LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKRElIS DER AUDUSCHWTAZER AUSCHMWTE A. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 2001 Inhaltsverzeichnis Seite Zwangsarbeit:„Arisierung der Arbeitskraft“ 2 „Kälte, Hunger, Angst, Demütigung“ 6 Zitate aus Briefen von ehemaligen Zwangsarbeitern Das Gesetz zur Errichtung einer Stiftung„Frinnerung, Verantwortung und Zukunft“ 9 Von Günter Saathoff Opferanwülte erwãgen neue Klagen in den USA 15 Buchbesprechungen; M. Arning: Späte Abrechung 10 D. Vaupel: Spuren die nicht vergehen 20 A6 ehem. KZ Flossenbürg: Zwangsarbeiter-Berichte 22 F. Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich 24 S. Berg: Wenn sich Vergangenes zunehmend mit Nacht bedeckt. 26 Hauptversammlung der IG Farben i. A. 28 „Transporte“ der Bevölkerung nach dem Warschauer Aufstand 30 Wie Sie Kosten sparen und uns die Arbeit erleichtern kõnnen In eigener Sache: Furo und E-mail Ab 1. Januar 2002 sind nur noch Uberweisungen in Euro möglich. Da ein Euro bekanntlich 1,95583 Mark entspricht, ergeben die alten PM-Beträge nun sehr ungerade Euro-Beträge. Wir bitten deshalb Mitglieder und Spender, die per Einzugsermãchtigung ihre Beiträge abbuchen lassen, uns die Erlaub- nis für eine runde Euro-Summe zum Fimziehen zu geben. Als Mindestjah- resbeitrag bitten wir generell um 35 Euro(ermãßigt 15 Euro). Die neuen Ein- Matthias Tiessen, Ludwig-Ruppel-Str. 41, 60437 Frankfurt/ Main Fax(069) 95058486; E-mail: mtiessen Sweb. de Noch besser als das Einzugsverfahren wãre es, Sie würden uns Ihre Beiträ- ge und Spenden per Dauerauftrag überweisen. Bitte teilen Sie auch bei Umzügen die neue Adresse mit sowie andere An- derungen wie beispielsweise Kontenwechsel usw. Zudem würden Sie uns die Arbeit erleichtern, wenn Sie Ihre E-mail-Adressen mitteilen würden. Es ist für den Verein kostengünstiger, beispielsweise Einladungen?u Versammlungen und Veranstaltungen elektronisch zu verschicken als per Post. So gesparte Gel- der kommen dem Spendentopf für die ehemaligen Hãftlinge zugute. Vielen Dank für Ihr Verständnis zugsberechtigungen bitte direkt an unseren Kassierer melden: — Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Nichts wie zuvor und alles wie gehabt Fin Rückblick Nach dem 11. September dieses Jahres werde nichts mehr so sein, wie es war. Auf diese Formel haben Massenmedien und Politik die õffentliche Meinung fest- gelegt. Eine neue Dimension der Geschichte tue sich auf. Wem fiele hierzu nicht das Millenium-Gerede mit seiner Beschwörung einer Zeitenwende ein? Oder wurde nicht angesichts des Endes des Kalten Krieges das„Ende der Geschich- te verkündet?„Nun haben wir“, schreibt ein kritischer Kolumnist,„exakt die- Ses Pathos ja schon beim Fall der Mauer strapaziert, und es müsste einem unbe- fangenen Beobachter doch seltsam erscheinen, dass sich die Weltgeschichte in nur ölf Jahren gleich zweimal einen Ruck gibt.“(Frankfurter Rundschau, 6.11.01) Wenn überhaupt- datierbar und lokalisierbar-ein Geschehen der neueren Zeit eine historische Zäsur begründet, dann ist es Auschwitz. Dass nach Ausch- witz in der Tat nichts mehr ist wie bislang, das bekunden die Opfer. Denn jene Läsur, die als Riß die Zeit„vor Auschwitz“ von der Zeit„nach Auschwitz“ trennt, bezeichnet für die Opfer, ihre Angehörigen und ihre Nachkommen un- mittelbar zerstörte Lebensgeschichte. Für die Täter dagegen, die Zuschauer und Nutznießer ist Auschwitz eine kurzfristige in der Regel folgenlose-Unterbre- chung des eigenen Lebenslaufs. Verdrängung und Rechtfertigung bestimmen die Biografien, in denen die Zeit weiter ging und weiter geht wie gehabt. Die gesamte„Behandlung“ der„Wiedergutmachung“ und„Entschädigung“, des Umgangs mit KZ-, Ghetto- und Lagerhäftlingen sowie„Zwangsarbeitern“ „Sklavenarbeiter“ heißt es im Urteil des Internationalen Militärtribunals von Nürnberg richtig—, diese elende Nachkriegsgeschichte ist eine Geschichte der gebrochenen Erinnerung und verantwortungslosen Verweigerung, die Zukunft zu gestalten im Bewusstsein dessen, was den Opfern angetan wurde. Was also ist Zu sagen zur Namensgebung der Entschädigungs-Stiftung„Erinnerung, Verant- wortung und Zukunft“? Zum Jahresende informieren wir über den aktuellen Stand der„Entschädi- Mngs Zahlungen der Stiftung. Dieses Thema:„Zwangsarbeit“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Heft- von der dokumentarischen Darstellung über Buchbesprechungen bis zur Wiedergabe von Tätigkeitsberichten und Projekten befreundeter Organisationen. Wir sprechen Sie an als Freunde im„Freundeskreis“ und bitten um eine Spende, die direkt den Opfern und ihren Familien zugute kommen wird. Sie erreichen damit ehemalige Häftlinge, die sich in Krakau, Zgorczelec und War- schau treffen. Sie helfen bei der medizinischen Versorgung einzelner Patien- ten. Sie unterstützen Studien des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, durch die das Schicksal der Namenlosen vor der endgültigen Auslõschung be- wahrt wird. Sie entschãdigen nichts- aber Sie erreichen Freunde. Pin gutes neues Jahr wünschen wir Ihnen und sagen Dank Für den Vorstand der LGA Albrecht Werner-Cordt 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zwangsarbeit: „Arisierung der Arbeitskraft“ Als Arisierung der Arbeitskraft“ hat kürzlich Salomon Korn, Vorsitzen- der der Jüdischen Gemeinde Frank- furt, die Zwangsarbeit im Dritten Deutschen Reich treffend charakteri- siert. Schätzungsweise zehn Millionen Menschen wurden wãhrend des Zwei- ten Weltkriegs ⁊wangsweise zur Arbeit ins Reich“ verschleppt.„Bis weit in die achtziger Jahre hinein war das In- teresse an dem Thema Zwangsarbeit' in der Bundesrepublik sehr gering“, Schreibt Karola Fings in ihrem 1998 er- schienenen„Leitfaden“ für Besuchs- programme mit ehemaligen Zwangs- arbeitern, Kriegsgefangenen und KZHäftlingeni. Sie skizziert die Aus- gangslage wie folgt: Erst mit dem Entstehen lokaler Ge- schichtsinitiativen begann man, sich auf eine mühsame Spurensuche vor Ort zu machen eine Spurensuche, die oftmals vor verschlossenen Werksarchiven endete. Bis heute bleibt die Frage, inwieweit sich Kon- zerne, Betriebe oder Behörden durch die Teilnahme am Sklaven- arbeitsprogramm im Nationalsozia- lismus schuldig gemacht haben, ein Feld aktueller politischer Auseinan- dersetzungen. Zwar zeichnet sich seit wenigen jahren eine veränderte Pinstellung in den Chefetagen ab, und man geht teilweise dazu über, dieses Kapitel historisch bearbeiten zu lassen. Doch dies beinhaltet kaum das Eingeständnis einer Schuld oder eine damit verbundene Ubernahme von Verantwortung ge- genüber den noch lebenden Opfern. Sofern Konzerne Entschädigungs- zahlungen geleistet haben, taten 8 dies in Form von pauschalen lungen entweder an Verfolgten- organisationen oder an humanitäre Stiftungen. Mit den Ende der achtziger Jahre einsetzenden politischen Verände- rungen in Mittel- und Osteuropa hat sich die Situation geändert: Die Uberlebenden melden sich selber zu Wort. Die ehemaligen Zwangsarbei- terlnnen in Osteuropa stellen die größte Gruppe der vergessenen' Opfer dar. Sie wurden nach 1945 durch die Bundesrepublik von einer Entschädigung ausgeschlosssen. In ihren Heimatländern häufig als ver- meintliche Kollaborateure' diskri- miniert, konnten sie jahrzehntelang nicht über ihre Verfolgungs schichte sprechen. Sie leben 5 meist in Armut und haben, wenn überhaupt, nur einige hundert Mark über die seit Anfang der neunziger Jahre eingerichteten Stiftungen in Osteuropa als humanitãre Hilfe' er- halten. Anders als die ehemaligen Zwangsarbeiterlnnen aus West- europa hatten sie nach 1945 kaum Karola Fings. Begegnungen am Tatort. Besuchsprogramme mit ehemaligen Zwangs- arbeiterInnen, Kriegsgefangenen und KZHãftlingen. Ein Leitfaden. Hrsg. von der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 1998. ISBN 3.928204 67X. S. 8 f Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 = Zwangsarbeiter-Betrieb Ad ler-Werke Frankfurt. Aus: Ernst Kaiser/ Michael Knorn.„Wir lebten und Schliefen zwischen den Toten“. Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Ver- nichtung in den Frankfurte Adlerwerken. Frankfurt, Campus-Verlags, 1998. eine Möglichkeit, aus eigener Initia- tive den Ort ihrer Verfolgung aufzu- suchen.? Hat es schon bei den vertriebenen jüdischen Bewohnern der Städte und Gemeinden lange gedauert, bis von den Kommunen für ihre ehemaligen Bürgerinnen und Bürger Besuchspro- gramme durchgeführt wurden, so dau- G es bei den Zwangsarbeitern noch länger. Köln ist die einzige Stadt, die seit Jahren regelmäßig einmal im Jahr ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsge- fangene und KZHãäftlinge einlãdt. Weitere Stãdte haben damit ebenfalls begonnen. Die Mainmetropole Frank- furt am Main, die sich so gerne welt- offen und liberal gibt, gehört jedoch nicht dazu. Hier hat es ganze zehn Jah- re gebraucht, bis endlich am städti- Karola Fings, S. 8 f schen Gesundheitsamt in der Brau- bachstraße eine Gedenktafel ange- bracht wurde, mit der an die rassisti- sche Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma erinnert wird sowie an die„Rassen- und Zigeunerforscher“ Eva Justin und Robert Ritter, die nach dem Krieg in der Frankfurter Gesund- heitsbehörde ihre beruflichen Karrie- ren bruchlos fortsetzten. Zwar haben die Stadtverordneten mittlerweile den Magistrat beauftragt, ein Besuchsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiter zu organisieren, aber erneut verschleppt die Verwaltung in skandalõser Weise ein solches Vorha- ben der geschichtlichen Erinnerung und des Gedenkens an Opfer des Na- tionalsozialismus. ¶Siehe Artikel nächs- 1e Seite) Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Kurze Chronik, wie sich die Stadt Frankfurt ihrer geschichtlichen Verantwortung entzieht Die„Initiative gegen das Verges- sen“, wie die LGA Freundeskreis der Auschwitzer Mitglied im Arbeitskreis Ausgegrenzte Opfergruppen, recher- chierte in den vergangenen Jahren über Zwangsarbeit in Frankfurter Be- trieben während des Dritten Reiches. Unter anderem wurden Adressen er- mittelt von ehemaligen Zwangsarbei- terinnen und-ar- beitern. Mitte 1990 verschickte die In- itiative Fragebö- gen: Aus Tschechi- en antworteten 153 und aus Polen 54 Frauen und Männer, die nach Frankfurt ver- Schleppt und hier ausgebeutet wurden. Ende 1990 übernimmt die Arbeits- gruppe Ausgegrenzte Opfer, die sich beim Studienkreis Deutscher Wider- stand trifft, die weitere Arbeit. Die Fragebögen werden übersetzt und ausgewertet. Die Idee eines Besuchs- programms entsteht. Ende 1999 verschickt die Arbeits- gruppe Briefe an die ehemaligen Zwangsarbeiter und fragt u. a., ob sie Interesse an einem Besuch in Frank- furt haben, soweit ihnen dies über- haupt noch gesundheitlich möglich ist. Es geht eine ganze Reihe zustimmen- der Antworten ein. Tatsächlich erfolgt am 8. Juni 2000 ein Beschluss der Stadtverordneten- versammlung, in dem der Magistrat aufgefordert wird,„Schnellstmõglich“ ein Besuchsprogramm durchzuführen. EFhemalige Zwangsarbeiter das besuchen auf Finladung der Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfergruppen