LAGERGEMEINSCHAET AUSCHMWITZ EREUNDESkKREIS DER AUSCFWITAZER AUSCEHMWTZ 18. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt. April 1998 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 1 Themenabende am ersten Mittwoch im Monat in Frankfurt/ Main Zur Pädagogik der Erinnerung Am Mittwoch, dem 1. April, um 19.30 Uhr ist Manfred Wittmeier bei unserem öffentlichen Monatstreffen in den Räumen der evangelischen St. Katharinengemeinde, Wolfsgangstraße 109, in Frankfurt am Main zu Gast. Diskussionsthema ist sein im Herbst 1997 im Verlag Brandes& Apsel(ISBN3-89066-1450) erschienenes Buch Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz 5 Zur Pädagogik der Erinnerung in der politischen Bildung. Wie die Annäherung an Auschwitz-Birkenau pdidagogisch geleistet werden Lann, wird mit einem Kückblick auf die Geschichte des Todeslagers ebenso nachgezeichnet wie auch die Auseinanderetzung mit dem Geschehen von Aut Schwitz in der BRD und der PDR vowie im Peutschland der o0er Jahre. Pabei ist der Auseinandersetzung des mit dem Ortsnamen Auschwitz verbundenen Zivili— Sationsbruchs, der Entwichlung einer deutschen Identität nach Auschwite, der Dimension des Leidens der Opfer und der Brutalisierung der Vter nuchzuspü— ren.(...) Die Internationale Jugendbegegnungssttte Auschwitz wird als Forum des gemeinsamen Lernens deutscher und polnischer Jugendlicher, als Ort des Lernens junger Menschen aus der EFuropdischen Union sowie der Internationa- len Jugendbegegnung begriffen. Die Ziele und Inhalte einerzeitgemdßen Padago- gildes Gedenkens legt Wittmeier ausführlich dar.*(Verlagsmitteilung) Manfred Wittmeier ist Erziehungswissenschaftler und hauptberuflich Referent für politische Bildung beim Hessischen Landesjugendring. Er ist Gründungsmit- glied der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz sowie des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfur/ Main und seit langen Jahren auch Mitglied in der Lagergemeinschaft Auschwitz- BFreundeskreis der Auschwitzer. Die nächsten Themenabende(gleicher Ort, gleiche Uhrzeit) sind dem Nazi- on⸗ern 16 Farben und seiner nicht enden wollenden Abwicklung gewidmet: Mittwoch, 6. Mai 1998: »I6 Farben-Führend in der Welt'* Vortrag von Diethardt Stamm (Aktionär der*IG-Farben i. A.* und Vorstandsmitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer) über die Verstrickungen des Chemie-Trusts in die Verbrechen des Dritten Reiches. Mittwoch, 3. Juni 1998: »IG Farben in Nicht-Auflösung' Vortrag von Diethardt Stamm über die bis heute nicht erfolgte Liquidierung der*IG-Farben in Abwicklung'(iA.) und die Nicht-Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Inhaltsverzeichnis Seite Treffen in der Wolfsgangstraße 109 in Frankfurt/ Main 1 Kennen Sie Auschwitz? 3 Hörspiel im Hessischen Rundfunk »Tiere“ 4 Vorabdruck aus dem Buch'Zitronen aus Kanada“ Geschichten über Das Leben mit Auschwitz des Stanislaw Hantz“ 70 Ein Großereignis der Offentlichkeit 9 Ppädagogische Aspekte einer Ausstellung(Vernichtungskrieg. Ver- brechen der Wehrmacht 1941 bis 1944) Eine Bestandsaufnahme von Gottfried Kößler I6 Farben-Sinnbild einer'Nazi-Aktiengesellschaft“ 15 Presseerklärung der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer vom Dezember 1997 Schöne Bescherung 17 Bericht von der Aktionärsversammlung der I6 Farben i.A. von Diethardt Stamm Die Allianz-ein Unternehmen mit Geschichte 21 Die Lebensversicherungen der Holocaust-Opfer Eine Recherche von Klaus Konrad-Tromsdorf »Fluchten aus Auschwitz“ 23 Buchbesprechung von Joachim Proescholdt£ Buchbestellungen bei der Lagergemeinschaft 26 Forschung gegen Menschenwürde? 27 zur Bioethik-Konvention des Europarates von Karin Mihm IMPRESSUM: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Redaktion: Hans Hirschmann Mitarbeit: Anni Roßmann-Reineck, Joachim Proescholdt, Karin Mihm, Diethardt Stamm, Matthias Tiessen, Klaus Konrad-Tromsdorf Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Hõrspiel-Wiederholung: Hessischer Rundfunk, 1. Progr., 6. April 1998 Zur Erinnerung an Hermann Reineck Rund zwei Jahre ist Hermann Reineck, der Gründer der Fagergemeinschaft Auschwitz und deren Präsident bis zu seinem Tod am 29. Dezember 1995, nicht mehr unter uns. Die meisten in unserem Verein haben ihn noch in guter Erinne- rung, aber einige Neueingetretene?, insbesondere nach den letzten Polenfahrten, kennen Hermann nur vom Hören und Sagen. Die Hörfunkjournalistin Monika Held hat 1989 viele Stunden auf dem Sofa bei Hermann Reineck und seiner Frau Anni verbracht. Hermann hat damals viel . und Beeindruckendes von seinen traumatischen Erlebnissen in Ausch- wit?z erzählt. Bei Her- mann wurde- wie so oft das Lagerleben wieder wach. Monika Held hat aus den vielen Aufzeich- nungen eine 56 Minuten lange Produktion 2zu— sammengestellt, die 1989 zum ersten Mal gesendet wurde. Jetzt findet im Hessischen Rundfunk im ersten Programm in der e Montag' unter dem Titel wit?? am Montag, dem 6. April 1998, um 20.30 Uhr eine Wiederholung statt. Die Originalstim- me von Hermann Rein- eck mit allen Emotionen ist ein beeindruckendes Dokument. Es lohnt sich auch, dieses auf Ton- band mitzuschneiden, um sich öfters mit die— sen Findrücken zu be-— fassen oder um es jünge- ren Leuten vorzuführen. Diethardt Stamm Der Hessische Rund- funk hat in seinen Hör- spielinformationen die folgenden Zusatzinfor- mationen abgedruckt: Kennen Sie Auschwitz? Hermann R. erzählt um sein Leben Wenn Herrmann R. vom AuschMſtz erzähſt, anm ist er wWieder der politische Häftimg Nr. 68387 mit Seiner Anost vor dern Kapo Jupp, der Schäcel spaſtet, mit Sinern eirzigen Spatenhieh; dann ist er wieder der Schreiber auf Block 21, derm Krankenbau, wo er im Aord ſotenscheine mit erfundenen Jocesursachen in cie Maschine tippt; danm ist Ser wiecer der junge Mann, der vorm Dachboden des Bocks 21 heimich Bock 11, cen Sitz der Lagergestapo, umd die Massener- Sohießungen an der„Schwarzen Wand“ beobacfntet. Schon darals ahrt Fermann B., daß cie Menschen nach dern Krieq die Wirkichkeit von Auschitz nicht glauben werden. Deswegen mmacht er sich bewußt zum AQenzeuOen.. „Die in AuSchMitz ſitten, werden ifr Leben lang bewätiqen' rmssen, Unentrinnhar der Qua der Erinne- runq ausesetzt. Was ist die Qual des Hörens, die Uns als ZUhörern bleibt, gegen die Qual des Leidens an der Erinnerung!“ Oer Kritiker Pau Josef Baue nach der Ursendun9 des Hõrspiels in der funkorresponden?) „Nele Gernerationen wachsen nach, die Zeugen werden irnrmer Weniger. Die Erinmerung aber muß wei- terqetragen werden. Herrmann B. hifft dabei mit all Sei- ner Kraft. Und mit derm bis heute geblebenen ungläu- biqen Staumen, daß er ebt, in Deutschland ſebt.“ Oie nritiserin Mechthic Zschau in cer Franfurter Bund- SChau) NMonika Held, Jahrgang 1943, ebt und arheſtet als Srfunk und Prirtſournalstin in F̃rarkfurt arm Mein. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer In Titronen aus Kanada“ hat Karin Graf Das Leben mit Auschwitz des Stanislaw Hantz' beschrieben 5 Vorabdruck eines Kapitels Tiere März 1945. Staszeks Handwerker- kommando wird aus Hersbruck nach Nürnberg beordert, um Bombenschä- den für die nächsten Bomben auszu- bessern. Paßt auf, bei Euch wird heute gefilzt, jemand hat verpfiffen, daß Ihr Fleisch habt', so warnt mittags der Kapo einen Häftling aus Stas?zeks Kommando in einer Nürnberger S8— Kaserne. Unmittelbar nach dem Abendappell kehren zwei SS Leute un- ter dem obligaten Gebrüll in ihrer Kel- lerzelle das Unterste nach oben. Da fragen wir, was suchen sie. Ihr freßt hier Fleisch, schreien die, die Leute draußen haben es schwer mit Fleisch und Ihr freßt hier.“ Fleisch, ja Fleisch, das hätten sie, räumen die Häftlinge ein und holen eine Katze ohne Fell und ein Fell ohne Katze aus einer dunklen Be nie de e Schicksal hatte ihnen mit einem feind-— lichen Bombenangriff zur rechten Zeit schmeichelnd wiederholt Staszek heute die Worte von damals, das ist sehr gut, solches Fleisch, Herr Unterscharfüh- rer“. Heute lachen seine Augen dabei, damals begab er sich devot und zu— gleich berechnend unter die S8. Ob aus Mitleid und-oder Uberheblichkeit, die SS-Leute überlassen angewidert ihren Fund den tschechischen Denunzianten. Für Stas?zek und sein Kommando ist damit die auch in den letzten Kriegs- wochen eventuell noch lebensgefährli- che Situation gerettet, die geklauten Fleischdosen bleiben unentdeckt. Haben sie tatsächlich Katzen geges- sen? Ja', ist die ebenso knappe wie ernste Antwort,'haben wir', der Ton verbietet eitere Fragen, und schmeckt die gut?. Hunde habe ich manchmal geges- sen', erzählt Staszek dann doch noch. Das war in jener Zeit in Auschwitz, als er mit dem Pferdefuhrwerk aus der evakuierten Umgebung jenseits der So- la Holz aus den Häusern holte, die Hals über Kopf von ihren Bewokuetinnen und Bewohnern verlassen werden mußten. Unabdingbare Voraussetzung für so eine Hundemahlzeit war, daß der Posten mitspielt und eventuell eine überflüssige Patrone hat. Alles andere ist kein Problem,'Hunde laufen viele im Vor Ofen op Kohle, alles haben die Leute gelassen“. Staszek erinnert sich an einen Vormit- tag, an dem er einen'nicht großen, hellbraunen Hund'“ häutet, zerlegt und kocht. Der Hunger hat jedes Detail no- tiert.'Das war zweiundvierzig, da ha- ben wir mittags zwei Stunden Bettruhe im Lager. Ich mache viel Kohle unter Topf und wir fahren zurück ins Lager. Ich bin spät. Nach der Mittagspause bekomme ich andere Posten, neue, sol- che alte Mann. Ich weiß nicht, was wird, kann ich mit dem zu dem gekoch- te Hund fahren oder nicht. Da muß c0 mit dem ein paar Worte sprechen. Das ist ein Deutscher, S8, kann der nicht Polnisch. Sage ich dem, wir können Mittag essen, der Posten von vormittag hat Hase geschossen. Hat der gesagt, da muß der aber gut schießen, wenn der hat nur Kugel und nicht Schrot. Hund ist gut gekocht, weich, geht gut ab von Knochen. Der fragt nochmal, ob das Hase ist, ja sage ich, ist Hase. Zuerst frage ich den, ob der erlaubt, daß ich esse und gebe dem ein ganzes großes Bein und hat dem geschmeckt. Der hat Brot und das teilt der mit mir. Das Fleisch ist gut, aber schmeckt besser Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 mit Brot. Und nehme ich Reste von ge- kKochte Hund zwischen Balken mit in Zimmerei. Das weiß der aber nicht.* Staszeks Augen folgen den an den Mülleimern herumflatternden Raben, draußen vor der Museumscafeteria in Oswiecim. Die haben wir auch geges- sen', fällt ihm ein. Einer der Jugendli- chen aus dem Zimmereikommando baut eine Drahtfalle und postiert sie an der Lagermetzgerei, wo die Vögel mit- * Abfälle erheischen. Verfängt sich einer in der Falle, Kostet ihn das Kopf und Kragen, wird er gerupft und ausgenommen. Port in einem Schup— pen, wir nennen den Profil, machen wir Feuer und kochen den Vogel zwei Stun- den und ist der noch hart, hat der drei- hundert Jahre. Aber essen wir trotz- dem. Hunger haben wir viel.