LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWAZER Dokumente einer Zutiefst bewegenden Humanität Buchvorstellung: Pavel Polian im Gespräch mit Andreas Kilian Donnerstag, 23. Januar 2025, 20 Uhr, Bad Vilbel Stadtbibliothek, Niddaplatz 2 Dienstag, 11. Februar 2025, 18 Uhr, Gießen, GCSC(Raum 1), Otto-Behaghel-Str. 12 PAVEL POLAN RIE Pinige Häftlinge des Sonderkomman- dts J0bisc dos machten heimlich SOMbtRxOMos Notiꝰen, schrieben Ascn Briefe, die sie in Fla- schen und anderen Bchältnissen verbar- gen und in der Erde vergruben. (mehr dazu Seite 43) 44. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2024 Liebe Leserinnen und Leser, herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserem Verein, über dessen Arbeit in die- ser Broschüre einiges zu erfahren ist. Wir wünschen Ihnen eine erholsame Zeit über die Weihnachtsfeiertage und einen guten Start ins Jahr 2023. Inhaltsverzeichnis Seite Instagram und Facebook Briefe aus der Asche: Zwei Veranstaltungstermine Den Hass besiegen: Nachruf auf Eva Merova Das rote Dreieck: Warnung vor propagandistischem Missbrauch S S0 S+„ Perfide Pläne: Die Remigrations-Debatte der Rechtsextremisten Stadt Butzbach vergibt Kulturpreis an die Lagergemeinschaft 12 Immer mit einem Bein im Grab“: Deportiert: Erfahrungen deutscher Juden 14 Vehuda Bauer ist tot: Großer Zeit?euge und Historiker des Holocaust 17 Lagergemeinschaft übergibt Unterlagen an das Archiv Münzenberg 18 Der NS-Widerstandskämpfer Hans Litten: Er hat der Willkür getrotzt 20 The Zone of Interest: Fine kritische Filmbetrachtung 23 Die Ruinen des Vergasungsbunkers 2: Freiwillige legten Fundamente frei 27 Das zweite Gradowski-Manuskript(Teil 2): EinWeltdokumentenerbe 38 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Matthias Tiessen, Friedrich-Ebert-Str. 31 63477 Maintal (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de facebook. comſlagergemeinschaft/ Redaktion: Hans Hirschmann Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DEd3 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Staatlichen Museum Auschwitz. „Von Aischwilz nimmt man Keinen Abschied.“(Gernard Merz) Die Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer trauert um ihren Vorsit?enden Gerhard Merz Er hat mit Blick auf die Vergangenheit Lehren für eine menschenwürdi- ge und demokratische Gegenwart gezogen und dabei wehrhaft gegen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus angekämpft. Mit seinem immensen Finsat? hat sich Gerhard großen Respekt erworben— im Besonderen beim Internationalen Auschwitzkomitee, der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim und dem FUR DEFNVORSTLAND Matthias Tiessen(stellv. Vorsitzender) Liebe Mitglieder, liebe Sympathisantinnen und Sympathisanten Für die Lagergemeinschaft Ausch- wit?— Freundeskreis der Auschwitzer, die 2023 stolze 50 geworden ist(ein Geburtstag, den wir noch nachfeiern müssen!), geht in diesen Tagen ein ar- beitsreiches Jahr zu Ende, das vor al- lem durch einen großen Verlust gekennzeichnet ist. Am 12. Juni verstarb unser Vorsitzender Ger- hard Merz, der unseren Verein seit 2019 führte. Mit Gerhard oder„Grip— si“, wie ihn seine Freund- innen und Freunde nann- ten, verlieren wir einen meinungsstarken, hoch engagierten, loyalen Menschen, der sich wie kaum ein anderer für die Belange der Schwächeren in unserer Gesellschaft eingeset?t hat. Er war Mitglied des Hessischen Landtags, Gießener Sozi- aldezernent und so Vieles mehr: Und immer lagen ihm dabei die am Herzen, die oft selbst keine Stim- me haben. Zu einem Le- bensthema wurde für „Gripsi“ auch der Holo— caust— mit all seinen Konsequenzen bis heute. Insofern war es folgerich- tig, dass er vor 5 Jahren Verantwortung in der LGA übernahm, dass er bereitstand, um das„Nie wieder“ auch an der Ver- Gerhard Merz(1952-2024) einsspitze in die Tat um- 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zusetzen. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der unsere Demokratie wieder be- droht wird, war er mit seiner Klarheit und seiner politischen Stärke ein Mensch, der Orientierung bieten konnte.„Von Auschwitz nimmt man keinen Abschied“, hatte Gerhard ge- Sagt, als er sich um das Amt des Vor- sitzenden der Lagergemeinschaft be- warb. Das lebte er, dafür stritt er. Abschied nehmen müssen nun aller- dings wir— und es fällt uns unendlich schwer. Unsere Gedanken sind bei sei- ner Familie und seinen vielen anderen Fre undinnen und Freunden in dieser nicht leichten Zeit. 2 2 In den vergangenen Monaten konnte die Lagergemeinschaft trotz allem Veranstaltungen durchführen bZw. als Mitveranstalter auftreten: In Bad Vilbel hielt Patricia Litten im Ja- nuar einen eindrucksvollen Vortrag zu dem Buch ihrer Großmutter Irmgard „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“. Von der Arbeitsstelle Holocaustlitera- tur und der EKGA als Mitveranstalterin wurde von Andrea Löw im Juni in Gießen ihr neues Buch vorgestellt: „Deportiert., Immer mit einem Fuß im Grab'— Erfahrungen deutscher Juden. Fine kollektive Erzählung auf Basis Hunderter Zeugnisse“. Auch fand in Bad Vilbel eine szenische Lesung mit Texten und Bildern des Recherche- net?werks Correctiv Zum Potsdamer „Geheimtreffen“ der Identitären Be- wegung mit Vertretern von AfD und Werteunion(Stichwort„Remigrati- on*) Statt. Die Bankverbindung für Ihre Spende: Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen IBAMN DEd3 5185 0079 0020 0005 03 BIC HELADEHFIFRI Vielen Dank: Bitte Name und Adresse deutlich schrei- ben, damit wir Ihnen die Spenden- bescheinigung Zuschicken können. Weiterhin erfolgte im Oktober 2024 in der Synagoge Münzenberg in feierlichem Rahmen die Ubergabe von historischen Unterlagen der La- gergemeinschaft Auschwit? an das Stadtarchiv von Münzenberg, Vereins- sit? der LGA. Die Unterlagen stam- men aus dem Fundus von Diethardt Stamm, Mitglied der LGA von Anfang an und viele Jahre stellvertretender Vorsit?ender unseres Vereins. Vom 21. bis 27. November fand un- sere diesjährige Studienfahrt nach Auschwit? und Krakau mit 23 Jeilneh- merinnen und Teilnehmern statt. Die Nachfrage war auch dieses Jahr enorm. Dank Ihrer Mitgliedsbeiträge und Spenden konnten wir unter anderem wie folgt Unterstützung leisten: Wir ermöglichen einer Auschwitz-Uberle- benden, dass sie in ihrer Wohnung be- treut werden kann und somit nicht in ein Heim umziehen muss. Die so wert- volle Arbeit der Ambulanz in Krakau, über die wir im letzten Mitteilungs- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 blatt berichteten, un— terstützen wir auch in diesem Jahr. Schließlich über- nahmen wir auch die-— Ses Jahr vier neue Pa- tenschaften von Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen, die in Polen ihren Freiwilli- gendienst leisten. Wir bitten Sie herz- lich, unsere Arbeit auch 3— weiterhin so großzügig E—2 zu unterstützen. Matthias Tiessen Sascha Feuchert Gerhard Merz(rechts) und Matthias Tiessen am d. November 2023 in Oswiecim mit der Auschwitz- Uberlebenden Anna S7alasna deren 97. Geburtstag. —— feierten Auf Instagram und auf Facebook „Uber Auschwit? darf kein Gras wachsen“— Dieser Leitspruch der La- gergemeinschaft Auschwit?— Freun- deskreis der Auschwitzer hat seit der Gründung unseres Vereins 1970 nichts an Bedeutung verloren, eher im Ge- genteil. Seit dem 7. Oktober 2023 und auch im Zuge der letzten Landtags- wahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg ist Offentlichkeitsarbeit in diesem Bereich wichtiger denn je. Dazu leistet die Lagergemeinschaft Auschwitz nun einen weiteren kleinen Beitrag, denn seit kurzem sind wir in den sozialen Medien neben unserer Seite auf Facebook jetzt auch auf Ins- tagram zu finden. Dort informieren wir über unsere Arbeit, teilen aber auch Informationen anderer Seiten, geben Veranstaltungstipps und weisen auf Gedenktage hin. So hoffen wir, ein breites Publikum anzusprechen. Soll- ten Sie auf Instagram vertreten sein, folgen Sie uns gerne. Zu finden sind wir unter dem Nutzernamen lagerge- meinschaftauschwit?. Gepflegt wird die Seite von Tessa Schäfer. Sie ist Lehrerin und stellver- tretende Schulleiterin an der Hedwig- Burgheim-Schule in Gießen und setzt sich sowohl im Privat- als auch im Berufsleben dafür ein, dass die Erin- nerung an den Holocaust an die näch- sten Generationen weitergegeben wird. Hierfür hat sie bereits ein größeres stadthistorisches Projekt mit einer 4. Klasse durchgeführt. Tessa Schäfer unterstützte seit diesem Som- mer als kooptiertes Mitglied unseren Vorstand und wurde bei der jüngsten Mitgliederversammlung als Beisitze- rin gewählt. . Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Dokumente Zutiefst bewegender Humanität Donnerstag, 23. Januar 2025, 20 Uhr, Bad Vilbel Stadtbibliothek, Niddaplatz 2 und Dienstag, 11. Februar 2025, 18 Uhr, Gießen GCSC(Raum 1), Otto-Behaghel-Str. 12 Buchvorstellung mit Pavel Polian PAVEL POLAN ℳ Andreas Kilian b A oS ODS Pavel Polian, Prof. Dr. habil., geb. 1952, ist Geo- SNDR„... SOERRO graf, Historiker und Philo- loge(unter dem Pseud- onym Nerler). Er lebt und — forscht seit 1991 im Spagat —* zwischen Moskau und Freiburg. — Andreas Kilian, geb. 1974, ist Historiker und er- Pavel Polian: Briefe aus der Asche. Die Aufzeichnun- forscht seit 1902 die Ge- gen des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz. Aus schichte der jüdischen dem Russischen von Roman Richter, bearbeitet von Sonderkommandos in Andreas Kilian, Freiburg 2024. Auschwitz-Birkenau. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Das Sonder- kommando des KZ Auschwitz- Birkenau be- stand aus über 2000 zumeist jü— dischen Gefan- genen verschie- dener Nationa- litäten, die von der S8 gezwun- gen wurden, nach dem Massenmord beim Ver- brennen der Leichen in Krematorien und Gruben, bei der Spuren-beseiti- gung und Entsorgung der Asche von hunderttausenden Menschen mitzu- helfen. Finige dieser Häftlinge mach- ten heimlich Notizen, schrieben Brie- fe, die sie in Flaschen und anderen Behältnissen verbargen und in der Erde vergruben. Die Entdeckung dieser Manu- skripte in der Erde Pavel Polian Die Buchvorstellung in Bad Vilbel ist eine Veranstaltung der Lagerge- meinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer und der Stadtbiblio- thek Bad Vilbel. Sie wird unterstützt von der Kulturinitiative der Natur- freunde und der WO Bad Vilbel. Der Fintritt ist frei. Um Kartenreservierung wird ge— beten: entweder per F-Mail an Stadtbibliothek Sbad-vilbel.de oder telefonisch unter(06101) 407321. Die Buchvorstellung in Gießen ist eine Kooperationveranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwit?— Freundeskreis der Auschwitzer und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen mit Unter- Stützung der Ernst-Ludwig-Chambre- Stiftung Zzu Lich. Auch hier ist der EFintritt frei. und Asche auf dem Gelände der Gas- kammern und Kre- matorien von Ausch- witz-Birkenau ist sensationell und er— schütternd zugleich. Erst mit moderner Technik konnte ein Jeil der gefundenen Schriftstücke wieder lesbar gemacht wer- den. In Pavel Polians Band Briefe aus der Asche' werden sie gesammelt und kom- mentiert vorgelegt. Das von der SS vor der Flucht im Januar 1948 gesprengte Kre- matorium in Birkenau. Vor allem an den Krematorien mussten die Hüftlinge des Sonderkommandos Zwangsarbeit leisten. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Den Hass besiegen Frinnerung an Fva Merova(1930— 2024) Von Alexander Wolff Fvelina Merova, geb. Landova, ei- nes der überlebenden„Mädchen von Zimmer 28* ist am 8. Februar 2024 im Alter von 93 Jahren in Prag, ihrer ge- liebten Heimatstadt, von uns gegan- gen. Diese traurige Nachricht hat mich tief getroffen. Zum ersten Mal traf ich Evelina 2013 in Wiesbaden anlässlich einer Veranstaltung über „Die Mädchen von Zimmer 28*. Sie wurde vom Aktiven Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Ge- schichte eingeladen, als Zeitzeugin über ihre Lebensgeschichte zu berichten. Sie stellte sich geduldig den Fra— gen der teilnehmenden Besuchertinnen und sprach mit einer ruhi- gen Stimme, s0 wie es ihre Art war, immer kurz und knapp, sachlich, manchmal mit einem be- Stimmten Ja oder Nein. Sie lächelte, wenn eine Frage auf das Unsagbare traf. Auf die Frage, wie sie der Hölle von Auschwitz entkommen konnte, antwortete sie zum Beispiel:„Das war Zufall.“ Ich war fas?ziniert von dieser Frau und sprach sie nach der Veranstaltung gleich darauf an, ob sie nicht auch für Eva Merova 2014 bei einer LGA-Veranstaltung die Lagergemeinschaft als Zeit?zeugin berichten könne. Wir redeten an die- sem Abend noch sehr lange miteinan- der. Sie sagte zu, und es kamen dann Veranstaltungen in Bad Vilbel im Kulturzentrum sowie im Georg- Büchner-Gymnasium zustande. Ihr Leben ist die beeindruckende Uberlebensgeschichte eines jüdi— schen Mädchens, welches am 28. Juni 1942 mit 11 Jahren zusammen mit sei- ner Familie ins Ghetto Theresienstadt depor- tiert wurde. Kur? vor ihrem 13. Geburtstag folgte die Deportation nach Auschwitz-Bir- kenau. Mit diesem Transport am 15. De- zember 1943 begann eine Odyssee durch die Hölle. Am 13. April 1943 starb ihr Vater Emil Landova an Hunger und Entkräftung im Familienlager B II b, welches die Deutschen eigens für die Theresien- städter Juden geschaffen hatten. In diesem Abschnitt des Gesamtlagers befanden sich 31 Blöcke, darunter ein Kinderblock, in dem sich auch Eve- lina tagsüber befand. In diesem Block 31, man kann es kaum glauben, fan- den Veranstaltungen statt unter der Leitung eines jungen Mannes aus Aachen, Fredy Hirsch, den alle Kinder Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 sehr mochten. Evelina hat mir später davon sehr viel berichtet. Auch, dass die Deutschen sich an diesen Vor- führungen der Kinder rich- tig ergötzt haben, um sie dann später in den Gas- kammern zu ermorden. So- gar Mengele erschien oft als„Gast“. Im Block 31 wurde auch unterrichtet, da es in B II b nicht an Be- treuerinnen mangelte, die ebenfalls nach Birkenau deportiert worden waren. Alle 6 Monate wurden in B II b Selektionen durchgeführt, das heißt, es wurden al- le Insassen vergast, die ab September 1943 nach Auschwitz-Birkenau de- portiert wurden. Die endgültige Ki- quidation des Lagers fand im Som- mer 1944 statt. Insgesamt 18.000 Menschen wurden ermordet. Wieder war es Zufall, würde Eve- lina jetzt sagen, dass sie und ihre Mut- ter die Selektion durch Mengele im Juli 1944 überlebten. Sie machte sich älter und wurde von einer Aufseherin als gute Arbeiterin bezeichnet. Die Deutschen brauchten Zwangsarbeite- rinnen für die schon fast geschlagene Wehrmacht, sei es für die Munitions- herstellung oder zum Ausheben von Schützengräben. Mutter und Tochter kamen ins Konzentrationslager Stutthof, dann in ein Arbeitslager in Guttau. Dort starb die Mutter völlig entkräftet. Das war für Evelina ein großer Schock. Sie sagte dazu: Ich glaube, es war der Tiefpunkt meines Lebens. Und doch Vor Kriegsbeginn: Kindheitsfoto kann ich nicht sagen, was ich fühlte oder dachte. Wir lebten doch in einem Ausnahmezustand.