LAGERGEMENSCHAET AUSCEHWITZ AUSCHMWTZ RREUNDESKREIS DER AUSCEHWITAZER 4 Hermann Reineck, geb. 9. Januar 1919, gest. 29. Dezember 1995 16. Jahrgang, Heft 1 Mitteilungsblatt, März 1996 Rialle Ibei Tichtariern anzugebenl:% keiohotcherhecbehsupfuwt 27. 1 2 [. i prinz-Blbrecht-trabe 8 S. Schußhaftbefeh— Dor- und zuname: 1 Geburtstag und Ort: J1.1L315 NLen eruf: BrchbinorgehiAfe Familienſtand: 1 d16 Staatsangehörigkeit: Dh* 6** Religion: v, 2 S Wohnort und Wohnung: wird in Schußhaft genommen. — 6ründe: Er— g gefährdet nach dem Ergebnis der ſtaatspolizeilichen Feſtſtellungen durch ſein— iEr“— Derhalten den Beſtand und die Sicherheit des Volkes und Staates, indem er—/%t nech brafparbüet ung wegen Vorderei tung zum Hoch- vorrat beräirch“en jdsst, er vorde sLch 1n Frezhcit weiter ür konn⸗BeLazige eretznn und etch hierbet bes ondere den Krtegezustand Zunutze machen. In Vertretung:—— . ü 1 16 —— Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das Brett vor dem Kopf EFin Brett vor dem Kopf kann mir keiner schlagen. Manche legen mir Steine in den Weg, die räãume ich fort, oder steige darüber, oder ich strauchle:; dann aber lache ich dem Steinleger ins Gesicht. Manche legen Schlingen, die sind gefährlich und tun weh, aber man kann über Schlingenleger auch lachen, und es ist das Beste zu lachen, wenn man unter den Schlingenlegern steht. Manche stoßen einem mit dem Ellbogen, es gibt auch solche, die mit den Füßen treten, da stoße ich- wider Erwarten- nicht zurück, da trete ich- wider Erwarten-nicht zurück, da ziche ich meine Flephantenhaut über und lache. Aber manchmal wird man krank, 80 Krank, daß man nicht mehr lachen kann, S0 krank, daß die Elephantenhaut, ganz weich wird und nicht mehr schützt, da schreit man auf, Stürzt man über Steine, geht man in die Schlinge, Stõßt einer mit den Ellbogen, tritt einer mit den Füßen; ich kann nicht lachen; ich bin krank; anderenorts schreien und brüllen die Leute und jagen einander zu Grab, sie vernageln die Fenster und verrammeln die Tür, aber das Grauen steigt ihnen durch den Kamin in die Stube. Da vemageln manche ihr Hirn, dann können sie wieder lachen: ich bleibe lieber krank und kann nicht mehr lachen, aber ein Brett vor dem Kopf lasse ich mir nicht schlagen. Hermann Reineck 1950 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Für Hermann Reineck Das Land liegt umer klirrender Kälte wie damals zum Winter im Osten vor mehr als einem halben Jahrhundert im Ort mit dem polnischen Namen- 0 doch deutsch wurd' er zur Hölle. Du hast Dich stets erinnert und gekämpft, Du hast erinnert und gelitten, der Kameraden im Lager gedacht, deren Qualen waren Dir vermacht doch wer teilt dies noch mit Dir? Ich wär' so gern mal mit Dir gegangen über das weite Feld der Zäãune, wo Võgel nun wieder singen können, die Du aber damals nicht gehört um Leben mit Dir zu spüren. Hier weit im Osten war Dein Schicksalsort, zu dem es Dich immer wieder zog, Deine Stãtte Schlimmster Erniederigung, Dein Ort der grausamsten Qualen- E unser Ort des Frinnerns! (Alfred Schulz, Jahreswende 1995/060) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Wenn die hekampſer des Unrechts————————. hre vertundeten Gesichter zeigen, AUSUTZ isl die Ungeduld derer, die in Sicherheit waren, Croß. Bertoli Brecht Wir trauern um einen wahren Menschen Hermann Reineck geb. am 9. 1. 1919 in Wien Hãftling im KI. Auschwit? Gründer und Präsident der Lagergemeinschaft Auschwit?— Freundeskreis der Auschwitzer Trãger des Fhrenzeichens für Verdienste um die Befreiung Osterreichs Träger des Auschwitz-Kreuzes Träger der Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Frankfurt am Main starb am 29. Dezember 1995 in Lich Seine Unbcugsamkeit und sein Widerstand brachten ihn nach Auschwitz Seine AMufrichtigkcit und sein Aufbegehren konnten die Nationalsozialisten nicht unterdrücken, seine Menschlichkeit nicht nehmen. Sein Sinn für Gerechtigkeit licß ihn kämpfen gegen das Vergessen. Er war fürsorglicher Ratgeber, kritischer Freund und beharrlicher Kampfer. Seine Hoffnung sctzte er auf die Jugend. Er suchte sie in Schulen auf und begleitete Gruppen nach Auschwitz, die auch dort seine menschliche Wärme erlebten. Er verstand es, Jugendliche zu motivieren, gesellschaftliches Unrecht?u erkennen und diesem entgegenzuwirken. Vorstand und Mitglieder der Lagergemeinschaft Auschwit?— Freundeskreis der Auschwitzer e. V. und alle, die mit ihm arbeiteten und ihn verehrten. ⸗ Die Trauerfcier ist am Samstag, dem 6. Januar 1996, um 14.30 Uhr im Bürgerhaus in Butzbach. Die Urnenbestattung findet im engten Familienkreis stãtt. Von Beileidsbesuchen bitten wir Abstand zu nehmen. Anstelle von Kränzen und Blumen bitten wir im Sinne Hlermann Reinecks um Spenden an die Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Muschwitzer e. V., Lindenstraße 68, 35516 Münzenberg, Konto: 0 020 000 3503, Sparkasse Wetterau, BI-Z518 500 79. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Landrat würdigte Hermann Reineck als„engagierten Aufklärer“ „Wetteraukreis velor eine bedeutende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens' Als'engagierten Aufklärer gegen das Vergessen' würdigte Landrat Roff Gnadl in einer Erklärung des Wetterauer Pressedienstes unseren verstorbe- nen Präsidenten Hermann Reineck. Mit Hermann Reineck verliert der Wetteraukreis eine bedeutende Persön- lichkeit des öffentlichen Lebens, der vielen jungen Menschen den Schrecken des Holocaust auf eindringliche und authentische Weise nähergebracht hat', so der Landrat, der selbst vor ei- nigen Jahren bei einer Studienreise mit dem ehemaligen KZ-Hãftling die heu- tige Gedenkstätte in Auschwitz be- sucht hat. In beispielhafter Weise habe Her- mann Reineck jungen Menschen aus der Wetterau- direkter und intensiver als dies gewöhnlicher Schulunterricht vermag- mit regelmäßigen Fahrten nach Auschwitz und durch unzählige Schulbesuche die Ausein andersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozia- listen ermöglicht. Für Herman Rein- Hermann Reineck ist gestorben Hermann Reineck ist tot. Der Präsi- dent der„Lagerge- meinschaft Ausch- witz“ starb am 29. Dezember kurz vor Vollendung seines 77. Lebensjahres. Reineck, der in Gambach lebte, ar- beitete gegen das Vergessen. Die Nazis hatten den gebürtigen Wiener ins KZ Auschwitz gesteckt. Er gehörte zu den vier von 1860 Menschen seines Trans- eck war die Aufklärungsarbeit innere Berufung und selbstgewählte Lebens- aufgabe, um die demokratische Gesin nung seiner Mitmenschen zu fördern und zu festigen, und- vor allem- um die Jugendlichen und Heranwachsen- den resistent zu machen gegenüber ex- tremistischen Finflüssen“, resümierte der Landrat. In seinem Beileidsschreiben an die Witwe Anni Roßmann-Reineck wür- digte Rolf Gnadl die unermeßlich wert- volle Arbeit von Hermann Reineck und bedauerte, daß ihm nicht vergönnt war, mit der Gewißheit zu sterben, daß die gesellschaftlichen Ursachen, die einst zu Auschwitz führten, ein für allemal ausgeräumt sind: Es ist nun an ande- ren, die Aufklärungsarbeit im Sinne Hermann Reinecks fortzusetzen?. ports, die Auschwitz überlebten.„Uber Auschwitz darf kein Gras wachsen“ diese Erkenntnis wurde sein Lebensmotto. 1964 war Reineck Zeuge im hranu Auschwitz-Prozeß. Er lernte dort sein Spätere Frau Anni Roßmann kennen und siedelte noch im selben Jahr in die Bun- desrepublik über. Nach österreichischem Vorbild gründete er 1979 die„Lagerge- meinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer“ In dem Verein haben „Vberlebende des menschenverachtenden Naziterrors sowie Menschen zusammen- gefunden, denen die Weitergabe des Ver- mãächtnisses der Opfer von Auschwitz an künftige Generationen als besondere Ver- pflichtung zu Frieden und Versöhnung am Herzen liegt“ Frankfurter Rundschau, 2. J. 1996 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5 Was in Auschwitz geschah, ist auch von Nachgeborenen nicht hinzunehmen Hermann Reinecks tägliche Rebellion Erinnerungen an einen unruhigen und oft friedlosen Menschen vFieh dir alles an, und verliere nie den Mut, wenn es Dir Schlecht geht. Denn es konnt ja Sein, daß wir einmal darüber herichten müssen, daß wir einmal den Lebenden Rechenschaft abgeben müssen und daß wir uns zur Verteidig ung der oten erhehen müssen. Früher einmal marschierten wir im Kommando ins Lager zurück. Und ein Orchester Spielte dazu Schmissige Märsche. Dann kamen DAW und andere Kommandos und warteten vor dem Tor, zehntausend Männer. Gerade in dem Augenhlick rollten Lastwagen vom Frauen-KZ herüber und brachten nackte Frauen. Die Frauen rangen die Hände und riefen- Helft uns! Rettet uns! Wir werden vergast! Hilfe! Und Sie fuhren an uns vorüher an zehntausend Schweigenden Mdnnern. Kein Mensch rührte Sich, keine Hand hob sich. Weil die Lehenden immer recht haben und die Toten nie.