LAGERGEMEINSCHAET AUSCFWITZ FREUNDESkKREIS DER AUSCHWTAZER AUSCEHMTL 19. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 1999 „. und bin eine Kkleine Speise in einem Becher von Nt Gertrud Kolmar hat in Deutsch- land als Frau, als Dichterin und als Jüdin das Anderssein schmerzlich erfahren. In ihren Gedichten entwickelt sie mit ge- waltiger Bilderkraft eine poetische Re- volte, in deren Mittelpunkt sie die schein- bar Häßlichen, die Ausgestoßenen, die Ewig-Anderen stellt. Der krassen Be- Schränkung ihres Lebensraumes setzt sie die Offnung ihrer inneren Räume und Welten entgegen. Hier will sie„das inne- re Licht anzünden“. Gegen Gewalt setzt sie Behutsamkeit. Vor den Augen des Publikums ver- wandelt sich die Schauspielerin sowohl in Gertrud Kolmar selbst als auch in ihre Wesen der Ewig-Anderen. Anklagend und doch mit stolzer Freude zeigen sich die Figuren der Gedichte und nehmen auf der Bühne Gestalt an: die Kröte, die Fandstreicherin, die Drude, die Hãäßliche. Finzelne Situationen und Ereignisse aus dem Le- ben der Dichterin werden szenisch integriert. Textli- che Grundlage hierfür sind ihre„Briefe an die Schwe- ster(1938- 1943). Immer weiter schrei- bend, vermag sie ihr Leben in einer martialischen Welt zu behaupten,„die mit ver- Zerrten Gesichtern jede lei- Se Botschaft Schmäht“. Ru- hig aber mit abwechslungsreicher Span- nung konfrontiert die Schauspielerin das Publikum mit einer in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Frau. Lili Schwethelm, 2 Schauspielerin, erhielt ihre Ausbil- dung im Institut Aktora- Teatr Labratori- um in Wroclaw, Polen. Seit 1982 arbeitet sie für theater mimikri in Frankreich, Po- len und Deutschland. Sie konzipiert und leitet theaterpädagogische Fortbildungs- projekte im In- und Ausland. Margret Fehrer, Literaturwissenschaftlerin und Sozio- login, arbeitet seit 1987 als Dramaturgin und Regisseurin im theater mimikri. 2 ie Dic LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWITZEReV AUSCGRHMWT2Z ladi ein zur Begegnung mit ciner der größten Lyrikerinnen dcuischer Sprache Senische Parstellung Leben und Werk der deutsch-jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar Geboren 1894 wurde sie 1943 in einem KZ— wahrscheinlich in Auschwitæ— ermordet Soloprogramm für eine Schauspielerin, Lilli Schwethelm, am Mittwoch, 1. Dezember 1999, 19 Uhr Literaturhaus Frankfurt, Bockenheimer Landstraße 102, U-Bahn 6 und 7, Station Westend Entrit J0- UM erm 5— lereinsmigeder ſre⸗ 5 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Bildungsreise vom 15. bis 20. April 2000(hessische Osterferien) Studienfahrt nach Auschwitz Auch im kommenden Jahr bietet die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer eine Studienreise nach Polen in die ehemaligen deutschen Konzen- trationslager Auschwit?(Stammlager, Birkenau, Außenkommandos) an. Bei den Führungen werden ehemalige Häftlinge dabei sein. Während der gesamten Reise wird Stanislaw Hantz die Gruppe begleiten. Stanislaw Hantz war fünf Jahre in Auschwitz inhaftiert, er wird für individuelle Gesprãche und für Piskussionen in der Gruppe An- Sprechpartner sein. Die Studienfahrt wird wãhrend der hessischen Schulferien Ostern 2000 tatfinden QD Wir werden mit dem Zug reisen und am 15. April in FrankfurtMain abfahren. Am Don- nerstag, dem 20. April, werden wir Oswiecim wieder verlassen und am Samstagmor- gen, dem Morgen des 21. April, wieder in Frankfurt eintreffen. Die Reise kann nur stattfinden, wenn mindestens 15 Personen mitfahren. Ein Vor- bereitungstreffen findet am Sonntag, dem 26. März 2000, um 13 Uhr im DGB-Haus in Kassel statt. Die Teilnahme an diesem Treffen ist verbindlich. Unsere Studienfahrten sind als Bildungsurlaub anerkannt. Geplantes Programm in Auschwitz und Krakau: Besuch des Museums Auschwitz im Stammlager(Auschwitz 1) Rundgang durch das ehemalige Vernichtungslager Birkenau(Auschwitz II) (beide Museumsbesuche mit sachkundiger Begleitung) „Unbekanntes Auschwitz“- Spurensuche außerhalb des Museumsgeländes Gelegenheit für individuelle Besuche der Ausstellungen der Gedenkstätte im Stammlager oder anderen Lagerbereichen Besuch einiger ehemaliger Außenkommandos in der näheren Umgebung 2 des Stammlagers ergänzendes Abendprogramm: Filme, Lesungen, Gespräche Ganztagesausflug nach Krakau, Stadtführung mit Besichtigung des ehemaligen jüdischen Viertels Kazimierz Einzelheiten und spezielle Programmwünsche können beim Vorbereitungstreffen besprochen werden. preis der Studienreise: 800 Mark (Fahrt, Führungen, Unterbringung und Verpflegung in der Jugendbegegnungsstät- te Auschwitz, Fahrten vor Ort, Ausflug nach Krakau) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 ermãßigter Reisepreis: 500 Mark für Schülerinnen und Schüler, Studenten und Studentinnen sowie für diejenigen, die aufgrund ihrer sozialen Situation nicht in der Lage sind, den vollen Preis zu be- Zahlen. Anmeldeschluß: 31. Januar 2000 Veranstalter: Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Lindenstraße 68, 35516 Münzenberg, Telefon 06033— 60168 Anmeldung bei Reiseleiterin: Karin Graf, Philosophenweg 6 in 34121 Kassel Jelefon(O561) 24771 oder(O56 1) 7880660. Fax(0561) 7880661 Als angemeldet gilt, wer den Reisepreis auf das Konto der Lagergemeinschaft Ausch- witz(Stichwort„Osterfahrt, 2000*) Nr. 0020 000 660 bei der Sparkasse Wetterau (Bankleitzahl 5 18 500 79) überwiesen hat. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Studienfahrten nach Auschwitz während der Jahre 1998 und 1999 Das Beeindruckenste ist die Wahrhaftigkeit und Offenheit der ehemaligen Häftlinge In den Jahren 1998 und 1990 hat die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundes- kreis der Auschwitzer insgesamt drei Stu- dienfahrten nach Polen mit dem Schwer- punkt ehemaliges Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau angeboten und durchgeführt. Diese Bil- dungsreisen wurden von Karin Graf kon- zeptionell erarbeitet, vorbereitet und be gleitet. Die letzte Fahrt im September diesen Jahres war eine reine Frauenfahrt mit ent- Sprechend spezifischen Schwerpunkten. An den beiden Fahrten an Ostern 1998 und Ostern 1999 haben um die dreißig Personen teilgenommen, die vor allem aus dem sůũdhessischen Raum kamen. Die beiden Reisegruppen waren jeweils recht heterogen zusammengesetzt, Sowohl was die Berufe als auch was das Alter angeht einmal reichte die Alterspanne von 14 bis über 70 Jahre und einmal von 14 bis über 50 Jahre. Trotz dieser Altersunter- schiede, der unterschiedlichen Kenntnis- se und Erwartungen- oder vielleicht auch gerade deswegen sind diese Reisen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in beeindruckender Weise verlaufen, sind für sie zu„einem bleibenden Wert“ ge- worden, wie es einmai bei einem nachbe- arbeitenden Treffen formuliert wurde Er- staunlich viele der vorher nicht bekannten Reisegenossen halten immer noch Kon- takt miteinander. Dies liegt sicher nicht zuletzt an Sta- nislaw(Stas?ek) Hantz. Der ehemalige Auschwitzhäftling, der fünf Jahre in KZ- Haft war, begleitete die Gruppen und war als Zeit?euge mit seiner Geduld und sei nem großen Finfühlungsvermögen 0 Gruppen- und auch Finzelgespräche ein viel in Anspruch genommener Gesprächs- partner. Wie seinerzeit Hermann Reineck vermittelte er ein großes Maß an Authenti- Zität. Mit seiner Vitalität, seinem Wissen, seiner Lebensklugheit und nicht zuletzt mit seinem Charme und Witz verstand es Stas?zek mit Leichtigkeit, die Menschen sehr schnell in seinen Bann zu ziehen. Ohne eine erdrückende Trauer zu ver- breiten, ohne erdrückende Schuldgefühle auszulõsen, gestattet er es den Jugendli- che wie den erwachsenen Frauen und Mãnnern auf einer ebenso Sachlichen wie emotionalen Ebene an seinen damaligen leidvollen Erfahrungen wie den daraus sich ergebenden Folgen für sein weiteres Leben Anteil zu nehmen. Mit ihm zusam men wurden jene Plãtze in der heutigen Gedenkstãtte besucht, mit den er damals wichtige Erlebnisse verbindet und die er an diesen authentischen Orten erzählt. So wird der museale Charakter der Gedenk- stätte mit konkretem Leben gefüllt, die Orte mit Worten erfühlt. Natürlich sind diese Reisen traurig und ergreifend doch wird auch viel gelacht. Beeindruckend wird vor allem die Wahrhaftigkeit von Stanislaw Hantz empfunden, und auch. . Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 dass er die Liebe zu den Menschen nicht verloren oder vielleicht besser gesagt wieder gewonnen hat und sich differen- ziert der Frage von Schuld nähert. Dra- stisch die Schuld der Täter benennt, aber auch den Blick nicht verloren hat für- wie er sagt„gute SS“, die nicht schlägt und mordet, mitunter sogar hilft. Sehr genau auch das Verhalten der Häftlinge unter- einander beobachtet und bewertet. Im September diesen Jahres haben Karin Graf und Tina Henkel aus Hanno- ver eine Frauenfahrt nach Auschwitz ge- leitet. Hier haben nicht nur im übrigen viele junge- Frauen teilgenommen, son- dern Frauen haben auch von den inhaltli- chen Schwerpunkten her die Hauptrolle gespielt. Und zwar Frauen als Opfer, Frauen als Ehefrauen von SSMännern und Frauen als Täterinnen. Diese- ver- mutlich bundesweit einmalige- Studien- reise nach Auschwitz-Birkenau näherte sich dem Phänomen Auschwitz auf den Spuren von Frauen. Nach aufwendiger Sichtung von deutscher und amerikani- scher Literatur, Romanen, Biografien und Sachbüchern wurde ein umfangreiches Programm erstellt. Inhaltlich getragen wurde es vor allem durch Tina Henkel, die sich in ihrer Magisterarbeit mit dem weiblichen Hafterleben in Auschwitz be- fasste. In Analogie zu den guten Erfahrungen mit den Führungen mit Stanislaw Hantz haben Karin Graf und Tina Henkel auch bei dieser Fahrt, den authentischen Orten die authentischen Ereignisse zugeordnet. Uber medizinische Versuche wurde ge- nau dort erzãhlt, wo sie stattfanden. Uber das Leben des berüchtigten SSSchergen Palitzsch und seiner Familie wurde an seinem Haus in Oswiecim berichtet. Ob eine solche Fahrt noch einmal von der Ka- gergemeinschaft angeboten wird, ist in erster Linie vom Interesse abhängig. Ein besonderes Erlebnis für alle drei Reisegruppen waren die Begegnungen mit ehemaligen Häftlingen in den deut- schen Konzentrationslagern- Frauen wie Männern im Krakauer Club, dem Treff- punkt der ehemaligen KZInhaftierten. Dank der guten und jahrelang gepflegten Kontakte der Lagergemeinschaft Ausch- wit?