LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHMWITL EREUNDESKREIS DEBR AUSCHMWTAZER AUSCHMWT2 Die letzte Hinrichtung am Galgen im Stammlager wurde am 30. Dezember 1944, vier Wochen vor der Befreiung von Auschwitz, exekutiert. 15. Jahrgang. Heft 3 Mitteilunasblatt. Dezember 1995 Inhalt: Seite Studienfahrt nach Auschwitz 1 »Gehorsam war die höchste Tugend' 2 Gespròch mit dem Auschwitz-Häftling Dr. Janus? Mlynarski Wie Jugendliche Auschwitz erleben 4 Adam Jurkiewiecz erzdhlt Auschwitz, das ist deutsche Geschichte“ 7 Gespròch mit Schülerinnen u. Schülern aus Mühlheim und Apolda Projekt der Schulen Mühlheim, Apolda und Oswiecim 9 Gedichte von Schülerinnen und Schülern Geburtstagsgrüße 12 Fünftausend Mark um das Leben des Vaters von den Nazis frei zu kaufen 13 Mühlheimer Schüler gestalteten Gedenfeier am 9. November Weihnachtsspende für NS-Opfer 16 Tdter beziehen Renten, Opfern wird Entschädigung verweigert Offene Mitgliedertreffen 18 Die banale Verwechslung von Kollektivschuld und historischer Folgehaftung 19 Rezension von W. Sofokys Studie* Die Ordnung des Terrors“ Berichte ehemaliger KZ-Häftlinge als historische Quelle 22 Vortrag von Barbara Jaros⁊, Archivleiterin im Museum Auschwitz Chronist des Schreckens 30 Zum Tod von Hermann Langhein Die abendländischen Juden als'mehr oder minder bevorzugte Parias“ 31 Zum Briefwechsel von Moritz Steinschneider und Auguste Auerbach Weniger Geld für Brandenburgs Gedenkstätten 32 4. Wir wünschen allen 8 Mitgliedern, Freunden und Gönnern geruhsame Weihnachtstage und danken für die geleistete Unterstützung. Verbunden mit diesem Dank sind die besten Neujahrsgrüße für 1996. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Auf den Spuren des Nationalsozialismus: Bildungsreise nach Polen Studienfahrt nach Auschwitz-Birkenau Auch für das Frühjahr 1996 plant die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis wieder eine Bildungs- und Studienreise nach Polen. Sie wird während der Osterferien in Hessen stattfinden. Abreisetag mit dem Bus ist vermutlich am Sonntag, 24. März, und Rückreisetermin am d. oder§. April. 50 Jahre nach der Kapitulation des Deutschen Reiches und der Befreiung der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager grassieren in unse- 9 Gesellschaft erneut und verstärkt wieder Rassismus, Fremdenfeindlich- eit, Antisemitismus und Nationalismus. Es sind dies charakteristische Einstellungen der nazistischen Ideologie, die von der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung willfährig als Staatsdoktrin akzeptiert wurde und die unweigerlich zu Krieg, Völkermord und einer beispiellosen Vernich- tungspolitik führte. Dies zu verdeutlichen, und die Notwendigkeit an der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft mitzuwirken, ist Ziel der Studienreise. Gespräche mit ehemaligen Häftlingen und ihren Familien sind in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sowie bei Besuchen und Besichtigungen in Oswiecim, Zgorzelec, Krakow oder Warschau vorgesehen. RFISEROUTF: Frankfurt Main- Zgorzelec-Oswiecim-Ge- (noch vorlãufig) denkstätte Auschwitz-Birkenau- Krakow oder- Warschau, Zgorzelec-Frankfurt/M. UNTERBRINGUNG: Erfolgt privat bei ehemaligen Häftlingen und ih- ren Familien sowie im Hotel der Gedenkstãtte. * REISEPREIS: Voraussichtlich 1080 Mark(inkl. Führungen) ANMELDUNG und weitere MSKUNFTE: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, Linden- straße 68 in 35516 Münzenberg 1, Tel: 06033— 60168. Uberweisungen bitte unter dem Stichwort'Studienreise?: Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79), Konto- Nr. 0020 000 660. ANMELDESCHIUSS: 20. Februar 1996 Es können maximal 25 Personen mitfahren. Benötigt wird ein Reisepaß, der noch mindestens 6 Monate gültig ist. Unsere Studienfahrten sind aner- kannt als Bildungsurlaub und als Lehrerfortbildungsreisen. Fin Termin für ein Vorbereitungstreffen wird noch vereinbart. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer »Gehorsam war die höchste Tugend'“ Dr. Janus?z Mlynarski, Auschwitz-Häftling Nr. 355, war Gast beim Mitglieder-Treffen der Lagergemeinschaft Hans Hirschmann Am 8. November dieses Jahres war der ehemalige Auschwitz-Häftling Dr. Janus? Mlynarski als Zeitzeuge zu Gast bei einem Treffen, zu dem die Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis in das Gemeindehaus der Frankfur- ter Katharinengemeinde eingeladen hatte. Den rund 30 Zubörerinnen und Zuhörern berichtete er, wie er 1940 mit dem ersten Transport von polnischen Gefangenen nach Auschwitz kam und fortan Häftling Nummer 355 war. »Gehorsam war die höchste Tu- gend'“, beschrieb er die Lagerführer, die deutschen Bewachungssoldaten und ihre Hilfstruppen. Es waren vor dem Krieg'biedere Bürger“, die sich in Auschwitz in den SS-Uniformen als »Herrenmenschen“ aufführten und zu Massenmördern wurden, ihre Macht ausnutzten, die Häftinge zu schikanieren und mit allen nur er- denklichen Arten zu demütigen. Die SS-Arzte ließen sich auch von ihrem hippokratischen Eid nicht davon ab- halten, die Häftlinge für Experimen- te und Menschenversuche zu miß- brauchen. Viele wurden mit einem Erreger infiziert und anschließend getõtet und seziert. Als 17 jähriger war Janus? Mlynar- ki 1939 bei einem Treffen von Meß- dienern in Posen erstmals verhaftet worden. Er stammte aus einer deut- schen Familie und hieß noch Johann Müller. Die Gestapo verdãchtigte die jungen polnischen und deutschen Meßdiener eine anti-nationalsoziali- stische Versammlung abzuhalten. Die fünf Deutschen wurden nach einem Verhör wieder freigelassen, die Polen erst nach mehreren Tagen. Es folgte die Flucht aus Posen ins Generalgou- vernement. Dort wurden phanta- stisch gut gefälschte Ausweise' be- sorgt und damit begann eine„neue Ara“, wie Janusz Mlynarski schilder- Dr. Janusz Mlynarski(rechts) und Vorstandsmitglied Gerhard Herr te. Er hatte nur noch verdeckte Kon- takte zu seiner Familie. Er habe d mals leider*zu impulsiv“ gehandeli Sagte er rückblickend. Im Mai 1940 wurde er in Krakow auf offener Straße erneut von der Gestapo verhaftet. Nach der Verle- gung ins Gefängnis nach Tarnow wurde er den 728 Gefangenen zuge- teilt, die am 14. Juni mit dem ersten polnischen Häftlingstransport in dem gerade neu eröffneten Konzentrati- onslager Auschwitz eintrafen. Unter Aufsicht der deutschen Kapos aus Sachsenhausen mußten sie die ehe- malige Kaserne als Konzentrationsla- ger aufpauen(vergl. das Buch„Anus Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Mundiꝰ von W. Kielar, der ebenfalls Häftling im ersten Transport war). Die Befreiung erlebte Janus? Mly- narski im Konzentrationslager Eben- See. Kurz bevor die Rote Armee im Ja- nuar 1945 Auschwitz erreicht hatte, war er mit den meisten anderen Hãft- lingen evakuiert worden. Bei diesen Todesmärschen nach Deutschland Starben mehr als 15.000 Menschen, die G eder verhungerten, an Entkräf- tung starben, erfroren oder von 85, Gestapo und Wehrmachtsangehöri- gen erschossen oder erschlagen wur- den. Janusz Mlynarski überlebte auch diese Torturen. Als'innerlich tief ge- demütigt und äußerlich als Musel- mann'“ beschrieb er seinen Zustand am 5. Mai 1945 als er in Ebensee von der US-Armee befreit wurde. Er erin- nert sich, daß'an diesem Tag keine Freude in mir wur. Vielleicht weil wir gegen jedes Gefühl immun waren.* Nach der Befreiung habe er sich wenig bei den anderen ehemaligen Mithäftlingen aufgehalten. Mit vie- lerlei Arbeiten habe er sich abgelenkt von den im Lager erlittenen Qualen. Das Vorbild des Hãäftlingsarztes Wla- Zuhörer beim Vortrag des Auschwitz-Häftlings Nr. 388, Pr. Janus? Mlynarski dyslaw Fejkiel(iehe Nachruf im Mit- teilungsblatt 2/1995), mit dem er in Auschwitz zusammengearbeitet hatte, veranlaßte ihn, sich für ein Medizin- studium zu entscheiden; früher wollte er eigentlich einen technischen Beruf ergreifen. Als er bereits in Osterreich einen Studienplatz hatte, erreichte Janus?z Mlynarski über das Rote Kreuz die Nachricht, daß seine Mutter noch leb- te und nach ihm suchte. So kehrte er nach Polen zurück und studierte Me- dizin und arbeitete als Arzt. 1971 floh er mit der Familie aus Polen, lebte und arbeitete zuerst zwei Jahre in Osterreich und dann in Deutschland. Seit 1978 lebt er in Monheim in Nordrhein-Westfalen und arbeitet auch heute noch vertretungsweise in einer Arztpraxis. Mit seinen Kindern spreche er sel- ten über Auschwitz, sagte Dr. Mlynar- Ski auf eine Nachfrage aus dem Pu- blikum. Er habe sich nie als'Held'“ darstellen wollen und seine Kinder nicht mit dem belasten wollen, was ihm in Auschwitz angetan worden war. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wie Jugendliche Auschwitz erleben von Klaus Konrad-Tromsdorf Im Mitteilungsblan Jo9 habe ich an einem Beispiel(Gruppentagehuch*) gezeigt, welche Bedeutung das Schreiben' als eine Form des Sich- Auseinandersetzens mit den unmittelbaren Erfahrungen des Ortes Auschwitz für Jugendliche hat. Daß Schreihen' als Form des Fich-Mitteilens' nicht an hestimmte Formen gehunden Sein muß, zeigt ein weiteres Beispiel, welches im ſolgenden dokumentiert wird. Die Autorin(zum Zeitpunkt des Entstehens des Beitrages fünfeehn Jahre alt), wählte eine Textform, die man am eheylend mit einer KReportage vergleichen Kann, freilich einer Sehr pervõnlich gefärh- ten, d. h. die eigenen Findricke und Gefühle werden zum bestimmenden in- haltlichen und Stilistischen Element des Textes. Geschriehen wurden diese Zeilen im unmittelbaren Anschluß an ein ldngeres Gesprdch mit einem polni- Schen Zeitzeugen, Sie wurden nach Abschluß des Gedenkstdttenseminars in eine Informationsbroschüre übernommen.