LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ- NscrMrz FREUNDESKREIS DER AUSCHWAZER Ausstellungswand in der ehemaligen„Sauna“ in Birkenau mit Familienfotos, die von Häftlingen bei der Deportation als Erinnerung mit ins Lager gebracht wurden. 33. Jahrgang Mitteilungsblatt 2013 Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser leider kõnnen wir noch keine kon- kreten Angaben zu unserer geplanten Veranstaltung zum Holocaust-Ge- denktag nächsten Jahres machen. Sie findet wahrscheinlich in Bad Vilbel Ende Januar/Anfang Februar statt. Wir werden per EMail informieren. Wer noch in den Verteiler aufgenom- men werden möchte, meldet sich bitte über unsere Internetseite www. lagergemeinschaft-auschwitz. de. Der Vorstand der Lagergemein- Schaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer wünscht allen Mitglie- dern, Unterstützern sowie Sympathi- santen hoffentlich friedvolle Weih- nachts- und Adventstage sowie einen guten Start ins Jahr 2014.„ Inhaltsverzeichnis Seite Dank und Bitte um weitere Unterstüt?ung 2 Warum wir uns erinnern 4 Tãter im weißen Kittel namhaft gemacht 7 Zum Tod des NS-Forschers Ernst Klee Auschwitz verstehen 10 Tadeus? Sobolewicz(Auschwit?-Hãftling Nr. 23053) zum unglaublichen Verhalten„normaler“ Menschen Die Wirklichkeit der Orte 13 Bindrũcke einer Studienfahrt-Pin erster Besuch in Auschwit? „Lebensunwert“ 18 Nur knapp der NSEuthanasie entkommen Die Cellistin von Auschwitz 26 Anita Lasker-Wallfisch auf Vortragsreise in Hessen Gutes Dachau, böses Dachau Existen? des vormaligen K?Z wird als Teil der Stadtgeschichte akꝰeptiert Die„Bäckerei“ am anderen Ufer des Sees 33 Das Frauenkon?entrationslager Ravensbrück Die Oberaufseherin Dorothea Bin? 40 werdegang einer Verbrecherin Fine unmissverständliche Warnung 47 Stellungnahme des Internationalen Auschwitz-Komitees Beim Gedenken nicht die Gegenwart ignorieren 48 LAkK beklagt zunehmende Hetze gegen Füchtlinge und Minderheiten vielen Gebůuden in Auschwitz droht der Verfall 49 Uberlebende fordern schnelles Handeln Impressum 49 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 STUDIENFAHRTEN 2014 Termin I: 3. April-9. April 2014 Rundgang im Stammlager Auschwitz Rundgang im Vernichtungslager Birkenau Gesprãche mit Uberlebenden Besuch in Archiv und Kunstsammlung der Gedenkstätte Auschwitz Besuch in Krakau(u. a. chemalige Fabrik von Oskar Schindler) „ Kosten: 600 Euro(Flug, Unterkunft, Verpflegung, Eintritte, Honorare) Ermäßigung bis zu 300(auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler sowie Menschen mit geringem Finkommen) Termin II: 15. Oktober-21. Oktober 2014 Programm wie bei Iermin I jedoch mussten wir die Preise erhöhen(Siehe Artikel Seite 2— 4) Kosten: 750 Euro(Flug, Unterkunft, Verpflegung, Eintritte, Honorare) ermãäßigt: 350 Furo(auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler sowie Menschen mit geringem Finkommen) Auskünfte und Anmeldungen für alle Iermine bei Uwe Hartwig, Mail uwe. fvhartwigGweb. de, Iel.(06002) 938033 Die Studienfahrten sind als Lehrerfortbildung anerkannt als Bildungs- urlaub ist die Anerkennung beantragt. Seit ihrer Gründung hat die Lagergemeinschaft Hunderte von Menschen al- * Altersgruppen zu den authentischen Orten des Võlkermords begleitet und espräche mit Uberlebenden vermittelt. — 5 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Dank und Bitte um weitere Unterstützung Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde, wir richten Ihnen hiermit die Grüße der Uberlebenden der Lager aus, die wir bei den Studienfahrten und anderen Gelegenheiten getroffen haben. Sie bestätigen uns immer wieder, wie wichtig ihnen die langjährige Freundschaft, Zusammenarbeit und Unterstũtzung der Lagergemeinschaft ist. Sie sind sich bewusst, dass dies nur dem Engagement aller Mitglieder und Sympathisanten unseres Freundeskreises in diesem Umfang zu verdanken ist. Das Gleiche hören wir von den Mitgliedern de Gedenkstätte Auschwitz und der Internationalen Jugendbegegnungsstätte. Dank Ihrer Spenden konnten wir wieder eine gan?e Reihe von Projekten verwirklichen bw aut᷑ den Weg bringen. An erster Stelle sind zu nennen die Unterstũtꝰungen für die Organisationen der ehemaligen KZHãftlinge in Warschau, Krakau und Zgor zelec vowie für das Ambulatorium in Krakau, das für ehemaligeHäfltinge nicht nur für medizinische und pflegerische Aufgaben zur Verfügung steht, sondern auch eine wichtige Rolle als sozialer Ireffpunkt spielt. Im Bereich der politischen Bildung sind wir mit Studienfahrten engagiert vowie mit der Vermittlung und Organisation von Uberlebenden als Zeitzeugen in Schulen und anderen õffentlichen Finrichtun- gen. Zu nennen sind auch Vortrags und Gedenkveranstaltungen Sowie Stellun- gnahmen 7u verschiedenen politischen Themen, die Auschwitz und den Nationalso- zialismus betreffen. In den Artikeln in diesem Mitteilungsblatt finden Sie Berichte zu diesen Themenbereichen. Warum wir in diesem Jahr besonders nachdrücklich um Ihre Weihnachtsspende bitten, lesen Sie im folgenden Artikel. Erfreuliche Entwicklungen mit Folgen für unsere Vereinskasse Mehr Studienfahrten, mehr Mitglieder, aber weniger Einnahmen Aus finanzieller Sicht wirkte sich dies jedoch leider negativ auf die Ver- einskasse aus. Da viele der Teilneh- mer noch in der Ausbildung sind, konnten sie nur den reduzierten Be- trag bezahlen. Das schlug sich in ei- nem Defizit bei den bisherigen finan- ziellen Kalkulationen der Fahrten nieder. Deshalb hat der Vorstand be- Das Interesse an unseren Studien- fahrten nach Auschwitz ist erfreuli- cherweise gestiegen, so dass in diesem Jahr neben den üblichen zwei auch ei- ne dritte durchgeführt werden konnte. Zudem hat LGA-Vorsitzender Uwe Hartwig eine weitere Gruppe aus dem Allgäu begleitet und die Vermittlung von Gesprãchspartnern sowie die Or- ganisation der Besichtigungstermine übernommen. Unterstützt wurde zu- dem ein Aufenthalt von Studierenden in der Gedenkstätte des Frauenkon- zentrationslagers Ravensbrück. schlossen, die Preise für die zweite Studienfahrt in 2014 anzuheben- von 600 Euro auf 750 Euro für Vollzahler und von 300 Euro auf 350 Furo für Geringverdiener“.(Pa für die erste Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 4— 6——— ———— im Frühjahr 2014 bereits Anmeldun- gen zu den alten Preisen vorliegen, kommt die Preissteigerung hier noch nicht zum tragen.) Auch bei den Mitgliederzahlen sind trotz einer leichten Steigerung sinkende EFinnahmen zu konstatieren. Denn bei den Neueintritten über- wiegt der Anteil der noch in Ausbil- ng befindlichen Mitglieder, die „hur“ den reduzierten Beitritt bezah- len können. Andere regelmäßige Spenderinnen und Spender aus unse- rem Kreis der Unterstützer und Sym- pathisanten mussten aufgrund ihrer prekärer werdenden Situation auf dem Arbeitsmarkt bzw. bei Rentnern und Pensionären aufgrund von Krankheit oder Heimunterbringung ihre Zahlungen reduzieren oder auch ganz einstellen. Und von den verstor- benen Mitgliedern hat die Mehrzahl die Arbeit der LGA nicht nur mit ihrem vollen Jahresbeitrag, sondern Teilnehmer einer Studienfahrt der LGA beim Rundgang in Birkenau. mit einem darüberhinausgehenden Betrag gefördert, weil sie sich dies lei- sten konnten. Das gleiche trifft auf Sympathisanten zu, die zwar nicht Mitglied der LGA waren, aber trotz- dem regelmäßig gespendet haben. Trotz dieser Entwicklungen wol- len wir, wie in den Vorjahren, auch- künftig rund 12.000 Furo an Uberle- bende der Lager und ihre Organisa- tionen überweisen sowie auch unse- ren Satzungszielen im Bereich poli- tisch-historischen Bildung mit Studi- enfahrten, Zeitzeugengesprächen und öffentlichen Veranstaltungen nachkommen. Deshalb fällt unsere Bitte um eine Weihnachtsspende in diesem Jahr besonders nachdrücklich aus. Ihr finanzieller Beitrag bedeutet auch immer Ihre persönliche Anerken- nung der Schicksale der überlebenden NSVerfolgten. Mit eingeschlossen ist darin auch wie uns die noch Lebenden 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer immer aufs Neue versichern- das Gedenken an ihre ermor- deten Kameradinnen und Ka- meraden. Wir sind sehr froh, dass uns Uberlebende des Holocausts und der Massenmorde aus allen Opfergruppen ihr Vertrauen schenkten und Freundschaft mit uns schlossen. Viele dieser Freunde sind schon gestorben, aber es gibt immer noch welche und wir lernen bei unseren Stu- dienfahrten immer wieder neue Wenn Sie in diesem Fxemplar des Mittei- lungsblattes kein bereits vorgedrucktes Uber- weisungsformular für Ihre Spende vorfinden, hier unsere Bankverbindung: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundes- kreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen (BIZ 518 500 79) Kontonummer 20 000 503 Vielen Dank für Ihre Unterstützung: Bitte schreiben Sie deutlich ihren Namen und Adresse, damit wir Ihnen Spendenbescheinigun- gen für das Finanzamt schicken können. 6 kennen, die erst nun im hohen Alter auch öffentlich über ihr Schicksal sprechen. Insofern unterscheiden sich unsere Studienfahrten von„normalen“ Besuchen in den Gedenkstätten. Der Vorstand der Lagergemein- Schaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer wünscht allen Mitglie- dern, Unterstützern sowie Sympathi- santen hoffentlich friedvolle Weih- nachts- und Adventstage sowie einen guten Start ins Jahr 2014. Warum wir uns erinnern Die Schicksale der Ermordeten und Verfolgten als Verbrechen anerkennen Warum wir uns für die Erinnerung an die Menschheitsverbrechen engagieren, die mit dem Namen Auschwitz“ verbunden sind, hat Ernst Klee in seinem gerade erschie nen Buch„Auschwil?. Täter Gehilfen, Opfer und was aus ilmnen wurde“* v0 vor Augen der Leserinnen und Leser geführt. Ernst Klee, der im Mai dieses Jah- res im Alter von 71 Jahren gestorben ist(iche Nachruf auf 8.722) hat mit wegweisenden Recherchen und Ver- öffentlichungen dazu beigetragen, dass die im Namen Deutschlands be- gangenen Verbrechen nicht dem Ver- gessen anheimfielen. S0 auch in sei- nem letzten Buch, das nun posthum verõffentlicht wurde. Klees letzte biografische Notiz in dieser Neuerscheinung ist einem un- Prnst Klec. Auschwit?. Täter. Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. SFischer- Verlag, Frankfurt/ Main 2013. Dieses„Personenlexikon“80 der Untertitel ist in der in der Buchreihe„Die Zeit des Nationalsoziulismus“ bekannt als„Schwarze Reine“ erschienen. Ernst Klee hat es seinem Freund und langjãhrigen Lektor Walter H. Pehle gewidmet, dem Herausgeber derSchwurzen Reihe“. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Verbrennungsõfen in einer der- wie Ernst Klee anmerkt- verharmlosend als Krematorium bezeichneten Vernichtungsanlagen in Auschwitz. bekannt gebliebenen Opfer vorbehal- ten mit dem Stichwort Mit ZMlon B Nrmorderter“ hat ihn der Autor ans Ende des„Personenlexikcons“ gesetzt. Beim Gang in eine der Gaskammern in Auschwitz-Birkenau wurde dieser nicht näher bekannte jüdische Mann son Leon Cohen, einem der Hãäftlinge 6. Jüdischen Sonderkommandos, ge- fragt:„Glauben Sie, dass die Deut- schen jemals für Uhre Verbrechen hiißen müsen?“ Die Antwort lautete: „Welche naive Frage Sie werden alles unternehmen, um ihre Verbrechen zu vertuschen.“ Gitiert nach G. Greif)** Er sollte Recht behalten. Nur we- nige haben büßen müssen und viel wurde vertuscht. Dass allerdings viele Verbrechen nicht mehr vertuscht werden konnten, ist unteranderem das große Verdienst von Ernst Klee. Seine Publikationen nennen die Täter und würdigen die Opfer. Das ist auch ein Hauptziel unserer Lagergemein- schaft Auschwitz und unseres Freun- deskreises der Auschwitzer. Die Uberlebenden der verschiede- nen Opfergruppen mussten sich nach der Befreiung nur allzu oft in„Ent- schädigungsverfahren“ noch einmal verhöhnen lassen. Ernst Klee bringt dies im Vorwort des neuen Buches ak- zentuiert auf den Punkt, wenn er da- von spricht, wie nach der Niederlage Deutschlands die Träume der KZGe- fangenen und Verfolgten, dass ihre Leiden gewürdigt würden, enttäuscht wurden:„Niemand wollte héren, was ** Gideon Greiff„Wir weinten tränenlos, Augenzeugenberichte des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz. Frankfurt/ Main 1990(Fischer Jaschenbuch 3914) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer E 5 Sie erlebt hatten. Auch von der Mustiz hatten sie Kein Verständnis zu erwar- ren. Die„Gefühllosigkeit gegenüber den Opfern“ macht ein Staatsanwalt deutlich bei der Aussage von Gela Londner, die als Zahntechnikerin beim SS-Arzt Mengele arbeiten mus- ste:„Sie heginnt ihre Aussage mil der Hahrt im plombierten Viehwaggon nach Auschwilz und dem Jod von Sduglingen an der Brust der Mütter weinrend der Hahrt. Der Staatsan walt voppt die durch die Wiedererinnerung erregte Zeugin, vie volle vich auf das rafrechtlich Relevunte beschränken.“ Und Klee fährt fort:, Wer Ausch- wilz zu heschreiben versucht, bewegt Vernichtungslager Birkenau(Auschwitz II) sich an der Grenze der Belastburkeit. Nur Was wir Kaum ertragen, beschrei- hen zu müssen, mussten Menschen am eigenen Leib erfahren Was besonders bedrickt: Viele gingen zugrunde, ohne je gelebt zu haben. Kaum einen der iiberlebte, erfuhr ein annũhernd gutes Leben als Ausgleich veiner Leiden.“ Was wir als Lagergemeinschaft und Freundeskreis getan haben und weiterhin tun können, ist, den Ver folgten zuzuhören und ihre Schick- sale als Verbrechen anzuerkennen im Versprechen, uns verallgemeinernd und pathetisch formuliert« für eine bessere und gerechtere Welt einzuset- Pass dies auch heute in unseren demokratischen Staatsgefügen notwendig ist. zeigt die unmenschliche Flüchtlingspolitik Deutschlands und der Furopãischen Union. S0 werden zum Beispiel den im Mittelmeer während ihrer Uberfahrt von Afrika bei Lampedusa ertrunkenen Menschen von Politikern einerseits Krokodil- stränen nachgeweint, andererseits wird aber betont wird, dass die Regeln bleiben werden, die es europãischen Fischern bei Strafe verbietet, solche Flüchtlinge aus der Todesgefahr zu retten. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Tãter im weißen Kittel namhaft gemacht Zum Tod des NSForschers Ernst Klee Ein Leben lang auf Seiten der Opfer „Die Leiden der Op- fer übersteigen das Vor- stellungsvermögen.“ So sümierte einst ein Mün- chner Richter, der über grausame Medizinversu- che im Konzentrationsla- ger Dachau zu urteilen hatte. Sein Mitgefühl für diese Opfer hat den NS- Forscher Ernst Klee ein Leben lang darin be- stärkt, die Täter solcher Verbrechen ausfindig zu machen und öffentlich an?zuprangern. Bis zulet?zt hat er in seinen Büchern tausende Schuldige unerschrocken benannt. Am 18. Mai dieses Jahres ist Ernst Klee im Mlter von 71 Jahren in Frankfurt am Main gestorben. Ich lernte ihn im Oktober 1973 Kennen, als er den Kurs„Bewdltigung der Umwelt“ an der Frankfurter Volkshochschule leitete. Engagierte Bchinderte und Nichtbehinderte ka- men darin zusammen, um gemeinsam für den Abbau von baulichen Barrie- ren sowie von Vorurteilen zu kämp- fen. Diese Gruppe machte alsbald mit spektakulären Aktionen von sich re- den. BRollstuhlfahrer blockierten Straßenbahnschienen aus Protest ge- gen die Unzugänglichkeit öffentlicher Verkehrsmittel für Behinderte. Wir konstruierten eine Rampe vor der Ernst Klee(1942- 2013) Frankfurter Hauptpost, da diese offenbar nicht in der Lage war, selbst für einen behindertenge- rechten Fingang zu sor- gen. Und wir schockier- ten lokale Politiker mit dem ironischen Ange- bot, sie könnten sich bei uns gan? billig einen „Behinderten zum Fest“ ausleihen, um kurz vor Weihnachten ihr soziales Image aufzubessern. — Aus diesem Kurs haben sich le- benslange Freundschaften entwickelt. 