LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWITZ FREUNDESKREIS DERR AUSCHWTAZER Am 7. Oktober 1944 fand im Vernichtungslager Birkenau der Aufstand des Sonderkommandos an den Krematorien statt. Die Häftlinge des Sonderkommandos mußten die Leichen der Ermordeten aus den Gas- kammern holen und in den Ofen oder auf Scheiterhaufen verbrennen. (llegale Aufnahme) 14. Jahrgang, Heft 3 Mitteilungsblatt Oktober 1994 Inhaltsverzeichnis Der Aufstand des Sonderkommandos von Kazimierz Smolen Die Gegenwart von Auschwitz Ausstellungen, Viedeos, Bücher Die Hoffnung stirbt zuletzt Buchbesprechung von Anke Röse Eigentlich kann ich mir das doch nicht vorstellen Tagebuch-Auszug der Schülerin Christiane Hörber Geburtstagsgrüße Monatstreffen in Frankfurt Schreiberinnen des Todes Bücher des Robert-Blum-Antiquariats Projektfõrderung im Museum Auschwitz Gelder zur Erhaltung der Skulpturen I6 Farben i. A. will von historischer Verantwortung nichts wissen zur Hauptversammlung eines Kriegsverbrecher-Konzerns Warum hitlertreue Generäle vor einem Hitler-Gegner aus der Gefangenschaft entlassen wurden aus der Rede von Christoph Hein Der Krankenbau im KZ Auschwitz ein Buch von Wladyslaw Fejkiel Vor 50 Jahren: In Majdanek wurde das erste Vernich- tungslager befreit Wirklich nur Systemkritiker? Antisemitismusstudie aus Allensbach 10 11 13 16 10 18 19 A 28 30 S 32 Spenden für die Aktion Auschwitz-Stop dem Verfall'“ können auf das Konto 2000 2000 der La- gergemeinschaft bei der Sparkasse Wetter- au(BLZ 518 500 79) überwiesen werden. 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Am 7. Oktober 1 944 rebellierten die Häftlinge an den Krematorien Der Aufstand des Sonderkommandos im Vernichtungslager Birkenau von Kazimierz Smolen Die ungeheure Dimension der Verbrechen der Nationalsozialisten an den Bürgern vieler Länder, vor — an den Juden, ist allgemein ekannt. Der gewaltige Umfang die- ser Verbrechen sowie die Technik, derer sich die Nationalsozialisten bedienten trat besonders in den Strafprozessen zu Tage, bei denen Naziverbrecher vor Gericht stand- en: in den einstmals besetzten Län- dern, in Deutschland, vor dem Inter- nationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Finen Teil ihrer Verbrechen ver- übten die Nazis in den Konzentrati- ons- und Vernichtungslagern. Die Hãftlinge, die in diesen streng iso- lierten Lagern Zeugen der Verbre- chen wurden, sollten niemals die Freiheit wiedererlangen. Womit ge- währleistet sein sollte, daß alle Grausamkeit, alles Morden für im- mer geheim bleibt. ₰ Die Vernichtungslager wurden an à bgelegenen Orten errichtet. Außen herum zogen sich mehrere Sperr- streifen, welche sie von der weiteren Umgebung isolierten, ungewollten Zeugen sollten sie den Zugang ver- wehren. Noch größere Geheimhaltung galt für die Stätten, an denen die für den Massenmord vorgesehenen Anlagen errichtet und betrieben wurden. Diesen Objekten wurde ein unschul- diges Aussehen gegeben: in Au- Schwitz-Birkenau wurde z. B. rund um diese Gebäude ein eigens ange- legter Flechtzaun errichtet, an dem ein Grüngürtel aus Bäumen und Sträuchern angelegt wurde. Weil die Massengräber, in denen die Opfer zuerst begraben wurden, keine Ge- währ dafür gaben, daß das Geheim- nis vollständig bewahrt blieb, wur- den die Leichen in Krematorien oder auf Scheiterhaufen verbrannt. Die Asche wurde auf Feldern ver- streut oder in Teiche und Flüsse ge- schüttet. Dokumente, Fotografien und persönliche Gegenstände der Opfer der Massenvernichtung wur- den verbrannt, um so alle Nachrich- ten über ihre Namen für immer aus- zulöschen. Das Sonderkommando Zur Ausführung der körperlichen Arbeiten in ihren Mordfabriken ver- wendeten die Nazionalsozialisten Häftlinge. Diese Häftlinge mußten die Leichen der durch Gas bzw. Mo- torenabgase vergifteten Menschen aus den Gaskammern entfernen. Die S8 wählte diese Häftlinge aus Transporten aus, die gerade erst in das Lager gebracht worden waren. Diese wußten noch nicht, was dort vor sich ging, und verstanden zu diesem Zeitpunkt noch nicht, bei was für einer Arbeit sie eingesetzt werden sollten. Das aus diesen Häft- lingen gebildete Arbeitskommando wurde als Sonderkommando be-— zeichnet. Weil die Nationalsoziali- sten die Augenzeugen der von ihnen verübten Verbrechen beseitigen wollten, liquidierten sie von Zeit zu Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zeit einen Teil des Sonderkomman- dos, das sie dann durch neue Häft- linge aus neu eingelieferten Transp- orten auffüllten. Im Verlauf der Li- quidierung des Sonderkommandos ſieß die S8 schließlich nur noch die Kapos und die Heizer, die die Kre- matoriumsõfen bedienten, am Le- ben. Der oberste Grundsatz war, alle Kontakte dieser Häftlinge mit ande- ren Gefangenen im Lager zu umter- binden. Die Mitglieder des Sonder- kommandos waren als Geheimnis- träger gekennzeichnet, wurden im- mer in gesonderten Unterkünften untergebracht und waren von den anderen Häftlingen isoliert. Alle Versuche oder auch nur die Absicht, den anderen Häftlingen Informatio- nen über die von ihnen ausgeführte Arbeit und über den Umfang des Verbrechens zu übergeben, wurden mit dem Tode bestraft. Weil der Massenmord mit der Zeit einen immer größeren Umfang erre- ichte und die Lagerführung die Ar- beit beim Verbrennen der in immer größerer Zahl zu beseitigenden Lei- chen reibungslos ablaufen lassen wollte, stellte sie mit der Zeit die ständig geübte Praxis ein, häufig im Sonderkommando eingesetzte Häft- linge zu liquidieren. Die S8 hatte er- kannt, daß jeder neu in das Sonder- kommando eingewiesene Häftling zuerst einmal eine gewisse Fertig- keit erwerben mußte, was den Ver- lauf des Vernichtungsprozesses und vor allem die Verbrennung der Lei- chen verlangsamte. Es wurde ledig- lich das Bewachungssystem durch die SS-Posten verstärkt und ein Teil des Sonderkommandos wurde in di- rekt bei den Vernichtungsanlagen gelegenen Unterkünften unterge- bracht. Die S8 hatte jedoch weiter vor, diese Häftlinge zu gegebener Zeit zu liquidieren. Die Häftlinge des Sonderkom- mandos waren sich ihrer ausweglo- sen Situation bewußt, und wie sich aus bei den Krematorien vergrabe- nen und nach dem Krieg ausgegra- benen Aufzeichnungen ergibt, be- gannen sie sich auf den Kampf mit der S8 vorzubereiten, sollte die S8 sie liquidieren wollen. Dieser sollte mit einem allgemeinen Au stand für den Fall verbunden sein, daß die S8 daranging, den ganzen Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau zu liquidieren. Pläne für einen Aufstand Die Häftlinge waren zwar vonei- nander isoliert, sie waren jedoch trot?dem in der Lage, einen konspi- rativen Kontakt mit der im Konzen- trationslager Auschwitz-Birkenau bestehenden Widerstandsorganisati- on zu unterhalten. Der Termin die- Ses Aufstandes sollte jedoch von vie- len Faktoren abhängen; im Grunde sollte es dann zu Aufstand kommen, wenn eine unmittelbar drohende Gefahr für die Häftlinge eintrat, insbesondere der Versuch, alle Hãft- linge zu liquidieren, und der Auf- stand hing von der Möglichkeit Waffen und möglicherweise Unters stützung durch außerhalb des La- gers bestehende Partisanengruppen zu bekommen. Unter Berücksichti- gung der Stärke und der Bewaff- nung der SS-Wachmannschaft im Verhältnis zu den fast unbewaffne- ten Häftlingen stieß der Beschluß für einen Aufstand auf erhebliche Probleme. Bereits am 24. März 1944 hatte SS- Obersturmbannführer Rudolf Brandt von Persönlichen Stab des Reichsführers S8 Heinrich Himmler Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 3 bei Oswald Pohl, dem Chef des S8— Wirtschaftsverwaltungshauptamts, Informationen angefordert, welche Maßnahmen zur Sicherung des aus- gedehnten Lagerkomplexes für den Fall eines Aufstandes vorgesehen seien. In einem Kassiber der Wider- standsorganisation im Konzentrati- onslager Auschwitz vom 21. August 1944 an ihre Verbindung zur Füh- rung der Armia Krajowa(AkK) wird erichtet, es bestünde die Möglich- keit, die Krematorien und Gaskam- mern in die Luft zu sprengen, wenn ihr Sprengstoff ins Lager ge- schmuggelt würde. In vielen Kassi- bern bittet die Widerstandsorgani- sation der Häftlinge darum, ihr Plastelin“(damit war Sprengstoff angesprochen) zu schicken, ja sogar einen Luftangriff durchzuführen, der ein allgemeines Chaos unter der S8 auslösen würde und so einen Estera Wajchlum„organisierte“ Spreng- Soff für die Hãftlinge Aufstand ermöglichen könnte, der zumindest Teilerfolge haben würde. Noch am 8. September 1944 infor- miert die Widerstandsorgaisation das Kommando der Armia Krajowa in Schlesien über die Stärke der SS— Besatzung, die in Auschwitz statio- nierten Wehrmachtseinheiten, über die Organisation des Lagersystems sowie der Bewachung und der Be- waffnung der S8. Die drohende Liquidierung des Sonderkommandos Die größte Gefahr drohte den An- gehörigen des Sonderkommandos jedoch, als am 25 September 1944 unter dem Vorwand, sie sollten nach Gleiwit? in ein Nebenlager über- stellt werden, zweihundert Juden ausgesucht, verproviantiert und in Lastkraftwagen verladen wurden I1]. Statt nach Gleiwitz wurden jedoch alle Ausgesuchten zu einem kleinen, in der Nähe des Stammlagers Au- schwitz I gelegenen Gebäude ge- bracht, das zur Desinfektion der den Juden nach ihrer Deportation nach Auschwitz geraubten Kleidung ver- wendet wurde. Was mit diesen Häftlingen ge- schah, hat später der SS- Lagerarzt Dr. Horst Fischer, der 1966 vor dem Obersten Gericht der DDR stand, in seinem Prozeß ausgesagt:[2]) Ich habe einmal erlebt, daß das Kom- mando, das dem Oberscharführer Moll unterstand[Otto Moll war zu dieser Zeit Chef der Krematorien: K. S]), vernichtet wurde. Ich war da- mals auch diensthabender Arzt, ich mußte also die Desinfektoren beim Einschütten dieses Gases beauf— sichtigen. I...] dieses Kommando hat zunächst mit dem Oberscharführer Moll ja wie soll ich es ausdrücken, sie haben Alkohol getrunken, haben Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer den Häftlingen auch Alkohol gege- ben und als diese dann betrunken waren, hat man ihre Umerkunft ab— geschlossen und hat durch irgendein Fenster Zyklon B in die Räume ge- Schüttet und sie so umgebracht. l.. Ich hatte Dienst und war deshalb bei den Desinfektoren anwesend.