LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTLZ FREUNDESKREIS DER AUSCGHWTZER 26. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 2006 Inhaltsverzeichnis Seite Die ersten in Auschwitz 1 Spenden für ehemalige KZGefangene 2 Auschwitz-Häftling Nr 355 berichtet über seine Verhaftung 3 Gedenkfeier am 14. Juni 2006 5 Arbeit des Christlichen Verbandes der Auschwitzer Familien 6 Wir Lagerkinder 8 Gedenken an die Vernichtung der Roma 11 Bericht von der Studienfahrt 2006 14 Neuer Direktor des Museums Auschwitz 20 Nachlass Hermann Reineck Juden im Getto Litzmannstadt 26 Machtmissbrauch im„Rat der Götter“ 28 Suche nach Zeugenfotos aus dem Auschwitz-Prozess Das Fritz Bauer Institut in Frank- furt, das interdis?ziplinär die Geschichte und Wirkung des Holocausts erforscht, bittet um Mithilfe, um Fotos über Zeu- gen des Auschwitz-Prozesses(1963 1965) zu erhalten. Desweiteren sucht das Institut Hilfe bei der Identifikation von Personen, die auf Aufnahmen des Fotografen Günter Schindler während des Prozesses entstanden sind. Diese Fotos sowie auch eine Liste der Zeugen Mame, Wohnort, Häftlings- Impressum: nummer), von denen noch kein Foto vorliegt, stehen im Internet www. fritz- bauer institut.de/zeugenfotos. Wer kann Hinweise zu Angehörigen oder Einrichtungen geben, die mögli— cherweise über Fotos verfügen? Wer kann auf den Fotos von Günter Schind- ler die Personen identifizieren?ꝰ Kontakt: Frit? Bauer Institut, Wer- ner Renz, Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt/ Main, Iel.(069) 798322 25, E- Mail w. ren?Gfritz- bauer-institut.de. Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: wwwlagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010, Annedore Smith, Mlbrecht Werner-Cordt Ubersetzungen aus dem Polnischen: Elzbieta Stamm Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BIZ 518 500 79) Konto Nr.: 20 000 503 Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 1 Die ersten in Auschwitz Pin weiter Bogen spannt sich zwischen dem 14. Juni 1940 und dem 27. Ranuar 1945— vom ersten Häftlingstransport nach Auschwitz bis zur Befreiung des La- gers fast fünf Jahre spãter. Und indem wir heute versuchen, uns jenen 14. Juni 1940 vorzustellen, an dem die ersten Hãftlinge nach wochen- und monatelangen Tortu- ren an ihrem Bestimmungsort in Auschwitz aus den Waggons geprügelt wurden, ũberblicken wir einen Zeitraum von mittlerweile gut 66 Rahren. so unwirklich erschien den geschundenen Ankömmlin- gen das, was S0O grotesk, F meinte,„Ma- trosen“ zu se— hen, bekam umgehend zu Spüren, wen er vor sich hatte: - sich vor ihren„Die Deut— Augen ab- schen bilde— spielte, dass ten, eng ge— ihnen die Ka- stellt, ein Spa— pos in ihrer lier“, durch gestreiften das die Häft- Montur wie 2 linge getrieben „marynar?ze“, 5.— wurden.„Die wie Matrosen, Geschlagenen erschienen.—— fielen zu Bo— Doch die i Broschüre„Pierwsi v MAuschwit⸗ zu Deutsch den, standen Matrosen“„Die Ersten in Auschwitz“, aus der die Zitate von auf und rann- *. Kazimierz Albin und Jerzy Bielecki stammen, han- erinnert sich delt von den 723 Hãftlingen, die mit dem ersten tén in pani— Kazimierz Al- Transport nach Auschwitz deportiert wurden. Die scher Angst bin(Hãftlings- wenigen Uberlebenden treffen sich noch heute jedes nach vorne. nummer 118) „gingen auf uns zu. Auf den Blusen und Hosen hatten sie grüne Dreiecke und darunter Nummern von 1 bis 30. Nach einem Moment kKnallten die dicken Stöcke und Peitschen in der Luft. Auf die vor Müdigkeit wanken- den Menschen hagelten Schläge, be- gleitet von saftigen Flüchen.“ Und Jerzy Bielecki(Nr. 243), der ebenfalls in der ersten Bestürzung Jahr am 14. Juni in Oswiecim. um wieder un- ter die Schläge der wütenden Henker zu geraten.“. Der 14. Juni, an dem im Jahr 1940 begann, was mit dem Namen„Ausch- wit?“ unauslõschlich in die Geschichte der Menschheit eingeschrieben ist, wurde im Jahr 2006 vom polnischen Parlament zum nationalen Gedenktag für die polnischen Opfer der Nazikon- zentrationslager erklärt. Der 27. Janu- 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ar, der Tag, an dem Auschwitz im Rhre 1945 mit der Befreiung durch die Rote Armee„endete“, wurde von den Ver- einten Nationen bereits im Jahre 2005 offiziell als Internationaler Holocaust- Gedenktag ausgerufen. Das vorliegende Mitteilungsblatt bringt Parstellungen zu den diesjähri- gen Gedenkfeiern in Auschwitz am 14. Juni sowie am 2. August, dem Tag, an dem das sogenannte„Familienzi- geunerlager“ im Jahre 1944„aufge- löst“ und alle Frauen, Kinder und Männer in der Nacht zum 3. August getötet wurden. Wir geben zudem Er- innerungen von Uberlebenden über ihre Lagerzeit wieder. Auch in diesem Jahr haben wir er— fahren, wie froh und auch dankbar unsere Freunde in Polen, in den Klubs in Krakau, Zgorzelec und Warschau sind über persõnliche Gespräche und über das Interesse, das ihre Lebens- geschichten bei uns finden. Stets von neuem erstaunt die Bereitschaft, Fra- gen zu beantworten und den Besu— chern leidvolle Erlebnisse anzuver- trauen. Auch hierũber ist auf den fol- genden Seiten einiges zu lesen. Nicht zuletzt wird auch weiterhin materielle Hilfe benötigt: Geldspen- den zur Finanzierung von Medika- menten und medizinischen Gerät- schaften sowie für kKleinere Anschaf—- fungen und zur Ausgestaltung von Treffen und Begegnungen. Und so verbinden wir unsere guten Wünsche zum Jahreswechsel mit dem Dank für Ihre bisherigen Spenden und der Bitte um weitere Unterstũtzung. Alhbrecht Werner- Cordt Spenden ermöglichen auch Hausbesuche bei Pflegebedürftigen Ambulanz für ehemalige KZHãftlinge Von Martina Hörber Auch in diesem Jahr statteten die Teilnehmer der Studienreise nach Auschwitz Giehe S. 14) der Krakauer Ambulanz für Uberlebende der Kon- zentrationslager einen Besuch ab. Die leitende Arztin, Dr. Helena Slizowska, berichtete den Gästen über ihre Ar— beit. Sehr viel Wert legte sie darauf zu betonen, dass ihre Patienten neben der medizinischen Betreuung auch die persõnlichen Beziehungen zu den Mitarbeitern der Ambulanz sehr schätzen. Es wird darauf geachtet, dass stets auch Zeit für ein Gespräch mit den ehemaligen Häftlingen bleibt. Sehr oft ist auch eine psychologische Betreuung notwendig. Die Ambulanz bietet den oft trau- matisierten Menschen die Möglichkeit, eine umfangreiche medizinische Be- treuung ohne lange Wartezeiten zu er— halten, was das polnische Gesundheits- System nicht leisten könne. In den let?⸗ ten Jahren ist die Zahl derer gestiegen, Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 3 die nicht mehr selbst in der Praxis vorbei- kommen können, sondern der häusli- chen Pflege bedür- fen. Auch dies leistet die Ambulanz, kann aber wegen der Ab— hängigkeit von Spenden keine Ga- rantie geben, dass die Hausbesuche auf Dauer fortgeführt Dr. Slizowska dankte hierfür den an der Studienfahrt teil- nehmenden Vereins- mitgliedern und bat, diesen Dank an die Spender und Unter- stützer zu übermit- teln. PS: Neben dem Betrag an die Ambu- lanz hat unser Verein werden kõnnen. Um 8s0 mehr freute sich Dr. Slizowska über die Ankündigung einer erneuten Spen- de der Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis in Höhe von 2.000 Eu- ro. Ein Betrag in gleicher Höhe war be- reits Anfang 2006 überwiesen worden. Davon wurde ein neues Gerät zur Au- genuntersuchung angeschafft. Dr. Helena Slizowska, Arztin der Am- bulanz für KZ Uberlebende in diesem Jahr 2500 Buro für den Krakau- er Club der Ausch- wit?Hãftlinge, 1200 Euro Arztkosten für ehemalige Auschwitzer in Zgorzelec und 1380 Euro für die pflegerische Be- treung des KZUberlebenden Pawel RZepa bereitgestellt. Uberwiesen wer- den noch 4500 Euro an den Hãftlings- club in Warschau. Auschwitz-Häftling Nr. 355 berichtet über seine Verhaftung „Ich war leider zu impulsiv“ Von Janus? Mlynarski Ich stamme aus einer deutschen Familie. Mein Name lautet ursprüng- lich Johann Müller. Wir wohnten in Posen, und bei Kriegsbeginn 1939 war ich 17 Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur. Im September waren wegen des Krieges die Schulen geschlossen. Meine Familie war katholisch, und ich war bei den Messdienern. Bei einem Teffen der Messdiener im Oktober 1939 öffnete sich plõtzich die Türe des Raumes und drei Herren der Gestapo mit Gewehren traten in den Raum. Sie ũberprũften von uns zZwölf jungen Leu⸗ ten die Ausweise. Die Gestapo wollte uns aber nicht glauben, dass wir uns mit lateinischer Ministrantur beschäftigten. Sie gingen davon aus, dass wir eine anti- nazistische Versammlung abhielten. Von den zwõlf Messdienern waren fünf Deutsche und sieben Polen. Nach der Vernehmung und massiven Bedrohunt gen wurde uns Peutschen erlaubt, nach Hause zu gehen- die anderen wurden 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer abtransportiert. Nach drei Ta- gen wurden die Verhafteten aus dem Arrest entlassen. Sie berichteten von dem Verhör bei der Gestapo und rieten uns dringend, uns zu verstecken. So flohen wir, ohne unsere HI- tern Zu verstãndigen, von Po- sen ins Generalgouverne- ment. Port sorgten wir dafür, dass wir polnische Ausweise bekamen. Mein Name wurde geändert, und ich hieß nun Janusz Mlynarski. Und in die- sem Moment, als ich den Mus- Unser Vereinsmitglied Janusz Mlynarksi war fast fünf weis bekam, war ich Pole. Die jahre lang der Auschwitz-Häftling Nr 335. gefälschten Papiere waren fantastisch gut nachgemacht. Ich konmn- te nun nur noch im Verborgenen Kon- takt mit meiner Familie haben und ließ über Dritte Nachrichten an meine An- gehörigen übermitteln. Ich handelte da- mals impulsiv- leider zu impulsiv! Es gab kein Zurück mehr. Im Generalgouvernement mach- ten die Peutschen immer õfters auf der Straße Jagd auf Menschen- unverhofft und zu unerwarteten Tageszeiten. Ich wohnte in Krakau bei einer polnischen Familie. Am 9. Mai 1940 war ich im Zentrum von Krakau, als plõtzlich ei⸗ nige Straßen abgesperrt wurden. Die jungen Leute wurden von den deut- schen Soldaten verhaftet und mussten auf bereitstehende Lastwagen steigen, die uns ins Gefängnis brachten. Da ich mit dem gefälschten Ausweis nun Ja- nus? Mlynarski war, wurde ich mit al- len Konsequenzen als Pole behandelt und damit als Feind des Dritten Reit ches betrachtet. Nach einigen Tagen wurden wir, ohne jemals verhört zu werden und zu wissen, warum wir ver- haftet wurden, nach Tarnow ins dorti- ge Gefängnis verlegt. Am 14. Juni 1940 wurde ein Transport von 728 Gefange- nen zusammengestellt und mit dem Zug nach OQswiecim geschickt. Von die- sem Zeitpunkt an wurden wir„Schut?