LAGERGEMENSCHAFT AUSCEHWITZ AUSCEHMWTZ FREUNDESKRElIS DEBR AUSCHWTAZER 19. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, August 1999 Inhaltsverzeichnis Seite Lesung-Monatstreffen-Mitgliederversammlung 2 Treffen der Uberlebenden von IG Auschwitz 3 „Wir weinten tränenlos. 9 Augenzeugenberichte des jüdischen„Sonderkommandos“ in Auschwitz Die Kreuze in der Kiesgrube 19 „„sie starben mitten in Frankfurt..* 23 „Die Sprache der Opfer“ 24 NS-Fliten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft 25 Und jetzt noch nach Auschwitz 28 Die Auschwitz-Stifung Budapest 31 Liebe Leserinnen und Leser, leider hat es viel länger gedauert, als vom Vorstand ursprünglich geplant, bis Sie nun in diesem Jahr unser erstes Mittei- lungsblatt in Händen halten können. In der Zwischenzeit ist beispielsweise die Entscheidung über das zentrale Mahnmal, das in Berlin zum Gedenken an die wäh- rend des Dritten Reiches ermordeten Ju- den Europas errichtet werden soll, gefal- len. Jedoch hat dadurch, unserer Meinung nach, der in eine andere Richtung gehende Vorschlag von Imo Mos?zkowicz(vgl. Seite 8 dieses Heftes) nichts an Brisanz verloren und sollte nicht in Vergessenheit geraten. In Polen hat sich die Situation hinsichtlich der Kreuze am Rande der Kiesgrube neben dem Stammlager Auschwitz entschärft. Das polnische Parlament hat mit einem Gesetz eine Schutzzone für ehemalige Or- te des nationalsozialistischen Terrors ge- Schaffen. Dies entspricht in den Grundzü- gen der Ansicht des Auschwitz-Häftlings Jõzef Paczynski(Seite 19 ff). Vielleicht schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesen Thematiken. Das nächste Mittei- lungsblatt erscheint im Dezember 1999. Versprochen. Uber eine Teilnahme an un- seren Veranstaltungen(Siehe S. 1 u. 2) wür- den wir uns freuen. Mit freundlichen Grüßen Hans Hirschmann Trauer um Ignatz Bubis Unmittelbar vor Andruck die- ses Mitteilungblattes wurde be- kannt, daß Ignat? Bubis ver- storben ist. Der Holocaust- Uberlebende und langjährige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland hat vehement dafür gestritten, daß der Völkermord und die ande- ren deutschen Verbrechen während des Dritten Reiches nicht aus dem öffentlichen Be- wußtsein verdrängt werden. Ignatz Bubis hatte verfügt, daß er in Israel bestattet wird, weil er befürchtete, in Deutschland würde sein Grab, wie das seines Vorgängers im 2Zentralrat Heinz Galinski, geschändet werden. Mit dieser Verfügung hat er den Fortgang der Debat- te beeinflußt. Wir werden zu Ignatz Bubis und seiner Rolle für die Aufrechterhaltung des Gedenkens an Auschwitz im nächsten Mitteilungsblatt Stel- lung nehmen. Referent ist der Historiker Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer lädt ein zu einem Vortrags- und Diskussionsabend. Die Verdrängung der Juden aus der Dresdner Bank 1933— 1938 Dr. Dieter Ziegler am 1. September 1999 um 19.30 Uhr im Jüdischen Museum Frankfurt/M., Untermainkai 14/15 Dr. Ziegler ist Privatdozent am Hannah-Arendt-Institut für Totali- tarismusforschung an der TU Dresden, das im Auftrag der Dresd- ner Bank die Geschichte des Geldinstituts während des Dritten S erforscht. Dresdner Bank wird vom braunen Band der Nazizeit eingeholt Von Diethardt Stamm 8 Seit die verbrecherischen Aktionen der Nazis mit geraubtem Schmuck und Anlagengeld sowie LZahngold, das er- mordeten Juden in deutschen Konzen- trationslagern herausgebrochen wurde, in Verbindung mit deutschen Groß- banken gebracht worden sind, bemü- hen sich diese, den Schaden zu mini- mieren. Neue Dokumente stellen aller- dings eine für die Großbanken erdrük- kende Beweislage dar. Danach haben sich die Banken aktiv an der Politik der deutschen Faschisten beteiligt. Das „Entfernen' der Juden aus den Vor- standsetagen war die Voraussetzung für die brutale„Goldpolitik“. So hatte es beispielsweise die Dresdner Bank ab 1933 innerhalb von fünf Jahren ge- schafft, alle Juden aus ihrem Vorstand und mittleren Management, darunter viele bekannte und hochqualifizierte Bankiers, sowie dem gesamten Perso- nalbestand herauszudrängen. 1938 konnte die Bank stolz vermelden, dass sie„judenfrei“ ist. Wie dies geschehn ist und wie die Zusammenarbeit mit den Nazis funk- tionieren konnte, hat nun im Auftrag der Dresdner Bank das Hannah- Arendt-Institut für Totalitarismusfor- schung an der TU Dresden erforscht und einen Forschungsbericht vorge- legt. Dr. Dieter Ziegler, der Autor die- ser Studie, ist am 1. September Referent 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer bei einem Diskussionsabend der Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundes- kreis der Auschwitzer. Hierzu wurden auch Vertreter der Dresdner Bank ein- geladen. Dessen Vorstandsmitglied Bernhard Walter hat bislang zurück- haltend reagiert. Er begründet seine Absage folgendermaßen:„Da die bishe- rigen Resultate der Forschungsarbeiten breits mit großem Echo in Medien ver- öffentlicht und von Wissenschaftlern kommentiert sind, ergibt sich aus mei- ner Sicht keine Notwendigkeit für die von ihnen angeregte Veranstaltung.“ Jahrzehntelang sah der Vorstand der Dresdner Bank keine Notwendigkeit, die Verstrickung des Geldinstituts in die verbrecherische Politik des Pritten Reiches erforschen zu lassen. Erst als der öffentliche Druck- vor allem aus den USA 2Zu groß wurde und nicht nur ein Image-Verlust, sondern auch wirt- Termine der Lagergemeinschaft- schaftliche Nachteile sich abzeichne- ten, erfolgte der Auftrag an das Han- nah-Arendt-Institut. Es ist zu begrü- Ben, daß dies nun geschehen ist, aber das entbindet die Bank nicht von der Wahrnehmung eigener Verantwortung und eigenem Handeln gegenüber den Naziopfern. Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer will mit der Veranstaltung vor allem auch Bankkunden und Mitarbeiter von Ban- ken ansprechen, deren nicht zuletzt auf Unterstützung durc die Nazis und den Güterraub der Ver- folgten und Ermordeten des Dritten Reiches zurückzuführen ist. Die Frage ist, wie stehen die Vorstände heute zu dieser Geschichte der Unternehmen und sind sie bereit, Verantwortung zu übernehmen und die Opfer und Ge- schädigten zu entschädigen. Freundeskreis der Auschwitzer Lesung-Monatstreffen- Mitgliederversammlung „Zitronen aus Kanada“ Donnerstag, 23. September, 19.30 Uhr Bertha-Papenheim-Haus Neu-Isenburg, Zeppelinstr. 10 Karin Graf liest aus ihrem gleichnami- gen Buch„Biografische Erzählungen' aus dem Leben des Auschwitz- Hãftlings Stanislav Hantz. Offenes Mitgliedertreffen Mittwoch, 6. Oktober, 19.30 Uhr Wolfsgangstr. 109, Frankfurt/ Main (Haus der ev. St. Katharinengemeinde) Frankfurter Buchverlage stellen Neu- erscheinungen zum Thema„National- Sozialismus“ vor(angefragt) Ordentliche Mitgliederversammlung Samstag, 6. November, 14 Uhr Wolfsgangstr. 109, Frankfurt/ Main (Haus der ev. St. Katharinengemeinde) Achtung: Ort muß noch bestätigt wer- den. Mitglieder erhalten mindestens 14 Tage vor der MV eine Finladung, Gäste sollten bei den Mitgliedern nachfragen oder in Gambach bei der Geschãäftsstel- le anrufen, Telefonnummer 06033— 60168. Offenes Mitgliedertreffen Mittwoch, 1. Dezember, 19.30 Uhr Wolfsgangstr. 109, Frankfurt Main (Haus der ev. St. Katharinengemeinde) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Treffen der Uberlebenden von IG Auschwitz Auf Anregung des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Siegmund Freund organi- sierte das Fritz-Bauer-Institut voriges Jahr(vom 20. bis 22. Oktober 1998) ein „Treffen der Uberlebenden von I6 Auschwitz“. Ort dieser Tagung war ausgerech- net das I6 Farben-Haus in Frankfurt am Main, also die damalige Zentrale des Konzerns, der die Machthaber des Dritten Reiches veranlasste, in Auschwit?z- Monowit? von Hãäftlingen eine Produktionstätte für Buna zu bauen. Zu dem Treffen kamen 90 Uberlebende nach Frankfurt angereist, viele sahen sich nach der Befreiung erstmals hier wieder von Angesicht zu Angesicht. Sie überwanden ihre Bedenken und Befürchtungen und betraten erstmals wieder deutschen oden. Bei der offiziellen Eröffnungsveranstaltung hielt der I6 Auschwitz- Häftling Imo Moszkowicz eine bewegende Ansprache, die wir im folgenden dokumentieren. Imo Mos?zkowicz: Rede zum Treffen der ehemaligen Buna-Häftlinge Die Schwierigkeit überlebt zu haben Die Wiederbegegnung mit Euch zwingt Brinnerungen auf, die ich längst tief vergraben glaubte. In Eure Augen sehend, versuche ich nach über einem halben Jahrhundert Eure jetzi- gen Umrisse in jene zu transferieren, die ihr damals im gestreiften Drillich gewesen wart. Es will nicht in jedem Falle gelingen, denn die wiedergewon- nene Freiheit und der Gang der Zeit haben uns alle merklich verändert. Das Glück, das ich in diesem Mo- ment empfinde, Euch hier so wohl, so naaig betagt, wiederzutreffen, obwohl uns doch ein früher Tod verordnet Imo Moszkowicz worden war, macht mir, der ich einer der Jüngsten in Buna war, mit um so mehr Schaudern deutlich, in welch un- menschlichem Zustand wir damals im Lager der IG-Farben als Opfer einer monströsen Vernichtungsmaschinerie gchalten wurden, wo elektrischer Sta- cheldraht alle moralischen Wert unse- rer Welt gegenstandslos machte. Als Bunahäftlinge alterten wir vor der Zeit, einer Jugend beraubt, die wir noch gar nicht gewonnen hatten, weil die IG-Farben dringlichst Arbeiter für ein Werk brauchte, das dem Hitler hel- fen sollte, seine Siege zu stabilisieren, deren wichtigstes die Vernichtung von uns Juden war. Und man nutzte uns, solange unsere körperliche Kraft reich- te, liess aber diejenigen unter uns, die den Strapazen seelischer und körperli- cher Art nicht mehr gewachsen waren, in die Gaskammern abführen, weil sie für diesen kriegerischen Zweck nicht mehr taugten. Ohne Beachtung der Menschenwür- de, ohne jegliche moralische Hemmung Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer ermöglichten auch die IG-Farben, wie so viele andere Unternehmen im Nazi- reich, die Verwirklichung des mörderi- schen SS-Prinzips„Vernichtung durch Arbeit“. Viele unserer Angehörigen mussten ihr Leben durch einen Hass verlieren, den Betriebsführung und Aktienhalter der IG-Faren sehr wohl mitgetragen oder aus Eigennutz zu- mindest geduldet haben. Wer von uns in dem Kommando vier Zementsäcke im Laufschritt zu schleppen hatte oder wie ich- Betoneisen, der erfuhr bald, dass in diesem Buna das angestrebte Kaputtmachen dem erforderlichen Aufbauen den Rang streitig machte. Dass Gott und seine Welt diese Un- geheuerlichkeit schon bald nicht mehr übersehen konnten, aktivierte keines- wegs die biblische Verabredung zur Nächstenliebe; im Gegenteil: Gott und seine Welt schienen beide an unserer Rettung nicht sonderlich interessiert. Wir alle hier- die uns eine Solidari- tät des Verfolgtseins und des Uberle- bens verbindet- mussten jedoch den allerletzten Weg nicht gehen. Wir mussten die letzte Phase nicht er- dulden, die der durchlittenen Würdelo- sigkeit mit einem elendigen Krepieren ein gewaltsames Ende setzte und uns in „Gerettete und Verlorene? teilte. Doch die Solidarität mit den Ermor- deten erlaubt es— selbst heute, nach über einem halben Jahrhundert- nicht, dem Vorteil, zu den Geretteten zu gehören, jene Dankbarkeit einzuräu- men, die er vor der Historie zu bean- spruchen scheint. Denn es ist unglaub- lich schwieriger, als wohl so mancher meint, überlebt zu haben und sich zeit- lebens fragen zu müsssen: Warum denn ich, warum habe denn ausgerechnet ich weiterleben dürfen- und ich fra- ge mich immerzu: um welchen Preis!? Auf der Rampe von Birkenau fiel eine erste Entscheidung, als die Hand- werker unter uns, die wir fast aus- nahmslos bereits im Vorfeld der uns zugedachten Endlösung als Zwangsar- beiter eingesetzt waren, ausgesondert wurden. Diese Selektion entschied, ob wir den Umweg über das IG-Farben- t Lager in den Tod oder den direkten Weg in die Gaskammern zu gehen hat- ten. Dort hielt man das Zyklon B be- reit, um jüdisches Leben auszulöschen. Dieses Zyklon B wurde von der„De- gesch', der„Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung, herge- stellt, die mit der IG-Farben-Degussa verstrickt war. t Da der Bau der Bunawerke dring- lichst gelernte Handwerker brauchte, wurden wir zu einer Gruppe von Aus- erlesenen, die man vom frühen Ster- benmüssen zurückhielt; das allein war unsere Chance zu überleben und somit heute hier zu sein. Diejenigen von un- seren Familien jedoch, für die man kei- ne kriegswichtige Verwendung hatte und die ihr Leben lassen mussten, kön- nen nur noch in unserer Empfindungs- und Brinnerungswelt zugegen sein. Un- sere Trauer um sie ist in unser Leben eingewebt und wird selbst mit der alles distanzierenden Zeit nicht geringer. Im Gegenteil: Das Langzeitgedächtnis bringt uns die Trauer um unsere Verlu- ste je älter wir werden nah und näher. Aus Selbsterhaltungsgründen durften wir uns seinerzeit im Lager dieser Be- weinung nicht hingeben, und das vie dergewonnene Leben verlangte nach der Befreiung den starr nach vorne gerichteten Blick in eine hoffnungs- frohere Zukunft. Wie Ihr Euch erinnern werdet, ord- nete IG-Farben in den letzten Monaten an, dass zur Aufmunterung der Häft- linge, um deren Arbeitsmoral zu stei- gern, am Block 10 eine Bühne angebaut wurde. Dort trat ich als Schauspieler auf. Das war ohne Frage eine Lebens- hilfe, die mich- mit Unterstützung des Lagerschreibers Gustl Herzog in pre- kärster Situation- vor einem elendigen Tod bewahrte. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Im Marsch von Buna nach Liberec, zu jener Zeit also, als endlich, endlich Hitlerdeutschland die Vernichtung traf, verlor sich allerdings rasch wieder alle Hoffnung, lebend dem uns von den Nazis zugedachten Ende zu entrinnen. Fine Handvoll nur überlebte. Durch Namensänderung und neuem Verwendungszweck dieser IG-Farben- Verwaltung hier wird- gewollt oder 6 gewollt- ihre menschenbeherr- chende und menschenverachtende Po- sition in der Nazizeit, die unser aller Leben so schwer belastet, vor der Histo- rie verschleiert. Dieser Vorgang ist ein Symptom im Umgang mit dem Holo- caust, das seine besondere Bedeutung dadurch erhält, wenn man sich das gleichzeitige, unerträgliche Gezerre um das Berliner Mahnmal vergegen- wärtigt, mit dem das Grauen ästhetisch domestiziert werden soll. So drängt sich in den Anlass, uns hier wieder zu begegnen, der morali- sche Zwang, ungeschönt vor aller Gf- fentlichkeit, von den letzten Momenten der Wegggemordeten zu berichten und die unerhörte Grausamkeit dieses un- begreiflichen Verbrechens mit dem ge- sprochenen Wort aufzuzeigen. Wir sind in der Stadt, in der der Auschwitz- proZess stattfand. Aus den Aussagen der Kläger und auch der Beklagten hat der Dichter Peter Weiss, der als Beob- achter an diesem Prozess teilnahm, sein Bühnenstück„Die Ermittlung“ ge- schrieben; einen Teil nennt er„Gesang von den Feuerõfen?. Da die Hingemordeten nicht berich- ten können, wie sie umgekommen sind, borge ich mir vom Dichter die Worte, die er im Gerichtssaal notierte. Und so schwer es mir fallen wird, mit meiner Stimme stellvertretend Zeugnis abzule- gen von jener Ungeheuerlichkeit, so schwer wird wohl das Zuhören sein, wenn die Brinnerung erneut und un— mittelbar mit den Bildern gnadenloser Unmenschlichkeit konfrontiert wird. Gesang von den Feueröfen Die Menschen kamen in Fünferreihen von der Rampe ins Krematorium Rechts und links waren ein paar Wasser- hähne auf den Grasflächen ft drängten sich die Menschen darum und das Kommando liess sie noch trinken, trieb sie aber zur Eile an 1000 bis 2000 Menschen wurden auf einmal hinabgeführt Nie brach Panik aus zwischen den vielen Menschen im engen Raum es ging alles sehr schnell und effektiv das Kommando zum Ausziehen wurde gegeben und während die Menschen sich noch ratlos umsahen half das Sonderkommando ihnen schon beim Abnehmen der Kleider Nie musste Gewalt angewendet werden Wenn 1000 und mehr Menschen in einem Raum zusammengedrängt waren wurde eine dicke Eichentür mit einem Guckloch und einem Radgriff versehen zugeschraubt Die Sanitäter gingen zu den 4 Luken setzten ihre Gasmasken auf und entleerten 3 bis 4 Büchsen. Das dauerte etwa eine Minute Dann kam das Ersticken als das Gas eingeworfen wurde Die Sanitäter konnten hören was unten in den Kammern geschah wartend rauchten sie eine Zigarette sich die Beine vertretend Die Menschen schrien jetzt und schlugen an die Tür und kletterten an den Säulen hoch Aus Ersparnisgründen wurde meist nicht genügend Gas eingeworfen 80 dass die Tötung bis zu fünf Minuten dauern konnte 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Das Gas weckte Schwindel und starke Ubelkeit und lähmte die Atmungsfunktionen Nach 20 Minuten wurden die Entlüftungsapparate schaltet und das Gas herausgepumpt Nach 30 Minuten wurden die Türen geöff- net Das Räumungskommando kam mit Wasserschläuchen und spritzte die Leichen ab Dann wurden sie in die Lastfahrstühle ge- zogen und hinauf in den Verbrennungssaal be- fördert Vor der Verbrennung wurden sie von Spezialkommandos zur Auswertung übernommen Alles was noch an Schmuck an den Körpern zu finden war wie Halsketten, Armbänder Ringe und Ohrgehänge wurde abgenommen Sodann wurde das Haar abgeschnitten und sofort gebündelt und in Sãcke gepackt Und zum Schluss traten die Zahnzieher an die sich auf Dr. Mengeles ausdrücklichen Befehl einge- aus erstklassigen Spezialisten zusammen- setzten Doch bei ihrer Arbeit mit Zangen und Brecheisen rissen sie mit den Goldzähnen und Brük— ken ganze Stücke der Kiefer heraus und die Knochenstücke und das daran haftende Fleisch wurden in einem Säurebad weggeätzt Bei Uberfüllung verbrannte man die Leichen auch in Gru— ben die neben den Krematorien ausgehoben worden waren Im Sommer 1944 als die Verbrennungen die höchsten Zif- fern erreichten- wurden täglich bis zu 20.000 Menschen vernichtet Jedem der 6000 Mitglieder des Personals die im Lager arbeiteten waren die Vorgänge bekannt und jeder leistete auf seinem Posten was für das Funktionieren des Ganzen geleistet werden musste Des weiteren wusste jeder Zugführer jeder Weichensteller Modell von Krematorium I in Auschwitz-Birkenau(S. 6 und 7) (Foto: Henning Langenheim, Berlin). aus: Gideon Greif.„Wir weinten tränenlos..* Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt Main, 1999 1) Ein„Judentransport“ auf dem Weg zum Krematorium 2) Treppe zur Entkleidungskammer 3) Unterirdischer Entkleidungsraum 4) Korridor zur Gaskammer Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer jeder Bahnhofsbeamte der mit der Verfrachtung der Menschen zu tun hatte was im Lager geschah Jede Telegraphistin und Stenotypistin an denen die Deportationsbefehle vorbei- liefen wussten davon Jeder einzelne in hundert und tausend Amtsstellen die mit den Aktionen beschäftigt waren wusste worum es ging ch spreche frei von Hass lch hege gegen niemanden den Wunsch nach Rache lch gebe nur zu bedenken dass die Angeklagten ihr Handwerk nicht hätten ausführen können ohne die Unterstützung von Millionen anderen lch weise darauf hin wie dicht der Weg von Zuschauern ge- säumt war als man uns aus unseren Wohnungen vertrieb und in die Viehwagen lud „Gesang von den Feueröfen“(Zitat-Ende). 5) Unterirdische Gaskammer 7) Aufzug zum Krematorium im 1. Stock 9) Wohnbereich des Sondertommandos 1 1) Sondertommando bei der Arbeit Brlaubt mir, dass ich meine verstör- ten Gedanken der Gegenwart zuwende und einige Folgerungen zu formulieren versuche. Da wir doch genauer als viele, viele andere wissen, was Todesängste sind, meine ich, dass wir eine Verpflichtung haben einen Protest in diese Welt zu schreien, der dem Morden Finhalt ge- bieten soll. Wir alle wissen zwar sehr wohl, dass wir durch nichts die Men- schenverachtung aus der Welt schaffen können. Auch wissen wir, dass wir viel zu schwach sind, die bestialische Bruta- lität, mit der sich Menschen allerorten verfolgen, zu mildern. Dennoch haben wir mit unserem Uberleben zumindest die Pflicht- wo imer dies möglich ist- lautstark das 5. Gebot anzumahnen: DU SOLLST NICHT TOTEN Und es könnte unserem Mahnen Nachdruck verleihen, wenn künftighin die Gedenkstunden für die Opfer der 6) Offnung zum Einwurf von Zyklon B 8) Die Verbrennungsöfen 10) Schornstein 12) Fingang zum Sektionsraum 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Nazigewalt mit dem Aufruf beginnen: MACHT ENDLICH SCHLUSS MIT DEM MORDEN IN DIESER WELT! Schon die schreckliche Tatsache al- lein, dass ich meine Mutter und meine sechs Geschwister durch Nazimörder verlor, legitimiert mich, einen Aufruf folgenden Inhalts zu formulieren„Um nicht als tatenlos Zusehende mitschul- dig zu werden, fordern wir Uberlebtha- benden der Konzentrationslager im Namen von Millionen Hingemordeten die sich Bekämpfenden in Irland, im Kosovo, im Nahen Osten, in Afrika und wo immer auch sonst in dieser weiten Welt, auf, dem Töten ein Ende zu set- zen. Und gleichermassen fordern wir die Personen, Gruppen oder Staaten, die in der Lage sind, mit ihrer Macht Einfluss zu nehmen, auf, dieses Töten nicht länger mehr zuzulassen oder für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.“ Mit diesem Entwurf zu einem Auf- ruf wollte ich eigentlich meine Rede beenden, würde nicht der uns alle fas- sungslos machende Umgang mit dem geplanten Mahnmal in Berlin meinen Zorn hervorrufen: Baut auf dem Berli- ner Areal, das doch der Mahnung zuge- dacht ist, die Mordstätte nach! Baut eine der vielen Gaskammern nach und stellt einen Verbrennungsofen auf! Zeigt einen dieser Orte der unbegreifli- chen Schrecklichkeit in seiner ganzen abstossenden Grässlichkeit, und über- tüncht das bittere Gleichnis nicht mit schönender Asthetik! Beschreibt auf Tafeln den Mordvorgang mit den hier zitierten lapidaren Worten und 9 1 sie statt feierlicher Reden, nachdem ih an offiziellen Gedenktagen mit euren Ehrengästen die gleiche Anzahl Stufen herabgeschritten seid, die andernorts in die Gaskammer führten. Hätte ich nicht als Buna-Häftling 104998 das Beten verlernt, käme mir jetzt in den Sinn Gott anzurufen, dass er uns allen einen Lebensabend lässt, der nicht zu brutal von den Schatten der Vergangenheit überdeckt ist. So aber bleibt mir nur, Euch zum Ab- schied jenen Gruss zuzurufen, der für diese Welt immer eine menschliche Zu- kunft bereithält, den Gruss voller Hoffnung: Schalom! Imo Moszkowic?z Das Wiedersehen der ehemaligen Buna-Häftlinge war frag- los der Hauptzweck des Treffens, aber in den beiden kolgen den Tagen nach der Begrüßung fanden auch Begegnunge der Uberlebenden mit Jugendlichen statt. Darüberhinaus umfasste das Programm Lesungen von Zeitzeugenberichten und Häftlingserinnerungen sowie Vorträge und Diskussionen mit Wissenschaftlern zum Thema I6 Auschwitz(In der Aus- gabe Nr. 16, Frühjahr 1999, der„Newsletter“ hat das Fritz- Bauer-Institut darüber berichtet. Das Heft ist zu beziehen bei: Frit? Bauer Institut, Rheinstraße 29 in 60325 Frankfurt am Main, Tel.: 069/ 9758110, Fax: 069/ 97581 190). Wer an einem Pressespiegel zu dem Treffen interssiert ist, kann ihn kostenlos anfordern bei: Hans Hirschmann, Neue Straße 24 in 61118 Bad Vilbel, Fax: 06101/32599. PS: Die Autobiographie des Auschwitz-Häftlings und spãte- ren Regisseurs und Schauspielers Imo Moszkowicz(„Der grauende Morgen') ist im Buchhandel erhältlich. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Zur Bedeutung von Gideon Greifs Interview-Sammlung:„Wir weinten tränenlos.. Auschwitz. Uberarbeitete Ausgabe, Augenzeugenberichte des jüdischen„Sonderkommandos'? in Frankfurt/ M. 1999. Von Andreas Kilian Stimmen aus dem„Herz der Finsternis“ I.) Die jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau sind bis in die Gegenwart Thema zahlreicher Legen- 0 und Vorurteile geblieben. Nicht zuletzt lag und liegt dies daran, daß man kaum etwas über das Innenleben dieses Arbeitskommandos und seiner Hãäftlinge wußte. Im Januar 1995 wurde erstmals ein Werk veröffentlicht, das die Brinnerungen von Uberlebenden des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau gesammelt vorleg- te und sich dieser Forschungslücke in der Historiographie des größten natio- nalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers annahm: Gideon Greifs vielbeachtetes Buch mit dem ausdrucksstarken Titel„Wir weinten trãnenlos..*. Vermutlich nur 80 Häftlingen gelang es zu überleben- 80 von höchstens 2000 Männern, die zwischen Mai 1942 und Januar 1945 gezwungen wurden zur Arbeit im Kommando„der leben- den Toten“— s0 die Bezeichnung von Miklos Nyiszli, einem Pathologen und hemaligen Häftling im Sektionskom- mando, in seinem Brinnerungsbericht „Im Jenseits der Menschlichkeit“. Ge- genwärtig leben noch zwischen 25 und 30 Sonderkommando-Häftlinge welt- weit. Von den 80 Uberlebenden haben nur etwa die Hälfte Zeugnis abgelegt. Von ihnen konnte Greif 21 interviewen. Ein Drittel der Befragten kommt in Greifs Buch zu Wort, das seit Januar 1999 in der überarbeiteten Ausgabe des Fischer Taschenbuchverlags vorliegt. Im Oktober 1999 wird ferner eine zwei- te überarbeitete und erweiterte Ausga- be erstmals in hebräischer Sprache er- scheinen. Die restlichen zwei Drittel der gesammelten Aussagen warten bis- her noch vergeblich auf einen Verleger und auf ihre Erstveröffentlichung. Das Sonderkommando und sein Schicksal II.) Mit der Inbetriebnahme des er- sten Krematoriums im Stammlager Auschwitz am 15. August 1 940 entstand gleichzeitig ein Teilaufgabenbereich der Häftlingsarbeitsgruppe, die zwei- einhalb bis drei Jahre später in den neuerbauten Birkenauer Krematorien nur noch als„Sonderkommando' be- zeichnet wurde.* Im Juni 1942 bestand das„Kommando Krematorium“ aus drei polnischen und drei jüdischen Hei- zern, sowie aus fünf jüdischen Häftlin- gen, die als, nach ihrem Vorarbeiter Fischl benannten,„Fischl-Kommando? die Spuren der Vernichtungsaktionen beseitigen und die Leichen der Verga- sten zur Finäscherung vorbereiten mußten. Das„Fischl-Kommando' wur- de kurze Zeit später mit den Heizern des Krematoriums vereinigt und von der Abteilung Arbeitseinsatz der La- gerverwaltung unter dem Namen„Kre- matoriums-Kommando“ geführt. Von diesem Kommando überlebten nur zwei Häftlinge. Parallel dazu existierte seit Mai 1942 in Birkenau ein als„Begra- bungskommando' bezeichnetes reines Sonderkommando, das aus 200 bis 250 slowakischen Juden gebildet wurde, die in dem ersten provosorischen Verga- sungsbunker in Birkenau und zu drei *) Zur Entstehung und Bedeutung des Begriffs„Sonderkommando“? siehe Abschnitt V. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Vierteln bis drei Fünfteln zum Aushe- ben und Zuschütten der Massengräber eingesetzt wurden. Nach der Inbetriebnahme des zwei- ten provosorischen Vergasungsbunkers Ende Juni 1942 wurde noch im Septem- ber 1942 die Begrabungsaktion einge- stellt und am 21. September mit der so- genannten„Enterdungsaktion“ und der Verbrennung unter freiem Himmel begonnen. Das zu diesem Zweck auf etwa 400 jüdische Häftlinge vergößerte Arbeitskommando nannte man fortan „Sonderkommando'. Bevor das gesam- te Kommando am 9. Dezember 1942 vollständig liquidiert wurde, gelang es schät?zungsweise zehn französischen, holländischen und slowakischen Juden unbemerkt in ein anderes Arbeitskom- mando, hauptsächlich zum Kommando „Buna', zu wechseln und so zu überle- ben. Am 9. Dezember 1942 begann in Auschwitz-Birkenau die Geschichte desjenigen von Greif erforschten jüdi- schen Sonderkommandos, das aus etwa 300 polnischen und litauischen Juden gebildet wurde und nach der hohen Zuteilung von französischen, griechi- schen und ungarischen Juden am 22. August 1944 den Höchststand von 874 Häftlingen erreichte. Seit der Inbe- triebnahme der vier neuen Krematori- en in Birkenau zwischen März und Juni 1943 bis zur Einstellung der Vergasung in den provosorischen Vergasungsbun- kern 1 und 2 und der Finstellung der Leichenverbrennung in Gruben im Sommer 1943 wurden die Kremato- riums- und Sonderkommandos verei- nigt, von der Abteilung Arbeitseinsatz als„Kommando Krematorium' ver- Zeichnet, aber sowohl von den Hãäftlin- gen als auch von der 88 als„Son- derkommando' weiterhin bezeichnet. Sonderkommando und Krematoriums- kommando waren somit identisch. Dies änderte sich vorübergehend nach der erneuten Inbetriebnahme von Bunker 2 zwischen Mai und September 1944, als Häftlinge von den Krematorien abge- zogen wurden, um wieder als reines Sonderkommando tätig zu werden. Zu den Aufgaben des Sonderkom- mandos gehörte es, die Opfer in den Auskleideräumen zu„empfangen“ und in die Gaskammern zu führen. Nach der Ermordung mußten die Häftlinge des Kommandos die Leichen aus den Kammern räumen und diese säuberen. Auch waren sie gezwungen, den toten Frauen das Haar abzuschneiden, den Ermordeten Goldzähne und Zahnpro- tesen auszubrechen und die Leichen nach versteckten Wertsachen in den Körperöffnungen zu untersuchen. Des- weiteren hatte des Sonderkommando den Entkleidungsraum aufzuräumen, die Leichname in die Ofen zu schieben, sie in den Verbrennungsgruben aufzu- schichten oder sie in die bereits in Brand gesetzten Gruben zu werfen. Anschließend mußten die Gruben ge- säubert, die nicht vollständig verbrann- ten Knochen zertrümmert, die Asche in Gruben und später in den Flüssen Weichsel und Sola beseitigt werden. Bei Erschießungen gehörte es desweiteren zur„Arbeit' einzelner Sonderkomman- do-Hãftlinge die Opfer festzuhalten. „Schwarze Arbeit' des Holocaust III.) Die Arbeiten dieses isoliert un- tergebrachten Kommandos waren streng geheim. Das Krematoriumsge- lände war Sperrgebiet und von anderenqꝙ) Häftlingen und SS-Angehörigen nur mit Sonderausweis oder Sonder-Er- laubnis betretbar. Darum war alles, was sich in der Todeszone abspielte, für den „gewöhnlichen“ Häftling mehr oder weniger geheimnisvoll und alles, was ein Häftling außerhalb des Sonderkom- mandos darüber in Erfahrung bringen konnte, blieb nur Anschauung von ei- nem entfernten, distanzierten Stand- punkt aus. Den entscheidenden Unter- schied definierte Jaacov Gabai in Greifs Interview mit den Worten:„Wer im Lager arbeitete, Sah täglich den TVod vor seinen Augen, Schläge und alle Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 möglichen anderen Tragédien, aber wir Sahen das Furchtharste vom Furchtharen. Wir machten die Schwar- Ze Arheit des Holocaust.“ Geheimnisse verlangen nach Auf- klärung und das Sonderkommando schleuste Informationen in das Häft- lingslager und von dort über die Wi- derstandsbewegung an die Außenwelt. Abram und Szlama Dragon vor dem Denkmal auf dem Versammlungsplatz im Frankfurter DP-Lager Zeils- heim, 1946 oder 1947.(APMO, Nr. neg. fotogr. 21464/1) Einige Widerstandsgruppen innerhalb des Lagers profitierten daher nicht nur von den vom Sonderkommando weiter- gereichten Wertsachen, sondern auch von deren Geheiminformationen. Das Sonderkommando als Quelle dieser In- formationen wurde dabei vom Nach- richtendienst der Lagerwiderstandsbe- wegung verschwiegen. Das was über das Sonderkommando be- kannt wurde, wurde in- terpretiert, verstümmelt, verkam zu Gerüchten, zu sogenannten Latrinenpa- rolen. Diese haben in der Auschwitz-Literatur häu- fig Fingang gefunden und blieben unwiderspro- chen, was eine Berichti- gung durch die Menschen herausforderte, die über das Geschehen zuverläs- sigere Zeugnisse ablegen können. Abgesehen von den wenigen beteiligten ehemaligen SS-Angehö- rigen, die nach Kriegsen- de nur selektiv und un- freiwillig Einblick in das Geschehen ermöglichten, verbleiben somit nur noch die wenigen Uberle- benden der Sonderkom- mandos als zuverlässige Zeugen, von denen Jaa- cov Gabai sagte:„Wir waren die einzigen, die die Tragòdie der Juden mit eigenen Augen Ja— hen.“ Die dritte Gruppe an Zeugen des Auschwitzer Judenmords in den Ver- gasungungsanlagen wa- selbst. Ihre erschüttern- den Todesschreie und ei- nige einzelne ergreifende, nicht verstummen wol- lende letzten Worte wur- den von den Uberleben- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer den der Sonderkommandos überliefert. Die Stimmen aus dem„Herz der Fin- sternis“ stammen aus einer Zwischen- welt, der Ubergangszone vom Diesseits in das Jenseits. Die Welt des Sonder- kommandos stellt die Endstation des- Sen dar, was unter dem Begriff„Holo- caust' oder„Shoah'' verstanden wird. Die Unfaßbarkeit des Uberlebens Ehemalige Auschwitz-Häftlinge an- derer Kommandos sowie ehemalige SS— Angehörige hielten es für unmöglich, daß Sonderkommando-Häftlinge über- lebt haben sollen. Oswald Kaduk, Rap- portführer im Stammlager Auschwitz, machte dies in folgendem Kommentar während des Frankfurter Auschwitz- Prozesses deutlich:„EsScheintmiraus- geschlossen, daß der Zeuge(Filip Mül- ler, d. Verf.) als Angehöriger des Son- dertommandos den Aufenthalt in Au- Schwitz üherleht hat. Ich weiß mit Be- Stimmtheit, daß die Angehérigen des Sonderkommandos von Zeit zu Zeit restlos heseitigt worden vind. Von den Sonderkommandos blieb dann nie- mand übrig, auch die Funktionshft- linge fielen der Vernichtung anheim.“ In Wirklichkeit gab es nachweislich bis Ende 1942 wie bereits erwähnt nur eine vollständige Liquidierung des Son- derkommandos: Am Vormittag des 9. Dezember 1942 in der Gaskammer von Krematorium I. Danach kam es mehr- fach zu Teilliquidierungen: am 24. Fe- bruar 1944 wurde die Hälfte des Kom- mandos vernichtet, am 23. September 1944 waren es 25 Prozent, und nach dem Aufstand im Sonderkommando am 7. Oktober 1 944, dem 70 Prozent der Aufständischen zum Opfer fielen, wur- den am 26. November 1944 die Hälfte der Uberlebenden ermordet. Dies er- klärt, warum sich unter den 100 Son- derkommando-Häftlingen, denen es am 18. Januar 1945 gelang, sich der Lager- evakuierung anzuschließen, zahlreiche „alte Häftlingsnummern“' befanden, die sich bereits seit Ende 1942 oder An- fang 1943 in diesem Kommando befan- den. Von den 26 griechischen Juden, die Mitte Mai 1944 in das Sonderkom- mando eingewiesen wurden und am 18. Januar 1945 auf Evakuierungsmarsch gingen, erlebten vermutlich nur 11 das Kriegsende. Von den letzten etwa 60 polnischen und litauischen Juden über- lebten vermutlich 50 Mann. Für ehe- malige Sonderkommando-Häftlinge ist es selbst nur schwer zu glauben, daß sie das Grauen monatelang durchlebt und überlebt haben. Der unbewußte Wunsch, alles nur einen bösen langen Traum sein zu lassen, blieb und bleibi¶) ihnen aber unerfüllt. Chronisten der„Todesfabrik“ In Gideon Greifs Band„Wir weinten tränenlos. berichten sieben von schätzungsweise zwanzig Uberleben- den, die zwischen Sommer 1946 und Ende 1949 in Fret? Israel ihre neue Heimat fanden. Unter ihnen befinden sich drei Griechen: Josef Sackar(geb. 1 924 in Arta), Shaul Chasan(1 924 in Sa- loniki) und Leon Cohen(1910 in Saloni- ki- 1989 gest.); ein Grieche, der die ita- lienische Staatsbürgerschaft besaß: Jaacov Gabai(1912 Athen- 199 1); zwei Polen: die Gebrüder Abram(1919 Zuro- min) und Szlama Dragon(1922 Zuro- min); sowie ein Litauer: Eliezer Ajzen- sZmidt(1921 Lunna). Die Auswahl und Zusammenstellung ihrer Aussagen gibt einen relativ guten Uberblick über die Zwangsarbeit des Sone0 da diese Uberlebenden Funktionen in verschiedenen Arbeitsgruppen hatten. Sie wurden als Leichen-„Schlepper? (Chasan), als„Dentist“(Cohen), als Ofenmuffel-„Einschieber“(Gabai), als „Elektriker“(Ajzenszmidt), als„Stu- bendienste“(Gebrüder Dragon), als Hilfspersonal und Aufräumdienst im Auskleideraum(Sackar) eingesetzt. Somit ergibt Greifs Interview-Samm- lung eine recht gute Zusammenstel- lung der verschiedenen Arbeitsgrup- pen im Sonderkommando, eine genaue Darstellung des Ablaufsschemas der Vernichtungsaktionen und liefert de- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 taillierte Informationen über die Ver- nichtungseinrichtungen und ihre Tech- nik. Zalmen Gradowski(geb. 1909 in Su— walki- ermordet 1944 in Auschwitz- Birkenau), einer der wenigen, minde- stens sieben Mann zählenden Chroni- sten„inmitten des grauenvollen Ver- brechens“ und selbst Häftling des Son- derkommandos, leitete seine tagebuch- ähnlichen Notizen mit folgenden Wor- ten ein:„Der Interessierte findet in die- sem Dokument wichtiges Material für einen Historiker.“ Ein anderer Chronist der Breignisse in der„Todesfabrik“ Auschwitz-Birkenau, Zalmen Lewental (1918 Ciechanow 1944), erachtete es als seine historisch begründete Pflicht, Beweise des Verbrechens der Nachwelt des Mikrokosmos Auschwitz zu hinter- lassen. Sein befristetes Dasein als„Ge- heimnisträger“ widmete er der Doku- mentation des Unvorstellbaren und „alles weitere“, so kommentierte er, „überlasse ich den Historikern und Wissenschaftlern?. Das historische Bewußtsein nicht nur der Chronisten im Sonderkommando war außerordentlich hoch. Dies belegen nicht nur die zukunftsorientiert moti- vierten, konspirativen Tätigkeiten ein- zelner Sonderkommando-Häftlinge in Auschwitz-Birkenau und der verzwei- felte Aufstand des von der Vernich- tung bedrohten Sonderkommandos am 0 Oktober 1944, sondern auch die un- mittelbar nach der Befreiung von Uberlebenden abgelegten Zeugnisse vor verschiedenen Untersuchungskom- missionen, die Zeugenaussagen in min- destens vier Gerichtsprozessen in Po- len, Deutschland und Osterreich, und nicht zuletzt die von neun Uberleben- den in verschiedenen Sprachen veröf- fentlichten Brinnerungsschriften, so- wie die von Gideon Greif publizierten Interviews. Seinen gemeinsam mit der Handschrift nach der Befreiung von Auschwitz aufgefundenen Brief vom 6. September 1944 schließt Gradowski mit einem letzten hoffnungsvollen Willen, der an„die zukünftige Welt des Frie- dens“ gerichtet war:„Möge die Zu- Cunft über uns anhand meiner Noti- zen ihr Urteil abgeben, und möge die Welt wenigstens einen Tropfen, ein Minimum dieser tragischen Welt, in der wir lebten, erblichen.“ Gradowski, der selbst schon die Hoffnung aufgege- ben hatte die Befreiung zu erleben und zu den 451 Opfern des Sonderkomman- do-Aufstands von 1944 gehörte, konnte nicht ahnen, daß etwa 70 Häftlinge des letzten Sonderkommandos das Kriegs- ende überleben würden. Die seinen An- spruch umschreibenden Worte behal- ten jedoch auch für die von Gideon Greif gesammelten und herausgegebe- nen Aussagen ihre Gültigkeit. Vorurteile und Diffamierungen Tatsächlich wurden die geheimen und zwischen Februar 1945 und Okto- ber 1980 aufgefundenen Handschriften erst relativ spät veröffentlicht. Ebenso erging es den meisten der Erinnerungs- schriften ehemaliger Sonderkomman- do-Häftlinge. In Unkenntnis der Ge- schichte der jüdischen Sonderkomman- dos in Auschwitz-Birkenau fiel das Ur- teil Außenstehender jedoch relativ ne- gativ aus, besonders in Israel sowie in Nord- und Mittelamerika, wo insge- Samt etwa zwei Prittel aller Auschwitz- Uberlebenden ihre neue Heimat fan- den. Auschwitz-Uberlebende anderer Arbeitskommandos bezichtigten die Sonderkommando-Häftlinge der Mittä- terschaft an den Verbrechen. Aus ei- gener Erfahrung kann Abram Dragon darüber berichten:„Vor vier Jahren (Mitte der 80er Jahre, d. Verf.) waren wir in Tiberias in Urlaub. Dort begann eine Uberlebende aus Auschwitẽ in al— ler Offentlichkeit von ihren Eindrük- ten aus ihrer Hdftlingszeit zu erzdh- len. Unter anderem äußerte sie auch. „Die Jüdischen Sondertommando- Hciftlinge waren große Mörder und Sind zu hestrafen. Sie waren fast s0 Schrecklich wie die Peutschen.