LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUDSCHWTAZER AUSCHMTE 23. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, Juli 2003 Mitgliederversammlung am 27 September Zur diesjãhrigen Mitgliederversammlung der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer wird am Samstag, dem 27. September, um 15.30 Uhr nach Frankfurt am Main, Rechneigrabenstraße 10(Ton- und Bild- stelle e.V.) eingeladen. Bitte vormerken! Die Versammlung ist õffentlich, in- teressierte Sympathisanten sind herzlich willkommen. Inhaltsverzeichnis Seie Reise nach Theresienstadt, Auschwitz und anderswo 63 Legende über Lilja 2 Spenden kommen direkt Nazi-Opfern zugute 4 Der„Rudolf-Thauer-Weg“ als Verhöhnung der Opfer 6 Von Annedore Smith „Das Buch der Erinnerung“ 9 Block 7 wurde Wartesaal zum Gas genannt Mensch erinnere was in Auschwitz Dir geschah 11 Projekt der Schulen Mühlheim, Apolda, Oswiecim Flaschenpost aus dem Lodzer Getto 14 Von Annedore Smith Der Aufstand der Verlorenen 16 Jeil 2 Zu den Freignissen im Sonderkommando Auschwitz, Okt. 1944 Von Andreas Kilian ₰ Stiftung Auschwitz soll nicht vergessen werden 30 Offener Brief an Staatsministerin Kerstin Müller Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Lindenstraße 68, 35516 Münzenberg; felefon(06033) 60168 Redaktion: Hans Hirschmann, Jel.(06101) 32599 Foto auf Titelseite: Die Trimmer des Krematoriums V das von der Sð am 26. Inauar 1945 gesprengt worden war.(aus Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentra- tionslager Auschwtiz-Birkenau 1939— 1945, Rowohlt-Verlag, 19389 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Gedenkveranstaltungen zum 65. Jahrestag der Reichspogromnacht Reise nach Theresienstadt, Auschwitz und anderswohin Anlässlich des 65. Jahrestages der Reichspogromnacht im November la- den die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer und der Wetteraukreis am Donnerstag, dem 6. November, um 19 Uhr in den Plenarsaal des Kreishauses(Europa- htz 1) in Friedberg zu dem Vortrag „Fine Reise nach Theresienstadt- Auschwitz und anderswohin“ von Dr. Dieter Wolf ein. Dr. Wolf ist Historiker und Leiter des Museums der Stadt Butzbach. Er wird an exemplarischen Beispielen über das Schicksal von Wetterauer Jüd- innen und Juden berichten, die in so ge⸗ nannter privilegierter Mischehe lebend zunächst von einer Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungsla- ger verschont blie ben. Im Februar 1945 nur wenige Wochen vor dem bereits absehbaren Kriegsende- wurden sie dennoch zwangsverschleppt. Zu dieser Gruppe der Deportier— ten, die größtenteils diese Tortur we- en der nahenden Kapitulation des ten Reiches überleben konnten, zählte auch die Großmutter des Refe- renten, Martha Wolf, geb. Strauß. Sie starb im Kreis ihrer Familie, als ihr En- kel Zehn Jahre alt war. Dieter Wolf wird die Forschungs- erge bnisse dieses Teils der lokalen Ge- schichte verbinden mit Reflexionen eines durch das Schicksal seiner Großmutter selbst betroffenen Nach- fahren. Bei seinen Nachforschungen führte auch ihn sicher unter ganz an- deren Bedingungen als 1945— eine Reise nach Theresienstadt. Aber auch von Theresienstadt war und ist es nicht weit nach Auschwitz und anderswohin damals und heute, wenn auch unter anderen Umständen. Der Referent kann berichten, wie noch lange nach dem Krieg in Deutschland die Mittäter, Mitläufer und Zuschauer der im Dritten Reich begangenen Menschheitsverbrechen die Nazi-Propaganda weiterverbreite- ten, dass Theresienstadt eine, Spöttisch „Reichsgenesungsheim“ genannte „Musterstadt für die Juden“ gewesen und es den dorthin DPeportierten qua- si als Urlaubern sehr gut gegangen sei. Seine Erläuterungen wird Dieter Wolf am 6. November 2003 mit Licht- bildern ergänzen. Ausstellung und szenische Lesung Vom 5. November bis zum 31. De- zember ist im Foyer des Kreishauses in Friedberg die Ausstellung„Jüdisches Leben in Deutschland“ zu sehen. In der Wetterauer Gemeinde Flor- stadt tritt am Sonntag, dem 9. Novem- ber(19 hn im Saalbau Lux), die Schauspielerin Lilli Schwethelm vom Büdinger„theater mimikri“ bei einer Zenischen Lesung auf: In„Ich bin ei- ne kleine Speise in einem Becher voll Nacht“ werden Leben und Werk der in Auschwit? ermordeten deutschen Dichterin Gertrud Kolmar vorgestellt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Legende über Lilja ob sie Schön war ist nicht zu verbürgen zumal die Aussagen der überlebenden Lagerbewohner sich widersprechen schon in der Farbe des Haars unterschiedlich benannt wird in der Kartei sich kein Bild fand sie soll aus Polen geschickt worden sein im Sommer ging Iilija barfuß wie im Winter und schrieb sieben Briefe sechs drahtdünne Röllchen wandern durch den Hãftlingskittel übern Appellplatz kleben an müder Haut stören den Schlaf erreichen den man nicht kennt(er kann nicht Zeuge sein beim Prozeß) das siebente gab einer gegen Brot Lilja in der Schreibstube unterwegs Iilja im Bunker Schlag mit der Peitsche den Namen warum sagt Sie nichis wer weiß das warum schweigt sie im August wenn die Võgel singen im Rauch einer mit Uniform Totenkopf am Kragen Liebhaber alter Theaterstücke(sein Hund mit klassischem Namen) er fand man sollte ihre Augen reden lassen durch die gefangenen Männer wurde eine Straße gemacht eine seltsame Allee geplünderter Bäume tat sich da auf hier sollte sie gehen und einen verraten ₰ nun brauch deine Augen Lilja befiehl den Muskeln dem Blut Sorglosigkeit hier bist du oft gegangen kennst jeden Stein jeden Stein ihr Gesicht ging vorbei sagten die Uberlebenden sie hätten gezittert Lilja wie tot ging ging bis der Mann dessen Hund Hamlet hieß brüllte befahl genug seitdem wurde sie nicht mehr gesehen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 andere Zeugen sagten sie habe auf ihrem Weg alle angelächelt sich mit den Fingern gekämmt sei gleich ins Gas gekommen- das war über zwanzig Jahre her- alle Sprachen lange von Lilja die Richter von Frankfurt Hießen im Jahr 65 protokollieren offensichtlich würden Legenden erzählt dieser Punkt sei aus der Anklage zu streichen 83 in dem Brief soll gestanden haben wir werden hier nicht rauskommen wir haben zu viel gesehn Sarah Kirsch (aus. Landaufenthalt. Gedichte, Berlin 1067, Aufhau- Verlag,) Bücher Aus unserem Bücherbestand können wir folgende nur schwer über den Buchhandel zu beziehende oder gar nicht mehr lieferbare Bände abgeben: Preis- angaben ohne Versandkosten: Auschwitz. Gedichte. Ausgewählt und herausgegeben von Adam A. Zych und Dorothea Müller-Ott, Verlag Staatliches Museum Osciecim 1993, 310 Seiten. Aus diesem Sammelband ist Sarah Kirschs Gedicht zitiert. Er ist in einigen Exem- plaren Zum Preis von 6 Euro erhältlich. Bernd Naumann: Auschwitz-Bericht über die Strafsache gegen Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt am Main. Bernd Naumann war Redakteur der FAZ und hat in diesem Band seine Berichte über den Frankfurter Auschwitz- roZeß 1963— 1966 in bearbeiteter Form erstmals 1968 verõffentlicht. Restex- emplare(Fischer Taschenbuch, 290 8.) geben wir zum Stückpreis von 5 Euro ab. Kazimierz Albin: Steckbrieflich gesucht. Aus dem Polnischen übersetzt von Siegfried Schmidt, Stattliches Museum Oswiecim, 2000. Es handelt sich um die Aufzeichnungen der Erlebnisse und Erfahrungen eines der ersten Hãäftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz und spãteren- nach geglückter Flucht aus dem Lager-Mitglieds der polnischen Widerstandsbewegung in Krakau. Albin ist der- zeit Präsident von TOnO,„der Gesellschaft Zur Betreuung von Auschwitz“. Der Band(350 S.) kostet 6 Euro. Representations of Auschwitz- 50 Jahre Fotografie, Malerei und Grafik, Os- wiecim 1995.(Der Band beinhaltet Tagungsbeiträge in polnischer, englischer(mit deutschen Zusammenfassungen) und deutscher Sprache. 125 8S. Preis: 8 Euro. Bestellungen bitte an folgende Adresse: Freundeskreis der Auschwitzer, c/o Hans Hirschmann, Neue Straße 24 in 61118 Bad Vilbel; Fax(06101) 32399. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ihre Spenden sind weit mehr als eine finan?ielle Unterstützung die uns Freude bereitet und ein Zeugnis dafür ist, dass immer noch je⸗ mand an uns denkt? bedankte sich Jo- zef Paczinsky als Präsident des Kra- kauer Clubs der ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz- Birkenau für die im vergangenen Jahr überwiesene Spendensumme in Höhe von 2500 Euro. Die Krakauer haben diesen Betrag in rund 9000 Jede Anerkennung ihres Schick- Wer jemals das Vertrauen von ehe- maligen Häftlingen Nazi-Deutsch- lands gewonnen hat. weiß, wie wichtig, über die finanzielle Seite der Spenden hinaus, die ideele Anerkennung ihrer Verfolgung und ihres Widerstandes ist. Fortgeführt werden die beiden% tenschaften in Krakau, mit denen di intensive Pflege und Betreuung von zwei schwer- kranken Nazi- polnische Zloty umgetauscht. Davon wurden 1000 Zloty an die Ambulanz für echemalige politische Häft- linge der Kon- zentrationsla- ger überwiesen und an 74 Mit- glieder jeweils sals als Verfolgte des Dritten Rei- ches ist für die überlebenden KZ- Häftlinge sowie die Hinterblie Pbenen der ermordeten und ver- storbenen Opfer von großer per- sõnlicher Wichtigkeit- eine Hoff- nung, dass vich angesichts des von ihnen erlebten Grauens heute mehr Menschen für Demokratie, Menschenrechte und Solidarität Opfern mõglich gemacht wird Mitteilungs- blatt 2 /02). Bereits seit Jahren leistet die g meinschaft Freundeskreis einen Beitrag für Arztkosten und medizini- 100 Zloty wei- tergege ben. Die restlichen rund 600 Zloty wurden für laufende Ausgaben des Krakauer CQlubs verwendet. Die Häftlingsvereinigungen in Warschau und Zgorzelec haben die Spenden verwendet, um ebenfalls ehemalige Häftlinge zu unterstützen, teilweilse mit höheren Einzelbeträgen für Schwerkranke, die einen größeren Betreuungsaufwand benötigen. Auch Roma und Sinti, denen eine Entschädigung vorenthalten wurde und wird(Mitteilungsheft 2/ 02) erhielten durch Sie, liebe Spenderinnen und Spender, in finanzieller Form eine An- erkennung für ihr erlittenes Schicksal. einsetzen. sche Betreuung der ehemaligen K?ZHãftlinge, die in Zgorzelec und Umgebung leben. 6 Entsprechen konnte der Vorstan einer Bitte des in Krakau ansässigen Ambulatoriums für ehemalige Nazi- Opfer das um 300 Euro zur Anschaf- fung diverser medizinischer und pfle- gerischer Kleingeräte angefragt hatte. Die meisten lokalen Häftlingsver- einigungen sind im Polnischen Ver- band der ehemaligen politischen Häft- linge der Nazigefängnisse und Kon- zentrationslager organisiert. Auch hier steht die Unterstüt?ung von Kranken und Pflegebedüftigen im Vorder- grund. Dem Bezirksverband Krakau Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 bewilligten wir 1500 Euro für das lau- fende Jahr. Eine weitere Postition auf unserer Ausgabenliste ist die Förderung von Forschungsprojekten und Veröffentli- chungen.