- häftlinge“ genannt. In QOswiecim, die Deutschen sagten Auschwitz, waren wir der erste Transport, und somit nahm mit unserer Ankunft das K? Auschwitz seinen Betrieb auf. An die- Sem Tag wurde ich der Hãftling Nr. 355. Das Lager existierte bis zum 27. Rnu- ar 1945, und ich war vom ersten Tag bis fast Zum letzten Tag dort inhaftiert. Am vo. Rnuar 19045 wde nus? MMmarsM von Aluschwitz aus auf den Todesmarsch in Richtung Gterreich ge Schickt. Er gehörte zu den wenigen, die auch diese Vortur üherehten. Am 6. Mai 7945 wre er von der UoArmy heffoit. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 Gedenkfeier am Jahrestag der ersten polnischen Peportation Auschwitz widerlegen Der 14. Juni gilt in Polen als der Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwit? seinen Betrieb aufnahm. Vor 66 Jahren, am 14. Juni 1940, traf der erste Deportationszug mit polnit schen Häftlingen ein. Es waren 728 politische Gefangene. Auch im Jahr 2006 fand am Jahrestag auf dem ehe- maligen Lagergelände im Beisein von Uberlebenden dieses Transportes und anderer Deportations?zũge eine Ge- denk-Zeremonie statt. Der 14. Juni war Zuvor vom polnischen Parlament zum nationalen Gedenktag für die Opfer der deutschen Konzentrations- lager erklärt worden. Wie die Polnische Nachrichten- agentur PAP berichtete, war der Höhepunkt der Zeremonie ein öku— menischer Gottesdienst in Block Nr. 11 des Stammlagers. Bischof Tadeus? Rakoczy von Bielsko-Zywiec erklärte, dass„der Boden von Auschwitz mit dem Blut der Opfer getränkt ist: den Juden- die als ganzes Volk zur Ver- nichtung bestimmt waren-Polen, Ro- ma, Russen und so vielen anderen Na- tionalitãten?. Der ehemalige Gefangene Jòzef Hordynski(Lagernummer 347), der mit dem ersten Transport in Auschwitz ankam, sagte an der Todesmauer:„Wir pilgern jedes Jahr hierher, nicht nur, um das Andenken an die ersten Hãäft- linge wachzuhalten, sondern auch, um an alle Menschen guten Willens auf dieser Erde zu appellieren, Auschwitz zu widerlegen. Die einzig mögliche Al- ternative ist der Frieden-?wischen den Nationen und Individuen. Viel- leicht gibt es keine größere Lektion als die, die wir von Auschwitz lernen kön- nen.“ In der Stadt Oswiecim legten ehe- malige Auschwitzgefangene Blumen an der Gedenktafel des so genannten „Tabakmonopol-Gebäudes“ nieder. Hier hielten die deutschen Besatzer die Häftlinge des ersten polnischen Transportes im Keller fest, denn die Unterkünfte im spãteren Stammlager Auschwitz I waren noch nicht fertig. Fine Ausstellung über den ersten Transport soll laut PAP bald im„Ta- bakmonopol-Gebäude“ eröffnet wer- den. Die Uberlebenden haben sich jah- relang um eine solche Ausstellung bemũht, betonte Kazimierz Zajac(a- gernummer 261) bei der Zeremonie an der Gedenktafel.„Heute sind wir davon überzeugt, dass das Andenken an die Anfänge des Lagers nicht ver- loren ist und dass unser Schicksal nicht vergessen werden wird. Ich weiß, dass einige meiner Mitgefangenen bereits versprochen haben, dem zukünftigen Museum ihre Lager- Memorabilia zu ũberlassen“, wird Zajac von PAP zi- tiert. Von den 728 Gefangenen des ers- ten Transportes haben 239 den Krieg überlebt: heute sind nur noch wenige am Leben. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer „Christlicher Verband der Auschwitzer Familien“(ChSRO) Der Relativierung der Geschichte entgegen wirken Von Jan Parcer Der Christliche Verband der Auschwitzer Familien(polnische Ab- kürzung ChSRO) ist eine Initiative chemaliger polnischer Häftlinge im Konzentrationslager Auschwitz-Bir- kKenau. Die Gründungsversammlung fand am 25. März 1998 statteinen Tag vor dem 56. ahrestag des ersten Frau- entransports nach Auschwitz am 26. März 1942. Am 14. Juni 1998— also am 58. Jahrestag des ersten Polentrans- ports nach Auschwitz im Rahre 1940 wurde dann in der Gedenkstätte die erste Generalversammlung abgehal- ten. Alle Aktivitäten unseres Verbands haben einen gemeinnützigen Gharak- ter. Jegliche extremen Meinungen sind uns fremd, doch können wir mit der Historisches Foto des Tabakmonopol-Gebäudes in Oswie- cim. Hier wurden im Juni 2006 dem ChSRO Vereinsräume zur Verfügung gestellt. Relativierung der Geschichte, die wir seit längerer Zeit beobachten, nicht einverstanden sein. Wir wollen dazu beitragen, dass kein Mensch jemals vergisst, dass 150.000 Polen ins KI⸗ Auschwitz-Birkenau deportiert wur- den und etwa 75.000 dort ihr Leben gelassen haben. Deshalb halten wir die Gründung eines Pokumentationszen- trums ũber die Schicksale von Polen in diesem Lager für sehr wichtig. Im Juni dieses Jahres erhielten wir in Oswie- cim im Gebäude des ehemaligen Ta- bakmonopol-Verbandes, wo der erste Transport untergebracht wurde, zwei Räume, in denen wir die Erõffnung ei- nes solchen Zentrums planen. Den Ehrenvorsitz des ChSRQO hat Jerzy Bielecki inne, ehemaliger Häft- ling mit der Nummer 243, dem damals die Flucht aus dem Lager gelang. Er ist Träger der Medaille„Gerechter unter den Völkern“ und Ehrenbürger von Israel. Vorstandsvorsit- zender ist Grzegorz Rosengarten. Zu den SGründern des Ver- bands gehören ferner Wanda Tarasiewicz, cehemalige Gefangene mit der Nummer 6884, die 1942 mit dem ersten Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 7 Frauentransport nach Auschwit?-Bir- kenau kam(gestorben 2001) sowie JoZef Horodynski, ehemaliger Häft- ling aus dem ersten Transport von 1940 mit der Nummer 347. Zu den Mitglie- dern gehört auch Jözef Stòs, Architekt aus Krakau und ehemaliger Hãäftling aus dem ersten Transport mit der Nummer 7352. Der ChSRQO beschäftigt sich im Rahmen seines Bildungsauftrags auch mit der Herausgabe von Publikatio- nen. So hat er unter anderem die Ver- õffentlichung des Buches„Wer ein Le- ben rettet“ vom Ehrenvorsit?enden Jerzy Bielecki realisiert. Es wird in Mittelschulen als empfehlenswerte Lektüre für Jugendliche empfohlen. Bald soll es auch in deutscher Uber- setzung erscheinen. Ein auf diesem Buch basierender Film ist ebenfalls ge- plant. Im Januar 2000 organisierten wir eine Konferen? zum Thema„Musch- witz 1945. Ende des Krieges in Oswie- cim? und gaben unter demselben Titel ein weiteres Buch heraus. Im April 2000 fand in Chorzòw ein Treffen von Jugendlichen statt, und begleitend kam aus diesem Anlass das Buch„Die Bevölkerung von Chorzéw im KI. Auschwitz“ auf den Markt. Wir haben schon viele Treffen mit lugendlichen durchgeführt, an denen bislang etwa 3.000 junge Leute teilgenommen ha- ben. Der ChSRQ beteiligt sich ferner an der Organisation von Veranstaltungen anlãsslich der Deportationen im ers- ten Polentransportes Zum KI Ausch- wit? am 14. Juni 1940. Im Juni 2006 wurde auf Bitte der GChSRQO im Parlament der Republik Polen der Beschluss gefasst, den 14. Juni zum natio— nalen Gedenk- tag Zu erheben. Der ChSRO hat auch ein Buch über den Rittmeister Wi- told Pilecki her- ausgegeben, der in Polen als Held von Ausschwitz und der Heimatarmee gilt. Er ging im Sep- tember 1940 freiwillig ins Lager, um die Alliierten über die dortigen Gräu- eltaten Zu informieren und den Wider- stand der Hãftlinge zu organisieren. 