8so auch zwischen mir und Ernst Klee Sowie seiner Frau Elke, langjährige Pfarrerin in Frankfurt-Rödelheim. Ernst, dessen Zielstrebigkeit und Ideenreichtum ich immer bewundert habe, war damals- nach einem Studi- um der Theologie und Sozialpãdogo- gik als freier Journalist für verschie- dene Rundfunkanstalten und„Die Zeit“ tätig. Seine Themen: Strafgefan- gene, Obdachlose, Gastarbeiter, psy- chisch Kranke, Behinderte und ande- re Benachteiligte. Sein„Behinderten- Report“ aus dem Jahre 1974 wurde zum Standardwerk über, wie es auf der Umschlagseite heißt,„die Proble- me der größten Randgruppe in unse- rer Gesellschaft: mindestens sechs Millionen körperlich und geistig Be- hinderte, die sich gegen ihre Existenz Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer als Büger zweiter Klasse nicht zur Wehr setzen kön- Sein Engagement für Be- hinderte brachte Ernst Klee dazu, sich intensiv mit dem Schicksal dieser Menschen während der NS-Zeit zu be- fassen. 1983 erschien sein Buch„'Euthanasie' im N— Sraat. Die Vernichtung e- hensunwerten Lebens““. Hier wies er erstmals die Be- teiligung namhafter Arzte an der Massenermordung von Behinderten sowie am Judenmord im DPritten Reich nach. Von hier verla- gerten sich seine Forschun- gen dann ganz auf die Medi- zinverbrechen der NS-Arz- te. Akribische Recherchen —. 5 in deutschen und ausländi- schen Archiven förderten Ernst Klee bei einer Vortrags- und Diskussions- immer neues Material zuta- veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwitz ge über entsetzliche Experi- in Bad Nauheim. mente, die damals im Na- men medizinischer Forschung an wehrlosen KZHäftlingen vorgenom- men wurden. Das 1997 erschienene Buch „Aischwitz, die N Medizin und ihre Opfer“ benennt mehr als 1.000 Täter sowie deren einstige Auftraggeber- die Deutsche Forschungsgemein- schaft, die Pharmaindustrie, die 88 und vor allem die Wehrmacht. Für diese Dokumentation wurde Ernst Klee im selben Jahr mit dem renom- mierten Geschwister-Scholl-Preis ge- chrt. Weitere bedeutende Auszeich- nungen sind die Goethe-Plakette dech Stadt Frankfurt am Main(2001) so— wie die Wilhelm-Leuschner-Medaille (2007). Und die Westfälische Schule für Körperbehinderte in Mettingen benannte sich 2005 ihm zu PEhren in Ernst-Klee-Schule um. Darüber hat er sich ganz besonders gefreut, wie er mir einmal sagte. Ernst forschte unermüdlich wei— ter. Er konnte es einfach nicht ertra- gen, dass die Täter im weißen kKittel nach dem Krieg als Biedermänner weiterlebten, häufig Karriere mach- . Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 ten und hohes Ansechen genossen für ihr medizinisches Fachwissen, das sie sich in den Konzentrationslagern der NS-Zeit erworben hatten. Die Opfer hingegen waren vielfach eines qual- vollen Todes gestorben. Die wenigen, die überlebt hatten, waren zeit ihres Lebens von grässlichen Wunden ent- stellt- körperlich und zumeist auch elisch verstümmelt. Viele erhielten . eine Entschädigung, während ihre Peiniger gewöhnlich einen hohen Le- bensstandard genießen konnten. Die- se Ungerechtigkeiten aufzudecken und immer wieder anzuprangern, wurde Ernst Klee zur Lebensaufgabe, von der er niemals abrückte. Er produzierte auch Fernsehfilme und ging auf zahlreiche Vortragsrei- sen, um seine Recherchen publik zu machen. So war er auch mehrfach Gastredner bei Veranstaltungen der Lagergemeinschaft Auschwitz und unserem Verein schr verbunden. Bei einem dieser Auftritte wurde er ein- mal gefragt, wie er es denn bloß aus- halten könne, sich ständig mit solch auenhaften Verbrechen zu befas- den. Seine Antwort war, dass er sehr wohl darunter leide, doch dies sei nichts im Vergleich zu den Qualen, die die Opfer seinerzeit erlitten hät- ten. Historiker über die NSZeit haben die Arbeitsweise von Ernst Klee oft als„unwissenschaftlich“ kritisiert. Sie warfen ihm vor, mitunter zu voreilige Schlüsse gezogen und seine Quellen nicht ausreichend offen gelegt zu ha- ben, etwa in Fußnoten. Ernst hielt dem entgegen, dass er noch nie von einem benannten Täter bezichungs- weise dessen Familie verklagt worden sei, auch wenn man ihm dies ständig angedroht habe. Dies allein spricht wohl schon für die Präzision seiner Forschungen. Er wollte auch gar kein Wissenschaftler im klassischen Sinne sein, sondern arbeitete stets wie ein investigativer Journalist. Manchmal beschaffte er sich sein Archivmaterial unter abenteuerlichen Umständen. Seinen Freunden erzählte er mitunter lustige Anekdoten, wie er Akten hat- te mitgehen lassen. In solchen Mo- menten konnte er herzlich lachen, was ihm als Ausgleich für seine be- drückende Arbeit sichtlich gut tat. Zum Tod von Ernst Klee nach ei- nem langen Krebsleiden war in einem Internet-Blog zu lesen, man könne nur hoffen, dass er im Sterben nicht allzu viel habe leiden müssen, nach- dem er doch im Leben schon so viel gelitten habe. Dies war ihm nicht ver- gönnt. Doch trotz großer Schmerzen hat er immer noch an seinem letzten Buch gearbeitet und es auch noch fer- tig gestellt.„Auschwitz. Täten Gehil- ſen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Peronenlexikon“ erschien rund fünf Monate nach seinem Tod zur Frankfurter Buchmesse. Es ist das letzte Vermächtnis eines unermüdli- chen Forschers und unbeirrbaren An- walts der Opfer, dem die Lagerge- meinschaft Auschwitz stets ein ehren- des Andenken bewahren wird. Ich selbst bin schr dankbar dafür, dass ich ihn zu meinen guten Freunden zählen durfte. Annedore Smith 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Auschwitz verstehen Dieses unglaubliche Verhalten normaler“ Menschen Von Tadeusz Sobolewicz(Häftlingsnummer 23053) Kann man Auschwitz überhaupt verstehen- das Lager, in dem das größte Morden aller Zeiten von Menschen an Menschen verübt wurde? Auschwitz und Bir- kenau zZu verstehen, bedeutet, die immense Vielfalt und Komplexitãt des Bösen zu begreifen, dem die Hãftlinge hier ausgesetzt waren. Man kann keinesfalls be- greifen oder verstehen, was in Auschwitz passierte, wenn man nur für ein paar Stun- den wãhrend einer Führung das Gelãnde besichtigt, das eigentlich ein riesiger Fried- hof ist- durchtränkt vom Blut der zum Tode gequäl- ten und verbrannten Men- Schen. Vielleicht ist die eige- ne Vorstellungskraft gerade noch im Stande, uns die Wahrheit über dieses unvorstellbare Ausmaß des Verbrechens näher zu brin- gen. Es erfordert jedoch eine tiefgrün- dige Analyse, ernsthafte Studien und viel Geduld, um Auschwitz auch nur annãhernd echt verstehen zu können. Um Auschwitz zu verstehen und uns nãher zu bringen, darf man das Verhal- ten der SS-Leute nicht außer Acht las- sen. Warum beteiligten sich so viele Menschen aus einem christlichen Volk- häufig aus der mittleren, wenn nicht gar einer hõheren gesellschaftlichen Schicht stammende deutsche Nationalsoziali- sten— an solchen Verbrechen oder ak- Zeptierten sie zumindest? Neben Angestellten und Handwer- kern waren direkt oder indirekt auch Wissenschaftler, Professoren und Fachärzte in die Verbrechen involviert. Dieses unglaubliche Verhalten ganz Tadeusz Sobolewicz „normaler“ Menschen is nur zu erklären mit einem blinden Glauben an eine wahnsinnige Ideologie und an die„Notwendigkeit“ der konsequenten Umsetzung der Nazi-Propaganda zum Wohle der deutschen Nati- on. Die krankhafte Akzep- tan? der pathologischen Idee des„Führers“ war eine der Ursache des späteren Holocaust. Nach der Machtübernahme vergif- tete Hitler sein eigenes Volk mit seiner populistischen Propaganda und der Vi- sion eines mãchtigen Deutschlands so- wie mit dem Hass auf Juden, Polen und andere so genannte Untermenschen. Das Volk wurde auf die kritiklose Aus führung von Befehlen und Aufforde- rungen der von der HitlerIdeologie faszinierten NSFunktionäre und S8— Nazis eingeschworen. Da Hitler die Unterstũtzung seines Volkes gewon- nen hatte, konnte er ganz beliebige Ziele realisieren. Die Nazis rechneten auch mit mate- riellen Vorteilen, als sie die Bewohner der jüdischen Ghettos eliminierten. Dies allein belegt schon den morali- schen Niedergang eines Großteils der Nation, in der einst Kant, Hegel, Kepp- ler. Koch oder Finstein lebten und wirk- 0 . Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 ten- in der Goethe, Schiller, Bach, Mann, Beethoven, Mozart, Wagner und andere weltberühmte Werke schufen. Dies zeugt von der Kraft eines organi- sierten Angst-Apparats, aber auch von seiner betörenden und anzichenden Kraft. Die Aufschrift„Gott mit uns“ auf den Gürteln der Wehrmacht und nicht nur dort erlaubt uns, Auschwitz zumin- 6 ein bißschen zu verstehen. Die SSMänner, die die„Schmutzar- beit“ erledigten, indem sie die„Endlö- sung der Judenfrage“ realisierten, hat- ten aber auch ganz einfach Angst. Hãtten sie die Ausführung von Befehlen verweigert, wãren sie an die Ostfront ge- schickt worden. Davor hatten sie die größte Angst. Und gleichzeitig wussten sie, dass andere ihren Platz einnehmen würden und sich im Lager nichts ãndern würde. Die heutige Rechtfertigung des Verhaltens von SS-Leuten mit dem Argument, sie hätten aus einer höheren Notwendigkeit oder unter Befehlsdruck gchandelt, geht jedoch an der Wahrheit vorbei. Viele wollten sich an der Aufnahme von Hãftlingen an der Rampe in Bir- nau ganz bewusst beteiligen, weil sie sich dabei bereichern konnten. Manche haben auch paktiert mit den Hãftlingen, die fürs Sortieren und Lagern der hãufig wertvollen persõnlichen Gegenstände von vergasten Opfern zustãndig waren. Nach dem Krieg wurden von den rund 9.000 SSMännern aus der Beleg- Schaft von Auschwitz-Birkenau nur et- wa 700 zur Verantwortung gezogen. Und was geschah mit den anderen? Es gab leider nur wenige Leute in Auschwitz, die trotz des Jerrors genü- gend Mut hatten, den Häftlingen zu hel- fen. Man muss hier Maria Stromberger eine Krankenschwester aus dem 88- Revier- nennen sowie auch Hans Münch oder den Kapo Otto Küsel. Manche haben versucht, zumindest annähernd„menschlich“ zu sein. Die- jenigen, die sich offen den unmensch- lichen Befehlen widersetzten, wurden früher oder später an die Ostfront geschickt oder haben sich selbst in einem Konzentrationslager wiederge- funden. Dies ist ein weiteres Thema, das tiefgründige Studien und Analysen er- fordert. War Auschwitz möglich? In der Tat! Durch die Akzeptanz der Nazi-Ideolo- gie in der deutschen Gesellschaft und die systematische Schulung von Legio- nen gehorsamer, jeden Befehl blind ausführender Nazis wurden Auschwitz und die anderen Konzentrationslager möglich. Ein eil des deutschen Volkes konn- te nicht über den Ausmaß der Verbre- chen Bescheid wissen. Vertrauensträger von Gestapo und Sð sowie von anderen Nazi-Organisationen haben in jener Zeit die Fakten des Völkermordes be- wusst verheimlicht oder verharmlost. Nach dem verlorenen Krieg, nach den Nürnberger Prozessen sowie einigen ProZessen gegen einzelne Verbrecher musste die Wahrheit aber alle erreichen und überzeugen vor allem jene, die sich nicht direkt beteiligten, sondern„nur“ versuchten, die Nachrichten über die Liquidierung der Feinde des„III. Rei- ches“ nicht zur Kenntnis zu nehmen. Nicht alle Henker wurden vor Ge- richt gestellt, aber die Geschichte erin- nert bis heute an den Jatbestand des un- menschlichen Völkermordes. Die Wahrheit über Auschwit? bleibt als Warnung für die Menschheit dieser Welt 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer bestehen. Die in den Massenmedien Deutschlands, aber auch in anderen Ländern verbreiteten lũgenhaften und verzerrten Informationen über Ausch- wit? müssen bekämpft und abgewiesen werden. Auschwitz sollte man zuerst besu- chen und erst dann darüber schreiben. Jegliche fiktiven Abhandlungen scha- den nur und vergiften neue Generatio- nen junger Menschen. Zum Glück aber bleibt die von Zeitzeugen verfasste um- fangreiche Erinnerungsliteratur für im- mer eine Quelle der Wahrheit über Aus- chwitz dem Sarg der Menschheit des 20. Jahrhunderts. Trot? umfangreicher Anstrengungen ist es den Nazis nicht gelungen, alle Beweise und Spuren des Verbrechens Zu verwischen. Alle Taten, die in Auschwitz von deutschen Nazis begangen wurden, sind schr komplex und unbegreiflich. Die nachfolgenden Generationen stellen oft die Frage, wie s0 etwas im 20. Jahrhun- dert passieren konnte. Um Auschwitz zu verstehen, muss man sich die wahre Situation der dort eingesperrten tausen- den Häftlinge vorstellen. Man muss DAs BOSE, das dort stattfand, verste- hen und das ist mit dem Verstand eines normalen Menschen kaum zu erfassen. Im Menschen gab es und gibt es ein Blement DRS BOSFN, irgendeinen unkontrollierten und unnatürlichen In- stinkt. Und es wird ihn auch immer ge- ben. Das vor nicht alku langer Zeit ver- übte Attentat eines norwegischen Wahnsinnigen, der viele ihm unbekann- te unschuldige Menschen umbrachte, ist ein Signal und die Bestãtigung der The- se, dass in einem Menschen neben dem Guten auch ein Reflex DES BOSEN existiert. Vor diesem Hintergrund kann man Auschwitz vielleicht etwas leichter verstehen. WEIT LIEGT IN DEFN HANDEN DER MEHNSCHEN, UND NUR VON IHNEN HANGT ES AB, WIE DIESE WELI IN DER ZUKUNFT AUSSE- HEFNWIRD 6 s der Hölle euric Von der Wkür des Vberlebens im 3 Kon zentrations- — lager“ — Fischer-Taschen- — buch, 11,95 Buro Hier schildert Tadeusz Sobolewicz ebenso sachlich wie bewegend den „Alltag“ der Lager und die ständige Gratwanderung zwischen Leben und Lod. Als 17Jähriger wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet. begann seine Odyssee durch die Konzentrationslager Auschwitz, Bu- chenwald und Flossenbürg sowie die Außenlager Leipzig, Mülsen und Regensburg. Durch eine Viekahl von Zufãlllen überlebt er. Nach dem Krieg wurde er Schauspieler und spielte an vielen Bühnen seines Landes. In den letzten Jahrzehnten kehrte er immer wieder zu den verschiedenen Stãtten seiner Odyssce zurück, um dort mit N ugendlichen über seine Erfahrungen zu sprechen mit ihnen über die Ge- Schehnisse von einst und die Wirkun- gen bis heute zu diskutieren. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Die Wirklichkeit der Orte Eindrücke einer Studienfahrt: Ein erster Besuch in Auschwitz Mein Name ist Sara Huppertz und ich bin 25 Jahre alt. Ich bin im Frühjahr mit der Lagergemeinschaft Auschwitz nach Oswiecim gereist. Durch mein Jahrelanges Interesse an der Thematik des zweiten Weltkrieges, insbesondere des Holocaust, habe ich mich endlich dazu entschlossen, Auschwitz-Birkenau zu besuchen und bin im Internet auf die Lagergemeinschaft und ihr Angebot gestoßen. 