“? Die Geschichte wie und wann Fvelina von einem Ar?t nach Kriegsende ado- piert wurde und wie ihr Le- ben dann in Leningrad nach Jahrzehnten, heute Sankt Petersburg, weiter- ging, würde eine weitere Seite füllen und kann in ihrem Buch„Lebenslauf auf einer Seite“, welches 2016 erschienen ist, nach- gelesen werden. Darin schildert sie die ganzen Greueltaten und Grässlichkeiten, die ihr die Deut- schen angetan haben. 1995 kehrte sie in ihr heißgeliebtes Prag zurück. Dort lebte sie in einer bescheidenen Wohnung, die ihr übri— gens Vaclav Havel vermittelt hatte. In den letzten Jahren kümmerte sich eine Krankenschwester im Auf— trag der Jüdischen Gemeinde um sie, da sie mit ihren geschwollenen Bei- nen kaum noch richtig gehen konnte. Der Sozialdienst lieferte die Lebens- mittel. Ihre Familie hielt den Kontakt nach Kräften und mit großem Einsat? aufrecht. Evelina hat einen Sohn und eine Tochter sowie Enkelkinder. Ich hatte mit Evelina nach dem er- sten Teffen in Wiesbaden noch viele Begegnungen und Videokonferen- zen, in denen sie geduldig die Fragen der Teilnehmenden beantwortete. Großes Interesse hatte sie immer an den Schüler:innen und Studierenden, die ich ihr bei diesen Gelegenheiten 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer vorstellen konnte. Ihr noch vorhande- nes Wissen über Terezin und das Fa- milienlager in Auschwitz-Birkenau, insbesondere über den Kinderblock und Fredy Hirsch, war einzigartig. Aber auch zu allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Themen gab sie ihre Kommentare ab, wenn sie da- nach gefragt wurde. Zum Aufstieg der AfD in Deutschland sagte sie:„Las- sen Sie das nicht zu! Das sind Faschi- sten, ganz schlimme Jypen.“ Auch auf Facebook war Fvelina aktiv und gab dort noch ihre Kommentare mit über 90 Jahren ab Nach jedem Treffen oder nach Vide overanstaltungen gab sie uns mit auf den Weg: Das schlimmste im Le- ben der Menschheit ist der Hass. Ihn gilt es zu besiegen. Liebe Evelina, ich werde alles dafür tun, damit dieser Hass nicht noch mehr um sich greift, so wie er damals vorhanden war und heute in vielen Teilen unserer Gesellschaft wieder vorherrscht. Fvelina Merova wurde 93 Jahre alt. Im Kreis der Familie wurde sie auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag beerdigt, dort, wo unter ande- rem auch Franz Kafka sein Grab hat. Die let?zte noch lebende einstige Be- wohnerin des Mädchenzimmers Raum 28 in Theresienstadt. Wir wer- den sie nie vergessen und immer in unseren Herzen tragen. ⸗ Das rote Dreieck In der Rhein- Main-Zeitung, dem Lolkalteil der HAZ wur am 25. Mni dieses Jahres eine Meldung zu lesen, nachdem an mehreren Orten gemalte rote Dreiechke auft- rauchten, die im Zusummenhang mit propdlòstinensischen Protesten Stehen. Uwe Nartwig, his 2070 Vomwitzender der Lagergemeinschaft hat dazu einen Leserhrief geschriehen, der am J. Auli veròfentlicht wurde. Nach o. a. Bericht sind im Rhein- Main-Gebiet und bundesweit an etli- chen Universitäten im Zusammen- hang mit propalästinensischen und israelfeindlichen Aktivitäten Schmie- rereien aufgetaucht, die ein auf der Spitze stehendes rotes gleichseitiges Dreieck zeigen— begleitet von Parolen mit positivem Bezug zu Gaza und Palästina. Die Behörden prüfen ein Verbot. Nach dem Bericht markiere die Hamas ihre Feinde mit solchen Schmierereien. Das auf der Spitze ste- hende rote Dreieck war in den NSLa- gern das Kennzeichen für politische“ Häftlinge. Die S8 nannte die Zeichen Winkel'. Wenn jetzt israelfeindliche Aktivisten das rote auf der Spitze ste- hende Dreieck verwenden zur Kenn- zeichnung der Feinde der Hamas oder als Zeichen der Solidarität mit der Ha- mas, dann verwenden sie ein Zeichen, das die Nð in den Lagern verwendeten zur Kennzeichnung ihrer Gefangenen. Die in dem Pressebericht genannte In- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 terpretation, das Dreieck der Schmie- rereien beziehe sich auf das Dreieck in der Palästinenser-Flagge, kann nicht gelten, da das Dreieck in der Flagge ei- ne deutlich andere Form aufweist. Der Gründer der„Lagergemein- Schaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer“- Hermann Reineck— hatte seinerzeit den roten Winkel der Lager zum Symbol des Vereins ge- wählt mit einer Stacheldrahtreihe in dem Dreieck und einer Flamme dar- unter. Damit hatte er das Zeichen der Lagergemein- Schaft deutlich von SS-Darstel- lungen des Ro- 6 ten Winkels ab- gesetzt. Bei ihrer— richtigen— Ver- botsprüfung der augenblicklichen Schmierereien sollten die Behörden darauf achten, nicht Gedenkinitiati- ven in ihrer Offentlichkeitsarbeit zu treffen. AUSCFHMTE Die perfiden Plãne zur Vertreibung von Millionen Menschen Szenische Lesung der Correctiv-Recherche zu„Remigration? Von Annedore Smith „Damit wir es schaffen, den Be- võlkerungsaustausch aufzuhalten, ist eine radikale Wende notwendig. Pafür muss man die Politik der Remi- gration anwenden. Von lateinisch, re? also Zurück' und„migrare“, übersie- deln“. Zurück übersiedeln. Bestehen- de Staatsbürgerschaften sollten dafür einer Revision unterzogen werden, damit Menschen, denen leichtfertig ein deutscher Pass gegeben wurde, zurückgesiedelt werden können. Da- zu gibt es ja zum Glück bereits Kon- zepte rechter Parteien und Bewegun- gen.“ So wird der österreichische Rechtsextreme Martin Sellner von der Redaktion Correctiv zitiert. Die Aussage stammt aus einem streng ge- heimen Heffen: Hochrangige AfD- Politiker, Neonazis und finanzstarke Unternehmer kamen im November 2023 im Landhaus Adlon bei Potsdam zusammen, um die Vertreibung brei- ter Bevölkerungsgruppen aus Deutschland zu planen— die Auswei- sung von Millionen Menschen mit Migrationshintergrund sowie von Aktvisten für deren Interessen. In die konspirativen Sit?ungen konnten sich Investigativjournalisten von Correc- tiv einschleusen. Was sie schließlich am 10. Januar 2024 veröffentlichten, löste eine riesige Welle der Empörung in ganz Deutschland aus. Hunderttausende Menschen gingen in den nächsten Tagen und Wochen auf die Straße, um auf Kundgebungen ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Das Autorente am Lolita Lax, Jean 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Mitglieder des Heldentheaters Friedberg und des Theaters Alte Feuerwache Bad Nau- heim bei der Szenischen Lesung im voll besetzten Bad Vilbeler Kurhaus. Peters und Kay Voges hat aus den Correctiv-Recherchen eine szenische Lesung erarbeitet mit dem Jitel„Ge- heimplan gegen Deutschland“. Diese Koproduktion von Correctiv mit dem Volkstheater Wien und dem Berliner Ensemble tourt nun in wechselnden schauspielerischen Beset?zungen durch ganz Deutschland. Nach einer früheren Lesung in Friedberg war sie am 11. Mai auch im Kurhaus-Saal der Stadthalle Vilco in Bad Vilbel zu se— hen. Veranstalter waren neben der Lagergemeinschaft Auschwitz das städtische Kulturamt sowie die Kul- turinitiative der NaturFreunde und der Arbeiterwohlfahrt Bad Vilbel. Das Motto lautete:„Bad Vilbel steht auf“. Plädiert wurde in der Ein- ladung:„Für ein vielfältiges und weltoffenes Bad Vilbel. Für Demo- kratie und Menschenrechte. Gegen Hass und Hetze. Für Freiheit und Gleichheit jenseits von Herkunft und Aufenthaltsstatus. Gegen Rassismus und Antisemitismus. Für Respekt und einen offenen gleichberechtigten in- terkulturellen Dialog in einer offenen mulitkulturellen und multireligiõsen Gesellschaft.“ Geheimplan gegen Deutschland Wie notwendig dies ist, belegten die sZenischen Ausführungen zur Genü- ge. Gut zwei Dutzend Menschen ka— men bei dem ominõsen Geheimtref- fen zusammen. Manche sind Mitglie- der der AfD. Fin führender Kopf der rechtsextremen Identitären Bewe- gung, eben Martin Sellner, ist eben- falls dabei. Manche sind Burschen- schafter, kommen aus dem Bürger- tum und dem Mittelstand, sind Juri- sten, Politiker, Unternehmer, Arzte. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Auch zwei CDU-Mitglieder sind an- wesend, Mitglieder der Werteunion. Ihr wichtigstes Ziel: Menschen sollen aufgrund rassistischer Kriterien aus Deutschland deportiert werden kön- nen— egal, ob sie einen deutschen Pass haben oder nicht. „Worum es eigentlich geht, ist die Zerstörung der Demokratie“, kom- mentiert Correctiv in einer Einleitung zum Jext der szenischen Lesung. Die mehr als 300 Zuschauer in Bad Vilbel lauschten gebannt den Ausführungen, die überwiegend im Wortlaut wieder- gegeben wurden. Auf eine Leinwand wurden Foto- und Filmaufnahmen des Rechercheteams projiziert. Fine der perfidesten Ideen besteht zum Beispiel darin, sich entgegen früherer Positionen künftig für die doppelte Staatsbürgerschaft von Mi- granten einzusetzen. Dann könnte man ihnen— nach der eingangs vorge- schlagenen Revision von bestehen- den Staatsbürgerschaften— die deut- sche wieder entziehen und sie dann problemlos in ihre Herkunftsländer abschieben.„So locken wir diese Menschen, die nicht zu unserem Volk gehören, in eine Falle. Ales vollkom- men legal“, wird die AfD-Bundes- tagsabgeordnete Gerrit Huy Zitiert. Sellner plädiert zudem für die Zwangsansiedlung von Ausgewiese- nen in einem„Musterstaat“ in Nord- afrika. Wie einst der Madagaskar-Plan Dies erinnert an eine alte Idee: 1940 planten die deutschen Nationalsozia- listen, vier Millionen Juden auf die In- sel Madagaskar zu deportieren. Zwei Jahre später fand dann die Wannsee- konferen?z statt. Deren Aufgabenziel war es erklärtermaßen,„auf legale Weise den deutschen Lebensraum von Juden zu säubern“. Konkret be- sprachen die versammelten Vertreter von Reichsregierung und S8, wie der beschlossene Völkermord an den eu— ropãischen Juden zu organisieren sei. Die Bad Vilbeler Stadträtin Ute Petersen rief alle Demokraten dazu auf, sich õffentlich zu zeigen und Hal- tung zu vermitteln. Sie verwies auf die „ersten Gehversuche“ der Demokra- tie in den 1920er Jahren. Damals hät-— ten sich auch in der Kurstadt Arbeiter zusammengefunden und zum Bei— spiel Volkshäuser erbaut, doch nach der Machtübernahme der Nationaso- zialisten seien solche Gemeinschaften zerschlagen worden.„Auch mein Großvater wurde, weil er Sozialde- mokrat war, in das KZ Dachau ver- schleppt“, sagte Petersen. Umso wich- tiger sei es, dass Demokraten heute aufstünden, um neue Angriffe auf die Demokratie von Anfang an zu verei- teln. Dem stimmten die Zuschauer einhellig zu. Weitere Informationen im Inter— net unter https:correctiv.org oder auch bei wikipedia unter der Uber- Schrift„Treffen von Rechtsextremi- sten in Potsdam 2023*“. Port auch mit Weblinks u. a. Zur Szenischen Lesung im Berliner Ensemble vom 17. Januar 2024(VouTube-Video, 83:30 Minu- ten) 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gegen Gleichgültigkeit, Verleugnung und Schlussstrich-Mentalität LGM mit Kulturpreis der Stadt Butzbach ausgezeichnet Im Namen der Bürgerschaft hat der Magistrat der Stadt Butzbach die Lagergemeinschaft Auschwit?— Freundeskreis der Auschwitzer (LGA)„für ihr herausragendes Enga- gement im kulturellen Bereich“ mit dem Kulturpreis der Stadt ausgezeich- net. Am 8. Mai hat Bürgermeister Michael Merle anlässlich des»Tages der Befreiung« zum Kriegsende 1945 die Skulptur„Goldene Hand“ und die Urkunde an Hans Hirschmann als Vertreter des Vorstandes der LGAM., überreicht. Die Auszeichnung ist mit 1000 Buro dotiert. Wie die Butzbacher Zeitung be- richtete, erinnerte Michael Merle an die Rede von Bundespräsident Rich- ard von Weizsäcker zum Gedenktag im Jahr 1985. Er habe gesagt, der 8. Mai»hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherr- schaft«. Millionen Menschen seien Opfer dieser Mordmaschinerie gewor- den.»Die Lagergemeinschaft Ausch- wit?- Freundeskreis der Auschwitzer spricht für die Opfer, die Toten, die Uberlebenden, die Angehörigen- ge- gen Vergessen, Unwissen, Verdrän- gen.«Der Verein verschaffe denen, die nicht mehr reden könnten, Gehör.»Er verleiht den Opfern seine Stimme, da- mit sie nicht nochmals Zu Opfern wer- den-zu Opfern der Verfälschung von Geschichte, der Gleichgültigkeit, Ver- leugnung, der Schlussstrich-Menta- lität.«Dieses jahrzehntelange vorbild- liche kulturelle, politische und soziale Engagement der Lagergemeinschaft Auschwit? zeichne die Stadt But?zbach mit dem Kulturpreis aus. In der Laudatio hob der ehemalige Butzbacher Museumsleiter Dr. Dieter Wolf hervor, dass seit Jahrzehnten vie- le Aktivitäten der Lagergemeinschaft Auschwitz mit der Stadt Butzbach und auch dem Wetteraukreis verbunden Seien. Seit dem Neubau des Butzba- cher Museums und Stadtarchivs 1994 hätten dort unzählige Veranstaltungen stattgefunden. Seit Jahrzehnten sei es zudem selbstverständlich, dass die La- gergemeinschaft Besuche von Zeit— zeugen an Schulen organisiere und s0 Jugendlichen direkten Austausch mit NS-Verfolgen ermögliche, was un- glaublich wichtig sei so Woff. Das habe bereits der Auschwitz-Uberlebende Hermann Reineck eingeführt. Unter der Initiative von Reineck wurde Ende der 1970er Jahre die La- gergemeinschaft Auschwitz— Freun- deskreis der Auschwitzer als eingetra- gener Verein gegründet.