LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWITZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTZER AUSCHMWE 22. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, Juni 2002 Inhaltsverzeichnis Seite Obrigkeitliche Gedenkstättenarbeit 1 Arbeitsstelle Holocaustliteratur 3 Von Sascha Feuchert „EFin fremder hässlicher Tod, ihn will ich zeichnen“ 6. Fin Wettlauf mit der Zeit 8 Von Ruth Bäumler Holocaust als Thema für Grundschüler 11 Trutzhain-EFin Dorf mit besonderer Vergangenheit 12 Vom Kriegsgefangenenlager zur Flüchtlingssiedlung& Von Waltraud Burger Schön, dass ihr an uns denkt 17 Von Diethardt Stamm Legalisierter Raub 18 Der Fiskus und die Ausplũnderung der Juden in Hessen 1933 1945 Die Verwendung von Spendengeldern durch die LGA 19 Aus dem Buch der Erinnerung 20 Ubersetzung aus dem Polnischen von Elsbieta Stamm Zeitzeugenbericht von Kazimierz Smolen 22 Von Gerhard Herr Dieses Mal kamen wir freiwillig 24 Von Jaroslav Vrba(ehemaliger Zwangsarbeiter in Frankfurt/M.) Die Debatte um Entschädigung der NS-Opfer 25 Von Diethardt Stamm Neuer Präsident des Internationalen Auschwitz-Kommittes 60 Buchbesprechungen: Neuerscheinungen bei S. Fischer 28 Anna Pawelczynska: Werte gegen Gewalt 31 Antisemitismus in Deutschland im Jahre 2002 33 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft AuschwitzFreundeskreis der Auschwitzer Lindenstraße 68, 35516 Münzenberg; Telefon(06033) 60168 Redaktion: Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 „Obrigkeitliche“ Gedenkstättenarbeit Bayern will Finfluss der Dachauer und Flossenbürger Opferverbände, der Gewerkschaften und der Gedenkstätten eingrenzen Die innere Autonomie der Gedenk- stätten Dachau und Flossenbürg ist be droht. Die bayrische Regierung plant ein Landesgesetz, in dem den Opfer- verbãnden der ehemaligen KZHãftlin- e sowie den fachlichen und wissen- haftlichen Gremien der Gedenk- stätten nur noch Mitspracherecht ein- geräumt, aber die Beteiligung an Ent- scheidungsbefugnissen aberkannt wird. Stefanie Endlich vom Dachauer Fach- beirat sicht die Gefahr, dass durch das geplante Gesetz die Arbeit der Ge- denkstätten„einem direkten politi- schen Zugriff unterstellt wird“, wie sie der Münchner Abendzeitung(AZ) ge- genüber äußerte. Der Entwurf aus dem bayrischen Kultusministerium sieht eine Landes- stiftung vor, mit der die Belange der Gedenkstätten Dachau und Flossen- bürg sowie der Dokumentationszen- tren auf dem Obersalzberg und dem früheren Reichsparteitagsgelände in ürnberg als„Forschungsstätten und 68 auf eine dauerhafte Grund- lage“ gestellt werden. Dem Stiftungs- rat sollen jedoch weder Vertreter der Opferverbãnde noch der Gedenkstãt- ten angehören. Neben dem bayrischen Kultus und Finanzministerium sowie dem Bund, der beiden großen christ- lichen Kirchen und der israelitischen Kultusgemeinde sollen nur noch die Stadt Pachau und die Gemeinde Flos- senbürg diesem zentralen Gremium angehören, das künftig über Haushalt, Stellenpläne und alle anderen wichti- gen Angelegenheiten der Gedenkstät- ten entscheiden soll. Damit wird die„Deutungshoheit über authentische Orte der deutschen NS-Verbrechen mehrheitlich Mini- stern und Bürgermeistern“ übertra- gen, während die überlebenden Häft- linge, die„moralischen Pigentümer“ der KZGedenkstätten, und deren Nachfahren ausgesperrt werden, wie Michael Backmund in der AZ es auf den Punkt bringt. Uber Versuche von Kommunalpo- litikern, die Arbeit der Gedenkstätten als„Nestbeschmutzung“ zu verun- glimpfen, gibt es ältere und jüngere Beispiele: 1955 forderte der damalige Dachauer Landrat den Abriss des Krematoriums, denn es müsse Schluss gemacht werden mit der„Diffamie- rung des Dachauer Landes“. Und im Januar 2002 ging der Dachauer Ober- bürgermeister Piller mit der Behaup- tung auf Stimmenfang, eine neue Aus- stellung in der Gedenkstätte wolle „eine Schuld der Dachauer am KZ konstruieren“. Der Münchener Histo- riker Jürgen Zarusky bewertete solche Aussagen als den Versuch,„Kommu- nalpolitisch verordnete Wunsch-Ge- schichtsbilder und Falsch-Informatio- nen“ zu etablieren. Auch der Historiker Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums zur Erforschung des Antisemitismus und Vorsitzender des Dachauer Fachbeira- tes, wandte sich gegen einen stärkeren Einfluss von Kommunalpolitikern auf 2 Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer die Gedenkstãttenarbeit. Er trat damit pillers Forderung entgegen, Ieile des Ausstellungskonzeptes zurückzuzie- hen, weil darin die Bezichungen zwi- schen der Stadt Dachau und dem K?Z auf eine höchst problematische“ Wei- se 80o Piller- dargestellt würden. Wolfgang Benz bezeichnete es als ein„Unikat in der deutschen Stif- tungslandschaft“, dass die Leiter der Gedenkstätten lediglich beratende Funktionen bekommen sollen.„Der entscheidende Punkt ist, ob die Ge- denkstãtten marginalisiert werden und nur noch Befehle ausführen, die sie aus den Gremien bekommen“, Zitiert die AZ Wolfgang Benz. Auch der Münch- ner TU-Professor Winfried Nerdinger, ebenfalls Beiratsmitglied in Dachau, sieht dies so:„Es ist untragbar, dass die fachliche Kompetenz von Gedenkstãt- tenleitern und Wissenschaftlern nicht im Stiftungsrat vertreten ist und nur nach Bedarf und Gutdũnken von Poli- tikern herangezogen wird.“ Uberhaupt nicht vorgesehen im Ge- Setz ist zudem„ein Mitwirkungsrecht der Gewerkschaften obwohl es gerade Mitglieder der organisierten Arbeiter- bewegung waren, die in den Anfangs- jahren des KꝰZ Dachau, des ersten Kon- zentrationslagers in der NSZeit in Bayern, den größten Anteil der Gefan- genen und der Opfer stellten?, wie die Lagergemeinschaft Dachau in einer Protesterklãrung hervorhob. Da zudem auch nicht die Gedenk- stãtten Sitz und Stimme im Stiftungsrat haben sollen, wird nach Ansicht der La- gergemeinschaft Dachau der vorliegen- de Entwurf, weder den Uberlebenden noch den wissenschaftlichen An- Sprüchen gerecht“. Charakteristisch für die„obrigkeit- liche“- s0 Wolfgang Benz- Ausrich- tung des Stiftungsentwurfs ist, dass der Chef der Landes?ꝰentrale für politische Bildung, die dem bayrischen Kultus- ministerium untersteht, zugleich Stif- tungsdirektor werden soll. Eine„pi- kante Doppelfunktion, denn als Beamter ist er damit direkt seiner Chefin, der Kultusministerin- derzeit Straußtochter Monika Hohlmeier „unterstellt und vehunggebun wie die AZJournalisten Backmund und Marsen anmerken. Nebenbei: In der Stiftung des ehemaligen KZ Bu- chenwald ist sebstverständlich der Leiter der Gedenkstätte auch der Stif- tungsvorsitzende. Warum s0 fragte Max Mannhei- mer, der Vorsit?ende der Lagergemein- Schaft Dachau, auf Anfrage der Frank- furter Rundschau- sollen in Bayern nicht-fachkundige Kommunalpoliti- ker“ mehr Einfluss bekommen als Wis- Senschaftler und die Verbãnde der Hãft- linge und ihrer Angehörigen. Tages- politische Erwägungen sollten bei der Arbeit in Gedenkstätten doch besser nichts zu suchen haben. Mannheimer fordert, die Leiter der Gedenkstätte Dachau und Flossenbürg müssen 6 Stiftungsrat vertreten sein, sonst wer- den die ja Zu Bittstellern gemacht“. „Die Verfolgtenverbände lösen sich nicht mit dem Tod der Hãftlinge auf. Unsere Angehörigen und enga- gierte Jugendliche werden unsere Ar- beit fortsetzen und můüssen deshalb im Stiftungsrat berücksichtigt werden“, So Errnst Grube, ehemaliger KZHäft- ling und bayrischer Landessprecher der VVN. Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 6 Holocaustliteratur lnstitut für Neuere deutsch Literatur- Universität Gießen http://wWww holocaustliteraturde arbeitsstelle holocaustliteratur Suni-giessen.de Im folgenden stellt das Mitteilungsblatt in mehreren Beiträgen die Arbeits- stelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen vor. Nach einer kurzen Selbstdarstellung(entnommen der Internetseite www¶ holocaustliteratur. de*) erläutert Sascha Feuchert, der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle, die Be- weggründe, die zur Finrichtung derselben geführt haben, stellt die Arbeits- Schwerpunkte sowie erste Ergebnisse vor. Anschließend dokumentieren wir mit einem Auszug aus dem Band„Holocaust-Literatur: Auschwitz“(Reclam), was unter dem Begriff Holocaustliteratur zu verstehen ist. Schließlich danken wir Ruth Bäumler für die Druckerlaubnis ihres Artikels, in dem sie die jüngste Pu- blikation der Arbeitsstelle skizziert, sowie ihr Interview mit den Leitern der Ar- beitsstelle. Artikel und Interview sind erstmals in den Frankfurter Jüdischen Nachrichten(Mãrz/April 2002/ Pessach 5762) erschienen. Die Diskussion muss jetzt beginnen 1908 wurde die Arbeitsstelle für Holocaustliteratur auf Initiative von Prof. Dr. Erwin Leibfried und Sascha Geuchert sowie der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich an der Uni- versitãt Gießen am damaligen Fachbe- reich Germanistik(Institut für Neuere deutsche Literatur) eingerichtet. Ziel der Arbeitsstelle ist seitdem die literaturwissenschaftliche und lite- raturdidaktische Untersuchung und Aufbereitung von Texten der Holo- caustliteratur. Besondere Aufmerk- samkeit wird dabei den Texten von Uberlebenden zuteil: Lesungen und (wissenschaftliche) Publikationen sol- len den Frinnerungen von Holocaust- Opfern in Wissenschaft und Offent- lichkeit verstärkt Geltung verschaffen. Die Arbeitsstelle will mit literaturwis- senschaftlichen Mitteln dazu beitra- gen, dass der Umgang mit diesen Tex ten breiter diskutiert wird. „Diese Diskussion muss jetzt be- ginnen, damit in sie auch die Stimmen jener integriert werden können, die einst im Zentrum der Ereignisse stan- den und deren Zeugnisse auch unser Verstäãndnis des Holocaust determi- nieren“ heißt es in der Selbstcharakte- risierung auf᷑ der Homepage wwwho- locaustliteratur.deꝰ. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wozu eine Arbeitsstelle Holocaustliteratur? Von Sascha Feuchert Hanna Krall, die große polnische Brzählerin und Journalistin, hat ein- mal eine ihrer wesentlichen Motiva- tionen, Texte über den Holocaust zu schreiben, so zusammengefasst: Die Opfer haben schon keinen Grabstein, deshalb sollen sie wenigstens in einem Buch stehen.