- Freundeskreis der Auschwitzer sind von uns betreute Gruppen immer wieder gern gesehener Besuch. Diese Treffen finden in außerordentlicher Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Of- fenheit statt. Beeindruckend sind die Er- zählungen der Ehemaligen über ihre In- haftierung und ihre„Strategien“ des Weiterlebens nach der Befreiung. Lebhaft sind auch immer die Diskussionen über ihre Verhältnis zu den Deutschen, ihre Finschätzungen über den Neonazismus und Antisemitismus in Deutschland so- wie die unterschiedlichen Auffassungen über den virulenten polnischen Antisemi- tismus. Sehr beeindruckend für viele deutsche Reiseteilnehmer ist es sicher- lich, dass diese Menschen, die Auschwitz überlebt haben, die ihr Uberleben über- lebt haben, so offen und unvoreingenom- men den Nachkommen der Tätergenera- tion gegenüber treten. Dies ist sicherlich ein großes Verdienst vor allem von Her- mann und Anni Reineck, die jahrzente- lang als treibende Motoren der Lagerge- meinschaft sich um die Probleme ehemaliger polnischer Häftlinge geküm- mert und versucht haben, so viel als mõg- lich zu helfen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ein Auschwitzer und eine Ravensbrückerin berichten: Zwei Weihnachten Adventszeit- Weihnachten. In Deutschland das Fest schlechthin, das von den Menschen gefeiert wird, unab- hänging davon, ob sie religiõs sind oder nicht. Man schenkt und läßt sich be- schenken. Hermann Reineck, Auschwitz- Häftling und Gründer unseres Vereins Lagergemeinschaft Auschwitz- Freun- deskreis der Auschwitzer, hat nach seiner Befreiung aus dem KZ nur einmal unbe- fangen Weihnachten gefeiert. Das war 1945 als„endlich frei von all dem Druck“ diese Gefühl der Freiheit alles andere überwog, wie er in einem Interview für den wdr es einmal formulierte. Bereits Weihnachten 1946 und alle darauffolgen- den Jahre war ihm das Fest jedoch ein Greuel, denn stets war ihm die Brinne- rung an Weihnachten 1942„lebendig“ vor Augen. Damals ließ die SS in Ausch- witz die Hãftlinge unter einem großen be⸗ leuchteten Weihnachtsbaum zum Appell antreten. Die Schwächsten- die Musel- männer- wurden, sofern sie nicht mehr stehen konnten, bei Minus 34 Grad unter den Baum gelegt. Die S8 befahl, sie mit Wasser zu übergießen, s0 dass sie in Eis- blõcke eingefroren starben.„Und außer diesem Weihnachten 1945, weil das eben diese Lõsung von diesem ungeheueren Druck wan habe ich eigentlich Weih- nachten nie mehr als Schönen Feiertag empfunden. Jch Kann veidem Weihnach- ten nicht mehr feiern, wie das andere ma- chen, das geht nicht mehr“, so Hermann in einem WDRInterview 1985. Ganz anders ging es Lieselotte Thumser-Weil, KZHäftling in Ravens- brück und bis zu ihrem Tod 1995 Vor- standsmitglied der Lagergemeinschaft. Sie erlebte ihr„Schönstes Weihnachten“ 1944 im KZ.„Es gab Schon nichts mehr Zlu esen, die Fenster waren Kaputt.(..) In diesem heillosen Duncheinander hat man geleht wie die Nere... Plõrlich, es warm Schon dunkle Nacht, Kamen drei Ho0 in Rupfensdicken und mit einer Kerze und Sie Sangen auf russisch Weihnachtslieder mit v0 viel Krufi. Iœh habe in meiner Ba- racke gekniet und nur nach ihren Gesich- rern geguckt.. Zehn Minuten herrliche Kldnge, wunderschn. Uherall Zer- örung, alles Kaputt, überall Elend Du Selhot hist ausgehungert. Da Stehen nun drei Menschen und hringen Dir eine Freude Wenn die drei Frauen heim Klauen des Rupfensackes erwischt wor- den wären, wren vie erschossen woyden, wenn vie erwischt worden wdren, wie sie die Kerze beschaßft haben, wren sie er- Schossen worden, wenn sie nach zehn Uhr aufder Lagerstraße erwischt worden wiren, wliren vie erschosen worden oder mindestens in den Bunker gekommen.. Joh hahe Spdter mit meinen KndeD Weihnachten gefeiert. Aber das ist Scha- hlone geblieben. Das wur mein Schöhnstes Weihnachten und ich trũume heute noch davon. Und wenn ich vor dem Christ- haum bei meiner Vochter stehe, dann se- he ich nicht den Baum, vondern meine drei Russinnen. Ioh weiß his heute nicht. wer sie wuren. Kein Mensch weiß es“ Un- terview, November Ausgabe 1993; In- formationen', Hg. Studienkreis Deutscher Widerstand, Rossertstr.9, Frankfurt/ M.). Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Rückläufiges Spendenaufkommen war nicht durch Reserven auszugleichen Weihnachtsspende für ehemaliger KZ-Hãftlinge Seit Gründung unseres Vereins durch Hermann Reineck wurde vor allem vor Weih- nachten um eine Spende für ehemalige KZHãftlinge und andere Verfolgte des NSRe⸗ gimes gebeten. Schwerpunkt unserer Hilfeleistungen ist Polen. Im Jahr 1998 konnten wir mit etwas mehr als 24.000 Mark einen Betrag in annãhernd der gleichen Höhe über- geben, wie in den Jahren zuvor. Der größte Teil dieser Summe wurde von den Hãft- lings-Organisationen vor Ort aufgeteilt und als direkte Zuwendung an die Familien weitergeleitet. Zu einem geringeren Teil wurden damit auch Arztrechnungen beglichen und Medikamente bezahlt. Den Dank der Betroffenen geben wir weiter an alle Mit- glieder und Sympathisanten, die durch ihre Spenden dies möglich gemacht haben(vgl. Dankschreiben von ehemaligen Häftlingen im Mitteilungsblatt vom Dezember 1998). In diesem Jahr konnten wir bisher lediglich knapp 10.000 Mark transferieren, denn die Spendeneingänge sind leider rückläufig. Dieser Trend zeigte sich bereits seit eini- gen Jahren. Bisher konnte der Vorstand durch einen Rückgriff auf Reserven dies größ- tenteils ausgleichen. Dies war für 1999 jedoch nicht mehr möglich. Dies hat in Polen zu Irritationen und auch Enttãuschungen geführt. Wir wissen, dass viele KZHãftline bei weitem materiell schlechter gestellt sind als wir. Und wir wissen auch, dass sie un- Sere materielle Hilfen immer auch als ein Zeichen der Solidaritãt empfanden eine mo- ralische Anerkennung dessen, was sie im Dritten Reich erleiden mussten. Bitte helfen Sie uns durch Ihre Spende, dass wir weiterhin diese selbstgestellte Auf- gabe des Vereins erfüllen kõnnen(ein Uberweisungsformular liegt diesem Heft bei, ei- ne Spendenbescheinigung schicken wir Ihnen zu). Teilnehmer unserer Studienreise beim Spaziergang mit ehemaligen KZ-Häftlingen in Kra- kau. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Museum Auschwitz erstellt digitales Archiv Lagergemeinschaft fördert Erhalt von Kunstwerken Das Museum der Gedenkstätte Au- Schwitz hat damit begonnen, von den Mu- Sealien Farbfotos herzustellen und ein di- gitales Archiv für Computer anzulegen. In einem ersten Schritt sind Aufnahmen von den Exponaten aus dem Bereich Ma- lerei gemacht worden. Bisher lagen farbi- ge Gemãälde, Zeichnungen, Grafiken usw. nur als Schwarz- Weiß-Fotos vor(die Ori- ginale sind asserviert). Es handelt sich um Werke von Häftlingen, die entweder während der Gefangenschaft entstanden Zweite Monatshälfte Februar 2000 Zeitzeugengespräch mit Tadeus? Sobolewicz Die Lagergemeinschaft Ausch- witz Freundeskreis bereitet zusam- men mit dem 8S. Fischer Verlag eine Veranstaltung mit dem Auschwitz- Häftling Tadeus? Sobolewicz vor. Voraussichtlicher Termin ist die zwei- te Monatshãlfte im Februar 2000. Der Lebensbericht von Tadeus? Sobolewicz ist nun auch als Fischer- Taschenbuch(„Aus der Hölle zu— rũck“) erschienen. Unter dem dem Ti- tel Aus dem Jenseits zurück“(Verlag des Museums Auschwitz) ist es auch noch bei der Lagergemeinschaft er- hältlich(Giehe Besprechung von Joa- chim Proescholdt im Mitteilungsblatt 21998 im Mitteilungsblatt 2/1998). sind oder danach im Sinne einer Verar- beitung dieser traumatischen Zeit. Es sind zudem Arbeiten von anderen Künst- lerinnen und Künstlern dabei, die sich so mit Auschwit?z auseinandergeset?t haben. Diese Kunstwerke sollen einerseits auf CDs archiviert und andererseits auch auf Fotopapier ausgedruckt werden, s0 dass für wissenschaftliche und pãdagogi- sche Zwecke damit gearbeitet werden kann, ohne dass die Originale zu sehr be- ansprucht werden müssen. Hierzu müss- ten insgesamt über 1100 Aufnahmen mit einer Digitalkamera gemacht werden. Für das Teilprojekt Malerei sind etwas mehr als 6100 Mark an Kosten veran- schlagt. Hierzu hat uns Direktor Jerzy Wro- blewski um finanzielle Unterstützung ge beten und erinnert, dass wir bereits 1993 1905 ein Kunstprojekt mitfinanziert ha- ben(damals wurden Bronze-Abgüsse von Skulpturen hergestellt, die Häftlinge erstellt haben; vgl. Mitteilungsblãtter der entsprechenden Jahrgänge). Wir haben als Vorstand dieser Bitte entsprochen und von dem zweckgebun- denen Spendenkonto Stopp dem Verfall von Auschwitz“ 3.600 Mark zur Verfü- gung gestellt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Zwei Briefe aus Krakau Weil wir 1999 wie erwähnt einen vergleichsweise geringen Betrag an ehmalige KZUberlebende übergeben konnten, wurde die Summe diesmal nicht an einzelne Fa- milien aufgeteilt. Joszef Paczynski teilte in einem Brief an Karin Graf, die mit einer Reisegruppe zu einem Zeitzeugen-Gespräch in Krakau war, mit: Sehr gechrie Frau Graf, ich danke Ihnen schr herzlic für Ihren Brief und Ihre Grüße, die ich meinen Kollegen und Kolleginnen bei unserem Treffen überbrachte. Wir alle sind der Meinung, daß solche Treſſen nötig und von großen Voreilen sind und daß sie zur gegenseitigen Verständigung beitragen. wir haben über das Geld sehr heftig diskutiert Die meisten varen dafür, daß das Geld gerecht auſgeteilt vird Aber- vie Sie selbst geschrieben haben ist dafür diese Summe einſach zu Klein. Deshalb haben vir beschlossen, das Geld für die Bedũürfnisse des Klubs auszugeben: für die Miete, die Rechnungen, bescheidene Empfange verschiedener Delegationen, Kleine Geschenle für Kranke, Hilſe für Kranke, häufige Teilnahume an Beerdigungen veriorbener Kollegen. Ich danke Ihnen noch einmal für Ihre Grüße. Ich vünsche Ihnen und Ihren Freunden viel Glück Gesundheit und alles Guie. Wir wünschen auch alles Gute für Anni Reineck. Mit freundlichen Grühen— Der besagte Rollstuhl wurde von einer Gruppe aus Kassel na xa ſoraeka Mepa des chen, Md pnꝙ 005 schta 5 S s Ta ſo /4 K. cage[Wr 4157 267 zur Verfü- Sehr geehrte Sra ann a⸗ gung gestellt. den m6cte m 6e e, g hec becoKe c Beispiel fol- celent. hne e gen möchte, ſo ole odamſ C en Sollte sich bei 1 3 ſahre ce Ae eKarin Graf (Tel. O561 F— Sn 7880660, Fax 7880661) =c A7ah melden. Sie de oSœh M 7 Kärt ab, in- wieweit bei 66 e4n Ena ae F 2 ee„, c F Tag em 9he⸗ ven pe ca— moch ecnma einer Familie in Polen kon- kreter Bedarf besteht. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Allen Mitgliedern und Freunden W wünschen wir frohe Weihnachten und ein glückliches vor allem friedliches — Jahr 2000 F Impressum: kinder, Spricht der Onkel Walser. Preibörsianer, Allumhalser, unser einst so Schmales Land Herausgeber: ist jetzt ein normales Land, Lagergemeinschaft Auschwit?- Freun- wo man wieder schreibt und sagt deskreis 5 Auschwitzer was uns an uns selbst behagt. Schaut euch um, doch nicht zurück: Ravensburg Statt Ravensbrück: Meßkirch, auch sehr hübsch gelegen, Redaktion: traulicher als Fsterwegen. Hans Hirschmann Dachau? Flossenbürg? Ah, geh! Bodensee nicht Plõtzensee. Und so weiter dergestallt. Mitarbeiter: Anni Roßmann-Reineck, Ariana En- daß sich jeder ohne Reue ders, Karin Graf, Albrecht Werner unserer Nazion erfreue: Cordt. Klaus Konrad-Tromsdorf.„Westerwald!“ statt Buchenwald. Matthias Tiessen Auflage: Peterkiihmkorß Sleidl Verlag 19099 2000 Fxemplare Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Coen Rood war Zwangsarbeiter in der deutschen Rußfabrik Gleiwitz Die Kraftreserven waren bald„abgearbeitet“ Alle vier Monate wurde die Lagerbevölkerung fast völlig ausgewechselt Im Spãtsommer 1944 arbeiteten im Deutschen Reich 5,9 Millionen Ausländer als Zwangsarbeiter. Zu ihnen gehörte Coen Rood, ein niederländischer Jude, den die SS 1942 aus Amsterdam verschleppte. Der 24-jährige mußte beim Aufbau der Rußfabrik Gleiwitz mithelfen. Die Fabrik wurde zur Produktion von Ruß für Au- Orien errichtet und gehörte zum Degussa-Konzern. Seine Erinnerungen an drei Jahre Zwangsarbeit notierte der heute in den USA lebende Rood gleich nach 1945. Für das noch unveröffentlichte Manuskript versucht die Literarische Agentur Brigitte Axster aus Frankfurt einen Verlag zu finden. Die Ubersetzung besorgte Kristin Ruppert. Wir danken Agentur wie Coen Rood für das Finverständnis, ei- nige Passagen abdrucken zu dürfen. Coen Rood notierte: Die Zivilarbeiter kommen nicht zur Baustelle. Sie bleiben immer noch wegen der Typhusgefahr fern. Wir haben keine Wahl- wir müssen hingehen, wo die Auf- scher uns hinführen. Willie ärgert uns nicht soviel wie manche anderen, er treibt uns nie an. Herbert, das Großmaul, ist auch nicht so verkehrt, solange er rum- schreien kann. Solange wir die Arbeit verrichten, behandeln uns die Männer ei- nigermaßen anständig. Nach dem 1. Mai 6 wir uns um die Reparaturen der Maschinen kümmern. Zuerst haben wir die Gebãude errichtet, dann haben wir die Maschinen aufgestellt und montiert, jetzt sind wir zu Reparaturexperten aufgestie- gen. Die Maschinen und Pressen gehen ständig kaputt, meistens aufgrund Sabo- tage unsererseits. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis wir sie wieder repariert haben. Oft arbeiten wir 48 oder 60 Stun- den am Stück. Die deutschen Mechaniker machen Frühstückspausen oder legen sich mal aufs Ohr, so gut haben wir Hãäft- linge es nicht. Warum sollten wir auch Pausen machen- wir haben eh nichts zu essen. Das erste Mal, als wir so lange re- parierten, marschierten wir zur Essens- Zeit zum Lager, doch wir durften nicht rein. Der Lagerführer wollte für sechs Männer kein Essen bringen lassen, und wir mußten weder zum Appell noch zum Essen erscheinen. Solange wir an der Ar- beit gemeldet sind, können wir bleiben, bis die Reparatur erledigt ist. Schlafent- zug ist unsere größte Gefahr. Nickt man während der Arbeit ein, besteht die Ge- fahr, dass man vom Gerüst in einen der Aufzugschächte fällt oder in die riesigen Trichter der Maschinen im dritten Stock. Wir stoßen einander häufig an, um uns wach zu halten. Dort oben auf dem Gerüst stellen wir uns Essen vor, bereiten Gerichte zu und prahlen mit den schönsten Mahlzeiten, die wir je gegessen haben. Hartogzoon, der in Deutschland geboren ist, erzählt uns, zu Hause in Deutschland sei alles 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer besser Das geht uns mit der Zeit auf die Nerven, manche seiner anderen Gewohn- heiten auch. Er glaubt, er sabotiere den Feind, indem er nichts arbeite, dabei er- schwert er nur unsere Last. Wenn wir et- was Schweres tragen sollen, stellt er sich mit in der Reihe auf, trägt aber nichts. Den Aufsehern können wir das nicht er- zählen, doch wie gerne würden wir diese Art von Sabotage unterbinden. Er könnte einiges von uns Häftlingen lernen- was Sabotage betrifft, sind wir Meister. Man kann ein Werkzeug in eine Maschine fal- lenlassen oder einen Holzscheit in den Aufzugschacht werfen, bevor abge- Schlossen wird. Ein paar Stunden oder Ta- ge später bricht die Anlage zusammen. Viele Schrauben sind schief eingedreht, die Muttern überdreht. Sand im Gl ist auch gut. Kolb und Willie verteidigen uns jedesmal gegenüber der Werksleitung. Sie sagen, Juden wüssten, dass man ihnen immer zuerst die Schuld gebe, deshalb tun sie alles vorschriftsmãssig. Erwischt zu werden wäre unser Tod. Sabotage der Kriegsproduktion ist schlimmer als das Töten von Müttern. Sie tõten unsere Müt- ter, also betreiben wir Sabotage. Die Packstation ist schon fast fertiggestellt. als eine der Anlagen komplett zusam- menbricht, was uns drei volle Tage und Nächte Arbeit kostet. Kolb bringt uns et- was Suppe und Brot, es ist aber nicht ge⸗ ( Am Nachmittag stürzt sich eine Frau aus einem Fenster der Packstation im vierten Stock. Wir haben sie gut gekannt. Sie hat uns einmal erzählt, daß, nachdem ihr Mann weggeholt und ihre beiden Kin- der vor ihren Augen ermordet worden wa- ren, die SS-Monster sie daran gehindert hätten, sich umzubringen. Heute fiel sie auf die Gleise, die neben der Mauer ver- laufen. Die Männer, die den Sturz miter- lebten und den zertrümmerten, blutigen Kopf auf dem kalten Fisen sahen, sind gan? verstõrt: Zitternd ũbergeben sie sich. Nach dem ersten Schrecken versuchten wir, die Sache rational zu betrachten. Das ist verrückt. Das muß aufhören. Seit ge- stern ist die SS in unserem Lager, bisher ist unser Leben noch nicht in Gefahr.(Das Lager wurde bis dahin von der Orrani D Sation Todt“ verwaltet. Nun wird es ein Nebenlager von Auschwitz und der 88 unterstellt.) Es gibt eigentlich keinen Grund sich umzubringen. Wir müssen vernünftig sein. Bringen wir uns um, be- vor die Deutschen das erledigen, tun wir Hitler nur einen Gefallen. Wir müssen s0 lange wie möglich dem Tod zu entgehen versuchen-dürfen ihnen nicht ihren Wil- len lassen. Wir müssen versuchen, so lan- ge wie möglich am Leben zu bleiben. Al- le sind wir voller Angst. Klar, wir sind keine Helden, aber wir geben nicht auf. Kann man überhaupt heldenhaft sein, wenn man?u solch einem Leben ge- zwungen ist? Beim Appell nach der Arbeit stehen wir in akkuraten Reihen. Der Scharführer hält eine Rede. Er ist entsetzt über deuN Selbstmord der Frau.„Warum“ fragt er. „Ihr werdet sehen, alles hier im Lager wird besser jetzt wo wir da sind. Was be⸗ kommt ihr zu essen?(Scheiße mit Lãusen und Ratten). Das wird ab sofort besser. Alles wird besser, wir kümmern uns drum. Sie dürfen uns nur noch über euch Bericht erstatten. Das Bestrafen überneh- men wir jetzt, sonst niemand. Wenn euch irgendjemand ein Haar krümmt, sagt es eurem Aufseher und wir bestrafen denje- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 nigen. Was ist mit eurem Brot los? Es ist voller Sägespäne. Damit ist jetzt auch Schluß. Ab heute bekommt ihr Brot aus Auschwitz. Alles wird besser. Ihr be- kommt auch gute Kleidung. Warum? Weil wir, die SS, Menschen aus euch ma- chen werden. Ja! Kein Gestank mehr, kein fauler Trott! Ab jetzt sind Sport und Hygiene angesagt. Und es bringt sich auch niemand mehr um! Sollte das On vorkommen, schicke ich gleich ein paar hinterher. Ist das klar? Los, Stellt euch zum Appell auf.“ Jetzt haben wir ein Thema. Falls der Scheißkerl die Wahrheit sagt, klinge es gan? gut. Falls wir gesund bleiben und die ihr Versprechen halten, könnten wir es schaffen. Die Polen sind nicht so optimi- stisch. Sie haben ihre eigenen Erfahrun- gen mit der SS. Uns hatten sie in Holland auch Zusagen gemacht, was daraus wur- de, sieht man ja. Morgen soll eine Durch- suchung stattfinden, munkelt man. Mein einzig kostbarer Besitz ist in der Matrat- ze Die Geldbörse mit den Familienfotos ist alles, was mir geblieben ist. Ich stecke sie in die Tasche. Morgen werde ich an der Baustelle ein Versteck dafür suchen. Diese Fotos bedeuten mir soviel, ich „ sie nicht verlieren. (Die Zwangsarbeiter bekommen ratsdchlich neue Hdftlingsanziige)(..) Offensichtlich hat sich eine weitere Frau aus einem noch höheren Fenster des- selben Gebãudes gestürzt. Auch sie knall- te mit dem Kopf auf die Gleise. Der Scharführer hãlt wieder eine Rede Junge, ist er diesmal wütend. Er versichert uns, er werde herausfinden, wer diese Lügen- geschichten über die SS und deren Lager verbreitet. Er fährt fort:„Was denkt ihr, wer wir sind? Barbarenꝰ? Bestien? Wir tõ⸗ ten doch keine Leute in Gaskammern und verbrennen ihre Leichen in Ofen! Wir sind doch keine Henker! Wir sind die SS. Von uns bekommt ihr Kleidung, bessere Lager, gutes Essen. Wenn ich den in die Finger kriege, der diese Gerüchte über Gaskammern und Ofen verbreitet, knalle ich ihn persõnlich vor euren Augen ab. Ihr werdet sehen, was ich mit solchen Lüg- nern mache!“ Alles, war wir bisher über Auschwit?z, Sobibor, Treblinka und Mai- danek wußten, haben wir von anderen Gefangenen gehört. Als wir jetzt den SS- Offizier öffentlich davon reden hören, Sind wir sicher, daß die Geschichten wahr Sind. Das also ist mit unseren Familien passiert. An diesem Abend essen wir nichts. Keiner hat Appetit. In Gedanken sind wir bei den Menschen, die wir lie- ben. Während wir hofften und beteten, daß sie wie wir irgendwie durchgehalten haben, sind sie erschossen oder vergast oder verbrannt worden. Das geschah zu derselben Zeit, als wir mit der Arbeit hier in Gleiwitz anfingen. Oh, mein kleiner Bruder, meine Schwester, umgebracht wir Tiere, die niemand haben will! Wie sollen wir mit diesen Gedanken leben? Hymans Frau, sein Baby, meine Mutter, meine Frau, wo sind sieꝰ Sind sie„durch den Schornstein“ gegangen. Warum soll- ten wir noch weiter leben? Wofür?