“ Die Zeitungen hatten ausführlich berichtet über die Trauerfeier für Hermann, sie hatten geschrieben, wie seine Freunde und auch Vertreter der Politik an sein lebenslanges Trauma- die Haft in Auschwitz- erinnert und seine antifaschistische Arbeit gewür- digt hatten. Daß er nicht bei einer Trauerfeier, sondern einer'Kommu- Genpariy“ war, bekam einige Tage Später einer der Anwesenden von ei- nem Wetterauer Kommunalpolitiker zu hören. Beide waren bei einem Empfang in sogenannter lockerer Runde ins Gespräch gekommen. In dieses Bild paßt auch die fromme Genugtuung, mit der jemand in kra- keliger Handschrift eine Postkarte verzierte. Reineck- ein Verbrecher weniger? stand da zu lesen. Addres- Siert war die Karte, die eine Woche nach Hermanns Tod im Briefkasten in Gambach landete, an den'Freun- deskreis- Feind“; bewußt unleserlich war dagegen die Absenderanschrift. Tadeusz Borowski, Bei uns in Auschwitz München 1963 Hermann hat es gewußt, wie nötig es war, über seine Haft in den Ge- fängnissen der Gestapo und im K?Z Auschwitz zu berichten, um den Le- benden Rechenschaft abzulegen und die Toten zu verteidigen, wie es sein polnischer Mithäftling Tadeusz Bo- rowski einmal formuliert hatte. Her- manns unermüdlicher Wille den*Ab- wieglern' Paroli zu bieten, ließ ihn kaum eine Bitte abschlagen, in Schu- len und an alle sonstigen Orten zu gehen, wo ihm Jugendliche und Er- wachsene zuhören wollten. Es war fast wortwörtlich zu nehmen: Wenn es um Auschwitz und Faschismus ging, ließ er alle anderen Dinge ste- hen und liegen. Er vernachlässigte sein Haus und achtete nicht auf seine Gesundheit, wie es Janusz Mlynarski in seiner Trauerrede ausdrückte. In den letzten Jahren seines Lebens, als er nur noch selten selbst Auto fah- ren konnte, haben wir ihn zu den Ver- anstaltungsorten gefahren. Wenn wir 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer dann sahen, wie er mit- unter kaum die körperli- che Kraft aufbringen konnte, ohne Hilfe die Treppen hochzugehen, dann hatten wir Beden- ken, ob es richtig war, daß wir ihn hierherge- bracht hatten. Wenn er dann aber vor seinen Zu- hörerinnen und Zuhö- rern saß— natürlich mit einer brennenden Ziga- rette in der Hand und einer Tasse schwarzen Kaffee vor sich auf dem Tisch-, dann war seine Stimme klar und fest und Seine Ausdauer Rede und Antwort zu stehen enorm. Ein anderes Beispiel: 1991 hatte Her- mann kurz vor einer geplanten Bil- dungsfahrt einen Herzinfarkt und mußte ins Krankenhaus. Gerade mal wieder aus der Intensivstation heraus, ließ er es nicht zu, daß die Fahrt abge- sagt wurde. Anni'mußte“ die Gruppe begleiten, während der aus Zgorzelec angereiste Stazek Hantz im Haus in Gambach Stallwache hielt und Her- mann täglich im Krankenhaus be- Suchte. Daß es kaum die Täter und Mitläu- fer des Dritten Deutschen Reiches waren, die Rechenschaft ablegen mußten über ihre Tun und ihre Un- terlassungen, war eine bittere Lektion für die ehemaligen KZ-Hãäftlinge. Sie mußten, wie von Borowski vorausge- ahnt, die Pflicht auf sich nehmen, den Lebenden Rechenschaft abzugeben. Und bevor sie dies gegenüber unbe- lasteten aber unwissenden Nachgebo- renen tun konnten, mußten sie sich in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Haft gegenüber der großen Mehrheit ihrer Zeitgenossen behaupten, und sie müssen es auch heute noch angesichts von alten und neuen Nazis und den sich hinter dem Mäntelchen des Na- tionalismus versteckenden Rassisten. Joachim Proescholdt sprach bei der Trauerfeier für Hermann von der Not der überlebenden K?Z-Hãäftlinge, sich für ihr Uberleben rechtfertigen 2 müssen. Auch dies gehört zu ven Trauma Auschwitz, das Hermann zu einem, wie Joachim Proescholdt sagte, »unruhigen und oft friedlosen Men- schen' werden ließ. Auch auf ihn traf zu was Anne-Marie Fabian in einer Strophe ihres Gedichtes Auschwitz- Alphabet' beschrieb: »Befreiung Für uns: Kriegsende Für die Opfer: Wiederkehr alles Erlebten. Alpträume, Absturz ins Bodenlose, KZ-Syndrom.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Die psychischen und körperlichen Beschädigungen zeitigten bei Her- mann eine Reihe von Folgeschäden wie Nierenleiden und Magenge- Schwüren und später mehrere Herz- infarkte. Alpträume'erinnerten“ ihn an die in Auschwitz minütlich dro- henden Todesgefahren, an die syste- matische Entmenschlichung der Hãftlinge und die fast täglich mitan- benen Massenmorde. Das Trauma Auschwitz bestimmte Hermanns Le- ben auch nach der Haft. Mit 27 Jah- ren mußte er krankheitsbedingt sei- nen Beruf als Buchbinder und Schriftsetzer aufgeben. In steter Erin- nerung ist ihm aber auch sein wüten- der schon im KZ gefaßter Vorsatz »Du mußt stärker sein als die. Die dürfen dich nicht unterkriegen“. Die, das waren die Täter, die Mitläufer und die notorischen Wegseher, die hinterher stets bereit waren, ihre Hän- de in Unschuld zu waschen. Nach einer Umschulung als Kauf- mann begann Hermann wieder zu ar- beiten und setzte auch seine Tätigkeit in der österreichischen Lagergemein- Schaft Auschwitz fort. Seine Mitglied- Schaft in der Kommunsistischen Par- tei Osterreichs beendete er in den 3 LMoschnit? S0er Jahren. Sein Austritt erfolgte aus Protest gegen die Hinrichtung des un- garischen Außenministers Rajk. Die politische Arbeit hat Hermann nach dem Krieg also wieder aufge- nommen. Uber das am eigenen Leib und eigener Seele Erlittene konnte er jedoch lange nicht mit denen reden, die selbst nicht die KZ-Torturen er- fahren haben. Das galt auch für die engsten Verwandten, seine Mutter, die Schwester, die beiden ersten Ehe- frauen und die Töchter in Wien. Sie wollte er nicht belasten mit seinem Trauma. Bei seinen anderen Zeitge- nossen befürchtete er- wie übrigens die meisten ehemaligen KZ-Häftlinge — daß sie ihm nicht glauben würden oder nicht glauben wollten. Dem Großteil der Bevölkerung galten die Mitläufer sowieso als staatstragend und die Nazigegner als suspekt. Der Historiker Peter Steinbach brachte es bei seiner Ansprache anläßlich der Verleihung der Johanna Kirchner- Medaille an Hermann Reineck und andere folgendermaßen zum Aus- druck:*Zugleich ist bei allen Regime- gegnern die Entfremdung und Di- stanzierung gegenüber ihrer eigenen Zeit und Umgebungen zu spüren, die Im KI. Auschwitz war Hermann Reineck Häftling Nr. 63387 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ———— Polizeil. Meldebehörde Wehrbezirkskommando rre — 5(Beruf, Bo⸗ und Familienname) 5 ertenn K geb. am 1 u— .(Tag, Monat, S(Drn) .—— een 12 2(Gemeinde, Kreis uſw., Regierunosbezirk, Land) enendo⸗ —— „ . 1. 6 den S⸗ Wonat, Jahr) Die&retspottueordt i inierſchrif Oberst S 2 „ Nach Seiner Verurteilung wegen Hochperrats wurde Hermann Reineck per Ausschließungsschein“ für wehrumvürdig erkldrt. 1944 mußte er Sich in Auschwitz freiwillig* zum SSonderregiment Dirlewanger melden und Sollte doch noch für den Endsieg“ Kämpfen. Im Unterschied zu den in das Kegi- ment Strafpersetten SSMdnner, hekamen die politischen Hdfilinge erst an der Front kurz vor dem jeweiligen Kampfeinsatz Waffen ausgehdndigt. Hermanndessertierte zudenischechischen Partisanen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 zum überwiegenden und deprimie- rend großen Teil aus Mitläufern zu bestehen schien.“ 1964, als Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozeß, sprach Hermann erstmals über selbst erlebte Situatio- nen in Auschwitz. Im Prozeß mußte die Verhandlung einmal unterbro- chen werden, weil er beim Anblick der unmittelbar vor ihm sitzenden chemaligen Herren über Leben und od, den Herrenmenschen“ von der SS-Lagermannschaft, einen Angst- und Weinkrampf bekam. Vielleicht war es seine schwierigste Lebensauf- gabe nach Auschwitz, sich den Demü- tigungen der KZ-Haft ganz konkret wieder zu stellen. Er hat diese Aufgabe dann immer wieder auf sich genommen. Mit den Menschen seiner Generation hatte er jedoch bis an sein Lebensende Schwierigkeiten, weil er sich immer fragte, was haben die damals im Tau- sendjährigen Reich gemacht. Anders war es mit den'Nachgeborenen“. Ih- nen gab er bereitwillig Auskunft über seine Empfindungen und'seine Ge- schichte in Auschwitz“. Daß jeder Verantwortung für sich und die Si- tuation seiner Zeit zu übernehmen hat, dies seinen Zuhörer und Zuhö- rerinnen zu verdeutlichen, das war Hermann Reinecks großer Lebens- wunsch. Nicht für eine Karierre, sondern für die Freiheit, habe Hermann gear- beitet, sagte sein Freund Janusz Mly- narski bei der Trauerfeier. Bei aller Aufklärungsarbeit hat Hermann auch nicht die materiellen Nöte vergessen, in denen viele ehemalige KZ- Häftlinge und ihre Familien leben mußten. Die Lagergemeinschaft hat jahrelang Lieferungen mit Hilfsgü- tern zusammengestellt und sie an Hãftlingsverbãnde, vor allem nach Polen, geschickt. Darüberhinaus stand im Mittelpunkt von Hermanns Arbeit auch immer die Forderung nach einer Entschädigung für alle Opfergruppen Nazi-Deutschlands. Um die Art und Weise von Her- manns Arbeit und Leben nach der 6 In der Gedenkstätte im chemaligen Stammlager vor Block 25 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Haft zu charakterisieren, lassen sich die Sätze eines anderen ehemaligen Auschwitzers aus Wien zitieren. Jean Améry schrieb im Vorwort zu seinem Buch'Jenseits von Schuld und Süh- »Aufklärung ist nicht Ah klärung. (.) Abklärung, das wäre ja auch Erle- digung, Abmachung von Tatbestän- den, die man zu den geschichtlichen Akten legen kann. Gerade dies zu verhindern, will mein Buch beitragen. Nichts ist ja aufgelöst, kein Konflikt ist beigelegt, kein Er-innern zur blo- ßen Erinnerung gewor- den. Was geschah, ge- schah. Aber daß es ge- schah, ist so einfach nicht hinzunehmen. Ich rebelliere: gegen meine Vergangenheit, gegen die Geschichte, gegen eine Gegenwart, die das Unbegreifliche geschichtlich einfrie- ren läßt und es damit auf empörende Weise verfälscht. Nichts ist vernarbt, und was viel- leicht 1964 schon im Begriffe stand zu hei- len, das bricht als infi- zierte Wunde wieder auf. Emotionen? Mei- netwegen. Wo steht ge- Schrieben, daß Aufklä- rung emotionslos zu sein hat? Das Gegen- teil scheint mir wahr zu sein.