LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ ASctMrfz FREUNDESKREIS DER AUSCHWTAZER 23. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 2003 Inhaltsverzeichnis Seite Weihnachten in Auschwitz und Ravensbrück 2 Für ein Kilo Frauenhaar erhielt die SS 50 Pfennige 4 Tagebuch-Notizen eines Auschwitz-Besuchers Zwangsarbeit für die IG Farben 6 Frankfurter Initiative Studierender im I6 Farben-Haus Die unendliche Geschichte der I6 Farben 3 Anmerkungen zur Insolvenz des Konzerns Strategien der Verharmlosung von NS-Verbrechen 9 Zu einem Vortrag von Ernst Klee in Bad Nauheim 6 Biographien von NS-Tätern vervollständigt 12 Wer war was vor und nach 1945 LAK eröffnete Koordinationsbüro in Berlin 14 Der Aufstand der Verlorenen 16 Neue Forschungsergebnisse zur Geschichte der Revolte des jüdischen Sonderkommandos in Birkenau Neue Gedenktafel zur Erinnerung an den Auschwitz-Prozess 27 Neuerscheinungen der„Schwarzen Reihe“ 28 Weiter erinnern? Neu erinnern? 31 Zur Gegenwart und Zukunft des Umgangs mit der NSZeit Der Fall Hohmann und die Ausstellung„Legalisierter Raub“ 33 Impressum:— Redaktion: Hans Hirschmann, TLel./Fax(06101) 32599 Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwiter Lindenstraße 68, 35516 Münzenberg Bankverbindung: Sparkasse Wetterau, BILZ 51850079, Kontonummer: 20 000 3503 Die Fotos auf der Titelseite und auf Seite 28 entstammen dem Buch von Hart- mut Bargfrede und Nicola Schmidt„ und alles ist noch da.“ Auschwitz und Auschwitz-Birkenau heute- Fotos und Texte, erschienen im Paranus Verlag (www. paranus.de) 2002 Neumünster. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. wwwlagergemeinschaft-auschwitz. de 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Ein Auschwitzer und eine Ravensbrückerin berichten Weihnachten-Zwei Erfahrungen Adventszeit— Weihnachten. In Deutschland das Fest schlechthin, das von den Menschen gefeiert wird, unab- hãnging davon. ob sie religiòs vind oder nicht. Man schenkt und läßt sich be- schenken. Hermann Reineck, Auschwitz-Häft- ling und Gründer unseres Vereins, der Lagergemeinschaft Auschwitz Freun- deskreis der Auschwitzer, hat nach sei- ner Befreiung aus dem KZ nur noch einmal unbefangen Weihnachten gefei- ert. Das war 1945 als„endlich frei von all dem Druck“ diese Gefühl der Frei- heit alles andere überwog, wie er es in einem Interview für den Westdeutschen Rundfunk(vdr) einmal formulierte. Bereits Weihnachten 1946 und alle dar- auffolgenden Jahre war ihm das Fest je⸗ doch ein Gräuel, denn stets war ihm die Erinnerung an Weihnachten 1942 lebendig“ vor Augen. Damals ließ die SS in Auschwitz die Hãftlinge unter einem großen beleuch- teten Weihnachtsbaum zum Appell an- treten. Die Schwächsten- die Musel- männer- wurden sofern sie nicht mehr stehen konnten, bei Minus 34 Grad un- ter den Baum gelegt. Die S8 befahl. Sie mit Wasser zu übergießen. so dass Sie in Fisblöcke eingefroren starben.„Und außer diesem Weihnachten 1945, weil das eben diese Lõsung von diesem unt geheueren Druck war, habe ich eigent- lich Weihnachten nie mehr als schönen Feiertag empfunden. Ich kann seitdem weihnachten nicht mehr feiern, wie das andere machen. das geht nicht mehr“, so Hermann in dem-Interview 1985. Ganz anders ging es Lieselotte Thumser-Weil, KZHãftling in Ravens- brück und bis zu ihrem Tod 1995 Vor- standsmitglied der Lagergemeinschaft. Sie erlebte ihr schönstes Weihnach- ten“ 1944 im KZ.„Es gab schon nichts mehr zu essen, die Fenster waren ka- p diesem heillosen Durch- einander hat man gelebt wie die Tier Plõtzlich, es war schon dunkle Nach? kamen drei Frauen in Rupfensäcken und mit einer Kerze und sie vangen auf russisch Weihnachtslieder mit so viel Kraft. Ich habe in meiner Baracke ge- kniet und nur nach ihren Gesichtern ge- guckt Zehn Minuten, wunderschõn. Uberall Zerstõrung, alles kaputt, über- all Elend, du selbst bist ausgehungert: Da stehen nun drei Menschen und brin- gen dir eine Freude Wenn die Frauen beim Klauen der Rupfensãcke erwischt worden wären, wären sie erschossen worden, wenn sie erwischt worden wären, wie sie die Kerze beschafft ha- ben, wãren sie erschossen worden, wenn sie nach zehn Uhr auf der Lagerstraße erwischt worden wären, wären sie er- Schossen worden. Ich habe spãter meinen Kindern Weihnachten gefeier Aber das ist Schablone geblieben. Das war mein schönstes Weihnachten und ich träume heute noch davon. Und wenn ich vor dem Christbaum bei mei- ner Tochter stehe, dann sehe ich meine drei Russinnen. Ich weiß bis heute nicht. wer sie waren. Kein Mensch weiß es“ (ntervien November 7003, Informatio- nen Iig Snudienkreis Deuscher Wider- srand, Rosvertstn 9, FrunkfurM.). Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Kürzungen von Zuschüssen stellen Vereinsprojekte in Frage Weihnachtsspende 2003 Dank der Spenden von Mitgliedern und Sympathisanten konnte die Lager- gemeinschaft— Freundeskreis der Auschwitz in vielen Fällen nicht nur moralische Solidarität mit Opfern des Dritten Reiches üben, sondern in ge- wissem Umfang auch materielle Nöte lindern(über die Projekte des Jahres 003 haben wir im Mitteilungsblatt vom uni berichtet). Wir wissen, dass wir als gemeinütziger und rein ehrenamtlich geführter Verein nicht alle von den Opfern des Pritten Reiches an uns her- angetragenen Bitten so unterstützen können, wie es gewünscht wird und es auch wünschenswert wäre. Es fällt schwer, Hoffnungen von Menschen ent- täuschen zu müssen, von denen man weiß, dass ihre Verfolgung, ihre seeli- schen wie körperlichen Demütigungen und erlittenen Torturen, der Verlust von Familienmitgliedern und Freunden im Dritten Reich bis heute nicht oder nur sehr unzureichend anerkannt wurden. Damit wir auch künftig selten in die- se hilflose ILage geraten, bitten wir nun wieder um eine Weihnachtsspende, s0 ie es unser Vereinsgründer Hermann S stets die Schicksale der Mit- häftlinge in Auschwitz vor Augen bis zu seinem Jod Jahr für Jahr getan hat. Wie wichtig den Opfern neben den direkten materiellen Unterstũtzungslei- stungen die damit verbundene Aner- kennung ihrer Verfolgungssschicksale ist, das weiß jeder, der einmal mit ihnen zusammengetroffen ist. Dem Ziel in der Offentlichkeit Em- pathie und Interesse für die Opfer des Nationalsozialismus zu wecken, sind wir mit Studienfahrten, Vortrags- und Ausstellungsveranstaltungen sowie auch mit Demonstrationen gegen Neo- Nazismus und Rassismus nachgegan- gen. In dem bisherigen Umfang war dies nur mõglich, weil wir Zuschüsse der õffentlichen Hand erhalten haben. Während beispielsweise im Jahr 2002 die meisten Vorträge von der HIZ, der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, mitfinanziert wurden, so mussten wir in diesem Jahr unser Veranstaltungsprogramm weitge- hend aus Figenmitteln bestreiten. Noch bezuschusst von der HIZ war die Stu- dienfahrt nach Auschwitz im Oktober dieses Jahres(Siehe Seite 4 ff). Wir wis- sen bereits jetzt, dass es in 2004 für sol- che Fahrten keine HIZGelder mehr geben wird. Bedauerlicherweise ist Kurt Grün- berg von der Frankfurter„Initiative 9. November“ zuzustimmen, wenn er die- 8e Praxis wie folgt kommentiert:„Ent- gegen jeder Vernunft werden gerade in Zeiten ökonomischer Krisen wenn Menschen ganz besonders anfãllig sind für einfache Erklärungen' und Vorur- teile- der Aufklärung verpflichtete so ziale, kulturelle und wissenschaftliche Institutionen weniger gefördert.“ lhre Weihnachtsspende(ein Uber- weisungsformular liegt bei) hilft mit, die Arbeit der Lagergemeinschaft und des Freundeskreises fortzusetzen; dafür danken vor allem die ehemaligen Hãäft- linge der Konzentrationslager und die Gefangenen der Gestapo-Gefängnisse. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Für ein Kilo Frauenhaar erhielt die SS 50 Pfennige Tagebuch-Notizen eines Auschwitz-Besuchers Nach zwei intensiven Vorbereitungstreffen unter anderem mit den beiden Monowitz-Hãftlingen Peter Wolff und Siegmund Freund führte eine unter Kei- tung von Andreas Kilian und Matthias Tiessen organisierte Studienfahrt der Ka- gergeimeinschaft mit 18 Frauen und Mãnner vom 2. bis 7. Oktober nach Krakau und Auschwitz. In Krakau führte ein Rundgang durch die historische Altstadt und das vormalige jũdische Viertel Kazimierz zur Ambulanz für ehemalige KZHãft- linge, auch fand ein Ireffen im Club? der Uberlebenden statt. In Oswiecim wur- den in Begleitung des Auschwitz-Hãftlings Tadeus? Sobolewicz das Stammlager (Auschwitz 1), das Vernichtungslager Birkenau(Auschwitz Il) und das Lager Bu naMonowit?(Auschwitz III) besichtigt. Ebenfalls auf dem Programm stand Gesprãch mit der stellvertretenden Museumsleiterin Krystyna Oleksy. Die folgenden Iagebuch- Auszüge von Niels Tiessen, der Zum erstenmal Po- len besuchte, geben einen kleinen Eindruck von der Studienfahrt. Freitag, 3. 10. 2003(Besuch in der Ambulanz des Klubs der ehemaligen Auschwitzhäftlinge): In Krakau und Umgebung leben noch rund 2000 ehemalige Auschwitz- Hãäftlinge, die im Bedarfsfall ambulant versorgt werden. Auch für die hãusliche Pflege gibt es ein spezielles Angebot. Die leitende Arztin berichtete auch von der 16 Betten-Station, die hier für ehemalige Auschwitzer reserviert und immer gut belegt ist, da ein Großteil der Hãäftlinge schon über 80 Jahre alt ist. In der Ambulanz arbeiten auch Vo- lontäre aus Japan und Deutschland. Hoch erfreut bedankte sich die Arztin für unser Interesse an ihren Patienten und auch für die von der Lagergemein- Schaft übergebene Geldspende. Anschließend besuchten wir den Krakauer Klub der Auschwitzer, des- sen Präsident Josef Paczynski uns sehr freundlich begrüßte. Paczynski gehör- te mit der Häftlingsnummer 121 zum ersten polnischen Hãäftlingstransport. der zur Errichtung des Lagers einge- setzt wurde. Er berichtete von den Begrüßungsworten“ des Lagerkom- mandanten:„Ihr seid hier nicht in ei- nem Sanatorium sondern in einem deutschen Konzentrationslager. Ihr werdet hier nicht länger als 3 Monate überleben, Juden nicht lãnger als 1 Mo- nat und Priester nicht länger als 14 Ta- ge. Keiner wird das Lager lebend ver- lassen, sondern Ihr alle werdet das Lager durch den Kamin verlassen.“ paczynski wurde unter anderem als persönlicher Friseur des Lagerkom mandanten Rudolf Höß eingesetzt. 6 den drei Jahren, in denen er Höß fri- sierte, habe dieser kein einziges Wort mit ihm gesprochen. Paczynski verdankte sein Leben dem deutschen Häftling Nr. 2, einem Dieb, aber trot?dem hervorragenden Menschen, der in seiner priviligierten Stellung vielen polnischen Gefange- nen das Leben rettete. Nach der Be- freiung des Lagers wurde dieser Hãäft- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 Die Reisegruppe mit dem Auschwitz-Uberlebenden Tadeus? Sobolewicz(vordere Reihe, 2. v links, mit Mütze und Schal).