LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWTAZER AUSCHMWTZ Marian Turski, neuer Präsident des Internationalen Auschwit? Komitees, würdigt bei der Irauerfeier seinen verstorbenen Vorgänger und Freund Roman Kent. Vorn hört Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aufmerksam zu. 41. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2021 Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser, wir bitten Sie zu überlegen, ob Sie uns Ihre E-Mail-Adresse mitteilen möchten, und uns vom Vorstand ausdrũcklich erlauben, dass wir Sie auch auf diesem Weg über Vereinsaktivitäten informieren dürfen. So konnten wir zum Beispiel alle, die uns diese Erlaubnis bereits gegeben haben, im November sehr schnell über die coronabedingte Absage unserer bereits angekündigten Mitgliederversamm- lung informieren. Falls Sie dies befürworten, schicken Sie uns bitte Ihr Finver- ständnis per E-Mail an infoSlagergemeinschaft-auschwitz. de. Dies kann auch direkt über unsere Homepage(https:Magergemeinschaft-auschwitz. de) und das dortige Kontaktforumular geschehen. Dort müssen nur der Satz mit Ihrer Pin- verständnis-Erklärung und die Kenntnisnahme unserer Datenschutzbestim- mungen angeklickt werden. Vielen Dank für Ihr Verständnis Inhaltsverzeichnis Seite Bericht über unsere Projekte 1 Begegnung mit der Holocaust-Uberlebenden Monika Goldwasser 8 Eine Pädagogik der Biografie am Beispiel Zofia Posmys? 8 „Ich werde immer wieder davon erzählen“ 12 Patenschaften für Freiwillige der Aktion Sühnezeichen 14 Gedenkfeier des IAK zu Ehren von Roman Kent 16 Gebot gegen die Gleichgültigkeit 19 Marian Turski Zum neuen IAK-Präsidenten gewählt 20 Nachrufe Wir trauern um Waclaw Dlugoborski und Gerhard Herr 21 Impressum: Herausgeber:Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Gerhard Merz, 35308 Gießen, Unterer Hardthof 15 (Korresponden?ꝰ bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de facebook. comſlagergemeinschaft/ Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzügen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Pin Lebender ist gelcommen, ind vor diesem Lebenden ver— Schließt sich, was hier geschah. Der Lebende, der hiermerommt, alus einer anderen Welt, hesitzt nichis als seine Kenntmis von Zifern, von niedergeschriebenen Berichten, von Zelgenaussagen.. Jetzt stehnt er nur in einer untergegungenen Welt. Mier Kann er nichts mehr tun. Pine Weile herrscht die dußeyste Stille. Mann weiß en es ist noch nicht zuende. aus Peler Weis. Meine Orischaft (Prinnerung an veinen Besuch inAuschwilz zwunzig Jahre nach Kriegvende) Bericht über unsere Projekte und Dankeschön für Ihre Unterstützung und Spenden Kiebe Mitglieder, liebe Fre undinnen und Freunde, dank Ihrer Mitgliedsbeiträge und Spenden konnten wir auch dieses Jahr wieder einige Projekte neu in die Wege leiten beziehungsweise weiter- verfolgen. Sie kamen vor allem ehe- maligen Häfltingen der Konzentrati- onslager und Gestapo-Gefängnisse zugute. Gefördert wurden jedoch auch junge Menschen, die sich mit Blick auf die Vergangenheit für eine demokratische und humanere Zu- kunft einsetzen möchten. Für das Interesse an den Zielen unseres Vereins sagen wir Ihnen als Mitglieder, Spenderinnen und Spen- dern herzlichen Dank und informie- ren im Folgenden gerne über die wichtigsten Projekte, für die Ihre Un- terstüt?ung von großer Wichtigkeit war. Aufgrund der Pandemie konnten auch wir als Vorstand einiges nicht realisieren, was wir uns vorgenom- men hatten. Oft wurde geplant und diese Planungen mussten dann wie- der verworfen werden. Immerhin konnte Anfang November wieder ei- ne unserer Studienfahrtn nach Ausch- wit? und Krakow stattfinden(siehe die Beiträge auf den Seiten 5— 13). Die nicht ganz zwei Dutzend Teilneh- merinnen und Teilnehmer konnten erfahren, welche neuen Kenntnisse, Gedanken und Emotionen die realen Orte, an denen die im Namen des deutschen Staates begangenen Menschheitsverbrechen stattfanden, auslösen. Der Name„Auschwitz“ ist zum Symbol dieser Verfolgungs- und Ausrottungspolitik in all ihren Finzel- maßnahmen geworden. „Uber Auschwit? darf kein Gras wachsen“, war das Credo unseres 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Post aus Warschau — —— 1bor on oie 2016 —— A 0 A/ nnu⸗ —— „ Fchb b or ore Hrinnerung an uns und fhr Fote Rnan⸗ielle —— Nelen Jahren nutzen wit ure Unersutrung und —*— nnen Buch wohl Freunde nennen hr die Kchwere Zeit der Corona-Pandemie in Gesundhelt oberdauer eh geandert und lautet jett PbwPwok sAMobzittNt kKoto Skobowiskowt MwITZ-BRIRENAU W WARZAwit ul. Drialdowska 6. 01.134 Warszaws 4 e ebee 2ene 6 Un. 4. — 3 R 6 * u 71 n.— n ge 1 r 1 Mittlerweile steht die LGAM mit dem Warschauer Hüftlingsclub in Verbindung, da- mit auch für 2021 erneut 4.S00 Euro überwiesen werden können. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Vereinsgründers Hermann Reineck, dem wir uns auch heute noch ver- pflichtet fühlen. Dies geschieht unter anderem mit direkten finanziellen Hilfen für die heute hochbetagten Uberlebenden der NS-Verbrechen Giehe Brief aus Warschau auf Seite 2). Beabsichtigt und beschlossen ist es, auch für das noch laufende Jahr einen Gesamtbetrag von 8.500 Furo an Hãftlingsorganisationen in Warschau und Krakau zu überweisen. Bedingt durch Umzüge und Anderung der Bankkonten kann dies nun erst jetzt erfolgen. Mit weiteren zehntausend Furo ermõglichen wir es zwei in Polen le- benden, weit über 90 Jahre alten Auschwit?-Uberlebenden, dass sie in ihren Wohnungen betreut werden können und nicht in ein Heim umzie- hen müssen. Im weit gefassten Bereich der po- litischen Bildung haben wir Paten- schaften für junge Freiwillige der Ak- tion Sühnezeichen/ Friedensdienste übernommen(iehe Seite 14— 15). Des Weiteren wurde die Publikation der englischen Ausgabe von Lucina Filips Buch„Juden in Oswiecim 1918— 1941“ mit einem dreistelligen Betrag gefördert. Die Morde von Hanau Unsere Solidaritãt gilt Zudem der„ In- itiative I9. Fehruar Hanau“. An die- sem Tag 2020 wurden in Hanau be- kanntlich neun Menschen ermordet, weil sie der rassistisch motivierte Täter aufgrund ihrer Herkunft und Lebensart nicht als lebenswürdig be- fand. Die„nitiative 79. Februar Han- au wurde von Angehörigen, Freund- innen und Freunden der Opfer gegründet. Sie will nicht nur das Ge- denken an die Ermordeten aufrech- terhalten, Ssondern fordert auch von den Behörden Aufklärung, warum der Täter so offen und lange seine Mord- Serie verwirklichen konnte. Auch wer- den Konsequenzen aus dem behörd- lichen Versagen eingefordert. Ihre Forderungen machte die Initiative be- sonders anlässich des ersten Jahresta- ges mit vielen Aktionen öffentlich. In deren Vorfeld schickte der Vor- stand der Lagergemeinschaft am 16. Februar 2021 folgende Solidaritäts- botschaft an die Initiative: „Der Jhrestag der abscheulichen Bluttat von Hanau riickt näher und hringt uns ermneut die allgegen wärtige Gefahr des rechtsextremistischen, vas- vilischen, antisemitischen, islamfeind- lichen Hasses lind der daraus veslltie- renden Gewalt ins Bewlisslsein. Wir nterstiitzen daher aus vollem Herzen die A ktivitãten Mhrer Organisation und all deren die in diesem Kampf auf der Seile der Opfen der Bedrohten und Bedrängten stehen. Ab Oganisation, die von Uberlebenden des N Ver- nichtungslagers Aluschwitz gegriindet wMyrde, wissen wir lim die Notwendig- Keit, alle Ercheinungsformen solchen Denkcens und Handelns rechtzeitig zu helcdmpfen und im Keim zu ersticken. Mahei ist lins hewlssl, duss es ldngst nicht mehr darum geht„den Anfän- gen zu wehren“, sondern darum, den demohkratischen Kern der Gesellschaft gegen Hass und Gewalt zu immunisie- 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ren lnd die demolratischen Struktu ren lind Institutionen zu veyteidigen. Deshalb linterstiitzen wir alle Aktio— nen aus Anlass des Jahrestages. Als Zeichen linserer Solidarität hat der Votand der LCA heschlossen, Ihnen eine Spende von 1.250 Euro zukom- men zl lussen.