LAGERGEMEINSCHAFT AUSCEHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHMWTAZER e Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. In den Tagen zuvor hatte die S8 auf der Flucht vor der heranrückenden Front 66 000 Häftlinge„evakuiert“ und in Todesmärschen nach Westen geschickt. 5000 marschunfähige Häft- linge blieben in Auschwitz zurück und wurden am 27. Januar von der sowjetischen Armee befreit. 14. Jahrgang, Heft 4 Mitteilungsblatt Dezember 1994 Wir wünschen unseren erkrankten Vorstandsmitglieder Hermann Reineck und Gerhard Herr gute Besserung und baldige Genesung. Inhaltsverzeichnis Seite Offnung der Schule- Projekt*Spurensuche? 1 Video ũber eine Studienfahrt nach Auschwitz§ Kinder in Auschwitz 7 Monica Kingreen: Jüdisches Landleben 10 Hilfe für ehemalige K?ZHãftlinge 16 Monatstreffen der Lagergemeinschaft 18 Ausstellung im Laubach-Kolleg 19 Geburtstagsgrüße 20 Zukunftswerkstatt Weltpartnerschaft 21 Flüchtlinge sind Botschafter des Unrechts 25 Immer noch vorbestraft 26 Die Fluchthelfer von Auschwitz 27 6 Wir danken allen Leserinnen und Lesern,§ den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, allen Freunden und Gõönnern für ihr Interesse an unserer Arbeit und für ihre Unter- stützung während des abgelaufenen Jahres. Mit herzlichen Neujahrsgrüßen wünschen wir für das neue Jahr 1995 alles Gute. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 õffnung der Schule Neue Mõglichkeiten antifaschistischer Aufklärungsarbeit an hessischen Schulen N von Klaus Konrad-Tromsdorf Das Hessische Schulgesetz bietet den, ein Projekt wie das der Licher mit seiner neuen Konzeption von Dietrich-Bonhoeffer-Schule(KGs) öffnung der Schule' interessante übertragbar zu machen(vgl. den Ansätze, um außerschulische Lern- nachstehenden Bericht, der unter felder verstärkt in die pädagogische dem Titel'Spurensuche“ in einer Arbeit der Schulen einzubeziehen. Publikation des Kultusministeriums Hierdurch könnte es erleichtert wer- erschienen ist): Dietrich-Bonhoeffer-Schule, Lich(KG6) „Fine schrecklich reale Vergangenheit“- Schülerinnen und Schüler erforschen die Geschichte ihrer Heimatgemeinde 1933 bis 1945 öffnung der Schule heißt auch, offen sein für Anregungen von außen. Die Dietrich- Bonhoeffer-Schule in Lich erhielt ihren Anstoß aus der Politik. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1985 wurde die Katholische Kirche im Stadtteil Eberstadt mit neonazistischen antisemitischen Parolen beschmiert. Ausein- andersetzung mit der jüngeren Geschichte tut not, war die Schlußfolgerung, die die Licher Stadtverordnetenversamnmlung daraus zog. Sie beauftragte den Magistrat der W Stadt, mit der additiven Gesamtschule Kontakt aufzunehmen. Könnten nicht die Schülerinnen und Schüler eine Dokumentation über die Großgemeinde Lich in der Zeit von 1933 bis 1945 erstellen? „Die Anregung wurde von der Schule gern aufgegriffen,“ so Schulleiter Volker Bayer. „Hier bot sich ja die Möglichkeit, den bedrückenden Zeitraum anhand eines konkreten Beispiels im Lebens- und Erfahrungsraum der Jugendlichen zu erforschen.“ Nach einer Vorbereitungszeit durch die Fachlehrer arbeiteten die Schülerinnen und Schüler des damaligen 9. Jahrgangs vom Februar 1987 bis Juni 1988 im Rahmen des Geschichts- und des Wahlpflichtunterrichts an diesem Thema. Sie arbeiteten in vier Gruppen, angeleitet von vier Lehrern. Sie besuchten den Juden- friedhof, besichtigten die ehemalige Synagoge, sie führten Interviews mit Zeitzeugen, befragten Eltern und Großeltern. Die Stadt hatte sich verpflichtet, Hilfestellung zu lei- 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Gedenkstãtte Auschwitz- Stammlager, nahe der polnischen Stadt Oswieciin Sten. So standen die Mitarbeiterinnen des Stadtarchivs bereit, um den Jugendlichen beim Quellenstudium zu helfen. Was sie zutage förderten, war eine unangenehme Wahrheit. Antisemitismus war in Lich eine weitverbreitete, akzeptierte Haltung, geschlossener als anderswo. Lich hatte bereits eine Woche nach den letzten Reichtstagswahlen einen Pogrom, in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1933. Fine der vier Gruppen befaßte sich mit dem Thema„Schule im Nationalsozialismus“ Sie wollte vor allem die Beeinflussung der Schülerinnen und Schüler im Unterricht oder in Verbãnden wie der„Hitlerjugend“ und dem„Bund deutscher Mädel“ näher beleuch- ten. Auf dem Dachboden der eigenen Schule entdeckten die Jugendlichen„streng ver- trauliche“ politische Zuverlässigkeitsbescheinigungen über damalige Lehrer. Den Akten nach waren diese ohne Ausnahme Nationalsozialisten— alle wurden nach dem Krieg wieder in den Schuldienst eingestellt. Die Schülerinnen und Schüler fanden Protokolle von Lehrerkonferenzen, auf denen erörtert wurde, wie der Luftschutzgedanke„in allen Fãchern“ bearbeitet werden könne. Als sich das Datum der sogenannten Reichskristallnacht zum 50. Mal jährte, konnten die Schülerinnen und Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule die Dokumentation vor- legen und eine Ausstellung eröffnen. Die Ausstellung wurde an verschiedenen Stellen gezeigt und wird heute noch eingesetzt. Was den Anstoß von außen ausgelöst hatte, ging als Impuls in die Gemeinde zurück. In Lich entstand der Plan, einen Gedenkstein für die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aufzurichten,— und ein Streit um sei- nen Standort. Der ehemaligen„Synagogengasse“, die nach dem Krieg in„Charlotten- burg“ umbenannt worden war, ihren alten Namen zurückzugeben, wurde diskutiert und Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 3 von den Stadtverordneten abgelehnt. Heute steht der Gedenkstein, die alte Synagoge ist leider immer noch nicht restauriert. In Zusammenarbeit mit dem Jugendbildungswerk werden Seminare in den ehemaligen Vernichtungslagerm durchgefühmt. Die je nachwachsende Schülergeneration stellt ergänzend Fragen nach dem Verbleib jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Lich, die Ausstellung wird immer wieder überarbeitet. EFine Schülerin fand 1993 in Buchenwald „einen Gegenstand, der einem Menschen aus dem Lager gehörte“.„Der Gegenstand bringt mich in die Vergangenheit,“ formulierte Carmen Walther,„in eine schrecklich reale Vergangenheit.“ Anneliese Dick, in Profilbildung und Gffnung der Schule, Heft 6, Wiesha- den 1 994, S. 34/3, hysgg. v. Hess. Kultusministerium Dieses Projekt der Licher Gesamt- schule zeigt schr deutlich- auch was seine Fortführung bis heute anlangt daß es nicht unbedingt dazu geeig- net ist, innerhalb des Fachunter- richts angesiedelt zu werden. Zu vielfältig sind die Weiterungen, die es im Lauf der Jahre durch die Fra- gestellungen und Interessen der dar- an beteiligten Schülerinnen und Schüler erfahren hat, was unter an- derem damit zu tun hatte, daß diese unterschiedlichen Jahrgangsstufen angehörten. Schließlich erfordert es einen unter Umständen erheblichen zeitlichen Aufwand aller beteilgten Personen, was nahelegt, eine Teil- nahme nicht verpflichtend zu ma- chen. In den vergangenen Schuljah- ren hat die Schüler- und Schülerin- nenvertretung die Arbeit an diesem Thema als SV-Projekt zur Politi- 4 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer schen Bildung getragen, wodurch wenigstens einige organisatorische Voraussetzungen sichergestellt wer- den konnten G. B. Versicherungs- schutz für die beteiligten Schülerin- nen und Schüler, was etwa bei Ar- beiten außerhalb der Schule notwen- dig ist). Neuland wurde außerdem in der Zusammenarbeit mit dem Ju- gendbildungswerk des Landkreises Gießen beschritten, eine bis dahin ungewöhmliche Konstellation, die eine Vielzahl rechtlicher Probleme entstehen ließ, deren Lösung nur mit erheblicher Mühe, viel Zeitaufwand und unbürokratischen Vorgehens- weisen möglich wurde. All dies waren und sind natürlich denkbar ungünstige Voraussetzun- gen, ein vergleichbares Projekt zu realisieren und eben wenigstens die- se Schwierigkeiten hat das neue Hes- sische Schulgesetz weitgehend aus dem Weg geräumt: Kooperationen mit Einrichtungen der kommunalen Jugendpflege sind rechtlich unpro- blematisch(Paragr. 16,2 u. 3 Hess. Schulgesetz). Schulen können ver- gleichbare themenbezogene Projekte außerhalb des Fachunterrichtes an- bieten, indem sie ein entsprechendes Aufgabengebiet' definieren(P. 6.0 Hess. Schulgesetz). Ein solches Auf- gabengebiet kann jahrgangs- und Schulformübergreifend unterrichtet werden. Schließlich macht es keine Schwierigkeiten mehr, qualifizierte Personen, die nicht dem Lehrerkol- legium angehören, mit der Leitung solcher Projekte zu betrauen. Schülerinnen und Schüler, die In- teresse an dieser Arbeit haben und bereit sind, sich zu engagieren, fin- den sich allemal. 