F — 6 8 S — — S 6 8 = F ₰= F 2 E 2 — — AUSCEHMWTZ cœ 10 N = S QO — — ꝙœ LL 6 4 LL S = 0 LU 6 2 LL E Dezember 1996 ilungsblatt Mitte Heft 3 Jahrgang, 16. Inhaltsverzeichnis Eine Schreibwerkstatt als Gedenkarbeit Sascha Feuchert »Kultivierte' Grausamkeit Wolfgang Tiessen liest aus den Tagebüchern Victor Klemperers Studienreise: Begegnung mit Polen Joachim Proescholdt Anlaufstelle für die Suche nachrichtenloser Vermögenswerte bei Schweizer Banken Klaus Konrad-Tromsdorf Wurzeln des Antisemitismus Joachim Proescholdt »Rückkehr unerwünscht!“ Veranstaltung im Jugendzentrum Jokus in Gießen Weihnachtsspende für ehemalige KZ-Häftlinge Zur Debatte um Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker? Walter Fruth Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht'? Ausstellung kommt im April nach Frankfurt am Main Appell zur Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure Antworten auf den Appell Geburtstagsgrüße IMPRESSUM: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Redaktion: Hans Hirschmann Mitarbeiter: Joachim Proescholdt, Klaus Konrad-Tromsdorf, Anni Rossmann-Reineck, Ariana Enders, Hajo Günther 13 17 18 19 25 27 — 33 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Jugendliche gestalten eine Seite des Gießener Anzeigers Eine Schreibwerkstatt als Gedenkarbeit von Sascha Feuchert Beschäftigt man sich zusammen mit Jugendlichen mit dem Thema Holocaust', gehört es'zu den pã- dagogischen Aufgaben“, wie Matthi- as Heyl formuliert,'identifikatori- Lernen zu ermöglichen, aber uch Identifikationen wieder zu durchbrechen“(1). Bei Gedenkstät- tenseminaren, die sich vor Ort bege- ben, scheint die Abfolge der beiden angezeigten Vorgänge klar: Identifi- kationen stellen sich schnell wäh- rend der Besuche in den ehemaligen KZs ein, die Durchbrechung bleibt oft dem Nachher, der Nachberei- tung vorbehalten. FEine Möglichkeit, Jugendlichen dafür Hilfestellungen zu geben, sind Schreibwerkstätten. Diese können es ihnen ermöglichen, eine eigene Position zum Thema, vor allem aber zum Prlebten zu erarbei- ten und darzustellen. Die Schreib- produkte am Ende sind dann im be- Sten Falle(erste) Zeugnisse einer Bewältigung im positiven Sinne: Sie * mitgeteilte, mithin gestaltete und durchdachte Erlebnisse. Im Ganzen können Schreibwerkstätten somit einer'unheimlichen Betrof- fenheit', die doch oftmals nur eine heimliche Unbetroffenheit' ist, wie Hermann Gremliza es formuliert (2), entgegenwirken. Allerdings gilt es bei der Konzipierung eines sol- chen Projektes einiges zu beachten; ich will dies im folgenden an einem Beispiel verdeutlichen. Schreibwerkstätten sind immer zielorientiert konzipiert, d.h. kon- kret: Es wird grundsätzlich auf eine Publikationsform hingearbeitet(3). Oftmals sind es Wandzeitungen oder ganze Bücher, die von Jugend- gruppen zu den unterschiedlichsten Themen gestaltet werden. Für Ge- denkstättenseminare bieten sich journalistisch angelegte Seminare an, die in Absprache mit einer (aufgeschlossenen!) Zeitung gestal- tet werden sollten. Die Vorteile einer Solchen Partnerschaft für die Werkstattsteilnehmer sind evident: Die Ergebnisse der Arbeit werden einer breiten Offentlichkeit präsen- tiert, die im Idealfall in Form von Briefen, Gesprächen o. à. reagiert und so den Prozeß der Verarbeitung weiter vorantreibt. Abgesehen da- von erhalten auch die Leser die Möglichkeit, aufgrund der subjekti- ven Berichte eigene Denkmuster zu überprüfen. Je nach dem, wie die Schreibprodukte gelingen, wie sie ankommen und was sie möglicher- J) Abram, Ido und Matthias Heyl. Thema Holocaust. EFin Buch für die Schule. Reinbek. rororo, 1996.§. 726. 2) zitiert nach Abram/Meyl.§. J37. 3) zur grundsdtzlichen Konzeption von Schreibwerkstätten vgl. auch Meyer, Marianne, Patrick Büttner und Sascha Feuchert.*Wir sind gur nicht so doof“⸗ Schreibwerkstdtten inder Hauptschule. In: Praxis Deutsch 734/ 995. S. 7073. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer weise auslösen, kann sich schließlich für alle Beteiligten auch das Bedürf- nis einstellen,'noch mehr' tun zu müssen. Zum konkreten Beispiel: 16 Schü- lerinnen und Schüler aus dem Land- kreis Gießen, im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, hatten an der Fahrt des Jugendbildungswerkes und des Kreisschülerrates in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz teil- genommen, alle beteiligten sich auch an der anschließenden Schreib- werkstatt. In der Gedenkstätte wa- ren die Schülerinnen und Schüler auch aktiv bei Frhaltungsarbeiten und Recherchen im Archiv dabei. Partner unserer Schreibwerkstatt, die ungefähr vier Wochen nach der Rückkehr aus Polen stattfand, war der Gießener Anzeiger, der wö- chentlich Jugendlichen mit der Ak- tion Zeitungstreff? eine eigene Sei- te zur Verfügung stellt. Natürlich wird diese Seite redaktionell betreut, die Inhalte werden aber grundsätz- lich nicht vorgegeben. Mit Redakti- onsleiterin Astrid Knöß wurde ver- einbart, daß die Gruppe die ganze Seite gestalten durfte. Dieses groß- zügige Angebot ermöglichte es, daß Später alle Teilnehmer an veröffent- lichten Schreibprodukten beteiligt waren. Darüber hinaus wurde der Gruppe sogar gestattet, durch 40 Auswahl der Fotografien und ihre (ungefähre) Plazierung weitere Ge- staltungsmöglichkeiten zu nutzen. Obgleich Schreibwerkstätten das Konzept des'freien Schreibens' be- inhalten(4), empfiehlt es sich, mit den Schülerinnen und Schüler ge- meinsam einen Rahmen für die Schreibprodukte zu entwickeln. Ei- 4) vgl. Meheretal. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 3 nerseits sollten so Themengebiete erarbeitet werden, die dem einzel- nen Schreibproduzenten zur Verfü— gung stehen, andererseits sollte ge- währleistet sein, daß die Behandlung des gewählten Gebietes frei erfolgen kann. Letzteres hieß in unserem Fall auch, daß eine Auswahl an Fachbü- chern zur Verfügung steht, so daß im Bedarfsfalle nachgeschlagen wer- en konnte. Darüber hinaus muß man bei der Erstellung der Themengebiete be- rücksichtigen, daß nicht alle Fahrt- teilnehmer vor dem Beginn der Werkstatt dieselbe Verarbeitungs- stufe' im Hinblick auf die zurücklie- genden Erlebnisse erreicht haben (z.B. durch den Altersunterschied) und somit unterschiedlichste For- men der sprachlichen Verarbeitung bereitgestellt werden müssen. Eine solche Differenzierung kann sowohl durch die Themengebiete als auch durch die verschiedenen journalisti- schen Textsorten erreicht werden. In unserem Fall bot sich eine Prei- teilung an; folgende Uberschriften haben wir ausgewählt: 1) Basis- informationen, 2) Berichte zu den (seeiten 3) persönliche Findrücke(themenungebunden). Das erste Themengebiet sollte Infor- mationen zur Fahrt abdecken, d.h. alle journalistischen WFragen (Was, Wann, Wer, Wie, Wo) sollten beantwortet werden. Die Auswahl der Informationen blieb dem Schrei- ber vorbehalten, ebenso die Form der Darstellung. So entstanden ein Artikel, der alle wichtigen Daten zur Fahrt(Beginn, Vorbereitungs- Zeit, Teilnehmer, Absichten etc.) ent- hielt, und ein kurzes Interview, das mit der zuständigen Referentin des Jugendbildungswerkes zum Kontext der Fahrt geführt wurde. Die Artikel über die Erhaltungsar- beiten wurden im Vorfeld nicht wei- ter thematisch eingegrenzt. Ob die Autorinnen und Autoren nur be- schrieben, was sie machten oder wie sie es empfanden, blieb völlig ihnen überlassen. Die Schülerinnen, die dieses Thema wählten, entschieden sich schließlich für eine Mischung aus beidem. Zur Abfassung der persönlichen Eindrücke' wurden keinerlei Vorga- ben gemacht, hier waren die Auto- rinnen und Autoren völlig frei, über ein Thema, ein Breignis, einen Tag o.. Zzu berichten. Dieses Themenge- biet wurde in unserem Fall zweimal gewählt. Finmal beschrieb eine Teil- nehmerin ihre generellen Empfin- dungen, ein anderes Mal berichtete eine junge Autorin von einem schrecklichen Erlebnis während ei- ner Besichtigung. Bevor sich die Schüler in verschie- dene Räume zurückzogen, um an ih- ren Produkten zu arbeiten, wurde allen freigestellt, alleine oder in ei- ner Gruppe zu arbeiten. Von beiden Möglichkeiten wurde Gebrauch ge- macht. Finige Teilnehmer wollten nur in der Gruppe, andere nur al- leine arbeiten, wiederum andere wollten das eine wie das andere aus- probieren. An dieser Stelle ist es ent- scheidend, nicht aus praktischen Er- wägungen irgendwelche EFinteilun- gen vorzunehmen, denn man muß den Schreibern sowohl die partielle Anonymität der Gruppe erlauben, als auch Einzelarbeit ermöglichen. Auch dann, wenn im Extremfall Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 7eiton9sfreht Gicnnniger 3. h m sogonannen ſoosstelon Mlen che Schler aus coen(an 6ehen, cio zMschen I4 und 6 e ol no Gdor Soscha feuchert N Ahel nnch„ Mannn h en . Opfer und Menge m n Dese Woe enecklenn Fn n nnen r set Mn hersinn Ml hnsen Wsson aber homan n ns eet Täter des nn n e nnmnnhen e as ersle Mnderhchases Jot ans omtt Mnnohesem Gnln beuet t Mn e ochston Grnos, oer Ort mn nt. ehemaligen KZ Auschwitz Rcisc intensiv vorbercitet— Bedaucrlicherwcisc keinc deutsche Ausstellung Neh der erten Jahri von Sehule rinnen und Schulern mit dem upcndhildungswerk und er Dietich Ronheller Fehnle in 1ich in Jaht 1930 hebehlol der Krein usechull des lankreises Gieben cin Jhr sſcr. Nel /ur Finanhie nung Jihrlicher lahien in dus chemalige Kon/cnruinsſaper Muchi zur Verlugung Kellen Sciem otkanſſeten n hunenil onpwert und det Krehulerra huhe S Koncnaonelnper heh eine ahurn in Ans chemalige MhM e weil ſchglauhe mmet. n Anpunrefanu bahen Melchliele wntie desKlenchen donberehen. AhneinetierAnuel nlie michUpen in eche Tarenerſelie ieh. l iehnieh danals don nachvollyichen konne reuchchen var. erleluc h meine eſe ieuollenheit. erſche ſeh. wi ch ese Einen Teil des Todesstreifens rahnen werden ſur veiier des 1andkrei Giehen anehien Die Teilnehmer Schen im nachhinein Mre Frfahrungen „R in ſonn von Rroschiten. alsAoel lunpen undhei Konrewen r An unse reriauIbnabmenell Schüler und*ier eamereil AnMei Wochenenemina en uni rei Tageeminaren herrieten vir uns nehtiv auf ſlinergrUneh und d Geechehen in und um Auchu vr jn nuchern un Kilnen wurde auf die Ther un Opler eingeangen und bhet polni Sche Gexhhe inlornien Nach cinpi rerkeise iralen wir in unerer lnierknſt Rohpanp cin i vonder Sind machucn. veriangie Schwecitend gint ich durch a Iapet. und nicht nor. Leil ich mich dalor Keluhne. Mleche n Kin, ondein voeh. veil es ſhr mich keine Wone gab ah ch in de Verpanpenhei une Wure mil der Gegenwon konſton neclen en et h eah in dhe Gepenwar und eh Ml m er Veiangenhei vutam gesäubert Muscum Sichen nicht genugend Mitcl vur Verfugung Dem Mcum Ahi Kchen ſeidet nichlenkend Mitelvu verlupont qwaliliene Alrikrulic„0 heseſeuli ken. dehalb ſinen wir es ehr ichg. dem Mucum vu hellen vveiten Tog unsctes Avfenmalles anxe blen vurde. bei den Ihaltungratien mirueirken. waren vir Mon Anbei Wir erluhren. dal vir die norhethale nenlaſiling Koller Muhernsollien Pien Kofler mulien die Ilalihinxe nach ihrer Ankunſi in Autchuit opncben Am To vuorhotten uns ie Kollerin der Auel lung viemlich piedergeshlagen und xe wekt Non Aanden wir vor der Aulkobe olche Koller vu reinten Wantend vin die Koffer Unbencn. dchlen it uns AulUr. Deutsche zo vein Wir hahen dar Uher nachpednel. vas he Icute einne nackt hallen Die Koller vurden gepackt bmalReire rogehenondumitpendwann von den leuten. Me ve hehevll xepackt haben. auch vicher aupetumn 7u ver Len A uns am iee Mpei vat nut prnrlsoch. ur eine Anuehalie Konwetvierunt ſehlt der GrMeokele J nendige Geid Dhe Aeiten aul dem Gelunde kamen uns nnoller vor Wir haben einen Teil des roeweilens geMuben. qahei Wurden von Tourielen geſilmi vns vir viem ſich reschmncklos ſanden aulerdem ha ben Wi noh Unktaut geyliet und einen Komplpablen umpei leiet knnnie jeder nur einen Varmit s im Mchi der Gedenkuue arpeiten In dem Mchiv iM es moglich. Kopien von Onklnaſokomenien einruschen Fs kip pernalakten von S8.Mannem anſenlten. Jihlilinksneronalpöten Suralmeldungen. Nelehrungen ſUr die S8 Wachmannschallen Darupet hinaus ue. hen Berichte von chemaligen käſilingen und loio 7u verchiedenen Tpemenbe reichen ur Verſxuns Es var nur keider viel vo venit Zeil. um unseren Wisens dun vu Milen Jule Arle. Olen VMnn Mrnhdi Anne Iæna Mieten am Nachmiunk bervehien wir dau Mu eum in Auschuil1 In den qarauſſolgen den Taen leiscien vir vormiuans Ihal ngatheilen in der Gedenkuaite des Sianmlaper Die Gedenkvue in Nuke nau Pelehlen Lir an einein veicren Nnchmiat Aobcrem Kchauten wir uns dc nalionsjen Auicllungen an nenverlcherweite konme veh dhe hundestepupli nicht ahn enchleßen eine Aeuiche Ausellung einurichten 1080 vurde dhe pis hertehende Auelont Jer DhR aMerMngs wolon Feschlonent1) An einem veieren Tag ſebchupten vi Kralo miseinen hiu nchen Sien An Mercet Prunl Geniun Kolun WMnelf für mich keine Worte gab men n am levien Taß hegeneie ieh r Keſpel. 