LAGERGEMEINSCHAfFT AUSCFHWTZ v FREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER 6 33 ata ont F P en F 628 81 27. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 2007 Neue Facetten eines Schrecklichen Geschehens Lagergemeinschaft-Freundeskreis unterstũtꝰt die Edition eines der erschütterndsten Dokumente der NS-Herrschaft des betto lodt lihmannstadt h nn n i n lm lAt. It 1941 FHerausgegeben von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke. In Koope- ration mit Julian Baranowski, JOanna PodolskKa, KTystyna Radziszewska, EcekK Walicki. Unter Mitarbeit von Imke Jans- senMignon, Andrea Löw, Janna Ratu- sinska, Elisabeth Turvold und Ewa Wiatr Schriftenreihe zur Lodzer Getto- Chronik Hg. von der Arbeitsstelle Ho- locaustliteratur an der Universitãt Sießen und dem Staatsarchiv Lodz) 3052 Seiten, 168 Abbildungen, 5 Bän- de im Schuber, Format: 15,5 X 23 cm; ISBN 3 89244 834 5, Wallstein, Göttin- gen, 2007; 128 Euro Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis bezuschusste die Fi- nanzierung der Edition mit 3000 Euro. Zwischen 1940 und 1944 pferchten die Nationalsozialisten im besetzten Lodz Cpãter umbenannt in Litzmann- Stadt) nahezu 200.000 Juden auf etwas mehr als vier Quadratkilometern zu— sammen. Die Getto-Chronik, ein rund 2000 eitiger Text wurde seit 1941 auf Polnisch und Peutsch von der Verwal- tung des„Judenältesten von Lit?z- mannstadt-Getto“ erstellt. Wie eine Zeitung, die sich einer internen Zenur unterwerfen musste, verzeichnet die Chronik akribisch die Ereignisse im Getto, gibt Einblicke in die kursieren- den Gerüchte und widmet selbst dem „Getto-Humor“ eine eigene Rubrik. Mehr als 15 Mitarbeiter- überwiegend Ournalisten und Schriftsteller- schrie- ben tãglich an der Chronik. Die Pdition bietet erstmals eine vollstãndige wissenschaftliche Ausgabe. Entstanden ist ein einmaliges und er— greifendes Dokument, das nicht nur Zeugnis ablegt vom schreibenden Wi derstand der beteiligten Autoren, son- dern auch deren Wunsch zu erfüllen Sucht, einen Beitrag zur Erforschung ih- rer Lebens- und Leidensbedingungen zu leisten Kurz vor seinem Tod hat Walter Kempowski die Pdition zur Kenntnis genommen:„Die Ferausgahe ist ein großes Feignis Das schecMiche Ge- Schehen im CQfen hekommt immer nele Facetten. Und daß sich ein Verlag an diese große Autahe heranwagt jt ein glutes Zeichen. VWir dirfen nicht nachlas- sen in der Eforschung dor doutschen SChU Por ahren hatte ich einen Töi der Chronik in der Hand Ich wünsche dem Wrk große Verbreitung“ Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 1 Bundesverdienstkreuz für Tadeusz Sobolewicz Wir freuen uns sehr: Unser Freund Tadeusz Sobolewicz bekam von der Bundes- republik Peutschland das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Die Aus- zeichung wurde ihm am 27. November in Krakau von Generalkonsul Dr. Thomas Gläser in einer kleinen Feierstunde überreicht. Tadeusz Sobolewicz hat auch in diesem Jahr wie in vielen anderen zuvor- eine Gruppe der Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer begleitet und wesentlich dazu beige- tragen, dass den Teilnehmern die Menschheitsverbrechen der Peutschen in dem ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager nicht nur theoretisch und symbolisch bedeutsam bleiben, sondern durch ilm und andere Uberlebendeè mit konkreten menschlichen Gesichtern und Schicksalen verbunden sind.(Siehe Be- richt auf Seite 8 ff.) Wir bewundern den Mut, mit dem sich Tadeusz immer wieder der grausamen Vergangenheit stellt. Wir gratulieren sehr herzlich zu der Aus- zeichnung sie war längst überfällig- und wünschen ihm und uns, dass er noch häu— fig dieser Selbstverpflichtung den Ermordeten gegenüber nachkommen kann. Inhaltsverzeichnis Seite Neue Wege 2 „Ich lebe durch Zufall“ 5 Felix Kolmer gelang viermal die Flucht aus Konzentrationslagern Jeder Häftling hat seine eigene Geschichte 8 Auschwit?- Uberlebende begleiten Reisegruppe Prof. Pierzchalas Projekt„Sonderaktion Krakau“ 14 Begegnung mit Halina Birenbaum 15 Trãnen 16 Die Hoffnung stirbt zuletzt 17 Wir lassen uns von den Nazis nicht provozieren 20 Bericht über eine Fahrt nach Auschwitz mit Kommunalpolitikern Vom Suchdienst zum Forschungsarchiv 29 Das Archiv des Internationalen Suchdienstes des DRK in Bad Arolsen wird bald für die Forschung geöffnet Keine Entschädigung für SS-Opfer in Distomo 31 Bundesverfassungsgericht weist Beschwerde zurück Die Zeit steht für immer still auf der Uhr von Kalavrita 32 Griechisches Bergdorf war Schauplatz eines Kriegsmassakers 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Neue Wege Zu neuen Ufern wird die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aufbrechen. Mit diesem Versprechen wenden wir uns an unse- re Mitglieder und Freunde. Zu neuen Ufern kommt man allerdings schwerlich auf ausgetretenen Pfaden. Deswegen will der am 22. September 2007 wiederge- wählte LGAVorstand seine Strukturen und die Kommunikation untereinan- der und in die Offentlichkeit hinein neu bestimmen. Unsere Sat?ung und die Geschãfts- ordnung des Vorstands geben eine konventionelle Vereinsstruktur wie- der: Per Vorsit?ende reprãsentiert und organisiert den Verein: der stellvertre- tende Vorsit?ende, dessen Aufgaben- gebiet ansonsten unbestimmt bleibt, vertritt den Vorsit?enden, wãhrend der Kassierer traditionell verwaltend als Kassenführer gesehen wird. Diese Drei bilden den„engeren Vorstand“, dem derzeit drei Beisitzer und der Re- dakteur des Mitteilungsblatts beige- ordnet sind. Nicht bewährt hat sich ei- ne zeitweilige Beauftragung mit der „Wahrnehmung von Aufgaben“, die zwar nach der Geschäftsordnung des Vorstands möglich ist, aber zu unwer— bindlich blieb. Der„engere“ Vorstand soll so— wohl administrativ„Zuständig und verantwortlich für die laufende Ge— schäftsführung“ als auch,„entspre— chend den Beschlüssen des Vorstan- des“, Konzeptionell gestaltend tätig sein- eine heutzutage unrealistische Aufgabenstellung und Uberforde— rung eines ehrenamtlich besetzten Vorstands, dessen Mitglieder über— wiegend berufstätig sind. Vergleich- bare Vereine gehen dieses Problem mit einem teilzeitbeschäftigten oder hauptberuflichen Geschäftsführer an, dem der ehrenamtliche Vorstand und oft auch ein sachverständiger Beirat die Umsetzung der beschlossenen Zielvorstellungen übertragen. Diese Lõsung ist für uns aus Kostengründen nicht realisierbar. EFin breites Spektrum lebendiger Erinnerungskultur An vielen Orten im deutschspra- chigen Raum und vor allem auch in- ternational arbeiten Menschen über das Thema„Auschwitz“— 0b als Hi- storiker ausgebildet oder in anderen Fachrichtungen, ob als engagierte Finzelpersonen oder als Mitarbeiter in Projekten an Hochschulen, Akade- mien, in Vereinen, Schulen, Gedenk- stätten, allen voran im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Durch sie entstehen Zeitzeugeninterviews, Publikationen, Ausstellungen, Vor- trãge, Veranstaltungen, Zeitschriften- beitrãge. Ein Schatz an dokumentiertem Wissen In vier Bereichen könnten wir un- sere Arbeit intensivieren, indem wir die Verbindungen dorthin ausbauen, wo die Erinnerung an Auschwitz le- bendig ist und gepflegt wird: Erstens Fahrten nach Auschwit?, Gespräche Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 3 + — Tadeusz Sobolewicz, Auschwitz-Hãftling Nr. 230353, mit dem LGA-Vorsitzenden Albrecht Werner-Cordt bei einem Rundgang im Stammlager. mit ehemaligen Häftlingen, Kontakte zum Museum, zur Internationalen Ju— gendbegegnungsstätte, zur Stadt Os— wiecim. Zweitens Lehrerfortbildung, Entwicklung von Angeboten, die auf die Situation in der jeweiligen Schule abgestimmt sind, Begegnungen mit polnischen Schülern in Oswiecim. Drittens Entschädigung, Renten, Pfle- geversicherung. Und viertens Publika- tionen, Ausstellungen, Gedenkstätten. Zu jedem Bereich sind Personen angesprochen worden, die sich seit längerem mit diesen Fragen sachkun- dig beschäftigen und zur Mitarbeit an einzelnen Projekten bereit sind. Die- se könnten mit ihrem Fachwissen im Vorstand aktiv werden und den Er- fahrungsaustausch mit den andern- orts tätigen Initiativen organisieren. Der Vorstand wäre demnach das Scharnier zwischen den ehemaligen Fotos: Paul Petzold Hãäftlingen, für die wir tätig sind, und eben diesen vernetzten Ergebnissen- oder auch Zwischenergebnissen- un- terschiedlicher Projektarbeit. Der Vorstand hãtte also wesentlich eine vermittelnde Funktion. Außerordentliche Mitgliederversammlung Um dies langfristig zu gewährlei- sten, ist allerdings eine Anderung der Satzung erforderlich. Anstelle der seitherigen Bestimmung, wonach der „Srweiterte“ Vorstand sich zusam- mensetzt aus dem„engeren Vor- stand“ sowie den- zahlenmäßig limi- tierten- Beisitzern(pro angefange- nen einhundert Mitgliedern ein Beit sitzer) und dem Redakteur des Mit-— teilungsblatts, sollte sich künftig der Vorstand aus dem engeren Vorstand 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer und weiteren Vorstandsmitgliedern, die projektbezogen gemäß den Be- Schlüssen arbeiten, zusammensetzen. Somit wären längst überholte Funkti- onsbeZeichnungen wie„Beisitzer“, „Beauftragter“, Redakteur aufgeho- ben, und es wäre auch in der Außen- wirkung deutlich gemacht, dass es sich bei diesen gleichfalls um Mitglie- der des Vorstands handelt. Dies alles ist weniger dem Wunsch nach einem zeitgemäßen„Organisati- onsdesign“ entsprungen: es ist viel- mehr die Antwort auf den Wunsch ehemaliger Auschwitzhäftlinge, die LGA möge energischer und effekti- ver in der Offentlichkeit auftreten. Der Vorstand wird mit dem An- trag auf Sat?zungsänderung, die eine Erweiterung des Vorstands möglich macht, zu einer Mitgliederversamm- lung am 23. Februar 2008 einladen. Tadeus? Sobolewicz(¶Mitte) mit den Vorstandsmitgliedern Albrecht Werner-Cordt(ſinks) Fine gute Botschaft An dieser Stelle stehen traditions- gemäß zum Jahresende gute Wün- sche. Nicht zuletzt auch folgt die Bitte um Spenden. Das soll auch diesmal s0 Sein. Vertragen sich jedoch Parlegun- gen zu Arbeitsvorhaben und Organi- Sationsstruktur mit Besinnlichkeit und froher Botschaft? Aber ja! Denn im Sinne der ehemaligen Hãäftlinge und ihrer Angehörigen, die auf Aner- kennung ihrer Forderungen immer noch und viel zu lange warten, ist es eine gute Botschaft und ein durchaus in die Weihnachtszeit und zum Jah- reswechsel passendes Versprechen: Fuer Vermãächtnis ist in der Lagerge- meinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer in guten Händen. Alhrecht Werner-Cordt „* . und Gerhard Herr nach der Kranzniederlegung vor der Todeswand im Hof von Block 11. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 „Ich lebe durch Zufall“ Felix Kolmer gelang viermal die Flucht aus einem Konzentrationslager „JCP Iehe durch Zufal“, sagt Folix Kolmern„Mass ich ihereht Hahe Iiegt daran, dass ich erstens GMick hatte und zwoitens GMick und.. auch zoehntens GMick. Als elMes war viooicht, dass ich den festen WMen hatte zu herlohen. Ich dachte im- moer als Pfadhnder musst Uu strker sein.“ Auf Einladung der LPagergemein- Schaft Aluschwitæ ProlundesKeises der Auuschwitzer( GA) war der heute 85 jährige Tscheche mit seiner Ehe- frau für einige Tage nach Hessen ge- kKommen. Er hatte an mehreren Schu- len Jugendlichen von seinem Schick— Sal als ehemaliger Häftling in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwit? und Friedland, einem schlesischen Nebenlager von Groß- Rosen, berichtet. Am 9. November, dem Jahrestag der Pogrome von 1938, war er im Museum der Stadt But?— bach Gastredner bei einer von der LGOA und dem Magistrat organisier- ten Gedenkfeier. Nach dem Krieg studierte Felix Kolmer in Prag Physik und wurde Pro- fessor für Kinematographie, Fernse- hen und Rundfunk. Er ist Mitglied in verschiedenen internationalen Wis- Senschaftsorganisationen. Er gehörte der tschechischen Regierungsdelega- tion bei den Verhandlungen über die Entschädigung von Sklaven- und Zwangsarbeitern an, ist Vizepräsident des Internationalen Auschwit?-Komi- tees und Mitglied des tschechisch— deutschen Rates für Zusammenarbeit. „Die Beziehlungen der Tchechen umd Moutschen im Zweiten WelMrieg“ lau- tete das Thema von Felix Kolmer im Butzbacher Stadtmuseum. Hierbei nahm seine persönliche Verfolgung und Inhaftierung einen großen Raum ein. Vom„guten Zusammenleben“ bis Zur Okkupation Felix Kolmer wurde 1922 in Prag als Sohn einer tschechischjüdischen Familie geboren. Tschechische, jüdi- sche und deutsche Kultur existierten zunãchst in einem, guten Zusammen- leben“. Vor allem in Böhmen und Mähren war die deutsche Minderheit mit 25 Prozent besonders groß. Sie lebte in einer weitgehenden politi- schen Autonomie, es gab deutsche Schulen, deutsche Bürgermeister und deutsche Offiziere in der Armee. Jedoch begrüßten 80 Prozent von ihnen den„Anschluss“ dieser Gebiete ans Deutsche Reich, und 90 Prozent hatten bei den letzten freien Wahlen den tschechischen Ableger der deut- Schen Nazi-Partei gewähit. 1939 besetzte die Wehrmacht die gan?ze tschechoslowakische Republik. Umsiedlungen wurden erzwungen, und Zwangsarbeiter nach Deutsch- land deportiert. 450.000 Tschechen wurden verhaftet, davon kamen 395.000 ums Leben. Die Lebensmittel wurden rationiert: Während den Deutschen 4.000 Kalorien zugeteilt wurden, erhielten die Tschechen nur 2.600,„Häftlinge in Theresienstadt 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Felix Kolmer beim Vortrag in Butzbach bekamen nur 1.000 Kalorien und Auschwit?-Häftlinge nur 300“, erläu— terte Felix Kolmer weiter.„Die durchschnittliche Uberlebensdauer in Auschwit?z betrug sechs Wochen.“ Für Juden galten die Nürnberger Gesetze. Kolmer wurde verhaftet und kam am 24. November 1941 mit dem ersten Transport ins KZ Theresien- Stadt.„Es gab 120.000 jüdische Tsche- chen, davon konnten nur 30.000 flie— hen. Von 90.000 Verhafteten über— lebten nur 8.000“, bilanzierte er als ei ner von ihnen. Von Theresienstadt über Auschwitz in das„milde“ Friedland In Theresienstadt floh Felix Kolmer zweimal, weil er als Mitglied der Wider- standsbewegung einen unterirdischen Gang nach außerhalb des Lagers aus- findig gemacht hatte. Er kehrte jedoch immer wieder umgehend zurück, weil er kein Versteck fand und weil er fest- Stellen musste, dass es sehr viele Wehr- machtssoldaten und SSLeute in der Gegend gab. Außerdem wollte er den Fluchtweg geheim halten, damit er im Ernstfall auch für eine größere Zahl von Hãftlingen genutzt werden konnte. Hierzu kam es jedoch nie. 1944 wird Kolmer nach Auschwitz deportiert. Von 1.500 Menschen seines Transports werden 1.250 unmittelbar nach der Ankunft in den Gaskammern mit Zyklon B erstickt. Felix Kolmer hat erneut Glück und überlebt die Se- lektion. In den Arbeitskommandos muss er fast täglich miterleben, wie schwache Häftlinge von SSMännern oder von Kapos ermordet werden: „Sie mussten sich hinknien und be-— kamen mit einer Eisenstange oder einem Knüppel das Genick gebrochen oder den Schädel eingeschlagen.“ In Auschwitz war es oft auch in der Nacht „hell von den Feuern in den Kremato- rien und den Scheiterhaufen“, auf de- nen die Leichen aus den Gaskammern verbrannt wurden. Als Felix Kolmer mit dem Zug zu den Schwefelmühlen transportiert werden soll, wagt er zum dritten Mal die Flucht. Er weiß, dass von den dort- hin hingeschickten Hãftlingen noch nie einer zurückkehrte. In der Nacht ge- lingt es ihm, aus dem Waggon zu ent- kommen und an dem Nebengleis auf einen anderen zu springen. So kommt er ins schlesische KZ Friedland.„Da war es viel milder als in Auschwitz“, zicht er den Vergleich. Es gab nur noch selten Selektionen. Allerdings war auch hier der Hunger groß. Der Kom- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 7 — Der Auschwitz- Uberlebende im Gespräch mit Fragestellern aus dem Publikum mandant erlaubte es, dass die Hãftlin- ge die Uberreste von ausgeschlachte- ten Wehrmachtspferden ausgruben und die Gedärme aßen.„Kein Ge— wehrkolben hätte mich davon abhal- ten kõnnen“, berichtet er fast stoisch. Die Frinnerung und ihre Bedeutung für die Gegenwart Obwohl„milder“ als Auschwitz wurden auch in Friedland viele Hãäft- linge ermordet. Felix Kolmer überleb- te, weil seine vierte Flucht gelang. Als bereits der Kanonendonner der her- anrückenden russischen Armee zu hören war, fiel der Strom aus und die Lagerscheinwerfer blieben dunkel. Rund 200 Gefangene nutzten dies zur Flucht. Als sie einige Tage nach dem endgültigen Ende des Krieges zurück- kamen, mussten sie feststellen, dass die Deutschen die verbliebenen 400 Hãäftlinge umgebracht hatten. Auch wenn Felix Kolmer seine de- taillierten Ausführungen über den Kaum glaublichen Vernichtungswahn der Deutschen ruhig, unspektakulär und mit wenig sichtbaren Emotionen vortrug, so machte er doch für alle im Saal Klar, dass dieses scheinbar Un- glaubliche wirklich Realität war. S0 wurde die Wahrheit eines alten jüdi- schen Dogmas konkret: Sich der Erint nerung zu stellen, ist wichtig für das Verstãndnis der Gegenwart sowie die Bemühungen, verantwortungsvoll zu handeln und Partei zu ergreifen. Freundlich und zuvorkommend ging der KZUberlebende bei der anschließenden Fragerunde auf die Fragesteller im Saal zu. Er wollte deut- lich verstehen, was sie von ihm wissen wollten- sie, die Nachfahren der Ge— neration, die ihn„ausmerzen“ wollte, weil er Jude ist, dem als„Untermen- schen“ das Recht zu leben abgespro- chen worden war. Hans Hirschmann 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer „Jeder Häftling hat seine eigene Geschichte“ Auschwitz Uberlebende führen Reisegruppe der ILGA durchs Lager- Findrucksvolle Momente an den Orten des Grauens Es war der wohl bewegendste Moment für die Teilnehmer der dies- jährigen LGAMStudienfahrt nach Auschwitz. Halina Birenbaum sitzt auf„ihrer“ einstigen Pritsche im Block 27 von Birkenau und signiert FXemplare ihres Buches„Die Hoff— nung stirbt zuletzt“. Es kommt zu spontanen Umarmungen, viele Trä- nen fließen. Doch die Auschwit?— Uberlebende betont, dass dieser Mo- ment für sie eine Genugtuung sei, denn letztlich habe sie über ihre Peit niger triumphiert. Die„Annäherung an die Orte des Terrors und der Vernichtung“- s0 das Motto der Fahrt- erfolgte auf den Spuren ehemaliger Häftlinge. Am er- sten Tag traf sich die Gruppe- Päda- gogen, Therapeuten, Mediziner- mit JOZef Stos, einem Gefangenen des er- sten Transports vom 14. Juni 1940. Damals wurden insgesamt 728 Polen nach Auschwit? gebracht, nur 239 Jozef Stos kam mit dem ersten Transport am 14. Juni 1940 nach Auschwitz und war dort nur noch die Nummer 752. (Ale Fotos zu diesem Artikel von Paul Petzold) Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 9 — . .