LAGERGEMENSCHAET AUSCFHMWTZ Xc EREUNDESKREIS DER AUSCHWTAZER Die nächste Studienfahrt der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundes- kreis der Auschwitzer findet in den hessischen Herbstferien vom 14. bis 22. Oktober statt. Die Fahrt nach Polen führt über Zgorcelec nach Os- wiecim und zur Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sowie nach Krakow. 15. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, August 1995 Inhaltsverzeichnis Seite Studienreise nach Polen 1 Stadtplanung der Nazis am Beispiel Warschau 2 Film- und Diskussionsveranstaltung in Laubach Kinder und Jugendliche in Ausschwitz S Nachdruck eines Vortrages von Margaretha Rebecca Hopfner Nachruf: Lieselotte Thumser-Weil starb am 2. Juni 19 Nachruf: Wladyslaw Fejkiel starb in Krakow W Offener Brief zur Mittelkürzung für Gedenkstãtten 27 Dokumente des Nürnberger Arzteprozesses sind immer noch nicht in einer deutschen Edition erschienen 26 Geburtstagsgrüße 1 Die letzte Versammlung war nicht beschlußfähig, daher laden wir erneut ein zur Mitgliederversammlung der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer am Samstag, dem 16. September, um 14.30 Uhr in Frankfurt am Main im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes 6 Wilhelm-Leuschner-Straße Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Auf den Spuren des Nationalsozialismus in Auschwitz und Krakow Studienfahrt nach Polen Wir laden ein zu einer einwöchigen Bildungs- und Studienreise nach polen. Sie findet vom 14. bis 22. Oktober(also während der Herbstferien in Hessen) statt. 50 Jahre nach der Kapitulation des Deutschen Reiches und der Befreiung der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager grassieren in unse- rer Gesellschaft immer noch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitis- 6 und Nationalismus. Es sind dies charakteristische Einstellungen der azistischen Ideologie, die võn der großen Mehrheit der deutschen Bevölke- rung willfährig als Staatsdoktrin akzeptiert wurde und die unweigerlich zu Krieg, Völkermord und einer beispiellosen Vernichtungspolitik führte. Dies zu verdeutlichen, und die Notwendigkeit an der Gestaltung einer demokra- tischen Gesellschaft mitzuwirken, ist Ziel der Studienreise. Gespräche mit ehemaligen Häftlingen und ihren Familien sind in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sowie bei Besuchen und Besichtigungen der Stäãdte Oswiecim, Krakow und Zgorcelec vorgesehen. REISEROUTE: Frankfurt/Main- Zgorcelec-Oswiecim- Ge- denkstätte Auschwitz-Birkenau- Krakow Zgorcelec-Frankfurt/M. Gefahren wird mit einem modernen Reisebus. UNTERBRINGUNG: Erfolgt privat bei ehemaligen Häftlingen und ih- ren Familien sowie im Hotel der Gedenkstãtte. „ REISEPREIS: Voraussichtlich 780 Mark(inkl. Führungen) ANMELDUNG und weitere AUSKUNFTE: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, Linden- Straße 68 in 35516 Münzenberg 1, Tel: 06033 60168. Uberweisungen bitte unter dem Stichwort'Studienreise“: Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79), Konto-Nr. 0020 000 660. ANMELDESCHILUSS: 20. September 1995 Es können maximal 25 Personen mitfahren. Benötigt wird ein Reisepaß, der noch mindestens 6 Monate gültig ist. Unsere Studienfahrten sind aner- kannt als Bildungsurlaub und als Lehrerfortbildungsreisen. Ein Termin für ein Vorbereitungstreffen wird noch vereinbart. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Veranstaltung am Mittwoch, dem 4. Oktober, im Laubach-Kolleg Stadtplanung der Nazis am Beispiel Warschau Das auch für Nichtmitglieder of- fene Treffen der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Au- schwitzer wird am Mittwoch, dem 4. Oktober, Beginn 19.30 Uhr, wieder unter einer besonderen Thematik stehen. Es wird der Film War- schauer Leben“ von Alfred Jung- raithmayr über Video gezeigt. Dar- gestellt werden die städtebaulichen Vernichtungspläne der Nazis für Warschau unter dem Motto'Abbau der Polen-Stadt?. Die seit Jahrhunderten als Paris des Ostens“ bekannte europäische Metropole sollte zu einer Distrikt- stadt mit weniger als 10 Prozent der Bevölkerung von 1939 umgewandelt werden und'deutsches Gepräge“ erhalten. Der Stadt wurde noch ein Verkehrsknotenpunkt zugebilligt, und die Altstadt wurde als 'deutsch' reklamiert und sollte die angebliche Kontinuität der deut- schen Besiedlung aufzeigen. Ein neues Regierungsviertel sollte den Adolf-Hitler-Platz? einrahmen. Die Nazistadtplanung sollte polnische Identitãt vernichten. In dem Dokumentarfilm von Al- fred Jungraithmayr kommt auch Hubert Groß als der damalige Nazi- planer zu Wort. Er hatte die Neuge- staltung der»Gauhauptstadt“ vor- zunehmen. Die jetzt vorgestellten Dokumente tragen das Datum 6. Fe- bruar 1940 und den bezeichneten Ti- tel'Warschau- Der Abbau der Po- lenstadt- der Aufbau der deutschen Stadt- das Aussiedeln der Juden?. Der Film ist das Ergebnis von um- fangreichen Recherchen, die der Au- tor gemeinsam mit Barbara Klain angestellt hat. Die wissenschaftliche Arbeit von Barbara Klain erschiei im Junius Verlag unter dem Fitel Vernichtung und Utopie- Stadt- planung Warschau 1939— 1945* (SBN 3-88506-223-2, DM 48.). Allerdings gab es parallel zu den Naziplanungen auch städtplaneri- sche Uberlegungen aus dem Wider- stand. Alfred Jungraithmayr bringt die Architekten und Stadtplaner Zygmunt und Halina Skibniewski Sowie Jacek Nowicki und Zaslaw Malicki vor die Kamera. Sie betrie- ben im Untergrund das Atelier für Architektur und Urbanistik“ und banden auch illegal arbeitende Oko- nomen, Soziologen, Historiker und Bauingenieure ein. Für ihr lebensge- fährliches Tun hatten sie ein befrei; tes und neues Warschau vor augen D Die Teilnehmer des Untergrund- zirkels planten nicht nur im Verbor- genen, sondern sie studierten auch an der Untergrund-Hochschule. Die Kriegs- und Gestapo-Realitãt schafften sehr schnell Gegenfakten. 1943 wurden ein Fünftel der bebau- ten Fäche Warschaus, das jüdische Ghetto, ausradiert und über 300.000 jüdische Bewohnerinnen und Be- wohner der Stadt wurden zur Ver- nichtung abtransportiert. Beim Auf- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 stand der Warschauer Heimatarmee im Herbst 1 944 wurden über 100.000 polnische Personen getötet und bei Kriegsende waren 85 Prozent der Stadt zerstört. Es gab nach dem Sieg über die Fa- schisten ein Planungsbüro für den Wiederaufbau- geleitet von Zyg- munt Skibniewski. Er mußte aus der Verwirklichung weiter Teile der endgültigen Lösung des Problems Warschau'(So Gouverneur Ludwig Fischer Anfang 1944), das in der Sprengung des Königlichen Schlos- ses im Dezember 1944 gipfelte, das Beste machen. Der Film von Alfred Jungraith- mayr wurde vom Kuratorium jun- Fine Planungsskizze für Die neue deutsche Stadt Warschau“. Dabei hedeu- ren die Buchstaben wahrscheinlich nicht eindeutig geklärt die Schulen und Hirler Jugend-Heime in insgesamt zehn Siedlungszellen“. Mit c'Sind ander Stadiperipherie gelegene Feier und Erholungseinrichtungen gekennzeichnet. Die Nummern haben folgende Bedeutung. J. Schloß im Laftienti Part als Residenz des Gouverneurs des Distritts Warschau 2. Regierungsviertel und Gauforum mit einem Turm am Adolf- Hitler-Platz 3. Sächsischer Garten 4. Neuer Bahnhof östlich des bestehenden Bahnhofes 5. Altstadt 6. Zitadelle 7. SPortgeldnde 8. Hafen 9. Neuer Osthahnhofin Praga. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ger deutscher Film unterstützt und auch die Berliner und die Hessische Filmfõrderung gaben Gelder dazu. Der Film ist wichtig, interessant und hat zu Recht das Prädikat Beson- ders wertvoll' erhalten. Alfred Jungraithmayr ist bei der Vorführung des 72minütigen Vi- deofilms dabei, kann vieles noch er- gänzen und steht für eine Diskussi- on zur Verfügung. Die Lagerge- meinschaft Auschwitz- Freundes- kreis der Auschwitzer hat diese Ver- anstaltung in Zusammenarbeit mit der Friedensgruppe Laubach, der Aktion Sühnezeichen und den Sti- pendiaten des Laubach-Kollegs vor- bereitet. Auch der Kreisverband Friedberg der Gewerkschaft Erzie- hung und Wissenschaft ist an der Veranstaltung beteiligt. Diethardt Stamm D »3. Mai Zum nationalen Gedenktag⸗ Lagergemeinschaft Auschwitz: Vor 50 Jahren kam die Befreiung Wetteraukreis(ütz). Die Lagergemeinschaft Auschwitz, Freundeskreis der Auschwitzer, mit ihrem Vorsitzenden Hermann Reineck(Mün- zenberg) an der Spitze hat sich in einer Presseer- klärung der Aufforderung angeschlossen, den 8. Mai in Deutschland zum nationalen Gedenktag zu erklären. Mit der bedingungslosen Kapitula- tion des Dritten Reiches am 8. Mai 1945 seien die von der Wehrmacht und der SS besetzten Län- der Europas von der deutschen Terrorherr- schaft befreit worden. Auch für die Deutschen habe