“ Sie hat damit ganz sicher vielen Uberlebenden aus der Seele gespro- chen, für die es nicht selten eine der wesentlichen Anliegen war, jenen, die von den Nazis zu Nummern degradiert und namenlos getötet wurden, ein li- terarisches Denkmal zu setzen. Für uns, die nachgeborenen Leser, haben die Texte der Holocaustliteratur noch ganz andere Funktionen: Sie sind oft- mals unsere einzige Möglichkeit, Ge- naueres über die schrecklichen Ereig- nisse zu erfahren. Der amerikanische Literaturwissen- Schaftler James E. Voung hat einmal be- tont, daß uns die Holocaustliteratur in einem wörtlichen Sinne nicht nur be- schreibe, was geschehen sei, sondern dass sie uns auch vorschreibe, wie wir diese Ereignisse verstünden. Texte sind nach seiner Auffassung immer Inter- pretationen. Bei der Holocaustliteratur kann man sich das auch dadurch klar- machen, dass sie perspektiviert(also in- terpretiert) wird durch einen einzigen Autor, der uns in der Regel nur“ seine eigenen Erlebnisse schildert. Das schmälert die Leistungen der Texte keineswegs, es relativiert sie auch nicht. Im Gegenteil: Der Befund von Voung führt uns nur deutlich vor Augen, dass man sich mit der Holo- caustliteratur auseinander setzen muss, dass man ihre Entstehungsbedingun- gen reflektieren muß und dass man es nicht bei der Lektüre eines Iextes über ein Lager oder Getto belassen kann. Man muss die Holocaustliteratur stu- dieren, als ein Genre, das seine eigen Regeln hat, mit denen man sich als ILe- ser vertraut machen muss. In Amerika und in Großbritannien beispielsweise hat man diesem Um- stand schon lange Rechnung getragen: Die universitäre Landschaft beschäf- tigt sich intensiv mit den in Rede ste- henden Texten, interpretiert sie, ver- gleicht sie und hilft Lesern so vieffach, das Gelesene einzuordnen, darüber zu diskutieren und vieles mehr. Dazu kommt, dass sich Literaturwissen- schaftler dort auch um die Sammlung und Publikation von Holocaustlitera- tur sehr bemühen in Großbritannien gibt es etwa die hervorragend edierte Library of Holocaust Testimonies“. In Deutschland hingegen gab es big vor wenigen Jahren praktisch kei Binrichtung, die sich intensiv und aus- schließlich mit der Sammlung und lite- raturwissenschaftlichen Bearbeitung von Iexten der Holocaustliteratur be⸗ schäftigt hat. Dieser Umstand führte 1998 dazu, dass an der Gießener Universität, ge- nauer am Fachbereich Germanistik, ei- ne Arbeitsstelle Holocaustliteratur? eingerichtet wurde, die von der Licher Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung, von der auch die Initiative zur Gründung Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 ausging, mit ei- nem kleinen Sa- chetat ausge- stattet wurde. Seitdem hat sich die kleine Finrichtung ra- sant entwickelt: So konnten be- reits einige Pu- blikationen vor- 6 werden, Kontakte wurden weltweit geknüpft- und vor allem hat sich der Wissensstand über die Holo- caustliteratur in Deutschland durch die Arbeitsstelle wesentlich verbessert. Uber die Homepage(vww. holo- caustliteratur. de) gehen nahezu tãglich Anfragen von Kollegen, Studenten, Schülern und von Uberlebenden ein, die entweder Recherchehilfen benöti- gen oder um Hiffen bei der Publikation von Iexten bitten. Zu den Arbeiten der Forschungseinrichtung gehörte es bis- lang auch, durch öffentliche Vortrãge, Dr. Oskar Singer(rechts), einer der Ser der Chronik des Getto Lodz. vor allem aber durch Lesungen mit Autoren ein breites Publi- kum mit der Ho- locaustliteratur vertraut zu ma- chen. Besonders wichtig ist es da- bei für die Mit- arbeiter der Ar- beitsstelle, dass Autoren und Publikum ins Gesprãch miteinander kommen. Der Schwerpunkt in der augen- blicklichen Arbeit liegt auf dem Getto Lodz. Durch die partnerschaftlichen Beziehung mit der Lodzer Universität konnte 2000 ein Kooperationsabkom- men unterzeichnet werden, das die komplette EFdition der sogenannten Lodzer Getto Chronik“ vorsieht, ei- nem kollektiven 2000 seitigen Tage- buch, das im Auftrag des Lodzer Ju- denrates die täglichen Ereignisse im Getto verzeichnet. Hauptverfas- Zum Begriff„Holocaustliteratur“ Seit einiger Zeit hat sich der Begriff Holocaustliteratur?- aus dem Ameri- hnischen kommend- als eine Art Genre-Bezeichnung etabliert für eine Vielfalt von Textsorten, die die klassi- schen Gattungsgrenzen?wischen Epik, Lyrik und Drama überschreitet. Dabei bleibt die Bezeichnung trotz ihrer(weiter zunehmenden) Verbrei- tung etwa in Verlagsprospekten, Re- zensionen und wissenschaftlichen Un- tersuchungen- weitgehend diffus: Einmal werden nur fiktive Texte zum Holocaust unter diesem Begriff subsu- miert, ein anderes mal nur'authenti- sche“, d.h. von Uberlebenden verfasste Schriften, und in wieder anderen Fãl- len beide Textsorten. Auch der Begriff Holocaust“ wird je anders verstan- den: Manchmal umfasst er die Ge- samtheit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, ein anderes Mal bezicht er sich konkret auf die Ver- nichtung der jüdischen Menschen in den Konzentrationslagern und spart andere Opfergruppen aus. Es versteht sich deshalb von selbst, dass die Ar- beitsstelle Zunãchst klären musste, was unter dem Begriff Holocaustlitera- tur“ zu verstehen ist. Die nachfolgende 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Definition ist im Zuge der ersten Ar- beiten entstanden und muss als'work in progress? verstanden werden: Holocaustliteratur' umfaßt alle li- terarischen Texte über den Holocaust. Zugrunde gelegt wird hierbei zunächst ein weites Verständnis der Metapher Holocaust?: Diese umfasst alle Aspek- te der nationalsozialistischen Rasse“ und Vernichtungspolitik gegen alle Op- fergruppen. Des weiteren kommt ein weitgehend traditioneller Textbegriff zum Tragen, der von der Absicht eines Autors zur(Sprachlichen) Kommuni- kation ausgeht. Außerdem wird ein weites Verständnis von'literarisch“ vorausgesetꝰt: Es bezeichnet hier Tex- te, die das Geschehen vermitteln wol- len, indem sie z.B. Tropen benutzen, auf Archetypen zurũckgreifen und das Ge- schehen(in Sinn suggerierender Wei- se) anordnen, ohne dabei wissenschaft- lichen Kriterien und Konventionen zu folgen. Die Texte sind indes jeweils im weiteren Sinne subjektive“ Interpre- tationen des Holocaust und keine wis- senschaftlichen Metadokumente“. Zu diesen Texten können neben Tage büchern und Chroniken, die zur Zeit des Geschehens entstanden, auch Me- moiren und Erinnerungen, die nach den Freignissen von Betroffenen ver- fasst wurden, wie auch fiktionale Bear- beitungen(Romane, Gedichte, Dra- men), die den Holocaust zentral behandeln, gehören. Fiktional“ wi hierbei verstanden als Bezeichnung für den imaginãren bzw erfundenen Cha- rakter von(einzelnen) Personen und/oder Ereignissen und/oder Orten. Die Verbindung des Autors zum Ge- schehen, sein Status als unmittelbar Be- teiligter(Täter oder Opfer) oder Un- beteiligter(Z. B. als Angehöriger der nachfolgenden Generationen) an den Geschehnissen des Holocaust, Spielt ei- ne zentrale Rolle bei der Beurteilung der einzelnen Texte, doch ist diese Ver- Oskar Singer „Im Filschritt durch den Gettotag..“ Oskar Singer„Im EFilschritt durch den Gettotag“ ist vor we⸗ nigen Wochen im Phi- lo- Verlag erschienen. Der Band vurde von der Arbeitsstelle Ho- locaustliteratur 2zu- sammen mit dem Saatsurchiv der Uni- versitũt Lodz heraus- gegehen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 bindung kein exklusives Kriterium für die Zugehörigkeit seines Textes zum Genre der Holocaustliteratur?.“ (entnommen aus: Sascha Feuchert [Hg.]: Holocaust-Literatur: Auschwitz. Stuttgart: Reclam 2000. S. 2f.) „Ein fremder hässlicher Tod, ihn will ich zeichnen“ Die Internationale Gesellschaft zur Erforschung der Literatur des Holocaust? bewahrt Texte von Opfern vor dem Vergessen Von Ruth Bäumler Wãäre Oskar Singer aus Prag nicht ewesen, der daran glaubte, dass viel- S nicht er, wohl aber seine Repor- tagen aus dem Getto überleben wür- den, wäre unser Bild vom Alltag in Litzmannstadt-Getto zwar nicht von weniger düsterer Unbegreiflichkeit, aber um einige Nuancen reduziert, Z B. um die unglaubliche Vorstellung, dass es Menschen gab, die neben dem täg- lichen Kampf ums Weiterleben noch die Kraft hatten, schreibend und be- richtend ein Leben jenseits des Grau- ens Zu visualisieren, für zukünftige Le- ser in einer Welt, die nicht mehr die ihre sein würde. Und gãbe es nicht Literaturwissen- schaftler, die ihre vornehmste Aufgabe nicht nur darin schen, traditionelle Forschungsobjekte mit dem bewähr- 0 wissenschaftlichen Instrumentari- um zu bearbeiten, sondern mit ar- chäologischer Behutsamkeit Spuren menschlichen Lebens zu rekonstru- ieren, wäre auch Oskar Singers Glau- ben an ein Uberleben seiner exte um- Ssonst gewesen. Sein literarisches Vermãchtnis legt Zeugnis ab von Ge- schehen, die sich eigentlich aufgrund ihrer Ungeheuerlichkeit wissenschaft- licher Verwertung entziehen— es ist die Literatur des Holocaust. Diese Literatur ist Forschungsge- genstand der Arbeitsstelle Holocaustli- teratur, die 1998 von dem Giessener Germanistikprofessor Erwin Leibfried, dem Literaturwissenschaftler Sascha Feuchert und der Ernst-Ludwig-Cham- brè Stiftung am Giessener Institut für Neuere deutsche Literaturwissenschaft eingerichtet wurde. Drei Jahre später wurde dort die Internationale Gesell- schaft zur Erforschung der Literatur des Holocaust“(IGEL-H) von Litera- turwissenschaftlern, Historikern und Politologen gegründet. Seither widmet sie sich mit großem persõnlichen Engagement der Unter- suchung und Sammlung der Literatur des Holocaust. In diesen Wochen erscheint unter dem Titel'Im Filschritt durch den Gettotag. Reportagen und Essays aus dem Getto Lodz“ der von Leibfried, Feuchert und[Dr. Jörg] Riecke in Zu- sammenarbeit mit Kollegen der Uni- versität Lodz herausgegebene Chro- nistenbericht Oskar Singers, der 60 Jahre lang im Staatsarchiv Lodz lag, bevor er wiederentdeckt wurde und nun erstmals verõffentlicht wird. Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist“, hat Singer zwei Jahre vor seiner Ermordung in Ausch- wit? geschrieben. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ein Wettlauf mit der Zeit Für die Frankfurter Jüdischen Nachrichten interviewte kürzlich Ruth Bäumler die Gießener Germanisten Professor Erwin Leibfried und Sascha Feuchert M. A. Heyr Professor Leibfried, Ihr wis Senschaftlicher Schwerpunkt sind Her- meneuti und Asmetil, ihre Lehrver- anstultungen behandeln die Literatur der Aufuldrung, der Klasvil, der Ro- mantil, es gibt Veròffentichungen und Vorlesungen von hnen über Goethe, Schillen Kafa— wann und wie ent- Sand Ihre Beschäftigung mit der Holo- caustliteraturꝰ Leibfried: Das Interesse war be- reits früh da, allerdings ergab sich nie die Möglichkeit, es wirklich zu vertie- fen. Wesentlich dazu beigetragen hat die Partnerschaft mit Lodz, die uns im Laufe der Zeit den Zugang zu vielen Texten ermöglicht hat, die wir vorher nicht kannten. 