„Aus der Hölle zurück“ lautet der Titel seiner Biografie. ling vom polnischen Staat mit einer hohen Auszeichnung geehrt. Samstag, 4. 10. 2003(Besuch im Stammlager Auschwit?z in Begleitung des ehemaligen Häftlings Tadeusz So- bolewicz). Nur etwa ein Viertel aller Neuan- kõmmlinge wurde als arbeitsfãhig ein- gestuft, der überwiegend aus älteren Frauen und Männern sowie Kindern bestehende Rest wurde direkt in die Gaskammern geschickt.(..) Mit deut- Scher Gründlichkeit und Kalkül wurde ie persönliche Habe der eingetroffe- nen Häftlinge verwertet. So wurden vor ihrer Deportation alle zukünftigen Hãftlinge schriftlich aufgefordert, in einem Koffer alles Notwendige mit auf die Reise zu nehmen. Alle persönli- chen Gegenstände wurden sofort nach Betreten des Lagers oder noch an der Bahnrampe konfisziert. Uns erschütterte der Gang vorbei an riesigen Vitrinen, in denen tausen- de Schuhpaare, Bürsten, Emaille- schüsseln, Koffer mit Namen der Häft- linge(teilweise von Kindern des Jahr- gangs 19351), Brillen und Prothesen Sowie einem riesigen Berg von Frau- enhaar aufgetürmt war. Alles hatte die SS pflichtbewußt und akribisch sor- tiert und versucht weiter zu verwer- ten. S0 blieben selbst die sterblichen Uberreste nicht verschont sondern wurden teils zu Seife verarbeitet. Für ein Kilogramm Frauenhaar erhielt die S8 von der Jextilindustrie 350 Pfennig! Sonntag, 5. 10.2003 (Besuch in Birkenau) Rund 80 Prozent der Deportierten wurden unmittelbar nach der Ankunft in Vichwaggons in den Gaskammern ermordet. Nur diejenigen(meist Män- ner), die im Vorübergehen als arbeits- fähig eingestuft wurden, wurden als Häftlinge in der Hölle auf Erde wie Sklaven gehalten und erfuhren damit die Gnade ein paar Wochen bis Mona- te zu überleben, ehe sie am Hunger. den Strapazen der martialischen Ar- 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwit?er beit oder in Folge einer der menschen- vernichtenden Launen des SS-Regi- mes den Tod fanden. Das Prinzip des Konzentrationslager Auschwitz lautete Deutsche Häftlinge können sterben, polnische Hãftlinge vollen sterben und jüdische Häftlinge müssen sterben“. Zurück im Stammlager. Wir be- sichtigten nochmals die Blocks und ei- ne schr bewegende Ausstellung der Sinti und Roma. Ebenso nochmals die menschenleere Gaskammer und das Krematorium des Stammlagers fas- sungslos über das, was Deutsche vor 60 Jahren in treuem Pflichtgehorsam an- deren Menschen angetan haben. Montag, 6.10.2003(Besuch in Monowitz und erneut in Birkenau) Am Frauenlager und dem Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma vor- bei zu den Uberresten der gesprengten Gaskammer. Direkt hinter dieser Rui- ne befindet sich eine Lichtung, auf der die vergasten Leichen zunächst ver- brannt wurden(hiervon existieren heimlich von Hãftlingen aufgenomme- ne Fotoaufnahmen). Vorbei am Klär- werk und am Mahnmal gingen wir dann auf dem„Todesweg“ zurück zum kom¶ mandanturgebãude. In dem Buchladen erwarb ich die Biografie von Tadeus? Sobolewicz„Aus der Hölle zurück“. Zwangsarbeit für die IG Farben Frankfurter Initiative Studierender im IG-Farbenhaus wollen Oberlebende des Lagers Auschwitz III/ Buna Monowitz einladen Das KZ Auschwit? III oder Buna- Monowitz wurde eigens für den IG- Farben-Konzern gebaut. Hier waren die Zwangsarbeiter untergebracht, die beim Bau der IG-Farben-Fabrik für synthetischen Kunststoff und Flug- treibstoffe ausgebeutet wurden. Zeit- weise arbeiteten auf der Baustelle bis zu 10.000 Häftlinge. Insgesamt gingen in Monowitz rund 25.000 Menschen gemäß dem Nazi-Prinzip„Tod durch Arbeit“ zugrunde. Im heutigen Dorf Monowice gibt es kaum mehr Spuren des ehemaligen Konzentrationslagers. Dagegen exi- stiert in Frankfurt am Main noch die chemalige Konzernzentrale der IG- Farben, in der heute Teile der Univer- sität untergebracht sind. Hier fand 1008 ein Treffen der überlebenden Zwangsarbeiter unter Organisation des Fritz-Bauer-Instituts statt, dem, angeregt durch die Uberlebenden ein zweites folgen sollte. Das konnte bis heute nicht geschehen. Die Initiative Studierender im IG-Farbenhaus beab- sichtigt in Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer-Institut dieses zweite Iref- fen im Mãrz 2004 Stattfinden zu lassen. Die Uberlebenden kõnnen erst ein⸗ geladen werden, wenn Finanzierung zusagen vorliegen. Für diesen Fall soll ein Rahmenprogramm organisiert wer- den angedacht sind Lesungen und Be- gegnungen mit dem Ziel, Zwangsarbeit im Dritten Reich am Beispiel der 16 Farben zu beleuchten und zu erinnern. Informationen, ob das Ireffen stattfinden und wie im positiven Fall das Programm gestaltet werden kann, verschicken wir auf Anfrage unter igfarbentreffen Gyahoogroups.com Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Die unendliche Geschichte der I6 Farben Anmerkungen zur Insolvenz des Konzerns Von Diethardt Stamm Schon über ein halbes Jahrhundert lang wird die I6 Farben abgewickelt“. Der Konzern, der sich den Nazis an- diente, sie mitfinanzierte, schamlos mit ihnen gemeinsame Sache machte, selbst die chemischen Grundlagen des Giftga- es für den Massenmord an Juden pro- Gierte bzw lieferte und sogar gemein- sam mit den SS-Schergen ein„werks- eigenes“ KZ in Auschwitz Monowit? betrieb, Sollte auf Alliiertengeheiss nach dem Krieg Zerschlagen werden. In Abwicklung“ bedeutete aber in der bundesrepublikanischen Realität weiter bis heute einen munteren Han- del mit einer Aktie, die auch noch ak- tuell in Reichsmark existiert. Pahinter verbirgt sich auch die permanente Ausschau nach versteckten Konzern- Nazireichtümern, sei es nach der Wen- de im Jahre 1990 die Erwartung auf Erhalt des Konzerngeländes in ost- deutschen Großstädten oder das gei- sterhafte Herankommen an Konten in onS 160 Faben Seo Dissolution Me MWarprosel0 3n5 Eeperiments on un digung für IG-Farben-Zwangsarbeiter. mmecdiate Jahrelang forderten Demonstranten die Entschã- der Schweiz mit geparkten Milliarden- betrãgen. Stãndig wurden dubiose Ge- schäfte gemacht und gleichzeitig An- sprüche der Naziopfer abgewiesen. Die Opfer haben denn auch jahr- zehntelang immer wieder ihren Protest in den Hauptversammlungen der„.G. Farben i.I.“ in Frankfurt/M vorgetra- gen. Viele Mitglieder und Freunde der Lagergemeinschaft waren unter ihnen: Hermann Reineck, Liselotte Thumser- Weil, Marie-Luise Steinschneider und lautstark immer wieder Peter Gingold und Hans Frankenthal. Die permanente Kernforderung war, sofort den Konzern mit den Blutaktien aufzulõsen und das Restver- mögen den Opfern zur Verfügung zu stellen. Unsere Vorstandsmitglieder Matthias Tiessen und Diethardt Stamm stellten hierzu mehrfach entsprechende Anträge und begründeten dies im Na- men der Lagergemeinschaft. Diethardt Stamm war Zeitweise wegen„Stellen von unerlaubten Antrãgen“ und der Behauptung, er würde zu einer Ver- wendung von„Restvermögen in rechtswidriger Weise“ aufrufen, mit einer 400 Millionen PM-Klage be- droht. Der Konzern konnte sich fast al- les in der BRD leisten: Verhöhnung der Opfer, Diffamierung derer, die die üble Konzerngeschichte nicht in Vergessenheit geraten lassen woll- ten, und brutalen Rauswurf unter Anwendung von körperlicher Ge- walt aus der Hauptversammlung 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer durch eine Art Saalschutz gegen jeden. S 6 e ee G G schichte leugnenden Vorstandes(die „Liquidatoren“) auch nur durch einen Zwischenruf„störte“. Die I6 Farben fielen nicht nur bei der Missachtung und Verunglimpfung der Konzernopfer auf sondern auch durch finanzielle Machenschaften. Vor 10 Jahren wurden 67 Mio Euro von dem 80 Mio Euro-Restvermögen vorbei an den vielen Zwangsarbeitern und weni- gen Uberlebenden der im KZ Ausge- beuteten an einige Aktionäre ausge- schüttet. Ständig stand der Konzern in Verbindung mit unsauberen Geschäf- ten auf der Basis von Blutgeld. Schon kurz nach Kriegsende ging es um Häu- Serspekulationen, die aber wiederum auf Kosten der Opfer liefen und aktuell den Konzern in die Insolvenz trieben. Offenkundig unerlaubte Insiderge- schäfte führten dabei auch noch zu Massenverkäufen bei wenigen Perso- nen kurz vor Bekanntwerden der Insol- veZ. Die Dummen waren und sind im- mer wieder die IG-Farben-Opfer. Selbst die nach jahrzehntelanger Dis- kussion vor zwei Jahren erzwungene Stiftung, die im Interesse der Opfer lie- gen sollte, hat trotzig keine Aktivitäten aufgenommen. Es klebte schon immer Blut an den Aktien der IG-Farben i. K., und der Name des Konzerns, der jetzt endlich von der Bildfläche verschwin- det, ist zwangsläufig gebrandmarkt durch Mord, Verfolgung und Ausbeu- tung im II. Reich bis hin zum heutigen Betrug am gleichen Personenkreis. 0 Appelliert werden muß nun an die Glãubigerbanken, das restliche Kapital- vermõgen nicht zu kassieren, sondern mit einem Minimum an Moral den IG- Farben-Geschädigten zukommen zu lassen. Hierzu verpflichtet auch der Tag der Insolvenzbeantragung 9. Novem- ber 2003 ein Zufall? Kein Zufall ist, dass die jüngste Stu- dienfahrt der Lagergemeinschaft nach Polen im September schwerpunkt- mäßig Auschwitz Monowitz als einem Standort der I6 Farben galt. Locker-Aktionäre der I6 Farben wollen weiterhin die Opfer missbrauchen Das Nachrichtenmagazin„Der Spiegel“ berichtete(17. November), dass Aktionãre der I6 Farben die erst auf õffentlichen Druck eingerichtete Stiftung der Firma benutzen wollen, um bei der Schweizer Großbank UBS ver- meintliches Alt-Figentum des I6 Far- benKonzerns einzklagen. Dazu meint Henry Mattws, der Sprecher der Kriti- schen Aktionäre:„Die Zocker- Ak- tionäre der I6 Farben missbrauchen die Opfer des einstigen Nazi-Konzerns, um weiterhin ihre Taschen zu füllen(..) Die Stiftung wurde gegründet, unch überlebende Zwangsarbeiter zu ent⸗ schädigen, aber nicht um Aktionäre reich zu machen.