(Titel. Endlòsung', hysgg. v. d. Jugendbildungswerk des Landkreises Gießen). Adam Jurkiewiecz erzählt von Nadja Gunkel Wir werden heute Abend ein Ge- spräch mit einem ehemaligen Häft- ling haben. Wir warten. Zur verein- barten Zeit kommt ein älterer Herr: nicht sehr groß, mit ergrautem Haar, wie ein ganz'normaler Opa'- Adam Jurkiewiecz. Wir sind gespannt. Was wird er uns erzählen? Am Nachmit- tag haben wir das Gespräch vorberei- tet: Was erwarten wir davon? Was wollen wir fragen? Wir wissen, daß Herr Jurkiewiecz nur Polnisch spricht: von daher ist es uns wichtig, genaue Fragen zu stellen. Doch vor unseren Fragen soll er erzählen. Als es still wird, stellt sich'unser Opa' vor. Er hieße Adam und sei 1921 in Nowicon, südlich von Krakow, ge- boren. Bis vor neun Jahren wäre er in den chemischen Werken von Oswie- cim beschäftigt gewesen, jetzt sei er Rentner. Dann beginnt er seine Er- zählung: Der Dolmetscher übersetzt in der Ich-Form. Am Anfang stört mich das ein wenig, aber dann finde ich es gut. Ich notiere mir Stichpunk- te. Er erzählt, daß er Anfang 1940 von der Gestapo verhaftet wurde. Ich weiß, daß das ein sehr früher Termin ist. Dann erfahre ich, daß es der erste Transport nach Auschwitz war. Nach drei Tagen im Gefängnis seiner Hei- matstadt kam er in das GetüngniQ von Tarnov. Was haben er und seine Mithäftlinge wohl gedacht, was mit ihnen passieren wird? Nach dem, was ich schon über Auschwitz weiß, wun- dert es mich nicht, daß man ihnen nicht sagte, warum sie festgenommen worden sind. Schließlich gab es auch keinen Grund, außer daß er Pole war und- vielleicht- daß man sie zum Lager-aufbau brauchte. Sie mußten Später Häuser im Stammlager bauen. Aber zunächst erzählt Adam Jur- kiewiecz von der jũdischen Synagoge, in der sie einen Tag verbrachten, wo Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 sie sich waschen konnten und Lebens- mittel erhielten. Am 14. Juni ging es dann'endlich' zum Stammlager Au- Schwitz. Im Personenzug. Das wun- dert mich, bis jetzt habe ich nur von Transporten in Waggons gehört, in denen die Menschen wie Schafe zu- sammengepfercht waren. Wenigstens ein Vorteil, wenn man schon so früh abgeholt wird, denke ich mit gemisch- 6* Gefühlen. Im Stammlager wurden sie regist- riert und erhielten Hãäftlingsnum- mern. Lagerführer Fritsch sagte zu ihnen, daß sie unerwünschte Elemen- te Seien. Die Länge ihres Aufenthaltes im KZ sei unbestimmt, dauere aber mindestens bis zum Ende des Krieges. Was hätte ich wohl gemacht, was hät- te ich gefühlt, bei so einer Nachricht, wenn ich noch nicht einmal den Grund der Gefangennahme gewußt hätte? Wäre so etwas auch heute noch möglich? In einigen Länder be- Stimmt! Bei uns? In den nächsten zwei Wochen ler- nen Adam Jurkiewiecz und anderen Hãftlinge Lieder und»Verhaltens- regeln' und müssen Turnübungen ma- chen. Während der ganzen Zeit hat- ten sie die gleichen Kleider an, nichts zum Wechseln. Obwohl ich von den hygienischen Verhältnissen im K?Z weiß, kommt mir nur ein Wort in den Sinn:'Igitt!' Mir fällt der Spruch aus den Waschräumen des KZ ein: Sau- berkeit ist deine Pflicht'. Auch die in- haftierten Pfarrer hatten wãhrend der ganzen Zeit ihre Kutten an, auch bei den Tumübungen- bei dieser Vor- stellung muß ich lächeln, wäre es auch witzig, wenn ich es gesehen hät- teꝰ Als die zwei Wochen um waren, ka- men die Häftlinge in das eigentliche KZ. Sie bekamen Häftlingskleider und mußten mit der Arbeit anfangen. Diese ging von früh morgens bis zum Abend. Außer einer kleinen Mittag- spause und dem Appell vor- und hin- terher. Beim Appell mußten sich alle Häftlinge aufstellen und wurden ge- zählt. War ein Häftling geflohen, mußten zehn andere hungem, bis er wieder gefangen war oder bis sie star- ben. Hätte ich einen Fluchtversuch gemacht, wenn ich gewußt hätte, daß dann andere sterben müssen? Viel- leicht wären sie sowieso gestorben- vielleicht aber auch nicht! Arbeiten, das hieß z. B. das Lager auszubauen: mauer und im Lauf- schritt Schubkarren hin und her fah- ren. Bei dieser Arbeit hielt man nicht lange durch. Zum Uberleben mußte man eine Tätigkeit finden, die leich- ter war und bei der man ein Dach über dem Kopf hatte. Ab Januar ar- 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer beitete Adam in den Pferdeställen. Ich denke, daß das eine relativ leichte Tä- tigkeit war. Was hätte Adam wohl ge- macht, wenn er diese Arbeit nicht be- kommen hätte? Dann würde er jetzt wohl nicht bei uns sitzen, oder? Ich will im Moment lieber nicht darüber nachdenken. Im März 1943 befahl Lagergestapo- chef Grabner, daß alle Häftlinge, die schon länger die gleiche Arbeit ver- richten, diese wechseln müßten. Und S0 kam Adam in das Konzentrations- lager Hamburg-Neuengamme. Hier war jeder Hãftling'für sich selbst ver- antwortlich'. Das hieß z. B., daß bei einem Fluchtversuch nicht zehn an- dere Häftlinge für einen Geflohenen bestraft wurden. Aber eine Flucht war hier insofern riskant, da man sich als Pole in einem fremden Land be- fand. In Polen konnte man mit Hilfe rechnen, aber hier in Deutschland? Adam hat in seiner Gefangenschaft vier Fluchtplãne gemacht. Beim vier- ten Mal verwirklichte er seinen blan c Er meldete sich mit einem Kollegen zu einem Außenkommando, wo die Bewachung nicht so perfekt war wie im Hauptlager. Von dort aus flüchte- ten sie dann im Dezem- ber 1943. Doch sein Freund wurde auf der Flucht erschossen. Adam hatte Glück, aber ab da war er allein. So begann seine Wanderung nach Polen. Er marschierte nur nachts, da man ihn sonst an der Häftlings- kleidung und den kurz- geschorenen Haaren er- kannt hätte. Ich überle- ge, was der Mann für eine Energie gehabt ha- ben muß! So weit zu lau- fen und das im winterih Wieviele von uns wür- den das schaffen? Ich bewundere den'kleinen' Mann! Bis zum Ende des Krieges mußte Adam sich verstecken. Er ging ins Gebirge und blieb im Untergrund. Heute als Rentner- arbeitet er in der Gedenkstätte, macht Führungen und erzählt Gruppen so wie uns von seinen Erlebnissen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Gespräch mit Schülerinnen und Schüler aus Mühlheim und Apolda nach einem Aufenthalt in Auschwitz und Oswiecim Auschwitz, das ist deutsche Geschichte'? Auschwitz bei Nacht?, habe sich ihm am deutlichsten eingeprägt, sagte ein Schüler des Mühlheimer Friedrich-Ebert Gymnasiums.*Es war nicht mehr so Sehr das Museum von heute“, war ein rückblickender Kommentar. Angesichts der still daliegenden Gebäude und des eingezäunten Geländes seien die Vor- stellungen viel konkreter geworden, wie die Häftlinge von 1940 bis Januar 45 Im September war eine Gruppe der 12. Klassen aus Mühlheim und der Partnerschule im thüringischen Apol- da nach Polen gefahren in das ehe- malige deutsche Konzentrations- und Vemichtungslager. Betreut hatte sie dort der langjährige Leiter der heuti- gen polnischen Gedenkstätte Kazimi- erz Smolen. Er ermöglichte es, daß die Mühlheimer Jugendlichen das Gelän- de des ehemaligen Stammlager auch nach Finbruch der Dunkelheit betre- ten konnten: jenseits der Betriebsam- keit, den die Besucherströme der mehr oder weniger eiligen Touristen und das Museumspersonal mit seiner alltäglichen Arbeit verursachen. Nicht nur die Eile, mit der die mei- ten Besuchergruppen*das Pro- Granm in Auschwitz absolvierten, auch deren sonstiges Tourismusver- halten sei auffallend gewesen. Viele hätten sich vor der Todeswand bei Block 11 fotografieren lassen, und im Krematorium habe ein Vater sein Kind für ein Erinnerungsfoto vor die Ofentür gesetzt. Die Mühlheimer Schülerinnen und Schülern wurden sich angsichts dieser Beobachtungen der'anderen“ auch ihrer eigenen Findrücke und Gefühle bewußt. Viele hatten vor der Fahrt die Befürchtung, daß sie der Aufent- halt in Auschwitz emotional überfor- ort leben und sterben mußten, von den Bewachern ständig schikaniert wur- en, von dem gesamten System prinzipiell mit dem Tode bedroht. derm würde. Dies habe sich aber zu- meist nicht bestätigt.“Es sicht gar nicht so schrecklich aus', man könne es' sich nicht so recht vorstellen, welche Grausamkeiten und tägliche Todesdrohungen hier den Alltag der Häftlinge bestimmte. Es seien oft verwirrende Gefühlen“ gewesen, sagten einige Schüler. Beim Anblick des riesigen Geländes in Birkenau mit den Ruinen der gesprengten Krema- torien und dem Teich, in den die Asche der Opfer geschüttet wurde, habe sie eine Art tiefen inneren Frie- den verspürt, als ein Vogel gezwit- schert hatte, berichtete eine junge Frau, die bereits zum zweiten Mal in Auschwitz war. Ich kann nicht sagen, wie es mir dabei ging“, merkte eine andere Schülerin an. Alles habe ich nicht verstanden. Vielleicht geht das gar nicht.? Fin Wochenende verbrachten die Jugendlichen aus Mühlheim und Apolda auch in Familien polnischer Jugendlicher aus Oswiecim. Mit der dortigen Schule besteht seit einiger Zeit eine Partnerschaft und die jun- gen Polen waren einige Wochen zuvor in Deutschland zu Besuch gewesen. Die einheimische Bevölkerung wende der Beschäftigung mit dem ehemali- gen Konzentrations- und Vemich- tungslager in ihrer direkten Nachbar- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Schaft wohl nicht so viel Zeit und Be-. deutung zu, war die Finschätzung der jungen Deutschen. Die polnischen Ju- gendlichen hätten keine allzu große Bereitschaft gezeigt, darüber zu re- den. Der Bürgermeister von Oswiecim sprach dann bei einem Empfang