1908 waren die Voraus- setzungen dann besonders günstig, die Arbeit mit und an der Holocaustlite- ratur zu intensivieren. Woher und in welcher Form weyden die Texte an Sie herangetragen? Feuchert: Das ist heute sehr unter- schiedlich. Viele Texte finden wir in Archiven, und hier vor allem in Lodz, andere kommen direkt von Uberle- benden, die sich auf unterschiedlichen Wegen an uns wenden. Nahezu tãglich bekommen wir Anfragen oder Mittei- lungen auch über das Internet. Sie vind gerade aus Polen zurck- gelehrt, gibt es neue Projelte, neue Enideckungen? Leibfried: Unser letzter Aufenthalt galt der Vorbereitung unseres derzeit größten Projekts: der kompletten Edi- tion und Kommentierung der soge- nannten Lodzer Getto-Chronik. Die- ses kollektive Tagebuch, das die tãgli- chen Breignisse im Getto auf rund 2000 Seiten verzeichnet und in der Sta- tistischen Abteilung des Judenälte sten“ entstand, ist bis heute nicht voll⸗ ständig publiziert. Obgleich dieses— auch literarische— Dokument in vie- lerlei Hinsicht sicherlich problema- tisch ist, ist es eine unerhört wichtige Quelle und ein entscheidender Text. Bis heute liegt nur eine Auswahl auf Englisch vor, die nicht einmal ein Vier- tel des Gesamttextes berücksichtigt. Wir wollen die Chronik, an der in we- sentlichen Bereichen auch der bereits erwähnte Oskar Singer mitwirkte, erstmals vollständig auf Deutsch und auf Polnisch verõffentlichen. Sie hezeichnen die Pefinition des Begriffes Holocaustliteraturꝰ als Zu- Sammenfassung aller literarischen Tex- e über den Holocaust*. Bedeutet das dass Keine wissenschaftlichen Weyt maßstãbe an das Geschriebene gelegt werdenꝰ Leibfried: Prinzipiell ist das richtig — ästhetisch werten wollen und kön- nen wir nicht. Auch Texte, die von Menschen stammen, die literarisch weniger begabt sind, sind ein Ver- mächtnis, dessen wir uns annehmen müssen. Texte sind immer Interpreta- tionen= und Interpretationen sind so verschieden wie die Menschen selbst es sind. Manche Texte eignen sich be- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 stimmt nicht für die Publikation= und doch sind sie es wert, dass sie aufgeho- ben und analysiert werden. In der Holocaustliteratur gibt es mehrere Schübe“ von Erinnerungs- texten— Briefe, Biographien, Novellen und Romane Uberlebenden mit Hhe- hunkten unmittelbar nach Kriegsende und in den letzen zwei Jahrzehnten. Wie unterscheiden sich diese Texte? Giht es für diese Eyscheinung eine Er- lãrung? Feuchert: Ich würde eher von drei Höhepunkten sprechen wollen: Un- mittelbar nach dem Krieg publizierten vor allem sehr viele politische KZ- Häftlinge ihre Erinnerungen, die wir in unser Verständnis der Holocaust- Literatur einschließen. Naturgemäß standen bei ihnen andere Dinge im Vordergrund als bei den spãteren, va. jüdischen Autoren. Die Frinnerungen der politischen Hãftlinge sind oft sehr romanhaft konzipiert, sie wollten und mussten die Leser erst für einen Teil des Krieges interessieren, der alle Vor- stellungskraft zu sprengen drohte und dem man— vor allem in Deutschland- lieber ausweichen wollte. Dazu griffen die Texte oft auf Spannung als Stilmit- 6 zurück. Frühe Iexte von jüdischen Opfern sind zudem sehr detailliert, sie beschreiben genau- bis an die Grenze des Erträglichen— welche Grausam- keiten sich in den Gettos und Lagern abspielten. Sie mussten damals noch deutlich erklären, was es hieß, in Au- Schwitz gewesen zu sein. Ein zweiter Höhepunkt folgte dann im Nachgang zu den beiden großen Prozessen— dem Fichmann-Prozess in Jerusalem und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Beide Ereignisse brachten vor allem auch in Deutschland— natürlich nicht nur im Bereich der Holocaustliteratur — das Thema endlich wieder ins Ge- spräch, nachdem es bereits unmittel- bar nach der Gründung der BRD eine erste große und nahezu erfolgreiche Schlussstrich-Debatte“ gegeben hat- te. Der Schlussstrich, den viele Deut- Schen damals ziehen wollten, um in ihr Wirtschaftswunder“ zu flüchten, wirkte sich auch auf die Literatur aus. Es gab fast keine Iexte der Holocaust- literatur mehr, die einen Verleger fan- den. Das änderte sich dann zum Glück, wie gesagt, mit den Prozessen. In dieser Zeit entstanden auch sehr viele fiktionale Bearbeitungen, die nicht von Opfern des Holocaust stam- men— erinnert sei hier an Peter Weiss oder Rolf Hochhuth. In den 80er Jah- ren schrieben dann sehr viele Uberle- bende, die ihre letzte Chance sahen, ihre Erinnerungen als Vermächtnis den nachfolgenden Generationen zu hinterlassen. Unterstützt wurde dies vor allem in Amerika durch die Tatsa- che, dass es ein wesentlich breiteres Publikum gab, das sich für die Texte in- teressierte. Diese spãten Texte reflek- tieren nicht selten den Umgang mit dem Holocaust bis heute mit— ein gut- es Beispiel dafür ist Ruth Klügers Text weiter leben“. Ir Mhre Aybeit nicht ein Wettlauf mit der Zeitꝰ Leibfried: Leider ja. Texte, die un- mittelbar im Holocaust entstanden sind, lagern nicht selten in Archiven, die wenig tun kõnnen, um das Material vor dem Verfall oder dem Vergessen zu ret- ten. Es gibt zwar gerade im Augenblick große Bemühungen amerikanischer Institutionen, viele Materialien auch in 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Osteuropa zu verfilmen, doch ist damit natürlich nur die Hãlfte getan. Die Tex- te müssen publiziert werden, dafür wa- ren sie in der Regel ja auch bestimmt. Nur so können sie Teil unseres kultu- rellen Gedãchtnisses werden. Dazu kommen Texte und Tagebücher, die oft- mals noch im privaten Besitz sind und wir haben gerade einen solchen Fall erlebt— die dann nicht selten auf den Müll kommen, wenn die jeweiligen Au- toren sterben. Wir wollen auch für die- se Fãlle Ansprechpartner sein. Jeder Text für vich ist ein Penkmal- ist nicht schon deswegen die Erhaltung jedes einzelnen Schriftstiichkes geradezi eine Verpflichtung für uns alleꝰ Leibfried: Ganz recht. Und ich se- he eine ganz besondere Verpflichtung für deutsche Wissenschaftler, bei der Erhaltung dieser Texte mitzuwirken. Insofern ist es für mich nach wie vor unverständlich, dass es bislang— an- ders als in England oder Amerika— keine Zentrale Bibliothek für die Tex- te gibt und— ausser uns— keine Ein- richtungen, die sich mit der Sammlung und der Interpretation der Holocaust- literatur beschäftigen. Interpretation der Texte ist übrigens ein ganz wichti- ger Bestandtteil unserer Arbeit. In Amerika giht es wesentlich mehr Forchungseinrichtungen für diese Ayt von vom Verlust bedrohter Geschichts- Schreibung. oral historꝰ ist nicht eyst Seit Steven Spielberg ein populdres Wema, das durch õpfentliche Stiftun- gen unterstitzt wird. In Peutschland Scheint es paradoxerweise Sowohl we— niger Interesse als auch weniger Förde- rung für volche Einrichtungen zu ge- hen. Wie finanzieren Sie die aufwendige Arheit Ihres Institutesꝰ Leibfried: Die Unterstützung ist leider sehr bescheiden; finanziell wer- den wir mit einem ganz kleinen Btat von der Chambré-Stiftung versehen— aber damit ist uns leider nur mõglich, das eine oder andere Publikationspro- jekt Zu realisieren, mehr nicht. Ab und an bekommen wir auch eine extra Hilfskraft vom Präsidenten unserer Universität genehmigt. Alles andere müssen wir über Drittmittel einwer⸗ ben. Die moralische Unterstützung da schon etwas größer: Auf Ablehnung jedenfalls stoßen wir mit unserer Ar- beit in den seltensten Fãllen. Hat die Giessener Universitãt einen Lehrstuhl oder zumindest eine Mitar- heiterstelle für Ihre Arbeit eingerichtetꝰ Leibfried: Leider hat die Univer- sität bislang keine Möglichkeit gese- hen, uns stellenmäßig unter die Arme zu greifen. Wir machen im Augenblick alles quasi'nebenher“. Uber Kurz oder Lang werden wir kapitulieren müssen. Mit einer einzigen Mitarbei- terstelle, die nur und ausschließlich der Arbeitsstelle Holocaustliteratur zur Verfügung stünde, wãre uns schon geholfen und das Projekt langfristig gesichert. Leider suchen wir für diesz Stelle noch nach einem GeldgebeW Wir sind hier dringend auf Mithilfe und Unterstützung von außen ange- wiesen. Wir danken Ihnen für das Gespräch und wnschen Ihnen, dass Sie diese wichtige Arbeit fortsetzen Können. (Erstabdruck in: Frankfurter Jüdi- sche Nachrichten März/April 2002/ Pessach 5762) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Fortbestand der Arbeitsstelle ist gefährdet Im Augenblick ist die Arbeitsstelle Holocaustliteratur personell so gut wie nicht ausgestattet: Für die vielen Arbeiten steht bislang keine(ic!l) Mitarbeiterstelle zur Verfügung- die Arbeit erfolgt also ausschließlich in der Freizeit der beteiligten Wissen- schaftler. Dass dies nicht mehr lange so wei- rgehen kann, hat der Leiter der Ar- beitsstelle, Prof. Leibfried, in dem ne- benstehenden Interview mit den Frankfurter Jüdischen Nachrichten“ deutlich gemacht. Universitätsleitung und das Land Hessen sollten sich daher schnell zu- sammensetzen, um eine Lõsung zu fin- den. Sonst droht das einzige deutsche Projekt, das sich der Interpretation und der Sammlung der Holocaustlite- ratur widmet, zu scheitern. In einem Augenblick, in dem die Generation, die den Holocaust durchleiden muss- te, fast nicht mehr vorhanden ist und ihre Texte die einzigen Zeugnisse für die Zukunft sind, wäre dies im Lande der Tãter ein fatales Signal. Hans Hirchmann Holocaust als Thema für Grundschulkinder? Der Frage„Holocaust als Thema für Grundschulkinder“ widmet sich am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt Seit 1990 eine unter anderem von Tru- de Simonsohn, Uberlebende von The- resienstadt und Auschwitz, unterstũtz- te Arbeitsgruppe. Erörtert wurden Möglichkeiten und Grenzen, mit Kin- dern unter 12 Jahren über die Nazi- Verbrechen zu sprechen.„Die Berich- 0 aus der Praxis machen deutlich, dass Kinder heutzutage schon vielfältig mit den Themen Menschenrechtsverlet- zungen, Krieg und Genozid in Be- rührung kommen, so auch mit der na- tionalsozialistischen Vergangenheit, auf die in der Gegenwart immer wie- der Bezug genommen wird“, heißt es in einem Artikel der vom Institut her- ausgegegenen Newsletter(Nr. 22 Frühjahr 2002). Die Arbeitsgruppe entwickelte das Projekt„Lesekoffer“ Die hier zusam- mengestellten Materialien sind nicht im Sinne von Lehrbüchern oder Ko- piervorlagen zu verstehen. Ziel ist viel- mehr die„individuelle Kommunikati- on zwischen Kindern und Erwach- senen in der Familie sowie innerhalb und außerhalb der Schule“ zu unter- stützen.„Der Lesekoffer fordert die Erwachsenen dazu auf, sich mit dem Thema und Gesprächen mit Kindern auseinander zu setzen“ und er enthält „eine Handreichung mit konzeptio- nellen Uberlegungen und praktischen Hinweisen“. Der„Lesekoffer“ kann maximal für sechs Wochen kostenlos entliehen werden. Info: Heike Deckert-Peaceman, Frit? Bauer Institut, Frankfurt/Main, Telefon-Nr.(O69) 79 83 22 31; Fax 41; Email: paedfritz bauerinstitut.de. Das Projekt wurde finanziell durch eine Spende der Ernst Ludwig Cham- bré Stiftung, Lich, gefördert. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Trutzhain-EFin Dorf mit besonderer Geschichte Vom Kriegsgefangenenlager Stalag IX A Ziegenhain zur Flüchtlingssiedlung Von Waltaud Burger, Gedenkstätte und Museum Trutzhain Trutzhain, heute Stadtteil von Schwalmstadt, ist eine der jüngsten Ge- meinden Deutschlands. Trutzhain wur- de 1951 auf dem Gelãnde des ehemali- gen Kriegsgefangenenmannschafts- Stammlagers, dem Stalag IX A Ziegen- hain, gegründet. Die Struktur des ehe- maligen Kriegsgefangenenlagers, die zu 80 Prozent im alten Ortskern in wenig verãndertem Zustand erhalten ist, hat dazu geführt, dass das in Deutschland wohl einzigartige Ensemble von Fach- werkbaracken an der ehemaligen La- gerstraße 1985 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Stadt Schwalmstadt, unterstützt vom Land Hessen und dem Beauftrag- ten der Bundesregierung für Kultur und Medien, hat sich zur Aufgabe ge- macht, in einer ehemaligen Wachba- racke des Stalags die Geschichte des Ortes Trutzhain zu dokumentieren und damit an das vergangene Geschehen zu erinnern. Zur Zeit wird das Museum, das den Namen Gedenkstätte und Museum Trutzhain“ tragen wird nach wissenschaftlichen und pãdagogischen Gesichtspunkten gestaltet. Die künftige Ausstellung basiert auf einer Privatsammlung, die die Eyffhäuserkameradschaft gemeinsam mit ehemaligen franzõsischen Kriegs- gefangenen zusammengetragen und der Stadt Schwalmstadt übereignet hat. Im Auftrag der Stadt Schwalm- stadt wurde diese Sammlung wissen- schaftlich dokumentiert. Umfangrei- che Forschungen in Archiven des In- und Auslandes sowie Interviews mit chemaligen Kriegsgefangenen und Wehrmachtsangehörigen halfen, das Schicksal insbesondere der sowjeti- schen, polnischen und italienische Kriegsgefangenen zu erhellen. Dane- ben konnten wichtige Dokumente zur Stalagzeit, aber auch zu den spãteren Nutzungsphasen des Lagers, im In- und Ausland gefunden werden. Liegt der Schwerpunkt der neuen Gedenkstätte bei der Dokumentation der Geschichte des Stalag IX A, 8so wird sie aber auch Ausblicke auf die Nach- kriegsgeschichte geben. Von 1945 bis 1947 nutzten die Amerikaner, die das Stalag in CI-camp 95 umbenannten, die Baracken zunächst zur Internierung von NSDAP-, SS und SAMitgliedern. Nach ihrer Entlassung oder Verlegung kamen etwa 2000 polnische Juden in das Lager, die nach den Pogromen im Polen des Jahres 1946 in die amerikani- sche Besat?ungszone geflüchet warer Nach ihrer Ausreise oder Verteilung auf andere DP-Lager im November 1947 quartierte der Kreis Ziegenhain Flüchtlinge aus den ehemaligen deut- schen Ostgebieten im Stalag ein. Ihr Schicksal und die von ihnen initiierte Gemeindegründung Trutzhains(1951) ist Thema eines weiteren Ausstellungs- kabinetts, in welchem Erinnerungs- stücke aus ihren alten Heimatländern, aber insbesondere aus der Trutzhainer Aufbauzeit, zu sehen sein werden.