“ Mattews beschuldigt die ehemaligen Liquidatoren Otto Bernhardt und Volker Pollehn bei der lnsolvenz ganz bewusst ihre Vorstand- sposten in der von der Firma gegrün- deten Stiftung behalten haben, um nun Skrupellosen Aktionären zu einer neu- en Chance zu verhelfen, wie das frank- furter info“ berichtet(siehe auch Www kritischeaktionäre. de) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Zu einem Vortrag von Ernst Klee in Bad Nauheim Strategien der Verharmlosung von NS-Verbrechen Als eine einzige Lügenmaschinerie bezeichnete Ernst Klee die Entnazifi- zierung der NS-Täter, Mitläufer und Zuschauer. Aus jedem Verbrecher wurde ein Helfer gemacht. Die Opfer blieben auch nach 1945 allein, mit ih— nen wurde nicht getrauert, sie wurden Sogar weiter verhöhnt, während die Tä- 6* hofiert wurden und ihre Karrieren fast bruchlos weiterführen konnten und ihr verbrecherisches Tun im Drit— ten Reich von der Bundesrepublik bei der Bemessung von Renten- und Pen- sionsbezügen anerkannt wurde. Abgewiegelt wurde dagegen bei den Entschädigungen der Opfer. S0 wurde beispielsweise die Gruppe der Euthanasie-Opfer nie offiziell als Ent- schädigungsopfer anerkannt. Die ver- antwortlichen Täter wurden dagegen nach dem Krieg fast alle Professoren. Wer aber Täter ehrt, der mordet die Opfer ein zweites Mal, ist die Quintes- senz der von Ernst Klee seit Jahrzehn- ten in vielen Publikationen vorgeleg- ten Forschungsarbeiten. Wie er es aushalte, immer wieder mit dieser deprimierenden Erkenntnis konfrontiert zu werden, wurde er am 26. November bei einer Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer in Bad Nauheim gefragt. Es sind die Opfer, antwortete Klee, denen er sich bei sei- nen Arbeiten venpflichtet fühlt. Im Meer der Lügen“ müsse es Stimmen geben, die sich dagegen wehren ihnen die Würde als Opfer abzusprechen. „Strategien der Verharmlosung von NS-Verbrechen“ lautete so der Titel von Ernst Klees zweiten Auftritt in der Wetterauer Kurstadt, nachdem sein er- Ernst Klee bei veinem Vortrag am 26. November 2003 im alten Rathaus Bad Nauheim. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ster Vortrag im Oktober 2002 über die Hofierung der Täter“ kommunalpoli- tisches Aufsehen erregt hatte. Der vor- malige Direktor des Kerckhoff-Insti- tuts Rudolf Thauer war nach seinem Tod von der Stadt mit der Benennung einer Straße geehrt worden. Klee hat nachgewiesen, dass Thauer als Sturmbannarzt NSDAPMitglied war und in den 40er Jahren zumindest bei einer Tagung teilgenommen hatte, bei der über Menschenversuche an K?Z- Hãftlingen berichtet wurde(iehe Mit- teilungsblatt 2 /2002). Uber eine Anfra- ge der Grünen im Bad Nauheimer Stadtparlament und den Versuch von Bürgermeister Bernd Rohde, jegliche Verdachtsmomente zu zerstreuen, wur- de im Mitteilungsblatt 1/2003 berichtet. Auf Rohdes Außerungen ging Ernst Klee im Vorwort seines neuen Buches Das Personenlexikon zum PDritten Reich“(siche Seite 12 dieser Ausgabe). Eine der üblichen Vorgehensweisen, NSVerbrechen zu verharmlosen, be steht im Verschweigen und in Auslas- sungen: Jahre und Ereignisse werden in Biografien übersprungen, Daten und Taten nur so weit eingestanden, wie sie als unverfänglich ausgegeben werden können. Gerade diese„Lücken“ sind für Ernst Klee der Zugang zu den tat- Sãchlichen Biografien der NSTäter und Mitläufer, wie er sie in seinem„Perso- nenlexikon“ zusammengetragen hat. Uber Spuren, die nach Bad Nau- heim weisen, und die bis heute betrie- bene Verharmlosung berichtete er bei seinem jüngsten Vortrag im alten Rat- haus der Kurstadt. Die Ankündigung dieser Veranstaltung durch die Lager- gemeinschaft schloss mit folgendem Satz„Im März 2004 findet in der Wet- terauer Kurstadt die Auftaktveranstal- tung zur bundesweiten Woche der Brüderlichkeit' statt. Bedenken sind angebracht, ob Bad Nauheim hier wür- dig präsentiert sein wird von stãdti- schen Vertretern, die zum wiederhol- ten Male NS-Unrecht bagatellisieren.“ Eine weitere Strategie der Verharm- losung bestand in der Behauptung von NSDAPMitgliedern, sie seien erst 1937 in die Nazi-Partei eingetreten. Hierzu müsse man wissen, dass ab 1933 ein Auf. nahmestopp bestand, weil die Nazi nach der Regierungsübernahme durch Hitler den massenweisen Eintritt von Karrieristen eindämmen wollten. Wer trotzdem in dieser Zeit eintreten wollte, musste sich besonders ins Zeug legen und bei den Nazis antichambrieren, wie Klee erlãuterte. Als besonders perfide bezeichnete es der Autor vieler Standardwerke zu den NSVerbrechen, dass viele Täter behaupteten, es sei nur innerhalb der Partei möglich gewesen Widerstand und Hilfe für die Verfolgten leisten zu können. In der Summe habe keiner der akademischen Geistesgrößen und willfährigen Forscher nach 1945 seine Mittãterschaft oder sein Mitläufertum bedauert und sich bei den Opfern ent⸗ schuldigt. Das Dritte Reich war fi Wissenschaftler ein Paradies, führte Klee aus, da fast alle Forschungsvor- haben genehmigt wurden und Hãftlin- ge und stigmatisierte Menschen für Versuche zwangsweise zur Verfügung gestellt wurden. Ein unrühmliche Rolle damals wie heute spielt auch die Deutsche For- schungsgemeinschaft, die damals an diesen Forschungen als Mitfinanzier be- teiligt war und heute die Aufarbeitung Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 ihrer verbrecherischen Vergangenheit lediglich in zwei„grandiosen“ Ver- harmlosungs- Studien“ zu thematisie- ren bereit war. Das gleich gilt für die Max Planck Institute als Rechtsnach- folger der Kaiser- WilhelmeInstitute. Ernst Klee, eigentlich Theologe und Sozialpãdagoge, wäre froh, wenn er von Medizinern und anderen Fachakade- mikern Unterstützung erfahren hätte. 5 Nach den Erkenntnissen, die der Autor Ernst Klee bei den Recherchen über Verbrechen während des Dritten Reiches gewonnen hat, kennt er für das Verfahren der„Entnazifkierung“ nur noch harte Worte.„All das, was nach 1945 in der Entnazifizierung geschrie- ben und gesagt wurde, ist Lüge“, Ssagte er in seinem Vortrag auf Einladung der Lagergemeinschaft Auschwitz, Klee stieß bei seinen Recherchen immer wie- der auf Wissenschaftler oder Menschen in führenden Position, die nach seinen Erkenntnissen unzweifelhaft an Men- schenversuchen oder anderen Verbre- chen beteiligt waren, sich im Entnazifi- zierungsverfahren jedoch als„Wider- standskämpfer“ oder„Retter von Mu- en bezeichneten.(..)„Wenn man ih- re Lügen aufdeckt, folgen sofort hef- tigste Diffamierungsversuche.“ Die Methoden, die Wissenschaftler und andere Führungskräfte bei der Ent- nazifizierung angewandt hätten, seien immer die gleichen gewesen:„Dreiste Lügen.“ Als Beispiel nannte er einen KZWachmann, den einer der Häftlin- ge deshalb als„human“ empfunden ha- be, weil er keine Gefangenen geschla- gen habe. Dieser Häftling habe dem Als einer ihm jedoch einmal Hilfe zu- sagte und dann die Liste der verdäch- tigten“ Wissenschaftler sah, zog er er- schrocken sein Angebot zurück: Er wollte sich nicht mit allen Koryphäen seines Faches anlegen. Die eigene Kar- riere war ihm doch wichtiger als die So- lidarität mit den Opfern. Hans Hirschmann Die Lügen der Nazis Wachmann nach dem Krieg geschrie- ben. In der Antwort habe der Wach- mann Auschwitz als„Finrichtung zum Schutz von Juden“ bezeichnet. Kein Einzelfall, in dem Täter sich zu Opfern stilisieren und die Fakten genau umgedreht hätten.„Das Selektionsden- ken in minderwertiges und hochwerti- ges Leben war schon vor der Nazi-Herr- schaft in den Kõpfen und ist es noch bis heute“, sagte Klee. Eine Verharmlosung der NSMit- lãuferschaft wie die durch Bürgermeis- ter Rohde, sei ihm in dieser Form noch nie begegnet. Rohde hatte gesagt, wer in führender Position seine Familie ha- be ernähren wollen, sei um eine Mit- gliedschaft in der NSDAPnicht umhin gekommen.„Das ist Quatsch, Tausen- de haben es ohne Parteibuch weit ge- bracht“, 80 Klee. (Frankfurter Rundschait, 26. 77. 2003) Hinweis: Weitere Presseartikel zu un- seren Veranstaltungen auf unserer Homepage(www.lagergemeinschaft- auschwitz. de). Zum Beispiel zu dem Vortrag von Dr. Dieter Wolf in Fried- berg am 6. November 2003 über die Deportation von Wetterauer Juden. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Biographien von NS-Tätern erstmals vervollständigt Ernst Klee:„Das Personenlexikon zum Dritten Reich“ Rund 4. 300 Namen in neuen Zusammenhang gestellt Von Annedore Smith Der Ornithologe Günther Niet- hammer war Anfang der 40er Jahre als SSMann in Auschwitz eingesetzt. Ne- benbei erforschte er die dortige Vogel- welt. Danach war er als Obersturm- führer beim Ahnenerbe tätig- einer Studiengesellschaft des Reichsführers- S8 Heinrich Himmler. In der„Deut- schen Biographischen Enzyklopädie“ erfährt man lediglich, dass Nietham- mer 1933 über die Kropfbildung der Võgel promovierte und 1957 in Bonn Professor wurde. Für den NS-Forscher Ernst Klee ist dies nur ein Beispiel unter Tausenden für unvollständige oder gefälschte Bio- graphien in den gängigen Nachschla- gewerken.„In dieser Lexikon-Welt gibt es keine Nazis, schon gar nicht im Wissenschaftsbereich“, schreibt Klee im Vorwort zu seinem„Personenlexi- kon zum Dritten Reich- Wer war was vor und nach 1945 Die Zeit von 1933 bis 1945 wird in den meisten Lebens- läufen schlicht ausgespart. Viele dieser Lücken werden in dem neuen Buch erstmals geschlossen. Das in dieser Form einzigartige Lexikon ist die Summe aus fast 25 Jah- ren Recherche des renommierten Pu- blizisten, der für seine Werke über die Medizinverbrechen der deutschen Na- tionalsozialisten mit dem Geschwister- Scholl-Preis sowie mit der Goethe- Plakette der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet wurde. Rund 4.300 Personen sind aufgeführt, die unter dem NS-Regime Karriere machten. Sie stammen aus den Bereichen Wirt- schaft, Wissenschaft und Medizin, Justiz, Kirchen, Wohlfahrtseinrich- tungen, Kultur und Publizistik sowi aus Polizei, Wehrmacht und dem Ap- parat der NSDAP Oft werden die Finträge mit Zita- ten ergänzt, die für sich selbst spre- chen.„Die einen fördern und die an- deren ausschalten zu lernen, ist.. 80 ziemlich die lebenswichtigste For- Schungsaufgabe, die sich ein Volk heu- te stellen kann“, schrieb 1943 der berühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Der Philosoph Martin Hei- degger versicherte 1933 in seinem An- trag auf Aufnahme in die NSDAP: „Ich bin deutscher Abstammung und frei von jũdischem oder farbigem Ras- seneinschlag.“ Besonders brutal sind die Zitate aus Anordnungen der S8— Schergen. So verkündete der Keiter der Selektion des Gettos Kowno/Kau nas in Litauen, Helmut Rauca, im Juli 1942„Schwangerschaften und Gebur- ten im Getto sind verboten... Schwan- gere Frauen werden erschossen.