7b muhie h aleine wein Auchuir alleine eriehen Die Fahn und vie 7eit in Oewierim varen Kchr vichlig Iur Miere Prlabrnpen Dotch Auch hahe ſch gelernt. beuußer mi ſer ver kankenheil in der Gepenwan vu leben ſand“ Mreuner lecem Schnil wen ene c sſe es rn arhne nechh Umenschen (Tent Kaharnna Lorber Sya Cra) Daß Menschen an diesem Ort so rücksichtslos sind Aoch aneinem Dienanachmu iat In Folo in det ſranrinichen Austel lonk bolle mieh uchr beirnflen gemach. ichging veivend audemBlock ieduand dcht auf dem Apfellpa. die Sonne Khien. ich Keivte mich cinfoch untet den don chenden Galken. Khloll die Aupen uin vieer ur Ruhe 7u konmen Mneh ſemand n den Armen hoeh ot dlneic chdie Aupen undeahirka 10 Tourien. die mieh opraſienen Jude und ranvieka. yuciRtaehen aus unserer Gmppe hahen Un chenlalle geschen und mich Jaraſhin volon von don vepte breh Am Apend. vahrend untcres plenume dericheten auchanere aus untcrer Gruy ne ¶her dns peilankenie Renehmen e e Touren Keiner Meinun nachkonn niemand 7u Teaber ner Reiollenhei Schuungen vrrden. aher jedet. der zolch einen On hesnchi. moß anderen den noui ren Rehelt engerenbninken Retpelt beibabeh. nicht mit ooapfarten qurch Achei hulen nur um vagen 7 konnen. mol dorewetem“ vu vein und dann gen Nnchharn die Foiovon veinen den Reirolfenen unter dem Gulgen vu veinen!! jeh hlte nie kehehl. aü Men Shen an Metem On srMekwehe Lonnen KaMhnina ln Ubermittlung von Fakten allein reicht nicht aus Persönlich Erlebtes in historischen Kontext einordnen PMe Rahennu und Inilipn vfannkweh nierieuien Inkn Moch vom Juend bildungswerk Worum vrd Meue hahrt ungeholen? ingrid Macht Operer Ziel der Arpeit en uenliche u deimkratchem andeln ond henken 7u pefahigen Dhe Auneinonderetrunt mit dem Prien Reichistabchheute notKendix Daeii e wichun. einen Deyuß vur Gepenwan heryuttelien. um verhingern 7u knnen. 0ich iexen wieerholt Feſnowen- dig. vch mil dem Synem der Ns lem- hal auneinanderruseen. dewen Funkonmechanimen“ u analynie nen. die Vorausetrungen 7u erkennen und er Frape nachrupehen. va ie newkerung hewept hal. vich an dem NMSylemv heleiligen. hyu vu ſrgen. arum nur venipe Widerand keleiset hahen abei darf er nicht bei der aus nlieblichen Ubenmilung von ſaklen dleiden Warum mul man an den Or Aen Sheec kentſuhren vurden nſnman⸗ en nare nich aureihen? Ingrid Macht: Der Muſenihalt auf dem Gelande des chemaligen R7 Auchein ond de Molchkcu. Orikinalmaternahen im Archi“ der Gelepkualte einꝰuechen. ermklicht penonhehe Bezbpe und Ein mcke. die Uper eine reine Wienver millun Mnauegehen Die Eneklung nernlichet Beruge jut noleendig. um eine verndene Denk und Umkontswei- u beiken eſehe Finſul aut ke kenehniger und vuhnſligen demokral echen landeln hal Wichui iel dahei eine intensive Vorberrilunh pMau. qurch e den Teiſnehmern Wineen an die land kekeben Kird. um das Frledie vahnrend be Auſeniultes in eiven hionchen Konient einornen und veraheilen vu vonnen Warum ltenchMk. dal die Fahr Vnonelell unerne! urd Inkrid Mncht: Um ernhe den ukenal chen. die in der Regel Uber enit Geld verſuken. dicse Erlahrung vor On 7u emoßlehen“ Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5 durch die Einzelarbeit viel zu viel Texte entstehen sollten. Hinterher mit allen eine Auswahl zu treffen ist sinnvoller, als vorher zur Gruppen- arbeit zu'verdammen', denn auch ein unveröffentlichtes Manuskript kann die Beschäftigung mit dem Er- lebten voranbringen. Dennoch ist anzustreben, daß alle Teilnehmer an mindestens einem veröffentlichten rodukt beteiligt sind. Die sich an- hließende Schreibzeit sollte nicht zu knapp bemessen sein, Luft nach hinten' ist für jedes Schreibprodukt nur förderlich- Journalisten werden das sicher bestätigen. Während die- ser Produktionsphase sollten sich die Pädagogen oder Moderatoren im Hintergrund halten, jedoch jeder- Zeit für Hilfestellungen bereit sein. Ein wichtiger Schritt folgt da- nach: die Redaktionskonferenz'. An dieser sind alle Schreiber, aber auch die Pädagogen beteiligt. Hier wer- den sämtliche Texte diskutiert und behutsam überarbeitet. In unserer Schreibwerkstatt wurde diese Mög- lichkeit ausgiebig genutzt. Nicht nur an Formulierungen wurde gefeilt, Ssondern auch über Inhalte disku- 9 Das führt zu einer weiteren Keflexionsstufe: Schon vor der Ver- öffentlichung und der möglichen Kommentierung durch andere wur- Sascha Feuchert ist'gelernter' Journalist und Mitarbeiter des Insti- tuts für Peutschdidaktik der Justus- Liebig- Universität Gießen. Die auf Seite 4 verkleinerte Kopie aus dem Gießener Anzeiger vom 13. Ju— li 1906 kann auf Anfrage in Original- grõße zugeschickt werden, Interessen- ten wenden sich an Hans Hirschmann, Scheidweg in 61164 Karben. de das Schreibprodukt von der ei— genen Gruppe kritisch gewürdigt. Trotzdem gilt auch hier der oberste Grundsatz: Das letzte Wort hat der Autor/die Autorin! Nur wenn sach- lich falsche Angaben erfolgen oder Aussagen die ganze Gruppe betref- fen, ist das Veto der Redaktionskon- ferenz ausschlaggebend. Durch die inhaltliche Diskussion aller Artikel erreicht man noch ein weiteres: Man grenzt sich deutlich vom'Lernziel: Betroffenheit“(S) ab und wirkt so einer möglichen'Inszenierung der Gefühle'“(6) entgegen. Durch das großzügige Angebot des GießenerAnzeigers konnten die Jugendlichen im Anschluß an die Textbearbeitung auch die Bilder auswählen, die veröffentlicht wer- den sollten. Sie entschieden sich für eine Großaufnahme vom Fingangs- tor des Stammlagers, eine entspre- chende Bildunterzeile war schon ge- schrieben worden. Außerdem wurde ein Foto von Erhaltungsarbeiten so- wie eine Aufnahme vom EFingangs- tor nach Birkenau ausgewählt. Da- mit war die Arbeit der Schüler been- det, den Rest besorgten die profes- sionellen Zeitungsmacher. Die Seite stieß nach ihrer Veröf- fentlichung auch auf entsprechende Resonanz, mindestens im eigenen Familienkreis, oft aber auch darüber hinaus. Dennoch entschieden sich die Schüler, die Auswertung und Verarbeitung ihrer Frlebnisse noch auf einer anderen Ebene fortzuset- zen: Im Januar des kommenden Jah- res veranstalten sie in Lich wieder einen Jugendkongreß zum Thema. 5) Abram/Meyl. F. 726. 6) ehd. S. 130 6 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer öffentliche Mitgliedertreffen in FrankfurtM. Mitgliedertreffen der Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer finden in der Regel jeden ersten Mittwoch im Monat in Frankfurt/ Main um 19 Uhr(Sommerzeit 19.30 Uhr) statt, in der Wolfsgang- straße 109 in Räumen der Ev. St. Katharinengemeinde. Die Treffen sind öf- fentlich, Gäste immer willkommen. Fast direkt vor dem Haus ist eine Bushalte- stelle; nahe Stationen der U-Bahn sind»Grüneburgweg' und Holzhausenstr.“. Die Nr. 109 liegt im Abschnitt zwischen Reuterweg und Leerbachstraße. Mittwoch, 4. Dezember, 19 Uhr Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ Wolfgang Tiessen liest aus den Tagebüchern von Victor Klem- perer(1940 1942) Mittwoch, 1. Januar 1997 Winterpause(kein Treffen) Mittwoch, S. Februar, 19 Uhr Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten'? Wolfgang Tiessen liest aus den Tagebüchern von Victor Klem- perer(1943 1945) Wolfgang Tiessen beim ersten Lese Abend im November(vergl. Mittei- lungsblatt 2/1 096,§. 3) Kultivierte' Grausamkei Deportutionen betrehend hört Vic⸗ tor Klemperer: Aufkein Alter, Keine noch so v6llige Geldhmtheit, keine Schmerzen werde im geringsten Ricksicht genommen“. Am 14. Au- gust 1942 kommentiert er:*Was ich an alledem voviel grdßlicherfinde als dhnliches bei den Russen. Es ist nichts Spontanes dabei, es ist alles methodisch organisiert und angeord- net, es ist Kultivierte' Grausamkeit, und es geschieht heuchlerisch, im Na- men der Kultur und verlogen. Bei uns wird nicht gemordet.* Und drei Tage spãter: Es wird mir immer deutlicher, daß der National- Sozialismus im Kern ein deutsches Gewchs ist, Soviel Fremdes er auch ihernimmt.(...) Alle nachweisliche Originalitũt besteht im Adaptieren. Der Nationalsozialismus d Faschismus, Bolschewismus, Amer Kanismus, verarbeitet alles in teut- Sche Romantik. Les extrémes se tou chent. Volk der Träumer und der Pe- danten, der verstiegenen Uherkonse- quenz, der Nebelhaftigkeit und der genauesten Organisation. Auch die Grausamkeit, auch der Mord sind bei uns organisiert. Aus dem spontunen Antisemitismus macht man hier ein Institut für Judenproblem“ Dabei (les extrémes) wird aller Intellektua- lismus als jüdisch und flach abge- lehnt. Der Deutsche fühlt und hat Tiefe.— Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 7 Begegnung mit Polen: erinnern- erkennen- verstehen Terminãnderung: Studienreise 1997 In Abänderung unserer Voranzeige'Studienfahrt zu Mahn- und Gedenk- stätten“ im letzten Mitteilungsblatt Nr. 2 Quli 1996) teilen wir hierdurch mit, daß die geplante Studienreise nicht vom 24. März bis 13. April stattfin- det, sondern zu folgendem Zeitpunkt: 5» 16.