-Die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Frõffnung der Gedenkstãtte ist für En- de 2002 vorgesehen. Stalag IX A Ziegenhain Das von 1939 bis 1945 bestehende Stalag IX A Ziegenhain war eines von insgesamt 83 Kriegsgefangenen Mann- Schaftsstammlagerm im damaligen Reichsgebiet und das erste und größte des Wehrbereichs IX. Das Lager er- reckte sich auf einer 47 Hektar umfas- Senden Flãche einer ehemaligen Kreis- vichweide. Im Stalag IX A Ziegenhain waren von 19391945 Kriegsgefangene aus Polen, Frankreich, Belgien, Hol- land, England, der Sowjetunion, Sü- dosteuropa sowie auch italienische Mi- litãrinternierte und amerikanische Sol- daten untergebracht. Die Höchstzahl der registrierten Kriegsgefangenen ist für September 1 944 mit 33.408 angege- ben. Die meisten von ihnen wurden in Arbeitskommandos ausserhalb des La- Schaft und in der Industrie eingesetzt. Ab Sommer 1940 stellten die Fran- zosen die größte Gruppe im Lager unter ihnen der spätere franzöische Staatspräsident Francois Mitterand. Zu diesem Zeitpunkt wichen die Zel- te des ersten Kriegsjahres festen Ba- racken. Unmißverständlich verlangt der Artikel 10 der Genfer Konvention: PDie Kriegsgefangenen sind in Häu- sern oder Baracken unterzubringen, die jede mõgliche Gewähr für Rein- lichkeit und Zutròglichkeit bieten. Die Rdume missen vollständig vor Feuch rigkeit geschitzt, geniigend beheizt und heleuchtet vein. Zeitgleich wurden auch Latrinen- baracken, das Krankenrevier und die Entlausungsbaracke errichtet, s0 dass in der Folgezeit die Thyphus- und Ruhrerkrankungen- Folgen der kata- strophalen hygienischen Verhältnisse der Anfangszeit-zurückgingen. Ortliche Baufirmen errichteten un- gers Zur Zwangsarbeit in der Landwirt- K h ter Mitarbeit franzõsischer Kriegsge- Lagerstrasse des Stalag IX A Ziegenhain, 1942, heutige Hauptstrasse 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer fangener 1941 nach Plänen der Wehr- macht rechts und links mit der Giebel- Seite zur Lagerstraße hin Fachwerkba- racken, ca. 12 m breit und 60 m lang. Die Lagerstraße teilte das Lager in zwei beinahe gleich große Hälften. In den Fachwerk-Baracken nãchtig- ten die Kriegsgefangenen auf dreige- Schossigen Pritschen, auf Stroh, mit ei- ner Decke versehen. Obwohl eine ausreichende Beheizung technisch möglich war, berichten ehemalige Kriegsgefangene immer wieder von der unglaublichen Kälte in den Baracken, für deren Beheizung die wenigen Ka- nonenõfen unzureichend waren. Für etwa 300 Personen vorgese- hen, mußten die Baracken vor allem 1944, als die Belegschaft des Lagers 10.000 Menschen umfasste, bis Zu 800 personen aufnehmen. Die Steigerung der Kapazität erlangte man durch das Herausnehmen von Bettstellen oder auch der Zwischenwände. Das Stalag wies folgende deutlich von einander abgegrenzte Abteilungen auf: Zum einen das deutsche Lager mit den Unterkünften und Versorgungs- einrichtungen für die Wachmannschaf- ten, mit der Kommandantur, der Hauptwache, der Gerichtsbaracke, der Post-Baracke, dem Büro der Dolmet- scher, ferner mit der Entlausungsba- racke und dem Lagergefängnis. Hieran schloss sich das Vorlager mit Hand- werksbaracken, Wäscherei, Schusterei, und Lagerküche an, gefolgt vom ei- gentlichen Hauptlager. Im Hauptlager befanden sich die Unterkünfte der westeuropäischen, bw all jener Kriegsgefangener, für die die Genfer Konvention galt. Mit der Ankunft der ersten sowjetischen Kriegs- gefangenen im Herbst 1941 wurde ein Teil des bestehenden Lagers als'Rus- senlager“ vom Hauptlager abgetrennt. Die Trennung verschiedener Na- tionalitãten, die in der Genfer Kon- vention zur besseren Kontrolle in den Kriegsgefangenenlagern vorgesehen war, hatte im Falle der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand — Lagerküche, ca. 1942. Heute: Zaunfabrik Kübler, Trutzhain Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 fatale Folgen: Abgetrennt von den übrigen Kriegsgefangenen waren sie der internationalen Kontrolle, d.h. den Besuchen des IRK und anderer Orga- nisationen entzogen. In dem geson- derten Lagerbereich hatten die so- wjetischen Kriegsgefangenen und die italienischen Militärinternierten, die in Ziegenhain ebenfalls im'Russenla- ger“ untergebracht wurden, unter be- sonders menschenunwürdigen Bedin- 60 zu leiden; die Todesrate unter den sowjetischen Kriegsgefangenen war infolge schlechter Ernährung, un- menschlicher Transportbedingungen, mangelhafter Hygiene und ärztlicher Versorgung außerordentlich hoch. Die Arbeitskommandos In Hessen nahm das Stalag IX A Ziegenhain eine Zentrale Verteilerstati- on für Arbeitskräfte ein. Kriegsgefan- gene des Stalag arbeiteten in nahezu al- len Orten Nord- und Mittelhessens, im Frankfurter Hafen, in der Rhön, in nah- zu allen Orten der Schwalm zumeist in der Landwirtschaft, bei den Kommu- nen, in Handwerksbetrieben. Im weite- ren Kriegsverlauf ab 1940/41 zuneh- mend auch in der Industrie: Es sind Arbeitskommandos des Stalag IXA für die Munitionsfabriken in Allendorf, bei Buderus in Wetzlar, bei den Flug- motorenwerken in Kassel, bei den Beh- ringwerken in Marburg und bei der Stadtverwaltung Marburg etc. belegt. Lücken, die in den Betrieben durch die Finberufung von Arbeitern entstanden, Sollten durch den Finsat? ziviler Zwangsarbeiter und zunehmend durch Kriegsgefangene ausgeglichen werden. Das Arbeitsamt Marburg besaß im Stalag IX A Ziegenhain eine Außen- stelle für die Zuweisung der Kriegsge- fangenen in die jeweiligen Arbeitskom- mandos bzw. Arbeitsstellen. Die Kommandos, die je nach EFinsatzort zwi- Schen 3 und mehreren Tausend Kriegs- gefangenen stark sein konnten, erhiel- ten fortlaufende Nummern. Für das Stalag IX A Ziegenhain sind Ziffern über 3000 bekannt. In den Arbeitskom- mandos selbst waren die Arbeitsbedin- gungen, je nach Arbeitseinsatz und na- tionaler Zugehörigkeit der Kriegs- gefangenen, schr unterschiedlich. Die Einteilung erfolgte auch hierbei ent- sprechend der nationalsozialistischen Ideologie, an deren unterem Ende die Serbischen, sowjetischen und italieni- schen Gefangenen standen. Die unein- geschränkte Ausnutzung ihrer Arbeits- kraft ging einher mit einer unzurei- chenden Verpflegung und unmensch- lich scharfen Bewachung, Menschen- rechtsverletzungen und Grausamkeiten waren die Folge. Für die Betriebe war der Einsatz von Kriegsgefangenen ein lohnendes Geschäft, durch das Uber- Schüsse erwirtschaftet werden konnten, daz. B. in der Industrie für einen Kriegs- gefangenen nur etwa 20 Prozent des Stundenlohns eines deutschen Arbei- ters Zu entrichten waren. Zwei Friedhöfe Die systematische Ungleichbe- handlung und Trennung der verschie- denen Gefangenengruppen fand ihre konsequente Fortsetzung über den Tod hinaus in der Gestaltung der Friedhö- fe und in der Bestattungspraxis: Die westallierten Toten des Stalag IX A wurden auf dem heutigen Gemeinde- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer friedhof Trutzhains in der Regel in der Mittags?Zeit bestattet, damit das Lãuten der umliegenden Dorfkirchen für ei— nen feierlichen Rahmen genutzt wer- den konnte. Ihre Gräber erhielten Holzkreuze, die die biographischen Daten der Toten trugen. Im Gegensatz zu diesem nach inter- nationalen Konventionen vorgenom- menen Bestattungszeremoniell für die franzõsischen, polnischen und amerika- nischen Toten, wurden die sowjetischen und serbischen Soldaten in z. I. mehr- fach belegten Finzel- oder Massengrä- bern anonym im Wald verscharrt, manchmal auch an die Anatomie der Universität Marburg abgegeben. Die beiden getrennt angelegten Friedhöfe gehören heute wie der Ort Trutzhain Selbst-zum Gedenkstättenkonzept. Die im Aufpau befindliche Gedenk- stätte hat auch über das Land Hessen hinaus exemplarische Bedeutung für den Verfolgungskomplex der Kriegsge- fangenen. Sie verdeutlicht an einem authentischen Ort das Leiden und Ster- ben, aber auch den Missbrauch zur Zwangsarbeit gezwungener Kriegsge- fangener aus mehreren Ländern West- und Osteuropas. Ihr kommt damit eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Unrechtsge- schichte zu, in der die võlkerrechtswid rige Behandlung der Kriegsgefangenen aus ganz Furopa bisher zu wenig be- achtet wurde. Als Lernort und Begegnungsstätte, aber besonders als Gedenkort soll das neue Museum zwischen Vergangen- heit, Gegenwart und Zukunft vermit- teln und zur politischen Bildung und Friedenserziehung beitragen. Ankunft sowjetischer Kriegsgefangener im Stalag IX A Ziegenhain, 1941 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 „Schön, dass ihr an uns denkt“ Spontane Finzeſfallhilfe für die Witwe eines Auschwitz-Häftlings Von Diethardt Stamm Unser Mitteilungsblatt wird außer- halb unserer Mitgliedschaft von vielen Sympatisanten und einschlägigen In- stitutionen aufmerksam gelesen. Das belegen viele Rückmeldungen. Uber diesen Weg erreichte uns im März ein 6 der KZGedenkstãtte Neuen- Lamme. Der dortige Mitarbeiter, Georg Erdelbrock, bat um Unterstũtzung in einem besonderen Fall, dessen wich- tigste Stationen nachstehend doku- mentiert sind. Der Vorstand der LGA hat der Bitte entsprochen. Im Alter von 21 Jahren wird im Mu- ni 1940 Wladyslaw Wolowiec in Lancut im Bezirk Krakau/Polen als Zivilarbei- ter für Deutschland zwangsrekrutiert. Drei Monate spãter verhaftet ihn die Gestapo in Altburg zusammen mit weiteren Personen in Deutschland und Polen, weil die Gruppe das Ge- wehrschloss eines Karabiners nach dem Finmarsch der Wehrmacht in Po- len versteckt hatte, was durch Verrat bekannt wurde. Er lernt mehrere Ge- ise in Deutschland und Polen kennen, um am 25. Februar 1941 als Hãftling Nr. 10733 in den Block 4 des KꝰZ Auschwitz zu gelangen. Zwei Monate spãter wird er in das K?Z Hamburg-Neuengamme überwie- Sen. Von dort gelangt er am 29. Septem- ber 1943 in das KꝰZ Buchenwald/Kom- mando Saalfeld und wird noch am 19. April 1945 in das KZ Dachau/Kom- mando Mlach eingewiesen. Er steht dann auf der Befreiungsliste der US- Army. Die ganze Kriegszeit verbrachte Wladyslaw Wolowiec in den Händen der Nazis, und er ist der einzige aus sei- ner Kameradengruppe, der die Nazi- und Konzentrationslagerzeit überlebte. Nach Kriegende lebt Herr Wolo- wiec mit seiner Frau Julia unter be- scheidenen Verhältnissen wieder in Fancut. Er erhält über umständliche Wege bescheidene Unterstützungen des Maximillian-Kolbe-Werkes und von Privatpersonen aus Calw. Diese kümmern sich um ihn, weil sie sich bei weiteren ehemaligen polnischen In- haftierten in Calw engagieren. 