„Darin fanden sich zum einen Uberlebende zusammen, die das Vermächtnis Auschwitz', ihres Leidensortes, als verpflichtende Aufgabe sehen und sa- hen und gemeinsam mit einem Freun- deskreis an die Offentlichkeit traten.« Bewusst sei ein Doppelname gewählt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Zur Preisverleihung zusammengekommen sind u. a.(vorn von links): Manfred de Vries, Stadtrat Michael Mentz, Diethardt Stamm, Hans Hirschmann, Holde Stubenrauch, Bür- germeister Michael Merle und Rabbiner Andrew Steinman. Foto:O Aaron Löwenbein worden, berichtete Wojf. Eine»Lager- gemeinschaft« konnte nur von den Opfern gebildet werden, die Ausch- wit?z am eigenen Leib erlitten haben. »Reinecks Motto„Uber Auschwit?z darf kein Gras wachsen!*, Soll auch uns Mahnung und Verpflichtung für die Zukunft sein«, erklärte Wolf. Hans Hirschmann betonte in sei- ner Dankesrede die ganz besondere Beziehung der Lagergemeinschaft zur Stadt Butzbach. Besonders sei sie erst einmal aus dem formalen Grund, dass Reineck, ehemaliger Auschwitz-Häft- ling und Motor der Vereinsgründung, im benachbarten Münzenberg lebte, und es s0 das Amtsgericht But?zbach war, wo der Fintrag ins Vereinsregi- ster erfolgte. Besonders sei die Bezichung aber vielmehr aus inhaltlichen Gründen. So habe der Verein für seine Vorhaben beim Magistrat wie auch bei den Stadtverordneten und vor allem bei Bürgermeister Merle ein offenes Ohr beispielsweise im Zusammenhang mit Veranstaltungen gefunden. Eine Rei- he von Gãästen, vorwiegend aus Polen und meist ehemalige KZHãäftlinge und ihre Angehörigen, oft auch Ka- meraden von Reineck, seien in Butz- bach zu Besuch gewesen und hätten es in guter Erinnerung behalten. »Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass der Name Butzbach in Polen in den mit unserem Verein be- freundeten Gemeinschaften von ehe- maligen KZGefangenen einen guten Ruf hat.« Grußworte sprachen bei der Ver- leihung Manfred de Vries, Vorsit?en- der der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, und auch Neithard Dahlen und Hajo Günther, beides vormalige Vorstandsmitglieder der LGA. Dah- len erinnerte an die erste Gedenkver- anstaltung in Butzbach am 27. Januar 1985, ein Podiumsgespräch mit fünf Auschwitzüberlebenden, darunter Hermann Reineck. ⸗ 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Immer mit einem Bein im Grab“ Buchvorstellung:„Deportiert. Erfahrungen deutscher Juden? Am 28. Juni durfte die Arbeitsstel- le Holocaustliteratur(AHI) gemein- sam mit der Lagergemeinschaft Auschwitz die Historikerin und ehe- malige AHL-Mitarbeiterin Prof. Dr. Andrea Lõw(stellv. Leiterin des Zen- trums für Holocaust-Studien am In- stitut für Zeitgeschichte in München) zu einer Lesung begrüßen. Sie stellte ihr neues Buch Peportiert.„Immer mil einem Huß im Grab“ Erfahrun- gen deutscher Juden vor. Das Ge— spräch wurde von Jessa Schäfer, Leh- rerin an der Hedwig-Burgheim-Schu- le in Gießen und Mitglied der Lager- gemeinschaft Auschwitz, moderiert. Gewidmet war die Veranstaltung unserem im Juni 2024 verstorbenen und schmerzlich vermissten Freund Gerhard Merz. Nicht nur war er über Jahrzehnte hinweg„eine der wesent- lichsten Stimmen Hessens im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Soziale Ausgrenzung“, wie AHK-Lei- ter Sascha Feuchert in seiner Anspra- che hervorhob, sondern als Vorsitzen- der der Lagergemeinschaft Auschwitz und als stellvertretender Vorsit?ender des Beirats der Ernst-Ludwig-Cham- bré-Stiftung zu Lich auch ein bedeu- tender Unterstützer der AHL. Zahl- reiche Veranstaltungen konnten nur dank seines unermüdlichen Engage- ments stattfinden. So ging auch die Buchvorstellung mit Andrea Löw maßgeblich auf seine Initiative zurück. Mit ihrem Buch Peportiert, das im Mär?z 2024 im 8. Fischer Verlag erschienen ist, legt die Autorin erst- mals eine Gesamtgeschichte des oft nur kurzen Lebens der ,nach Osten' deportierten deutschsprachigen Jüd- innen und Juden— beziehungsweise derjenigen, die von den Nationalso- zialisten als jüdisch definiert und ver- folgt wurden— vor. Nach ersten„De- portationsexperimenten“, so0 Löw, wurden die im, Großdeutschen Reich' verbliebenen Jũdinnen und Juden vor allem zwischen Oktober 1941 und Ende 1942 systematisch in die von der S8 errichteten Gettos im besetzten Osteuropa, insbesondere nach Lod?⸗ Lit?mannstadt(Polen), Riga(Lett- land), Kaunas(Litauen) und Minsk (Weißrussland), verschleppt. Um die Deportation als zentrale Phase der Verfolgungsgeschichte ernst zu nehmen und die damit ver- bundenen Erwartungen, Realitäten und Reaktionen der Deportierten zu beschreiben, wertete Löw Hunderte von Briefen und Postkarten sowie zahlreiche Tagebücher und Video- interviews aus. Zusätzlich nahm sie Kontakt zu Zeitzeug:innen und deren Familien auf. Die in den persönlichen Doku— menten geschilderten Erfahrungen verwebt sie in ihrem Buch zu einer kollektiven Geschichte der Deporta- tionen, welche die Angste, Hoffnun— gen und Hragödien, die sich für die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Opfer des Holocaust ab- gespielt haben, eindring- lich beschreibt. Fahrt ins Ungwiese, in eine Welt der Gewalt Für viele deutsche Jüdin- nen und Juden begann die Deportation mit dem sogenannten„FEvaku— ierungsbefehl“, der sie manchmal nur wenige Stunden vor dem Ab-— transport erreichte. Ih- Autorin Andrea Löw(li.) und Moderatorin Tessa Schäfer nen blieb kaum Zeit, sich pei der Veranstaltung in Gießen. Foto: Karolin Kreyling von ihren Liebsten zu ver- abschieden. Nur 50 Kilogramm durfte ihr Gepäck wiegen, den Rest ihres Hab und Guts mussten sie zurücklas- sen. Was sie erwartete und wohin sie verbracht würden, war gerade zu Be- ginn der Deportationen vielen nicht bekannt. S0 war ihre Reise zunächst eine„Fahrt ins Ungewisse“, erklärte Löw. Anfangs glaubten sie den Be- teuerungen der S8, sie würden„zum Arbeitseinsat? in den Osten“ ge- bracht, was bei einigen Hoffnung und Zuversicht weckte. Erst später dran- gen immer mehr Gerüchte über die Massenmorde zu den Jüdinnen und Juden im„Deutschen Reich“, und manche ahnten, dass auch sie bald „im Dunkeln verschwinden“ würden, wie es die Historikerin formulierte. Der ihnen aufgezwungene Weg führte dann zunächst in die überfüll- ten Sammelstellen in ihrer Heimat, wo sie von Polizisten durchsucht, häufig angeschrien und gedemütigt wurden. Auch nach Jahren der sozialen Isolie- rung empfanden viele diese Gewalt als Zutiefst entwürdigend:„Wie sollte das weitergehen? Und in einem frem- den Land?“, fragt Hilde Sherman in einer ersten Passage, die Andrea Löw an diesem Abend vorlas. Doch die Situation verschlimmerte sich mit jedem weiteren Schritt: Ptliche starben bereits vor Hunger und Stress auf dem Weg in den engen, überfüllten und meist eiskalten Personenzügen, die Richtung Osten rollten. Spãtestens mit der Ankunft in den Gettos aber wurde ihnen bewusst: „Die Welt, in die sie hineingeworfen wurden, war eine der Gewalt“, be- schrieb Löw. Denn in einer ihnen völ- lig fremden Umgebung angekom- men, wurden die Opfer unmittelbar mit den Spuren des Massenmords konfrontiert, wie etwa in Minsk und Riga ab Ende 1941, wo Jeile der loka- len Gettobevölkerung kurz vor dem PFintreffen der Deportations?zũge er- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer schossen wurden, um ,Platz“ für die Neuankõmmlinge zu schaffen. Pine zweite verlesene Passage führte den Anwesenden vor Augen, unter welch unmenschlichen Bedin- gungen die Deportierten damals in den Gettos(über)leben mussten: Ar- mut, Hunger, Krankheiten und die Willkür der 88 prägten den AMltag. Der Tod war„s0 alltäglich geworden, wie es einst der Briefträger war“, berichtet etwa Esra Jurmann. Thea Nathan schreibt:„Wir standen immer mit einem Fuß im Grab.“ Dennoch unternahmen sie immer wieder Versuche,„eine Gegenwelt zu schaffen“, betonte Löw nachdrück- lich, indem sie„in all dem Wahnsinn“ Theaterstücke und Konzerte aufführ- ten oder Fußballspiele organisierten. Auf diese Weise versuchten sie be- wusst, jener„Welt des Terrors“ eine „Welt der Kultur“ entgegenzusetzen. Kultureller Widerstand Diese Akte des kulturellen Wider- stands, für die auch soziale Kontakte und gegenseitige Hilfe von zentraler Bedeutung waren, erwiesen sich für einige wenige, die nach Kriegsende noch von ihren Erfahrungen berich- ten konnten, als lebensrettende Hoff- nungsstifter. Eine von ihnen, Fdith Blau, überlebte wie durch ein Wunder zusammen mit ihrer Mutter. Sie hält Jahre nach dem Krieg fest:„Meine Mutter und ich waren abwechselnd mutig.“ Nur die allerwenigsten der, nach Osten Deportierten aber durften ihre Befreiung“ erleben. Diejenigen, die körperlich und seelisch erschöpft nach Hause zurückkehrten— oder zumin- dest dorthin, wo alles begonnen hatte —, fanden eine völlig veränderte Welt vor, wie durch eine letzte Lesepassage deutlich wurde. So bringt etwa Margot Aufrecht stellvertretend für viele zum Ausdruck:„Die erste Zeit der Befrei- ung war mir das Leben fast unerträg- lich, ich habe alles, alles, was ich beses- sen habe, im Lager verloren.“ Texte von Schulkindern Im Anschluss an das Gespräch hatten die Zuhörenden ebenfalls die Möglich- keit, ihre Fragen an die Historikerin zu richten. Pabei ging es vor allem darum, ob und wie aus der Geschichte gelernt werden könne. Mit Blick auf die schu- lische Vermittlungsarbeit wies Löw darauf hin, dass etwa im Untergrund- archiv des Warschauer Gettos Aufsätze und Interviews von Schulkindern über- liefert Seien, in denen sie das Leben vor dem Krieg beschreiben, erklären, was der Krieg für sie bedeutet und was sie sich für die Zukunft wünschen. Diese „Momentaufnahmen“ von Kindern, die den Krieg in der Regel nicht über- lebt haben, seien„starke Quellen für den Schuleinsat?“, s0 die Finschätzung der Expertin. Zum Abschluss der Ver- anstaltung wurde schließlich eine Brücke in die Gegenwart geschlagen, indem der historische Vergleich mit den durch das Recherche-Medium Correctiv aufgedeckten menschen- verachtenden„Deportationsplänen“ rechter Aktivisten und Extremisten diskutiert wurde. Jennifer Ehrhardt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Haben wir aus der Geschichte gelernt? vVehuda Bauer: Ein großer Zeitzeuge und Historiker des Holocaust Am 18. Oktober 2024 ist in Jerusa- lem im Alter von 98 Jahren Professor vehuda Bauer verstorben. Vehuda Bauer wurde 1 926 als Martin Bauer in Prag geboren. Im letzten Moment, am 15. März 1939, dem Tag des Finmar- sches der deutschen Wehrmacht in Prag konnte die Familie Bauer die lan- ge vorbereitete Emigration nach Palä- stina antreten. vehuda Bauer studierte Geschich- te und lehrte spãter an verschiedenen Universitãten. Als Professor für Holo- caust Studies und wichtiger Mentor beriet und prägte er über viele Jahre hinweg die Gedenkstätte vad Vashem und die Internationale Allianz zum Gedenken an den Holocaust(IHRA), der mittlerweile 34 Mitgliedsstaaten angehören. Zum Tod Vehuda Bauers betonte in Berlin Christoph Heubner, der Exekutiv ViZepräsident des Inter- nationalen Auschwit? Komitees: „Vehuda Bauer war weltweit als ei- ner der großen und beeindruckend- sten Erforscher des Holocaust be- kannt. Der Holocaust war Vehuda Bauers Lebensthema. Sein For- schungsinteresse und sein Engage- ment waren immer bestimmt durch das Wissen, dass er dem Holocaust im let?ten Moment entkommen war. Um- so mehr dachte er mit den Uberleben- den und umso mehr fühlte er sich den Ermordeten verpflichtet. Sein Rat, sei- ne wissenschaftliche Kompetenz und seine menschliche Inspiration bleiben Faben wir aus der Geschichte gelernt? Prof. vohuda Bauet Vehuda Bauer. Foto: Heinrich-Böll-Sti- fung, Berlin, via Wikipedia Commons für die Uberlebenden des Holocaust und für viele seiner Kolleginnen und Kollegen unvergessen: Als Historiker und Zeitzeuge konfrontierte er sich und die Welt immer wieder mit boh— renden Fragen, von denen die wichtig- ste lautete: Haben wir aus der Ge— schichte gelernt?“ „Dds Firchterlichste an der SModh ist nicht, dass die Nazis inmenschlich waren, SOndermn dass vie menschlich waren wie Sié nd ich.