-27. März 1997 4 Die Studienreise*Begegnung mit Polen: erinnern-erkennen- verste- hen'“ wird von Pfarrer i. R. Joachim Proescholdt, Vorsitzender der Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer“ geleitet und erfolgt in Kooperation mit dem*Predigerministerium Frankfurt am Main?. Schwerpunkt der Fahrt ist der Besuch der Mahn- und Gedenkstätten des Nazi-Terrors: Auschwitz(Stammlager und Birkenau), Krakau(ehemaliges Ghetto), Lödz(Kinderverwahrlager und Radogos?s2), Warschau(Pawiak, ehem. Ghetto, Gestapo-Zentrale Aleja Szucha und'Umschlagplatz“), der Friedhof der Ermordeten in Palmiry und Treblinka. Außerdem stehen auf dem Programm: Treffen mit ehemaligen Auschwitzhäftlingen in Zgorzelec (polnischer Teil von Görlitz), Auschwitz und Krakau, Begegnung mit Ver- tretern der Internationalen Jugendbegegnungstätte Auschwitz, sowie Stadt- besichtigungen in Krakau, Kazimierz und Warschau. Fakultativ wird eine Begegnung mit Vertretern der evangelischen Trinitatisgemeinde in War- schau angeboten. Darüber hinaus bleibt genügend Zeit für persönliche Gespräche und Erkundungen in Krakau und Warschau. ₰ Die Abfahrt erfolgt am Sonntag, 16. März 1997, 6.00 Uhr am Börneplatz (Kurt-Schumacher-Straße 23) in Frankfurt/ Main. Die Rückkunft ist für Donnerstag, 27. März 1997, 20 Uhr vorgesehen. Nach vorlãufigen Schätzun- gen wird sich der Teilnehmerbeitrag pro Person auf DM 1.300,—(Fin- zelzimmer mit Zuschlag) belaufen- für Schüler, Studenten, Arbeitslose und andere Interessenten mit geringem Einkommen ist ein ermäßigter Preis möglich. Anderungen sind vorbehalten. Die Studienreise ist verbunden mit Vorbe- reitungsabenden, die den Teilnehmern rechtzeitig bekannt gegeben werden. Rückfragen und Anmeldungen werden möglichst umgehend jedoch bis Spätestens 15. Januar 1997 erbeten an: Joachim Proescholdt, Rodgaustraße 32, 63128 Dietzenbach, Telefon und Fax: 06074— 43872. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer CH-8027 Zürich, Seestraße 7 Anlaufstelle für die Suche nachrichtenloser Vermögenswerte bei Schweizer Banken Fine Recherche von Klaus Konrad-Tromsdorf Am 15. August 1930 heiratet Fräu- lein Henriette Chambré Herrn Ernst Hahn. Der Standesbeamte der Stadt Lich beurkundet diese Fheschlies- sung unter der Nummer 10/1930. Henriette stammt aus einer jüdi- schen Familie, die seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Lich ansässig ist. Ihr Vater, Max, leitet das Manufactur- und Bankgeschäft, das von seinem Vater gegründet wurde. Mutter Emilie, geb. Vöhl, stammt aus Gedern und ist an der Führung der Geschäfte beteiligt. Henriette, 1907 in Lich geboren, ist die älteste Tochter der Familie, sie hat einen 1900 geborenen jüngeren Bruder, Ernst-Ludwig, und eine 1918 geborene Schwester namens Anne- Marie. Ihr Ehemann, am 28. Februar 1897 in Kassel als Sohn jüdischer Eltern geboren, arbeitet als Rechtsanwalt in Berlin, er ist Witwer und hat aus seiner ersten Ehe eine Tochter, Inge- Sophie. Inge-Sophie ist zum Zeit— punkt der erneuten Heirat ihres Va- ters vier Jahre alt. Das Fhepaar Hahn zieht nach Berlin und lebt dort in der Litzenburgerstraße 39; am 26. Juli 1933 wird die gemeinsame Toch- ter Monika geboren. Bereits am 12. März dieses Jahres hat die Licher SA einen Pogrom ge- gen die in Lich lebenden jüdischen Kaufleute durchgeführt. Monikas Großeltern sind besonders schwer davon betroffen; Großvater Max wird im SA-Lokal'Frankfurter Hof' gefoltert. SA-Männer zertrümmern ihm beide Kniescheiben und fügen ihm Kopfverletzungen zu, von deD nen er sich nie wieder erholen sollte. Die Geschäftsbücher des Bankge- schäftes werden gestohlen. Im Juni flichen Max, Emilie und Anne- Marie Chambré nach Kassel, von dort aus zu ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn nach Berlin. Sohn Ernst-Ludwig entkommt nach Bel- gien, wohin ihm Vater und Mutter bald nachfolgen. Sie wohnen nun in Morlanwelz, Rue Baume-Marpent Nr. 1. Von Belgien aus müssen sie mitansehen, wie in einem dubiosen Konkursverfahren ihr Licher Ver- mõgen verschleudert wird. 1938— vermutlich kurz nach dem Novemberpogrom- flieht auch die Familie Hahn nach Belgien. Auch sie wohnt in Morlanwelz, Rue du ouen Nr. 41. Kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Jahr 1940 können Ernst-Ludwig Chambré und Ernst Hahn nach Frankreich entkommen. Die restliche Familie bleibt in Bel- gien zurück. Am 7. Juni 1942 werden die Mitglieder der Familien Hahn und Chambré gezwungen, den Ju- denstern zu tragen, zwei Monate Später werden Max Chambré, Emilie Chambré, Anne-Marie Chambré und Inge-Sophie Hahn von Malins nach Auschwitz deportiert. Henriette Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 9 Hahn und ihre Tochter Monika folgen in einem weiteren Transport am 10. Oktober des gleichen Jahres. Monika ist zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt. Der August- Transport- im übrigen der erste des Reichs- sicherheitshauptamtes (RSHA) aus Malins Mmfaßte 998 Personen, 426 Männer und 318 Frauen werden nach der* Selektion in das Häft- lingslager eingewiesen. Der Oktober-Transport der 12. und 13. RSHA- Transport aus Malins— bestand aus 1674 Men- schen, von ihnen wer- den nach der Selektion 1558 in den Gaskam- mern getötet(Panuta Szech: Kalendarium der Ereignisse im Kon- zentrationslager Ausch- Ernst und Henriette Hahn, geb. Chambré,(Auft nahme von 1936) können 1936 mit ihren zwei Töch- tern nach Belgien Miehen, geraten aber nach dem Einmarsch der Wehrmacht erneut unter deutsches Hoheits(un)recht. Ernst Hahn entktommt nach Frankreich, wo er 144 Stirht. Henriette und die neunjdhrige Tochter Monika werden im Oktober 7942 deportiert und in Auschwitz ermordet. Jhre Eltern Max und Emilie Chambré sowie die Schwe- Ster Anne- Marie und Inge-Sophie, die Vochter aus Eynst Hahns erster Ehe, waren bereits im August 7942 nach Auschwitz deportiert worden. Als einzi- ges Familienmitglied überlebt Henriettes Bruder witz-Birkenau 1939— 1945 Reinbek 1989 S. 267 u. 318). Ernst-Ludwig Chambré geling 0 Internierung in einem franzö- Sischen Lager die Flucht nach Spa- nien, wo er zunächst erneut inter- niert wird. Er schlägt sich nach Por- tugal durch, von dort aus nach Palã- stina und kann mit seiner Ehefrau er hat in Palästina geheiratet- 1947 in die USA auswandern. Ernst Hahn wird ebenfalls in ei- nem franzõsischen Lager interniert, er kann fliehen und lebt unter fal- schem Namen in Chambéry, Frank- reich. Unter nicht geklärten Um- Ständen stirbt er im August 1944. Eynst-Ludwig das Tausendjdhrige Deutsche Reich. Ernst Hahn hatte, so sein Schwa- ger, Vermögen bei Schweizer Ban- ken deponiert. Nach dem Krieg war es Ernst-Ludwig Chambré nicht möglich, Ansprüche auf dieses Ver- mögen geltend zu machen. Die Schweizer Banken verschanzten sich hinter dem Bankgeheimnis, sie ver- langten Dokumente, Urkunden, amtliche Bestätigungen, die kaum beizubringen waren. Erst 1996 än- derte sich unter internationalem Druck die Situation. Zunehmend geriet die Schweiz unter Zugzwang- Ende September 1996 beriet der Na- tionalrat in Bern über einen Gesetz- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer NldlsTERE DE c RGG Zrihe T55, rue de 1a Lol Directon: RECHERCHES DOCUMTATTLON ET DECES Service Seerstartst PyM//207230 69450 Monsteur CKHuBRg P. (8pelor dans lo rd; 2ne) 45— 53 Annee 40 th. Street Long ITsLand C1ty New-Vork U.S.A. MonstLeur, n rsponse a otre honorse du 8.2.48, con- cernent 1es Fami11es CHaMBRHE et HAlHM, nous vous trans- c1-dessous 1es renseignemente en notre posses- s10n 2 cRann, Uax, n6 1e 8.7.79 CRR, Inie, née ie 27.2.87 CHadRE, Anne-Marte, née 1e 3⸗5.18 HAM, Inge, Sophie, née en 7926. ont Falt pertte du convo T, partz ae Malines 1e 4.8.42, à destnatton de BTLRHMAU(Kuschwitz). HAHM, Henrtette HAHM, Monka ont Falt partte du convo XIT, partt de Malnes 1e TO. TO.42, à desttnatton d Auschwtz. Ce sont actuel Lement 1Les seuls rensetgnements en notre possesston, mats néanmolns s1 des détafls com- pLémentalres nous parvenalent par 1a sutte, nous vous en avtsertons 1mmédtatement. Mous vous prLons d'agréer, Monsteur, 1 assu- rance de notre constdératton dtstinguée. POUR LE DTLRECTEUR, Le Chef de Bureau, 4 Aſ Mme MT. TVCK. Ernst-Ludwig Chambré forschte nach dem Krieg nach dem Verbleib Seiner Familie. Aus Brüssel bekam er im April 1946 die Auskunft, daß Eltern, jüngere Schwester und Stiefnichte am 4. August 1942 Sowie veine dltere Schwester und deren Tochteram 10. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert wurden. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 11 entwurf,'die historische und recht- liche Untersuchung des Schicksals der infolge der nationalsozialisti- schen Herrschaft in die Schweiz ge- langten Vermögenswerte Eine Kommission aus unabhängigen Ex- perten soll Zugang zu bislang gehei- men Akten erhalten und Aufklä- rungsarbeit leisten. Für die wenigen Uberlebenden, deren Familien Vermögenswerte bei Qcheier Banken deponiert hatten. ist die Arbeit der Kommission je- doch nur ein'schwacher Trost', zu lange ist der Zeitraum, der zur Bear- beitung benötigt wird. Als'Kon- zession' hat die Schweizerische Bankiersvereinigung zu Beginn die- Ses Jahres eine Art Clearing-Stelle' eingerichtet, die Anlaufstelle für die Suche nachrichtenloser Vermõ- genswerte bei Schweizer Banken', detachiert dem Büro des Ombuds- manns der Schweizer Banken, Zü- rich. Dort, so die in der Presse ver- breitete Botschaft, könnten ohne bürokratische Hindernisse, Anfra- gen nach vermuteten Vermögens- werten gestellt werden. Hintergrund dieses Angebotes' * sein, daß bei einer 1962 durchgeführten Nachsuche bei Schweizer Banken ein Betrag von et- wa 9,5 Millionen Franken gefunden wurde, der als'nachrichtenlos' im Sinne der Definition gelten konnte. Nachrichtenlos' meint nämlich'das Fehlen von aktenkundigen Mittei- lungen jeder Art des Kunden'. Merkwürdig ist allerdings der Um- stand, daß bei einer erneuten Nach- suche 1995 bei über 50 Banken 775 ruhende Konten, Safes und Depots im Wert von immerhin 38,74 Milli- onen Franken ausfindig gemacht werden konnten. Angespornt durch das Verspre- chen eines unbürokratischen Vorge- hens wandte ich mich im September an die Anlaufstelle', um den Ver- bleib des Schweizer Vermögens von Ernst Hahn abzuklären. Bereits der Versuch, die Postanschrift, bezie- hungsweise Telefon- und Faxverbin- dung zu ermitteln, geriet zur Odys- see. Weder die Auslandsauskunft der Telecom noch die Auskunft der Schweizer PTT waren in der Lage, die gewünschten Informationen zu ermitteln. Des Rätsels Lösung er- fuhr ich schließlich von einem in Zürich lebenden Bekannten: Er- reichbar ist die Anlaufstelle' über das Büro des'Schweizerischen Bank- enombudsmanns', Seestraße 7, CH 8027 Zürich, Postfach 519, Telefon: O1-2810137, Fax:O1-281 1083.Bloßer Zufall? Aber es sollte noch schlim- mer kommen: Auf meine Anfrage hin erhielt ich neben einem umfang- reichen Fragebogen(Bürokratie?) zunächst eine Kostenrechnung über 100 Franken, die als Bearbeitungsge- bühr zu zahlen seien. Den ebenfalls beiliegenden Erläu- terungen konnte ich entnehmen, daß die Schweizerische Bankierver- einigung zum 1.1.1996 Richtlinien' zur Behandlung nachrichtenloser Vermõgenswerte erlassen habe. Aus diesen Richtlinien wurde zitiert, sie waren nicht beigefügt, es gab keinen Hinweis darüber, ob und wo sie voll- ständig zu erhalten sind. Zu entneh- men war den Erläuterungen, daß die Anlaufstelle' lediglich als Vermitt- ler zu den Banken auftritt, diese 12 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer aber unter Umständen'zusätzliche Angaben und Dokumente' verlan- gen können. Bereits die von der Anlaufstelle' verlangten Pokumen- te waren nur schwer zu beschaffen. Und diese dienen lediglich der Prü- fung einer Anspruchsberechti- gung', das heißt, die Anlaufstelle' leitet nach erfolgreicher Prüfung die Anfrage an die Banken weiter. Das Beschaffen von Geburts- und Heiratsurkunden gelang. Aber was tun, wenn— wie in vielen Städten und Gemeinden geschehen- die Per- sonenstandsregister durch Kriegs- einwirkung vernichtet oder nach der Deportation der jüdischen Be- võlkerung'gesäubert' wurden? Bun- desarchiv und Internationaler Such- dienst können hier vielleicht behilf- lich sein- aber sind diese Mitteilun- gen'amtliche Dokumente' im Sinne der Richtlinien' der Schweizeri- schen Bankiersvereinigung? Quasi en passant erhielt ich bei ei- nem meiner zahlreichen Telefonate mit der'Anlaufstelle' die Informati- on, bei fehlenden amtlichen Bestä- tigungen würde eine eidesstattliche Versicherung ausreichen, die Nach- forschungen in Gang zu setzen. Mei- ne Frage, ob die entsprechende Bank sich mit einer solchen Versicherung begnügen würde, wenn denn tat- sächlich Vermögenswerte vorhan- den sein sollten, wurde jedoch ver- neint. Im Verlauf meiner Nachforschun- gen stieß ich auf weitere Ungereimt- heiten: Wer mit den Usancen Schweizer Banken vertraut ist, weiß zum Beispiel, daß es sogenannte Pseudonymdepots' gibt, solche also, die unter einem anderen Namen als dem des Deponierenden geführt werden. Sind auch diese von der Nachsuche erfaßt, werden hierbei die Pseudonyme entcodiert?