1986 schreibt Wladyslaw Wolowiec den Deutschen Bundestag an und bittet um Hilfe. Die Antwort des Petitionsaus- schusses vom 4. November lautet u. a.: Leider muß ich Ihnen mitteilen, dass der Deutsche Bundestag Ihnen nicht helfen kann. Aufgrund des Abkom- mens über deutsche Auslandsschulden vom 2. Februar 1953 sind Entschä- digungsleistungen der Bundesrepublik Deutschland an Einzelpersonen grundsätzlich ausgeschlossen.“ Am 2. März 1997 stirbt Wladyslaw Wolowiec ohne dass sich jemals etwas an den bescheidenen Lebensverhältnis- sen geändert hat. Seine Witwe ist krank. Hoffnung erfãhrt sie durch die deutsch- polnische Stiftung in Warschau, die die Mittel der neuen deutschen Stiftung Brinnerung, Verantwortung und Zu- kunft“ verteilen soll. Frau Wolowiec be⸗ sorgt sich ein Antragsformular und muss über das beigefüũgte Informations- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer blatt feststellen, dass Hãäftlingswitwen nur dann Ansprüche geltend machen können, wenn der Ehemann nach dem 15. Februar 1999 gestorben ist. Die Krankheit der Witwe schreitet voran, und Anfang des Jahres 2000 wird sie in die hõchste Invalidengruppe ein- gestuft. Sie ist auf Medikamente ange- wiesen und verschiebt zwei notwendige Operationen. Die KZGedenkstätte Neuengamme hilft mit bescheidenen Möglichkeiten. Uberschwänglich be- dankt sie sich für 50 DM und schreibt u.a. im Juli 2000: Leider lebt es sich in Polen immer schwerer, und man muss um Hilfe betteln, weil man nicht mit ei- ner Entschädigung rechnen kann“. Die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer be- Schließt eine Soforthilfe von 200 Euro. Die Hälfte davon benötigt Frau Wolo- wiec, um überhaupt ein Konto erõffnen zu können. Als EFNbieta Stamm sie im Namen der LGA anruft, freut sie sich über die Riesensumme“ und lãdt ent- Sprechend der polnischen Gastfreund- Schaft spontan zu einem Besuch ein. Der Lagergemeinschaft liegen um- fangreiche Dokumente aus dem Schriftverkehr von Wladyslaw und Ju- lia Wolowiec vor. Darunter sind er- schütternde Berichte aus der Zeit in den verschiedenen KZs und über di Situation nach 1945. Diese r auch, warum es wichtig ist, in solchen Fällen zu helfen, und warum wir auf Spenden angewiesen sind. Selbst rela- tiv kleine Betrãge bewirken viel in den betroffenen Familien, denen wir damit nicht nur materiell helfen. Wie schön ist es zu erleben, dass ihr an uns denkt? hat Frau Wolowiec am Telefon gesagt. Legalisierter Raub Der Fiskus und die Ausplũnderung der Juden in Hessen 19331945 Mit der Ausplünderung jüdischer Bürger in der Nazizeit beschäftigt sich eine Ausstellung des Fritz Bauer Insti- tutes und des Hessischen Rundfunks. Sie ist noch bis zum 28. Juni im Frank- furter Funkhaus tãglich von 9 bis 20 Vhr zu sehen(Info-Tel. 1553119, Mo— Fr 9 bis 18 Uhr). Für die pãdagogische Ar- beit werden Materialien erstellt. 1008 hatte der damalige Finanzmi- nister Karl Starzacher(SPD) die Fi- nanzbehörden angewiesen, nach Un- terlagen über die fiskalische Ausplün- derung zu suchen. Die gesichteten Ak- ten zeigen, dass die so genannte Ari- sierung jüdischer Unternehmen nur die Spitze des Fisberges“ war: In en- ger Kooperation zogen unterschiedli- che Dienstsellen gemeinsam mit der Gestapo in gesetzlich legalisierten Ak- tionen Sparbücher, Devisenguthaben und Wertpapierdepots ein. Die Opih wurden mit Sondersteueren und Straf? kontributionen belegt, ihr Hab und Gut versteigert. Diese Ausplünderung war wichtiger Teil der Vernichtungs- maschinerie und zugleich Bestandteil der NSKriegswirtschaft. Es wird auch nach dem„deutschen Volksgenossen“ als Profiteur gefragt sowie nach der Wiedergutmachung“ nach Kriegsen- de: Wie erfolgreich konnte die Rücker- stattung angesichts weitgehend ableh- nenden Haltung der Bevõlkerung sein? Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Mit Ihrer Spende helfen Sie direkt ehemaligen Auschwitz-Häftlingen Wie die Berichte in diesem Heft verdeutlichen, benõtigen ehemalige KZ⸗ Hãftlinge in Polen weiterhin dringend der Hilfe. Ebenso wichtig wie die finanzi- elle Unterstützung ist ihnen die geleistete immatrielle Solidaritãt. Sie freuen sich, dass es Menschen in Deutschland gibt, die das ihnen von Deutschen angetane Keid, anerkennen und sich für ihre Lebensgeschichte interessieren. Mit Ihrer Spende bei der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer kõnnen Sie direkt den Freunden in Polen helfen. Wie immer liegt 3 ein Uberweisungsformular diesem Mitteilungsblatt bei. Vielen Dank. Dankeschön aus Warschau Jan Kazimerz Bokus, Präsident des polnischen Verbands der ehemaligen politischen Häftlinge der Nazi-Ge- fängnise und der Konzentrationslager, Klub Auschwitz-Birkenau in War- schau, bedankte sich in einem Brief für die überwiesenen Spendengelder. Wie er bestãtigte, wurden davon je- weils 250 Euro als Einzelfallhilfe an vier kranke Frauen weitergeleitet, die aufgrund ihrer schlechten sozialen Si- tuation kein Geld für ambulante me- dizinische Behandlung sowie für den Kauf von Medikamenten und Hilfs- mitteln wie Blutdruck- oder Zucker- Messgeräte haben. Die Verwendung von Spendengeldern Neben den geschilderten Soforthil- fen hat die Lagergemeinschaft im lau- fenden Halbjahr 2002 den Klub der Auschwitzhäftlinge in Krakau mit 00 Furo unterstũtzt. Der Hãftlingsklub in Zgorzelec be- kam 1200 Furo, mit denen der Arzt fi- nanziert wird, der die ehemaligen Hãftlinge medizinisch betreut. Wie Präsident Stanilslaw Hantz mitteilte, muss der Arzt immer häufiger die Pa- tienten zuhause aufsuchen, weil sie für einen Besuch in den vereinseigenen Klubrãumen zu krank oder zu alt sind. Der Klub in Warschau erhielt ins- gesamt 2500 Furo, wovon 1000 Euro direkt für die vier oben genannten Patientinnen ausgegeben wurden. Für unsere beiden Pflege-Paten- schaften in Krakau(Siche MB 2/2000) sowie für physiotherapeutische Auf- wendungen wurden im Frühjahr die- Ses Jahres insgesamt 2280 Furo über- wiesen. Mit 2000 Buro wird eine Publikati- on des ehemaligen Auschwitz-Hãäft- lings Professor Henryk Pierzchala mit- finaziert. Das Buch„Die hilfreichen Hãnde der EFuropãer“ soll sich vor al- lem an Jugendliche wenden. Mithe- rausgeber sind das Staatliche Museum Auschwitz und die„Stiftung des Ge- denkens an die Opfer des Vernich- tungslagers Auschwitz-Birkenau“. 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wie hereits in einigen Ausgaben des Mitteilungsblattes berichtet hat die Lagerge- meinschaft· Freundes Kreis der Auschwitzer die Veròffentlichung der Pokumen- rutionsbücher vowohl über die Nansporte von Warschau als auch von Krakau nach Auschwitz fnaziell unterstiitzt Die Bände über die„Polentransporte“ von Kralkcau nach Auschwitz vollen noch diesen Sommer publiziert werden. Aus dem Buch der Erinnerung Ubersetzt von Elzbieta Stamm Frugmente einer Zeugenaussage von Frau Wanda Lurie, niedergeschrieben am 2. September Ia in einer Ambulanz des Polnischen Rotes Kreues in Podkowa Lesna(Ortschaft in der Nãhe von Warschau die Uheys.). Ich wohnte in Wola, Mialdowska- straße Nr. 18.(Stadtbezirk von War- schau die Ubers.). Am 1. August um 3 Uhr am Nachmittag begannen hier die erbitterten Kämpfe; die Situation war um so schwieriger, weil die hier zahl- reich wohnenden Volksdeutschen aus dem Versteck auf die Aufständischen Schossen.(..) Es kamen Deutsche, sie haben alle Männer auf die Straße ge- jagt, befahlen Barrikaden abzubauen und begannen, die Wohnungen in Brand zu stecken. Sie haben in die Woh- nungen Flaschen mit Benzin reinge- worfen, ohne die Einwohner zu warnen, S0 dass sie keine Chance hatten, recht- zeitig auf die Straße zu fliehen. Bis zum 5. August war ich im Keller des Hauses Nr. 18 versteckt. An diesem Tag, etwa zwischen 11 und 12 Uhr wur- den alle aufgefordert, den Keller zu ver- lassen, wir wurden in die Wolskastaße getrieben. Es herrschte eine große Eile und Panik. Mein Mann war nicht da, er kehrte aus der Stadt nicht zurück. Ich blieb alleine mit drei Kindern 4, 6 und 12 Jahre alt, und ich war im letzten Mo- nat schwanger. Ich zõgerte in der Hoff- nung, dass die Deutschen mir erlauben, im Keller zu bleiben und verließ ihn als die Letzte. Alle Finwohner unseres Hauses waren schon an der Fabrik Ur- sus“ an der Wolskastraße und Skiernie- wickastraße versammelt, ich sollte auch dorthin gehen; so ging ich ganz alleine mit meinen Kindern Vom Hof der Fabrik aus hörte ich Schüsse, Schreie, Stöhnen, Flehen, wir hatten keinen Zweifel daran, dass dort Massenexekutionen stattfinden. Die am Eingang zum Hofgelände Stehenden wurden in 20 er Gruppen reingescho- ben. Ein 12jãhriger Junge wurde wahn- sinnig, als er geschen hat, wie seine E- tern und sein Bruder getõtet wurden, er begann zu schreien. rief seine toten E tern. Die Deutschen und Ukrainer schlugen ihn, als er versuchte, durch das Jor in den Hof᷑ zu kommen. Wir wussten also, was uns erwartet. lch blieb die ganze Zeit möglichst hinten und hoffte, dass sie die schwan- geren Frauen nicht tõten. Ich wurde je- doch in der letzten Gruppe in den Hof reingefũhrt. Auf᷑ dem Fabrikgelände vah ich links und rechts mehrere Berge von Leichen, etwa 1 Meter hoch. Wir wur- den in den zweiten Hof geführt. Unsere Gruppe, etwa 20 Leute, bestand vor al- lem aus 10 bis 12 jährigen Kindern, es waren Kinder ohne EFltern, eine gelähmte alte Frau wurde die ganze Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Zeit von ihrem Schwiegersohn auf dem Rücken getragen, daneben ging ihre Tochter mit zwei 4 und 7jãhrigen Kin- dern. Alle wurde getötet, die alte Frau direkt auf dem Rücken ihres Schwie- gersohnes. Die Menschen wurden in Viererreihen vor einen Leichenberg ge- Stellt und mit Genickschuß hingerichtet. Ich war in der letzten Viererreihe. lch flehte die Ukrainer an, dass sie mich und die Kinder schonen. Sie haben mich efragt, ob ich mich loskaufen kann. Ich hatte Gold dabei und gab es den Ukrai- nern, sie nahmen alles und wollten uns wegführen, jedoch ein Deutscher, der diese Exekution leitete, hat dies verhin- dert. Ich flehte den Deutschen an, küss- te seine Hãnde, er schubste mich aber, ich fiel zu Boden und er schrie'schnel- ler“. Er schubste und schlug auch mei- nen ãltesten Sohn undschrie'schneller, schneller, du polnischer Bandit“ Ich näherte mich der Exekutionsstelle, in der rechten Hand hielt ich zwei Händ- chen von meinen kleineren Kindern, in der linken das Händchen des ältesten Sohnes. Die Kinder weinten und bete- ten. Der erste Schuss tõtete meinen Al- testen, der zweite traf mich, der nächste tõtete meine jüngeren Kinder. Ich fiel zur Seite, der Schuss war nicht tõdlich. Die Kugel ging am Genick links rein und ging an der Wange raus. Ich bekam eine Schwangerschaftsblutung, aus dem Mund spuckte ich Blut und ein paar Zähne. Die linke Kopf- und Körpersei- te waren gefühllos, ich war aber bei Be- wusstsein und konnte alles beobachten. Die Exekution wurde weiter durch- geführt und die Leichen fielen auf mich. lch war unter vier Männern begraben. Die Exekution dauerte bis in die Spãten Abendstunden. In den Pausen durch- suchten die Henker die Leichen, raub- ten sie aus, schossen auf die, die noch Febenszeichen gaben. Mir haben sie die Uhr vom Arm gestreift, ich stellte mich tot. Sie berührten die Leichen nicht di- BRIEF EINEs 18-AHRIGENHAFTILINGsS, TEILNEHMER DEs WARSCHAUER AUFSTLANDEsS Liebe Mama ich schicke herzliche Grüße. Die Deut- schen haben mich und den Pa- pa mit anderen Menschen aus Warschau ins Lager nach Au- schwitz gebracht. Der Papa lebt schon nicht mehr, weine nicht, Mama, wenn ich auch sterbe. Unsere Körper werden zur Erde. Auf dieser Erde ent- Abschrift eines Kassibers eines unheltannten 18. jährigen Häftlings, der während des Warschauer Auf- Sands zusummen mit seinem Vater nuch Auschwit⸗ gehracht worden ist. Der Kassieher wurde übergeben und verschickt durch Rudolf GrzybosMi, der im KI. Auschwitz als Zivilurbeiter beschdftigt wur steht das Haus der Republik Polen. Bleibe mit Gott. Dein Dich liebender Sohn Zbyszek. Der Brief wurde aus Qt- wocMk am 23. 