LAGERGEMEINSCHAFET AUSCHWITA AUSCEHMWTE EREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER 4 . Als das NS-Regime, das die Vernichtung von'Untermenschen'“ zur Staats- doktrin erhoben hatte, europaweit einen Angriffskrieg vom Zaun brach, war die Deutsche Wehrmacht willfährig zur Stelle. Wer sich dieser Armee, die auch an anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war, durch Desertion entziehen wollte, gilt auch im heutigen deutschen Staat als vorbestraft, als Verbrecher. 16. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt, Juli 1996 Inhaltsverzeichnis Seite Unser monatlicher Treffpunkt 1 Auf der Suche nach der Erinnerung jüdischen Lebens 2 Vortrag von Monica Kingreen am 4. September Eine Kulturgeschichte der Katastrophe 6 Wolfgang Tiessen liest aus den Tagebüchern Victor Klemperers Den Zielen der Lagergemeinschaft verpflichtet 4 Joachim Proescholdt, neuer Vorsitzender der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, stellt sich vor Studienfahrten zu Gedenkstätten 6 Gedenkstättenpädagogik-Ein Zwischenbericht 7 Klaus Konrad-Tromsdorf rezensiert eine Neuerscheinung Hermann Reineck-Mahner von Auschwitz 14 Gedanken zu einem Bild des Malers Stan Zak Kaminski Wehrmachts-Deserteure immer noch nicht rehabilitiert 18 NS-Richter und SS-Veteranen beziehen Renten, Opfer wird Entschädigung vorenthalten Die Seele der Opfer kennt keine Verjährung 25 Erinnerung an Lieselotte Thumser-Weil Nachrufe 26 Auschwitz-Häftling zu Gast im Erzählcafe 29 Studienkreis Deutscher Widerstand arbeitet weiter, 31 trotz Kürzung der Zuschüsse IMPRESSUM: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Redaktion: Hans Hirschmann Mitarbeiter: Joachim Proescholdt, Klaus Konrad-Tromsdorf, Anni Rossmann-Reineck, Ariana Enders, Hajo Günther Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 õffentliche Mitgliedertreffen in Frankfurt/ M. Die Mitgliedertreffen der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer finden in der Regel jeden ersten Mittwoch im Monat in Frankfurt am Main um 19.30 Uhr oder-um 19 Uhr statt. Als Treffpunkt stehen uns in der Wolfsgangstraße 109(Nähe Grüneburgplatz und Bremerplatz) Räume der Bvangelischen St. Katharinengemeinde zur Verfügung. Gäste sind immer willkommen, die Treffen sind öffentlich. Für Autofahrer: Die Wolfsgangstraße ist eine Einbahnstraße und das Gebäude Nr. 109 liegt im Abschnitt zwischen Reuterweg und Leerbachstraße. Fast direkt vor dem Haus ist übrigens auch ne Bushaltestelle. Die nächsten Haltestellen der U-Bahn sind die Stationen Gruneburgweg⸗ oder Holzhausenstraße“. Mittwoch, 3. Juli, um 19.30 Uhr Mittwoch, 6. November, 19 Uhr Wurzeln des Antisemitismus“ Ich will Zeugnis ablegen bis ¶ Vortrag von Joachim Proescholdt zum letzten“ Wolfgang Tiessen liest aus den Mittwoch, 7. August, Tagebüchern von Victor Klem- Sommerferien, kein Treffen perer 19331945(1. Teil einer zweiteiligen Lesung, siehe 8. 3) Mittwoch, 4. September, 19.30 Uhr Auf der Suche nach der Erinne- Mittwoch, 4. Dezember, 19 Uhr rung jüdischen Lebens-Schwie- Ich will Zeugnis ablegen bis rigkeiten und Möglichkeiten der zum letzten' Frinnerungsarbeit vor Ort? Wolfgang Tiessen liest aus den Vortrag von Monica Kingreen Tagebüchern von Victor Klem- (Siehe Seite 2) perer(Z. Teil) Mittwoch, 2. Oktober, 19. 30 Uhr Mittwoch, 1. Januar 1997 Thema steht noch nicht fest Winterpause(kein Treffen) 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Vortrag von Monica Kingreen beim Monatstreffen im September Auf der Suche nach der Erinnerung jüdi- schen Lebens Schwierigkeiten und Möglichkeiten Uber Schwierigkeiten und Möglichkeiten von Brinnerungsarbeit vor Ort wird Monica Kingreen am 4. September beim Monatstreffen der Lagergemein- Schaft Auschwitz- Freundeskreis mit ihrem Vortrag'Auf der Suche nach der Brinnerung jüdischen Lebens'“ berichten(iehe Seite 1). 1984 meldete sich aufgrund einer Suchanzeige in jüdischen Zeitungen Wilhelm Katz aus Israel brieflich bei Monica Kingreen. Er ist in Ostheim geboren, einem Ortsteil der heutigen Stadt Nidderau, rund 20 Kilometer nordõstlich von Frankfurt am Main gelegen. Monica Kingreen war kurz zuvor mit ihrer Familie nach Windek- ken, einem Nachbarort Ostheims, in ein Haus direkt neben der 1938 nieder- gebrannten Synagoge gezogen. Da- mals erinnerte keine Gedenktafel an die ehemaligen Windecker und Ost- heimer Juden, wies keine Ortschronik und keine Vereinsschrift auf ihren Anteil am Dorfleben hin. Monica Kingreen begann nachzu- forschen und stieß mit ihren Fragen bei den alteingesessenen Bürgern und auch bei der Stadt auf nicht geringes Mißtrauen und Unverständnis. Das Thema galt als heikel. Daß die Veröf- fentlichung ihres Buches Jüdisches Landleben in Windecken, Heldenber- gen und Ostheim“(vergl. Mitteilungs- blatt vom Dez. 1994) erst elf Jahre nach Beginn der ersten Nachfor- schungen erscheinen konnte, lag nicht zuletzt an diesen Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert wurde. Unbeirrt sichtete Monica Kingreen jedoch Archivmaterial, recherchierte Adressen von überlebenden Juden der drei Gemeinden und reiste nach Israel und in die USA, um mit ihnen und ih- ren Angehörigen Interviews zu fü ren. Auf ihre Anregung und mit d Unterstützung einiger Gleichgesinn- ter gelang es schließlich, den Nidde- rauer Magistrat zu überzeugen, die chemaligen Windecker, Heldenberger und Ostheimer Juden zu einem Be- such in die Stadt einzuladen. Wie die- se Woche der Begegnung“, die 1988 stattfand, dazu beitrug, daß auch in Nidderau der Widerwillen und das Mißtrauen zurückging, sich mit die- sen Kapiteln der Vergangenheit zu beschäftigen, wird Teil ihres Vortra- ges sein. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Wofgang Tiessen liest aus den Tagebüchern Victor Klemperers Fine Kulturgeschichte der Katastrophe Wolfgang Tiessen, Verleger aus Neu-Isenburg, wird am 6. November und æm 4. Dezember beim Monatstreffen der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freun- deskreis der Auschwitzer Passagen aus den Tagebüchern von Victor Klempe- rer lesen(Siehe S. 1). Die 1995 unter dem Titel'Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten? erschienen Tagebücher(Aufbau-Verlag) umfassen die Jahre 1933— 45. Bereits 1933 registriert Klemperer deutlich, wie sich Staat und Gesellschaft 0 nazistischen Zeitgeist auslieferten. Eintrag vom 21. Feb. 1933:*Seit erwa Urei Wochen die Depression des reaktiondren Regimentes. Ich Schreibe hier nicht Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung, Stärker, als ich mir zugetraut härte, Sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken. Es ist eine Schmach, die jeden Tag Schlimmer wird. Und alles ist vtill und duckt vich(...) Am meisten herührt, wie man den Ereignissen so ganz hlind gegenübersteht, wie niemand eine Ahnung von der wahren Machterteilung hat.* Der 1881 als Sohn eines Reformrab- biners geborene Victor Klemperer war Professor für Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden. Er dozierte deutschnational und antizio- nistisch, hatte sich taufen lassen und am Ersten Weltkrieg als Freiwilliger teilgenommen, er war'ein fast typi- scher Assimilant“(Wolf Scheller in der Allg. Jüdischen Wochenzeitung). Die Tagebücher dokumentieren, wie die Fxistenz der Juden ghettoi- siert wird, wie sie ausgegrenzt wer- en, sich Nachbarn und Freunde ab- wenden, wie die Bedrohung und das Klima der Angst ständig wächst, wie ihnen Zug um Zug alles genommen wird, was bisher zu ihrer öffentlichen wie auch privaten Identität gezählt hatte. Die wirtschaftliche Not, die Furcht vor dem KZ, das Verschwin- den der jüdischen Nachbarn, die un- verhohlene Gier nach dem jüdischen Bigentum- was sich da in Dresden ab- Spielt, hat seine Entsprechung in ganz Deutschland“, skizziert Wolf Scheller die Situation in einer Besprechung der Tagebücher Klemperers, der sich einmal als'Kulturgeschichtsschrei- ber der Katastrophe? bezeichnete. Ich notiere nur das Gräßlichste, nur Bruchstücke des Wahnsinns, in den wir immmerfort eingetaucht sind“ schrieb er und notierte am 31. Mãärz 1933: Am Dienstag im Universum-Kino in der Prager Straße. Neben mir ein Reichswehrsoldat, ein Knabhe noch, und vein wenig Sympathisches Mdd- chen. Es war am Abend voy der Boy- Kottankiindigung. Gesprdch, als eine Alshergretlame lief Er. Figentlich vollte man nicht heim Juden Kaufen.“ Sie. Es ist aber vo furchthar billig. Er. Mann ist es schlecht und hält nicht. Sie, überlegend, ganz Sachlich, ohne alles Pathos. Nein, wirklich, es ist genau vo gut und haltbar, winklich ganz genauso wie in christlichen Ge- Schäften und S0 viel billiger.“ Er- Schweigt.- Als Hitler, Hindenburg erc. erschienen, Llatschte er begeis- tert. Nachher beidem gdnzlich ameri- kanisch jazzhandischen, Stellenweise deutlich jüdelnden Film Klatscht er noch hegeisterter.“ 4 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Den Zielen der Lagergemeinschaft verpflichtet Joachim Proescholdt, neuer Vorsit?ender der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, stellt sich vor In der letzten Ausgabe des Mittei- lungsblattes gedachte die Lagerge meinschaft Auschwitz- Freundes- kreis der Auschwitzer des Todes von Hermann Reineck. Er war der Grün- der und langjährige Präsident des Vereins gewesen. Die Lagergemein- schaft hat mit ihm einen hervorra- gende Persönlichkeit, einen beein- druckenden Zeitzeugen und wichti- gen Vordenker verloren. Auf der Tagesordnung der ordentli- chen Mitgliederversammlung am Samstag, dem 11. Mai 1996, stand die Wahl des Nachfolgers von Hermann Reineck als Vereinsvorsitzender an. Die Tatsache, daß kein ehemaliger Auschwitzer für dieses Amt zur Ver- fügung stand, ließ die Wahl auf mich fallen. Seit Ende der siebziger Jahre mit Hermann und Anni Reineck be- freundet und den Zielen der Lagerge- meinschaft verpflichtet, habe ich mich bereit erklärt, für das kommen- de Jahr dieses Amt zu übernehmen. Ich halte es für notwendig, daß wir in unserer Arbeit solch ein Interregnum einlegen, um eine Neuorientierung zu gewinnen. Die Zahl der Zeitzeugen von Auschwitz wird kleiner und je länger je mehr wird der'Freundes- kreis der Auschwitzer' das geistige Erbe der Lagergemeinschaft über- nehmen müssen. Das heißt, wir, die wir Auschwitz nicht erlebt haben, können nur die Erfahrungesberichte der Zeitzeugen weitersagen, können- ja müssen!