(..] [Den Häftlingen dieses Sonderkom- mandos wurde Alkohol gegeben,] wahrscheinlich, um in Folge oder durch den Finfluß des Alkohols ihre Vernichtung zu tarnen und sie über die Vernichtung hinwegzutäu- schen.“ Die Leichen der Ermordeten wur- den, so ist anzunehmen, anschlie- ßend zu den Krematorien in Birken- au gebracht, wo sie von den dort ein- gesetzten Mithäftlingen erkannt wurden. Auch die noch lebenden Hãäftlinge des Sonderkommandos waren jetzt also in hõchster Gefahr. Aussagen von SS-Mitgliedern vor Gericht Am 7. Oktober 1944 traf ein von dem früheren Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, unterzeich- netes Fernschreiben in Auschwitz ein, mit dem die Liquidierung eines weiteren Teils der Häftlinge des Son- derkommandos angeordnet wurde. Als die S8 in den Nachmittagsstun- den dieses Tages daran ging, unter dem Vorwand, einen Transport vor- zubereiten, das Sonderkommando Aufstellung nehmen zu lassen, kam es zum Aufstand. SS-Unterscharführer Pery Broad hat den Verlauf der Ereignisse in seinen Aufzeichnungen so darge- stellt:[3] Es gelang den zum letzten entschlossenen Häftlingen sich aus den Weichsel-Union-Werken, in de- nen von Gefangenen Geschoßzün- der fabriziert wurden, Sprengstoff zu bekommen ſsic] mit dessen Hilfe sie sich primitive Handgranaten an- fertigten. Aus allen Krematorien war ein gleichzeitiger Ausbruch ge- plant. Das Signal sollte der Brand des Krematoriums drei[vier[4]] ge- ben. Diese Verzweiflungstat schei- terte. Das Krematorium drei ſvier] ging zwar in Flammen auf und es glückte auch etwa 80 Häftlingen, aus dem mit Stacheldraht gesicher- ten Krematorium aus?ubrechendq) 1 aber sowohl diese 80 als auch hun- derte aus den anderen Krematorien, namentlich aus Krematorium drei [vier], lagen am Abend dieses Un- glückstages erschossen vor der ver- kohlten Ruine. Was bei dem Aus- bruchsversuch aus dem brennenden Krematorium drei ſvier] nicht ums Leben gekommen war, wurde in die unbeschädigte Gaskammer getrie- ben. Je zehn der Unglücklichen ließ man heraus. Sie mußten sich auf dem Vorplatz auf den Bauch legen und bekamen den Genickschuß.? Der SS-Angehörige Wladimir Bi- lan beschreibt den Verlauf des Auf- standes in seinen Aufzeichnungen so: Es war Sonnabend Nachmittag. Ich war in Birkenau, fuhr am Laza- rett der SSMänner vorbei und ve9 merkte aus der Richtung der'Sauna [das Gebäude der Sauna war neben dem Krematorium IV gelegen; K. S.] dicken schwarzen Rauch. Was konn- te dort brennen? Aber plötzlich wa- ren Schüsse zu hören. Ich fahre so schnell wie möglich in diese Rich- tung und was ist dort los? Das Kre- matorium III IIV] steht in Flammen, es ist von SS-Männern umstellt und jeder von ihnen hat eine Waffe in der Hand: Pistolen, Maschinenpisto- len. Hustek ſd. i. SS-Oberscharführer Erber] ist auf einem Motorrad und Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer hat einen Karabiner. Es ist viel los. Ich fuhr zur Großen Sauna und be- merkte durch den Zaun, daß dort bei dem durch die hellen Flammen erleuchteten Krematorium ein paar Dutzend erschossene Häftlinge la- gen. Fs herrschte ein panisches Durcheinander. Das Sonderkom- mando hatte revoltiert, weil es er- fahren hatte, daß alle in den Krema- torien arbeitenden Häftlinge in ein Manderes! Lager überstellt werden Ssollten, was aber diese' Uberstellung' für sie bedeutet, das wußten sie ge- nau. Deshalb warfen sie den Kapo, der sich ihrer Flucht entgegenstellte und der Deutscher war, in einen brennenden Ofen und sie selbst nutzten aus, daß das Krematorium brannte und versuchten zu fliehen. Aber das gelang ihnen nicht, weil sich SS-Männer in der Nähe aufhiel- ten und sie überraschten und auf je- den schossen, der sich nur draußen 4la Gärtner Schmuggelte Sprengstoff in das Lager zeigte.[...] Dann hörten wir aus Richtung Rajsko immer stärkere und lautere[ Schüsse; K. S. J. Ich be- gab mich so schnell wie möglich dorthin, und als ich an der Quaran- täne vorbeifuhr, bemerkte ich im Feld ein Kraftfahrzeug, mit mehre- ren bewaffneten Blockführern, die pausenlos schossen.[...] Aber bald wurde es ruhiger und es fiel nur von Zeit zu Zeit ein einzelner Schuß. Ich begab mich in die Nähe eines der Teiche[dort befanden sich Fischtei- che; K. S.], wo ich Opfer Sah, die fast im Wasser lagen. Dort zählte ich dreiundsiebzig erschossene Häftlin- ge und vier SS-Männer ſtatsächlich starben drei SS- Angehörige; K. S.]. Sie wurden von den Flüchtenden mit Messern erstochen, und dann nahmen sie ihnen die Pistolen ab. Sie nahmen auch dem ersten Posten, der auf dem Wachturm stand, die Waffe ab. Die Häftlinge verteidigten sich wild. Fast jeder von ihnen hatte mehrere speziell vorbereitete mit Pulver gefüllte und einer kurzen Zündschnur' versehene Büchsen, die sie als Handgranaten verwende- te. Sie hatten auch ein Bajonett.? Die illegalen Aufzeichnungen des Salmen Lewenthal Am 17. Oktober 1 962 wurde in der Nähe des Krematoriums drei in Bir- kenau ein in der Erde vergrabenes Einmachglas aufgefunden, in dem sich ein Heft im Format A6 sowie ein Bündel loser Blätter befand. Im Verlauf der Säuberung und Konser- vierung der Blätter wurde ihre Rei- henfolge nicht gesichert, was in der Folge die Rekonstruktion der Auf- zeichnungen nach ihrer ursprüngli- chen Abfolge erschwerte. Ein erhe- blicher Teil der Blätter war durch Feuchtigkeitseinwirkung nicht mehr 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer oder nur noch teilweise lesbar. Es wurde festgestellt, daß der Verfasser des Textes Salmen Lewental aus Cie- chanéw war. Lewental wurde am 10. Dezember 1942 nach Auschwitz gebracht. Er wurde sofort nach Pin- treffen in Auschwitz dem Sonder- kommando zugeteilt. Die Aufzeichnungen Lewentals beschreiben die dramatischen 8?e- nen, der Vernichtung der Juden, und sie enthalten auch Informatio- nen den geplanten Aufstand im Son- derkommando und über seinen Ver- lauf. Lewental nennt viele Mithäft- linge, die zu der Widerstandsorgani- Sation im Sonderkommando gehör- ten, und er beschreibt ihre Aufopfe- rung und ihren Heldenmut. Diese Handschriften sind, wie Wladizlaw Bartoszewski schreibt[5], Ein wert- voller Beitrag zur Erkenntnis des Einflusses dieses unmenschlichen Mechanismus' auf den Geisteszu- Jankiel Handelsman war einer der Anfüh- rer des Außtandes stand und das Verhalten der Häft- linge des Sonderkommandos, die sei- nem unbarmherzigen EFinwirken ausgesetzt waren. Gleichzeitig sind sie ein Kommentar, der einen einge- henden Blick auf eine Situation und auf Ereignisse ermöglicht, denen ge- genüber die Vorstellungskraft eines normalen Menschen und seine Fä- higkeit einer moralischen Finschät- zung der Handlung versagen.“ Auf der Grundlage der erhaltenerW Dokumente, von Aussagen früherer Häftlinge, darunter Alter Feinsilber (Stanislaw Jankowski), und von Fin- lassungen, der in den Prozessen an- geklagten SS-Angehörigen, sowie im Ergebnis der detaillierten Forschun- gen von Mgr. Danuta Czech im Rah- men der Frarbeitung ihres'Kalen- dariums der Ereignisse im Konzen- trationslager Auschwitz-Birkenau“ [6] war es möglich, den Verlauf und die Folgen des Aufstands des Son- derkommandos zZu rekonstruieren. Der Aufstand Der Aufstand begann wahrschein- lich gegen 13.25 Uhr, als sich die Hãftlinge des Sonderkommandos aus Krematorium vier mit Häm- mern, Axten und Steinen auf die SS- Posten warfen, die sie abholen woll ten. Gleichzeitig wurde das Kremas torium vier in Brand gesetzt und ein Teil der Häftlinge versteckte sich in dem dieses Gelände umgebenden Wäldchen. Die Häftlinge des Son- derkommandos in Krematorium zwei, die das Feuer im Krematorium vier als Signal zum allgemeinen Aufstand verstanden, überwältigten daraufhin ihren Oberkapo und war- fen ihn in einen brennenden Ofen. Sie tõteten einen SSMann und war- fen einen weiteren in einen Ofen, worauf sie die Stacheldrahtum?zäu- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 nung aufschnitten und in Richtung Rajsko flohen. Der SS-Wachsturmbann, den die Sirene des Lagers alarmiert hatte, umstellte inzwischen das Gebiet der Krematorien und das Dorf Rajsko. Die weitere Flucht der Häftlinge wurde durch starkes Maschinenge- wehrfeuer unmöglich gemacht, und die Häftlinge verbarrikadierten sich in einer Scheune. SS-Angehörige teckten diese Scheune in Brand und ermordeten die sich verteidigenden Häftlinge. Noch vor Einbruch der Dämmerung war der Aufstand er— stickt, und der Brand im Krematori- um vier wurde von der Lagerfeuer- wehr, die aus dem Stammlager (Auschwitz eins) nach Birkenau geh- olt worden war, gelöscht. Anschlie- Bend wurde das Kommando Feuer- wehr nach Rajsko gebracht, um dort die brennende Scheune zu löschen. .