LAGERGEMEINSCHAFT AUSCHWTZ FREUNDESKREIS DER AUSCHWAZER Bei seinem Vortrag„Die Kinder von Auschwitz? präsentierte Alwin Meyer auch die- Ses Werk von Vehuda Bacon, der als 14Jähriger nach Auschwit? verschleppt wurde. 40. Jahrgang Mitteilungsblatt, Januar 2020 Inhaltsverzeichnis Seite Danke für Ihre Unterstützung 1 Mit gehörigem Respekt Grußwort des neuen Vorsitzenden Gerhard Merz 3 Von Auschwitz nimmt man keinen Abschied Interview 4 Außerordentliche Erfahrungen IAK-Auszeichnung für Uwe Hartwig 8 Hass ist keine Perspektive Begegnung mit Halina Birenbaum 10 Fragt uns, wir sind die Letzten 12 Veranstaltungen mit Horst Selbiger und Fva Fahidi Sowie Vortrag von Alwin Meyer über die„Kinder von Auschwit?“ Mir lebn ejbig Konzert mit Esther Bejerano 14 Töricht und skandalös Finanzamt erkennt VVN die Gemeinnützigkeit ab 18 Das Haus brennt Fsther Bejeranos Brief an den Hinanzminister 16 Solidarität mit der VVMN Stellungnahme der KGA 17 Erste eigenständige Sonderkommando-Ausstellung im Museum Auschwitz 19 Erste Ausstellung von David Olères Nachkriegskunstwerken in Deutschland 25 Nachrufe Wir trauern um Kazimierz Albin und Karol Iendera 32 Impressum: Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwit?-Freundeskreis der Auschwitzer 35516 Münzenberg, Freiherr-vom-Stein-Str. 27 Vorsitzender: Gerhard Merz, 35398 Gießen, Unterer Hardthof 15 (Korresponden? bitte an diese Adresse) Internet: www. lagergemeinschaft-auschwitz. de Redaktion: Hans Hirschmann, Tel.(06101) 32010 Bankverbindung: Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03; BIC HELADEFIFRI Bei Spenden bitte Adresse deutlich schreiben, damit die Bescheinigung für die Steuererklärung zugeschickt werden kann. Bitte bei Umzügen neue Adresse und Anderungen der Bankverbindung mit- teilen. Es erspart Arger, Zeit und Geld bei Bankeinzügen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 1 Wir waren die„Untermenschen“, die anderen, die gehörten einer„Herrenrasse“ an. Diese„Herrenmen- Schen“ mordeten aus purem Vergniigen, und zu Weih- nachten gingen sie heim und ſeierten das Hest der Liebe ind des Friedens. Sie gingen vielleicht zu Frau und Kind, waren liebend und zuvorommend zu ihnen und machten ihnen Geschenke, lind als treusongende Väter ermielten vie ehenſfalls Geschenke. Wie Kann Liehe und Vernichtlung in einer Haut gedeihen? Wie Kann beides in einem Menschen vormanden sein?* Anna Mettbach(1926- 2015) Gedanken zu Weihnachten und vielen Dank für Ihre Unterstützung Liebe Mitglieder, liebe Sympa- thisantinnen und Sympathisanten der agergemeinschaſt und unseres Freun- desKreises der Auschwitzer, wir hoffen, Sie haben einen guten Jahresausklang gehabt und konnten erholsame Weihnachtstage verbrin- gen. Für das Jahr 2020 wünschen wir alles erdenklich Gute und vertrauen darauf, auch weiterhin mit Ihrer Un- terstützung rechnen zu dürfen. Um auf Weihnachten zurückzu- kommen: Weihnachten gilt als Fest des Friedens und der Liebe, es ist das große Familienfest in den Ländern, die zum sogenannten christlichen Abend- land gezählt werden. In dem Bewusstsein, dass Deutsch- land einmal ein Land war, das den Võl- kermord zur Staatsdoktrin erhoben und auch tatsãchlich umgesetzt hat, sei hier an die oben zitierte Aussage der Sintezza Anna Mettbach erinnert. Sie hat die Verfolgung unter anderem in Auschwit? überlebt. In einer Passage ihres Erlebnisberichts„Wer wird die ndichste sein?“ hängt sie dem Gedan- ken nach, wie viele der Mörder und ih- re Heſfershelfer wohl Weihnachten ge- feiert haben, in den Jahren, als sie ihre Verbrechen begingen. Auch wenn nicht alle aus„purem Vergniigen“, mordeten, sondern viel- leicht aus reinem Opportunismus oder dem missmutigen Gedanken, dass man diese„Drecksarbeit“ lieber an- deren überlassen hätte, so hat es die übergroße Mehrheit doch getan, ohne von Gewissensbissen geplagt worden zu sein— weder zu Zeiten der NS-Zeit noch spãter. Und wie wir Nachgeborenen der Täter, Mithelfer und Zuschauer ge— handelt hätten, das wissen wir selbst * Anna Mettbach: Wer wird die nãchste sein?: Die Leidensgeschichte einer Sin- te?a, die Auschwitz überlebte. Brandes& Apsel 1999. 2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer auch nicht. Fin Unbehagen bleibt im- mer. Gerade deshalb haben wir uns vom Veundes Kreis der Auschwitzer im- mer sehr gefreut, mit welch großem Vertrauen die Uberlebenden uns ge- genüber auftraten. Finige wenige leben noch und ihnen gehören unser Respekt und unsere Achtung. Wir wollen sie und ihre Angehörigen weiter, s0 gut es uns möglich ist, unterstützen. Dazu zählt auch immer ihre Aufforderung, uns zu engagieren, dass das Gedenken an den Võlkermord der Deutschen nicht in Vergessenheit gerät, sondern als Mah- nung für ein„Nie wieder“ dient. Schließlich hat uns auch unser Ver- einsgründer Hermann Reineck als sein Vermächtnis den Sat?„Uher Alsch witz darf Kein Gras wachsen* ins Stammbuch geschrieben. Oder um noch einmal Anna Mettbach zu zitie- ren:„So Idnge ich Atem habe, werde ich meine Stimme erheben für die, die Kei ne Stimme mehr haben, die man im Gas ertickt hat, darunter auch meine Geschwisten meine Hamlie und meine yelunde.* Wir versuchen, diesem Vermächt- nis gerecht zu werden- im Bereich der politischen Bildung mit Vermittlung der noch wenigen Zeitzeugen an Schu- len und bei õffentlichen Veranstaltun- gen, mit Vorträgen von Autorinnen und Autoren, mit der Unterstüt?ung von Forschungen wie auch dem offe- nen Fintreten für Demokratie und Hu- manität sowie gegen Rassismus, Anti- Semitismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass. Dank Ihrer Spenden konnte dies im vergangenen Jahr wieder in einem für Anna Mettbach bei einer Veranstaltung der La- gergemeinschaft im Januar 2012 in Bad Vilbel. unseren kleinen Verein doch beachtli- chen Umfang gelingen. Wir bitten des- halb auch für 2020 um Ihre Unterstüt- zung in materieller wie ideeller Form. Hans Hirschmann für den Vorstand des HrelindesMreises der Auschwilzer Die Bankverbindung für Ihre Spende: Lagergemeinschaft Auschwit? Freundeskreis der Auschwitzer Sparkasse Oberhessen IBAN DE43 5185 0079 0020 0005 03 BIC HEHLADEFIFRI Vielen Dank: Bitte Name und Adresse deutlich schrei- ben, damit wir Ihnen die Spendenbe- scheinigung Zuschicken können. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 3 Mit gehörigem Respekt Gerhard Merz ist neuer Vorsitzender der Lagergemeinschaft Gemard Merz wurde von der Migliederversammiung am 16. November in Butz- hach einstimmig zum neluen Vorsitzenden gewählt. Ey triut damit die Nachfoilge von Uwe Hartwig an, der etwas mehr als zehn Jahre unseren Verein geführt hat ind nun nicht mehr Kandidierte(siehe Bericht zur MV auf Seite 6 folgende). Liebe Mitglieder, liebe Freundin- nen und Freunde der Lagergemein- Schaft Alschwit?— Hreundeskreis der Aschwilzer unverhofft kKommt oft! Ich war Schon ein wenig überrascht, als ich vor einigen Wochen mit der Frage kon- frontiert wurde, ob ich mir vorstellen könnte, den Vorsitz der Lagergemein- Schaft zu übernehmen. Es bedurfte dann aber nur wenig Nachdenkens, um zu einer Entscheidung zu kom-— men: Es gibt Herausforderungen, de- nen man nicht ausweichen kann. Seit Beginn meines wachen poli- tischen Lebens steht die Auseinander- Set?ung mit dem Nationalsozialismus, der Judenverfolgung, dem Holocaust oder der Shoah mit im Zentrum mei- nes Denkens und Handelns. In unter- schiedlichen beruflichen und politi- schen Rollen habe ich versucht, einen Beitrag zur Bekämpfung der aktuellen Erscheinungsformen des Rechtsextre- mismus, Neofaschismus/Neonazismus, des Antisemitismus und Rassismus und für die Brinnerung an alle Opfer zu leisten: In meiner Heimatgemeinde im Odenwald als Autor einer Ge— schichte der jüdischen Gemeinde, in meiner Arbeit im Jugendbildungswerk der Stadt Wetzlar durch Veranstaltung Gerhard Merz Gerhard Merz, Jahrgang 1932, wurde in Groß-Bieberau/Oden- wald geboren. Studium Anglistik und Politikwissenschaft in Gießen. USA-Aufenthalt als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen/Friedens- dienste. Referendariat in Friedberg. ABM-Angestellter im Stadtarchiv Groß-Bieberau. Keiter des Jugend- bildungswerkes der Stadt Wetzlar. Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sozial- und Jugenddezernat der Stadt Gießen. Hauptamtlicher De- zernent für Soziales, Jugend und Bildung in Gießen. Abgeordneter in der 17., 18. und 19. Wahlperiode des Hessischen Landtags. Gerhard Merz ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Gießen. 4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer von Gedenkstättenfahrten und ande- ren Projekten der Erinnerung, bei der Stadt Gießen als Initiator und Organi- Sator der Prãsentation der Ausstellung des Staatlichen Museums Auschwitz und des Begleitprogramms, als Mitor- ganisator und Redner bei den Mahn- gängen zum 9. November in Gießen, als stellvertretender Vorsitzender des Beirats der Ernst-Ludwig-Chambré- Stiftung zu Lich und anderes mehr. Ich übernehme die Aufgabe des Vorsitzenden also nicht unvorbereitet, aber dennoch mit gehörigem Respekt vor der Tradition und der bisher gelei- steten Arbeit. Mein Dank gilt vor al- lem dem bisherigen Vorsit?enden Uwe Hartwig. Ich hoffe, ich kann den Er- wartungen, die an meine Tätigkeit ge knüpft werden, gerecht werden. Mit freundlichen Grüßen Gerhard Merz Von Auschwitz nimmt man keinen Abschied Interview des Gießener Anzeigers mit Gerhard Mer?z Anlässlich der Wahl von Gerhard Merz zum neuen Vorsitzenden der Lagerge- meinschaft Auschwitz- FreundesKreis der Auschwitzer hat Benjamin Lemper vom Gießener Anzeiger ein Interview geführt. Wir danken dem Verlag für die Erlaubnis zu der hier leicht gekürzten Zweitveröffentlichung. Gleichgültigkeit gegenüber Ausch- wit? darf es niemals geben. Doch die Geschichtsvergessenheit ist groß- und wächst. Es bleibt daher eine ständige gesellschaftliche Aufgabe, die Brinne- rung an die Schrecken des Holocaust nicht verblassen zu lassen und den nachfolgenden Generationen ihre Ver- antwortung ins Bewusstsein zu rufen, dass S0 etwas nicht wieder geschieht. Im November ist der langjährige SPD-Landtagsabgeordnete Gerhard Merz zum Vorsitzenden der Lagerge- meinschaft Auschwit? FreundesMreis der Ausch wilzer gewählt worden. Im Interview spricht er über die damit verbundenen Herausforderungen, ei- ne brõckelnde Bereitschaft, Hass und Diskriminierung im Alltag zu bekämp- fen, Besuche von Gedenkstätten und Wege, um auch künftig noch junge Menschen zu erreichen. Wie ist das Zustande gekommen, dass Sie den Vorsitz übernommen haben? Das kam unverhofft. Ein langjähri- ger Freund arbeitet seit Jahren im Vor- stand der Lagergemeinschaft, aber auch gemeinsam mit mir im Beirat der Pynst-LMdwig-Chambré-Stiftung, de- ren Aufgabe die Brinnerung an das oberhessische Judentum und die Ar- beit gegen Antisemitismus ist. So kam die Anfrage zustande, und ich glaubte, mich dem nicht entziehen zu können. Was bedeutet Ihnen das persõnlich? Ich empfinde es als eine große Her- ausforderung, gerade in diesen Zeiten eine solche Aufgabe zu übernehmen. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer M * E Gerhard Merz di.) bei der Mitgliederversammlung mit IAK-Vizepräsident Christoph Heubner, der Auschwitz- Uberlebenden Eva Fahidi, Uwe Hartwig und Andor Andrasi, Lebensgefährte von Eva Fahidi Die Shoah, für die ja Auschwitz in ganz besonderer Weise steht, Steht seit jeher im Zentrum meines politischen Den- kens und Handelns. Seit wann gibt es die Lagergemein- Schaft und worauf liegt der Fokus ihrer Arbeit? Die Lagergemeinschaft wurde 1970 von dem õsterreichischen Ausch- witz-Uberlebenden Hermann Rein— eck, der in Münzenberg lebte, als Ver- einigung für Uberlebende gegründet. Dann kamen in Zunehmendem Maße deren Freunde und Unterstützer hin- zu. Uberlebende gibt es heute in der Lagergemeinschaft nicht mehr, aber ihr Vermächtnis ist immer noch unse- re Verpflichtung. Und welche eigenen Schwerpunkte wollen Sie setzen? Alle Organisationen, die sich mit der Brinnerungsarbeit beschäftigen, müs- sen mit der Tatsache zurechtkommen, dass es bald keine Uberlebenden mehr geben wird und dass sich die kollektive Frinnerung im Laufe der Jahre ändert. Zunehmend rückt ja die(Nicht-) Verar- beitung des historischen Geschehens Selbst ins Zentrum der Auseinanderset- zung. Auch die entscheidende Zielgrup- pe der jungen Menschen muss immer neu angesprochen werden. Welche Projekte sind geplant, die sich an die Offentlichkeit richten? Die bewährten und erfolgreichen Studienfahrten werden sicher weiter ei- ne Zentrale Rolle spielen. So lange es noch geht, werden auch weiterhin Ver- anstaltungen mit Zeitzeugen durchge- führt werden- wie gerade kürzlich mit der überaus beeindruckenden ungari- schen Uberlebenden Eva Pusztai-Fahi- di. Die o4Jährige hat auf alle, die dabei waren, einen großen Findruck gemacht. Wer gehört der Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis eigentlich an? Zurzeit hat die Lagergemeinschaft circa 240 Mitglieder aller Atersgrup- pen. Die ursprünglichen Mitglieder aus dem Kreis der Uberlebenden gibt 6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer es nicht mehr, der Akzent liegt heute sicher auf dem Namensbestandteil „FrelndesMreis der Auschwitzer“. Vie- le Mitglieder kommen aus dem Kreis der Teilnehmer an Studienfahrten. Gerade bei öffentlichen Gedenkver- anstaltungen sind regelmäßig die Ap- pelle„Nie wieder Krieg“ oder„Nie wieder Auschwitz“ zu hören. Doch dieser Konsens scheint zu bröckeln. Wir erleben in der Gesellschaft wieder mehr Hass und Ausgrenzung, die sogar in Gewalt und Mord münden. Antise- mitische und antiziganistische Ressen- timents und Ubergriffe nehmen zu. Haben Sie manchmal die Sorge, dass sich solche Menschheitsverbrechen wie unter den Nationalsozialisten wie- derholen können? Ich glaube nicht, dass der Konsens brõckelt, wenn die Forderung„Nie wie- der Auschwit?“ lautet. Was bröckelt oder vielleicht nie da war, ist das Ver- ständnis dafür, was das bedeutet. Was brõckelt, ist die Bereitschaft, das Ent- Stehen totalitãrer Weltbilder und politi- scher Systeme bereits im Keim zu er- kennen und zu bekämpfen. Was brõckelt, ist die Bereitschaft, Hass und Diskriminierung im Altag zu erkennen und zu bekämpfen. Aber ja:„ Es ist ge⸗ Schehen, ind ſolglich Kann es wieder ge⸗ Schehen. Darin liegt der Kern dessen, wus wir ⁊l vgen haben. Es Kann wieder ge- Schehen, iberall.“ Das hat Primo Levi, Auschwitz- Uberlebender und großer italienischer Schriftsteller, gesagt. Das gilt immer noch. Der Publizist Navid Kermani hat von seiner Reise nach Auschwitz erzählt, dass allein schon der Aufkleber mit der Aufschrift„Deutsch' für Besu- chergruppen besonders schwer wog, wie ein Geständnis wirkte, die Scham Spürbar war. Wie haben Sie das emp- funden? Ich habe solche„Aufkleber? nicht erlebt. Unabhängig davon kann man Auschwitz, gleich ob das Stammlager oder Auschwitz-Birkenau, nicht betre- ten und erleben in jedem Fall nicht als Deutscher- ohne ein Gefühl tiefer Be- klemmung und auch Scham, jedenfalls dann nicht, wenn man auch nur einen Funken Menschlichkeit im Leib hat. Ich habe seinerzeit einen Text geschrie- ben, der mit dem Satz endete:„Von Alischwitz nimmt man Keinen Ab— Schied.* Pabei ist es für mich geblieben. Mit 7eitlicher Distanz verschwinden die familiären Bezüge zur NS-Zeit, zumal bald auch die letzten Uberlebenden ge- storben sein werden. Damit verblasst die Erinnerung an die Schrecken- und an die Opfer. Wie kann es angesichts dessen gelingen, auch junge Menschen noch 7u erreichen? „Familiäre Bezüge' auf der Seite der Opfer kann es nur geben, wo tatsächlich Opfer in der Familie sind. In Deutschland kommen die fami- liären Beziehungen zu Tätern und Zu-— schauern häufiger vor. Diese Bezüge sind nach wie vor allgegenwärtig. Wenn wir deutlich machen können, dass das alles vor unserer eigenen Haustür und in unseren eigenen Fa- milien angefangen hat, dass Auschwit?z das Resultat eines langen und kom- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7 plexen historischen Prozesses ist, dass das nicht„irgendwo hinten in Polen? war, dann kann man auch junge Leute erreichen. Aber der tiefe Schrecken über das, wofür Auschwitz in ganz be- Sonderer Weise steht, wirkt auch bei jungen Leuten immer noch nach. Inwieweit teilen Sie die Ansicht Ker- manis, die Auseinandersetzung werde an„Arglosigkeit gewinnen“, weil nicht mehr die„Ewiggestrigen leug- nen werden“, sondern gan? normale, sogar weltoffene junge Leute„nicht mehr verstehen, was Hitler mit ihnen Zu tun haben soll*? „Arglosigkeit“ ist ein seltsames Wort in diesem Zusammenhang. Und zwischen dem„Leugnen“ und dem Sat? „Damit habe ich nichts zu tun? liegt ein großer Unterschied. Der letztere Satz ist übrigens eines der ältesten Versat?- stücke verweigerter Auseinanderset- zung, der wurde so oder ähnlich schon unmittelbar nach dem Krieg verwen- det. Die Generation der Nachgebore- nen ist nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dafür, dass es nicht wieder geschieht. Das ist der Kern der pãdago- gischen und politischen Aufgabe. Sollten Fahrten in KZ-Gedenkstätten sei es beispielsweise Buchenwald, Dachau oder sogar Auschwitz- ver- pflichtend in den Lehrplänen von Schulen verankert sein? „Die Forderung, daß Ausch witz nicht noch einmal vei ist die allererste an Erziehng. Sie geht so vehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, Sie hegriinden zu missen noch zu v0l⸗ len.“ Das ist von Theodor W. Adorno. Es Sollte deshalb für alle Schulen eine Selbstverständliche Verpflichtung sein, Solche Fahrten als Bestandteil einer umfassenden antifaschistischen Bil- dungsarbeit anzubieten. Die Teilnah- me daran sollte aber- das ist meine persõnliche Uberzeugung nicht ver- pflichtend sein. Wie nehmen Sie generell die Gedenk- kultur in Deutschland wahr, in die in den vergangenen Jahren verstärkt Misstõne von„Vogelschiss“,„Schuld- kult“ und einer„erinnerungspoli- tischen Wende um 180 Grad' einge- flossen sind? Es gibt auf der einen Seite eine über die Jahrzehnte hinweg sehr differen- zierte Forschung, die sich immer auch neuen Themen und Perspektiven geöff- net hat. Es gibt immer wieder neue For- men der Frinnerung und des Geden- kens. Die„Stolpersteine? sind ein gutes Beispiel dafür. In den 60er und 70er Jahren war es keineswegs selbstver- ständlich, am 9. November des Po- groms zu gedenken, heute ist das so, ge rade auch in Gießen. Und es ist ein gutes Zeichen, dass in den vergange- nen Jahren immer auch junge Leute, Schulklassen, an der Gestaltung teilge- nommen haben. Gleichzeitig gibt es von Anfang an den- hifflosen-Versuch, sich um die Erinnerung und damit um die Verantwortung herumzudrücken. Das wird nicht gelingen. Von Auschwitz nimmt man keinen Abschied! Ersterscheinung- Oießener Anzeigen Freitug, 29. November 20719 8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Außerordentliche Erfahrungen Uwe Hartwig mit Plakette des IAK ausgezeichnet Nach mehr als zehn Jahren als Vorsitzender unserer Lagergemeinschaft Ausch- wil? Freundeskreis der Auschwitzer(LGA) hat Uwe Hartwig bei der jüngsten Mitgliederversammlung im November 2019 nicht mehr für den Vorstand kandi- diert. An der Versammlung nahm als Gast auch Christoph Heubner, Geschäfts- führender Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees(IAK), teil. Christoph Heubner bezeichnete die LGM als einen der engagiertesten Ver- eine in seinem Wirkungskreis. Dabei hebt er insbesondere die finanzielle Unterstũtzung von Uberlebenden der Konzentrationslager und ihrer Famili- en hervor, aber ebenso für den Bereich der politischen Bildung die Veranstal- tungen und Studienfahrten in die heu- tigen Gedenkstädten des nationalso- zialistischen Völkermords, hier ins- besondere Ausschwit?-Birkenau. Christoph Heubner erinnerte zu- dem an Tagungen des Internationalen Auschwitz-Komitees, bei denen Uwe Hartwig und der Vorstand der KGA junge Leute eingeladen hatten, die den Uberlebenden und anderen Tagungs- teilnehmern von ihrem Engagement und ihren Forschungen zum Holocaust und der von NSDeutschland verfolg- ten Menschen berichteten. Auch habe er mitunter im Museum Auschwitz mit- erle ben können, führte Heubner weiter aus, wie Uwe Hartwig mit unaufgereg- tem pãdagogischen Geschick die Teil- nehmenden durch die Gedenkstädte begleitete. Als Dank für diesen Finsat? gegen das Vergessen der deutschen Mensch- heitsverbrechen und für die Würdi- Christoph Heubner(rechts) und Uwe Hartwig gung der Opfer sowie die Unterstüt- zung der Uberlebenden überreichte Christoph Heubner an Uwe Hartwig die Plakette, die das LAK 2015 anläss- lich des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz gestalten ließ. Auf bei- den Seiten der Plakette ist das Torge- bäude von Birkenau abgebildet. Mit Blick von außerhalb des Tores sind die Bahngleise zu sehen, die ins Vernich- tungslager hineinführen, und auf der anderen Seite der Medaille ein Blick von drinnen durch den Torbogen, wo- bei dieser mit Flammen ausgefüllt ist, die einen Durchgang für Häftlinge un- möglich erscheinen lassen. Auch der Vorstand der KGA dank- te Uwe Hartwig für sein tatkräftiges Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9 Engagement. Ausdrück- lich erwähnt wurde, dass bericht als Vorsitzender dankte Uwe Hartwig allen er nicht nur die zweimal Mitgliedern unserer La- jährlich von der LGM ausgeschriebenen Studi— enfahrten nach Ausch- witz und Krakau organi- Satorisch und inhaltlich vorbereitet, wie auch persõnlich begleitet hat, sondern auch Konzepte für Bildungsreisen von Universitätsgruppen oder der Hessi- schen Landeszentrale für politische Bildung erarbeitet hat. So haben er und Gaby Zimmer-Rüfer, die ihn ge- nerell bei der Vorstandsarbeit immer unterstützt hat, mitunter bis zu viermal pro Jahr Gruppen bei Aufenthalten in Auschwitz begleitet. In seinem letzten Rechenschafts- gergemeinschaft- relun- deskreis der Auschwitzer für das ihm entgegenge- brachte Vertrauen und die Zusammenarbeit, die ihm, wie er sagte, halfen, die Aufgaben zu übernehmen und zZu bewältigen.