1 Coventry-Kirche mahnt Asyl an In Botschaft an Deutsche auch auf Waffenexport hingewiesen Von Stephan Hebel BERLIN, 7. Dezember. Knapp 55 Jahre nach der Zerstörung von Coventry durch deutsche Bomben hat sich die anglikani- sche Kirche in der britischen Stadt mit einer ungewöhnlichen Botschaft an die Deutschen gewandt. Sie ruft unter ande- rem zu kirchlichem Schutz für Flüchtlin- ge und zum Kampf gegen die Rüstungsin- dustrie auf. Es erscheine sinnvoll,„dar- über nachzudenken, was uns heute ver- bindet und verpflichtet“, schreiben Dom- propst John Petty und Paul Oestreicher, Leiter des„Versöhnungszentrums“ in Co- ventry, in ihrem Aufruf.„Frieden heute bedeutet in den Städten Englands und Deutschlands, die Fremden in unserer Mitte nicht als Fremde zu behandeln, son- dern als Mitbürger, die uns bereichern“, heißt es darin weiter. Eine eindeutige Po- sition beziehen Petty und Oestreicher in der Debatte über Kirchenasyl für abge- G wiesene Flüchtlinge:„In der Erinnerung daran, wie viele deutsche Juden in den Tod getrieben wurden, weil ihnen kein an- deres Land Asyl gewährte, wollen wir uns aktiv dafür einsetzen, daß die heute Ver- folgten nicht mehr von der Europäischen Union ausgesperrt werden, auch auf das Risiko hin, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.“ Zur Rüstungsindustrie heißt es, der „fast grenzenlose Waffenexport“ auch in Länder, die die Menschenrechte verachte- ten,„gehört mit zu unserer Schande“. Eine gemeinsame Aufgabe für deutsche und englische Christen sei ,die Förderung der Konversion unserer Kriegsindustrie zur Produktion fürs Leben“ EEM 5.72. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 „. es ist noch nicht zuende.“ Jugendliche aus der Wetterau produzierten einen Video-Film über ihre Studienfahrt nach Auschwitz-Birkenau Ihre Studienfahrt nach Polen und in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war für eine Gruppe von Jugendli- chen und jungen Erwachsenen aus der Wetterau auch nach der Rückkehr icht zu Ende. In mehr als 500 Arbeitsstunden produzierten sie in Zusam- menarbeit mit dem Stadtjugendring Bad Nauheim und dem Jugendbil- dungswerk des Kreises einen Videofilm. Nach fast anderthalb Jahren(die Studienfahrt fand im Sommer 1993 statt) Kkonnte die Gruppe in der er- sten Woche im Dezember ihren Film im Jugendzentrum in Bad Nauheim der Offentlichkeit vorstellen. Das 45Minuten-Video, das sich sehr gut zur Vor- und Nachbereitung von Gedenkstätten-Fahrten eignet, wur- de beim Video-Wettbewerb des Wet- teraukreises und der Stadt Bad Nau- heim mit einem Sonderpreis ausge- zeichnet. Auch heute noch, über die Pro- duktion des Videos hinaus, beschäf- tigt das Thema Auschwitz die jun- gen Frauen und Männern. Dies zeig- te sich bei den Spielszenen aus dem Stück Die Ermittlung' von Peter Weiss, mit dem sie die Vorführung 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer des Films beim Vorstellungstermin im Jugendzentrum ergänzten. Peter Weiss, der mit seiner Familie- wie er einmal schrieb- als Jude„für Au- Schwitz bestimmt war?, Schrieb Die Ermittlung“ im Anschluß an den Frankfurter Auschwitz-Prozeß von 1963/64. Wãhrend sich die angeklagten Tä- ter zu Opfer stilisierten, mußten die ehemaligen K?Z-Häftlinge bei ihren Zeugenaussagen sehr viel innere Kraft aufwenden, um sich die erlit- tenen Grausamkeiten erneut zu ver- gegenwärtigen, und sie dem Gericht zu schildern. Diese ungeheuerliche Szenerie trugen die Darsteller in Bad Nauheim Rechnung, indem sie die Angeklagten in'unschulds- weißer“ Kleidung auftreten ließen, während der dunkel gekleidete Zeu- ge mit fast ausdrucksloser Stimme über die Erschießung eines sieben- jährigen Mädchens berichtete. Auch im Film selbst wurden Texte von Peter Weiss verwendet. Sie kom- mentieren ebenso wie andere Zitate 2um Beispiel der KZ-Hãftlinge Pri- mo Levi oder Faina Fénélon(DPas Mädchenorchester von Auschwit?z) das ausgewählte Bildmaterial. In der Wetterauer Zeitung schrieb Hedwig Rohde: Mängel in Technik und Ak- kustik erscheinen unbedeutend im Vergleich zu der Dichte des Films, in dem die Betroffenheit, aber auch die Ratlosigkeit der Jugendlichen Spürbar wird.? Thomas Kohl, einer der Teilneh- mer an der Fahrt nach Auschwitz, brachte die Gefühle wohl der gan- zen Gruppe zum Ausdruck, als er sagte»Wir waren dort, wir haben gearbeitet, doch verstanden haben wir es nicht“. Wie die Produktion des Videos und die weitere Beschäf- tigung mit dem Thema belegen, hat die Gruppe aber sehr wohl verstan- den, was Peter Weiss nach seinem Aufenthalt auf dem Gelände des ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau notierte: »EFEin Lehender ist gekommen und vor diesem Lebenden ver- Schiießt sich, was hier geschah. Der Lebende, der hierherktommt, aus ei- ner anderen Welt, hesitzt nichts als seine Kenntnisse von Ziffern, von niedergeschriebenen Berichten, von Zeugenaussagen, Sie Sind Teil seines Lebens, er trägt daran, doch fassen kann er nur, was ihm selhst wider- fährt. Nur wenn er selbst von Sei- nem Tisch gestoßen und gefesselt wird, wenn er getreten und ge- peitscht wird, weiß er, was dies ist. Nur wenn es neben ihm geschieht, daß man sie zusummentreiht, nie- derschlägt, in Fuhren lädt, weiß er, wie dies ist. Jetzt Steht er nur in einer unterge- gangenen Welt. Hier kann er nich ¶M mehr tun. Fine Weile herrscht äu- Perste Stille. Dann weiß er, es ist noch nicht zu⸗ ende.“ (Peter Weiss, Meine Ortschaft) Die Video-Kassette kostet 30 Mark und ist erhältlich über die Lagerge- meinschaft Auschwitz- Freundes- kreis, den Stadtjugendring Bad Nau- heim oder bei Markus Fenske, Tele- fon 0603 1— 12419. Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Kinder in Auschwitz Rezension einer noch unveröffentlichten Studie von Dr. Margarethe Rebecca Hopfner a von Kazimierz Smolen Jedes Verbrechen gegen einen Menschen löst natürliche Ableh- nung und Verachtung aus. Noch stärker sträubt sich das menschliche Gehirn, wenn es um Verbrechen geht, die gegen Millionen Menschen verübt wurden, ja es vermag gar nicht, sich das ungeheure Ausmaß dieses Verbrechens vor Augen zu führen. Das hat bereits der Amerikanische Militärgerichtshof zum Ausdruck gebracht, vor dem der EFinsatzgrup- penprozeß( Fall 9*) durchgeführt wurde, und das in seinem Urteil vom 8. April 1948 festgestellt hat(vgl. Bl. 6855 der Verhandlungsnieder- Schrift):“ Die Zahl der Todesfälle, die Folge der Handlungen war, an denen die Angeklagten teilnahmen, und die die Anklagebehörde auf eine Million angesetzt hat, ist nur eine Zahl. Niemand kann den vollen, sich türmenden Schrecken des milli- onenfachen Mordes erfassen. Nur wenn man diese entsetzliche Zahl in Einheiten zerlegt, die man geistig erfassen kann, dann kann man die Ungeheuerlichkeit der Dinge verste- hen, mit denen wir uns in diesem Prozeß befassen. Man darf sich nicht Millionen Menschen, sondern 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer muß sich nur zehn vor Augen halten Männer, Frauen und Kinder, viel- leicht alle aus einer Familie, die vor den Gewehren der Henkersknechte zusammenbrechen.“ Die Verbrechen, die die National- Sozialisten während des 2zweiten Weltkrieges an Kindern verübt ha- ben, sind um so entsetzlicher, als es Morde an võllig unschuldigen Wesen waren, an Menschen also, die zu Schützen bis dahin auch ein völlig rücksichtsloser und barbarischer Gegner als seine Pflicht betrachtet hatte. Seit dem Ende des Krieges sind zahlreiche Publikationen erschie- nen, in denen Zeugen auch die Ver- brechen beschrieben haben, deren Opfer Kinder waren. Das Thema »Kinder“ wird in diesen Darstellun- gen jeweils im Rahmen der allgemei- nen Situation wãhrend der Okkupa- tion aufgegriffen, es fehlte jedoch bisher eine analytische Studie, die es ermöglichte, eine Gesamtdarstel- lung des Themas zu erarbeiten. Die Arbeit'Kinder in Auschwitz“ von Dr. Margarethe Rebecca Hopf- ner ist das Ergebnis langjähriger Forschungen, in deren Verlauf die Autorin das faktografische Material für ihre Studie zusammengetragen hat. Sie beruht auf Dutzenden von Gesprächen mit Zeugen dieser Ver- brechen, die auf Tonband festgehal- ten und schriftlich niedergelegt wurden, beruht auf der Analyse der beschriebenen Geschehnisse und auch auf ihrer Verifizierung. Das beigefügte Verzeichnis der veröf- fentlichten Quellen und der Litera- tur umfaßt ungefähr 400 Titel; das Verzeichnis der unveröffentlichten Materialien(Aufzeichnungen, Brie- fe, Interviews usw.) führt gut 50 Po- sitionen auf. Die hier rezensierte Arbeit stellt das Thema zum ersten Mal so um- fassend dar, auch wenn ihr Gegen- stand alleine die Geschichte der Kinder in Auschwitz ist. In Au- schwitz überlagerte sich jedoch, und das muß hier betont werden, die ganze Vielfalt der Fakten. Denn nach Auschwitz wurden schwangere Frauen deportiert, hier wurden in den Familienlagern Kinder gezeugt, hier wurden Kinder geboren, und hier auch wurden Kinder, wurden Säuglinge und Jugendliche