* Vehuda Bauer, 27. Januar 1998 vor dem Deutschen Bun- destag 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Dokumente der Erinnerung Lagergemeinschaft übergibt Unterlagen der Stadt Münzenberg Die Lagergemeinschaft Auschwit? — Freundeskreis der Auschwitzer (LGA) übergab im Rahmen einer öf— fentlichen Veranstaltung in der ehema- ligen Synagoge in Münzenberg und im Beisein von Politikern der Kommunal- und Bundesebene viele Dokumente und Bücher an das Stadtarchiv Mün- zenberg. Die KLGA wurde vor rund 350 Jahren auf Initiative des ehemaligen Auschwit?häftlings Hermann Reineck in Münzenberg gegründet. Der aus Osterreich stammende Reineck war Zeuge im Frankfurter Auschwitzpro- zess, lernte dort seine spätere Frau An- ni Rossmann kennen. Das Fhepaar lebte in der Wetterau. Diethardt Stamm war als Münzenberger einer ih- rer Gesprächspartner und später auch für etliche Jahre im Vorstand der IGM. Als Reineck am 29. Dezember 1995 verstarb, hatte Stamm viele Unterlagen von ihm, die er dann in den Folgejah- ren ergänzte und aktualisierte. Und zum Gedenken an Reineck verblieb der Vereinssit? der ILGA in Münzen- berg, wechselte aber in das Haus von Stamm. Altersbedingt übergab er die Unterlagen jetzt an das Archiv der Stadt Münzenberg. Zur Fröffnung sprach der Stadtrat und Stadtarchivar Hagen Vetter auch im Namen der erkrankten Bürgermei- sterin Dr. Isabell Tammer, die sich schon bei der Organisation der Veran- staltung sehr engagierte. Vetter wies auf die Bedeutung der zu übergeben- den Archivalien hin und sagte dazu, dass die Stadt schon in den 1970er Jah- ren ihre Räumlichkeiten für die Zwi- schenlagerung von Spenden für Essen und Gebrauchsgegenstände zur Verfü— gung stellte, die dann an bedürftige chemalige Auschwit?zhäftlinge nach Po- len gefahren wurden. Es sei nun eine Fhre, die historischen Schriftstücke der LGA zu übernehmen, auch zur Nut— zung bei Zzukünftigen Veranstaltungen. Diethardt Stamm erinnerte an die erste bundesdeutsche rot-grüne Koali- tion auf Kreisebene, die in der Wet- terau entstand. Einer der ersten Anträ- ge war die Durchführung einer Fahrt des Kreistages unter der Führung von Hermann Reineck nach Auschwitz. Viele waren von dieser Reise sehr berührt, u. a. der spätere Landrat Roff Gnadl(SPD) und der spätere Land- tagspräsident Norbert Kartmann ((PU). Im neuen Jahrtausend wurde das dann unter der Regie von Landrat Joachim Arnold(SPhD)— der jetzt in Münzenberg auch anwesend war— wie- derholt. Auf Arnolds Anregung nah- men auch Mitglieder des Kreisschüler- rats teil. Deren Sprecherin war damals die heutige Wetterauer Bundestagsab- geordnete Natalie Pawlik(SPD), die ebenfalls bei der Ubergabefeier in der Münzenberger ehemaligen Synagode anwesend war. Sie bezog sich in ihrer kurzen An- sprache auch auf die damaligen Erfah- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 rungen und wies darauf hin, wie wich- tig es ist, dass junge Men- schen sich in einem ehema- ligen KZ wie MAuschwitz über den Nazi- terror infor- mieren. Bücher seien dazu wichtig, Diethardt Stamm(rechts) und Hans Hirschmann Mitte) übergaben aber sie würden Bücher und Unterlagen an Münzenbergs Stadtarchivar Hagen Vetter. nicht das erset- zen, was man vor Ort erlebe. Pawlik sagte auch, dass sie weiter alles tun werde um die immer noch vorhandene Rechtsradikalität in unserer Gesell- schaft Zu bekämpfen. Als nächster Redner kam Manfred de Vries, Vorsit?ender der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, zu Wort. Er erzählte als Sohn zweier Uberlebender der Shoah(Völkermord an Juden) von seinem Familienleben, der Vernichtung von Leben in Auschwit? bis hin zum KZ Stutthof im Norden von Polen. Die Abschlussrede kam von Hans Hirschmann vom Vorstand der LGM. Er nahm u. a. Bezug auf die aktuelle Arbeit der LGA und sagte:„Die Un- terstũtꝰ?ung der ehemaligen Konzentra- tionslager-Häftlinge steht auch heute noch an oberster Stelle unseres Enga- gements. Das gilt natürlich auch für de- ren Angehörige sowie die Angehörigen derer, die in den Lagern und Gefäng- nissen der Gestapo den Tod fanden.“ Die monatliche Zahlung an eine fast hundertjährige Auschwitz-Uberleben- de dafür, dass sie weiterhin in ihrer Wohnung versorgt werden kann, stellte Hirschmann als eine aktuell wichtige Maßnahme dar. U.a. erwähnte er das Ssogenannte Ambulatorium in Krakau, das die LGA schon seit Jahren finanzi- ell fördert. Dort fanden früher die Uberlebenden zusammen, wurden me- di?inisch betreut, und die Einrichtung war ihnen auch als sozialer Treffpunkt wichtig. Heute sind es neben immer weniger werdenden Uberlebenden der KonzZentrationslager immer mehr An- gehörige der zweiten und dritten Ge— neration, die sich dort treffen und Un- terstütꝰung erfahren. Wichtig war für Hirschmann aber auch die Umsetzung einer allgemeinen politischen Bildung nach dem Motto „ber Auschwitz darf kein Gras wach- sen'' und er sagte:„Das hat uns Her- mann Reineck ins Stammbuch ge- schrieben“. Stamm bedankte sich für alle 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Redebeiträgen und übergab symbo— lisch ein erstes Buch für das Stadtar- chiv und erläuterte beispielhaft dieses historische Schriftstück. Das knüpfte an die LGA-Gründung und die Eta-— blierung eines Spendenkontos an. Reineck sagte damals:„Vor einem Konto bei der Deutschen Bank oder der Dresdener Bank kann ich nur war- nen, denn das sind Institutionen, gegen die direkt nach dem Krieg Ermittlun- gen wegen deren Nazitätigkeiten auf— genommen wurden.“ Diese Banken hatten u. a. Firmen unterstützt, die den Aufbau von KEs durchführten. Die Dokumente dazu sind heute im Natio- nalarchiv der USM, aber schon 1947 er— schienen in den USA dazu Bücher. Und ein solches Buch, das erst nach dem Tod der meisten Bankverbrecher als Ubersetzung herauskam und auf das sich Reineck bezog, Zeigte Stamm dem Publikum und übergab es. Zum Abschluss wurden neben al- ten, aber historisch interessanten, Dias und Tonkassetten auch CD's über— reicht. Dazu gehörte eine mit dem Jitel „Frinnern für Gegenwart und Zu— kunft“, auf der Uberlebende des Holo- caust berichten. Daraus wurde zum Abschluss der Münzenberger Synago- genveranstaltung ein 30-minütiger Film über und von der Zeit?zeugin Irm- gard Konrad gezeigt. Sie erzählte dort ihre Geschichte vom Kampf gegen den Nationalsozialismus und von ihrer Ver- folgung als Sozialistin und Jüdin. Viele der Anwesenden wünschten sich für eine demokratische Zukunft eine weitere Nutzung der LGA-Ar- chiv-Unterlagen und die Durch— führung ähnlicher Veranstaltungen. „Die Gedanken sind frei“ Das Schicksal des NS-Widerstandskämpfers Hans Litten Irmgard Litten kämpfte fünf lange Jahre gegen Hitler, um ihren Sohn Hans aus den Gestapo-Gefängnissen und Konzentrationslagern frei zu be— kommen. Enkelin und Nichte Patricia Litten erzählte auf Finladung der La- gergemeinschaft, der NaturFreunde, der WO und des Kulturamtes in der Bad Vilbeler Stadtbibliothek die er— schütternde Geschichte ihres Onkels und vom tapferen Kampf ihrer Großmutter. In ihrem Buch„Eine Mutter kämpft gegen Hitler? schildert Irmgard Litten(1879— 1953) das tragische Schicksal ihres ältesten Sohnes Hans Litten(1903-1938). Er war bekannt als Anwalt des Proletariats, hartnäckiger Strafverteidiger und mutiger Gegner des NS-Regimes. „Diese Geschichte ist keine Hiktion. EFs ist die Geschichte meiner Familie. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die sich der Willkür nie gebeugt haben und bis zuletzt mutig für Menschlich- keit und Gerechtigkeit gekämpft ha- ben*, Sagte Patricia Litten. Sie las Pas- sagen aus dem von ihrer Großmutter geschriebenen Buch vor, fragte ihre 130 Zuhörerinnen und Zuhörer immer wie- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Hans Litten Qinks vor seiner Verhaftung) und während seiner Gefängnis-und Lagerhaft. In der Mitte seine Mutter Irmgard. der»Wie hätten wir reagiert?« und z0g Parallelen zur Gegenwart. Hitler in die Enge getrieben Irmgard Litten schrieb das Buch in der Fmigration, es wurde 1940 in England erstmals verõffentlicht. Den Zorn und den Hass von Adolf Hitler und den Na-⸗ zis 70g sich Hans Litten als junger Rechtsanwalt zu. Unter anderem hatte er als 28Jähriger am 8. Mai 1931 als Nebenkläger im sogenannten Eden- palast-ProZess vor dem Berliner Kam- mergericht Hitler als Zeugen vernom- men und ihn mit eigenen Zitaten kon- frontiert. Durch diese gezielte zwei— stündige Befragung in die Enge getrie- ben, brüllte Hitler im Zeugenstand hy- sterisch, verstrickte sich in Lügen und Sah sich geZwungen, seine Verfassungs- treue(mit einem Meineid) zu be— Schwören. Diese Blamage vergaß Hitler nie: Hans Litten wurde noch in der Nacht des Reichstagsbrands am 28. Februar 1933 verhaftet. Freunde hatten ihn zu— vor bedrängt, ins Ausland zu gehen. Geld hatte man ihm Zur Verfügung ge-— Stellt. Er lehnte alles ab mit den Wor- ten„Millionen von Arbeitern können nicht heraus, auch ich muss bleiben.“ Für Hans Litten folgte ein fünf— jähriges Martyrium, bestehend aus Fol- ter und Demütigungen in verschiede- nen Gefängnissen, KZs und Zwangsar- beiterlagern. Schwere körperliche Ar- beit und Folterungen hinterlassen blei- bende gesundheitliche Schäden. 1934 kommt Hans Litten in das KZ Lichten- burg an der Flbe. Dessen Kommandant lässt die Häftlinge an einem der natio- nalsoZialistischen Feiertage ein„Kul- turprogramm'“ aufführen. Und Hans Litten, auf einem Auge blind, kaum * Alf der Internetseite htipsWan wultverein. de wird Hans Litten als„Unver— gessener Anwalt? gewürdigt. Unter anderem sind dort auch Alsziige aus Hitlers Befragung gedruckt. Für weitere Kecherchen siehe auch www. hans-litten. de. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer noch gehen könnend, unter schwerer Herzschwäche leidend, stellt sich vor die S8 und trägt das Gedicht„Die Ge- danken sind frei“ vor. In der Haft ver- sucht er mehrmals, sich das Leben zu nehmen. Es gelingt ihm am 5. Februar 1938, als er sich in der Latrine des KZ Dachau erhängte. Seine Mutter Irmgard Litten hatte seit dem Jag der Verhaftung alles un— ternommen, um ihn frei zu bekom- men., Sie mobilisierte alle ihre Freunde und Beziehungen. Es gelang ihr mehr- mals, Hans das Leben zu retten, aber es war nur für neue OQuälereien, neue Demütigungen. Immer wieder gab es Versuche, kleine Erleichterungen zu er- langen, die dann am nächsten Tag wi- derrufen wurden,schilderte Patricia Litten die Bemühungen. Als Vaterlandsverräterin beschimpft Ihre Hartnäckigkeit führte Irmgard bis zu den Spitzen des NS-Regimes. Dies war ihr möglich, da ihr Mann und Hans Littens Vater Frit? Litten(1873-1940) als Jurist und Professor einen guten Ruf bei national-konservativen Kreisen hat- te. So versuchte sie, für ihren Sohn Hans Beistand und internationale Solidaritãt zu organisieren. Dies half alles nicht. Nach Hans Littens Tod ging Irm- gard Litten 1938 ins Fxil. In England machte sie für die BBC die Sendungen „This is the voice of England? und hielt Vortrãge. 1950 kehrte Irmgard Litten, die wie die ganze Familie Hitten staa- tenlos war, nach Süddeutschland zurück.„Und da hat ihr die bayerische Regierung alle Ansprüche auf eine Rente, auf eine Pension, auf ein Grund- Die Schauspielerin Patricia Litten bei ihrem Vortrag in Bad Vilbel. stück, was ihr ursprünglich mal gehört hat, abgesprochen- mit der Begrün- dung, sie sei eine Vaterlandsverräterin. Sie war vor dem Nichts, sie war alt, sie war krank, sie war komplett am Ende?, 80 die Schilderung von Patricia Litten. Ihre Großmutter ging nach Ostberlin, wo ihr zweitältester Sohn Heinz als freier Theaterregisseur und 2zwi- Schenzeitlich Intendant der Berliner Volksbühne lebte. Patricia Littens Va- ter, Rainer Litten, war Schauspieler, emigrierte in die Schwei? und kehrte nie wieder nach Deutschland zurück. Musikalisch begleitet wurde Patricia Litten bei der Lesung von der Cellistin Birgit Saemann. Irmgard Kittens Buch erschien be- reits 1940 in den USA, England, Mexi- ko, China und Frankreich. Eleanor Roosevelt kommentierte nach der Lek- türe:„Man ist stolz ein Mensch zu sein, weil es solche Menschen gibt wie Hans Litten und seine Mutter.? Christine Fauerbach Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Die Täter waren keine Monster Eine kritische Betrachtung des Films„The Zone of Interst? Von Alexander Woff Mit großer Spannung erwarteten wir die Premiere des neuen Films„The Zone of Interest' des britischen Re- gisseurs Jonathan Glazer, der bereits im Vorfeld viel mediale Aufmerksam- keit und Oscar-Nominierungen er- hielt. Der Titel bezieht sich auf das Sperrgebiet um das Vernichtungslager Birkenau, das von den Deutschen„In- teressengebiet Auschwit?“ genannt wurde. Am 28. Februar 2024 wurde im Frankfurter Kino Harmonie die Vor- premiere des in?wischen mit 50 Film- preisen überhäuften Kinofilms(dar- unter zwei Oscars und vier Preise in Cannes) gezeigt. Dies geschah im Rahmen einer Paneldiskussion mit Werner Renz(ehemaliger Leiter Ar- chiv und Bibliothek des Frit?-Bauer- Instituts), Prof. Marcus Stiglegger (Filmwissenschaftler) und Celine Wendelgaß(Referentin bei der Bildungsstätte Anne Frank). Neben anderen Vereinen bewarb auch die Lagergemeinschaft Auschwit?— Freundeskreis der Auschwitzer die von Thomas Altmeyer(Studienkreis Deutscher Widerstand 1933— 1943) moderierte Veranstaltung im Vorfeld. Im Kontext der bisherigen Hilme über den Holocaust, von der Hol- ywood-Serie„Holocaust?