“ Hermann, wir haben es sicher oft nicht ver- standen, konnten es nicht verstehen, haben uns manchmal nicht Auschwitz vor 6 Gedenktafel an Block 4 immer die Frage gestellt, was es heißt, täglich gegen das, was in Auschwitz geschah, rebellieren zu müssen. Auch dann, wenn wir uns dieser Frage be- wußt waren, waren wir manchmal bei bestimmten Themen anderer Mei- nung und haben mit dir gestritten. Selten haben wir dich überzeugt, nicht immer hast du uns überzeugt. Wir hoffen, begriffen zu haben, daß es auch heute und für uns selbst wichtig ist, das, was in Auschwitz ge 0 schah, nicht hinzunehmen. Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Am 5. Dezember 1995 Sprach Hermann in Bad Homburg auf Ein ladung des D6cB und der Volkshochschule zum letzten Mal hei einer òffentlichen Veran- Sraltung. Wenige Tage Spdter erschien in der Lokalausgabe der Frankfurter Rundschau der ſolgende Bericht- ¶nbeschreibliches Auschwit?z Hermann Reineck aber wird nie müde, darüber zu berichten BAD HOMBURG/MUNZENBERG. Wie beschreibt man das Unbeschreibli- che? Hermann Reineck versucht es immer wieder.„Bis in die 60 er Jahre konnte ich nicht über Auschwitz sprechen, heute hal- te ich Vortrage darüber.“ Reineck, der in Münzenberg lebt, war in der Zeit des Na- tionalsozialismus fünfeinhalb Jahre in Haft und hat Auschwitz überlebt. In der Kurstadt Bad Homburg versuchte er, über 50 Zuhörern in einer Ton-Bild-Schau einen Eindruck vom Grauen des Vernich- tungslagers zu vermitteln. Wie kam man als Häftling nach Au- schwitz? Es reichte, Sozialdemokrat zu Sein. Schon früh hatte sich der gebürtige Osterreicher Reineck für die Sozialdemo- kratie engagiert und wurde nach dem Anschluß“ seiner Heimat an das Deut- e Reich verhaftet, kam schließlich 42 in die, Schutzhaft“ nach Auschwitz. Die Bilder tun weh. Dias mit Zeichnun- gen und Fotos, vom Mediendienst der Fvangelischen Kirche erarbeitet, hat der Auschwitz-Uberlebende dabei. Sie unter- malen, was der 76 jãährige mit leiser Stim- me erzählt: vom Leid der Straßenbauko- lonnen, wo die Gefangenen nur zwei bis drei Monate überlebten, und vom Sadis- mus vieler SS-Männer. Finige Episoden sind Reineck noch besonders in Erinne- rung. Einen erschlagenen Kameraden mußte er auf dem Rücken zurücktragen ins Lager— dazu hatten die SS-Männer ein fröhliches Marschlied befohlen. An Heiligabend sollten die Gefangenen in der Kälte antreten und ansehen, wie andere auf dem Hof mit Wasser übergossen wur- den und jämmerlich erfroren.„Glauben Sie, daß ich danach jemals wieder Weih- nachten gefeiert habe?“ ruft Hermann Reineck. Er selbst hat Glück gehabt: Als Schrei- ber auf der Krankenstube des Lagers konnte er sich über die Jahre retten. Er gewann dabei Einblicke in die furchtbare Arbeit der SS-Arzte. Der Vortrag, organisiert von der Kreis- arbeitsgemeinschaft„Arbeit und Leben“, einem Zusammenschluß von DGB und VHS, wurde vom Publikum noch heftig diskutiert. Auch heute müßten die Men- schen wachsam sein gegenüber antidemo- kratischen Tendenzen, so Hermann Rein- eck.„Eines nimmt Euch niemand ab: Ihr seid verantwortlich für den Zustand Eu- res Landes heute“, ermahnte der alte Mann seine Zuhörer. prml 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Auf den Spuren des Nationalsozialismus: Bildungsreise nach Polen Studienfahrt nach Auschwitz-Birkenau Gespräche mit ehemaligen KZ- Häftlingen Unsere nächste Bildungs- und Studienreise nach Polen zur Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrations- und Vemichtungslagers Auschwitz-Bir- kenau findet in den hessischen Osterferien statt: vom 24. März, bis zum 4. April 50 Jahre nach der Kapitulation des Deutschen Reiches und der zeneiung& der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager grassieren in unse- rer Gesellschaft erneut und verstärkt wieder Rassismus, Fremdenfeindlich- keit, Antisemitismus und Nationalismus. Es sind dies charakteristische Finstellungen der nazistischen Ideologie, die von der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung willfährig als Staatsdoktrin akzeptiert wurde und die unweigerlich zu Krieg, Völkermord und einer beispiellosen Vernich- tungspolitik führte. Dies zu verdeutlichen, und die Notwendigkeit zu er- kennen, an der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft mitzuwirken, ist Ziel der Studienreise. Gespräche mit ehemaligen Häftlingen und ihren Familien sind in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sowie bei Besuchen und Besichtigungen in Oswiecim, Zgorzelec und Krakow vorgesehen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Deuaxlℳ urn z 5 ſtel ecA er ½„ 6 10 ,,, ⸗. ZA x Jore ce⸗ ————— . REHISEROUTF: Frankfurt/ Main- Zgorzelec-Oswiecim- Gedenk- Stätte Auschwitz-Birkenau-Krakow- Zgorzelec- Frankfurt/ Main UNTERBRINGUNG: Erfolgt privat bei ehemaligen Häftlingen und ihren Familien sowie im Hotel der Gedenkstãtte. REISEPREIS: 1080 Mark(Busfahrt inklusive Unterbringung, Ver- pflegung sowie Eintritt bei Führungen und Be- 5 sichtigungen) Ermäßigung um bis zu einem Drittel des Preises möglich für Schüler, Studenten, Arbeitslose und andere Interessenten mit geringem Finkommen ANMELDUNG bitte umgehend an Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, Linden- straße 68 in 35516 Münzenberg 1, Tel: 06033 60168, oder an telefonisch bei Matthias Tiessen, Rufnummer 069—653737. Uberweisungen bitte unter dem Stichwort*Studienreise“: Sparkasse Wetterau(BIZ 518 500 79), Konto-Nr. 0020 000 660. Benötigt wird ein Reisepaß, der noch mindestens 6 Monate gültig ist. Unsere Studienfahrten sind anerkannt als Bildungsurlaub und als Lehrer- fortbildungsreisen. Ein Termin für ein Vorbereitungstreffen wird noch vereinbart. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer HMermann Reineck beim Express-Interview im Mai 95 Foto: Wegst ERNNMERUNMG Den Interviewtermin hatte Hermann Reineck wegen Seines Umzugs glatt vergessen.„Kommt rein“, verschmitzt-entschuldigendes Grinsen. Die Umzugskartons und Bòchertürme werden eirfach zur Seite geschoben, damit Fotograf und Interviewer Platz finden. Plõtzlich Steht auch die Kanne Kaffee auf dem Tisch, und los geht's mit weitem Blick auf die Wetterau üher die Schwierige Erinnerung an die berũchtigten Zwöjf nazi-deutschen Jahre. Das war im letzten Mai. Zum Gedenktag für die Opfer des NS-Regimes hat Bundespräsident Herzog den 27 Januar bestimmt, vor 51 Jahren Jag der Befreiung des KAuschwitz. Um Erinnerung war auch Hermann Reineck bemüht, der diesem K entkommen konnte. Der gebürtige Wiener(J9. 1919), der 1964 beim Auschwitz-Prozeß in Frankfurt Seine Frau kennenlernte und nach Gambach zog, war mehrfach Express-Informant und zweimal Partner in doppelseitigen Express-Interviews. Kein aufdringlicher Mahner, sondern ein ironisch-freundlicher Zeitzeuge mit überquellen- den Bücherregalen und gutem Bohnenkaffee. Hermann Reineck verstarb am 29. DeZermber. Richard Laufner Marburger Magazin HNPRES5 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Ab sofort an anderer Adresse Mitgliedertreffen Die Mitgliedertreffen der Lager- gemeinschaft Auschwitz- Freundes- kreis der Auschwitzer finden ab so- fort in der Wolfsgangstraße 109 in Frankfurt am Main statt. An unserem alten Treffpunkt im Gemeindehaus Leerbachstraße von St. Katharinen sind derzeit Kinder eingezogen, in deren Kindergarten es gebrannt hat. Die St. Katharinen- gemeinde hat uns freundlicherweise an jedem ersten Mittwoch Abend Räume überlassen im Gemeindehaus in der Wolfsgangstraße 109 in Frankfurt am Main jeweils um 19.30 Uhr am Mittwoch, dem 6. März, Besuch von Autoren u. Au- torinnen des Pahl-Rugen- Stein Nachfolger Verlages, die das Verlagsprogramm zu NS-Themen vorstellen und aus ihren Büchern lesen. am Mittwoch, dem 3. April, kein Treffen wegen der Stu- dienreise nach Polen am Mittwoch, dem 1. Mai, Tag der Arbeit, kein Treffen am Mittwoch, dem 5. Juni, Berichte von der Studienrei- se nach Auschwitz und Krakow Vorträge in Laubach u. Frankfurt »Kinder in Auschwitz“ Zum Thema„Kinder in Ausch- wit? werden Margaretha Rebecca Hopfner und Kazimierz Smolen am Montag, dem 4. März, in Laubach (Landkreis Gießen) und am Diens- tag, dem 5. März, im Frankfurter Stadtteil Rödelheim sprechen. Der ehemalige KZ-Häftling Kazimi- erz Smolen war lange Jahre Direktor des Staatlichen Museums in der Ge- denkstätte Auschwitz-Birkenau. Die Historikerin Margaretha Rebecca Hopfner hat 1993 in Wien über„Kinder in Auschwitz“ ihre Doktorarbeit ge- Schrieben.