im Januar 2002 Frankfurt Am 7. August 2000 unterbreitet die Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer Kulturdezernent Dr. Nordhoff kon- krete Vorschläge für das Besuchspro- gramm und weist auf die zustimmen- den Antworten aus Polen und Tschechien hin. Am 13. Oktober ant- wortet der Dezernent und gibt b kannt„in Kürze eine Arbeitsgruppe einzuberufen“, die „Vorhaben“ vorbereiten soll. Am 25. Oktober stellt die Arbeits- gruppe dem Ma- gistrat eine Aus- wertung der Fra- gebögen zur Verfügung. Bis zu den Kommunalwahlen im Frühjahr 2001 herrschte von offizieller Seite Funkstille. Informell war immer zu hören gerade auch vom Institut für Stadtgeschichte, dass es wenig Quel- len über Zwangsarbeit in Frankfurt gã- be. Lutz Becht vom Institut für Stadt- geschichte stellt sogar in einem Aufsatz infrage, ob überhaupt von Zwang arbeit die Rede sein könne. Im März ging die Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer mit einer Pres- seerklãrung an die Offentlichkeit und wies daraufhin, dass alle Vorausset- zungen gegeben sind, ehemalige Zwangsarbeiter nach Frankfurt einzu- laden. Dass diese bereit sind, zu kom- men und mit interessierten Menschen hier über die bitteren Erfahrungen ih- rer Verschleppung und Ausbeutung zu sprechen, ist alles andere als selbstver- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 ständlich. Es ist vielmehr eine Chance, len. Sie werden mit Jugendlichen dis- die durch die skandalöse bürokrati- kutieren, Stätten von ehemaligen sche Verschleppung von Tag zu Tag ge- Zwangsarbeiterbetrieben wiederse- ringer wird. hen und u. a. als Ehrengäste bei der Bisher ist lediglich ein Brief aus Gedenkfeier am 27. Januar 2002(Be- dem Büro von Oberbürgermeisterin ginn 19.30 Uhr) im Historischen Mu- Petra Roth eingetroffen, in dem um seum(„Die Erinnerung bleibt-EFine Geduld gebeten wird. Lesung aus Briefen und Berichten von Damit die Chance für einen Be- vergessenen Opfern des Nationalso- such aufgrund des fortschreitenden zialismus“) teilnehmen. lters der ehemaligen Zwangsarbei- Hans Hirschmann rnicht gãnzlich verpasst wird, hat die 2usummengestellt u. a nach fankfurter in- Arbeitsgruppe beschlossen, auf eigene ſfo“ ercheint vierzehntägig. Herausgeber ist Initiative hin wenigstens einen kleinen der Verein„Lehen und Arbeiten im Gallus Kreis nach Frankfurt einzuladen, und und Griesheim(LA400)“, c0 GNN so erwarten wir im Januar für einige Verlagsgesellschaft, Postfach 110822, 60043 Tage Besucher aus Tschechien und Po- Fankfurt Mternet www funkfurt orginſo IbLERVWRRIFE voRM. HSlMRtch kKrEVen. akrEMsEsEtSctarI. ERanpunr hn ADLERVERRKE FRAMRKFURTLAAh POSTFACE do Dnntort Fem- ul Acped schreiber Plfemn Franklormnain 097652 e Ort An die 5it oo676ooor 11281 FEn. —n Lindenstpasse 27 lhes Zoichon re Machricht vwm Untoto Nachticht vom Unsert Zolchen Rerzrut kir. Ton ₰ Abb. Dr. E/Sch. 2541944 Betre??: Ostarbeiter Pawenko, Vasgi 1n LitMinezKeKne in geben nachstehenden Bericht des Pagerf hrers unsepes Ausl nden— 1agers In Gpdesheim zur Kenntnäs: u Dey Osterheiter Daenko KsSL vunde neute frh et 5,30 Unn auf der F e n Hcht von den 0 mmmm— erschossen. Tn seiner Beglzitunz be?and 65S86 erin Demidoa Eke EeEi na⸗ Beide heden zu dem angsgebenen zeitpunkt, statt zur Arbett im P?s anzutreten, die Festsette des Lagers durch ein Loch Am 2aun verL*— sen. Schreiben an die Gestapo wg. Erschießung des„Ostarbeiters“ Wassilij Pawlenko(21). Aus: Ernst Kaiser/ Michael Knorn.„Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“. Rüs- tungsproduktion, Zwangsarbeit und Vernichtung in den Frankfurter Adlerwerken. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Kälte, Hunger, Angst und Demütigung-das sind meine Gefühle aus jener Zeit“ Zitate aus Briefen von ehemaligen Zwangsarbeitern an die Frankfurter Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer Alle Vransporte Kumen nach Kelsterbach, Später zum Haupthahnhof und dor fand der Verkauf statt- wie Neger auf der Plantuge. Mouryci Kolenda Jch werde nicht viel zu diesem beschmenden und die Menschheit enten ende Vhema Schreiben. Das ist ⁊u Schmerzhaft. Ich üherlasse das zum Nachdenken je- dem Deutschen. Opfer wuren hilflose Menschen aller Nationalitũten, auch Peutt Sche Es war s0.. Ich hitte herzlich um Niederlegung einer Rose auf den Gräbern weil vie hestimmt schon tot Sind) Sowohl von Heinrich Himmelreich und Seiner Frau Marie als auch von Mathilde Preuß, vie hatte zwei Sohne Hans und Waidi und hat auch bei Himmelreich gearbeitet Jch habe einen Herzinfarkt erlitten, hin 77 Jahre alt und fiihle mich schwach. Nachts denke ich an die Vergangenheit zuriick und es ießt munchmal eine Nãne wegen der Erinnerungen an die jungen Jahre, die nie mehr wiederkehren werden. Stanislaw Woszczynski Ich wurde in meinem Elternhaus am 26. April 194d verhaftet und verschleppt Am J6. August I0ad wurde ich nach Frankfurt in die Maschinenfabrik Moenus in der Solingenstraße 33 gebrucht. Am 72. September wurde die Fahrik durch Bomburdement vollstũndig zerstõrt Ich wur unter den rümmern im Keller ver- chiittet Die vussischen Gefangenen haben mich gerenet(auf dem Fabrikgelände hefand sich ein Kriegsgefangenenlagenr). Jan Pakosinski Ich habe bei Fontein in der Dreherei geurbeitet 16 Sunden. Sehr oft musste wir nachts beim Entladen der Waggons helfen. Die Erndhrung wur katastroph Ich war 6 Jahre alt 1,76 Meter groß und wog nur noch 36 Kilo Zu einem Besuch ann ich nich Kommen, nach einer Beinoperation und vier Augenoperationen ann ich nur an Krüchken gehen. Benedykt Kowalonek Wir wuren fünf Polen, darunter ⁊wei Frauen. Ich wurde durch einen braunen S gepriügelt der meine linke Hand gebrochen hat bis jetæt Kunn ich vie nicht gut hewegen. Durch meine Leistungsunfãhigkeit nach dem Vorfall wurde ich der Art heitsverweigerung beschuldigt Ich wurde wegen Verlassens des Arbeitsplatæes verhaftet ich wollte nur einen anderen Arbeitsplat? belommen. Ieh weiß nicht, wie lange ich gesessen' habe, weil ich ständig vchwer geprügelt wurde und war oft bewusstlos Nach einiger Zeit wurde ich entlassen, aber um 2. Junuar 194 wur de ich wieder verhaftet und ins Straflager in Frunkfurt Heddemheim gebracht Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 A4m J7/6. Juni 1 043 wurd ich in das KZ Buchenwald gebracht.. Wenn es mög- lich wäre, birte ich die Tochter des Herrn Sinui(Marion), wenn sie noch leht von mir ⁊u grüßen. Stanislaw Monastyrski Jch mõchte Ihren Brief an meinen Mann Jozef Orlowski, der zur Zwungsurheit in Frankfurt am Main wur heuntworten. Leider wur mein Mann in letz ter Zei sehr krank und vor einem Jahr ist er gestorben. Wenn er lebte kKönnte er Mnen sicher- lich viel erzdhlen. Ich bedanhke micht für Ihr Interesse an der schweren Arbeit mei- nes Mannes Ich als veine Frau bedaure Sehn dass er Euch nicht helfen Konnte. Frau Orlowski 3 Es war vor S6 Jahren, als mich zwei Polizisten in Fesᷣeln zum Nansport fir- len es wur wirklich Zwangsurbeit Sie kõnnen vich gur nicht vorstellen, wie ich mit Gewalt von den Eltern und von der Heimat getrennt wurde Nach dem langen eg ſ(unterwegs haben wir nichts zum Esen und Vinken belommen) fuhr man uns nach Frankfurt am Main. Dort erwurtete uns die Hõlle auf Erden, die Studt vurde tãglich bombudiert die Ziele wurden mit Phosphor beleuchtet Häuser zer- Stõyt und wir vuchten vergeblich die Rüssᷣelsheimer Straße, wo sich die Firma Rõ der befinden vollte. Jirina Konickova Külte Hunger Angst und Demitigung das vind meine Gefille aus jener Zei ch belum den Finberufungsbefehl um 10 Januar 104d, meinem 20 Geburtstag Die Eltern hanen nur mich, und mit Angsten musste ich in die Fremde fahren, wo man hombadierte, und wir hatnen vor den Deutschen Angst. Aufjedem Jor hei uns zu Hause waren lange Listen mit den Numen der Menschen, die wegen Kleinig- eiten hingerichtet wurden Heute begreiſt es jeder Schwer Milada Komärkova „Arbeit macht frei“ lautet der Torspruch in Auschwitz und„Vernichtung durch Arbeit“ das Program des Deutschen Reiches, dem auch unzählige Zwangsarbeiter zum Opfer fielen. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Zahlungen an Zwangsarbeiter haben begonnen Vorbemerkung zu den beiden folgenden Beiträgen über die Stif- tungsinititative der deutschen Wirtschaft und den Stiftungsfonds Die grundsätzliche Problematik der Entschädigungsdebatte und des von der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft mit 10 Milliar- den Mark ausgerüsteten Stiftungs- fonds für ehemalige Zwangsarbeite- rinnen und Zwangsarbeiter hat An- dreas Plake vom„Bundesverband In- formation und Beratung für NSVer- folgte“ in unserem Mitteilungsblatt vom August 2000 ausführlich darge- legt. Keinesfalls bekennt sich die Wirtschaft zu ihrer Verantwortung bei der Anforderung und dem Pinsatz von Zwangsarbeitern während des Dritten Reiches. Sie fühlt sich viel- mehr als Opfer, das sich gegen die in den USA eingereichten Sammelkla- gen zu einer„sSolidarischen Antwort in Form der Stiftungsinitiative“(So ei- ne Selbstaussage) aufraffte. Geradezu zynisch wird der Entschädigungs- fonds von denen, die von der Zwangs- arbeit profitiert haben, als„humanitã- re Geste und Schaffung von Rechts- frieden“ bezeichnet. Allein der Presti- geverlust und vorhersagbare sinken- de Marktchancen in den USA dürften die deutsche Wirtschaft zur Zahlung von 5 Milliarden Mark in den Ent- schädigungsfonds bewogen haben. Die Vertreter der Opfergruppen standen vor dem Dilemma, in diesen windigen Kompromiß einzuwilligen oder in Kauf zu nehmen, dass die Zahlungen immer weiter hinausgezò- gert werden, bis kaum noch eines der Opfer lebt. Nach langem und vor allem unwür- digem Gezerre kam es schließlich zu der bekannten Vereinbarung, und nach einer weiteren Verzögerungs- taktik der deutschen Wirtschaft ha- ben im Sommer dieses Jahres die ers- ten Auszahlungen begonnen. 6 In diesem Mitteilungsblatt wird nun Günter Saathoff, der sich lange vor dem Zustandekommen der Ent- schädigungsvereinbarung für die Be- lange der Zwangsarbeiter eingesetzt hat und im Sommer dafür vom polni- schen Staat mit einem Verdienstor- den ausgezeichnet wurde, über die Auszahlungen und die Verfahrens- weise der Stiftung berichten. Als nun- mehriger Generalbeauftragter der Stiftung für den Bereich der Zusam- menarbeit mit den Partnerorganisa- tionen, über die die Zahlungen an die Zwangsarbeiter erfolgen, beschreibt er den derzeitigen Ist-Zustand. Sein Beitrag ist also nicht als kritische Würdigung der zu sehen. Probleme und inhaltliche Kritik an den Finzahlungen der Stiftungsinitia- tive in den Fonds sowie der peinliche Umtausch von für polnische Zwangs- arbeiter bestimmten Geldern in Zloty mit hohen Verlusten für die Opfer sind Gegenstand des folgenden Artikels(S. 15 ff), in den auch die aktuellen Mel- dungen über neue Klageankündigun- gen von Opferanwälten in den USA mit eingeflossen sind. Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Das Gesetz zur Errichtung einer Stiftung„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ Von Günter Saathoff, Generalbeauftragter der Stiftung für den Bereich der Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen 1. Zweck der Stiftung und Finanz- ausstattung 5 Durch das Gesetz zur Errichtung einer Stiftung Frinnerung, Verant- ortung und Zukunft“ vom 11. August 2000(geändert am 4. August 2001), wurde die Stiftung ins Leben gerufen. Die Stiftung ist mit einem Kapital von 10 Milliarden DM ausgestattet, das zu gleichen Teilen von den in der Stif- tungsinitiative der deutschen Wirt- schaft zusammengeschlossenen Un- ternehmen und vom Bund aufge- bracht wurde. Die abschließende Rate der deutschen Unternehmen zur Er- füllung ihrer Zahlungsverpflichtung ist einschließlich eines Betrages von 100 Mio. DM aus bislang aufgelaufenen Zinsen im Oktober 2001 bei der Stif- tung eingetroffen. Das Gesetz sieht ferner die Möglichkeit der“Zustiftun- gen“ vor, die das vorhandene Kapital Aufstocken. So hat etwa die Evangeli- G Kirche in Deutschland schon sehr früh einen Betrag von 10 Mio. DM als Zustiftung geleistet. Insgesamt sind mittlerweile mehr als 20 Mio. DM durch Zustiftungen erbracht worden. Das Kapital der Stiftung steht vor allem für die Entschädigung von NS- Opfern zur Verfügung: nach§ 2 Abs. 1 des Stiftungsgesetzes(im folgenden abgekürzt'StG*) ist es Zweck der Stiftung, über Partnerorganisationen Finanzmittel zur Gewährung von Leis- tungen an ehemalige Zwangsarbeiter und von anderem Unrecht aus der Zeit des Nationalsozialismus Betrof- fene bereitzustellen. Etwa 8,1 Mrd. HM sind für diese Aufgabe des Geset- zes definiert. Der Betrag kann sich durch Zustiftungen und durch Zins- einnahmen erhöhen, die der Stiftung zufließen etwa dadurch, dass die Stif- tungsmittel so lange bei Banken ange- legt werden, wie sie über die Partner- organisationen nicht an die Opfer ausgezahlt werden können. Darüberhinaus sieht das Gesetz ei- nen Gesamtbetrag von 1 Mrd. PM für in ihrem Vermögen geschädigte NS- Opfer vor einschließlich eines Fonds von 300 Mio. DM für soziale Zwecke zugunsten von Holocaustüberleben- den und einschließlich eines huma- nitären Fonds von 350 Mio. DM der International GCommision on Holo- (ICHEIC) für Personen, die NSbe- dingte Versicherungsschäden unter Beteiligung deutscher Unternehmen erlitten haben. Fin Betrag in Höhe von 700 Mio. DPM ist nach dem Stiftungsgesetz für den Fonds Erinnerung und Zukunft“ bestimmt. Die dauerhafte Aufgabe dieses Fonds besteht darin, vor allem mit den Erträgen(Zinsen) aus den ihm zugewiesenen Stiftungsmitteln Projekte zu fördern, die der Völker- verständigung, den Interessen von Uberlebenden des nationalsozialisti- schen Regimes, dem Jugendaustausch, 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der sozialen Gerechtigkeit, der Erin- nerung an die Bedrohung durch tota- litäre Systeme und Gewaltherrschaft und der internationalen Zusammen- arbeit auf humanitärem Gebiet die- nen. Im Gedenken an und zu Ehren derjenigen Opfer nationalsozialisti- schen Unrechts, die nicht überlebt ha- ben, Soll er auch Projekte im Interesse ihrer Erben fördern. Dieser Fonds auch Zukunftsfonds“ genannt- wird seine Aufgabe erst im Frühjahr 2002 aufnehmen, da alle Anstrengungen der Stiftung darauf gerichtet waren (und dies weiterhin vordringliche Auf- gabe bleibt!), die Leistungsbeträge an die individuellen Opfer auszuzahlen. 2. Verträge mit den Partnerorgani- sationen Aufgrund der Ergebnisse der inter- nationalen Verhandlungen ist im Stif- tungsgesetz festgelegt, dass die Stif- tung nicht selbst an die Berechtigten auszahlt, sondern dies über insgesamt 7 Partnerorganisationen geschieht. Diesen Partnerorganisationen wurden ebenfalls auf Grundlage der Fini- gung in den internationalen Verhand- lungen finanzielle Plafonds zur Ver- fügung gestellt. Die Partnerorgani- Sationen müssen entsprechend den ge- setzlichen Vorgaben mit diesen zug wiesenen Mitteln auskommen. Die Plafonds sind unterschiedlich hoch (nach der geschätzten Zahl der Leis- tungsberechtigten): zwischen insge- Samt 2.082 Mio. DM für die von der Je- wish Claims Conference zu betreuen- den jüdischen Berechtigten in aller Welt über 1.812 Mio. DM für die pol- nische Partnerorganisation bis hinun- ter zu 540 Mio DM für die Internatio- Zwangbarbeit für Siemens im KZ Ravensbrück. Aus: Frauen in Konzentrationslagern. Bergen-Belsen, Ravensbrück, Edition TIemmen, Bremen 1994, ISBN 3.86108-237 3. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 nale Organisation für Migration ([OM), die nichtjüdische Berechtigte in aller Welt zu betreuen hat. Im 1. Halbjahr 2001 hat der Vor- stand der Stiftung Erinnerung, Ver- antwortung und Zukunft“ mit den im Gesetz genannten Partnerorganisatio- nen Partnervertrãge“ abgeschlossen. Diese Verträge regeln die ordnungs- gemäße Verwendung der Stiftungsmit- tel für die Leistungsberechtigten, die Gutaaben der Partnerorganisationen für das Antrags-, Beschwerde- und Auszahlungsverfahren, die Höhe der Verwaltungskosten sowie die Kon- trollrechte der Stiftung'Frinnerung, Verantwortung und Zukunft“ bezüg- lich der Feststellung von Leistungsbe- rechtigten und der Verwaltungskos- ten. Die Stiftung hatte bei den Partnerverträgen stets das Ziel, die Opfer von unnötigen bürokratischen Verfahren oder gar zusätzlichen Kos- ten. B. Bankgebühren) zu entlasten. Für diese Aufgaben haben die Part- nerorganisationen eigene Verwal- tungsmittel. Ergänzend zu den Part- nerverträgen wurden spezifische Bankverträge abgeschlossen, die Si- herheit und Transparenz der Auszah- Gen und Kostengũnstigkeit für die Leistungsberechtigten herstellen sol- len. Dazu gehörte auch, die Regierun- gen der Partnerorganisationen, die nur für ein Staatsgebiet zuständig sind, zu ersuchen, die im Stiftungsgesetz vor- geschene Steuerfreiheit und Nichtan- rechenbarkeit der Stiftungsleistungen auf Sozialleistungen sicherzustellen. Gemãß dem Auftragdes Deutschen Bundestages hat der Stiftungsvor- stand ferner nach Verhandlungen mit den jeweils zuständigen Partnerorga- nisationen aus Weißrussland und Russland und den Regierungen Est- lands, Lettlands und Litauens'Koope- rationsvereinbarungen“ initiiert, die zur Einrichtung gesonderter zentraler Antragsannahmestellen und unabhän- giger Beschwerdestellen in diesen Staaten führten. Z. Gesetzliche Neuregelungen Mit dem Ersten Anderungsgeset? vom 4. August 2001 hat der Deutsche Bundestag die Antragsfrist für Lei- stungen nach diesem Gesetz bis zum 31. Dezember 2001(Ausschlussfrist) verlängert und eine eigenständige Ausschlussfrist für Sonderrechtsnach- folger normiert. In diesem Zusam- menhang hat der Deutsche Bundestag ferner den Partnerorganisationen ver- bindliche Auslegungshinweise für die Anwendung des sehr schwierigen§ 13 StG(Feststellung der Sonderrechts- nachfolger im Falle des Todes eines Antragstellers bzw. Leistungsberech- tigten) gegeben. 4. Leistungsberechtigte und ihre An- sprüche Das Gesetz sieht vor allem Leis- tungen an Antragsteller vor, die in einem nach dem Bundesent- schädigungsgesetz anerkannten Kon- zentrationslager oder in einer ande- ren Haftstätte unter KZähnlichen Bedingungen oder in einem Ghetto inhaftiert waren und zur Arbeit ge- zwungen wurden(es sieht dafür Leis- tungen bis zu 15.000 DM vor), die aus ihrem Heimatstaat in das Ge- biet des Deutschen Reichs in den 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Grenzen von 1937 oder in ein vom Deutschen Reich besetztes Gebiet deportiert wurden, zu einem Arbeits- einsatz in einem gewerblichen Un- ternehmen oder im õffentlichen Be- reich gezwungen und unter anderen als den oben genannten Bedingun- gen inhaftiert oder haftähnlichen Be- dingungen oder vergleichbar beson- ders sSchlechten Lebensbedingungen unterworfen waren(es sieht dafür Leistungen bis zu 5.000 DM vor) Diese Regelung gilt nicht für Perso- nen, die wegen der überwiegend im Gebiet der heutigen Republik Oster- reich geleisteten Zwangsarbeit Leis- tungen aus dem österreichischen Versõhnungsfonds erhalten können. Das Gesetz enthält eine Offnungs- klausel, die es den mit der Durch- führung beauftragten Partnerorgani- Sationen erlaubt, auch anderen als den im Gesetz ausdrücklich genannten Opfern nationalsozialistischer Un- rechtsmaßnahmen Hilfe zu gewähren, insbesondere an deportierte Zwangs- arbeiter in der Landwirtschaft. Die Partnerorganisationen entscheiden in eigener Verantwortung über den Ge- brauch der Offnungsklausel; sie müs- sen prüfen, ob ihr im Gesetz vorgese- hener finanzieller Plafonds dafür ausreicht. Das Gesetz sicht auch Leistungen zum Ausgleich sonstiger Personen- schäden im Zusammenhang mit natio- nalsozialistischem Unrecht vor, vor al- lem in Fällen medizinischer Versuche oder bei Tod oder schweren Gesund- heitsschäden eines in einem Zwangs- arbeiterkinderheim untergebrachten Kindes(die Leistungen dafür können bis zu 15.000 DM betragen). Das Gesetz ermõglicht zudem Leis- tungen für Antragsteller, die im Zuge nationalsozialistischer Verfolgung un- ter wesentlicher, direkter und scha- densursächlicher Beteiligung deut- scher Unternehmen verfolgungs- bedingte Vermõgensschäden im Sinne der Wiedergutmachungsgesetze erlit- ten haben sowie für den Ausgleich auch sonstiger Vermõgensschäden im Zusammenhang mit nationaloꝛialist schen Unrechtsmaßnahmen. Für Ver- mögensschäden gibt es keine Ober- grenze der Leistungen. S. Anerkennung von„anderen Haft- stätten“ In den vergangenen Monaten hat die Bundesstiftung auf Antrag der Partnerorganisationen so genannte andere Haftstätten“ gemäß§ 12 Abs. 1 StG als KZähnliche Haftstätten ein- gestuft. Das Gesetz verlangt für diese Einstufung das Vorhandensein von drei Merkmalen: l. unmenschliche Haftbedingungen 2. unzureichende Ernährung 3. fehlende medizinische Betreuunſ Die Bundesstiftung hat Historiker aus Deutschland und den Ländern der Partnerorganisationen um Voten über das Vorliegen der geforderten drei Merkmale gebeten und aufgrund die- ser Stellungnahmen über die Finstu- fung der Lager in die Liste entschie- den. Demnach liegen die vom Gesetz geforderten drei Merkmale insbeson- dere für Haftstãtten für Personen vor, die in der NS-Rassenideologie ganz Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 unten standen- für Juden, Sinti und Roma und für Haftstätten, die im Rahmen des deutschen Besatzungsre- gimes in der ehemaligen Sowjetunion errichtet wurden. Damit eine Leis- tungsberechtigung nach der höchsten Leistungskategorie des§ 11 StG gege- ben ist, muss ferner die Ableistung von Zwangsarbeit belegt sein.§ 0 Abs. 8 rãumt den Partnerorganisationen die Möglichkeit ein, für diese Haftstätten Oudem»Unterkategorien nach der Schwere des Schicksals“ zu bilden. Die meisten Partnerorganisationen haben diese Mõglichkeit genutzt, die Bildung dieser Unterkategorien ist aber noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Grup- pe von Lagern ist noch in der Prüfung. Es ist vorgesehen, die Liste der aner- kannten'anderen Haftstätten“ noch im November 2001 auf der Homepage der Stiftung im Internet zu verõffentli- chen(www stiftung-evz.de). 