(1979) bis hin zu Steven Spielbergs„Schindlers Liste*(1993) und Lãs?zlé Nemes“„Son of Saul', erwartete man, dass auch Glazers Film eine ergreifende Ausein- anderset?ung mit der Thematik liefern würde. Doch dieser Hilm hebt sich auf verstõrende Weise ab. Keine direkten Parstellungen von Misshandlungen, Selektionen oder Vergasungsaktio- nen. Keine Szenen aus den Lagern, weder dem Stammlager noch dem Vernichtungslager Birkenau. Stattdes- sen konzentriert sich der Film auf das Alltagsleben der Familie des Lager- kommandanten Rudolf Höß, gespielt von Christian Friedel, und seiner Frau Hedwig, dargestellt von Sandra Hüller. Zwischen IdyMle und Inferno Der Hilm beginnt mit einer langen, monochromen Sequenz, bevor die er- Ste S?Zene Zeigt, wie die Familie Höß an einem Sommertag in der Sola badet— eine idyllische, fast sorglose Atmos- phäre— während im Hintergrund das unbeschreibliche Grauen von Ausch- wit? andauert. Die Familie lebt in der Nähe des Lagers in einer Villa, in der das Leben bürgerlich normal verläuft: Kindergeburtstage, Poolpartys und Kaffeekränzchen. Hedwig Höß drückt Stolz aus, dass sie„alles, was wir brau- chen, direkt vor der Haustür haben“— eine Aussage, die den Abstand zwi- schen der häuslichen Idylle und den Verbrechen gegen die Menschlichkeit in beklemmender Weise aufzeigt. Rudolf Höß nennt seine Frau die „Königin von Auschwitz“. Hedwig Höß spricht von einem 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Senenfoto von„The Zone of Interest?: Familie Höss hat Gäste zu eine Geburtstagsfei- er in den Garten ihrer Villa eingeladen. Der Blick über den Mauerrand lässt Gebäude des Kon?entrationslagers Auschwitz erkennen. Foto: Filmverleih„Jetzt& Morgen“ Blumenparadies, welches sie sich im Garten vor der Villa aufgebaut habe. Sie habe auch etwas Wein an der Mau- er angepflanzt. Die Mauer ist die Trennlinie zwischen Idylle und Infer- no. Höss liest Grimms Märchen vor Rudolfs Geburtstag findet ebenfalls draußen im Garten statt. Ausgerech- net an diesem Jag treffen die Ofen- bauer von Topf& Söhne aus Erfurt ein. Aber das macht Rudolf Höß nicht viel aus. Im Gegenteil, nach den Ge- sprächen ist Höß zufrieden, da ihm von diesen Herren durch technische Verbesserungen der Krematoriumsö- fen in Birkenau eine Leistungssteige- rung bei den Vergasungsaktionen zu— gesichert wird. Der„Dauerbetrieb“ Soll rund um die Uhr gut laufen. Im võlligen Kontrast zu den fried- vollen Bildern des Familienlebens ste- hen die sie begleitenden Töne des Grauens: das Gebell von Hunden, Schüsse, Schreie und der Lärm der Zü- ge, die Gefangene ins Lager bringen. Pabei bleibt das Grauen selbst weit- gehend unsichtbar, als würde es hinter den Mauern der Villa verharren. Bei einem Badetag im FHluss Sola werden die Kinder von Höß mit ange- schwemmter klebender Asche und ei- nem Gebiss konfrontiert. Panisch ver- Scheucht Hõss alle aus dem Wasser. Zu Hause angekommen probiert Hedwig Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Höß einen Pelzmantel aus dem„Ka- nada“-Lager an, in dem die Habselig- keiten der ermordeten Hãäftlinge gela- gert wurden. Sie macht auch den „Hausangestellten“ Geschenke, alles Wertsachen, welche die NS-Verwal- tung den Häftlingen geraubt hatte. Wenn Rudolf Höß erschöpft von der„Arbeit“ kommt, liest er seinen Kindern zum Einschlafen aus Grimms Märchen vor. Seine Gedanken sind aber dennoch ständig mit der Effizi- en?steigerung der Vergasungsaktio- nen beschãäftigt. In einer 8S7ene spielen die Höß- Kinder im Bett mit Goldzähnen, die den ermordeten Hãäftlingen nach der Vergasungsaktion vom Sonderkom- mando gezogen werden mussten, um dann nach dem Entfernen von Blutre- sten und Zahnfleisch zum Finschmel- zen ins Deutsche Reich zur Lagerung in der Deutschen Reichsbank ge- schickt Zu werden. Der Film zeigt auch eine Szene, wie ein Mädchen Lebensmittel für die Hãäftlinge unweit der Höß-Villa an ei- nem Hang versteckt. Fazit Der Film richtet den Fokus auf die fa- miliäre Ruhe und die gleichzeitige Vermeidung direkter Darstellung der Lagerrealität; dadurch besteht die Ge- fahr, die Verbrechen zu verharmlosen. Es ist mõglich, dass er durch seine Di- stanz eine falsche Faszination für die Täter erzeugt— eine Faszination, die das Wesentliche, nämlich das unsägli- che Leid der Opfer, in den Hinter- grund rückt. PFin zentraler Kritikpunkt ist auch die historische Unzuverlässigkeit des Films. Fin Beispiel ist die bereits er- wähnte Szene, in der die Höß-Kinder in der Sola mit angeschwemmter Asche und einem Gebiss konfrontiert werden, ein Bild, das für viele Zu- schauer schockierend wirkt. Doch es gibt keinerlei historische Belege dafür, dass Asche der ermordeten Hãäftlinge tatsächlich in die Sola geschüttet wur- de. Diese S?Zene ist für mich võllig uto- pisch und von der realen Altagswelt der Täter weit entfernt. Dasselbe gilt für die absurde Szene, in der die Kin- der von Höß im Bett mit den Zähnen Spielen. Irreal ist auch die Szene, in der ein Mädchen Lebensmittel an einem Hang unweit der HöB-Villa deponiert. Hier wird der Eindruck erweckt, der Film versuche, Momente der Mensch- lichkeit in ein Umfeld zu projizieren, das historisch weitgehend von Grau- samkeit und Gleichgültigkeit geprägt war. Wenn FHilme über den Holocaust historische Tatsachen zugunsten fikti- ver, Ooft dramatischer überhöhter Sze- narien vernachlässigen, stellt sich un- weigerlich die Frage: Ist das noch legitim? Ich beantworte diese Frage mit einem klaren NEIN, s0 wie ich es auch bei„Schindlers Liste“ oder bei „Son of Saul“ getan habe. In einigen Hilmkritiken wird oft ein Vergleich zu Hannah Arendts Kon- zept der„Banalität des Bösen“ gezo- gen. Ich glaube, Hannah Arendt wür- de sich im Grabe umdrehen, wenn sie das hören würde. Ihr Werk bezog sich 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer vor allem auf Adolf Eichmann, der als bürokratischer Vollstrecker der natio- nalsozialistischen Mordmaschinerie agierte. Höß, der Lagerkommandant von Auschwit? war nicht nur aus— führendes Organ, sondern direkt an den Massenmorden beteiligt und ver- antwortlich. Fin weiteres Problem ist die ein— Seitige Charakterisierung der Familie Höß. Der Hilm zeigt Rudolf Höß bei- nahe als harmlos wirkende Figur, während historische Berichte von Häftlingen, die in seiner Villa arbeiten mussten, ein deutlich grausameres Bild zeichnen. Sein Sohn, der in S8S- Uniform die Zwangsarbeiter*innen mit der Reitpeitsche schlug, findet in diesem Hilm auch keine Erwähnung. Man kann den Findruck bekom- men, die Familie sei unschuldig in das Grauen hineingeraten, aber Höß war aktiv daran beteiligt. Ich finde auch, dass das Andeuten durch Geräusche oder symbolische Bilder wie den Rauch der Krematori- en am Nachthimmel künstlerisch viel- leicht ein Kunstgriff sein mag, um den Kontrast zu verdeutlichen, sie wirken aber für mich mehr wie eine Vermei- dung der Auseinanderset?ung mit der brutalen Realität des Holocausts. Ich stellte mir immer wieder die Frage, für wen dieser Film gemacht wurde. Obwohl ich ihn mir noch mehr- fach angesehen habe, habe ich darauf bislang keine konkrete Antwort ge- funden. Ist er für ein Publikum, das be- reits tief im Thema des Holocausts ver- wurzelt ist, oder für ein breiteres, weniger informiertes Publikum? Ich bin zu dem Ergebnis gekom- men, dass in beiden Fällen der Film versagt. Er bietet für beide Seiten we- nig Finsichten. Für ein weniger infor- miertes Publikum könnte der Hilm so— gar den Findruck erwecken, dass das alltägliche Leben der Täter und ihre Beteiligung an den Verbrechen weni- ger grausam war, als es tatsächlich der Fall war. Positiv an diesem Film ist, dass er zeigt, dass die Organisatoren des Ho- locausts keine Monster waren, son- dern einfach Menschen, die ihre Auf- gaben als gerechtfertigt ansahen, sie gewissenhaft erfüllten und sich gleich— zeitig vom sie umgebenden menschli- chen Leid abschotteten. Diese Dar- stellung verdeutlicht die Gefahr, wie schnell bürgerliche Kälte und Empa- thielosigkeit zu einem solch verhee- renden System führen können— eine wichtige Warnung in einer Zeit, in der rechtsextreme Ansichten wieder an Boden gewinnen und in denen der Na- tionalsoZialismus als„Vogelschiss in 1.000 Jahren deutscher Geschichte“ und das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet werden. Vielleicht hat der Film einige zum Nachdenken angeregt und vielleicht kam er auch zur richtigen Zeit. Den- noch ist er aus meiner Sicht problema- tisch. Er könnte in den falschen Hän- den sogar gefährlich sein. Statt das Grauen des Holocausts zu verdeutli- chen, läuft er Gefahr zu verharmlosen. Er ist für mich ein schwer zu ertra- gender Film im Umgang mit dem Ho- locaust/der Shoah. o Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 „Damit kein Gras darüber wachse Zur Entdeckung der Ruinen von Vergasungsbunker 2 im Jahr 1965 Von Andreas Kilian Zwanzig Jahre nach der Befreiung von Auschwit? wurden die Ruinen der zweiten provisorischen Vergasungsein- richtung in Birkenau, die frühestens ab Ende Juli 1942 hauptsächlich zur heim- tückischen Ermordung von Juden in Betrieb genommen worden war, erst- malig gesucht und einige Monate spä— ter im Rahmen von Ausgrabungen ge- funden. Das 1942 als„weißes Haus“ oder„Bunker 2“ sowie ab Mai 1944 als „Bunker V“ bezeichnete umgebaute chemalige Bauernhaus(in SS-Lage- plãnen unter dem Tarnbegriff„Gras- trocknerei“ verzeichnet) musste auf Befehl der S8 zwischen Anfang bis Mitte Dezember 1944 von einem Ab- bruchkommando zur Spurenbeseiti- gung bis auf die Fundamentmauern abgerissen werden. Das Kommando bestand aus Sonderkommando-Häft— lingen, die Zzuvor zur Bedienung dieser Vernichtungsanlage eingesetzt worden waren. Da das Fundament nicht sicht- har unter Erdniveau lag und die heran- nahende Front einen schnellen Ab- schluss der Arbeiten erforderte, blie— ben diese Mauern erhalten. Unklar ist, ob das Belassen der Grundmauern im Erdreich ein Akt des Widerstands war oder dem Chaos vor der Lagerevaku- ierung zuzuschreiben ist. Im Fall der ersten Vergasungsstätte in Birkenau, dem„roten Haus“(Bun- ker 1), waren die Abbrucharbeiten des Sonderkommandos bis Februar 1944 anscheinend restlos erfolgt, da beim Abriss eines 1955 wenige Meter vom ursprünglichen Standort errichteten Wohnhauses im Jahre 2000 keine Grundmauern gefunden wurden. Un- bekannt ist, ob Fundamentmauern von Bunker 1 möglicherweise während des Neubaus 1955 ausgegraben und wie- Befragung der ehemaligen Finwohnerinnen des„weißen Hauses“. Bild links: K. Rydzon(1919-2012) mit dem Historiker und Vizedirektor K Piper Qinks) und K. Antonczyk am S. Oktober 1998. Bild rechts: P Wichaj mit K. Antonczyk und H. Mandelbaum am 9. Oktober 1995. Fotos: O M. Kilian 1993 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer GRUNMDRSSE DER UMBAUTENMVONM BUNMKER 2 V) WO- UMD FM. RVDAEUONM 6 1 6 7 6 6K 2 6K 3 6k 4 6„ 6 ² 6 6M3 [Grundrisse urd Be arbeitung O Andireas Kiliar 2024) Bauernhaus[16,3 8,4m) Zweier polnischer Famiken, 1341 Mutmakliche Gaskammern-Auftellung in Bunker 2, Juli 1942 Mutmaßliche Optimierung von AMusweich-Bunker V. Msi 1944 GRUNMDRlIS5 DES UMBAUS VON BUMKER 1 WOiN URND SLRHLRFRHAURM WORM UMD SCLAFRALUM Mutmaßl. Raum-Auftelung in Bunker 1, Mai 1942 [Grundrisse und Be arbeſtung O Andreas Kilien 2024) G: gasdichte Holkschutzturen (90cm B x 180 cm H) Z Zyklon B- Firwurfluken [à5cm B x 50Ccm H) derverwendet worden sind. Während der von der sowjetischen Untersuchungskommission beauftrag- te Bautechniker und ehemals im Baubüro der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwit? be- Schäftigte Häftling Eugenius? Nosal (1911-2) am 3. 3. 1945 den Grundriss von Bunker 2 in einem Lageplan des Geländes noch falsch verortete, weil am Jatort nicht nach den Grundmau— ern gesucht worden war, erweckte erst- mals die detaillierte Aussage des Son- derkommando-Uberlebenden Dov Paisikovic(1924-1978) gegenüber Mit- arbeitern des Staatlichen Auschwitz- Museums das Interesse an Bunker 2. Paisikovic wurde auf Initiative des Das am Standort von Bunker 1 im Jahr 1955 errichtete Wohnhaus. Foto O M. Kilian 1993 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Auschwitz-Uberlebenden und ehema- ligen Generalsekretärs des Internatio- nalen Auschwit? Komitees Hermann Langbein(1912-1995) sowie unter dem Druck des Direktors der„Hauptkom- mission zur Untersuchung nationalso- zialistischer Verbrechen in Polen“, Ja- nus? Gumkowski(1905-1984), im Au- gust 1964 von polnischer Seite zu ei— nem Besuch der Gedenkstätte eingela- den, um ein von ihm auf dem Kremato- riumsgelände III vergrabenes Manus- kript eines ermordeten Chronisten des Sonderkommandos zu suchen. Obwohl MuseumsDirektor Kazi- mier? Smolen(1920-2012) selbst von 1940 1945 Häftling in Auschwitz, Mit- glied des polnischen Widerstands und mit direkter Sicht auf Krematorium III nur 257 m entfernt von Juli bis Novem- ber 1943 erst Blockschreiber und anschließend bis zum 24. 11.1944 Blockältester der Blöcke 10 und 11 im Lagerabschnitt B IIe gewesen war, glaubte er Paisikovic die Vergrabungs- geschichte nicht. Auch einzelne Mu— Seums-Historiker hatten Zweifel an eit nigen Darstellungen des Augenzeugen; für seine Angaben zu Bunker V inter- essierten sie sich jedoch sehr. Skeptizismus und Vorurteile An den Sonderkommando-Manus— kripten bestand hingegen kein großes Interesse, daher verwundert es auch nicht, dass Paisikovic während seines Besuchs nichts fand: Die inszenierte Suche war nur oberflächlich, und das von Smolen gegenüber Pressevertre- tern geäußerte Versprechen, nach dem Manuskript weiterzusuchen, wurde nicht eingehalten. Noch bis Mitte der 1990er Jahre wurden Aussagen von Sonderkommando-Uberlebenden im Auschwit?-Museum grundsätzlich skeptisch betrachtet, da gemeinhin an- genommen wurde, dass das Sonder- kommando kaum jemand als Geheim- nisträger überlebt haben konnte. Zudem hatte das Sonderkomman- do unter Auschwitz-Uberlebenden eit nen schlechten Ruf, wie in zahlreichen Aussagen und Uberlebenden-Berich- ten nachzulesen ist. Entsprechend gab Smolen am 14.4. 1945 vor der„Kom- mission zur Erforschung der deutschen Hitlerverbrechen in Auschwitz“ vorur- teilsbehaftet zu Protokoll:„Die Häft- linge, die im Sonderkommando arbeit teten, machten nach einiger Zeit den Findruck, als seien sie halb wahnsinnig und würden die Ungeheuerlichkeit ih— rer Jaten nicht begreifen. Es waren kri- minelle verwilderte Menschen.“(Aus- Sage Smolens vom 14.4. 1 945, IPN GK 196/82, NN 82, Bd. 1, S. 67). Smolen verbreitete darin zudem zahlreiche falsche Behauptungen über das Son- derkommando, die sich zum Teil bis in die Gegenwart halten. Paisikovic hatte insofern als Son- derkommando-Uberlebender keinen einfachen Stand, aber der Kustos der Museums-Abteilung Sammlungen, Ta- deus? S?ymanski(1917-2002), der von 1941-1945 in Auschwitz inhaftiert war, glaubte seinen Angaben. Er fertigte am 11.8.1964 in Anwe- senheit Paisikovics vier Zeichnungen von Bunker V und dem angrenzenden Gelände an, die dieser beglaubigte. Zeichnungen für die Verortung des 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer mutmaßlichen Vergra- bungsorts des Manus- kripts, das Anlass seines Besuchs war, wurden je— doch nicht angefertigt. Die Begegnung mit Au— genzeugen aus dem Sonderkommando war für MuseumsMitarbei- ter, die selber Ausch— wit?- Uberlebende wa- ren und das Auschwit?- Museum mit aufgebaut hatten, eine große Her- ausforderung und äußerst selten. Vor Paisikovics Besuch suchten nur zwei Uberlebende des Sonderkommandos das 1947 gegrün- dete Auschwit?