(Eine Zusammenfassung wurde in unserem Mitteilungsblatt 2/195 veröffnetlicht.) Der erste Vortragsabend, am 4. Mãrz, findet im Laubach-Kolleg und der zweite, am 5. März, im Haus der ev. Cyriakusgemeinde in Frankfurt- Rödelheim, Alexanderstr. 37, statt. Be- ginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Nach Mauthausen u. Ravensbrück Studienfahrten des Bildungsvereins Impuls? Vom 16. bis 19. Mai führt eine Studi- enreise des Frankfurter Vereins Im- pulsꝰ nach Osterreich in die Gedenk- Stätte des ehemaligen Konzentrations- lagers Mauthausen. Desweiteren bietet*Impuls“ vom M. bis 29. September eine Studienfahrt nach Brandenburg in die Gedenkstätte des ehemaligen Frauenkonzentrations- lagers Ravensbrück an. Informationen bei'Impuls- Verein für Bildung und Kultur e. V.“, Sindlin- ger Str. 12 in 60326 FrankfurMain, Tel. 069 736541, Fax 069736549. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Die Frankfurter Neuen Presse berichtete über die Trauerfeier Fin unermüdlicher Kämpfer „Fein Widerstand vur villeicht nicht Spektakulär gewesen. Abher er hat Sich nie Kleinkriegen lassen, hat Würde hewahrt und andere nicht versto- ßen“, charakterisierte Joachim Proeschold in der Traueransprache Sei- nen Freund Hermann Keineck. Die Frankfurter Neue Presse berichtete am 6. Januar 1996 mMM BUTZBACH Unter großer Anteilnahme insbe- sondere vieler Jugendlicher nahm am Samstag eine Trauergemeinde von etwa 400 Menschen im Butzba- cher Bürgerhaus Abschied von Hermann Reineck. Der Gründer und Präsident der Lagergemein- schaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer“ war kurz vor Vollendung seines 77. Lebensjah- res in Lich gestorben. In seiner Trauerrede skizzierte Pfarrer Joachim Proescholdt den Lebenslauf des ehemaligen Häft- lings des Konzentrationslagers Auschwitz. der— trotz aller Drang- Sale— stets ein wahrer Mensch“ und sich somit selbst treu geblie- ben sei. Der am 9. Januar in Wien geborene Reineck wurde im sozial- demokratischen Geist erzogen. Er engagierte sich schon mit 14 Jah- ren in der sozialistischen Arbeiter- jugend und wurde— da dies illegal war— bereits mit 17 Jahren ein halbes Jahr inhaftiert. Nach dem„Anschluß“ Gster- reichs wurde er zum Reichsar- beitsdienst einberufen und dann der Wehrmacht überstellt. Wegen Wehrunwürdigkeit“ entließ man ihn aus Wehrmacht und schickte ihn mit dem Zusatz auf seinem Schutzhaftbefehl Rückkehr uner- wünscht“ im Juli 1942 nach Auschwitz. Im Dezember 1944 ge- lang ihm jedoch die Flucht. Er schloß sich dem Widerstand an, trat 1964 als Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozeß auf. Nach seiner Ubersiedlung in die Bundesrepublik gründete Reineck Lagergemeischaft Auschwitz“. Unermüdlich, bis an die Grenze seiner physischen Be- lastbarkeit, so Proescholdt, habe Reineck gegen das Vergessen ge- kämpft, Studienfahrten und Hilfs- transporte für Auschwitz-Uberle- bende organisiert sowie unzählige Vortrãge in Schulen und Universi- täten gehalten. Proescholdt:„Sein Widerstand war nicht spektakulär. Aber er hat sich nie kleinkriegen lassen, Wür- de bewahrt und andere nicht ver- stoßen“. Gleichwohl sei für ihn Auschwitz immer ein Trauma geblieben“. Sein wahres Licht“ werde in denen weiterscheinen, denen er seine innere Stärke und seinen Mut vermittelt habe, um zu sagen„Nie wieder“. Janusz Mlynarski, Uberleben- der des Holocaust, würdigte Rein- eck als einen„unermüdlichen Kãmpfer für eine optimistische Zu- kunft“ Seine Schöpfung werde nie zugrunde gehen. Für die Hessische Landesregie- rung kondolierte Finanzminister Karl Starzacher der Witwe des Verstorbenen, Anni Roßmann- Reineck. Er sagte, Reineck stehe für die Erinnerung und gegen das Vergessen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Hermann Reineck gab sich nicht auf? Uber Auschwitz darf kein Gras wachsen Ansprache des Hessischen Staatsministers Karl Starzacher bei der Trauerfeier für Hermann Reineck am 6. Januar 1996 in Butzbach Liebe Frau Roßmann-Reineck, liebe Trauergemeinde, d wir trauern um Hermann Reineck. Ich sage das auch für die Hessische Landes- regierung. Die Nachricht von seinem Tod hat uns alle bestürzt. Abschied nehmen von Hermann Reineck heißt Abschied nehmen von einem Menschen, der von frühester Jugend an für seine politi- sche Uberzeugung gekämpft hat; einem uner- müdlichen Antifaschisten, der vor allem ge- gen Rassismus eingetreten ist und sich für ein demokratisches Gemeinwesen sowie für Ge- rechtigkeit zwischen den Völkern und Natio- nen eingesetzt hat. Sein Finsatz war mit großen Gefahren und Leiden verbunden. Aber Hermann Reineck Januar 1994. Minister Kurl Sturzacher gratu- liert Hermann zum 75. Gehurtstag ließ sich nie beirren: Mit 17 Jahren bereits verbrachte er ein halbes Jahr in Haft, weil er sich- während des klerikal- faschistischen Dollfuß/Schu- schnigg-Regimes— illegal in der Sozialistischen Arbeiterju- gend politisch betätigt hatte. Nach dem sogenannten „Anschluß' Osterreichs wurde er mit 19 Jahren zum Reichsar- beitsdienst eingezogen und mit Kriegsbeginn der Wehr- macht überstellt. Und obwohl er von der Gefährlichkeit sei- nes Handels wußte, arbeitete Herman Reineck weiterhin im Untergrund gegen die Na- zis und verbreitete zum Bei- spiel innerhalb des Reichsar- beitsdienstes und der Wehr- macht illegale Materialien. An seinem 22. Geburtstag wurde Hermann Reineck we- gen seiner illegalen politischen Tätigkeit an die Gestapo aus- geliefert. Er hielt den schreck- lichsten Verhören stand; selbst im Angesicht gröbster Miß- handlungen hat er keinen sei- ner Mitstreiter preisgegeben. Doch die schrecklichste Zeit seines Lebens sollte Hermann Reineck noch bevorstehen: Nach der Verbüßung einer eineinhalbjährigen Haftstrafe begann für ihn ein unerträgli- ches Leiden als politischer Häftling im Konzentrationsla- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ger Auschwitz, in dem er über zwei Jahre lang einsaß. Hier mußte er die nationalsozialistische Gewaltherr- schaft in ihrer ganzen menschenver- achtenden Grausamkeit miterleben und am eigenen Leibe erfahren. Herman Reineck gab sich nicht auf. Er schloß sich der Widerstands- bewegung im Lager an. Doch nur be- sonders glücklichen Umständen hat er es zu verdanken, daß er Anfang 1945 in Freiheit entflichen konnte. Und wieder schloß er sich einer Wi- derstandsgruppe an und kämpfte bis zum Kriegsende gegen die Gewalt- herrschaft. Hermann Reineck ließ seine Ver- gangenheit nicht los. In den 60er Jah- ren verlor er seinen Arbeitsplatz in Frankfurt. Ihm wurde vorgewurfen, daß er seine„Vorstrafen? nicht ange- geben habe. Erst Ende der 80er Jahre wurden ehemalige KZHäftlinge in Deutschland rehabilitiert und galten fortan nicht mehr als„vorbestraft?. Ständige Träume ließen ihn nachts schreiend aufwachen. Hermann Rein- eck konnte lange Zeit nicht über das Lager sprechen. Er wollte niemanden mit dem alltäglichen Terror, den er erlebt hatte, belasten, und er befürch- tete, daß ihm niemand glauben würde. Mit Menschen seiner Generation konnte er Zeit seines Lebens nicht unbefangen umgehen. Immer wieder betonte er, daß er sich ständig frage: „Was haben die damals gemacht?“ Der Historiker Peter Steinbach brachte es bei seiner Ansprache an- läßlich der Verleihung der Johanna Kirchner-Medaille an Hermann Rein- eck so zum Ausdruck:„Zugleich ist bei allen Regimegegnerm die Ent- fremdung und Distanzierung gegen- über ihrer eigenen Zeit und Umge- bungen zu spüren, die zum überwie- genden und deprimierend großen Teil aus Mitläufern zu bestehen schien.