“ Weil der Platz gefährlich ist,'viel SS*, versiegt diese Nahrungsquelle bald wieder. Essen ist das ganz große Thema in und über Auschwitz, damals wie heute. Gibt es immer zu wenig, immer Sup- pe Richtiges Essen, Schweinefleisch, Semmelknödel, Rotkraut, Auschwitz ist ja ein deutsches Konzentrationslager, davon kann man im Lager nur denken. Oder erzählen, was ich habe zu Hause gegessen oder werde ich essen. Schnit- zel mit Braten, mit Rote Rüben, mit Gcheebchobenes oh', klingt auch in der Jetztzeit wie ein ganzes Festtagses- sen. Bei der Besprechung des Textes läßt sich Staszek nochmal jedes Wort auf der Zunge zergehen und ergänzt die Aufzählung:*Pellkartoffel mit Marmelade und Schmalz auch dazu.“ Irgendwann stellt er den Satz in die Welt: Hunger, kenne ich nicht, fühle ich nicht, überhaupt nicht. Ich esse, wenn es Essen gibt, wenn die Zeit zum Essen ist. Zum Beispiel frühstücke ich ohne Hunger. Seit dem Lager.“ Wurde damals viel über Essen ge- sprochen?'Obwohl wir davon haben mehr Hunger, oft, sehr oft. Oh, was ha- ben wir nicht gewaschen, Schale abge- macht, geschnitten, gekocht, gebraten, probiert, gegessen, auf Ofen, in Ofen, gesprochen beim Arbeiten und auch sonst, alles, alles, was nur im Kopf S Keine Geschichte über einen langen Appell, an die sich nicht die Frage an- schließt, ob es danach noch Essen gab, nach ein paar Stunden, da können wir schon nicht mehr laufen. Sehr spät ha- ben sie uns in den Block gelassen. Ha- ben wir kein Essen mehr bekommen, weil die Kessel schon wieder waren in Küche.“ Keine Geschichte über Ar- beitseinsätze außerhalb des Lagers, die nicht abgleitet in geradezu bohrende Fragen darüber, wer für die Essensab- holung zuständig ist, wer das Essen verteilt, in welchen Tonnen das Essen transportiert wird usw.'Schade, daß der Tadek nicht da ist, da können wir über Essen reden, daß der Margarine gestohlen hat und Zucker?. Jedes Auschwitzer Fettauge auf ei- ner Suppe, jede Auschwitzer Sonderra- tion, hat fünfzig Jahre mental über- lebt. Als Staszek irgendwann nach einem Wort für Durchfallgestank sucht, asso- ziiert er verblüffend zu Stinken-wie- ein Schwein:'Schwein kann ich nicht sagen, das ist Beleidigung für Schwein. Das Schwein riecht gut, geschlachtet noch besser, am besten gebraten.“ Es- sensgeschichten gibt es ohne Ende, in Gesprächen zwischen den Häftlingen haben sie oft allererste Priorität.*Zu Weihnachten vierzig gibt es im Lager Gulasch mit Kartoffeln“, sagt Staszek zu Hermann Reineck, seinem lieben Freund und ebenfalls ehemaligem Häftling.*Schade, daß ich zu der Zeit noch nicht in Auschwitz war', antwor- tet dieser trocken. Die Beschreibung jenes legendären Gulasch geht in ihrem bebenden Gelächter unter.'War das geschälte Kartoffel, weiß, trocken ge- Kocht, das ist wichtig“- und das Prä- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer sens ist hier sicherlich kein Zufall-, daß die waren geschält.“ Auf dieser Welt dürfte es kaum je- manden geben, der mit mehr Wonne ißt als Stas?ek, stumm und versunken hin- ter einer undurchdringbaren Mauer, der übrigen Welt vorübergehend jegli- chen Zutritt verwehrend. Als Regina eine Abendschule be- sucht, kocht Staszek täglich für sich und seine Töchter. Wanda erinnert sich an gebratene Leber, die ihr der Vater immer wieder aufnötigt mit dem Hin- weis, daß sie in Auschwitz froh über dieses Essen gewesen wären. Und un— vergessen sind ihr die diversen Menüs, deren Hauptgang aus Brot bestand: ge- trocknetes Brot, geröstetes Brot, Brot in Schmalz in der Pfanne gebraten und vieles mehr. Bei diesen Mahlzeiten er- zählt Staszek viel über organisierte, er- gaunerte, ergatterte, erbettelte, gerette- te Auschwitzer Rationen und ihre Zu- bereitung. Eines Tages steht auf seinem Familienessensplan Brot mit gerösteten Zwiebeln. Als die Zwiebeln fertig sind, stellt Staszek fest, daß kein Brot im Hause ist. Wanda hat in ihrem Ranzen noch das Schulbrot, allerdings mit Ho- nig beschmiert. So essen sie Honigbrotch mit gebratenen Zwiebeln bestreut. aus Karin Graf:*Zitronen aus Ka- nada-Das Leben mit Auschwitz des Stanislaw Hantz“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Geschichten über Das Leben mit Auschwitz des Stanislaw Hantz“ „Litronen aus Kanada'? Karin Graf lernte den ehemaligen Auschwitz-Häftling Stanislaw(Staszek) Hantz vor etwas mehr als fünf Jahren kennen. Sie war danach mit ihm mehrfach in Auschwitz. Aber nicht nur dort, sondern auch in Großrosen, in Hersbruck, Nürnberg, Ingolstadt und Dachau, den Stationen seines Todesmarsches, den er als einer von wenigen Häftlingen überlebte. In Dachau wurde er von der USArmee befreit. 5 Im Lauf der jahrelangen Bekannt- schaft von Karin Graf und Staszek Hantz wurden bei mehrtägigen Füh- rungen' durch das Stammlager und durch Birkenau Video- und Tonband- aufzeichnungen aufgenommen, Inter- views aufgezeichnet, Notizen von Ge- sprächen und Diskussion angefertigt. Aus diesem Material hat Karin Graf kurze Geschichten geschrieben. Diese Geschichten beinhalten zwei Ebenen. Eine Ebene ist das Geschehen in Au- schwit?z und die Frinnerung Staszeks dazu. Die andere Ebene ist, wie haben sich diese Erfahrungen in den vergan- genen fünfzig Jahren auf ihn ausge- wirkt, wie lebte und lebt er damit, wie— viel Auschwitz schleppt er heute noch mit sich herum? Die Texte haben oft eine konkrete S?zene in Auschwitz zum Ausgangs- unkt. Dort wo es geboten schien, zi- tiert Karin Graf die Erinnerungen Staszeks direkt, in deutsch, mit seiner gebrochenen Lagersprache“, die auch sonst die Verständigungsgrundlage war. Die Rolle der Autorin beschränkt sich auf die der Fragerin und auf die, die seine Erzählungen zusammenfaßt, die ihn beim Erzählen beobachtet und kommentiert- das alles floß in die Ge— schichten mit ein. Der Gesamttext hat keine einheitliche literarische Form: es gibt romanhafte Passagen, Kommenta- re und immer wieder Dialoge. Die Texte legen keinen gesteigerten Wert auf Objektivität, im Vordergrund steht stets das subjektive Erleben, mit seinen Lücken, Deutungen und wech- selnden Wahrheiten, macht die Autorin in einem Exposé deutlich. Es handelt sich durchgehend um assoziative Texte, das heißt, es wird nur in sehr geringem Maße ein zeitlicher Ablauf eingehal- ten, die Geschichten hangeln sich an anderen Schwerpunkten durch die La— ger- und Haftzeit, wie zum Beispiel Es- sen, Freunde, Hierarchie, Funktionäre, Strafen und so weiter. Dieses Verfahren entstand auch durch Staszeks Erzähl- weise, der beispielsweise über sein er- sters Paar Schuhe im Lager spricht, sich dann erinnert, welche Schuhe er noch wann und wie und unter welchen Bedingungen bekommen hat. Diese verknüpfende Erzählweise hat Karin Graf bevorzugt weitergeführt, weil sie ihres Erachtens am besten wiedergibt, wie Erinnerung funktioniert. Sehr großen Wert wurde auf die sub- jektiven Folgen der KZHaft und der erlittenen Strapazen auf den Todes- märschen gelegt. Dieses Anliegen ließ sich vor allem durch die jahrelange Bekanntschaft qualitativ und quantita- tiv gut umsetzen. Dabei haben auch Regina, Staszeks Fhefrau, und seine Töchter Wanda und Kristina mitge- wirkt, deren Fommentare und Gedan- ken an einigen Stellen einfließen. Eine Rolle spielen auch die Diskussionen in Kreisen der ehemaligen Häftlinge und Stas?zeks Kontakte zu ihnen. Schwer- punkt aller Geschichten sind die Spu— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ren, die er mit sich herumträgt. Zum Beispiel, was erinnert ihn an Lagervor- fälle, wann geschieht dies und wie ha- ben ihn diese Vorfälle geprägt, wie geht er damit umꝰ? Die in dem Buch'Zitronen aus Ka- nanda“ publizierten Geschichten stel- len eine durch die Haft in deutschen Konzentrationslagern schwer verletzte Person dar, die durch Zufälle, Klug- heit. Menschenfreundlichkeit und im- mensen Lebenswillen überlebt hat. In den fünfzig Jahren danach hat diese Person ihren ganz eigenen Weg gefun- 8 den, mit auffälligen und weniger auf- fälligen Spuren, auch mit Witz und großer Vitalität. In der Arbeit an dem Buch hat sich für die Autorin die Sicht der Person Stanislaw Hantz so entwik— kKelt:'einerseits seine Trauer zu spüren und andererseits auch die Zuversicht und Freude am Leben zu sehen— also wie und daß man mit solchen Erfah- rungen auch leben kann, stets mit der Betonung der Subjektivität?. Die Texte im Buch werden Luene gig von einigen historischen und viele aktuellen Fotos begleitet. Bestellungen fertige Manuskript in der Druckerei. Als Buch wird Ka- n nen aus Kanada. Has be t Auschwitz des Sta- nislaw Hantz“ im Verlag des Staatli- chen Museums Auschwitz in den kommenden Wo- chen erscheinen. Vorbestellungen bei der Lagerge meinschaft Ausch- wit?— Freundes- kreis der Auschwit- zer, Lindenstraße 68 in 35516 Mün- zenberg. Bezahlung per Scheck oder Rech- nung(24.900 PM pro Exemplar plus Porto von 2.50 PM) Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 9 Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht Die Wanderausstellung'Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1044* des Hamburger Instituts für Sozialforschung Giehe Mitteilungsblätter 3/1006 und 1/1997) ist spätesiens seit den Kontroversen bei der Präsentation in München(Februar 1997) zu einem Medien-Breignis geworden, das ihr die Aura eines events'“— so Gottfried Kößler- verliehen hat. Damit aber auch eine Erwar- tung, die von der Ausstellung selbst auf meherern Ebenen enttäuscht wird. Als die Ausstellung im Apri Mai 1997 in der Paulskirche in Frankfurt am Main gezeigt wurde, lag die Begleitung bei einem Team des Frit? Bauer Instituts. Gott- fried Kößler ist dort als Lehrer im Rahmen des Hessischen Landesinstituts für ädagogik für die pädagogische Arbeit zuständig. Bis 13. April ist die Ausstellung in Salzburg zu sehen, vom 19. April bis 19. Mai in Aachen und vom 25. Mai bis 5. Juli in Kassel. Informationen über den jeweiligen Ausstellungsort sind beim Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36 in 20148 Hamburg, Tel. 040 /414097 12, zu erhalten. Ein Großereignis der Offentlichkeit Pãdagogische Aspekte einer Ausstellung s von Gottfried Kößler Die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944* wurde von Bildungseinrichtungen in Frankfurt am Main von Gruppen aus Schu— len, Hochschulen und außerschulischen Trägern besucht. Dennoch waren die meisten Besucher Einzelbesucher. Nur etwa 22.000 Besucher von etwa 100.000 kamen in Gruppen. Welche Erfahrungen wurden mit diesen unterschiedlichen Besuchern gemacht? Das Gelingen der Ausstellungsprä- Wehrmacht verbindet. Diese Ehren- sentation in Frankfurt am Main haben amtlichen kamen aus verschiedenen wir dem außerordentlichen Einsatz der Generationen, die ältesten konnten aus