- die Verpflichtung auf uns nehmen, Botschafter und Bot- schafterinnen der Menschlichkeit und Verstãndigung zu sein. In diesem Zusammenhang möchte ich uns allen vor Augen führen, welch wichtige Ziele sich die Lagergemein-* Schaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer zur Aufgabe gestellt hat: PBrhaltung der Lagergemeinschaft über alle menschlichen und kulturel- len Unterschiede hinweg, Hilfsaktionen für Auschwitz-Häftlinge Kampf gegen Nazismus und Neo- nazismus, Antisemitismus und Ras- senhaß, Diskriminerung von Sinti und Roma und anderen Minderheiten, Wahrung des Vermächtnisses der Opfer von Auschwitz Durchführung von Gedenk- und Studienfahrten nach Auschwitz und anderen Gedenkstätten, nationale und internationale Zu- sammenarbeit mit allen Organisatio- nen, die sich die gleichen Ziele zu ih ren Grundsãtzen erklärt haben. ehemalige Dieses Erbe ist groß. Dazu benöti- gen wir viele, die mitzuarbeiten bereit sind. So betrachte ich es als vordrin- glichste Aufgabe, Sie lieber Mitglie- der, zu bitten: Denken Sie mit, raten Sie mit, arbeiten Sie mit. Nur wo wir gemeinsam die Aufgaben angehen, werden wir unserer Verpflichtung ge- recht. Dabei geht es nicht um ihrgen- deinen Vereins-Egoismus. Die Ent- wicklung in unserem Land mit Sozial- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 abbau, länderausgrenzung Asylrechteingrenzung, Aus- verdeutlichen, wie notwendig es ist, daß jeder Ein- zelne Zivilcourage entwickelt und für Minderheiten einsteht. Lassen Sie uns dies aus der Vergangenheit lernen, daß Auschwit? und vieles andere so nicht möglich gewesen wäre, wenn nicht so viele geschwiegen und weg- Joachim Proescholdt, der neue Vorsitzende der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, ist 1927 geboren. Nach der Schulzeit, dem Kriegsdienst und der Kriegsgefangenschaft Studierte er evangelische Theologie, war Gemeinde- ten. pfarrer in Rheinhessen und in Frankfurt am Main. Die Entscheidung Theologie zu studieren, war für ihn die Konsequenz aus vielen Gesprächen im Ge- fangenenlager, wobei die Frage vordringlich wart geschaut hätten. Lassen Sie uns Grenzgänger der Menschlichkeit sein. Wir brauchen Sie heute wie damals. In diesem Sinne grüße ich Sie herz- lich Ihr n ch Joachim Proescholdt Wie werden wir nach dem Krieg mit den Menschen der verfein- deten Völker wieder zu- sammenleben können? Die biblische Friedens- botschaft von der Liebe und der Versöhnung war für Joachim Proe- scholdt in seinen fast vierzig Dienstjahren unaufgebbarer Inhalt See beit 6 2 Jahre war er Berater und Beistand für Kriegsdienstverweige- rer und hat 1983 ge- meinsam mit Hermann und Anni Reineck die erste Studienreise nach Auschwit? unternom- men. Es folgten weitere Fahrten, die zu Gedenk- stätten in Auschwitz, Krakau, Warschau, Lodz, Treblinka, Brom- berg und Stutthof führ- Joachim Proe- scholdt, seit 1992 pensio- niert, lebt heute in Die- tzenbach bei Frankfurt am Main. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Frühjahr 1997— Fahrt nach Polen, u. a. Auschwitz und Treblinka Studienfahrten zu Mahn- und Gedenkstätten Auschwitz, Krakow, Lodz, Warschau und Treblinka werden Statio- nen einer Studienreise sein, die vom 24. März(Ostermontag) bis 13. April 1997 nach Polen führt. Ab sofort können Sie bei der Lagerge- meinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer unverbindlich ihr Interesse anmelden, wir schreiben Sie an, wenn das genaue Pro- gramm und der Preis feststeht. Wer noch dieses Jahr eine Studi- enreise zu Gedenkstätten mitma- chen möchte, verweisen wir an Im- puls- Verein für Bildung und Kul- ter' in 60326 Frankfurt/M., Sindlin- ger Str. 12, Tel. 060 736541. Vom27. bis 29. Sept. führt eine Studienfahrt zum ehemaligen Frauenkonzentra- tionslager Ravensbrück Anmelde- Schluß: 15. August. Preis: 200 Mark. Die Anmeldfrist für die Studien- fahrt von Impuls zur Mahn- und Ge- denkstätte Auschwitz/Birkenau vom 19. bis 26. Oktober ist bereits Anfang Juli abgelaufen. Unter Um- ständen sind noch einige Plãtze frei, durch umgehende Anfrage wäre dies zu klären. Heimatgeschichtſicher Wegweiser zu Stãtten des Widerstandes und der Verfolgung 1933— 1945 Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt 2. völlig überarbeitete Auflage 375 Seiten, 39 DM — Orte der Zwangsarbeit — Gräber der Kriegsgefangenen, der Zwangsarbeiter und arbeiterinnen sowie ihrer Kinder — KZAußenkommandos — Orte des Widerstandes in den industri- ellen Zentren und auf dem flachen Land — BGruppen und Personen des Widerstan- des aus der Arbeiterbewegung, den Kir- chen, dem Bürgertum und dem Militãr — Stätten des Naziterrors wie Gefängnis- se, Zuchthäuser,„Arbeitserziehungs- lager“, Hinrichtungsstätten — Stationen der Verfolgung der Juden so- wie der Sinti und Roma — Stätten der Zwangssterilisierung und „Euthanasie“ Mit einem Vorwort von Dr. Konrad Schacht, Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, und Renate Knigge- Tesche, Leiterin des Referats Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Das Buch kann bezogen werden beim Studienkreis Deutscher Widerstand, Rossertstraße 9, 60323 Frankfurt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Einfühlung und Empathie haben an Auschwitz ihre Grenzen Das Wissen um den Unterschied rritation'? als bestimmendes Moment Gedenkstãttenpãdagogik- ein Zwischenbericht von Klaus Konrad-Tromsdorf Ein 1095 von mehreren Herausgeberinnen und Herausgebern betreuter, bei G und Budrich erschienener Sammelband stellt sich der notwendigen ufgabe, den Arbeitsbereich Gedenkstättenpãdagogik in seinem derzeitigen Stand zu beschreiben(Ehmann/Kaiser/Lutz u. a.(Hrsg.): Praxis der Gedenk- stättenpãdagogik, Opladen 1995). Zunächst ist zu unterstreichen, daß dieses Buch eine Lücke füllt, eine Lücke, die dadurch entstanden ist, daß der Bereich Gedenkstättenpãda- gogik aus verschiedenen Gründen erst sehr spät Gegenstand allgemeine- ren(Fach)Interesses geworden ist und die entsprechende Diskussion bislang im Rahmen einer sehr engen Fachöf- fentlichkeit geführt wurde. Bislang Publiziertes verblieb in der'Halb- öffentlichkeit' kleinerer Fachperiodi- ka, obwohl es weitere Verbreitung verdient hätte. Den Herausgebern und Herausgeberinnen kommt- eben- so wie den Schreibenden- der Ver- Gienst zu, mit ihrer Arbeit einen ent- scheidenden Schritt hin?u einer breiteren' Offentlichkeit getan zu haben. Insofern führt der Titel des Buches ein wenig in die Irre, legt er doch nahe, daß im Mittelpunkt der Untersuchungen und PDarstellungen lediglich die'Praxis' der Gedenkstät- tenpãdagogik stehe, nicht aber deren theoretisches Finordnen in einen fachdidaktischen Zusammenhang. Nun unterscheidet sich aber'Praxis' von Chaos' dadurch, daß diese theo- riegeleitet ist, jenes aber nicht. Und in der Tat ist es durchaus Anliegen des Buches, eine theoretische Grundle- gung des Arbeitsbereiches Gedenk- Stãttenpãdagogik zu versuchen. Bereits das programmatisch zu ver- stehende Vorwort reklamiert diesen Bereich als einen, der der historisch- politischen Bildung zuzuordnen sei: Eine Aussage, die man sich in der Vergangenheit in dieser Deutlichkeit von Didaktikern der Politischen Bil- dung zu hören gewünscht hätte. Des- weiteren wird das Klientel von Ge- denkstãttenpãdagogik ebenfalls be- nannt: Es sind die Bereiche der schuli- schen und außerschulischen Jugend- bildung. Damit sind fachdidaktische Inwertsetzungen ebenso präformu- liert wie methodische, wobei die sich hieraus ergebenden Fragestellungen von den Autorinnen und Autoren aufgrund gesammelter Praxiserfah- rungen reflektiert werden. Daß es hierbei keine allgemeingültigen Ant- worten gibt- wohl auch nicht geben kann—ist nur zu einem geringen Teil der notwendigen Allgemeingültigkeit fachdidaktischer Theoriebildung zu- zuschreiben, sondern vor allem dem Thema selber: Wohl aber ensteht ein Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Tableau unterschiedlicher Problem- felder, das von den Schreibenden er- freulich offen dargelegt wird: Dog- matisches Festschreiben von Positio- nen wird weitgehend vermieden (dazu aber Spãter mehr). In drei unterschiedlich langen Ka- piteln gehen die Autoren und Auto- rinnen das Thema an. In einem ersten Kapitel(Bedingungen, Probleme, Ziele') versuchen einige Beiträge, den Bereich der Gedenkstättenarbeit hin- sichtlich Genese und Selbstverständ- nis einzuordnen. Das umfangreichste Kapitel umfaßt die sogenannten Erfahrungsberichte', in denen aus verschiedenen Perspektiven(Z. B. der- jenigen des hauptamtlichen Mitarbei- ters in einer Gedenkstätte, derjenigen der Lehrerin, derjenigen der Jugend- bildungsreferentin, derjenigen einer Teilnehmerin) über konkrete Projekt- arbeit mit verschiedenen Zielgruppen geschrieben wird; eine lohnenswerte Lektüre für all diejenigen, die sich Gedenkstättenarbeit auf unterschied- lichen Erfahrungsebenen annähern möchten. Ein drittes Kapitel(Zur Diskussion') versucht die Grenzen von Gedenkstättenpädagogik auszu- loten. Abschließend ergänzt wird das Buch durch einen Anhang, der neben einem ausführlichen bibliographi- schen Apparat eine Ubersicht über Gedenkstätten für die Opfer des NS- Regimes' nebst Adressen, Telefon- nummern und Ansprechpartnerlnnen aufweist. Meine Ausführungen beziehen sich überwiegend auf Beiträge des ersten Kapitels, die die oben angesproche- nen Problemfelder skizzieren. Der Beitrag von Rathenow/Weber (beide Didaktiker an der TU Berlin) versucht, Gedenkstättenpãdagogik im Zusammenhang schulischer Bil- dungsprozesse zu beschreiben. Dieses Beschreiben ist sachbezogen und kon- kret, ich würde es als direkt umsetz- bare Handlungsanweisung für die Planung von Unterricht bezeichnen (Z.B. der Fragenkatalog für Lehrer, S. 24). Deutlich wird auch, daß von ei- nem Gedenkstättenbesuch quasi'en passant' dringend abgeraten wird. Längere Aufenthalte, die ausführlich vor- und nachbereitet werden müssen, sind dem vorzuziehen. Als Frage bleibt für mich unbeantwortet, inwie- weit das Prinzip der freiwilligen Teil- nahme, wie man es aus dem außer- schulischen Jugendbildungsbereich kennt, hier nicht auch für die schuli- sche Arbeit gelten sollte. Thomas Lutz(Mitarbeiter bei der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin) begründet auf der Grundlage der unterschiedlichen Geschichte von Gedenkstättenarbeit in der BRD und der DDR die noch immer bestehende Notwendigkeit der Auseinanderset- zung mit der NS-Geschichte. Beson- deren Raum nehmen seine Anmer- kungen zum Problem der Gedenk- stätte als'authentischem' Ort ein. Mit Recht verweist er darauf, daß die oft- mals von den Besuchern und Besu- cherinnen erwartete/möglicherweise Sogar erhoffte Authentizität' de fac to nicht bestehen kann, jedenfalls dann nicht, wenn mit dieser Erwar- tung der Wunsch nach einem sinnlichen Erfahren' des Ortes ver- bunden wird. Der'authentische Ort' ist vielmehr gewollte oder ungewollte Ins?zenierung, gewinnt in seiner heuti- gen Form also eher den Charakter ei- nes Artefaktes. Somit wird deutlich: Diese Orte sprechen nicht für sich selbst, sondern müssen in zutreffen- der Weise erklärt und interpretiert werden.