“ Klee Zeigt auch, wie viele Tãter nach 1945 weiter Karriere machten. Der KZ Arzt Kurt Plötner, der in Dachau bei tõdlichen Malaria-Versuchen an Hãäft- lingen mitgewirkt hatte, wurde 1954 Professor an der Universitãtsklinik Freiburg. Als seine NSVergangenheit Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 untersucht wurde, bescheinigte ihm die Fakultät,„dass Herr Dr. Plötner in kei- ner Weise gegen menschliche und ärzt- liche Ethik verstoßen, ja sich mensch- lich und ärztlich trotz der gegebenen Schwierigen Umstände ohne Tadel ver- halten hat“. Dass die Bestra- fung der Täter nach blieb, führt Klee auch darauf zurück, dass 6 Nuristen und Kri- minalbeamte einst selbst Teil des NS-Unrechtsstaats wa- ren. Demnach wurden allein sechs SSFührer, die zur Elite des NS-Appa- rats gehört hatten, Leiter eines Landes- kriminalamtes. Eduard Dreher. Ns- Sonderrichter zur Ausschaltung politi- scher Gegner, sorgte 1968 als Ministe- rialrat im Bundesjustizministerium für eine Gesetzesänderung, nach der Schreibtischtäter ohne persönliche Mordmotive wegen Verjährung nicht mehr bestraft werden konnten. Die Kontroverse um Rudolf Thauer Noch heute werden immer wieder ntschuldigungen für die Täter der SZeit gefunden, wie Klee in seinem Vorwort am Beispiel des Physiologen Rudolf Thauer verdeutlicht. Der ehe- malige Sturmbannarzt führte 1942 im Auftrag von Luftwaffe und Marine Kälteexperimente durch, und zwar am Menschen. Dies wurde seinerzeit offen eingerãumt, auch wenn die Iden- tität der Versuchspersonen bis heute nicht geklärt wurde. Thauer wurde nach dem Krieg Professor in Gießen und Pirektor des Kerckhoff-Instituts Eduard Dreher, ehemaliger NS-Sonderrichter, sorgte 1945 weitgehend aus- 1968 als Ministerialrat dafür, daß Schreibtischtäter ohne persõnliche Mordmotive im nicht mehr bestraft wurden. in Bad Nauheim. Ein Jahr nach seinem Tode 1986 wurde dort eine Straße nach ihm benannt. Im Mitteilungsblatt der Lagerge- meinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer vom Juli 2003 ist aus- führlich beschrieben, dass ein Vortrag Klees in Bad Nauheim Ende vorigen Jahres zu einer Anfrage der Grünen Stadtparlament führte, in der der Ru- dolf-ThauerWeg“ kri- tisch unter die Lupe genommen wurde. Klee kritisiert im Vorwort zu seinem „Personenlexikon“ nicht nur die Tat- sache, dass Bürgermeister Bernd Roh- de daraufhin den Wissenschaftler in Schutz nahm. Als besonders schlimm wertet er die Aussage Rohdes zu Thau- ers NSDAPMitgliedschaft, die da lau- tet:„Alle Frauen und Männer, die im öffentlichen Dienst während des Nazi- regimes beschäftigt waren, mussten sich mit der Frage auseinandersetzen, entweder in die NSDAP einzutreten oder aber ihre Familie nicht mehr ernähren zu können.“ Dazu Klees Resümee:„Der Bür- germeister glaubt wahrscheinlich, was er sagt. S0 dreist die Aussage auch er- scheint. Niemand musste in Hitlers Partei eintreten, schon gar nicht, um dem Hungertod zu entgehen(verhun- gert sind andere: KZHäftlinge, Psy- chiatriepatienten, russische Kriegsge- fangene).“ (Ernst Klee:„Das Personenlexikon zum Dritten Reich-Wer war was vor und nach 1945 Frankfurt am Main: Verlag S. Fischer, 2003; ISBN 3-10- 039309-0, 732 Seiten, 29,90 Euro) 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Internationales Auschwitz-Komitee- Stauffenbergstraße 13/14— 10785 Berlin IAK eröffnete Koordinationsbüro in Berlin Am 1. Oktober dieses Jahres hat das Internationale Auschwitz-Komitee(IAE) unter der oben genannten Adresse ein Koordinationsbüro in Berlin in der Ge- denkstätte Deutscher Widerstand“ eröffnet(Telefon-Nr.(030) 26 39 26 81 und- 82 Fax(090) 26 39 26 83). Es ist werktäglich von 9 bis 14 Uhr besetzt. Es wurde auch schon eine Internet-Seite eingerichtet: www.auschwitz-international. org. Noach Flug, der Präsident des [AK, betonte:„Das hauptamtlich be- setzte Büro ist die Voraussetzung für die Kontinuität unserer Arbeit: Den Kontakt Zu unseren Mitgliedern zu in- tensiveren und den jungen Menschen bei ihrem Interesse für die Geschichte von Auschwitz zu helfen.“ Zuvor hatte Bundesinnenminister Otto Schily das IAK begrüßt:„Für den Kampf gegen Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlich- keit werden Sie in Berlin viele Verbün- dete in zahlreichen Institutionen finden, die sich mit dem nationalsozialistischen Terrorregime und der Dokumentation jüdischer Schicksale befassen“. Wie Christoph Heubner, Vizeprãsi- dent des IAK, mitteilte, iegen nun fol- gende Projekte vor dem IAK: 1.) Im November war eine Delega- tion des Besucherdienstes des Deut- schen Bundestages in Auschwitz, um mit Christoph Heubner ein Programm mit polnischen, deutschen und fran zösischen Jugendlichen im Janua 2004 in der Gedenkstätte vorzuberei- ten. Das Programm wird als Jugend- begegnung in Berlin fortgesetzt und endet mit der Jeilnahme am Staatsakt am 27. Januar im Bundestag. 2.) Im März 2004 tagt das Pãsidium des IAK in Berlin. 3.) Auch im Jahr 2004 soll die„Be- gegnung der Generationen“ stattfin- den. Etwa 150 Jugendliche aus eu— ropãischen Ländern werden nach Oswiecim eingeladen, um mit ehema- ligen Häftlingen zusammenzutreffen. 4.) Die Ausstellung„Danach ist es ein Teil von dir., die von Carry van Lakerveld, Vizepräsidentin des IAK, konzipiert und bereits im Europãischen Parlament in Brüssel und im Frõffnungsbild des IAK-Internet-Auftritts„www. auschwitz-international.org“. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Willy-Brandt-Haus präsentiert wurde, soll im Internet fortgeführt werden: Ju- gendliche berichten über ihre Ein- drücke in der Gedenkstätte und von der Begegnung mit Zeitzeugen. 5.) Die Herausgabe eines Mittei- lungsblattes des IAK ist für Spãtestens Februar 2004 vorgesehen. 6.) PEin weiteres Seminars zu Rechtsextremismus und Antisemitis- mus in Furopa und den USA, beson- ders für Multiplikatoren. Antisemitismus und Rechtsextremismus in FEuropa Tagungsbericht von Christoph Heubner Im Juni dieses Jahres fand in der internationalen Jugendbegegnungstätte uschwitz eine Tagung über„Antisemitismus und Rechtsextremismus in Euro- 6. statt. Hierbei bot der Psychotherapeut David Jones einen Einblick in die Motivationsstrukturen rechtsextremer Gewalttäter. Jones ist leitender Thera- peut im Grendon-Gefängnis(bei Oxford), in dem vor allem Schwerstkriminel- le einsitzen. Uber die folgenden Referate berichtet Christoph Heubner. Der Berliner Politologe und Her- ausgeber des„Handbuch Rechtsextre- mismus“, Dr. Thomas Grumke verwies darauf, dass sich Rechtsradikalismus immer mehr internationalisiert und un- ter weltweit anschlussfähigen Ideolo- gieelementen wie„pan-arischem Ras- sismus“ und Antisemitismus gruppiert. Trotz ihrer fundamentalen Gegner- Schaft zum Prozeß der Globalisierung trete Rechtsextremismus seinerseits selbst hervor mit weltumspannendem Handel, Propagandatransfer und inter- nationalen Netzwerken, die konse- uent von elektronischen Kommunika- tionsmedien Gebrauch machen. Fin Resultat seien u. a. international kom- patible Symbole, wie die 14 words oder der Zahlencode 88, der für Heil Hitler steht(H ist der achte Buchstabe des Al- phabets), Mythen und Feindbilder. Hiermit stimmte Rafael Pankows- ki von der Warschauer Organisation „Nigdy Wiecej“(Nie wieder), die sich über Polen hinaus einen Namen als scharfe Beobachter der rechten S?ene gemacht hat, ausdrücklich überein. Obgleich Rechtsradikalismus auch in Polen historische Wurzeln hat, trat er in seiner modernen Fassung erst Ende der 80er Jahre auf. Nach der politi- schen Liberalisierung kam eine Un- menge verschiedener Gruppen und Grüppchen zum Vorschein. Parunter auch extrem nationalistische, antise- mitische und rassistische, mit interna- tionalen Kontakten. Pankowski be- mängelte in diesem Zusammenhang das Fehlen einer angemessenen Reak- tion von Politik und Rechtsprechung, obwohl es in Polen ausreichende ge- setzliche Normen hierfür gebe. Einen weiteren Blickwinkel auf das Problemfeld erõffnete Dr. Robert Faglestone von der Royal Halloway University of London mit seinem Vor- trag über Rassismus und die Leug- nung des Holocausts am Beispiel des Prozesses gegen David Irving. Eagle- stone hat 2001 sein vielbeachtetes Buch„Postmoderne und Holocaust- leugnung“ vorgelegt. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Neue Forschungsergebnisse und Erkenntnisse zur Geschichte des legen- därsten HãftlingsAufstands im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Oktober/November 1944(Jeil 1 und 2 siehe MB 2/2002 und 1/2003): von Andreas Kilian DER AUFSTAND DERVFERLORENEN Teil 3: Gespaltene Reaktion Häftlings-Verhalten zwischen Eskalation und Resignation „Zormn und Wul, alle Schmerzen und Qualen, die diese Schrecklichen Monate agischer Aybeit in uns hinterlassen haben und den einzigen Wunsch nach Rache hervorriefen, werden Sich dann vereinen. Mit der uns drohenden Lebensgefah⸗ verbunden mit unserem Wunsch nach Rache und nach Verteidigung unseres Le- hens, werden vie unser ganzes Wesen erregen und entfammen. Dann wird die Ex- hlosion erfolgen.“ Chronistische Aufzeichnungen von Salmen Gradowski(19091944), Tragisches Mißverständnis und Massenflucht Nach den dramatischen Breignis- sen des Vortags und der Vorankündi- gung Widerstand zu leisten, war die Belegschaft von Krematorium Iam 7. Oktober in Alarmzustand versetzt. Die Häftlinge der Nachtschicht befan- den sich entgegen ihrer Gewohnheit nicht im tiefen Schlaf, sondern warte- ten, in angespannter Verfassung mit festem Schuhwerk und warmer Ober- bekleidung ausgerüstet, auf die Ent- scheidung ihrer Verbündeten im La- ger. Im Gegensatz zu den anderen Krematorien mußte an diesem Tag nur die Tagschicht von Krematorium 1 die restlichen Leichen der am Vortag er- mordeten Lagerhäftlinge einäschern. Von den Schüssen und dem Rauch aus Krematorium III um etwa 13.50 Uhr alarmiert und vom Anrücken einer SSSchutzeinheit beunruhigt, lösten die Auschwitz-Birkenau, März 1044 Sowijetischen Kriegsgefangenen in Kre- matorium 1 überstürzt den Aufstand aus. In der falschen Annahme, der Vor- ankündigung der S8 zufolge doch noch zum Transport selektiert zu werden, schlugen sie panisch los. Der reichs- deutsche Kapo Karl Konvoent, der den Aufstand zu verhindern suchte, wurde vermutlich von Layb Panicz, einem der Anführer der Widerstandsgruppe, und einigen Kameraden erstochen und bei lebendigem ILeib in einem der Ofen ver- brannt. Schließlich wurden die Waffen Messer, selbstgefertigte Bajonette und Granaten verteilt und der Versuch un- ternommen, die auf dem Gelãnde be- findlichen drei SS-Angehörigen- den Kommandoführer und die beiden SS- Posten der Tagschicht-zu überrumpeln. Diese schöpften jedoch durch den Auf- ruhr bei Krematorium IM Verdacht und konnten noch rechtzeitig fiehen. Um keine weitere Zeit zu verlieren, über- wanden zahlreiche Häftlinge die vor Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 der Umzäunung aufgestapelten Holz- scheite, die dort als Sichtblende fun- gierten und ursprünglich als Brennstoff für die Grubenverbrennung gesammelt wurden, und begannen im Schutz des Krematoriumsgebäudes den Stachel- draht an drei nebeneinanderliegenden Stellen zu durchtrennen. Dazu verwen- deten sie vorbereitete Zangen, die ih- nen etwa drei Monate Zuvor von Hãft- lingen des Kommandos Kläranlage übergeben wurden. Bis zu 100 Häft- lingen soll es dabei gelungen sein, das Krematoriumsgelände zu verlassen., also mehr als der Hãlfte der gesamten Belegschaft, darunter die 9 Russen so- wie griechische und polnische Juden. Die Tatsache, daß die restlichen