1943 floh er aus Auschwit? und nahm ein Jahr später am Warschauer Auf— Stand teil. Nach dem Krieg wurde er wegen Widerstands gegen die neuen kKommunistischen Machthaber am 25. Mai 1948 hingerichtet. Mit diesen und weiteren Initiativen versuchen wir unter dem Motto„Be— wahren vor dem Vergessen“ die Wahr- heit zu verbreiten über das Märtyrer- tum der Opfer aus vielen Ländern, deren tragisches Schicksal auch die nach Auschwitz-Birkenau deportier- ten Polen teilen. Das Gebiet des ehe- maligen Lagers in Auschwitz stellt die größte bekannte Begräbnisstätte von Polen aus dem Zweiten Weltkrieg dar. Witold Rittmeister Pilecki war von 1940 bis 1943 Häftling in Auschwitz. an Farcer jst Mglied im Orstan des ChSUO 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Als Pfjährige wurde Halina Kasprzyk von ihren Eltern getrennt Wir Lagerkinder Mit der Peportation begann die Lebenshölle der Minderjährigen Plir Haina MalhiersMa geh KasPrM un viele Leidensgenossen endote eine Pis dahin ꝓiciche Kindheit in der Nacht vom 7. aufden JZ August 1943 whrend der NazAKtion, QOerberg Damals wurden mehr als ↄ00 Famiien vorhaftet, Ue- nen man anlastete, eimer Untergrumdorganisation anzugehören. Das Ater Qor Fosigenommenen SPielte Keine Rolle. Befroffon waren nicht nur Menmer umd jun- ge Frauen sondern auch Kinden Sauglinge und alte Frauen. Ihre Erinmerung erschienen im Mai ↄ005 im Buetin Wn 4 von TOnCO. Für mich, ein verwöhntes und ge- liebtes Kind meiner Eltern, begann im Alter von elf Jahren am 11. August 1943 die Lebenshölle. In dieser Nacht, etwa um 2 Uhr, kamen sechs Gestapo- Soldaten in unsere Wohnung. Sie häm- merten mit ihren Gewehrkolben an die Tür und schrien etwas auf Peutsch. Mein Vater hatte gerade Nacht- schicht in der Steinkohlengrube von Myslowice und war also nicht zu Hau- se. Nachdem meine Mutter die Tür aufgemacht hatte, wurde sie brutal mit einem Gewehr gestoßen. Die Deut- schen begannen mit der Durchsu- chung unserer Wohnung, sie rissen al- les aus den Schränken und Betten und durchwühlten sämtliche Räume. Sie suchten nach meinem Vater und nach einer Waffe. Wir mussten uns anziehen und mit den Peutschen das Haus ver- lassen. Wir kamen auf die Polizei- wache in JeZor und wurden dann zum Lager nach Myslowice abtranspor- tiert. Dort begann man, die Namen der aufgelisteten Mãnner zu verlesen. Pie- se wurden auf die Männerstation ge- bracht, die Kinder wurden mit ihren Müttern in Frauenzellen unterge- bracht. Dann kam der schrecklichste Moment in meinem Leben. Man be— gann, die Listen für die Transporte zu verlesen. Die Kinder wurden von ihren Müttern getrennt, sie wurden ih- nen aus den Armen weggerissen, weil keine Mutter ihr Kleines freiwillig ab- geben wollte. Wir Kinder wurden auf einige der vorfahrenden Lastwagen geladen, un— sere Mütter auf andere. Die Fahrzeu- ge mit den Müttern bogen in Myslowi- ce links nach Oswiecim(Auschwitz) ab und die mit uns Kindern rechts nach Katowice(Kattowitz). Es war furchtbar, das lässt sich nicht in Worte fassen, überall das Weinen und Schrei- en der Kinder:„Mutti, Mutti, ich will zu Mutti!“ Aber das hat die Deut- schen nicht beeindruckt. Die Mütter, denen die Kleinen weggerissen wur- den, baten uns ältere Kinder noch, dass wir uns um die jüngeren küm- mern sollten. (Das erste Lager in dem Halina MAhiersMd Sich allein ſiherlassen war Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 9 war das Lager in F- grzehin.) Das Lager war in einem alten Kloster eingerichtet worden. Es war umge- ben von einem hohen Doppeldrahtzaun, hinter dem sich ein großer Garten mit der Villa des Lagerführers befand. Wir wurden in riesige Schlafsäle mit Doppelstockbetten einquartiert. Wir be— kamen eine Decke pro Bett. Ich schlief mit Wiesio- seine Mutter, Frau Szymczyk, hatte mich inbrünstig gebe-— ten, ihn nicht allein zu lassen und ihm seinen Namen einzutrich- tern, damit er nicht na- menlos bleibe. Er war damals 19 Monate alt, und ich war elf Jahre alt. Ich wusste nicht, was ich mit meiner Decke machen sollte, Sollte ich darauf schlafen oder mich damit zudecken. Mein Bett stand nah am Fenster, das immer offen war. Die Kälte der nebligen Augustnächte ließ uns lange nicht einschlafen. Ich habe also die Beinchen von Wiesio ins Stroh der lõöchrigen Matratze gesteckt, und So konnten wir mit der rauhen Decke zugedeckt schlafen. Die ganze Zeit quälte uns furcht- barer Hunger. Da es unser erstes La- Lagerkinder“ Skizze aus dem TOnO-Bulletin Nr. 47 zu den Berichten„Wir ger war, mussten wir noch lernen, uns zu entscheiden, ob wir ein kleines Scheibchen Brot auf einmal aufessen oder auf zwei Mahlzeiten verteilen Sollten. Manchmal mussten wir auch noch etwas Brot für die Kleinen auf— heben, die ständig hungrig waren. Man konnte ihnen ja nicht erklären, dass es halt nichts zu essen gab. Aber wir wa- ren doch alle noch Kleine Kinder und hatten manchmal ein großes Verlan- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gen, dieses Brot selbst aufzuessen. Das Mittagessen bestand aus einer Suppe mit einem Grünzeug, das im Garten wuchs-Rüben, weiße und rote Kohlrüben und ein Kraut, das ich bis zum heutigen Tage nirgendwo mehr gesehen habe. Dieses Grünzeug muss- ten wir unter Aufsicht schnell Kein schneiden und hatten dadurch keine Möglichkeit, nach Raupen zu schauen, die aber im Grunde genommen eine Art von Fett in der Suppe darstellten. Ich kann mich noch gut an einen Keller erinnern, in dem wir die Kar- toffeln geschält haben. Dort stand ein Ofen, in dem die Schalen für das Vieh gedämpft wurden. Wir haben diese Schalen noch einmal sortiert und uns die dickeren herausgesucht. Man konnte sie in unserem Kochgeschirr aber nie richtig weich kochen, und in- folge dessen hatten wir ständig Bauch- schmerzen und Durchfall. Wer dann nachts dringend aufs Klo musste, hat oft vergessen, dass er vielleicht in eit nem oberen Bett schlief. Die Kinder sind also häufig runtergefallen, haben sich weh getan, und dazu war noch die Hose voll. Der Stubenaufseher hatte dann seine Freude daran, uns vorzu- führen. Die Betroffenen mussten sich mit ihrer schmutzigen Unterhose und der verschmutzten Decke vor den an- deren Kindern prãsentieren. Oft wur- den dabei auch Aufschriften auf ihrem Rücken angebracht. Die anderen mus- sten zuschauen. Wie erniedrigend war das für unsl Wir Kinder wurden schließlich in ein anderes Lager gebracht- nach Zory in der Nãhe von Ryhnik. Es war ein ehemaliger Pferdestall mit Ziegel- fußboden, kleinen Fenstern nahe der Decke sowie einem Trog mit Wasser- hähnen für kaltes Wasser, der als Waschbecken diente. Die hygieni— schen Verhältnisse waren katastro- phal, aber dafür war das Essen besser als vorher, eigentlich war es das beste Essen von allen Lagern. Ich schlief mit Wiesio direkt unter dem Dach. Wiesio wurde krank. Sein Körper war von Geschwüren übersät, dann bekam er Krätze und Geschwüre am Kopf. Sein Kopf war jetzt doppelt s0 groß und weich wie Grütze. Mit der Krãtze habe ich mich angesteckt und mein Cousin Polek auch. Wir wurden auf der Isolierstation untergebracht. Wiesio konnte sich beim Schlafen nicht auf den Kopf legen, also hielten wir ihn abwechselnd-ich und der Cou— sin s0 in den Armen, dass sein Köpf— chen immer in der Luft blieb. Was hat er gelitten und wir mit ihm! Pinige Frauen haben mir geraten, Wasser in einem ausgeliehenen Topf zu erhitzen und das Köpfchen von Wiesio damit zu begießen. Wie hat er vor Schmerzen geschrien! Aber nach zwei Tagen kamen durch eine kleine Offnung in der Haut Eiter und andere Verunreinigungen heraus. Wiesio ist wieder gesund geworden, obwohl alle dachten, er wird das nicht durchstehen und sterben. Wie habe ich geweint, weil in meinem kindlichen Gedächtnis der Auftrag haften blieb, dass ich auf Wiesio aufpassen sollte. Ich wusste nicht, was ich seiner Mutter nach Kriegsende hätte sagen sollen, wenn er gestorben wäre. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 11 Vor 62 Jahren wurde das„Famlienzigeunerlager“ liquidiert Vernichtung der Roma in Auschwitz Noma, Simnti und andere den„Zigelmern“zugerechnete VoMsgruppen gehörten z den Cauptopforgruppen der deutschen VornichtungsPoliti wahrend des Natio- nasOZialisms. Am 3. August dieses ahres fand auf dem Gelnde des ehemaligen Konzntrationslagers Auschwitz wioder eine GedornM vorarnsfeltlung statt, die an den VMermord an den Roma umnd Snti erimmert. Per folgende Beifrag ist eine Z- sammenfasslung eines Berichtes dor Polnischen Wachrichtenagentur PAP üher diose CedenKfoier Roman Kwiatkowski, Präsident der Vereinigung der Roma in Polen, forderte in seinem Appell während der Zeremonie zum Gedenken an die Vernichtung der Roma im früheren deutschen Vernichtungslager Ausch- wit? Birkenau dazu auf, den Opfern des Roma-Holocaust mit Respekt zu begegnen. An der Zeremonie nahmen über 200 Personen, darunter auch frühere Häftlinge des Lagers, teil. Am 3. August 1944 im Konzentra- tionslager Auschwitz Birkenau das s0 genannte„Familienzigeunerlager“ li- quidiert. Die Deutschen vernichteten in der Nacht 2897 Männer, Frauen und Kindern in den Gaskammern. Seit rund Zehn Jahren wird dieser ahrestag als Gedenktag begangen. Dieser rassi- stische Völkermord des Deutschen Reiches erfolgte nicht nur in Ausch- wit?. Die Asche von vielen Ermorde- ten seines Volkes liege auch an in Sobibör, Belzec, Hohonin, Lety und anderen Orten, rief Roman Kwiat- kowski in Erinnerung. In seiner Rede rief er im Namen früherer Roma-Häftlinge deutscher Konzentrationslager den polnischen Präsidenten und den polnischen Pre- mierminister dazu auf, gegen die Un- gleichbehandlung durch die polnische Sozialversicherungsbehörde ZUS zu intervenieren.