ermor- det, wurden zuvor häufig verbre- cherische Experimente an ihnen durchgeführt, die S8- Arzte an ih- nen vornahmen. Und diese Spann- weite der durch den Nationalsozia- lismus begangenen Verbrechen fin- det sich in der hier vorgestellten Ar- beit wieder. Es handelt sich um eine historische Studie: Die Autorin ver- steht es jedoch gekonnt, die Litera ¶ tur zum Thema heranzuziehen, und darzustellen, so daß die Arbeit auch viele psychologische, soziologische und philosophische Gesichtspunkte aufgreift. Gestützt auf die Dokumente, ent- wickelt die Autorin die These, daß die Nationalsozialisten als Kind ein- stuften, wer noch nicht 16 Jahre alt war, daß also Kinder unterhalb die- ser Altersgrenze sofort getötet wur- den. Es konnte jedoch in der Praxis der Konzentrationslager vorkom- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 men, daß Kinder ihr Alter mit 16 Jahren angaben(ei es, weil sie eine entsprechende Größe hatten oder weil erwachsene Häftlinge ihnen verstohlen diesen Rat gaben); so machte es z.B. Ellie Wiesel. Diese Argumentation dürfte zutreffen. Viele Situationen werden in dieser Arbeit auf eine Weise dargestellt, die auch vom Leser Reflexion erfor- dert. So etwa, wenn ein früherer Hãftling beschreibt, man habe Häft- linge gesehen, die beruhigend, meist auf Frauen, die Kinder auf dem Arm hatten, einreden“, wäh- rend diese bereits auf dem Weg zu den Gaskammern waren.(S. 68). Daß die Autorin hier kein Urteil fällt, ge- Schieht bewußt und gezielt, denn ge- urteilt werden kann hier nur dann, wenn alle Begleiterscheinungen und Voraussetzungen des Geschehnisses Berücksichtigung finden. Und wie viel Schwieriger ist doch, was Ruth Blias in ihrem Bericht öf- fentlich macht, die in der ausweglo- sen Alternative; gemeinsam mit ih- rem neugeborenen Kind(an dem Mengele seine verbrecherischen Ex- perimente durchführen sollte) zu Sterben, oder, wie ein Häftlingsarzt riet, das eigene Kind zu töten, und 80 sich selbst zu retten, das eigene Kind tõtete,(Ich beging die Tat. Ja, ich tötete mein eigenes Kind'“ §. 206). Zusammenfassend ist der Studie zu wünschen, daß sie möglichst bald veröffentlicht wird, denn sie ist ein umfassendes Kompendium über das Schicksal der Kinder in Auschwitz. Ubersetzung aus dem Polnischen: Jochen August 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Monica Kingreen Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und Heldenbergen Beim Schächten im Hof des Ostheimer Metzgers Anselm Katz um 1903. Der Junge ist Siegfried Katz, der Jahre spãter im Tor der Ostheimer Fußballer stand. Siegfried Katz ist im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat gefallen. Im Tausendjãhrigen Reich wurde sein Name vom örtlichen„Kriegerdenkmal“ gekratzt, und im Sportheim wurde sein Bild aus dem Mannschaftsfoto ge- Schnitten.(Kingreen, Jüdisches Landleben, S. 238, ISBN 3-928100-23.8) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Monica Kingreens Publikation mit vielen Zeitzeugen-Interviews Man wußte nur, daß man etwas gegen die Juden hatte' „Ich kam immer mit allen gut aus, ich war vollkommen integriert. Ich lebte vollkommen normal mit den Leuten zusammen.“ Aber bereits 1933 wurde Willi Katz, von dem diese Erinnerung stammt, nahegelegt„nicht mehr bei den Sportfreunden Ostheim als Jude Fußball zu spielen“. Willi Katz und viele weitere ehemalige Bewohner der drei Landgemeinden Ost- heim, Windecken und Heldenbergen(keine 20 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main gelegen) haben ihre Brinnerungen Monica Kingreen erzählt und ihr auch sehr viel Fotos zum Abdruck überlassen. Nach über elfjähriger Recherche ist nun Monica Kingreens großformatiges und mit über 600 Fotos und Dokumenten reich bebildertes Buch„Jüdisches Landle- ben' erschienen. Zwar bezieht sich das Material und die Darstellung auf die drei Ortsteile der heutigen Stadt Nidderau im Main-Kinzig-Kreis, aber der vorgelegten Studie kommt sehr wohl überregionale Bedeutung zu. Jüdische Bürger lebten seit dem 13. Jahrhundert bis zu ihrer Vertrei- bung während des Nationalsozialis- mus in den Landgemeinden Win- decken, Ostheim und Heldenbergen. Den 2zeitlichen Schwerpunkt der Darstellung bildet das 20. Jahrhun- dert. Monica Kingreen beschreibt den Alltag der jüdischen Familien, die vor 60 Jahren in Nidderau gelebt hatten, berichtet über ihre Teilnah- me am öffentlichen Gemeindeleben, ihre Mitgliedschaft in Vereinen und ihre Bedeutung im Gewerbe. Sie schildert den Beginn der allgemei- nen Diskriminierungen, die sich nach 1933 zu staatlich organisierten Verfolgungen und Vertreibungen steigerten und schließlich mit den Deportationen in die Vernichtungs- lager endeten. Die Autorin geht dem Schicksal der einzelnen Personen nach: der Schneiderin, des Rinds- metzgers, des„Sangesbruders“, des Fußballspielers, des kämpferischen Studenten, der Schulfreundin. Am 7. Dezember las Monica King- reen in Frankfurt beim Monatstref- fen der Lagergemeinschaft Aus- chwitz- Freundeskreis aus ihrem Buch und ließ die Zeitzeugen zu Wort kommen, die über den jüdi- Schen Heiratsvermittler, den Schab- besgoj, über die jüdischen Feste, das Schächten, die Mikwe(das rituelle Bad) und weitere Bräuche der jüdi- Schen Gemeinde sowie über das Zu- sammenleben mit den christlichen Nachbarn berichteten. Die vielen Interviews und Parstel lungen der Familiengeschichten be zeichnete Monica Kingreen als d. Herzstück ihres Buches. Sie hat viejt in Nidderau geborene Juden in ihre. neuen Heimatländern besucht, i denen ihnen die Flucht geglückt ist. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Als 1988 eine Gruppe von jüdischen, ehemaligen Bürgern der Kommune auf Finladung der Stadt zu einem Besuch in Nidderau weilten, war dies auch wesentlich ein Mitver- dienst von Monica Kingreen. Sie Sprach mit denen, die rechtzeitig entkommen konnten, legal mit ein- em Visum oder als illegale Flücht- linge durch Frankreich über die ver- schneiten Pyrenäen in den Kibbutz im heutigen Israel. „Jch wßte natürlich, daß ich ein Jude war, und daß wir als Juden an- ders waren. Und die anderen Sagten auch'der Jud', aber es war Keine Be- leidigung, es war eine Tatsache. Wenn ich als Kind zu meinen Nach- harn kam, und Sie Sagten- Jüngelchen, willst du etwas mit uns essen' da wußten vie natürlich ge⸗ nau, daß ich nicht mitessen konnte, da wir ja Koschere Küche gehalten habhen.(...) Butterbrot und Kdse ha- he ich mitgegessen und auch Kaffee getrunken. Man wußte in Ostheim, daß wir Juden wuren, aber von Anti- Semitismus kann man nicht unbe- dingt Sprechen*. Der 1906 geborene Wilhelm Katz, von dem diese Schilderung stammt, war Mitbegründer und aktiver Spie- ler des örtlichen Fußballclubs. Auch „auf der Kerb feierten wir zusam- men, daß es Unterschiede gah, zwi- Schen Christen und Juden, das war natürlich Klar, das wußte man, aber von Antisemitismus Spürte man nichts. Ich kamm immer mit allen gut aus, ich war vollkommen inte- griert. Ich lehte vollkommen normal mit den Leuten zusammen. Ich machte alles mit. Daß jemals so et- willi Kat?z als Bub im Hof seines Fl- was vorkommen würde wie unter Hitler, hdtte ich mir niemals je trãu⸗ men lassen.(...) Bis 1933 gah es in Ostheim keine Nazis, weder in Ost- heim, noch in Windechen noch Sonstwo hier in der Gegend war et- was von einer nationalsozialisti- Schen Bewegung zu Spüren. Es war einfach nicht da. Bis 1933 war das ternhauses 1911(Kingreen, S. 271) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Lehen zwischen Christen und Ju- den an und für Sich problemlos.? Im Januar I933 wurde AdolfHitler zum Reichskanzler ernannt und Willi Katz erinnert Sich, daß sie in Ostheim gelacht haben.„Mannahm die ganze Sache zuerst überhaupt nicht ernst. Ich hin noch nicht ein- mal Sicher, oh die Leute das Wort Antisemitismus in Ostheim in den Mund genommen haben. Man wuß- te nur, daß man etwas gegen die Ju- den hatte. Bis 1936 wurde auf dem Lande wohl eher Zurückhaltung ge- iiht. Sie hatten Schiß vor der eigen- en Courage den Juden gegenüber. Erst dann ging es los.* Aber hereits vor 1936 erhielt das Bild vom problemlosen Zusammen- leben einen Sprung, der einen Wi- derspruch in den Erinnerungen von Willi Katz deutlich werden ldßt. Denn.„Mirwurde gleich 1933 nahe- gelegt, nicht mehr hei den Sport- Freunden Ostheim als Jude Fußhall Zu Spielen. Dieses Verhalten meiner Sportfreunde wir waren doch ein Arbeitersportverein hat mich zu- tiefst enttãuscht, und es tut mir heu- te noch weh, wenn ich daran den- Ke. 7 Auch im Interview mit Lieselotte Levi wird die zwiespältige Haltung deutlich zwischen Heimat- und Zu- gehörigkeitsgefühlen auf der einen und Distanz vor der mörderischen Wirklichkeit auf der anderen Seite. Als einzige ihrer ihrer Familie fiel Lieselotte Levi dem rigorosen Ver- nichtungswillen des Deutschen Rei- ches, das von der überwiegenden Mehrheit der„arischen“ Bevölke- rung befürwortet wurde, nicht zum Opfer. Ihr Kommentar„Ich hahe nichts gegen die Ostheimer, ich ha- he etwas gegen Hitler. Die haben es ja gemacht und nicht die Ostheimer Bevõlkerung.