6. Vereinbarungen mit den Partner- organisationen zur Prüfung der Leis- tungsberechtigung von Antragstellern und zur Auszahlung der Mittel Die Partnerorganisationen kõönnen * Mittel nach Bedarf tranchenweise bei der Bundesstiftung abrufen. Dafür können sie in regelmäßigen Abstän- den(in der Regel alle zwei Monate) Listen mit den Personen übermitteln, deren Anträge von ihnen inzwischen bearbeitet und positiv entschieden wurden. Innerhalb einer vierwöchigen Frist prüfen die Prüfteams der Bun- desstiftung stichprobenartig die Leis- tungsberechtigung der gemeldeten Personen vor Ort in den Partnerorga- nisationen. Eine vollstãndige Prüfung aller Entscheidungen bei mehr als 1,5 Mio. potentiellen Leistungsberechtig- ten wãre durch die Bundesstiftung aus Zeit-, Kapazitäts- und Kostengründen nicht möglich. Die Opfer sollen nicht noch lãnger auf ihre Auszahlung war- ten müssen. Ergibt die stichprobenartige Prü- fung der Anträge Hinweise darauf, dass eine Leistungsberechtigung nicht besteht oder nicht genügend nachge- wiesen ist, wird die entsprechende Per- son(oder eine Gruppe von Personen mit bestimmten Merkmalen) aus der Liste entfernt und die Partnerorgani- Sation beauftragt, ihre Entscheidung zu überprüfen. Ist die zugeleitete Liste unproble- matisch, erfolgt am Ende der vier- wöchigen Frist die Uberweisung der Mittel auf das Konto der Partnerorga- nisation. Diese stellt sicher, dass die Zahlungen seitens der Bank zuguns- ten der Berechtigten innerhalb einer kurzen Frist von einigen Arbeitstagen nach Eingang der Uberweisung der Bundesstiftung eingeleitet werden. Die Auszahlung an die Leistungsbe- rechtigten erfolgt je nach Partneror- ganisation durch Uberweisung, Scheck oder Barauszahlung. Zukünf- tig werden auch Prüfungen stattfin- den, bei denen stichprobenartig ermit- telt werden soll, ob das Geld bei den Personen, für die die Bundesstiftung eine Leistung überwiesen hat, auch angekommen ist. 7. Ein Medizinprojekt und ein Archiv- projekt der Bundestiftung Die Bundesstiftung hat 3 Mio. PM als zusätzliche Medikamentenhilfe für 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer bedürftige NS-Opfer insbesondere in Mittel- und Osteuropa und Israel be⸗ reitgestellt und weitere 1 Mio. PM für ein Archivprojekt. Mit diesem Archiv- projekt sollen Nachweise in Deutsch- land gesucht werden für Opfer, die ih- re Leistungsberechtigung noch nicht dokumentieren konnten und über die im Archiv des Internationalen Such- dienstes in Arolsen keine hinreichen- den Erkenntnisse vorliegen. Das Ar- chivprojekt, das unter Federführung des Bundesarchivs räumlich beim „Bundesverband und Beratung für NS-Verfolgte“ in Köln angesiedelt ist, greift im wesentlichen auf die in den einzelnen Bundesländern gebildeten Lãnderkoordinierungsstellen zurück. Es veranlasst eine zusätzliche Recher- che in den Ländern, Kommunen, in Unternehmen und bei anderen Stel- len. Die Ergebnisse werden unmittel- bar den anfragenden Partnerorganisa- tionen übermittelt. 8. Stand der Auszahlung der Mittel an die einzelnen Partnerorganisationen im Bereich Zwangsarbeit Die Bundesstiftung hat nach Fest- stellung der Rechtssicherheit durch den Deutschen Bundestag im Juni 2001 mit den Auszahlungen begonnenN nachdem die Partnerorganisationen jeweils eine erste Liste mit geprüften Leistungsberechtigten an die Bundes- stiftung eingereicht haben. Bis zum 30. September 2001 erfolgten aufgrund der eingereichten Listen folgende Auszahlungen in den jeweiligen Tran- chen: Damit hat die Bundesstiftung mit Auszahlungs- Partner Tranche Anzahl der Gesamtbetrag datum organisation Antragsteller 13.06.2001 Tschechien 01 10.000 55.612.425,00 DM 15.06.2001 Polen 01 9.816 56. 882.250,00 DM 18.06.2001 CC 01 0004 90 830.000,00 DM 25.07.2001 Ukraine 01 9020 30.157.75200 DM 26.07.2001 IOQM 01 99 415000 0 0 26.07.2001 Belarus 01 0.077 30 006.200,00 DM 30.07.2001 JCC 02 11.806 118.833.000,00 DM 01.08.2001 Polen 02 98.725 285.880.500,00 DM 03.08.2001 Tschechien 0² 23.427 101.821.08750 DM 16.08.2001 Ukraine 0² 30.011 87506.250 00 DM 24.08.2001 Rußland 01 2 5.222.510,00 DM 29.08.2001 Polen 0³ 69.077 151.171.500,00 DM 03.09.2001 Belarus 0 038 2.469.338,00 HM 0700.2001 Belarus(Esten)] 02a 1.088 2.730.810 00DM 24.09.2001 03 6 215.630.000,00 DM Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Stand vom 30.09. 2001 in insgesamt 15 Tranchen für 319.817 Antragsteller 1.287.269.084,40 DM(1,287 Milliar- den DM) an die Partnerorganisatio- nen überwiesen. Bis zum Ende des Jahres ist die Aus- zahlung weiterer 15 Tranchen mit ei- nem Gesamtvolumen von ca? 280.000 Antragstellern und einem Gesamtbe- trag von ca. 1.240.000.000,00 DM 1,240 Milliarden) geplant, sofern die die entspre- chenden Listen fristgemäß einreichen und diese positiv geprüft sind. Aus- zahlungen wegen'sonstiger Perso- nenschäden“ und von Vermögens- schäden sind aufgrund der ge- setzlichen Sonderbestimmungen erst frühestens im Jahre 2002 möglich, nachdem sich die Vermõgenskommis- sion einen Gesamtüberblick über die bewilligten Antrãge verschafft haben wird. Die Geschwindigkeit weiterer Aus- zahlungen hängt im Prinzip einzig an der Leistungsfähigkeit der einzelnen Partnerorganisationen und an der Frage, ob sie die Möglichkeiten des Gesetzes ausschõpfen oder restriktive Entscheidungen treffen. Die Bundes- stiftung ist in der Lage und bereit, die Prüfung und Auszahlung der Listen jeweils innerhalb von 4 Wochen nach Listeneingang durchzuführen. Weitere Informationen zur Arbeit der Stiftung einschließlich Merkblät- ter Zur Antragstellung sind dem Inter- netangebot der Stiftung(www.stif- tung-evz. de) zu entnehmen. Günter Saathoff Opferanwülte erwägen neue Klagen in den USA de Rechtsanwalt Burt Neuborne mit, dass er in New Vork eine neue Ent- schädigungs-Klage gegen die deut- sche Wirtschaft wegen Zwangsarbeit im Dritten Reich hinterlegt habe. d— und zwei weitere Anwãälte von Opfern werfen der deutschen Stiftungsinitiative vor, dem Zwangs- arbeiterfonds einen dreistelligen Mil- lionenbetrag aus Zinsen und nichtin- dustriellen Spenden vorenthalten und weitere Millionenbeträge verschwen- det zu haben. Laut einer Meldung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. November geht es dabei un- ter anderem um Zalungsverpflichtun- gen der Allianz. Neuborne ist Mitglied des Kurato- riums der deutschen Stiftung„Erin- nerung, Verantwortung und Zu- kunft“. Er habe seit Wochen erfolglos Aufklärung über verschiedene Fra- gen gefordert, begründet er sein Vor- gehen, mit dem er die deutsche Wirt- schaft zur Einhaltung ihrer Verpflich- tungen zwingen will. Wenn bis Febru- ar die erhobenen Vorwürfe nicht ge- klärt sind, will Neuborne die Klage einreichen.„Damit scheint die Rechtssicherheit für die deutschen Unternehmen abermals gefährdet“, macht sich die FAZ Sorgen um die Nutznießer der Zwangsarbeit. Ebenfalls am 22. November berich- tete die Frankfurter Rundschau, dass eine bei dem New Vorker Richter Jack Weinstein angesetzte Anhörung 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer osteuropäischer NS-Opferverbände auf den 13. Dezember verschoben wurde. Demnach sollten Interessen- vertreter ehemaliger NS-Zwangsar- beiter aus Polen, Tschechien und der Ukraine ihre Kritik an der deutschen Entschädigungsstiftung vortragen. Im Namen der Zwangsarbeiter habe der Anwalt Michael Hausfeld eine Klage gegen die US-Regierung eingericht: „Diese volle deutsche Firmen in den UA nicht mehr vor Klagen Schiitzen, weil die Bundesstiftung ineſfektiv und intransparent arbeite“, so die FR. Während Stiftungssprecher Wolf- gang Gibowski erwartungsgemäß die Vorwürfe„empört“ zurückwies, ha- ben die Bundestagsabgeordneten U- la Jelpke(PDS) und Volker Beck (Grüne) die Klage von Anwalt Neu- borne als berechtigt bezeichnet. In ei- ner Presseerklärung Becks vom 21. November heißt es:„Es wäre gut, wenn die Stiftungsinitiative den Zah- — — KZ-Häftlinge in der Strohmatte nflechterei Ravens lungsverpflichtungen für die Zinsen jetzt voll nachkommt.“ Die drohende Klage habe sich die Stiftungsinitiati- ve„elbst eingebrockt“. Vertraglich habe sie ihren Anteil von 5 Milliar- den am Stiftungskapital plus„die an- gefallenen Zinsen, mindestens aber 100 Millionen Mark“ zugesagt, dann aber zu einem spãteren Zeitpunkt le- diglich die 5 Milliarden plus den Min- destbetrag der versprochenen Zinsen überwiesen und dies auch noch i mehreren Raten. Becks Fazit:„Sie (die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft) hat ihre Guthabenzinsen den Opfern vorenthalten und für die verspätete Zahlung keine Säumnis- zinsen gezahlt.“ Uber die vertragswidrig verzõger- ten Einzahlungen der Stiftungsinitia- tive und deren Weigerung, die da- durch entstandenen Zinsverluste zu- ungunsten der Zwangsarbeiter aus- zugleichen, bietet der„Bundesver- brück. Aus: Frauen in Konzentrations- lagern. Bergen-Belben, Ravensbrück, Edition Temmen, Bremen 1994, ISBN 3-86108-237.3. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 band Information& Beratung für NS-Verfolgte“, der selbst für einige Opferverbände als Interessenvertre- ter in den Verhandlungsgremien mit- eingebunden ist, auf seiner Homepa- ge eine ausführliche und detailiert be- legte Ubersicht(vww.nsberatung. de). Dies gilt auch für den peinlichen Umtausch der für polnische Zwangs- arbeiter bestimmten Gelder in Zloty. In einer Pressemitteilung vom 5. Ok- Gover 2001 weist der Bundesverband darauf hin, dass„abweichend von dem durch das Kuratorium der Stif- tung verabschiedeten Haushalt über 10 Prozent der Stiftungsmittel (1,325 Milliarden DMh) in die Weich- währung Polnische Zloty' umge- tauscht. den beteiligten Banken eine Provi- sion von mindestens 3 Millionen DPM bezahlt und über 100 Millionen DM des Stif- tungskapitals vernichtet wurden. „Für diesen Verlust sollen jetzt die polnischen Opfer zahlen. Sie sollen mit den zu völlig überhöhten Preisen eingekauften Zloty abgespeist wer- den. Sie sollen den inzwischen einge- tretenen Währungsverlust von bis zu 0 Prozent ausgleichen, in dem jedes polnische Opfer auf Stiftungsleistun- gen in Höhe von über 2000 Mark ver- zichtet. Wie weit muss man sich vom Le- ben der Opfer entfernt haben, um diesen Skandal, wie gestern durch die Bundesstiftung geschehen, als Beleg für Sicherheit, Liquidität, Ertrags- kraft' zu beschreiben. Laut Stiftungsvorstand wurden'im Vorfeld des Tausches eine umfangrei- che Beratung mit der Deutschen Bank' durchgeführt. Dabei habe man eine klare Empfehlung zum Tausch der gesamten ersten Rate mit der Finschätzung erhalten, dass sich die Kursentwicklung des Polnischen Zlo- ty in absehbarer Zeit nicht ändert und kurz- und mittelfristig stabil bleibt. In Wahrheit warnt die Research Abteilung der Deutschen Bank be- reits seit Januar 2001 vor einem Ab- sturz des überbewerteten Zloty.(Es folgen Zitate der Research-Banker Die Red.) Wie kann sich der Stiftungsvor- stand nach einer so offensichtlichen Falschinformation und Irreführung seitens der Deutschen Bank immer noch bestens beraten fühlen?