5 Finige Jahre hatte ich mit mir gerungen, ob ich das überhaupt schaffen kann, durch diese Lager zu gehen, mit der Frage im Hinterkopf, wie es mich verãndern wird. Aber irgendwann war der Drang so groß, dass ich es wa- gen musste, und die Lagerge- meinschaft bot mir einen gut organisierten Rahmen dafür! An dem Jag, an dem ich das erste Mal durch das Stammlager gehen sollte, war mir schr mulmig zumute. Es ist etwas Anderes über diese Dinge und diesen Ort zu le- sen. Auch Bilder oder Doku- mentationen zu schen reicht nicht an heran, was man fühlt, wenn man wirklich an diesem Ort steht. Es ist et- was, dem man sich nicht entziehen kann. Man muss davon betroffen wer- den! Zu meiner großen Uberraschung und auch Enttãuschung ist das Stamm- lager sehr überlaufen. Es kommen Bus- ladungen von Jouristen an, die auf das Gelãnde strõmen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Auf der einen Seite ist es schön, dass soviel Aufklärung betrie- ben wird und Interesse besteht, aber auf der anderen Seite bleibt dadurch das Gedenken etwas auf der Strecke. Zum Glück hat unser Guide Jacek Lech es verstanden, die Menschen- mengen zu umschiffen und einfühlsam uns Raum und Zeit lassend über den Ort und seine Schrecken zu berichten! Dadurch war die Unruhe nicht allge- genwärtig. Eine universelle Sprache Das Stammlager ist sehr beein- druckend! Das brauche ich sicher nicht zu betonen. Allein Block 10 und Block 11 und der dazwischen liegende Hof mit der schwarzen Mauer, an der so viele Menschen erschossen und davor gefol- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer tert wurden, ist so ergreifend, dass ei- nem schlecht wird, wenn man da steht. Es ist das Gefiihl, das so ergreifend ist! Im Hintergrund hat man all diese In- formationen, die Gesichter und Ge- schichten. Man hat das Grauen vor Au- gen und kann im Geiste das Leiden schen, aber dieses Gefiihl, das geht 80 tief, dass man es sich nicht anlesen kann. Es ist etwas Subtiles an diesen Orten, etwas Einfaches, das einen erreichen muss! Das macht diese Orte aus! Es ist fast So, als würden sie zu einem spre- chen und über dieses Leid erzählen, in einer Sprache, die man nicht sprechen, die man nur fühlen kann. Sie ist univer- sell und deshalb so bedeutend! Aber noch beeindruckender und erschreckender war Birkenau. Auf dem Gelände waren, als wir dort waren, viel weniger Besucher anzutreffen als im Stammlager. Dies verwunderte mich, denn gerade hier waren Vernichtung und Entmenschlichungan der Tages- ordnung und gerade hier bekam Mas- senmord und Leid eine ganz neue und überdimensionale Bedeutung. Hier muss man sich aber, im Gegensatz zum Stammlager, vieles vorstellen, weil nicht mehr viel Lagergebäude und An- lagen erhalten sind. In Birkenau, das Vernichtungslager schlechthin, sind so viele Menschen getötet worden, dass es unvorstellbar ist. Zahlen wirken steril und kalt. Ich le- se sie, aber ich kann sie nicht nachvoll- zichen b?w. ganz erfassen, deshalb sind Bücher wie das„Jagebuch der Anne Frank“ und auch von Uberlebenden so enorm wichtig, denn Finzelschicksale erlauben uns das Ausmaß zu erkennen, das dieser Wahnsinn hatte. Und es war Größenwahnsinn, das merkt man schon an den Ausmaßen dieses Lagers. Es ist unglaublich, wie riesig es ist, wie groß die Krematorien waren, wie viele Baracken dort standen, und dass das Lager erweitert worden wäre, weil man immer weiter und weiter morden wollte! Und wenn man dann vor den schwarzen Seen steht, in denen die Asche der Ermordeten liegt, oder vor dem„weißen Häuschen“, auf dessen an- grenzender Wiese große Scheiterhaufe errichtet worden waren, dann nabe sich diese Zahlen und diese vielen Men- Schen so tief in das Innerste ein, dass sie einen benommen machen. Sie bleiben ungreifbar, aber umso erschreckender, wenn man sich das Leben jeden Einzel- nen vor Augen führen mõchte. Unvorstellbar, aber trot?dem real und klar Beeindruckend war auch die„Zentral- Sauna“, in der die neuen Hãäftlinge zu einer Nummer entmenschlicht wurden. Es ist ein erdrückendes Gefühl durch diese Räume und so Schritt für Schritt den Weg nachzugehen, den sie gegan- gen sind: von einem Menschen, der ge- fangenen genommen und seines Le- bens beraubt wurde, bis hin zu dem Raum, wo diese Menschen nur noch ei ne Nummer waren ohne Zukunft, denn wenn sie nicht unter den katastropha- len Bedingungen im Lager starben, dann in den riesigen Gaskammern. Dann steht man am Ende dieser Sauna in einem Raum, in dem Wände mit, in einem Koffer gefundenen, Fotos aufgestellt wurden, um den Opfern ih- re Namen wieder zu geben, zumindest jenen, von denen man weiß und von de- nen Bilder gefunden wurden dann raubt es einem den Atem und die Spra- che! Es geht über das Vorstellungsver- mõgen hinaus, aber es ist gleichzeitig so Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Es gab ein Leben vor der Vernichtung: Ausstellungswand in der ehemaligen„Sauna“ in Birkenau mit Familienfotos, die von Hãftlingen bei der Deportation als Erinnerung mit ins Lager gebracht wurden und die im Unterschied zu ihren Besitzern vor der Vernich- tung bewahrt werden konnten. real und glasklar, weil es emotional s0 indringlich und aufrüttelnd ist. Gerade dieser Raum und diese Pro- Zedur, durch die die Hãftlinge mussten, ist in seinem gesamten Ausmaß nur fühlbar. Man kann lesen, man kann se- hen, aber man muss durch diese Räu- me gehen, in diesem Lager, mit diesem Wissen und diesem Gefühl, dass dieser Ort zu einem spricht, diesem Gefühl, diese Stationen im Geiste gegangen zu sein mit der Vorstellung, was sie bedeu- tet haben. Dann begreift man, was das für eine Katastrophe gewesen ist, und warum die Nazis es so gemacht haben. Sie wollten diese Menschen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln entmenschlichen und demütigen, ihr ei- genes Selbstwertgefühl steigern und sich profilieren. Aber vor allen Dingen konnten sie sich so vormachen, dass es ja keine Menschen mehr waren, son- dern bestenfalls„Untermenschen“, die sie da ermordeten. Persõnliche Fragen Was mich aber wãhrend der Besuche in den Lagern auch beschäftigt hat, war die Frage, wie hãtte ich mich verhalten. Wer wãre ich gewesen, wenn ich in die- ser Zeit mit diesen Dingen konfrontiert gewesen wäre? Auf welcher Seite hätte 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Blick vom Torgebäude in Birkenau auf das Innere des Lagers. ich gestanden, wenn ich nicht eines der Opfer gewesen wãre? Wãre ich ein Mit- tãter geworden? Hãätte der Krieg auch in mir das Schlechteste hervor ge- bracht? Hätte ich mich gewehrt und Widerstand geleistet? Diese Fragen sind nicht zu beantworten, aber es las- sen sich zumindest Annäherungen an eine Antwort finden und diese Annãhe- rungen sind mir im Stammlager bewus- st geworden. Mir wurde klar, dass der Grad zwi- schen Opfer und Täter ein schmaler ist und war, und dass es im Endeffekt nur eine Verkettung von Zufällen oder Er- eignissen ist, die einen auf die eine oder andere Seite bringen konnten und brachten. Und dann? Wie viel Mut hat man dann? Denn es geht in diesem Mo- ment auch um das eigene Leben und das Leben der Angehörigen. Das, was die Opfer durchlebt ha- ben, macht sie nicht automatisch zu besseren Menschen. Ich glaube sogar, dass wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten- wie die Kapos eine andere Rolle einzunchmen, hätten sie diese auch genutzt. Der Wille zu Uberleben ist manchmal stärker, als die Reue des Gewissens. Dennoch ist es der pure Wahnsinn was Menschen anderen Menschen an tun können, egal, wie die Umstände und Rahmenbedingungen auch immer sein mögen, ob gezwungen oder nicht, ob das Uberleben auf dem Spiel steht oder nicht. Täter ohne Schuldbewusstsein So moralisch gefestigt man auch zu sein scheint, im Endeffekt wird man vor Entscheidungen gestellt, deren Aus- maß man vielleicht manchmal erst im Nachhinein erkennt. Aber eine direkte Beteiligung an den Massenmorden, die kann man nicht einmal vor sich selbst Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 leugnen und ich werde nie verstehen können, wie all die Menschen, die dar- an beteiligt waren und nicht zur Re- chenschaft gezogen wurden, ein friedli- ches und unbehelligtes Leben führen konnten, ohne sich, in den meisten Fãl- len, einer Schuld bewusst zu sein. Die Herzlichkeit der Uberlebenden nd auch wenn man, wie ich, zu der Beneration gehört, die nicht an all dem beteiligt gewesen ist, so hat man doch eine Verantwortung diesen Dingen ge- genüber. Und das hat mich unter An- derem auch das Zeitzeugengespräch in der Ambulanz in Krakau gelehrt. Jene Menschen, die da vor uns saßen, hatten das Furchtbarste erlebt, und dennoch saßen sie dort und erzählten davon, mit einer solchen Offenheit und Herzlich- keit, dass es überwältigend war. Aber genau hier liegt die Verantwortung un- serer Generation, denn wenn es die Zeitzeugen nicht mehr gibt, müssen wir an ihrer Stelle das Gedenken auf- recht erhalten und die Wahrheit be- wahren. Und sollte so etwas in irgend- einer Form noch einmal passieren,- und es ist nicht gesagt, dass es das nicht tut dann müssen wir aus dem, was wir geschen haben, die Verantwortung zie- hen, auf der richtigen Seite zu stehen, denn dann haben wir es in der Hand und kõnnen es besser machen als jene betroffenen Generationen vor uns! Dann wird sich zeigen, was all das Ge- schene und Erlebte aus uns und mit uns gemacht hat. Sara Huppertz Jacek Lech, Guide des Museums Auschwitz, erläutert an einer Karte, aus welchen Län- dern Europas Häftlinge ins Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Lebensunwert“ Als erbkrank“ stigmatisiert und nur knapp der NSEuthansie entkommen Gedenkveranstaltung in Bad Vilbel Am 27. Januar 1945, wurde das Vernich- tungslager Auschwitz Birkenau von der Roten Armee befreit. Dieses Jahresdatum ist seit 1996 ein gesetzlich verankerter Gedenktag, an dem allen Opfergruppen des Nationalsozialismus Ehre bezeugt wird. Ende Januar 2013 standen bei einer Gedenkveranstaltung der Lagerge- meinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer die Menschen im Mittelpunk, de- nen wegen ihrer psychischen Erkrankung bzw. wegen einer als„erbkrank? zugewiesenen Stigmatisierung das Recht auf Leben ab- gesprochen wurde. Mitveranstalter am 31. Januar im Kulturzentrum Alte Mühle in Bad Vilbel waren das Kulturamt der Stadt und der õrtliche Geschichtsverein. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm„Lebensunwert“, in dem am Beispiel des authentischen Schicksals von Paul Brune die Geschichte der Psychiatrie im Prit- ten Reich nachgezeichnet wird. Humanistische Werte wurden durch rassenideolo- gische Vorstellungen völlig verdrängt. Die menschenverachtende Behandlung der Patienten in der Anstaltspsychiatrie geriet geradezu zu einem Dogma. Was 1934 mit massenhaften Zwangssterilisationen begann, endete ab dem Jahr 1939 für mehre- re hunderttausend Menschen mit der Ermordung im Sinne der„Rassenhygiene“ und der„Vernichtung unwerten Lebens“, der so genannten„Futhanasie“. Paul Brune überlebte, obwohl man ihn 1943 als Achtjährigen in die Provin- zialheilanstalt Dortmund-Aplerbeck, eine der Tötungsstationen der„Kindereut- hanasie“, eingewiesen hatte. Seine vom Fhemann misshandelte Mutter hatte ver- sucht sich zu tõten und war in die Psychiatrie eingeliefert worden. Sohn Paul wurd „Srerbte Geisteskrankheit“ unterstellt. Nach Ende des NS-Regimes wurde Paul Brune weiterhin jahrelang in der Psy- chiatrie festgehalten. An den strukturellen Verhältnissen wurde wenig geändert, Misshandlungen der Patienten blieben an der Jagesordnung. Erst 1957 wurde die Entmündigung von Paul Brune gerichtlich aufgehoben. Er studierte, legte das Staatsexamen ab und wollte Lehrer werden. Doch weiterhin verfolgte ihn das Stig- ma, ein Irrer“ zu sein. Gutachter, die ihre im Dritten Reich begonnenen Karrie- ren in der Bundesrepublik fortsetzen konnten, verweigerten ihm von Amts wegen die Ausũbung des gewünschten Berufes. Erst 2003, nach fünf Petitionen, wird Paul Brune als Verfolgter des Nationalsozialismus anerkannt. Paul Brune In den folgenden beiden Beiträgen lesen Sie die Rede, mit der ILGAVorsit- zender Uwe Hartwig bei der Veranstaltung am 31. Januar ins Thema einführte, So- wie eine Zusammenfassung des Films und der anschließenden Diskussion mit Regisseur Norbert Krieg. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Zu den Opfergruppen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zählten ne- ben„Nicht-Arieren“ wie Juden, Roma und slawische Völker auch körperlich und geistig behinderte Menschen unabhängig von ihrer- rassistisch zugeordneten- Herkunft. Das Recht auf Leben wurde allen aberkannt, die psychisch erkrankten b?w. als„erbkrank? angesehen und stigmatisiert wurden. 300.000 Frauen, Männer und Kinder wurden so gewaltsam zu Tode gebracht. Sie wurden vergast, zu Tode gespritzt, durch Uberdosierung von Medikamenten ermordet, einfach dem Hun- gertod überlassen oder nach dem Prinzip„Vernichtung durch Arbeit“ ausgelöscht. Die Täter und ihre Helfershelfer waren beileibe nicht nur SS-Männer, sondern Arzte, Pflege und Aufsichtspersonal sowie normale Verwaltungsbeamte. * Der Krieg nach außen wurde flankiert von der Vernichtung von Menschen im Innern Finführungsrede zur Gedenkveranstaltung in Bad Vilbel Wir sind heute Abend hier zur Er- strigen 30. Januar. Denn gestern vor innerung an den 27. Januar 1945, 80 Jahren wurde die Macht in den lag der Befreiung der Konzen- Deutschland an die Nationalsoziali- trationslager Auschwitz/Birkenau/ sten übergeben. Die ab dem Augen- Monowit?z durch die Truppen der Union der sozialistischen Sowſetre- publiken. Dieser Tag ist- auf Be— schluss der UNO weltweit der Holo- caust-Gedenktag. Genau so gut hat unsere Veranstaltung Bezug zum ge- Regisseur Robert Krieg(inks) hatte nach der Film- blick sich organisierende Diktatur hatte als Hauptziel eine rassistische Vernichtungspolitik: »Die Versklavung der Völker Ost- europas- Die Vernichtung der Juden- Die Ermordung der Sinti und Roma- Die planvolle Ermordung Bchinderter und kranker Menschen und solcher die die Nazis willkürlich dazu machten und ihre Sterilisie- rung bereits am 1934 „ Das EFinsperren und die Vernichtung durch Ar- beit all derjenigen, die von den Nationalsozialisten als Gegner und Feinde des ras- sistisch definierten deut- schen Volkskörpers angese- hen wurden. vorführung viele Fragen aus dem Publikum zu beant- worten. Uwe Hartwig von der Lagergemeinschaft Auschwitz moderierte das Gespräch. Heute werden wir einen Film sehen und mit seinem 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Autor darüber sprechen, der über ei- nen Menschen berichtet, der als an- geblich erbkrankes Kind in einer An- stalt eingesperrt und in eine Tötungs- anstalt für Kinder verbracht wurde, die er überlebte. Im Rahmen der frei- heitlich demokratischen Grundord- nung der Bundesrepublik fortge- schriebene nazi-ärztliche Gutachten, raubten Paul Brune über das Kriegs- ende hinaus die Freiheit. Bis 1956 musste er weiter in Anstalten zubrin- gen, durfte danach seinen erlernten Beruf nicht ausüben und wurde erst vor zehn Jahren als Opfer des natio- nalsozialistischen Unrechtsstaates an- erkannt-70 Jahre nach der national- SOialistischen Machtergreifung. Das an Paul Brune verübte Ver- brechen wirkte bis in unsere Tage nach wie so viele der NS-Verbre- chen: »Der lange Kampf um Entschädi- gung der Zwangsarbeiter »Die lange Verfolgung der Sinti und Roma nach 1945(„Zigeunerkar- teien“,„Zigeunerforscher“ im Frank- furter Gesundheitsamt) „Das Verweigern der Rehabilitie- rung von Wehrmachtsdeserteuren »Die ewig verzögerte Rehabilitie- rung von Opfern der NSJustiz „ Das immer wiederkehrende Anzweifeln der Legitimität von Wi- derstand- vom Staatsstreich bis zur Sabotage und sog. Hochverrat »Das jahrelange Anzweifeln der Legitimität der Nürnberger Prozesse „Die in dieser Woche nachzule- sende Verschleppung der Restitution geraubter und zu Unrecht angeeigne- ter Kunstwerke und Vermõgenswerte. Je länger die Zeit nach dem Ende des Faschismus- desto detailreicher wird das Wort von Bert Brecht belegt: Der Schoß ist fruchtbur noch, aus dem das Kroch. Zum heutigen Thema: Reichsleiter Bouhler und Dy med. Brandt sind unter Verantwortung heauſftragt die Befugnisse namentlic zu bestimmender Arzte s0 zu erwei- lern, dass nach menschlichem Ermes- Sen unheilbar Kranken bei Kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustan- des der Gnadentod gewährt werden Kann. Mit diesem Satz auf einem Kopf- bogen der„Kanzlei des Führers“, von Hitler unterschrieben, wurde die „Futhanasie“ in Gang gesetzt. Die Vorbereitungen waren schon lange vorher gelaufen. So die Koordination mit dem Innenministerium. Datiert wurde das erst im späten September 1939 verfasste Schreiben auf den Mo- natsanfang, den 1. September 1939 den Kriegsbeginn. Der Krieg nach außen wurde flankiert von der Ver- nichtung von Menschen im Innern ſ Diese Gleichschaltung war nicht nur ideologisch„Symbolisch- das Hitler- Schreiben war geheim. Diese Gleich- schaltung war auch materiell prak- tisch. Sehr früh nach Kriegsbeginn wurde deutlich, dass man Lazarette brauchte. Die Vernichtung von Men- schen in psychiatrischen Anstalten begann im Osten des Reiches- nahe der Front. Tiergartenstraße 4 Schon vor dem 1. September 1939 war mit der„Kindereuthanasie“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Gut besucht von Menschen unterschiedlicher Generationen war die Veranstaltung im Bad Vilbeler Kulturzentrum Alte Mühle. begonnen worden: Am 18.08.1939 verhängte ein Erlass für Arzte und Hebammen die Meldepflicht behin- derter oder seit Geburt kranker Kin- der unter drei Jahren. Damit erfasste man alle Kinder, die bei ihren Eltern lebten. Für Kinder in Heimen und ältere Kinder griff deren Erfassung im Rahmen der Aktion I4. Ein sog. Reichsausschuss zur wis- nschaftlichen Erfassung von erb— nd anlagebedingten Schweren Leiden entschied über die Ermordung der Kinder oder ihr zunächst weiteres Leben in Anstalten. Drei Arzte ent- schieden durch ein Kreuz(mit Rot- stift) oder ein Minus-Zeichen auf dem Erfassungsbogen über das Schicksal der Kinder, die sie nie gese- hen hatten. Der Wissenschaftler unter ihnen-Prof. Catel- war spãter in der Bundesrepublik wieder Professor für Kinderheilkunde in Kiel. Insgesamt 5000 Kinder fielen die- ser Mordaktion zum Opfer. Gemor- det wurde in bestimmten psychiatri- schen Anstalten oder Landeskran- kenhäusern: Die Jarnbezeichnung für den Kindermord war„Kinderfachab- teilung“ in die die Mädchen und Jun- gen überwiesen wurden. Sie starben durch überdosierte Schlaf- und Beru- higungsmittel und durch Verhungern. Kuminal war ein solches Medika- ment. Die Körper der toten Kinder- vor allem ihre Gehirne- wurden Uni- versitäten und Forschungseinrichtun- gen zur Verfügung gestellt. Teilweise auf Bestellung. Zu Forschungs- zwecken mussten auch Kinder ster- ben, um an ihre Organe zu kommen. Paul Brune war schon in eine der nach bisherigem Forschungsstand- 31 Pinrichtungen mit„Kinderfach- abteilungen“ eingeliefert. Er konnte überleben. Die Ermordung erwachsener Menschen mit Behinderungen, schweren Krankheiten oder mit ihnen 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer von Arzten angedichteten Erbkrank- heiten wurde organisiert in einer zen- tralen Stelle in Berlin. Ihre Postan- schrift Niergartenstraße 4 gab ihr den Jarnnamen T4(u. a. Alkoholkranke, auf der Straße lebende Menschen, notorisch Straffällige konnten unter das Verdikt fallen). Für diese Aktion wurden im Oktober 1930 Meldebögen an alle Anstalten verschickt. Insgesamt 40 Gutachter werteten in Berlin die Bögen aus. Jeweils drei Gutachter entschieden über das Sterben eines Menschen mit einem Kreuz mit Rot- stift in einem dafür vorgesehenen Feld. In der Reichskanzlei war im Oktober 1939 entschieden worden, dass der Massenmord an Behinderten und Kranken mit Kohlenmonoxyd vollzogen werden sollte. In sechs Anstalten im Gebiet des deutschen Reiches wurde dazu jeweils eine Gaskammer gebaut. In Hessen war Hadamar der Ort des Massenmordes. Jede der Mordaktio- nen wurde von einem Arzt beobach- tet. Auch in den Mordanstalten für Kranke und Behinderte wurde diesen gemeinsames Duschen vorgegaukelt. Noch heute kann man die Gaskam- mer in Hadamar besichtigen und eine sehr schenswerte Ausstellung zum Thema. Am 21. 