„Es ist nicht hinzuneh- men,“ sagte er laut PAP dass KZ und Ghetto-Hãäftlinge der Roma, die Vete- ranenstatus genießen, diskriminiert würden. Die ZUS aber lehne Atteste anerkannter Mediziner ab, was zur Folge hat, dass es für diese Opfer un- möglich sei, eine Behindertenrente zu beziehen. Der Vorsit?ende der Roma- vereinigung wies auf einen Fall eines Uberlenden hin, der die Behandlung in einem Sanatorium aus eigener Ta- Sche bezahlen musste, während Nicht- Roma diese medizinische Versorgung unendgeltlich gewährt werde. Als 12Jährige in Hessen verhaftet und ins Lager verschleppt Bei der Gedenkveranstaltung am 3. August ergriff auch die Auschwitz- Uberlebende Luise Bäcker(Häft- lingsnummer Z 2800) das Wort und apellierte an die deutsche Regierung, endlich mit der Errichtung des Denk- mals für die NSOpfer des Roma- und Sinti-Volkes zu beginnen.„Es ist ein Skandal, dass die Bundesregierung 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer — — —— Gedenkfeier am 3. August 2006 in Auschwitz zur Erinnerung an die Opfer des Völker- mordes an den Roma und Siniti und anderer als„Zigeuner“ verfolgten Gruppen. immer wieder neue Entschuldigun- gen hervorbringt, um den Bau hin- auszuschieben. Ich bin 75 Jahre alt,“ Sagte sie,„und ich möchte die Fin- weihung des Monuments in Berlin noch persõnlich erleben.“ Die Roma werben bereits seit 17 Jahr für das Monument. Bäcker beschrieb ihre Kriegserleb- nisse. Sie lebte damals in Biedenkopf, im Bundesland Hessen:„Das Leben, das wir führten, nahm am 8. März 1943 ein plötzliches Ende“, erinnerte sie sich.„Eine Pinheit der SS umstellte an diesem Morgen unser Haus und hielt uns dort fest, mich, meine Eltern, mei- ne 12 Brüder und Schwestern. Um 5 Uhr morgens trieben sie uns wie Tiere durch die Stadt zum Bahnhof. Von Biedenkopf wurden wir über ein an- deres Lager in Frankfurt nach Bir- kenau geschickt. Port rissen sie unse- re Familie auseinander. Sie schickten meine älteren Geschwister als Zwangsarbeiter in ein anderes Lager. Ich selbst, meine Eltern und fünf mei- ner Geschwister wurden in diesem Sektor des Lagers(Familienlager) ein- gepfercht. Ich lebte dort 16 Monate. Die S8 misshandelte mich, ich er— Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 13 krankte an Iyphus, lebte ständig in Schrecklicher Angst und wurde wie die anderen von Hunger geplagt. Vor der Schreckenstat der Vernichtung des s0 genannten Familienzigeunerlagers, wurde ich als Zwangsarbeiterin nach Ravensbrück, Mauthausen und Ber- genBelsen gebracht. Ich habe nie wie- der meine Eltern, einen meiner Brü- der oder eine meiner Schwestern gesehen. Sie wurden in Auschwitz Bir- kenau ermordet. Ihre Uberreste liegen irgendwo hier, auf diesem riesigen Friedhof.“ Polens Staatsspitze würdigt Schicksal der Roma und Sinti Polens Staatspräsident Lech Kaczynski und Premierminister Jaros- law Kaczynski schickten Briefe mit Grußworten an die Teilnehmer der diesjãhrigen Gedenkfeier. Der Prãsi- dent würdigte die ermordeten Roma, „deren Asche und Uberrestè hier in Auschwitz-Birkenau ruhen oder an anderen Stätten der Gräueltaten ver- streut sind.“ Er merkte an, dass die Leiden und das Sterben der Opfer ewig eine lebendige und schmerzhafte Prinnerung bleiben werden und es eit ne Warnung für gegenwärtige und zukünftige Generationen sei, wohin Hass und die Gier nach Macht führen könnten. Premierminister Jaroslaw Kaczy- nski schrieb, dass die Roma einen rie- sigen Teil ihrer Bevölkerung während des Krieges verloren hätten.„Der wichtige Punkt für uns alle ist, dieser selten beachteten Ofergruppe des Holocaust zu gedenken.“ Um die Opfer zu ehren und an die Vernichtung der Roma zu erinnern, legten die Anwesenden am Denkmal des Familienzigeunerlagers Kränze nieder. An den Ruinen des Kremato- rium V in dem die Hãäftlinge getötet wurden, erinnerten Blumengebinde an die ermordeten Roma und Sinti. Im Anschluss an die Zeremonie wurde in der Internationalen Jugend- begegnungsstätte in Oswiecim die Ausstellung„Roma Rising“ des Ame- rikanischen Fotografen Chad Evans Wyatt eröffnet. Die Ausstellung be— steht aus vierzig Schwarz-Weiß Por- traits tschechischer Roma, begleitet von kurzen biographischen Anmer- kungen und einem Katalog, der sich ihrem Leben und ihrem Wirken wid- met. Die Intention sei, das Leben des Roma-Volkes, für die hervorzuheben, die, ganz gleich welcher Hintergrund oder Bildungsstand, an Stereotypen noch immer festhalten“, wie es in der deutschen Ubersetzung der PAP-Mel- dung formuliert ist. Der erste Roma wurde 1941 in Aus- chwit? eingewiesen. Das„Familienzi- geunerlager“ wurde in Birkenau im Spãten Februar 1943(Abschnitt B IIe) errichtet. Dorthin deportierten die Nazis Roma aus 14 Länder. Krankheit und Hunger rafften sie im Lager dahin. Das Leiden der Kinder, die Josef Men- gele für seine Fxperimente mis— sbrauchte, war besonders schrecklich. Insgesamt waren 23.000 Roma in Aus- chwit?: 21.000 davon fanden hier den Tod. Das heißt, sie wurden erschlagen, verhungerten oder starben an den Fol- gen der katastrophalen Verhältnisse. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Unbegreifbarkeit des Grauens begreifen Bericht von der Studienfahrt nach Auschwitz(September 2006) Von Alois Doppler und Anneke Winckel Pine Annäherung an die Unfass- barkeit der Shoah, für die Auschwitz als größtes Konzentrations- und Ver- nichtungslager im nationalsozialisti- schen Lagersystem synonym steht, hat auch die diesjährige Studienfahrt der LAgepemeinschaft Auschwitz Prelin- dosKreis der Auschwitzer ihren Teil— nehmerinnen versucht zu ermögli- chen. Der Besuch des historischen Orts erõffnet die Möglichkeit, Wissen ũber die Shoah zu verorten. Gleichzei- tig Können die heutige Gedenkstätte und das Museum aber auch eine Idee von der Unbegreifbarkeit und Unvor- Stellbarkeit des millionenfachen Mor- des vermitteln. Pazu trugen die Be— richte der ehemaligen Auschwitz- Hãäftlinge sowie Gespräche mit ihnen bei, die auch auf Grund der Nãhe zum Ort des Verbrechens besonders beein- druckend waren. Die Studienfahrt 2006 war nicht nur geprägt von einem immens dichten Programm(abzurufen unter www. lagergemeinschaft-auschwitz. de), son- dern auch von einer Besonderheit in der Zusammensetzung der Gruppe. Die Hälfte der 18 Teilnehmer/innen bestand aus Rundgangsleiter/innen der Pokumentation Qhersalkherg in Südbayern(www. Obersalzberg. de). Ihr Ziel ist es, durch eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung über Ideologie und Wirklichkeit des Nationalsozialis- mus die historisch-politische Bildung der Besucher/innen von„Hitlers Berg“ zu fördern und damit unter an- derem verharmlosenden oder gar na- zistischen Betrachtungen des Ortes entgegenzuwirken, an dem Hitler rund ein Viertel seiner Amts?zeit verbrachte. Die Studienfahrt war also auch von der Auseinandersetzung mit den denkbar gegensätzlichsten Orten, Obersalzberg und Auschwitz, be— stimmt- also mit einem der promit nentesten Tãterorte und dem größten Friedhof der Welt. Gerade den Rund- gangsleiter/innen der Polkumentation QOheralkherg Kommt besondere Ver- antwortung zu, die aus diesem Span- nungsverhältnis gewonnenen, mögli- chen Erkenntnisse in ihre Tätigkeit einfließen zu lassen. Die andere Hälf- te der Mitreisenden war bunt zusam- mengewürfelt, darunter auch einige Teilnehmerſinnen aus dem letzten Jahr, die ihre Eindrücke und ihr Wis— sen vertiefen wollten. Erstaunlich schnell formten diese beiden Hälften eine Gruppe, erfreulich intensiv ver- lief alsbald der deutsch-österreich- isch-schweizerische Austausch. Der sechstägigen Studienfahrt gin- gen Zwei Treffen der Teilnehmer/innen voraus. Am Obersalzberg fand Ende August das erste statt, Zu dem der Vor- sit?ende der Israelitischen Kultusge- meinde Salzburg, Marko M. Feingold, Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 15 eingeladen war. Er hat die La- ger Auschwitz, NMeuengamme, Dachau und Buchenwald überlebt. Einen Tag vor der Abreise nach Polen wurde die Studienfahrt durch ein zweit tes, Vorbereitungsseminar von allen Teilnehmerinnen in Frankfurt am Main eingelei- tet. Andreas Kilian(Mitautor von Zeligen aus der JHdesz0 ne. Das yidische SOnerkom- mando in Auschwitz, Mün- chen 2005), dessen sehr gute Kontakte als erfahrener Studi- enfahrtleiter ausgesprochen hilfreich waren, hielt Zwei Vor- trãge über die Topografie von Muschwitz“ Oswiecim und über die Geschichte des La— gerkomplexes Auschwitz. Diethardt Stamm vom Vor- Stand der LagergemeinscHaft referierte über Geschichte, Funktion und Tätig- keiten des I6 Farben-Konzerns unter anderem in Auschwitz Monowitz. Der Aufentt— halt in Oswiecim begann mit Führungen über das Gelãnde so— wohl des ehema- ligen Stammla- gers als auch des früheren Ver— Marko M. Feingold, nichtungslagers Jahrgang 1913 Birkenau durch den Leiter der Bibliothek des Saati- chen Museums Auschwitz Birkenau (im Folgenden: Museum), Dr. Jurek Debski. Seine detaillierten Fühwungen 4 Dr. Jurek Debski, Leiter der Bibliothek des Museums, schien beinahe von jedem Häftling die Lebens geschichte zu kennen, inkdusive Häftlingsnummer. hinterließen auch deshalb einen tiefen Findruck, weil er die Parstellung der Geschichte des Ortes immer wieder mit der Schilderung einzelner Häft- lingsschicksale verknüpfte. Er selbst thematisierte seine Rolle als Guide in Auschwit? mehrfach:„Ich sage nur die Sät?e zur Geschichte des Lagers. Wie Auschwit? wirklich war, wissen nur die ehemaligen Hãäftlinge.