- Ich konnte keine Antwort auf diese Fra- ge erhalten. Gibt es eine unabhängi- ge Kontrolle der bankinternen Re- cherche nach'nachrichtenlosen' Vermõgenswerten? Wie schließlich Sin die Be amerikanischen'Senate Banking Committees' zu bewerten, desser Schätzung des Vermögens von Holocaust-Opfern bei Schweizer Banken immerhin von einem Betrag in Höhe etwa sieben Milliarden Franken ausgeht? Am 12. November hielt der Schwei- zerische Bankenombudsmann eine Pressekonferen?z ab, in deren Ver- lauf er die Ergebnisse der ersten Nachsuche bekanntgab. Sie sollen unkommentiert bleiben, die Zahlen sprechen für sich: Bis Ende Septem- ber wurden über 900 Suchanträge von der Anlaufstelle' an die Banken weitergeleitet(interessant in diesem Zusammenhang, daß die Zahl der eingegangenen Anträge nicht ge- nannt wurde). Aufgefunden wurden 11.000 Franken(in Worten: elftau Send). In 55 Fãllen haben die gankernd weitere Unterlagen erbeten. Bekannt wurde überdies, daß die'Anlauf- stelle' nur Rückantworten der Ban- ken erhält, wenn die Nachsuche ein positives Ergebnis erbringt. Eine fehlende Rückantwort wird automa- tisch als negativer Bescheid gewer- tet. In Sachen Ernst Hahn gibt es noch kein Resultat. Diese Unterlagen gehören zu denjenigen, die erst jetzt den Banken zugeleitet werden.„ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Wurzeln des Antisemitismus von Joachim Proescholdt Beim õffentlichen Monatstreffen der Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwilzer am 3. Juli 1096 in Frankfurt am Main hielt Joachim Proescholdt einen Vortrag zum Thema„ Wurzeln des Antisemitis- mus. Für den Abdruck im Mitteilungsblatt hat er folgende gekürzte Fas- Sung erstellt. Ist der Begriff Antisemitismus? legitim? Antisemitismus hat seinen Ur- sprung in einem weitverzweigten, oft Schwer erkennbaren Wurzelwerk rassistischen Gedankengutes. Dieses insbesondere in Europa auftretende Phänomen ist wesentlich ethnozen- trisch orientiert. Im Rassismus wird der europäische Typ' auf dem Hin- tergrund politischer, wirtschaftli- cher und militärischer Dominanz als der anthropologische Normaflfall“ dargestellt, der anderen Weltvölkern wesensmäßig überlegen ist. Anders- artigkeit und Fremdheit gilt dem Rassismus generell als nicht normal, als unterlegen. Der Genozid an In- dianern, Sklavenhandel, südafrika- nische Apartheidspolitik, Auftei- lung von Bosniern und Serben in ¶ olxiseh reine“ Nationalstaaten sind die grauenvolle, fatale Auswir- kungen eines hybriden Rassismus, der sich zum Maß aller Dinge macht. Der Begriff'Anti- Semitismus“ ist falsch und irreführend. Denn Se- miten, deren Name auf Sem, den äl- testen Sohn Noahs(1. Mose 5 und 10), zurückgeht, sind keine Rasse. Semi- ten umfassen eine Vielzahl von ori- entalischen Völkern wie Araber, Athiopier, Syrer, die niemals mit dem Begriff Antisemitismus“ ge— meint waren. Trotz antisemitischer Haltung konnte und kann es große Sympathie gegenüber semitischen Staaten oder Völkern geben. Es geht nicht um Semiten, sondern aus- schließlich um die Juden. Somit stellt sich Antisemitismus eindeutig als Judenfeindlichkeit heraus. Bei dieser Benennung soll es im folgen- den bleiben. Antike Wurzeln: Fremdenfeindlichkeit In der Antike war Judenfeindlich- Keit in erster Linie Fremdenfeind- lichkeit. Nach dem babylonischen Exil im 6. vorchristlichen Jahrhun- dert entstand das Diasporajuden- tum, dem mit Mißtrauen und Neid begegnet wurde. Im Buch Ester des Alten Testamentes steht die Ge- schichte von Haman, einem Vertrau- ten des persischen Großkönigs Ahasveros, der bereits den Genozid der Juden plante:'man solle töten und umbringen alle Juden, jung und alt, Kinder und Frauen.. und ihr Hab und Gut plündern“(Ester 3). Ha- man ging es nicht um Rassismus. Das Motiv, wie wir ihm in der Anti- ke begegnen, war Fremdenfeindlich- keit, Neid und Machtgier. Dennoch: BErinnert diese Maßnahme nicht er- schreckend an die Beschlüsse der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942, als unter dem Vorsitz von SD- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Chef Reinhard Heydrich die End- lösung“, die totale Vernichtung der europãischen Judenheit, besprochen und festgelegt wurde? Die Judenfeindlichkeit der römi- schen Antike ist in der Auseinander- setzung der Juden mit der Staatsre- ligion zu sehen. Für die rõmische Welt war trotz ihres Toleranzden- kens die religiöse Besonderheit der Juden, ihr Monotheismus, ihr Aus- schließlichkeitsanspruch, das'aus- erwählte Volk Gottes' zu sein, An- stoß zu Gegnerschaft und Verfol- gung. Mit Berufung auf das erste Gebot Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben' weigerten sich die Ju— den, dem Kaiserkult- und damit der Einheit des rõmischen Staates- 2u dienen. Christliche Wurzeln: Antijudaismus Das Verhältnis der Christen zu den Juden war komplex und wider- sprüchlich. Neben Anerkennung und Akzeptanz war auch Juden- feindlichkeit zu erkennen, die sich z. T. bereits in Außerungen des Neuen Testamtes finden, z. T. erst im Mit- telalter entstanden. Paulus verglich einerseits das jü; dische Volk mit einer Wurzel, aun der das Christentum als'Zweig“ hervorwuchs und schrieb beschwö- rend:*Gott hat sein Volk nicht ver- stoßen, das er zuvor erwählt hat...“ (Römer 11, 2), andererseits griff er Spätantike Vorurteile auf, wenn er den Juden vorwarf,'gegen alle Menschen feindselig“ zu sein U. Thessalonicherbrief 2, 15). Diskrimi- Finftes Kapitel Kurz die Hose, lang der Rock, Krumm die Nase und der Stock, Augen schwarz und Seele grau, 0 Hut nach hinten, Miene schlau— So ist Schmulchen Schievelbeiner. (Schöner ist doch unsereiner!) War Wilhelm Busch ein Antisemit? Viele erheben begründeten Widerspruch. Aber er hat sich der gängigen Klischees hedient und die wichtige Kolle des zugeschriehnen Namens(So wie hier in einer Sene aus Plisch und Plum) nicht vergessen. Aus. Antisemitismus Vorurteile und Mythen, hrsg. von Julius H. Schoepsundoachimschlör München995. S. 156. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 nierende Judenfeindlichkeit spricht auch aus den Worten:*Ihr stammt vom Teufel ab. Der war von Anfang an ein Menschenmörder und stand nicht in der Wahrheit..“(Johannes 8, 44). Wie anders klingt das Gebet Je- su am Kreuz: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun' (Lukas 23, 34). Solche Bereitschaft zu Vergebung und Verstäãndigung wurde im christ- lichen Mittelalter selten. Zunächst lebten Christen und Juden gleichbe- rechtigt und unangefochten neben- einander. Seit dem 12. Jahrhundert wuchs die Judenfeindlichkeit mit dem Vorwurf des'Gottesmordes“. Man berief sich auf den Ausspruch: Sein Blut komme über uns und un- Ssere Kinder“(Matthäus 27, 25). Nach mehr als 1000 Jahren begann die Christenheit, sich als Rächer des Todes Jesu aufzuspielen. Dabei ent- wickelte sich ein gefährliches, emo- tionales Potential, das sich in immer neuen Pogromen entlud. Die Grün- de hierfür waren komplex: Suche nach einem Sündenbock in Zeiten von Seuchen und Krieg, Ausgren- zung Fremder als Möglichkeit, eine eigene Identität zu finden. Getthoi- sierung und wirtschaftliche Ausbeu- tung der Juden führt zum persönli- chen Profit(Letzteres haben nicht nur die Nazis verstanden, sondern bis in die jüngste Geschichte auch die Schweizer Bundesbank, die sich am Bigentum ermordeter Juden be- reichert hat). Uber Jahrhunderte hinweg erhobene Vorwürfe gegen 'die“ Juden waren irrwitzig wie ver- worren: Juden stehlen- Juden schänden heilige Hostien- Juden schlachten Christenkinder(vgl. Heinrich Heine: Der Rabbi von Ba- charach“l)- Juden bringen den Schwarzen Tod'- Juden vergiften Brunnen- Juden treiben die Chri- sten durch Wuchergeschäfte in wirtschaftlichen Ruin. Auch ein Mann wie Martin Luther trug zur Judenfeindlichkeit bei. Noch im Jahr 1521 setzte er sich ve- hement gegen Judenhaß und— vertreibung ein: Wer wollte ein Christ werden, wenn er sieht, daß Christen mit anderen so unchristlich umgehen? Seine spätere antijudai- stische Haltung begründet er mit den Worten:*Ich erfuhr, wie sie mir Christus einen erhängten Straßen- dieb nannten. Darum will ich mit keinem Juden mehr zu tun haben?. In religiösem Ubereifer nannte er die Juden'verstockte Christusfein- de' und forderte, ihre Synagogen und Häuser niederzubrennen, ihr Glaubensschrifttum zu vernichten, die Lehre der Rabbinen zu verbieten und sie des Landes zu verweisen. Die Peutschen Christen“ der Nazizeit haben sich auf solche Außerungen Luthers berufen. Wir müssen dieser Haltung Luthers eine klare Absage erteilen. Wurzeln seit dem 19. Jahrhundert: Rassismus und Nationalismus Im Zuge der Aufklärung manife- stierte sich der Gedanke der Tole- ranz. Mit der Erklärung der Men- schenrechte kam es zur staatsbür- gerlichen Rechtsgleichheit der Ju- den. Aber mit ihrer allmählichen Emanzipation erwachte eine neue, äußerst gefährliche Judenfeindlich- keit: eine Mischung von Rassismus und Nationalismus, der sogenannte 16 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Antisemitismus“(Dieser Begriff erschien erstmals im Jahr 1879 in einer Schrift des Wiener Publizisten Wilhelm Marr). Der bis heute aner- kannte Historiker Heinrich von Treitschke urteilte im letzten Jahr- hundert: Die Juden sind unser Un- glück'“(Später auf jeder Titelseite des SS-Hetzblattes Der Stürmer“ abgedruckt!) Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte schrieb 1793: Das Ju- dentum ist ein'mächtiger, feindse- lig gesinnter Staat. auf dem Haß des ganzen Menschengeschlechts aufge- baut... Juden Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigsten kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen alle die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei“. In seinen Reden an die deutsche Nation' Sprach Fichte von den Deutschen als dem*Volk der Völker?, dem Urvolk schlechthin, das alle positiven Ei- genschaften in sich vereinige. Die 6 tettxttattetattctetttettattxat etx xccxe x Die geheime Geſchüftsſprache der Iden.; Qin hand⸗ nnd hilfobuch ſür alle, welcht mil Inden in Gtſchüſlsverbindung Hehen und der hebrälſchen Sprache Uet ſog. Marklſprache) unkundig ſind. 8 Set Ein Geheimnis wird unterstellt. Aust Antisemitis ums a. a. O. S. 147 deutsche Nation beruhe auf dem natürlichen Band des deutschen Blutes, deutschen Wesens und christlicher Moral“. Die Gegen- schrift Germanomanie“, in der der jüdische Schriftsteller Saul Ascher diesen Deutschlandwahn geißelte, wurde auf dem Wartburgfest 1817 öffentlich verbrannt. Heinrich Hei- ne prophe?zeite in schrecklicher Vor- ahnung: Dies war ein Vorspiel nur: dort, wo man Bücher verbrennt, ver- brennt man auch am Ende Men- schen“- Am Ende stand der Hol- ocaust, die eiskalt geplante, büro- kratisch organisierte, brutal durch- geführte Ausrottung des jüdischen Volkes. Unsere Haltung heute? Erst lange nach Auschwitz hat die kritische Auseinandersetzung mit der religiõsen, der rassistischen und nationalistischen Judenfeindlichkeit begonnen. Für Millionen kam sie zu Spät.