LAGERGEMEINSCHAETAUSCHWITL FREUNDESKREIS DER AUSCHWITAZER 14. Jahrgang, Heft 2 Mitteilungsblatt Juni 1994 Inhaltsverzeichnis Unser monatlicher Treffpunkt 1 Studienfahrt nach Polen im Herbst 2 Als Willy dem Führer die Post stahl 4 8 Ausstellung'Frauen im Konzentrationslager? Videos und Bücher 14 6 Wider Fremdenhaß und Rechtsextremismus 18 Fine Spende aus New Vork F Bericht von der Studienfahrt 20 Fine Diskussion zu'Schindlers Liste' 23 Bilder von Stanislav Tak-Kaminiski 27 Studienfahrten des Vereins IMPULS 28 Geburtstagsgrüße 30 Bericht von der IAK-Sitzung in Wien 31 IMPRESSUM: 6. Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Redaktion: Hans Hirschmann, Hermann Reineck Mitarbeiter: Klaus Konrad-Tromsdorf, Folker Behrens, Anni Rossmann-Reineck, Ariana Enders Fotos: Devakaur Wade, Michael Wagner, Hans Hirschmann Auflage: 2000 Hxemplare Leider konnte dieses Ausgabe des Mitteilungsblatt nicht wie vorgese- hen in der letzten Juniwoche versandt werden. Unsere Druckerei bekam neue Maschinen, die nicht fristgemäß geliefert und montiert wurden, so daß erst im Juli gedruckt werden konnte. Wir hoffen, daß durch den Poststreik die Auslieferung nicht noch weiter hinauszögert wird und bitten um Verstãndnis. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer im (Nãhe Oper) am Mitwoch, den 6. Juli im August: Sommerpause mann? ber Neuengamme Gemeindehaus der ev. St. Katharinengemeinde, Leerbachstraße 18 in Frankfurt am Main jeweils um 19.30 Uhr „ unsere Planungen für 9d/95 am Mittwoch, den 7. September „Die Jüdin und der Haupt- am Mittwoch, den 5. Oktober Gesprãchsabend mit ehemali- gen Auschwitz-Hãftingen am Mitt/och, den 2. November Rilm von Thomas Mitscherlich Die Jüdin aus Nidda und der SS-Hauptmann Als 17 jährige wird Ilse Stein aus Geiß-Nidda im Wetteraukreis 1941 in das Getto von Minsk deportiert. Der SSHauptmann Willi Schulz verliebt sich dort in sie, und 1943 gelingt bei- den die Flucht. Das Schicksal Ilse Steins wurde von Johannes Winter recherchiert und in seinem Buch„Herzanschläge— Er- mittlungen über das Verschwinden von Juden, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus dem Dorf“ (Frankfurt 1993) veröffentlicht. Der Regisseur UIf von Meechow ist zu Ilse Stein in die russische Stadt Rostow gefahren und hat den Dokumentar- film„Die Jüdin und der Hauptmann' gedreht, der in der ARD zu sehen war. Wir wollen bei unserem Treffen am 7. September die 60 minütige Vie- deoaufzeichnung zeigen. Als Gäste zur Diskussion sind angefragt Johan- nes Winter, Ulf von Meechow sowie Lilli Born, eine Schulfreundin von Ilse Stein. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Auf den Spuren des Nationalsozialismus Bina Man muß Auschwitz sehen(..) ich habe erwurtet, daß das emotionale Erlehnis an meiner Meinung über Auschwitz nichts dndern würde. Das stimm- re nicht, ich habe mich ausschließlich auf mich orientiert, das Thema hlieb im Hintergrund. Steffi Jch möchte gerne mit meinen Kindern über Auschwitz reden,„eind Eltern vind erstdurch unsere Vorbereitung diskussionsbereitgeworden. Ulrike Daß es ein Wagnis ist, vich diesem Mahnmal der Geschichte auszu- setzen, bestreite ich nicht. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen möchte ich(ſaber) jedem Mut machen, das Wagnis einzugehen, nach Auschwitz zu fahren. 12tägige Fahrt nach Auschwitz und Krakow vom 17. bis 28. Oktober Studien- und Bildungsreise nach Polen Das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz sowie die Städte Oswiecim und Krakow sind Ziel unserer zweiten Studien- und Bil- dungsreise in diesem Jahr. Der zwölftägige Besuch in Polen findet in den Herbstferien des Landes Hessen statt. Der Kleinbus startet am Montag, den 17. Oktober(am Tag nach der Bundestagswahl), in Frankfurt. Die Rückreise erfolgt am Freitag, den 28. Oktober. Auf der Hin- wie auch auf der Rückfahrt wird in der polnischen Gren?sta Zgorzelec(nur durch die Neiße vom deutschen Görlit? getrennt) übernachtet. Die Unterbringung erfolgt hier wie auch später in Krakow privat bei ehemali- gen Häftlingen und ihren Familien. In Auschwitz selbst wird die Reisegruppe im Lagerhotel wohnen. Aber auch hier stehen Zusammenkünfte und Gesprä- che mit ehemaligen Häftlingen auf dem Programm. Vorgesehen sind natürlich Führungen durch das Stammlager sowie über das Gelände von Birkenau, das als Auschwitz II zum Vernichtungslager ausgebaut wurde Während dem mehrtägigen Aufenthalt in Auschwitz sind desweiteren Vorführungen von Filmen, Gesprächstermine mit Mitarbeitern der Gedenk- Stätte sowie ehemaligen Inhaftierten, Studien im Archiv oder den Museumsab- teilungen und unter Umständen Beteiligung an den Renovierungs und Erhal- tungsarbeiten im Lager möglich. Außerdem ist eine Besichtigung der Stadt Oswiecim vorgesehen.— Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer. 2eulac. Qnd 2cokxetec S 0 6 PavAr* 7 * ℳ — — — ₰ CC—.. , 0 20. Zad ore ke 3,, . . ,, Das nächste Ziel der Studienfahrt ist dann Krakow, die alte polnische Königsstadt, die im Krieg relativ unzerstört blieb(die Besatzung der Deut- Schen Wehrmacht hatten zwar die Minen zur Sprengung von Brücken, Straßen und auch historischer Gebäude schon gelegt, floh aber dann aufgrund des überraschend schnellen Vorrückens der Roten Armee, ohne die Sprengung vornehmen zu können). Die Stadtführung, unter anderem durch den ehemals jüdischen Stadtteil Kazimierz sowie die Neuansiedlung Nova Huta, werden Bekannte der Lagergemeinschaft übernehmen. Natürlich bleibt hier wie auch in Auschwitz für die Teilnehmer der Fahrt noch hinreichend Zeit zur freien Gestaltung. REISEROUTE Frankfurt am Main- Zgorzelec- Auschwit?z- Krakow Zgorzelec-Frankfurt am Main. Die Fahrt erfolgt mit einem Kleinbus. Es können maximal 25 Personen mit- fahren. Alle benötigen einen bei Antritt der Reise noch mindestens 6 Monate gültigen Reisepaß. 5 Unsere Studienfahrten können für Arbeitnehmer als Bildungsurlaub und ür Lehrer als Lehrerfortbildungsreise anerkannt werden. UNTERKUNFT und VvERPFLEGUNG6: Wohnen werden wir, wie bereits erwähnt, im Lagerhotel sowie bei Familien ehemaliger Häftlinge. Führungen und Eintrittsgelder sind im Preis enthalten. Fin Termin für ein Vorbereitungstreffen muß noch vereinbart werden. REISEPREIS: voraussichtlich 980 Mark. ANMELDUN6G an: Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer, Schillerstraße 18 in 35516 Münzenberg 1, Telefon 06033 60168. Uberweisungen werden auf das Konto für*Studienreisen“: Sparkasse Wetter- au(BLZ 5 18 500 79), Konto-Nr. 0 020 000 660. erbeten. Eventuelle Anderungen vorbehalten. N — Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Ein Widerstandskämpfer und Briefe ganz gewöhnlicher Nazis Als Willy dem Führer die Post stahl Der US-Amerikaner William C. Emker erinnert sich:„Im Jahre 1912 in Frankfurt geboren, da wurde an mei- ner Wiege nicht gesungen, daß ich mal unter einem anderen Namen in den Vereinigten Staaten leben würde, und daß ein schwarzer Enkel, ein Afro-Amerikaner, wie man heutzuta- ge die Schwarzen nennt, diesen Na- men für zukünftige Geschlechter weitergeben wird.“ Dieser Satz steht auf der ersten Seite seiner Lebensge- S „Zwischen den Welten- Autobiogra- phie des Antifaschisten Willy Fuk- ker“ 1993 von Helmut Ushöfer her- ausgegeben wurde. Im Mai waren William und Irene Emker sowie Helmut Ulshöfer bei ein- em Monatstreffen der Lagergemein- schaft/Freundeskreis zu Gast. Willy Emker hatte nach Kriegsende in Ber- lin in den Trümmern der Reichskanz- Willy Emker(stehend) zu Gast hei der Lagergemeinschaft in Franhfurt. lei meherere Tausend Briefe gefunden und vor der Verwitterung und Ver- rottung in Sicherheit gebracht.(Siehe Mitteilungsblatt vom März 1994,§. 2) Seit einigen Jahren wertet der gebür- tige Frankfurter zusammen mit dem Soziologen Helmut Ulshöfer die Bri fe aus. Mit dem wiederum von Hel- mut Ulshöfer herausgegeben Band „Liebesbriefe an Adolf Hitler-Briefe in den Tod' wurde mittlerweile ein erster Teil publiziert. Briefe von Hinz und Kunz Die von Emker aufbewahrten Pa- piere umfassen„Briefe von verliebten Frauen, die sich nach dem Führer verzehren, von Denunzianten, die ih- re Nachbarn anschwärzen, von Schul- jungen, die an der Front fürs Vater- land sterben wollen, von Ministerial- dirigenten, die Ratschläge zur Juden- vernichtung geben, von besorgten Mütterchen, die dem Führer warme Am Tisch Emil Carlebach und Jrene Emker. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Strümpfe stricken möchten, von Hin?z und Kunz, Marie und Otto, Heinrich und Erna“, wie Cathrin Kahlweit vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung beschrieb(„Als Willy dem Führer die Poststahl' in SZvom 11. Juni 1994). Der von Ulshöfer zusammengestell- te Dokumentenband enthält in einem Kapitel auch Liebesbriefe von Frau- 6 die durch ihre Schreiberei an Hit- er massiv unter Druck gesetzt wur- den. In einigen Fällen ist nachweisbar. daß sie in Heil- und Pflegeanstalten eingewiesen wurden,„vo wo aus der Weg in das Buthanasieprogramm nicht weit war?, so Ulshöfer; deshalb auch der zweite Teil des Titels Briefe in den Tod“. Dokumente auf dem Speicher Die Briefe wurden von Willy Em- ker mehr als 30 Jahre nur wenig beachtet und lagerten zumeist auf dem Speicher seines Hauses in Los Angeles. Erst nachdem er sein Berufs- leben beendet hatte, dachte er an eine Auswertung.„Doch es war mehr als nur Zeitmangel, der den ehemaligen Widerstandskãmpfer die Papiere so lange Zeit nicht anrühren ließ: Er brauchte Abstand zu den Zeugnissen iner Zeit, die für ihn Zuchthaus und Lager, Zwangsarbeit und den Verlust vieler Freunde bedeutete“, beschreibt Cathrin Kahlweit in ihrem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Willy Emker war 1946 als Mitarbei- ter des amerikanischen Geheimdien- stes Oss(Office of Strategic Servies) nach Berlin gekommen und hatte durch Zufall die Dokumente in den Ruinen der Reichskanzlei entdeckt. Da sich niemand für sie interessierte, trug er sie in seiner Aktentasche in seine Unterkunft und nahm sie später bei der Auswanderung mit in die USA. Er wollte nicht unter den Deut- Lieher Adi“ Du wirst gewiß etwas Sehn- SMcht nach mir haben. Jch will Dir zum Zeichen meiner Liehe wieder ein Bild Senden... Ich bin manchmal sehr traurig. Den 23. VII. fahre ich nach mei- ner Heimat. Du warst ja auch schon in Karlsbad. Ich werde von dort õfters an Dich denken. Dein süßes Luderchen, innige Küsse. Dein Ritschi schen leben, denen er nicht traute. Sie hatten ihn zuviel geschlagen, und er hatte sie als überzeugte Nazis erlebt. Widerstand gegen die Nazis 1933 war Willy Eucker, wie der als Wilhelm Karl Eucker getaufte Frank- furter von Eltern und Freunden geru- fen wurde, arbeitslos. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung hatte ihn auch eine kurze Zeit als erfolgrei- cher Vertreter nicht vor dem Los von Millionen anderer Opfer der Welt- 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wirtschaftskrise geschützt. Auf dem Arbeitsamt kam er, der sich früher nie mit Politik beschäftigt hatte, 1931 mit jungen Kommunisten näher in Kontakt. Sie überzeugen ihn davon, Widerstand gegen die Nazis zu lei- sten. Auch in seiner Autobiographie ver- hehlt er seine Sympathien„für die Idee des Kommunismus'? nicht, ob— wohl er nie Mitglied einer Partei war. Er gedenkt auch in Hochachtung vie- ler Kommunisten, die er als Insasse des Lagers sowie später als Mitglied der Internationalen Brigaden im spa- nischen Bürgerkrieg kennengelernt hatte. Der Parteidiktatur der sich als Sozialistisch ausgebenden Staaten bringt er dagegen keinerlei Verständ- nis entgegen. Willy Fucker betrieb unter ande- rem zur Tarnung einer Widerstands- gruppe eine Bäckerei in Bockenheim, in deren Hinterzimmer Flugblätter gedruckt werden. Als die Gruppe durch Verrat auffliegt, wird er im September 1933 von der Gestapo ver- haftet. Rückblickend empfindet es Willy Emker als Glück, daß er so früh Verfol- — . William C. Emker mit Seinem Enkel Terry im Jahr 1957 gungssystem, mit dem die Nazis ihre Gegner ausschalteten, war noch nicht so perfekt durchorganisiert. Willy EFucker wurde„nur? zu 18 Monate Ge- fängnisstrafe verurteilt, die er zuerst im Zuchthaus Hameln und dann als einer der„Moorsoldaten' in einem der Emslandlager absaß. 1935 wird er tatsäãchlich entlassen; wenig später blieben die politischen Gefangene fast alle nach Verbüßung ihrer gentlichen Strafzeit weiter in soge- nannter„Schutzhaft' inhaftiert. In Spanien und den USA Willy Eucker geht 1937 als Sanitäter der Internationalen Brigaden nach Spanien, pater it e „feindlicher Ausländer“ erst in Frankreich in einem Internierungsla- ger, kommt danach 1940 als Flücht- ling nach Marokko, leistet Zwangsar- beit an der transsaharischen Fisen- bahn und am Staudamm Qued-er- Rbia. Endlich kommt er frei, tritt als deutscher Antifaschist in die Reihen des Geheimdienstes OSS und kehrt so nach Deutschland zurück. Er wanderte schließlich in die USA aus, heiratet seine Frau Irene, die aus Berlin stammt, und beide bauten ein eigene Fir auf. 1978 ver- kauften sie ih- re Firma und gingen in den Ruhestand. In Würdigung seines Wider- standes gegen die Nazi-Dik- tatur erhielt er in Frankfurt die Johanna- Kirchner-Me- daille. Hans Hirschmann Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 7 leben unterm Hakenkreuz Ein Widerstandskãmpfer und die Dokumente ganz gewnnlicher Nazis Als Willy dem Führer die Post Stahl Begegnung mit einem Emigranten, der aus den Trümmern der Reichskanzlei private Briefe an Hitler barg- und was die Spurensuche heute noch zutage fõrdert e 2eche ſ e nec en he 7a7 den eMi. Feln un nℳ eln. ℳ 4 ℳn Ceebher führer 1 47 ℳe meſde n 24 rAen, 4 ℳ mℳ enrehozenabe de n a nℳ ven Je Heſney Fælee dey Lefhu„enenehe AreUy m A h Fnra hꝛ meſne Letens z4 enen. een Herzen an n e e O e Hen H Jebender, 7n Vree eredener Pener qC SCHWKRMER, BANATIKER, DENUNZIANTEN. Faksimile eines der Tau- senden von persönlichen Schreiben an Adolf Hitler, die der Widerstands- kämpfer Willy Emker 1946 in den Ruinen der Berliner Reichskanzler fand. Foto: Süddeutsche Zeitung vom 11. Juni 1094. Auf der Seite 3 ist dort auch ein ausführlicher Artikel von Cathrin Kahlweit über Willy Emker und die Briefe erschienen.) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer die togesꝛeitung N freitog 17 uni 1994 „Mlles Menschliche uui Mull reduziert“ Gegen die Tradition von Nummern und Namenslisten/ Die Ausstellung Frauen in Konentrationslagern? zeigt, daß auch Opfer ein Geschlecht haben Bergen-Belsen: Kiefern, Bir- ken, Heidekraut. Direkt vor dem Lagergelände säumen Kasernen die Straße, abgesichert mit Sta- cheldraht und großformatigen Warntafeln„Achtung, Wach- hunde im Einsatz!“ Ausgespro- chen klein und diskret dagegen sind die Hinweisschilder, die den Weg zum Konzentrationslager weisen. Freundlich neutral be- zeichnen sie es als Gedenkstätte“. „Wir nannten Auschwitz das Vernichtungslager und Bergen- Belsen das Verreckungslager“— Erinnerungen von Margot Vetro- cova, die beide Höllen überlebte. Sie und andere ehemalige Insassin- nen aus Bergen-Belsen und Ra- vensbrück kommen in der Ausstel- lung„Frauen in Konzentrationsla- gern“ zu Wort. Sie durchbrechen die Vberlieferung der Opfer als ge- sichts- und geschlechtslose Masse. Und sie verweisen auf ein Ver- Sãumnis der deutschen Nationalso- Zialismusforschung, die lange Zeit inhaftierte Frauen als zu vernach- lãssigende Größe betrachtet hat. N Von Sonju Schock und Udo buschendoriy Sie wurden quasi als Anhängsel behandelt; Erkenntnisse über die Situation männlicher Häftlinge wurden unhinterfragt auf die Frauen übertragen. Daß aber die verfolgten Frauen allein nume- risch betrãchtet keine zu vernach- lãssigende Grõße sind, hat die So- ziologin Gudrun Schwarz in ihrer Arbeit über„Die nationalsozia- listischen Lager“ eindrucksvoll herausgearbeitet. Sie fand heraus, daß mehr als ein Viertel der unge- fähr 1.200 nationalsozialistischen Lager reine Frauenlager waren. In Bergen-Belsen wurde erst im August 1944 ein Frauenlager ein- gérichtet. Die ersten Frauen waren polnische Zivilistinnen, die nach dem Warschauer Aufstand nach Deutschland deportiert wurden. Es folgten Jüdinnen, Sinti und Roma und Widerstandskämpfe- rinnen aus fast allen europãischen Ländern. Viele waren von Auschwitz aus als Arbeitskräfte nach Bergen-Belsen gebracht wor- Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Violetle Lecoq uus, Zeugnisse“ Zeichungen aus Ravenshrüch den und erlebten dort eine ganz an- dere Variante des Massenmordes. Obwohl in dem Heidelager nicht Systematisch durch Gas oder Er- chießungen getõtet wurde, gilt das Z als Vernichtungslager. Hier wurde durch unterlassene Hilfelei- stung gemordet, starben die Men- schen zu Zehntausenden an Unter- ernährung, Krankheiten, Erschöp- fung, an den Schikanen des Wach- personals und den katastrophalen hygienischen Bedingungen. Als die Briten das Lager im Frühjahr 1945 befreiten, hatten sich Typhus, Fleckfieber und Ungeziefer derart verbreitet, daß sãmtliche Baracken niedergebrannt werden mußten. Allein zwischen Februar und April 1945 waren 34.000 Menschen