“ An den jeweils auf diese beiden Führungen folgenden Nachmittagen traf sich die Gruppe mit zwei ehema- ligen Häftlingen. Tadeusz Sobolewicz wurde mit 17 Jahren als Kurier des polnischen Widerstands verhaftet und war von 1941-1943 in Auschwitz in— haftiert. Anschließend überlebte er noch vier weitere Konzentrations- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Henryk Mandelbaum, einer der 17 heute noch lebenden ehemaligen Häftlinge des jüdischen Sonderkommandos, vor den Rui- nen eines der Krematorien in Birkenau. lager. Er berichtete nüchtern und aus- führlich über die grauenwollen Dinge, die ihm angetan wurden. Sehr deut- lich benannte er die Motivation, über diese Zeit zu sprechen: Er sieht sein Uberleben heute als Auftrag, mit sei- nen Erzählungen dafür Sorge zu tra- gen, dass möglichst viele Menschen erfahren, was geschehen ist, damit Auschwitz sich nicht wiederhole. Henryk Mandelbaum traf die Gruppe am nächsten Tag an den Ruit nen der Krematorien von Birkenau. Hier musste der inzwischen 84 Jährige als Hãftling des jũdischen Sonderkom- mandos arbeiten. Er erzählte von der Ermordung hunderttausender Men- schen, deren Zeuge er war: von der zu— tiefst verzweifelten Situation, in der sich die Sonderkommandohäftlinge befanden: von der Hoffnung auf Hilfe von außen und vom niedergeschla- genen Aufstand dieses Kommandos. Nicht zum Gelände des Museums gehört das Porf Monowice, das sich bereits vor der Errichtung des Kon- zentrationslagers Monowitz an diesem Ort befand. Nach der Befreiung kehr- ten die ehemaligen Bewohner/innen dorthin zurück, um ihr Porf wieder auf?ubauen. Bis heute blieben aller- dings einige Lagergebäude bezie- hungsweise Teile davon stehen. Der Leiter des Archivs des Mselims, Dr. Piotr Setkiewicz, verband in seinem Vortrag die Geschichte des I6 Farben- Konzentrationslagers mit den Planun- gen für den Ausbau von Auschwitz als „Musterstadt der deutschen Ostsied- lung“. Die anschließende, mit Span- nung erwartete Spurensuche auf dem Gelände des ehemaligen Lagers fiel leider wegen des heftig einsetzenden Regens sehr kurz aus. Das Treffen mit der Direktorin des Bildungszentrums, Krystyna Qleksy, war ein weiterer Höhepunkt dieser Woche. Offensichtlich für alle Belant ge der Gedenkstätte und des Mu— Seums zuständig, erläuterte sie die Ge- schichte des Geländes nach der Be— Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 17 —— 3 — —— . 6 Laut Dr. Piotr Setkiewicz, dem Leiter des Archivs des Museums, ist dies das einzige bis- her bekannte, historische Foto des KL Monowitz. freiung sowie die heutigen Herausfor- derungen, mit denen das Museum fer— tig werden muss. Nachdem die Grup- pe Zzuvor die ehemaligen Lager be- Sucht hatte, waren Frau Qleksys Aus- führungen besonders aufschlussreich. So sei zum Beispiel dem EFinsatz früherer Häftlinge der Erhalt des Stammlagers sowie Birkenaus zu ver- danken. Auch die Wiederherstellung bestimmter, von der SS bei der Liqui- dierung des Lagers zerstörter Bauten, hatten sie durchgesetzt. Richtlinie der heutigen Gedenk— Stätte beziehungsweise des Museums Sei es, alles, was noch existiert, zu er- halten. Wie dem bei neuen Ausstel- lungen auf dem Gelände Rechnung getragen wird, war in Birkenau im SGebäude der ehemaligen„Sauna“ zu sehen: Hier wurde auf den Original- boden ein Steg aus Glasplatten ge- legt. Pamit ist der Erhalt des Bodens gegen Abnutzung gesichert, und trot?dem ist er durchgängig sichtbar. Des Weiteren beantwortete Frau Oleksy ausführlich Fragen zu Besu- cherstatistik und Finanzierung des Museums sowie zu Auswahl und Aus- bildung der fast 200 Guides. Ihren Auskünften zur päãdagogischen und wissenschaftlichen Arbeit war unter anderem zu entnehmen, dass auch re- gelmäßig Workshops und Seminare für Lehrerinnen zu sehr Heutiges Dorf Monowice: Reste von Lagergebäuden, hier der Baracke Nr. 40, sind auch heute noch sichtbar. unterschiedlichen Fra— gestellungen stattfinden, wie zum Beispiel zur Sit tuation einzelner Häft- lingsgruppen oder Ar- beits kommandos. An dieser Stelle sei auch das Treffen mit Hartmut Ziesing er- wähnt, einem von zwei Studienleitern der Inter- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nationalen Mugendhegegnungsstette in Owiecim(IBS). Er berichtete so— wohl über die Entstehungsgeschichte des Hauses als auch über die interna- tionalen Workshops und Studienrei- sen, die seit einiger Zeit nicht mehr nur von polnisch-deutschen Gruppen in Anspruch genommen werden, son- dern auch vermehrt zusammen mit is- raelischen stattfinden. Die sehr gute Zusammenarbeit mit den Mitarbeit ter/innen der UBS, vor allem mit Agnieszka Kosiorek, sei hier aus— drũcklich erwähnt. So sind auch Mit- arbeiterinnen der UR mit uns nach Krakòw gefahren und haben dort für uns gedolmetscht. Mit dem Besuch der Ambulanz für chemalige Auschwitz-Häftlinge in Krakòw hegann der letzte Tag der Stu- dienfahrt. Die leitende Arztin, Dr. Helena Slizowska, berichtete über Ge- schichte und aktuelle Probleme der Finrichtung Giehe auch den Beitrag von Martina Hoerber auf Seite 2. Nachdem die Gruppe an den Tagen zuvor die historischen Orte der Ver- brechen aufgesucht hatte, verdeut- lichte Frau Slizowskas engagierte Schilderung nun eindringlich, dass Auschwit? mitnichten abgeschlossene Geschichte ist, sondern für diejenigen, die der geplanten Ermordung entgin- gen, sowie für deren Freunde und Ver- wandte bis heute Gegenwart ist. Ins Zontrum für idische Kutur hat- ten anschließend die Mitglieder des Verbands ehemaliger Auschwitz-Fãäft- linge in Krakòw geladen. Dessen Vor- sit?ender, Jozef Paczynski, stellte den „Vor der Auslõschung.. Fotografien gefunden in Auschwitz“ die 2001 eröffnete Aus- stellung in der sog. Sauna in Birkenau. Der Glasboden schützt den historischen Unter- grund und spiegelt die Exponate wie auch die Besucher. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 19 Uberaus herzlich wurden die Teilnehmer/ innen der Studienfahrt in Krakéw vom Ver- band ehemaliger Auschwitz-Häftlinge empfangen. Verband und seine Aufgaben und Tãtigkeiten vor. Um diese auch weiter- hin zu gewährleisten, hat die Lagerge- meinschaft auch in diesem Jahr eine Spende von 2.500 Euro überwiesen. Im Rahmen des überaus herzlichen Emp- fangs entstanden rasch intensive Ge- spräche zwischen den Teilnehmerin- nen der Studienfahrt und den ehemali- gen Häftlingen. Die rege Kommunika- tion kam auch deshalb so schnell zu Stande, weil dank dreier Dolmetsche- rinnen die früheren Häftlinge in ihrer Muttersprache erzãhlen konnten. Wichtig war es für viele Mitglieder des Verbands, nach den Konsequen- zen der Wahlerfolge der NPD bei den jüngsten Landtagswahlen in Deutsch— land zu fragen. Parüber hinaus wur- den massive Befürchtungen aufgrund der Tätigkeiten des Bumdes der Vor- miohenen thematisiert. Zur Sprache kamen insbesondere die Ausstellung des Zontrums gegen Vorfreihung in Berlin,„Erzwungene Wege“, sowie die Position von dessen Vorsitzender, Brika Steinbach. Hierzu wurde eine Stellungnahme eingefordert. Dass diese aktuellen politischen Themen angesprochen wurden, vergegenwär- tigte den deutschen und österreichi- schen Teilnehmerinnen der Studien- fahrt ihre politische Verantwortung und die Hoffnung, die ehemalige Hãftlinge in sie setzen. Das Bedürfnis und die Bereitschaft der ehemaligen Häftlinge, Unbekann- ten, die Zudem mehrheitlich Nachfah- ren von Tãter/innen oder wenigstens der Tätergesellschaft sind, von ihren grauenvollen Erlebnissen zu er— zählen, war sehr groß. Dies darf aber keinesfalls als selbstverständlich an- genommen werden. (Alois Poppler aus Salkæburg und Annelke Winclkel aus Koln leiteten die diesjeihrige Studienfahrt) 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Neue Kon?epte für Bildungsangebote und die Hauptausstellung Piotr Cywinkski ist neuer Direktor des Museums Auschwitz-Birkenau Das Staatliche Museum Auschwitz- Birkenau hat einen neuen Direktor. Zum 1. September 2006 hat Piotr Cywinski die Nachfolge von Jerzy Wröblewski angetreten, der in den Ru- hestand verabschiedet wurde. Cywinski ist auch Vorsitzender des Internationa- len Auschwitzrates. Er wurde 1972 in Warschau gebo- ren und studierte Geschichte an den Universi täten Straßburg und Lublin. Sei— nen Doktortitel erhielt er vom Historischen In- stitut der Polni— Wie die Polnische Presseagentur PAP berichtete, hat der neue Mirektor bei seiner Ernennung betont, dass das Museum neue und spezialisierte Bil- dungs und Informationsangebote ins- besondere für junge Menschen anbie- ten müsse. Nach seiner Ansicht bedarf auch die Hauptausstellung des Mu— seums einer Ver- ãnderung.„Diese Ausstellung hat bereits einige Jahre hinter sich“, sagte Piotr Cywinski laut PAP.„Obwohl ich keine Vorbe- halte ihrem der- schen Akademie zeitigen Inhalt der Wienschaf. Piotr Cywinski hat die Nachfolge von Jerzy Se8enub* nabe ten. Wrõblewsli als Pirektor des Staatlichen Mu. 80 häabeln Sle Sein Vater, doch die Formen Bohdan Cywins- ki, war politischer Flüchtling. Deshalb lebte Piotr Cywinski von 1982 bis 1993 in der Schweiz und in Frankreich. Seit 2004 ist er der europãische Vorsit?ende der Pax Romana, der Internationalen Katholischen Bewegung für Geistige und Kulturelle Angelegenheiten. Er wurde im Jahr 2000 Sekretär des Inter- nationalen Auschwitzrates und war ei- ner der Begründer des Internationalen Bildungszentrums für Auschwitz und den Holocaust, in dessen Beirat er den stellvertretenden Vorsitz innehat. seums und der Gedenkstätte angetreten. der Bildung und der Interaktion mit den Besuchern Komplett verändert, und neue Metho- den mũssen angewandt werden, die jun- ge Besucher direkter ansprechen.