10. 10dd verschickt. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer rekt, Ssondern durch ein Stück Stoff. Sie sangen dabei und tranken Schnaps. Ne- ben mir lag ein Mann, der immer noch rõchelte. Sie brauchten 5 Schüsse, bis er endgültig tot war. Diese Schüsse ver- letzten meine Beine. Ich lag in einer Blutlache und überlegte, wie lange wer- de ich mich noch so quãlen und langsam sterben. Gegen Abend ist es mir gelun- gen, die auf mir liegenden toten Leiber wegzuschieben. Im Laufe des nãchsten Tages haben die Deutschen 23Mal vorbeigeschaut, sie sind mit den Hunden über die Lei- chen gelaufen“ und haben geprüft, ob jemand überlebt hat. Am dritten Iag ha- be ich Bewegungen des Kindes in mei- nem Bauch vernommen, und der Ge- danke, dass dieses Kind nicht sterben darf, verursachte, dass ich mich um- schaute und nach Rettung suchte. Auf allen Vieren robbte ich über die Lei- chen und suchte nach einem Ausweg. lch wusste, dass der Weg durch den er- sten Hof mit Leichen versperrt war. Hinter dem Tor hörte ich Stimmen der Deutschen. Ich robbte in den dritten Hof, und hier fand ich in einer Halle ein Versteck, wo ich die ganze Nacht blieb. Es war eine schreckliche Nacht. In der Nähe standen sogar Tiger“ und die Flugzeuge bombardierten ständig. lch glaubte, dass die Fabrik mit allen diesen Leichen jeden Moment brennt Am Morgen wurde es still. Ich kletter- te auf das Fensterbrett und schaute in den Hof. Ich sah eine Frau, wie durch ein Wunder gerettet, dann noch einen etwa 60 jährigen Mann, der gerade sein Auge verloren hatte. Nach einem langen Suchen nach einem Fluchtweg verließen wir das Fabrikgelände. Der Mann blieb, da er Stimmen der Ukrai- ner gehört hatte. Kaꝛimierz Smolen-Auschwitz-Häftling Nr. 1327 Von Gerhard Herr Kazimierz Smolen, Auschwitz-Häft- ling und nach dem Ende des Krieges langjähriger Direktor des Staatlichen Museums Auschwitz, berichtete am 13. März in Wetzlar im„Buchladen am Kornmarkt“ auf Einladung der Lager- gemeinschaft vor rund zwei Dutzend Zuhörern über seine Häftlingszeit und seine spãtere Arbeit in der Gedenkstãt- te. Gefõrdert wurde die Veranstaltung durch die Hessische Landes?entrale für politische Bildung. Als einer der immer weniger wer- denden authentischen Zeitzeugen sich selbst nennt er einen„etzten Mohika- ner“ bringt Smolen in Schulen und an- deren Bildungseinrichtungen seinen Zuhörern die Folgen einer menschen- verachtenden Ideologie nahe, die mit dem Ende des NSRegimes keineswegs zu existieren aufgehört hat. Kazimierz Smolen(¶Jahrgang 1920 wurde als Gymnasiast schon im Herbst 1939 wegen seiner Arbeit im polnischen Untergrund gegen die NS- Besatzer verhaftet und nach einem Gefängnisaufenthalt in Krakau im Ju- ni 1940 in das im Aufbau befindliche Konzentrationslager Auschwitz einge- liefert. Mit der Hãftlingsnummer 1327 gehörte er zu den ersten polnischen Transporten, die nach Auschwitz ka- men. Er hat dieses KZ bis zu seiner Verlegung ins K?Z Mauthausen(bei Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Linz in Osterreich) Anfang Januar 1945 nicht mehr verlassen. Ihm ver- danken wir Nummernverzeichnisse von im Lager angekommenen Trans- porten, darunter auch von solchen mit jüdischen Häftlingen, die mit Num- mern der Serien a“(wurden nament- lich registriert) und„b(wurden ohne namentliche Registrierung sofort in den Gaskammern ermordet) gekenn- eichnet wurden. Diese Verzeichnisse Gden unter Lebensgefahr von Smo- len und anderen Hãäftlingen, die von der S8 zur Arbeit im Aufnahmebüro der Politischen Abteilung abkomman- diert waren, an Widerstandsorganisa- tionen weitergegeben. Auschwitz ließ Kazimierz Smolen auch nach dem Krieg nicht mehr los: Von 1952 bis zur Wende in den 90er Jahren war er Direktor der Gedenk- Stätte Auschwitz-Birkenau. Er arbei- tete über juristische und historische Fragen, war Gutachter im großen Frankfurter Au- Schwitz-Prozess von 1963 bis 1965 und begleitet auch heute noch als Zeitzeuge Gruppen beim Rundgang durch das heutige Mu- Geumsgelande Auschwitz. Darunter sind besonders viele deutsche Gruppen, denn die Sprache seiner einstigen Peiniger spricht er scehr gut. Noch immer wohnt Kazimierz Smolen auf dem Gelände des ehe- maligen Lagers. In seinem eindrucksvol- len Vortrag schilderte der 82Jährige sehr sachlich und emotional zurückhaltend die Geschichte des Lagers, dessen All- tags mit seinen vielen unvorhersehba- ren Grausamkeiten, gelungenen und fehlgeschlagenen Fluchtversuchen und nicht zuletzt seine eigenen Erlebnisse bis zu seiner Befreiung am 3. Mai 1945 durch die USamerikanische Armee im österreichischen Salzkammergut, wo- hin er nach seiner Verlegung aus Maut- hausen verbracht worden war. Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum nahmen Referent und Zuhörer mit betroffenem Erstaunen zur Kenntnis, dass zwischen dem Wetz- larer Raum und der Mordmaschinerie von Auschwitz bestanden und bestehen. Hier waren nach 1945 die Familien von SSOberscharführer FW. Boger, Mit- glied der berüchtigten„Politischen Ab- teilung“ in Auschwitz und„Erfinder“ des Folterinstrumentes„Bogerschau- kel“, und des KZArztes und SSStand- ortar?t Dr. Friedrich Entress zu Hause. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Dieses Mal kamen wir freiwillig Von Jaroslav Vrba Mit Tadeus Grabal aus Polen Sowie Jaroslav Vrha, Jaroslav Sima und Zdenehk Halas aus Ichechien weilten(viehe Mitteilungsblatt 2/2001) ehemalige Zwangs- arbeiter auf Finladung der Arbeisgruppe„Ausgegrenzte Opferꝰ acht Jage lang in Frankfurt am Main und nahmen auch an der Gedenkveranstaltung am 27 Ja- nuar 2002 teil. Durch diesen Besuch füihlte vich die Stadt Frankfurt in Zugz wang geserzt mit ihrem längst versprochenes Besuchsprogrumm für ehemalige Zwangs- arbeiter ⁊u beginnen. So Kam im Mai endlich der erste Besuch zustunde. 7930 war die Vchechoslowalkei falktisch zerschlagen und das zwangsweise einge richtete„Protektorat Böhmen und Mähren“ dem Deutschen Reich cecle0. woyden. Nach dem Slogan„Das Protektorat Schenkt dem Führer den Jahrgung 7024 wurden 1aa junge Wchechen nach Peuuschland verschickt. Im Vergileich mit Zwungsverschleppten aus anderen Lãnder wuren vie privilegiert wie die drei Gã ste im Januaur besonders gegeniber Jadeus? Grabal betonten. So durften sie hei- spielsweise bei Viegeralarm mit den Ariern? in den Bunkern Schuit suchen. Jaro- lav Vrba berichtet in diesem Beitrag über veine Findrücke damals“ und heute. Vier ehemalige Zwangsarbeiter ka- men diesmal freiwillig auf Einladung der Gruppe„Ausgegrenzte Opfer“ zu Besuch nach Frankfurt am Main. Bei ihrem ersten Aufenthalt sollten sie die durch den Krieg entstandenen Verluste an Arbeitskräften ersetzen. Es war 1944, als die Fliegerangriffe sich von Tag zu Tag steigerten und die Wehr- macht sich Siegreich' im Osten absetz- te. Unsere Eltern waren damals un- glücklich und wir Neunzehnjährige mussten widerwillig ins Unbekannte fahren.(.) In Frankfurt wurden wir in Holzbaracken untergebracht und bei der Firma Telefonbau und Normalzeit zur Arbeit eingewiesen. S0 haben wir am eigenen Leib mit der deutschen Be- võlkerung den Krieg ertragen müssen, obzwar wir diesen Krieg nicht wollten im Gegenteil. Von diesem Tag an kann- ten wir nur den Weg von der Baracke in den Betrieb und zurück und wãhrend der Fliegerangriffe in den Bunker() Im Chaos nach einem schweren Bombenangriff sind wir zu Fuß nach Darmstadt gegangen, wo wieder Züge fuhren, und sind unbemerkt nach Hau- se gefahren. S0 endete unser dreimo- natiger Aufenthalt und auch unsere er- zwungene Mitarbeit für die deutsche Kriegsmaschinerie. Dank der Finladung konnten wir nun nach 59 Jahren ein friedliches Deutschland und ein sich als Großstad entpupptes Frankfurt ne Und es ist vieles zu bewundern() Ei- nes hat sich wahrscheinlich nicht ver- ändert, das ist die hohe Lahl der Zu- wanderer aller mõglichen Nationali- täten, die nun allerdings nicht zwangs- weise nach Frankfurt gekommen sind, wie wir 1944. Aber das größte Erlebnis war für uns die Begegnung mit den Menschen und Freunden von der gastgebenenden Gruppe, die viel von ihrer Freizeit auf- wandten, sich um uns kümmerten und Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 sich für uns und un- sere Geschichte in- teressierten. Wir ha- ben Gedenkstätten gesehen, die an die Verbrechen der NS- Zeit erinnern, wir trafen mit Schüler- innen und Schülern zusammen, mit Ge- werkschaftern und mit Wissenschaftlern des Sigmund-Freud- instituts(.). Besuch im Stadtarchi Frankfurt mit Akten, die Auskunft über Zwangsarbeit geben. Links Jaroslav Vrba, daneben Tadeusz Grabal und Jarosla Sima(nicht im Bild Zdenek Halas). Entschädigung und die Debatte um Wiedergutmachungs?zahlungen“ an die Opfer des Nationalsozialismus Von Piethardt Stamm Unter dem Nitel der Uberschrift rief die Lagergemeinschaft Auschwitz ge- meinsam mit dem Arbeitskreis Erinne- rungskultur der Marburger Geschichts- werkstatt, dem AstA der Philipps- Universität Marburg und der Hessi- Schen Landeszentrale für politische Bil- G* am 4. März 2002 zu einer Veran- Staltung im Marburger Rathaus auf. Der Abend war Teil der Reihe Zu- kunft der Erinnerung- Vom Umgang mit der Vergangenheit“. Hauptredner war Günter Saathoff von der Stiftung Prinnerung, Verantwortung und Zu- kunft“ in Berlin(Siehe MB 2/2001). Saathoff ist Generalbeauftragter der Stiftung für den Bereich der Zusam- menarbeit mit den Partnerorganisatio- nen und berichtete über den aktuellen Stand der Auszahlungen. Die meisten Antragsteller, rund 273.000, kamen aus Polen, gefolgt mit 100.000 aus der Ukraine, 48.000 aus Tschechien, bis hin zu der kleinsten Gruppe von 142 aus Lettland. Saathoff berichtete über die Aus?zah- lung in Tranchen und dass bis Anfang März 2002 schon über 2,2 Milliarden DMark und somit mehr als ein Viertel der vom Bundestag beschlossenen Ge- amtsumme ausgezahlt wurde. Verzõge- rungen habe es wegen des Arbeitsauf- wandes bei der Euro-Umstellung und wegen verspätet eingereichter Listen von den Partnerorganisationen gege- ben. 95 Prozent der genannten Opfer hätten eine Auszahlung bewilligt be- kommen, lediglich für Sterbefälle, Ver- Zogene oder im Krankenhaus befindli- che Personen sei ein separates Ab- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer rechnungsverfahren durchgeführt wor- den. Ein markanter Finschnitt sei die gesetzlich geregelte Antragsfrist bis maximal zum 31. Dezmeber 2001 ge- wesen. Nur mit besonderen Begrün- dungen kõnnten verspãtet eingegange- ne Anträge bei einer N lung“ noch bearbeitet wer- den. Man sei nun zügig mit der Auszahlung der zweiten Rate beschäftigt. Der Generalbeauftragte erläuterte das Verfahren der Prüfungen in den sie- ben Partnerorganisatio- nen. Dabei gehe es