08. 1941 ordnete Hitler in ei- nem Gespräch das Ende der Aktion 14 an. Die Massenmorde ließen sich nicht geheim halten. Die schwarze Rauch- fahne über Hadamar und ihre Ursache kannten die Einwohner der Stadt. In der Gegend um Hadamar hatte man damals Kinderspiele beobachtet: du Commst nach Hadamar in Ofen. Freilich war der Mord an Behin- derten und Kranken 1941 mit Hitlers Anordnung nicht zu Ende. Still- schweigend wurde er von vielen Arz- ten weiter durchgeführt.(„wilde Eut- hanasie“,„Stille Euthanasie“„regio- nalisierte Futhanasie“) Auch der Kindermord. Und vor allem: Inzwi- schen standen die Vernichtungslager im eroberten Polen bereit: Belzec Majdanek, Sobibor, Ireblinka und Auschwitz. Etliche der durch den Abbruch der Organisation T 4 nicht mehr benötigten Arbeitskräfte wur- den in diese Lager versetzt. Beson- ders eindrucksvoll: der Leiter der Tötungsanstalt Brandenburg und später der von Berneburg, Irmfried Ebel, wurde Kommandant von Heb- linka. Opfer der vom nationalsozialisti- schen Staat organisierten Massen- tötung Behinderter und Kranker und vom NSStaat zu solchen gemachten waren 12.000 behinderte Menschen aus Anstalten. Von 1940 bis 1941 wurden im Rahmen der Aktion T4 70.000 Menschen mit Gas ermordet. Darunter 4 200 Kinder. Insgesamt wa ren 300 000 Menschen Opfer der Eut- hanasie: Vernichtung durch Arbeit, Verhungern, Morden durch Spritzen, Uberdosierung von Medikamenten waren die Mordmittel. Tãter und Bei- helfer waren Arzte, Pflegpersonal, Verwaltungsbeamte, die Totenscheine nach Datum, Todesursache, Todes- zeitpunkt und ausstellendem Beam- ten fälschten. Zudem SSMänner in den Lagern. Im SS-Offizierscorps der Lager waren ebenfalls viele Arzte. Uwe Hartwig Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 „Ballastexistenzen und unnütze Esser“ EFhemalige NS-Gutachter bestimmen auch in der BRD, wer in der Psychiatrie festgehalten und der Freiheit beraubt blieb Für Bad Vilbel seien vier Personen bekannt, die im Zuge der NS-Euthanasie- Morde ihr Leben verloren, berichtete Claus-Günther Kunzmann, Leiter des Kulturfachbereichs der Stadt Bad Vilbel und Vorsitzender des Geschichtsver- eins, bei der Gedenkveranstaltung am 31. Januar 2013. Wenn die noch absch- ließenden Recherchen zu deren Schicksal vorliegen, sollen mit der Verlegung on„Stolpersteinen? in der Stadt auch diese NS-Opfer geehrt werden. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung im Bad Vilbeler Kulturzen- trum Alte Mühle durch den Gitarristen Georg Crostewitz und den Saxofonisten Daniel Guggenheim. Sie spielten einfühlsam Jazz und Swingstücke, die in der Nazi-Zeit als„entartete Kunst“ verboten waren. Darunter das heute gänzlich unverdãchtige„Sentimental Journey“. In ihrem rund 45minütigen Film „Lebensunwert“ haben Robert Krieg JN und Monika Nolte am Schicksal von Paul Brune beispielhaft die Geschichte der Psychiatrie im Dritten Reich nach-— gezeichnet. 1943, als Paul acht Jahre alt ist, versuchte seine vom FEhemann misshandelte Mutter sich und ihre Kin- der umzubringen. Sie wird in die Psy- chiatrie eingewiesen. und Sohn Paul wird„ererbte Geisteskrankheit“ un- terstellt. Er wird ins Waisenhaus einge- 6n und einige Jahre spãter in eine er Tötungsanstalten. „Ausmerze durch Hunger und Ar- beit“ lautete dort das Programm, dem viele der Kinder zum Opfer fielen. Wer Sein Arbeitspensum nicht erfüllte, dem Der Film„Lebensunwert. Pau Brune. wurde das Brot entzogen. Hinzu kam NS-Psychiatrie und ihre Folgen“ ist als die Kälte, denn für Minderwertige“ DVD erhältlich und kann für 15 Furo plus Portokosten über die Internetseite von Robert Krieg und Monika Nolte (wWww. krieg-nolte.de) bestellt werden. „Ballastexistenzen“ und„unnütze Esser“ wurde nicht geheizt. Auch Paul Brune wurde 8o gecemütigt und ge PDer DvD ist ein Rexleitheft heigelelt quãlt, geschlagen und„therapiert? mit- unter anderem mit Empfehlungen von tels Zwangsjacke, Kaltwasserbädern Medien zum Thema„Futhansie“ für die und Unterwasserfolter. Von Kindern, Bildungsarbeit Sowie Hinweisen auf In- die dabei ertranken, hieß es im ternetforumg und didaktische Mappen. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Der Kinderfriedhof des St. Johannes-Stift Marsberg. In dieser Anstalt wurde Paul Brune lange Jahre veines Lebens festgehalten und überlebte nur durch viele Zufälle. Nach Seiner Entlassung 1957 dauerte es Jahrzehnte bis Paul Brune den Kinderfriedhof besu- chen konnte, wie er in einem Beitrag in dem Buch„Lebensunwert?“ Giehe Seite2s) Schil- derte. Der Kinderfriedhof ist für ihn ein Ort,„der pars pro toto für alle Menschheits- verbrechen dieser Zeit steht“. dem Paul einmal gelingt, aus der geschlosse- nen Anstalt zu fliehen, schläft er in ei- nem Vichunterstand. Am Morgen wird Anstaltsjargon, dass sie „Seemannstod“ erlegen seien. Die friedvolle Kuh Mit viel Glück überlebte Paul Brune diese Torturen. Nach Ende des NSRe- gimes wurde er jedoch weiterhin auf- grund seiner„Krankengeschichte“ in der Psychiatrie festgehalten. Wenn auch nicht mehr die Ermordung droh- te, So hatten sich doch bis in die 1970er Jahre die Methoden der„Unter- bringung“ und„Therapierung“ mit Zwangsjacken nicht geändert.“ Als es er von einer Kuh geweckt, die ihn mit der Schaunze anstubste:„ Es war das eyste Mal dass mich eine Kreauur fried- voll nach dem Aufwachen begrüßte“, kommentiert er im Film diese Erinne- rung. Er wird etwas spãter entdeckt und zurũck in die Anstalt gebracht. Nach der Entlassnung Erst 1957 wurde Paul Brunes Ent- mündigung gerichtlich aufgehoben. „Auch im Nachkriegsdeutschland sowie in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepu- plik blieben die Menschen in den Psychiatrien der Willkür des Anstaltspersonals ausgeliefert. Die Versorgung der Kranken und vermeintlich Kranken war gekenn zeichnet von einer„erschreckenden Mischung aus ungebrochenen ideologischen Mu- slern der NZeit, enmazifierungsbedingter Larmoyunz und fehlender Empathie“, wie der Historiker Franz- Werner Kersting erläutert. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Er studierte, legte das Staatsexamen ab und wollte Lehrer werden. Doch die„Irrenhaus-Akte“ aus der NS- Zeit holte ihn erneut ein. Er musste per Gericht gegen„wissenschaftli- che“ Gutachter, die ihre im Dritten Reich begonnenen Karrieren in der Bundesrepublik fortsetzen konnten, sein Referendariat einklagen. Ob- ohl er alle Examina mit hervorra- Lenden Beurteilungen bestand, konn- te er den erwünschten Beruf nicht ausüben. Die„Lehrerschwemme“ galt als„offizieller Ablehnungs- grund“ für eine Einstellung, berichte- te Robert Krieg bei der sich an die Filmvorfühgung anschließenden Dis- kussion. Unter anderem als Leiter von Philosophie-Kursen an der Volks- hochschule verdiente sich Paul Brune seinen Lebensunterhalt. Entgegen der Ankündigung konn- te der heute 78Jährige bei den Veran- staltungen in Bad Vilbel nicht dabei sein.„Er fühlt sich aufgrund seiner an- gegriffenen Gesundheit derzeit nicht in der Lage dazu“, berichtete Robert Krieg. Der Dokumentarfilmer konnte ch dann über mangelnde Diskussi- onsbereitschaft nicht beklagen. Schwierige Dreharbeiten Bereits am Vormittag hatte der Re- gisseur auf Vermittlung der Lagerge- meinschaft Auschwitz den Film im Bad Vilbeler Georg-Büchner-Gym- nasium gezeigt. Danach stand er zweieinhalb Stunden bei regen Nach- fragen den sSchülerinnen und Schülern Rede und Antwort und am Abend in der Alten Mühle fiel dieser Jeil der Veranstaltung auch nicht kür- zer aus. Unter anderem berichtete Robert Krieg über einige Bedingungen bei der Produktion von„Lebensunwert“. So besichtigte das Regie-Ieam mit Paul Brune vor Drehbeginn ein Jahr lang die Orte, die Stationen seines Lebens- und Leidensweges waren, um überhaupt gegenseitiges Vertrau- en aufzubauen. Trot?dem unterlief den Filmleuten dann ein folgen- reicher Fehler: Das Schlimmste als Erstes, habe sich das Regie- Ieam ge- dacht, und die Tötungsanstalt, in der Brune dem Tod am nächsten war, für den ersten Drehtag ausgesucht. Paul Brune verkraftete dies nicht und ver- weigerte sich. Erst nach einem halben Jahr und unter Vermittlung eines Mediators konnten die Dreharbeiten wieder aufgenommen werden. Hans Hirschmann Freuodestrels vaul Wull Mg.) Lebensunwert? paul Wult und paul Brune N.psychiauie Zwangssterilsierung und Wderstand Beiträge zum Thema„Psychiatrie im Nationalsozialismus“ sind in dem 2007 im Verlag Graswurzelrevolution er- schienenen Band„Lehensunwertꝰ Paul Wulf und Paul Brune. NPsychiatrie, Zwungssterilisation und Widerstund“ zu finden. Das 202 Seiten starke Buch kostet 14.90 Furo. Es enthält Beiträge unter anderem von Paul Brune, Robert Krieg und Monika Nolte sowie dem Historiker Franz-Werner Kersting. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Cellistin von Auschwitz Anita Lasker-Wallfisch auf Vortragsreise in Hessen Als junge Frau überlebte sie Auschwitz und Bergen-Belsen. Vor dem SSArzt Mengele musste sie in Auschwitz die„Hräumereien“ von Schumann spielen. Nach ihrer Befreiung spielte sie in den Konzerthäusern der Welt, unter anderem mit Benjamin Britten und Daniel Barenboim. Anita Lasker-Wallfisch war die Cellistin im sogenannten Frauenorchester von Auschwitz. Ihr Jalent half ihr zu überleben. Sie überlebte das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wohin man sie als Jüdin verschleppt hatte, damit sie dort ermordet würde. Sie überlebte deng Transport nach Bergen-Belsen und wurde dort befreit. Anita Lasker- Wallfisch hat in ihrem Buch„Ihr sollt die Wahrheit erben“ erzählt, was in Auschwitz war. Auf Finladung der Lagergemeinschaft Auschwitz war sie im Mai dieses Jahres auf Vortragsreise in Hessen. In drei Schulen(Bad Vilbel, Butzbach und Herborn) be- richtete sie vor Jugendlichen und diskutierte mit ihnen. Unterstützt wurde ihre Vortragsreise von der Ernst Ludwig Chambré-Stiftung in Lich und die Abendveranstal- tung am 8. Mai(dem Jahres- tag der Kapitulation des Deutschen Reiches und damit dem Ende des 2. Welt- krieges in Europa,) von der Stadt Butzbach(Wetterau- kreis). Im dortigen Bürger- haus berichtete sie vor meh- reren hundert Zuhörern ũber ihr Schicksal und das ih- rer Familie und beantvorteteg anschließend Fragen aus dem Publikum. Der Re- porter der Wetterauer Zei- tung(Ausgabe vom 11. Mai 2013) beendete seinen Be- richt mit den Sãtzen:, Als die Lesung und die Fragerunde zu Ende sind, Stehen die Men- chen auß Klatschen. Kaum einer geht voſfort nach Halise, einige lassen sich das Buch Signieren und viele Kommen Die 13 jährige Anita Lasker. Das Foto wurde 1938 in„ 4 Berlin aufgenommen. Aus: Anitu Lasker- Wallhiscl. Ihr 75 Gesprãch über diesen volt die Wahrheit erben. Rowohlt,(11. Aufl. 2011) Kostharen Abend.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Tag der Befreiung Bemerkungen zur angeblich ungerechtfertigten Siegerjusti? Bevor Anita Lasker Wallfisch in Bulbach ihren beeindruckenden Vortrug hielt Slellte L GA-Voritzender Uwe Hartwig in einer Kurzen Einleitung Klan wurum der s. Mai vor 66 Jahren zwur die Niederluge Deuschlands besiegelte, aber für die Menschen eine Beßreiung wun Heute ist der 8. Mai. Zum 68. Mal hrt sich der Tag an dem der deutsche Staat aufhörte zu existieren. Deutsch- land war von der Nazidiktatur befreit. Dieser Staat hatte entschieden, dass bestimmte Menschen nicht mehr sein sollten: Juden, Sinti und Roma, Kran- ke und Behinderte. Sie waren Volks- feinde oder Gemeinschaftsfremde- auch wenn sie und auch ihre Vorfah- ren in Deutschland geboren waren. Wenn wir sagen würden, dass der 8. Mai 1945 kein Tag der Befreiung Deutschlands sei, dann würden wir diese Menschen wiederum aussch- ließen und deren Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung leugnen. Selbstverständlich wurden die Lager und Anstalten von den Alliierten teil- weise Wochen und Monate vor dem geutigen Datum befreit. Die Befrei- 6 für alle war aber am heutigen Iag. Im Augenblick liest man die Mel- dungen von dem SS-Mann, der erst jetzt als Verdãchtiger gefunden wurde. Diese Bundesrepublik hat nie ver- sucht, gesetzliche Grundlagen dafür zu schaffen, dass die Massenmorde des nationalsozialistischen Staates auch juristisch umfassend verfolgt wurden. Den Mlliierten war es mit den Grund- lagen für die Nürnberger Prozesse ge- lungen, ein den Nazi-Verbrechen an- gemessenes Verfahren bereitzustellen. Die Bundesrepublik tat sich sogar schwer, die Verjãhrung für solche Ver- Anita Lasker-Walffisch auf dem Podium im Bürgerhaus Butzbach am 8. Mai 2013. brechen aufzuheben. Alte Nazis rissen gegen die Aufhebung der Verjährungs- frist im Bundestag und außerhalb ihr Maul auf. Junge Studenten wurden ir- ritiert mit Fachaufsätzen, die die Legi- timität der Nürnberger Prozesse hin und her wogen. In den Köpfen der Proseminaristen überwog die Haltung, die Legitimation der Nürnberger Pro- zesse anzuzweifeln. Der negativ kon- notierte Begriff der Siegerjustiz mach- te ungestraft die Runde. Die antisemi- tischen und rassistischen Grundlagen der NS- Ideologie geistern noch heute durch die Kõpfe und die Diskussionen in unserem Land. Frau Lasker-Wallfisch wird uns be- richten, was damals in Deutschland geschah und vor allem was den Juden geschah. Wir danken Ihnen für Ihren Besuch. Uwe Hartwig 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Träumereien“ für Mengele Die Hoffnungen der Anita Lasker- Wallfisch Es ist nicht graue Vorzeit, wovon die 88 jährige Anita Lasker- Wallfisch er- zählt, es ist ihr eigenes Leben. Und sie macht sich keine Illusionen„Menschen lernen selten aus der Geschichte und die Geschichte des Nazi-Regimes bildet keine Ausnahme“, beginnt sie ihre Aus- führungen.„Aber“, so fährt sie fort, „man muss sich fragen, warum der oft- mals geforderte Schlusstrich nach so vie- len Jahren nicht gezogen wurde.