LAGERGEMEINSCHAET AUSCEHWTA REUNDESKREIS DER AUSCHWTAZER AUSCEHMWT2 eeee —— — 18. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, September 1998 Karin Gxnt᷑ Zitronen aus Kanada Das Lehen mir Auschrwitz des Sranislaw Hant Biograſische Erzãhiunen „Zitronen aus Kanada“(ISBN 3-00-0026991) ist im Juli 1998 erschienen(Vgl. S. 28 ff). Es ist zu beziehen bei Karin Graf, Philosophenweg 6 in 34121 Kassel. Bezahlung per Scheck oder Rechnung: 24,90 DM pro Exemplar plus Porto von 2,50 DM. Zu erhalten ist das Buch auch am 2. September in Frankfurt/ Main bei der Veranstaltung der Lagergemein- Schaft Auschwitz-Freundeskreis Giehe Seite Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Zeitzeugengespräch mit Karl Ulbrich am 2. September, 19.30 Uhr Eine durch Gegnerschaft zum Nazi-Regime geprägte Jugendzeit Karl Ulbrich ist im September Gast beim Monatstreffen der Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer. Es findet am Mittwoch, 2. September, um 19.30 Uhr in Frankfurt Main im Haus der evangelischen St. Katharinengemeinde, Wolfsgangstr. 109 statt. Die Jugendzeit des 1924 in Giers- Mort im Riesengebierge geborenen Karl Ulbrich war geprägt durch die Gegnerschaft der Eltern zum Nazi- Regime. Diese Gegnerschaft ver- heimlichten die Fltern jedoch vor den Kindern, weil sie befürchteten, diese könnten sich„verplappern“ und die Familie in Gefahr bringen. Politisches Engagement innerhalb der Arbeiterbewegung hat in der Fa- milie von Karl Ulbrich Tradition. Der Urgroßvater nahm am Weber- aufstand teil. Sein Großvater, einst Wandergeselle, baute eine Bau- und Möbelschreinerei auf und gründete in Bunzlau die AOK. Der Vater schlug sich im ersten Weltkrieg aus sibirischer Gefangenschaft nach Deutschland durch und wurde in 0 Mitglied des Soldatenrates. Von Beruf war Karl Ulbrichs Va- ter Lehrer und in der Weimarer Re- publik war er in Hirschberg Vorsit- zender der SPD-Kreistagsfraktion. Die Mutter war in der Arbeiterwohl- fahrt engagiert. Anfang 1933 wurde der Vater von Karl Ulbrich entlas- sen und die Familie mußte umge- hend die Dienstwohnung räumen. 1935 hatte sich der Vater vor dem Reichsdis?ziplinarhof in Berlin zu verantworten. Gemeinsam mit dem Sohn ging er öfter illegal in die Karl Ulbrich bei einer Diskussion mit Schülern in Bad Vilbel. Tschechoslowakei. Erst später er- zählte er, daß auf dem Rückweg Flugblätter ins„Reich'“ geholt wur- den. Als zum Kriegsdienst ver- pflichteter Soldat hatte der Vater ab 1940 Verbindung zur Widerstands- gruppe des Kreisauer Kreises. Karl Ulbrich war Schüler der Oberschule(nternat) und es drohte ihm, zur S8 eingezogen zu werden. Um dem zu entgehen, meldete er sich auf Anraten von Freunden frei- willig zur Wehrmacht. Mit 16 Jahren wurde er eingezogen, kam zum'Be- währungseinsatz“ an die Front und mußte erleben, wie viele Freunde starben. Mit 17 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Inhaltsverzeichnis Seite Zeitzeugengespräch am 2. September in Frankfurt 1 Offenes Mitgliedertreffen jeden ersten Mittwoch im Monat 3 Fahrt ins ehemalige KZ Dora-Mittelbau 4 »Versuche einer Psychologie des Terrors“ 6 zu den Studien des KZHäftlings Ernst Federn Zur Praxis der Finziehung jüdischen Vermögens im PDritten Reich 0 dokumentiert an einem Beispiel der Allianz-Versicherung I6 Farben aufmischen 13 Weiterhin keine Entschädigung für IG-Zwangsarbeiter 14 Mordgesellschaft I6 Farben sofort auflösen' 15 Aufruf der Kampagne Nie wieder? I6 Farben-Führend in der Welt 18 Diethardt Stamm wiederholt Vorträge im Dezember Aus dem Jenseits zurück“ 19 zum Lebensbericht des Auschwit?-Häftlings Tadeus?z Sobolewic?z »Ein persönlicher Reisebericht“ 22 zur Studienfahrt nach Auschwitz und Krakow Die Verhaftung%9 Nachdruck eines Kapitels aus dem Buch'Zitronen aus Kanada“ Dokumentationsraum Sobibor 31 Geburtstagsgrüße 33 IMPRESSUM: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Redaktion: Hans Hirschmann Mitarbeit: Anni Roßmann-Reineck, Joachim Proescholdt, Karin Graf, Diethardt Stamm, Matthias Tiessen, Klaus Konrad-Tromsdorf Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Offentliche Vereinstreffen jeden ersten Mittwoch im Monat Lob und Tadel der Vereinsarbeit Was könnte, was sollte sich an der Vereinsarbeit der Lagergemein- schaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer ändern? Welche Themenbereiche werden vernachlässigt, auf welche wird vielleicht zu viel Wert gelegt? Wie können sich Mitglieder und Interessierte besser an der Vereinsarbeit beteiligen? Diesen und vergleichbaren Fragen wird sich der Vorstand in einer Art eneraldebatte beim öffentlichen Monatstreffen am Mittwoch, dem 7. Oktober, um 19.30 Uhr in Frankfurt stellen. Aufgefordert zur Aussprache sind alle, die Kritik- positiv wie negativ- vorbringen möchten und die jenseits aller Tagesord- nung bei offiziellen Mitgliederversammlungen darüber debattieren wollen. Getagt wird wie immer im Haus der evangelischen St. Katharinengemeinde Frankfurt, Wolfsgangstraße 109. Auch im November und im Dezember findet am jeweils ersten Mittwoch- es ist der 4. November und der 2. Dezember- um 19.30 Uhr ein offenes Monatstreffen der Lagergemeinschaft- Freundeskreis statt. Aufgrund der Ferienzeit konnten konkrete Themenvereinbarungen nicht getroffen wer- den. Sie werden rechtzeitig in der Tagespresse angekündigt. Gastspiel am Donnerstag, dem 10. September, im Kino Traumstern Coco Schumann konzertiert in Lich Coco Schumann, bekannter Jazz- Musiker aus Berlin, hat im vergangenen Jahr seine Erinnerungen unter dem Titel Der Ghetto-Swinger“ veröffent- licht. Er berichtet in diesem Buch erstmals über seine Haft in den Konzen- trations lagern Theresienstadt und Auschwitz. Er spricht über seine Verhaf- tung 1943, sein erzwungenes Mitwirken in dem Propagandafilm»Der Füh- rer schenkt den Juden eine Stadt“, seine anschließende Deportation nach Auschwitz. Am Donnerstag, dem 10. September, spielt Coco Schumann im Licher Kino Traumstern-Beginn ist um 20 Uhr. Im Anschluß an das Konzert plant das Kino die Vorführung eines Fernseh-Portraits von Coco Schumann. (Vnklar ist jedoch, ob sich dies auch realisieren läßt.) Kartenvorverkauf für das Coco Schumann-Konzert: Kino Traumstern in Lich, Gießener Straße, Tel. 064043810. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Besichtigung des Stollens der V NProduktion bei Nordhausen Besuch im ehemaligen K?Z Dora-Mittelbau Zu einem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Dora-Mittelbau laden wir am 3. und 4. Oktober ein. Der 3. Oktober ist für die Anreise und eventuell einer gemeinsamen Unternehmung in Nordhausen vorgesehen, der 4. Oktober zur Besichtigung im Museum des ehemaligen KZ-Geländes. Es ist auch möglich nur am Sonntag, 4. Oktober, an dem Termin in Dora- Mittelbau teilzunehmen. Folgender Ablauf ist vorgesehen: G Samstag, Z. Oktober: vormittags Anreise nach Nordhausen, entweder mit eigenem Pkw oder mit Fahrgemeinschaften. Nachmittags Besuch des kleinen Museums der Gedenkstätte Dora-Mittelbau, abends eventuell Be- such im Theater Nordhausen(Spielplan steht noch nicht fest). Ubernach- tung in einem Hotel in Nordhausen. Sonntag, 4d. Oktober: erweiterte Gruppenführung durch die Außenanla- gen des ehemaligen Konzentrationslagers und Besichtigung des unterirdi- schen Stollen, in dem KZ-Häftlinge untergebracht waren und arbeiteten. Hinweis: Von Frankfurt aus dauert die Anfahrt nach Nordhausen rund vier Stunden, Wer nicht in Nordhausen übernachten möchte, kann am Sonntag dazukommen; das Programm ist so gestaltet, daß ein problemloser Finstieg am zweiten Tag möglich ist. Teilnahmepreis(bei eigener Anreise und Verpflegung): mit Ubernachtung in Nordhausen 100 Mark, ohne Ubernachtung 30 Mark. Schriftliche Anmeldung 0 bitte bis 15. September richten an: Karin Graf, Philosophenweg6 in 34121 Kassel. Uberweisungen werden erbeten unter dem Stichwort Pora-Fahrt“ auf das Konto der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer bei der Sparkasse Wetterau(Bankleitzahl: 518 500 79) Kontonummer 20 000 660 erbeten. Im September geht den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein detaillier- tes Programm mit allen organisatorischen Informationen zu.. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 Zur Geschichte des Konzentrationslagers Dora-Mittelbau Das KZ Dora wurde im August 1943 als Außenkommando von Buchen- wald errichtet. Ziel war es, KZ-Häftlinge für die Massenfertigung der Rakete V 2 in den Stollen des Kohnsteins einzusetzen.(Im Nazi-Jargon bedeutete V= Vergeltungswaffe.) 