LAGERGEMENSCHAFET AUSCEHWTZ A0SCEHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWITZER 4 17. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Dezember 1997 Inhaltsverzeichnis Monatstreffen Studienreise nach Auschwitz und Krakau Forschungsgruppe Zyklon B Dessau IG Farben i. A.(in Abwicklung)- und kein Ende 2 Tätigkeitsbericht des Präsidenten Mitgliederversammlung der Lagergemeinschaft- Freundeskreis Albrecht Werner-Cordt zum neuen Präsidenten gewählt »Wir werden ignoriert.“ Baltikum: ehemalige SS-Männer bekommen Rente von der BRD, Nazi-Opfer gehen leer aus Weihnachtsspende für ehemalige KZ-Opfer Studienreise nach Belzec, Sobibor und Treblinka Kurt Hacker aus Wien ist neuer Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees Photoprojekt Auschwitz-Birkenau Jugendliche unterstützen Projekt des Fritz Bauer Institutes Buchbesprechungen Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos, Auschwitz in den Augen der 8S8, Kunst zum Uberleben- gezeichnet in Auschwitz, Wiederentdeckte Spuren jüdischen Lebens. Die Legende vom Gefreiten Schulz Historiker hinterfragen Erzählungen ehemaliger Landser IMPRESSUM: 14 16 17 18 20 23 26 32 Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Redaktion: Hans Hirschmann Mitarbeiter: Joachim Proescholdt, Anni Roßmann-Reineck. Karin Graf, Diethardt Stamm, Hajo Günther, Matthias Tiessen Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 1 Buchvorstellungén- Zeitzeugengespräch- Vorträge Monatstreffen in Frankfurt Main Ab Februar 1998 sind wieder öffentliche Monatstreffen geplant- der erste Termin am Freitag, dem 6. Februar. Ansonsten finden sie am ersten Mittwoch des Monats jeweils um 19.30 Uhrin den Räumen der evangeli- schen St. Katharinengemeinde, Wolfsgangstraße 109, statt. Die Veran- staltungen im März und April waren bereits für November und Pezem- ber dieses Jahres angekündigt worden(iehe Mitteilungsblatt 1/1997 „ vom Oktober), mußten aber verschoben werden. Der Terminplan für die erste Jahreshälfte 1998 sicht wie folgt aus: Freitag, 6. Februar 1998: »Fluchten aus Auschwitz' Kurt Rosemeier stellt sein gleichnamiges Buch vor Mittwoch, 3. März 1998: Zeitzeugengespräch mit Karl Ulbrich Herr Ulbrich berichtet über die Verfolgung seiner Familie während des Nationalsozialismus. Sein Vater war Lehrer und bekam als SPD- Mitglied Berufsverbot, seine Mutter war bei der Arbeiterwohlfahrt engagiert. Mittwoch, 1. April 1998: Zur Pädagogik der Erinnerung in der politischen Bildung Die Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz Manfred Wittmeier stellt sein gleichnamiges Buch vor Mittwoch, 6. Mai 1998: I6 Farben-Führend in der Welt“ Vortrag von Diethardt Stamm(Aktionär der*IG-Farben i. A.“ und Vorstandsmitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer) über die Verstrickung des Chemie-Trusts in die Verbrechen des Pritten Reiches. Mittwoch, 3. Juni 1998: »I6 Farben in Nicht-Auflösung“ Vortrag von Diethardt Stamm über die seit fast 50 Jahren nicht erfolgte Liquidierung der*IG-Farben in Abwicklung“(i. A.) und die Nicht-Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Studienreise nach Polen(über Ostern) vom 8. bis 14. April 1998 Fahrt nach Auschwitz und Krakau Auch in diesem Jahr bietet die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundes- Kreis der Auschwitzer eine Studienreise nach Polen in die ehemaligen deut- schen Konzentrationslager Auschwitz an. Bei den Führungen werden ehemali- ge Häftlingen dabei sein. Während der gesamten Reise wird Stanislaw Hantz die Gruppe begleiten. Stanislaw Hantz war fünf Jahre in Auschwitz inhaftiert, er wird für individuelle Gespräche und für Diskussionen in der Gruppe Ansprechpartner sein. Die Studienfahrt wird während der Schulferien Ostern 1998 stattfinden. Am Mittwoch, dem 8. April ist Anreisetag nach Polen mit Ubernachtung in Zgor- zelec. Am 9. April(Gründonnerstag) Ankunft in Auschwitz. Am 13. April Fahrt nach Krakau, von dort Rückreise nach Deutschland. Der Termin für ein Vorbereitungstreffen Werbindlich) muß noch vereinbart werden. Auschwitz 6esumtunlage zoſörer Loun d — Bohnhof Aoschwit ll Birkenov 6 — tuno Meie S 3 der 6 folben Auschwit IM Abeitsloger Monowih — Womelet Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Unsere Studienfahrten sind anerkannt als Bildungsurlaub und als Lehrer- fortbildungsreisen. Geplantes Programm in Auschwitz und Krakau Besuch des Museums Auschwitz(Auschwitz 1) Rundgang durch das ehemalige Vernichtungslager Birkenau(Auschwitz II) Das unbekannte Auschwitz“— eine Spurensuche außerhalb des heutigen Museumsgeländes Gelegenheit für individuelle Besuche der Ausstellungen in der Gedenkstät- Auschwit?z Gelegenheit zum Besuch verschiedener Lagerbereiche in Kleingruppen ergänzendes Abendprogramm: Filme, Lesung, Einführung in die Geschich- te der Lager und des Museums durch den ehemaligen Häftling und langjähri- gen Direktor der Gedenkstätte Kazimierz Smolen. „Fahrt nach Krakau, Stadtführung mit Besichtigung des ehemaligen jüdi- schen Viertels Kazimierz Einzelheiten und spezielle Programmwünsche können bei dem Vorberei- tungstreffen besprochen werden. Preis der Studienreise: 700 Mark (Fahrt, Führungen, Unterbringung und Verpflegung in der Begegnungsstätte des Museums Auschwitz) ermäßigter Reisepreis: ca. 800 Mark für Schülerinnen und Schüler, Studenten und Studentinnen sowie für Men— schen, die aufgrund ihrer sozialen Situation nicht in der Lage sind 800 Mark zu bezahlen, aber an der Studienfahrt interessiert sind. 3 Anmeldeschluß: 31. Januar 1998 Veranstalter: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer eV. Lindenstraße 68, 355 16 Münzenberg, Telefon 0603360168 Anmeldung bei: Karin Graf, Telefon056 11621 1,Fax0561103276 Uberweisungen bitte unter dem Stichwort'Studienreise Frühjahr 1998* auf das Konto der Lagergemeinschaft bei der Sparkasse Wetterau(Bankleitzahl 518500 79) Konto-Nr. 0020 000 660. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Forschungsgruppe Zyklon B Dessau Mit dem Giftgas Zyklon B wurde in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern über eine Million Menschen getötet. Dieses Gift kam vorwiegend aus Dessau und wurde hier von der DEGESCRH(Deutsche Gesell- schaft für Schädlingsbekämpfung), einer Tochterfirma der I6 Farben, produ- ziert und von den Firmen Tesch& Stabenow(Testa) sowie Heli in die Lager versandt. Erfunden wurde Zyklon B in der großen Giftküche der 16 Farben, in Leverkusen. Noch vor dem Kriege verkaufte die I6 die Erzeugerrechte an die Firmen Tesch und Stabenow in Hamburg und an die PEGESCH in Dessau, an der sie Anteile erworben hatte“, schreibt Otto Köhler in seinem Buch*. und heute die ganze Welt.: die Geschichte der I6 Farben- Bayer, BASF 0 Hoechst?(Köln 1990). Die Stadt Dessau hat sich bis heute nicht dazu durchringen können, an dieses finstere Kapitel zu erinnern, schreibt die Forschungsgruppe Zyklon B. Sie hat sich vor einem Jahr gegründet aus Betroffenheit über das Verhalten der Stadtoberen und aus der Uberzeugung heraus, daß jeder Verantwortung dafür trägt, wie seine Sladt mit ihrer Geschichte umgeht. Die Gruppe hat sich die Aufgape gestellt,'eine Stätte und/oder einen Gedenktag zu initiieren, um gegen das Vergessen und für die Unmöglichkeit einer Wiederholung der Schrecken zu wirken“ Zeitzeugen werden gebeten, sich mit der Gruppe in Verbindung zu setzen. Erbeten werden auch Hinweise auf Fotos. Lieferbescheinigungen. Transport- befehle oder sonstiges Material, das belegt, wie Zyklon B von Dessau in die Konzentrationslager gelangte. Kontaktadresse: Forschungsgruppe Zyklon B. c/0 AZ. Schlachthofstraße 25 in DrO6844 Dessau. Wir danken allen — Freunden, nati sowie ideellen und materiellen Förderern für ihr Engagement in unserem Verein und wünschen und 4 erholsame Weihnachtstage , ein gutes 1908 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 Der größte Nazi-Trust ist immer noch nicht abgewickelt I6 Farben i. A.- und kein Ende 2 von Diethardt Stamm Der Protest gegen die immer noch nicht abgewickelte 16 Farben der größte Trust Nazideutschlands- hat in diesem Jahr erstmals zu einer Absage des ursprünglichen Termins der Hauptversammlung geführt. Sie sollte eigentlich am 22. August im Arabella Congreß Hotel in Frankfurt stattfinden. Das Hotel zog jedoch aufgrund der Proteste den Mietvertrag für die Tagungsräume rück. Die Versammlung soll nun am 22. Dezember im Bürogebäude in der Wächtersbacher Straße 83 in Frankfurt/ Main stattfinden. Wir rufen auch hier auf, sich an Protestveranstaltungen zu beteiligen. Bitte Tagespresse beobachten.) Mehr als tausend'menschliche Meerschweinchen''— an denen im K?Z Fleck und Gelbfieber. Ruhr und Gasbrand von einer I6 Farben-Toch- ter, den angeblich renommierten Beh- ringwerken, erprobt wurden— sind erst jetzt beim Abschlußprogramm zur Austellung Verbrechen der Wehrmacht' in Marburg'entdeckt? worden. Ernst Klee, Spezialist für NS— Medizin, hat entsprechendes recher- chiert, und der Leiter des Firmenar- chivs der Hoechst A6, Wolfgang Met- ternich, hat es kommentiert:'Stimmt. dem ist nichts hinzuzufügen.“ Nachzulesen war es in der Frank- Orer Rundschau vom 22. November 1907. Und dies ist nur eine Seite der offenkundig unendlichen Geschichte 16 Farben“: Nicht enden wollende Verbrechensketten bei der Auswer- tung von erst in den letzten Jahren zugänglichen Dokumenten. Und wie s0 oft: Verbrecher im Dritten Reich erhielten Persilscheine in den Nürn- berger Kriegsverbrecherprozessen oder wenn es im Ausnahmefall zu Wiederaufnahmeverfahren gekom- men ist, wurden diese eingestellt. Und solchen Verbrechern kommt oft bis heute jegliche Ehre zuteil. Ein Beispiel: Der Produktionsleiter der I6 Farbentocher Behring in Mar- burg war zu den Zeiten, als es um menschliche Versuchstiere ging. Al- bert Demnitz, und Betriebsleiter war Richard Bieling. Von Demnitz wurde jetzt ein umfangreicher Schriftver- kehr mit dem KZLagerarzt entdeckt. Danach wurden Häftlinge künstlich mit Fleckfieber infiziert und mit Impfstoffen getestet. Der Aufseher der KZVersuchsabteilung schilderte die Folgen: Die Patienten erbrachen zehn- bis zwölfmal täglich... Es war nur möglich, Versuche mit einem der- art schlecht verträglichen Präparat in einem KZ zu machen, da dort die Menschen nicht gefragt wurden.