“(Lutz, S. 44). Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 9 Auf einen weiteren Faktor, den der veränderten Sehgewohnheiten' in sei- ner Auswirkung auf die Erwartungen der Besucherinnen und Besucher, weist Lutz hin; hier hätte ich mir eine tiefergehende Brörterung gewünscht. Zwar ist es richtig, daß die'Seh- gewohnheiten' der Fernsehgenera- tion' die Erwartung konstituieren, die Gedenkstätte, oder besser: das KZ, als Filmkulisse erleben zu können. Auch ichtig dürfte die Bemerkung sein, der täglich virtuell erlebbare und er- lebte Massenmord auf dem Bild- schirm mache eine Sensibilisierung vor Ort nicht möglich. Doch denke ich, daß hier weiterer Diskussionsbe- darf besteht. Es ist durchaus möglich, bereits in der Vorbereitung eines Ge- denkstättenseminars den Kontrast zwischen'Dem, was heute ist' und Dem, was damals war' aufzugreifen und zu betonen. Damit könnte er- reicht werden, daß die von Lutz kon- Statierte Enttäuschung' abgelöst wird durch jene Irritation, die dann ent- Steht, wenn Wissen über die Vergan- genheit auf erlebte Gegenwart stößt. Diese'Irritation' wird zum bestim- menden Moment einer aktiven Aus- einandersetzung und vermag Passivi- tät und Enttäuschung zu vermeiden, wenn sie bewußt angestrebt wird. Schließlich sollten wir eines nicht übersehen: Für Jugendliche ist- ihre Sehgewohnheiten bedacht- das'Sich- Vorstellen-Kõnnen' abhängig davon, ob sie über Bilder' verfügen, die ih- nen dies ermöglichen. Die Gedenk- stätte liefert ihnen diese Bilder' nicht, entspricht nicht der den Ju- gendlichen vertrauten Ikonographie. Erst wenn es gelingt, das Wissen, das Jugendliche in die Gedenkstätte mit- bringen, oder dort erwerben, auf den Ort zu übertragen, wird ein'Sich- Vorstellen-Kõnnen' möglich. Im übri- gen scheint sich hinter diesem Begriff wie ich denke- das Bedürfnis nach Verstehen-Wollen' zu verbergen. PFinen weiteren Aufsatz des ersten Kapitels halte ich für bemerkenswert, weist er doch durch das Beschreiben eines sprachlichen Defizites auf ei- nen 2entralen Aspekt von Gedenkstättenpãda- gogik hin. Annegret Eh- mann(Mitarbeiterin der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin) analysiert mit Akribie,'daß und wie Begriffe und Metaphern, die wir wählen, etwas über unser Verhältnis zur Geschichte aussa- gen“(Fhmann, S. 75 ff). Ohne auf Binzelheiten eingehen zu wollen- In- teressierten sei gerade dieser Aufsatz empfoh- len—, muß festgehalten werden: In der deutschen 10 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Sprache gibt es- vom Nazi-Begriff der Endlösung'einmal abgesehen keinen Begriff, der den von Deut- schen ausgeübten Massenmord an den europãischen Juden unterschiedlicher Nationalität beschreibt. Holocaust'- schon semantisch fragwürdig— und Shoa' sind Fremdworte, deren Ver- wendung problematisch ist und bleibt. Indirekt thematisiert die Ver- fasserin hier den Themenkomplex, der sich- meiner Meinung nach als bestimmend für eine Konzeption von Gedenkstättenpãdagogik erwiesen hat: Das Spannungsfeld zwischen emotionaler Betroffenheit und ratio- naler Erklärung drückt sich in der Ambivalenz scheinbar widerstreiten- der Forderungen aus. Soll das Ziel von Gedenkstãttenpãdagogik identi- fikatorisches Verhalten mit den Op- fern sein, oder aber das Verstehen der Tat, das Sich-Identifizieren mit der Tätergesellschaft? Elie Wiesel hat diese Ambivalenz in einer Rede vor deutschen Jugendlichen sinngemäß s0 formuliert:'Wir versuchen, uns an die Toten zu erinnern- Sie müssen sich an die erinnern, die sie getötet haben. ..(Flie Wiesel. Rede im Berliner Reichstag 1987). Der derzeitige Dis- kussionsstand zeigt, daß hier die größten Unsicherheiten bestehen, daß der(fach)õffentliche Diskurs hier sei- ne größten Defizite aufweist, Defizi- te, die sich zum einen im Definieren, des anzustrebenden Zieles, zum andeW ren in den hier anzuwendenden Me- thoden ausdrücken. Detlev Claussen und Wolfgang Sofsky(Claussen: Grenzen der Auf- Klärung, Frankfurt/Main 1987; Sofs- O ö Frankfurt/ Main 1993) haben in der Vergangenheit unmißverständlich darauf aufmerksam gemacht, daß ein Brinnern ebenso das Sich-Annähern an die gesellschaftlichen Grundlagen der Täterperspektive bedarf wie der Finfühlung in die Situation der Op- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 fer. Claussen und Sofsky haben gleichzeitig aber auch die Grenze hin zur Identifikation beschrieben: Es gibt erkennbar besondere ge- sellschaftliche Bedingungen, die Au- schwitz ermöglichten- und diese Be- dingungen existieren über Auschwitz hinaus fort. In diesen Bedingungen lebt Vergangenheit als Gegenwart weiter, und die gegenwärtig Lebenden werden durch diese Bedingungen ge- GOae(Claussen, S. 10) Und weiter: »Ein Bedürfnis, das Vergangene im Gegenwärtigen zu erkennen, kann nämlich einzig durch Erfahrung der Gegenwart erlebt werden.“(Claussen, ebenda). Und endlich:'um zu wissen, was Auschwit? war,.. bedarf es eines geschichtlichen Bewußtseins- doch ein solches Bewußtsein kann nur Re- sultat einer intellektuellen und emo- tionalen Anstrengung sein. Unter emotionaler Anstrengung sollte nicht identifikatorisches Verhalten mit Tä- tern oder Opfern verstanden werden. Binfühlung und Emphatie haben notwendig an Auschwitz ihre Gren- zen, und das Bewußtsein der Nachge- borenen schärft sich nur im Wissen um den Unterschied, nicht im identi- fikatorischen Gleichheitsgefühl, das 6 Täter und Nachkommen ne- beneinanderstellt.“(Claussen, S. 11). Wolfgang Sofsky macht deutlich, daß bereits das vorgebliche»Nicht- Verstehen-Können' von Auschwit?z nichts anderes bedeutet, als ein Nicht-Verstehen-Wollen': Alles, was Menschen tun und erleiden, ist im Prinzip verstehbar... Da die Lager ein Ergebnis menschlichen Handelns waren, sind sie einem rationalen Ver- ständnis prinzipiell zugänglich.“ (Sofsky, S. 18). Gedenkstãttenpãdagogit bewegt sich also in einem Spannungsfeld, das durch Finfühlung und Empathie mit den Opfern im Sinne von Trauerar- beit und ein Sich-Annähern an die Motive der Täter und deren gesell- schaftliche Grundlagen über rationa- les Verstehen geprägt ist, ohne dabei identifikatorische Verhaltensmuster hervorzurufen. Finer der Herausge- ber von Praxis der Gedenkstättenpã- dagogik“ hat in einer anderen Veröf— fentlichung diesen Zusammenhang in Anlehnung an eine Bemerkung des Hamburger Geschichtsdidaktikers Bodo von Borries so zusammengefaßt: Das Hineinversetzen in die Opfer ist schmerzlich und belastend. Und doch scheint es vergleichsweise bequem. Vor allem mogelt es den Betrachter- wenigstens teilweise- auf die Seite der Opfer hinüber, stellt ihn auf die moralisch unschuldige, überlegene Seite und nimmt ihm durch Mitleid einen Teil von Scham und Verantwor- tung ab... Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist also nur dann glaubwürdig, wenn es sich neben den Empfindungen(für die Opfer, K. T.) zugleich mit den Strukturen und der Denklogik der Täter auseinander- Setzt.“(Thomas Lutz: Historische Or- te sichtbar machen. Gedenkstätten für NS-Opfer in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 1 2/05,§. 24) Erkennbar wird hier ein methodi- sches Problem: Empfindungen für die Opfer stellen sich- Zumal in Gedenk- stätten- dann ein, wenn über Schilde- rungen des Lageralltages, der Situati- on in den Blocks, den Arbeitskom- mandos usf. die Lebenswirklichkeit der Häftlinge spürbar wird, biogra- phische Berichte, Zeitzeugengesprä- che u.ä. unterstützen dies. Wie aber nähert sich Gedenkstättenpãdagogik 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer den'Strukturen und der Denklogik' der Täter? Und schließlich: Wen ge- nau umfaßt der Begriff Täter'? Wer ist durch welche Handlungen 'schuldig' geworden? Mir scheint, daß hierin die methodische Herausforde- rung liegt: Aus historischen Quellen mag sich die Denklogik' der Täter durchaus rekonstruieren lassen. Aber Täter- schaft und Schuld sind Kategorien, die Jugendliche bei ihrer Auseinan- dersetzung mit diesem Thema zu- nächst für sich selber klären müssen das ist das, was Claussen als historisches Bewußtsein', das das »Wissen um den Unterschied' bedarf, bezeichnet. Ich denke, daß hierzu ein individuelles Erinnern' notwendig ist, eines, das auf der Grundlage der eigenen Familiengeschichte erfolgt, insoweit die eigene Zugehörigkeit zur Tätergesellschaft' akzeptiert und den tatsächlichen Anteil der eigenen Familie an Täterschaft und Schuld zu erforschen und zu bewerten sucht. In einem Artikel in der Berliner taz hat Peter Ambros unlängst einen satirisch gewendeten Beitrag?zum Thema Frinnern' abgeliefert, der mir in sei- ner Grundaussage mehr als nur nach- denkenswert erscheint(Peter Ambros: Finmal Diktator von sein, taz, Januar 1995). Ambros be- schreibt den Zustand des'Sich-Nicht- Erinnern-Wollens', den er wohl für die Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung für symptomatisch hält, als eine Ubernahme von Schuld aus Unwissenheit. Seine These lautet: Die- jenigen, die sich nicht erinnern, füh- len sich stellvertretend schuldig, ob- Deutschlandeh Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 wohl sie als Personen natürlich nicht schuldig sind— es auch nicht sein kön- nen. Somit- scheinbar paradox— ist das Nicht-Erinnern-Wollen' Resultat eines Nicht-Wissens' und- konstitu- iert'Schuld'. Ambros formuliert hier- zu eine Frage: Warum akzeptieren Sie eine große nationale Geschichte, ohne zuerst auf die eigene Familien- geschichte zu schauen? Sie haben doch Eltern und Großeltern, die da- Dnal lebten. Die meisten von ihnen sind in unterschiedlichem Maße schuldig. Warum laden Sie deren Schuld auf die eigenen Schultern, oh- ne zu wissen, wie groß sie war?. Stel- len Sie Fragen, auch wenn sie unange- nehm sind... Erstens steht Ihnen das Recht auf die Wahrheit zu, zweitens helfen Sie auch ihnen(gemeint: den Eltern und Großeltern, K. T.), weil die unausge- sprochene Wahrheit eine Last ist. Und wenn Sie auch keine Antworten kriegen- oder keine mehr kriegen können weil jene, die sie geben könnten, schon tot sind,- dann stellen Sie die Ge- einfach nach. ramen Sie in alten Pa- pieren und versuchen Sie, Zusammenhänge herzu- stellen, zu begreifen. Wie alt waren mein Vater und mein Großvater, als am 20. Januar 1942 am Wannsee die Endlösung der europäischen Juden- frage beschlossen wurde? Kann er dabei gewesen sein... 7 Was war er von Beruf.. 