(..) Wer nicht mehr arbeiten kann, wird mit dem Krankentransport weggeschafft. Für diese Menschen gibt es keine Hoff- nung, und das wissen sie. Alle drei, vier Monate ist es Soweit. Dann haben sie wie- der genug Kranke für einen Transport zu- sammen. SSArzte aus Auschwitz ent- scheiden, wer diese letzte Reise antritt. Zwischen den Transporten werden ein- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer zelne Kranke ausgesondert für den Tag, an dem der nächste Todes-Lkw aus Aus- chwitz die Runde macht. So kommt es, daß die Lagerbevölkerung alle drei bis vier Monate völlig ausgewechselt wird. Nur eine kleine Gruppe bleibt beständig: Sie besteht aus den unverzichtbaren Ar- beitern und dem Lagerpersonal. Männer und Frauen, die bei ihrer Ankunft Kraf- treserven haben sind bald abgearbeitet. In einem anderen Lager dürfen sie sich„er- holen“, das heißt, sie werden liquidiert. Einer der Neuankömmlinge, Peter, wird zum„Kammer-Kapo“ ernannt. Die „Schieber“ nennen wir jetzt„Kapos“ Pe- ter ist für die Kleiderkammer zuständig. Er besucht uns mehrmals auf unserer Stu- be„Ich bin gern bei euch Holländern, al- lein wegen eurer Nationalitãt, das ist der einzige Grund“, Sagt er. Er war über zwölf Jahre hinter Gittern. Auch vor Hitlers Machtergreifung war Peter als Kriminel- ler im Gefängnis. Er ist stolz darauf, daß man ihn und andere Gefangene aus deut- schen Gefängnissen ausgewählt hat, um bei der Leitung der Konzentrationslager Zu helfen.„Versteht ihr“, Sagt er„den po- litischen Gefangenen kann man nicht trauen. Die halten zusammen und helfen einander, statt sich darum zu kümmern, daß das Konzentrationslager ordentlich funktioniert.“ Die SS braucht Leute, die Ornung halten und regelmäßig Prügel austeilen. Abend für Abend finden jetzt wãhrend des Appells Züchtigungen mit unglaubli- cher Brutalität Statt. Wir fragen uns, ob die Opfer je wieder werden gehen kön- nen. Die Appelle dauern immer länger, und immer stehn jetzt dreißig bis sechzig Mãnner mit runtergelassenen Hosen in ei- ner Reihe und warten auf ihre Bestrafung. Häufig muß einer von uns das Schlagen übernehmen. Wer sich strãubt, kann sich gleich mit einreihen. Erst wenn sich min- destens fünf oder sechs Leute nacheinan- der geweigert haben, wird deine Weige- rung übergangen. Gibt jemand aus Angst klein bei, bevor diese Zahl erreicht ist, werden alle bestraft. Den Zivilarbeitern und den deutschen Werkmeistern scheint es gleichermaßen egal Zu sein, ob noch etwas gearbeitet wird. Die meisten halten den Krieg für verloren, sagen das aber nicht laut. Es ist Silvester Wir legen uns zur gleichen Zeit. wie immer schlafen und wachen 1945 auf. Was wird dieses Jahr bringen? Wir wissen, dass es das letzte Kriegsjahr sein wird, wird es auch das letzte Jahr unseres Lebens sein? Wir müssen bis zum Ende durchhalten. Bis jetzt haben wir dank der Direktion überlebt. Diese Zivilpersonen unter Leitung Dr. Prosts und Meister Shals mögen uns Holländer anscheinend und vertrauen uns; sie kennen uns jetzt zwei Jahre. Im großen und ganzen wollen sie uns nicht noch mehr Schmerz zufügen als die Qualen, die wir eh schon als Gon- centrationaires zu erleiden haben. Sicher, sie haben uns manchmal gemeldet, weil wir zu mũde oder erschõpft zum Arbeiten waren, aber nur, weil in ihren Augen die Arbeit hier Vorrang hat und nur wenige wissen, wie Schwach und krank wir wirk- lich sind. Sie schienen während all der Monate durchaus besorgt um unser Wohl zu sein. Es gibt natürlich auch Sadisten und gemeine Vorgesetzte unter ihnen, aber im großen und ganzen behandelte man uns erträglich. Doch was wird ge- schehen, wenn die Russen nãherrücken? Wird uns die S8 liquidieren oder viel- leicht evakuieren? Und falls ja, wohin? Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Zwangsarbeiter waren erstklassige Facharbeiter Zu: Firmen vtreiten Profit durch Zwangs- arbeit ab(FR» 7.9 7090): Sofern von Kon- zernen und Firmen behauptet wird, dass sie keine finanziellen oder/und personellen Vor- teile aus den bei ihnen zur Arbeit eingesetzten Zwangsarbeitern oder KZHãftlingen zogen, ist dies schlicht gelogen. Ein dokumentiertes Beispiel-Ab August 1944 wurden aus Auschwitz nach Braun- schweig und nach Vechelde rund 2000 Juden aus dem Getto Litzmannstadt geschickt, die bei den Automobilwerken Büssing NAG ar- beiten mussten. Diese Menschen wurden in Auschwitz von Firmenvertretern verhört, wel- che Art von Arbeiter sie waren. Die nach Braunschweig verfrachteten Menschen waren vorher fast alle in der Me- tallabteilung im Getto Lodz tãtig und waren zum größten Teil erstklassige Fachleute und Spezialisten in ihrem Fach. In Braunschweig und in Vechelde wurden die in Auschwitz ausgesuchten Juden zur Ar- beit an Maschinen eingesetzt. Es waren Spit- Adolf Diamant bei der Veranstaltung der Lagergemeinschaft Au 1. Septem- ber im Jüdischen Museum(iehe nächste Seite). zendrehbänke, Spezial-Bohr und Fräswerke, Schleifmaschinen und andere Maschinen, die nur von Fachleuten bedient werden konnten und auf denen zum Feil hochwertige Ferti- gungsstücke produziert wurden. Ohne den Finsatz dieser Zwangsarbeiter hätte Büssing gar nicht in dem Maße fertigen können, wie es die Oberste Kriegsplanung forderte. Nicht nur, dass die Firmen von der Arbeit profitierten, sie konnten auch an der Er- nãhrung der Zwangsarbeiter sparen, da diese nur das Allernötigste zu ihrem Lebenserhalt erhielten. So wurden zum Beispiel in den Astra-Werken in Chemnitz an Hãäftlingsver- pflegung für einen Tag RM—65 von der S8- Verwaltung zugestanden. Der Profit, den die Firmen von den Zwangsarbeitern einheimsen konnten, war ungeheuer Dies ist in einem einmaligen Ur- teil des Amtsgerichtes Braunschweig vom August 1965 zu emnehmen: Fin Zwangsar- beiter, der einstmals bei Büssing NAG als Facharbeiter an einer Drehmaschine arbeiten musste, hatte gegen den Konzern geklagt. Er erhielt, sage und schreibe, für rund acht Mo- nate Zwangsarbeit vom Gericht PM 177,80 zugesprochen(Aktenzeichen: 13 C 566/64). Angesichts dieses Urteils klagte keiner der einstmals bei Büssing beschäftigten Zwangsarbeiter gegen den Konzern. Von den in Vechelde eingesetzten rund 800 Zwangsar- beitern leben heute kaum noch zwanzig. Eini- ge davon in sehr ärmlichen Verhältnissen. Sie haben bis heute noch keinen Pfennig Entschädigung für ihre Sklavenarbeit erhal- ten. Adolf Diamam, Frankfurt am Main Leserhrief aus. Franfurter Kund- g 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Effizienz und Bedenkenlosigkeit“ Veranstaltung der Lagergemeinschaft: Dresdner Bank und jüd. Mitarbeiter FRANKFURT. Seit ihrer Gründung im Jahr 1872 galt sie als die jüdische“ umer den Großbanken: Die Dresdner Bank war nicht nur vom Sohn eines jüdischen Bankiers ge- gründet worden, auch der Anteil jüdischer Mitarbeiter war besonders hoch- vor allem in der Geschäftsleitung. Nach 1933 brach die Bank mit dieser Tradition. Gegen Ende des Jahres 1937 war sie weitgehend judenfrei“. Die jüdischen Mitarbeiter wurden mit„büro- kratischer Effizienz und moralischer Beden- kenlosigkeit“ aus ihren Positionen entfernt. wie der Historiker Dieter Ziegler vom Hanah- Arendt-Institut in Dresden wãhrend eines Vor- trages in Frankfurt sagte. Nach langem Zögern hat die Dresdner Bank ihre Archive über die Zeit des National- Sozialismus der unabhängigen Forschung zu- gänglich gemacht. Im Auftrag der Bank bear- beitet das Institut in Dresden seit Herbst 1997 die Geschichte des Geldinstituts. Einen Fin- blick in seine Forschung gab der Banken- historiker Ziegler auf Finladung der Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer“ im Jüdischen Museum. Banken haben sich in mehrerlei Hinsicht an antijüdischen Maßnahmen“ beteiligt: vor allem bei der Arisierung“, der Verdrängung jüdischer Unternehmen aus der Wirtschaft, beim Handel mit Opfergold und als der Staat die Juden zur Hergabe ihres Vermögens, oft unter Wert, zwang. Aber auch, so der Histori- ker durch ihren Umgang mit dem Personal. durch Entlassung und Zwangspensionierung jüdischer Mitarbeiter. Grundlage für die ersten Entlassungen von Juden war das„Gesetz zur Wiederher- stellung des Berufsbeamtentums“ mit seinem berüchtigten Arierparagraphen“ vom April 1933. Im Mai wurden die Bestimmungen für Angestellte im öffemlichen Dienst auch auf Unternehmen ausgedehnt, die sich wie da- mals die Dresdner Bank mehrheitlich im Be- sitz der öffentlichen Hand befanden. Ausge- nommen waren Mitarbeiter, die schon vor 1914 in der Bank gearbeitet hatten oder Front- kämpfer gewesen waren. Bis Mitte 1934 wa- ren etwa 80 Prozent der Angestellten jüdi- scher Herkunft entlassen worden- zwischen 450 und 500 Menschen. Die letzte Phase der Entjudung“ begann mit den so genannten Nürnberger Rassegeset- zen(.) Warum aber gab es keine Proteste ge gen die Entlassungen? Zu den Motiven, die Ziegler anführte, gehörte ein Klima der Denunziation? in der Dresdner Bank, der ver- meintlich rechtsstaatliche Charakter der Aus- grenzung der Juden sowie der Antisemitis- mus. Ein besonders starkes, persõnliches Mo- tiv war aber wohl für viele die Aussicht auf ei- ne beschleunigte Karriere. Angestellte, die keine Juden waren, konnten plötzlich mit deutlich schnelleren Beförderungen rechnen. Von den Nachrũckern in gehobene Positionen waren viele gerade einmal um die 30, höchs- tens 40 Jahre alt.„Die hätten sonst keine Chance gehabt. so bald aufzusteigen.“ Dass es wenn auch nur vereinzelt-Mit- arbeiter gab, die sich für ihre jüdischen Kol- legen einsetzten. zeigt das Beispiel von Georg Butz, der stellvertretender Leiter der Perso- nalabteilung war. Er bemühte sich, jüdischen Kollegen eine höhere Abfindung oder einen Arbeitsplatz im Ausland zu verschaffen. Sei- ner Karriere haben diese Bemühungen nicht geschadet. Es hat“, so Ziegler,„offenbar Handlungsspielräãume gegeben.“ ULRIKE MOSER(FAZ 3.9.99) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Von den Plünderungen des Novemberpogroms 1938 zur Ausbeutung der Zwangsarbeiter im Krieg Gedenkfeier in der Westendsynagoge Frankfurt/ Main am 9.11. 