dieses Datum die»Befreiung von der selbsterrichteten Diktatur« bedeutet. Die Lagergemeinschaft wendet sich damit ge- gen die»Initiative 8. Mai«, die sich gegen den Begriff der»Befreiung« gewandt und in diesem Zusammenhang unter anderem auf die Vertrei- genen— Staatsdoktrin erhoben worden«, so die Lagergemeinschaft weiter. Jeder Tag, der die Niederlage dieses Regimes hinausschob, sei ein Tag der Unfreiheit gewesen.»Wir Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern und in den Gefängnissen der Gestapo wurden durch den Sieg der Alliierten befreit oder vor erneuter Ver- folgung bewahrt«, heißt es in der Presseerklã- rung. Die Lagergemeinschaft Auschwitz sei em- pört, wie 50 Jahre nach der Niederlage des Deut- schen Reiches versucht werde,»durch Trug- schlüsse das Wort zu reden einer selbstbewuß- ten Nation«, zu der wir Deutsche angeblich werden müßten, um Katastrophen künftig aus- zuschließen««. Wetterauer Zeitung, 6. Mai 1995 bungen und»neue Unterdrückung im Osten« ½ verwiesen hatte. Die Lagergemeinschaft meint dazu, daß die»leidvollen Ereignisse nicht in der ₰ Niederlage des deutschen Faschismus begrün- det« seien, sondern das»Ergebnis jener mörde- rischen Politik des Drittes Reiches« seien, der mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 ein Ende gesetzt worden sei. Es bestehe kein Zweifel, daß die meisten Deutschen 1945 den Sieg der Mliierten nicht als Befreiung, sondern als Niederlage empfunden hätten, heißt es weiter. Schließlich seien sie»bis zum bitteren Ende— und vielfach auch darüber hinaus— entweder begeisterte Anhänger oder opportunistische und gleichgültige Mitläufer des Nazi-Regimes gewesen«. Die große Mehr- heit der deutschen Bevölkerung habe nicht nur die»militärischen Erfolge der Wehrmacht beju- belt, sondern es bereits vor Kriegsbeginn gut geheißen, daß als»Untermenschen- definierte Minderheiten von Staats wegen das Lebens- recht abgesprochen wurde«. »Die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgrup- pen sowie der Massenmord war zur freiwillig akzeptierten— und nicht etwa zur aufgezwun- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 Vortrag im Frankfurter Literaturhaus am 2. Februar 1995 Kinder und Jugendliche in Auschwitz von Margaretha Rebecca Hopfner(Wien) Die Wiener Historikerin Margaretha Rebecca Hopfner promovierte an der Universitũt Wien mit einer umfassenden Arbeit über'Kinder und Jugendliche in Auschwitz“. Zur Zeit hereitet vie die Verõffentlichung ihrer Doktorarbeit vor. Im Rahmen der Veranstaltung reihe anldßlich des 50. 8, ahrestages der Befreiung von Auschwitz Stellte sie auf Finladung der Lagergemeinschaft den hier in gekürzter Fassung abgedruckten Vortrag im Literaturhaus Frankfurt zur Diskussion. An den Beginn der nun folgenden Ausführungen zum Thema'Kinder in Auschwitz' sei eine Aussage eines Uberlebenden von Auschwitz ge- Stellt. Der Wiener Hans Fürnberg wurde als Jugendlicher gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester Ruth von Theresienstadt weg nach Au- schwitz deportiert. Ruth wurde im Juli 1944 in der Gaskammer ermor- det. Wie in allen Uberlebenden ist auch in Hans Fürnberg die Erinne- rung an das Erlebte stets gegenwär- tig. Seine Worte: »Wenn ich an die vielen Toten Oenke. empfinde ich nur eine hilf- lose Trauer. Wenn ich mich niederle- ge, im Bett, Sehe ich Sie vor mir. Al- le. Die Gesichter. Die eingefallenen, aufgedunsenen. Meine Schwester Sehe ich dauernd. Der Mensch, der einem am nächsten gestanden ist, den hat man immer vor Augen.(..) Zum Abschied hesuch' ich sie noch einmal. Jeh Steig' da rauf auf diese Holzpritsche und sag' ihr: Servus, ich muß jetzt gehen mit den jungen Leuten. Und sie Sagt auch Servus.“ Und dann sehe ich, daß dieses menschliche Wesen ja nie richtig ge- leht hat.“ Die tragische Dramatik dieser Aussage spricht für sich selbst. Sie bedarf keiner weiteren Erklärung. Schwierigkeit und Notwendigkeit, über Auschwitz zu sprechen Fin zentrale Schwierigkeit für je- den, der sich Auschwitz nähert, faßt die österreichische Dichterin Inge- borg Bachmann in die folgenden er- kennbar stockenden Sätze:*. ich war in Auschwitz und in Birkenau. Nun hilft einem alles nichts, wenn man das weiß, denn in dem Augen- hlick, wo man dort steht, ist alles ganz anders. Jœh kann nicht darüber SPrechen, weil.. es giht auch nichts zu Sagen. Es wäre mir vorher mög- lich gewesen, darüher zu Sprechen, aber seit ich es gesehen habe, glaube ich, kann ichdas nicht mehr...“ Nun aber ergibt sich für uns, die wir in einer kulturellen Tradition stehen, zu der nun Auschwitz unwi- derruflich gehört, die dringende, aber auch bedrängende Notwendig- keit, über Auschwitz zu sprechen. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer seinem Auschwitz verlangt nach Ausdruck, will zur Sprache ge- bracht werden, will den ihm gebüh- renden Platz in unserer Frinnerung. EDES Kind, das gezeugt und ge- boren wird, will angenommen sein und sich entfalten. Es will leben. In jedem Menschenkind schlummern die vielfältigsten Möglichkeiten zu glückhaftem Erleben und zu kreati- ver Entwicklung. Als krassest denk- barer Gegensatz dazu sind die'Kin- der von Auschwitz“ inzwischen zum Symbol geworden für das Grauen, welches unsere Epoche der überwie- genden Mehrheit der Kinder, die un- Seren Planeten bevölkern, zumutet. Die Umgrenzung des Themas »Kinder in Auschwitz“ ergibt sich aus den Grenzen der Sichtbarkeit von Kindern in den zur Verfügung stehenden Quellen. Und sie ergibt sich aus jenen Darstellungsgrenzen, die von anderen Autoren dazu be- reits gezogen wurden. Informationen zur Geschichte von Kindern und Jugendlichen sind rela- Auch Kinder wurden von den Nazis nicht verschont. Ein bekann- tes Beispiel Sind die Schitzlinge des polni-( Schen Arztes und Sozi- alpãdagogen Janusz Korczak. Sie wurden zuammen mit ihrem Lehrer 1942 in Vrehlin- ka ermordet. tiv spärlich anzutreffen. Die Arbeit zu diesem Thema ist tatsächlich eine'Spurensuche“. In fast allen Gruppen von Quellen lassen sich diese Spuren auffinden. Im folgenden seien nur über- blicksmäßig zentrale Fragestellun- gen genannt, die für eine sinnvolle Darstellung des Themas von beson- derem Interesse erscheinen: 1) Wann, von wo und warum ge- langen Kinder nach Auschwitz? 2) Was geschieht mit diesen nW dern und Jugendlichen unmittelba nach ihrer Ankunft in Auschwitz? 3) Wo überall in Auschwitz finden sich Kinder und Jugendliche und welche Lebens- und Uberlebensper- Spektiven gelten speziell für sieꝰ? Ausgrenzung, Deportation, Vernichtung Rechtliche und organisatorische Grundlagen für die Deportierung der unerwünschten Menschen schuf das nationalsozialistische Deutsch- land durch jene Verfügungen und Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Erlasse, die Voraussetzung für ihre gesellschaftliche Ausgrenzung wa- ren. Bereits im Sommer 1941 bestimmte SS-Reichsführer Heinrich Himmler Auschwitz zur Massenvernichtungs- stätte für Juden. Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, war besonders im Hinblick auf die in uschwitz bevorstehenden massen- hafte Tötung von Frauen und Kin- dern'erleichtert“, im Blausäureprä- parat Zyklon B ein effizientes Tö- tungsinstrument gefunden zu ha- ben. In seinen EFrinnerungen Schreibt er darüber. Den Beschlüssen der Wannsee- Konferenz vom 20. Januar 1942 zu- folge begann in Auschwitz die plan- mäßige Ausrottung von Juden in ei- gens dafür in Betrieb genommenen Gaskammern. Ab dem Frühjahr 1942 rollten die von Reichssicher- heitshauptamt organisierten Trans- porte. Auschwitz-Birkenau wurde zu einer'Todesfabrik'“(Ota Kraus/ Erich Kulka), die mehr als eine Mil- lion Menschen verschlang. Die Unterscheidung von Jugend- lichen und Erwachsenen Im Zusammenhang mit den de- portierten Kindern treffen wir im- mer wieder auf eine wichtige, von der SS getroffene Regulierung in der Festsetzung der Altersgrenze, nämlich das Alter von sechzehn Jah- ren. Sie wird unter anderem geltend gemacht in der Anfangsphase der Deportationen, als es zunächst ein- mal darum ging, die erwachsenen Männer und Frauen unter der jüdi- schen Bevölkerung zum Abschub zu bringen; ersichtlich wird dies u. a. in der dazu entstandenen Transport- korrespondenz. Die Altersgrenze bis zu sechzehn Jahren wurde seitens der S8 auch geltend gemacht bei den Zugangs- Sselektionen auf der Rampe“. Die erste nachweisbare Selektion auf der Rampe fand am 4. Juli 1942 statt. Ohne daß die meisten Betroffenen davon wußten, bedeutete also Selek- tion für die einen sofortige Vernich- tung, also Tod! Und für die anderen bedeutete es zunächst das nackte 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Weiterleben im Konzentrationslager unter kalkulierten grauenvollsten