- Dazu kam Neues: Wiederer- wachen des Rechtsradikalismus, fa- tales Gerede von der Auschwitz- lüge“, gewalttätige Exzesse gegen Ausländer in Hoyerswerda, Rostock, Magdeburg, Solingen und anderswo. Wieder sahen die meisten weg und schwiegen. War es Angst? Mangeln- de Zivilcourage? Oder stillschwei- gende Zustimmungꝰ? Das gleiche gilt gegenüber einem fragwürdigen Asylrecht. Keiner kann sagen:'Ich habe es nicht gewußt'. Keiner darf sagen:'Ich kann doch nichts tun' Um der Menschenwürde der Anderen, der Fremden, der Bedroh- ten willen ist Mut des Einzelnen ge- fragt. Mut zu widersprechen, Mut zu widerstehen und damit Anwalt der Menschenrechte für alle zu sein. —— — — Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 In der Gestapo-Akte des KZ-Hãäftlings Hermann Reineck stand Rückkehr unerwünscht!“ In Zusammenarbeit mit dem Jugendbildungswerk der Stadt Gießen lädt die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer am Freitag, dem 17. Januar 1997, um 18 Uhr zu einer Veranstaltung nach Gießen ins Jugendzentrum Jokus(Ostanlage 25 a) ein. Zwei auf Video aufgezeichnete Gespräche zwischen dem Auschwitzer . Hermann Reineck(gest. Dez. 1995) und der Ravensbrückerin Lieselotte Thumser-Weil(gest. Juni 1995) werden als Finstieg zur Diskussion über antifa- ) Schistische Arbeit gezeigt. LAoschnit? — Im KZ war Hermann Reineck nicht als Mensch, Ssondern als Nr. 63367 registriert hr seid nicht verantwortlich für das, was damals geschah, aber ihr seid mitverantwortlich für das, was heute geschieht.“ Die Eindringlichkeit mit der O mann Reineck diesen Satz immer wieder den Nachgeborenen“ vorhielt und aufforderte, Stellung zu beziehen gegen Rechtsradikalismus, Fremden- feindlichkeit und andere Rassismen, Untertanenmentalität und Gleichgültig- keit ist wohl allen in Erinnerung, die ihn bei einem seiner Besuche in Schulen und bei Gruppentreffs oder von privaten Gesprächen her kennenlernten. Mit dem Vermerk Rückkehr unerwünscht' war Hermann Reineck vom Gefängnis in Wien ins KZ Auschwitz überstellt worden. Durch Zufall kam er in ein Arbeitskommando, das ihm Uberlebenschancen bot. Täglich das Morden der S8 vor Augen und in ständiger Todesangst war er mehr als zwei Jahre im Lager. Auch nach 1945 bestimmte Auschwitz sein Leben. Hermann Reineck rebellierte auch noch Jahrzehnte nach der Befreiung- gegen das, was ihm und anderen NS-Hãftlingen in Auschwitz sowie anderen KZs und Gefängnis- sen des Deutschen Reiches angetan wurde. Was in Auschwitz geschah, ist auch von uns Nachgeborenen nicht als vergessen und vergangen abzutun. Es hat auch heute für uns Konsequenzen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Weihnachtsspende für NS-Opfer Mit einem fünfstelligen PM-Be- trag hat die Lagergemeinschaft in diesem Jahr in Polen ehemalige K?Z- Häftlinge und deren Angehörige un- terstũtzt. Das Geld wurde entweder direkt an kranke und bedürftige Auschwitzer weitergeleitet, oder es wurde dazu verwendet, in Krakow und Zgorzelec die Clubs der ehe- maligen K?Z-Häftlinge mit medizi- nischem Gerät auszustatten. Dort werden kostengünstige Anwendun- gen und Untersuchungen vorge- nommen. Auch als Orte der Begeg- nung, sind die Clubs von Bedeutung. Möglich war uns diese Unterstüt- zung nur durch die Hilfsbereitschaft der Spenderinnen und Spender, wo- für sich der Vorstand herzlich be- dankt. Auch in diesem Jahr bitten wir Sie um eine Weihnachtsspende, um auch 1997 Hilfsaktionen leisten zu können. Wir wollen und können damit nicht den deutschen Staat aus seiner Pflicht zur Entschädigung der NS-Opfer entlassen. Die deut- sche Entschädigungspolitik bleibt ein Skandal:„Ohne öffentlichen Druck passiert nichts“, waren sich beispielsweise Hein? Düx, Unter- suchungsrichter im Frankfurter Auschwitz-Prozeß, Karl Brozik von der Jewish Claims Conference und andere Teilnehmer einer Podiums- diskussion einig(iehe Mitteilungs- blatt vom Dezember 1995, S. 17 f). Selbstverständlich haben sich La- gergemeinschaft und Freundeskreis immer wieder dafür eingesetzt, daß dieser öffentliche Druck erhalten bleibt und möglichst viel Wirkung erzielt. Unsere konkreten Hilfsak- tionen können'nur? Einzelfälle er- reichen. Genauso wichtig wie die materiellen Zuwendungen ist für die NS-Opfer, die moralische Aner- kennung, die durch Ihre Spenden zum Ausdruck gebracht wird. Das Spendenkonto ist bei der Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) unter der Konto-Nr. 002 000 0503 eingerichtet. Die Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer be- dankt sich bereits hier bei allen Spenderinnen und Spendern und wünscht auch allen anderen Förder- ern, die unsere Arbeit durch ihre Mitgliedschaft und/oder eine son- stige Art umterstützen, erholsame Feiertage und ein gutes Jahr 1997. Wir trauern um Maurice Elie Goldstein Der Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees([AK) starb am 6. Oktober 1 996 in Brüssel. Im September 1 943 wurde Maurice Goldstein im Alter von 21 Jahren von der Gestapo verhaftet und mit seiner ganzen Familie nach Ausch- wit? deportiert. Er leistete unter anderem Zwangsarbeit in der Koh- lenmine Fürstengrube“ und arbei- tete Spãter im Krankenrevier. Befreit wurde er am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee. Bereits 1964 war er IAK-Delegierter und seit 1977 Präsident. Der damit verbunde- nen Arbeit kam er trotz schwerer Herzkrankheit unermüdlich nach. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Zur Debatte um das Buch„Hitlers willige Vollstrecker? Welche wunden Punkte haben Daniel Jonah Goldhagens Thesen berührt? von Walter Fruth Mittlerweile sind über Goldhagens Buch Hitler's Willing Executioners? schon mehr Rezensionen erschienen, als jedes andere Werk zum Thema in solcher Zeit provoziert hätte. Es muß einen wunden Punkt berührt haben“?, Schreibt Hanno Loewy, der Direktor des Fritz-Bauer-Institutes.(1) Und damit hat er womöglich den Nagel auf den Kopf getroffen. Was aber ist dieser wunde Punkt, warum ruft dieses Buch, und dieser Zusammenhang muß hergestellt werden, sechs Jahre nach der'Wiedervereinigung“, und das heißt auch: sechs Jahre nach dem Wiedereinsetzen deutscher Großmachtpo- litik, und ein Jahr nach dem'Gedenkjahr“, und damit ein Jahr nach jenem Jahr 1995, mit dem ein Schlußtrich unter die deutsche Vergangenheit zu ziehen versucht wird, warum ruft dieses Buch zu diesem Zeitpunkt eine derart geschlossene Abwehrfront hervor? Goldhagen stellt ins Zentrum sei- nes Buches nicht die Nazi-Führer oder die Institutionen des Massen- mordes, sondern die eigentlichen Handlungsträger, jene gewöhnli- chen Männer, die das Morden aus- führten: Hitlers willige Vollstrek- ker“. Den ersten Teil seines Buches allerdings widmet Goldhagen der Genese des Antisemitismus in Deutschland von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nazi-Zeit, jenes auf Ausgrenzung und Vertrei- bung der Juden zielenden Bewußt- Seins, das er als'eliminationist anti- semitism' bezeichnet. Eine Charak- terisierung, die Micha Brumlik am 7. September bei einer Podiumsdiskus- sion in der Frankfurter Oper aus- drückich unterstützt hat. Es wer- den hier von Goldhagen, und dies ist sicher nicht unnötig, Langzeitent- 7)Frankfurterkundschau, 15.6. 19096 wicklungen und Kontinuitätslinien deutscher Geschichte aufgezeigt, die zudem auch über 1945 hinaus fortbestehen. Er hebt insbesondere den Zusammenhang zwischen dem deutschen Begriff der Nation und der besonderen Ausformung des An- tisemitismus in Deutschland hervor. Im Gegensatz zu anderen Staaten, die, in Folge der Aufklärung und der Französischen Revolution, Na- tion als eine Territorialgemeinschaft gesellschaftlicher Individuen defi- nieren, die sich quasi mit einem Ge- sellschaftsvertrag zur Nation, zur Gemeinschaft Freier und Gleicher zusammenschließen, definiert sich die deutsche Nation völkisch, über Abstammung und gemeinsames Blut. Es sei hier noch einmal auf die Implikationen dieser völkischen 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ideologie(notwendig falsches Be- wußtsein) verwiesen, die im- auch heute in der BRD noch gültigen jus sanguini zum Ausdruck kommt, und die den Deutschen übergestülpt wurde, damit bei der Entstehung des Deutschen Reiches zusammenwach- sen konnte, was nicht zusammen ge- hörte, weil diese võlkische Ideologie seit 1989 wieder zunehmend an Be- deutung gewinnt: Nach innen impli- ziert diese Selbstdefinition der »Deutschen“ die Frrichtung einer Barriere zwischen Deutschen“ und »Nicht-Deut-schen“, die praktisch nicht zu überwinden ist. Der Satz Deutschland ist kein Einwande- rungsland“ gewinnt auf dieser Grundlage eine perverse Berechti- gung: in eine Blutsgemeinschaft kann man nicht einwandern, das Blut eines aus der Türkei stammen- den Menschen bleibt auch in der dritten Generation, in der er in Ber- lin lebt,'türkisches Blut'. Nach au- ßen impliziert diese Selbstdefinition, daß Deutsche“, egal, ob sie auf dem Territorium des deutschen Staates oder sonstwo leben, Peutsche? blei- ben. Und daraus leitet sich zwangs- läufig eine Verantwortung des deut- schen Staates auch für jene Volks- deutschen“ heute Deutschstäm- mige' genannt- ab, die auf dem Ter- ritorium anderer Staaten leben. Der deutsche Staat ist nicht nur berech- tigt, sondern letztlich sogar ver- flichtet, sich in die inneren Angele- genheiten anderer Staaten einzumi- schen, um die Interessen'seiner“ Bürger wahrzunehmen. Der Schritt vom Anspruch auf die Wahrung der Interessen Volksdeutscher“ im Ausland bis zu dem Satz'wo Deut- sche leben ist deutsches Territori- um' ist nur ein kleiner— es ist der Schritt vom Frieden zum Krieg. Daß sich hinter dieser Ideologie, wie überall und hinter jeder natio- nalistischen Ideologie, ganz andere Interessen verbergen, die der ökono- mischen und politischen Eliten, dar- auf versäumt Goldhagen allerdings ebenso einzugehen wie ihm auch die andere Seite des Doppelcharakters des Antisemitismus, die Gleichset- zung von Juden' und kapitalisti- schen Ausbeutern, der die Besonder- heit des Antisemitismus gegenüber jedem Rassismus ausmacht, entgan- gen ist.'Sonst hätte er erkennen können, daß der Antisemitismus eine Fetischform des Kapitals ist, die entsteht, weil(die) Mensch(en) eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Personen qua Person herrschen, sondern der stumme Zwang der Verhältnisse(..), sich nur vorstellen können, indem sie die in Wahrheit anonyme, abstrakte Herrschaft der Verhältnisse über die Individuen personalisieren, in einer pathologi- schen, projektiven Weise. Der Jude gilt als Personifikation des Kapitals in seiner abstraktesten Form, dem Zins.“(2) Die Bereitschaft zur Ak- zeptanz oder zur Mitarbeit bei der Shoah wäre wohl kaum so groß und nahezu die gesamte deutsche Bevöl- kerung umfassend gewesen, hätten sie nicht jenes falsche Bewußtsein, das in'dem Juden' alles Teuflische und Böse vereinigte, tief verinner- licht gehabt. Okonomische Vorteile 2) Blumentritt. Martin, in: de/ocwolitik(Internet), 13. 