den unmenschlichen Verhãältnissen zum Opfer gefallen. Auf deren Sterben verweisen heute nur noch einige Hügel: Mas- sengräber, an denen Steintafeln die Zahl der Toten angeben. Fin paar symbolische Grabsteine wir- ken verloren auf der freien Fãche. Die Landschaft verbirgt die Ge- schichte, einer Grabinschrift zum Trotz, die fordert, daß die Erde das Blut, das auf ihr vergossen wurde, nicht verdecken mõge. Auch das Modell des Konzentrationslagers 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer im angrenzenden Dokumentati- onszentrum, das in die Ausstellung integriert und durch geschlechts- Spezifische Angaben erweitert wurde, führt in die Irre. Es vermit- telt einen sauberen und aufge- rãumten Eindruck, der im direkten Gegensatz zu den Aussagen der Uberlebenden steht. Der zweite Teil der Ausstellung konfrontiert die Besucherlnnen mit den Biographien und Fotos dieser Frauen. Sie verbergen sich in grauen, lebensgroßen und nur halb aufgeklappten Leinwand- etuis. Von außen sehen die Behãlt- nisse alle gleich aus. Innen offen- bart sich ein jeweils individuelles Schicksal. Die Form der Präsenta- tion ist Verweis auf die doppelte Verneinung von Identität: erst durch die Nationalsozialisten und später durch die nachkriegsdeut- Sche Praxis, die Opfer als Leichen- berge und Zahlenkolonnen wahr- zunehmen. Die Zerstõrung des In- dividuums war integrativer Be- standteil des Terrorregimes, vom willkürlichen Entzug der Bürger- rechte bis zur völligen Isolation und stãndigen Erniedrigung in den Lagern. Dazu gehörte auch die Ni- vellierung äußerer Unterschei- dungsmerkmale, die gerade von den Frauen als besonders schmerz- haft empfunden wurde:„Wahr- scheinlich war das Abrasieren der Haare doch letzten Endes das PTraumatischste. Man fühlt sich vollkommen nackt, verwundbar und zu einem absoluten NIE- MAND reduziert“, erinnert sich eine ehemalige Insassin. Wieder andere berichten, was es bedeutet, sich nicht waschen und pflegen zu können, statt dessen verlaust un mit vollgeschissenen Hosen im ei- genen Dreck vegetieren zu müs- sen. Fotos, kurz nach der Befreiung aufgenommen, illustrieren diese Aussagen im dritten Teil der Aus- stellung. Auch auf ihnen haben die Opfer Gesichter: zerschlagene, kranke, abgemagerte, verdreckte Frauen, denen in einigen Fällen— und das ist vielleicht das Erstaun- lichste— sogar ein Lächeln gelingt. Frauen, die sich zum Kartoffel⸗ schälen zusammengesetzt haben, wenige Meter hinter ihnen ein Lei- chenberg: EFinblicke in den Zu- stand der võlligen verwahrlosungW in dem sich das Lager Bergen-Bel- sen in den letzten Monaten vor der Befreiung befunden hatte. Die Le- bensbedingungen führten letztlich zu Ich-Verlust und Apathie:„Ich möchte gern irgend etwas Ange- nehmes und Asthetisches fühlen, hohe zarte Gefühle erwecken, würdiges Empfinden. Es ist schwer. Ich strenge meine Vorstel- lungskraft an, aber es geht nicht. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Unsere Existenz hat etwas Tieri- sches, Grausames an sich. Alles Menschliche ist auf Null redu- ziert“, beschreibt Hanna Levy- Hass in ihrem Lagertagebuch die- sen fortschreitenden Desintegrati- onsprozeß. Für die Aufseherlnnen waren die Frauen Nummern, sy- Stematisch wurden sie 80 Hannah Ghrendt„auf den kleinsten ge- meinsamen Nenner organischen Lebens zurückgeführt“. In der Ausstellung wird dies durch ein Lahlenquadrat versinnbildlicht, das das rãumliche Zentrum des an- gedeuteten Lagers bildet. Zwi- schen den einzelnen Ausstellungs- elementen muß es überschritten werden, knarrend erinnern die höl- Zernen Zahlenplatten immer wie- der an den Prozeß der Entmensch- lichung. Als Kontrast fungieren die Leinwandkästen, die individuelle Biographien aus der Anonymität von Nummern und Namenslisten herausholen. Fotos aus der Zeit vor und nach der Inhaftierung ma- chen deutlich, daß die Lagerhaft lediglich ein Element der Lebens- läufe ist, daß es— zumindest für diese Frauen— nicht nur ein Vor- her, sondern vor allem auch ein Nachher gibt. Sie sind keine Toten, derer man aus der Ferne gedenken kann, sondern Uberlebende, die die Realitãt des Lagers in die Rea- Bergen-Belsen kurz nach der Befreiung 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer lität der Gegenwart tragen. Und sie thematisieren die stãndige Prã- senz der Vergangenheit. Für sie ge- sellt sich zu den Versehrungen, die sie davongetragen haben, die nach- kriegsdeutsche Ignoranz, die ihnen eine Auseinandersetzung mit die- sem Teil der Vergangenheit er- schwert. Wie wichtig sie für die Opfer ist, dokumentiert ein Brief von Margot Vetrocova, den sie 1988 nach einem Aufenthalt in Bergen-Belsen an ihre deutsche Gastgeberin geschrieben hat:„Un- erklärlich ist, daß die Eindrücke des 17. April 1988 aus meinem Unterbewußtsein' das Quãlendste verwischt haben. Nur die verstan- desmãßig lenkbaren Erinnerungen sind geblieben. Aber das scheint niemand zu verstehen. Uberhaupt habe ich das Bedürfnis, meine Fin- drũcke und Gedanken mit anderen zu diskutieren und bin da ziemlich allein gelassen.“ Für die Opfer bieten Gedenk- stätten wie die in Ravensbrück die Möglichkeit, das erlittene Leid nachträglich an einem konkreten Ort festzumachen und es darüber als Teil der eigenen Lebensge- schichte, über die sie sich mitteilen können, zu akzeptieren. Die nega- tive Macht der Frinnerung läßt sich so zumindest entschärfen. Auch für die Täterlnnen und ihre Nachkommen könnten die Stätten Anstoß sein, diesen Bestandteil der deutschen Geschichte als„ne- gatives Pigentum“ anzunehmen. Ein Blick in das Besucherlnnen- buch der Ausstellung zeigt, wie weit die Deutschen offenbar davon noch entfernt sind. Das hilflos ge- betsmühlenhaft wiederholte„nie wieder? verweist auf die Flachheit deutschen Gedenkens. Statt sich den Opfern anzunä- hern und genau hinzuschauen, hat man sich hierzulande jahrzehnte- lang darauf beschränkt, abstrakte Fakten zu sammeln und die Schul- klassen mit Leichenbergen zu trak- tieren. Dadurch wurde die Tradi- tion der Nihilierung fortgesetzt, wurden die Opfer in die endgültige Anonymitãt verbannt. Einen diffe- renzierenden Blick hat man höch- stens dort gewagt, wo es galt, die Psychologie der Täterlnnen zu durchleuchten. Das gilt auch für die feministische Nationalsozialis- musforschung. Abgesehen von ei- nigen Arbeiten über Widerstands- kämpferinnen— Frauen, die sich nicht zuletzt zur Identifikation an- boten—, wurde den Verfolgten kaum Beachtung geschenkt. Statt dessen konzentrierten sich die Un- tersuchungen der 70er und frühen 80er Jahre auf die Schicksale der Mitlãuferinnen und Mittãterinnen, die dann schließlich auch als Täte- rinnen benannt wurden. Erst in Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundeskreis der Auschwitzer 13 den letzten Jahren ist auch der Op- ferforschung bewußt geworden, daß es wichtig ist, die Opfer unter anderem nach ihrem Geschlecht zu unterscheiden. Offenbar hat die deutsche Forschung erst jetzt, knapp 50 Jahre später, die Not- wendigkeit erkannt, den Opfern Qns Gesicht zu sehen Die Ausstel- lung„Frauen und Konzentrations- lager“, die aus einem historischen Seminar der VUniversitãt Hannover hervorgegangen ist, ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Die Ausstellung ist bis zum 8. Juli im K?Z Ber- gen·Belben, tãglich zwischen 9 und 18 Uhr?u besichtigen. Das Foto und die Zeichnung ent- stammen dem überaus informativen und sorgfãltig editierten Begleitband zur Ausstel- lung Claus Füllberg-Stolberg(Hrsg.) Frauen in Konzentrationslagern“, Edition Temmen, 34 DM. Zum Weiterlesen: Hanna Levy-Hass: Vielleicht war das alles erst der Anfang, Tagebuch aus dem K?Z Ber- gen Belsen“ Rotbuch, 12 PM Dachauer Hefte“(3), Frauen— Verfolgung und Widerstand, 22 DM Gudrun Schwarz„Die nationalsozialisti- schen Lager“ Campus, 38 DM „Kurz nachdem die British Red Cross Service Teams Bergen-Belsen erreicht hatten, kam auch eine große Ladung Lippenstifte an. Das war über- haupt nicht, was wir benötigten; uns fehlten tausend andere Dinge sehr dringend, und ich weiß nicht, wer Lippenstifte an- gefordert hatte. Ich gäbe etwas darum, herauszufinden, wer sie bestellte: Es war eine geniale Tat, sSchlichtweg brillant. Ich glaube, nichts half den Internier- ten mehr als diese Lippenstifte. Frauen lagen ohne Nachthemd in Betten ohne Laken, aber mit roten Lippen. Sie liefen umher mit nichts als einer Decke über den Schultern, aber mit roten Lippen. Ich sah eine tote Frau, aufgebahrt auf dem Sterbebett, die in ihren Händen einen Lip- penstift umldammerthielt. Verstehen Sie, was ich meine? Endlich hatte jemand etwas ge- tan, um sie wieder zu Individuen zu machen. Sie waren jemand- nicht länger bloß eine eintäto- wierte Nummer. Endlich konn- ten sie sich wieder für ihre Er- Scheinung interessieren— diese Lippenstifte gaben ihnen ihre Menschlichkeit wieder.