“ Mehr Anspruchsberechtigte als angenommen. Reicht das Geld? Fin weiteres Problem des Entschä- digungsverfahrens liegt darin, dass die Lahl der Anspruchsberechtigten vermutlich viel höher ist als von Re- gierung und deutscher Wirtschaft an- genommen. Statt vorher vermuteten 1,2 Millionen Anträgen wird nun mit bis zu 1,5 Millionen gerechnet. Die Entschädigungsbeträge werden in zwei Raten ausgezahlt, und es ist nicht auszuschließen, dass sich die Hõhe der zweiten Rate an der Höhe des verbliebenen Geldes bemisst, wie Silke Hinder in der September-Num- mer der von der Lagergemeinschaft Ravensbrück herausgegebenen„ra- vensbrückblätter“ vermutet. Sie zi- tiert hierzu Paul Spiegel, den Präsi- denten des Zentralrates der deut- schen Juden, der sagte:„Ich hoffe nicht, dass die höhere Anzahl von 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Entschädigungsanträgen zu Lasten der geschundenen und verfolgten Menschen geht“. Es wäre„doch schrecklich, wenn die Antragsteller von den paar Mark, die sie für ihre Zwangsarbeit erhalten, auch noch et- was weggenommen bekämen“. Laut Volker Beck(Grünen-MdB) wissen „alle Seiten“ bereits seit Juli 2000, dass das Stiftungskapital nicht aus- reicht für die im Gesetz vorgesehene Verteilung. Allerdings ist eine Aufstockung des Kapitalstocks weder von der Bundes- regierung noch von den Firmen zu er- warten. Nach wie vor ist zwar viel von Verantwortung die Rede, der sich aber nicht gestellt wird, vielmehr möchte man gelobt werden, für die Almosen, die an die Opfer verteilt werden. Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer schließt sich der Forderung der La- gergemeinschaft Ravensbrück an: Angemessene Zahlungen an alle- auch die bislang ausgeschlossenen Opfergruppen. Sofortige Auszah- lung der zugesagten, ohnehin nied- rig bemessenen Gelder(zwischen 2000 und 15.000 Mark sollen für jah- relange Zwangsarbeit pro Person gezahlt werden) Aufstockung des Stiftungsfonds durch die deutsche Wirtschaft. Finzahlung aller angefallenen Zin- Ssen Offnung der Firmenarchive! Hans Hirschmann Späte Abrechnung Uber Zwangsarbeiter, Schlußstriche und Berliner Verständigungen Matthias Arning- Späte Ahrech- nung. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001. 19.90 DM Im Mai dieses Jahres ist im Fischer Taschenbuch Verlag ein Buch erschie- nen, das sich unter dem Titel„Späte Abrechnung“ in erfreulich überschau- barem Umfang(160 Seiten inklusive Anmerkungen) mit dem Problem der reichlich späten Entschädigung von Zwangs- und Sklavenarbeitern be- schäftigt. Ziel dieser Studie ist die Re- konstruktion der zähen Verhandlun- gen zwischen derstaatlichen Seite, den Vertretern von Banken und Industrie sowie den Opferverbänden bis zur Einrichtung des Entschädigungsfonds im Jahr 2000. Dies führt zwangsläufig zu einer Reflexion bundesdeutscher „Vergangenheitspolitik“ vor und nach der Wende:„Insofern geht es um die Geschichte der Gegenwart wie um die Gegenwart der Geschichte“(S. 15). 0 Im ersten Kapitel stellt Arning schlaglichtartig die Haltungen der bis- herigen Bundesregierungen vom Kabi- nett Adenauer bis zur Regierung Schrõder dar, die fast ein halbes Jahr- hundert lang durch Abweisung und den Verweis auf᷑ eine endgültige Regelung im Zusammenhang mit einem Frie- densvertrag gekennzeichnet waren. Das zweite Kapitel versucht, die Gemengelage“ nachzuzeichnen, der sich die deutsche Industrie nach den Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 US-Sammelklagen gegen Deutsche und Dresdner Bank sowie DEGUSSA seit 1998 gegenübersah. Dieses Sam- melklagen ein typisches Instrument der amerikanischen Justiz- wurden bald ausgeweitet auf weitere Unter- nehmen wie VW, BMW, Daimler- Benz, Audi, MAN, Krupp, Herkel, Lei- ca, Diehl undWMKF Der Autor hebt als Generallinie die Absicht der Beklag- ten hervor, keinerlei eigene Schuld an- Guerkennen, sondern die Forderungen an die BRD als erklärte Nachfolgerin des Dritten Reiches abzuschieben. Ebenso war es Ziel, beim dann endlich ins Gesprãch gekommenen Entschädi- gungsfonds einen möglichst großen Topf zu bilden bis hin zu Arisierungs- ansprüchen. Seitens der BRD, beson- ders zur Zeit des Kabinetts Kohl, wur- den Ansprüche der Opferverbãnde, zu denen erst seit der Wende wenigstens am Rande auch Vertreter der ehemali- gen Ostblockstaaten gehören, konter- kariert mit dem Hinweis auf bereits ge⸗ zahlte 100 Milliarden Mark an die Holocaustopfer. In einem historischen Rückblick auf „Zwangsarbeiter im 3. Reich“(Kap. 3) weist der Autor drei„Legenden“ der zurück: 1.) Man habe sich aufopferungsvoll in den Dienst der„Volksgemein- schaft“ gestellt und sei dann bei Kriegsende und Zusammenbruch schmählich im Stich gelassen und ver- raten worden. 2.) Die Zusammenarbeit mit NS- Staat und S8 habe der Verbesserung der Lage der Hãftlinge gedient. 3.) Die S8 habe den Unternehmen die Hãftlinge geradezu aufgedrängt. Das vierte Kapitel, das weitaus um- fangreichste, Stellt die zäãhen, langwieri- gen, von vielen Ratschlägen und Verzõ- gerungen begleiteten„Verhandlungen zur Entschädigung von Zwangsarbei- tern? dar. Nach wie vor meiden die Un- ternehmen den„Entschädigungs“ Be- griff, weisen eigene Verantwortung an den Staat zurück und spielen auf Zeit. Dem steht das Drängen der Opferver- bãnde besonders aus Osteuropa, woher ja die meisten Zwangsarbeiter kamen, gegenüber. Im abschließenden 5. Kapitel geht Matthias Arning der Frage nach, wo- rauf in der augenblicklichen Situation und spãtestens nach dem Tod der letz- ten KZ-Uberlebenden und Zwangs- arbeiter, nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung eine gesamtdeutsche„Erinnerungs- kultur“ bauen kann, der er durchaus gute Chancen einräumt. Arning ist es nach meinem EFin- druck gelungen, ein hõchst komplexes, jahrzehntelang verdrängtes und auf- geschobenes, viel zu spãt zu einer Lõ- sung gebrachtes Problem sachgerecht und engagiert darzustellen. Der flüssi- ge gut lesbare journalistische Stil des Redakteurs der Frankfurter Rund- schau kommt auch dem nicht fachwis- senschaftlich vorgebildeten Leser ent- gegen. Manche Wiederholungen über die einzelne Kapitel hinweg müssen nicht negativ bewertet werden, son- dern dienen eher der nachhaltigen Finprägung. Dass der Autor nicht nur nüchtern und sachlich Historie be- schreibt, sondern seine Finstellung zu Tätern und Opfern durchblicken lãßt, erhöht ebenfalls den positiven Ge- samteindruck. Gerhard Herr 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Spuren, die nicht vergehen Dieses Buch ist mehr als eine„Studie über Zwangsarbeit und Entschädi- gung“, wie es im Untertitel heißt. Es hat das Zeug zum Standardwerk über die- ses komplexe Thema. Wer die knapp 300 Seiten Text gelesen, wer die zirka 100 Seiten Anhang-Dokumente, Fotos, Quellenangaben herangezogen und aufsich hat wirken lassen, begreift die ganze Dimension des Systems der Sklavenarbeit, bekommt einen Begriff von dem, was geschehen und wie es geschehen ist. Dieter Vaupel. Spuren die nicht vergehen. EFine Studie über Zwangsarbeit und Entschädigung. Verlag Gesamthochschul-Biblio- thek Kassel. 2. Auflage 2001. ISBN 3-88122592 7. Dem Autor geht es in seiner Unter- suchung um insgesamt 1000 Konzentra- tionslagergefangene ungarische Jüdin- nen, die seit Sommer 1944 aus Ausch- witz nach Hessisch-Lichtenau gebracht wurden, wo sie einem Außenkomman- do des KZ Buchenwald unterstellt wa- ren.„Die Jüngsten, die damals noch als halbe Kinder für den NSStaat schuften mussten, sind mittlerweile über 70 Jah- re alt. Noch immer leiden sie nicht nur physisch sondern auch psychisch unter den Folgen der Zwangsarbeit. Eine Frau schrieb mir: Ich spüre, dass die er- littenen Erniedrigungen sich auf ein ganzes Leben auswirken, dass das letz- te Tier besser behandelt wurde als wir. Die ständige Beklemmung, die völlige Depression haben unauslõschliche Spu- ren hinterlassen“(Aus dem Vorwort des Autors zur zweiten Auflage. S. 10 f). Was als Beschränkung des Blick- winkels auf nur? eintausend Personen erscheinen kõnnte gegenüber etwa 9,5 Millionen Menschen, die während der NSZeit Zwangsarbeit leisten mussten- erweist sich letztlich als Vorzug dieses Buches. Zwar waren in der ehemaligen Sprengstoff-Fabrik Hessisch Lichtenau, auslãndische Arbeitskräfte bereits eil 1940 zwangseingesetzt. Von den im De- zember 1944 insgesamt 4472 dort Be- schäftigten waren 54 Prozent Auslän- der, die aus zehn verschiedenen Ländern stammten, darunter„Zivilar- beiter“ und auch Kriegsgefangene. Aber die Konzentration auf die Gruppe der KZ Gefangenen, auf die Vorausset- zungen ihres„Einsatzes“(Kapitel I), auf ihre Herkunft(Kap. II), auf ihre Le- bens- und Arbeitsbedingungen(Kap. III), auf Evakuierung, Todesmarsch und Befreiung(Kap. IV) und auf die ge- sundheitlichen Schäden, insbesondere das KZ oder Uberlebenden-Syndrom (Kap. V), wirkt wie ein Vergrõßerungs- glas, ein Fokus, durch den das System der Zwangsarbeit- von der„Vernich⸗ tung durch Arbeit“ zur verstärkte Nutzung“ durch Einsatz in der Rüs- tungsindustrie in seiner Gesamtheit erkennbar wird. Der Autor zeigt, wozu Lokal- und Regionalgeschichte in der Lage sind: an dem, was eintausend Menschen ange- tan wurde, die Strukturen und Mecha- nismen aufzuzeigen, denen Millionen zum Opfer fielen und die bis heute in der Debatte um„Entschädigung“ nachwirken. Davon handeln die weite- ren Kapitel, die in faszinierender Sach- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 kenntnis die„Wiedergutmachung durch die Bundesrepublik Deutsch- land“(Kap. VI) sowie die„Entschäãdi- gung nach dem Bundesentschädigungs- gesetz“(Kap. VII) und durch Dynamit Nobel(Kap. VIII) analysieren, um schließlich die„Wiedergutmachung durch Entnazifizierung und Strafverfol- gung“(Kap. IX) und die Moralische Wiedergutmachung nach über 45 Jah- ren“(Kap. X) zu thematisieren. 2 Hierzu ein Beispiel: Unter der Uberschrift„Rechtskonstruktion“ er- fährt der Leser des Abschnitts über die „Sprengstoff-Fabrit der Verwert- chemie Hessisch Lichtenau“, dass die „Dynamit A6 vorm. Alfred Nobel& Co.“(DAG), deren 100 prozentige „Verwertchemie“ die Tochterfirma Sprengstoff-Fabrik betrieb, eng mit dem IG-Farben-Konzern verbunden war.„Die IGF erreichte es bald, die DAG zu beherrschen. In der Ak- tionãrsversammlung hatte die IG die Stimmenmajorität und übte bis 1945 die Kontrolle über die DAG aus“(S. 42). Wer bei I6 Farben im Wesentli- chen an Auschwitz-Monowitz und Zy- klon B denkt, bekommt hier Anschau- ungsunterricht unmittelbar vor der Haustũr. Setzt der Leser dieses Wissen in Beziehung zu dem Kapitel„Wieder- gutmachung durch Entnazifizierung und Strafverfolgung“, so bleibt nach der Lektüre der Nürnberger Industri- ellen-Prozesse(S. 254 ff) ein bitteres Resümee: Zwei Aufsichtsratsmitglie- der der DAG, Hermann Schmitz und Frit? Gajewski, waren lediglich mitangeklagt. Schmitz wurde zu vier Jahren Gefängnis verur- teilt, Gajewski freige- sprochen. Beide mach- ten in der Bundes- repubulik erneut Kar- riere. Gajewski erhielt 1953 das Bundesver- dienstkreuz. Schmitz war u.a. im Aufsichtsrat der Deutschen Bank vertreten.