Häftlinge nicht flüchteten, könnte möglicherweise auf die Uneinigkeit versuch vom 7. Oktober 1944. Krematoriumsgebäude I, Juli 1943, SS-Aufnah- me(APMO). Der Kreis kennzeichnet die Durch- bruchstellen im Stacheldrahtzaun beim Flucht- hinweisen, die in diesem Fall herrschte. Immerhin befand sich in Krematorium I der Planungs- stab der Widerstandsgruppe im Sonderkommando, der einen frühzeitigen Ausbruch auf Druck der Internationalen Lagerwider- standsbewegung verhindern woll- te. Zumal eine Flucht zur Mittags- zeit ohnehin keine Aussicht auf Erfolg hatte. Die Zurückgeblie- benen hofften, von der S8 ver- schont zu werden, und die Revol- tierenden hatten sich zu ihrem Schritt ohne Umkehr schnell ent- scheiden müssen, denn inzwi- schen wurde von der Lagerstraße aus das Gelãnde bereits durch die S8 unter Beschuß genommen. Die Flüchtlinge aus Krematorium 1 durchschnitten kurz nach dem Ausbruch aus dem Krematori- umsgelände den Draht des Frau- enlagers in Lagerabschnitt B Ib und passierten das Gelãnde der Kläranlage, wobei sich ihnen der Bruder von Kapo Lemke Pliszko, der Vorarbeiter des 25 köpfigen Arbeitskommandos Hoch- und Gelände vom Krematorium I, der Kläranlage B1 Sowie der Westseite des Frauenlagers B I b am Nachmittag des 7. Oktober 1944, Zeichnung: A. Kilian 2003 Tiefbau Kläranlage B I namens Mayer Pliszko anschloß. Sie überquerten den etwa 50 Meter vom Krematoriumsgelän- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer de entfernten„Königsgraben“ und durchstießen etwa 40 Meter dahinter die große Postenkette, wo sie das Ge- wehr eines von seinem Wachturm aus getürmten SS-Posten erbeuteten und einige Häftlinge von anderen Posten erschossen wurden. Der Rest gelangte Scheinbar orientierungslos 2,5 Kilome- ter weit bis zu den in Harmense gele genen Fischteichen, wo 73 Männer von einer SSMlarmeinheit gestellt und er- schossen wurden. Die Schiesserei soll insgesamt nur etwa 10 bis 15 Minuten gedauert haben. Bei diesen Kämpfen wurden etwa vier SSUnterscharführer durch Messerstiche schwer verwundet und einige ihrer Pistolen beraubt, un- ter ihnen befanden sich vermutlich auch die drei Todesopfer in den Reihen der S8, der 40 jährige Unterscharfüh- rer Rudolf Erler, der 23 jährige Willi Freese sowie der 41jãhrige Josef Purke. Einer kleinen Gruppe von Flüch- tigen gelang es dagegen, sich drei Ki- lometer in südlicher Richtung von Bir- kenau in der Nähe der Ortschaft Rajsko in einer Scheune zu verschan- zen. Damit verfehlten sie jedoch ihr Ziel, die Weichsel, noch weiter als ihre Kameraden, die bereits in Harmense aufgehalten wurden, da der Fluß Weichsel am schnellsten in drei Kilo metern Entfernung in westlicher Rich- tung zu erreichen gewesen wäre. Die Scheune wurde mit den Aufständi- schen in Brand gesetzt und mußte anschließend von der Hãftlingsfeuer- wehr gelöscht werden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Nachdem in Birkenau schwerbe- waffnete Verstärkung der SS-Bereit- schaft eingetroffen war, wurde das Krematoriumsgelände gestürmt: Das vierköpfige Sektionskommando, das inmitten einer erst kurz vor Beginn der Breignisse begonnenen Leichen- sektion vertieft war, wurde von S8— Angehörigen auf den Hof geführt und mußte sich mit dem Gesicht nach un- ten auf den Boden legen. Kurze Zeit äter wurden auf dem Gelände ge- 6 Sonderkomman- do-Hãftlinge ebenfalls auf den Hof ge- führt und am Boden liegend von der S8 mißhandelt. Unter ihnen waren auch drei Hãftlinge, die die Absicht ge- habt hatten, die Krematoriumsõfen in die Kuft zu sprengen, darunter der franzõsische Sonderkommando-Koch Michel. Angeblich mißlang der Spren- gungsversuch, weil die selbstgebauten Granaten nicht funktionstüchtig wa- ren. Eine halbe Stunde später wurde das Sektionskommando von seinem Vorgesetzten Mengele kurz verhört und anschließend zurück zur Arbeit geschickt. Die auf dem Hof versam- melt liegenden Sonderkommando- Hãftlinge wurden alle erschossen. 5 Die Unbeteiligten Der Fluchtversuch bei Krematori- um I muß offensichtlich äußerst über- stürzt unternommen worden sein, da die 78 Kameraden der Tag- und 85 Ka- meraden der Nachtschicht in Krema- torium Il nichts bemerkt hatten und auch kein Signal zum Ausbruch eines Aufstands übermittelt bekamen. Den Rauch von Krematorium III konnten sie dagegen nicht schen, weil die Sicht von Bäumen versperrt war. Nach den ersten Schüssen bei Krematorium III flüchtete der SS-Posten von Kremato- rium Il mit seinem Fahrrad. Der Kom- mandoführer Ackermann, dessen Fahrradreifen von einem Saboteur spontan zerschnitten wurde, flüchtete zu Fuß, verschloß das Tor zum Krema- toriums-Hof und holte Verstärkung. Als die Häftlinge schließlich er- kannten, daß etwas ohne ihre Benach- richtigung unternommen wurde, fühl- ten sie sich von ihren Kameraden verraten und verlassen, sie waren zu- dem sichtlich irritiert. Die Kapos des Sonderkommandos von Krematorium II, Lemke Pliszko und Dawid Kotchak sowie der Vorarbeiter Milton Buki und der prominente Hãäftling David Olere hinderten angesichts der ausweglosen Situation die ihnen unterstehenden Häftlinge daran, sich an den Kampf- Lemke Pliszko(geb. 1918); Privatfoto 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer handlungen zu beteiligen. Begünstigt wurde dies durch das gute Verhältnis zwischen Kapo Lemke und dem 34- jährigen Anführer der griechischen Gruppe, dem Offizier Joseph Baruch. Die Hãäftlinge mußten machtlos zu- schen, wie das benachbarte Kremato- rium gestürmt wurde, und die weitere Entwicklung abwarten, obwohl viele unter ihnen gut ausgerüstet auf den Ausbruch vorbereitet waren, wenn auch nicht zu diesem Zeitpunkt. Doch be vor das eigene Gebãude von der 88 besetzt werden konnte, gelang es noch einigen Sonderkommando-Häftlingen noch rasch einen Teil ihrer Waffen ver- schwinden zu lassen. David Nencel, der als Uhrmacher der S8 große Be- wegungsfreiheit hatte und im gegenü- berliegenden Krematorium einen ei- genen Arbeitsraum gestellt bekam, versenkte die selbstgebauten Grana- ten in der Toilette. Dov Paisikovic, der Zwei Eierhandgranaten am Körper trug, die er zur Verbrennung eingelie- ferten toten polnischen Partisanen ab- genommen hatte, versteckte diese im Mauerwerk des Schlafraums. Als die S8 das Gebäude stürmte, gaben sich die Häftlinge ahnungslos und die Männer der Nachtschicht stellten sich verschlafen, was ihnen letztlich das Leben rettete. Die 160 un- beteiligten Sonderkommando-Häft- linge von Krematorium Il wurden bis auf den Zahntechniker Katz und den Maler Olere sowie einen vermissten griechischen Häftling von SS-Angehö- rigen durchgezählt und in zwei neben- einanderliegende Räume, das zeitweise Olere zur Verfügung stehende soge- nannte Laboratorium und die Gold- gießerei, eingeschlossen. In der Nacht wurde noch der schwer verwun- dete Kamerad lsaaquino Vene- zia eingeliefert, Se dem Ausbruch der Breignisse Zzu Krematori- um IV geschickt David Olere(geb. wurde. Er über- 1902); Privatfoto lebte den Aufstand und wurde von 680 Posten zu seinem Kommando zurück- gebracht. Das Sonderkommando II hatte nur ein Todesopfer zu beklagen, nämlich den polnischen Häftling, der den Fahrradschlauch des Komman- doführers durchschnitten hatte und nach seiner Entdeckung von diesem ermordet wurde. In der Nacht vom 7. auf den 8. Ok- tober 1944 wurde den Häftlingen in Krematorium Il schließlich von Ver- tretern der politischen Abteilung mit- geteilt, daß sie nicht ermordet werden würden, da sie nicht in die Revolte in- volviert gewesen seien. Abgesehen von dem beruhigenden Charakter die- ser Erklärung und der Unkenntnis der S8 vom Umfang der Untergrundarbeit im Sonderkommando, darf hierbei 0 doch nicht der Hintergedanke außer Acht gelassen werden, daß die Lager- führung auf ein eingespieltes Bedie- nungspersonal für die Krematorien noch nicht verzichten konnte und ein Jeil der Häftlinge darum offiziell be- gnadigt und vorläufig von der Liqui- dation verschont werden mußte. An der Entscheidung, sie nach dem end- gültigem Abschluß der Vernichtungs- aktionen und der Spurenbeseitigung Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 restlos zu ermorden, änderte diese Er- klärung jedoch nichts. Die Massakrierten und die Verschonten Der Sonderkommando-Aufstand im Vernichtungslager Auschwitz Bir- kenau wurde innerhalb einer Stunde niedergeschlagen, die aktiven Kampf- handlungen der Häftlinge dauerten aber nur wenige Minuten. Zwar über- schte der aktive Widerstand der durch die alltäglichen Grausamkeiten eingeschüchterten und bisher von der S8 als gefügig und gehorsam einge- Schätzten Sonderkommando-Hãftlinge die Lagerleitung. Eine realistische Aus- sicht auf Erfolg hatte der Aufstand al- lerdings nicht. Anstelle der 300 Selek- tionsopfer, die die SS zur Vernichtung vorgesehen hatte, fielen der Revolte insgesamt 451 Hãftlinge zum Opfer. Unter den Toten dieses histori- schen Breignisses befanden sich schät- zungsweise 135 griechische, 270 unga- rische und 30 polnische Juden sowie 12 Sowjetische Kriegsgefangene. Nur ein kleiner Teil der Häftlinge hatte sich aktiv zur Wehr gesetzt und revoltiert. Sie machten ihrem unerträglichen see- chen Leiden selbsthewußt ein Ende, um sich einerseits für die Schandtaten und Verbrechen der S8 zu rãchen und um andererseits ihre verlorene Selbst- achtung und Menschenwürde wieder- zuerlangen. Ihr aussichtsloser Wider- stand richtete sich vor allem gegen die eigene als Schande empfundene Wehrlosigkeit. Die Mehrzahl der Mordopfer starb dennoch als hilf- und wehrlose Menschenmasse, als unbetei- ligte Zuschauer, die von einer Minder- heit vor vollendete Tatsachen gestellt wurde und den Vergeltungsmaßnah- men der S8 rettungslos ausgeliefert war. Zudem konnten durch die Revol- te weder Menschenleben gerettet noch Vernichtungsinstallationen zer- stört werden. Die Revolte endete als Massaker. Am Morgen des 8. Oktober 1944 lebten noch insgesamt 213 Sonder- kommando-Hãftlinge: 160 Mann aus Krematorium Il und 43 Mann aus den Krematorien III und IV sowie ein Flüchtling aus Krematorium I, der je- doch einige Tage spãter wieder ergrif- fen und ermordet wurde. Nach dem Aufstand in Krematorium I blieb nur das vierköpfige Sektionskommando am Leben, die 171 dort eingesetzten Sonderkommando-Hãäftlinge wurden alle entweder auf der Flucht oder zur kollektiven Bestrafung ermordet. Fast die gesamte Führung der Wider- standsgruppe im Sonderkommando, die sich hauptsächlich in Krematori- um I versammelt hatte, wurde dabei getõtet. Es handelte sich um die polni- schen Juden Jossel Warszawski(geb. 1906), Salmen Gradowski(geb. 1909), Cajb Panicz(geb. 1912), Ajzyk Kalniak, Jozef Deresinski(geb. 1906), David Golan, Tuvia Segal(geb. 1920) und