Bedingungen. »Selektiert“ wurde nach blitz- Schnell erfaßten optischen Kriterien, aber ebenso nach spontan erfragten zusätzlichen Angaben, wie eben dem Alter. Wer rein äußerlich auf- grund des Wuchses und der Physio- gnomie einen'kindhaften“ EFin- druck machte, war vorneweg zum Tode verurteilt. Dasselbe galt für Alte, Kranke, Schwangere und Müt- ter, die mit ihren Kindern zusam- men waren. Funktionshäftlinge des Kanada-Kommandos versuchten, den Ankommenden zu helfen. Sie gaben ihnen Tips, wie sie ihr Alter angeben 'richtig“ sollten. Dies konnte unter Umständen tatsäch- lich in einen lebensrettenden Schwindel umgesetzt werden. Flie Wiesel, der als knapp Fünfzehnjäh- riger nach Auschwitz deportiert wurde, gelang es- auch er und sein Vater hatten den entscheidenden Hinweis von einem Häftling erhal- ten—, sich bei der Selektion als Acht- zehnjähriger auszugeben. Er wurd daraufhin als arbeitsfähig einge- stuft. Die allermeisten Menschen gingen aber ohne jegliche vorherige Regi- strierung- viele ahnungslos— ins Gas. Der ehemalige polnische Häft- ling und Dichter Tadeusz Borowski gibt uns für diese Tatsache in sei- nem Werk'Bei uns in Auschwitz“ eine eindrucksvolle Darstellung die- Ser makabren Szenerie: Fie gingen langsam, in kleinen, losen Gruppen und hielten Sich an den Hdnden. Frauen, Greise, Kin- dey. Sie gingen am Stacheldraht ent- lang und wandten uns ihre Schwei- genden Gesichter zu. Mitleidig sa- hen Sie uns an und warfen uns Brot- Sricke zu. Die Frauen nahmen ihr Armhanduhren ah, warfen sie üher den Stacheldrahtzaun vor unsere Fiße und hedeuteten uns, daß wir Sie hehalten dirften. Das Orchester am Vor Spielte Schneidige Foxtrotts und langsame Tangos. Das Lager Sah den Menschen zu.(..) Hinter den Menschengruppen gehen ganz langsam die SSMänner, ermuntern die Menge mit gutmütigem Ldächeln zum Weitergehen.“ Manche Menschen wußten oder ahnten, was auf sie zukommen wür- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 de. In ihrer Verzweiflung versteck- ten Mütter ihre Kinder im Ausklei- deraum vor der Gaskammer unter den abgelegten Kleiderbündeln und hofften wohl auf ein Wunder. Der SS-Mann Pery Broad beschreibt in diesem Zusammenhang vor allem drastisch, was mit nachträglich auf- gefundenen Kindern geschah: Manchmal krdhte noch unter ein- em Kleiderbündel das Stimmchen eines Kindes, das man vergessen hatte. Es wurde herausgezerrt, hoch- gehalten und von irgendeinem der õllig vertierten Henkersknechte durch den Kopf geschossen.“ Frauen fanden noch in dieser Si- tuation die Kraft, beruhigend auf ihre Kinder einzuwirken und das Bewußtsein des unmittelbar bevor- stehenden Todes von ihnen fernzu- halten. »Unregelmäßigkeiten“ der industriellen Vernichtungsmaschinerie Die Zeitspannen bis zur Vernich- tung konnte sich unter Umständen dann verlängern, wenn die in Au- schwitz eintreffende Quantität von Menschen die Leistungsfähigkeit der Vernichtungsanlagen überstieg. Wenn gewissermaßen'Staus'? in der Abfertigung' eintraten und jene Menschen, die zu warten hatten, zu- rückgehalten werden mußten. Im Frühsommer 1944 wurden die ungarischen Juden vernichtet. In- nerhalb weniger Wochen wurden über 400.000 Menschen in die Gas- kammern getrieben. Eine auch in Auschwitz noch nie dagewesene Quantität an Menschen. In dieser Zeit wurden die Bahngeleise bis di- rekt vor die Krematorien I und III gebaut. Die Rampe“ war somit in das innere Lagergelände von Auschwitz-Birkenau verlegt. Noch problemloser als bisher wollte man den Plan erfüllen können. Es entstand sogar Knappheit an Gas; und es soll wiederholt vorge- kommen sein, daß Menschen- unter ihnen Kinder- den Vergasungsvor- gang überlebten. Noch lebend wur- den diese gemeinsam mit den Lei- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer chen der Vergasten verbrannt. Her- mann Langbein in seinem Bericht Die Stärkeren' dazu: »Tatsächlich, das Gas wird knapp. Immer neue Transporte kommen. Einmal, als drei Tage die Zufuhren von Menschen zum Kre- matorium Stockten- Waggonman- gel, Sagte die SS—, ist Höß nach Bu dapest gefahren. Dann rollen wie- der die Züge, und die Schlote rau- chen. Auch jetzt ldßt er die Aktion nicht gefdhrden. Er giht Befehl, daß weniger Gas in die Gaskammern eingeleitet wird. Viele werden nur hetäuht, nicht mehr getötet, kom- men also noch lebend auf den Lo- ren ins Krematorium und werden v0 verhrannt. Und noch einen Befehl giht Höß, um Gas zu sparen: Vor den Krematorien werden im Freien Holzvtõße erreichtet. In das Feuer werden die Kinder ungarischer Ju- den geworfen. Die Kinder deshalh, weil Sie das geringste Gewicht ha- hen. Aus jedem Transport werden Starke Mdnner ausgesucht, die müs- Sen die Kinder- also auch ihre ei- genen Kinder lehend in die Flam- men werden. Als letzte werden diese Mdnner vergast. Unsere Genossen aus Birkenau schreihen uns. Wirse- hen, wie Sich im hrennenden Schei- terhaufen Lleine Flammenkugeln hewegen und herauskriechen.““ Auch quasi'händisches“ Ermor- den von Kleinkindern dürfte sogar Methode gehabt haben und wurde in Auschwitz gelegentlich praktiziert, wenn'Unregelmäßigkeiten“ auftra- ten. Dies zu einer Zeit, da der Ver- nichtungsvorgang längst mit indu- striellen Methoden effektiv abge- wickelt wurde und die'mühselige und anstrengende Handarbeit“ (Herman Langbein) bereits'unra- tionell? geworden war. Das Familienlager der Theresienstädter Juden und das*Zigeunerlager? Für Juden aus dem Ghetto There sienstadt wurde eine vorübergehen- de Sonderregelung getroffen. Für diese Deportierten wurde im Herbst 1943 in Auschwitz-Birkenau im Bau- abschnitt B II b ein Familienlager eingerichtet. Aus Propagandagrün- den ließ man sie jeweils ca. sechs Monate am Leben. Im Anschluß dar- an wurden auch sie vernichtet. Aus- nahmsweise gelangten auf diesem Weg auch jüdische Kinder und Ju- gendliche in größerer Anzahl vor- übergehend in das Konzentrations- lager Auschwitz und mußten hier unter verheerenden Verhältnissen leben. Am 16. Dezember 1942 erteilte Himmler den sogenannten Au- Schwitz-Brlaß'. Er war die Voraus setzung für die Deportierung von Roma und Sinti nach Auschwitz. Im Zuge der Ausführungsbestimmun- gen zu diesem Erlaß vom 29. Jänner 1943 wurden Roma und Sinti im so- genannten'Zigeunerlager' des Bir- kenauer Bauabschnittes B II e inter- niert. Das Zigeunerlager“? existierte vom Februar 1943 bis Anfang Au- gust 1944. Im sogenannten Hauptband“ des Zigeunerlagers sind 20.943 Namen verzeichnet. Eine Großteil der Menschen fiel den Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 furchtbaren Lebensbedingungen zum Op- fer. Und am 2. August 1944 wurde der noch verbliebene Rest“2.897 Menschen in den Birkenauer Gaskammern ermordet. Das Zigeunerlager' und das Theresien- städter Familienlager wurden als Familien- lager installiert, was- der Bezeichnung ent- sprechend- bedeutet, daß die Familien der Deportierten mit ihren Kindern im gleichen euitt untergebracht waren. »Bandenkinder? Während des Finsatzes gegen die im ge- samten deutschen Besatzungsgebiet kämp- fenden Partisanen und die sie unterstützen- de Zivilbevölkerung wurden ganze Familien verhaftet und verschleppt. Am 16. Dezember 1942 gab das Oberkommando der Wehr- macht eine'geheime Kommandosache“ un- ter dem Titel'Bandenbekämpfung' heraus. Die Einsatzkommandos im'Osten“ und auf dem Balkan'' werden darin zur Anwendung'allerbru- talster Mittel“ angehalten. Unter anderem heißt es: Die Truppe ist daher he- rechtigt und verpflichtet, in diesem Kampf ohne Ein- Schrdnkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es zum Erÿolg füihrt.“ Solcherart verschleppte Kinder wurden in der NS- Terminologie Bandenkin- der“ genannt, ihr Alter reichte vom Kleinkind bis zum Jugendlichen. Ban- denkinder“ verbrachte man zumeist gemeinsam mit ih- ren Familienangehörigen mit größeren Transporten in Konzentrationslager, u. a. nach Auschwitz. Ab Herbst 1943 trafen aus der Gegend um Minsk und Witebsk in Birkenau Transporte ein, manche von ihnen über Maj- danek als Zwischenstation. »Germanisierungs- programm' In einigen von Nazideutsch- land überfallenen Ländern kam ein sogenanntes Germa- nisierungsprogramm zur Anwendung. Die planmãäßige Raub- und Germanisierungs- aktion wurde mit Ermächti- gung Hitlers von Heinrich Himmler eingeleitet und or- ganisiert. Himmler selbst hat in einer Rede das Motto der 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gesamten Aktion in eindeutige Wor- te gekleidet:'Das, was in den Võl- kern an gutem Blut unserer Ayt vor- handen ist, werden wir uns holen, in- dem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und bei uns großꝛie- hen.