„7 2,. — Roza Kobola war Mitglied der Wider- Srandshewegung(alle Aufnahmen sind vor der Internierung aufgenommen) Im Verlauf des Abends wurden die getöteten Häftlinge zu dem Kre- matorium vier gebracht, wo auch die noch lebenden Häftlinge zusam- mengeführt wurden, die an dem Aufstand teilgenommen hatten. Sie mußten sich dort auf den Bauch le- gen, SSMänner traten auf die auf der Erde liegenden Männer zu und tõteten sie. Insgesamt wurden unge- fähr 450 Häftlinge getötet, darunter ein Teil der Organisatoren des Auf- standes: Salmen Gradowski aus Su- walki, Josef Warszawski(wahr- scheinlich tatsächlich Josef Dore- bus) aus Warschau, Josef Deresinski aus Luna bei Grodno, Ajzyk Kal- man aus Lomza, Lajb Langfus aus Warschau und Lajb Panusz Herszko aus Lomza. Die Häftlinge töteten drei S8- Angehörige: Rudolf Erler, Willi Freese und Josef Purke. Zwölf S8— Angehörige wurden verwundet. Ermittlungen der Gestapo Nachdem der Aufstand niederge- schlagen war, begann die politische Abteilung, also die Gestapo des KI. Auschwitz, ihre Ermittlungen; be- reits am 10. Oktober wurden drei jü- dische Häftlinge verhaftet: Ala Gärtner, Estera Wajcblum und Re- gina Safirsztein. Ihnen wurde vorge- worfen, aus den Union-Werken Sprengstoff entwendet zu haben und ihn an die Häftlinge des Son- derkommandos weitergegeben zu haben. Gleichzeitig wurden vier- zehn Häftlinge des Sonderkomman- dos festgenommen und in den Bun- ker im Untergeschoß von Block elf gebracht. Unter ihnen befanden sich auch der Organisator des Aufstands Jankiel Handelsman aus Radom und der polnische Jude Wrobel, der den von den jüdischen Frauen aus dem 8 Lagergemeinschaft Auschwit?z-Freundeskreis der Auschwitzer Kommando Union-Werke herausge- schmuggelten Sprengstoff in Emp- fang genommen hatte. Außerdem wurden fünf sowjetische Kriegsge- fangene verhaftet, die dem Sonder- komando nach ihrer Uberstellung aus dem Konzentrationslager Maj- danek im April 1944 zugeteilt wor- den waren. Am Abend des gleichen Tages wurden zwei weitere Frauen in den Bunker von Block elf eingeliefert, darunter Rosa Robota; sie gehörte zu den Häftlingen, die in dem Krema- torium vier direkt benachbarten Pf- fektenlager arbeitete, und konnte so den von Ala Gärtner erhaltenen Sprengstoff an das Sonderkomman- do(an Wrobel) weitergeben. Am elf- ten und am zwölften Oktober wur- den noch vier weitere Frauen ver- haftet, die wahrscheinlich ebenfalls beschuldigt wurden, beim Schmug- gel des Sprengstoffs Hilfe geleistet zu haben. Im Standortbefehl 26/44 verkün- dete der Kommandant des Konzen- trationslagers Auschwitz Richard Baer daß die getöteten S8 Angehörigen'in Ausübung ihres Di- enstes fielen vor den Feind getreu ihrem Fid auf den Führer“. Der be- reits genannte Pery Broad schreibt in seinen Erinnerungen: 1[7]'Finige Tage später liefen fünf SSMänner aufgeblasen mit frisch verliehenen Bisernen Kreuzen umher. In einer Ansprache vor der Truppe wies der Kommandant von Auschwitz, SS— Sturmbannführer Beer lrichtig: Ba- er; K. S.] darauf hin, daß dies der er- ste Fall sei, wo KZ-Truppen für heldenhaftes Verhalten bei der Ver- hinderung eines Massenausbruches vom Reichsführer Eiserne Kreuze verliehen bekämen.“ Am 14. Oktober begann der Ab- bruch des durch den Brand beschä- digten Krematoriums vier. Fast den ganzen Oktober hindurch und auch noch im November wurden mehrere Dutzend Häftlinge vernommen, die verdãchtigt wurden, bei der Vorbe- reitung des Aufstands Hilfe geleistet zu haben. Am 6. Januar 1945 wurden wäh- rend des Abendappells der soge- nannten Schutzhaft-Erweiterun die vier jüdischen Häftlinge Ala Gärtner, Roza Robota, Regina Sa- firszteen und Estera Wajchlum ge- hängt. Sie wurden ermordet, weil sie bei der Vorbereitung des Aufstands des Sonderkommandos Hilfe gelei- stet hatten. Dies war die letzte Exe- kution im KZ Auschwitz. Lewentals Würdigung der Auf- ständischen In diesem Jahr sind fünfzig Jahre seit diesem Aufstand des Sonder- kommandos am 7. Oktober 1 944 ver- gangen. Sein tragischer Ausgang findet seinen Niederschlag in der bereits erwähnten Handschrift Sal- men Lewentals, der über die Auf- ständischen u. a. schreibt: I8]. Da sie nicht länger warten konnten, da je- de Minute von Entscheidung war denn es näherten sich bewaffnet Aufseher, begannen sie schnell alles, was sie für diesen letzten Augen- blick vorbereitet hatten, unter sich zu verteilen; sie durchschnitten die Drähte und alle flohen hinter die Li- nie der Postenkette. Sie gaben hier- bei Beweise von gewaltigem Verant- wortungsgefühl und Hingabe. In diesen letzten Minuten, da jede Se- kunde über ihr Leben emtschied, dem die sie verfolgenden Wachleute drohten, hielten sie noch für einen Augenblick an, um ihre letzte Auf- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 gabe zu erfüllen: Die Drähte, des NachbarzLagers zu durchschnei- den, und auf diese Weise den Frauen die Flucht zu ermöglichen. Leider konnten sie nicht viel ausrichten. I...] Wer könnte den Mut und die Aufop- ferung unserer drei Genossen er- messen, die mit[...] am[Platze] blie- ben, um das Krematorium zu spren- gen und dabei selbst und bewußt ihr Leben zu lassen, ihre eigenen OAussichten) zum Opfer bringend [..] und am Ende opferten sie ihr ei- genes Leben. Sie verzichteten auf al- les, indem sie sich selbst opferten. Ist dies etwa nicht das Opfer ihres ei- genen Lebens am Altare niederge- legt? Bewußt, von ganzem Herzen, mit voller Selbstverleugnung darge- bracht. Denn es hat sie doch in je- nem Augenblick niemand dazu ge- zwungen. Sie hätten ja mit allen an- deren zusammen versuchen können zu fliehen, und dennoch verzichte- ten sie darauf zum Wohle der Sache. Und außerdem, wer ist in der Lage, den Mut unserer Kameraden zu be- urteilen und das heldenhafte ihrer Tat? Ja, ja, dort fanden die Besten ihren Tod, wirklich die allerwert- vollsten Menschen, die es vermocht hatten, auf würdige Weise zu leben und würdig zu sterben.* 1 Uhersetzung aus dem Polnischen von Jochen August /IS6 Unterscharführer Pery Broad Schrieh später in seinen Aufeichnun- gen, man'htte Sie einmal im Lastwa gen um das Birkenauer Lager herum- gefahren, um den anderen Häftlingen im Lager eine Abfahrt vorzutäu- Schen“. KZ Auschwitz, in: Hefte von Auschwitz 9. Oswiecim 1966, S. 40. [2) Schuldig im Sinne des Kechts und des Võlkerrechts. Auszüge aus dem Protokoll des Prozesses gegen den KZ- Arzt Fischer vor dem Obersten Ge- richtderDDR. Berlino. J. 1966, S. 34 3 KZ Auschwitz, a. a. O. /4 In Birkenau wurden vier Krema- torien mit Gaskammern errichtet. Bei der Numerierung der Krematorien vird Zumeist auch das eyste, 1940 beim Srammlager Auschwitz errichtete und im Herhst Id hereits nicht mehr ver wendete Krematorium mitgezdhlt. In rechteckigen Klammern ist deshalb auch diese Benennung der Krematori- en nach der Zählung von 1 bis V er- gdnzt. 2 F.7 4. 1,74 11 1 bn J10.h, 61,,3,7c 1 711 t, 7. 1. N 6 1, 76 17,, hF 1414. 1 ℳeℳ d. R(c.r, 4, 1, ,3%5, T⸗ /5 In seinem Nachwort zu: Inmitten des grauenvollen Verbrechens“. Handschriften von Mitgliedern des Sonder- Kommandos.(= Hefte von Au- 1 t. 3 Schwitz. Sonderheft 1). Oswie- n ⸗ cim 1972. S. 204 erep ee 6 Vgl. Danuta Cxech. Kalen- Fo darium der Ereignisse im Kon- . rbte e7 31egRe, 4% Zentrationslager Auschwitæ- Ea 2ii hirtenau 1939 945. Keinbel hei Hamburg, 1969,§. 697 f. /7) KZ Auschwitz, a. a. O. Schiffrierter Kassiber, den die Widerstandsbewe- 6) nmitten des grauenvol- gung im Lager zwei Tage nach dem Autand des len Verbrechens“, d. a. O., S. Sonderkommandos aus dem Lagerschmuggelte. 770 /f. E 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ausstellungen, Videos und Bücher Die Gegenwart von Auschwitz Auschwitz in den Augen der 88 Pie Gegenwart von Auschwitz* lautet der Titel einer Plakatmappe mit Fotografien von Henning Langenheim und Peter Liedtke. Kommentiert werden die Aufnahmen unter anderem mit Texten von Primo Levi, Jean Amery, Tibor Wolf. Rudolf Vrba und Ruth Klüger. Die Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer hat die insgesamt 20 Fotografi& en auf festen Karton aufgezogen. Wir leihen die so, sehr gut für Ausstellun- gen präparierte Mappe gerne gegen eine Spende aus. Anfragen und Reser- vierungen sind über die Geschãftsstelle in Münzenberg möglich. Ausleihbar sind desweitern die Tafeln der Ausstellung zu den Jugend- Konzentrationslagern Moringen und Uckermark. Die Ausstellung wurde unter dem Titel Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben' von der Lagergemeinschaft und Gedenkstãtteninitiative KZ Moringen zusammen- gestellt. Die neue Kopien des Video-Films Rechte Zeiten“ Giehe Mitteilungsblatt vom Dezember 1992) sind weiterhin gegen eine Spende von 20 Mark erhält- lich. Ausleihbar sind auch weitere Videoaufzeichnungen zum Thema Au- schwitz, Deutscher Faschismus und Gedenkstättenarbeit. Viele Bücher des Verlags Staatliches Museum in Oswiecim sind zwar in deutscher Sprache erschienen, aber hier in Deutschland nur schwer erhält- lich. Bei unserer letzten Studienfahrt über Ostern brachten die Teilnehmer eine größere Anzahl von folgenden Titeln mit: 1. Auschwitz in den Augen der S8 8 2. Einen Band mit Auschwitz-Gedichten 3. Den Bildband:*Auschwitz- Stimmen aus der Tiefe“ 4. Simha Noar: Als Krankengymnastin in Auschwitz 5. Tadeus? Borowski: Bei uns in Auschwitz(Neuauflage von 1991) 6. Jozef Marszalek: Majdanek- KZ Lublin 7. Halina Birenbaum: Die Hoffnung stirbt zuletzt, Aufbruch in die Ver- gangenheit.