“ Die Initiative dankte wie folgt: „Wir wollen Ihnen herzlich und mit aller AufrichtigMeit für Uhre Soldiarität und natürlich auch für Uhre Spende danken. Hür die Familien ist es sehr wichtig zu merken, dass Sie viele elindinnen und wichtige Verbüinde- te haben.“ Liebe Leserinnen und Leser, wir möchten natürlich auch im Jahr 2022 die in unseren Vereinszielen fest- gelegten Aktivitäten fortsetzen und hoffen weiterhin auf Ihre Hilfe. Wir sind dankbar für jede Spende und auch Die Bankverbindung für Ihre Spende: Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen IBAMN DEd3 5185 0079 0020 0005 03 BIC HELADEHFIFRI Vielen Dank: Bitte Name und Adresse deutlich schrei- ben, damit wir Ihnen die Spendenbe- Scheinigung Zuschicken können. Sonstige Untestützung. Wer in unserem gemeinnützigen Verein Mitglied wer- den möchte, findet auf der Homepage hpsMagergemeinschaft-auschwitz. de⸗ mitglied-werden ein Beitrittsformular zum herunterladen. Wir wünschen Ihnen und uns allen eine bessere Zukunft mit der ſo the memory of the men, women, and t children wWho fell victim to the Here lie their ashes. May their souls rest in peace Nazi genocide. hoffentlich bald grundsät?z- lichen Eindämmung der Coro- na-Pandemie. Zudem auch hoffentlich erholsame Feiertage über Weihnachten und Neu- jahr sowie einen guten Start ins Jahr 2022. Herzliche Grüße der Vorstand der Lagerge- meinschaft Alkschwitz— Freundes kreis der Ausch witzer Gerhard Merz, Matthias Tiessen, Angelika Berghofer- Sierra, Martina Hörber, Hans Hirschmann, Wolfgang Gehrke, Andreas KFilian, Annedore Smith, Mexander Woff Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Die List der Mutter mit einer Puppe rettete ihr das Leben Eine Begegnung mit Monika Goldwasser Dass Begegnungen mit Uberlebenden des Holocaust, mit Zeitzeug?innen, eine gan?z besondere Erfahrung sind, diese schlichte Wahrheit eröffnete sich sicher auch den Teilnehmer*innen der diesjährigen Auschwit?z-Krakau-Studienfahrt der Lagergemeinschaft Alschwitz— Hreundeskreis der Auschwitzer. Während ei- nes Besuches im Jidischen Museum Galicja, das in Krakaus ehemaligem jüdi- schen Wohnviertel Kazimierz gelegen ist, trafen sie mit Monika Goldwasser zu— sammen, die als 7 Monate altes Baby gegen alle Wahrscheinlichkeit der Deportation und damit dem sicheren Tod entging. Nicht nur diese Tatsache, son- dern auch ihr weiterer Lebensweg sorgten für atemlose Spannung, die sich am Ende des Gesprächs in lang anhaltendem Beifall Iöste. Monikas leibliche Eltern waren lebten in Skarzysko-Kamienna und Adam und Salomea Goldwasser. Ihre heirateten während des Zweiten Welt- einzige Tochter kam 1941 kriegs. Ihr Wunsch nach in der Stadt Myslenice eigenen Kindern blieb un- (Güdlich von Krakau) zur erfüllt. Im Herbst 1942 Welt. Vor der Deportati- suchte Maksymilian im on von Juden in das Get- Ursulinenkloster in der to in Skawina gaben die Starowislna-Straße 9 in Goldwassers ihre Tochter Krakau eine Nonne auf; in die Hãnde einer polni- sie war eine Freundin sei- schen Familie in einem ner Arbeitskollegin. Viele Dorf außerhalb der Stadt. polnische, jüdische und Während der Deportati- ungarische Waisenkinder on trug Salomea anstelle lebten im Floster— ihrer Tochter eine Puppe. Monika Goldwasser Mädchen bis zum Alter Zusammen mit ihrem von drei Jahren. Während Mann verschwand sie kurz darauf in des Besuchs bat die Oberin Schwester Skawina.* Jadwiga Glemòwna Maksymilian Anna und Maksymilian Kaminski Kaminski, sich um eines der Kinder zu * Skawina: Auf dem Marktplat? der sũdpolnischen Stadt wurden am 29. August 1942 rund 500 Finwohner jüdischen Glaubens von deutschen Polizeieinheiten Zzusam- mengetrieben, 300 ältere und kranke Menschen wurden im Wald von Bagienki er- schossen, die übrigen ins Vernichtungslager Belec transportiert. Hier wurden im März 1943 auch 4000 Juden aus dem Krakauer Getto ermordet.(Quelle: Wikipedia) 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Monika Goldwasser zeigt der Gruppe Fotos ihrer leiblichen Eltern. Monika Selbst hat bis zu ihrem 50. Lebensjahr keine Bilder ihrer Eltern gesehen. kümmern. Kurz darauf ging dieser mit seiner Frau erneut ins Kloster. Sie kehr- ten mit dem Mädchen, Monika, nach Hause zurück.„Der Ausdruck auf dem Gesicht eines bestimmten Kindes z0g die Aufmerksamkeit von Anna auf sich besonders die traurigen Augen. Sie nahm sie an der Hand und umarmte sie fest. Ich war dieses Kind?, sagt Monika Goldwasser. Monika war 1942 ins Ursuli- nenkloster gekommen. Sie war erst wenige Monate alt und sehr krank. Das Bhepaar Kaminski wusste, dass sie ein jũdisches Kind war. Sie hatte ei- ne Karte mit den Namen ihrer Eltern dabei. Sie erhielt einen neuen Namen Lucja. Anna Kaminski tauchte mit dem Kind bis Kriegsende unter. Sie hielt sich in verschiedenen Verstecken auf, darunter in einem kleinen Keller mit einer anderen Jüdin. Sie wohnte auch im Haus eines Freundes außerhalb von Krakau.„Du bist zu einem hüb- schen Mädchen herangewachsen', hörte ich viele Jahre spãter von dieser Freundin. Sie zeigte mir, wo mein Bett gestanden hatte. Sie erinnerte sich, wie gut meine polnische Mutter sich um mich gekümmert hatte. Sie hatte Me- dikamente besorgt und brachte den Arzt nachts. Es war alles, damit ich überleben würde.“ Nach dem Krieg z0g das Bhepaar Kaminski in die„Reclaimed Territo- ries** Polens, wo sie ein neues Leben begannen. Sie sorgten für eine glückli- che Kindheit ihrer Adoptivtochter, hielten aber die Vergangenheit vor ihr geheim.„Pinmal, als ich in Unfug ge— riet, hörte ich Mama sagen: Du schlechtes Goldwasser!“. Ich sagte: Warum nennst du mich eine Art Deutsch?““, erinnert sich Monika. „Das war kein Zufall. Sie bereitete mich darauf vor, die Wahrheit zu er— fahren.