„Dahei ergaben sich viele Begeg- nlngen mit interessierten Menschen und mit Vherlebenden des No Mordregimes Ich habe daran viele wertvolle Erinne- rungen und machte außerordentliche Prfahrungen in einem Lebensahschnitt, in dem man bisweilen meint fust alles er⸗ ahnren zu haben“, Z0g er auch selbst ei- ne für sich persõnlich positive Bilanz. Hans Hirschmann Der neue Vorstand Zum neuen Vorsitzenden der Lager- gemeinschaft Alschwitz- Hreundes— Kreis der Auschwilzer wurde bei der Mitgliederversammlung einstimmig Gerhard Merz gewählt(siche seine Vorstellung auf Seite 3 dieses Mittei- lungsblattes). Neuer stellvertretender Vorsitzender ist Matthias Tiessen, der bisher als Kassierer dem geschäfts- führenden Vorstand angehörte. Seine Aufgabe übernimmt Angelika Berg- hofer-Sierra, die seit Jahren als Beisit- zerin im Vorstand mitarbeitet. Nach einigen Jahren Unterbre- chung und mehreren Auslandsaufent- halten hat auch Annedore Smith wie- der als Beisitzerin kandidiert und wurde einstimmig gewählt. Bestätigt als Vorstandsmitglieder wurden Martina Hörber(Schriftführerin und Betreuerin der Homepage), Hans Hirschmann(Re- dakteur Mitteilungsblatt) und die Beisit- zer Alexander Wolf, Wolfgang Gehrke und Andreas Kilian. Der Vorstand dankt Neithard Dahlen, der aus persõnlichen Gründen nicht mehr für ein Vorstands amt kandi- diert hat, für seine bisherige Mitarbeit. Er war stets engagiert bei der Planung, Organisation und Begleitung der Vor- tragsreisen von überlebenden NS-Ver- folgten und auch von Autoren wie Zzum Beispiel Alwin Meyer, der über die Kin- der von Auschwit? geforscht hat. 10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Hass ist keine Perspektive Eine sehr persönliche Begegnung mit Halina Birenbaum Trauriges mit„Glücksfall“ zu verbin- den scheint nicht schicklich zu sein, kann als gedankenlos, Zynisch oder geschmacklos ausgelegt werden. Dennoch ent-— stehen solche Konstellationen oft wãhrend un- serer Studien- fahrten nach Auschwit? und Krakau. In den let?ten Tagen unserer Studi- enfahrt im Oktober 2019 fragte die nternationale Mgendbegegnungsstätte in Oswiecim an, ob wir einverstanden Sseien, dass unser Gespräch mit Halina Birenbaum von einem Kamerateam aufgenommen werde. S0 wollte man Halina Birenbaum porträtieren für eine Dokumentationsserie über Men- schen, die Auschwitz überlebt haben. Selbstverständlich sagten wir zu. Die drei Stunden, die sich so ergaben für ein Gespräch mit ihr, waren für vie- le in der Gruppe der Höhepunkt der Reise. Stammlager und Birkenau hat- ten wir bereits besucht und wussten, über welche Orte Halina Birenbaum sprach, wenn sie vom Terror in Ausch- wit? berichtete. Geboren wurde sie am 15. Septem- ber 1929 in Warschau als Halina Grynsꝰtejn. Nach der Beset?zung Po- lens durch Deutschland musste sie mit Eltern und Zwei Brüdern im Warschau- er Ghetto leben. 1943 wurde sie nach Auschwit?-Birkenau verschleppt— mit einem Zwischenaufenthalt in Majda- nek. Im Januar 1945 wurde sie nach Ravensbrück getrieben und im Febru- ar in das Konzentrationslager Neu- Stadt-Glewe deportiert. Hier wurde sie von sowjetischen Truppen befreit. Ihre Mutter war in Majdanek und ihr Vater in Treblinka ermordet wor- den. 1947 siedelte Halina nach Palä- stina über. Sie lebt als Schriftstellerin und Ubersetzerin mit ihrem Mann Chaim Birenbaum, mit dem sie zwei Söhne hat, in Israel. Ihr in Deutsch- land bekanntestes Werk ist„Die Moffnung stirht zuletzt“. In ihrem Vortrag betonte sie immer wieder, dass ihr sehr früh klar gewor- den ist, dass Hassen für ihr Leben kei- ne Perspektive sein könne, sie wolle nicht hassen und sie hasse auch nicht. Wer erzãhlte uns und beantworte- te uns Fragen über das Erlittene und das Leben nach der Befreiung? Fine freundliche alte Dame, gehörig aufge- regt über die Situation, aber auch er- fahren genug, um Menschen, von de- nen sie nichts weiß, zu berichten. Der bereitgestellte isch mit dem obliga- torischen Mineralwasser bleibt bei— Seite. Sie sitzt vor der Gruppe auf der Kante des ihr angebotenen Stuhles. Sie will keine Barriere zwischen sich und ihren Gesprächspartnern haben. Nach vielen Fragen bedanken sich die Zuhörerinnen und Zuhörer jeweils Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11 E— auf eigene Art und Weise für das Tref- fen. Sie geben sich gute Wünsche mit und suchen nach einem Zeichen der Verbundenheit— ein Streicheln am Arm, eine Umarmung, ein Hände- druck oder auch nur eine Verbeu- gung. Halina Birenbaum geht auf jede Geste sehr persönlich ein. Die Orga- nisation des Gruppenfotos hilft vielen aus ihrem Angerührt-Sein. Das Breignis, noch einem Men- Schen zu begegnen, der von einer staat- Halina Birenbaum(vordere Reihe, 3. v. rechts) mit Mitgliedern der Studienfahrt im Oktober 2019 „ lichen Mordorganisation Deutschlands für die rücksichtslose Vernichtung vor- gesehen war und dennoch nicht in Hass und Ablehnung verfallen ist, wird nach dieser Fahrt bei vielen nachwir- ken. Es wird das ErZãhlen darüber auf- recht erhalten und viele anregen zu fragen, was Holocaust, Völkermord und der Versuch der Ermordung der europãischen Juden auch für die Ge- genwart und die Zukunft bedeuten. Uwe Hartwig Es ist keine Sünde Es Sollte nicht anders sein Ich versuchte mich einzufügen EFs gelang, sich zu betäuben. Man betrügt die Seele nicht! Es ist Keine Sünde traurig Zu sein oder anders: Eine Uberlebende der Shoah. Die mir innewohnende Melodie zu vertreiben Doch heute weiß ich, es war zu Unrecht (Quelle hupwwZchor orghirenbaumgedichte hhm) Halina Birenbaum, 1982 12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Fragt uns, wir sind die Letzten“ Horst Selbiger, Eva Fahidi und die Kinder von Auschwit?z Neben den bereits im Artikel zur Ver- abschiedung von Uwe Hartwig er- wähnten Studienfahrten nach Ausch- wit? und Krakau haben wir in 2019 auch wieder zahlreiche Lesungen und Vortrãge vorwiegend in der Rhein- Main-Region organisieren können. So hat Anfang Februar der 91— jährige Horst Selbiger an zwei Schulen und bei einer Abendveranstaltung in Bad Vilbel eindrucksvoll über sein Le- ben berichtet. Seine Auftritte standen unter der Uberschrift„Fragt uns, wir vind die Letzten““ Der 1928 geborene Berliner ist Eh- renvorsitzender des Vereins„Child Survivors Deutschland. Uherlebende Kinder der oah“. 2018 wurde sein Brinnerungsbuch„Verfemt. Verfoigt. Vorraten. Abriss meines Lebens“ im Spurbuchverlag veröffentlicht. Mode- riert wurden Selbigers Veranstaltun- gen von Bettina Leder, die zur Le- bensgeschichte der Familie Selbiger geforscht und die auch zusammen mit ihm das Konzept für seine Vortrãge er- arbeitet hat. Horst Selbiger, Sohn einer christ- lichen Mutter und eines jüdischen Va- ters, hat Schon als kleines Kind erleben müssen, was Judenhass bedeutet: In der Schule wurde er beschimpft und ausge- gren?t; sein Vater wurde mit Berufsver- bot belegt, die Familie in die Armut ge⸗ trieben. Er war gerade 15 Jahre alt geworden und als Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion beschäftigt, Horst Selbiger bei seinem Besuch in der Hein- rich-Böll-Schule in Bruchköbel. als er bei der sogenannten Fuhrikahktion 1943 in Berlin verhaftet wurde. Er er- hielt die Nummer für den Transport nach Auschwit?: Seine Deportation Schien unmittelbar bevorzustehen. Doch es kam anders: Als Kind aus einer gemischtrassigen Fhe wurde er aus der Levetzkowstraße in das Ge- bäude der ehemaligen Behörde für Wohlfahrtswesen und Jugendfürsorge der Jüdischen Gemeinde in der Rosen- straße 2-4 in Berlin-Mitte verbracht. Hier wurden die jũdischen Männer und Frauen von nichtjüdischen Bhepart- ner/innen zusammenpfercht und über- prüft, ebenso deren Kinder. Vor dem Haus versammelten sich die„arischen? Angehörigen der Inhaftierten, unter ih- nen Horst Selbigers Mutter mit ihren Eltern: Sie verlangten die Entlassung ihrer Verwandten, die tatsächlich frei- kamen— s0 auch Horst Selbiger, sein Vater und sein Bruder. Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 13 Die Kinder von Auschwitz Wie seit einigen Jahren bereits mehrfach war der Autor Alwin Meyer im Septem- ber 2019 auf Finladung der Lagerge- meinschaſt wieder auf Lesereise in Hes- sen. Wir konnten ihn für eine Abend- veranstaltung in Neu-enburg sowie für Auftritte an drei Schulen vermitteln, wo- bei er jeweils in zwei Doppelstunden über seine Forschungen und die Ge- Spräche mit Kindern von Auschwit?z be- richtete.(Berichte über sein Buch, Ver- giss Meinen Namen nicht“ und seine Vortrãge siehe im Mitteilungsblatt vom Dezember 2016, die auch online auf un- Serer Homepage zu lesen sind.) Eva Fahidi Als einen besonderen Höhepunkt des vergangenen Jahres erwähnte Uwe Hartwig in seinem Rechenschaftsbe- richt den von Neithard Pahlen organi- Sierten Besuch von Fva Fahidi mit ihrem Lebensgefährten Andor Andrasi. In Butzbach trug sie sich bei einem Emp- fang ins Goldene Buch der Stadt ein. Zudem wurde sie zum Ehrenmitglied der Lagergemeinschaft ernannt(dazu mehr im nãchsten Mitteilungsblatt). Fva hat im November an mehreren Schulen und bei Abendveranstaltungen aus ihrem Leben berichtet, unter ande- rem auch an der Universitãt Gießen bei einer Lehrveranstaltung der Arheitsstelle für Holocuustliteruuur. Der Saal war wie auch bei ihren anderen Auftritten bis auf den letꝰten Plat? gefüllt. Da diese Veran- staltung öffentlich ausgeschrieben war, waren nicht nur Studierende, sondern auch viele Besucher aus Gießen und Um- gebung gekommen. —.