LAGERGEMENSCHAFT ADSCHWTZ alscrfz FREUNDESKREIS DER AUSCFHWTAZER 6 m m m mmmm ——— — H———— ————— — Das FHolocaust-Mahnmal in Berlin ist dem Gedenken an die 1933 bis 1945 im Namen Deutschlands ermordeten rund sechs Millionen Juden und Jüdinnen gewidmet. 40. Jahrgang Mitteilungsblatt, Dezember 2020 Inhaltsverzeichnis Seite Danke für Ihre Unterstützung „Seid nicht gleichgültig!“ Rede von Marian Turski Geboren 1944 in Auschwitz Rede von Angela Oros?-Richt Weihnachten in Auschwitz Was am 24. Dezember 1944 geschah „Ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien“ Zum Tod von Ruth Klüger 1 S S0 S+„— Das ist für mich noch heute unfassbar 11 Zwei Berichte zur Veranstaltung mit Fdith Erbrich in Gießen Das Vermächtnis der Zeugen bewahren Sascha Feuchert mit Hedwig-Burgheim-Medaille geehrt 14 Massenmord, eine„routinierte Prozedur? Die let?ten Stunden der Pãdagogin Hedwig Burgheim 19 Gedenkstunde als Lehrstunde Fotos aus Sobibor: Idylle neben dem Massenmord 20 Fin außergewöhnlicher Pädagoge Zum Tod von Jürgen Bartholomé 22 Dario Gabbai bleibt unvergessen Zum Tod des letzten Augenzeugen aus dem Sonderkommando 25 Quarantäne-Nachweis und„Briefaktion“ Neue Dokumente zum Schicksal von Chaim Herman 28 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Gerhard Merz, 35308 Gießen, Unterer Hardthof 15 (Korresponden?ꝰ bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzũgen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Vielen Dank für Ihre/ Eure Unterstützung Liebe Freunde, Mitglieder wie Sympathisanten, die Corona-Pandemie hat auch unse- re Vereinsarbeit stark beeinträchtigt. Im Januar konnten wir in Gießen noch eine beeindruckende und sehr gut besuchte Veranstaltung mit Fdith Erbrich(siche Seite 11 folgende) durchführen. Das war es dann aber leider für dieses Jahr mit Veranstal- tungen. Lediglich Vorstandssit?ungen konnten wir unter den durch die Pan- demie notwendig gewordenen Bin- schränkungen abhalten. Die für den 14. November vorgesehene Mitglie- derversammlung musste auf kom— mendes Jahr verschoben werden. Guten Mutes waren wir, was unse- re geplante Studienfahrt nach Oswie- cim und Krakau im Oktober anging. Dann stieg die Zahl der Neuinfektio- nen aber auch in Polen wieder rasant an, und einen Tag vor der Abreise wur- de die Region Kleinpolen(mit Kra- kau und Auschwit?) zum Hochrisiko- gebiet eingestuft. Bald kam dann auch die Reisewarnung durch das deutsche Außenministerium. Auch unser Part- ner in Oswiecim, die Internationale Mgendbegegnungsstätte, riet von einer Anreise ab. Wir danken allen ange- meldeten Reiseteilnehmern für ihr Verstãndnis, dass wir die Reise stor- nieren mussten. Obwohl wir als Verein auf einigen Kosten sitzen geblieben sind, haben wir im Vorstand beschlossen, an alle Reiseteilnehmer die komplette Sum- me ihrer Zahlungen zurückzuüber- weisen. Dies geschah dann auch, und wir freuen uns sehr, dass viele mit ei- ner Spende halfen, so dass das Defizit vollständig ausgeglichen werden konnte. Generell erwies sich auch dieses Jahr, dass unsere Gemeinschaft und der Freundeskreis auf Ihre Unterstüt- zung und Solidarität vertrauen kön- nen. Dank Ihrer Spenden konnten wir im gewohnten Umfang wieder mehr als 11.000 Buro an Hãftlingsorganisa- tionen und Projekte in Polen überwei- sen. Dass diese Unterstüt?ung direkt ankommt, dafür sorgen unsere per- sönlichen Kontakte sowie die Partner vor Ort. Seit zwei Jahren unterstützt die Lagergemeinschaft Zum Beispiel zwei hochbetagte Auschwitz-Uberlebende mit insgesamt 550 Huro im Monat. Wir gewährleisten damit, dass sie in ihren Wohnungen bleiben und dort die not- wendige Hilfe erhalten können. An- sonsten wäre eine Unterbringung in einem Pflegeheim erforderlich. Beide Uberlebende standen in der Vergan- genheit öfters bei unseren Studien- fahrten für Zeitzeugen-Gespräche zur Verfügung. Da nun in diesem Jahr auch in Polen die finanziellen Anfor- derungen für persönliche Betreuun- gen gestiegen sind, wurden wir gebe- ten zu prüfen, ob wir hier unser finanzielles EFngagement um rund 350 ProZent erhöhen können. Dank eini- ger Reserven sowie einer großzügigen 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Spende der Sparda-Bank Hes- sen konnten wir dies für das kommende Jahr zusagen. Kurz nachdem wir diese Ent- scheidung nach Polen übermit- telt hatten, kam eine Mail, in der die Internationionale Mugend- hegegnungsstätte in Oswiecim Wenn Sie in diesem Fxemplar des Mitteilungs- blattes kein Uberweisungsformular für Ihre Spende vorfinden, hier unsere Bankverbindung: Lagergemeinschaft Auschwit?- Freundes- kreis der Auschwitzer IBAN DEd3 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFIFRI mitteilte, wie sehr sich die bei- den über 90Jährigen freuen, dass ihr Verbleib in den eigenen Wohnungen weiterhin gesichert ist. Eine ließ versichern, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun werde, um bei der geplanten Stu- dienreise im Oktober als Gesprächs- partnerin dabei zu sein. Den herzichen Dank der beiden Frauen reichen wir gerne weiter an al- le Mitglieder und Unterstützer unse- res Freundeskreises. Ohne Eure, ohne Ihre Spendenbereitschaft sowie auch das darüber hinausgehende Engage- ment hätte die Lagergemeinschaft dies nicht leisten können. Wie wir alle wis- sen, ist nicht allein unsere finanzielle Unterstützung für die Uberlebenden der deutschen Massenmorde und Kriegsverbrechen von Bedeutung. Ebenso wichtig ist ihnen, dass ihr Schicksal als Verfolgte anerkannt wird. Und dass sie uns ihr Vertrauen schenken, ist für uns alle von großer Bedeutung und eine große Freude. Damit wir als kleiner gemeinnützi- ger Verein auch im kommenden Jahr solche Hilfen leisten können, bitten wir nun erneut um Ihre Unterstützung. Natürlich hoffen wir, in 2021 auch wie- der mit Studienreisen und anderen Veranstaltungen im Bereich der politi- Vielen Dank für Ihre Unterstützung: Bitte schreiben Sie deutlich Ihren Namen und Adresse, damit wir Ihnen Spendenbe- Scheinigungen für das Hnanzamt schicken können. Schen Bildung tätig werden zu können. Von unseren Partnern in Polen, wie zum Beispiel der Internationalen Mgendbegegnungsstitte in Oswiecim, dem Saatlichen Muselum Ausch witz— Pirkenau(so der offizielle Name der Gedenkstäãtte) oder der Ambulanz der ehemaligen KZHäftlinge und Gesta- po-Gefangenen in Krakau, wissen wir, dass sie corona-bedingt von erheb— lichen finanziellen Einbußen betroffen sind. Auch hier sind wir als Lager- gemeinschaft und Freundeskreis der Aschwilzer bemüht, Projekte zu un— terstützen, die eventuell sonst aufge- schoben werden müssen bzw. über- haupt nicht stattfinden können. Bleiben Sie gesund, verbringen Sie trotz aller corona-bedingten Finschrän- kungen frohe Weihnachtstage und star- ten sie gut in das hoffentlich bessere Jahr 2021. Der Vorstund der Lagergemeinschaft Auschwite— Freundeskreis der Ausch- witæer Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Was den Uberlebenden auch heute noch von Bedeutung ist, das brachten bei Veranstaltungen anlãsslich des 73. Jahrestages der Befreiung von AuschwitzBir- kenau Marian Turski und Angela Orosz-Richt Zum Ausdruck.? „Seid nicht gleichgültig!“ Bei den Feierlichkeiten am 27. Janu- ar 2020 in Auschwitz-Birkenau zitierte Marian Jurski das Diktum seines Mit- häftlings Primo Levi:„Es ist geschehen, ind folglich Kann es wieder geschehen.“ Uberall auf der ganzen Erde. Was kann man dagegen tun?“, fuhr Turski fort und erläuterte seine Hoffnung, die hier im Wortlaut folgt:„Wir in Furopa stam- men mehrheitlich aus der jüdisch- christlichen Tradition. Sowohl gläubi- ge, als auch nicht gläubige Menschen betrachten die zehn Gebote als ihren zivilisatorischen Kanon. Mein Freund, der Präsident des Internationalen Auschwit? Komitees Roman Kent(...), hat sich ein 11. Gebot ausgedacht, das die Erfahrung der Shoah, des Holo— causts, der schrecklichen Epoche der Verachtung darstellt. Es lautet: Du Sollst nicht gleichgültig sein. Und das würde ich gern meiner Tochter sagen, das möchte ich meinen Enkelkindern sagen. Den Altersge- nossen meiner Tochter, meiner Enkel- kinder, wo auch immer sie leben: in Polen, in Israel, in Amerika, Westeu- ropa, Osteuropa. Seid nicht gleichgül- tig, wenn ihr historische Lügen seht. Seid nicht gleichgültig, wenn ihr seht, dass die Vergangenheit für aktuelle politische Zwecke missbraucht wird. Marian Turski(geb. 1920) ist Vorsitzender des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau und einer der Vizepräsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees. Seid nicht gleichgültig, wenn irgendei- ne Minderheit diskriminiert wird. Das Wesen der Demokratie besteht darin, dass die Mehrheit regiert, doch die Demokratie besteht darin, dass die Rechte von Minderheiten geschützt werden müssen. Seid nicht gleichgültig, wenn irgendeine Regierung gegen be- reits existierende, gebräuchliche ge- Sellschaftliche Verträge verstõßt. Seid dem Gebot treu. Dem 11. Gebot: Du Sollst nicht gleichgültig sein. Denn wenn du gleichgültig sein wirst, SO wird= ehe du dich versiehst— aufeuch, auf eure Nachfahren plõtzich irgendein Auschwit? vom Himmel fallen.?. *Beide Reden sind in voller Länge zu finden auf der Internetseite des Internatio- nalen Alschwitz-Komilees(www. auschwitz. info) unter der Rubrik Gedenken. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Geboren im Dezember 1944 in Auschwitz Um den 21. Dezember 1944 wurde Angela Orosz-Richt in die Welt von Ausch- witz hineingeboren. Das Schicksal der Kinder, die im Lager geboren wurden, war das Zentrale Thema der Gedenkveranstaltung des Internationalen Ausch witz Komitees Zzum 75. Jahrestags der Befreiung von Auschwit?-Birkenau. Sie fand in Berlin am 23. Januar 2020 unter großer Beteiligung der Offentlichkeit statt. Ge— widmet war die Veranstaltung den Stimmen der Uberlebenden und der aktuel- len Auseinanderset?ung mit Antisemitismus und rechtsextremem Hass.(Der fol- gende Text besteht aus Auszügen aus der Rede von Angela Orosz-Richt.) Heute bin ich selbst Großmutter, sogar Urgroßmutter von einigen Kin- dern. Ich fühle mich für ihre Zukunft verantwortlich, wie Roman Kent ein- mal sagte:„Wir wollen nicht, dass un- vere Vergangenheit die Zukunft unserer Kinder ist.“ Der Holocaust muss ge- lehrt werden, man muss sich an den Holocaust erinnern und daraus lernen. Ich erzähle die Geschichte meiner Mutter, damit sie nicht vergessen wird. Meine Mutter hat nie mit jemandem über diese Gräuel gesprochen. Fine innere Stimme sagte ihr, dass niemand diese Erfahrungen verstehen könne, außer denen, die sie erlebt haben. Es ist Sinnlos, darüber zu reden, nicht ein- mal ich würde sie für wahr halten. Als Uberlebende sagte Esther Bauer:„Die ersten 20 Jahre Konnten wir nicht darüber reden, die nächsten 20 Jahre wollle niemand davon hören, eyst in den nächsten 20 Jahren began- nen die Menschen, Fragen zu stellen.