“ Als Monika die Karte fand, die sie im Kloster bei sich hatte, begann sie zu zweifeln, dass sie tatsãchlich das Kind *„Reclaimed Jerritories*: Polen verwendet diese Bezeichnung für die ehemals deut- Schen Gebiete õstlich der Oder Neiße-Linie und die sũdlichen Jeile von Ostpreußen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Ich hatte zwei Mütter Botschaft von Monika Goldwasser „Mein Leben verdanke ich dem Mut der Aufopferung und dem Willen zlim Kampf gegen den Vod. Ich weiß, wie viel Angst meine polnischen Eltern vor der Entdechcung hatten. Uns allen drohte der Jod... Meine biologischen Elerm hießen Adam und Salomed. Ich weiß, wus sie durchlitten, um mich in diesen alptraumartigen Augusttagen 1042 zu retten- der Abschiedsschmerz, als vie ihr einziges Kind für immer aus den Hdnden gahen, sich von ihm verabschiedeten und mit dem Pferdelcarren ihre letzte Reise antraten—- von Mslenice nach SMawina, mit einer Puppe stuit mir auf dem Aym. Meine polnische Mutti hat den größten Wunsch meiner jüdischen Mutti erfiilt und ihre Angst besiegt, um mein Leben zu retten... Nie werde ich Feindschaft zwischen Menschen und VölMkern akzeptieren Güte ist das hõch— S1e Gut, das wir haben.“ der Kaminskis war. Das war der einzi- ge Hinweis auf ihre jüdische Identität. Kurz vor ihrem Tod beschloss Anna, die Wahrheit Zu sagen. Zuvor hatte sie nahe Verwandte um Rat gefragt, was sie tun sollte.„Ich war zweiundzwan- zig Jahre alt. Sie rief mich zu sich und Sagte: Setz dich hin, Kind. Ich habe et- was Zu sagen.“ Sie sprach und weinte, ich hörte zu.“ Kurz nach Anna starb auch Maksymilian, und Lucja war wie- der allein. Es blieb jahrzehntelang ihr Geheimnis Viele Jahre lang hatte Monika keine Informationen über ihre leiblichen El- tern. Sie erzählte niemandem von ihrem Geheimnis, nicht einmal, als sie ihre eigene HFamilie gründete. Das än- derte sich 1990. Im Fernsehen sah sie eine Frau, die nach Monika Goldwas- ser, der Tochter von Dr. Adam und Sa- lomea Goldwasser, suchte.„Ich dach- te, Oh Gott, Sie sucht mich!“ Nachdem sie die Schwester ihrer leiblichen Mutter getroffen hatte, be- gann Monika, nach Dokumenten zu suchen und Zeugen ihrer Geschichte ausfindig zu machen. Sie besuchte zunächst das Jiidische Historische In- Situt in Warschau.„Zum ersten Mal, im Alter von fünfZig Jahren, sah ich ein Foto meiner leiblichen Mutter., Schau, wie ähnlich du deiner Mutter bist, schau!* Als ich das hörte, rannte ich in den Flur, es war sehr emotional.“ Seitdem teilt Monika Goldwasser ihre Geschichte in vielen Gesprächen und Vortrãgen. Im Jahr 2016 wurden Anna und Maksymilian Kaminski auf ihre Initiative hin in Israel von der Ge- denkstätte Vad Vashem mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Oerhard Merz 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Eine Pädagogik der Biografie Am Beispiel Zofia Posmysz: Christus in Auschwitz? Wie weiter, wenn der let?te Zeit?euge, die let?te Zeitzeugin nicht mehr ist? Wie die Erfahrung des lebendigen Austauschs, des Zuhörens und Befragens der Per- sönlichkeit und des Schicksals jener ganz besonderen Gruppe von Menschen er- set?en? Von Menschen, die das Unsagbare, das Unerhörte des NS-Terrors und der Shoah erlebt und- noch unwahrscheinlicher- überlebt haben? Diesen Fragen, die sich alle in der Erinnerungsarbeit und der Frinnerungs- und Gedenkstättenpãdagogik seit geraumer Zeit stellen und die immer drän- gender werden, da sich die letzten Uberlebenden selbst die jüngsten dem bib- lischen Mter von 90, ja 100 Jahren nähern, stellte sich eine Veranstaltung, die die Lagergemeinschaſt Auschwilz— FreundesKreis der Auschwilzer gemeinsam mit der Internationalen JMugendbegegnungsstitte Auschwitz(UB) im Rahmen der jüngsten Studienfahrt und als Beitrag Zum Gedenktag 9. November in der IBS unter dem Jitel„Argument Biographie- Menschliche Werte in einer unmenschli- chen Welt“ am 4. November durchführte und die per Livestream über den Kreis der ca. 30 anwesenden Zuschauer?innen hinaus zugänglich gemacht wurde. Aus- gangspunkte der Uberlegungen waren dabei Ausschnitte aus dem Film„Die Schreiberin von Auschwitz“, Erfahrungen aus einem gleichnamigen Workshop der IBS sowie die Ausstellung„Argument Biografie- Zofia Posmysz“. Im von Deutschen besetzten Kra- im Untergrund und wurde im April kau besuchte die 1923 geborene Zofia 1942 verhaftet. Nach einem sechs— Posmys?z eine konspirative Oberschule wöchigen Aufenthalt im berüchtigten Krakauer Gefängnis Montelupich wur- de sie in das Lager Auschwitz- Bir- kenau überstellt, wo sie bis Januar 1945 verblieb. Nach einem mörderischen Marsch gelang sie in das Lager Ra- vensbrück und dann nach Neustadt- Glewe. Nach dem Krieg kehrte sie nach Polen zurück, studierte polnische Philologie und arbeitete für den polni- schen Rundfunk. Sie gehört zu den be- deutenden polnischen Autor?innen der Gegenwart. Während ihres Dienstes als Schreiberin im Frauenlager Birkenau . lernte sie Tadeus? Paolone(alias Li- Zofia Posmys? im Jahr 2012 Sowski), einen polnischen politischen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Zofia Posmys? war 19 Jahre alt, als sie nach ihrer Ankunft im Konzentrations- lager Auschwitz von Wilhelm Brasse im Auftrag der Lagerleitung fotografiert wurde.(Museum Auschwitz-Birkenau) Häftling, ehemaliger Offizier der pol- nischen Armee und Mitglied des Lagerwiderstandes, kennen. Paolone- Lisowski wurde, nachdem die Wider- standsgruppe verraten worden war, am 11. Oktober 1943 gemeinsam mit 73 anderen Mitgliedern der Organisa- tion vor der Todeswand im Hof vor dem Todesblock 10 erschossen. Paolone-Lisowski sollte der jun- gen Zofia, die durch einen der vielen unwahrscheinlichen„Zufälle“ die Aufgabe einer Schreiberin in der La- gerküche von Birkenau zugeteilt be- kommen hatte, die Grundzüge der Buchhaltung beibringen. Fin weiterer unwahrscheinlicher Zufall, wie es sie häufig in der Geschichte von Uberle- benden gibt. Paolone-Lisowski schenkte Zofia ein Christus-Medaillon, das ihm selbst von einem der illegal künstlerisch tãti- gen Häftlinge geschenkt worden war. Posmys? bewahrte das„Schmuck- stück“, den„Christus von Auschwitz“, während ihrer gesamten Haftzeit und bis Zum heutigen Jag auf. Sie ist über- zeugt, dass es sie gerettet hat. Die Begegnung und das Geschenk wurden zur Inspiration für ihre Erzäh- lung„ Christus von Auschwitz“, die sie der IBS anlässlich des 25. Jahrestages zum Geschenk machte und die von der IBs in einer polnisch-deutschen und einer polnisch-englischen Fassung verõffentlicht wurde. Die Erzählung ist Grundlage des Workshops„Aygu- ment Biographie Menschliche Werte in einer unmenschlichen Welt“. Im Anschluss an die Präsentation des Filmes und der Workshop-Erfah- rungen fand ein Gespräch unter Teil- nahme von Gerhard Merz, Vorsitzen- der der LGA, und Elzbieta Paster- nak, Bildungsreferentin der IIBS, mo- deriert von Leszek Szuster, Direktor der IBS, Statt. An der unwahrschein- lichen Geschichte von Zofia Posmys? und dem Medaillon entlang ent— wickelte das pãdagogische Team der 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer IBsS einen Workshop für Besucherin- nen und Besucher, dessen Struktur und Fragestellungen während der Veranstaltung ebenso vorgestellt wurden wie eine Ausstellung zum Thema. Grundsätzlich sei für den gewähl- ten Ansat? von Bedeutung, dass man eine klar polnische und nicht eine deutsche Perspektive eingenommen habe. Auch sei es wichtig, die überwie- gend männlich geprägte Zeitzeugen- schaft durch weibliche Brinnerungen nicht nur zu ergänzen, sondern durch- aus