1999 Ansprache von Salomon Korn Vor zehn Jahren, zum 9. November 0 hielt Ignatz Bubis in der Frankfur- ter Westendsynagoge eine Rede zur 51. Wiederkehr der„Reichskristallnacht“. Darin führte er unter anderem aus:„Im Rückblick wird deutlich, dass zwischen 1933 und 1038 tatsächlich eine Revoluti- on in Deutschland stattfand- eine Revo- lution, in der sich der Rechtsstaat in einen Unrechts- und Verbrecherstaat verwan- delte, in ein Instrument der Zerstörung genau der rechtlichen und ethischen Nor- men und Fundamente, um deren Erhal- tung und Verteidigung es dem Staat- sei⸗ nem Begriffe nach— eigentlich gehen sollte. Am Ende dieser Revolution war die NSHerrschaft entscheidend gefestigt und war im Rechtsbewusstsein der Men- schen weit mehr vernichtet worden, als es nach außen hin erkennbar sein mochte. hatte Abschied genommen von allen humanitären Ideen, die die gei- stige Identität Europas ausmachten; der Abstieg in die Barbarei war gewollt und vorsãtzlich. Viele Deutsche ließen sich vom Nationalsozialismus blenden und verführen. Viele ermöglichten durch ihre Gleichgültigkeit die Verbrechen. Viele wurden selbst zu Verbrechern.“ So weit Ignat? Bubis. Was er am 9. November 1989 vortrug, waren, wie er Sechs Jahre spãter õffentlich bekannt gab, wörtlich zitierte Passagen aus der heftig umstrittenen Rede des früheren Bundes- tagspräsidenten Philipp Jenninger, die dieser 1988 aus Anlass der 50. Wieder- kehr der„Reichskristallnacht“ vor dem Deutschen Bundestag gehalten hatte Be- kanntlich musste Jenninger danach von seinem Amt zurücktreten. Sieht man von Ungeschicktheiten im Vortrag und in ei- nigen Formulierungen ab, dann ist dieser Rede aus dem Abstand eines Jahrzehnts zu bescheinigen, was vor allem ausländi- sche Zeitungen und jüdische Uberleben- de bereits 1988 festgestellt hatten: Jen- ninger hat damit den Deutschen einen Spiegel vorgehalten, in dem viele sich selbst und das dunkelste Kapitel deut- scher Geschichte nicht wieder erkennen wollten, denn was er reflektierte, war schonungslos, ja brutal. Nicht Ereignisse vom November 1938 schilderte Jennin- ger beispielhaft, sondern den nahezu un- erträglichen Augenzeugenbericht einer Massenerschießung jüdischer Männer, Frauen und Kinder aus dem Jahre 1942, um daran aufzuzeigen, in welchem Infer- no der Pogrom vom November 1938 Schließlich mündete. Nur im Rückblick stellt sich dieser als Fanal zur„Endlösung der Judenfrage“ dar. Sieht man aber den Ausgang von Ge- schichte nicht teleologisch, also weder zielgerichtet noch feststehend, sondern grundsätzlich als offen an, dann ist für uns Heutige die Frage von Interesse, wie sich damals die deutsche Bevölkerung 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Salomon Korn, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, bei einer Gedenkfeier am 10. Novem- ber 1999 in Bad Vilbel anläßlich des 61. Jahrestages des Po- groms in der Nachbarstadt der Mainmetropole. verhalten hat und warum die in aller Of- fentlichkeit stattgefundenen Freignisse vom 9. und 10. November 1938 so fol- genreiche Auswirkungen auf den Gang der deutschen Geschichte hatten. Antworten auf diese Fragen lassen sich aus der 1991 erschienen Untersu- chung„Reichskristallnacht“ von Dieter Obst ableiten. Sein bis dahin unbekanntes Quellenmaterial besteht vor allem aus ProZessverfahren, die zwischen 1945 und 1949 stattfanden und während des No- vemberpogroms begangene Delikte wie Landfriedensbruch, Brandstiftung, Dieb- Stahl oder Körperverletzung bis ins klein- Ste Detail schildern. Die Auswertung die- ses umfangreichen Quellenmaterials Zeigt unter anderem, dass es trotz der seit 1933 zunehmenden gesetzlichen Ent- rechtung der deutschen Juden während der„Reichskristallnacht“ zunächst ein Unrechtsbewusstsein der meisten Täter für ih- re Verbrechen gab. An- dernfalls hätten die und organisierten Schlã- gertrupps keine Aufpas- ser vor ihre jeweiligen Tatorte postiert, die neu- Drohungen zum Weiter- gehen und zuschauen- den Nachbarn zum aufforderten. Das Ab- sperren ganzer Straßen- züge für den Verkehr, das Abschalten Ortsbeleuchtung und das Findringen in Ge- bäude vor allem wäh- rend der Dunkelheit sprechen ebenfalls dafür. Der Wunsch vieler Täter, uner- kannt zu bleiben, zeigte sich in der hãufig vorgekommenen Vermummung und Tar- nung nach Verbrecherart. Dahinter steckte vor allem die Ab- sicht, beim Plündern jüdischer Wohnun- gen und Geschäfte von niemanden er- kannt zu werden. Obwohl die Partei- zentralen private Plünderungen verboten hatten, waren Raub und Diebstahl an der Tagesordnung. Die massive, von den Ordnungskräften stillschweigend gedul- dete Ausplũnderung der jũdischen Bevöl- kerung begünstigte ein Klima sich aufi- Sender Rechtsstaatlichkeit. Diese extrem leicht gemachte private Bereicherung be- deutete auf Dauer eine wachsende Kom- plizenschaft der Plünderer, Marodeure und Schlãger mit dem Regime und seinen verbrecherischen Zielen. Plünderer, Brandstifter gierige Passanten unter Schließen ihrer Fenster der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Die fortschreitende moralische Zer- setzung und Enthemmung der beteiligten Täter zeigte sich vor allem bei Gewalt gegen Menschen: In Rimbach im Oden- wald drang am Abend des 9. November 1938 eine Gruppe von sechs Männern im Alter zwischen 24 und 41 Jahren in das Haus des jüdischen Ehepaares Weichsel ein und zerrte es aus den Betten. Wãhrend der Ehemann nach schweren Misshand- lungen ins Freie flüchtete, wurde die Frau, nur mit einem Nachthemd bekleidet mit Wasser bespritzt. Dann stellten drei der Männer sie auf den Kopf, schlugen ihr mit einem Besen zwischen die Beine und schütteten Wasser dazwischen. In Lünen zwangen SA und SSMän- ner einen jüdischen Kaufmann, misshan- delt und auf der Straße liegend, mit dem Mund schmutziges Papier aufzuheben. Anschließend wurden die verhafteten jü- dischen Männer einzeln in das Feuer ei- nes großen brennenden Scheiterhaufens aus Synagogentrümmern getrieben, wo- gegen sie sich schreiend und verzweifelt wehrten. In Kehl(Baden) hatte der örtliche SS⸗ Sturm die Bewachung der jüdischen Männer übernommen. Nachdem die 42 Leidensgenossen bereits im Keller der Staatspolizei von SSMännern mit Knüp- peln und Holzstücken nacheinander ge- Schlagen worden waren, bis sie blutũber- strõmt zusammenbrachen, wurden sie in einen anderen Keller geführt und nach- einander, ob 20 oder 60 Jahre alt, kopfü- ber die Treppe hinuntergeworfen. Unten angekommen, lagen sie wie Leichnahme aufeinander und nebeneinander. Ansch- ließend quãlten sie die SSMãänner einige Zeit mit pausenlosem Aufstehen und Hin- legen. Dann wurden die Opfer in kleinen Gruppen gezwungen, sich gegenseitig die verschiedenen Quãlereien zuzufügen. In einer Ecke des Kellers mussten sich zwei Brüder gegenseitig ohrfeigen. Schlugen sie nicht kräftig genug zu, dann begannen die SSMänner dreinzuschla- gen. Ihre Opfer haben sich auf diese Wei- 8e fast zur Bewusstlosigkeit geohrfeigt. In einem weiteren Teil des Kellers muß- ten sich Juden, ebenfalls unter Schlägen, gegenseitig anspucken. Zum Abschluss verabschiedeten sich der SSSturmbann- führer und sein õsterreichischer Gehilfe, die alle sadistischen Folterungen beauf- sichtigt hatten, mit Faustschlägen und Tritten von den Geschundenen und gaben noch mit auf den Weg, dass sie erschos- sen würden, mehr seien sie nicht wert. Einge der gepeinigten Männer haben die Folterungen nicht lange überlebt. Mit der voranschreitenden Auflõsung bürgerlich-zivilisatorischer Normen und brutal ausgelebter Zerstõrungslust gingen groß angelegte Enteignungs-, Entschul- dungs- und Vertreibungsaktionen einher. Die Grausamkeit der„Entjudung“ ganzer Landstriche machte auch vor Frauen, Kindern, Waisen und alten gebrechlichen Menschen nicht Halt. Viele von ihnen durften nach dem Ende des Pogroms nicht mehr in ihre Wohnorte zurückkeh- ren. Die staatlichen Funktionsträger ver- hielten sich passiv. Statt des Einschrei- tens gegen die in aller Offentlichkeit sich abspielenden Verbrechen war das Hin- nehmen der jeweiligen Ausschreitungen die Regel. Hilfe suchenden Juden wurde polizeilicher Beistand verweigert. Ein- wohnermeldeãmter, Industrie- und Han- delskammern stellten ihre Verzeichnisse über jũdische Geschäfte und Wohnungen 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer den Initiatoren des Pogroms bereitwillig zur Verfügung. Die Feuerwehr betätigte sich zum Teil als Helfer der Brandstifter. In der Mehrzahl der Fälle nutzten die Ordnungshüter verbliebene Spielräume nicht aus, um den Juden zu helfen und ihrem gesetzlichen Auftrag gerecht zu werden. Bei allen Beispielen darf nicht ver- gessen werden: Es gab Deutsche, die ihren jüdischen Nachbarn geholfen ha- ben: sei es durch rechtzeitiges Warnen, durch Hilfe zur Flucht oder Aufbewahren von Wertgegenstãnden bis zu ihrer Rück- kehr sofern sie zurückgekehrt sind. Und es gab deutsche Arzte, die trotz strikten Verbots jũdischen Patienten geholfen ha- ben. Der von der Partei und Regierung or- ganisierte Novemberpogrom lief ohne nennenswerte Beteiligung der sich weit- gehend passiv verhaltenden Bevölkerung ab. Es kam auch zu Missfallenskundge- bungen von Zuschauern und zu Kritik an der Zerstõrung von Volkseigentum. Und verbürgt sind auch immer wieder An- Sprüche wie:„Ich schäme mich ein Deut- scher zu sein.“ Ja, es gab sogar Kritik von Parteigenossen an den Ausschreitungen gegen Juden und die Zerstörung jüdi- schen Eigentums, was als sinnlose Ver- nichtung von Volksvermögen gesehen wurde. Wãhrend und nach den Zerstõrungen ist es unter den Zuschauern manchmal zu Nachahmungseffekten bei Plünderungen gekommen, die in Massenpsychosen aus- arteten. Doch ob Nachahmung oder ge- zieltes Vorgehen: Im zeitweise rechtsfrei- en Raum der„Reichskristallnacht“ be- gann die Ausplünderung der Juden als Vorstufe ihrer totalen Ausbeutung und schließlichen Vernichtung. Der national- Sozialistischen Propaganda gelang es zu- nehmend, im Bewusstsein vieler Deut- scher ein Gefälle zwischen„Deutschen“ und„Juden“, zwischen„arischen Her- renmenschen“ und„jüdischen Unter- menschen“ herzustellen. im Rahmen die- ser Ideologie war alles Vermögen in Deutschland und in den von Deutschland besetzten Gebieten„Volksvermögen“ zum Nutzen der deutschen Volksgemein- schaft. Juden, die durch Gesetz nicht zur deutschen Volksgemeinschaft gehörten, hatten keinen Anspruch darauf- im Ge- genteil: Es war kein Vergehen, sondern ein Verdienst, jüdischen Besitz zu enteig- nen, der nach nationalsozialistischer Doktrin aus Wucher und Betrug stamm- te. Das Legitimationsmuster war vorge- geben: Da die Enteignung und Ausbeu- tung von„Volksschädlingen“ zum Woh- le des deutschen Volkes geschah, bestätigte sich darin noch einmal und stets aufs Neue die Uberlegenheit des kollektiv geadelten Herrenvolkes über die jeweils ausgebeutete Opfergruppe ein tödlicher, sich selbst verstärkender Zirkelschluss, in den bald auch Zwangs- und Sklavenarbeit eingeschlossen war. Während des Krieges wurden etwa sechs Millionen auslãndische Zivilarbei- ter, auch„Fremdarbeiter“ genannt, zwei Millionen Kriegsgefangene und über ei- ne Million KZHäftlinge im Deutschen Reich als Zwangs- und Sklavenarbeiter beschäftigt„Der nationalsozialistische Musländereinsatz' zwischen 1939 und 1945 stellt den größten Fall der massen- haften zwangsweisen Verwendung von ausländischen Arbeitskräften in der Ge- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 schichte seit dem Ende der Sklaverei im 19. Jahrhundert dar“(Ulrich Herbert). Nach heutigem Erkenntnisstand gab es keinen größeren Betrieb des produzie- renden Gewerbes, der nicht auslãndische Zwangsarbeiter beschäftigt hat. Die In- itiative zu deren Beschäftigung ging im- mer von den Unternehmen selbst aus: Zwangsarbeiter erhielten sie nur auf An- forderung. 