“ 1936 war Lieselotte Levi vom Un- terricht ausgeschlossen worden. Ihr Lehrer bescheinigte ihr Schwarz auf Weiß.„Echte Jüdin, nur geschäftlich interessiert, Sonst gut begaht.“ Uher Scheinbare Integration und auch über den Tod hinausgehende Ausgrenzung herichtete auch Ma- Willi Katz beim Brotausfahren in Haifa 1938(Kingreen, S. 273) 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer thilde Katz.„Mein VaterwarSozial- demokrat. Er war Mitglied des Ost heimer Ortsgerichtes, des Schieds- gerichtes. Auch hei der Freiwilligen Feuerwehr war er Mitglied. Auf christlichen Beerdigungen ging mein Vater Selbstwerständlich mit, er trug einen Zlinder. Blumen wur- den geschickt. Auch auf den Fuß- hallplatz ging mein Vater gern, um hesonders Seinem Sohn Siegfried zu- zuschauen. Mein Bruder Siegfried war TorwurtundspäterSchiedsrich- ter hei den Ostheimer Fußhallspie- lern. In der Gastwirtschaft Kohl hing ein Bild der ganzen Fußbhall- mannschaft an der Wand, in der Hitlerzeit haben sie meinen Bruder da rausgeschnitten, obwohl er doch Schon lange gefallen war im Krieg (I. Weltkrieg, d. Verf.). Auch auf dem Kriegerdenkmal auf dem Ost heimer Friedhof wurde Sein Name ausgelõscht in der Nazizeit.“ Monica Kingreen hat auch den Weg der Menschen recherchiert, die nicht mehr sprechen, ihr Leben nicht retten konnten. Die Leser er- fahren, wie diese Opfer des deut- schen Vernichtungswahns geschla- gen und gedemütigt wurden, wie sie um ihr Leben kämpften und sich Hoffnungen machten, wie diese Hoffnungen zerschlagen wurden, und sich ihre Namen als Nummern in den Deportationslisten der Ge- Stapo verloren. Neben der anschaulichen Darstel- lung der historischen Entwicklung in den drei heutigen Stadtteilen Nid- deraus von den ersten Zeugnisse jü- dischen Lebens bis zur Vertreibung und Vernichtung läßt Monica King- reen die Menschen, die sich hinter Willi Kat?z(4. von links) mit der Fußballmannschaft der Sportfreunde Ost- heim aus dem Jahr 1928.(Kingreen§. 272) Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 15 den Namen und Zahlen verbergen, hervortreten und ruft sie in das Ge- dächtnis zurück. Die Betroffenen selbst schildern mit allen wider- sprüchlichen Wahrnehmungen(wie zum Beispiel der mehrfach zitierte Willi Katz) ihre Sichtweisen und so wird auch für die Nachgeborenen ihr Schicksal lebensnah und nach- Oolaienbar. Bedenken, daß sich die Interviews in der Darstellung von Anekdoten verlieren, sind unbe- gründet. Zusammenstellung und notwendige Kommentare der Auto- rin ergeben ein eindrucksvolles Ge- Samtbild, das im aufwendigen An- merkungsapparat verifiziert ist. Hans Hirschmann Monica Kingreen, Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und Heldenbergen“, CoCon-Verlag, Hanau 1 994, IS BN3-928100-238.Die Herausgabe des großformatigen und reich bebilderten Bandes(über 600 Fotos auf 536 Seiten) wurde von der Stadt Nidderau bezuschußt, so daß er lediglich 34,80 Mark kostet. „Volkhafter“ Lehrer milde gerügt Direktor versteht Ablehnung seines„NS-Programms“ nicht Von Eckart Spoo Die„volkhafte Dichtung“ wird sich nach Uberzeugung von Studiendirektor Uwe Sch.„als die eigentliche Hauptströmung der deutschen Literatur dieses Jahrhun- derts erweisen“ Gemeint ist zum Beispiel Volk ohne Raum“ von Hans Grimm, ein von den Nazis hochgeschätzter Roman. Auch Gedichte von Hans Baumann(„Es zittern die morschen Knochen“) und ande- ren Barden des Großdeutschen Reiches wollte Sch. in einem Deutsch-Leistungs- kurs in der Oberstufe eines Osnabrücker Gymnasiums würdigen. Weil die Schüler dieses Angebot nicht annehmen mochten und die Schulaufsicht Anstoß nahm, bot er sein Konzept einer Fachzeitschrift an. Deren Redaktion wun- derte sich, mit welchen Vorstellungen je- mand in Niedersachsen Deutsch unter- richtet. Gutachter vermißten eine kriti- sche Reflexion des Themas und beschei- nigten dem Verfasser, er stehe„in der Tradition des NS-Erziehungsprogramms“. Das Kultusministerium, das davon er- fuhr, stellte mit Schrecken fest, daß der Deutsch-Lehrer nicht nur als Studiendi- rektor amtierte, sondern obendrein auch als Fachberater bei der Bezirksregierung Weser-Ems. In dieser Funktion wirkte er an Prüfungen, Personalentscheidungen und der Auswahl von Abituraufgaben mit und war für die Aus- und Weiterbildung seiner Fachkollegen zuständig. Das Mini- sterium entzog ihm diese Sonderaufgabe, wies ihm eine andere zu, beließ ihm aber seine erhöhten Bezüge. Dennoch erhob Sch. Klage beim Osna- brücker Verwaltungsgericht, wurde aber abgewiesen. Das Gericht bescheinigte dem Kläger, auf die Wissenschaftsfreiheit kõnne er sich nicht berufen. Die Schulver- waltung habe sachgerecht reagiert. Aber es ist schon eine weitere Klage des Studiendirektors anhängig. Der 55jährige, der gelegentlich auch dadurch von sich reden machte, daß er im Lehrer- zimmer den rechten Arm zum Hitlergruß erhob, was„satirisch“ gemeint sein sollte, will sich nicht damit abfinden, daß ihm anläßlich seines 25ährigen Dienstju- biläums eine Fhrung versagt geblieben ist. Frankfurter Kundschau, 14. 12. 94 16 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Hilfe für ehemalige KZ-Häftlinge Spendenaufruf für hilfsbedürftige NS-Opfer, die kaum oder bisher noch gar nicht entschädigt wurden Leider haben wir es vor Weihnachten nicht mehr geschafft rechtzei- tig mit dem Mitteilungsblatt herauszukommen. Wir bitten um Ent- schuldigung, daß unsere Weihnachtsgrüße zu spät kommen, und wir es 6 bei den besten Neujahrsglückwünschen belassen müssen. Krankheiten von Vorstandsmitgliedern und die zeitaufwendigen Vorbereitungen zum Umzug der Lagergemeinschaft im neuen Jahr, haben doch mehr zu schaffen gemacht, als voraus zu sehen war. Aus diesen Gründen konnten wir auch die übliche Spendenaktion vor Weihnachten nicht durchführen, mit der die Lagergemeinschaft hilfs- bedürftige ehemalige KZ-Hãäftlinge und ihre Familien zu unterstützen pflegte. Uber Hilfeleistungen werden sich diese Menschen aber auch nach Weihnachten freuen, und wir bitten deshalb zu Beginn des Jahres um Spenden für diesen Zweck. Die Geschichte der Entschädigung von Gegnern des Naziregimes bleibt auch weiterhin ein Skandal in Deutschland. Viele Häftlinge in den Gefängnissen der Gestapo und in den Konzentrationslagern war- ten noch heute auf eine Anerkennung ihrer Haftzeit und die damit verbundene Entschädigung. Ein gravierendes Beispiel sind die letti- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 schen Juden, denen für ihre Gefangenschaft im KZ noch keinen Pfen- nig Entschädigung gezahlt wurde, während der deutsche Staat den lettischen SS-Leuten schon längst eine Rente überweist. Aber nicht nur in Lettland, auch in Polen, vielen anderen osteuropãi- schen Ländern und auch in Deutschland gibt es ehemalige KZ- Häftlinge oder Gefangene des NS-Staates(wie zum Beispiel die Opfer des Euthanasieprogramms), die nicht entschädigt und nur mit einer lächerlich geringen Summe abgefunden wurden. Diesen hilfsbedürfti- gen Opfern gilt unser Aufruf, für den das Spendenkonto mit der Nummer 002 000 0503 bei der Sparkasse Wetterau(Bankleitzahl 518 500 79) eingerichtet wurde. Wir bedanken uns im voraus für Ihre Unterstũtzung und Ihr Verstãndnis. ten aut Enischãdiqun9 leben in Poen Zwangsarbeite Das lange Wa Noch 500 000 enemali9e Vberschriften zu Artikeln aus der Frankfurter Rundschau vom Vorjahr Wai gel bloc; eratungsstelje ien N S- en krit; Von unserer Korr ritische Verfolgte ialuns kein Celn rudastan T espondentin Ferdos F 0 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Finladung — SC 6 — im Gemeindehaus der ev. St. Katharinengemeinde, Leerbachstraße 18 (Näãhe Oper) in Frankfurt am Main jeweils um 19.30 Uhr am Mittwoch, den d. Januar Winterpause, kein Treffen am Mittwoch, den 1.Februar Teilnehmer berichten von der Studienfahrt nach Auschwitz am Mittwoch, den 1. März Mitglieder der Zukunfts- werkstatt Weltpartnerschaft stellen ihr Projekt auf Schloß Naumburg vor am Mittwoch, den 5. April Thema steht noch nicht fest, bitte in den Zeitungen informieren oder telefonisch nachfragen Am Sonntag, dem 29. Januar 1995, findet im Schauspiel Frank- furt am Main eine Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz Statt. Beginn ist um 11 Uhr. Veranstalter: Stadt Frankfurt am Main, Fritz Bauer-Institut/Förder- verein Frit?z Bauer-Institut, Deut- sches Filmmuseum, Institut für Stadtgeschichte- Historikerkoordi- nation. Bitte beachten Sie in der Tagespres- se Ankündigungen von weiteren Veranstaltungen, die anläßlich des Befreiungstages im Januar und Fe- bruar stattfinden werden. In Frank- furt wird eine Veranstaltungsreihe vom Institut für Stadtgeschichte ko- ordiniert; Informationen sind unter der Telefonnummer 069-212-40504 zu erhalten. „Berichte gegen Vergessen“ 0 für Schulklassen Die„Berichte gegen Vergessen“ von 100 jüdischen ehemaligen Frankfurtern über ihre Schulzeit, in Briefen niedergelegt und zusammengetragen von Holbein- Schülern, können jetzt in Klassensätzen von den Schulen im Schulamt angefordert werden. Schulamtsleiter Tom Stryck empfiehlt die Anschaffung als ein„wichtiges Zei- chen aus den Schulgemeinden, daß das Schicksal jüdischen Schülerlebens in der NS Zeit nicht in Vergessenheit gerät“ Für Interessierte ist Ansprechpartnerin im Schulamt Frau Grobe-Selig. clau Frankfurter Kundschau, 74. 