neue Aspekte zu entdecken. An drei Stationen- so erklärte Elzbieta Pasternak- wurden die für das Works- hop-Team wichtigen und weit über die individuelle Biografie hinausgehen- den Fragestellungen formuliert. Da sei zunächst die Frage, warum die 19 jährige Zofia Posmys?z über- haupt in Auschwitz inhaftiert war. Als Schülerin hatte sie Flugblätter ver- teilt, die in einer von Klassenkame- radꝰinnen betriebenen„Untergrund- presse“ produziert wurden. Zofia wurde am 15. April 1942 vermutlich aufgrund einer Denunziation verhaf- tet und gelangte über verschiedene Zwischenstationen außer- und inner- halb von Auschwit? schließlich im Sommer 1942 in das neu errichtete Frauenlager von Birkenau. Bedeutsam- s0 Pasternak- seien an dieser Stelle die Fragen: Was hätte ich getan, was würde ich tun? Auf welcher Grundlage soll ich mich ent- scheiden in Situationen, in denen ich mich entscheiden muss und in denen auch Nichthandeln Handeln ist? Wel- che Rolle spielen„Werte“ bei meiner Entscheidung? An der„Zweiten Station“ konzen- trieren sich die Uberlegungen auf die SS-Bewacherin Franz, die durch ihre Entscheidungen die Begegnung Pos- mys?s mit Paolone-Lisowski her- beiführte. An dieser Figur, die inmit- ten des Chaos aus Quälerei, Leiden, Vernichtung und Tod„einen Funken Menschlichkeit“ bewahrt hatte und auch zeigte, werden Handlungsrah- men und Handlungsmöglichkeiten Selbst unter extremsten Bedingungen dargestellt und erörtert.„Schade um Uber den Frinnerungsansat?„Argument Biographie“ diskutierten auf dem Podi- um unter der Leitung von Leszek Szuster, Direktor der Internationalen Jugend- hegegnungsstdtte Oswiecim(LB9, LGA-Vorsitzender Gerhard Merz Ginks) und IYBS-Pädagogin Elzbieta Pasternak. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 2 6— Ziele des Workahps Vor der Podiumsdiskussion wurde unter anderem mit der Zofia Posmys? ge- widmeten bieografischen Ausstellung in das Thema eingeführt. den Kerl“, sagte die SS-Frau, als sie von der Erschießung Paolone-Kisows- kis erfuhr. Selbst im Kosmos Ausch- wit?, in dieser grauenhaft verzerrten „verkehrten Welt“, bleibt ein Rest von menschlichen Werten und mensch- lichem Handeln potentiell selbst in Personen erhalten, die sich durch akti- ves Mittun an dem Geschehen ohne Zweifel zutiefst mitschuldig gemacht haben. Die Frage des menschlichen Handelns und der grundsätzichen Notwendigkeit, sich auch in scheinbar vollständig determinierten Situatio- nen zu entscheiden, wird hier deutlich. Schließlich wird an der Rolle, die das Medaillon in der Geschichte Spielt, die Frage sichtbar, welche Rol- le der Glaube im Leben Posmys?s Spielt. Die Frage, ob Gott /Christus in Auschwitz war, ist aufgeworfen- und wird von Sofia Posmys? beantwortet. Unabhängig von ihrer individuellen Antwort aber bleibt die Frage, woher junge Menschen heutzutage, in einer Zeit der„spirituellen Obdachlosig- keit“- so ein Wort des Soziologen Oliver Nachtwey)- Orientierung, Glauben, Hoffnung nehmen sollen. Die Antwort liegt im Nitel des Works- hops: Menschliche Werte in einer un- menschlichen Welt! Beispiele wie das von Zofia Posmys? verdeutlichen das, sie sind ein Argument gegen Gleich- gültigkeit. Beispiele wie dieses können uns den Weg zeigen in die Zeit nach den Zeit?zeugen. Die Fragen, die wir ihnen stellen konnten, müssen wir vor allem an uns selber richten. Sie sind existen- ziell. Und die Millionen und Abermil- lionen Geschichten von Gewalt, Ver- folgung, Tod und Vernichtung, von Glaube, Hoffnung und Liebe, von Schicksal und blindem Zufall werden nie zu Ende erzählt sein. Dass sie auch entlang literarischer Zeugnisse und anhand eines Medaillons erzählt werden können, macht Hoffnung für die Zukunft der Arbeit des Erinnerns. Oerhard Merz 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Ich werde immer wieder davon erzählen? Kurze Finschätzung und ein Bilderbogen zur Studienfahrt 2021 —— 2 ———— Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienreise in Birkenau vor dem Denkmal. „Die Reise war wirklich sehr infor- mativ und gut zusammengestellt. Das Sehr schwierige Thema wurde sehr gut übermittelt..... In Summe also eine wirklich gelungene Reise.“ Fin Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Krakau ist Seit Jahren Teil des Programms unserer Studienreisen. „Es war eine wirklich gute und sehr wichtige Reise. Ich habe nochmal sehr viel dazu gelernt. Die Tatsache, dass tatsächlich die ganze Zeit über aus— schlieBlich die Opferperspektive ein- genommen wurde, war meines Brach- tens nach etwas Entscheidendes und Besonderes.- Und ich werde immer wieder davon erzählen und auf die Lagergemeinschaft aufmerksam ma- chen.“ Zwei Reaktionen, die zeigen, wie die diesjährige Studienreise von den Jeilnehmerinnen und Teilnehmern an- und aufgenommen wurde. In der Jat lag ein anspruchsvolles, physisch und psychisch forderndes Programm hin- ter der Gruppe, die sowohl alters- mäßig(Zwischen 14 und 74 Jahren) als Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 auch der Herkunft nach(von Bremen bis Stuttgart) und auch beruflich un— gewöhnlich heterogen zusammenge- Set?zt war, was aber unbedingt Zum Er- folg des Unternehmens beitrug. Es ist praktisch unmöglich, eine Studienfahrt und die unglaublich vie- len verschiedenen Findrücke und Er- fahrungen in einem Artikel zusam- menzufassen, geschweige denn auf einen Nenner zu bringen. Es soll des- halb hier auch gar nicht erst der Ver- such gemacht werden. Zwei besonde- re Bestandteile- die Veranstaltung „A/ygliment Biograßie“ und das Zeit— zeugengespräch mit Monika Goldwas- ser- werden in gesonderten Artikeln in diesem Heft behandelt. An dieser Stelle daher„nur“ ein Bilderbogen mit einzelnen Stationen und ein herzliches Dankeschön an das Team der Internationalen Jugendbe- gegnungsstätte(IIBS) mit Leszek Schuster an der Spitze, an unsere Gui- des und Gesprächspartner im Muse- Auf Oskar Schindlers Fabrikgelände(hier sein Büro) befindet sich heute das Muse- um für die Besetzung Polens. um, in den angeschlossenen Institutio- nen, in der Stadt Oswiecim, an Teresa Orlowska in Krakau— und an die tol- len Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die diese Fahrt zu einem ganz beson- deren Erlebnis machten. Gerhard Merz Auf den Seiten des Book of Names? sind im ehemaligen Stammlager mehr als vier Millio- nen Namen von Opfern des deutschen Völkermords von 1933 1945 dokumentiert. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Patenschaften für Freiwillige von Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste Im Mai 2021 hat der Vorstand der Lagergemeinschaft Alusch wit?