(Auflage 1993) Die Bücher werden solange der Vorrat reicht gegen Spendenbeträge abgegeben. Weiterhin vorrätig ist auch der Nachdruck des Taschenbuchs Auschwitz-Bericht über die Strafsache gegen Mulka u. a. vor dem Schwur- gericht Frankfurt“; der Journalist Bernd Naumann dokumentierte hier den Verlauf und die Hintergrũnde des 1. Auschwitz-Prozesses. S Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwit?er 11 Halina Birenbaum: Leben und Tod in den Konzentrationslagern Die Hoffnung stirbt Zuletzt Aufbruch in die Vergangenheit Die Schriftstellerin und Uhersetzerin Halina Birenbaum wurde 1929 in Warschau geboren und lebt seit 1947 in Israel. 1964065 Schrieb sie die Geschichte ihrer Verfolgung nach dem Uherfalldes Deutschen Reiches auf polen, die Kasernierung im Ghetto und die Haft in verschiedenen deut- Schen Konzentrationslagern nieder und verõffentlichte sie unter dem Titel Pi⸗ Hoßfnung Frirbt zuletzt“. In einem weiteren Buch,'Aufhbruch in die Vergangenheit“, heschrieb vie ihre EFindriicke von zwei Reisen, die sie I956 in ihr Gehurtsland Polen und 1 969 nach Berlin gefihrt hatten. Diese beiden Bücher liegen jetzt in einem Band vor. Er wurde 1 993 in deutscher Sprache vom Verlag Sruatliches Museum in Oswiecim herausgegeben: die Uherset- zung aus dem Polnischen stummt von Esther Kinshy. * der Fichmann-Prozeß brachte eine Wende in meinem Leben(..) Meine Herkunft, mein Lebenslauf tauchten aus der Anonymität auf. Es wurde mir bewußt, daß ja auch ich von irgendwoher hierher gekom- men war, eine Familie gehabt, mit anderen Menschen gelebt hatte, auch wenn jetzt weder diese Men- schen noch dieses Leben mehr exi- stierten(..) Doch in den erschüt- ternden Aussagen der Zeugen fehlte etwas. Es fehlte etwas ganz Wesent- liches- die Atmosphäre dieser un- ausgesetzten Bedrohung des tägli- chen Lebens inmitten all der Schrek- ken des Krieges.“ Es gelingt Halina Birenbaum eben jene Atmospähre in ihrem biogra- phischen Bericht einzufangen. Aus der Perspektive des heranwachsen- den 1 1jährigen Mädchens beschreibt sie den Alltag im Warschauer Getto, die ständige Angst vor Deportation, den Wechsel der Verstecke. Zwei Jahre kann sich die fünf- köpfige Familie vor den Nazis ver- stecken, zumeist bei Bekannten und Verwandten, später zusammenge- pfercht auf einem stickigen Dach- boden. Im April beginnt für die 13jährige Halina die grausame Ody- see durch die Konzentrationslager von Majdanek, Auschwitz, Ravens- brück und Neustadt-Glewe, wo sie schließlich die Befreiung erlebt. In Majdanek verliert sie ihren Bruder und die über alles geliebte Mutter. Die Schwägerin Hela wird der 13jährigen zur engsten Bezugs- person. Durch diese Fürsorge lernt Halina den grausamen Alltag, die Regeln und ungeschriebenen Geset- ze im KZ zu ertragen. Im Lauf der Zeit werden sich die Rollen ändern. Hela erkrankt an Tuberkulose und Halina kämpft um das Leben ihrer Schwägerin, indem sie Hela vor den Aufseherinnen versteckt. Als Hela nicht mehr von der Pritsche aufste- hen kann, befördert Halina die Ex- kremente Helas unauffällig zur La- trine. Unter Finsatz ihres eigenen Lebens rettet sie ihre Schwägerin vor dem Selektionsbefehl des Dr. Mengele. Doch Hela ist Zu schwach, 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ihr Leben erlosch, wie die Flamme einer heruntergebranmten Kerze“. Halina Birenbaum hat ein trauri- ges, jedoch kein deprimierendes Buch geschrieben, um zumindest nun das Grauen, dem sie fast sechs Jahre ausgesetzt war, zu verarbeiten. Als ich meine Aufzeichnungen be- endet hatte, fühlte ich mich großar- tig. Ich hatte mich einer Last entle- digt! Das war, was ich hatte tun müssen, was man von mir verlangte. Ich empfand diesen Augenblick als den erhabensten meines Lebens.“ Die Autorin bearbeitet in ihrem Buch Erlebnisse ihrer Jugend. Es ist die Geschichte der Be- und Verar- beitung dessen, was ihr angetan wurde. Dies wird auch im letzten Teil deutlich, in dem sie, als mittler- weile 60 jährige, noch einmal nach Treblinka zurückkehrt. Es sind in letzter Zeit viele Werke zu diesem Thema erschienen, un- längst Ruth Klügers Autobiographie weiterleben“, und Steven Spielberg eröffnete dem Kinopublikum einen neuen Blick auf deutsch-jüdische Bezichungen während des National- Sozialismus. Warum sollen wir, die Generation der Kinder und Enkel, uns ausgerechnet mit Halina Biren- baums Lebensgeschichte beschäfti- gen? Es geht hier in erster Linie um die Bearbeitung traumatischer Er- lebnisse von Flucht und Verfolgung. Lebensbedingungen denen Men- schen auch heute noch Tag für Tag hier und anderswo ausgesetzt sind. Die Autorin beschreibt die Möglich- keit, das Erlebte anzunehmen, um weiterleben zu können, ohne zu ver- zweifeln. Das Buch kann eine Hilfe sein, für Menschen, die unter Ver- folgung leiden und es macht diejeni- gen, denen solche Erlebnisse erspart geblieben sind, sensibel für die psy- chischen Probleme der Betroffenen. Ihre Sichtweise brachte Halina Bi- renbaum bereits im Titel zum Aus- druck: Die Hoffnung stirbt zu- letzt?. Anke Röe Halina Birenbaum schreibtpolnisch inder Sprache ihrer Kindheit. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Friedrich-Ebert-Gymnasium Mühlheim: Studienfahrt nach Polen Auschwitz-Birkenau:„Figentlich kann ich mir das doch nicht vorstellen.“ aus dem Tagebuch der Schülerin Christiane Hörber Schülerinnen und Schüler der Oberstufe am Friedrich-Ehert- Gymnasium in Mühlheim am Main nahmen Anfang September an einer Frudienfahrt nach Polen und in das ehemalige Konzentrations- und Ver- nichtungslager Auschwitz-Pirkenau teil. Begleitet wurden sie von Hermann Reineck, der mehr als zwei Jahre in Auschwitz inhaftiert war, und von Lieselotte Thumser-Weil, die im KZ Ravenshrück gefangen gehalten wur- de. Die Briefe und Auszüge aus Tagebüchern, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt an die Lagergemeinschaft Schickten, können aus Platzgrinden nicht alle abgedruckt werden(Vielleicht entsteht im Zuge der Nachbereitung an der Schule eine Broschüre mit den Eindricken aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer.) Zum Abdruck ausgewählt haben wir den folgende Auszug aus dem Tagebuch der Schülerin Christiane Hõrher. Samstag, 10. Sept. 1994, 9.15 Uhr Gestern morgen haben wir gear- beitet. Ein Teil der Straße, die in Richtung Höss-Villa führt, ist schon ganz mit Gras zugewachsen, sonst, in der Nähe des einen Tores, wächst nur am Rand etwas. Wir hatten die Aufgabe, diese Pflanzen zu entfer- nen, damit'Kein Gras über die Sache wächst'. Es war anstrengend, aber nach einiger Zeit hatte man sich daran gewöhnt. Ich habe jetzt eine kleine Blase an der Hand, aber was kann das schon gegen die Lei- den sein, die die Hãäftlinge hier jeden Tag, immer wieder, ertragen muß- ten? Lächerlich! Beim Gras aus der Erde hacken konnte ich mir ein klei- nes bißchen vorstellen, wie das ge- wesen ist, aber dann auch wieder nicht. Die durften ja nicht einmal reden oder sich ausruhen. Und sie hatten nichts zu essen. Figentlich kann ich mir das doch nicht vorstel- len. Alle zwei Minuten muß ich mir wieder sagen, was hier eigentlich passiert ist, Sonst kapier' ich das ein- fach nicht. Ich kann mir ja noch nicht einmal vorstellen, wie ein Mensch einer Fliege einen Flügel ausreissen kann, wie kann ich es dann nur in meinen Kopf hineinbe- kommen, daß es hier Menschen viele, viele Menschen gab, die andere bis zum Tode quälten? Wie konnten die sich nur selbst dabei zusehen? 17.15 Uhr Wir haben heute das Salzberg- werk besichtigt, und auf der Fahrt hin und zurück hatte ich endlich einmal Zeit über alles nachzuden- ken. Ich glaube, daß ich noch nie so viel gelernt habe wie hier. Gestern abend haben wir bis 1.30 Uhr mit Lieselotte und Hermann zu- sammengesessen und geredet. Finige haben aus ihren Tagebüchern vorge- 14 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer lesen. Die meisten haben geschrie- ben, daß sie beim Gang durchs La- ger SSLeute schreien hören- und Kinder weinen. Irgendwie kann ich das(noch?) nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich sehe keine Häftlin- ge vor mir. Es ist so schwer, beson- ders, wenn das Wetter, so wie jetzt, gut ist. Aber mir kommen viele Ge- danken, wenn ich so lange nachden- ke. Zum Beispiel frage ich mich, ob es hier Menschen gab, die noch an Gott glauben konnten. Ich denke schon, daß es welche gab, aber ir- gendwie muß man doch verzweifeln, wenn man seine Freunde so sterben sehen muß. Da kann doch nichts Sinnvolles dahinterstehen. Ich kann so vieles nicht verstehen, aber auf jeden Fall bin ich glück- lich, Lieselotte und Hermann ken- nengelernt zu haben. Sie sind so toll und können so gut erzählen wie zu- hören. Wenn Lieselotte zuhört (gemeint ist wahrscheinlich: erzählt. Redaktion), tut es mir richtig weh. Bevor wir gestern schlafen gegangen sind, haben sie uns umarmt und ge- küsst. Da hätte ich beinahe geweint. In der Nacht habe ich geträumt, ich hätte mit Christine zusammen einen Unfall gehabt. Ich hatte an Die Bahngleise im Vernichtungsi ager Birkenau. Nach der der Durchfahrt des Torgebäudes fuhren die Züge his zur Selektionsrampe. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 15 einer Hand keine Finger mehr und sie nur noch an einer Hand. Und ich wusste, daß ich an dem Unfall Schuld hatte. Ein sonderbarer Traum, er war so schrecklich, aber immer, wenn ich mir so etwas vor- stelle, weiß ich, daß das, was hier passiert ist, noch viel, viel Schlimmer gewesen sein muß. Und das war kein böser Traum, nach dem man einfach wieder aufwachen konnte. Seit drei O Jahren. seit Martina mir von Au- schwit? erzählt hat, kann ich das Lied'Schwarzbraun ist die Hasel- nuß'' nicht mehr hören, aber Her- ie hechter Er kann 2z.B. Worte wie Rampe' nicht mehr hören und keine Bahngleise mehr sehen, ohne dabei an Aus- chwitz zu denken. Er hatte jahre- lang Alpträume. Wie können Menschen nur so et- was tunꝰ? Christiane Hörber Bahngleise in Birkenau. Im Wortsinne droht Gras üher Auschwit? zu wach- sen. Der Verfall der Gedenkstätte ist aber nicht nur durch den Bewuchs von Pflanzen hedroht. Auch die Verwitterung vchddigt die Gebäude und historischen Mahnmale. Desweitern vind in den Ausstellungsbaracken die Haare, Koffer, Brillen und vonstigen ehmaligen Besitetümer der Opfer vom Verfall hedroht, da die finanziellen Mõglichkeiten des Sruatlichen Muse- ums Zu heschrnkt vind, um zum Beispiel in allen Lagergebäuden Heizung- Skõrper zu installieren. Die Spendenaktion„Auschwit?- Stop dem Ver- fallwird deshalb weitergeführt. Das Spendenkonto ist bei der Sparkasse Wetterau(BLZI6 500 79) unterder Nummer 2000 2000 eingerichtet. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße Oktober 7.11. Thomas Kremer 8. 11. Klaus Reinhardt 1.10. Margit Proescholdt 6.10. Prof. Dr. Konrad Huchting 6.10. Jörg Raab 11. Wotang Merten 18. 11. Dr. Hans-Joachim Funke* 9.10. Helga Leib 18. 11. Hedda Hansen 9.10. Barbara Reuter 5 19.11. Günther Magel 11. 10. Walter Matt 20.11. Lieselotte Thumser-Weil 22. 11. Prof. Dr. Klaus Dörner 11.10. Christa Piotrowski 11.10 Dr Dieter Reithmeie 25.11. Ingeborg Kress . 14. 10. Katharina Fleckenstein 27.11. Dietrich Spaeth 14. 10. Stephan Kahl 2 Rei 16.10. Heinz Betzler 16.10 Jürgen Lindemann 17.10 Peter Reiann 30.11. Gabriele Abel 18.10. Helmut Hertel 19. 10. Peter C. Keller Dezember 21.10. Maria Kretzschmann 23. 10. Gerhard Gaede 23.10 Regina Hamel 22 Maria Reiferscheid 2.12. Emil Schmidt 25. 10. Nina Melchers 3. 12. Dieter Hild 28. 10. Cornelia Bandorf 512 Prir Stea„ 2810 Dr. Klaus Konrad-Fromsdorf᷑ 912. 5 6 30 10. Carl Cellarius 13. 12. Gisela Wagner 15. 12. Esther Bejarano 18. 12. Rosmarie See 19. 12. Barbara Mlynarski 22.12. E.-Ludwig Proescholdt 22. 12. Egon Schweiger 23. 12. Alfred Schulz 30. 12. Claus Schwing 30. 12. Albrecht Werner-Cordt 31. 10. Hans Hirschmann 31. 10. Michael Metz November 4. 11. Joachim Proescholdt 7.11. Hanns Blauert Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 17 Finladung VoSC im Gemeindehaus der ev. St. Katharinengemeinde, Leerbachstraße 18 (Nãhe Oper) in Frankfurt am Main jeweils um 19.30 Uhr ar Mitt/och, den 2. November Video-Film von Thomas Mitscherlich über das K Neuengamme am Mittwoch, den 5. Dezember Lesung und Diskussion mit Monica Kingreen, die ihr neues Buch*udisches Landleben' ar Beispiel Windecken, Hel- denbergen und Ostheim' (heute Stacit Nidderau, Main- Kinzig-Kreis) vorstelit am Mittwoch, den 4. Januar Winterpause, kein Treffen Buchenwald- keine Gleichstellung zwischen KZ-Gedenkstätte und Internierungslager Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß in den Internierungslagern neben Schuldigen auch Un- Schuldige waren. Vor zwei Jahren hat hier am 11. April auf unserer damaligen Kundgebung mein inzwischen leider verstorbener Freund nd Kamerad Robert Zeiler, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokra- ten aus Westberlin, gestanden. Er war bis 1945 in Buchenwald. Er wurde am 11. April mit uns befreit, machte sich mit sei- nem Bruder und seinem kommunistischen Ka- meraden Georg Katz auf den Weg nach Berlin. Bei Potsdam fielen sie den sowjetischen Besat- zungsbehörden in die Hände und landeten wie- der in Buchenwald bis 1950. Robbi hat vor zwei Jahren hier in einem In- terview den Standpunkt vertreten— und ich teile ihn—, daß wir den unschuldig Internierten und deren Angehörigen nicht die Möglichkeit des stillen und würdigen Gedenkens verweigern dürfen. Aber zwischen KZ-Gedenkstätte und Inter- nierungslager kann es keine Gleichstellung ge- ben. Es muß eine für alle deutliche örtliche Trennung sein. Und jeden Mißbrauch gilt es zu verhindern. Ein Wort zur Vertretung im Rat der Stiftung: Stellen Sie sich vor, der Rapportführer von Bu- chenwald, Strippel, an dessen Händen so unsäg- lich viel Blut unschuldig ermordeter Juden, Tochechen, Polen und anderer klebt, zuletzt 1945 war er verantwortlich für die Ermordung der Kinder vom Bullenhuser Damm, stellen Sie sich vor, Strippel sollte in den Organen der Stif- tung als Vertreter der Internierungslager neben überlebenden Opfern aus dem K?Z Buchenwald sitzen. Undenkbar. Nein, da muß über andere Lösungen nachgedacht werden. Aus der Rede von Kurt Goldstein, Hdftling in Auschwilt und Buchenwald, bei der diegjãhri- gen Befreiungskundgebung. aus der neue Mahnruf Nr. 6/0, Wien 1994 18 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Robert-Blum-Antiquariat: 1500 Titel zum Thema Faschismus Schreiberinnen des Todes Für Verwaltungsarbeiten im Konzentration- und Vernichtungslager Auschwitz wurden unter anderem auch inhaftierte jüdische Frauen heran- gezogen. Die akribische Lagerbürokratie bediente sich bekanntlich ihrer Opfer als Helferinnen bei der Verwaltung des Vernichtungsprozesses. In dem Band'Schreiberinnen des Todes' sind Lebenserinnerungen von mehr als zwanzig dieser Frauen gesammelt. Im Robert-Blum-Antiquariat im hes- sischen Niedernhausen(Ortsteil Oberjoch) ist der Band für 19.80 Mark zur Zeit noch vorrätig. Inhaber Klaus Friedrich führt circa 1500 Titel zum Thema Faschisums und Widerstand. Eine Auflistung wird derzeit mit einem neuen Computerprogramm erstellt; die Fertigstellung soll im Mai 1905 beendet sein. Dem Antiquariat ist ein Büchersuchdienst angeschlossen. Vorrätig sind einige Nummern der Auschwitz-Hefte(in polnischer und in deutscher Sprache), die Preise liegen zwischen 5 und 20 Mark. „Der Band»Schreiberinnen des Todes“(Dokumentation von L. Shelley) kostet 19.80 Mark(früher 49 DM) und hat die Bestellnummer 320—02611 Lucie Begov, Mit meinen Augen, Botschaft einer Auschwitzüberleben- den, Nachwort von Simon Wiesenthal, 317 S., Geb., Preis 12,95 Mark(früher 27 DM) Simon Wiesenthal, Jeder Tag ein Gedenktag, Chronik jüdischen Leidens. (Der Gedenkkalender umfaßt für jeden Tag des Jahres Breignisse aus der Geschichte der Juden vom 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zu den russischen Pogromen im 20. Jahrhundert) 332 S., Leinen, Preis 39,80 Mark (früher 78 DM)„ Jeweils nur einmal vorrãtig sind: Arbeitsgruppe der ehemaligen Häftlinge des KZ Auschwitz beim Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR, (Blutschuld der I6 Farben u. a.) Vorwort von Bruno Baum(Hãftling Nr. 118) „359 kt., Preis 13 Mark Internationales Auschwitz Komitee, Unmenschliche Medizin, Antholo- gie 2 Bde. Warschau 1969, 480 S. kt., Preis 32 Mark Rat für den Schutz der Denkmäler des Kampfes und des Martyriums Auschwitz faschistisches KZ 1. Warschau 1978, 207 S. kt., Preis 24 Mark Bestellungen und Nachfragen an: Robert-Blum-Antiquariat, Fasanenweg 7 in 65527 Niedernhausen(Ortsteil Oberjosbach), Tel. 06127— 2202, 06127—79702. Beim Buchversand werden Portokosten fällig. N Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Auschwitz- Stop dem Verfall: Erhaltung von Skulpturen Lagergemeinschaft fördert Projekte »Wir sind für Euere Spende be- sonders dankbar“?, Sagte Jerzy Wré- blewski und Irena Szymanska er- gänzte'es ist gut, daß Ihr an unser etwas im Verborgenen bearbeitetes Gebiet denkt“. Diese Worte fielen im Büro von Jerzy Wröblewski, dem D Direktor des Staatlichen Museums Auschwit?z/Birkenau, anläßlich der kurzen aber feierlichen Ubergabe einer größeren Rate von Geldern aus dem Sonderkonto 2000 2000(Au- Schwitz- Stoppt den Verfall) der La- gergemeinschaft bei der Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79). Norbert Heßler und Diethardt Stamm über- gaben 9000 Mark, damit von acht dem Verfall preisgegebenen Gipsfi- guren von Hanna Raynoch-Brzo- zowska Abgüsse in Bronze gemacht werden konnten. Damit fand das er- ste Engagement der Lagergemein- Schaft Auschwitz an diesem Projekt eine Fortsetzung. Irena S?ymanska, die Ehefrau des vielen Besuchern bekannten Tadek S?zymanski, betreut liebevoll u.a. die Skulpturensammlung des Museums. Sie führte einige schon fertig ge- stellte und von der Lagergemein- schaft finanzierte Skulpturen von Stefan Kowalõwka vor. Gleichzeitig Eine der Skulpturen, von denen ein Bronzeabguß gemacht wurde, der mit Spendengeldern der Lagergemeinschaftfinanziert wurde. 20 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer verwies sie noch auf Holzskulptu- ren, die teilweise angebrannt sind, weil sie im Rahmen einer Ausstel- lung in London von Rechtsradikalen beschädigt wurden. Auch hier zeigt sich die Not deutlich: Es muß der Verfall gestoppt werden. Die durch die Lagergemeinschaft finanzierten Projekte sind über- schaubar und für alle Spender und Spenderinnen auch vor Ort er- und begreifpar. Es war auch nicht be- absichtigt, Geld mit der Gießkanne auszuschütten, sosehr es natürlich an vielen Stellen im Lager gebraucht Ausschnitt aus der Figurengruppe„Hunger' werden könnte. Mit den Verantwort- lichen des Lagermuseums wurde vereinbart, daß noch eingehende Spendengelder zunächst für Bron- zeabgüsse der vom Verfall bedroh- ten Skulpturen verwendet werden. Viele bisherigen Spenderinnen und Spender finden den konkreten für Projekte zweckgebundenen Geldeins atz, der nicht über Umwege und Verwaltungskosten an sein Ziel gelangt, gut. Wer dies ebenso für sinnvoll erachtet, sollte die oben ge- nannte Kontonummer entsprechend bedienen. Diethardt Stamm Die Lagergemeinschaft beu- hichtigt Gelder für den Erhalt dieser vom Verfall hedrohten Skulptur hereitzustellen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 [G Farben i. A. will von historischer Verantwortung nichts wissen Spekulationsgewinne für Aktionäre statt Entschädigung für Zwangsarbeiter Matthias Tiessen, Vorstandsmit- glied der Lagergemeinschaft Au- schwitz- Freundeskreis, stellte am 30. August bei der diesjährigen Hauptversammlung der I6 Farben i. A.