2 Fin Richter?. EBin Arzt?.. Ein Flektro- ingenieur?.. Ein Bahnangestellterꝰ? FPin Ladenbesitzerꝰ?.. Wenn er Sol- dat war, wo und wann war er im Fin- Sat be eee W (Ambros, ebenda). Deutet sich hier möglicherweise ein methodischer Weg an, den Gedenk- Stättenpãdagogik aufgreifen und wei- terverfolgen könnte? Wäre es nicht vorstellbar, daß Jugendliche, die eine Gedenkstätte besuchen, in ihrer Vor- bereitung genau diese Informationen ermittelt haben, so daß es ihnen dann möglich wird, im Sinne v. Borries den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken', resp.'historisches Be- wußtsein' im Sinne Claussens zu ent- wickeln? 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Betrachtungen zu einem Bild des Malers Stan Zak Kaminski Hermann Reineck-Mahner von Auschwitz von Joachim Proescholdt Auschwitz!-Auschwitz nie wieder! Tut was, daß es nicht wieder pas- siert!-Ihr müßt wachsam sein!“ Her- manns Worte, immer wieder vor deut- schen Gruppen gesagt, appellierend, beschwörend, oft mit letzter Kraft, sind unvergessen. Wer je mit Her- mann Reineck in Auschwitz war, ist anders zurückgekehrt als er hinfuhr. Hermann- der Mahner von Ausch- wit?z. Dafür hat er bis zum letzten Atemzug gelebt. So steht er vor uns, die wir ihn kannten. So hat ihn Stan Zak Kamin- ski gemalt: ein ausgezehrter Mensch mit hoher Stirn, mit großen, wachen Augen, mit dem leicht sarkastisch- ironischen Zug um den Mund, mit dem markanten Kinn, Zeichen außer- ordentlicher Fnergie, immensen Durchhaltevermögens. Hermann Rei- neck mit seinem Lebenshintergrund: Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 dem Schatten von Auschwitz, überle- bensgroß, Tag und Nacht gegenwär- tig, Teil seines Ichs, Hermann in Häft- lingskleidung, mit dem roten Dreieck des Politischen Häftlings', der Num- mer, die er nie vergaß: 63387. Uber ihm und um ihm: Auschwitz. Je lauter die Forderung'Einmal muß auch Schluß sein“, desto intensiver war die Vergangenheit für Hermann da. All 6 trieb ihn weiter, mit fast missio- narischem, prophetischem Zwang. Er mußte Menschen sammeln und nach Auschwit?z begleiten- immer mit der Botschaft:*Tut was, daß Auschwitz nie wieder passiert! Ihr müßt wach- sam sein!“ So steht er im Bild, mit halboffenem, sprechendem Mund, die rechte Hand weisend, mahnend ausge- streckt. Und um ihn herum? Es sind drei Geschehnisse, die Stan Zak Kaminski mit der ihm eignen Symbolik dar- stellt. Sie sind umrahmt mit den Wor- ten: Ich weiß noch...* und dem entsprechenden polnischen'Pamie- tam'- Ich erinnere mich... Zum einen ist Auschwitz präsent- stromgeladener, unüberwindlicher Stacheldraht, der Todesort vieler Ver- zweifelter, die hier Selbsterlösung von Gewalt, Willkür und Menschenver- achtung suchten. Davor der Toten- kopf mit dem Halt- Stoi', dem Tor mit der Uberschrift Arbeit macht frei“ und einem der ehemaligen Ka- sernengebäude, das für die Vielzahl anderen Blöche e Block 10 Häftlingskrankenbau mit seinen will- kürlichen Selektionen, Block 20: Ort der pseudomedizinischen Versuche des SS-Arztes Dr. Endreß. Stan Zak hat hier neben unzähligen anderen Opfern als jüngster Häftling Fleck- typhus-verseuchtes Blut injiziert be- kommen. Die meisten starben. Stan Zak überlebte als einer der ganz wenigen, schwer geschädigt, für sein Leben gezeichnet. Block 11: Todes- block mit seinen entsetzlichen Steh- bunkern, der»Bogerschaukel“, der Schwarzen Wand' und die vielen Blöcke, in denen die Häftlinge zusam- mengepfercht dahinvegetierten.— In diese Blöcke kehren Häftlinge kolon- nenweise von der Arbeit zurück. In Reih und Glied, in Zucht und Ord- nung“, nackt, namenlos, nur Num- mer, nicht wissend, ob sie die nächste Nacht, den nächsten Tag überleben. Daneben die umgekippte Dose Zyk lon B*. Aus ihr entweicht das tõdliche Gift. Mit ihm gespenstig ein böser, le- benszerstõrender Geist, giftgelb, mit der rechten Hand wie zum Hohn das Victory'Zeichen gebend. Sechs Mil- lionen Menschen haben diesen'Sieg“ des Massenmordes am eigenen Leibe erlebt, durchlitten, und wurden ihm geopfert. Auschwitz war totales Aus- geliefertsein an die Vernichtung. Stan Zak stellt dies dar: von oben die Gift- wolke des Todes, von unten das Höl- lenfeuer der Krematorien. Und doch: zu Füßen von Hermann ein grünender Eichenzweig. Das ist das Andere, worauf der Maler ver- weist. Das Zeichen des Lebenswillens und der Widerstandskraft von Häft- lingen, die mit der Vision lebten und kämpften:»Gerechtigkeit muß ge- winnen“. So erklärt er dies und sagt weiter: Die Worte, in deutscher und polnischer Sprache stehen für Men- schen auf Wegen voller Angst, und immer Hoffnung im Herzen, der Höl- le von Auschwitz vielleicht doch zu entrinnen— auch wenn diese Worte Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer umschlossen sind von dem Blut der Ermordeten. Stan Zak führt den Betrachter des Bildes aus der Rückschau des Gewese- nen in die Gegenwart. Und das ist die dritte Aussage. Er sieht eine bedrohli- che Gegenwart. Vor der Häftlingsko- lonne liegt ein schwarz-braunes Ge- bilde. Ist es ein Grab, auf das die Ko- lonne zumarschiert? Der Künstler meint es anders: Da ist die Gefahr, die von den Ewig-Gestrigen, den Ausch- witz-Leugnern, den Unbelehrbaren und den Neo-Nazis ausgeht, die Ge- fahr, daß heute wieder diskriminiert, ausgegrenzt, abgeschoben und die Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Stan Zak Kaminski, der 1941 in Warschau als Sechzehnjähriger wegen Verbreitung von Flugblättteren ver- haftet wurde und der die Hölle von Auschwit? vier Jahre lang durchlitt, hat dieses Bild gemalt und der Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundes- kreis vermacht. Für dieses Geschenk gilt ihm unser aller uneingeschränk- ter Dank. Das Bild wird einen würdi- gen Plat? im Geschäftszimmer der Lagergemeinschaft erhalten. Hermann Reineck nach einem Gespräch mit Schülern und Schüle- rinnen der Dietrich-Bonhoefer-Schule Sowie dem Hessischen Kultusminister Hartmut Holzapfel(Mitte) heim Hessentag in Lich 1993. S0 wie hier, disKutierte Hermann auch die nHchsten zweiein- halb Jahre häufig bei Gruppen und Veranstaltungen. Zum letzten Mal Anfang Dezember995, vier Wochen vorseinem Tod. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Ich danke allen herzlich, die mir beim Abschied von Hermann beigestanden und mich auf vielerlei Weise begleitet haben. Viele liebe Freundinnen und Freunde waren da. Mir hat das geholfen und Hermann hatte das verdient. Es grüßt Sie und Euch Eure Anni Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Nur Helden' werden rehabilitiert NS-Richter und SS-Veteranen beziehen Renten-Deserteure der Wehrmacht bleiben vorbestraft u Von Hans Hirschmann Am 20. Juli gedenkt die Bundesrepublik der deutschen Wehrmachtsoffiziere und ihrer Mitverschwörer, die im Sommer 1944 mit dem mißlungenen Attentat auf Hitler versucht hatten, gegen die deutsche Staatsführung zu putschen. Die meisten Männer und Frauen des 20. Juli“ wurden vom Volksgerichtshof und von Kriegsgerichten zum Tode verurteilt. Während alle Urteile des Volksge- richtshofes vom Bundestag in einem politischen Sinne pauschal für nichtig erklärt wurden(1985 1), sind die meisten anderen Opfer der NSMilitärjusitz bis heute weder politisch noch rechtlich rehabilitiert. Historiker haben zwar nachgewiesen, daß die NS-Militärjustiz grundsätzlich ein Terrorinstrument des Nazi-Regimes war, aber es bleibt dabei: Deserteure der Wehrmacht, Kriegs- dienstverweigerer und sonstige Wehrkraftzersetzer“ sind nach deutschem Rechtsverständnis vorbestraft. Erst kürzlich verhinderten die Regierungsfrak- tionen erneut die Rehabilitierung dieser NS-Opfer. Während einerseits die »Helden des 20. Juli“ gefeiert werden, gelten andererseits Soldaten, die sich dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg entzogen haben, weiterhin als Ver- brecher. Dies ist die unrühmliche Fortsetzung eines nicht enden wollenden Skandals: nämlich des schäbigen Umgangs der Bundesrepublik mit Opfern des deutschen Faschismus. Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Mit diesem Satz rechtfertigte Ende der 70er Jahre Hans Karl Filbinger, der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württem- bergs, die Todesurteile gegen Deser- teure der Wehrmacht, an denen er noch 1945 als Militärjurist mitgewirkt hatte. Rund 50.000 Todesurteile fäll- ten die Militärgerichte des Großdeut- schen Reiches, etwa 30.000 wurden vollstreckt. Mehrere Zehntausende Soldaten wurden zu Zuchthaus verur- teilt. Auch viele Helfer und Helferin- nen— es waren vor allem Frauen, die Deserteure versteckt oder mit Le- bensmitteln und Kleidern versorgt haben- wurden wegen Beihilfe zur Fahnenflucht und wegen Wehrkraft- zersetzung verurteilt und waren in Gefängnissen und Straflagern Todes- gefahren ausgesetzt. Rehabilitierung und materielle Ent- schädigung wurden fast allen Betrof- fenen verwehrt. Die Behörden, Ge- richte und Regierungen der Bundes- republik verschanzten sich hinter ho- hen bürokratischen Hürden und er- klärten die Urteile zumeist für recht- mäßig. Den Tätern, die treu und fest ihre Pflicht für Volk und Führer“ erfüll- ten- wie beispielsweise der'furcht- bare Jurist“ Filbinger—, wurden und werden diese Dienstzeiten selbstver- ständlich bei der Rentenberechnung voll anerkannt. Aber auch darüber hinaus wird anhand von Entscheidun- gen bundesdeutscher Behörden deut- lich, daß von staatstragendem Gehor- Sam mehr gehalten wird, als von Auf- müpfigkeit und Verweigerung einer verbrecherischen Obrigkeit gegen- über. Als markantes Beispiel sei der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Es gehört zu den Lebenslüge S nder deutschen Nachkriegsgeschichte, daß die Wehr- macht von der politischen Führung Nazi-Deutschlands mißbraucht worden und kaum in die Verbrechen gegen die Menschlichkeit involviert gewesen sei. Der von Hannes Heer und Klaus Naumann 1995 in der Hamburger Edition herausgegebene Sammelband Vernichtungskrieg, Verbrechender Wehrmacht I94144 hrückthier einiges ins rechte Licht. Es ist der Begleithand einer gleichnamigen Wande rausstel- lung, die vom Hamburger Institut für Sozialforschung zusammengestellt wurde. Im Hessischen Landtag durfte Sie nicht gezeigt werden, weil CDU-Fraktion und Land- tagsprdsident Mõller das Vorhaben hlockierten.