“ Elie Wiesel schrieb einmal:„ Es giht viel zu tlin, es giht viel, wus man tlun Kann. Eine Peron,. eine Person von In- tegrität Kunn einen Unterschied machen, einen Untemchied von Leben und Jod.? Meine eigenen Kinder haben im- mer mit den Augen gerollt, wenn ich ihnen gesagt habe, dass der Holocaust wieder passieren könnte. Aber heute bin ich mehr als früher davon über- zeugt, dass er sich wiederholen kann. Seit 1945 haben wir mehrere Völ- kermorde gesehen. Menschen wurden zu Tausenden, Hunderttausenden er- mordet! In Ruanda. In Srebrenica. In Syrien. An so vielen anderen Orten. Und der Antisemitismus, die älteste Form des Rassenhasses, Tausende von Jahren alt, ist immer noch lebendig. Es gibt immer noch Menschen, die glau- ben, dass alle Juden reich sind. Pass die Juden zZu einflussreich sind. Dass Juden die Medien oder die Wall Street leiten. Das Internet ist voll von diesem Müll. Es verbreitet sich wie Buschfeuer, es bleibt weitgehend unkontrolliert. Als Juden hassen wir Deutschland nicht, wir hassen überhaupt nicht, un— geachtet dessen, was uns angetan wur- de. Aber wir machen uns Sorgen, wenn wir sehen, wie dieser alte Hass gegen uns in den Straßen Berlins, in den Straßen Dresdens wieder auftaucht. Wir schütteln ungläubig den Kopf, wir bekommen Angst, wirklich Angst. Ich muss gestehen, dass ich in den letzten Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8 Wochen etwas nervõs war. Ich habe in den Zeitungen so viel darũber gelesen, dass der Antisemitismus in Deutsch- land und in Furopa wieder zunimmt. Und es passiert nicht nur hier, son- dern auch in den Vereinigten Staaten, in Montreal, wo ich lebe, überall auf der Welt. Es ist nicht nur der alte Antisemitismus, den wir kennen, es ist auch eine neue Art von Antisemitis- mus. Wenn man heute etwas gegen die Juden sagen will und damit durch— kommen will, dann sagt man etwas Empõrendes gegen Israel. Der Judenhass drückt sich heutzuta- ge in der Beschimpfung Israels aus. Als jemand, der in Auschwit? geboren wur- de, der seinen Vater und viele andere Familienmitglieder dort verloren hat, verzeihen Sie mir, wenn ich nicht schweigend bleibe, wenn so schreck- liche Dinge gegen Israel gesagt werden. Natürlich kann man gewisse Dinge an Israel kritisieren. Oder an Kanada, wo ich lebe. Oder an jedem anderen Land, das es gibt. Sogar Juden kritisie- ren Israel. Das passiert ständig. Aber 8o viele Aussagen über Israel über- schreiten wirklich eine Grenze, die nie überschritten werden darf. Israel begeht keinen Massenmord, Assad im benachbarten Syrien schon. Israel hetzt Kinder nicht dazu auf, Raketen auf Kindergärten zu werfen, die Hamas im Gazastreifen tut es. Israel ist keine Gefahr für den Welt- frieden, aber der Iran ist eine Gefahr. Die Menschen schweigen, wenn Tausende in Afrika oder in Asien getõᷓ⸗ tet werden. Aber solange sie Israel— und den Juden— die Schuld für alles Angela Oros?-Richt. Foto: Eva Oertwig/IAK Schlechte in der Welt geben können, fühlen sie sich rechtschaffen. Oder Selbstgerecht, würde ich sagen. Israel wurde auch von Uberlebenden des Holocausts aufgebaut, von Menschen, die das Schlimmste durchgemacht haben, was einem Menschen passieren kann, und die unglaublich viel Glück hatten, zu überleben. Wir Uberleben- den sind So stolz auf das, was Israel heute ist. Wir kõnnen versuchen, fair zu sein. Wir können versuchen, aufgeschlos- sen und nicht voller Vorurteile zu sein. Und deshalb möchte ich Sie um einen Gefallen bitten: Versucht immer, fair zu sein. Bleiben Sie aufgeschlossen. Bleiben Sie neugierig. Entscheiden Sie sich selbst. Stecken Sie die Leute nicht wegen ihrer Religion oder ihres Aus- schens in Kisten. Und schließlich: Bitte beweist Menschen wie mir, all denen, die glau- ben, dass der Holocaust wieder passie- ren kann, dass wir uns irren. Beweisen Sie uns das Gegenteil! Ich bin ermutigt, wenn ich sehe, dass Menschen auf die Straße gehen, um Juden zu verteidigen, um Solida- 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ritãt Zu Zeigen. Es ist auch wichtig, dass Deutschland Verantwortung über- nimmt, und ich möchte Angela Merkel für die großzügige Spende der deut- schen Regierung an das Auschwitz- Museum danken. Es ist nicht nur eine Entschädigung, sondern eine Investiti- on in die Zukunft. Wir müssen diesen Schrecklichen Ort erhalten. Es ist nicht nur der größte jüdische Friedhof, der Ort, an dem mein Vater umgekommen ist. EFs muss auch eine ewige Erinne- rung für zukünftige Generationen sein. wir Uberlebenden sind jetzt alte Menschen, ich bin einer der Jüngsten. Also ist es jetzt Ihre Aufgabe, dafür zu Sorgen, dass es nicht wieder passiert. Ich vertraue darauf, dass Sie das Rich- tige tun werden. Danke für Ihre Geduld, der Ge- schichte meiner Mutter und meiner Geschichte zuzuhören. Bitte vergessen Angela Orosz-Richt mit Alwin Meyer, Au- tor des Buches„Die Kinder von Ausch- witæꝰ. Foto: Eva Oertwig/IAK Sie sie nicht und auch die Millionen, die das gleiche Schicksal wie sie erlit- ten haben, die Millionen, die ihre Geschichte nicht erzählen konnten, weil sie nicht überlebt haben. Und die, die überlebt haben, aber nicht über die Schrecken sprechen konnten, die sie durchlebt haben.. In seinen Nachrichten aus Auschwilz berichtete im Jahr 2004 das Internationale Aschwitz Komitee, was am 24. Dezember 1 944 geschah. Das Jahr 1 944 wird als das schlimmste Jahr in der Geschichte des größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers angesehen. Weihnachten in Auschwitz 1944 Es liegt Schnee in Auschwitz. Die Dächer der Baracken sind weiß, aber nicht die Lagerstraßen. Immer noch sind es zu viele Häftlinge, die sich mühsam darüber schleppen. Ihre schweren Schritte hinterlassen nur Matsch, der dann wieder gefriert und das Gehen noch schwieriger werden lässt: Uberleben ist schwer geworden in Auschwitz in diesen Tagen, noch schwerer als es je war. Keine Nah- rungsmittel erreichen mehr das Lager. Die Häftlinge müssen mit dem aus- kommen, was ihnen die 8S8 zugesteht, und das ist viel Zu wenig: das bisschen Suppe und Brot, viel Zu wenig Wasser. Dazu kommt die Kälte, die durch die verschlissene Kleidung in jede Pore dringt: Die Häftlinge sind todmũde. Jeden Jag ist in den so genannten Stär- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 kemeldungen der Erschöpfungstod von Zwanzig bis dreißig Menschen ver- zeichnet. An diesem Weihnachten kommt es besonders schlimm: 300 Frauen aus dem Kommando Weberei— sie ferti- gen dort Stoffe— erhalten den Befehl, sich Zu einem Bad in die Sauna zu mel- den. Ihre Kleidung wird ihnen abge- nommen, um sie zu desinfizieren. Nach der Dusche müssen sie nackt zurück in ihre Baracken gehen, barfüßig über die gefrorenen Lagerstraßen. Es ist ein weiter Weg, mindestens ein Kilometer. Und auch in den Baracken können sie sich nicht aufwärmen. Die Baracken sind unbeheizt, ungehindert pfeift der Wind durch die Ritzen zwischen den Bretterwänden. Fin strenger Winter in Auschwitz. In der Nacht fällt die Tem- peratur auf Minus 30 Grad. Stunden- lang müssen die Frauen auf neue Klei- dung warten. Die meisten von ihnen werden an Lungenentzündung er— kranken, viele werden sterben. Aber sie haben an Weihnachten gebadet, s0 wie es sich nach Meinung der 88 gehört. Auch in anderen Teilen des Lagers wird die deutsche Ordnung eisern auft rechterhalten. In Monowitz etwa, dem Lager, wo die IG Farben synthetischen Brennstoff produziert. Das Lager wur- de immer wieder von den Alliierten bombardiert. Die Luftaufnahmen der Amerikaner dokumentieren das Aus- maß der Zerstörung, aber auch die Wiederaufbauanstrengungen der Deutschen. Jetzt im Dezember haben sie es fast geschafft. Was bedeutet das für die Häftlinge? Bei den ersten Luftangriffen haben sie Zzum Beispiel die Säcke mit dem Phenylbeta aus den Magazinen her- ausgeschleppt. Dann wieder zurück, als die Luftangriffe aussetzten. Schließlich wurden die Magazine ge- troffen, und die Hãftlinge mussten die Säcke im Keller verstauen. Jetzt sind die Magazine repariert, und die Säcke müssen zurück. Jedes mal sechzig Kilo pro Sack. Die Chemikalie verätzt die Haut und Atemwege.„Aber nun“, s0 Schreibt Primo Levi,„hat der letzte Kampf begonnen. Und kein Zweifel kann mehr bestehen, dass es der letzte ist. In welchem Augenblick des Tages auch immer es uns geschieht, dass wir auf die Stimme unserer Körper hor- chen, dass wir unsere Glieder fragen, die Antwort lautet stets: die Kräfte werden nicht ausreichen.“? Die Luftaufnahmen der Amerika- ner zeigen nicht nur die Reparaturar- beiten in den Fabriken von IG Farben. Sie Zeigen auch, wie in Auschwit?Bir- kenau die Abrissarbeiten vorangehen: Aber das heißt nicht, dass die Natio- nalsozialisten aufgegeben haben. Sie transportieren die Finrichtung der Krematorien II und III ab, um sie in den Konzentrationslagern Mauthau- sen in Osterreich und Großrosen in der Nähe von Breslau wieder aufzu- bauen. Dies zumindest sind ihre Pläne. Auch in Auschwit? werden an Weihnachten Kinder geboren, gleich drei werden es am ersten Weihnachts- tag sein. Aber für sie gibt es keine Gnade, keine Hoffnung zu überleben. Es geschieht kein Weihnachtswunder für die Häftlinge von Auschwitz.. 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Nachruf auf Ruth Klüger „Ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien* Ruth Klüger 2013 bei einer Lesung in Darmstadt. Foto: Marlene Broeckers Ihre Liebe zur Literatur, ihr über- zeugter Feminismus, ihre klugen und wichtigen Gedanken zur Frinnerungs- kultur, ihr großes und vielfältiges lite- raturwissenschaftliches und autobio- grafisches Schaffen- all das muss und wird hoffentlich von Ruth Klüger dau- erhaft im Gedächtnis bleiben. Am 6. Oktober 2020 ist sie im Alter von 88 Jahren verstorben. Keinesfalls wollte sie ausschließ- lich als Holocaust-Uberlebende gese- hen werden. Die Beschränkung auf diese Rolle würde der renommierten und weltweit bekannten Literaturwis- Ssenschaftlerin und Autorin auch in keiner Weise gerecht., Jch Komm nicht von Auschwilz hen ich stamm aus Wien!“, hat sie selbst immer wieder be- tont. Aufgrund ihrer Erfahrungen un- ter anderem als Uberlebende des Ghettos Theresienstadt und des Kon- zentrationslagers Auschwit?z und viel- mehr noch aufgrund ihrer Reflexionen und Uberlegungen zum Brinnerungs- diskurs über den Holocaust war sie jedoch eine der wichtigsten und bedeutendsten Stimmen in der Litera- tur sowie im Brinnerungsdiskurs der Gegenwart. Bequem wollte sie nicht Sein und sollte auch das Gedenken an den Holocaust nicht sein. Erinnerung ist immer unverdaulich Dass Frinnerung und Gedächtnis generell nie unkompliziert und störungsfrei' sind und erst recht nicht in Bezug auf den Holocaust, das hat Ruth Klüger immer wieder betont und anhand ihrer vielfach ausgezeichneten und eine sehr breite Leserschaft errei- chenden autobiografischen Schriften belegt.