ehrenamtlichen Standbetreuerinnen eigenen Frinnerungen an die NS Zeit 6* betreuer aus dem Förderverein und den Krieg argumentieren, die rit? Bauer Institut zu verdanken. jüngsten haben gerade erst mit dem Nach der aufgeregten, durch die Medi- Studium begonnen. en immer wieder angeheizten Rezep- tion in München befürchteten viele, daß hier am symbolischen Ort der Na— tionalversammlung eine weitere Es- kalation erfolgen würde. Das Konzept des Fritz Bauer Institut war, in der Ausstellung einerseits ständig mit hauptamtlichen Personen präsent zu sein, die für den technischen Ablauf und die Koordination mit den Veran- staltern zuständig waren, aber anderer- seits den Infotisch mit Menschen zu be- setzen, die unterschiedliche persönli- che Interessen mit der Geschichte der Bereits am Morgen, eine Stunde vor Oftnung der Ausstellung warteten bis zu 20 Lehrkräfte mit ihren Schützlin- gen auf Finlaß. Fast 19.000 Schülerin- nen und Schüler- in 792 Schulklassen- haben nach der Statistik des Fritz Bau- er Instituts diese Ausstellung in der Paulskirche besucht. Davon wurden et- wa 2500 in Führungen betreut. Das sind Zahlen, hinter denen sich einige Wochen Erfahrungen mit dieser Aus— stellung, ihren Einzelbesuchern, den Jugendlichen, ihren Lehrerinnen und Lehrern und den Ausstellungsbetreu- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer ern verbergen. Der Ausstellungsort: Politisch sinnvoll, pädagogisch problematisch Das Fritz Bauer Institut war vom Land Hessen mit der Gestaltung des Begleitprogramms und mit der Kon- zeption der Führungen beauftragt. Niemand hatte damit gerechnet, daß die Steuerung der Besucherstrõme ein eigenes Arbeitsfeld werden würde. Der Raum in der Paulskirche war bei weit tem zu klein. Es war eine symbolische politische Entscheidung, die Ausstel- lung dort zu präsentieren. Als solche war sie sinnvoll, die Paulskirche ist der symbolisch angemessene Ort für diese Auseinandersetzung mit unserer Ge— schichte. Leider ist sie als konkreter Raum eng und schlecht belüftet, nicht für 3000 Besucher am Tag gemacht. An manchen Tagen herrschte vormittags eine regelrechte Schulausflugsstim- mung. Wer täglich in der Ausstellung war, konnte über die fünf Wochen hin- weg trot?dem feststellen, daß sich eine konzentrierte Atmosphäre hielt, ver- gleichbar einer Bibliothek. Die Besu- cher lasen, tauschten Eindrücke mit gedämpfter Stimme aus. Das trifft auch auf die Jugendlichen zu. Aller- dings zeigten sich einige Probleme in der pädagogischen Nutzung der Aus- stellung, die für die künftigen Besu- cher relevant sind. Die Bedingungen für pädagogisch sinnvolles Arbeiten sind in dieser Aus- stellung auch unabhängig vom Raum nicht vielversprechend. Sie besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Text- sorten, die teilweise argumentierend, teilweise eher als Collage zusammenge- stellt sind. Die Lektüre der gesamten Textmenge würde eine konzentrierte Lesezeit von vier bis fünf Stunden ver- langen. In der öffentlichen Rezeption stehen die historischen Fotografien im Vor- dergrund, mit denen die Autoren ihre Argumentation abstützen, die sie aber oft auch nur als Illustration verwen- den. Daher ist die Erwartung der Besu- cher darauf gerichtet, eine Ausstellung zu besuchen, die in erster Linie opti- sche Reize bietet. Die Kontroversen un die Ausstellung in den Medien haben der Ausstellung die Aura eines'events* verliehen. Die Besucher erwarten ein Spektakuläres Breignis. Diese Erwartung wird von der Aus- stellung selbst auf mehreren Ebenen Vorkenntnisse werden vorausgesetzt Amateuraufnahme eines Beteiligten an einer Massenexekution in der Sow- jetunion. Dieses Bild wie auch die auf den folgenden Seiten abgedruckten wurden bei toten oder gefangenen deutschen Soldaten gefunden(ent- nommen dem Katalog zur Ausstellung Vernichtungskrieg“, Hamburg 1997, ISBN3-930908-247). Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 11 enttäuscht. Nur das Umfeld, von den Medien bis zu den Diskussionen vor Ort, kommt den Erwartungen entge- gen. Die Ausstellung selbst behandelt drei klar abgegren?zte Ausschnitte aus dem Geschehen des Zweiten Weltkrie- ges, um eine These zu belegen, die ebenfalls deutlich abgegrenzt ist. Eine sinnvolle Rezeption des angebotenen Materials setzt Vorkenntnisse auf ei— nigen unterschiedlichen Ebenen vor- aus. ₰* Zunächst sollten die Besucher die Geschichte des Militärs in Preußen kennen, um die Bezugnahmen auf Tra- ditionen dieser Institution zu verste- hen, die in den Quellentexten, in den Kommentaren und in der Gestaltung der Ausstellung enthalten sind. Die In- Stallation des Eisernen Kreuzes als zen- trales Element der Ausstellung mit den darauf eingetragenen Verbrecheri- schen Befehlen' der Generalität, den Feldposthriefen, den Zitaten von Ernst Jünger und Carl Schmitt und mit den unkommentierten, nach Tötungsarten geordneten Fotografien macht dies be- sonders deutlich. * Sodann ist es kaum möglich, die Motivation für die Konzeption des Krieges im Osten ohne grundlegende Kenntnisse des spezifischen biologisti- schen Rassismus und des biologisti- schen Antisemitismus des Nationalso- zialismus zu verstehen. Das betrifft sowohl die Morde an der jüdischen Be- völkerung als auch den menschenver- achtenden Umgang mit Kriegsgefange- nen und Zwangsarbeitern. * Die Freignisse in der Sowjetunion der 40er Jahre ohne eine Vorstellung über die Besonderheiten des politischen Systems der UdSSR einzuordnen, ist ein schwieriges Unterfangen. Wie kann man sich den'Kommissarbefehl' er- klären, ohne zu wissen was ein Kom- missar in der Roten Armee einerseits tatsächlich, andererseits in der Vorstel- lung der deutschen Militärs war? * Selten haben Jugendliche in Deutschland heute Kenntnisse über die Geschichte der Juden in Osteuropa. Diese Unkenntnis findet sich auch bei Lehrkräften. Kenntnisse über Kultur und Geschichte der anderen Bevölke- rungsgruppen Osteuropas sind in Deutschland heute ein Desiderat an die historisch-politische Bildung, nicht mehr. Es ist also unwahrscheinlich, daß bei den Besuchern eine konkrete Vor- stellung über die Identitäten der Opfer der deutschen Verbrechen besteht. „Einfache“ Täter rücken überraschend ins Blickfeld Für die pädagogische Annäherung an die Ausstellung bedeutet dieses Ge- menge von schwer einholbaren Voraus- setzungen eine große Belastung. Aber dies beschreibt nur das Fernmaterial, der pädagogische Prozeß ist nicht zu— letzt durch die subjektive Seite der Akteure“ geprägt. Alle Besucher sind in je unterschiedlicher Weise biogra- fisch mit den Ereignissen des Holo- caust verbunden. Die wenigsten kön- nen diese Verbundenheit reflektieren. Die meisten Schülerinnen und Schüler gehen davon aus, daß ihnen diese Ge— schichte fern ist. Sie erwarten einen 12 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer großen Abstand zwischen ihrer eigenen Welt und den Ereignissen der Jahre 1941 bis 1944 in der Sowjetunion. Aber diese Erwartung ist oft trügerisch, ge— rade diese Geschichte kann unverhofft sehr nahe rücken. Falls sie die Ausstel- lung aufmerksam wahrnehmen, ist die Information, daß 18 Millionen deutsche Männer in der Institution Wehrmacht aktiv tätig waren, die als Institution für Verbrechen verantwortlich ist, ein Grund der Verunsicherung. Es ist er- staunlich, daß diese einfache Informa- tion nicht Teil des Grundwissens über die deutsche Geschichte ist, das als Voraussetzung in jeden Lernprozeß in Schule und Museum eingeht. Denn die- se Tatsache wird nirgends bezweifelt. Die Wehrmacht, 1934 auf'den Führer? vereidigt, war Teil des verbrecherischen NSStaates. Als solche war sie an dessen Menschheitsverbrechen beteiligt. Daß der Blick auf diese einfache Tatsache im Geschichtsunterricht anscheinend selten eine Rolle spielt, fällt jetzt ange- sichts der vehementen Reaktionen auf diese Ausstellung plötzlich einer brei— teren Offentlichkeit auf. Die Lehrkräfte selbst erschrecken vor dieser Tatsache aber sicher noch mehr als ihre Schüler. Der Blick auf das NS-System war seit den 70er Jahren durch eine Mischung aus Fixierung auf einzelne Täter(Höß, Himmler) und auf die Deutschen als Masse geprägt. Der alltagsgeschichtliche Blick, der die Ge⸗ schichtswissenschaft und den 60 schichtsunterricht seit Beginn der 80er Jahre verändert, hat zwar die Auf— merksamkeit für Lebensverhältnisse der Verfolgten und auch der deutschen Durchschnittsmenschen in der NS-Zeit verstärkt. Vor allem im Blick auf den 9. November 1938 wurden Schicksale der Verfolgten dokumentiert. Diese For- schungen sind nicht zuletzt vielen schulischen Projekten zu verdanken, sie haben also von Beginn an einen L Fxekutierte'verdächtige“ Dorfbewohner; tatbeteiligt von links: Wehrmachts- offizier, Unteroffizier, Offizier einer der verbündeten Armee, zwei SD-An- gehörige, fünf Polizeiangehörige. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 pädagogischen Impuls gehabt. Fin Transfer auf die Frage nach der Identi- tät der Täter fällt aber noch immer schwer. Persönliche Ergriffenheit ersetzt nicht die inhaltliche Vorbereitung Die Schüler, die in der Ausstellung im Unterrichtsrahmen erschienen, wa- sehr unterschiedlich auf ihren Be— such vorbereitet. Es gab viele Gruppen, die genaue Vorstellungen darüber hat- ten, was sie erwartete und deren Ar- beitsaufträge deutlich auf den Lern- stand der Gruppe bezogen waren. Die Betreuer am Infostand in der Ausstel- lung hatten eine Perspektive auf die Besucher, die weniger pädagogisch ist als die derjenigen, die selbst Führungen machten. Sie haben oft den Eindruck gewonnen, daß ein großer Teil der Ju— gendlichen, die im Klassenverband an- gereist waren, keine Vorstellung von der Art der Ausstellung hatten, die sie besuchten. Viele waren nicht auf die oben beschriebenen Zusammenhänge der Thematik des Zweiten Weltkrieges in Osteuropa vorbereitet. In den Aus- stellungsgesprächen mit geführten Gruppen taten sich oft Kenntnislücken belbst in grundlegenden Fragen der SGeschichte auf. Diese Beobachtung deckt sich mit den Erfahrungen, die Pädagogen in den Gedenkstätten mit Besuchergruppen immer wieder ma- chen. Es ist eine Uberforderung der Funk- tion einer solchen Ausstellung, wenn sie als Lernort verstanden wird, an dem Grundlagen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vermit- telt werden. Vielmehr steht die Ausstel- lung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944*, genau wie die Gedenkstätten, für eine be— stimmte Form der Frinnerungskultur im Bezug auf ein bestimmtes Ereignis. Ein Besuch in der Euthanasie-Gedenk- Stätte Hadamar kann nicht die Ausein- andersetzung mit der Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen in Ser— bien, Griechenland oder der Sowjetuni- on ersetzen. Es ist eine didaktische Entscheidung, die wir Lehrkräfte fäl- len, welchen Schwerpunkt