“ Lieutenant-Colonel M. W. Gronin, Kommandeur der britischen Sanitäts- einheit, die ab April 45 für die Versor- gung und Evakuierung der Kranken verantwortlich war. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Serviceleistungen der Lagergemeinschaft- Freundeskreis Ausstellungen, Videos und Bücher Die Gegenwart von Auschwitz »Die Gegenwart von Auschwitz*“ lautet der Titel einer Plakatmappe mit Fotografien von Henning Langenheim und Peter Liedtke auf die wir im Mit- teilungsblatt vom September 1993 hingewiesen haben. Kommentiert werden die Aufnahmen unter anderem mit Texten von Primo Levi, Jean Amery, Tibor Wolt. Rudolf Vrba und Ruth Klüger. 6 Erhältlich ist die Plakatmappe weiterhin beim Förderverein Fritz-Bauer- Institut in Frankfurt, Telefon 0690—212 376 13 oder 212 376 15. Die Lagergemein- schaft-Freundeskreis hat ein Exemplar der Mappe mittlerweile erworben und die insgesamt 20 Fotografien auf festen Karton aufgezogen. Wir leihen die so, sehr gut für Ausstellungen präparierte Mappe gerne gegen eine Spende aus. Anfragen und Reservierungen sind über die Geschäftsstelle in Münzenberg möglich. Jugend-Konzentrationslager Auf die gleiche Weise präperiert werden zur Zeit die Tafeln der Ausstellung zu den Jugend-Konzentrationslagern Moringen und Uckermark. Auch sie können dann ausgeliehen werden. Die Ausstellung wurde unter dem Titel'Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ von der Lagergemeinschaft und Gedenkstãtteninitiative KZ Moringen, unterstützt von der Hans-Böckler- Stiftung, erstellt. Postalisch ist die Gedenkstãtteninitiative über das Postfach 11 68 in 37183 Moringen zu erreichen. Video-Film Rechte Zeiten' und Bücher Die neue Kopien des Video-Films Rechte Zeiten“(iehe Mitteilungsblatt vom Dezember 1992) sind weiterhin gegen eine Spende von 20 Mark erhältlich. Viele Bücher des Verlags des Museums Oswiencim sind zwar in deutscher Sprache erschienen, aber hier in Deutschland nur schwer erhältlich. Bei unse rer letzten Studienfahrt über Ostern brachten die Teilnehmer eine größere Anzahl von folgenden Titeln mit: 1. Auschwitz in den Augen der S8 2. Finen Band mit Auschwitz-Gedichten 3. Den Bildband:'Auschwitz- Stimmen aus der Tiefe“ d. Simha Noar: Als Krankengymnastin in Auschwitz 5. Tadeus? Borowski: Bei uns in Auschwitz(Neuauflage von 1991) 6. Jozef Mars?alek: Majdanek KZ Lublin 7. Halina Birenbaum: Die Hoffnung stirbt zuletzt, Aufbruch in die Vergan- genheit.(Auflage 1993) Die Bücher werden solange der Vorrat reicht gegen Spendenbeträge abgege- ben. Weiterhin vorrätig ist auch der Nachdruck des Taschenbuchs Auschwitz Bericht über die Strafsache gegen Mulka u. a. vor dem Schwurgericht Frank- furt“; der Journalist Bernd Naumann dokumentierte hier den Verlauf und die Hintergründe des 1. Auschwitz-Prozesses. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Ausdrücklich hinweisen möchten wir hiermit auf die Publikationen der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung(HI-Z) in Wiesbaden. Die HIZ Stellt politisch interessierten Personen in Hessen kostenlos Informations- materialien(zumeist Bücher) zur Verfügung. Bestimmte Publikationen kön- nen auch im Klassensatz bezogen werden. Ein Rechtsanspruch auf Belieferung besteht nicht. Das aktuelle Publikationsverzeichnis kann per Postkarte ange- fordert werden bei: Hessische Landes?zentrale für politische Bildung, Postfach 3220 in 65022 Wiesbaden. Bestellungen über Fax: 061 1 368 2653. Aktuelle Publikation der Landeszentrale für politische Bildung Wider Fremdenhaß und Rechtsextremismus Marburger Pãdagogen legen zwei Bände mit Argumenten und Analysen vor Von Anton-Andreas Guha risenzeiten sind schlechte Zeiten für gute Argumente“, schreibt der Marburger Pädagoge Klaus Ahl- heim im Vorwort zu den beiden, zusam- men mit seinen Kollegen Bardo Heger und Thomas Kuchinke erarbeiteten Bän- den„Argumente gegen den Haß“. In sol- chen Zeiten pflegten sich ganze Gruppen „dem Erkenntnisprozeß zu verweigern“ nd in Fundamentalismus und Irrationa- Gnu in vorurteilsbestimmtes Denken und Handeln zu flüchten. Und da dem so ist, sind gute Argumente um so dringli- cher. Die beiden Bände verstehen sich als „Arbeitshilfen für die politische Bildung“ und sind— allzu bescheidener Anspruch — für die Fortbildung von Lehrern konzi- piert. Das Material, das sich in drei über- greifende Kapitel gliedert(I. Vorurteil und Fremdenfeindlichkeit, II.„Republika- ner und Rechtsextremismus“, III. Fakten gegen Vorurteile— Realität und Proble- me der Migration) mit insgesamt neun „Bausteinen“ bietet für den schulischen Gebrauch„sinnvolle Unterrichtseinhei- ten“ an.„Die Textsammlung.. ermög- licht den Lehrenden— ohne allzu aufwen- dige Literaturrecherche und bisweilige Schwierige Bibliotheksbesuche— eine so- lide und hinreichende theoretische Vorbe- reitung.“ Aus eben diesem Grunde eignet sich das zweibändige Werk aber in vorzüglicher Weise auch für andere Berufsgruppen wie etwa Richter und Staatsanwälte, Theolo- gen, Personalchefs und Betriebsräte, Journalisten natürlich und darüber hin- aus für Herrn und Frau Jedermann. Mir ist kein aktuelles Werk bekannt, das sich so übersichtlich und gleichzeitig gründlich sowohl soziologisch, pädago- gisch, politisch und psychologisch(also in- terdisziplinãr, gleichwohl allgemeinver- ständlich) mit Entstehung, Voraussetzun- gen, Grundlagen und Folgen, kurzum dem„Wesen“ von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus befaßte. Zusätzli- che Aktualität erhält natürlich das Kapi- tel über die Republikaner, da über die Frage, ob diese eine verfassungsfeindliche und daher zu verbietende Partei seien, ₰ 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer eine rege öffentliche Diskussion entstan- den ist. Der erste Band enthält Materialien in Form von Zeitungsartikeln, Schlagzeilen, Kurzaufsätzen, Meinungsäußerungen bzw. Statements, Umfrageergebnisse, Statistiken und Tabellen, Kurzanalysen und, aber für den Nicht-Lehrer ebenfalls durchaus interessant, Empfehlungen für Strukturierung und Aufbau einer Unter- richtsstunde. Um ein Beispiel dafür zu ge- ben, wie sich Vorurteile an Begriffen fest- machen: Der„politische Flüchtling“ wird in Umfragen unter Schülern durchweg po- sitiv bewertet(wenige, fortschrittiich, sauber, friedlich, arbeitsam, ordentlich), der„Asylant“ dagegen negativ(viele, rũckstãndig, schmutzig, aggressiv, faul, chaotisch), obwohl es sich um ein und die- selbe Person handelt. Doch„Asylant“ ist der von Presse und Politik weitaus gebräuchlichere Begriff. Die Sorgfalt, mit der die Statistiken oder Tabellen ausgewählt worden sind, zeugt von hohem pädagogischem Einfühlungs- vermõgen. Band zwei versteht sich sozusagen als theoretische Unterfütterung, sein„Mate- rial“ besteht aus Aufsätzen namhafter Autoren, älterer und jüngerer. Adorno und Horkheimer sind ebenso vertreten wie Milgram, von Freyberg, Assheuer, Leggewie, Heitmeyer, Ahlheim, Bade, Blanke und Radtke. Diese und andere Na- men bürgen für Kompetenz und damit auch für Differenzierung. Daß Fremden- feindlichkeit und Rechtsextremismus zu- sammenhängen, ist eine Binsenweisheit: Ein Rechtsextremist wie etwa ein Repu- blikaner wird immer auch fremdenfeind- lich, ein fremdenfeindlich eingestellter Bürger hingegen nicht immer auch ein0 Rechtsextremist sein— gottlob, sonst gã- be es diese Republik wohl nicht mehr. Diese beiden Bände mit„Argumenten gegen den Haß“ haben staatsbürgerlichen Rang und sollten möglichst weite Verbrei- tung finden. Dafür scheint insofern ge- sorgt zu sein, als sie von der Hessischen Landes?zentrale für politische Bildung und von der Bundes?zentrale vertrieben wer- den— kostenlos! Postkarte genügt. Klaus Ahlheim, Bardo Heger, Thomas Kuchinke(Hrsg.): Argumente gegen den HASS. Arbeitshilfen für die politisehe Bil- dung. Zwei Bände. Zu beziehen bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung in Wiesbaden und der Bundes- Zentrale für politische Bildung in Bonn. Frankfurter Rundschau Jd. Mai 94 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Eine Spende aus New Vork für die Arbeit der Lagergemeinschaft Auskünfte über eine Biographie von Klaus Konrad-Tromsdorf Vor einiger Zeit erreichte mich ein Scheck über 540, Eine erste Spende für die Lagergemeinschaft