“ Die Notwendigkeit neuer Bildungs- Konzepte begründete Piotr Cywinski nicht zuletzt damit, dass derzeit nur noch wenige ehemalige Häftlinge der Konzentrationslager leben. In abseh- barer Zeit werde es keine direkten Augen?eugen mehr geben, die den Be- suchern auf Grund eigener Erfahrun- gen etwas über Auschwit? und Bir- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 21 Kenau erzählen können. Also müsse man auf andere Formen der Informati- onsvermittlung zurũckgreifen. Cywinski bezeichnete es geradezu als Paradox, dass jedes Jahr Millionen Menschen solche Museen und Vernich- tungslager besuchten. Denn anderer- Seits sei es Fakt, dass deren Stimmen nicht zu hören seien, wenn irgendwo auf der Welt ein neuer Genozid verũbt wer- de. Mit solchen Fragen werde sich das am Museum eingerichtete Internatio- nale Zentrum für Auschwitz und den Holocaust befassen. Bildungszentrum des Museums stellt neue Guides ein Direktorin des Internationalen Bil- dungs?zentrums im Museum ist KTysty- na Qleksy die dank ihrer langjährigen Arbeit als Stellvertreterin des vormali- gen Museumsdirektors Wröblewski viel Erfahrung über die Thematik mitbringt. „Auf Orund der in den letzten zwei Jah- ren stark gestiegenen Frequentierung des Museums haben wir uns entschie- den, die Zahl der Museums-Guides auf- zustocken“, sagte sie gegenüber PAP. Andrzej Kacorzyk, Leiter des Interna- tionalen Bildungszentrums, führt den starken Besucheranstieg vor allem auf die intensive Medienberichterstattung anlässlich des 60. Jahrestages der Be- freiung des Lagers, die Zunahme der Pilgerbewegung nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. sowie die besse- re Erreichbarkeit des Lagers über neue Straßen- und Luftverkehrsverbindun- gen inmerhalb Polens zurück. Von Januar bis August 2006 besucht ten 600.000 Menschen das Museum mit seinen weit- lãufigen Gelãndebe- reichen, Ge- bãuden und Musstellun- gen. Diese Lahl ent- pricht unge- fähr der des Vorjahres- zeitraumes, meldete PAP. Der Krystyna Oleksy mit dem Ausstellungskatalog der DoMumentation Oher- Salæherg, den sie kürzlich von Aois Doppler Giehe p 1 S. 14 fh) überreicht bekam. aupttei der Besu- cher kam aus Polen, den USA, Großbri- tannien, Italien, Deutschland, Frank- reich und Israel. Museums-Guides be- gleiteten dieses Jahr fast 20.000 Grup— pen durch das Gelände. An diesen Rundgängen hätten allein etwa 270.000 junge Menschen teilgenommen, hieß es bei PAP Antoni Stanczyk, der Direktor des Besucherdienstes des Bildungszen- trums, berichtete, dass nahezu 200 Gui- des ein spezielles Sprachtraining absol- viert und auch in der Materie besonde- re Schulungen erhalten hätten, um den Besuchern beim Rundgang durch die Gelãndebereiche und die Besichtigung der Gebäude Besonderheiten zu erläu- tern und Fragen zu beantworten.„Zur- zeit nehmen wir weitere Bewerbungen von Guides entgegen, die die Sprachen Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, Nor- wegisch, Schwedisch, Hebräisch, Spa- nisch sowie Niederländisch beherr- schen“, Ssagte Stanczyk. Hans Hirschmann 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ErMdrende Vorhemerkung zum Nachass DMie Geschftsstelle der Lagergemein- Schaft Auschwit⸗ EreumndesKreis(L CA) befand sich bis æum 7od von Anni Ross mann- eineck imn Minzenberg-Camhach. Um Souterain hatte die TCA eimen Art chiw und Arbeitsraum gemietet. Die in der Priwatwohmung untergebrachten Be- Sande waren nach dem Vod von Anni Rossmann-Reineck der T CA zZunchst nicht zugänglich. S6 wurden, erst nachdem die Erhen ihre Pers6nichen An- Prliche geltend gemacht hatten, durch den Nachlass verwalter und in dessen An- wevenheit dem Vorstand zur Sichtung zugnglich gemacht. Die im Archivralum Ja- gernden Jontrger Bücher Drucksachen imd die Bromaterialien wurden im Z- ge der Auösung der ehemaligen Geschftsstelle durchgesehen umnd teilweise ent- rimpelt. Was von archivalischem Mteresse schien, wurde in Kartons zwischengela- gert umd Konmte s0 SPäter dem Muselum Butæhach ühergehen werden. Hermann Reinecks Nachlass vOn Dieter Wolf Hermann Reineck, geb. 1919 in Wien, chem. KZLagerhäftling in Auschwit?z GSchutzhäftling Block 21, Hãäftlings-Nr. 63387), Mitgründer und langjähriger Generalsekretär und Präsident der La- gergemeinschaft Auschwitz- Freundes- kreises der Auschwitzer, ist am 29. De- zember 1995 in seiner Wahlheimat Wet- terau im Krankenhaus Lich verstorben. Seine Ehefrau Anni(verh. Rossmann geb. Lembke), die soZzusagen als„rechte Hand ihren Mann über vier Jahrzehnte in all seinen zahlreichen Arbeiten orga- nisatorisch schr tatkräftig unterstützte, starb 8 Jahre nach ihrem Mann(2003). Im Hause Reineck befand sich bis dahin neben der großen Bibliothek des Ehe- paars Reineck u. a. ein relativ umfang- reicher, von Außenstehenden wohl kaum zu überschauender Dokumenten- bestand, der im Sinne des Ehepaars Reineck wenigstens in den wichtigsten Teilen der Nachwelt erhalten werden Ssollte. Bei dem zu beschreibenden Be- stand handelt es sich wohl um den Hauptteil des schriftlichen Nachlasses von Hermann Reineck und zumindest wohl auch seiner zweiten Ehefrau Anni Reineck. Der Nachlass(oder genauer: Teil- Nachlass) wurde zum größten Teil vom Freundeskreis Lagergemeinschaft Aus- chwitz der Stadt Butzhach, konkret dem Stadtarchiv Butzbach, übereignet(Gtadt- archiv Butzbach, Neues Archiv 2006/73, NReineck, H.). Der Nachlassverwalter, Herr Weisel aus Münzenberg-Gambach, hat durch weitere umfangreiche Nach- lass Splitter diese Uhergabe ergänzt und die Ubernahme eines Großteils des Nachlasses an das nãchste hauptamtlich betreute õffentliche Archiv nachhaltig unterstũtzt. Stadtarchiv und Museum Butzbach arbeiten seit mehreren Rahren eng mit der Lagergemeinschaft/ Freunt deskreis zusammen, s0 dass diese Lõsung allgemein als sinnvoll angesehen wurde. Der umfangreiche Nachlass doku— mentiert- aus der Sicht des Historikers und Archivars- neben den persõnlichen, familiãren Verhältnissen auch konkret den politischen Werdegang, die Verfol- gung Hermann Reinecks, seine Haftzei- ten(im Gefängnis Wien, im Umerzie- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 23 hungslager Wöllersdorf bei Wien, in Un- tersuchungs-, zweimaliger Gestapo- und Gefängnishaft in Wien, im KZ Ausch- wit? I(„Stammlager“), seine weiteren Lebensstationen nach der Flucht(De- Sertion) aus der berüchtigten, mit straf- fällig gewordenen SSLeuten und KAZ— Hãftlingen besetzten Waffen-SSEinheit „Sonderregiment Dirlewanger“ Ende 1944: als Widerstandskämpfer im Salz- kammergut(Gruppe„Willy“, Geiswink- ler Plieseis), kurzzeitig als Gefängnisdi- rektor in Bad Aussee, seit luni 1945 in Wien, als wichtiger Zeuge bereits bei der gerichtlichen Voruntersuchung(1961) und im eigentlichen Frankfurter Ausch- witzprozess(1964), Reinecks Ubersied- lung ins Rhein-Main-Gebiet und seine weit gestreuten, nachhaltigen Aktivitä- ten seit den 70er Jahren als Kämpfer ge- gen Faschismus und Neonazismus, gegen das Vergessen, für den Erhalt und den weiteren Ausbau der Pokumentations- zentren und Gedenkstätten verschiede- ner Konzentrations- und Vernichtungs- lager, besonders Auschwitz, vieler Aus- stellungsprojekte und Demonstrationen. Aufgrund Reinecks bedeutender Rol- le als Hauptmithbegründer und wichtig- stes„Sprachrohr“ der Lagergemein- Schaft und des Freundeskreises mischen sich oftmals die Pertinenz-Zuweisungen Gugehörigkeiten) vieler Dokumente: Oft ist wohl auch keine Hennung mög- lich zwischen dem Privatmenschen Rein- eck und dem politischen, kämpferischen Menschen und Interessensvertreter„sei- ner“ Lagergemeinschaft. Zudem hatte die Lagergemeinschaft/der Freundes- kreis auch einen Raum im Hause Rein- eck als Archivraum angemietet, s0 dass sich aus der Sicht des Butzhacher Stadt- archivars— in diesem zunächst kaum überschaubaren Nachlassbestand Rein- eck eben auch einige Tausend Einzelkor- respondenzen mit der Provenien?z„La- gergemeinschaft“ befinden, die sich in besonders großer Zahl auf die verschie- denen in vielen dahren durchgeführten „Paketaktionen“ an Weihmachten bezie- hen. Ehem. AuschwitzHãäftlinge und ihre Familien, besonders in Polen, haben be- kanntlich regelmäßig Zuwendungen er- halten. Diese mit bewundernswerter En- ergie zum guten Teil vom Ehepaar Rein- eck bewerkstelligten Versendungsaktio- nen der Lagergemeinschaft haben sich in den Verteilungslisten, vor allem aber in den Tausenden von Pankeskarten und Priefen der Empfänger erhalten. Der nach dem Tod des Ehepaars Reineck bis zur Ubergabe an das Stadt- archiv Butzbach, offenbar bereits mehr- fach durchstõberte(), große- nun wei- testgehend ungeordnete- Nachlass wurde von August 2005 bis September 2006 gesichtet und von dem Verfasser (als Stadtarchivleiter) und von der langjährigen ehrenamtlichen Mitarbei- terin im Stadtarchiv Butzbach Frau Lu— zia Schulz grob geordnet und eine erste Verzeichnung begonnen. Gleichzeitig mit der Ubernahnne des archivalischen Nachlasses wurde seit 16. Aug. 2005 ein wichtiger Teil der Bibliothek Hermann Reinecks in die(õffentlich Zugängliche) Dienstbibliothek des Stadtarchivs Butz- bach übernommen.