60.000 Menschen aus über 40 Nationen wurden in das KZ Dora-Mittelbau verschleppt. Mehr als 20.000 dieser Häft- linge überlebten die Haft und die Ausbeutung nicht. Unter katastrophalen Verhältnissen bauten KZ-Häftlinge die Stollen in kürzester Zeit zur unterirdischen Fabrik aus. Die ersten Monate arbeiteten und schliefen sie in den Kammern unter der Erde nicht nur in Dunkelheit, ässe und unvorstellbarer Enge, sie waren auch ständig dem Lärm, Staub und Gestank durch die Sprengungen ausgesetzt. Später wurde ein oberirdi- sches Barackenlager errichtet, in das die als Sklaven gehaltenen Häftlinge- im Dezember 1943 waren es bereits über 10.000 Menschen-schließlich im Frühjahr 1944 umquartiert wurden. Produktion der V-Waffen im Kohnstein Schon im Januar 1944 liefen die ersten 50 VW 2 Raketen vom Band. Durch den Ehrgeiz der Wissenschaftler und Konstrukteure getrieben, mußten die KZ-Häftlinge unter Bewachung der S8 und unter Aufsicht von Zivilisten in den Produktionshallen arbeiten. Dora wird eigenständiges KZ Mit der Verlagerung weiterer Rüstungsprogramme in den mitteldeut- schen Raum wuchs die Bedeutung des Lagers bei Nordhausen. Am 1. Okto- ber 1944 wurde es zum selbständigen Konzentrationslager. Gegen Ende des Krieges breitete sich der KZ-Komplex mit seinen zahlreichen Außenlagern 6 den gesamten Harz aus. Die KZ-Haft und ihre Folgen Kaum einer der Beteiligten mußte sich nach 1945 für seine Aktivitäten in diesem riesigen unterirdischen Rüstungsobjekt verantworten. Wissen- schaftler und Ingenieure konnten ihre Karriere ungebrochen fortsetzen. Die ehemaligen KZ-Häftlinge leiden bis heute physisch und psychisch an den Folgen ihrer Haft und Zwangsarbeit. (Fast wortgetreu aus:'Ausstellung zum 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Dora-Mittelbau“ in der heutigen Gedenkstätte.) n 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Studien des KZ-Hãäftlings Ernst Federn erscheinen im November Versuche zur Psychologie des Terrors'? Für November 1998 ist das Erscheinen des von Roland Kaufhold im Gie- ßener Psychochsozial-Verlag herausgegebene Bandes»Ernst Federn: Versu- che zur Psychologie des Terrors“ angekündigt(280 Seiten, ca. 38 DM). Damit sind dann alle psychologischen Studien des Wiener Psychoanalyti- kers und Sozialtherapeuten Ernst Federn zugänglich, schreibt Roland Kaufhold. Folgende Auszüge stammen aus seiner Finführung: Ernst Federn wurde von 1938 bis 1945 von den Nazis wegen anti- faschistischen Betätigungen und sei- ner jüdischen Abstammung in Dachau und Buchenwald gefangen gehalten. Gemeinsam mit seinem Mithäftling Bruno Bettelheim ver- faßte Federn noch im Lager gedank- lich die Grundzüge einer Psycholo- gie des Terrors. 1945/46 schrieb er in Brüssel seine Studien'Versuch einer Psychologie des Terrors“ und Der Terror als System: Das Konzentrati- onslager' nieder. Diese Arbeiten behandeln in sy— Stematisierender Form die Grund- merkmale und Methoden einer Psy- chologie der Fxtremsituation, die Federn mit dem Begriff des Terrors zu fassen versucht. Er unterscheidet hierbei zwischen physischer(Hun- ger, Durst, Uberarbeitung, Schlaf- entzug, körperlichen Mißhandlun- gen usw.) und psychischer Folter (Scheinhinrichtungen. Ermordung von Verwandten und Freunden, ständige Demütigungen, das Ge— zwungensein, selbst Gewalt gegen Mithäftlinge auszuüben sowie gegen eigene moralische Grundsätze zu handeln). Die Verknüpfung von physischem und psychischem Terror sind kennzeichnend für das System Konzentrationslager als'höchstent- wickelte“ Form der zynischen Bar barei. EFine Barbarei, die auch nicht davor zurückschreckte, die Tendenz zur Anpassung an den Terror dazu einzusetzen, Gefangene'durch das infame Band der aufgezwungenen Mittäterschaft“(Primo Levi) als Unteraufseher zu mißbrauchen und Zynisch auszunutzen. Federns Studie erregte auch des- halb Widerstand, weil er in ihr die These von der Kollektivschuld'“, ei- nes schlichten Gegenüber von Gu- ten und Bösen e n Opfern“ ablehnt. Er ist sich hierin unter anderem mit Primo Levi einig, der hierzu ausgeführt hat:'Pie Ver- mutung, ein abgefeimtes System, wie es der Nationalsozialismus war, Spreche seine Opfer heilig, ist nuin absurd und historischfalsch im 60 genteil- es deg radiert sie und vert leibt sie Sich ein, und zwar um s0 mehr, je disponibler die Opfer vind. je ahnungsloser, je weniger politi- Sches und moralisches Ristzeug vie hesitzen.(Levi: Die Untergegange- nen und die Geretieen Stattdessen liefert Federn eine sehr differenzierte Sicht auf das Innenle- ben des Lagers, das in gewisser Wei- se als gespenstischer, psychotischer Mikrokosmos das Abbild des totali- tären Großen Reiches' war. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 7 Zur Praxis der Einziehung jüdischen Vermögens im Dritten Reich VONIHNEN IST DAHER FESTSTELLUNGSENTSCHEID DES CHEFS DER SCHERHEITSPOLIZEI UND DES SD ZU BEANTRAGFN.. Fine Recherche von Klaus Konrad-Tromsdorf * Die Affäre um die Geschäfts- praktiken, die Schweizer Banken mit Nazi-Deutschland pflegten(Raub- gold', nachrichtenlose Konten' von Holocaust-Opfern), hat mittlerweile auch den Blick für entsprechende Vorgänge geschärft, die von deut- schen Versicherungen(Allianz*) und Geschäftsbanken(Deutsche Bank', Dresdner Bank') zu verant- worten sind. Zwar sind die Rahmen- bedingungen bekannt, unter denen die Einziehung jüdischen Vermö- gens vonstatten ging, es gibt jedoch wenig Hinweise auf die'interne Pra- Xis' dieser Exploitation. Möglicher- weise würde jedoch gerade hier- durch die Frage nach dem Wissen von Versicherungen und Banken über das Schicksal der Deportierten iner Antwort zugeführt werden önnen. Daß in einer solchen Ant- wort heute die eigentliche Brisanz der Problematik gesehen wird- zu- mindest auf Seiten der jeweiligen Unternehmen zeigt beispielsweise das thematische Dossier der'ZEIT* (Nr. 25 vom 10. Juni 1998), Uber- Schrift'Sie wußten, was lief'. Inter- essant auch, daß der Historiker Christopher Kopper in eben jenem Dossier Konstatiert, daß die Deutsche und die Presdner Bank bei der Verwertung des(Raub)-goldes Beihilfe(leisteten),“ allerdings zur Schlußfolgerung kommt, daß'(sie) kunft des SS-Goldes aber von einer Mitverantwortung für den Gold- raub an den europäischen Juden freizusprechen(Sind)“(Vgl. S. 22). Zumindest die Raubgold-Geschäf- te der Deutschen und Dresdner Bank werden derzeit von Histori- kern untersucht, mit ersten Ergeb- nissen ist in nächster Zeit zu rech- nen. Noch nicht untersucht wird al- lerdings die Rolle, die deutsche Ban- ken bei der Finziehung jüdischer Vermõgenswerte gespielt haben (S. O.). An einem Finzelbeispiel möch- te ich zeigen, zu welchen Schlußfol- gerungen eine solche Untersuchung möglicherweise führen könnte. Zu- nächst eine kurze Zusammenfas- sung der damaligen Rahmenbedin- gungen: Im Zuge der'antijüdischen Maßnahmen' des NS-Regimes wurde am 29. April 1938 vom Reichsinnen- ministerium die Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden' erlassen. Oberhalb einer Grenze von 5000 RM waren sämtli- che Vermögenswerte im In- und Ausland anzugeben, dies betraf auch Wertpapierbesitz und Lebens- versicherungen(vgl. hierzu ausführ- lich Barkai, A.: Vom Boykott zur Entjudung, Frankfurt Main 1988, S. 128 ff). Mit dem Beginn der Depor- tationen im Herbst 1941 wurde die 11. Durchführungsverordnung zum 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer sen, die zum Ziel hatte, den Rechts- status der Deportierten als'deut- sche Staatsangehörige' aufzuheben (gl. hierzu ausführlich Vahil, L.: Die Shoa, dtsch. Ubers. München 1 998). Im November 1941 wurden die beiden Hauptbestimmungen dieser Durchführungsverordnung verõf- fentlicht, deren Kernsätze lauteten: 7. Ein Jude, der Seinen gewöhnli- chen Aufenthalt im Ausland hat, kann nicht deutscher Staatshürger S(, 2. Das Vermögen des Juden, der die deutsche Staatsangehörigkeit verliert, verfdllt mit dem Verlust der Staatsangehérigkeit dem Reich. Dem Reich verfallt ferner das Vert mõgen der Juden, die beim Inkraft- treten dieser Verordnung satenlos Sind und ⁊uletat die deutsche Staats- angehörigkeit besessen haben, wenn sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland haben oder nehmen.“ (Vahil, S. 407). Es dürfte unmittelbar evident sein, daß diese Durchführungsver- ordnung in Verbindung mit der Ver- mögensanmeldung vom 29. April 1938 die formalrechtliche Handhabe zur Vermögenskonfiskation der De- portierten bot. Nun zu dem bereits erwähnten Finzelbeispiel: Inge So- phie Hahn wird am 12. August 1926 geboren. Ihre Fltern, der Rechtsan- walt Ernst Hahn und seine Ehefrau Henriette, geb. Chambré, jüdische Deutsche, leben in Berlin. Kurz vor dem Novembergpogrom 1938 flieht die Familie nach Morlanwelz in Bel- gien. In diesem Ort lebt die bereits 1933 geflohene Familie von Hen- riette(Eltern, jüngere Schwester und jüngerer Bruder). Die Familie Hahn wohnt in der Rue du Coeur 41. Inge Sophie Hahn besitzt bei der Dresdner Bank in Berlin W 8 ein Konto und ein Wertpapierdepot. Mit Datum vom 9. Oktober 1 942 wendet sich die Dresdner Bank an die Vermögensverwertung' des Oberfi- nanzpräsidenten von Berlin-Bran- denburg und teilt aufgrund der o.g. 11. Verordnung zum Reichsbürgerge- setz die bei ihr vorhandenen Vermö- genswerte ebenso mit wie die letzte Berliner Adresse der Familie Hahn GBerlin W 50, Budapester Str. 430 und die Tatsache, daß die Bank be- reits am 23. Dezember 1938 über die als Auswanderung“ bezeichnete Flucht nach Belgien informiert ist. Auch die neue Anschrift ist der Bank bekannt(vgl. hierzu und im folgenden die auf den Seiten 9—11 abgedruckten Dokumente). Aus dem Inhalt des Schreibens (Dokument auf den Seiten 9 und 10) geht nicht eindeutig hervor, ob es sich um eine Anmeldung' der Ver- mögenswerte aufgrund der Durch- führungsverordnung handelt(das würde der'Betreff' nahelegen), oder um eine Replik auf eine womöglich standardisierte Anfrage des Oberfid nanzpräsidenten. Hierfür könnte der Satz sprechen, der* Zweifel über den Fintritt des Vermögensver- falls.. formuliert. Interessant ist vor allem die Auf— forderung an die Finanzverwaltung, über den*.. Fintritt des Vermögens- verfalls Feststellungsentscheid des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD..* zu beantragen. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), diejenige Behörde, die für die Deportation und Vernichtung Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 — Rerzn oxerclunucvtecenten Beran—— Brandenburg ½ e n z 40* et e— . Berr vergc a 2eeebereereeete —n 22 Koxenber 24 — 75.2 der e Srerten. N— vber a5 S aes ereret da- 3. etenen⸗ una aaner von— Sre cnets aer Stterxetpotte nd des 8 zu — tsr: . 4 — ———-——— 10 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer n —— ——— Leitee nschrit: Z⸗Hd.⸗Hern Ernst Torsel . Berin 750 Stx.43. 5 e ausLänd 8 seprart: 1Hd. Ernst Tsraei rkerrerneftele. 41, 1u du couer 4 5 3 nene u oeuratt reon aergl. nur genohx gurg 3 des ForanndeehattegeriSue erinCharottenburg Sonte 8 Srcatrangohbrgkot 2312 38 erheten dte M tte- Zuns Ser e10 Bſeßaark. eeee R. 108 35 ezccerererchen R. 38 Zn 53588 oph orr oe. reveter eerrec 5 atedr W25 t i r 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 der europäischen Juden'zuständig' war. Worin könnte nun der'Feststel- lungsentscheid' bestehen, den die Dresdner Bank so dringend zu benö- tigen meint, um den Pintritt des Vermõgensverfalls'- und damit die Ablieferung des Vermögens von In- ge Sophie Hahn an den Oberfinanz- präsidenten- bestätigt zu sehen? Auch hier bieten sich, meine ich, zu— mindest zwei Möglichkeiten an. Zum einen- das legt der Verweis auf die 11. Durchführungsverord- nung nahe- könnte dieser Entscheid in einer Bestätigung dahingehend bestehen, daß Inge Sophie Hahn im Sinne der Ziffern 1 und 2 der Ver- ordnung keine deutsche Staatsbür- gerschaft mehr besitzt, ihr Vermö- gen daher dem Reich zuzuführen ist. Diese Möglichkeit halte ich aller- dings für eher unwahrscheinlich: Der Dresdner Bank ist ausweislich ihres o. a. Schreibens der Aufent- haltsort von Inge Sophie Hahn be- kannt; ebenfalls bekannt, da veröf- fentlicht, sind seit fast einem Jahr die Bestimmungen der Durchfüh- rungsverordnung(S. O.). Es wäre von daher nicht unbedingt zwingend, die erneute Bestätigung eines schon be- kannten Sachverhaltes zu fordern. Zudem bleibt offen, aus welchem Grund ausgerechnet das RSHA um einen Entscheid gebeten wird, dieser hätte, ginge es um eine schlichte Ve- rifikation des Aufenthalts- und Wohnortes, auch durch die deutsche Militärverwaltung im besetzten Bel- gien erfolgen können. Zum anderen könnte der verlang- Suatengepõntieit te Feststellungsentscheid des RSHA darauf hinweisen, daß der Dresdner Bank im Oktober 1942 die Tatsache bekannt ist, daß seit dem 22. Juli in Belgien lebende Juden deportiert werden und daß hierfür das Reichs- sicherheitshauptamt verantwortlich ist. Fin Festellungsentscheid hätte also auch darin bestehen können, eine Deportation zu bestätigen(z.B. aufgrund der deutschen Karteikar- te, die die Deportation mit der Be- zeichnung Arbeitseinsatz' ver- merkt; vgl. Dokument, schräger Stempelaufdruck unten). Ehemann Ehe rau— Einwanderung den 1 2) Belglsche kinbürgerung den nen dentin Aaresne uontaELZ rue Coeur⸗ Konlesslon Ne Tatsächlich ist Inge Sophie Hahn zusammen mit ihren Großeltern und ihrer Cousine bereits am 4. Au- gust 1942 vom belgischen Lager Malins aus nach Auschwitz-Birke- nau deportiert worden. Dieser erste RSHA-Transport erreicht das Ver- nichtungslager am 5. August. Inge Sophie Hahn dürfte zu denjenigen Deportierten gehört haben, die nicht sofort umgebracht, sondern in das Hãftlingslager eingeliefert werden. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer v In Auschwitz ermordet: Inge Sophie Hahn(links) mit Mutter Henriette und der jüngeren Schwester Monika. Das'Standesamt' Auschwitz ver- zeichnet ihren Tod am 29. August 1942, wie eine aufgrund der in Au- Schwitz erhalten gebliebenen Unter- lagen vom Sonderstandesamt Arol- sen ausgestellte Sterbeurkunde be- legt. Auch diese Information ist zum Zeitpunkt des Anschreibens der Dresdner Bank dem RSHA bekannt, da das'Stan-desamt' Auschwitz, zur dortigen»Politischen Abteilung' gehörend, Zahl und Namen der Er- mordeten nach Berlin meldete, sie hätte durchaus in einem Feststel- lungsentscheid enthalten sein kön- nen(vgl. hierzu: R. Kagan: in Adler u. a.: Auschwitz, Zeugnisse u. Berich- te, Köln/Frankfurt 1962). Man mag einwenden, daß es un- wahrscheinlich ist, daß die Sterbeur- kunden des'Standesamtes' Ausch- wit? seinerzeit öffentlich bekannt geworden seien. Dieser Einwand ist jedoch nicht stichhaltig, wurden doch die'Heimatstandesämter' der Ermordeten von deren Tod in Kenntnis gesetzt(vgl. Kagan, S. 154). Und es gab dort wiederum Standes- beamte, die sich über die große Zahl von Sterbefällen in diesem Ort Auschwitz' wunderten(die Urkun- den wurden, wie üblich, fortlaufend numeriert). Kagan berichtet von zwei diesbezüglichen schriftlichen Anfragen von Standesämtern in Thüringen und Oldenburg an das 'Standesamt' in Auschwitz. Es be- steht also durchaus die Möglichkeit, daß das Wissen der Banken größer war, als bisher angenommen. Was bleibt, ist die Archive der deutschen Banken dahingehend zu untersu- chen, welche direkten oder indirek- ten Hinweise auf das Schicksal der Deportierten diese'Feststellungsent- scheide' haben vermitteln können: Konnten sie also wissen, was lief? Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Mit per Vollmacht übertragenen[G-Farben-Aktien können auch Nicht-Aktionäre an der Hauptversammlung teilnehmen IC Farben aufmischen von Diethardt Stamm Die Hauptversammlung der I6 Farbenindustrie i. A. findet auch in diesem Jahr in Frankfurt/ Main statt. Der Termin stand bei Redak- tionsschluß des Mitteilungsblattes noch nicht fest. Interessenten soll- ten die Tagespresse verfolgen oder ab September sich bei Diethardt Stamm(Telefon 06004„ 2209) erkundigen. Möglicherweise kommt es wie im letzten Jahr aufgrund von Protesten zu monatelangen Ver- schiebungen. Wichtig ist, daß nicht nur eine starke Demonstration vor dem Ver- sammlungsort, sondern auch in der Versammlung stattfindet. Seit Jah- ren sind wir in den jeweiligen Ta- gungsräumen nur eine kleine Min- derheit, die sich den verbalen und teilweise auch körperlich aggressi- ven Attacken ewig Gestriger und ih- rer jungen Helfershelfer aussetzt. Daß man mit diesen und einem ziemlich übel agierenden Vorstands- leuchtet ein und ist verständlich. Aber- soll man diese machen lassen, was sie wollen? Viel spricht auch für noch mehr Protest und aktives Ge- genhandeln. Uns haben sie im letz- ten Jahr sogar die Mitteilungshefte der Lagergemeinschaft und natür- lich die wenigen Flugblätter weg ge- nommen. Wären wir ein paar Dut- zend mehr Personen gewesen, hätte sich dies schwieriger realisieren las- sen. Um selbst in die Hauptversamm- lung zu gelangen, müssen einige Formalitäten erledigt werden. Ent- weder ist man Aktionär oder man läßt sich Aktien der I6 Farben i. A. übertragen. Fine Aktie im Nominal- wert von 100 Reichsmark kostet zwi- schen zwei und drei Mark. Davon kann man ein paar kaufen, muß aber dann meistens 30 bis 40 Mark Depotgebühren bezahlen. Man hat damit aber das Recht erlangt, schriftliche Gegenanträge in der Hauptversammlung zu stellen. Die andere Variante ist das Uber- tragen von Aktien per Vollmacht. Auch damit hat man Anrecht auf Teilnahme an der Hauptversamm- lung. Matthias Tiessen und Diet- hardt Stamm- beides Aktionäre der I6 Farben und Vorstandsmitglieder der Lagergemeinschaft- Freundes- kreis- betätigen sich gerne mit einer solchen Aktienübertragung an an- dere als'Schleuser'. Wer also Inter- esse an diesem Verfahren hat, möge sich beim Vorstand melden, damit die Ubertragungen organisiert wer- den können. Gemeinsam sind wir stark, heißt auch hier die Devise. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Millionen von Menschen wurden als Arbeitsskalven ausgebeutet Deutscher Staat und Unternehmen verweigern weiterhin Entschädigung für Zwangsarbeit Das Sklavenarbeits- und'Vernichtung durch Arbeit“-Programm des nationalsozialistischen Deutschlands war nach Ende des Zweiten Weltkrieges als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Mensch- heit in mehreren Prozessen angeklagt worden. Der Auffassung, daß es sich bei der Zwangsarbeit im Herrschaftsgebiet des Deutschen Rei- ches um das'wahrscheinlich größte Sklavenunternehmen in der Geschichte“- so das Nürnberger Tribunal- handelte, konnte sich die Bundesrepublik nie anschließen. Nicht ohne Grund, denn eine wichti- ge Grundlage für den späteren wirtschaftlichen Aufstieg der BRD wurde von eben diesen Zwangsarbeitern geschaffen, wie die Kampa- gne'Nie wieder? anläßlich des 50. Jahrestages der Urteilsverkündung im Nürnberger Prozeß gegen die Interessengemeinschaft(I6) Farben erinnert. Von den durch Zwangsarbeit ausgebeuteten Opfern wurde nur ein kleiner Teil mit lächerlichen Geldbeträgen entschädigt. Im Herbst 1944 arbeiteten zwi- schen neun und zehn Millionen Menschen zwangsweise in Deutsch- land und rund 13 Millionen in den von der Wehrmacht besetzten Län- dern. Der deutsche Staat war größ- ter Nutznießer von Zwangsarbeit, er Setzte die Arbeitssklaven zum Stra- ßen- und Gleisbau, zu Aufräumar- beiten und in der Rüstungsindustrie ein. Zwangsarbeiterinnen und ar- beiter waren überall sichtbar: auf dem Land auf den Feldern und in den Städten. Deutsche aller Schich- ten profitierten von der unmensch- lichen Ausbeutung der verschlepp- ten Kriegsgefangenen und Häftlin- ge. Ungefähr 12.000 Unternehmen jeder Größe beschäftigten Zwangs- arbeiter. In den vergangenen Mona- ten haben sich einige dieser Unter- nehmen durchgerungen, Zahlungen an die wenigen noch lebenden ehe- maligen Arbeitssklaven?u leisten. Für die Mehrzahl der überlebenden Opfer kommt dies zu spät, die mei- sten sind mittlerweile verstorben, ohne einen Pfennig Entschädigung erhalten zu haben. Und ohne Druck von außen, wãre auch beispielsweise nicht daran zu denken, daß Volks- wagen nun beabsichtigt, einen Pri- vatfonds? zu gründen, um ehemali- gen Zwangsarbeiterinnen und ar- beitern'humanitäre Hilfe“ zu lei- sten; dies ist kein freiwilliges Unter- fangen, sondern das Ergebnis jahr- zehntelanger Proteste. Die meisten großen Unternehmen verweigern jedoch auch heute noch individuelle Zahlungen. Siemens, Bosch, Mercedes Benz und Bayer, BASF und Hoechst, die Nachfolge- firmen der I6 Farben, sowie viele mittelständische Betriebe verleug- nen ihre historische und moralische Verantwortung mit der Behauptung, die Zwangsarbeiter wären ihnen vom Staat aufgezwungen worden- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 eine Geschichtslüge, die trotz an- derslautender Forschungsergebnisse fortwãhrend wiederholt wird. Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer zählt auch dieses Jahr zu den Erst- unterzeichnern des Aufrufs der Kampagne Nie wieder', die im nunmehr 50. Jahr nach dem Kriegs- verbrecherprozeß gegen die I6 Far- en für eine Auflösung der Mord- G nn und eine Entschädi- gung der chemaligen Zwangsarbei- terinnen und Zwangsarbeiter mobi- lisiert. Zur Zeit befindet sich der Vorstand der IG Farben i. A.(in Ab- wicklung) in Frankfurt am Main er- neut auf der Suche nach einem Saal für die Jahreshauptversammlung der Aktionäre. Die nun schon über vierzig Jahre währende Abwicklung ist eine beständige Verhöhnung der im Krieg als Arbeitssklaven miß- brauchten KZ-Häftlinge. Wie auch im Mitteilungsblatt ausführlich be— richtet, konnte die Protestbewegung gegen die Weiterführung des Nazi- Trustes im vergangenen Jahr errei- chen, daß kein Hotel in Frankfurt Räume für die I6 Farben-Versamm- lung zur Verfügung stellte und die- se vom Sommer in den Winter ver- Schoben und in einer Firmenhalle im Industriegebiet stattfinden mußte. Obwohl der Termin mit dem 22. De- zember bereits in den Weihnachtsfe- rien lag, waren mehr Demonstran- tinnen und Demonstranten vor Ort als Aktionäre. Die Proteste für die Entschädigung der Opfer und gegen die Verleugnung des Verbrechens der Zwangsarbeit sollen 1998 ausge- weitet werden. Ziel ist es die nächste Aktionärsversammlung im Vorfeld oder am angekündigten Termin au- ßer- und innerhalb des Tagungsortes undurchführbar zu machen. Aufruf der Kampagne Nie wieder?(eicht gekürzte Fassung) Mordgesellschaft I6 Farben sofort auflösen, Opfer der Zwangsarbeit endlich entschädigen Die Urteilsverkündung im Prozeß gen die I6 Farben vor dem Nürn- erger Kriegsverbrechertribunal jährte sich am 29. Juli 1998 zum 50. Mal. Die Anklagepunkte lauteten damals unter anderem auf Beteili- gung an Vorbereitung und Durch- führung des Angriffkrieges Nazi- Deutschlands, auf Sklaverei und auf Raub und Plünderung. Verantwortung für Krieg und Verbrechen Nazi-Deutschlands Die I6 Farben, der Zusammen- schluß von Agfa, BASF, Bayer, Hoechst und einiger kleinerer deut- scher Chemiefirmen, steht wie kaum ein anderer Konzern für die enge Verflechtung zwischen der deutschen Wirtschaft und dem na- tionalsozialistischem Terror-Regime. Die I6 Farben profitierte von der Politik der NSDAP wie die Nazis von der Unterstützung durch die I6 Farben profitierten. Die 16 Farben war der größte Einzel-Finanzier der NSDAP, die Konzernbosse bauten damit maßgeblich die Partei auf, be- fürworteten ausdrücklich deren Kriegspläne und schafften mit ihren Hitler persönlich gemachten Zusi- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer cherungen der Lieferung von Treib- stoff, Munition etc. überhaupt erst für Nazi-Deutschland die Möglich- keit, einen internationalen Krieg los- zubrechen. Der Vorstand der I16 Farben legte seine Interessen in ei- nem Papier mit dem Titel Neu- ordnung“ nieder. Dort plante die I6 Farben die(wirtschaftliche) Frobe- rung der Welt im Gefolge der natio- nalsozialistischen Heerscharen. Die I6 Farben mit ihren Nieder- lassungen, Töchtern und Verbin— dungen in aller Welt, auch in den USA, verdiente auf beiden Seiten der(West-) Front. Sowohl die Bom- ber Nazi-Deutschlands, als auch die Flugzeuge der West-Alliierten flo- gen mit I6 Farben-Sprit. Der Kon- zern verdiente an todbringenden Waffen, an Medikamenten für ster- bende Soldaten und zivilen Kriegs- opfern ebenso wie an der'Indu- strialisierung“ des Völkermords in den Konzentrationslagern, der mas- senhaften Versklavung von Häftlin- gen und'Feindbevölkerung' sowie an der Einverleibung aller nur ir- gend geeigneten'eroberten'“ Betrie- be. In ihrer Profitgier war die I6 Far- ben an staatlich organisierten Ver- brechen und Massenmorden betei- ligt. Der Konzern perfektionierte das von I6 Farben-Gründer Carl Duisburg bereits im Ersten Welt- Zwangsarbeit. In allen Werken des Trusts wurden Abertausende von Arbeitssklaven und sklavinnen bis zum Tod geknechtet. Mit dem Ter- ror-Instrument der S8 wurde jeder Widerstand unterdrückt. Hãftlinge sie wurden für geringe Beträge bei der SS„gekauft'- wurden von Wis- senschaftlern der I6 Farben in grau- samen'medizinischen? und anderen Menschenversuchen bei vollem Be- wußtsein zu Tode gequält. Der KZ- Arzt Mengele, der in berüchtigten Versuchen Häftlinge zu Tode brach- te, wurde direkt von der I6 Farben finanziert. Der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung und an den Sinti und Roma wurde mit dem von der I6 Farben Tochter Degesch pro duzierten Giftgas Zyklon B*pers fektioniert“. Im I6 Farben eigenen KZ Auschwitz III(Monowitz) und seinen Nebenlagern fanden ca. 30 tausend Häftlinge den Tod durch brutale Ausbeutung und Strafmaß- nahmen. Milde Strafen im Zeichen des Kalten Krieges Das Urteil für die Kriegsverbre- cher der I6 Farben vom 29. Juli 1948 entsprach in keinster Weise den be- gangenen Verbrechen: nach 152 Ver- handlungstagen gab es nur Minimal- strafen für einige Angeklagte von bis zu acht Jahren Gefängnis. Das Urteil stand im Zeichen des bereits ausgebrochenen Kalten Krieges. Die westlichen Alliierten hatten b schlossen, die alten Bliten zu re- habilitieren, um ein wirtschaftlich starkes Westdeutschland als Boll- werk gegen den Kommunismus“ aufbauen zu können. Die weiteren geplanten Prozesse gegen Wirtschaftsunternehmen, die unter anderem gegen Siemens, Krupp, Dresdner Bank und Deut- sche Bank hätten geführt werden sollen, fanden gar nicht mehr statt. Bereits am 31. Januar 1951 wurde die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 noch in Haft befindlichen Manager und Direktoren der I6 Farben be- gnadigt. Alle Konzern-Führer fan- den sich in der Bundesrepublik bald in Top-Positionen wieder, viele bei den Nachfolgefirmen der IG Far- ben, bei Bayer, Hoechst und BASF. Selbst mit dem Bundesverdienst- kreuz wurden I6 Farben-Verbre- cher im Nachkriegsdeutschland aus- gezeichnet. Weder Reue noch Einsicht Die I6 Farben müßte nach dem Urteil von 1948 seit spätestens 1933 aufgelõst sein. Aber die Mordgesell- schaft“ existiert noch immer. Seit nunmehr fast 50 Jahren zieht sie noch immer Profite aus ihren in Reichsmark notierten Aktien. Gleichzeitig verweigert sie- und mit ihr die Nachfolge-Konzerne Bayer, BASF und Hoechst- Entschädi- gungsleistungen für die Opfer ihrer Terror-Tätigkeit während der fa- schistischen Herrschaft. Die Konzer- ne setzen darauf, daß bald niemand mehr lebt, der oder die Ansprüche stellen könnte. Und heute? Seien wir uns stets bewußt: Jede der I6 Farben Nachfolge-Firmen BASF, Bayer und Hoechst ist heute um ein Vielfaches mächtiger und gi- gantischer als die I6 Farben seiner- zeit. Die Profitgier der großen deut- schen Konzerne und Banken hat be- reits Zweimal maßgeblich dazu bei- getragen, Buropa innerhalb eines Jahrhunderts in Schutt und Asche zu legen. Die I6 Farben war daran 18 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer führend beteiligt. Ohne Aufarbei- tung der Vergangenheit besteht je- derzeit die Gefahr einer Wiederho- lung. Wir fordern anläßlich des 50. Jahrestags des Prozesses gegen die Kriegsverbrecher des IG Far- ben-Trusts: * Die verantwortlichen Hinter- männer des Hitler-Faschismus aus der Wirtschaft müssen ins Rampen- licht gestellt werden. Die I6 Farben- Firmen BASF, Bayer und Hoechst und die noch immer existierende I6 Farben i. A. müssen mit ihrer Schuld konfrontiert werden. * Fine angemessene Entschädi- gung aller I6 Farben-Zwangsarbei- terinnen und Zwangsarbeiter und ihrer Hinterbliebenen durch die Nachfolgefirmen muß endlich erfol- gen. * Die Nachfolgefirmen müssen die Finanzierung und den FBrhalt der die I6 Farben betreffenden Ge- denkstätten Auschwitz-Birkenau und Schwarzheide sicherstellen. *Die 16 Farben-Nachfolger müs- sen endlich freien Zugang zu ihren Archiven gewähren. * Pensionszahlungen an ehemali- ge I6 Farben-Verantwortliche wäh- rend der NSZeit müssen eingestellt werden. *Die I6 Farben i. A. muß ihre Ge- Schäfte sofort beenden, der Handel mit diesen Blut-Aktien“ unterbun- den werden. Diethardt Stamm wiederholt Vorträge bei'Impuls' in Frankfurt/M. I6 Farben-Führend in der Welt' Wer im Mai und Juni die Vortrãge von Diethardt Stamm, Vorstands- mitglied der Lagergemeinschaft Au- schwitz- Freundeskreis der Ausch- witzer, zur I6 Farben versäumt hat, kann diese im Dezember hören: Auf Finladung von„Impuls- Verein für Bildung und Kultur' wird er seine beiden Vorträge an den Samstagen 5. und 12. Dezember in Frankfurt- Rödelheim in der Cyriakus-Gemein- de wiederholen. Beginn der rund dreistündigen Veranstaltungen ist jeweils um 15 Uhr. Der genaue Ort steht noch nicht fest, er kann bei Impuls, Telefon 069 736541, oder bei Diethardt Stamm, Telefon 06004— 2200 nachgefragt werden. IG Farben-Führend in der Welt? ist der erste Vortrag überschrieben, in dem Diethardt Stamm die Ver- strickung des Chemie-Trustes in die Verbrechen des Pritten Reiches be- leuchtet. Beim zweiten Termin wird Diet- hardt Stamm- auch selbst Aktionär der I6 Farben i. A.