“ Im Rahmen des Germanisierungs- programms wurden Tausende zwei- bis zwöltjährige Kinder ihren Eltern geraubt und deren sogenannte Fin- deutschungsfähigkeit im Zuge einer ärztlichen Untersuchung überprüft. Danach wurden die für wertvoll ge- nug Befundenen unter Preisgabe der bisherigen Identität bei deutschen Pflegefamilien oder aber in eigens dafür vorgesehenen Heimen unter- gebracht und aufgezogen. Es existieren dokumentarische Be- lege, die beweisen, daß in Auschwitz internierte Kinder aus der Gegend um Minsk und Witebsk zu diesem Zweck von hier aus in das Umsied- lungslager nach Potulice überstellt wurden. Die brutale Umsiedlungspolitik unter der polnischen Bevölkerung bedeutete für Tausende Polen Ver- schleppung und Deportation. Ende 1942 gelangten'umgesiedelte“ Kin- der und Jugendliche aus Zamosc in Südpolen nach Auschwitz. Daß An- fang 1943 einige Dutzend von ihnen im Häftlingskrankenbau von Au- schwitz I'abgespritzt“, das heißt, mit Phenolinjektionen getötet wur- den, ist ebenfalls dokumentarisch belegt. Kinder aus Warschau Im Zuge der Repressionsmaßnah- men gegen die aufständische War- schauer Bevölkerung und nach der Niederschlagung des Aufstandes im August/September 1944 wurden Tausende Warschauer in Konzentra- tionslager verschleppt. Wieder fielen der Deportation so- wohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche zum Opfer. Als die ersten Transporte aus Warschau n9 Auschwitz-Birkenau eintrafen, wa- ren unter ihnen Hunderte Kinder. Aus den täglichen Berichten zur La- gerstärke aus dieser Zeit geht her- vor, daß sich am 8. Oktober genau 370 Mädchen aus Warschau im La- ger befanden. Diese Kinder wurden von den Eltern getrennt in einem ei- gens dafür eingerichteten Block in Birkenau- im Lagerabschnitt B I a Block 16— untergebracht. Die*schwarze Wand? Von einem sofortigen Vernich- tungsbefehl waren auch jene Kinder betroffen, die im Verlauf stand- rechtlicher Exekutionen polnischer Zivilbevõlkerung im Hof des Blocks 11 von Auschwitz I ermordet wurden. Dort tagte in Abständen mehrerer Wochen das Polizei-Standgericht der Gestapo Kattowitz*. Die regelmäßig gefällten Todesur- teile wurden unmittelbar danach im Hof des Blocks 11 an der sogenann- ten'schwarzen Wand' exekutiert. Außerdem war Auschwitz- ebenfalls die'schwarze Wand“- Hinrich- tungsort polnischer Zivilpersonen sowie Mitglieder der verschiedenen Widerstandsgruppen, die bereits an- dernorts zum Tode verurteilt wor- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 den waren. Unter den vielen Verurteilten be- fanden sich häufig ganze ßolnische Familien mit ihren Kindern. Manch- mal waren es sogar Kleinstkinder, die im Zuge der Urteilsvollstrek- kung gemeinsam mit ihren Angehö- rigen erschossen wurden. Medizinische Experimente Fine der wenigen Möglichkeiten für Kinder, der sofortigen Ermor- dung zu entgehen, war diejenige, wenn das wissenschaftliche Interesse des Lagerarztes Dr.. Josef Mengele auf sie fiel. Besondere Bedeutung erlangte dies für jüdische Kinder. Mengele benötigte Versuchsmate- rial“ für Experimente an Zwillin- gen, Kleinwüchsigen sowie für Au- genuntersuchungen und selektierte dafür Menschen aus den ankom- menden Transporten sowie aus dem Hãftlingsstand des Lagers. Die zahl- enmäßig größte Gruppe unter sei- nen Versuchskaninchen“ dürfte die der Zwillinge gewesen sein. Ins- gesamt selektierte er mehrere hun- dert Zwillinge für seine Versuchs- zwecke. Finige Dutzend von ihnen konnten Auschwitz überleben. Die Kinder im Lager Als Aufenthaltsorte“ von Kin- dern und Jugendlichen in Auschwitz kann man all jene Bereiche bezeich- nen, wo diese im Vollzug des Lager- geschehens sichtbar werden. Und eben an diesen Orten im Kon- zentrationslager treffen wir Kinder und Jugendliche wiederum an: in den Blocks, in denen sie gemeinsam 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer mit erwachsenen Häftlingen oder al- lein untergebracht waren; bei einer Entbindung, die- im Falle jüdischer Gebãrender- oftmals heimlich auf dem Block erfolgte; in den Gebärab- teilungen des Krankenbaus, sowie in der meist sehr kurz bemessenen Zeit nach ihrer Geburt; wir begegnen ih- nen in den medizinischen Versuchs- abteilungen und in den entsprechen- den medizinischen Experimentiersi- tuationen. Mengeles Zwillinge wa- ren in speziellen Abteilungen in den Hãftlingskrankenbaus des Frauenla- gers, des Männerlagers und des Zi- geunerlagers in Birkenau unterge- bracht. Wir treffen auf Kinder und Ju- gendliche im Theresienstädter Fami- lienlager und im Zigeunerlager. Hier konnten Kindern in der Nähe ihrer Familienangehörigen bleiben. Ein kontinuierlicher Kontakt mit Verwandten und Freunden war so- mit für die Dauer der gemeinsamen Unterbringung im Lagerabschnitt und der Lebensdauer immerhin möglich. Wie wichtig war gerade in der lebensbedrohlichen Extremsi- tuation für den einzelnen der Erhalt und die Kontinuität familiärer und kameradschaftlicher Kontakte. In den Familienlagern befanden sich Kinder häufig auf dem Lagergelän- de und prãgten so das Erscheinungs- bild als Familien''lager auch op- tisch. Für manchen erwachsenen Häft- ling bedeutete die Möglichkeit, ein Kind zu betreuen, es vor der ständig drohenden Vernichtung zu beschüt- zen und mit dem zum Leben Nötig- sten zu versorgen, wohl einen wich- tigen Anker in eine quasi normale“ Lebenssituation. Für ihn wurde die- ses Kind zu einem emotionalen und gedanklichen Gegengewicht gegen den permanenten Lagerterror und seine Massenmordmaschinerie. Die Registrierung der Kinder Von der Lagerführung wurden bei der Registrierung von Kindern und Jugendlichen im verwaltungstechni- schen Bereich keine wesentlichen Unterschiede zu den übrigen Häft- lingen gemacht. Ihre Daten wurden in die Nummernbücher der einzeln- en Lagerabschnitte aufgenommen und dazugehörige Karteikarten in den entsprechenden Blockschreib- stuben erstellt. Sogar Neugeborene erhielten eine Häftlingsnummer. 1943, als man mit dem Tätowieren fast aller Häftlinge begann— jüdi- sche Häftlinge wurden bereits seit 1942 tätowiert(Danuta Czech)—, wurden, von einigen wenigen Aus- nahmen abgesehen, auch ihnen diese Nummer in den linken Unterarm tã- towiert. Da allerdings bei Neugebo- renen der Unterarm zu klein war, wurde diese die Nummer in den Oberschenkel tãtowiert. Mãännliche Neugeborene, die im FKL zur Welt kamen, wurden der administrativen Korrektheit halber im Nummernbuch des Männerlagers geführt. Hinter der jeweiligen Hãäft- lingsnummer befindet sich für ei- nen solchen Fall häufig der Ver- merk FKI“ bzw. F. L.“ Die admi- nistrative Prozedur war bemüht, je- den einzelnen Häftling ganz genau * Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 zu erfassen sowie seinen Zu- und Abgang, bzw. etwaige Uberstellun- gen in andere Lagerabschnitte, an- dere Teillager von Auschwitz oder überhaupt andere Konzentrationsla- ger, ausführlichst zu dokumentie- ren. Finer prãzisen'Verwaltung des Todes? durfte kein Abbruch gesche- hen. d Die im täglichen Leben des Kon- zentrationslagers einzig benützte Identitätszuordnung für die Identi- tãtskontrolle war die Häftlingsnum- mer. Dies galt auch für Kinder und Jugendliche. Gerade die Reduktion auf das Dasein einer Nummer wird von Uberlebenden, auch ehemaligen Kinderhäftlingen, immer wieder als einschneidende Zäsur erlebt. Für Kleinkinder konnte dies nach längerem Lageraufenthalt verbun- den sein mit dem Verlust der bis da- hin erlernten Muttersprache und dem völligen Vergessens des eigenen Namens. Manche überlebende Kin- der, die zum Zeitpunkt ihrer Einlie- ferung lediglich ein paar Jahre alt waren, besaßen nach ihrer Befreiung nicht mehr das geringste Wissen über ihre ursprüngliche Identitãt. Lebensbedingungen und »Uberlebenschancen“ Es sei ausdrücklich betont: Kinder und Jugendliche waren denselben furchtbaren Lebensbedingungen ausgesetzt wie alle übrigen Häftlin- ge. Untergebracht waren sie in den inzwischen weltbekannten Stein- oder Holzbaracken, deren Baustruk- tur, innere Ausstattung und perma- nente Uberbelegung allein den grundlegendsten Bedürfnissen einer gesicherten und geordneten Unter- bringung Hohn sprach. Ihre Schlaf- plãtze waren zumeist stinkende und verdreckte Kojen. Die Kleidung be- stand aus Lumpen, und die Ernäh- rung war die erwiesen kalkuliert mangelhafte. Die hygienischen Finrichtungen waren nicht nur in völlig unzureich- endem Maß bis gar nicht vorhanden. Ihre Benützung wurde auch durch die in sämtlichen Bereichen des Konzentrationslageralltags wirksa- me Vermassung 2zusätzlich er- Schwert. Dieses Phänomen galt für ganz Auschwitz, aber besonders dra- matisch tritt es in Erscheinung, wenn wir uns die Situation von Kin- dern in einem der Birkenauer Blocks der im Krankenbau vorstellen. Die kranken Kinder konnten nicht ord- ungsgemäß behandelt werden, so daß sich