deutlich aus, daß die Stadt es nicht gerne sehe, zu eng mit dem ehemali- gen KZ identifiziert zu werden. Das sei ein schlechtes Image und schrecke Investoren ab. Fine Finstellung, die auch aus Dachau, Buchenwald und anderen in Deutschland gelegenen Konzentrationslagem bekannt ist, mit dem Unterschied, daß es hier die Täter, Mitwisser und ihre Nachfolge- generationen waren und sind, die die- se Meinung vertreten. Schwerwiegende Diskussionen mit den Großeltern und Elterm habe es weder vor noch nach der Fahrt nach Auschwitz gegeben, berichteten die Schüler aus Mühlheim und Apolda. Die Großelterm hätten überwiegend von ihrer eigenen Leidensge- schichte“ erzählt. Weder die Vertrei- bung aus den'Ostgebieten? noch die Angst vor den Bombadierungen der Alliierten seien in einem direkten Zu- sammenhang mit der Politit des Deutschen Reiches gesehen worden. Auschwitz, das ist deutsche Ge- schichte“, begründete einer der Mühl- heimer Schüler, warum er mitgefah- ren ist. Nach der Rückkehr arbeiten die meisten in der Auschwitz AGß der Schule weiter und wollen eine Aus- stellung zusammenstellen. Finfließen soll hier die Arbeit aller Gruppen, die sich beim Aufenthalt in der Gedenk- stätte gebildet hatten. Die einen hat- ten Unkraut gejätet und sich an ande- ren Renovierungs- und Frhaltungsar- beiten beteiligt, andere arbeiteten im — Asservate: Vgl. Bildunterschrift S. 23 Archiv. Fine Gruppe interviewte Be- sucher und zeichnete es mit der Vi- deokamera auf, bei einer anderen Vi- deogruppe standen nicht die Besu- cher, sondern der heutige Zustand der Gedenkstätte im Mittelpunkt. EFine Literatur-AG beschäftigte sich mit Texten ehemaliger Häftlinge. Die Kunst-AG versuchte ihre Findrücke literarisch oder bildnerisch umzuset zen, das gleiche Ziel verfolgte ein andere Gruppe mit musikalischen Mitteln. Auch in Apolda soll als ein Ergebnis der Studienfahrt, eine Ausstellung über den Aufenthalt in Auschwitz ge- zeigt werden. Mit Uberfällen von Neonazis müsse man rechnen, äußer- ten die Thüringer ihre Angste. Auch in Mühlheim waren Schülerinnen und Schüler, die an Studienfahrten nach Auschwitz teilgenommen hatten, von neonazistischen Jugendlichen wieder- holt angerempelt und bedroht wor- den. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Austauschprogramm mit Schülern und Schülerinnen aus Oswiecim Mühlheim(Hessen) und Apolda(Thüringen) Auschwitz-Projekt der Schulen Seit 1990 veranstalten das Friedrich-Ebert-Gymnasium in Mühlheim am Main(Hessen) und das Gymnasium Bergschule in Apolda(Thüringen) ein gemeinsames Auschwitz-Projekt(Berichte dazu wurden bereits in den vor- igen Jahren in den Mitteilungsblättern der Lagergemeinschaft Auschwitz- reundeskreis verõffentlicht). Auch 1995, vom 27. August bis 8. September, fand wieder eine Fahrt nach Auschwitz statt. Seit einiger Zeit ist mit diesem Projekt auch ein Austausch mit polnischen Schülern aus Oswie- cim verbunden. Diese waren ei- nige Wochen zuvor bereits in deutschen Familien zu Gast gewe- Sen, was nun durch einen Gegen- besuch der Mühlheimer und Apoldaer erwidert wurde. Wich- tigstes Anliegen dieses Austauschs war wohl der Gedanke, sich nicht nur mit der Vergangenheit der deutsch-polnischen Bezichungen zu beschäftigen, sondem auch deren Zukunft im positiven Sinne aktiv mitzugestalten. In der Gedenkstätte Auschwitz Maten die Teilnehmer aus Mühl- heim, Apolda und Oswiecim ver- Schiedene Möglichkeiten, sich mit der Thematik des Nationalsozia- lismus auseinanderzusetzen, und zwar durch das Arbeiten in meh- reren Gruppen. In diesem Jahr wurde in einer Video-, einer Foto- „einer Kunstgruppe sowie in einer Restaurations-, einer Musik- und einer Literaturgruppe gearbeitet. Nachfolgend einige Texte der Teilnehmer der Literaturgruppe. Ein Teich Fin Teich Wie aus einem Bilderbuch Die Sonne spiegelt sich Frõsche springen herum Fin leichter Wind weht Es ist still Kein Mensch ist zu sehen Aber sie sind da Ihre Asche Wurde in diesem Teich gestreut Ihr Leben Hat hier geendet Ihre Gedanken Sind hier untergegangen Niemand kann wissen Wer sie waren Sie schweigen Aber man weiß trotzdem Daß sie hier sind Es herrscht Stille, aber wir sollten trotzdem versuchen, sie zu hören. Martina Hörher, 06. 09. 1995 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zahlen und Gefühle Zahlen Millionen Tote Hunderttausende Verfolgte Millionfach Folter und doch kein Gefühl Doch ein Foto ein Blick ein Gesicht und ich begreife vieles Patrick Pauhe, 30. 06. 1995 Gewöhnung Man geht Zur Arbeit jeden Morgen Was einmal neu war, wird zum Mltag Was man sich nicht vorstellen konnte, wird normal Man will nicht werden wie die Anderen Und ist doch lãngst ein Teil des Ganzen Der Mlltag ist stärker als alle Ideale Man gewöhnt sich an alles. Nur von Zeit zu Zeit erwacht man plõtzlich. 6 Fragt sich nach dem Sinn, Betrachtet das Leben aus einer anderen Perspektive. Doch wie leicht ist es, einfach weiterzumachen, Die Gedanken zu verdrängen, einfach weiterzuleben Ich frage mich: Hãätte ich mich auch daran gewöhnt, die Toten zu zählen, Formulare über entnommene Zähne auszufüllen, Menschentransporte in Viehwagen vor der Haustür zu sehen, in manchen Läden nicht mehr einzukaufen 7 Ich habe Angst, diese Frage zu beantworten. Martina Hörher, 04. 097995 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Waage Morgenappell-Mittagsappell-Abendappell Verkrümmte Gestalten, mühsam sich auf den Beinen haltend, Der Berg der Toten wächst, doch die Balance stimmt immer wieder- neue Stimmen, Sprachen und doch das gleiche Wort. WARM Wo sind die Kinder und Alten, übersprungene Generationen- weggewischt, ausgebrannt aus dem Sinn nur Zahlen berichten, von ehemals menschlicher Existenz. WURDEI.Os VERSCHWUNDEN Nicole Kõditz, 05. 09. 1995 Zu Hause Viele wollen nachher, daß ich erzähle zu Hause, in der Schule, im Verein. Doch kann ich erzählen, was sie hören wollen, — was ich hören wollte, was sie erwarten, was ich erwarte. Horrorbilder: Mißhandlungen Menschenversuche Folter- Tote Sicherlich, das gab es alles hier. Aber wichtiger für mich ist, was ich gelernt habe. Die Botschaft von Auschwitz: Patrick Daube, 06. 09. 1995 Friede und Verantwortung, (in Birkenau) die jeder trãgt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Dezember 2.12. Maria Reiferscheid 2.12. Emil Schmidt 3. 12. Dieter Hild 5. 12. Erika Stückrath 9. 12. Herbert Bohner-Rapp 13. 12. Gisela Wagner 14. 12. Dieter Fischer 15.12. Esther Bejarano Rosmarie See Barbara Mlynarski E.-Ludwig Proescholdt Egon Schweiger Alfred Schulz 23.12. Antje Biesenbach 28.12, Anni Roßmann-Reineck 30. 12. Claus Schwing 30. 12. Albrecht Werner-Cordt Soſe OoſZ 2 Z 2 2 Januar Susanne Gräser Andrea Höhle Susanne Hainbach Susanne Lutz Dr. Hans Gärtner Margarete Schoplick Gerd Vogt Hermann Reineck Joachim Bernecke Kathrin Czerannowski Thomas Rolle Eroika Kremer Ingolf Spickschen Patricia Krosch Michael Wahle Birgitta Werk-Lang Folker Behrens Cornelia Teller ———————— dO dO dO dO dO d——— d S 88 58 Februar Astrid Sauer Johanna Oberhauser Michael Wies Gila Gertz Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße 12 12 132 2 2 202 202 222 22 28.2. 28.2. . 8: 3 d S r O d O tð t t d t 0 o o = 0 0 Etty Gingold Gottfried Bay Marianne von Oettingen Wolfgang Gehrke Friedrich Stichler Frank Sygusch Wolfgang Schumann Wilfried Stranz Zdzislaw Jankiewicz Hans Boss Brigitte Habig Hilde Leng Andreas Schreier Peter Meier-Röhm Gertrud Amrein Fveline Keusch Oliver Nedelmann Elke Jung Bernhard Krane Marion Beste Peter Gingold Franziska Hinz Horst Jacke Thomas Fürst Dr. Ullrich Waldschmidt Horst Könnecke 6 Renate Wanie Armin Claus Boleslaw Stefanski Barbara Fleming Edda Hertel Dr. Siegmund Kalinski Brigitte Stark Michael Wagner Hortense Habermann Dr. Michael Schulte Claudia Wiederholt Annemarie Diefenbach Rainer Strobelt Daniel Hoffmann Ralf Neubert Peter Seib Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Mühlheimer Auschwitz A6 gestaltete Gedenkfeier am 9. November Fünftausend Mark um das Leben des Vaters von den Nazis zu erkaufen Bei einer Gedenkveranstaltung an die Pogrome von 1938 lasen Schülerinnen und Schüler der Auschwitz AG des Ebert-Gymnasiums aus den Frinnerungen von Arnold Isaak. Er ist der zweite Sohn von Leopold Isaak, dem letzten Vor- steher der jüdischen Gemeinde in Mühlheim am Main. Michael Neubeck inter- reüerte die Passagen mit eigenen Kompositionen auf der Klarinette. Harmo- nische Melodiefolgen waren immer nur ansatzweise zu hören, schrille Töne unterbrachen immer wieder. Und mehrmals drohte das Instrument ganz zu verstummen, es schien dann so, als weigere sich die Klarinette, Töne von sich zu geben. Fingeladen hatten zur Gedenkfeier neben der AG auch die Kirchen- gemeinden, der DGB, die Kulturinitiative, VVN sowie SPD und Grüne. „Alle Nachbam ver- schlossen sofort die Fen ster“, Schrieb Arold Isaak in Frinnerung an den Ta als er nach Kriegsende als amerikanischer Soldat wie der vor seinem Elternhau stand. Noch vor der Po gromnacht 1938 hatten ih seine Eltern zur Ausreise i die USA veranlaßt und ihm So das Leben gerettet. Zu Zeit schreibt Arnold Isaak seine Lebenserinnerungen. Ou5üge hat der Lehrer Hans C. Schneider zur Le- sung bei der Gedenkveran- Staltung übersetzt. Mit rund 100 Personen war das Foyer im FZentrum der Markusgemeinde fast voll besetzt. Die Nazis in ihren Rei- thosen kamen Arnold Isaak bei der ersten Begegnung eher lächerlich und nicht besonders gefährlich vor. Da wußte er noch nicht, daß diese„Braunhemden bald anfingen, in Mühl- Gedemütigt: Jüdische Schülerinnen und Schüler heim Amok zu laufen“. 