„Den Opfern wieder einen Namen geben“— nachdem Nazi- Deutschland alle als„Untermen- schen“ abgestempelten Bevölkerungs- gruppen mit Nummern zu erfassen suchte- will die polnische Publikati- nsreihe„Das Buch der Erinnerung“. Die Polen-Transporte aus dem Raum Warschau sowie die aus der Region Krakau liegen mittlerweile in zwei mehrbändigen Werken vor(wir be- richteten jeweils in den Mitteilungs- blättern der Vorjahre). Nun sollen in einem dritten Schritt die Deportatio- nen und Verschleppungsaktionen aus dem Bezirk Radom dokumentiert wer- den. Auch hierzu hat der Vorstand den Herausgebern in Polen wieder zuge- Sagt, diese Publikationen in gleichem Umfang wie in den Vorjahren finan- ziell Zu unterstützen. Die Veröffentlichung des fertigen Manuskriptes des ehemaligen KZ- Hãftlings Professor Henryk Pierzchala über die Hilfe der europãischen Kolle- en bei der Forderung nach Freilas- 60 der verhafteten Krakauer Uni- versitãtsprofessoren und Dozenten soll gefördert werden, wenn die Erin- nerungs-Stiftung am Staatlichen Mu- seum in Auschwitz die Restfinanzie- rung bereitstellt. Insgesamt hat unser Verein im letz- ten Jahr und im ersten Halbjahr 2003 von Ihren Spenden mehr als 15.000 Euro weitergeleitet. Dies alles konn- ten wir natürlich nur leisten dank der Spendenbereitschaft unserer Mitglie- der, Förderer und Sympathisanten. Ih- nen allen gebührt somit der Pank der Empfänger. Der Vorstand mõchte diese Arbeit fortsetzen. Wir wissen, die Zeiten sind auch hier schwerer geworden, was sich in rückläufigem Spendenaufkommen bemerkbar macht. Trot?dem sind wir guten Mutes, dass Sie mit Ihrer Spen- de beitragen, die Bitten unserer Freunde in den Häftlingsorganisatio- nen zu erfüllen. Zwar geht die Zahl der überlebenden KZHäftlinge im- mer mehr und immer schneller zurück, aber aufgrund des hohen Al- ters und der Traumatisierungen stei- gen auch die Kosten für die Betreuung und für die Zusãtzliche Versorgung. Für Teilsummen hat der Vorstand seine Zustimmung auf eine Förderung wie im Vorjahr nur unter dem Vorbe- halt ausgesprochen, dass ein entspre- chendes Spendenaufkommen zu ver- Zeichnen ist. Wir bitten Sie also im Namen der ehemaligen Häftlinge und Verfolgten um Ihre Hilfe. Falls diesem Exemplar des Mitteilungsblattes kein Uberweisungsträger mehr beiliegt, hier unsere Bankverbindung: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer; Sparkasse Wetterau(BLZ 318 300 79), Kontonummer 20 00 05 03. Bitte schreiben Sie deutlich und am besten in Druckbuchstaben Ihre Adresse, damit wir Ihnen zu Anfang des nächsten Jahres schnell und unpro- blematisch die Spendenbescheinigung für das Finan?amt?uschicken können. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Fin Nachspiel zum Vortrag von Ernst Klee in Bad Nauheim Der„Rudolf-Thauer-Weg“ als Verhöhnung der Opfer Von Annedore Smith In Bad Nauheim gibt es einen„Ru- dolf-Thauer-Weg“. Damit ehrt die Wetterauer Kurstadt den 1086 ver- storbenen früheren Direktor des renommierten Kerckhoff-Instituts. Doch Thauers Name ist ins Zwielicht geraten- hat seine Karriere doch zu eit ner Zeit begonnen, in der sich medizi- nischer Fortschritt häufig auf grausa- me Experimente an KZHäftlingen gründete. Nach Ansicht des Bad Nauheimer Bürgermeisters Bernd Rohde gibt es „Keine Beweise dafür, dass durch Für von der Wehrmacht in Auftrag gegebene medizinische Forschungsprojekt zogen die Thauer irgend jemand zu Schaden ge- kommen ist“. So zitiert ihn die„Wet- terauer Zeitung“ am 1. Februar 2003. Rhode stellt sich ferner hinter die Aus- sage von Thauers Sohn Rolf, wonach sich nicht einmal nachweisen lässt, 0 das NSDAPMitglied Thauer von der oft tödlich verlaufenden Menschen- versuchen im Konzentrationslager Dachau Kenntnis hatte. Dies geht aus der Stellungnahme des Bürgermei- sters zu einer Anfrage der Grünen im Stadtparlament hervor, in der am 30. Dezember 2002 der„Rudolf-Thauer — Arite bevorzugt Hãftlinge der Konzentrationslager als Versuchskaninchen heran, deren Tod bereitwillig in Kaut᷑ genommen wurde. In Auschwitz infizierte beispielsweise Emil Kaschub 1944 gesunde Gefangene mit toxischen Substanzen.(Foto aus: Auschwitz- A History in Pho- tographs, Compiled and edited by Teresa Swiebocka, Oswiecim 1999, 4. Auflage mit engli- schen Texten von Jonatha Webber and Connie Wilsack. ISBN 83-05-13105-X) — —— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Weg“ kritisch unter die HEupe genommen wurde. Die Namens- gebung war 1987 nach einstimmiger Beschlussfassung von Magistrat und Stadtverordneten- versammlung er- folgt. Der Vorschlag zu war von Bür- germeister Rohde gekommen. Anlass der Grü- nen-Anfrage war ein Vortrag des NSForschers und Publizi- sten Ernst Klee in Bad Nauheim. Auf Pinladung der Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis referierte er am 31. Oktober 2002 im voll besetz⸗ ten Café König über„Medizinverbre- chen der NS-Zeit“ und nahm dabei auch einige lokale Größen aufs Korn. Wie in Klees Buch, Peutsche Medizin im Dritten Reich- Karieren vor und nach 1945 auf Seite 189 ausgeführt, erfuhr man an diesem Abend, dass Thauer 1042 als Dozent am Frankfur- ter Institut für animalische Studien er„die Einwirkung extremer Tem- peraturen auf den menschlichen Or- ganismus“ forschte- und zwar für Luftwaffe und Marine. Hierbei wur- den laut dem damaligen Instituts- direktor Karl Wezler auch Experi- mente„am Menschen selbst und an Hunden ohne Narkose“ vorgenom- men. Allerdings wird nicht gesagt, wer die Versuchspersonen waren. Klee hat in seinen Publikationen immer wieder nachgewiesen, dass sol- che Experimente im Pritten Reich fast ausschließlich an KZHäftlingen ausgeführt wurden und dass der Tod der Testpersonen dabei bereitwillig in Kauf genommen wurde. In seinem Buch, Auschwitz, die N- Medizin und ihre Opfer“, für das er 1997 den Ge- Schwister-Scholl-Preis erhalten hatte, berichtet Klee von einer Tagung zum Thema Arztliche Fragen bei Seenot und Winternot“. Rund 90 EliteMedi- ziner für Kuftfahrtmedizin und Kälte- forschung erörterten Ende Oktober 1042 in Nürnberg die Folgen von Sauerstoffmangel in extremen Höhen und eisiger Kälte für den men- schlichen Organismus. Neue wissen- schaftliche Erkenntnisse waren kurz zuvor bei Versuchen an Hãäftlingen im Konzentrationslager Dachau gewon- nen worden. Klee zitiert aus dem Tagungsbe- richt in dem es mit Bezug auf in eis- kaltem Wasser erstarrte Versuchsper- Se e hört schlagartig auf, wenn der Tod eintritt“ („Alschwitz, die N Medizin und ihre Opfer“, S. 238). Das Resümee des Au- tors:„Die Mediziner erfahren, dass Versuchspersonen zu Tode gebracht 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wurden. Keiner protestiert laut, keiner tritt aus Protest von seinem Amt zurück.“ Piner dieser„stillen“ Zuhörer war Rudolf Thauer. Seine Teilnahme an dieser Tagung lässt sich mit histori- schen Quellen belegen. Man kann ihm also bestimmt nicht zu Gute halten, absolut nichts von diesen verbrecheri- schen Menschenversuchen gewusst zu haben. Bürgermeister Rohde mag al- lerdings Recht haben, dass man Thau- er nicht konkret nachweisen kann, tõdliche Experimente an Häftlingen selbst ausgeführt zu haben. Man fragt sich aber, wer die Ver- suchspersonen bei den Frankfurter Kälteexperimenten Thauers und Wez- lers gewesen sein sollen-zu einer Zeit, da es für die Forscher doch so ver- lockend einfach war, sich dafür KZ- Hãftlinge zu besorgen. Und man fragt sich, ob es glaubwürdig ist, dass bei diesen Versuchen wirklich niemand zu Schaden gekommen sein soll- wo man doch heute weiß, dass bei den Experi- menten für Luftwaffe und Marine die Ergebnisse mehr zählten als ein Men- schenleben. An einem Projekt der Fuftwaffe arbeitete Thauer später auch in Danzig, wo er 1944 Professor wurde. Das Thema:„Die Beeinflus- sung der Wärmeregulation durch Me- dikamente und Gifte unter besonde- rer Berücksichtigung der allgemeinen Auskühlung im Wasser.“(„Deutsche Medizin im Dritten Reich“, 8§. 189) Rohde zitierte in seiner Stellung- nahme zur Anfrage der Grünen-Frak- tion Wissenschaftler, die Thauer ent- lastet haben sollen. Klee hat jedoch mehrfach belegt, dass die Forscher des Dritten Reiches sich immer wieder ge- genseitig Persilscheine ausgestellt ha- ben. Rhode erklärte außerdem, dass Wissenschaftler wie Thauer damals „geZwungen waren, in die NSDAP einzutreten, wenn sie ihre berufliche Stellung nicht verlieren wollten“. Sie hätten vor der Wahl gestanden, ent- weder in die NSDAPeinzutreten oder aber ihre Familie nicht mehr ernãhren zu können“. Für die seinerzeit wirklich vom Hungertod bedrohten Häftling der Konzentrationslager muss dies wie blanker Hohn klingen. Selbst wenn im Fall Thauer der letzte Nachweis für tõdliche Experi- mente Zurzeit noch nicht erbracht wer- den kann, bleibt ein übler Nachge- schmack zurück. Auf jeden Fall aber ist klar, dass er von den Medizinver- brechen an KZHäftlingen gewusst und nichts dagegen unternommen hat. Dies allein sollte ausreichen, keine Straße nach Thauer zu benennen. Denn dies wäre eine Verhöhnung der Opfer der NSMedizin. Ernst Klee: Auschwitz, die NSMe- dizin und ihre Opfer“, Frankfurt: Fi- scher Verlag, 1997— ISBN 3.1 039306-6, 526 Seiten, 29.00 Furo (gebunden)-ISBN 3-50614906 1, 528 Seiten, 14,90 Euro(Taschenbuch) Ernst Klee:„Deutsche Medizin im Dritten Reich- Karrieren vor und nach 1045*, Frankfurt: FischerVerlag, 2001— I8BN3-10 039310 4, 416 Seiten, 25.00 Furo(gebunden) Zum erwhnten Vortrag von Ernst Klee in Bad Nauheim am 31. OMtober 2002 siehe Mitteilungsblatt 2/2002) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 „Die Polentransporte aus Krakau? sind in fünf Bãnden als zweiter Teil in der Reihe„Buch der Erinnerung“ mit finanzieller Unterstüt?ung der La- gergemeinschaft-Freundeskreis erschienen. Hier ein Auszug: Der Block wurde Wartesaal zum Gas genannt Frinnerungen von Adolf Gawalewicz, der Block 7 in Birkenau beschreibt. „Wartesaal zum Gas“ es ist weder ein Begriff im übertragenen Sinne och die Suche nach einem billigen Ef- fekt. Diese Funktion erfüllte wirklich der Block Nr. 4 in Birkenau in der Ab- teilung BIb— später gekennzeichnet mit der Nr. 7 und Isolierstation ge- nannt. In diesem Block lebte ich eine sehr lange Zeit- wenn man die Zeit an der Intensitãt der Erlebnisse mißt. Ich war dort vom 20. April bis zum 16. September 1942.(..) Der für mich so markante Frühling 1942 rückte im- mer näher. Es war mir gelungen, die Kondition eines paarunddreißig Kilo schweren Gespenstes konstant zu hal- ten, und dank verschiedener„leichten Arbeiten“ war ich wieder im Spi— talblock Nr. 20 als Patient des„Scho- nungssals“ bei Stanislaw RoZpek.(..) RoZpek versuchte, mich mit Zusatz- von Suppen zu füttern und mich so bis zum Frühling aufzubewah- ren, damit ich in einigermaßen erträg- licher Form wieder zu den Arbeits- kommandos zurückkehren konnte. Es kam aber alles anders. Bis zum heutigen Tag bewahrt das Gedächtnis die für immer einge- meißelten Erinnerungen an diesen Apriltag. Der Motor wollte lange nicht anspringen- ach dieses Holzgas! Wir standen zusammengedrängt auf der Fadeflãche eines Lastwagens vor dem Block Nr. 20.