— FrelindesKreis der Ausch wilzer einstimmig beschlossen, für vier Freiwillige der Aktion Sihne- zeichen Friedensdienste(AS) Patenschaften zu übernehmen. Die jungen Frau- en haben ihren Dienst Mitte September aufgenommen und sich danach gleich bei uns gemeldet. Die Regel der ASF ist es, dass jede*r Freiwillige 15 Unter- stützer?innen hat, die monatlich je 15 Euro spenden. Wir unterstützen jede Frei- willige für ein Jahr mit je 30 Euro pro Monat: das sind insges amt 1.440 Furo. Drei der Frauen arbeiten in Oswiecim bzw. Krakau und konnten sich im November mit Teilnehmer*innen unserer Studienreise treffen. Bei diesem Anlass haben wir sie gebeten, sich und ihre Arbeit für das Mitteilungsblatt kurz vorzustellen. Im Allgemeinen berichten die Freiwilligen zweimal im Jahr ihren Unterstützer*in- nen mit einem größeren Bericht über ihre Arbeit. Julia Bökelmann: Ich bin 24 Jahre alt und nun seit zwei Monaten Freiwil- lige im Jüdischen Museum Galiziens in Krakau, Polen. Nach mei- bewegten mich dazu, herzukommen. Nun arbeite ich also in der histori- schen Bildung und gebe Führungen durch das Museum, das sich nem Studium der Poli— tikwissenschaft und Geo— graphie wollte ich endlich einmal praktisch werden und mich dabei der Ge— schichte zuwenden. Dafür bot sich ein Freiwilligen- dienst mit ASF geradezu an, da ASF Projekte in Ländern betreut, die vom Nationalsozialismus unter- drückt wurden oder eng mit ihm in Verbindung stehen. Polen ist dabei das Land, das als eines der ersten von den Na?is besetzt und unterdrückt wurde und in dem Millionen Menschen de- portiert und ermordet wurden. Dieser grausame Geschichtsbezug zu einem Land, Zu dem ich vorher so gut wie kei- nen Bezug hatte, und vor allem die vie- len historischen und politischen Bil- dungsprojekte, die ASF hier anbietet, mit der Vergangenheit, den Uberbleibseln, der Zer— störung, aber auch mit dem Wiederaufleben der jüdi- schen Kultur in dieser Regi- on beschäftigt. Die Gleich-— zeitigkeit von Geschichte und Gegenwart, die sich in den Treffen von Schulklassen mit Uberlebenden, in den Ausstellungen, Kulturveranstaltungen und jüdischen Diskussionsrunden im Museum spie- gelt, macht das Projekt selbst, aber auch die ganze Umgebung, in die es eingebettet ist, unheimlich spannend. Außerdem bin ich dabei nicht alleine, sondern arbeite mit tollen Mitfreiwil- ligen aus der Ukraine und Osterreich Ssowie mit Praktikant?innen aus Deutschland und Jerusalem zusam- men! Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Amelie Singla ist 18 Jahre alt, kommt aus Köln und arbeitet in Kiew im Rehazentrum füir Opfer von Votalitarisms und Krieg. Ziel- gruppen des Zentrums sind Opfer jeglicher Form des Jotali- tarismus, Uberle- bende, der GULAG, ehemalige Zwangs- arbeiter*innen und KZHãäftlinge. Marie Tepe: Dzien dobry, während ich diesen Text Schreibe, sitze ich in un- serem schönen Büro unter dem Dach der Internationalen Jugendhegeg- nngstätte(UB) in Oswiecim. Hier leiste ich seit genau zwei Monaten meinen Freiwil- ligendienst mit AKtion Slihne- zeichen Frie- densdienste. Da- zu habe ich mich entschie- den, nachdem ich in diesem Jahr mein Abi- tur im nieder- sächsischen Wolfenbüttel absolviert habe. Meine Motivation bestand vor allem darin, mich mehr mit Geschich- te und Erinnerungskultur zu beschäf— tigen und so auch etwas über unsere heutige Gesellschaft zu lernen. Die IMBS gefällt mir als Projekt auch des- halb, weil sie vielen jungen Menschen genau diese Gelegenheit bietet. Neben dem Interesse an dieser Arbeit hat mich natürlich auch das Kennenler- nen Polens und einer neuen Sprache motiviert. Denn obwohl Polen nicht weit entfernt ist, wusste ich vor mei- nem Freiwilligendienst nur sehr wenig über das Land und lerne täglich Neu— es dazu. Vielen Dank, dass Sie Aktion Siihnezeichen Friedensdienste und da- mit auch meine Arbeit hier unterstüt- zen! Emma Würffel: Czesc! Mein Na- me ist Emma Würffel, ich bin 18 Jahre alt und komme aus der Nähe von Meißen. Ich leiste derzeit einen einjähri- gen Freiwilligen- dienst im Jdi- Schen Zentrum Qwiecim. An der Arbeit ge- fallen mir besonders die abwechs— lungsreichen Aufgaben sowie die Aus- einanderset?zung mit den Geschichten und Schicksalen einzelner Bürger der Stadt. Ich habe mich für den Freiwilli- gendienst hier entschieden, weil ich helfen möchte, dass die Geschichte nicht vergessen wird. Gerade in Oswiecim ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass an das Leben der getöteten Menschen erinnert, ihnen eine Bedeutung beigemessen wird. Ich hoffe, ich kann mit meiner Arbeit hier Menschen für die Taten der Vergan- genheit sensibilisieren und auch für mich selbst neue Erfahrungen sam- meln. Vielen Dank, dass Sie mich da- bei unterstũtꝰen. 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Tagung des Prädidiums des Internationalen Auschwitz Komitees Gedenkfeier zu Ehren von Roman Kent Ganz im Zeichen der Frinnerung an den verstorbenen Präsidenten des Inter- nationalen Auschwitz Komitees(IAkK) Roman Kent stand die Tagung des Prä- sidiums des IAK am 30. August 2021 in Berlin. Redner waren unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Marian Turski, der neue IAK-Prä- sident, und Jeffrey Kent, der Sohn Roman Kents. „Sein Vermächtnis ist uns eine Verpflichtung, Antisemitismus und Rassismus jede Art von Widerstand zu leisten.“ Das versicherte Bunde- spräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfei- er für Roman Kent. Der Präsi- dent des Interna- tionalen Auschwitz Komitees war im Mai im Alter von 92 Jahren verstor- ben. Er denke an Roman Kent mit „tiefer Wehmut und Dankbarkeit“, Sagte der Bundespräsident. In Auschwitz trat nicht das Mon- ströse in Menschengestalt auf,„Son- dern die Bestie lauert in uns allen“, betonte Steinmeier. Kent habe die Abgründe des Menschen gekannt, sei aber auch ein„pragmatischer, durch- set?zungsfähiger Kämpfer für die Rechte und die Anliegen der Uberle- benden“ gewesen.„Als Präsident des Auschwitz-Komitees hat er so ein- dringlich davon erzählt und davor ge- warnt, was in Auschwit? geschehen war, wie kaum ein anderer“, sagte Frank-Walter Steinmeier. Roman Kent(Aufnahme aus 2012) Marian Turski, der als Nachfolger von Roman Kent in das Amt des ILAK-Präsidenten gewählt wurde, er- innerte in seiner Rede an den Mann, mit dem er seit der Jugend befreundet war:„Drei Klas- Ssenkameraden aus dem Litzmann- stadtghetto: Noach Flug, Roman Kent und ich. Das Schicksal wollte es, dass wir dieselbe Funktion ausübten. Noach Flug war bis zu seinem Tod im Jahr 2011 Präsident des Internationalen Auschwitz Komi- tees. Nach ihm wählten wir Roman Kent. Er ist im Mai dieses Jahres von uns gegangen, und nun ist es- nach dem Willen der Mitglieder des IAK Präsidiums- an mir, an seine Stelle zu treten. Zusammen mit namhaften Vertretern der zweiten und dritten Generation werden wir den Karren weiter ziehen und die Welt, die von Gewalt, Zersplitterung, Hass, Hetze und Populismus bedroht wird, an un- sere schweren Erfahrungen als ehe- malige Häftlinge von Auschwitz erin- nern.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede während der LAK-Tagung in Berlin. Marian Turski erinnerte an das Kinderbuch„Lala“. Roman Kent hat- te die Geschichte des kleinen Hundes aufgeschrieben, der ihm in seiner Ju- gend viel bedeutete.„Er hat bewie- sen, dass das Leid, das der Holocaust verursachte, das Verstoßen derer, die man für, anders' hielt, nicht mit Hilfe von Statistiken und Vernichtungssze- nen gezeigt werden muss, wie sie für Erwachsene wichtig sind. Wie man mit Menschen mitfühlen kann, die aus Hass hinter Stacheldraht gefan- gen sind, belegt das Beispiel der wun- derbaren Freundschaft, TFeue und Liebe des Hundes Lala. Und das ist vielleicht die lehrreichste Einführung eines Kindes in die Holocaust-Prob- lematik.