1934 oder 1935 wurde Ar- nolds Vater von der Gestapo ins Gefängnis ge- steckt. Als er zu seiner Familie zurück kam, hink- te er und hatte eine große Narbe im Gesicht. Die Mutter erzählte den fünf Kindern, der Vater habe einen Unfall gehabt. Leopold Isaak war von die- sem Zeitpunkt an ein völlig anderer Mensch. Die Bezichungen zur Familie wurden'schrecklich?, Schreibt Arnold Isaak. Er mißhandelte uns alle mit Worten und auch körperlich.“ In der Schule forderte der Nazi-Lehrer von Ar- nold Isaak, daß er ein besonders antisemitisches Kapitel aus Hitlers„Mein Kampf“ vorlesen sollte. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Als dieser das Buch wegwarf, wurde er von den Mitschülern festgehalten und mit dem Bambusstock verprü- gelt. Es war sein letzter Schultag in Deutschland. Die Nürnberger Gesetze wurden erlassen und den Juden immer mehr die Arbeits- und Lebensgrundlage entzogen. Leopold Isaak glaubte lan- ge nicht, daß er als mit Orden ausge- zeichneter Soldat des Ersten Welt- krieges aus der deutschen Gesell- Schaft ausgegrenzt und wirklich ver- folgt würde. Der Mutter gelang es da- für zu sorgen, daß der junge Arnold in die USA geschickt wurde. Durch Briefe erfuhr er, welcher Willkür und welchem Terror er entkommen war. Ein Onkel war auf einer Geschäftsrei- se verschwunden. Nach drei Wochen ließ die Gestapo die Ehefrau wissen, sie könne die Asche ihres Mannes für 500 Reichsmark abholen. In der be- nachbarten Bäckerei konnten die ISaaks kein Brot mehr kaufen: solange ihr Sohn an der Front sei, wolle sie an vlausige Juden' nichts mehr verkau- fen, schimpfte die Bäckersfrau. Am 29. Dezember 1939 gelang es Melitta Isaak mit Amolds vier Brüdern Deutschland zu verlassen und nach Genua zu gelangen. Sie hätte es nicht ertragen, wenn es ihr nicht geglückt wäre, alle ihre Kinder zu retten, nach- dem sie schon früh einen Sohn in Si- cherheit gebracht hatte, sagte sie beim Wiedersehen mit Arnold naciqg dem Krieg. Im Sommer 1942 hatte Arnold Isaak den letzte Brief seines Vaters erhal- ten. Mit„Zittriger Handschrift“? teilte er mit, daß er nach einem ereuten „Unfall in einem Arbeitslager“ auf der Krankenstation liege. Sein Leben könne gerettet werden, wenn der Sohn 1250 Doller(5000 Reichsmark) schicke.„Da stand ich, ein Junge von 16 Jahren, aufgefordert, 1250 US- Dollar zu schicken, um das Leben meines Vaters von den Nazis zu er- kaufen“, schrieb Arnold Isaak in sei- nen Frinnerungen. Rund 100 Personen kamen in Mühlheim zur Gedenkfeier an die Pogrome vom 9. und 10. November 1938(Foto u. Text: Hans Hirschmann). Das Foto auf Seite 13 stammt aus dem Buch*Der Weg zur Schule war eine tägliche Qual“-Berich- te gegen Vergessen u. Verdrängen von 100 überlebenden jüdischen Schülerin- nen und Schülern aus Frankfurt/M., hrsg. v. Benjamin Ortmeyer, 1994 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 15— Fh g0ONOEN d oOE d M AENQ OOEofl nd FENBACf Aced e ncEN M SENBUR MW. efEoEA Di GRc Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Weihnachtsspende für NS-Opfer Während die Mittäter und'treuen Staatsdiener“ des NS-Regimes Versorgungsbe?zũge beziehen, gehen viele NS-Opfer leer aus Entlastung der Täter statt Ents Die Union bestellt Gutachter, die von der Rechtmäßigkeit der ir die Opfer? chädi gung fü gehen Wehrmachtsjustiz aus Wie in den vergangenen Jahren bittet die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freun- deskreis auch diesmal wieder um eine Weihnachtsspende für ehemalige Häftlinge der deutschen Konzentrationslager. Den Kameraden im polnischen Zgorzelec konn- ten wir dank der eingegangenen Spenden im Vorjahr bei der Ausstattung ihrer medi- zinischen Station helfen. Die wirtschaftli- che Situation hat sich nach dem Wandel des politischen und gesellschaftlichen Sy- stems in Polen bei weitem nicht für alle Schichten zum besseren gewendet. In den anderen Staaten des ehemaligen Ost- blocksꝰ ist es nicht anders und die Entschä- digungspolitik Deutschlands ist weiterhin ein Skandal. Die Regierung Tschechiens hat die rund 17.000 ehemaligen Häftlinge ihres Landes selbst entschädigt, weil die Verhandlungen mit Deutschland immer wieder in einer Sackgasse geendet waren und die Betroffe- nen allmählich wegsterben. Allein in der Slowakei leben noch 1200 ehemalige KZ- Häftlinge. In allen osteuropãischen Staaten QO blieben bisher auch seit über 350 Jahren blie- ben alle jüdischen KZ-Uberlebenden ohne EFntschädigung. Das Beispiel Lettland verdeutlicht, daß nicht finanzielle Kriterien, sondern politi- sche die bundesdeutsche Entschädigungs- politik bestimmen. Lettische SS-Veteranen wurden schnell Invalidenrenten zuerkannt, lettische Juden, die vom Deutschen Reich verfolgt und mit Vernichtung bedroht wur- den, kämpfen immer noch um eine Ent- schädigung. Während die Opfer der NS- Herrschaft allmählich sterben, profitieren Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 die Mittäter vom'deutschen Recht? und beziehen ihre Altersversorgung für ihre'treuen Staatsdienste“ im Dritten Reich. Auch auf Deutschland trifft dieser Tatbestand zu. So bekam zum Beispiel die Witwe Roland Freislers immer wieder erhöhte Rentenbezüge, weil ihr Mann, hätte er den Krieg überlebt, in der BRD ja weiterhin die juristi- Sche Karierreleiter hochgeklettert wã- re. Opfem wie den Futhanasie“- Geschädigten und Zwangssterilisier- ten wird dagegen heute noch die Gleichstellung mit rassisch Verfolg- ten und damit der Anspruch auf Ent- schädigung verwehrt. Die Lagergemeinschaft kan und will in diesen Fällen nicht ersatzweise einspringen. Es ist bisher aber immer- hin gelungen durch die Weihnachts- spenden die Not zu lindern und einige Mißstände abzumildern. Vielleicht noch wichtiger als die materiellen Hil- fen, ist die moralische Anerkennung für die Opfer des Großdeutschen Rei- ches, die durch Ihre Spenden zum Ausdruck gebracht wird. Wir bedanken uns für die Hilfsbe- reitschaft in den Vorjahren und ver- weisen auf das Spendenkonto, das mit der Nummer 002 000 0503 bei der Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) eingerichtet wurde. »Ohne öffentlichen Druck keine Entschädigung der NS-Opfer? Kein Mitglied der Bonner Regierungsfraktion kam?ur Podiums- diskussion in das Frankfurter IG-Farben-Haus Die Zeit drängt, die biologische Lösung droht! Dieser fast ohnmächtige Appell eint alle, die sich für die Entschädigung und Rehabilitierung der bisher vergesse- nen, noch lebenden Nazi-Opfer einsetzen. Im IG-Farben-Haus diskutierten Interes- senvertreter, aber kein Mitglied der Bon- ner Regierungsfraktionen im Blauen Sa- lon des IG-Farben-Hauses die deutsche Entschãdigungspraxis. Noch immer nicht rehabilitiert sind etwa die Opfer der ehemaligen deutschen Militärjustiz Die Urteile gegen Deserteu- re und Kriegsdienstverweigerer haben weiter Bestand, nur die 8500 Todesurteile des Volksgerichtshofes wurden nach dem Krieg sofort zu Unrecht erklärt, sagte Günther Saathof vom Bundesverband In- formation und Beratung für NSVerfolgte. 50 000 Todesurteile fällte die NSMilitär- justiz, etwa 30 000 wurden vollstreckt. 100 000 Soldaten wurden zu Zuchthaus verurteilt. Wer davon heute noch lebt, möchte endlich als Feind des NS-Staates anerkannt sein und in Würde alt werden. Die Regierungsparteien wollten einer ge- nerellen Aufhebung der Urteile jedoch nicht zustimmen, eine komplizierte Ein- zelfallprüfung soll vielmehr die Entschäã- digungsansprüche der Opfer weiter hin- ausschieben, kritisierte Saathof.„Täter bekommen Renten, die Opfer gar nichts.“ Für den ehemaligen SPD-Bundestags- abgeordneten und Mitglied im früheren Bundestags-Unterausschuß„Wiedergut- machung“, Uwe Lambinus, ist diese Hal- tung ein Skandal.„Jedes Jahr feiern wir die Helden des 20. Juli, und jene Soldaten, die den völkerrechtswidrigen Angriffs- krieg zwar nicht stoppen konnten, aber Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Lagergemeinschaft und Freundeskreis laden ein zu öffentlichen Mitgliedertreffen ins Gemeindehaus der ev. St. Katharinengemeinde Leerbachstraße 18 (Nãhe Oper) in Frankfurt am Main jeweils um 19.30 Uhr am Mittwoch, dem 3. Januar Winterpause, kein Treffen am Mittwoch, dem 7. Februar Veranstaltungs-Planungen und allgemeine Vereinsarbeit am Mittwoch, den 6. März Besuch von Autoren u. Au- torinnen des Pahl-Rugenstein 1 Nachfolger Verlages, die das Verlagsprogramm zu NS-Themen vorstellen und aus ihren Büchern lesen. am Mittwoch, dem 3. April kein Treffen wegen der Studien- reise nach Polen »Ohne öffentlichen Druck— sich ihm wenigstens entzogen, die gelten immer noch als Verbrecher.“ Die Militär- justiz müsse endlich zu dem erklärt wer- den, was sie gewesen sei, ein Terrorin- strument der Nazis. Daß dies in nächster Zeit geschieht, daran will Heinz Düs, ehemaliger Untersuchungsrichter im Frankfurter Auschwitz-Prozeß, nicht mehr glauben. Bisher seien nur dann Opfergruppen ent- schädigt worden, wenn es dem Ansehen Deutschlands im Ausland diente. Ohne Entschädigung blieben seit 50 Jahren auch alle jüdischen KZ-Uberleben- den in den ehemaligen Ostblockländern, klagte Karl Brozik an. Er versucht für die Jewish Claims Conference Ansprüche jü- discher Opfer bei der Bundesregierung durchzusetzen. Alein in der Slowakei leb- ten noch 1200 ehemalige KZHaãftlinge. Nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) stünden ihnen jedoch bestenfalls 5 Mark pro Tag Haftentschädigung zu. Al- so 1825 Mark für ein Jahr in Auschwitz. Als„Hoffnungsschimmer, aber völlig ungenügend“ bezeichnete Günther Saat hof den Hessischen Härtefonds. Nach Ju- Stizstaatssekretärin Kristiane Weber- Hassemer habe dieser seit 1992 rund 3,8 Millionen Mark ausbezahlt. Die Vergabe- Kriterien seien jedoch relativ streng aus- gelegt und nicht als Entschädigungslei- stung gedacht Dafür sei allein der Bund zuständig. Der Härtefonds greift etwa nur, wenn eine Finzelperson im Monat weniger als 1800 Mark Einkommen hat. Zum Schluß blieb nur der Appell vom Podium, nur ja die Politiker aller Parteien weiter unter Druck zu setzen.