(..) Es war der 20. April 1942— Adolf Hitlers Geburtstag. Es Ubersetzung aus dem Polnischen: Elzbieta Stamm gab keine formelle Selektion. Einige wurden am Vortag zurück zum Lager geschickt und der Sanitätsdienstgrad (SDG), d. h. der Sanitäter Josef Klehr., nahm unsere Fieberkarten mit in die Schreibstube. Es wurden uns Klamot- ten ausgehändigt, natürlich ohne Män- tel und Mützen, dazu aber diese für manche von uns verfluchten und von den anderen verhaßten„Holländer“. Es wurde uns gesagt, dass wir Rekon- valesꝰenten sind und mit einem rans⸗ port zur leichten Arbeit fahren. Für manche, wenig erfahrene Häft- linge klang es einigermaßen wahr- heitsgemäß, um so mehr, weil wir aus unserem Block auf eine milde Art, oh- ne besondere Schlãge vertrieben wur- den. Aber für uns alte Hãäftlinge, die s0 wie ich schon vor einigen Monaten das zweite Jahr des Lagerlebens angefan- gen hatten, hatte diese leichte Arbeit einen bedrohlichen Sinn.(..) Endlich das Rütteln eines startenden Autos, der flüchtige Blick auf die fast men- Schenleere Straße zwischen den Kran- kenhausbauten und in der Kurve vor der Küche ein wunderbarer in der Luft hängender Geruch- der Geruch des BS 6 Wir sind am Zielort. Vor einer ge- mauerten Baracke steht eine kleine in Fünferreihen aufgestellte, etwa 30 Per- sonen zählende Gruppe von ausge- mergelten Gestalten— es ist der Rest von über einem Tausend unserer Vor- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gänger. Es sind diejenigen Rekonva- les?enten, die hierher vor einem Mo- nat zur leichten Arbeit kamen. An der Wand liegt eine ordentlich gelegte Leichenreihe. Das ist die heutige Rati- on an Abgängen.(.) Das grundlegende akute Problem ist die Frage, ob wir das Essen be- kommen und für die Nacht in die Ba- racke dürfen. Wir haben zum Essen nichts bekommen und hatten in der Nacht kein Dach über dem Kopf. Die Funktionsträger lassen uns in graden Reihen stehen. Wer die Kräfte ver- liert und auf den lehmigen, mit feinen Bausteinstücken gestreuten Weg nie- dersinkt, bekommt einen Schlag mit dem Stock auf den Kopf oder anders- wo.(..) Wir stehen also an diesem ers- ten Iag in einem zusammengedräng- ten Haufen und warten. Worauf? Rund um uns herum die schlammige, breite und kaum bebaute Ebene von Birkenau. Und was passierte in uns? Wir wußten noch nicht, dass das Hun- gern sehr langsam geplant wurde.(..) Durchschnittlich jeden zweiten Tag haben wir gar nichts zu Essen bekom- men. An diesen Tagen mit absolutem Hungern und nach dem ganztätigen Stehen hatten wir die Hoffnung, dass wir„dafür? für die Nacht in den Block reingelassen werden, was gewöhnlich auch passierte. An den Tagen des re- lativen Hungerns bekamen wir ein bißchen Suppe, ein Liter für 3 bis 5 Hãäftlinge. Es war in der Regel ein „Nquivalent“ für das zu erwartende nächtliche Appellstehen. Ausnahms- weise, vielleicht drei- bis viermal in diesen zwei Wochen, bekamen wir ei- ne minimale Brotration: einen 1400 Gramm schweren Laib für 8 bis 10 Hãäftlinge. Am Jag war das Stehen obligato- risch. Wer lebendig bis zum Abendap- pell gequält vom Hunger und einem schrecklichen Durst, von Halluzina- tionen über das große Fressen, Zit- ternd vor Kälte im Halbschlaf im Ste- H Schüttelfrost, gequält vom blutigen Durchfall, eiternden Wunden und Krätze ausharrte, der trãumte von ei- nem baldigen Ende oder vom m malen Glück: vom Essen und Schlafe& im Block. Real war im Prinzip nur ei- ne Alternative: entweder Schlafen Unsere Gruppe verkleinerte sich in einem immer schnelleren Tempo. Woran dachte derjenige, der leben wollte? Woran dachte ein Mensch während des 24 stündigen Stehens? Meine Gedanken und wahrscheinlich die von meinen Mithäftlingen bilde- ten ein gewisses Schema: Man muß in der stehenden Position aushalten, weil.. ich darf nicht zulassen, dass sich ein Anderer stark an mich lehnt: ich muß den wärmsten Platz in der Mitte der Gruppe ergattern: gleich bekommen wir Essen und werden in den Block reingelassen es ist schrecklich kalt, aber morgen scheint bestimmt die Sonne. Wer anders dachte, der lebte nicht mehr.(..) Die vierzehn Tage gingen zu Ende. Am 20. April waren wir mit dem Rest vom letzten Transport etwa 260 Häftlinge, jetzt blieben aus dieser Gruppe etwa 25 bis 30 Hãäftlinge. Ich lebte. Warum? Weil ich überleben wollte, dabei half mir Doktor Ciepie- lewski und mein schwacher aber früher abgehärteter Organismus. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Mühlheimer Studienfahrt entwickelte sich zu europäischem Jugendprojekt Mensch erinnere, was in Auschwitz Dir geschah „Sich selbst in Auschwilz ein Bild zu verschaffen, ist etwas anderes als nur aus Büchern und Filmen darüber zu hören“, waren sich die Mühlheimer Schülerinnen und Schüler einig, die im Herbst des vergangenen Jahres bei ei- Oer Studienfahrt die heutige Gedenk- stätte des früheren Konzentrations- und Vernichtungslagers besuchten. Wichtig sei dabei die Gruppe gewesen, stimmten die jungen Leute des Weite- ren überein, denn es setzt einem psy chisch schon sehr zu“ und„allein geht man dabei kaputt oder hält es nicht lange aus und verdrãngt wieder“. was in Auschwit? Dir geschah“ wurde erstmals 1990 von jungen Leuten und Lehrern des Friedrich-Ebert-Gymna- siums in Mühlheim am Main mit einer Studienfahrt in die Gedenkstätte durchgeführt. Mit wesentlicher Betei- ligung der Stadtjugendpflege wurde es seit dem jährlich von einer neuen Gruppe aus der 12. Jahrgangsstufe in jeweils eigener Weise wiederholt. Bald fand es als gemeinsames Projekt mit der Partnerschule im thüringischen Apolda statt. Es entwickelte sich schließlich zu einer deutsch-polnischen Angelegenheit, denn das Spoleczne Li- Dieses Projekt„Mensch erinnere, L ceum in Oswiecim schloss sich an. Nun 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer bestehen Pläne zu einem Ausbau die- Sser europãischen Zusammenarbeit, da sich die Mühlheimer Partnerschule in Frankreich, das Iycée Condorcet in St. Priest, anschließen möchte. Als einer der Taufpaten für diese Studienfahrten, kann Hermann Rein- eck gelten. Der Gründer der Lagerge- meinschaft Auschwit? war bis zu seit Vorbereitungstreffen sowie auch während der Fahrten beteiligt. Purch ihn kamen Kontakte mit der Mu- seumsleitung der heutigen Gedenk- stätte in Auschwitz sowie mit andern Zeitzeugen vor Ort zustande. Mit Lie- selotte Thumser-Weil, ehemalige Ge- fangene im Frauenkonzentrationsla- ger Ravensbrück, hatte die Mühl- heim-Apoldaer Gruppe ein weiteres Mitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz als Ansprechpartnerin. ler Beteiligten“ schreibt HansDieter Riel, Lehrer aus Apolda, im Vorwort zum zweiten Bändchen Auschwitz [yrik der Nachgeborenen'-„ist es, dass nach der Rückkehr die Arbeit weitergeht und die Schüler mit ihren Ergebnissen auch öffentlich wirksam werden“. Dies geschah in Form von Ausstellungen, der Gestaltung von Gedenkveranstaltungen, Lesungen, Theateraufführungen, Videofilmen, Foto-Pokumentationen, Musikpro- grammen und Instalationen bildneri- scher Kunst. Das Auschwitz-Projekt der Schu- len in Mühlheim und Apolda wurde mehrfach ausgezeichnet. Im März die- ses Jahres besuchte Bundestagspräsi- dent Wolfgang Thierse die Fahrtteil- nehmer und zeigte sich von ihren Berichten beeindruckt.„Der war überraschend gut vorbereitet und un- Natürlich hat sich das Projekt im Laufe der Jahre gewandelt. die Grundidee ist je- doch unverändert er- halten geblieben. Die Schülerinnen arbei- ten jeweils eine Wo- che auf dem Gelãnde des ehemaligen KZ (Archivarbeit, Re- staurationsarbeiten, Verarbeitung der Eindrücke durch Fo- to-, Video-, Theater- und Text-Dokumen- tationen) und dann leben sie eine Woche Jürgen Bartholome, Lehrer und Mitglied des Freundeskreises in polnischen Famili- en.„Entscheidend der Auschwitzer, betreut veint 1990 das Mühlheimer Auschwitz- projekt. Hier vor einer Ausstellungstafel mit Bildern von den ehemaligen KZ-Häftlingen Hermann Reineck und Lieselotte für die Motivation al- Thumser-Weil, unseren verstorbenen Vorstandsmitgliedern. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 13 sere Meinung hat ihn wirklich interes- siert“, erinnert sich einer der Schüler an die Diskussion. Weitere Informationen zum Auschwitzprojekt der Schulen in Mühlheim und Apolda- vor allem ein- drucksvolle Beispiele von Gedichten, Fotos, Filmen der Schülerinnen und Schülern sind auf der von der Mühl— heimer Stadtjugendpflege erarbeite- ten und aktualisierten Homepage (wWww. auschwitzprojekt. de) zu finden. Wer sich für die heiden Lyrik- Bändchen oder andere publizierte Ar- beiten der Projektteilnehmer interes- siert, wendet sich am besten direkt an das Friedrich-Ebert-Gymnasium in Mühlheim oder an das Gymnasium Bergschule in Apolda. Hans Hirschmann Auschwitz-Aus der Sicht in einem Splitterbunker Damit Menschen Dinge, Prozes- se und dergleichen verstehen, versu- chen sie es mit allen nur möglichen Sinnen zu erfassen. Kleine Kinder zum Beispiel fassen alles an und stecken es in den Mund. Ich selbst berühre auch alles mögliche um ei- ne Verbindung zu dem, das ich gera- de anfasse, auf zu bauen. Bin ich auf einer Burg, s0 berühre ich die Stei— ne, schließe meine Augen und spüre in mir die Szenen, die sich hier er— eignet haben könnten. Dies ist mei- ne Art des besseren Verstehens. Es ist wie die Reise in ein anderes Be- wußtsein. Hier aber konnte ich die- en Schritt nicht wagen. Erst ganz unbewußt, dann immer bewußter fiel mir nach einigen Tagen auf. dass ich noch nichts berührt hatte. Ich hatte eine Art innere Barriere. Für dieses Foto jedoch musste ich diese überwinden. Ich stieg hinab in einen Splitterbunker und damit in die Vergangenheit. Ich sah die Welt, das Lager mit den Augen eines SSMan- nes, vielleicht auch mit denen eines KZHäftlings, der sich auf einem Fluchtversuch hier versteckte. Aber mit welchen Augen ich es auch sah, es war ein sehr eigenartiges Gefühl, das in meinem Inneren geweckt wurde. Für mich unbeschreiblich, aber dennoch im- mer wieder prãsent. Bis auf ein, Zwei wei- iS Berührung. Maria Bauch (Quelle wwwauschwitzprojelt. de) 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Oskar Singer:„Im Filschritt durch den Gettotag“ Reportagen für den Leser der Zukunft Flaschenpost aus dem Lodzer Getto Von Annedore Smith „Es ist richtig, dass das Getto eine lernueischel Schlange ist. Aber es ist organisiert. Es ist geleitet von Menschen, die rotz allen menschlichen Unzulnglichkeiten doch ein einziges großes Ziel vor vich vehent diese Gemeinschaft in eine bessere Zeit hinüberzurenten. Dieser Wille ist ehrlich und vtark. Wird er stark genug sein?“ Eine Tagebucheintragung vom 15. Mai 1942 aus dem Getto Fodz bezie- hungsweise Litzmannstadt, wie die deutschen Nationalsozialisten den pol- nischen Ort umbenannten. Der Juden- rat gründete dort eine Statistische Abt teilung mit dem Ziel. Quellen bereit- zustellen„für zukünftige Gelehrte, die das Leben einer jüdischen Gemein- schaft in einer ihrer Schwersten Zeiten studieren“. Der Abteilungsleiter, der Prager Journalist Oskar Singer, und sei- ne Mitarbeiter zichen daraufhin wie Reporter durchs Getto. Auszüge aus dem rund 2.000 seitigen Material wur- den kürzlich von der Gießener Ar- beitsstelle Holocaustliteratur(www. holocaustliteratur. de) in Zusammenar- beit mit dem Staatsarchiv der Univer- sität Lodz als Buch herausgegeben. Singer schildert den grauenvollen Alltag mit der Distanz eines Beobacht- ers, doch seine Kommentare treffen ins Schwarze:„Wird der Epigone(der Nachgeborene) wissen, was einige Tage im Getto bedeuten, wenn sie ohne Sup- pe vergehen?