„Erinnerung ist immer unver- daulich. Es Mernscht eine Kluft zwi- Schen jenen Umständen, in denen man die Kindheit und die ersten Jahre da- nach verhrachte, und dem Heute. Da giht es Keine Brücke, man weiß nicht, wie man von dem einen Zustand zum anderen gelangte“, erklärte sie etwa Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 2010 in einem Interview in der Wiener Zeitung. Weltweite Bekanntheit erlangte sie mit ihrem Werk „weiler leben“. Das Buch ist 1992 im Göttinger Wallstein Verlag erschienen. Darin spricht sie über ihre Kind- heit und Jugend im Natio- nalsozialismus sowie ihre Erfahrungen im Konzentra- tionslager, aber vor allem auch über das, weiter leben nach dem Uberleben und mit den Problematiken der Frinnerung und der Frinne- rungskultur. Ruth Klüger wurde 1931 als Tochter jüdischer Eltern in Wien geboren. Im Mlter von Zwölf Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrer Mut- ter in das Ghetto Theresien- Heldenplatz* Es heißt: Im Hause des Henkers Sprich nicht vom Strick. Ich weiß und sprech auf Schritten und Tritten vom Henken. Gegen die guten Sitten verstõßt das Gedenken. Ich bin im Hause des Henkers geboren. Naturgemäß kehr ich wieder. In krummen Verstecken such ich den Strick. Mir blieb eine Faser davon im Genick. Meine Hartnäckigkeit war mein Glück. Doch der Strick ging verloren und der Henker ist gestorben. Stadt, Später in das Konzen- trations- und Vernichtungs- Auf dem Galgenplatz blüht jetzt der Flieder. lager Auschwitz-Birkenau und von dort in das Arbeitslager Christianstadt deportiert. Zusammen mit ihrer Mutter und einer Pflege- schwester überlebte sie auch einen „Todesmarsch'. Der Vater, ein Frauen- ar?t, wurde ermordet. Klüger studier- te in Regensburg und emigrierte 1947 mit ihrer Mutter in die USM, Studierte in New Vork Bibliothekswissenschaf- ten und später an der University of California in Berkeley Germanistik. Als Professorin für deutsche Literatur lehrte Klüger an den Universitäten von Cleveland, Kansas und Virginia Sowie bis Zu ihrer Emeritierung an der Princeton University und der Univer- sity of California in Irvine. Viele Jahre lang war sie hauptverantwortliche Herausgeberin der Fachzeitschrift „German Quarterly*. Als Lessing- und Kleist-Spezialistin verbrachte sie ihre Freisemester in Gõttingen, wo sie auch zeitweise lebte. Sie hat neben„weilter leben“ eine Vielzahl von literatur- wissenschaftlichen Abhandlungen und Aufsätzen sowie persönlichen EsSays verfasst. 2008 veröffentlichte Klüger den zweiten Band ihrer Prin- nerungen unter dem Titel„Mnterwegs verlorenꝰ, in dem sie aus ihrem Leben 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer in den USA und unter anderem von Rassismus sowie Diskriminierung im amerikanischen Universitätsbetrieb erzählte. Wir werden Ruth Klüger schmer?- lich vermissen. Ihr literarisches Ver- mächtnis bleibt uns jedoch erhalten und damit auch hoffentlich für zZukünft tige Generationen ihre Stimme und ihre Bedeutung. * .—— Ruth Klüger um 1993 in Kalifornien bei ei- nem Ausflug mit den Wallstein-Verlegern Thedel und Cornelia von Wallmoden. — Charlotte Kitzinger (Arheitsstelle Holocalstliteratur an der Mustus-Liehig- Univeysitdt Gießen) Ruth Klügers Gastrede am 27. Januar 2016 im Deutschen Bundestag:** Sie endet mit den Sätzen:„Verehrtes Pihlikum, ich hahe jetzt eine ganze Weile liber moderne Versklavung als Zwangsarbeit in Nazi-Europa gesprochen und Beispiele aus dem Verdrngungsprozess zZitiert, wie er im Nachhriegsdeutschland vattfund. Aber eine neue Generation, nein, ⁊ wei oder sogur drei Generationen sind veither hier auſgewachsen, Und dieses Land, das voy 80 ahren für die Schlimmsten Vorhrechen des Jahrmunderts verantwortlich wan hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geòffneten Grenzen und der Großziigigkeit, mit der Sie sy⸗ rische nd andere Hichtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen.(Bei- ſall) Jch hin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind. as war der Haupigrund, warim ich mit Freu de Uhre Einladung angenommen und die Gelegenheit wahrgenommen habe, in diesem Rahmen, in Mrer HMaupistadt, über die friiheren Untaten sprechen zl dirfen, hien wo ein gegensätzliches Vorhild enistanden ist und trot Hindernissen, Argernissen, Rickschlägen und Zweifeln noch weiter entsteht, mit dem schlichten ind dahei heroischen Slogan Wir schaffen das“* * aus: Ruth Klüger. Zerreißproben. Kommentierte Gedichte, Wien; Paul Zsolnay Verlag, 2013. In ihrem Vorwort macht Ruth Klüger deutlich, dass sie bewusst gegen das Tabu verstieß, dass Dichterinnen und Pichter nicht ihre eigenen Werke interpretieren und kommentieren sollen. Der letzte Satz ihres Kommentars zu dem Gedicht Helden- Platz lautet: Der Galgenplatz, auf dem der Hieder hliiht. Pas ist vielleicht das rich- tige Symbol flr mein Leben und das Leben vieler anderer in der Nachkriegszeit.“ ** Die Rede ist auf www. bundestag. de nachzulesen sowie als Video-Aufzeichnung abzuhören(einfach in der Suchfunktion„Ruth Klüger'? eingeben). Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 Edith Erbrich berichtet über ihre Deportation Das ist für mich noch heute unfassbar „Der Hass auf uns muss sehr groß gewesen sein“, sagt Edith Erbrich. Und für einen Moment hält die kleinge- wachsene, zierli- „Meine Mutti hat alles mit uns er- tragen müssen. Sie war im Gefängnis, weil sie Sich nicht Scheiden lassen woll- te. Sie musste den che Frau inne. Das Morden in Ausch- witz war nämlich bereits bekannt, das Vernichtungs- lager von der Ro ten Armee am 27. Januar 1945 be- freit und die letz- ten rund 7000 vql- lig abgemagerten Häftlinge gerettet worden. Dennoch Edith Erbrich bei ihrem Vortrag in Gießen trieben die NS-Schergen weiterhin Kinder, Frauen und Männer in den zerbombten Städten des Deutschen Reiches zusammen, um sie zu depor- tieren. Um sie im Osten wegen ihres jüdischen Glaubens zu tõten.„Das ist für mich noch heute unfassbar“, be- tont die 82Jährige in der überfüllten Alten Kunsthalle. „Wir mussten uns am 14. Februar 1945 an der Großmarkthalle einfin- den*: der Vater Norbert Bär und seine beiden Töchter- die elfjährige Hella und die vier Jahre jüngere Edith. Von Frankfurt aus wurden die drei mit 613 Personen in Viehwaggons nach The- resienstadt verschleppt. Die Mutter Susanna allerdings wurde gezwungen, in der zerstörten Stadt am Main zurückzubleiben. Judenstern tragen, Sie ist verhöhnt worden. Aber als sie freiwillig mit uns gehen wollte, war sie plötzlich wieder eine Arier- in““, erinnert sie sich. Denn Susanna Bär war Katholi- kin, ihr Mann Jude und die gemeinsa- men Töchter nach der nationalsozialistischen Rassenlehre deshalb„Mischlinge ersten Grades“. Dank den„stillen Helden“ Fdith Erbrich hat ihre dramatische Geschichte schon oft erzählt. Seit vie- len Jahren engagiert sie sich als Zeit- zeugin, besucht Schulklassen und kämpft unermüdlich dafür,„dass soet— was nie wieder passiert?. Zum 73. Jah- restag der Befreiung des Vernich- tungslagers Auschwit?-Birkenau hat die alte Dame bei der Gedenkfeier ih- rer Heimatstadt Frankfurt in der Paulskirche gesprochen. Am Mitt— wochvormittag(Z9. Januar) stellte sie sich in einem Seminar an der Justus- Liebig-Universität(IIU) den Fragen von Studierenden. Am Abend nun be- richtet sie auf Finladung der Lager- 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer gemeinschaft Auschwitz- Frelundes- Kreis der Auschwilzer, der Arbeitsstelle NWolocaustliteratur der JU und der Stadt Gießen von den Demütigungen, der Angst, dem Hunger. Dabei ringt sie immer wieder mit den Tränen. Mit bisweilen brüchiger Stimme beschreibt die 82-Jährige den Kriegs- alltag in der Mainmetropole, den Schrecken der Fliegerangriffe, die Zer- störung ihres Wohnhauses durch eine Bombe und das Verschüttetsein im Keller.„Da muss uns wirklich eine höhere Macht geholfen haben, denn mein Vater und einige Männer konn- ten eine Bisentür von den Trümmern befreien, damit wir überhaupt hinaus- kamen.“ Dann aber erreichte die Familie die Aufforderung, sich am Sammeſpunkt vor der Großmarkthalle einzufinden, um„Zum Arbeitseinsatz“ transportiert zu werden. Fünf Tage lang waren die Mädchen gemeinsam mit dem Vater und den anderen Deportierten in den Waggons einge- pfercht.„Wir mussten darin schlafen, essen und unsere Notdurft verrichten.? Norbert Bär hatte unterdessen frankierte Postkarten eingeschmug- gelt und- mit Nachrichten an seine Frau versehen- durch den löchrigen Holzboden nach draußen geworfen. „Stillen Helfern' sei es zu verdanken, dass tatsächlich alle Schreiben in Frankfurt angekommen sind.„Ich habe die Karten alle noch im Origi- nal', versichert Edith Erbrich. Zudem verweist sie schon zu Beginn nach- drücklich darauf, dass sie„alles, was ich hier erzähle, belegen kann“- um Zweifler oder gar Leugner sogleich zum Schweigen zu bringen. Mehrfach würdigt sie jene„tillen Helfer?, denen sie nie hätte persönlich danken können und die doch ihr Leben für ihre Familie riskiert hätten. Dazu zähl- ten auch die Mitarbeiter einer Koh- lenhandlung, die ihr gemeinsam mit ihrer Schwester das„Organisieren“ von Briketts ermõglicht hätten. Die Lebensumstände in Thersien- stadt, einer einstigen Garnisonsstadt, rund 60 Kilometer nördlich von Prag waren für die Kinder kaum zu ertra- gen. Ursprünglich für gerade mal 7000 Bewohner errichtet, waren von den Nationalsozialisten dort bis zu 353.000 Menschen gleichzeitig eingesperrt worden.„Wir mussten zu dritt auf einer Pritsche schlafen.“ Das Schlimmste aber sei gewesen, dass Schließlich sie und ihre Schwester auseinandergerissen wurden. Hella musste als Zehnjährige zum Arbeits- dienst: Steine klopfen, Unkraut jäten oder die Viehwaggons ausräumen. „Sie war draußen und hat viel mehr gesehen als ich.“ Aber über ihre Erfahrungen könne ihre Schwester nicht öffentlich reden.„Ich mache das für sie mit, das ist mir sehr wichtig“, Sagt die 82Jährige mit freundlich-re- Solutem Ton. Den Mädchen sei eines Tages mit- geteilt worden, dass sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Arbeits- einsat? aufstellen sollten, weil ein Zug mit Süßigkeiten ankommen würde. „Meine Schwester hat schon überlegt, wo sie in ihrem dünnen Kleidchen Süßigkeiten für mich verstecken könnte.“ Als die kleinen Zwangsarbei- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 terinnen den Waggon in fro- her Erwartung öffneten, hätten indes tote Menschen darin gelegen.„Da wussten sie, warum sie am Vortag ei- ne Grube ausheben mus— Sten.“ Die Schilderungen der S2Jährigen sind nicht vor- wurfsvoll, nicht anklagend, beinahe nüchtern stellt sie fest:„Das war keine schöne Kindheit.“ Oder:„Das war schlimm.“ Und:„Das wünscht man niemandem.“ Aber gerade durch diese Direktheit entwickeln die Worte eine ungeheure emotionale Wucht, von der die Zuhörer geradezu in den Bann geZogen werden. In der Nacht vom 7. Zum 8. Mai 1945 wurde das Ghetto Theresienstadt von der Roten Armee befreit.„Wir haben später heraus- gefunden, dass bereits in Frankfurt festgestanden hat, dass wir am 9. Mai vergast werden sollten.? „Wir sind frei* Doch nun wurden die beiden Töchter von ihrem Vater besucht, der ver- sicherte:„Wir sind frei.“ Und als sie schließlich gemeinsam Frankfurt er- reichten, trafen sie auch Susanna Bär wohlauf an.