„Denn ohne öffentlichen Druck passiert nichts.“ praw Frankfurter Rundschau 29. Sept. 1995 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Die banale Verwechslung von Kollektivschuld und historischer Folgehaftung Zu Wolfgang Sofskys Studie»Die Ordnung des Terrors: Das Kon- zentrati onslager? von Klaus Konrad-Tromsdorf Bereits 1993 erschien das Buch des in Gõttingen lehrenden Soziologen beim S. Fischer Verlag in Frankfurt. Vielen gilt es mittlerweile als Werk, das in seiner Bedeutung dem'SSStaat' Eugen Kogons gleichkommt. Und in der Tat macht die soziologische Analyse der Machtstrukturen innerhalb der nationalsoziali- stischen Konzentrationslager deutlich, wie Terror und Tortur ihre Opfer durch Erniedrigung und psychische Nötigung instrumentalisierten. Bevor der 1952 geborene Autor jedoch seine ausweislich der verwendeten Literatur auch auf einem sehr ausführlichen Studium von Hãäftlingsberichten basierenden Untersuchungen beginnt, muß er sich mit jenen Abwehrmechanismen ausein- andersetzen, die die Realität der Lager letztlich in der Frinnerung austilgen Sollen. Sofsky nennt zunächst'das obszöne Zahlenspiel einer falschen Mathema- tik, die die Vergangenheit durch Ab- rechnung entsorgen will'. Sie reicht vom schlichten Leugnen der Todesla- ger, über den'alltäglichen' Revisio- nismus, der'Auschwitz gegen Dres- den', Dachau gegen Katyn oder die Speziallager der sowjetischen Besat- zungszone' aufrechnet, bis hin zur Behauptung'nichts gewußt' zu haben. Sprachliche Entsorgung' nennt Sofsky jene sprachlichen Umschrei- bungen, die im Deutschen beispiels- weise dazu dienen, den Begriff Völkermord' im Zusammenhang mit den Todeslagern streichen zu können. Holocaust'- in der Sprache der Psalmisten der Begriff für'vollkom- menes Brandopfer', damit das Marty- rium bezeichnend, das Juden auf sich nahmen, wenn sie sich weigerten, ih- rem Glauben abzuschwören— ist zu einem Signalwort entleert, das es er- laubt, die historischen Tatsachen nicht in den Blick nehmen zu müssen. Ahnliche Funktion erfüllt das peni- ble Unterscheiden zwischen'Arbeits- lagern', Aussenkommandos' und'To- deslagern'. Lesen sich, so Sofsky, die Orte, an denen es Außenkommandos' der Lagerzentralen gab, wie ein'Orts- verzeichnis' von Mitteleuropa, so wa- ren doch die Lagerzentralen im fernen Osten'. Alleine der Begriff des Arbeitslagers' kaschiert jedoch, daß Arbeit in aller Regel den Tod zur Fol- ge hatte, daß Arbeitsunfähige zum Sterben in die Stammlager geschickt wurden. Die Verbechen werden Sprachlich aus dem Gesichtskreis ver- bannt, das Verbrechen wird geogra- phisch exterritorialisiert. Die'banale Verwechslung von Kol- lektivschuld und historischer Folge- haftung' ist, so Sofsky, jene Haltung, in der Abwehr in Trotz und Selbstmit- leid umschlägt.'Man habe', so faßt der Autor die gängigsten Aussagen zusammen, genug gebüßt, genug ent- schädigt, seine Schulden bezahlt' und kommentiert:'Scham gebärt Wut und die Wut kehrt sich gegen die Opfer'. Seine Folgerung lautet: sowenig es 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer eine kollektive Schuld gibt, sowenig gibt es eine kollektive Unschuld, was es aber gibt, ist eine historische Folge- haftung, diese anzuerkennen, wird je- doch vermieden.. Im Diskurs der wissenschaftlichen Intelligen? macht Sofsky ähnliche Grundmuster der Abwehr aus: zwar werde nicht nach Stammtischmanier plump aufgerechnet, aber durch fragwürdige Vergleiche und abstruse Kausalketten' versucht, das Ausmaß der deutschen Verbrechen zu relati- vieren. Anstatt die Prozesse der Ge- walt und des organisierten Terrors in einer Analyse der Lagerwirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, weiche der kritische Diskurs zu früh in ge- Schichtsphilosophische und gesell- Schaftstheoretische Erwägungen aus. Ziel: die Essenz des NS-Regimes, die Tortur und den organisierten Völker- mord abwehren zu können. Bevor Sofsky jedoch seinen Gegen- stand- die Analyse der Lagerwirk- lichkeit- näher beschreibt, geht er auf zwei Vorbehalte ein, denen sich jede theoretisch angeleitete Untersu- suchung des'Kon- Zentrationslagers' stellen muß: es ist der Topos von der prinzipiellen Unver- stehbarkeit und die Vorstellung von der Unvergleichbarkeit der Verbrechen, für die der Name Au- schwitz steht.“ Der Autor läßt- berech- tigterweise- keinen Zweifel daran, daß auch diese Topoi in ihrer Abwehrfunk- tion unschwer 2u durchschauen sind. Sie dienen der Rechtfertigung einer Wahrnehmungssper- re'. Zum Topos der »Unverstehbarkeit' konstatiert Sofsky knapp: Alles, was Menschen tun und erleiden, ist im Prin- zip verstehbar, auch wenn das Fremdver- stehen in machen Fällen schwieriger ist, als in anderen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Da die Lager ein Ergebnis menschli- chen Handelns waren, sind sie einem rationalen Verstãndnis prinzipiell zugänglich.“ Ganz sicher ist es schwierig, das kollektive Verbrechen des nationalsozialistischen Völkermo- ders mit moralischen Kategorien zu beurteilen, die sich auf das Handeln einzelner Menschen bezichen. Der na- tionalsozialistische Völkermord war monstrõs, die Täter aber, schreibt Sofsky, waren es nicht, um anschlie- ßend einzuwenden:'auch kollektive Verbrechen sind letztlich nichts ande- res als individuelle Verbrechen im Kollektiv'. Der Topos der'Unvergleichbar- keit', mithin die Frage nach der Sin- gularität deutscher Verbrechen, war Gegenstand der sogenannten Histori- kerdebatte. Hier wurde'der Vergleich als solcher zum Kriterium des politi- Schen Standortes und der moralischen Integrität'. Sofsky wendet ein:'einem Freignis das Prädikat'unvergleich- bar' zuzusprechen, setzt voraus, daß man bereits verglichen hat. Unver- gleichbarkeit kann rechtmäßig nur behauptet werden, nachdem sie fest- gestellt wurde, und zwar festgestellt durch den Vergleich'. Aber- und Spãtestens hier wird der aus den Fu- gen geratene Maßstab gerichtet- Zur Entlastung taugen Vergleiche aller- dings ganz und gar nicht... Ein Mör- der, der sich damit rechtfertigt, daß es auch andere Mörder gibt, mindert nichts von seiner Verantwortung. Selbst wenn sich durch einen Ver- gleich der deutschen, sowjetischen oder chinesischen Lager.. strukturel- le Ahnlichkeiten herausstellen, ändert das am moralischen Tatbestand nicht das Geringste... Die Schuld an Au- Schwitz ist den Deutschen und ihren Hilfstruppen nicht zu nehmen.' Historisch einzigartig und ohne je- des Beispiel ist- auch das macht Sofs- ky deutlich- die staatlich initiierte und industriell betriebene Massenver- nichtung, der Völkermord mit Hilfe einer bewährten staatlichen Verwal- tung, mit einem'öffentlichen Dienst der Ausrottung'. Sofskys Studie will auf dem oben Skizzierten Tableau das Konzentrati- onslager als Machtsystem eigener Art' analysieren. Er versucht darzu- stellen, daß sich in den Lagern eine 'Soziale Machtform' herausgebildet habe, die sich wesentlich von geläãufi- gen Macht- und Herrschaftstypen un- terscheidet.'Absolute Macht', so seine These, beruht nicht auf Ausbeutung, Strafgewalt oder Legitimität, sondern auf Terror, Organisation und exzessi- ver Tõtungsgewalt. In mehreren Kapi- teln analysiert der Autor die typi- Schen Prozesse dieser Macht: die For- mierung von Raum, Zeit und Sozietãt, die Steigerung zu exzessiver und or- ganisierter Tötungsmacht. Es gelingt ihm, meines Frachtens, die selbstge- Steckten Ziele zu erreichen: insofern ist dieses Buch nicht leicht zu lesen, es durchbricht die von ihm erwähnte Wahrnehmungsperre gründlich. Das angeblich Unverstehbare wird ver- stehbar, wird rational nachvollzieh- bar. Ob ein Vergleich mit Kogons'SS- Staat' berechtigt ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Eugen Kogon hat sei- nem 1945 entstanden Buch 1948 ein Kapitel mit dem Titel'Der Terror als Herrschaftssystem' hinzugefügt. Ein Vergleich dieses Kapitels mit Sofskys Studie zeigt deutlich, wie notwendig Sofskys Arbeit ist. Wolfgang Sofsky: DIE ORDNUNG DES TERRORS: DAS KONZENTRA- TIONSLACGER, Frankfurt/ Main 1993 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Berichte ehemaliger KZ-Häftlinge als historische Quelle s on Barbara Jaros? Barhara Jaros?⁊ ist Archivleiterin im Staatlichen Museum in Oswiecim der Gedenkstdtte Auschwitz. Den folgenden leicht gekürzten Vortrag hielt Sie hei einer internationalen Tagung in Paris, die vich vom 16. his I6. September 1994 mit der Prohlematikt von audiovisuell aufgenommenen Zeugenaussagen von Uberlebenden der Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslager beschdftigte. Die Veranstalter, die'Fondation Auschwilz“ in Brüssel und die Fondation pour la Memoire de la Deportation? in Paris, haben die Tagungsberichte in einem Sonderband der'Bullerin trimestriel de la Fondation Auschwitz“ veròᷣffentlicht(M Spscial 47 46, Avril- Septembre 1995, Bureau de dépòt. 