“ fragt er und verdeutlicht den Hunger damit vielleicht besser als so manche Statistik. Im Getto sind ein paar tausend Kilogramm verdorbene Kartoffeln schon eine kleine Katastro- phe und ein paar Waggons vernichteter Rüben die Ursache eines Massenster- bens. Im Gegensatz zu den Untergrund- archiven aus anderen Gettos haben die Lodzer Chronik und die ergänzen- den Reportagen Singers offiziellen Charakter. Die Statistische Abteilung war der so genannten jüdischen Selbstverwaltung von den deutschen Kommandeuren genehmigt worden. Allerdings mussten die Mitarbeiter stets mit Kontrollen rechnen. Singers kritische Anmerkungen zielen denn auch fast ausschließlich nach innen. 80 beschreibt er, wie sich Getto- bewohner im Kampf ums Uberleben gegenseitig betrügen, indem sie Stwach einen mit Papier ausgestopften Brot- laib teuer verkaufen.„Der Mensch im Getto ist schlechter, als sein Selbst- erhaltungstrieb es erlaubt“, resümiert er und beklagt ein allgemeines Absin- ken der Ethik. Andererseits zeigt er, wie viele seiner Leidensgenossen ver- suchen, sich allen Umständen zum Trotz noch etwas Würde Zu bewahren. Mit Sarkasmus kommentiert Singer. wie jüdische Vorgesetzte ihre Unterge- 7 Wurde der Schlange von Lerna(griechische Mologie) ein Kopf abgeschlagen, S0 wucht sen zwei neue nuch. Herkules besiegte vie indem er die Srmpje mil einer Fackel ausbrunle Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 benen zur Arbeit antreiben:„Der Ab- teilungsleiter.. will Produktion nach- weisen. Auch im Getto will man Karrie- re machen.“ Und zur Bürokratie merkt er ironisch an„Aber Mensch, Men- schlein im Getto, Zerbrich dir doch nicht den Kopf. Unser Gettomonopol denkt Schon für dich!“ Mit Ironie begegnet Singer auch dem despotischen Judenältesten Mor- echaj Chaim Rumkowski oft gerade dann, wenn er dessen Fürsorge für sei- ne Gemeinde überschwänglich lobt. Da er vom Wohlwollen des Präses ab- hängig ist, lässt er dessen umstrittene Rolle aber weitgehend unangetastet. Rumkowski sieht in harter Arbeit für die deutsche Kriegsproduktion die einzige Uberlebenschance der Getto- bewohner. Singer bekräftigt dies auf seine Art:„Gebt uns Arbeit, Aufträge, wir machen alles aus Dreck und Mist! Wir wollen leben, nur leben..* Mit dem 211. Eintrag des Jahres 1944 endet die Chronik. Im August werden die let?ten Bewohner des Lod- zer Gettos in die NSVernichtungsla- ger deportiert. Singer kommt nach Auschwit?-Birkenau und wird vermut- lich noch am Ankunftstag umgebracht. Zurück bleibt eine authentische Poku- mentation von Lebenswillen, Selbstbe- hauptung und Würde unter unwürdi- gen Bedingungen. Dies allein kann als Akt des Widerstands gewertet werden. OMar Singer:„ Im Filschritt durch den Gentotag“, Hysg. von Sascha Feu- chert u.a., Berlin: Philo Verlagsgesell- Schaft 2002, ISBN 3.6257 02672, 277 Seiten, 10,00 Euro Trendwende in der Erinnerungskultur? „Uberlegungen zur Gegenwart und Zukunft des Umgangs mit der NS- Zeit“ standen bei einer Vortragsreihe in Marburg zur Debatte(als Günther Saathof über die Entschädigung von Zwangsarbeitern berichtete, war die Mitveranstalter). er AK Brinnerungsarbeit in der Marburger Geschichtswerkstatt hat nun als Herausgeber die Vortrãge in dem Band„Weiter erinnern? Neu er- innern?“(UNRAST-Verlag, Münster. 260§. 16 Furo) zugänglich gemacht. Es werden insbesondere die ge- schichtspolitischen Debatten sowie die mediale und kulturelle Be- und Verarbeitung der Vergangenheit in den Blick genommen. Bernd Boll, Günter Saathoff, Hannes Heer und Gerd Wiegel bilanzieren die Diskus- sionen um die Ausstellung„Verbre- chen der Wehrmacht“, die Frage der Zwangsarbeiterentschädigung und die von der Vergangenheit befreite Neu- bestimmung der Rolle Deutschlands in der Welt. Hanno Loewy Kai Köhler und Sabine Manke stellen die medial vermittelten„Gespenster der Vergan- genheit“ in den Mittelpunkt, die sich sowohl im Science-Fiction-Film, als auch in der Literatur von Friedens- und Nobelpreistrãgern findet. Barbara Distel, Leiterin der Gedenkstätte Dachau, schließlich beleuchtet die praktischen Formen der Vergangen- heitsbearbeitung, die für die nach- wachsende Generation von entschei- dender Bedeutung sind. (Fine ausfüihriche Besprechung ſolgt im ndchsten Mitteilungsblat.) 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Neue Forschungsergebnisse und Erkenntnisse Zu Vorgeschichte und Ablauf des legendärsten Häftlings-Aufstands im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. August 1044 Oktober 1944(Ieil 1 siche MB 2002) von Andreas Kilian DFER AUFSTLAND DERVFRLORENEN eil 2: Endstation Hoffnungslosigkeit: Ein Akt des letzten Augenblicks „Wir das Sonderkommando, wollten Schon seit langem unserer schrecklichen Ayheit ein Ende machen, zu der wir unter der Prohung des Jodes gez wungen wer den. Wir wollten eine große Sache vollbringen. Aber die Menschen aus dem La- ger ein Teil der Muden, Rusven und Polen hielen uns mit aller Kruft davon ZricM und ⁊wungen uns, den Vermin des Außlundes hinaususchieben.“ Brief von Sal- men Gradowski(1009 1944), Auschwitz-Birkenau, den 6. September 1944 Der entscheidende Rückschlag Die kurzfristige Absage eines Auf- stands am 28. Juli 1944 ließ die Führer der Widerstandsbewegung im Sonder- kommando befürchten, wegen der Ein- weihung zahlreicher Kameraden letzt- lich doch noch verraten zu werden. Die brisante Situation drängte die Verant- wortlichen daher, die Pläne so schnell wie mõglich in die Tat umzuset?en, was jedoch schließlich dadurch vereitelt wurde, daß die zentrale Figur der Wi- derstandsbewegung im Sonderkoman- do in den ersten Stunden des 3. August ermordet wurde: Nach schweren Mißhandlungen wurde Kapo Kaminski vom gefürchteten Leiter aller Krema- torien, SSOberscharführer Otto Moll, vor den Verbrennungsgruben bei Kre- matorium IV erschossen. Kaminski wurde offensichtlich von dem 24jähri- gen polnischen Kapo Morawa bei der SS angezeigt, nachdem er einige Tage zuvor sondieren wollte, wie sich die fünf nicht jüdischen polnischen Funk- tions-Hãftlinge des Sonderkomman- dos, darunter Waclaw Lipka, im Falle eines Aufstands verhalten würden. Morawa hatte sowohl gute Verbin- dungen zur Lager-Gestapo als auch ei- ne Funktion in der polnischen Lager- widerstandsbewegung. Es wäre durchaus denkbar, daß er im Auftrag der Internationalen Widerstandslei- tung oder einer bestimmten Wider- standsgruppe gehandelt hat. Auch der berüchtigte 33jährige „ Blockälte- ₰ ste Senge SZawins war Mit- glied im Allgemei- nen Lager- widerstand und setzte alles daran, die radika- len Kräfte im Sonder- Waclaw Lipka(1908- 1943), pon ältester und einer der weni- gen nicht- jüdischen Häftlin- do unter ge im Sonderkommando. Kontrolle Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 zu halten sowie provokative Aktionen zu verhindern. SZawinski und Morawa gehörten in der Sonderkommando- Hierarchie zu den mächtigsten Funk— tionãren und hatten daher einen großen Einfluß auf die Vorgãnge in diesem Ar- beitskommando. Sie waren folglich ideale Beobachter und Informanten im Dienste der Allgemeinen Widerstands- bewegung. Nachdem Kaminski bereits 9 ersten Aufstandstermin bewiesen hatte daß er die Internationale Wider- standsorganisation mit einer eigen- mächtigen Aktion vor vollendete Tatsa- chen stellen wollte, mußte er aus ihrer Sicht wohl ausgeschaltet werden und eine Wiederholung mit allen Mitteln verhindert werden. Offiziell wurde von Moll angeblich erklärt, daß Kaminski erschossen wor- den sei, weil er einen Anschlag auf den Krematoriumsleiter I SS-Oberschar- führer Muhsfeldt geplant habe. Da von der Ss in der Sache keine weiteren Er- mittlungen geführt wurden, stellte sich die gezielte Auslieferung Kaminskis als kluger Schachzug der Gegner einer frühzeitigen Revolte heraus. Fest steht allerdings, daß Kaminski in den Wochen or seiner Ermordung nicht nur unvor- Sichtig, sondern auch waghalsig vorge- gangen sein muß und offensichtlich in Ungnade gefallen war. So soll er sich angeblich erstens von anderen Funk— tionãren im Sonderkommando bedroht gefühlt haben und von seinen Verbin- dungsleuten im Lager eine eigene Pi— Stole gefordert haben und zweitens von der SS dabei ertappt worden sein, wie er einer Häftlingsfrau einen Kassiber übergeben hatte. Die gemeinschaftliche Stärke, die Kaminski durch seine außer- gewöhnliche Autorität und seinen großen Einfluß auf die S8 geschaffen hatte, zerbrach nach seiner Ermordung. Für diesen energischen und respek- tablen Anführer gab es keinen Ersatz, obwohl der Planungsstab der Wider- standsgruppe im Sonderkommando aus etwa einem Dutzend Männern bestand und schãtzungsweise drei bis vier Dut- zend eingeweihte Aktivisten auf alle Krematoriumskommandos verteilt hat- te. Die Zentrale befand sich in Kre- matorium I, in der eine Materialausga- bestelle existierte, die für die Verbin- dungsleute aus den anderen Kremato- rien als Anlaufstelle und Ubergabeort dienen konnte. Die Besprechungen wurden gut getarnt, zum Beispiel als Treffen zum Kartenspiel oder Gebet. Einige Namen von Anführern wurden zwar überliefert, doch ist die konkrete Organisationsstruktur und Entschei- dungsgewalt nicht bekannt. Fest steht lediglich, daß die Führer der Wider- standsbewegung im Sonderkommando unterschiedlich ausgerichtete Gruppie- rungen vertraten. Diese waren politisch orientiert, militärisch geprägt oder reli- giös bestimmt. Weitaus problematischer stellte sich die Beziehung zu den 19 sowjetischen Kriegsgefangenen dar Während Ein- zelne aus der Gruppe griechischer Ju- den mit den temperamentvollen Kriegsgefangenen sympathisierten, verloren die polnischen Juden und An- führer der Widerstandsgruppe allmäh- lich die ohnehin nur geringe Kontrolle über sie. Diese Heizer aus Majdanek verhielten sich nicht nur aufgrund ihres starken Alkoholkonsums undiszipli- niert und verantwortungslos, sie waren zudem noch unberechenbar und unge- duldig, weil sie so schnell wie möglich 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zu fliehen beabsichtigten, notfalls auch auf eigene Faust. Für diese Soldaten hatte eine Flucht oder das Aufbegeh- ren gegen den Feind große moralische Bedeutung, da die sowjetische Militär- führung von ihnen geradezu erwartete, daß sie ehrenhaft im Kampf fielen. Die Widerstandsführer im Sonder- kommando erkannten allerdings recht früh, daß die Kriegsgefangenen keinen klaren Uberblick hatten und Lager- situationen nicht richtig einschätzen konnten, da ihnen die politische Reife und Erfahrung dazu fehlte. Sie erachte- ten die Russen schlichtweg als nicht ver- trauenswürdig und bemühten sich aber vor allem deshalb um eine Kooperation. weil sie sich einen Nutzen von der