— Wie hier am Bad Homburger Humboldt-Gym- nasium untermalte Alwin Meyer seinen Vor- trag über die Kinder von Auschwitz“ mit vie- len Fotos auf der Leinwand. Die sich an Fvas Vorträge an- Schließenden Fragerunden machten im- mer wieder deutlich, wie genau zu— gehört wurde, und wie vor allem die Fragenden Fva als Person kennenler- nen wollen. Sie wurde nach ihren Ge- fühlen, ihren Wahrnehmungen und nach ihrem Lebensweg gefragt. Bei ihren Vorträgen spricht sie immer die jeweilige Zuhörerschaft konkret an und geht von da aus Zu ihrem Thema über. Eva Fahidi. Butzbach im November 2019. 14 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Mit der Kulturinitiative der Arheierwohlfahrt und den Naturfeunden had Vilhel hat die LGM einen neuen Kooperationspartner gefunden. 2019 waren es Zwei Veranstaltungen in der Stadtbibliothek, die von uns finanziell unterstũtzt wurden: Das war im November eine„Lesung mit Musik“ über das Schicksal einer Sinti-Familie von der Weimarer Re- publik bis heute: Ede und Unku- die wahre Geschichte“ und bereits Ende Februar ein Konzert mit der 94 jãhrigen Auschwitz- Uberlebenden und Musikerin Esther Bejarano zusammen mit Kutlu Vurtseven von der Rap-Gruppe Microphon Maßfia. „Mir lebn ejbig. Mir sajnen do!“ Vom Mãdchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts Angekündigt war das Konzert für Men- Schen, die sich gegen die Diskriminierung Andersdenkender und„Anderer? wen- den wollen, gleichzeitig neugierig sind auf ein nachdenklich stimmendes und auch unterhaltsames kulturelles Ereignis, bei dem die Künstlerin und ihre beiden Mitstreiter Position bezZiehen. Esther Bejarano wurde als junge Jüdin nach Auschwit?z verschleppt, hat dort mit viel Mut, Chuzpe und Glück als Mitglied des Mädchenorchesters Ausschwit?z überlebt. Fin engagiertes Leben gegen politische Rechtsentwick- lung und Faschismus liegt hinter ihr. Bis heute engagiert sie sich mit viel Ener- gie in Gesprächen an Schulen gegen das Vergessen und gegen neue faschi- Stoide Hendenzen und Entwicklungen. Die erste halbe Stunde der Veranstal- tung las Esther Bejarano Passagen aus ihrem Buch„PFrinnerungen. Vom Mdidchenorchester in Alschwilz zur Rap- Band gegen rechts“ Unter anderem be- richtete sie, wie sie in Auschwitz auf einem Akkordeon den Schlager, Du hast Glick hei den Hrau'n, Bel Ami“ vospielte und dadurch ins Orchester aufgenommen wurde. Das habe ihr das Leben gerettet. Nach der Lesung übernahm Kutlu Vurtseven die Moderation. Er ist Mit- Esther und Voram Bejarano. begründer der Kölner Band Microphon Maſia. Sie wurde gegründet, um junge Menschen mit politischen Themen in „ihrer eigenen Sprache“ zu erreichen. Die Idee mit der Holocaust-Uberle- benden Fsther Bejarano zusammenzu- arbeiten entstand, als Kutlu Vurtseven, der hauptberuflich Lehrer ist, bemerk- te, dass viele Jugendliche sich für den Nationalsozialismus erst interessierten, wenn er Texte per Rap oder Hip-Hop vortrug und Zum Mitmachen animierte. Esther Bejarano, Kutlu Vurtseven und der Gitarrist Joram Bejarano boten dem Publikum in der bis auf den let?ten Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 15 Plat? gefüllten Stadtbibliothek ein außergewöhnliches Programm, beste- hend aus jiddischen Volksliedern gemixt mit Rap-Passagen in deutscher und tür— kischer Sprache. Und bei Bel Ami san- gen alle mit. Irot? aller Lebensfreude und Kraft vermittelte das Programm mit der Strophe, Menschen sterben, doch du hist vtill“ die deutliche Aufforderung, sich zu engagieren gegen Antisemitis- mus, Rassismuns und jede Form von Fremdenfeindlichkeit. Esther Bejarano bekannte schließ- lich, dass sie ihre Musik auch als„Späte Rache“ an Nazi-Deutschland und die heutigen Naziszene auffasst. Und s0 Stimmte sie Zum Abschluss das trotzige Lied„Wir lehen ewig, wir vind da“ an— und wieder sangen alle im Saal mit. Hans Hirschmann Töricht und SkKandalös Berliner Finanzamt erkennt VVNBdA die Gemeinnützigkeit ab Im November 2019 hat das Finanzamt Berlin dem Bundesverband der Vereini- ging der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschistinnen und Antifu- Schisten(VVNRdA) die Gemeinnützig- keit ent?ogen. Damit ist die Fxisten? der VVN bedroht, Zumal auch eine Steuer- nachzahlung gefordert wurde. Die La- gergemeinschaft Auschwitz- Hreundes- Kreis der Auschwitzer hat sich den Prote- sten und den Forderungen, diese Ent- Scheidung rückgängig zu machen, ange- Schlossen. Die VVN wurde 1947 gegründet als Sammlungsbewegung der jüdischen und nicht jüdischen Uberlebenden der deutschen Konzentrationslager und Folterkeller.„Diese Uherlebenden ha- hen Generutionen junger Menschen, die Sich heite im demolkratischen Speltrum Melutschlands engagieren, vozialisiert nd politisiert“, wird in einer Stellung- nahme des Internationalen Auschwitz— Komitees(IAK) betont. Der Beschluss des Hinanzamtes wird als das benannt, was er ist: tõricht und vkundulòs. „Von Anbeginn an und bis helte ha- hen vich alte und junge Mitglieder der VVNhdA vor allem gegen den immer mdssiver zuriickhkehrenden Kechtsextre- mismlis ind Antisemitismus positioniert. Ddss diese Orgunisution in Zeiten alltäg- licher rechtsertremer Auswichse und Be- drohungen(..) in ihrer Existenz hedroht wiyd, i für Vherlebende der Konzentraui- onsluger ein SMandal der Peutschlands Ansehen beschddigt und das gemeinsume europische Engagement gegen Rechts- extremismlus und Antisemitismus emeh- jich Schwächt“, so IAK-Vizepräsident Christoph Heubner. Als Bundeskanzlerin Angela Mer- kel im Dezember Auschwitz besuchte, protestierten Holocaustüberlebende. Marian Kalwary, Uberlebender des Warschauer Ghettos, forderte in einem offenen Brief an die Bundesregierung und den Berliner Finanzsenator Mat- thias Kollat? die Rücknahme der Ent- scheidung des Finanzamtes. Die Autorin Jagoda Marinic sieht den Fall der VVN in Zusammenhang mit dem der globalisierungskritischen Organisation attac, der vom Bundes- finanzhof bereits zuvor die Gemeinnüt- zigkeit aberkannt wurde, es habe ihr an 16 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer „Potischer Offenheit fehlen lassen“ 80 die Begründung. Marinics Bewertung: „P Scheint hier Stuhkturelle AMtivitòten zu gehen, die Zivilgesellschaft zu einem NHaustierchen zu zdhmen, mit dem man Sich zwar Schmickt, mit der man sich aher nicht auseinandersetzen möõchte. Fõrdergelder werden inz wischen verge- hen, als Seien die Vereine die Bitusteller der Demohkratie und nicht ihr Knochen- mari.(taz, 27. Nov. 2019). Hans Hirschmann Das Haus brennt Esther Bejaranos Brief an den Bundesfinanzminister Sechr gechrter Herr Minister Scholz, Seit 2008 bin ich die Ehrenvorsitzen- de der VVN/BRdA, der gemeinnützigen Vereinigung der Verfolgten des Nazi- Regimes— Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Die Arbeit der An- tifa, die Arbeit antifaschistischer Verei- nigungen ist heute— immer noch— bit- ter nõtig. Für uns Uberlebende ist es un- erträglich, wenn heute wieder Nazipa- rolen gebrüllt, wenn jüdische Menschen und Synagogen angegriffen werden, wenn Menschen durch die Straßen ge- jagt und bedroht werden, wenn Todesli- Sten kursieren und extreme Rechte nicht mal mehr vor Angriffen gegen Vertreter des Staates Zurũckschrecken. Wohin steuert die Bundesrepublik? Das Haus brennt— und Sie sperren die Feuerwehr aus!, wollen der größten und ältesten antifaschistischen Vereinigung im Land die Arbeit unmõglich machen? Diese Abwertung unserer Arbeit ist ei- ne Schwere Kränkung für uns alle.„Die Blindesreplihlik ist ein anderes, hesseres Meluischland geworden“, hatten mir Freunde versichert, bevor ich vor fast 60 Jahren mit meiner Familie aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt bin. Alten und neuen Nazis bin ich hier trot?dem begegnet. Aber hier habe ich verlãssliche Freunde gefunden, Men- Schen, die im Widerstand gegen den NS gekämpft haben, die Antifaschistinnen und Antifaschisten. Nur ihnen konnte ich vertrauen. wir Uberlebende der Shoah sind die unbequemen Mahner, aber wir ha- ben unsere Hoffnung auf eine bessere und friedliche Welt nicht verloren. Dafür brauchen wir und die vielen, die denken wie wir, Hilfe! Wir brauchen Organisationen, die diese Arbeit unter- Stütꝰen und koordinieren. Nie habe ich mir vorstellen kõönnen, dass die Gemeinnützigkeit unserer Ar- beit ange?weifelt oder uns abgespro- chen werden könnte! Dass ich das heu- te erleben muss! Haben diejenigen Schon gewonnen, die die Geschichte un- seres Landes verfãlschen wollen, die sie umschreiben und überschreiben wol- len? Die von Gedenkstätten, als Denk- ml der Schande? Sprechen und den NS⸗ Staat und seine Mordmaschine als, Vo- gelschiss in deutscher Geschichte“ be- zeichnen? In den vergangenen Jahrzehnten ha- be ich viele AusZeichnungen und Fhrun- gen erhalten, jet?t gerade wieder vom Hamburger Senat eine Ehrendenkmün- ze in Gold. Mein zweites Bundesver- dienstkreuz, das Große, haben Sie mir im Jahr 2012 persönlich feierlich über- reicht, eine Ehrung für hervorragende Verdienste um das Gemeinwohl, hieß es Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 17 da. 2008 schon hatte der Bundespräsident mir das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse angeheftet. Darü— 2 ber freue ich mich, denn jede einzelne Fhrung steht für Anerkennung meiner— unserer— Arbeit gegen das Vergessen, für ein„ Nie wieder Krieg— nie wieder Faschismus“, für unseren Kampf gegen alte und neue Nazis. Wer aber Medaillen an Shoah- Uberlebende vergibt, übernimmt auch eine Verpflichtung. Fine Verpflichtung für das gemeinsame NE WMDHMR, das unserer Arbeit Zugrunde liegt. Und nun frage ich Sie: Was kann gemeinnütziger Sein, als diesen Kampf zu führen? Ent- Scheidet hierzulande tatsächlich eine Steuerbehörde über die Fxistenzmög- lichkeit einer Vereinigung von Uberle- benden der Naziverbrechen? Als Zuständiger Minister der Hnan- zen fordere ich Sie auf, alles zu tun, um diese unsägliche, ungerechte Entschei- dung der Aberkennung der Gemein- A⸗ Esther bei ihrem Konzert mit Microphon Mafia in Bad Vilbel. nüt?igkeit der Arbeit der VVN/BdA rückgängig zu machen und entspre-— chende Gesetzesänderungen vorzu- schlagen. Wir Uberlebenden haben ei- nen Auftrag zu erfüllen, der uns von den Millionen in den Konzentrationslagern und NS-Gefängnissen Ermordeten und Gequãälten erteilt wurde. Dabei helfen uns viele Freundinnen und Freunde, die Antifaschistinnen und Antifaschisten— aus Liebe zur Menschheit! Lassen Sie nicht zu, dass diese Arbeit durch zusätz- liche Steuerbelastungen noch weiter er- Schwert wird. Mit freundlichen Grüßen Esther Bejarano Solidarität mit der VVNBdA Die Anerkennung der Gemeinnüt- zigkeit und damit die steuerliche Ab- zugsfähigkeit von Spenden und die Steuerbefreiung selbst sind wesent- liche Bedingungen für das finanzielle Uberleben vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen, gleich in welchem Be- reich sie arbeiten. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Anerkennung oder Aberkennung der Gemeinnützigkeit klaren Kriterien un- terliegt und nicht zum Spielball politi- scher und/oder behördlicher Willkür gemacht wird. In jüngster Zeit hat es drei Pebat- ten Zu diesem Thema gegeben: * der Vorschlag des Bundesfinanz- ministers Olaf Scholz, reinen„Män- nervereinen“ die Gemeinnützigkeit abzuerkennen, er wurde mittlerweile zurückgenommen; * der Gesetzentwurf aus dem Bun- desfinanzministerium, mit dem die Fra- ge der politischen Betätigung gemein- 18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer nütziger Vereine neu geregelt werden Sollte, auch dieser Entwurf ist mittler- weile Zurückgezogen; * schließlich die Aberkennung der Gemeinnützigkeit der VVN-BDA (Bundesverband) durch das das FHi- nanzamt für Körperschaften I in Berlin aufgrund der Tatsache, dass die VVN BDA im Bericht des Bayerischen Lan- desamtes für Verfassungsschutz(und nur in diesem!) als„extremistische“ und„demnach verfassungsfeindliche“ Organisation aufgeführt wird. Um die- Sen let?teren Vorfall geht es hier. Finem Bericht der taz vom 9. De- zember Zufolge ist der Hintergrund der Entscheidung, eine Anweisung aus dem Bundesfinanzministerium vom 3. Janu ar 2079, ein Prlass zur Abgabenord— nling, welche die Gemeinniitzigkeit von Vereinen regelt. Port wird Klargestelt“ Vine Institution verliert ihre Gemeinniit- ZigMeit, vohuld sie in einem(Hervorme- hling gm) Verfussungsschilz bericht ge nannt wird und den vorgemorfenen Ex- tremismus nicht widerlegen Kann.“ Das Ministerium beruft sich dabei, 80 die taz, auf ein Urteil des Bundesfi- nanzhofs vom März 2018 gegen einen Moscheeverein— das eben dieses fest- legte.„Fs ist eine Beweislastumkehr- Nicht das Finanzamt muss nlun helegen, dass ein Verein verfassingswidrig ist, Sondern dieser muss veine Verfassungs- treue beweisen.“ Aufgrund dieses Urteils und des darauf folgenden Prlasses ent- zogen auch in NRW Finanzämter dem dortigen Landesverband und Kreisver- bãnden die Gemeinnützigkeit. Danach folgte Berlin für den Bundesverband. Finan?senator Matthias Kollat?(SPD) Sagte der taz zufolge, in solchen Fällen gebe es rechtlich„keinen Spielraum“. „Dahei hitte es vehr wohl Spielraum gegeben, wie die Unterlagen zZeigen. Denn velhst der huherische Verfasslings- Schllz nennt die VVWNhdd nur, links- extremistisch heeinflusst. Und unklar ist, warim das Amt nicht nur den Lan- desverhand des VVNhdd, Sondern auchn den Bundesverband heurteilen darf NRW jedenfalls nutzte den Spiel- ralim: Es 20g seinen Beschluss, dem VVNhdA die Gemeinnitz igkeit abzu erkennen, im Oktoher wieder zurick.“ Und damit sind wir genau bei dem Punkt, der eingangs angesprochen worden ist: Willkürliches Handeln von Behörden aufgrund einer Rechtspre-— chung zu einem gan?z anderen Bereich, die sich auf᷑ die politische Finschätzung ein?zelner Verfass ungsschut?behörden stützt, Behörden, deren Tätigkeit in den let?ten Jahren gerade im Bereich des„Rechtsextremismus“, den wieder- um die VVNBdA bekämpft, nicht über jeden Zweifel erhaben war— um es einmal zurückhaltend auszu— drücken! Von den politisch Verantwortlichen ist daher zu fordern und zu erwarten, dass erstens die Entscheidung der Berli- ner Finan?behörde vollständig rückgän- gig gemacht und dass Zweitens gesetz- lich klargestellt wird, dass sich derlei willkürliches, politisch gesteuertes Vor- gehen einzelner Landesbehörden gegen den Bundesverband einer Organisation nicht wiederholt. Im ersten Fall ist der Berliner Finanzsenator, im zweiten Fall der Bundesfinanzminister— und hier wieder der mittlerweile zurũckgezogene GesetZentwurf- in der Pflicht. Unsere Solidarität gilt der VVN/BdA und seinen Mitgliedern. Gerhard Merz Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19 Erste eigenständige Sonderkommando-Ausstellung im Museum Auschwitz Zu EFntwicklung, Inhalt und Zukunft der Ausstellung und zur Verantwortung unserer Generation Von Andreas Kilian Anlässlich des 75. Jahrestags des Sonderkommando-Aufstands vom 7. Oktober 1944 wurden im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, im Erd- geschoss des ehemaligen Häftlings- Blocks 21 des Stammlagers, die Sonder- ausstellungen„Der Aufstand“' und „Sonderkommando“ eröffnet. Letztere wird von Oktober 2019 bis März 2020 ge?eigt. Im Zentrum der beeindrucken- den polnisch- und englischsprachigen Ausstellung der Kuratorin Anna Ren und ihrer Mitarbeiterinnen Aleksandra Mausolf und Zusanna Janusik stehen Litate aus den Erinnerungen der über- lebenden Sonderkommando-Hãäftlinge, aber auch aus den unschãtzbaren Zeug- nissen der ermordeten Zeugen aus dem Sonderkommando. Diese sogenannten Chronisten des Sonderkommandos hatten geheime Manuskripte im Erd- he kssinʒ pern elonged to thes6 e wert onihy ier ben Pressefotos des Ausstellungsraums. O PMO 2019 reich der Krematoriumsgelände- da- von mindestens 60 Stück bei Kremato- rium III- hinterlassen, wo bis in die Ge- genwart noch weitere vergrabene Handschriften vermutet werden müs- Sen. Danach wurde jedoch seit 1964 und Sogar nach dem Ende des„Kalten Krie- ges“ nicht mehr gesucht. Mit ihrer ersten eigenständigen Sonderkommando-Ausstellung reagie- ren die Entscheidungsträger letztlich auch auf das seit einigen Jahren stetig steigende internationale Interesse am Thema Sonderkommando, das wissen- Schaftlich insbesondere durch Pominic Williams(Northumbria University, GB) und Nicholas Chare(Université de Montréal, Canada) vielfältig be- leuchtet und durch die eine größere wissenschaftliche Aufmerksamkeit ge- schaffen wurde, der sich auch das Auschwit?-Museum nicht mehr entzie- hen konnte. In ihrer aktuellen Publika- tion Jestimonies of Resi- ance. RNepresentations of me Alschwilz-Birkenal Sonderkommando(New Vork/Oxford 2019) be- handeln Williams und Isa- bel Wollaston die Thema- tik Pas Sonderkomman- do und die Gedenkstdtte Alsch witz-Birkena. Ihr Artikel verdeutlicht, dass das Sonderkommando bis 20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 2019 wenn überhaupt nur am Rande eine minimale Rolle in der Ausstel- lungskonzeption und historie des Aus- chwit?- Museums gespielt hatte: in der Dauerausstellung aktuell in der in Block 11 seit Juni 2018 zu sehenden Ausstellung Widerstand im KT Ausch- wilz, in der in Block 4 seit Jahrzehnten präsentierten Ausstellung„Vermich— nung“ sowie in der aktuellen franzõsi- schen und ungarischen Länderausstel- lung(Block 20 und 28) und in der Aus- stellung zur Geschichte des jüdischen Martyriums(Block 27). Vor Oktober 2019 wurde dem Son- derkommando jedoch keine eigen- ständige Ausstellung gewidmet, was offensichtlich mit den früheren Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der problematischen Wahrneh- mung, Beurteilung und Darstellung dieses Arbeitskommandos und seiner Funktion im Vernichtungsprozess zu tun hatte. Unter den temporären Son- derausstellungen wurde erstmals im Oktober 2014 in Block 12 dem Son- derkommando-Aufstand eine kleine Ausstellung gewidmet, allerdings an- lässlich des 70. Jahrestags nur für we- nige Wochen und auch nur zu diesem besonderen Anlass. Von Oktober 2018 bis März 2019 war schließlich die Kunstausstellung von David Olères Werken zu sehen. Auf dieser Grundlage entwickelten sich die beiden aktuellen Sonderaus- stellungen zum Thema Sonderkom- mando und Aufstand. Die sehenswer- te und ansprechende Gestaltung der Ausstellung erinnert bereits an die ein Jahr zuvor am selben Ort prãsentierte Ausstellung von David Olères Kunst- werken: In dem dunklen Raum kom- men die direkt angestrahlten Zitate und Bilder auf schwarzem Hinter- grund besonders eindrucksvoll zur Geltung und erhalten damit alle Auf- merksamkeit der Zuschauer, die sich auf das Wesentliche konzentrieren können und in der tiefen Dunkelheit des Raums verschluckt zu werden scheinen. Der Ausstellungsraum wird gleichsam zu einem Weltraum des Grauens, in dem statt Himmelskör- pern schreckliche aber ausdrucksstar- ke Zitate, Kunstwerke und FHxponate dem Beobachter entgegenleuchten. Das empfindliche Thema findet in dem Brinnerungsraum einen würdi- gen und angemessenen Ort, der Schau- und Sensationslustige dank sei- ner sensiblen Ausstellungskonzeption ceher abschrecken dürfte. Die Besu- cher finden mit ihren Emotionen, Trauer und Entsetzen stattdessen an diesem Ort eine besondere Form von geschütztem Raum vor, der eine tiefe- re Auseinandersetzung mit der The- matik erlaubt und auch Momente des Gedenkens zulässt. Die Auswahl der Kunstwerke und Fxponate ist sehr überschaubar, aber auch sehr bedeutend: Originalwerke von Künstlern wie Jerzy Adam Brand- huber, Mieczyslaw Koscielniak und David Olère sind ebenso zu bestaunen wie die Thermosflasche, mit der der Brief des Sonderkommando-Chroni- sten Marcel Nadjari vergraben wurde. Die Schut?z-Behältnisse aller anderen Manuskriptfunde in der Vernichtungs- zone sind inzwischen verschollen, das Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21 1. KMih Pressefoto der einzigen noch erhaltenen Tür zu einer Gaskammer. Sie wurde in den Ruinen von Krematorium V gefunden. O PMO 2019 nun gezeigte Fxponat ist daher ein Unikat. Die einzige erhaltene Gaskammer- tür gehört Zweifellos Zu den aufsehener- regendsten Ausstellungsstücken. Sie wurde im Frühjahr 1945 neben der Rui- ne von Krematorium V aufgefunden und zuletzt nur für ausgewähltes Publi- kum in der Kunstausstellung in Block 25 zu sehen. Diese einzigartigen Fxponate Sind von unschãtzbaren Wert. Inhaltlich bleibt die Ausstellung aber leider weit hinter ihren Möglich- keiten und überrascht mit missver- ständlichen und fehlerhaften Schrift- tafeln sowie mit einer unglücklichen Auswahl von zum eil unzuverlässigen Zitaten. Leon Gohens Häftlingsnum- mer wird in großer Schrift fälschli- cherweise als„1824904“ statt 182492 gezeigt, andere Häftlingsnummern der zitierten Uberlebenden werden hinge- gen nicht genannt. Als Aufstandsbeschreibung dient der Bericht Cohens, der leider sehr ten- denziõs die Initiative griechischer Ju- den im Sonderkommando beschreibt und falsche Behauptungen aufstellt, obwohl er genauso wie einige seiner griechischen Kameraden aus dem un- beteiligten Krematorium III im Ge— gensatz zu anderen Uberlebenden kein Augenzeuge des Geschehens war. Miklos Nyiszli wird auf einer Jafel irr- tümlicherweise als„Sonderkomman- do-Häftling“ bezeichnet, tatsächlich war er Hãftling in dem Lagerarzt Men- gele unterstellten„Sektions-Komman- do“, das in der Pathologie von Krema- torium II arbeiten musste. Die Fundstellen der Zitate werden bedau- erlicherweise nur in den wenigsten Fãl- len genannt, und zwar ausschließlich aus Gideon Greifs Standardwerk„ Wir weinten trnenlos, aus dem auch das un- vorteilhafte Foto Jaakov Silberbergs in der Ausstellung stammt. Eine gleichbe- rechtigte Abbildung der anderen Zitier- ten Zeugen fehlt bedauerlicherweise. Schwerwiegender und zahlreicher sind jedoch die Fehler auf den histori- schen Zeittafeln: Die erste provisori- Sche Gaskammer in Birkenau ging nicht bereits im März 1942 in Betrieb, son- dern wurde zu diesem Zeitpunkt erst ausgebaut, bis sie schließlich im Mai 1942 effizient benutzt werden konnte. Ebenso wenig wurde das erste Sonder- kommando Mitte April eingerichtet, Sondern erst Anfang Mai, wie Arnos?t Rosin glaubhaft beZeugt hat. Die EFxhumierung und Verbrennung der Leichen aus den Birkenauer Mas- sengräbern fand nicht schon im August 22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 4 LEB H. 3 222 as101aa) 1„ r Sh Z 4 b B e e ſ 2 hE 1. .