(in Abwicklung) den Antrag so- wohl den Liquidatoren als auch dem Aufsichtsrat die Entlastung zu ver- sagen. Er lastete dem Management wie dem Aufsichtsgremium an, daß sie nicht den gesetzlich vorgegebenen Zielen nachgekommen sind. Statt die endgültige Abwicklung des Kriegskonzern zu betreiben sowie die dabei erzielten Gelder den ehe- maligen Zwangsarbeitern und ihren Hinterbliebenen zukommen 2u las— sen, hat die A6 bei Wertpapierge- schäften und Beteiligungen an an- deren Unternehmen beträchtliche Gewinne erzielt. Diese Gewinne wurden mitnichten an die Zwangs- arbeiter, sondern an die Aktionäre ausgeschüttet. Diese Geschäfte sind?um »Selbstläufer“ geworden, während die eigentlich vorgeschriebenen Ziele'nicht mehr erkennbar? sind, begründete Matthias seinen Antrag und brachte die moralische Ver- pflichtung, die zur Gründung der I6 Farben i. A. geführt hatte, in Er- innerung. Unterstützt wurde der Antrag von dem Bundestagskandidaten der Grünen, Rudolf Schwedes, und den ehemaligen KZ-Häftlingen Peter Gingold und Arnon Dagani. Die überwiegende Mehrzahl der Aktio- näre„stöhnte'' bei diesen Forderun- gen, die auch eine Verwendung der Gelder für die Frhaltung der Ge- denkstätten beinhaltete, nur genervt auf und war nur an ihren persönli- chen Gewinnen interessiert. Als Ar- non Dagnani von den Opfern der Zwangsarbeitern sprach, wurde ihm zynischerweise'empfohlen', er solle Skulptur von Stefan Kowalõwlka, die mit Geldern vom Spenden- Lonto der Lagergemeinschaft Frop dem Verfallꝰ erhalten wer- den Konnte. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer mal ein Buch über die'polnischen Vernichtungslager? lesen. Die Versammlung sei nicht der richtige Ort für moralischen Appel- le, dies sei Sache der Politik, wiegel- ten auch die Versammlungsleiter ab. Lediglich Aufsichtsrat Krienke ging ansatzweise auf diese Argumentati- on ein. Management und Aufsichts- rat seien sich der»Problamtik be- vnB sent »überlegbar“, daß für ehemalige Zwangsarbeiter von möglichen Ent- schädigungsleistungen aus Ansprü- chen der I6 Farben i. A. in den neuen Bundesländern ein Anteil von 5 Pro- zent zur Verfügung gestellt werden könnte. In Hinsicht auf die Wahl eines neuen Aufsichtsratmitgliedes stellte Rudolf Schwedes den Antrag nicht den Kandidaten der Liquidatoren, Ex-Bundesminister Günther Krause, sondern den ehemaligen Auschwitz- häftling Hans Frankenthal zu vah 9 len. Zwar gab es auch von anderen Hier und auf den fol- genden Seiten sind Bronzeabgüsse von Skulpturen der Künst- lerin Hanna Rahnoch— Byzozowska abgebil- det, für die die Lager- gemeinschaft Gelder vom Spendenkonto Auschwit? Stop dem Verfall“ zur Vert igung gestellt hat. Lagergemeinschaft Auschwit?z- Freundeskreis der Auschwitzer 23 Aktionären Kritik an*Affären- Krause“ꝰ, aber ein Redner brachte die Stimmung und die rein materiel- le Mentalität der großen Mehrheit der Aktionäre auf den Punkt, als er sagte, daß das schlechte Image von Krause egal, und nur wichtig sei, was Krause für die Aktiengesell- schaft erreichen könne. Die Versammlungsleitung setzte schließlich den Modus durch, daß über Entlastung und Neuwahl Krau- ses en bloc abgestimmt wurde. Die Anträge der kritischen Aktionäre wurden somit abgelehnt und Krause Skulptur von H. Raynoch-Brzozowska in den Aufsichtsrat gewählt. Auf die Frage von Matthias, was Krause für die ehemaligen Zwangsarbeiter tun wolle, ging dieser nicht ein. Hoher Besuch in Monowitz Fünf Direktoren der deutschen Weltfirma I6 Farben besichtigten im Dezember 1942 ihre Produktionsstät- te im KZ Auschwitz Monowitz. Otto Ambros, Carl Krauch, Frit? ter Meer, Heinrich Bütefisch und Walter Dürr- feld ließen sich durch das Werk füh- ren, in dem K?ZHäftlinge als billige Arbeitskräfte schufteten. Finem der fünf hohen Herrschaften fiel der kranke Häftling Fritz Löhner-Beda auf, der sich im Winter mit Holzschu- he dahinschleppte. Der I6 Farben- Direktor deutete auf den Zwangsar- beiter und monierte: Der Jude dort könnte auch etwas rascher arbeiten.“ Noch am gleichen Tag wurde Frit?z Löhner-Beda von SSMännern totge- schlagen. Der Jude, der nach Meinung des I6 Farben-Direktors nicht rasch genug arbeitete, war in der Weimarer Republik Schlagertexter und Ope- retten-Libritist. Er schrieb viele »Heile Welt Lieder“ für Franz Lehar und unter anderem auch den Ohr-— wurm»Ich hab mein Herz in Heidel- berg verloren?. Wie Michael Buselmeier in der Frankfurter Rundschau(Z8. Septem- ber 1994) berichtete wohnten die 16 Farben-Direktoren zum Teil in Hei— delberg und summten wahrscheinlich gelegentlich wie fast jedermann die Stadthymne vor sich hin. Nach der Befreiung durch die Alliierten wur- den die I6 Manager vor Gericht ge- stellt und zum Teil auch zu Haftstra- fen verurteilt. Bald waren sie jedoch wieder auf freiem Fuß und„leisteten ihren Beitrag zum deutschen Wirt- schaftswunder“.(Siehe folgenden Ar- tikel zu den IG Farben.) 24 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Kriegsverbrecher-Konzern will Grundstücke im Osten zurückhaben Private Bereicherung auf Kosten der Sklavenarbeiter und ihrer Familien Im November 1 945 beschlagnahm- ten die über das Dritte Reich siegrei- chen Alliierten das Vermögen des I6 Farben-Konzerns. Der Chemie- Trust hatte auf das engste mit NSDAP, S8S und dem politischen Machtapparat Nazi-Deutschlands zusammengearbeitet. Tausende von Zwangsarbeitern mußten in den Produktionsstätten schuften. Allein in Monowitz, wo extra das KZ Au- Schwitz III errichtet wurde, kamen 25 000 Zwangsarbeiter aufgrund der verbrecherischen Bedingungen?u Tode. Der Konzern hatte damit ei- nen entscheidenden Beitrag zu dem schrecklichen Konzept Vernich- tung durch Arbeit' geleistet. Zudem verkaufte die I6 Farben der S8 das Giftgas Zyklon B, mit dem Milli- onen von Menschen ermordet wur- den.(Der„Dreibund“, aus dem 1923 die I6 Farben hervorgehen sollte, hat die Tradition der Giftgaspro- duktion begründet: Das von ihm hergestellte Chlorgas wurde im Er- sten Weltkrieg als Kampfgas einge- setzt.) 1947 beginnt in Nürnberg der Pro- zeß gegen 24 Spitzenmanager der IG Farben. Sie sind angeklagt wegen Kriegsverbrechen. 1948, als der Kalte Krieg bereits begonnen hatte, wur- den die Urteile gesprochen, wonach einige der Angeklagten Freiheits- strafen bis zu acht Jahren erhielten. Bereits Anfang der 50er Jahre be- fanden sich jedoch alle wieder in Freiheit. Fast alle erlangten auch wieder leitende Stellungen im Wirt- schaftsleben der Bundesrepublik ün maten ien „Wirtschaftswunder“? verdient. 1964 wurde zum Beispiel Heinrich Büte- fisch, ehemaliger I6 Farben Vor- Standsmitglied und Ss. Obersturm Q bannführer- ebenfalls ehemaliger versteht sich-, das Große Verdienst- Skulptur eines Auschwite-Hdftlings Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer 25 kreuz der BRD verliehen. Nach Pro- testen wurde die Verleihung rück- gängig gemacht. Die I6 Farben wurden'entfloch- ten“, es entstanden die Chemiekon- zerne BASF, Bayer, Hoechst, Casella und Hüls. 1955 wurde die IG Farben AG i. A.“(I[6 Farbenindustrie Akti- engesellschaft in Abwicklung) ge- gründet. Sie sollte das Restvermögen des alten Konzerns, Gebäude und ¶Mrundstũcke. die nicht unmittelbar zum Cheimiebereich gehörten, zu- sammentragen und verkaufen. Mit dem Geld sollte ehemalige Zwangs- arbeiter entschädigt werden. Von Anfang an betätigten sich sich die Manager der I6 Farben i. A. jedoch viel mehr als Akkumulatoren denn als Liquidatoren. Lediglich 1957 wurde eine Zahlung von 27 Milli- onen Mark für ehemalige Zwangs- arbeiter und ihre Hinterbliebenen ausgeschüttet. Damit waren die Opfer'abge- hakt'. Rein juristisch wurden An- sprüche als verjährt angesehen. Eine geordnete Auflösung der I6 Farben i. A. fand jedoch nicht statt. Zwar darf die A6 keine Produktionsstãt- ten betreiben, aber durch Immobili- enverkäufe, Wertpapier- und sonsti- ger Spekulationsgeschäfte an der Börse wurden erstaunliche Gewinne erzielt. 1993 wurde die Rekordsum- me von 154 Millionen Mark an die Aktionäre ausgeschüttet. Gewinnträchtige Ostphantasien“ trieb die sogenannten Liquidatoren und die Aktionäre nach der Vereini- gung der beiden deutschen Staaten um. Sie machten sich Hoffnungen auf ausgedehnte Liegenschaften in der ehemaligen DDR. Rund vierzig Prozent des alten I6 Farbenkon- zerns lagen schließlich im Osten, darunter berühmte Adressen wie die Leuna-Werke oder Buna in Schko- pau. Die Kurse der I6 Farben i. A. stiegen zeitweise auf das Dreifache ihres Wertes vor 1989.