“ Viel- mehr das Interesse„an diesem spezifi- Schen Völkermord“ zugenommen habe. Dass dies so ist, ist nicht zuletzt auch das Verdienst von Anita Lasker- Wallfisch, die auch im hohen Alter noch erzäãhlt, was ihr, ihrer Familie und den Millionen von Leidensgenossen angetan wurde. Sie berichtet,„wie es damals war als Jude in Deutschland“. Als plötzlich Menschen verschwanden und vormals gute Nachbarn, dabei nichts Verwerfliches fanden, das„arie- sierte“ Habgut günstig zu erwerben. Medikamente für die Oma Sie erinnert sich, wie ihre Eltern de- portiert wurden und wie sie bald dar- auf als 17 Jährige ihre 82 jährige Großmutter zum Sammelplatz für den Abtransport brachte und ihr ein Säckchen mit Medikamenten um den Hals hängte. Sie weiß noch genau, wie sie selbst einige Wochen später in Auschwit? angekommen, nackt und mit abrasierten Haaren dastehend, ei- ne Nummer auf den Arm tãtowiert be- kam. Dagegen wisse sie nicht mehr, „was mich unter diesen Bedingungen dazu brachte, Cello zu spielen“. Als Mitglied im Orchester von Auschwitz war sie privilegiert:„Ich war ein VI. P“ Aber:„Ich war das einzige Cello, wäre ein zweites da gewesen, hätte es schon anders ausgesehen.“ So kam es, dass sie dem berüchtig- ten SS-Arzt Josef Mengele,„der wie ein normaler Mensch aussah“, unter anderem die„Iräumereien“ von Schu- mann vorspielte.„Dass so ein Mann wusste, dass es s0 etwas Schönes gibt“, das bezeichnet Anita auch heute noch als verrückt“. Das zweite Leben Als schließlich die britische Armee 1945 in das K?Z Bergen-Belsen ein- rückte-„einem sonnigen 15. April um 4 Uhr nachmittags“, s0 Lasker Wall- fischs genaue Frinnerung- war auch sie wieder frei. Sie war 19 Jahre alt,„aber ich fühlte mich wie 90.“ Von da an gehörte sie zu den„displaced persons“, den Menschen,„die die Welt in Verle- genheit brachten“, wie sie der Reporter der Wetterauer Zeitung zZitiert. Sie sagt als Zeugin im Bergen-Belsen-Prozeß (September- November 1945) aus, wandert dann nach England aus und beginnt ihr„zweites Leben“. Sie heira- tet, bekommt Kinder, studiert Musik- wissenschaft und spielt Cello. Ihre Brinnerungen an ihr Uberleben als Holocaust-Verfolgte schreibt sie e% Jahrzehnte später nieder.„Uhr voilt die Wahrheit erben“ erscheint im Jahr 1997 und verdeutlicht bereits im Iitel, dass sie dies ursprünglich und ausschließlich für ihre Kinder auf sich genommen hat. Sie wollte damit erklären, warum sie vorher nie mit ihnen über ihre leidvollen Erfah- rungen im Holocaust gesprochen hatte, berichtete sie bei einem von der Lager- gemeinschaft vermittelten Besuch an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universitãt Gießen. Warum sie so lange geschwiegen hatte, dafür habe es gleich mehrere Gründe gegeben. Zum einen habe sie die Kinder in jungen Jahren nicht durch Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 die Erlebnisse der Mutter trau- matisieren wollen.„Mütter sind dazu da, um Knöpfe an- zunähen, nicht um im Gefäng- nis Zu sitzen“, erklärte sie. Zum anderen seien sie so damit be- schäftigt gewesen,„normale Menschen zu werden“, da ha- be es für die Aufarbeitung der Geschehnisse erst einmal kei- hie Mutter Fdith Laker 1894 c4 1942) 5 Raum gegeben. Jahrzehntelang hat Lasker- Wallfisch Deutschland und auch die deutsche Sprache gemieden und sich geschworen, nie wieder ihre Füße auf deutschen Boden zu setzen. 1994 wurde sie dann das erste Mal„eid- brüchig“ Und als sich vier Jahrzehnte nach der Emigration ein Engagement ihres Orchesters in der Nähe des che- maligen Konzentrationslagers Bergen- Belsen ergab, habe sie dann doch die Gelegenheit ergriffen, mit eigenen Au- gen Zu schen, was nach so vielen Jahren aus dem Lager geworden war. Seitdem geht sie häufig in Deutsch- land auf Vortragsreise und besucht vor allem Schulen, um hier von ihren Erleb- nissen im Holocaust Zu berichten. Da- mit hat sie gute Erfahrungen gemacht. „Die Schüler zeigen Interesse und stel- len gute Fragen.“ Besonders freut sich wenn die Schüler sie uch zu ihrem Leben nach dem Natio- nalsozialismus befragen.„Denn das Le- ben ging ja auch danach noch weiter.“ Gefahr der Rückfälligkeit Bei der Veranstaltung in Butzbach wird Anita Lasker- Wallfisch nach Anti- semitismus in England und Deutsch- landgefragt. In England, sagt sie,„in- teressiert es mich nicht. Es gibt immer und überall Antisemiten.“ Aber in Deutschland bereite es ihr große Sor- Großmutter Flora Lasker und die Eltern gen.„Das ist wie ein Alkoholiker, der rückfãllig wird.“ Weitere eindringliche Schilderun- gen über die Diskussion in Butzbach liefert der Berichterstatter der Wet- terauer Zeitung, aus der die folgenden Absätze stammen: Diese Frau, die davon erzählt, wie sie nach dem Krieg erfahren hat, in welchem Lager ihre Eltern ermordet wurden, sagt doch so viel Hoffnungs- volles.„Ich tröste mich mit den Leu- ten, die hier sind.“ Und sie sagt:„Ich verlasse mich auf die fundamentale Anständigkeit des Menschen. Sie sind jung, tun Sie das Ihrige dafür.“ Inzwi- schen ist sie regelmäßig in Deutsch- land, liest auch vor Schulklassen. Das bezeichnet sie als ihren„Job“.„Es ist eine Pflichterfüllung. Es darf niemals vergessen werden, auf welchen Iief- punkt eine Zivilisation sinken kann.“ Schr beeindruckt sei sie,„was hier passiert“, fäãhrt sie fort und lãsst ihren Blick durch die Sitzreihen schweifen. Das Publikum- junge Menschen, alte Menschen-schaut sie an. Als sie ge- fragt wird, ob sie glaubt das so etwas Schreckliches noch einmal passieren kann, antwortet sie:„Ich hoffe nicht“, und dann noch einmal, wie ein leises Echo,„ich hoffe nicht.“ * hessencam. de“ hat den Vortrag von Anita Lasker-Wallfisch am 8. Mai aufgezeichnet. Er ist auf youtupe in sehr guter Qualitãt zu empfangen und bei Suchmaschinen bei Ein- gabe der Namen„Lasker- Wallfisch“ und Butzbach? leicht Zu finden. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gutes Dachau, böses Dachau Existenz des KZ wird als Teil der Stadtgeschichte akzeptiert Im Mitueilungsblan I201 der Lagergemeinschafi hutte Angelila Berghofer Sierru die 70657 066 als Freiwillige der Aktion Shnezeichen Hriedensdienste für ein halbes Jahr heim Balu der Evangelischen VemhnungsMirche auf dem Geldnde der KZ Gedenk- srůtte Dachuu migearbeilet haue überden Umgang der Sudt Pachau mit der Zeit ⁊ wit Schen 1933 bis I45 und der Geschichte des Konzentrationslagen berichtet. Der Blick- winiel ilres Beitruges endete in den Jhoher Jahren. Im folgenden Beitrag beleucher Kiaues Schultz die Zeit danach und die akmellen Verhälmisse Klaus Schultz ist Diuuo und veit I 0o7 an der Evungelischen VembhnungsMirche in der KZGedenkstnue Pach- au. Er ist Griindungsmiglied des Fõrdervereins für die Errichtung einer Mugendbe- gegnungsstätie(1966) und Mitglied des Präsidiums der Lagergemeinschaſt Dachuu. Die Sorge um das Ansehen der Stadt Dachau, die man oft zum eigent- lichen Opfer dieser Zeit stilisierte, überlagerte viele Jahrzehnte die Erin- nerung an die über 200.000 Häftlinge und die mehr als 41.000 Toten des Kon- Zentrationslagers, das auch den Namen der Stadt trug. So stellte der parteifreie Oberbürgermeister Lorenz Reitmeier (1966-1996) das Dachau der Künstler- kolonie des 19. Jahrhundert vor und ge- gen die Jahre 1933 bis 1945, um die Zeit des Lagers, mit der guten Stadtge- schichte von Dachau zu überdecken. Bis in die neunziger Jahre hinein scheu- te Dachau vor seiner NS-Geschichte zurück- und noch heute wirft die Ver- flechtung von Stadt und Lager ihre Schatten. Gutes Dachau, böses Dachau, NS- Vergangenheit ja oder nein. So einfach machten es sich damals viele. Wer mit dem Auto zur Gedenkstätte wollte, musste den Weg mühsam suchen. Denn Hinweisschilder fehlten in Dachau lan- ge Zeit. Nur stündlich fuhr ein Bus vom Bahnhof zur Gedenkstätte. Die Stadt wollte sich ihre 1200 jährige Stadtge- schichte nicht durch zwölf Jahre Nazi- Jerror verderben lassen. Auch mit den wenigen noch verbliebenen Uberre- sten aus der Nazizeit machte die Stadt Ende der Achtzigerjahre kurzen Pro- zess: Das Gleis, auf dem die Häftlings- transporte ins Lager gebracht wurden, musste einem Radweg weichen. Und die gut erhaltene Kommandantenvilla, wurde„wegen Finsturzgefahr“ schnell abgerissen, um einen möglichen Stan- dort eines internationalen Jugendgä- stehauses zu verhindern. Fast schon neurotisch reagierten Kommunalpolitiker, als K?ZUberle- bende wie Nikolas Lehner 1980 eine Internationale Jugendbegegnungsstät; te in Dachau forderten, um junt Menschen eine Ubernachtungsmög- lichkeit in der Nähe der Gedenkstätte und eine intensivere Auseinanderset- zung mit dem Thema zu ermöglichen. Der Dachauer CSUChef rief 1986 im Volksfest-Zelt die Parteigänger zur Abstimmung über das Haus auf und ein Stadtrat wollte die Errichtung„bis zum letzten Blutstropfen“ bekämpfen. Heute scheinen sich die alten Res- sentiments in einem dunklen Nebel des Vergangenen aufgelöst zu haben: Der Dachauer Oberbürger Peter Bürgel eröffnet heute mit großer Selbstver- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschvitzer 31 ständlichkeit das von der Stadt Dachau fi- namierte Symposium für Zeitgeschichte oder nimmt an dem Erõffnungsabend der internationalen N— gendbegegnung teil, die die Stadtverwal- ng über viele Jahre 6en städtische Auf- lagen versuchte zu verhindern. Inzwi- schen trägt das Ju- gendgästehaus den Namen des Ausch- witz- und Dachau-Uberlebenden Max Mannheimer, der 2011 zum Fhrenbür- ger der Stadt Dachau ernannt wurde und die Stadt Pachau ist auf der Suche nach einer Stãdtepartnerschaft mit ei ner Stadt in Israel. Nach den drei offi- ziellen Gedenkfeiern, die jährlich statt- finden und von der Stadt finanziell unterstũtzt werden, lãdt der Oberbür- germeister ehemalige Häftlinge zum Gespräch ein. Schon seit 1907 veranstaltet die Stadt Dachau eine Gedenkfeier zum W. Januar und auch die Gedenkfeier Mm 9. November gehört zu den wich- tigen öffentlichen Veranstaltung der Stadt. Seit 2005 erinnern sechs Stolper- steine an die vertriebenen und ermor- deten jüdischen Bürger der Stadt und vom Bahnhof führt ein Weg des Erin- nerns mit zwölf Gedenktafeln auf Deutsch und Englisch zur KZGe- denkstätte. Auch Geschichtsvereine, Ausstellungen und zeitgeschichtliche Projekte, die sich gerade mit diesem Teil der Stadtgeschichte beschäftigen, werden großzügig unterstützt. Diese Entwicklung der Stadi Dach- au hatten sich vor zwanzig Jahren viele Haupteingang zum ehemaligen Konzentrationslager Dachau. von denen erhofft, die wegen ihres En- gagements für die KZGedenkstätte oft massiv und persõnlich angegriffen wurden. Wenige haben sich das aber vorstellen kõnnen, dass es so kommt. Der Wandel begann mit dem Blick von engagierten Menschen in gan? Deutschland auf die regionale Ge- schichte ihrer Orte und Städte in der Zeit des Nationalsozialismus. Immer mehr wurde deutlich, dass das KZ Dachau nur ein Ort von vielen Orten war, wo Menschen in die menschenver- achtende Maschinerie des Ns gerieten. Das hatte für Dachau auch etwas ent- lastendes. Ausdruck des langsamen Wandels in der Stadt Dachau war die Wahl des neuen Oberbürgermeisters Kurt Piller (1996), der von einer Mehrheit aus SPD, Grüne und Parteifreien getragen und gegen die CSU unterstũt?t wurde. Diese Mehrheit begriff die zwölf Jahre des Naziterrors auch als einen Jeil der Stadtgeschichte. Plötzlich wurde von dem Lern- und Erinnerungsort Dachau gesprochen. Das hatte Auswirkungen auf᷑ die Stadtpolitik aber viel wichtiger war, die Atmosphäre änderte sich in 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der Stadt. Die bis dahin oft über Jahrzehnte angefeinde- ten Organisationen und Per- sonen fanden plötzlich Ge- sprächspartner in der Stadt und ihre Anliegen wurden ernst genommen. Die Veränderungen gin- gen aber oft nur langsam und die Gefahr in alte Muster zu verfallen, wie z. B. bei der Diskussion um die Offnung des historischen Zugangs zur Gedenkstätte, bestand im- mer. Als der CSU-Bürgermeister Peter Bürgel(2002) gewählt wurde war diese Entwicklung aber nicht mehr zurück zu drehen. So sprechen heute die Mitglie- der aller Stadtratsfraktionen, aber auch der Oberbürgermeister, mit großer Selbstverständlichkeit vom„Lern- und Brinnerungsort Dachau“. Die Stadt steht zu dieser Geschichte. Und wer den Bürgermeister erlebt, spürt, dass es nicht ein politisches Kalkül, sondern seine ganz persõnliche Uberzeug ist. Bei all den positiven Entwicklun- gen ist aber auch nicht zu überschen, dass sich das Gedenken und die Aus- einandersetzung mit dem Nationalso- zialismus zum eil entpolitisiert hat. Immer weniger Bezüge zu aktuellen Menschenrechtsverletzungen sind bei den Gedenkveranstaltungen und in der Auseinandersetzung mit den Jahren des Nationalsozialismus zu hören. Nicht nur ich würde mir oft mehr Klar- heit und Deutlichkeit wünschen. Es entsteht manches Mal der Eindruck, dass nicht zu viele Bezüge zu gegen- wärtigen Menschenrechtsverletzungen hergestellt werden sollen und die Not- wendigkeit von Menschenrechtsbil- dung in der Gedenkstãttenarbeit kaum geschen wird. Aber vielleicht braucht es da auch noch Zeit, diese Fragestel- lungen wieder mehr in den Blick zu be- kommen. Wichtig bleibt, Entwicklun- gen kritisch zu begleiten, denn es gibt bis heute noch zu viele, die die Erinne- rung ablehnen, nicht für wichtig halten oder sich mit neonazistischen Inhalten identifizieren. Leider nicht mehr zu ändern sind die vielen, oft sehr persönlichen Verlet- zungen, die Menschen über viele Jahr- Zehnte erleben mussten, die sich für ein offenes und aktives Erinnern an diesen Teil der Stadtgeschichte engagierten. Viele haben sich schon sehr lange von der Stadt Dachau und der Arbeit der Gedenkstätte verabschiedet, weil i sich dieser Ausgrenzung und den per- Sönlichen Angriffen nicht mehr ausset- zen wollten. Die wenigsten von Ihnen sind in den letzten Jahren wieder zurückgekehrt. Das ist ein großer Ver- lust für die Stadt Dachau und die Ar- beit der Gedenkstätte. Verantwortlich sind die, die geglaubt haben, die Erin- nerung an das Konzentrationslager Dachau totzuschweigen, um es so aus der Brinnerung der Stadtgeschichte zu tilgen. Klaus Schultz Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Die„Bäckerei“ am anderen Ufer des Sees In der Gedenkstätte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück Uher veinen Auſenthalt in der Gedenkstte Ravensbrück Schreibt Deniz Martin. Im eyten Jeil vlMizziert er die Geschichte des Konzentrationslagers und im ⁊ weilen Jeil Schildert er die Arbeit mit der Gruppe der Studierenden vowie seine Eindriicke. Das 1939 errichtete und bis 1945 S chemalige Konzentrationsla- r Ravensbrück war das größte Frau- enkonzentrationslager, ein kleineres Männerlager war angegliedert. Im Mai wurden nach der Schließung des KZ Lichtenburg weibliche Häftlinge ins neu gebaute KZ Ravensbrück und mãännliche ins KZ Dachau überführt. Hervorzuheben sind die sogenann- ten medizinischen Experimente an den Gefangenen, geleitet durch Himmlers Keibarzt Karl Gebhardt, der in unmit- telbarer Nãhe zum KZ seine Klinik be- trieb. Weil Reinhard Heydrich“ unter seiner Verantwortung an einem infek- tiõs-toxischen Krankheitsbild verstarb, wurden ab 1942 Antibiotika, primär Sulfonamide, an gezielt prãparierten Verwundungen oder Infektionen von 20 bisher noch unbekannten Häftlin- 6 und spãter 74 großteilig namentlich ekannten weiblichen Gefangenen durchgeführt, um an diesen Wunden verschiedene Wirkstoffe auf ihre Effek- tivität hin zu testen. In der Lagerspra- che nannte man die so misshandelten Frauen angelehnt an die Prozedur der Tierversuche„Kaninchen“. Doch nicht nur die„Forschung“ auch die Wirtschaft ließ sich nicht zweimal bitten an Ravensbrück zu profitieren. Die Firma Siemens& Halske, als größter Nutznießer des KZ ließ Fertigungsbaracken im Lager errichten, um mit dem billigen Finsatz von Hãftlingen die Rüstungsindustrie und Kriegswirtschaft gewinnbringend beliefern zu können. Es folgten An- weisungen, das Lager„judenfrei“ zu machen, weshalb es zu Deportationen in verschiedene Vernichtungslager kam, unter anderem auch nach Ausch- witz-Birkenau. Zudem fanden auch in Ravensbrück Selektionen statt. Als das Lager noch keine eigene Gaskam- mer hatte, wurden die Frauen in die NS-Tötungsanstalt Bernburg in Sach- sen-Anhalt deportiert, eine Euthana- sie-Anstalt der Aktion Td. Im Jahr 1942 wurden so 1600 Ravensbrücke- rinnen ermordet. 