“ Der I6 Farben-Vorstand und die Verantwortlichen der Töchterfirmen wurden im Nürnberger Kriegsverbre- cherprozeß frei gesprochen. Fin späteres Verfahren gegen Demnitz und Bieling wurde 1961 eingestellt. Begründung: Es habe nicht festge- stellt werden können', daß sie Kennt- nis hatten, daß die Impfstoffe für verbrecherische Menschenversuche verwendet wurden. So ist auch nicht überraschend, daß Bieling 1951 Professor in Wien werden 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer konnte und 1954 anerkannter Experte für Viruskrankheiten der Weltge- sundheitsbehörde. Auch Demnitz kKonnte schon 1950 wieder Honorar- professor in Gießen werden und in Marburg wird heute noch seiner über einen Straßennamen gedacht. Dieses exemplarische Beispiel er- gibt sich aus einer aktuellen Zei- tungsnotiz. Weitere Prozeßakten, Do- kumente und Bücher weisen auf tau- sende ähnlicher Fälle im Zusammen- hang mit dem Namen I6 Farben hin. Eine unendliche Geschichte? Eine andere Seite der I6 Farben ist die unendliche Geschichte der Ab- wicklung“ und Liquidation. Nach dem Kriegsverbrecherurteil von 1948 hätte die Gesellschaft spãtestens 1953 6 aufgelöst sein müssen. Aber die Akti- en- die auf Reichsmark lauten- wer- den bis heute an der Börse gehandelt. Es wird mit ihnen spekuliert(80 Pro- zent Gewinn im Jahre 1997) und alle Jahre wieder gibt es Aktionärshaupt- versammlungen. Diese werden seit vielen Jahren von Protesten begleitet. Die Hauptforderung lautet immer noch, die I6 Farben aufzulösen und mit dem verbleibenden Geld die wen gen überlebenden Opfer anM arbeiterinnen und marbeiter) und der- en Angehörige zu entschädigen. Die Forderung nach Entschädigung rich— tet sich auch an die Nachfolgefirmen der I6 Farben- an BASF, Hoechst und Bayer. Diese schweigen zu den Verbrechen ihrer Vergangenheit und halten bis heute ihre Firmenarchive Aus dem Konzentrationslager Auschwitz holte sich die I6 Farben den größ- ten Teil ihrer Arbeitssklaven. 1941— 1944 mußten sie fünf Kilometer vom Lager entfernt in Monowitz eine riesige Chemie-Fabrik bauen. Dabei star- ben mehr als zwei Prittel der eingesetzten Häftlinge- mindestens 27.000. Insgesamt mußten mindestens 45.000 Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiter- innen für die IG Farben schuften. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 für die Offentlichkeit und Historiker verschlossen. Auch Mitglieder der Lagergemein- schaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer protestieren seit vielen Jahren gegen die Weiterexisten? der I6 Farben. Bei den Hauptversamm- lungen wurde die Nichtentlastung des Vorstandes und des Aufsichtsra- tes beantragt. Eine Forderung richte- 6 sich auch gegen die Besitzer der agungsorte, die Räume für die 16 Farben-Versammlungen vermieteten. Hier konnte erstmals ein Erfolg ver- bucht werden: Die für den 22. August 1097 angekündigte Hauptversamm- Klage-Androhung Diethardt Stamm sowie der Dach- verband der Kritischen Aktionäre und die Goordination gegen Bayer- Gefahren sollen gesamtschuldne- risch auf 400 Millionen Mark ver- klagt werden. Dies sicht zumindest ein Antrag vor, den die GfW Gesell- schaft für Wertpapierinteressen zur Versammlung der I6 Farben am 22. Dezember vorgelegt hat. Die von Klage Bedrohten hätten rechtlich unerlaubte Anträge“ auf Liquidation der I6 gestellt und ge- 3 fordert, das Restvermögen der I6 in rechtswidriger Weise' zu ver- wenden, nämlich zur Entschädi- gung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie deren Hinter- bliebenen. Die Verwendung des Li- quidationsüberschusses ist zwin- gend nur für die Aktionäre be- stimmt'“, heißt es in der Klageauf- forderung. Dieser Unfug geht wohl selbst den Liquidatoren zu weit- oder sie be- fürchten einen Image-Verlust-, sie wollen dem Antrag der GfW wider- sprechen. Entscheidend ist das Vo- tum der Hauptversammlung. lung der I6 Farben-Aktionäre im Frankfurter Arabella Congreß Hotel wurde abgesagt. Sie soll nun am 22. Dezember(Beginn 9 Uhr) im Büroge- bäude in der Wächtersbacher Straße 83 in Frankfurt/ Main stattfinden. Diethardt Stamm, Beisitzer im Vor- stand der Lagergemeinschaft Au- schwitz- Freundeskreis, hat als Ak- tionär beantragt, sowohl den Auf- sichtsrat als auch die Liquidatoren der I6 Farben nicht zu entlasten, da sie der Verpflichtung zur Gesell- schaftsauflösung nicht nachgekom- men sind. In der vom Handelsblatt veröffentlichten Begründung zu dem Antrag von Diethardt Stamm heißt es: Es wurden'die Abwicklungsver- pflichtungen umerschlagen, nämlich sich u.a. für die Opfer im KZ Ausch- witz III(Monowitz) einzusetzen. Dies wäre zum Beispiel durch ein Engage- ment bei der Lagergemeinschaft Au— schwitz— Freundeskreis der Ausch- witzer möglich gewesen'. Zwei Themenabende Uber die Geschichte der I6 Farben. ihre heutigen Nachfolgefirmen, das Agieren der I6 Farben i. A. C'in Ab- wicklung'— und dies seit fast 50 Jah- ren) und die Protestbewegung wird Diethardt Stamm an zwei Abenden bei Monatstreffen der Lagergemein- Schaft Auschwitz- Freundeskries re- ferieren. Es wird auch gezeigt, welche Möglichkeit man als Aktionär bei der Hauptversammlung hat.*I6 Farben- Führend in der Welt' lautet das Mot- to des Vortrages am Mittwoch, dem 6. Mai 1998, in der Wolfsgangstraße 109 im Haus der evangelischen St. Katha- rinengemeinde Frankfurt. Der zweite Abend einen Monat spãter, am 3. Juni. hat den Titel*I6 Farben in Nicht- Auflösung“(Siehe auch Seite 1.) 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Mitgliederversammlung vom 1. November 1997 in Frankfurt/M. Tätigkeitsbericht des Präsidenten Joachim Proescholdt Sehr geehrte Pamen und Herren, liebe Freunde, es ist mein erster und zugleich mein letzter Tätigkeitsbericht, den ich als Vorsitzender der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwit- zer vorlege. Als Sie mir vor eineinhalb Jahren, am 11. Mai 1996. Ihre Stimme gaben, war von mir bereits mitgeteilt worden, daß ich dieses Amt nur vorüber gehend, d.h. für ein Jahr, übernehmen würde. In dieser Zeit sollte Gelegenhei 8 S B ges Klären. 1. Der Anfang nach dem Abschied von Hermann Reineck Der Anfang meiner Arbeit war überschattet vom Tod Hermanns. Mehr noch, die Arbeit war derart von der Handschrift Hermanns geprägt, daß es nicht leicht war, neue Akzente zu setzen. Im Mitteilungsblatt vom Juli 1906 hatte ich formuliert, wie ich meine Aufgabe verstehe: Den Zielen der Lagergemeinschaft verpflichtet?. Diese Verpflichtung hatte Vorrang vor allem anderen in den Entschei- dungen des Vorstandes zu haben. Es konnte nicht sein, daß wir einfach weiterarbeiten, wie zuvor. Es war nicht mehr wie zuvor. Mit dem Tod von Hermann ging die Ara der Zeit- zeugenschaft im Vorstand der Lager- gemeinschaft zu Ende. Mit mir über- nahm jemand die Keitung des Vor- standes, der keine KZErfahrung hat- te. Zwar gehöre ich zu der Zeitzeu- gen-Generation, stand aber außerhalb des Stacheldrahtzaunes. In Zukunft wird der Vorsitz von einem Vertreter der Nachfolgegeneration wahrgenom- men werden. Es ist nicht mehr, wie es war. Es fehlt die Emotionalität des Erlebten, die persönliche Nähe des 6 esucht werden, u.a. die Nachfolge für das Amt des/der Vorsitzenden zu Durchlittenen, die Hermann uns in s0 eindrucksvolle Weise übermittelt hat. Was bleibt, ist unsere Verpflichtung weiterzusagen: Auschwitz- nie wie- der. Aber dies Zeugnis ist anders als das der Zeitzeugen. Wir können nicht aus eigenem Frleben berichten. Wir können und dürfen nicht Hermann oder seine Leidensgenossen kopieren wollen. Darum ist jetzt alles anders. Dies hat sich in der Arbeit des letzten Jahres deutlich niedergeschlagen. 2. Planungen und Ergebnisse unse- rer Arbeit 2.1. Zusammenarbeit im Vorstand G Lassen Sie mich zu Beginn von ein- er guten Erfahrung sprechen: es be- trifft die Zusammenarbeit mit dem Vorstand. Sie wissen: dieses Gremium besteht aus dem geschäftsführenden und dem durch die Beisitzer erweiter- ten Vorstand. Wir haben unsere Sit- zungen grundsätzlich gemeinsam ge- halten und in der Regel einmal im Monat getagt. Dazu kam im Juli letz- ten Jahres eine Klausurtagung in Breunings, auf der die künftige Ar- beit intensiv diskutiert wurde. Das Wochenende diente zudem dazu, per- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 sönlichen Kontakt zu pflegen und sich unter einander besser kennenzu- lernen. Dem Vorstand möchte ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank für die engagierte Mitarbeit, für das Mitdenken und die Bereitschaft, not- wendige Veränderungen mitzutragen und mitzuverantworten aussprechen. Gewiß gab es Kontroversen, manch- mal sogar recht heftige, aber trotz al- ler Meinungsunterschiede und indivi- Geller Ausprägungen der einzelnen Mitglieder haben wir unsere Zielset- zung nie aus den Augen verloren. Ins- gesamt war die Zusammenarbeit kon- struktiv und hat Freude gemacht. Aus den Erfahrungen der Arbeit wurde mir aber deutlich, daß unser kleiner Verein mit seinen knapp 300 Mitglie- dern durch zwei Amter, das des Präsi- denten und des Generalsekretärs überreprãsentiert ist. Unnötige Ko- sten, Zeitaufwand für Zuständig- keitsabsprachen standen in keinem Verhältnis zum Arbeitsbedarf. Hier wäre eine Neuregelung mit ent- sprechender Statuten-Anderung an— gebracht. Die Vorstandsarbeit sollte meines Brachtens künftig in der Hand des Vorsitzenden liegen, der ei- nen stellvertretenden Vorsitzenden 0 Seite hat. 2.2 Vorträge, Lesungen, Diskussionen, Begegnungen Die Arbeit der Lagergemeinschaft Auschwitz ging inhaltlich- entspre- chend den Erfahrungen vergangenger Jahre- wie folgt weiter: 2.2.1. Es sind die monatlichen Tref- fen in der Wolfsgangstraße 109 in Frankfurt zu benennen. Leider fan- den sie nicht in der gewünschten Re- gelmäßigkeit statt, weil die Planungen oft zu kurzfristig waren und mit un- ter verbindliche Absprachen fehlten. Dennoch gab es außerordentlich in— teressante Veranstaltungen, denen eine größere Zuhörerschaft zu wün- schen gewesen wäre. Ein wichtiger Höhepunkt waren drei Lesungen von Wolfgang Tiessen aus Victor Klem- perers Tagebüchern von 1933— 1945 Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“. Daneben ist die Autorenle- sung von Karin Graf zu nennen, die aus ihrem eindrucksvollen Manu- Skript'Zitronen aus Kanada“ Ausch- wit?-Prlebnisse von Stanislaw Hantz wiedergab. Ergänzend hierzu fand ein Besuch von Stazek Hantz und seiner Frau Regina aus Zgorzelec im Juni statt. Er gab uns seine persönliche Lebensschilderung aus Auschwitz. Wurzeln des Antisemitismus' waren Inhalt meines Vortrages im Sommer letzten Jahres. Die unterschiedlichen Berichte über Eindrücke der diesjäh- rigen Studienreise gaben einen inter- essanten Finblick und haben die Not- wendigkeiten solcher Fahrten erneut verdeutlicht. 