„Im Ubrigen war die Chefetage der DAG in Troisdorf nach 1945 weitgehend iden- tisch mit der vormali- gen, zwischenzeitlich li- quidierten Dynamit AG6. Gegen sie wurden Fhemalige Verladerampe der Spr engstoff-Fabrik Hessisch Lichtenau, an der Häftlinge Schwere Zwangsarbeit ver- richten mussten. Aus: D. Vaupel: Spuren die nicht vergehen. keine Maßnahmen er- griffen“(S. 256). Auch gegen die übrigen Di- 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer rektoren der I6 Farben fielen die Ur- teile milde aus(S. 256). Und dies, ob- wohl es im Abschlussbericht der Fi- nanzabteilung der Amerikanischen Militärregierung(September 1945) hieß:„Ohne die riesigen Produktions- stätten der IG Farben, ohne die wirt- schaftliche Macht, die in ihren Händen konzentriert war, wäre Deutschland nicht in der Lage gewesen, seinen An- griffskrieg zu beginnen“(Vaupel, S. 42). Das Buch von Dieter Vaupel breitet eine solche Fülle solide recherchierten Materials aus, dass es schwer fãllt, in die- ser Rezension zumindest einen ersten Uberblick zu geben. Deswegen die Empfehlung: Auch diejenigen, die sich mit Zwangsarbeit breits beschäftigt ha- ben, erst recht diejenigen, die als Lehrer über dieses Thema sprechen müssten, sollten, nicht zuletzt zu ihrer eigenen Weiterbildung, das Buch nutzen. Denn Texte und Dokumente haben bilden- den Charakter, setzen die Leser ins Bild. Und aus Einzeleindrücken, aus Gewusstem und neu Erfahrenem ent- steht ein wirkliches Wissen, ein ge- schärfter Blick, eine veränderte Sicht. weise, durch die sich die grauenhaftei) Zusammenhänge erschließen— auch über das Kriegsende hinaus, in der Art und Weise, wie Zwangsarbeit„bewäl- tigt“ und„entschädigt“ wurde und wird. Albrecht Werner-Cordt Ihrer Stimme Gehör geben Zwangsarbeit: Berichte ehemaliger Häftlinge des KZ Flossenbürg Bernhard Füßl, Sylvia Jeifert, Hans Simon-Pelanda.„Jhrer Srim- me Gehör geben“ Uberlebenden- berichte ehemaliger Häftlinge des KZ Flossenbürg, Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2001, 112 Seiten, ISBN 3-89144-2963. Bestellungen auch bei: Arbeitsge- meinschaft ehemaliges KZ Flos- senbürg, Rote-Hahnen-Gasse 6 in 93047 Regensburg. In der bisherigen Grabstätte Flos- senbürg stehen Veränderungen an: Si- cherlich nicht zuletzt auf Grund der Verõffentlichungen von Dr. Hans Brenner und Toni Siegert sowie der langjãhrigen Vorarbeiten und Anstöße durch die Arbeitsgemeinschaft ehe- maliges K?Z Flossenbürg(1. Uberle- bendentreffen, Resolution zur Zu- kunft der Gedenkstätte usw.) wird nun in diesem ehemaligen Konzentrations- lager als letztem mit der Errichtung ei- ner Gedenkstätte begonnen, trotzdem wissen noch immer sehr wenige etwas über das KZ Flossenbürg und die Er innerungen seiner Uberlebenden sin immer noch weitgehend unbekannt. Die Arbeitsgemeinschaft veröf- fentlicht daher aus ihrer umfangrei- chen Sammlung von Uberlebenden- berichten einen ersten Band mit Brinnerungen, die sich vor allem auf die Zwangsarbeit im KZ, die„Ver- nichtung durch Arbeit“ beziehen. Syl- via Seifert, Bernhard Füßl und Hans Simon-Pelanda haben die Texte aus- gewählt und behutsam redigiert. Der Band wird eingeleitet durch ei- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 ne systematische Darstellung des Sys- tems der Zwangsarbeit im KZ Flos- senbürg und seinen Außenlagern, er- gänzt durch eine Anzahl erstmals verõffentlichter Dokumente zu den mittelbaren und unmittelbaren Nutz- nießern der Zwangsarbeit in der Re- gion Ostbayern, Sachsen und dem Westen der tschechischen Republik. Die einzelnen Verfasser werden je- weils mit einer kurzen Biografie ihrer nonymitãt als bloße Nummer im KZ entrissen. Sie erhalten für den Leser ein vorstellbares Gesicht, teilweise auch durch historische oder aktuelle Fotografien. Vieles, was sich kaum in Worte fassen lässt, können die Abbil- dungen von Werken der„Maler des KZ Flossenbürg“ vermitteln, die den Texten beigegeben sind. Zeitlich um- spannen die Berichte den Zeitraum von der Errichtung des KZ 1938 bis zur Fvakuierung und der Befreiung der Arbeitssklaven durch alliierte Truppen im April/ Mai 1945. Zehn Autorinnen und Autoren aus sechs Nationen erleben noch ein- mal die Schrecken des täglichen Uberlebenskampfes gegen die ge— plante Vernichtung, aber sie stellen Guch die bewundernswerte Solida- rität untereinander und den unbe- dingten Glauben an die bessere Zu- kunft heraus. Neben Schilderungen zu dem durch brutale Arbeitshetze kaum als Alltag zu bezeichnenden Ta- gesablauf, den unmenschlichen Ar- beitsbedingungen und den allgegen- wärtigen Schikanen und Quãlereien der(SS)Wachmannschaften stehen auch diese Erinnerungen: Von indivi- duellem Mut, dem Stolz, unter der Knute der Wächter die menschliche Würde bewahrt zu haben. So weit gestreut sich die„Arbeits- stellen“ der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auch nachweisen las- sen von Privathaushalten über staat- liche und kommunale Pinrichtungen bis zu landwirtschaftlichen und Hand- werksbetrieben und den großen Un- ternehmen der Rüstungsindustrie-80 vielfãltig sind die Formen der Verach- tung und Demütigung, so selten hin und wieder kleine Hilfen im zwischen- menschlichen Umgang mit Deut- schen. Die Leser erhalten so einen ausführlichen Finblick in die unter- schiedlichen Arbeitsanforderungen im Stammlager, den von dort aus ein- gesetzten zeitweiligen Arbeitskom- mandos und den Außenlagern, die wie Hersbrück oder Leitmerit? Todesfa- briken waren. Vor allem das Netz die- ser„Filialen des Todes“, mit denen die SS zwischen Regensburg, Nürnberg, Dresden und Prag einen eigenen, weit- verzweigten ökonomischen Wirt- Schaftssektor begründete, mag für vie- le in seiner Ausdehnung und Dichte eine Uberraschung sein. Besonders hervorgehoben seien die erschüttern- den Zeugnisse von Veronika Hanno- vã, die über die Geburt ihrer Tochter im KZ spricht, und von Towa Karni, die ihre Uberlebensstrategie be- schreibt:„Während der ganzen Zeit war ich voller Hoffnung und über- zeugt, dass jedes Unkglück ein Ende ſ Dieser Publikation wünscht man ein möglichst zahlreiches Lesepubli- kum. Um sie erscheinen zu lassen, be- durfte es der Unterstützung der Eu- ropãischen Kommission sowie des Arbeitsamtes Regensburg. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Fine doppelte Verhöhnung der Opfer Ernst Klees neues Buch über Buthanasie und andere Medizin- verbrechen im Dritten Reich Ernst Klee Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 194. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001, 416 Seiten, 48,00 DM (25,50 Euro). „Die Schwester Holzhausen hielt das Kind, und ich habe Antje H. die Spritze von zehn Kubikzentimetern Luminal in den oberen Quadranten des Gesäßes gegeben. Dass die Sprit- ze tõdlich wirken würde, war mir be- kannt.“ Die Assistenzärztin Freiin Or- trud von Lamenzen berichtet im Mai 1948 vor dem Hamburger Landgericht ganz offen über die Ermordung be- hinderter Kinder im Krankenhaus Ro- thenburgsort während der NSZeit. Sie spricht auch von der Anweisung, auf dem Totenschein als Todesursache „Pneumonie“, also Lungenentzün- dung, anzugeben. EFin Schuldbewusstsein oder Reue zeigt Lamenzen ebenso wenig wie ihr früherer Chefarzt, SS-Hauptsturmfüh- rer Wilhelm Bayer, der erklärt:„Was das angebliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeht, so muss ich das deshalb ablehnen, da ein solches Ver- gehen nur gegen Menschen begangen werden kann, und die Lebewesen, die hier zur Behandlung standen, sind nicht als Menschen zu bezeichnen.“ Das Hamburger Landgericht stellt das Verfahren im April 1049 ein- mit der Begründung, dass„die Verkürzung le- bensunwerten Lebens“ keinesfalls „dem allgemeinen Sittengesetz wider- streitet“. Nur ein Fall von Tausenden, über die der NS-Forscher Ernst Klee in sei- nem neuen Buch berichtet. Der itel „Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. Dem- nach werden über 70.000 als lebensun- wert abgestempelte Menschen allein in den Vergasungsanstalten einer Zen- tralstelle mit dem Tarnungskürzel T4 ermordet. Tausende Weitere werden, wie es im zynischen Sprachgebrauch der Natio- nalsozialisten hieß,„abgespritzt“ oder auf andere Weise ermordet. Oft wer- den sie vor ihrem Tod noch für medi- zinische Experimente herangezogen, die in der Regel mit Höllenqualen ver- bunden sind. Doch die Täter bleiben nach 1945 zumeist ungeschoren, wer- den weiterhin als medizinische Grö- Ben gehuldigt. Für Klee ist dies eine doppelte Verhöhnung der Opfer. 6 Grundlagen für die so genannte Eu- thanasie sind die nationalsozialistische Rassenhygiene und die damit einher- gehende Vererbungslehre, die auch von den Medizinern propagiert wird. Pem- nach sind Krankheiten- ob körperli- cher, geistiger oder psychischer Natur- immer ein Zeichen schlechter Erbanla- gen, die zum Wohle der Volksgesund- heit ausgemerzt werden müssen. Damit wird auch das Sterilisie- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 rungsgesetz von 1934 gerechtfertigt, mit dem Kranke und Behinderte, aber auch Kriminelle, Homosexuelle und Fürsorgezöglinge an der Fortpflan- zung gehindert werden sollen falls man sie am Leben lãsst. Oberstes Ziel ist die Gewährleistung der besten ge- netischen Anlagen für die beste aller Rassen die nordische. Deshalb gilt es auch, minderwertige Rassen wie Ju- 6 Sinti und Roma auszumerzen. Verharmlosung und Vertuschung nach 1945 In ihrem Vernichtungskampf gegen „Dekadente und Schwächlinge“ sehen sich die NSArzte als Retter der Volks- gesundheit. Der Rassenhygieniker Gerhard Wendt liefert auch nach dem Krieg als Vorsitzender der Stiftung für das behinderte Kind- noch eine Rechtfertigung dafür:„Das Dilemma der Behindertenhilfe besteht haupt- sächlich darin, dass eine bessere Be- handlung und Betreuung der Behin- derten die Lebenserwartung dieser Mitmenschen erhöht und so die Zahl der Behinderten ansteigen lässt.“ Die eiten mögen sich geändert haben, die bleibt, kommentiert Klee. Fin besonderes Kapitel widmet der Autor den Anfängen der Genfor- schung im NSStaat bis hin zu Josef Mengeles Medizinversuchen in Auschwitz. Dort werden Häftlinge nicht zuletzt ermordet, weil Wissen- schaftler ihre Augen für Färbungsex- perimente brauchen. Den biochemi- schen Baustein für die Auschwitz- Forschung lieferte der Nobelpreistrã- ger Adolf Butenandt. Wie Klee beklagt, haben sich die Täter nach 1945 nie zu ihren Verbre- chen bekannt. Vielmehr haben sie sich Selbst als Opfer der NS-Zeit darge- stellt. Auch die Förderer der Vernich- tungsmedizin wie die Deutsche For- schungsgemeinschaft oder die Max- Planck-Gesellschaft als Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Institute haben ihre Beteiligung verharmlost oder ver- tuscht. „Wer Täter ehrt, mordet ihre Opfer noch einmal“, resümiert Klee.„Wer Tätern nach dem Munde redet, hat kein Ohr für die Opfer.