LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER AUSCHMWTZ ℳ ⸗ „ 5 „ „ „ 42. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2022 Inhaltsverzeichnis Seite Impressionen einer Studienreise nach Auschwitz und Krakau 4 Studienfahrt 2023 8 Geplante Veranstaltungsreihe„Krieg und Erinnerung“ 9 „Nachruf: Zum Tod von Zofia Posmys? 12 Generalversammlung des Internationalen Auschwitz-Komitees 15 In Auschwitz verloren wir uns aus den Augen Roman Kent würdigt Noach Hlug 24 Der Mythos vom„iberalen Frakfurt? Auf der Spuren der NS-Zeit 30 Kabarett im KꝰZ 33 Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser, wir bitten Sie zu überlegen, ob Sie uns Ihre EMail-Adresse mitteilen mõchten und uns vom Vorstand ausdrũcklich erlauben, dass wir Sie auch auf diesem Weg über Vereinsaktivitãten informieren dürfen. Falls Sie dies befürworten, schicken Sie uns bitte Ihr Finverständnis per E-Mail an infoGlagergemeinschaft-auschwitz. de. Dies kann auch direkt über unsere Homepage(https:Mlagergemeinschaft-ausch- witz. de) und das dortige Kontaktforumular geschehen. Dort müssen nur der Satz mit Ihrer Finverständnis-Erklärung und die Kenntnisnahme unserer Daten- Schutzbestimmungen angeklickt werden. Vielen Dank für Ihr Verständnis Impressum: Herausgeber:Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Gerhard Merz, 35308 Gießen, Unterer Hardthof 15 (Korresponden?ꝰ bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de facebook. comſlagergemeinschaft/ Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Liebe Mitglieder, vor Ihnen/vor Euch liegt das aktu- elle„Mitteilungsblatt“. Es ist seit vie- len Jahren tragender Bestandteil un— serer Arbeit und gibt gleichzeitig Auskunft über die Arbeit der Lager- gemeinschaft. Diese ist seit jeher viel- fältig. Im Zentrum steht die Aufrech- terhaltung der lebendigen Erinnerung an den Völkermord und die anderen Verbrechen NS-Deutschlands in ihrer Gesamtheit, insbesondere aber natür- lich an das Geschehen im Konzentra- tions- und Vernichtungslager Ausch- wit?(besser: in den Lagern, die unter dem Namen„Auschwitz“ zusammen- gefasst werden. Dem dienen Veran- staltungen und vor allem natürlich die Studienfahrten, die-nach der Corona- bedingten Pause 2020— im letzten und auch in diesem Jahr wieder durchge- führt werden konnten. Im Januar konnten wir- gemein- sam mit der Arbeitsstelle Holocaust- Literatur(AHI-) an der Justus-Liebig- Universität Gießen und der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft LGA-Vorsitzender Gerhard Merz verliest die Urkunde und übergibt sie gleich an un- ser neues Ehrenmitglied Leszek Szuster. (WBG)- die Neuerscheinung des Bu— ches„Sonderbehandlung“ von Filip Müller in einer Online-Veranstaltung aus der Universität heraus vorstellen. Andreas Kilian(Autor des Nach- worts sowie Mitglied des Vorstandes der Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer) ist Hi- Storiker und beschãftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Son- derkommandos. Er kannte Hlip Mül- ler persõnlich. Im Gespräch mit Prof. Dr. Sascha Feuchert, Leiter der AHI. und seit diesem Jahr ebenfalls Mit- glied des Vorstandes der LGM, Stellte er die Geschichte der Sonderkom- mandos, die Lebensgeschichte Filip Müllers und die Geschichte seines Be- richts vor. EFine Neuauflage dieser Ver- anstaltung gibt es am 27. Januar 2023, 19 Uhr, in Gießen im Netanya-Saal des Alten Schlosses(siche Rückseite). Hõhepunkt des Jahres war zweifel- los erneut die Studienfahrt nach Aus- chwit? und Krakow vom 14.- 20. Sep- tember(Siehe Seite 4 folgende). Die Rückmeldungen aus der sehr bunten Teilnehmer?innen-Gruppe waren er- neut ausgesprochen positiv und be- stätigen uns darin, den gewählten sehr anspruchsvollen programmatischen Ansatz weiter zu verfolgen. Ein be- sonderes Freignis war die Verleihung der Bhrenmitgliedschaft in der KGA an den langjährigen Leiter der Inter- nationalen Jugendbegegnungsstätte (IIB8) und zuverlässigen Kooperati- onspartner Leszek SZuster. Ebenfalls im September tagte das 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Internationale Ausch- wit?Komitee(IAK) im 75. Jahr seines Be- stehens- in Oswie- eim in der IJBS. Für die LGA nahmen der Vorsitzende Ger- hard Merz und Prof. Dr. Sascha Feuchert teil. Dabei konnten zahlreiche Kontakte erneuert b?w. neu ge⸗ knüpft werden(Siehe Seite 15 ft). Daneben wurde natürlich auch die Unterstützung von einzelnen Holocaust- poS 2Ek Bvcn wEZ poczvcn nrRRowsck wEzoozow kOncErRacvMVch wzskt saMot xto Snoot auscnz- sktA di- 17 Wart . 6—— Rorn hone 3 4 10nn 10 7 ul. Mohka 46 2016 4 3 wM cn d.. e Die Zuschüsse, die wir von der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer erhielten, waren eine große finanzielle Hilfe für Mitglieder. die sich in schwierigen Lebensverhältnissen befanden. Jede Beihilfe aus der Lagergemeinschaft wurde zu gleichen Teilen auf 30 aus- gewählte Mitglieder über 90 Jahre oder auf andere Mitglieder verteilt. die aufgrund eines erheblichen Krankheitsverlaufs oder eines erhöhen Bedarfs an medizinischer Behandlung am dringendsten finanzielie Unterstützung benð- tigien. Nur sehr wenige Kolleginnen und Kollegen gaben an. das bewilligte Geld nicht nur für medizinische oder Lebenshaltungskosten, sondern auch für Renovierungsarbeiten, den Kauf kleiner Küchengeräte oder eine kurze Urlaubs- reise zu verwenden. Schreiben der Warschauer Vereinigung ehemaliger KZ-Hüäftlinge Uberlebenden bzw. von Einrichtungen für Uberlebende in Polen sowie die Unterstützung des Finsatzes von Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste durch Stipendien weitergeführt. Mit Sofia Posmys? verstarb vor kurzem eine der herausragenden Zeit- zeuginnen der Menschheitsverbre- chen von Auschwitz, mit deren Geschichte wir uns im vergangenen und auch in diesem Jahr während der Studienfahrt in Zusammenarbeit mit der IBs intensiver beschäftigt haben (Siehe Seite 12 ffh. Mit einer größeren Spende betei- ligte sich der Verein am Aufbau einer Kommunikations- und Begegnungs- stätte in Hanau, die an die Opfer des dortigen rassistischen Anschlags erin- nern und das Gespräch fördern soll. Schließlich wurde der Internationalen Jugendbegegnungsstätte eine größere Summe zur Unterstüt?ung bei der Un- terbringung ukrainischer Füchtlinge zur Verfügung gestellt. Aus Anlass des Internationalen Holocaust-Gedenktages und des S0. Jahrestags der„Wannsee-Konfe- ren?“ verurteilte die LGA in einer Presserklärung die grassierenden Gleichsetzungen Zwischen der Corona- Politik und dem Holocaust und die Selbststilisierung der„Corona-Leug- ner*innen“ zu Widerstandsheld?innen. Außerdem schloss sich der Vorstand mit einer eigenen Erklärung der Positi- on des Internationalen Auschwitz- Komitees zum Ukraine-Krieg an und verurteilte insbesondere die verlogene Rechtfertigung des russischen An- griffskrieg als„Entnazifizierung“ der Ukraine. Dem Angriffskrieg Russlands sind auch Holocaust- Uberlebende wie Boris Romantschenko, Vizepräsident Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 des Internationalen Komitees Bu- chenwald-Dora und Kommandos für die Ukraine(IKBRD), Zum Opfer gefal- len. In diesem Zusammenhang plant die LGA für das nächste Jahr eine Ver- anstaltungsreihe„Krieg und Erinne- rung“(iehe Seite 9 ff). All diese Aktivitäten sind nur mit viel ehrenamtlichem Engagement zu initiieren und vor allem aufrecht Zu er- halten. Dafür danke ich allen Kolle- ginnen und Kollegen im Vorstand und aktiven Mitgliedern sehr herzlich. Aber all das kostet auch Geld. Um die Arbeit auch weiter in diesem Um- fang leisten Zzu können, vor allem auch um weiterhin einzelne Holocaust- Uberlebende und Einrichtungen für Uberlebende unterstũt?en zu können, sind wir auch in Zukunft ganz ent- scheidend auf Ihre/Fure Spenden an- gewiesen. Deshalb bitte ich Sie/Huch sehr herzlich zu prüfen, ob Ihr/Sie „—„ — P Die Bankverbindung für Ihre Spende: Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen IBAMN DEd3 5185 0079 0020 0005 03 BIC HELADEFFIFRI Vielen Dank: Bitte Name und Adresse deutlich schrei- ben, damit wir Ihnen die Spenden- bescheinigung zuschicken können. trot? der angespannten Zeiten einen Beitrag- und sei er noch so klein-für unsere Arbeit erübrigen könnt. In diesem Sinne herzliche Grüße und die besten Wünsche zum Weih- nachtsfest und zum Jahreswechsel im Namen des gesamten Vorstandes! Gerhard Merz, Vorsitzender 2 Vor der Eröffnung der IAK-Tagung legte Vorstandsmitglieder und Gäste im Stammlager im Hof von Block 11 an der Todeswand einen Kranz nieder. . Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer IMII Impressionen der LGA-Studienreise 2022 i 8 4 4**h— 1* „ 2,— M. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Chronik der Studienreise nach Auschwitz und Krakau Authentische Orte und bewegende Gespräche mit Zeitzeuginnen 1. Tag: Internationale Jugend- begegnungsstätte(I)BS) Oswiecim/ Auschwit?: Erste Informationen zu Idee, Ent- stehung und Entwicklung der Inter- nationalen Jugendbegegnungsstätte (IIB8) von der pãdogischen Mitarbei- terin Elsbieta Pasternak. Anschließend wurde Leszek Szuster, 27 Jahre lang Leiter der IBS, für seine vielen Ver- dienste um die deutsch-polnische Zu- sammenarbeit und auch für die langjährige Zusammenarbeit mit der Lagergemeinschaft zum Fhrenmit- glied unseres gemeinnützigen Vereins ernannt. 2. Tag: Zunächst Führung durch das„Stammlager“(Auschwit? 1) durch die unglaublich sachkundige Historikerin Lucyna Filip. Danach: Gespräch und Workshop im Archiv des Staatlichen Museums Auschwit? mit Archivleiterin Ewa Lesniak. In den hier aufbewahrten Dokumenten enthüllt sich die Büro- kratie des Todes in ihrer ganzen mon- strösen Gründlichkeit und Absurditãt. Online nachzuverfolgen über https: www. auschwitz. org/en/museum/archi- ves /collection/ 3. Tag(Jeil 1): Rundgang durch das Vernichtungslager Birkenau(Ausch- wit? 2). In der sog.„Sauna“ sind die Bilder von ca. 2500 Menschen ausge- stellt, die aus der Habe der Häftlinge gerettet worden sind. Sie sind bewe- gende, herzzerreißende Zeugnisse zer- störten Lebens. 