7000 Bruxelles 7). Der Band trägt den zweisprachigen Titel'Ces visages qui nous parlent? hzw.»These faces talk 10 us*. Neben den franzõsisch- und englischsprachigen Beitragen Sind einige Vortrãge auch in deutscher Sprache puhliziert. Den Vortrag von Barbara Jarosz hat Jochen August vom Polni- Schen ins Deutsche lhertragen. Die Gedenkstätte, die 1947 als Mu- seum auf dem Gelände des ehemali- gen Konzentrations- und Verich- tungslagers Auschwitz-Birkenau er- richtet wurde, ist nicht allein eine In- stitution, die Wissen über Auschwitz weitergibt und die wissenschaftliche historische Forschungen durchführt, sondern sie ist auch das Zentrum für die Dokumentation des ehemaligen Konzentrationslages Auschwitz. Ihr der im KI Auschwitz angefer- tigten erkennungsdienstlichen Hãftlingsfotografien und circa 2.500 persönliche Fotografien, die den Deportierten nach ih- rem Fintreffen in Auschwitz weggenommen wurden; in technisch-materieller Form überlieferte Materialbestãnde wie Dokumentar- u. Spielfilme, Tonbänder, Schallplatten und Archiv ist ein Spezialarchiv, das vor allem zur Geschichte des KI. Au- schwitz, aber auch zum Teil der ande- ren Konzentrationslager, alle Arten von Quellenmaterial sammelt. Zu seinen Beständen gehören: Orginaldokumente deutscher Provenienz; nach dem Krieg entstandene Quellen, wie z. B. Prozeßakten, Erinnerungen, Berichte, Bearbei- tungen und weitere Materialien: ikonografische Materialien, dar- unter etwa 40.000 außerordent- lich wertvolle Orginal-Negative jetzt auch Videokassetten. Nur ein kleiner Teil des Quellen- fundus sind Orginaldokumente, die während der fünf Jahre, die das K. Auschwitz existierte, in seinen Schreibstuben und Kanzleien entstan- den. Die Dokumente aus dieser Zeit sind ein fragmentarischer Restbe- stand, denn die S8 hat während der Liquidierung und FEvakuierung des KI. Auschwitz seit Sommer 1944 den größten Teil der Dokumentationen entweder abtransportiert oder zer- stört, um so die Spuren ihrer Verbre- chen zu verwischen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Ein Teil der Dokumentation wurde nach der Befreiung von den Russen in die UdSSR verbracht und wird bis zum heutigen Tag in den dortigen Ar- chiven aufbewahrt. Seit vielen Jahren betreibt das Staatliche Museum Aus- chwitz Schritte, die ihre Revindikati- on zum Ziel haben. Bisher sind 47 Bände der sogenannten*Sterbebü- cher' an die Gedenkstätte Auschwitz ¶Mivergeben worden. Wertvolle Meldungen sind auch die illegalen Meldungen und Kassiber, die Angehörige der im KL. Auschwitz bestehenden konspirativen Kampf- gruppen an die Widerstandsgruppen außerhalb des Lagers weiterleiteten. Zu dieser Dokumentengruppe gehö- ren auch mehrere Rapporte, die aus dem KIL. Au-schwitz entflohene Häft- linge nach ihrer Flucht aus dem La- ger aufzeichneten. Diese Materialien haben dazu beigetragen, daß die Wahrheit über das KI. Auschwitz be- reits während des Krieges bekannt wurde- im besetzten Polen wie auch in vielen anderen Ländern. Berichte, Erinnerungen und Tage- bücher ehemaliger Häftlinge Fin gesonderter Materialbestand sind die Frinnerungen und Berichte ehemaliger Häftlinge des KI. Au- Schwitz, von Angehörigen konspirati- ver Gruppen innerhalb des Lagers so- wie in der Region Auschwitz und von Zwangsarbeitern, die in deutschen Firmen beim Ausbau des Lagers ein- gesetzt waren. Die deutschen Doku- mente sind nur zu einem sehr kleinen Teil erhalten, und wenn sich die For- scher bei ihrer Arbeit lediglich auf diese Dokumente stützen würden, dann könnten sie nur einen Teil der — — lun Asservate, die in den Gedenkstätten Auschwitz, Buchenwald u. Vad Vaschem aufbewahrt werden, hat Naomi Tereza Salmon fotografiert. Im November war ihre Ausstellung*Asservate“ in der Schirn in Frankfurt/ M.?u sehen. Der Katalog(274 S., 26 DM) ist im Cantz Verlag, Ostfildern, erschienen. Er enthält 123 Abbildungen sowie Texte von Naomi Tereza Salmon und Aleida Assmann. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer mit dem Bestehen des Konzentrationslagers zusam- menhängenden Fragen klären. Vielfach sind diese deutschen Dokumente außerdem tendenziös und verfäãlschen die Wahrheit. Die Frinnerungen und Berichte stellen deshalb für die Erfroschung der Geschichte des KI. Auschwitz eine wichtige Ergän- zung der erhaltenen deutschen Orginaldokumente dar. In den vergangenen Jahrzehnten hat das Archiv der Gedenkstätte deshalb mehr als 1000 BErinnerun- gen, insgesamt 185 Bände, und mehr als 3000 Berich- te, insgesamt 128 Bände, gesammelt. Dreizehn Erin- nerungen und 338 Berichte wurden als Tonbandauf- nahme registriert. Es sind vor allem Brinnerungen und Berichte in polnischer Sprache, wir verfügen jedoch auch über Frinnerungen in anderen Spra- chen, und zwar in Deutsch, Fransösisch, Russisch und Englisch. Diese Frinnerungen wurden seit den Asservate: Siehe Bildunterschrift Seite 23 fünfziger Jahren ge- sammelt. Sie entstanden durch direkte Kontakte mit ehemaligen Häftlin- gen.(. Viele Erinne- rungen wurden in den Zesz)t) Oswiecims⸗ kie“, den'Heften von Auschwitz“, der Editi- onsreihe der Gedenk- Frdtte, oder in Buch- Vorm puhliziert.) Außerordentlich wert- voll sind auch die Tage- bücher der jüdischen Hãftlinge des Sonder- kommandos. Auch diese Menschen sollten als di- rekte Zeugen des Mas- senmords vernichtet werden. Sie waren sich dessen bewußt und ver- uchten, ihre tragischen Erlebnisse an die zu- künftigen Generatio- nen weiterzugeben. Sie schrieben deshalb ihre Erlebnisse auf und ver- gruben sie in der Nähe der Krematorien. Zwi- schen 1961 und 1983 konnten mehrere dieser versteckten Manuskrip- te gefunden werden, und sie sind erschüt- ternde Dokumente. Inter views mit ehe- maligen Häftlingen Eine andere Form von Materialien sind die Be- richte, die überwiegend von Mitarbeiterm der Gedenkstãtte aufge- zeichnet beziehungs- weise auf Tonband auf- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 genommen wurden. Diese Berichte werden seit den fünfziger Jahren auf- gezeichnet, und diese Arbeit wird bis zum heutigen Tag fortgesetzt. Die er- sten Berichte ehemaliger Hãäftlinge stammen bereits aus dem Jahr 1945. Es sind Berichte der im KI. Auschwitz befreiten Häftlinge, die vor Angehöri- gen der Außerordentlichen Sowjeti- schen Staatskommission zur Untersu- chung der Deutschen Verbrechen ihre Aussagen niedergelegt haben. Die Anfertigung eines solchen Be- richts ist keine leichte Arbeit, der Pro- tokollant muß über Kenntnisse zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges und insbesondere der Konzentrations- lager verfügen, und erforderlich ist auch ein persönliches Engagement am Thema. Es kommt vor, daß die Be- fragten sich zuweilen nur äußerst un- ger an ihre tragische Erlebnisse erin- nern wollen, und man muß es verste- hen, ihnen die große Bedeutung sol- cher Berichte als historische Quellen zu vermitteln und ihr Vertrauen ge- winnen. Entscheidend ist hierbei auch die Persönlichkeit der Berichtenden, ihr gutes Erinnerungsvermögen, ihre Be- obachtungsgabe, die Fähigkeit zur Be- wertung und Finschätzung der Vor- gänge sowie die Begabung, sie zu re- konstruieren und darstellen zu kön- nen. Das ist besonders wichtig, wenn ein Bericht als Tonbandaufzeichnung oder Videoaufnahme festgehalten werden soll. Fin essentielles Hilfsmit- tel ist hierbei, während der Anferti- gung des Berichts eine adäquate At- mosphäre zu schaffen. In Abhängig- keit vom Gesundheitszustand und vom Alter der Berichtenden(über- wiegend sind es Personen im fortge- schrittenen Alter) werden diese Ar- beiten am Wohnsitz oder in der Ge- denkstãtte Auschwitz durchgeführt. Wenn die Berichtenden ihre Aussage in der Gedenkstätte ablegen, dann hat dieser erneute Aufenthalt auf die- Sem Gelände des ehemaligen Konzen- trationslagers seine Wirkung auf die Psyche der Befragten und löst ver- Schiedenste Reaktionen aus: sie sind bewegt, sie weinen, sie haben Assozia- tionen und erinnern sich so an Ge- Schehnisse aus dieser Zeit. Der Historiker, der einen Bericht aufzeichnen will, bereitet vorher Fra- gen vor, zu denen er detaillierte In- formationen erlangen möchte. Diese Fragen ermöglichen es ihm, das Ge- spräch entsprechend zu gestalten. Es darf dabei jedoch nicht außer Be- tracht gelassen werden, daß der ent- stehende Bericht in seinem Charakter die spontanen Selbstäußerungen des Befragten wiedergeben soll, also sein Bericht ist; der Fragende muß deshalb bei seinen Einwürfen Zurückhaltung üben und darf das Gespräch keines- falls auf eine Weise führen, die ihm den Charakter einer amtlichen Ver- nehmung gäbe. Der zeitliche Abstand zu den Vor- gängen, die in dem Bericht dargestellt werden sollen, ist inzwischen groß; es kann deshalb durchaus sein, daß der Befragte in seiner Darstellunge nicht immer genau und frei von IrrItümern ist. Wenn der Fragende Zweifel hin- sichtlich der dargestellten Informa- tionen hat, sollte er diese deshalb diskret richtigstellen und mit dem Zeugen diskutieren. Es sollte auch darauf eingegangen werden, ob der Befragte die dargestellten Vorgänge als Augenzeuge erlebt hat, oder ob er darüber von anderen gehört hat oder ob seine Kenntnisse auf der veröf- fentlichten Literatur zum Thema be- ruhen. Ein Bericht ist dann eine wert- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer volle und glaubwürdige historische Quelle, wenn er die Beschreibung ei- gener Erlebnisse darstellt, auch wenn diese nicht immer prãzise sein mag. Ein Bericht enthält folgende Infor- mationen: Vor- und Familienname des Befragten, Geburtsdatum und ort, Zeitpunkt und Umstände der Verhaftung, und dann folgen eine de- tailierte Beschreibung der Haft im Konzentrationslager, die