mi- litärischen Erfahrung, Entschlossenheit und Kampfkraft der Russen verspra- chen und ihre Hoffnungen auf deren an- geblichen Verbindungen zu den Partisa- nen in der Umgebung setzten. Mit dem Ausbruch des Allgemeinen polnischen Aufstands in Warschau am 1. August 1044 verband sich die Hoff- nung auf eine Ausdehnung der Kämp- fe nach Schlesien. Parallel dazu schritt der Vormarsch der Roten Armee vor- an, der am 29. August an der Weichsel zum halten kam. Schließlich fanden noch zwischen dem 9. und 25. August vier Aufklärungsflüge der Allierten über Auschwitz statt, bevor ab Septem- ber auch die Sowjets ihre Flugzeuge in die Region entsandten. Wãhrend diese Entwicklung den nicht jüdischen Polen im Lager eine größere Uberleben- Schance im Hinblick auf eine Befreiung in Aussicht stellte und die Purchhalte- moral stärkte, war den Sonderkom- mando-Häftlingen klar, daß ihre Tage gezählt waren. Sie drängten auf eine Aktion um ihrer eigenen Liquidierung zuvorzukommen. Da die S8 am 3. Au- gust 1944 auch das zweite Auschwitzer Familienlager, das sogenannte Zigeu- nerlager, liquidiert und somit wieder mit den systematischen Massenmorden an Nicht-Juden begonnen hatte, setzte unter vielen Häftlingen eine gewisse Endzeitstimmung ein. Endzeitstimmung und kinxelaktionenſ) Im Zusammenhang mit der Samm- lung von Beweisen der Vernichtung und ihrer sicheren Aufbewahrung durch ex terne Mitglieder der Widerstandsorga- nisation wurden anfänglich Kassiber aus der Todeszone und dem Lager ge schmuggelt. Als Mitte 1944 der wichtig- ste Kurier aus dem Lager floh und die lnformanten aus dem Sonderkomman- do zudem ihre konspirativen Tätigkei- ten nicht ausreichend gewürdigt mein- ten, begannen die Chronisten des Sonderkommandos seit Juli 1944 ihre Berichte, Iagebücher und Notizen auf dem Krematoriumsgelände zu vergra- ben. Zum einen hatten sich aufgrund von Verhaftungen, Ermordungen, Uberstellungen oder Fluchten die Vei bindungen innerhalb der Internationa- len Widerstandsorganisation verãndert. zum anderen schienen Sonderkom- mando-Häftlinge nur noch wenig Ver- trauen in die Zustellung und Verwer- tung der Dokumente durch ihre polnischen Kontaktleute zu haben. Die meisten der schätzungsweise 36 geheimen Handschriften wurden anfänglich in den Aschegruben oder im Winkel zwischen den unterirdi- schen Kellern auf dem Krematoriums- gelände I und Il vergraben und gelten — Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 bis heute als verschollen, lediglich eine Handschrift aus der frühen Begra- bungszeit konnte aufgefunden wer- den. Von den zwischen Mitte August und Ende November 1944 vergrabe- nen Schriften konnten dagegen bisher sieben Funde nachgewiesen werden. Das größte Wagnis in Bezug auf die Dokumentation in der Todeszone be- stand jedoch in der fotographische Be- isaufnahme der Iragödie. Während Zwischen dem 15. und 30. August 1944 die Vernichtung von etwa 60.000 Juden aus dem Getto Lodz durchgeführt wur- de, gelang es der Widerstandsgruppe im Sonderkommando zwei geheime Foto- aufnahmen von einer nõrdlich von Kre- matorium IV gelegenen Verbrennungs- grube sowie zwei weitere Aufnahmen von dem südlich von Krematorium IV gelegenen Hof zu machen. Diese Fotografien stammen von ei- nem etwa 34 jährigen griechischen Ju- den namens Albertos„Alex“ Frrera und wurden über mehrere Etappen am 4. September 1944 mit Hilfe der Lager- widerstandsbewegung an das„Krakau- er Hilfskomitee für die Hãftlinge in den Eine geheime Handschrift von Salmen Gradowsſi und das Metallgefäß in dem sie vergraben war.(APMO) Konzentrationslagern“ geschickt: Die Kuriere und Verbindungsleute in Auschwit? waren vermutlich Dawid S?Zmulewski, Feliks Budczinski, Jozef Cyrankiewicz und Helena Daton. Mit dieser mutigen Aktion wurde tatsäch- lich die letzte Gelegenheit wahrgenom- men, von den Grubenverbrennungen fotografische Beweise anzufertigen. Denn nach dem Abschluß der„Lodzer Aktion“ wurde noch am 30. August da- mit begonnen, die Verbrennungsgruben bei Krematorium IV zuzuschütten. Fünf Jage spãter traf der letzte De- portations?ug aus Westerbork ein. Die Einstellung der Vernichtungstransporte läutete allmählich das Ende der Todes- fabrik ein und beunruhigte die Sonder- kommando-Häftlinge, Zumal die S8 be- reits kurz vor dem 25. August befohlen hatte, auch die Aschegruben auf dem Krematoriumsgelände I und II zZu ent- leeren, darin befindliche kleine Kno- chenstücke fein zu zermahlen und die Uberreste in die Weichsel zu schütten. Errera, der Offizier in der griechi- schen Marine und Mitglied in der Wi derstandsgruppe innerhalb des Sonder- kommandos war, scheint offensichtlich den Glau- ben an einen allgemei- nen Aufstand verloren zu haben, da er vermut- lich noch Ende August. also kurz nach der muti- gen Aufnahme der ille- galen Fotos, einen der Aschetransporte 2ur Weichsel zu einem Fluchtversuch nutzte. Mit diesem spontanen Entschluß beabsichtigte er gemeinsam mit sei— 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nem 18 jährigen Kameraden Hugo Ve- nezia und drei weiteren polnisch jüdi- schen Häftlingen dieser Arbeitsgruppe außerhalb der Lagerpostenkette die beiden Bewacher zu überwältigen und zu den Partisanen vorzustoßen. Errera überwältigte einen Posten, mußte je— doch erkennen, daß sich die drei polni- schen Kameraden an der Aktion nicht beteiligten und Venezia mit seiner Auf- gabe, den zweiten Posten auszuschal- ten, überfordert war. Errera flüchtete daraufhin allein an das andere Flußufer und wurde dabei von einem der Posten im Wasser angeschossen. Als man ihn wenig spãter fand, war er bereits in den angrenzenden Feldern verblutet. Zur Abschreckung mußte sich nach der Sektion des Körpers zwei Tage später jeder Sonderkommando-Häftling den Leichnam ansehen und sich von Kre- matoriumsleiter Moll eine warnende Ansprache anhören. Erreras Beweggründe zur Flucht könnten aber auch einen Hinweis auf die Konflikten innerhalb der Wider- standsbewegung im Sonderkomman- do, vorallem zwischen den griechi- schen und polnischen Juden, geben. Neben ihren sprachlichen Verständi- gungsschwierigkeiten hatten die Grie- chen auch ein mentalitätsbedingtes Kommunikationsproblem mit den durch die Getto- und Lagererfahrung gemäßigteren und in der Lagerkultur assimilierten Polen. Das Verhalten der polnischen Kameraden während Er- reras Fluchtversuch war für diese Pro- blematik bezeichnend. Anschließend verurteilten die polnischen Sonder- kommando-Häftlinge die Aktion Er- reras als unüberlegte Gefährdung der allgemeinen Aufstandspläne, war ihren Anführern doch selbst noch einige Monate zuvor nach einer anfänglich zugesagten Unterstützung durch den polnischen Untergrund jeder individu- elle Fluchtversuch verboten worden und eine kollektive Bestrafung durch die S8 wie schon Ende Februar 1944 erneut zu befürchten. Die Fluchtvorhaben der Wider- standsführer Salmen Lewenthal, Jan- kiel Handelsmann sowie Majer Elusz wurden allesamt denunziert urẽ die Betreffenden unter Beobachtung durch den Blockältesten oder die Ka- pos gestellt, mit der Androhung, sie bei einem weiteren Versuch der S8 auszu- liefern. Nach Erreras Flucht gelang es lediglich beinahe noch dem erfahre- nen Häftling Feinsilber aus dem Son- derkommando zu entkommen. Mit seinen ausgezeichneten Verbindungen begab er sich in das Aufräumungs- kommando, um von dort aus zu flüch- ten. Da sein Fehlen jedoch von der S8 frühzeitig bemerkt wurde und die 8S8 Sowie die Kapos seine wahren Absich- ten nicht erkannten, wurde er lediglich zu einer Prügelstrafe verurteilt. Kurz nach diesen beiden Fluchtver- suchen und der Beendigung der Asck Transporte zur Weichsel wurde der ger fürchtete SS-Oberscharführer Moll als Lagerkommandant in das Nebenlager Gleiwitz abberufen und sein Plan zur restlosen Liquidierung Birkenaus durch Bombardement bekannt. Die näheren Details zum sogenannten Moll-Plan wurden über die polnische Widerstandsorganisation am 6. Sep- tember 1944 nach Krakau gesandt. Am gleichen Iag schrieb Salmen Gradows- ki über den Aufstands-Termin: Dieser Iag ist nahe. Es kann heute oder mor- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 gen geschehen. Ich schreibe diese Wor- te im Augenblick der größten Gefahr und Aufgeregtheit.“ Zwei Tage später leitete der Geheime Militärrat des La- gers genaue Informationen über die Besatzungsstärke und Ausrüstung der deutschen Verbände an die schlesische Sektion der Polnischen Landesarmee. Demzufolge waren in der näheren Um- gebung von Birkenau rund 2000 S8— änner kampfeinsatzbereit. Sie stan- den in Birkenau rund 19.000 männ- lichen und 39.000 weiblichen Häftlin- gen sowie 30.000 sogenannten Durch- gangsJüdinnen gegenüber, also insge- samt etwa 88.000 Häftlingen, unter denen sich 13.000 Nichtuden befan- den. Etwa 10.000 Häftlinge waren als krank oder„nicht arbeitsfähig“ regi- striert, die tatsächliche Krankenquote lag dagegen weitaus höher. Nur ein eil der Häftlinge hätte sich folglich einem Aufstand anschließen können und nur Schätzungsweise 200 bis 300 Flüchtlinge hätten bestenfalls eine geringe Aussicht auf Unterstũtzung durch polnische Par- tisanen erhalten können. Eine Unter- SS-Oberscharführer Otto Moll(1915 1945), Aufnahme um 1938(APMO) stützung, die Zwar in Aussicht gestellt, aber keinesfalls garantiert werden konnte, da die einzigen Partisanenab- teilungen in der Umgebung mindestens 65 km nordöstlich und 40 km südlich entfernt lagen und auch nur einge— Schränkt einsatzfähig waren. In?wischen war auf höchster Ebe- ne von der Heimatarmeeführung, der die Internationale Widerstandsorgani- sation in Auschwit? unterstand, die Entscheidung gefallen, daß ein Allge- meiner Aufstandsplan aufgegeben werden müßte. Nur bei einer Liquida- tionsgefahr des gesamten Lagers wäre an einen Ausbruch zu denken und die nötigsten Rettungsmaßnahmen von Partisaneneinheiten einzuleiten. Zur gleichen Zeit setzten große Selektio- nen unter den Hãäftlingen ein, die zwi- schen September und Anfang Okto- ber 1 944 vermutlich mindestens 11.000 Menschen das Leben kosteten. In An- betracht der Tatsache, daß sich keine weitere Entwicklung der allgemeinen Aufstandspläne abzeichnete, z0g das Sonderkommando einen zweiten Plan in Erwägung, der eine nächtliche Mas- senflucht ohne Beteiligung anderer Kommandos miteinbezog. Pine Verzögerung ergab sich aller- dings auch, weil sich die Koordination des allgemeinen Plans als schwierig herausgestellt hatte. So war die Füh- rung des Sonderkommandos nur mit ei- ner einheitlichen Aktion aller Sonder- kommando-Gruppen einverstanden. da sie einzelne Gruppen nicht aussch— ließen und den Vergeltungsmaßnah- men der S8 ausliefern wollte. Diese Ko- ordination setzte aber die gleiche günstige Situation in allen Krematori- umskommandos voraus also eine Lage. 60 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die nur selten eintrat und schwer vor- hersehbar war. Die Führung im Son— derkommando konnte während ihrer komplizierten Planung nicht vorausse- hen, daß sie auf verlorenem Posten stand und ihr Warten und Besprechen zwecklos war Der Plan zum landeswei- ten Aufstand der Polen wurde von der Heimatarmee aufgegeben, ein polni- scher Angriffsplan auf deutsche Trup- pen unter dem Decknamen„Sturm“ war für die Region Auschwitz nicht vor- geschen, die herannahende Rote Ar- mee hatte kein Interesse an schnellen Befreiung des Lagers und für die westallierte Luftwaffe kam ein Bombenangriff auf die Vernichtungsan- lagen und SSKasernen auch aufgrund polnischer Intervention nicht in Frage. einer Selektion und Radikalisierung: Der zweite Aufstandstermin Nach Beendigung der Spurenbesei- tung von den Verbrennungsgruben bei Krematorium IV schien es aus Sicht der Lagerführung erforderlich zu sein, die Arbeitskommandos zu verkleinern. Da die S8 desweiteren plante, den Be- trieb bei Bunker V einzustellen, über- stellte sie 95 Häftlinge aus den Krema- torien I und Il welche dem Sonder- kommando V angehörten zur Beleg- schaft der Krematorien IIl und IV. Bis auf zwei Ausnahmen handelte es sich dabei um alle ungarischen Juden der Sonderkommmandos I und Il sowie um einige griechische Juden. An der großen Masse der Sonderkommando- Häftlinge von Krematorium III und IV wurde kurz darauf am Nachmittag des 23. September 1944 die bereits be- fürchtete Selektion durchgeführt. 