarbeiten kön- nen.“ Der Kämmerer des Wetterau- kreises Ottmar Kich ergänzte:„Ge- meinsam ist es möglich, über die Lehreraus- und Fortbildung die Schu- 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer len in der Flãche Zu erreichen und zielgruppenspezifisch gegen rechtsextreme Gewalt vorZugehen. Die Kooperati- on mit dem Af Zeigt in die richtige Richtung.“ Jet?t traf sich die Projekt- gruppe, bestehend aus Aus- bilderinnen und Ausbildern der Studienseminare, Lehr- kräften und Referendarin- nen und Referendaren, wel- 6 che die Broschüre erarbeitet,— N zu ihrem Abschlusswork- shop in Friedberg. Der Wet- teraukreis kooperiert dabei im Rahmen des bundesweiten EU-Pro- grammes Xenos mit dem Amt für Lehrerbildung. Initiator und Organisa- tor der Arbeitsgruppe ist der Pädagoge Gerd Plattner. Er wird dabei unterstũt?t von dem Berufspädagogen Frank Er- nemann aus dem Af. Das Bundesprogramm XENOs in- tegriert Aktivitäten gegen Diskrimi- nierung, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in arbeitsmarkt- beZogene Maßnahmen an der Schnitt- stelle Zzwischen(Berufs-)Schule, Aus- bildung und Arbeitswelt. Der Wetterau- kreis beteiligt sich und un- terstüt?t verschiedene Projekte an Schulen, der Nachschule Wetterau e. V. und der Beschäftigungsgesell- Schaft WAUS gGmbH. Auch hiersteht der Kampf gegen Intoleran? und Fremdenfeindlichkeit genauso im Mit- telpunkt wie die aktuellen Workshops zur Figen- und Fremdwahrnehmung, um den Ubergang in eine Ausbildung bZw. Arbeit zu erleichtern. Erlebnis- pãdagogische Aktivitäten mit schul— müden Jugendlichen ergänzen das An- Ralph Giordano(rechts) und Afl-Leiter Frank Sauer- land bei der Tagung in Friedberg. gebot. So wurden an der Schrenzer- Schule in Butzbach Plakate und Post- karten gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit entwickelt. Der„Virus Hitler“ wirkt weiter Hauptreferent der XENOS- Tagung war der Schriftsteller und Uberleben- der des Holocaust Ralph Giordano. Er verdeutlichte ganz ohne Umschweife die aktuellen Entwicklungen im Rechtsradikalismus.„Zwar ist Hitler militärisch besiegt, das Virus seines menschenverachtenden Denkens wirkt aber weiter.“ Giordano sprach in die- sem Zusammenhang von der„Zweiten Schuld“. So lautet auch eine seiner be- kanntesten Publikationen. Er erläuter- te den„Geburtsfehler“ der Bundesre- publik. Die Tausende von Mittätern an den NS-Verbrechen seien nie zur Re- chenschaft gezogen worden. Stattdes- sen erhielten sie einen komfortablen Finstieg in die Nachkriegsgesellschaft. Sehr eindringlich appellierte Giordano an die Tagungsteilnehmer:„Meine Zu- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 versicht ist angeschlagen, bitte belehrt mich eines Besseren. Wie wollen Sie es schaffen, den Schülerinnen und Schülern eine innere Stärke zu vermit- teln, dass sie eingreifen, wenn ein Skinhead Ausländer attackiert?“ Giordano hält die rechtsradikale SꝰZene für höchst aktiv und lebendig. Die neuen, moderierten Strukturen der Rechtsradikalen verfehlen ihre wirkung nicht. Sie vind in der Lage, Nu gendliche anzusprechen und Zu mobi- lisieren. Oft bedienen sich die Rechten dabei linker Thesen, die sie allerdings völlig anders interpretieren. Die Akti- onsdichte und der Zuspruch bei Ju- gendlichen„verdrießen“ ihm seine „„Päten Tage“, Sagte Ralph Giordano. In der Tagung wurde auch keine op- timistische Zukunftsvision aufgezeich- net. Die Uberwindung des„Einfach- denkens“ wird ein latenter Prozess von Schule/Berufsschule sein müssen als Antwort auf rechtsradikales Gedan- kengut. Giordano ging auch auf die Problematik von Antizionismus und Antisemitismus ein. Ihm war die Sorge um das