„Das war- außer meiner Hochzeit- der schönste Moment in meinem Leben, meine Mutti wieder- zusehen“, erzählt Edith Erbrich mit unũberhörbar südhessischem Akzent. Die Strapazen in Theresienstadt hat ihre Großmutter„als gebrochene Frau? überlebt. Der Großvater hinge- gen war bereits kurz nach der Ankunft Edith mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz im Jahr 1942 ermordet worden.„Wir haben nach dem Krieg mit unseren El- tern nie mehr darüber gesprochen“, schildert die S2Jährige. Norbert Bär habe immer insistiert:„Kind, lass es ruhen.“ Nur mit ihrer Schwester habe Sie sich austauschen können.„Das war für uns beide sehr wichtig, denn psy- chologische Unterstützung gab es nicht.“ Sie kenne viele Uberlebende des Holocaust, bei denen das Thema Zuhause totgeschwiegen wurde. Bereitwillig beantwortet EFdith Erbrich etliche Fragen aus dem Publi- kum, zum erneut unverhohlen auftre- tenden Antisemitismus möchte sie keine Stellung beziehen.„Ich äußere mich nicht politisch'“, betont sie.„Ich sage aber immer der Jugend: Haltet die Augen und Ohren offen, damit sich SO etwas nicht wiederholt.“ Und:„Ihr Seid die nächste Generation. An Euch liegt's jetzt.“ Heidrun Helwig (Dieser Jext erschien hereits am 37. Jankar 2020 im Oießener Anzeiger) 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Uber die Veranstaltung mit Edith Erbrich berichtete auch die Gießener Allge- meine Zeitung mit etwas anderen Schwerpunktsetzungen. EFdith Erbrich berichtet, wie sie den Holocaust überlebte Hass, Hunger und Angst „Spielt nicht mit den Judenbälgern“: Holocaust-Zeitzeugin Fdith Erbrich hat in Gießen über ihre Kindheit, ihre Deportation ins Lager Theresienstadt und ihre Befreiung gesprochen. Den Zuhörern stockte teilweise der Atem. „Für den 9. Mai 1945 war meine Vergasung geplant, normalerweise dürfte ich heute gar nicht hier ste- hen.“ Sätze wie dieser ließen das Pu- blikum in der bis auf den letzten Plat?z gefüllten ehemaligen Kunsthalle im Rathaus erstarren, als die Holocaust- Zeit?eugin Bdith Erbrich von ihrem Leben erzählte.„Ich hatte Glück, in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai wur- de Theresienstadt von der Roten Armee befreit“, Schob die 82 jährige Frankfurterin nach. Sie war von der Ldgergemeinschaft Auschwitz eundeskreis der Auschwitzer in Zu— sammenarbeit mit der Arheitsstelle Wolocaustliteratur der Justus-Liebig- Universität und dem Magistrat der Stadt Gießen an die Lahn eingeladen worden. Anlass: Der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Noch mehr Glück empfand Erbrich, als sie nach ihrer Befreiung 1945 ihre Schwester und ihren Vater wiedertraf und schließlich sogar die Mutter in Frankfurt in die Arme schließen konnte. Gerade einmal sechs Jahre alt war Edith, als die Familie ausgebombt wurde und sie zusammen mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Hella und dem jüdischen Vater nach Theresienstadt deportiert wurdèe. Die katholische Mutter hatte sich geweigert, sich von ihrem Mann schei- den zu lassen, und musste in den Ruinen Frankfurts bleiben.„Die Tren- nung von meiner Mutter war der schlimmste Moment in meinem Leben“, machte Erbrich deutlich. „Meine Mutter hatte uns das Notwen- dige gepackt. Sie wollte freiwillig mit, aber sie durfte nicht. Mls sich die Schie- betür geschlossen hatte, wurde sie noch einmal geöffnet. Ein Mann rief: Hebt die beiden Mãdchen hoch, ihre Mutter will Sie noch einmal sehen!“ Der Gedenkweg in Frankfurt Genau dieses Zitat ist Teil der von Erbrich mit initiierten„Prinnerungs- vitte für die in der Zeit des National- vozialismus aus Frankfurt am Main deportierten Jdinnen und Juden“ im Keller der ehemaligen Großmarkt- halle, wo die Viehwaggons starteten und wo heute die Buropäische Zen- tralbank steht. „Dass dieser Gedenkweg einge- richtet wurde, ist das Größte!“, sagte Erbrich, die seit 2011 Zeitzeugenge- spräche anbietet. Jedes Jahr im Mai Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Stehende Ovationen für Edith Erbrich nach ihrem Vortrag in der Gießener Kongresshalle kehrt sie mit einer Jugendgruppe nach Theresienstadt zurück.„Passt auf und haltet Augen und Ohren offen, damit S0 etwas nie wieder passiert*, gibt sie den Zuhörern jeden Alters mit auf den Weg. Die Kinder hätten sich damals nichts draus gemacht, obwohl ihre Eltern ihnen befahlen:„Spielt nicht mit den Judenbälgern!“ „Der Hass kam von den Erwachse- nen, dadurch hatte ich eine Kindheit ohne Schule, voller Hunger und Angst. Mein größter Wunsch ist, dass das nie wieder passiert!* Poch Erbrich spricht auch von der anderen Seite,„meinen stillen Helden und Helfern?: So ließen mehrfach Arbeiter Kohle extra für die jüdischen Mädchen vom Lastwagen fallen, und alle Postkarten, die der Vater aus dem Waggon auf dem Weg nach Theresienstadt fallen ließ, seien eingeworfen worden und bei der Mut- ter angekommen.„Wie soll ich den Deutschen böse sein? Ich bin doch Selbst eine!“, antwortet Erbrich auf eine Frage aus dem Publikum und ergänzt:„Ich wollte nie weg hier, denn mein Schicksal wãre in einem anderen Land dasselbe.? Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz mahnte anlässlich 1800 antisemitischer Ubergriffe 2018, dass Gedenken notwendig und Brinnern Schutz gegen Wiederholung sei. Sie dankte Erbrich für ihren Einsatz. Ger- hard Merz, Vorsitzender des Freundes- kreises, moderierte und ermunterte die Besucher mit einem Gedicht von Hans Sahl(„Die Letzten*), die Uber- lebenden auszufragen. Das taten die Gießener und applaudierten stehend. Redaktion der Gießener Allgemeinen Zeitung (Online emchienen am 30. Januar 2020) 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Sascha Feuchert mit Hedwig-Burgheim-Medaille geehrt Das Vermächtnis der Zeugen bewahren Sascha Feuchert, Mitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz- FreundesKreis der Auschwitzen wurde für seine Verdienste als Mitbegründer und Leiter der Arheits- velle Molocalust-Literutur an der Justus-Liehig- Universitdt Gießen ausgezeichnet. Die Hedwig-Burgheim- Medaille ist die hõchste Aus?zeichnung, die die Stadt Gießen vergibt. Sie wird alle Zwei Jahre in Frinnerung an die jũdische Pädago- gin Hedwig Burgheim verliehen, die von 1919 bis 1933 als Leiterin des Frö- bel-Instituts, einer Einrichtung zur Aus- bildung von Erzieherinnen, in Gießen wirkte. Nach der Machtübertragung an die Nazis wurde das Institut geschlos- sen, und Hedwig Burgheim zog nach Leipzig, von wo aus sie deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Die Hedwig-Burgheim-Medaille wird seit 1981„in Anerkennung und Würdigung hervorragender Verdienste um Verständigung und Verständnis zwischen den Menschen und im ver- pflichtenden Gedenken an die bis heu- te fortwirkende segensreiche Tätigkeit der jũdischen Pädagogin Hedwig Burg- heim“ verliehen. Seitdem haben ihn be- deutende Persönlichkeiten erhalten- So Ignat? Bubis, der frühere Vorsit?en- de des Zentralruis der Auden in Peutsch- land, Dr. Abraham BarMenachem, der ehemalige Bürgermeister der Gießener Partnerstadt Netanya(ein gebürtiger Gießener), der Historiker Helmut Berding, der Erziehungswis- senschaftler Micha Brumlik, die Archi- tektin und Chronistin der Synagogen in Hessen, Thea Altaras, die Theologen Martin Stöhr, Eckart von Nordheim, Dieter Trautwein, Helmut Grün und Henry G. Brandt, die Auschwitz-Uber- lebende Gießener Sintezza Anna Mett- bach, der frühere hessische Minister- präsident Albert Osswald und viele andere mehr. Die Preisübergabe findet jeweils am 28. August, dem Geburtstag Hedwig Burgheims, statt. In diese illustre Liste reiht sich nun mit Prof. Dr. Sascha Feuchert ein Ver- treter einer neuen Generation von Preisträgern ein. Der 1971 in Gießen geborene Feuchert ist Professor für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerli- teratur und ihre Didaktik am Institut für Germanistik der Mustus-Liehig-Uni- veysitòl Gießen und seit 2008 Leiter der Arheilsslelle Holocaustliteratur an der Mustlus-Liehig- Universitdt Gießen, die von der Eynst-LMdwig- Chambré-Stif tung zu Lich und der Universität zu gleichen Teilen finanziert wird. Als Leiter der mittlerweile interna- tional und national renommierten Arheilsslelle Holocaustliteratur an der LU Gießen ist Feuchert für die Kon- zeption und die Durchführung von Forschungsvorhaben verantwortlich. Zudem koordiniert er die Zusammen- arbeit mit Schulen und außerschuli- schen Bildungsträgern und setzt sich vornehmlich mit Texten der Holo— caust- und Lagerliteratur wissenschaft- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 OB Dietlind Grabe-Bolz überreicht Sascha Feuchert die Urkunde und gleich darauf die da?ugehörende Hedwig-Burgheim-Medaille. lich und didaktisch auseinander. Dabei bilden Texte von Uberlebenden des Holocaust einen Schwerpunkt. Zentra- les Anliegen der Arbeitsstelle ist es, dafür zu sorgen, dass diese Texte der Nachwelt erhalten bleiben und in Wissenschaft, Schule und Gffentlich- keit rezipiert und diskutiert werden. Zugleich werden Wege gesucht, wie die Brinnerung an den Holocaust durch einen aktiven Umgang mit der Hitera- tur auch dann noch gesichert werden kann, wenn die Generation der Zeit- zeugen nicht mehr da sein wird. Zu den Projekten und Tätigkeits- bereichen der Arbeitsstelle gehören neben literaturwissenschaftlichen Pditions- und Forschungsprojekten das zielgruppenorientierte Angebot von Lehrveranstaltungen, Workshops und Exkursionen zu Gedenkstätten. Fin wichtiges Ziel der Arbeitsstel- le ist die Ausbildung künftiger Multi- plikatoren*innen durch den intensi- ven Dialog mit Schulen sowie die gezielte Beteiligung von Lehramtsstu- Foto: Jasmin Mosel/ Gießener Anzeiger dierenden an Seminaren und For- schungsprojekten. Mit dieser Ausbil- dung künftiger Lehrer?innen trägt Feuchert in hohem Maße dazu bei, dass das Thema Holocaust auch künf- tig, wenn es keine Zeitzeugen mehr ge- ben wird, durch die Vermittlung von Texten im Unterricht präsent bleibt. Sascha Feuchert begleitet seit den 90er Jahren selbst Studienfahrten von Schüler*innen und Studierenden nach Auschwit? und gestaltet Gedenkstät- ten-Seminare mit. Seit 1906 arbeitet er intensiv mit der Universität Lodz zu— sammen und koordiniert die erfolgrei- che Zusammenarbeit der Arheitsstelle NHolocaustliteratur mit der Ernst-Lud- wig Chambré-Siftung zu Lich bei der pãdagogischen Arbeit mit Schulen und Gedenkstãtten. 