“ Der NS-For- scher, dessen Buch„Euthanasie im NSStaat“ aus dem Jahre 1983 als Standardwerk gilt und der für die Do- kumentation„Auschwitz, die NS-Me- dizin und ihre Opfer“ 1997 den Ge- Schwister-Scholl-Preis erhielt, hat damit erneut eine Lanze für die ver- gessenen Opfer gebrochen. Annedore Smith Impressum: Das Mitteilungsblatt der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer erscheint zwei bis drei Mal pro Jahr Herausgeber:Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Lindenstraße 68, 35516 Münzenberg-Gambach Jelefon(¶06033) 60168 Redaktion: Hans Hirschmann 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Menschen-Orte-Dokumente Eindrucksvolle Spurensuche: Bilder vom Ghetto Lodz 1940 1944 Bilder von Orten 1995/ Portraits von Juden in Lodz 1995 SilMke Berg. Wenn sich Vergangenes zunehmend mit Nacht bedeckt. (Alle Texte deutsch und polnisch.) ISBN 3-00-0055738. Frankfurt/M. 2000. DM 29.80(Euro 15,24). Bestellwege: Silke Berg, Lötzener Str. 1, 60487 Frankfurt/M.; e-mailt sb Gbergauf-verlag. de, Internet: www. bergauf-verlag. de „Bei Reisen in das benachbarte Ausland, hier besonders Polen, erleb- te ich die Geschichte des eigenen Lan- des durch die Menschen, die mir dort begegneten, eindringlicher als in Deutschland selber“, schreibt Silke Berg im Editiorial des Buches über ih- re Spurensuche zum Ghetto Lodz. Er- gebnisse ihrer Nachforschungen hat sie als Dipolomarbeit ihrer Designer Ausbildung in dem Bild- und Erinne- rungs-Band„Wenn sich Vergangenes zunehmend mit Nacht bedeckt.zu- sammengefasst. Vor 1939 war die Jüdische Gemein- de in der polnischen Stadt Lodz mit ungefähr 233.000 Personen(mehr als 30 Prozent der Gesamtbevölkerung) die zweitgrößte Europas. 1995 als Sil- ke Berg vor Ort recherchierte, setzte sich die einstmals blũhende Gemeinde aus einigen wenigen alten Menschen zusammen, die größtenteils unter be- scheidenen Bedingungen lebten. Im historischen Teil des Buches wird eingangs die Geschichte der Juden in Osteuropa und insbesonders die der Jüdischen Gemeinde Lodz vor 1939 skizziert. Die Strukturen und Funkti- onsweisen des im Februar 1940 von den Deutschen eingerichteten„Ghetto Litzmannstadt“(so der eingedeutschte Namen der Stadt) erlãutert die Autorin prägnant u. a. mit Karten und histori- schen Fotos. Das Großghetto Lodz lal in einem Bezirk, dessen Infrastruktur besonders unterentwickelt war(95 Pro- zent der Gebäude besaßen keine Joi- letten, keinen Wasser und Kanal- anschluß). Zu den bereits dort wohnenend 62.000 Jüdinnen und Juden wurden weitere 100.000 aus den ande- ren Stadtteilen„Zugesiedelt“. Hier wurden sie systematsich für die deut- sche Rüstungswirtschaft durch Zwangsarbeit ausgebeutet und danach deportiert und zumeist im Vernich- tungslager Chelmno/Kulmhof, Spãter in Birkenau, ermordet. Bei der Befreiung der Stadt Lodz im Januar 1945 durch die Rote Armee hatten 877 GhettoIn- Sassen in Verstecken überlebt. Silke Berg beschreibt dies in nüch⸗ terner Kürze vowie mit ausbagekrãftiq) gem Fakten- und Dokumentations- material. Die von der deutschen Ghetto-Verwaltung aufgenommenen Farbfotos kontrastiert sie im zweiten großen Abschnitt ihres Buch bewusst mit Schwarz-Weiß-Fotos der heutigen Orte, die frũher kennzeichnend für das Ghetto waren. Es stehen nur noch we- nige Gebäude, und lediglich eine ein- zige Gedenktafel- an der ehemaligen Gestapo-Zentrale erinnert an den früheren Ghettobezirk. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 „Nach dem Krieg gab es hier in Lodz auch langsam wieder ein jüdisches Le— hen, es gab wieder eine Schule, ein Vheater usw, aber das Leben war doch anders, weil es Keine intal- ren Familien mehr gab Nur einzelne, verstreute Perso- nen. Ich hin auch als einzi- er von unserer Familie hriggeblieben“, erzählte Froim Loterspigiel beim Interview. Er ist einer von sechs Männern und einer Frau, die im dritten Teil des Buches mit eindrucks- vollen Fotos und Zeitzeu- genberichten portraitiert werden. Lajb Praszkier ist der einzige, der auch im Ghetto Lodz war, die an- deren kamen erst nach dem Krieg in die Stadt. „NHeule lehen ⁊wei in der Gemeinde, die auch das Gheto überlebt hahen. Sagen wir drei, es Kam noch eine Frau dazu, die hatte vich 40 Jahre nicht zu erkennen gegeben. Voriges Jahr bei den Feiern zur d des Ghettos Kam sie heraus“, erichtet Lajb Pras?kier. Die eindringlichen Zeitzeugen- berichte spiegeln in frappierender Weise wieder, was die Autorin bereits im Fditorial konstatiert:Die Lebens- geschichten sind in jedem Fall geprägt von Phasen der Entwurzelung, Flucht, Gewalt und dem Sich-Wieder-Arran- gieren-Müssen mit den neuen Bege- benheiten.“ Klugerweise wurden bei den Interviews die thematischen Brüche und Wiederholungen beibelas- sen, womit ganz natürlich die Authen- Lajb Pras?kier, Uperlehender des Ghetto Lodz. tizitãt sowie die nachhaltige Wirkung verstäãrkt werden. Der Anhang schildert die Geschich- te der jũdischen Familie Isaak aus dem hessischen Lich, deren letzte Spuren auf᷑ das Ghetto Lodz verweisen. Silke Berg hat für den Titel ihres Buches ein Zitat aus Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ gewählt und mit ihrer Spurensuche sowohl inhaltlich wie von der Gestaltung her ein ein- drucksvolles Beispiel der Erinne- rungsarbeit vorgelegt. Es ist als Band 1 der MEMENTO-Reihe erschienen, Herausgeber sind Sascha Feuchert (Arbeitsstelle Holocaust-Literatur an der JIILU Gießen) und Dr. Klaus Kon- rad-Tromsdorf(Ernst-Ludwig-Cham- bréStiftung). Hans Hirschmann 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer An I6 Farben-Aktien klebt Blut Rede bei der Hauptversamlung der I6 Farbenindustrie A6 in Abwicklung in Frankfurt/ Main am 17.09.2001 Liebe kritische Aktionäre und liebe demokratische Aktionäre, nicht angesprochen sind die im Raum auch vorhandenen Vertreter von Akti- en, die auf der Basis von Mord und Blut weiterhin Geschäfte tätigen wollen. Die Liquidatoren und der Auf- sichtsrat kõnnen nicht entlastet werden. Der Aufsichtsratsprecher Krienke hat heute mehrfach das Aktienrecht zitiert. An dieses hätte er sich im gesamten Ge- schäftsjahr halten müssen. Sowohl der Aufsichtsrat als auch die Liquidatoren haben aber das ganze Jahr über gegen geltendes Aktienrecht verstoßen. 8 268 (1) Aktiengesetz legt unmißverständ- lich fest:„Die Abwickler haben die lau- fenden Geschäfte zu beenden, die For- derungen einzuziehen, das übrige Vermõgen in Geld umzusetzen und die Gläubiger zu befriedigen.“ Dem sind sie in keinster Weise nachgekommen. So wie sie sich darum nicht ausreichend kümmern und die I. G. Farben A6 nicht schnellstens liquidieren, so gehen sie auch- wie heute früh durch Herrn Krienke geschehen mit der Geschich- te um. Die Leugnung des Zusammen- hangs zwischen der I6 Farben und Zy- klon B und dessen Verwendung in Auschwitz durch Herrn Krienke auf der Basis eines rechtslastigen FAZArtikels Zeigt der aktiven Willen zu Geschichts- fälschungen und zur Verharmlosung von Verbrechen. Die Linie der Zyklon B-Produzenten-Firma Degesch über IGFarben hin zu den Gaskammern ist eindeutig und kann weder durch FAZ- Schmierereien noch durch Geschichts- klitterung von Herrn Krienke beschö- nigt werden. Als Vertreter der Lager gemeinschaft Auschwitz verwahre ich mich gegen ein solches Ansinnen. Wer sind nun die Glãubiger, die sig nach Aktiengesetz zu bedienen haben Dies sind u. a. die vielen Tausende, die als Zwangsarbeiter im Dienste der Ge- sellschaft schuften mußten. Von diesen die wenigen Uberlebenden und darũ- ber hinaus die Angehörigen derer, die ihr Leben lassen mußten, das sind die im Sinne des§ 268(1) AktG zu befriedi- genden Personen.§ 271(1) sieht dann vor, daß„nach der Berichtigung der Verbindlichkeiten verbleibende Ver- mõgen der Gesellschaft unter die Ak- tionãre verteilt wird“. Hierzu kann es aber nicht kommen, da die Entschãdi- gungen für brutale Ausbeutung und vielfãltigen Tod in keinem Verhãltnis zu dem tatsãchlich verbleibenden Vermõ- gen stehen. Das Vermõgen reicht nicht. um die Opfer auch nur annãhernd„ die Nãhe einer Wiedergutmachung? bringen. Für Aktionãre kann also nichts übrig bleiben. Vielleicht Spekulieren ei- nige von diesen, daß sich durch„biolo- gischen Abgang“ der schon sehr alten letzten Uberlebenden das Problem zu⸗ gunten der Aktionäre lösen könnte. Mõglicherweise ist dies auch der Grund für die Liquidatoren, ihre elementaren Verpflichtungen zur schnellen Abwick- lung nicht nachzukommen. Aber selbst das wãre falsch, denn Verbindlichkeiten sind bekanntlich vererbbar. Die Liqui- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 datoren kõnnen sich weder aus der Ge⸗ schichte noch aus dem Aktiengesetz da- vonstehlen. Gesetz und Moral weisen sie in die Schranken. Entsprechend die- sen Verstõssen können weder die Li- quidatoren noch die Aufsicht vernach- lässigenden Aufsichtsräte entlastet werden.§ 265(5) sieht zudem-die je- derzeitige Abberufung“ durch die Hauptversammlung vor. Dies ist in Anbetracht der Ignoranz d des unmoralischen Geschichts- umgangs der Liquidatoren heute früh zwingend notwendig und wird von mir hiermit beantragt. Wer nicht entlastbar ist, Sollte Sowieso abtreten. Der Liqui- dator Herr Pollehn hat es in seiner heu- tigen Rede fertig gebracht, auf„positi- ve Momente? in der Geschichte der IG Farben hinzuweisen. Dieses Relativie- ren ist der geistige Tenor des von Li- quidatoren und Aufsichtsrãten besetz- ten Podiums. Dazu paßt es, den Magistrat der Stadt Frankfurt zu diffa- mieren und dessen Beschluß, der IG Experiments on Ru Nazl War prodꝰ Demonstranten vor dem Frankfurter Tagungsort der IG-Farben-Hauptversammlung. Farben keine städtischen Räume zu vermieten, zu kritisieren. Handlungen von demokratisch gewählten Gremien sind ihnen auch 55 Jahre nach Kriegs- ende ein Greuel. Undemokratisches Vorgehen haben wir auch heute früh erlebt, als sie, Herr Krienke, junge Men- schen mit brutalen und gewaltsamen Mitteln des Saales verwiesen haben, nur weil diese auf ein paar geschichtli- che Zusammenhänge hingewiesen ha- ben. Diese Dialogverweigerung und parallel dazu den Ausschluß der Medi- en und damit der in Hauptversamm- lungen üblichen Offentlichkeit paßt in das Bild der IG Farben in der Nazizeit. Das Bild vervollstãndigt sich, wenn der Aufsichtsratsvorsit?ende Krienke bei dem von den kritischen Aktionãren be- antragten Gedenken an die Opfer des Holocaust mit Mühe nur partiell auf- steht und mit den Händen in der Ho- Sentasche seiner Rolle„gerecht“ wird. Der Konzern I6 Farben hat sich schon vor 65 Jahren durch Machen- mmeciate Slave Labour Dissolution! ctob MwonS mans 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer schaften zwischen Aufsichtsrat und Vorstand ausgezeichnet. Das Verdrän- gen der Juden aus dem Vorstand ist ein solcher Beleg. Auch heute gibt es dort keine saubere Trennung. Wie erklärt es sich, daß das Aufsichtsratsmitglied Dr. Ulrich Born mit dem eigentlich zu kontrollierenden Liquidator Pollehn eine gemeinsame Kanzlei betreibt? Bereiten sie diesem Treiben im Jahre 2001 ein Ende und verweigern sie jegliche Entlastung. Diethardt Stamm PS Diese Rede wurde am 17 00 2001 am Vormittag gehalten, am Nachminag wur- de die Entlastung mit 96% der Ah- tiondrsstimmen- überwiegend gehalten von 3 his ⁊ Bunkenvertretern gewährt. Wie berichtet, hat die Lagergemeinschaft-Freundeskreis die verõffentlichunſ) der Dokumentationsbücher über die Transporte von Warschau nach Auschwitz finanziell unterstützt. Elæbieta Stamm hat folgende Passage übersetzt. Transporte der Zivilbevõlkerung nach dem Warschauer Aufstand in das KZ Auschwitz über das Durchgangslager in Pruszkow Am 1. August 1 944 begann der War- schauer Aufstand der polnischen Be- võlkerung gegen den deutschen Okku- panten. Während des Aufstands und nach seiner Niederschlagung wurden von den Deutschen etwa 550.000 Ein- vertriebene Warschauer, aussortiert für den Transport zum„Bestimmungsort“- wie eine ——. 