3. Tag(Jeil 2): Gespräch mit der Auschwitz-Uberlebenden Zdzislawa Wlodarczyk, Jahrgang 1933, geboren in Kamienec(Großpolen), aufgewach- sen in Warschau. Ihr Vater, Postbe am- ter, hatte vermutlich Kontakte zum polnischen Untergrund, was die Fami- lie, z. B. bei einer Hausdurchsuchung durch die deutsche Besatzungsmacht, in Gefahr brachte. Dennoch konnte die Familie bis Zum Warschauer Auf— stand im August 1944 zusammen in Warschau leben. Dann aber wurde die Familie mit Ausnahme der jüngeren Schwester, die sich bei Verwandten verstecken konnte, im Zuge von Mas- senverhaftungen(als Repressions- maßnahme gegen den Aufstand) ver- haftet und nach Auschwitz deportiert. Dort wurde der Vater vom Rest der Familie—- der Mutter, Zdzislawa und ihrem kleinen Bruder— getrennt, sie Sollten ihn nie wiedersehen, er kam am Kriegsende im KZ Flossenbürg ums Leben. Auch von der Mutter, die in verschiedenen Kommandos zur Ar- beit gezwungen wurde, waren die bei- den Kinder meist getrennt. So musste sich die elfjährige Zdzislawa um ihren kleinen Bruder kümmern, ständig auf der Hut und ständig in Angst um ihrer 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Die Zeitzeuginnen Zdzislawa Wlodarczyk Qinks) und Monika Goldwasser beider Leben. In eindringlichen Wor- ten beschrieb sie diese Zeit, in der die Kinder sich selbst überlassen blieben, aber ständig in Lebensgefahr schweb- ten. Die Kunstsammlung des Museums Ausch- wit archiviert Werke, die Häftlinge im La- ger oder nach der Befreiung erstellt haben. Im Januar 1 945 gelang es Zdzislawa, sich dem Abtransport auf dem Todes- marsch zu entziehen, um bei dem Bru- der zu bleiben, der zusammen mit den anderen kleineren, schwachen und kranken Kindern zurückgelassen wer- den solite. Nach der von ihr als bizarr emp- fundenen Befreiung konnten sie sich zunächst alleine durchschlagen, bis sie erst in einem Kinderheim, dann bei der Großmutter aufgenommen wur- den. Die Mutter kam krank aus dem KZ Ravensbrück zu ihren Kindern zurück, verstarb aber früh an den Fol- gen der Lagerhaft. Zdzislawa musste sich also weiter um die gesamte Fami- lie kümmern und früh Geld verdienen. Aus politischen Gründen erhielt die Familie— nach ihren Aussagen— keine staatliche Unterstützung. Trot? oder gerade wegen dieses Sehr besonderen Schicksals engagierte sich Zdzislawa ab den 1990er Jahren im Rahmen des Maximilian-Kolbe- Werks für ältere Uberlebende und Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt 2022 beim Rundgang in Birkenau. Stellt sich als Zeitzeugin auch für die Arbeit der I BsS zur Verfügung. Mit langem Applaus dankten die Teilnehmer?innen Frau Wlodarczyk für mehr als Zwei intensive Stunden. 4. Tag: Besuch der Kunstausstel- lung im Staatlichen Museum Ausch- wit? Memorial/ Muzeum Auschwit? mit Werken, die während oder„nach Auschwit?“ entstanden sind. Später Rundgang durch die Stadt Oswiecim bis Zum Jüdischen Friedhof. S. Tag: Krakau: Zunächst Besuch im Muzeum Galicja. Danach Heffen und Gespräch mit Monika Goldwasser aus Krakau. Sie wurde von ihren Eltern, die vor der Deportation in den Tod standen, in fremde Hände gerettet und gelangte über eine Station in einem Ursulinin- nen-Kloster zu katholischen Pflege- eltern. Erst kurz vor dem Tod ihrer ge- liebten und sie liebenden Pflegemutter erfuhr sie von ihrer jüdischen Ab-— stammung und machte sich auf die Suche nach ihren Eltern, u. a. unter- stüt?t von einer wiedergefundenen Tante. Ihre katholischen Eltern wur- den posthum auf ihren Vorschlag von Vad Vashem als„Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Ihr selbst wurde das Bundesverdienstkreuz ver- lichen. Zuvor stand ein Rundgang durch das ehemalige jüdische Wohnviertel Kazimierz(mit einigen Originalschau- plãtzen des Hilms„Schindlers Kiste“ von Steven Spielberg) auf dem Pro- gramm, heute ein lebendiges, aber wei- testgehend„judenfreies“ ziemlich hip- pes Viertel mit vielen Kneipen. 6. Tag: Rundgang durch das ehe- malige jüdische Getto und Gang zur „Schindler-Fabrik“, in der sich heute das„Museum der deutschen Besat- zung Polens“ befindet. Texte und Fotos: Gerhard Merz 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer STUDIENFAHRT2023 3.-9. November 2023 Rundgang im Stammlager Auschwitz Rundgang im Vernichtungslager Birkenau Gespräche mit Uberlebenden(sofern noch möglich) Besuch in Archiv und Kunstsammlung der Gedenkstätte Auschwit? Besuch in Krakau(Führungen durch Kazimier? und das ehemalige Ghetto) Kosten: 750 Furo(Flug, Unterkunft, Eintritte und Referentenhonorare) ermäßigt: 350 Furo(auf Antrag für Studierende, Schülerinnen und Schüler Sowie Menschen mit geringem Finkommen) Die Studienfahrten sind als Lehrerfortbildung und als Bildungsurlaub anerkannt. Wer Fragen und Interesse an einer Teilnahme hat, meldet sich bitte per E-Mail an infoSlagergemeinschaft-auschwitz. de. Mitglieder bestätigen LGA-Vorstand Bei der Mitgliederversammlung der Lagergemeinschaft Auschwit?— Freun- deskreis der Auschwitzer im April die- Ses Jahres wurde Vorsit?ender Gerhard Mer? ebenso im Amt bestätigt wie Matthias Tiesen als 2. Vorsit?ender und Angelika Berghofer-Sierra als Kassie- rerin. Wiedergewählt als tus-Liebig-Universität Gießen die Ar- beitsstelle Holocaustliteratur und hat die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftungs- professur für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur sowie ihre Didaktik inne. Er ist u.a. Mitherausgeber der Chronik des Gettos Lod?Lit?mann- Beisitzerinnen bzw. Beisit- zer wurden Martina Hörber (Schriftführerin), Hans Hir- schmann(Redaktion Mit— teilungsblatt), Wolfgang Gehrke, Andreas EKilian, Annedore Smith und Mex- ander Wolff. Neu in den Vorstand ge- wählt wurde Prof. Dr. Sascha Feuchert. Er leitet am Insti- tut für Germanistik der Jus- Sascha Feuchert Foto: P. Banczerowski stadt sowie der Tagebücher Friedrich Kellners. Für sein wissenschaftliches Engage- ment wurde Sascha Feuchert vielfach ausgezeichnet, Zu- let?t mit der Hedwig-Burg- heim-Medaille der Stadt Gießen und dem Coperni- cus-Preis der Deutschen For- schungsgemeinschaft und der Stiftung für die polnische Wissenschaft. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 NIEWIEDFER FASCHISMUS! NIEWIEDER KRIFGi! NIEWIEDFER KRIEG! NIEWIEDER AUSCHWITE NIEWIEDER AUSCHWITAZ DESHAIB KRIEGꝰ Krieg und Erinnerung und wie sie(nicht) Zusammenhängen Warum die LGA zu diesem Thema eine Veranstaltungsreihe plant Die Forderung, dass Auschwitz nicht mehr sei, ist nicht nur-seit Theo- dor W. Adornos einschlägigem Dik- tum- die erste Forderung an alle Er- ziehung, sondern auch an-zumindest deutsche Politik. Nicht erst die da- malige Bundeskanzlerin Merkel hat diese Forderung- in einer Rede in der Knesset-zum Bestandteil der„deut- Schen Staatsräson“ erhoben. Nicht erst seit dem Krieg in der und um die Ukraine wird„Auschwitz“ auch zum Argument für eine Zzunehmend mit mi- litärischen Mitteln operierende Außenpolitik. Bereits der damalige Außenminister Joschka Hischer führte es als Argument im Zusammenhang mit der deutschen Parteinahme im Bosnien-Krieg, vor allem im Zusam- menhang mit dem Massaker von Srebrenica, ein. In der aktuellen Aus- einandersetzung scheint das Argu- ment, dass„Auschwitz“ die Bundesre- publik geradezu verpflichte, aktiv mit militärischen Mitteln(Waffenlieferun- gen) auf der Seite der Ukraine in den Krieg ein?zugreifen, zum Gemeinplatz geworden zu sein. Fine bemerkenswerte Wandlung, denn bis dahin galt, dass die deutsche Geschichte, will heißen: der deutsche Vernichtungskrieg von 1939— 45 und die Shoah, die Bundesrepublik genau zu einer nicht-militärischen Außenpo- litik verpflichte. Waffen in Krisen-, Spannungs- oder gar Kriegsgebiete zu liefern war über lange Zeit ein-frei- lich häufig durchlöchertes- Dogma. Die hauptsächlich von der Linken be- nutzte Parole„Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“, die freilich prak- tisch ohne Bezug auf Auschwitz aus- kam, wurde über„Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz!“ zu„Nie wie- der Auschwitz! Deshalb Krieg!“(bzw. Waffenlieferungen) zu einem wirk— mächtigen politischen Argument. Im Gefolge dieser Wandlung scheint auch der Sprachgebrauch die- sem neuen Paradigma angepasst zu sein. Von„Vernichtungskrieg“ gegen die Ukraine, vom„Genozid“, von „Verbrechen gegen die Menschlich— keit“ ist die Rede, allesamt Begriffe, die ihre Prägung der politischen, hi- storischen und juristischen Auseinan- derset?ung mit den NS-Verbrechen verdanken. Ihre Anwendung auf den Krieg in der WRraine ist unterschied- lich pointiert und reicht von unter- 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer schieds- und bedenkenlosen Analogi- en bis hin zu völkerrechtlich ausbuch- Stabierten Argumentationsketten. Auf paradoxe Weise korrespon- diert damit die Putinsche Propaganda von der angeblich angestrebten„Ent- nazifizierung“ der Ukraine und den trostlosen Außerungen seines Außen- ministers Lawrow vom angeblichen „jüdischen Antisemitismus“ des ukrai- nischen Präsidenten Selensky. Und Selbstverständlich darf auch hier die Rede vom„Völkermord“, nämlich dem angeblich geplanten an der„rus- sischen“ Bevölkerung vor allem des Donbass, nicht fehlen. Noch trostloser sind die antisemiti- schen Angriffe des russischen Präsi- denten Putin gegen den ukrainischen Präsidenten Selensky, der als„Nazi“ beschimpft und in die Nähe der„Son- derkommandos“ gerückt wird, die in Auschwit?z zur Mitwirkung am Ver- nichtungsprozess gezwungen und anschließend selbst vernichtet wur- den. Diese sind infam und Jũgnerisch und Ausdruck einer verkommenen Geschichtserzählung. Zu Recht stellte das Internationale Auschwit?-Komi- tee dazu in einer Erklärung fest: „Weltweit verfolgen Uberlebende des Holocaust und ehemalige Hãäftlin- Boris Romantschenko(1926- 2022)1 ge der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager die Nachrichten zum Putinschen Uberfall auf die Ukraine mit Entsetzen und großem Schmerz. Nie hätten sie gedacht, dass nach den Erfahrungen von Auschwitz und den Leiden des 2. Weltkrieges ein russischer Staatsmann Huropa in die Finsternis eines Krieges Zurücktreiben würde. Das Leid, das Putin und seine Helfershelfer über die Menschen in der Ukraine aber auch über russische Familien bringt, ist für sie kaum zu be- greifen. Mit besonderer Empörung D Dieser Aufsteller mit dem Porträt von Boris Romantschenko befindet sich neben der Hauptstraße in Weimar und ist Teil der Ausstellung„Zeugen“. Die Ausstellung besteht aus den von Thomas Müller gemachten Fotos, die die Uberlebenden aus dem Bu- chenwaldlager darstellen. Boris Romantschenko war ein ukrainischer Uberlebender der Konzentrationslager Buchenwald, Peenemünde, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen. Am 12. April 2015 sprach er auf dem Apellplatz des KZ Buchenwald den Schwur der Buchenwald-Häftlinge(„Der Aufhau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal*) in russischer Sprache. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Vanda Obiedkova(1930- 2022)1 stellen die Uberlebenden des Holo- caust fest, dass Wladimir Putin zur Be- gründung seines Krieges immer wie- der die Begriffe„Völkermord“ und „Entnazifizierung“ heranzieht. Sie empfinden dies als eine zynische und tückische Lüge, die nicht nur die Uber- lebenden des Holocaust sondern auch all die Menschen mißbraucht, die als Sowjetische Kriegsgefangene in deut- schen Konzentrationslagern gelitten oder als Soldaten der Roten Armee Auschwit? und andere Lager befreit haben.“ Dass dabei dem russischen Angriff auf die Ukraine Uberlebende der Shoah, wie die 9jährige Vanda Semjonowna Obiedkova während der Belagerung Mariupols und der 96— jährige Boris Romantschenko bei ei- nem Raketenangriff auf Charki, zum Opfer fielen, und dass Uberlebende ausgerechnet in Deutschland Zuflucht suchen mussten, ist eine weitere trau- rige Begleiterscheinung dieses Krie- ges. Der Krieg in der Ukraine ist also von Anfang an in zahlreiche erinne- rungspolitische Bezüge eingebettet. Auch daraus erklärt sich die Schärfe der Auseinandersetzung über Art und Umfang gerade der deutschen Debat- te über die Beteiligung an der Vertei- digung der Ukraine gegen den russi- schen Angriff. Kann es„nach Auschwit?“ ein moralisch gerechtfer- tigtes Argument gegen eine kriegeri- sche Auseinanderset?ung geben? Was bedeutet„Pazifismus“ in der Welt „nach Auschwitz“ und mitten in den kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Tage? Und was bedeuten„Er- innerung“ und„Zeitzeugenschaft“ in solchen Zeiten? Diesen Fragen wollen wir als La- gergemeinschaft im kommenden Jahr In einer Veranstaltungsreihe„Krieg und Brinnerung“ auf den Grund ge- hen. Gerhard Mer?z 1) Foto: jewishlife. co. uk: Wanda Objedkowa war eine sowjetische bzw. ukrainische jü- dische Uberlebende des Holocaust. Mit zchn Jahren überlebte sie den nationalsoꝛzialisti- schen Uberfall auf die Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs, indem sie sich in einem Keller in Mariupol versteckte. S1 Jahre Später starb sie, geschwächt durch eine Er- krankung, in einem Keller in derselben Stadt, als sie sich infolge des russischen Uberfalls auf die Ukraine verstecken musste. Im Oktober 1941 begann die Wehrmacht in Mariu- pol die Juden der Stadt ⁊usammenzutreiben. Als die SS in das Haus der Familie kam und Wandas Mutter Maria(Mindel) mitnahm, gelang es dem Mädchen, sich der Verhaftung zu entziehen, indem es sich in einem Keller versteckte. Am 20. Oktober 1941 erschossen die Deutschen?Zwischen 9.000 und 16.000 Juden in Gräben am Stadtrand von Mariupol, darunter auch Objedkowas Mutter und die gesamte Familie ihrer Mutter. 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ihre Stimme war in der ganzen Welt hörbar Zum Tode von Zofia Posmys? Am 8. August 2022, starb- kurz vor ihrem 99. Geburtstag- die polnische Schriftstellerin, Widerstandskämpfe- rin und Auschwitz- Uberlebende Zofia Posmysz. Zeit ihres Lebens hat sie als eine herausragende Zeitzeugin viele Menschen an ihren Erfahrungen während ihrer Haft und nach ihrer Befreiung teilhaben lassen. Sie wurde u. a. mit der höchsten Auszeichnung der Republik Polen, dem Qrden des welßen Adlers, ausgezeichnet. Bereits 2015 wurde Zofia Posmys?z mit dem Dialog-Preis der Deutsch-Polnischen Gesellschaft geehrt. Im von Deutschen besetzten Kra- kau besuchte die 1923 geborene Zofia Posmysz eine konspirative Oberschu- le im Untergrund und wurde im April 1942 verhaftet. Nach einem sechs- wöchigen Aufenthalt im Gefängnis Montelupich wurde sie in das Lager Auschwitz-Birkenau überstellt, wo sie bis Januar 1945 blieb. Nach einem mörderischen Marsch gelangte sie in das Lager Ravensbrück und dann nach Neustadt-Glewe. Nach dem Krieg kehrte sie nach Polen zurück, Studierte polnische Philologie und ar- beitete für den polnischen Rundfunk. Große Aufmerksamkeit erregte Posmys? mit ihrem 1959 im Pol— nischen Rundfunk gesendeten Hör- Spiel»Die Pasvdgierin aus Kabine d. Das Hörspiel, das später auch als Roman in vielen Sprachen erschien und auch zu einer Oper bearbeitet wurde, schildert die fiktive Begeg- nung eine Auschwitz-Uberlebenden mit einer ehemaligen SS-Angehöri- gen, die sie in Auschwitz als Vorge- setzte eines Wachkommandos im Frauenlager von Birkenau erlebt hat. Hörspiel bↄw. Roman dienten dem polnischen Regisseur Andrzej Munk als Filmvorlage und inspirierten den Komponisten Mieczyslaw Weinberg zu seinem Hauptwerk, der Oper„Die Passdgierin“. Die schon 1968 vollen- dete Oper konnte erst 2010 bei den Bregenzer Festspielen in Anwesen- heit von Zofia Posmys?z erstmals sZe- nisch aufgeführt werden und erlebte Seitdem weltweit Zahlreiche Inszenie- rungen, bei denen Zofia Poszmyz häu- fig anwesend war und vom Publikum verehrt und getragen wurde. Ihrem Hörspiel hat Zofia Posmys? Zahlreiche weitere Veröffentlichungen hinzuge- fügt, die belegen, welch zentrale Rolle die Erinnerung an ihre Mithäftlinge und das Erleben von Auschwitz in ihrem Leben eingenommen hat. Wãhrend ihres Dienstes als Schrei- berin im Frauenlager Birkenau lernte sie Tadeusz Paolone Lisowski, einen polnischen politischen Häftling, ken- nen. Diese Begegnung wurde zur In- Spiration für ihre Erzählung„ Christus von Aisch witz“, in der sie schildert, wie ein Mithäftling ihr in Auschwit?z ein Medaillon mit einem Christuskopf schenkt, das sie im Lager beschützen Soll. vIn Auschwitz habe ich Menschen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Zofia Posmys? war 19 Jahre alt, als sie nach ihrer Ankunft im Kon?entrations- lager Auschwitz von Wilhelm Brasse im Auftrag der Lagerleitung fotografiert wurde.(Museum Auschwitz-Birkenau) getroffen, die ohne Zweifel Heilige wren. Ich glaube, dass dies das einzige Vhema ist, über das es Sich noch lohnt zlu Schreiben«, sagte die Schriftstelle- rin einmal. Die Teilnehmer?innen unserer letztjährigen Studienfahrt konnten sich mit diesem Werk im Rahmen eines Workshops„Argument Biographie. Menschliche Werte in einer unmenschlichen Welt“ vertraut ma- chen. Die Videoaufzeichnung dieses Workshops steht unter www. lagerge- meinschaft-auschwitz.de zur Verfü— gung. Ausgangspunkte der Uberle- gungen für das Gespräch zwischen Gerhard Merz, Vorsitzender der LGA, und Elzbieta Pasternak, Bil- dungsreferentin der IBS, moderiert von Leszek Szuster, Direktor der IBS, waren dabei Ausschnitte aus dem Hilm„ Die Schreiberin von Ausch- witz“, Erfahrungen aus einem gleich- namigen Workshop der IIBS sowie die Ausstellung, Aygument Biograßfie- SOfid Posm)s?z“ Auch in diesem Jahr war Zofia Posmys?' Leben und Vermãchtnis ein Thema während unserer Studien- fahrt. Die in der IIBS gezeigte Aus- stellung„Und s0 wurdest du zu mei- ner einzigen Hreundin.. Die Familie Salwilc im literarischen Werk und Briefwechsel von Zofia Posm)sz* widmet sich dem Schicksal einer Familie aus Radom, deren Mitglieder zwischen 1941 und 1942 größtenteils in das Konzentrationslager Ausch- wit?-Birkenau deportiert wurden. Es ist die Geschichte eines Familien- dramas, aber auch einer tiefen, wah- ren Freundschaft, die zwischen zwei jungen Frauen unter dramatischen Umständen entstand und ein Leben lang hielt. „Es gab da in Auschwit? so einen Ort. Die Anweiserinnen nannten ihn Wiese. ſ..] Ganz in der Nãhe ſ..]stand auch die Baracke mit dem Lebensmit- telmagazin, die sogenannte Brotkam- mer, in der ich arbeitete. Ich ging oft 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nach dem Abendap- pell dorthin, setzte mich an die Wand der Baracke und Schaute auf die in das Licht der unterge- henden Sonne ge- tauchten Berghänge der Beskiden, s0 weit weg hinter den Dräh- ten. Auf der Wiese traf ich oft Marta. ſ...] Wir blickten schwei- gend auf den Hori- zont.“ S0 begann MAM—. diese außergewöhn- liche Freundschaft, die über fünfzig Jahre gedauert hat. In einem Interview sagte Zofia:„Wir vemtanden uns wohl über die Worte hinweg“ Zum Tod von Zofia Posmys? be- tonte in Berlin Christoph Heubner, der Fxekutiv Vizepräsident des Inter- nationalen Auschwitz Komitees: „Für Auschwitz-Uberlebende war es immer ein großer Trost und eine große Beruhigung, daß die Stimme von Zofia Posmys? in der ganzen Welt hörbar war. Mit ihren literarischen Werken, die andere bedeutende Künstler aufschreckte und inspirierte, war sie eine Ubersetzerin der Emp- findungen und Frinnerungen vieler Uberlebender von Auschwitz und auch eine Stimme der in Auschwitz Ermordeten. Getragen von ihrem ka- tholischen Glauben und ihrer tief empfundenen Verpflichtung gegen- über ihren ehemaligen Mithäftlingen hat sie immer wieder das Gespräch Zofia Posmys? im Gespräch mit LGA-Vorsteandsmit- glied Matthias Tiessen(Aufnahme aus dem Jahr 2012) mit jungen Menschen in der Interna- tionalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim/Auschwitz gesucht, die ihr zu einem Lebenszentrum und zu ihrer zweiten Heimat geworden ist. Zu den Gruppen, die sie zum Gespräch traf, gehörten über viele Jahre Auszubil- dende der Volkswagen A6, die sich in Auschwitz bei der Erhaltung der Ge- denkstätte engagierten.„Mich hat Auschwitz nie verlassen“, war einer ihrer Kernsät?e bei diesen Ge— sprächen, zu denen aber auch der Sat? gehörte:„Die Gespräche mit Buch machen mir Mut und geben meinem Leben einen Sinn.“ Sofia Posmys? gehörte in ihren letzten Lebensjahren zu den Uberle- benden, die von der Lagergemein- schaft finanziell unterstüt?t wurden. Wir werden ihr Andenken in Ehren halten. Gerhard Merz Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Bericht von der Generalversammlung des IAK Seid nicht gleichgültig, Gleichgültigkeit tõötet Nach über sechs Jahren fand vom 4.-7. September 2022 wieder eine Generalver- Ssammlung des Internationalen Auschwit?-Komitees in der Internationalen Jugend- begegnungsstätte(IB8) in Oswiecim statt. Für die Lagergemeinschaft nahmen der Vorsit?ende Gerhard Merz und Vorstandsmitglied Prof. Dr. Sascha Feuchert teil. Die Generalversammlung wurde zu einer eindrucksvollen Standortbestimmung des IAK und seiner Mitgliedsverbände zu den brennenden Fragen der Zukunft der Brinne- rung. Diese Fragen werden vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges noch drän- gender(und teilweise kontroverser, vgl. dazu den Artikel„Krieg und Frinmerung“ in diesem Heft). Wir drucken im folgenden- mit freundlicher Genehmigung des IAK in Auszũgen die Beobachtung der Kollegin Michaela RoZov aus der Tschechischen Republik, die genau diese Aspekte intensiv beleuchtet und die den Blick õffnet auf die internationale Vieffalt der Erinnerungen und Frinnerungskulturen.