- über die„JG Farben in Nicht-Auflõösung“, die seit fast 50 Jahren nicht erfolgte Liqui- dierung der I6 Farben i. A.(in Ab- wicklung) und die Nicht-Entschä- digung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sprechen. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 19 Lebensbericht des Auschwitz-Häftlings Tadeusz Sobolewicz „Aus dem Jenseits zurück' Eine Buchbesprechung von Joachim Proescholdt Das Buch von Tadeusz Sobolewiez könnte ein spannender Kriminal- roman sein, wäre es nicht der persönliche, erschütternde Bericht eines Uberlebenden von den unmenschlichen, durchlittenen Qualen in deutschen Konzentrationslagern. Die deutsche Ubersetzung durch 6 Schmidt läßt die eindrucksvolle Sprachvielfalt des Verfas- rs zum Tragen kommen. Tadek, wie man in Polen den Ver- fasser nennt, Jahrgang 1923, war pol- nischer Pfadfinder. Zu Kriegsbe- ginn fungierte der sechzehnjährige Gymnasiast als Verbindungsmann des Bereichskommandeurs des be- waffneten Kampfbundes ZWZ in kerue a 3 Tarnéw und Czestochowa. Dieser Kommandeur war sein Vater. Der Junge legte den Eid ab, daß er ehr- lich gewillt sei, sein'ganzes Leben in den Dienst Gottes und Polens zu Se Tadek die Grauen und Gefahren des Krieges kennen. Von seinem Onkel bekam er auf der Flucht vor den Deutschen den Rat mit auf den Weg: Denk daran, du hast nur ein einzi- ges Leben: Vergeude es nicht!“ Mit „ siebzehn Jahren wurde er verhaftet. Es war der 1. September 1941. Verhö- re, Folter. Dann sah er seinen Vater in Handschellen. Seine Mutter war ebenfalls verhaftet und nach Ra- vensbrück verschleppt worden. Für Tadek begann ein mehr als dreijähriger Leidensweg: Auschwit? Buchenwald- Leipzig- Mülsen Flossenbürg- Regensburg. Ein Weg ins Jenseits, ren, Leben, sondern der Tod das beinahe ins Nichtmehr-Existie- in eine Welt, in der nicht das Normale' war. Aus Tadeusz wurde n Auschwitz die Nummer 230353. Fin Mithäftling klärt ihn über Au— Schwitz auf: Hier prügeln sie grundlos, gleichgültig, ob du krank W oder gesund bist. Völlig grundlos. Es 20 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer scheint so, als ob das Gefängnis ein Sanatorium war.... Versuch nicht aufzufallen!“ Tadek mußte im Bau- hof im Laufschritt Steine und Ze- mentsäcke schleppen oder Sand aus dem Flußbett der Sola schippen, und er erlebte, wie Dutzende von Häftlingen zu Tode geprügelt wur- den. Dazu tägliche Schikane: Nackt bei 20 Grad Kälte um die Baracke hetzen oder zur Entlausung in einen Chlorbottich tauchen. Vom Fleck- fieber geschüttelt, kam Tadek in den Block 20, den Infektionsblock, wur- de Versuchskaninchen“ der S8- Arzte, entkam den Selektionen und- überlebte. Dabei erfuhr der Junge auch Solidarität unter den Leiden- den und Gequälten, die nicht nur die eigene Haut retten wollten. Im März 1943— knapp zwanzig Jahre alt- wurde Tadek nach Bu- chenwald verlegt, arbeitete anschlie- ßend bei Thekla“, den Messer- schmitt-Werken bei Leipzig, erlebte Bombenangriffe und 2?usätzliche Gefährdung und durchlitt am 30. April 1944 in den vergitterten Kel- lergewõlben von Mülsen einen Großbrand, dem unzählige zum Op- fer fielen, er aber schwerstverletzt verbrannt an Händen und Füßen, mit zertrümmertem Schädel, entrin- nen konnte. Sein Bericht ist erschüt- ternd und erinnert an das, was in der Fabrik Radogs?c?z bei Lödz ge- Schah, als 2000 polnische Gefangene einen Tag vor ihrer Befreiung durch die Sowjets in einem Gefängnistrakt bei lebendigem Leibe verbrannten und die deutsche Polizei rücksichts- los auf jeden schoß, der zu entflie- hen suchte. Tadek fand sich im K? Flossenbürg wieder, wo er im Kran- kenbau unter der Fürsorge des Mit- häftlings Tadeusz Kosmider, einem Auschwitz-Häftling vom ersten Transport mit der Nr. 624, genesen konnte. Der junge KZ-Häftling kam zu der Erkenntnis: Freu dich lieber, daß du noch etwas leiden kKannst. Es gibt kein Leben ohne Leiden.“ Das Martyrium hörte nicht auf. Tadek berichtet:'In Flossenbürg brachte man die Leute nicht in Mas- sen um, die Häftlinge starben syst matisch, Tag für Tag, für sich alleim im Stillen'- im Steinbruch, als Mu- selmänner, durch Phenolspritzen oder durch'Gesundbaden“. Die nächste Leidensstation hieß Regens- burg. März 1945. Tadek kam in ein Aufräumungskommando“, das die Bombentrümmer am Bahnhof besei- tigen mußte. Auch hier: Hunger. Strapazen und tägliche Schikane durch einen der*blutrünstigsten Verbrecher des KZ Auschwitz“, SS- Oberscharführer Ludwig Plagge. In der Nacht vom 25. auf den 26. April [945 begann der Todesmarsch in Richtung Straubing. Nach fünf qualvollen Tagen, kam die Nach- richt: Hitler ist tot“. Tadek und ei- nige Häftlinge flohen, versteckten sich in einem abgelegenen Dörfche und fanden verständnisvolle An nahme bei der Bevölkerung. Das eigene Leiden, jahrelange Er- niedrigung. Willkür und Todes- furcht, die Nachricht vom Tod nächster Angehöriger, aufgestaute Wut und Aggression entluden sich am Kriegsende. Tadeus? Sobolewic? läßt in seinem so ehrlichen Buch auch diese Zeit nicht aus. Er berich- tet von einem dreißigjährigen Juden aus Lödz, dessen Kinder vergast worden waren, und der sich in Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 furchtbarer Weise an entwaffneten SS-Schergen rächte. Tadek bekennt am Ende seines aufregenden und eindrucksvollen Buches: Der Besit?z einer Waffe ließ mir bewußt werden, daß auch ich Grund hatte, Vergel- tung zu suchen. Für meinen in der Gaskammer von Birkenau ermorde- ten Vater, für meine Mutter in Ra- vensbrück, für den unwiederbringli- chen Raub meiner Kindheit, für die G durch den Krieg vergällte gend.“ Der Verfasser wurde Zeu- ge einer furchtbaren Vergeltungsak- tion an einem SS-Mann. Dennoch fragt er: Mußten wir deshalb, weil man uns gepeinigt und geschlagen hatte, mußten wir deshalb dasselbe tun? Mußten wir deshalb, weil wir mit dem Leben davon gekommen waren, einem anderen das Leben nehmen? Wenn er es verdient hatte, ja. Aber dafür gab es Gerichte.“ Dies erinnert an Simon Wiesenthals Lebensbericht'Recht, nicht Rache“. Tadeusz Sobolewicz lebt heute in Krakéw. Er ist vielen Deutschen zu einem wirklichen Freund geworden. Sein Buch ist ein bewegendes Zeug- nis gegen Unmenschlichkeit und Võlkermord, ein einziger Schrei nach Versöhnung und Verständi- gung. Die deutsche Ausgabe von Ta- deus?z Sobolewicz' Buch Aus dem Jenseits zurück'“ ist zu beziehen bei der Lagergemeinschaft Ausch- wit?- Freundeskries der Auschwit- zer. 22 Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer Finwöchige Studienreise nach Auschwitz und Krakow(April 1998) EFin persönlicher Reisebericht von Dr. med. Hans-Ulrich Euler Warum tust Du dir das an? Hast Du nichts besseres zu tun oder hast Du sonst keine Probleme? So lauteten die Fragen auf meine Ankündi- gung, über Ostern eine Studienreise nach Auschwitz unternehmen zu wollen. Warum will ich da hin, wurde ich auch auf dem Vorbereitungstreffen gefragt. Ich konnte es nicht argu- mentativ begründen. Seit meiner Ju- gend und der Entstehung meines politischen Bewußtseins beschäftige ich mich mit dem Nationalsozialis- mus und seinen Greultaten. Ich habe Bücher gelesen, Filme gesehen, Aus- stellungen und andere ehemalige Konzentrationslager besucht. Ich kannte das System des SSStaates und wußte auch über die Vernich- tungs-Maschinerie in Auschwitz Be- scheid. Und immer blieb dabei der Gedanke, mal dorthin zu fahren und Selbst zu sehen, wo dieses Auschwitz ist, dieser Ort, an dem so unvorstell- bare Dinge geschehen sind. Es war ein Gefühl von innen heraus. Nicht aus Neugier, sondern eher zur Ehre für die Opfer und als Mahnung, auch für mich selbst. Mit der nach Polen Eine sehr lange Zugfahrt führt uns nach Polen. Der Schlafwagen ist nicht gerade neu und sehr eng. Man rückt zusammen und ich denke an die Menschen, die in Viehwaggons transportiert wurden. Am frühen Morgen erreichen wir Oswiecim. Nach einem braun-grau- en Katowice mit Kohleluft auch hier viel tristes Grau. In der Internati nalen Jugendbegegnungsstätte wer- den wir freundlich und mit einem reichhaltigen Frühstück empfan- gen. Nach der Zimmerzuteilung ein erster Gang in die Stadt Auschwitz zum Geldtauschen und Apfelkau- fen. Eine polnische Kleinstadt mit vielen kleinen Läden und vielen Ab- gasen. Die Menschen offen und zu- rückhaltend freundlich. Staszeks*Lagergeschichten'? Am Nachmittag ein