wir bei der Behandlung der Epoche des National- Sozialismus setzen. Gerade die Erfah— rung mit den Gruppen in der Paulskir- che ließ bei den Betreuern am Infotisch oft den Findruck entstehen, daß nicht langfristige Planung von Lernprozes- sen, sondern eine persönliche Ergrif- fenheit der Lehrkräfte den Besuch ver- anlaßt hatte. Sicher, immer wieder be- richteten die Lehrerinnen und Lehrer, die Schüler selbst hätten auf diesem Besuch bestanden. Aber ist das ein di- daktisches Argument? Und wenn dem 80 ist, wieso waren so viele Gruppen nicht inhaltlich auf den Besuch vorbe- reitet? Wieso sahen so viele Lehrerin- nen und Lehrer die Ausstellung mit ih— ren Schülern gemeinsam zum ersten Mal? Immer wieder sammelten sich Gruppen am Ausgang, um auf ihre Be— gleitpersonen zu warten, die noch mit der Lektüre der Ausstellung beschäf- tigt waren. Es liegt nahe, daß die eigene Auseinandersetzung mit der Geschich- te des Zweiten Weltkrieges im Kontext des Holocaust und der darin einge- schriebenen je eigenen Familienge- schichte für viele unter uns Lehrerin- nen und Fehrern noch aussteht. Kriegsteilnehmer, Lehrer, Schüler: Drei Generationen-drei Zugänge Die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944* hat sich durch ihre Rezeption im vergangenen Jahr zu einem Ort entwik- kelt, an dem das Verhältnis zwischen der Generation der Kriegsteilnehmer und den Nachgeborenen öffentlich verhandelt wird. Dies ist ihr hervorra- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer gender Verdienst, die Spuren lassen sich im Besucherbuch, in den Leser- briefen, in den Gesprächen in der Aus- stellung selbst ablesen. Es ist sehr zu hoffen, daß diese Funktion der Ausstel- lung an den künftigen Orten gepflegt wird. In Frankfurt am Main waren die Möglichkeiten dazu wegen der Raum- verhältnisse in der Paulskirche nicht gut, und trotzdem rissen die Gespräche nicht ab. Wir sollten uns als Pädagogen bei der Arbeit mit dieser Ausstellung vor t K055GfWr t Augen führen, daß die emotionale Py- namik ihrer Rezeption aus dem gebro- chenen Verhältnis unserer Generatio— nen zu unseren Eltern und Großeltern entsteht. Unsere Schüler haben einen weit distanzierteren Zugang. Für sie handelt es sich um ein Medienereignis, dessen reale Erscheinung bei weitem nicht hält, was die Medienresonanz verspricht. Eine Frage, die von nach dem Rundgang war immer wieder: Jugendlichen gestellt g geste vurde Warum haben die- se jungen Männ- bibi es ein Leben„ 4 nach dem Tode? getan?“ Das ist eine Fra- ge, die sich gene- ralisieren läßt, die einen klaren Gegenwartsbe- zug hat. Sie ver- weist auf den Stand der Aus- einandersetzung mit dem Natio- nalsozialismus in der deutschen Offentlichkeit heute. Sie kann uns Pädagogen als Richtschnur für die Planung von jedem Un— terricht zum vah tionalsozialismus dienen. In einem Unterricht, der die Beteiligung der Gesamtheit der deutschen Gesellschaft an den Verbrechen des Nationalso- zialismus in den Gß Mittelpunkt d stellt, hat der Be- ii 8 RR RRR0S 44— Die Legende von'harmlosen Idealisten und schen Tandsern“ prägen das Bild der Wehrmachtssoldaten bis heute(hier Illustriertengeschichte von 1961). such dieser Aus- stellung seinen Platz. M Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Presseerklärung anläßlich der I6 Farben Aktionärsversammlung am 22. Dezember 1997 in Frankfurt am Main Die I6 Farben Sinnbild einer Nazi-Aktiengesellschaft“ So wie Auschwitz zum Sinnbild des von Nazi-Peutschland betriebenen indu- striellen Völkermordes geworden ist, so ist die I6 Farben das Sinnbild einer Nazi-Aktiengesellschaft“. Die 1925 durch Zusammenschluß mehrerer Firmen entstandene'Interessengemeinschaft Farbenindustrie“- abgekürzt I6 Farben war vor 1945 nicht nur Deutschlands größter Chemiekonzern, sondern über- haupt das größte deutsche Privatunternehmen. Die I6 war der größte Einzel- Finanzier der NSDAP. Die Anklagepunkte im Nürnberger Kriegsverbrecher- Prozeß(1947) lauteten u.a. auf Unterstützung zur Vorbereitung und Durch- führung eines Angriffskrieges, auf Sklaverei, Raub und Plünderung. Mindestens 45.000 Menschen- zumeist KZHäftlinge hat die I6 Farben als unentlohnte Zwangsarbeiter und—arbeiterinnen im Deutschen Reich ausge- nutzt. Allein rund 27.000 Häftlinge starben entweder am Arbeitsplatz oder nach der Rücküberstellung ins KZ bei der Errichtung einer riesigen Chemiefa- brik in Monowitz, dem fünf Kilometer von Auschwitz errichteten sogenannten I6 Farben Lager(Auschwitz III). Der Konzern leistete damit einen wesentli- chen Beitrag zur Strategie»Vernichtung durch Arbeit“. Zudem lieferte eine Tochtergesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch), das Giftgas Zyklon B, das zur Massenvernichtung von Menschen eingesetzt wurde. Nach dem Kriegsverbrecherurteil von 1948 hätte die I6 Farben bis 1953 aufgelöst werden müssen. Als I6 Farben i. A.(in Auflösung) existiert sie aller- dings heute noch und bringt ihren Aktionären Spekulationsgewinne. Laut „tages?eitung“(taz) verwaltet die I6 Farben i. A. ein sog. Abwicklungskapital O% 28 Millionen Mark und wies 1995 einen Uberschuß von 278.000 Mark aus. ährend mit den*Blutaktien“ der Mordgesellschaft' weiterhin Profite er- zielt werden, gehen die Opfer leer aus. Weder I6 Farben noch die Nachfolgebe- triebe BASF, Bayer und Hoechst fühlten sich für Entschädigung der ehemali- gen Zwangsarbeiter zuständig. Gestern wie heute: Ethische Verhärtung' Der Historiker Peter Hayes kommt in seiner Charakterisierung der I6 Farben-Manager zu dem Schluß:'Sie waren pragmatische Männer, die sich vor allem mit den unmittelbaren Herausforderungen der Technik und der Produk- tion befaßten und zunehmend bereit waren, das Notwendige zu tun, um ihre eigenen Ziele und die ihres Unternehmens durchzusetzen. Sie verkörperten somit die'ethische Verhärtung', die fürs Dritte Reich und für große Organisa- tionen im allgemeinen so charakteristisch ist.“— 16 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Diese Charakterisierung scheint auch auf die Manager und die Mehrheit der Aktionäre der heutigen I6 Farben i. A. sowie die der Nachfolge-Konzerne BASF, Bayer und Hoechst zuzutreffen. Sie weigern sich nach wie vor, die Verantwortung für die Zwangsarbeit der ehemaligen Häftlinge und Kriegsge- fangenen zu übernehmen und sie als Opfer anzuerkennen. Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsar- beiter von I6 Farben sowie sofortige Liquidation der I6 Farben i. A.(G Farben in Abwicklung). Dies sind die Forderungen einer ganzen Reihe von Organisationen und kritischer Aktionäre der I6 Farben i. A. Die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer schließt sich diesen Forderungen an und ruft zur Teilnahme an der Protestveran⸗ staltung(am 22. Dezember, ab 8.30 Uhr) vor dem Tagungsgebäude der I6 Farben i. A. Aktionärsversammlung(Wächtersbacher Str. 83 in Frankfurt/ M.) auf. Hans Hirschmann(Vorstandsmitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundes- kreis der Auschwitzer) arpPf᷑ veiter 2 Demonstration vor dem Versammlungsgebäude der IG-Farben Aktionärs- versammlung am 22. Dezember 1997.(Foto: Stamm) Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 17 Bericht von der Aktionärsversammlung s von Diethardt Stamm Schöne Bescherung: I6 Farben AG„in Abwicklung'? rief Weihnachten 1997 ewig Gestrige auf den Plan Jedes Jahr das gleiche Spektakel: Ein paar Dutzend offenkundig dem Dritten Reich nachtrauernde Altherrschaften, ein paar Dutzend teils skrupellose Speku- lanten und ein halbes Dutzend zurückhaltende Bankenvertreter versuchen das abzuwickeln“, was eigentlich seit 50 Jahren nicht mehr existieren soll. Es geht um die bluthefleckte*I. G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft in Abwicklung“ mit Sitz in Frankfurt am Main. I. G.“ steht für'Interessengemeinschaft'“ als vornehme Umschreibung für den Zusammenschluß von großen chemischen Fa- briken zwecks Profitmaximierung um jeden Preis. Die Rede ist von einer histori- schen Gegebenheit mit dem ersten offiziellen Höhepunkt im Jahre 1904, als sich Teile der deutschen Großchemie zusammenschlossen, um gemeinsam im ersten Weltkrieg u. a. Giftgas zu produzieren und einer Fortführung der Geschichte im Rahmen einer unrühmlichen Rolle in der Weimarer Republik. Die Historie der I6 Farben wurde während der Nazidiktatur weitergeschrieben, und Gewinn'um jeden Preis“ bedeutete brutale Ausbeutung und Mord und das braune Geflecht dauert seit Ende des 2. Weltkrieges bis heute als'Liquidierungsphase' an. Diese Geschichte, ihre Auswüchse in Auschwitz und deren EFinfluß auf die Gegenwartspolitik sind Gegenstand von zwei Vortragsveranstaltungen bei der Lagergemeinschaft Auschwitz- setz vorgeschriebene jährliche Ver- Freundeskreis der Auschwitzer: sammlung der Anteilseigner. Seit Jah- I6 Farben- Führend in der Welt' ren treffen sie sich in Frankfurter ist der erste Abend tituliert und bein- Komforthotels zur weiteren sog. Ab— haltet die Entstehung und Entwick wicklung', immer mit dem Ziel, aus lung des Chemiekonzerns bis hin zu Tage vor Weihnachten 1997 in Frank- furt stattgefunden hat, dargestellt wer- den. Es geht um die nach dem Aktienge- der Vergangenheit in der Gegenwart dessen Verstrickungen im PDritten Reich und findet in der Wolfsgangstr. 109 am 6. Mai 1998 um 19.30 Uhrstatt. Der Vortrag I6 Farben in Nicht- Auflösung' beschäftigt sich mit der Nachkriegspolitik, wie der Konzern nicht ordnungsgemäß liquidiert wurde, welche Rolle er heute noch spielt und was man dagegen tun kann. Der Ter— min hierfür ist am 3. Juni ebenfalls in derWolfsgangstr. 109 um 19.30 Uhr. Nachstehend sollen aktuelle Schlag- lichter von der ordentlichen Hauptver- sammlung' der I6 Farben i. A., die zwei weiter Kapital zu schlagen. Wesentli- che Stichworte sind immer die gleich— en: Abwehr aller Ansprüche aus dem Naziterror, Leugnen wesentlicher Zu— sammenhänge mit der Nazidiktatur und dem KZ Auschwitz und schmut- zige Geschäfte machen mit Immobilien in den neuen Bundesländern oder auch im heutigen Polen. Seit Jahren gibt es vor und in der Hauptversammlung der Aktionäre Demonstrationen von Be- troffenen, Ausgebeuteten und deren Angehörigen und Proteste von jungen Menschen, die diesem Treiben ein Ende setzen wollen. Mitbeteiligt sind daran 18 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Die Herren Sitzungsleiter der IG-Farben schon immer Mitglieder der Fagerge- meinschaft Auschwitz, die- wie z.B. unser Vorstandsmitglied Matthias Ti- essen— auch mit einschlägigen Anträ- gen in der Versammlung präsent wa- ren. Zffentlicher Druck zeitigte Erfolg Die Aktionen zu der letzten Haupt- versammlung haben allerdings in An- betracht des 50. Jahrestages der Bröff- nung des Prozesses gegen die I6 Far- ben vor dem Nürnberger Kriegsverbre- chertribunal am 27. August 1947 eine besondere Qualität erfahren. Ausge- rechnet wenige Tage vor diesem Ter- min, am 22. August 1997, sollte die Ver- sammlung im Arabella Gongress Hotel in Frankfurt-Niederrad stattfinden. Es kam zu starken Protesten schon etliche Wochen zuvor. Die Lagergemeinschaft und viele Organisationen waren mit Artikeln in den Medien und Finzelak- tionen präsent. Sehr gut organisiert o Kampagne Nie wieder!