210 Männern, genau die Häftlingsstärke der Tag und Nachtschicht bei der Gru— benverbrennung an Krematorium IV und fast ausschließlich ungarische Ju- den sowie einzelne griechische Juden, wurde vorgegeben, sie nach dem Ne- benlager Gleiwitz überstellen zu wol- len, also in das Lager, das SS-Ober- scharführer Moll erst kurz zuvor als Lagerkommandant übernommen hat- te. Um der Behauptung Nachdruck£ verleihen. erschien Moll zur Ubergabe der Häftlinge. Die Täuschung versuch- te er noch dadurch zu perfektionieren, daß er die Häftlinge in der Desinfekti- onskammer des Effektenlagers Kana- da I“, nordwestlich vom Stammlager Auschwitz, zur„Entlausung“ schickte. Nachdem er die Häftlinge noch be- trunken machte, war es ihm ein leichtes, sie in dieser Kammer einzusperren und dort Zu vergasen. Aber auch die am selben Abend durchgeführte Verwischung der Spu— ren dieser geheimen Liquidierung war von Verschleierung bestimmt: Erst- mals in der Geschichte der Auschwit- zer Vernichtungsanlagen übernahmen in Krematorium Il SSAngehörige die Leicheneinäscherung, während die? ständigen Sonderkommando-Häftlin- ge ihre Unterkunft auf dem Dachbo- den des Gebäudes mit der Begrün- dung, daß eine grõßere Anzahl von zit vilen Bombenopfern eingeäschert würde, nicht verlassen durften. Das beabsichtigte Täuschungs- manõver der S8 scheiterte jedoch noch in der Nacht als nach der Beendigung der Verbrennung Sonderkommando- Häftlinge die Kleidungsstücke und Häftlingsnummern ihrer ungarischen Kameraden wiedererkannt hatten. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Diese Gewißheit versetzte die Uberle- benden in einen Schockzustand, ob- wohl die erfahreneren Häftlinge be- reits eine Liquidierung erwartet hatten. In seinen Aufzeichnungen unter dem Titel„Im Herzen der Hölle“ beschrieb der Chronist Salmen Gradowski, daß wãhrend der Selektion eine unerträgli- che Anspannung unter den Häftlingen geherrscht hätte, aber niemand den er- ten Schritt zum Widerstand wagen wollte. Die unterschiedlichen Erwar- tungshaltungen hätten letztlich eine Aktion verhindert. Während die Tod- geweihten offensichtlich völlig resi- gniert alle Hoffnungen aufgaben, woll- ten die Uberlebenden aber vermutlich auch nichts sinnlos riskieren, zumal die Widerstandskämpfer auf ihre große Chance im Rahmen eines allgemeinen Lageraufstands warteten. In der Er- kenntnis, daß nicht alle Kameraden zu retten seien, entschlossen sie sich nicht einzugreifen, solange sie selbst nicht von der Todesgefahr betroffen waren. Bei den Selektierten handelte es sich zudem hauptsächlich um unerfahrene Häftlinge, von denen man sich nicht all- zuviel bei einem Aufstand versprach. 0 betroffenen Ungarn und Griechen onnten sich in der Regel weder in Pol- nisch oder Deutsch verständigen, noch in der Umgebung orientieren, sie stan- den in der Sonderkommando-Hierar- chie ganz unten. Kurze Zeit nach dieser erkenntnis- reichen Selektion wurde schließlich auch der Betrieb von Bunker V einge- stellt. Beide Tatsachen verstärkten den auf dem Sonderkommando liegenden Vernichtungsdruck und die Forderung nach einer kurzfristigen Festsetzung des Aufstandstermins, da die nãchste Selektion bereits vorauszusehen war. Kurz darauf wurde dem Sonderkom- mando ein Patum für den zweiten Auf- standstermin übermittelt. Wie sich je- doch herausstellte, wurde dieser allgemeine Aufstandstermin unerwar- teterweise nicht mit der Zustimmung der Internationalen Widerstandsorga- nisation, sondern von den Russen ohne Rücksicht auf Verluste eigenmächtig und voreilig festgesetzt. Dies erfuhren die Anführer im Sonderkommando von ihren jũdischen Verbindungsleuten im Lager und entschieden, sich im ei- genen Interesse zurückzuhalten um sich noch besser organisieren und mit den anderen Gruppen abstimmen zu können und um auf bessere Aussichten zu warten. Die fatale Konsequenz aus der enttäuschenden Erfahrung mit der russischen Eigeninitiative war, daß die Widerstandsführung im Sonderkom- mando aus Sicherheitsgründen die ge- samte Planung und damit auch ihre Entscheidungsgewalt an die Leitung der Internationalen Widerstandsbewe- gung abtrat, da diese bessere Möglich- keiten hatte, die allgemeine Aktion zu organisieren. Der dritte Aufstandster- min sollte folglich ausschließlich von der Internationalen Widerstandsorga- nisation bestimmt werden. In den dar- auffolgenden Tagen zeigte sich jedoch, daß diese Entscheidung falsch war und das Vertrauen der Anführer im Son- derkommando mißbraucht wurde. Der dritte Aufstandstermin und die Eskalation In den ersten Oktobertagen sorgte die Ankündigung des Krematoriums- leiters Busch, daß eine Gruppe von 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 300 Mann für ein Trümmerbeseiti- gungskommando zusammengestellt werden sollte und aus der Belegschaft der Arbeitskommandos Krematorium IV und Bunker V auszuwählen sei, für große Aufregung. Betroffen war kon- sequenterweise die Häftlingsgruppe, die nach der Einstellung der Verbren- nungen an Bunker V nicht weiter benõtigt wurde. Busch verlangte von den zuständigen Kapos, darunter auch der 28 jährige Eliezer Welbel, eine entsprechende Häftlings?usammen- stellung, was dazu führte, daß einfluß- reiche Häftlinge ihnen nahestehende Kameraden zu retten versuchten und die graue Masse der Hãftlinge in tiefe Verzweiflung und eine hilflose Ohn- macht verfiel. Da beschlossen wurde, hauptsächlich die für eine Revolte ver- wendbaren zuverlässigen Kräfte, also die erfahrenen und vertrauenswürdi- gen Häftlinge, von der Selektion aus- zunehmen, drohten einige der Todge- weihten, sich im letzten Augenblick mit allen Mitteln Zur Wehr zu setzten und forderten die Widerstandsführer dazu auf sich ihnen anzuschließen. Der allgemeine Lagerwiderstand teilte den Anführern im Sonderkom- mando wiederum mit, daß in nur eini- gen Tagen der langersehnte Zeitpunkt zur großen Revolte gekommen sei und forderte sie auf, im Hinblick auf eine erfolgreiche Aktion völlige Gleichgül- tigkeit zu zeigen. Mit dieser taktischen Vorspiegelung falscher Iatsachen ver- Suchte die Internationale Widerstands- organisation auch noch die letꝰte große Gelegenheit des Sonderkommandos auf eine geschlossene Aktion?zu ver- hindern um den möglichen Schaden für das restliche Lager zu minimieren. Fliezer Welbel(geb. 1916), Aufnahme Ki- lian 1998 In der falschen Uberzeugung, daß in einigen Tagen tatsächlich der allge- meine Häftlingsaufstand zu erwarten sei, trafen die Anführer eine nüchterne und pragmatische Entscheidung: Pa sie den Widerstand ihrer unglücklichen Kameraden nicht verhindern konnten, mußten sie die Selektion und der Folgen als ausweglose Situation hin- nehmen. aber sie wiesen alle in die kon- kreten allgemeinen Aufstandspläne Eingeweihten insgeheim an, sich nicht zu beteiligen. Als Hãftlinge die bereits fast Zwei Jahre im Sonderkommando uberlebt hatten und deren Uberlebens- strategie von ihrer Gettoerfahrung ge- prägt wurde, hatten sie den Lagerin- stinkt gewonnen, der für ein Uberleben bis zum letzten Augenblick durch wohlüberlegte Situationsanalysen und der Vermeidung waghalsiger Risiken Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 erforderlich war. Sie gaben ihre eigene Sache zugunsten der Hoffnung auf die Zerstörung der Todesfabrik und die Rettung möglichst vieler Hãäftlinge auf und erwarteten dabei auchdie ver- sprochenen Hilfsleistungen von außen, die ihnen selbst eine höhere Uberle- benschance garantiert hätten. Da sie je- doch nicht wissen konnten, daß man sie getäuscht und bereits aufgegeben hat- 5 und da sie die Folgen ihrer Entschei- dung nicht absehen konnten, verspiel- ten sie ihre letzte Chance. Kurz darauf spielte sich ein folgen- schwerer Zwischenfall auf dem Gelän- de von Krematorium Il ab, der die an- gespannte Situation noch verschärfte. Das skrupellose Verhalten der sowjeti- schen Kriegsgefangenen, das seitens der S8 schon häufiger die Androhung von Konsequenzen nach sich gezogen hatte, erreichte seinen Höhepunkt als der russische Gefangene Jurij seinen SS-Wachposten angriff. Dieser hatte den Russen erwischt wie er angetrun- ken Krawall machte und dafür geschla- gen. Als Jurij daraufhin weglief, wurde er angeschossen. Mit letzter Kraft atta- kierte er noch bei seiner anschließen- 0 Festnahme den SSUnterscharfüh- rer der ihn dafür erschoß. Folge dieser Rebellion war, daß der SS Komman- doführer die restlichen Russen, vor de- nen sich die Posten fürchteten, auf die 300 Mann zählende Uberstellungsliste setzte und ihnen seine Entscheidung mitteilte. Damit versetzte er sie aller- dings in so große Aufregung, daß die Russen und einige Sympathisanten aus Krematorium I und Il planten, noch am selben Abend einen Ausbruch zu wa- gen. Durch das Verhandlungsgeschick der Kommandoelite gelang es, die Auf- gebrachten vor einer überstürzten Ak- tion zu bewahren und sie einige Tage hinzuhalten. Dies gelang besonders mit Hilfe des deutsch-jüdischen Sonder- kommando-Häftlings Sender, der an— geblich ein Schwager des SS-Komman- doführers Steinberg war und der der S8 einredete, daß die bedauerliche Jat nur der Fehltritt eines Betrunkenen ge- wesen sei. Die Russen konnten dage- gen beruhigt werden, indem man ihnen versicherte, sie würden doch nicht von der S8 abgeholt. Alle Eingeweihten befanden sich nun in erhöhter Bereitschaft, da der Aufstand täglich ausbrechen sollte und die Benachrichtigung kurzfristig ein— treffen konnte. Der ursprüngliche Plan wurde dahingehend geändert, daß die Signalrauchzeichen nun von Kremato- rium I ausgehen sollten, also dem Ort der Widerstands?Zentrale im Sonder- kommando. Zur Brandlegung in den Krematorien II, III und IV sollten außerdem bezingefüllte Suppenkübel, die bereits in der Lagerküche des Män- nerlagers bereitgestellt worden waren, ausgeliefert werden. Häftlinge unter den Essensholern