— * In Birkenau vor Block 27: Halina Birenbaum(Iinks) mit Annedore Smith(Mitte) und an- deren Teilnehmern der Studienfahrt. überlebten. Mit ihnen kamen 30 Ka- pos ins Lager- deutsche Kriminelle. JOZef Stos wurde unter der willkür- lichen Anschuldigung interniert, pol- nischer Nationalist zu sein. Er erhielt die Hãftlingsnummer 752 und wurde mit Drill und Schikane zum Aufbau des Lagers gezwungen. Auf dem Gelãnde des ehemaligen Tabakmono— pol-Gebãudes schilderte er der Grupt— pe, wie die polnischen Gefangenen seinerzeit bei schwerster körperlicher Arbeit auch noch„singen lernen“ mussten. Den brutalen Kapos bereite- te es einen Heidenspaß, ihnen unter fortgeset?ten Schlägen„Schwarz- braun ist die Haselnuss“ oder„Oh, Du schöner Westerwald“ einzubläu— en. Stos, der damals keinen Namen mehr hatte, nur noch eine Nummer war, wiederholte diese Liedzeilen sichtlich gequält.„Jeder Häftling hat seine eigene Geschichte“, fasste er sei- ne Erinnerungen zusammen. Dies verdeutlichte auch Tadeus? Sobolewicz, der schon oft Gruppen der Lagergemeinschaft Auschwitz durchs Stammlager geführt hat. Der einstige polnische Widerstandskämpfer mit der Hãftlingsnummer 23053 war mit dabei, als der LGAVorstand an der Todes- mauer beim Block 11 einen Kranz nie- derlegte- ein weiterer bewegender Moment der Reise. Sobolewicz schil- derte vor dem Krankenbau im Block 10, wie er damals seinem erkrankten Vater heimlich Lebensmittel zukom- men ließ. Purch einen glücklichen Zu— fall hatte er es nämlich geschafft, als Küchenjunge unterzukommen. Er 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer konnte aber nicht verhindern, dass sein Vater schließlich in die Gaskammern von Birkenau geschickt wurde. Die Verzweiflung des Sohnes über dieses Verbrechen wurde auch nach rund 65 Jahren noch so deutlich, als hätte sich das ganze erst gestern Zugetragen. Neben den ehemaligen Hãftlingen begleitete auch die Museums Mitar- beiterin Bozena Kaczmarczyk die LGA-Gruppe durch Auschwitz. Sie schilderte die Hinrichtungen auf dem Appellplat?z im Stammlager, wo am 19. Juli 1943 gleich zwölf Männer auf einmal wegen Flucht und Fluchthilfe gehenkt wurden. Einer von ihnen, Janusz Pogonowski, stieß den Sche— mel, auf dem er stand, selber um und zeigte auf diese Weise seinen Wider- stand gegen die SS-Schergen. Bozena Kaczmarczyk führte die Teilnehmer zu den erschütternden Opferportrãts, die in den Fluren vom Tadeusz Sobolewicz ist ein eindringlicher Berichterstatter Block 6 ausgestellt sind. Im Block 7 er- läuterte sie anhand der Schautafeln die menschenunwürdigen Lebensbe- dingungen im Lager. Nächste Station des Rundgangs war Block 11 mit den Todeszellen darunter die Stehzellen, die so eng waren, dass viele Hãftlinge darin erstickten. Immer wieder zitierte Kaczmarczyk aus historischen Quellen einschließlich der Aufzeichnungen von Sefangenen. Es war eine äußerst ein- fühlsame Parstellung der damaligen Breignisse, die sich in ihrer Grausam- keit Kaum in Worte fassen lassen. In Birkenau schließlich war es Halina Birenbaum, die die Reiseteil- nehmer mit ihren lebhaften Schilde- rungen über alle Maßen beeindruck- te. Eineinhalb Stunden lang stand die heute 78 jährige Jüdin mit der im lin- ken Unterarm eintätowierten Hãäft- lingsnummer 48693 in der Sonne vor dem Block 27 und erzählte ohne Un- terbrechung ihre einstige Leidensge- schichte. Sie überlebte den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 und kam dann im Mai ins La- ger Majdanek, wo ihre ge- liebte Mutter ermordet wur- de. Letzere konnte der damals 13— Jährigen noch sagen, sich stets als 17 Jährige auszu- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 11 Im Kellergeschoss des Tabakmonopol-Gebäudes in Oswiecim waren die Häftlinge des 1. Transportes unter erbãrmlichen Bedingungen untergebracht. Am historischen Ort, von wo aus nach qualvoller„Quarantäne“ die Häãftlinge in das wenige hundert Meter entfernt lie- gende„KL Auschwitz“ einzogen, erinnert eine Dauerausstellung an diesen„1. Transport“, die vom„Christlichen Verband der Auschwitzer Familien“(ChSRO) organisiert wird. Die Teilnehmer der Studienfahrt verdanken Wojtek Parcer vom ChRSQ eine sachkundi- ge Finführung in die Geschichte der„Stunde Null“ von Auschwitz. (Das Bild zeigt eine historische Aufnahme) 1MRl KAwLAMI LANAMI ar. A IMINIAT ni prrłb M Li. r Einer von weit mehr als einer Million Op- Im Block 11: Ausschnitt aus einer, von ei- fern, die in Auschwitz ermordet wurden nem Hãftling erstellten Skizze 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer geben, damit sie nicht Sofort vergast würde wie die meisten Kinder. Am 7. Juli 1943 kam Birenbaum zusammen mit ihrer Schwägerin Hela nach Auschwitz. In Majdanek hatten die beiden die Gaskammer ũberlebt, weil gerade die Gaskonserven ausge- gangen waren. Bei einer Selektion vor dem berüchtigten Lagerarzt Josef Mengele konnte Halina mit ihrem ver- zweifelten Flehen ver- hindern, dass Hela ins Gas geschickt wurde, doch starb die Schwäge- rin kurze Zeit später an Iyphus. Halina über— wand ihre eigene Infek- tion, aber die Lebensbe- dingung im Lager zehr- ten s0 sehr an ihr, dass es ihr schon gar keine Mühe mehr bereitete, sich als 17 Jährige aus- zugeben.„Du siehst wie 40 aus“, Konstatierte ein SSMann. Es waren solche Einzelschicksale, die den Reiseteilnehmern das Ausmaß des Grauens von Auschwitz erst richtig nahe brachten. Neben diesen unvergesslichen Be- gegnungen war es auch Ziel der Reit se, die Kontakte der KGAM zu polnit schen Partnern zu festigen. Leszek S?zuster, Leiter der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim, Bozena Kaczmarczyk im Stammlager vor den Gedenk- tafeln mit Portrãts ermordeter Auschwitz-Häftlinge erläuterte das Konzept der Einrich— tung, in der Jugendliche sowie Er- wachsene aus aller Welt Auschwitz als „Lernort“ erfahren sollen. Die LCGM Sagte S?Zuster einen Zuschuss für die Fotoausstellung„Die andere Seite der Welt“ zu. Im dazugehörigen Bild- band äußern sich KZUberlebende und Jugendliche in kurzen Zitaten auf Polnisch, Deutsch und Englisch über ihre Eindrücke von Auschwitz. Vertieft wurden auch die Kontakte Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 13 zum Staatlichen Museum. Andrzej Kacorzyk erläu— terte das pãdago- gische Konzept des von ihm gelei- teten neuen„In- fernationalen Bi dunoszenums iher Auschwitz und den FOo— caust“ Demnach Soll die auf das Jahr 1955 zurück- gehende Ausstel- lung im Stammla- ger aktualisiert werden, wobei vor allem„der Mensch“ im Mit— telpunkt stehen soll. Um die Brinne- rungen der inzwischen betagten Hãäft- linge auch künftig zu bewahren, wer- den zurzeit Interviews elektronisch aufgezeichnet. Zu Ehren der IGAM gab es schließ- lich einen Empfang beim Bürgermei- ster von OQswiecim, anus? Marszalek. Er sprach vor den Gästen aus Deutschland über den geplanten Ge- denk und Versõhnungshügel, der ne- ben dem Lager entstehen soll. Zum Abschluss der Reise ver- brachte die Gruppe einen Tag in Kra- kKau, wo ein Besuch in der Ambulanz für ehemalige Häftlinge auf dem Pro- gramm stand. Diese Institution wird Schon seit langem von der LGA unter- Stützt. Imn Anwesenheit ehemaliger Häftlinge, darunter Jozef Paczynski, kKonnte Albrecht Werner-Cordt zu— Janus?z Marszalek, Bürgermeister von Oswiecim, stellte der Grup- pe den Prospekt des geplanten Gedenkhügels vor. sichern, dass die LGA ihren jährlichen Zuschuss von bislang 4.500 Buro auf 5. 000 Huro aufstocken wird. Am Abreisetag gab es noch einen Vortrag von Henryk Pierzchala in der Jagiellonischen Universitätsbiblio— thek. Der emeritierte Professor der Krakauer Bergbau-AkKademie und Auschwitz-Uberlebende hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die „Sonderaktion Krakau“ zu erfor— schen. Dabei geht es um die willkürli- che Verhaftung polnischer Professo- ren zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Dies lõste einen so großen Sturm der Entrüstung unter Akademikern in ganz Furopa einschließlich Deutsch- lands aus, dass die Nationalsozialisten die Mehrheit der Inhaftierten schließ- lich wieder frei ließ Giehe S. 14). Diese europäische Solidarität kann noch heute als Beispiel dienen, betonte 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Henryk Pierzchala bei seinem Vortrag vor der LGA-Gruppe Henryk Pierzchala. In Anwesenheit rangho- her Vertreter der Berg- und Hüttenakademie COH sOwie auch von Krystyna Qleksy vom Staatlichen Museum Auschwitz referierte er darũber, wie der Leipzi- ger Mathematikwissen- Schaftler Dr. Hasso Härlen dem polnischen Mathematiker Stanis— law Golab das Leben rettete. Besonders ein- dringlich war dies we— gen der Anwesenheit der Tochter des Geret- teten, die Sich ausdrũck- lich den Schlussfolge- rungen von Henryk Pierzchala anschloss. Anmedore Smich Aus dem Bericht zu Prof. Pierzchalas Projekt In dieser perfiden und bestens do- kumentierten Vernichtungsaktion hat SS Sturmbannführer Bruno Müller, Befehlshaber des Finsat?kommandos der Sicherheitspolizei und des Sicher- heitsdienstes der SS, am 6. November 1939 insgesamt 184 Professoren, Do- zenten und akademische Assistenten der Krakauer Hochschulen sowie zu- fällige Begleiter verhaften lassen, nachdem diese, seiner heimtückischen Pinladung zu einem„Pseudovortrag“ folgend, sich im Collegium Novum der Jagiellonen Universität Krakau ver- sammelt hatten. Sie wurden in verschiedene Kon- zentrationslager deportiert, wo 15 zu Tode gequält und umgebracht wurden. Infolge zahlreicher internationaler Solidaritäts- und Protestinterventio- nen erfolgte am 8, Februar 1940 die Freilassung von 102 älteren Krakauer Wissenschaftlern aus dem KL Sach- senhausen-Oranienburg, dann folgten weitere Freilassungen der restlichen Professoren. 