„ % Ane n 3 3 p — e— H.-Mr.: 30. 3 1. S½. 2 10 , LL1* * ca. 191018440), 1938 o601 k onzunoxzrpllqnntog] rri „ i HERMARSTRASFOEGE. H.-Nr.: 105.170 118951944), c. 1941 Ubersicht der bekannten Chronisten des jüdischen Sonderkommandos OAndreas Kilian 1942, sondern erst im September statt, nämlich kurz nach der Rückkehr des Leiters der Aktion, SS-Untersturmfüh- rer Fran? Hõssler, von seiner Inspekti- onsreise nach Kulmhof. Auf der Zeitta- fel„1944“ wird suggeriert, der Aus- bruchsversuch nach der Durchtrennung des Stacheldrahts hätte am Krematori- um IV stattgefunden, stattdessen fand das Freignis bei Krematorium II statt. Die Finstellung der Vernichtungsaktio- nen fand bereits am 31. Oktober statt, nicht erst im„November“. In der„Umgebung der Ruinen von Krematorien II und III“ seien die Auf- zeichnungen von Marcel Nadjari aufge- funden worden, heißt es auf einer Tafel über die Sonderkommando-Hand- Schriften. Allerdings ist die Stelle des Fundorts neben dem Auskleideraum von Krematorium III genau protokol- liert worden. Fraglich ist auch, warum die vom Auschwitz-Museum mittels multispektral bildgebender Verfahren neu digitalisierten und besser lesbar ge- machten Manuskripte von Nadjari, Lewenthal und Langfus nicht als neue Scans auf der Jafel mit den ausgewähl- ten vier Seiten in der Ausstellung zu se⸗ hen sind. Die Resultate des bereits im Jahresbericht 2018 erwähnten Scan- Projekts hätten für die Ausstellung durchaus nützlich sein kõnnen und soll- ten Besuchern grundsätzlich nicht vor- enthalten werden. Zweifellos kann die positive Ent- wicklung, die Geschichte des Sonder- kommandos endlich im Fokus einer Sonderausstellung des Auschwit?-Mu- se ums sehen zu können, nicht hoch ge- nug geschät?t werden, langfristig gese- hen sollte die Würdigung des Themas in einer Dauerausstellung jedoch Ziel der bisher schleppend und nur etappen- weise umgesetzten Auseinanderset- zung mit der umstrittenen„Grauzone“ Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 23 des Sonderkommandos sein. Zu den sicherlich wertvollsten Bestandteilen der Ausstellung gehört hierbei der Inhalt der Handschriften des Sonderkom- mandos, die in den Jahren 1943 1944 entstanden sind. Insofern Sollte die Sicherstellung der letzten noch nicht geborgenen Beweise der Verbrechen, der geheimen Aufzeichnungen der Sonderkommando-Chronisten, nicht nur eine mit modernsten Methoden durchzuführende wissen- schaftliche Entzifferung, Ubersetzung und Auswertung zu ermöglichen, son- dern vor allem um sie dauerhaft der Weltõffentlichkeit prãsentieren Zu kön- nen, als das, was die Zumeist jiddischen Handschriften des Sonderkommandos sind und von Beginn an waren: ein ein- zigartiges Weltkulturerbe, das aus Not, Verweiflung und Rache als Zeichen des Widerstands im Zentrum der Mordmaschinerie entstanden ist. In einem Schreiben an das Intema- tionale Aluschwitz Komitee in Warschau bestätigte die Museums-Leitung im November 1963,„dass die letzten Nin- de(Jeile von Aufeichnungen, die in den vergungenen Jahren beim Kremdto- rim Nn 3 in birenau ausgegraben wMrden) auf große Bedeutung dieser Dolcumente hinweisen.“ Parin heißt es weiter:„Wir Sind der Ansicht, dass in der gegen wärtigen Situation alles getan werden muss, damit Dolcumente dieser Ayt so Schnell wie möglich ausgegraben ind bei der Ausurbeitung der Geschich— te des Lagers Alschwlz ſic/ ausge- . Dov Paisikovic(Iinks) mit Museumsdirektor Kazimierz höchste Priorität genießen, um Smolen(nur angeschnitten) neben den Ruinen von Kre- matorium III, REVUE, 13-09. 1964, Foto O Jenö Kovacs wertet weyden.“ Zudem beteuerte der Direktor des Auschwit?- Museums(von 19551990) Kazimierz Smolen in einem auf den 26.11.1963 datierten weiteren Brief an Herrman Langbein:, Unserer- Seis mõchten wir hervorheben, dass das Mueum alles unternehmen wird, damit die heim Kremdtorium vergrahenen Molcumente gefunden(...) werden.“ Nach einer nachlãssigen und flüch- tigen sowie letztlich erfolglosen Such- aktion des Auschwit?-Museums im August 1964 unter Anleitung des Son- derkommando-Augenzeugen Dov Paisikovic auf dem Krematoriums- gelände schrieb die israelischen Zei- tung Vediot Ahronot am 28.08. 1 964, der Direktor des Auschwitz-Museums hätte nach dem Misserfolg verspro- chen:„Wir verden es finden. Wir wer- den eine OGruppe Soldaten einsetzen nd vie jeden Winkel des Erdhodens durchsuchen lassen.“ Bestätigt wurde diese Aussage auch von anderen Zeu- gen. Fine weitere Suche, die in ernst- hafter Absicht sicherlich mehrere Tage erfordert hätte, erfolgte trotz des Ver- 24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer sprechens jedoch bis heute nicht. Lediglich ein Filmprojekt löste Zwi- Schenzeitlich im Jahre 1967 die einzige bislang dokumentierte und professio- nell durchgeführte archäologische Gra- bung auf dem Krematoriumsgelände aus, allerdings nur, um bereits sechs Jahre zuvor entdeckte Uberreste eines Müllhaufens garantiert bergen zu kön- nen. 30 Jahre nach seiner Grabungs- ankündigung antwortete der ehemalige Direktor des Auschwitz-Museums Smolen am 23. O9. 1 904 auf die Frage des Verfassers, ob überhaupt noch Hand- schriften gefunden werden könnten, wie folgt: Es ist mõglich, es ist mõglich, hloß jelzt mluss man einfuch vugen. v0l che Ausgrabungen machen eine sehr große Sensation. Das ist nicht gut für SOlche Sachen. Zweilens es ist hestimmt nicht einfuch, jelzt etwus zu inden, weil diese Gegend hat vich einſach gedindert. Ps isl hestimmt mindestens dreißig Zen- timeter hõher als es mal wan“ Diese Feststellung ist 25 Jahre alt. Unmöglich ist es aber immer noch nicht, Sonderkommando-Aufzeichnun- gen in der Erde des Krematoriums- geländes zu finden, vorausgesetzt der politische Wille ist dafür vorhanden. Die Verantwortung für die Verrottung der Sonderkommando-Schriften, der be- deutendsten Dokumente der Shoah, im Boden Birkenaus liegt jedenfalls derzeit bei unserer Generation. Zukünftige Ge- nerationen werden über die absehbaren Folgen und das Ergebnis dieser Un- tãtigkeit Zu urteilen haben. Mutmaßliche Vergrabungsstellen d —— F kripte auf dem Gelnde von Krematorium lll, k Auschwitz-Birkenau, 19441 exenoe (D Snsen Sl. Fundorte lewenthal-Schriften Mne fundort der Madjari: Schrift D Auneideibe 55 fenster der S5- Wach- und Kommandoführerstube S D Eingangstor ——— Mutmaßliche Orientierungslinien — Müllverbrennungsgrube ——— Brenn/ Müllgrube ———— Mutmaßliche Grabungszonen D otenhalle — KcheGrube — Stacheldrahtzaun Skmmen mnmmmm Sichtblende aus Holascheiten wochturm geschlossen 8 Wachturm Hochstand) 8 0 Bäume — Entwãsserungsgrab c Brunnen Mutmaßliche Vergrabungszonen der Handschriften aller Chronisten gemäß bisheriger Fundorte[Zonen 1 8 2) und laut Zeugenaussagen[Zonen 1.4) S festgelegter Vergrabungsmarken G Mlwerbrennungxaur G Koſfer·MUIhalde G Knochenstampſplatz Mutmaßliche Vergrabungsstelle(o) appellpiat⁊ des Soncerkormmandos 37 35 S An Karte zu mutmaßlichen Vergrabungsstellen der Sonderkommando-Manuskripte auf dem Gelände von Krematorium III in Auschwitz-Birkenau. SOAndreas Kilian 2019 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25 Erste Ausstellung von David Olères Nachkriegs-Kunstwerken in Deutschland Katalog vereint Werke des Sonderkommando-Uberlebenden Von Andreas Kilian Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwit? wird die von der Kuratorin Agnies?ka Sier- adzka und den Co-Kuratoren Marc Oler Tõtungs-Installationen in Aluschwitz“ (Case for Auschwit?, S. 354). Ein außergewöhnlicher Mensch David Olère(19021985) war alleiniger Uberlebender der schätzungsweise 60 und Serge Klarsfeld erstellte so⸗ wie von Jürgen Kaumkötter or— ganisierte Ausstellung„David Olére. Uherlebender des Krema- roriums V vom 30. Januar— 21. Februar 2020 im Paul-Löbe- Haus des deutschen Bundestags in Berlin gezeigt. Anschließend Soll die Ausstellung vom 1. Ok- tober 2020— 31. Januar 2021 im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen, gezeigt werden. des außergewöhnlichen Werks von Olères künstlerischer Verarbeitung sei- ner traumatischen Erfahrungen im Son- derkommando Auschwitz, wo er minde- Stens 15 Monate lang den Massenmord an den europäischen Juden als Zeuge miterleben musste. Olère bildete 1945 und 1946 als Erster die Zwangsarbeit mit Leichen in der Gaskammer und vor den Verbrennungsõfen ab, was als Tabu- bruch angesehen wurde. Andererseits werden die Werke des Augenzeugen seither von Experten als zuverlässige und realistische Bildquellen anerkannt. Robert Jan van Pelt, der im Jahre 2000 Olères Zeichnungen als Beweismittel im ProZess gegen den Holocaust-Leugner David Irving heranzog, bezeichnet Olère als„hedeutenden Augenzeugen der Polnisch-englischsprachige Ausstellung im Museum Ausch- Sie repräsentiert einen Teil witz. Foto: OAndreas Kilian 2018 bis 65 Mann, die am 4. März 1943 von Drancy nach Auschwit?