2.2.2. Außerdem fanden insgesamt drei Begegnungen in Polen statt: Das zehnjährige Jubiläum der In- ternationalen Jugendbegegnungsstät- te Auschwitz im Dezember letzten Jahres gab mir Gelegenheit, Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten und polnischen Gruppen zu knüpfen. Dies wird auch in Zukunft notwendig sein, da Verbindungen, die Hermann auf- grund seiner Auschwitz-Zeit und durch eine Vielzahl von Reisen nach Polen besaß, von uns, den Nachfol- gern, gan?z neu aufgebaut werden müssen. So kam es für mich zu einer ersten Begegnung mit dem deutschen Generalkonsul Dr. Hölscher, der sich gemeinsam mit seiner Frau intensiv 10 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer um die Belange ehemaliger KZ- Häftlinge kümmert. Außerdem lernte ich Vertreter der Sinti und Roma und von ehemaligen Kindern in Ausch— wit? kKennen. Diese Kontakte waren eine Hilfe bei der Gestaltung der Stu— dienreise 1997. Die Studienreise fand als zweite Be- gegnung im März statt. Im Planungs- stadium für die Reise wurde im Vor- stand eine Grundsatzdebatte darüber geführt, welche Zielsetzung solche Gruppenreisen haben. Dabei wurde die Meinung vertreten: Wenn wir von der Lagergemeinschaft Auschwitz eine solche Reise anbieten, muß der Besuch im ehemaligen KI. Auschwit?z seinen chematischen und zeitlichen Schwerpunkt haben. Mein Reisekon- zept ging darüber hinaus. Auschwit?z- das war nicht nur das Stammlager, nicht nur Birkenau oder Monowitz. Auschwit?z- das war gan?z Polen! Und dies habe ich an verschiedenen Orten in Polen wieder verdeutlicht: an der Gedenkstätte des Kinderverwahrla- gers oder von Radogoszcz in Lödz, an den unzähligen Gedenktafeln 60 willkürlich ermordete Polen in War- schau, im Pawiak, der Aleja Szucha, dem Umschlagplatz, in Palmiry oder Treblinka. Diese Konzeption knüpfte an die seinerzeit mit Hermann und »Uber Auschwitz darf kein Gras wachsen“, lautet der Grundsatz der Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer. Im See in Bir- kenau liegt die Asche von unzähligen Ermordeten. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Anni gemachten Polenreisen an. Die Resonanz und die Reaktionen auf die diesjährigen Studienreise haben mich bestätigt. Dies soll für die Zukunft kein ausschließliches Programm sein. Bei entsprechender Thematik und Zusammensetzung einer Studien- gruppe sind längere Aufenthalte in Auschwitz sicher auch immer wieder anzustreben, um sich u. a. mit den dortigen Archivunterlagen intensiver Olen zu können. Noch eine dritte Reise wurde not- wendig. Sie fand, zusammen mit Al- brecht Werner-Cordt, Mitte Oktober statt. Es ging um einen Gedankenaus- tausch mit unseren polnischen Freun- den, die mir in meiner Amtszeit hilf— reich zur Seite standen. Zugleich wollte ich mich von ihnen verabschie- den. Bei diesen Begegnungen wurde deutlich, daß Hilfe für ehemalige Auschwitzhäftlinge auch in Zukunft von uns, der Lagergemeinschaft, er- hofft, ja dringend erwartet wird. Wohl nicht mehr in der bisherigen Art persönlicher Geldzuwendung, bei der nur eine gewisse Zahl bedacht werden kann und die Gefahr besteht, ungewollt falsche Hoffnungen, Be- ichkeiten oder gar Neid zu wek- ken. Vielmehr wird vor Ort dafür plä- diert, projektbezogenen Arbeit zu un— terstützen. Z. B. finanzielle Hilfe für stationäre Pflegeabteilungen, Alters- heime oder die Aktion Essen auf Rä- dern“, die z. Zt. für bettlägrige, gehbe- hinderte, hinfällige ehemalige Häft- ling in Krakau eingerichtet wird. Dem sollten wir uns nicht verschlies- sen. Darüber hinaus kann die eine oder andere finanzielle Hilfe für be- sonders in Not Geratene weiterhin angemessen sein. Alle Hilfsmaßnah- men müssen in engster Zusammenar- beit und Absprache mit den Verant- wortlichen vor Ort erfolgen. 23. Gffentlichkeitsarbeit Ein wesentliches Stück unserer Of— fentlichkeit wird durch Hans Hirsch- mann geleistet. In großer Treue sam- melt er wichtiges Informationsmate- rial und bringt es im Mitteilungsblatt zur Veröffentlichung. Durch persön- liche familiäre Belastungen konnte er in diesem Jahr nur ein Heft fertigstel- len. Dieses Heft beinhaltet wieder wichtige Informationen und beachtli- che Reflexionen, daß wir ihm unseren uneingeschränkten Dank zum Aus- druck bringen möchten. Im Dezem- ber ist mit dem Brscheinen eines zweiten Heftes zu rechnen. Im Vor- Stand habe ich angeregt. Hans Hirsch— mann ein Redaktionsteam zur Seite zu stellen, das ihn entlastet und im Fall dringender Verhinderung eine regelmäßige Herausgabe des Mittei- lungsblattes gewährleisten hilft. 3. Verwaltungstechnische Verände- rung Bewußt habe ich bei meinem Re- chenschaftsbericht zunächst in gro— ßer Ausführlichkeit über die inhaltli- che Arbeit gesprochen, da sie absolute Priorität besitzt. Daneben gab es aber auch eine Fülle Dinge zu regeln, die mit dermn Vereinsrechtlichen zu tun hat. In Kürze sei benannt, was in dem zurückliegenden Jahr in diesem Be— reich geleistet wurde: 3.1. Die neue Geschäftsordnung Der Vorstand hat sich die- seit der Verabschiedung der letzten Statuten- änderung im Jahr 1992 ausstehende Geschäftsordnung gegeben, in der die Aufgabenverteilung innerhalb des 12 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Vorstandes geregelt ist. Damit soll kein bürokratischer Amtsschimmel gesattelt werden. Es ging darum, Zu— ständigkeiten innerhalb des Vorstan- des zu umreißen. Heute ist für zweit erlei gesorgt: Erstens sind die Kompe- tenzen geklärt und Aufgabenfelder festgelegt, zweitens sind die Verant- wortungsbereiche umrissen. 3.2. Das Rechnungswesen Das Rechnungs- und Bankwesen, das von Matthias Tiessen in großer Zuverlässigkeit geregelt wird, hat Klärung erfahren und Matthias kann jetzt selbständiger und damit verant- wortlicher als bisher seine Arbeit tun. In diesem Zusammenhang sei darauf aufmerksam gemacht, daß die Lager- gemeinschaft auf die Jahresbeiträge dringend angewiesen ist. Die Mitglie- der sollten es dem Kassierer nicht ver- übeln, wenn er in Wahrnehmung sei— nes Amtes säumige Mitglieder freundlich an ihre ausstehenden Zah- lungen erinnert. Auch das Geld hat seine besonderes Gewicht in der Ziel- setzung unserer Arbeit. Ich sprach bereits darüber. Die Lagergemein- schaft wird künftig nur dann ihre Ar- beit in bisheriger Bandbreite fortset- zen können, wenn wir alle durch un— sere Beiträge ihr dazu die Möglichkeit geben. 3.3. Das Geschäftszimmer Mit dem Umzug von Reinecks in das neue Haus in der Lindenstraße 68 in Münzenberg-Gambach war von vornherein im Kellerbereich die Fin— richtung eines Geschäftszimmers für die Lagergemeinschaft geplant. Dies verzõgerte sich aus vielerlei Gründen. In?wischen ist der Raum für uns zu— gänglich und sparsam eingerichtet. Der Vorstand hat dort jetzt Arbeits- möglichkeiten, kann seine Sitzungen halten und das Archiv und den Bü— cherbestand der Lagergemeinschaft ausbauen. d. Zukunftsperspektiven Erlauben Sie mir als scheidendem Vorsitzenden, noch einige Gedanken über die Zukunft der Lagergemein; schaft zu äußern. 6 Die biologische Zeituhr tickt. Die Stunde kommt, da der letzte Zeitzeu- ge, die letzte Zeitzeugin der Naziver- brechen in Auschwitz und anderswo nicht mehr unter uns sein wird. Je länger je mehr wird sich deshalb un— ser Verein von der Lagergemein- schaft Auschwitz“ zum'Freundes- kreis der Auschwitzer' wandeln. Ja, selbst der Freundeskreis derer, die chemalige Häftlinge kannten, wird ei- nes Tages kleiner, und damit muß die Namensgebung des Vereins neu be- dacht werden. Die politische Aufgabe bleibt. Auf dem Hintergrund der schrecklichen Freignisse in den Kon- Zentrations- und Vernichtungslagern der Nazis müssen Menschen zu Wachsamkeit und Widerstand auf— gerufen werden, damit sich dieses nie wiederholt. Was ist zu tun? Als erstes möchte ich die Kontakt- pflege zu ehemaligen Auschwitzhäft- linge benennen. Nach wie vor ist die Freude groß, wenn wir nach Polen kommen und die ehemaligen Häftlin- ge erfahren: wir sind nicht vergessen. Wir wissen um die psychischen Belas- tungen, jenes Auschwitz-TFraumas, das bis in die nächsten Generationen nachwirkt. Darum bleibt, unabhängig von Hilfsmaßnahmen, der menschli- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 13 che Kontakt, der Besuch, aber auch der persönliche Brief wichtig. Zweitens bleibt wichtiger Schwer- punkt unserer Arbeit, insbesondere junge Menschen, wie bisher, durch Studienreisen nach Auschwitz und an andere Orte der Nazi-Verbrechen zu führen, sie durch Informationsge- spräche auf die Reisen vorzubereiten, 0 nicht mit dem Schrecken und Ent- setzen allein zu lassen und ihnen Hil- fen anzubieten, wie sie verantwortlich in unserer Gesellschaft mit dem um- gehen können, was unbegreiflich und doch geschehen ist. Wir müssen im- mer wieder Menschen ermutigen, ge- gen Vorurteil und Ausländerhaß, ge- gen Auschwitz-Lüge“ und neofaschi- stische Schlagwortideologien mutig die Stimme?u erheben. Drittens behalten die Treffen der Lagergemeinschaft ihre wichtige Funktion. Waren sie in früherer Zeit allein durch die Anwesenheit Her- manns als Zeitzeuge für uns alle von großer Bedeutung, so werden sie ihre Anzichungskraft heut nur durch eine klare, rechtzeitig veröffentlichte The- menstellung erhalten. Viertens muß darüber nachgedacht werden, wie es möglich ist, thematisch im Schulunterricht präsent zu sein. Auch hier ist es nicht mehr wie frü— her, als Hermann mit in unseren Un— lerricht kam und von seinen Erlebnis- sen berichtete. Wir können das nicht. Aber es bleibt eine wichtige Aufgabe des Vereins, Pädagogen und Pädago- ginnen von der Notwendigkeit zu überzeugen, im Sach- und Religions- unterricht Auschwitz- ich sage es verkürzt- zu thematisieren. Mit die- sem Berufsstand Kontakt aufzuneh- men und Informationsmaterial bereit zu halten, ist ein anstrebenswertes Ziel. Fünftens sollte mehr als bisher die Kooperation mit Gruppierungen, die sich um die gleiche politische Thema- tik mühen, intensiviert werden. Es muß zu Absprachen und Ideenaus- tausch kommen. Ich bedaure, daß es in der mit gegebenen Zeit neben meit nen sonstigen Aufgaben nicht mög- lich war, dies zu bewerkstelligen. Ins- besondere im Bereich von Ausstellun- gen wäre eine Zusammenarbeit hilf— reich. Sechstens und letztens bleibt die Notwendigkeit informativer Gffent- lichkeitsarbeit als Teil des pädagogi- schen Konzeptes. Dazu gehören mit Sicherheit das Mitteilungsblatt, aber auch gut gemachte Plakate als we- sentliche Informationsquelle. Kon- taktpflege zur Presse, öffentliche Stellungnahmen zu Entwicklungen und Trends im politischen Umfeld könnten die Arbeit erweitern und er— gänzen. So mancher, mit dem ich in letzter Zeit sprach, meinte, daß die Tage der Lagergemeinschaft Auschwitz ge— Zählt seien, weil sich die Aufgaben- stellung erledigt habe. Meine lieben Freunde, ich bin ganz gegenteiliger Meinung. Meine Arbeit als Vorsitzen- der hat mir die Fülle von Aufgaben und Möglichkeiten der Hilfe zu Ver- söhnung und Frieden verdeutlicht. Hier bleibt- wie eh und je- die Zu- kunft der Lagergemeinschaft Ausch- wit?- Frundeskreis der Auschwitzer. Dazu möchte ich Ihnen/Euch Mut machen. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Mitgliederversammlung empfahl Kooption eines Schülervertreters Albrecht Werner-Cordt mit einstimmigem Votum zum neuen Vorsitzenden gewählt Bei der Mitgliederversammlung am 1. November wurde Albrecht Werner- Cordt als Nachfolger von Joachim Proescholdt zum Präsidenten der Lagerge- meinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer gewählt. Durch seine antimilitaristische und antifaschistische Einstellung sowie der Bekanntschaft mit dem Auschwitzer Hermann Reineck, dem Gründer der Lagergemein- Schaft, war er bereits in den 70er Jahren in unseren Verein eingetreten. Er wa 6 jedoch die ganze Zeit eher passives und fördendes Mitglied- einerseits aus beruflichen Gründen, andererseits weil sich seine außerberuflichen politi- schen Schwerpunkte auf andere Bereiche erstreckten. Albrecht Werner-Cordt wird noch in diesem Jahr 55 Jahre alt. Er lebt mit seiner Familie in Frankfurt am Main ist beruflich aber zur Zeit noch fast ausschließlich in Hannover be- schäftigt. Vorraussetzung für seine Kandidatur als Vorsit?ender war, daß er im Laufe des nächstens Jahres sei- nen Arbeitsplat? wieder nach Frank- furt verlegen wird. Seit seiner Schulzeit war Albrecht Werner Cordt ein politisch engagier- ter Mensch. Er kam als vierjähriges Kind 1946 in das kriegszerstörte Frankfurt. Aufgewachsen ist er in der Bodenseeregion, wo er früh nach der Geburt in Dortmund evakuiert wor- den war. Der Kontrast der grauenhaf- ten, schrecklichen Bilder in der Main- metropole zu den vergleichsweise idyllischen Zuständen am Bodensee ist ihm in bleibender Brinnerung. Diese Erinnerung und die Prägung durch die liberale Finstellung der El- tern und einiger Lehrer ließen ihn Anhänger der allgemein vorherr- schenden Stimmung„Nie wieder Krieg' werden, sagte er bei seiner Vorstellung bei der Mitgliederver- sammlung. Als Schüler nahm Albrecht Werner- Cordt an Antikriegsdemonstrationen gegen die Wiederbewaffung Deutsch- lands teil und verweigerte später kon- sequenterweise den Kriegsdienst. Beim Auschwitz-Prozeß in Frankfurt nahm er an vielen Veranstaltungen teil. Von väterlicher Seite aus gab es stark ausgeprägte persönliche und geschäftliche Beziehungen?u jüdi- schen Freunden und Partnern. Teile der Familie wanderten im PDritten Reich nach Amerika aus.) Während des Studiums bei Adorno und Hork- heimer Beschäftigung mit Antisemi- tismus und Vorurteils-Forschung. Später bei Wolfgang Abendroth ka- men als Schwerpunkte Faschismus- theorien, antifaschistischer Wider stand, Arbeiterbewegung und Ge-— werkschaftstheorie hinzu. Er nahm Funktionen in der studentischen Selbstverwaltung(Fachgruppe, AstA) war, wurde 1965 studentischer Mitar- beiter in der I6 Metall und arbeitete im Wahlkampftheam von Hans Matt- höfer. Ab 1965 war Albrecht Werner- Cordt Mitarbeiter in der gewerk- schaftlichen Bildungsarbeit, überwie- gend der Jugendbildung. Ab 1971 Be- rufstätigkeit in der Erwachsenenbil- dung und außerschulischen Jugend- bildung, Personalarbeit, Museumsar- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 18 beit, Pressearbeit mit freien journali- stischen Tätigkeiten und Buchautor. Derzeit arbeitet er als Manager und im Marketingbereich. In den 60er und 70er Jahren nahm unser neuer Vorsitzender an Fahrten in die ehemaligen KZ Buchenwald und Stutthof teil, und eine Studien- reise führte ihn auch nach Polen. Er ist Mitbegründer des Vereins zur Er- forschung und Geschichte der soxiali- tischen Jugendbewegung in Frank- 6 am Main', später Verein für Frankfurter Arbeitergeschichte“. In diesem Zusammenhang Mitarbeit und Co-Autor an mehreren Büchern; Vorstandsmitglied seit Gründung Mitte der 70er. Kurz danach erfolgte auch der bereits erwähnte Bintritt in die Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer. Uber Auschwitz darf kein Gras wachsen.“ Diesem Leitspruch unseres Boleslaw Stefanski(Mitte) war zur Mitgliederver-?u sammlung aus Krakau angereist. Links Joachim Proescholdt, rechts Albrecht Werner-Cordt. Vereins war Albrecht Wer-ner-Cordt schon als einfaches Mitglied ver— pflichtet. Dies gilt um so mehr nach seiner Entscheidung, als Vorsitzender die Ziele der Lagergemeinschaft und des Freundeskreises zusammen mit den anderen Vorstandsmitgliedern weiter zu verfolgen. Mit seinen Erfah- rungen in der politischen Bildung so- wie im publizistischen und journali- stischen Bereich wird er vor allem hier schwerpunktmäßig seine Kompe- ten?en in die Arbeit einbringen. Der neugewählte Vorstand Nach der Wahl von Albrecht Werner-Cordt zum Präsidenten be- stimmte die Mitgliederversammlung auch die anderen Vorstandsmitglie- der. In ihren Amtern bestätigt wur- den Generalsekretär Hans-Joachim Günther(Würzburg), Kassierer Matthias Ties- sen(Frankfur Main), Schriftführer Gerhard Herr(Wetzlar), Beisitze- rin Anni Roßmann-Rei- neck und Beisitzer Diet- hardt Stamm(beide Münzenberg). Als weite- re Beisitzerin wurde Ka- wählt. Als Redakteur des Mitteilungsblattes ist Hans Hirschmann (Bad Vilbel) im Vor- stand vertreten. Durch einstimmige Akklama- tion wurde dem Vor— stand dringend nahege- legt, eine von der Schü— lerlnnenvertretung des Friedrich-Ebert-Gymna Siums Mühlheim Main wählende Schülerin oder einen Schüler zu kooptieren. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer „Wir werden ignoriert. überal Bei der Konferen? Pie vergessenen Juden im Baltikum? warben Betroffene um Anerkennung. Beim Benefizkonzert vergaß die bundesdeutsche Politprominenz. sie zu begrüßen Aus Hunnover Anita Kogler Am 4. Juli 1941 brannten in Riga die Synagogen. In der größ- len— sie stand in der sogenannten Moskauer Vorstadt, wo wenig spã- ler das Ghetto errichtet wurde beſanden sich etwa 300 jüdische Füchtlinge aus Litauen. Lettische Polizisten umstellten mit Maschi- nengewchren die Synagoge, er— schossen jeden, der aus dem bren- nenden Gebäude flüchten wollte. Drei Tage spãter meldete der Lei- ler der Einsatzgruppe la, Walter Stahlecker stolz nach Berlin: Alle Synagogen sind vernichtet.“ Der4. Juli war der Auſtakt zum großen Massenmorden in Lettland. Von qen etwa 90.000 Juden überlebten nurzirka 1.000 Menschen. In Lettland ist der 4. Juli seit der Unabhängigkeit 1091 offizieller Holocaust-Gedenktag“. Alle Fahnen stehen auf Halbmast, auch wenn die meisten Letten nicht wis- sen, warum. Die Vernichtung der Juden, mit Hilfe lettischer Kolla- borateure durchgeführt, zählt heute noch zu den verschwiegenen Themen. In Deutschland ist dies kein Tabuthema, aber ein peinli- ches. Erst vor kurzem heschloß der Finanzausschuß des Bundestages, die Entschãdigung für baltische Ju- den nicht weiter zu behandeln. Sie haben bisher keinen Pfennig„hu— manitäre Hilfe“ für Ghetto, Kon? Zentrationslager Raub ihrer Ver- mögen, Zwangsarbeit zugunsten des Deutschen Reiches und die Er- mordung ihrer Familien erhalten- und werden es auch nicht meh Daß die 229 litauischen Uberle- benden die 84 in Lettland und die lünf in Estland nicht in Armut ster- ben, ist nur privaten deutschen Hilfsinitiativen zu verdanken die Scit Jahren Geld sammeln und es ohne Nebenkoslen den KZVereit nigungen persönlich überbringen. Mit diesem Skandalon der Nichtentschädigung beschäftigte sich am Wochenende ein Sympo- sium der Buber-Rosenzweig-Stif- tung in Hannover. Ihr Titel„Die vergessenenen Juden in den balli- schen Slaaten“ Gekommen waren auch Alexander Bergmann, Vor- sizender der lettischen Vereini- gung der jüdischen Uberlebenden von Ghetto und KZ Margers Ve- stermanis, Zciteuge und Leiter Cesjüdischen Muscums und Poku- mentationszentrums in Riga, Sowie Fruma Kucinskrene, Uberlebende der Massaker in Kaunaus und Vor- sizende der dortigen jüdischen Gemeinde.„Wir werden ignoriert, man will von uns nichts wissen. Nirgendwo“, sagte Alexander Bergmann, Rechtsanwalt und mit 72 Jahren das jüngste Vereinsmit- glied. In Lettland scien neue Ge- sclze in Arbeit, die die ehemaligen lettischen SS-Leute begünstigen und die Verfolgten des Nazire- gimes benachteiligen. Die Uberle- benden müßten Schriftliche Doku- mente über ihre Verfolgung einrei- chen. Bei den Tälern reichen Zcugen- daß sie wirklich bei Kampfhandlungen verletzt wor- den sind. Für sie ist das wichtig, denn„kriegsverletzte“ SSSolda- len erhalten nicht nur Freifahrt- scheine in lettischen Eisenbahnen, sondern— im Unterschied zu den Verfolgten— auch Versorgungs- renten in Hõhe von 300 Mark aus Deutschland. Bitter klingen die Vorhersagen aus den Reihen der Uborlebenden:„In vier Jahren lebt von uns keiner mehr Dann ist Deutschland das Problem los.“ „Die Nichtentschädigung der Opſer ist ein Makel in der Ge— aussagen, schichte der BRD“ faßte der Han- noveraner Jurist Joachim Perels zusammen. Zuvor referierte er über die Amnestiebewegung und die milden Urteile für deutsche Kriegsverbrecher im Baltikum. In der frühen Bundesrepublik ur teilte die Justiz, daß nur Hitler, Himmler und Heydrich“ Täter im eigentlichen Sinne gewesen seien. Anläßlich der Tagung hatte der Direktor des Europäischen Zen- trums für Jüdische Musik, Andor lsak, im Kuppelsaal des Congreß Centrums ein großes Benefizkon- zert für die Uberlebenden des Ri- gaer Ghettos organisiert. Der letti- sche Staatsprãsident Guntis Ulma- nis Schickte ein Grußtelegramm, in dem er— zum ersten Mal—„Pein“ außerte über die lettische Kollabo- ration, die er allerdings nach Weiß- russland und die Ukraine verlegte. In Hannover war auch Bundes- lagsprãsidentin Rita Süssmuth. So- wohl sie als auch der niedersãchsi sche Landtagspräsident Horst Milde brachten das Kunststück fertig in ihren Eröffnungsanspra- chen das Wort„Entschädigung“ nicht aus?usprechen. Mehr 0 Zwar begrüßten beide namentlic die anwesende Prominenz, den Landesbischof. den Kultusminister von Niedersachsen. vergaßen aber. daß auch Uberlebende des Rigaer Ghettos im Publikum saßen.„Was soll dic Aufregung darüber“, fragle Späler Alexander Berg- mann, ignoriert zu werden, sind wir doch gewöhnt.