15 Personen sind auf— grund der Erschöpfung von den bar- barischen Bedingungen in den Kon- zentrationslagern und wegen des KZSyndroms in Krakau verstorben, S0 dass insgesamt 30 unschuldige Ver- treter der polnischen und internatio- nalen Wissenschaft dieser barbari- schen Aktion zum Opfer gefallen sind. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 15 Begegnung mit Halina Birenbaum Als feststand, dass bei der Studien- reise Giehe Bericht S. 8 ff) eine Begeg mung mit der Holocaust Uberlebenden Halina Birenbaum stattfinden würde, holte ich zur Vorbereitung ihre Biogra- fie„Die Hoffnung stirbt Zuletzt? und ei- nen Band mit Gedichten von ihr aus dem Regel hervor. Bereits nach den er- sten Sätzen erinnerte ich mich, welch tiefes Mitgefühl ich empfand, als ich ih- re Werke zum ersten Mal las. Bewunt derswert und eindringlich bringt sie ih- re Tauer zum Ausdruck, die von einer große Güte und einem starken Glau- ben an die Menschen geprãgt ist. Halina Birenbaum wurde 1929 in Warschau geboren. Im Getto wurde der Vater am„Umschlagplat?“ bei der Deportation von der Familie gerissen. In Majdanek wurde ihre Mutter er— mordet. Sie selbst überlebte Majdanek, Auschwit?, Ravensbrück und Neu— Stadt-Glewe, wo sie 1945 befreit wurde. Zurück in Warschau findet sie ihren Bruder wieder, den einzigen weiteren Uberlebenden ihrer Familie. Sie emi- griert 1947 nach Palãstina, heiratet und wird Mutter von zwei Söhnen. Heute lebt sie in Herzlia. Wie sie zum Schrei- ben kam, berichtet sie im Vorwort ihres Buches„Die Hoffnung stirbt zuletzt“ Giehe folgende Seiten). Ich freute mich sehr Halina Biren- baum persõnlich kennenzulernen. Unt vergesslich bleibt mir die Szene, als sie auf der Pritsche im Block 27„Die Hoff- nung stirbt zuletzt“ signierte. Nachdem wir dort noch einen Augenblick allein geblieben waren, nahm sie mich in die Arme, herzte und küsste mich. Was ich dabei empfand, drückt am tiefsten ihr Gedicht„Tränen“ aus, das ich spãter in ihrem Beisein der Gruppe vortrug. Als bisher Unbekannte sind wir uns begegnet, als innerlich Vertraute haben wir uns verabschiedet. Vielleicht gibt es ein Wiedersehen in Israel. Gerhard Herr Die nohenstehende Zeichmmg stammt von dem jsraelischen Maler und Holocaust Uherlebenden Daid Tur Se jst ehens0 ie das Cedicht„ TI nen“(auf der folgenden Seite) dem Band„Halina Birenbaum umd ich“ entmommen. Nehen Gedich- F ten umd Zeichmmgen sind hier„Gedanen und 3 terpretationen? von Scherinnen und Schlern des Ahert Schweitzer Gymmnasiums umnd des Ge- . chwister Schol Gymnasiums in Marl verõffent — licht Der eine Band wurde 2001 von Kurt Lan- 32 ger für den Sadtpartnerschaftsverein Horzia Mar zum uhaum anbich des ↄMjhrigen Be- Stehens herausgegeben(IBNW 365775006). Z Halina Birenhaums Lrik schreibt Langer im NVachwort, Zwischen den Zelen, S0 Schreiht se. *5 Pre vie den feien Atem, ein Stick Wiodergehurt Momente ohme Jodesgefahr umd ohne Angst“ 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Tränen Von Halina Birenbaum(1967) Man nennt sie bitter, beißend, erstickend. Sie brennen die Augen aus, ritzen Falten ein. Man hat Angst vor ihnen schämt sich für sie Man hãlt sie für ein Symbol der Schwäche, weiblich. Ein Ausdruck von Unglück, Hauer, Krankheit.. Man flieht vor ihrem Angesicht Man versteckt sich mit ihnen Das schlimmste aber jst, wenn ich sie nicht habe wenn in mir die Quelle versiegt. Denn das heißt, ich fühle nicht mehr Mich bewegt nichts mehr, ich kann mich nicht sorgen und nicht freuen.. ich kämpfe um nichts, ich gewinne nichts, ich erstrebe nichts und nichts. Das bedeutet, dass mich nichts angeht und ich niemanden angehe. Wie ein Stein ein lebendiger Toter. Trãnen sind unersetzlich für mich Ich muss ihre beißende Flamme unter dem Augenlid spũren Ich muss ihre nasse, warme Spur auf den Wangen fühlen Den Würgegriff, das Schütteln im Körper und rasendes Herzklopfen, das ihr Rinnen hervorruft. Ich muss den Trost ihrer Herzlichkeit empfinden und den brennenden Schmerz ihrer Bitterkeit Aus Zorn oder Protest Ich muss sie in den Augen eines anderen Menschen sehen. Wie eine Spiegelung Echo aus der Berülmung, welches in dem anderen mir zuliebe geboren wird. Trãnen sind unersetdlich für mich Ein Schatz, eine Reinigung vom Staub Aus den Wirren des Alltags, der Müdigkeit, der Erniedrigung. Das ist die Auferstehung, die Geburt. rãnen sind Offnung Wahrheit, Leiden und Glück Trãnen sind die Seele manchmal verwundet, schmerzhaft, verbittert manchmal fröhlich strahlend aber nie versteinert. Trãnen sind unersetdlich für mich Damit ich vollends spüre Ich lebe, ich besitze ein Herz Und ich bin wirklich ein Mensch. Vhersetæung Nea Wissberg BOh Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 17 Die Hoffnung stirbt zuletzt Halina Birenbaums Aufbruch in die Vergangenheit „Afhruch in die Vorgangenheit“ nannte Halina Birenhaum im Untertite ihr Prinnerimgsbuch„Die Hoffmnung stirbt æMetzt“ das 106 in Polen erschien und 7960 in Meutschland(siehe Mitteiungsblatt Oktober 7904). Teider jst es derzeit im Buchhandel vergriffon. Angeregt durch die Begegnung mit Halina Birenhaum im Sommer hei der Studienreise in Auschwit drucken wir hier das Vorwort aus dor deutschen Ausgahe, die 006 im Prlag Sfaatliches Muselum in Qswiecim er- chienen ist. Die Vberetæung aus dem Folnischen stammt von Esther Kins Ich kam nach Israel, als der Krieg Staates, der gerade erst entstanden von 1947 begann. Alle Leute in diesem war. Es war keine Zeit für Erinnerun- Land kämpften damals um ihre eigene gen, die noch so frisch waren. Ich Fxisten? und um das Bestehen des kämpfte mit meinem täglichen Pflich— . „ 3„ M SE 22 Halina Birenbaum in Birkenau, dem Ort ihrer— Pemitigung 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ten und der Erfüllung der Notwen- digkeiten des alltãglichen Lebens. Das beanspruchte mich in einem Maße, als hätte ich nie etwas anderes gekannt, als hätte mein ganzes Leben eben hier seinen Anfang genommen. Die ganze Vergangenheit hingegen sank tief in meine Seele hinab. Prst der Eichmann-Prozess brach- te eine Wende in meinem Leben. Als ich im Radio die Stimme des Anklä- gers Gideon Hausner gehört hatte, wich ich keine Minute mehr von dem Apparat. Ich ließ meine Hausarbeit liegen, vernachlässigte meine Kinder, verrichtete nur das Allernotwendigste und hörte den Prozess in Jerusalem an. Meine Herkunft, mein Lebenslauf tauchten aus der Anonymität auf. Es wurde mir bewusst, dass ja auch ich von irgendwoher hierhin gekommen war, eine Familie gehabt, mit anderen Menschen gelebt hatte, auch wenn jetzt weder diese Menschen noch die- ses Leben mehr existierten. Es war, als kKehrte ich wieder nach Hause zurück, und durch diese merkwürdige Fügung des Schicksals war ich mir selbst nãher gekommen. Moch in den erschũtternden Aussa- gen der Zeugen fehlte etwas. Es fehlte etwas gan? Wesentliches- die Atmo- sphäre dieser unausgesetzten Bedro- hung des tãglichen Lebens inmitten all der Schrecken des Krieges. Ich hatte dieses Grauen fast sechs Jahre lang ein- geatmet, sechs Jahre, deren jede ein- zelne Stunde eine Ewigkeit oder die Stunde vor dem Ende war. Meinem Mann erzählte ich Tag und Nacht davon, bis er mir schließlich vorschlug:„Schreib doch ein Buch darüber!“ Ich nahm das mit Verwun- derung auf- und mit Schrecken. Wie Sollte man das alles beschreiben? Alle diese Fakten, Ereignisse, Leiden und ver?weifelten Hoffnungen. Als diese Fakten, Ereignisse, Leiden und ver- zweifelten Hoffnungen. Als ich meine Aufzeichnungen beendet hatte, fühlte ich mich großartig: Ich hatte mich ei- ner Last entledigt! Pas war es, was ich hatte tun müssen, was man von mir verlangte. Ich empfand diesen Augen- blick als den erhabensten meines Lebens. Meine nächsten Angehörigen, ihre Vergangenheit, meine Vergangenheit, die ich mit ihnen teilte, ihr Leben, ihr Tod- das war nicht mehr nur meine Sache. Sie waren wieder lebendig, als Seien sie hei mir. Und alle kõnnen jetzt ihr Schicksal erfahren, vor allem die, die mir heute am nächsten stehen: meine Kinder, ihre Freunde, meine Bekannten. Mit diesem Buch habe ich den Weg zu vielen Herzen gefunden. Ich habe Freunde in den verschiedenen Län- dern gewonnen: Erwachsene und Kinder, Jluden und Angehörige ande- rer Völker. Man hat mir tiefstes Ver- ständnis und Anerkennung entgegen- gebracht ich habe nicht genug Worte, dafür zu danken. Ich habe erfahren, daß überall Menschen bereit sind zu hören und zu verstehen, wenn sich ihnen ehrlich und aufrichtig ein Herz öffnet, um in Liebe und Vertrauen die Wahrheit weiterzugeben, die es in sich trägt. Diese Wahrheit wird angenom- men, so schwer und schmerzlich sie auch sein mag, ja es zeigt sich sogar, dass sie Trost und Glauben an das Le- ben spenden kann. Halina Birenbaum Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 19 Halina Birenbaum Es ist Schon einige Jahre her, dass ich sie das erste und zugleich letz⸗ te Mal gesehen habe. Wenn ich mich an sie erinnern will, schließe ich die Augen und ver- suche Bilder und Eindrücke wie— der lebendig werden zu lassen, die ich noch habe an jenen Herbstnachmittag: Es ist die Nummer, an die ich zuerst den— ken muss Ihre Nummer Noch bevor mir schemenhaft das Haus und ihr Wohnzimmer, in dem ich saß, vor meinem geis- tigen Auge erscheinen, ist es die eintätowierte