1943 wurden etliche Außenlager eingerichtet, viele Kriegsgefangene von der Ostfront wurden dorthin deportiert. Aufgrund der hohen Todeszahlen wur- de ein Krematorium am Schwedtsee ge⸗ baut, das in direktem Sichtkontakt zum benachbarten Kurort Fürstenberg stand. Dies verdeutlicht, dass man die- sen Vorgang und dem, was ihm folgte, als unproblematisch ansah. Kindern er- * Reinhard Heydrich(1904— 1942) war SS-Obersturmbannführer und Leiter des Reichssicherheitshauptamtes. Er war mit der Organisation der„Endlõsung der Juden- frage“ beauftragt und bis zu seinem Tod Hauptstratege des Holocausts. Am 27. Mai 1942 wurde er bei einem Attentat von Partisanen in Prag schwer verletzt. Wenige Iage Spãter starb er- vermutlich an einer Sepsis. 34 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zählte man im Ort, auf der anderen See- seite befände sich„eine große Bäcke- rei“. Das Umland hatte sich wirtschaft- lich längst mit dem Konzentrationslager in Verbindung gebracht, was nach dem Krieg abgestritten oder mit der Angabe, doch auch Brote aus Gründen der Menschlichkeit für die Gefangenen mit- genommen zu haben, relativiert wurde. Ende 1943 gab es etwa 15100 regi- strierte Häftlinge. Die Uberbesetzung Setzte im Jahr 1944 ein, es wurden Zel- te aufgestellt mit noch schlechteren Lebensbedingungen als in den KZ- Unterkünften. Die Uberfüllung kann auf die einsetzende Räumung der La- ger im Osten und eilen Frankreichs zurückgeführt werden. Viele überleb- ten den harten Winter nicht. Etwa 70.000 Ravensbrücker wurden nach Rostock zur Firma Heinkel, nach Zwodau zu Siemens und über 10.000 nach Auschwitz-Birkenau transpor- tiert. In diesem Jahr wurden außer- dem, da Ravensbrück auch über einen großen„Bunker“ verfügte, unter an- derem wegen dem Attentat vom 20. Juli 1944 und der Aushebung des Solf- Kreises?“, mehrere Oppositionelle oder unliebsam Persönlichkeiten als „Schutzhäftlinge“ dorthin verschleppt. Das KZ Ravensbrück war, wie ein- gangs erwähnt, kein reines Frauenkon- zentrationslager, sondern stand direkt neben einem kleinen, bis zum heuti- gen Tage cher unerforschten Männer- konzentrationslager, wenn auch beide Lager autonom voneinander funktio- nierten, hatten sie dennoch gemein- sam genutzte Strukturen. Zudem be- fand sichin unmittelbarer Nãhe das Ju- gendschutzhaftlager Uckermark, ein- Vernichtungslager, das 1945 geräumt wurde. Port befindet sich nur ein klei- nes Denkmal, in wissenschaftlichen Publikationen sind nur Randbemer- kungen oder kurze Erwähungen zu finden. Im Jahr 1945 lagen die Besetzungs- zahlen im KZ Ravensbrück bei 46.000 weiblichen und 7.800 männlichen regi- strierten Häftlingen, davon mindes- tens 11.000 Zugänge aus geräumte Lagern. Im Februar dieses Jahres b gann die Vernichtung mittels einer neu errichteten Gaskammer, in der bis En- de Mãrz bis zu 2400 Menschen ermor- det wurden. Erwähnenswert ist die im April er- folgte Intervention des Schwedischen Roten Kreuzes, die es ermöglichte, dass tausende Frauen über die Schweiz nach Schweden evakuieren konnten. Am 27. April kam es aufgrund der vorrückenden Front im Osten zur Räumung des KZ. Etwa 3000 Men- schen starben auf den folgenden To- desmãrschen. Die Uberlebenden wur- den durch die sowietische Armee be- freit, die den Zug einholte und Fürdas Sterben und Flend noch lange kein Ende gefunden, da viele der Befreite So geschwächt waren, dass sie Sarder In den Hamburger Ravensbrück- ProZessen der Nachkriegszeit kam es zu nur 16 Verurteilungen. Die Verbre- chen wurden von der westdeutschen Arztekammer und führenden deut- schen Medizinern, der Name Friedrich Herrmann Rein“** sei genannt, mar- ginalisiert, die Verflechtung der NSEx- perimente mit der deutschen akademi- schen Medizin heruntergespielt. Die Uberreste und die noch vorhan- dene Infrastruktur des Lagers wurden ** Gruppe von Gegnern des NSRegimes um Hanna Soff Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 85 bis 1993 von der Roten Armee genutzt, erst da- nach konnte eine Ge- denkstätte mit Archiv und pãdagogischer Ab- teilung eingerichtet werden. Die Brinne- rungs und Mahnpolitik der DDR entsprach der rrichtung eines Denk- 6 und der verpflich- tenden Teilnahme an einer jährlich stattfin- denden Veranstaltung, die, wenn man auf die Finwohner des Um- lands achtet, sich im Strammstehen und ei- ner folgenden geselli- gen Feier ihren Aus- druck fand. Weil das Lager be- sonders mit dem KZ- Majdanek personell verstrickt war, kam es während der entspre- chenden Prozesse im E Verurteilung einer fscherin. Insgesamt Frauen, 20.000 Männer und 1.000 Jugendliche zwischen 19309 und Der Erschießungsgang in Ravensbrück. Aus: Dirk Reinhartz 1045 in diesem K?Z un- 7 Christian Graf von Krockow. totenstill. Steidl Verlag 1994 tergebracht. Die Opferzahlen wurden etwa 20.000 bis 30.000, mit etwa 92.000 beziffert, in den letzten In Ravensbrück- das war ein weite- Jahren einigte sich die Forschung auf res Alleinstellungsmerkmal- wurden Friedrich Herrmann Rein(1898 1953) war im NSFliegerkorps und fõrderndes Mit- glied der S8. Ab 1937 Direktor des Luftfahrtmedizinischen Forschungsinstituts. 1942 war er Referent bei der Iagung Arztliche Fragen bei Seenot und Wintenod“, bei der er über Menschenversuche im KZ Dachau berichtete(Siehe: Ernst Klee. Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Fischer-Taschenbuch). Rein wurde 1946 Rektor der Universität Gõttingen und 1952 Direktor des Max-Planck-Instituts für Medizinische Forcheng und Physiologie. 36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer unter der Aufsicht der S8 Aufseherin- nen und Wärterinnen ausgebildet. Sie waren nur Teil des SS-Gefolges und Selbst nicht Teil der SS, was betont wer- den muss, da viele Quellen diesbezüg- lich einen falschen Pindruck enstehen lassen. Sie waren lediglich für die Uber- wachung zuständig, hatten allerhöch- stens den Rang einer Oberaufseherin, Arbeitsdienstführerin, Kommandofüh- rerin oder waren in der Organisation des Lagers tätig und der S8 unterstellt. Neben der Anwerbung durch Zei- tungsannoncen kam es gleichfalls zu Zwangsverpflichtungen. In Ravens- brück wurden 3.500 Frauen weltan- schaulich, theoretisch, praktisch und so- gar mit einer dreimonatigen Probezeit verschen ausgebildet. Sie standen in ihrem Handeln an Grausamkeit der 88 in keinerlei Art und Weise nach. Unser Studienaufenthalt Als ich im vergangenen Jahr an einer Studienfahrt mit der LGA zum ehema- ligen Konzentrationslager Auschwit? teilnahm, verstärkte sich mein Interes- se, mich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Dazu gehörten bisher Themenfelder wie etwa das Kon- Zentrationslagersystem, der Antisemi- tismus in seinen verschiedenen Ausprã- gungen, die Aufarbeitung der Vergan- genheit oder die aktuelle Erinnerungs- politik der BRD. Alsbald fiel mir auf, dass in der ein- schlägigen Literatur sowie in Internet- Beiträgen und dem heutigen Umgang mit dem Nsð fast ausschließlich die Rol- le der Männer beleuchtet wird. Auch gibt es deutlich weniger Zeitzeuginnen als Zeitzeugen, die öffentlich von ihrem Schicksal berichten oder berich- ten möchten in der Krakauer Ambu- lanz, die die LGM unterstützt, fand auf meiner Auschwitz-Studienfahrt ein schr bewegender und emotional Schwer fassbarer Moment statt, als eine Zeitzeugin das erste Mal vor einer Gruppe begann von ihren Frlebnissen zu erzählen. Das war wegweisend, we- niger, weil ich mich betroffen fühlte, sondern eher, weil es mir so schien, als wäre etwas ungewollt unterschlagen worden. Fs gibt unzählige Studien zu mãnn licher Täter- und Zeugenschaft, während die ideologische und begeis- terte Unterstüt?ung und Mitarbeit der Gesamtbevölkerung am NSSystem zwar nicht mehr verschwiegen, aber dennoch nicht genauer auf Frauen, die Hälfte der Bevölerung, eingegangen wird. Meines Frachtens geschieht dies aus dem Gestus heraus, der nur allzu gerne die Thesen über die„Passivität der Frau“ oder die Dämonisierung, Vermãännlichung weiblicher Täterin- nen absegnete- wie etwa exemplarisch der Prozess gegen die Ravensbrücker „Arztin“ Herta Oberheuser. EFbenso wurden die weiblichen Opfer in der Nachkriegs?zeit marginali- siert, nicht als solche anerkannt, obwohl sie in vielen Konzentrations, lagern, besonders in Polen, oft qih Mehrheit ausmachten. Mit einer Gruppe, bestehend aus bereits in der Materie bewanderten mir vorab nãher bekannten Menschen beschloss ich, mich mit dem Thema der weiblichen Täter- und Zeugen- schaft weiter zu beschäftigen. Ich or- ganisierte eine Studienfahrt vom 8. bis zum 11. März 2013 zur Gedenkstätte Ravensbrück, die eine sehr gute pãdagogische Arbeit leistet. Programmatisch fanden neben Ge- bietsbegehungen eine intensive Text- arbeit statt, sowie eine mediale Unter- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 37 wie die Frauen des KZ Ravernsbrück unter estremen Bedingungen die Schwierigsten Arbeiten verrichten mussten, zeigt u. a. dieses 1939 aufgenommene Foto aus dem Bestand des Bundesarchivs(Bild 183-1985-0417-15 CC-BVSA) stützung durch Zeitzeuginnen-Inter- views der Regisseurin Loretta W Nach unserer Ankuft in Ravens- brück bezogen wir Zimmer in Häu- sern, in denen damals KZAufscherin- nen wohnten. Dann wurden wir mit der pädagogischen Betreuerin Vera bekannt gemacht, die uns sofort als Guide bei einer etwa dreistündigen Begchung des Geländes des Kern- ers und des DDR-Denkmals be- Lleitete. Sie hatte ein gendertheoreti- sches Studium absolviert und konnte diesbezüglich sehr gute Auskünfte zum KZ geben. Da bis 1994 die Sowietstreitkräfte das Lager nutzten, waren allgemein nur wenige der alten Gebãude vorhan- den oder nicht verändert worden. Nach dem Kriegsende hatte fast nie- mand außerhalb der Roten Armee dieses Gebiet betreten und es ist anzu- nehmen, dass viele wissenschaftlich re- levante Materialien in alten russischen Archiven liegen. Die Anzahl und Größe der Ba- racken konnte man durch in die ge- waltige Schotterfläche eingelassene Formen nachempfinden. Sie erschien riesig und leblos, mitten darin standen mehrere gewaltige Bäume, die mit ro- tem Rost überdeckt waren, in einer Reihe. Der Anblick war uns allen schr unangenehm. Nach der Führung tra- fen wir uns um 20 Uhr im Seminar- raum im Haus der Gedenkstätten- pädagogik und schauten zusammen den Loretta Waltz' Film„Die Frauen von Ravenshrick“ an. Am folgenden Tag besuchten wir die Ausstellung„Im Gefolge der SS*, in der einige der SS-Aufseherinnen bio- graphisch vorgestellt werden. Einzelne fielen durch ihren Hang zur Gewalt auf, der Großteil hatte allerdings einen Loretta Waltz hat seit 1980 eine der größten Sammlungen von Video-Interviews mit Uberlebenden der NSZeit geschaffen. Laut wikipedia ist ein Jeil davon für die Nutzung in Schulen freigeschaltet. 38 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer durch die Wirtschaftskrise oder den Krieg geprägten kleinbürgerlichen Le- benslauf vorzuweisen. Die Aufscherin- nen fuhren zusammen in den Urlaub, machten Fotos mit schönen Landschaf- ten im Hintergrund, gingen miteinan- der schwimmen. Aufnahmen über die- ses„Schöne“ Leben belegen dies. Anschließend widmeten wir uns in Gruppen der Iextarbeit und Vorberei- tung einer Präsentation. Es ging um die Rezeption weiblicher Täterschaft und die Ravensbrück-Prozesse, orien- tiert an der„Arztin“ Herta Oberheu- ser, die auf der Krankenstation unter anderem mit Injektionen mit Phenol und anderen Substanzen mordete. Sie leugnete ihre Täterschaft, wurde von der Forschung dämonisiert und„ver- männlicht“, wohl um die Erkenntnis wegzurationalisieren, dass auch Frau- en Täterinnen waren. „Unsichtbares“ Jugend-KZ Am Nachmittag wurde die Umgebung des Kernlagers erkundet: Das Sie- menslager, das Männerlager und das Jugendkonzentrationslager Ucker- mark. Vom Siemenslager sind nur noch die Fundamente sichtbar, einiges wurde von den Sowiets entweder um- gebaut oder geschliffen, der Umfang ließ sich nur erahnen. Vera wies darauf hin, dass noch weniger als das KZ selbst bekannt wäre, dass es ebenfalls ein Männerlager gegeben hat, welches unabhängig vom Frauenkonzentrati- onslager mit eigener Infrastruktur an gleicher Stelle erbaut worden war. Wãhrend dieser Begehung bemerk- ten wir, dass vorwiegend auf dem Gelände des nicht mehr sichtbaren Mu- gendkonzentrationslagers Uckermark, des einen kleinen Stein mit einem me- tallenen, stilisierten Stacheldraht darum als Denkmal hat, eine Initiative Schilder mit Beschriftungen angebracht hat, die erklären, wo man sich gerade befindet und was sich hier zugetragen hat. Anscheinend hat es darüberhinaus wohl einmal ein Camp gegeben, wel- ches sich dieser Aufgabe gleichfalls ge- widmet hat. Offiziell hört die Gedenk- stätte nämlich kurz nach dem Kernla- ger auf, man plante sogar, eine Auton hbahn auf diesem Gebiet zu bauen. D Ablehnung des Projekts aufgrund des- sen, dass es sich hier um ein Gebeit ei- nes ehemaligen KZs handelt, wurde in der Umgebung mit großem Unmut zur Kenntnis genommen. Wir gingen auch an verfallenden Gebäuden vorbei, die noch im Ori- ginalzustand waren, beispielsweise an den hölzernen Warenhäusern, die wie in Auschwitz Kanada genannt wurden, in denen unter anderem Lieselotte Thumser-Weil, ein verstorbenes Mit- glied der LGA, Zwangsarbeit verrich- ten musste. Es fehlt das für den Erhalt oder die gedenkstättenpãdagogische Nutzung benõtigte Budget. Am 10. März diskutierten wir erneut der Frage, inwiefern Täterschaft nor mal, pathologisch oder anders zu tassel ist, und wie aus Menschen Täter werden können. Die intensive Textarbeit und Vorstellung der Ergebnisse dauert bis in den Abend. Es findet noch eine Vorstel- lung einer Aufnahme von Loretta Waltz statt, die Lieselotte Thumser Weil zeigt, wie sie das erste Mal im hohen Mter das KZ Ravensbrück als freier Mensch be- geht und die dortigen ihr bekannten Vorgänge und noch erinnerten Erfah- rungen berichtet, kurz nachdem die Ro- te Armee 1994 abgezogen ist. Es stellt sich heraus, dass im Lager selbst Produktionsstätten für alle mõg- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 39 lichen Güter untergebracht waren, die dem alltäglichen Gebrauch dienten, wie etwa Matten oder Stoffe. Am Vormittag des letzten Aufent- haltstages können wir das Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück besichti- gen. Die Mitarbeiterinnen erläutern die Probleme des Archivierens, die Fortschritte und die allgemeine Arbei. Wie immer fehlt Geld, weshalb wichti- ge Dokumente entweder noch nicht gesichtet werden konnten oder in den nächsten Jahren verfallen werden. Man erwartet, weitere Dokumente in den Archiven der ehemaligen Sowie- tunion finden zu können, wobei nicht einmal der Großteil der in Deutsch- nd lagernden eingeschen und gesi- ert werden konnte. Es werden alte SSPokumente ge- zeigt, welchen man beispielsweise die Personenstärke von Arbeitskomman- dos, Blocks oder aber auch die Einnah- men für den Verleih der Häftlinge an ortsansässige Privatbetriebe und Ge- haltszahlungen an die Konten der Mi- litärs und Aufseherinnen entnehmen kann. Sie wiesen auf eine enge regiona- le und ũberregionale Vernetzung hin. Vor der Abfahrt um 14 Uhr be- suchten wir noch die Ausstellung „Zwangsprostitution im Nationalso- zialismus“. Im KZ Ravensbrück wur- Rundgang auf dem Lagergelände, der heutigen Gedenkstätte Ravensbrück. den oftmals Frauen für die Prostituti- on in den zehn mit Bordellen ausge- statteten Lagern ausgesucht, meist wa- ren sie der Hãäftlingskategorie„asozi- al“ zugeordnet worden, weil sie nicht dem BDM beigetreten waren oder aus anderen Gründen. Nach einer Ab- schlussrunde besichtigten wir die Aus- stellung„Führerhaus“, in welcher man eine Finsicht in den Werdegang und das Privatleben der ranghohen 88— Mitglieder des KZ Ravensbrück er- hält. Des weiteren wird auf die durch- weg positive Wahrnehmung der rang- hohen SSMitglieder durch die dama- ligen Einwohner des nahe gelegenen Ortes Fürstenberg hingewiesen. Resümee Beim Resümee unserer Studienfahrt ist zu hervorzuheben, dass die pãdago- gische Betreuung sehr kompetent und hilfreich für unsere Fragestellungen war. Die Prioritätsset?ungen der Ge- denk- und Brinnerungspolitik der BRD wurde sehr deutlich, zumal das chemalige KZ Ravensbrück nicht zu den Lagern gehört, die hohe Besucher- strõöme einzukalkulieren hätten. Ich wünsche mir besonders, dass vor allem die Arbeit im Archiv größere finanziel- le Mittel Zugewiesen bekäme. Deniz Martin 40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gemeinsam mit der Gruppe der Studierenden aus Frankfurt war auch Alexander Wolf, stellvertretender Vorsitzender der LagergemeinschaftAuschwitz. nach Ravensbrück(siche S. 33 39) gefahren. Auch für ihn war es der erste Besuch auf dem Gelände des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers in der Uckermark. Er legt den Schwerpunkt seiner Recherchen auf die Oberaufseherin Porotha Binz. Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und die Oberaufseherin Dorothea Binz Werdegang einer Verbrecherin Was hatte ich nicht schon alles über Ravensbrück gelesen, vom Höllentor von Anja Lundholm bis hin zum Ka- lendarium. Der Reichsführer 8S8, Heinrich Himmler, nannte Ravensbrück einmal sein Lieblingskonzentrationslager, s0 dass er sich persõnlich um den Standort kümmerte. Die Gefängnisse und Ne- benlager waren von Frauen überfüllt, so dass unbedingt ein eigenes FKI. benõtigt wurde. Die Wahl des Standor- tes fiel auf Ravensbrück, das Himmler bei einer Inspektionsreise in der Ucker- mark entdeckt hatte. Es lag 80 Kilometer von Berlin in der unmittelbaren Nãhe der 800 Finwohner zählenden Gemeinde Ravensbrück. Bei der Ortswahl spielten vor allem geogra- phische Fragen sowie die vorhandene Infrastruktur eine Rolle. Der Bahnhof von Fürstenberg war nur einen Kilometer vom Lager entfernt und lag an der wich- tigen Bahnlinie Berlin-Neustrelitz. Der Schwedtsee und die ausgedehnten Wald- gebiete schufen natürliche Grenzen zu den umliegenden Ortschaften. Nach Fürstenberg verlegte Himmler auch den Sitz des bis dato in Berlin ansässigen Reichskriminalpolizeiamtes(RPKA) Sowie auch die Ausbildungsschule für die Sicherheitspolizei(Sipo). Das Areal für das Lager Ravens- brück hatte eine Größe von mindestens 20 000 Quadratmetern. Kurz nach Er. richtung durch 500 Häftlinge aus dem KI Sachsenhausen ordnete der Reichs- führer S8 für die am 15. Mai 1939 erstmals eingetroffenen 867 Frauen (860 Deutsche, 7 Osterreicherinnen) aus Lichtenburg die Prügelstrafe an. Unsere Ankunft in Ravensbrück Gegen 14 Uhr stand ich vor dem See über den Anja Lundholm in ihrem Buch geschrieben hat. An seinen Rändern be- finden sich heute, Grill- und Camping plãtze und was sonst noch so alles an Freizeitmõglichkeiten angeboten wer- den kann. Im Sommer soll natürlich auch gebadet werden. Bei diesen Ge- danken lãuft mir ein Schauder über den Rücken, wenn man bedenkt, dass in die⸗ sem See der unmittelbar mit eineN Ufer an das Lager grenzt, die SSScher- gen die Asche der verbrannten Hãftlin- ge hineingeschüttet haben. Auf diesen See senkten sich die Rußschwaden von den Krematorien. Erschütternd fand ich dazu auch die Nãhe vom FKI zZur Stadt Fürstenberg. Wãhrend unseres Aufenthalts wohn- ten wir in Hãuser, in denen zur NS-Zeit die Aufseherinnen untergebracht waren. Diese Gebäude sehen teilweise aus, wie kleine Landhäuser, auf einer kleinen An- höhe, mit Balkonen, Erkern und einer Grünanlage versehen. Der freie Blick auf Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 41 den Schwedtsee sowie auf die Lagerstraße war vorhanden. Hier überfiel mich ein zweites Schaudern, als ich mir vorstellte, dass in dem gleichen Raum in dem ich mich jetzt befinde, auch die Aufseherinnen Binz, Mewes, Bõsel oder Marschall gelebt und gewohnt haben könnten. Diese ersonen gehörten zu den limmsten Peinigern und Mör- derinnen im FKI Ravensbrück. In diesen Häusern wurden 2002 die Jlugendbegegnungsstät- te und eine Jugendherberge eröffnet. Die Opferverbände haben seinerzeit diesem Vorha- ben zugestimmt und werden dafür ihre Gründe gehabt ha- ben. Für mich war es der Anlass Speziell mit einer dieser Mörde- rinnen zu befassen, und zwar mit der Oberaufseherin Dorothea Binz. „Die Binz“ Dorothea Binz wurde am 16. März 1920 in Püsterlage/Kreis Iemplin geboren. Sie war zunächst als Küchengehilfin tätig stieg dann zur Küchenleiterin in ei- Wr Kantine auf. Am 26. August 1939 meldete sie sich freiwillig zur S und wur- de zum 1. September aufgenommen. Am 1. April 1941 wurde sie NASDAP- Mitglied/Antr. 07.03. 1941— Nr. 8020027). Nach eigenen Angaben meldete sie sich freiwillig zum KZDienst als Küchenleiterin, wurde jedoch von der Lagerleitung als Aufseherin eingesetzt, und zwar als SSAufseherin im sogen. Außendienst, Zellenbau(umgangs- sprachlich Bunker/Strafblock genannt). Vorher hatte Binz eine kurze praktische Ausbildung mit entsprechender Probe- Zeit erhalten. Der Prügelblock: Aus: Dirk Reinhartz/Christian Graf von Krockow. totenstill. Steidl Verlag 1994 In diesem Bereich waren alle Kate- gorien von Häftlingen, viele politische und in Lebensgefahr schwebenden Frauen, untergebracht. Die meisten wa- ren ohnehin dem Jode näher als dem Leben, allein schon wegen der dort herrschenden schlechten Bedingungen. Hier herrschte Binz als Aufscherin. Nahrungsentzug, unerträgliche Arbeit, Strafappelle und Exekutionen waren an der Tagesordnung. Nach Aussagen von überlebenden Hãftlingen breitete sich Angst und Schrecken aus, wenn die Binz dort auftauchte. Sie hat die Häft- linge geschlagen und getötet. Eine„Weihnachtsüberraschung“ Eine Zeugin bescheinigte Dorothea Binz einen pausenlosen Fifer zum Quälen. Hier nur einige Beispiele auf- 42 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer grund von Zeugenaussagen, welche Grausamkeiten sich die Binz ausdachte, die dann fast immer zum Tode von Hãftlingen führten. Einige Beispiele: * Strafappellstehen im Winter von morgens 7 Uhr bis zum nächsten Mor- gen 7 Uhr. Der Grund: Ein Hãäftling hat- te beim Baumfällen Tannenzweige ab- gebrochen und als Mitbringsel und kleine Weihnachtsüberraschung für die anderen unter der Jacke versteckt. Während des Appellstehens erklangen deutsche Weihnachtslieder aus den Lautsprechern. Viele Frauen starben an diesem 24. Dezmeber den Erfrierung- Stod. „Abstellen der Heizung im Winter, s0 dass das Leichenkommando die ermor- dete Gefangenen vom kalten Boden kaum lõsen konnte. ⸗ Im Sommer die Heizung voll aufdre- hen und die Zelle und die Luke wo- chenlang verschlossen zu halten. Grund: Wãhrend der schweren Straßenarbeiten nicht schnell genug gearbeitet. Nächtelanges Hochklappen der Holzpritsche, damit der Häftling auf dem Boden schlafen muss. Grund: Der Blechnapf war nicht auf Hochglanz poliert. Besonderen Spaß bereitete es Binz, sich über die geistig und psychisch krankgewordenen Hãäftlinge im Zellen- hau lustig Zu machen und zu spotten. Nachdem Binz ihre„Probezeit er- folgreich“ überstanden hatte, stieg sie zur mittleren Führungsebene auf und wurde zur SS-Oberaufscherin beför- dert. Dies war die höchste Position in der Hierarchie, die sie von Juli 1943 1945 innehatte. Dieser Rang war dem ei- nes Offiziers der SSMännerhierarchie ähnlich. In dieser Funktion nahm sie an Vernichtungsaktionen/ Selektionen und auch an Selektionen für die medizi- nischen Menschenversuche teil. Die Oberaufseherinnen hatten auch engen Kontakt Zum Schutzhaftlagerführer und sollten diesen beraten und untersttzen, jedoch nicht generell, sondern letztlich nur in„weiblichen Belangen“. Ausbeutung der Häftlinge durch die Industrie Im Sommer 1942 benötigte die Fir Siemens„Menschenmaterial“ für ₰ Herstellung ihrer„kriegswichtigen Pro- dukte“ und für ihr eigens dafür im Areal des K eingerichteten Nebenlagers. Das Motto hieß: Vergast die Untermenschen erst, wenn wir sie verbraucht haben. Sie arbeiten sich schon selbst zu Iode. Aber auch dann kann man noch einiges von ihnen verwenden. Jetzt hieß es für Porothea Binz nicht mehr einfach wahllos morden, sondern die Mordstrategie ändern. Diesbezüg- lich standen personelle Veränderungen in Ravensbrück an und die Stunde der Oberaufscherin hatte geschlagen. Man- del, eine der gefährlichsten und grau- samsten Oberaufscherinnen wurde nach Birkenau(Auschwitz II/ Vernich- tungslager/ FKL) versetzt und ein neu- er Kommandant führte das Lager 8 Sturmbannführer Suhren. An die Ste von Mandel trat nun die Binz. Sie be- kam ihr eigenes Büro und war von nun an über alle Meldungen, Vorkommnisse und Strafmeldungen informiert. In der Zwischenzeit erhöhte sich die Sterblichkeitsrate im Siemenslager er- heblich. Schon nach wenigen Monaten waren die Frauen am Ende und kõrper- lich ruiniert. Vernichtung wurde jetzt auch direkt durch die Industriebosse der Firma Siemens gesteuert. Die Firma Topf& Söhne in Erfurt musste deshalb zwei neue Verbrennungsõfen liefern. Der neue Kommandant hatte nun Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 43 ein Problem, wie er denn die stãndig zu- nehmenden Vergasungsaktionen inner- halb des Lagers geheim halten konnte. Der Anmarsch der halbtoten Hãäftlinge dorthin wäre zu kurz, da müssten Zwi- schenstationen hin. Das ebenfalls eine halbe Stunde entfernte„Jugendlager Uckermark“ innerhalb des Lagers, wäre doch dafür geradezu prãdestiniert. Da- z müsste aber das Lager erst einmal Wäumt werden. Wer sollte diese Auf- gabe besser lösen als Oberaufseherin Binz. Dieser erteilte der Kommandant dann auch den entsprechenden Befehl. Mit welcher Brutalität dann von ihr vor- gegangen wurde, bedarf keiner weiteren EFrörterung mehr. Im Jahr 1944 nahmen die Massen- transporte aus Polen immer mehr zu. In- zwischen betrug der Hãftlingsbestand ca. 46.000, s0 dass Anfang 1 945 die Selektio- nen immer mehr zunahmen. Zum est, wer ins Gas musste, hatte sich die Ober- aufseherin Binz zusammen mit dem S8- Arzt Dr. Winkelmann ein sogen.„Jurn- fest“ ausgedacht. Die geschundenen Frauen mussten Anlauf nehmen und über einen eineinhalb Meter breiten Graben springen. Wer„versagte“ wurde ins Gas geschickt. Zu dieser Zeit waren die Krematorien Iag und Nacht in Betrieb. Mit dem Anrücken der russischen Armee begannen die ersten Evaku- ierungen des Lagers, einhergehend mit den Iodesmärchen, ein weitere Vernich- tungsaktion, bei der die S8 von Hitler- jungen und Volkssturmleute unterstützt wurde. Suhren, seine Gefolgschaft und natürlich auch Oberaufseherin Binz hatten sich rechtzeitig aus dem Staube gemacht um unterzutauchen. Am 30. April 1945 befreiten russi- sche Soldaten das FKI Ravensbrück. Etwa 3000 kranke Frauen und Kinder fanden sie noch vor. Am 23. Mai 1945 wurde Dorothea Binz verhaftet. Der Prozess Ein Jahr und sieben Monate nach der Befreiung des Frauenkonzentrationsla- gers Ravensbrück begann am 5. De- zember 1946 in Hamburg der erste so- Eins von acht Gebäuden, in denen die Aufseherinnen des Konzentrationslagers Ravens- brück wohnten. Seit 2002 werden sie von der internationalen Jugenbegegnungsstätte/ Jugendherberge Ravensbrück genutzt. Auch die Teilnehmer der Frankfurter Studien- gruppe waren hier untergebracht. 44 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gen. Ravensbrück Prozess vor einem britischen Militärgericht. Gegen Binz wurde Anklage erhoben wegen folgen- der Verbrechen: Schwere und tõdliche Misshandlung von Gefangenen durch Schläge und Tritte im Bunker, Beteili- gung an der Vollstreckung der Prügel- strafen, Beteiligung in ihrer Funktion als SSOberaufseherin an Vernichtungs- elektionen und Selektionen für die me- dizinischen Menschenversuche. Dabei musste sich die Anklage- behörde auf der Suche nach konkreten Beweisen im Wesentlichen auf Aussagen von überlebenden Ravens- brückerinnen stützen, die über ganz Eu- ropa verstreut waren. Ferner gab es schriftliche Berichte von Uberleben- den. Insgesamt waren es 21 Zeugen. Verteidigt wurde Binz durch den Rechtsanawalt Dr. Alfred Beyer. „Die Nürnberger Verteidigung“ Ich wusste von nichts! Ich habe ge- macht, was man mir sagte und befohlen hatte! Ich hatte nur eine geringe Macht! Aufbauend auf diese Strategie ver- suchte dieser Anwalt, seine Mandantin 8o darzustellen, dass sie auch aufgrund der Unterordnung gegenüber dem mãännlichen SSPersonal nicht als Haupt- schuldige angeschen werden könne. Man müsse doch auch die besondere Bela- stungssituation„als Frau? im Pienst ei- nes Konzentrationslagers sehen und die Taten als ein geschlechtsspezifisches Nicht anders-können verstehen. Die Ta- ten seiner Mandantin wãren das Resultat der Strapaze einer überforderten jungen Frau gewesen. Seine Mandantin habe außerdem diese Handlungen nur zum Zwecke des Gehorsams der Hãäftlinge vorgenommen. Im Ubrigen habe die An- geklagte nur Ohrfeigen verteilt. Diese EFinwände zeugen von Zynis- mus und Re- spektlosigkeit gegenüber den Uberle- benden. Aber die Diffamie- rungen gingen noch weiter. Fine Zeu- gin belastete die Angeklag- te erheblich, was die Durchführung der Selektionen betraf, an denen sie angeb- lich nicht oder nur mittelbar beteiligt ge- wesen wäre. Die Fragen des Anwaltes: Was hatte die Angeklagte an diesem Iag für eine Uniform an? Schien an diesem Tag die Sonne? Welcher Wochentag war dies und welche Uhrzeit? Finer weiteren Zeugin wollte er Un- glaubwürdigkeit unterstellen, weil sie an- geblich vor der Deportation ins Lager ei- ne Abtreibung vorgenommen und Brot aus der Lagerküche gestohlen habe. Die Verteidigung baute ein weiteres künstliches Gebilde auf, nämlich das die Angeklagte unfreiwillig in Verstrickun- gen des Lagersystems hineingeraten wãre aus dem sie nicht mehr hätte her- auskommen können. Tatsächlich hat jedoch das weibliche Lagerpersonal d& Möglichkeit, sich ohne besondere nega- tive Folgen für oder gegen die Weiter- führung einer Tätigkeit in Ravensbrück zu entscheiden. Eine SSAufseherin konnte innerhalb der ersten drei Mona- te„Probezeit“ ihren Dienst beenden, aber auch während einer laufenden Dienstzeit war ein Ausstieg jederzeit möglich. Dorothea Binz hatte die Befehlsge- walt über Menschen in einer so großen Anzahl, die mit der Größe einer Armee vergleichbar war. Sie hatte sich freiwil- lig zum Dienst in einem KI. gemeldet Angeklagte im 1. Ravensbrück-Prozes Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 45 und war von Beginn des Bestehens des Lagers bis zu seinem Ende in Ravens- brück. Die Verteidigung befand sich mei- nes Erachtens mit ihrer Strategie schr nahe an dem Jatbestand der Tãuschung von Opfern, der Verschleierung von Mord und Folter. Das Urteil 6 3. Februar 1947 verkündete das bri- tische Gericht das Urteil gegen Doro- thea Binz. Sie wurde in allen Punkten der Anklage für schuldig befunden und mit der Höchststrafe belegt Tod durch den Strang. Die Vollstreckung fand am 3. Mai 1947 statt. Eigentlich hätte dieses Urteil, abge- schen vom Strafmaß der Todesstrafe, die bundesdeutsche Justiz in der Nach- kriegszeit davon überzeugen müssen in ähnlicher Weise die Prozesse aufzuar- beiten und für die SS-Verbrecher zu- mindest die Höchststrafe der lebens- langen Freiheitsstrafe zu fordern und in den Urteilen, wenn es denn überhaupt zu einem solchen kam, auszusprechen. Dem war aber nicht so, im Gegenteil es wurden zumeist erst gar keine Verfah- eingeleitet. Die große Ausnahme lediglich der Auschwitz-Pro- Zess in Frankfurt sowie der Maydanek- ProZess in Püsseldorf Mythos Tatnachweis damals und jetzt Wãhrend des Prozessverlaufs hatte sich die Verteidigung auch immer auf Ge- hilfentum und Befehlsnotstand beru- fen. Nach ð 211 StGB(Strafgeset?zbuch) kann die Mittäãterschaft, die bei einem kollektiven Verbrechen angenommen wird,„nur? als Beihilfe angeschen wer- den. Dies kann unter Umständen bei einer zweifelhaften Beweislage sogar bis Zu einem Freispruch