Auschwitz in Anerkennung ihrer Arbeit“, schrieb der Spender, Ernest K. Chambre aus New Vork. 5 Mit Ernest L. Chambre stehe ich seit 1987 in Briefkontakt, da ich damals mit einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich an einer Dokumentation(1) über die Zeit des Nationalsozialismus arbeitete. Ein wenig kann ich also über die Biographie Ernest L. Chambres mit- teilen: CGARKL CHAMBRE LISH(Oberhessen) Fernsprecher Nr. S Sſe(Ernst Ludwig) Chambre Fostscheckkonto Frankfurt a. M. 17882 wurde 1909 in Lich/Hessen geboren, sein Vater, Max Chambre und seine Mutter, Emilie, betrieben in Lich ein Manufakturwarengeschäft, das bereits von Ernests Großvater gegründet wor- den war. Die Chambres waren eine von mehreren jüdischen Familien, die zum Teil bereits seit dem achtzehnten Jahr- hundert in Lich ansässig waren. Ernest war das Zweite von drei Kindern der Familie. Seine ältere Schwester Hen- riette lebte während der zwanziger Jah- re in Berlin, sie war verheiratet und hatte zwei Töchter, die jüngere Schwester Ernests, Anna Marie, lebte in Lich. dN „ 5 ſkinheuſverbendes p RheinischWestfsischer ß Monlahlurislen nu Gin ————— Ernest Chambre bestand 1929 das Abitur an dem Humanistischen Gymnasi- um in Gießen und studierte Jura in Gießen, Frankfurt und Berlin. Bher unty- pisch war, daß die Familie Chambre eine pro-republikanische und pro- demokratische Haltung vertrat und diese auch öffentlich zeigte. Ernest Vater war an der Organisation des Licher Reichsbanners' beteiligt, die Familie und besonders Ernest wurde daraufhin als Kommunisten' denunziert. Bereits vor dem ersten Weltkrieg war die damalige darmstädtische Provinz Oberhessen Zentrum der antisemitischen Bauernbewegung des Marburger Bibliothekars Dr. Otto Böckel; an dieses Potential knüpfte die NSDAP Ende der zwanziger Jahre erfolgreich an: alle Wahlergebnisse der NSDAP seit 1930 lagen in Ober- hessen deutlich über denjenigen, die die NSDAP im Deutschen Reich insge- samt erzielen konnte, die Unterschiede betrugen mitunter mehr als 20 Prozent der abgegebenen Stimmen(2).— 18 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Diese sehr deutliche Zustimmung zur Nazipartei kulminierte bereits eine Woche nach der Reichstagswahl im März 1933: die Licher SA organisierte einen Pogrom, der sich gegen die jüdischen Familien in Lich richtete. Widerwärtige Folterszenen müssen sich abgespielt haben, Ernests Vater erlitt dabei schwere Gehirnverletzungen, von denen er sich nie wieder erholte, jüdische Geschäfte wurden geplündert. Ernest, der sich in dieser Nacht nicht in Lich aufhielt, wurde gesucht, er sollte'aufgehängt' werden, wie er sich erinnert. Anstatt am 13. März sein erstes juristisches Staatsexamen abzulegen, floh Ernest Chambre nach Belgien, seine Familie folgte ihm einige Wochen später, sie wohnten dann in Morlanwelz(Hennegau). In Lich wurde das Vermögen der Familie Chambre in einem äußerst dubio- sen Konkursverfahren'arisiert'(3), der Gang dieses Verfahrens war nach 1945 nicht zu rekonstruieren, was unter anderem zur Folge hatte, daß Ernest Chambre bis heute kei- ne Entschädigungsleis- tungen erhalten hat: seine Ansprüche wur- den von den Gerichten abgelehnt, unter ande- rem mit der Begrün- dung, es könne im Mãärz 1933 noch nicht von einer staatlich or- ganisierten Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger gespro- chen werden. Als 1942 die deut- sche Wehrmacht Bel- gien besetzte, floh Er- nest nach Frankreich, seine Familie mußte in Belgien bleiben, da Er- nests Vater aufgrund seiner Verletzungen nicht in der Lage war, sich alleine zu bewe- gen. In Frankreich wurde Ernest bei Kriegsbeginn inter- niert, weil er deutscher Staatsangehöriger war. Von links. Anna-Marie Chambre, Henriette Cham- In einem südfranzösi- hre und Ernst Ludwig Chamhre schen Lager unterge- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 bracht, wurde er von den französischen Wachmannschaften mehrfach derart geschlagen, daß er noch heute unter den schweren Verletzungen zu leiden hat. Es gelang ihm schließlich, über die Pyrenäen nach Portugal zu flichen, von Lissabon aus konnte er nach Palästina auswandern. Dort traf er seine spätere Bhefrau, Tochter einer jüdischen Familie aus Gießen, die bereits 1934 von ihren Fltern in die USA geschickt worden war. Beide, Ernest und Ruth, gingen in die USA, und zwar nach New Vork, wo Ruth als Arztin arbeitete. Von dort aus unternahm Ernest 1948 den Versuch, das Schicksal seiner Familie aufzuklären. Im April 1948 erreichte ihn das Schrei- Oben einer belgischen Untersuchungsbehörde, in dem ihm mitgeteilt wurde, daß Sein Vater, seine Mutter, seiñe beiden Schwestern und seine beiden Nichten am 4. bzw. 8. August 1942 von Malins(Mechelen) nach Auschwitz Birkenau depor- tiert worden seien. Die Unterlagen des staatlichen Museums in Oswiecim lie- fern hierfür die Bestätigung: als Sterbedatum von Inge Hahn(Eine der Nichten von Ernest Chambre), ist der 29. August 1942 vermerkt(4), Inge Hahn war sechzehn Jahr alt. 1) Lich 1933-1945*, hrsgg. v.d. Dietrich-Bonhoeffer Schule in Lich und dem Magistrat der Stadt Lich, erw. u. verb. Neuauflage, Lich 1993 Uu beziehen über die Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich, In den Turmgärten, 35423 Lich, zum Preis von 10 Mark plus Versandkosten) 2vgl. Jatho, I.P. Vorfaschismusin Gießen 1890 1933*, Gießen 1988 3) vgl. Finzelheiten in(1) 4) Archivunterlagen des Staatlichen Museums in Oswiecim (Exzerpt, angefertigt 1989) Auschwitz-Birkenau: Hier vurden Millionen von Menschen ermordet 20 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Wofram Weiss: Persönlicher Bericht von der Studienfahrt Meine Polenreise nach Auschwitz und Majdanek Nun ist es endlich soweit! An einem kalten Morgen im Monat März verlas- se ich Frankfurt in Richtung Nord- osten. Schon nach einigen Stunden ent- wickeln sich im Bus die ersten Ge- spräche. Am 2. Tag erreichen wir un- ser erstes und wohl auch wichtigstes Ziel: das Vernichtungslager Au- schwitz. Am späten Abend entdecke ich das Tor, das mit diesem zynischen Spruch„umrahmt'“ ist. Wie oft sah ich es schon auf Bilder; jetzt ist es Realität. Warum bin ich hier? Die erste Nacht in Auschwitz schla- fe ich sehr unruhig. Während ich auf meinem Bett wach liege, spüre ich den Wunsch der plötzlich aufkommenden Das ehemalige Klostergebäude der Karmeliterinnen in Auschwitz Frage nachzugehen, warum ich ei- gentlich hier bin.. Da ist der ständig sich verstärkende Neo-Nazismus in diesem Land, der mich unruhig macht, und die zunehmende Gewalt- bereitschaft gegen ausländische Mit- bürger. Die Bemühungen um eine „Entsorgung“ der deutschen Ge- Schichte gipfeln in dem eiskalten Ver- breiten der Auschwitz-Lüge... Kindheitserlebnisse Ich denke noch an mehr persönli- che Erlebnisse, die aus ferner Kind- heit resultieren.(¶n der Gruppe konn- te ich in den Tagen noch ausführli- cher darüber reden.) Mit 10 Jahren begann für mich die paramilitärische Erzichung bei der Hitlerjugend. Wir schrien„denn wir fahren gegen En- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 geland“, während wir durch irgend- welche Straßen zogen. Ich trug den Wimpel, weil ich der Längste war. Der Haß auf alles Fremde wurde uns zweimal wöchentlich in cirka drei Stunden eingehämmert.-In der Schu- le folgte dann der 2. Teil.-Als ich auf dem Heimweg einmal einen soge- nannten Jugend-Führer nicht gegrüßt hatte, brüllte dieser mich deshalb an. O n meide ich alle Uniform- räãger.. Die deutsche Tugend des Brüllens verfolgte mich noch bis in die 60er Jahre hinein.(Natürlich nach dem Peter-Prinzip, von oben nach un- ten; in der umgekehrten Richtung wurde gekrochen.) Doch für mich war die Zeit als„Pimpf' nach drei Jahren beendet, nachdem das Land von den Alliierten endlich befreit worden war. Neue Wortbedeutungen Während der nächsten fünf Tage in Auschwit?z wird die Gruppe sehr wichtig für mich. Durch Gespräche am Tage und Diskussionen am Abend kann ich die ersten fürchterlichen Findrücke besser verarbeiten. Doch gleichzeitig brauche ich auch Zeit nur für mich und gehe dann allein durch die Blocks. Auf der Lagerstraße be- Oeegnen mir sehr viel Jugendliche; ich finde das sehr gut.. Ganz wichtig für mich ist der gemeinsame Gang mit Hermann und der Gruppe durch Block 11, dem Todesblock. Dieses „Hölle in der Hölle“ hätte ich allein beim ersten Besuch schwerlich ganz durchgestanden. Mit Herrn S?ymanski, auch einen cehemaligen Auschwitz-Häftling, ge- hen wir am nächsten Tag durch das Lager Auschwitz II, genannt Birken- au.