fünfstellige Zahl auf ihrem Arm, die ich immer noch deutlich vor mir sehe. 48693 Warum trãgt sie noch diese Num- mer am Unterarm, frage ich mich. Ich höre gebannt ihrer per- sönlichen Leidensgeschichte zu. Doch immer wieder kehren mei- ne Gedanken zu dieser Zahlen- kombination zuròck. Sie hätte sie doch entfernen lassen könne! Nun, verblasst sind die Zahlen schon ein wenig, aber immer noch sichthar. Wie kann sie damit leben? Ihr Leben Die unvorstellbare Tragòdie der Shoah, in den Medien stetig wie- derkehrend, bekommt nun ein Gesicht. Jetzt sind es nicht mehr nur Statistiken, die sich mit der anonymen Masse der Opfer be-⸗ schäftigen, nun ist es ein wahr- haftiger Mensch, der uns einen Finblick in die Vergangenheit ge- währt. Die Nummer hilft ihr beim Prin- nern, sagt sie. Sie kann und will nicht vergessen. Später einmal lese ich in einem ihrer Gedichte, dass sie diese Tätowierung ihre Seele nennt. Was muss passiert sein, damit fünf Zahlen einen Lebensabschnitt besser beschrei- ben, als sie es jemals in Worte fassen könnte? Muschwitz Gibt es für den Irrsinn Worte? Ich finde keine. Gibt es für diesen Wahnsinn Zah- lenꝰ Eine Menge, doch sie bekom- men erst eine wahre Bedeutung, wenn man in diesem Wohnzimmer in Herdlia in Israel saß. Nur wer dieser Gastgeberin zu— gehört hat, versteht, dass hinter all diesen Statistiken, Berechnun- gen und Zahlenspielereien, die uns bis in die Gegenwart beg- leiten, immer persõnliche Schick- Sale stehen. Ich habe eines davon kennen lernen dürfen! Wenn ich heute an die Shoah denke, so erfülle ich ein altes jüdisches Dogmat: sich erinnern ist wichtig für das Verständnis der Gegenwart und ein verant- wortungsvolles Handeln für die Zukunft: ich hoffe, ich kann das. Wenn ich heute an die Shoah denke, an mehrere Millionen Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes, an die wenigen Tausend Uberlebenden der Kon- zentrationslager, s0 denke ich an Halina Birenbaum Dennis Mela, gehoren 1060 (aus„Halina Birenbaum umd ich“ Sehne Seite 10) 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wir lassen uns von den Nazis nicht provozieren Bericht über eine Fahrt nach Auschwitz mit Wetterauer Politikern In zwei Berichten in den letzten Mitteilungsblättern haben wir darge- stellt, wie sich Rechtsradikalismus in einer Kommune entwickelt. Wie junge NPDNazis agieren, wie sie ihre braune Saat von der Gemeinde hin zum Land- kreis bis zum Bundesland verstreuen. Aber auch die Gegenbewegung in der Stadt und im Landkreis wurde be- schrieben s0 Zum Beispiel, wie auf die Provokationen des hessischen NPI- Vorsit?enden Marcel Wöll? hin die politische Spitze des Wetteraukreises den Beschluss fasste, mit Vertretern aller demokratischen Parteien nach Auschwitz zu fahren. Der nachfolgende Bericht beschreibt diese Fahrt, die von der Lagergemeinschaft Auschwitæ HelmdesKreis der Auschwitzer([GA) auf Wunsch der Politik organisiert wur- de. Damit sollte ein Zeichen gegen die offenkundige Folocaust-Leugnung und gegen die NPTDNazis gesetzt werden. Die Ausfälle eines Nazi-Agitateurs Die Fahrtvorbereitung steht unter dem Eindruck einer ungeheuerlichen Forderung Marcel Wölls im Kreistag, bei der Klar wurde, dass er sich weniger als Abgeordneter denn als Provokateur und Nazi-Agitateur versteht. Er hatte beantragt, Geldmittel für Jugendfahr- ten nach Auschwitz zu streichen, da in der dortigen Gedenkstätte und dem Museum die Jugendlichen einer „Sehirnwäsche“ unterzogen würden. Wöll bezeichnete dabei Auschwit? als „Stätte des so genannten nationalisti- schen Terrors“. Daraufhin gab es eine Strafanzeige von Abgeordneten und auch aus der Kreisspitze heraus. Eine Ankage wegen Volksverhetzung stand im Raum. Die Ermittlungen der Staatsan- waltschaft gegen Wöll sind Teil der Diskussionen anläßlich eines Treffens von Kreispolitikern, Schulsprechern und Pressevertretern, die sich auf eine Studienfahrt nach Auschwit? vorbe- reiten. Eingeladen sind auch Landrat Rolf Gnadl, der Vertreter des Landra- tes und erste Kreisbeigeordnete Oswin Veith, der Kreistagsvorsitzende Bernfried Wieland sowie die Frakti- onsvorsitzenden und weitere Abge- ordnete von CDU, SPD, Grünen, FDP. FW6 und Linken. Vorgestellt wird bei dem Termin das Reiseprogramm, das der Autor dieses Berichtes mit Ewa Guziak und Teresa Milon-Czepiec von der Internationalen Jugendbegeg- nungsstätte in Oswiecim/Auschwitz abgesprochen hatte. Das Beispiel IC Farben Den Schwerpunkt der Vorbereitung bildet ein besonders exemplarisches Beispiel, an dem sich eine unheilige und schuldhafte Kontinuität des Pritten Reiches in der Nachkriegszeit und der Wl it nicht nur Landesvorsitzender der NPD in Hessen, sondern auch Kreistagsab- geordneter in der Wetterau umd Stadtverordneter in der Hessentagsstadt Butzhach Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 21 Kranzniederlegung vor der„Todeswand“ im Hof von Block 11: Landrat Rolff Gnadl, Kreis- tagsvorsitzender Bernfried Wieland, Erster Kreisbeigeordneter Oswin Veith, Diethardt Stamm heutigen Bundesrepublik verdeutli- chen läßt: Die„IO-Farben-Auschwitz“ ist nicht nur ein Thema der Geschichte, Sondern höchst aktuell. Zusammenge- faßt ergeben sich daran folgende Stich- worte als„roter Faden“: Das Militär definiert die Produktionspro?Zesse in der Großindustrie, die Industrie definiert die Firmenkonzentrierung Cog. Inter- essengemeinschaft), die Nazis definie- ren, welche„Arier“ einen solchen Betrieb leiten dürfen und welche Rolle er in Auschwitz spielt Monowitz), die Nazis definieren die begleitenden Gesetze G. B. Reichwirtschaftsenergie- gesetz von 1935), die Bundesrepublik definiert die Nichtnotwendigkeit einer relevanten Gesetzesnovellierung und läßt den Naziwortlaut des Gesetzes bis 1998(1) genauso bestehen, wie die Reste der IOFarben und die Struktu- ren in den entflochtenen„Nachfolgebe- trieben“(Farbwerke Höchst, Bayer- Leverkusen und BASF). Dort tauchen in den Vorständen schon bald nach Kriegsende wieder Funktionäre auf, die bereits in Nazi-Zeiten das Sagen hatten viele von ihnen werden mit dem Bun- desverdienstkreuz dekoriert. Was Friedberg mit Zyklon B zu tun hat Aus den Erklärungen am„roten Faden“ wird nicht nur partiell Klar, wie sich die Nazis etablieren und ver- brecherisch agieren Konnten, es zeigen Sich auch die Versäumnisse der BR. Es gibt eine durchgängige Linie von den Mlt- Nazis zu den Neu-Nazis. Die Betroffenheit der Wetterauer Politiker und Politikerinnen ist nach zwei Stunden groß, es gibt gezielte Nachfragen und den Wunsch nach mehr Informationen. Im Namen der 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer LGOAM wird das neue Buch„Zyklon B“ von der gleichnamigen Forschungs- gruppe in Pessau, die auch unser Part- ner ist, übergeben. Mit Zyklon B expe- rimentierte erstmals die SS im Herbst 1941 an der Ermordung von Men- schen. Produziert wurde das Giftgas von der Firma NPegesch, an der die IG Farben große Anteile hatte. Uber eine Million Juden, Sinti und Roma, sowjet- ische Kriegsgefangene, Zeugen Jeho- vas und weitere Verfolgte des Nazire- gimes wurden mit Zyklon B ermordet. Das Buch„Zyklon B“ weist schließlich auch auf Zerstörung der Degesch-Bürozentrale in Dessau im Krieg hin und auf die Umsiedlung an den neuen Standort Friedberg- die Kreisstadt der heutigen Wetterau. Inwieweit die Schreibtischmörder der Degesch eventuell direkt an der Kai- Serstraße in Nãhe der heutigen Kreis- verwaltung am Europaplatz arbeite- ten, muss noch recherchiert werden. Die Teilnehmer des Vorbereitungs- seminars erkennen aber die Zusam- menhänge und den örtlichen Bezug. Die erwünschte Motivation ist ge— weckt. Am 7. August- drei Tage vor der Abreise der Politiker und Schüler nach Auschwitz- steht der Nazi Wöll vor Gericht. Unter dem Bindruck des Urteils Giehe Bericht auf Seite 23) fliegt die Politikergruppe am 10. August nach Polen. Die Arbeit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Vom Flughafen in Katowice geht es direkt in die Internationale Jugend- begegnungsstätte in Oswiecim(der Name Auschwitz wird nur noch für das Leszek Szuster, Direktor der Internationa- len Jugendbegegnungsstätte Oswiecim Lager benutzt, um die Verantwortlich- keit der Deutschen zu verdeutlichen). Untergebracht sind die Fahrtteilneh- mer im nahegelegenen„Zentrum für Dialog“. Hier finden in 500 Metern Entfernung vom Lager Begegnungen zwischen Jugendlichen Erwachsenen, Rabbinern und Priestern statt. Man spricht davon, dass es fast immer die Begegnungen von Verletzten seien. „Juden sind von der Erinnerung an den Versuch totaler Vernichtung ver- let?t, Polen von der wiederholten Ver- gewaltigung durch Mächtigere, Deut- sche durch die Schuld in ihrer Geschichte“ heißt es in einer Schrift des Zentrums. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 23 In der Nugendbegegnungsstätte gibt es einen herzlichen Empfang bei Direktor Leszek Szuster. Er berichtet über die Gründung der Stätte vor 20 Jahren, ihrer Entwicklung, den heuti- gen Unterhalt von einem deutsch-pol- nischen Kuratorium und den Pro— grammen, die für viele Gästegruppen durchgeführt werden. Dazu zählt auch ein Workshop, in dem Rechtsradikale mit Auschwitz und dem Võlkermord konfrontiert werden. Bei rund 50 Pro- zent von ihnen gelinge es, ihre nazisti- sche Weltanschauung ins Wanken zu bringen. Insofern lohne sich der Auf— wand, meint Szuster. Der NPD-Nazi Wöll kommt da wieder ins Spiel, und es wird diskutiert, ob man dem ichter im Berufungsverfahren nicht empfeh- len sollte, Wöll auf eigene Kosten unter der Regie der Lagergemein- schaft in Auschwitz mit seiner Holo- caust-Leugnung zu konfrontieren. Szuster würde ihm sogar kostenlos Nazi Wöll Schuldig gesprochen Am 7. August steht der Wetterauer Nazi Marcel Wöll vor Gericht. Das Interesse der Bevölkerung ist genauso groß wie das Bedürfnis des Gerich- tes nach Sicherheit. Jeder Besucher des Gerichtsverfahrens wird einer Kon- trolle unterzogen. Der Richter verweist auf das lange Vorstrafenregister des Angeklagten, meist wegen Körperverletzung. Die FAZ schreibt vom Bie- dermann, der die Maske habe fallen lassen, und vom Rechtsextremisten, der unter Beweis gestellt habe,„dass seine Partei nicht dem demokratischen Grundkonsens dieses Staates gerecht wird“. Dem Angeklagten Wöll stehen zwei Rechtsanwälte zur Seite. Sie spre- chen von einem„Lapsus“ und„Versprechen“. Der Staatsanwalt fordert sechs Monate Gefängnis ohne Bewährung. Der Richter sagt deutlich, dass die Außerungen des Nazi Wöll nur das Schluss zulassen,„dass der Massen- mord an den Juden geleugnet werden sollte“. Der Urteilsspruch lautet auf vier Monate Haftstrafe ohne Bewährung. Das Urteil wird von den Teilnehmern der Auschwit?fahrt positiv aufge- nommen. Landrat Gnadl kommentiert:„Die Demokratie hat sich als wehr- haft erwiesen. Die verfassungsmäßigen Organe das Staates haben gezeigt, dass sie sich gegen Angriffe auf unsere demokratisch pluralistische Gesell- schaft zu wehren wissen“. Und der erste Kreisbeigeortnete Oswin Veith ergänzt:„Herr Wöll hat genau gewusst, was er sagt, jetzt hat er die Konse- quenzen für seine Außerung zu tragen“. Es werden auch Forderungen laut, Wöll doch für sechs Monate hinter Git- ter Zu bringen. Die Gelegenheit könnte sich noch ergeben, denn Wölls Rechts- anwalt Pirk Waldschmitt, der auch stellvertretender NPD-Landesvorsit?en- der ist, legt Rechtsmittel gegen das Urteil ein. Am Ende des Jahres soll es zu einer neuen Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht Gießen. kommen. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer eine Unterkunft in der lugendbegeg- nungsstãtte zur Verfügung stellen. Die Wetterauer Gäste waren auch dabei, als eine deutsch-polnisch-israe- lische Fotoausstellung erõffnet wurde. Themen aus dem Lager Auschwitz und aus der Stadt Oswiecim wurden von jungen Leuten unter Beteiligung des ehemaligen Hãäftlings und Lagerfoto- grafen Wilhelm Brasse ausgewählt. Bemerkenswert ist dabei, dass junge Juden auch in der Begegnungsstätte schlafen. Für ältere ſuden sind das Lager und die umliegende Stadt eine Finheit als der größte Friedhof der Welt. Auch dieses Detail löst bei der Wetterauer Reisegruppe Betroffen- heit aus. Landrat Gnadl betont denn auch in einer Rede gegenüber Szuster, welch wichtigen Beitrag die Jlugendbe- gegnungsstätte zur„wehrhaften Demokratie“ leiste. Es wird verein- bart, dass die anlässlich des 20 jähri- gen Bestehens konzipierte Wander- ausstellung„Die andere Seite der Welt“ im nächsten Jahr in der Wet- terau gezeigt werden soll. Auch der Kreisbeigeordnete Bernfried Wieland sicht durch die Arbeit von Szuster die „Sehirnwäsche-Aussagen“ des Nazis Wöll„erfolgreich konterkariert“. Und er sieht„die Menschlichkeit geför- dert“. Begegnung mit Kazimierz Albin, Auschwitz-Häftling Nr. 118 Am zZweiten Tag der Reise steht die Besichtigung des Stammlagers in Auschwitz unter der kundigen Leitung von Jerzy Debski an. Er ist der KGA aus vielen Führungen als exzellenter Kenner und verständnisvoller Begleit ter bekannt. Viele Einzelheiten erklärt er beim Rundgang durch die Blocks. An der Todeswand des Blocks 11 hält der Kreistagsvorsitzende Bernfried Kazimierz Albin im Gespräch mit Diethardt Stamm Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 Wieland eine bewe- gende Rede und legt gemeinsam mit dem Landrat, dem Ersten Kreisbeige- ordneten und Miet- hardt Stamm einen Kranz nieder. Am Abend kKommt der ehema- lige Auschwitz- Häftling Kazimierz Albin, der auch Mit- E— glied der Lagerge- meinschaft ist, aus Warschau angereist. Der Pole mit der Häftlingsnummer 118 stellt sein bewegtes Leben ab 1939 dar. Er benutꝰt dazu seine Muttersprache und muss nicht nach deutschen Worten rin- gen. Ab und zu rutscht ihm ein„Lager- wort? oder ein abgehackter Befehl der S8 heraus. Die feinfühlige Uberset- zung mit ihren vielen emotionalen Facetten besorgt Elzbieta Stamm. Dem Vortrag von Albin hören auch junge Leute der antifaschisti- schen Initiative Berlin-Moabit zu. Drei Stunden lang könnte man das Fallen einer Stecknadel bemerken. Plastische Schilderungen aus den Tagesabläufen hinterlassen bei allen Zuhörern einen tiefen Eindruck. Am Ende wird Albin gefragt, was er jetzt gegenüber den Deutschen fühle. Er verweist spontan auf seine Freunde bei der Lagergemeinschaft, viele ande- re Begegnungen mit Deutschen und seine Reisen als Zeitzeuge nach Deutschland.„Die Deutschen sind nicht mehr meine Feinde“, sagt er. Und nachdem ihm der Wetterauer Landrat nach einem herzlichen Pan- „ ————— Oswin Veith auf dem Gelãnde des Vernichtungslagers Birkenau keschön ein Präsent überreicht, um- armt er ihn spontan. Viele der Anwe- senden haben sich vorher sein Buch „Steckbrieflich gesucht“ besorgt und wollen nun von ihm- diesem die Her- zen erobernden Mann eine Widmung haben. Auch das macht Mbin trotz sei- ner 85 Jahre und dem spãten Abend in Ruhe mit einem Lächeln. Knochensplitter an den Tümpeln von Birkenau Mit der Voreinstimmung durch die gleichermaßen eindringlichen wie mahnenden Worte von Kazimierz Albin startet die Wetterauer Besuchs- gruppe einen Tag später nach Bir- kenau. Wieder führt Jerzy Debski. Die Findrücke, die viele von der LGAM organisierte Gruppen haben, werden dieses Mal durch eine Besonderheit verstärkt. Wochenlange Trockenheit hat den Wasserstand in den Tümpeln mit der Asche der Ermordeten zurückgenommen. Die Ränder der Tümpel sind übersät mit unendlich vielen Zwei bis drei Millimeter großen 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer von der Sonne gebleichten Knochen- splittern, die sich fast weiß von der braunen Erde abheben. Pinige in der Gruppe verharren nachdenklich allein bei diesem Anblick. Wie viele Men- schenschicksale verbergen sich auf dem Zeugnis von ein paar Quad- rat?entimeternꝰ? Wie kann da ein Mar- cel Wöll in der Wetterau den Holo- caust leugnenꝰ Die Gruppe verlässt danach für einige Stunden die Gedenkstätte Auschwitz zu einem Besuch in der Stadt Qswiecim. Ein junger Manm als Freiwilliger für die Aktion Sühnezei- chen führt durch die einzige wieder errichtete Synagoge und erläutert Rituale und das ehemalige Leben der Juden in der Stadt. Heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr. Im Archiv der Gedenkstätte Am Abend erwartet der deutsche Generalkonsul Dr. Thomas Gläser, der auch LGAMitglied ist, die Wet- Generalkonsul Dr. Thomas Gläser terauer. Er ist von seinem Mienstsitz in Krakau angereist und spricht über die tãgliche Praxis der deutsch-polnischen Bezichungen. Diese stellt er in einem viel besseren Licht dar, als es über unsere Medien geschieht. Er beklagt allerdings auch die erschreckende Unkenntnis der meisten Peutschen über die polnischen Nachbarn. Die Frage nach polnischen Dichtern oder Wissenschaftlern bleibe oft unbeant- wortet. Dr. Gläser ist über die KGA gut über die Hintergründe der Reise der Kommunalpolitiker informiert und lobt die Aktivitãten gegen rechts. Er zeigt sich über die erhöhten Zuschüsse für Schülerfahrten nach Auschwit? beeindruckt und bezeich- net den Widerstand gegen die rechts- radikale NPT als vorbildlich. Gerne will er weitere Gruppen aus der Wet- terau im Generalkonsulat in Krakau empfangen. Am letzten Tag lãsst es vich Krystyna Oleksy, die stellvertretende Gedenk- stättenleiterin und Direktorin des ernationalen Zontrums für BMdung iher Auschwitz und den HOOcaust, nicht nehmen, die Gruppe zu empfan- gen. Sie berichtet über die Arbeit der Gedenkstätte und über die jahrzehnt- lange Zusammenarbeit mit der Lager- gemeinschaft. Sie erwähnt die Unter- stützung bei der Renovierung von Skulpturen und bei Gussabdrũcken in Bronze, die noch zu Zeiten von Hermann Reineck- dem ehemaligen KZHäftling und Gründer der Lager- gemeinschaft— durch Spenden der LGA ermöglicht wurden. Im Rahmen einer besonderen Ehre dürfen die Besucher aus der Wetterau das Kunst- archiv im Lager besuchen. Für die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 Landrat Rolf Gnadl bedankt sich bei Krystyna Oleksy Lagergemeinschaft ist dies unter anderem ein Anlass, der Gedenkstätte wieder eine größere Geldsumme für eine weitere zweckgebundene Aktion in Auschwitz in Aussicht zu stellen. Die Nachbereitung Nach der Heimreise gibt es in vie- len Zeitungen eine umfassende Berichterstattung über die Ereignisse der Fahrt. Der Journalist Thomas Kopp und der Kommunikationsleiter des Wetteraukreises, Michael Elsaß, die beide die Fahrt begleiten, versor- gen die Medien mit umfassenden Informationen und Hintergrundmate- rial. Die LGA bewertet die Fahrt in einer Presseerklärung als schr positiv. Wenige Tage später fordert der Staatsanwalt im Rahmen des Beru- fungsverfahrens gegen den NPTD-Nazi Woll die Haftstrafe von vier auf sechs Monate ohne Bewährung zu erhöhen. Sleichzeitig läuft ein neuer Prozeß gegen Wöll an, wieder einmal wegen Gewalttätigkeiten. Die Förderung von