-Museum und die Ge— denkstätte in Birkenau auf: Felix Ro- senthal 1959 und FHilip Müller 1961, beide aus der Tschechoslowakei. S?ymanski, der seinerzeit für die Besucherbetreuung zuständig war, er- fuhr am 8.9.1950 von einem Mitarbei- ter, dass ein Besucher behaupten wür- de, im Sonderkommando gearbeitet zu haben. In einem Interview mit dem Verfasser vom 20.9. 1994 erinnerte sich SꝰZymanski:„Nachdem ich wusste, dass das Sonderkommando von Zeit zu Zeit liquidiert wurde, habe ich ge— dacht, vielleicht war er nur ein Elektri- ker, der im Krematorium Reparaturen machte oder sowas. Ich wollte bestätigt haben, dass er wirklich in dem Sonder- kommando gearbeitet hat.“ Ausgeräumte Zweifel Rosenthal, der mit Familienangehöri- gen die Pauer-Ausstellungen im Muse- Dov Paisikovic in Birkenau 1964; Foto O Jenö Kovacs. Rechts: Kazimierz Smolen; Foto: O M. Kilian 1995 um besuchte, wurde gebeten, in Bir- kenau seine ehemaligen Arbeitseinsat- zorte zu zeigen. S?Zymanski wollte da- mit dessen Glaubwürdigkeit überprü- fen:„Ich zweifelte, ob es überhaupt ei- nen Menschen gibt, der vom Sonder- kommando entkommen ist und jetzt noch lebt(...). Ich wollte mich über- zeugen, wenn mir gesagt wurde, es gibt So einen(...). Ziemlich kräftig hat er ausgeschaut und deswegen zweifelte ich, ob so ein Mann in dem Sonder- kommando sein konnte und deswegen habe ich den nach Birkenau eingela- den, dass er mir dort auf Ort und Stelle etwas erzählt.(...) Er hat mir so ziem- lich locker über manches erzählt und als wir an den Teich zum vierten Kre- matorium gekommen sind, wollte ich von ihm wissen, ob er sich erinnert, an die Breignisse des Sonderkommandos (... Detaillierte Fragen wollte ich ihm Stellen und plõtzlich sah ich(...), dass er fängt an?u zittern, kann kein Wort aus dem Mund herausbringen und plõtzlich habe ich ihn angeschaut— er Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 war fast geistig nicht anwe- Send(...).“ Die Schockreakti- on auf die massive Kon- frontation mit der Vergan- genheit räum- te S?ymanskis Zweifel Tadeus? Szymanski(inks) mi Felix Rosenthal(rechts) am Schließlich aus:„Aschenteich“, kurz vor dessen Zusammenbruch im Jahr „Als wir von 1989. Fotos O APMA-B der Seite des vierten und fünften Kre- matoriums reingehen konnten, dann Sah ich, dass er ein bisschen Zögerte. Er hat kleine Schritte gemacht, als ob er Angst hätte, auf dieses Gebiet reinzu- gehen. Das habe ich wohl sehen kön- nen, aber ich habe nicht daran gedacht, dass er so einen Schock erleben wird. (...) Seine Frau sagte, er muss sofort weg von diesem Ort.(...) Zwei Frauen haben ihn unter den Arm genommen und haben ihn weggeführt, weil er hat diesen Schock wirklich stark erlebt. (..) Ich habe nicht geahnt, dass es s0 einen Mann geben kann und als ich dort diesen Schock gesehen habe, war zweifellos, dass er im Sonderkomman- do kurz oder lãnger gewesen ist.“ Fünf Jahre später profitierte Paisi- kovic von S?ymanskis eindrucksstar- kem Erlebnis. Auf Grundlage von Pai- sikovics Angaben zu Bunker V wurde der mögliche ehemalige Standort des Gebäudes in Birkenau eingegrenzt. Direktor Smolen hatte schließlich die gänzende Fingebung, dass möglicher- weise noch Fundamentmauern gefun- den werden könnten, deren Existenz noch unbekannt war. Offiziell war eine Genehmigung für professionelle ar— chäologische Ausgrabungen einer un— entdeckten Stätte des Judenmords nicht zu erwarten. Die Uberbauung von Jeilen des Krematoriumsgeländes mit einem gewaltigen Denkmal und terrassenartigem Gelände für Massen- aufmärsche(9.550 qm Grundfläche) zwischen den beiden Auskleideräumen und Haupteingängen der ehemaligen Krematorien II und III war hingegen kein Problem und längst beschlossen: „Heute enthüllte sich vor unseren Au- gen das Bild des Bauplatzes, der in sei- ner Ausstattung den modernsten An- forderungen entspricht: Bagger, die ganze Tonnen von Erde auf die Böt— schung übertragen, Bulldozer, riesige Kräne, die große Steinblöcke und Gra- nitwürfel für die mächtige Plattform (...) nach oben heben(...). Tahlreiche Arbeiter sind bei den Erdarbeiten und bei der Grundlegung der Fundamente eingeset?zt“ berichtete die Auschwit?- Uberlebende Odette Elina(1910— 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1991), die das Bauwerk als ein„Sank- tuarium“ bezeichnete(Informations- bulletin des ILAK, Nr. 6, Juni 1966, S. 1). Die Bauarbeiten am seit 1957 ge— planten kolossalen Monument dauer- ten von Sommer 1965 bis Frühling 1967 und wurden von polnischen Behörden kontrolliert. Das Zentral- Denkmal wurde am 16.4. 1967 von dem polnischen Ministerpräsidenten, ehe-— maligen Auschwit?-Hãäftling und einem der KLeiter der internationalen Lager- Widerstandsbewegung„Kampfgruppe Auschwit?“, Joef Cyrankiewicz(1911 1989), enthüllt. In seiner Ansprache wurden jüdische Opfer nicht explizit genannt:„An dem Ort, wo ungefähr vier Millionen Menschen, Männer, Frauen und Kinder aus Polen und aus anderen Ländern Buropas von den Nazis auf eine planmäßige und organi- sierte Weise ermordet wurden, enthül- len wir heute ein Denkmal. Das Denk- mal von Auschwitz. Somit erfüllen wir den Willen unseres Volkes und den al- ler Võlker Furopas, um das Gedenken der hier ermordeten Opfer zu verewi- gen.“ S0 war auch von den„für die Fx- termination des polnischen Volkes be- stimmten Gaskammern und Kremato- rien“ die Rede:„Diese nazistische To- desmaschine sollte vor allem unser Volk durch ihre Getriebe zichen, ohne auch andere Völker zu schonen“ (IAK Bulletin, Nr. 35, März-Mai 1967, S. 4). Im Schatten des beschlossenen„In- ternationalen Denkmals für die Opfer des Faschismus“, das nicht allein durch internationale Spenden an das IAK fi- nanziert werden konnte und durch eit ne Restfinanzierung der polnischen Regierung gerettet werden musste, entstand die Idee, inoffiziell und ohne Genehmigung nach den Grundmauern von Bunker 2 suchen zu lassen, obwohl der Grabungsort auf dem Museums- gelände und innerhalb der konservato- rischen Schutzzone lag(Beschluss der Abteilung für Bauwesen, Stadtplanung und Architektur des Komitees des Woiwodschaftsheimatrates in Krakau vom 19.4.1962). Im Rahmen eines mutigen Pionier- projekts wurde die Ausgrabung der Grundmauern von Bunker 2 schließ— lich zu einem Grundstein polnisch— deutscher Annäherung und Versöh- nung, die von den Museums-Kustoden SꝰZymanski und Jerzy Adam Brandhu— ber(1897-1981) stark gefördert wurde. Beide Auschwitz-Uberlebenden hatten die Gedenkstätte sowie wissenschaftli- che Abteilungen im Museum aufge- baut, historisch geforscht, lebten bis zu ihrem Tod auf dem Gelände des ehe- maligen Stammlagers Auschwitz und waren auf unterschiedlichen Gebieten Pioniere und ihrer Zeit voraus. Das Angebot, junge Deutsche der Frie— densbewegungs-Organisation Aktion Sühnezeichen Erhaltungsarbeiten in Auschwitz durchführen zu lassen, be- ruhte unter anderem auf ihrer Idee. In Seinem Bericht„Erfahrungen mit den Deutschen“ schreibt Szymanski: „Schon in den ersten Monaten meiner Arbeit war ich verpflichtet, den vielen Besuchern die Geschichte des ehema- ligen Vernichtungslagers zu erklären. Da ich ein wenig Deutsch sprach, führ- te ich auch Deutsche durchs Lager. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 (...) Verschiedene Deutsche traf ich damals. Verschieden waren auch die Erfahrungen. Ich hatte Vorurteile. Ich zweifelte. Manches war mir schwer zu verstehen.(...) Als vor Jahren die er— sten Gruppen der Aktion Sühnezei— chen nach Oswiecim kamen, waren meine Vorurteile schon abgebaut.“ (Rabe, Umkehr in die Zukunft, S. 121). In seinen Frinnerungen schreibt er: „Als ich vor vielen Jahren als ehemali- ger Häftling von dieser Organisation hörte, hat das in mir die Hoffnung ge-— weckt, dass zwischen Deutschen und Polen, aber auch anderen, etwas Neues und Positives passieren könnte. Der Name Sühnezeichen hat manchem Deutschen nicht gefallen. Sühne? frag- ten sie. Aber meiner Meinung nach ist Günter Särchen, Lothar Kreyssig und Wolfgang Globisch, Pfarrer aus Bowallno, am Ausgrabungsort, 2. Au- gust 1968; Foto O ASF das doch ein Weg der Verständigung.“ (Verlier die Hoffnung nicht, S. 84). Versõhnung und Sühne Der von Lothar Kreyssig(1898 1986), Präses der Synode der Evangeli- schen Kirche der Union, im Jahre 1958 verlesene Gründungsaufruf von Aktion Sühnezeichen lautet:„Wir bitten um Frieden. Wir Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg begonnen und damit mehr als andere unmessbares Leiden der Menschheit verschuldet. Deutsche haben in frevlerischem Aufstand gegen Gott Millionen von Juden umgebracht. Wer von uns Uberlebenden das nicht gewollt hat, der hat nicht genug getan, es Zu verhindern. Wir haben vornehm- lich darum noch keinen Frieden, weil zu wenig Versöhnung geschicht.(...) Des zum Zeichen bitten wir die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land et- was Gutes zu tun, ein Porf, eine Sied— lung, eine Kirche, ein Krankenhaus oder was sie sonst Gemeinnüt?Ziges wol- len, als Sühnezeichen ſim Entwurf von 1954 noch„Versöhnungszeichen“ ge- nannt] Zu errichten. Kasst uns mit Polen, Russland und Israel beginnen, denen wir wohl am meisten wehgetan haben. (..) Wir bitten die Regierungen Polens, der UdSSR und Israels, den Dienst,(..) nicht als eine irgendwie beträchtliche Hilfe oder Wiedergutmachung, aber als Bitte um Vergebung und Frieden anzu- nehmen und zu helfen, dass der Dienst zustande kommt.“(Legerer, Iatort: Ver- söhnung, S. 484 f.) Diese Worte öffneten in Polen Her- 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zen und Türen, doch mussten sie erst durch schrittweise Vertrauensbeweise über?eugen, was durch eine sensible Annäherung, den Aufbau von freund- Schaftlichen Beziehungen und mit auf— richtigen selbstlosen Taten nur lang— Sam geschehen konnte. Fin kontinuier- licher freiwilliger Friedensdienst in Auschwit? konnte nur durch langjähri- ge Begegnungen und Pilgerreisen, durch Sommerlager-Arbeitseinsät?e Sowie allmählich wachsende Toleran? und AkZeptan?z vorbereitet werden, was im Spannungsfeld des Kalten Krieges geradezu eine Meisterleistung war. Ermöglicht wurde die deutsch-pol- nische Versöhnungsarbeit maßgeblich durch den katholischen Sozialpädago- gen und Leiter der Arbeitsstelle für pa- Storale Hilfsmittel in Magdeburg, Gün- ter Särchen(1927-2004), der seit 1960 einflussreiche persönliche Kontakte in Polen aufgebaut hatte und bedeutende Fürsprecher fand, darunter Mitglieder im„Klub der katholischen Intelli- gen?z“, Abgeordnete im polnischen Parlament, bedeutende Kirchenvertre- ter und Publizisten, insbesondere den Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla (von 1978-2005 Papst Johannes Paul II.), Iadeus? Mazowiecki, Wladyslaw Bartoszewski, Stanislaw Stomma und Anna Morwaska. Mit ihrer Hilfe ge— lang es, die jungen Deutschen nach Po- len einzuladen. Pine Gruppen-Finreise scheiterte 1964 an DDR-Behörden, so dass ein Jahr später die evangelischen und ka- tholischen Gruppenteilnehmer aus Magdeburg und Umgebung einzeln und getarnt als Fahrrad-Touristen in Polen einreisen mussten. Dieser 14— köpfigen„illegalen“ Pilgergruppe von Aktion Sühnezeichen aus der DDR (ASZ), der auch ein polnischer Pfarrer und ein deutscher Pastor angehörten, Schlossen sich zwei Leipziger Studen- ten an, die Polen mit dem Fahrrad be- reisten. Die Gruppe betete, meditierte, hielt Mahnwachen ab und schwieg mehrere Stunden täglich. Am 29. 7. 1965 erreichten sie Auschwit? und erkundeten schweigend Birkenau. Fi- nen Tag später führte Szymanski die Gruppe durch die Ausstellungen im Museum sowie durch Birkenau. Erst danach eröffnete er ihnen, welche Ar- beit sie erwartete. Am 31.7.1965 wies Direktor Smo- len die Gruppe am Arbeitsort ein und bestimmte die Grabungsstelle, wo er Gebäudefundamente vermutete. Die verantwortungsvolle archäologische Arbeit, die ausschließlich von Laien mit Spaten und Schaufeln durchge-— führt und vom leitenden Konservator des Auschwitz-Museums Tadeus? Ki- nowski(1920-1990) beaufsichtigt wur- de, führte noch am selben Tag zur Ent- deckung der Grundmauern von Bun- ker 2 und brachte in den darauffolgen- den Tagen zahlreiche archäologische Funde Zum Vorschein. Särchen und Kreyssig schrieben in ihrem Bericht:„Die Arbeit, die uns der Direktor und seine Mitarbeiter unter vielen Notwendigkeiten anderer Art gibt, ist sogar eine Auszeichnung(.ñ.) Es gelingt unseren Männern, in vier Tagen die Grundmauerreste zu finden und völlig freizulegen, so dass ein— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35 wandfreie Untersuchungen möglich sind. Gebisse, Kämme, Brillen und an- dere Utensilien der letzten Armut fin- den sich im Schutt. Zuletzt kommt eine bunte Glaskugel zutage, mit der die Kinder im Rinnstein Murmeln' spie-— len.“(Weiß, Lothar Kreyssig, S. 381 f.) Da die Fundstücke nicht aus der 30 m entfernten ehemaligen Müllverbren- nungsgrube stammen konnten, mus— Sten sie im Rahmen von Widerstands- aktivitäten gezielt beim Abriss des Ge- Iink und gent unten Und die Möhe der 1rdecke ekennbat, re ht cie fund 1 —— — und Uberchetung bei Arbeit bexi nn detkh n Fiegrin wölend der Freegun: Mne glatte Mre fundament nach w l tncer Maer Frebegung: Foto uwon Ruc Föriter 1965, O A Ebdr * —— * bãudes vom Sonderkommando bei den Grundmauern platziert worden sein. Sie sollten als Beweise der deutschen Verbrechen an Juden gefunden wer- den und sie wurden ausgerechnet von Deutschen ausgegraben, die davon sichtlich erschüttert waren:„Uber das Grauen des Lagers, über das, was uns angesichts der schrecklichen Spuren der Unmenschlichkeit bewegt, zu schreiben, ist einfach unmöglich.“ (Brief von Konrad Weiß vom 2.8.1965). Drei Grabungs- teilnehmer, Werner Ross, Konrad Weiß und Rudolf Förster, teilten dem Verfas- ser übereinstim- mend mit, dass die genaue Lage der Gebäude-Funda- mente den Mu— Seums-Mitarbeitern nicht bekannt gewe- sen sei.