“ Auschwit?- Großrosen- Flossen- bürg. Von vielen glücklichen Zufällen abgesehen, musste man sich durch be- sonderen Lebenswillen auszeichnen, um die Lager zu überleben. Dieser Im- puls Zu leben, sagte Marian Turski in seiner Rede, war für Roman die Sorge, das Leben seines jüngeren Bruders zu Foto: Gerhard Merz retten. Roman rettet seinen Bruder, und sein Bruder Leon ist die Ursache für Romans Verpflichtung, zu leben und zu überleben und um dessentwil- len mutig zu sein. Marian Turski erinnerte an das Leben und die Arbeit von Roman Kent in den USA und seinen Pinsatz für Organisa- tionen wie die Amerikanische Versammlung Jüdischer Uber— lebhender, die Sliftung für die Gerechten und die Claims Con- ference.„Das Vermächtnis und die Botschaften, die Roman Kent uns hinterlassen hat, sind enorm. Es ist unsere Pflicht und unser Privileg, sie weiterzutragen, weiterzuentwickeln und zu verwirklichen.“ Marian Turski schloss mit dem Credo von Roman Kent:„Wir müs- sen unseren Kindern zu Hause und in den Schulen Toleranz und Verständ- nis beibringen, denn Toleran?z kann man nicht von vornherein vorausset- zen— man muss sie lehren. Wir müs- sen unseren Kindern das Wissen ein- impfen, dass Hass niemals gut ist, Kie- be dagegen niemals bõse.“ Das effte Gebot Roman Kents Sohn Jeffrey stellte in seiner bewegenden Rede den Gedan- ken der„imperfect justice“ in den Mittelpunkt: Die Rufe nach Hilfe und Gerechtigkeit für die Uberlebenden, wohl wissend, dass keine Entschädi- gung oder„restitution“ den Leiden der Opfer gerecht werden kann. Und er erinnerte an das„11. Gebot“, das 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Bei der Gedenkfeier würdigten den verstorbenen Roman Kent mit Ansprachen(von linlk): Adriana Gilbo, Jeffrey Kent, Frank-Walter Steinmeier, Rüdiger Mahlo, Christoph Heubner und Marian Turski. Foto: Gerhard Merz sein Vater formuliert hatte:, Voxu vhall not he hystundersꝰ“ Adriana Gilbo, Jugend- und Aus- zubildendenvertretung der Volkswa- gen A6 in Wolfsburg, schilderte ihre Begegnungen mit Roman Kent in Os- wiecim/Auschwitz. Vor wenigen Jah- ren saß sie bei einer Tagung hinter Roman Kent. Fin brütend heißer Tag. Roman Kent drehte sich um:„Geht's euch gut?“ Die Frage hat sie geflasht. Adriana kniete sich in die Jugend- und Auszubildendenarbeit bei VW und in der I6 Metall.„Ich will mich auch umdrehen und fragen: Geht's euch gut?“ Die Volkswagen 46 gehört von Anbeginn an zu den För- derern der Intermationalen Jugendhe- gegnungsstditte(UB) in Oswiecim. Rüdiger Mahlo von der Jewish Claims Conference erinnerte an das Engagement von Roman Kent. Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung betonte Christoph Heubner, der Fxe- kutiv-Vizepräsident des IAK:„Das, was Roman Kent uns an Frinnerun- gen und Finsichten mit auf den Weg gegeben hat, werden wir- besonders in unserer Arbeit mit jungen Menschen- weiter beherzigen.“ Die Reden der Gedenkveranstaltung sollen in einer eigenen Broschüre publiziert werden. Im Anschluss an die Gedenkver- anstaltung fand die eigentliche Ta- gung des Präsidiums des IAK statt. Hier wurden hauptsächlich Berichte der Repräsentant?innen der einzel- nen vertretenen Länder erstattet. Vor allem Marian Turski wies auf die zu- nehmenden Schwierigkeiten und Ver- werfungen in der Frinnerungspolitik in verschiedenen(nicht nur) osteu- ropãischen Ländern hin. (IAK“ 6M) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Gebot gegen die Gleichgiültigkeit Am 21. Mai ist in New Vork der Präsident des Internationalen Ausch witz Komi- tees Roman Kent im Mlter von 92 Jahren verstorben. Das Internationale Ausch- wit?-Komitee würdigte ihn in einer Pressemeldung wie folgt: Roman Kent wurde 1929 in Lodz als Sohn der jüdischen Familie Kniker geboren, der in Lodz eine Textilfabrik gehörte. Ende 1939, nach dem Uber- fall der deutschen Wehrmacht auf Po- len, wurde die Familie Kniker- wie die anderen jüdischen Lodzer Familien auch- ins Ghetto gebracht, wo Ro- mans Vater 1943 an den Folgen der Unterernährung starb. Die restliche Familie wurde 1944 nach der Liquidation des Ghettos nach Auschwit?-Birkenau deportiert, wo Roman von seiner Mutter und seinen Schwestern getrennt wurde. Gemein- Sam mit seinem Bruder Leon durchleb- te Roman weitere Konzentrationsla- ger, bis er auf einem Todesmarsch von Flossenbürg nach Dachau als Sechs- zehnjähriger von amerikanischen Sol- daten befreit wurde. Gemeinsam mit seinem Bruder immigrierte Roman Kent 1946 in die USA, wo er als erfolg- reicher Geschäftsmann lebte. Zum Tod Roman Kents betonte in Berlin Christoph Heubner, der Hxe- kutiv-Vizepräsident des Internationa- len Auschwitz Komitees:„Auschwitz- Uberlebende in aller Welt verabschie- den sich mit großer Dankbarkeit und tiefer Wehmut von Roman Kent, der über viele Jahrzehnte ein konsquen- ter und wortgewaltiger Repräsentant ihrer Brinnerungen und ihres Lebens gewesen ist. Schon früh engagierte sich Roman Kent(..) für die Gesund- heit und das Wohlergehen aller Uber- lebenden und für die Entschädigung, die den Häftlingen der deutschen Vernichtungsmaschinerie nach ihrer Sklavenhaft und ihrer Zwangsarbeit zustand. Seine deutschen Gespräch- spartner schätzten seine sensible Of- fenheit und sein Interesse an einer ge- meinsamen Zukunft, die auf den Fak- ten der Geschichte beruhte. Für das Internationale Auschwilz Komitee und als Auschwitz-Uberle- bender sprach er bei den Feierlichkei- ten zum 70. Jahrestag der Befreiung von Muschwit? in der dortigen Ge— denkstätte. Mit seiner Forderung nach einem 11. Gebot gegen die Gleichgül- tigkeit hat sich Roman Kent in die Ge- schichtsbücher eingeschrieben. Ge- meinsam mit seiner Frau Hannah, die auch eine Auschwitz-Uberlebende war, hat sich Roman Kent sein ganzes Leben hindurch für die Erinnerung, für die Toleranz und gegen den Anti- semitismus engagiert. Gerade in den letzten Monaten war die Last auf seinen Schultern schwerer geworden: Die brennenden Bilder der Vergangenheit schoben sich angesichts der aktuellen Entwicklungen immer mehr in sein Leben und die Beobach- tung, dass der Haß des Antisemitismus und die Verherrlichung von Auschwitz immer mehr an Boden gewinnen, be- 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer drückte und alarmierte ihn bis in seine let?ten Stunden hinein. Auch deshalb war ihm die Zukunft der Gedenkstät- te Auschwit? und die Beteiligung der Uberlebenden an der Arbeit der Ge- denkstätte ein besonderes Anliegen. Seinen letzten Brief hat Roman Kent an den polnischen Ministerprãsi- denten geschrieben und vor einer Na- tionalisierung und Monopolisierung der Gedenkstätte gewarnt. Wir werden Roman Kent schmerz- lich vermissen.