erster Spa- ziergang mit'unserem ehemaligen Häflting“ Stas?ek durch das ehe- malige Lagergebiet bis zum Lager- eingang. Staszek hatten wir schon auf dem Vorbereitungstreffen ke nengelernt. Die Studienfahrten d Lagergemeinschaft mit ehemaligen Häftlingen waren mir schon lange bekannt und ich hatte mir gesagt: Du mußt jetzt endlich die Reise mit- machen, denn lange wird es die ehe- maligen Häftlinge nicht mehr ge- ben. Staszek führt uns an Häusern vorbei, die von der S8 innerhalb von 30 Minuten'entsiedelt' und mit ei- genen Leuten belegt worden waren. Wir passieren den Fluß Sola, Kom- men am Höß-Wohnhaus sowie an Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 einem Kloster und Kreuz vorbei von dem ein Dauerkonflikt zwi- schen Juden und Katholiken ausgeht und erreichen das berühmte Tor mit der Inschrift“ARBEIT MACHT FREI“. Staszek weiß an markanten Punk- ten informative Details zu berichten und erzählt persönliche Geschich- ten, die er am eigenen Leib erlitten hat. Es macht mich und uns betrof- fen, doch er erscheint trotz des tod- ernsten Hintergrundes ganz mild und kann über viele schmerzhafte Dinge heute mit einer ihm eigenen Ironie und einem zum FTeil sarka- stisch anmutenden Lächeln berich- ten. Am Abend erzählt er wieder Lagergeschichten' und wird dabei sehr persönlich, geht in die eigene Tiefe. Man merkt, wie er in ein Loch fällt. Ich fühle deutlich, daß der Tod jeden Tag neben ihm stand und daß sein Leben von jetzt auf nachher hätte vorbeisein können, und dies über fünf Jahre hinweg. Krakow: Im Club und in der Stadt Den zweiten Tag der Reise ver- bringen wir in Krakow. Im Club der ehemaligen Häftlinge treffen wir 18 Frauen und Männer, die die Erinne- rung aufrechterhalten und weiter- tragen wollen. Sie hegen keinen Haß und bewirten uns freundlich mit Tee und Gebäck und entschuldigen sich dafür, daß es nicht mehr gebe. Ich spüre Dankbarkeit, daß wir aus Deutschland gekommen sind, um Ihnen zuzuhören und mit Ihnen zu sprechen. Dabei müßten Wir dank- bar sein, daß sie uns überhaupt emp- fangen. Zwei von ihnen sind Juden. In Polen lebten 3,5 Millionen Juden vor 1939, heute sind es sechs- bis achttausend- in Krakow waren es 65.000, heute sindes 140. Am Nachmittag eine Führung durch die Altstadt und das frühere Judenviertel Kas?zimierz. Krakau, die einzige im Krieg nicht zerstörte Stadt Polens, bietet eine archetekto- Im Stammlager mit dem ehemaligen Auschwitz-Häftling Staszek Hantz. 24 Lagergemeinschaft Auschwit?z- Freundeskreis der Auschwitzer nische Mischung von Baustilen des Mittelalters bis zu denen der Neu- zeit und wäre sicherlich eine eigene Reise wert. Die Menschen sind im Gegensatz zum Land auffällig west- lich gekleidet. Das Judenviertel eher oede und trist. An den Häusern noch alte In- schriften. Ich suche die Juden auf den Straßen und an den zahlreichen Synagogen, doch sie sind nicht mehr da. Von 36 Synagogen und über 60 Gebetshäusern ist noch eine, ihren Zweck erfüllende Synagoge übrig geblieben. Die geschichtliche Di- mension für dieses Land, in dem vor der Teilung Polens im 18. Jahrhun- dert 80 Prozent aller Juden der Welt lebten, wird mir bewußt. In Oswiecim und im Stammlager Am nächsten Tag eine Führung durch Oswiecim und seine Altstadt. 12.000 Finwohner vor 1939, davon 7000 Juden, heute noch ein in der Stadt lebender Jude. Tausende pilgern zur Maximilian- Kolbe-Kirche, um ihr Osterkörb- chen segnen zu lassen und knien vor einem fast schon kitschig anmuten- den Jesusgrab nieder. Eine ein- drucksvolle Darstellung des Kkatholi- schen Glaubens in Polen. Am Nachmittag Besuch des Stammlagers mit vielen Informatio- nen und persönlichen Geschichten Staszeks. An Block 11 mit dem be— rüchtigten Bunker, in dem die so— wieso schon geschundenen Men- schen noch zusätzliche Strafen erlei- den mußten, und mit der Todeswand für Erschießungen spürt man die in- nere Erregung Staszeks. Als Häft- ling war er selbst wochenlang im Bunker eingesperrt, seine Kamera- den hat er aber nicht verraten und er überlebte doch. Karin(unsere Reiseleiterin) bricht die Führung ab und geht mit Stas?zek zurück in die Begegnungsstätte. Wir besuchen einzeln und in Kleingruppen die verschiedenen Themenausstellun- gen der einzelnen Länder. Später erfahren wir, daß Stas?zek über 20 Jahre nicht über seine La- gerzeit Sprechen konnte Mit 17 Jah- ren kam er als'Politischer“? nach Auschwitz und überlebte fast fünf Jahre, täglich den Tod der anderen vor Augen und selbst in ständiger Bedrohung. Die letzten Wochen ver- brachte er bis zu seiner Befreiung in Dachau. Erst als seine Tochter ihn bat, in ihrer Schule den Jugendli- chen über das Lager zu berichten, sprach er über seine Erlebnisse. Seit ein paar Jahren begleitet er auch als Zeitzeuge von Karin geleitete Studi- enfahrten nach Auschwitz und zu anderen Stätten der Nazi-Verbre- chen. Das hilft ihm, das Vergangene aufzuarbeiten. Vernichtungslager Birkenau Die beiden Osterfeiertage verbrin- gen wir im Vernichtungslager Bir- kenau. Zu Fuß gehen wir vom Bahn- hof über die Gleise, auf denen die Todeszũge rollten und erreichen das Tor, das jeder als Bild kennt und durch das die Züge voller Menschen zur Rampe fuhren, auf denen sie zum Ermorden'selektiert“ wurden. Bei strahlendem Sonnenschein blik- ken wir vom Wachturm auf ein rie- siges Gelände unvorstellbarem Aus- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 maßes, auf dem bis zu 100.000 Häft- linge inhaftiert waren. Von den Ba- racken, die für 52 Pferde konstruiert und in denen in Birkenau 800 bis 1000 Menschen zusammengepfercht waren, sind wenige wiederaufge- baut. Von den anderen sind nur die Schornsteine erhalten. Wir erfahren, daß dieses riesige Gelände, das wir überblicken, nur die Hälfte der La- gerfläche darstellt. Die andere Hälf- e wurde von Polen wieder bebaut und ist bewohnt. Mir läuft dabei das Grausen über den Rücken, hier ge- hört es zum Alltag. Auch das Haus von Höß ist wieder bewohnt und zwar von den Nachkommen des frü- heren Besitzers. Wir blicken auf heute saftiges und grünes Gras zwischen den Ba- racken, wo die Häftlinge in Matsch und Dreck waten mußten. Wir hö- ren die Geschichten von Wasser- mangel, schmutzigen Kleidern über Wochen und Monate, Hunger, Durst, Läusen und Ratten- und menschlichen Grausamkeiten. Auf dem Weg durchs Lager er- Zählt Staszek immer wieder von sei- nen persönlichen Geschichten oder Karin zitiert Passagen aus Büchern von anderen Häftlingen. Alles läuft mit viel Zeit und Ruhe ab. Ich stehe mitten drin im Grauen und versu— che mir vorzustellen, wie es gewesen ist. Ich habe viel Zeit zum Nachden- ken, zum Beschäftigen, was jetzt mit mir geschieht. Ich habe Zeit und Raum zu erahnen, was gewesen ist, es zu erfühlen. Fs sich vorzustellen, ist kaum möglich. In einer Baracke des Frauenlagers verteilt Karin Kopien mit Schilde- rungen von weiblichen Häftlingen über ihre KZ-Haft an Frauen unse- rer Gruppe, die dann diese Passagen vorlesen. Wir stehen erschüttert da. Die Gefühle bahnen sich ihren Weg. Finige können nicht zu Ende lesen und weinen. Ich fühle mich hilflos. Zwischen den gesprenten Krema- torien laufen wir auf weicher Erde, die unterbrochen ist von eingesun- kenen Tümpeln, in denen sich Was- ser angesammelt hat. Staszek bückt sich, wischt mit seinen Fingern die Erde weg und hãlt mir etwas Weißes unter die Nase. Es sind Knochentei- le, menschliche Knochenteile. Ich laufe und stehe auf der Asche und 26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer den Knochen von zu Hunderttau- senden ermorderter Menschen. In Staszeks Block Am Ostermontag ist es kalt. Wei- ßer Schnee hat das Lager plötzlich überzogen. Birkenau erscheint noch grausiger und noch scheußlicher. Wir gehen von der ehemaligen Kom- mandatur- heute eine Kirche- zum weißen Haus“, wo die ersten Ver- gasungen stattfanden. Ich kann nur erahnen, kann mir nicht vorstellen, wie die Häftlinge in dieser Kälte und in dieser Nässe in ihren ge- streiften Anzügen gefroren haben müssen. Auf dem Rückweg eine anrühren- de Szene. Stas?zek geht zu den Uber- resten von Block 5— der ehemaligen Unterkunft seines Arbeitskomman- dos. Hier ist in den Mauerresten im- mer ein Zettel mit seiner Adresse deponiert, eine Kerze steht daneben. Er schaut nach einer Nachricht ei- nes anderen ehemaligen Häftlings und hinterläßt selbst einen Gruß. Auch nach über 50 Jahren sind sie in ihrem Leid vereint. Nachmittags nochmals in Klein- gruppen in das Stammlager zu den themen- und länderbezogenen Aus- stellungen. Viele Informationen, un- zählige Einzelschicksale, der Wahn- sinn des geplanten und systematisch durchgeführten Massenmordens. Drastisches Anschauungsmaterial wie das Modell eines Krematoriums, Berge von Koffern, Kämmen, Zahn- bürsten und schuhen der Ver- Schleppten und Ermorderten. Am letzten Vormittag gehen viele der Reisegruppe nochmals in das Stammlager. Ich habe genug gese- hen, fühle mich nicht mehr aufnah- mefähig. Ich verabschiede mich mit einem Spaziergang durch die Stadt und kaufe polnische Schokolade. Nach einem Gruppenfoto vor der Jugendbegegnungsstätte gemeinsa- mer Fußweg zum Bahnhof Oswie- cim und Antritt der langen Heimrei- se. Ich darf wieder nach Hause fah- ren. Die, wegen denen ich hier war. mußten sich eine Fahrkarte für die& Hinfahrt kaufen und durften nicht mehr nach Hause. Wieder zurück in Deutschland War