„Dann ha- pen wir als erstes ei- nen Suchgraben in zwei Ausrichtungen Nord-Süd, Ost— West ca. Zwei Spa- ten breit freigelegt, bis wir auf die er— sten Mauerreste der Häuser gestoßen sind. Dann wurden von diesen Schnitt- punkten aus die Grundrisse der Häuser freigelegt.“ (Schreiben von Ru- dolf Förster vom — —— —— 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer VERFAMLSPROZEs DER 1965 HOECMTEN GRUMOMAUERNVON BUMER —— ——* ———— rungen aus. Die Journalistin Anna Morawska bezeich- nete ASZ als„Zei- chen der Hoff— nung“ und berich- tete in ihrem im ka- tholischen Wochen- blatt„Jygodnik Po- wsZechny“ erschie- nenen FsSay„Die Psychologie des Friedens“:„PDie, Grundmauern von Bunker 2 in September 2021, O Andress Kian 30.7.2024). Am 3.8. 1965 waren die Aus- grabungen in Birkenau abgeschlossen. Seither ist der Tatort der ehemaligen Mordstätte für Gedenkstätten-Besu— cher sichtbar. Neben der Witterung ha- ben vor allem Besucher in den letzten Jahr?ehnten zur Veränderung und Zer- störung der Fundamentmauern beige- tragen: Ziegel und Mörtel wurden ent- wendet oder beschädigt, lose Steine an anderer Stelle abgelegt, was zum eil auch von Arbeitern unsachgemäß ge- macht wurde. Padurch hat sich der Zu— stand der Ruine seit 1965 erheblich verschlechtert. Das abgelegene Gelän- de wurde bisher vernachlässigt, eine Restaurierung der Ruinen wäre aber dringend notwendig und anhand foto— grafischer Zeugnisse gut durchzu— führen. Abkehr vom“sorglosen Schweigen' Nach dem für alle Beteiligten be- deutenden Grabungserfolg wurden die jungen Deutschen am 4.8. 1965 nach Krakau eingeladen und tauschten sich mit ihren Gastgebern über ihre Erfah- welche heute im Namen ihres Volkes versuchen, Ver- antwortung auf sich zu nehmen und mit einem Sühnezeichen an den Orten des Verbrechens, in Auschwitz, Ro- goZnica, in Buchenwald neu zu begin- nen, sind wohl ganz einfach Realisten. Auf lange Sicht gesehen, lässt sich nämlich keine Politik— außer einer wahnsinnigen— führen, die nur die ei- genen Rechte und nicht auch die frem- den sieht und diese nicht kennt.(...) Es gibt da Menschen, die scheinen auf— richtig Zzu glauben, dass man über Mei- nungsverschiedenheiten sprechen muss, loyal und im Geiste der Wahrheit beider Seiten.(...) Und die verstanden haben, dass sorgloses Schweigen heute wie vordem eine Schuld ist.“(Weiß, Lothar Kreyssig, S. 383) Der Mut und die Offenheit einzel- ner Visionäre haben die deutsch-polni- sche Verständigung, Friedenspolitik und Gedenkstättenarbeit stark beein- flusst und nicht nur bewirkt, dass über Bunker 2 und dessen grausame Ge- Schichte oder symbolisch über Ausch- wit?„kein Gras mehr wachse“. Keinen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 37 Finfluss hatten sie jedoch auf die Ent- wicklung des Antisemitismus in Polen und auf dessen Folgen für das Ausch- wit? Museum. Vom 14.-29.8. 1966 führ— te eine zweite deutsche ASZ-Gruppe aus der DDR Arbeiten in Birkenau durch. Während Aufräumarbeiten am Krematorium II wurden viele Gegen- stände, unter anderem Brillen, Käm- me, Scheren, Löffel, Münzen und Knöpfe, gefunden. Ab 1967 wurden die Erhaltungsarbeiten durch deutsche Gruppen von Sühnezeichen West (AsF) fortgesetzt, nachdem DDR— Behörden die Versöhnungsaktivitäten untersagt hatten. Verordneter Koope- rationspartner der AsSF wurde der Ver- band der Kãmpfer für Freiheit und De- mokratie(ZBoWiD), der unter dem Vorsit? des polnischen Innenministers und ehemaligen Geheimdienstlers Mieczyslaw Moczar(1913-1986) stand und eine wesentliche Rolle bei der an- tisemitischen Hetze spielte, die in der „März-Kampagne“ 1968 und der Ver- treibung von Juden aus Polen ihren Höhepunkt fand. Moczar soll Anfang der 1960 er Jahre eine Abteilung für Ahnenforschung zur Uberprüfung jü— discher Wurzeln bis in die achte Gene- ration bei Parteifunktionären, Wissen- schaftlern und Offizieren gegründet haben. Präsident des Obersten Rates des ZBoWiD war der Ministerpräsi- dent Polens, Jõ7ef Cyrankiewicz. Die erste ASF-Gruppe hob einen Graben um die Mauern der Gaskam- mer von Krematorium II aus, bei Aus- grabungen am 14.8.1968 wurden von einer weiteren Gruppe in der Gaskam- mer von Krematorium III drei Schutz- gitter der Lüftungsanlage gefunden. Infolge fehlender Sicherheitsvorkeh- rungen stürzte daraufhin eine Wand der Gaskammer ein. Während junge Deutsche die Rui- nen deutscher Massenvernichtungsan- lagen in Birkenau freilegen, säubern und Zu deren Erhalt beitragen sollten, durften jiddisch-sprachige Beweise der Verbrechen wie die Sonderkomman- do-Handschriften seit September 1964 nicht mehr gesucht werden und verrot- teten auf dem Krematoriumsgelände. Offenbar wurden die Ruinen deut- scher Mordarchitektur als erhaltens- werter betrachtet. Nicht einmal eine Fußnote Der kanadische Filmemacher Peter Vronsky schrieb 1989 in seinem Be— richt zu einem geplanten Hilmprojekt über die Bergung einer Handschrift: „Die Schriftrollen haben eine Bedeu- tung, die über ihren Inhalt hinausgeht. (...) Ihr Zweck bestand darin, dass sie von uns gefunden werden sollten.(..) Unsere Generation war das Ziel dieses Werks, und wenn wir diese Dokumente in der Erde verrotten lassen würden, wäre das ein Verrat an diesen Män- nern.(...) Sie hätten laut und drama- tisch vor den Augen der ganzen Welt geborgen werden müssen. Stattdessen bleiben sie nicht einmal eine Fußnote der Geschichte- als ob sie nicht exi- stierten.“(The Auschwitz Scrolls, Pro- duction Evaluation Report, S. 7; VVM, RG P25, File 94) Der Leitsat?„Damit kein Gras darüber wachse..“ galt of-— fensichtlich nicht für alle Bereiche glei- chermaßen. o 38 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das Zweite Gradowski-Manuskript(Teil 2) Zur Uberlieferung und Nachlassverwahrung eines Weltdokumentenerbes Von Andreas Kilian Im ersten Jeil der Uberlieferungs- geschichte(MB 2/2023) eines im Som- mer 1945 auf dem Krematoriums- gelände ausgegrabenen jiddisch-Spra- chigen Manuskripts des Sonderkom- mando-Chronisten Salmen Gradows- ki(1910-1944) wurden die unter— schiedlichen Besitzansprüche von Chaim Zvi Wolnerman und Maurycy Bodner nach dem Kauf der Fundsa- che thematisiert und die bislang ver- breitete Darstellung in Gradowski— Pditionen seit Wolnermans Verõffent- lichung„In Harts Fun Gehenem“(Im Herzen der Hölle) aus dem Jahre 1977 in Frage gestellt. Nach dem Tod aller Beteiligten lässt sich der Wahrheitsge- halt der widersprechenden Aussagen mangels weiterer Zeugen und zuver- lässiger Quellen nicht mehr zweifels- Bodners 1946, Familientafel in der Daueraus- stellung des Jüdischen Zentrums Oswiecim. Fo- to O M. Kilian 2020 frei überprüfen. Da ein Vergleich der verõffentlichten englischen Uberset- zung„Milestones(1939-1949)“ mit dem polnischen Original von Lola Bodners Frinnerung nicht ermöglicht wurde, konnte nicht nachgeprüft wer- den, ob die Ubersetzung zuverlässig ist. Bestehende Unplausibilitäten blei- ben daher klärungsbedürftig. In Gesprächen mit Lola Bodners Tochter Vocheved wurden die Besitz- ansprüche Bodners an diesem Grado- wski-Manuskript jedenfalls vehement verteidigt und die Parstellung in Lola Bodners Memoiren durch die Be— hauptung bekräftigt, dass Vocheved die Geschichte von ihren Hltern sel- ber gehört habe. Der mutmaßliche Käufer Maurycy Bodner hinterließ keine Quellen, die die Darstellung sei- ner Witwe stüt?en könnten. Sie verfas- ste ihre Memoiren erst 1983, kurz nach dem Tod ihres Mannes und sechs Jahre nach Veröffentli- chung von Wolnermans Buch, das sie laut Aussage ihrer Tochter nicht gekannt habe. Die Frage nach den Besitzansprüchen ist möglicherweise verbunden mit dem Verbleib des Originals. Fehlt das Original, könnte es- laienhaft betrachtet- dem Verwahrer nicht Streitig gemacht und zurückgefor- dert werden. An der bisherigen Uberliefe- rungsgeschichte ist nicht nur die Darstellung der Inbesitznahme Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 39 des Zweiten Gradowski-Manuskripts problematisch, das zweifellos als be- deutendes Weltdokumentenerbe ei— nes„Untergrundarchivs des Grau— ens“ im Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau bezeichnet werden kann, sondern auch die Schilderung von Wolnermans Erben über den Verbleib des Originals der jiddischen Hand- Schrift ist fragwürdig. Chaim Wolner- man schreibt in dem von ihm heraus- gegebenen Gradowski-Buch am Ende seines Vorworts, dass„Kopien der Schriften“ Gradowskis in der zentra- len israelischen Holocaust-Gedenk- Stätte vad Vashem lägen und trot? zahlreicher Bemühungen noch nicht verõffentlicht worden wären. Damit wird suggeriert, dass in dem 1953 ge- gründeten, aber erst 1957 für die Gf— fentlichkeit eröffneten Vad Vashem Kopien vom Original angefertigt wor- den seien. Original oder Abschrift Davon gingen auch im Jahre 1982 Brich Kulka und 1990 Nathan Cohen aus, der in seiner Untersuchung der Sonderkommando-Manuskripte „Diaries of the Sonderkommandos in Auschwit?: Coping with Fate and Rea- lity“ in den„Vad Vashem Studies“ von der Mikrofilmkopie des zweiten Gradowski-Manuskripts annahm, dass sie„eine Kopie des Originals“ sei (S. 275). Tatsächlich wurden am 9.5. 1961 lediglich vier von sechs No- tizheften mit Wolnermans Abschriften im Archiv von Vad Vashem unter der Spulen-Nr. MM/I793 mikroverfilmt(es fehlten Heft 2 als Abschrift von Heft 1 Ausschnitt der Abschrift mit Unterschrift Wolnermans(Notizheft 3, S. 83), Foto O M. Kilian 2022 und Heft 4 als auszugsweise Abschrift von Heft 3). Der Iitel des Mikrofilms lautet:„ein Manuskript über das Kon- zentrationslager Auschwit?“, neben „Besondere Bemerkungen“ steht: „Eingereicht von Herrn Haim Woll- kerman ſSic] 4 Notizbücher“. Offenbar blieb es unbemerkt, dass zwei Hefte(S& 6) in der mikrover- filmten Transkription Wolnermans mit seiner Unterschrift enden(S. 101, 211) und am Ende von Heft 6 sogar das Abschlussdatum seiner Transkriptio— nen steht, der 17.1.1946(„15. Shevat 5706˙¹). Aus dem Datum lässt sich schließen, dass Wolnermans im Sep— tember 1945 begonnene Abschrift in Lauf a. d. Pegnit? beendet wurde, wo er in der Villa Knoll(Goethestr. 352) als Beauftragter des Staatskommis- Sars für die Betreuung der Juden in Bayern für den Landkreis Lauf tätig war und von israelitischen Kultusge- meinden ehemals geraubte jüdische Kultgegenstände in Empfang nahm. Ptwa im April 1946 z0g er mit sei- ner Ehefrau ohne amtliche Abmel- dung nach München, wahrscheinlich 40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer in die Rumfordstr. 39. Schließlich ar— beitete er vom 8.7.1946 bis 15.2.1947 in der Villa Möhlstraße 12à(ehemals Himmlers„Dienstwohnung“) als Se— kretär von Rabbiner Samuel Abba Snieg(1878-1970), der Präsident der orthodoxen Rabbiner-Vereinigung (Agudath Harabonim) sowie Leiter des„Zentralkomitees der befreiten Juden“ in der US-amerikanischen Zo- ne war. Hier bekam er von Gradows- kis Onkel aus New Vork ein Foto von Salmen und seiner Frau Sonia zuge- Schickt und am 21.3.1947 von Rabbi Snieg vermittelte gefälschte Papiere für die Finreise nach Palästina(immi- gration certificates) ausgehändigt, die Schr kostspielig waren. Offiziell war Wolnerman seit dem 6.11.1946 in der Münchner Waldfried- hofstr. 4b a gemeldet, zog jedoch Ende Februar 1947„nach unbekannt“ und wurde Zum 14.4. 1 947 polizeilich„nach Palãstina abgemeldet“, wo er im 1939 eröffneten Hadassah-Krankenhaus auf dem Skopusberg in Jerusalem schnell Arbeit als Krankenpfleger fand. Diebstahl oder Verkauf Im April 2001 wurden Aus?züge aus der Wolnerman-Abschrift erstmals in der Revue d'histoire de la Shoah No. 171 auf Französisch publiziert. Parin heißt es unter Berufung auf eine Aus- Ssage von Jetti Wolnerman:„In der Zwischenzeit wurde auf dem Weg nach Palästina das Gepäck, in dem das Originalmanuskript verstaut war, gestohlen. Nur einige wenige Seiten, die aus dem Gesamtpaket entfernt worden wa- ren, konnten zusammen mit der ge- Ssamten Ab- Schrift geret- tet werden.“ (S. 158). In der ersten umfassenden Ubersetzung der Wolner- man-Ab- schrift,„Mu coeur de l'en- fer“, die im Oktober 2001 in Frank— reich herausgegeben wurde, heißt es jedoch nur noch lapidar: In der Zwi- schenzeit ist ein Teil des Originalma- nuskripts in einem Koffer verloren ge- gangen.“(S. 26) In der darauffolgen- den 2002 veröffentlichten italieni- schen Ubersetzung(aus dem Franzö- sischen),„Diario da un crematorio di Muschwitz, 1944“, heißt es sogar: „Während der Reise ging ein Teil des Originals verloren, zusammen mit dem Koffer, in dem es sich befunden hatte.“(S. 27). Während verschiedene Varianten der Erzählung im Umlauf sind, wurden die genauen Umstände nie überliefert oder aufgeklärt, weder der Ort noch der genaue Zeitpunkt des EFreignisses. Gleichwohl wurde versucht, die Angabe zu belegen oder in späteren Varianten die Geschichte weiter aus- zuschmücken:„Diese und andere In- formationen über das Manuskript wurden von seiner Witwe, Jette Wol- nerman, während eines Treffens mit Mr. Chaim Walnerman, Sectetary Agudath Haraboni Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 41 Béatrice Smedley in Jerusalem im Frühjahr 1990 gegeben.“(Diario, S. 45, Fn 50). Auf Nachfrage konnte sich die Jiddisch-Ubersetzerin Smedley am 5. 