“ mit dem Un- tertitel»Die Verantwortung der Kon- zerne und Banken für Krieg und Nazi- verbrechen. I6 Farben sofort auflösen- Zwangsarbeiterlnnen endlich entschä- digen!“ Deren Vertreter Axel Köhler- Schnura forderte in einem Brief vom 8. Juli 1997 die Oberbürgermeisterin von Frankfurt an Main Petra Roth auf, mit ihrem Vorgänger Andreas von Schoeler gleichzuziehen und'eine Initiative zur Einziehung der Räume für die I6 Far- ben“ zu starten. Eine Reaktion der Oberbürgermeisterin wurde nicht be— kannt, aber die Hotel-Tagungsstätte geriet weiter unter Druck, nachdem Firmen in der Nachbarschaft mit Kon- sequenzen drohten. Die Anzahl der Boykottaufrufe und die Drohungen vieler Gruppen gegen die Hauptver- sammlung zu protestieren, ließen das Arabella Congress-Hotel weich werden, obwohl einvernehmliche Gespräche zwischen den I6 Farben-Liquidatoren, der Polizei und der Hotelführung im Vorfeld stattfanden. In der Frankfur- ter Rundschau vom 13. August 1997 war lapidar festgehalten:'Das Hotel-Ma- nagement hat die Veranstaltung abge- sagt, weil es nach Aufrufen verschiede- ner Gruppen schweren Schaden' auf das Haus zukommen sah'. Einer der seltenen Fälle in der Ge- schichte des Konzerns trat ein: Er muß- te sich öffentlichem Druck beugen, vertagen und eine neue Räumlichkeit suchen. Zu Recht wurde bundesweit von einem Erfolg der Demokraten und Antifaschisten gesprochen. Versammlung im Bürogebäude statt im Luxus-Hotel Am 22. Dezember 1997 nahm die IG Farben i. A. einen neuen Anlauf. Es fand sich jedoch in Frankfurt/M kein Hotel mehr bereit, diese anrüchige A6 zu bewirten, und es mußte mit einem Bürogebäude in der Wächtersbacher Str. 83 als Ausweichquartier vorlieb ge- nommen werden. Dieses Gebäude wur- de bewußt ausgesucht, da es neben ein- em Haupteingang einen Hintereingang zum Durchschleusen von Aktionären besitzt, die evtl. durch Demonstranten beim Betreten des Gebäudes behindert würden. Diese Befürchtung bestätigte sich, da eine eindrucksvolle Kundge- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 bung an beiden Eingängen die Aktio- näre erwartete. Selbst aus Frankreich kam ein Kleinbus mit ehemaligen Zwangsarbeitern. Das Demonstrationsgeschehen wur- de von vielen Fernseh-, Rundfunk- und Presseteams begleitet und am gleichen Tag veröffentlicht. Peinliche Diskus- sionen mit Einzelaktionären und Ban- kenvertretern waren genauso zu beob— achten wie ein großes Polizeiaufgebot weiträumig vor und an dem Gebäude, sowie eine private Hilfstruppe im Ge- bäude. Der Hintereingang war überwie- gend von einer großen Anzahl junger Mitbürgerlnnen besetzt. Bei diesen gab B zungskette mit der Polizeikette kolli- dierte. Man wurde an den Zusammen- hang zwischen I6 Farben und Blut er- innert. Wir, als kritische Aktionäre erkenn- bar, mußten besondere Eingangskon- trollen über uns ergehen lassen. Pein- lich genaues Abtasten, Filzen aller Ta— schen, Abgabe einer Handvoll Mittei- lungshefte der Lagergemeinschaft Auschwitz(als verbotenes Propaganda- material!), Durchwühlen der Butter- brote und selbst Offnen der Thermos- kanne schufen ein merkwürdiges Kli- ma mit der Frage vor wem und was die I6 Farben Angst hat. Oder haben die ein schlechtes Gewissen, was kaum an- zunehmen ist. Die Versammlung selber war geprägt von mutigen Demonstranten, denen Zettel mit der Aufschrift*16 Farben sofort auflösen!“ brutal entrissen wer- den, die nach Pfui-Rufen oder Pfiffen aus dem Saal geworfen werden und die von älteren Herrschaften angepöbelt werden. Der Aufsichtsratsvorsitzende, Rechtsanwalt Ernst C. Krienke, ließ auch keinen Zweifel aufkommen, daß er»aufräumen'' werde. Der stumme Protest eines kritischen Aktionärs am Redepult durch Hochhalten eines Flug- blattes wurde von den schwarz unifor- mierten Saalordnern im Polizeigriff mit Geschrei beendet. Fragen— egal von wem- nahm man entgegen, um sie gesammelt“' und zensiert zu beant- worten oder auch nicht. Politische Sta— tements, die auf Zusammenhänge im Dritten Reich hinweisen, wurden in der Regel nach kurzer Zeit mit dem Hin- weis'dies gehöre hier nicht her? abge- blockt. Aktienrecht und politische Forderungen Der Verfasser konnte sich jedoch Gehör verschaffen, indem er eine Stel- lungname zu seinen schriftlich vorlie— genden Anträgen auf das Aktiengesetz be?Zogen abgab. Der Kern ergibt sich aus dem folgenden Redeauszug:'Sie (die Liquidatoren) haben massiv gegen Paragraph 268(1) Aktiengesetz versto- ßen. Dort heißt es unmißverständlich: Die Abwickler haben die laufenden Geschäfte zu beenden, die Forderun- gen einzuziehen, das übrige Vermögen in Geld umzusetzen und die Gläubiger zu befriedigen' Dem sind sie in kein- ster Weise nachgekommen. Gläubiger sind u.a. die Zehntausenden und ihre Angehörigen, die zu Zwangsarbeit und Qual im Dienste der Gesellschaft schuften mußten. Die wenigen Uberle- benden und die Angehörigen der vie- len, die ihr Leben lassen mußten, das sind die im Sinne des Pragraphen 268(1) AktG zu befriedigenden Personen. Pa- ragraph 271(1) sieht vor, daß das nach der Berichtigung der Verbindlichkeiten verbleibende Vermögen der Gesell- schaft unter die Aktionäre verteilt wird'. Hierzu kann es aber nicht kom- men, da die Entschädigungen für bru— tale Ausbeutung und vielfältigen Tod in keinem Verhältnis zu dem tatsäch- lich verbleibenden Vermögen stehen. Das Vermögen reicht nicht, um die Op— fer auch nur teilweise in die Nãhe einer Wiedergutmachung zu bringen. Für Aktionäre kann also nichts übrig blei— ben. Vielleicht spekulieren einige von diesen, daß sich durch biologischen Abgang' der schon sehr alten letzten 20 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Uberlebenden das Problem zugunsten der Aktionäre lösen könnte. Möglicher- weise ist dies auch der Grund für die Liquidatoren, ihren elementaren Ver- pflichtungen zur schnellen Abwick— lung nicht nachzukommen. Dies ist aber grundsätzlich falsch, denn Ver- bindlichkeiten sind bekanntlich vererb- bar. Die Liquidatoren können sich we- der aus der Geschichte noch aus dem Aktiengeset? davonstehlen. Gesetz und Moral weisen sie in die Schranken'. Die Verknüpfung von alten Forderungen mit geltendem Aktienrecht war für Aufsichtsrat und Liquidatoren offen- kundig leicht verblüffend, so daß diese Rede, die später auch noch auf andere Aspekte des Aktiengesetzes einging, nicht einmal unterbrochen wurde. Fazit: Druck noch mehr verstärken IG Farben i. A. kann sich wie in alten Zeiten gebärden, aber der Gegendruck wächst. Junge Leute als Nachge- borene' sind mehr denn je bereit, einen Protest mitzutragen. Das Verkriechen in ein Bürohochhaus ist mehr als Sym- bolik, es zeigt auch die Schwächen des Gegners auf. Leider kommen noch zu wenige Personen von der kritischen Seite in die Hauptversammlung. Würde die Hälfte aller Demonstranten vor dem Haus auch in das Haus kommen, wäre man psychologisch und auch phy- sisch stärker, denn zuweilen kommt es auch zu Rangeleien, weil man durch die geringe Zahl der Mitstreiterlnnen schwach ist. Es gilt, die massenhafte Verteilung von Eintrittskarten zu organisieren. Poli- tisch gerät I6 Far- ben von Jahr zu Jahr mehr in die Defensive und dar- e knüpfen. Sinnvoll wäre auch das Training von Rol- Hosen earwen solort 2 lenverteilungsspie- 1 mnen. sarbeiteri. 4 S ehdigen! len in der Haupt Zwangsardeit versammlung. Nur endien entch durch weiteren S Kampf kommen wir in der Sache weiter und wir be- nötigen einen lan- gen Atem. Aber es besteht auch die Chance, daß I6 Farben wirklich li- quidiert wird und die wahre 6Ge schichte vollstän- dig so auf den Tisch kommt, daß man daraus noch mehr lernen kann. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 21 Die Allianz-ein Unternehmen mit Geschichte von Klaus Konrad-Tromsdorf Noch immer ist nicht klar, ob die in New Vork anhängige Sammelklage einiger Uberlebender von Holocaust-Nachkommen gegen den deutschen Versicherungskonzern Allianz angenommen werden wird. In der Zwischen- zeit hat die Allianz fast unbemerkt von der Offentlichkeit an einer Schadensbegrenzung' gearbeitet. Zumindest die Vorwürfe, die gegen die Allian?z erhoben werden, wurden in den Medien bekannt. Versicherungen- wohl vor allem Lebensversicherungen- von Holocaust-Opfern wurden dem Deutschen Reich ausgezahlt, analog der Praxis der Finanzverwaltungen, die Bankguthaben von Holocaust-Opfern zugunsten des Pritten Reiches' einzu- zichen. Im Grundsatz wird dieser Sach- verhalt von der Allian?z auch gar nicht bestritten- die Nähe des Unterneh- mens zum NSSystem auch nicht- was angesichts der Tatsache, daß der da- malige Allianz-Chef kurzzeitig Wirt- schaftsminister im Kabinett Hitler war, auch wenig Sinn haben dürfte. Stand- punkt der Allianz jedoch ist, daß diese Ansprüche in den Rückerstattungs- oder Entschädigungsverfahren nach dem Kriege von der Bundesrepublik befriedigt worden seien. Ganz offen- kundig aber ist die Allian?z darum be- müht, die Fehler, die die Schweizer Banken bei der Suche nach sogenann- ten nachrichtenlosen Konten' machten (das Mitteilungsblatt berichtete), zu vermeiden. Die Kosten eines internatio- nalen Image-Verlustes werden offen- sichtlich realistisch eingeschätzt. So hat die Allianz seit Frühjahr 1997 nicht nur eine Info-Hotline und eine Recher- chegruppe installiert, sondern es— auf welchem Weg auch immer- bewerkstel- ligt, daß über deren Arbeit und vor al- lem die Ergebnisse dieser Arbeit so gut wie nicht in den bundesdeutschen Me- dien berichtet wird. Allenfalls in klei— neren Notizen- wie kürzlich im Spie- gel' wird vermerkt, daß es mit einigen Anspruchsberechtigten außergerichtli- che Finigungen gegeben habe— auch die Beträge wurden genannt: je Einzel- fall nicht mehr als zehntausend DM. Da ich selber in einem solchen Fall die Interessen eines Betroffenen vertre- te, Kkann ich allerdings aus eigener Er- fahrung und aufgrund von Informatio- nen, die ich von der Allianz erhalten habe, die Recherchegrundlagen und- wege beschreiben. Faut eigener Auskunft verfügt die Allianz nur noch über geringe Bestän- de an Vertragsunterlagen- diese seien in ihrer Mehrzahl durch Kriegseinwir- kung zerstört worden. Grundlage einer Nachsuche ist das sogenannte'Zen- tralregister', ein alphabetisches Kartei- kartenregister, welches bei der Allianz- Febensversicherung bis in die siebziger Jahre geführt wurde. Danach erfolgte die Umstellung auf FEDV. Dieses Regi- ster, das den Krieg unbeschadet über- standen hat, enthält