8. 1996 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 hatten die'willigen Vollstrecker? durch ihrer Teilnahme an der Mas- senvernichtung keine. Im dritten Teil befaßt sich Gold- hagen detailliert und ausführlich mit den Polizeibatallionen, exempla- risch dargelegt am Polizeibatallion 101, die im'Generalgouvernement? und in den besetzten Teilen der UdSSR hunderttausende von jüdi- schen Menschen abschlachteten oder in die Vernichtungslager de- portierten. Von ihrer Zusammenset- zung, die es meiner Meinung nach durchaus rechtfertigt, sie als reprä- sentativ für die gewöhnlichen Deut- schen C'ordinary germans“') anzuse- hen, bis zu ihren Mordtaten und ih- rem Verhalten dabei, worin sie sich in ihrer Initiative, Brutalität und Grausamkeit in nichts von den S8— Leuten unterschieden, von der Frei- willigkeit ihrer Mordtaten bis zu ih- ren Nicht-Handlungen- von den Möglichkeiten, an den einzelnen Massakern nicht teilzunehmen oder sich insgesamt versetzen zu lassen wurde so gut wie kein Gebrauch ge- macht- entwirft Goldhagen ein mit zahllosen Beispielen belegtes Bild von diesen Männern, das es kaum möglich macht, die Schlüsse, die er aus dem Studium der Polizeibatal- lione zieht, in Frage zu stellen: First, ordinary Germans easily be- came genocidal killers. Second, they did so even though they did not have (3 Vergleicht man damit Christopher Brownings Aussage: Die Reserve- Polizisten hatten Wahlmöglichkei- ten, und die meisten von ihnen be- gingen schreckliche Untaten“(4), so wird klar, daß bei der Untersuchung der objektiven Gegebenheiten beide zum selben Ergebnis kommen. Doch während Browning, trotz seiner Feststellung*die Verantwortung für das eigene Tun liegt letztlich bei jedem einzelnen'(), in seinem ab- schließenden, wertenden Kapitel den psychologischen und sozial- kollektiven Finflüssen auf das Ver- halten der Männer des Polizeibatal- lions hohe Bedeutung beimißt, geht Goldhagen in seiner Wertung von eben jenem für das eigene Tun ver- antwortlichen, autonom und- im Rahmen der objektiven Möglichkei- ten— frei entscheidenden Individu- um aus. Dies allerdings ist ein An- spruch an das Individuum, der nicht der Wirklichkeit entspricht. So stell- te Micha Brumlik in Frankfurt be- rechtigterweise die Frage, ob es— insbesondere in Anbetracht der Er- kenntnisse aus der Psychoanalyse richtig wäre,'den rationalen, be- wußt denkenden Menschen wieder in die Sozialwissenschaften einzu- führen“,(6) wie Goldhagen es tut. Allerdings muß es diesem angerech- net werden, daß er mit seinem An- Sat?z die Frage von Schuld und Ver- antwortung wieder ins Zentrum der Diskussion zurückgebracht hat. ₰ 3) Goldhagen, Paniel Jonah, Hitler's Willing Executioners, London. Little, Brownand Co. 1996, p. 277 4) Browning, Chrristopherk., Ganznormale Männer, Reinbek, 1993, S. 246 ) ibid., 6) eigene Mitschrift 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Im vierten und im fünften Teil seines Buches befaßt sich Goldhagen mit dem unterschiedlichen Charak- ter jüdischer und nicht-jüdischer Zwangs- und Häftlingsarbeit und mit der unterschiedlichen Behand- lung beider Häftlingsruppen auf den Todesmärschen im Winter 1944/45. Diese Analysen ergeben das gleiche Bild'williger Vollstrek- ker“, und Vollstreckerinnen, das auch die Untersuchung der Männer in den Polizeibatallionen ergeben hat. Zudem wird hierbei deutlich, daß die Behandlung der Juden auch durch die einzelnen Täter durchweg einen grundlegend anderen Charak- ter hatte als die der Nichtjuden. Die Ausführungen im vierten Teil ver- weisen zudem auf den unlösbaren Konflikt, in dem sich die Judenräte befanden, die, in der Annahme eines zweckrationalen Denkens der Nazis, versuchten, die Arbeit der Ghetto- Juden für diese unembehrlich zu machen und sie damit vor der Ver- nichtung zu bewahren, ohne zu rea- lisieren- realisieren zu können—, daß das Ziel der Vernichtung der Juden die'Zweck-lose Vernichtung der Vernichtung wegen“V) war. Goldhagen wurde von deutschen Kritikern häufig vorgeworfen, sein Buch bringe nichts Neues. Dem wurde, zurecht, von dem us- amerikanischen Historiker Andrei S. Markovits die Frage entgegengehal- ten: für wen? Daß das Buch nichts Neues bringt stimmt sicher für die Opfer und wohl auch für die Täter Fie wollten für Deutschland nicht ar heiten“ Beschriftung auf der Rücksei- te eines Fotos, das im Marschgepäck des Wehrmachts-Unteroffiziers Frit?z Lawen gefunden wurde. Aus: Vernich- tungskrieg. Verbrechen der Wehr- macht 1941 bis 1944. S. 315(iehe Seite 25 dieses Mitteilungsblattes) soweit sie nicht erfolgreich ver- drängt haben. Es gilt, soweit es die Fakten betrifft, meiner Meinung nach auch für die Fachhistoriker und andere, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Mar- kovits z.B. sieht es anders: Gold- hagens Buch ist neu.“(8) In jedem Fall aber gilt es ohne Frage nicht für das Gros der heute lebenden Deutschen. Die Brisanz- und auch die Bedeu- tung von Goldhagens Buch liegt al- lerdings weniger in den von ihm aufgezeigten Fakten als in seinen Wertungen, und soweit es Deutsch- land betrifft, spielt hierbei ganz of- fensichtlich auch der Zeitpunkt, zu dem es erschienen ist, eine entschei- dende Rolle. Ohne diesen Aspekt 7) Diner Dan, Negative Smbiose, in Piner, Dan(Hg.) Ist der Nationalso- zialismu CGeschichte ꝰ, HfM. Fischerl 993,5. 766 6) Markovits, Andreis., in FrankfurterRundschau, 15. 6. 1906 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 wäre weder die immense Ablehnung, die das Buch hier erfahren hat, als solche, noch ihre zum Teil äußerst unsachliche Art und Argumentation zu erklären. 3 Im Zentrum dieser Ablehnung kristallisieren sich zwei Punkte her- aus. Der eine davon ist, Goldhagen unterstelle den Deutschen eine genozidale Tiefenstruktur“, einen ewigen deutschen Volksgeist'(9) ei- nen'historisch-ererbte(n) und an- geborene(n)“(100 Judenhaß. Eine derartige Behauptung stellt Goldha- gen an keiner Stelle seines Buches auf, und es ist erstaunlich, daß die- ser, völlig aus der Luft gegriffene Vorwurf selbst von Wissenschaft- lern immer wieder aufgestellt wird. Geradezu groteske Formen nimmt das an, wenn Hans Mommsen den Begriff'historisch-ererbt“ kreiert, was ja schon in sich ein Wider- spruch ist. Der zweite zentrale Vorwurf hier- zulande ist, daß es nicht berechtigt wäre von'den Deutschen'“ zu reden. Dieser Vorwurf verdient besondere Beachtung, sagt er doch viel über die Verfaßtheit derer, die ihn erhe- S Schwierigkeiten damit haben von den Amerikanern' in Vietnam, von 'den Franzosen“ in Algerien oder auch von'den Deutschen“ in der Bismarckzeit, im 1. Weltkrieg oder in jeder anderen Phase deutscher Ge- schichte zu sprechen. Finzig wenn es um die Zeit von 1933— 1945 geht wird diese Begrifflichkeit vehement von sich gewiesen.(Natürlich sind solche Kollektivbegriffe grundsätzlich schwierig, aber darum geht es bei den Vorwürfen gegen Goldhagen nicht.) Es ist klar, ein Stück deutscher Geschichte- und als solches wird die Nazi-Zeit von Goldhagen in die Kontinuität deutscher Geschichte eingereiht- soll eben nicht zu dieser gehören, soll aus ihr ausgeklammert werden. Hier offenbart sich die gleiche Bestrebung, die auch in dem Gerede, die Verbrechen der Nazi- Zeit wären'in deutschem Namen'- und das heißt ja nichts anderes als: nicht von Deutschen- durchgeführt worden. Verbergen tut sich dahinter nichts anderes als die Bestrebung, wieder ein positives deutsches Na- tionalgefühl möglich zu machen, das es nach Auschwitz nicht mehr geben kann, das aber gebraucht wird, um Deutschlands dritten Griff zur Weltmacht“(Fritz Fi- scher) zu ermöglichen, der ohne die im Nationalismus geeinte Volksge- meinschaft im Rücken nicht durch- geführt werden kann. Da sich aber die Brinnerung an Auschwitz nicht auslöschen läßt, muß Auschwitz aus der deutschen Geschichte ausgegliedert werden. Goldhagens Buch- und dafür ist ihm zu danken- sabotiert diese Ver- suche in einer sehr klaren und dra- stischen Sprache. Zudem verweist er uns auf das, was Ralph Giordano die Zweite Schuld' genannt hat(1 1), die kollektive Verdrängung und Nicht- Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im 12jährigen Reich, dessen )AsSheuer, Thomas, in FrankfurterRundschau, 6. 8. 1096 10Mommsen, Hans, in-DieZeit, 30. 6. 1906 ) Giordano, Ralph, Diezweite Schuld, München Knaur990 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Verbrechen nicht'in deutschem Na- men' geschehen sind, sondern an denen die'deutsche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit“, an denen'alle von wirklichen Widerständlern ab- gesehen“(12) beteiligt waren. Daß die zweite Schuld' auch heute noch die Verfaßtheit der deutschen Ge- sellschaft prägt, offenbaren die Re- aktionen auf Goldhagens Buch überdeutlich. Dan Diner, der auch an der Uni- versität in Tel Aviv lehrt, erinnerte 72Mine, Dan, a. a. O.,S. 167 73) eigene Mitschrift in Frankfurt daran, daß die Opfer ihre Peiniger und Mörder nie als »die Nazis“, sondern immer nur als die Deutschen' wahrgenommen haben. Der Zugang von Goldhagen ist der Zugang, wie ihn die Juden er- fahren haben.“(13) Auch, und gera- de, uns Deutschen würde es gut an- stehen, uns diesen Zugang zu eigen zu machen. Daniel Goldhagens Buch ist ein sympathisches und ein, trotz aller Schwächen, wichtiges Buch. 1 —— ————————— Die hier abgedruckten Fotos gehör- ten einmal deutschen Landsern, die Sie im Gepäck oder in der Briefta- Sche hei Sich trugen. Beim Rückzug ſielen sie in die Hdnde der vorriik Kenden Roten Armee.(Enmommen Find Sie dem Buch„Vernichtungs- krieg. Verbrechen der Wehrmacht 94 his 944* SiehedrtikelSeite2) o 4 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 Die Wehrmacht als zweite Säule des verbrecherischen NS-Systems Wanderausstellung:'Vernichtungskrieg' wird im Frühjähr in Frankfurt/ M. gezeigt Die vielbeachtete Wanderausstellung des Hamburger Instituts für Sozial- forschung'Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944* wird vom 11. April bis 22. Mai 1997 in Frankfurt am Main zu sehen sein entweder in der Paulskirche oder im Karmeliterkloster(Infos beim Fritz BauerInstitut, Tel. 069-97581 10, Fax069-97581 190) Bis zum 31. Dezember befindet sich die Ausstellung in Gsterreich und zwar in Linz in der Hochschule für Gestaltung. 