2 Nach dem Krieg wurden Zwangsar- beiter aufgrund höchstrichterlicher Ent- scheidung von Entschädigungsleistungen ausgeschlossen. Am 7. Dezember 1960 erklärte der Bundesgerichtshof, entschei- dend bei der Zuerkennung von Entschã- digung seien die Motive der Verfolger: „Ein polnischer Arbeiter war während des Krieges verhaftet worden. Im Urteil stellte der BGH fest, dass nicht NStypi- sche Verfolgungsgründe ausschlagge- bend gewesen seien, sondern der„Ar- beitskräftemangel' im nationalsozialisti- schen Reich. Auch die Finweisung des Polen in ein KZ sah das Gericht nicht als eine Verfolgung aus entschädigungsbe- rechtigten Gründen an: Als Schlosser sei der Mann vielmehr ein wertvoller Fach- arbeiter gewesen, der, für die Rüstung benötigt' worden sei“(Ulrich Herbert). Auffallend, wenngleich wenig über- raschend an diesem Urteil ist das Ver- ständnis des BGH für die Rüstungspoli- tik des nationalsozialistischen Deutsch- land. Zwangs- und Sklavenarbeit waren der Ideologie des NSRegime zufolge notwendige Bestandteile nationalsoziali- stischer Kriegsführung, zumal gegen „Untermenschen“ und„minderwertige Ras-sen“ Im Urteil des BGH wurden zu- sammenhängende Komplexe nachgängig getrennt: Ohne Zwangs- und Sklavenar- beit wäre eine Freistellung Millionen wehrfähiger deutscher Männer für den nationalsozialistischen Kriegsdienst un- möglich gewesen. Die teils unter gesund- heitsschädlichen, teils unter lebensge- fährlichen Bedingungen erzwungene Ar- beit bleibt ebenso wie Deportation und Finweisung in KAs stets Unrecht, unab- hängig von der jeweiligen ideologischen Rechtfertigung und Motivation. In die- sem Zusammenhang bedeutet die von Gesetzgeber, Industrie und Wirtschaft jahrzehntelang aufrecht erhaltene Ableh- nung materieller Kompensation für das einst erlittene Leid der noch lebenden Opfer von Zwangs- und Sklavenarbeit zumindest ein gewisses Verständnis für die Binnenlogik nationalsozialistischer Krie gspolitik. Es ist Zeichen mangelnden Unrechtsbewusstseins und vermutlich auch der Grund dafür, Forderungen nach Entschädigungsleistungen mit jeder sich nur bietenden Begründung abzuwehren. Weitgehend unbekannt in der Bevöl- kerung sind folgende Tatsachen: Es wur- den Zwar über 100 Milliarden Mark nach dem Krieg als so genannte„Wiedergut- machung“ gezahlt, der tatsãchliche Scha- den der„Arisierung“, des massenhaften Raubens und der Enteignungen geht nach heutigem Geldwert und unter Berück- sichtigung zwischenzeitlich aufgelaufe- ner Zinsen in die Billionen. Von den geleisteten so genannten „Wiedergutmachungszahlungen“ in Hö- he von über 100 Milliarden Mark gingen 90 Prozent an deutsche oder deutsch- stämmige Empfänger, obwohl sie unter den Nazi-Verfolgten nur knapp zehn Pro- zent ausmachten. Ausländische Zwangs- arbeiter waren ausgeschlossen, da sie nach Auffassung deutscher Entschädi- 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gungsbehörden unter Berufung auf das BGH-Urteil von 1960 kein„NStypi- sches Unrecht“ erlitten hatten. Die Bundesregierung lehnt nach wie vor die Ansprüche von Zwangsarbeitern mit folgender Begründung ab:„Kriegs- geschehnisse werden üblicherweise durch Reparationsvereinbarungen gere- gelt. Solche hat es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, vielmehr haben die alliierten Siegermächte in erhebli- chem Umfang Reparationen entnommen. Es hätte den reparationsempfangenden Staaten oblegen, daraus den Kriegsge- Schädigten einschließlich der Zwangsar- beiter ihres Bereiches einen Ausgleich zu gewähren“(BTDrucksache Nr. 14/1620 vom 15. September 1999). Hier wird schlicht vorausgesetzt, die von den alli- ierten Siegermächten nach dem Krieg entnommenen Reparationen hätten die von Nazi Deutschland in Europa und der Sowjetunion angerichteten Kriegsschä- den, Enteignungen, den Raub von Kunst- schätzen, die Ausbeutung von Zwangs- und Sklavenarbeitern und die vernichtete Arbeitskraft auch nur annähernd kom- pensiert. Mit dieser Argumentation wer- den jene Betriebe gestärkt, die unter Be- rufung auf das Londoner Schuldenab- kommen von 1953 bisher Entschädi- gungs?zahlungen verweigert haben. In ihm wurden zum Schutz der sich nach 1945 im Aufbau befindlichen deutschen Industrie und Wirtschaft alle Ansprüche und Forderungen an belastete Unterneh- men auf den deutschen Staat übertragen und wie staatliche Reparationen behan- delt. Auch wenn deren völkerrechtliche Regelungen bis zum endgültigen Ab- schluss eines Friedensvertrages zurück- gestellt wurde, so haben seither die frühe- ren Profiteure unter stetiger Berufung auf das- seit 1996 aufgehobene- Londoner Schuldenabkommen versucht, ihre Ge- winne aus„Arisierungen“, Zwangs- und Sklavenarbeit Zu privatisieren, ihre histo- rische Schuld aber zu verstaatlichen. Nach Feststellungen namhafter deut- scher Historiker beruht ein erheblicher Teil des„deutschen Wirtschaftswunders“ auf der Ausbeutung Europas sowie der Zwangs- und Sklavenarbeit. Betrachtet man die ökonomische Regenerations- und Akkumulationsfähigkeit der deut- schen Wirtschaft nach 1945 unter diesem Aspekt, dann wird die Geschichte des „deutschen Wirtschaftswunders“ viel- leicht eines Tages neu geschrieben wer- den müssen. Kurz vor dem Ende des Jahrhunderts hat sich die Frage nach einer absch- ließenden materiellen Teilkompensation für die schätzungsweise 1,5 Millionen überlebenden Opfer von Zwangs- und Sklavenarbeit noch einmal verschärft ge- stellt, nicht etwa aus besserer Einsicht oder aus moralischer Verpflichtung der deutschen Wirtschaft, sondern aufgrund von auslãndischem Druck vor allem aus den USA. Und betroffen fühlen sich denn auch nur jene Konzerne, Banken, Firmen und Betriebe, deren wirtschaftliche Inter- essen in den USA berührt sind. In Zahlen ausgedrückt: Von über 1000 Firmen und Betrieben, die während des Krieges Zwangsarbeiter beschäftigt haben, betei- ligten sich bisher nur 16 Unternehmen an der im Februar 1999 gegründeten„Stif- tungsinitiative deutscher Unternehmen: Brinnern, Verantwortung und Zukunft“ Die Beteiligung deutscher Großbanken an diesem Entschädigungsfonds ist Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 grundsätzlich zu begrüßen, auch wenn sie nicht unmittelbar die Ausbeutung von Zwangs- und Sklavenarbeitern betrieben haben. Doch besteht dabei die Gefahr, dass über ihre Beteiligung am Fonds die Banken mit vergleichsweise geringen Beträgen sich der Verpflichtung zur Kompensation ungleich größerer, bisher nicht entschädigter Kriegs- und„Arisie- rungsgewinne“ endgültig entziehen. Alle bisher auch von den Banken selbst in Dauttrag gegebenen und noch nicht abge- schlossenen Untersuchungen über die Komplizenschaft der Geldinstitute mit dem NSStaat und seinen Zielen könnten dann unabhängig von ihren Ergebnissen folgenlos bleiben. Es wäre unangemessen, ausschließ- lich den an der Stiftungsinitiative betei- ligten Firmen die Schuld für das unwür- dige Schachern der letzten Wochen und Monate um die Erhöhung des Entschädi- gungsbetrages anzulasten, wenngleich es für sie, schon angesichts der steuerlichen Abzugsfähigkeit dieser Gelder, ein Keichtes ist, den Betrag zu verdoppeln. Anzuprangern sind vor allem jene Fir- men, die als Profiteure von Zwangs und Sklavenarbeit sich nicht an diesem Fonds beteiligen. Gegen sie müssen auch nach einer Einigung zwischen den Beteiligten am Entschädigungsfonds und den noch lebenden Opfern von Zwangs- und Skla- venarbeit individuelle Klagen vor Gericht weiterhin möglich sein. Rechtssicherheit im Sinne einer Sicherheit vor zukünftigen Klagen Anspruchsberechtigter darf es für diese ehemaligen Ausbeuter menschli- Von Zwangsarbeitern errichtet: Die Industrieanlagen in Auschwitz-Monowitz. 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer cher Arbeitskraft und Profiteure einer mörderischen Kriegspolitik auch in Zu- kunft nicht geben. Das bisherige Verhalten von über 1000 deutschen Firmen, Banken und Konzernen den überlebenden Zwangs- und Sklavenarbeitern gegenüber verlän- gert ein Unrecht, von dem auch die Bun- desregierung als Interessenvertreter der deutschen Industrie und Wirtschaft nicht ganz frei ist. Ein Lichtblick dieses un- würdigen Vorgangs: 53 Prozent der deut- schen Bevölkerung sind laut repräsenta- tiver Umfrage des ipos-Instituts für eine rasche Entschädigung der Zwangs- und Sklavenarbeiter. Die zur Zeit gebotene Entschädigungssumme von 6 Milliarden Mark ist um folgende Beträge zu redu- zieren: 600 Millionen Mark zur Deckung von„Vermõgensschäden“(Arisierun- gen“ jüdischen Eigentums, Beschlagnah- me von Bankkonten und Versicherungs- guthaben jüdischer Anleger); 400 Millionen Mark für die Opfer medizini- Scher Versuche in KZs und 700 Millionen Mark für einen so genannten„Zukunfts- fonds“ Die verbleibenden 4,3 Milliarden Mark würden bei 1,5 Millionen An- Spruchsberechtigten im Purchschnitt ei- nen Betrag von zirka 2800 Mark pro Per- son ergeben angesichts des erlittenen Leids, der jahrzehntelang vorenthaltenen Entschädigungszahlungen und des damit verbundenen Zinsverlustes eine lächer- lich geringe Summe für die an Leib und Seele dauerhaft geschädigten Zwangs- und Sklavenarbeiter. Und selbst eine Ver- doppelung dieses Betrages, etwa durch Reduzierung der Anspruchsberechtigten, wãre bei weitem nicht ausreichend. Hãt- ten alle einst beschãftigten Zwangsarbei- ter 2irka 10 Millionen- heute aus 4,3 Milliarden Mark entschädigt werden müssen, dann erhielte jeder 430 Mark. Nur zur Erinnerung: Die Bundesrepublik Deutschland zahlt jährlich 12 Milliarden Mark Renten an ehemalige Wehrmachts- angehörige, etwa 5 Prozent davon, also 600 Millionen Mark an Menschen, die Kriegsverbrechen begangen haben oder an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren. Die überlebenden Opfer dieser Verbrechen sind meist leer ausge- gangen oder warten immer noch au eind kümmerliche Entschädigung. Soll das auch in Zukunft Teil der immer wieder eingeforderten neuen deutschen„Norma- litãt“ Sein, oder gelten Forderungen nach Entschädigung von Zwangs und Skla- venarbeit bereits als„Instrumentalisie- rung von Auschwitz“? Brinnerung, sagt Jean Paul, sei das einzige Paradies, woraus wir nicht ver- trieben werden können. Als er dies schrieb, waren ihm die Grausamkeiten der Inquisition, der Konquistadoren und die des Dreißigjährigen Krieges durch- aus bekannt. Und dennoch stellten sie nur ein Vorspiel zu dem dar, was im 20. Jahr- hundert im Herzen Europas geschah. Wenn wir ins nãchste Jahrtausend eintre- ten, ohne dass jener Teil des Unrechts ge- tilgt wird, der materiell tilgbar ist, dani) wird in Anlehnung an Jean Paul für die noch lebenden Opfer und deren Nach- kommen die Erinnerung eine Hölle blei- ben, aus der es kein Entrinnen gibt. Und Solange sie der Qual dieser Erinnerung ausgeset?t sind, so lange werden Forde- rungen nach Gerechtigkeit für die Men- schen nicht verstummen. (Zur Gedenkstunde vgl. HZ 10 7. 