(gm) Das Engagement der zweiten Generation Beobachtungen von Michaela Rozov, Mitglied der Delegation des Auschwitz-Komitees der Tschechischen Republik Zusammen mit dem tschechischen Auschwitz-Komitee fahre ich nach Auschwit? zum Kongress des Interna- tionalen Auschwit?-Komitees(IAK), der ältesten Organisation von Ausch- witz Uberlebenden, die 1952 gegrün- det wurde und Dutzende von Organi- Ssationen und Instituten koordiniert, die sich mit dem Erbe des Holocaust in Furopa befassen. In diesem Jahr nehmen Delegationen aus 11 Ländern an der Versammlung teil. Wir kommen am Abend an und checken in einem schönen Hotel im Zentrum des historischen Oswiecim ein. Ich fühle mich hier unwohl, Schließlich sind wir nur weniger als zwei Kilometer von dem Vernich- tungslager entfernt, in dem andert- halb Millionen Menschen, die große Mehrheit von ihnen europäische Ju— den, aber auch politische Gefangene, russische Häftlinge, Kommunisten, Homosexuelle und Roma, in Gaskam- mern, aber auch durch Hunger, Kälte und Terror umgebracht wurden. Mit den Menschen ging hier die letzte Hoffnung auf ein normales, fort-— Schrittliches FEuropa zugrunde, als Hit- ler Stalin die Hand reichte, wurden die let?ten Plãne der Aufklärung end- gültig zunichte gemacht. Der zweite Weltkrieg endete vor 73 Jahren, aber Seine negativen geopolitischen Folgen Sind bis heute zu spüren, denn gerade jet?t tobt in Buropa ein Krieg, nur we- nige hundert Kilometer entfernt, ster- ben wieder Menschen, verstecken sich in Bunkern vor Bombenangriffen, lei- den unter Angst und Mangel. Parun- 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ter auch die letzten Uber- lebenden des Holocaust in der Wkraine. (..) Beim Begrüßungs- dinner vor der Fröffnung der Versammlung suche ich vergeblich nach den Ge— sichtern der Uberlebenden, den hervorragenden Lei- tern dieses politisch fort— Schrittlichen internationa- len Komitees, an die ich mich noch aus der Vergangenheit erin- nere und die vor sechs Jahren, als ich das letzte Mal hier war, noch an der Spitze dieses Forums standen- außer unserem tschechischen Delegierten Felix Kolmer fehlt von den damals noch lebenden zum Beispiel Roman Kent und Esther Bejarano. Es ist trau- rig, und obwohl es noch Uberlebende unter uns gibt, zum Beispiel die un— beugsame Tänzerin und große Schrift— Stellerin Eva Fahidi aus Ungarn und ihren Ehemann, ist es klar, dass die Zeit gekommen ist, in der die zweite und nächste Generation die Verant- wortung für die Brinnerung und das Erbe des Holocaust übernehmen muss. Beim Abendessen mit der öster- reichischen Delegation ist für mich ein Platz frei, ich treffe alte Bekannte. In letzter Zeit haben sich die Osterrei- cher beim Gedenken an den Holo— caust hervorgetan, was vor allem der großen Energie von Hanna Lessing zu verdanken ist, der Keiterin des Allge- meinen Entschädigungsfonds für Op— fer der nationalsozialistischen Verfol- gung in Osterreich, die die treibende Kraft hinter den wichtigsten Aktivitä- ten im Bereich des Holocaust-Geden- Michacla Rozov kens und der Verteidigung der Menschenrechte in Osterreich ist. In ihrer Amts?eit wurde ein Schlüs- selprojekt des Uberleben- den Kurt Vakov Tutter, Steinmetz und Bildhauer, fertig gestellt, ein Mahnmal für die Opfer wurde im Zentrum Wiens errichtet- eine Steinmauer mit einge- meißelten Namen von rund 65.000 ermordeten österreichischen Juden. Und hier in Auschwitz, im Stammlager, wurde eine neue Ausstel- lung über den Holocaust an den õster- reichischen Juden eingerichtet. Schreckliche Familiengeschichte Müde von der Reise und einem defti- gen polnischen Abendessen kehren die meisten Delegierten ins Hotel zurück, aber die immer fröhlichen Gsterrei- cher gehen noch auf den Platz in Os- wiecim, wo gerade ein Musikfestival Stattfindet. Auschwit? ist lebendig, und obwohl es eigentlich normal ist, fällt es mir schwer, das zu akzeptieren, ich schäme mich, ich könnte dort nie le— ben, außerdem ist selbst ein einfacher Besuch hier deprimierend für mich. Drei Familienangehörige meines Va- ters sind hier gestorben, zwei haben überlebt, aber der Preis war schreck- lich. Vaters Jante Vera Platovskä-Berli- nerovã sah mit eigenen Augen die Er- mordung ihres in Auschwit? geborenen Kindes(ein SSMann packte das ver- Steckte drei Monate alte Baby und schlug seinen Kopf gegen die Wandh), Vaters Onkel Milan Platovsky verlor hier seine Mutter Ruzena und seinen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 jüngeren Bruder Jirka. Ich höre in meinen Oh- ren ihre schrecklichen Geschichten, wie sie mir erzählt wurden, und die Geschichten anderer Auschwitz-Uberleben- der, die ich persönlich kenne. Ich bin traurig. Die Kranzniederle- gungen im Stammlager und in Birkenau bringen nur diese schmerzlichen Prinnerungen zurück. Das Pinzige, was mich beruhigt, ist, dass es in der Delegation junge Leute gibt, die schr pro- fessionell und ernsthaft mit dem Gedenken an den Holocaust umgehen. Nach dem Kaddisch(he- bräisches Gebet für die Toten) in Bir- kenau kehren die Delegationen zum Tagungsort der Versammlung zurück. Schweigeminute Marian Turski(96), polnischer Hi- Storiker und Journalist, äußerst gebil- deter und aufgeklärter Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees und Uberlebender von Auschwitz, hält die Erõffnungsrede der Tagung. Sie be- ginnt mit einer Schweigeminute für die verstorbenen ũberlebenden Mitglieder des Internationalen Komitees. Es sind viel mehr, als ich mir beim Abendessen am Vorabend merken konnte. Noah Klieger, ein Uberlebender von Ausch- witz, Dora und Ravensbruck, ein israe- lischer Journalist, der über die Prozes- 8e gegen Nazi-Verbrecher schrieb, ist 2018 verstorben; Kazimierz Albin, ein General Ksem n tional 4 ply of the. et Committee Marian Turski, 96 jähriger Auschwitz-Uberlebender, wurde in seinem Amt als Präsident des Internationalen Auschwitz- Komitees bestãtigt. Fotos: IAK, Bernd Oertwig polnischer Kämpfer gegen den Natio- nalsozialismus, der einer der am läng- Sten in Auschwit?-Birkenau inhaftier- ten Menschen war(Nummer 118), starb 2019; die Schriftstellerin Judith Kerr, die mit ihrer Familie vor den Na- zis nach England floh, starb 2019; die Arztin und prominente Aktivistin Porota Flug, die die Ghettoisierung in Lod? sowie Auschwit? und Bergen- Belsen überlebte, starb 2020; Justin Sonder, der 17 Selektionen in Ausch- wit? und dann den Fransport nach Gleiwit? und den Todesmarsch über- lebte, verließ uns 2020; und auch der le- gendäre Roman Kent, langjähriger Präsident des IAK, ein leidenschaftli- cher und höchst erfolgreicher Kämpfer für die Entschädigung der Opfer des Holocaust weltweit, Starb 2021. Auch die mutigen Stimmen der deutschen Uberlebenden Esther Bejarano und Erna DeVries sind verstummt. Hiliane 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer und Raphael Fsrail, bekannte Aufklä- rer(in diesem Jahr verstorben), oder der Kämpfer für die Rechte der Uber- lebenden, Leon Schwarzbaum(in die- sem Jahr verstorben). Als letzter sei unser Felix Kolmer genannt, für dieje- nigen, die ihn nicht kannten- ein welt- weit renommierter Akustiker und ein Pfadfinder, der für die tschechischen Juden und andere Opfer des National- SoZialismus im Rahmen der tschechi- schen Delegation eine Entschädigung in Höhe von 8 Milliarden CZK aus- handelte. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens widmete er der Verbreitung des Bewusstseins über den Holocaust unter der deutschen Jugend, Felix Kol- mer starb Anfang August dieses Jahres. Die 2. und 3. Generation Andrzej Duda, Präsident Polens, betonte die Bedeutung des Engage- ments der Zweiten und dritten Genera- tion, da die überwiegende Mehrheit der Uberlebenden nicht mehr lebt, und lobte die polnische Regierung für ihre Unterstützung der Gedenkstätte und des Museums in Auschwit?-Birkenau. Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europãischen Kommission, wies in ihrer Ansprache auf den Generations- wechsel hin, mit dem wir es im Bereich des Holocaust-Gedenkens zu tun ha- ben, und erklärte, dass die EU gerade deshalb den Kampf gegen Antisemitis- mus und die Unterstüt?ung jüdischen Lebens in Furopa zu einer ihrer Prio- ritäten gemacht hat, vor allem in letz- ter Zeit, wo Juden vor allem wegen des Antisemitismus wieder aus Furopa auswandern.„Der Antisemitismus vergiftet unser Leben, die Geschichte wird revidiert und verzerrt, in Europa herrscht Krieg und die Juden werden wieder beschuldigt. In der Ukraine er- leben wir, wie hilflose alte Menschen, die den Holocaust überlebt haben, ge- meinsam mit anderen sterben“, Schreibt von der Leyen. Konkret nennt Sie Borys Romantschenko, einen Uberlebenden von Buchenwald, der Sein ganzes Leben der Weitergabe des Vermãchtnisses des Holocaust an jun- ge Menschen gewidmet hat. In seiner Erklärung bezeichnete der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz Putins Behauptungen über sei- ne Entnazifizierung der Ukraine als Gipfel des Zynismus. Christoph Heubner, geschäfts- führender Vizepräsident des IAK, verwies auf eine Verkettung von Um- ständen- der Kongress findet an den Tagen statt, an denen Bundestagsprä- sidentin Bärbel Bas den israelischen Staatspräsidenten Vit?chak Herzog im Bundestag empfängt, dessen Vater als englischer Soldat Bergen-Belsen befreit hat. Auch auf dieser Ebene wird das Thema Holocaust diskutiert, warnen Spitzenpolitiker vor einer Verharmlosung des Holocaust, und das ist gut so. Das Prinzip des Bösen bleibt Neben dem Verlust einer Generation von Uberlebenden und dessen Folgen beherrscht aber auch das Thema UkKraine diesen gesellschaftlichen Kontext. Aus dem Mund der letzten Uberlebenden ist die Analyse der ak- tuellen Situation besonders er- schreckend. Marian Turski erklärt, dass das Massaker im ukrainischen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Butscha, wo offenen Quellen zufolge 1.300 Menschen, darunter mehrere Dutzend Kinder, ermordet wurden, „das heutige Gesicht von Auschwitz? ist.„Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich die Vergangenheit in der gleichen abscheulichen Form wie vor 80 Jahren wiederholt, es gibt Varia- tionen, aber das totalitäre Böse bleibt im Prinzip dasselbe“, erklärt der re- nommierte Historiker. Er sicht Paral- lelen zwischen Hitler und Putin; beides yrannen, die ihren Krieg aus der Posi- tion der empfundenen Ungerechtig- keit heraus verteidigen— für Deutsch- land sei dies die nach dem Ersten Weltkrieg als unerträglich empfunde- nen Reparationen gewesen, und für Russland das nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall des Ei- sernen Vorhangs erfolgte Vorrücken der NAIO an die eigene Staatsgrenze. Turski zufolge handelt es sich in beiden Fãllen um irrationales populi- stisches Tyrannisieren, um den Ver- such, eine komplizierte Situation aus- zunutzen und an die Macht zu gelan- gen- im Falle Hitlers, im Falle Putins, um den Versuch, um jeden Preis an der Macht zu bleiben. Hat die Welt aus dem Holocaust gelernt? fragt Turski und antwortet: Er hoffe es, denn die freie Welt unter- Stütze jet?t massiv die Ukraine. US- Präsident Joe Biden handele nicht wie damals Neville Chamberlain. Die freie Welt habe sich gegen den Puti— nismus geeinigt, aber die alten Koali- tionen seien nicht stabil, einschließlich der NAIO, verweist Turski kritisch auf die problematische Unterstüt?ung Putins durch die Türkei. Kollektives Gedächtnis schaffen Was ist die Rolle der Uberlebenden und ihrer Nachkommen in dieser Welt? Das Gewissen der freien Welt zu sein, die Stimme der liberalen De- mokratie, sagt Turski, gegen Rassis- mus, gegen Fremdenfeindlichkeit, einschließlich Russophobie, betont er. Was ist zu tun, wenn die Generation der direkten Zeugen des Völkermor- des ausscheidet? Die Nachkommen der Zeugen werden zu den Zeugen der Zeugen und schaffen ein kollek— tives Gedãchtnis. Dies geschieht ja be- reits. Die meisten Delegierten sind Angehörige der zweiten, aber auch der dritten Generation. Turski erin- nert noch einmal daran, wie wichtig es ist, sich gegen die Gleichgültigkeit aus?zusprechen, denn Gleichgültigkeit tötet, 80 lautet das Motto des Interna- tionalen Auschwit?-Komitees. Das Komitee wurde vor siebzig Jahren gegründet, um das Bewusst— Sein für das Vernichtungslager Ausch- wit?-Birkenau zu schärfen und für die Rechte der Uberlebenden auf Ent— schädigung und soziale Unterstüt?ung zu kämpfen. Gegenwärtig ist es eine Stimme, die die liberale Demokratie unterstützt und sich in Deutschland in Fällen von rassistischer Gewalt und Intoleranz engagiert. So führte sie bei- Spielsweise eine Kampagne gegen die Verharmlosung des Holocaust in der zeitgenössischen Kultur, insbesondere im Rap(„Nie wieder rappen über den Holocaust? im Jahr 2018). Nachdem der deutsche Christdemokrat Walter Lübcke 2019 einem Neonazi Zum Opt fer gefallen war, engagierte sich das Komitee für sein Andenken, worauf— 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer hin eine Straße nach Lübcke umbe- nannt wurde. Das Komitee wendet sich auch gegen die Verstrickung von Extremisten in der öffentlichen Ver- waltung und Justiz in Deutschland, aber auch international- die IAK- Delegation war auch auf einer muti— gen Protestmission gegen Orbän in Ungarn. Missbrauchte Symbole Vor dem Hintergrund der Informati— onsverwirrung und der Angst vor der Pandemie wandte sich der Ausschuss gegen die verwerflichen Versuche von Impfgegnern, die Symbolik des Holo- caust zu missbrauchen. Das Komitee organisiert auch Ausstellungen und Präsentationen und unterstützt unter anderem die Veröffentlichung der deutschen Fassung des tschechischen Dokumentarfilms Felix Kolmer: Pas Versprechen, der im PositiF-Verlag, Prag(positif.cz) erschienen ist und kürzlich von der Literaturgedenkstät- te als schönstes Buch des Jahres aus- gezZeichnet wurde. Das Komitee vergibt auch einen Symbolischen Preis an Persönlichkei- ten, die sich in besonderer Weise ge- gen Rassismus und Fremdenfeindlich- keit und für die Verteidigung der Menschenrechte einsetzen. Es handelt sich um den Buchstaben„B*, aller- dings mit einem kleineren Unter- bauch, wie ihn die Häftlinge des Stammlagers aus Protest in die berüchtigte„Arbeit Macht Frei“-In- Schrift über dem Haupteingang dieser Hölle geritzt haben. Zu den jüngsten Preisträgern gehören Bundespräsi- dent Frank-Walter Steinmeier oder Prin? Charles, jet?t König Charles III. In den let?ten Jahren hat sich das IAK dem Inklusionsgedanken ver- schrieben und unterstützt beispiels- weise den Kampf der Armenier für die Anerkennung des Völkermordes an der armenischen Nation und hat auch die Organisation der deutschen Sinti und Roma- Zentralrat der Deut- Schen Sinti und Roma in seine Rei- hen aufgenommen. Bittere Saat der Vergangenheit Uber die Aktivitäten der nationalen Delegationen wird weiter berichtet. Im Sinne von Hannah Lessings Aussa- ge über die Notwendigkeit,„die bitte- re Saat der Vergangenheit in den Bo- den der Zukunft zu säen“, stellen sie eine umfangreiche Aktivität aus For- schung, Archivarbeit, Dokumentati- on, Bildung und politischem Aktivis- mus dar. Polen rufen zur Verbreitung des Narzissenprojekts auf, um an den Aufstand im Warschauer Ghetto zu erinnern, den ersten Aufstand gegen den Nationalsozialismus in Furopa überhaupt. Die Italiener sind wütend über die Gefahr des Faschismus in Ita- lien. Ist es möglich, dass Giorgia Me- loni genau hundert Jahre nach Musso- lini Ministerpräsidentin von Italien wird? Kritische Wirtschaftslage Andrzei Kacor?yk, stellvertretender Direktor der Gedenkstätte und des Museums Auschwitz-Birkenau, be- Schreibt die schlechte finanzielle Lage nach der langen Zeit des Coronavirus. Die Zeiten, in denen die Gedenkstät- te von einer Million Menschen pro Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Jahr besucht wurde, sind vorbei. Die Besucher kommen nicht mehr vom anderen Ende der Welt, aus Asien und aus Amerika, mit wenigen Ausnah- men— es gibt Amerikaner, weil das USMilitärpersonal in Europa zwangsweise hierher kommt, aber es Sind auch viel weniger Israelis, 40 bis 50 Prozent der Besucher sind heute Polen, gefolgt von Peutschen. Tsche- chen und Slowaken kommen in mehr oder weniger konstanter Zahl. Die kritische wirtschaftliche Lage der Gedenkstätte wird auch durch Kacorzyks Antwort auf die Frage des deutschen Delegierten Karl Forster deutlich, ob man plane, die in den ört- lichen Depots befindlichen Kunstwer- ke auszustellen.„Kunst hat keine Pri- orität“, antwortet Kacorzyk unver- blümt, der mit dem Bau eines neuen massiven Museumseingangs und der Instandhaltung der verfallenden ar- chitektonischen Relikte in Birkenau beschäftigt ist. Es gab Pläne, Kunst- werke(es gibt sogar einen Picasso) im Gebäude der Lagerküche auszustel- len, aber diese sind auf EFis gelegt. Neben der physischen Instandhal- tung des verfallenen Lagers versucht die Leitung der Gedenkstätte vor al- lem,„die Sprache zu ändern“, um die junge Generation, deren Wissen über den Holocaust nur bruchstückhaft ist, besser zu erreichen. Darüber hinaus will das Museum den Besuchern hi— Storische Artefakte an ihrem authen- tischen Ort präsentieren. Und die Ba- racken im Lager waren nicht wirklich ein Ort für Kunst, schließt Kacorzyk diese Debatte ab. IAK-Vizepräsident Heubner entgegnet, Kunst biete enor- me Bildungschancen und sei der Schlüssel zum Verständnis der Ver- gangenheit für junge Menschen. Der slowakische Delegierte fasst die Aspekte des Holocaust-Geden- kens in der Slowakei zusammen. Das Holocaust-Museum in Sered, das Ho- locaust-Dokumentationszentrum, die Milan Simecka-Stiftung, Postbellum und ICEJ Slovakia sowie die Slowaki- Sche Akademie der Wissenschaften arbeiten auf diesem Gebiet. Es wird an einer Datenbank der slowakischen Opfer gearbeitet, es finden Fachkon- ferenzen statt, z. B. über Sobibor oder den berüchtigten 80. Jahrestag der Ausrufung des slowakischen Staates. Die TLeiterin der tschechischen De- legation, Marta Malã, Mitglied des Prä- Sidiums des Internationalen Ausch- wit?-Komitees und Direktorin des Stif- tungsfonds für Holocaust-Opfer in un- serem Land, fährt fort. Sie berichtet über die Projektarbeit in den Program- men Fürsorge, Erneuerung, Erinne- rung und Zukunft mit einem jährlichen Volumen von fast 20 Millionen Kro- nen. Der Fonds ist grundsätzlich poli- tisch aktiv und vermittelt Einfluss für Uberlebende auf Regierungsebene. Die Stiftung unterstüt?t Betreuungs- projekte für die schwächsten Senioren Sowie für die kleinsten Kinder(im Pro- gramm Unsere Zukunft), einschließ- lich der Hüchtlinge aus der Wraine. Zu?Zana Pavlovskã hielt einen fun- dierten Vortrag über die Bildungspro- gramme des Prager Jüdischen Mu— Seums und fasste die Fakten über die tschechische Aktivität in EKHRI zu— sammen. Im Stil eines alten Prager Herren sprach Michal Stränsky im 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Namen der Theresienstäd- ter Initiative, die weiterhin dreihundert Uberlebende des Holocausts in unserem Land zusammenbringt, zu den überlebenden Kin- dern, Müttern und Vãätern. Aus Luxemburg prote- Stierte ein Delegierter des 1965 gegründeten Comité Auschwit? Luxembourg nicht nur gegen das Verges- sen des Holocausts, son- dern auch gegen seine Ver- wendung zur Förderung unangemessener Themen. Er Zählte die Schwierigkei- ten mit dem Gedenken auf, auch im Falle des Hauptdenkmals, dem Monument de la Solidarité Na- tionale, das zwar prächtig, aber histo— risch etwas irreführend ist. Die großen Hamburger und Frankfurter Organisationen(gemeint ist die Lagergemeinschaft), die von Uberlebenden gegründet wurden, be— richten von Bildungsreisen in die deutschen Konzentrationslager, das Interesse ist groß, sie haben ihre Ka- pazitäten voll ausgeschöpft. Eine er— freuliche Tatsache. Den Abschluss der Konferenz bil- det erneut der klügste Kopf der ge- Ssamten Operation-Marian Turski. Er beschwört den Geist von Wladislaw Bartoszewski, einem polnischen poli- tischen Auschwit?-Häftling Nr. 4427 (und spãteren polnischen Außenmini- ster), und dem von Israel Guttmann, einem israelischen Historiker, der Auschwitz überlebt hat und Autor der bahnbrechenden Enzyklopädie des Am Rande der Generalversammlung Sprachen Gerhard Merz(inks) und Sascha Feuchert(rechts) u. a. auch mit LAK-Präsident Marian Turski. Holocausts ist. Turski erinnerte daran, dass sie die ersten waren, die darauf hingewiesen haben, dass die früher unter dem Finfluss der herrschenden Ideologie präsentierte historische Darstellung„entjudet“ wurde. Jetzt müsse sie objektiv umgeschrieben werden. Dies ist eine ständige Aufga- be, und dieser Ansatz wird sich in der neuen Ausstellung widerspiegeln, die in Auschwitz geplant ist, um die ganze Wahrheit Zu Zeigen. Zu diesem Zweck wurde der Internationale Auschwit?