Namen, Vornamen und Geburtsdatum derjenigen Perso- nen, die bei der Allianz einen Antrag auf Abschluß einer Lebensversiche- rung gestellt haben und die für den Antrag vergebene Versicherungsnum- mer. Mit Hilfe der Versicherungsnum- mer können die Vertragsakten in den Archiven gesucht werden, diese Ver- tragsakten wiederum sind nach auf— steigenden Versicherungsnummern Ssortiert abgelegt. In dem konkreten Fall, mit dem ich beschäftigt bin, gab es zwar einen ent- sprechenden Fintrag im Zentralregi- ster, es konnten jedoch keine Vertrags- akten aufgefunden werden. Daher ist es nicht möglich, Aussagen über den Vertragsinhalt, d.h. Versicherungssum- 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer me, Vertragsdauer, bezahlte Beiträge etc. zu machen. Ausgehend von ihrem oben geschilderten Standpunkt, die Ansprüche seien vermutlich durch die Bundesrepublik entschädigt worden, bot die Allianz an, in der Bundes- Zzentralkartei für Wiedergutmachungs- fälle' anzufragen- hierfür erteilte ich eine entsprechende Vollmacht- zuvor scheint es so gewesen zu sein, daß die Allianz auch ohne Vollmacht ent- sprechenden Zugriff auf diese Kartei hatte(der Spiegel' berichtete kurz darüber). Aus der Bundeszentralkartei' lassen sich diejenigen Wiedergutmachungs- ämter herausfinden, bei denen ent- sprechende Anträge bearbeitet und entschieden worden sind. Dort werden die Akten dieser Verfahren auch heute noch aufbewahrt. Die in diesem Fall zuständige Entschädigungsbehörde des Regierungspräsidenten in Darmstadt konnte zweifelsfrei nachweisen, daß eine Entschädigung für eine Lebens- versicherung nicht beantragt und so— mit auch nicht gewährt wurde. Nach telefonischer Auskunft eines Mitarbeiters der Allianz hat es bislang etwa eintausendfünfhundert Anfragen gegeben, von denen einige auf berech- tigte Ansprüche hinweisen; der Vor- stand der Allianz wird den Betroffenen ein Angebot machen, über das noch nicht entschieden ist. Was bleibt ist die Frage, ob es auch diesem Unternehmen nicht gut anstünde, von unabhängigen Historikern eine empirische Untersu- chung der Firmenpolitik in der NS— Zeit anfertigen zu lassen. Die Studie über das Volkswagenwerk von Hans Mommsen wäre hierfür ein Beispiel. Nachzutragen bleibt der Weg, auf dem Kontakt zur Allianz aufgenom- men werden kann ALLIANZLEBENS VERSICHERUNGS-AG; Reinsburger- straße 19, 70 178Stuttgart, Telefon:0711— 6630. Recherchegruppe: Telefon: 0711 663 5539; Telefax: 071 1663 5549 »Auschwitz“ Gießen 1997, hrsg. Jugendbildungswerk der Stadt(Ostanlage 41). Teich in Birkenau. aus: Dokumentation einer Studienfahrt, Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 28 Begegnungen und Gespräche mit ehemaligen KZHãäftlingen Fluchten aus Auschwitz“ Fine Buchbesprechung n von Joachim Proescholdt Der Verfasser des 1996 erschienen Buches'Fluchten aus Auschwitz“ ist Kurt Rosemeier aus Sachsenhagen. In 38 Kapiteln beschreibt er anhand von Episoden, Interviews, tabellarischen Zusammenfassungen die Leidens- und Fluchtgeschich- ten von Menschen im Konzentrationslager Auschwitz. Der Autor beläßt es nicht dabei, das vorgegebene Thema zu beschreiben. Zutiefst ist er beeindruckt von dem Schicksal der Betroffenen. Mit Ge— schichten von Inge, dem'U-Boot', von Stella, dem'gefallenen Stern'“, von Ma- ruschka, der Tigerin“, die nie in Au— schwitz waren, führt Rosemeier in die Welt nach der Machtergreifung“ durch die Nazis ein: eine Welt der Diskriminierung, des Gehetztseins, des Sich-Gegenseitig-Belauerns,stellenwei- se aber auch eine Welt des persönlichen Mutes und der Hilfe für Ausgegrenzte. All das ist nicht in logischer Abfolge dargestellt. Es ist episodenhaft, streif— lichtartig, mosaikhaft anhand persönli- cher Lebensschicksale aufgezeigt. Der Leserschaft wird zugemutet, dieses Bruchstückhafte zu einem historisch Gan?en zusammenzufügen. Die sehr sensibel ausgewählten, lebendigen Ka- pitelüberschriften reizen weiterzublät- tern, weiterzulesen. Allerdings entspre- chen die Inhalte mitunter nicht dem Reizwort' der Uberschrift, da zu dem Erzählten unvermittelt summarisch Fluchten benannt werden, die zwar dem Buchtitel entsprechen, aber wegen des fehlenden Zusammenhanges stö— rend wirken. Die Bedeutung des Buches liegt in den lebendigen Interviews mit ehemali- gen Auschwitzhäftlingen. Man erlebt das Frauma Auschwitz“ der Betroffe- nen, ob es Alfons, Barbara, Hermann, Mietek oder Pepi sind. Man spürt aber auch inneres Bewegtsein des Verfassers, der nicht in kühler, abgeklärt-histori- scher Weise berichtet, sondern eigene emotionale Empfindungen mitschwin- gen läßt. Das Buch ist eine Mischung von Informationen, Erlebnisbericht, freundschaftlicher Begegnung und Be- troffenheit. Da viele derer, die ihre Lei- dens- und Fluchtgeschichte erzähen, nicht mehr am Leben sind, stellt das Werk ein wichtiges Zeitdokument dar. Hier schildern Menschen in bewegen- der Weise den Lageralltag, die Arbeits- qual, die Kebensgefährdung, den Hunger, die Uberlebensstrategien, ge- scheiterte und gelungene Fluchten, Widerstand und Verrat, die am eigenen Leib erfahrenen Grausamkeiten und mörderischen Handlungsweisen der 88. Das Buch berichtet über Liebe in Bir- Kenau und Massaker in Budy, über Ap— pelle und Hinrichtungen, über mutige Häftlinge wie Pater Kolbe, Ernst Bur- ger oder Hermann Langbein, über Mör- der wie Höß, Aumeier, Baer oder Pa- litzsch. Das Buch erhebt keinen An- spruch auf umfassende Darstellung: Man vermißt Namen vieler Häftlinge, die Widerstand leisteten, Fluchten mit- planten und als Geheimnisträger trotz Folterqualen schwiegen. Man denke an Wladislaw Fejkiel, den Häftlingsarzt, an Stephan Boratynski und viele ande- re. Aber auch brutale SS-Männer wie Kaduk, Klehr, Baretzki oder Stark: Mordhelfer wie Gapesius, Mulka u a. fehlen; andere wie Boger, Grabner oder Dr. Mengele sind nur beiläufig er- wähnt. Die Lektüre von Rosemeier for- dert dazu heraus, tiefer, systematischer in die Problematik Auschwitz' einzu— dringen. Hinderlich ist die Tatsache, 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer daß ein Abkürzungsverzeichnis fehlt. Die Leserschaft, die sich erstmals mit der Materie befaßt, steht hilflos vor einer Vielzahl von Abkürzungen wie BV. PPS, RKG, SoKdo, WVAHu.a. Trotzallem bleibt die Anerkennung: Engagement und gründliche, ernsthaf- te, umfangreiche Recherchen des Au- tors haben zu einer interessanten Mate- rialsammlung geführt. Ein lesenswer- tes Zeitdokument. Kurt Rosemeier, Fluchten aus Au- schwitz, Edition Rosenstein 1996, DM 40; zu beziehen durch die LFagerge- meinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, Lindenstraße 68 in 35516 Münzenberg. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 Ab sofort können wieder Bestellungen angenommen werden Neuer Bücherbestand eingetroffen Joachim Proescholds Besprechungen der Bände'Auschwitz in den Augen der S8* und'Inmitten des grauenvollen Verbrechens“ im Mitteilungsblatt vom Dezember 1997 haben zu einer Vielzahl von Bestellungen in der Geschäftsstelle geführt; die Bestände sind deshalb aufgebraucht worden. Mittlerweile sind die Nachbestellungen aus Polen eingetroffen. Finige andere Titel, die in Deutschland nur schwer über den Buchhandel zu bekommen sind, können ebenfalls bei uns- 80 lange Vorrat reicht- gegen einen Spendenbeitrag angefordert werden. Auschwitz in den Augen der SS: Aufzeichnungen von Rudolf Höss, Pery Broad und Johann Paul Kremer, Verlag Interpress, Warschau, Neuauflage 1992. (10 PM). Inmitten des grauenvollen Verbrechens: Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos, Auswahl und Bearbeitung: Jadwiga Bezwinska und Danuta Gzech, 3. erw. Auflage, Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz, 1996,(15 PM) Jözef Mars?zalek: Majdanek- Konzentrationslager Lublin Verlag Inter- press, Warschau 1984, mit Lageplänen und Foto-DPokumentation,(10 PM) Bernd Naumann: Auschwitz. Bericht über die Strafsache gegen Mulka u. a. vor dem Schwurgericht Frankfurt Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung(FAZ) hat der Journalist Bernd Naumann über den Auschwitz-Prozeß berichtet und 1968 bei Fischer-Athenäum ein Taschenbuch mit Teilen seiner Reportagen herausgegeben. 1993 jährte sich der Beginn des Prozesses zum 30. Mal. Das Frit? Bauer Institut und die Hi- Storikerkoordination des Frankfur- ter Instituts für Stadtgeschichte ha- ben zusammen mit der FAZ eine li- mitierte Auflage von Bernd Nau- KANADA Land des Uberflusses Symbol für die Darbenden manns seit langem vergriffenen Buch hergestellt. Die Lagergemeinschaft hat noch einige Exemplare im Be- stand. Sie werden für eine Spende von 15Mark abgegeben. Auschwitz. Gedichte Ausgewählt und herausgegeben von Adam A. Zych und Dorothea Müller-Ott; Ver- lag Staatliches Museum in Oswiecim, 1993 Sammelband mit Gedichten von Autoren vieler europäischer Länder (im deutschen Original oder in deut- scher Ubersetzung.(15 DM) in Auschwitz. Was sie nicht haben: Nahrung, Kleidung, Hygiene gibt es in jenem fernen Land überm Meer Kanada und so nennen sie den Block, wo die Effekten der Neuankömmlinge gesammelt werden Kanada. 62) Ahnne Marie Fahian aus. Akucnwit?. Qedichte 26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Unseren Mitgliedern herzliche April 02.4. Manfred Wittmeier O6.4. Brigitte Sauer O8.4. Marcus Nedoma O8.4. Erhard Penner 09.4. Eberhard F. Schaeufele 09.4. Brigitte Wiegand 12.4. Ingrid Neubert 13.4. Harald Kliczbor 14.4. Janina Haubenstock 14.4. Tilmann Kreyer 14.4. Helwig Wegner 14.4. Rudolf Redenius 17.4. Matthias Tiessen 18.4. Gerd Häuser 18.4. Gernot Richter 19.4. Andreas Buhl 19.4. Alexander Meyer 19.4. Isabell Diehm-Franke nau 19.4. Gudrun Nieter 20.4. Dr. Erwin Knauss 20.4. Susanne Mickel 20.4. Helmut Poppenberg 26.4. Peter-Alexis Kasten 27.4. Ariana Enders 27.4. Joachim Klärner 30.4. Manfred Keitel Mai O1.5. Monika Held 02.5. Jürgen Telschow 03.5. Uschy Klopsch O05.5. Ursula Middelanis O06.5. Marta Palczewska O8.5. Jutta Freisens O8.5. Hans-Peter Messerschmidt 10.5. Florian Ross 11.5. Harald Blümel 14.5. Frank Pötter 15.5. Stanislav Koblizek 20.5. Uwe Hartig 21.5. Dr. Janus? Mlynarski 21.5. Olaf Wehrheim 23.5. Dr. Matthias Hamann 23.5. Brigitte Harder 24.5. Hans-Joachim Günther 26.5. Annegret Brombach 26.5. Dr. Manfred Zencker Juni O1.6. Gerhard Herr Geburtstagsgrüße 01.6. Ludwig Poppeler O5.6. Dr. Walter Bittner 05.6. Dirk Rothe O5.6. Diethardt Stamm 07.6. Marie-Louise Steinschneider 09.6. Dietlind Clever-Schmidt— 11.6. Kristine Tromsdorf 13.6. Jutta Loesch 15.6. Andreas Kilian 17.6. Martina Hörber 17.6. Hansjörg Lacour 2 186 W 18.6. Elke Schneider SW 19.6. Birgit Brunner S 23.6. Bettina Hack 2. 