Evakuie- rung und die Haft in anderen Kon- zentrationslagern bis zum Zeitpunkt der Befreiung. Berichte werden auch zu bestimm- ten eingegrenzten Themen aufge- zeichnet. Dabei geht es dann um kon- krete Vorgänge und Themen, wie zum Beispiel die Arbeit in einem be- stimmten Arbeitskommando, die Haft in einem bestimmten Nebenlager von Auschwitz, das Engagement in der konspirativen Untergrundbewegung — Die Häftlingskapelle mußte beim Einmarsch der Arbeitskommandos im Lager oder im Widerstand außer- halb. (.) Die Berichte sollten möglichst detailliert sein, maximal viele konkre- te Fakten, darunter die Namen von Mithäftlingen, enthalten. Auch die Namen von Angehöriggen der S8- Besatzung des Konzentrationslagers und ihre Charakterisierung sind wichtig. Zum Teil werden die Berichte durch Orginaldokumente und durch Fotografien ergänzt, die die Befrag- ten an das Archiv übergeben. Gegebenenfalls werden auch wäh- rend der Befragung ergänzende Foto- grafien angefertigt. Zum Beispiel dann, wenn die befragten ehemaligen Hãftlinge die Orte bestimmter Vor- gänge und Freignisse zeigen und er- läutern, wie ein während der Flucht aus dem Lager benutztes Versteck oder bestimmte Stellen an der Trasse, auf der sie aus dem Lager entkamen. spielen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Beigefügt werden gegebenenfalls auch durch Frläuterungen ergänzte Skizzen und Pläne, die der Befragte selbst zeichnet oder die auf der Grundlage seiner Angaben angefer- tigt werden. Solche Skizzen ęermögli- chen es unter anderem, die ursprüng- liche Zweckbestimmung bestimmter Räume in Gebäuden auf dem Lager- gelände zu klären oder auch die Funktion nicht mehr vorhandener Objekte zu beschreiben. Die als Tonbandaufzeichnung regi- strierten Berichte werden in Auswahl ferner vollständig oder in Auszügen maschinenschriftlich aufgezeichnet und sind so einfacher benutzbar. Lau- fend wird ein Kartei-Index nach Na- men und sachlichen Themen geführt. Zu jedem Bericht wird eine Kartei- karte für die Namenskartei angelegt, die auch kurze Informationen über die in dem Bericht angesprochenen Themen enthält. Seit diesem Jahr er- arbeiten wir einen Sachindex, der es erst ermöglichen wird, diese Doku- mentation in vollem Umfang zu nut- zen. Seit drei Jahren wird das Archiv computerisiert, und für die nächsten Jahre ist vorgesehen, auch die Frinne- rungen und die Berichte in die Daten- ¶ban einzugeben. Dies wird es sehr erleichtern, präzise die erforderlichen Informationen zu erteilen. Im Jahre 1991 hat die Gedenkstätte Auschwitz vom Studio Katowice des Polnischen Rundfunks als Deposit 1562 Tonbänder mit Aufnahmen von Berichten ehemaliger Häftlinge erhal- ten. Das Studio(..) hat ein Auschwitz- Dokumentationszentrum gebildet, das in ganz Polen ehemalige Häftlin- ge interviewt.(..) Später ist das Do- kumentationszentrum dazu überge- gangen, die Berichte auch als Vi- deoaufzeichnung festzuhalten. Bisher sind im Rahmen dieser Arbeit circa 30 Reportagen entstanden.(..) Ich möchte hier darauf hinweisen, daß die Berichte und Erinnerungen eine besondere Rolle hatten, als die Mitarbeiter der Gedenkstätte began- nen, die Monographien der einzelnen Nebenlager des KI. Auschwitz zu er- arbeiten, die in den Heften von Au- Schwitz“ publiziert worden sind. Als wir unserere Forschungen begannen, standen uns häufig nur sehr wenige fragmentarisch erhaltene Orginaldo- kumente zur Verfügung. Erst die Aufzeichnungen einer größeren Zahl von Berichten und auch die Einbezie- hung von nach dem Kreigsende ent- Standenen Quellen hat es ermöglicht, die erforderlichen Informationen zu- sammenzutragen, auf deren Grundla- ge die Geschichte der Nebenlager ge- Schrieben werden konnte. Video- und Filmaufnahmen (..) Erst 1991 konnte die Gedenk- Stätte Auschwitz beginnen, Berichte auch als audiovisuelle Aufzeichnung festzuhalten, denn bis dahin standen die herfür erforderlichen Geräte nicht zur Verfügung. Unser Bestand ist deshalb noch nicht sehr umfang- reich.(..) Die ersten Videoaufzeich- nungen wurden 1988 in Zusammenar- beit mit der Internationalen Jugend- begegenunsstätte in Oswiecim ge- dreht. Die späteren Videoarbeiten ha- ben Mitarbeiter der Gedenkstätte dann selbst im Rahmen der Arbeit des Museums durchgeführt. Bei der Aufzeichnung von audivi- suellen Berichten werden die gleichen Grundsätze und Methoden zurgrun- gegelegt wie bei den Aufnahmen mit dem Tonband. Die Filme werden nicht im Studio gedreht, sondern auf dem Gelãnde des ehemaligen Konzen- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Auch beim Gang zum Galgen mußte die Häftlingskapelle aufspielen. trationslagers und an den Orten, über die der ehemalige Häftling berichtet, wie in den Baracken, in denen er un- tergebracht war oder gearbeitet hatte. Die Themen der Berichte sind un- terschiedlich: Häufig haben sie etwas mit der Arbeit des ehemaligen Häft- lings in einem bestimmten Arbeits- kommando zu tun. Wir besitzen zwei Filme mit jüdischen Häftlingen, die im Sonderkommando arbeiten muß- ten. Dies sind sehr wertvolle Auf- zeichnungen, denn nur wenige Häft- linge aus dieser Gruppe haben Au- schwitz überlebt. 1993 kamen vier ehe- malige Häftlinge, die heute in Israel leben, zu einem Besuch in die Ge- denkstätte Auschwitz. Während die- ses Besuches haben wir mit ihnen ei- nen kollektiven Bericht gedreht, in dem die vier über ihre Arbeit in den Krematorien vier und fünf sprechen. Fin anderer Häftling hat zu diesem Thema einen sehr detailierten und umfangreichen Bericht niedergelegt. Direkt bei den Ruinen der Kreamtori- en hat er die Funktion der einzelnen Räume erläutert und beschrieben, wie die Menschen in die Gaskammern ge- führt und wie sie mit dem Gas getötet wurden. (.) Auch Dokumente und Form- blätter, wie sie in den Schreibstuben des Kl. ausgefertigt wurden, werden als Filmmaterial hinzugefügt. So wurde zum Beispiel ein Bericht eines chemaligen Häftlings illustriert, der lange in der Registratur in der Politi- schen Abteilung als Schreiber einge- Setzt war und darüber berichtet, wie die Registrierung der Hafuinge g durchgeführt wurde.(..) Größer ist der Bestand der als Film vorhandenen Frinnerungen ehemali- ger Häftlinge.(..) Sie sind von profes- sionellen Fernsehstudios produziert worden. Es handelt sich dabei sowohl um Filme, die einer Person gewidmet sind wie der Film»Die Hoffnung Stirbt zuletzt“', in dem Halina Biren- baum erzählt, wie auch um Gruppen- portraits. In Filmen wie z. B.'Ich war im KZ und'Kinder des Feuers-Die Zwillinge von Auschwitz“ berichten zum Teil verhältnismäßig große Gruppen ehemaliger Häftlinge. Diese Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Filme sind in unterschiedlichen Spra- chen produziert worden, und zwar in Polnisch, Deutsch, Englisch und Franzõsisch. Hinsichtlich ihres Wertes als Doku- ment besteht kein wesentlicher Un- terschied zwischen den Berichten und den FBrinnerungen. Fin Bericht ist eine bis zu einem gewissen Grade durch den Interviewer gelenkte Dar- M lung. Die Filme, die wir als Erin- nerungen betrachten, sind dagegen spontane Berichte, in denen die ehe- maligen Häftlinge ohne EFingriffe dritter Personen erzählen. Die Auto- ren des Films entscheiden nur über den Ort, an dem aufgezeichnet wird. Die audiovisuellen Berichte und Er- innerungen werden im Rahamen der wissenschaftlichen Forschung ausge- wertet. Sie finden jedoch vor allem Verwendung als Ergänzungs- und I- lustrationsmaterial bei Schulungen für Mitarbeiter sowie bei Vorträgen über die Geschichte des K. Au- schwitz vor unterschiedlichen Zuhö- rergruppen und für die Schuljugend. Sie werden auch polnischen und aus- ländischen Studiengruppen gezeigt, die unser Archiv besuchen. Die Auf- zeichnungen werden desweiteren von Film- und Fernsehteams genutzt. Und es ist festzustellen, daß das Interesse für Materialien dieser Art immer mehr zunimmt. (.) Ihre(die der ehemaligen Häft- linge) Zahl nimmt von Jahr zu Jahr ab und ein ehemaliger Häftling von Auschwitz hat sehr treffend gesagt: »Der größte Teil des Wissens über das KI. Auschwitz steckt im Bewußtsen der ehemaligen Häftlinge, und es ist notwendig, es von dort zu bergen.“ R PS Neben dem Beitrag von Barbara Jarosz Sind in dem Tagungshericht u. a. abgedruckt die Vortròge von Cillh Kugelmann' Vher die Schwierigkeit in Deutschland Uherlehende der Massen- vernichtung zu interwiewen“, Loretta Walz Der ſilmische Umgang mit dem Erhe des ehemaligen Frauen-KZ Ra- venshrück und Wilfried Müller »Weiterlehen“. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Chronist des Schreckens Zum Tod von Hermann Langbein 27. Januar 1995. Die Welt blickt nach Auschwitz, wo der polnische Staatsprãsi- dent die Feiern zum 50. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Zzum Anlaß nimmt, der internationalen Offent- lichkeit vor dem Mahnmal in Birkenau ein Defilee von Staatsoberhäuptern, Re- gierungschefs und Nobelpreistrãgern vor- zuführen. Die überlebenden Häftlinge, sofern sie nicht mit ausländischen Dele- gationen gekommen sind, gehören nicht zu den Ehrengästen, die zu den reservier- ten Plätzen geleitet werden. Sie müssen sich viele Stunden lang hinter den Ab- sperrungen zusammendrängen, manche von ihnen halten den polnischen Solda- ten, die ihnen den Weg zu den Sitzgele- genheiten versperren, voller Empörung ihren Arm mit der eintätowierten Num- mer entgegen. Unter ihnen, ein wenig im Abseits, steht ein schmaler, gebrechlich wirkender Mann, auch er ein ehcmaliger Häftling. „Hermann!