- Rat gegründet, ein renommiertes Fo- rum von Fxperten, Politikern und Geldgebern(darunter Tomãäs Kraus, derzeitiger Direktor des Instituts der Theresienstädter Initiative). Der Wandel zum Besseren zeigt sich auch in der Konzeption der neuen österreichischen Musstellung im Stammlager in Block 17. Die architek- tonisch brillante Lõsung regt nicht nur zur Lektüre der Exponate an, die in Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 ihrem gesamten Kontext und mit gan?z bestimmten Schicksalen präsentiert werden, sondern ermöglicht auch eine Stille Pieta. Die ästhetischen Hlemen- te sind minimal, dominiert von philo- Sophischen, großen Zitaten über das Wesen des Völkermords. Kein Lärm, obwohl natürlich das Audioarchiv zur Verfügung steht. Fine Ausstellung, die nicht nur den Opfern, sondern auch den Tätern aus den Reihen der öster- reichischen Nation näher kommt, und das ist ein Novum. Das Museum in Auschwitz ist nicht nur eine Gedenkstätte, es ist vor allem ein Museum, das sich um Objektivität bemüht. Darin sind die Osterreicher hervorragend, und die Tschechen soll- ten sich von ihrer überholten Ausstel- lung eine Scheibe abschneiden. Turski erwähnt auch die Stimmen aus dem In- ternet und fordert die Korrektur von Ungenauigkeiten auf Wikipedia und die Uberwachung von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in sozialen Netzwerken. Weitere akademische Forschungen zum Holocaust sollen an- geregt und unterstüt?t werden. Das effte Gebot Am Ende appelliert Turski jedoch er- neut, dass die dringendste Aufgabe darin besteht, wahre Informationen über den Krieg in der Ukraine zu ver- breiten und das Verhalten der eu— ropãischen Mehrheit gegenüber Mi- granten zu korrigieren. Gleichgültig— keit ist tõdlich. Sei nicht gleichgültig. So lautet das Motto des Internationa- len Auschwit?-Komitees, das Uberle- bende als 11. Gebot bezeichnen. Als wäre das nicht genug für mich, einer geplagten Nachfahrin von Holo- caust- Uberlebenden und Kriegsflücht- lingen in dritter Generation aus Wien, kommt kurz vor meiner benötigten Schlafenszeit Marios Soussis aus Grie- chenland zu unserer tschechischen Pelegation in die Hotellobby, hält sein Prinnerungsbuch auf Griechisch in der Hand, sein Gesicht erinnert mich an die Artefakte der Antike, sage ich mir, als der elegante Herr im grünen Sweatshirt, weißes Haar, faltiges Ge- sicht, einen kleinen Campari bestellt und beginnt, seine Geschichte zu er— zählen. Er ist ein römischer Jude, ein Mitglied der ältesten jüdischen Ge— meinde Furopas, die sehr klein und unbekannt ist, da sie sehr lange in Griechenland am Rande der dominie- renden Gemeinden der später einge- wanderten sephardischen Juden ge— lebt hat, vielleicht ist das auch der Grund, warum es seiner Mutter wãhrend der Judenjagd der Gestapo in Griechenland gelang, mit ihren Kin- dern aufs Land zu fliehen. Der Vater jedoch wurde gefangen genommen und nach Auschwit? deportiert, wo er im so genannten Sonderkommando in Auschwit? arbeiten musste. Der Schlimmste Ort in der Todesfabrik. Ar- mer Mario! Er ist hier bei seinem Sohn und seinem Enkel, Gott sei Dank, und doch sehe ich in seinen Au- gen eine unermessliche Traurigkeit, das letzte Gebot für mich, weiterzuma- chen und jeden daran zu erinnern, dass im Herzen Buropas vor nur 80 Jahren Sechs Millionen Menschen wegen eth- nischer und religiöser Unterschiede auf unmenschliche, industrialisierte Weise ermordet wurden. ⸗ 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Der vorliegende Jext ist eine Zusummenfus- ng der narrati augezeichneten Interviews von Koman Kent mit Bettina Schaefer und seiner Rede hei der Gedenkſeier für Noach Hug am 6. September 2071 in Berlin. Er stummt alus dem Buch„ch hleibe Optimist trotz allem— Prinne- rungen an Moach Hug“ jetztzeit verlag Ham- hlyg, 2074, S 703 f Abdruck mit freundlicher Genehmigung des jetztzeit verlags Hamburg. Bettina Schaefer gilt als Pionierin des er- zdhlenden, historischen Sachbuchs mittels nar- rativ aufgezeichneter Interviews von Zeilzeu ginnen und Zeitzeugen. Dafüir wurde vie mehrfach in den U4 und Kanada internatio- nal ausgezeichnet, zuletzt 2017 mit der Gold- medaille für das Besle europdische Sachhuch“ hei den IPPVAwards in New Vork. Roman Kent(1929- 2021) Klassenkamerad von Noach Flug und Marian Turski aus dem Ghetto Lodz In Auschwitz verloren wir uns aus den Augen Man hat mich gebeten, einige Wor- te über das bedeutsame Leben und die edlen Taten eines sehr außergewöhnli- chen und mutigen Mannes zu sagen— über meinen lieben Freund, Noach Flug. Wie beschreibt man einen Men- schen in wenigen Absätzen, wie wird man einem Mann und einer Bezie- hung wie unserer gerecht, die über ein Dreivierteljahrhundert andauerte. Ich werde mich wohl nach der sprichwört- lichen Weisheit richten müssen:„weni- ger ist mehr“. Noach Flug bin ich eigentlich erst- mals im Ghetto von Lodz begegnet. Vor dem Krieg besuchte ich bereits mit Marian Turski die Schule, Noach habe ich aber vor dem Krieg noch nicht gekannt. Wir lernten uns im Ghetto kennen, und sind dort sehr gute Freunde geworden. In früher Kindheit, als wir kleine Jungen waren, die in Polen die Schule besuchten, wurde er Nonek genannt, nicht Noach, wie man ihn heute nennt. Deshalb war er damals, ist heute und wird er für mich immer Nonek bleiben. Im Umfeld des Ghettos hatten wir Kinder die Zeit und die Energie, Iisch- tennis Zu spielen, und irgendwie war es für uns ein gemeinsames Ventil, auf die- sen kleinen Ball einzudreschen. So konnten wir die Not akzeptieren, die wir erdulden mussten, die Lebensmittel- knappheit, die Kälte und natürlich die ständige Angst vor den Deutschen. Es war gut, dass wir unseren Frustrationen Ausdruck verleihen konnten, indem wir den kleinen Ball so hart wie möglich Schlugen. Wir haben so getan, als wäre er der Feind, obwohl er in Wahrheit unser Freund war, denn irgendwie schien die- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 8e sportliche Betätigung uns dabei zu helfen, die extrem widrigen Lebensbe- dingungen zu ertragen. Nonek und ich verbrachten un- zählige Stunden mit Spielen und Re- den. Wir haben sogar Pläne geschmie- det, wie man die Probleme der Welt lösen und aus der Erde einen besse- ren Ort machen könnte, an dem die gesamte Menschheit leben konnte. Irgendwann wurden die Bedingungen im Ghetto immer unerträglicher und wir fanden in unseren regelmäßigen Tischtennisspielen nicht mehr die Ruhe und den Frost. Das tägliche Leben wurde immer härter, und die Ghettobevölkerung dezimierte sich durch Unterernährung, Krankheit und willkürliche Deportationen. Lebensmittel waren immanent mit Arbeit verbunden. Hans Biebow, ein Deutscher, der für sämtliche Fabriken im Ghetto zuständig war, bereicherte sich persönlich an den Zwangsarbei- tern, die er beschäftigte— unter Mit— wirkung der Direktoren der Ghettofa- briken und der deutschen Privatindu- Strie. Die Produktionsquoten, die von den Arbeitern erfüllt werden mussten, waren an Lebensmittelrationen ge- koppelt. Je mehr man arbeitete, umso mehr Lebensmittel erhielt man. In Wahrheit bedeutete das, wenn es ei- nem gelang, die bereits hohen Produk- tionsvorgaben zu übertreffen, erhielt man ein klägliches, zusätzliches Stück Brot. Damit hatten die Deutschen ein diabolisch grausames System ent- wickelt, ein Verfahren, das uns lang- sam an Hunger und Uberarbeitung sterben ließ, während wir den letzten Rest Fnergie, den wir noch hatten, dafür einsetzten, billige Waren für die deutsche Wirtschaft Zu pro- duzieren. Man kann sich kaum vorstellen, welche Auswir- kungen der stän- dige, bohrende Hunger hat, und was er mit Kör- per, Geist und Seele anstellt. Die Gedanken kreisen ausschlieBlich darum, wie man etwas zu essen bekommt, der Kopf arbeitet auf einem elementaren Uberlebensni- veau, und man verliert jedes Gefühl für die Konsequenzen die es haben kann, wenn man diesem glühenden Verlangen nachgibt. Die Rabbiner be- freiten praktizierende Juden von der Pflicht, ausschließlich koschere Nah- rungsmittel Zu essen, da es hier um Le- ben und Tod ging(pikuach nefesch). Vielen Menschen war es egal, ob sie Schädliches zu sich nahmen, bestimm- te Blätter etwa, die im Ghetto wuch- sen und von denen wir wussten, dass sie giftig waren. Die Menschen aßen sie, um überhaupt etwas zu essen. Und leider gab es immer noch viele, die nicht begriffen haben, dass der Scha- den, den sie ihrem Körper zufügten, indem sie sich in den Fabriken veraus- gabten, viel größer war, als es die paar zusätzlichen Brotstücke wettmachen konnten, die sie dafür bekamen. Das Quotensystem war extrem Noach Flug 925-2011) 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer schädlich(und wie alles, was die Deut- Schen taten, bewusst teuflisch) denn es ereugte eine intensive Wettbewerbs- stimmung, die niemandem diente— außer den Deutschen. In den Klei- dungsfabriken waren die Probleme bes onders akut. Port gab es in erster Linie Arbeiterinnen, die meisten da- von Mütter. Diese fürsorglichen Frau- en wollten die zusätzlichen Lebens- mittel für ihre Kinder. Dadurch starben viele von ihnen frühzeitig an Erschöpfung— manche Frauen starben unmittelbar an ihren Nähmaschinen, wãhrend sie sich gerade bemühten, für eine winzige Zugabe an„Ersat?zbrot“ Meterware so schnell wie möglich zu— sammen zu nähen. Im Leder- und Sattlerressort, in dem wir arbeiteten, war die Lage ganz anders. Sie war einzigartig, weil die meisten Arbeiter Jugendliche waren, die Rucksäcke, Gürtel und allerlei Le- derwaren und Zubehör fürs deutsche Heer nähten. Alles haben wir von Hand gemacht, und obwohl keiner von uns anfangs nähen konnte, haben wir schnell gelernt und wurden ziem- lich geschickt darin. Kaum hatten wir den Dreh aber heraus, da meldeten unsere Ausbilder die Produktionssteigerung dem Di- rektor. Ehe wir uns versahen, setzte er uns unter Druck, die Anzahl der täg- lich produzierten Finheiten zu stei- gern. Es dauerte nicht lange, da er— kannten wir, dass wir uns organisieren und das Tempo drosseln mussten, wenn wir nicht, wie die Frauen in der Kleiderfabrik, vor Erschöpfung an un- seren Arbeitsplätzen sterben wollten. Außerdem wurde uns klar, je weniger Rucksäcke und anderes Zubehör wir anfertigten, desto weniger Rucksäcke konnten an die feindlichen Truppen ausgehändigt werden. So haben wir uns zusammenge- Schlossen, die„Zwangsarbeiter-Skla- venarbeiter- Gewerkschaft“ gegründet und eine Grundlage für den Wider- stand gegen die deutsche Kriegsma- schinerie geschaffen. Unsere Anfüh- rer, die für die Koordination der