des„Gehilfen“ führen. Analog Zu den Hxzesstaten der angeklagten Dorothea Binz sowie der eindeutigen Zeugenaussagen konnte diese Verteidigungsstrategie nur als Verhöhnung des Gerichts sowie einer Verunglimpfung und Menschenverach- tung der Hãftlinge gleichkommen. Mit dieser Strategie haben dann aber in den weiteren Nachkriegspro- zessen Anwälte Erfolg bei der deut- schen Justiz verzeichnen können. Man kann hier von einer Verharmlosung der NSVerbrechen sprechen, die ihren Niederschlag in der Verdrängung, wie der Aufarbeitung und des Vergessens fand. Wenn es seinerzeit Zu einer Verur- teilung von SS-Verbrechern kam, s0 wurde eine individuelle Tatheteiligung an der Selektion und somit am natio- nalsozialistischen Massenmord nicht bestraft, dafür aber eine etwaige began- gene Urkundenfälschung des SS Scher- gen. Diese„Rechtsprechung“ ist ein Skandal und auch eine Schande für die- ses Land. Die bundesdeutsche Justiz hat nach 1945 im Umgang mit NS- Straftätern komplett versagt. Der Fall Demjanjuk 64 Jahre musste es dauern, bis sich ein deutsches Gericht dazu entschlossen hatte, dass Verfahren gegen einen An- gehörigen der sogen. Hilfswilligen- Truppe der Waffen S8 vor dem Landge- richt München zu eröffnen. Prozessbeginn war der 30. November 2009 und der Angeklagte hieß John Demjanjuk und war 91 Jahre alt. Dem- janjuk wurde angeklagt, für Taten, die er begangen hatte, als Transporte im Vernichtungslager Sobibor eintrafen. Zu dieser Zeit hatte Demjanjuk als Wachmann Dienst, als die Menschen dort sofort ins Gas geschickt wurden. Insgesamt wurden in Sobibor innerhalb 46 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer kürzester Zeit bis 1943 mindestens 250.000 Menschen ermordet. Demjan- juk selbst war„nur“ Wachmann und hatte die Selektionen selbst nicht durchführen können. Insoweit hätte es nach der bisherigen Rechtsprechung am konkreten Tatnachweis für die deut- sche Justiz gefehlt. Dennoch hatte das Landgericht diesen Prozess zugelassen, den es in dieser Art bisher noch nicht gegeben hatte. Der Iatvorwurf lautete: Beihilfe zum Mord, weil er zu dieser Wachmannschaft gehörte und Dienst an der Rampe geleistet hatte. Am 12. Mai 2011 fällte das Landge- richt das Urteil: Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme kommt das Gericht zu dem Ergebnis, dass der Angeklagte schuldig ist, im Vernichtungslager Sobi- bor gedient und dabei an der Tötung von fast 28.000 Menschen teilgenom- men Zu haben. Es habe für diesen auch keinen Notstand vorgeherrscht, auch kein vermeintlicher. Ein in diesem Ver- fahren aufgetretener Nebenkläger be- zeichnete das Urteil als Meilenstein in der Geschichte der Strafverfolgung von Nazi-Verbrechern. Ein Novum im deutschen Strafrecht stellte es auf jeden Fall dar und auch eit nen Gewinn für die historische Auf- klärung. Dieser Prozess hat außerdem eine klare Antwort darauf gegeben, die verbleibende Zeit noch zu nutzen, um die wenigen Täter, die noch leben, end- lich zur Rechenschaft zu zichen. Man muss sich doch als Jurist auch die Frage stellen, warum wurde die Rechtslage nicht schon früher so ange- wandt und welche traurige Rolle spiel- te dabei überhaupt die Staatsanwalt- schaft und die ZST(Zentrale Stelle für Aufklärung nationalistischer Verbre- chen/Bundesarchiv Ludwigshafen). Inzwischen hat das Münchener Ur- teil Zu Recht viele nahe Angehörige von Opfern dazu bewegt, Strafanträge zu stellen und als Nebenkläger aufzutre- ten GZ. B. Hans Lipsches Mitglied der SS Iotenkopf-Sturmbann ab 1941 in Auschwitz Birkenau, Wachmann/ Jo- hann Bachmann Wachmann in Bu- chenwald ab 1943 Dienst in Auschwitz). Nach Schätzungen des Simon Wie- senthal Center sind noch 120 Na kriegsverbrecher am Leben. Das Center hat zur Fahndung von NSVerbrechern aufgerufen. Es soll mir keiner kommen und auf das Alter dieser Verbrecher anspielen. Diese Verbrecher haben bei ihren Vernich- tungsaktionen und Beteiligungen auch nicht nach dem Mter, ob es sich um Kleinkinder, Jugendliche, Erwachsene und Kltere gehan- delt hat, die zur Vernichtung ins Gas bestimmt waren, gefragt. Hier geht es um die Gerechtigkeit und Genugtuung der Opfer. Dabei it es unerheblich wie alt diese Verbrecher sind und wenn sie sich, wie der Simulant Pemjanjuk, mit dem Rollstuhl bringen oder in einem Bett in die Ver handlung tragen lassen. Die Studienreise nach Ravensbrück war bestimmt von wertvollen Ei drücken und Piskussionen mit den nehmdenen Studentinnen und Studen- ten der Uni Frankfurt. Schließen will ich meine Ausführun- gen mit einem Zitat des Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, das ich in der Jüdi- schen Allgemeinen gefundenhabe: „Jowohl für die noch lebenden Opfer als auch und vor allem für die heutige Generation ist das morulische Signal wichtig. Unmenschliches Verhallen darf niemals unbestraft bleiben. Besser půt als gur nicht“ Mexander Wolf Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 47 Ein unmissverständliche Warnung Stellungnahme des Internationalen Auschwitz-Komitees Zur vtraſrechtlichen Ermiulung gegen heule hochbetagte Verdãchtigte, denen Belei- ligung an Verbrechen zu Zeiten Nazi- Peiuschlands vorgeworfen wird, nalum der Auschwilz-Uberlebende Koman Kent als Präsident des Internationalen Auschwilæ- Komilees(AK) am 4. Seplember 2073 wie folgt Slellung: lch werde oft gefragt, warum wir O Kriegsverbrecher immer noch strafrechtlich verfolgen müssen. Meine Gegenfrage lautet: Wie kann es eine Verjãhrung für Nazi-Verbrechen gegen die Menschheit geben und wieso soll- ten die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden? Egal wie viel Zeit vergangen ist, egal wie lange es die Täter geschafft haben, sich der Ent- deckung zu entzichen, egal wie viel Zeit die Justiz sich gelassen hat: Die Täter müssen wissen, dass die zivilisier- te Welt sie verfolgen wird, wenn nötig für den Rest ihres Lebens und an den entlegensten Winkel der Erde. Die fortgesetzte Strafverfolgung von Nazi-Verbrechern beinhaltet auch eine einzigartige und starke Botschaft: Auch nach siebzig Jahren gibt die Welt ht auf, diejenigen zu orten und vor richtzustellen, an deren Händen das Blut unschuldiger Menschen klebt. Eben deswegen darf kein Täter ohne Gerichtsurteil davonkommen. Auch wer sich jahrelang vor der Justiz verstecken konnte, soll sich nie in der Sicherheit wiegen können, bis zum Ende des Lebens unbehelligt und un- erkannt zu bleiben. Noch etwas ist mir im Andenken an unsere ermordeten Freunde und Fami- lienmitglieder wichtig: Wenn wir von den Opfern in Ausch- witz und anderen Konzentrationslagern sprechen, sollten wir immer daran denken, dass ihr Tod kein„Ster- ben“ im eigentli- chen Sinn war. Sie wurden brutal umgebracht, er- mordet und in Krematorien ver- LAK-Präsident brannt. Roman Kent Mit der Ver- wendung von passiven Wörtern Schwächen wir die historische Wahrheit ab und nehmen so unwillentlich die Täter dieser heimtückischen Verbre- chen in Schutz. Es bleibt ein Fehler, den durch die Deutschen begangenen extremen Völkermord zu verharmlosen. Fs bleibt ein Fehler, die furchtbaren Fak- ten zu verwãssern und nicht immer wie- der genau zu erzählen, wie über sechs Millionen Menschen umgebracht wur- den. Sie starben nicht einfach. Sie wur- den ermordet. Menschen, die in fünfzig oder hundert Jahren über den Holo- caust lesen, müssen wissen, dass die Opfer nicht eines natürlichen Todes starben. Wir müssen darauf achten, dass die begangenen Verbrechen und Brutalitäten nicht durch die Sprache vernebelt werden. Es ist unerlässlich, jetzt und in der Zukunft die Ereignisse so zu beschrei- 48 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ben, wie sie wirklich waren, damit sie nicht mit dem Lauf der Zeit verzerrt werden. Auch deshalb war es von besonde- rer Bedeutung, dass die Vereinten Na- tionen die Existenz des Holocausts durch ein formales Gedenken aner- kannten. Dieses offizielle Gedenken der Vereinten Nationen- am 27. Januar eines jeden Jahres, dem Tag der Befrei- ung von Auschwitz- bleibt auch zukünftig der unmissverständliche Hinweis an die gesamte Welt und ins- besondere an alle Leugner—, dass der Holocaust in der Jat ein eil unserer ge- meinsamen Geschichte ist. Wir Uberlebenden sind den Verein- ten Nationen schr dankbar für solche weltweite Anerkennung, obwohl sie sechzig Jahre auf sich warten ließ. Trotzdem, Anerkennung allein reicht nicht. Wir Uberlebenden werden nie die Millionen vergessen, die ermorde wurden. Denn wenn wir verge würde das Gewissen der Menschheit neben den Opfern begraben werden. Beim Gedenken nicht die Gegenwart ignorieren AK beklagt Hetze gegen Flüchtlinge und Minderheiten Anlãsslich des Gedenkens an die Pogrome des 9 November 1938 warnen die Uherlebenden im Internationalen Auschwitz Komitee eindringlich vor dem Erlurken rechitsextremistischer Bewegungen in Europa. Sie geben ihrer Befürch- tung Ausdruci, dass in einigen Kegionen und Ldndern Europas Neonazis nich enischiede genug belcmpft werden. „Das Gedenken in historischen Zu- sammenhängen reicht nicht aus“, be- tont Christoph Heubner, Exekutiv-Vi- zepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees.„Zum Blick in die Vergangenheit gehören auch der Blick ins Heute und der Blick in die Zukunft. Sonst erstarrt Gedenken in sinnlosen Ritualen. Wer gedenkt, muss auch den eigenen Alltag in den Blick nehmen wollen. Antisemitismus, Hetze gegen Sinti und Roma, Ablehnung und Aggressivität gegenüber Flüchtlingen gehören mittlerweile in Europa vieler- orts Zum gesellschaftlichen Alltag und rufen bei den Bürgern oft kaum mehr als ein Kopfschütteln hervor. Wenn es Rechtsextremen zuneh- mend gelingt, die Mitte der Gesell- schaft in ihrer Angst vor Flüchtlingen und Fremden zu Demonstrationen des Hasses abzuholen, dann muss die Fra- ge nach dem Verbot von Organisatio- nen wie beispielsweise der NPD Deutschland-erneut und dringend ge? stellt werden. Es drängt sich die schlimme Befürchtung auf, dass in ei- nigen Regionen Furopas Neonazis im- mer mehr in die gesellschaftliche Mit- te hineinsickern und nicht entschieden genug bekämpft werden. Auch deswegen ist es an der Zeit, die Werte Furopas, die nach dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges und dem Entsetzen von Auschwitz von vielen geteilt wurden, neu zu beleben. Demokratie und Joleranz brauchen engagierte Bürger, die sie verteidigen.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 49 Gebäuden in Auschwitz droht der Verfall Uberlebende fordern schnelles Handeln Auschwitz-Uberlebende aus den USA, Israel, Polen, Belgien und Frankreich ha- ben sich vom 27. bis 29. September in Oswiecim /Auschwitz zu einer Prãsidiums- sitzung des Internationalen Auschwit? Komitees getroffen. Das Präsidium zeigte sich über den rasch zunehmenden Zerfall der bauli- — Substanz der Gedenkstätte in uschwitz-Birkenau zutiefst besorgt. Christoph Heubner, Exekutiv-Vize- prãsident des IAK. schildert die Situa- tion dramatisch:„Immer mehr Ge- bäude in Birkenau sind baufällig, drohen einzustürzen und können von Besuchern nicht mehr betreten wer- den. Dies ist gerade angesichts der im Jahr 2013 erneut angestiegenen Zahl von weit mehr als 1,5 Millionen Besu- chern aus aller Welt ein alarmierender Zustand. 60 Prozent dieser Besucher sind junge Menschen, die mit einem großen Interesse für die Geschichte der Opfer und die Geschichte der Uberlebenden in die Gedenkstätte kommen.“ Die großen Anstrengungen der Di- ktion und der Mitarbeiter des staatli- en polnischen Museums Auschwitz- Birkenau müssen in einem weitaus umfassenderen Umfang international unterstützt werden, um die Gedenk- stätte als UNESCO-Weltkulturerbe zu Impressum: erhalten, betonen die Auschwitz-Uber- lebenden. Christoph Heubner:„Die für den Erhalt des Lagers entstandene Stif- tung muss jetzt finanziell in einem neuen Anlauf schnell in die Lage ver- setzt werden, umfassend zu agieren. Die Uberlebenden des Lagers bitten insbesondere die deutsche Regierung, die zugesagten finanziellen Verpflich- tungen zügig anzupassen, damit die Gedenkstätte gerettet werden kann.“ Der Präsident des Internationalen Auschwit? Komitees Roman Kent (New Vork) hob hervor:„Wir werden dringend das Gespräch mit der neuen Bundesregierung in Fragen der Ge- denkstätten für die Opfer des deut- schen Nazi-Terrors suchen.“ Darüber hinaus beschäftigten sich die Auschwitz-Uberlebenden ange- sichts des latenten Antisemitismus und der explosiven Gewalt gegen die Roma auch mit den wachsenden rechtspopulistischen Bewegungen in vielen Ländern Huropas, die rassisti- sche Einstellungen bedienen. Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Freiherr-vom-Stein-Straße 27, 35516 Münzenberg Internet: vww.lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Wetterau(BI-Z 518 500 79) Konto Nr.: 20 000 503 Weihnachten-zwei Wahrnehmungen Ein Auschwitzer und eine Ravensbrückerin berichten Adventszeit- Weihnachten. In Deutschland das Fest schlechthin, das von den Menschen gefeiert wird, un- abhänging davon, ob sie religiõs sind oder nicht. Man feiert, schenkt und läßt sich beschenken. Hermann Reineck, Auschwitz- Hãftling und Gründer unseres Vereins, der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer, hat nach seiner Befreiung aus dem KZ nur noch einmal unbefangen Weihnachten gefeiert. Das war 1945 als„endlich frei von all dem Druck“ diese Gefühl der Freiheit alles andere überwog, wie er es in einem Interview für den West- deutschen Rundfunk(wdr) einmal formulierte. Bereits Weihnachten 1946 und alle darauffolgenden Jahre war ihm das Fest jedoch ein Gräuel, denn Stets war ihm die Erinnerung an Weih- nachten 1942„lebendig“ vor Augen. Damals ließ die SS in Auschwitz die Hãäftlinge unter einem großen be- leuchteten Weihnachtsbaum zum Ap- pell antreten. Die Schwächsten- die Muselmänner- wurden, sofern sie nicht mehr stehen konnten, bei Minus 34 Grad unter den Baum gelegt. Die S8 befahl, sie mit Wasser zu über- gießen, so dass sie in Eisblõcke einge- froren starben.„Und außer diesem Weihnachten J945, weil das eben diese Lösung von diesem ungeheueren Druck wan habe ich eigentlich Weih- nuchten nie mehr al schönen Feiertag empfunden. Ich Kann seitdem Weih- nachten nicht mehr feiern, wie das an- dere machen, das geht nicht mehr“, s0 Hermann in dem-Interview 1985. Ganz anders ging es Lieselotte Thumser-Weil. KZ-Häftling in Ra- vens-brück und bis zu ihrem Tod 1995 Vorstandsmitglied der Lagergemein- schaft. Sie erlebte ihr„Schönstes Weih- nachten“ 1944 im KZ.„Es gah Schon nichts mehr zu essen, die Fenster waren Kaput.(..) In diesem heillosen Durch- einander hat man geleht wie die Ticz Plõtzlich, es war Schon dunkle Kamen drei Frauen in Rupfenschken lnd mit einer Kerze und vie vangen auf rsisch Weihnachtslieder mit So viel Kraft Ich habe in meiner Baracke ge- Kniet und nur nach ihren Gesichtern geguckt.. Zehn Minuten, vunder- Schon. Uherall Zerstõrung, alles Kaput, liherall Elend, du velbst hist ausgehun- gert Da Sehen nun drei Menschen und hringen dir eine Freude. Wenn die Frauen beim Klauen der Kupfensdchke erwischt worden wären, wären sie er- Schossen worden, wenn sie erwischt worden wären, wie Sie die Kerze he- Schafft hahen, wären sie erchossen worden, wenn sie nach zehn Uhr auf der Lagerstraße erwischt worden wären, wären sie erschossen worden.. Ich hahe Später mit meinen Kindz Weihnachten gefeiert. Aber das W Schablone geblieben. Das war mein Schönstes Weihnachten und ich trãume heute noch davon. Und wenn ich vor dem Christbaum bei meiner Tochter Stehe, dann Sehe ich meine drei Russin- nen. Ich weiß his heute nicht, wer Sie wauren. Kein Mensch weiß es“ (Interview, November 1993;, Infor- mationen, Hg. Studienkreis Deutscher Widerstand 1933— 1945, Rossertstr. 9, Frankfurt/ Main). Wir haben den Text Schon vor zehn Jahren in einem Mitteilungsblait abgedruckt. Schnee von gestern ist er nicht geworden, er berührt jedes mal von Neuem. BS.. G. Farbkarte 613 S L aFT AUSCFHWTZ SR ADSCHWTAZER en„Sauna“ in Birkenau mit Familienfotos, die von Erinnerung mit ins Lager gebracht wurden. Mitteilungsblatt 2013