“ Roman Kent und Marian Turski bei einer Veranstaltung in Birkenau. Präsidium wählt Marian Turski zum IAK-Präsidenten Weiterhin laut und deutlich bleiben Marian Turski wurde 1926 geboren und war mit Sseiner Familie seit 1942 im Ghetto von Lodz inhaftiert bevor er im August 1944 nach Auschwit? deportiert wurde. Mit einem der Todesmärsche“, die die SS im Januar 1945 von Auschwitz aus auf den Weg?wang, erreichte er über Loslau das KZ Buchenwald und schlieBlich das KZ Theresienstadt, wo er am spãten Abend des 8. Mai 1945— mehr tot als lebendig- von Soldaten der Roten Armee befreit wurde. Nach seiner Befreiung war Marian Turski in Warschau als Journalist tätig, noch heute ist er in der Redaktion der Wochenschrift„Polityka“ engagiert. Jurski ist Vorsitzender des Jidisch Hi- orischen Instituts in Warschau und eit ner der Mitbegründer des Museums der Geschichte der polnischen Juden„PQO- LIN in Warschau. Zum 73. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Januar 2020 hielt Turski in der Gedenkstätte Auschwitz eine Rede, die weltweit beachtet wurde. Gemein- sam mit seinen Jugendfreunden und Vorgängern im Präsidentenamt Noach Flug(19252011) und Roman Kent (19202021) engagierte er sich seit Jah- ren im IAK und im Internationalen Aus- chwitz Rat, der die polnische Regierung in allen Angelegenheiten der Gedenk- Stätte Auschwit?-Birkenau beraten soll. Marian Turski betonte zu seiner Wahl:„Wir als Uberlebende von Ausch- wit? gehören zu einer Generation, die sich mit Schrecken daran erinnert, wie Deutschland und Europa von Diktatu- ren oder autoritären Regimen durch— Set?t waren und wohin dies geführt hat. Es gibt heute nicht nur in Furopa haßerfüllte Entwicklungen, die uns an diese Zeiten erinnern. Gerade deswe- gen müssen wir, die Uberlebenden von Auschwitz und das IAK, weiterhin laut und deutlich in der Welt Zu hören sein.? nternationales Auschwitz-Kom itee Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Auschwitz hat ihn nie verlassen Waclaw Dlugoborski im Mter von 95 Jahren verstorben Aus Polen erreichte uns die traurige Nachricht, dass Waclaw Dlugoborski, Auschwitz-Häftling Nr. 138871, am 21. Oktober dieses Jahres im Alter von 95 Jahren verstorben ist. Auch im hohen Alter hat der renommierte polni— sche Historiker— er war bis 1996 Profes- sor für Wirtschafts— und Sozialgeschichte an der Wirtschafts— hochschule in Breslau sowie Kurator für Forschungsfragen am Museum MAuschwit?- Birkenau- immer wieder vor Jugendlichen wie auch vor Erwachsenen vom Leben und Ster- ben sowie auch vom Uberleben in Auschwit? berichtet. Mehrfach war er für solche Zeitzeugen-Gespräche auch für Gruppen unserer Studienrei- Ssen in die Internationale Jugendbegeg- nungsttte in Oswiecim angereist. Er wird uns und den vielen anderen Menschen, die ihm zugehört haben, in eindrucksvoller Erinnerung bleiben. „Ich hatte Glück“, erzählte Dlugo- borski einer Gruppe aus Straubing: „Als ich ins Lager kam, herrschte Mangel an gestreifter Häftlingsklei- dung. So bekam ich die Kleidung ei- nes ermordeten Juden. Die war dicker und wärmer. Die Kleidung ei- nes Toten, sie war einer von vielen kleinen Zufällen, die die Chancen auf Noch 2018 stand Waclaw Dlugo- borski einer LGA-Gruppe für ein Gespräch zur Verfügung. ein Uberleben verbesserten.“ Ge— fragt, ob man aus dem Holocaust et- was lernen kann, antwortete der Aus- chwit?-Uberlebende:„Das sollte sich niemals wiederholen. Wir sollten alle Brüder sein!* Bei seinen Vorträ- gen pflegte Waclaw Dlugoborski auf sei— nen Arm mit der Täto- wierung zu 2eigen: „Die Nummer auf meinem Arm erinnert mich jeden Tag an Auschwit?“, sagte er. Die Uberlebenden ha- ben Auschwitz verlas- sen, aber Auschwitz hat sie nie verlas- sen. Deshalb sind Professor Dlugo- borski und viele andere immer wieder in die Gedenkstätte Auschwit?z zurückgekehrt, um Zeugnis abzule- gen und aufzuklären. Auch seine wis- Senschaftliche Arbeit hat er in den Dienst der Dokumentation der Menschheitsverbrechen gestellit. Waclaw Dlugoborski gilt als Doy- en der polnischen Zeitgeschichtsfor- schung. Unter anderem hat er zusam- men mit Franciszek Piper die fünf— bändige Gesamtdarstellung„Aksch— wit? 940-J04— Studien zur Ge— Schichte des Konzentrations- und Vey— nichtungslagers Alschwitz“ herausge- bracht. Sie erschien zuerst 1995 auf polnisch und fünf Jahre spãter auch in deutscher Sprache. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Gerhard Herr ist tot Sein Engagement bei der IGA sah er als Beitrag zur Friedensarbeit Gerhard war ein aufrichtiger Mensch. Wir sind dankbar, dass er unser Freund war. Wir sind traurig und beschämt. Traurig, weil unser Freund und langjähriger Mitstreiter Gerhard Herr im Ater von nicht ganz 78 Jahren gestorben ist. Be- schämt, weil wir Gerhard aus den Augen verloren haben und erst vor Kurzem erfahren mussten, dass er bereits im Mai 2020 gestorben ist. Gerhard, Jahrgang 1942, war Leh- rer für Latein und Fvangelische Reli- gion und lebte mit seiner HFamilie in Wetzlar. Dort war er auch lange im Kirchenvorstand tätig und arbeitete unter anderem immer bei der Vorbe- reitung der jährlichen Wetzlarer Frie- dens woche mit. 1984 wurde Gerhard Mitglied der LGA. Zuvor hatte er 1983 an einer Studienreise nach Auschwitz und Kra- kow teilgenommen. Er war ein offener Mensch und knüpfte bei diesem ersten Aufenthalt viele persönliche Freund- schaften mit den polnischen Kamera- den unseres Vereinsgründers Her- mann Reineck und deren Familien und Freunden. Dass diese uns Nach- kommen der Tätergeneration so ver- trauensvoll gegenüber traten, beein- druckte ihn ungemein, wie er immer wieder bestäãtigte. Was dann auch ein Hauptgrund für seine Mitgliedschaft und sein Engagement war. Als im Mai 1986 im Vorstand die Position des Sekretärs und Schriftfüh— rers(3. Vorsit?ender) nicht besetzt werden konnte, sprang er ein. Zunächst nur kommissarisch und dann für viele Amtsperioden dauer- haft. Nachdem er diese Funktion an Martina Hörber weitergegeben hatte, . Gerhard Herr beim Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. gehörte er als Beisitzer weiterhin bis 2015 dem Vorstand an. Die Aktivitäten der Lagergemein- Schaft Sah Gerhard„als einen wirkli- chen Beitrag zur Friedensarbeit“ an, wie er es 1993 bei einer Mitgliederver- sammlung zusammenfasste. Seinen Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 persõnlichen Arbeitsschwerpunkt sah er„in der Vermittlung eines Verant- wortungsgefühls für unsere NS-Ver- gangenheit, die immer mehr in histori- sche Distanz rückt. Dieses Bemühen gilt gegenüber Schülern und Jugendli- chen sowie auch Erwachsenen, mit de- nen ich im privaten und beruflichen Umfeld zu tun habe.