12. 1994 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Begegnung mit Auschwitz Laubauch-Kolleg: Ausstellung und Konzert mit Daniel Kempin Motto der Jiddischen Lieder lautet Massel und Shlamassel'“ »Begegnung mit Auschwitz“ heißt Liedern unter dem Motto Massel die Ausstellung, die am Montag, den und Shlamassel' auftreten. im Geöffnet ist die Ausstellung werk- Laubach-Kolleg im Kreis Gießen er- tags von 10 bis 16 Uhr und am Sams- öffnet wird und bis 31. Januar zu se- tag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. hen sein wird. Zusammengestellt Die Ton-Dia-Serie kann nach Ab- wurde die Ausstellung von Teilneh- sprache für Gruppen auch an weite- mern einer Studienfahrt nach Polen, ren Terminen gezeigt werden. Tele- die von der Lagergemeinschaft Aus- fonische Vereinbarungen beim chwitz- Freundeskreis der Aus- Laubach-Kolleg sind unter der Tele- chwitzer organisiert wurde. fonnummer 06405 261 möglich. Die Gruppe hat auch eine Ton- Zur Fianzierung der Ausstellung, Dia-Serie erstellt, die am 23. Januar der Ton-Dia-Serie und des Konzerts zur Bröffnung und am Schlußtag, von Daniel Kempin werden Spenden Dienstag, dem 31. Januar, um 19.30 erbeten auf das Konto der Arbeits- Uhr gezeigt wird. Im Anschluß an gemeinschaft für Friedensdienste den Ton-Dia-Vortrag wird am 31. Ja- Laubach. Es hat die Nummer 100 121 nuar Daniel Kempin mit seinem 568 und ist bei der Oberhessischen neuen Programm mit Jiddischen Volksbank Hungen eingerichtet. Gedenken an Opfer der Euthanasie DORTMUND, 24. November(dpa). Op- fer der nationalsozialistischen Euthana- sieVerbrechen und Zwangssterilisationen stehen immer noch am Rande der Gesell- schaft. Diese Meinung vertrat Klara Mo- wak, Vorsitzende des Bundes der Eutha- nasie-Geschädigten und 2Zwangssterili- sierten, am Donnerstag in Dortmund. Dort erinnert eine neue Gedenktafel an eine unbekannte Anzahl von Kindern, die während der Naziherrschaft in einer Dortmunder Heilanstalt umgebracht wor- den waren.„Bis heute sind wir nicht den anerkannten Opfern des Nationalsozialis- mus gleichgestellt“, sagte Mowak. Paniel Kempin singt am 3. Januar im aus: Frankfurter Kundschau vom 25. Laubach-Kolleg Jiddische Lieder. November 1994 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße Januar 28.2. Brigitte Habig 28.2. Hilde Leng 1.1. Susanne Gräser 3.1. Susanne Hainbach 3.1. Susanne Lutz S d. 1. Dr. Hans Gärtner Mãärz 8.1. Margarete Schoplick 9.1. Hermann Reineck 2.3. Peter Meier-Röhm 13. 1. Joachim Bernecke 4. 3. Gertrud Amrein 16.1. Kathrin Czerannowski 4. 3. Bveline Keusch 17.1. Thomas Rolle 4. 3. Oliver Nedelmann 19. 1. Eroika Kremer 6.3. Elke Jung 7.3. Bernhard Krane 8.3. Marion Beste 8.3. Peter Gingold 8.3. Franziska Hinz 9.3. Horst Jacke 12.3. Thomas Fürst 14.3. Dr. UIrich Waldschmidt 20.1. Ingolf Spickschen 22.1. Patricia Krosch 22.1. Michael Wahle 23. 1. Birgitta Werk-Lang 24. 1. Folker Behrens Februar 15.3. Horst Könnecke 15.3. Renate Wanie 2.2. Astrid Sauer 16.3. Armin Glaus 6.2. Johanna Oberhauser 16.3. Boleslaw Stefanski 92 Michael Wies 20.3. Barbara Fleming 10.2. Gila Gertz 21.3. Edda Hertel 11.2. Etty Gingold 21.3. Dr. Siegmund Kalinski 12.2. Gottfried Bay 24.3. Brigitte Stark 13.2. Marianne von Oettingen 24.3. Michael Wagner 19.2. Wolfgang Gehrke 25.3. Hortense Habermann 19.2. Friedrich Stichler 25.3. Dr. Michael Schulte 19.2. Frank Sygusch 25.3. Claudia Wiederholt 20.2. Wolfgang Schumann 26.3. Annemarie Diefenbach 20.2. Wilfried Stranz M. 3. Rainer Strobelt 22.2. Zdzislaw Jankiewicz 28.3. Daniel Hoffmann 23.2. Hans Boss 29.3. Ralf Neubert 28.2. Andreas Schreier 31.3. Peter Seib Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Zukunftswerkstatt Weltpartnerschaft Ein aktives Hlüchtlingsheim mit internationaler Begegnungs- und Bildungsstãtte soll in der Nähe von Frankfurt entstehen „Wir wollen in Deutschland nicht nur schlafen und essen, wir wollen uns weiterbilden, um die Verhältnisse in unserer Heimat zu verändern“, sagte Daniel Inyang. Der aus Nigeria stammende Flüchtling brachte mit diesem Osatz die Ziele des Vereins„Zukunftswerkstatt Weltpartnerschaft“ zum Ausdruck. Der Verein beabsichtigt, das Schloß Naumburg zu kaufen und es auszubauen zu einem aktiven Flüchtlingsheim mit internationaler Be- gegnungsstätte und einem Bildungs- und Initiativzentrum. Das Schloß Naumburg liegt ungefähr 25 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main bei der Gemeinde Erbstadt, einem Ortsteil der Stadt Nidderau im Main- Kinzig-Kreis. Es wurde bereits von dem derzeitigen Besitzer, der Pfingstge- meinde, als Tagungs- und Begegnungsstätte genutzt. Am ersten Wochenende im De- zember hatte der Verein zu Infota- gen auf das Schloß eingeladen, und das gebotene Programm verschaffte konkrete Findrücke, was man sich unter dem Konzept einer Zukunfts- werkstatt vorstellen kann. Kultur- und Informations veranstaltungen wechselten mit Vorträgen über öko- logische, historische und politische QDrnemen. Deutsche und Engländer, Flüchtlinge aus Georgien und Ruan- da sowie aus anderen Ländern der Welt, Menschen mit weißer und mit Schwarzer Hautfarbe referierten, diskutierten, sangen und tanzten miteinander und, am Montag traten Jugendliche zum Torwandschießen gegen Anthony Veboah an. Flüchtlinge werden fast immer nur passiv erlebt, führte Wolfgang Lieberknecht aus, als er das Projekt den Besuchern vorstellte. Die deut- sche Asylgesetzgebung mit ihren Arbeits- und Beschäftigungsverbo- ten und den langen Wartezeiten för- dern es geradezu, daß die Potentiale der Flüchtlinge an Wissen und Fã- higkeiten, ihre Erfahrungen als In- geneure, Handwerker und aus ande- ren Berufen brachliegen. Bei der aufwendigen Schloßrenovierung, der Bewirtschaftung des Gartens und dem Aufbau der wirtschaftli- chen wie sozialen Infrastruktur könnten diese Erfahrungen sehr zum Tragen kommen. Der Main- Kinzig-Kreis habe schon die Verga- be von gemeinnützigen Beschäftig- unsauftrãgen zugesagt. Schloß Naumburg soll nicht nur Unterkunft und reine Aufbewahr- ungsstätte für Flüchtlinge werden, Sondern vor allem auch eine Bil- dungs- und Begegnungsstätte. In Se- minaren und anderen Bildungsange- boten sollen Deutsche und Flücht- linge gemeinsam über die Flucht- gründe und Fluchtursachen disk- utieren und nach Möglichkeiten su- 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer [ Pas Hauprgehdude von Schloß NVaumburg hei Nidderau- Erbsradt chen, sie schon präventiv zu be- kämpfen. Bei einem Vortrag des Ruanders A. M. Mogaboshaka zum Krieg in sei- nem Heimatland wurde deutlich, daß in Deutschland vor allem ein Defizit an Hintergrundinformatio- nen besteht. In den Nachrichten der Massenmedien wird erst berichtet, wenn Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind. Daß sich diese Entwicklungen über Jahre hinweg an wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen ablesen lassen, ha- ben die Vereinsgründer durch ihre Arbeit in Erstaufnahmelagern und Asylunterkünften und den direkten Kontakten zu den Flüchtlingen er- fahren. In Furopa werden dann die Kriege ungeachtet dieser Entwick- lungen vereinfachend und falsch als „ethnische Konflikte“ definiert und erklärt. Durch ihre Politik mit Waf- fen- und Müllexporten sowie unsin- nigen„entwicklungspolitischen? Großprojekten sind die europãi- schen Staaten durchaus für viele verhãngnis volle Entwicklungen mit- verantwortlich. Diese Hintergründe sollen au Schloß Naumburg unter anderem durch Angebote des geplanten Se- minar- und Bildungszentrums auf- gearbeitet und vermittelt werden. Ziel des Zentrums ist es, Flüchtlinge wie Deutsche in die Lage zu verset- zen, am Abbau der Fluchtursachen mitzuwirken, sich für die Demokra- tisierung in allen Ländern zu enga- gieren und als„Partnerschafts- Teamer? Projekte in den Fluchtlän- dern zu fördern. Solche„sozialen Friedensdienste“ müßten genauso anerkannt und dotiert werden wie Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 dies bei den UNSoldaten der Fall ist, meinte ein Besucher aus dem einstigen hugenottischen„Flücht- lingsdorf? Friedrichsdorf. Daß die modernen