“ PErst nach vielen Jahren war Her- mann Reineck in der Lage, über seine Erlebnisse zu berichten. In den siebziger Jahren gründete er die„Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer“, in der sich Menschen zusammenfanden, die es- unter dem Leitspruch der Ge- meinschaft„Uber Auschwitz darf kein Gras wachsen' als ihre Aufgabe verstanden, das unvorstellbare Leiden der Opfer von Auschwitz in Brinne- rung zu halten und damit dazu beizu- tragen, daß sich vergleichbare Verbre- chen niemals wiederholen. Doch wie beschreibt man das Unbe- Schreibliche? Hermann Reineck versuchte es im- mer wieder: Er erzählte„seine Ge- schichte in Auschwitz“, seinen Fin- druck vom Grauen des Vernichtungs- lagers. Und es tat ihm immer wieder weh, wenn er mit leiser Stimme be- richtete: von den Uberlebenschancen im Lager, vom Leid der Häftlinge und dem Sadismus der SSMänner, von dem Hunger, der Kälte, den Demüt- igungen und von erschlagenen, er- Schossenen, erfrorenen und mißhan- delten Kameraden. Bis zu seinem Tod suchte Hermann Reineck vor allem mit jungen Men- schen das Gespräch. Er betrachtete es als seine wichtigste Aufgabe, gerade jungen Menschen zu vermitteln, mit welchen Propagandamitteln es den Nazis gelungen war, jedes moralische Hemmnis zu überwinden und durch welche Selbsttäuschung die einzelnen Täter ihren Beitrag zum Massenmord herunterspielten und ihr Handeln rechtfertigten; vor allem aber zu se- hen, wozu dieses Handeln im Extrem- fall führen konnte. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Es war Hermann Reineck ein be- Ssonderes Anliegen, daß unsere Kinder aus der Geschichte- verdeutlicht an seiner persönlichen Leidensgeschich- te- Lehren zichen; damit aus den heu- te Jungen kritikfähige, selbstverant- wortliche Menschen werden, die auf- stehen und einschreiten, wenn ande- ren Leid geschicht, wenn sie angegrif- fen, beschimpft, verletzt oder ermor- det werden; Menschen, die in der La- ge sind und dafür Ssorgen werden, daß sich solche Verbrechen wie im Dritten Reich niemals wiederholen. So schilderte er engagiert in seiner liebenswerten Art vor hunderten von Schulklassen und Jugendgruppen un- ermüdlich seine schrecklichen Erleb- nisse im Dritten Reich. Mit Ihnen, liebe Frau Anni Roßmann-Reineck, betreute und lei- tete er 2zahlreiche Studienfahrten nach Auschwitz. Und wenn er- trotz seiner angegriffenen Gesundheit oft mehrmals im Jahr- mit Gruppen oder auch privat nach Auschwitz fuhr, so fühlte er sich immer wieder, wie er selbst sagte,„nach dem Grenzüber- tritt in Polen wie befreit“, denn hier traf er auf seine polnischen Freunde: Ehemalige Mithäftlinge, mit denen ihn die gemeinsame Vergangenheit verband und die ihn, ohne daß es der Worte bedurfte, verstanden und fühl- ten wie er. Für Hermann Reineck um so er- schreckender waren die neuerlichen Aktivitäten neonazistischer Kreise und die antidemokratischen Tendenz- en der letzten Jahre. Noch vor weni- gen Wochen, am 5. Dezember 1995, sprach Hermann Reineck auf einer Veranstaltung in Bad Homburg und mahnte:„Fines nimmt Euch niemand ab: Ihr seid verantwortlich für den Zustand Eures Landes heute.“ Hermann Reineck ist für seine Ar- beit ausgezeichnet und gechrt wor- den. All diese Ehrungen reichen nicht aus, um sein Leben, seine Arbeit ange- messen zu würdigen. Hermann Rein- eck steht für die Erinnerung an die 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Schrecklichen Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und gegen das Vergessen.„Vergeßt nur nicht?, hat Peter David Blumenthal-Weiss 1944, wahrscheinlich in Auschwitz, gedichtet: „Vergeßt nur nicht, wenn wir auch immer wiederkehren, Wenn, wo wir sterben, einst kein Holzkreuz steht, Und wenn von all dem Leid, das wir getragen, Kein Laut noch kein Stöhnen aus den Gruben weht. Vergeßt nur nicht, wenn auch die Tage wandern und die Jahre, Wenn Blumen blühen, wo der Tod gesät, 0 Und wenn dereinst auf unserem Feld der Tränen Der Schnitter wieder reife Halme mäht! Auch dann: Vergeßt nur nicht!“ Die Erinnerungen an Auschwitz und die Ubernahme der historischen Ver- antwortung von Auschwitz mahnt uns, unser Verhalten danach zu bestimmen: Gegen Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhaß, gegen Zerstörung jüdi- scher Gedenkstätten, gegen Ubergriffe auf Behinderte und Minderheiten in unserer Gesellschaft, gegen Intoleranz Andersdenkenden gegenüber. Für Mitmenschlichkeit und Toleranz miteinander, für Solidarität mit den Schwächsten und denjenigen, die unsere Hilfe brauchen, für Respekt und Achtung der Würde des Menschen. Wir verlieren Hermann Reineck. Doch sein Vermächtnis, die Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, wird uns und künftige Generatio- nen weiterhin zur Wachsamkeit mahnen. Wir werden die schrecklichen Ver- brechen nicht vergessen. Wir werden Hermann Reineck nicht vergessen. Hermann und Sein Freund Tadek Shmanski in der Gedenisratte Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Die Butzbacher Zeitung berichtete am 8. Januar über die Trauerfeier Abschied in großer Wehmut von einem„wahren Menschen“ BULEBACH/GAMBACEH(dö). Gut 300 Menschen aller Altersschichten nahmen am Samstagnachmittag im Butzbacher Bürgerhaus Abschied von Hermann Rci- neck, dem Präsidenten der Lagergemein- Schaſt Auschwitz. Der?zulctztin Gambach mit seiner Ehefrau Anni Roßmann leben- de Reineck, ein gebürtiger Wiener, akti- ver Widerstandskämpfer und von Januar 94! bis Februar 1945 Insasse des natio- nalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz, war am 29. Dezember im Alter von fast 77 Jahren einem schweren llerzleiden erlegen. Höchster staatlicher Repräsentant der Trauerfeier war der Hessische Staatsmi- nisier Karl Starzacher. Abschied nehmen von Hermann Reincck, so der Minister in seiner Rede, heiße Abschicd nehmen von einem Menschen, der von ſrühester Ju— gend an für seine politische Uberzeugung gekämpft habe, von einem„unermüdli- chen Antifaschisten“, der gegen Rassis- mus eingetreten sei und sich für ein de- mokralisches Gemeinwesen sowie für Gerechtigkeit zwischen den Völkern und Nalionen eingesetzt habe. Landrat zu Tränen gerührt Zu Tränen gerührt war Landrat Rolf Gnadl, der seine Rede zweimal unterbre- chen mußte, weil ihm die Stimme zu versagen drohte. Hermann Reineck habe als„Zeitzeuge des Holocaust“ bis zur Grenze seiner körperlichen Leistungsfä- higkeit und bis zu seinem letzten Aem- zug sein Aufklärungswerk fortgeführt und dabei keinen irgendwie erreichbaren Menschen vorbeiziehen lassen, ohne ihm seine Wissen anzuvertrauen und seine Botschaft mit auf den Weg zu geben. Nun habe der Tod, den er in seiner langen Haftzeit unzählige Male selbst in die Augen geschaut habe, den„antifaschisti- schen Patrioten“ endgültig dahingerafft. Der Wetteraukreis, so Gnadl, verliere in Reineck nicht nur eine bedeutende Per- sönlichkeitdes öffendichen Kebens, Son- dern einen wichtigen Zeitzeugen, dessen Aufgabe es gewesen sei, die Menschen wahrheitsgemäß und authentisch über Auschwitz aufzuklären und vor allem die Heranwachsenden resistent zu machen gegenüber extremistischen, totalitären und rassistischen Einflüssen. Bewunderung vor Lebenswerk Mit Bewunderung stehe er vor Reinecks aufklärerischem Lebenswerk, seiner Un- beugsamkeit und seiner Widerstandsfã- higkeit gegenüber dem nazistischen Ter- ror in der abscheulichsten Ausprägung, bekanntc der Landrat. Reinccks Arbeit wieder das Vergessen, wäre nicht erfor- derlich gewesen, wenmn aus der Erfahrung des Naziregimes heraus, Staat und Ge- sellschaftder Bundesrcpuhlik sichgegen jegliche Form des Haschismus und Tota— litarismus immun erwiesen hätten. Diese Gcwißheit habe Hermann Reineck nicht gchabt, und deshalb erkläre sich auch sein unaufhörliches Wirken. „Gesellschaft nicht unempfänglich ge- gen Wiederaufkeimen des Faschismus“ Dies gelte für einen Staat, dem es nur dann unliebsam sei, die Rechtsnachſol- ge des vorherigen Deutschland anzutre- len, wenn es vor den Augen der Völker- gemeinschaſt um die Verantwortung gche, offen und bekennend mitdem Nazi- erbe umzugehen. Dies gelle für einen Staat, in dem ein hochstchender Bundes- politiker„unversehrt“ überstchen konn- te Zu erklären, Deutschland habe nach der beispiellosen Aufbauzeit nach dem Kriege das Recht, nicht immer wieder an Auschwitz erinnert zu werden, und dies Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gelte für einen Staat, in dem es möglich war, daß 1985 im Wetteraukreis hoch- rangige Kreispolitiker„reißerisch, un- sachlich und aufpeitschend“ gegen die Absicht polemisierten, Schulklassen?u unterstützen. die Studienhalber nach Auschwitz reisten. Eine solche Gesellschaft sei nicht selbst- verständlich unempfänglich gegen ein Wiederaufkeimen von Faschismus, be- merkte Gnadl. Dies zeigten bedauerli- cherweise immer wieder die rassisti- schen Ausschreitungen und das Erstar- ken rechtsradikaler Kräfte. Weil es dem Slaat nicht immer gelinge, im öffentli- chen Auftreten gegenüber den vom Naziterror besonders gebeutelten Län- dern und Võlkern, allen voran Polen, das „richtige Taktmaß“ emgegenzubringen, habe Reineck versucht, jungen Menschen „Slellvertretend für den versagenden Slaat durch sichtbare Taten Demut zu cigen und um Vergebung zu bitten“ Dies sci eine Größe und keinc Schande gewesen. Leider sei es Reineck nicht vergönn gewesen, mit der Gewißheitzu slerben, daß die Ursachen, die einst zu Auschwitz führlen, unwiederholbar sci- en. Fhemalige Michäftlinge aus Polen