insbesondere ansteckende Krankheiten epidemisch aus?zubrei- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ten vermochten. Fine schreckliche und das allge- meine Grauen noch verstärkende Plage waren die in Birkenau massen- haft hausenden Ratten, die reichlich Nahrung fanden und die Größe von Katzen erreichten. Sie nagten die vor den Blocks aufgeschichteten Leichen an, befielen in den Blocks die geschwächten und vollkommen wehrunfähigen Häftlinge Unter ih- nen auch neugeborene Kinder. Rat- ten fühlten sich so sicher, daß sie sich vollkommen ohne Angst im La- gergelände bewegten. Als im Wachstum Befindliche wa- ren Kinder und Jugendliche der La- gerrealität noch schonungsloser aus- geliefert, als es dies ohnehin für er- wachsene Häftlinge der Fall war. Ih- re Krankheitsanfälligkeit stieg ver- hältnismäßig zu der durch die phy- sische Auszehrung verursachten Schwächung der Abwehrkräfte des Körpers, eine extrem hohe Sterblich- keit, besonders unter den Neugebo- renen, war die Folge. In einem Be- richt heißt es: Zuerst Starben die Kinder. Tag und Nacht weinten sie nach Brot, hald waren sie alle ver- hungert. Auch die Kinder, die in Auschwitz zur Welt gehracht wur- den, haben nicht lange geleht. Das einzige, worum sich die Ss hei die- Sen Neugeborenen Lümmerte, war, daß Sie gleich ordnungsgemdß tãto- wiert wurden. Die meisten Starhen wenige Tage- höchstens zwei Wo- chen nach ihrer Geburt. Es gah rei. 9 ne Pflege, Keine Milch, Kein warmes Wasser, geschweige denn Puder oder Windeln.“ Aus all dem bisher Geschilderten wird verständlich, daß die Hãftlinge von allgegenwärtiger Angst gepei- nigt wurden. In welch besonderem Maße galt dies gerade für die jüng- sten Hãftlinge. Finigermaßen generalisierend kann gesagt werden, daß die Uberle- benschancen von Kindern und Ju- gendlichen in Relation zu ihrer Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 durch die S8 vollzogenen'rassi- schen“ Zuordnung, zum Alter, dem jeweiligen Aufenthalts'ort? im Kon- zentrationslager und der Haftdauer unterschiedlich zu beurteilen sind. Die durchschnittliche Uberlebens- dauer der Häftlinge lag je nach Jah- reszeit und Arbeitseinsatz in einer Zeitspanne zwischen einigen Wo- chen und einigen Monaten. Die durch die herrschenden Lagerver- hältnisse am meisten begünstigte Hãftlingsgruppe war diejenige der Achtzehn- bis Dreißigjährigen. Und allein aus dieser Tatsache ergibt sich, daß die Uberlebenschancen von Kindern und Jugendlichen stark verringert bis aussichtslos waren. Für jüdische Häftlinge galt be- kanntlich die generelle Maxime, daß sie'durch den Kamin“ zu wandern hätten, was ihre Uberlebenschance- von den wenigen Ausnahmefällen, wie beispielsweise denjenigen der Zwillingspaare oder Mitglieder von Rollwagenkommandos und Maurer- Schulen abgesehen— praktisch gleich Null werden ließ. 5 Wurde die während der Zugangs- selektion übersehene Schwanger- schaft einer als arbeitsfähig einge- stuften Jüdin späterhin offensicht- lich, konnte an ihr zeitlich unbe- grenzt eine Abtreibung eingeleitet werden, um nach Möglichkeit keine Arbeitsstunden zu verlieren; die mit den primitivsten Mitteln durchge- führten Abtreibungen hatten oft- mals den Tod der Schwangeren zur Folge haben; oder man schickte die Schwangere kurzerhand ins Gas. Aber auch Häftflingsärztinnen und Hãftlingsärzte nahmen Abtreibun- gen vor- dies allerdings, um das Le- ben der Frauen zu schützen. Konnte eine Jüdin eine Schwangerschaft bis zur Geburt austragen, so wurde in der Regel ihr Kind entweder unmit- telbar nach der Geburt ermordet, oder aber die Mutter und ihr neuge- borenes Kind kamen gemeinsam in Gas. Von jenen polnischen und russi- schen Kindern, die im Laufe der Jahre 1943 und 1944 nach Auschwitz deportiert und nicht andere Lager überstellt wurden, bleiben zumin- dest einige Hundert am Leben. Da- für haben wir in der ungefähren Anzahl der zum Zeitpunkt der Eva- kuierung und Befreiung von Aus- chwitz Januar 1945 noch im Konzen- trationslager anwesenden Kinder wenigstens Anhaltspunkte. Kaum eine Uberlebenschance hat- ten Kinder von Sinti und Roma. Juli- us Hodosi, der mit seiner ganzen Fa- milie, darunter auch seine Tochter Berta im Kleinkindalter, aus Lak- kenbach nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, hält sein diesbe- zügliches Erleben in den von ihm nach 1945 handschriftlich angefer- tigten Aufzeichnungen so fest: Meist hat es die Kleinen Kinder er- wischt. Da ist auch unsere kleine Berta krank geworden. Sie hat nur drei Wochen im Lager geleht.., weil die Kinder nicht die richtige Nah- rung hekommen haben.. Das arme Kind hatte Starke Magenschmerzen und Durchfall gehaht.(...) Pas tote Kind mußte ich in eine Baracke tra- gen. Dort wurden die Leichen ge- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Sammelt=und dann? auf ein Last- auto geschmissen. Und dann ist es mit den Toten ins Krematorium. gekommen, wo Schließlich die Leichen verbrannt wurden.“ Die Befreiung Wegen der nach Westen vorrük- kenden russischen Armee veranlaß- te die SS am 17. und 18. Januar 1945 die FEvakuierung des Lagerkomple- Xes Auschwitz. Zurückgelassen wur- den nur gänzlich transportunfähige Häftlinge und einige sie betreuende Arzte und Pfleger. Am 27. Januar 1945 um 15 Uhn erreichte die 60. Ar- mee der Ersten Ukrainischen Front Auschwitz und befreite die dort noch befindlichen Hãftlinge. Die Pflegerin Mira Honel, die In Auschwitz hefreite Kinder zeigen die tdtowierten Nummern a ebenfalls bis zur Befreiung in Au- schwitz blieb, gibt'die Zahl der in Birkenau befreiten Kinder mit 270 an“. Der polnische Historiker Czeslaw Pilichowski hält folgendes fest: Im Bericht der sowjetisch-polnischen Kommission, die die Naziverbrechen in Auschwitz untersuchte, wird fest- gestellt:'Unter den in Oswiecim Be- freiten und von Krzten umtersuch- ten waren 180 Kinder, davon 52 un- ter 8 Jahren und 128 zwischen dem 8. und 15. Lebensjahr.(..) Die ärztliche Untersuchung ergab, daß 72 Kinder Lungen- und Drüsentuberkulose hatten, 49 an den Folgen von Unter- ernährung und völliger Erschöp- fung des Organismus und 31 an Er- 5 frierungen litten.„ uf ihren Armen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Unsere Freundin ist tot, und wir vind zu traurig, um große Gemdlde zu malen. Sanft war vie, vanft, ein hißehen zu vanft wie alle echten Radikalen.* Lieselotte Thumser-Weil D 1917- 1995 Es hätte Lie- selotte wahr- scheinlich nicht gepaßt, als Ra- dikale bezeich- net zu werden, wie es in den oben 2itierten Zeilen getan wird. Aber von Halbherzigkeit und Oberfläch- lichkeit hielt sie nun wirklich nichts, und von seiner ursprün- glichen Bedeu- tung her, heißt das Wort radi- kal nichts ande- e Sache gründ- lich zu betrach- ten, sie von den Wurzeln her zu be- greifen. Dem Begriff Radikalismus haftet also an sich nichts von Fana- tismus und hartherziger Rücksichts- losigkeit an. Rücksichtslos und kompromißlos war Lieselotte aber auch- nämlich in ihrer Ablehnung von jeglicher Autorität, die sich nicht hinterfra- gen ließ und blinden Gehorsam for- derte. Nachdem sie in Berlin wäh- rend der sogenannten Reichskri- stallnacht“ erlebt hatte, wozu das Regime und seine braven Staatsan- gehörigen fähig waren, fuhr sie in ihre Heimat Schwäbisch-Gmünd Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer In Krakow Lieselotte und Jadwiga Boratinska und verhalf der befreundeten jüdischen Familie aus der Nachbarschaft zur Flucht in die Schweiz. Der Rüstungsminister des Deutschen Reiches, Albert Speer, gestand nach sei- ner Haftverbüßung ein, daß er geahnt und es auch hätte erfahren können, wozu Lieselotte und Hermann Reineck hei der Fei- er zu dessen 75. Geburtstag in Laubach im Januar 1994 die SS die vielen Güterwaggons brauchte, mit denen die euro- pãischen Juden sowie die Sinti und Roma in die Vernichtungs- lager transportiert wurden. Er fragte vorsichtshalber nicht nach. Er wollte es nicht wissen. Genauso wie die meisten Deut- schen nicht wissen wollten, was mit den Menschen geschah, die aus ihrer Nachbarschaft, dem Bekanntenkreis und dem beruf- lichen Umfeld plötzlich ver- schwanden. Lieselotte wollte es wissen. Sie forschte nach, wo die be- hinderten Kindern hinkamen, die sie als Krankenschwester versandfertig“ machte, und er- fuhr so von deren systemati- scher Ermordung, die in der Bü- rokratie als Euthansie-Pro- gramm' firmierte. Lieselotte fügte sich nicht schicksalserge- ben und verweigerte die Mittä- terschaft beim Versand“ der Kinder. Der Einweisung ins KZ entging sie damals noch: Sie folgte dem Rat des verhörenden Gestapo-Mannes und meldete sich als Krankenschwester an die Front. Als sie dann später Gegnern der Nazis zu einem Versteck und zu Lebensmitteln verhalf, wurde sie denunziert- wahr- scheinlich aus dem engeren Fa- milienkreis. Auf die Verhaftung folgten Verhöre, bei denen sie geschlagen und mißhandelt und schließlich in das Frauenkon- Zentrationslager Ravensbrück eingeliefert wurde. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 In Zgorcelec Lieselotte und Stanisla Hantz Lieselottes Unwillen, Autoritãten einfach so zu akzeptieren, war auch der Grund für ihr frühes Zerwürf- nis mit dem nationalsozialistisch eingestellten Vater. Für ihn blieb die nach Kriegsende aus dem Konzen- trationslager heimgekehrte Tochter eine Verbrecherin“, die er nicht in sein Haus ließ. Er war allerdings nicht zu stolz, als ihn genau diese, für ihn mißratene Tochter, mit ihrer Autorität des ehemaligen KZ- Häftlings aus dem Gefängnis Ho- henasperg holte, wo er wegen seiner Nazi-Gesinnung eingesperrt war. Gedankt hat der Vater dem schwarzen Schaf der Familie“ da- für nie. Es war nicht nur der Vater, der Lieselotte nach dem Krieg demütig- te. Wie von ihm, der zeit seines Le- bens überzeugter Nazi blieb, wurde sie insgesamt von der Gesellschaft der Mitläufer und Mittäter diskri- miniert. Ihre Hilfe für verfolgte Menschen, für die sie mit der Haft im Frauenkonzentrati- onslager Ravensbrück einen hohen Preis zahl- te, fand keine Anerken- nung. Diese Hilfe wur- de auch in der Nach- kriegsgesellschaft Deutschlands als unge- horsam und*vater- lands verrãterisch“ auf- gefaßt. Lieselottes Antrag auf Entschädigung wurde abgelehnt: So Sollte sie beweisen, daß sie sich ihre Tuberkulose nicht be- reits vor der Internierung ins KZ Zu- gezZogen hatte; und als sie Wieder- gutmachung für Lohnverluste und ihre verlorengegangene Wohnung samt Möbel forderte, beschied ihr ein deutscher Beamter des Adenau- erstaates, daß sie ja selbst gar nicht verfolgt gewesen sei, sondern ledig- lich aus freiem Willen geholfen ha- be. Wer läãßt sich denn Hilfe bezah- lenꝰ, war seine zynische Frage. Diese Demütigungen brachten Lieselotte wie die meisten KZ- Hãäftlinge- zum Verstummen. Sie verbrannte ihre Unterlagen und Sprach weder mit ihren Ehemännern noch mit den Kindern über ihre Haft in den Gefängnissen der Gest- apo und im Konzentrationslager. Als sie dann Jahrzehnte später als sie wieder allein lebte, auch der zweite Ehemann war gestorben, die Kinder waren aus dem Haus- durch 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer einen Zufall gefragt wurde, ob sie im KZ war, brach sie das Schweigen und'es Sprudelte alles nur so heraus“, beschrieb sie es uns immer wieder. Die Mitarbeit in der Lagergemeinschaft Auschwitz nahm einen zentralen Stellenwert in ihrem wei- teren Leben ein. Mehr als ein Jahrzehnt lang besuchte Lieselotte Gedenkstätten und forschte mit Freundinnen und Freunden nach Spuren ehemaliger Häft- linge, sie begleitete Jugendliche und Er- wachsene nach Auschwitz und in den letzten beiden Jahren ihres Lebens auch nach Ravensbrück. Sie sprach in Schul- klassen und bei vielen anderen Gruppen. Sie wurde Mitglied im Vorstand der La- gergemeinschaft Auschwitz und im Vor- stand der Lagergemeinschaft Ravens- brück. Sie tat dies mit der ihr eigenen coura- gierten Unnachgiebigkeit, für die eine Auf dem Rynek in Krakow. Lieselotte(2. v. r.) und Anni Roßmann-Reineck(Z. v. I.) Sowie weitere Teilnehmer einer Studienreise Geste bei einem Zusammentref- fen mit dem damaligen hessi- schen Landtagspräsidenten Karl Starzacher charakteristisch ist. Lieselotte war am Tag zuvor in einer Schulklasse gewesen und hatte sich über die vielen Wis- senslücken der Schülerinnen und Schüler geärgert; sie schrieb dies dem Unvermögen der Lehr- kräfte als auch dem Ausbil- dungssystem zu. Das muß ich dem sagen, damit da etwas ge- schieht', Sagte sie als Karl Star- zacher beim Geburtstagsemp- fang von Hermann Reineck er- schien. Als sich der Landespoli- tiker von ihr verabschieden woll- te, ließ sie einfach solange seine Hand nicht mehr los, bis sie ihm ihr Anliegen geschildert hatte. Selbst wenn er gewollt hätte, der körperlich viel stärkere Mann hatte keine Chance, der zierli- chen Lieselotte zu entweichen. Als Widerstandskãmpferin empfand sich Lieselotte nie, und öffentliche Anerkennungen wa- ren ihr meist unangenehm. 1993 wurde ihr die Johanna-Kirch- ner-Medaille verliehen, die ihr dann aber mehr bedeuten sollte, als sie anfangs glauben wollte, zumal sie unmittelbar vor der Verleihung eine Anerkennung fand, die ihr persönlich noch wichtiger gewesen sein dürfte. Die nervõse Lieselotte hatte sich verspãtet und mußte ein Taxi nehmen. Auf dem Weg zum Rö- mer fragte die junge Fahrerin, ob sie zur Verleihung wollte, über die gerade im Radio eine Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Nachricht kam. Lieselotte bejahte und beantwortete auch weitere Fra- gen. Am Römer angekommen, stellte die junge Fahrerin den Taxometer auf Null, verabschiedete sich und Sagte: Sie würde sich schämen, wenn sie von Lieselotte Fahrgeld anneh- men würde. Kraft und Ansporn für ihre Ar- beit gaben ihr auch die vielen Briefe, QDaie sie nach dem Besuch in Jugend- gruppen und nach Studienfahrten erhielt. Wir wissen, daß Lieselotte die Ar- beit in den Schulen und bei anderen Auseinandersetzung um den Börne- hlatz in FrankfurMain Gruppen, bei der sie sich selbst im- mer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontierte, nicht leicht fiel. Vor allem die seelischen Schäden, die sie während der Verhöre durch die Gestapo und im KZ erlitten hatte, prägten ihr Leben:'Diese psychi- Schen Zerstérungen für mich per- Sõnlich habhen sie die Schlimmsten Narhen hinterlassen, nur diese Din- ge, weder die Arbeit, noch die Schld- ge, noch Sonst etwas, Sondern diese Dinge, die haben mich sehr emp- findlich gemacht- und meine Fami- lie hat damit ihre Lastꝰ, Sagte sie in einem Interview, das Ursula Krause- Schmitt und Jutta von Freyberg mit ihr führten(abgedruckt in Informa- tionen des Studienkreises Deut- scher Widerstand“, Nr. 37/28, Nov. 1993, 18. Ig., Frankfurt/ Main.). Zu erzählen, was ihr im KZ und danach angetan wurde, das waren für Lieselotte oft genug unangeneh- me Offenbarungen. Finzelheiten er- zählte sie nur, wenn sie Gründe ge- funden hatte, es für unumgänglich zu halten. Alles erzähle ich nicht?, belehrte sie uns und war zufrieden, wenn dies akzeptiert wurde. Lieselotte, wir sind sehr froh, daß wir dich kennengelernt haben, daß du uns vertraut und oft mehr er- zählt hast, als du vielleicht wolltest. Deine Einschätzung, daß es für uns notwendig war, war richtig. Hans Hirschmann * Wolf Biermann. Totenlied für Rudi Dutschke(leicht abgedndert) Für die Druckgenehmigung von Fotos (F. 19 und 23) danken wir dem Ftudien- kreis Deutscher Widerstand, Frankfurt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wir sagen vielen Dank, all denen, die mit uns getrauert haben, beim Tod meiner lieben Mutter, Schwiegermutter und unserer Oma Lieselotte Thumser-Weil Sie hatte viele Freundinnen und Freunde, die sie im Krankenhaus besucht haben, mit ihr telefoniert, ihr geschrieben oder einfach an sie gedacht haben und bei der Beerdigung in Frankfurt dabei waren. Wir wissen, daß ihr die Anteilnahme jedes einzelnen wichtig war. Besonders stolz dürfte sie über die vielen Jugendlichen und jungen Menschen gewesen sein, die ihr zuhörten, als sie über ihre schlimme Zeit im Konzentrationslager Ravensbrück erzählte und bei denen ihre Anliegen nicht ohne Folgen blieb. Besonderer Dank gebührt den Arztinnen und Arzten sowie den Schwestern und Pflegern des St. Elisabethen-Krankenhauses, die sie liebevoll wãhrend ihrer schweren und langen Krankheit gepflegt haben. Das gleiche gilt für Pfarrer Rudolf Dohrmann, für seine vie- len Besuche am Krankenbett, für seine sehr persönlichen Worte bei der Beerdigung und seine große Anteilnahme, mit der er auch uns zur Seite stand. Ausdrücklich Dank sagen, möchten wir auch den vielen Freundin- nen und Freunden von der Lagergemeinschaft Auschwitz sowie den Kameradinnen der Lagergemeinschaft Ravensbrück, dem Mitarbei- terteam der Gedenkstätte Ravensbrück und deren Leiterin Dr. Sig- rid Jacobeit Brigitte Weil-Soos Arpad Soos Matthias, Kerstin und Melanie Soos Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Der ehemalige Häftlingsarzt starb am 12. Juni in Krakow Wir trauern um Wladyslaw Fejkiel Im Alter von 84 Jahren verstarb am 12. Juni in Krakow unser Freund Wladyslaw Fejkiel. Wir kannten ihn als engagierten Diskussionspartner und unermüdlichen Gegner des Fa- schismus. Vielen Teilnehmern, die Qnit der Lagergemeinschaft Au- Schwitz- Freundeskreis eine Polen- reise gemacht haben, waren er und seine Familie auch freundliche Gast- geber. Bis zum Tod seiner Frau hat Wladyslaw Fejkiel immer wieder seine Wohnung als