-Birkenau de- portiert und zur Arbeit im jüdischen Sonderkommando gezwungen wurden. Zudem war er einer von rund 50 Hãftlin- gen, die aus der ursprünglichen Beleg- Schaft des Krematoriums II überlebten und einer von nur 18 Uberlebenden des Sonderkommandos von Krematorium III, die der Nachwelt Brinnerungen hin- terlassen haben. Unter den Kameraden seines Arbeitskommandos haben vereinzelt Uberlebende für ihre Erinnerungsbe- richte oder Aussagen auch Zeichnungen der Vernichtungseinrichtungen selbst angefertigt oder erstellen lassen(Z. B. Marcel Nadjary und Dov Paisikovich, jedoch war Olère der einzige, der so- 26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer wohl von seiner Profession her als auch im Ergebnis Sonderkommando-Prinne- rungen in Form von anspruchsvoller bil- dender Kunst überliefert hat. Der be-— gabte Maler wurde aufgrund seines Ta- lents und seiner Sprachkenntnisse von der Krematoriums-SS als privater Auf- tragsmaler und Ubersetzer ausgenutzt und für diese Dienste wie ein privile- gierter Vertrauenshäftling behandelt. Auch andere Häftlinge im Sonder- kommando versuchten, sich mit ihrem Talent ein Zubrot zu verschaffen, so por- trätierte etwa ein griechischer Häftling seinen Kameraden FHilip Müller, aber Olère war einer der sehr seltenen Fälle, die dafür von der regulären Arbeit frei- gestellt wurden und wie die Goldarbei- ter und der Uhrmacher im Sonderkom- mando einen separaten Arbeitsraum hatten. S0 verzierte, illustrierte und kalli- graphierte er auch die Korresponden? der Krematoriums-SS und malte deren Porträts, die womöglich noch heute in privaten Nachlãssen erhalten sind. Seinen Freiraum nutzte Olère für ausführliche Beobachtungen, die dank Seines fotografischen Gedächtnisses in seinen späteren Kunstwerken verewigt werden konnten. Durch seine Fähigkeit bewussten analytischen Beobachtens, verbunden mit seiner privilegierten Be- wegungsfreiheit, gelang es Olère, Berei- che im Mordbetrieb bildlich Zzu bezeich- nen und zu beschreiben, die nur weni- gen anderen Häftlingen überhaupt zu- gänglich waren. Dem ehemaligen Kapo Lemke Plis?ko zufolge fertigte der ihm unterstellte Olère auch illegale Zeich- nungen von„Joten und Erschossenen“ an, die mit anderen Aufzeichnungen 1944 auf dem Krematoriumsgelände vergraben wurden(laut Lucy Dawido- wic? habe er erst in den letzten Tagen von Auschwit? damit begonnen; Spiritu- al Resistance, S. 140). David Nencel, der privilegierte Uhr- macher im Sonderkommando, gab an, illegal angefertigte Pläne der Krematori- en selbst vergraben zu haben. Möglicher- weise stammten sie auch von Olère, der 1945 und 1946 fünf Pläne und OQuer- Schnittsansichten von Krematorium III vollstãndig gezeichnet oder Zum Jeil ski?⸗ ziert hatte. Auch der mit Olère gemein- sam aus Drancy deportierte Kamerad Herman Strasfogel wurde im September 1943 von anstrengenden Arbeiten befreit, allerdings mussten die Privilegierten im Sonderkommando bei personellen Eng- pãssen in Ausnahmefällen auch bei bela- Stenden Aufgaben mithelfen. Im Sommer 2018 wurde nach einem überraschenden Archivfund Karen Taiebs erstmals bekannt, dass Olère Selbst am 12.10. und 29.11. 1943 zwei Briefe aus Auschwitz-Birkenau an seine Kontaktperson Monsieur Noel, Rue du Miroir d'Pau in seinen Heimatort Noisy- le-Grand verschickt hatte, während seine Bhefrau und sein Sohn in unterschiedli- chen Verstecken untertauchen mussten, und dass er von dieser Adresse, nur zwei Gehminuten von seinem 1937 bezoge- nen Wohnhaus entfernt, zwischen dem 25. 10. 1943 und 10.02. 1044 auch vier Brie- fe nach Birkenau geschickt bekam. Die- ses Privileg wurde nur sehr wenigen Häftlingen im Sonderkommando zuteil, hing aber vor allem mit einem perfiden Täuschungsmanöver der deutschen „Endlöser' zusammen, das unter ande- rem fran?õᷓsische Juden in Auschwitz und deren Angehörige in der Heimat traf. Olère war aber nicht nur ein beein- druckender Künstler, Ssondern selbst un- Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27 ter Seinen Kameraden kein namenloser Häftling: Als Vertrauenshäftling war er laut dem Sonderkommando-Augenzeu- gen Leon Cohen während des Sonder- kommando-Aufstands der einzige ne- ben dem Goldschmied Katz, der von den in Krematorium III eingeset?zten Häftlingen nicht in einem Raum einge- Sperrt worden war. Dem Zeugen Marcel Nadjary zufolge rettete er seinen Kame- raden vermutlich sogar das Leben, weil er mit anderen Kameraden polnischer Herkunft verhindert hatte, dass die Griechen im Sonderkommando sich am Aufstand beteiligten, was unweigerlich die Ermordung der Mehrheit des Kom- mandos Zur Folge gehabt hätte. Ein außergewöhnlicher Künstler S0 außergewöhnlich wie David Olères Leben und Uberleben sind auch seine bildlichen Parstellungen des Grauens im Herzen des nationalsozialistischen Ver- nichtungslagers. David Olères Freunden Serge und Beate Klarsfeld sowie seinem Sohn Mexandre und Enkel Marc Oler ist es zu verdanken, dass Olères Kunst seit Jahrzehnten öffentlich verbreitet wird David Olere(1938), Alexandre Oler(1930- 2010) u. Marc Oler(geb. 1970) SA. Kilian 2004 u. 2018 und im Gedenken an Auschwit? tief ver- wur?elt ist. Die Vorstellung vom gehei- men Innenleben der Mordfabrik, einer Sperr- und Verbotsꝰone für fotografische Dokumentation jeglicher Art, wurde von Olères einzigartigen Bildern entschei- dend geprägt(im Gegensatz zu inhaltlich vergleichbaren Werken von Jehuda Bacon, Thomas Geve, Ella Liebermann- Shiber, Mfred Kantor, Jan Komski, Wal- ter Preisser und Wladyslaw Siwek). In seiner frühen Schaffensperiode von 19451950, aus der bislang 92 Zeichnungen(1945: 33, 1946: 19, 1947: 25, 1948: 1 Sowie 1940 und 1950 jeweils 2) publiziert wurden, dokumentierte Olère auf 47 Zeichnungen systematisch verschiedene Bereiche der Birkenauer Krematoriumsgelände und Vernich- tungsstätten sowie die Physiognomie ihres SS-Personals. Die Präzision seiner Brinnerung, insbesondere an technische Finzelheiten und Gesichter, ist dabei bemerkenswert, sie halten teilweise einem Vergleich mit zeitgenössischen Fotografien stand. Kaum jemand unter den Sonder- kommando-Häftlingen, mit Ausnahme 28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer der Funktionshäftlinge und Kalfaktoren, kam so nah mit den SS-Schergen im Krematorium in Kontakt wie Oleéère. Deshalb war er unter anderem als deren Briefschreiber der Einzige, der neben den Gesichtern auch Namen der Täter ũberliefern konnte, die noch von keinem anderen Zeugen genannt wurden. Sein Geheimwissen nahm Olère mit ins Grab, da er sich dazu entschlossen hatte, keine schriftlichen Berichte oder mündlichen Zeugenaussagen abzugeben. Fine Ausnahme stellt der 45minüti- ge Fernsehfilm von Jean Boussuge „Non Relour ou la mémoire volée. Té— moignage David Olére“(F 1980) dar, in dem Olère seine Bilder kommentiert und sein rastloses Schaffen erläutert. Bedauerlicherweise ist der O-Ton im Film zum Teil mit falschen Bildern zu— sammengeschnitten worden, was für de- ren Interpretation irrefũhrend ist. Im Umfang wird die Berliner Aus- Stellung etwas kleiner sein als die bislang größte, die im Museum Auschwit? von Oktober 2018 bis März 2019 zu sehen war und neben 19 Gemälden aus der Sammlung des Auschwitz-Museums, da- von eine Schenkung Serge Klarsfelds von 2014 und 18 Neuerwerbungen vom September 2017, auch 61 Leihgaben aus Israel und Frankreich Zeigte. Allerdings werden in Berlin auch drei Bilder gezeigt, die im Museum Auschwit? bislang nicht ausgestellt wur- den. Der einzigartige Maler David Olère hinterließ glücklicherweise zahlreiche Zeichnungen und Gemälde über das Vernichtungslager Auschwit?-Birkenau, die Todesmärsche sowie die KI. Maut- hausen, Melk und Ebensee, die auf Mu— seen und Institutionen in Frankreich (Prancy, Champigny, Paris), Israel(Vad Vashem; 1976 Getto Highters House), Polen(Auschwit?) und(New Vork) ver- teilt wurden und eine große Auswahl- möglichkeit für verschiedene Ausstel- lungsprojekte bieten. Zu Lebzeiten wur- den seit 1976 nur wenige Werke Olères in Paris, New Vork und Chicago ausge- p ſel erstrk vonAnnes Kkian. FB 3 6.— S8nauptscharführer peter voꝛs[1837 ca. 1976) führer Heinz erieh 11521— 1247) Krematoriums-SS. Fotos SO Archiwum Narodowe, Krakau; USHMM; Bundesarchiv(BDC) Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29 ONV Of AUS( cuwin 2 6, Summer 1997, p. 10-11 Zavid Olere Hebräisch-englischsprachige Ausstellung in Vad Vashem, Jerusalem 1997 Stellt und noch seltener publiziert(Zum Beispiel 5 Zeichnungen im Bildband „SMiritual Resistunce“, 1981). Nach Olères Iod wurden im Jahre 1985 44 Werke Vad Vashem sowie 1988 18 Bilder dem Museum of Jewish Heri- tage in New Vork übergeben. Die erste Ausstellung von Olères Werken zZeigte am 30. April 1997 in Vad Vashem mit 33 Zeichnungen aber auch ausgewählte Gemälde und Skulpturen. Der Ausstellungsort Berlin hat nach dem Ende der Schreckensherrschaft des Dritten Reichs nicht nur eine besondere symbolische Bedeutung, sondern war bereits vor 100 Jahren Schauplat? einer Ausstellung seiner Holzschnitte und auch Olères fester Wohnsit? von spãtestens 1921 bis Ende 1923, nachdem er von der„Furopdische FilmAllianz“(F. FA.) im berühmten ZOo-Atelier in der Hardenbergstraße 29 als Bühnenbildner und Maler enga- giert worden war. Ein außergewöhnliches Buch Die größte Anzahl seiner Werke ist in der bisher besten und bislang letzten Pdition von Olères Kunst, dem empfeh- lenswerten Ausstellungskatalog Zur Son- derausstellung in Auschwit? erschienen, in dem auch Leihgaben aus den Samm- lungen der Holocaust-Gedenkstätten Vad Vashem(41) und Lohamei haGeta- ot(2) in Israel Sowie dem Mémorial de la Shoah(3) aus Paris Zu schen sind. Der 176 Seitige Band„David QMre- Vhe One Who Survived Grematorium M“ ver- sammelt 119 Werke, darunter 72 Zeich- nungen und 29 Olgemälde über Ausch- witz-Birkenau, 8 Werke über Mauthau- sen, Melk und Ebensee sowie eine Zeichnung über die Todesmärsche. Das großzügige Buchformat und die 30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer Druckqualität der Abbildungen sind beachtlich, teilweise sind die Abbildun- gen sogar doppelseitig. Allerdings feh- len in der Edition 10 bedeutende Zeich- nungen und 3 Olgemälde sowie 5 Zeich- nungsentwürfe und 5 Skulpturen die in älteren Fditionen bereits abgedruckt wurden. Positiv im Vergleich zu anderen Olère-Fditionen ist jedoch nicht nur die Größe der Abbildungen zu bewerten, sondern auch die passgenaue Auswahl der kommentierenden Zitate von 17 „Sonderkommando-Mitgliedern“(laut Klappentext) sowie der Umfang der FsSsays. Der am häufigsten zitierte Zeu- ge Miklos Nyiszli ist jedoch zu keinem Zeitpunkt Häftling im Sonderkomman- do gewesen. Die acht Olère-Zitate im Buch stam- men aus dem Dokumentar-Film von N- an Boussuge, worauf überhaupt nicht hingewiesen wird, ebenso wenig werden die Quellen aller anderen 63 Zeugen-Zi- tate angegeben. Quellenangaben wären in der Edition grundsätzlich genauso notwendig wie eine Auswahlbibliografie sowie die Transkription und Uberset- zung aller originalen Bildbeschriftungen. Fine weitere Schwäche der Fdition ist die Tatsache, dass die Jahresangaben der Entstehung von Olères späten Wer- ken pauschal mit„1960-1980“ angege- ben werden, obwohl in früheren Publi- kationen in einigen Fällen konkretere Angaben gemacht werden konnten. Prä- zisere oder zuverlässigere Angaben wären auch in den historischen Begleit- texten Zu erwarten gewesen. Der erste Katalog von Olères Werken wurde nicht 1997 in Paris(S. 24), sondern 1989 in New Vork herausgegeben. Olère verließ Auschwit? nicht am 19. Januar 1945(S. 11), sondern einen Tag früher(S. 21). Weder wurden die„Sonder- kommandoMitglieder“ rasch liquidiert (S. 10), noch waren sie grundsätzlich jung und physisch kräftig oder wurden gar ernsthaft gemustert(S. 18). Von 100 de- portierten Mãnnern aus Oleres Iransport im Alter von 14 bis 350 Jahren waren 76% über 35 und 48% sogar über 45 Jahre alt. Auch die aus anderen Transporten für das Sonderkommando ausgewählten Männer wurden nach vorhandener Altersstruktur und Zahlenmäßigem Bedarf ausgewählt. Verein?elt vind Bildinterpretationen im Katalog nicht nachvolkichbar, S0 wird zum Beispiel auf S. 50 ein gewöhnlicher SS-Posten von Krematorium III mit dem Krematoriums-Leiter Frich Mußfeldt (irrtümlich„Mühsfeldt“ geschrieben) verwechselt. Zahlreiche Behauptungen in den Finführungs- und Begleittexten beruhen zum Teil auf alten Fehlinterpre- tationen Jean-Qaude Pressacs und sind unplausibel: David Olèere war weder beim Ausheben von Massengräbern(8. 