nehmen Abschied von ihrem Freund An llermann Recinccks Eeben und ver— mächtnis erinnerten auch Pfarrer Joa- chim Proescholdt und Hansoachim Günther, Generalsekretär der Lagher- gemcinschaſt Auschwitz-Freundeskreis der Kuschwitzer“ und weitere Redner. lhr Migefühl und ihre Aneilnahme galt insbesondere auch Anni Roßmann-kKeit neck, der Witwe. Besonders beeindruckend waren die Frauerreden von Janus? Mylnarski und Stanislaw Hantz, zweier ehemaliger Mit- häflinge Reinecks im Vernichtungsla- ger Auschwitz, die in bewegenden Wor- len von ihrem Freund und Kameraden Abschied nahmen. Stanislaw Hantz ver- neigte sich tief vor dem Bild des Verstor- benen und legte neben den Kränzen und Blumengebinden ein Stück Hãäftlingsklei- dung mit dem roten Winkel und der Auf- schrift„P“ für„politischer Häftling“ nie- der. Die Trauerfeier wurde musikalisch um- rahmt von Vojislav Miller(Oboe) und Heike Matthiesen(Violine). Zum Schluß sangen Ariane Enders, Gerhard Herr und Elzbieta Stamm(Gitarre) das Lied„Die Moorsoldaten“, das 1933 im KZ Bör- germoor Il bei Papenburg im Emsland entstand. Viele Besucher trugen sich nach der ver- anstaltung in das im Foyer ausliegende Kondolenzbuch ein und besuchten noch einmal die von Hermann Reineck, dem „wahren Menschen“, der nun seine letz- le Ruhe gefunden hat, mitgestaltete Au- Schwitz-Ausstellung. Der Buchstabe'P' an der Häftlings- kleidung bedeutete im KZ Auschwitz Pole'. Das Zeichen für'politischer Haftling' war der rote Winkel.(Red. Mitteilungsblatt) Auch Rolf Gnadl, Landrat des Wet- teraukreises, hatte mit Hermann Reineck an einer Studienreise nach Auschwitz teilgenommen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 »Wissend daß du So lange aufuldrerisch weiter wirken wirst, his du einst Phisch nicht mehr Kannst, wünsche ich dir dafür die nòtige Kraft- den Willen dazu braucht dir niemand zu wünschen. Jeden Menschen, den du mit deinem Wissen noch, anzustecken' vermagst, wird dadurch in Seiner demokra- rischen Grundhaltung geſestigt werden können und die Abcheu vor mensch- licher Barharei in Sich wach halten.“ Mit diesen Sätzen hatte Landrat Rolf Gnadl vor etwas mehr als zwei Jahren Hermann Reineck zum 75. Geburtstag gratuliert. In seiner Ansprache bei der Trauerfeier für Hermann machte er auch deutlich, wie notwendig Hermanns Aufklärungsarbeit war. Als ein Bei- spiel nannte er, die von einigen Kreispolitikern in der Boulvardpresse angezet- telte Hetze, gegen Studienfahrten von Jugendlichen nach Auschwitz. Die Frankfurter Rundschau ging bei ihrem Bericht über die Trauerfeier unter anderem auch auf diese Passage der Rede ein: Landrat Rolf Gnadl bezeichnete das Be- mühen von Reineck, die Schrecken des Holocausts wachzuhalten, als notwendig in einem gesellschaftspolitischen Klima, in dem die Bundesrepublik als Rechts- nachfolger des vorigen Deutschlands“ im- mer noch Schwierigkeiten habe,„offen und bekennend mit dem Nazierbe umzu- gehen“, und in dem ein hochrangiger Bun- despolitiker politisch unbeschadet erklä- ren konnte, Deutschland habe es nach der beispiellosen Aufpbauarbeit der Nach- kriegsjahre verdient, nicht immer wieder an Auschwitz erinnert zu werden. Gegen die Ignoran? Gnadl erinnerte an jene Debatte 1985 im Kreistag, in der die Reisen von Schul- klassen nach Auschwitz finanziell unter- stützt werden sollten. Gnadl:„Hochrangi- ge Kreispolitiker haben dabei derart auf- peitschend polemisiert, daß daraufhin in der Boulevardpresse gehetzt wurde, der Kreis wolle wehrlosen Schülern zumuten, in KZ-Barracken zu übernachten.“ In einem solchen gesellschaftspolitischen Klima werde es neonazistischen Tenden- zen leicht gemacht. Uber Auschwitz darf kein Gras wachsen, lautete Her- mann Reinecks Mahnung und Vermãächtnis 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Trauerrede von Hans-Joachim Günther für Hermann Reineck Er wollte nie pausieren, immer wollte er weiter, weiter Lieber Hermann, in drei Tagen wã- rest du wieder ein Jahr älter gewor- den, wir hätten mit etlichen Leuten bei dir im Wohnzimmer gesessen, An- ni hätte den Kaffee gemacht, wir hät- ten geraucht; über alles, was noch zu erledigen ist, hätten wir geredet, die anfallenden Arbeiten verteilt. Ich sehe die Situation vor mir: Es klingelt, neue Gäste kommen, wir rücken zu- sammen, begrüßen uns gegenseitig, rauchen, reden. Noch einen Kaffee? Deine Frage schreckt mich ein biß- chen aus meinen Gedanken, du Schaust mich an mit einem Grinsen, die Zigarette in der Linken, es ist ja erst 22.30 Uhr. Mit ehemaligen Häftlingen zusam- mengekommen zu sein, mit ihnen zu reden, zu diskutieren, sie dabei zu be- trachten, ihre Gestik, ihre Mimik, sie anzuschauen, mit ihnen zu agieren, mit ihnen zu diskutieren, mit ihnen- den Zeitzeugen-2u reden, das bedeu- tet mir viel. Dies ist mein Erleben, meine Art der Auseinandersetzung mit dem Thema Auschwitz, und die, die machte es mir möglich, auch mit Hermann zu streiten, nach einiger Zeit fiel es mir leicht, mich mit ihm zusammen im Lager zu bewegen, oh- ne immer an das Grauen, welches dem Ort anhaftet, zu denken; mir ist bei so manchen Aufenthalten einge- fallen, daß ich, wenn ich damals dort Häftling gewesen wäre, wohl verrückt hätte werden müssen; ich bin mir nicht bewußt, was ich getan haben würde, wenn man mir die Möglichkeit des Entrinnens gelassen hätte, hätte ich gestohlen, getõtet, verraten; mit- gemacht im Sinne der Unterdrücker? Auf einer Veranstaltung sprach mich ein Mitglied unseres Vereines an, der Mann sagte zu mir:„Hermann ist der Ursprung unseres Vereines, und der Verein ist unsere Auseinan- dersetzung mit Auschwitz, was ma- chen wir denn, wenn Hermann einmal nicht mehr leben sollte* Ich sagte, wir machen dann in sei- nem Sinne weiter, wir konkretisieren all das weiter, was Hermann schon an- gefangen- angedacht hat, wir werden nicht mehr auf ihn als Zeitzeugen zu- rũckgreifen können, aber wir werden Antworten geben können. Die Studienfahrten nach Auschwitz werden natürlich weitergeführt, nicht umsonst haben viele von uns, wenn sie mit Hermann in Auschwitz waren, zu- gehört, zugesehen, haben selbststän- dig Kontakte vor Ort geknüpft, ken- nen sich mit vielen Gegebenheiten im Lager aus. Und Anni, die vieles mit Hermann gemeinsam organisiert hat, sie wird sicherlich ihre Schaffens- kraft einbringen. Die Ausstellungen, die der Verein konzipiert hat, werden von Initiativen und Gruppen ausgeliechen werden können, im Foyer ist die Ausstellung zu sehen, die Hermann noch mitge- Staltet hat. Unsere inhaltlichen Mo- natstreffen gehen weiter, und es gibt viele thematische Schwerpunkte, s0 wie sie im letzten Mitteilungsblatt- an dem Hermann noch mitgearbeitet hat, nachzulesen sind. Die Arbeit an unserem Mitteilungsblatt ist schon Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Bei einer Vorstandssitzung der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis vor geraumer Zeit auf mehrere Schul- tern verteilt worden. Trotzdem: Gerade jetzt, wo es in- nerhalb kurzer Zeit eine zweite große Lücke im Vereinsvorstand gibt, brau- chen wir Mitarbeiterinnen und Mitar- beiter für viele Aufgaben, der 27. Ja- nuar ist diesmal der 51. Jahrestag, er soll nicht weniger bedeutend sein als der 50. Jahrestag, das hätte Hermann auch so gewollt. Helfen Sie deshalb al- le mit. Wir vom Vorstand der Lager- gemeinschaft Auschwitz/Freundes- kreis der Auschwitzer sind auf Sie angewiesen. Es ist im Sime von Hermann- also Sein Anliegen wenn Sie uns hier und heute einen Zettel mit Ihrer Anschrift geben und mit den Worten versehen: „Ich helfe mit'. Die Transporte mit Dingen des tãglichen Bedarfs für ehe- malige Häftlinge, Freunde und Kame- raden aus den Lagern, besonders von Auschwitz, die werden weiterhin or- ganisiert, nicht von Hermann, son- dern von uns, aber mit Hermanns Geist. Du bist der, der zu zůndeln begon- nen hat; in jedem, den Du getroffen hast, hast Du ein Feuer entfacht, ein Feuer, daß bei vielen nicht einfach nur brennt, sonderm lodert. 