“Derar- rige Ansichten hatte ich Schon in der Vergangenheit gehört. Und sie sind 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Ruinen eines der gesprengten Krematorien in Auschwitz-Bierkenau heute noch in gewissem Maße verbrei- Der Fichmann-Prozeß in Jerusalem 1961 verschärfte die„öffentliche Mei- nung' über das Sonderkommando, ob— wohl kaum jemand richtig Bescheid wußte über diese Häftlingsarbeiter. Hannah Arendt leistete ihren nicht un- bedeutenden Beitrag dazu. Als Prozeß- beobachterin schrieb sie:„Die Artikel 70 und J des Gesetzes zur Bestrafung von Nazis und ihrer Helfershelfer von 7950 Sind offenbar im Hinblick au jü- dische, Kollahorateure entworfen wor- den. Uherall waren beim eigentlichen Vernichtungsprozeß jüdische Sonder- Commandos heschäftigt gewesen, Sie hatten Strafhare Handlungen began- gen, um Sich vor einer unmittelbaren Lehensgefahr zu retten, und die Juden- dltesten hatten kKooperiert, weil sie dachten, Sie könnten damit Schlimme- re Folgen verhiten.“ Vermutlich meinte manch einer, die Hãäftlinge des Sonderkommandos seien durch ihr Schicksal noch nicht genug gestraft gewesen. Tatsächlich wurden in Israel mehrere ehemalige Angehöri- ge des jüdischen Ordnungsdienstes in den Ghettos nach zitiertem Gesetz an- geklagt und einige sogar verurteilt. Auschwitzer Häftlinge des Sonderkom- mandos wurden allerdings nicht be- langt. Nach ihrer Darstellung der„di- rekten Handreichungen zur Vernich- tung der Opfer“ durch jüdische Kom- mandos, ließ sich Arendt zumindest noch zu einer Diffamierung des Son- derkommandos hinreißen:„Das alles war zwar grauenhaft, aber ein morali- Sches Prohlem war es nicht. Die Selek- rion und Klassifikation der Arbeiter in den Lagern wurde von der S6 getrof⸗ ſen, die eine ausgeprägte Vorliebe für Lriminelle Elemente harte, es Konnte Sich da in jedem Fall nur um die Aus- wahl der Schlechtesten handeln.“ Wen wundert es demnach noch, daß die vonc der S8 zu„Geheimnisträgern“ Ver- dammten ihr Geheimnis weiterhin be- wahrten, um sich selbst vor den gängi- gen Verleumdungen zu schützen und weil sie sich schuldig fühlten- schul- dig, weil sie das Grauen überlebt haben. Mit Verweis auf Gideon Greifs Ge- spräche kann Arendts These grundle- gend widersprochen werden. Die mora- lischen Dilemmata der Sonderkom- mando-Häftlinge stellen einen wichti- gen Aspekt in Greifs Buch dar. Weil dieser zumeist nicht berücksichtigt wurde, führten allein die erzwungenen Tätigkeiten des Sonderkommandos zur Verurteilung seiner Hãftlinge und reg- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 ten Zzu phantasiereichen Schreckens- vorstellungen an. An ihrer Verbreitung beteiligte sich selbst der angesehene und als seriõser Forscher bekannte ehe⸗ malige Auschwitz-Häftling Hermann Langbein. Seine teilweise sehr tenden- ziöse und diffamierende Darstellung der Sonderkommando-Häftlinge in sei- nem Werk„Menschen in Auschwitz“ wurde in der Neuausgabe von 1995 durch die Streichung des folgenden Satzes entschärft und zum Teil revi- diert:„Mitgliederdes Sondertomman- O haben dem halben Kind(ehuda Bacon, d. Verf.) erzdhlt,, daß eine Frau, die drei Minuten tot ist, So wie eine le- hendige ist Sie haben sich an Leichen vergangen.“ Damit forderte Langbein erstmals einen öffentlichen Protest von Sonderkommando-Uberlebenden her- aus. Kurz vor seinem Tode zeigte er sich nach 16 Jahren schließlich einsich- tig und veranlasste die Herausnahme des besagten Zitats. Die erzwungenen„Arbeiten“ der Sonderkommandos waren lange Zeit nicht für die Offentlichkeit und selbst nicht für den engsten Familienkreis der Kommando-Uberlebenden be- stimmt. Zuerst hielt man sie nicht für glaubwürdig, erklärte sie sogar für ver- rückt. Dann blieben die Berichte über das Innenleben der„Todesfabrik“ und die Brinnerung an die letzten Lebens- minuten von hunderttausenden euro- er Juden besonders in der israeli- schen Gesellschaft tabuisiert. Auch diese wenig bekannte und kaum ins Be- wußtsein gerufene Problematik wird in Greifs Werk thematisiert. Die Arbeit an den Krematoriumsöfen, Verbren- nungsgruben und in den Gaskammern war ein Schreckensgespenst für alle Be- troffenen, die Angehörige verloren hatten, nicht nur für die Uberlebenden Selbst. Das Unverständnis für die tragische und auswegslose Situation im Sonder- kommando führte selbstgerechte Kriti- ker zu der Darstellung der Sonderkom- mando-Häftlinge als Tiere und Bestien. Die ehemalige Auschwitzer Häftlings- frau Krystyna Zywulska teilte wie vie- le andere auch diese Ansicht und be- richtet, wie sie von einem anonym ge- bliebenen Sonderkommando-Häftling im an Krematorium III benachbarten Pffektenlager„Kanada II“ belehrt wurde:„Du glaubst, daß im Sonder- Kommando lauter grausame Leute Sind. Iœh versichere dir, daß diese Leu te wie alle anderen Sind hloß viel un⸗ gliicklicher.“ „Es wird euch niemand glauben' Jahrzehntelang schwiegen daher die ehemaligen Häftlinge der jüdischen Sonderkommandos aus Furcht vor An- schuldigungen anderer Uberlebender, aus Selbstschut?z vor moralischen Ver- urteilungen und aus Scham für die de- mütigende Zwangsarbeit, die sie ertra- gen mußten. Diese Scham zu erzeugen, das war von den Deutschen beabsich- tigt. Es gehörte zum nationalsozialisti- schen Vernichtungskonzept, Juden vor ihrer Ermordung zu demütigen und zu peinigen, zu demoralisieren und 2u entmenschlichen. Selbst als Zwangsar- beiter litten die Sonderkommando- Häftlinge unter bedrückenden Gewis- sensnöten: Religiöse Juden schämten sich beim Anblick nackter Frauen. Der jüdische Toten- und Trauerritus wurde in den nationalsozialistischen Vernich- tungslagern unter Todesstrafe verbo- ten und mit Füßen getreten. Die Nicht- Finhaltung des„kKwod ha-met', des re- Spektvollen Verhaltens gegenüber den Verstorbenen, verursachte bei vielen Gewissenskonflikte. Schon das An- schauen eines Toten wurde von der jü- dischen Tradition als unvereinbar mit dem„kwod ha-met' betrachtet. Gegen den Grundsatz des Respekts vor dem Verstorbenen wurde im Prinzip auch verstoßen, wenn die Leichen mit Gür- teln oder Spazierstõcken aus den Gas- kammern gezerrt und wie Tierkadaver in den Aufzug und in die Verbren- nungsgruben geworfen wurden. Das jüdische Gesetz verbietet die Verstümmelung des Körpers. Die Au- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer topsien im Sektionsraum von Kremato- rium I und später in Krematorium IV waren nach jüdischer Vorschrift eben- so verboten wie die Fingriffe an toten Körpern, die mit dem Trennen der ver- hakten Leichen in den Gaskammern, dem gewaltsamen Abnehmen von Fin- ger- und Ohrringen, oder dem Ausbre- chen der Goldzähne und Zahnprotesen verbunden waren. Der Raub des Zahn- goldes und das Abschneiden des Frau- enhaares mißachtete das Recht der Verstorbenen auf Unversehrtheit. Es war ein Akt der Leichenfledderei. Das Durchsuchen der Körperöffnungen nach Wertsachen wurde von Finzelnen Sogar als Leichenschändung angesehen. Mit alldem mußte ein Sonderkom- mando-Häftling zurechtkommen und leben. Der allgegenwärtige und alltäg- liche Tod war keine Alternative. Das Ausbleiben des„Ziduk Ha-Din' und des„Kadisch', der jüdischen Trauer- gebete, war für viele unerträglich und eine große Strafe. Die Arbeit des Son- derkommandos widersprach den Vor- schriften der„Chewra Kadischa“, der jüdischen Beerdigungsgesellschaft. „Kohanim“, Angehörigen der ältesten heiligen Familie Israels, den„Tempel- dienern“, war der Umgang mit Leichen verboten, doch im Sonderkommando konnte sich ihr Nachkomme Leon Co- hen als„Dentist' dieser Arbeit nicht entziehen. Das seelische Leid aller Häftlinge der jüdischen Sonderkommandos und besonders der Gesetzesgelehrten und Religiösen im Sonderkommando war unermeßlich. Die Einäscherung der To— ten wurde nach jüdischem Brauch als unnatürliches und übereiltes Mittel, sich des Leichnams einer Person zu entledigen, abgelehnt und aufgrund der biblischen Vorstellung verurteilt, daß der Körper in seinen ursprüngli- chen Zustand zurückkehren und in die Erde gelegt werden müsse. Sollten Sonderkommando-Häftlinge wie durch ein Wunder zufällig ent- kommen und überleben, so würden sie sich für ihre Arbeiten schämen müssen und das Erlebte nicht preisgeben. Zweitens rechneten die Deutschen zu recht mit einer Verhaltensweise, die ein SS-Angehöriger einem Häftling des „Sonderkommandos 1005* in Skidel fol- gendermaßen umschrieb:„Jhr werdet ohnehin nicht überleben, doch wenn ihr am Leben bleiben Solltet und dar- üher herichtet, So wird es euch nie- mand glauben.“ Dies war nicht nur während der deutschen Besatzungszeit, sondern noch viele Jahre nach der Be- freiung Wirklichkeit und b die oftmals ablehnende Haltung de Uberlebenden zur Berichterstattung Stark. Das Schweigen wird gebrochen IV.) Zwischen Anfang der achtziger und Anfang der neunziger Jahre setzte eine Wende ein. Viele Sonderkomman- do-Uberlebende fanden sich nunmehr bereit, öffentlich Zeugnis abzulegen. Die Frinnerung nahm mit zunehmen- dem Alter der Betroffenen nun wieder einen immer bedrohlicher werdenden Platz in ihrem Leben ein. Die offizielle, staatlich oder individuell praktizierte Brinnerungspolitik, die offene Aufar- beitung des Geschehens und das wis- senschaftliche Interesse der Historiker, Psychologen, Soziologen und Naturwis- senschaftler, das Alter der Uberleben- den und der Tod ehemaliger Kamera- den, aber vorallem das Anwachsen 4 Holocaust-Leugnung in Europa und den USA, veranlaßten sie, ihr Schwei- gen zu brechen. Der Auschwitz-Uberlebende Erich Kulka war der erste, der Anfang der Achtziger Jahre gezielt ehemalige Son- derkommando-Hãäftlinge in Israel und den USA ausfindig machte und einige von ihnen interviewte. Systematisch gelang dies jedoch erst seit 1985 Gideon Greif. Der 1951 in Tel Aviv„nach- geborene“ Historiker des Forschungsin- Stituts und Pädagogischen Zentrums an der Gedenkstätte„Vad Vashem' in Jerusalem benötigte viele Jahre, um das Vertrauen der Uberlebenden und Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Josef Sackar(Aufnahme 1994) ihre Bereitschaft auszusagen zu gewin- nen und um bisher unbekannte Uberle- bende aufzuspüren. Das Andenken an ihre ermordeten oder bereits verstorbe- nen Kameraden im Sonderkommando, die Erinnerung an den Ablauf der voll- ständigen Vernichtung unschuldiger Opfer, das Bedürfnis der Selbstrecht- fertigung und die Uberwindung erstik- kender Brinnerungen mögen diesen Sinneswandel bewirkt haben. Zum Begriff„Sonderkommando“ und verwandten Bezeichnungen V.) In Auschwitz-Birkenau löste die Bezeichnung„Sonderkommando“ bei erfahrenen Häftlingen seit Sommer 1942 Angst und Schrecken aus, da be- kannt war, daß dieses Kommando bei „Sonderbehandlungen“(S. B.), der Tarn- bezeichnung für den Massenmord und die restlose Beseitigung der Opfer, ein- gesetzt wurde. Die Durchführung ei- ner„Sonderbehandlung“ wurde als „Sonderaktion“ bezeichnet, die ver- richtete Arbeit nannte man„Sonder- einsatz“. Die Entwicklung der natio— nalsozialistischen Vernichtungsmetho- den ist exemplarisch an dem Bedeu- tungswandel des Begriffs„Sonder- behandlung“ nachzuvollziehen. 