“— immer wieder ertönt dieser Ruf, zu Hermann drängt sich ein Uberle- bender durch die Menge, um ihn zu umarmen. Den Ablauf der Feier verfolgt er mit einem traurigen, auch ein wenig spöttischen Gesichtsausdruck, bevor er sich zu Beginn der Kranzniederlegungen abwendet und mit einem jungen Begleiter langsam das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers verläßt. Hermann Langbein, der wohl bekann- teste deutschsprachige Auschwitz- Uber- lebende, hat diese Veranstaltung, die sei- ne letzte Begegnung mit diesem Ort wer- den sollte, voller Bitterkeit Kommentiert. Als Chronist des Schreckens hatte er über ein halbes Jahrhundert hinweg unermüd- lich Zeugnis abgelegt und gegen das Ver- gessen gekämpft. Schließlich war ihm das Gespräch mit jungen Menschen zur wich- tigsten Aufgabe geworden. 1912 in Wien geboren, hatte er sich 1938 den Internationalen Brigaden in Spanien angeschlossen und war nach seiner Inter- nierung in französischen Lagern im Mai 1941 ins Konzentrationslager Dachau ein- geliefert worden. Nach 16 Monaten wurde er nach Auschwitz verlegt, wo er zwei Jahre verbrachte und als Schreiber des SS Lagerarztes eine Schlüsselstellung in der Leitung der internationalen Wider- standsorganisation innehatte. Keine Gnade Nach dem Krieg begann er zu schreiben und zu publizieren, aber bis zum Frank- furter Auschwitz-Prozeß im Jahr 1965, den er später als eine Zäsur im Umgang mit den nationalsozialistischen Verbre- chen sah, fühlte er sich als ungehörter Rufer in der Wüste. Ging es ihm zunächst darum, die Verbrechen zu dokumentie- ren, die Justizbehörden bei ihren Ermitt- lungen gegen die Täter zu unterstützen und den Opfern bei ihren Bemühungen um Anerkennung und Entschädigung zu helfen, so füllte ihn in spãteren Jahren die Aufklärung in den Schulen und das Ge- spräch mit jungen Menschen immer mehr aus. Hermann Langbein hat in Osterreich durchgesetzt, daß Zeitzeugen in die Schulen geladen und jährliche Fortbildungsseminare für Lehrer organi- siert wurden. Offizielle Einladungen nach Deutschland nahm er nur an, wenn sie sich mit dem Besuch in einer Schule verbinden ließen. Zornig wandte er sich immer wieder gegen den Begriff der „Gnade der späten Geburt“„Es ist keine Gnade, sondern eine Bürde.“ Und„die Nachgeborenen trifft keine Schuld oder Verantwortung für die Verbrechen, aber wir, die wir als Generation versagt haben, müssen den Jungen klarmachen, welcher Verbrechen auch 20 jährige in Auschwitz fähig waren und daß es heute an ihnen liegt, eine Wiederholung zu verhindern“. Osterreich hat mit dem Tod Hermann Langbeins eine seiner bedeutendsten Stimmen des Gewissens“ verloren, eine Stimme, die schließlich auch in Deutsch- land zunehmend Gehör gefunden hatte. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 In seiner Rede am 25. Januar 1995 im über die Jahrestage hinaus die Bemühun- Landtag von Nordrhein-Westfalen zur gen der Uberlebenden fortzuführen. Es Befreiung von Auschwitz vor 50 Jahren, muß sich noch zeigen, wieviel Widerhall für die er das Thema„Auschwit?z und die diese Worte zukünfig finden werden. nachher Geborenen“ gewählt hatte, ver- BARBARA DISTEL band er seine Feststellung, daß er zum erstenmal eingeladen war, vor einem pro- minenten politischen Grcemium über Sdde ursche Zeitung 26 Okt 1995 Auschwitz zu sprechen, mit einem Appell, Barbara Distel ist Leiterin der Gedenkstätte Dachau 8 Verlobungsbriefe von Moritz Steinschneider und Auguste Auerbach Die Existenz der abendländischen Juden vals mehr oder minder bevorzugte Parias? Marie Louise Steinschneider, langjähriges Mitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis, hat zusammen mit Renate Heuer einen Briefwech- Sel ihrer Urgroßelterm Moritz und Auguste Steinschneider herausgegeben. Moritz Steinschneider, geboren 1816, gilt als Begründer der wissenschaftli- chen hebräischen Bibliographie. Er war ein bewußter Jude und linksliberaler Revolutionãr, der sich während der Revolution von 1848 in Berlin am Barrika- denbau beteiligte. Der Briefwechsel mit seiner sieben Jahre jüngeren Verlobten Auguste Auerbach, die in Prag eine Anstellung als Hauslehrerin hatte, dauerte mehr als?wei Jahre. Ihre Briefe widerlegen die Meinungen'über das koloni- sierte Bewußtsein von Frauen jener Zeit“, schrieb Micha Brumlik in seiner Rezension in der Frankfurter Rundschau. Das Leben Auguste Auerbachs zei- ge,'wie schon damals Bildung und Selbstbewußtsein eine distanzielle Haltung gegenüber Zeitläuften und Herkunft erlaubte“, so Brumlik. Die Reflexionen Augustes über ihre Lebenssituation als Frau, als Angehörige einer Minderheit und als politisches Subjekt ziele auf nichts weniger als auf eine emanzipatori- sche Theorie des Judentums, die platten, weltanschaulichen Atheismus ebenso vermeide wie gemeindliche Enge: Das Judentum“, so schrieb Auguste 1946 nach der gescheiterten Revolution,'soll weder Freidenker noch Juden bilden, aber es soll Menschen als freie Denker erziehen“. Und wenn Auguste Auerbach erkennt,'wir armen Juden müssen uns in das Los ergeben, überall als mehr oder minder bevorzugte Parias zu figurieren“, so belege dies, daß nicht erst der Soziologe Max Weber die Existenz der abendlãn- dischen Juden im Bilde der Parias zu verstehen suchte. Den Briefwechsel des späteren Ehepaares Steinschneider beurteilt der Re- Zensent als'eine unschätzbare Quelle zur Emanzipation von Juden und Frau- en, Zur Wahrnehmung der Revolution von 1848 und nicht zuletzt zum Alltag und zum Geschlechterverhältnis im Vormärz“. Moritz Steinschneider: Briefwechsel mit seiner Verlobten Auguste Auerbach 1845 1849. Herausgegeben von Renate Heuer und Marie Louise Steinschneider. Campus Verlag, 1995, 397 Seiten, 98 DM. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 32 Sondermittel für Aufbau der jüdischen Baracken in Sachsenhausen Weniger Geld für Brandenburgs Gedenkstätten Im Juli diesen Jahres hatte die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundes- kreis mit einem Offenen Brief gegen die Mittelkürzungen protestiert, von denen die Gedenkstätten in Ravensbrück und Sachsenhausen betroffen sind. (Siehe Mitteilungsblatt 2/1995»Ist die Schamfrist des Gedenkens schon vor- bei7*) Der Offene Brief wurde den Fraktionen des Bundestages und den Frak- tionen des Landtages Brandenburg zugefaxt. Die einzige Rückmeldung, die wir bekamen, stammt vom Büro des SPD- Bundestagsabgeordneten Siegfried Vergin, der innenpolitischer Frakti- onssprecher für Gedenkstätten ist. Er hatte in einer parlamentarischen An- frage von der Bundesregierung Aus- künfte über die Mittelkürzungen für die Stiftung Brandenburgische Ge- denkstãtten gefordert und daraufhin- gewiesen, daß die Uberreste der frü- heren Konzentrationslager Sachsen- hausen und Ravensbrück zu zerfallen drohen. Die Gedenkfeiern für die Be- freiungen der Konzentrationslager vor 50 Jahren können'doch nicht nur eine Eintagsfliege gewesen sein“, son- dern bedeuten eine Verpflichtung auch für die Zukunft, schrieb er in einer Pressenotiz zu der Anfrage. Die Bundesregierung bestätigte in der Antwort, daß das Land Branden- burg und der Bund im Haushaltsjahr 1996 wegen der'allgemeinen schwie- rigen Haushaltssituation“ jeweils 540.000 Mark weniger für die Bran- Verfügung stellen als dieses Jahr. Kurz vor Redaktionsschluß teilte uns Frau Jahn, wissenschaftliche Mitar- beiterin im Bundestagsbüro von Herrn Vergin mit, daß die SPD und Bündnis 90/Grüne den Antrag ge- stellt hatten, Sondermittel in Höhe von 1,2 Millionen Mark für die Ge- denkstätte Sachsenhausen bereitzu- stellen. Das Geld sollte zweckgebun- den für den Wiederaufbau der beiden jüdischen Baracken verwendet wer- den, die von Neonazis angesteckt und niedergebrant worden waren. Nach- dem in der Sitzung des Haushaltsaus- schusses die Bundesregierung signali- siert habe, daß sie entsprechenden Anträgen der Stiftung Brandenburgi- schen Gedenkstätten postiv gegegen- über stehe, zogen die beiden Oppo- stionsfraktionen ihren Antrag 2u- Uber die Situation in Ravensbrück konnte Frau Jahn keine konkreten Mitteilungen machen. Siegfried Ver- gin stehe aber mit der Gedenkstätten- denburgischen Gedenkstätten zu leitung in Kontakt. Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Redaktion: Hans Hirschmann, Hermann Reineck Mitarbeiterteam: Anni Roßmann-Reineck, Klaus Konrad-Tromsdorf Ariana Enders, Diethardt Stamm Wenn Sie sich um Ihre Einzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Postgebühren Mindestbeitrag: 60 DMjährlich Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monatlich[Q nalbjhrlich on DM einverstanden ſQ nreinnic ſ färkien Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto- Nr. Datum Unterschrift e Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e.V., 35516 Münzenberg, Lindenstraße 68 Der Verein ist als gemeinnũtzig anerkannt. Die Beitrãge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50-60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn.. 27 Neue Anschrift Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUscrrz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto-Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf S Hãftling im K?Z Auschwitz vom bis Häftl.-Nr. Hãftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. S Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Haftl. Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen D HELFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS 8 HART AUSCHWTZ OER AUSCHWAZER Farbkarte 613 algen im Stammlager wurde am 30. Dezember treiung von Auschwitz, exekutiert. Mitteilungsblatt. D —