2007 war Professor Feuchert Mit- herausgeber der fünfbändigen„Chro— ni des Gettos Lod/Litzmannstadt“, die Zwei Jahre später auch in Polen er- Schien, sowie 2011 Mitherausgeber der zweibändigen, Jagehiicher 7030 7045* 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer des Laubacher Justizangestellten Frie- drich Kellner(„Vernebelt, verdunkelt ᷣind alle Hirne*). Beide EFditionen fan- den international herausragende Be- achtung sowohl in der Fachwelt als auch in der allgemeinen Offentlichkeit. In der von der Arheitsstelle Holo- caustiteratur mit herausgegebenen achtbändigen Reihe„Studien und Po- Kumente zur Holocaust- und Lagerlite- ratur“ erzãhlen Holocaustüberlebende zum ersten Mal auf Deutsch von ihrem Schicksal. Dem persönlichen Engage- ment von Professor Feuchert ist es zu verdanken, dass Zahlreiche Uberleben- de des Holocaust Zu Seminaren an der Mtls-Liebig- Univeitdt Gießen, Zu Be- suchen in Schulen und zu öffentlichen Veranstaltungen nach Gießen gekom- men sind, um mit Zeitzeugenberichten und im Gesprãch die Frinnerung an die nationalsozialistischen Menschheits- verbrechen wachzuhalten. Als Vorsitzender des Literarischen Zentrums Gießen leistet Feuchert ei- nen zentralen Beitrag dazu, dass in Gießen auch verfolgte Autoren wie Can Dündar von ihren Erlebnissen be- richten konnten. Als Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter des PEN-Zentrums Deutschland von 2012 bis 2018 setzte er sich besonders für inhaftierte und politisch verfolgte Autor?innen ein. Professor Feuchert wurde 2006 mit der Medaille„Für Verdienste um Gesellschaft und Wissenschaft“ der Universität Lodz und 2009 mit dem Wolfgang-Mittermaier-Preis für her— vorragende Leistungen in der akade- mischen Lehre an der Justus-Liebig- Universität Gießen ausgezeichnet. Anlässlich der Bekanntgabe der Preisvergabe erklärte Gießens Ober- bürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz als Vorsitzende des Kuratoriums:„Mit ProfesvᷣOyr Suschd Feuchert haben wir lins für einen herausragenden Vräger der Nedwig-Blurgheim- Medaille entschie- den. Seine vertvolle Arbelt und vein En- gagement für das Gedenkcen und die Er- innerung an den Holocaust vind liherragend und umfassend. als Wissen- Schaſtlen als Autor und Puhlizist, als Mochschullehren dem die Vermiulungs- arbeit nd Aushildung von Sudierenden am HMerzen liegt v0wie als gesellschaftlich ngagierter Ich hin gliicklich darihen duss wir ihn in die Reihe der wirdevollen Medaillentròger aufnehmen Können“. Als Laudatorin würdigte die Präsi- dentin des PENZentrums Meutsch- jand und Vorstandsmitglied von PEN nternational, Dr. Regula Venske, Feucherts„Leidenschaft für die Suche, veine Beharrlicheit BodenstdndigMeit, GenauigMeit veinen Blick flir Welt“. Sie hatte ihre Laudatio unter ein Wort von Paul Celan gestellt:„Niemand zeugt für den Zeugen“* Sascha Feucherts Uberzeugung sei, dass„wir alle Zeit- Zeligen vind“. Sie schloss mit einer sehr persõnlichen Note. Feuchert sei„vor allem ein Menschenfreund“. Und:„Mie Welt bhraucht Dich!“ Gerhard Merz * Schlussꝰeile aus Celans Gedicht Aschenglorie, in: Gesammelte Werke, Bd. 2, Hg. von Beda Allemann, Stefan Reichert, Rudolf Büchner; Frankfurt Main: Suhrkamp, 1983. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Die letzten Stunden der Pãdagogin Hedwig Burgheim Massenmord, eine„routinierte Prozedur? Uber die Verleihung der Hedwig-Burgheim-Medaille an Sascha Feuchert be- richtete auch der Gießener Anzeiger.(Hier Auszüge aus der Online-Fassung vom 30. August 2020) Es vergehen nicht einmal vier Stunden von der Ankunft auf der Se- lektions-Rampe in Ausch- wit?-Birkenau bis zum Gang in die Gaskammer. 651 Männer, Frauen und Kinder verlieren dort an diesem 27. Februar 1943 in einer„routinierten Prozedur“ ihr Leben. Auch die 55 jährige Pädagogin Hedwig Burg- heim.„Sie hatte keine Chance“, leitet Prof. Sascha Feuchert seine Dankesrede für die Verlei- hung der höchsten Auszeichnung der Stadt Gießen ein. Die Menschen wur- den ermordet,„weil sie Juden waren und die Nationalvozialisten ihnen des- halh das Lehensrecht absprachen und nahmen“. Doch die Täter hatten es darüber hinaus noch auf etwas Ande- res abgesehen:„Ddss mit den Men- Schen auch die Frinnerungen an sie vEychwinden, dass ihr Leben restlos getilgt wird.“ Genau dies verhindert der Professor für neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holo- caust- und Lagerliteratur bereits seit Jahrzehnten durch großes gesell- Schaftliches Engagement. Für sein um- fangreiches Wirken als Leiter der Ar- heitsstelle Holocaustliteratur(AHI) Hedwig Burgheim 1938 (Stadt Leipꝛig der Justus-Liebig- Universität(umd für Verdienste in anderen Organisatio- nen Red. Mineilungsblaut) hat der 48-Jährige die Hedwig-Burgheim-Me- daille erhalten. Er betont, die Ehrung auch stellver- tretend für das gesamte Team der AHL entgegen- zunehmen.(.ñ.) Als Sascha Feuchert (..) die let?ten Momente im Leben der jüdischen Pãdagogin rekonstruiert, bekommen die abscheu- lichen Gräueltaten der Nazis eine fast unertrãgliche Bildhaf- tigkeit. Dass das Erfassen und Bewah- ren von Frinnerungen an den Holo— caust keine leichte und dazu nicht immer gern gesehene Aufgabe ist, Schlage sich unter anderem in den Re- aktionen nieder, die die AHLE von, be- sorgten“ Bürgern erhalte, berichtet Feuchert. So wüsste sein Team auch, „Wie es sich anfühlt, bei einer Veran- staltung von Wutbürgern angeschrien und körperlich bedrängt zu werden?. Doch neben der großen Belastung sei die Arbeit„ganz häufig auch sehr er- füllend; wir durften beeindruckende Menschen treffen und dabei mithel- fen, ihre Geschichten zu erzählen“. Jasmin Mosel 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Fotos aus Sobibor: Idylle neben dem Massenmord Gedenkstunde als Lehrstunde Zum Gedenken an die Deportation der Frankfurter Juden hatte das Fritz-Bauer- nstitu in Kooperation mit dem Kulturdezernat der Stadt für den 19. Oktober 2020 in die Paulskirche eingeladen. Nach dem Fröffnungsvortrag von Prof. Sibylle Steinbacher stellte Andreas Kahrs vom Bidungswerk Slanislam Hantz(Kassel) die neu entdeckte Fotosammlung aus dem Besit? des Sobibor-Tãters Johann Niemann vor. Auch aus Frankfurt waren mehr als 3000 Menschen unmittelbar nach Hbica und Sobibor verschleppt worden. Sobibor war eines von drei Vernichtungslagern im Generalgouvernement, dem damals von Deutschland okkupierten Polen. In diesen Lagern wurden mehr als 1,7 Millionen Menschen, überwiegend polnische Jũdinnen und Juden sowie 50.000 Roma, ermordet. Gut arrangiert war die Redner- tribüne im oberen Saal der Frankfur- ter Paulskirche: Im Rücken der Vor- tragenden unmittelbar über ihren Schultern hing eine Projektionsfläche, auf der die Teilnehmer die Fotos auus Sohibor sehen konnten, an denen entlang der Hauptredner der Veran- staltung den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden darstellen und das Leben der Wach- mannschaft als Inszenierung des Lageralltags dokumentieren sollte. Neben dem Redner-Pult war die Fotographie von Frit? Bauer lebens- groß auf einem roll-up aufgestellt. So blickte dieser wohlwollend zurückhal- tend, die Arme verschränkt, auf die Zuhörer. Eine 8Szene wie in einer Schulklasse oder einem Hörsaal. Fritz Bauer begleitete eine„Lernstunde“ über die Organisation und das Aus- maß des Holocaust. Während seiner Zeit als Hessischer Generalstaatsan- walt war er vor vielen verschiedenen Auditorien aufgetreten- auch in Schu- len, um zu berichten, was geschehen war. Prof. Sibylle Steinacher, die Direktorin des Fritz-Bauer-Instituis, Sagte in ihrem Bröffnungsvortrag, es komme darauf an zu wissen, was ge- schehen ist und welche Schritte dazu erfolgt sind- und nicht nur zu geden- ken! Folglich schilderte sie in ihrem sehr detaillierten Vortrag die einzel- nen Schritte zur Entrechtung der Ju— den und zum Holocaust. In ihrer Begrüßung dankte Kultur- deZernentin Dr. Ima Hartwig dem Vyitz-Baluer Institut mit seiner Leiterin Prof. Sibylle Steinbacher für die Erfor- schung der Geschichte und Wirkung des Holocaust- verbunden mit dem Hinweis, die Verdrängung habe sich in Frankfurt als hartnäckig erwiesen. Kurzer Einblick in das Geschehen Am 19. Oktober 1941, einem Sonn- tag, wurden frühmorgens 1100 jüdi- sche Menschen aus ihren Wohnungen geholt und in die Kellerräume der da- maligen Großmarkthalle im Frank- furter Ostend getrieben. Vorher um- laufende Gerüchte über eine solche Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 Aktion musste der Vorsit?ende der jüdi- schen Gemeinde im Gottesdienst in der Synagoge dementie- ren. Für die„Reise“ mussten die Familien Fahrkarten„kaufen“, und im Keller der Großmarkthalle wur- de ihre Habe ausge- plündert. Jetzt in der Pauls- kirche bildete der Vor- trag von Dr. Andreas Kahrs auf Grundlage von Fotos aus dem Ver- nichtungslager Sobibor den Hauptteil der Veranstaltung. Johann Niemann, ein SS-Karrierist, kam nach Stationen in Esterwegen und Sachsenhausen und als„Leichenbrenner“ in der T4Mor- danstalt Bernburg nach„offiziellem“ Ende der T-4 Aktion nach Belec und endgültig nach Sobibor, wo er es bis zum diensthabenden Kommandanten brachte. Der Lageralltag als schöner Schein Niemann legte eine umfangreiche Fotosammlung rund um seine Person und den Lageralltag der Wachmann- schaft an. Darin inszenierte er den Lageralltag als schönen Schein. Die Opfer sind nicht zu sehen. Nach Niemanns Tötung während des Aufstands in Sobibor am 14. Ok- tober 1943 durch Angehörige des SS-Leute des KZ Sobibor beim feiern. Foto: O USHMM Lageruntergrundes und der sowjeti- schen Kriegsgefangenen wurde seine Habe der Witwe übergeben. Das da- bei liegende Fotoalbum wurde 2015 dem Biſdungswerk Stanislaw Hantz von den Enkeln der Witwe gespendet. Hier wurde das Album bis ins kleinste Detail ausgewertet. Danach wurde das Album vom United Sates Holo- caust- Memorial Museum in Washing- ton erworben. Das Album und die daraus geflossenen Forschungsergeb- nisse wurden im Frühjahr 2020 unter dem Jitel Fotos aus Sohibor? im Ver- lag Metropol verõffentlicht. Die Fotos Sind darin reproduziert, akribisch ana- lysiert und in viele Richtungen sorg- fältig ausgewertet. Kulturdezernentin Ina Hartwig Sagte Zum EHnde der Veranstaltung als Reaktion auf den Vortrag:„Der Schock ist die Normalitãt.“ Uwe Hartwig * aus: Fotos als Sobibor- Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und National- SoZidalismus. Hrsg. Bildungswerk Stanislaw Hantz und die Forschungsstelle Lud- wigsburg der Universität Stuttgart. Berlin; Metropol, 2020. Preis: 29 Huro. 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Zum Tod von Jürgen Bartholomé Ein außergewöhnlicher Pädagoge Die Lagergemeinschaft und der elindesKreis der Auschwitzer trauern um ihr langjähriges Mitglied Jürgen Bartholomé. Er hat als Lehrer am Frie- drich- Ehert-Ghmndsium(HEO) in Mühlheim am Main vor 30 Jahren ein in Deutschland einzigartiges Ausch- onslager Struthof(Natzweiler) in den Vogesen war Bestandteil unterrichtli- chen Gestaltens. Durch die Vermittlung der Schüle- rin Dorothea Rapp und deren Vater lernte ich Hermann Reineck als einen dieser Zeitzeugen kennen. ſ...] Her- wit?-Projekt ins Le- ben gerufen und da— mit viele Jahrgänge von Schülerinnen und Schülern geprägt. Wie alles begann? Dies schilderte Jürgen in der Festschrift? an- lässlich des Jubiläums zum 25jährigen Be- stehen des Projekts: Begegnung mit Hermann Reineck „Die inhaltliche Aus- einandersetzung im damaligen Gemein- schaftskundeunter- richt der Jahrgangs- Jürgen Bartholomé bei einer Studi- mann stufen 11, 12 und 13 enreise 2012 führte meine Schülerlnnen und mich auch in die Zeit des deutschen und eu— ropãischen Faschismus, der Geschich- te der BRD und DDR. In diesem Zu- sammenhang lud ich Zeitzeugen in den Unterricht ein, auch eine mehrtä- gige Fahrt ins ehemalige Konzentrati- mann Reineck regte mich 1989 dazu an, in der nächstfolgenden Projektwoche des FEG vom 26. 