(Das Foto ist entnommen aus. GerhardSchoenberner Dergelbe Stern, FrankfurM. 1991) Fall von Roland Freisler, dem ober- sten Richter Nazi-Deutschlands, an- geführt. Zwar'verkörperte“ der wenige Monate vor Kriegsende bei einem Bombenangriff auf Berlin ums Leben gekommene Präsident des Volksge- richtshofes'den nat.-so2. Justiz-Ter- ror“(So der Große Brockhaus), aber unbeeindruckt hiervon wurde er ren- tenrechtlich wie ein ehrsamer Be- amter behandelt. Es müsse unterstellt werden, daß Freisler- hätte er das Kriegsende überlebt- als Rechtsan- walt oder Beamter des höheren Dien- Stes tätig geworden wäre?, bescheinig- te 1974 das Versorgungsamt München der Witwe. Marion Freisler bezog an- fort zusätzlich zur üblichen Witwen- grundrente eine sogenannte Scha- densausgleichsrente. Hier wurden also nicht nur die früheren Verdienste? anerkannt, sondern ein bis zum Ren- tenalter künstlich verlängertes Be- rufsleben eines Nazi-Verbrechers. Da Freislers Witwe neben der Kriegsopferversorgung und der ge- nannten Zusatzrente desweiteren Hinterbliebenenbezüge aus der Sozi- alversicherung anerkannt wurden, muß die Bundesrepublik in einem weiteren Schritt post mortem zugun- sten von Hitlers oberstem Richter tã- tig geworden sein. Da Freisler als Richter keine Beiträge für die Sozial- kassen gezahlt hat, müssen'erheb- 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer liche Summen'“(so Robert M. Kempner) nachgezahlt wor- den sein. Deutlich wird an diesem Beispiel, wie die Bundesrepu- blik als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches sich bei den ehemaligen Staatsdienern in brauner Robe und Wehr- machtsuniform in die Verant- wortung genommen fühlt. Mit der Ubernahme der Verant- wortung für die Opfer des NS- Staates tun sich bundesdeut- sche Behörden, die Regierun- gen, Parlamente und die Rechtsprechung dagegen be- deutend schwerer. Es wurde abgewiegelt, vertrõstet, aufge- schoben und sich für nicht zu- ständig erklärt. Ohne öffentli- chen Druck, im günstigsten Fall von außen(das berühmte Ansehen Deutschlands in der Welt), passiert fast gar nichts. Die Würdigung von Wider- stand gegen ein Unrechtsregi- me eignet sich zwar bestens für hehre Sonntagsreden an Gedenktagen, aber grundsätz- lich gilt die Staatsräson- egal ob Unrechtsstaat oder demo- kratisches Gemeinwesen- im- mer noch als erste Bürger- pflicht. Von dieser Gesinnung und diesem Rechtsverständnis pro- Keltische SSVeleranen erhalten heute noch Invalidenrenlen lellische Juden dagegen auch heute noch nichts. Während die Opler der Ns Herrschaſt allmãhlichsterben, prolitieren die Mitlãter vom deutschen Entschãdigungssystem n Von John Goeln fitieren auch osteuropãische[La 6. 1220 SS- und Wehrmachts-Veteranen. Sie beziehen von der Bundesrepublik In- validenrenten, sofern ihnen nicht nachgewiesen wird, daß sie an Kriegs- verbrechen beteiligt waren.- Also in der Regel dann doch fast immer. Uh- rigens gilt die Einschränkung(Uber- prüfung auf eine eventuelle Beteili- gung an Kriegsverbrechen) nur für Antragsteller, die kei- ne deutsche Staatsbürger- schaft besitzen. Einheimische wurden und werden nicht auf ihre Teilnahme an Kriegsver- brechen überprüft. Es klingt nicht nur zynisch, es ist?ynisch, und es ent- spricht der Realität: Während die ehemaligen lettischen SS§- Männer von Deutschland Ren- ten beziehen, gehen die überle- benden lettischen Juden leer aus. Zur Frinnerung: Vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Lettland lebten dort 70.000 Ju- den, nach dem Krieg waren es noch 1000. Alle anderen waren von der deutschen Besatzung und ihren Quislingen verjagt, ermordet und in den Konzen- trationslagern systematisch als »Untermenschen' vernichtet worden. Wer sich als Deserteur der Mithilfe an diesem'Krieg“ und einem Regime, das die Ausrottung von Menschen zur Staatsdoktrin erhoben hatte, entzog, gilt auch heute noch als vorbestraft. CDU und CSU lehnen seit Jahren eine grund- Sätzliche Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren ab, weil dadurch'jene Soldaten, die bei der Stange geblieben sind', ins Unrecht gesetzt wür- den, so Norbert Geis von der CSU. Unter den Fahnenflüchtigen habe es auch Personen gegeben, die nur aus persõnlichen Vorteilen und nicht aus Protest gegen den Angriffskrieg Deutschlands desertiert seien, be- gründet der ehemalige Bundesmini- ster Rupert Schulz(CDVU) seine Ab- Deutschlunts fürsorge für veine Verbrecher 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 lehnung einer Reha- bilitierung. Diese Bedenken hatten die Unions- politiker bei Deserteuren des DDR- Militärs(NVA, NationaleVolksar- mee) nicht. Keiner von ihnen wurde gefragt, ob er aus politischem Wider- stand heraus fahnenflüchtig gewor- den war oder'nur' einen persönli- chen Vorteil gesucht habe. Urteile der DDR-Gerichte gegen NMWA-Wehr- dienstverweigerer wurden vom Bun- destag als in der Regel unrechtmãäßig verworfen, obwohl die DDR im Un- terschied zu Nazi-Deutschland diese Delikte nicht mit der Todesstrafe ahndete. Kein Mensch sah in dieser Einschätzung ein Argument, daß die NVASoldaten,'die bei der Stange ge- pauschalen blieben sind'- um es mit den Worten von Norbert Geis zu formulieren- da- mit diffamiert und ins Unrecht ge- Setzt worden seien. Den überlebenden Wehrmachts- deserteuren und Wehrkraftzerset- zern' heute sind es nur noch rund dreihundert, zumeist gebrechlich und krank wird dagegen die Rehabilitie- rung weiterhin versagt. Daß Militär- historiker längst nachgewiesen haben, daß die NSMilitärjustiz grundsätz- lich ein Terrorinstrument des Nazi- Regimes war, reicht den Verhand- lungsführern der Regierungsfraktio- nen bei weitem nicht aus. Gefordert werden aufwendige und langwierige Einzelfallprüfungen. Die Antragstel- ler stehen erst mal unter dem Ver- dacht, DPrücke- em schmutzigen krieg entzogen zu haben. wir können verstehen, wenn junge amerikaner, die zum kriegs- dienst in vietnam eingezogen wurden, ihre einberufungsbefehle verbrannt haben. durch eine amnestie für kriegsdienstverweigerer hat auch der staat bekundet, daß es rechtens sein kõnnte, sich die vee und müssen im Finzelfall selbst nachweisen, daß sie Widerstands- kämpfer“, wirkli- aber der krieg hitlers war in den augen des deutschen kein schmut- Ziger krieg, selbst anerkannte demokraten oder mãnner der heuti- gen demokratischen öffentlichkeit verschanzen sich gegenüber mõglichen zweifeln an ihrem verhalten zu hitlers zeiten. sie haben als Soldaten nur ihre pflicht getan. wãre das so, könnten sie noch einen gewissen respekt vor denen entwickeln, die glaubten, diese pflicht nicht erfüllen zu können. aber der kriegsdienstverweigerer von damals, der deserteur, wird nicht nur nicht anerkannt, man will ihn als heimlichen vorwurf nicht sehen, weil man ihn nicht wahrhaben will. und warum will man ihn nicht wahrhaben? weil er uns deutsche an einer empfindlichen stelle trifft, an einem punkt, mit dem wir nur durch verdrãngung fertig werden. wir haben in diesem krieg— in der großen mehrheit— nicht nur unsere pflicht getan, wir sind mitmarschiert, wir haben mitgesiegt, wir haben miterobert mit einer inneren genugtuung. Deutsche Deserteure, Berlin 1987 Orl 4icher. Im Vorwort zu. Norhert Haase, che Helden“ und also echte Opfer sind. Aber: N-Op- fer müssen keine Widerstunds- kdmpfer gewesen Sein, um Genugtu- ung heanspru- chen zu kLönnen.“ Auf diesen Spruch des Bundessozial- gerichts verwies die Journalistin Ferdos Forudastan im April 1995 in einem Kommentar in der Frankfurter Rundschau. Ihn Sollten jene Uni- 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer onschristen zur Kenntmis nehmen, die nur Helden, nicht aber normale Menschen mit Todesangst und Ahnei- gung gegen das Tõten für entschädi- gungswürdig halten. Daß Desertion auch andernorts strafhar ist, Stärkt die Position der Koalitionãre mitnich- ten. Sich dem võlkerrechtswidrigen Krieg eines Unrechtssystems zu ver- Sagen, ist etwas anderes, als der Ar- mee einer Demokratie davonzulau- Ffen. Die Urteile aufeuhehen, hieße keineswegs alle Kriegsteilnehmer zu diffamieren, wie Konservative he- haupten. Bei der Rehabilitie rung geht es allein um die Frage, oh den Betrof- ſenen NUnrecht widerfahren ist.“ Mit der Weigerung, die Urteile der NSMilitärjustiz aufzuheben, bestä- tigt das Parlament die gesellschaftli- che Achtung dieser Opfer sowie das * Mit jedem Tag, den die Soldaten der Wehrmacht Kämpften, verringerten vich die Vorurteil von den Drückebergern, und es bestraft diejenigen, die des- halb ins Strafbataillon, Zuchthaus oder KZ gesteckt wurden, ein zweites Mal. Die hehren Worte der deutschen Politiker über die Helden des 20. Ju- li“ bekommen angesichts dessen einen mehr als faden Beigeschmack und ge- raten wohl zu Recht in den Verdacht, oftmals nur zu rhetorischen Pflicht- übungen verkommen zu sein. Die Lagergemeinschaft Auschwitz-. Freundeskreis der Auschwitzer for- dert erneut die Fraktionen des Bun- destages auf, die Urteile der NS- Militärjustiz für nichtig zu erklären, die Opfer damit zu rehabilitieren und Zu entschädigen. PS. Die Entscheidung zum Fall Freis- ler wurde zitiert nach Helmut Ortner, Der Hinrichter, Göttingen 1995 Uherlebenschancen der Häftlinge in den Konzentrationslagern und den Gefäng- nissen der Gestapo. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 23 die ogeszeitung Montag, 3. uni 1996 Nie wieder ein Matrosenaufstund Auch 51 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind Deserteure nicht rehabilitiert. Ein Symposium in Hamburg widmete sich der skandalõsen Komtinuitãt der NSMilitärjustiz N Von Hans-Hermann Kotte Hamburg(taz)—„Was damals Rechtens war, kann heute nicht unrecht sein.“ Die Worte des frü- heren CDUMinisterpräsidenten Hans Filbinger, der 1945 als Mili- tärjurist an der Verurteilung und Exekution eines Matrosen betei- ligt war, wurden zum sprachlichen Symbol der Unbelehrbarkeit Fil- binger mußte 1978 zurücktreten. Die Opfer der NSMilitärjustiz aber sind bis heute nicht rehabili- tiert und angemessen entschãdigt. EFine entsprechende Erklärung des Bundestages wird von CDU und CSU seit Jahren verhindert. Die christlichen Parteien versu- chen sich jetzt vielmehr daran, Hans Filbinger zu rehabilitieren. Rechte Historiker, zum Teil von CDU und CSU als Sachverstän- dige in den Rechtsausschuß des Bundestages berufen, arbeiten fleißig an der Umwertung der Ge- schichte. Sie lassen die Wehrmach als„Befreiungsarmee“ erscheinen und die Deserteure als Verrãter. Ein Symposium der Hamburger lnitiative„Anerkennung aller NS- Opfer“ befaßte sich am Wochen- ende mit der skandalösen Konti- nuitãt der Vrteile der NSMilitär- justiz. Erstmals wurde dabei auch die wichtige Rolle der Frauen dis- kutiert, die den Deserteuren hal- fen und sie versteckt hielten. Die Historikerin Christine Rothmaler machte darauf aufmerksam, daß Zahlreiche Frauen wegen Beihilfe zur Fahnenflucht und wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt wurden. Sie seien in Gefãngnissen, Straflagern und Konzentrationsla- gern Todesgefahren ausgeset?t ge- wesen. Das terroristische Wirken der Wehrmachtsjustiz, die 20.000 To- desurteile vollstrecken ließ, ist heute erforscht. Die Rechtferti- gungslegenden der ehemaligen NS Militärjuristen sind widerlegt. Doch wãhrend sich bei der gesell- schaftlichen Auseinandersetzung über die Verbrechen und den Võl⸗ kermord der Wehrmacht in den letzten Jahren etwas zu bewegen scheint, ist die Diskussion um die Deserteure festgefahren. Was treibt die konservativen Parteien zu dieser Blockadeꝰ Ralf Surmann von der Hambur- ger Initiative wies darauf hin, daß die NSMilitärjustiz eine„Hoch- burg“ der Konservativen gewesen Sei. Diese Konservativen wollten auch heute noch die Legende auf- rechterhalten, daß sie Distanz zum Nationalsozialismus bewahrt hät- ten. In Wirklichkeit aber, s0 Sur- mann,„gab es niemals ein klares Abrücken, auch nicht, als der Kurs des Verbrechens klar war“. Die Debatte sei auch keine historische. Es gehe darum, heute die„Soxiale Akzeptanz des Krie- ges“ zu bewahren und eine„Spezielle Justiz im Kriegsfall“ 2u rechtfertigen. Auf eine„Interes- enidentität von Na- tionalkonservativen und Nationalsozia- listen“ verwies Detlev Garbe, Lel ter der KZGedenkstätte Neuen- gamme. Beide Gruppen seien sich einig darin gewesen, daß es nie wieder zu einem Matrosenauf- stand wie am 2. November 1918 kommen dürfe. Und: Die 48 To- desurteile, die die Militärjustiz im Ersten Weltkrieg vollstreckte, seien einfach zu wenig gewesen. Auch deshalb hätte das Militär- strafrecht des Nazi-Regimes„den Interessen des Staates und den Kriegsnotwendigkeiten absoluten Vorrang eingeräumt“. Garbe sprach auch darüber, wie die frühe- ren NSMilitärjuristen sich nach dem Krieg gegenseitig exkulpier- ten, zu Geschichtsschreibern in ei- gener Sache wurden und schließ- lich das Wehrstrafrecht der Bun- desrepublik entwarfen. Eine stãn- dige Militärgerichtsbarkeit zu eta- blieren gelang den alten Kamera- den jedoch nicht. Sic wird vom Grundgesetz ausgeschlossen. Al- lerdings sieht die Verfassung vor, daß eine spezielle Militärgerichts- barkeit im Spannungsfall einge- richtet werden kann. Ein Einfalls- tor für eine solche sieht Garbe in den weltweiten Einsãtzen der Bun- deswehr. Deshalb sprach er sich dafür aus, den entsprechenden Pa- ragraphen im Grundgeset??u streichen. Manfred Messerschmidt, ehe- maliger leitender Historiker im mi- litärgeschichtlichen Forschungs- amt der Bundeswehr, beleuchtete die in der Wehrmachtsjustiz ver- breitete Vorstellung des„inneren Feindes“. Nach dem Ersten Welt- krieg hätten Militärpsychiater De- serteure als„Asoziale“,„Psycho- pathen“ oder„Linksintellektu- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer elle“ gekennzeichnet. Später, als die auch von den Nationalkonser- vativen erträumte Volksgemein- schaft Wirklichkeit wurde, ergab sich eine Identität von äußerem und innerem Feind. Außen der Bolschewismus, innen die Juden, Kommunisten, Revolutionãre. Hannes Heer vom Hamburger Institut für Sozialforschung, des- Sen Ausstellung über die Verbre- chen der Wehrmacht für heftige Reaktionen von rechts sorgte, Sprach über„ᷓMöglichkeiten und Schranken der aktuellen Debatte über die Verbrechen der deut- schen Militärs“ Der Deserteur werfe„die Frage der Moral in aller Entschiedenheit auf“. Bei einer Anerkennung der Deserteure sei die übliche Vertauschung der Rol- len von Täter und Opfer nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Bundeswehr wolle sich der De- batte über Moral und Befehlsver- weigerung entziehen. Dabei sei diese besonders notwendig, da die Armee bei ihren Auslandseinsät- zen zunehmend in„Entschei- dungssituationen“ komme. Heer: „Uber Logistik und internationale Gemeinschaft wird diskutiert— aber nicht über die Moral.“ AMN Noch leben 300 Men- schen, die Opfer der NSMilitär- justiz wurden. Aus Kostengrün- den muß ihre Rehabilitierung warten, bis nur noch 30 von ih- nen leben. Das wird 1999 der Fall sein. Den Abonnenten der »Frankfurter Allgemeinen« sind auch das noch zuviel: Jeh velß aus dreijahri- ger Fronterſahrung in Rußland, daß alle Beserieure, die ich erieb: hahe, in der Kompanie als ſeige Soldalen hekannt waren. Mach- len Sich Schon in die Hosen, venn Sie ein Poar hunderi jüdi- Sche oder Slawische Untermen- Schen iquidieren Solllen.) Leider verrieten Sie aber immer dem Feind, um Sich vieh Kind zu machen, die eigenen Slellungen. Jch erlehie nach einer Desertion einen gezielten Feueruberſail der Sowelbchen Artillerie au/ unsere Slellungen, hei dem uher 30 deusche Soldaten Melen. Wilhelm Helms, Dusseldorf Die geſorderten Ent- Schddigungssdtze, ndmlich eine Einmalleistung von 5. 000 BM und ⁊uslalich eine Monaisrene von 500 DM, mussen jeden Steu- erzahler, zu dessen Lasten eine Solche Zahlung ja gehen milbte, ganz hesonders aber ehemalige Kriegsgeſangene wie mich, zu energschem Protest veranlassen. Man Lann nur hoſſen, daß der angekundigte Gesetzentwurf von allen anstandigen Abgeordneten abgelehnt wifd. Herberi Maier-Slaud, Franſurt am Main ARR Man Kann das Ergeb- nis Sdmtlicher Forschungen in ei- nem Sai zmammenſassen- In Keinem Fall ðᷣt es der Verteidi- Lgung gelungen nachzuweien, daß die Ablehnung der AuVüh- yung eines verbrecherischen Be- Jehnls einen Angehérigen der Wehrmacht, der SS oder der Po- lizei das Leben getcostet hdtte, sagi der Historiker Ger- hard Schreiber vom Militärge- schichtlichen Amt der Bundes- wehr über eine der Lebenslügen der Bundesrepublik. RMHN Der ehemalige SS- Obersturmbannführer, Gestapo- Chef in Katowice und Oberregie- rungsrat im Reichssicherheits- hauptamt, Johannes Thümmler, hat von der Stadt Chemnitz die Herausgabe von Kunstwerken verlangt, die er während des Zweiten Weltkriegs den stãdti- schen Sammlungen zur Aufbe- wahrung übergeben hatte. Sie stammten nach Thummlers An- gaben aus valtem Familienbe- sitza. Er vergaß zu erwähnen, daß die alten Familien judische Familien waren, die von Thümmler und seinen Kamera- den enteignet worden waren. aus: konkret Juni 1996 und Juli 1996 Kriminelle Vereinigung ARRRH Die Rchabilitierung von Deserteuren der Hitler- Wehrmacht, als Gutmachung deutschen Militärs für künftige Kriegseinsätze von einer Mehr- heit des Bundestags gewünscht, kommt nicht voran: Hans Filbin- ger, chemaliger CDU-Minister- präsident in Stuttgart und zuvor als Nazi-Jurist an Todesurteilen gegen Deserteure betciligt, hat seine Bonner Partcifreunde er- mahnt, statt der Deserteure erst einmal einen ihrer Hin-Richter zu rchabilitieren, nämlich ihn. Der Rechtscxperte der Christen— fraktion, Norbert Gcis, ergrilf sogleich für Filbinger Partei, und sein Kollege Karl Lamers erklär- le:»Dic weit überwiegende Zali der Soldaten der Wehrmacht hat im Zweiten Weltkrieg chrenhaft gckämpft.« Es sicht so aus, als wer- de es zu einer posthumen Reha- bilitierung der Desertcure kom- men— nach dem Tod Filbin- gers. Daß außcr ihren Mördern dann auch ſast alle Deserteure gestorben sein wercen, also keine Ansprüche mehr stellen können, ist ein doppelter Segen: ideolo- gisch und sparpolilisch. lmmer- hin war daran gedacht, den letz- ten Uberlebenden eine monatli- che Rente von 500 Mark zu ge- währen. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25 Vor einem Jahr ist Lieselotte Thumser-Weil gestorben. Am 1. Juni, einen Tag vor ihrem ersten Todestag, fand auf Einladung des Studienkreises Deutscher Wider- stand und des Vereins'Impuls“ eine Gedenkveranstlatung statt. Und zwar in der DPreifaltigkeitskirche in Frankfur/M., dem Ort, wo Lieselotte 1984 nach jahr- zehntelangem Schweigen wieder zum erstenmal gegenüber Nichthäftlingen über ihre Haft im KZ Ravensbrüék und ihren Widerstand im Dritten Reich geredet hat. Wir erinnern hier an Lieselotte mit einem Text, der erstmals erschienen ist in den Informationen des Studienkreises(Nr. 41, April 1995). Lieselotte Thumser-Weil Die Seele der Opfer kennt keine Verjährung Im Mãrz 1935 fuhr Lieselotte Thumser- Weil, Uberlebende des FrauenkKz Ra- vensbrück, zum ersten Mal nach Auschwitz. Danach schrieb sie diesen Text: Seit genau einem Jahr fange ich wieder an, mich zu erinnern, zu denken und zu Sprechen- über mich und meine Eriebnis- Se in Bavensbrück, Seit Anfang des Jah- res mich mit der quãlenden Frage zu be- schäftigen, an der Polenreise teikunen- men oder aus vielerlei vernünftigen Grün- den Abstand zu nehmen. Ambiwalenzen, Ausflüchte, Krankheiten, An9ste und gut gemeinte Ratschlãge aus der eigenen F̃a- milie lõsen sich ab. Jeden ſag neue Ein- sichten und andere Meinungen, ich glaube zeitweise, daß ich verrũckt bin. lch emp- finde beim Nãherrũcken des Jermins stãr- ker das Bedürfnis, mich zu entziehen. Die Anspannung wächst, aber ich kann trotz- Oen nicht mehr zurũck. m Bus die ersten Gesprãche mit anderen ſeinehmern. Nun gibt es kein Entrinnen mehr— mein Ziel der Beise heißt Ausch- witz. Die Fahrt dann von Krakow nach Auschwitz und Birkenau wird aus organi- Satorischen Gründen um zwei ſage ver- Schoben. Quãlende ſage für mich, ich will es doch hinter mich bringen! Am Abend vor der nun unausweichlichen Fahrt ins KZ bereiten uns die Krakauer F̃reunde und Gastqeber im alten und tradi- tionsreichen Altstadt-Restaurant Wyrszi- nek ein festliches Essen. Etwa 70 Perso- nen sind zusammengekormmen. ſch Spüre trot⁊ der guten Stimmung und Atmosphãre Unruhe und Angespanntheit: Morgen ist es SoWeit. lch stochere im fein angerich- teten Essen, die ersten Löffel Suppe. Da Steht eine mir schräg gegenübersitzende Frau auf, geht den langen Weg um die ſafel und kommt langsam aut mich zo, bleibt Stehen. Ich höre: Lieselotte?!, dann ihren Namen. Ich war in BRavensbrück, kennst du mich? Meine erste Antwort: Nein. lch bin blockiert, sie nimmt mich in den Arm und merkt, daß ich kraft- und hilf- os bin. Sie redet freundlich weiter. Plõtz- ich sehe ich alle an den Tischen in ge- Streiften Anzügen. Sie erzählt von einem der letzten Fransporte nach der Evakuie- rung von Auschwitz, der am 15. Januar 1945 in Havensbrück eintraf, sie war da- bei. Die Bider dieser erbãrmlichen Gestal- ten Verblutet, verkrustet, verdreckt, bar- fuß ich habe sie in mir. Aber ihr Spre- chen erreicht mich nicht mehr. Blau-weiſe Häftlingskleidung rund um mich...[ch Schleppe mich durch den Saal zur Treppe, der Weg zur Toilette ist jedoch zu weit, es dreht sich alles, mir wird Schwarz vor Au- 9en. Auf der zweiten Treppe bleibe ich ie- 9en, breche alles heraus. lch komme wie- der ⁊u mir, als Arzte aus der Krakow-Grup- pe um mich sind. lch höre Krankenhaus, Herzanfall, Krankenwagen. Nein, das will ich nicht, in Keinem Falll Ich fühle mich elend und Schwach, aber trotzdem anders als Vorher. lch weiß genau, es ist nicht meine Herzkrankheit, es sind die Nerwen, ein NewWenzusammenbruch. Wie kann ich das den um mich besorgten Arzten und Freunden nur kKarmachen? ſch wehre mich, vertrete hysterisch mein Anliegen. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ch habe das Ziel meiner Reise, Ausch- witz, vor Augen. Da will ich morgen hin, nicht in den Sanitãtswagen und nicht ins Krankenhaus, mit dem Tai in meine Gast- familie, Schlafen, ausruhen. Nach vielem Hin und Her ist die Entscheidung gefallen: Mit meiner Gastgeberin nach Hause, je- doch ir Sanitãtswagen, ein Arzt fãhrt mit, gibt mir ein berupigendes Medikament. ſch habe weiternin Unsicherheit über den Ziel- ort, aber wir fahren tatsãchlich in die Woh- nung. lch will in mein Bett, fühle mich mũ- de, hohl, leer, unempfindsarm. Ich schlafe tiet und fest. Am nãchsten Morgen wache ich auf und hõre geschäftiges Treiben in der Woh- nung, springe aus dem Bett, hõre von mei- ner Bettnachbarin und ieben Mitfahrerin Sowie der Gastgeberin, der Arzt habe be- stimmt, daß ich zu Hause bleiben soll. lch bin hellwach und ziehe mich in wenigen Minuten an. Heute fahre ich nach Ausch- witz, mich kann niemand abhalten, ich füh- le mich frei— ich bin ein neuer Mensch. Durch Auschwitz gehe ich ruhig. lch spü- re, daß ich Auschwitz, Bavensbrück be- reits gestern abend erfahren und durchlebt habe. Bei der Abfahrt von Krakow sehe ich mei- ne Leidensgenossin aus Havensbrück wieder. Wir sprechen über Erlebnisse im Lager, über den schreckichen Transport vom 15 Januar 1948. Wir tauschen unse- re Adressen aus. Das Erinnern, das Fest- Lieselotte Vhmsef Weil vor der S8 halten geht weiter— ich glaube, unter er- Schneicerei fiavensbrück November leichternden Bedingungen. 7994. Foto: Christine Krause 2 Erinnerung an Albert Simmedinger* Bereits am 2. Dezember 1995 ist in Frankfurt am Main im Alter von 85 Jahren der Antifaschist Albert Simmedinger gestorben. Die Nazis hatten ihm 1935 den Prozeß gemacht, weil er auch nach dem Verbot der KPD für die Partei eintrat. Nachdem er seine Strafe von sechs Jahren im Zuchthaus verbüßt hatte, wurde er ins Konzentrationslager Sachsenhausen überwiesen, wo er 1945 befreit wurde. Nach dem Krieg kümmerte sich Alfred Simmedinger zunächst in einer Schweizer Hilfsorganisation um Opfer des NSStaates. Spãter setzte er sich im Auftrag der VVN für Entschädigung für Verfolgte ein. Unter anderem konnte er so vor einigen Jahren auch Lieselotte Thumser-Weil wenigstens zu einer kleinen Ent- schädigung verhelfen. Albert Simmedinger war Träger der Johanna-Kirchner-Medaille. Seine Biblio- thek hat er dem Studienkreis Deutscher Widerstand geschenkt. Albert Simmedin- ger und sein antifaschistisches Engagement werden uns in Frinnerung bleiben. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 27 Unser Freund Kasek Sowa ist tot Der Auschwitz-Häftling Nr. 22412 starb am 20. Mai 1996 in seiner Geburtsstadt Krakow Von Hans-Joachim Günther Für uns von der Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Au- schwitzer und allen seinen Freunden in Deutschland und in Polen ist Kazi- mierz Sowa einer der Organisatoren der verschiedensten Veranstaltungen und Reisen, die wir unternommen haben, gewesen. Ja, gewesen, denn an fingsten ist verstorben unser Kamerad und Freund Kasek Sowa aus Kra- ow. Die vielen Male, die wir uns gesehen haben, das waren Momente, die ge- prägt waren, von sehr in- tensivem Kontakt. So er- innere ich mich noch sehr genau an unser erstes Zu- sammentreffen, als ich für mich dachte, der Ka- Sek ist so ein richtiger ty- pischer Manager. Er hatte alle Organisation im Griff, er war auf jedes Chaos eingestelit. Dies war um so notwen- diger, wenn wir mit einem Hilfsgütertransport nach Krakow kamen, da war Logistik gefragt. Und eine Begebenheit ist es wert, stellvertretend für viele andere genannt zu werden. Nach einer Fahrt, die uns fast 24 Stunden auf den Straßen festge- halten hatte, kamen wir — in Krakow an. In dem Heim des Clubs der ehemaligen politischen Häftlinge in dem wir unsere Ki- sten, Pakete und sonstige Hilfgüter dann noch abluden, war Kasek einer von denen, die genau darauf achteten, daß die Hilfsgüter möglichst gut in den Räumen verstaut wurde. Dann sah er nach uns, stellte fest, daß wir doch sehr müde seien und bot uns einen Kaffee an. Der wecke die Geister, meinte er. Doch wir lehnten ab, es war uns gleich, ob die Ladung nun im Lkw blieb oder 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer im Keller verstaut wurde. Doch Kasek sagte, wir müssen noch weiter, denn unser Abendessen stehe bereits auf dem Tisch, das warte nicht mehr lange auf uns. Er trieb uns also an, aber er war immer dabei ganz nahe an uns, packte mit an, half. So kamen wir dann also wieder aus dem Keller des Vereinsheims, wo wir alles verpackt hatten, in das Erdgeschoß- Kasek war schon wieder einige Stufen voraus. Oben empfing er uns mit vier randvoll gefüllten Wasser- gläsern mit Wodka und sagte: Guten Appetit. Lieber Kasek, sehr gerne würde ich diese Worte jetzt von Dir hören, deine direkte Art mit anderen Menschen umzugehen, wieder erleben, oder noch lieber würde ich Dich jetzt umarmen. Doch Du bist von uns gegangen, von Freunden denen Du sehr viel gegeben und genommen hast. Wenn es eine Mög lichkeit geben sollte Dich wieder zu treffen, dann hoffe ich darauf, daß ich sie bekomme. Du bleibst als der Manager von Krakow in meinem, in unser aller Gedãchtnis. Meine ganze Anteilnahme gilt seiner Familie und seinen Freunden in Kra- kow, die jetzt um eine Verbindung, auch untereinander, ärmer sind. Hans-Joachim Günther Generalsekretär der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer Kazimierz Sowa wurde im Alter von 18 Jahren von der deutschen Besat- zungsmacht in seiner Geburtsstadt Krakow ins Gefängnis Monte Lupich ge- steckt. Seinen 19. Geburtstag erlebte der am 28. Dezember 1922 geborene Häft- ling dann bereits im Konzentrationslager Auschwitz, denn dorthin war er am 4. November 1941 überstellt worden. Fortan war er Häftling Nr. 22412. Während seiner fast dreijährigen Haft in Auschwitz war er verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt unter anderem bei den Dachdeckern und in der Zimmerei, aber die längste Zeit arbeitete er im Magazin im Stammlager. Im Oktober 1944 wurde Kazimierz Sowa mit 14 anderen Häftlingen als Mechaniker und Fahrbereitschaft der Bauleiter ins KZ Groß-Rosen überstellt. Von dort führt sein Weg weiter nach Hersbruck, ein Nebenlager des KZ Flos- senbürg, von wo er zu Fuß nach Dachau evakuiert wurde. Dort wurde er am 29. Apri! 1945 befreit und kehrte in seine Geburtsstadt Krakow zurück. Kasek Sowa wurde Mitglied im Polnischen Verein ehemaliger politischer Häftlinge. Auch nach seiner schweren Operation vor einigen Jahren setzte er sich unermüdlich für die Belange seiner Kameraden und des Vereins ein. Zuletzt war er Vorsitzender der Krakower Gruppe. Auch den Tag vor seinem plõtzlichen Tod war er in dieser Funktion unterwegs gewesen. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 Er hat ohne Rachegefühle und ohne Haß weitergelebt Der Maler Stan Zak Kaminski war zu Gast im Erzählcafé Er ist 71 Jahre alt und hat die Kraft der drei Geburten. 1925 kam Stan Zak Ka- minski auf die Welt, die es schon damals nicht sonderlich gut mit ihm meinte. Wahrscheinlich wurde er in Warschau ge- boren.„Zumindest steht das so in meinem Paß“, sagte er. Als uneheliches Kind sei er in seiner Familie„immer beiseite gescho- ben worden“. Seine erste Geburt: war ein Erdbeben, eine Schande für ie.“ Kaminskis zweite Geburt:„Die war noch schlimmer als die erste“, sagte der heutige Kunstmaler. Am 15. April 1945 wurde der K-Hãftling in Bergen-Belsen von englischen Truppen befreit.„Ich war 80 kaputt, so müde, ich konnte mich dar- über kaum freuen.