99, F. 61, Korns Ansrprache S. 54), Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Zum Tod von Ignatz Bubis „Im öffentlichen Bewußtsein ist die Verantwortung für Auschwitz nicht verankert“ dgnat? Bubis) Als unser letetes Mitteilungsblatt Schon zum Druck vorhereitet wan erfuhren win dass Ignatz Bubis am 13. August gestorben wan Wir trauern um einen mutigen, um ei- nen unermidlich für die Frinnerung an Auschwitz ttigen, um einen großen Mann und Pechen inshesondere Seiner Familie unser Mitgefiihl und Beileid und unseren Dank QM. Noch Anfang Dezember 1998 hatte sich Ignatz Bubis trotz allem, was ihm wãhrend der Walser-Bubis-Debatte“ wi- derfahren war,„Zuversichtlich“ gezeigt, aber bemerkt,„man müsse acht geben“ (FAZ, 9. 12.98). Fünf Jahre zuvor aller- dings war von ihm die Grenze bezeichnet worden, die für ihn über Leben in Deutschland oder Weggehen, letztlich über Leben und Tod entschied: den Glau- ben an die Demokratie in Deutschland. „Wenn ich nicht an das neue, demokrati- Sche Deutschland glauben könnte, müßte ich weggehen. Wenn es weitergeht in einem Deutschland, das anders ist, das demokratisch ist, dann muß ich jeden Tag Kompromisse schließen“(konkret 1/94). 0** er jedoch nicht tagtãglich kompro- mißbereit gewesen- und als Beispiel nennt Bubis die Neue Wache als die zen- trale Gedenkstätte der Bundesrepublik mit der Vermischung der Opfer und Täter im Text der Inschrift-„dann hãtte ich das nicht durchstehen können“(ebenda). Diese kritische Selbsteinschätzung war die Antwort auf die Feststellung des In- terviewers, daß es für die damalige Re- gierung Kohl,„von größter Bedeutung war, daß sie der Wehrmachtsoffiziere und der SSMänner gedenken kann, ohne daß der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland oder der Zentralrat oder die deutschen Juden vor aller Welt de- monstrieren: nicht mit uns.“ Mit der Erschütterung der schmerz- lich durchgehaltenen Uberzeugung, in der Bundesrepublik West sei die Aufar- beitung der nationalsozialistischen Ge- schichte.. teilweise gelungen“, wird auch das Fundament brüchig, das Kom- promisse legitimieren könnte. In zwei fast Zeitgleich kurz vor seinem Tod gege- benen Interviews(Stern*, 29. 7.99; HR, aufgenommen am 28.7., gesendet am 15.8., also nach dem Tod) zieht Bubis Bi- gl. Teilnachdruct in diesem MB au S. 3 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer lanz Seine Analyse der Berliner Repu- blik ist das Kritischste und Scharfsinnig- ste, was zur gesellschaftlichen Verfas- sung und Wirklichkeit zu sagen ist. Keiner der politischen Repräsentanten, keiner der literarischen und kulturellen und kirchlichen Würdentrãger, die an der Verleihung des Friedenspreises ergriffen teilgenommen und dem Preistrãger Mar- tin Walser stehend applaudiert hatten, ist ihm gefolgt. Und in der aktuellen Kon- troverse um Walsers unsäãgliche Ausch- witzkeule“ wird die Erinnerung wach an den verfassungsrechtlichen Geburtsfeh- ler der Berliner Republik. Hier mit seinen Vorstellungen und Interventionen ge- Scheitert zu sein, empfindet Bubis als sei- ne größte Niederlage“ Ich habe damals darauf gedrängt, daß im Finigungsver- trag oder im Grundgesetz verankert wird, daß die Zeit des Nationalsozialismus ein Teil der deutschen Geschichte ist, daß Lehren für die Zukunft gezogen werden. Wir sind auf᷑ taube Ohren gestoßen Die heutige Politikergeneration möchte auf eine sanfte Walser-Tour das Ganze zurückdrehen.“ Was nottut, ist Bubis Worte ernstzu- nehmen und zu beherzigen:„Ich habe ge dacht, vielleicht schaffst du es, daß die Menschen anders übereinander denken, anders miteinander umgehen. Aber nein, ich habe fast nichts bewegt. Die Mehrheit hat nicht einmal kapiert, worum es mir ging“(Stern, 29. 7.99). Zwischen diesen Beurteilungen der Lage in Deutschland 1994 und 1999 ist die Aufbruchstimmung der Wendezeit verflogen. Neue Wache, das Hin und Her um das Holocaust- Mahnmal, Wegsehen, Gewalttätigkeit gegen Minderheiten, Verstãndnis und Billigung für Walser und nicht zuletzt die empõrende und klãgliche Weigerung der deutschen Wirtschaft, im besonderen der Industrie, ihre Schuld an- zuerkennen und angemessene Entschädi- gung an ehemalige Zwangsarbeiter zu zahlen wahrlich eine desillusionierende und sicher nicht vollstãndige Reihung der Geschehnisse. Ignatz Bubis war einer der wenigen, der die moralisch Autorität und, wie sich in seinen letzten Außerungen bestätigte. intellektuelle Kompetenz besaß, nutih einzugreifen und Nein zu sagen. Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer steht in der Tradition gemeinsamer Uberzeugun- gen. Wir werden dazu beitragen, daß Ver- gangenheit nicht verdrängt wird und die Toten. Verfolgten und die Uberlebenden nicht vergessen und abermals zu Opfern werden. Ignatz Bubis hätte jede Zeile unter- schreiben können, mit der Adorno seinen Radio-Vortrag„Resignation“(1969) aus- klingen läßt. Duplizität der Ereignisse: Beiden kritischen Denkern, beiden Strei- tern gegen das Verdrängen ist vorgehalten worden, sie hätten resigniert. Dem erwi- dert Adorno:„Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, ver- wehen. Aber es läßt sich nicht daß etwas davon überlebt. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von an- deren gedacht werden: dies Vertrauen be⸗ gleitet noch den einsamsten und ohn- mächtigstn Gedanken.. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglũck bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich nicht verkümmern lãßt, der hat nicht resi- gniert.“ Albrecht Werner-Cordt Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer J.J. Heydecker: Das Warschauer Ghetto Fotodokumente eines deutschen Soldaten aus dem Jahr 1941 Rezension von Klaus Konrad-Tromsdorf Das bereits 1983 im dtv-Verlag er- schienene Buch Heydeckers liegt seit Ju- ni 1990 in einer Neuauflage als Taschen- buch vor. Beigegeben ist ihr ein Vorwort O* Alain Finkielkraut, welches dieser für die 1986 publizierte französische Ausga- be des Buches verfasst hatte. „Joe Heydecker entzieht“- s0 Fin- kielkrauts zusammenfassende Wertung- „Seinen Zeitgenossen das Alibi des Nichtwissens“(S. 8). Und- um Finkiel- kraut noch einmal zu zitieren- Joe Hey- decker hat wenigstens den zweiten Teil dieses Programms(gemeint: die von den Nazis angestrebte Verheimlichung des deutschen Massenmordes an der Juden, K T.) verhindern wollen. Finfacher Sol- dat der Wehrmacht, war er nicht ins Ge- heimnis der Götter eingeweiht. Aber, in Warschau stationiert, konnte er sehen, Wenn ich Menschen im Gheto but vie ſolograßieren zu dirſen nahmen sie au- romatisch die Kopfhedeckung ab, obwohl das ihren ſeligiòsen Vorschriſten wi- dersprach meine Wehrmachtsuniform zwung Sie dazu Ich mußle vie dann je⸗ desmal hitten, den Hut wieder aufeusetden. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wie das Werk der Vernichtung sich lang- Sam in Gang setzte. Da es ihm unmõglich war, Widerstand zu leisten, hat er sich wenigstens bemüht zu verraten und, wie er selbst schreibt, die Infamie durch das Bild zu fixieren. So würde das letzte Wort nicht Himmler gelassen werden: es wür- de Beweise der Geschehnisse geben; es würde Fotografien geben, um denen zu antworten, die versucht wären, später einmal den Genozid als Lüge oder als ei- ne Ubertreibung zu betrachten“(S. 7). Der 1997 gestorbene Joe Heydecker hat die von ihm heimlich angefertigen Fotos erst vierzig Jahre nach ihrer Ent- stehung publiziert. In einem ausführli- chen Beitrag schildert er die Umstände, die ihn dazu brachten, dieses für ihn nicht unbeträchtliche Risiko- das Fotografie- ren nämlich einzugehen. Gerade diese Schilderung ist es, die beklemmend deut- lich macht, daß sich der deutsche Mas- senmord an den Juden nicht in gleichsam geheimer Abgeschlossenheit vollzog ob es nun der alltãgliche Terror war, der sich um das Warschauer Ghetto herum ab- Spielte, oder ein Erlebnis, welches Hey- decker 1 943 hatte, als er in Berlin die De- portation einer jüdischen Familie mitansehen mußte, das Wissen um das, was geschah und geschehen würde- s0 Heydecker- war allgemein. In Berlin war es die ebenfalls zu- Schauende Passantin, die in Gegenwart des ihr unbekannten Soldaten zu ihrer Be- gleiterin den Satz sagte: Die werden ooch vajast“(S. 36), in Warschau die un- zähligen Zuschauer„Soldaten aller Dienstgrade, auch Offiziere, dann oft deutsche Zivilisten aus der Verwaltung des Generalgouvernements, Sekretärin- nen, uniformierte Beamte, Arbeitsdienst, Bisenbahner, Rotkreuzschwestern“(S. 22), die Heydecker zu dieser Finschät- zung brachten. Auch die Sonderbehand- lung' war- s0 Heydecker weiter nicht geheim, vielmehr war sie Gesprächsge- genstand: „Zu dieser Zeit(d.i. der Sommer 1942, K.