1978 sprach er mich auf sein„Projekt“ Verein an. Da lebte er hier in Münz- enberg, als alles um ihn herum noch nicht so weit dachte, nur vereinzelt haben Gruppen von Gewerkschaften und Kirchen schon an dem Thema Auschwitz gearbeitet. Dann aber hat er angefangen und hat immer mehr Leute um sich herum geschart. Er Ssammelte Helfer, Unterstützer, Geld und Kontakte, nutzte alle Wege, alle sich bietenden EFinflüße, brachte sein Anliegen zu den anderen Menschen und machte es zu deren Anliegen. Er schaute nur geradeaus, wohlwis- send, ihm bleibt nicht viel Zeit, zuviel davon ist schon zerronnen. Selbst auf dem Weg nach Auschwitz war er im- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Geburtstagsfeier von Hermanns 75. in Laubach mer schneller, nie müde, trieb uns an. Später erst wurde mir klar, daß dort sein Zuhause war. Auf diversen LKWTransporten nach Auschwitz, Warschau, Krakow wollte er nie pausieren, immer wollte er weiter, weiter. Spã- ter erst wurde mir klar, es ist seine Art zu ge- hen- mit unseren Beinen— es ist seine Art zu handeln- mit unseren Händen. Ich war immer begierig, von ihm zu hören, nie konnte ich davon genug bekommen; wie oft war ich in seinem Haus, hoffte, daß er sich mir einmal offenbarte, vergeblich, dachte ich. Heute weiß ich, wissen wir, daß sein ganzes Leben nach Auschwitz eine Offenbarung war, er lebte die Auseinandersetzung mit anderen. Hermann, ich war mit dir 1979 oder 80 auf einem Mitgliedergespräch der Aktion Sühne- zeichen/Friedensdienste in Hannover. Wir waren mit ca. 30 anderen Teilnehmern in der Jugendherberge der Stadt untergebracht, nach der Sitzung in einer nahen Kirchenge- meinde mußten wir zurück in die Jugendher- berge, weil diese um 22 Uhr geschlossen werden sollte. Nun waren wir dort, mit all den an- deren Gleichgesinnten, noch voll mit dem Inhalt der Ge- spräche des Abends zum The- ma Aussöhnung mit Polen und wollten noch miteinander re- den, was nicht ging, da alle an- deren Räume, außer unseren Zimmern, auch abgeschlossen waren, Nachzügler konnten nicht mehr ins Haus, sie stand- en draußen vor der Fingangs- tür. Wir machten uns bemerk- bar, die Herbergseltern kamen die Treppe herunter, sichtlich bõse und gereizt und sagten, daß nicht aufgeschlossen wer- den würde, weder zum Herein- noch zum Herausgehen, wir jetzt in die Betten zu gehen hätten, die anderen draußen ja wohl selbst Schuld wären, wenn sie jetzt da draußen wã- ren und damit basta. Im allgemeinden Tumult, auf die Reaktion der Her- bergselterm, da ging deine Aussage fast unter, doch wir haben sie alle, wie wir da wa- ren, gehört. Das ist ja wie m¶ Lager, ich war in Auschwitz auch eingesperrt. Man hãätte eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können. In diese betroffene Stille hinein platz- te die Aussage des Leiters der Jugendherberge, daß, wenn Hermann in Auschwitz gewe- sen war, es ja wohl einen Grund gegeben hätte, daß er da war und er deshalb zu Recht dort gewesen wäre. Nun hätte man zehn Stecknadeln nacheinander auf den Boden Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 fallen hören können. Der deutsche Ungeist, personifiziert durch einen Jugendherbergsvater, samt Herbergs- mutter, hatte seinen Auftritt. Die später nachfolgenden Interven- tionen von seiten der Evangelischen Kirche, von Landespolitikern und von uns sowie von AsSF bei dem Deut- schen Jugendherbergswerk haben lei- der nicht zu einer Ablösung des Lei- ters geführt. Hermann, solche Erlebnisse hast du wohl zuhauf in deinem Leben gehabt, und sie waren der Grund, daß du den Kampf gegen die Ignoranz und die Uninformiertheit immer und überall geführt hast. Deine Aufklärungsar- beit, vor allem mit vielen jungen Leu- ten in den Schulen, war dir schr wich- tig. Für manche von uns oft nicht nachvollziehbar, wenn du im Rechen- Schaftsbericht auf den Versammlun- gen der Lagergemeinschaft die große Lahl der besuchten Schulen angege- ben hast und von den Veranstaltun- gen berichtet hast, auf denen dich Schüler oder auch Besucher, sichtlich bewegt, nach deinem Leben fragten. Auf deiner Akte stand der Ver- merk: Rückkehr nicht erwünscht(1), wir alle, die dich kennen und lieben und die dich jetzt vermissen, wir wünschen uns, daß deine Anwesen- heit in unseren Herzen sein möge. Anni, wir wünschen Dir, daß Du Stark bleibst, wir brauchen Dich, um das Werk von Hermann fortzusetzen. Auf Wiedersehen, Hermann Reineck. — Mitgliederversammlung der Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer am Samstag, dem 11. Mai, um 14.30 Uhr (voraussichtlich) in der Berufsschule Butzbach Emil-Vogt-Str. 8 35510 Butzbach(Wetteraukreis) An die Vereinsmitglieder ergeht gesonderte Finladung. Andere Inter- essenten müßten sich noch einmal rechtzeitig erkundigen, ob die Versammlung nicht doch in Frankfurt am Main stattfindet. 5 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Hermann Reineck: Biografische Daten Die folgenden biografischen Paten orientieren vich in erster Linie an der Zeittafel, die für das Begleitheſt ⁊um Video„Rechte Zeiten“ erstellt wurde. „Rechte Zeiten“ ist eine Vide oproduktion des Jugendbildungswerkes Gießen und des Landesfilmdienstes Hessen, die von Teilnehmern einer Studienfahrt nach Auschwitz 1993 erstellt wurde. Herausgeber ist der Magistrat der Stadt Gießen, Jugendam WWugendbildungswert. 1919 Am 9. Januar wird Hermann Reineck in Wien geboren. 1927 Hermann und seine Schwester Gerda erleben ihre Kindheit in einer Zeit radikaler politischer Auseinanderset- zungen in Osterreich. Ein prägendes Erlebnis war der Brand des Justizpa- lastes in Wien. 1929 wird Hermann Mitglied bei den „Roten Falken“, einer Organisation der sozialistischen Arbeiterjugend. 1932-36 Die Familie Reineck wird von den Folgen der Wirtschaftskrise hart ge- troffen. 1934 stirbt der Vater. Die Mutter wird arbeitslos. Hermann muß aus Geldmangel die Oberschule ver- lassen und beginnt eine Lehre als Buchbinder. Im gleichen Jahr fängt er auch an illegal politisch tätig zu wer- den. 1936 wird er bei einer Flugblatt- aktion gegen das klerikal-faschi- stische Dollfuß/Schuschnigg-Regime verhaftet und zu einem halben Jahr Anhaltelager' verurteilt. 1938 Hermann wird am 9. November mit den antisemitischen Aktionen kon- frontiert. Er sieht, wie die Synagoge brennen und wie die Wiener Juden gezwungen werden, die Straßen mit Lahnbürsten zu reinigen. 1939-41 Am 1. April 1939 wird Hermann zum Arbeitsdienst einberufen. Er kommt erstmals unfreilig nach Deutschland. Nach Kriegsausbruch muß er an die Front nach Frankreich. Er entfernt sich 14 Tage unbemerkt von der Trup- pe und wird spãter nach Bayern ver- setzt. Die illegale Arbeit mit der Ver- breitung antifaschistischer Flug- schriften führt er weiter. Am 9. Janu- ar 1941, an seinem 22. Geburtstag, wird er von der Gestapo verhaftet. Trotz schwerer Prügel(u. a. Nasen- beinbruch) und Psychoterror verwei- gert er ein Geständnis und gibt die Namen seiner Kontaktleute nicht preis. Da man außer der falschen Ge- sinnung' nichts nachweisen kann, wird er'nur' zu zwei Jahren Gefäng- V nis verurteilt. Finige Mitangeklagte werden zum Tode verurteilt und hin- gerichtet. 1942 Nach fast zweijähriger Haft, davon acht Monate in Finzelhaft, wird Her- mann entlassen, jedoch noch am sel- ben Tag von der Gestapo wieder in »Schutzhaft' genommen. Am 11. Sep- tember wird er auf Transport nach Auschwitz geschickt. In seinen Papie- ren steht der Vermerk'Rückkehr un- erwünscht“'. Im Konzentrationslager Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Auschwitz wird er unter der Nr. 63387 registriert. Da er als Reichsdeutscher gilt, bekommt er die Nummer nicht eintãtowiert. Hermann arbeitet zuerst beim Stra- Benbau. Er trifft nach kurzer Zeit zufällig auf politische Freunde aus Wien, die bereits länger im KZ inter- niert sind und als Funktionshäftlinge gewissen Finfluß in der Lagerhierar- chie haben. Sie sorgen dafür, daß Her- ¶mann nach 14 Tagen in eine Schreib- stube kommt und so die Chance zum Uberleben erhält. 1944 Hermann wird am 7. November im KZ Auschwitz zur SS-Finheit Dirle- wanger zwangsrekrutiert, um an der ungarisch-slowakischen Grenze ge- gen Partisanen zu kämpfen. Mit ein- em Freund gelingt ihm die Flucht zu den Partisanen. Als die S8 mit ver- stärkt herangezogenen Truppen die Partisanengruppe fast vollständig vernichtet, gelingt es Hermann den Massakern und der Gefangenschaft zu entkommen. Er kann sich in Rich- tung Osterreich durchschlagen. Im Salzkammergut findet er seine Freunde und schließt sich õsterreichi- Oben Partis anen an, mit denen er bis Zzum Kriegsende kämpft. 1945-1963 Nach dem Krieg wird Hermann kurz- zeitig von der US-amerikanischen Ar- mee als Gefängnisdirektor für NS- Verbrecher eingestellt. Unter ande- rem zählt Kaltenbrunner zu seinen Schützlingen'. Danach kehrt Hermann nach Wien zurück und heiratet seine langjährige Freundin Herta. Aus dieser Ehe, die bald wieder geschieden wird, geht eine Tochter hervor. Auch eine zweite Ehe- aus der?zwei weitere Töchter stammen-scheitert. Die körperlichen und psychischen Folgekrankheiten(KZSyndrom) führen dazu, daß er seinen Beruf als Buchbinder und Schriftsetzer aufge- ben muß. Bereits im Alter von 27 Jah- ren bekommt er eine Rente zugespro- chen. Er schult um auf Kaufmann und arbeitet als kaufmännischer Lei- ter in einer Wiener Druckerei. Auch die politische Arbeit hat Her- mann in Wien wieder aufgenommen. Er schließt sich 1947 mit anderen ehe- maligen Häftlingen zu einer Lagerge- meinschaft zusammen. Zudem wird er für einige Jahre Mitglied in der Kommunistischen Partei Osterreichs. Sein Austritt erfolgt aus Protest ge- gen die Hinrichtung des ungarischen Außenministers Rajk, dem das stalini- stische Regime eine'imperialistische Agententätigkeit' vorgeworfen hatte. 