Industriestaa- ten auf der nördlichen Halbkugel der Erde ein„egoistisches“ Interesse an demokratischen und stabilen Verhältnissen in den Ländern der Qudlichen Hemisphäre haben müs- sen, demonstrierte bei einem Vor- trag der SPD-Bundestagsabgeord- nete Dr. Werner Schuster. Als er aus seinem Luftballon, auf dessen Ober- fläche die Umrisse der Kontinente gezeichnet waren, auf der unteren, der südlichen Seite, die Luft heraus- ließ, fiel auch die nördliche Hälfte in sich zusammen. Die wirtschaftli- chen, ökologischen und politischen Verflechtungen widersprächen je- glicher vermeintlichen rein nationa- len Lösung, machte der in Afrika geborene Politiker deutlich. Der Verein und das Projekt Mit Flüchtlingen zur Beseitigung von Fluchtursachen beitragen. Ko- geion statt Konfrontation. Mit iesen beiden Kernsätzen um- schreibt der Verein„Zukunftswerk- statt Weltpartnerschaft' seine Hauptziele. Der Verein wurde im Frühjahr dieses Jahres von 29 Bür- gerinnen und Bürgern aus zehn Län- dern in Nidderau gegründet. Mit- glieder sind Menschen aus überregi- onalen Partnerschaftsvereinen, die Sich seit Jahren für ein interkultur- elles, zukunftsgerichtetes Zusam- menleben und Zusammenarbeiten von Menschen einsetzen. Der Verein will Begegnung und Dialog zwischen Finheimischen und Flüchtlingen sowie zwischen Men- schen aller Nationen, Religionen und Ethnien fördern. Gesucht wird ein Gebäude, um ein Begegnungs- zentrum einzurichten. In ihm sollen Flüchtlinge leben und die Chance bekommen, sich in Deutschland au- zubilden, um in ihren Ländern zu Gestaltern einer demokratischen Zukunft zu werden. Diese Absicht entspricht den Wünschen der über- wiegenden Mehrheit der Flüchtlin- ge, hebt der Vereinsvorstand hervor, der sich zu zwei Dritteln aus Nicht- deutschen 2zusammensetzt. EFine Forderung nach Re-Immigration sei damit nicht verbunden. In Seminaren sollen Flüchtlinge und Einheimische in Fragen des Aufbaus demokratischer Gemein- wesen, des Abbaus von Fluchtursa- chen, der Weltwirtschaft und der Weltõkologie sich aus- und weiter- bilden lassen. In dem geplanten Be- gegnungszentrum sollen Menschen verschiedener Kulturen aufeinan- dertreffen, sich persönlich kennen- lernen, miteinander arbeiten und auch bei Musik, Sport und Spiel Freude erleben. Die Finanzierung Fine konkrete Chance, dieses Ziel zu realisieren, besteht darin, das Schloß Naumburg in Nidderau(25 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main) zu erwerben. Das Schloß ist auch bisher schon als Begeg- nungs- und Tagungsort genutzt wor- den. Das Land Hessen und der Main-Kinzig-Kreis sind bereit, für zehn Jahre eine Belegungsgarantie zu geben und die Unterbringungs- kosten von 110 Flüchtlingen zu ge- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer währleisten. Die Flüchtlinge sollen den Willen haben, für ihre Heimat etwas bewegen zu wollen und wer- den nicht einfach zugewiesen, son- dern vom Verein ausgesucht. Sie sol- len bei der Renovierung, bei der Be- wirtschaftung des Geländes und beim Aufbau der Infrastruktur mit- helfen. Der Mainzer Architekturprofes- Sor Hädler hat sich bereiterklärt, mit seinen Studenten mit einem Modell- projekt die Planung der Renovie- rungsarbeiten zu übernehmen. Da- durch können erhebliche Kosten gespart werden. Die Okobank unterstützt das Vor- haben und ist bereit, zwei Millionen Mark als Kredit zu gewähren. Unge- fähr eine weitere Million Mark muß an Figenkapital aufgebracht wer- den. Dieses Figenkapital soll durch den Verkauf von sogenannten Bau- steinen im Wert von jeweils 333 Mark aufgebracht werden. Promi- nente Käufer von Bausteinen und damit Unterstützer des Projekts sind die Fußballspieler Jay Jay Oko- cha und Anthony Veboah, der, Schriftsteller Peter Härtling, der Sänger Daniel Kempin ¶iddische Lieder), der Schauspieler Michael Quast, Kreisbeigeordneter Frich Pi- pa und der Nidderauer SPD- Bundestagsabgeordnete Bernd Reu- ſer. Das Büro der Zukunftswerkstatt ist unter der Telefonnummer 06051 18572 zu erreichen. Hans Hirschmann Die 76jãnrige Lieselotte Tnumser- Weil(Bildmitte am Tisch sitend) ließ sich von Vereinsmiig lieder und Unterstitzern der Zukunfts werkstatt vor Ort auf Schloß Naumburg bei Nidderau-Erbstadt über das Projekt informieren. Lieselorte Tnumser Weil war Häftling im Konzentrationslager Ravensbrück. Sie ist Vor- randsmitglied bei den Lagergemeinschaften Kavensbrück und Auschwitz. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Presseerklärung zum Projekt Zukunftswerkstatt Weltpartnerschaft Flüchtlinge sind Botschafter des Unrechts Die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer un- terstũtzt das Projekt des Vereins„Zukunftswerkstatt Weltpartnerschaft?, auf Schloß Naumburg ein aktives Flüchtlingsheim mit internationaler Bildungs- und Begegnungsstätte aufzubauen. Als sowohl symbolische Geste wie auch als kleinen materiellen Beitrag verstehen wir unsere Entschei- dung, einen„Baustein“ zum Erwerb der Naumburg(Main-Kinzig-Kreis) zu kaufen. Nach dem Konzept des Vereins Zukunftswerkstatt Weltpartnerschaft sollen Flüchtlinge und Einheimische daran arbeiten, Fluchtursacher zu erkennen und zu bekämpfen, voneinander zu lernen und gegenseitige Vorurteile abzubauen und somit gegen Fremdenfeindlichkeit, Nazismus und Rassismus einzutreten. Diese Ziele sind auch Grundsätze der Lagerge- meinschaft Auschwitz. Die Gegner des Nationalsozialismus und die ehe- maligen Häftlinge in den Gefäng- nissen der Gestapo und in den Staatskanzlei kauft Konzentrationslagern haben am zehn„Bausteine' eigenen Leib und der eigenen See⸗(..) Hessens Ministerpräsident Hans le erfahren, was Verfolgung und ſ Pichel verbindet mit der Unterstüt- Vertreibung aus rassistischen, po- ſ zung der Landesregierung seine besten litischen und religiösen Gründen ſwünsche für den Erfolg des Projektes. bedeutet. Auch Jürgen Rollmann, Präsident Bestrebungen, die Fluchtursa- der Vereinigung der Vertragsspieler chen aufzudecken und zu be- und früher Torwart des MSV Duis- kampfen, können und dürfen burg, wirbt für die Zukunftswerk- tatt. In der„Kicker Sportillustrierten? Gich allein Angelegenheiten der S 2 Projekt Menschen sein. die in ihren Heim- Nidde rauerAnzeiger, 15. 12. 1994 atländern verfolgt werden und flichen müssen. Es geht auch um unsere Zukunft und unsere Vorstellungen von einem friedlichen Zusammenleben.„Flüchtlinge sind Botschafter des weltweiten Unrechts“, formulierte es einmal Herbert Leuninger, der Mit- gründer der Organisation„Pro Asyl'. An den kriegerischen und undemokratischen Bedingungen in vielen Ländern der Welt sind auch die westlichen Industriestaaten durch vielfälti- ge politische, ökonomische(z. B. Waffenexporte) und ökologische(z. B. Müllexporte) Verflechtungen mitverantwortlich. Um es erneut mit den Worten von Herbert Leuninger zu beschreiben,„wenn wir nicht lernen, mit Flüchtlingen zu leben, werden wir nicht in der Lage sein, die wirklichen Herausforderungen einer zusammenwachsenden Weltgesellschaft zu bewäl- tigen“. 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Immer noch vorbestraft Publikation über die Opfer der NSMilitärjustiz erschienen Wãhrend Kriegsdienstverweigerer, die in der DDR bestraft wurden, mitt- lerweile Anspruch auf Fntschädigung haben, gelten die Desserteure und Kriegsdienstverweigerer der Nazizeit immer noch als vorbestraft. n Bonn legten die Bundesvereini- gung Opfer der NSMilitärjustiz e. V.⸗ und die Geschichtswerkstatt Marburg e. V. erstmals eine Studie mit Zeitzeugenintervievs von Uberle- benden der NSMilitärjustiz vor(Dem Vode entronnen), die von der Heinrich- Böll-Stiftung initiiert und finanziert wurde. Viele der Interviewpartner ha- ben zum erstenmal in der Offentlichkeit über ihre Wehrdienstverweigerung und Desertion berichtet. Nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in den Fami- lien der Deserteure und»Wehrkraftzer- Setzer wurde das Thema tabuisiert: be- fürchteten sie doch— bis heute—, als Drückeberger, Feiglinge oder Vater- landsverrãter diffamiert zu werden. Noch immer dürfen Kommandeure der Bundeswehr sagen, daß Deserteure der Wehrmacht die Ehre deutscher Soldaten befleckt hãtten.;Es gab keine NSMili- tãrjustiz. Es gab eine Kriegsgerichtsbar- keit der Deutschen Wehrmacht, die auf rechtsstaatlich nicht zu beanstandenden förmlichen Gesetzen beruhte«, Schrieb kürzlich Generalmajor a. D. Dr. Jürgen Schreiber als Präsident der Deutschen Soldatenverbände an die Bundesver- einigung Opfer der NSMilitärjustizs. Unteroffizier Schreiber, dessen Vater Generalrichter beim Reichskriegsge- richt war, hatte selbst in den letzten Kriegswochen seinen vlieben Pappi ge- beten, die Beziehungen spielen zu las- sen, damit er nicht noch von der prak- tisch nicht mehr existenten Luftwaffe in die Infanterie ⁊um Kãmpfen abgeordert wurde. Die Herausgeber appellieren an den Deutschen Bundestag, die Todesurteile der NSMilitãrjustiz wie zuvor die Ur- teile des Volksgerichtshofes als Aus- druck der Nazi-Terrorjustiz aufzuhe- ben. Auch das Bundessozialgericht hat- te in einem Einzelfallurteil im Jahre 1990 den Gesetzgeber aufgefordert, die To- desurteile der Militärjustiz als Aus- druck der Nazi-Terrorjustiz zu brand- marken. Nach dem Stand der heutigen wissenschaftlichen Forschung wurden von 50 000 verhängten Todesurteilen ca. 20 000 bis 25 000 vollstreckt. Zum Ver- gleich: England hat während des zwei- ten Weltkrieges 40 Todesurteile- darun- ter 36 wegen Mordes- vollstreckt. Lud- wig Baumann, Vorsitzender der»Bun- desvereinigung Opfer der NSMilitãrju- stiz«, überlebte zwar das Todesurteil der Nazis, mußte aber zwölf Jahre im Zuchthaus verbringen und blieb deswe- gen, wie die anderen Opfer, nach dem Kriege bis heute vorbestraft. Die Union und F.D. P werden Pro- bleme bekommen, den Opfern und der Offentlichkeit zu erklären, warum Kriegsdienstverweigerer, die in der DDR verfolgt wurden, seit dem 1. Un- rechtsbereinigungsgesetz für SED-Un- recht Anspruch auf eine Entschãdigung haben, Deserteure und Kriegsdienstver- weigerer der Nazizeit jedoch nicht. Ingo Zander aus der Wochenzeitung'Freitag“ vom 8. Juli 1994,§. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Die Fluchthelfer von Auschwitz polnische Einwohner, vorneweg Frauen, retteten Hãftlingen das Leben N von Jürgen Holbrecht in der Zeit vom 2.9. 1994 Kassiber das Konzentrationslager Auschwitz. Darin heißt es:„Auschwitz-Aktion Höß. Seit Mitte Mai starke Transporte ungarischer Juden. In jeder 3₰ Nacht kommen acht Züge, an jedem Tag fünf. Die Züge zählen jeweils 48 bis 50 Waggons, mit je 100 Personen. Um die Arbeit zu vereinfachen, reisen die Menschen schon getrennt an, zum Beispiel die Kinder in gesonder- ten Waggons. Die geschlossenen Züge warten auf einem besonderen Gleis mehrere Stunden auf das Ausladen.“ Weiter erfährt man:„Der Dienst der SS-Männer bei der Judenvernichtung dauert ohne Unterbrechung 48 Stun- den, gefolgt von einer achtstündigen Pause. Die Zahl der Toten beträgt bereits über 100 000.“ Hilferufe dieser Art gab es viele aus dem Lager Ausch- witz. Gehört wurden sie zunächst von der polnischen Be- völkerung des Ortes Oswiecim, dessen eingedeutschter; Name ꝛum Synonym für den Holocaust wurde. Auschwitz war ein deutscher Ort in den Jahren des Schreckens. Nach dem Uberfall auf Polen 1939 wurde das Gebiet östlich von Gleiwitz bis zur Weichsel per Dekret Hitlers annek- tiert. 12 000 Finwohner zählte Oswiecim damals; 6000 von ihnen waren Juden. Nach dem Uberfall wird das judische Eigentum sofort beschlagnahmt, einer Auffanggesellschaft zugeteilt und im Laufe der Jahre an deutsche Neusiedler umverteilt. Oie Synagogen werden geschlossen. Von Mai 1940 an be- ginnt man, die Juden in das Ghetto Sosnowitz, vierzig Ki- lometer von Auschwitz entfernt, zu deportieren. Nur 48 der Juden aus Oswiecim haben überlebt. Am 20. Mai 1940 trifft der erste Häftlingstransport bei den am Stadtrand gelegenen ehemaligen Pferdeställen ein, die fortan als„Kl. Auschwitz“ in die Geschichte ein- gehen werden. Am 7. Juli 1940 kommt es zur ersten Flucht aus dem Lager. Der Pole Tadeusz Wiejofski, in einem sogenann- ten Außenkommando außerhalb der Lagerumzäunung eingesetzt, kann mit Hilfe der in der Nähe wohnenden Polen fliehen. Als Reaktion darauf ordnet der SS- und Polizeiführer in Breslau, Erich von dem Bach-Zelewski, an, einen Umkreis von fünf Kilometern um das Lager „von verdächtigem, arbeitsscheuem Gesindel zu säu- bern“. Auch Lagerkommandant Rudolf Höß fordert eine „ m 25. Mai 1944 verläßt auf geheimem Weg ein 28 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer strengere Isolierung des Lagers von der Umgebung. In einem Schreiben an die Inspektion der Konzentrationsla- ger in Berlin schreibt er:„Die Bevölkerung ist fanatisch polnisch und, wie durch VMänner in Erfahrung gebracht wurde zu jedem Vorgehen ge- gen die verhaßte Besatzungs- macht bereit. Auch hat jeder Häftling, dem die Flucht ge- lingt, alle Hilfe zu erwarten, so- bald er das nächste polnische Gehöft erreicht hat.“ 1700 Menschen werden in den folgenden Wochen aus dem fünf Kilometer breiten Gürtel um das KZ ausgesie- delt. Etliche Gebäude werden zerstört oder den Familienangehörigen der SS-Leute zu- geteilt. In dem vierzig Quadratkilometer großen Terrain werden sechs Dörfer gerzumt: nur ein paar hundert Fami- lien wird erlaubt, hier zu bleiben. Sie sind als Eisenbahner und Bergarbeiter für das Funktionieren des KZ wichtig. Wer im„Lagerinteressengebiet“ unerlaubt angetroffen wird, muß mit der Todesstrafe rechnen. Doch die verbliebene polnische Bevölkerung tritt den deutschen Besatzern entschlossen entgegen. Bald existie- ren fünf᷑ wichtige Widerstandsgruppen in der Umgebung von Auschwitz. So unterschiedlich die weltanschauliche Ausrichtung etwa der konservativen„Bauernbataillone“ und der kommunistischen„Revolutionären Volksarmee“ ist, wenn es um den Widerstand und um die Hilfe für die KZ-Hãftlinge geht, klappt die Zusammenarbeit reibungs- los. Partner der Konspiration aus der Umgebung von Auschwitz ist eine geheime Widerstandsgruppe im Lager. Sie wird im Septemver 1940 von einem Offizier der ge- schlagenen polnischen Armee, Withold Pilecki, gegrün- det. Von hm vird berichtet, er habe sich in Warschau be- wußt verhaften lassen, um im KZ Auschwit? den Widerstand zu organisieren. Entscheidendes Bindeglied zwischen dem Widerstand im Lager und außerhalb sind die sogenannten Zivilarbeiter, Polen aus der Umgebung, die im Lager Hilfsarbeiten verrichten, zum Beispiel in der Lagerküche. fm Arbeitsamt der Stadt Auschwitz sitzen Mitglieder der polnischen Untergrundbewegung. Gezielt vermittelt man von dort aus die zwanzigjährige Helena Szpak-Da- toñ als Zivilarbeiterin in die SSKantine des Stammlagers. Von 1943 bis 1945 fährt sie jeden Morgen von Chrzanow zur Arbeit ins Konzentrationslager. Täglich werden ihr im Umkleideraum der Kantine Nachrichten zugesteckt. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ebensohäufig wird sie am Lagertor scharf kontrolliert. Die Kassiber trãgt die überaus attraktive Botin so eng am Körper, daß die verlegenen jungen SS-Soldaten sie bei den Visitationen nicht finden. Helena S2pak- Datori erhält die Nachrichten meist von dem ihr bekannten Häftling Holy Roman und übergibt sie in Chrzanow bei Auschwitz ihrer Freundin Anniela Kieres. Diese bringt die Nachrichten zur Bezirksleitung der Untergrundbewegung nach Krakau. Dort leitet, wie- derum eine Frau, Teresa Lasocka-Estreicher, Deckname „Tell“, ein illegales Hilfskomitee für Auschwitz-Häft- linge. Einige der Kassiber, die in Krakau ankommen, er- halten den Vermerk„Weiterleitung nach London“— zur polnischen Exilregierung. Insgesamt werden 2000 Kassiber aus dem Lager ge- schmuggelt, 250 allein von Helena S?pak-Daton. Stolz er- zählt man sich noch heute in Oswiecim, daß der Wider- Stand beim Transport geheimer Nachrichten von Ausch- witz nach Warschau schneller arbeitete als die deutsche Post. Gestützt auf die illegalen Kassiber erscheinen 1944 allein in der Schweiz 383 Presseartikel. In den USA wer- den 354 Artikel über das Morden in Auschwitz veröffent- licht. Die polnische Exilregierung in London läßt 1944 eine Broschüre drucken mit dem unzweideutigen Titel „Todeslager Auschwitz“. Doch die alliierte Luftwaffe bombardiert statt der Gaskammern nur die lagernahen Industriebetriebe. Die Massenvernichtung der Juden im neu errichteten Lager vor den Toren des Ortes Birkenau kann der Wider- stand kaum behindern. Seit Fruhjahr 1942 treffen dort Tag und Nacht die Transporte des Reichssicherheitshauptam- tes ein. Juden aus ganz Europa werden nach Birkenau, dem sogenannten Lager Auschwitz II, gebracht und die eisten sofort nach der Ankunft ins Gas geschickt. Im Stammlager, Auschwitz I genannt, bleiben weiterhin nichtjudische, oft politische Haftlinge in der Mehrheit. Hier ist das Feld der Lagerwiderstandsbewegung. Im Laufe der Jahre gelingt es ihr, wichtige Dokumente aus dem Lager zu bringen, die in den späteren Proꝛessen gegen die Mörder als Beweismittel verwendet werden. So etwa ein Verꝛeichnis von Hãftlingen, die mit Phenolsprit- zen umgebracht wurden; drei heimlich aufgenommene Photos, die zeigen, wie Frauen in die Gaskammer gejagt! werden; ferner Abschriften von Transportlisten, angefer- tigt von Hzftlingen, die im Aufnahmebüro des Lagers ar- beiteten. Im September 1944 läßt der Haftling Josef Cyrankie- wiez— er ist polnischer Ministerpräsident, als Willy Brandt 1970 nach Warschau kommt- eine Liste all jener SS.Schergen zusammenstellen, die an Tötungen beteiligt Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 30 waren. Die Liste wird von dem Huftlingsarzt Stanislaw Klodczinski verschlüsselt und mit Ziel London auf den bekannten Weg geschickt. Klodezinski fügt hinzu:„Tell, anbei allgemeine Berichte über die Henker von Ausch- witz. Alle Angaben sind über jeden Zweifel erhaben und echt. Sehr erwünscht, daß London schnellstens Todesur- teile über sie fallt.