Studienfahrten nach Auschwitz wird erweitert Abschließend gibt es Ende August ein Nachbereitungstreffen in Kreis- haus. Dort werden die Tätigkeiten der Lagergemeinschaft gelobt. Elzbieta Stamm erhält für ihre Polmetscher- tãtigkeiten und die Organisation, hin- ter der Kulissen“ das Wetterauer T. Shirt mit Schal aus der Hand von Landrat Rolf Gnadl. Auch Diethardt Stamm wird gewürdigt. Wichtig sind aber die Beschlüsse der Runde. Alle sind sich einig, dass Schülerfahrten in Gedenkstätten des Nationalsozialis- mus weiter gefördert werden müssen. „Jeder weitere Antragsteller be- kommt Geld“, sagt der stellvertre- tende Landrat und Kämmerer Oswin Veith. Es wird festgestellt, dass die Summenverdopplung im Wetterauer Haushalt aufgrund vieler neuer An- trãge nicht ausreicht und aktuell sSchon der dreifache Betrag ausgegeben sei. Angesprochen werden Möglichkeiten der Mittelbeschaffung über die Lan- des und Bundeszentrale für politische Bildung(u.a. kostenlose Bücher) sowie Möglichkeiten der Lehrerfort- bildung. Die Fahrt nach Auschwitz erweist sich als das, was auf der Kran?schleife der Gruppe am Todesblock 11 sinn- gemäß steht:„Mahnung und Ver- pflichtung zugleich“. Die demokrati- schen Kreistagspolitiker werden beiden Forderungen gerecht. Diethardt Stamm 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Lagergemeinschaft Auschwitz bewertet Politikerfahrt nach Auschwitz positiv Artikel(Aus?zug) aus der Butzbacher Zeitung vom 24. August 2007 BUTZRACH(pe). Nachdem die Lagergemeinschaft Auschwitz die poli- tische Kreisspitze des Wetterauerkrei- Ses und Vertreter aller demokratischen Parteien im Kreisparlament zZu einer In- formations- und Gedenkreise nach Auschwitz begleitet hat, weist der Vor- Stand auf die Vorbildlichkeit dieser Ak- tion hin. Die Demokraten hätten par- teiũbergreifend gemeinsam auf die Provokation der rechtsradikalen NPT im Kreistag und deren faschistische Umtriebe und gewaltsame„Argumen- te“ reagiert... Die Fahrt der Politiker nach Auschwitz und die vielen Gegen- aktionen in der Wetterau machten nicht nur Mut, sondern zeigten auch auf, dass die Pemokraten sich zu weh- ren wüssten. Der ehemalige Häftling aus dem ersten polnischen Transport nach Auschwitz, Kazimierz Albin, mit dem die Politikergruppe zusammen getroffen war und der über seine Er- lebnisse in dem Konzentrations- und Vernichtungslager sprach, bekräftigte ebenso diese Anliegen und sprach von gefährlichen Aktivitäten der NPD in- und außerhalb der Parlamente in Deutschland.(..)„Wir haben gerne die Fahrt nach Auschwitz organisiert und begleitet und sind uns sicher, dass dies den Politikern viele Argumente im Kampf für die Pemokratie gelie- fert hat“, sagte Diethardt Stamm. das brauen an el· „§ Aui EIan NLh- Eine Stadt aui der Suche nach Mormalität dumurra Black n LRgm- lml at ah U kr Mr LaL I nae des Noes. — nnrir her Häftling mit der Nummer 115 1nh berichtete ü er seine Zeit im h.—— K———— — eugung vor AuschwitzOpfern ⸗ ——— Die Tageszeitungen berichteten ausführlich über die von der Lagergemein— schaft organisierten Informationsreise der Wetterauer Kreispolitiker Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 Vom Suchdienst zum Forschungsarchiv Das Archiv des Internationalen Suchdienstes des DRK in Bad Arolsen soll bald auch für die Forschung geöffnet werden Bislang kamen Wissenschaftler und Interessierte, die zum Schicksal einzel- ner Holocaustopfer forschten, relativ schnell an ein Ende: Zu vielen Men- schen, die dem Nazi-Terror zum Opfer fielen, ließen sich nur we- nige, häufig gar keine Da- ten ermitteln. Vielfach mussten daher Parstel- lungen vage bleiben, oft waren sie gar voller Feh- ler, die sich auch bei außerster Vorsicht nicht vermeiden ließen, da die Quellenlage schlecht war. Daher waren die Hoff— nungen groß, als die vie- len Initiativen, die seit ge⸗ raumer Zeit darauf ge- richtet waren, das Archiv des Interna- tionalen Suchdienstes(¶SD) des Roten Kreuzes in Bad Arolsen auch für die Forschung zu öffnen, endlich zum Er- folg gelangten: Der ISD wurde gegrün- det, um Auskunft über das Schicksal von Verfolgten des NSRegimes zu ge⸗ ben und Familien wieder zusammen zu führen. Zugang hatten bislang nur die Betroffenen selbst und ihre Angehöri- gen, 2006 wurden jedoch die so ge— nannten Bonner Verträge, die u. a. die Archivbenutzung regeln, überarbeitet. Mit Frankreich und Griechenland haben nun die letzten beiden der betei- ligten Länder die Anderungen ratifi- ziert, jedoch sind die schriftlichen Noti- fierungen(bis Zzum Redaktionschluss dieses Mitteilungsblattes) noch nicht beim Auswärtigen Amt in Berlin einge- gangen, wie der ISD auf Anfrage mit- teilte. Obwohl dieser bürokratische Prozeß noch nicht ganz abgeschlossen ist, S0 arbeitet der ISD doch schon mit Wissenschaftlern zusam- men. Und diese ersten Ar- beiten lassen erahnen, wie schr die Offnung der Ar- chive die Arbeit in Zu— kunft verändern und ver- bessern wird. Sobald alle beteiligten Staaten absch- ließend zugestimmt ha- ben, haben Fistoriker Zu— gang zu über 30 Millionen Dokumenten— u. a. aus den Konzentrationslagern Sowie zur Korresponden? zwischen Staaten oder Privatpersonen und dem Suchdienst, die älter als 25 Jahre ist. Der ISD wird die Paten auch den nationalen Archiven zugänglich machen, schon jetzt laufen die Vorbe- reitungen dafür auf Hochtouren. Die Entstehung des Internationalen Suchdienstes Um die Bedeutung des ISD-Archivs richtig zu begreifen, muss man zu— nãchst freilich in dessen wechselvolle Geschichte schauen: Bereits im Jahr 1943 wird auf Initiative des Haupt- quartiers der Alliierten Streitkräfte beim Britischen Roten Kreuz in Lont don die Abteilung für Internationale Angelegenheiten zu einem Suchdienst ausgebaut, der mit der Registrierung 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer von Verschollenen und ersten Ermitt- lungen beginnt. Im gleichen Rahr noch begreifen die Alliierten, dass das nahende Ende des Krieges genauere Prhebungen über die Situation der Zwangsarbeiter und Flüchtlinge in Mitteleuropa nõtig macht. Paher über- nimmt das SHAEF(Supreme Head- quarters Allied Expeditionary Forces) am 15. Februar 1944 die Arbeiten des Zentralen Suchbüros und verlegt den Standort- jeweils der Front folgend- von London nach Versailles und an- schließend nach Frankfurt am Main, um dort den elementaren Bedürf— nissen der befreiten Häftlinge und Deportierten besser gerecht werden zu können. Da die Massen an Flüchtlingen nicht sofort repatriiert werden kön- nen, werden Sammellager gebildet, um von dort aus die Heimführung der Uberlebenden zu organisieren. Bis zum 30. Juni 1947 ist es die UNRRA (United Nations Relief and Rehabili- tation Administration/Hilfs- und Wie- deraufbauorganisation der Vereinten Nationen), die die Versorgung und Rückführung von Millionen nicht deutscher Flüchtlinge organisiert. Bereits im Nanuar 1946 wird die humanitäre Institution nach Arolsen verlegt, da der Ort etwa im geografi- schen Mittelpunkt der damaligen vier Besatzungszonen liegt und über eine intakte Infrastruktur verfügt. Ab Juli 1947 übernimmt die IRO(nternatio- nal Refugee Organizationnternatio- nale Flũchtlingsorganisation) das Zen- trale Suchbüro, das ab dem 1. Rnuar 1948 unter dem noch heute gültigen Namen„International Tracing Service TTS* seinen Aufgaben nachgeht. Im April 1951 geht die Leitung an die HCO6(Allied High Commission for Germany(Alliierte Hochkommis- sion für Deutschland) über, 1955 dann nachdem der Besatzungsstatus in Deutschland aufgehoben wurde— übernimmt ein Internationalen Aus- schuss unter Leitung des IKRK Unter- nationales Komitee vom Roten Kreuz) in Genf die Aufsicht über den ISD/TS. Künftige Nutzungsbedingungen stehen bereits im Internet Am 16. Mai 2006 wurde nun die lang ersehmte Anderung der Bonner Vertrãge beschlossen, um Informatio- nen aus den Archiven künftig auch der Forschung zugänglich zu machen. Vor wenigen Wochen war der Leiter des ISI, Reto Meister, bereits in Washing- ton, um erste digitalisierte Patensãtꝰe dem USHolocaust Memorial Museum zu übergeben. Anlässlich dieses Ereig- nisses erlãuterten die beiden Institutio- nen in einer gemeinsamen Erklärung die augenblicklichen Schwierigkeiten bei der Digitalisierung:„Zwar jst die Vhergabe ein wichtiger erster Schritt doch jst die Herausforderumg, Zugang zum Material zu schaffen, Sehr groß. Un imrem derzeitigen Zustan IEsst Sich die große Mehrheit der Archiwmaterialien, die mehr als 50 MMionen digitalen Ima- ges der Karten in dor Zentralen Wamen- Kartei eingescMossen, nicht mittels einer SCMmaschine, PeisPiclsweise es TjPs GOople recherchieren. Zwar giht es vic 7 Qer TTOMmente jefæt auuf digita- ſem Tägen doch t die üherwiegende Mohrheit der in ihnen enthaltenen mormationen nicht in einer such- fahigen Patenhank indiziert worden. mrmationen üher eine EinzepersOn Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 31 im Archivmaterial zu Hnden, jst ein KOmplexer zoitalfwndiger PrOzess, SOgar für Frsonen mit eingehendoer SChUung und jahrelanger Erfahrung.