- Es handelt sich al- lein um 220, z. T. seltene Bücher, die dem Themenbereich Nationalsozialis- mus und KZ zugeordnet wurden. Der Nachlass(Umfang nach der Grob-Vorsortierung: 32 Archivkartons) enthält relativ breit die Uberlieferung zur Korrespondenz und zu allen Akti- vitãten der Lagergemeinschaft Ausch- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wit?/ Freundeskreis der Auschwitzer, umfangreiches Bildmaterial W a. Tausen- de von Fotos: im wesentlichen zu Ausch- witz und zu den verschiedenen Ausch- wit?fahrten Hermann Reinecks sowie zu zahlreichen anderen Auschwitz-Projek- ten, z. B. auch von Schülergruppen), Vi- deofilme zum Thema Auschwit? und deutschen KZ., dazu ungedruckte Arbei- ten(mehrfach Ubersetzungen polnischer Arbeiten ins Deutsche), auch Ehrungen der Lagergemeinschaft und ihres Prãsi- denten, natũrlich- wie bereits angedeutet auch eher private Hinterlassenschaften von H. Reineck(mit Hunderten von Briefen und auch privaten Fotografien Sowie sonstiger privater, persönlicher Korresponden?), die jedoch insgesamt die aus den Originalquellen entwickeln- den Konturen der interessanten, bis zu— letzt hochgradig engagierten, kämpferi- schen Persönlichkeit und seiner engsten Freunde widerspiegelt. Zu den besonders wertvollen Origi- nalen gehören zweifelsohne Reinecks ProZessunterlagen, seine Briefe und wei- tere Dokumente aus der Haft, die von ihm selbst an seine Mutter und seine Braut Hertha Haschka geschrieben wur- den und der strengen Lagerzensur des K?Z unterlagen(acht Briefe mit ent- sprechenden Zensurstempeln und Un- terschriften), dazu zehn Quittungen Einlieferungsscheine für an den Häft- ling überwiesene Geldbeträge und ein Paket). Etliche an Reineck gerichtete Briefe von ehem. KZHãäftlingen enthal- ten auch Haftschilderungen, die so weit erkannt, separiert aufbewahrt werden. Dazu tritt eine Sammlung von insgesamt 44 bZw. 45 Briefen von verschiedenen chem. Schutzhäftlingen des K. L. Ausch- witz an ihre Angehörigen und einige we- nige Postsachen-Relikte(1941-1944; 2. B. ein Umschlag ohne den eigentlichen Briefinhalt; alle mit Zensur-Prüfstempel, z. T. mit Herausschneidungen der Zen- sur: z. B. mit Stempel„Geprüft 4 K. L. Auschwitz“ mit Unterschrift des Prüfen- den; mit Stempel„9a“ etc.), aber auch der Brief eines aus Krakau stammenden jugendlichen„Lagerzöglings“,„im Po- len Jugendverwahrlager, Litzmann- stadt“ mit aufgedrücktem roten Prüf— stempel mit Umschrift„Lit?mannstadt?“, in der Mitte„Geprüft“, Patumsstempel (rot)„28. 1. 41“. Aufdruck auf dem Brief- bogen:„Der Tag der Entlassung kann jet?t noch nicht angegeben werden. Ant fragen sind zwecklos. Jeder Lagerzögling darf im Monat 2 Briefe absenden. Der Lagerleiter.“ Dazu gehört weiter z. T. wenig be— kanntes Bildmaterial(insgesamt sind Tausende von Fotografien vor allem von den verschiedenen Auschwitz-Lagern, tiemv unn pe— r —. — —— k„r —— . n„„ m 1A nn* 11 Erri ⸗ L E r—— —— Fr n r rer tr r — F —— 71„ ——2—— b— B —— — — „— r————— ————————— —,— r — rIMnnknnk — Zensierte Briefe von Auschwitz-Hãftlingen. Aus dem Nachlass von Hermann Reineck Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 nicht nur von den ersten offiziellen Besu- chen von westlichen Gruppen im Verlauf des 1. Frankfurter Auschwit?prozesses, namentlich von dem Besuch der deut- schen Gerichtsuntersuchungsorgane in der Mitte der 1960er Jahre vorhanden Garunter viele Originalaufnahmen von Günter Schindler/Oberursel), sondern auch Fotografien aus den 1950er Jahren, vereinzelt vielleicht auch einige wenige Originalaufnahmen der 1940er Jahre überliefert. Viele Originalfotografien wurden von Günter Zeit in Anspruch nehmen. Ehrenamtli- che Mitarbeiter sind willkommen. Ver- fasser und Beteiligte hoffen, dass die „Aufbereitung“ des Nachlasses Her- mann Reinecks eine neue Grundlage für eine intensive, wissenschaftliche und quellengestũtzte, stark personenbezo- gene Auseinandersetzung mit dem Le- ben und Lebenswerk des Schutzhäft- lings Nr. 63387, z. B. im Rahmen einer Dissertationsvorhabens, ermöglicht. Er und seine Sache haben es verdient. Schindler(Oberur— sel) um 1964/65 auf- 1„ 8, 5 2 5* et e ce Eee te genommen. Beson- ders aufschlussreich . 2 1— sind oftmals auch Konzeptionsvorbe- reitungen(und ent- sprechende Korre- Spondenzen) für Ausstellungen in und über Auschwitz oder andere ehem. KZ. Eine Sammlung zahlreicher Zei- tungsartikel von und über Hermann Z EEae e 0 ————— 3 Reineck, Interviews mit ihm ergänzen den Bestand, zu dem auch etliche Tonband-Kassetten gehören, auf denen auch mehrere Inter-— views mit Hermann Reineck festgehal- ten sind, runden den e e S r e gi jetzt gesicherten Nachlass ab. Die Weiterverzeichnung wird noch einige 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Andrea Löw wertete jiddische und polnische Quellen aus Juden im Getto Litzmannstadt Pine Buchbesprechung von Klaus Konrad-Leder „Doutsche Fstoriker der jüngeren Generation arheiten zum Beispiel üher die Geschichte der Endsung in Galizien oder Weibrubland aber da werden meist die Vorbrechen der Peutschen in den Vordergrumd gestellt. Jch weiß nicht oh es jlingere HistoriMker giht, die fiddisch Jermen umd liher die osteluropischtjlidische Seite arheſ- ten alò die Geschichte der Qpfer schreihen. Fier ist noch eine Grenze die umbedingt iherschritten werden SolMte.“(Satl Friednder 1906) Es mag ungewöhnlich erscheinen, die Besprechung einer historiographi- schen Studie über ein nationalsozialis- tisches Groß-Getto im beset?ten Polen mit dem Statement eines israelischen Historikers über die Notwendigkeit eines Perspektivewechsels deutscher Historiker bei der Beschreibung der „Endlösung“ zu beginnen. Der Kontext hingegen, in den Fried- länders dictum gestellt werden muss, macht den Zusammenhang evident: Es war Andrea Löw, die Verfasserin der hier vorzustellenden Studie, der Saul Friedlãnder in einem Gespräch 1998 die oben zitierte Einschätzung mitteilte. Damit ist in einprägsamer Kürze und mit hinreichender Genauigkeit der For- Gettobewohnerin mit Kind. Foto: Henryk Ross, Archive of Modern Conflict, London. schungsansatz der Promotionsarheit von Andrea Lõw benannt, die im übri- gen- gefördert von der ZETTStiftung Ebelin und Gerd Bucerius und dem Deutschen Historischen Institut in War- schau- am Historischen Institut der Ruhr-Universität in Bochum bei Pro— fessor Norbert Frei entstanden ist. Die Studie geht von der Perspektive der jũdischen Opfer der deutschen Get- toisierungspolitik aus und untersucht de⸗ ren Auswirkungen auf die alltäglichen Lebensbedingungen der Gettobewohner ebenso wie deren sich dadurch verän- dernden psychischen Dispositionen Verãnderungen, die, durch die zuneh— mende Gewissheit über den bevorste- henden Massenmord beeinflusst werden. „Lebensbedingungen, Selbstwahrneh- mung, Verhalten“ benennt die Autorin die von ihr zu untersuchenden Topoi. Um es vorweg zu nehmen: Andrea Löw ge⸗ lingt es eindrucksvoll, wesentliche Aspekte der Innensicht des Gettos zu re- konstruieren, eine Innensicht, die die Versuche der Gettobewohner, erlittenes Leid und dessen Auswirkungen zu be-— Schreiben ebenso einschließt wie die oft- mals verzweifelt anmutenden Versuche, dem alltãglichen Irrsinn des Gettolebens einen„halbwegs erträglichen Alltag“ ab- zuringen. Bemerkenswert sind vor allem jene Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 Zeugnisse der Selbsthe- ſ hauptung, die der um sich greifenden Resig- nation etwas entgegen- setZen wollen- seien es nun politische Zirkel der unterschiedlichsten Richtungen, seien es kulturelle Aktivitäten wie Theater und Kon- z6rt. Hierzu gehören auch die Aktivitãten der jũdi- schen Gettoverwaltung unter Mordechai Chaim Rumkowski. Dieser ver- suchte(„Uner einziger Weg ist Arbeit“) das Uberleben der Gettobewolmer dadurch zu sichern, dass er deren Arbeitskraft den deutschen Besatzern zur Verfügung stell- te, um das Getto so unentbehrlich zu ma- chen. Diese Politik verstärkte einerseits jene sozialen Konflikte, die kennzeich- nend für die Zwangsgemeinschaft des Gettos waren, macht aber auf der ande- ren Seite deutlich, dass es für den EFinzel- nen- abhängig davon, auf welcher Stufe der Gettohierarchie er sich befand Handlungsspielrãume gab, die auf unter- Schiedliche Weise genutzt wurden. Um diese Innensicht des Gettos be- schreiben zu können, musste die Auto- rin jene Quellen nutzen, die die Ge— schichtsschreibung in Deutschland bis— lang kaum beachtet hat. Neben den vor- wiegend in jiddischer oder polnischer Sprache verfassen Selbstzeugnissen (Tagebücher zumeist) ist es die vielfãlti- ge Forschungsliteratur zu den national- SOZialistischen Gettos im besetzten Po- len, die von polnischen und israelischen Historikern verfasst wurde und nur in wenigen Fällen ins Deutsche übersetzt worden ist. i Kinder spielen Ordnungsdienst. Foto: Henryk Ross, Archive of Modern Conflict, London. 15 So kann Andrea Löw konstatieren, dass„eine systematische Untersuchung der Gettoisierung und der Gesellschaft in den Gettos..