(Aussage eines Zeugen beim Au- Schwitz-Prozeß von 1964:„die größte Todesfabrik der Welt'.) Herr S2y- Der Cluh der ehemaligen Auschwitz- häftlinge in Zgorzelec hat auch eine medizinische Ahteilung. Die Lagerge- meinschaft unterstützt die Freunde in Zgorzelec mit 200 Mart monatlich. manski zeigt uns auch die während und nach dem Holocaust geschaffe- nen Kunstwerke von Häftlingen. Ich entdecke ganz wunderbare Bilder und Plastiken. Im Krematorium I befinden ich mich zum zweitenmal in einer Gas- kammer. Die gleichen Gefühle sind wieder da: Schmerz, Trauer und eine ohnmächtige Wut. Von den nationa- len Ausstellungen beeindrucken mich am meisten die der Staaten Israel und Osterreich. Die Zeit im Archiv ist leider zu knapp! Under anderem studiere ich Akten, die die reibungslos funktionie- rende Zusammenarbeit zwischen der SS und der I6 Farben dokumentieren. Auf der Weiterfahrt am Samstag vor Ostern denke ich an die Worte, deren neue Bedeutungen ich lernen konnte: Sonderbehandlung, Absprit- zen und Selektion stehen für Mord; 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Binheiten für Menschen etc. Ich den- ke an George Orwell, 1984*. Majdanek Nach einem schneereichen Oster- fest in Zakopane geht die Fahrt wei- ter gen Osten(teilweise mit Schnee- ketten). In Lublin besuchen wir das ehemalige Vernichtungslager Majda- nek. Mir geht alles noch mehr unter die Haut. Liegt es daran, daß die gan- ze Mord-Maschinerie der Nazis sich hier auf relativ kleinem Raum befin- det? Ich glaube schon. Mit einer Gruppe von Besuchern aus Israel, die am„March for the living“ teilnah- men, gehen wir von Block zu Block. Drei davon enthalten nur Schuhe, der vierte Block Kinderschuhe. Die den ermordeten Hãäftlingen geraubte Klei- dung wurde, soweit noch gut erhal- ten, ins Reich geschickt, um die in- zwischen auch notleidenden Men- schen der„Herren-Rasse' zu versor- gen. Schmuck, Zahngold und Geld gingen direkt nach Berlin, aber auch Menschenhaare wurden für 50 Reichspfennig von der S8 verkauft.. Und wieder wird mir bewußt, daß ich„fern der Heimat“ durch ein ehe- mals deutsches Lager gehe; das ge- samte ausgestellte Dokumentations- material ist ja in der Sprache der Pei- niger geschrieben. Das gilt natürlich auch für alle Hinweistafeln etc. Die Stacheldrahtzäune auf dem Gelände des ehemaligen KZs Majdanet Majdanek war vom Reichsführer S8 und Chef der deutschen Polizei Himmler zunächst als Lager für so- wjetische Kriegsgefangene konzi- piert. Die Deutsche Wehrmacht als verlängerter Arm der S87 Das ist auch ganz neu für mich.. Das Konzentra- tionslager Majdanek wurde als erstes KL bereits im Juli 1944 von der so- wjetischen Armee befreit. Resumee In Lublin hatten wir noch gute Ge- spräche mit ehemaligen Häftlingen. Krakow ist eine herrliche Stadt. Dort und auch in Zgorzelec besuchen wir die Clubs der ehemaligen KL- Häftlinge. Wir werden sehr herzlich aufgenommen. Ich bin froh, daß ich diese Reise gemacht habe. Ich weiß, daß sie mir auch in der Zukunft viel Energie und Klarheit geben wird, wenn es um Auseinandersetzungen Zzum Thema Auschwitz geht. Nicht nur während der ganzen Rei- se, sondern auch bei unseren Gastfa- milien hatten wir Kontakt mit ehe- maligen Häftlingen. Von ihren bitte- ren Erfahrungen„life? zu erleben war für mich von unschätzbarem Wert. Die Gruppe hat mir bei meiner Trau- erarbeit sehr geholfen. Und ich wün⸗ sche mir für dieses Land und für dien se Welt ein Ende von Rassismus und Nationalismus. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 23 Eine Diskussion zu Steven Spielbergs Film„Schindlers List' Oskar Schindler und die Lüge, „man habe nichts tun können' Uber vier Millionen Deutsche sahen bisher den Kinofilm„Schindlers Li- ste“ und mehr als zwei Drittel davon waren junge Menschen unter 25 Jah- ren. Diese Zahlen nannte Ende Mai Michel Friedmann, dessen Eltern dank Oskar Schindler dem Vernich- tungsfeldzug der Deutschen entka- men und den Krieg überlebten, wäh- rend einer Podiumsdiskusion in Bad Vilbel. Die Produktion des amerikani- schen Regisseurs Steven Spielberg er- zählt bekanntlich die Geschichte des Industriellen Oskar Schindler, der in Polen während des Zwei- ten Weltkrieges über 1200 Menschen jüdischer Ab- stammung vor der Ermor- dung in den deutschen Vernichtungslagern rette- te. Neben Friedmann, Prä- sidiumsmitglied des Zen- tralrates der Juden in Deutschland, saßen auf dem Podium Ursula Trautwein, die nach dem Krieg mit Oskar Schindler befreundet war, sowie der Bad Vilbeler Gymnasial- lehrer Hartmuth Schrö- der. Die zweite Schuld „Finmal muß man ver- gessen!“ Diese Forderung habe er bereits wenige Ta- ge nach Kriegsende ge- hört, hatte der im Konzen- trationslager Buchenwald inhaftierte Eugen Kogon mehrfach berichtet.„Die Kinder haben ein Anrecht auf die Er- fahrungen unserer Generation“, setz- te in einem Hörspiel ein überlebender Jude seinem deutschen Gesprächs- partner entgegen. Das bereits vor mehreren Jahren enstandenen Hör- spiel über die Rettungstaten des schil- lernden Lebemannes Oskar Schindler stand am Beginn der Diskussion zu Spielbergs mehrfach ausgezeichneten Hollywoodfilm. Das Verschweigen ihrer Mitläufer- und Mittäterschaft gegenüber den Kindern und Enkeln bezeichnete Mi- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer chel Friedmann als die zweite Schuld eben jener Täter- und Mitläufergene- ration. Auch die Söhne und Töchter der Nachkriegsgeneration haben es seiner Ansicht nach versäumt, sich mit dieser Vergangenheit ihrer Eltern auseinanderzusetzen. Er sei deshalb besonders froh, daß der Film bei den Enkeln nun auf großes Interesse sto- Be. Er forderte dazu auf, das Reden über das eigene Handeln und die ei- gene Schuld als Chance und nicht als Bedrohung zu begreifen. Das Ge- spräch und die Frage„Was hätte ich getan?“ seien bedeutsam für die Be- reitschaft zum gesellschaftspoliti- schen Engagement für die Demokra- Die individuelle Entscheidung Den Finwand aus dem Publikum, daß er allein auf die individuelle Ent- scheidungsfreiheit beharre und ge- sellschaftliche und politische Rah- menbedingungen und Entwicklungen vernachlässige, wies Friedmann zu- rück. Er wählte das aktuelle Beispiel der Bedrohung und Verfolgung aus- ländischer sowie als fremd und anders definierter Menschen in deutschen Städten und Gemeinden. Man könne bei den in letzter Zeit verübten Brandstiftungen. Uberfällen und Menschenjagden den staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen wie Regierungen und Verwaltungsappa) raten, Polizei, Gewerkschaften und Kirchen mit viel Berechtigung große Versäumnisse vorwerfen, letztendlich stehe aber jeder einzelne allein vor der Frage, was tue ich. Er wolle„Schindlers Liste' nicht in der„Ausfluchtsecke' der filmästheti- schen Kritik bewerten, hob Michel Friedmann desweitern hervor. Wich- tig sei ihm die Qualität des Films, des- sen Figuren gerade die jungen Zu- schauer nicht mehr loslassen. Hart- muth Schröder sah diese Erfahrung „ Filmszene- Oskar Schindler(rechts) und Lagerleiter Amon Göth Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 auch bei seinen Schülern und seinen eigenen Kin- dern bestätigt. Schindler werde durchaus als wider- sprüchlicher Mensch dar- gestellt. Er war NSDAP- 3 Parteimitglied, Schieber, Kriegsgewinnler, er werde aber auch wahrgenommen als einer, der nicht weg- 3 Qchaute. der nicht die Ver- antwortung auf andere schob, sich nicht mit der Allerweltsausrede„allein k könne man doch nichts machen“ beruhigte, son- dern„ohne Dankbarkeits- 2 berechnung' und persön- liches Kalkül Hilfe leiste- * e. Ende der Gleise im Vernichtungslager Birkenau Entlastungstendenzen Mehrere Diskutanten berichteten, daß ihre Eltern oder Großeltern den Film, ohne ihn selbst geschen zu ha- ben, als Entlastung betrachten. Nach dem Motto: Es gab nicht nur den bös- en deutschen Nazi-Täter und den ver- antwortungslosen Mitläufer und Zu- schauer, sondern eben auch den guten eutschen a la Oskar Schindler. Dem steht jedoch entgegen, daß Oskar Schindler zu Lebzeiten und lange Jah- re über seinen Tod hinaus— er starb 1974 in Frankfurt- als„Beweis der kollektiven und individuellen Lüge, man habe nichts tun können“(So Friedmann) verschwiegen wurde. Die Finstellung„Ich bin gegen Na- zis und damit ein guter Mensch“ be- zeichnete Michel Friedmann als eine „individuelle Entlastung“ der heuti- gen Generationen. Er fragte, wieso gegenwärtig landauf und landab„die Rattenfänger' wieder soviel Erfolg haben und die Agressionen auf die klassischen Minderheiten, auf