um Elus? Malinka, der sich am 7. Oktober zunächst noch auf der Flucht befand. Weitreichende Funktionen hatten zu- dem die ermordeten griechischen Hãftlinge Sam Carasso, Jacko Soel so- wie Michel Ardetti. Von der gesamten 324 köpfigen Belegschaft des in den Krematorien III und IV beschãftigten Sonderkomman- dos überlebten den Aufstandstag nur 43 meist polnischjüdische Häftlinge, 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer darunter die Anführer Eliezer Welbel (geb. 1916), Shlomo Kirszenbaum (1916-1976), Daniel Finkelstajn, Alter Feinsilber(191 1 1987) sowie der Akti- vist Shlomo Dragon(19222001). Im unbeteiligten Krematoriumskomman- do Il überlebten die Anführer Salmen Kewenthal(1918-1944), Lejb Langfuß (1910-1944), Jankiel Handelsman (1908- 1944), Lemke Pliszko(geb. 1918), David Nencel(geb. 1916) Jukel Wrobel(1944), Joseph Baruch(1910 1945) und Dawid Kotchak(1944) so- wie der Aktivist Dov Paisikovic(1924 1988) den Aufstand. Den Aufständischen gelang es, das Krematorium III zu beschädigen so— wie drei SSUnterscharführer zu tõten und vermutlich zwölf weitere SSAn- gehörige zu verwunden. Das Kriegs- ende erlebten schätzungsweise höchs- tens 95 Männer, die am Aufstand teilgenommen hatten. Gegenwärtig le- ben von diesen Augenzeugen nur noch 15 Mann weltweit. Der geringe Erfolg der Aktion und das Ausmaß der Verluste war für die Uberlebenden eine bittere Enttäu— schung, die von der Trauer über die er- mordeten Kameraden und einer er- heblichen Angst vor geheimpolizei- lichen Untersuchungen und weiteren Repressalien begleitet wurde. Ande- rerseits erfüllte die Tatsache, daß sich Juden nicht widerstandslos in den Tod treiben ließen, die Uberlebenden mit Stolz, und die Tötung der wenigen S8⸗ Angehörigen bereitete ihnen wenigs- tens eine geringe Genugtuung. Salmen Lewenthal, einer der wenigen Uberle- benden aus dem Führungskreis der Widerstandsgruppe im Sonderkom- mando betonte dies mit den Worten: David Nencel(geb. 1916); Aufnahme Andreas Kilian 1998 „Zum ersten Mal erlebten wir einen Augenblick, daß Leute die Aus- führung dessen verweigerten, was man von ihnen verlangte, ohne den siche- ren Tod zu fürchten, obgleich sie noch Aussicht darauf hatten, länger zu le- ben, obgleich sie in guten Verhältnis- sen leben konnten, da es uns weder an Essen noch an Trinken und nicht ein- mal an Zigaretten fehlte. Und trotz- dem hatten sie beschlossen, 9 haft aus dem Leben zu scheiden. Uné diese Tatsache muß man unserer Ge- schichte hinzufügen und besonders betonen.“ Der Aufstand gewann für die ge- peinigten, betãubten und traumatisier- ten Sonderkommando-Häftlinge da- her letztlich eine hauptsächlich symbolische Bedeutung und wurde auch von Salmen Gradowski als größ- te Gelegenheit,„diesem elenden, fins- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 teren Leben ein heldenhaftes Ende zu setzen“, betrachtet. Die Konsequenzen Das für die SS unerwartete Ereig- nis eines bewaffneten Häftlingsauf- stands hatte zweifellos eine demorali- sierende Wirkung auf die Unter- drücker, deren Autorität nicht nur durch den kurzzeitigen Kontrollver- lust und den Rückzug der Wachposten tergraben wurde. Die anfängliche Panik, die offensichtliche Irritation und die in der Niederschlagung des Aufstands vorherrschende exzessive Brutalität der SS waren nur Ausdruck ihrer Unsicherheit, unter der die un— mittelbar betroffenen Häftlinge nun leiden mußten. Die für das gesamte Sonderkom- mando aussichtslose Revolte mit ihren katastrophalen Folgen machte, der pol- nischen Soziologin und ehemaligen Hãftlingsfrau Anna Pawelczynska zu- folge, für den entschlossenen Häftling jedoch Sinn:„Der Sieg, den er errang, vollzog sich in einer anderen Dimen- sion: es war ein Sieg in der Welt der Werte“. Dieser Sieg wurde selbst von unbeteiligten Häftlingen als Ausdruck n Unabhängigkeit und Entschei- dungsfreiheit anerkannt, von der S8 da- gegen als symbolischer Akt umso rück- sichtsloser und grausamer verfolgt. Der in den Augen der S8 ungeheu- erliche Vorgang eines Aufstands privi- legierter Häftlinge auf isoliertem und gesichertem Gelände sollte jedoch noch ein Nachspiel für die überleben- den Hãftlinge haben und weitere Opfer fordern. Unmittelbar nach der Nieder- schlagung der Unruhen und nach der Sicherung der Krematoriumsgelände wurden von der politischen Abteilung erste Untersuchungen eingeleitet und Spuren gesichert. So mußten am 8. Ok- tober 1944 die überlebenden Hãftlinge, von Beschimpfungen und Schlägen be- gleitet, Leibesvisitationen über sich er- gehen lassen. Desweiteren wurden sie unter strenge Bewachung gestellt, Funktionshäftlinge vereinzelt noch vor Ort verhört und ihre Unterkünfte mehrfach durchsucht. Zu den bereits erwähnten Mißhandlungen wurden sie noch zusätzlich 24 Stunden lang bis zur Erschöpfung zu sogenannten Sport- übungen gezwungen. Nach der Zählung und Registrie- rung der Toten am Morgen des 8. Okto- ber wurden die Uberlebenden zudem schichtweise in Gruppen zu 20 Mann zur Verbrennung ihrer gefallenen und ermordeten Kameraden in Krematori- um 1 und I herangezogen. Die Leichen der auf der Flucht oder auf dem Gelãn- de von Krematorium I erschossenen Sonderkommando-Häftlinge wurden in Krematorium I verbrannt, die auf dem Gelãnde der Krematorien III und IV verstreuten Leichen wurden dage- gen zum Krematorium II transportiert und dort eingeãschert. Die Leiden der hinterbliebenen Arbeitssklaven in der grauenhaften Todeszone von Birkenau setzten sich demnach fort, hinzu kamen neuer- dings die körperlichen Schikanen und verschärften Kontrollen durch die S8. die die Lebensbedingungen der Häft- linge erschwerten. Die Vernichtungsmaschinerie kam hingegen nur kurz ins Stocken. Bereits zwei Tage nach dem Aufstand wurden die Vernichtungsaktionen in der To- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer desfabrik fortgesetzt, allerdings wur- den die Mordaktionen der folgenden zwei Wochen die Vergasungen und Erschießungen von mehr als 40.000 Menschen in über 90 Prozent der Fäl- le in den leistungsstärkeren Kremato- rien I und II durchgeführt. Paher wur- den die überlebenden Sonderkom- mando-Hãftlinge aus Krematorium II bereits am 9. Oktober 1944 auf die Krematorien I und Il verteilt. Zu der bitteren Enttãuschung über den Mißerfolg des Aufstands und zu der lähmenden Niedergeschlagenheit der Hãftlinge trat jedoch auch die be- rechtigte Furcht, dass die Ermittlungen der Lagergestapo eine Verstrickung der Uberlebenden in die Allgemeinen Aufstandspläne aufdecken könnte. S0 wurden bereits drei Tage nach dem Aufstand des Sonderkommandos ge- gen elf Vhr nachts in Krematorium 1 14 Hãftlinge von der Lagergestapo abge- holt und im Gefängnisblock 11 des Stammlagers Auschwitz isoliert und verhört. Unter ihnen befand sich der letzte Uberlebende aus der Führer- schaft der Widerstandsbewegung im Sonderkommando, Jankiel Handels- man, sowie der Sonderkommando- Hãftling Wrobel, der als Verbindungs- mann zu den weiblichen Häftlingen, die das Schwarzpulver zur Herstellung selbstgebauter Granaten entgegenah- men, fungierte. Sie wurden vermutlich bei dem Versuch ergriffen, das Krem torium noch in der Nacht vom 9. aut᷑ den 10. Oktober 1944 in die Luft zu sprengen. Außerdem befanden sich un- ter den Verhafteten die letzten sechs Uberlebenden der 19 Mann starken Gruppe sowjetischer Kriegsgefange- ner aus dem KE Majdanek in Lublin. Somit verblieben am 10. Oktober 1944 im Sonderkommando noch insge- samt 198 Häftlinge, darunter wahr- Zwei Uberlebende der griechischen Gruppe: die Brüder Maurice(geb. 1921) und Shlomo Venezia(geb. 1923); Aufnahmen: Andreas Kilian, 1997. — 6 —— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 scheinlich 151 polnische, 26 griechische, 5 slowakische, 4 franzõsische, 2 ungari- sche und jeweils ein tschechischer, holländischer, deutscher, rumänischer und algerischer Jude sowie 5 nicht-jü- dische Polen. 154 Mann wurden zur Zwangsarbeit auf die Krematorien I und I verteilt und 44 Mann in Krema- torium IV herangezogen. Die von der Lagergestapo verhörten 14 Häftlinge wurden schließlich am 20. Oktober 4d, als die ersten Abbrucharbeiten f dem Krematoriumsgelãnde IundII bereits eingesetzt hatten, in die Todes- Zone rücküberstellt und im Waschraum von Krematorium I erschossen. Beim Absteigen von den Transportfahrzeu- gen sollen dabei die russischen Hãftlin- ge noch erbitterten Widerstand geleis- tet und eine Schiesserei ausgelöst haben. Sie wehrten sich mit bloßen Fäusten und verletzten dabei zwei Kommandoführer, darunter den 25— jährigen SS-Unterscharführer Josef Eckhardt, im Gesicht. Weiterleben für den Augenblick Das Ausbleiben weiterer Verhaf- tungen sowie die Verlegung der restli- 6 Hãäftlinge in Block 13 des Män- Wrlagers B II d am 1. November 1944 legt die Vermutung nahe, dass die Er- mittlungen der politischen Abteilung in bezug auf das Sonderkommando Ende Oktober abgeschlossen wurden. Die Uberlebenden wurden von den Vergeltungsmaßnahmen der S8 ver- schont, doch gerettet waren sie damit noch nicht. Die letzte Hoffnung zu überleben gaben schließlich sogar die Sonder- kommando-Hãftlinge mit den größten Privilegien auf: Die nicht jüdischen polnischen Kapos, denen sogar gestat- tet wurde lange Haare sowie Arm- banduhren zu tragen, schenkten den Versprechungen der S8, in ein anderes Lager ins Reichsinnere überstellt zu werden, keinen Glauben mehr. Von ih- nen wagte Kapo Morawa als Einziger die Flucht: Ende Oktober 1944 mög- licherweise am 29. Oktober-gelang es ihm, sich unter die Häftlinge zu mi- schen, die im sogenannten Zigeuner- lager auf ihre Uberstellung ins Reich- sinnere warteten und erreichte durch Bestechung sogar seine Aufnahme in einen Evakuierungstransport. In letz- ter Minute konnte sein Fluchtvorha- ben jedoch dadurch vereitelt werden, dass der Lagerälteste Danisch ihn zu- fällig in der zu deportierenden Häft- lingsmasse erkannte. Morawas Kame- raden, die mit ihm seit 1941 in den Auschwitzer Krematorien zusammen- arbeiteten, der 35 jährige Maschinen- Schlosser Waclaw Lipka und der 34- jährige Lehrer Jozef Ilczuk, beteiligten sich dagegen aus Angst vor Repressa- lien nicht an der letzten Gelegenheit. der Todesfabrik noch zu entkommen. Die verãnderten Existenz- und Ar- beitsbedingungen im Sonderkomman- do in den letzten drei Monaten vor der „Fvakuierung“ des KI. Auschwitz- Birkenau am 18. Januar 1945 erlaub- ten es den überlebenden Aktivisten der Widerstandsbewegung im Sonder- kommando nicht mehr, eine weitere Revolte zu wagen. Das gewaltsam re- duzierte Arbeitskommando setzte sich am Ende seiner Existenz mehrheitlich aus erfahrenen Hãäftlingen zusammen, die nicht mehr bereit waren, ein größe- res Risiko