nicht nur um Kontrolle, sondern vor allem um die Klärung von Zweifelsfragen und das Aufzeigen von Gesetzesregelun- gen. Auch konkurrierende nationale Gesetzgebungen hätten aufgearbeitet werden müssen, und über 1700 soge- nannte andere Haftanstalten“ habe man zZu bewerten gehabt. Schwierig sei auch die Beantwortung von mehreren tausend Anfragen und Beschwerden von Opfern bzw Opferverbãnden ge⸗ wesen. Eine weitere Aufgabe seien um- fangreiche Berichte alle drei Monate an den Bundestag. Einen breiten Raum nahm der Be- richt von Günter Saathoff über die Zu- sammenarbeit mit den Partnerorgani- sationen ein. Bisher(Stand Februar 2002) habe man in 85 Ireffen eng und vertrauensvoll Fragen und Probleme anschneiden können. Schwierig sei die Weitergabe der Inhalte des Stiftungsge- Setzes und der internationalen Verhand- lungsergebnisse von den Partnerorga- nisationen zu den Opferverbänden. Deren Erwartungen seien häufig höher Günter Saathoff als das, was tatsãchlich realisiert werden könne. Man sei aber eng an das Stif- tungsgesetz gebunden, da jegliches Handeln der Rechtsaufsicht des Bun- desfinanzministeriums und der Prüfung durch den Bundesrechnungshof unter- liege. Das wirtschaftliche Handeln und 1 das Finanzmanagement der Bundesstiftung würde be- sonders den Kriterien der sicherheit der angelegten Mittel und der raschen Ve fügbarkeit genügen. n0 wolle man nicht erwirt- schaften, das Geld solle möglichst schnell den Op- fern zukommen. Trotzdem sei die Planung der Ausga- benseite ein großes Pro- blem, da die Partnerorganisationen auch nicht genau sagen könnten, wann welche Tanche angefordert werde. Für die Verwaltung der Gelder und die Aus- zahlung insbesondere in Osteuropa ha- be man die deutschen Großbanken mit ihren Erfahrungen beauftragt. Diese „Hausbanken“ hätten sich auch als Gründungsmitglieder der Stiftung an deren Kapital beteiligt und vomit ein ei- genes Interesse an der reibunglosen Umsetzung des Stiftungsgesetzes. 6 Abschließend berichtete Saathof von den Richtlinien ũber den Ausgleich von'sonstigen Personenschãden“. Hier geht es um Begriffsbestimmungen bei Zwangsarbeiterkinderheimen und die Definition von'medizinischen Versu- chen“. Für diesen Bereich wird die Stif- tung ein eigenes Prüfteam bilden. Der Vortrag war Grundlage für eine lebhaf- te Diskussion. Eine politische Bewer- tung und kritische Beurteilung des Stif- tungsgesetzes standen im Vordergrund. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Noach Flug neuer Präsident IAK-Generalversammlung in Oswiecim(von links am Präsidiumstisch): Carry van La- kerveld, Noach Flug, Kurt Goldstein, Kazimierz Albin und Janos Frühling. Vom 7. bis 9. Juni tagte in Oswiecim die Generalversammlung des Interna- tionalen Auschwitz Komitees([AK), zu dem sich vor 50 Jahren ehemalige Hãäft- linge des KZ Auschwitz-Birkenau zu- sammen geschlossen hatten. Auf drei Hauptiele wurde das IAK damals ver- pflichtet: 1. Zeugnis abzulegen, was im Lager geschehen ist; 2. Zusammen mit polnischen Be- hörden dafür Sorge zu tragen, dass das ehemalige KZ Gelände als Mahnmal erhalten bleibt; 3. Für Entschädigungen an die Op- fer zu kämpfen. Im Lauf der Jahre lud das IAK ne- ben den Hãftlingsorganisationen auch andere Vereine und Verbãnde zur en- gen Zusammenarbeit ein, die sich für die oben genannten Ziele einsetzen und den Verdrängern und Auschwitzleug- nern Paroli bieten. So wurden nun vier weitere Organisationen aufgenommen (u.a. der in Kõln ansãssige„Bundesver- band Information und Beratung für NS- Verfolgte). Im IAK sind derzeit 40 Or- ganisationen aus 17 Ländern zusam- mengeschlossen. Neuer IAK-Präsident wurde Noach Flug(Israel) in der Nachfolge des ver- storbenen Kurt Hacker(Osterreich). Um die pãdagogische und politische Arbeit zu intensivieren, wurde Chri- Stoph Heubner zum Fxekutiv-Vizeprä- sidenten gewählt und beschlossen, ein Koordinations-Büro des IAK in Berlin einzurichten. Weitere Mitglieder des Prãsidiums sind: Kazimierz Albin(Po- len), Janos Frühling(Belgien), Roman Kent(USA), Felix Kolmer(Tschechi- en) und Carry van Lakerveld(Nieder- lande). Kazimierz Smolen unterhält weiterhin im Auftrag des IAK ein Büro in der Gedenkstätte Auschwitz. Kurt Goldstein(Berlin) wurde einstimmig zum Ehrenpräsidenten gewählt. Im [AK-Leitungsgremium ist Albrecht Werner Cordt für die ILGA vertreten. Die Generalversammlung erlegte dem neuen Prãsidium insbesondere die Pflicht auf, sich der„Auschwitzlüge“, die vor allem im Internet ungestraft ver- breitet wird, energisch Zu widersetzen. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „EFin Triumph der Aufklärung“ Neuerscheinungen und Neuauflagen im Fischer TaschenbuchVerlag Sowie bei S. Fischer- Fine Sammelbesprechung Danksagung an Walter H. Pehle und den 8. Fischer Verlag Mehr als 150 Bände sind in der Reihe„Die Zeit des Nationalsozialismus“ ver- õffentlich worden, seit vor über zwanzig Jahren die ersten Ausgaben nach der Far- be des Finbands„Schwarze Reihe“ genannt im Fischer Verlag erschienen sind. Das Lob für das Lebenswerk des Herausgebers Dr. Walter H. Pehle ist einhellig. Es reicht von„Errungenschaft sondergleichen“(Vehuda Bauer) bis„Triumph der Aufklärung“(Raul Hilberg). Für sein Wirken erhielt der Historiker und Lekt Walter Pehle kürzlich das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Die schwarze Reihe ist der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer eine unerlãssliche Hilfe und ein sachkundiger Begleiter. Und so soll die nachfolgende Sammelbesprechung nicht nur ein Hinweis auf Neuerschei- nungen sein sondern auch eine Danksagung an Verlag und Herausgeber. Harald Welzer/ Sahine Moller/ Karoline Tchuggnall, „Opa war Kein Nazi“, Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedãchtnis Fischer Taschenbuch Verlag, Frank- furt am Main, Mai 2002 Unter dem aufschlussreichen Nitel „Opa war Kein Nazi“ werden die Er- gebnisse des Forschungsprojektes„Ira- dierung von Geschichtsbewusstsein“ am Psychologischen Institut der Uni- versitãt Hannover vorgestellt. Aus- gangspunkt der bestürzenden Studie ist die in der Einleitung vorgetragene Aus- Sage, gegenwärtig sei(zu ergänzen: im- mer noch)„weitgehend unerforscht, aus welchen Quellen sich das Ge- schichtsbewusstsein eigentlich speist“. Nach dieser Studie, die ihre Ergebnisse aus Einzelinterviews und Familienge- sprächen gewinnt, wissen wir es jetzt besser und vor allem genau genug um dort ansetzen und eingreifen zu kön- nen, woran Geschichtsvermittlung durch Schule und andere Bildungsinsti- tutionen sowie durch Bücher und son- stige Medien scheitert: im„Familienge- dãchtnis“ Wenn Familien im kommu- nikativen Gedãchtnis“ die Zeit des Na- tionalsozialismus tabuisieren, verzer- ren, schönen und die eigene Ver- strickung leugnen, dann richten.. Aufklärungsprogramme.. gegen das Fortdauern romantischer und verklär- ter Vorstellungen selbst dann nichts aus, wenn sie funktionieren.“ Dieser Be fund wird in acht hochinteressanten Kapiteln begründet und illustriert. Pas vorliegende Buch ist ein„absolutes Muss“ für jeden Geschichtslehrer, Poli- tiker, für jede Familie. Wodzimier Borodzie, Der War- Schauer Auſttund 1944 S. Fischer, Frankfurt am Main 2001 Wird diese Untersuchung über die Funktion des Familiengedächtnisses Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Moeimer Boochie De Mache utand uu als roter Faden benutzt, an dem sich die Besprechung der weiteren, hier vorgestellten Bücher orientiert, tut sich ein tiefes Loch auf. Was ist im deut- schen Familiengedächtnis über den Warschuuer Aufttund vom 1. August 1944 bis 2. Oktober 1944 kommuniziert und mit emotionaler Betroffenheit er- innert und weitergegeben worden? Wahrscheinlich nichts! Einige Bilder vom Kniefall Willy Brandts, der aller- dings dem Warschauer Getto-Aufstand vom 19. April 1943 galt, der Mitte Mai 1943 mit der Aufgabe der Aufständi- Schen endete. SS-Brigadeführer Stroop eldete die„nachweisliche“ Vernich- tung von„56.065 Stück Juden“. Zehntausende Deutsche, Väter, Mütter, waren an den Gräueln und Morden in Polen als Täter und Zu- schauer beteiligt. Hunderttausend mussten Bescheid gewusst haben. Aber im deutschen Familiengedächtnis fin- den sich keine Spuren. So ist auch das, nicht nur für Deutsche, überfällige Buch von Wlodzimierz Borodziej über den Warschauer Aufstand ein absolutes Muss. Wir verstehen nichts über Polen, nichts über Europa, nichts über uns, oh- ne in unsere Familiengeschichte einzu- treten und zu fragen, wo der Vater war, wo der Opa, wo die Familie, als allein beim Warschauer Aufstand 166.000 Zi- vilisten Opfer der Kãmpfe wurden und 70.000 Polen in KZs verschleppt wur- den. Das Buch ist als Hintergrund und Begleitlektüre für die in dieser Ausga- be des Mitteilungsblatts wiedergege- benen Dokumente aus dem Buch der Frinnerung Polentransporte aus Warschau unerlässlich. Frank Bajohn Parvenis umd Proßi- leure, Korruption in der NSZeit, S. Fischer, Frankfurt am Main 2001 Gerd R. Vehenchär Winfried Vogel Dienen und Verdienen, Hit- lers Geschenke an seine Eliten, Fischer Taschenbuch Verlag, 3. Auflage August 2001, Frankfurt am Main Was, um weiter zu fragen, ist im deutschen Familiengedächtnis über Profiteure, Korruption, Bereicherung, Raub fremden Guts durch führende NS-Repräsentanten, aber auch durch die so genannten Mitläufer, mit ehrli- Frank Bajohr Parvenüs und Profiteure Korruption in der NS-Zeit S. FISCHER 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer cher Betroffenheit gespeichert, einbe- kannt worden? Wie weit wurde die ei- gene Verstrickung den Kindern ge- genüber eingestanden? Wahrscheinlich oder sicher- abermals nicht! Deswe- gen sind auch die Bücher von Ueber- schär/Vogel und Bajohr ein absolutes Muss. Sie zeigen, dass die Grundlage der NSHerrschaft und ihrer rassisti- schen Vernichtungs-Ideologie eine rãu- berische Maschinerie zur Bereicherung, zur Gewinnung von Status, Geld, Do- tationen und Zuwendungen war. In den Worten von Bajohr:„Mit der Aufhe- bung der Gewaltenteilung beseitigten die Nationalsozialisten auch jene checks and halances, die effiziente Machtkon- trolle gewãhrleisteten“. Somit stellt sich die Frage, wie wãhrend der Jahre 1933 bis 1945 auch die eigene Familie von der Ausbeutung der Bodenschätze in den okkupierten Gebieten, dem Wegschlep- pen von Wertgegenstãnden und Vermõ- gen der Opfer profitiert hat. Wolfram Wette(Hrsg.), Retter in Uniform, Handlungsspielrãume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht, Fischer Taschenbuch Verlag, Frank- furt am Main, April 2002 Und schließlich das Buch Ketter in Uniform. Es waren kaum 100 Soldaten, die unter schwierigsten äußeren Bedin- gunen ihre humane Einstellung nicht verraten haben so der Freiburger Mi- litärhistoriker Professor Dr. Wolfram Wette. Von einigen dieser Retter und Helfer, für die Arno Lustiger den tref- fenden Begriff„Rettungswiderstand“ vorschlãgt, wird in diesem Taschenbuch berichtet. Den Hauptteil bilden die Ein- zeldarstellungen über Anton Schmid, Wilm Hosenfeld, Karl von Bothmer, Gerd K. Ueberschär/ Winfried Vogel Dienen und Verdienen Hitlers Geschenke an seine Fliten Reinhold Lofy, Frich Heym, Willi Schulz, Dr. Fritz Fiedler, Karl Laabs, Dr, Albert Battel, Max Liedtke und Heinz Drossel. Ihre Namen seien hier aus- drücklich genannt. Die Namen der Richter, die Todesurteile ausgespro- chen haben, die Namen der