7. bis 4 8. 1990 mit ihm, meinen SchülerInnen und meinem Freund Karl-Hein? Glock von der Jugendpflege der Stadt Mühlheim nach Oswiecim zur Gedenkstätte Ausch- wit? zu fahren, denn iher Auschwitz darf Kein Gras wachsen, eine Bemerkung, die wir häufig von Her- vernahmen, [....“* Anfang 1990 kam dann noch ein anderes Flement hinzu: Der Mauer- fall lag erst kurz zurück, die deutsche Vereinigung war noch nicht offiziell in Kraft getreten. Die Schülervertretung der Erweiterten Oberstufen Schule Geschwister Scholl(heute Gymnasi- * Festschrift-25 Jahre Schülerprojekt-1990— 2014—„Mensch, erinnere, wus in Alsch- wit? Dir geschah“, Redaktion: Angelika Horz-Bartholomé, Mühlheim Main, 2015. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 um Bergschule) aus Apolda/Thürin- gen hatte Kontakt Zu einem hessischen Gymnasium gesucht und war im FEG mit Vertrauenslehrer Jürgen Bartho- lomé und der damaligen Schülerver- waltung auf offene Ohren und Arme gestoßen. Es folgte eine Woche in Apolda, in der auch der Kontakt(und die spãtere Freundschaft) zu Dieter Riel, Lehrer an der dortigen Schule, entstand. Jürgen berichtete Folgendes: „Finen Monat später lud ich Pieter ind vseine Klasse 72 ein, an unserer ge— Planten Projektfahrt nach Auschwitz im Muli 7000 als Gäste teilzunehmen.“* Mensch erinnere, was in Auschwitz Dir geschah Damit war der Grundstein gelegt für eine lange Reihe von Fahrten unter dem Motto„Mensch, erinnere, was in Aisch wil? Dir geschah“, die bis 2013 von beiden Schulen und mit Unter— stützung der Jugendpflege der Stadt Mühlheim gemeinsam durchgeführt wurden, seit 2014 jeweils in Figenregie. Hãäufig war mit diesen Studienfahrten auch ein Austausch und eine Zusam- menarbeit mit polnischen Schülern des Gymnasiums in Oswiecim verbunden. Zusätzlich wurden einige Jahre lang Lehrerfortbildungen organisiert. Die Schülerinnen und Schüler set- zen sich bei den ein- bis zweiwõchigen Reisen auf dem Gelãnde des ehemali- gen Konzentrationslagers im Rahmen verschiedener Projektgruppen mit der Geschichte auseinander. So gibt es Gruppen, die selbst künstlerisch tätig werden und ihre Findrücke in Bildern und Texten festhalten. Andere drehen 8 5 6 1 Jürgen im Jahr 1995 mit Kazimier? Smo- len, langjähriger Direktor der Gedenkstät- te Auschwitz.(Fotos: Privat) Videos, arbeiten im Archiv, um be- stimmte Themen oder Biographien zu recherchieren oder beteiligen sich an Instandhaltungsarbeiten auf dem Gelände. Und so lange dies möglich war, gehörten auch Gespräche mit Zeitzeugen zum Programm- vermut- lich die eindrucksvollsten Momente und diejenigen, die allen Teilnehmen- den zeitlebens in Brinnerung bleiben werden. Zu den ehemaligen Häftlin- gen, die die Schülergruppen begleite- ten, gehörten Hermann Reineck (Gründer unserer Lagergemein- Schaft), Kazimierz Smolen(langjähri- ger Direktor der Gedenkstätte Ausch- wit?), Tadeus? Szymanski und die Ravensbrück-Uberlebende Liselotte Thumser-Weil. Die Ergebnisse der Fahrten werden in Mühlheim jährlich um den 27. Janu- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer ar präsentiert, Zu Beginn als Ausstel- lungen, heute als Präsentationen mit Lesungen, szenischen Darstellungen, Musikbegleitung und multimedialen Flementen. Man spürt immer, wie viel Herzblut die Schülerinnen und Schüler in die Vorbereitung stecken und wie Stark sie sich mit der Thematik ausein- andergeset?t haben. Die Gefühle, die die Jugendlichen beschreiben, sind je- weils ähnlich-Trauer, Entsetzen, Fas- Sungslosigkeit, aber auch der Wille, sich dafür einzusetzen, dass Ahnliches nicht mehr geschehen kann. Zur Vermittlung der Geschichte gehört im Projekt auch immer der ak- tuelle Bezug, es soll deutlich gemacht werden, dass es sich hier nicht um eine reine Beschäftigung mit„Vergange- nem handelt, Ssondern dass eine Aus- einanderset?ung mit der Geschichte notwendig ist für einen verantwor- tungsvollen Umgang mit der Zukunft. Auch nach seiner Pensionierung im Jahr 2008 stand Jürgen Bartholomé dem Projekt noch als Berater und Organisator zur Seite und hat auch noch weitere HFahrten mit begleitet. Viel Anerkennung Im Laufe der Jahre hat das Projekt zahlreiche Preise und Ehrungen erhal- ten, u. a.: Kulturpreis der Stadt Mühl- heim(1993), Einladung durch Bunde- spräsident Roman Herzog(1998), Medienpreis„Jugend gegen Kechtser tremismus“ der Frankfurter Buchmes- 8e(2001), Besuch des damaligen Bun- destagspräsidenten Wolfgang Thierse im FEG Mühlheim(2003), Auszeich- nung von Jürgen Bartholomé mit dem Ehrenbrief der Stadt Mühlheim (2004), Deutscher EFinheitspreis (2005), Finladung zum Internationa- len Jugendsymposium nach Oswiecim (2006). Jürgen Bartholomé oder„Bartho“ 80 wurde er von allen genannt- war ein außergewöhnlicher Pädagoge. Sein Engagement, seine Bildung und seine Offenheit haben viele Menschen beeindruckt. Er hat das Leben vieler seiner Schülerinnen und Schüler mit- geprägt, s0o auch meines. Er war einer der Lehrer, bei denen man nicht für die Schule, sondern für das Leben ge- lernt hat, und er hinterlässt eine Lücke, nicht nur im Leben seiner Familie. Mich persönlich hat das Thema nicht mehr losgelassen, seitdem ich 1991 als Schülerin des FEFEG an der zweiten Studienfahrt teilgenommen habe. Mittlerweile arbeite ich seit 2004 im Vorstand der Lagergemeinschaft Aschwitz- FreundesKreis der Ausch- witzer mit. In der heutigen Zeit, in der unsere Gesellschaft geprägt ist von Lei- stungsdenken und Zeitdruck, und zwar bereits im Schulalltag, ist es gan?z besonders eindrucksvoll, dass Projek- te wie dieses noch Bestand haben und dass LehrerInnen und Jugendliche zu einem solch außergewöhnlichen Engagement bereit sind. Ich wünsche dem Auschwit?-Projekt, dass noch vie- le weitere Jahrgänge die Gelegenheit haben werden, sich auf solch intensive Weise mit der Geschichte auseinan- derzusetꝰen. Martina Hörber Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Abschied vom letzten Augenzeugen aus dem Sonderkommando Dario Gabbai bleibt unvergessen David Dario Gabbai starb am 25. März 2020 im Alter von 97 Jahren in Los Angeles als zweitältester Sonder- kommando-Uberlebender. Seine wie- dergefundene Lebensfreude, seine ge- sunde Lebensweise und Begeisterung für sportliche Aktivitäten bewahrte sich der gebürtige Grieche italieni- scher Nationalität bis zulet?t und war damit vielen Menschen ein Vorbild. Vor allem junge Menschen, die ihm begegneten, waren von seiner energie- geladenen Musstrahlung, seinem freundlichen und sympathischen We- Sen sowie von seiner positiven Lebens- einstellung tief beeindruckt. Als er die let?ten Jahre seines Lebens jedoch auf einen Rollstuhl angewiesen war und nur noch selten am õffentlichen Leben teilnehmen konnte, lebte der musika- lische Gabbai seine Leidenschaft fürs Singen umso mehr aus. Auch seine Geselligkeit verlor der beliebte Dario Gabbai, der als Sohn eines Italieners und einer Griechin am 2. September 1922 in Thessaloniki ge- boren wurde und dort zusammen mit seinen Eltern und Großeltern auf— wuchs, nicht. Der Vater und der zehn Jahre ältere Bruder Vaacov arbeiteten in der Druckerei der bekannten grie- chischen Zeitung Neue Wahrmeit. Dario beabsichtigte, Medizin in Pa- dua zu studieren, was ihm jedoch als italienischem Juden aufgrund antise- mitischer Maßnahmen verwehrt blieb. Im Juli 1943 flüchtete die Familie in Dario Gabbai(1999) Foto: Archiv A. Kilian den von den Italienern besetzten Teil Griechenlands nach Athen. Im Sep- tember 1943 besetzten die Deutschen nach der Kapitulation Italiens Athen und bereiteten auch die Deportation der italienischen Juden in deutsche Vernichtungslager vor. Von den am 11. April 1944 in Ausch- wit?Birkenau angekommenen Famili- enangehörigen überlebten nur Parios älterer Bruder Vaacov, dessen Ehefrau Sowie Seine beiden Cousins Shlomo und Maurice Venezia. Zusammen wurden die vier Männer schließlich nach einem Monat Quarantäne Mitte Mai 1944 dem Sonderkommando einverleibt. Nach seiner Befreiung im Konzen- trationslager Ebensee in Osterreich 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer kehrte der auf 30 kg abgemagerte Gabbai schließlich über Italien nach Griechenland zurück, wo er am 2. Juli 1945 mit dem Flugzeug in Athen lan- dete und einige Zeit für die Hilfsorga- nisation American Jewisn Joint Pistri- hulion Gommittee arbeitete. Nach seiner Emigration in die USA im Jahre 1951 arbeitete Gabbai eine Weile als Chauffeur in Gleveland (Ohio), als Schauspieler sowie als Rei- nigungskraft in einer Fabrik in Los Angeles. In der Metropole am Pazifi- schen Ozean lebte Dario Gabbai den amerikanischen Fraum: Innerhalb ei- nes Jahres arbeitete er sich vom Raumpfleger bis zum Manager einer führenden Textilfabrik in Los Angeles hoch, für die er schlieBlich über 30 Jah- re lang täãtig war. Als let?ter bekannter Augenzeuge und ehemaliger Zwangsarbeiter der jüdischen Sonderkommandos in Auschwit?-Birkenau teilte Gabbai im Vergleich zu anderen Zeugen aus dem Sonderkommando, wie seinem 1993 in Israel verstorbenen Bruder Vaacov, jedoch erst verhältnismäßig spãt seine Brinnerungen aus den Krematorien von Auschwitz-Birkenau(eine Aus- nahme bildet sein kurzer Englisch- Schulaufsat? über den Krematoriums- leiter Otto Moll aus dem Jahre 1951). Der erfolgreiche Manager war ein ver- antwortungsvoller Familienvater, aber auch unternehmungsfreudig und le- benslustig, wie er in Interviews beton- te. Die Erinnerung an die Mordfabrik Auschwit?z gehörte in ein anderes TLe- ben, das nicht mehr abzuschütteln war, aber unterdrückt werden sollte. — F 2 . 