1939 noch als Umschreibung für die polizei- lich angeordnete Exekution„reichs- deutscher“ Häftlinge verwendet und im September 1942 als„polizeiliche Sonderbehandlung“ auf die Bedeutung „Vernichtung durch Arbeit“ für„aso- ziale Elemente aus dem Strafvollzug“ ausgeweitet, wurde sie bereits 1941 (unter Aktenzeichen 14 f 13) als Tarn- bezeichnung für die sogenannte FEu- thanasie in den Konzentrationslagern geführt und 1942 als Pseudonym für formalitãtslose und umfangreiche Mas- sentötungen durch Giftgas in Vernich- tungslagern benutzt. Die Durchfüh- rung der„Sonderbehandlung“ wurde frühzeitig den sogenannten Sonder- kommandos anvertraut. Diese waren strengstens an eine Schweigepflicht gebunden und wurden für ihre Tätig- keit mit verschiedenen Privilegien ver- gütet. Seit Ende Juni 1941 waren die„Son- derkommandos“ und„Finsatzkom- mandos' der Finsatzgruppen des Si- cherheitsdienstes(SD) und der Sicher- heitspolizei(SiPo) mit der Durchfüh— rung des systematischen Massenmords im Osten, seit November 1941 mit Un- terstüt?ung von modernen„S-Wagen“, „Spezial- oder Sonder-Wagen' genann- ten mobilen Gaskammern, betraut. Der Unterschied zwischen„Finsatzkom- mandos' und„Sonderkommandos' be- stand darin, daß letztere ursprünglich für den Einsatz im Frontgebiet vorge- schen waren. Die seit Dezember 1941 eingerichteten Vernichtungslager wur- den von„SS-Sonderkommandos“ ge- führt: Chelmno vom„Sonderkomman- do Lange', das waren Angehörige der SiPo und Schutzpolizei(SchuPo), in der Zeit von Dezember 1941 bis März 1942 und von Mãrz 1 942 bis April 1943 unter gleichem Namen aber unter Führung von Hans Bothmann, vom„Sonder- kommando Bothmann' in der Zeit von April 1944 bis August 1944 und von September 1944 bis Januar 1945. Das 18 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer „Sonderkommando Lange' war schon als Untereinheit einer Einsat?zgruppe im Mai und Juni 1940 an Euthanasie- Morden in Polen beteiligt. Die Vernichtungslager der„Aktion Reinhard“, Belzec von März 1942 bis Juni 1943, Sobibor von Mai 1942 bis Oktober 1943 und Treblinka von Juli 1942 bis November 1943 wurden als „Sonderlager“ bezeichnet. Die zuge- führten Transporte wurden im inter- nen Sprachgebrauch deutscher Behör- den„Umsiedlersonderzüge“ genannt. Deutsches Lagerpersonal wurde„SS— Sonderkommando“ genannt, zum Bei- spiel„SSSonderkommando Treblinka, Distrikt Warschau“, oder„SS-Son- derkommando Belzec, Distrikt Lublin?. „Sonderdienstkommando' wurde der Begleitschutz der RSHA-Transporte ge- nannt(RSHA„ BReichssicherheits- hauptamt). In Chelmno, Belzec, Sobibor und Treblinka wurden die jüdischen Häftlinge nicht als Sonderkommando be?Zeichnet. Die in diesen reinen Ver- nichtungslagern„Arbeitsjuden“ ge- nannten Häftlinge wurden in den als „Totenlager“ bezeichneten Vernich- tungszonen nur abwertend„Toten- juden“ oder„Leichenjuden'? gerufen. Der Begriff„Sonderkommando“ wurde in Auschwitz-Birkenau erst mit Beginn der Massenverbrennungen, im September 1942 eingeführt. Das erste als Sonderkommando bezeichnete Ar- beitskommando wurde unter dem Na- men„Sonderkommando Hössler“ ge- führt, nach seinem Kommandoführer SS-Hauptsturmführer Franz Hössler. Zweifellos galten die Arbeitskomman- dos des Initiators und Befehlshabers der„Enterdungsaktion“ SS-Standar- tenführer Paul Blobel als Vorbild. Seine unter der Aktenziffer„1005“ geführten „Sonderkommandos 1005“ wurden in- tern auch„Sonderkommando Blobel'“ genannt. Die Bezeichnung bezog sich erstmals im Fall der„Sonderkommandos 1005* auf deutsches und aus Häftlingen zu- sammengesetztes Personal und wurde in diesem Sinne außerhalb der„Aktion 1005* nur noch in Auschwitz-Birkenau verwendet. Belegt wird dies nicht nur durch Aussagen ehemaliger Sonder- kommando-Häftlinge, sondern auch durch Finträge in Personalkarten der Arbeitseinsatzkartei des Arbeitsdien- stes im KI. Auschwitz. In den Arbeits- einsatzlisten wurde das Sonderkom- mando nur als„Heizer“ unter anderen Namen geführt: seit Inbetriebnahme der vier neuen Krematorien in Birke- nau wurde es u. a. als„Kommando 206— B, Heizer Krematorium I und II' und „Kommando 207-B, Heizer Krematori- um I und IVꝰ verzeichnet und seit En- de Juli 1 944 von„Kommando 57-B, Hei- zer Krematorium I, Tagschicht“ bis „Kommando 60-B, Heizer Krematori- um IV, Nachschicht'(je Ziffer mit dem Buchstaben„B' jeweils Tag- und Nachtschicht) registriert. Ferner gab es im Ghetto von Lodz ein jüdisches Sonderkommando, das Teil des von den deutschen einberufe- nen jüdischen Ordnungsdienstes war. Eine ordnende Tätigkeit hatten diejeni- gen Sonderkommando-Häftlinge in Auschwitz-Birkenau, die in den Aus- kleideräumen und-baracken bei den Krematorien und provosorischen Ver- gasungsbunkern eingesetzt waren. Die Sonderbehandlung wurde als„geheime Reichssache“(geh. R.) durchgeführt, die darin Eingeweihten galten als„Ge- heimnisträger“. An„Sonderaktionen? Beteiligte erhielten„Sonderverpfle- gung', sowohl die SS-Angehörigen wie auch die Häftlinge, wenn auch in ande- rem Maße. Der Unterschied bestand vorallem darin, daß sich SS-Angehörige wegen der abfallenden Sonderzuteilun- gen um den Finsatz bei Sonderaktio- nen drängten, während die Häftlinge zwangsweise in das Sonderkommando eingewiesen wurden. SS-Angehörige er- hielten zusätzlich„Sonderurlaub?. In der Terminologie der nationalso- zialistischen Sprachregelung ist der Begriff„Sonderkommando“ folglich wie auch andere„Sonder'-Begriffe in ein Verzeichnis der Tarnbezeichnungen aufzunehmen.* Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Stellungnahme von Jõzef Paczynski, Auschwitz-Häftling Nr. 121 Die Kreuze in der Kiesgrube „Das Problem des„Kiesplatzes' am Rande des KL(Konzentrationslager) Auschwitz und der Kreuze, die dort aufgestellt werden, ist empörend, sollte aber näher erklärt werden“, schrieb auf unsere Anfrage hin Jözef Paczynski, der 1940 mit dem ersten Transport nach Auschwitz gekommen ist. Seine Stellungnahme fällt folgendermaßen aus: „Das am 14. Juni 1940 gegründete Konzentrationslager Auschwit? war zur Vernichtung der polnischen Intel- lektuellen und Jugend bestimmt. Die SS nutzte zu diesem Zweck die verlas- senen Kasernengebäude der polnischen Soldaten. Die ersten Erschießungen der polnischen Häftlinge begannen bereits im Sommer 1940. Sie fanden in der Kiesgrube neben dem Haupttor des La- gers mit der Aufschrift Arbeit macht frei', gegenüber der Blockführerstube, Statt. Aus dieser Kiesgrube wurde der Kies zum Ausbau des Lagers entnom- men. Dorthin wurden auch junge Men- schen aus dem Block Nr. 13(Später 11) barfuß in zerrissenen Kleidern ge- bracht. Ihre Hände waren mit einem Draht auf dem Rücken gefesselt. Sie wurden hinter der Küche in einer ge- wissen Entfernung voneinander aufge- stellt. Um die Kiesgrube standen in ei- nem Halbkreis die SSMänner sowie ih- re Familien mit Kindern. Ein SSMann, meistens der Blockführer aus dem Block 13, führte diese jungen Knaben einzeln durch das Tor zum tiefsten Platz der Kiesgrube. Gegenüber stand in der Reihe das Erschießungskom- mando, das auf Befehl des Hauptschar- führers Heinrich Josten Schüsse abgab. Nachdem die Körper der Unglückli- chen auf den Boden gefallen waren, tõ- tete sie der damalige Lagerführer Karl Fritzsch mit einem Schuß in den Kopf. Am Rande der Kiesgrube stand ein Wa- gen mit Holzkisten, in welche die Sani- täter des Lagerkommandos die Körper der getöteten Häftlinge legten. Nach der Exekution wurden die Kisten mit den Leichen in das naheliegende Kre- matorium gebracht. Die Erschießungen fanden nicht re- gelmäßig statt, aber durchschnittlich einmal in der Woche, jedesmal mit mehreren Häftlingen. Es muß betont werden, daß die Zuschauer, also Fami- lien der SS-Männer und andere zivile Teilnehmer, bei den Exekutionen fest- lich gekleidet waren. Wahrscheinlich betrachteten sie die Exekutionen als ein besonderes Fest. So war es am An- fang, in den ersten Monaten des Lager- bestehens, im Sommer und Herbst 1940. In dieser Zeit wohnte ich im Block Nr. 24 A, in der Kammer 2, deren Fen- ster direkt auf die Kiesgrube und ihre Umgebung gingen. Den ganzen Vor- gang der Exekution konnte ich von dem oberen Bett neben dem Fenster be- obachten, von dem ich das ganze„Ze- remoniell' der Exekutionen genau se- hen konnte. Ende 1940 und im Jahre 1941 wurden die Exekutionen an der anderen Seite des Lagers ausgeführt, hinter Gittern, wo sich neben dem noch nicht fertiggestellten sogenannten „Theatergebäude' eine ziemlich große Kiesgrube befand. Die Fxekutionen verliefen ähnlich wie vorher, ich konn- te aber ihren Verlauf nur von weitem beobachten. Ich konnte keine EFinzel- heiten sehen, aber ich bemerkte keine Familien der SS-Männer oder andere zivile Zuschauer mehr. Die Zahl der Erschießungen nahm immer mehr zu. Man verzichtete auf 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die öffentlichen Exekutionen und auf die Kiesgrube neben den Lagerblocks. Sie wurden an die sogenannte, Todes- wand' am Block 11 verlegt. Es muß deutlich betont werden, daß dort polni- sche politische Häftlinge erschossen wurden. Nach dem Krieg wurde das„Thea- tergebãude' von der Kirchenleitung übernommen. Nach einem Umbau z0— gen dort 13 Nonnen ein— die Karmeli- terinnen. In der Kiesgrube an dem „Theatergebäude', dem Ort der Exeku- tionen, legten die Karmeliterinnen ei- nige symbolische Gräber an, die sie zu- sammen mit dem anliegenden Gebiet besonders fürsorglich pflegten. Ich weiß nicht, seit wann und warum s0 plötzlich dies die nach Auschwitz kommenden Juden anfing zu stören. Sie forderten die Entfernung der Non- nen aus dem Kloster. Es war ein Fehler der Kirchenleitung, daß sie in die Ver- legung der Nonnen einwilligte. Nach- dem die Karmeliterinnen ausgezogen waren, blieben die Gräber vernachläs- s1gt. Als der Papst Johannes Paul II. das ehemalige Konzentrationslager Birken- au(neben Auschwitz) besuchte, fand dort eine große Feldmesse statt, an der die ehemaligen Häftlinge, die Kirchen- leitung, Vertreter der Regierung und Ortsbewohner teilnahmen. Nach der Messe brachten die Ortsbewohner das Holzkreuz von dem Feldaltar in Bir- kenau- mit Erlaubnis der zuständigen Behörde- auf den Kiesplatz. Das Kreuz wurde genau auf der Exekutionsstelle neben dem ehemaligen Karmeliterin- nenkloster direkt hinter dem Block 11— aber hinter den Lagergittern- aufge- stellt. Pinige Zeit lang herrschte Ruhe. Das Kreuz stand dort, die Gräber und ihre Umgebung vergammelten ohne Pflege. Dann begannen die nach Auschwitz kommenden Juden wieder mit einer Kampagne gegen das auf dem Kies- platz aufgestellte Kreuz, das immer das Symbol unseres Glaubens und unseres Leidens war. Die Juden behaupteten, das Kreuz würde einen Schatten auf das Lager werfen, das der Ort des Ho- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 21 locaust war. Die Eskalation der Forde- rungen wurde immer breiter und schließlich auch international. So kam es zu dem Konflikt. Man kann zugeben, daß in unserer Gesellschaft antisemitische Ausdrücke manchmal zu finden sind. Sie sind je- doch selten und werden meistens von Hetzrednern und Unruhestiftern aus- genutzt, die auch das Problem des Kreuzes nur zu ihnen bekannten Zwek- ken verbreitet haben. Zur Verteidigung des Kreuzes auf dem Kiesplaltz wurde Ssogar ein Komitee gegründet. Men- schen aus ganz Polen sowie aus dem Ausland kommen hierher und stellen neue Kreuze auf dem Kiesplatz auf, und manifestieren so ihren Wider- spruch gegen die jüdischen Forderun- gen, das Kreuz vom Kiesplat?z zu ent- fernen. Schließlich waren es über hun- dert Kreuze. Gegen die Aufstellung der zusätzlichen Kreuze neben dem Papst- kreuz ist sowohl die Kirchenleitung als auch die Regierung. Ich war in Auschwitz zu Feierlichkei- ten des 25jährigen Jubiläums des Ma- ximilian-Kolbe-Werkes. Auf dem unor- dentlichen Kiesplatz sah ich neben dem Papstkreuz viele andere Kreuze ver- schiedener Größe. Die symbolischen Gräber waren immer noch vernachläs- sigt und der ganze Platz war mit Unrat bedeckt. Ich sprach mit Herrn Switon und den Mitgliedern des Komitees zur Verteidigung des Kreuzes. Ich konnte mich davon überzeugen, daß sie weder die Geschichte noch die Bedeutung die- Ses Ortes kennen und selbst nicht ganz genau wissen, was sie wollen. Zusam- men mit meinen Bekannten sind wir der Meinung, daß dies eine anarchisti- sche Aktion ist, die sogar Merkmale einer zielbewußten Provokation trägt. Ihren Führern geht es wohl darum, die Beziehungen zwischen Juden, Kirche und Regierung zu zerstören. Viel ehemalige Häftlinge, unter de- nen sich auch Zeugen dieser Zeiten be- finden, sind der Meinung, daß der Kiesplatz und die Todeswand des Blok- kes Nr. 11 besondere Orte sind, die mit Blut gezeichnet wurden. Dort starben unsere Freunde, Polen, Söhne dieses Landes. Sie gaben ihr Leben für Frei- heit und das Vaterland, deshalb sollte unserer Meinung nach auf dem Kies- platz nur das große Papstkreuz bleiben als Symbol unseres Glaubens und unse- res Leidens. Alle anderen Kreuze soll- ten entfernt, der Platz in Ordnung ge- bracht und die symbolischen Gräber gepflegt werden. Erwünscht wär auch die Aufsicht der Museumsdirektion. Die Vernichtung der Juden, und nicht nur der Juden begann im Sommer 1942 in Birkenau. Wir kennen ganz ge- nau den Verlauf der Aktion der Ver- nichtung von Juden, Zigeunern und anderen slawischen Völkern. Bis heute könen wir uns an die Menschenmassen erinnern, die in die Gaskammern gin- gen: Greise, Mütter mit Kindern auf dem Arm umgeben von den SSMän- nern. Wir sind uns des damals durchge- führten HOLOCAUST bewußt. Der Davidstern- Symbol der Juden- auf den Ruinen der ehemaligen Krematori- en stört uns nicht. Das Kreuz auf dem Gelände neben den Gittern des KL. Auschwitz sollte die Juden also auch nicht stören. Alle Menschen sollten an ihren Gott glauben und sich gegensei- tig respektieren. Wir sollen alles tun, was Zur Versöhnung führen kann. Das betrifft sowohl die Juden als auch die- se, die neue Kreuze auf dem Kiesplat?z aufstellen. Die Toten können nicht aufstehen- wir sollen sie ehren und ihrer geden- ken. Unsere Pflicht ist es, in Frieden und Harmonie zu leben.“ JõZef Pac?zynski, Nr. 121 aus dem Polnischen übersetzt von Joanna Stryzecka. Im Zusammenhang mit den Kreuzen Siehe Rundschau-Bericht S. 22. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wasrschau will Streit um Auschwitz beenden Parlament richtet Schutzzonen an ehemaligen Orten des nationalso- zialistischen Terrors ein Von Edith Heller Das polnische Parlament will die ständi- gen Querelen um die Gedenkstätte Auschwitz beenden. Der Sejm beschloß jetzt, das Gebiet um das chemalige Ver- nichtungslager sowie um sieben weitere chemalige deutsche Konzentrationslager in Polen unter Schutz zu stellen. WARSCHAU, 12. April. Das„Gesctz zum Schutz von Massenvernichtungsstät- ten in ehemaligen hitlerischen Konzentra- tionslagern“ gilt für AuschwitzBirkenau, Majdanek, Stutthof, Gross-Rosen, Tre- blinka, Chelmno, Sobibor und Belzec. Stätten, die der stellvertretende Innenmi- nister Piotr Stachanczyk im Parlament als„Todesfabriken und beispiellose Fried- höfe ohne Gräber“ bezeichnete. In diesen Lagern ermordeten die deutschen Natio- nalsozialisten mehr als vier Millionen Menschen, zumeist Juden. Das Gesetz sicht vor, eine Schutzzone von 100 Metern rings um die Lager einzurichten. Port gel- ten besondere Restriktionen für Ver- sammlungen, Bewirtschaftungen, Bebau- ungen und Enteignungen. Damit trat das Parlament den standi— ten Auscinandersetungen um das che— malige Lager Auschwit? entgegent ln den vergangenen Monaten haben der geplante Bau eines Einkauſszentrums, eine De— monstration Rechtsradikaler und schließ- lich die Aufstellung von mehreren hun- dert Kreuzen in der Kiesgrube vor dem Lagergelände für loteste gesorgt.„Das neue Gesetz gibt der Regierung eine wirk— same Handhabe“, sagt Stanislaw Kra- jewski, Vorstandsmitglied des Verbandes jüdischer Gemeinden. Für ihn sind Anti- scmiten wie Kazimierz Switon und der mit antisemitischen Außerungen in die Schlagzeilen kommende Danziger Prie— ster Hlenryk Junkowtki zwar Extremſalle, aber keine völligen Außenseiter in der pol- u Frankfurter Rundschau, 13. April 1990 nischen Gesellschaſt.„Sie repräsentieren einen gewissen Ausschnitt der öffentli- chen Meinung— es ist schwer zu sagen, wie groß er ist, aber man kann ihn nicht bagatellisieren“, Sagte Krajewski. Gegen das Gesetz zum Schutz der Ge- denkstatten stimmten vor allem konser- vative Abgeordnete. Sie kritisierten, daß damit nur Lager geschützt würden, in denen Juden umgekommen seien. Sie ver- langten die Ausweitung auf Lager und Geſangnisse für Polen, darunter auch die Folterstätten der Kommunisten. Unterdessen änderten die Organisato- ren des seit Mitte der 80er Jahre in Auschwitz-Birkenau veranstalteten „Marsch der Lebenden“ ihr Konzept: Sie öſfneten diesc hauptsächlich für junge Is- raclis gedachte Gedenkveranstaltung auch für Polen. In diesem Jahr wird neben 1500 lsraclis erstmals offiziell auch eine Delegation von 300 jungen jüdischen und christlichen Polen teilnehmen. Forschungsprojekt der GIF Jüdische Kindheit Ziel des von der German-Israeli Foundation(GIF) finanzierten Pro- jektes ist die umfassende Darstellung jüdischer Kindheit in Deutschland wãhrend der Jahre 1933— 1941. Die Ana- lyse vielfältiger Textsorten wie auto- biographische und literarische Texte, Privathriefe, Tagebücher, Zeitschrif- tenartikel sowie Interviews mit Zeit- zeugen, wird eine wichtige Basis bil- den für eine grundsätzliche Auseinan- dersetzung über die Lebensbedingun- gen sowie die literarische Sozialisation jüdischer Kinder und Jugendlicher. Kontakt: Humboldt-Universität, Philosophische Fakultät II, Institut für deutsche Literatur, Karin Wieckhorst, Schützenstraße 21 in 10099 Berlin. Fax: 030201 96690; Telefon:030-20196647. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Am 14. September 1999 um 20 Uhr im Gallustheater Frankfurt „ sie starben mitten in Frankfurt..* Versuch einer Aufarbeitung mit Instrumenten und Stimme Die Initiative gegen das Vergessen und der Verein Leben und Arbeiten im Gallus und Griesheim(LAG6) laden am Dienstag, dem 14. September, um 20 Uhr zu einer Veranstaltung über das KZ-Adlerwerke ein.„ sie starben mitten in Frankfurt unter Mitverantwortung der Aktionäre und der Dresdner Bank ist der Versuch einer Aufarbeitung mit Instrumenten und Stimme. Am 22. August 1944 wurde in Frank- furt am Main das KZ-Außenlager Ad- lerwerke„Katzbach? in Betrieb genom- men. Im Gallus auf dem Gelände der Adlerwerke, im 3. und 4. Stock des Hochhauses im Werk I gelegen. 1600 Zwangsarbeiter erlitten in diesem Kon- zentrationslager eine unbeschreibliche Hölle. Nur wenige von ihnen überleb- ten. Dieser Teil deutscher Geschichte, der sich nicht im Geheimen, sondern mit- ten in Frankfurt im„Traditionsbe- trieb'“ Adlerwerke abspielte, wurde in der Nachkriegszeit schnell verdrängt, die Verantwortlichen nicht zur Re- chenschaft gezogen, die Opfer nicht entschädigt. Die Verantwortlichen, das waren die Geschäftsleitung der Adlerwerke, die mit großer Dringlichkeit Zwangsarbei- ter für ihren Rüstungsbetrieb anfor- derte und aussuchte. Verantwortlich, das waren zudem die Aktionäre, darun- ter Vorstandsvorsitzender Hagemeier und die Dresdner Bank. Verantwortlich waren auch die Bewacher des KZ und Zwar die firmeneigenen wie die von der S Mit dem Stück,.. sie starben mitten in Frankfurt..* wird der Versuch un- ternommen, einen ungewöhnlichen Zu- gang zu diesem Teil der Stadtgeschich- te zu finden. Nicht Dokumentation ist hier das Hauptanliegen, sondern die Befassung des„Unfaßbaren“ mit den Mitteln von Text'bruch'stücken, Asso- ziationen und experimenteller Musik. Die Akteurin und Akteure, die für die- sen Versuch gewonnen wurden, werden dabei mit den alltäglichen Hör- und Wahrnehmungsgewohnheiten brechen. Es treten auf: Hartmut Barth-Engelbart(Stimme) Dirk Hülstrunk,„Sounds like Poe- try(Stimme) Werner Smolinski,„Sounds like Poe- try(Baß) Wolfgang Stryi,„Ensemble Modern“ (Klarinette, Saxophon) Esther Maria Stumm,„Sounds like Poetryꝰ(Saxophon). Mit den Einnahmen(20 Mark; ermä- Bigt 15 Mark) wird die Forderung nach Errichtung einer Informations- und Gedenkstätte über Zwangsarbeit in Frankfurt auf dem ehemaligen Gelän- de der Adlerwerke unterstützt. Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Redaktion: Mitarbeit: Hans Hirschmann Anni Rossmann-Reineck, Albrecht Werner-Cordt, Karin Graf, Diethardt Stamm, Matthias Tiessen, Klaus Konrad-Tromsdorf 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Suche nach Tagebüchern und schriftlichen Zeugnissen, die von Hãäftlingen in Konzentrationslagern geschrieben wurden. „Die Sprache der Opfer“? Dissertationsprojekt von Nicole Warmbold, TU Braunschweig „Die Sprache der Opfer? ist der Arbeitstitel eines Projektes, zu dem Nicole Warmbold aus Braunschweig im Rahmen ihrer Doktorarbeit forscht. Hierzu sucht sie Tagebücher, die von Häftlingen in Konzentrationslagern geschrie- ben wurden. Sie würde sich freuen, wenn ihr Uberlebende der Lager oder Angehörige und Freunde von KZ-Häftlingen hierzu Materialien zur Verfü- gung stellen würden. Bei der geplanten Dissertation von Frau Warmbold handelt es sich um eine Sprachwissenschaftliche Arbeit. Die Autorin beschreibt diese wie folgt: „Im Zentrum meiner Forschungen stehen Fragen nach den kommunikati- ven Bedingungen in verschiedenen Konzentrationslagern, nach der Bedeu- tung und den Funktionen, welche Sprache im Konzentrationslager für die Häftlinge einnahm, sowie den sprachlichen Reaktionen der Häftlinge auf ihre Lagersituation. Der Quellen- korpus zu dieser Arbeit besteht aus Hãäftlings-Tagebüchern und frühen Zeugnissen Uberlebender. Ich möchte mit meiner Arbeit auf eine Forschungslücke innerhalb der germanistischen Sprachwissenschaft aufmerksam machen. Die fast unzähli- gen sprachgeschichtlichen Arbeiten, die den Zeitraum von 1933 bis 1945 zum Gegenstand haben, befassen sich bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich mit der Sprache der Täter. Finmal mehr bleiben die Ausgegrenzten und Verfolgten, die Opfer in den Konzen- trations- und Vernichtungslagern so- wie die Widerstandskämpferinnen und kämpfer unsichtbar, achtlos aus der Geschichte gestrichen und ohne Aner- kennung und Würdigung. Auf diese Situation, die in der Ge- schichtswissenschaft inzwischen kaum mehr denkbar ist, möchte ich hinwei- sen und sie beenden helfen. Gleichzei- tig möchte ich mit der Auswahl der Quellen eine ebenfalls häufig unbeach- tete Leistung vieler Opfer in den Kon- Zentrationslagern würdigen: Das Schreiben von Tagebüchern noch in den Konzentrationslagern und die Be- richte Uberlebender verdienen mehr Aufmerksamkeit als ihnen bisher zuteil wurde. Sie zeugen von einem bewun- dernswerten Willen, den Nachgebore- nen und spãteren Generationen von ih- rem Leiden, ihrem Erleben und ihrem Widerstehen zu erzählen, und diese Hãäftlinge nahmen dafür nicht selten- schrieben sie noch in den Lagern- die Gefährdung ihres Lebens in Kauf. Leg- ten sie das Erfahrene und Erlebte nach der Befreiung schriftlich nieder, be- deutete dies zumeist das erneute Durchleben vergangenen Leidens. Ich bin mir bewußt, daß diese Zeug- nisse nationalsozialistischer Verbre- chen sehr privater Natur sind und ver- sichere, im Bewußtsein dieser Proble- matik mit diesen umzugehen und sie nur im Interesse ihrer Verfasserinnen und Verfasser zu verwenden. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfü- gung.“ Für solche Nachfragen sowie die Zu- sendung von Materialien ist die Auto- rin unter folgender Adresse zu errei- chen: Nicole Warmbold Kalandstraße 7 38118 Brauchschweig Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 VFRWANDLUNGSPOLTTIK NS-Fliten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft Rezension von Klaus Konrad-Tromsdorf Der 1995 bekanntgewordene„Fall Schwerte'-ein emeritierter Germani- stikprofessor der TH Aachen enttarnte sich qua Selbstanzeige als ehedem führender Mitarbeiter der SS-Unterorganisation, Ahnenerbe'- gibt Anlaß, sich einer Problematik aus der Frühzeit der Bundesrepublik erneut zuzu- wenden: der der in die IMlegalität abgetauchten Angehörigen der NS-Fliten, seinerzeit auch ironisch als„Braun-Schweiger' bezeichnet. 6 Die Herausgeber des bei GCampus er- schienenen Buches, Wilfried Loth und Bernd A. Rusinek- beide Historiker an nordrhein-westfälischen Hochschulen- versammeln hier die Beiträge einer öf- fentlichen Fachtagung zum Thema Fliten- und Wissenschaftsgeschichte der frühen Bundesrepublik', die im Mai 1997 in Düsseldorf stattfand. In fünf- zehn Aufsätzen versuchen verschiede- ne Wissenschaftler die jeweils unter- schiedlichen Problemfelder dieser The- matik zu umreißen. Nahezu zwangs- läufig ergeben sich aus den jeweiligen Perspektiven unterschiedliche Er- kenntnisebenen. Der Fall Schwerte' steht natürlich im Mittelpunkt einzel- ner Aufsätze, wobei Jochen Hörisch in einem lesenswerten Beitrag(„Verhaf- ten Sie die üblichen Verdächtigen..*) versucht, den Blick auf sein Fachgebiet (Hörisch ist Germanist) zu richten. Ahnlich auch die Aufsätze von Karl- Siegbert Rehberg und Hans-Prich Volkmann, die sich mit ihren Fachge- bieten(Soziologie und Geschichte) be- schäftigen. Das Thema Gjalt R. Zon- dergelds, Dozent für Zeitgeschicht in Amsterdam, ist der Umgang mit Kolla- borateuren nach dem Ende der deut- schen Besetzung der Niederlande, wäh- rend Michael Ruck am Beispiel der Verwaltungseliten in Südwestdeutsch- land deren Kontinuität und Wandel nach 1945 diskutiert. Von allgemeinerer Bedeutung jedoch sind die beiden Aufsätze von Urich Herbert und Norbert Frei, die sich auf der Grundlage ihrer bisherigen For- schungsergebnisse den NSBliten in Westdeutschland zuwenden. Herbert (Historiker in Freiburg) hat sich 1996 in seiner großen Studie zu Werner Best (Herbert, U.: Best-Biographische Stu- dien über Radikalismus, Weltanschau- ung und Vernunft 1903-1989, Bonn 1996) ausführlich mit dessen Karriere in der Bundesrepublik beschäftigt. Norbert Frei(Historiker in Bochum) veröffentlichte ebenfalls 1996 seine Studie zur Vergangenheitspolitik' (ders.: Vergangenheitspolitik. Die An- fänge der Bundesrepublik und die NS- Vergangenheit, München 1996). Kollektives Beschweigen Frei legt in seinem knappen Beitrag („Vergangenheitspolitik in den fünfzi- ger Jahren'') dar, daß die„Integration' ehemaliger NS-Parteigenossen in das politische und gesellschaftliche System der Bundesrepublik Ergebnis einer ak- tiv gestalteten Politik gewesen ist. Die- se Politik, von Frei mit den Begriffen „Amnestie', Integration' und Ab- grenzung' umschrieben, leistete die Transformation der nationalsozialisti- schen Volksgemeinschaft in die Gesell- schaft der Bundesrepublik'(S. 79) um den Preis eines Kollektiven Beschwei- gens' der Nazi-Vergangenheit. Kurz skizziert Frei die verschiedenen Etap- pen der Bewältigung der früheren NS- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Bewältigung'(S.80): Das Amnestiege- set?z vom 31.12. 