1964 Hermann wird als Zeuge zum Au- Schwitz-Prozeß in Frankfurt am Main geladen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er nur sehr allgemein über Auschwitz berichtet. Im Prozeß sagt er erstmals über persönlich erlebte Situationen im KZ aus. Er lernt Anni Roßmann kennen, die als Beobachterin im Gerichtssaal den Prozeß verfolgt. Noch im gleichen Jahr siedelt Hermann von Wien zu Anni nach Frankfurt um. 1965-1995 Nach vielen Schwierigkeiten be- kommt er eine Aufenthalts- sowie eine Arbeitsgenehmigung und arbei- tet in einer Layoutdruckerei. Er wird nach einigen Monaten fristlos gekün- digt. Grund: Er habe verschwiegen, daß er vorbestraft war. Gemeint war 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die Verurteilung durch die Nazi- Justiz. Während in Osterreich NS- Strafen bereits 1946 aufgehoben wur- den, sollte dies in der BRD erst 1989 geschehen. Hermann findet eine Stel- le in einem ungarischen Reisebüro in Frankfurt. Hier arbeitet er, bis er sich Ende der 70er Jahre nach zwei Herz- infarkten pensionieren lassen muß. 1979 gründet er, mittlerweile in Münzenberg wohnhaft geworden, die Lagergemeinschaft Auschwitz-Freun- deskreis der Auschwitzer. Am 5. De- zember 1995 zeigt er bei einer Veran- staltung des DGB und der VHS in Bad Homburg eine von ihm zusam- mengestellte Ton-Dia-Schau und diskutiert zum letzten Mal in der Of- fentlichkeit über Auschwitz. An Weihnachten muß er ins Kranken- haus nach Lich. Dort stirbt Hermann Reineck am 29. Dezember 1995. Interview(Auszug) mit Hermann Reineck vom Sommer 1984 Ich bin am 9. Januar 1919 in Wien geboren Hermann Reineck war einer von sieben ehemaligen Auschwitzhäft- lingen, die 1984 einer Gruppe von Autorinnen und Autoren ein langes Interview gaben. Erschienen sind die Gespräche sowie ausgewähltes Dokumentationsmaterial 1984 im Düsseldorfer Verlag*dkv- der kleine Verlag“. Der Band kostet 14.80 Mark und ist noch im Buch- handel(ISBN 3-924166-04.8) er- hältlich. Einige Auszüge über Her- manns Kindheit in Wien: Jeh hin am 9. Januar 1919 in wien¶ gebhoren, ich komme aus einer- ich mbchte Sagen hürgerlichen Familie. Mein Vater war Sruatsangestellter er nat hei der Post- und Telegrammdi- rektion gearbeitet meine Mutter führte den Haushalt. Ich hin im Sozialdemo- kratischen SFinne erzogen worden, war hei den„Kinderfreunden“, das wur damals eine große Staatliche Jugendorganisation, Spdter hei den„Koten Falken“ und noch Später, mit 14, hin ich zur S4 gekommen, zur Sozialisti- Schen Arbeiterjugend. Dieses Starke, Sozialdemokratische Element, das kam vor allem von meinem Vater. Ich habe noch eine Schwester, die aber diese politischen Entwicklung nicht so mitgemacht hat. Joh hin normal zur Grund- und Haupischule gegangen. In Ovterreich ist das So, daß man zuerst acht Klassen machen muß und dann erst zum Gymnasium gehen Lann. Als ich aus der Hauptschule Kum, hin ich dann weiter auf das Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Gymnasium gegangen. Dort war ich eineinhalb Jahre. Im Jahr 1932, wdhrend der großen Arbeitslosigkeit, ist dann mein Vater gestorben. Zundchst hin ich noch weiter zur Schule gegangen, aher 1934 mußte ich aufnõren, weil meine Murter das Schulgeld nicht aufhringen Konnte. Lehrmittel, Büicher und alles mußte ja gekauft werden. Als meine Muter das nicht hat leisten tönnen, da galt es für meine Schwester und mich Runter von der Schule und irgenderwas lernen, irgendewas verdienen. Mit meiner Mutter, das war eine tragische Geschichte. Die hatte Kein Eintommen und auch keinen Anspruch auf Pen- Sion. Mein Vater war Zweimal verheiratet gewesen mit meiner Mutter, das war die zweite Ehe und die erste Frau hatte Anspruch auf die Pension und hat Sie auch hekommen, ohwohl keine Kinder da waren, und die zweite Frau, Deine Murter also, hat üherhaupt nichts hekommen. Sie hat dann auf dem Sogenannten Gnadenweg eine Waisenpension für die Kinder erhalten, aber das war minimal. Arbeit hat es keine gegeben. Meine Mutter hat alles ver- Sucht, irgendeine Arbeit zu finden, es war nichts zu bekommen. Ich war nach der Schule auch über ein Jahr lang zu Hause, hahe verzweifelt nach irgendeiner Arbeit gesucht. Bamals habe ich Schon echten Hunger ken- nengelernt- wenn trockenes Brot zu Hause war, dann war das Schon gut, und wenn man mal So ein Stüickchen Pferdewurst Kaufen konnte, das war die hillig- Sre Wurst, die es gah, 100 g hahen 10 Groschen gekostet, dann war das wunder- har. Da habe ich Hunger Kennengelernt. Schließlich habe ich mir gesagt, es ist ganz egal ohSchneider Schuster, Tischler oder irgendenwas anderes, was eben Kommt, das lerne ich. Und so habe ich meine erste Lehre als Buchhinder gemacht. In den 30er Jahren waren diese bürgerkriegsdhnlichen Kampfe, die habe ich in Wien mitgemacht, das war eins der Zentren der Unruhen. Schließlich wurden alle Parteien aufgelõst. Damals war ich Schon hei der S4, der Soziali- Srischen Arheiterjugend, und wir hahen illegal weitergearbeitet. 1936 hin ich dann das erstemal verhaftet worden, das war im Dezember. Ioh hlieh his Mai 1937 in Haft. Ich wurde noch als Jugendlicher hehandelt und hin Später in das Sogenannte Anhaltelager Wollersdorf gekommen, das liegt Südlich von Wien. as war eigentlich als Umeriehungslager gedacht, und die Nazis habhen es „Konzentrationslager Wollersdorf“ genannt, aber mit einem Konzentra- Impressum: tionslager war es überhaupt nicht Mitteilungsblatt 1/96 Zu vergleichen. Es gah dort Sozial- Herausgeber: demokraten, Kommunisten, öster- Lagergemeinschaft Auschwitz- reichische Faschisten. Piepolitische Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Schulung, von oben*, die eigentlich Redaktion: heabsichtigt war, fand in der Praxis Hans Hirschmann nicht Sratt. Tatsdchlich haben die Mitarbeiterinnen: Nazis Sogar zusammengesessen und Anni Roßmann-Reineck „Mein Kampf' gelesen, die Kommu- Ariana Enders nisten und andere hahen das mit ih- Mitarbeiter: ren Schriften dhnlich gemacht, S0 Klaus Konrad-Tromsdorf war die politische Schulung... Matthias Tiessen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer März Peter Meier-Röhm Gertrud Amrein Eveline Keusch Oliver Nedelmann Elke Jung Bernhard Krane Marion Beste Peter Gingold Franziska Hinz Horst Jacke 5— p S S 8 Thomas Fürst Dr. Ullrich Waldschmidt Horst Könnecke Renate Wanie Armin Claus Boleslaw Stefanski Barbara Fleming Edda Hertel Dr. Siegmund Kalinski Brigitte Stark Michael Wagner Hortense Habermann Dr. Michael Schulte Claudia Wiederholt Annemarie Diefenbach Rainer Strobelt Daniel Hoffmann Ralf Neubert Peter Seib Manfred Wittmeier Brigitte Sauer Marcus Nedoma Erhard Penner Eberhard F. Schaeufele Brigitte Wiegand Ingrid Neubert Harald Kliczbor Janina Haubenstock Helwig Wegner Rudolf Redenius Matthias Tiessen Gerd Häuser Gernot Richter Alexander Meyer — ——= 00 c b— — SSSSbSSSbb t d d d SS SSSbSSSSS S 6 6 Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße Isabell Diehm-Frankenau Gudrun Nieter Dr. Erwin Knauss Helmut Poppenberg Peter-Alexis Kasten Ariana Enders Joachim Klärner Manfred Keitel 0. Monika Held Jürgen Telschow Uschy Klopsch Ursula Middelanis Marta Palczewska Jutta Freisens Florian Ross Harald Blümel Frank Pötter Uwe Hartig Dr. Janusz Mlynarski 5. Olaf Wehrheim Dr. Matthias Hamann Brigitte Harder Hans-Joachim Günther S. Annegret Brombach Dr. Manfred Zencker Gerhard Herr Ludwig Poppeler Dr. Walter Bittner„( Dirk Rothe Diethard Stamm Marie-Louise Steinschneider Dietlind Clever-Schmidt Kristine Tromsdorf Jutta Loesch Hansjörg Lacour Matthias Loesch Birgit Brunner Bettina Hack Kurt Rosemeier Rudolf Boning Horst Jacob Rainer Leichtenberg Dr. Dieter Werner Wenn Sie sich um Ihre Finzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Postgebühren Mindestbeitrag: 60 DMjährlich Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monatlich[Q halbjshrlich DM einverstanden Q viertehãhrlich[ jährlich Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto- Nr. Bankleitzahl Datum Unterschrift Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V., 35516 Münzenberg, Lindenstraße 68 Der Verein ist als gemeinnũtzig anerkannt. Die Beiträge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50-60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn.22 Neue Anschrift E R Straße, Haus-Nr. Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUscwrfz Lindenstraße 68 35516 Münzenberg ·Telefon 0 60 33 /6 01 68 Sparkasse Wetterau(BL? 518 500 79) Konto- Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Q Haftling im K? Auschwitz vom bis Haftl. Nr. Häftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. S Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Hãftl. Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen U HELFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS B.. G. Farbkarte 613 AET AUSCFHWITZ DER AUSCHWTAZER 9. Januar 1919, gest. 29. Dezember 1995 Mitteilungsblatt, März 1996