8—. F — * 7 7 —— Dario Gabbai(um 1951) Foto: Archiv Andreas Kilian Erst im Ruhestand und nach dem Tod Seines Bruders sowie seines alten Schulfreundes und Sonderkomman- do-Kameraden Daniel Bennahmias am 22. Oktober 1994 erklärte sich Dario Gabbai dazu bereit, über die Schrecklichste Zeit seines Lebens zu berichten. Im März 1997 berichtete der Je- wish Chronicle in dem Artikel„Greek Tragedy“ über Darios erste Rückkehr nach Auschwitz-Birkenau Mitte Okto- ber 1906 im Rahmen einer Studienrei- se mit Studenten, eine Erfahrung, über die Gabbai zwei Wochen später sagte: „Ewds Kam aus meiner Seele heraus“. Auch sein Bruder Jaacov erhielt 1989 die Gelegenheit, mit einer Gruppe an den ehemaligen Leidens- und Schreckensort zurückzukehren, je- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 doch blieb er auf Wunsch seiner Frau in Israel- vier Jahre später starb er. Nach einer zweijãhrigen Vorberei- tungszeit reiste Dario im Jahre 1999 für die Dreharbeiten zu dem briti- schen Dokumentarfilm Auschwitz- mhe final witness ein zweites Mal nach Auschwitz-Birkenau, diesmal mit sei- nen Cousins Shlomo Venezia aus Rom und Morris Venezia, der ebenfalls in Los Angeles lebte. Ursprünglich sollte der Hilm nur Darios Geschichte er— zählen, jedoch machte dieser zur Be- dingung, den Hilm nur gemeinsam mit seinen Cousins zu drehen:„denn an das, woran ich mich nicht erinnere, wer- den sie vich vielleicht erinnern“. Weitere Interviews mit Dario Gab- bai wurden in zahlreichen Filmen ver- wendet, darunter The Last Pa)s von James Moll(USA 1998) und 4 jourmney into ine Holocaust von Paul Bachow (USA 2015), in der 6-teiligen Doku— mentarreihe Holokaust(D 2000) und der BBC-Fernseh-Dokumentation Alischwit? Vhe Nazis and Vhe Hinal Solulion(GB 2005) sowie zuletzt im Dokumentarfilm von Winfried Laasch und Friedrich Scherer Fin Vag in Auschwitz(D 2019), der zum 75. Jah- restag der Befreiung von Auschwitz im ZDF ausgestrahlt worden war. Nach dem Erfolg des Oscarprã- mierten Spielfilms Son of Suul(H 2013) von Lãszlò Nemes und dem dadurch ge⸗ steigerten Interesse am Thema Sonder- kommando wurde Gabbai in zahlrei- chen Zeitungs-Interviews und Artikeln als Sonderkommando-Uberlebender gewürdigt und für die Offentlichkeit zu einem der interessantesten Auschwitz- Zeugen seiner Zeit: Fälschlicherweise wurde ihm bereits verfrüht- spãtestens im Jahre 2015— der Iitel letzter Uher- lehender des Sonderommandos verlie- hen. Zu diesem Zeitpunkt lebten in den USA allerdings noch die beiden Au- gen?zeugen Morris Kesselman und Emanuel Mittelman. Kesselman ver- starb am 11. Mai 2016 mit 89 Jahren, Mittelman am 16. Februar 2019 in Oak Park, Michigan, im Ater von 94 Jahren. Anlässlich der Feierlichkeiten des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz besuchte Dario Gabbai am 26. Januar 2015 zum dritten Mal den Schauplat? des Massenmords in Bir- kenau.. Mit dem letzten Zeugen aus dem Sonderkommando ist auch ein beein- druckender Mensch verstorben, der viele Jahre lang sein Wissen vor allem jungen Menschen im Rahmen von Zeit- zeugengesprächen und Filminterviews weitergegeben hat, obwohl er danach wochenlang unter Apträumen litt. Die Pflicht, dieses Wissen zu be- wahren und zu verbreiten, wurde nun endgültig an nachfolgende Generatio- nen übergeben. Möge Dario Gabbai von dieser Last und selbstauferlegten Verpflichtung befreit sein und in Frie- den ruhen. Und möge sein Tod auch an den großen Verlust der vielen anderen Sonderkommando-Uberlebenden er- innern, die in aller Stille und zum Teil Sogar völlig unerkannt von uns gegan- gen sind und damit ihr Recht auf ihre let?te Ruhe und ihren Anspruch auf Privatsphäre gewahrt haben. Andreas Kilian 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Quarantäne-Nachweis und„Briefaktion? in Auschwitz Neue Dokumente zu Chaim Hermans Schicksal entdeckt Von Andreas Kilian Das Archiv ist die Rache der Uber- lebenden an ihren Peinigern, die die Er- innerung an sie auslõschen wollten, und Gedãchtnis an die Ermordeten und Ver- Storbenen. Archivierte Lagerverwal- tungsakten aus dem KI Auschwitz zeu— gen vom Ausmaß eines geordneten ver- walteten Unrechts und von einer Büro- kratie des Todes, die keine Spuren hin- terlassen sollte, aber ohne ihre akribi- Sche Aktenführung und nüchterne Do-— kumentation des arbeitsteiligen schritt- weisen Tötungsablaufs und Mordpro- Zesses nicht funktioniert hätte. Tahlreiche spektakuläre Funde der let?ten Jahre in den Erinnerungsstätten Vad Vashem(Jerusalem), dem Mémorial de la Shouh(Paris), dem VVU Institule for Jewisn Research(New Vork) und dem Saatichen Muselm Ausch witz (Oswiecim), Zeugen vom großen Reich- tum und der unterschät?ten Bedeutung der Archive in vielen Ländern zum Ge-— denken an die Shoah und ihrer Erfor- Schung. Der größte Schatz an schriftli- chen und personenbezogenen Quellen zur Geschichte des deutschen Vernich- tungslagers Auschwit?-Birkenau wird im Satichen Museum Auschwitz-Birt Kenau gehütet. Zahlreiche Originaldo- kumente wurden jedoch nach der Be-— freiung des Lagers ins Ausland ver— bracht, nicht nur als Beutedokumente der Befreier in die Sowjetunion, son- dern unter anderem auch in die USM, darunter mindestens 406 Häftlings-Per- Sonalbõgen und auch das HFvidenzbuch der Häftlingsunterkunft„ Block 6“ im Stammlager Auschwitz mit 327 erhal- tenden Seiten sowie 5. 362 Namens- und Hãäftlingsnummer-Nennungen(unvoll- ständig), die im„Bund Archivꝰ archi- viert, 1002 vom VIVO erworben wurden und 1996 microverfilmt worden sind. Fine Erschließung e Te ——— .——,,—. — 1 Kenentrenenge⸗ r — dieser Dokumente steht noch aus, andere relevan- . 1— r — te historische Ouellen im S————— ————*— ———— vNVO sind weder einges- cannt noch microverfilmt M 521.1. ULRRB u worden, damit sie gesich- tet werden könnten. Wie ———ͤ——— n hilfreich eine systemati- ———— — —— nT ——— sche Erschließung für Forschungsarbeiten hät- ——— 1 —— VWU Aeh Rex.Me. 10. 2.37 1„.* 1 —.—— k———— ten sein können, Zeigen neun entdeckte Häft- lings-Personalbögen von ——.— * griechischen Sonderkom- Hãftlingspersonalbögen(Formular KL. 42/4. 43) der Brüder Venezia vom 11. April 1944 mando-Häftlingen sowie VIVO Archives ein Zufallsfund im OQua- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 [ranskription:]„ Herman [Bedeutung:] ————— Chaim? von der Lungenspitze aus verlaufende Vernarbung der Lunge durch Fibrose (der Unterstrich 2w. Häftl.-Nr. und Namen kennzeichnete den Kranken auf negative Weise) Ausschnitt von Seite 39 des Röntgen-Befund-Buchs des HKB Auschwitz, Fintragung vom 03.07. 1943, 1.1.2.1/ 509435/ V5 Digital Archive, Bac Arolsen lnductio apicale fibros Bronchitis rantäne-Buch im Rahmen der Spuren- Suche nach Chaim Hermans Schicksal. Der Röntgenbefund Chaim Herman, der am 3. Mai 1901 in Warschau geboren wurde und in den Dreißiger Jahren nach Paris immigrier- te, wurde am 4. März 1943 mit dem 49. RSKHA-Transport aus dem Durch— gangslager Drancy im KI Auschwit? eingeliefert. EFtwa 60% der aus diesem Transport in das Lager eingewiesenen Männer wurde kur? nach der Registrie- rung in das Sonderkommando einver- leibt und zum Arbeitseinsat? in den Vernichtungsanlagen gezwungen. Der nach der Befreiung des Lagers aufgefundene Abschiedsbrief eines franzõsischen Sonderkommando-Häft- lings namens Herman führte zu der falschen Identifizierung Chaim Her- mans als Sonderkommando-Häftling und Verfasser des Briefs. Ein Beweis, dass Chaim Herman nicht direkt nach Seiner Ankunft in das Sonderkomman- do Zugewiesen wurde, konnte bislang nicht erbracht werden, da im Archiv des Museums Auschwit? nur ein Namens- Pintrag im Befundbuch der Röntgen- Station im Stammlager Auschwitz doku— mentiert ist, der nur einen einmaligen Untersuchungs-Aufenthalt im Stammla- ger belegte. Der Befund findet sich auf Seite 30 des 14. Röntgen-Buchs mit Ein- tragungen für den Zeitraum vom 22. N- ni bis 19. Juli 1943 unter der Registrie- rungsnummer 7548. In der Liste wurden einige(mögli- cherweise nichtjüdische) Häftlinge mit einem roten Häkchen hinter dem Na- men und die Häftlinge mit einer ver- mutlich negativen Uberlebens-Prognose mit einem kleinen roten Tiefstrich hinter der Häftlingsnummer markiert. Finzig im Fall Herman steht ein Fragezeichen unter dem Vornamen, an einer Stelle, die in anderen Fällen einen Vermerk auf den Krankenbau(Kb.) enthält, was auf den fraglichen Verbleib des Häftlings hinweisen könnte. Hermans Untersu— chung fand am 3. Juli 1943 statt und endete mit dem Befund Lungenfibrose. Dieses Dokument war das bislang let?te bekannte Lebenszeichen von Chaim Herman in den Verwaltungsak- ten von Auschwitz. Da in der Röntgen- Station grundsätzlich auch Häftlinge aus Birkenau und aus Auschwitzer Ne benlagern untersucht werden konn- ten, Ssagt die Quelle jedoch nichts über den Unterbringungsort Hermans aus. Die Postkarteikarte des UGIF Erkenntnis über den genauen Inhaftie- rungsort konnte erst 2018 mit dem Fund der leitenden Archivarin des Mémorial, 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Karen Taieb, von Hermans Postverkehr- Verzeichniskarte in einer Zweigstelle des Zentral-Archivs des franzsischen Verteidigungsministeriums und der franzõsischen Armee in Caen(La Mivi- Sion des Archives des Victimes des Con- Hits Contemporains, DAVCC) gewon- nen werden. Die Karteikarten zur Dokumentation des Postverkehrs wur- den von der Allgemeinen Vereinigung der französischen Juden unter dem Vichy-Regime(Union générale des is— rulites de Hrance, VOIE) geführt, da sie die Zentrale Postverteilung vornehmen musste. Damit wurde auch ein isolierter und vom RSHAM kKontrollierter Postweg geschaffen, der die regulären Poststellen unauffãllig entlasten sollte. Im Fall von Chaim Herman ist un- ter der Korrespondenz-Nr. 1159 eine Postkarte(der Buchstabe„C“ auf der Karteikarte steht für„Carte postale*“) an eine Nachbarin namens Klazer regi- striert, die an seine ehemalige Wohn- adresse in der Rue de Montreuil Nr. 65 in Paris adressiert war und am 12.10.1943 in der UGIF ankam. Nach- dem in den ersten Jahren jüdische Hãäftlinge, die mit Sammeltransporten individuell ins KI Auschwitz überstellt worden waren, vereinzelt regulär vor- geschriebene und mit Anordnungen für den Schriftverkehr bedruckte Brief— und Postkartenvordrucke(nach Dach- auer Vorbild) verwendet hatten, änder- te sich die Regelung nach dem Beginn der Massendeportation von Juden. Fin RSHA-Erlass vom 30.3.1942 bestimmte, dass Juden einmal innerhalb von zwei Monaten Briefe empfangen und schreiben durften. In der Praxis wurden in der Zweiten Jahreshälfte 1042 aber nur gesonderte Schreibtage und neutrale Vordrucke mit dem Aufdruck „Postkarte“ für sporadisch und Zwangs- mäßig angeset?te„Briefaktionen“ ge- nehmigt, so zum Beispiel am 12.09. 1 942 für aus der Slowakei deportierte Juden. Im„ Theresienstädter Hamilienlager? in Birkenau wechselte der Abstand der verordneten Schreibtermine kontinu- ierlich von einem auf zwei Monate. Die- 8e Aktionen verfolgten den Zweck, die Empfänger zu täuschen und zu beruhi- gen sowie der Gestapo Kontaktkon- trollen Zzu ermöglichen. Die UGIF in Paris erreichten bis November 1942 nur etwa 20, bis Mitte Januar 1943 insge- Samt 153 Postkarten von Hãäftlingen, die im Juli und September 1942 von Pran- cy nach Auschwitz deportiert worden waren.(Rajsfus, UGIE p. 153; Lajourmn- ade, Courrier p. 133). Bis 1943 wurden insgesamt 41. 951 Menschen in 43 Trans- porten aus Frankreich deportiert, von denen 1942 insgesamt 17.561(und 1944 weitere 3.056) als Häftlinge in Ausch- wit? registriert worden waren. Die ers- ten Postkarten wurden über die Keichs- vereinigung der Muden in Peutschland in Berlin-Charlottenburg unfrankiert an die Empfãnger weitergeleitet. Uber die UGIF vermutlich Mitte September 1942 vermittelte Postkarten hatten an der Stelle der Briefmarke die Korre- Sponden?