00 23.6. Kurt Rosemeier 4 25.6. Rudolf Boning 25.6. Horst Jacob 25.6. Rainer Leichtenberg 28.6. Christiane Hörber F 28.6. Susanne Thurnay 29.6. Norbert Augustin Alexander Wolf 17.7. Dr. Martin Erhard Fasel Proescholdt Rolf Kirsten 18.7. Claus Ladwig Michael Thiel 19.7. Lothar Bembenek Roland Schähle 19.7. Wilhelm Dorn Wladyslawa 19.7. Angela Sulzmann Jankiewic?z 19.7. Bernd Karl-Klaus Rabe Stallenberger Margret Hamm 20.7. Heinz Ennemann Devakaur Wade 21.7. Bardo Bayer Carl-Martin 21.7. Rainer Röhrborn Barnutz 24.7. Halvar Bertilsson Barbara Distel 24.7. Herta Weck Walter Fruth 2 Hilde gard Cerniak-Spatz Gerhards 27.7. Michael Norbert Hessler Langhanky Jürgen Bartholome 27.7. Imo Mos?kowic?z Prof. Friedemann 28.7. Klaus Rosenstock Hellwig 31.7. Walter Nuhn Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 Schutzrechte für Schwache- Gegen ungehemmte'Forschungsfreiheit? »Bürger gegen Bioethik' Zugunsten der Forschung sollen Menschenrechte des Individuums einge- schränkt werden. Dies kKann als Essenz der Bicethik-Konvention angesehen werden, die 1997 von 22 Staaten des Europarates? unterzeichnet wurde Deutschland ist der Konvention(noch) nicht beigetreten. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst einer Initiative, die vehement gegen diesen'Dammbruch zentraler Werte unserer Verfassung“ protestiert. Hauptgrund: Die Konvention erlaubt die fremdnützige Forschung an'nicht-einwilligungsfähigen“ Menschen- eispielsweise Neugeborenen, Geistigbehinderten, Altersdementen, Koma-Patien- ten. Gesetzliche Schut?zgarantien für die Schwächsten sollen als'Forschungs- hindernisse' aufgehoben werden. Es wird also erneut über den Lebenswert u. a. von Behinderten diskutiert- eine Diskussion, über deren Konsequenzen es eine historische Erfahrung gibt: die Buthanasie-Morde an Behinderten und die ungeheuerlichen medizinischen Expe- rimente in Nazi-Deutschland. Der Vorstand der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer unterstützt die Initiative Bürger gegen Bio- ethik', in der sich Menschen über politische Grenzen hinweg zusammengefunden haben, um den Ratifizierungsprozeß der Konvention zu stoppen:'Keine Mindest- standards für Menschenrechte“, lautet das Credo. Karin Mihm hat die Chronolo- gie der Konvention nachgezeichnet und die Kritikpunkte herausgestellt. Forschung gegen Menschenwürde? Zur Bioethik-Konvention des Europarates a von Karin Mihm Zur Debatte steht das Menschen- tätigung durch gesamteuropäische rechtsübereinkommen zur Biomedizin des Europarates, kurz Bicethik-Kon- O on. Darin wird geregelt, unter wel- chen Bedingungen medizinische und gentechnische Forschung am Men- schen vorgenommen werden darf. Das Ministerkomitee hatte 1990 einen Len- kungsausschuß mit der Ausarbeitung einer Rahmenkonvention beauftragt. Mit der Konvention sollen im Bereich der medizinisch wissenschaftlichen Be- Rechtsnormen ethische Grenzen defi- niert werden. Daß der Entwurf das Ziel verfolgte, die Forschung nicht zu weit einzuengen und statt der Forschung die Menschenrechte des Individuums einschränkte, sorgte bei Bekanntwer- dung 1994 für nicht geringen Aufruhr. Der Protest gegen die geplante Kon- vention ging von Deutschland aus, ei- ner Gruppe von drei Frauen und einem Mann, die nach dem Motto Man „Der Europarat- nicht zu verwechseln mit der Europäischen Union(EU) ist ein 1949 gegründeter Zusammenschluß von zunächst nur westeuropäischen Staaten. Organe des Rates sind das Ministerkomitee(alle Außenminister) und die Parlamentarische Ver- sammlung(Abgeordnete der einzelnen Parlamente), die nur beratende Empfehlungen an das Komitee geben kann. Beschlüsse des Komitees binden die Mitgliedsstaaten erst nach einer Ratifikation. Bedeutenstes Ergebnis der Arbeit des Rates ist die Europäische Konvention der Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1950. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer braucht keine Macht, um die Wahrheit zu sagen' den Inhalt so rechtzeitig an die Gffentlichkeit brachten, daß sich zuerst die geplante Verabschiedung im Sommer 1994 heftig verzögerte und der Entwurf dann im Oktober 1994 vom Buroparat nicht angenommen, sondern an die Ausschüsse zurücküberwiesen wurde. »Forschungsfreiheit“ contra Bürgerrechte Die Konvention wurde acht Jahre unter Ausschluß der nationalen Parla- mente von einem Lenkungsausschuß erarbeitet. Der war mit circa 80 Mini- sterialbeamten und Experten, darunter vier Deutschen, besetzt, hatte zwar kei- nen parlamentarischen Auftrag war aber mit full legal status ausgestattet. Es geht um Forschung an nicht- einwilligungsfähigen Menschen oder an solchen mit verminderter Ge— schäftsfähigkeit, Behinderten, Geistes- kranken, Altersdementen, Kindern (Art. 17), es geht um Fingriffe in das menschliche Erbgut(Art. 13), um Em- bryonenforschung bis zum 14. Tag(Art. 18), um die Freigabe von Gentests und ihrer Ergebnisse an außermedizinische Bereiche(Art. 12) und es geht um Zu- griff auf Versuchspersonen für biome— dizinische Experimente sowie auf Ge— ber von Organen und Gewebe(Art. 19). Die parlamentarische Versammlung des Europarates äußerte am 2. Februar 1905 detaillierte Kritik am Konventi- onsentwurf und verlangte Kkonkrete Verbesserungen. Auch bei Anhörung im Deutschen Bundestag am 17. Mai 1995 wurden wesentliche Bedenken vor- getragen, die im Beschluß am 29. Juni 1995 ihren Niederschlag fanden. Bei der nach zigtausendfachen Pro- testen und parlamentarischen Inter- ventionen erarbeiterte Neufassung fiel der Lenkungsausschuß wiederum durch Geheimniskrämerei auf. Erst nach einer erneuten Indiskretion wur- de im November 1905 deutlich, daß am Kern des Entwurfs nichts geändert werden sollte, an den kritisierten Zie- len für eine ungehinderte Wom Steuer- Zahler mitfinanzierten) Forschung und den Zugriff auf das notwendige Ma- terial' sowie den freien Datenverkehr festgehalten wurde. Vergleicht man die Neufassung mit dem Protokoll vom 4. Mai 1995, in denh alle Anderungsanträge und Diskussio- nen aus den Ländern des Europarates festgehalten sind, dann erhält man den Eindruck, daß es dem Kenkungsaus- schuß in erster Linie darum ging, der biomedizinischen Forschung möglichst große Freiräume durch gut verklausu— lierter Finschränkungen von Bürger- rechten zu verschaffen. Gegen die Stimme Deutschlands be— schloß der Lenkungsausschuß im Juli 1996 einen vorläufig endgültigen Kon- ventsionsentwurf. Er wurde im Sep- tember 1996 zusammen mit einer erst- maligen deutschen Arbeitsübersetzung den Abgeordneten des Bundestages zu- gänglich gemacht. Inzwischen hat sich eine breite Protestbewegung gebildet. unter anderm organisiert in der inter— nationalen Initiative Bürger gegen Bicethik“. Auch das Europäische Parla- ment kritisierte im September 1996 der Konventionsentwurf und forderte An- derungen betreffend der Zulassung der Forschung an nicht-einwilligungsfähi- gen Menschen, des Embryonenschut- zes, der KeimbahneIntervention und der Weitergabe von genetischen Tester- gebnissen. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates schlug am 26. Septem- ber 1996 in einer Stellungnahme eben- falls Anderungen vor. Gleichzeitig wurde beschlossen, daß der vom Mini- sterkomitee verabschiedete Text vor seiner Genehmigung erneut der Parla- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 mentarischen Versammlung vorzule- gen sei- daran wurde sich jedoch nicht gehalten. Im November verwarf eine vom Mi- nisterkomitee eingesetzte*Bericht- erstattergruppe“ teilweise die Ande- rungsvorschläge des Europarates und ak?zeptierte einige in veränderter Form. Aufgrund eines erläuternden Be- richtes beschloß das Ministerkomitee am 19. November 1996 den Konventi- O Deutschland, Belgien und Po- en enthielten sich der Stimme. Am 4. April 1997 unterzeichneten im spani- schen Oviedo 22 von 40 Europarats- Staaten ohne Vorbehalt die Konven- tion. In Deutschland soll eine Ratifizie- rung erst nach Stellungnahme aller Bundesländer erfolgen. Der hessische Landtag sprach sich gegen die in der Bioethik-Konvention erlaubte medizin- ische Forschung an nichteinwilli- gungsfähigen Personen aus. Für die Bonner Regierung steht in den näch- sten Wochen die Frage nach der Ratifi- zierung an. »Fremdnützige“ Forschung Dürfen behinderte Menschen zu Ob— jekten der Wissenschaft gemacht wer- den? Der Riß geht quer duch die Ge-— sellschaft, quer durch die politische andschaft, spaltet Kirchen und Par- teien. Ist es ein gutes Omen, wie intensiv und beharrlich in der deutschen Nach- kriegsdemokratie über die Verantwor- tung der Wissenschaft gekämpft wird? (n anderen europäischen Gesellschaf- ten wird die Diskussion nur in Fach- kreisen geführt.) Die außerparlamentarische Opposi- tion zur Bioethik-Konvention zählt nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Menschen, mehr als hundert Sozial- und Behindertenverbände, Patienten- und Selbsthilfegruppen. Mit einem Plä- doyer, die Konvention nicht zu unter— zeichnen, endete am 5. Febrar 1998 eine Veranstaltung im Bonner Wasserwerk, Zu der das'Bündnis für Menschenwür- de“ geladen hatte. Initiatioren des Bündnisses sind u. a. Hubert Hüppe (CDU), Wolfgang Wodarg(SPD) und Volker Beck(Die Grünen). Der Artikel 17 der Konvention hat die Forschung an nicht-einwilligungs- fähigen Menschen, an Behinderten, Geisteskranken, Altersdementen und Kindern zum Gegenstand. In Ziffer 1 des Artikels ist festgelegt, daß hier die Forschung einen potentiellen Nutzen für den Gesundheitszustand der Ver- suchsperson haben muß. Diesem Grundsatz wird jedoch in Ziffer 2 Ab— Sat?z 112 widersprochen. Dort heißt es: Jede Beschränkung durch die Forde- rung nach einem potentiellen direkten Nutzen für die Versuchsperson würde solche Studien in Zukunft unmöglich machen. So wird, mit Hilfe gut verklau- sulierter Auslegungen, Tor und Tür für die fremdnützige Forschung geöff- net. Ziffer 2 Absat? 