im Sonderkomman- do, die täglich abwechselnd entweder aus Krematorium I oder Il rekrutiert wurden, waren als Kuriere im Auftrag der Widerstandsbewegung aktiv und hatten dies bereits veranlasst. Am Mor- gen des 7. Oktober wurden daher sechs eingeweihte Häftlinge aus Krematori- um Il ausgesucht um den Auftrag aus- zuführen, darunter auch der Kalfaktor von Kapo Lemke, Dov Paisikovic. Nützliche Hilfsmittel wurden griff- bereit plaziert, geeignete Kleidung an- geZogen und Waffen bereitgelegt. Es war beschlossene Sache, daß der Auf- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschvitzer stand an einem Jag stattfinden sollte an dem kein ransport im Lager ankommt und daß er um 16:30 Uhr ausgelöst wer- den sollte Da am 7. Oktober weder ein Zugangs- noch ein Vernichtungstrans- port in Birkenau eintraf und lediglich die Tagschicht von Krematorium I rest- liche Leichen einzuäschern hatte, schi- en dieser Tag dafür prädestiniert zu sein. Da zudem die erwartete Selektion noch nicht stattgefunden hatte, gehen einzelne Uberlebende sogar von der Annahme aus, daß der dritte Auf— Standstermin auf den Nachmittag des 7. Oktober festgelegt worden wäre, um die Selektierten noch im letzten Augen- blick zu retten. Tatsächlich traf aber ei- ne Jerminbestätigung nie ein. die 300 wurden von der Welt und ihren eigenen Kameraden, wie schon hunderttausen- de Juden vor ihnen, ihrem Schicksal allein überlassen. Währendessen warte- ten die Anführer des Sonderkomman- dos geduldig auf eine positive Nach- richt ihrer scheinbar Verbündeten. Eine Revolte einzelner Todeskandidaten Am Morgen des 7. Oktober 1944 er- fuhren die Häftlinge des Sonderkom- mandos schließlich noch, daß am sel- ben Tag Zur Mittags?zeit der Fransport mit den 300 Selektierten aus der Be- legschaft der Krematorien III-IV zu- sammengestellt und abgeholt werden sollte. Der Planungsstab im Sonder- kommando hielt nach eingehenden Be- ratungen jedoch weiterhin an der Ent- cheidung fest, daß die Selektion keine günstige Gelegenheit zum Aufstand biete und der Zeitpunkt für eine allge- meine Erhebung abzuwarten sei. Dar- aufhin bestãtigte Kapo Welbel aus Kre- matorium III dem Unterkapo Lemke von Krematorium II, daß sich an der Gesamtplanung nichts ändern würde und die Aktivisten unter allen Umstãn- den Ruhe bewahren würden. Während die Gruppe der sechs Es senholer gerade das Gelände der Kre- matorien IIl und IV passierte. dort ei- nige Beminkübel zurückgelassen hatte und auf dem Weg zu Krematori um Il war, fand um 13:25 Uhr der Se- lektionsappell im umzäunten Hof des Krematoriums III statt. Die Selektion wurde von etwa 20 SSAngehörigen durchgeführt, darunter Vertretern der politischen Abteilung. Angetreten wa- ren die 170 Mann umfassende Tag und Nachtschicht von Krematorium IIl und fast vollständig die 146 Mann der 154 Mann umfassenden Tag- und Nacht- schicht von Krematorium IV insgesamt also 316 Häftlinge. Etwa 260 dieser Hãftlinge kamen aus Ungarn sowie ei- nige aus Griechenland. Eine kleine Gruppe von etwa acht Hãftlingen des Krematoriums IV war dagegen trot? des allgemeinen Apells weiterhin zur Aufrechterhaltung des Krematoriums- betriebs eingeset?t und unter andere nördlich von Krematorium IV mit dem Zerstoßen der nicht restlos verbrann- ten Knochenteile beschäftigt. Von den auf dem Hof Versammel- ten wurden schãtzungsweise 30 privile- gierte Häftlinge vom Apellführer aus- gesondert und in den an die Kom- mandoführerstube von Krematorium IV benachbarten Raum eingesperrt. Dies war genau die Hãftlingsan?ahl. die für die Aufrechterhaltung des normalen Betriebs in den Waldkrematorien er- forderlich war. Unter den Ausgewähl- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 ten befanden sich vermutlich auch zwei der Hãftlingsärzte des Sonderkomman- dos, der 48 jährige Allgemeinmediziner Dr. Leo Havas aus Munkacs und der SOjährige ehemalige Keiter der derma- tologischen Abteilung im Krankenhaus in Munkacs, Dr. Zoltan Peters. Die auf dem Apellplatz verblie be- nen 286 Häftlinge wurden daraufhin der für den Transport bestimmten Se- ktion unterzogen und der Liste nach Ausgerufen. Plötzlich trat der S4jãhrige polnische Jude Chaim Neuhoff aus ei- ner Reihe hervor und griff einen S8— Angehörigen unter Hurra-Geschrei mit einem Hammer an. Sowohl der Angriff als auch der Ausruf„Hurra“, der ur— sprünglich das Signal zum Aufstand ge- ben sollte. lõste die Kampfhandlungen aus. Neuhoff gehörte vermutlich selbst aufgrund seines Alters und seiner ho- hen Häftlingsnummer aus einem Sos- nowitzer Transport vom Frühjahr 1944 zu den potentiellen Selektions-Opfern. Aus Sicht der Widerstandsführung war von ihm bei einem großen Aufstand nicht viel zu erwarten, darum erhielt er auch keine Protektion. Neuhoff belehr- te sie eines besseren., er entschloß sich — Rebellion und wagte den Schritt. en monatelang viele sehnlichst herbei- gewünscht, aber den bisher keiner ge- wagt hatte. Vielleicht gelang ihm dies aber auch. weil er zu den von Primo Le- vi sogenannten Luftmenschen gehört hatte, Zu Häftlingen also, die nach dem Verlust von Heimat, Zuhause und Fa- milie außerhalb der Welt standen“ und nichts mehr zu verlieren hatten. Die S8 zog sich daraufhin in sichere Stellungen zurück und eröffnete das Feuer auf die Aufstãndischen, zwei S8- Angehörige flüchteten mit ihren Fahrrädern und forderten Verstärkung an, die als Alarmbereitschaft und mit automatischen Waffen und Handgra- naten ausgerüstet auch innerhalb weni- ger Minuten von der 1,3 km entfernten Kaserne anrückte. Die im Mauerwerk der Häftlingsunterkunft verborgenen selbstgefertigten Granaten wurden von ihrem Verwalter, dem zur Widerstands- bewegung zugehörigen Stubendienst Shlomo Dragon nicht freigegeben und kamen darum auch nicht zum Einsatz. Den Aufständischen blieb daher nichts anderes übrig, als sich mit Steinen, Messern, Werkzeug oder den blanken Fäusten zur Wehr zu setzen. Sicherlich waren sie auch von der mangelnden Beteiligung ihrer Kameraden über- rascht und irritiert. Im Unterkunftsraum von Kremato- rium I steckten einige Hãftlinge unter Dr. Leo Havas(1895- 1944), Munkacevo 1937.(Privatfoto) 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der Führung eines polnischen Juden namens Jossel daraufhin die Matratzen und Pritschen in Brand um wenigstens auf diese Weise das Gebäude zu be- schädigen. Die Granaten detonierten jedoch nicht, weil der durch den Brand Später eingestürzte Dachstuhl das Ver- steck unbegehbar machte. Durch das sich schnell ausbreitende Feuer und die Rauchentwicklung wurden die Brand- stifter wieder ins Freie getrieben und dort von der S8 erschossen. Der Kapo von Krematorium IV. Shlomo Kirszenbaum, forderte sein Kommando auf sich in das gegenüber- liegende Krematorium in Sicherheit zu bringen. Dies gelang etwa 100 bis 120 Häftlingen, die sich dort schließlich versteckten. Die restlichen, noch nicht gefallenen Häftlinge suchten Schut? hinter Krematoriumsgebäude III eine reelle Fluchtmöglichkeit bot sich ihnen nicht. Auch diejenigen, die sich dadurch zu retten suchten, daß sie sich nicht be⸗ teiligten und augenscheinlich ergaben. wurden von den Kugeln niederge- streckt. Offensichtlich nutzte die 88 nun die Gelegenheit, die Häftlinge gleich vor Ort zu ermorden. SS-Aufnahme von Angehörigen der Ef- fektenkammer III vor einer Sortierba- racke im Effektenlager I. Herbst 1943. Z. Person von rechts: SS-Unterscharführer Fran? Wunsch.(Privatfoto) Einem griechischen Juden gelang die Flucht unter dem nicht elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun in das be- nachbarte Effektenlager, wo er sich in der Sortierbaracke 14 zu verstecken versuchte, jedoch von einem Häftling des Kanada- Kommandos beobachtet und denunziert wurde, der den dienst- habenden, 22 Jahre alten SS Kom- mandoführer Franz Wunsch rief. Die- ser nahm den Flüchtling fest u übergab ihn am Lagertor einem S8 Posten. Inzwischen rückte aus der Feuer- wache im Stammlager Auschwitz die um 13150 Uhr alarmierten und jeweils 9 Mann starken Abteilungen 1 und II des Häftlings-Feuerwehrkommandos aus um den Brand in Krematorium II zu löschen, doch auch sie gerieten in dem Chaos unter Feuer. Bei der wilden Schießerei auf dem Gelãnde von Kre- matorium IIl und IV wurden auch un- beteiligte Häftlinge von Krematorium [V verwundet, die sich in Sicherheit zu bringen versuchten und von Quer- schlägern getroffen wurden. Finige von ihnen wurden in die eigens für die Hãftlinge des Sonderkommandos ein- gerichtete Krankenstube im Hãftling krankenbau in Bauabschnitt B Il f eim? geliefert und dort operiert. Dieses Glück wurde aber nur denjenigen zu- teil, die wie der Stubendienst Abram Dragon von einem ihm bekannten S8— Angehörigen vor der willkürlichen Er- schießung gerettet wurden. Die Hãftlinge, denen die Flucht auf das Krematoriumsgelãände IV gelang. mußten sich auf den Vorhof des Kre- matoriums mit dem Gesicht nach un- ten auf den Boden legen, wonach jeder Dritte als Repressalie erschossen wur- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 de. Alle auf dem Gelände des Krema- torium III ergriffenen und noch le— benden Sonderkommando-Häftlinge wurden auf beide Krematoriumshöfe verteilt durch Genickschuß hingerich- tet. Lediglich einzelnen Häftlinge ge- lang es, sich im Chaos an einer siche- ren Stelle auf dem Krematoriums- gelände zu verstecken und so den anschließenden Straf-Erschießungen entgehen. Unter ihnen befanden sich die Hãäftlingsältesten Filip Müller, Henryk Tauber und Shlomo Dragon. Die beiden Häftlingsärzte Dr. Ha- vas und Dr. Peters entschieden sich nach dem Beginn der Schiesserei, die Art ihres Todes eigenständig zu bestim- men. Sie vergifteten sich und gewannen damit, wenn auch auf andere Weise als die Aufständischen, ihre Menschenwür- de und Unabhängigkeit zurück, die ih- nen als Arbeitssklaven verwährt blieb. Krematoriumsgebäude III, April 1943, SS-Aufnahme(APMO). Der Kreis kennzeichnet die Brandstelle beim Aufstand am 7. Oktober 1944. In der nächsten Ausgabe = des Mitteilungsblattes wird Andreus Kiliun in einem letz- ten Teil seines Berichts die weileren Ereignisse der Re— volte, die dramatischen Fol- gen fir das Sonderommant do Sowie die Bedeutung des Arandes flir die Geschich- 1e von Auschwitz datellen. Kiliun hat mit Eric Friedler nd Burbura Siebert 2002 mit „Zeligen aus der Todeszone“ Effektenlager Birkenau und Gelände der Waldkrema- torien IIl und IV am Nachmittag des 7. Oktobers 1944. (Zeichnung A. Kilian 2003) die erste Gesamtdastellung des Auschwitzer ommandos veròfentlicht. Sonder- 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Offener Brief an Kerstin Müller, Staatministerin im Außwärtigen Amt Stiftung„Auschwitz soll nicht vergessen werden“ Sehr geehrte Frau Staatsministerin Müller. die Lagergemeinschaft Auschwit? ist die deutsche Vertretung im Interna- tionalen Auschwitzkomitee. Sie ist außerdem eine Institution die regel- mäßige Veranstaltungs und Vortrags- reihen. Bücherlesungen, Film- und Diskussionsabende, Gedenkarbeit und auch Fahrten für Schüler, Jugend-, Studenten und Erwachsenengruppen nach Auschwitz durchführt. Näheres ergibt sich aus der umfangreichen Ak- tenlage in Ihrem Hause. Wir sind aber auch gerne bereit, Ihnen persõnlich die umfangreichen Aufgabenfelder unse- rer ehrenamtlichen Tätigkeiten darzu- stellen. Insbesondere der pädagogische Umgang mit Auschwitz führt bei uns Schon seit Jahren zu neuen Erkenntnis- sen und Uberlegungen. Diese hatten wir ausführlich Ihrem Vorgänger, Herrn Staatsminister Dr. Ludger Vol- mer in verschiedenen Schriftsãtzen im Kontext zu dem sinnvollen Wunsch zur Einrichtung einer Stiftung Auschwit?z soll nicht vergessen werden“ darge- stellt. Diese Stiftung sollte langfristig den besonderen von uns vertretenen Anliegen über ein Gründungsstiftungs- kapita! von 1 Million Euro gerecht wer- den und über Zustiftungen sollten die- se Möglichkeiten noch ausgebaut werden. Das Gründungserstkapital sollte entsprechend politischer, morali- scher, gesamtgesellschaftlicher und in Bezug auf Polen auch außenpolitischer Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland als Finmalleistung den Bundeshaushalt belasten. Diese Vorgehensweise zeichnete sich in den gemeinsamen Uberlegun- gen auch mit Herrn Staatsminister Volmer ab zumindest deutlich in dem Schriftverkehr vor der Bundestags- wahl. Zur Lösung noch offener Fragen bzw. Konzeptveränderungen bzw.