Täter in den Erschießungskommandos sowie der Denunzianten und all der anderen, die auf Seiten der Täter beteiligt waren, werden allerdings nicht genannt. Wa- rum eigentlich nicht? Was ist aus ihnen geworden? Was mõgen sie ihren Fami- lien über die Einsätze erzãhlt haben? Abschließend sei auf eine Studie der Universität EFssen hingewiesen, über die in der Frankfurter Rundschau vom 11. Mai 2002 unter der Uber. schrift„Forscher stoßen auf Sehnsucl nach neuem Selbstbewusstsein und Entlastung von Geschichte“ berichtet wird. Demnach will die Mehrzahl der befragten 2100 Studenten einen Schlussstrich setzen und endlich einer selbstbewussten Nation“ angehören. Welcher Art das Selbsthewusstsein ist, das aus Verleugnung und nicht tra- dierter Familiengeschichte erwächst, kann nur mit Erschrecken zur Kennt- nis genommen werden. Albrecht Werner-Cordt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Werte gegen Gewalt Buchbesprechung von Franz von Hammerstein Anna Pawelczynska, Werte gegen Gewalt Betrachtungen einer Soziologin über Auschwitz. Aus dem Polnischen von Jochen August. Verlag des staatlichen Mu- Seums Auschwitz-Birkenau, Oswie- 0 2001. ISBN 83-85047 913 Die Verfasserin dieses für das Ver- stãndnis von Auschwitz wichtigen Bu- ches war von Mai 1943 bis Oktober 1944 Häftling in Auschwitz. Vor und wãhrend ihrer Inhaftierung war sie im Widerstand gegen die Nazis. Auch im Polen der Nachkriegsjahre engagierte sie sich gegen das-nun- kommunisti- sche Regime. Anna Pawelczynska wurde im Mai 1945 nahe Flossenbürg befreit. Zurũck in Polen studierte sie Soziologie. Jochen August hat in einer„Fditorischen Nachbemerkung“ ausführlich den Le- bensweg der Verfasserin beschrieben. Erst 1973 konnte das Buch mit ermuti- gender Hilfe des ebenfalls ehemaligen und für die Ehe- aligen unerhört hilfreichen Arztes Stanislaw Klodzinski veröffentlicht werden. 1970 erschien eine englische Ubersetzung und erst jetzt, fast 30 Jah- re Spãter, auf Initiative von Jochen Au- gust, langjähriger Mitarbeiter von Akti- on Sühnezeichen, die deutsche Fassung. Es geht nicht einfach um eine Be- schreibung der meist schrecklichen Haft mit überwiegend tõdlichem Aus- gang, sondern um eine Analyse sowohl der verschiedenen Häftlingsgruppen (Männer/Frauen, Nationalitäãten, Reli- gionen usw.) als auch der Bewacher, der„Autorität des Terrors“. Welche Hãftlinge sind zur Ermordung vorge- schen(Juden, Kinder, Alte), welche ha- ben Uberlebenschancen? Wie kõnnen sie sich gegenseitig helfen? Welche Kontakte hat es zwischen der Außen- welt und den Menschen im Lager ge- geben? Wie war der Terror im Lager organisiert? Wie wurde die Solidaritãt unter den Häftlingen möglichst zer- brochen? Welche Rolle spielten die „Funktionshäftlinge“? Die Formen des Terrors durch SSBewacher, durch „Sonderbehandlung“, durch sofortige Ermordung insbesondere der meisten Juden(ohne Registrierung), durch Diskriminierung angeblich„rassisch minderwertiger Slawen“(Polen, Rus- sen u. a.). Aber auch die Versuche zu überleben, waren vielfältig. Leider ent- stand auch eine Hierarchie unter den Häftlingen: von Bevorzugten(Elite) bis zu„Muselmanen“, den Schwäch- sten, entstanden unüberwindliche Ab- gründe, die von der S8 verstärkt wur- den. Die Häftlinge wurden mit ver- schieden farbigen Winkeln gekenn- zeichnet: Politische(rot), Sexualtäter (rosa), Bibelforscher/Pazifisten(vio- lett), Kriminelle(grün), Juden(gelber Stern) und mit Buchstaben(Län- der/Nationen) sowie Nummern(am Arm tätowiert). In den weiteren Kapiteln werden einzelne Aspekte des KZ geschildert, so die verschiedenen Orte, die Todes- fabrik, die Tahlenstärke des Gewalt- apparates, Liebe und Frotik, Kãmpfe 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer um Macht, organisierter Widerstand und Gegenwehr, Mechanismen der Adaption und Selbstverteidigung, die Menschen und ihre Werte.-EFin Lite- raturverzeichnis hilft zu weiterem Stu- dium.- Jeder bisherige und jeder zukünftige Besucher von Auschwitz oder auch eines anderen KZ wird durch dieses Buch vielfältig bereichert. In einem Vorwort betont Wladis- Publikationen von Jochen August Jochen August, auf dessen Initiative das Buch von Anna Pawelczynska Werte gegen Gewalt nun auch auf Deutsch erscheinen konnte, war der erste deutsche Studienleiter der„In- ternationalen Jugendbegegnungsstät- te Auschwitz“. Schon vor seiner Tätig- keit für die Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste hat sich der Politologe und Historiker mit dem Themengebiet befasst und durch seine regelmäßigen Publikationen als anerkannter Exper- te ausgewiesen. Seine Ubersetzungen und eigene Verõffentlichungen seien hier empfohlen: ochen August. Annäherung an Robert Blum Antiquariat Preiswerte antiquarische Bücher zum Thema Auschwitz, Nationalsozia- lismus und Rassismus gibt es im Robert Blum Antiquariat in Niedernhausen (Fasanenweg 7). Zum Beispiel: Henry Ries: Auschwitz. Gespräche mit heuti- gen Auschwitz-Besuchern, Fotos und Zitaten von Tätern(für 4,95 Euro). Katalog und weitere Infos: Iel. (D06127) 96 54 73, E mail h antiqOfreenet. de“. law Bartoczewski, ebenfalls ehemali- ger Auschwitz-Häftling und spãter im Polen der Nachkriegsjahre aus politi- schen Gründen inhaftiert, dass Anna Pawelczynskas Studie auch heute noch wichtig ist, weil die Versuchung überall aufkommen könnte,„den Nächsten zu erniedrigen, ihm seine Würde zu neh- men, ihn zu versklaven und ihn zu ver- nichten“. Wir kennen Beispiele. Auschwitz. Ein Veruch.(37 Seiten), 1994 als Heft 10 der Schriftenreihe Po- lis der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung(Wiesbaden) er- Schienen sowie 1905 und 1906 als Nach- druck für Aktion Sühnezeichen, Berlin. Sonderaktion Krakau“. Die Ver- haftung der Krakauer Wissenschaftler am 6. November 19390 Hamburg 1997. Jochen August schrieb die grund- legende Finführung zu 21 Beiträgen polnischer Zeitzeugen. Wacla Dlugoborski/Franciszek Pi- per(Hg), Auschwitz 1040— 1945. Studi- en zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwit? 5 Bände, Oswiecim 1000. Diese Grundlagenwerk wurde von Joch August übersetzt. Danuta Wesolowska. Wörter aus der Hõlle. Die„lagerszpracha“ der Häft- linge von Auchwitz. Ubersetzt von Jo- chen August, Krakow 1996. ochen August. Das Konzentrations- lager Auschwitz und die, Euanasie“ Anstalt Pirna Sonnenstein, in: Sonnen- stein. Heft 3 der Beiträge zur Ge- schichte des Sonnenstein und der Sächsischen Schweiz.-Pirna 2001. Klaus Würmell Antisemitismus in Deutschland im Jahr 2002 Finige Schlaglichter Annetta Kahane(Mitglied der jüdi- schen Gemeinde Berlin und seit jeher Kritikerin von Scharons Politik) und Ralph Ghadban(Teilnehmer an der Demonstration„Solidarität mit Palãs- tina) führten in der„tages?zeitung“(13. April 2002) ein Streitgespräch, bei dem es auch Ubereinstimmungen gab. Kahane: Jch helkomme in Gesprächen, in den großen Jageszeitungen, in Kin- derläden und Schulen mit, dass es eine lianzhildung gibt, einen Rückgriff Auf antisemitische Stereotype, die mich erschreckt. Derzeit habe ich das Ge- fühnl, dass ich immer erst mal Sagen muss, dass ich Scharon total verurteile, hevor ich etwas Sagen darf So einen Kotau lehne ich ab. Ghadban: Bei manchen, die vich so eif- yig für die palãstinensische Sache ein- Setzen, hin ich Selbst erschrocken. Bei denen habe ich das Gefiihl dass vie we- niger für Palstina als gegen die Juden Sind. Ich habe den Eindruck, dass die Motivutionen für die jeweilige Haltung üher für Iruel heute für Paldstina zu Sein nichts mit dem palòstinensisch- is- ruelischen Konflikt zu tun haben. Die Griinde dafür liegen in einer deutschen Prohlematik und das finde ich heunru⸗ higend.(..) Die Aufarbeitung der deut- hen Vergangenheit Scheint in jeder ke wieder auf Aus:„Die Welt“ vom 20. März 2002: Anonmitãt ist den Schreibern gur nicht mehr wichtig, vie unterzeichnen mit Na- men und Adresse. Gerude hatte Esther Schapira wieder einen am Teleſon, ihr elektronisches Postfach quillt ber Haß und antisemitische Parolen schlagen der Redalteurin des Hessischen Rundfinlks am Jag nach inrem Beitrag„Drei Ku geln und ein otes Kind Wer erschoss Mohammed al-Dura?“ aus der ARD- Reihe„Das Rote Quadrat“, enigegen. ( Un dem Beitrag an dem Schapira ein Jahr lang arbeitete, ging es um den am 30 September 2000 im Gaza-Seifen er- Schossenen Mohammad al-Dura. Die Bilder des T2jährigen Jungen, der mit Seinem Vater nahe der jüdischen Sied- lung Netzarim in einen Schußwechsel geriet gingen um die Welt.. Auſgrund der Kooperation der Paldsti- nenser hdtte sie Schließlich auch von isra- elischer Seite grünes Licht bekommen. Um vo iberraschender wuren die Indizi- en, die gegen die gůngige Veysion des Tat- hergangs prachen- Einschußwinkel und Einschldge deuten daraufhin, dass die Kugeln nicht aus iruelischen M6-Ge- wehren, Sondern aus den Kalaschnikows der Paldstinenser abgefeuert wurden. Neben perõnlichen Beleidigungen und Unterstellungen von„ vom Mossad ge- Kauft“ her, Knecht der jüidischen Pro- Paganda“ his„ühelstes Machwerk Seit Goebbels Zeiten nden vich Sich auch latente Drohungen nach dem Moto. wer So einen Beitrag verfilme, müsse auch die Konsequenzen tragen. Nehen einer muslimischen Organisation vei- en die Anrufer mehrheitlich Deutsche. Gitiert nach konkret, Mai 2002) Derweilen bekommt die FDP nach Mõllemanns Parolen Zulauf wie nie und Lob von Leuten, die„nicht rechts- radikal“ sein wollen.(Siehe Nitelseite der Frankfurter Rundschau vom 24. Mai, wo aus E-mails zitiert wird, die in Internetforen der FDP zu finden sind.) Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz spricht von einem Kalkül der FDP sich zu gebärden als Partei,, die als einzige den Mut hat, etwas zu Sagen, was angeblich verboten ist“.„Was ist das, Bauernfängerei oder Ignoranz, oder das Bündnis von Elite und Mob im ei- genen Kopf?“ So Jan Philipp Reemts- ma zu Möllemanns Außerungen. Die Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer lãdt ein: Medizin im Dritten Reich Donnerstag, 24. Oktober, 19.30 Uhr, Bad Nauheim(Wetterau), Sprudelhof(Badehaus 2) Referent: Ernst Klee Von Ernst Klee erschien zuletzt: Deutsche Medizin im Dritten Reich Karrieren vor und nach 1945 Finführung: Dr. Walter H. Pehle, Herausgeber der schwarzen Reihe im 8. Fischer Verlag Die verweigerte Entschädigung Dienstag, 3. September, 18 Uhr Gedenkstätte Breitenau(Guxhagen bei Kassel) Dieter Vaupel: Das Beispiel Dynamit Nobel Museum und Gedenkstätte Trutzhain Sonntag, 1. September(Antikriegstag) Fahrt nach Schwalmstadt-Trutzhain(Siehe Artikel in diesem Heft) 14 bis 16 Uhr Führung durch das Museum und Gedenkstãttengelände 17 Uhr Gedenkfeier am Waldfriedhof an den anonymen Grãbern von sowjetischen Kriegsgefangenen Gedenkstätte Breitenau Sonntag, 20. Oktober: Fahrt nach Guxhagen zur Gedenkstätte Breitenau 14.30 Uhr Führung und Besichtigung der Ausstellung 17 Uhr Zeitzeugen-Gespräch mit Blanka Pudler, Auschwitz-Hãäftling und ehemalige Zwangsarbeiterin in Hessisch Lichtenau Für die Fahrten zu den Veranstaltungen in Breitenau und Schwalmstadt können Fahrgemeinschaften gebildet werden oder bei entsprechender Nachfrage eventuell Kleinbusse gebucht werden(oder Gruppentickets für Bahn und Busse). Kontakt und Koordination: Albrecht Werner-Cordt, Tel.Fax(069) 555017. Anmeldeschluß: 10. August. 1 2002 AUSCHMWA Mitteilungsblatt, Juni AFT AUSCHWITZ ER AUSCHWTAZER SL SEMdE