1997 ist sie zuerst in Karlsruhe(10. Januar bis 20. Febru- ar) im Badischen Kunstverein zu se- hen und danach(24. Februar bis 6. April) in München, Rathausgalerie. Genauere Auskünfte beim Hambur- ger Institut für Sozialforschung, Tel. 04041409712,Faxd 1409711. Die Wehrmachtsausstellung hat in den Stãdten, in denen sie bisher prã- sentiert wurde, zumeist Kontrover- sen ausgelöst. Rechtsradikale haben auch schon einzelne Teile zerstört. Pin heftiger Streit ist in Bremen aus- gebrochen, wo die Ausstellung im Mai 1997 im Rathaus gezeigt werden Qol Pie chW will dies verhindern. weil die Ausstellung angeblich 'wissenschaftlich nicht seriös“ sei. Sie bezwecke nicht unbestreitbare individuelle Greueltaten zu doku- mentieren, sondern wolle pauschal alle Wehrmachtsangehörige als Ver- brecher darstellen; eine solche 'demagogische Inszenierung“? leiste keine objektive Aufklärung, sagte Fraktionsvorsitzender Neumeyer. Der SPD-Abgeordnete Isola hält den Vorwurf der Pauschalisierung für aus der Luft gegriffen. Nach sei- ner Ansicht werde in der Ausstel- lung vielmehr verdeutlicht, wie ne- ben der NSDAP die Institution Wehrmacht als zweite Säule eines verbrecherischen Regimes funktio- niert habe. Begleitend zur Ausstellung ist 1995 unter dem gleichen Titel('Ver- nichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944*) ein von Hannes Heer und Klaus Neumann herausgebener Band in der Hambur- ger Fdition erschienen(SBN 3- 930908-04-2). Laut Verlagsmittei- lung greifen die Beiträge des Bandes die Legende von der'sauberen Wehrmacht' auf. Die Truppe, so hieß es, habe mit Anstand ihre solda- tische Pflicht erfüllt und sei über die organisierten Massenmorde von Himmlers EBinsatzgruppen wenn überhaupt erst nachträglich infor— miert worden. Die Unhaltbarkeit dieser Legende, mit der sich Täter und Mitwisser von großen Verbre- chen frei sprachen, habe die deut- sche Militärgeschichtsschreibung zwar nachgewiesen, aber niemand habe bisher eingestanden,'daß die Wehrmacht an allen(Hervorhebung im Original) Verbrechen des NS- Systems aktiv und als Gesamtorga- nisation beteiligt war?.— 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Komplizenschaft und tragen- de Rolle der Militärs wird an drei Großverbrechen dokumentiert: an der Vernichtung der Juden, am Mas- senmord an den Kriegsgefangenen und am Terror gegen die Zivilbevöl- kerung. Diese Verbrechen, die au- Berhalb des Völkerrechts und jen- seits aller Regeln der Kriegsführung verübt wurden, bestimmten vor al- lem den Charakter des Krieges ge- gen die Sowjetunion“, aber auch'an anderen Fronten(..). Denn dieser Krieg, das ist die These des Bandes, folgte einer eigenen Logik. Die seit Clausewitz immer wieder gestellte Frage nach dem Primat der Politik in der Kriegsführung greift nicht mehr- im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sind politische Ziele und Kriegsziel ununterscheid- bar geworden. Nach 1945 kehrten Tausende Täter und Hunderttausende Mitwisser zu- rück. Sie nahmen ihre Plätze in der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein und verschwiegen wortreich, was geschehen war. Wie gering in den folgenden Jahren das Interesse an Aufklärung und Strafverfolgung war, welche verhüllenden Nebel- schwaden in Ilustrierten und Lite- ratur erzeugt wurden und wie be- reitwillig sich die militärgeschichtli- che Forschung der fünfziger und sechziger Jahre der bequemen Kon- vention anschloß, thematisieren wei- tere Aufsãtze dieses Bandes.* holiꝛei mordete unfungs viermul mehr uls die 56 US-Historiker Breitman zur taz Neue Dokumente erweitern Wissen um Holocaust Washington/Berlin(taz)— Das Wissen über den Holocaust an den Juden in der Sowjetunion wird sich durch die jetzt frei- gegebenen Akten der National Security Agency(NSA) wesentlich erweitern. Zu dieser Einschätzung kommt der renom- mierte amerikanische Historiker und Ho- locaust-Forscher Richard Breitman, auf dessen Initiative hin die Dokumente jetzt zugänglich geworden sind. Im taz-Interview sagte Breitman, die dechiffrierten deutschen Fernschreiben Zeigten, daß„die Rolle der Ordnungspoli- zei bei der Durchführung des Holocaust weit größer war, als bisher bekannt gewe- sen ist“ In der ersten Phase des Holocaust seien„etwa viermal mehr Angehörige der Ordnungspolizei als der SSEinsatzgrup- pen beteiligt gewesen“ Die Ordnungspo- lizei hatte„bis vor kurzem noch ein relativ unschuldiges“ Image. Die Ralität aber sieht ganz anders aus“, erklärte der Histo- riker. Spätestens im Herbst 1941 seien dem britischen Geheimdienst die deutschen— Massenmorde an den sowjetischen Juden im Detail bekannt gewesen. Wann die USA von diesen Informationen Kenntni) erhielten,„geht aus den Unterlagen bis- lang nicht hervor“, so Breitman.„Man darf wohl annehmen, daß diese Informa- tionen wãhrend des Krieges an die USA weitergegeben wurden.“ Daß die Alliier- ten ihr Wissen bis zum Kriegsende für sich behielten, erklärte Breitman damit, daß den Deutschen sonst bekannt geworden wäre, daß ihr Code geknackt sei. Militã- risch hätte man Ende 1941„nicht viel“ ge gen die Morde tun können. Trotzdem hätte bei einer Veröffentlichung„die Re- aktion der Offentlichkeit sicher einiges be⸗ wirken können“ Klh k7az, J4.. 96 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Offener Brief an Bundes- und Landtagsfraktionen Im Mitteilungsblatt 2/06 heschdftigten wir uns mit den immer noch nicht rehabilitierten Deserteuren der Wehrmacht. Kurz vor dem 20. Juli Schickte der Vorstand dem Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer folgenden Appell als Qenen Brief an das Präsidium und die Fraktionen des Deutschen Bundestages Sowie an die Fraktionen der im Hessischen Landtag vertretenen Parteien mit der Bitte um Stellungnahme. DerAppell wurde von Joachim Proescholdt und Hans Hirschmann verfaßt. Appell Zur Rehabilitierung 8 der Opfer der NS-Militärjustiz Am 20. Juli gedenkt die Bundesrepublik der deutschen Wehrmachtsoffi- ziere und ihrer Mitverschwörer, die im Sommer 1944 mit dem mißlungenen Attentat auf Hitler versucht hatten, gegen die deutsche Staatsführung zu putschen. Die meisten Männer und Frauen des 20. Juli' wurden vom Volksgerichtshof und von Kriegsgerichten zum Tode verurteilt. Während die Urteile des Volksgerichtshofes vom Bundestag in einem politischen Sinne pauschal für nichtig erklärt wurden(25.1. 1985), sind die meisten anderen Opfer der NSMilitärjusitz bis heute weder politisch noch rechtlich rehabilitiert. Deserteure der Wehrmacht, Kriegsdienstverweigerer und andere wegen Sogenannter'Wehrkraftzersetzung' verurteilte Männer und Frauen haben sich durch ihr Verhalten in Widerspruch zu wesentlichen Normen des ver- brecherischen Systems gesetzt, das die Vernichtung von'Untermenschen'? zur Staatsdoktrin erhoben hatte. Sie haben damit ihr Leben riskiert und oft genug auch verloren; von rund 350.000 Todesurteilen der Militärgerichte wurden etwa 30.000 vollstreckt. Die Uberlebenden wurden als'Feiglinge“ und*Staatsfeindeꝰ diffamiert und erlitten in der Regel demütigende Haft- oder KZStrafen. ͥ Fin Großteil dieser Menschen sah sich angesichts der Nazi-Verbrechen- wie völkerrechtswidriger Angriffskrieg, Bombadierung und Ausradierung ausländischer Städte, Massenmord durch die Sonderkommandos der 88 (oftmals unter Beihilfe der Wehrmacht), Zwangsumsiedlungen und Ver- schleppungen, Massenerschießungen von Kriegsgefangenen und Völker- mord an Juden, Roma und Sinti- außerstande, an derartigen Unmenschlich- keiten teilzuhaben oder weiterhin als Soldaten dieses Verbrecherregime zu unterstützen. Solange die Wehrmacht nicht Kapituliert hatte, wurde in den deutschen Gefängnissen und den Konzentrationslagern hinter den Frontli- nien weiter systematisch gefoltert und gemordet. Fragwürdige Heroisierung soldatischer Pflichterfüllung, skrupellose Verachtung der ethisch-religiõsen Forderung'Du sollst nicht töten“ und rigorose Unterdrückung Andersdenkender waren fundamentale Herr- Schaftsprinzipien der Nazi-Diktatur. Die Militärjustiz war grundsätzlich ein Terrorinstrument dieses Regimes. Ihre Opfer blieben Opfer auch in 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer unserem demokratisch denkenden Staat- bis heute. Sie sind juristisch gesehen weiterhin vorbestraft, Verbrecher, Gezeichnete- mit all den Nach- teilen, die sie gesellschaftlich, politisch, beruflich hatten und haben. Es ist längst überfällig, das Recht auf passiven Widerstand und Verwei- gerung aus Gewissensgründen im Nachhinein denen zuzugestehen, die den Mut hatten, für sich persönlich NEIN zu sagen und in entscheidender Si- tuation auf Notstandsrecht? und Hitlergefolgschaft' zu verzichten. Es ist ein unerträglicher Zustand, daß die Betroffenen im Einzelfall ihren Wider- Standswillen nachweisen müssen, um rehabilitiert zu werden(wie von Ver- handlungsführern der Regierungsfraktionen nach wie vor gefordert wird). Solch ein Nachweis zu erbringen ist im Regelfall unmöglich. Darum ist diese geltende Rechtsauffassung demütigend und ethisch unverantwortlich. Die BRD ist moralisch verpflichtet, sich für das Recht derer einzusetzen, denen unter dem'Schein des Rechts“ der Nazi-Diktatur Unrecht geschah. Dennoch scheiterten kürzlich zum wiederholten Mal Bemühungen, Deser- teure der Wehrmacht zu rehabilitieren und ihnen das gleiche Recht zukom- men zulassen wie den anerkannten Widerstandskämpfern des NS-Regimes, an der Ablehnung der Bonner Regierungsfraktionen. Dies ist die unrühmli- che Fortsetzung eines nicht enden wollenden Skandals: dem Umgang der Bundesrepublik Deutschland mit Opfern des deutschen Faschismus. Frappierend dagegen, wie die BRD den Mittätern, Mitläufern und braven Dienstgehilfen des NS-Staates Fürsorge gewährt. Selbst Hinterbliebene von Hauptkriegsverbrechern bezogen aus den Renten- und Sozialkassen Versor- gungsbezüge und Entschädigungsgelder: Paß Sich Hinterbliebene von NGrõßen nach dem Krieg Versorgungs- anspriiche und Entschädigungen beschafften, mochte vielen grotesk, ja gerudezu ⁊nisch vorkommen, dochdie Kegularien des bundesversorgungs- gesetzes hatten auch für diese Angehörigen eine hürokrutische Nische. Davon profitierten Schon in den finfeiger Jahren Lina Heydrich, die Witwe des SS Obergruppenfiihrers und Endlòsungs Strategen Keinhard Heydrich, die Tõchter von Hermann Gõring und Heinrich Himmler und die Witwe des Franken-Gauleiters Julius Streicher, die ihren Mann für dessen Friihere Selbständige Tätigkeit als Herausgeber des NHetehlattes Der Srürmer rentennachersichern ließ- undd6. 000 DM herausholte. Dr. Ernst Lautz, Oberreichsanwalt am Volksgerichtshof und verantwortlich für unzdhlige Vodesurteile, erhielt nach dem Krieg zu Seiner Pension eine Nachzahlung von 125.000 DM, dem Staatssekretär in Hitlers Justizministe- rium, Dr. Curt Rothenberger in Nürnberg zu Sieben Jahren Haft verurteilt. wvurden nehen Seiner ansehnlichen Pension von monatlich üher 2000 DM garl90. 726DMnachgezahlt.(HelmutOrtner-DerHinrichter, 7995, S. 26) Auch Militärrichter, die wie Hans Filbinger noch kurz vor Kriegsende an Todesurteilen für Deserteuere mitwirkten, können- abgesehen davon, daß sie hohe Staatsämter in der BRD bekleideten- für diese Dienstzeiten? Versorgungsbezüge geltend machen. Roland Freisler war oberster Richter Nazi-Deutschlands. Der Volksge- richtshof, dem er als Präsident vorstand,'verkörpert die nationalsozialisti- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 sche Terror-Justiz“(So die Formulierung im Großen Brockhaus). 