“ tageszeitung 7. Juli 1997 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 17 Spendenaufruf für ehemalige Häftlinge der Konzentrationslager Hilfe und Anerkennung für KZ-Opfer Die Hilfsaktionen für ehemalige Auschwitz-Häftlinge sind in unserer Sat- zung als erster Punkt bei der Aufzählung der Vereinszwecke angeführt. Waren es früher hauptsächlich Lebensmittel, Bekleidung, Medikamente oder ander Güter, die in Polen Mangelware waren, so sind heute Geldspenden sinnvoller. In diesem Jahr überreichten Vorstandsmitglieder der Lagergemeinschaft Au— schwitz- Freundeskreis der Auschwitzer bei der Studienfahrt im Frühjahr 30.000 Mark. Unsere Ansprechpartner von den Häfltingsclubs haben diesen Betrag an 600 Auschwitzer zu je 50 Mark weitergeleitet alles penibel dokumentiert. Fast wichtiger als der materielle Wert ist für die ehemaligen Häftlinge die damit verbundene Geste, die besagt, daß wir ihre Verfolgung und Unterdrückung durch die Deutschen und das Deutsche Reich mit Respekt anerkennen. Die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Dritten Reiches und die Industrie— unternehmen, in denen die Häftlinge ausgebeutet wurden, haben sich zu einer solchen Anerkennung und materieller Enschädigung zumeist nur aufgrund öffentlichem, vor allem auch internationalem Druck bewegen lassen. Zumeist mußten die Nazi-Opfer unter demütigenden Bedingungen nachweisen, daß sie durch Zwangsarbeit ausgebeutet, aufgrund der zur Staatsdok- trin erhobenen, menschenverachtenden Ideologie verfolgt, ein—— gesperrt, gequält wurden und täglich die Massenvernichtung von Mitgefangenen vor Augen hatten. Bei den Tätern liegt die Sache anders, beispielsweise bekommen ehemalige lettische S8— Leute 300 Mark Rente aus Deutschland, die überlebenden Opfer gehen leer aus(Giehe Bericht auf der gegenüberliegen- den Seite). Viele Nazi-Verfolgte wurden auch nie entschädigt. Sie, die Sie durch ihre Spende es möglich machten, daß unser Verein wenigstens minimale Unterstützungen leisten kann. haben dies freiwillig getan. Der herzliche Dank der ehemaligen S Häftlinge sei hiermit an Sie weitergegeben. Ischechische ¶-Opfer gehen leer uus Bohl: Keine Renten für jüdiscl en* VonRoſl Vogl gegenüber den NOpfem e Opfer in Ooteuropa Die Zeitungsüberschriften- sie stammen alle aus diesem Jahr belegen. daß die Geschichte der Entschädigung von S Nazi-Opfern auch heute noch um schändliche Kapitel fortge—— schrieben werden. Dies macht es um so notwendiger, den Ver-— eins?weck Hilfsaktionen für ehemalige K?ZHäftlinge' wei- ₰ terhin zu verfolgen. Da wir dies nur mit Ihrer Hilfe können.— bitten wir auch in diesem Jahr kurz vor Weihnachten um eine—= Zuwendung auf das Spendenkonto, das die Lagergemein- ₰ schaft bei der Sparkasse Wetterau(Bankleitzahl 518 500 79) 32 S unter der Konto-Nr. 002 000 0503 eingerichtet hat. 18 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 28. März bis 5. April 1998: Studienfahrt des Antifa-Cafes Kassel zu den ehemaligen Vernichtungslagern der Aktion Reinhard'? Belzec-Sobibor-Treblinka Auschwitz ist zum Synonym für die Ermordung der europäischen Juden durch den deutschen Faschismus geworden. Der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische Armee ist seit 1995 in Deutschland der*Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Genau so gut hätte der 14. Oktober zum Gedenktag erklärt werden können. An diesem Tag wagten 1943 die Häftlinge des Vernichtungslagers Sobibor einen Aufstand mit Massen- flucht. Warum ist diese geglückte Aktion von u. a. polnischen, russischen und holländischen Juden im deutschen Nachkriegsbewußtsein weitgehend unbe- kannt geblieben? In der öffentlichen Meinung domi- Vorbereitungen für die Ermordung niert Auschwitz die Geschichte der der 2.284.000 Juden, die damals in Ermordung der europäischen Juden. So werden andere Stätten der Ver- nichtung anonymisiert und mit ihren Opfern der Vergessenheit preisgege- ben. Unter dem Decknamen Aktion Reinhard“ begannen Ende 1941 die den fünf Distrikten des Generalgou- vernements lebten- Warschau, Lub— lin, Radom, Krakau und Lemberg. Die Mordaktion bekam ihren Namen zum Gedenken an Reinhard Heydrich, den Chefplaner der'Endlösung', der im Mai 1942 durch ein Attentat starb. »Berlin wnn 4 — pus soBisoy poo pid* Cwoin nbice Janow * „5en D ß Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 19 In den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka wurden die Ju— den des Generalgovernements ermor- det. Auf kleinstem Plat? wurden in Belzec über 600.000, in Sobibor über 250.000 und in Treblinka über 850.000 Juden und Jüdinnen ermordet. Im Gegensatz zu Auschwit? gab es in die- sen drei Lagern keine Selektionen— die Menschen wurden sofort ermor- det. Aus Belzec ist nur ein Uberleben- der bekannt. 300 Häftlinge konnten beim Aufstand in Sobibor fliehen etwa 50 erlebten das Kriegsende. Am 2. August 1943 hatten bereits die Häft- linge von Treblinka einen Aufstand gewagt. Von den siebzig Häftlingen, die flichen konnten, erlebten rund vierzig das Kriegsende. Zum Ende der Aktion Reinhard“ beseitigten die deutschen Mörder alle Spuren ihrer Verbrechen. Die Leichen wurden aus den Massengräbern ge- holt und verbrannt. Das ehemalige Lagergelände wurde eingeebnet und mit Bäumen bepflanzt. Auf dem Ge- lände wurden kleine Bauernhöfe er- richtet, die meistens von ehemaligen Wachmännern des Lagers bewirt- schaftet wurden. So konnte im wahr- sten Sinne des Wortes Gras über die Geschichte wachsen. Schriftliche Un- terlagen der Aktion Reinhard' wur- den weitgehend vernichtet. Im Ab- schlußbericht heißt es:'Bei der ge- samten Abrechnung Reinhard kommt noch das eine dazu, daß deren Belege baldigst vernichtet werden müssen, nachdem von allen anderen Arbeiten in dieser Sache die Unterlagen schon vernichtet sind...* Heute, 53 Jahre nach der'Aktion Reinhard', muß man eingestehen: das Kalkül der Nazis ist durchaus aufge- gangen. Wer kennt in Deutschland den Namen Belzec, die Geschichte des Aufstands von Sobibor oder Treblin- ka. Den Beweisen des Mordens in Au— schwitz, den Berichten der Uberle- benden mußte sich das Nachkriegs- deutschland wohl oder übel beugen. Die Mordstätten ohne Beweis mit wenigen Uberlebenden ignoriert man auch noch Jahrzehnte spãäter. Die Studienfahrt: Mitarbeiter der örtlichen Gedenk— Stätten Belzec, Sobibor und Treblinka werden uns über die Geschichte in— formieren, aber auch berichten, was mit den jeweiligen Lagergelände nach 1945 passierte und wie sich die Ge- denkstätten entwickelt haben. Die Reise wird in Kooperation mit der DGBJugend Hessen organisiert. Die Kosten für Fahrt, Unterbringung und Verpflegung betragen für Ge- werkschaftsmitglieder 300 Mark für Nichtmitglieder 380 Mark. Anmelde- schluß ist der 20. Februar 1998 (begrenzte FTeilnehmerzahl). Bin verbindliches Vorbereitungstref- fen findet am 1. März in Kassel statt. Anmeldungen: Antifa-Cafe, c% ge- stochen scharf, Elfbuchenstraße 18 in 34119 Kassel »Schöne Zeiten' Eine umfangreiche Materialsamm- lung zu den Vernichtungslagern Bel- zec, Sobibor, Treblinka wurde zur Vorbereitung zusammengestellt. S e Franz, stellvertretender Kommandant von Treblinka, sein Fotoalbum mit Aufnahmen von dem Vernichtungsla- ger. Es kann für 15 Mark beim Antifa- Cafe bestellt werden. Das Museum Sobibor soll mit einen Fernseher plus Videogerät, Filme so- wie deutschsprachige Bücher zur Aktion Reinhard“ unterstützt wer- den. Wer sich mit Geld und Ideen be- teiligen will, wendet sich an das Antifa-Cafe. 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Verband der Sinti und Roma sind IAKMitglieder geworden Kurt Hacker aus Wien ist neuer Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees Bericht von der IAK-Tagung von Hans-Joachim Günther Die im Zwei-Jahres-Abstand tagende Generalversammlung des Internatio- nalen Auschwitz-Komitees(I[AK) fand vom 26. bis 29. August in Oswiecim Statt. Es nahmen Häftlinge des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz aus insgesamt 13 Nationen teil. Mit einer Schweigeminute gedachten sie der verstorbenen Kameraden, darunter auch IAK-Präsident Maurice Goldstein und Hermann Reineck, Präsident der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freun— deskreis der Auschwitzer. In seiner Ansprache verwies IAK- Vizepräsident Kurt Goldstein dar- aufhin, daß die Holocaust- Uberleben- den aus Osteuropa für ihre Verfol— gung und Zwangsarbeit für den deut- Schen Staat und deutsche Betriebe im- mer noch nicht entschädigt wurden. Die Aufmerksamkeit dieser Men- schen richte sich derzeit nach Bonn, wo die Bundesregierung und die Je— wish Claims Conference endlich über eine Entschädigungsregelung verhan- deln. Goldstein sagte, daß nur eine schnelle umfassende Regelung über Entschädigungsrenten angemessen sei. In den Rententopf müßten Gelder des Staates, aber vor allem Geldmittel der deutschen Industrieunternehmen, die an Zwangsarbeitern und KZ- Häftlingen Millionen verdient haben, einfließen. Ahnlich wie im Falle des Schweizer Beutegoldes werde der in— ternationale Pruck auf Deutschland zunehmen, wenn Staat und Wirt- Schaft jetzt nicht zu einer Haltung der Würde und Verantwortung zu— sammenfänden, hob Goldstein her— vor. José Maria Gil-Robles, Präsident des Europäischen Parlamentes, beton- te in einer Grußadresse an die Dele- gierten des IAK: Gegenwärtig ist festzustellen, daß rassistische und na- tionalistisch-fremdenfeindliche Ten- denzen wiederaufleben. Wie in der Vergangenheit, haben sie ihren Ur- sprung in den Angsten und der Unsi— cherheit des Finzelnen über die Zu- kunft. Diese Tendenzen entwickeln sich aufgrund der Tatsache, daß uns die Werte verloren gehen, auf denen der soziale Zusammenhalt beruht. Sie werden gespeist von Arbeitslosigkeit. Armut und Ausgrenzung. Die Bil- dung der Jugend und ein ständiger Dialog mit den neuen Generationen sind der Schlüssel für eine von Rassis- mus freie Zukunft.“ Auf der Tagung des IAK wurde festgestellt, daß die ehemaligen Ka- meraden immer weniger werden, daß viele Jüngere, bei uns Nachgeborene genannt, in den Statuten des IAK als Bewahrer des Gedenkens“ bezeich- net, auf immer vielfältigere Art und Weise in die Funktionen der Organi- sation des IAK einsteigen. Es volkieht sich eine Umstrukturierung. Die BErinnerungen von ehemaligen Häftlingen des K?Z Auschwitz werden weltweit festgehalten. auf Film. Vi- deo. Tonkassette. Es bilden sich an Schulen. Universitäten und Kirchen- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 21 gemeinden in den verschiedensten Ländern Initiativgruppen von jungen Menschen, die die ehemaligen Häft- linge, so sie krank sind, betreuen und so einen persönlichen Zugang zu eit nem anderen Menschen herstellen können, der notwendig und wichtig ist, um Persönliches von ihm über sei— ne Zeit im Lager zu erfahren. Hier treffen sich noch die Bedürfnisse, zum einen des Erzählens und zum an— deren des Zuhörens. Der Umbruch in den Staaten Ost- europas hat sehr viel Depression, Chaos und Geldknappheit mit sich gebracht, aus der heraus oft keine Neuanfänge zu realisieren sind. An- dererseits volkzieht sich in einigen Mitgliedsvereinigungen des IAK in Osteuropa eine selbstbewußte Art und Weise, mit der eigenen Vergan- genheit umzugehen. Beispiele: In Prag entsteht ein Be- gegnungszentrum für interessierte Nachgeborene und ehemalige Ver- folgte mit Bibliothek und Ausstellung unter der Federführung des Ausch— witz-Komitees der tschechischen Re- publik. Die slowenische Kommision für ehemalige politische Häftlinge, Internierte und Nazi-Opfer in Ljubl— jana, die sich vor rund 25 Jahren ge- gründet hat, veranstaltet jedes Jahr im Sommer ein Friedenscamp mit großer internationaler Beteiligung. In Budapest haben die Auschwitzer und ihre Freunde' in der ungarischen Mitgliedsorganisation, an Bedeutung gegenüber der bisherigen kommuni— stischen Fraktion gewonnen. Die Griechische Union der Holocaust- Uberlebenden? hat zwei Nachgebore- ne zur Tagung geschickt. Sie nennen sich selbst'Second Generation“. Der Deutschland wurde offiziell als Mit- glied aufgenommen, ebenso der Ver- ein der Sinti und Roma in Polen. In allen Staaten Osteuropas, in de- nen es schon zur Zeit des realexistie- renden Sozialismus Vereinigungen ehemaliger Häftlinge von Auschwit?z Rassistische und nationalistisch- fremdenfeindliche Tendenzen sind gegenwärtig weit verbreitet, schrieb der EU-Parlamentspräsident ans ILAK. Von Deutschland zur Staats- doktrin erhoben, hatten diese Ten- denzen, die systematische Vernich- tung von Millionen von Menschen zur Folge. Der Name Auschwitz ist Symbol für diese Ausrottungspolitik. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gab, konnten sie sich neu formieren. In neuen Staaten wie der Ukrainie, in Estland, Lettland und einigen ande- ren sind die Schwierigkeiten größer- es muß eine neue Infrastruktur auf— gebaut werden und es fehlt an Geld. Neues Präsidium und neues IAK-Leitungsgremium Nach dem Tod von Maurice Gold- stein hatten die Delegierten des IAK einen neuen Präsidenten zu wählen. Mit großer Mehrheit wurde Kurt Hacker aus Wien gewählt. Ihm ist es zu verdanken, daß die österreichi- schen Organisationen wieder im IAK vereint sind. Als Vize-Präsidenten wurden ge- wählt: Noah Flug(Israel), Kurt Gold- stein(Deutschland), Kazimierz Smo- len(Polen), Carry van Lakerveld (Niederlande) und Christoph Heub- ner(Deutschland). In das IAK-Leitungsgremium wur- den gewählt: Maria König, Hans Frankenthal, Karl Forster. Hans- Joachim Günther(alle Deutschland), Felix Kolmar(Tschechien), Gabor Verõ(Ungarn), Albert Grynholz (Frankreich), Seif Faktor(Israel), Berr) Nahmias(Großbritannien), Henri Goldberg(Belgien) und Roman Kwiatkowski(Polen). Mehr Informationen, auch Kon- taktadressen zu IAKMitgliedsorgani- Sationen außerhalb Deutschlands, auf Anfrage bei: Hans-Joachim Günther. Gertrud-von-le-Fort-Str. 25 in 97074 Würzburg, Tel. 093 1870859. S Wir bitten, Mitgliedsbeiträge per Dauerauftrag zu überweisen In eigener Sache Bei der Konto-Abgleichung von November ergab sich. daß einige Mitglieder mit ihrem Jahresbeitrag noch im Rückstand sind. Wir bitten um Uberweisung und erinnern in diesem Zusammenhang an die Mög- lichkeit, die Beiträge mit Dauerauftr ägen zu begleichen. Die Uberwei— sung per Dauerauftrag, empfehlen wir enerell allen Mitgliedern. Es ist für Sie und uns praktikabel. Es macht Ihnen weniger Mühe als die Uberweisungen immer einzeln auszufüllen und im Vergleich zum Einzugsverfahren haben Sie eine bessere Kontrolle, da nur Sie Zugang zum Konto haben. Ein Dauerauftrag- egal ob jährlich, halbjährlich oder monatlich- hat gegenüber der Pinzugsermächtigung für uns den Vor- teil, daß wir bei einem Wechsel der Bank nicht in das Mißvergnügen kommen, mit Gebühren für nicht einziehbare Beträge belastet zu wer- den was leider schon vorgekommen ist. Vielen Dank für Ihr Verständnis S Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 Jugendliche bitten nach Studienfahrt um Spenden für Projekt des Frit? Bauer Instituts B von Klaus Konrad-Tromsdorf Photoprojekt' Auschwitz-Birkenau Am 10. November überreichte der hauptamtliche Beigeordnete des Landkrei- ses Gießen, Günter Feußner, in seiner Funktion als Schul- und Sozialdezer- nent, den einundachtzig Mitgliedern des Kreistages eine Photodokumentation Zum Thema Auschwitz'. Dies geschah nicht zufällig nach dem Jahrestag der Reichspogromnacht. Verbunden ist diese Aktion, die sich auch an die interes- sierte Offentlichkeit wendet, mit der Bitte um eine Spende für ein ungewöhnli- ches wenngleich auch schon lange überfälliges-Projekt. Der Landkreis Gießen hat- wohl im Unterschied zur Mehrheit der Kreise in Hessen—seit 1988 eine lange und gute Tradition was das Angebot an Jugendliche anlangt, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Seit 1989 kön- nen junge Menschen(Schülerinnen und Schüler, junge Arbeitnehmerin- nen und Arbeitnehmer) Seminare in den Gedenkstätten Auschwit? und Buchenwald unternehmen. Seit 1994 veranstalten die Teilnehmerlnnen die- ser Seminare alljährlich einen soge- nannten Jugendkongreß' anläßlich des Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers in Auschwitz: Das Interesse hieran ist groß und nimmt erfreulicherweise zu. Das kreiseigene Jugendbildungswerk und die Piet- rich-Bonhoeffer-Schule in Lich arbei- len seit Beginn erfolgreich zusammen. Mehr als zweihundert Jugendliche haben bislang an dieser Arbeit teilge- nommen: Ganz sicher auch ein Grund dafür, daß der Landkreis— obgleich von Schulden geplagt- die Finanzie- rung dieser Maßnahmen, die ihn im Jahr mehr als fünfzehntausend Mark Kosten, nicht in Frage stellt. Die da- mals extra eingerichtete Haushalts- stelle wurde in den Finanzdebatten nie kontrovers diskutiert. Seit Beginn des Jahres 1997 existiert im Landkreis die Ernst-Ludwig Chambré Stiftung' (das Mitteilungsblatt berichtete), die die erwähnte Arbeit personell und fi— nanziell unterstützt, ein weiteres Ar- gument für den Landkreis, sein lo— benswertes Engagement beizubehal- ten. Auch 1997 war eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern zehn Tage lang in der Jugendbegegnungsstätte Oswiecim. Fine lange und intensive Vorbereitungsphase hatte unter ande- rem auch das Ergebnis, daß sich die Teilnehmenden dafür entschieden, eine Photo- und Textdokumentation über ihren Aufenthalt anzufertigen. Bereits in den vergangenen Jahren waren die Teilnehmerinnen und Teil- nehmer der Gedenkstättenseminare mit ihren Erfahrungen'an die Of- fentlichkeit' gegangen: Gelesenes, Ge- sehenes, Erlebtes darf nicht unge- nannt bleiben. Photoausstellungen, Broschüren, Videofilme waren die Er- gebnisse- produziert vor allem für Gleichaltrige und von diesen mit In- teresse aufgenommen. Dennoch war für die Gruppe dies nicht das einzige Ziel: Während ihres Aufenthaltes in Oswiecim erfuhren die Jugendlichen deutlich, daß es der Gedenkstätte vor allem an finanziel- len Mitteln fehlt, um neue Projekte anzugehen: Schon das Brhalten des 24 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer derzeitigen'status quo' ist kaum zu finanzieren- auch wenn die Bundes- republik Deutschland ihre langjähri- ge materielle Verweigerungshaltung etwas gelockert hat. Es mußte also Konkret etwas getan werden die ei- gene Photo- und Textdokumentation Sollte also möglichst auch einen mate- riellen Beitrag für die Gedenkstätte erbringen. 2.400 Photographien Durch Vermittlung der Ernst- Ludwig Chambré Stiftung erfuhren die Jugendlichen von dem Photo- projekt AuschwitzBirkenau', das das Frankfurter Fritz Bauer Institut ge- meinsam mit dem Staatlichen Muse- um Auschwitz Birkenau zu verwirkli- chen sucht. Seit 1945 befinden sich im Archiv des Museums etwa zweitau- sendvierhundert private Photogra- phien, die nach der Befreiung auf dem Gelände von Birkenau gefunden wurden. Diese Bilder stammen offen- sichtlich aus dem Besitz von Men- schen, die nach Birkenau deportiert wurden, um dort ermordet zu werden. Bislang war es aus finanziellen Grün- den nicht möglich, diese Photographi- en wissenschaftlich zu untersuchen und zu publizieren. Für die Neukon- zeption von Ausstellungen und Ge— denkstättenarbeit in Auschwitz besit- zen diese Bilder und die mit ihnen verbundene Prinnerung an die ein— zelnen ermordeten Menschen(je- doch, K-T) eine große Bedeutung.(.. Individuelle Schicksale, persönliche Zugänge zur Geschichte werden auch in der pädagogischen Arbeit des Mu- seums weiter an Bedeutung gewin- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 nen'(aus einer Projekthbeschreibung des Fritz Bauernstitutes). Erste Recherchen, die das Staatli- che Museum Auschwitz-Birkenau und das Frit? Bauer Institut unternom- men haben, weisen- aufgrund der Be- schriftungen auf der Rückseite vieler Bilder- darauf hin, daß die Aufnah- men Menschen gehört haben müssen, die aus den Ghettos in Zaglembia, dort wohl überwiegend aus dem Ort Oedein. im August 1943 und in den folgenden Wochen und Monaten de- portiert wurden. Die Photos zeigen Personen— vielleicht Verwandte der Deportierten, wohl oft genug die De- portierten selbst—, sie zeigen jüdi- schen Alltag in Polen ebenso wie S?e— nen aus den Nazi-Ghettos. Im Rahmen dieses Forschungspro- jektes, an dem sich auch das US-Ho— locaust Memorial Museum beteiligt. werden derzeit Kopien der Photos Uberlebenden aus der Region Za- glembia vorgelegt, um weitergehende Recherchen nach den dort abgebilde- ten Menschen möglich zu machen: Dies geschieht in Deutschland, in Is— rael, in Australien und Südamerika. Frit? Bauer Institut und Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau planen 1998 eine vollständige Publikation so— cheergebnisse in polnischer, deutscher und englischer Sprache. Der Spendenaufruf Für die Seminarteilnehmer und— teilnehmerinnen ist dies ein Projekt, das sie- nach ihren Möglichkeiten- unterstützen wollen. Was lag näher als die Idee, die Herausgabe ihrer Bro- schüre mit einem Spendenaufruf für dieses Unternehmen zu verbinden? So ist also den Kreistagsabgeordne- ten des Landkreises Gießen- darun- ter auch einigen Republikanern'- mit der von den Jugendlichen erstellten Broschüre über ihre Studienfahrt nach Auschwitz ein entsprechender Spendenaufruf überreicht worden. Die Ernst-Ludwig Chambré Stiftung hat sich dazu bereiterklärt, eingehen- de Spenden entgegenzunehmen und an das Frit?z Bauer Institut weiterzu- leiten. Den politisch Verantwortli- chen des Kreises, Günter Feußner und Fandrat Rüdiger Veit, sei an dieser Stelle für ihr langjähriges Engage- ment ausdrücklich gedankt. Die Auschwitz-Broschüre der Schülerinnen und Schüler ist er- hältlich beim Jugendbildungswerk des Landkreises Gießen, Ostanlage 41, 35390 Gießen(Rückporto DM 3,00). 0 der Photos als auch der Recher- Zum Bild links: Am 3. September 194 wurde ein Transport von etwa 600 Sowjetischen Kriegsgefangenen in die Keller des Blocks Nr. J7 gejagt(v0 sich hereits etwa 260 velektionierte tranke Häftlinge aus dem Lagertran- Kenhau befanden), und- nachdem die Fenster durch aufgeschittete Erde abgedichtet worden waren- Gas in die Kellerräume geleitet. Als am näch- sten Tag festgestellt wurde, daß einige der Gefangenen noch lehten, vurde die Gasmenge verdoppelt und die Käume vieder zugeschittet. Anschlie- Pend mußte man die Käume zwei Tage lüften. Aus diesem Grunde vurden die Tõtungen durch Gas nicht mehr in Block J1 fortgesetzt. Es vurde daher der Leichenraum des Krematoriums heim Kevier als Vergasungsraum genutzt, indem die Tür gasdicht und einige Löcher zum Ein wurf des Gases in die Dechke geschlagen vurden.“(Kudolf Höß. Kommandant in Ausch- witz) Text und Beschriftung aus der Broschüre der Schülerinnen und Schü- ler aus dem Landkreis Gießen. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos in Birkenau Inmitten des grauenvollen Verbrechens „Rufe aus dem Jenseits“ 80 be zeichnet Wladyslaw Bartoszewski die in diesem Band zusammengestellten Aufzeichnungen von Mitgliedern des Sonderkommandos. Aufgabe des Son- derkommandos war es, Frauen das Haar abzuschneiden, es zu säubern, zu desinfizieren und zu trocknen, das Zahngold aus den Mündern der Ver- gasten zu brechen und einzuschmel- zen, den Opfern beim Auskleiden zu helfen, bei Erschießungen die De- liquenten festzuhalten, die Leichen zu verbrennen, die Menschenasche wegzuschaffen. Die Mitglieder des Sonderkommandos waren„Geheim- nisträger“ und wurden deshalb nach wenigen Wochen oder Monaten er- schossen und durch andere jüdische Hãäftlinge ersetzt. Bis auf Stanislaw Jankowski, der am 13. April 1945 vor dem Bezirksge- richt Krakéw von seiner dreijährigen Tätigkeit im Sonderkommando be- richtete, sind sämtliche Verfasser durch die S8 ermordet worden. Ihre Namen: Lejb(Langfus), Salmen Gra- dowski, Salmen Lewental, Chaim Her- mann, Marcel Nadsari und ein unbe- Kannter Autor. Ihre Briefe, Tagebü- cher, Kommentare, Gedenkbücher und Berichte fand man in Feldfla— schen oder Gläsern versteckt, vergra- ben in Birkenau, zwischen Menschen- knochen, Asche oder unter Bahnglei- sen. Noch im Oktober 1980 wurde die schriftliche Nachricht des griechi- schen Juden Marcel Nadsari unter der Erdschicht in ungefähr 30 bis 40 Zen- timeter Tiefe bei den Ruinen des Kre- matoriums III entdeckt. Es sind er- schütternde Berichte über Familien- tragõdien, Erlebnisse vor den Gas- kammern und Krematorien, Aufrufe zu Widerstand und Vergeltung, Nachrichten über die Ermordung von Freunden und Bekannten oder An- weisungen an die überlebenden Fami- lienmitglieder. So etwa die Aufzeich- nungen von Lejb(Langfus), dessen Aufzeichnungen im April 1945 gefun- den wurden, dann aber 25 Jahre, bis 1970, unbeachtet auf dem Dachboden der Auschwitzer Familie Borowczyk lagen, bis der jüngere Sohn, Wojciech. die Bedeutung der Schrift erkannte und sie dem Staatlichen Auschwitz Museum übergab. Lejb beschrieb die Verzweiflung seiner Frau:„Was be- deutet die Tatsache, daß ich selbst so elend sterben werde, daß meine Kno- chen keine Ruhe finden in Vergleich zu dem ungeheuren Unglück der Ver- nichtung meiner Kinder. Das ist das Entsetzlichste und Schrecklichste von allem, was eine Mutter im Leben tref- fen kann. Und dazu verlangen diese brutalen Mörder auch noch, daß ich selbst meine eigenen Kinder an den Ort des Massenmordens führen soll...“ In der Handschrift eines unbekann- ten Autors, im Sommer 1952 auf dem Terrain von Krematorium III aufge funden, wurden die Vorgänge im Be- reich des Sonderkommandos detail- liert notiert. Er schilderte das Verhal- ten der SSMänner, insbesondere der Chefs der Krematorien Mushfeld, Mol und Forst, deren Gnadenlosigkeit und Brutalität, Perversität und Gefühllo- sigkeit grenzenlos war. Er berichtete von tapferen, mutigen Menschen, die angesichts des Todes ihre Würde wahrten, den„Herrenmenschen“ die Wahrheit ins Gesicht schleuderten. Eine junge Polin hielt- schon in der Gaskammer-eine kurze, aber feurige Rede:„ das deutsche Volk wird s0 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 leuer für unser Blut bezahlen, wie wir es uns nur vorstellen können; weg mit dem Barbarentum in Form von Nazi— Deutschland! Es lebe Polen!“ Alle knieten nieder. Die Polen sangen die polnische Nationalhymne, die Juden die„Hatikwa“(Hoffnung), heute die israelische Nationalhymne. Rabbi Mosze Friedmann aus Bayonne griff- selbst schon entkleidet- einem Ober- sturmführer an der Uniformklappe und sprach mit ruhiger Stimme.„Ihr gemeinen, grausamen Mörder der Menschheit, glaubt doch nicht daran, daß es euch gelingen wird, unser Volk auszurotten... Aber ihr, ihr nieder- trächtigen Mörder, ihr werdet sehr teuer für jeden unschuldigen Juden mit zehn Deutschen bezahlen!“ Fra— gen nach Gott, Fragen nach der ei- genen Schuld, des Teilhabens an der Ausrottung des eigenen Volkes- nur weil man überleben will- klingen an und werden angesichts des täglich drohenden Todes in schonungsloser Ehrlichkeit beantwortet. Der Verfas- ser unterzeichnet anonym mit den Buchstaben J. A. R.A. und bittet, seine Aufzeichnungen unter dem Fitel „Inmitten des grauenvollen Verbre- chens' zu veröffentlichen. Ein zu— tiefst anrührendes, erschütterndes Buch. Joachim Proescholdt Inmitten des grauenvollen Ver- brechens, Handschriften von Mitglie- dern des Sonderkommandos, Auswahl und Bearbeitung: Jadwiga Bezwinska und Danuta Czech, Verlag des Staat- lichen Museums Auschwitz-Birkenau, dritte erweiterte Auflage 1996. Aufzeichnungen von Rudolf Höß, Pery Broad, Johann Paul Kremer Auschwitz in den Augen der 88 Es gibt kein besseres Argument ge- gen das dumm-gefährliche Ge- schwätz von der„Auschwit?Lüge“ als dieses Buch mit den Aufzeichnun- gen des SSObersturmbannführers Rudolf Höß, des ersten Lagerkom- mandanten von Auschwitz, mit den Rudolf Höß beim Prozeß in Poſen Brinnerungen des Mitgliedes der Poli- tischen Abteilung SS-Unterscharfüh- rer Pery Broad und mit den Tage- buchaufzeichnungen November 1940 bis Oktober 1945 des Medizinprofes- sors und Lagerarztes, SS-Obersturm- führer Dr. Johann Paul Kremer. Höß schrieb seine Aufzeichnungen im Gefängnis. Er hätte schweigen, leugnen, verharmlosen können. Letz- teres hat er gewiß getan. Aber seine detaillierten Beschreibungen der Le- bens- und Arbeitsbedingungen, seine Berichte über die Vergasung sowjeti- scher Kriegsgefangener, der Zigeuner und Juden, seine Auslassungen über die Durchführung der Endlösung sind so eindeutig, daß alles In-Frage- stellen der Vorgänge in der„größten Menschen-Vernichtungs-Anlage', wie Höß Auschwitz bezeichnet, völlig an der Realität vorüber geht. Ahnlich 28 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Cremefr u g sind die Aussagen von Broad und Kre- mer. All das, was auch in den ver- schiedenen Auschwitz-Prozessen zur Sprache gekommen ist, wird in diesen Aufzeichnungen und Tagebüchern bereits bestätigt: Schwarze Wand, Bo- gerSchaukel, Tag und Nacht bren- nende Schornsteine von Auschwitz, unerträgliche Schlammlandschaft von Birkenau, Willkür und Perversi- tät. Korruptheit und Verschlagenheit der SSMannschaft, Brutalität der grünwinkligen Kapos. Selektionen auf der„Rampe“ und im Kranken- bau, Ermordungen durch Phenol- spritzen, medizinische Experimente, EXekutionen und Massenvergasungen durch Zyklon B.. Mieczyslaw Kieta weist in seinem Nachwort auf die einmalige Bedeu- tung dieser Aufzeichnungen hin. Er nennt es ein„Symbol für die Zeit, in welcher die Nazi-Deutschen Rechtlo- sigkeit in den Rang bürgerlichen Tu— genden erhoben haben.. Verbrechen zum Grundsat?z ihrer Ethik und Mo- ral'. Dieses Buch müßte allen Leug- nern der Auschwitz-Wirklichkeit und Beschwichtigern, allen Neo-Nazis zur Pflichtlektüre gemacht werden. Dar- über hinaus ist es für alle Interessier- te ein Standardwerk, weil hier nicht die Opfer, sondern die Täter, die Mit- verursacher und Teilnehmer der Ver- brechen zu Wort kommen. Was sie zugeben, das kann man nicht in Frage stellen, es sei denn, man ist ideolo— gisch so borniert, daß man nicht ver- Stehen kann, was man nicht verstehen will. Joachim Proescholdt Auschwitz in den Augen der 88. Interpress, Warschau. Neuauflage 1902, Preis 10 DM, zu beziehen durch die Lagergemeinschaft Auschwit?— Freundeskreis der Auschwitzer. Ausstellungskatalog mit Zeichnungen ehemaliger KZ Häftlinge Kunst zum Uberleben- gezeichnet in Auschwitz Der 94 Seiten umfassende Katalog enthält neben kurzen Biographien der Künstler dreiundfünfzig Zeichnun- gen ehemaliger Häftlinge. Wgl. Wolf- gang Schneider„Kunst hinter Sta— cheldraht, Weimar 1973, hier aller- dings mit einseitiger, sozialistisch- ideologischer Interpretation) War Kunst in Auschwitz überhaupt mög- lich? Grundsätzlich war künstlerische Betätigung verboten. Künstler arbei- teten ind ständiger Todesgefahr. War- um dann Kunst im KZꝰ Alfred Kan- tor. Uberlebender von Auschwitz. Theresienstadt und Schwarzheide, gibt die Begründung:„Ich habe mich Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 aus starkem Selbsterhaltungstrieb dem Zeichnen gewidmet, und dies hat mir sicherlich geholfen, das unvor- stellbare Grauen des Lebens damals zu verdrängen. In der Rolle des Beob- achters konnte ich mich wenigstens ein paar Minuten lang dem entziehen, was damals in Auschwitz passierte, und deshalb war es mir möglich, die Fäden meines Verstandes im Griff zu behalten“. Kunst als Kampf gegen die von der Lagerstrategie gewollte Selbstentfremdung. Kunst als Sieg des Geistes über Erniedrigung, Zerbre- chen der Persönlichkeit, brutale Ver- nichtung. Kunst als schöpferische Kraft in einer Welt totaler Entkräf- tung. Kunst zur Wahrung der Men- schenwürde, als Zeichen der Em- pörung, des Widerstandes angesichts der Herrschaft von Grausamkeit und Verbrechen. Die Kunstwerke, Skizzen, Zeich- nungen oder Kunstgegenstände do— kumentieren all das. Ihre Themen sind vielfältig: Dokumentation der Lagerwirklichkeit, Erinnerungen und Träume, Porträts und Karikaturen, Bilder von der Heimat, Bilder als Kla- ge und Aufschrei über verlorene Frei- heit, des Ausdrucks von Zorn, Haß und Verachtung, aber auch voll Hoff- nung auf bessere Zeiten. Die handge- fertigten Gegenstände waren für den alltäglichen Gebrauch gedacht: Brief- öffner, Zierdosen, Siegelringe mit Häftlingsnummern. Auch religiöser Schmuck wurde gefertigt: Kreuze oder Rosenkränze aus Metall, Holz, Schnur oder gar Brot. So sehr die Nazis Sonderaktionen gegen die schöpferische Intelligenz des polnischen Volkes mit dem Ziel ihrer totalen Vernichtung durchführ- ten, so sehr waren sie im Lager daran interessiert, Kunstwerke von Hãäftlin- gen zu erhalten. Selbst der Pferdelieb- haber Höß, von den Zeichnungen des Häftlings Franciszek Targos?z ange- tan, war bereit, Kunstwerke von Häft- lingen in einem Lagermuseum sam- meln zu lassen. Künstler gab es im Lager von An- fang an. Bereits mit den ersten beiden Transporten ab dem 14. Juni 1940 tra- fen künstlerisch begabte und ausge- bildete Häftlinge ein: Absolventen der Kunstakademien Krakau und War- schau, der Schule für angewandte Kunst in Krakau oder der Holzfach- Schule Zakopane. Der Katalog„Kunst zum Uberle- ben..“ bringt nach grundsätzlichen Uberlegungen über Themen wie Kriegsverbrechen(Anton Pelinka), Erfahrungen der Vergangenheit (Kazimierz Smolen), Wissenschaft, Arzte und Medizin in Auschwitz (Benno Müller-Hill/Tadeusz Paczu- la), Abhandlungen über Kunst und Künstler in Auschwit?