Aus- länder, Flüchtlinge, Obdachlose, Ju- den, Behinderte richten können? Wie- 8o nach dem Brand der Synagoge in Lübeck- einer„Entabusierung“ oh- negleichen- Außenminister Kinkels größte Sorge dem Ansehen Deutsch- lands im Ausland galt. Wieso bei der Demonstration in Frankfurt anläßich des Jahrestages der Morde von Solin- gen lediglich 500 Teilnehmer, davon 400 Türken, dem Aufruf von über 20 großen Organisationen gefolgt sind. Eigentlich ein Mitläufer Schindler war kein Widerstands- kämpfer, sagte Friedmann, er war „eigentlich ein Mitläufer' und sei im herkömmlichen Sinn unmoralisch ge- wesen. In den entscheidenden Situa- tionen war er dann aber„mehr Mensch, als andere, die stolz ihre Mo- ral vor sich hertragen“. Heute müsse man zum Glück kein Held sein, wenn man Verfolgten helfen wolle, wurde allgemein auf die gegenwärtige ge- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer sellschaftliche und politische Situati- on hingewiesen. Schindlers selbstloser Einsatz für „Seine Juden' sei sicher in seinem Menschenbild begründet gewesen, meinte Ursula Trautwein. Daß er da- bei so erfolgreich war, führte sie zum Teil auch auf seine besondere Gabe zurück, Menschen durch Argumente, Alkohol, Schmeicheleien oder direkte Bestechung empfänglich zu machen und Hilfe da zu erlauben, wo sie sich normalerweise geweigert hätten, es zu tun. Unangemessene Brutalität? Den Vorwurf Spielbergs Film sei immer noch zu brutal, wiesen die Po- diumsteilnehmer als unbegründet zu- rück. Friedmann wiederholte den ein- zigen Satz, den seine Mutter nach dem gemeinsamen Kinobesuch geäu- Bert hatte:„Wäre es nur so schlimm gewesen, es wäre das Paradies gewe- sen— es war viel schlimmer.“ Er er- warte, daß wir ertragen, was da ge- zeigt werde, und daß wir auch hinse- hen, kommentierte Friedmann. Wer dies zu brutal finde, der habe ein Pro- blem, aber dies sei nicht ein Problem des Films. Hans Hirschmann Letzte Meldung vor Redaktionsschluß NS-Militärjustiz Koalitionsparteien lehnen erneut Entschädigung ab BONN, 17. Juni(dpa). Opfer der Natio- nalsozialistischen Militärjustiz könne auch weiterhin nicht mit Lenabilitieranſ und Entschädigung rechnen. Die Koali- tionsfraktionen haben entsprechende An- träge der SPD und von Bündnis 90/Die Grünen im Rechtsausschuß abgelehnt. Betroffen sind vor allem Kriegsdienstver- weigerer, Deserteure und„Wehrkraftzer- setzer“ während der NS-Herrschaft. Die Bundesvereinigung Opfer der NS- Militärjustiz rügte die Entscheidung. Of.- fenbar hätten sich in der Koalition jene Kräfte durchgesetzt,„denen in einem ver- brecherischen Angriffskrieg offenbar die Treue zur Wehrmacht wichtiger ist als eine Würdigung all derer, die sich dem NS-Staat widersetzt oder entzogen ha- ben“ Damit gãälten fast 50 000 Todesurtei- le der NSMilitãrjustiz als rechtsstaatlich. Frankfurter Rundschau 18. Juni 1994 Majdanel- Duschköpfe für Wasser oder Attrappen für die Gaszufuhrꝰ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Bilder des Auschwitz-Uberlebenden Stanislav Zak-Kaminski Malen als Erinnerung — „ Stanislay Zak-Kaminski(rechts) und Johann Philipp von Bethmann »Warschau- Auschwitz- Frankfurt“, unter diesem Titel werden noch bis zum 24. Juli im Haus der Freunde Frankfurt, Schellgasse 8, Bilder des Malers Stanislav Zak-Kaminsiki gezeigt. Er wurde 1925 in Warschau geboren, war über vier Jahre in den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald, ¶MMitelpau Pora und Bergen Belsen inhaftiert. Stan Zak-Kaminiski, der von den Deutschen in den KZs als medizinisches Versuchskanninchen mißbraucht worden war, begann nach der Befreiung wieder zu malen, nachdem ihm ein Arzt geraten hatte, als therapeutische Maßnahme die Lieblingsbeschäftigung seiner Kinderjahre wieder aufzuneh- men.'Seitdem er nachts nicht mehr schläft, sondern malt, entkommt er auch den Alpträumen, in denen er viele Jahre lang die Lagerzeit Nacht für Nacht neu durchlebte“, schrieb die Frankfurter Rundschau(18. Juni 1994). Seine Bilder berichten»über den Weg des Geldes oder die Verbindung zwischen Kristallnacht' und Auschwitz, über die lange Strecke vom Warschauer Getto- Aufstand bis zu Willy Brandts Kniefall vor der Gedenkstätte“(FRy). Bröffnet wurde die Ausstellung am 27. Juni von Johann Philipp Freiherr von Bethmann, der erklärte, die Freundschaft zwischen ihm als'ehemaligen Hit- lerjungen“ und'einem Häftling, der Auschwit?z erlitt“ sei ihm mehr als nur eine»Privatsache“. Gffnungszeiten sind dienstags, freitags, sams- und sonn- tags von 14 bis 18 Uhr. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer MPUIS- Verein für Bildung und Kultur, Frankfurt am Main Studienfahrt zum ehemaligen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück Eine Studienfahrt zur Gedenkstätte des ehemaligen Frauenkonzentrations- lager Ravensbrück vom 26. bis 28. August wird von dem Frankfurter Verein für Bildung und Kultur MPULS* angeboten. An der Fahrt teilnehmen viralh auch Lieselotte Thumser-Weil, die im KZ Ravensbrück inhaftiert war. Liese- lotte ist langjähriges Mitglied sowohl in der Lagergemeinschaft Auschwitz als auch in der Lagergemeinschaft Ravensbrück. Abfahrt ist am Freitag, den 26. August, gegen 15 Uhr entweder mit Pkw oder mit der Bahn. Am Samstag, den 27. August, ist für 9 Uhr zur Finführung eine Filmvorfüh- rung und eine Erklärung anhand des Lagermodells vorgesehen. Danach er- folgt ein Rundgang im Museum. Nach der Mittagspause kann ab 14 Uhr der Zellenbau besichtigt werden, in dem sich Ausstellungen der verschiedenen Staaten befinden, aus denen Häftlinge in Ravensbrück inhaftiert waren. Danach folgt eine Besichtigung des Lagergeländes und anschließend ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Gedenkstätte. Am Abend ist eine weitere Gesprächsrunde der Teilnehmer und Teilnehmerinnen vorgesehen. Am Sonntag, den 28. August, ist nach dem Frühstück eine Informations- und Diskussionsrunde über die Zukunft der Gedenkstätte vereinbart. Hier werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Ravensbrück teilnehmen. Anschließend erfolgt die Rückreise. Die Ubernachtung erfolgt in Mehrbettzimmern in den Holzbungalows einer Freizeiteinrichtung, die in der Nähe der Gedenkstätte gelegen ist. bi9 Anreise erfolgt mit einem Gruppenticket der Bahn oder individuelſ. Kosten für Bahnfahrer 190 Mark. Die Hin- und Rückfahrkarte ist für die Strecke zwischen Frankfurt und Fürstenberg(Ravensbrück ist ein Ortsteil von Fürstenberg an der Havel) berechnet. Im Preis enthalten sind neben der Bahnkarte zwei Ubernachtungen mit Frühstück sowie ein Abendessen und die vorgesehenen Führungen. Wer Hin und Rückfahrt selbst organisiert, bezahlt für die restlichen Kosten 120 Mark Anmeldeschluß ist der 20. Juli. Anmeldungen entweder schriftlich bei: MPUIS— Verein für Bildung und Kultur, Oppenheimer Landstraße 53 in 60596 Frankfurt am Main, oder telefo- nisch bei Susanne Hüttig(069— 736916) oder Folker Behrens(069— 626744). Hier können auch weitere Auskünfte erfragt werden. Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29 Uberweisungen werden erbeten unter dem Stichwort Ravensbrück' auf das Konto des Vereins IMPULS bei der Postbank Frankfurt am Main (Bankleitzahl: 500 100 60); die Kontonummer lautet: 26 765 607. Die Anmel- dung ist nach Eingang des Kostenbeitrages und der Bestätigung durch Impuls verbindlich. Fahrt nach Mittelbau-Dora Für das Wochenende vom 28. bis 30. Oktober bietet IMMPUIS eine weitere Studienfahrt an. Dann ist der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers eri in Nordhausen im Harz vorgesehen. Im Stollensystem der dortigen Rüstungswerke wurden VI- und V2-Raketen produziert, nachdem die Raketenversuchsanstalt Peenemünde durch Luftangriffe zerstört worden war. Mit der Fahrt nach Mittelbau-Dora ist ein Besuch in Bad Frankenhausen verbunden. Dort wird das Monumentalgemälde zum Bauernkrieg besichtigt, das den Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit und die Konflikte bei der Entstehung der neuen Gesellschaftsordnung darstellt. Besichtigung von Natzweiler-Struthof Das ehemalige Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsaß (nördliche Vogesen) ist Ziel einer Tagesfahrt, die IMPULS am Samstag, den 19. November anbietet. Voranmeldungen erbeten. Stammlager Auschwitz, hinter dem heutigen Kinogebäude 30 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer Unseren Mitgliedern herzliche Geburtstagsgrüße Juli 3.8. Fduard Wolny 8.8. Katharina Neidert 9.8. HansJürgen Rojahn 2.7. Alexander Wolf 6 10.8. Doris Graenert 3.7. Frhard Fasel 10.8. Astrid Knöss 3.7. BRolf Kirsten S 11.8. ElkKe Maurer 3.7. Michael Thiel& E 13.8. Wiebke Lessin 0 4.7. Roland Schähle 16.8. Ursula Schmidt 7.7. Wladyslawa Jankiewicz 17.8. Hildegard Moos 7.7. Karl-Klaus Rabe 18.8. Joachim Sokolowski 11.7. Devakaur Wade 19.8. Willi Berg 13. 