*Schillernde Interessengruppen“, so das gewiss nicht börsenfeindliche Handelsblatt, fühlten sich zum Spekulieren ani- miert. Vor drei Jahren wollte die laut Gesetz mit der Liquidation be- auftrage A6 ihren mit Leichen- geruch“ behafteten Namen loswer- Skulptur eines Auschwitz-Hdftlings 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer den und sich in eine harmlos klin- Ex-Minister Günter Krause, der gende Beteiligungs- und Grundbe- Ende August 1994 in den Aufsichts- sitz AG“ umbenennen. Das Register- rat der I6 Farben i. A. gewählt wur- gericht kassierte jedoch diesen Be- de, scheint der richtige Mann zu schluß der Hauptversammlung. sein, um Ansprüche im Osten Sraatliches Museum Auschwitz-Birkenau Skulprur Kückkehr von der Arbeit“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 durchzusetzen. Herr Krause kennt Gott und die Welt und kann uns un- ter Umständen Wege zeigen, die wir noch nicht gegangen sind“, kom- mentierte Ernst Joachim Bartels, einer von zwei geschäftsführenden Liquidatoren der I6 Farben i. A., die »Qualifikation“ des neuen Auf- sichtsrates. Raffke Krause“ hatte seinerseit für die letzte DDR- Regierung den Einigungsvertrag ausgehandelt, und müßte so eigent- lich am besten wissen wie man die deutsch-deutsche EFigentumsrege- lung aushebelt“, mutmaßte völlig zu Skulptur eines Auschwitz-Hdftlings Recht der Journalist Ralf Neubauer in der Zeit(Nr. 35, 26.8.1994). Als im Sommer Gorbatschow er- klärte, daß die Unantastbarkeit der Enteigungen nicht Bestandteil der Bedingungen für die Vereinigung gewesen sei, kam bei den Aktionären der I6 Farben i. A. erneut„Goldgrä- berstimmung' auf. Zuvor war die Stimmung einigermaßen gedämpft, denn der Bundestag hatte beschlos- sen, daß Rückgaben für Kriegsver- brecher und deren Nachfolger aus- geschlossen sind. Die Liquidatoren haben das Verfassungsgericht ange- rufen. Anstelle einer Rückgabe der Ost-Immobilien wären sie wahr- scheinlich schon mit einer Entschä-— digung hoch zufrieden. Besonders auf die beanspruchten rund 130 000 Quadratmeter Land in Ostberlin machen sich die auf Ak— kumulation bedachten Liquidatoren des ehemaligen Kriegskonzern Hoffnungen. Enteignungen durch die UdSSR wurden hier zum Teil erst nach der Gründung der DDR bekannt gegeben. Nach Meinung der I6 Farben-Erben seien die Konfis- kationen damit unrechtmãäßig. Während der neue Aufsichtsrat Günther Krause sich„nicht verant- wortlich fühlt', was die I6 Farben im Krieg gemacht hat, ist sein Par- teikollege und ehemaliger Chef Lo- Ministerpräsident, anderer Mei- nung. Er bezeichnete es als'mora- lischen Skandal“, daß Nachfolger ei- nes NS- und Kriegsverbrecherkon- zerns es überhaupt wagen, solche Restituions-Ansprüche zu stellen, bei denen es nur um private Berei- cherung geht', während an die Op- fer keine Sekunde gedacht werde(in DieWoche vom 15. 9. 1994). 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Hitler-Attentäter war länger gefangen als hitlertreue Generäle Die Schädlichkeit einer festen Identität Die Fröffnungsrede zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse hielt der Schriftsteller Christoph Hein. Er sprach über»Prägungen“ und Identitäten“ des Menschen sowie über die strukturelle Anforderung der modernen Gesellschaft, die es erforden, daß ein funktionierendes Mitglied dieser Gesellschaft fähig sein muß, mehrfach seine Identitäten zu wechseln. Die'effiziente Technokratie“ verlangt ein immer höheres Maß an Disponi- bilität, Verfügbarkeit, Aufgeschlossenheit, Anpassung, Geschmeidigkeit, gewiß auch Opportunismus und erfordert eben disponible ſdentitãten& Christoph Hein verdeutlichte seine These an zwei Beispielen: Als im Sommer 1947 die amerikani- sche Militärverwaltung General Engel und einige andere hitlertreue General- stabsoffiziere aus der Kriegsgefangen- schaft entließ, erkundigte sich Gene- ralmajor von Gersdorf, der vier Jahre zuvor versucht hatte, Hitler in die Luft zu sprengen, warum er im Lager bleiben müsse. Der Lagerkomman- dant erwiderte ihm.»General Engel hat in seinem ganzen militärischen Le- ben gezeigt, daß er stets nur die ihm gegebenen Befehle ausführt. Er wird uns auch im Zivilleben keinen Wider- stand leisten und ist daher für uns keine Gefahr. Sie aber haben bewie- sen, daß Sie gegebenenfalls ihrem Ge- wissen gehorchen und dann unter Umständen unseren Anordnungen nicht Folge leisten würden. Deshalb sind Leute wie Sie für uns gefähr- lich.«(Zitiert nach J. Fest: Staats- streich.) Vierundvierzig Jahre später, im Herbst 1991, werden zwel Bürger- rechtler der DDR vom neuen Perso- nalchef ihres gerade privatisierten Be- triebes mit der Auskunft entlassen, daß begründete Zweifel an der Loyali- tät der beiden Mitarbeiter gegenüber der Firma hestünden, da sie in der Vergangenheit— also in der Zeit vor 1989— andere Interessen über die des damaligen Kombinates stellten. Brauchbar sind und nicht entlassen wurden dagegen drei leitende Ange- stellte, die vor 1989 keinerlei Anstoß nahmen an fraglichen und heute wie damals strafbaren Handlungen der ehemaligen Kombinatsleitung. Gerechtigkeit ist'der Natur fremd, sie ist kein kreatürlich-natürlicher Wert', hatte Christoph Hein zuvor bereits hervorgestellt. Die Humanisie- rung des Menschen ist eine allein zivilisatorische Leistung, so stabil und brüchig wie diese Zivilisation?. Das Individuum im heutigen Produktionsprozeß darf sich nicht länger auf eine einzige Iden- tität festlegen lassen. Es muß, um ef- fektiv arbeiten zu können, um über- haupt den wechselnden Arbeitsanfor- derungen zu genügen, um nahezu be- liebig verfügbar zu sein, zu einem [dentitãtswechsel bereit und fähig sein. Das Individuum, so lautet der kulturkritische Einwand gegen einen weiteren sorglosen Umgang mit der Literatur, muß sich für mehrere Iden- titäten offenhalten, muß für unter- schiedliche Identitäten verfügbar sein. Die Fchtheit, die Unverwechselbar- keit einer Person ist nicht mehr für ein ganzes Leben, sondern nur noch für kurze Lebensabschnitte erforderlich und brauchbar. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 Nötig sind eine'nachhaltige Prägung und eine beständige Identität“, die zu einer Haltung und zu Inwertsetzungen führen, und so hinderlich wirken, für die freie Verfügbarkeit der jeweilig als opportun geltenden gesell- schaftlichen Richtungen. Fine solche Prägung strukturiert nicht nur die Alltagsbedingungen, sie befähigt und nimmt sich heraus über die Akzep- tanz Zu entscheiden. Literatur ist identitãtsfõrdernd, Le- sen prãgt das Individuum und ergibt- um einen Begriff aus der Computer- und Datentrãgersprache zu wählen— eine Initialisierung. Sie schafft im Indi- vduum eine ursprüngliche Fintei- lung, deren Struktur alle späteren Er- fahrungen, Haltungen, Kenntnisse ordnet und einordnet. Eben das war eine Aufgabe und ein Ziel der Aufklärung, und eben diese prägende Identität wurde in unserer Zeit zu einer unerwünschten Bela- stung, da die erfolgte Prägung das Künftige nicht nur strukturiert, son— dern auch über die Akzeptanz ent- scheidet. Das zu seiner Identität ge- langte Individuum nimmt nur noch eingeschränkt auf, es filtert und prüft die eingehenden Informationen, es wählt aus, und es ist nicht mehr belie- big zu gebrauchen. Christoph Heins Rede ist in der von ihm mithe rausgegebenen Wochenzeitung Freitag“(7. Oktober 1994) Ssowie in Auszügen in der'Frankfurter Rundschau“ (6. Oktober 1994) nachzulesen. Berichte und Materialien zu einer Begegnung mit Auschwitz“ Gedächtnislücke »Gedächtnislücke? heißt eine Broschüre, die Dokumente und Materialien versammelt zu einer Reise nach Oswiecim und einer Begegnung mit Au- Schwitz“. Sie basiert auf den Eindrücken, die eine aus 20 Personen bestehen- de Gruppe aus Aschaffenburg bei der Vor- und Nachbereitung sowie natür- Oich dem Aufenthalt in der Gedenkstätte Auschwitz selbst gefaßt hat. Unter anderem wird auch über die Spurensuche nach dem Schicksal von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus dem Landkreis Miltenberg sowie über den ehemaligen SS-Unterscharführer Ernst Heinrichsohn, der in Paris mitverantwortlich war für die Deportation von Juden nach Auschwitz, berichtet. Heinrichsohn war nach dem Krieg Bürgermeister in Bürgstadt im Kreis Miltenberg. Als Jürgen Amendt, einer der Herausgeber der Broschüre, am Gedenktag an die Pogromnacht 1938 an die NS-Karriere Heinrichsohns erinnerte, wurde dies als'bösartige Agitation“ angesehen. In einem Leser- brief wandte sich ein Bürgermeisterkandidat der CSU gegen das systematische Aufrühren der Verbrechen im Dritten Reich?. Die Broschüre ist für 3 Mark beim Amt für Industrie- und Sozialarbeit der ev.-luth. Kirche in 63739 Aschaffenburg, Kolpingstr. 7, Tel. 06021 25284, erhältlich. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Das Buch von Wladyslaw Fejkiel soll ins Deutsche übersetzt werden Der Krankenbau im KZ Auschwitz Im Verlag des Stuatlichen Museums in Auschwitz ist in diesem Jahr das Buch von Wladyslaw Fejkiel über den Krankenbau im Konzentrationslager Auschwitz erschienen. Der Krankenbau war für die Häftlinge von hoher Bedeutung, für die Widerstandsorganisation war er eine wichtige Anlauſfstel- le. Wadyslaw Fejliel legte nun die eyste umfasvende Arbeit überden Kranken- hau vor. Es ist zu wünschen, daß sein Buch hald ins Deutsche übersetzt wird. Janus? Mlynarsti hat folgende Zusammenfassung aus dem Polnischen für das Mitteilungsblatt übertragen- Wladyslaw Fejkiel wurde 197 in Kroscientu Wanem gehoren. Er r4y 0 Professor a. D. der Mediinischen Akademie in Kratow. Im August 1940 wurde er von der Gestapo verhaftet und im Oktober in das KZ Auschwitz eingelie- ſert. Dort erhielt er die Nummer 5647. Von den Symptomen der Hungerkrank- heit gezeichnet, kam er in den Hdftlingstrantenbau. Wieder bei Kräften ühte er vier Jahre lang verschiedene Funktionen aus- vom Nachtwächter zum Lagerdltesten. Am 17. Januar 1945 wurde er in das KZ Mauthausen evaluiert und am 5. Mai von der amerikanischen Armee befreit. Sein Buch ist eine monographische Probe, um die Arbeit des Krantenbaus im KXZ Auschwitz zu schildern. Seine Beschreibungen der Freignisse in einem Hdftlingstruntenbau hasieren au den Beobachtungen eines wahrhaftigen Zeugen anfangs ein Lagerhabenichts Später der Lagerprominenz zugehö— rend. Der Verfasver entlarvt die eigentliche Bestimmung des Krankenbaus, wo der SS Sanitdtsdienst verschiedene Methoden einer Massentötung der Kranken ausprobierte. Er beschreibt in seinem Buch auch die aussergewöhnliche Opfert hereitschaft der Hdftlingsärzte und des Pflegepersonals. Ihnen war es ein Anliegen den tranken Hdftlingen zu helfen. Ehemaliger Auschwitz-Häftling schrieb Brief an Minister Seehofer Angebot zur Hilfe in Kriegsgebieten— Dr. Janus? Mlynarski, in Monheim lebender Mediziner, ehemaliger Auschwitz-Häftling und Mitglied der Lagergemeinschaft, schrieb im Au- gust an Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer einen Brief: Pie grausamen Ereignisse in Jugoslawien und Ruanda verfolge ich mit Entserzen täglich in den Nachrichten. Deshalb möchte ich mich trot? meines Alters(72) zur Hilfe vor Ort zur Verfügung vellen um so mehr, als ich velbst nicht nur als Arẽt, vondern auch als ehemaliger politischer Häft ling des KZ Auschwitz, Not und Flend besser verstehe, als viele andere. Ich hirte hõflichst um Benachrichtigung, falls meine Bewerbung akzeptiert wird.“ Fine Antwort aus dem Ministerium steht bis heute aus. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 31 Eine Berichtigung von Klaus Konrad-Tromsdorf Fin Fehler mit Folgen Den Fehler, um den es hier geht, habe ich zu verantworten. In meinem Bericht Auskünfte über eine Biographie“, veröffentlicht in den Mittei- lungsblãttern vom Juni 1994, in dem ich über eine Geldspende, besser: über den Spender selber, schrieb, habe ich das Datum des deutschen Uberfalls auf Frankreich falsch angegeben. Nicht 1942, wie geschrieben, 1 9 4 0 hätte es lauten müssen. Die Folge: eine Leserin schrieb daraufhin an die Redakti- on, faktische Fehler, so ihr Argument, dürften uns am allerwenigsten unter- laufen. Dem ist nichts hinzuzufügen! Berichtigung und— Entschuldigung— sind also einem interessierten, aufmerksamen und sensibelen Menschen zu verdanken. Danke! Vor 50 Jahren wurde mit dem KZ Maſdanek das erste Vernichtungslager befreit Ein Berg menschlicher Asche. Am 23. Juli 1944 sticßen Soldaten der so- wjetischen und der 1. polnischen Armee zur polnischen Stadt Lublin vor und befrciten das Konzentrationslager Majdanck. Es war das er- ste Vernichtungslager, das die Alliierten er- rcichten, und da der S8 keine Zeit zur Zer- störung der riesigen Anlagen blieb, war die ge- samle Vernichtungsfabrik mit den Gaskammern und Verbrennungsöfen völlig intakt. Befreit wurden etwa 1000 dem Hungertode nahe Häft- linge. Madjanek, das war ein ca. 30 ha umfassendes Gelãnde mit 150 Baracken, getrennt für Männer, Frauen und Kinder, dem Appellplatz mit Galgen, £ den Gaskammern und sieben Verbrennungsöfen. Mit den das Lager befreienden Soldaten kam der Schriftsteller Konstantin Simonov. In seinen Kriegstagebüchern hat er versucht, das Unvor- stellbare festzuhalten. Er habe Tag und Nacht notiert, dabei immer in dem Gefühl, er könne angesichts des Grauens verrückt werden:„Die Gaskammern— quadratischer Raum 66 Meter: hermeusch verschließbare Stahltür; ein Guck- loch in Kopfhöhe. Die nackten Menschen muß- len dichigedrängt in der großen Kammer stehen, so vollgepfercht, daß die Toten nicht umfielen. Die Baracke mit dem Schuhwerk.. Die Last hat ein Stück Wand eingedrückt. Wie viele? Viel- leicht eine Million. Das Schrecklichste: zehntau- sende Kinderschuhe.“ Nach der Befreiung haben polnische Gerichte 108 SS-Angehörige— aus einer Gesamtzahl von 1037 Majdanck-Bewachern— verurteilt, unter ihnen drei chemalige Lagerkommandanten?um Tode. Die Mehrzahl dieser Verbrecher gegen die Menschlichkeit war jedoch in der BRD un- tergetaucht. Und dort geschah bis 1965— 2wei Jahrzehnte lang— faktisch nichts. Zwar wurde gegen 358 Personen ermittelt, aber die Verfah- ren gegen 59 Personen sukzessive eingestellt. Währenddessen wurden weitere Amnestiegeset- ze im Bundestag durchgedrückt. Schließlich kam es nach 30(1) Jahren im November 1975 in Düsseldorf zum Prozeß gegen 15 Bewacher des chemaligen KZ der Waffen-SS-Lublin- Majdanek. Das Verfahren ist in die Justizge- schichte der BRD mit seiner Kette von Skanda- len eingegangen: Es wurde mit 474 Verhandlungstagen zum längsten(und teuersten) Prozeß in der Ge- schichte der BRD: — Die Angeklagten— sämtlich des 100 fachen Mordes beschuldigt— befanden sich auf freiem Fuß; es bestand— wohin sollten sie auch ent- weichen?— angeblich keine Fluchtgefahr! — Ein Anwalt erdreistete sich, den Sachver- ständigen Dr. Scheffler abzulehnen, weil ein Betreuer von dessen Doktorarbeit einen jüdi- schen Namen hatte. Der Prozeß endete mit nur einer lebenslangen Frciheitsstrafe; selbst der Lagerführer Hack- mann kam mit einer Zeithaftstrafe davon. Zu den Freigesprochenen gehörte der KZLager- arzt Schmidt, dem nicht genügend Einzeltaten nachzuweisen waren, vermutlich, weil keines seiner Opfer überlebie. 82 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Wirklich nur Systemkritiker? hurer Vnismus oder eher der Lldgliche Weruch, deutschem Ungeist in hlumper Manier einen Pemilschein auszustellen indem Menchenveruchtung in das Gewand allgemeiner Sstemkritit gehiillt wirdꝰ Has renommierte Alensbucher Institut für Pemostopie pròsentierte jetzt das Er- gehnis einer großen Antisemitismusstudie. Demnach ist die udenfeindschaft in Deuschlund weniger verbreitet denn je Herrlich, nicht wahr? Doch das, was da als Ceiner Triumph wider rechtem Gedankengut gefeiert wind, entpuppt vich hei ndherem Hinehen eher als Faustschlag in das Gesicht moralischer Kedlichkeit. Und das aus einfachem Grund. Die Allensbacher Demostopen erddren ndmlich die Ursache ſür antijidische Ar- Lumenlationen— vor allem, wenn vie von Jugendlichen vorgebracht werden— als Ausdruck allgemeiner Unzuriedenheit Antisemitismus vei eines der wenigen Felden wo man die deutsche Gesellochaft heute noch provozieren Kann.“ Redet man auj diese Weise nicht der rechten und bruunen Szene das Wortꝰ elleicht denkt igendwunn einmal einer der rar gesdten Extremistenschlaukòpfe diese Ertlãrung Kosequent logisch weiter Dann Lãme er mõglicherweise zu dem Er- gehnis, die heutigen Antisemiten geien ja gur keine Antisemiten in der ursprünglichen Bedeutung des Wores, sondern einfach nur eine besondere Spezies von Mremkriti- Lern. Fine Argumentation, die natürlich von anderen politischen Extremisten in ihrer Ha auf Ausldnden Andersdenkende, Andersgldubige und Minderheiten bernommen werden kõnnte. Diesen jeder Beschreibung Portenden Ertldrung setzen die Allenshacher Experten Zuguterletæt noch eine Kmone auf Es vtellt vich ndmlich heruus, daß der Antisemitis- mus in eutschland auf seinem von Demoskopenhand ausgewiesenen Nefpunkt im- mer noch Sutte 15 Prozent hetrdgt Die Meinungorscher rechnen von diesem noch acht Prozent zum Sogenannten Marten Kem“ Diese Zahlen lassen sich nicht— wie versucht— mit einem Vergleich aus dem Jahr 7949 Schönreden. Damals wur jeder dritte Deutsche, vo Sellen die Allensbacher her- aus, aurund nachklingender nationalsozialistischer Indoktrination antijidisch ein- gestellt. 15 Prozent Menschenverachter bleiben aber nun einmal I5 Prozent. So oder S0. Elmar Ries aus. Aufhau, 30. Sept., New Vork 1994 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Redaktion: Hans Hirschmann, Hermann Reineck Mitarbeiter: Anni Roßmann-Reineck, Matthias Tiessen, Diethardt Stamm, Ariana Enders Auflage: 2000 Fxemplare * — Wenn Sie sich um Ihre Einzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Postgebühren Mindestbeitrag: 60 DMjährlich Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monatlich[Q balbjährlich 5 DM einverstanden [Q viertehãhrlich[ jährlich Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto-Nr. Bankleitzahl Datum Unterschrift Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V., 35516 Münzenberg, Schillerstraße 18 Der Verein ist als gemeinnũtzig anerkannt. Die Beiträge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50-60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn.. 27 Neue Anschrift S Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. aUsctwrfz Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33 /6 01 68 Sparkasse Wetterau(BLZ 518 500 79) Konto-Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664-608 Beitrittserklärung Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf S Häftling im KZ Auschwitz vom bis Häftl.- Nr. S Hãftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. S Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings Hãftl. Nr. Q Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen U HELFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIED IM FREUNDESKREIS Farbkarte 613 AET AUSCHWTZ ERR AUSCHWTAER n Vernichtungslager Birkenau der Aufstand den Krematorien statt. Die Häftlinge des die Leichen der Ermordeten aus den Gas- Ofen oder auf Scheiterhaufen verbrennen. Mitteilungsblatt Oktober 1994