“ Am 21. September 1944 sendet das deutschsprachige Programm von BBC, das in Auschwitz klar zu empfangen ist, die Meldung, daß die polnische Exilregierung die Mörder von Auschwitz zum Tode ver- urteilt hat. Stanislaw Klodczinski kann als Lagerhäftling die Reaktion bei der S§ genau beurteilen:„Sie hatten Angst. Ich glaube, diese Nachricht hat zu einer Beruhi- gung im Lager geführt, was das Töten anlangt.“( vielen Auschwitz-Hãftlingen hat Wanda Noworyta un- Schätzbare Hilfe geleistet. Die heute 65jährige Frau wohnte damals an der Bahnstation in Dwory, einem Vor- ort von Auschwitz. Seit Mitte 1941 werden in der Nähe, am õstlichen Ortsausgang von Auschwitz, die IG- Farben- Werke gebaut. Ein gigantisches Chemiewerk, das für an- geblich kriegsentscheidende Zwecke künstliches Gummi und Benzin produꝛieren soll. Die Buna-Werke werden nie ganz fertig, obwohl dort zeitweise bis zu 20 000 Häft- linge in zwei Schichten arbeiten. Anfangs werden die Zwangsarbeiter zu Fuß oder mit der Bahn vom Stammla- ger dorthin gebracht— bis das Lager Monowitz gebaut wird. Wer den Weg zur Großbaustelle geht, muß am Haus von Wanda Noworyta vorbei. Ich habe das jeden Tag beobachtet. Als der polnische Vorarbeiter an meinem Haus vorbeiging, nahm er die Mutꝛe vom Kopf, Sagte Zwei, vier“ und begann dann mit dem Kommando zu singen. Das war ein Zeichen, daß der Zugang zu diesem Kommando möglich ist und die SS- Leute nichts sagen werden.“ Wenn der Vorarbeiter den Finger auf den Mund legt, droht Gefahr. Das Kommando ist dann nicht zugänglich. Die rettenden Lebensmittel versteckt Wanda in einer Scheune hinter dem Haus. Die SS-Leute erhalten als Be- stechung Schnaps und Zigaretten. Taglich kommen drei- Big Haftlinge und essen, zwei Jahre lang! Dann wird Wanda Noworyta von einem enttäuschten Verehrer ver- raten. Mit fünfꝛehn Jahren wird sie als jüngster Häftling Uberhaupt in den Block 11, den„Todesblock“ des KZ, eingesperrt. Nach vier Monaten Dunkelhaft und tãgli- chen Verhören wird sie freigelassen, gesundheitlich ange- schlagen, aber reinen Herzens. Sie hat niemanden ver- raten. Wer den Haftlingen von Auschwitz hilft, der tut dies unter Lebensgefahr. Die Androhung der Todesstrafe steht als„Bekanntmachung“ an vielen Häuserwänden. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Die Konspiration geht trotzdem weiter. Nach dem Krieg wird bekannt, daß siebzig Prozent aller im Lager einge- nommenen Medikamente illegal hineingeschmuggelt wurden. elchen Umfang allein die Nahrungsmittelhilfe W zeitweise annimmt, belegen Zahlen aus dem Geschäft des Lebensmittelhändlers Julian Du- sik aus Wenki bei Auschwitz. An einem Tag im Oktober 1941 werden 14,5 Kilo Butter, 100 Kilo Brot, 10,5 Kilo Zucker und 4 Kilo Margarine illegal ausgegeben. Die Po- S erhalten ihre Nahrungsmittel durch Bezugskarten, elche von den Besatzern ausgegeben werden: Die Ra- tionen sind so knapp bemessen, daß man kaum etwas da- von abgeben kann. Darum muß die Nahrungsmittelhilfe fur die Häftlinge aus anderen Quellen gespeist werden: Die Untergrundorganisationen drucken illegal Reichs- markscheine, mit denen Lebensmittel gekauft werden. „Lebensmittel“, meint Jakob Morek,„gab es genug. Man mußte nur zwanzigmal mehr für zusätzliche Rationen be- zahlen.“ Partisanen überfallen deshalb oft die Autos, mit denen die Deutschen Essensmarken befördern. Die Frage an die Helfer, warum sie jahrelang das ei- gene Leben riskiert haben, um Häftlingen zu helfen, stößt auf Unverständnis.„Ich bin erzogen worden, an- deren zu helfen“, sagt Wanda Noworyta.„Wir sind Po- len“, meint Helena Szpak-Daton,„für die Jugend da- mals war es selbstverständlich, gegen die Deutschen zu kämpfen.“ Der in der Gedenkstätte Auschwitz tätige Historiker Henryk Swiebocki schktzt, daß etwa 800 bis 1000 Polen aus der Umgebung in das illegale Widerstandsnetz einge bunden waren.„Die Frauen und besonders die jungen Adchen versteckten die Lebensmittel und Medika- mente.“ Sie konnten gefahrloser an die Außenkomman. dos der Hãftlinge herankommen.„Die Männer waren bei den Partisanen und organisierten die Flucht aus dem La- ger.“ 700 Menschen haben versucht, aus Auschwitz zu fliehen; 400 ist die Flucht geglückt. Kaum jemand ist ohne die Hilfe der Widerstandsbewegung außerhalb des Lagers in die Freiheit gelangt.[. In der idyllischen Berglandschaft der Beskiden, vierzig Kilometer südlich von Auschwitz. Ein einsames Haus an einem Waldweg. Auf der obersten j Stufe einer steilen Treppe steht ein alter, gehbehinderter Mann. Tadeus? Nikiel, 73 Jahre alt, bittet uns herein. Wortlos õffnet er eine Zimmertür und knipst eine rote Lampe an. Wir sind geschockt: An den Wänden zwei glã- serne Vitrinen mit Auschwitzer Häftlingskitteln. Darüber Photos von Mitgliedern der Widerstandsbewegung aus 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der Umgebung von Auschwitz Die Bilder der Toten über einer Truhe, auf der Blumen stehen, erinnern an einen Altar. Das Zimmer quillt über von Erinnerungsstücken an die Zeit, als Tadeus? Nikiel Zivilarbeiter in der Berg grube Jawiszowice war, fünfzehn Kilometer vor Ausch- witz. Das Bergwerk war eines der 39 Nebenlager. In der Grube entstehen heimliche Kontakte zu dort ar- beitenden Häftlingen, die dem Lagerwiderstand angehö- ren. Von dort ergeht die Aufforderung an die PPs, die F̃lucht von Hãftlingen vorzubereiten. Nikiel:„Statt Kohle wurden einzelne Häftlinge in den Loren nach oben trans- portiert. Oben stiegen sie dann in einem unbeobachteten Moment aus und konnten in den Wald fliehen. Dort wur- den sie abgeholt und weitergeleitet. Das habe ich ein paarmal gemacht. Man verabredete sich im Wald an einer alten Eiche zu einem vorbestimmten Zeitpunkt. Ich pfiff eine abgesprochene Melodie. Er mußte zurückpfeifen. Aber dann mußte man sich Auge in Auge gegenübertre- ten. Entweder es war ein SS-Mann, der würde schießen, oder tatsãchlich der angekündigte Häftling.“ Wie konnten sich Nikiel und seine Mitkãmpfer sicher sein, daß die Fluchtpläne geheim blieben und nicht von einem der zahlreichen Spitzel verraten wurden? Der alte Mann lacht.„Das ging so weit, daß man Leute umbringen mußte, damit die anderen Angst bekamen und nichts ver- rieten. Wer gefährlich war, wurde erschossen. Von den anderen wußten wir Bescheid, da haben wir aufgepaßt. Die wurden nicht in wichtige Dinge eingeweiht.“ Alte Menschen in Oswiecim, fast fünfzig Jahre nach Kriegsende. Die wenigen Mitglieder der Widerstands- gruppe, die Uberlebt haben, teilen Erinnerungen, die man weder vergessen noch verdrängen kann, Erfahrungen, die prãgen und isolieren. Mit 35 von ihnen habe ich gespro- 6 chen. Für alle ist das Geschehen beinahe gegenwärtig. Warum ꝛogen sie nicht weg, nach dem Kriegꝰ Wanda No- woryta:„Es ist schwer, hier zu leben. Aber wir müssen hierbleiben, um Zeugnis zu geben.“ Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Redaktion: Hans Hirschmann, Hermann Reineck Mitarbeiter: Klaus Konrad-Tromsdorf, Anni Roßmann-Reineck, Ariana Enders, Nadja Kuhl(Titel-Collage) Auflage: 2000 Fxemplare Wenn Sie sich um Ihre Finzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Posigebühren Mindestbeitrag: 60 DMjährlich FEinzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monstlich[Q halpjshrlich n DM einverstanden [Q viertehjãhrlich[ jährlich Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto-Nr. Bankleitzahl Datum Unterschrift Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V., 35516 Münzenberg, Schillerstraße 18 Der Verein ist als gemeinntzig anerkannt. Die Beiträge und Spenden sind steuerlich abzugsfãhig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50-60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn.. 27 — SE — Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aLsctiwrfz Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BL? 518 500 79) Konto-Nr. 0 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt/Main(BL?Z 500 100 60) Konto-Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Q Hattling im KZ Auschwitz vom bis Hãftl. Nr. 6 Hãftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. Q Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen HELFEN SIE UNS WERDEKN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS AFT AUSCEHWTA ESR AUSCEHMWTAZER las Konzentrations- und Vernichtungslager In den Tagen zuvor hatte die SS auf der en Front 66 000 Häftlinge„evakuiert“' und ſten geschickt. 5000 marschunfähige Häft- urück und wurden am 27. Januar von der Farbkarte 613 Mitteilungsblatt Dezember 1994