10.2023 zwar an ein Gespräch, aber weder an ein Patum noch an Details erinnern und auch keine Aufzeich- nungen darüber finden. Das Gespräch sei nicht aufgenommen oder ander- weitig dokumentiert worden; sie ver- wies aber auf Philippe Mesnard, dem Sie seinerzeit geschrieben habe. Der renommierte Literatur-Professor und Fxperte für Sonderkommando-Hand- Schriften Mesnard bestätigte am 10.11.2023, dass die Angaben aus dem „inoffiziellen Interview“ nicht in an- deren Quellen erwähnt würden und die Details nicht mehr überprüft oder geklärt werden könnten. In der zweiten Wolnermanschen „Familienausgabe“, der hebräischen Ubersetzung von Wolnermans Enkel Avichai Zur aus dem Jahre 2012,„In the Heart of Gehenna“, heißt es im Vorwort Zurs: Entsprechend der Aussage seines Sohnes, Jossi Wolner- man[Zurs Onkel, d. Verf.]), kopierte Wolnerman das Manuskript in mehre- re Noti?bücher. Kurz vor seiner EFin- wanderung nach Israel, während sei— ner Abschiedsfeier von seinen Freun- den wurde ihm fast sein gesamter Be- sit?, den er sich Stück für Stück nach dem Krieg angesammelt hatte, gestoh- len. Die Noti?zbücher mit der Ab— Schrift blieben in seinem Besitz, je- doch befand sich unter den gestohle- nen Gegenständen auch so gut wie das gesamte Manuskript.“(S. 21). Jossi Wolnerman fügte am 27.3.2022 in ei— nem persönlichen Gespräch Details hinzu, die er vor Jahrzehnten von sei- ner am 7.2.2000 verstorbenen Mutter Jetti erzählt bekommen habe:„Sie hatten alles gepackt, sie hatten eine Menge Koffer. Sie gingen mit all ihren Freunden auf eine Party, in eine Bar oder s0 etwas. Und als sie nach Hause kamen, sahen sie, dass jemand alle Koffer gestohlen hatte. Sie ließen nur zwei Zurück: einen mit einer Torarolle und einen mit einigen Sachen für die Küche und die Kopien.“ Er bestätigte die Diebstahls-Parstellung, womit die Version, ein Koffer mit dem Manus- kript sei lediglich verloren gegangen, verworfen werden kann. Nicht er- wähnt wurden jedoch das Gradowski- Foto und alle fotografischen und Schriftlichen Zeugnisse von Chaim und Jetti aus der Vorkriegs- und Nachkriegszeit, die aus München mit— gebracht wurden und im Nachlass Wolnerman zu finden sind. Zu Wolnermans Lebzeiten wurde die Behauptung, das Original sei ge- stohlen worden, nicht dokumentiert. Weder in seinem lückenhaften und kur?zen Vorwort im Gradowski-Buch von 1977, das mehr verschweigt als of— fenbart, noch in dem zeitgleich er— schienenen Gedenkbuch„Sefer Osh- pitsin“(Gedenkbuch Oswiecim), das von ihm, Aviezer Burstin und Meir Shimon Geshuri auf Jiddisch heraus- gegeben wurde, ist ein Verlust des Ori- ginals erwähnt. Im„Sefer Oshpitsin“ wurden die beiden Kapitel„An der Schwelle zur Hölle“ und„Im Herzen der Hölle“ auch als Werbung für das Gradowski-Buch abgedruckt und le- 42 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer diglich angemerkt, dass ein Teil von Gradowskis Schriften neben dem Kre- matorium gefunden und von Wolnerman„jetzt pu⸗ bliziert“ worden sei(8. 482). Auch Anfang der 1980er Jahre, als sich der Auschwitz-Uberlebende und Sonderkommando- Historiker Erich Kulka um eine Verbreitung und Ubersetzung von Grado- wskis zweitem Manus- kript bemühte, und der Filmregisseur und Journalist Nathan Gross das von Wolnerman herausgegebene Buch in dem israelischen Magazin Chatam (Nr. 49, 3. 12. 1982) besprach, war die Behauptung eines Diebstahls noch nicht bekannt. Kulka erfuhr von Wol— nermans Suche nach einem Verleger, als er Zwischen 1969 und 1978 in Vad Vashem arbeitete, und stand nach Wolnermans Tod mit dessen Witwe persõnlich in Kontakt. In seinem Arti— kel„Sonderkommando-Manuskript verõffentlicht“ schrieb er nach einem Interview vom 29. 11. 1983:„Laut Frau Jetka Wolnermann, die jetzt in Jerusa- lem lebt, existiert das zweite Manus- kript Gradowskis.“(Die Stimme der Auschwit?-Uberlebenden in Israel, Nr. 26, März 1984, S. 4) Aufgrund des späten Zeitpunkts der Verbreitung und dem Nutzen für die Urheber der Erzählung ist die Diebstahls-Darstellung sehr zu hin- terfragen. Die Tochter Bodners be- zweifelte in einem Gespräch am Kopien von Gradowskis Originalseiten, Dauerausstellung Holocaustmuseum Vad Vashem, Foto O M. Kilian 2022 28.3.2022 den behaupteten Diebstahl: „Er[Chaim Wolnerman, d. Verf] ver- breitet Unsinn. Wer weiß, wer ihm ge- glaubt hat. Vielleicht hat er es für Geld verkauft?“ Der Verbleib des Originals, abgesehen von drei Blät- tern(S beschriebene Seiten), bleibt jenseits aller Spekulationen unbe- kannt. Jossi Wolnerman zufolge seien alle drei Original-Blätter Vad Vashem zu Reproduktions?wecken übergeben worden(wo sie mit den Archivsigna- turen 77621-776273 paginiert wur- den), wovon zwei Blätter sogar vorü- bergehend als Leihgabe überlassen wurden. Allerdings wurden sie von ihm später aus persõönlichen Gründen zurückgeholt und werden aktuell zwi- schen anderen privaten Unterlagen in Klarsichtfolie geschützt aufbewahrt. In der aktuellen Dauer-Ausstel- lung wird seit dem 15.3.2005 des Son- derkommando-Aufstands und dessen Opfer Salmen Gradowski gedacht. Unter den fünf Reproduktionen steht auf einer Informationstafel:„Leihga- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 43 be aus dem Nachlass von Rabbi Chaim Zvi Wolnerman“. Kein sicherer Ort Das dritte Blatt wurde Rabbi Benni Kalmanson in der Jeshiva Hesder Ot- niel(Beit Va'ad Laorah, Westbankh), also eine Talmudschule für orthodoxe Wehrdienstleistende, übergeben und ist dort hinter Panzerglas ausgestellt. Bodners Tochter reagierte empört: „Der Fhemann meiner Tochter sagte mir: Das sollte nicht in privaten Hän- den sein, sondern in Vad Vashem.(..) Warum muss er es in seinem Haus aufbewahren? Und noch etwas: Otni- el liegt in den besetzten Gebieten. Und es ist kein sicherer Ort, um sie dort auf?ubewahren.“ Chronologisch gesehen wurde die Behauptung des gestohlenen Ori— ginals verbreitet, nachdem 1997 Lola Bodners englische Ubersetzung ihrer Memoiren„Milestones(1939-1949)“ gedruckt war und 1998/1 900 die ersten Ubersetzungs-Verhandlungen mit Jet- ti Wolnerman, der Rechteinhaberin von Chaim Wolnermans Buch, in J-— rusalem stattfanden. Ein Kontakt zwi- schen den Familien Bodner und Wol- nerman ist für die Zeit nach 1945 nicht bekannt. Da das Copyright der Gradowski-Abschrift bei Wolnerman liegt und offiziell seit 1990 angeblich kein vollstãndiges Original vorhanden Sein Soll, mussten alle Lizenzvereinba- rungen mit Jetti Wolnerman und spã- ter mit ihrem Sohn Jossi geführt wer- den. Der private Druck der 300 Fx- emplare von Wolnermans Buch wäre ihrem Sohn zufolge 1977 schr kost— Spielig gewesen und hätte auf das Jahr 2022 umgerechnet etwa 50.000 U8S— Pollar gekostet. Chaim und Jetti Wol— nerman hätten dafür jahrelang Geld gesammelt, ihre Ersparnisse geopfert und Finanzierungshilfen von ihren Kindern erhalten. Es wäre daher nur allzu verständlich, wenn die Familie versucht hätte, die hohen Ausgaben wieder ein?ubringen. Im Entwurf eines Artikels für das Bulletin„Die Stimme“ schrieb Kulka 1982, dass bereits die frühe Suche nach einem Verleger an finanziellen Fragen gescheitert sei:„Soweit ich weiß hat Wollnerman gebeten soll man ihm das Geld zurückzahlen, was er für die Handschrift ausgeben hat. — In der Jeshiva Hesder Otniel ausgestelltes Originalblatt Gradowskis. Foto O M. Kili- an 2022 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das Zweite Se Salmen Gradowskis ſauch Auszüge daraus) in 43 lae von 1977-2022: 1 nMxnnn niettn mn MRnM M M e n W— nnde 2 Zemereitar A E Min Fn ne U i — Kl MRe Ket 2 Pp E 1 ee Sein Ersuchen wurde nicht beantwor- tet. Vielleicht hat er den Preis über- trieben? Oder wurde es eine„Prinzip- Frage“, ich weiß nicht und schäme mich eine Untersuchung zu machen (..).“(VVA, RG P25, File 94, Scan 27, 8. 7) Am 23.1.1982 wurde der Direktor des Staatlichen Auschwitz-Museums, Kazimierz Smolen, von Kulka über Wolnermans Publikation informiert. Anschließende Verhandlungen über eine Ubersetzung und Lizenzausgabe der Wolnerman-BEdition seien laut Kulka an der Finanzierung gescheitert (Ebd., Scan 32, Vermerk vom 11.6.1994). Die Herausgabe des zweiten Ma- nuskripts im Verlag des Auschwitz- Museums wurde daher erst nach Ab- lauf des Urheberrechts in sechs Spra- chen geplant, die Ubersetzungen wur- den zwischen 2013 und 2016 beauf— tragt, aber erst Ende Januar 2018 zeit- gleich veröffentlicht. Gradowskis Werk unterliegt polnischem Urheber- recht, demzufolge dem Urheber kein Figentumsrecht gewährt wird und die Verwertungsrechte 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlöschen. Auch an- dere Herausgeber von neuen Uber— Set?ungen holten seit 2015 keine Ge- nehmigung Wolnermans mehr ein, ob- wohl die Abschrift die Grundlage al- ler Ubersetzungen war. Welchen Weg das Original-Manus- kript letztlich gegangen sein mag und wo auch immer die Krematoriums- Schrift gegenwärtig liegen könnte, än- dert nichts an der Tatsache, dass Chaim Zvi Wolnerman der erste Mitt- ler dieses tragischen Weltdokumen- tenerbes gewesen ist, der die große Spirituelle, literarische und historische Bedeutung und den unschätzbaren Wert erkannt hat. Er erfüllte Grado- wskis let?ten Willen, indem er dessen Schrift mit einem Foto von Gradowski und seiner ermordeten Frau Sonia verõffentlichte. Gradowski sei seinem Verwandten David Sfard zufolge gühender Zionist gewesen, seine Worte hätten„Liebe zu Israel und Liebe zu Zion“ besessen:„Er träumte Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 45 davon, mit seiner ganzen Familie und mit der Familie seiner Frau nach Isra- el Zu gehen.“(In Harts, S. 6 f.) Chaim Wolnerman ist es zu verdanken, dass Gradowskis zweites Manuskript den Weg ins gelobte Land gefunden hat, ob im Original oder als Abschrift bleibt offen. Alle Ubersetzungen der letzten Jahrzehnte beruhen auf Wolnermans Abschrift und auf seiner Erstveröf— fentlichung. Die internationale Ver- breitung ist Jetti und Jossi Wolner- mans großer Unterstüt?ung zu ver- danken. Gradowskis zweites Manus- kript wird daher untrennbar mit der Familie Wolnerman verbunden blei- ben. Die Nachlassverwahrung von Gradowskis Zzweitem Manuskript ist eine große Verantwortung und Bürde, die in Fret? Israel im Spannungsfeld von Politik und Religion steht. Die Originalseiten liegen verstreut in N- rusalem, Otniel und möglicherweise noch an einem dritten unbekannten Ort, der inzwischen seinen Zweck ver- loren haben könnte, nachdem das Werk am 1.1.2015 urheberrechtlich gemeinfrei wurde. Hoffnung auf Wiederentdeckung Wie die Fälle der Wiederentdeckung von zwei Sonderkommando-Hand-— schriften, des Briefs von Herman Strasfogl und des Manuskripts von Lejb Langfus, nahe legen, ist das Auf— tauchen des Originals nicht unwahr- Scheinlich: Strasfogls Brief wurde von Karen Taieb 2018 als Fotokopie im Memorial de la Shoah entdeckt und aus dem Familienbesit? in das Memo- rial-Archiv überführt, Langfus wurde 1973 von Mordechai Giechanower als Verfasser eines anderen Texts identifi- ziert, und die von Ester Mark 1969 il- legal aus Polen mitgenommene und von ihr verwahrte Original-Hand- Schrift erst im Jahre 1990 kurz vor ihrem Tod an das Vad Vashem-Archiv übergeben. Dort wurde die bedeuten- de Quelle nach ihrer Zugänglichma- chung im Online-Katalog der Digital Collections im Jahre 2018 von Profes- Sor Nicholas Chare entdeckt. Die Zusammenführung aller Ori— ginalseiten und ihre Uberantwortung an ein sicheres und geeignetes Archiv könnte einen Heilungsprozess in Gang Setzen, der die Unstimmigkeiten der Nachkriegszeit überwindet, Gradows- kis Werk vorwurfslos wieder vereint, überhaupt erst gründlich wissenschaft- lich untersuchbar macht und das ver- schollene Manuskript der Ungewis- sheit entreißt. Gradowskis Manuskrip- te sind das Einzige, was von ihm aus Auschwitz-Birkenau befreit wurde, in seinen Worten lebt er weiter. Die Schriften sollten nicht reli- quiengleich verstreut bleiben, sondern unter konservatorischen Gesichts- punkten angemessen verwahrt wer- den, um vor Krieg oder vor Zer- störung durch unterschiedliche Ursa- chen geschützt werden zu können, wie es einem kulturellen Erbe der Menschheit zusteht. „Nichts geht wirklich verloren. Es befindet sich nur irgendwo, wo es nicht hingehört.“ Vheodor Fontune(J579— 75065) LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTE FREUNDESKRES DER AMSCHWTAZER E. V. Lagergernescha Kusrnwilz-Freurieskreis cer Mustfrrer eV. Fmihe mmStin-Straße 27 25516 Mürienberg Die Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V. wird fast ausschſießich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert. Der Jahresbeitrag beträgt mindestens 40 EUR für Berufstätige und mindestens 20 Euro für SchülerStudenten, Auszubildende und Arbeitslose. Wir bitten Sie durch lhren Eintritt in die Lagergemeinschaft oder durch eine einmalige Spencde zu heffen, dass der Verein über die ſinanziellen Mittel verfügt, die er dringend benötigt. Beitrittserklärung vorname und Machname Straße Haus-Mr. Postleitzahl und Ort Jel.:(optional) EMail(optional) Geburtsdatum: Optional) lchmöchte Mitglied der l haft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e.V. werden. o Den Jahresbeitrag in Höhe von EUR werde ich per Dauerauftrag bzw. als jähriche Einzeüberweisung(CUnzutreffendes hitte sireichen) auf das folgende Konto überweisen: Sparkasse Oberhessen.[BAM DE 43 5185 0079 0020 0005 03. BC HELADEF1FRl o ſch ermächtige die Lagergemeinschaft bis auf Wderruf, den Jahresbeitrag von EUR von meinern Korto BAM NMame der Bank) einzuziehen. Mit dem Beitritt bestätige ich gleichzeitig mein Einwerständnis mit der Speicherung meiner personenbezogenen Daten gemäß der Datenschutzerklsrung der Lagergemeinschaft Auschwitz(zu finden unter MMagergemeinschaftauschwitz de). Sollten Sie Uber keinen lnteretzugang verfügen, teilen Sie uns dies bitte kurz mit. Wir senden lhnen die Datenschutzerklärung dann auf postalischen Wege zu. Datum: Unterschrift Mitteilungsheft: ch bin damit einverstanden, das Mitteilungsheſt der LGA regelmäßig(i.d. R 1-2 Mal pro Jahr) per Post an meine o.g. Anschrift zu erhaſten.(Wenn nicht zutreffend, bitte streichen.) lnformationen per E-Mail: ch bin damit einwerstanden, dass die Lagergemeinschaſt Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer e V. mir in unregelmäſigen Abständen Informationen zu AktivitätenWeranst gen per E-Mail an meine o.g. 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