einzugehen. Stattdessen 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer versuchten sie, noch so viele Beweis- mittel wie möglich auf dem Gelände der Krematorien zu verstecken: Uber- reste und persönliche Gegenstände der Opfer sowie schriftliche Zeugnis- se über die Verbrechen der Deut- schen. Bis zuletzt dokumentierten sie die Ereignisse in der Todeszone und bewahrten damit ihre tragische Ge- schichte vor dem Vergessen. Die auswegslose Situation stärkte schließlich die einflußreichen Kräfte im Sonderkommando, die schon seit län- gerem ihre ganze Hoffnung auf die nur allzu geringe Möglichkeit einer Befrei- ung durch die Sowjetarmee setzten und zum Abwarten aufforderten. Das Schei- tern des ersten günstigen Aufstandster- mins am 28. Juli 1 944 führte schließlich geradewegs in die Katastrophe vom 7. Oktober 1944 und in ein Andauern des tragischen und unentrinnbaren Schick- Sals des jüdischen Sonderkommandos, das mit seiner Finberufung von der S8⸗ Führung unwiderruflich zum Tode be- stimmt wurde. Die Geschichte des jüdischen Wi- derstands im Sonderkommando von Auschwitz-Birkenau belegt damit, daß erstens selbst in der unmenschlichsten Situation kontinuierlicher und organi- Joszef Ilezuk(geb. 1910); erkennungs- dienstliche Häftlingsaufnahme, KI Ausch- witz 1941(APMO). sierter Widerstand möglich war, daß zweitens sogar ein gemeinsames Hãft- lings-Schicksal weder Uneinigkeit noch massive Interessenkonflikte ver- hindern konnte, daß diese Diskrepanz drittens überdies wohldurchdachte Widerstandspläne zum sScheitern führen konnte und daß viertens auch eine letztlich erfolglose Widerstands- aktion große Bedeutung für die Ge- genwart und die Zukunft haben 6 Andreus Kilian, der Autor unserer dreitteiligen Studie ↄim Außlund in Birkenuu, hat 2002 zusummen mit Er- ic Friedler und Burbura Siebert mit Zeugen aus der Vodesone? ¶Veriag zuKlampen, 25 Euro) die erste Ge- Sumdarstellung zur Geschichte des jüdischen Sonder- Kommandos veròffentlicht. Anfragen für Vorträge mit Pokumentur Filmaus- chnitten bitte an Vorstundsmitglieder des Freundes- reises der Auschwitzer richten: TelHax(06101) 32509 oder über Andreas Kilians Webseite im Internet „wwwonderkommando-studien. de“ ehic EiprEn SaSSeEr Aneas ſLia Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Neue Gedenktafel zur Erinnerung an den Frankfurter Auschwitz-Prozess Ein Zwischenbericht von Albrecht Werner-Cordt Nach jahrelangen Anfragen, Einga- ben, Erinnerungen zeichnet sich ein Er- folg der Interventionen der Lagerge- meinschaft bei den zuständigen Stellen der Stadt Frankfurt am Main ab: Zum Mãrz 2004 soll eine neue Gedenktafel m Haus Gallus, dem Ort des Ausch- tzProzesses, angebracht werden. Warum es seit dem ersten Schreiben im Dezember 2000 über drei Jahre ge- dauert hat, bis Abhilfe geschaffen wur- de, wissen selbst die Götter nicht, alle- mal aber der verantwortliche Kultur dezernent Dr. Nordhoff. Seinerzeit schrieben wir„Wer in Frankfurt am Main das Haus Gallus aufsucht, um dort Spuren des Auschwitz-Prozesses zu finden, steht schließlich vor einer un- scheinbaren Tafel an einer Begren- zungsmauer draußen vor der Tür'. Das kleine Schild ist so niedrig montiert, daß es entweder übersehen wird oder nur gebückt oder in Hockstellung gelesen werden kann. In dieser Körperhaltung bekommen die Betrachter zwar die er- forderliche Lese-Nähe zur beschmier- ten Gedenktafel, aber auch direkten Bodenkontakt— üblicherweise zu Dreck, Abfall und Hundehaufen.“ Die verdreckte unwürdige Jafel blieb drei Jahre lang weiter hängen ein Armutszeugnis für die Stadt. Es be- durfte eines recht ãußerlichen Anlasses im April 2004 jährt sich zum vierzig- sten Mal die Fortsetzung des Prozesses im Haus Gallus um unter dem Druck dieses Termins eine Entscheidung zu treffen und umzusetzen, die wenige Wochen oder Monate gebraucht hãätte. Der neue Text: Vom Dezember 7063 his August 1065 fand der erste Frankfurter Auschwitzprozess Slatt, Zundchst im Plenarsaal des R6⸗ meys nd seit April 1064 im Birgeraus Gallus. Opfer des Konzentrations- und Vernich- rungslagers hatten den Prozess geſordert und streitbare Muristen wvie Frit? Bauer betrieben die ju srizielle Aufklärung. Uber 200 Uherlebende bezeugten mit inren Aussugen die Verbrechen der Angellagten und das in Auschwit? verübte Mensch- heisverbrechen. Unermeßliches Hier die frühere, oft verschmutzte Tafel. Der LGA geht es weniger um den Text als um die Platzierung der Tafel. Zu fragen ist, ob der neue Text tatsächlich dem Ereignis angemessener ist, als der bisherige. Leid und nicht zu shnende Schuld Kamen an den Jag. Für die Opfen für das Heute und das Morgen- vergesst es nie! 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Neue Bücher aus der„Schwarzen Reihe“ Von Albrecht Werner-Cordt Das Lesen und Besprechen von Büchern nicht zuletzt das Lesen von Buchbesprechungen ist dann ergie- big, wenn die Lektüre zu einer kriti- Scheren Beurteilung anregt. In diesem Sinn werden hier drei Buchpublikationen über Erinnerungs- Kluren, Kauh und KRiüchkerstattung von jüidischem Eigentum und über Arheitserziehungslager vorgestellt. Auch wer zum Thema seine Meinung hat, findet in den Iexten eine solche Fülle von Argumenten und kritischen Darstellungen, dass manche liebge- wordene Uberzeugung neu bedacht werden dürfte. Etwas Besseres läßt sich über Bücher wohl kaum sagen. Die Aufsatzsammlung über Erin- nerungskulturen ist die schriftliche Zusammenfassung von Beiträgen zu einem„Gedankenaustausch“ über- wiegend jũngerer bis mittelalter Auto- ren(Jahrgänge 1946 bis 1971) aus Raub und Restitution Arisierunge und Rückerstattung des jüdischen Eigentums in Buropa Herausgegeben von Constantin Goschler und Philipp Ther Deutschland, Italien, Japan sowie den USA mit ãlteren Fachwissenschaftlern wie Hans Mommsen und Wolfgang Schieder. Sie erörtern die Frage, wie sich staatliche Institutionen, die politi- schen Fliten und die Bevölkerungen in Deutschland, Italien und Japan nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit ihrer jüngsten Vergangenheit aus- einandergesetzt haben. Für einen er- sten Uberblick bringt die Einführun der Herausgeber Christoph conh lißen, Lutz Klinkhammer und Wolf- gang Schwentker„Nationale Erinne- rungskulturen seit 1945 im Vergleich“ eine hervorragende Orientierung. Die Kapitel reichen von der Ab- rechnung der Sieger“ über die„Ent- zauberung der Herrscherfiguren“ und die„Frinnerung an Diktatur und Krieg in Politik und Offentlichkeit“- dieser Jeil sollte im Zusammenhang mit den Untersuchungen zur Rolle der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Historiker und ihrer Deutung der Ver- gangenheit gelesen werden bis zu me- dienpolitischen Uberlegungen und zu den Folgen des Generationswechsels. Auch bei dem von Constantin Goschler und Philipp Ther herausgege- benen Band zu Raub und Restitution“ handelt es sich um Beitrãge für eine Ta- gung. Sie fand im Januar 2002 in Berlin statt. Wer über den deutschen Teller- rand hinausschaut, wie es die Wissen- schaftler aus den im Buch vertretenen st- und osteuropäischen Ländern . gewinnt eine„europäische Per- spektive“. Ihre„erschiedenen Sicht- weisen, Wissenschaftskulturen und da- von beeinflußten Methoden“ eröffnen Zugänge und ermöglichen einen durchdringenden Blick auf die NS— Raubzüge, die sich über ganz Europa erstreckten. Der Beitrag von Gerald D. Feldman„Der Holocaust und der Raub an den Juden-Pine Zwischenbi- lanz der Restitution und Entschädi- gung“ bringt einen souveränen Oberblick zu diesem Schwierigen und schmerzlichen Thema“, bei dessen Be- arbeitung sich das Problem stellt, dass der zu inventarisierende Raub in sei- nem Ausmaß so erschũtternd ist, wenn auch offenbar nicht so Grauen erre- nd wie das den Raub begleitende G(Feidman). Experten aus Eu- ropa, Israel und den USA ist mit den vergleichenden Länderstudien über die Beraubung der Juden und die Rücker- stattung jüdischen Figentums in Un- garn, Rumänien, in der Slowakei, in Frankreich, Belgien. Italien, Ungarn, in den bõhmischen Ländern, in Polen und in Deutschland eine wahrhaft ent- grenzte Geschichte“- s0 das Einlei- tungskapitel-gelungen. Gabriele Lotfi K?Z der Gestapo Arbeitserziehungslager im Dritten Reich Mit einem Vorwort von Han Mommsen Die Studie über Arbeitserzie- hungslager im Pritten Reich dürfte selbst für fachkundige Leser eine Uberraschung darstellen. Denn der ungeheuerliche Terror, der seine In- strumente im KZSystem, in Tötungs- anstalten sowie in der Justiz hatte, die im öffentlichen Bewußtsein das Bild über die NS-Zeit bestimmen, hat ein weiteres Terrorinstrument, die soge- nannten Arbeitserziehungslager, an den Rand der Beachtung gedrängt. Und dies obwohl sich dieser Terror „keineswegs nur abseits der Erinne- rungswelt der gewöhnlichen Deut- Schen abspielte, sondern vor ihren Au- gen, alltäglich“(Hans Mommsen). Gabriele Lofti weist mit ihrem bemer- kenswerten Buch nach, daß die Initiati- ve zZur Errichtung der Strafarbeitslager, die sich schließlich über das gesamte 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Reichsgebiet verteilten, von den Indu- strieunternehmen selbst ausging. Insge- Samt handelte es sich um über 200 La- ger mit einer Aufnahmekapazität von annãhernd 40.000 Häftlingen. Verfolgt wurden zunãchst deutsche und polnische Arbeitskräfte, dann „Ostarbeiter“ und ausländische Ar- beitskräfte.„Der Terror und die Ab- schreckung, die sich nicht zuletzt ge- gen die deutsche Arbeiterschaft richteten, fanden die Billigung weiter Kreise des Managements und der ge- hobenen Arbeiterschaft. Sie erklären, warum von den Belegschaften eine ernsthafte Opposition gegen das Regi- me nicht ausgehen konnte“(Vor- wort). Zu ergänzen wäre dieses Zitat dadurch, dass betriebliche Opposition aussichtslos war, weil zuvor die be- trieblichen Interessenvertretungen, die Arbeiterparteien und Organisatio- nen der Arbeiterbewegung, so auch die Bildungseinrichtungen und die Ar- beiterpresse, vor allem auch die Ge- werkschaften, Zerschlagen worden wa- ren. Die einzelnen Schritte hierzu zeichnet die Autorin im Kapitel über die Gestapo und die industriellen Arbeitsbeziehungen nach, wobei der Aspekt der„Uberwachung der Arbei- terbewegung als traditionelle Aufgabe der deutschen politischen Polizei“ nicht nur für Leser, die an Arbeiterge- schichte interessiert sind, eine Offen- barung darstelit. Die vorgelegten Bücher sind alle im SFSCMER Verlag erschienen, heruus- gegeben von Walter H. Pehle Mit der Aufnuhme dieser Titel in die S Reine werden fachwissenschaftli hreit diskutierte Vhemen, die ansonsten einem Insider- Publikum vorbehalten hliehen, einem hoffentlich größeren Leserkreis zugänglich In der helutigen Situation, in der häufig der Bestseller als finanzieller Retter in der Not ge- handelt wird, gilt der Dank dem Verlag, der das untermehmerische Risiko auf ich genommen hat. Dank sei vor allem aber auch Walter H. Pehle. Es wird nõchste Zeit an dieser Stelle vei es ge⸗ Sugt ihm einen veiner Arbeit würdigen Preis Zu verleihnen. — Wasser in Auschwit? stand es(u.a.) im Feuerlõschteich, in dem SS-Leute mit Häftlingen „Spiele Spielten“, bei denen einer den anderen ertränken musste.