1974 ge- währte das Versorgungsamt München Freislers Witwe zuzüglich zu der Grundrente eine sogenannte Schadensausgleichsrente. Es müsse unterstellt werden, daß Freisler- hätte er den Krieg überlebt- in der Bundesrepublik als Rechtsanwalt oder Bedmter des höheren Dienstes tätig geworden wäre“. Es wurde also nicht nur die Verdienste“ des Blutrichters für den früheren deutschen Staat, sondern ein bis zum Rentenalter künstlich verlängertes Berufsleben eines Nazi-Verbrechers, als rentenrechtlich rele vant anerkannt. Von soviel staatlicher Fürsorge können die Opfer wahrlich nur träumen. Die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer fordert den Deutschen Bundestag auf, alle Urteile der NSMilitär- justiz für nichtig zu erklären und die Opfer zu rehabilitieren. Lünder-Finanzminister Frankfurter Kundschau,. Okt. 1996 „Nazi-Urteile gegen Deserteure aufheben“ BONN, 4. Oktober(dpa). Vom Nazi-Re- gime verurteilte Kriegsdienstverweigerer und Deserteure sollen nach dem Willen der Länder rehabilitiert werden. Die LAn- derfinanzminister forderten den Bund jetzt auf, die Opfer und ihre Hinterbliebe- nen„für die durch die Unrechtsakte erlit- tenen Nachteile“ zu entschädigen. Wie dpa erfuhr, stimmten im Finanz- ausschuß des Bundesrates 14 Länder zu, Wehrmachtsoldaten nach einer Fxekution Foro aus, Vernichtungskrieg“ Hamburger Edition, 1006 die tageszeitung, 19. Okt. 1906 wãhrend die vier unionsregierten Länder Bayern, Thüringen, Baden-Württemberg und Sachsen Nein zu dem Entschlie- Bungsantrag sagten. In der Entschließung wird betont, daß„alle Verurteilungen während der nationalsozialistischen Ge- waltherrschaft wegen der Tatbestände Dersertion/Fahnenflucht, Wehrkraftzer- setzung und Wehrdienstverweigerung von Anfang an Unrecht gewesen sind“ Bundesrat rehabilitiert die NS-Desertevre Bonn(AP)- Der Bundesrat hat gesterm die von der Militãrjustiz de Nationalsozialisten wegen „Desertion“,„Fahnenflucht“, „Wehrkraftzersetzung“ und Wehrdienstverweigerung“ verur- teilten Wehrmachtssoldaten reha- 1 bilitiert und die Bundesregierung Zur Entschädigung der Opfer auf- gefordert. In der mit der SPD- Mehrheit in der Länderkammer verabschiedeten Entschließung heißt es, alle Urteile seien„on Anfang an Unrecht gewesen“. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Rehabilitierung der Wehrmachts-Deserteure läßt weiter auf sich warten Zusammenstellung der Antwortschreiben Hans Hirschmann Der am 18. Juli 1996 unter anderem an das Präsidium des Deutschen Bundestages gerichtete Appell zur Rehabilitierung der Wehrmachtsdeser- teure und anderer Opfer der NSMilitärjustiz(S. 25 ff) wurde an den Rechtsausschuß weitergeleitet, der sich'federführend' mit der angespro- chenen Problematik befaßt, wie das Sekretariat des Ausschusses mitteilt. »Pamit Ihre Position und Ihre Argumente in die Beratungen Eingang fin- den können, habe ich Kopien Ihres Offenen Briefes an den Vorsitzenden, die Obleute und die Berichterstatter(..) weitergeleitet“', wird in dem Antwortschreiben des Sekretariats berichtet. Der Ausschuß werde nach der Sommerpause die Fragen der Rehabilitierung von Opfern der NSMilit tärjustiz erneut behandeln, wurde zudem angekündigt. Wenn dies der Fall war, so sind die Verhandlungen weiterhin folgenlos geblieben, denn geän- dert hat sich bisher nichts. Der Kreis der wenigen überlebenden Opfer wird immer kleiner. Gescheiterte Kompromisse Für die Fraktion von Bündnis 90 /Grüne anwortete deren Bundes- tagsabgeordneter Volker Beck. FEr bekundete grundsätzliche Zustim- mung zu unseren Forderungen und versicherte, daß sich die Grünen weiterhin demgemäß engagieren werden. Als Anlage war das ganze Paket der Anträge und Initiativen beigefügt, mit denen Becks Partei und Fraktion die Rehabilitierung von Opfern der NSMilitärjustiz durchsetzen wollten. Manche schon in den Ausschüssen erreichten Kom- promisse sind letztendlich dann doch am Widerstand der Vertreter der Bonner Regierungsparteien, ins- besondere der CDU und CSU, ge- scheitert. Hohe gesellschaftliche Bedeutung Auf die gescheiterten Verhand- lungen wies auch der parlamentari- sche Geschäftsführer der FDP-Bun- destagsfraktion, Jörg van Essen, hin. Er schreibt: »Zu diesem Thema erhält die Fraktion eine Vielzahl von Zu- schriften, die auf die hohe gesell- schaftliche Bedeutung dieses The- mas hinweisen. Wie Ihnen bekannt ist, hat der Deutsche Bundestag be- reits(..) über entsprechende Anträ- ge der Fraktionen beraten.(..) Es ist bis zum heutigen Zeitpunkt leider nicht gelungen, zu einer Beschluß- fassung des Deutschen Bundestages zu kommen. Weder ein vor der par- lamentarischen Sommerpause im Juni 1995 gefundener Kompromiß aller Fraktionen hat Bestand gehabt. noch konnte der Rechtsausschuß des Deutschen Bundestages in seiner Sitzung vom 8. Mai 1996 die Bera- tungen zu den Gesetzesvorlagen be- enden. Ich darf Ihnen versichern, daß alle Mitglieder der FDP-Bun- destagsfraktion, insbesondere die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 zuständigen Rechtspolitiker, be- müht sind, die teilweise entgegenste- henden Positionen der anderen Fraktionen so anzugleichen, daß eine Rehabilitierung der Opfer der NSMilitärjustiz erreicht wird.? Kriminalisierung lebt weiter Für die PDS anwortete der Abge- ordnete Gerhard Zwerenz. Er versi- cherte: Ihr Vorhaben wurde und wird von der PDS im Bundestag mit allen uns verfügbaren Mitteln ver- treten. Die Hemmnisse nennen Sie beim Namen. In der Kriminalisie- rung der Wehrmachtsdeserteure lebt die NSMilitärjustiz auch heute noch weiter.“ Weitergeleitet Armin Clauss, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Hessischen Land- tag, teilte mit,'daß auch wir der Auffassung sind, daß diejenigen, die aus heutiger Sicht zu Unrecht von der NSMilitärjustiz verurteilt wor- den sind und Haft- oder KZStrafen erleiden mußten, rechtlich rehabli- tiert werden sollten. Insoweit unter- stützen wir das von Ihnen verfolgte Anliegen.“ Weiter wies er darauf hin, unseren Appell'zur weiteren Behandlung“ an den rechtspoliti- schen Arbeitskreis seiner Fraktion weiterge leitet zu haben. Forderung geht ins Leere? Die Antwort der Bundestagsfrak- tion von GCDU/CSU kam von Rai- ner Beckmann, Referent der Ar- beitsgruppe Recht, Petition und Ge- schäftsordnung“. Sein Schreiben macht deutlich, warum es bisher noch nicht zu einer Finigung ge- kommen ist und die CDU/CSU ge- radezu nach Ausreden sucht, um die Problematik zu verschleppen, bis wahrscheinlich keiner der Betroffe- nen mehr unter den Lebenden weilt. Den Formulierungen von Herrn Beckmann nach zu urteilen, hat sich die Problematik der Rehabilitierung schon erledigt, denn alle, die*tat- sächlich aus Gewissensgründen und mit Widerstandswillen gehandelt haben'' seien'für ihr Verhalten als Teil des Widerstandes gegen Hitler anerkannt“. Und im Zweifelsfalle ist Generosität mit Opfern, die dem verbrecherischen Vorgãngerstaat der Bundesrepublik die Staatsräson aufgekündigt hatten, nicht Sache der Mehrheit innerhalb von CDU und CSU. Im folgenden nun ohne weitere Kommentierung der Wortlaut des Schreibens von Rainer Beckmann, Referent der CDU-Arbeitsgruppe: Ich habe den Appell vom 18. Juli 1996 aufmerksam gelesen. Der For- derung'alle Urteile der NSMili- tärjusti? für nichtig zu erklären und die Opfer zu rehabilitieren' kann sich die CDU/CSU-Bundestags- fraktion in dieser Pauschalität leider nicht anschließen. Die Forderung nach Aufhebung'aller' Urteile wür- de bedeuten, daß auch die in erhebli- cher Zahl vorgekommenen freispre- chenden Urteile aufzuheben wären. Dies kann nicht richtig sein. Ihre Forderung'das Recht auf passiven Widerstand und Verweige- rung aus Gewissensgründen' zuzu- gestehen, geht insoweit ins Leere, als all diejenigen, die tatsächlich aus Gewissensgründen und mit Wider- standswillen gehandelt haben, be- reits in unzähligen Erklärungen für ihr Verhalten als Teil des Wider- stands gegen Hitler anerkannt sind. 32 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Wer sich allerdings die Mühe macht, auch nur einen geringen Teil der z. B. im Bundesarchiv vorhandenen Pro- zeßakten der Wehrmachtsgerichte zu lesen, muß feststellen, daß nur bei wenigen der Verfahren wegen Fahnenflucht diese Voraussetzun- gen vorlagen. Dagegen sind fast alle Kriegsdienstverweigerer und auch ein großer Teil der sogenannten Wehrkraftzerset?er zu rehabilitie- ren, da Gewissensgründe hier in ganz anderem Ausmaß als Motivati- on vorlagen. Die in den Medien häufig anzu- treffende Schwarzweißmalerei hat mit den historischen Verhältnissen eben wenig zu tun. Nicht alle Wehr- machtsrichter waren Blutrichter' und nicht alle Wehrmachtsdeserteu- re waren Gewissenstãter. Von daher ist eine differenzierte Sicht der Din- ge geboten. Es gibt Belege, daß sich einerseits Teile der Wehrmachtjustiz ausdrücklich am Widerstand gegen Hitler beteiligten und andererseits Deserteuere zur Vorbereitung oder Durchführung ihrer Tat auch vor schwersten Straftaten, teilweise so- gar Mord, nicht zurückschreckten. Die CDU/CSU-Bundestagsfrak- tion steht nach wie vor in Gesprä- chen sowohl mit ihrem Koalitions- partner als auch der SPD-Fraktion, um eine dem jeweiligen Finzelfall gerecht werdende Lösung zu finden. Ich bitte Sie um Verständnis dafür, daß es für komplizierte historische Sachverhalte keine einfache Lösun- gen gibt.“ Leichenberg nach einer Exekution. Amateurfoto, gefunden in der Nähe von Wyschgorod bei einem Unteroffizier der Wehrmacht. Aus: Vernichtungskrieg. Hamburger Edition, 1996, S. 501.(Wer sich als Wehrmachtsangehöriger diesem Angriffskrieg, bei dem die deutsche Führung systematisch außerhalb des Völkerrechts stehende Verbrechen begann, als Fahnenflüchtiger verweigerte. darf nach Meinung der CDU/CSU nur dann rehabilitiert werden, wenn er dezidiert seinen Widerstandswillen nachweisen kann.) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Unseren Mitgliedern herzliche 6 6 Geburtstagsgrüße Dezember 12.2. Gottfried Bay S Sp 02. 12Maria Reiferscheid — 02. 12 Emil Schmidt—. oltgang Gehrke f 03.1 MDieter Hild 19.2. Friedrich Stichler OW o512Frika Stückrath 19.2. Frank Sygusch O9. 12 Herbert Bohner-Rapp 3 13. 12 Gisela Wagner 2. 1fried Stran? 14 12 Dieter 22.2. Zdzislaw Jankiewicz 15.12 Esther Bejarano 23.2. Hans Boss 18. 12 Rosmarie See 28.2. Brigitte Habig 19. 12 Barbara Mlynarski 28.2. Hilde Leng 22. 12 Egon Schweiger 28.2. Andreas Schreier 23. 12. Alfred Schulz 23. 12. Antje Biesenbach 3 28.12 Anni RoßmannReineck S 2.3. Peter Meier-Röhm 30 2 Sehin O4. 3. Gertrud Amrein 30. 12. Albrecht Werner-Cordt O4.3. Oliver Nedelmann Januar O6.3. Elke Jung O1.1. Susanne Gräser 07 3. Bernhard Krane 02.1 Andrea Höhle O8.3. Marion Beste 03.1. Susanne Hainbach O8.3. Peter Gingold 03.1. Susanne Lutz O83. Franziska Hinz O4. 1. Dr. Hans Gärtner 09.3. Horst Jacke O8. 1. Margarete Schoplick 123. Thomas Fürst O8.1. Gerd Vogt 14.3. Dr. Ullrich Waldschmidt 13. 1. Joachim Bernecke 153. Horst Könnecke 16.1. Kathrin Czerannowski 15 3. BRenate Wanie 17.1. Thomas Rolle 16.3. Armin Clauss 19.1. Froika Kremer 16.3. Boleslaw Stefanski 20. 1. Ingolf Spickschen 20.3. Barbara Fleming 22.1. Patricia Krosch 21.3. Edda Hertel 5 22.1 Michael Wahle 21.3. Dr. Siegmund Kalinski 23.1. Birgitta Werk-Lang 24.3. Brigitte Stark 24. 1. Folker Behrens 24.3. Michael Wagner 26.1. Cornelia Teller 25.3. Hortense Habermann Feb ebruar 25.3. Claudia Wiederholt O2.2. Astrid Sauer 26.3. Annemarie Diefenbach O6.2. Johanna Oberhauser 28.3. Daniel Hoffmann 09.2. Michael Wies 29.3. Ralf Neubert 10.2. Gila Gertz 11.2. Etty Gingold Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. asctwrfz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto- Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt/ Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf S Hãäftling im KZ Auschwitz vom bis Hãäftl.-Nr. S Häftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. S Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings [Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen U HELFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS —— 9 AFT AUSCHWITZ c OER AUSCHWAZER 00 7— 3½ 0 — S S — 1. S W Mitteilungsblatt, Dezember 1996