Uberleben von Israel sichtlich an?zumerken. Im Beitrag zum Buch von Daniel Wendt von der Max-We- ber-Berufsschule in Gießen werden diese Problemstellungen in der Be- rufsfachschule bearbeitet. Dabei erhält er Unterstützung vom deutschen Bot- schafter in Irael, der mit den Schüler/innen an der Berufsschule in Gießen über das Thema„Israel und Antisemitismus/Ethnozentrismus“ sprach und mögliche Lösungsansätze diskutierte. Maron Löwenbein „Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933- 1945 Die Wanderausstellung des Fritz-Bauer-Instituts Frankfurt und des Hessischen Rundfunks mit neuem regionalen Schwerpunkt: 12. März- Ende Oktober 2010, Rotenburg a. d. Fulda Studienzentrum der Finanzverwaltung und Justiz, Josef-Durstewitz-Str. 2-6 Workshop für Lehrkräfte: Mittwoch, 10. März, 14.30 Uhr. Informationen im Internet: www.legalisierter-raub. hr-online. de Adolf Moritz Steinschneider Archiv Auf Betreiben unserer Freundin und langjährigem Vereinsmitglied Marie- Louise Steinschneider wurde im Andenken an ihren Vater das Adolf Morit? Steinschneider Archiv(AMs IA) gegründet. Die Arbeit ist nun auch online do- kumentiert auf der Internetseite www.steinschneider.net. Steinschneider lebte bis 1933 in Frankfurt am Main, musste dann als Jude und Anwalt der Roten Hil- fe ins Exil fliehen. 1044 wurde er in Frankreich vom SS-Bataillon„Das Reich“ abgefangen und erschlagen. Das Bataillon hatte zuvor das Massaker in Oradour verübt. Mehr über AMS TA im nächsten Mitteilungsblatt. Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus Der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwit?z am 27. Januar 1945 wurde 2005 per Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen (VN) Zum Internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt. In diesem Kontext lãdt die Lagergemeinschaft Auschwitz Preundeskreis der Auschwitzer in Kooperation mit dem Fachbereich Kultur der Stadt Bad Vilbel und dem Geschichtsverein Bad Vilbel für den 22. Januar zu einer Gedenkveranstaltung ein: „und vor dem Fenster Schweigt die Nacht.“ Fin musikalisch-Iyrisches Mosaik mit[exten von Gertrud Kolmar und Hilda Stern Cohen Schauspiel und Rezitation: Lilli Schwethelm Musik: Georg Crostewit? Freitag, 22. Januar 2010, 19.30 Uhr Kulturzentrum Alte Mühle, Lohstraße 13, Bad Vilbel Der Eintritt ist frei Niefgründig und leidenschaftlich-stolZ und melancholisch sind viele Gedichte der deutsch-jüdischen Dichterinnen Gertrud Kolmar(1804— 1943) und Hilda Stern Cohen(1924 1997). Lilli Schwethelm rezitiert und erzählt aus dem Werk von Hilda Stern Cohen. Die deutsche Sprache, in der sie einst Zzu Hause war, wird sie auf immer mit ihren Peini- gern in Verbindung bringen müssen(„Genagelt ist meine Zuge an eine Sprache, die mich verflucht). Die Auschwitz- Uberlebende steht einsam und abseits menschlicher Alltagsnormalität. Ihre Lyrik verbindet das erlebte Grauen mit einer immerwähren- den Bewusstheit über die Schönheit der Natur. In ihren Zeilen verstecken und offenbaren sich größter Schmerz, feine Ironie, tiefes Mitgefühl und leiser Sarkasmus. Als Schauspielerin verwandelt sich Lilli Schwethelm in Geschöpfe aus Gertrud Kolmars Gedichten und gibt ihnen eine sichtbare Gestalt. Der qualvollen Zeit der Verfolgung und drohenden Vernichtung steht die Weite ihrer inneren Welten gegenüber. Hier feiern die scheinbar Hässlichen ihre versteckte Schönheit. Mystische Charaktere der Finsamkeit begegnen sich. Die Stummen erheben das Wort und haben Erstaunliches zu sagen. Mit sensiblem Gespür lässt Georg Crostewitz seine Gitarrenmusik in die Verse hineinfließen. Seine Kompositionen sind musikalische Kommentare des Mitgefühls.