Solidarität unter den Arbeitern zu- ständig waren, bestanden ausschließ- lich aus Teenagern wie mir, darunter einige meiner engsten Freunde: No- nek Flug, Niutek Radzyner, Sonn- abend, und Rysiek Podlaski. Uns war klar, dass wir nicht mit der Produktion aufhören durften, weil man uns sonst deportieren oder umbringen würde. Daher mussten wir, als wir unseren Bummelstreik planten, an Rysieks Vater denken, an die anderen Fabrik- direktoren und an Biebows Reaktion auf das, was wir vorhatten. Biebow war streng, schonungslos und stellte hohe Anforderungen. Men- Schen wie er begriffen und verstanden, viel mehr noch als die zuständigen Deutschen, das Ausmaß des wirt- schaftlichen Nutzens der jüdischen Zwangsarbeiter in den Ghettos. Jedes Mal, wenn er die Fabrik besuchte, folg- ten noch strengere Vorschriften und Forderungen nach einer Produktions- steigerung. Man kann gut verstehen, dass wir immer erschauderten, wenn er eine„Stippvisite“ machte. Nonek und ich selber waren, als zwei der Organisatoren, in einer be- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 Sonders prekären Lage. Direktor Pod- laski kannte uns bereits gut, wegen Rysiek, mit dem wir zusammen zur Schule gingen. Daher versuchten wir, So wenig Aufsehen wie möglich zu er- regen. Das wurde durch die Tatsache erschwert, dass ich mich fast jeden Tag vor?eitig davon schlich, um meine „Mini-Farm“ zu besuchen, und ich konnte es mir nicht leisten, stãndig un- ter Beobachtung zu sein. Schließlich bedeutete dieses Gemüsebeet für mei- ne Familie den Unterschied Zwischen Leben und Tod. Natürlich bemerkten unsere Auf— seher sofort, dass die Stückzahlen, die wir produzierten, zurückgingen, und sie berichteten dem Direktor von dem Problem. Sie waren alle äußerst fru— striert und versuchten uns mit den ver- schiedensten Drohungen und Anrei- zen zu zwingen, die Produktion an?zukurbeln. Aber wir hielten durch und rührten uns nicht. Wir wussten ganz genau, dass wir Selbst— aber auch die Betriebsleitung — aufgrund dessen, was wir Jugend- lichen da anstellten, in großer Gefahr waren. Es bestand die Möglichkeit, dass der Direktor entlassen und harte Strafen gegen uns verhängt würden, wenn wir von den Deutschen erwischt wurden— genauer gesagt, man konnte uns die Lebensmittelrationen vorent- halten oder als Saboteure kurzerhand hinrichten. Die dritte, und schrecklich- Ste Möglichkeit war die Deportation. Wir rechneten uns aber aus, dass die unmittelbarste Gefahr der Betriebs- leitung drohte. Sie müsste den Groß- teil der Verantwortung dafür überneh- men, dass sie die Drosselung der Pro- duktion zugelassen hatte. Es erschien uns daher vollkommen einleuchtend, dass sich die Betriebs- leitung„unbeabsichtigterweise“ mit uns verbũnden würde, um ihre eigene Unzulänglichkeit in der Fabrik zu ver- bergen. Das war ein gefährliches Risi- ko, das schwerwiegende Folgen haben konnte, aber wir erkannten auch, dass die Mternative noch schlimmer wäre. Direktor Podlaski wusste, dass Nonek und ich im Mittelpunkt der Ver- schwörung standen, und rief uns ver- Schiedentlich in sein Büro, um uns per- Sõnlich zu tadeln. Wir waren Teenager, er war in seinen Fünfzigern. Bei diesen Zusammenkünften in seinem Büro— einem abgetrennten Raum in der Fabrikhalle— brüllte er uns an:„Glaubt ihr denn, ich weiß nicht, dass ihr dahinter steckt? Was führt ihr im Schilde? Wollt ihr mich und alle anderen umbringen? Begreift ihr denn nicht: Wenn die Deutschen das herausfinden, werden wir als Saboteure hingerichtet?“ Er konnte nicht fassen, dass wir und sein Sohn Teil einer Verschwörung ge- gen ihn sein konnten. Wir durften kei- ne Miene verziehen und nie versehent- lich irgendwelche Pläne oder andere Hintergrundinformationen ausplau- dern. Wir haben versucht, ihn davon zu überzeugen, dass die Arbeit mit Leder sehr schwierig sei, und es viel Zeit brauche, die Arbeit vernünftig zu ma- chen, besonders da schlechte Verarbei- tung Verschwendung wäre und der Arbeiter dafür bestraft würde. Schließ- lich seien wir nur Kinder. 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Mit der Auflösung des Ghettos im August 1944 wurden wir beide nach Auschwit?z geschickt und verloren uns aus den Augen. Ich habe mit meinem Bruder Leon überlebt und wurde am 23 April 1945 in Flossenbürg befreit, und 1946 bin ich in die USA ausge- wandert. Nach dem Krieg habe ich 1958 wieder den Kontakt Zu Noach auf- genommen, damals lebte er in Israel. Als ich Noach und seine Frau zum er— sten Mal nach dem Krieg wieder sah, war es einerseits, als würde man etwas finden, was aus der Vorkriegszeit verlo- ren gegangen war. Andererseits war es in gewisser Weise auch ein neues TKe- ben. Er erzãhlte mir von Marian Turski, dass er ebenfalls überlebt hatte, und dass er in Warschau lebte. Wir haben uns gefreut, Zu erfahren, dass wir beide dieses entsetzliche Mar- tyrium überlebt hatten. Wir waren überglücklich, dass sich unsere Wege erneut gekreuzt hatten und dass unse- re Beziehung wieder auflebte. Zum Glück wurde das enge Band, das uns beide in früher Kindheit verband, mit jedem Jahrstärker. Immer wenn meine Frau Hannah und ich Israel besuchten, verbrachten wir Zeit mit Nonek und Dorka. Wir sind oft gemeinsam gereist, haben mehrere Urlaubsreisen nach Buropa und an andere interessante Orte auf der ganzen Welt unternom- men, zum Beispiel nach Agypten, eine Fahrt den Nil hinunter, und nach Russ- land, wo wir mit dem Schiff von Mos- kau nach St. Petersburg reisten. Die Zeit und die Entfernung waren nie wichtig. Als Nonek in der Schweiz und in Deutschland lebte und als Wirt- Schaftsattaché für die israelische Re- gierung tätig war, legten wir immer Wert darauf, die Flugs zu besuchen. Wir vier haben es unheimlich genos- sen, zahllose Stunden zusammen zu verbringen, uns an die Vergangenheit zurückzuerinnern und uns über die Zukunft Zzu unterhalten. Irgendwann fingen wir an, immer mehr an die„Gegenwart“ zu denken, und unsere langjährige Freundschaft verfestigte sich noch weiter aufgrund unseres gemeinsamen Zieles, für die Holocaustüberlebenden auf der ganzen Welt Gerechtigkeit zu erlan- gen. Es war diese gemeinsame Ent- Schlossenheit, etwas gegen die missli- che Lage der Uberlebenden zu tun, auch wenn es Zu wenig war und zu spãt kam, die eine noch bemerkenswertere Verbundenheit Zwischen uns entste— hen ließ. Das Vertrauen Zwischen uns blieb all die Jahre hindurch bestehen, gan? bis ans Ende von Noneks Leben. Nie werde ich Noneks mutiges Auftreten bei der ersten Vorstands- versammlung der Jewish Claims Con- ference vergessen, als sich die Verant- wortlichen vehement dagegen wehrten, dass Uberlebende in dieses maßgebliche Organ, das in ihrem Na- men sprechen sollte, aufgenommen wurden. Von diesem Zeitpunkt an hat Nonek sein Leben voll und ganz dem Ziel gewidmet, eine Entschädigung und Wiedergutmachung für bedürftige Uberlebende zu sichern, und das Ge- denken an den Holocaust auf würde- volle Weise aufrecht zu erhalten. In seiner Freizeit war Nonek ein anderer als der Teilnehmer, den man Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 am Konferenztisch antraf. Er war ein engagierter Bhemann und Vater, und seine Liebe für seine Familie war im- mer sehr deutlich zu spüren. Es mach- te Spaß zuzusehen, wie genau Dorka seine Arbeit verfolgte und wie sie sich hinter den Kulissen einbrachte. Wenn sie hin und wieder mit Noneks Aktio- nen nicht ganz einverstanden war, war es ihre Weise, indirekte und diskrete Finmischung, die seine Ansichten be- einflusste. Sie war in der Tat die Frau, die hinter dem Mann stand. Im Laufe der Jahre haben Nonek Flug, Marian Turski und ich, die drei überlebenden Klassenkameraden der Ghettoschule von Lodz, den Spitzna- men„Die drei Musketiere“ bekom- men. Symbolisch stimmt das... wir drei waren die einzigen Uberlebenden unserer Schulklasse... drei Soldaten, die bereit, willens und in der Lage wa- ren, für Gerechtigkeit Zzu kämpfen. Ja, wir waren Soldaten im Kampf um Ge- rechtigkeit, und Nonek trug die größ- te Kanone. Es hat etwas Ironisches, dass wir geographisch voneinander ge- trennt wurden: Nonek Flug, der Sozia- list, in Israel; Marian Turski, der politi- sche Denker, in Polen; und ich, der Kapitalist, in den USM. Ja, wir waren Fre unde, und wir dachten und handel- ten wie eine einzige Person. Wir waren tatsächlich„Die drei Musketiere“. Figenartigerweise feuerte Noneks Waffe aber Worte statt Kugeln. Er Stand ständig an vorderster Front, um habgierige Anwälte, jüdische Organi- Sationen und jeden anderen zur Rede zu stellen, der zuließ, dass das Streben nach Gerechtigkeit durch Habgier be- sudelt wurde. Er entlarvte furchtlos diejenigen, die gemischte Motive hat- ten oder persönliche Interessen ver- folgten, und Menschen, die im Namen der Gerechtigkeit für die Uberleben- den das Wort ergriffen, aber nur theo- retisch und ohne praktischen Bezug argumentierten. Das ist es, was ich von Noach gelernt habe: Zielstrebigkeit. Wenn man für eine gerechte Sache kämpft, muss man für sie kämpfen. Man darf nicht aufgeben. Und das ha- ben wir nie getan. Das Wort„Integrität“ ist wie ge- schaffen, um Nonek Flug zu beschrei- ben. Er hat ein Lob wie dieses mehr als verdient, denn sein ganzes Leben lang hat er immer im besten Interesse der Holocaustüberlebenden gehandelt, und er war der eloquenteste, hart- nãckigste und unermũdlichste Fürspre- cher für die Bewahrung des Gedenkens an den Holocaust und für das Er- schließen neuer Möglichkeiten, um notleidenden Uberlebenden zu helfen. Er wusste, dass man meist einen Preis dafür zahlen musste, die Wahrheit aus- zusprechen. Aber er war bereit diesen Preis Zzu bezahlen, und oft hat er das ge- tan. Er war in der Jat ein Musketier... ein Soldat mit unbeugsamem Willen, der bereit war, es mit jedem aufzuneh- men, um das Gedenken an den Holo- caust am Leben zu erhalten und den Bedürftigen zu Hilfe zu kommen. Er fehlt mir vom ganzen Herzen. Daher möchte ich ihm noch dies eine sagen:„Schalom Haveri Haikar, Lhitraot Baolam Haba. Auf Wiederse- hen, liebster Kamerad... ich hoffe, wir sehen uns im Jenseits wieder“. 