10, 42, 46) oder beim Vergraben von Lei- chen eingesetzt(S. 18, 48, 49), noch hatte er offenbar jemals„Bunker 2“ selbst ge- schen(S. 10). Zu dem Zeitpunkt, als Olè- re frühestens ins Sonderkommando ein- gewiesen werden konnte, wurden die Leichen bereits seit etwa 6 Monaten in Gruben verbrannt(S. 47) und nicht mehr in Massengräbern verscharrt. Seine Par- Stellung der provisorischen Gaskammer (S. 42, 46) ähnelt in keinster Weise dem Gebãude von Bunker 2, auch den Augen- zeugenbeschreibungen von Bunker 1 entspricht sie nicht. Das Gelände war im Gegensatz zu Olères Zeichnung von 1945 ebenerdig, der Grundriss des Ge— bãudes sah anders aus, ein Schornstein war nicht vorhanden, die Einwurfluken Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31 ſtelſt von F WeſK„r S— e 4 E F 4 ½— 2 4. £. 3— 2 Arnazt Kozin 1935]) (1945) und õGemälde Oleres(1970er Jahre) 6rundriss-Srze B1 won Zeichnung Bunker 1(in 1942/43) von David Olère — —.——2*— Zeichnung des Bunkers 2[V, 1944) nach den An- gaben von Dov Paisikovic ſT. S2ymanski, 1964) Zutreffendste Zeichnung des Bunkers 2[V. 1944) von Marcel Nadjary[1947) kleiner und eine von Augenzeugen be- Schriebene Scheune grenzte an Bunker 1. Insofern ist davon aus?ugehen, dass die Darstellung auf der Beschreibung von Mitgefangenen beruht. Bei Olères Werken ist daher grundsätzlich zwischen SelbstbezZeugung, BezZeugung aufgrund von Hörensagen und symbolischer Parstellung zu diffe- ren?ieren. Ein Schlüssel Zum Verstãndnis von Olères Parstellungen liegt in dem auf S. 74 abgebildeten Gemälde, das die Inhalte der auf den S. 46, 48, 40 und 81 abgebildeten und falsch interpretierten Werke in Form von allegorischer Malerei vereint: die Schaufel steht symbolisch für das Ausheben von Massengräbern im Sommer 1942, das ungleichmäßig ausge- hobene Erdloch für das Verscharren von Leichen, ausgerissene Kinderarme sym- bolisieren die Exhumierungsaktion vom Herbst 1942(in einem anderen auf 8. 359 abgebildeten Gemälde steht das Motiv abgetrennter Totenhände von Kindern hingegen als Symbol der Anklage für die unschuldigen und wehrlosen Opfer, die von den Deutschen grausam ermordet worden waren), Holzbretter und Aatten symbolisieren das Brennholz der seit Herbst 1 942 verwendeten Verbrennungs- gruben, und der im Bildhintergrund zu erkennende rauchende Schlot repräsen- tiert die industrialisierte Leicheneinä- scherung im großen Krematoriumsge- bãude, das am 4. Mãrz 1943 vorerst in Be- trieb genommen wurde. Die Spitzhacke auf S. 46 symbolisiert hingegen im Kontext den Bau neuer Verbrennungsgruben im Spätherbst 1942. Auch die Darstellung des Krema- toriumsbaus(S. 43, 120, 122/1 23) zeigt ei nen Zeitraum vor Olères Ankunft in Auschwitz, da die Außenmauern sowie der Schornstein von Krematorium III bereits Ende Januar 1943, also minde- stens einen Monat früher, fertiggestellt 32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer waren. Es gilt Zudem nicht als gesichert, dass Olère bereits direkt nach seiner An- kunft in Auschwit?-Birkenau zum Son- derkommando ausgewählt wurde(S. 18). Fine Fintragung in der Schichtnach- weistabelle des Arbeitseinsat?es vom Nebenlager Neu-Pachs in Jaworzno vom August 1 943 legt die Vermutung na- he, dass sich Olère zuerst in einem ande- ren Arbeitskommando befunden haben könnte, wie dies auch bei anderen Hãäft- lingen vor ihrer Uberstellung ins Son- derkommando der Fall gewesen war. Olère dokumentiert schlussendlich nicht nur als Augenzeuge, sondern auch als Historiker aus dem Sonderkomman- do verschiedene Geschehen künstlerisch, nämlich überlieferte Breignisse oder ei- gene Erlebnisse, die er zum Teil mitein- ander verknũpfen muss, um die komple- Xe Geschichte des Vernichtungslagers Auschwit?-Birkenau überhaupt erzählen und ũberzeugend vermitteln zu können. Die Herausgabe eines Katalogs über das Gesamtwerk David Olères steht lei- der noch aus, ebenso wie eine kritische Analyse und gründliche kunsthistorische Interpretation seiner einzigartigen Bil- der vowie eine Auflistung seiner Gemãäl- de, Zeichnungen, Entwürfe und Skulptu- ren mit Angaben über das exakte Ent- stehungsjahr und den bisherigen sowie aktuellen Verbleib. Neben dem würdi- gungswerten künstlerischen Schaffen Olères sollte Zukünftig aber auch die in⸗ teressante Biografie des Menschen und Friedensbotschafters David Olère aus- führlicher betrachtet werden.. Wir trauern um Kazimierz Albin und Karol Tendera Wir trauern um unse- ren Freund Kazimier? Albin. Am 22. Nuni 2019 ist der 96Jährige in Warschau gestorben. Er war der letzte noch lebende Häftling aus dem ersten Iransport mit polnischen Wieder- Standskämpfern, der am 14. Juni 1940 im Stammlager Auschwitz ankam. Nach der Befreiung Buropas von der deutschen Besat?ung sah es Kazi- mier? Mbin als seine wichtigste Pflicht an, über Auschwitz und seine ermorde- ten Mithäftlinge zu berichten. Er hatte bereits vor seiner Deportation Kennt- nisse der deutschen Sprache erworben. Insofern war es ihm„hesonders wichtig, in Peltschland gehört zu werden“, wie Christoph Heubner, ViZepräsident des Kazimierz Albin Internationalen Ausch- wit?-Komitees, in eit nem Nachruf betonte. Dies haben auch viele erfahren, die ihn bei un- seren Studienfahrten oder bei anderen Gele- genheiten kennenler- nen durften. Mit Karol Iendera ist am 1. Okto- ber 2019 in Krakau ein weiterer ehe-— maliger Auschwit?-Häftling verstor- ben, der sich oft Zzum Gespräch mit Gruppen unserer Studienfahrten ge- troffen hat. Karol Tendera wurde 98 Jahre alt. In seinen letzten Jahren pro- testierte er lautstark und mit Recht ge- gen die Nutzung der Bezeichnung„pol- nische Konzentrationslager“, die vor al- lem in deutschen Medien oft fahrlässig verwendet wurde. Hans Hirschmann Karol Tendera Geboren in Auschwitz Ausstellung 24. Januar 2020— 13. April 2020 Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin, Stauffenbergstr. 13-14 Offnungszeiten: Mo.- Fr.: 9 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr, Sa. u. So.: 10 18 Uhr Bröffnung: Do, 23. Januar, Berlin, Hotel Maritim Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwit? zeigt das Internatio- nale Auschwilz Komitee in Berlin in Kooperation mit der Gedenksttte Deuscher Widerstund und der Internationalen Mugendbegegnungssttte in Ocwiécim/Ausch- witꝰ die von win Meyer erarbeitete Ausstellung„Geboren in Auschwit?“. Mit berũhrenden und verstõrenden Fotografien und Dokumenten erzählt Meyer die Geschichte der in Auschwitz und in Birkenau geborenen Kinder und berichtet von seinen Begegnungen und Gesprächen mit den Uberlebenden: Ich Konnte nich Schreien, ich wur zu vchwuch, nur deshalb lebe ich noch.“(Angela Oros?-Richt) Weitere Informationen unter wwgdw-berlin. de Die Mädchen von Zimmer 28, Theresienstadt Ausstellung 25. Januar 2020- 28. Juni 2020 Brinnerungsort Topf& Söhne, 99099 Erfurt, Sorbenweg 7 Offnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10— 18 Uhr Bröffnung: Freitag, 24. Januar, 20 Uhr Die Ausstellung über das Zimmer 28 im Mädchenheim L 40 in Theresienstadt er?Zãhlt mit Fotos, Zeichnungen, Notizen, Gedichten und Briefe von Kindern und Prwachsenen, die in einer unmenschlichen Umgebung Werte wie Mitgefühl, Re- Spekt, Solidarität und ihre Freundschaften mittels Kunst und Kultur bewahren konnten. Diese Geschichte ist auch eng verbunden mit den Aufführungen der Kinderoper Brundibar. Die Mädchen, die im Zimmer 28 zwischen 1942 und 1944 lebten, waren zwischen zwölf und 14 Jahre alt. 30 Quadratmeter für 30 Mädchen, das war Zimmer 28. Von 50-60 Mädchen, die für eine Weile im Zimmer 28 un- tergebracht waren, überlebten nur 15 den Holocaust. Die meisten davon wur- den in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Weitere Informationen zum Kahmenprogramm und Hihrungen unter lopfndsbehne. de LAGERGEMEINSCHAFT AUDSCFWTE FREUNDESKREIS DER AUDSCEHWTAZER E.V. Lagergemeinsthli Austfnitt-Fmurdnskrtis cirr Ksctilker.V. Frihutr wmSinin·Sitraßs 27 35515 Munenbatg Die Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundeskreis der Auschwitzer e. V. wird fast ausschließlich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert. Der Jahresbeſtrag beträgt mindestens 40 EUR für Berufstätige und mindestens 20 Euro für Schüler/Stucenten, Auszubildende und Arbeitslose. Wir bitten Sie durch lhren Eintritt in die Lagergemeinschaft oder durch eine einmalige Spende zu helfen. dass der Verein über die finanziellen Mittel verfügt, die er dringend benötigt. Beitrittserklärung enamsum ae ichieick rtttierii2ettlatetrZiecl lke tilt Se, a enteeitiee iitteiieiiite e beeeeeeee Tel..(optional) EMail:(optional) Geburtsdatum:(optional) lchmöchte Mitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz— Freundes kreis der Auschwitzer e.V. werden. o Den Jahresbeitrag in Höhe von EUR werde ich per Dauerauftrag bzw. als jährliche Einzelüberweisung(Unzutrefendes bitte streichen) auf das folgende Konto überweisen: Sparkasse Oberhessen, IBAM: DE 43 5185 0079 0020 0005 03. BIC HELADEFEIFRI o ſchermöchtige die Lagergemeinschaft bis auf Widerruf, den Jahresbeitrag von EUR ⸗ von meinem Konto BAM: tetetetteit?ctitictie * Bl te e3ecgeec1beiehic e eeee(Name der Bank) einzuziehen. 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