Unterkunft zur Verfügung gestellt. Der echemalige Auschwitz-Hãäft- ling und anerkannte Spezialist für Infektionskrankheiten war fast fünf Jahre in deutschen Konzentrations- lagern inhaftiert. Im August 1940 hatte ihn die Gestapo wegen Mit- gliedschaft in einer polnischen Wi- derstandsgruppe verhaftet und ihn in das Konzentrationslager Au- schwitz eingeliefert. Wladyslaw Fej- 60 erhielt die Nummer 5647. Am 17. Januar 1945— also wenige Tage vor der Befreiung von Auschwitz wurde er von der SS ins KZ Maut- hausen evakuiert. Hier wurde er am 5. Mai von der US-amerikanischen Armee befreit. Im KI. Auschwitz litt Wladyslaw Fejkiel unter der Hungerkrankheit und wurde deshalb in den Häftlings- krankenbau eingeliefert. Nachdem er wieder bei Kräften war, arbeitete er vier Jahre lang in verschiedenen Funktionen im Lager. Die meiste Zeit war er als Häftlingsarzt im Krankenbau eingesetzt. In der Hier- archie stieg er schließlich bis zum Lagerältesten des Krankenbaus empor. Außer seinen medizinischen Fähigkeiten spielten hierfür auch eine Rolle, daß er von der mütterli- chen Seite her deutscher Abstam- mung war. Wladys law Fejkiels Mut- ter war eine geborene Schmidt, und als dies der Lagerleitung bekannt wurde, versuchte sie ihn als Volks- deutschen einstufen zu lassen, wie sich sein Freund Janusz Mlynarski erinnerte. Seine Privilegien von seiten der Lagerleitung nutzte Wladyslaw Fej- kiel aus, um die Situation im Kran- kenbau zu verbessern und den Hãäft- lingen zu helfen. Manchmal entließ er sehr kranke Häftlinge scheinbar ohne ersichtlichen Grund als wieder arbeitsfähig aus dem Krankenbau. Damit rettete er ihnen allerdings das Leben. Eingeweihte Kameraden wie Janus? Mlynarski, der als Pfleger bei dem Häftlingsarzt arbeitete, wußten, daß in solschen Fällen we- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nig später eine Selektion stattfand, bei der diese Schwächsten Patienten unweigerlich in die Gaskammer ge- schickt worden wären. Wladyslaw Fejkel wußte zumeist frühzeitig von bevorstehenden Selektionen durch seine Kontakte zur Widerstands- gruppe im Lager; insbesondere Her- mann Langbein, der bekanntlich dem obersten SS-Lagerarzt unter- stellt, konnte viele Informationen rechtzeitig weitergeben. Am Tag nach den Selektionen nahm Fejkiel die zuvor entlassenen Kranken wie- der in den Krankenbau auf. Durch solche und andere Hilfeleistungen riskierte er oft sein eigenes Leben. Nach seiner Befreiung in Maut- hausen kehrte Wladyslaw Fejkiel nach Polen zurück und arbeitete als Oberarzt, wobei er sich vor allem auf die Bekämpfung von Infektions- krankheiten und insbesondere des Flecktyphus spezialisierte. Er habili- tierte sich, wurde Professor an der Universitäãt Krakow und Leiter der Fachklinik für Infektionskrankhei- ten. Wladyslaw Fejkiel beschrieb sich Selbst als'krankhaften Optimi- sten“, der seinen'Köhlerglauben an den Menschen' nicht verloren geben wollte. Janusz Mlynarski nennt ih- nen einen'großen polnischen Hu- manisten“, der von seinen Mitarbei- tern, Studenten und Patienten vergöttert' wurde. Neben einer Vielzahl von me- dizinisch-wissenschaftlichen Veröf- fentlichungen schrieb er auch über das KZ. Medizin hinter Stachel- draht? hieß sein Beitrag zu dem 1964 in Polen erschienen Sammelband mit Erinnerungen von Häftlingsärz- ten. Vor einem Jahr beendete er die erste umfassende Arbeit über den Hãftlingskrankenbau in Auschwitz. Er stellte dabei hervor, wie der SS- Sanitätsdienst die Massentötung an Kranken ausprobierte und wie das Hãäftlingspersonal versuchte, den Opfern zu helfen. Beschrieben wir desweiteren auch, welche Bedeutung dem Krankenbau als wichtige An- laufstelle der Widerstandsorganisa- tion zukam. Das Buch erschien 1994 im Verlag des Museums Auschwitz. Bemühungen, es zu übersetzen und in einem deutschen Verlag zu veröf- fentlichen, waren zu Lebzeiten Wla- dyslaw Fejkiels leider nicht mehr er- folgreich. Die Lagergemeinschaft Auschwitz trauert um einen Freund, der durch seine menschliche Integrität und sein ärztliches Können vielen Men- Schen geholfen hat. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Offener Brief zu den Mittelkürzungen für Gedenkstätten Ist die Schamfrist des Gedenkens schon vorbei? Folgenden Ofenen Brief Schickte der Vorstand der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis an die Fraktionen des Bundestages und an die Frakrionen des Landesparlamentes Brandenburg. Desweiteren wurde er an die Presse weitergegehen. Mit großem Unverständnis und Empörung hat die Lagergemein- schaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer zur Kenntnis genommen, daß der Bund und das Land Brandenburg die finanziellen Mittel für die Arbeit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten gekürzt hat. Mitarbeiter der Gedenkstätten Ravensbrück und Sach- senhausen verlieren ihren Arbeitsplatz, was eine massive EFinschrän- kung der Besucherbetreuung sowie der allgemeinen Arbeitsfähigkeit zur Folge hat. Wir protestieren gegen diese Maßnahmen und fordern die Rücknahme der Mittelkürzungen. Die Arbeit der Gedenkstätten, die sich mit der Aufarbeitung der Ver- brechen des Deutschen Reiches be- schäftigt und einen unverzichtbaren Beitrag zur Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsradikalismus leistet, kann nicht als„normale“ Kul- turfõrderung verstanden werden. Es würde einen Rückzug aus der politi- Schen Verantwortung bedeuten, wenn die Gedenkstätten in ihrer Ar- ¶Meitfahigkeit eingeschränkt würden. Bund und Länder haben sich die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Befreiung der deutschen Konzentra- tionslager einiges kosten lassen. Dies war auch richtig so. Nur wenige Wo- chen nach diesen Veranstaltungen scheint die Schamfrist des Erinnerns ½ und Gedenkens an die vom Deut- Schen Reich verübten Verbrechen ab- gelaufen zu sein. Bereits im Vorfeld f der einzelnen Gedenkveranstaltun- j— gen wurden in der Offentlichkeit Be-— fürchtungen diskutiert, daß diese of- Per Erschießungsgang in Kuvensbrück 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer fiziellen Veranstaltungen von staatlichen Stellen wie auch vielen konserva- tiven gesellschaftlichen Gruppen als Schlußstrich des Gedenkens an die Vernichtungspolitik der Deutschen instrumentalisiert werden könnten. Die angekündigten Mittelkürzungen für die Arbeit der Stifung Brandenburgi- sche Gedenkstätten bestätigen, daß diese Befürchtungen völlig berechtigt waren und sind. Die Stiftung verwaltet hauptsächlich die Arbeiten der Gedenkstätten der ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen. Der je zur Hälfte von Bund und Land Brandenburg finanzierte Etat der Stiftung beträgt in diesem Jahr 9,9 Millionen Mark. Ab 1996 sollen zwölf prozent) veingespart' werden, die Stiftung müßte mit 8,7 Millionen auskommen.* Dies bedeutet, daß außer den bereits erwähnten negativen Auswirkungen im Personal- und Wisssenschaftsbereich auch dringend erforderliche Bau- und Sanierungsmaßnahmen nicht ausgeführt werden können. Wir können diese Einsparungspläne gemessen an den vielen Worten der Betroffenheit von staatlichen Vertretern während der Veranstaltungen zu den 50. Jahrestagen der Befreiung nur als zynisch bezeichnen und begreifen sie als eine Verhöhnung der ehemaligen Häftlinge sowie aller anderen Opfer des deutschen Faschismus. Wir fordern die Abgeordneten im Bundestag und im Landtag Branden- burg auf, sich nicht aus der politischen Verantwortung zu stehlen und daraufhinzuwirken, daß die Regierungen die Kürzungen rückgängig machen. Hdftlinge des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück bei Außenarbeiten in Sumpfigem Geldnde Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Eine deutschsprachige Fdition liegt immer noch nicht vor Die Aktualität der Dokumente des Nürnberger Irzteprozesses Klaus Dörner startete Spendeninitiative Fs ist kaum zu glauben und wohl auch wenig bekannt: Die Dokumen- 0 des Nürnberger Arzteprozesses, der im Oktober 1946 begann, sind immer noch nicht in deutscher Ubersetzung erschienen. Um die längst überfällige Herausgabe der Dokumente in deutscher Sprache (englische und französische Ausga- ben liegen vor) endlich in die Wege zu leiten, hat Prof. Dr. Klaus Dör- ner, Leiter der Westfälischen Klinik Gütersloh(und auch Mitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitz), die Initiative ergriffen. Nachdem die Bundesärztekam- mer nach einigem Hin und Her ihre grundsätzliche Bereitschaft“ in Aussicht gestellt hatte, das Projekt organisatorisch und finanziell zu unterstützen, erstellte die Ham- burger Stiftung für Sozialgeschich- te des 20. Jahrhunderts? ein Konzept und einen Kostenvoranschlag, der sich auf 440.000 Mark belief. Medi- Zinhistoriker