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Der Mythos vom„liberalen Frankfurt? Auf den Spuren der NS-Zeit Lagergemeinschaft in„Galerie der Initiativen“ repräsentiert- Vernetzt in digitaler„Gedãchtnis-Plattform“ des Historischen Museums Frankfurt am Main Mit dem Smartphone als Navigator kann man in Frankfurt am Main jetzt auf den Spuren der NS-Zeit wandeln. Fine neue App führt zum Beispiel zu den Stolpersteinen und erklärt die Be- deutung dieser kleinen Monumente. Sie führt auch über den Hauptfriedhof zu den Gräbern jüdischer Opfer des deutschen Nationalismus und ebenso zu Gebäuden mit NS-Bezug. Die „Frankfurt History App“ ist Jeil einer neuen digitalen„Gedächtnis-Platt- form“ zur Bewahrung der Erinnerung an die NS-Zeit. Es handelt sich um ein Folgeprojekt der großen Ausstellung „Frankfurt und der NS— Eine Stadt macht mit“, die bis Mitte September 2022 im Historischen Museum Frank- furt Zzu sehen war. Frankfurt am Main hat sich in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhun- derts immer stolz als liberale und weltoffene Stadt prãsentiert. Poch als die Nationalsozialisten in Deutsch- land die Macht übernahmen, war da- von nicht mehr viel zu spüren. Ob Sportvereine, Kulturbetriebe, Bil- dungsstätten oder soziale Finrichtun- gen, sie alle gingen sehr schnell auf Di- stan?z zur jüdischen Bevölkerung und Schlossen ihre jüdischen Mitglieder aus— oft mit vorauseilendem Gehor- sam noch bevor amtliche Anweisun- gen ergangen waren. Rund 12.000 Jüd- innen und Juden wurden in den fol-— genden Jahren aus Frankfurt depor- tiert, die meisten von ihnen wurden in den NS-Vernichtungslagern ermordet. Die Idee des„liberalen Frankfurt“ war nur ein Mythos. Dies ist die nüch- terne Bilanz der Ausstellung„Frank- furt und der NS— Fine Stadt macht mit“. Mein der itel spricht für sich Selbst:„Mitmachen“ kann ja durchaus etwas Positives sein, wenn es sich auf Engagement und Finsatzbereitschaft bezZieht. In der NS-Zeit jedoch wurden die„Mitmacher“ zu Komplizen einer perfiden Vernichtungspolitik. Die Aus- stellung weckte überregional großes Interesse und wurde von rund 30.000 Menschen besucht. Das Historische Museum Frank- furt beließ es jedoch nicht beim Rück- blick auf᷑ die Vergangenheit. Zeitgleich zur Ausstellung widmete sich das Stadtlabor der„Spurensuche im Heu- te“, was als Brückenschlag in die Ge- genwart intendiert war. Im Mittel— punkt standen Nachwirkungen des NS bis in die heutige Zeit sowie die viel- fach zZu beobachtende Kontinuität von Diskriminierung und Ausgrenzung und schließlich eine kritische Ausein- anderset?ung mit der deutschen Prin- nerungskultur. Zugleich bot eine„Ga- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 lerie der Initiativen“ Finzelpersonen, Gruppen, Vereinen und Institutionen die Chance, ihre aktuelle Arbeit zur Brinnerung an die NS-Zeit vorzustel- len. Hier war die Lagergemeinschaft Auschwit? gut vertreten. In unserem Abschnitt der„Initiati- ven-Galerie“ konnten wir die wichtig- sten Eckpunkte unserer Arbeit auf ei- ner anschaulichen Textbahn erläutern. LGA-Mitteilungsblätter waren zum Mitnehmen ausgelegt und ebenso Ausdrucke eines Interviews mit unse- rem Vereinsgründer Hermann Rein- eck aus dem Buch„Einer muss über- leben“. Das Buch selbst sowie weitere relevante Literatur lagen im uns zuge- teilten Regalfach zur Finsicht bereit. All dies hat die KGA einer breiteren Offentlichkeit bekannt gemacht und hat uns zugleich im Net?werk der ein- schlägigen Initiativen im Frankfurter Raum verortet. Auch im Folgeprojekt des Histori- Schen Museums Frankfurt ist die KGA reprãsentiert. Unter dem Motto„Er- innerungskultur 2.0“ wurde in Koope- ration mit dem Institut für Stadtge- schichte, dem Jüdischen Museum Frankfurt und der Stiftung Brinne- rung, Verantwortung und Zukunft ei— ne dreiteilige digitale„Gedächtnis- Plattform“ erstellt. Diese enthält auch Links zu Initiativen wie der Lagerge- meinschaft Auschwitz. Die„Gedächtnis-Plattform“ unter dem URE www.frankfurt-und-der- ns.de bietet einen zentralen Zugang zu vielen relevanten Angeboten und Ver- anstaltungen von Museen, Archiven, Forschungseinrichtungen und Initiati- ¶Rundgänge öberblickstour vom Historischen Museum zum Börneplatz Frinnern an die MS-Futhanasie am Gröberfeld Hauptfriedhof ven. Unter eben letzterer Kategorie, etwas weiter unten auf der Homepage angesiedelt, gibt es einen direkten Link zur LGA-Webseite. An anderer Stelle findet man eine Verbindung zum Portal des Instituts für Stadtgeschichte, wo unter www. frankfurt933-1945.de mehr als 620 Artikel mit etwa 1.100 Bildern sowie ergänzende Audio-Dokumente einge- schen und gehört werden können. Hier soll das sich ständig erweiternde Wissen über die NS-Zeit in Frankfurt 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer kontinuierlich werden. Uber einen weiteren Link kommt man zur zweiten Säule der„Gedächt- nis-Plattform“, dem„Shoah Memorial Frankfurt“— www.shoah-memorial- frankfurt.de— des Jüdischen Mu— seums. Hier soll die Erinnerung an die 12.000 jüdischen NS-Opfer aus Frank- furt bewahrt werden, indem ihre Bio- grafien ins Netz gestellt werden. Und schließlich kann man sich als dritte Säule die eingangs erwähnte„Frank- furt History App“ herunterladen, um direkt auf den Spuren der NS-Zeit zu wandeln. Hier werden fertige Stadt- rundgänge angeboten, doch kann man sich auch eigene Rundgänge zusam- menstellen. Mit der digitalen„Gedächtnis- Plattform“ wird somit ein organisati- zusammengetragen —— — —— Die Austellung„Frankfurt und der NS— EFine Stadt macht mit' war bis September zu schen. Als Folge- projekt entstand die„Frankfurt History App“. Info-Material lag in der„Galerie der In- itiativen aus. Fotos: Annedore Smith onsübergreifendes Datendepot ge- schaffen, das eine breite Vernetzung mit gebündeltem Wissen ermöglicht. Auf diese Weise kann Brin- nerungskultur lebendig ge- halten und für individuelle Brinnerungsarbeit verwen- det und erweitert werden. Denn die Plattform ist für die interaktive Nutzung konzi- piert. So sind bei den Biogra- fien der NS-Opfer Ergänzun- gen aus der Offentlichkeit willkommen. Auch können Initiativen wie die LGM ihre Veranstaltungen über diese Plattform bekannt machen. Die„Frinnerungskultur 2.0“ des Historischen Museums Frankfurt bietet also auch unserem Verein neue Mög- lichkeiten. Von Annedore Smith Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 Kabarett im KZ Jo van Nelsens berührende Grammophon-Lesung Es wird gelacht und es ist trot?dem bitterernst, es ist ko— misch,tieftraurig und deprimie- rend zugleich. Mit seiner Gram- mophon-Lesung Kaharett im K? greift der Musikhistoriker und Chansonnier Jo van Nelsen sehr einfühlsam und sehr kenntnis— reich ein sehr problematisches kulturgeschichtliches Thema auf. Bei seinem Auftritt am 13. No— vember in der Stadtbibliothek Bad Vilbel war die Lagergemein- Schaft Mitveranstalter. Jo van Nelsen erzählt in sei— nem Programm von den Schicksa- len vieler inhaftierter Künstlerinnen und Künstler(ſsa Vermehren, Willy Ro- sen, Paul OMontis, Kurt Gerron, u. a.), liest ihre Texte, singt ihre Kieder und spielt Schellackplatten ab. Seltenes Bild- und Hilmmaterial machen den Auftritt Zu einer spannenden Zeitreise. So wurde auch immer wieder sehr ge⸗ lacht, denn die vorgestellten Autoren und Interpreten waren Meister ihres Fachs. Schnell griff aber dann auch das Entset- zen um sich, wenn van Nelsen über die Hintergrũnde informierte. So fanden bei- Spielsweise die Kabarett-Revueen im Lager Westerbork immer dienstagsa- bends statt, wenn draußen die Häftlinge in die Waggons für den Jransport in die Vernichtungslager getrieben wurden. Die Kabarettist: Innen erhofften sich größere Chancen, um zu überleben, und wollten sich selbst und anderen Hãftlin- gen einige Momente bieten, den Alltag vergessen zu können. Und wer kann es nicht verstehen, wenn sich vom Tode Camiilla Spira, Max Ehrlich, Fran? Engel u. a. 1943 in einer Revue des Lagers Westerbork. Foto: Rudolf Breslauer(Gemeinfrei) bedrohte Menschen mit Liedern wie „Mir ist heut So nach Olicklichsein und einem Rendevouz“ für Minuten aus der Wirklichkeit hinwegträumen. So wirkten die Vorstellungen mit auch durchaus provokanten Texten ei- nerseits als Beruhigungsmittel und mö- gen andererseits als Gelächter der Ver- zweiflung wahrgenommen werden. Let?teres vor allem für Jo van Nelsens Publikum, denn in der Nachschau bleibt die bittere Erkenntnis, dass auch die meisten Künstlerinnen und Künstler der deutschen Mordmaschinerie zum Opfer fielen. So wendet sich die Gram- mophon-Lesung gegen das Vergessen und für das Erinnern an die, die auch hinter Stacheldraht Unterhaltung zu ihrem Lebensinhalt machten. Mit„Kabarett im KZ“ bietet Jo van Nelsen einen Abend, der ob seines wi- dersprüchlichen Themas und einprãgsa- men Darstellung lange nachhallt. (Weitere Infos: https:jovannelsen. de/) Hans Hirschmann „Sonderbehandlung“ Ein Augenzeugenbericht aus der Hölle Lesung und Gespräch Freitag, 27. Januar 2023, 19 Uhr Gießen, Netanya-Saal im Alten Schloss, Brandplat? 2 Filip Müllers Bericht über die Geschichte der jüdischen Sonderkommandos in Auschwit? steht im Mittelpunkt dieser Veranstaltung. Es ist eine gemeinsame Veranstaltung der Volkshochschule Gießen und der Lagergemeinschaft Ausch- wit? anlãsslich des Holocaust-Gedenktages(Jahrestag der Befreiung von Aus- chwitz-Birkenau). LGA-Mitglied Andreas Kilian, der Filip Müller persönlich kannte und das Nachwort zu der Neuausgabe verfasst hat, steht im Gespräch Rede und Antwort. Die Schauspielerin Irina Ries wird Passagen lesen. In Zeiten, in denen der russische Präsident Wladimir Putin mit Begrif- fen wie„Völkermord' und„Entnazifi- zierung' seinen Angriffskrieg in der Ukraine zu rechtfertigen versucht, den ukrainischen Präsidenten Zelensky, der jüdischer Abstammung ist, als„Son- derkommando“ bezeichnet und damit als willfährigen Vollziehungsgehilfen des NS-Holocaust verunglimpft und der so die Geschichte des Holocaust als Kriegsvorwand missbraucht, erhalten Bücher wie Hilip Müllers Augenzeu- genbericht„Sonderbehandlung“ eine neue und traurige Bedeutung. Filip Müller(1922-2013) überlebte die KZHaft und den Zwangsdienst im „Sonderkommando“ Auschwitz-Bir- kenau mehr als drei Jahre lang. 1979/80 veröffentlichte er auf Deutsch seinen Bericht„Sonderbehandlung“. Zu seinem 100. Geburtstag hat seine Familie nach langem Zögern eine kommentierte Neuausgabe mit einem gemeinsamen Vorwort des Antisem- Filip Müller Sonderbehandlung ollte leben nbnt eben noch oins Minuto. noeh einan Tag noch oinen Monat 1ängor. Begrelfan 51a; labenls tismus-Beauftragten der Bundesregie- rung Felix Klein und des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutsch- land Josef Schuster Ssowie einem Nach- wort von Andreas Kilian ermöglicht. Das Buch ist bei der Wissenschaftli- chen Buchgesellschaft in Darmstadt erschienen.