108 besagt, daß die Forschung für die Versuchspersonen nur mit einem minimalen Risiko und einer minimalen Belastung verbunden sein darf(z.B. Blut- und Speichelent- nahme, Wiegen, Messen, Beobachten). Fakt ist jedoch, wenn es um Forschung an Koma-Patienten zur Verbesserung der Intensivmedizin geht oder um For- schung an Sterbenden zur Ermittlung der Ursachen unbekannter Krankhei- ten wird die Frage, ob der jeweilige Pa- tient einen Nutzen von dieser For- schung hat, gar nicht mehr gestellt. Man läßt keinen Zweifel daran, daß es nicht um die Versuchsperson geht, son- dern nur der Vermehrung von Wissen dient. Der Entzivilisierungsschub ist in den angelsächsischen Ländern bereits zwei Sprünge voraus. Schon im April 1998 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer kam der Bioethiker und Vetrinärmedi- ziner David Morton, Prof. an der Uni- versität Birmingham, auf die prakti- sche Idee, Patienten im Wachkoma(bei denen in England die künstliche Er- nährung und Flüssigkeitszufuhr per Gerichtsbeschluß eingestellt werden darf) für medizinische Experimente zu nutzen. Begründung: Die meisten Wis- senschaftler wünschen eine Verminde- rung des millionenfachen Verbrauchs von Versuchstieren und das Tiermodell sei ohnehin nicht mehr ausreichend. In den USM ist seit 1996 ein Gesetz in Kraft, das es Medizinern erlaubt, mit Medikamenten und Verfahren an Schwerkranken ohne deren Zustim- mung zu experimentieren und bewußt- lose Patienten in Arzneimittelstudien als Kontrollgruppen zu benutzen. Pas Die Freigabe der Pernichtung iebensunwerten Lebens Ihr Maß und ihre Form Von den Profeſſoren Dr jur etphil Karl Binding und Dr. med Alfred Hoche fräder in Leipzig in Freiburg Sweite Auflage ist ein verhängnisvoller Schritt', sagte Jay Katz in einem Telefoninterview mit der New Vork Times. Der bekannte Anwalt und Fthiker an der Vale Uni- versität, der erheblich zur Aufarbei- tung der NS-Arzteverbrechen beigetra- gen hat, befand sich zu diesem Zeit- punkt in Deutschland auf einem Kon- geß Zum 50. Jahrestages der Nürnber- ger Arzteprozesse. Vom ersten Satz des Nürnberger GCodex' und von seinem ersten Prinzip(G) machen wir jetzt Ausnahmen'“, so Katz. 6 Professor Finhäupl vom Berliner Universitätsklinikum Charité machte bei einer Anhörung im Berliner Abge- ordnetenhaus(21. April 1997) folgende eindrucksvolle Aussage: Natürlich geht es nicht darum, beispielsweise kKomatösen Patienten Blut abzunehmen Die Diskussion über an- geblich lebensunwertes Leben“ und über die freie Verfügbarkeit von Geistes- kranken und anderen nichteinwilligungsfähigen Menschen für die medizin- ische Forschung(im Sinne einer wie auch immer defi— nierten Volksgesundheit) ist keine originäre Idee der Nazi-Ideologie. Sie hat ihre Vorläufer und sollte als Warnung dienen, erneut den Weg in diese Richtung einzuschlagen, wie es durch die derzeitige Fas- sung der Bioethik-Konven- tion getan wird. Der ne- benstehende Titel einer Publikation des Juristen Dr. Binding und des Psy- chiaters Dr. Hoche aus dem Jahr 1922 ist entnom- men dem Begleitband zur Ausstellung: Verlegt nach Derlag von Felix Meiner in Leipzisg 1922 Hadamar“- Die Geschich- te einer NS- Euthanasie“- Anstalt. Kassel 1991, ISBN: 3-89203-01111) Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 31 so niedlich sehen wir die Dinge in der Tat nicht- sondern es geht darum, mit Komatösen Patienten klinische Studien durchzuführen, die theoretisch auch geeignet sind, das Leben eimes Patien- ten zu verkürzen und ihm Schaden zu— zufügen, das ist überhaupt keine Frage. Wer sich zur Durchführung an Expe- rimenten an Patienten entschließt, muß sich auch darüber im Klaren sein, daß so etwas nicht ausgeschlossen ist und auch täglich passiert.“* Nicht-einwilligungsfähige Menschen sollen sozialverpflichtet werden Daß der Bedarf an Versuchsperso- nen zunimmt, hängt nicht zuletzt mit der Entwicklung gentechnisch herge- stellter Medikamente zusammen(hu— manidentische Wirkstoffe). For- schungshindernissse sollen reduziert, Handlungsspielräume erweitert, nicht- einwilligungsfähige Menschen sozial- verpflichtet werden. Daß die Suche nach Probanden für Großversuche wertvolle Zeit bei For- schungsprojekten koste, bedauern Me- diziner wie Professor Siegfried Kanow- ski von der Hirnliga e.V. und der Ver- band forschender Arzneimittelherstel- ler beklagt, Deutschland habe als Standort für klinische Versuche'deut- lichen Nachholbedarf' gegenüber Mit- bewerbern. In der Bioethik-Konvention ist die Keimbahn-Intervention verboten, doch aufgrund juristischer Auslegung sind noch einige Hintertürchen offen.(Er- läuternder Bericht besitzt keine Ver- bindlichkeit“, so der Vizepräsident des Fenkungsausschusses im März 1977.) Bei der Keimbahn-Intervention findet eine Manipulation an menschlichem Ei oder der Samenzelle bzw. deren Vor- läuferzellen statt und führt somit zu Auswirkungen auf alle nachfolgenden Generationen. Da diese Methode schon technisch nur enorm schwer behersch- bar und mit rein praktischen großen Risiken verbunden ist, stellt sich die Frage, ob der Mensch jemals über das Erbgut von künftigen Generationen entscheiden soll. Hinzu kommt, daß sich die Keimbahn-Manipulation am Menschen nicht erforschen läßt, ohne daß massenhaft menschliche Embryo— nen vernichtet werden. Um die Metho- de zu entwickeln, müssen manipulierte Embryonen entweder in die Gebärmut- ter einer Frau eingepflanzt und hinter- her wieder entfernt werden(die Frau als EFxperimentierkörper) oder sie müßten in genetisch veränderte Tiere eingepflanzt werden, um den Erfolg des Experimentes zu testen. Dies ver- stößt grundsätzlich gegen ethische Prinzipien. Für diese Forschungsvorha- ben würde man keine Frauen finden, die sich freiwillig zur Verfügung stel- len. Welche mögliche Probanden wür- den sich dann noch anbieten? »Gefährdet ist der Demokratie-Standort' Nach massiven Protesten gegen Tier- versuche wird jetzt der Mensch zum Versuchsobjekt erklärt. Gestützt wird * Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich. Das heißt, daß der Betreffende die gesetzmäßige Fähigkeit haben muß, seine Einwilligung zu geben, in der Lage sein muß, eine freie Entscheidung zu treffen. unbeeinflußt durch Gewalt, Betrug, List, Druck, Vortäuschung oder eine andere Form der Beein- flußung oder des Zwanges und genügend Kenntnis von und Finsicht in die Bestand- teile des betreffenden Versuches haben muß, um eine verantwortliche und aufge- klärte Entscheidung treffen zu können.“(Allgemeine Richtlinien über die Zulassung ärztlicher Experimente an Menschen, 20.8.1947, auf die sich Jay Katz bezieht.) 32 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer diese Position unter anderem von der Philosophin Ursula Wolf von der Frei- en Universität Berlin:'Wie können Versuche an Tieren zulässig sein, wenn eine entsprechende Behandlung von Menschen, die in ihren geistigen Fähig- keiten auf einer Ebene mit den Ver- suchstieren oder sogar darunter stehen, abgelehnt wird?(..) Versuche an schwachsinnigen Menschen sind in der Tat an und für sich moralisch zuläs- sig.“(Vrsula Wolf. Das Tier in der Mo- ral, FfM 1990) So wird mehr als fünfzig Jahre nach dem Euthanasieprogramm der Nazis erneut über den Lebenswert Behinder- ter diskutiert, sogenannte'menschen- verbrauchende Forschung' in der Me- dizin als nützlich für die Gesundheit kommender Generationen gerechtfer- tigt. Medizinische Experimente an KZ- Häftlingen, Kriegsgefangenen, Psycha- triepatienten, zum Tode Verurteilten, geplant und ausgeführt von der Blite der Mediziner, einschließlich Arzten, die sich profilieren wollten, sind ein gutes Lehrbeispiel dafür, was Forscher tun, wenn ihnen die entsprechende Zu- stimmung und Absicherung geboten wird. Der Autor Ernst Klee hat in sei- nen Büchern Guletzt'Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, 1997) kon- kret berichtet, was machbar war und wie geforscht wurde. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft(PF6) hat die meisten Medizinverbrechen im Dritten Reich mitfinanziert. In einer denkwürdigen Denkschrift »Forschungsfreiheit-Ein Plädoyer für bessere Rahmenbedingungen der medi- zinischen Forschung in Deutschland'? klagte 1906 die DFG über eine angebli- che zunehmende Behinderung der For- schung durch Gesetze, durch Bürokra- tie und eine allgemeine Forschungs- feindlichkeit. Nicht erwähnt wird, daß zum Beispiel Tier- und Datenschutz allgemein akzeptierte Werte schützen. Behauptet wird eine Behinderung der Forschung beispielsweise beim Gentechnik- und beim Embryonenfor- schungsgesetz. In der PFGSchrift wird der Gesetzgeber aufgefordert, endlich einen'Ausgleich zwischen kol- lidierenden Grundrechten zu schaffen, also zum Beispiel zwischen dem Grundrecht auf Leben und Unver- schrtheit des Finzelnen und dem Grundrecht der Forschungsfreiheit?. Erwin Chargaff, Naturwissenschaft- ler und Philosph, hat schon 1979 mit der skrupellosen Wissenschaft von heute abgerechnet und ihr vorgewor- fen, die ihr gesetzten Grenzen über- schritten zu haben: Nicht der'Wirt- schafts-“ und auch nicht der'Wissen- Schaftsstandort“ ist gefährdet, gefähr- det ist der'Demokratiestandort?. Auch das durch Krankheit, Behinde- rung oder Tod gezeichnete Leben hat als menschliches Leben eine unverlier- bare Würde. Die unselige Vergangen- heit, in der eugenisches Gedankengut in das Programm des NSStaates aufge- nommen wurde, lehrt uns: Wer einmal den Wert menschlichen Lebens einem ideologischen Ziel, und sei es dem »Glück“ der Eltern, dem Wohl des Staates oder einer Rasse unterordnet, der wird auch bald bei anderen Gele- genheiten den Lebensschut? lockern und Leben zur Disposition stellen. Der Vorstand der Lagergemein- Schaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer hat sich dem Aufruf der Initiative»Bürger gegen Bioethik' die Konvention nicht zu ratifizieren ange- schlossen. Mit der'Kritik-Koordinati- on zur geplanten Bioethik-Konventi- on' kann über die Wissenschaftsjour- nalistin Ursel Fuchs, Kaiser-Wilhelm- Ring 19 in 40545 Düsseldorf, Tel/Fax 021 1551037, Kontakt aufgenommen werden. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Wir bitten, Mitgliedsbeiträge per Dauerauftrag zu überweisen In eigener Sache Wir erinnern noch einmal daran, daß Mitgliedsbeiträge oder regelmã- Bige Spenden per Dauerauftrag überwiesen werden können. Es ist für Sie und uns praktikabel. Es macht Ihnen weniger Mühe als die Uberweisungen immer einzeln auszufüllen und im Vergleich zum Einzugsverfahren haben Sie eine bessere Kontrolle, da nur Sie Zugang zum Konto haben. Ein Dauerauftrag- egal ob jährlich, halbjährlich oder monatlich- hat gegenüber der Finzugsermächtigung für uns den Vor- teil, daß wir bei einem Wechsel der Bank nicht in das Mißvergnügen kommen, mit Gebühren für nicht einziehbare Beträge belastet zu wer- den- was leider schon vorgekommen ist. Vielen Dank für Ihr Verständnis Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V., 35516 Münzenberg, Lindenstr. 68 Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. AUSCHME Beiträge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei einem Wohnungswechsel Ihre neue Anschrift mit. Wir bekommen immer wieder von der Post Retouren mit dem — Vermerk'unbekannt verzogen“. Das kostet Geld, Zeit und Nerven. Deshalb: Abschnitt ausfüllen, ausschneiden und einsenden! Adressenänderung: Neue Anschrift LLLLL LLLLLLL LLLLLL posteitzan LLL LLLLLL Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto-Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt/ Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname AUSCFHMWTZ Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf [Q Haftling im K? Auschwitz vom bis S Hãäftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. S Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen W HEILFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS 3 2 AEHT AUSCFWITZ 5( ER AUSCFHWTAZER Farbkarte 613 Mitteilungsblatt. April 1998