-T.) sprach man in Warschau über die Vergasungen so offen wie etwa über die Kriegslage. Aus der deutschen Zivilverwaltung des Gouvernements Warschau erfuhr ich durch meine Frauh daß dort die Beamten, und eben bis her- ab Zur Sekretärin, ohne Umschweife von Auschwitz, Treblinka und der Liquidie- rung der Juden redeten, so beilãufig und gelegentlich, wie man im Dienstbetrieb oder in der Kantine irgendein anderes Ta- gesthema anschneidet und wieder fallen läßt... Es handelte sich also, wie sich abermals bestätigte, um ein offenes Ge- heimnis“(S. 38). Heydeckers Fotos, die er im War- schauer Ghetto gemacht hat, sind un- mißverständlich. Unmißverständlich, weil der Blick des Fotografierenden unmißver- ständlich ist: Es ist derjenige des Mit- fühlenden, des Mitleidenden. Heydecker erniedrigt' die von ihm fotografierten Menschen nicht durch die von ihm ge- wählte Perspektive; er bleibt auf uen 9 höhe' er nähert sich bewußt an. Dadurch verlieren seine Fotografien den rassisti- schen Voyeurismus, der sooft die jenigen charakterisiert, die von offiziellen' Foto- grafen hergestellt wurden: hier fotogra- fierte jemand, der das Sah, was alle sahen oder wenigstens sehen konnten und er fo- tografierte, um Zeugnis abzulegen'. Wo das Wissen allgemein ist, ist auch das Schweigen kollektiv: Joe Heydecker hat nicht geschwiegen, seine Bilder spre- chen Dies macht ihren dokumentari- schen Wert aus. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Joe J. Heydecker: Das Warschauer Ghetto. Foto-Dokumente eines deut- Schen Soldaten aus dem Jahr 1941, dtv(München) 1999, ISBN 3-423— 30724 2, 16,90 DM. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „WENN EINMENSCH GUT IST, KANNMAN DOCH NICHTS BOSES UBER IHN SAGEN.“ (Otto Rosenberg über Eva Justin) Otto Rosenberg: Das Brennglas Rezension von Klaus Konrad-Tromsdorf Er hat beide gut gekannt, den Dr. Rit- ter und auch die Eva Justin. 1936, kurz vor den Olympischen Spielen, wurden die in Berlin lebenden Sinti-Familien, auch diejenige Otto Rosenbergs, in einem Zwangslager in Berlin-Marzahn konzen- triert' Berlin war Zigeunerfrei' und im November 1936 nahm die Rasse- hygienische und Erbbiologische For- schungsstelle des Reichsgesundheits- amtes' unter Leitung des Direktors Dr. Ritter die Arbeit' auf. Der 1927 geborene Otto Rosenberg, damals neun Jahre alt, fand die Justin „sehr freundlich, sehr lieb und sehr nett', durfte er sie doch an ihrem Arbeitsplatz im Anthropologischen Institut besuchen und vermeintlich harmlose Dinge tun (Perlen auffädeln, ein Geschicklichkeits- spiel spielen, eine Bildergeschichte er- zählen). Sogar zu ihr nach Hause durf- te er, in die Curtiusstraße, da kochte dann Eva Justins Mutter für ihn und er durfte in einem„Engelbettchen“ schlafen. Der Sinn dieser Arbeit' erschloss sich dem kleinen Otto nicht. Erst viel spãter nach- dem er Zwangsarbeit, Auschwitz Bir- kenau, Dora-Mittelbau und Bergen-Bel- sen überlebt hatte, verstand er, dass die Genealogie der Berliner Zigeunerfami- lien' an der Ritter und Justin arbeiteten, der systematischen Erfassung dieser Menschen diente: Voraussetzung für de- ren Vernichtung. Otto Rosenberg überlebte die Lager, ein Großteil seiner Familie nicht. Und während Ritter und Justin ihre Karriere im Nachkriegsdeutschland nahezu un- behelligt fortset?en konnten Ritter wur- de 1947 zum Leiter der Fürsorgestelle für Gemüts und Nervenkranke' und der Jugendpsychiatrie in Frankfurt/ Main be- Stellt, Eva Justin folgte ihm 1948 als Kri- minalpsychologin— schwieg Otto Ro- senberg. Bis 1995. Erst dann wollte er seine Lebensgeschichte aufgeschrieben wissen. Ulrich Enzensberger, der dies be- sorgte, gibt Rosenbergs Worte original- getreu, das heißt. unbearbeitet, wieder. Einzig ein ausführlicher Anmerkungs- apparat dient dem genaueren Ausleuchten des historischen Umfeldes, für den Le- Senden absolut notwendig. So entsteht e0 ne dichte und authentische Beschreibung des Massenmordes an den Sinti und Ro- ma, der der Schriftsteller Edgar Hilsen- rath attestiert,„sie schließe eine Bil- dungslücke“. Orto Rosenberg, Das Brennglas. Auf gezeichnet von Urich Enzensberger Fichborn Werlag Berlin, ISBN 36216 06404, 36 DM Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 „Ich habe nie sprechen wollen über meine Geschichte“ Ignatz Bubis, das Bild seiner Nichte Rachel und die Folgen- Auszüge aus dem Stern-Interview wenige Tage vor Ignatz Bubis' Tod Stern Die Vergangenheit drückt? Bubis: Immer stärker. Mich hat eine Sa- che kaputtgemacht: meine Reise nach G nach Sao Paulo. Seit ich das ild meiner Nichte Rachel kenne, läßt mir das keine Ruhe mehr. Ich habe ein Bild von meinem Vater gehabt. Mein Va- ter ist vor meinen Augen deportiert wor- den. Ich habe in Brasilien Fotos von mei- nem Bruder, von meiner Schwägerin bekommen. Ich wusste gar nicht, dass es die gibt. Es sind die einzigen Fotos, die mir bis dahin völlig unbekannt waren. Aber erst das Bild meiner Nichte hat mich um 350 Jahre zurückgeworfen. Dieses un- beschwerte Kinderlãcheln. Was hat dieses Kind dem Nationalsozialismus getan? Damit werde ich nie fertig. Bei diesem Bild meiner Nichte hat mich die Vergan- genheit eingeholt. Ich habe nie sprechen wollen über meine Geschichte, auch auf Fragen nicht. Ich war oft in Polen und hatte viele Indizien, S mein Vater nach Treblinka gekom- men ist. Inzwischen ist es so gut wie Ge- wissheit. Ich war in Auschwitz, in Ma- jdanek. Ich war in Sobibor, nur nach Treblinka bin ich nie gegangen. Jedes Mal gab es irgendeinen objektiven Grund. Erst 1989 habe ich gesagt: Jetzt fährst du hin. Ich bin quasi den Weg meines Vaters ge gangen, falls er überhaupt noch gehen konnte, falls er dort überhaupt lebend an- gekommen ist. Ich war nicht wieder dort. Ich kann nicht wieder hingehen. Stern: Und Sie haben nie mit Ihrer Frau gesprochen über die eigene Lagerzeit? Bubis: Nie. Bis heute nicht. Dabei war meine Frau fast die ganze Zeit im selben Lager in Deblin. Sie ist dann in Dachau befreit worden, war vorher noch in Ber- gen-Belsen. Bis heute weigert sich etwas in ihr nach Bergen-Belsen zu gehen. Und sie hat mir gegenüber bis heute nur eine einzige Bemerkung gemacht. 1995, als wir zur Feier„50 Jahre Befreiung Da- chau“ fuhren. Auf der Fahrt vom Mün- chener Flughafen nach Dachau hat sie beiläufig gesagt: Du hast gar nichts er- lebt, Ignatz. Du warst nicht in Bergen- Belsen. Das war der einzige Satz, den meine Frau mir gegenüber jemals über diese Zeit verloren hat. Stern Aber mit Ihrer Tochter Naomi Ann haben Sie gesprochen? Bubis Nur einmal, als die amerikanische Holocaust-Serie lief. Wir haben aber nicht über das eigene Schicksal gespro- chen. Wie auch sollte ich meiner eigenen Tochter erzählen, wie würdelos man sich Selbst gemacht hat, wie würdelos man ge- macht wurde. Stern Warum sind Sie in Deutschland geblieben? Bubis: Ich habe nach dieser Antwort nie gesucht. Die einzige Frage, die ich mir heute stelle, ist: Wie hast du es 1945 über- haupt fertiggebracht, nach Deutschland zu kommen? aus Der Stern. 3171909 Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUscrrrz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto- Nr. 0 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt/ Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PIZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Q Hãftling im KZ Auschwitz vom bis Hãäftl.- Nr. Q Hãftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. Q Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Hãftl. Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen N HETREN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS Dezember 02.12. Maria Reiferscheid 02.12 Emil Schmidt 03. 12. Dieter Hild 05. 12. Erika Stückrath 09.2 09. 12. Herbert 10.2 Bohner-Rapp 2 13. 12. Gisela Wagner 1222 14. 12. Dieter Fischer 82 15. 12. Esther Bejarano 18.12. Rosmarie See 19.2 0 Barbara Mlynarski 192. 20.12. Dr. Gerhard Lüben 20.2. 22.12. Egon Schweiger 202 23. 12. Alfred Schulz 30. 12. Claus Schwing 082 30.12 Albrecht 28.2. Werner-Cord 25 Januar 01.1. Susanne Gräser März 02.1 Andrea Höhle 013. 03.1 Susanne Hainbach 02.3. 03.1 Susanne Lutz 04.3. 08.] Margarete 04.3. Schoplick 04.3. 08.! Gerd Vogt 06.3. 08.3. Czerannowski 08.3. 17.1. Thomas Rolle 08.3. 19.] EFroika Kremer 09.3. Michel Meyerhof 2 20.1. Ingolf Spickschen 14.3. Z Patricia Krosch 22.1. Michael Wahle 8 23.1. Birgitta Werk-Lang 15.3. 24.1. Folker Behrens 25.1 Leonarda Lüben 26.1 Cornelia Teller 0 29.1. Friedhelm Hahn 23 23 FHFebruar 02.2 Wolfgang Schmidt 24.3. 06.2. Johanna Oberhauser 24.3. Unseren Mitgliedern herzliche Geburtagsgrüße Michael Wies Gila Gertz Etty Gingold Gottfried Bay Marianne von Oettingen Wolfgang Gehrke Friedrich Stichler Wilfried Stranz Corinna Weber-Schöndorfer Hans Boss Brigitte Habig Hilde Leng Andreas Schreier Josef Dreesen Peter Meier-Röhm Gertrud Amrein Eveline Keusch Oliver Nedelmann Elke Jung Bernhard Krane Marion Beste Peter Gingold Franziska Hinz Horst Jacke Thomas Fürst Dr. Ullrich Waldschmidt Horst Könnecke Renate Wanie Armin Clauss Boleslaw Stefanski Barbara Fleming Edda Hertel Dr. Siegmund Kalinski Brigitte Stark Michael Wagner Aprril 024. 03.4. 06.4. 08.4. 08.4. 09.4 09.4. 12.4. 13.4. 14.4. 14.4. 17.4. 18.4. 18.4. 19.4. 19.4. 19.4. 19.4. 19.4. 20.4. 20.4. 20.4. 26.4 27.4. 27.4. 30.4 Hortense Haberman Dr. Michael Schulte Claudia Wiederholt Annemarie ₰, Diefenbach Daniel Hoffmann Ralf Neubert Peter Seib Manfred Wittmeier Gerard Verhoef Brigitte Sauer Marcus Nedoma Erhard Penner Eberhard F. Schaeufele Brigitte Wiegand Ingrid Neubert Harald Kliczbor ilmann Kreyer Rudolf Redenius Matthias Tiessen Gerd Häuser Gernot Richter Andreas Buhl lsabell Diehm-Frankenau Alexander Meyer Gudrun Nieter Urich Vogel Dr. Erwin Knauss Susanne Mickel Helmut Poppenberg Peter-Alexis Kasten Ariana Enders Joachim Klärner Manfred Keitel Die LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWITZ- FREUNDESKREIS DER AUSCHWITZER eV AUSChMWTZ lãdi ein Zur Begegnung mil einer der grõſen Lyrikerinnen deutscher Sprache Syenische Darstellung Leben und Werk der deutsch-jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar Geboren 1894 wurde sie 1943 in einem KZ— wahrscheinlich in Auschwitz— ermordet Soloprogramm für eine Schauspielerin, Lilli Schwethelm, am Mittwoch, 1. Dezember 1999, 19 Uhr Literaturhaus Frankfurt, Bockenheimer Landstraße 102, U-Bahn 6 und 7, Station Westend Eniri 10— DMM erm Jereinsniglieder ſrei „ B.. G. Farbkarte 613 AFT AUSCFHWTA ER AUSCHWIAZER Mitteilungsblatt, Dezember 1999