-Registriernummer stehen so- wie einen„Rückanwort“-Stempel ohne Hinweis auf die Reichsvereinigung. Grundsätzich durften Häftlinge nur in deutscher Sprache an eine einzige Empfãngeradresse schreiben, gewöhn- lich an die nächsten Familien-An- gehörigen, die sowohl im Lager als auch in der Verteilungszentrale registriert war. Jüdische Häftlinge, deren An- gehörige untergetaucht waren, schrie- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 ben daher an nichtjüdische Nachbarn oder an vertrauenswürdige Freunde oder Bekannte, die die Lebenszeichen aus dem Lager konspirativ weiterleiten konnten. Hermans Postkarte konnte bislang nicht in der Sammlung von 230 Postkarten des UGIF-Archivs gefun- den werden und wurde daher wahr- Scheinlich zugestellt. Insofern können über die Korresponden? Hermans nur allgemeine Feststellungen getroffen oder Rückschlüsse aus der Postkartei- karte gezogen werden. Besonderheiten der Briefaktionen Gemãäß den Vorgaben der Lagerzensur musste in der Absenderadresse„Ar- beits“- statt Konzentrationslager ste— hen, statt Auschwitz musste„Birkenau bei Neu-Berun O/S“ angegeben wer- den, auch wenn der Hãäftling im Stamm- lager untergebracht war(oder„Stabs- gebäude? für die dort beschäftigten und untergebrachten Häftlingsfrauen; für Auschwit? III war die Vorgabe:„Ar- beitslager Monowit?“; für Nebenlager z. B.„Kommando Golleschau“), statt Block musste das Wort„Haus“ verwen- det werden. Im Gegensatz zu den stan- dardisierten Postkarten-Vordrucken für nicht jũdische Häftlinge sollte keine Häftlingsnummer angegeben werden, allerdings häufig das auch in anderen Vordrucken verlangte Geburtsdatum. Für die Briefaktion nach Ungarn im Jahre 1944 gipfelte die Verschleierung und Verharmlosung zum Beispiel darin, dass neben Namen und Geburtsdatum nur die Angabe„Am Waldsee“ als Adresse angegeben werden durfte. Fin wesentlicher Unterschied zum Briefverkehr außerhalb der Briefaktio- nen lag darin, dass die standardisierten Lagerbrief-(Briefbögen, Faltbriefe, Kartenbriefe), Postkarten- und Kuvert- Vordrucke die Postzensurstelle des K. IL. Auschwit?(nummeriert:„II“ für Birkenau,„III“ für Monowitz; Neben- lager hatten Zum Jeil ihre eigenen Post- zensurstellen, z. B.„M. L. Eintrachthüt- te“) durchlaufen mussten. Diese mussten zudem frankiert werden, wa- ren vereinzelt im Absender-Feld zu— Sätzlich adressiert mit„K. L. Auschwitz O/8, Postamt 2“ und/oder mit dem Poststempel„Auschwit?(Oberschles)“ abgeschlagen(nummeriert:„Z“ zustän- dig für Stammlager und Lager Bir— kenau,„3“ für Lager Monowit?; Ne- benlager hatten zum eil ihre eigenen Poststempel, z. B.„Jaworzno“,„Gilei- wit? oder„Schwientochlowitz“). Die Postkarten der zwangsweise ver- ordneten„Briefaktionen“ für Juden wurden hingegen säckeweise in die Sam- mel- und Verteilungszentren geliefert und mussten dort mit Behelfsstempeln nachbearbeitet und wenn Briefmarken bereits aufgeklebt oder erforderlich wa- ren mit den Poststempeln„Berlin Char- lottenburg 2* oder„Berlin“ abgeschla- gen werden(Z. B. bei Empfängeradres- sen in Wien oder im Protektorat Böh- men und Mähren). Sie umgingen in der Regel auch die zuständige Auslands- briefprüfstelle beim Oberkommando der Wehrmacht(Ausnahmen sind zum Jeil auf in die Slowakei und nach Serbi- en versandten Postkarten zu finden). Nur in einigen Fällen wurden die Karten von ihren Verfassern datiert, was Rückschlüsse auf die Dauer der zentralen Weiterleitung und Zustellung zulässt. Der mit Herman gemeinsam deportierte Noé Nysenbaum datierte Seine Postkarte in Monowit? auf den 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 6 k rlt üe Snrahr Rrſtästerrlrigurz eruden in Deustt enkruain in Pr Eeutn — keit pels Pvlkurten PekeAslempei IM 1542/40 ſomenttatbnsaer lusehwit rnunten vin Prim Bekailt⸗— Anor e ur— prun nlnulrnn ku beathta. u br 7 rt in duil hn M chnn nat rui odr Rwri Kktrn vn e Frhnenn um Konsentrationslager Auehwit* nan Ml u an n wr n n ne* „rnun 3 3 j ie*h die Gelantm ot n um un ee n. mhhur g lan— mil I⸗Ln fl en di Urfnmenen nen De Rriefe Ear Jebar mir Viare un lAn 322 n nur 13 Tol— inr Bils i e e e — Mun ie ieine ulnr U 2 u daan — in. m EHni⸗ dr k* leEl S R Bremnrn 2.— r ial werhol— Weiehr es Andere ſk 1 ahmn. F n hn 10 nen u Ae— ar in rinc er cur 182* 3 B w ririt Belin NM 55. lenische 5rd72 F nur au uh Wein Rie Hutnort. 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X 1— E Der Lanekommundant.— K L. Au rikn Foknenwrdnche 12412T 1 e Uech 12 vn hne enturSempe DRà 1240.42[Vik 14. K Dhan 122. RA lRrfal 30. 1.1944. Der Empfänger notierte Schließlich das Empfangsdatum, den 30.3.1944. Ein Grund für die Verzõge- rung könnte auch in der unregelmäßi- gen Abholung der Postsäcke durch ei— nen Mitarbeiter des RSHA gelegen haben. Im Fall Nysenbaum hatte erst kurz zuvor, am 25.1.1944, laut„Kraft- fahrzeug-Anforderung“ der Lagerver- waltung des KI Auschwit?, ein PKW die Post in den Lagern Jawischowit?z, Monowit? und Birkenau im Rahmen der„Briefaktion des RSHA(Juden)“ abgeholt. Anschließend wurden die Postsãcke direkt in die Verteilungszen- tren nach Berlin und Paris weiterge lei- tet. Im UGIF kam Nysenbaums Post- karte erst am 27.3.1944 an. Die auf Hermans Karteikarte der UGIF angegebene Absenderadresse „Birkenau, Haus 17 a“ verweist auf ei- ne Unterkunft im 1. Stockwerk des Häftlingsblocks 17 a im Stammlager Auschwit?(„a“= Seiteneingang zum Treppenhaus). Zum Zeitpunkt als Chaim Herman seine Postkarte schrieb, befand er sich jedenfalls im Stammlager und kann nicht im Sonderkommando eingeset?t gewesen sein. Das Ankunfts- datum der Karte in Paris lässt jedoch vermuten, dass die Postkarte schät-— zungsweise drei Monate zuvor be— schrie ben worden sein könnte, also et- wa ein bis Zzwei Wochen nachdem er geröntgt worden war. Schät?ungsweise 5.000 aus Ausch- wit? verschickte Briefe und(überwie- gend) Postkarten sind in Frankreich registriert worden; der schnellste ermit- telbare Postweg dauerte einen, der längste sechs Monate. Durchschnittlich drei Monate brauchte die Post bis sie in Frankreich beim Empfänger ankam. Der polnische Widerstandsaktivist Sta- nislaw Klodzinskis schrieb in einem Kassiher datiert vom 14. Juli 1943:„Am 13.7. befahl man allen Juden, nach Hau- Se Zzu schreiben, mit Ausnahme der grie- chischen und der polnischen. Man befahl ihnen, um Lebensmittel zu bitten Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33 und Zu schreiben, dass sie gesund sind und es ihnen gut geht. Sie schrieben und gaben als ihre Adresse das Arbeitslager Birkenau, Post Neu Berun an.“(Ru- dorff, Auschwit? 19421945, S. 279). Unterschiedliche Formen von Briefaktionen Bei„Briefaktionen“ kann zwischen an- lassbe?ogenen und standardisierten Ak- tionen unterschieden werden. In beiden Fãllen wurden die einfachen und häufig ohne Patierung beschriebenen Postkar- tenvordrucke auch gesammelt ohne Briefmarke und ohne Poststempel an die zuständigen Verteilungszentren im entsprechenden Empfängerland(Z. B. Slowakei, Ungarn, Holland) oder nach Berlin verschickt. Teilweise wurden Poststempel vor der Ankunft der Karten beim Empfänger durch Entfernen der Briefmarke und Uberstempelung mit dem Hinweistext„Die Marken wurden amtlich abgenommen“ unkenntlich ge- macht. Die Ausnahme war eine bevor- Stehende Liquidierungsaktion wie im Fall des„Theresienstädter Familienla- gers' am 8. März 1944, als Hãäftlinge drei Tage Zuvor die Karten Zur Täuschung ei- nige Wochen in die Zukunft datieren mussten. Um möglichst authentisch zu wirken, wurden die Postkarten im vor- genannten Beispiel mit Briefmarken be- klebt und zentral in„Berlin- Charlotten- burg 2“ abgestempelt, allerdings erst mehr als 9 Wochen nach der falschen Datierung. 10 Wochen nach dem falschen Absendedatum erreichten die Postkarten ihre Empfänger. Die Absen- der waren bereits drei Monaten zuvor ermordet worden. Die Verzõgerungs- taktik wurde in unterschiedlicher Länge bei allen Briefaktionen angewandt. Im Vergleich zu Hermans Mit-De- portierten des 49. Transports aus Drancy wie David Olère oder Herman Stras- fogel, die weitaus mehr Post aus Bir- kenau verschickten, ist im Fall Chaim Herman nur eine ein?zige Postkarte do- kumentiert, was darauf hindeuten könn- te, dass er einige Zeit nach ihrer Versen- dung nicht mehr am Leben war und kein weiteres Lebenszeichen mehr ver- Schicken konnte. Eingegangene Post der Mithäftlinge aus seinem Transport wur- de im UGIF noch am 18. 10.43, 29.11.43 und am 27. 3. 44 registriert. Das Quarantäne-Evidenzbuch EFin neuer Dokumentenfund bestätigt die Vermutung, dass Chaim Herman nach seiner Ankunft in Auschwit?-Bir- kenau nicht dem Sonderkommando zu— geteilt worden war, und schließt eine Lücke zwischen der Ankunft im März und seinem Rõntgenbefund im Juli 1943. Im bereits eingangs erwähnten„Zu- und Abgänge-Buch K. L. Auschwit?“ von Block 8 für den Zeitraum 19.2.1943— 28. 1.1944, das ursprünglich für die Buch- führung über eingegangene Aufträge konzipiert war und zweckentfremdet wurde, ist der Name„Chaim Hermann“ [Sic!] mit der korrekten Häftlingsnum- mer dokumentiert. Aus Seite 36 des Ge- schäftsbuchs geht hervor, dass Chaim Herman fast Zzwei Wochen nach seiner Ankunft in Auschwitz-Birkenau am 4.3. 1943, vermutlich noch während sei- ner OQuarantänezeit in Birkenau, am 16.3. 1943 in das Stammlager Auschwit? überstellt worden war. Dort gelangte er in Block 8, der zu dieser Zeit auch Durchgangs und Quarantäneblock war. Obwohl die reguläre vierwöchige Qua- rantãnedauer nach Ankunft bereits am STUDIENFAHRTEN 2021 Geplant und auch bereits angekündigt waren für 2021 zwei Studienfahrten nach Auschwit? und Krakau: die erste vom 9. bis 15. April und die zweite vom 2. bis 8. November. Die April-Reise haben wir storniert- der nicht ein— schät?bare Verlauf der Corona-Pandemie hat uns dazu veranlasst. Die Risiken und Unwägbarkeiten(eventueller erneuter Lockdown in Deutsch- land und Polen, eventuelle Pflichten, sich bei An- bzw. Rückreise in Qua- rantãne begehen zu müssen) sehen wir als zu hoch an. Wir gehen davon aus, dass im Sommer Gewissheit herrscht, ob wir die Reise im November durch- führen können. Spätestens dann wird auch feststehen, ob wir einen weiteren ſermin(Z.B. für Ende September) anbieten können. Wir bitten deshalb alle Interessenten, sich hin und wieder auf unserer Internetseite zu informieren, wie der Stand der Dinge ist. Für weitere Auskünften und Fragen zu Anmeldungen verweisen wir eben- falls auf unsere Internetseite: wwwlagergemeinschaft-ausch witz. de. Anfragen per EMail richten Sie bitte an info Glagergemeinschaft-auschwitz. de. 5. 4. 1943 beendet gewesen wäre, wurde Herman erst am 13.4. 1943 aus der am 16.3 neu begonnen Quarantäne in den Block 5 des Stammlagers überstellt, von wo aus er dem Arbeitseinsat? Zur Verfü- gung gestellt wurde. Aus der Postkarteikarte des UGIF wissen wir, dass Herman einige Wochen Spãter in Block 17a verlegt worden war, mõglicherweise aufgrund eines Arbeits- kommando-Wechsels. Fin spãterer Lebensnachweis Chaim Hermans konnte bislang in Archiven nicht gefunden werden. Die beein- druckenden Quellenfunde der letzten Jahre geben jedoch Anlass zu der Hoff- nung, dass auch im Fall Chaim Herman noch weitere Zeugnisse entdeckt wer- vMO Ae, Ket. Mo. RE 1A0. Mf. 42.5 ſmierfim MM 521.1, D0005, D004a]) Zu-& Abgnge-Buch K.l. Auhwitr, Bleck 5, B. Fobruar 1543— 25. Januar 1944 e „ * N den, um sein Schicksal aufklären und dem Ver- gessen entreißen zu kön- nen. „Was die Aychive vorfin- den als Soßf der Uherlie- ferlng sind überwiegend Spuren, Abdriichke, Uherreste menschlichen Denkens, Wol- lens, Handelns und Er- leidens widerspriichlich, in volltũndig, vielfũltig deut- han*(Siegfried Biitner)