(och aussteht)“ G. 12). Für das Getto Lit?mannstadt sollte es in naher Zukunft gelingen, dieses For- Schungsdesiderat Zu schließen: Am Ger- manistischen Seminar der Gießener Jus- tus-Liebig Universität arbeitet ein deutsch-polnisches Wissenschaftlerteam, zu dem seit einiger Zeit auch die Autorin der hier kurz vorgestellten Studie gehört, an der Herausgabe der Gettochronik, ei ner Tageschronik, die im Auftrag des „Praeses“(.e. M. Ch. Rumkowski) über die gesamte Zeit des Gettos geführt wur- de. Pieses bis heute unbekannte Material dürfte für eine zu schreibende Sozial- geschichte der nationalsozialistischen Gettos ebenso wichtig sein, wie es Andrea Löws Studie für die spezifische Situation des Gettos Lit?mannstadt ist. Andrea Löm Juden im Getto Litæ- mannstadt. Lehenshedingungen, Selhst- wahrnehmung, Vorhaltem. Göttingen, Wallstein Verlag 2006(554 Seiten, geb, 46 Huro IBN 655500504) 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Neuerscheinung zur Geschichte der I6 Farben Machtmissbrauch im„Rat der Götter“ Fine Buchbesprechung von Miethardt Stamm Uber die IC Farben gibt es mittler- weile wohl einige gute wissenschaftliche Abhandlungen, Bücher und Publikatio- nen, doch angesichts der Bedeutung des Themas ist dieses Material immer noch unzureichend. Dies spiegelt sich im Ver- halten der heutigen Auschwit?-Besucher wider: Die Begegnung mit dem Grauen findet im Stammlager Auschwitz und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau statt und weniger in Auschwitz-Buna- Monowitz, dem IG-Farben-KZ. Nachdem sich der Autor Rnis Schmel- Zer in seinem grundlegenden Werk„De- visen für den Endsieg“ mit den Quellen und Methoden der deutschen Kriegs- führung im Dritten Reich beschãäftigt hat, blieb es ihm vorbehalten, sich vertiefend darum zu kümmern, wie es zur Macht der IC Farben in dieser Epoche Kommen konnte. Aus dieser Macht resultierte ver- brecherischer Missbrauch, wie Schmelzer in seinem neuen Buch ,I6 Farben- vom Rat der Götter- Aufstieg und Fall“ auf— zeigt. Damit wird eine weitere Lücke in der notwendigen Aufarbeitung geschlos- sen und auch ein Mosaikstein zum Ver- ständnis des heutigen Agierens der deut- schen„globalisierten“, also mit Macht- fülle ausgestatteten Unternehmen gelie- fert, insbesondere mit Blick auf die Che- mie und Energiebranche. Das Buch fasst kurz die Vorgeschich- te und Entstehung der I6 Farben zu— sammen und benennt wichtige Persön- lichkeiten, wobei der Chemiker Carl Duisberg als der überragende Kopf in verschiedenen„Denkschriften“ schon vor dem Ersten Weltkrieg die Idee zu ei- nem„Reich der Farbenvereinigung“ hatte. Puisberg kann getrost als Vater der„Interessengemeinschaft“() der Farbenindustrie- heute würde man dies als eng verflochtenes Kartell bezeichnen , SOwie deren verbrecherischer Ergeb- nisse gelten. Der Denktransfer aus dem Kontext„Carl Puisberg- I6 Farben faschistische Verbrechen-Nichtabwick- lung der I6 Farben nach 1945— Etablie- rung der gesellschaftlich renommierten Carl Duisberg Gesellschaft in der Bun- desrepublik- Bedeutung der heutigen Chemie- und damit zusammenhängend der Energieindustrie“ ist immer noch aufzuarbeiten. Dies leistet auch das neue Buch von Janis Schmelzer nicht, es Exparsicorsrichtung S0ost ng blatt erer E— Pht Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 hat auch gar nicht diesen Anspruch. Gut stellt Schmelzer die Aktivitäten des„Rates der Gõtter“(Reprãsentanten der sechs großen Farbengesellschaften) in der Zeit vom August 1916 bis Dezem- ber 1925(endgültige Gründung der IG Farben) und in der Zeit danach bis zur Machtergreifung der Nazis dar. Die auf— gezeigte Produktpalette vom syntheti- Schen Benzin bis zu allen Sprengstoffsor- ten mit insgesamt über 50 Prozent mili— tãrisch relevanten„Nützlichkeiten“ lãsst die spãteren Begehrlichkeiten der Nazis erahnen. Umgekehrt- und auch das stellt das Buch gut dar- sind die I6 Farben Schon vor 1933 ein wesentlicher Faktor in der Vorbereitung des Zweiten Welt- kriegs. Das Absurde wird auch mit Bild- material aufgezeigt: In relevanten Posi tionen der IO, Zum Beispiel im Aufsichts- rat, sit?en Personen wie Carl von Wein- berg, Ernst von Simson oder Arthur von Weinberg, die als Juden mithalfen, einen Kriegsverbrecher Konzern zu etablieren, weil sie die Nazi-Gefahren völlig falsch einschätzen. Einige von ihnen können nach später Erkenntnis kurz vor dem Krieg noch emigrieren, andere werden von den Nazis in den KZs ermordet. Auch weitere Zusammenhänge stellt das Buch gut dar. Dazu gehören die Entwicklung des Büros„Berlin NW*, bei dem eine Posthbezeichnung die Schaltzentrale der I6 Farben ab 1925 sowie die Rolle der dortigen„Zefi“ Zentral-Finanzverwaltung) insbeson- dere im Dritten Reich beschreibt. Die Rohstoffversorgung des Reiches unter der IG-Farben-Regie oder die Parstel- lung der vielen Unterabteilungen von der Wirtschaftspolitik bis zur Presse und aller Verfilzungen mit den Nazis, das Hamstern weltweiter Rohstoffe zur Kriegsvorbereitung all das sind exzel- lent aufgearbeitete Themen. Erstmals wird in dem Buch auch auf— gezeigt, welche Rolle das von den IG Farben finanzierte Scheinunternehmen „Gesellschaft zur Verkaufsförderung“ als Spionagefirma hatte oder wie die IG Far- ben mit dem Heereswaffenamt zusam- menarbeitete. Neu sind die Parstellun- gen, dass die Spionage zum Beispiel in den USA nicht nur über Firmenankäufe und Aktienbeteiligungen erfolgte, son- dern auch durch das Erlangen amerika- nischer Staatsangehörigkeit von engen Verwandten der IG-Farben-Chefs. Das Buch enthält auch umfangreiche Beschreibungen über die Beziehungen der I6 Farben zum Mussolini-Faschis- mus bis hin zur Errichtung einer„Kolo- nialschule“ mit dem Sinn einer„friedli- chen Durchdringung von Ostafrika“. Aufschluss gewinnt man dank Schmel- zer auch über markante Aussprüche der IG-Farben-Verantwortlichen, gefallen im September 1939 im Rahmen der „Gesamtmenschenplanung“:„In diesen Tagen tritt die Dienstverpflichtung als wirtschaftlicher Stellungsbefehl gleich- berechtigt neben den militärischen Stel- lungsbefehl.“ Wichtige Hinweise über das schrittweise„Arisieren“ der IG Farben vor allem in der Zeit von 1933 bis 1938 und den Umgang der Nazis mit den aus Management und Aufsichtsrat Entlassenen ergänzen die Kapitel über die Tarnungen der IG-Tochtergesell- Schaften im feindlichen Ausland. Ansat?weise schließt das Buch zum heutigen Tagesgeschehen auf- wenn et- wa über die Abteilung„Ole“ im Büro „Berlin NW7“ berichtet wird. Wenn dann Denkschriften zitiert werden, nach denen ein deutsches Olimperium mit Verweis auf die Länder Irak, Iran und Saudi-Arabien konstruiert werden solM- te, dann ist schnell klar, wie sehr die Rol- le der Energiefrage den Nazis bewusst 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer war eine Rolle, die bis heute eng mit dem Imperialismusbegriff verknüpft ist. Das abschließende Kapitel„Die Tä- ter unter Anklage“ belegt eindrucksvoll die umfangreichen Anklagepunkte ge- gen die verbrecherischen I6 Farben von den pseudomedizinischen Versuchen an Menschen in KAs bis zur Produktion des Giftgases Zyklon B und beschreibt dann die extrem milden Strafen unter dem Pinfluss des„Kalten Krieges“ im Jahre 1948. Angeschnitten wird die Politik der I6 Farben„i. L.“(in Liquidation) bis En- de 2005. Diese Machenschaften seien ein noch„ungeschriebenes Kapitel“, heißt es. Nach dem nunmehr vorliegenden und sehr empfehlenswerten Buch darf man gespannt sein, ob Rnis Schmelzer dieses Kapitel noch aufschlägt. Es könnt te noch ergänzt werden, mit den aus der NS-Zeit„geretteten“ Denkstrukturen in der Schlũsselbranche„Chemie und En- ergie“ in der späteren Bundesrepublik Deutschland. Dieses Verhalten prakti- ziert aktuell das„Aufrollen“ des Mark- tes in den osteuropãischen Länder. Janis Schmelzer JC Farben- vom „Mat der Götter“- Alfstieg uUnd Fal. Suttgart SChmeftering Vorlag, 100 S0j- ten, 14,60 Euro ToRN 3606574606 Peter Gingold(3. März 1916 29. Oktober 2006) Er hat sich selbst auf der Feier zu seinem 90. Geburtstag im Frühjahr 2006 als einen„Reisenden im Mut Machen“ bezeichnet.„Es bleibt nie, wie es ist“, hat Peter Gingold damals in Anlehnung an Bert Brechts Diktum betont. Auf der Einladung zur Trauerfeier im Gewerk- Schaftshaus Frankfurt am Main war seit ne Rede mit diesen Zitaten als Selbst- charakterisierung seines Lebens und politischen Engagements noch einmal abgedruckt. Peter Gingold, Antifaschist, Kom- munist und NS-Verfolgter war— wie könnte es anders sein- auch der Lager- gemeinschaft Auschwitz verbunden. Er wird uns nicht nur als Vorstandsmit- glied während der Gründungsphase in Erinnerung bleiben, sondern auch als streitbarer Gesprächspartner und Freund, der auch in hohem Alter un— beugsam an seinem Glauben und Enga- gement für eine gerechtere Gesellschaft festhielt. Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus Samstag, 27. Januar 2007, 19 Uhr Frankfurt am Main, DCOB-Haus, Wilhelm-Leuschner-Straße 69 Verfolgung von Kindern Menschen und Orte in Frankfurt am Main Veranstalter: AC Ausgegren?zte Opfer(hier arbeitet auch die Lagergemein- Schaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer mit)