1949, das„Wieder- eingliederungsgesetz nach Art 131 GG' Straffreiheitsgeset? vom Sommer 1954' Schätzungen, so Frei, gehen da- von aus, daß bereits von dem Amnestie- gesetz von 1949 zehntausende NS-Täter profitierten, daß mehr als dreihundert- tausend Beamte und Berufssoldaten, oftmals erheblich politisch belastet, aufgrund des Wiedereingliederungsge- setzes in den öffentlichen Dienst wie- deraufgenommen wurden. Als beson- dere Regelung des Amnestiegesetzes erwähnt Frei, die darin enthaltenen Angebote zur Ilegalen-Amnestie Diese garantierten solchen Personen, die sich unter falschem Namen, mit falschen Papieren oder ohne polizeiliche Mel- dung in der Bundesrepublik aufhielten, Straffreiheit, wenn eine Höchststrafe von fünf Jahren Haft nicht überschrit- ten werde; eine vergleichbare Regelung enthielt auch das Straffreiheitsgesetz von 1954. Wenngleich die Lahl dieser Il- legalen nur unzuverlässig geschätzt werden konnte(die Lahl von achtzig- tausend wurde seinerzeit genannth), blieb der Erfolg dieses mehr als groß- zügigen Amnestieangebotes aus: Nicht mehr als eintausenddreihundert II- legale' meldeten sich. Die Vermutung liegt nahe, daß diejenigen, die sich nicht meldeten, dies aus Furcht davor taten, wegen NS-Verbrechen zu hohen Strafen verurteilt zu werden. Frei läßt wenig Zweifel daran, daß der politische und moralische Preis für Integration und Loyalität der ehemali- gen NSBliten zu hoch war: Mittelbare Folgen dieser Politik waren— so läßt sich heute rückschauend formulieren- diejenigen Verdrängungsstandards, die eine Auseinandersetzung mit der NS- Vergangenheit erschwerten und noch erschweren: Das durch diese ,beden- kenlose wie populäre'(Frei) Vergan- genheitspolitik erzeugte öffentliche Bewußtsein, die Verantwortung für die Verbrechen des Dritten Reiches' Hitler und einer kleinen Clique zuzuschieben, exculpierte gleichzeitig die Deutschen insgesamt als politisch Verführte' und O Keine Aufarbeitung Auf der Grundlage des summari- schen Befundes von Frei geht Herbert („NSBliten in der Bundesrepublik') detaillierter der Frage nach, ,welche Bedeutung die NS-Eliten während der Aufbauphase der BRD hatten, welche reale Bedrohung von ihnen ausging, wie ihnen angehörende Einzelpersonen ihren Lebenswege gestalteten' Diesem Fragekomplex nähert sich Herbert mit einer hellsichtigen Definition von NS- Eliten' und vier Skizzen, typischer' Le- bensläufe(Karl Kaufmann, Bernhard Baatz, Dr. Werner Best, Dr. Ludwig Losacker). Herbert zeigt auf, wie sich- noch unter alliierter Kontrolle- die Verfolgung von NS-Eliten darstellte, beschreibt die entscheidenden Verän- derungen, die mit Gründung der Bun- desrepublik begannen, zeigt dann je- doch, welche Abgrenzungen gegenüber Bestrebungen ehemaliger Nazis unter- nommen wurden, politischen Finfluß zu gewinnen: Das Verbot der neonatio- nalsozialistischen SRP durch die Bun- desregierung im Jahr 1952 und die In- tervention der Besatzungmächte, die den Kreis ehemaliger Nazifunktionäre um Werner Kaufmann(ehemaliger Staatssekretär von Joseph Goebbels) 1953 durch Verhaftung auflösten. „Fomit“, so Herbert,„wurde die politi- Sche Betdtig ung ehemaligerspitzenna- zis in explizit neonationalsozialisti- Schem Finne öfentlich als nicht tole- ranafahig diskriminiert“(Herbert, 8. 107). Das Angebot der Bundesregierung an die ehemaligen NS-Fliten war somit also formuliert:„Beinahe vollständi- ge Soziale und wirtschaftliche Reinte- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 gration unter der Voraussetzung der jedenfalls õpfentlichen Bejahung der demokratischen Kepublik und des Ver- zichts auf neonationalsozialistische Berdrig ung“(Herbert, S. 107). Herbert untersucht nun die faktische Soziale und wirtschaftliche Reintegra- tion ehemaliger NS-Fliten und liefert komprimiert einige interessante Befun- de: In öffentlicher Verwaltung, Justiz und Ministerialbürokratie war die Reintegration- sieht man von Spitzen- positionen ab- unproblematisch. Auch die Reintegration ehemaliger mittlerer Gestapo- und SS-Leute in hohe Ränge der bundesdeutschen Polizeien scheint im nachhinein betrachtet- kaum Schwierigkeiten verursacht zu haben. Erleichternd hierbei, stellt Herbert fest, war die Tatsache, daß z. B. den Spitzen von Sicherheitspolizei und SD auch deshalb die Reintegration so reibungs- los gelang, weil bis weit in die sechziger Jahre wenig über die Führungsstruktur des RSHA und die Tätigkeit seines Führungspersonals bekannt war. Hier sicht Herbert einen womöglich ent- scheidenden Faktor für die fehlge- schlagene Aufarbeitung der national- Sozialistischen Vergangenheit:„Diese Vergangenheit wurde gleichsam ihres Personals und ihrer Opfer beraubt, S0 mußte man Sich weder mit Konkreten Orten und wirklichen Menschen- we— der den Tätern noch den Opfern- he- fassen.(Herbert, S. 110). Herbert zicht ein zwiespältiges Facit: Zu einem großen Teil sind die Angehö- rigen der NS-Fliten und insbesondere die Schreibtischtäter' nicht nur unge- schoren davongekommen, sie haben noch dazu lange Jahre in gehobenen Positionen verbracht. Dies unterstellt, ist für Herbert die noch zu beantwor- tende Frage,„wie sich die Bundesrepu- blik angesichts und trotz einer so im- mensen Belastung zu einer sich stabili- sierenden Demokratie entwickeln konnte“(Herbert, S. 114). Ich halte eine weitere Frage für we- sentlich: So stimmig die These Herberts scheinen mag, daß die Reintegration der NS-Pliten durch den(erkauften) Verzicht auf öffentliche neonational- SoZialistische Tätigkeit möglich wurde, so wenig überzeugend scheint mir die stillschweigende Vermutung, die öf— fentliche Abstinenz habe auch eine ent- sprechende private Abstinenz nach sich gezogen. Hier reichen die Bemer- kungen über Opportunismus und Fin- stellungsänderungen genausowenig aus, wie der Hinweis auf heimliche Briefkontakte„Ehemaliger' miteinan- der über Postfachadressen, damit die Kinder nichts(erfahren)'(Herbert, S. 113). Selbst wenn diese Briefkontakte, die etwa der Absprache über Aussagen vor Gericht o. ã. dienten(Herbert, ebd.), heimlich' geführt worden sind, so könnte dies schlicht damit erklärbar sein, daß den„Kindern' gegenüber le- diglich die verbrecherische Vergangen- heit der Väter verheimlicht werden sollte. Damit ist allerdings nicht gesagt, daß diese Väter ihre völkischen und/oder rassistischen Grundeinstel- lungen im privaten Bereich ebenso ver- schwiegen wie in der Gffentlichkeit. Herbert selber hat in seiner Biographie von Werner Best keinen Zweifel daran gelassen, daß dieser seinen ideologi- schen Positionen treu geblieben ist. Für die Annahme, daß er diese im privaten Bereich nicht transportiert' hat, gibt es keinen begründeten Hinweis. Die Folgeschäden, die ein solcher heimlicher Lehrplan' anzurichten in der Lage war und ist, sind immens, be- denkt man, wieviele Deutsche ihn wo- möglich exekutiert und wieviele ihrer Nachkommen ihn internalisiert haben. ℳ Loth, W. /Rusinek, B. A.(Hg): Ver- wandlungspolitik. NS-Eliten in der Westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, Frankfurt/ Main, New Vork 1998, ISBN 3-593-359944, 48 PM 28 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Studienreise nach Polen(Auschwitz und Krakau) im April 1999 Und jetzt noch nach Auschwitz Aufzeichnungen von Urich Juncker Ich erinnere mich, mein Vater las un- serer Familie aus seiner Zeitung vor: „Greuel an gefangenen deutschen Sol- daten nach dem 2. Weltkreig: Tsche- chen ritten auf gefangenen deutschen Soldaten über ein mit Scherben ge- spicktes Stadionfeld unter sadistischem Gejohle der tschechisen Zuschauer.“ Das war circa 1964, ich war elf Jahre, und es war eine der Geschichten über Deutschland und den 2. Weltkrieg. Für mich war sie Anstoß, mehr wissen zu wollen. Daß und wie unsere Gesellschaft ih- re eigene NS-Geschichte verdrängte und verklärte, das bekam ich nun zu spüren. In den folgenden Jahrzehnten habe ich nach und nach durch Lektüre, Diskussionen mit Tätern, Mitläufern und auch Widerstandskämpfern, Be- sichtigungen, politisches Engagement u. a. viel erfahren. Und jetzt noch nach Auschwitz. Warum? Familie, Freunde und Bekann- te stutzten, als ich von meinem Vorha- ben erzählte. Ich will mich mitten in den Ort des Grauens begeben. Will mich, meine Er- kenntnisse und Einstellungen dem aus- setzen. Und auch meine Verbundenheit dem Verdrängen entgegensetzen. Die Zeit drängt, Zeitzeugen, mich interes- sieren in erster Linie ehemalige Häft- linge, gibt es bald nicht mehr. Ich suchte einen Reiseveranstalter, der Erfahrung und Kompetenz ver- Sprach. Und fand die von der Lagerge- meinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer angebotene Studien- reise, mit Karin Graf als Leiterin und dem ehemaligen Auschwitz-Häftling Stas?zek Hant?z als ständigen Begleiter. Diese Authentizität und die Möglich- keit des persönlichen Kontaktes waren für mich ausschlaggebend. Ich war froh, daß wir mit dem Zug Statt mit einem Bus nach Auschwitz fuhren. Beim Blick aus dem Zugfenster zwischen Katowice und Oswiecim: die alten Häuser und die Landschaft haben die Häftlinge vor knapp 60 Jahren auch gesehen(falls sie durch die Waggon-Luken sehen konnten). Fin Hakenkreuz ist an eine Mauer gepin- selt. Dies ist eine der Bahnstrecken, deren Bombardierung die Menschen- transporte nach Auschwitz hätte emp- findlich stören können. Von Sonntag bis Freitag wohnten wir in der Internationalen Begegnungstätte in Oswiecim/Auschwitz. Fast eine gan- ze Woche, was mir vor der Fahrt eher lang vorkam, stellte sich angesichts der vielen Eindrücke als unbedingt sinnvoll dar. Das lag aber auch an der kenntnis- reichen und sensiblen Leitung durch Karin Graf und besonders an unserem ständigen Begleiter Staszek, der als Ju- gendlicher mehrere Jahre Häftlinge war. Durch ihn waren wir in der Lage, Auschwitz-Birkenau nicht nur als Mu- seum zu erleben. Durch seine Person und in seinen Geschichten wurden Wiesen wieder zu Schlammfeldern, auf Barackenfundamenten konnten wir ihn und seine Mithäftlinge Dachreparatu- ren ausführen sehen, um dabei insge- heim zu erspähen, was keiner wissen durfte. Ein Glücksfall war auch die Einla— dung zweier weiblicher Häftlinge, Han- ka und Janina. Der gemeinsame Besuch im Frauenlager von Birkenau war so nicht nur der Besuch von Terrorstätten, wohl nicht nur ich fühlte mich verbun- den mit den beiden:(Enkel-) Kinder der Tätergeneration und die Opfer. Hanka bot uns, nachdem wir ihren Block ver- lassen hatten, saure Bonbons an. Uber- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 haupt fällt mir ihre Freundlichkeit uns gegenüber auf, die wir ja immerhin die Sprache ihrer Peiniger sprechen. Uber ihre Häfltingszeit haben die beiden Frauen mit ihren Familien nie oder kaum gesprochen, ein vermutlich still- schweigendes Einverständnis ange- sichts der eintätowierten Häftlings- nummer auf dem Unterarm. Uber all wurde deutlich, daß die S8 vor nichts Respekt hatte, in Erfüllung der nationalsozialistischen Ideologie und der Ansprüche der(Kriegs-Mn- dustrie, die die üblesten Seiten der Menschen an die Macht brachte: nicht vor Lebenden(die als Sklavenarbeiter, medizinische Versuchspersonen be- nutzt oder vernichtet wurden) und nicht vor Toten(u. a. die Grabsteine des jüdischen Friedhofes von Oswiecim wurden abgerissen). Die Aufzeichnun- gen von Rudolf Höss, dem Lagerkom- mandanten, dazu lesend: sicherlich herausragend aus dem sonstigen Ver- drängungsbemühen der Täter: er durchschaut durch seinen Intellekt und seine Analysefähigkeiten in vielerlei Hinsicht SS-Personal wie Häftlingsver- halten. Die Fähigkeit mitzufühlen, ha- be ich in seinen nachträglichen Auf- zeichnungen nirgends wahrgenommen. Während z. B. ein SS-Arzt, Professor Kremer, seine Herrenmenschenqualitä- ten im Tagebuch so dokumentiert: Er erwähnt seine Teilnahme an einer „Sonderaktion“, dann freut er sich über„lebendfrisches Material von Le- ber, Milz und Pankreas“(Bauchspei- cheldrüse, d. Verf.) und das SSMenü „Hasenbraten-eine ganz dicke Keule“ Gergl.„Auschwitz in den Augen der SS*, Oswiecim 1997, erhältlich bei der Lagergemeinschaft). Nicht neu(u. a. L Millu: Der Rauch über Birkenau) jedoch deutlicher an diesem Ort: Der Uberlebenskampf der Häftlinge fand auch untereinander statt, benutzt von der S8, zum Beispiel durch Einsatz von„Grünen? als Kapos. Staszek erzählt von dem deutschen Ka- po seines Tischlerei-Arbeitskomman- dos, der war in Ordnung. Nach der Befreiung konfrontierte ein Reporter einen Häftling mit dem Satz, er kenne je jetzt die Hölle. Der Häftling korrigierte, er kenne das KZ, die Hölle kenne er nicht.-Die Dämoni- sierung verschleiert Täter und Ursa- chen. Die alte Erkenntnis, wer vom Fa- schismus spricht, vom Kapitalismus nicht schweigen soll, wird zur Zeit bei dem Thema„Entschädigung der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterin- nen' deutlich. Wir besichtigen die ehemalige Kies- grube im Stammlager, jetzt Schauplatz von vielen Kreuzen, permanent be- schallt durch einen Sender der polni- schen katholischen Kirche.- Bei der Führung durch den Ort Oswiecim hö- ren wir von zwei polnischen Pfarrern, die von der S8 verhaftet wurden, weil sie Lebensmittel an polnische Kinder verteilt hatten. Wir besuchten Krakau, die wunder- schöne alte Stadt mit dem beeindruk- kenden Marktplatz, dem ehemaligen jüdischen Stadtteil, deren Bewohner von den Nazis vertrieben, ghettoisiert und vernichtet wurden. Die nach dem Krieg zurückgekehrten Juden wichen später vor polnischem Antisemitismus. Im Krakauer Club der ehemaligen Auschwitz-Häftlinge wurden wir herz- lich empfangen. Als Jugendliche sind diese Frauen und Männer interniert wurden, viele bei Razzien verhaftet, wegen ihrer potentiellen Gefahr für das III. Reich. In einem Alter, in dem Jugendliche heute die Schulbank drük- ken oder sich um eine Ausbildungsstel- le bemühen, wurden diese täglich mit Terror und Tod konfrontiert. Alle be- richteten kurz von ihrer Zeit in Ausch- witz. Einer arbeitete als Friseur beim Lagerkommandanten Höß, rasierte ihn. „Hättest du mit dem Rasiermesser Hals abschneiden sollen“, kommentiert ein Leidensgenosse. Wir lachen. Einige Frauen halten sich zurück, ihre Prlebnisse zu berichten. Karin Graf besteht sensibel darauf, daß ihre Erlebnisse nicht minder bedeutsam und von Interesse sind.