und die Göttinger Staats- und Universitätsbibliothek bestätigten Klaus Dörner die Serio- sität der Vorlagen. Die Bundesärztekammer reagierte allerdings auf das Konzept und die Gutachten negativ. Die Notwendig- keit des Projektes wurde generell in Frage gestellt. Außerdem sei das ganze zu teuer und nicht mit den Satzungsgemäßen Aufgaben der Bundesärztekammer“ zu vereinba- ren. Um die Edition dennoch zu ermö- glichen, verschickte Klaus Dörner einen Spendenaufruf an die nieder- gelassenen Arzte und an die Fachge- sellschaften. Arzte aus anderen Län- dern haben immer schon mit Ver- wunderung zur Kenntnis genom- men, daß es die Dokumente des Nürnberger Arzteprozesses nicht auf deutsch gibt, begründete Klaus Dörner seine Initiative. Unter ande- rem führte er desweiteren aus: Pabei vind dieses Dokumente So- wohl für unser drztliches Selbstver- Srndnis als auch für die historische und medizingeschichtliche For- Schung als auch für die zeitlose medizin-ethische Diskussion von unchdtzharem Wert. Waren doch die in Nürnberg angeklagte Arzte nichtnurgewissenlose Monster, Son- dern zugleich hemiiht, ihre Men- Schenversuche und ihre Mitleids- tõtungen' in Finklang mit einer he- Srimmten abendlãndischen Denktra- dition ethisch zu hegründen. Hier nur ein Beispiel für die Akrualitt der Dokumente' Wenn Fie in den letzten Monaten in der Presse vom Entwurf einer europdischen Bio- ethik-Konvention lesen konnten, die 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer u.a. auch Versuche an nichteinwilli- gungSfdihigen Personen unter he— Stimmten Bedingungen erlauben wollte,(..) S0 verstòßt dieser Ent- wurf eindeutig gegen den Nürn- herger Arztekodex“ Wenn mindestens 450 Arzte- so die Hochrechnung— jeweils 1000 Mark spenden, wäre die erforderli- che Summe zur Realisierung der Edition zusammengekommen. Sollte der Betrag nach etwa einem halben Jahr noch nicht ausreichen, bekom- men die Spender ihr Geld zurück. Sollte aber ein gewisser Uberhang an Spenden bestehen, so wird dieser Be- trag an den Bund der Euthanasie- Geschädigten und Zwangssterili- sierten“ überwiesen werden. Klaus Dörners Spendenaufruf., dem als Anlagen das Konzept, der Finanzierungsplan, die Gutachten, der Nürnberger Arztekodex“ und der Schriftwechsel mit der Bundes- ärztekammer beigefügt sind, kann angefordert werden bei: Westfäli- sche Klinik Gütersloh, Hermann- Simon-Straße 7 in 33326 Gütersloh, Telefon 05241— 50201. Spendenkonto: Volksbank Güter- sloh(BLZ 47 860 125), Sonderkonto Publikation der Dokumente des Nürnberger Arztekongresses“, Kon- to- Nr. 63 983 201. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Unseren Mitgliedern herzliche Oktober Geburtstagsgrüße 1.10. Margit Proescholdt 6.10. Prof. Dr. Konrad Huchting 6.10. Jörg Raab August 9.10. Helga Leib 8. Susanne Rudolph 9.10. Barbara Reuter s. Günter Bilgmann 11.10. Walter Matt 8. Dr. Ursula Krause-Schmitt 11.10. Alfred Oppenheimer 8. Fduard Wolny 11.10. Christa Piotrowski 8. Katharina Neidert 11.10. Dr. Dieter Reithmeier 8. Hans-Jürgen Rojahn 14. 10. Katharina Fleckenstein 0.8. Doris Graenert 14. 10. Stephan Kahl O.8. Astrid Knöss 16.10. Heinz Betzler 1.8. Elke Maurer 16. 10. Jürgen Lindemann 3.8. Wiebke Lessin 17. 10. Peter Reimann 6.8. Ursula Schmidt 18.10. Helmut Hertel 7.8. Hildegard Moos 19.10. Peter C. Keller 8.8. Joachim Sokolowski 21. 10. Maria Kretzschmann 9.8. Willi Berg 23. 10. Gerhard Gaede 5.8. Detlev Puls 23. 10. Regina Hamel 27.8. Andrea Wrede 25. 10. Nina Melchers 28.8. Michael Hummel 28.10. Dr. Klaus Konrad-Tromsdorf 30. 10. Carl Cellarius September 31.10. Hans Hirschmann 3.9. Gotthard Keusch 31.10. Michael Metz 4.9. Neithard Dahlen 5.9. Eva Beck-Friedrich 6.9. Ellen Krosch November 8.9. Heino Galland 4. 11. Joachim Proescholdt 0.9. Rudolf Reiferscheid 7.11. Hanns Blauert 2.9. Martin Grün 7.11. Thomas Kremer 4.9. Thomas Krug 8.11. Klaus Reinhardt 4.9. Edgar Nienhuys 15.11. Sissi Hajtmanek 5.9. Dr. Werner Falk 16.11. Berthold Zins §.9. Eva Leidescher-Blaschke 17.11. Wofgang Merten 6.0. Peter Hofmann 18.11. Dr. Hans-Joachim Funke 6.9. Josef Seuffert 18.11. Hedda Hansen 1.9. Dr. Christian Grosche 19.11. Günther Magel 1.9. Gerhard Heyer 22.11. Prof. Dr. Klaus Dörner 4.9. Karl Hammer 25.11. Ingeborg Kress §.9. Susanne Roth 26. 11. Rudko Kawczinski 7.9. Dr. Bastian Meijer 27.11. Dietrich Spaeth 8.9. Jutta Wies 29.11. Reiner Drescher 9.9. Harald Skroblies 29.11. Hubert Meyer O.9. Elke Gross 30. 11. Gabriele Abel 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Nur Tag der Befreiung Im Artikel über die Gedenkfeier am 8. Mai in der Bad Nauheimer Synagoge OStreit um Be- deutung des 8. Mai kritisiert«, WZ vom 11. Mai 1995) wird ausführlich über die Rede des Stadt- verordnetenvorstehers Sigwart Langsdorf be- richtet, der— wie es heißt— einen entscheiden- den Unterschied hervorhob:»Für die einen be- deutet Befreiung Sieg, für die anderen, für die Mehrzahl der Deutschen war sie mit der Nieder- lage und dem totalen, nicht nur militärischen und politischen, sondern auch moralischen Zu- sammenbruch verknüpft«— so die Darstellung des Berichterstatters der Wetterauer Zeitung vom 11. Mai. Der moralische Zusammenbruch der Mehr- zahl der Deutschen hat mit der militärischen Niederlage überhaupt nichts zu tun. Wer dem Begriff Moral auch nur die geringste humanitä- re Bedeutung zumißt, kann nur feststellen, daß die Moral der meisten Deutschen bereits lange vorher»zusammengebrochen« war. Als sie nämlich begeistert unterstützten oder es mehr oder weniger gleichgültig hinnahmen, wie das Naziregime sich etablierte. Nis Andersdenkende, stigmatisierte Minderhei- ten und die als»Untermenschen« definierten Juden verfolgt, vertrieben und ermordet wur- den— bekanntlich wurde im Namen des deut- schen Reiches bald auch anderen Völkern und Menschengruppen mit der Bezeichnung»Un- termenschen« das Recht auf Leben abgespro- chen. Daß die Täter, Mitläufer und Zuschauer ihr damaliges Verhalten subjektiv keineswegs als unmoralisch empfanden, kann für diese Be- wertung nicht von Belang sein. Wenn Begriffe wie Moral und Befreiung von subjektiven Empfindungen abhängig gemacht werden, so verkommen sie zu Worthülsen mit beliebiger Bedeutungszuordnung. Die Niederla- ge eines Regimes, dessen Wesensmerkmal die zur Staatsdoktorin erhobenen Menschenver- nichtung war, kann— nach humanitären und demokratischen Gesichtspunkten beurteilt— nur als Befreiung angesehen werden. Daß nach der Kapitulation des Deutschen Reiches immer noch Unschuldige verfolgt, Frauen vergewaltigt und Menschen ermordet wurden oder auf ande- re Weise ihr Leben verloren, ändert an diesem Befund nichts. Deshalb ist es auch nicht gerechtfertigt, wenn Sigwart Langsdorf von einem»verordneten Be- wußtsein« spricht, weil der 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung bezeichnet wird. Keinem Men- schen wird damit abgesprochen, den Tod von Angehörigen und Freunden zu betrauern. Für Schmerzgefühle wegen des verlorenen Krieges kann allerdings keinem Deutschen Verständnis entgegengebracht werden. Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer Redaktion: Hans Hirschmann, Hermann Reineck Mitarbeiter: Diethardt Stamm, Anni Roßmann-Reineck, links: Leserbrief von Hermann Reineck und Hans Hirschmann, veröffentlicht in der Wetterau- er Zeitung vom 19. Mai 1995 — Wenn Sie sich um Ihre Einzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Postgebühren Mindestbeitrag: 60 DMjährlich Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monatlich[Q halbjshrlich DM einverstanden [Q veriehshrlich[ jhrlien Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto- Nr. Bankleitzahl Datum Unterschrift S Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e.V., 35516 Münzenberg, Lindenstraße 68 Der Verein ist als gemeinnũtzig anerkannt. Die Beitrãge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50-60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn...27 ——— ℳ Neue Anschrift Q S Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUsctwrfz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto- Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664 608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Hãäftling im K?Z Auschwitz vom bis Häftl.-Nr. E Hãäftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. Q Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen W HEIFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS AFHT AUSCEHWTA ER AUSCHMWITAZER AUSCHMNTZ Farbkarte 613 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundes- in den hessischen Herbstferien vom 14. bis nach Polen führt über Zgorcelec nach Os- ätte des ehemaligen Konzentrations- und tz-Birkenau Ssowie nach Krakow. Mitteilungsblatt, August 1995