(rena 8S2y- manska) und Gedanken zur Rezepti- on der Holocaust-Kunst(Gabriele SPrigath). Sibylle Goldmann und My- rah Adams Rösing haben Texte und Bilder von 15 Künstlerinnen und Künstlern sowie drei unbekannten Autoren zusammengestellt. Der Band ist mehr als ein Ausstellungskatalog, er ist ein Dokument der Menschen- würde in der Hölle von Auschwitz. Joachim Proescholdt Kunst zum Uberleben- gezeich- net in Auschwitz, Austellungskata- log mit Werken ehemaliger Häftlinge des KZ Auschwit?z, Hrg.: Verband bil- dender Künstler Württemberg, 1989. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Wiederentdeckte Spuren jüdischen Lebens Morit? Daniel Oppenheims Zyklus»Bilder aus dem altjüdischen Familienleben“ H von Klaus Konrad-Tromsdorf Die Zeit verwischt manche Spuren des Holocaust, manche hingegen legt sie- wie es scheinen will- zufällig frei. Hätte Monica Kingreen eine der Autorin- nen des hier rezensierten Buches- nicht vor geraumer Zeit die Geschichte des von den Nationalsozialisten vernichteten hessischen Landjudentums recher- chiert(Vgl. Kingreen, M.: Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und Heldenbergen, Hanau 1994), wäre sie wohl kaum auf Reklamemarken für eine kKoschere Margarine gestoßen, auf denen Motive des Oppenheimerschen Bil- derzyklus abgebildet waren. Der Hanauer GCoCon Verlag, der be- reits Kingreens damalige Recherche publizierte, hat sich nun der Aufgabe gewidmet, die Brinnerung an Morit?z Daniel Oppenheim neu?u begründen und wachzuhalten. Da es nun aber der nationalsoziali- stische Massenmord an den Juden war, in dessen Folge die Erinnerung an den zu seiner Zeit bekannten jüdi- schen Maler zerstört wurde: Nach— kKommen wurden vertrieben, das Künstlerische Werk zu einem FTeil be- schlagnahmt, zu einem anderen ver- steigert, kann dieses Buch keine bloße Retrospektive im Sinne einer Werkschau' sein. Und in der Tat ist es dies auch nicht: Zwar sind die Schwerpunkte, die das Autorenteam setzt eindeutig: Biographie des Ma- lers, Zusammenschau seines Werkes und der bereits erwähnte'Zyklus', eingebettet sind diese Schwerpunkte jedoch in einer Reihe von Beschrei- bungen, die die von den Nazis zer- störte jüdische Kultur und Identität zum Thema haben. Mit großer Detail- kenntnis gelingt es Monica Kingreen, den Bogen von der Hanauer Juden- gasse hier wurde Moritz Paniel Op- penheim im Jahr 1800 geboren, hier verbrachte er Kindheit und Jugend, bis hin zum Diebstahl von Bildern des 1000 in Frankfurt gestorbenen Malers durch die Nazis im Jahre 1943 zu spannen. Die zwanzig Bilder des'Zyklus', die allesamt eine'idealisierte Welt des Lebens im Ghetto' widerspiegeln, in- sofern auf Lebenserinnerungen des Künstlers gründen, werden von Frank Fisermann sehr ausführlich beschrie- ben. Mit insgesamt elf Bildern sind Motive aus dem Bereich der jüdischen Religion vertreten: Sabbat und wich— tige jüdische Feiertage. Sie bieten ei- nen eindrucksvollen Blick auf die Si- tuation der Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts, deuten darüberhinaus aber auch GE.B. Die Rückkehr des Freiwilligen') den langen Weg?ur rechtlichen Gleichstellung mit all sei- nen Brüchen und Verwerfungen an. Michael A. Meyer, Professor für jü- dische Geschichte in Eincinatti und Internationaler Präsident des Leo Ba- eck Instituts hat in einem kürzlich er- Schienenen Aufsatz(ders. in Deutsch- Jüdische Geschichte in der Neuzeit. Bd. II. München 1996) darauf hinge- wiesen, wie sehr Oppenheim gerade in diesem Bild zwei'fromme Gefüh- le' welche die meisten deutschen Ju- den emfanden, zeige: Phrerbietung gegenüber der Familie und Patriotis- mus gegenüber dem Vaterland. Meyer Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 31 macht ebenso darauf aufmerksam, daß die Bilder des Zyklus', der ja erst in den letzten Lebensjahrzehnten Op- penheims entstand, in orthodoxen wie säkularisierten jüdischen Haushalten ihren Platz hatten: Als Darstellung re- ligiöser Praktiken, die auch damals noch beachtet wurden hier, als Aus- Dröse, R. /Eise rmann, F./Kin-green, M Merk, A. Der Zyklus Bilder aus druck wichtiger familiärer Bindun- gen dort. Dies charakterisiert treffend die hi- storische Semantik des'Zyklus', die ihn für heutige Rezipienten interes- Ssant werden läßt: Wiederentdeckte Spuren jüdischen Lebens in Deutsch- land. 1* dem altjüdischen Familienleben' und sein Maler Morit? Daniel Oppenheim“. Hanau 1996. CoCon-Verlag. ISBN 3.928 100 36 X; Verlagsadresse: In den Türki- schenGärten13, D63450 Hanau, Tel. 0618117700 32 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Verbrechen der Wehrmacht“(Vgl. MB 1/97)- Frankf. Rundschau, 4. 10. 97 Die Legende vom Gefreiten Schulz Historiker hinterfragen Erzählungen ehemaliger Landser Von Matthias Arning(Marburg) Den Kritikern der Wehrmachtsausstel- lung hat der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette bei einer Fachtagung vorgeworfen, sich„hinter dem Rücken der kleinen Soldaten zu verstecken“. Die Legende von der ehrenhaft geblie- benen deutschen Wehrmacht ist zerstört. Nun basteln sich ehemalige Soldaten eine neue. Die geht etwa so: Zwar seien Solda- ten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an Verbrechen beteiligt gewesen, aber deswegen lasse sich nicht mit den Organi- satoren der Wehrmachtsausstellung da- von sprechen, es seien Verbrechen der Wehrmacht gewesen. Von einer„Kollektivschuld“, die der Ti- tel der derzeit in Marburg zu sehenden Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung nahelege, könne keine Rede sein, hebt auch der Bonner Professor HansAdolf Jacobsen bei einer Tagung der hessischen Landeszentrale für politische Bildung und des Landesinstituts für Pãd- agogik hervor: Nicht die 19 Millionen deutschen Soldaten hätten Verbrechen begangen, befindet der 72 jährige frühere Offizier. Jacobsen räumt aber ein, daß „klargestellt werden muß, daß es viel mehr waren, als bislang angenommen“. Militärhistoriker Wette erhebt Wider- spruch. Diese Kritik an der Dokumenta- tion über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht in der Sowjetunion, in Ser- bien und in der Ukraine in den Jahren zwischen 1941 und 1944„konstruiert künstlich eine Kollektivverantwortung“ — in der Sicht ehemaliger Soldaten ma- che die Nachwelt die Wehrmacht als gan- ze verantwortlich. Für Wette eine Strate- gie eigener Entlastung„auf dem Rücken der kleinen Soldaten“, die darauf ziele, nun eine neue Legende zu schaffen. Auch Raul Hilberg räumt mit mytholo- gisch aufgeladenen Sichtweisen auf. Wie „Selbstverständlich“ habe die Spitze der Wehrmacht„die Vernichtung der feindli- chen Armee“ für den Feldzug gegen die Sowjetunion geplant— ebenso„wie die Vernichtung wehrloser Menschen“. Der Holocaust-Forscher von der US-Universi- tät Vermont läßt keine Zweifel daran,% die Wehrmacht als Säule des nationalso zialistischen Systems der SS ihre Dienste anbot: Für das Vernichtungslager Auschwitz„lieferte das Heer den Stachel- draht“ Die Kooperation sei zwischen Ge- neralkommandantur und 88S vereinbart worden. Sollten die Insassen der Konzen- trationslager auszubrechen versuchen, würde das Militär eingreifen:„Im Lager ist es die SS, außerhalb die Wehrmacht.“ Bis heute aber gilt für ehemalige Solda- ten die Regel: Mit der SS habe die Wehr- macht nichts zu tun gehabt. Die hinter der Frontlinie nachrückenden Einsatz- kommandos hätten„die Drecksarbeit“ er- ledigt. Doch der konnten sich manchmal auch Offiziere nicht entledigen. In diesen Fällen jedoch halten ExSoldaten an der ehernen Regel fest: Befehl ist Befehl— wer sich verweigert hätte, wäre selbst an die Wand gestellt worden. Der Freiburger Militärhistoriker Ger- hard Schreiber kann das eigentlich nicht mehr hören, die legendäre Geschicht über den Gefreiten Josef Schulz, der sic geweigert habe, am 20. Juli 1941 im serbi- schen SmederevskaſpPalanka 16 jugosla- wische Partisanen zu exekutieren. Schulz habe sich daraufhin gleich zu den Partisa- nen stellen müssen und sei erschossen worden. Eine Geschichte, die in den 70er Jahren in Berichten der Neuen NMustrier- ten, Quick und Frankfurter Allgemeinen Zeitung auftauchte. Die Erzählung ver- zichtet auf ein Detail, auf das Schreiber hinweist: Vor der Exekution der Partisa- nen meldete das Militär bereits den Tod des Gefreiten Schulz. Der Landser war einen Tag zuvor bei einem Gefecht mit Partisanen tõdlich verwundet worden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße S Dezember 02. 12. Maria Reiferscheid 02. 12. Emil Schmidt 03. 12. Dieter Hild 05. 12. Erika Stückrath 09. 12. Herbert Bohner-Rapp 13. 12. Gisela Wagner 2 Pieier Fischer 15. 12. Esther Bejarano 18. 12. Rosmarie See 19. 12. Barbara Mlynarski 22. 12. Egon Schweiger 23. 12. Alfred Schulz 23. 12. Antje Schäfer 30. 12. Claus Schwing 30. 12. Albrecht Werner-Cordt Januar O1.1. Susanne Gräser 02.1 Andrea Höhle 03.1. Susanne Hainbach 03. 1. Susanne Lutz 04. 1. Dr. Hans Gärtner O8.1. Margarete Schoplick 08.1. Gerd Vogt 13. 1. Joachim Bernecke 1 1 1 1 1 1. Kathrin Gzerannowski 17. 1. Thomas Rolle 1 1 1 1 19. 1. Eroika Kremer O.1. Ingolf Spickschen 22.1. Patricia Krosch 22.1. Michael Wahle 23.1. Birgitta Werk-Lang 24.1. Folker Behrens 26.1. Cornelia Teller 29.1. Friedhelm Hahn Februar 02.2. Astrid Sauer 02.2. Wolfgang Schmidt O6.2. Johanna Oberhauser 09.2. Michael Wies 2. Gila Gertz 2. Etty Gingold 2. Gottfried Bay 2. Marianne von Oettingen — S 19.2. Wolfgang Gehrke 19.2. Friedrich Stichler 19.2. Frank Sygusch 20.2. Wolfgang Schumann 20.2. Wilfried Stranz 20.2. Corinna Weber-Schöndorfer 22.2. Zdzislaw Jankiewicz 23.2. Hans Boss 28.2. Brigitte Habig 28.2. Andreas Schreier März O1.3. Josef Dreesen 02.3. Peter Meier-Röhm 04.3. Gertrud Amrein O4.3. Eveline Keusch O4.3. Oliver Nedelmann O6.3. Elke Jung 07.3. Bernhard Krane O8.3. Marion Beste 08.3. Peter Gingold O8.3. Franziska Hinz 09.3. Horst Jacke 12.3. Thomas Fürst 14.3. Dr. Ullrich Waldschmidt 15.3. Horst Könnecke 15.3. Renate Wanie 16.3. Armin Clauss 16.3. Boleslaw Stefanski 20.3. Barbara Fleming 21.3. Edda Hertel 21.3. Dr. Siegmund Kalinski 24.3. Brigitte Stark 24.3. Michael Wagner 25.3. Hortense Habermann 25.3. Dr. Michael Schulte 25.3. Claudia Wiederholt 26.3. Annemarie Diefenbach 28.3. Daniel Hoffmann 29.3. Ralf Neubert 31.3. Peter Seib Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUscrMrz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg ⸗Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto· Nr. 0 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664 608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Q Ruftling im K? Auschwitz vom bis Haftl. Nr. S Häftling in anderen Lagern, Gefängnissen etec. Q Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Häftl.-Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift zZutreffendes bitte ankreuzen U HEILFEN SIE UNS! WERDEKN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS B. G. Farbkarte 613 AFT AUSCEHWT2 OER AUSCFHWTAZER Mitteilungsblatt, Dezember 1997