4— 8 wohner evakuiert. Jedes einzelne Haus wurde durch die SS und die Hilfskom- mandos(u. a. RONA- Russische Na- tionale Befreiungsarmee) durchsucht und die Bevölkerung zu den Haupt- sammelpunkten gejagt. Die Menschen deutsche Unterschrift unter dem Bild wissen lãsst. Foto: Museum für Geschichte Warschau Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 hatten keine Gelegenheit, die nötig- sten persönlichen Sachen mitzuneh- men. Das Privateigentum wurde ge- raubt und massenweise in das Reich gebracht. Danach wurden die Häuser systematisch in die Luft gesprengt oder verbrannt. Die Aussiedlung der Zivil- bevõlkerung dauerte pausenlos bis zu den ersten Wochen Oktobers 1944. Das Schicksal der Warschauer Be- völkerung war von den dauernd un- Genusigen Befehlen der deutschen Besatzungsbehörden abhängig, die auch nach der Niederlage des War- schauer Aufstands keine einheitliche Meinung über das Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner vertraten. Am tra- gischsten war die erste Woche des Auf- stands im Stadtteil Wola, wo die S8, Wehrmacht, ukrainische Nationalis- ten, die Russische Nationale Befrei- ungsarmee von Mieczyslaw Kaminski ab dem 3. August 1 944 systematisch die zivile Bevölkerung ermordete, insge- Samt etwa 20.000 in diesem Stadtteil. Später sollten die Menschen entspre- chend Sortiert“, in die KZ oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland ge- bracht werden. Für dieses Ziel wurde ein Durchgangslager(Dulag 121) in O kov(enwa 10 km von Warschau enufernt die Uherseterin) eingerichtet. Auszug aus der Aussage von Frau Anna Pawelczynska über die illegale Anfertigung von Namenslisten durch die weiblichen Häftlinge der aus dem Durchgangsalger Pruszkow nach Auschwitz gebrachten Frauen. Fine zweite bedeutende Aktion, an der ich teilnahm, war die Anfertigung der Namenslisten von Frauen und Kindern, die nach dem Warschauer Aufstand nach Auschwitz gebracht wurden. Die Namenslisten wurden an- hand der aus der Schreibstube in Bir- kenau gestohlenen Materialien ange- fertigt. Auf den Listen standen in alphabetischer Reihenfolge die Na- men aller aus Warschau gebrachten Frauen und Kinder. Die Liste, die das Museum besitzt, stellt keine komplette Abschrift dar, sondern vielleicht die Hälfte oder Dreiviertel aller Namen, die registriert wurden. Wegen verschiedener Schwie- rigkeiten konnten wir die Liste nicht vollständig abschreiben. Die Originalliste wurden uns durch die polnischen Häftlinge, die in der Schreibstube beschäftigt waren, ange- liefert. Die Listen wurden uns für die Nacht überreicht, am Tag mussten sie wieder in der Schreibstube sein. Die Abschriften haben wir vor allem in der Paketstube überwiegend in der Nacht gemacht, teilweise aber auch im Block, in dem wir wohnten. Um das Maximum an Sicherheits- bedingungen zu schaffen, haben wir an einer Stelle ziemlich viele Pakete auf- gestapelt und hatten auf diese Weise in dem hinteren Teil des Raumes eine geschützte Ecke. Dort fand unsere Aktion statt. Da im vorderen Teil des Raumes ständig eine SS-Frau anwe- send war, konnten nur eine, höchstens zwei Frauen die Liste abschreiben. An- dere, in die Aktion eingeweihte, Frauen paßten auf und gaben entsprechende Signale, wenn es gefährlich wurde. Die Originaldokumente und ihre Abschriften waren so sortiert. dass sie jeden Moment in einen, für diesen Zweck bestimmten Sack mit einem 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer beschädigten Paket reingeworfen sein konnten. Diesen Sack konnte man dann mit einer Kordel zubinden und mit der Nummer und der Adresse ei- nes Empfängers(am besten eines ver- storbenen) versehen. In diesem Falle hat die Kollegin, die die Pakete weiter geleitet hatte, diesen Speziellen“ Sack auf ein Regal mit anderen zum Ver- Sand vorgesehenen Paketen abgestellt. Diese prekäre Situation passierte uns einige Male. Wenn wir die Liste in unserem Block abgeschrieben haben, lag die Abschreibende auf der obers- ten Pritsche, und die anderen Frauen standen Wache, Wegen der sehr schwierigen Bedingungen dauerte das Abschreiben einige Nächte, vielleicht eine Woche lang. Wir konnten nicht die vollstãndige Liste abschreiben, weil in der Schreibstube auch oft Bedingun- gen herrschten, die das„Klauen“ von Originaldokumenten nicht möglich machten. Diese Aktion haben wir auf Befehl der Organisation„Gruppe Auschwitz“ durchgeführt, und sie hat- te das Ziel, die Familien schnell über das Schicksal der nach dem Warschau- er Aufstand nach Auschwitz gebrach- ten Kinder und Frauen zu informieren und das Internationale Rote Kreuz über die massenweise stattfindenden Transporte der Zivilbevõlkerung nach Auschwitz zu benachrichtigen. Aussage von Aniela Osiecka, einer Warschauerin, über die Hinrichtung in der Wolska-Straße Am 8. August 1944 kamen in unser Haus Mongolen. Sie waren wütend und wollten sofort das Haus in Brand setzen. Sie haben uns schnell aus den Wohnungen in den Hof gejagt. bih Männer wurden von den Frauen ge- trennt und im Hof rechts und die Frauen links gestellt. Man konnte fürchterliche Schreie der Kinder und der Frauen hören. Während die Männer mit einer Maschinenpistole erschossen wurden, kam mein kleiner zweijähriger Sohn auf den auf uns aufpassenden Mongo- len zu und küßte ihm die Hand, der ãl- tere, zehnjährige Sohn bat ihn, uns vom Tod zu bewahren. Der Mongole erlaubte uns, uns zu entfernen, aber er schlug mich mit dem Gewehrkolben So fest, dass ich Blut spuckte. Indem ich den Hof verließ, sah ich den Lei- chenhaufen der getöteten Männer, auch mein Mann war unter ihnen, und ich konnte schen, dass die Rxekution von Frauen begann. Fhrungen für polnische Freunde und LGA-Mitglieder Für ihre Verdienste um die Aufar- beitung der Geschichte und der Wahr- heit über das KZ Auschwitz wurden unter anderem Tono-Vorsitzender Ka- ziemierz Albin(Auschwitz-Häftling Nr. 118) und der Vorsitzende des Hãäft- lings-Club Krakow Jozef Paczynski (Auschwitz-Nr 121) mit dem Kom- mandeurskreuz der Wiedergeburt Po- lens ausgezeichnet. Mit einem hohen polnischen Orden gechrt wurde zudem LGA-Grün- dungsmitglied Janusz Mlynarski, eben- falls ehemaliger Auschwitz-Hãftling. Brief vom Verein ehemaliger Auschwitz-Häftlinge in Warschau Die ehemaligen Häftlinge der Konzentrationslager sind sehr stark durch ihre tragischen Erlebnisse ge- zeichnet. Wir werden immer weniger Betroffene, aber unser gemeinsames Schicksal verbindet uns stark und setzt gemeinsame Ziele. Unser Hauptziel ist die Hilfe für sere Mitglieder im sozialen und Ge- Gneitspereich Der Warschauer Verein Auschwitz-Birkenau zählt z. Z. 759 Mitglieder, 360 Frauen und 390 Männer, wir betreuen 15 liegende Kranke, 27 ehemalige Häftlinge sind älter als 90 Jahre. Dank dem Verein entstand eine Ambulanz nur für ehemalige Hãäftlin- ge. Damit ist eine schnelle Uberwei- sung zu den Fachärzten sehr erleich- tert. Diese Ambulanz ist unter unseren Hãftlingen sehr hoch geschätzt. Sie ist aber leider nur durch unsere beschei- denen Mitgliedsbeiträge finanziert und wir machen uns Sorgen, da diese Mittel nicht für eine lange Zeit rei- chen. Wir haben keine Sponsoren und unser Warschauer Verein wird leider immer kleiner. Zweimal im Jahr verteilen wir an- läßlich großer Feiertage Pakete für al- le über 90 Jahre alten Mitglieder wie auch für die Kranken, um die sich kei- ne Familie kümmert. Hochachtungsvoll Jan Kazimierz Bokus (Vorsit?ender) Kurzmitteilungen- Kurzmitteilungen-Kurzmitteilungen Die in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Institut für Lehrerfortbil- dung geplante Studienreise nach Auschwitz(Siehe MB 1/2001) benötigt eine umfangreichere Vorbereitung als vermutet und lässt sich erst Ende ächsten Jahres realisieren. Wer in 2002 an einer drei- bis vier- tägige Reise nach Auschwitz interes- siert ist, melde sich bitte bei Albrecht Werner-Cordt Lersnerstr. 14, 60322 Frankfurt, Tel./Fax(069) 555017. „Auschwitz und ich“ lautet der Ti- tel einer Ausstellung, die im Novem- ber in Aschaffenburg gezeigt wurde. Bei der Konzeption hat maßgeb- lich unser Mitglied Susanne Bolczek mitgewirkt. Wer sich für eine Ausleihe der Ausstellung interessiert, kann sich im Internet unter www. auschwitz-und- ich.de informieren und an den KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evang. Lutherischen Kirche in Bayern) Aschaffenburg wenden, KDA, Kolpingstr. 7, 63739 Aschaffen- burg, Fax(06021) 362002 auschwitz- und-ichGfreenet.de. Bis zum 18. Januar ist in Koblenz im Bundesarchiv eine Ausstellung über die Arisierung zu sehen. Internet-Tipp: www holocaustlite- ratur.de es handelt sich um die Ho- mepage der gleichnamigen Arbeits- stelle an der Universität Gießen. „ vbr allem vielen Dank für Ihre ichechisch geschriebene Ansichtskarte mit vielen Unterschriften. Hier muß ich erneut schreiben, daß ist das ein gut- es Gefühl, wenn ich von Studit, wo ich fast 2 Jahre erlebt habe, nach mehre- ren Jahræelnten mir ganz unbekaunnte und wahrscheinlich um mindestens ei- ne Generation jüngere Leute, unsere Schicksale erfassen und heschreiben wollen und für weitere Generationen kritisch wahrhaftig bewahren.“ Ing. Zdenel Halas, Chomutoy (Ehemaliger Zwangsarbeiter in Frunkfur Main) Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2002 Die Erinnerung bleibt Eine Lesung aus Briefen und Berichten von vergessenen Opfel des Nationalsozialismus Gesprãche mit nach Frankfurt am Main verschleppten ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und-arbeitern aus Tschechien und Polen Ort: Historisches Museum Frankfurt am Main Zeit: Sonntag, 27. Januar 2002, um 19.30 Uhr Weitere Gedenkveranstaltungen am M. Januar in Frankfurt/ Main: Unaussprechliches weitersagen 17 Uhr Treffpunkt Museum Judengasse Gedenken in Worten und Ges- ten vor jũdischen Grabsteinen Neuer Bõrneplatz „Verzeihung, ich lebe“ 17.30 Uhr Evangelische Medienzentrale Rechneigrabenstraße 10 Fin Dokumentarfilm von Andrzey Klamt und Marek Pelc, die Auschwitz- Hãftlinge interviewten. Die Autoren stehen nach der Filmvor- führung für ein Gespräãch zur Verfügung. (Veranstalter EC und KHC in Zusammen- arbeit mit Eu Medienzentrale und Lager- 6 gemeinschaft Auschwitz FreundesKreis) Zwangsarbeiter-Betrieb: Adler-Werke Die Lagergemeinschaft-Freundeskreis der Auschwitzer arbeitet in der AG Ausgegrenz- te Opfer zusammen mit der Roma-Union, dem Landesverband der deutschen Sinti und Roma, dem Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten, den Jehova Zeugen, der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank, der Initiative 9. November, der LAGG Initiative gegen das Vergessen und dem Studienkreis Deutscher Widerstand. — — — 1. 2 2— S 2 — E 8 — — S — — 2 80 — — S— S — . W.. ittei ER AUSCHWAER M AFTAUSCHWITZ