—er- gänzungen wollten wir als innovativer und inhaltsflexibler Verein natürlich ausdrücklich beitragen. Umso übe raschter waren wir über ein Schreibef von Herrn Dr. Volmer vom 07. 10.02, in dem dieser neben einem Allgemein- bekenntnis auch schrieb„Grundsätz- lich erscheint es mir nicht notwendig. zum Zweck der Heranführung jünge- rer Menschen an das Thema Ausch- witz eine neue Stiftung ins Leben zu rufen“. Fälschlicherweise verwies er uns auf„geeignete Projekte“ aus Mit- teln der Bundesstiftung„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ beson- ders im Rahmen des Programmes Begegnung mit Zeitzeugen“. Die Bundesstiftung verfügt aber bekann- termaßen nur über zweckgebundene Mittel und unser Ansatz geht aus- drücklich über die natürlich wichtige Begegnung mit Zeitzeugen hinaus. Mit diesen arbeiten wir auf Grund um, serer Möglichkeiten im Rahmen Standardprogrammen seit Jahrzehn- ten Zusammen und weitere Aufbaulei- stungen sind an dieser Stelle für uns nicht notwendig. Unser Ansatz ist es. vorausschauend jetzt die Strukturen auf?ubauen die benõtigt werden, wenn in absehbarer Zeit historische Zeugen nicht mehr vorhanden sind. Dabei ist der Hinweis von Herrn Pr. Volmer auf die Jask Force“ wenig hilfreich, da auch diese im Kern andere Interessen zu vertreten hat. Eine Sachstandszusammenfassung wurde in unserem Mitteilungsblatt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 2/02— das wir beifügen- dargestellt. Diese hat bundesweit und internatio- nal verschiedene Reaktionen, teilwei- se von Unverständnis und Empörung geprägt, ausgelöst. Ua. habemuns nun das Internationale Auschwit?komitee. die Gedenkstätte Museum Auschwitz. die Gesellschaft zur Betreuung von Auschwitz in Warschau und der Club der Auschwitzer in Krakau aufgefor- dert, die bisherigen Anliegen erneut inzubringen und mit Ihnen, Frau Staatsministerin Müller, in einen Dia- log einzutreten. Die Ergebnisse sollen über unser Mitteilungsblatt hinaus in der bundesdeutschen, polnischen, is— raelischen, französischen und ameri- kanischen Tagespresse veröffentlicht werde. U.a. aus diesen Ländern vertre- ten wir einen relevanten Ieil unserer Mitglieder. Wir bitten also um kritische, wohl- wollende aber auch diskussionsfle— xible Prüfung unserer Anliegen. Zur Prleichterung fügen wir einen Kopie- sat? wesentlicher Schriftstücke seit Mitte 2001 bei. Natürlich ist uns auch die Haushaltslage des Bundes bekannt und deshalb macht es einen Sinn, die in Anbetracht des Anliegens beschei- denen Mittel von nur 1 Million Euro neu in den Haushalt 2004 einzustellen, wenn es nicht- was wir vermuten ge- eignete Iitel für solche Angelegenhei- ten schon gibt. Diese Summe garan- ie ee e Jahrzehnte nachhaltiges Arbeiten oh- ne dass sich das Stiftungskapital auf- braucht. Gerade bei einer Stiftung ergibt sich für uns die Mõglichkeit langfristig unabhängig von dem politischen Ta- gesgeschäft agieren zu können. Wir wollen weder vor Bundestagswahlen noch in laufenden Kegislaturperioden Zzum Spielball politischer Interessen oder aktueller Haushaltslagen wer- den. Andererseits kann die Politik ihren PFinfluss wahren, indem sie ihre entsprechenden Vertreter/innen in den angedachten Stiftungsbeirat ent- sendet. Wir wünschen Ihnen die für die Sa- che notwendige Tat- und Entschei- dungskraft im positiven Sinn, freuen uns über eine zeitnahe Nachricht und verbleiben mit freundlichen Grüßen Diethardt Stamm für den Vorstand DB Tschechen und Deutsche: Feindliche Nachbarn? Jaroslav Vrba, der als Zwangsarbei- ter nach Frankfurt verschleppt worden war, teilt seine Empörung mit, dass die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Prag ein„Informationsbüro“ eröffnet hat und gegen die Aufnahme der Tschechischen Republik in die EU agi- tiert. Er erinnert, dass die die große Mehrheit der Sudetendeutschen als In- strument der Weltherrschaftspläne der Nazis freiwillig und wissend“ mithal- fen den damals in Mitteleuropa einzi- gen demokratischen Staat zu Zerschla- gen, und zwar einen multinationalen Staat, in dem allen Volksgruppen, auch der deutschen, die gleichen Rechte(ei- gene Schulen, Theater, Vereine usw.) garantiert waren. Der Studienkreis„Deutscher Wi- derstand“ hat unter dem Titel„Tsche- chen und Deutsche: Feindliche Nach- barn?“ die Problematik ausführlich in seinen Informationen(Heft Nr. 56, Nov. 2002) debattiert. Internet: www. studienkreis-widerstand-1933-45.de: Tel.(069) 721575. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. AOSCtiMZ Lindenstraße 68, 35516 Münzenberg Sparkasse Wetterau(BIZ 318 300 70) Konto-Nr. 0 020 000 503 Beitrittserklärung Name, Vorname Straße.—0 M Mi ſelefon Email Geburtsdatum S [ Den Jahresbeitrag(mind. Furo 35. Schüler. Auszubildende, Studierende, Arbeits- lose EFuro 15.) in Höhe von Euro werde ich per Pauerauftrag oder als Einzelüberweisung auf das Konto- Nr. 20 00 05 03 bei der Sparkasse Wetterau(BIZ ð1 85 00 70) überweisen. [ch ermächtige die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer den Jahresbeitrag in Höhe von Euro von dem Konto-Nr. bei BE2 abzubuchen. Datum: Unterschrift Beitrittserklãrungen sowie Adressenünderungen oder Wechsel von Bankver- bindugnen zur schnelleren Erledigung am besten an folgenden Adresse Schicken: Die Lagergemeinschaft Lagergemeinschaft Auschwitz- Se Auschwitz-Freundes- Freundeskreis der Auschwitzer cſo Matthias Tiessen kreis der Auschwitzer Huswertstraße 39 ist als gemeinnütziger Verein anerkannt. Die Arbeit wird 60438 Frankfurt am Main durch Spenden und Mitglieds- beitrãge finanziert. Beiträge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbe- cheinigung wird zugesandt. Termine und Hinweise Gedenkstätte Trutzhain In Schwalmstadt-Trutzhain wurde am 27. Juni 2003 die Gedenkstätte zur Ge- schichte des Kriegsgefangenenlagers Stalag IX A Ziegenhain eröffnet. Trutzhain, heute Stadtteil von Schwalmstadt, ist ein Ort von besonderer Ge- schichte. 1951 wurde die Gemeinde auf dem Gelände des ehemaligen Kriegs- gefangenen-Mannschaftsstammlagers Stalag IX A Ziegenhain gegründet. Das Stalag war eines von insgesamt 80 Kriegsgefangenenlagern im damaligen Reichsgebiet. Es ist jedoch das einzige, dessen Struktur in großen Bereichen noch heute zu erkennen ist. Seit 1985 steht die Gesamtanlage unter Denkmal- schutz. In der Dauerausstellung wird diese wechselvolle Geschichte des Lagers (Siehe Mitteilungsblatt 1 /2002). ffnungszeiten Di- Do. 9 bis 13 und 14 bis 16 Uhr: Fr. 9 bis 13 Uhr: jeden 2. und 4. Sonntag im Monat 14 bis 17 Vhr. Führungen und Termine für Gruppen: Voranmeldung erforderlich. Kontakt Waltraud Burger, Gedenkstätte und Museum Trutzhain, Seilerweg! in 34613 Schwalmstadt-Trutzhain, Tel. 06691 710662; Fax 710663. Ausstellung: Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Ju- den in Hessen 1933 1945 Die Wanderausstellung, die u. a. in Frankfurt und Gießen zu sehen war, wird am 8. Oktober in Kassel in der Brüderkirche eröffnet und ist dann bis zum 19. No- vember dort zu schen. Es wird wieder ein Begleitprogramm mit lokalem Bezug angeboten. Veranstalter sind das Frit? Bauer Institur und der hessische Rund- funk in Kooperation mit lokalen Veranstaltern. Ort: Brüderkirche Kassel Offnungszeiten: Mo. bis Fr. 9 bis 10 Uhr. Sa. und So. 12 bis 18 Uhr. Für Schulklassen ist auf Anfrage bereits ab 8 Uhr geöffnet. Info: Fritz Bauer Institut, Dr. Susanne Meinl, Tel. 060— 708322.40, email: smeinlSfritz- bauerinstitut. de: Internet: www fritz-bauerrinstitut.de/ausstellun- gen/legalisierterraub.htm. Materialmappe zur Vorbereitung eines Ausstellungsbesuchs wurde von der nst-Ludwig Chambré Stiftung herausgegeben(Redaktion: Klaus Konrad- Fomsdorf, Nadja Kuhl) und ist im Bookxpress-Verlag zum Preis von 9.80 Euro (zuzüglich Versandkosten) erschienen(ISBN 3-936705089). Bestellungen Bookxpress-Verlag, Hauptstraße 25 in 35463 Fernwald/Steinbach, Tel.(06404) 90490, Email: infoSdruckwerkstatt fernwald. de; oder im Internet unter„http/chambre. holocaustliteratur. de/mappe htm“. Katalog zur Ausstellung: Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen(Hg.): Kegalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 1945. Redaktion: Susanne Meinl(Fritz Bauer Institut), Bettina Hindemith (Hessischer Rundfunk). Dieser Katalog ist in der Reihe selecta der Sparkassen- Kulturstiftung publiziert als Heft 8, 2002. Er umfasst 72 Seiten und ist gegen eit ne Schutzgebühr von 5 Euro zu beziehen über: Hessischer Rundfunk, Presse- und Offentlichkeitsarbeit. Publikumsservice. Bertramstraße 8 in 60320 Frankfurt am Main; Jel.(069) 1553119, Fax 1553244. Veranstaltungen Zum 65. Jahrestag der Reichpogromnacht Fine Reise nach Theresienstadt, Auschwitz und anderswohin Dr. Dieter Wolf berichtet über die Peportation seiner Großmutter und anderer Wetterauer Jũdinnen und Juden im Februar 1945 Donnerstag, 6. November 2003, 19 Uhr, Fintritt frei 6* Friedberg, Europaplatz 1, Plenarsaal des Kreishauses Der Referent ist Historiker und Leiter des Museums der Stadt Butzbach Eine gemeinsame Veranstaltung der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer und des Wetteraukreises Jüdisches Leben in Deutschland Ausstellung im Foyer des Kreishauses(Europaplatz 1) Fröffnung am Mittwoch, 5. November 2003, 10 Uhr Ausstellungsende: 31. Dezember 2003, Fintritt frei Wanderausstellung zusammengestellt vom Haus der Geschichte der Bundesrepubilik Deutschland, Bonn* Ich bin eine kleine Speise in einem Becher voll Nacht Senische Lesung der Schauspielerin Lilli Schwethelm über Leben und Werk der in Auschwitz ermordeten Dichterin Gertrud Kolmar Sonntag, 9. November, 19 Uhr, Fintritt frei Florstadt, Saalbau Lux(Nieder Florstadt. Altenstãdter Str. 18/20) AUSCHMTE Mitteilungsblatt, Juli 2003 Ar AUScprrz