— 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Mit ehemaligen Häftlingsfrauen in Birkenau. Ich fühle, daß wir, die wir Auschwitz nicht vergessen wollen, und die, die Auschwitz nicht vergessen können, zu- samengehören. Wir brauchen uns ge- genseitig. Als wir aufbrechen, trifft sich in dem Saal eine andere Gruppe: ich sehe ältere Frauen und Männer. Ich höre, das sind die Kinder von Auschwitz. Es darf nicht wahr sein. Es ist aber wahr. Die ehemaligen Häftlingsunterkünf- te im Stammlager werden für beein- druckende Ausstellungen über Aspekte des KZ Auschwit? genutzt. An den Wänden der Mittelgänge hängen nun von der S8 zur Registrierung gemachte Häftlingsfotos, vergrößert und ge- rahmt, versehen mit Häftlingsnummer, dem Namen, Geburtsdatum(teilweise), Aufnahmedatum und Todesdatum. Bei denen, die— trot? der vorhergehenden Torturen- noch einen kräftigen, ge- sunden Eindruck auf dem Foto mach- ten, lagen zwischen Aufnahme und To— desdatum manchmal ein oder zwei Jah- re, meist aber circa drei Monate. Altere und die, denen schon die Spuren des Terrors anzusehen waren, hatten nach der Aufnahme in der Regel nur noch Tage oder Wochen zu leben. Männer, Frauen und Kinder, die nicht sofort vernichtet wurden, mußten dem S8— Fotografen(neben Profilaufnahmen) frontal in die Kamera schauen. Das heißt, sie schauen dem Betrachter in die Augen. Die, die damals noch jung waren, könnten heu- te mit ihren Enkeln spielen. In Birkenau: Die Gedenktafel für die sowjetischen Solda- ten ist von Unbe- kannten Tage vor unserem Besuch fast völlig demoliert worden. Staszek in- formierte das Muse- um, damit sie wie- der instand gesetzt wird. Nicht nur Staszek, Janina, Hanka, Karin Graf und Mitarbeiter der Ju- gendbegegnungstätte waren für das Gelingen der Reise verantwortlich. Un- sere Gruppe war für mich sehr wichtig: Menschen, die Auschwitz nicht ver- drängen, die sich darauf einließen. Dies ermöglichte jedem/r, bei Respekt vor der eigenen individuellen Betroffen- heit eine gemeinsame Auseinanderset- zung und Verantwortung zu erleben. Nicht wenige von uns hatten Eltern/Großeltern mit Nazivergan- genheit. Einig waren wir uns über die Ablehnung der NSVerbrechen und die Wichtigkeit, das in Zukunft zu verhin- dern. Uber Ursachen und Konsequen- zen gab es verschiedene Vorstellungen. Das hätte ich Stas?zek gerne noch ge- fragt: Was bedeutet es, daß du über Auschwitz(in deiner trotz sprachlicher Eigenheiten beklemmend treffsicheren Art) deutsch mit uns sprichst, die Spra- che, die du um den Preis des Uberle- bens lernen mußtest? Wie soll ich es meinen Kindern erzählen, wo ich war und warum und was dort geschah? Ich denke an Stas?zek:„Auschwitz war wie ein großer Misthaufen, da wächst auch kleine Blume.“ Ich werde von der klei- nen Blume erzählen: von Staszeck, zum Beispiel als ihm ein Mithäftling ein Stück Brot in seine Zelle im Block 11 wirft und von seiner Zitrone aus Kana- da. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Auschwitz-Stiftung Budapest Von Szabolcs Szita und Clemens Prinz Die Ungarische Auschwitz Stiftung wurde 1990 von einer Bürgerinitiative gegründet, um eine umfassende wis- senschaftliche Erforschung der Statio- nen des ungarischen Holocaust durch das ihr unterstehende Holocaust Doku- mentations?entrum(HDK) zu verwirk- lichen. Die Stiftung wird durch ein Ku- O iun unter dem Vorsitz von PDr. Tibor Vãmos geleitet. Die Arbeitsschwerpunkte des(HDK), das unter der geschäftlichen Leitung von Gãbor Verõ und der wissenschaft- lichen Leitung von Szabolcs Szita steht, liegen auf: * der zwischen 1938 und 1945 aus re- ligiösen, ethnischen und politischen Gründen betriebenen Menschenjagd, * den Freignissen in den Ghettos, während der Deportationen und in den Konzentrationslagern, * der Zwangsarbeit als eigene Form der ungarischen Judenverfolgung und jeglichen anderen Formen von„Ar- beitsdiensten“, * versuchten und erfolgreichen Menschenrettungen als konkrete Form ungarischen Widerstandes während des Krieges, * der pädagogischen Vermittlung Oe Holocaust in Schulen, * dem geistigen Kampf gegen Intole- ranz und Neonazismus. Zu den wichtigsten Aufgaben der sieben Mitarbeiter des HDK, unter ih- nen ein österreichischer Zivilersatz- dienstleistender, gehören die Samm- lung, Archivierung und wissenschaftli- che Aufarbeitung von Dokumenten und anderen Quellenmaterialien. Dabei wird den erwähnten Menschenrettun- gen größtes Augenmerk geschenkt. Im- mer wieder gehen wir Gerüchten über selbstaufopfernde Aktivitäten einzel- ner Personen nach. Diese Dossiers wer- den nach Vad Vashem weitergeleitet. Auf unseren Vorschlag hin sind mehre- re Ungarn mit dem Titel„Gerechter der Welt' ausgezeichnet worden. Die Weiterentwicklung unserer Fachbibliothek ist nicht zuletzt durch Geld- und Platzmangel ins Stocken ge raten. Monatlich berichten wir in ei- nem Informationsblatt, das wir auch an Zahlreiche ausländische Wissenschaft- ler versenden, über den Stand unserer Arbeiten. Mindestens zweimal jährlich erscheinen die Holocaust-Hefte, die als Forum der ungarischen Holocaustfor- schung fungieren und jungen Wissen- schaftlern die Möglichkeit zur Publika- tion bieten. Die nicht nur darin, son— dern auch in in- und ausländischen Fachzeitschriften veröffentlichten, un- ter der Obhut des HDK entstandenen wissenschaftlichen Arbeiten reichen von Untersuchungen der Folgen der rassischen Gesetzesbeschlüsse und Ras- senschutzpropaganda, den Deportatio- nen, Ermordungen von Juden und poli- tischen Gegnern bis zum Schicksal des Zigeunertums, und dessen eigener Ver- gangenheitsbewältigung. In ihrer Menschlichkeit haben einige unerschütterliche Ungarn versucht, die in Lebensgefahr geratenen Opfer des Nationalsozialismus zZu retten. Eine der Aufgaben der HDK ist die Erinnerung an diese edlen Taten. Besondere Beto- nung findet in unserer Arbeit deshalb die Dokumentation der Selbstrettungs- maßnahmen der ungarischen Juden, der Rettung durch Soldaten, Kirchen, einzelne Regierungsmitglieder und lo— kale Behörden sowie Versuche auslän- discher Diplomaten, ihren Status zur Menschenrettung zu verwenden. Das HDK sammelt und veröffent- licht kontinuierlich Listen über die Opfer der Zwangsarbeit, Interviews mit Uberlebenden der Todes- und Ar- beitslager und schriftliche Memoiren. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer In unserer Bibliothek schlummert viel- fach noch unbekannte osteuropäische Literatur zum Holocaust Deren ef- fektive Nutzung scheitert jedoch an mangelnden Sprachkenntnissen mit uns kooperierender„westlicher“ Wis- senschaftler und Geld für Ubersetzun- gen nicht aufzutreiben ist. Daneben befinden sich umfangrei- che Sammlungen über Majdanek, The- resienstadt, Dachau, Bergen-Belsen, Mauthausen und den Holocaust verleu- gnende Publikationen in unserem Insti- tut. Das HDK unterstützt den Ge- schichtsunterricht in Schulen durch die Bereitstellung von Dokumenten über die Unmenschlichkeiten des zweiten Weltkrieges. Auch werden Studenten und Interessenten zur Durchführung von Forschungsprojekten relevante Dokumente zur Verfügung gestellt. Im Jänner 1999 wurde von uns eine Me- diatorenausbildung gestartet. 75 Päda- gogen werden in drei Kursen in Sachen Pädagogik des Holocaustunterrichts geschult. Das HDK ist einer der Einsatzstellen von„Gedenkdienst“, eines in Gster- reich tätigen Vereins zur Leistung ei- nes Zivilersatzdienstes an Holocaustge- denkstätten. Zur Zeit ist der dritte „Gedenkdiener“ bei uns tätig. Durch ihn erfolgt unter anderem die daten- elektronische Erfassung der noch klei- nen Bibliothek. Die umfassende Doku- mentensammlung wird vorerst noch manuell registriert, stehen uns doch keine zeitgemäßen Arbeitsmittel dafür (Computer, Software) zur Verfügung. Das Archiv setzt sich sowohl aus Op- ferlisten und mit Uberlebenden ange- fertigten Interviews, als auch Kopien von thematisch bedeutenden Quellen- materialien zusammen. Desweiteren werden damalige Presseinformationen, Brinnerungsgegenstände und Kunst- werke, die in der Zeit der Verfolgung entstanden sind, gesammelt. Im Februar 1999 gab das HDK Zehn Holocaust-Hefte und einige Bücher heraus. Zu den wichtigsten zählen „Wege aus der Hölle“(„Utak a pokol- böl'*), das demnächst auch auf Deutsch erscheint,„Ungarn 1944. Verfolgung- Menschenrettung“(„Magya-rors?äg 1944. Uldöztetés- embermentés“) und eine Reihe von 21 Heften, die Doku- mente zur Judenverfolgung aus den je- weiligen Komitatsarchiven enthalten. Auch Ausstellungen und Mahnmale wurden auf Initiative des HDK hin ver- wirklicht. Darunter eine umfassende Ausstellung unter dem Titel„Der Ho locaust in Ungarn“, die internationale Ausstellung„Ohne Fuch hätten wir nicht überlebt“', ein Denkmal für die ungarischen Opfer des KZ Ebensee, ein Mahnmal am Tatort des Massenmordes von Zwangsarbeitern in Balf, ein Denkmal für die Opfer der im Herbst 1944 von Altbuda in Gang gesetzten Todesmärsche und zahlreiche Ge- denktafeln in ganz Ungarn. Nachdem die Platz- und Geldnot un- erträglich ist(neue Bücher finden kei- nen Platz mehr in den Regalen, wir ha- ben Probleme Photokopierpapier zu kaufen), ist das Finden von Geldgebern und einer geeigneten Bleibe von beson- derer Priorität. Bezüglich Umzug und Umwandlung der Auschwitzstiftung in eine öffentliche Stiftung, ist es seitens der ungarischen Regierung noch zu keinen konkreten Initiativen gekom- men. So hängt die Erweiterung de 0 HDK, damit einhergehend, die Einrich- tung einer Holocaust-Sammlung, eines Informations- und Pãdagogikzentrums von einer bevorstehenden Regierungs- entscheidung ab. Wird positiv entschie- den, sollte kommendes Jahr, zum 1000— jährigen Jubiläum der ungarischen Staatsgründung, die Bröffnung dieser Einrichtungen erfolgen. Wir werden schen. Magyar Auschwitz Alapitväny- Hol- ocaust Pokumentãciòs Kõpont H 1071 Budapest, Damjanich u. 9. Tel.& Fax: 0036/1/3426065 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Unseren Mitgliedern herzliche August 01.8. Susanne Rudolph 02.8. Günter Bilgmann 02.8. Dr. Ursula Krause-Schmitt 03.8. Inge Hartwig 03.8. Eduard Wolny 08.8. Katharina Neidert 09.8. Hans-Jürgen Rojahn 09.8. Steffen Gross Doris Graenert Astrid Knöss Elke Maurer Wiebke Lessin Ursula Schmidt Hildegard Moos Joachim Sokolowski Willi Berg Detlev Puls Andrea Wrede Michael Hummel 0 do do d do do d0 d0 50 d0 do do to to to—————— September 03.9. Gotthard Keusch 04. 9. Neithard Dahlen 05.9. Eva Beck-Friedrich 06.9. Ellen Krosch 08.9. Heino Galland O8.9. Karin Mihm 10.9. Rudolf Reiferscheid 129 Martin Grün 14.9. Thomas Krug 14.9. Edgar Nienhuys Dr. Werner Falk Eva Leidescher-Blaschke Peter Hofmann Josef Seuffert Dr. Christian Grosche Gerhard Heyer Karl Hammer Susanne Roth Dr. Bastian Meijer Jutta Wies Harald Skroblies Elke Gross Oktober O1.10. Dr. Margit Proescholdt 02.10. Franz Solms-Laubach 06.10. Prof. Dr. Konrad Huchting 06. 10. Jörg Raab O 0O0—+—— S S S Geburtstagsgrüße 09.10. Helga Leib O9.10. Barbara Reuter 11.10. Walter Matt 11.10. Christa Piotrowski 11.10. Dr. Dieter Reithmeier 14.10. Katharina Fleckenstein 14. 10. Stephan Kahl 16.10. Heinz Betzler 16.10. Jürgen Lindemann 17.10. Rainer Michel 17.10. Peter Reimann 18.10. Helmut Hertel 21.10. Maria Kretzschmann 23.10. Gerhard Gaede 23.10. Regina Hamel 25.10. Nina Melchers 28.10. Cornelia Bandorf 28.10. Dr. Klaus Konrad-Tromsdorf 30.10. Carl Cellarius 31.10. Hans Hirschmann 31.10. Michael Metz November O02.11. Britta Gundlach O4. 11. Joachim Proescholdt 07.11. Hanns Blauert 07.11. Thomas Kremer O8. 11. Klaus Reinhardt 11.11. Aaron Löwenstein 15. 11. Sissi Hajtmanek 16.11. Berthold Zins 17. 11. Susanne Bolczek 17.11. Kerstin Krause 17.11. Wofgang Merten 18.11. Dr. Hans-Joachim Funke 18.11. Hedda Hansen 19. 11. Günther Magel 22.11. Prof. Dr. Klaus Dörner 25.11. Ingeborg Kress 25.11. Edgar Luy 26.11. Rudko Kawczinski 2 ſ 29.11. Hubert Meyer 30.11. Gabriele Abel Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUscrrrz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto- Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf E Hãäftling im K?Z Auschwitz vom bis Hãftl.-Nr. Q Häftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. E Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Hãäftl. Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen W HELFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS „ aT AU0SCFWzZ c EB AUScrrrzER Farbkarte 113 Mitteilungsblatt, August 1999