(aus: Hartmut Barg- frede/ Nicola Schmidt: und alles ist noch da.“ Fotos und Texte, Neumünster 2002. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Uberlegungen zur Gegenwart und Zukunft des Umgangs mit der NSZeit Weiter erinnern? Neu erinnern? In dem Band„Weiter erinnern? Neu erinnern?“ hat die AK Frinne- rungsarbeit in der Marburger Ge- schichtswerkstatt als Herausgeber die Vortrãge ihrer Veranstaltungsreihe mit lesenswerten„Uberlegungen zur Ge- genwart und Zukunft des Umgangs mit der NSZeit“ publiziert(UNRAST- 6 Münster. 260 S.; 16 Buro). Wie bereits im Mitteilungsblatt 1/2003 kurz berichtet werden insbeson- dere die geschichtspolitischen Debat- ten sowie die mediale und kulturelle Be und Verarbeitung der Vergangen- heit in den Blick genommen. Bernd Boll ging es um die„Relati- vierung der NSVerbrechen in der ak- tuellen Debatte“, Günter Saathoff re- ferierte über die Entschädigung der Zwangsarbeiter und Hannes Heer be- richtete„Vom Ende einer Ausstelung“ und thematisierte dabei am Beispiel der õffentlich viel Aufschen erregen- den Ausstellung„Verbrechen der Wehrmacht“ Strategien der Entlastung „und das Verschwinden der Täter“. Gerd Wiegel variert in„Die Vergan- ½ die(nicht) vergeht“ den FAZ- ufsatz, mit dem der Faschismusfor- scher Ernst Nolte 1986 den sogenann- ten Historikerstreit auslöste. Hanno Loewy beschãftigt sich mit Comic Cul- ture und AuschwitzFantasy(Der Uber- lebende als böser Held), während Kai Köhler der„literarischen Vergangen- heitspolitik“ in Texten von Martin Wals- er. Bernhard Schlink, Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger nachspürt. Sabine Manke erläutert den„Nutzen und Nachteil der Medien für die Histo- rie“ und Barbara Distel, Leiterin der Gedenkstätte Dachau, beleuchtet die praktischen Formen der Vergangen- heitsbearbeitung. Auf ihren Beitrag „Erziehung nach Auschwitz“„von Dachau aus gesehen“ soll hier etwas ausführlicher eingegangen werden. Sie skizziert zunächst ihr Thema: „Je mehr Zeit vergeht, desto näher rückt Auschwitz', schrieb die Schrift- stellerin Grete Weil, die sich über fünf Jahrzehnte lang mit der nationalsoziali- stischen Mordpolitik beschäftigt hat. Und auch: Auschwitz ist Chiffre, kein Ort auf der Landkarte. Dies gilt in ge- wisser Weise für alle großen, weltweit bekannten Konzentrationslager wie Dachau, Buchenwald oder Bergen-Bel- sen. Einerseits hat das konkrete Wissen über das System des nationalsozialisti- schen Unterdrückungs- und Mordap- parates in den vergangenen Jahrzehn- ten ungeheuer zugenommen, anderer- Seits wurden diese Namen zu Mythen, die mit den historischen Orten und ih- rer Geschichte wãhrend der Jahre 1933 bis 1945 kaum noch etwas verbindet.* Die Aufgaben der Gedenkstätten beschreibt Distel mit einer 1997 formu- lierten Positionsbeschreibung der Ar- beitsgemeinschaft von deutschen K?E- Gedenkstätten:„Der Herkunft der Opfer der nationalsozialistischen Ver- brechen Rechnung tragend, sind K?Z- Gedenkstätten europäische Orte in Deutschland. Als Bestandteile demo- kratischer Geschichtskultur leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Ausein- 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer andersetzung mit der nationalsozialisti- schen Vergangenheit und antidemo- kratischen, die Prinzipien unteilbarer Menschenwürde, unteilbarer menschli- cher Grundrechte und der Toleranz missachtenden Finstellungen in der Gegenwart. Lernen, Trauern, Geden- ken sind an den Orten unaufhörlich miteinander verbunden. Und neben den Funktionen als historische Mu- seen, Forschungsstätten, Orte histori- Scher Aufklärung und gesellschaftlicher Selbstreflexion und Finrichtungen mit humanitären Aufgaben, sind KZGe- denkstätten auch Friedhöfe und Sach- Zeugnisse und Denkmale aus der Zeit.“ MAm Beispiel Dachau skizziert Pistel in einem zweiten Abschnitt die Ent- wicklung einer Gedenkstätte. In Deutschland kümmerten sich zunächst die deutschen Hãftlinge um die Stãtten der Verfolgung. Ab 1980 meldeten sich mit Roma und Sinti, Zeugen Jehova und Homosexuellen die„vergessenen Opfer“ zu Wort, deren Verfolgungs- Schicksale erst dann Beachtung fanden. Und nach den politischen Umwälkzun- gen in Osteuropa riefen sich auch die KZUberlebenden dieser Länder hier im Westen in Frinnerung. Erst Spãt begannen sich die histori- sche Forschung und die öffentliche Aufmerksamkeit den Orten der KE Außenlager zuzuwenden,„die über- wiegend in den letzten Kriegsjahren entstanden waren und in denen vor al- lem osteuropãische Juden für die deut- sche Kriegsindustrie schuften muss- ten“. Distel konstatiert,„dass erst in der letzten Lebensphase der KZUber- lebenden die Vieffalt ihrer Herkunft, ihres kulturellen, politischen und reli- giõsen Hintergrundes deutlich wurde, die Verschiedenheit ihrer Verfolgungs- schicksale, die von Alter, Nationalitãt und Verfolgungsgrund abhingen. An den KZ Gedenkstätten wird ihr Erbe bewahrt und ihre Geschichte weiterge- geben.“ Abzuwarten bleibe,„in wie weit die nachfolgenden Generationen dies für eine humanere Gesellschaft nutzbar machen können“. In einem dritten Abschnitt schreibt Barbara Distel über aktuellen Rechts- extremismus und die Bedeutung der Gedenkstätten heute. In Dachau 9 es 2001 zu gewaltsamen Zerstörung und Schmierereien mit antisemiti- schen, antiisraelischen und antiameri- kanischen Parolen gekommen. Polizei- liche Ermittlungen blieben ergebnis- los. Erschüttert waren besonders die ehemaligen Häftlinge, wie ein Aus?ug aus Andrèẽ Delpechs Rede zeigt:„Die- se Schändung trifft einen Ort, der kei- nen Schutz hat, außer den moralischen Schutz, den die Anwesenheit der Mil- lionen Besucher bietet, die jedes Jahr aus aller Welt hierher kommen, um der Vergangenheit zu gedenken und über die Zukunft nachzudenken.“ Entsprechend fällt auch Barbara Distels Resümee aus, nachdem immer noch gestritten werden muss, für die Uberzeugung, dass die Gedenkstät als Finrichtungen der politischen BN dung„der Erzichung nach Auschwitz“ unverzichtbar sind. Die„Zukunft der Brinnerung“ dürfe nicht allein der Po- litik überlassen werden:„Nur wenn es gelingt, einen erheblichen Teil der Offentlichkeit auf Dauer von ihrer Notwendigkeit zu überzeugen, wird sie sich als wichtiger Bestandteil der politischen Kultur etablieren.“ Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Der Fall Hohmann und die Ausstellung„Legalisierter Raub“ in Fulda Der Fall des Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann aus der Bundestags- fraktion der CDU steht in direktem Zusammenhang mit der Ausstellung„Legali- sierter Raub“ die im Februar und Mãrz in Fulda zu sehen ist. Für diese Ausstellung hat die 1925 geborene Charlotte Opfermann Exponate ihrer Familie zur Verfügung gestellt. Die dem Holocaust entkommene Jüdin lebt heute in den USM und hat es sich zur Angewohnheit gemacht, im Internet über die Stadt und Region nachzu- forschen, in der die Ausstellung gezeigt werden soll. So stieß sie auf die Homepage der CDU Neuhof und dort auf Hohmanns antisemitische Rede mit dem itel„Ge- rechtigkeit für Deutschland“ mit der er sich durch die Aneinanderreihung von Kli- 9 den Zuspruch breiter Bevõlkerungskreise verschaffte. Hohmann, den Char- btte Opfermann zunãchst für einen· Magie und Okkultismus verfallenenRedner hielt, entpuppte sich als zuständiger CDU-Abgeordneter im Innenausschuß aus- gerechnet für das Thema Zwangsarbeiter Entschãdigung Nach Rücksprache mit den Veranstaltern der Ausstellung wurde Hohmanns Rede schließlich bundesweit verbreitet· mit den bekannten Folgen. Die Ausstellung mit dem Untertitel Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 bis 19450 ist vom 13. Feburar bis 21 März 2001 in Fulda im Vonderau Museum zu sehen. Anhand zahlreicher Dokumente, Fotografien und Exponate stellt sie die Ge- schichte des gesetzlich legalisierten Raubzuges und seiner Opfer vowie die Zen- trale Rolle des Fiskus in dem Geschehen dar. Die Ausstellung war bisher in Frankfurt am Main. Marburg, Gießen und Darmstadt zu sehen. Für die bevor- stehende Präsentation in Fulda wird die Ausstellung mit einem neuen, regiona- len Schwerpunkt versehen. Sie wird von einem Veranstaltungsprogramm beglei- tet, das unter anderem einen Stadtrundgang zur jüdischen Geschichte Fuldas, Vortrãge, Führungen und Seminare für Schulen vowie ein Erzählcafé vorsieht. Anmeldungen zu Führungen durch die Ausstellung werden unter der Tele- fonnummer(0661) 928350 entgegengenommen. Zur Vor- und Nachbereitung eines Ausstellungsbesuches steht eine Mappe mit Arbeitsmaterialien und Bearbeitungsvorschlägen zur Verfügung. Schulen aus Fulda und Umgebung kõnnen diese kostenfrei bei der Ernst-Ludwig Cham- brẽ Stiftung anfordern(c/o K. Konrad-Leder. Birkenstraße 37, 35428 Langgöns, mail: Dr. Konrad-Lederòt-online. de. Fax 06403 928704). Einzelexemplare kön- nen zum Preis von 8.50 Euro vom Verlag bezogen werden(Booxpress, Verlag der Druckwerkstatt Fernwald. Hauptstraße 26. 35463 Fernwald, Fax:06404 90491). Zur Ausstellung ist außerdem in der Reihe sSelecta der Sparkassen-Kultur- stiftung HessenThüringen ein Katalog erschienen, der zum Preis von 5 Euro im Museum erworben werden kann. Dort ist auch„Der große Raub“ ein Film des hessen fernsehens von Henning Burk und Dietrich Wagner, als Kaufvideo Zum Preis von 15 Euro erhãältlich. Gedenkveranstaltung am 59. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz/Birkenau Verfolgung und Vernichtung der Roma und Sinti Dienstag, 27. Januar 2004, 19 Uhr, Eintritt frei Frankfurt am Main-Historisches Museum, Römerberg Maria Weiß Uberlebende der KZ Bergen-Belsen und Ravensbrück- im Gespräch mit Joachim Brenner(Förderverein Roma) Finführung: Peter Sandner (Autor von„Frankfurt. Auschwitz- Die nationalsozialistische Verfolgung der Roma und Sinti in Frankfurt am Main*) Musikalische Umrahmung durch Mitglieder des Philharmonischen Vereins der Roma und Sinti Veranstalter: Roma-Union, Förderverein Roma, Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 bis 1945 Ausstellung des Fritz Bauer Institutes und des Hessischen Rundfunks im Vonderau Museum Fulda õffnungszeiten: 13. Februar bis 21. März Dienstag bis Sonntag 10— 18 Uhr AFT AUSCHWITZ ASctwrz ER AUSCHWTZER Farbkarte 613 Mitteilungsblatt, Dezember 2003