7. Carl-Martin Barnutz 25.8. Detlev Puls 13.7. Barbara Distel 27.8. Andrea Wrede 13.7. Hildegard Gerhards 28.8. Michael Hummel 15.7. Norbert Hessler 16.7. Jürgen Bartholome 16.7. Prof. Friedemann Hellwig 17.7. Martin Proescholdt September 19.7. Lothar Bembenek 19.7. Angela Sulzmann 19.7. Wilhelm Dorn 20.7. Heinz Ennemann 21.7. Bardo Bayer 21.7. Rainer Röhrborn 24.7. Halvar Bertilsson 24.7. Herta Weck 2.7. Dr. Susan Cerniak-Spatz 3.0. Gotthard Keusch 4.9. Neithard Dahlen 5.0. Fva Beck-Friedrich 6.9. Fllen Krosch 8.9. Heino Galland 10.9. Rudolf Reiferscheid 6 M. 7. Michael Langhanky 27.7. Imo Moszkowicz 28.7. Klaus Rosenstock 149 ent 31.7. Walter Nuhn 8 15.9. Dr. Werner Falk 15.90. Eva Leidescher-Blaschke 16.9. Peter Hofmann 16.9. Josef Seuffert 21.9. Dr. Christian Grosche 21.9. Gerhard Heyer August 24.9. Karl Hammer 25.9. Susanne Roth 27.9. Dr. Bastian Meijer † 1.8. Susanne Rudolph 28 5 ſu 2.8. Günter Bilgmann 29.9. Harald Skroblies 2.8. Dr. Ursula Krause-Schmitt 40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 Bericht von der Sitzung des IAK-Leitungsgremiums in Wien Vor 50 Jahren wurde Auschwitz befreit Am 4. und 5. Juni fand in Wien eine Leitungssitzung des Internationalen Auschwitz-Komitees(IAK) statt, an der Vertreterinnen und Vertreter von 20 Organisationen aus europäischen Ländern sowie aus Israel teilnahmen. Schwerpunkt der Beratungen waren die Feiern und Veranstaltungen zum 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Janu- r 1995. Für diesen Tag ist eine Präsidiumssitzung des IAK in Auschwitz ge- lant, die von der Eurovision im Fernsehen übertragen werden soll. Weitere Teile der Sendung werden unter anderem ein Film über Auschwitz sein sowie ein Gespräch zwischen Jugendlichen verschiedener Nationalität und Trägern des Friedensnobelpreises, die eigens zu den Feiern nach Auschwitz eingeladen werden. Gespräch zwischen Jugendlichen und ehemaligen Häftlingen Vom 3. bis 7. April 1995 wird in Auschwitz desweiteren eine internationale Begegnung mit Jugendlichen und ehemaligen Hãäftlingen stattfinden, außer- dem wird ein öffentlicher Festakt unter Teilnahme(vermutlich) der polni- schen Regierung und ggf. weiteren Politikern aus anderen Staaten vorbereitet. In Berlin wird am 28. Januar 1995 eine Konzertveranstaltung mit dem'Dies irae“ von Penderecki unter Leitung von Daniel Barenboim und unter Mitwir- kung von Pinkas Zuckermann stattfinden. Die Friedensnobelpreisträger, die am Vortag in Auschwitz versammelt sein werden, sollen auch bei dieser Veran- staltung anwesend sein. Eventuell wird das Konzert im Rundfunk übertragen. Einer der Träger der Veranstaltung ist das IAK. Desweiteren einigten sich die Teilnehmer der IAK Sitzung, daß zum 50. Befreiungstag in ganz Furopa weitere Veranstaltungen von Mitgliedsorganisa- tionen des IAK organisiert werden sollen. So wurde angeregt, die Auschwitz-Ausstellung, die im vergangenen Jahr in iesbaden, Frankfurt und anderen Städten zu sehen war, unter anderem auch im Europaparlament zu zeigen. Stop dem Verfall von Auschwitz Ein weiterer Tagesordnungspunkt der Sitzung betraf den Brhalt von Au- schwitz. Von verschiedenen Regierungen G. B. den Benelux-Staaten) wurden bereits größere Summen zur Verfügung gestellt. Auch die Bundesregierung stellte 20 Millionen Mark bereit, die jedoch bisher nur in geringem Umfang ausbezahlt wurden. Ursache ist unter anderem, daß Anträge des Museums Auschwitz bzw. des für die Gedenkstätte zuständigen polnischen Kultusmini- steriums angebliche oder tatsächliche formale Fehler enthielten und deshalb von den deutschen Behörden zurückgewiesen wurden. Für die Restauration aller Quarantänebaracken sind die Gelder bewilligt. Eine US Stiftung hat nach Finsicht der Pläne eine umfangreiche Unterstüt- zung zugesagt.— 82 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Das IAK will seinen Finfluß im Internationalen Rat, der Fragen der Erhal- tung bearbeitet, geltend machen, damit sinnvolle Pläne zur Restauration er- stellt werden. Zur Zeit sind diverse Vorschläge in der Diskussion, die von den Verbãnden der ehemaligen Häftlinge weitgehend abgelehnt werden. Die Präsidenten der internationalen Lagergemeinschaft aller KZs appellier- ten an übernationale Autoritäten, sich für die Erhaltung aller Gedenkstätten ein?zusetzen. Die KSZE verabschiedete eine Resolution in diesem Sinne und das Europaparlament ein Zehn-Punkte-Programm. Jedoch konnte das EU- Parlament keine Gelder bereitstellen. Deshalb sollen jetzt nach den Furopa- wahlen neue Vorstöße unternommen werden. Auch unsere Spendenaktion wird weiter- geführt. Spenden können unter dem Kennwort Auschwitz-Stop dem Verfall beim Konto der Lagergemeinschaft Sparkasse Wetterau, BLZ 518 500 79) auf die Konto-Nr. 00 2000 2000 6 überwiesen werden.„ Das Internationale Denkmal in Auschwitz-Birkenau war ein weiteres Dis- kussionsthema der IAK Sitzung. Nachdem die polnische Regierung die In- schriften beseitigen ließ- die Zahl der in Auschwitz-Birkenau ermordeten Opfer ist in der'Fachwelt'“ heftig umstritten—, hängt die Anbringung eines neuen Textes von der Finanzierung ab. Die polnische Regierung hat eine Inschrift anfertigen lassen, die 67.000 Dollar kosten würde. Das IAK ist nicht bereit diese Summe zu zahlen, da nach in Belgien kalkulierten Kostenvoran- schlägen für die gesamte Arbeit, einschließlich Reisekosten lediglich fünf- achttausend Dollar nötig seien. Das Problem muß in weiteren Verhandlunge gelöst werden. Desweiteren diskutierte das IAK-Gremium über die Aufnahme bzw. Koopti- on weiterer Mitglieder. Aufgenommen wurden eine neugegründete slovenische Organisation ehemaliger Deportierter, Widerstandskämpfer und KZ- Häftlinge, eine neugegründete ungarische Auschwitz-Stiftung sowie die belgi- sche Auschwitz-Stiftung, bei der zehn hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt sind, und die unter anderem die Arbeit von LAK-Präsident Maurice Goldstein intensiv unterstützt. In einer Aussprache mit Vertretern des õsterreichischen Auschwitz-Komitee, dessen Mitgliedschaft im IAK seit vielen Jahren ruht, wurden gegenseitige Vorwürfe und Kritik vorgetragen, jedoch in dem gemeinsamen Bestreben, eine erneute Zusammenarbeit und Mitgliedschaft zu ermöglichen. Die österreichi- schen Vertreter wollen in ihrem Verband über dieses Ziel diskutieren und bald eine Entscheidung zu treffen. Folker Behrens 82 Wenn Sie sich um Ihre Einzahlung für die nächste Zeit nicht mehr kümmern wollen, lassen Sie einfach abbuchen, Sie sparen: Die Bank bzw. Postgebühren Mindestbeitrag: 60 DMjährlich Einzugsermächtigung Ich bin bis auf Widerruf mit der Abbuchung[Q monatlich[Q halbjährlich 6 DM einverstanden Q vtelruch[ jakrüe Name, Anschrift Geldinstitut Ort Konto-Nr. Bankleitzahl Datum Unterschrift Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V., 35516 Münzenberg, Schillerstraße 18 Der Verein ist als gemeinnũtzig anerkannt. Die Beitràge und Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine Spendenbescheinigung wird zugesancit. Adressenänderung: Bitte teilen Sie uns bei Wohnungswechsel Ihre Neue Anschrift“ mit. Wir haben bei unserer letzten Aussendung etwa 50-60 Retouren mit dem Vermerk unbekannt verzogen“ von der Post erhalten. Die Nachforschungen nach der neuen Anschrift sind sehr Zeit- und Geldaufwendig, dazu meist erfolglos. Sicher sind Sie an unserer weiteren Arbeit interessiert, aber wie sollen wir Sie informieren, wenn..27 Neue Anschrift Dann füllen Sie bitte diesen Abschnitt aus, kleben ihn auf eine Postkarte und schicken ihn an folgende Adresse: Lagergemeinschaft Auschwitz Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer e. V. Schillerstraße 18 35516 Münzenberg Telefon 0 60 33/6 01 68 Sparkasse Wetterau(BL?Z 518 500 79) Konto- Nr. O 020 000 503 Postscheckkonto Frankfurt Main(BLZ 500 100 60) Konto-Nr. 51 664608 Beitrittserklärung AUSCEHMTE Name, Vorname Anschrift, Straße, PLZ, Ort Geburtsdatum Titel, acad. Grad, Beruf Häftling im KꝰZ Auschwitz vom bis Q Hãftling in anderen Lagern, Gefängnissen etc. Q Angehöriger des ehem. Auschwitzhäftlings [ Freundeskreis der Auschwitzer Datum des Beitritts Unterschrift Zutreffendes bitte ankreuzen M HELHFEN SIE UNS! WERDEN SIE MITGLIFD IM FREUNDESKREIS Mitteilungsblatt Juni 1994 HAFT AUSCEFHWTZ DER AUSCHWTAZER „ 6. g14 oꝛenqae