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er fast fünf Jahre Leiden in deut- Schen Konzentrationslagern hinter sich. Er war zu Schwerstarbeit und zu medizi- nischen Versuchen gezwungen worden. Nach der Befreiung mußte Stan Zak Ka- minski vier Jahre lang„als Mumie“ in einem Gipsbett liegen, weil„Wirbelsäule und Hüfte kaputt waren“ In dieser Zeit begann er zu malen,„um meine Alpträu- me zu bekämpfen“. Auf Anraten des be- handelnden Arztes in einem Sanatorium bei Warschau arbeitete er nachts, schlief tagsũber. Das Malen habe ihm„das Leben wiedergegeben“, sagte Moderator Michael Fleiter vom Institut für Sozialarbeit. Als 15ähriger war Kaminski zu„lebenslan- gem Aufenthalt im Konzentrationslager Auschwit?z“ verurteilt worden, weil er mit Schülern Flugblätter gegen die Nazischer- gen verteilt hatte. Außerdem hatten die Gymnasiasten in einem Versteck Unter- richt organisiert— was verboten war. Nach der Besetzung der deutschen Wehr- macht waren alle Gymnasien und Univer- sitäten in Polen geschlossen, Intellektuel- le und Juden verhaftet und deportiert worden. Daß Kaminskis Eltern Juden wa- ren,„Spielte keine Rolle. Ich wurde als po- litischer Pole verhaftet.“ In Auschwitz, wohin er im September 1940 deportiert wurde, mußte er zunächst in einer Kiesgrube arbeiten.„Ich war die Nummer 9784*, die ihm in den linken Un- terarm tãtowiert wurde. Wenig spãter sei er zur Arbeit im Krankenlager herangezo- gen worden—„zum Sandschippen. Wir hatten Essen, ein Bett“, erinnerte er sich und meinte: Das war fast Komfort.“ Aber: Kurz darauf,stellten wir fest, daß wir da waren, um Läusen unser Blut zu geben“. Die Baracke, die Betten waren mit Flecktyphus-infizierten Läusen ver- seucht. Zwei Drittel der Häftlingsgruppe starben. Nachdem Häftlinge die Betten von SS-Offizieren mit Läusen verseucht hatten, wurde der Versuch eingestelit. Kaminski wurde nach Buchenwald, nach Mittelbau Dora(V2-Produktion), dann nach Bergen-Belsen verschleppt. Nach dem Krieg war er Journalist beim Warschauer Nachterpress.„Ohne Haß“ schrieb er über Deutschland, was der Chefredaktion mißfiel. Er floh ins„Land der Täter“. Seit 1974 lebt er in Frankfurt, wo er in den 60ern als Zeuge der Anklage in den Auschwitz-Prozessen aussagte und feststellte, daß„ich ohne Haß und Rache- gefühle weiterleben konnte“ In Frankfurt „wurde ich zum dritten Mal geboren“ tin Frankfurter Rundschau, 24. 6. 7996 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße September 03.9. Gotthard Keusch O4.9. Neithard Dahlen O5.9. Eva Beck-Friedrich O6.9. Ellen Krosch O8.9. Heino Galland 10.9. Rudolf Reiferscheid 12.9. Martin Grün 14.9. Thomas Krug 60 14.9. Fdgar Nienhuys 15.9. Dr. Werner Falk 15.9. Eva Leidescher-Blaschke Juli 02.7. Alexander Wolf 03. 7. Erhard Fasel 03.7. Rolf Kirsten 03.7. Michael Thiel O4. 7. Roland Schähle 07.7. Wladyslawa Jankiewicz O7. 7. Karl-Klaus Rabe 11.7. Devakaur Wade 13.7. Carl-Martin Barnut?z 13.7. Barbara Distel 13.7. Walter Fruth 13.7. Hildegard Gerhards 15.7. Norbert Hessler 16.9. Peter Hofmann 16.7. Jürgen Bartholome 16.9. Josef Seuffert 16.7. Prof. Friedemann Hellwig 21.9. Dr. Christian Grosche 17.7. Martin Proescholdt 21.9. Gerhard Heyer 19.7. Lothar Bembenek 24.0. Karl Hammer 19.7. Angela Sulzmann 25.9. Susanne Roth 19.7. Wilhelm Dorn 27.9. Dr. Bastian Meijer 20.7. Heinz Ennemann 28.9. Jutta Wies 21.7. Bardo Bayer 29.9. Harald Skroblies 21.7. Rainer Röhrborn 30.9. Elke Gross 24.7. Halvar Bertilsson Oktober 24.7. Herta Weck 3 8 27.7. Dr. Susan Cerniak-Spatz o6 27.7. Michael Langhanky 06. 10. Prof. Dr. Konrad Huchting 27.7. Imo Moszkowicz 06. 10. Jörg Raab 28.7. Klaus Rosenstock 09.10. Helga Leib 31.7. Walter Nuhn 09. 10. Barbara Reuter August 11.10. Walter Matt 01.8. Susanne Rudolph 11.10. Alfred Oppenheimer 02.8. Günter Bilgmann 11.10. Christa Piotrowski 02.8. Dr. Ursula Krause-Schmitt 11.10. Dr. Dieter Reithmeier. 03.8. Inge Hartwig 14.10. Katharina Fleckenstein 03.8. Eduard Wolny 14. 10. Stephan Kahl O8.8. Katharina Neidert 16.10. Heinz Betzler 09.8. HansJürgen Rojahn 16.10. Jürgen Lindemann 09.8. Steffen Gross 17.10. Peter Reimann 10.8. Doris Graenert 18.10. Helmut Hertel 10.8. Astrid Knöss 19.10. Peter G. Keller 11.8. Elke Maurer 21.10. Maria Kretzschmann 13.8. Wiebke Lessin 23.10. Gerhard Gaede 16.8. Ursula Schmidt 23. 10. Regina Hamel 17.8. Hildegard Moos 25 10. Nina Melchers 18.8. Joachim Sokolowski 28.10. Cornelia Bandorf 19.8. Willi Berg 28.10. Dr. Klaus Konrad-Tromsdorf 30.10. Carl Cellarius 27.8. Andrea Wrede 31.10. Hans Hirschmann 28.8. Michael Hummel 31.10. Michael Metz Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 31 Weiterarbeit trotz erheblich weniger Zuschüsse Studienkreis Deutscher Widerstand mußte hauptamtlichen Mitarbeiterinnen kündigen n Von Hans Hirschmann Es kam wieder einmal schlimmer als erwartet. Der Studienkreis Deutscher Widerstand in Frankfurt/Main stand Anfang des Jahre fast vor dem Aus. Die bereits im Herbst geäußerten Befürchtungen, daß der Zuschuß der Stadt Frankfurt, damals in Höhe von 100.000 Mark, erneut gekürzt werde, sollten sich mehr als bewahrheiten, denn der gesamte Zuschuß stand als'unnötige Ausgabe“ auf die Sparliste. Den hauptamlichen Mitarbeiterinnen mußte ge- kündigt werden und es stand zu befürchten, daß das seit 1977 aufgebaute Dokumentationsarchiv sowie die Bibliothek geschlossen werden müßten.(In den letzten beiden Jahren gingen beim Studienkreis jeweils rund 750 Anfragen ein, davon rund ein Prittel aus Univeristäten; es wurden 10.000 Kopien für Benutzer angefertigt; zahlreiche Initiativen und Geschichtswerkstätten finden Seit Jahren beim Studienkreis Unterstützung und Anregungen für die Arbeit vor Ort; wissenschaftliche Arbeiten wie die Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933— 1945 fanden weithin Anerkennung.) Erst auf öffentlichen Druck hin re- vidierte der Magistrat seine grund- sätzliche Weigerung weiterhin Zu- schüsse zu gewähren und stellt zuerst wenigstens einen Betrag von 30.000 Mark im Haushalt für den Studien- kreis bereit. Bei Nachverhandlungen wurde dieser Zuschuß dann noch ein- mal um den gleichen Betrag aufge- Stockt. Das Feilschen um den Ftat für 1997 hat im Frankfurter Rathaus je- doch bereits begonnen, und erneut stehen Kürzungen auf der Tagesord- nung. Mit einiger Wahrscheinlichkeit dürfte erneut der gekürzte Zuschuß für den Studienkreis wieder zur De- batte stehen. Die Mitgliederversammlung des Studienkreises hat zwar im Februar dieses Jahres beschlossen die Arbeit fortzusetzen, aber die Bedingungen haben sich bei allen Bemühungen um Umstrukturierungen natürlich ver- schlechtert. Hierzu Jutta von Frey- berg in den'Informationen“ des Stu- dienkreises vom April 1996: Wir ha- ben nun die ersten erfolgreichen Schritte unternommen, daß die not- wendige Verwaltungsarbeit und die Betreuung des Archivs und der Bi- bliothek, die bisher von den haupt- amtlichen Mitarbeiterinnen wahrge- nommen wurden, wenigstens zum Teil von neuen ehrenamtlichen Kräften geleistet wird. Die Umstellung auf die überwiegend echrenamtliche Betreu- ung unser Forschung- und Bildung- seinrichtung wird jedoch noch länge- rer Einarbeitungsphasen bedürfen. Dieser Tätigkeitsbereich wird ebenso wie die wissenschaftliche Arbeit, die im Studienkreis geleistet wird, auf lange Sicht nicht auf der Basis ehren- amtlicher Mitarbeit allein zu bewälti- gen sein.“ Als positver Nebeneffekt der Exi- stenzkrise des Studienkreises ist zu verzeichnen, daß neue Mitglieder ge- wonnen werden konnten und sich auch der Kreis der Förderspender er- 32 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer weitert hat. Um die technische Aus- stattung wenigestens einigermaßen up to date zu halten, ist der Studien- kreis im Moment auf der Suche nach einem Spender, der einen Laser- Drucker zur Verfügung stellt. Trotz der Krisenmonate ist es dem Studienkreis gelungen, den zweiten Band des Wegweisers zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung in Hessen fristgerecht fertigzustellen. Die beiden, nun nicht mehr haupt- amtlichen, wissenschaftlichen Mitar- beiterinnen, arbeiten momentan an zwei Projekten: der Herausgabe des Wegweisers für Baden-Württemberg Band II sowie der erweiterten Neu- auflage'Schwestern, vergeßt uns nicht“, Katalog zur Ausstellung Frauen im Konzentrationslager“. Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933—1945 Hessen 11— Regierungsbezirke Gießen und Kassel Autorinnen: Ursula Krause-Schmitt, Jutta von Freybero Friedrich Wehe Vorwort: BRenate Knigge-Tesche und Konrad Schacht [SBN 3-88864 2043 283 Seiten 34 DM 50 Jahre nach der Befreiung von Krieg und Faschismus erschien eine võllige Neuausgabe des lange vergriffenen Bandes Hessen. zentrale für politische Bildung Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933— 1945 Hessen II Regierungsbezirke Gieſten und Kassel Die Bestandsaufnahrme ergab ein so reiches und vielfãltiges Material, daß aus dem einst schmalen Band zwei umfangreiche Bände geworden sind, deren zweiter nun vorgelegt wird. Das Vorwort verfaßten Konrad Schacht und Henate Knigge-Tesche, Hessische Landes- 8 ———— Wenn Sie sich um Ihre Einzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Postgebühren Mindestbeitrag: 60 DMjährlich- Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monstlien L halbjshrlich DM einverstanden Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto- Nr. Bankleitzahl Datum Unterschrift S Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V., 35516 Münzenberg, Lindenstraße 68 Der Verein ist als gemeinnũtzig anerkannt. Die Beiträge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre MNeue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50-60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen' von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn..22 Neue Anschrift v[TLLLLLLLLL Straße, Haus-Nr. ſſſ Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg RE Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUscriwrxz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto- Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto- Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Q Häftling im K?Z Auschwitz vom bis Hãäftl.-Nr. Hãäftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. S Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Hãäftl.-Nr. [Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen U HELFEN SIE UNS WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS 60 7— 3t 0 — S S — 1— — * I AFT AUSCFWTL OER AUSCFHMWIAZER ſernichtung von'Untermenschen? zur Staats- aweit einen Angriffskrieg vom Zaun brach, willfährig zur Stelle. Wer sich dieser Armee, hen gegen die Menschlichkeit beteiligt war, ollte, gilt auch im heutigen deutschen Staat Mitteilungsblatt, Juli 1996