es richtig, daß ich hier war? Es war richtig und wichtig für mich. Bei allen Kenntnissen über die ge- schichtliche Entwicklung und die politischen Zusammenhänge, bei al- lem Wissen über die Struktur und das System des SSStaates- hier ist der authentische Ort. Hier habe ich die Opfer besucht. Hier habe ich ih— nen meine Ehre erwiesen. Ich bin voller Pindrücke nach Hause gefahren, voller Ahnungen, voller Gefühle. Die Vorstellung die- ses Wahnsinns ist kaum möglich, wahrscheinlich auch nicht so wich- tig, denn die Tatsachen waren auch vorher schon bekannt. Darüber kann ich in Zukunft wieder in Bü- chern nachlesen, aber das Brlebte hätte ich nicht in den Büchern ge- funden. Dazu beigetragen hat unsere Rei- seleiterin Karin mit dem Konzept ihrer Studienreise, das aus Besich- tigungen, Spaziergängen, Lesungen, Vorträgen, Texten und Filmen be- stand und das jedem aus der Grup- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 pe die Freiheit ließ, für sich zu ent- scheiden, was gut für ihn ist. Es blieb genügend Zeit und Raum zum Nachdenken und zur Auseinander- setzung mit sich selbst. Reden, zuhö- ren oder auch nur schweigen. Für mich persönlich eine gute Er- fahrung war die sehr heterogene Gruppe mit den unterschiedlichsten Perönlichkeiten. S0 gut wie alle konnten die anderen, so sein lassen, Oe sie waren. Neben dem gemeinsa- men Tischdecken und den gemein- samen Mahlzeiten wurden auch fast alle anderen Aktivitäten zusammen unternommen. Und dann ist da noch dieser klei- ne weißhaarige Mann mit seinen un- ruhigen, aber listigen Augen. Stas- Zek, dessen Lebensgeschichte schon in der Kindheit einen besonderes —— schwierigen Weg einschlug und der mit 17 Jahren nach Auschwitz kam. Man braucht nicht nur'Glück und eine gute Kommando“ zum Uberle- ben. Vielleicht war es seine Fügung, aber er hat dieses Lager überlebt. Und er hat die doppelte Bürde. Er hat zu verarbeiten, was er erlebt hat und daß er überlebt hat und andere nicht überlebt haben. Jeder würde es verstehen, wenn er nichts mit Men- schen zu tun haben wollte, die auch nur ein Wort Deutsch sprechen, aber er war die ganzen Tage nur für uns da. Er strahlt Güte und Barmherzig- keit aus. Er ist eine Bereicherung für mein Leben und hat seinen Platz in meinem Herzen gefunden. Ihm und Karin an dieser Stelle nochmals meinen ganz besonderen Dank. Staszek am Zaun von Birkenau. Foto: Andreas Dahlmeier, Kassel; aus Karin Graf, Zitronen aus Kanada- Das Leben mit Auschwitz des Stanislaw Hantz. Siehe auch Seite 28„ 30 und vgl. Innenseite des Titelblattes. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer ». und komme ich raus, weiß ich viel, vielleicht zu viel für ein Leben' Das Leben mit Auschwitz des Stanislaw Hantz- Die Verhaftung Unüberhörbar klopft es an die Tür, irgendwann im Februar 1940. »Nachts um Zweie“ ist sofort klar, wer das ist. Die Polizei sucht Stanis- law Hantz, Staszeks Vater. Was die Häscher nicht wissen, der Vater war am 21. Dezember 1939 verstorben. Beteuerungen von Mutter und Sohn helfen nicht weiter.“Pas istegal, ob das der Vater ist oder der Sohn, Na- me und Vorname passen, Du kommst mit“, so erinnert sich Stas- zek an seine erste Verhaftung. Er ist siebzehn Jahre alt. In derselben Nacht ist er einer von hundert Fest- genommenen in Warszawa, die zwi- schen Gewehren in Fünferreihen zum Gefängnis marschieren. Weil auf dem Hof irgendetwas im Gange ist, wird nur ein Teil der Häftlinge eingelassen, an die zwanzig junge Männer warten gut bewacht davor. »Wir Schauen uns an. Ohne Worte. Da giht es drei Straßen. Wir Sprin- gen einfach weg, ich in die Hipo- tecznastraße. Natürlich Schießen die gleich. Fin paar treßfen Sie.“ Stas?ek will durch eine Wohnung auf die Parallelstraße entkommen. »Pie Leute hören, daß es Knallt und horchen die an Tür. Ich Klopfe und die fragen, was ich will. Purch, Sage ich, auf andere Seite. Da machen die Türe auf und helfen. Ich ziehe Schuhe aus, daß keine Spuren blei- hen, da war Schnee.“ Wieder drau- ßen, mischt Staszek sich unter die Passanten, die am frühen Morgen auf dem Weg zur Arbeit sind. Pa hin ich nicht nachhause gegangen. Uherhaupt nie mehr. Ich wohne hei Verwandte und Freunde in verschie⸗ dene Wohnungen und suche neue Arheit.“ Sechs Monate später entwischt er nicht,'da haben die Schon gelernt“. Wehrmacht, Schutzpolizei und 88 riegeln die Marschalkowskastraße ab und nehmen alle jungen Männer mit. Im Sommer 1996 schaut sich Staszek diese Ecke noch einmal an, alles ist anders, neu gehaut, Straße verhreitert, ein Platz mit Kandela- her“, der'Platz der Konstitution'. Ohne Angabe von Gründen, ohne Anklage, ohne Urteil gehen die Ver- hafteten zwei Tage später auf Transport. Bei einer Veranstaltung in einer Oberstufenklasse eines westdeutschen Gymnasiums fragt ein Schüler ungläubig nach, ob tat- sächlich nichts gegen Staszek vorge- legen hätte. Versiert durch viele sol- che Schulbesuche antwortet er ge- duldig,'nein, tatschlich nichts, in Auschwitz vind Kinder, was haben die gemacht, daß die da vind?“ Die⸗ selbe Frage stellt ihm ein deutscher Historiker, seines Zeichens Spezia- list für Konzentrationslager, Stas- zek ist fassungslos ob dieser Bil- dungslücke. Wieder einmal wähnt er sich bestätigt: Richtig wissen und verstehen, das Lõnnen nur wir Hdft- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 linge.“ Vermischt er vielleicht Leid mit Fakten?'Schmerz versteht man eyrst, wenn man kennt die Fakten.“ Die neunundvierzig Menschen in Staszeks Waggon spekulieren über den Anlaß ihrer Festnahme und über das,'was wird Sein mit uns“. Fünfundfünfzig Jahre später beant- wortet Staszek die Frage eines ka- tholischen Geistlichen in Oswiecim nach seinem Glauben an Gott damit: n meinem Waggon haben welche gehetet, laut und viel, haben gesagt, auch hier wird Gont sein. Mur ich hin gehlieben, trotadem daß ich ha- he nicht gebetet. Was voll ich glau hen?“ Und war Gott in Auschwitz? Bitter sagt er ja, war der und hat der alles gesehen. Na, und was?“ Morgens, zwischen Tag und Nacht erreicht der Transport Auschwitz, 'wir Sehen den Namen, niemand kLennt ihn“. Dann Endstation: Ge- schrei, Hunde. Die Frankfurter Künstlerin E. R. Nele baute 1982 ihr Kunstwerk'Die Rampe. Anfang und Ende“. Stas?zek mag es ganz be⸗ Ssonders:*Trotadem hestimmt ge- meint ist die Judenrampe, ist das für mich Bild davon, wenn ich an— Lomme. So war das für mich. Sie ha- hen die Waggons hinten und vorne aufgemacht. Die Ss schlägt mit Ge— wehren und Kolben. Manche fallen. Hat jemand seine Mütze auß he- tommt der Schlag auf Kopf Wie kann jemand, der da selbst nicht war, das so gut machen?“ Das Kunstwerk steht an einer belebten Kasseler Straße, direkt am Zugang zur Universität. An Staszeks Freude über das gelungene Mahnmal frißt die Angst:'Bestimmt Schmeißen die Srudenten die Kampe weg in ein, zwei Jahre, was Solldie immer in Au- ge driicken von die junge Leute.“ Die 1668 Männer des ersten War- Schauer Transportes formieren sich zum Einmarsch ins Lager durch das Tor mit der Inschrift'Arbeit macht frei'. Für Staszeks Tochter Kristina ist Arbeit macht frei' der erste deut- sche Satz, den sie kennenlernt. Sechsundfünfzig Jahre nach Stas- zeks Ankunft in Auschwitz wird sei- ne Tochter Wanda davon sprechen, daß ihr Vater wieder viel und oft über Auschwitz rede und sie fürch- te, er werde davon krank. Jch habe den Eindruck, er Lehrt nach Ausch- wit? zuriick.“ Siebenundfünfzig Jahre nach Staszeks Ankunft in Auschwitz wird er auf die Frage, ob es Tage in seinem Leben gäbe, an de- nen er nicht an Auschwitz denke, antworten:'Vielleicht nicht“. Die Wörter kullern unentschlossen von seinen Lippen, bis sie von einem das kommt immer, das laßt mich nicht? erfaßt werden. Im Lager gibt es später ein Gerücht, S0 erzählt Staszek an jenem Tor, daß das B'* absichtlich auf den Kopf ge- stellt angeschweißt wurde, um den Neuen den ersten Hinweis zu geben, daß hier'alles verkehrt, nicht rich- lig, unrecht“ sei. Heute bezweifelt er diese aufrührerische Version. Es könnte eine nachträgliche schönfär- berische Interpretation des Wider- standes gewesen sein, befürchtet er. Seine Haltung zum organisierten Widerstand ist heute von Skepsis ge- tragen. Manche ehemalige Hdftlin- ge erdhlen, daß vie waren beim Wi- derstand und waren die gar nicht. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Auch was wird geschrieben in Bü- cher weiß ich nicht, oh das alles ist wahr.“ Zurück zum ersten Tag in Ausch- witz.»Wenn ich durch Vor gehe, werde ich hald wissen“, sagt Stas- zek,'daß ich durch Arbeit nicht Frei werde vein“. Hinter dem Tor, da Sind verschiedene SS-Leute. Wir Sehen Leute in Solche Anzüge. Ich denke, wir werden nicht hei Bauern oder in Fahrik arheiten, vielleicht ist das ein Zuchthaus. Jeder ist un- ruhig“. Beim Appell gibt es wieder Schläge, sie werden rasiert, mit Häftlingskleidung ausgestattet, je- der erhält einen Zettel mit einer Nummer. Die 2049 für Staszek. Wie Messerschnitte blitzen die Worte: »Wenn ich hekomme Nummer, hin ich kein Mensch mehr, Lein Hantz, kein Stanislaw.“ Und dann erklä- rend zur Aufnahmeprozedur:'Pas war nicht einfach so vasieren und anziehen und S0 weiter, war alles mit Schikane. Dann hält uns der La- gerfiihrer Fritsch eine Kede, daß das hier ist kein Sanatorium, Son-— dern ein deutsches Konzentrations- lager, ja deutsches, das ist wichtig, und daß wir nur durch den Schorn⸗ Srein vom Krematorium wieder rauskommen. Jch sehe, da laufen zwel mit Kiste, Schnell, dinn wie ein Streichholz, und ich denke, wie die laufen, S0 werde ich auch machen. Vielleicht Kann ich So leben. Jch muß leben. Ieh muß nachhause.