“ Gerhard hatte privat wie auch be- ruflich einige Krisen zu durchstehen; seinem grundsätzlich aufgeschlosse- nen und freundlichen Wesen tat das keinen Abbruch. Begeisternd konnte er über sein Faible für den Bergbau und sein Engagement im Besucher- bergwerk der Grube Fortuna er— zählen. Gerhard war ein geselliger Mensch. Man konnte mit ihm bei— Spielsweise bei Klausurtagungen bis in die Nacht hinein über ernste wie auch belanglose Themen diskutieren-„da- bei hat uns so manches Glas Wein ge- mundet“, erinnert sich Alexander Wolf. Und Neithard Dahlen berichtet, wie sie— bei seinem letzten Besuch bei ihm— zusammen Widerstandslieder gesungen haben. Andererseits bewegten und prãgten Gerhard die Schicksale der KZUber- lebenden und anderer NS-Verfolgter schr. Um so positiver nahm er deren Vertrauen zur Kenntnis, uns davon zu erzãhlen und sich mit uns für eine bes- sere Zukunft Zu engagieren. So erinner- te er sich gerne, wie er bei einem Treffen mit Holocaust- Vberlebenden in Frank- furt in der Kuhwaldsiedlung vor der Kirche auf der Straße getanzt hatte. Gerhard war ein aufrichtiger Mensch, ein guter Freund. Hans Hirschmann Begegnung mit Halina Birenbaum Rückblick: Gerhard Herrs Bericht im Mitteilungsblatt von 2007 2007 hat Gerhard Herr noch einmal als Teilnehmer einer unserer Studienfahrten die Gedenkstätte Auschwit? besucht. Er hat darüber im Mitteilungsblatt berich- tet. Es charakterisiert ihn sehr und ist zu seinem Andenken hier erneut zu lesen. Als feststand, dass bei der Studien- reise eine Begegnung mit der Holo- caust-Uberlebenden Halina Biren- baum stattfinden würde, holte ich zur Vorbereitung ihre Biografie Die Hof. nlng vtirbt Zuletzt und einen Band mit Gedichten von ihr aus dem Regal her- vOr. Bereits nach den ersten Sãtzen er- innerte ich mich, welch tiefes Mitge- fühl ich empfand, als ich ihre Werke zum ersten Mal las. Bewundernswert und eindringlich bringt sie ihre Fauer zum Ausdruck, die von einer großen Güte und einem starken Glauben an die Menschen geprägt ist. Halina Birenbaum wurde 1929 in Warschau geboren. Im Getto wurde der Vater am„Umschlagplat?z“ bei der Deportation von der Familie gerissen. In Majdanek wurde ihre Mutter er- mordet. Sie selbst überlebte Majda- nek, Auschwitz, Ravensbrück und 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer LGA-Vorstandsmitglied Annedore Smith, Halina Birenbaum und Gerhard im Jahr 2007 in Birkenau. Gerhard liest vor Teilnehmern einer Studienfahrt das Gedicht“Tränen' vor. Neustadt-Glewe, wo sie 1945 befreit wurde. Zurück in Warschau findet sie ihren Bruder wieder, den einzigen wei- teren Uberlebenden ihrer Familie. Sie emigriert 1947 nach Palästina, heiratet und wird Mutter von zwei Söhnen. Heute lebt sie in Herzlia. Ich freute mich sehr Halina Biren- baum persõnlich kennenzulernen. Un- vergesslich bleibt mir die SZene, als sie auf der Pritsche im Block 27 Die Hoſf- nlung vlirht zuletzt Signierte. Nachdem wir dort noch einen Augenblick allein geblieben waren, nahm sie mich in die Arme, herzte und küsste mich. Was ich dabei empfand, drückt am tiefsten ihr Gedicht„Tränen“ aus, das ich sSpãter in ihrem Beisein der Gruppe vortrug. Als bisher Unbekannte sind wir uns begegnet, als innerlich Vertraute haben wir uns verabschiedet. Vielleicht gibt es ein Wiedersehen in Israel. Gerhard Herr Das Gedicht„Tränen“ ist dem Band Halina Birenbalum und ich ent- nommen. Neben Gedichten und Zeichnungen sind hier„Gedanken ind Interpretutionen“ von Schülerin- nen und Schülern des Albert- Schweitzer Gymnasiums und des Ge- Schwister-Scholl-Gymnasiums in Marl veröffentlicht. Der kleine Band wurde 2001 von Kurt Langer für den Städtepartnerschaftsverein Herzlia- Marl zum Jubiläum anläßlich des 20 jährigen Bestehens herausgegeben (ISBN3-8311-39083). Zu Halina Birenbaums Lyrik schreibt Langer im Nachwort:„Zwi- Schen den Zeilen, s0 Schreiht sie, Splire vie den freien Atem, ein Stick Wieder- geburt, Momente ohne Vodesgefahr ind ohne Angst.“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Trãnen Von Halina Birenbaum(1967) Man nennt sie bitter, beißend, erstickend Sie brennen die Augen aus, rit?en Falten ein. Man hat Angst vor ihnen-schämt sich für sie Man hält sie für ein Symbol der Schwäche, weiblich Fin Ausdruck von Unglück, Trauer, Krankheit.. Man flieht vor ihrem Angesicht Man versteckt sich mit ihnen Das schlimmste aber ist, wenn ich sie nicht habe wenn in mir die Quelle versiegt. Denn das heißt, ich fühle nicht mehr Mich bewegt nichts mehr ich kann mich nicht sorgen und nicht freuen ich kämpfe um nichts, ich gewinne nichts ich erstrebe nichts und nichts Das bedeutet, dass mich nichts angeht und ich niemanden angehe Wie ein Stein ein lebendiger Toter. Tränen sind unersetzlich für mich Ich muss ihre beißende Flamme unter dem Augenlid spüren Ich muss ihre nasse, warme Spur auf den Wangen fühlen Den Würgegriff, das Schütteln im Kör- per und rasendes Herzklopfen, das ihr Rinnen hervorruft. Ich muss den Trost ihrer Herzlichkeit empfinden und den brennenden Schmerz ihrer Bitterkeit Aus Zorn oder Protest Ich muss sie in den Augen eines ande- ren Menschen sehen Wie eine Spiegelung Fcho aus der Berührung, welches in dem anderen mir zuliebe geboren wird. Trãnen sind unersetzlich für mich Fin Schatz, eine Reinigung vom Staub Aus den Wirren des Alltags, der Müdigkeit, der Erniedrigung. Das ist die Auferstehung, die Geburt. Trãnen sind Offnung Wahrheit, Leiden und Glück Trãnen sind die Seele manchmal verwundet, Schmerzhaft, verbittert manchmal fröhlich strahlend aber nie versteinert. Trãnen sind unersetzlich für mich Damit ich vollends spüre Ich lebe, ich besitze ein Herz Und ich bin wirklich ein Mensch. Uhersetzung aus dem Polnischen- Nea Weissberg-Boh Buchvorstellung Neuauflage von Filip Müllers bewegendem Zeitzeugenbericht Nach über 40 Jahren erscheint nun bei der Wissenschaftlichen Buchgesell- schaft in Darmstadt erneut der wohl bekannteste Augenzeugenbericht über Arbeit, Leben und Vernichtung der„Sonderkommandos“, jener bis 1944 wachsenden Gruppen jüdischer Häftlinge, die als Zwangsarbeiter der Henker in den Gaskammern und Kre- matorien schufteten, bis sie selbst er- mordet wurden. Hlip Müllers neu her- ausgegebenes Buch„Sonderbehand- jung“ wurde kommentiert von unse- rem Vorstandskollegen Andreas Kili- an, der damit seinem Ruf als maßgeb- licher EFxperte für die Geschichte der Sonderkommandos erneut gerecht wird. Von ihm gibt es bereits mehrere Bücher zum Thema sowie die Websei- te vonderkommando-studien. de. Das Vorwort Zu dieser Neuerscheinung schrieb Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Zur Vorstellung des Buches plant der Vorstand der Lagergemeinschaft ei- ne Veranstaltung Ende Januar oder Filip Müller Sonderbehandlung „Teh„ollte leben, unbedingt leben, noch sine Kinute, noch eänen Tag norh oinon Konat 1öngor⸗ Begreifen Sie: lebenle Mitte Februar 2022. Der genaue Termin und der Ort werden auf der Homepage . lagergemeinschaft-ausch witz. de und via Facebook bekanntgegeben. Gerne können Sie uns auch an info SGlagergemeinschaft-auschwitz. de eine Mail schicken, damit wir Sie auf diesem Weg informieren können. Frankfurt und der Nationalsozialismus Lagergemeinschaft ist in der, Galerie der Initiativen ꝰ vertreten Am 9. Dezember wurde im Histo- rische Museum Frankfurt am Main (HMF) die aus drei Formaten beste- hende Ausstellung„Frankfurt und der No“ eröffnet. In dem Bereich „Sandtlabor“ ist bei der„Galerie der nitiativen“ auch die Lagergemein- Schaft Auschwitz— Freundesireis der Alischwitzer mit einem kleinen Aus- stellungsfach vertreten. Gezeigt wird die Ausstellung bis zum 22. September 2022. Offnungs- zeiten: Di.-Fr.: 10— 18 Uhr, Sa. und So.: 11— 19 Uhr