“ Beim ISD geht man davon aus, dass der Abschluss der formellen Ratifizie- rung mit dem Eingang der noch letzten fehlenden schriftlichen Notifizierun- gen beim deutschen Außenministe- rium noch in diesem Jahr bestätigt wird. Pann können zu Beginn des Jah- res 2008 die Archive für die wissen- Schaftliche Forschung geöffnet werden. Dafür ist der ISD bereits bestens vorbereitet: Forscher sollten unbedingt die Homepage des ISD im Auge behal- ten(Www. its-arolsen. org) auch eine entsprechende Mailadresse ist bereits eingerichtet: itsdoc Sits-aroen. org (für Betroffene und ihre Angehörige, die weiterhin jederzeit Zugang haben, gilt die Adresse: itsfraceSits-arolen. org. Bereits jetzt stehen die Nutzungs- bedingungen online- sich vorab zu int formieren, lont sich in jedem Fall. Sascha Feuchert Der Autor ist Mithegrüinder umd sfel- vertrotender TLeiter der ArheitssfeMe HOcausiteratur an der Mstus-Le- hig- Vniversitẽt Gießen. Keine Entschädigung für SS-Opfer in Distomo Bundesverfassungsgericht weist Beschwerde zurũck Für Touristen ist Griechenland vor allem ein schönes Urlaubsziel. Von der jüngeren Geschichte, insbesondere der deutschen Besatzung während des zweiten Welt- kriegs, wissen die meisten nur wenig. Ortsnamen wie Pistomo, Kalavrita und Kom- meno standen jahrelang in keinem Reiseführer. Sie stehen jedoch beispielhaft für die nationalsozialistischen Verbrechen an der Zivilbevõlkerung und die Erinnerung an das erfahrene Leid.? So wie Lidice in Tschechien und Oradour in Frankreich. Gedenkfeier am 60. Jahrestag des Massa- kers in Distomo Foto: www.nadir.org Die Verbrechen während der deut- schen Besatzung Griechenlands sind in Neutschland ohne jede rechtliche Kon- sequen?z geblieben. Keiner der Täter stand vor Gericht, die meisten Opfer wurden niemals entschädigt. Die Bunt desregierung behauptet, mit einer ein- maligen Zahlung von 115 Millionen HM im JRahr 1961 sei alles erledigt. Die- Ser Betrag deckt aber noch nicht einmal im Ansatz die Schulden der BRT ge- genüber Griechenland ab. Die kategorische Weigerung auch * ⸗ ⸗ S0 nadin ein Informationssystem zu Vnker. POiti und S0zialem Bewegun- gen in ternet“ www nadin Org 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nur in Verhandlungen einzutreten, führ- te Zu einer Welle von Klagen gegen die Bundesrepublik Deutschland, vor allem vor griechischen Gerichten. Im Fall Distomo gelang dabei ein spektaku- lärer Erfolg. Deutschland wurde 2000 vom obersten griechischen Gerichtshof rechtskräftig zur Zahlung von ca. 28 Millionen Furo verurteilt. Gezahlt wur- de jedoch nicht. Mit politisch-diploma- tischem Druck wurde die griechische Regierung erfolgreich genötigt, die Vollstreckung aus dem DistomoVrteil gegen Deutschland zu unterbinden. Im Sommer dieses ahres wies das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe vier Beschwerden von Angehörigen der Opfer zurück. Das Massaker wurde nicht als Verbrechen gewertet, sondern als Kriegshandlung, für die ein Entschä- digungsanspruch Einzelner nicht beste- he. Der Anwalt der Kläger kündigte an, den Fall vor den Europäischen Ge- richtshof für Menschenrechte in Straß- burg zu bringen. Er kritisierte die Ent- Scheidung als„Fehlinterpretation“. Pie Karlsruher Richter set?ten damit„die Verweigerung einer Entschädigung na- tionalsoZialistischer Verbrechen fort“. Das Haager Abkommen von 1907 ge— wãhre individuelle Schutzrechte. Die vier inzwischen 66 bis 73 Jahre alten Beschwerdeführer lebten als Kin- der im griechischen Ort Nistomo. Port kam es 1944 Zu Kämpfen zwischen den deutschen Besatzungstruppen und Par- tisanen. Als„Vergeltung? erschoss eine SS-Pinheit am 10. Juni 1944 mehr als 200 unbeteiligte Bewohner und brannte das Porf nieder. Unter den Opfern waren die Eltern der Beschwerdeführer. Hans Hirschmann Die Zeit steht für immer Still auf der Uhr von Kalavrita Griechisches Bergdorf war Schauplatz eines Kriegsmassakers Die Schmalspurbahn windet sich durch die enge Schlucht des tosenden Vuraikos. Beiderseits ragen steile Fels- wãnde empor, es geht durch Tunnel und vorbei an rauschenden Wasserfällen. Mit dem Finrasten der Zahnräder be- ginnt der Aufstieg. Nach etwa einer Stunde Fahrt und 700 Metern Höhen- unterschied tauchen auf einer grünen Hochebene die ersten Häuser von Kalavrita auf. Das abgelegene Bergdorf im Nor- den des Peloponnes ist heute ein be- liebter Ferienort vor allem für Athe- ner. Poch in die Idylle der Landschaft mischt sich die Erinnerung an eine der schlimmsten Nazi-Gräueltaten in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges. Ende 1943 nahmen Par- tisanen 81 deutsche Soldaten gefangen und tõteten sie, als Besatzungskräfte sie befreien wollten. Die deutschen Truppen trieben daraufhin am 13. De⸗ zember in Kalavrita alle männlichen Dorfbewohner ab 14 Jahren zusam- men und erschossen sie mit Maschi- nengewehren. Die Zahlenangaben über die Opfer in dem Porf und den umliegenden Ortschaften schwanken zwischen 676 und mindestens 1.436. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 33 Fine Uhr an der Kirche von Kala- vrita vteht noch heute auf 02.34 Uhr-zu dieser Zeit begann das Massaker. Der oberhalb des Ortes gelegene Berghang, an dem die Exekutionen stattfanden, wurde zur Gedenkstätte mit einem weithin sichtbaren weißen Kreuz. Am Fuße des Hangs erinnern fünf ocker- farbene Betonstelen an die Ereignisse des 13. Dezember 1943. Sie zeigen vor allem die Namen derjüngsten Opfer im Alter Zwischen 14 und 18 Jahren. Er- Schütternde Gedichte und Widmungen beklagen das Geschehen. Neben der in den Berg gebauten kKleinen Kapelle prangen die weißen griechischen Schriftzeichen„Ochi pia Polemoi-Eiri- ni“ Mie wieder Krieg-Frieden). Zur Besichtigung der Gedenkstätte kommen gelegentlich auch deutsche Touristen nach Kalavrita. Sie besuchen dann auch die beiden Klöster in der Umgebung- Agias Lavras, von wo mit einem Aufruf des Bischofs Germanos im Rahre 1821 der Befreiungskampf der Griechen gegen die Türken seinen Aus- gang nahm, und Mega Spileon. Dessen Mönche waren die ersten Opfer der Vergeltungsaktionen der Peutschen im Dezember 1943. nach sind höchstens alte Menschen noch verbittert über die Ereignisse wãhrend des Zweiten Weltkriegs. Alte Menschen in Kalavrita- das sind fast ausschließlich Frauen. Viele von ihnen haben nie geheiratet, denn in den er- sten Jahren nach dem Massaker sind nur wenige Männer zugezogen. Die oftmals verhärmten Gesichter dieser alten Frauen verdeutlichen mehr als alle schriftlichen Dokumente, wie sehr ihr Leben von der Gräueltat der deut- schen Besatzer zerstört wurde. Und sie werden auch zu Recht wütend sein über das Gerichtsurteil, das ihnen eine Entschädigung nach all den Jahren im- mer noch versagt. So bleibt dem Besucher von Kala- vrita auch stets der Spruch in Erinne- rung, der unter besagter Uhr am Kirch- turm in griechischer und englischer Sprache in den Stein gemeißelt ist: „Die Sunde der Zertörung hat eine Narhe auf der Zoit hinterlassen. Die Ste hende Uhr wird immer die genaue Sfun- de anzeigen, Zu der die Kafastrophe mit od Blut Fouer Schmerz und Klagen hogamn.“ Annedore Smith GSleichwohl hat man als Deutscher nicht den Eindruck, in Kalavrita unfreundlich empfangen zu werden.„Wir sind heu— te alle in der Europäi- schen Union, und die Ver- gangenheit liegt lange hinter uns“, sagt Dimitris Michalopoulos, der mit seinem Bruder Nikolaos das Hotel„Anesis“ be— Sn treibt. Seiner Ansicht Die Gedenkstätte in Kalavrita Außerordentliche Mitgliederversammlung Der Vorstand der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer lãdt für Samstag, 23. Februar 2008, 15 Uhr zu einer außerordentlichen Mitglieder- versammlung ein. Sie findet im Okohaus der Techrnikerschule, Emil-Vogt-Str. 8 in 35510 Butzbach statt. Auf der Tagesordnung steht die Piskussion über eine neue Vorstandsstruktur CGiehe S. 2 dieses Mitteilungsblattes) sowie die Neuwahl des Vorstandes. Den Mitgliedern geht noch eine schriftliche Einladung zu. Wir weisen daraufhin, dass auch Freunde und Interessierte herzlich willkommen sind. Zug der Erinnerung fährt nach Auschwitz Fine mobile Ausstellung auf Schienen hãält das Gedenken an die von Nazi-Deutsch- land deportierten Kinder wach. In den Waggons sind ihre Lebensgesschichten und Peportationswege dokumentiert. Das von dem Verein„Zug der Erinnerung e. V.“ organisierte Projekt geht auf eine Idee von Beate Klarsfeld zurück, die mit einer Ausstellung an die Deportation von 11.000 jüdischen Kindern aus Frankreich erinnern wollte. Diese Pokumentation durfte auf deutschen Bahnhöfen bisher nicht gezeigt werden. Auch am„Zug der Brinnerung“ hat sich die Deutsche Bahn nicht beteiligt, Gleise und Strom muss der Verein beZahlen, Lokomotive und Waggons sind gemietet. Der Zug wird in vielen Stãdten Station machen und soll am 27. Nnuar 2008 in Auschwitz eintreffen. Infor- mationen im Internet unter, www.Zug-dererinnerung.eu“. Ausstellung„Legalisierter Raub“ in Limburg Die Wanderausstellung des Fritz-Bauer-Instituts und des Hessischen Rundfunks „Legalisierter Nauh Der Fiskus m die Auspinderung der Muden in Heossen 1955 7045wird vom 11. Ranuar bis zum 24. Februar in den Kunstsammlungen der Stadt Limburg, Fischmarkt 21, gezeigt. Anmeldung für Führungen: Telefon(06431) 203257. Informationen im Internet: www.legalisierterraub. hr-omline. de Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherrvom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: www.lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010, Annedore Smith, Albrecht Werner-Cordt Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BIZ 518 500 79) KontoNr.: 20 000 503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererkärung zugeschickt werden kann. Titelfoto: Ausstellung in der ehemaligen Sauna in Birkenau Foto: Paul Petzold