“ In Anlehnung an die Befehlsformel'im Laufschritt, marsch, marsch, folgt heute auf das deutsche Wort'lau- fen', wo immer es fällt, unweigerlich Stas?eks'mdarsch, marsch“ Abends im Block trösten sich die Neuzugänge gegenseitig mit Beteue- rungen über das bevorstehende En- de des Krieges, das ihre Hoffnung Spätestens für den nächsten Winter terminiert. Die Geschichte von der Aufnahme ins Konzentrationslager Auschwitz erzählt Staszek mit schwerer Stimme. Ja*, Sagt er,'das stimmt. Gehe ich als Knabe rein und komme ich raus, weiß ich viel. vielleicht ⁊u viel für ein Leben.? Nur selten betritt er das Museums- gelände durch den Fingang, mei- stens benutzt er dazu den Museums- ausgang, ein kleines eisernes Tor ne- ben dem ehemaligen Aufnahmege- bäude, das nur von innen zu öffnen ist. Dort ruft er eine Besucherin oder einen Besucher und bittet, ihm den Ausgang zum Fintreten zu öff— nen. Aufgeregt, mit kurzer Luft und lautem Ausatmen betritt er das Mu- seum, dessen Sujet sein Leben ist. aus: Karin Graf. Zitronen aus Ka- nada(vgl. Innenseite von Titelblatt) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Spendenaufruf des Antifa-Cafés Kassel für Museum Wlodawa Für einen Dokumentationsraum in Sobibor Ein menschenleere Gegend mit viel Wald. Fünf Kilometer entfernt vom Bug, dem Grenzfluß zu Rußland. Opstpolen. Fine kleine Bahn- station mit dem Namen Söbibor. Eine Rampe. Endstation. Für 250.000 Menschen war Sobibor nicht nur eine Reise zu Ende. Wenige Stunden nach ihrer Ankunft war auch ihr Leben beendet. Sie waren nur aus einem einzigen Grund in diese abgelegene Gegend transportiert worden: zu ihrer Vernichtung. Sogenannte Selektionen, die Deportier- Mhien die Möglichkeit bot durch Arbeit einige Monate zu überleben, gab es nicht. Die Ankommenden lieferten ihre Wertsachen ab, mußten sich ausziehen, wurden ermordert. Auf einem Areal von 400 mal 600 Meter wurden von April 1942 bis Oktober 1943 eine viertel Million Männer, Frauen und Kinder durch das aus einem 200 PS-Motor strö- menden Kohlenmonoxid vergast. Sobibor war ein Vernichtungsla- ger der Aktion Reinhard. 1941 be- gannen unter dem Decknamen“Ak- tion Reinhard' die Vorbereitungen zur Ermordung der zwei Millionen zweihundertvierundachtzigtausend (2.284.000) Jüdinnen und Juden, die damals in den fünf Distrikten des sogenannten Generalgouvernements lebten- hauptsächlich in Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Lem- berg. Die Mordaktion bekam ihren Namen zum Gedenken an Reinhard Heie de ee der Endlösung“, der im Mai 1942 nach einem Attentat gestorben war. Ne- ben Sobibor wurden im Verlauf der Aktion Reinhard' auch die Ver- nichtungslager Belzec und Treblinka errichtet. In Belzec wurden laut For- schungsergebnissen bis zu 600.000 in Treblinka mehr als 850.000 Juden und Jüdinnen ermordert. Zusam- men mit den Opfern von Sobibor wurden 1,7 Millionen Menschen im Rahmen der Aktion Reinhard' ver- nichtet. Am 14. Oktober 1943 wagten die Häftlinge von Sobibor einen Auf- stand, 300 konnten fliehen, davon überlebten bis zum Kriegsende 50. Nach dem Aufstand wurde das Ver- nichtungslager aufgelöst, alle Spu- ren des Geschehens beseitigt. Auf dem ehemaligen Lagergelände wur- de ein Bauernhof errichtet, der von einem Mitglied der Lagerwache be- wirtschaftet wurde. Das Kalkül der deutschen Mörder, Gras und Getreide über ihrem Mas- Senmord wachsen zu lassen, ist nicht gänzlich unerfüllt geblieben. Wer kennt in Deutschland die Namen So- bibor, Belzec und Treblinka? Den Beweisen der Völkermorde in Au- Schwitz, berichtet und erzählt von Uberlebenden, mußte sich das Nachkriegsdeutschland wohl oder übel beugen. Andere Orte der Men- schenvernichtung und des Sterbens mit kaum noch Spuren und mit wenigen Zeugen sind bis heute s0 gut wie vergessen. Im April 1908 besuchte eine Reise- gruppe des Antifa-Cafés Kassel die drei Vernichtungslager der'Aktion 82 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Reinhard“. In Treblinka und Belzec gibt es im Unterschied zu Sobibor kein Museum. Seit 1993 dokumen- tiert in Sobibor eine Ausstellung die mörderischen Freignisse der Jahre 1942 bis 1943. Die Mitarbeiter des Regionalmuseums Wlodawa, in de- ren Zuständigkeit die FErinnerungs- arbeit zum ehemaligen Vernich- tungslager fällt, planen einen Doku- mentationsraum in ihrem Museum einzurichten. Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte sollen hier die Möglichkeit haben, sich in- tensiver zu informieren. Beim Besuch des Museums hat die Gruppe aus Kassel eine Videokas- Sette des Films Aufstand in Sobi- bor' mit einem Recorder und Fern- scher übergeben. Interessiertes Pu- blikum kann sich den Film in dem geplanten Dokumentationsraum an- sehen. Desweiteren sind die Kasseler bemüht, Informationsmaterial zur Geschichte des Vernichtungslagers Sobibor zu sammeln: Presseberichte zu den Sobibor-Prozessen in der Bundesrepublik, Video-Aufnahmen und schriftliche Zeugnisse von überlebenden Häftlingen, Aussagen von deutschen Tätern vor Gericht. Das Material soll ebenfalls in diesem Dokumentationsraum der öffem- lichkeit zugänglich gemacht werden. Nicht zuletzt soll der Dokumenta- tionsraum für Besucher und Be- sucherinnen der Gedenkstätte ein Ort werden, an dem sich über das Gesehene und Gehörte diskutiert werden kann. Finen solchen Ort gibt es auf dem Gelände der Gedenkstät- te und ihrer Umgebung derveiſ nicht. Dem Museum Wlodawa sind in fi- nanzieller Hinsicht enge Grenzen gesetzt. Die 5.500 Mark Zur Ausstat- tung des Dokumentationsraumes soll durch eine Spendensammlung zusammenkommen. Das Kasseler Antifa-Café konnte bisher 2.500 Mark nach Wlodowa überweisen. Weitere Spenden werden erbeten auf das Konto: Kasseler Bank (Bankleitzahl 52 090 000) Konto- nummer 104 1 86 432(F. Ross). Detailierte Informationen bei: Antifa-Café, c/o gestochen scharf. Elfbuchenstr. 18 in 341 19 Kassel. Ein Haus, das vielfältige päãdagogische Arbeitsansätze ermöglicht 6 Jugendgästehaus Dachau Nach jahrelangem Vorlauf wurde im Frühjahr 1998 das Jugendgästehaus Dachau eröffnet. Es bietet jungen Menschen die Möglichkeit, in Dachau zu wohnen, und erweitert so die Chancen sich in der KZ-Gedenkstätte mehre- re Tag mit zeitgeschichtlichen Themen zu beschäftigen sowie die Stadt Dachau und ihre Umgebung kennenzulernen. Mit dem neuen Haus steht nunmehr auch in Dachau ein Ort zur Verfügung, der vielfältige pãdagogi- Sche Arbeitsansätze ermöglicht. Auskünfte bei: Jugendgästehaus Dachau, Pädagogische Leitung, Roß- wachtstr. 15 in 85221 Hachau, Tel. O8 13132290555, Fax 081313229560. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Unseren Mitgliedern herzliche August 01.8. 02.8. 02.8. 03.8. 03.8. Susanne Rudolph Günter Bilgmann Dr. Ursula Krause-Schmitt Inge Hartwig Eduard Wolny Katharina Neidert Hans-Jürgen Rojahn Steffen Gross Doris Graenert * Astrid Knöss ſ Elke Maurer 18 8 Wiebke Lessin 16.8. Ursula Schmidt ſ8 Hildegard Moos 18.8. Joachim Sokolowski 102 Willi Berg 8 Detlev Puls W8 Andrea Wrede 28.8. Michael Hummel September 03.9. Gotthard Keusch 04. 9. Neithard Dahlen 05.9. Eva Beck-Friedrich 06.9. Ellen Krosch 08.9. Heino Galland 08.9. Karin Mihm 10.9. Rudolf Reiferscheid Martin Grün 14.9. Thomas Krug 14.9. Edgar Nienhuys 0 Dr. Werner Falk 150 Eva Leidescher-Blaschke 0 Peter Hofmann 16.9. Josef Seuffert Dr. Christian Grosche Gerhard Heyer 24.9. Karl Hammer 2 0 Susanne Roth 27.9. Dr. Bastian Meijer 28.9. Jutta Wies 29.9. Harald Skroblies 30.9. Elke Gross Oktober 01.10. Dr. Margit Proescholdt 02.10. Franz Solms-Laubach 06.10. Prof. Dr. Konrad Huchting 06. 10. Jörg Raab Geburtstagsgrüße 09.10. Helga Leib 09.10. Barbara Reuter 11.10. Walter Matt 11.10. Christa Piotrowski — 14.10. Katharina Fleckenstein 14.10. Stephan Kahl 16.10. Heinz Betzler 16.10. Jürgen Lindemann 17.10. Rainer Michel 17.10. Peter Reimann 18.10. Helmut Hertel 0 21.10. Maria Kretzschmann 23.10. Gerhard Gaede 23.10. Regina Hamel 25.10. Nina Melchers 28.10. Cornelia Bandorf 28.10. Dr. Klaus Konrad-Tromsdorf 30.10. Carl Cellarius 31.10. Hans Hirschmann 31.10. Michael Metz November O2.11. Britta Gundlach O4. 11. Joachim Proescholdt 07.11. Hanns Blauert 07. 11. Thomas Kremer O8.11. Klaus Reinhardt 11.11. Aaron Löwenstein 15. 11. Sissi Hajtmanek 16.11. Berthold Zins 17.11. Susanne Bolczek 17.11. Kerstin Krause 17.11. Wofgang Merten 18.11. Dr. Hans-Joachim Funke 18.11. Hedda Hansen 19.11. Günther Magel e 25.11. Ingeborg Kress 25 E 26.11. Rudko Kawczinski . 11. Dietrich Spaeth 29. 11. Reiner Drescher 29.11. Hubert Meyer 30. 11. Gabriele Abel Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. ascpMrz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto-Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt/ Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664 608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Q Ratftling im K? Auschwitz vom bis Haftl. Nr. Q Häftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. E Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen N HELFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIFD IM FREUNDESKREIS Farbkarte 613 8